
                               Schnitzler, Arthur

                               Der Weg ins Freie

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                               Arthur Schnitzler

                               Der Weg ins Freie

                                     Roman

                                 Erstes Kapitel

Georg von Wergenthin sa heute ganz allein bei Tische. Felician, sein lterer
Bruder, hatte es vorgezogen, nach lngerer Zeit wieder einmal mit Freunden zu
speisen. Aber Georg versprte noch keine besondere Neigung, Ralph Skelton, den
Grafen Schnstein, oder andere von den jungen Leuten wiederzusehen, mit denen er
sonst gern plauderte; er fhlte sich vorlufig zu keiner Art von Geselligkeit
aufgelegt.
    Der Diener rumte ab und verschwand. Georg zndete sich eine Zigarette an,
dann ging er nach seiner Gewohnheit in dem groen, dreifenstrigen, nicht sehr
hohen Zimmer hin und her und wunderte sich, wie dieser Raum, der ihm durch viele
Wochen wie verdstert erschienen war, allmhlich doch das frhere freundliche
Aussehen wiederzugewinnen begann. Unwillkrlich lie er seinen Blick auf dem
leeren Sessel am oberen Tischende ruhen, ber den durch das offene Mittelfenster
die Septembersonne hinflo, und es war ihm, als htte er seinen Vater, der seit
zwei Monaten tot war, noch vor einer Stunde dort sitzen gesehen; so deutlich
stand ihm jede, selbst die kleinste Gebrde des Verstorbenen vor Augen, bis zu
seiner Art die Kaffeetasse fortzurcken, den Zwicker aufzusetzen, in einer
Broschre zu blttern.
    Georg dachte an eines der letzten Gesprche mit dem Vater, das im
Sptfrhling stattgefunden hatte, kurz vor der bersiedlung in die Villa am
Veldeser See. Georg war damals eben aus Sizilien heimgekommen, wo er den April
mit Grace verbracht hatte, auf einer melancholischen und ein wenig langweiligen
Abschiedsreise, vor der endgltigen Rckkehr der Geliebten nach Amerika. Er
hatte wieder ein halbes Jahr oder lnger nichts Rechtes gearbeitet; nicht einmal
das schwermtige Adagio war niedergeschrieben, das er in Palermo, an einem
bewegten Morgen am Ufer spazierengehend, aus dem Rauschen der Wellen
herausgehrt hatte. Nun spielte er das Thema seinem Vater vor, phantasierte
darber mit einem bertriebenen Reichtum an Harmonien, der die einfache Melodie
beinahe verschlang; und als er eben in eine wild modulierende Variation geraten
war, hatte der Vater, vom anderen Ende des Flgels her, lchelnd gefragt: Wohin,
wohin? Georg, wie beschmt, lie den Schwall der Tne verklingen, und nun,
herzlich wie immer, doch nicht in so leichtem Ton wie sonst, hatte der Vater mit
dem Sohn ein Gesprch ber dessen Zukunft zu fhren begonnen, das diesem heute
durch den Sinn zog, als wre es von mancher Ahnung schwer gewesen.
    Er stand am Fenster und blickte hinaus. Drben der Park war ziemlich leer.
Auf einer Bank sa eine alte Frau, die eine altmodische Mantille mit schwarzen
Glasperlen um hatte. Ein Kindermdchen spazierte vorbei, einen Knaben an der
Hand, ein anderer, ganz kleiner, in Husarenuniform, mit angeschnalltem Sbel,
eine Pistole im Grtel, lief voran, blickte stolz um sich und salutierte einem
Invaliden, der rauchend des Weges kam. Tiefer im Garten, um den Kiosk, saen
wenige Leute, die Kaffee tranken und Zeitung lasen. Das Laub war noch ziemlich
dicht, und der Park sah bedrckt, verstaubt und im ganzen viel sommerlicher aus,
als sonst in spten Septembertagen. Georg sttzte die Arme aufs Fensterbrett,
beugte sich vor und betrachtete den Himmel. Seit dem Tode seines Vaters hatte er
Wien nicht verlassen, trotz vieler Mglichkeiten, die ihm offen standen. Er
htte mit Felician auf das Schnsteinsche Gut fahren knnen; Frau Ehrenberg
hatte ihn in einem liebenswrdigen Brief in den Auhof eingeladen; und zu einer
Radtour durch Krnten und Tirol, wie er sie lngst plante, und zu der er sich
allein nicht entschlieen konnte, htte er leicht einen Gefhrten gefunden. Aber
er blieb lieber in Wien und vertrieb sich die Zeit mit dem Durchblttern und dem
Ordnen von alten Familienpapieren. Er fand Erinnerungen bis zu seinem
Urgrovater, Anastasius von Wergenthin, der aus der Rheingegend stammte und
durch Heirat mit einem Frulein Recco in den Besitz eines alten lngst
unbewohnbaren Schlchens bei Bozen gekommen war. Auch Dokumente zur Geschichte
von Georgs Grovater waren vorhanden, der im Jahre 1866 als Artillerieoberst vor
Chlum gefallen war. Dessen Sohn, Felicians und Georgs Vater, hatte sich
wissenschaftlichen, hauptschlich botanischen Studien gewidmet und in Innsbruck
das Doktorat der Philosophie abgelegt. Als Vierundzwanzigjhriger lernte er ein
junges Mdchen kennen aus alter sterreichischer Beamtenfamilie, das sich,
vielleicht mehr um den engen und beinahe rmlichen Zustnden ihres Hauses zu
entfliehen, als aus innerstem Beruf, zur Sngerin ausgebildet hatte. Der
Freiherr von Wergenthin sah und hrte sie zum ersten Male im Winter in einer
Konzertauffhrung der Missa solemnis, und schon im Mai darauf wurde sie seine
Frau. Im zweiten Jahre der Ehe kam Felician, im dritten Georg zur Welt. Drei
Jahre spter begann die Baronin zu krnkeln und wurde von den rzten nach dem
Sden geschickt. Da die Heilung auf sich warten lie, wurde der Haushalt in Wien
aufgelst, und so fgte es sich, da der Freiherr mit den Seinen durch viele
Jahre eine Art von Hotel- und Wanderleben fhren mute. Ihn selbst fhrten
Geschfte und Studien manchmal nach Wien, die Shne aber verlieen ihre Mutter
beinahe niemals. Man lebte in Sizilien, in Rom, in Tunis, in Korfu, in Athen, in
Malta, in Meran, an der Riviera, zuletzt in Florenz; keineswegs auf groem Fu,
aber doch standesgem; und nicht so sparsam, da nicht ein guter Teil des
freiherrlichen Vermgens allmhlich aufgezehrt worden wre.
    Georg war achtzehn Jahre alt, als seine Mutter starb. Neun Jahre waren
seither verflossen, aber unverblat war ihm die Erinnerung an jenen
Frhlingsabend, da Vater und Bruder zufllig nicht daheim gewesen waren, und er
allein und ratlos am Bett der sterbenden Mutter gestanden hatte, whrend durch
die eilig aufgerissenen Fenster, mit der Luft des Frhlings, das Reden und
Lachen von Spaziergngern verletzend laut hereinklang.
    Die Hinterbliebenen kehrten mit dem Leichnam der Mutter nach Wien zurck.
Der Freiherr widmete sich seinen Studien mit einem neuen, wie verzweifelten
Eifer. Frher hatte man ihn nur als vornehmen Liebhaber gelten lassen, jetzt
begann man ihn auch in akademischen Kreisen durchaus ernst zu nehmen, und als er
zum Ehrenprsidenten der botanischen Gesellschaft gewhlt wurde, hatte er diese
Auszeichnung nicht allein dem Zufall eines adeligen Namens zu danken. Felician
und Georg lieen sich als Hrer an der juridischen Fakultt einschreiben. Aber
der Vater selbst war es, der es dem Jngern nach einiger Zeit freistellte, die
Universittsstudien aufzugeben und sich seinen musikalischen Neigungen
entsprechend weiter zu bilden, was dieser dankbar und erlst annahm. Doch auch
auf diesem selbstgewhlten Gebiete war seine Ausdauer nicht bedeutend, und oft
wochenlang hintereinander konnte er sich mit allerlei Dingen beschftigen, die
von seinem Wege weit ablagen. Diese spielerische Anlage war es auch, die ihn
jene alten Familienpapiere mit einem Ernst durchblttern lie, als glte es
wichtigen Geheimnissen der Vergangenheit nachzuforschen. Manche Stunde
verbrachte er bewegt ber Briefen, die seine Eltern in frheren Jahren
miteinander gewechselt hatten, ber sehnschtigen und flchtigen, schwermtigen
und beruhigten, aus denen ihm nicht nur die Hingeschiedenen selbst, sondern auch
andere halbvergessene Menschen neu lebendig wurden. Da erschien ihm der deutsche
Lehrer wieder, mit der traurigen blassen Stirn, der ihm auf langen Spaziergngen
den Horaz vorzudeklamieren pflegte; das braune, wilde Kindergesicht des Prinzen
Alexander von Mazedonien tauchte auf, in dessen Gesellschaft Georg in Rom die
ersten Reitstunden genommen hatte; und in einer traumhaften Weise, wie mit
schwarzen Linien an einen blablauen Horizont gezeichnet, ragte die Pyramide des
Cestius auf, so wie Georg sie, von seinem ersten Ritt aus der Campagna
heimkehrend, in der Abenddmmerung erblickt hatte. Und wenn er ins Weitertrumen
geriet, zeigten sich Meeresufer, Grten, Straen, von denen er gar nicht wute,
aus welcher Landschaft, welcher Stadt sein Gedchtnis sie bewahrt hatte;
Gestalten schwebten vorbei, manche vollkommen deutlich, die ihm einmal nur in
gleichgltiger Stunde begegnet waren, andere wieder, mit denen er zu irgend
einer Zeit viele Tage zusammen gewesen sein mochte, schattenhaft und fern. Als
Georg nach Sichtung jener alten Briefe auch seine eigenen Papiere in Ordnung
brachte, fand er in einer alten, grnen Mappe musikalische Entwrfe aus der
Knabenzeit, die ihm bis auf die Tatsache ihres Vorhandenseins so vollkommen
entschwunden waren, da man sie ihm ohne weiteres als die Aufzeichnungen eines
anderen htte vorlegen knnen. Von manchen war er angenehm schmerzlich
berrascht, denn sie schienen ihm Versprechungen zu enthalten, die er vielleicht
niemals erfllen sollte. Und doch sprte er gerade in der letzten Zeit, da sich
irgend etwas in ihm vorbereitete. Er sah es wie eine geheimnisvolle aber sichere
Linie, die von jenen ersten hoffnungsvollen Niederschriften in der grnen Mappe
zu neuen Einfllen wies; und das wute er: die zwei Lieder aus dem
west-stlichen Divan, die er heuer im Sommer komponiert hatte, an einem schwlen
Nachmittag, whrend Felician in der Hngematte lag und der Vater auf der khlen
Terrasse im Lehnstuhl arbeitete, htte nicht der erstbeste ersinnen knnen.
    Wie von einem gnzlich unerwarteten Gedanken berrascht wich Georg einen
Schritt vom Fenster zurck. Mit solcher Deutlichkeit war er noch nie inne
geworden, da seine Existenz seit dem Tode des Vaters bis zum heutigen Tage
gleichsam unterbrochen gewesen war. An Anna Rosner, der er jene Lieder im
Manuskript zugesandt, hatte er die ganze Zeit ber nicht gedacht. Und wie ihm
nun einfiel, da er ihre wohllautende, dunkle Stimme wieder hren und sie auf
dem etwas dumpfen Pianino zum Gesang begleiten durfte, sobald er nur wollte, war
er angenehm bewegt. Und er erinnerte sich des alten Hauses in der Paulanergasse,
des niederen Tors, der schlecht beleuchteten Stiege, die er bisher nicht fter
als drei-oder viermal hinaufgegangen war, wie man an Liebgewordenes und lngst
Bekanntes denkt.
    Im Park drben ging ein leichtes Wehen durch die Bltter. ber der
Stephansturmspitze, die dem Fenster, durch den Park und einen betrchtlichen
Teil der Stadt getrennt, gerade gegenberlag, erschienen dnne Wolken. Ein
langer Nachmittag, vllig ohne Verpflichtungen dehnte sich vor Georg aus. Im
Laufe der zwei Trauermonate, so wollte es ihm scheinen, hatten sich alle
Beziehungen frherer Zeit gelockert oder gelst. Er dachte an den verflossenen
Winter und Frhling, mit ihrem vielfach verschlungenen und wirren Treiben, und
allerlei Erinnerungen tauchten bildhaft vor ihm auf: Die Fahrt mit Frau
Mariannen im geschlossenen Fiaker durch den verschneiten Wald. Der maskierte
Abend bei Ehrenbergs, mit Elses tiefsinnig-kindlichen Bemerkungen ber die
Hedda Gabler, der sie sich verwandt zu fhlen behauptete, und mit Sissys
raschem Ku unter den schwarzen Spitzen der Larve. Eine Bergtour im Schnee, von
Edlach aus auf die Rax, mit dem Grafen Schnstein und Oskar Ehrenberg, der ohne
angeborene alpine Neigungen gern die Gelegenheit ergriffen hatte, sich zwei
hochgeborenen Herren anzuschlieen. Der Abend bei Ronacher mit Grace und dem
jungen Labinski, der sich vier Tage darauf erschossen, man hatte nie recht
erfahren, ob wegen Grace, wegen Schulden, aus Lebensberdru, oder
ausschlielich aus Affektation. Das seltsame glhend-kalte Gesprch mit Grace
auf dem Friedhof im schmelzenden Feberschnee, zwei Tage nach Labinskis
Begrbnis. Der Abend im heien, hochgewlbten Fechtsaal, wo Felicians Degen die
gefhrliche Waffe des italienischen Meisters kreuzte. Der nchtliche Spaziergang
nach dem Paderewski-Konzert, auf dem der Vater ihm so vertraut wie nie zuvor von
jenem fernen Abend sprach, da die verstorbene Mutter in dem gleichen Saal, aus
dem sie eben kamen, in der Missa solemnis gesungen hatte. Und endlich erschien
ihm Anna Rosners hohe, ruhige Gestalt, am Klaviere lehnend, das Notenblatt in
der Hand, die blauen, lchelnden Augen auf die Tasten gerichtet; und er hrte
sogar ihre Stimme in seiner Seele klingen.
    Whrend er so am Fenster stand und in den Park hinunterschaute, der sich
allmhlich belebte, empfand er es wie beruhigend, da er zu keinem menschlichen
Wesen in engerer Beziehung stand, und da es doch manche gab, mit denen er
wieder anknpfen, in deren Kreis er wieder eintreten durfte, sobald es ihm nur
beliebte. Zugleich fhlte er sich wunderbar ausgeruht, fr Arbeit und Glck
bereit wie niemals zuvor. Er war voll guter und khner Vorstze, seiner Jugend
und Unabhngigkeit sich mit Freuden bewut. Zwar fhlte er mit einiger
Beschmung, da, in diesem Augenblick wenigstens, seine Trauer um den
hingeschiedenen Vater sehr gemildert war; doch fand er fr diese
Gleichgltigkeit einen Trost in sich, da er des quallosen Endes gedachte, das
dem teuren Mann beschieden war. Im Garten, heiter mit den beiden Shnen
plaudernd, war er auf und abgegangen, hatte mit einem Mal um sich geschaut, als
hrte er ferne Stimmen, hatte dann aufgeblickt, zum Himmel empor, und war
pltzlich tot auf die Wiese hingesunken, ohne Schmerzenslaut, ja ohne Zucken der
Lippen.
    Georg trat ins Zimmer zurck, machte sich zum Fortgehen fertig und verlie
das Haus. Seine Absicht war es, ein paar Stunden herumzuspazieren, wohin der
Zufall ihn fhren mochte, und abends endlich wieder an seinem Quintett
weiterzuarbeiten, wofr ihm nun die rechte Stimmung gekommen schien. Er
berschritt die Strae und betrat den Park. Die Schwle hatte nachgelassen. Noch
immer sa die alte Frau mit der Mantille auf der Bank und starrte vor sich hin.
Auf dem sandigen Rund um die Bume spielten Kinder. Um den Kiosk waren alle
Sthle besetzt. Im Wetterhuschen sa ein glattrasierter Herr, den Georg vom
Sehen kannte, und der ihm durch seine hnlichkeit mit dem alten Grillparzer
aufgefallen war. Am Teich kam Georg eine Gouvernante entgegen, mit zwei schn
gekleideten Kindern und betrachtete ihn mit leuchtendem Blick. Als er aus dem
Park auf die Ringstrae trat, begegnete ihm Willy Eiler in langem
dunkelgestreiften Herbstpaletot und sprach ihn an:
    Guten Tag, Baron, sind Sie auch schon wieder in Wien eingerckt?
    Ich bin schon lange zurck, erwiderte Georg. Nach dem Begrbnis meines
Vaters hab' ich Wien nicht mehr verlassen.
    Ja, ja, natrlich ... Gestatten Sie, da ich Ihnen nochmals ... Und Willy
drckte Georg die Hand.
    Und was haben Sie denn heuer im Sommer getrieben? fragte Georg.
    Allerlei. Tennis gespielt, gemalt, Zeit vertrdelt, einige amsante und
noch mehr langweilige Stunden verlebt ... Willy sprach uerst rasch, wie mit
einer absichtlichen leisen Heiserkeit, scharf, salopp, mit ungarischen,
franzsischen, wienerischen, jdischen Akzenten. brigens, wie Sie mich da
sehen, fuhr er fort, bin ich heute frh aus Przemysl gekommen.
    Waffenbung?
    Jawohl, letzte. Ich sag's mit Wehmut. So sehr ich mich dem Greisenalter
nhere, es hat mir doch noch immer Spa gemacht, so mit den gelben Aufschlgen
umherzuwandeln, Sporen klirrend, Sbel scheppernd, eine Ahnung drohender Gefahr
verbreitend, und von mangelhaften Lavaters fr einen bessern Grafen gehalten zu
werden. Sie spazierten weiter, dem Gitter des Stadtparks entlang.
    Gehen Sie vielleicht zu Ehrenbergs? fragte Willy.
    Nein, ich denke gar nicht daran.
    Weil's der Weg ist. Haben Sie brigens gehrt, Frulein Else soll verlobt
sein.
    So? fragte Georg gedehnt. Mit wem denn?
    Raten S' Baron.
    Am Ende Hofrat Wilt?
    O frhlich! rief Willy. Der denkt wohl nicht daran! Die Verschwgerung
mit S. Ehrenberg knnte ihm doch am Ende die Ministerkarriere erschweren
heutzutage
    Rittmeister Ladisc? riet Georg weiter.
    Ah dazu ist Frulein Else doch zu gescheit, da sie dem hineinfllt.
    Jetzt erinnerte sich Georg, da sich Willy vor ein paar Jahren mit Ladisc
geschlagen hatte. Willy fhlte Georgs Blick, zwirbelte den blonden, in
polnischer Art herabhngenden Schnurrbart mit etwas nervsen Fingern hin und her
und sprach rasch und beilufig: Der Umstand, da ich mit dem Rittmeister Ladisc
einmal eine Differenz gehabt hab', kann mich nicht hindern, in loyaler Weise
anzuerkennen, da er immer ein versoffenes Schwein gewesen ist. Ich hab' nmlich
eine unberwindliche, auch durch Blut nicht abzuwaschende Abneigung gegen die
Leute, die sich bei den Juden anfressen und schon auf der Treppe ber sie zu
schimpfen anfangen. Bis ins Kaffeehaus kann man doch warten. Aber strengen Sie
sich nicht weiter mit dem Raten an, Heinrich Bermann soll der Glckliche sein.
    Nicht mglich, rief Georg.
    Warum? fragte Eiler. Einer wird's ja doch schlielich werden. Bermann
ist zwar kein Adonis, aber er ist auf dem Wege zum Ruhm; und das Gemisch von
Herrenreiter und Athleten in hchster Vollendung, das sich Else offenbar
ertrumt hat, wird sie ja doch kaum finden. Vierundzwanzig Jahre ist sie
indessen alt geworden, vor Salomons Taktlosigkeiten und Witzen drfte ihr auch
schon gengend grausen ... also ...
    Salomon? ... ach ja ... Ehrenberg.
    Sie kennen ihn auch nur unter dem Namen S? ... S. heit natrlich Salomon,
und da nur S. auf der Tafel an der Tr steht, ist eine Konzession, die er den
Seinen gemacht hat. Wenn es nach ihm ginge, mchte er am liebsten zu den
Gesellschaften, die Madame Ehrenberg gibt, im Kaftan und mit den gewissen
Lckchen erscheinen.
    Sie glauben ...? Er ist doch nicht so fromm?
    Fromm ... o frhlich! Mit der Frmmigkeit hat das allerdings nichts zu tun.
Es ist nur Bosheit, hauptschlich gegen seinen Sohn Oskar mit den feudalen
Bestrebungen.
    Ach so, sagte Georg lchelnd. Ist denn Oskar nicht schon lngst getauft?
Er ist ja Reserveoffizier bei den Dragonern.
    Ach darum ... Nun, ich bin auch nicht getauft und trotzdem ... Ja, es gibt
immer ein paar Ausnahmen ... Mit einigem guten Willen ... Er lachte und fuhr
fort: Was brigens Oskar anbelangt, so mchte er gewi lieber katholisch sein.
Aber das Vergngen beichten gehen zu drfen, kme ihm vorlufig doch noch zu
teuer zu stehen. Es wird wohl auch im Testament vorgesehen sein, da Oskar nicht
berhpft.
    Sie waren vor dem Caf Imperial angelangt. Willy blieb stehen. Ich habe da
ein Rendezvous mit Demeter Stanzides.
    Gren Sie ihn, bitte.
    Danke bestens. Kommen Sie nicht mit hinein, auf ein Eis?
    Danke, ich bummle noch ein bichen.
    Sie lieben die Einsamkeit?
    Auf so allgemeine Fragen lt sich schwer antworten, erwiderte Georg.
    Allerdings, sagte Willy, wurde pltzlich ernst und lftete den Hut. Habe
die Ehre, Herr Baron.
    Georg reichte ihm die Hand. Er fhlte, da Willy ein Mensch war, der
ununterbrochen eine Stellung verteidigte, wenn auch ohne dringende
Notwendigkeit. Auf Wiedersehen, sagte er mit unvermittelter Herzlichkeit. Er
empfand es, wie schon fters, als beinahe sonderbar, da Willy Jude war. Schon
der alte Eiler, Willys Vater, der anmutige Wiener Walzer und Lieder
komponierte, sich kunst- und altertumsverstndig mit dem Sammeln, zuweilen auch
mit dem Verkauf von Antiquitten befate und seinerzeit als der berhmteste
Boxer von Wien gegolten hatte, mit seiner Riesengestalt, dem langen, grauen
Vollbart und dem Monokel, sah eher einem ungarischen Magnaten hnlich, als einem
jdischen Patriarchen; aus Willy aber hatten Anlage, Liebhaberei und eiserner
Wille das tuschende Ebenbild eines geborenen Kavaliers gebildet. Was ihn jedoch
vor andern jungen Leuten seines Stammes und seines Strebens auszeichnete, war
der Umstand, da er gewohnt war, seine Abstammung nie zu verleugnen, fr jedes
zweideutige Lcheln Aufklrung oder Rechenschaft zu fordern und sich
gelegentlich ber alle Vorurteile und Eitelkeiten, in denen er oft befangen
schien, selber lustig zu machen.
    Georg schlenderte weiter. Die letzte Frage Willys klang ihm nach. Ob er die
Einsamkeit liebte? ... Er erinnerte sich daran, wie er in Palermo ganze
Vormittage allein herumspaziert war, whrend Grace ihrer Gewohnheit gem bis
Mittag im Bette lag. Grace ... Wo mochte sie jetzt sein ...? Seit sie in Neapel
von ihm Abschied genommen, hatte sie nichts mehr von sich hren lassen, wie es
brigens verabredet gewesen war. Er dachte an die tiefblaue Nacht, die ber den
Wassern schwebte, als er nach jenem Abschied allein nach Genua gefahren war, und
an den seltsamen, leisen, wie mrchenhaften Gesang zweier Kinder, die dicht
aneinandergeschmiegt, gemeinsam in einen Plaid gehllt, an der Seite ihrer
schlafenden Mutter auf dem Verdeck gesessen waren.
    Mit wachsendem Behagen spazierte er unter den Leuten weiter, die in
sonntglicher Lssigkeit an ihm vorbergingen. Mancher freundliche Frauenblick
begegnete dem seinen und schien ihn darber trsten zu wollen, da er an diesem
schnen Feiernachmittag einsam und mit allen uern Abzeichen der Trauer
umherwandelte. Und wieder tauchte ein Bild in ihm auf. Er sah sich auf einer
hgeligen Wiese liegen, spt abends, nach einem heien Junitag. Dunkelheit
ringsum. Tief unter ihm Gewirr von Menschen, Lachen und Lrm, glitzernde
Lampions. Ganz nah aus dem Dunkel Mdchenstimmen ... Er zndet die kleine Pfeife
an, die er nur auf dem Land zu rauchen pflegt; beim Schein des Zndhlzchens
sieht er zwei hbsche, ganz junge Bauerndirnen, beinah noch Kinder. Er plaudert
mit ihnen. Sie haben Angst, weil es so finster ist; sie schmiegen sich an ihn.
Pltzlich Geknatter, Raketen in der Luft. Von unten ein lautes Ah.
Bengalisches Licht, violett und rot, ber dem unsichtbaren See in der Tiefe. Die
Mdchen den Hgel hinab, verschwinden. Dann wird es wieder dunkel, und er liegt
allein, schaut in die Finsternis hinauf, die schwl auf ihn herabsinken will.
Dies war die Nacht vor dem Tage gewesen, da sein Vater sterben mute. Und auch
ihrer dachte er heute zum erstenmal.
    Er hatte die Ringstrae verlassen, nahm die Richtung der Wieden zu. Ob die
Rosners an diesem schnen Tage zu Hause waren? Immerhin lohnte es den kurzen
Weg, und jedenfalls zog es ihn mehr dorthin, als zu Ehrenbergs. Nach Else sehnte
er sich gar nicht, und ob sie wirklich Heinrich Bermanns Braut sein mochte oder
nicht, war ihm beinahe gleichgltig. Er kannte sie schon lange. Sie war elf, er
vierzehn Jahre alt gewesen, als sie an der Riviera miteinander Tennis gespielt
hatten. Damals glich sie einem Zigeunermdel. Blauschwarze Locken umwirbelten
ihr Stirn und Wangen, und ausgelassen war sie wie ein Bub. Ihr Bruder spielte
schon damals den Lord, und Georg mute noch heute lcheln, wenn er sich
erinnerte, wie der Fnfzehnjhrige eines Tages im lichtgrauen Schlurock, mit
weien, schwarztamburierten Handschuhen und einem Monokel im Aug, auf der
Promenade erschienen war. Frau Ehrenberg war damals vierunddreiig Jahre alt,
hoheitsvoll, von bergroer Gestalt, dabei noch schn, hatte verschleierte Augen
und war meistens sehr mde. Es blieb unvergelich fr Georg, wie eines Tages ihr
Gemahl, der millionenreiche Patronenfabrikant, die Seinen berraschte und
einfach durch sein Erscheinen der ganzen Ehrenbergischen Vornehmheit ein rasches
Ende bereitet hatte. Georg sah ihn noch vor sich, so wie er whrend des
Frhstcks auf der Hotelterrasse aufgetaucht war; ein kleiner, magerer Herr mit
graumeliertem Vollbart und japanischen Augen, in weiem schlecht gebgelten
Flanellanzug, einen dunklen Strohhut mit rotwei gestreiftem Band auf dem runden
Kopf, und mit schwarzen, bestaubten Schuhen. Er redete sehr gedehnt, immer wie
hhnisch, selbst ber die gleichgltigsten Dinge; und so oft er den Mund auftat,
lag es unter dem Schein der Ruhe wie eine geheime Angst auf dem Antlitz der
Gattin. Sie versuchte sich zu rchen, indem sie ihn mit Spott behandelte; aber
gegen seine Rcksichtslosigkeit kam sie nicht auf. Oskar benahm sich, wenn es
irgend mglich war, als gehrte er nicht dazu. In seinen Zgen spielte eine
etwas unsichere Verachtung fr den seiner nicht ganz wrdigen Erzeuger, und
Verstndnis suchend lchelte er zu den jungen Baronen hinber. Nur Else war zu
jener Zeit sehr nett mit dem Vater. Auf der Promenade hing sie sich gern in
seinen Arm, und manchmal fiel sie ihm vor allen Leuten um den Hals.
    In Florenz, ein Jahr vor seiner Mutter Tod, hatte Georg Else wiedergesehen.
Sie nahm damals Zeichenstunden bei einem alten, grau- und wirrhaarigen
Deutschen, von dem die Sage ging, da er einmal berhmt gewesen wre. Er selbst
verbreitete das Gercht ber sich, da er seinen frhern, sehr bekannten Namen,
als er sein Genie schwinden fhlte, abgelegt und die Sttte seines Wirkens, die
er niemals nannte, verlassen htte. Schuld an seinem Niedergang trug, wenn man
seinen Berichten glauben durfte, ein dmonisches Frauenzimmer, das er
geheiratet, das in einem Eifersuchtsanfall sein bedeutendstes Bild zerstrt und
durch einen Sprung vom Fenster ihr Leben geendet hatte. Dieser Mensch, den sogar
der siebzehnjhrige Georg als eine Art von schwindelhaftem Narren erkannte, war
der Gegenstand von Elses erster Schwrmerei. Sie war damals vierzehn Jahre alt,
die Wildheit und Unbefangenheit der Kindheit war dahin. Vor der Tizianschen
Venus in den Uffizien glhten ihr die Wangen in Neugier, Sehnsucht und
Bewunderung, und in ihren Augen spielten dunkle Trume von knftigen
Erlebnissen. fters kam sie mit ihrer Mutter in das Haus, das die Wergenthins am
Lungano gemietet hatten; und whrend Frau Ehrenberg die leidende Baronin in
ihrer md-geistreichen Weise zu unterhalten suchte, stand Else mit Georg am
Fenster, fhrte altkluge Gesprche ber die Kunst der Prraffaeliten und
lchelte der vergangenen kindischen Spiele. Auch Felician erschien zuweilen,
schlank und schn, blickte mit seinen kalten, grauen Augen an Dingen und
Menschen vorbei, sprach ein paar hfliche Worte, halblaut, beinahe wegwerfend,
und setzte sich ans Bett seiner Mutter, der er zrtlich die Hand streichelte und
kte. Gewhnlich ging er bald wieder fort, nicht ohne fr Else einen herben
Duft von uralter Vornehmheit, kaltbltiger Verfhrung und eleganter
Todesverachtung zurckzulassen. Stets hatte sie den Eindruck, als begebe er sich
an einen Spieltisch, an dem es um Hunderttausende herging, zu einem Duell auf
Tod und Leben, oder zu einer Frstin mit rotem Haar und einem Dolch auf dem
Nachttisch. Georg erinnerte sich, da er sowohl auf den schwindelhaften
Zeichenlehrer, als auf seinen Bruder ein wenig eiferschtig gewesen war. Der
Lehrer, aus Grnden, ber die niemals etwas verlautete, wurde pltzlich
entlassen, und kurz darauf fuhr Felician mit dem Freiherrn von Wergenthin nach
Wien. Nun spielte Georg noch fter als frher den Damen auf dem Klaviere vor,
Fremdes und Eigenes, und Else sang mit ihrer kleinen, etwas schrillen Stimme
leichtere Schubertsche und Schumannsche Lieder vom Blatt. Sie besuchte mit ihrer
Mutter und Georg die Galerien und Kirchen; als das Frhjahr wiederkam, gab es
gemeinschaftliche Spazierfahrten auf dem Hgelweg oder nach Fiesole, und
lchelnde Blicke gingen zwischen Georg und Else hin und her, die von einem
tieferen Einverstndnis erzhlten, als tatschlich vorhanden war. In dieser
etwas unaufrichtigen Art spielten die Beziehungen weiter, als der Verkehr in
Wien aufgenommen und fortgesetzt wurde. Immer von neuem schien Else von dem
gleichmig freundlichen Wesen wohlttig berhrt, mit dem Georg ihr auch dann
entgegentrat, wenn sie einander monatelang nicht gesehen hatten. Sie selbst aber
war von Jahr zu Jahr uerlich sicherer und innerlich unruhiger geworden. Ihre
knstlerischen Bestrebungen hatte sie frh genug alle fallen lassen, und im
Laufe der Zeit erschien sie sich zu den verschiedensten Lebenslufen ausersehen.
Manchmal sah sie sich in der Zukunft als Weltdame, Veranstalterin von
Blumenfesten, Patronesse von groen Bllen, Mitwirkende an aristokratischen
Wohlttigkeitsvorstellungen; fters noch glaubte sie sich berufen in einem
knstlerischen Salon unter Malern, Musikern und Dichtern als groe Versteherin
zu thronen. Dann trumte sie wieder von einem mehr ins Abenteuerliche
gerichteten Leben: sensationelle Heirat mit einem amerikanischen Millionr,
Flucht mit einem Violinvirtuosen oder spanischen Offizier, dmonisches
Zugrunderichten aller Mnner, die sich ihr nherten. Zuweilen schien ihr aber
ein stilles Dasein auf dem Land, an der Seite eines tchtigen Gutsbesitzers, das
erstrebenswerteste Ziel; und dann erblickte sie sich im Kreise von vielen
Kindern, womglich mit frh ergrautem Haar, ein mild resigniertes Lcheln auf
den Lippen, an einfach gedecktem Tisch sitzen und ihrem ernsten Manne die Falten
von der Stirne streichen. Georg aber fhlte immer, da ihre Neigung zur
Bequemlichkeit, die tiefer war, als sie selbst ahnte, sie vor jedem unbedachten
Schritt schtzen wrde. Sie vertraute Georg mancherlei an, ohne jemals ganz
ehrlich mit ihm zu sein; denn am ftesten und ernstesten hegte sie den Wunsch,
seine Frau zu werden. Georg wute das wohl, aber nicht allein darum erschien ihm
das neueste Gercht von ihrer Verlobung mit Heinrich Bermann ziemlich
unglaubwrdig. Dieser Bermann war ein hagerer, bartloser Mensch mit dstern
Augen und etwas zu langem schlichten Haar, der sich in der letzten Zeit als
Schriftsteller bekannt gemacht hatte, und dessen Gebaren und Aussehen Georg, er
wute selbst nicht warum, an einen fanatischen jdischen Lehrer aus der Provinz
erinnerten. Das war nichts, was Else besonders fesseln, oder nur angenehm
berhren konnte. Allerdings, wenn man lnger mit ihm sprach, nderte sich jener
Eindruck. Eines Abends im vergangenen Frhjahr war Georg mit ihm zusammen von
Ehrenbergs fortgegangen, und sie waren in eine so anregende Unterhaltung ber
musikalische Dinge geraten, da sie bis drei Uhr frh auf einer Ringstraenbank
weitergeplaudert hatten.
    Es ist sonderbar, dachte Georg, wie vieles mir heute durch den Kopf geht,
woran ich kaum mehr gedacht hatte. Und ihm war, als wenn er in dieser
Herbstabendstunde allmhlich aus der schmerzlich-dumpfen Versonnenheit vieler
Wochen zum Tage emporgetaucht kme.
    Nun stand er vor dem Hause in der Paulanergasse, wo die Rosners wohnten. Er
sah zum zweiten Stockwerk auf. Ein Fenster war offen, weie Tllvorhnge in der
Mitte zusammengesteckt, bewegten sich im leichten Zuge des Windes.
    Rosners waren zu Hause. Das Stubenmdchen lie Georg eintreten. Anna sa der
Tre gegenber, hielt die Kaffeetasse in der Hand und hatte die Augen auf den
Eintretenden gerichtet. Der Vater, zu ihrer Rechten, las Zeitung und rauchte aus
einer Pfeife. Er war glatt rasiert, nur an den Wangen liefen zwei schmale,
ergraute Bartstreifen. Sein dnnes Haar von seltsam grnlichgrauer Frbung war
an den Schlfen nach vorn gestrichen und sah aus wie eine schlecht gemachte
Percke. Seine Augen waren wasserhell und rot gerndert.
    Die beleibte Mutter, mit der wie von einer Erinnerung schnerer Jahre
umwobenen Stirn, blickte vor sich hin; ihre Hnde, beschaulich ineinander
verschlungen, ruhten auf dem Tisch. Anna stellte die Tasse langsam nieder,
nickte und lchelte still. Die beiden Alten machten Miene aufzustehen, als Georg
eintrat.
    Aber bitte, sich doch nicht stren zu lassen, bitte sehr, sagte Georg.
    Da krachte etwas an der Seitenwand. Josef, der Sohn des Hauses, erhob sich
vom Diwan, auf dem er gelegen hatte.
    Habe die Ehre, Herr Baron, sagte er mit einer sehr tiefen Stimme und
strich sein ber den Hals hinaufgeschlagenes, gelbkariertes, etwas fleckiges
Sacco zurecht.
    Wie befinden sich immer, Herr Baron? fragte der Alte, stand hager und
etwas gebckt da und wollte nicht wieder Platz nehmen, eh sich Georg
niedergelassen hatte. Josef rckte einen Stuhl zwischen Vater und Schwester.
Anna reichte dem Besucher die Hand.
    Wir haben uns lange nicht gesehen, sagte sie und trank einen Schluck aus
ihrer Tasse.
    Sie haben traurige Zeiten durchgemacht, Herr Baron, bemerkte Frau Rosner
teilnahmsvoll.
    Jawohl, fgte Herr Rosner hinzu. Wir haben mit groem Bedauern von dem
schweren Verluste gelesen ... Und der Herr Vater haben sich doch immer der
besten Gesundheit erfreut, so viel uns bekannt war. Er sprach sehr langsam,
immer, als wenn noch etwas kommen sollte, strich sich manchmal mit der linken
Hand ber den Kopf und nickte, whrend er zuhrte.
    Ja, es ist sehr unerwartet gekommen, sagte Georg leise und blickte auf den
dunkelroten, verschossenen Teppich zu seinen Fen.
    Also ein pltzlicher Tod, sozusagen, bemerkte Herr Rosner, und alles
ringsum schwieg.
    Georg nahm eine Zigarette aus seinem Etui und bot Josef eine an.
    K die Hand, sagte Josef, nahm die Zigarette und verbeugte sich, indem er
ohne ersichtlichen Grund die Hacken aneinander schlug. Whrend er dem Baron
Feuer gab, glaubte er dessen Blicke auf sein Sacco gerichtet und bemerkte
entschuldigend und mit noch tieferer Stimme als gewhnlich: Bureaujanker.
    Bureaujanker kommt von Bureau, sagte Anna einfach, ohne ihren Bruder
anzusehen.
    Frulein belieben die ironische Walze eingehngt zu haben, erwiderte Josef
heiter; doch war es dem gehaltenen Ton seiner Rede anzumerken, da er sich unter
andern Verhltnissen minder angenehm ausgedrckt htte.
    Die Teilnahme war ja eine allgemeine, begann der alte Rosner wieder. Ich
habe den Nachruf in der Neuen Freien Presse gelesen ber den Herrn Papa ... von
Herrn Hofrat Kerner, wenn ich mich recht erinnere; er war ja hchst ehrenvoll.
Auch die Wissenschaft hat einen herben Verlust erlitten.
    Georg nickte verlegen und blickte auf seine Hnde nieder.
    Anna sprach von ihrem verflossenen Sommeraufenthalt. In Weienfeld war's
wunderschn, sagte sie. Gleich hinter unserm Haus war der Wald, mit sehr guten
ebenen Wegen ... nicht wahr, Papa? Da hat man stundenlang spazierengehen knnen,
ohne einem Menschen zu begegnen.
    Und haben Sie denn ein Klavier drauen gehabt? fragte Georg.
    Auch das.
    Ein greulicher Klimperkasten, bemerkte Herr Rosner. So ein Ding, das
Stein erweichen, Menschen rasend machen kann.
    Es war nicht so arg, sagte Anna.
    Fr die kleine Graubinger gut genug, fgte Frau Rosner hinzu.
    Die kleine Graubinger ist nmlich die Tochter vom Kaufmann im Ort,
erklrte Anna, und ich hab ihr die Anfangsgrnde des Klavierspiels beigebracht.
Ein hbsches, kleines Mderl mit langen, blonden Zpfen.
    Es war eine Geflligkeit fr den Kaufmann, sagte Frau Rosner.
    Ja, aber es mu bemerkt werden, ergnzte Anna, da ich auerdem eine
wirkliche, das heit bezahlte Stunde gegeben habe.
    Wie, auch in Weienfeld? fragte Georg.
    Kinder, von einer Sommerpartie. Es ist brigens schade, Herr Baron, da Sie
kein einziges Mal bei uns auf dem Lande waren. Es htte Ihnen gewi gut
gefallen.
    Georg erinnerte sich nun erst, da er sich zu Anna beilufig geuert hatte,
er wrde sie im Sommer gelegentlich einer Radpartie vielleicht einmal besuchen.
    Der Herr Baron htte wohl in dieser Sommerfrische nicht alles zu seiner
Zufriedenheit vorgefunden, begann Herr Rosner.
    Warum denn? fragte Georg.
    Es ist dort nicht eben den Bedrfnissen verwhnter Grostdter Rechnung
getragen.
    O ich bin nicht verwhnt, sagte Georg.
    ... Waren Sie auch nicht auf dem Auhof? wandte sich Anna an Georg.
    O nein, erwiderte dieser rasch. Nein, ich war nicht dort, setzte er
minder lebhaft hinzu. Man hat mich allerdings aufgefordert ... Frau Ehrenberg
war so liebenswrdig. ... ich habe verschiedene Einladungen gehabt fr den
Sommer. Aber ich habe es vorgezogen, fr mich allein in Wien zu bleiben.
    Es tut mir eigentlich leid, sagte Anna, da ich Else beinah gar nicht
mehr sehe. Sie wissen ja, da wir im selben Institut waren. Es ist freilich
schon lang her. Ich hab sie wirklich gern gehabt. Schade, da man sich im Lauf
der Zeit so voneinander entfernt.
    Wie kommt das nur? sagte Georg.
    Ja, es liegt wohl daran, da mir der ganze Kreis nicht besonders
sympathisch ist.
    Mir auch nicht, sagte Josef, der Ringe in die Luft blies. Ich gehe seit
Jahren nicht hin. Offen gestanden ... ich wei ja nicht, wie Herr Baron zu
dieser Frage Stellung nehmen ... ich bin den Israeliten nicht zugetan.
    Herr Rosner blickte zu seinem Sohne auf. Der Herr Baron verkehrt in diesem
Haus, und es wird ihm ziemlich sonderbar erscheinen, lieber Josef ...
    Mir? sagte Georg verbindlich. Ich stehe ja in keinerlei nheren
Verbindungen mit dem Hause Ehrenberg, so gern ich mit den beiden Damen zu
plaudern pflege. Und fragend setzte er hinzu: Aber haben Sie Else nicht im
vorigen Jahr Singstunden gegeben, Frulein Anna?
    Ja. Vielmehr ... ich habe nur mit ihr korrepetiert.
    Das werden Sie heuer wohl wieder tun?
    Ich wei nicht. Sie hat bisher noch nichts von sich hren lassen.
Vielleicht gibt sie's ganz auf.
    Sie glauben?
    Es wre beinah zu wnschen, versetzte Anna sanft, denn eigentlich hat sie
immer mehr gepiepst, als gesungen. brigens, und jetzt warf sie Georg einen
Blick zu, der ihn gleichsam von neuem begrte, die Lieder, die Sie mir
geschickt haben, sind sehr hbsch. Soll ich sie Ihnen vorsingen?
    Sie haben sich die Sachen schon angeschaut? Das ist nett.
    Anna hatte sich erhoben. Sie fhrte beide Hnde an ihre Schlfen und strich
wie ordnend, leicht ber ihr gewolltes Haar. Sie trug es ziemlich hoch frisiert,
wodurch ihre Gestalt noch grer erschien, als sie war. Eine schmale, goldene
Uhrkette war zweimal um den freien Hals geschlungen, fiel ber die Brust herab
und verlor sich in dem grauledernen Grtel. Durch eine fast unmerkliche
Kopfbewegung forderte sie Georg auf, ihr zu folgen.
    Er stand auf und sagte: Wenn's erlaubt ist ...
    Bitte sehr, bitte sehr, natrlich, sagte Herr Rosner. Herr Baron wollen
so freundlich sein, mit meiner Tochter ein wenig zu musizieren. Sehr schn, sehr
schn. Anna war in das Nebenzimmer getreten. Georg folgte ihr und lie die Tr
offen stehen. Die weien Tllvorhnge vor dem geffneten Fenster waren
zusammengesteckt und bewegten sich leise.
    Georg setzte sich an das Pianino und griff ein paar Akkorde. Indes kniete
Anna vor einer alten, schwarzen, teilweise vergoldeten Etagere und holte die
Noten hervor.
    Georg modulierte in die Anfangsakkorde seines Liedes.
    Anna fiel ein, und zu Georgs Melodie sang sie die Goetheschen Worte.

Deinem Blick mich zu bequemen,
Deinem Munde, deiner Brust,
Deine Stimme zu vernehmen,
War mir erst' und letzte Lust.

    Sie stand hinter ihm und schaute ber seine Schulter in die Noten. Zuweilen
beugte sie sich ein wenig vor, und dann fhlte er an der Schlfe den Hauch ihrer
Lippen. Ihre Stimme war viel schner, als seine Erinnerung sie bewahrt hatte.
    Im Nebenzimmer wurde etwas zu laut gesprochen. Ohne den Gesang zu
unterbrechen, lehnte Anna die Tre zu.
    Josef war es gewesen, der sein Organ nicht lnger hatte bndigen knnen.
Ich werde noch einen Sprung ins Kaffeehaus hinber schauen, sagte er.
    Man erwiderte nichts. Herr Rosner trommelte leise auf den Tisch, und seine
Gattin nickte scheinbar gleichgltig.
    Also adieu. Bei der Tr wandte sich Josef wieder um und bemerkte mit
miger Festigkeit. Mama, wenn du vielleicht einen Moment Zeit hast ...
    Ich hr schon, sagte Frau Rosner, es wird ja kein Geheimnis sein.
    Nein. Es ist ja nur, weil ich mit dir ja ohnedies in Verrechnung bin.
    Mu man ins Kaffeehaus gehen? fragte der alte Rosner einfach, ohne
aufzublicken.
    Also es handelt sich nicht ums Kaffeehaus. Es ist berhaupt ... Ihr knnt
mir's glauben, da es mir selber lieber wr, wenn ich euch nicht anpumpen mt'.
Aber was soll der Mensch tun?
    Arbeiten soll der Mensch, sagte der alte Rosner leise und schmerzlich, und
seine Augen rteten sich. Die Frau warf einen traurigen und strafenden Blick auf
den Sohn.
    Also, sagte Josef, knpfte den Bureaujanker auf und wieder zu, das ist
doch wirklich ... wegen jedem Guldenzettel ...
    Pst, sagte Frau Rosner mit einem Blick gegen die angelehnte Tr, durch die
jetzt, nachdem der Gesang Annas geendet, nur das gedmpfte Klavierspiel Georgs
hereinklang.
    Josef beantwortete den Blick der Mutter mit einer wegwerfenden Handbewegung:
Arbeiten soll ich, sagt der Papa. Als ob ich's nicht schon bewiesen htte, da
ich's kann. Er sah zwei fragende Augenpaare auf sich gerichtet. Jawohl hab
ich's bewiesen, und wenn es nur auf meinen guten Willen ankm, htt' ich berall
mein Auskommen gehabt. Aber ich hab halt nicht das Temperament, mir was gefallen
zu lassen, ich la mich nicht ausschreien von meine Chefs, wenn ich mich einmal
eine Viertelstunde verspten tu ... oder so was.
    Die Geschichte kennen wir, unterbrach ihn Herr Rosner mde. Aber
schlielich, weil wir schon davon sprechen, du wirst dich ja doch wieder um
irgendwas umschauen mssen.
    Umschauen ... gut ...,erwiderte Josef. Aber zu einem Juden bringt mich
keiner mehr ins Geschft. Das wrde mich bei meinen Bekannten ... jawohl in
meinem ganzen Kreis wrde mich das lcherlich machen.
    Dein Kreis ..., sagte Frau Rosner, wer ist denn dein Kreis?
Kaffeehausfreunderln.
    Also bitte, weil wir schon davon reden, sagte Josef, es hngt auch wieder
mit dem Guldenzettel zusammen. Ich habe jetzt ein Rendezvous im Kaffeehaus mit
dem jungen Jalaudek. Ich htt's euch lieber erst gesagt, wenn die Sache perfekt
wird ... aber ich seh schon, ich mu frher mit der Farb heraus. Also der
Jalaudek, das is der Sohn von dem Stadtrat Jalaudek, von dem berhmten
Papierhndler. Und der alte Jalaudek ist bekanntlich eine sehr einflureiche
Persnlichkeit in der Partei ... sehr intim mit dem Herausgeber vom
Christlichen Tagesboten, Zelltinkel heit er. Und beimTagesboten da suchen
sie jetzt junge Leute von geflligen Umgangsformen, Christen natrlich, fr das
Inseratengeschft. Und da hab ich heute mit dem Jalaudek Rendezvous im
Kaffeehaus, weil er mir versprochen hat, sein Alter wird mich beim Zelltinkel
empfehlen. Das wr etwas Ausgezeichnetes ... da bin ich aus'm Wasser. Da kann
ich in der krzesten Zeit hundert oder auch hundertfnfzig Gulden im Monat
verdienen.
    Ach Gott, seufzte der alte Rosner.
    Drauen ging die Glocke. Rosner blickte auf.
    Das wird der junge Doktor Stauber sein, sagte Frau Rosner und warf einen
besorgten Blick nach der Tr, durch die Georgs Klavierspiel noch leiser drang
als frher.
    Also Mama was is eigentlich? sagte Josef.
    Frau Rosner nahm ihre Geldbrse und reichte ihrem Sohn seufzend einen
Silbergulden.
    K die Hand, sagte Josef und wandte sich zum Gehen.
    Josef, rief Herr Rosner. Es ist doch einigermaen unhflich grade in dem
Augenblick, wenn ein Besuch kommt ...
    Ah, ich dank schn, ich mu nicht von allem haben.
    Es klopfte, Doktor Bertold Stauber trat ein.
    Entschuldigen vielmals, Herr Doktor, sagte Josef, ich bin grad im
Weggehen.
    Bitte, erwiderte Doktor Stauber khl, und Josef verschwand.
    Frau Rosner forderte den jungen Arzt auf, Platz zu nehmen. Er setzte sich
auf den Divan und horchte nach der Seite hin, von wo das Klavierspiel kam.
    Der Baron Wergenthin, erklrte Frau Rosner etwas verlegen. Der Komponist.
Anna hat eben gesungen. Und sie schickte sich an, ihre Tochter herein zu rufen.
    Doktor Berthold hielt sie ganz leicht am Arme fest und sagte freundlich.
Nein. Ich bitte Frulein Anna nicht zu stren, absolut nicht. Ich habe nicht
die geringste Eile. Es ist brigens ein Abschiedsbesuch. Der letzte Satz kam
wie hervorgestoen aus seiner Kehle; doch lchelte Berthold zugleich
verbindlich, lehnte sich bequem in die Ecke und strich mit der rechten Hand den
kurzen Vollbart zurecht.
    Frau Rosner sah ihn frmlich erschreckt an.
    Herr Rosner fragte: Ein Abschiedsbesuch? Haben Herr Doktor Urlaub genommen?
Das Parlament ist doch erst vor kurzer Zeit zusammen getreten, wie man den
Zeitungen entnehmen konnte.
    Ich habe mein Mandat niedergelegt, sagte Berthold.
    Wie? rief Herr Rosner aus.
    Jawohl niedergelegt, wiederholte Berthold und lchelte zerstreut.
    Das Klavierspiel hatte pltzlich aufgehrt, die angelehnte Tr tat sich auf.
Georg und Anna erschienen.
    O Doktor Berthold, sagte Anna und streckte ihm, der rasch aufgestanden
war, die Hand entgegen. Sind Sie schon lange da? Haben Sie mich vielleicht
singen gehrt?
    Nein, Frulein Anna, das hab ich leider versumt. Nur ein paar Tne auf dem
Klavier hab ich vernommen.
    Der Baron Wergenthin, sagte Anna, als wollte sie vorstellen. Die Herren
kennen sich doch?
    Gewi߫, erwiderte Georg und reichte Berthold die Hand.
    Der Doktor kommt uns einen Abschiedsbesuch machen, sagte Frau Rosner.
    Wie? rief Anna erstaunt aus.
    Ich verreise nmlich, sagte Berthold und schaute Anna ernst und
undurchdringlich in die Augen. Ich gebe meine politische Karriere auf, setzte
er dann wie spttisch hinzu ... besser gesagt, ich unterbreche sie auf eine
Weile.
    Georg lehnte im Fenster, die Arme ber der Brust verkreuzt, und betrachtete
Anna von der Seite. Sie hatte sich gesetzt und sah ruhig zu Berthold auf, der
aufrecht dastand, die eine Hand auf die Lehne des Divans gesttzt, als wenn er
eine Rede halten wollte.
    Und wohin reisen Sie? fragte Anna.
    Nach Paris. Ich will im Pasteurschen Institut arbeiten. Ich kehre wieder zu
meiner alten Liebe zurck, zur Bakteriologie. Es ist eine reinlichere
Beschftigung als die Politik.
    Es war dunkler geworden. Die Gesichter verschwammen, nur die Stirne
Bertholds, der gerade dem Fenster gegenberstand, war noch in Helle getaucht. Es
zuckte um seine Brauen. Eigentlich hat er seine besondere Art von Schnheit,
dachte Georg, der regungslos in der Fensterecke lehnte und sich von einer
angenehmen Ruhe durchflossen fhlte.
    Das Stubenmdchen brachte die brennende Lampe und hing sie ber dem Tisch
auf.
    Aber die Journale, sagte Herr Rosner, brachten noch keinerlei Meldung,
da Herr Doktor Ihr Mandat zurckgelegt haben.
    Das wre auch verfrht, erwiderte Berthold. Meine Parteigenossen kennen
wohl meine Absicht, aber die Sache ist noch nicht offiziell.
    Diese Nachricht, sagte Herr Rosner, wird nicht verfehlen, in den
beteiligten Kreisen groes Aufsehen zu erregen. Besonders nach der bewegten
Debatte von neulich, in die Herr Doktor mit solcher Entschiedenheit eingegriffen
haben. Herr Baron haben wohl gelesen, wandte er sich an Georg.
    Ich mu gestehen, erwiderte Georg, ich verfolge die Parlamentsberichte
nicht so regelmig, als man eigentlich mte.
    Mte, wiederholte Berthold nachsichtig. Man mu wahrhaftig nicht, obzwar
die Sitzung neulich nicht uninteressant war. Wenigstens als Beweis dafr, wie
tief das Niveau einer ffentlichen Krperschaft sinken kann.
    Es ist sehr hitzig zugegangen, sagte Herr Rosner.
    Hitzig? ... Nun ja, was man bei uns in sterreich hitzig nennt. Man war
innerlich gleichgltig und uerlich grob.
    Um was hat es sich denn gehandelt? fragte Georg.
    Es war die Debatte anllich der Interpellation ber den Proze Golowski
... Therese Golowski.
    Therese Golowski ..., wiederholte Georg. Den Namen sollt ich kennen.
    Natrlich kennen Sie ihn, sagte Anna. Sie kennen ja Therese selbst. Wie
Sie uns das letztemal besucht haben, ist sie eben von mir fortgegangen.
    Ach ja, sagte Georg, eine Freundin von Ihnen.
    Freundin mcht ich sie nicht nennen; das setzt doch eine gewisse innere
bereinstimmung voraus, die nicht mehr so recht vorhanden ist.
    Sie werden Therese doch nicht verleugnen, sagte Doktor Berthold lchelnd,
aber herb.
    O nein, erwiderte Anna lebhaft, das fllt mir wahrhaftig nicht ein. Ich
bewundere sie sogar. Ich bewundere berhaupt alle Leute, die imstande sind, fr
etwas, was sie im Grunde nichts angeht, so viel zu riskieren. Und wenn das nun
gar ein junges Mdchen tut, ein hbsches junges Mdchen wie Therese ..., sie
richtete die Worte an Georg, der gespannt zuhrte so imponiert mir das noch
mehr. Sie mssen nmlich wissen, da Therese eine der Fhrerinnen der
sozialdemokratischen Partei ist.
    Und wissen Sie, wofr ich sie gehalten habe? sagte Georg. Fr eine
angehende Schauspielerin!
    Herr Baron, Sie sind ein Menschenkenner, sagte Berthold.
    Sie wollte wirklich einmal zur Bhne gehen, besttigte Frau Rosner khl.
    Ich bitte Sie, gndige Frau, sagte Berthold, welches junge Mdchen von
einiger Phantasie, das berdies in engen Verhltnissen lebt, hat nicht in irgend
einer Lebensepoche mit einer solchen Absicht wenigstens gespielt?
    Es ist hbsch, da Sie ihr verzeihen, sagte Anna lchelnd.
    Berthold fiel es zu spt ein, da er mit seiner Bemerkung eine noch
empfindliche Stelle in Annas Gemt berhrt haben mochte. Aber um so bestimmter
fuhr er fort: Ich versichere Sie, Frulein Anna, es wre schade um Therese
gewesen. Denn es ist gar nicht abzusehen, wieviel sie fr die Partei noch
leisten kann, wenn sie nicht irgendwie aus ihrer Bahn gerissen wird.
    Halten Sie das fr mglich? fragte Anna.
    Gewi߫, entgegnete Berthold. Fr Therese gibt es sogar zwei Gefahren:
entweder redet sie sich einmal um den Kopf ...
    Oder? fragte Georg, der neugierig geworden war.
    Oder sie heiratet einen Baron, schlo Berthold kurz.
    Das verstehe ich nicht ganz, sagte Georg ablehnend.
    Da ich gerade Baron sagte, war natrlich ein Spa. Setzen wir statt Baron
Prinz, so wird die Sache klarer.
    Ach so ... Jetzt kann ich mir ungefhr denken, was Sie meinen, Herr Doktor
... Aber was fr einen Anla hatte das Parlament, sich mit ihr zu beschftigen?
    Ach ja. Im vorigen Jahre zur Zeit des groen Kohlenstreikes hielt Therese
Golowski in irgend einem bhmischen Nest eine Rede, die eine angeblich
verletzende uerung gegen ein Mitglied des kaiserlichen Hauses enthielt. Sie
wurde angeklagt und freigesprochen. Man knnte daraus vielleicht schlieen, da
die Anschuldigung nicht besonders haltbar gewesen sein drfte. Trotzdem meldete
der Staatsanwalt die Berufung an, ein anderes Gericht wurde designiert und
Therese zu zwei Monaten Gefngnis verurteilt, die sie brigens soeben absitzt.
Und damit nicht genug, wurde der Richter, der sie in erster Instanz freisprach,
versetzt ... irgendwohin an die russische Grenze, von wo es keine Wiederkehr
gibt. Nun, ber diesen Fall haben wir eine Interpellation eingebracht, sehr zahm
meiner Ansicht nach. Der Minister erwiderte, ziemlich heuchlerisch, unter dem
Jubel der sogenannten staatserhaltenden Parteien. Ich habe mir erlaubt, darauf
zu replizieren, vielleicht etwas energischer, als man es bei uns gewohnt ist;
und da man von den gegnerischen Bnken aus nichts Sachliches erwidern konnte,
hat man versucht, mich mit schreien und schimpfen tot zu machen. Und was das
krftigste Argument einer gewissen Sorte von Staatserhaltern gegen meine
Ausfhrungen war, knnen Sie sich ja denken, Herr Baron.
    Nun? fragte Georg.
    Jud halts Maul, erwiderte Berthold mit schmal gewordenen Lippen.
    O, sagte Georg verlegen und schttelte den Kopf.
    Ruhig Jud! Halts Maul! Jud! Jud! Kusch! fuhr Berthold fort und schien in
der Erinnerung zu schwelgen.
    Anna sah vor sich hin. Georg fand innerlich, es wre nun genug. Ein kurzes,
peinliches Schweigen entstand.
    Also darum? fragte Anna langsam.
    Wie meinen Sie? fragte Berthold.
    Darum legen Sie das Mandat nieder?
    Berthold schttelte den Kopf und lchelte. Nein, nicht darum.
    Herr Doktor sind ber diese rohen Insulte gewi erhaben, sagte Herr
Rosner.
    Das will ich nicht eben behaupten, erwiderte Berthold. Aber immerhin
mute man auf dergleichen gefat sein. Der Grund meiner Mandatsniederlegung ist
ein anderer.
    Und darf man wissen ...? fragte Georg.
    Berthold sah ihn durchdringend und doch zerstreut an. Dann erwiderte er
verbindlich: Gewi darf man. Nach meiner Rede begab ich mich ins Bfett. Dort
begegnete ich unter andern einem der allerdmmsten und frechsten unserer
freigewhlten Volksvertreter, dem, der wie gewhnlich, auch whrend meiner Rede,
der Allerlauteste gewesen war ... dem Papierhndler Jalaudek. Ich kmmerte mich
natrlich nicht um ihn. Er stellt eben sein geleertes Glas hin. Wie er mich
sieht, lchelt er, nickt mir zu und grt heiter, als wre nichts geschehen:
Habe die Ehre, Herr Doktor, auch eine kleine Erfrischung gefllig?
    Unglaublich! rief Georg aus.
    Unglaublich? ... Nein, sterreichisch. Bei uns ist ja die Entrstung so
wenig echt wie die Begeisterung. Nur die Schadenfreude und der Ha gegen das
Talent, die sind echt bei uns.
    Nun, und was haben Sie dem Mann geantwortet? fragte Anna.
    Was ich geantwortet habe? Nichts, selbstverstndlich.
    Und haben Ihr Mandat niedergelegt, ergnzte Anna mit leisem Spott.
    Berthold lchelte. Zugleich aber zuckte es um seine Brauen wie gewhnlich,
wenn er unangenehm oder schmerzlich berhrt war. Es war zu spt, ihr zu sagen,
da er eigentlich gekommen war, sie um Rat zu fragen wie in frherer Zeit. Und
doch, das fhlte er, er hatte klug daran getan, sich gleich beim Eintritt jeden
Rckzug abzuschneiden, seinen Verzicht auf das Mandat als bereits vollzogen,
seine Reise nach Paris als unmittelbar bevorstehend anzukndigen. Denn nun wute
er ja, da Anna ihm wieder einmal entglitten war, vielleicht auf lange. Da
irgend ein Mensch sie ihm wirklich und auf immer nehmen konnte, das glaubte er
freilich nicht, und auf diesen eleganten, jungen Knstler eiferschtig zu sein,
der so ruhig mit verkreuzten Armen dort am Fenster stand, dazu wollte er sich
auf keinen Fall verstehen. Schon manchmal war es geschehen, da Anna fr einige
Zeit wie in einem fr ihn fremden Element gleichsam verzaubert dahinschwebte.
Und vor zwei Jahren, da sie ernstlich daran dachte, sich der Bhne zu widmen und
ihre Rollen zu studieren begann, hatte er sie eine kurze Zeit hindurch vllig
verloren gegeben. Spter, als sie durch die Unverllichkeit ihrer Stimme
gentigt wurde, ihre knstlerischen Plne fahren zu lassen, schien sie wohl
wieder zu ihm zurckzukehren; aber diese Epoche hatte er mit Absicht ungenutzt
verstreichen lassen. Denn eh' er sie zu seiner Gattin machte, wollte er irgend
einen Erfolg errungen haben, entweder auf wissenschaftlichem oder politischem
Gebiet, und von ihr wahrhaft bewundert sein. Er war auf dem Weg dazu gewesen. An
der gleichen Stelle, wo sie jetzt sa und ihm mit klaren, aber wie fremden Augen
ins Gesicht schaute, hatte sie die Korrekturbogen seiner letzten
medizinisch-philosophischen Arbeit vor sich liegen gehabt, die den Titel trug:
Vorlufige Bemerkungen zu einer Physiognomik der Krankheiten. Und dann, als sich
sein bergang zur Politik vollzog, zu der Zeit, da er in Whlerversammlungen
Reden hielt, sich durch ernste geschichtliche und nationalkonomische Studien
fr den neuen Beruf vorbereitete, hatte sie sich seiner Vielseitigkeit und
seiner Energie herzlich gefreut. All das war nun vorber. Allmhlich schien sie
gerade seine Fehler, die ihm ja selbst durchaus nicht verborgen waren,
insbesondere seine Neigung, sich an den eigenen Worten zu berauschen, mit
schrferen Blick zu sehen als frher, und dadurch begann er wieder seine
Sicherheit ihr gegenber mehr und mehr zu verlieren. Er war nicht ganz er
selbst, wenn er zu ihr oder in ihrer Gegenwart sprach. Auch heute war er nicht
mit sich zufrieden. Mit einem rger, der ihm selbst kleinlich vorkam, ward er
sich bewut, da er seine Begegnung im Bfett mit Jalaudek nicht wirksam genug
vorgetragen hatte und da er seinen Ekel vor der Politik viel glaubhafter htte
darstellen mssen. Sie haben ja wahrscheinlich recht, Frulein Anna, sagte er,
wenn Sie darber lcheln, da ich wegen dieses lppischen Abenteuers mein
Mandat niedergelegt habe. Ein parlamentarisches Leben ohne Komdienspiel ist ja
berhaupt nicht mglich. Ich htte es bedenken und selber mitagieren, dem Kerl
womglich zutrinken sollen, der mich ffentlich beschimpft hat. Das wre bequem,
sterreichisch und vielleicht sogar das Richtigste gewesen. Er fhlte sich
wieder im Zuge und sprach lebhaft weiter: Es gibt am Ende doch nur zwei
Methoden, mittels deren in der Politik praktisch etwas zu leisten ist; entweder
durch eine groartige Frivolitt, die das ganze ffentliche Leben als ein
amsantes Spiel betrachtet, die in Wahrheit fr nichts begeistert, gegen nichts
entrstet ist, und der die Menschen, um deren Glck oder Elend es sich doch im
letzten Sinn handeln sollte, vollkommen gleichgltig bleiben. So weit bin ich
nicht, und ich wei nicht, ob ich jemals dahin gelangen werde. Ehrlich gesagt,
ich hab es mir schon manchmal gewnscht. Die andre Methode aber ist: bereit
sein, in jedem Augenblick fr das, was man das Rechte hlt, seine ganze
Existenz, sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes 
    Berthold schwieg pltzlich. Sein Vater, der alte Doktor Stauber, war
eingetreten und wurde herzlich begrt. Er reichte Georg, der ihm von Frau
Rosner vorgestellt wurde, die Hand und sah ihn so freundlich an, da sich Georg
sofort zu ihm hingezogen fhlte. Er sah offenbar jnger aus, als er war. Sein
langer, rtlichblonder Bart war nur von einzelnen grauen Fden durchzogen, und
das schlicht gekmmte lange Haar zog in dichten Strhnen zu dem breiten Nacken
hin. Die Stirn, die von auffallender Hhe war, gab der ganzen, ein wenig
untersetzten, ja hochschultrigen Erscheinung eine gewisse Wrde. Die Augen, wenn
sie nicht eben mit einiger Absicht gtig oder klug schauten, schienen sich
hinter den md gewordenen Lidern gleichsam fr den nchsten Blick auszuruhen.
    Ich habe Ihre Mutter gekannt, Herr Baron, sagte er ziemlich leise zu
Georg.
    Meine Mutter, Herr Doktor ...?
    Sie werden sich kaum daran erinnern. Sie waren damals ein kleiner Bub von
drei, vier Jahren.
    Sie waren ihr Arzt? fragte Georg.
    Ich besuchte sie zuweilen als Vertreter des Professors Duchegg, bei dem ich
Assistent war. Sie haben damals in der Habsburgergasse gewohnt, in einem alten
Haus, das lngst niedergerissen ist. Ich knnte Ihnen heute noch die Einrichtung
des Zimmers schildern, in dem Ihr Herr Vater mich empfing ... der leider auch
allzufrh gestorben ist ... Auf dem Schreibtisch stand eine Bronzefigur und zwar
ein gepanzerter Ritter mit einer Fahne. Und an der Wand hing eine Kopie nach
einem Van Dyck aus der Liechtensteingalerie.
    Ja, sagte Georg verwundert ber das gute Gedchtnis des Arztes, ganz
richtig.
    Aber ich habe da die Herrschaften in einem Gesprch unterbrochen, fuhr
Doktor Stauber fort, in dem ein wenig melancholisch singenden und doch
berlegenen Ton, der ihm eigen war, und lie sich in die Ecke des Divans sinken.
    Eben teilt uns Doktor Berthold zu unserm Erstaunen mit, sagte Herr Rosner,
da er sich entschlossen hat, sein Mandat niederzulegen.
    Der alte Stauber richtete einen ruhigen Blick auf seinen Sohn, den dieser
ebenso ruhig erwiderte. Georg, der dies Augenspiel bemerkte, hatte den Eindruck,
da hier ein stilles Einverstndnis waltete, das keiner Worte bedurfte.
    Ja, sagte Doktor Stauber, mich hat es allerdings nicht berrascht. Ich
habe immer das Gefhl gehabt, da Berthold im Parlament nur wie zu Gaste sitzt,
und bin eigentlich froh, da er nun eine Art von Heimweh nach seinem wahren
Beruf bekommen hat. Ja, ja, dein wahrer, Berthold, wiederholte er wie zur
Antwort auf ein Stirnrunzeln seines Sohnes. Damit ist ja nichts fr die Zukunft
prjudiziert. Nichts erschwert uns die Existenz so sehr, als da wir so hufig
an Definitiva glauben ... und da wir die Zeit damit verlieren, uns eines
Irrtums zu schmen, statt ihn einzugestehen und unser Leben einfach neu zu
gestalten.
    Berthold erklrte, da er in sptestens acht Tagen abreisen wolle. Jeder
weitere Aufschub htte keinen Sinn. Es wre auch mglich, da er nicht in Paris
bliebe. Seine Studien konnten eine weitere Reise notwendig machen. Ferner war er
entschlossen, alle Abschiedsbesuche zu unterlassen; wie er hinzusetzte, hatte er
ohndies allen Verkehr frherer Jahre in gewissen brgerlichen Kreisen, wo sein
Vater eine ausgebreitete Praxis bte, vollkommen aufgegeben.
    Sind wir uns denn nicht diesen Winter einmal bei Ehrenbergs begegnet?
fragte Georg mit einiger Genugtuung.
    Das ist richtig, erwiderte Berthold. Mit Ehrenbergs sind wir brigens
entfernt verwandt. Das Bindeglied zwischen uns ist merkwrdigerweise die Familie
Golowski. Jeder Versuch, Ihnen das nher zu erklren, Herr Baron, wre
vergeblich. Ich mte sie eine Wanderung durch die Standesmter und
Kultusgemeinden von Temesvar, Tarnopol und hnlichen angenehmen Ortschaften
unternehmen lassen und das mcht ich Ihnen doch nicht zumuten.
    Und brigens, fgte der alte Doktor Stauber resigniert hinzu, wei der
Herr Baron gewi, da alle Juden miteinander verwandt sind.
    Georg lchelte liebenswrdig. In Wirklichkeit aber war er eher enerviert.
Seiner Empfindung nach bestand durchaus keine Notwendigkeit, da auch der alte
Doktor Stauber ihm offizielle Mitteilung von seiner Zugehrigkeit zum Judentum
machte. Er wute es ja, und er nahm es ihm nicht bel. Er nahm es berhaupt
keinem bel; aber warum fingen sie denn immer selbst davon zu reden an? Wo er
auch hinkam, er begegnete nur Juden, die sich schmten, da sie Juden waren,
oder solchen, die darauf stolz waren, und Angst hatten, man knnte glauben, sie
schmten sich.
    Gestern hab ich brigens die alte Golowski gesprochen, fuhr Doktor Stauber
fort.
    Die arme Frau, sagte Herr Rosner.
    Wie gehts ihr denn? fragte Anna.
    Wie wirds ihr gehen ... Sie knnen sich denken ... die Tochter eingesperrt,
der Sohn Freiwilliger auf Staatskosten, wohnt in der Kaserne ... Stellen Sie
sich das vor, Leo Golowski als Patriot ... Und der Alte sitzt im Kaffeehaus und
schaut zu, wie die andern Leut Schach spielen. Er selbst hat doch nicht mehr die
zehn Kreuzer, um das Spielgeld zu zahlen.
    Die Haft von Therese mu brigens bald abgelaufen sein, sagte Berthold.
    Dauert doch noch zwlf, vierzehn Tage, erwiderte sein Vater ... Na,
Annerl, wandte er sich dann an das junge Mdchen, es wre wirklich schn von
Ihnen, wenn Sie sich wieder einmal in der Rembrandtstrae anschauen lieen; die
alte Frau hat eine fast rhrende Schwrmerei fr Sie. Ich versteh wirklich nicht
warum, setzte er lchelnd hinzu, whrend er Anna beinah zrtlich betrachtete.
Sie aber sah vor sich hin und erwiderte nichts.
    Die Wanduhr schlug sieben.
    Georg erhob sich, als wenn er nur dieses Zeichen erwartet htte.
    Herr Baron verlassen uns schon, sagte Herr Rosner aufstehend.
    Georg bat die Anwesenden, sich nicht stren zu lassen, und reichte allen die
Hand.
    Es ist merkwrdig, sagte der alte Stauber, wie Ihre Stimme an die Ihres
verstorbenen Herrn Vaters erinnert.
    Ja, man hat es mir vielfach gesagt, entgegnete Georg. Ich selbst konnte
es allerdings nie finden.
    Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der seine eigene Stimme kennt,
bemerkte der alte Stauber, und es klang wie der Beginn eines populren Vortrags.
    Aber Georg empfahl sich. Anna begleitete ihn, trotz seiner leisen Abwehr,
ins Vorzimmer und lie etwas absichtlich, wie es Georg vorkam die Tre halboffen
stehn. Es ist schade, da wir nicht lnger musizieren konnten, sagte sie.
    Mir tuts auch leid, Frulein Anna.
    Das Lied hat mir heut noch besser gefallen, als beim erstenmal, wie ich
mich selber begleiten mute. Nur zum Schlu verluft es ein bichen ... ich wei
nicht, wie ich sagen soll.
    Ich wei, was Sie meinen. Der Schlu ist konventionell, das hab ich gleich
gefhlt. Hoffentlich kann ich Ihnen bald was Besseres bringen, Frulein Anna.
    Lassen Sie mich aber nicht zu lange darauf warten.
    Gewi nicht. Also Adieu Frulein Anna.
    Sie reichten einander die Hnde und lchelten beide.
    Warum sind Sie nicht nach Weienfeld gekommen? fragte Anna leicht.
    Es tut mir wirklich leid, aber sehen Sie, Frulein Anna, ich htte
wahrhaftig heuer keine angenehme Gesellschaft vorgestellt, das knnen Sie sich
wohl denken.
    Anna sah ihn ernst an. Glauben Sie nicht, sagte sie, da man Ihnen
vielleicht htte helfen knnen manches tragen?
    Es zieht, Anna, rief Frau Rosner von drinnen.
    Ich komm ja schon, erwiderte Anna etwas ungeduldig. Aber Frau Rosner hatte
die Tr schon geschlossen.
    Wann darf ich wiederkommen? fragte Georg.
    Wann es Ihnen angenehm ist. Allerdings ... ich mte Ihnen eigentlich eine
schriftliche Stundeneinteilung geben, damit Sie wissen, wann ich zu Hause bin,
und damit wre auch noch nichts getan. Oft geh ich spazieren, oder habe
Besorgungen in der Stadt, oder schau mir Bilder an, oder Ausstellungen ...
    Das knnte man doch einmal zusammen tun, sagte Georg.
    O ja, erwiderte Anna, nahm ihr Portemonnaie aus der Tasche und entnahm
diesem ein winziges Notizbuch.
    Was haben Sie denn da? fragte Georg.
    Anna lchelte und bltterte in dem Bchlein. Warten Sie nur ... Donnerstag
elf Uhr wollte ich mir die Miniaturausstellung in der Hofbibliothek ansehen.
Wenn Sie das auch interessiert, so knnen wir uns dort treffen.
    Aber sehr gern.
    Also schn. Dort knnen wir gleich besprechen, wann Sie mich das nchstemal
zum Singen begleiten.
    Abgemacht, sagte Georg und reichte ihr die Hand. Es fiel ihm ein, da
gewi, whrend hier drauen Anna mit ihm plauderte, sich drin im Zimmer der
junge Doktor Stauber rgern oder gar krnken mochte. Und er wunderte sich, da
er diesen Umstand selbst offenbar unangenehmer empfand als Anna, die doch im
ganzen ein gutmtiges Wesen zu sein schien. Er lste seine Hand aus der ihren,
nahm Abschied und ging.
    Als Georg auf die Strae kam, war es ganz dunkel geworden. Langsam
schlenderte er ber die Elisabethbrcke an der Oper vorbei der inneren Stadt zu
und lie, unbeirrt durch Gerusch und Treiben rings umher, sein Lied in sich
nachtnen. Er fand es seltsam, da Annas Stimme, die im kleinen Raume so reinen
und gesunden Klang gab, jede Zukunft auf der Bhne und im Konzertsaal versagt
sein sollte, und noch seltsamer, da Anna unter diesem Verhngnis kaum zu leiden
schien. Freilich war er sich nicht klar darber, ob Annas Ruhe auch den wahren
Ausdruck ihres Wesens widerspiegelte.
    Er kannte sie wohl flchtig schon seit einigen Jahren; aber erst eines
Abends im vergangenen Frhling waren sie einander nher gekommen. Im
Waldsteingarten hatte sich damals eine grere Gesellschaft Rendezvous gegeben.
Man speiste im Freien, unter hohen Kastanienbumen, vergngt, angeregt und
berckt von dem ersten warmen Maiabend des Jahres. Georg sah sie alle wieder,
die damals gekommen waren. Frau Ehrenberg, die Veranstalterin der Zusammenkunft,
absichtlich matronenhaft mit einem lose sitzenden, dunkeln Foulardkleid angetan;
Hofrat Wilt, wie in der Maske eines englischen Staatsmanns, mit vornehm
schlampigen Gebrden und mit dem gleichen, etwas wohlfeilen Ton der
berlegenheit fr smtliche Dinge und Menschen; Frau Oberberger, die mit dem
grau gepuderten Haar, den blitzenden Augen und dem Schnheitspflsterchen auf
dem Kinn einer Rokokomarquise hnelte; Demeter Stanzides mit den wei glnzenden
Zhnen, und auf der blassen Stirn die Mdigkeit eines alten Heldengeschlechtes;
Oskar Ehrenberg, mit einer Eleganz, die viel vom ersten Kommis eines Modehauses,
manches von der eines jugendlichen Gesangskomikers und auch einiges von der
eines jungen Herrn aus der Gesellschaft hatte; Sissy Wyner, die ihre dunkeln,
lachenden Augen von einem zum andern sandte, als sei sie mit jedem einzelnen
durch ein andres lustiges Geheimnis verbunden; Willy Eiler, der heiser und
fidel allerlei heitre Geschichten aus seiner Militrzeit und jdische Anekdoten
erzhlte; Else Ehrenberg, von zarter Frhlingsmelancholie umflossen in weiem
englischem Tuchkleid, mit den Bewegungen einer groen Dame, die sich zu dem
Kindergesicht und der zarten Figur anmutig und beinahe rhrend ausnahmen;
Felician, khl und liebenswrdig, mit hochmtigen Augen, die zwischen den Gsten
hindurch zu andern Tischen und auch an diesen vorbei in die Ferne sahen; Sissys
Mutter, jung, rotbackig und plappernd, die berall zugleich mitreden und berall
zugleich mithren wollte; Edmund Nrnberger, in den bohrenden Augen und um den
schmalen Mund jenes fast maskenhaft gewordene Lcheln der Verachtung fr ein
Welttreiben, das er bis auf den Grund durchschaute, und in dem er sich doch
manchmal zu seinem eigenen Erstaunen selbst als Mitspieler entdeckte; endlich
Heinrich Bermann, in einem zu weiten Sommeranzug, mit einem zu billigen
Strohhut, mit einer zu lichten Kravatte, der bald lauter sprach und bald tiefer
schwieg als die andern. Zuletzt, ohne jede Begleitung und in sicherer Haltung
war Anna Rosner erschienen, hatte mit leichtem Kopfnicken die Gesellschaft
begrt und ungezwungen zwischen Frau Ehrenberg und Georg Platz genommen. Die
hab ich fr Sie eingeladen, bemerkte Frau Ehrenberg leise zu Georg, der sich
bis zu diesem Abend mit Anna auch in Gedanken kaum beschftigt hatte. Jene
Worte, vielleicht nur einem flchtigen Einfall der Frau Ehrenberg entsprungen,
wurden im weiteren Verlauf des Abends wahr. Von dem Augenblick an, da die
Gesellschaft aufbrach und ihre fidele Reise durch den Volksprater antrat,
berall, in den Buden, im Ringelspiel, vor dem Wurstel und auch auf dem Heimweg
in die Stadt, der spahafter Weise zu Fu gemacht wurde, hatten sich Georg und
Anna zusammen gehalten und waren endlich, von lustigen und trichten Gesprchen
umschwirrt, in eine ganz vernnftige Unterhaltung geraten. Ein paar Tage spter
war er bei ihr und brachte ihr, wie versprochen, den Klavierauszug von Eugen
Onegin und einige von seinen Liedern; bei seinem nchsten Besuch sang sie ihm
diese Lieder und manche von Schubert vor, und ihre Stimme gefiel ihm sehr. Bald
darauf nahmen sie fr den Sommer voneinander Abschied, ohne jede Spur von Wehmut
und Zrtlichkeit; Annas Einladung nach Weienfeld hatte Georg nur als
Hflichkeit aufgefat, so wie er seine Zusage verstanden glaubte; und im
Vergleich zu der Harmlosigkeit des bisherigen Verkehrs durfte die Stimmung des
heutigen Besuchs Georg wohl eigentmlich erscheinen.
    Auf dem Stephansplatz sah sich Georg von jemandem gegrt, der auf der
Plattform eines Stellwagens stand. Georg, der etwas kurzsichtig war, erkannte
den Grenden nicht gleich.
    Ich bins, sagte der Herr auf der Plattform.
    O, Herr Bermann! Guten Abend, Georg reichte ihm die Hand hinauf. Wohin
des Wegs?
    Ich fahre in den Prater. Ich will unten nachtmahlen. Haben Sie etwas
besondres vor, Herr Baron?
    Nicht das geringste.
    So kommen Sie doch mit.
    Georg schwang sich auf den Omnibus, der eben weiterzurumpeln begann. Sie
erzhlten einander beilufig, wie sie den Sommer verbracht hatten. Heinrich war
im Salzkammergut gewesen, spter in Deutschland, von wo er erst vor ein paar
Tagen zurckgekommen war.
    Ach in Berlin, meinte Georg.
    Nein.
    Ich dachte, da Sie vielleicht in Angelegenheit eines neuen Stckes ...
    Ich habe kein neues Stck geschrieben, unterbrach ihn Heinrich etwas
unhflich. Ich war im Taunus und am Rhein, in verschiedenen Orten.
    Was hat er denn am Rhein zu tun, dachte Georg, obwohl es ihn nicht weiter
interessierte. Es fiel ihm auf, da Bermann zerstreut, ja beinahe verdstert vor
sich hinschaute.
    Und wie steht's denn mit Ihren Arbeiten, lieber Baron? fragte Heinrich
pltzlich lebhaft, whrend er den dunkelgrauen berzieher, der ihm um die
Schulter hing, enger um sich schlug. Ist Ihr Quintett fertig?
    Mein Quintett? wiederholte Georg verwundert. Hab' ich Ihnen denn von
meinem Quintett gesprochen?
    Nein, nicht Sie; aber Frulein Else sagte mir, da Sie an einem Quintett
arbeiten.
    Ach so, Frulein Else. Nein, ich bin nicht viel weiter gekommen. Ich war
nicht gerade in der Stimmung, wie Sie sich denken knnen.
    Ach ja, sagte Heinrich und schwieg eine Weile. Und Ihr Herr Vater war
noch so jung, fgte er langsam hinzu.
    Georg nickte wortlos.
    Wie geht's Ihrem Bruder? fragte Heinrich pltzlich.
    Danke recht gut, erwiderte Georg etwas befremdet. Heinrich warf seine
Zigarre ber die Brstung und zndete sich gleich wieder eine neue an. Dann
sagte er: Sie werden sich wundern, da ich mich nach Ihrem Bruder erkundige,
den ich kaum jemals gesprochen habe. Er interessiert mich aber. Er stellt fr
mich einen in seiner Art geradezu vollendeten Typus dar, und ich halte ihn fr
einen der glcklichsten Menschen, die es gibt.
    Das mag wohl sein, erwiderte Georg zgernd. Aber wie kommen Sie
eigentlich zu der Ansicht, da Sie ihn kaum kennen?
    Erstens heit er Felician Freiherr von Wergenthin-Recco, sagte Heinrich
sehr ernst und blies den Rauch in die Luft.
    Georg horchte mit einigem Erstaunen auf.
    Sie heien wohl auch Wergenthin-Recco, fuhr Heinrich fort, aber nur Georg
und das ist lang nicht dasselbe, nicht wahr? Ferner ist Ihr Bruder sehr schn.
Sie schauen allerdings auch nicht bel aus. Aber Leute, deren hauptschliche
Eigenschaft es ist, schn zu sein, sind doch eigentlich viel besser dran als
andre, deren hauptschliche Eigenschaft es ist, begabt zu sein. Wenn man nmlich
schn ist, so ist man es immer, whrend die Begabten doch mindestens neun
Zehntel ihrer Existenz ohne jede Spur von Talent verbringen. Ja, gewi ist es
so. Die Linie des Lebens ist sozusagen reiner, wenn man schn als wenn man ein
Genie ist. brigens liee sich das alles besser ausdrcken.
    Was hat er denn, dachte Georg unangenehm berhrt. Sollte er vielleicht auf
Felician eiferschtig sein ... wegen Else Ehrenberg?
    Auf dem Praterstern stiegen sie aus. Der groe Strom der Sonntagsmenge
flutete ihnen entgegen. Sie nahmen den Weg in die Hauptallee, wo es nicht mehr
belebt war, und gingen langsam weiter. Es war khl geworden. Georg machte
Bemerkungen ber die herbstliche Abendstimmung, ber die Leute, die in den
Wirtshusern saen, ber die Militrkapellen, die in den Kiosken spielten.
Heinrich entgegnete anfangs obenhin, spter gar nicht und schien endlich kaum
zuzuhren, was Georg ungezogen fand. Er bereute es beinahe, sich Heinrich
angeschlossen zu haben, umsomehr, als es sonst gar nicht seine Art war,
flchtigen Aufforderungen ohne weiteres zu folgen; und er entschuldigte sich vor
sich selbst, da er es diesmal nur aus Zerstreutheit getan htte. Heinrich ging
neben ihm her, oder auch ein paar Schritte voraus, als htte er Georgs
Anwesenheit vollkommen vergessen. Noch immer hielt er den umgehngten berzieher
mit beiden Hnden fest, trug den weichen, dunkelgrauen Hut in die Stirn gedrckt
und sah, was Georg pltzlich empfindlich zu stren begann, hchst unelegant aus.
Heinrich Bermanns frhere Bemerkungen ber Felician kamen ihm nun abgeschmackt
und geradezu taktlos vor, und zu rechter Zeit fiel ihm ein, da so ziemlich
alles, was er von den schriftstellerischen Leistungen Heinrichs kannte, ihm
wider den Strich gegangen war. Zwei Stcke von ihm hatte er gesehen: eines, das
in den untern Volksschichten spielte, unter Handwerkern oder Fabrikarbeitern und
mit Mord und Totschlag endete; das andere, eine Art von satirischer
Gesellschaftskomdie, bei deren Erstauffhrung es einen Skandal gegeben hatte,
und die bald wieder vom Repertoire verschwunden war. brigens hatte Georg den
Autor damals noch nicht persnlich gekannt und an der ganzen Sache kein weiteres
Interesse genommen. Er erinnerte sich nur, da Felician das Stck geradezu
lcherlich gefunden und da Graf Schnstein geuert hatte, wenn es nach ihm
ginge, drften Stcke von Juden berhaupt nur von der Budapester
Orpheumsgesellschaft aufgefhrt werden. Insbesondere aber hatte Doktor von
Breitner, getauft und objektiv, seiner Emprung Ausdruck gegeben, da so ein
hergelaufener junger Mensch eine Welt auf die Bhne zu bringen wagte, die ihm
selbstverstndlich verschlossen war und von der er daher unmglich etwas
verstehen konnte. Whrend Georg all dies wieder einfiel, steigerte sich sein
rger ber das manierlose Weiterlaufen und beharrliche Schweigen seines
Begleiters zu einer wahren Feindseligkeit, und halb unbewut begann er allen
Insulten recht zu geben, die damals gegen Bermann vorgebracht worden waren. Er
erinnerte sich jetzt auch, da ihm Heinrich von allem Anfang an persnlich
unsympathisch gewesen war, und da er sich zu Frau Ehrenberg ironisch ber die
Geschicklichkeit geuert, mit der sie auch diesen jungen Ruhm sofort fr ihren
Salon einzufangen gewut hatte. Else freilich hatte gleich Heinrichs Partei
genommen, ihn fr einen interessanten und manchmal sogar liebenswrdigen
Menschen erklrt und Georg prophezeit, er wrde ber kurz oder lang mit ihm gut
Freund werden. Und tatschlich war in Georg, zum mindesten von jenem Gesprch
heuer im Frhjahr nachts auf der Ringstraenbank, eine gewisse Sympathie fr
Bermann zurckgeblieben, die bis zum heutigen Abend vorgehalten hatte.
    Lngst waren sie an den letzten Gasthusern vorbei. Neben ihnen lief die
weie Fahrstrae einsam und gerade zwischen den Bumen in die Nacht hinaus, und
sehr entfernte Musik tnte nur mehr in abgerissenen Klngen zu ihnen her.
    Wohin denn noch, rief Heinrich pltzlich aus, als htte man ihn wider
Willen hierher geschleppt, und blieb stehen.
    Ich kann wirklich nichts dafr, bemerkte Georg einfach.
    Entschuldigen Sie, sagte Heinrich.
    Sie waren so sehr in Gedanken vertieft, entgegnete Georg khl.
    Vertieft will ich eben nicht sagen. Aber es passiert einem manchmal, da
man sich so in sich selbst verliert.
    Ich kenne das, meinte Georg ein wenig vershnt.
    Man hat Sie brigens im August auf dem Auhof erwartet, sagte Heinrich
pltzlich.
    Erwartet? Frau Ehrenberg war wohl so freundlich, mich einmal einzuladen,
aber ich hatte keineswegs zugesagt. Haben Sie sich lngere Zeit dort
aufgehalten, Herr Bermann?
    Lngere Zeit, nein. Ich war einige Male oben, aber immer nur auf ein paar
Stunden.
    Ich dachte, Sie htten oben gewohnt.
    Keine Idee. Ich hab' unten im Gasthof logiert. Ich bin nur gelegentlich
hinauf gekommen. Es ist mir dort zu laut und bewegt ... das Haus wimmelt ja von
Besuchen. Und die Mehrzahl der Leute, die dort verkehren, kann ich nicht
ausstehen.
    Ein offener Fiaker, in dem ein Herr und eine Dame saen, fuhr an ihnen
vorber.
    Das war ja Oskar Ehrenberg, sagte Heinrich.
    Und die Dame? fragte Georg und sah etwas Hellem nach, das durch die
Dunkelheit leuchtete.
    Kenn' ich nicht.
    Sie nahmen den Weg durch eine finstere Seitenallee. Wieder stockte das
Gesprch. Endlich begann Heinrich: Frulein Else hat mir auf dem Auhof ein paar
von Ihren Liedern vorgesungen. Einige hatte ich brigens schon gehrt, von der
Bellini, glaub' ich.
    Ja, die Bellini hat sie vorigen Winter in einem Konzert gesungen.
    Nun, diese Lieder und einige andre von Ihnen sang Frulein Else.
    Wer hat sie denn begleitet?
    Ich selbst, so gut ich eben konnte. Ich mu Ihnen brigens sagen, lieber
Baron, die Lieder haben eigentlich noch einen strkern Eindruck auf mich
gemacht, als das erstemal im Konzert, trotzdem Frulein Else ja betrchtlich
weniger Stimme und Kunstfertigkeit besitzt, als Frulein Bellini. Andererseits
mu man freilich bedenken, da es ein prachtvoller Sommernachmittag war, an dem
Frulein Else Ihre Lieder sang. Das Fenster stand offen, man sah drben die
Berge und den tiefblauen Himmel ... aber es bleibt noch immer genug fr Sie
brig.
    Sehr schmeichelhaft, sagte Georg, von Heinrichs spttelndem Ton peinlich
berhrt.
    Wissen Sie, fuhr Heinrich fort und sprach, wie er es manchmal tat, mit
zusammengepreten Zhnen und unntig heftiger Betonung, wissen Sie, es ist im
allgemeinen nicht meine Gewohnheit, Leute, die ich zufllig auf der Strae sehe,
auf den Omnibus heraufzubitten, und ich will es ihnen lieber gleich gestehen,
da ich es ... wie sagt man nur ... als einen Wink des Schicksals betrachtet
habe, wie ich Sie pltzlich auf dem Stephansplatz erblickte.
    Georg hrte ihn verwundert an.
    Sie erinnern sich vielleicht nicht mehr so gut als ich, fuhr Heinrich
fort, an unser letztes Gesprch auf jener Ringstraenbank.
    Nun erst fiel es Georg ein, da Heinrich damals ganz flchtig von einem
Opernstoff gesprochen, der ihn beschftigte, worauf Georg ebenso beilufig, und
eher scherzhaft, sich als Komponisten angeboten hatte. Und absichtlich khl
entgegnete er: Ach ja, ich erinnere mich.
    Nun, das verpflichtet Sie zu nichts, erwiderte Heinrich noch khler als
der andere, um so weniger, als ich, die Wahrheit zu sagen, an meinen Opernstoff
berhaupt nicht mehr gedacht hatte, bis zu jenem schnen Sommernachmittag, an
dem Frulein Else Ihre Lieder sang. Wie wr's brigens, wenn wir uns hier
niederlieen?
    Der Gasthausgarten, in den sie eintraten, war ziemlich leer. Heinrich und
Georg nahmen in einer kleinen Laube, nchst dem grnen Staketgitter, Platz und
bestellten ihr Nachtmahl.
    Heinrich lehnte sich zurck, streckte seine Beine aus, betrachtete Georg,
der beharrlich schwieg, mit prfenden, fast spttischen Augen und sagte
pltzlich: Ich glaube mich brigens nicht zu irren, wenn ich annehme, da Ihnen
die Sachen, die ich bisher gemacht habe, nicht gerade ans Herz gewachsen sind.
    O, erwiderte Georg und errtete ein wenig, wie kommen Sie zu dieser
Ansicht?
    Nun ich kenne meine Stcke ... und kenne Sie.
    Mich? fragte Georg beinahe verletzt.
    Gewi߫, erwiderte Heinrich berlegen. brigens habe ich den meisten
Menschen gegenber diese Empfindung und halte diese Fhigkeit sogar fr meine
einzige absolute, unzweifelhafte. Alle brigen sind ziemlich problematisch,
find' ich. Insbesondere ist meine sogenannte Knstlerschaft etwas durchaus
miges, und auch gegen meine Charaktereigenschaften wre manches einzuwenden.
Das einzige, was mir eine gewisse Sicherheit gibt, ist eigentlich nur das
Bewutsein, in menschliche Seelen hineinschauen zu knnen ... tief hinein, in
alle, in die von Schurken und ehrlichen Leuten, in die von Frauen und Mnnern
und Kindern, in die von Heiden, Juden, Protestanten, ja selbst in die von
Katholiken, Adeligen und Deutschen, obwohl ich gehrt habe, da gerade das fr
unsereinen so unendlich schwer, oder sogar unmglich sein soll.
    Georg zuckte leicht zusammen. Er wute, da Heinrich insbesondere bei
Gelegenheit seines letzten Stckes von konservativen und klerikalen Blttern
persnlich aufs heftigste angegriffen worden war. Aber was geht das mich an,
dachte Georg. Schon wieder einer, den man beleidigt hat! Es war wirklich absolut
ausgeschlossen, mit diesen Leuten harmlos zu verkehren. Hflich, fremd, in einer
ihm selbst kaum bewuten Erinnerung an die Erwiderung des alten Herrn Rosner
gegenber dem jungen Doktor Stauber, uerte er: Eigentlich dachte ich mir, da
Menschen wie Sie ber Angriffe von jener Art, auf die Sie offenbar anspielen,
erhaben wren.
    So ... dachten Sie das? fragte Heinrich in dem kalten, beinahe abstoenden
Ton, der ihm manchmal eigen war. Nun, fuhr er milder fort, zuweilen stimmt es
ja. Aber leider nicht immer. Es braucht nicht viel dazu, um die Selbstverachtung
aufzuwecken, die stets in uns schlummert; und wenn das einmal geschehen ist,
gibt es keinen Tropf und keinen Schurken, mit dem wir uns nicht innerlich gegen
uns selbst verbnden. Entschuldigen Sie, wenn ich wir sage ...
    O, ich habe schon ganz hnliches empfunden. Freilich hatte ich noch nicht
Gelegenheit, der ffentlichkeit so oft und so exportiert gegenberzustehen, wie
Sie.
    Nun wenn auch ... ganz das Gleiche wie ich werden Sie doch niemals
durchzumachen haben.
    Warum denn? fragte Georg ein wenig gekrnkt.
    Heinrich sah ihm scharf ins Auge. Sie sind der Freiherr von
Wergenthin-Recco.
    O darum! Ich bitte Sie, es gibt heutzutage eine ganze Menge Leute, die
gerade deswegen gegen einen voreingenommen sind und es einem gelegentlich
vorzuhalten wissen, da man Baron ist.
    Ja, ja, aber es liegt doch ein anderer Ton darin, das werden Sie mir
zugeben, und auch ein anderer Sinn, wenn man einem den Freiherrn, als wenn man
einem den Juden ins Gesicht schleudert, obzwar das letztere bisweilen ... Sie
verzeihen schon ... der bessere Adel sein mag. Nun, Sie brauchen mich nicht so
mitleidig anzuschauen, setzte er pltzlich grob hinzu. Ich bin nicht immer so
empfindlich. Es gibt auch andre Stimmungen, in denen mir berhaupt nichts und
niemand etwas anhaben kann. Da hab ich nur dieses eine Gefhl: was wit Ihr denn
alle, was wit Ihr denn von mir ...
    Er schwieg, stolz, mit einem hhnischen Blick, der sich durch das
Bltterwerk der Laube ins Dunkle bohrte. Dann wandte er den Kopf, sah ringsumher
und sagte einfach, in einem neuen Ton, zu Georg: Sehen Sie doch, wir sind bald
die einzigen.
    Es wird auch recht khl, sagte Georg.
    Ich denke, wir bummeln noch ein wenig durch den Prater.
    Gern.
    Sie erhoben sich und gingen. Auf einer Wiese, an der sie vorberkamen, lag
feiner, grauer Nebel.
    Bis in die Nacht hlt die Sommerlge doch nicht mehr an. Nun wird es bald
endgltig vorbei sein, sagte Heinrich mit unverhltnismiger Bedrcktheit, und
wie zum eigenen Trost fgte er hinzu: Nun, man wird arbeiten.
    Sie kamen in den Wurstelprater. Aus den Gasthusern tnte Musik, und Georg
teilte sich sofort etwas von der frhlich-lauten Stimmung mit, in die er nun mit
einem Male aus den Traurigkeiten eines herbstlichen Wirtshausgartens und einer
etwas gequlten Unterhaltung geraten war.
    Vor einem Ringelspiel, aus dem ein riesiger Leierkasten
phantastisch-orgelhaft ein Potpourri aus dem Troubadour ins Freie sandte und
an dessen Eingang ein Ausrufer zur Reise nach London, Atzgersdorf und Australien
aufforderte, erinnerte sich Georg wieder der Frhjahrspartie mit der
Ehrenbergschen Gesellschaft. Auf dieser schmalen Bank, im Innern des Raumes, war
Frau Oberberger gesessen, den Kavalier des Abends, Demeter Stanzides, zur Seite
und hatte ihm wahrscheinlich eine ihrer unglaublichen Geschichten erzhlt: da
ihre Mutter die Geliebte eines russischen Grofrsten gewesen; da sie selbst
mit einem Anbeter eine Nacht auf dem Hallstdter Friedhof verbracht, natrlich
ohne da etwas geschehen war; oder da ihr Gatte, der berhmte Reisende, in
einem Harem zu Smyrna in einer Woche siebzehn Frauen erobert hatte. In diesem
rotsamtgepolsterten Wgelchen, mit Hofrat Wilt als Gegenber, hatte Else
gelehnt, damenhaft anmutig, ungefhr wie in einem Fiaker am Derbytag und hatte
doch verstanden, durch Haltung und Miene zum Ausdruck zu bringen, da sie, wenn
es darauf ankme, gerade so kindlich sein konnte wie andre einfltige,
glcklichere Menschen. Anna Rosner, lssig die Zgel in der Hand, wrdig, aber
mit einem etwas verschmitzten Gesicht, ritt einen weien Araber; Sissy wiegte
sich auf einem Rappen, der sich nicht nur im Kreise mit den andern Tieren und
Wagen drehte, sondern auerdem hin und herschaukelte. Unter der khnen Frisur
mit dem riesigen, schwarzen Federhut blitzten und lachten die frechsten Augen,
ber den ausgeschnittenen Lackschuhen und durchbrochenen Strmpfen flatterte und
flog der weie Rock. Auf zwei fremde Herren hatte Sissys Erscheinung so seltsam
gewirkt, da sie ihr eine unzweideutige Einladung zuriefen, worauf eine kurze,
geheimnisvolle Unterhaltung zwischen Willy, der sofort zur Stelle war, und den
zwei ziemlich betretenen Herren erfolgte, die anfangs durch das nonchalante
Anznden neuer Zigaretten ihre Position zu retten versuchten, aber dann
pltzlich in der Menge verschwunden waren.
    Auch die Bude mit den Illusionen und Lichtbildern hatte fr Georg ihre
besondere Erinnerung. Hier, whrend Daphne sich in einen Baum verwandelte, hatte
ihm Sissy ein leises remember ins Ohr geflstert und ihm damit den Maskenball
bei Ehrenbergs ins Gedchtnis gerufen, an dem sie, wohl nicht fr ihn allein,
den Spitzenschleier zu einem flchtigen Ku gelftet hatte. Dann kam die Htte,
wo die ganze Gesellschaft sich hatte photographieren lassen: die drei jungen
Mdchen, Anna, Else und Sissy in genienhafter Pose, die Herren mit himmelnden
Augen ihnen zu Fen, so da das Ganze etwa ausgesehen hatte, wie die Apotheose
aus einer Zauberposse. Und whrend Georg sich jener kleinen Erlebnisse entsann,
schwebte ihm immer der heutige Abschied von Anna durch die Erinnerung und schien
ihm von den angenehmsten Verheiungen erfllt.
    Vor einer offenen Schiebude standen auffallend viel Leute. Bald war der
Trommler ins Herz getroffen und wirbelte mit flinken Schlgen auf dem Fell, bald
zersprang leise klirrend eine Glaskugel, die auf einem Wasserstrahl hin und her
getanzt war, bald fhrte eine Marketenderin eiligst die Trompete zum Mund und
blies drohend Appell, bald donnerte aus aufgesprungenem Tor eine kleine
Eisenbahn, sauste ber eine fliegende Brcke und wurde von einem andern Tor
verschlungen. Da einige Zuschauer sich allmhlich entfernten, rckten Georg und
Heinrich vor und erkannten in den sichern Schtzen Oskar Ehrenberg und seine
Dame. Eben richtete Oskar das Gewehr auf einen Adler, der sich nahe der Decke
mit ausgebreiteten Flgeln auf und ab bewegte, und fehlte zum erstenmal.
Indigniert legte er die Waffe nieder, sah sich um, erblickte die beiden Herren
hinter sich und begrte sie.
    Die junge Dame, das Gewehr an der Wange, warf einen flchtigen Blick auf die
Neuangekommenen, visierte gleich wieder angelegentlich und drckte ab. Der Adler
lie den getroffenen Flgel sinken und bewegte sich nicht mehr.
    Bravo, rief Oskar.
    Die Dame legte das Gewehr vor sich auf den Tisch hin.
    Is genug, sagte sie zu dem Jungen, der von neuem laden wollte, g'wonnen
hab ich eh.
    Wie viel Schu warens? fragte Oskar.
    Vierzig, antwortete der Junge, macht achtzig Kreuzer. Oskar griff in die
Westentasche, warf einen Silbergulden hin und nahm den Dank des Ladenjungen mit
Herablassung entgegen. Erlaube, sagte er dann, indem er beide Hnde in die
Seiten sttzte, den Oberkrper leicht nach vorn bewegte und den linken Fu
vorwrts setzte, erlaube Amy, da ich dir die Herren vorstelle, welche Zeugen
deiner Triumphe waren. Baron Wergenthin, Herr von Bermann ... Frulein Amelie
Reiter.
    Die Herren lfteten ihre Hte, Amelie nickte zum Gegengru ein paarmal
hintereinander mit dem Kopf. Sie trug ein einfaches, wei gemustertes
Foulardkleid, darber eine leichte Mantille von hellem Gelb mit Spitzen umsumt
und einen schwarzen, aber sehr vergngten Hut. Den Herrn von Bermann kenn ich
ja, sagte sie. Sie wandte sich an ihn: Bei der Premiere von Ihrem Stck im
vorigen Winter hab ich Sie gesehen, wie Sie herausgekommen sind sich verbeugen.
Ich habe mich sehr gut unterhalten. Nicht, da ich Ihnen das vielleicht aus
Hflichkeit sag.
    Heinrich dankte ernst.
    Sie spazierten weiter zwischen Buden, vor denen es stiller wurde, an
Wirtshausgrten vorbei, die sich allmhlich leerten.
    Oskar schob seinen rechten Arm in den linken seiner Begleiterin, dann wandte
er sich an Georg: Warum sind Sie denn heuer nicht auf dem Auhof gewesen? Wir
haben alle sehr bedauert.
    Ich war leider in wenig geselliger Stimmung.
    Natrlich, kann ich mir denken, sagte Oskar mit dem gebotenen Ernst. Ich
war brigens auch nur ein paar Wochen dort. Im August hab ich meine mden
Glieder in den Wogen der Nordsee gestrkt, ich war nmlich auf der Isle of
Wight.
    Dort soll es ja sehr schn sein, sagte Georg, wer geht denn nur immer
hin?
    Die Wyners, meinen Sie, erwiderte Oskar. Wenigstens wie sie noch in
London gelebt haben, sind sie regelmig dort gewesen. Jetzt nur mehr alle zwei,
drei Jahre.
    Aber das Ypsilon haben sie auch fr sterreich beibehalten, sagte Georg
lchelnd.
    Oskar blieb ernst. Der alte Herr Wyner, erwiderte er hat sich sein Recht
auf das Ypsilon ehrlich erworben. Er ist schon in seinem dreizehnten Jahr nach
England gekommen, hat sich dort naturalisieren lassen und als ganz junger Mensch
ist er Kompagnon der groen Stahlfabrik geworden, die jetzt noch immer Black und
Wyner heit.
    Aber seine Frau hat er sich doch aus Wien geholt?
    Ja. Und wie er vor sieben oder acht Jahren gestorben ist, ist sie mit den
zwei Kindern hierher bersiedelt. Aber James wird sich hier nie eingewhnen ...
der Lord Antinous, Sie wissen ja, da Frau Oberberger ihn so nennt. Jetzt ist er
wieder in Cambridge, wo er seltsamerweise griechische Philologie studiert. Im
brigen ist auch Demeter ein paar Tage in Ventnor gewesen.
    Stanzides? ergnzte Georg.
    Kennen Sie den Herrn von Stanzides, Herr Baron? fragte Amy.
    Jawohl.
    Also existiert er richtig, rief sie aus.
    Ja aber hrst du, sagte Oskar. Heuer im Frhjahr hat sie in der Freudenau
auf ihn gesetzt und hat eine Masse Geld gewonnen, und jetzt fragt sie, ob er
existiert.
    Warum zweifeln Sie denn an der Existenz von Stanzides, Frulein? fragte
Georg.
    Ja wissen Sie, alleweil, wenn ich nicht wei, wo er is, der Oskar, heits:
ich hab ein Rendezvous mit'n Stanzides, oder: ich reit mit'n Stanzides in'
Prater. Stanzides hin, Stanzides her, es klingt mehr wie eine Ausred, als wie
ein Nam.
    Jetzt schweig aber endlich einmal still, sagte Oskar mild.
    Stanzides existiert nicht nur, erklrte Georg, sondern er hat den
schnsten, schwarzen Schnurrbart und die glhendsten schwarzen Augen, die es
berhaupt gibt.
    Das is schon mglich, aber wie ich ihn g'sehn hab, hat er ausg'schaut wie
ein Wurstel. Gelber Janker, grnes Kappel, violette Schleifen.
    Und sie hat vierzig Gulden auf ihn gewonnen, ergnzte Oskar humoristisch.
    Wo sind die vierzig Gulden, seufzte Frulein Amelie ... Pltzlich blieb
sie stehen und rief: Da bin ich aber noch nie mitgefahren.
    Das kann ja nachgeholt werden, sagte Oskar einfach.
    Es war das Riesenrad, das sich vor ihnen mit seinen beleuchteten Wagen
langsam, majesttisch drehte. Die jungen Leute passierten das Tourniquet,
stiegen in ein leeres Kupee und schwebten empor.
    Wissen Sie, Georg, wen ich heuer im Sommer kennen gelernt habe? sagte
Oskar, den Prinzen von Guastalla.
    Welchen? fragte Georg.
    Den jngsten natrlich, Karl Friedrich. Er ist inkognito dort gewesen. Er
ist sehr gut mit dem Stanzides, ein merkwrdiger Mensch. Ich kann Sie
versichern, setzte er leise hinzu, wenn unsereins den hundertsten Teil von den
Sachen reden mcht wie der Prinz, wir kmen unser Lebtag aus dem schweren Kerker
nicht heraus.
    Schau Oskar, rief Amy, die Tische und die Leut da unten! Wie aus einem
Schachterl, nicht wahr? Und die Masse Lichter dort, ganz weit, da gehts sicher
nach Prag. Glauben S' nicht, Herr Bermann?
    Mglich, erwiderte Heinrich und starrte mit gefalteter Stirn durch die
glserne Wand in die Nacht hinaus.
    Als sie das Kupee verlieen und ins Freie traten, war der Sonntagslrm im
Verrauschen.
    Die Kleine, sagte Oskar Ehrenberg zu Georg, whrend Amy mit Heinrich
vorausging, die ahnt auch nicht, da wir heute das letztemal zusammen im Prater
spazieren gehen.
    Warum denn das letztemal? fragte Georg ohne tieferes Interesse.
    Es mu sein, erwiderte Oskar. Solche Sachen drfen nicht lnger dauern
als hchstens ein Jahr. Sie knnen sich brigens vom Dezember an bei ihr Ihre
Handschuhe kaufen, fgte er heiter, aber nicht ohne Wehmut hinzu. Ich richte
ihr nmlich ein kleines Geschft ein. Das bin ich ihr gewissermaen schuldig,
denn ich hab sie aus einer ziemlich sichern Situation herausgerissen.
    Aus einer sichern?
    Ja, sie war verlobt. Mit einem Etuimacher. Haben Sie gewut, da es das
gibt?
    Indessen war Amy und Heinrich vor einer Wendeltreppe stehen geblieben, die
eng und khn zu einem Plateau hinauffhrte, und erwarteten die andern. Alle
waren darber einig, da man den Prater nicht verlassen durfte, ohne auf der
Rutschbahn gefahren zu sein.
    Sie sausten durchs Dunkel, hinab und wieder hinauf, im drhnenden Wagen,
unter schwarzen Wipfeln; und dem dumpf rhythmischen Lrm entklang fr Georg
allmhlich ein groteskes Motiv im Dreivierteltakt. Whrend er mit den andern die
Wendeltreppe hinabstieg, wute er auch schon, da die Melodie von Oboe und
Klarinette gebracht und von Cello und Kontraba begleitet werden msse. Offenbar
war es ein Scherzo, vielleicht fr eine Symphonie.
    Wenn ich ein Unternehmer wre, erklrte Heinrich mit Entschiedenheit, so
lie ich eine Rutschbahn bauen, viele Meilen lang, die ginge ber Wiesen,
Abhnge, durch Wlder, Tanzsle; auch fr berraschungen auf dem Weg wre
gesorgt. Jedenfalls, so fand er weiter, wre nun die Zeit gekommen, das
phantastische Element im Wurstelprater zu hherer Entfaltung zu bringen. Er
selbst htte vorlufig die Idee fr ein Ringelspiel, das sich hoch und durch
einen merkwrdigen Mechanismus, spiralig immer hher ber den Erdboden drehen
msse, um endlich in einer Art von Turmspitze anzulangen. Leider mangelten ihm
die notwendigen technischen Vorkenntnisse zur nheren Erklrung. Im Weitergehen
erfand er burleske Figuren und Gruppen fr die Schiebuden und sprach endlich
die dringende Forderung nach einem groartigen Kasperltheater aus, fr das
originelle Dichter tiefsinnig-heitere Stcke entwerfen mten.
    So war man an den Ausgang des Praters gelangt, wo Oskars Wagen wartete.
Gedrngt, aber gut gelaunt fuhren sie nach einem Weinrestaurant in der Stadt. In
einem separierten Zimmer lie Oskar Champagner auftragen. Georg setzte sich ans
Klavier und phantasierte ber das Thema, das ihm auf der Rutschbahn eingefallen
war. Amy lehnte in der Divanecke, und Oskar flsterte ihr allerhand ins Ohr,
worber sie lachen mute. Heinrich war wieder stumm geworden und drehte sein
Glas langsam zwischen den Fingern hin und her. Pltzlich hielt Georg im Spielen
inne und lie die Hnde auf den Tasten liegen. Ein Gefhl von der
Traumhaftigkeit und Zwecklosigkeit des Daseins kam ber ihn, wie manchmal, wenn
er Wein getrunken hatte. Viele Tage war es her, da er eine schlecht beleuchtete
Treppe in der Paulanergasse hinuntergegangen war, und der Spaziergang mit
Heinrich durch die herbstdunkle Allee lag in fernster Vergangenheit. Hingegen
erinnerte er sich pltzlich so lebhaft, als wr es gestern gewesen, eines sehr
jungen und sehr verdorbenen Wesens, mit dem er vor vielen Jahren ein paar Wochen
in heiter-unsinniger Art verbracht hatte, etwa so wie Oskar Ehrenberg jetzt mit
Amy. Eines Abends hatte sie ihn auf der Strae zu lange warten lassen,
ungeduldig war er fort gegangen und hatte nie wieder etwas von ihr gehrt oder
gesehen. Wie leicht sich das Leben zuweilen anlie ... Er hrte das leise Lachen
Amys, wandte sich und sein Blick begegnete den Augen Oskars, die ber den
blonden Kopf Amys hinweg die seinen suchten. Er empfand diesen Blick als
rgerlich, wich ihm absichtlich aus und schlug wieder einige Tne an, in
volksliedartiger, melancholischer Weise. Er sprte Lust, all das aufzuzeichnen,
was ihm heute eingefallen war, und sah auf die Uhr, die ber der Tr hing. Es
war eins vorbei. Dann verstndigte er sich mit Heinrich durch einen Blick, und
beide erhoben sich. Oskar deutete auf Amy, die an seiner Schulter
eingeschlummert war, und gab durch ein lchelndes Achselzucken zu verstehen, da
er unter diesen Umstnden noch nicht ans Fortgehen denken knne. Die beiden
andern reichten ihm die Hnde, flsterten ihm gute Nacht zu und entfernten sich.
    Wissen Sie, was ich getan hab, sagte Heinrich, whrend Sie auf dem
grlichen Pianino so wunderhbsch phantasierten? Ich hab versucht mir den Stoff
zurecht zu legen, von dem ich Ihnen im Frhjahr gesprochen hab.
    Ah den Opernstoff! Das ist ja interessant. Wollen Sie ihn mir nicht einmal
erzhlen?
    Heinrich schttelte den Kopf. Ich mchte schon, aber das Malheur ist nur,
wie sich eben herausgestellt hat, da er eigentlich gar nicht vorhanden ist. Wie
die meisten andern von meinen sogenannten Stoffen.
    Georg sah ihn fragend an. Im Frhjahr, wie wir uns das letztemal gesehen
haben, da hatten Sie ja eine ganze Menge vor.
    Ja aufnotiert ist gar viel. Aber heut ist nichts mehr davon da als Stze
... Nein, Worte! Nein, Buchstaben auf weiem Papier. Es ist geradeso, wie wenn
eine Totenhand alles berhrt htte. Ich frchte, nchstens einmal, wenn ich das
Zeug nur angreife, fllt es auseinander wie Zunder. Ja, ich hab eine schlechte
Zeit; und wer wei, ob je noch eine bessre kommen wird.
    Georg schwieg. Dann, mit einer pltzlichen Erinnerung an eine Zeitungsnotiz,
die er irgendwo ber Heinrichs Vater, den ehemaligen Abgeordneten Dr. Bermann
gelesen hatte, und einen Zusammenhang vermutend, fragte er: Ihr Herr Vater ist
leidend, nicht wahr?
    Ohne ihn anzusehen, erwiderte Heinrich: Ja. Mein Vater ist in einer Anstalt
fr Gemtskranke, schon seit dem Juni.
    Georg schttelte teilnahmsvoll den Kopf.
    Heinrich fuhr fort: Ja, das ist eine furchtbare Sache. Wenn ich auch in der
letzten Zeit in keinem sehr nahen Verhltnis zu ihm gestanden bin, es ist und
bleibt furchtbarer, als man es sagen kann.
    Unter solchen Umstnden, meinte Georg, ist es ja sehr begreiflich, da es
mit der Arbeit nicht recht gehen will.
    Ja, erwiderte Heinrich wie zgernd. Aber es ist nicht das allein. Die
Wahrheit zu sagen, in meinem augenblicklichen Seelenzustand spielt diese Sache
eine verhltnismig geringfgige Rolle. Ich will mich nicht besser machen, als
ich bin. Besser ...! Wr ich dann besser ...? Er lachte kurz, dann sprach er
weiter. Sehen Sie, gestern dacht ich auch noch, es wre alles mgliche
zusammen, was mich so niederdrckt. Aber heute hab ich wieder einmal einen
untrglichen Beweis dafr erhalten, da mich ganz nichtige, ja lppische Dinge
tiefer berhren, als sehr wesentliche, wie zum Beispiel die Erkrankung meines
Vaters. Widerwrtig, was?
    Georg sah vor sich hin. Warum begleit' ich ihn eigentlich, dachte er, und
warum findet er es ganz selbstverstndlich?
    Heinrich sprach weiter mit zusammengepreten Zhnen und mit berflssig
heftigem Ton: Heute Nachmittag hab ich nmlich zwei Briefe bekommen. Zwei
Briefe, ja ... einen von meiner Mutter, die gestern meinen Vater in der Anstalt
besucht hat. Dieser Brief enthielt die Nachricht, da es ihm schlecht geht, sehr
schlecht; kurz und gut, es wird wohl nicht lange mehr dauern. Er atmete tief
auf. Und natrlich hngt da noch allerlei daran, wie Sie sich denken knnen.
Schwierigkeiten verschiedener Art, Sorgen fr meine Mutter und meine Schwester,
fr mich. Und nun denken Sie; zugleich mit diesem Brief kam ein anderer, der gar
nichts von Bedeutung enthielt, so zu sagen. Ein Brief von einer Person, die mir
zwei Jahre hindurch nahe stand. Und in diesem Brief war eine Stelle, die mir ein
bichen verdchtig erschien. Eine einzige Stelle ... Sonst war dieser Brief, wie
alle Briefe dieser Person sind, sehr liebevoll, sehr nett ... Und jetzt stellen
Sie sich vor, den ganzen Tag verfolgt mich, peinigt mich die Erinnerung an diese
eine verdchtige Stelle, die ein anderer berhaupt nicht bemerkt htte. Ich
denke nicht an meinen Vater, der im Irrenhaus ist, nicht an meine Mutter, meine
Schwester, die verzweifeln, nur an diese unbedeutende Stelle in diesem dummen
Brief eines durchaus nicht hervorragenden Frauenzimmers. Die frit alles in mir
auf, macht mich unfhig zu fhlen wie ein Sohn, wie ein Mensch ... Ist es nicht
scheulich?
    Befremdet hrte Georg zu. Es erschien ihm sonderbar, wie dieser schweigsame,
verdsterte Mensch sich ihm, dem flchtig Bekannten, mit einem Male aufschlo,
und er konnte sich dieser unerwarteten Offenheit gegenber einer peinlichen
Verlegenheit nicht erwehren. Auch hatte er nicht den Eindruck, da er diese
Gestndnisse einer besonderen Sympathie Heinrichs verdankte, sondern sprte
darin eher einen Mangel an Takt, eine gewisse Unfhigkeit der
Selbstbeherrschung, irgend etwas wofr ihm das Wort schlechte Erziehung, das
er schon irgend einmal war es nicht von Hofrat Wilt? auf Heinrich anwenden
gehrt hatte, sehr bezeichnend erschien. Sie gingen eben am Burgtor vorber. Ein
sternenloser Himmel lag ber der stummen Stadt. Durch die Bume des Volksgartens
rauschte es leise, irgendwoher drang das Gerusch eines rollenden Wagens, der
sich entfernte.
    Da Heinrich wieder schwieg, blieb Georg stehen und sagte in mglichst
freundlichem Tone: Nun mu ich mich doch von Ihnen verabschieden, lieber Herr
Bermann.
    O, rief Heinrich, jetzt merk ich erst, da Sie mich ein ganzes Stck
begleitet haben und ich erzhl Ihnen oder vielmehr mir in Ihrer Gegenwart,
taktloserweise lauter Geschichten, die Sie nicht im geringsten interessieren
knnen ... verzeihen Sie.
    Was gibts da zu verzeihen, erwiderte Georg leise, kam sich gegenber
dieser Selbstanklage Heinrichs ein wenig wie ertappt vor und reichte ihm die
Hand. Heinrich nahm sie, sagte auf Wiedersehen, lieber Baron, und als hielte
er pltzlich jedes weitere Wort fr eine Zudringlichkeit, entfernte er sich
eilig.
    Georg sah ihm nach, mit Teilnahme und Widerwillen zugleich, und eine
pltzliche freie, beinahe glckliche Stimmung kam ber ihn, in der er sich jung,
sorgenlos und zu der schnsten Zukunft bestimmt erschien. Er freute sich auf den
Winter, der vor der Tre war. Alles mgliche stand in Aussicht. Arbeit,
Unterhaltung, Zrtlichkeit, und es war im Grunde gleichgltig, von wo alle diese
Freuden kommen mochten. Bei der Oper zgerte er einen Augenblick. Wenn er durch
die Paulanergasse nach Hause ging, so bedeutete es keinen betrchtlichen Umweg.
Er lchelte in der Erinnerung an Fensterpromenaden frherer Jahre. Nicht fern
von hier lag die Strae, wo er manche Nacht zu einem Fenster aufgeblickt hatte,
hinter dessen Vorhngen sich Marianne zu zeigen pflegte, wenn ihr Gatte
eingeschlafen war. Diese Frau, die stets mit Gefahren spielte, an deren Ernst
sie selbst nicht glaubte, war Georg nie wirklich wert gewesen ... Eine andre
Erinnerung, ferner als diese, war um viel holdseliger. In Florenz, als
siebzehnjhriger Jngling war er manche Nacht vor dem Fenster eines schnen
Mdchens auf und abgegangen, des ersten weiblichen Wesens, das sich ihm, dem
Unberhrten, als Jungfrau gegeben hatte. Und er dachte der Stunde, an der er die
Geliebte am Arm des Brutigams zum Altar hatte schreiten sehen, wo der Priester
die Ehe einsegnen sollte, des Blicks, den sie unter dem weien Schleier zu
ewigem Abschied ihm herber gesandt hatte ... Er war am Ziele. Nur an den beiden
Enden der kurzen Gasse brannten noch die Laternen, so da er dem Hause gegenber
vllig im Dunkel stand. Das Fenster von Annas Zimmer war offen, und wie am
Nachmittag bewegten die zusammengesteckten Tllvorhnge sich leise im Wind.
Dahinter war es ganz dunkel. Eine sanfte Zrtlichkeit regte sich in Georg. Von
allen Wesen, die jemals ihre Neigung ihm nicht verhehlt hatten, schien Anna ihm
die beste und reinste. Auch war sie wohl die erste, die seinen knstlerischen
Bestrebungen Teilnahme entgegenbrachte, eine echtere jedenfalls als Marianne,
der die Trnen ber die Wangen gerollt waren, was immer er ihr auf dem Klavier
vorspielen mochte; eine tiefre auch als Else Ehrenberg, die sich ja doch nur das
stolze Bewutsein sichern wollte, als erste sein Talent erkannt zu haben. Und
wenn irgend eine, so war Anna dazu geschaffen, seinem Hang zur Verspieltheit und
zur Nachlssigkeit entgegenzuwirken, ihn zu zielbewuter und erwerbbringender
Ttigkeit anzuhalten. Schon im letzten Winter hatte er daran gedacht, sich um
eine Stelle an einer deutschen Opernbhne als Kapellmeister oder Korrepetitor
umzusehen; bei Ehrenbergs hatte er flchtig von seinen Absichten gesprochen, die
nicht sehr ernst genommen wurden, und Frau Ehrenberg, mtterlich und weltklug,
hatte ihm geraten doch lieber eine Tournee als Komponist und Dirigent durch die
Vereinigten Staaten zu unternehmen, worauf Else vorlaut hinzugefgt hatte: Und
eine amerikanische Erbin wr auch nicht zu verachten. Whrend er sich dieses
Gesprchs erinnerte, behagte er sich sehr in der Idee, ein bichen in der Welt
herumzuabenteuern, wnschte sich, fremde Stdte und Menschen kennen zu lernen,
irgendwo im Weiten allerlei Liebe und Ruhm zu gewinnen, und fand am Ende, da
seine Existenz im ganzen viel zu ruhig und einfrmig dahinflsse.
    
    Lngst, ohne innerlich von Anna Abschied genommen zu haben, hatte er die
Paulanergasse verlassen und bald war er zu Hause. Als er ins Speisezimmer trat,
sah er, da aus dem Zimmer Felicians Licht schimmerte.
    Guten Abend, Felician, rief er laut.
    Die Tre wurde geffnet, und Felician, noch vllig angekleidet, trat heraus.
    Die Brder reichten sich die Hnde.
    Du kommst auch erst jetzt nach Hause? sagte Felician. Ich habe gedacht,
du schlfst schon lang. Whrend er sprach, sah er, wie das seine Art war, an
ihm vorbei und neigte den Kopf nach der rechten Seite. Was hast du denn
getrieben?
    Ich war im Prater. erwiderte Georg.
    Allein?
    Nein, ich habe Leute getroffen. Den Oskar Ehrenberg mit seiner Dame und den
Schriftsteller Bermann. Wir haben geschossen und sind Rutschbahn gefahren. Es
war ganz lustig ... Was hast du denn da in der Hand? unterbrach er sich. Bist
du so spazieren gegangen? fgte er scherzend hinzu.
    Felician lie den Degen, den er in der Rechten hielt, im Licht der Lampe
schimmern. Ich habe ihn eben von der Wand herunter genommen. Morgen fang ich
wieder ernstlich an. Das Tournier ist schon Mitte November. Und heuer will ichs
auch gegen Forestier versuchen.
    Donnerwetter, rief Georg.
    Eine Unverschmtheit, denkst du dir, was? Aber bis Mitte November ist noch
lang. Und das merkwrdige ist, ich habe das Gefhl, als wenn ich heuer im
Sommer, gerade in den sechs Wochen, whrend ich das Ding da gar nicht in der
Hand gehabt habe, was zugelernt htte. Es ist, wie wenn mein Arm indessen auf
neue Ideen gekommen wre. Ich kann dir das nicht recht erklren.
    Ich verstehe schon, was du meinst.
    Felician hielt den Degen ausgestreckt vor sich hin und betrachtete ihn mit
Zrtlichkeit. Dann sagte er: Ralph hat sich nach dir erkundigt, Guido auch ...
schad, da du nicht mit warst.
    Hast du den ganzen Nachmittag mit ihnen verbracht?
    O nein! Nach dem Essen bin ich zu Haus geblieben. Du mut grad fortgegangen
sein. Ich hab studiert.
    Studiert?
    Ja. Ich mu mich jetzt ernstlich dranmachen. Im Mai sptestens will ich die
Diplomatenprfung ablegen.
    Du bist also vollkommen entschlossen?
    Absolut. In der Statthalterei zu bleiben hat wirklich keinen Sinn fr mich.
Je lnger ich drin sitz', umso klarer wird mir das. Die Zeit wird brigens nicht
verloren sein. Sie haben's gar nicht ungern, wenn einer ein paar Jahre internen
Dienst gemacht hat.
    Da wirst du also wahrscheinlich schon im Herbst von Wien fortgehen?
    Es ist anzunehmen.
    Und wo werden sie dich hinschicken?
    Ja, wenn man das schon wte.
    Georg sah vor sich hin. So nahe also war der Abschied! Doch warum berhrte
ihn das pltzlich so sehr? ... Er selbst war ja entschlossen fortzugehen, und
erst neulich hatte er mit dem Bruder von seinen Absichten frs nchste Jahr
geredet. Glaubte der noch immer nicht an ihren Ernst? Wenn man sich doch wieder
einmal mit ihm aussprechen knnte, brderlich, herzlich wie an jenem Abend nach
des Vaters Begrbnis. Wahrhaftig, nur wenn das Leben ihnen dster sich
enthllte, fanden sie ganz zueinander. Sonst blieb immer diese seltsame
Befangenheit zwischen ihnen beiden. Das konnte offenbar nicht anders werden. Man
mute sich eben bescheiden, miteinander plaudern, in der Art von guten
Bekannten. Und wie resigniert fragte Georg weiter: Was hast du denn am Abend
gemacht?
    Ich habe mit Guido soupiert und einer interessanten jungen Dame.
    So?
    Er ist nmlich wieder in zarten Banden.
    Wer ist's denn?
    Konservatorium, Jdin, Geige. Aber sie hat sie nicht mitgehabt. Nicht
besonders hbsch, aber g'scheit. Sie bildet ihn, und er achtet sie. Er will, sie
soll sich taufen lassen. Ein komisches Verhltnis, sag ich dir. Du httest dich
ganz gut unterhalten.
    Georg hatte seinen Blick auf den Degen gerichtet, den Felician noch immer in
der Hand hielt. Httest du Lust, noch ein bichen zu manschettieren? fragte
er.
    Warum nicht? erwiderte Felician und holte ein zweites Florett aus seinem
Zimmer. Indes hatte Georg den groen Tisch aus der Mitte an die Wand gerckt.
    Seit dem Mai hab ich keines in der Hand gehabt, sagte er, indem er den
Degen ergriff. Sie legten die Rcke ab und kreuzten die Klingen. In der nchsten
Sekunde war Georg tuschiert.
    Nur weiter! rief Georg und empfand es wie ein Glck, da er in verwegener
Stellung, die blitzende, schlanke Waffe in der Hand, dem Bruder gegenber stehen
durfte.
    Felician traf ihn, so oft es ihm beliebte, ohne nur ein einziges Mal selbst
berhrt zu werden. Dann lie er den Degen sinken und sagte: Du bist heut zu
md, es hat keinen Sinn. Aber du solltest wieder fleiiger in den Klub kommen.
Ich versichre dich, es ist schad, bei deinen Anlagen.
    Georg freute sich des brderlichen Lobs. Er legte den Degen auf den Tisch,
atmete tief und ging zu dem offenen, breiten Mittelfenster. Wundervolle Luft!
sagte er. Aus dem Park schimmerte eine einsame Laterne, es war vollkommene
Stille.
    Felician trat zu Georg hin, und whrend dieser sich mit beiden Hnden auf
die Brstung sttzte, blieb der ltere Bruder aufgerichtet stehen und lie einen
seiner ruhig-hochmtigen Blicke ber Strae, Park und Stadt schweifen. Sie
schwiegen beide lang. Und sie wuten, da jeder an dasselbe dachte: an eine
Mainacht heuer im Frhjahr, in der sie zusammen durch den Park nach Hause
gegangen waren, und der Vater sie von demselben Fenster aus, an dem sie jetzt
standen, mit stummem Kopfnicken begrt hatte. Und beide durchschauerte es ein
wenig bei dem Gedanken, da sie heute den ganzen Tag so lebensfroh hingebracht
hatten, ohne sich mit Schmerzen des geliebten Mannes zu erinnern, der nun unter
der Erde lag.
    Also gute Nacht, sagte Felician, weicher als sonst und reichte Georg die
Hand. Er drckte sie wortlos, und jeder ging in sein Zimmer.
    Georg schaltete die Schreibtischlampe ein, nahm Notenbltter hervor und
begann zu schreiben. Es war nicht das Scherzo, das ihm eingefallen war, als er
vor drei Stunden mit den andern unter schwarzen Wipfeln durch die Nacht gesaust
war; und auch nicht die melancholische Volksweise aus dem Restaurant; sondern
ein ganz neues Motiv, das wie aus geheimen Tiefen langsam und unaufhaltsam
emporgetaucht kam. Es war Georg zu Mute, als mte er nur ein Unbegreifliches
gewhren lassen. Er schrieb die Melodie nieder, die er sich von einer Altstimme
gesungen oder auch auf der Viola gespielt dachte; und eine seltsame Begleitung
tnte ihm mit, von der er wute, da sie ihm nie aus dem Gedchtnis schwinden
konnte.
    Es war vier Uhr morgens, als er zu Bette ging; beruhigt wie einer, dem
niemals im Leben etwas bles begegnen kann, und fr den weder Einsamkeit, noch
Armut, noch Tod irgendwelche Schrecken haben.

                                Zweites Kapitel


Im erhhten Erker auf dem grnsamtenen Sofa sa Frau Ehrenberg mit ihrer
Stickerei; Else, ihr gegenber, las in einem Buch. Aus dem tiefern und dunklern
Teil des Zimmers, hinter dem Klavier hervor, leuchtete das weie Haupt der
marmornen Isis, und durch die offene Tr flo aus dem benachbarten Zimmer ein
heller Streif ber den grauen Teppich. Else sah von ihrem Buche auf, durchs
Fenster zu den hohen Wipfeln des Schwarzenbergparkes, die sich im Herbstwind
regten, und sagte beilufig: Man knnt' vielleicht dem Georg Wergenthin
telephonieren, ob er heut Abend kommt.
    Frau Ehrenberg lie ihre Stickerei in den Scho sinken. Ich wei nicht,
sagte sie. Du erinnerst dich, was fr einen wirklich charmanten Kondolenzbrief
ich ihm geschrieben und wie dringend ich ihn in den Auhof eingeladen hab. Er ist
nicht gekommen, und seine Antwort war auffallend khl. Ich wrde ihm nicht
telephonieren.
    Man kann ihn nicht behandeln wie die andern, erwiderte Else. Er gehrt zu
den Leuten, die man gelegentlich daran erinnern mu, da man auf der Welt ist.
Wenn man ihn erinnert hat, dann freut er sich schon darber.
    Frau Ehrenberg stickte weiter. Es wird ja doch nichts werden, sagte sie
ruhig.
    Es soll auch nichts werden, entgegnete Else, weit du denn das noch immer
nicht, Mama? Er ist mein guter Freund, nichts weiter und auch das nur mit
Unterbrechungen. Oder glaubst du wirklich, da ich in ihn verliebt bin, Mama? Ja
als kleines Mdel war ich's, in Nizza, wie mir miteinander Tennis gespielt
haben, aber das ist lang vorbei.
    Na, und in Florenz?
    In Florenz war ich's eher in Felician.
    Und jetzt? fragte Frau Ehrenberg langsam.
    Jetzt ...? Du denkst wahrscheinlich an Heinrich Bermann ... Also du irrst
dich, Mama.
    Es wre mir lieb, wenn ich mich irrte. Aber heuer im Sommer hatte ich
wirklich ganz den Eindruck, als ob ...
    Ich sag dir ja schon, unterbrach Else sie ein wenig ungeduldig. Es ist
nichts, und es war nichts. Ein einziges Mal, an dem schwlen Nachmittag, wie wir
Kahn gefahren sind du hast uns ja vom Balkon aus gesehen, sogar mit dem
Operngucker da ist es ein bichen gefhrlich geworden. Aber wenn wir uns auch
einmal um den Hals gefallen wren, was brigens nie vorgekommen ist, es htte
doch nichts zu bedeuten gehabt. Es war halt so eine Sommersache.
    Und er soll ja auch in einem sehr ernsten Verhltnis stecken, sagte Frau
Ehrenberg.
    Du meinst ... mit dieser Schauspielerin, Mama?
    Frau Ehrenberg sah auf. Hat er dir was von ihr erzhlt?
    Erzhlt ...? So direkt nicht. Aber wenn wir miteinander spazieren gegangen
sind, im Park, oder abends am See, da hat er beinahe nur von ihr gesprochen.
Natrlich, ohne ihren Namen zu nennen ... Und je besser ich ihm gefallen hab,
die Mnner sind ja ein so komisches Volk, um so eiferschtiger war er immer auf
die andre ... brigens wenn es nur das wre! Welcher junge Mann steckt nicht in
einem ernsten Verhltnis? Glaubst du vielleicht, Mama, der Georg Wergenthin
nicht?
    In einem ernsten? ... Nein. Dem wird das nie passieren. Dazu ist er zu
khl, zu berlegen ... zu temperamentlos.
    Gerade darum, erklrte Else menschenkennerisch. Er wird in irgend was
hineingleiten, und es wird ber ihm zusammenschlagen, ohne da er nur was davon
bemerkt hat. Und eines schnen Tages wird er verheiratet sein ... aus lauter
Indolenz ... mit irgendeiner Person, die ihm wahrscheinlich ganz gleichgltig
sein wird.
    Du mut einen bestimmten Verdacht haben, sagte Frau Ehrenberg.
    Den hab ich auch.
    Marianne?
    Marianne! Aber das ist ja lngst aus, Mama. Und besonders ernst war das
doch nie.
    Also wer denn soll es sein?
    Na was glaubst du, Mama?
    Ich hab keine Ahnung.
    Anna ist es, sagte Else kurz.
    Welche Anna?
    Anna Rosner, selbstverstndlich.
    Aber!
    Du kannst lang aber sagen es ist doch so.
    Else, du glaubst doch nicht im Ernst, da Anna, die eine so zurckhaltende
Natur ist, sich so weit vergessen knnte ...!
    So weit vergessen ...! Nein Mama, du hast manchmal noch Ausdrcke! brigens
find ich, dazu mu man gar nicht so vergelich sein.
    Frau Ehrenberg lchelte, nicht ohne einen gewissen Stolz.
    Die Klingel drauen ertnte. Am Ende ist er's doch, sagte Else.
    Es knnte auch Demeter Stanzides sein, bemerkte Frau Ehrenberg.
    Stanzides sollt' uns einmal den Prinzen mitbringen, meinte Else beilufig.
    Glaubst du, da das ginge? fragte Frau Ehrenberg und lie die Stickerei in
den Scho sinken.
    Warum sollt's denn nicht gehen? sagte Else, sie sind ja so intim.
    Die Tre tat sich auf, doch keiner von den Erwarteten, sondern Edmund
Nrnberger trat ein. Er war wie stets mit der grten Sorgfalt, wenn auch nicht
nach der letzten Mode gekleidet. Sein Gehrock war etwas zu kurz, und in der
bauschigen, dunkeln Atlaskrawatte steckte eine Smaragdnadel. An der Tre schon
verbeugte er sich, nicht ohne zugleich in seinen Mienen einen gewissen Spott
ber die eigene Hflichkeit auszudrcken. Bin ich der erste? fragte er. Noch
niemand da? Weder ein Hofrat noch ein Graf noch ein Dichter noch eine dmonische
Frau?
    Nur eine, die es leider nie gewesen ist, erwiderte Frau Ehrenberg, whrend
sie ihm die Hand reichte, und eine ... die es vielleicht einmal werden wird.
    O, ich bin berzeugt, sagte Nrnberger, da Frulein Else auch das
treffen wird, wenn sie sichs nur ernstlich vornimmt. Und er strich sich mit der
linken Hand langsam ber das schwarze, glatte, etwas glnzende Haar.
    Frau Ehrenberg sprach ihr Bedauern aus, da man ihn vergeblich auf dem Auhof
erwartet hatte. Ob er wirklich den ganzen Sommer in Wien gewesen sei?
    Warum wundern Sie sich darber, gndige Frau? Ob ich in einer
Gebirgslandschaft auf- und abspaziere, oder am Meeresstrand, oder in meinen vier
Wnden, das ist doch im Grunde ziemlich gleichgltig.
    Sie mssen sich aber recht einsam gefhlt haben, sagte Frau Ehrenberg.
    Das Alleinsein kommt einem allerdings etwas deutlicher zu Bewutsein, wenn
sich niemand in der Nhe befindet, der das Bedrfnis markiert, mit einem reden
zu wollen ... Aber sprechen wir doch lieber von interessanteren und
hoffnungsvollern Menschen, als ich es bin. Wie befinden sich die zahlreichen
Freunde Ihres so beliebten Hauses?
    Freunde! wiederholte Else, da mte man doch erst wissen, wen Sie
darunter verstehen.
    Nun, alle Leute, die Ihnen aus irgendeinem Anla Angenehmes sagen und denen
Sie es glauben.
    Die Schlafzimmertr tat sich auf, Herr Ehrenberg erschien und begrte
Nrnberger.
    Hast du schon fertig gepackt? fragte Else.
    Fix und fertig, antwortete Ehrenberg, der einen viel zu weiten grauen
Anzug anhatte und eine groe Zigarre mit den Zhnen festhielt. Erklrend wandte
er sich an Nrnberger. Wie Sie mich da sehen, fahr ich heute nach Korfu ...
vorlufig. Die Saison fangt an, und vor die Jours im Haus Ehrenberg is mir
mie.
    Es verlangt ja niemand, erwiderte Frau Ehrenberg mild, da du sie mit
deiner Gegenwart beehrst.
    Gut gibt sie das, sagte Ehrenberg und dampfte. Auf deine Jours mcht' ich
natrlich verzichten. Aber wenn ich grad an einem Donnerstag ruhig zu Haus
nachtmahlen mcht, und es sitzt in der einen Ecke ein Attach, in der andern ein
Husar, und dorten spielt einer seine eigenen Kompositionen zuguten vor, und
auf'm Divan hat einer Esprit, und am Fenster verabredet die Frau Oberberger ein
Rendezvous, mit wem sich's trefft ... so macht mich das nervs. Einmal vertragt
mans, ein anderes Mal nicht.
    Gedenken Sie den ganzen Winter fortzubleiben? fragte Nrnberger.
    Es wr' mglich. Ich hab nmlich die Absicht weiter zu fahren, nach
gypten, nach Syrien, wahrscheinlich auch nach Palstina. Ja, vielleicht ist es
nur, weil man lter wird, vielleicht weil man soviel vom Zionismus liest und
dergleichen, aber ich kann mir nicht helfen, ich mcht Jerusalem gesehen haben,
eh ich sterbe.
    Frau Ehrenberg zuckte die Achseln.
    Das sind Sachen, sagte Ehrenberg, die meine Frau nicht versteht, und
meine Kinder noch weniger. Was hast du davon, Else, du auch nicht. Aber wenn man
so liest, was in der Welt vorgeht, man mcht selber manchmal glauben, es gibt
fr uns keinen andern Ausweg.
    Fr uns? wiederholte Nrnberger. Ich habe bisher nicht die Beobachtung
gemacht, da Ihnen der Antisemitismus auffallend geschadet htte.
    Sie meinen, weil ich ein reicher Mann geworden bin? Wenn ich Ihnen sagen
mcht, ich mach mir nichts aus dem Geld, wrden Sie mir natrlich nicht glauben,
und Sie htten Recht. Aber wie Sie mich da sehen, ich schwr Ihnen, die Hlfte
von meinem Vermgen gb ich her, wenn ich die rgsten von unsern Feinden am
Galgen sh.
    Ich frchte nur, bemerkte Nrnberger, Sie wrden die Unrichtigen hngen
lassen.
    Die Gefahr ist nicht gro߫, erwiderte Ehrenberg, greifen Sie daneben,
erwischen Sie auch einen.
    Ich bemerke nicht zum erstenmal, lieber Herr Ehrenberg, da Sie dieser
Frage nicht mit der wnschenswerten Objektivitt gegenberstehen.
    Ehrenberg zerbi pltzlich seine Zigarre und legte sie mit wutzitternden
Fingern auf die Aschenschale. Wenn mir einer damit kommt ... und gar ...
entschuldigen Sie ... oder sind Sie vielleicht getauft ...? Man kann ja
heutzutag nicht wissen.
    Ich bin nicht getauft, erwiderte Nrnberger ruhig. Aber allerdings bin
ich auch nicht Jude. Ich bin lngst konfessionslos geworden; aus dem einfachen
Grunde, weil ich mich nie als Jude gefhlt habe.
    Wenn man Ihnen einmal den Zylinder einschlage auf der Ringstrae, weil Sie,
mit Verlaub, eine etwas jdische Nase haben, werden Sie sich schon als Jude
getroffen fhlen, verlassen Sie sich darauf.
    Aber Papa, was regst du dich denn so auf, sagte Else und strich ihm ber
den kahlen, rtlich glnzenden Schdel.
    Der alte Ehrenberg nahm ihre Hand, streichelte sie und fragte scheinbar ganz
unvermittelt: Werd ich brigens noch das Vergngen haben, meinen Herrn Sohn zu
sehen, bevor ich abreise?
    Frau Ehrenberg antwortete: Oskar kommt jedenfalls bald nach Hause.
    Es wird Sie sicher freuen zu erfahren, wandte sich Ehrenberg an
Nrnberger, da auch mein Sohn Oskar ein Antisemit ist.
    Frau Ehrenberg seufzte leise. Es ist eine fixe Idee von ihm, sagte sie zu
Nrnberger. berall sieht er Antisemiten, selbst in der eigenen Familie.
    Das ist die neueste Nationalkrankheit der Juden, sagte Nrnberger. Mir
selbst ist es bisher erst gelungen, einen einzigen echten Antisemiten kennen zu
lernen. Ich kann Ihnen leider nicht verhehlen, lieber Herr Ehrenberg, da der
ein bekannter Zionistenfhrer war.
    Ehrenberg hatte nur eine vielsagende Handbewegung.
    Demeter Stanzides und Willy Eiler traten ein und verbreiteten sofort
lebhaften Glanz um sich. Leicht und prchtig, eher wie ein Kostm, als wie ein
militrisches Kleid trug Demeter seine Uniform; Willy, in Smoking, stand lang,
bla und bernchtig da, hatte sofort die Fhrung des Gesprchs in der Hand und
seine Stimme, angenehm heiser, schwirrte befehlshaberisch und liebenswrdig
zugleich durch die Luft. Er erzhlte von den Vorbereitungen zu einer
Aristokratenvorstellung, der er, wie schon im vorigen Jahr, als Berater,
Regisseur und Mitwirkender beigezogen war, schilderte eine Sitzung der jungen
Herren, in der es, wenn man ihm glauben durfte, zugegangen war wie in einer
Versammlung von Schwachsinnigen, und gab ein komisches Gesprch zwischen zwei
Komtessen zum besten, deren Redeweise er kstlich zu imitieren wute. Ehrenberg
war durch Willy Eiler immer sehr amsiert. Die dunkle Empfindung, da dieser
ungarische Jude die ganze, ihm persnlich so verhate, Feudalbande in irgend
einer Weise berlistete und zum Narren hielt, erfllte ihn mit Hochachtung fr
den jungen Mann.
    Else sa am kleinen Tisch in der Ecke mit Demeter und lie sich ber die
Isle of Wight berichten.
    Sie waren mit Ihrem Freund dort? fragte sie, nicht wahr, mit dem Prinzen
Karl Friedrich.
    Mein Freund der Prinz? ... das stimmt nicht ganz, Frulein Else. Der Prinz
hat keinen Freund, und ich hab keinen. Wir sind beide nicht von der Art.
    Er mu ein interessanter Mensch sein, nach allem, was man hrt.
    Interessant, wei ich nicht einmal. Jedenfalls hat er ber mancherlei
nachgedacht, worber seinesgleichen sich sonst nicht viel Gedanken zu machen
pflegen. Vielleicht htte er auch allerlei leisten knnen, wenn man ihn htte
gewhren lassen. Na, wer wei, es ist vielleicht besser fr ihn, da sie ihn
kurz gehalten haben, fr ihn und am End auch frs Land. Einer allein kann ja
doch nichts machen. Nirgends und nie. Da ist's schon am besten, man lats gehen
und zieht sich zurck, wie er's getan hat.
    Else sah ihn etwas befremdet an. Sie sind ja heute so philosophisch, was
ist denn das? Mir scheint, der Willy Eiler hat Sie verdorben.
    Der Willy mich?
    Ja wissen Sie, Sie sollten nicht mit so gescheiten Leuten verkehren.
    Warum denn nicht?
    Sie sollten einfach jung sein, leuchten, leben, und dann, wenns halt nicht
weiter geht tun was Ihnen beliebt ... aber ohne ber sich und die Welt
nachzudenken.
    Das htten Sie mir frher sagen mssen, Frulein Else. Wenn man einmal
angefangen hat, gescheit zu werden ...
    Else schttelte den Kopf. Aber bei Ihnen wre es vielleicht zu vermeiden
gewesen, sagte sie ganz ernsthaft. Und dann muten beide lachen.
    Die Flammen des Lusters glhten auf. Georg von Wergenthin und Heinrich
Bermann waren eingetreten. Durch ein Lcheln Elses eingeladen, nahm Georg an
ihrer Seite Platz.
    Ich habs gewut, da Sie kommen werden, sagte sie unaufrichtig, aber
herzlich und drckte seine Hand. Da er ihr wieder gegenbersa nach so langer
Zeit, da sie sein anmutig stolzes Gesicht wiedersehen, seine etwas leise, aber
warme Stimme hren durfte, freute sie mehr, als sie geahnt hatte.
    Frau Wyner erschien; klein, hochrot, lustig und verlegen. Ihre Tochter Sissy
mit ihr. Im Hin und Her der Begrung lsten sich die Gruppen.
    Nun, haben Sie mir schon das Lied komponiert? fragte Sissy Georg mit
lachenden Augen und lachenden Lippen, spielte mit einem ihrer Handschuhe und
bewegte sich in ihrem dunkelgrnen schillernden Kleid wie eine Schlange.
    Ein Lied? fragte Georg. Er erinnerte sich wirklich nicht.
    Oder auch einen Walzer oder so was. Aber da Sie mir etwas widmen werden,
haben Sie mir versprochen. Whrend sie sprach, wanderten ihre Blicke umher. Sie
glhten in die Augen Willys, schmeichelten sich an Demeter vorbei, stellten an
Heinrich Bermann eine rtselhafte Frage. Es war, wie wenn Irrlichter durch den
Salon tanzten.
    Frau Wyner stand pltzlich neben ihrer Tochter, tief errtend: Sissy ist ja
so dumm ... was glaubst du denn, Sissy, der Baron Georg hat heuer wichtigeres zu
tun gehabt, als fr dich zu komponieren.
    O gewi nicht, sagte Georg hflich.
    Sie haben Ihren Vater begraben, das ist keine Kleinigkeit.
    Georg sah vor sich hin. Frau Wyner aber sprach unbeirrt weiter: Ihr Vater
war noch nicht alt, nicht wahr? Und ein so schner Mann ... ist es wahr, da er
Chemiker gewesen ist?
    Nein, erwiderte Georg gefat, er war Prsident der botanischen
Gesellschaft.
    Heinrich, einen Arm auf dem geschlossenen Klavierdeckel, sprach mit Else.
    Sie waren also doch in Deutschland? fragte sie.
    Ja, erwiderte Heinrich, es ist schon ziemlich lange her, vier, fnf
Wochen.
    Und wann fahren Sie wieder hin?
    Das wei ich nicht. Vielleicht nie.
    Ach, das glauben Sie selbst nicht. Was arbeiten Sie? setzte sie rasch
hinzu.
    Allerlei, entgegnete er. Ich bin in einer ziemlich unruhigen Zeit. Ich
entwerfe viel, aber ich mache nichts fertig. Das Vollenden interessiert mich
berhaupt selten. Offenbar bin ich innerlich zu rasch fertig mit den Dingen.
    Und den Menschen, fgte Else bei.
    Mag sein. Es ist nur das Unglck, da das Gefhl zuweilen an Menschen
weiter hngen bleibt, whrend der Verstand schon lngst nichts mehr mit ihnen zu
tun hat. Ein Dichter wenn Sie mir das Wort gestatten mte sich von jedem
zurckziehen, der fr ihn kein Rtsel mehr hat ... also besonders von jedem, den
er liebt.
    Es heit doch, wandte Else ein, da wir gerade diejenigen am wenigsten
kennen, die wir lieben.
    Das behauptet Nrnberger, aber es stimmt nicht ganz. Wre es wirklich so,
liebe Else, dann wre das Leben wahrscheinlich schner, als es ist. Nein,
diejenigen, die wir lieben, kennen wir sogar besser als wir andere kennen, nur
kennen wir sie mit Scham, mit Erbitterung und mit der Furcht, da auch andre sie
ebensogut kennen als wir. Lieben heit: Angst davor haben, da andern die Fehler
offenbar werden, die wir an dem geliebten Wesen entdeckt haben. Lieben heit: in
die Zukunft schauen knnen und diese Gabe verfluchen ... lieben heit: jemanden
so kennen, da man daran zugrunde geht.
    Else lehnte am Klavier, in ihrer damenhaft-kindlichen Art, neugierig
gelassen, und hrte ihm zu. Wie gut gefiel er ihr in solchen Augenblicken. Sie
htte ihm wieder trstend bers Haar streichen wollen wie damals auf dem See,
als er von der Liebe zu jener andern wie zerrissen war. Aber wenn er sich dann
pltzlich zurckzog, khl, trocken und wie ausgelscht erschien, da fhlte sie,
da sie mit ihm nie leben knnte, da sie ihm nach ein paar Wochen davonlaufen
mte ... mit einem spanischen Offizier oder einem Violinvirtuosen.
    Es ist gut, sagte sie, etwas gnnerhaft, da Sie mit Georg Wergenthin
verkehren. Er wird gnstig auf Sie wirken. Er ist ruhiger als Sie. Ich glaube ja
nicht, da er so begabt und gewi nicht, da er so klug ist wie Sie ...
    Was wissen Sie von seiner Begabung, unterbrach sie Heinrich beinahe grob.
    Georg trat hinzu und fragte Else, ob man heute nicht das Vergngen haben
werde, ein Lied von ihr zu hren. Sie hatte keine Lust. brigens studiere sie
hauptschlich Opernpartien in der letzten Zeit. Das interessiere sie mehr. Sie
sei doch eigentlich keine lyrische Natur. Georg fragte sie zum Scherz, ob sie
nicht vielleicht die geheime Absicht habe zur Bhne zu gehen.
    Mit dem bissel Stimme! sagte Else.
    Nrnberger stand neben ihnen. Das wre doch kein Hindernis, bemerkte er.
Ich bin sogar berzeugt, da sich sehr bald ein moderner Kritiker fnde, der
Sie gerade deswegen als bedeutende Sngerin ausriefe, Frulein Else, weil Sie
keine Stimme besitzen, der aber dafr irgend eine andere Gabe, zum Beispiel die
der Charakteristik bei Ihnen entdeckte. So wie es heutzutage namhafte Maler
gibt, die keinen Farbensinn haben, aber Geist; und Dichter von Ruf, denen zwar
nicht das geringste einfllt, denen es aber gelingt zu jedem Hauptwort das
falscheste Epitheton zu finden.
    Else merkte, da die Redeweise Nrnbergers Georg nervs machte und wandte
sich an diesen. Ich wollte Ihnen ja etwas zeigen, sagte sie und machte ein
paar Schritte zu der Notenetagere. Georg folgte ihr.
    Hier die Sammlung alt-italienischer Volkslieder. Ich mchte, da Sie mir
die wertvollsten bezeichnen. Ich selber verstehe doch nicht genug davon.
    Ich begreife gar nicht, sagte Georg leise, da Sie Menschen wie diesen
Nrnberger in Ihrer Nhe ertragen. Er verbreitet einen wahren Dunstkreis von
Mitrauen und belwollen um sich.
    Das hab ich Ihnen schon fters gesagt, Georg, ein Menschenkenner sind Sie
nicht. Was wissen Sie denn berhaupt von ihm? Er ist anders, als Sie glauben.
Fragen Sie nur einmal Ihren Freund Heinrich Bermann.
    O ich wei ja, da der auch fr ihn schwrmt, erwiderte Georg.
    Ihr sprecht von Nrnberger? fragte Frau Ehrenberg, die eben dazutrat.
    Der Georg kann ihn nicht leiden, sagte Else in ihrer beilufigen Art.
    Da tun Sie aber sehr Unrecht daran; haben Sie berhaupt je was von ihm
gelesen?
    Georg schttelte den Kopf.
    Nicht einmal seinen Roman, der vor fnfzehn oder sechzehn Jahren so groes
Aufsehen gemacht hat? Das ist ja beinah eine Schand! Neulich haben wir ihn dem
Hofrat Wilt geliehen. Ich sag Ihnen, der war paff, wie in dem Buch eigentlich
schon das ganze heutige sterreich vorausgeahnt ist.
    So, so, sagte Georg ohne berzeugung.
    Sie knnen sich gar nicht vorstellen, fuhr Frau Ehrenberg fort, mit
welchem Jubel Nrnberger damals begrt worden ist. Man knnte sagen, alle Tore
sind vor ihm aufgesprungen.
    Vielleicht war ihm das genug, bemerkte Else nachdenklich altklug.
    Heinrich stand am Klavier im Gesprch mit Nrnberger und bemhte sich, wie
er es oftmals tat, ihn zu einer neuen Arbeit oder zu einer Herausgabe lterer
Schriften zu bestimmen.
    Nrnberger wehrte ab. Der Gedanke, seinen Namen wieder in die ffentlichkeit
gezerrt zu sehen, im literarischen Wirbel der Zeit mitzutreiben, der ihm
widerlich und albern zugleich erschien, erfllte ihn geradezu mit Schaudern. Er
hatte keine Lust, da mit zu konkurrieren. Wozu? Cliquenwirtschaft, die sich kein
Mntelchen mehr umnahm, war berall am Werke. Gab es noch ein tchtig, ehrlich
strebendes Talent, das nicht jeden Augenblick gefat sein mute, in den Kot
gezogen zu werden; war noch ein Flachkopf zu finden, der sich nicht ausweisen
konnte, in irgend einem Blttchen als Genie erklrt worden zu sein? Hatte Ruhm
in diesen Tagen noch das geringste mit Ehre zu tun? Und bersehen, vergessen
werden, war das auch nur ein Achselzucken des Bedauerns wert? Und wer konnte am
Ende wissen, welche Urteile sich in der Zukunft als die richtigen erweisen
wrden? Waren nicht die Trpfe wirklich die Genies und die Genies die Trpfe? Es
war lcherlich, sich mit dem Einsatz seiner Ruhe ja seiner Selbstachtung in ein
Spiel einzulassen, in dem auch der hchstmgliche Gewinn keine Befriedigung
versprach.
    Gar keine? fragte Heinrich. Ich will Ihnen ja allerlei preisgeben, Ruhm,
Reichtum, Wirkung in die Weite; aber da man, weil alle diese Gter zweifelhaft
sind, auch auf etwas so Unzweifelhaftes verzichten soll, wie es die Augenblicke
des innern Kraftgefhls sind ...
    Inneres Kraftgefhl! Warum sagen Sie nicht gleich Seligkeit des Schaffens?
...
    Gibts, Nrnberger!
    Mag sein. Ich glaube mich sogar zu erinnern, vor sehr langer Zeit
gelegentlich selbst irgend was derart empfunden zu haben ... Nur ist mir, Sie
wissen es ja, die Fhigkeit, mich selbst zu betrgen, im Lauf der Jahre vllig
abhanden gekommen.
    Das glauben Sie vielleicht nur, erwiderte Heinrich. Wer wei, ob es nicht
gerade diese Fhigkeit des Sichselbstbetrgens ist, die Sie im Laufe der Zeit am
strksten in sich ausgebildet haben!
    Nrnberger lachte. Wissen Sie, wie mir zu Mute ist, wenn ich Sie so reden
hre? Ungefhr wie einem Fechtmeister, der von seinem eigenen Schler einen
Stich ins Herz bekommt.
    Und nicht einmal von seinem besten, sagte Heinrich.
    Pltzlich erschien in der Tre Herr Ehrenberg, zur Verwunderung seiner Frau,
die ihn schon auf dem Wege zur Bahn vermutet hatte. Er fhrte eine junge Dame an
der Hand, die einfach schwarz gekleidet war und das Haar nach einer verflossenen
Mode auffallend hoch frisiert trug. Ihre Lippen waren voll und rot, die Augen in
dem lebendig blassen Gesicht blickten klar und hart.
    Kommen Sie nur, sagte Ehrenberg mit einiger Bosheit in den kleinen Augen
und fhrte den Gast geradewegs zu Else, die eben mit Stanzides plauderte. Hier
bring ich dir einen Besuch.
    Else streckte ihr die Hand entgegen. Das ist aber nett. Sie stellte vor:
Herr Demeter Stanzides. Frulein Therese Golowski.
    Therese nickte kurz und lie eine Weile ihren Blick auf ihm ruhen,
unbefangen, als betrachtete sie ein schnes Tier.
    Dann wandte sie sich an Else: Wenn ich gewut htte, da Ihr so groe
Gesellschaft habt ...
    Wissen Sie, wie die ausschaut? sagte Stanzides leise zu Georg, wie eine
russische Studentin, nicht wahr?
    Georg nickte. Ungefhr. Ich kenn sie. Es ist eine Institutsfreundin von
Frulein Else, und jetzt, denken Sie sich, spielt sie eine fhrende Rolle bei
den Sozialisten. Neulich ist sie sogar gesessen, wegen Majesttsbeleidigung,
glaub ich.
    Ja, mir scheint, ich hab so was gelesen, erwiderte Demeter. So eine Art
von Geschpf sollte man wirklich einmal nher kennen lernen. Hbsch ist sie. Ein
Gesicht wie aus Elfenbein.
    Und viel Energie liegt in den Zgen, fgte Georg hinzu. Ihr Bruder ist
brigens auch ein merkwrdiger Mensch. Klavierspieler und Mathematiker. Ich hab
ihn neulich kennen gelernt. Und der Vater soll ein zugrund gegangener jdischer
Fellhndler sein.
    Es ist schon eine sonderbare Rass', bemerkte Demeter.
    
    Indessen war Frau Ehrenberg auf Therese zugekommen und hielt es fr richtig,
keinerlei berraschung zu zeigen. Nehmen Sie doch Platz, Therese, sagte sie.
Wie gehts Ihnen denn immer? Seit Sie sich ins politische Leben begeben haben,
kmmern Sie sich ja um Ihre frheren Bekannten gar nicht mehr.
    Ja leider lt mir mein Beruf wenig Zeit, Familienverkehr zu pflegen,
erwiderte Therese und schob ihr Kinn vor, was ihr Antlitz pltzlich mnnlich und
beinah hlich machte.
    Frau Ehrenberg schwankte, ob sie etwas von der abgelaufenen Kerkerhaft
Theresens erwhnen sollte oder nicht. Immerhin war zu bedenken, da es kaum ein
anderes Haus in Wien gab, wo Damen verkehrten, die kurz zuvor eingesperrt waren.
    Wie gehts denn deinem Bruder? fragte Else.
    Er dient heuer, antwortete Therese. Du kannst dir ja ungefhr denken,
wie's ihm da geht ... und sie warf einen ironischen Blick auf die
Husarenuniform Demeters.
    Da kommt er wohl nicht viel zum Klavierspielen, sagte Frau Ehrenberg.
    Ach er denkt gar nicht mehr daran, Pianist zu werden, erwiderte Therese.
Er steckt ganz in der Politik. Und sich lchelnd zu Demeter wendend fgte sie
hinzu: Sie werden ihn doch nicht verraten, Herr Oberleutnant.
    Stanzides lachte etwas verlegen.
    Was heit das: Politik? fragte Herr Ehrenberg. Will er Minister werden?
    In sterreich keineswegs, erwiderte Therese. Er ist nmlich Zionist.
    Was!? rief Ehrenberg aus, und sein Gesicht strahlte.
    Das ist allerdings ein Gebiet, auf dem wir uns nicht ganz verstehen,
setzte Therese hinzu.
    Liebe Therese ..., begann Ehrenberg.
    Du wirst den Zug versumen, unterbrach ihn seine Frau.
    Ich werd den Zug nicht versumen, und morgen geht auch noch einer. Liebe
Therese, ich sage nur: es soll jeder nach seiner Fasson selig werden. Aber in
dem Fall ist Ihr Bruder der Gescheitere und nicht Sie. Entschuldigen Sie, ich
bin vielleicht ein Laie in politischen Dingen, aber ich versichere Sie, Therese,
es wird euch jdischen Sozialdemokraten geradeso ergehen, wie es den jdischen
Liberalen und Deutschnationalen ergangen ist.
    Inwiefern? fragte Therese hochmtig. Inwiefern wird es uns geradeso
ergehen?
    Inwiefern ...? das werd ich Ihnen gleich sagen. Wer hat die liberale
Bewegung in sterreich geschaffen? ... Die Juden! ... Von wem sind die Juden
verraten und verlassen worden? Von den Liberalen. Wer hat die deutschnationale
Bewegung in sterreich geschaffen? Die Juden. Von wem sind die Juden im Stich
gelassen ... was sag ich im Stich gelassen ... bespuckt worden wie die Hund'?
... von den Deutschen! Und geradeso wirds ihnen jetzt ergehen mit dem
Sozialismus und dem Kommunismus. Wenn die Suppe erst aufgetragen ist, so jagen
sie euch vom Tisch. Das war immer so und wird immer so sein.
    Wir wollens abwarten, erwiderte Therese ruhig.
    Georg und Demeter blickten einander an, wie zwei Freunde, die gemeinsam auf
eine Insel verschlagen worden sind. Oskar, der gerade whrend der Rede seines
Vaters eingetreten war, hatte schmale Lippen und war sehr verlegen. Allen aber
schien es eine Art Befreiung, als Ehrenberg pltzlich auf die Uhr sah und sich
empfahl.
    Wir werden ja heut doch nicht mehr einig, sagte er zu Therese.
    Therese lchelte: Kaum. Glckliche Reise und noch einmal im Namen ...
    Pst, sagte Ehrenberg und verschwand.
    Wofr dankst du eigentlich dem Papa? fragte Else sie leise.
    Fr eine Spende, um die ich ihn unverschmterweise bitten kam. Aber es gibt
sonst keinen reichen Mann in meinem Bekanntenkreis. ber den Zweck zu reden bin
ich nicht berechtigt.
    Frau Ehrenberg trat zu Bermann und Nrnberger hin, die ber den
Klavierdeckel hinweg mit einander sprachen, und sagte leise: Sie wissen doch,
da sie ..., sie wies mit den Augen auf Therese, eben aus dem Gefngnis
entlassen worden ist?
    Ich habe davon gelesen, erwiderte Heinrich ...
    Nrnberger kniff die Augen zusammen und warf einen Blick auf die Gruppe in
der Ecke, wo die drei Mdchen mit Stanzides und Willy Eiler plauderten, und
schttelte den Kopf. Was fr eine Bosheit unterdrcken Sie? fragte Frau
Ehrenberg.
    Ich denke eben, wie leicht es sich htte fgen knnen, da Frulein Else
zwei Monate im Gefngnis htte schmachten mssen, und da Frulein Therese in
einem eleganten Salon als Tochter des Hauses Cercle hielte.
    Leicht fgen ...?
    Herr Ehrenberg hat Glck gehabt, Herr Golowski Pech ... das ist vielleicht
der ganze Unterschied.
    Na hren Sie, Nrnberger, sagte Heinrich, Sie werden das Individuelle
doch nicht vollkommen aus der Welt leugnen wollen ... Else und Therese sind doch
ziemlich verschiedene Naturen.
    Das denke ich auch, bemerkte Frau Ehrenberg.
    Nrnberger zuckte die Achseln. Beide sind junge Mdchen, recht begabt,
recht hbsch ... alles brige ist wie bei den meisten jungen Damen und wohl bei
den meisten Menschen, mehr oder weniger angeflogen.
    Heinrich schttelte lebhaft den Kopf. Nein, nein, sagte er, so einfach
ist das Leben doch nicht.
    Es ist darum nicht einfacher, lieber Heinrich.
    Frau Ehrenbergs Blick war auf die Tr gerichtet und leuchtete. Felician war
eben eingetreten. Mit nachtwandlerischer Sicherheit ging er auf die Hausfrau zu
und kte ihr die Hand. Ich habe eben das Vergngen gehabt, Herrn Ehrenberg auf
der Stiege zu begegnen ... Er fhrt nach Corfu, wie er mir sagt. Dort mu es
jetzt wunderschn sein.
    Sie kennen Corfu?
    Ja, gndige Frau, eine Kindheitserinnerung. Er begrte Nrnberger und
Bermann, und sie redeten alle ber den Sden, nach dem Bermann sich sehnte und
an den Nrnberger nicht glaubte.
    Georg drckte seinem Bruder zur Begrung und zugleich zum Abschied die
Hand. Wie er, unauffllig durch die offene Tr des Speisezimmers verschwindend,
sich noch einmal umsah, bemerkte er Marianne, die in der entferntesten Ecke des
Salons sa und ihm mit dem Lorgnon spttisch nachblickte. Es war immer die
rtselhafte Gabe dieser Frau gewesen, pltzlich da zu sein, ohne da man wute,
wo sie herkam. Noch auf der Stiege trat ihm eine verschleierte Dame in den Weg.
Eilen Sie doch nicht so, sie kann schon noch einen Moment warten, sagte sie.
Man darf die Frauen berhaupt nicht so verwhnen ... Ob Sie's auch so eilig
htten, wenn Sie zu einem Rendezvous mit mir gingen ...? Aber davon wollen ja
Sie nichts wissen. Wahrscheinlich, weil Sie Angst haben, da Sie mein Mann
niederschiet, wenn er aus Stockholm zurckkommt, das heit, heute ist er wohl
schon in Kopenhagen. Aber er setzt vollkommenes Vertrauen in mich. Mit Recht
brigens. Denn ich kann Ihnen schwren, weiter als bis zu einem Ku auf die Hand
... nein, um nicht zu lgen, auf diesen Hals, hat es noch niemand gebracht. Sie
glauben gewi auch, da ich mit dem Stanzides ein Verhltnis gehabt habe? Nein,
der wre nichts fr mich! Schne Mnner sind mir berhaupt ein Graus. Auch an
Ihrem Bruder Felician kann ich nichts finden ...
    Es war nicht abzusehen, wann die verschleierte Dame zu reden aufhren wrde,
denn es war Frau Oberberger. Bei andern Frauen htte das gleiche Benehmen ein
gewisses Entgegenkommen bedeutet, nicht so bei ihr, der man, so zweifelhaft ihre
ganze Art erscheinen mochte, noch nie einen Liebhaber hatte nachsagen knnen.
Sie lebte in einer sonderbaren, aber anscheinend glcklichen, kinderlosen Ehe.
Ihr schner und glnzender Gemahl, Geologe von Beruf, hatte in frherer Zeit
Entdeckungsreisen unternommen, wobei er, wie Hofrat Wilt behauptete, nicht so
sehr auf die Unerforschtheit der betreffenden Landstriche als auf gute
Fahrgelegenheiten und einwandfreie Kche Wert gelegt haben sollte. Seit einigen
Jahren aber begab er sich nur mehr auf Reisen, um Vortrge zu halten und Frauen
zu erobern. Wenn er wieder daheim war, lebte er mit seiner Gattin in bester
Kameradschaft. Schon manchmal, aber immer flchtig, hatte Georg die Mglichkeit
eines Verhltnisses mit Frau Oberberger erwogen. Er war sogar einer von jenen,
die ihren Hals gekt hatten, woran sie sich wahrscheinlich selbst nicht mehr
erinnerte. Und als sie jetzt den Schleier zurckschlug, lie Georg wieder einmal
den Reiz dieses nicht mehr ganz jugendlichen, aber anmutig-bewegten Gesichts mit
Vergngen auf sich wirken. Er wollte ihr ins Wort fallen, sie aber sprach
weiter: Wissen Sie, da Sie sehr bla sind? Sie mssen ein nettes Leben fhren.
Was ist das brigens fr ein Weib, durch das Sie mir diesmal entrissen werden?
    Hofrat Wilt, unhrbar wie meistens, stand pltzlich neben ihnen. Beilufig,
berlegen und galant warf er hin: K die Hand schne Frau, gr Sie Gott Baron
... und wollte weiter.
    Frau Oberberger aber fand es angemessen, ihm vorerst noch mitzuteilen, da
Baron Georg sich soeben zu einer Orgie begebe, wie das so seine Art sei, dann
folgte sie dem Hofrat in den zweiten Stock, auf die Gefahr hin, wie sie
bemerkte, da man ihn, wenn er zugleich mit ihr bei Ehrenbergs erschiene, fr
ihren fnfundneunzigsten Liebhaber halten wrde.
    Es war sieben Uhr, als Georg sich endlich in einen Wagen setzen konnte, um
nach Mariahilf zu fahren. Er fhlte sich von den zwei Stunden bei Ehrenbergs
geradezu abgespannt, und mehr noch als sonst freute er sich auf das Zusammensein
mit Anna, das ihm bevorstand. Seit jenem Vormittag in der Miniaturenausstellung
hatten sie einander beinahe tglich gesehen; in Grten, in Bildergalerien, bei
ihr zu Hause. Meist unterhielten sie sich ber die kleinen Begebenheiten ihres
Daseins, oder plauderten von Bchern und Musik. Von vergangenen Zeiten sprachen
sie nicht oft; und wenn es geschah, ohne Mitrauen und Zweifel. Denn noch waren
die Abenteuer, aus denen Georg kam, fr Anna nicht vom bengstigenden Dufte des
Geheimnisvollen umwoben; und da sie selbst schon manche schwrmerische Neigung
empfunden hatte, vernahm Georg aus ihren scherzenden Andeutungen heiter,
unbesorgt, ja ohne weiter zu fragen. In einem menschenleeren Saal der
Liechtensteingalerie hatte er sie vor acht Tagen zum erstenmal gekt, und von
diesem Augenblick an nannte Anna ihn du, als wre eine fremdere Anrede ihr von
nun an wie etwas Lgenhaftes erschienen.
    Der Wagen hielt an einer Straenecke. Georg stieg aus, zndete sich eine
Zigarette an und ging auf und ab, dem Hause gegenber, aus dem Anna kommen
mute.
    Nach wenigen Minuten schon trat sie aus dem Tor. Er eilte ber die Strae
ihr entgegen, und beglckt kte er ihr die Hand. Wie gewhnlich, weil sie auf
ihren Fahrten meist zu lesen pflegte, hatte sie ein Buch mit sich, in einem
Einband von gepretem Leder.
    Es ist ja khl, Anna, sagte Georg, nahm ihr das Buch aus der Hand und half
ihr in die Jacke, die sie ber dem Arm getragen hatte.
    Ich habe mich nmlich ein bichen versptet, sagte sie und war sehr
ungeduldig, dich zu sehen. Ja, setzte sie lchelnd hinzu, man hat auch seine
Temperamentsausbrche. Was sagst du denn zu meinem neuen Kostm, fragte sie,
indem sie weiterspazierten.
    Steht dir sehr gut.
    In meiner Lektion hat man gefunden, ich she aus wie eine Hofdame.
    Wer hat das gefunden?
    Frau Bittner selbst, und ihre beiden Tchter, die ich unterrichte.
    Ich wrde lieber sagen: wie eine Erzherzogin.
    Anna nickte befriedigt.
    Also jetzt erzhl mir Anna, was du seit gestern alles erlebt hast.
    Ernsthaft begann sie. Um zwlf, nachdem ich mich am Haustor von dir
getrennt, Mittagessen im Familienkreis. Nachmittag ein wenig geruht und an dich
gedacht. Von vier bis halb sieben Schlerinnen bei mir, dann gelesen, grner
Heinrich und Abendblatt. Zu faul, um noch auf die Strae zu gehen, im Hause
herumgetrenderlt. Nachtmahl. Die bliche husliche Szene.
    Bruder? fragte Georg.
    Sie antwortete mit einem ja, das weitere Fragen abschnitt. Nach dem
Nachtmahl ein bichen musiziert ... sogar zu singen versucht.
    Warst du zufrieden?
    Fr mich reicht es ja immer aus, sagte sie, und Georg glaubte eine leichte
Traurigkeit im Klang ihrer Worte zu vernehmen.
    Rasch berichtete sie weiter: Um halb elf im Bett gelegen, gut geschlafen,
um acht Uhr frh auf ... man kann ja bei uns nicht lnger liegen ... Toilette
gemacht bis halb zehn, bis elf im Haus herum ...
    ... getrenderlt, ergnzte Georg.
    Richtig. Dann zu Weils, den Buben unterrichtet.
    Wie alt ist der eigentlich? fragte Georg.
    Dreizehn, erwiderte Anna mit einem komisch-bedenklichen Gesicht.
    Na das ist wirklich nicht so jung.
    Gewi nicht, sagte Anna. Aber erfahre zu deiner Beruhigung, da er seine
Tante Adele liebt, eine zarte Blondine von dreiunddreiig Jahren und vorlufig
nicht daran denkt, ihr die Treue zu brechen ... Also Fortsetzung der Chronik. Um
halb zwei zu Hause angelangt, allein gegessen Gott sei Dank, Papa schon im
Bureau, Mama in schlafendem Zustand. Von drei bis vier wieder geruht, noch mehr
und noch bedeutender an dich gedacht, als gestern, dann Besorgungen in der
Stadt, Handschuhe, Sicherheitsnadeln und etwas fr Mama, und endlich mit der
Tramway lesend nach Mariahilf herausgefahren zu den zwei Bittner Fratzen ... So
nun weit du alles. Zufriedenstellend?
    Abgesehen von dem dreizehnjhrigen Jngling.
    Also ich gebe ja zu, da das beunruhigend sein mag, aber jetzt wollen wir
einmal hren, ob du mir nicht dsterere Gestndnisse zu machen hast.
    Sie waren in einer schmalen, stillen Gasse, die Georg ganz fremd vorkam, und
Anna nahm seinen Arm.
    Ich komme eben von Ehrenbergs, begann er.
    Nun, fragte Anna, hat man dich sehr zu umstricken gesucht?
    Das kann ich eben nicht sagen. Man schien sogar ein wenig froissiert, da
ich diesen Sommer gar nicht im Auhof war, setzte er hinzu.
    Hat Klein-Elschen sich produziert? fragte Anna weiter.
    Nein. Was sich nach meinem Fortgehen ereignet haben mag, das wei ich
natrlich nicht.
    Jetzt wirds ja wohl nicht mehr der Mhe wert sein, sagte Anna mit
berquellendem Spott.
    Du irrst dich, Anna. Es sind Leute oben, fr die zu singen es sich sehr
verlohnte.
    Wer denn?
    Heinrich Bermann, Willy Eiler, Demeter Stanzides ...
    O, Stanzides! rief Anna aus. Jetzt tut es mir eigentlich leid, da ich
nicht auch oben war.
    Mir scheint, sagte Georg, das ist nicht so spahaft gemeint als gesagt.
    Gewi nicht, erwiderte Anna. Ich finde diesen Demeter zum Totschieen
schn.
    Georg schwieg ein paar Sekunden und pltzlich, erregter als es sonst seine
Art war, fragte er: Ist es am Ende er? ...
    Was fr ein Er?
    Der, den du ... mehr geliebt hast als mich!
    Sie lchelte, drngte sich fester an ihn und erwiderte einfach, aber doch
ein bichen spttisch: Sollt ich wirklich jemanden lieber gehabt haben als
dich?
    Du hast es mir ja selber gestanden, erwiderte Georg.
    Ich hab dir aber auch gestanden, da ich mit der Zeit dich mehr lieben
werde, als ich je einen andern geliebt habe, oder lieben knnte.
    Weit du das ganz bestimmt, Anna?
    Ja, Georg, das wei ich ganz bestimmt.
    Sie waren wieder in einer belebteren Strae, und unwillkrlich lsten sie
die Arme. Sie blieben vor verschiedenen Auslagen stehen, entdeckten unter einem
Haustor den Glaskasten eines Photographen und waren sehr belustigt von der
mhselig-ungezwungenen Haltung, in der hier Jubelpaare,
Kadettoffiziersstellvertreter, Kchinnen im Sonntagsstaat und fr den Maskenball
kostmierte Damen aufgenommen waren.
    Georg, in leichterm Tone, fragte wieder: Also war es Stanzides?
    Aber was fllt dir denn ein. Ich hab in meinem Leben keine hundert Worte
mit ihm gesprochen.
    Sie spazierten weiter.
    Also doch Leo Golowski? fragte Georg.
    Sie schttelte den Kopf und lchelte. Das war die Jugendliebe, erwiderte
sie, das gilt berhaupt nicht. brigens mcht ich das 16jhrige Mdel kennen,
das sich auf dem Land nicht in einen schnen Jngling verliebt htte, der sich
mit einem veritabeln Grafen schlgt und dann acht Tage mit dem Arm in der
Schlinge herumspaziert.
    Aber er hat es doch nicht deinetwegen getan, sondern sozusagen fr die Ehre
seiner Schwester.
    Fr Theresens Ehre? Wie kommst du auf die Idee?
    Du hast mir doch erzhlt, da der junge Mensch Therese im Walde
angesprochen hatte, whrend sie die Emilia Galotti studierte.
    Ja das ist schon wahr. brigens hat sie sich ganz gern ansprechen lassen.
Dem Leo war es aber nur deswegen zuwider, weil der junge Graf zu einer
Gesellschaft von jungen Leuten gehrt hat, die sich wirklich ziemlich frech und
halt ein bissel antisemitisch benommen haben. Und wie Therese einmal mit ihrem
Bruder am See spazieren geht und der Graf kommt daher und redet Therese an wie
eine gute Bekannte und murmelt nur so beilufig fr Leo seinen Namen, da hat Leo
ein Buckerl gemacht und sich ihm mit den Worten vorgestellt: Leo Golowski, Jd
aus Krakau. Was es weiter gegeben hat, wei ich nicht genau. Es ist zu einem
Wortwechsel gekommen, und am nchsten Tag war dann das Duell in Klagenfurt in
der Kavalleriekaserne.
    Da hab ich doch recht, beharrte Georg spttisch, fr die Ehre seiner
Schwester hat er sich geschlagen.
    Nein, sag ich dir. Ich bin ja dabei gewesen, wie er spter einmal mit
Therese ber die Geschichte gesprochen und ihr gesagt hat: Von mir aus kannst du
tun, was dir Spa macht, kannst dir den Hof machen lassen, von wem du willst
...
    Nur ein Jud mu es halt sein ..., ergnzte Georg.
    Anna schttelte den Kopf. So ist er wirklich nicht.
    Ich wei߫, erwiderte Georg mild. Wir sind ja sehr gute Freunde geworden in
der letzten Zeit, dein Leo und ich. Gestern Abend erst sind wir wieder im
Kaffeehaus zusammen gewesen, und er war wirklich sehr herablassend zu mir. Ich
glaube, mir verzeiht er sogar meine Abstammung. Im brigen hab ich dir noch gar
nicht erzhlt, da auch Therese heute bei Ehrenbergs oben war. Und er
berichtete von dem Erscheinen des jungen Mdchens im Salon Ehrenberg und von dem
Eindruck, den sie auf Demeter gemacht hatte.
    Anna lchelte vergngt dazu.
    Spter, whrend sie wieder in einer stilleren Strae Arm in Arm spazierten,
begann Georg von neuem: Jetzt wei ich aber noch immer nicht, wer die groe
Liebe gewesen ist.
    Anna schwieg und sah vor sich hin.
    Nun, Anna! Du hast mir ja versprochen, nicht wahr?
    Ohne ihn anzusehen, erwiderte sie: Wenn du nur ahntest, wie sonderbar mir
heute die Geschichte vorkommt.
    
    Warum sonderbar?
    Weil der, nach dem du fragst, eigentlich ein alter Mann gewesen ist.
    Fnfunddreiig, scherzte Georg, nicht wahr?
    Sie schttelte ernsthaft den Kopf. Er war achtundfnfzig oder sechzig.
    Und du? fragte Georg langsam.
    Im Sommer waren es zwei Jahre. Einundzwanzig war ich damals.
    Georg blieb pltzlich stehen. Nun wei ich es, dein Gesangslehrer war es.
Nicht wahr?
    Anna antwortete nicht.
    Also wirklich, sagte Georg, ohne sich eigentlich zu wundern, denn es war
ihm nicht unbekannt, da sich in den berhmten Meister, trotz seiner grauen
Haare, alle Schlerinnen verliebten.
    Und den, fragte Georg, hast du am meisten geliebt von allen Menschen, die
dir begegnet sind?
    Seltsam, nicht wahr? Aber es ist doch so ...
    Hat er es gewut?
    Ich glaub schon.
    Sie waren auf einen ausgeweiteten Platz gekommen mit einer kleinen
Gartenanlage, die nur sprlich beleuchtet war. Hinten erhob sich rtlich
schimmernd eine Kirche. Dorthin, als zg es sie an einen stillern Ort, wandelten
sie unter dunkeln, leise schwankenden sten.
    Und was ist denn eigentlich zwischen euch vorgefallen, wenn man fragen
darf?
    Anna schwieg, und Georg hielt in diesem Augenblick alles fr mglich.
Selbst, da Anna die Geliebte jenes Menschen gewesen wre. Aber innerhalb des
Unbehagens, das er bei diesem Gedanken empfand, regte sich leise und kaum bewut
der Wunsch in ihm, seine Befrchtung besttigt zu hren. Denn wie leicht und
verantwortungslos lie dies Abenteuer sich an, wenn Anna schon einem andern
gehrt hatte, eh sie die Seine wurde.
    Ich will dir die ganze Geschichte erzhlen, sagte Anna endlich. Sie ist
wirklich nicht so schrecklich.
    Also? fragte Georg, seltsam gespannt.
    Einmal nach der Stunde, begann Anna zgernd, hat er mir galant in die
Jacke hineingeholfen. Und pltzlich hat er mich an sich gezogen und mich umarmt
und gekt.
    Und du ...?
    Ich ... ich war ganz berauscht.
    Berauscht ...
    Ja, es war etwas Unbeschreibliches. Er hat mich auf die Stirn gekt und
auf den Mund und aufs Haar ... und dann hat er meine Hand genommen und hat
allerlei Worte gemurmelt, die ich gar nicht recht gehrt hab ...
    Und ...
    Und dann ... dann waren Stimmen daneben ... er hat meine Hand losgelassen
... und es war aus.
    Aus?
    Ja, aus. Selbstverstndlich war es aus.
    Gar so selbstverstndlich find ich das eigentlich nicht. Du hast ihn doch
wiedergesehen.
    Freilich, ich hab ja weiter bei ihm gelernt.
    Und ...?
    Ich sag dir doch, es war aus ... vollkommen, als wr berhaupt nie was
gewesen.
    Georg wunderte sich, da er sich beruhigt fhlte. Und er hat nie wieder den
Versuch gemacht? fragte er.
    Nie wieder. Es wre auch lcherlich gewesen. Und da er sehr klug war, hat
er das selbst ganz gut gewut. Vorher, es ist ja wahr, hatt ich ihn sehr
geliebt. Aber nach diesem Vorfall war er nichts andres mehr fr mich, als mein
alter Lehrer. Gewissermaen sogar lter, als er in Wirklichkeit war. Ich wei
nicht, ob du das so ganz verstehen kannst. Es war, als ob er den ganzen Rest
seiner Jugend verschwendet htte in jenem Augenblick.
    Ich verstehe es ganz gut, sagte Georg. Er glaubte ihr und liebte sie mehr
als frher. Sie traten in die Kirche. Es war fast dunkel in dem weiten Raum. Nur
vor einem Seitenaltar brannten trbe Kerzen, und drben, hinter einer kleinen
Heiligenstatue, schimmerte ein armes Licht. Ein breiter Strom von Weihrauchduft
flo zwischen Wlbung und Steinfliesen hin. Der Mener ging umher und klapperte
leise mit den Schlsseln. In den Bnken rckwrts, regungslos, dmmerten
Gestalten. Langsam schritt Georg mit Anna vorwrts und fhlte sich wie ein
junger Gatte auf Reisen, der mit seiner jungen Frau eine Kirche besichtigt. Er
sagte es Anna. Sie nickte nur. Es wr aber noch viel schner, flsterte Georg,
whrend sie eng aneinander geschmiegt vor der Kanzel standen, wenn man wirklich
miteinander irgendwo in der Fremde wre ...
    Sie sah ihn an, wie beglckt und doch wie fragend; und er erschrak ber
seine eigenen Worte. Wenn Anna sie als ernsthafte Aufforderung oder gar als eine
Art von Werbung aufgefat htte? War er nicht verpflichtet sie aufzuklren, da
sie nicht so gemeint waren? ... Ein Gesprch fiel ihm ein, von neulich, als sie
an einem windig-regnerischen Tag unter dem Schirm eingehngt ber die Linie
hinaus gegen Schnbrunn spaziert waren. Er hatte ihr den Vorschlag gemacht, mit
ihm in die Stadt zu fahren und in irgend einem abgeschiedenen Gasthauszimmer mit
ihm zu nachtmahlen; sie mit jener Frostigkeit, in der ihr ganzes Wesen manchmal
erstarrte, hatte darauf erwidert: fr solche Sachen bin ich nicht. Er hatte
nicht weiter in sie gedrungen. Doch eine Viertelstunde spter, allerdings im
Lauf einer Unterhaltung ber Georgs Lebensfhrung, aber vieldeutig lchelnd
hatte sie die Worte zu ihm gesprochen: Du hast keine Initiative, Georg. Und in
diesem Augenblick war ihm pltzlich gewesen, als tten sich Untiefen ihrer Seele
auf, niemals vermutete und gefhrliche, vor denen es gut war, sich in acht zu
nehmen. Daran mute er jetzt wieder denken. Was mochte in ihr denn vorgehen? ...
Was wnschte sie und worauf war sie gefat? ... Und was wnschte, was ahnte er
selbst? Das Leben war ja so unberechenbar. War es nicht sehr gut mglich, da er
wirklich einmal mir ihr drauen in der Welt herumreisen, eine Zeit des Glcks
mit ihr durchleben ... und endlich von ihr scheiden wrde, wie er von mancher
andern geschieden war? Doch wenn er an das Ende dachte, das jedenfalls kommen
mute, ob es nun der Tod bringen mochte oder das Leben selbst, so fhlte er es
wie ein gelindes Weh im Herzen ... Noch immer schwieg sie. Fand sie wieder, da
es ihm an Initiative fehlte? ... Oder dachte sie vielleicht: Es wird mir ja doch
gelingen, ich werde seine Frau sein ...?
    Da fhlte er ihre Hand ganz leise ber die seine streichen, mit einer ihm
wie neuen, sehr wohltuenden Zrtlichkeit. Du, Georg, sagte sie.
    Was denn? fragte er.
    Wenn ich fromm wre, erwiderte sie, mcht ich jetzt um was beten.
    Um was? fragte Georg beinahe ngstlich.
    Da was aus dir wird, Georg. Was sehr Bedeutendes! Ein wirklicher, ein
groer Knstler.
    Unwillkrlich blickte er zu Boden, wie in Beschmung, da ihre Gedanken um
soviel reinere Wege gegangen waren als die seinen.
    Ein Bettler hielt den dicken, grnen Vorhang offen, Georg gab dem Mann ein
Geldstck; sie waren im Freien. Straenlichter glnzten auf, Gerusche von Wagen
und Rollden waren nah, Georg fhlte, wie ein feiner Schleier zerri, den der
Kirchendmmer um ihn und sie gewoben hatte, und in befreitem Ton schlug er eine
kleine Spazierfahrt vor. Anna war gern einverstanden. In einem offenen Fiaker,
dessen Dach sie ber sich aufspannen lieen, fuhren sie die Strae hinab, lieen
sich um den Ring fhren, ohne viel von Gebuden und Grten zu sehen, sprachen
kein Wort und schmiegten sich enger aneinander. Sie fhlten jeder die eigne und
des andern Ungeduld und wuten, da es kein Zurck mehr gab.
    In der Nhe von Annas Wohnung sagte Georg: Wie schade, da du schon nach
Hause mut.
    Sie zuckte die Achseln und lchelte sonderbar. Die Untiefen, dachte Georg
wieder, aber ohne Angst, heiter beinahe. Eh der Wagen an der Ecke hielt,
verabredeten sie ein Rendezvous fr den nchsten Vormittag, im
Schwarzenberggarten, dann stiegen sie aus. Anna eilte nach Hause, und Georg
bummelte langsam gegen die Stadt zu.
    Er berlegte, ob er ins Kaffeehaus gehen sollte. Er hatte keine rechte Lust
dazu. Bermann blieb heute wohl bei Ehrenbergs zum Souper, auf Leo Golowskis
Kommen war nur selten zu rechnen; und die andern jungen Leute, meist jdische
Literaten, die Georg in der letzten Zeit flchtig kennen gelernt hatte, lockten
ihn nicht eben an, wenn er auch manche von ihnen nicht uninteressant gefunden
hatte. Im ganzen fand er den Ton der jungen Leute untereinander bald zu intim,
bald zu fremd, bald zu witzelnd, bald zu pathetisch; keiner schien sich dem
andern, kaum einer sich selbst mit Unbefangenheit zu geben. Heinrich hatte
brigens neulich erklrt, er wollte mit dem ganzen Kreis nichts mehr zu tun
haben, der ihm seit seinen Erfolgen durchaus gehssig gesinnt sei. Georg hielt
es allerdings fr mglich, da Heinrich in seiner eiteln und hypochondrischen
Art Feindseligkeiten und Verfolgungen auch dort witterte, wo vielleicht nur
Gleichgltigkeit oder Antipathie vorhanden waren. Er fr seinen Teil wute, da
es weniger Freundschaft war, die ihn zu dem jungen Schriftsteller hinzog, als
Neugier, einen seltsamen Menschen nher kennen zu lernen; vielleicht auch das
Interesse, in eine Welt hineinzuschauen, die ihm bisher ziemlich fremd geblieben
war. Denn whrend er selbst nach wie vor sich ziemlich zurckhaltend verhalten
und insbesondere ber seine Beziehungen zu Frauen jede Andeutung vermieden,
hatte ihm Heinrich nicht nur von der fernen Geliebten erzhlt, fr die er Qualen
der Eifersucht zu leiden behauptete, sondern auch von einer hbschen, blonden
Person, mit der er in der letzten Zeit seine Abende zu verbringen pflegte, um
sich zu betuben, wie er mit Selbstironie hinzufgte; nicht nur von seinen
Wiener Studenten- und Journalistenjahren, die noch nicht weit zurcklagen,
sondern auch von der Kinder- und Knabenzeit in der kleinen bhmischen
Provinzstadt, wo er vor dreiig Jahren zur Welt gekommen war. Sonderbar und
zuweilen fast peinlich erschien Georg der wie aus Zrtlichkeit und Widerwillen,
aus Gefhlen von Anhnglichkeit und von Losgerissensein gemischte Ton, in dem
Heinrich von den Seinen, insbesondere von dem kranken Vater sprach, der in jener
kleinen Stadt Advokat, und eine Zeitlang Reichsratsabgeordneter gewesen war. Ja,
er schien sogar ein wenig stolz darauf zu sein, da er als Zwanzigjhriger schon
dem allzu Vertrauensseligen sein Schicksal vorausgesagt hatte, genau so wie es
sich spter erfllen sollte: nach einer kurzen Epoche der Beliebtheit und des
Erfolgs hatte das Anwachsen der antisemitischen Bewegung ihn aus der
deutsch-liberalen Partei gedrngt, die meisten Freunde hatten ihn verlassen und
verraten, und ein verbummeltet Kouleurstudent, der in den Versammlungen die
Tschechen und Juden als die gefhrlichsten Feinde deutscher Zucht und Sitte
hinstellte, daheim seine Frau prgelte und seinen Mgden Kinder machte, war sein
Nachfolger im Vertrauen der Whler und im Parlament geworden. Heinrich, dem die
Phrasen des Vaters von Deutschtum, Freiheit, Fortschritt in all ihrer
Ehrlichkeit immer gegen den Strich gegangen waren, hatte dem Niedergang des
alternden Mannes anfangs wie mit Schadenfreude zugesehen; allmhlich erst, als
der einst gesuchte Anwalt auch seine Klienten zu verlieren begann, und die
materiellen Verhltnisse der Familie sich von Tag zu Tag verschlechterten,
stellte bei dem Sohne sich ein versptetes Mitleid ein. Er hatte seine
juristischen Studien frh genug aufgegeben und mute den Seinen durch
journalistische Tagesarbeit zu Hilfe kommen. Seine ersten knstlerischen Erfolge
fanden in dem verdsterten Hause der Heimat kein Echo mehr. Dem Vater nahte
unter schweren Zeichen der Wahnsinn, und der Mutter, fr die gleichsam Staat und
Vaterland zu existieren aufgehrt hatten, als ihr Mann nicht wieder ins
Parlament gewhlt wurde, versank nun, da dieser in geistige Nacht fiel, die
ganze Welt. Die einzige Schwester Heinrichs, einst ein blhendes und tchtiges
Geschpf, war nach einer unglcklichen Leidenschaft fr eine Art von Provinz-Don
Juan in Schwermut verfallen, und krankhaft eigensinnig gab sie dem Bruder, mit
dem sie sich in der Jugend vortrefflich verstanden hatte, die Schuld an dem
Unglck des elterlichen Hauses. Auch von andern Verwandten erzhlte Heinrich,
deren er aus frherer Zeit sich erinnerte, und ein teils lcherlicher, teils
rhrender Zug fromm beschrnkter alter Juden und Jdinnen schwebte an Georg
vorber, wie Gestalten einer andern Welt. Er mute es am Ende begreifen, da
Heinrich durch keinerlei Heimweh nach jener kleinen, von klglichem Parteihader
zerrissenen Stadt, in die dumpfe Enge des zugrunde gehenden Elternhauses sich
zurckgerufen fhlte, und sah ein, da Heinrichs Egoismus ihm zugleich Rettung
und Befreiung bedeutete.
    Vom Turm der Michaelerkirche schlug es neun, als Georg vor dem Kaffeehaus
stand. An einem Fenster, das der Vorhang nicht verhllte, sah er den Kritiker
Rapp sitzen, einen Sto von Zeitungen vor sich auf dem Tisch. Eben hatte er den
Zwicker von der Nase genommen, putzte ihn, und so sah das blasse, sonst so
hmisch-kluge Gesicht, mir den stumpfen Augen wie tot aus. Ihm gegenber, mit
ins Leere gehenden Gesten, sa der Dichter Gleiner, im Glanze seiner falschen
Eleganz, mir einer ungeheuern, schwarzen Krawatte, darin ein roter Stein
funkelte. Als Georg, ohne ihre Stimmen zu hren, nur die Lippen der beiden sich
bewegen und ihre Blicke hin- und hergehen sah, fate er es kaum, wie sie es
ertragen konnten in dieser Wolke von Ha sich eine Viertelstunde lang gegenber
zu sitzen. Er fhlte mit einemmal, da dies die Atmosphre war, in der das Leben
dieses ganzen Kreises sich abspielte, und durch die nur manchmal erlsende
Blitze von Geist und von Selbsterkenntnis zuckten. Was hatte er mit diesen
Leuten zu tun? Eine Art von Grauen erfate ihn, er wandte sich ab und entschlo
sich, statt ins Kaffeehaus zu gehen, endlich wieder einmal den Klub aufzusuchen,
dessen Rume er seit Monaten nicht betreten hatte. Es waren nur wenige Schritte
bis dahin. Bald stieg Georg die breite Marmortreppe hinauf, begab sich in den
kleinen Speisesaal mit den lichtgrnen Vorhngen und wurde von Ralph Skelton,
dem Attach der englischen Botschaft, und Doktor von Breitner, die in einer Ecke
beim Souper saen, als ein lang Vermiter mit gedmpfter Herzlichkeit begrt.
Man sprach von dem Turnier, das bevorstand, von dem Bankett, das zu Ehren der
auslndischen Fechtmeister veranstaltet werden sollte; plauderte ber die neue
Operette am Wiedner Theater, in der Frulein Lovan als Bajadere beinahe nackt
aufgetreten war, und ber das Duell des Fabrikanten Heidenfeld mit dem Leutnant
Novotny, in dem der beleidigte Ehemann gefallen war. Nach dem Essen spielte
Georg mit Skelton eine Partie Billard und gewann. Er fhlte sich immer
behaglicher und nahm sich vor, von nun an wieder fters diese luftigen und
hbsch ausgestatteten Rume zu besuchen, in denen angenehme, gut angezogene
junge Leute verkehrten, mit denen man sich in guter und leichter Weise
unterhalten konnte. Felician erschien, erzhlte seinem Bruder, da es bei
Ehrenbergs noch ganz amsant geworden war und brachte ihm Gre von Frau
Marianne. Breitner, eine seiner berhmten Riesenzigarren im Mund, gesellte sich
zu den Brdern und sprach davon, da im Speisesaal nchstens die Bilder einiger
verdienter Klubmitglieder aufgehngt werden sollten, vor allem das des jungen
Labinski, der im vorigen Jahr durch Selbstmord geendet hatte. Und Georg mute an
Grace denken, an das seltsam glhend-kalte Gesprch mit ihr auf dem Friedhof im
schmelzenden Februarschnee und an jene wundervolle Nacht, auf dem mondbeglnzten
Deck des Dampfers, der sie beide von Palermo nach Neapel gebracht hatte. Er
wute kaum, nach welcher Frau er sich am meisten sehnte in diesem Augenblick:
nach Marianne, der Verlassenen, nach Grace, der Entschwundenen, oder nach dem
anmutigen jungen Geschpf, mit dem er vor ein paar Stunden in einer dmmrigen
Kirche herumspaziert war, wie Hochzeitsreisende in einer fremden Stadt, und das
den Himmel hatte anflehen wollen, da ein groer Knstler aus ihm wrde. In der
Erinnerung daran versprte er eine gelinde Rhrung. War es nicht beinahe, als
lge ihr mehr an seiner knstlerischen Zukunft als ihm selbst? ... Nein, ...
nicht mehr. Sie hatte ja doch nur ausgesprochen, was immer tief im Grunde seiner
Seele schlummerte. Er verga nur sozusagen manchmal, da er ein Knstler war.
Aber das mute anders werden. So viel war begonnen und vorbereitet. Nur etwas
Flei, und es konnte am Erfolg nicht fehlen. Und im nchsten Jahr ging es hinaus
in die Welt. Eine Kapellmeisterstelle war bald gefunden, und mit einem krftigen
Sprung stand man mitten in einem Beruf, der Geld und Ehren brachte. Neue
Menschen lernte er kennen, ein anderer Himmel glnzte ber ihm, und
geheimnisvoll wie aus fernem Nebel, streckten unbekannte weie Arme sich nach
ihm aus. Und whrend die jungen Leute neben ihm sehr ernsthaft die Chancen der
Kmpfer bei dem bevorstehenden Turnier erwogen, trumte Georg in seiner Ecke
weiter von einer Zukunft voll Arbeit, Ruhm und Liebe.
    Zur gleichen Stunde lag Anna in ihrem dunkeln Zimmer, ohne zu schlafen, die
weit offenen Augen zur Decke gerichtet; zum erstenmal in ihrem Leben mit dem
untrglichen Gefhl, da es einen Menschen auf der Welt gab, der aus ihr machen
konnte, was ihm beliebte; mit dem festen Entschlu, alle Seligkeit und alles
Leid hinzunehmen, das ihr bevorstehen mochte; und mit einer leisen Hoffnung,
schner, als alle, die ihr je erschienen waren, auf ein bestndiges und
ruhevolles Glck.

                                Drittes Kapitel


Georg und Heinrich saen von ihren Rdern ab. Die letzten Villen lagen hinter
ihnen, und die breite Strae, allmhlich ansteigend, fhrte in den Wald. Das
Laub hing noch ziemlich dicht an den Bumen, aber jeder leise Windhauch nahm
Bltter mit und lie sie langsam herabsinken. Herbstglanz lag ber den
gelbrtlichen Hgeln. Die Strae stieg hher an, an einem stattlichen
Wirtshausgarten vorbei, zu dem steinerne Stufen hinauffhrten. Nur wenige Leute
saen im Freien, die meisten in der Glasveranda, als trauten sie nicht ganz der
Wrme dieses schmeichlerischen Sptoktobertags, durch den doch immer wieder eine
gefhrliche Khle geweht kam. Georg dachte mit dem Erinnern des Winterabends,
an dem er und Frau Marianne als einzige Gste hier eingekehrt waren. Gelangweilt
war er an ihrer Seite gesessen, hatte ungeduldig ihr pltscherndes Gerede ber
das Konzert von gestern angehrt, in dem Frulein Bellini seine Lieder gesungen;
und als er auf der Rckfahrt wegen Mariannens ngstlichkeit schon in einer
Vorstadtstrae aus dem Wagen steigen mute, hatte er wie erlst aufgeatmet. Ein
hnliches Gefhl der Befreitheit kam freilich beinahe jedesmal ber ihn, wenn
er, auch nach schnerem Zusammensein, von einer Geliebten Abschied nahm. Selbst
als er Anna an ihrem Haustor verlassen hatte, vor drei Tagen, nach dem ersten
Abend vollkommenen Glcks, war er sich, frher als jeder anderen Regung, der
Freude bewut geworden, wieder allein zu sein. Und gleich darauf, ehe noch das
Gefhl des Danks und die Ahnung einer wirklichen Zusammengehrigkeit mit diesem
sanften, sein ganzes Wesen mit so viel Innigkeit umschlieenden Geschpf in
seiner Seele emporzudringen vermochte, flog durch sie ein sehnsuchtsvoller Traum
von Fahrten ber ein schimmerndes Meer, von Ksten, die sich verfhrerisch
nhern, von Spaziergngen an Ufern, die am nchsten Tage wieder verschwinden,
von blauen Fernen, Ungebundenheit und Alleinsein. Am andern Morgen, da den
Erwachenden der Duft des vergangenen Abends erinnerungs- und verheiungsschwer
umflo, wurde die Reise natrlich aufgeschoben, bis zu einer sptern, vielleicht
nicht gar so fernen, doch gelegeneren Zeit. Denn da auch dieses Abenteuer, so
ernst und hold es begonnen, zu einem Ende bestimmt war, wute Georg selbst in
dieser Stunde, nur ohne jeden Schauer. Anna hatte sich ihm gegeben, ohne mit
einem Wort, einem Blick, einer Gebrde anzudeuten, da nun fr sie gewissermaen
ein neues Kapitel ihres Lebens anfing. Und so mute von ihr, das fhlte Georg
tief, auch der Abschied ohne Dsterkeit und Schwere sein: ein Hndedruck, ein
Lcheln und ein stilles es war schn. Und leichter noch war ihm zumute
geworden, als sie ihm bei der nchsten Begegnung mit einfach innigem Gru
entgegenkam, ohne die befangenen Tne anschmiegender Wehmut, oder erfllten
Schicksals, wie er sie in den Worten mancher andern beben gehrt hatte, die zu
einem solchen Morgen nicht zum erstenmal erwacht war.
    Eine mattgezogene Berglinie erschien in der Ferne und verschwand wieder, als
die Strae durch dichtern Waldstand in die Hhe fhrte. Laub- und Nadelholz
wuchsen friedlich nebeneinander, und durch die stillere Farbe der Tannen
schimmerte das herbstlich gefrbte Bltterwerk von Buchen und Birken. Wanderer
zeigten sich, einige mit Rucksack, Bergstock und Nagelschuhen wie zu bedeutenden
Gebirgstouren ausgerstet; zuweilen, in beglckter Schnelle, sausten Radfahrer
die Strae hinab.
    Heinrich erzhlte seinem Gefhrten von einer Radfahrt, die er anfangs
September unternommen hatte, den Rhein entlang.
    Ist es nicht sonderbar, sagte Georg, so viel bin ich schon in der Welt
herumgekommen, und die Gegend, wo meine Ahnen zu Hause waren, kenn ich noch gar
nicht.
    Wirklich? fragte Heinrich. Und es regt sich gar nicht in Ihnen, wenn Sie
das Wort Rhein aussprechen hren?
    Georg lchelte. Es sind immerhin bald hundert Jahre, da meine Urgroeltern
aus Biebrich fortgezogen sind.
    Warum lcheln Sie, Georg? Da meine Ahnen aus Palstina fortgewandert sind,
ist noch viel lnger her, und doch fordern manche, sonst ganz logische Leute,
da mein Herz in Heimweh nach diesem Lande bebe.
    Georg schttelte rgerlich den Kopf. Was kmmern Sie sich immerfort um
diese Leute. Es wird wirklich schon zur fixen Idee bei Ihnen.
    Ach Sie glauben, ich denke an die Antisemiten? Durchaus nicht. Denen nehm
ichs auch weiter nicht bel, manchmal wenigstens. Aber fragen Sie nur einmal
unsern Freund Leo, wie er ber diese Angelegenheit denkt.
    Ach so, den meinen Sie. Na, der fat doch das nicht so wrtlich auf,
sondern gewissermaen symbolisch oder politisch, setzte er unsicher hinzu.
    Heinrich nickte. Diese beiden Begriffe liegen vielleicht hart nebeneinander
in Kpfen solcher Art. Er versank fr eine Weile in Nachdenken, schob sein Rad
in leichten, ungeduldigen Sten vorwrts und war gleich wieder um ein paar
Schritte voraus. Dann begann er wieder von seiner Septemberreise zu sprechen.
Beinahe mit Ergriffenheit dachte er an sie zurck. Alleinsein, Fremde, Bewegung,
war es nicht ein dreifaches Glck, das er genossen? Was fr ein Gefhl von
innerer Freiheit mich damals durchflo߫, sagte er, kann ich Ihnen kaum
beschreiben. Kennen Sie diese Stimmungen, in denen alle Erinnerungen, ferne und
nahe, sozusagen ihre Lebensschwere verlieren; alle Menschen, mit denen man sonst
irgendwie verbunden ist, durch Schmerzen, Sorgen, Zrtlichkeit, einen nur mehr
wie Schatten umschweben, oder richtiger gesagt, wie Gestalten, die man selbst
erfunden hat? Und die erfundenen Gestalten, die stellen sich natrlich auch ein
und sind mindestens geradso lebendig wie die Menschen, an die man sich eben als
an wirkliche erinnert. Da entwickeln sich dann die allerseltsamsten Beziehungen
zwischen den wirklichen und den erfundenen Figuren. Ich knnte Ihnen von einer
Unterhaltung berichten, die zwischen meinem verstorbenen Groonkel, der Rabbiner
war, und dem Herzog Heliodor stattgefunden hat, wissen Sie, mit dem, der sich in
meinem Opernstoff herumtreibt, eine Unterhaltung so amsant, so tiefsinnig, wie
im allgemeinen weder das Leben noch Operntexte zu sein pflegen ... Ja,
wundervoll sind solche Reisen! Und so geht es durch Stdte, die man niemals
gesehen hat und vielleicht nie wieder sehen wird, an lauter unbekannten
Gesichtern vorber, die gleich wieder fr alle Ewigkeit verschwinden ... und
dann saust man weiter auf heller Strae zwischen Strom und Weingelnden.
Wahrhaft reinigend sind solche Stimmungen. Schade, da sie einem so selten
geschenkt sind!
    Georg empfand stets eine gewisse Verlegenheit, wenn Heinrich pathetisch
wurde. Jetzt knnte man vielleicht wieder fahren, sagte er, und sie schwangen
sich auf die Rder. Ein schmaler, ziemlich holpriger Seitenweg zwischen Wiese
und Wald fhrte sie bald zu einem unerbaulich kahlen, zweistckigen Haus, das
sich durch ein mrrisch braunes Schild als Wirtshaus zu erkennen gab. Auf der
Wiese, die durch die Strae vom Haus geschieden war, stand eine groe Menge von
Tischen, manche mit einstmals wei gewesenen, andre mit geblmten Tchern
bedeckt. Hart an der Strae, an einigen zusammengerckten Tischen, saen zehn
oder zwlf junge Leute, Mitglieder eines Radfahrklubs. Mehrere hatten ihre Rcke
abgelegt, andre trugen sie flott bergehngt; auf den himmelblauen, gelb
eingefaten Sweaters prangten Embleme in erhabener roter und grner Stickerei.
Mchtig, aber nicht sehr rein tnte ein Chorlied zum Himmel auf: Der Gott, der
Eisen wachsen lie, der wollte keine Knechte.
    Heinrich berflog die Gesellschaft mit einem raschen Blick, kniff die Augen
zusammen und sagte zu Georg, mit zusammengepreten Zhnen und heftig betont:
Ich wei nicht, ob diese Jnglinge bieder, treu und mutig sind, wofr sie sich
jedenfalls halten; da sie aber nach Wolle und Schwei duften, ist gewi, und
daher wre ich dafr, da wir in angemessener Entfernung von ihnen Platz
nehmen.
    Was will er eigentlich, dachte Georg bei sich. Wre es ihm sympathischer,
wenn hier eine Gesellschaft von polnischen Juden se und Psalmen snge?
    Beide schoben ihre Rder zu einem entferntem Tische hin und lieen sich
nieder. Ein Kellner erschien, in schwarzem, von Fett- und Gemseflecken
bersten Frack, fegte mit einer schmutzigen Serviette heftig ber den Tisch,
nahm die Bestellungen entgegen und verschwand.
    Ist es nicht jmmerlich, sagte Heinrich, da in der nchsten Umgebung von
Wien beinahe berall so verwahrloste Wirtshuser stehen? Es macht einen geradezu
trbsinnig.
    Georg fand diese bertriebene Wehmut nicht angebracht. Ach Gott, auf dem
Land, meinte er, man nimmt es eben mit. Es gehrt fast dazu.
    Heinrich lie diese Auffassung nicht gelten, begann den Plan zur Grndung
von sieben Hotels an den Wienerwaldgrenzen zu entwickeln und berechnete eben,
da man dazu hchstens drei bis vier Millionen bentige, als pltzlich Leo
Golowski dastand. Er war im Zivilanzug, der, wie oft bei ihm, eines etwas
bizarren Elements nicht entbehrte. Heute trug er zu einem hellgrauen Sacco eine
blaue Samtweste und eine gelbliche Seidenkrawatte in glattem Stahlring. Die
beiden andern begrten ihn erfreut und uerten einige berraschung.
    Leo setzte sich zu ihnen: Ich habe ja gehrt, sagte er, wie Sie gestern
Abend Ihre Partie verabredet haben, und als wir heute schon um neun aus der
Kaserne entlassen wurden, dacht ich mir gleich, es wre doch hbsch mit zwei
klugen, sympathischen Menschen eine Stunde im Freien zu verplauschen. So bin ich
nach Haus, hab mich in Zivil geworfen und auf den Weg gemacht. Er sagte das in
seinem gewhnlichen, liebenswrdigen, fast naiv klingenden Ton, der Georg immer
wieder gefangen nahm, aber in der Erinnerung fr ihn einen Beiklang von Ironie,
ja von Falschheit zu bekommen pflegte. Doch schien dieser gleichsam schillernde
Klang Leos Worten nur in gleichgltiger Unterhaltung eigen; ernste Gesprche
wute er mit einer Bestimmtheit zu fhren, die Georg geradezu imponierte. In der
letzten Zeit hatte er einigemale Gelegenheit gehabt, im Kaffeehaus Diskussionen
zwischen Leo und Heinrich ber kunsttheoretische Fragen, insbesondere ber die
Beziehungen zwischen den Gesetzen der Musik und der Mathematik anzuhren. Leo
glaubte der Ursache auf der Spur zu sein, aus der Dur- und Molltonarten die
menschliche Seele in so verschiedener Weise berhrten. Gerne folgte Georg seinen
klaren und scharfsinnigen Auseinandersetzungen, wenn sich auch etwas in ihm
gegen den verwegenen Versuch wehrte, allen Zauber und alles Geheimnis der Klnge
aus dem Walten von Gesetzen gedeutet zu hren, die, ebenso unerbittlich wie
diejenigen, nach denen sich Erde und Sterne drehten, mit jenen ewigen aus
gleicher Wurzel stammen sollten. Nur wenn Heinrich die Theorien Leos
weiterzufhren und gelegentlich auf Schpfungen der Wortkunst anzuwenden suchte,
wurde Georg ungeduldig und fhlte sich sofort als stillen Verbndeten Leos, der
zu Heinrichs phantastischen und wirren Ausfhrungen mild zu lcheln pflegte.
    Das Essen wurde aufgetragen, und die jungen Leute lieen sichs schmecken;
Heinrich nicht weniger als die andern, trotzdem er sich ber die
Minderwertigkeit der Kche hchst mibilligend uerte und das Vorgehen des
Wirts nicht nur als Ausdruck persnlich niedriger Gesinnung, sondern als
charakteristisch fr den Niedergang sterreichs auf vielen andern Gebieten
aufzufassen geneigt war. Das Gesprch kam auf die militrischen Zustnde des
Landes, und Leo gab Schilderungen von Kameraden und Vorgesetzten zum besten,
ber die die beiden andern sich sehr amsierten. Insbesondere ein Oberleutnant
gab zur Heiterkeit Anla, der sich der Freiwilligenabteilung mit den
gefahrverkndenden Worten vorgestellt hatte: Mit mir wern S' nix zu lachen
haben, ich bin eine Bestie in Menschengestalt.
    Whrend sie noch aen, trat ein Herr an den Tisch, schlug die Hacken
aneinander, legte die Hand salutierend an die Radfahrkappe, grte mit einem
scherzhaften all Heil, fgte fr Leo noch ein kameradschaftliches servus
hinzu und stellte sich Heinrich vor: Josef Rosner ist mein Name. Hierauf
begann er jovial die Unterhaltung mit den Worten: Die Herren machen auch eine
Radpartie ... Da man nicht widersprach, fuhr er fort: Die letzten schnen Tage
mu man bentzen, lange wird ja die Herrlichkeit nicht mehr dauern.
    Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Rosner? fragte Georg hflich.
    K die Hand, aber ..., er wies auf seine Gesellschaft ... wir sind
soeben im Aufbruch begriffen, haben noch viel vor, fahren bis Tulln hinunter und
dann ber Stockerau nach Wien. Die Herren erlauben ... er nahm ein Zndhlzchen
vom Tisch und brannte seine Zigarette vornehm an.
    Bei was fr einem Klub bist du denn eigentlich? fragte Leo, und Georg
wunderte sich ber das du, bis ihm einfiel, da die beiden Jugendbekannte
waren.
    Das ist der Sechshauser Radfahrklub, erwiderte Josef. Obzwar kein Staunen
geuert wurde, setzte er hinzu: Die Herren werden sich wundern, da ich als
Margaretner Kind diesem vorortlichen Klub angehre, aber es ist auch nur, weil
ein guter Freund von mir dort Obmann ist. Sehen Sie dieser Dicke dort, der jetzt
gerade in den Rock hineinschlieft. Es ist nmlich der junge Jalaudek, der Sohn
von dem Stadtrat und Abgeordneten.
    Jalaudek ..., wiederholte Heinrich mit deutlichem Ekel in der Stimme und
sagte nichts weiter.
    Ah, meinte Leo, das ist ja der, der neulich in einer Debatte ber den
Volksbildungsverein diese prachtvolle Definition von Wissenschaft gegeben hat.
Haben Sie nicht gelesen? wandte er sich zu den andern.
    Diese erinnerten sich nicht.
    Wissenschaft, zitierte Leo, Wissenschaft ist das, was ein Jud vom andern
abschreibt.
    Alle lachten. Auch Josef, der aber sofort erluterte: Eigentlich ist er gar
nicht so, ich kenn ihn ja. Nur im politischen Leben ist er so grob ... weil also
nmlich da die Gegenstze aufeinanderplatzen in unserm lieben sterreich. Aber
fr gewhnlich ist er ein sehr umgnglicher Herr. Da ist der Junge viel
radikaler.
    Ist euer Klub christlich-sozial oder deutsch-national? fragte Leo
verbindlich.
    O, da wird bei uns kein Unterschied gemacht, nur natrlich, wie das schon
so ist ..., er unterbrach sich pltzlich verlegen.
    Nun ja, ermutigte ihn Leo, da euer Klub judenrein ist, das ist doch
selbstverstndlich. Man merkt's auch schon von weitem.
    Josef hielt es fr das richtigste zu lachen. Dann sagte er: O bitte sehr,
auf den Bergen schweigt die Politik; berhaupt die Herren machen sich da falsche
Begriffe, wenn wir schon ber dieses Thema reden. Wir haben zum Beispiel einen
im Klub, der ist mit einer Israelitin verlobt. Aber sie winken mir schon. Habe
die Ehre, meine Herrschaften, servus Leo, all Heil. Er salutierte wieder und
entfernte sich wiegenden Schrittes. Die andern, unwillkrlich lchelnd, blickten
ihm nach.
    Dann fragte Leo pltzlich zu Georg gewandt: Wie geht's denn eigentlich
seiner Schwester mit dem Singen?
    Wie? sagte Georg aufgeschreckt und leicht errtend.
    Therese erzhlt mir, fuhr Leo ruhig fort, da Sie zuweilen mit Anna
musizieren. Ist denn die Stimme jetzt in Ordnung?
    Ja, entgegnete Georg zgernd, ich glaube schon, jedenfalls finde ich sie
sehr angenehm, sehr wohllautend, besonders in der tiefern Lage. Schade, da sie
eben nicht ausreicht, fr grere Rume, mein ich.
    Nicht ausreicht, wiederholte Leo nachdenklich, das ist auch so ein Wort.
    Wie wrden Sie es denn bezeichnen?
    Leo zuckte die Achseln und blickte Georg ruhig an. Sehen Sie, sagte er,
ich habe die Stimme auch immer sehr sympathisch gefunden, aber selbst zur Zeit,
als Anna die Idee hatte zur Bhne zu gehen ... ehrlich gestanden, ich habe nie
geglaubt, da aus der Sache was wird.
    Sie haben eben wahrscheinlich gewut, entgegnete Georg absichtlich leicht,
da Frulein Anna an dieser eigentmlichen Schwche der Stimmbnder leidet.
    Ja freilich wut ich das; aber wre sie zu einer knstlerischen Laufbahn
bestimmt gewesen, innerlich bestimmt meine ich, so htte sie diese Schwche eben
berwunden.
    Sie glauben?
    Ja, das glaub ich, das glaub ich ganz entschieden. Darum find ich, da
solche Worte wie eigentmliche Schwche, oder die Stimme reicht nicht aus
gewissermaen Umschreibungen fr etwas Tieferes, Seelisches bedeuten. Es liegt
offenbar nicht in der Linie ihres Schicksals, eine Knstlerin zu werden, das ist
es. Sie war sozusagen von Anbeginn dazu bestimmt, im Brgerlichen zu enden.
    Heinrich war mit der Theorie von der Schicksalslinie hchst einverstanden
und fhrte den Gedanken in seiner krausen Art weiter und immer weiter, vom
Geistreichen bers Verdrehte ins Unsinnige. Dann machte er den Vorschlag, man
sollte sich fr eine halbe Stunde auf die Wiese hin in die Sonne legen, die in
diesem Jahr wohl nicht mehr oft so warm herunterscheinen werde. Die andern
stimmten zu.
    Hundert Schritt weit vom Wirtshaus streckten sich Georg und Leo auf ihre
Mntel aus. Heinrich setzte sich ins Gras, verschrnkte die Arme ber den Knien
und sah vor sich hin. Zu seinen Fen senkte sich die Wiese zum Walde hinab.
Tiefer unten, in lockeres Laub vergraben, ruhten die Landhuser von Neuwaldegg.
Aus blulich-grauen Nebeln hervor schimmerten die Turmkreuze und sonngeblendeten
Fenster der Stadt, und ganz fern, als trge bewegter Dunst sie empor, schwebte
und verdmmerte die Ebene.
    Spaziergnger schritten ber die Wiese dem Wirtshaus zu. Einige grten im
Vorbergehen und einer, ein noch junger Mann, der ein Kind an der Hand fhrte,
bemerkte zu Heinrich: Das ist aber einmal ein schner Tag, grad als wie im
Mai.
    Heinrich fhlte anfangs gegen seinen Willen, wie manchmal solch wohlfeiler,
aber unvermuteter Freundlichkeit gegenber, gleichsam sein Herz aufgehen. Sofort
aber besann er sich, denn er wute ja, auch dieser junge Mann war nur von der
Milde des Tags, dem Frieden der Landschaft wie berauscht; in der Tiefe der Seele
war auch der ihm feindselig gesinnt, gleich all den andern, die so harmlos an
ihm vorbeispazierten. Und er verstand es wieder einmal selbst nicht recht, warum
der Anblick dieser sanft-bewegten Hgel, dieser verdmmernden Stadt ihn so
schmerzlich s ergriff, da ihm doch die Menschen, die hier zu Hause waren, so
wenig und selten etwas Gutes bedeuteten.
    Der Radfahrklub sauste ber die nahe Strae, die umgehngten Rcke wehten,
die Embleme leuchteten, und ein rohes Lachen schallte ber die Wiese.
    Grliches Volk, meinte Leo beilufig, ohne den Platz zu verndern.
    Heinrich wies mit einer unbestimmten Kopfbewegung nach unten. Und solche
Kerle, sagte er mit zugepreten Zhnen, bilden sich dann noch ein, da sie da
eher zu Hause sind als unsereiner.
    Nun ja, entgegnete Leo ruhig, da werden sie wohl nicht so unrecht haben,
diese Kerle.
    Heinrich wandte sich hhnisch zu ihm: Verzeihen Sie, Leo, ich verga einen
Augenblick, da Sie selbst den Wunsch hegen, nur als geduldet zu gelten.
    Das wnsche ich keineswegs, erwiderte Leo lchelnd, und Sie brauchen mich
nicht gleich so boshaft mizuverstehen. Aber da diese Leute sich als die
Einheimischen ansehen und Sie und mich als die Fremden, das kann man ihnen doch
nicht bel nehmen. Das ist doch schlielich nur der Ausdruck ihres gesunden
Instinktes fr eine anthropologisch und geschichtlich feststehende Tatsache.
Dagegen und daher auch gegen alles, was daraus folgt, ist weder mit jdischen
noch mit christlichen Sentimentalitten etwas auszurichten. Und sich zu Georg
wendend, fragte er in allzu verbindlichem Ton: Finden Sie nicht auch?
    Georg errtete, rusperte, kam aber nicht dazu zu erwidern, da Heinrich, auf
dessen Stirn zwei tiefe Falten erschienen, sofort erbittert das Wort nahm: Mein
Instinkt ist mir mindestens ebenso magebend wie der der Herren Jalaudek junior
und senior, und dieser Instinkt sagt mir untrglich, da hier, gerade hier meine
Heimat ist und nicht in irgend einem Land, das ich nicht kenne, das mir nach den
Schilderungen nicht im geringsten zusagt und das mir gewisse Leute jetzt als
Vaterland einreden wollen, mit der Begrndung, da meine Urahnen vor einigen
tausend Jahren gerade von dort aus in die Welt verstreut worden sind. Wozu noch
zu bemerken wre, da die Urahnen des Herrn Jalaudek, und selbst die unseres
Freundes, des Freiherrn von Wergenthin, gerade so wenig hier zu Hause gewesen
sind, als die meinen und die Ihrigen.
    Sie drfen mir nicht bse sein, erwiderte Leo, aber Ihr Blick in diesen
Dingen ist doch ein wenig beschrnkt. Sie denken immer an sich und an den
nebenschlichen Umstand ... pardon fr diese Frage nebenschlichen Umstand, da
Sie ein Dichter sind, der zufllig, weil er in einem deutschen Land geboren, in
deutscher Sprache und, weil er in sterreich lebt, ber sterreichische Menschen
und Verhltnisse schreibt. Es handelt sich aber in erster Linie gar nicht um Sie
und auch nicht um mich, auch nicht um die paar jdischen Beamten, die nicht
avancieren, die paar jdischen Freiwilligen, die nicht Offiziere werden, die
jdischen Dozenten, die man nicht oder versptet zu Professoren macht, das sind
lauter Unannehmlichkeiten zweiten Ranges sozusagen; es handelt sich hier um ganz
andre Menschen, die Sie nicht genau oder gar nicht kennen, und um Schicksale,
ber die Sie, ich versichere Sie, lieber Heinrich, ber die Sie gewi, trotz der
Verpflichtung, die Sie eigentlich dazu htten, noch nicht grndlich genug
nachgedacht haben. Gewi nicht ... sonst knnten Sie ber all diese Dinge nicht
in so oberflchlicher und in so ... egoistischer Weise reden, wie Sie es tun.
Er erzhlte dann von seinen Erlebnissen auf dem Basler Zionistenkongre, an dem
er im vorigen Jahre teilgenommen hatte und wo ihm ein tieferer Einblick in das
Wesen und den Gemtszustand des jdischen Volkes gewhrt worden wre als je
zuvor. In diese Menschen, die er zum erstenmal in der Nhe gesehen, war die
Sehnsucht nach Palstina, das wute er nun, nicht knstlich hineingetragen; in
ihnen wirkte sie als ein echtes, nie erloschenes und nun mit Notwendigkeit neu
aufflammendes Gefhl. Daran konnte keiner zweifeln, der, wie er, den heiligen
Zorn in ihren Blicken hatte aufleuchten sehen, als ein Redner erklrte, da man
die Hoffnung auf Palstina vorlufig aufgeben und sich mit Ansiedlungen in
Afrika und Argentinien begngen msse. Ja, alte Mnner, nicht etwa ungebildete,
nein, gelehrte, weise Mnner hatte er weinen gesehen, weil sie frchten muten,
da das Land ihrer Vter, das sie, auch bei Erfllung der khnsten zionistischen
Plne, doch keineswegs mehr selbst htten betreten knnen, sich vielleicht auch
ihren Kindern und Kindeskindern niemals erschlieen wrde.
    Verwundert, ja ein wenig ergriffen hatte Georg zugehrt. Heinrich aber, der
whrend Leos Erzhlung mit kurzen Schritten auf der Wiese hin und hergegangen
war, erklrte, da ihm der Zionismus als die schlimmste Heimsuchung erschiene,
die jemals ber die Juden hereingebrochen war, und gerade Leos Worte htten ihn
davon tiefer berzeugt, als irgend eine berlegung oder Erfahrung zuvor.
Nationalgefhl und Religion, das waren seit jeher Worte, die in ihrer
leichtfertigen, ja tckischen Vieldeutigkeit ihn erbitterten. Vaterland ... das
war ja berhaupt eine Fiktion, ein Begriff der Politik, schwebend, vernderlich,
nicht zu fassen. Etwas Reales bedeutete nur die Heimat, nicht das Vaterland ...
und so war Heimatsgefhl auch Heimatsrecht. Und was die Religionen anbelangte,
so lie er sich christliche und jdische Legenden so gut gefallen, als
hellenische und indische; aber jede war ihm gleich unertrglich und widerlich,
wenn sie ihm ihre Dogmen aufzudrngen suchte. Und zusammengehrig fhlte er sich
mit niemandem, nein mit niemandem auf der Welt. Mit den weinenden Juden in Basel
gerade so wenig, als mit den grlenden Alldeutschen im sterreichischen
Parlament; mit jdischen Wucherern so wenig, als mit hochadeligen Raubrittern;
mit einem zionistischen Branntweinschnker so wenig, als mit einem
christlich-sozialen Greisler. Und am wenigsten wrde ihn je das Bewutsein
gemeinsam erlittener Verfolgung, gemeinsam lastenden Hasses mit Menschen
verbinden, denen er sich innerlich fern fhle. Als moralisches Prinzip und als
Wohlfahrtsaktion wollte er den Zionismus gelten lassen, wenn er sich aufrichtig
so zu erkennen gbe; die Idee einer Errichtung des Judenstaates auf religiser
und nationaler Grundlage erscheine ihm wie eine unsinnige Auflehnung gegen den
Geist aller geschichtlichen Entwicklung. Und in der Tiefe Ihrer Seele, rief er
aus, vor Leo stehen bleibend, glauben auch Sie nicht daran, da dieses Ziel je
zu erreichen sein wird, ja wnschen es nicht einmal, wenn Sie sich auch auf dem
Wege hin aus dem oder jenem Grunde behagen. Was ist Ihnen Ihr Heimatland
Palstina? Ein geographischer Begriff. Was bedeutet Ihnen der Glaube Ihrer
Vter? Eine Sammlung von Gebruchen, die Sie lngst nicht mehr halten und von
denen Ihnen die meisten gerade so lcherlich und abgeschmackt vorkommen, als
mir.
    Sie redeten noch lang, bald heftig und beinahe feindselig, dann wieder ruhig
und in dem ehrlichen Bestreben einander zu berzeugen; fanden sich manchmal wie
erstaunt in einer gleichen Ansicht, um einander im nchsten Augenblick in einem
neuen Widerspruch zu verlieren. Georg, auf seinen Mantel gestreckt, hrte ihnen
zu. Bald neigte sein Sinn sich Leo zu, in dessen Worten ihm ein glhendes
Mitleid fr seine unglcklichen Stammesgenossen zu beben schien, und der sich
stolz von Menschen abkehrte, die ihn als ihresgleichen nicht wollten gelten
lassen. Bald wieder war er innerlich Heinrich nher, der sich zornig von einem
Beginnen abwandte, das, phantastisch und kurzsichtig zugleich, die Angehrigen
einer Rasse, deren Beste berall in der Kultur ihres Wohnlandes aufgegangen
waren, oder mindestens an ihr mitarbeiteten, von allen Enden der Welt versammeln
und in eine gemeinsame Fremde senden wollte, nach der sie kein Heimweh rief. Und
eine Ahnung stieg in Georg auf, wie schwer gerade diesen Besten, von denen
Heinrich sprach, denen, in deren Seelen sich die Zukunft der Menschheit
vorbereitete, eine Entscheidung fallen mute; wie gerade ihnen, hin und
hergeworfen zwischen der Scheu, zudringlich zu erscheinen und der Erbitterung
ber die Zumutung, einer frechen berzahl weichen zu sollen, zwischen dem
eingeborenen Bewutsein, daheim zu sein, wo sie lebten und wirkten, und der
Emprung, sich eben da verfolgt und beschimpft zu sehen; wie gerade ihnen
zwischen Trotz und Ermattung das Gefhl ihres Daseins, ihres Wertes und ihrer
Rechte sich verwirren mute. Zum erstenmal begann ihm die Bezeichnung Jude, die
er selbst so oft leichtfertig, spttisch und verchtlich im Mund gefhrt hatte,
in einer ganz neuen gleichsam dstern Beleuchtung aufzugehen. Eine Ahnung von
dieses Volkes geheimnisvollem Los dmmerte in ihm auf, das sich irgendwie in
jedem aussprach, der ihm entsprossen war; nicht minder in jenen, die diesem
Ursprung zu entfliehen trachteten wie einer Schmach, einem Leid oder einem
Mrchen, das sie nichts kmmerte, als in jenen, die mit Hartnckigkeit auf ihn
zurckwiesen, wie auf ein Schicksal, eine Ehre oder eine Tatsache der
Geschichte, die unverrckbar feststand.
    Und als er sich in den Anblick der beiden Sprechenden verlor und ihre
Gestalten betrachtete, die sich mit scharf gezogenen, heftig bewegten Linien von
dem rtlich-violetten Himmel abzeichneten, fiel es ihm nicht zum ersten Male
auf, da Heinrich, der darauf bestand, hier daheim zu sein, in Figur und Geste
einem fanatischen, jdischen Prediger glich, whrend Leo, der mit seinem Volk
nach Palstina ziehen wollte, in Gesichtsschnitt und Haltung ihn an die
Bildsule eines griechischen Jnglings erinnerte, die er einmal im Vatikan oder
im Museum von Neapel gesehen hatte. Und wieder einmal, whrend sein Auge Leos
lebhaften und edeln Bewegungen mit Vergngen folgte, begriff er sehr wohl, da
Anna fr den Bruder ihrer Freundin vor Jahren, in jenem Sommer am See, eine
schwrmerische Neigung empfunden hatte.
    Immer noch standen Heinrich und Leo einander auf der Wiese gegenber, und
ins Unentwirrbare verlor sich ihr Gesprch. Die Stze strmten ineinander
hinein, verkrampfen sich ineinander, schossen aneinander vorbei, gingen ins
Leere; und in irgend einem Augenblick merkte Georg, da er nur mehr den Klang
der Reden hrte, ohne ihrem Inhalt folgen zu knnen.
    Ein khler Wind kam von der Ebene her, und Georg erhob sich leicht
erschauernd vom Rasen. Die andern, die seine Anwesenheit beinahe vergessen
hatten, waren dadurch zur Gegenwart zurckgerufen, und man beschlo
aufzubrechen. Noch leuchtete der volle Tag ber der Landschaft, aber die Sonne
ruhte dunkelrot und matt ber einer lnglich gestreckten Abendwolke.
    Whrend er seinen Mantel aufs Rad schnallte, sagte Heinrich: Nach solchen
Gesprchen bleibt mir immer eine Unbefriedigung, die sich geradezu bis zu einem
wehen Gefhl in der Magengegend steigert. Ja wirklich. Sie fhren so gar
nirgends hin. Und was bedeuten berhaupt politische Ansichten bei Menschen,
denen die Politik nicht zugleich Beruf oder Geschft ist? Nehmen sie den
geringsten Einflu auf die Lebensfhrung, auf die Gestaltung des Daseins? Sowohl
Sie, Leo, als ich, wir beide werden nie etwas anderes tun, nie etwas anderes tun
knnen, als eben das leisten, was uns innerhalb unseres Wesens und unserer
Fhigkeiten zu leisten gegeben ist. Sie werden in Ihrem Leben nicht nach
Palstina auswandern, selbst wenn der Judenstaat gegrndet und Ihnen sofort eine
Ministerprsidenten- oder wenigstens Hofpianistenstelle angetragen wrde .
    O das knnen Sie nicht wissen, unterbrach ihn Leo.
    Ich wei es ganz bestimmt, sagte Heinrich. Dafr gesteh ich Ihnen ja auch
zu, da ich mich trotz meiner vollkommenen Gleichgltigkeit gegen jegliche
Religionsform nie und nimmer werde taufen lassen, selbst wenn es mglich wre
was ja heute weniger der Fall ist als je durch solch einen Trug antisemitischer
Beschrnktheit und Schurkerei fr alle Zeit zu entrinnen.
    Hm, sagte Leo, aber wenn die Scheiterhaufen wieder angezndet werden
...?
    Fr diesen Fall, entgegnete Heinrich, dazu verpflichte ich mich hiermit
feierlich, werde ich mich vollkommen nach Ihnen richten.
    O, wandte Georg ein, diese Zeiten kommen doch nicht mehr wieder.
    Die andern muten lachen, da Georg sie durch diese Worte, wie Heinrich
bemerkte, im Namen der gesamten Christenheit ber ihre Zukunft zu beruhigen so
liebenswrdig wre.
    Sie hatten indessen die Wiese durchquert. Georg und Heinrich schoben ihre
Rder auf dem holprigen Karrenweg vorwrts, Leo ihnen zur Seite, in wehendem
Mantel, ging auf dem Rasen hin. Alle schwiegen eine ganze Weile, wie ermdet. Wo
der schlechte Weg in die breite Strae mndete, blieb Leo stehen und sagte:
Hier werden wir uns leider trennen mssen. Er streckte Georg die Hand entgegen
und lchelte. Sie mssen sich heute nicht bel gelangweilt haben, sagte er.
    Georg errtete. Na hren Sie, Sie halten mich doch fr etwas ...
    Leo hielt Georgs Hand fest. Ich halte Sie fr einen sehr klugen und auch
fr einen sehr guten Menschen. Glauben Sie mir das?
    Georg schwieg.
    Ich mchte wissen, fuhr Leo fort, ob Sie mir das glauben, Georg, es liegt
mir daran. Sein Ton bekam etwas wahrhaft Herzliches.
    Ja natrlich glaub ich es Ihnen, erwiderte Georg, noch immer etwas
ungeduldig.
    Das freut mich, sagte Leo, denn Sie sind mir wirklich sympathisch,
Georg. Er sah ihm tief in die Augen, dann reichte er ihm und Heinrich zum
Abschied nochmals die Hand und wandte sich zum Gehen.
    Georg aber hatte pltzlich die Empfindung, da dieser junge Mann, der da mit
wehendem Mantel, den Kopf leicht gesenkt, in der Mitte der breiten Strae nach
abwrts schritt, gar nicht nach einem zu Hause wanderte, sondern irgendwohin
in eine Fremde, in die man ihm nicht folgen knnte. Diese Empfindung war ihm
selbst umso unbegreiflicher, als er mit Leo in der letzten Zeit nicht nur manche
Stunde am Kaffeehaustisch im Gesprch verbracht, sondern auch durch Anna ber
ihn, seine Familie, seine Lebensumstnde allerlei Aufklrendes erfahren hatte.
Er wute, da jener Sommer am See, der nun mit der jugendlichen Schwrmerei
Annas sechs Jahre weit zurcklag, fr die Familie Golowski den letzten
sorgenlosen bedeutet hatte, und da das Geschft des Alten im Winter darauf
vllig zugrunde gegangen war. Es sollte nun, nach Annas Erzhlung, ganz
merkwrdig gewesen sein, wie alle Mitglieder der Familie sich so leicht in die
genderten Verhltnisse fgten, als wren sie seit langem auf diesen Umschwung
gefat gewesen. Aus der behaglichen Wohnung im Rathausviertel bersiedelte man
in eine trbselige Gasse in der Nhe des Augartens. Herr Golowski bernahm
Vermittlungsgeschfte aller Art, Frau Golowski verfertigte Handarbeiten zum
Verkauf. Therese gab Unterricht in franzsischer und englischer Sprache und
setzte anfangs den Besuch der Schauspielschule fort. Ein junger Violinspieler
aus verarmter, russischer Adelsfamilie war es, der ihr Interesse fr politische
Fragen erweckte. Bald hatte sie der Kunst abgeschworen, fr die sie brigens
stets mehr Neigung als Talent gezeigt hatte, und binnen kurzem stand sie als
Rednerin und Agitatorin mitten in der sozialdemokratischen Bewegung. Leo, ohne
mit ihren Anschauungen bereinzustimmen, freute sich ihres frischen und
verwegenen Wesens. Manchmal besuchte er sogar Versammlungen mit ihr; da er sich
aber nicht gern von groen Worten imponieren lie, weder von Versprechungen, die
niemals einzulsen waren, noch von Drohungen, die ins Leere gingen, so machte es
ihm Spa, ihr meist schon auf dem Heimweg mit unwiderleglicher Schrfe die
Widersprche in ihren und der Parteigenossen Reden nachzuweisen. Insbesondere
aber versuchte er ihr immer wieder klar zu machen, da sie nicht, auf Tage und
Wochen oft, ihrer groen Aufgabe so vollkommen vergessen knnte, wenn ihr
Mitgefhl mit den Armen und Elenden wirklich ein so tiefes wre, wie sie sich
einbildete. Indes, auch Leos Leben ging nach keinem sichern Ziel. Er hrte
Vorlesungen an der Technik, gab Klavierlektionen, plante zuweilen sogar eine
Virtuosenlaufbahn und bte dann wochenlang fnf bis sechs Stunden tglich. Aber
es war noch immer nicht abzusehen, wofr er sich am Ende entscheiden wrde. Da
es in seiner Art lag, unbewut auf Wunder zu warten, die ihm Unbequemlichkeiten
ersparen konnten, hatte er sein Freiwilligenjahr so lang verschoben, bis der
letzte Termin herangerckt war, und diente darum erst jetzt, in seinem
fnfundzwanzigsten Lebensjahre. Die Eltern lieen Leo und Therese gewhren, und
so viel Meinungsverschiedenheiten, so wenig ernstlichen Streit schien es im
Hause Golowski zu geben. Die Mutter sa meistens daheim, nhte, stickte und
hkelte, der Vater ging seinen Geschften immer saumseliger nach und sah lieber
im Kaffeehaus den Schachspielern zu, ein Vergngen, in dem er den Niedergang
seines Daseins zu vergessen vermochte. Seinen Kindern gegenber schien er seit
dem Ruin des Geschftes eine gewisse Befangenheit nicht los zu werden, so da er
beinahe stolz war, wenn Therese ihm gelegentlich einen von ihr verfaten Artikel
zu lesen gab, oder wenn Leo sich herbeilie, mit ihm am Sonntag Nachmittag eine
Partie auf dem geliebten Brett zu spielen.
    Georg kam es manchmal vor, als stnde seine eigene Sympathie fr Leo mit
jener lngst verflossenen Neigung Annas fr ihn in einem tiefern Zusammenhang.
Denn nicht zum ersten Male fhlte er sich in ganz sonderbarer Weise zu einem
Manne hingezogen, dem frher eine Seele zugeflogen war, die jetzt ihm gehrte.
    Georg und Heinrich hatten ihre Rder bestiegen und fuhren eine schmale
Strae, durch dichten, dunkelnden Wald. Spter, da dieser sich wieder zu beiden
Seiten zurckschob, hatten sie die sinkende Sonne im Rcken, und die
langgestreckten Schatten ihrer eigenen Gestalten auf den Rdern liefen ihnen
voraus. Entschiedener senkte sich die Strae und fhrte bald zwischen niedern
Husern hin, die von rtlichem Laub berhangen waren. Ein uralter Mann sa vor
einer Haustr auf einer Bank, zu einem offenen Fenster sah ein bleiches Kind
heraus. Sonst war kein menschliches Wesen zu sehen.
    Wie ein verzaubertes Dorf, sagte Georg.
    Heinrich nickte. Er kannte den Ort. Auch hier war er mit der Geliebten
gewesen, an einem wundervollen Sommertag dieses Jahres. Er dachte daran, und
brennende Sehnsucht zuckte ihm durchs Herz. Und er erinnerte sich der letzten
Stunden, die er in Wien mit ihr gemeinsam verbracht hatte, in seinem khlen
Zimmer, mit den herabgelassenen Jalousien, durch deren Spalten der heie
Augustmorgen geflimmert war; des letzten Spazierganges durch steinernkhle
sonntagsstille Gassen und durch alte, menschenleere Hfe, und seiner
Ahnungslosigkeit, da all dies zum letzten Male war. Denn am nchsten Tag erst
war der Brief gekommen, der furchtbare Brief, in dem es geschrieben stand, da
sie ihm den Schmerz des Abschieds hatte ersparen wollen, und da sie, wenn er
diese Worte lse, lngst ber die Grenze sei, auf der Fahrt nach der neuen,
fremden Stadt.
    Die Strae belebte sich. Freundliche Villen erschienen, von kleinen Grtchen
behaglich umgeben; gelinde hinter den Husern stiegen bewaldete Hgel empor.
Noch einmal breitete das Tal sich aus, und der scheidende Tag ruhte ber Wiesen
und Feldern. In einem groen, leeren Wirtshausgarten waren die Laternen
angezndet. Eilige Dmmer schienen von allen Seiten zugleich heranzuschleichen.
Nun war die Wegkreuzung da. Georg und Heinrich saen ab und zndeten sich
Zigaretten an.
    Rechts oder links? fragte Heinrich.
    Georg sah auf die Uhr: Sechs ... und ich mu um acht in der Stadt sein.
    Da knnen wir also nicht miteinander nachtmahlen? sagte Heinrich.
    Leider nein.
    Schade. So fahren wir gleich den krzeren Weg, ber Sievering, hinein.
    Sie zndeten ihre Laternen an und schoben die Rder auf langgestreckten
Serpentinen durch den Wald. Der Reihe nach sprang ein Baum nach dem andern aus
dem Dunkel in den Schein der Lichtkegel und trat wieder in die Nacht zurck.
Strker rauschte der Wind durchs Laub, und Bltter raschelten nieder. Heinrich
fhlte ein ganz leises Grauen, wie es ihn manchmal bei Dunkelheit in der freien
Natur berfiel. Da er den Abend allein verbringen sollte, empfand er wie eine
Enttuschung. Er war verstimmt gegen Georg und rgerte sich daher auch ber
dessen Verschlossenheit ihm gegenber. Er nahm sich nicht zum erstenmal vor, von
jetzt an auch ber seine eigenen, persnlichen Angelegenheiten nicht mehr mit
Georg zu reden. Es war besser so. Er bedurfte niemandes Vertrauen, niemandes
Teilnahme. Am wohlsten war ihm doch immer zumute gewesen, wenn er allein seines
Weges ging. Das hatte er nun oft genug erfahren. Wozu also einem andern seine
Seele erschlieen? Ja, Bekannte zu gemeinsamen Spaziergngen und Fahrten, zu
khlen, klugen Gesprchen ber allerlei Dinge des Lebens und der Kunst, Frauen
um sie flchtig zu umarmen; doch keines Freundes, keiner Geliebten bedurfte er.
So flo das Dasein wrdiger und ungestrter hin. Er schwelgte in diesen
Vorstzen, fhlte sich hart und berlegen werden. Die Waldesdunkelheit verlor
ihre Schauer, und er wandelte durch die leise rauschende Nacht wie durch ein
verwandtes Element.
    Die Hhe war bald erreicht. Sternenlos lag der dunkle Himmel ber der grauen
Strae und ber den nebelhauchenden Wiesen, die sich beiderseits in tuschender
Weite zu den Waldhgeln dehnten. Vom nahen Mauthuschen schimmerte ein Licht.
Wieder bestiegen sie die Rder und fuhren nun so rasch nach abwrts, als die
Dunkelheit es gestattete. Georg wnschte sich bald am Ziel zu sein. Seltsam
unwahrscheinlich kam es ihm vor, da er in anderthalb Stunden schon das stille
Zimmer wiedersehen sollte, von dem niemand wute als Anna und er; den dmmrigen
Raum mit den ldrucken an der Wand, dem blausamtenen Sofa, dem Pianino, auf dem
die Photographien unbekannter Leute und eine gipsweie Schillerbste standen;
mit den hohen, schmalen Fenstern, gegenber denen die alte, dunkelgraue Kirche
ragte.
    Laternen brannten lngs des Weges. Noch einmal wurde die Strae freier, und
ein letzter Blick nach den Hhen ffnete sich. Dann ging es eiligst, zuerst noch
zwischen wohlgehaltenen Landhusern, endlich ber eine menschenerfllte,
lrmende Hauptstrae, tiefer in die Stadt hinein. Bei der Votivkirche stiegen
sie ab.
    Adieu, sagte Georg, und auf Wiedersehen morgen im Kaffeehaus.
    Ich wei nicht ..., erwiderte Heinrich; und als Georg ihn fragend ansah,
fgte er hinzu: Es ist mglich, da ich verreise.
    O, ein so pltzlicher Entschlu!
    Ja, es packt einen eben zuweilen ...
    Die Sehnsucht, ergnzte Georg lchelnd.
    Oder die Angst, sagte Heinrich und lachte kurz.
    Dazu haben Sie wohl keine Ursache, meinte Georg.
    Wissen Sie das ganz sicher? fragte Heinrich hmisch.
    Sie haben mir doch selbst erzhlt ...
    Was?
    Da Sie jeden Tag Nachricht haben.
    Ja, das ist schon wahr, jeden Tag. Zrtliche, glhende Briefe bekomme ich.
Jeden Tag zur selben Stunde. Aber was beweist das? Ich schreibe ja noch viel
glhendere und zrtlichere und doch ...
    Nun ja, sagte Georg, der ihn verstand. Und er wagte die Frage: Warum
bleiben Sie eigentlich nicht bei ihr?
    Heinrich zuckte die Achseln. Sagen Sie doch selbst, Georg, kme es Ihnen
nicht ein wenig komisch vor, wenn man so einer Liebschaft wegen seine Zelte
abbrche, mit einer kleinen Schauspielerin in der Welt herumzge ...
    Ich persnlich wrde es natrlich sehr bedauern ... aber komisch ... was
sollte daran komisch sein?
    Nein, ich habe keine Lust dazu, schlo Heinrich hart.
    Aber wenn Ihnen ... wenn Ihnen sehr viel daran gelegen wre ... wenn Sie es
direkt verlangten ... gbe die junge Dame nicht vielleicht die Karriere auf?
    Mglich. Aber ich verlange es nicht. Ich will es nicht verlangen. Nein.
Lieber Schmerzen als Verantwortungen.
    Wre es denn eine so groe Verantwortung? fragte Georg. Ich meine nmlich
... ist das Talent der jungen Dame so hervorragend, hngt sie berhaupt so sehr
an ihrer Kunst, da es ihr ein Opfer wre, wenn sie die Sache aufgbe?
    Ob sie Talent hat? sagte Heinrich, ja das wei ich selbst nicht. Ich
glaube sogar, sie ist das einzige Geschpf auf der ganzen Welt, ber dessen
Talent ich mir ein Urteil nicht zutraue. So oft ich sie auf der Bhne gesehen
habe, hat mir ihre Stimme geklungen wie die einer Unbekannten und gleichsam
ferner als alle andern Stimmen. Es ist wirklich ganz merkwrdig ... Aber Sie
haben sie ja auch spielen gesehen, Georg. Was hatten Sie fr einen Eindruck?
Sagen Sie es mir ganz aufrichtig.
    Ja, offen gestanden ... ich erinnere mich nicht recht an sie. Sie
entschuldigen, ich wute ja damals noch nicht ... Wenn Sie von ihr reden, da seh
ich immer so einen rotblonden Schopf vor mir, der ein bichen in die Stirne
fllt, und in einem kleinen, blassen Gesicht sehr groe, schwarze, herumirrende
Augen.
    Ja, irrende Augen, wiederholte Heinrich, bi sich auf die Lippen und
schwieg eine Weile. Leben Sie wohl, sagte er dann pltzlich.
    Sie schreiben mir doch? fragte Georg.
    Ja natrlich. Und brigens komm ich wohl einmal wieder, setzte er hinzu
und lchelte starr.
    Glckliche Reise, sagte Georg, reichte ihm die Hand und drckte sie mit
besonderer Herzlichkeit. Das tat Heinrich wohl. Dieser warme Hndedruck gab ihm
pltzlich nicht nur die Sicherheit, da Georg ihn nicht lcherlich fand, sondern
merkwrdigerweise auch die, da die ferne Geliebte ihm treu und da er selbst
ein Mensch sei, dem mehr erlaubt war als manchem andern.
    Georg sah ihm nach, wie er auf seinem Rad eiligst davonfuhr. Wieder, wie vor
wenigen Stunden bei Leos Abschied, hatte er die Empfindung, als entschwnde ihm
einer in ein unbekanntes Land; und in diesem Augenblick wute er, da er mit
keinem von den beiden bei aller Sympathie jemals zu einer unbefangenen
Vertrautheit gelangen werde, wie sie ihn noch im vorigen Jahre mit Guido
Schnstein und vorher mit dem armen Labinski verbunden hatte. Er dachte darber
nach, ob das vielleicht in dem Rassenunterschied zwischen ihm und jenen
begrndet sein mochte und fragte sich, ob er, ohne das Gesprch der beiden,
durch das eigene Gefhl dieser Fremdheit sich so deutlich bewut geworden wre.
Er zweifelte daran. Fhlte er sich nicht gerade diesen beiden und manchen andern
ihres Volkes nher, ja verwandter, als vielen Menschen, die mit ihm vom gleichen
Stamme waren? Ja sprte er nicht ganz deutlich, da manchmal irgendwo in die
Tiefe zwischen ihm und diesen beiden strkere Fden liefen, als von ihm zu
Guido, ja vielleicht zu seinem eigenen Bruder? Aber wenn es so war, htte er das
nicht diesen beiden Menschen heute Nachmittag in irgendeinem Augenblick sagen
mssen? Ihnen zurufen: vertraut mir doch, schliet mich nicht aus. Versucht es
doch, mich fr einen Freund zu halten! ... Und als er sich fragte, warum er das
nicht getan und an ihrem Gesprch kaum teilgenommen hatte, da ward er mit
Verwunderung inne, da er whrend dessen ganzer Dauer eine Art von
Schuldbewutsein nicht los geworden war, gerade so als wre auch er sein
Lebenlang von einer gewissen leichtfertigen und durch persnliche Erfahrung gar
nicht gerechtfertigten Feindseligkeit gegen die Fremden, wie Leo selbst sie
nannte, nicht frei gewesen und so sein Teil zu dem Mitrauen und dem Trotz
beigetragen, mit dem so manche sich vor ihm verschlossen, denen entgegenzukommen
er selbst Anla und Neigung fhlen mochte. Dieser Gedanke erregte ihm ein
wachsendes Unbehagen, das er sich nicht recht deuten konnte, und das nichts
andres war, als die dumpfe Einsicht, da reine Beziehungen auch zwischen
einzelnen reinen Menschen in einer Atmosphre von Torheit, Unrecht und
Unaufrichtigkeit nicht gedeihen knnen.
    Immer schneller, als glte es diesem Unbehagen zu entfliehen, fuhr er
heimwrts. Zu Hause angekommen, kleidete er sich rasch um, damit Anna nicht
allzulange warten msse. Er sehnte sich nach ihr wie noch nie. Es war ihm, als
kme er von einer weiten Reise heim, zu dem einzigen Wesen, das ihm ganz
gehrte.

                                Viertes Kapitel


Georg stand am Fenster. Gerade darunter wlbten sich die steinernen Rcken der
brtigen Riesen, die auf gewaltigen Armen das verwitterte Adelswappen eines
lngst versunkenen Geschlechtes trugen. Gegenber, aus dem Dunkel uralter Huser
hervor, kam die Stiege geschlichen, bis vor das Tor der grauen Kirche, die im
Flockenfall wie hinter einem wallenden Vorhang verdmmerte. Das Licht einer
Straenlaterne auf dem Platz schimmerte bla durch den sinkenden Tag. Noch
stiller an diesem Feiernachmittag als sonst ruhte unten die beschneite Strae,
die mitten in der Stadt und doch abseits von allem Treiben hinzog. Und wieder
einmal, wie stets, wenn er die breite Treppe des alten zum Mietshaus gewordenen
Palastes emporgestiegen und in das gerumige, niedrig gewlbte Zimmer getreten
war, fhlte Georg, seiner gewohnten Welt entronnen, sich wie zum andern Teile
eines wundersamen Doppeldaseins eingegangen.
    Er hrte einen Schlssel in der Tre knirschen und wandte sich um. Anna trat
ein. Georg schlo sie beglckt in die Arme und kte sie auf Stirn und Mund. Die
dunkelblaue Jacke, der breitrandige Hut, die Pelzboa, alles war ganz beschneit.
    Du hast ja gearbeitet, sagte Anna, whrend sie ablegte, und wies auf den
Tisch, wo neben der grnbeschirmten Lampe beschriebene Notenbltter lagen.
    Das Quintett hab ich mir durchgesehen, den ersten Satz. Es ist doch noch
manches daran zu machen.
    Aber dann wird's wunderschn sein.
    Das wollen wir hoffen. Kommst du von Hause, Anna?
    Nein, von Bittners.
    Wie, heut am Feiertag?
    Ja. Die zwei Mdeln haben durch die Masern viel versumt, das mu
nachgeholt werden. Ist mir brigens sehr angenehm, schon aus finanziellen
Grnden.
    Die Riesensumme!
    Und dann entgeht man wenigstens auf ein paar Stunden dem trauten Heim.
    Na ja, sagte Georg, legte Annas Boa ber eine Sessellehne und strich
zerstreut mit den Fingern ber das Pelzwerk hin. Annas Bemerkung, aus der es,
und nicht zum erstenmal, wie ein leiser Vorwurf gegen ihn herausklang, hatte ihn
nicht angenehm berhrt. Sie setzte sich auf den Diwan, fhrte die Hnde an die
Schlfen, strich leicht ber das dunkelblonde, gewellte Haar nach rckwrts und
blickte Georg lchelnd an. Er, beide Hnde in den Saccotaschen, stand an die
Kommode gelehnt und begann von dem gestrigen Abend zu erzhlen, den er mit Guido
und der Violinspielerin verbracht hatte. Seit einigen Wochen nahm die junge
Dame, auf des Grafen Wunsch, bei dem Beichtvater einer Erzherzogin katholischen
Religionsunterricht; sie ihrerseits hielt Guido an, Nietzsche und Ibsen zu
lesen. Doch war als Resultat dieses Studiums, nach Georgs Bericht, bisher nichts
anderes zu verzeichnen, als da der junge Graf seine Geliebte nach jener
wunderlichen Gestalt aus Klein Eyolf scherzhafterweise Rattenmamsell zu nennen
pflegte.
    Anna wute ber den gestrigen Abend wenig Heiteres mitzuteilen. Sie hatten
Besuch gehabt. Zuerst, erzhlte Anna, die zwei Cousinen von Mama, dann ein
Bureaukollege von Papa zum Tarokspielen. Auch Josef hat sich der Huslichkeit
ergeben, ist auf dem Diwan gelegen von drei bis fnf, dann ist sein neuester
Spezi gekommen, Herr Jalaudek, der mir erheblich den Hof gemacht hat.
    So, so.
    Er war berckend. Ich sage nur: eine violette Krawatte mit gelben Tupfen,
da kannst du dich verstecken. brigens hat er mir den ehrenvollen Antrag
berbracht, in einer sogenannten Akademie beim wilden Mann, zugunsten des
Whringer Kirchenbauvereins mitzuwirken.
    Du hast natrlich zugesagt.
    Ich habe mich mit meinem Mangel an Stimme und an Frmmigkeit entschuldigt.
    Na was die Stimme anbelangt ...
    Sie unterbrach ihn. Nein, Georg, sagte sie leicht, die Hoffnung hab ich
endgltig aufgegeben.
    Er sah sie an und suchte in ihrem Blick, der aber klar und frei blieb. Leise
und dumpf klang die Orgel aus der Kirche herber.
    Ja richtig, sagte Georg, das Billett fr morgen zu Carmen hab ich dir
mitgebracht.
    Dank schn, erwiderte sie und nahm die Karte entgegen. Gehst du auch?
    Ja. Ich hab eine Loge im dritten Stock und lad mir den Bermann ein. Die
Partitur nehm ich mir mit, wie neulich zu Lohengrin und b' mich wieder im
Dirigieren. Im Hintergrund natrlich. Du kannst dir nicht vorstellen, was man
dabei lernt. Ich mcht dir brigens was vorschlagen, setzte er zgernd hinzu.
Willst du nicht nach dem Theater mit mir und Bermann nachtmahlen gehen?
    Sie schwieg.
    Er fuhr fort. Es wre mir wirklich angenehm, wenn du ihn nher kennen
lerntest. Er ist bei allen seinen Fehlern ein interessanter Mensch und ...
    Ich bin keine Rattenmamsell, unterbrach sie ihn scharf und hatte gleich
ihr brgerlich strenges Gesicht. Georg verzog die Mundwinkel. Das trifft mich
nicht, liebes Kind, ich unterscheide mich auch in mancher Beziehung von Guido.
Aber wie du willst. Er ging im Zimmer hin und her, sie blieb auf dem Diwan
sitzen. Du gehst also heute Abend zu Ehrenbergs? fragte sie dann.
    Du weit ja. Ich habe schon zweimal abgesagt in der letzten Zeit. Ich
konnte diesmal nicht recht ...
    Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Georg. Ich bin auch geladen.
    Wo denn?
    Auch bei Ehrenbergs.
    Wirklich, rief er unwillkrlich aus.
    Was wundert dich denn dran so sehr? fragte sie spitz. Offenbar wissen sie
dort noch nicht, da man mit mir nicht mehr verkehren kann.
    Aber Anna, was hast du denn heut? warum bist du denn gar so empfindlich?
Selbst wenn man wte ... glaubst du, das wrde die Leute hindern, dich
einzuladen? Im Gegenteil. Ich bin berzeugt, Frau Ehrenberg bekme geradezu
Respekt vor dir.
    Und klein Elschen wrde mich vielleicht gar beneiden. Glaubst du nicht? Sie
hat mir brigens ganz nett geschrieben. Da ist ihr Brief, willst du ihn lesen?
Georg flog ihn durch, fand ihn von etwas absichtlicher Liebenswrdigkeit,
uerte sich nicht weiter und gab ihn Anna wieder.
    Da ist brigens noch einer, sagte Anna, wenn er dich interessieren
sollte.
    Von Doktor Stauber? So? Wr es ihm recht, wenn er wte, da ich ihn zu
lesen bekomme?
    Was bist du denn pltzlich so rcksichtsvoll? Und wie strafend fgte sie
hinzu: Es wr ihm wahrscheinlich manches nicht recht.
    Georg las den Brief rasch fr sich durch. In trockener, zuweilen etwas
humoristisch gefrbter Art berichtete Berthold vom Fortgang seiner Arbeiten im
Pasteurschen Institut, von Spaziergngen, Ausflgen und Theaterbesuchen und lie
es auch an Bemerkungen allgemeinem Charakters nicht fehlen; doch enthielt der
Brief auf seinen acht Seiten keinerlei Anspielung auf Vergangenheit oder
Zukunft. Georg fragte beilufig: Wie lang bleibt er denn noch in Paris?
    Wie du siehst, schreibt er noch kein Wort vom Zurckkommen.
    Deine Freundin Therese erwhnte neulich, da seine Parteigenossen ihn gerne
wieder hier haben mchten.
    Ah, ist sie wieder im Kaffeehaus gewesen?
    Ja. Vor zwei oder drei Tagen hab ich sie dort gesprochen. Ich amsier mich
wirklich sehr ber sie.
    So?
    Anfangs ist sie nmlich immer sehr hochmtig, auch mit mir. Offenbar, weil
ich auch mein Leben so mit Kunst und hnlichen Dummheiten vertrdle, whrend es
doch so viele wichtigere Dinge auf der Welt zu tun gibt. Aber wenn sie ein
bissel wrmer wird, dann kommt's heraus, da sie sich fr alle mglichen
Dummheiten geradeso interessiert, wie wir gewhnlichen Menschen.
    Sie wird leicht warm, sagte Anna unbeweglich.
    Georg ging auf und ab und sprach weiter. Kstlich war sie ja neulich beim
Fechtturnier im Musikvereinssaal. Wer war brigens der Herr, mit dem sie oben
auf der Galerie gesessen ist?
    Anna zuckte die Achseln. Ich hatte nicht den Vorzug, dem Turnier
beizuwohnen. Und brigens kenn ich die Begleiter Theresiens nicht alle.
    Ich nehme an, sagte Georg, es war ein Genosse, in jeder Beziehung. Sehr
dster und ziemlich schlecht angezogen war er jedenfalls. Wie Therese nach
Felicians Sieg applaudiert hat, hat er sich vor Eifersucht geradezu
zusammengerollt.
    Was hat dir Therese eigentlich von Doktor Berthold erzhlt? fragte Anna.
    O, scherzte Georg, man interessiert sich ja noch sehr lebhaft, wie es
scheint.
    Anna antwortete nicht.
    Also, berichtete Georg, ich kann dir die Mitteilung machen, da man ihn
im Herbst fr den Landtag kandidieren will, was ich brigens sehr begreiflich
finde, mit Rcksicht auf seine glnzenden Rednergaben.
    Was weit denn du! Hast du ihn schon sprechen gehrt?
    Natrlich, erinnerst du dich denn nicht! In Eurer Wohnung!
    Du hast's wirklich nicht notwendig, dich ber ihn lustig zu machen.
    Aber das fllt mir ja gar nicht ein.
    Ich hab's ja gleich bemerkt, er ist dir damals ein bichen komisch
vorgekommen. Er, und sein Vater auch. Du hast ja geradezu die Flucht ergriffen
vor ihnen.
    Ganz und gar nicht, Anna. Du tust sehr unrecht, mir solche Dinge zu
insinuieren.
    Sie mgen ja ihre Schwchen haben, beide, aber sie gehren wenigstens zu
den Menschen, auf die man sich verlassen kann. Das ist auch etwas.
    Hab ich das bestritten, Anna? Wahrhaftig, niemals hab ich dich so unlogisch
reden gehrt. Was willst du denn eigentlich von mir? Htt ich vielleicht
eiferschtig werden sollen wegen dieses Briefes?
    Eiferschtig? Das fehlte noch, du mit deiner Vergangenheit.
    Georg zuckte die Achseln. In seinem Geist tauchten Erinnerungen auf, an
hnliche Wortzwiste im Verlaufe frherer Beziehungen, an jene pltzlichen
rtselhaften Uneinigkeiten und Entfremdungen, die meist nichts anderes zu
bedeuten gehabt hatten, als den Anfang vom Ende. Sollte er mit seiner klugen,
guten Anna heute wirklich schon so weit sein? Verstimmt, beinahe traurig ging er
im Zimmer auf und ab. Zuweilen warf er einen flchtigen Blick nach der
Geliebten, die schweigend in ihrer Diwanecke sa und leicht die Hnde
aneinanderrieb, als wre ihr kalt. In das Schweigen des mit einmal trbselig
gewordenen Raums klang die Orgel schwerer als zuvor, singende Menschenstimmen
wurden vernehmbar, und die Fensterscheiben klirrten leise. Georgs Blick fiel auf
den kleinen Weihnachtsbaum, der auf der Kommode stand und dessen Kerzen
vorgestern Abend fr ihn und Anna gebrannt hatten. Halb gelangweilt, halb
zerstreut nahm er Zndhlzchen aus der Tasche und begann die kleinen Kerzen eine
nach der andern anzuznden. Da klang pltzlich Annas Stimme zu ihm her: In
einer ernsten Sache, sagte sie langsam, wrde ich mich doch keinem andern
anvertrauen, als dem alten Doktor Stauber.
    Befremdet wandte sich Georg nach ihr um, und blies ein brennendes
Zndhlzchen aus, das er noch in der Hand hielt. Er wute sofort, was Anna
meinte, wunderte sich, da er seit dem letzten Zusammensein selbst nicht mehr
daran gedacht hatte, trat zu ihr hin und fate ihre Hand. Nun erst schaute sie
auf, undurchdringlich, mit bewegungslosen Zgen.
    Du Anna sag doch ..., er setzte sich an ihre Seite auf den Diwan, ihre
beiden Hnde in den seinen.
    Sie schwieg.
    Warum redest du nicht?
    Sie zuckte die Achseln. Es ist eben gar nichts Neues zu berichten,
erklrte sie dann einfach.
    So, sagte er langsam. Es ging ihm durch den Sinn, ob nicht ihre heutige
sonderbare Gereiztheit schon als ein Anzeichen des Zustandes zu deuten war, auf
den sie anspielte, und Unruhe stieg in seiner Seele auf. Aber sicher ist die
Sache deswegen noch lange nicht, sagte er in etwas khlerm Tone, als er
eigentlich wollte. Und ... und wenn auch , setzte er mit geknstelter
Lebhaftigkeit hinzu.
    Also du wrdest mir verzeihen? fragte sie lchelnd.
    Er drckte sie an sich und war pltzlich ganz aufgerumt. Eine lebhafte,
etwas gerhrte Zrtlichkeit flammte in ihm auf fr das sanfte, gute Geschpf,
das er in den Armen hielt, und von dem ihm, er fhlte es tief, niemals ein
ernstliches Leid kommen konnte. Es wre wahrhaftig nicht so schlimm, sagte er
heiter. Du wrdest eben Wien fr einige Zeit verlassen, das ist alles.
    Na, gar so einfach wr das allerdings nicht, wie du dir's pltzlich
vorzustellen scheinst.
    Warum nicht? Eine Ausrede ist bald gefunden. Im brigen, wen geht's denn
an? Uns zwei. Niemanden andern. Und was mich anbelangt, so weit du, ich kann
jeden Tag fort. Kann auch ausbleiben, so lange ich will. Ich habe noch nicht
einmal einen Kontrakt frs nchste Jahr unterschrieben, setzte er lchelnd
hinzu. Dann erhob er sich, um die Wachskerzchen auszulschen, deren kleine
Flammen beinahe ganz heruntergebrannt waren; und immer lebhafter sprach er
weiter. Es wre sogar wunderschn. Denk doch, Anna! Ende Februar, oder anfangs
Mrz wrden wir abreisen, in den Sden natrlich, nach Italien, ans Meer
vielleicht. Wrden an irgendeinem stillen Ort wohnen, wo kein Mensch uns kennt,
in einem schnen Hotel mit einem Riesenpark. Und arbeiten knnt man da unten,
Donnerwetter!
    Also darum! sagte sie, wie in pltzlichem Verstehen. Er lachte, nahm sie
fester in seine Arme, und sie drngte sich an seine Brust. Von drauen kam kein
Laut mehr. Orgel und Menschenstimmen waren verklungen. Vor den Fenstern schwebte
der Schneevorhang nieder ... Georg und Anna waren glcklich wie niemals zuvor.
    Whrend sie im Dunkel ruhten, sprach er von seinen musikalischen Plnen fr
die nchste Zeit und erzhlte ihr Heinrichs Opernstoff, soweit er es vermochte.
Mit schimmernden Schatten fllte sich der Raum. Einen mrchenhaften Knigssaal
durchrauschte ein Hochzeitsfest. Ein leidenschaftlicher Jngling schlich sich
ein und zckte seinen Dolch auf den Frsten. Ein dunkles Urteil, geheimnisvoller
als der Tod, wurde verkndet. Auf dmmernder Flut trieb ein trges Schiff
unbekannten Zielen entgegen. Zu Fen des Jnglings ruhte eine Prinzessin, die
eines Herzogs Braut gewesen. Ein Unbekannter nahte auf leuchtendem Kahn mit
seltsamer Botschaft; Narren, Sterngucker, Tnzerinnen, Hflinge schwebten
vorbei. Schweigend hatte Anna gelauscht. Am Ende war Georg neugierig zu
erfahren, was fr einen Eindruck sie von den flchtigen Bildern empfangen htte.
    Ich kann's nicht recht sagen, erwiderte sie. Jedenfalls ist es mir heut
noch ganz rtselhaft, wie aus dem ziemlich wirren Zeug jemals irgendwas
Wirkliches werden soll.
    Natrlich kannst du dir das heute noch nicht vorstellen besonders nach
meiner Erzhlung ... Aber den musikalischen Hauch, der aus der Geschichte
herausweht, den sprst du doch, nicht wahr? Ich hab mir sogar schon ein paar
Motive aufnotiert, und ich mchte sehr gern, da Bermann sich bald ernstlich an
die Arbeit machte.
    An deiner Stelle, Georg ... ich darf doch was sagen?
    Natrlich, red nur.
    Also ich an deiner Stelle wrde doch zuerst einmal das Quintett
abschlieen. Es kann ja jetzt nicht mehr viel dran fehlen.
    Viel nicht und doch ... brigens darfst du nicht vergessen, da ich in der
letzten Zeit allerlei anderes angefangen habe. Die zwei Klavierstcke, dann das
Orchesterscherzo das ist sogar ziemlich weit gediehn. Aber es gehrt unbedingt
in eine Symphonie.
    Anna erwiderte nichts. Georg merkte, da ihre Gedanken abschweiften, und er
fragte sie, wohin sie ihm denn schon wieder entrckt sei.
    Nicht gar so weit, entgegnete sie. Mir ist nur so durch den Kopf
gegangen, was alles geschehen sein kann, bis die Oper einmal wirklich fertig
sein wird.
    Ja, sagte Georg langsam, beinahe etwas befangen, wenn man so in die
Zukunft blicken knnte.
    Sie seufzte ganz leise, und er drngte sich nher an sie, fast mitleidig.
Sei ruhig, mein Schatz, sei ruhig, sagte er, ich bin ja da ... und ich werde
immer da sein. Er glaubte zu fhlen, wie sie dachte: Kann er nichts Besseres
sagen? ... nichts Strkeres? nichts, das alle Angst, und das sie fr immer von
mir nhme? Und unaufrichtig, wie mit dem Gedanken sich in eine Gefahr zu
begeben, fragte er sie: Woran denkst du? Und noch einmal, als sie beharrlich
schwieg: Anna, woran denkst du denn?
    An etwas sehr Sonderbares, erwiderte sie leise.
    Woran?
    Da das Haus schon steht, wo es zur Welt kommen wird, und wir haben keine
Ahnung wo ... daran hab ich denken mssen.
    Daran, sagte er seltsam berhrt. Und mit neu aufflammender Zrtlichkeit
sie an sein Herz pressend: Ich werde euch nie verlassen, euch beide ...
    Als es wieder licht im Zimmer wurde, waren sie sehr vergngt, pflckten von
den sten des kleinen Weihnachtsbaumes die letzten vergessenen Zuckersachen,
freuten sich auf das Wiedersehen unter lauter gleichgltigen Menschen, das ihnen
bevorstand, wie auf ein heiteres Abenteuer, lachten und redeten lustigen Unsinn.
    Sobald Anna fortgegangen war, versperrte Georg die Notenbltter in der
Tischlade, lschte die Lampe aus und ffnete ein Fenster. Leicht und dnn fiel
der Schnee. ber die Stiege aus dem Dunkel kam ein alter Mann, und sein
mhseliges Atmen tnte durch die unbewegte Luft herauf. Grau ragte die stumme
Kirche gegenber ... Georg blieb eine Weile am Fenster stehen. Er war in diesem
Augenblick beinahe berzeugt, da Anna sich in ihrer Annahme tuschte. Wie eine
Beruhigung fiel ihm jene uerung Leo Golowskis ein, da Anna bestimmt wre im
Brgerlichen zu enden. Wahrhaftig es konnte nicht in der Linie ihres
Schicksals liegen, von einem Liebhaber ein Kind zu bekommen. Und nicht in der
Linie des seinen lag es, Verpflichtungen ernster Art zu tragen, heute schon und
vielleicht fr alle Zeit an ein weibliches Wesen festgebunden zu sein; Vater zu
werden in so jungen Jahren. Vater! ... Schwer, beinahe dster sank das Wort in
seine Seele.
    Um acht Uhr abends trat er in den Ehrenbergschen Salon. Walzerklnge tnten
ihm entgegen. Am Klavier sa der alte Eiler, dem der lange graue Vollbart fast
bis auf die Tasten herabsank. Georg, der, um nicht zu stren, am Eingang
stehenblieb, wurde von allen Seiten durch Blicke begrt. Der alte Eiler
spielte mit weichem Anschlag und krftigem Rhythmus seine berhmten Wiener Tnze
und Lieder, und Georg hatte wie immer viel Freude an den sen, wiegenden
Melodien.
    Herrlich, sagte Frau Ehrenberg, als der Alte sich erhob.
    Bewahren Sie sich die groen Worte fr grere Gelegenheiten, Leonie,
erwiderte Eiler, dessen altes Vorrecht es war, alle Frauen und Mdchen bei
ihren Vornamen zu nennen. Und es schien jeder wohl zu tun, ihn von diesem
schnen alten Mann, mit der tiefen, klingenden Stimme aussprechen zu hren, in
der es manchmal bebte wie ein sentimentales Echo aus bewegten Jugendtagen. Georg
fragte ihn, ob alle seine Kompositionen im Druck erschienen wren.
    Die wenigsten, lieber Baron; ich selbst kann leider keine Noten schreiben.
    Es wre aber wirklich jammerschade, wenn diese charmanten Melodien ganz
verloren gehen sollten.
    Ja, das hab ich ihm auch oft gesagt, nahm Frau Ehrenberg das Wort. Aber
er gehrt leider zu den Menschen, die sich selber nie ganz ernst genommen
haben.
    O, das ist ein Irrtum, Leonie. Wissen Sie denn, wie ich meine musikalische
Karriere begonnen habe? Eine groe Oper hab ich komponieren wollen. Allerdings
war ich damals siebzehn Jahre alt und in eine Sngerin rasend verliebt.
    Die Stimme der Frau Oberberger tnte vom Tische in der Ecke her: Es wird
eine Choristin gewesen sein.
    Sie irren sich, Katharina, erwiderte Eiler. Choristinnen waren nie mein
Fall. Es war sogar eine platonische Liebe, wie die meisten groen Leidenschaften
meines Lebens.
    Waren Sie so ungeschickt? fragte Frau Oberberger.
    Manchmal wohl auch das, erwiderte Eiler sonor und mit Anstand; denn
wahrscheinlich htte ich gerade soviel Glck haben knnen wie ein
Husarenrittmeister. Aber ich bedaure es nicht, ungeschickt gewesen zu sein.
Ungetrbte Erinnerungen bewahren wir doch nur an versumte Gelegenheiten.
    Frau Ehrenberg nickte beifllig.
    Man drfte also nicht fehlgehen, Herr Eiler, bemerkte Nrnberger, wenn
man in Ihrer Lebensgeschichte den getrbten Erinnerungen die grere Rolle
zuweist. Wieder nickte Frau Ehrenberg. Sie war entzckt, wenn man in ihrem
Salon geistreich war.
    Warum sagten Sie, fragte Frau Oberberger, Sie htten so viel Glck haben
knnen wie ein Husarenrittmeister? Es ist gar nicht wahr, da Offiziere
besonders viel Glck bei den Frauen haben. Wenn meine Schwgerin auch einmal ein
Verhltnis mit einem Oberleutnant gehabt hat ...
    Ich glaube nicht an platonische Liebe, sagte Sissy und leuchtete durch den
Saal.
    Frau Wyner schrie leise auf.
    Frulein Sissy hat wahrscheinlich recht, sagte Nrnberger. Wenigstens bin
ich berzeugt, da die meisten Frauen platonische Liebe entweder als Beleidigung
auffassen oder als Ausrede.
    Es sind junge Mdchen da, erinnerte Frau Ehrenberg mild.
    Das merkt man schon daraus, sagte Nrnberger, da sie mitreden.
    Trotzdem mchte ich mir erlauben, zu dem Kapitel platonische Liebe eine
kleine Anekdote zu erzhlen, sagte Heinrich.
    Nur keine jdische, warf Else ein.
    Gewi nicht. Hren Sie nur. Ein kleines blondes Mdel ...
    Das beweist nichts, unterbrach Else.
    La doch zu Ende erzhlen, mahnte Frau Ehrenberg.
    Also: ein kleines, blondes Mdel, begann Heinrich von neuem, hat einmal,
im Gegensatz zu Frulein Sissy, mir gegenber die berzeugung ausgesprochen, da
platonische Liebe tatschlich existiere. Und wissen Sie, was sie mir als Beweis
dafr angefhrt hat ...? Ein eigenes Erlebnis. Sie hat nmlich einmal eine
Stunde, wie sie mir erzhlte, ganz allein in einem Zimmer mit einem Leutnant
verbracht und ...
    Es ist genug, rief Frau Ehrenberg angstvoll.
    Und, schlo Heinrich unbeirrt und beruhigend, es ist in dieser Stunde
nicht das geringste vorgefallen.
    Sagt das blonde Mdel, ergnzte Else.
    Die Tr ffnete sich, Georg sah eine fremde Dame eintreten, in einem
hellblauen, viereckig ausgeschnittenen Kleid, bla, einfach und vornehm. Erst
als sie lchelte, ward ihm bewut, da die Dame Anna Rosner war, und er empfand
irgend etwas wie Stolz auf sie. Als er der Geliebten die Hand reichte, fhlte er
den Blick Elses auf sich gerichtet.
    Man begab sich ins Nebenzimmer, wo der Tisch mit bescheidener Festlichkeit
gedeckt war. Der Sohn des Hauses fehlte. Er befand sich in Neuhaus, in der
vterlichen Fabrik. Herr Ehrenberg selbst aber sa pltzlich bei Tisch, als das
Souper aufgetragen war. Erst krzlich war er von seiner Reise heimgekehrt, die
ihn tatschlich bis Palstina gefhrt hatte. Als er von Hofrat Wilt nach seinen
Erlebnissen gefragt wurde, wollte er zuerst nicht recht mit der Sprache heraus.
Endlich ergab sich, da ihn die Landschaft enttuscht, die Strapazen der Reisen
verstimmt, und da er von den jdischen Ansiedlungen, die sicherm Vernehmen nach
im Entstehen waren, so gut wie nichts gesehen hatte. Also wir haben begrndete
Hoffnung, bemerkte Nrnberger, Sie hier zu behalten, selbst fr den Fall, da
der Judenstaat im Laufe der nchsten Zeit gegrndet werden sollte?
    Unwirsch erwiderte Ehrenberg: Hab ich Ihnen je gesagt, da ich die Absicht
habe auszuwandern? Ich bin zu alt dazu.
    Ach so, sagte Nrnberger, ich wute nicht, da Sie sich die Gegend drben
nur Frulein Else und Herrn Oskar zuliebe angesehen haben.
    Lieber Nrnberger, ich werd mich da nicht mit Ihnen streiten. Der Zionismus
ist auch wahrhaftig zu gut fr ein Tischgesprch.
    Ob zu gut, sagte Hofrat Wilt, wollen wir dahingestellt sein lassen,
jedenfalls zu kompliziert, schon darum weil jeder was anderes darunter
versteht.
    Oder verstehen will, fgte Nrnberger hinzu, wie es brigens mit den
meisten Schlagworten und nicht nur in der Politik der Fall ist. Darum wird ja
auf Erden so viel geschwtzt.
    Heinrich erklrte, da ihm unter allen menschlichen Geschpfen der Politiker
gewissermaen die rtselhafteste Erscheinung bedeute. Ich begreife
Taschendiebe, sagte er, Akrobaten, Bankdirektoren, Hoteliers, Knige ... das
heit, ohne besondere Mhe gelingt es mir, mich in die Seelen aller dieser Leute
hineinzuversetzen. Daraus folgt offenbar, da es nur gewisser quantitativer,
wenn auch ungeheurer Vernderungen meines Wesens bedrfte, um mich zu befhigen,
in der Welt eine Akrobaten-, eine Knigs-, eine Bankdirektorsrolle zu spielen.
Dagegen fhl ich untrglich: ich knnte mein Wesen ins Ungemessene steigern, und
es wrde doch nie das aus mir, was man einen Politiker nennt: ein Parteifhrer,
ein Genosse, ein Minister.
    Nrnberger lchelte ber die Auffassung Heinrichs, nach der der Politiker
eine besondere Menschenart bedeuten sollte, whrend es doch nur zu den uern,
nicht einmal unumgnglichen Erfordernissen seines Berufes gehrte, sich als
besondere Menschenart aufzuspielen, seine Gre oder seine Nichtigkeit, seine
Taten oder seine Trgheit hinter Titeln, Abstrakten, Symbolen zu verstecken. Was
die Unbetrchtlichen oder Schwindelhaften unter ihnen vorstellten, das lag ja
auf der Hand: es waren einfach Geschftsleute, oder Hochstapler, oder
Schnredner. Die Bedeutenden aber, die Ttigen, die Genialen ganz gewi, die
waren in der Tiefe ihrer Seele nichts anderes als Knstler. Auch sie versuchten
ein Werk zu schaffen und eines, das in der Idee geradeso Anspruch auf
Unvergnglichkeit und Endgltigkeit erhob, wie irgendein anderes Kunstwerk. Nur,
da eben das Material, aus dem sie bildeten, kein starres, kein relativ
bleibendes war, wie Tne oder Worte sind, sondern da es nach lebendiger
Menschen Art, sich ununterbrochen in Flu und Bewegung befand.
    Willy Eiler erschien, entschuldigte sich bei der Hausfrau, da er sich
versptet hatte, nahm zwischen Sissy und Frau Oberberger Platz und grte seinen
Vater wie einen lieben, alten Freund nach langer Trennung. Es stellte sich
heraus, da die beiden, trotzdem sie zusammen wohnten, sich seit mehreren Tagen
nicht gesehen hatten. Willy erhielt Komplimente zu seinem Erfolg in der
Aristokratenvorstellung, wo er mit der Grfin Liebenberg-Rathony in einem
franzsischen Proverbe einen Marquis gespielt hatte. Frau Oberberger fragte ihn,
immerhin laut genug, da es die Nchstsitzenden verstehen konnten, wo seine
Rendezvous mit der Grfin stattfnden und ob er sie im gleichen Absteigquartier
empfinge wie seine brgerlichen Flammen. Die Unterhaltung wurde lebhafter,
Gesprche gingen hin und her und verschlangen sich da und dort. Georg aber fing
abgerissene Worte auf, auch aus einer Unterhaltung zwischen Anna und Heinrich,
in der von Therese Golowski die Rede war. Dabei sah er, wie Anna zuweilen einen
neugierig dunkeln Blick zu Demeter Stanzides herberwarf, der heute im Frack mit
einer Gardenia im Knopfloch erschienen war; und ohne eigentliche Eifersucht zu
verspren, fhlte er sich sonderbar bewegt. Ob sie in diesem Augenblick wohl
daran dachte, da sie vielleicht ein Kind von ihm unter dem Herzen trug? Die
Untiefen ... fiel ihm wieder ein. Pltzlich sah sie zu ihm herber, mit einem
Lcheln, als kme sie von einer Reise heim. Er war innerlich wie befreit und
sprte mit einem leisen Schrecken, wie sehr er sie liebte. Dann fhrte er sein
Glas an die Lippen und trank ihr zu. Else, die bisher mit ihrem andern Nachbar,
Demeter, geplaudert hatte, wandte sich nun an Georg; in ihrer absichtlich
beilufigen Art mit einem Blick auf Anna bemerkte sie: Hbsch sieht sie aus. So
frauenhaft. Das hat sie brigens immer an sich gehabt. Musizieren Sie noch mit
ihr?
    Manchmal, entgegnete Georg khl.
    Vielleicht bitt ich sie, vom neuen Jahr an wieder mit mir zu korrepetieren.
Ich wei nicht, wieso es bis jetzt nicht dazu gekommen ist.
    Georg schwieg.
    Und wie steht es denn eigentlich sie wies mit einem Blick auf Heinrich
mit Eurer Oper?
    Mit unsrer Oper? Noch gar nichts steht's damit. Wer wei, ob was draus
wird.
    Natrlich wird nichts draus werden.
    Georg lchelte. Warum sind Sie denn heut gar so streng mit mir?
    Ich rgere mich halt ber Sie.
    ber mich? Warum denn ...?
    Da Sie den Leuten immer wieder Anla geben, Sie als Dilettanten zu
betrachten.
    Georg war ins Herz getroffen, versprte sogar einen leisen Groll gegen Else,
fate sich aber rasch und erwiderte: Ich bin ja vielleicht nichts anderes. Und
wenn man kein Genie ist, so ist es schon besser, man ist ein ehrlicher
Dilettant, als ... als ein aufgeblasener Knstler.
    Wer verlangt denn, da Sie gleich das Grte leisten? Aber deswegen mu man
sich doch nicht so gehen lassen, wie Sie's tun, innerlich und uerlich.
    Ich versteh Sie wirklich nicht, Else. Wie knnen Sie behaupten ... Wissen
Sie denn auch, da ich im Herbst nach Deutschland gehe, als Kapellmeister?
    Die Karriere wird daran scheitern, da Sie nicht um zehn Uhr frh bei den
Proben sein werden.
    In Georg whlte es noch immer. Wer hat mich denn brigens einen Dilettanten
genannt, wenn ich fragen darf?
    Wer? Gott, es ist doch schon in der Zeitung gestanden.
    Ach so, sagte Georg beruhigt, denn er erinnerte sich jetzt, da ein
Kritiker ihn nach dem Konzert, in dem Frulein Bellini seine Lieder gesungen,
als dilettierenden Aristokraten bezeichnet hatte. Georgs Freunde hatten damals
erklrt, diese animose Besprechung habe ihren Grund darin, da er dem
betreffenden Herrn, der als sehr eitel bekannt war, keinen Besuch gemacht htte.
    So war es nun einmal! Immer waren uere Grnde dran schuld, wenn die Leute
einen ungnstig beurteilten. Auch die Gereiztheit Elsens heute, was war sie im
Grunde anderes, als Eifersucht ...
    Die Tafel wurde aufgehoben. Man begab sich in den Salon. Georg trat zu Anna,
die am Klavier lehnte und sagte leise zu ihr: Schn siehst du aus.
    Sie nickte befriedigt.
    Dann fragte er weiter: Hast du dich mit Heinrich gut unterhalten? Worber
habt ihr denn gesprochen? ber Therese? Nicht wahr?
    Sie antwortete nicht, und Georg merkte mit Befremden, wie ihr pltzlich die
Augenlider zufielen, und sie zu wanken begann.
    Was ... was haben Sie denn? fragte er erschrocken.
    
    Sie hrte ihn nicht und wre niedergesunken, wenn er sie nicht rasch bei den
Handgelenken gefat htte. Frau Ehrenberg und Else waren im selben Augenblick
bei ihr.
    Haben sie uns beobachtet? dachte Georg.
    Schon hatte Anna die Augen wieder offen, zwang sich zu einem Lcheln und
flsterte: O es ist nichts, ich vertrage die Hitze manchmal so schlecht.
    Kommen Sie, sagte Frau Ehrenberg mtterlich, vielleicht legen Sie sich
einen Augenblick hin.
    Anna schien verwirrt, erwiderte nichts, und die Damen des Hauses geleiteten
sie ins Nebenzimmer.
    Georg sah um sich. Den Gsten schien nichts aufgefallen zu sein. Der Kaffee
wurde herumgereicht. Georg nahm eine Tasse und rhrte zerstreut mit dem Lffel
herum. Am Ende, dachte er, wird sie doch nicht im Brgerlichen enden. Aber
zugleich fhlte er sich innerlich so entfernt von ihr, als ginge ihn persnlich
die Sache nichts an. Frau Oberberger stand neben ihm. Also wie denken Sie
eigentlich ber platonische Liebe, Sie sind ja Fachmann? Er erwiderte
zerstreut, sie redete weiter, in ihrer Art; ohne sich zu kmmern, ob er zuhrte,
ob er antwortete. Pltzlich war Else wieder da. Georg erkundigte sich nach Annas
Befinden, teilnehmend und hflich.
    Eine schwere Erkrankung drfte es wohl nicht sein, sagte Else und sah ihm
fremd ins Gesicht.
    Demeter Stanzides trat heran und bat sie zu singen. Wollen Sie mich
begleiten? wandte sie sich an Georg. Er verneigte sich und setzte sich ans
Klavier.
    Also was denn? fragte Else.
    Was Sie wollen, erwiderte Wilt, nur nichts Modernes. Nach dem Souper
liebte er es, wenigstens in knstlerischen Dingen, den Reaktionr zu spielen.
    Justament, sagte Else und reichte Georg ein Heft. Sie sang Das alte Bild
von Hugo Wolf, mit ihrer kleinen, wohlgebildeten und etwas rhrenden Stimme.
Georg begleitete mit Geschmack, doch ziemlich zerstreut. Er war ein wenig
rgerlich ber Anna, so sehr er sich dagegen wehrte. Im brigen schien wirklich
niemand den Vorfall bemerkt zu haben, als Frau Ehrenberg und Else. Ach, was lag
am Ende daran ... Wenn sie's auch alle wuten ... Wen ging es an ... Ja, wer
kmmerte sich nur darum ... Nun hren sie alle Else zu, dachte er weiter, und
empfinden die Schnheit dieses Liedes. Sogar Frau Oberberger, die gar nicht
musikalisch ist, vergit auf einige Minuten, da sie ein Weib ist, und hat ein
stilles, geschlechtsloses Gesicht. Auch Heinrich hrt gebannt zu, denkt in
diesem Moment vielleicht nicht an seine Werke, nicht an das Los der Juden, nicht
an die ferne Geliebte, und nicht einmal an die nahe, die kleine Blondine, der
zuliebe er in der letzten Zeit geradezu elegant geworden ist. Wahrhaftig, der
Frack sitzt ihm nicht bel, und die Krawatte ist keine von den fertig gekauften,
wie er sie sonst trgt, sondern sorgsam geknpft ... Wer steht denn so nah
hinter mir, dachte Georg weiter, da ich den Atem ber dem Haar spre? ... Sissy
vielleicht ...? Wenn morgen frh die Welt unterginge, Sissy wre es, die ich mir
fr heute Nacht erwhlte. Ja das ist sicher. Ah, da kommt Anna mit Frau
Ehrenberg ... Es scheint, ich bin der einzige, der es merkt, obwohl ich doch
zugleich auf mein Spiel und auf Elses Gesang aufpassen mu. Ich gre sie mit
den Augen ... Ja, ich gre dich, Mutter meines Kindes ... Wie sonderbar ist das
Leben ...
    Das Lied war zu Ende. Man applaudierte, verlangte nach mehr. Georg
begleitete Else zu einigen anderen Liedern, von Schumann, von Brahms, zum Schlu
auf allgemeinen Wunsch zu zwei eigenen, die ihm persnlich zuwider geworden
waren, seit irgendwer behauptet hatte, sie erinnerten an Mendelssohn. Whrend er
begleitete, glaubte er jeden Zusammenhang mit Else zu verlieren und gab sich
durch sein Spiel Mhe, sie wiederzugewinnen. Er spielte mit bertriebener
Empfindung, er warb geradezu um sie und fhlte, da es vergebens war. Zum
erstenmal in seinem Leben war er unglcklich verliebt in sie. Der Beifall nach
Georgs Liedern war stark.
    Das war Ihre beste Zeit, sagte Else leise zu ihm, whrend sie die Noten
weglegte. So vor zwei, drei Jahren.
    Die andern sagten ihm Freundliches, ohne Epochen in seiner knstlerischen
Entwicklung zu unterscheiden.
    Nrnberger erklrte, durch die Lieder Georgs aufs angenehmste enttuscht
worden zu sein. Ich will Ihnen nmlich nicht verhehlen, bemerkte er, da ich
sie mir nach den Ansichten, die ich manchmal von Ihnen vertreten hre, lieber
Baron, betrchtlich unverstndlicher vorgestellt htte.
    Wirklich charmant, sagte Wilt. Alles so melodis, und einfach, ohne
Affektion und Schwulst.
    Er ist es, dachte Georg grimmig, der mich einen Dilettanten geheien hat.
    Willy war herzugetreten. Jetzt sagen S' nur noch Herr Hofrat, da Sie sie
nachpfeifen knnen, und wenn ich mich auf Physiognomien verstehe, so schickt
Ihnen der Baron morgen frh zwei Herren.
    O nein, sagte Georg, sich auf sich besinnend und lchelte. Die Lieder
stammen glcklicherweise aus einer lngst berwundenen Zeit. Ich fhle mich also
durch keinerlei Tadel und keinerlei Lob verletzt.
    Ein Diener brachte Eis, die Gruppen lsten sich, und Anna stand mit Georg
allein am Klavier. Er fragte sie rasch: Was hat denn das zu bedeuten gehabt?
    Ja ich wei nicht, erwiderte sie und sah ihn mit groen Augen an.
    Ist dir denn auch schon ganz wohl?
    Aber vollkommen, antwortete sie.
    Und ist dir das heute zum erstenmal passiert? fragte Georg etwas zgernd.
    Sie erwiderte: Gestern Abend zu Haus hab ich was hnliches gehabt. So eine
Art von Ohnmacht. Es hat sogar noch etwas lnger gedauert. Whrend wir noch beim
Nachtmahl gesessen sind. Es hat's aber niemand bemerkt.
    Warum hast du mir denn gar nichts davon gesagt?
    Sie zuckte leicht die Achseln.
    Du Anna, sagte er lebhaft und etwas schuldbewut, ich mcht dich
jedenfalls noch sprechen. Gib mir ein Zeichen, wenn du fortgehen willst. Ich
verschwind' ein paar Minuten vor dir und wart' am Schwarzenbergplatz, bis du im
Wagen kommst. Dann steig ich zu dir ein, und wir fahren noch ein bichen
spazieren. Ist es dir recht?
    Sie nickte.
    Er sagte: Auf Wiedersehen, Schatz und begab sich ins Rauchzimmer. An einem
grnen Tischchen hatten sich der alte Ehrenberg, Nrnberger und Wilt zum
Tarockspiel niedergelassen. Auf zwei riesigen, grnen Lederfauteuils,
nebeneinander, saen der alte Eiler und sein Sohn und bentzten die
Gelegenheit, sich endlich einmal ordentlich miteinander auszuplaudern. Georg
nahm eine Zigarre aus einem Kistchen, steckte sie sich an und betrachtete ohne
besondere Anteilnahme die Bilder an der Wand. Auf einem grotesk gehaltenen
Aquarell, das ein von rot befrackten Herren gerittenes Hrdenrennen vorstellte,
sah er unten in der Ecke mit blaroten Buchstaben auf die grne Wiese gezeichnet
Willys Namen. Unwillkrlich wandte er sich nach dem jungen Mann um und sagte:
Das hab ich noch gar nicht gekannt.
    Es ist ziemlich neu, bemerkte Willy beilufig.
    Ein fesches Bild, was? sagte der alte Eiler.
    Ah, schon etwas mehr als das, erwiderte Georg.
    Na, hoffentlich werde ich bald mit etwas Besserem aufwarten knnen, sagte
Willy.
    Er geht nach Afrika auf die Lwenjagd, erluterte der alte Eiler, mit
dem Frsten Wangenheim.
    So? sagte Georg, Felician soll auch von der Partie sein. Aber er hat sich
noch nicht entschlossen.
    Warum denn? fragte Willy.
    Er will im Frhjahr seine Diplomatenprfung machen.
    Aber das kann er doch verschieben, sagte Willy. Die Lwen sind ja im
Aussterben, was man von den Professoren leider nicht behaupten kann.
    Ich prnumerier mich auf ein Bild, Willy, rief Ehrenberg vom Kartentisch
herber.
    Seien Sie spter Mcen, Vater Ehrenberg, sagte Wilt, ich hab einen Dreier
angesagt.
    Einen Untern, replizierte Ehrenberg und fuhr fort: Wenn ich mir was
anschaffen darf, Willy, so malen Sie mir eine Wstenlandschaft, in der der Frst
Wangenheim von den Lwen aufgefressen wird ... aber womglich nach der Natur.
    Sie irren sich in der Person, Herr Ehrenberg, sagte Willy. Der berhmte
Antisemit, den Sie meinen, ist der Cousin von meinem Wangenheim.
    Von mir aus, erwiderte Ehrenberg, knnen sich die Lwen auch irren, es
mu ja nicht jeder Antisemit berhmt sein.
    Sie werden die Partie verlieren, wenn Sie nicht aufpassen, mahnte
Nrnberger.
    Sie htten sich doch in Palstina ankaufen sollen, sagte Hofrat Witt.
    Gott soll mich davor behten, erwiderte Ehrenberg.
    Nun, da er das bis jetzt in allen Dingen getan hat ..., sagte Nrnberger
und spielte sein Blatt aus.
    Mir scheint, Nrnberger, Sie werfen mir schon wieder vor, da ich nicht mit
alten Kleidern handeln geh.
    Dann htten Sie wenigstens das Recht, sich ber den Antisemitismus zu
beklagen, sagte Nrnberger. Denn wer sprt in sterreich etwas davon, als die
Hausierer ... leider Gottes nur die, knnte man sagen.
    Und einige Leute mit Ehrgefhl, entgegnete Ehrenberg. Siebenundzwanzig
... einunddreiig ... achtunddreiig ... nu, wer hat die Partie gewonnen?
    Willy hatte sich wieder in den Salon begeben, Georg sa rauchend auf der
Lehne eines Fauteuils, sah pltzlich den Blick des alten Eiler auf sich
gerichtet, in einer sonderbar wohlwollenden Weise, und fhlte sich an irgend
etwas erinnert, ohne zu wissen woran.
    Neulich, sagte der alte Herr, hab ich Ihren Bruder Felician flchtig
gesprochen, bei Schnsteins. Es ist frappant, wie er Ihrem seligen Papa hnlich
sieht. Besonders, wenn man Ihren Papa als ganz jungen Menschen gekannt hat, wie
ich.
    Jetzt wute Georg mit einemmal, woran der Blick des alten Eiler ihn
erinnerte: mit dem gleichen, vterlichen Ausdruck hatten des alten Doktor
Stauber Augen bei Rosners auf ihm geruht. Diese alten Juden! dachte er
spttisch, aber in einem entlegenen Winkel seiner Seele war er ein wenig
gerhrt. Es fiel ihm ein, da sein Vater mit Eiler, vor dessen Kunstverstndnis
er groen Respekt gehabt hatte, manchmal des Morgens im Prater spazierengegangen
war.
    Der alte Eiler sprach weiter: Sie Georg, geraten wohl mehr Ihrer Mutter
nach, denk ich mir.
    Es behaupten's manche. Selbst kann man das ja schwer beurteilen.
    Ihre Mutter soll eine so schne Stimme gehabt haben.
    Ja, in ihrer frhen Jugend. Ich selbst habe sie ja nie wirklich singen
gehrt. Zuweilen hat sie's wohl versucht. Drei oder vier Jahre vor ihrem Tod, da
hat ihr ein Arzt in Meran sogar den Rat gegeben, ihre Singstimme zu ben. Eine
Lungengymnastik sollte es sein. Aber es hat leider nicht viel Erfolg gehabt.
    Der alte Eiler nickte und sah vor sich hin. Daran werden Sie sich
wahrscheinlich nicht mehr erinnern knnen, da damals meine arme Frau mit Ihrer
verstorbenen Mutter zugleich in Meran gewesen ist.
    Georg suchte in seinem Gedchtnis. Es war ihm entfallen.
    Einmal, sagte der alte Eiler, bin ich mit Ihrem Vater im selben Kupee
hinuntergefahren. In der Nacht, wir haben beide nicht schlafen knnen, hat er
mir sehr viel von euch zweien erzhlt. Von Ihnen und Felician mein ich.
    So ...
    Zum Beispiel, da Sie in Rom als Bub irgendeinem italienischen Virtuosen
eine eigne Komposition vorgespielt haben, und da er Ihnen eine groe Zukunft
prophezeit hat.
    Groe Zukunft ... ach Gott! Es war aber kein Virtuose, Herr Eiler, es war
ein Geistlicher, bei dem ich dann brigens Orgelspielen gelernt hab.
    Eiler fuhr fort: Und abends, wenn Ihre Mutter schon zu Bett gegangen war,
haben Sie ihr manchmal stundenlang im Zimmer nebenan vorphantasiert.
    Georg nickte und seufzte im stillen. Es war ihm, als htte er zu jener Zeit
viel mehr Talent gehabt als jetzt. Arbeiten, dachte er mit Inbrunst, arbeiten
... Er blickte wieder auf. Ja, sagte er wie humoristisch, das ist halt das
Malheur, da aus Wunderkindern so selten was wird.
    Ich hre ja, Sie wollen Kapellmeister werden, Baron?
    Ja, erwiderte Georg mit Entschiedenheit. Nchsten Herbst geh ich nach
Deutschland, vielleicht zuerst als Korrepetitor an irgendein kleines
Stadttheater, wie es sich eben trifft.
    Aber gegen ein Hoftheater htten Sie auch nichts einzuwenden?
    Gewi nicht. Aber wie kommen Sie darauf, Herr Eiler, wenn ich fragen darf
?
    Ich wei ganz gut, sagte Eiler lchelnd und lie das Monokel fallen, da
Sie auf meine Protektion nicht angewiesen sind, aber andererseits kann ich mir
denken, da es ihnen vielleicht nicht unsympathisch wre, auf die Vermittlung
von Agenten und andere Annehmlichkeiten dieser Art verzichten zu drfen ... ich
meine nicht wegen der Perzente.
    Georg blieb khl. Wenn man einmal entschlossen ist eine Theaterkarriere
einzuschlagen, so wei man ja auch, was man alles mit in den Kauf zu nehmen
hat.
    Kennen Sie vielleicht den Grafen Malnitz? fragte Eiler, unbekmmert um
Georgs Lebensweisheit.
    Malnitz? Meinen Sie den Grafen Eberhard Malnitz, von dem vor ein paar
Jahren eine Suite aufgefhrt worden ist?
    Ja, den mein ich.
    Persnlich kenn ich ihn nicht und was die Suite anbelangt ...
    Durch eine Handbewegung gab Eiler den Komponisten Malnitz preis. Seit
Beginn dieser Saison, sagte er dann ist er Intendant in Detmold. Darum hab ich
Sie gefragt, ob Sie ihn kennen. Ein guter, alter Freund von mir. Er hat frher
in Wien gelebt. Seit zehn oder zwlf Jahren treffen wir uns jedes Jahr, in
Karlsbad oder in Ischl. Heuer wollen wir um Ostern eine kleine Mittelmeerreise
machen. Erlauben Sie mir, lieber Baron, bei dieser Gelegenheit Ihren Namen zu
nennen und von Ihren kapellmeisterlichen Absichten ein Wort zu sagen?
    Georg zgerte zu antworten und lchelte hflich.
    O, fassen Sie meinen Vorschlag nicht als Zudringlichkeit auf, lieber Baron.
Wenn Sie nicht wollen, halt ich natrlich das Maul.
    Sie miverstehen mein Schweigen, entgegnete Georg liebenswrdig, doch
nicht ohne Hochmut. Aber ich wei wirklich nicht 
    So ein kleines Hoftheater, fuhr Eiler fort, stell ich mir gerade fr den
Anfang als den richtigen Boden fr Sie vor. Da Sie von Adel sind, wird Ihnen
gerade auch nicht schaden, sogar bei meinem Freunde Malnitz nicht, obwohl der
gerne den Demokraten spielt, zuweilen sogar den Anarchisten ... mit Nachsicht
der Bomben selbstverstndlich. Aber er ist ein charmanter Mensch und wirklich
enorm musikalisch ... wenn er nicht grad komponiert.
    Nun, erwiderte Georg etwas befangen, wenn Sie die Gte haben wollen, mit
ihm zu reden ... man biete dem Glcke die Hand. Jedenfalls dank ich Ihnen sehr.
    Keine Ursache. Ich garantiere ja nicht fr den Erfolg. Es ist eben eine
Chance unter andern.
    Frau Oberberger und Sissy traten ein, von Demeter Stanzides begleitet.
    Was haben wir da fr ein interessantes Gesprch unterbrochen? fragte Frau
Oberberger. Der erfahrene Platoniker und der unerfahrene Wstling! Da htt man
dabei sein sollen.
    Beruhigen Sie sich, Katharina, sagte Eiler, und seine Stimme hatte wieder
ihren tremolierend tiefen Klang. Man spricht zuweilen auch von anderen Dingen,
als von der Zukunft des Menschengeschlechts.
    Sissy nahm eine Zigarette zwischen die Lippen, lie sich von Georg Feuer
geben und setzte sich in die Ecke des grnen Lederdiwans. Sie kmmern sich ja
heute gar nicht fr mich, begann sie mit dem englischen Akzent, den Georg so
sehr an ihr liebte. Als wenn man berhaupt gar nicht auf der Welt wre. O, es
ist so. Ich bin doch eine treuere Natur als Sie. Bin ich nicht?
    Sie treu, Sissy ...? Er schob einen Fauteuil ganz nahe zu ihr hin. Sie
sprachen von dem vergangenen Sommer und von dem kommenden.
    Voriges Jahr, sagte Sissy, haben Sie mir Ihr Wort versprochen, da Sie
hinkommen werden, wo ich bin. Sie haben es nicht getan. Heuer aber mssen Sie
Ihr Wort halten.
    Gehn Sie wieder nach der Isle of Wight?
    Nein, wir werden diesmal ins Gebirge gehen, nach Tirol oder ins
Salzkammergut. Ich will Ihnen schon sagen. Werden Sie kommen?
    Sie drften jedenfalls wieder ein groes Gefolge haben?
    Ich werde mich fr keinen kmmern als fr Sie, Georg.
    Auch wenn Willy Eiler sich zufllig in Ihrer Nhe aufhalten sollte?
    O, sagte sie mit einem verworfenen Lcheln und drckte das Feuer ihrer
Zigarette gewaltsam in der glsernen Aschenschale aus.
    Sie redeten weiter. Es war eines jener Gesprche, wie sie es in den letzten
Jahren so oft gefhrt hatten. Scherzend und leicht fing es an und glhte am Ende
von zrtlichen Lgen, die einen Augenblick lang Wahrheit waren. Georg war wieder
einmal berckt von Sissy.
    Am liebsten mcht ich mit Ihnen eine Reise machen, flsterte er ganz nah
bei ihr.
    Sie nickte nur, ihr linker Arm lag auf der breiten Lehne des Diwans. Wenn
man knnte, wie man wollte, sagte sie und hatte einen Blick, der von hundert
Mnnern trumte.
    Er beugte sich ber ihren zitternden Arm, redete weiter und berauschte sich
an seinen eigenen Worten. Irgendwo, wo niemand uns kennt, wo man sich um keinen
Menschen kmmern mte, mchte ich mit Ihnen zusammen sein, Sissy. Viele Tage
und Nchte.
    Sissy bebte. Das Wort Nchte jagte ihr Schauer durchs Blut.
    Anna erschien in der Tr, gab Georg mit dem Blick ein Zeichen und verschwand
gleich wieder. Er lehnte sich innerlich auf, und doch war es ihm ganz recht, da
er sich gerade jetzt von Sissy verabschieden durfte. In der Tr zum Salon
begegnete er Heinrich, der ihn ansprach. Wenn Sie gehen, sagen Sie mir's bitte,
ich mchte gern noch mit Ihnen reden.
    Mit Vergngen. Aber ich mu ... ich habe nmlich Frulein Rosner
versprochen, sie nach Hause zu begleiten. Dann komm ich gleich ins Kaffeehaus.
Auf Wiedersehen also.
    Ein paar Minuten spter stand er auf der Schwarzenbergbrcke. Der Himmel war
voller Sterne, die Straen lagen wei und still. Georg schlug den Kragen auf,
obwohl es gar nicht mehr kalt war und ging hin und her. Ob aus der Detmolder
Geschichte was werden wird? dachte er. Nun, ist es nicht Detmold, so ist es
irgendeine andre Stadt. Jedenfalls wird es nun ernst. Und vieles, vieles wird
bis dahin hinter mir liegen. Er versuchte in Ruhe zu berlegen. Wie wird das
alles nur werden? Nun haben wir Ende Dezember. Im Mrz mten wir fort
sptestens ... Man wird uns fr ein Ehepaar halten. Ich werde Arm in Arm mit ihr
spazieren gehen, in Rom, am Posilipp, in Venedig ... Es gibt Frauen, die sehr
hlich werden in diesem Zustand ... Sie nicht, nein, sie nicht ... Immer hatte
sie so was Mtterliches in ihrem Aussehen ... Im Sommer wird sie in irgendeiner
stillen Gegend wohnen, wo niemand sie kennt ... Im Thringer Wald vielleicht,
oder am Rhein ... Wie sonderbar sie das heute sagte: das Haus, in dem das Kind
zur Welt kommen wird, das existiert schon. Ja! ... Irgendwo in der Ferne, oder
vielleicht auch ganz nah steht dieses Haus und Leute wohnen drin, die wir nie
gesehen haben. Wie seltsam ... Wann wird es zur Welt kommen? Im Sptsommer ...
Anfangs September ungefhr. In dieser Zeit werde ich am Ende schon fort sein
mssen. Wie werd ich das nur machen? ... Und heut ein Jahr ist das kleine Wesen
schon vier Monate alt. Es wird aufwachsen ... gro werden. Eines schnen Tags
ist ein junger Mann da, mein Sohn. Oder ein junges Mdchen. Ein schnes Mdchen
von siebzehn Jahren, meine Tochter ... Dann bin ich vierundvierzig ... Mit
sechsundvierzig kann ich Grovater sein ... Vielleicht auch Direktor einer
Opernbhne und ein berhmter Komponist, trotz Elses Prophezeiungen. Aber dazu
mu man arbeiten, das ist schon wahr. Mehr als ich es bisher getan habe. Else
hat recht, ich la mich zu sehr gehen. Das mu anders werden ... Es wird auch.
Ich fhle ja, wie es in mir sich regt. Ja auch in mir regt es sich.
    Von der Heugasse her kam ein Wagen, jemand beugte sich aus dem Fenster.
Unter dem weien Shawl erkannte Georg Annas Antlitz. Er war sehr froh, stieg zu
ihr ein und kte ihr die Hand. Sie plauderten vergngt, spotteten ein wenig
ber die Gesellschaft, aus der sie eben kamen, und fanden es im Grunde
lcherlich, einen Abend in so leerer Weise hinzubringen. Er hielt ihre Hnde in
den seinen und war ergriffen von ihrer Gegenwart. Vor ihrem Hause stieg er aus
und klingelte, dann trat er zu dem offenen Wagenschlag, und sie verabredeten ein
Wiedersehen fr den nchsten Tag. Ich glaube, wir haben manches zu besprechen,
sagte Anna. Er nickte nur. Das Haustor wurde geffnet, sie stieg aus dem Wagen,
lie einen innigen Blick auf Georg ruhen und verschwand im Flur.
    Geliebte, dachte Georg mit einem Gefhl von Glck und Stolz. Das Leben lag
vor ihm, als etwas ernst-geheimnisvolles, voll Aufgaben und Wundern.
    Als er ins Kaffeehaus trat, sa Heinrich in einer Fensternische, neben ihm
ein sehr junger, bartloser, grnlich blasser Mensch, den Georg schon einige Male
flchtig gesprochen hatte, in Smoking mit Samtkragen, aber mit einer Hemdbrust
von zweifelhafter Reinheit. Als Georg herzutrat, sah der junge Mensch eben mit
glhenden Augen von einem Heftchen auf, das er in unruhigen, nicht sehr
gepflegten Hnden hielt.
    O ich stre, sagte Georg.
    Durchaus nicht, erwiderte der junge Mann mit irrsinnigem Lachen. Je mehr
Publikum, je lieber.
    Herr Winternitz, erklrte Heinrich, whrend er Georg die Hand reichte,
liest mir eben einen Gedichtenzyklus vor. Wir werden's vielleicht fr diesmal
unterbrechen.
    Georg, von dem enttuschten Blick des jungen Mannes ein wenig gerhrt,
behauptete, da er mit Vergngen zuhren mchte, wenn es gestattet sei.
    Es dauert auch nicht mehr lange, erklrte Winternitz dankbar. Nur schade,
da Sie den Anfang versumt haben. Ich knnte ...
    Ja, ist es denn zusammenhngend? fragte Heinrich erstaunt.
    Wie, das haben Sie nicht bemerkt? rief Winternitz und lachte wieder
irrsinnig.
    Ach so, sagte Heinrich, das ist immer dieselbe Frauensperson, von der
Ihre Gedichte handeln? Ich glaubte, es sei immer eine andere.
    Natrlich ist es immer dieselbe. Das ist ja das Charakteristische, da sie
immer wie eine neue Person wirkt.
    Herr Winternitz las leise, aber eindringlich, wie innerlich verzehrt. Aus
seinem Zyklus ergab sich, da er geliebt worden war, wie nie ein Mensch vor ihm,
aber auch betrogen wie noch keiner, was gewissermaen metaphysischen Ursachen
und keineswegs Mngeln seiner Persnlichkeit zuzuschreiben war. Im letzten
Gedicht aber erwies er sich als vllig befreit von seiner Leidenschaft und
erklrte sich bereit von nun an alle Freuden zu genieen, die die Welt ihm
bieten mochte. Dieses Gedicht hatte vier Strophen, der letzte Vers jeder Strophe
begann mit einem Hei, und es schlo mit dem Ausruf: Hei, so jag ich durch die
Welt.
    Georg mute sich gestehen, da ihm die Vorlesung einen gewissen Eindruck
gemacht hatte, und als Winternitz das Heft vor sich hinlegend, mit bergroen
Augen um sich schaute, nickte Georg beifllig und sagte: Sehr schn.
    Winternitz sah erwartungsvoll auf Heinrich, der ein paar Sekunden schwieg
und endlich bemerkte: Es ist im ganzen sehr interessant ... aber warum sagen
Sie hei, wenn ich fragen darf? Es glaubt's Ihnen ja doch niemand.
    Wieso? rief Winternitz.
    Fragen Sie sich doch nur selber aufs Gewissen, ob dieses hei ehrlich
empfunden ist. Alles brige, was Sie mir da vorgelesen haben, glaub ich Ihnen.
Das heit, ich glaub es Ihnen in hherm Sinn, obzwar kein Wort davon wahr ist.
Ich glaube Ihnen, da Sie ein fnfzehnjhriges Mdchen verfhren, da Sie sich
benehmen wie ein ausgepichter Don Juan, da Sie das arme Geschpf in der
furchtbarsten Weise verderben, da es Sie mit einem, ... was war er nur ...
    Ein Clown natrlich, rief Winternitz mit wahnwitzigem Lachen.
    Da es Sie mit einem Clown betrgt, da Sie durch dieses Geschpf in immer
dunklere Abenteuer geraten, da Sie die Geliebte, ja sich selber umbringen
wollen, da Ihnen die Geschichte schlielich egal wird, da Sie durch die Welt
reisen, oder sogar jagen, meinetwegen bis Australien, ja, das alles glaub ich
Ihnen, aber da Sie der Mensch sind hei zu rufen, das, lieber Winternitz, das
ist einfach ein Schwindel.
    Winternitz verteidigte sich. Er beschwor, da dieses hei aus seinem
innersten Wesen hervorgegangen wre, zum mindesten aus einem gewissen Element
seines innersten Wesens. Auf weitere Einwnde Heinrichs zog er sich allmhlich
zurck und erklrte endlich, da er sich irgendeinmal bis zu jener innern
Freiheit durchzuringen hoffe, die ihm gestatten wrde hei zu rufen.
    Niemals wird diese Zeit kommen, entgegnete Heinrich bestimmt. Sie werden
vielleicht einmal bis zum epischen oder dramatischen hei kommen, das lyrisch
subjektive hei bleibt Ihnen, bleibt unsereinem, mein lieber Winternitz, doch bis
in alle Ewigkeit versagt.
    Winternitz versprach das letzte Gedicht zu ndern, sich berhaupt weiter zu
entwickeln und an seiner innern Reinigung zu arbeiten. Er stand auf, wobei seine
gestrkte Hemdbrust knackte und ein Knopf aufsprang, reichte Heinrich und Georg
eine etwas feuchte Hand und begab sich in den Hintergrund an den Tisch der
Literaten. Georg uerte sich vorsichtig anerkennend zu Heinrich ber die
Gedichte, die er gehrt hatte.
    Er ist mir noch der liebste von der ganzen Gesellschaft, persnlich
wenigstens, sagte Heinrich. Er wei doch wenigstens innerlich eine gewisse
Distanz zu wahren. Ja. Sie brauchen mich nicht gleich wieder anzusehen, als wenn
Sie mich auf einem Anfall von Grenwahn ertappten. Aber ich kann Sie
versichern, Georg, von der Sorte Leute, er streifte den Tisch drben mit einem
flchtigen Blick, denen immer ein  soi auf den Lippen schwebt, hab ich
nachgerade genug.
    Was schwebt ihnen auf den Lippen?
    Heinrich lachte. Sie kennen doch die Geschichte von dem polnischen Juden,
der mit einem Unbekannten im Eisenbahnkupee sitzt, sehr manierlich bis er durch
irgendeine Bemerkung des andern darauf kommt, da der auch ein Jude ist, worauf
er sofort mit einem erlsten  soi die Beine auf den Sitz gegenber ausstreckt.
    Sehr gut, sagte Georg.
    Mehr als das, ergnzte Heinrich streng. Tief. Tief wie so viele jdische
Anekdoten. Sie schliet einen Blick auf in die Tragikomdie des heutigen
Judentums. Sie drckt die ewige Wahrheit aus, da ein Jude vor dem andern nie
wirklichen Respekt hat. Nie. So wenig als Gefangene in Feindesland voreinander
wirklichen Respekt haben, besonders hoffnungslose. Neid, Ha, ja manchmal
Bewunderung, am Ende sogar Liebe kann zwischen ihnen existieren, Respekt
niemals. Denn alle Gefhlsbeziehungen spielen sich in einer Atmosphre von
Intimitt ab, sozusagen, in der der Respekt ersticken mu.
    Wissen Sie, was ich finde? bemerkte Georg, da Sie ein rgerer Antisemit
sind, als die meisten Christen, die ich kenne.
    Glauben Sie? Er lachte: Ein richtiger wohl nicht. Ein richtiger ist ja
nur der, der sich im Grunde ber die guten Eigenschaften der Juden rgert und
alles dazu tut, um ihre schlechten weiter zu entwickeln. Aber in gewissem Sinne
haben Sie schon recht. Ich gestatte mir ja schlielich auch Antiarier zu sein.
Jede Rasse als solche ist natrlich widerwrtig. Nur der einzelne vermag es
zuweilen, durch persnliche Vorzge mit den Widerlichkeiten seiner Rasse zu
vershnen. Aber da ich den Fehlern der Juden gegenber besonders empfindlich
bin, das will ich gar nicht leugnen. Wahrscheinlich liegt es nur daran, da ich,
wir alle, auch wir Juden mein ich, zu dieser Empfindlichkeit systematisch
herangezogen worden sind. Von Jugend auf werden wir darauf hingehetzt gerade
jdische Eigenschaften als besonders lcherlich oder widerwrtig zu empfinden,
was hinsichtlich der ebenso lcherlichen und widerwrtigen Eigenheiten der
andern eben nicht der Fall ist. Ich will es gar nicht verhehlen, wenn sich ein
Jude in meiner Gegenwart ungezogen oder lcherlich benimmt, befllt mich
manchmal ein so peinliches Gefhl, da ich vergehen mchte, in die Erde sinken.
Es ist wie eine Art von Schamgefhl, das vielleicht irgendwie mit dem
Schamgefhl eines Bruders verwandt ist, vor dem sich seine Schwester entkleidet.
Vielleicht ist das Ganze auch nur Egoismus. Es erbittert einen eben, da man
immer wieder fr die Fehler von andern mit verantwortlich gemacht wird, da man
fr jedes Verbrechen, fr jede Geschmacklosigkeit, fr jede Unvorsichtigkeit,
die sich irgendein Jude auf der Welt zuschulden kommen lt, mitzuben hat. Da
wird man dann natrlich leicht ungerecht. Aber das sind Nervositten,
Empfindlichkeiten, weiter nichts. Da besinnt man sich auch wieder. Das kann man
doch nicht Antisemitismus nennen. Aber es gibt schon Juden, die ich wirklich
hasse, als Juden hasse. Das sind die, die vor andern und manchmal auch vor sich
selber tun, als wenn sie nicht dazu gehrten. Die sich in wohlfeiler und
kriecherischer Weise bei ihren Feinden und Verchtern anzubieten suchen und sich
auf diese Art von dem ewigen Fluch loszukaufen glauben, der auf ihnen lastet,
oder von dem, was sie eben als Fluch empfinden. Das sind brigens beinahe immer
solche Juden, die im Gefhl ihrer eigenen hchst persnlichen Schbigkeit
herumgehen und dafr unbewut oder bewut ihre Rasse verantwortlich machen
mchten. Natrlich hilfts ihnen nicht das geringste. Was hat den Juden berhaupt
jemals geholfen. Den guten und den schlimmen. Ich meine natrlich, setzte er
hastig hinzu, denen, die so irgend etwas wie eine uerliche oder innerliche
Hilfe brauchen. Und in einem absichtlich leichten Tone brach er ab. Ja mein
lieber Georg, die Angelegenheit ist etwas kompliziert, und es ist ganz
natrlich, da allen denen, die nicht direkt mit der Frage zu schaffen haben,
das richtige Verstndnis fr sie abgeht.
    Na das darf man doch nicht so ...
    Heinrich unterbrach ihn gleich. Man darf schon, lieber Georg. Es ist nun
einmal so. Ihr versteht uns nmlich nicht. Manche haben vielleicht eine Ahnung.
Aber verstehen!? Nein. Wir verstehen euch jedenfalls viel besser, als ihr uns.
Wenn Sie auch den Kopf schtteln! Es ist ja nicht unser Verdienst. Wir haben es
nmlich notwendiger gehabt, euch verstehen zu lernen, als ihr uns. Diese Gabe
des Verstehens hat sich ja im Lauf der Zeit bei uns entwickeln mssen ... nach
den Gesetzen des Daseinskampfes, wenn Sie wollen. Denn sehen Sie, um sich unter
Fremden, oder wie ich schon frher sagte, in Feindesland zurechtzufinden, um
gegen alle Gefahren, Tcken gerstet zu sein, die da lauern, dazu gehrt
natrlich vor allem, da man seine Feinde so gut kennen lernt als mglich ihre
Tugenden und ihre Schwchen.
    Also unter Feinden leben Sie? Unter Fremden? Dem Leo Golowski gegenber
wollten Sie das nicht zugestehen. Ich bin brigens auch nicht seiner Ansicht,
durchaus nicht. Aber was ist das fr ein sonderbarer Widerspruch, da Sie heute
...
    Ganz geqult unterbrach ihn Heinrich. Ich sagte Ihnen ja schon, die Sache
ist viel zu kompliziert, um berhaupt erledigt zu werden. Sogar innerlich ist es
nahezu unmglich. Und nun gar in Worten! Ja manchmal mchte man glauben, da es
gar nicht so arg steht. Manchmal ist man ja wirklich daheim, trotz allem, fhlt
sich hier so zu Hause, ja geradezu heimatlicher, als irgendeiner von den
sogenannten Eingeborenen sich fhlen kann. Es ist offenbar so, da durch das
Bewutsein des Verstehens das Gefhl der Fremdheit in gewissem Sinn wieder
aufgehoben wird. Ja, es wird gleichsam durchtrnkt von Stolz, Herablassung,
Zrtlichkeit, lst sich auf, allerdings auch zuweilen in Sentimentalitt, was ja
wieder eine schlimme Sache ist. Er sa da, mit tiefen Falten in der Stirn und
sah vor sich hin.
    Versteht er mich wirklich besser, dachte Georg, als ich ihn? Oder ist es
wieder nur Grenwahn ?
    Heinrich fuhr pltzlich auf, wie aus einem Traum. Er sah auf die Uhr. Halb
drei! Und morgen frh um acht geht mein Zug.
    Wie, Sie reisen fort?
    Ja. Darum wollt ich Sie auch noch so gern sprechen. Ich werd' Ihnen leider
auf lngere Zeit adieu sagen mssen. Ich fahre nach Prag. Ich bringe meinen
Vater aus der Anstalt nach Hause, in seine Heimat.
    Es geht ihm also besser?
    Nein. Er ist nur in dem Stadium, wo er fr die Umgebung ungefhrlich
geworden ist ... Ja, das ist auch recht rasch gekommen.
    Und wann ungefhr denken Sie wieder zurck zu sein?
    Heinrich zuckte die Achseln. Das lt sich heute noch nicht sagen. Aber wie
immer sich die Sache weiterentwickelt, keineswegs kann ich Mutter und Schwester
jetzt allein lassen.
    Georg versprte ein wirkliches Bedauern, Heinrichs Gesellschaft in der
nchsten Zeit entbehren zu sollen. Es wre mglich, da Sie mich in Wien nicht
mehr antreffen, wenn Sie zurckkommen. Ich werde in diesem Frhjahr nmlich
wahrscheinlich auch fortfahren. Und er fhlte beinahe Lust, sich Heinrich
anzuvertrauen.
    Sie reisen wohl in den Sden? fragte Heinrich.
    Ja ich denke. Einmal noch meine Freiheit genieen. Ein paar Monate lang. Im
nchsten Herbst fngt nmlich der Ernst des Lebens an. Ich sehe mich um eine
Stellung in Deutschland um, an irgendeinem Theater.
    Also wirklich?
    Der Kellner war an den Tisch gekommen, sie zahlten und gingen. An der Tr
trafen sie mit Rapp und Gleiner zusammen. Ein paar Worte der Begrung wurden
gewechselt.
    Was treiben Sie immer, Herr Rapp? fragte Georg verbindlich.
    Rapp wischte seinen Zwicker ab. Immer mein altes, trauriges Handwerk. Ich
bin beschftigt, die Nichtigkeit von Nichtigkeiten nachzuweisen.
    Du knntest dir ja Abwechslung verschaffen, Rapp, sagte Heinrich. Versuch
einmal dein Glck und preise die Herrlichkeit der Herrlichkeiten.
    Wozu? sagte Rapp und setzte den Zwicker auf. Die beweist sich selbst im
Laufe der Zeit. Aber die Stmperei erlebt meist nur ihr Glck und ihren Ruhm,
und wenn ihr die Welt endlich auf den Schwindel kommt, hat sie sich lngst in
ihr Grab oder ... in ihre vermeintliche Unsterblichkeit geflchtet.
    Sie standen auf der Strae und schlugen alle die Rockkragen auf, da es
wieder heftig zu schneien begonnen hatte. Gleiner, der vor ein paar Wochen
seinen ersten, groen Theatererfolg erlebt hatte, erzhlte geschwind, da auch
die heutige siebente Vorstellung seines Werkes ausverkauft gewesen war. Rapp
knpfte daran hmische Bemerkungen ber die Dummheit des Publikums. Gleiner
erwiderte mit Spen ber die Machtlosigkeit der Kritik gegenber dem wahren
Genie; und so spazierten sie davon, mit aufgestellten Kragen, durch den Schnee,
ganz eingehllt in den dampfenden Ha ihrer alten Freundschaft.
    Dieser Rapp hat kein Glck, sagte Heinrich zu Georg. Bei allen seinen
Freunden, denen er vor zehn Jahren Erfolg prophezeit hat, trifft es nun wirklich
ein. Er wird es auch Gleiner nicht verzeihen, da der ihn nicht enttuscht
hat.
    Halten Sie ihn fr so neidisch?
    Das kann man nicht einmal sagen. So einfach liegen ja die Dinge selten, da
sie mit einem Wort abzutun wren. Aber bedenken Sie doch nur, was das fr ein
Los ist, in dem Glauben herumzugehen, da man das tiefste Wissen von der Welt so
gut in sich trgt wie Shakespeare und dabei zu fhlen, da man nicht einmal so
viel davon auszusprechen imstande ist, als beispielsweise Herr Gleiner, obwohl
man vielleicht gerade so viel wert ist oder mehr.
    Sie gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinander her. Die Bume auf dem
Ring standen starr mit weien sten. Vom Rathausturm schlug es drei. Sie
berschritten die menschenleere Strae und nahmen den Weg durch den stillen
Park. Rings schimmerte es fast hell vom unablssig sinkenden Schnee.
    Das neueste hab ich Ihnen brigens noch nicht erzhlt, begann Heinrich
endlich, vor sich hinschauend und in trockenem Ton.
    Was denn?
    Da ich nmlich anonyme Briefe bekomme, seit einiger Zeit.
    Anonyme Briefe? Welchen Inhalts?
    Nun, Sie knnen sich's wohl denken.
    Ach so. Es war Georg klar, da es sich nur um die Schauspielerin handeln
konnte. Aus der fremden Stadt, wo Heinrich die Geliebte in einem neuen Stck die
Rolle eines verdorbenen Geschpfes mit einer ihm unertrglichen Naturwahrheit
hatte spielen gesehen, war er in bittereren Qualen zurckgekehrt, als je. Georg
wute, da seither Briefe voll Zrtlichkeit und Hohn, voll Groll und Verzeihung,
peinvoll zerrttete und mhsam beruhigte, zwischen ihnen hin und her gingen.
    Seit acht Tagen etwa, erzhlte Heinrich, kommen diese angenehmen
Sendungen regelmig jeden Morgen. Nicht sehr angenehm, ich versichere Sie!
    Ach Gott, was liegt Ihnen denn dran. Sie wissen ja selbst, in anonymen
Briefen steht nie die Wahrheit.
    Im Gegenteil, lieber Georg, immer.
    Aber!
    Die hhere Wahrheit gewissermaen enthalten solche Briefe. Die groe
Wahrheit der Mglichkeiten. Die Menschen haben im allgemeinen nicht genug
Phantasie, um aus dem Nichts zu schaffen.
    Das wre eine schne Auffassung! Wo kme man denn da hin? Da machen Sie den
Verleumdern aller Art die Sache doch etwas zu bequem.
    Warum sagen Sie Verleumder? Ich halte es fr sehr unwahrscheinlich, da in
den anonymen Briefen, die ich erhalte, Verleumdungen enthalten sind. Vielleicht
bertreibungen, Ausschmckungen, Ungenauigkeiten ...
    Lgen ...
    Nein, es werden wohl nicht Lgen sein. Einige wohl. Aber wie soll man
Wahrheit und Lge auseinanderhalten in solch einem Fall?
    Dafr gibt es doch ein hchst einfaches Mittel. Fahren Sie hin.
    Ich soll hinfahren?
    Natrlich sollten Sie das. An Ort und Stelle mten Sie doch der Wahrheit
sofort auf den Grund kommen.
    Es wre immerhin mglich.
    Sie wanderten unter Bogengngen, auf feuchtem Stein. Ihre Stimmen und
Schritte hallten. Georg begann von neuem. Statt solche jedenfalls enervante
Unannehmlichkeiten weiter durchzumachen, wrd ich mich doch persnlich zu
berzeugen suchen, wie die Dinge stehen.
    Ja, das richtigste wre es wohl.
    Nun, warum tun Sie es also nicht?
    Heinrich blieb stehen, und mit zusammengepreten Zhnen stie er hervor:
Sagen Sie, lieber Georg, sollten Sie wirklich noch nicht bemerkt haben, da ich
feig bin?
    Ach das nennt man doch nicht feig.
    Nennen Sie's, wie Sie wollen. Worte stimmen ja nie ganz je prziser sie
sich gebrden, umso weniger. Ich wei, wie ich bin. Nicht um die Welt fahr ich
hin. Lcherlich auch noch? Nein, nein, nein ...
    Also was werden Sie tun?
    Heinrich zuckte die Achseln, als ginge ihn die Sache doch eigentlich nichts
an.
    Etwas gergert, fragte Georg wieder: Wenn Sie mir eine Bemerkung erlauben,
was sagt denn die ... Hauptbeteiligte?
    Die Hauptbeteiligte, wie Sie sie mit infernalischem, aber unbewutem Witz
nennen, wei vorlufig nichts davon, da ich anonyme Briefe bekomme.
    Haben Sie die Korrespondenz mit ihr abgebrochen?
    Was fllt Ihnen ein? Wir schreiben uns tglich, nach wie vor; sie mir die
zrtlichsten und verlogensten Briefe, ich ihr die gemeinsten, die Sie sich
vorstellen knnen, unaufrichtig, hinterhltig, marternd bis aufs Blut.
    Hren Sie, Heinrich, Sie sind wahrhaftig kein sehr edler Charakter.
    Heinrich lachte laut auf. Nein, edel bin ich nicht, dazu bin ich offenbar
nicht auf die Welt gekommen.
    Und wenn man bedenkt, da es am Ende lauter Verleumdungen sind! Georg, fr
seinen Teil, zweifelte natrlich nicht, da die anonymen Briefe die Wahrheit
enthielten. Trotzdem wnschte er ehrlich, da Heinrich an Ort und Stelle reiste,
sich selbst berzeugte, irgend etwas unternhme, jemanden ohrfeigte oder
niederschsse. Er stellte sich Felician in einem hnlichen Falle vor, oder
Stanzides, oder Willy Eiler. Alle htten sich besser benommen, oder wenigstens
anders, und gewi in einer ihm sympathischern Art. Pltzlich fuhr ihm die Frage
durch den Kopf, was er wohl tte, wenn Anna ihn hinterginge. Anna, ihn?! ... War
das berhaupt mglich? Er dachte an den Blick von heut Abend, den neugierig
dunkeln, den sie hinber zu Demeter Stanzides gesandt hatte. Nein, der bedeutete
nichts, das war gewi. Und die alten Geschichten mit Leo und dem Gesangsmeister?
Die waren harmlos, kindisch beinah. Aber etwas anderes, vielleicht
bedeutungsvolleres, fiel ihm ein. Einer seltsamen Frage erinnerte er sich, die
sie an ihn gestellt, als sie sich neulich in seiner Gesellschaft versptet und
mit einer Ausrede hatte nach Hause eilen mssen. Ob er nicht frchte, hatte sie
gefragt, es einmal bereuen zu mssen, da er sie zur Lgnerin machte? Halb wie
ein Vorwurf, halb wie eine Warnung hatte es geklungen. Und wenn sie selbst ihrer
so wenig sicher schien, durfte er ihr ohne weiteres vertrauen? Liebte er sie
nicht auch und betrog er sie nicht trotzdem, oder war in jedem Augenblick bereit
dazu, was am Ende dasselbe bedeutete? Vor einer Stunde im Wagen, als er sie in
den Armen hielt und kte, hatte sie gewi nicht geahnt, da er einen andern
Gedanken hatte als sie. Und doch, in irgendeinem Augenblick, seine Lippen auf
den ihren, hatte er sich nach Sissy gesehnt. Warum sollte es nicht geschehen
knnen, da Anna ihn betrog?. ... Am Ende schon geschehen sein ... ohne da er
es ahnte? ... Aber all diese Einflle waren gleichsam ohne Schwere. Wie
phantastische, beinahe amsante Mglichkeiten schwebten sie durch den Sinn. Er
stand mit Heinrich vor dem geschlossenen Haustor in der Florianigasse und
reichte ihm die Hand. Also leben Sie wohl, sagte er, wenn wir uns
wiedersehen, sind Sie hoffentlich von Ihren Zweifeln geheilt.
    Wre das ein besonderer Gewinn? fragte Heinrich. Kann man sich denn in
Liebessachen mit Gewiheiten beruhigen? Hchstens mit schlimmen, denn die sind
fr die Dauer. Aber eine gute Gewiheit ist bestenfalls ein Rausch ... Nun gr
Sie Gott. Im Mai sehen wir uns hoffentlich wieder. Da komm ich, was immer
geschehen sein mag, auf einige Zeit her, und da knnen wir auch ber unsere
famose Oper weiterreden.
    Ja, wenn ich im Mai schon wieder in Wien bin. Es knnte sein, da ich erst
im Herbst zurckkomme.
    Und dann gleich wieder fort in Ihren neuen Beruf?
    Es wre nicht unmglich, da es sich so fgt. Und er sah Heinrich ins Auge
mit einer Art von kindlich-trotzigem Lcheln: Ich sag dir's ja doch nicht!
    Heinrich schien befremdet. Hren Sie, Georg, da stehen wir ja vielleicht
zum letztenmal zusammen vor diesem Tor. O, ich bin fern davon, mich in Ihr
Vertrauen einzudrngen. Es wird wohl bei diesem etwas einseitigen Verhltnis
zwischen uns bleiben mssen. Na tut nichts.
    Georg sah vor sich hin.
    Der Himmel beschtze Sie, sagte Heinrich, als das Tor sich auftat. Und
lassen Sie gelegentlich von sich hren.
    Gewi߫, erwiderte Georg und sah pltzlich Heinrichs Augen mit einem
unerwarteten Ausdruck von Innigkeit auf sich ruhen. Gewi ... und Sie mssen
mir auch schreiben. Jedenfalls geben Sie mir Nachricht, wie es bei Ihnen zu
Hause steht und was Sie arbeiten. berhaupt, setzte er herzlich hinzu, wir
mssen in ununterbrochener Verbindung bleiben.
    Der Hausmeister stand da, mit gestrubtem Haar, verschlafenem und bsem
Blick, in einem grnlich-braunen Schlafrock, mit Schlapfen an den nackten Fen.
    Heinrich reichte Georg ein letztes Mal die Hand. Auf Wiedersehen, lieber
Freund, sagte er. Und dann, leiser, auf den Torwchter deutend: Ich kann ihn
nicht lnger warten lassen. Wie er mich in dieser Sekunde bei sich nennt, knnen
Sie von seiner edeln, unverflscht einheimischen Physiognomie ohne besondere
Schwierigkeiten ablesen. Adieu.
    Georg mute lachen. Heinrich verschwand, das Tor schmetterte zu.
    Georg empfand keine Spur von Schlfrigkeit und entschlo sich, zu Fu
heimwrts zu wandern. Er war in erregter, gehobener Stimmung. Den Tagen, die nun
kommen sollten, sah er mit eigentmlicher Spannung entgegen. Er dachte an das
morgige Wiedersehen mit Anna, an Besprechungen, die in Aussicht waren, an die
Abreise, an das Haus, das schon irgendwo in der Welt stand, und das ihm in
seiner Vorstellung jetzt ungefhr erschien, wie ein Haus aus einer
Spielereischachtel, licht, grn, mit einem knallroten Dach und einem schwarzen
Rauchfang. Und wie ein Bild, von einer Laterna magica an einen weien Vorhang
geworfen, erschien ihm seine eigene Gestalt: er sah sich auf einem Balkon
sitzen, in beglckter Einsamkeit, vor einem mit Notenblttern berdeckten Tisch;
ste wiegten sich vor den Gitterstben; ein heller Himmel ruhte ber ihm, und
tief unten zu seinen Fen, in traumhaft bertriebenem Blau, lag das Meer.

                                Fnftes Kapitel


Georg ffnete ganz leise die Tre zu Annas Zimmer. Sie lag noch schlafend im
Bette und atmete tief und ruhig. Er begab sich aus dem leicht verdunkelten Raum
wieder in sein Zimmer zurck und schlo die Tre. Dann trat er ans geffnete
Fenster und schaute hinaus. ber dem Wasser schwebte sonnenschimmernder Nebel.
Die Berge drben, mit reingezogenen Linien, schwammen in Himmelsglanz, und ber
den Grten und Husern von Lugano flimmerte das hellste Blau. Georg war wieder
ganz beseligt, diese Junimorgenluft einzuatmen, die vom See die feuchte Frische
und von den Platanen, Magnolien und Rosen im Hotelpark den Duft zu ihm
emportrug; diese Landschaft anzuschauen, deren Frhlingsfriede ihn nun seit drei
Wochen jeden Morgen wie ein neues Glck begrte. Rasch trank er seinen Tee aus,
lief die Treppe so schnell und erwartungsvoll hinab, wie er einst als Knabe zum
Spiel geeilt war, und im grauen Dufte der Frhschatten schlug er den gewohnten
Weg lngs des Ufers ein. Hier gedachte er seiner einsamen Morgenspaziergnge in
Palermo und Taormina im vergangenen Frhjahr, die er oft auf viele Stunden
ausgedehnt hatte, da Grace gern bis Mittag mit offenen Augen im Bett lag. Fast
umdstert erschien ihm in der Erinnerung jene Zeit seines Lebens, ber der ein
naher Abschied, wenn auch manchmal herbeigewnscht, doch wie eine trbe Wolke
gelastet hatte. Diesmal schien ihm alles Schmerzliche in weiter Ferne zu liegen,
und jedenfalls war es in seiner Macht, ein Ende, wenn es nicht vom Schicksal
selber kam, so weit hinauszuschieben, als er wollte.
    Anfang Mrz war er mit Anna aus Wien abgereist, da ihr Zustand kaum lnger
zu verbergen war. Doch schon im Januar hatte sich Georg entschlossen, mit ihrer
Mutter zu sprechen. Er hatte sich einigermaen vorbereitet, und so vermochte er
seine Mitteilungen in ruhigen und wohlgesetzten Worten vorzubringen. Die Mutter
hrte still zu, und ihre Augen wurden gro und feucht. Anna sa auf dem Diwan
mit befangenem Lcheln und betrachtete Georg, whrend er sprach, mit einer Art
von Neugier. Der Plan fr die folgenden Monate war entworfen. Bis zum Frhsommer
wollte Georg sich mit Anna im Auslande aufhalten, dann sollte in der Umgebung
von Wien ein Landhaus gemietet werden, so da in der schwersten Zeit die Mutter
nicht fern wre und das Kind ohne Schwierigkeiten in der Nhe der Stadt in
Pflege gegeben werden konnte. Auch eine Erklrung von Annas Abreise und
Fernbleiben fr unberufene Neugierige war ausgedacht. Da ihre Stimme sich in der
letzten Zeit bedeutend gebessert htte was beinahe der Wahrheit entsprach wre
sie zu einer berhmten Gesangslehrerin nach Dresden gereist, um ihre Ausbildung
zu vollenden. Frau Rosner nickte manchmal, als stimmte sie allem zu. Aber die
Zge ihres Antlitzes wurden immer trauriger. Nicht so sehr das, was sie erfahren
hatte, drckte auf sie, als vielmehr die Vorstellung, da sie es so wehrlos ber
sich ergehen lassen mute, eine arme Mutter, in kleinbrgerlichen Verhltnissen,
die dem vornehmen Verfhrer machtlos gegenbersa. Georg, der dies mit Bedauern
merkte, suchte einen immer leichteren und liebenswrdigeren Ton. Er rckte nher
zu der guten Frau hin, er nahm ihre Hand und behielt sie sekundenlang in der
seinen. Anna hatte sich an dem ganzen Gesprch kaum mit einem Worte beteiligt.
Als aber Georg sich zum Fortgehen anschickte, erhob sie sich, und zum erstenmal
vor der Mutter, als htte sie nun ihre Verlobung mit ihm gefeiert, bot sie ihm
die Lippen zum Kusse. In gehobener Stimmung ging Georg die Treppen hinunter, wie
wenn nun eigentlich das schlimmste berstanden wre. fter als frher verbrachte
er nun ganze Stunden bei Rosners, mit Anna musizierend, deren Stimme in dieser
Zeit merklich an Flle und Kraft gewann. Das Benehmen der Mutter Georg gegenber
wurde freundlicher, ja, manchmal schien es ihm, als mte sie sich gegen eine
wachsende Sympathie fr ihn geradezu wehren. Und es gab einen Abend im Kreise
der Familie, an dem Georg zum Nachtmahl blieb, nachher, die Zigarre im Munde,
den Anwesenden aus den Meistersingern und Lohengrin vorphantasierte, sich, ganz
besonders von seiten Josefs, lebhaften Beifalls erfreuen durfte, und beim
Nachhausegehen fast erschrocken merkte, da er sich so behaglich gefhlt hatte
wie in einem neu gewonnenen Heim.
    Ein paar Tage spter, als er mit Felician beim schwarzen Kaffee sa, brachte
ihm der Diener eine Karte, bei deren Empfang er eine leichte Rte aufsteigen
fhlte. Felician tat, als htte er des Bruders Verlegenheit nicht bemerkt, sagte
ihm adieu und verlie das Zimmer. In der Tr begegnete er dem alten Rosner,
neigte leicht den Kopf zum Gegengru und sah vorber. Georg forderte Herrn
Rosner, der im Winterrock mit Hut und Regenschirm eingetreten war, zum Sitzen
auf und bot ihm eine Zigarre an. Der alte Rosner sagte: Ich habe eben
geraucht, was Georg irgendwie beruhigte, und nahm Platz, whrend Georg an den
Tisch gelehnt stehen blieb. Dann begann der Alte mit gewohnter Langsamkeit:
Herr Baron werden sich wahrscheinlich denken knnen, weshalb ich so frei bin zu
stren. Ich wollte eigentlich schon am Vormittag vorsprechen, aber ich konnte
leider aus dem Bureau nicht abkommen.
    Vormittag htten Sie mich nicht zu Hause gefunden, Herr Rosner, erwiderte
Georg verbindlich.
    Nun, umso besser, da ich den Weg nicht vergeblich gemacht habe. Also meine
Frau hat mir nmlich heute morgen ... berichtet ... was sich ereignet hat. Er
sah zu Boden.
    So, sagte Georg und nagte an der Oberlippe. Ich hatte eigentlich selbst
die Absicht ... Aber wollen Sie nicht den Winterrock ablegen, es ist sehr warm
im Zimmer.
    O, danke, danke, es ist mir durchaus nicht zu warm. Nun, ich war ganz
entsetzt, als meine Frau mir diese Mitteilung machte. Jawohl, Herr Baron ... Nie
htt ich von Anna gedacht ... niemals fr mglich gehalten ... es ist ja
furchtbar ... Er sagte alles in seiner gewohnten eintnigen Weise, nur
schttelte er fter den Kopf dabei als sonst. Georg mute immer auf die Glatze
mit dem dnnen, gelblichgrauen Haar herunterschauen und empfand nichts als eine
de Gelangweiltheit. Furchtbar, Herr Rosner, ist die Sache wahrhaftig nicht,
sagte er endlich. Wenn Sie wten, wie sehr ich ... wie innig meine Neigung zu
Anna ist, so wrden Sie gewi auch fern davon sein, die Sache furchtbar zu
finden. Ihre Frau Gemahlin hat Sie ja jedenfalls hinsichtlich unserer Absichten
fr die nchste Zeit unterrichtet. Oder irre ich mich?
    Durchaus nicht, Herr Baron, seit heute morgen bin ich ber alles
orientiert. Doch kann ich nicht verschweigen, schon seit einigen Wochen merkte
ich, da etwas im Hause nicht in Ordnung wre. Es fiel mir insbesondere auf, da
meine Frau sehr erregt und hufig geradezu dem Weinen nahe war.
    Dem Weinen nahe? Dazu liegt wahrhaftig kein Grund vor, Herr Rosner; Anna
selbst, auf die es doch schlielich vor allem ankommt, befindet sich sehr wohl,
hat ihre gewohnte Heiterkeit ...
    Ja, Anna ist allerdings in guter Stimmung und dies, um die Wahrheit zu
sagen, bildet gewissermaen meinen Trost. Aber im brigen kann ich Ihnen nicht
schildern, Herr Baron, wie schwer getroffen ... wie, ich mchte sagen ... wie
aus allen Himmeln gerissen ... nie, nie htte ich geglaubt ..., er konnte nicht
weiter, seine Stimme zitterte.
    Ich bin wirklich sehr bekmmert, sagte Georg, wenn Sie der Angelegenheit
in dieser Weise gegenberstehen, trotzdem Ihnen doch Ihre Frau Gemahlin
jedenfalls alles auseinandergesetzt hat, und die Manahmen, die wir fr die
nchste Zeit getroffen haben, wohl auch Ihre Zustimmung finden drften. Von
einer ferneren Zeit, einer hoffentlich nicht allzufernen, will ich heute lieber
noch nicht reden, weil mir Phrasen jeder Art ziemlich zuwider sind. Aber Sie
knnen versichert sein, Herr Rosner, da ich gewi nicht vergessen werde, was
ich einem Wesen wie Anna ... Ja, was ich mir selber schuldig bin. Er schluckte.
    Soweit er zurckdachte, gab es keinen Moment in seinem Leben, in dem er sich
selbst so unsympathisch gewesen war. Und nun, wie in Gesprchen von vollkommener
Aussichtslosigkeit nicht anders mglich, wiederholte jeder einigemale dasselbe,
bis Herr Rosner sich endlich entschuldigte gestrt zu haben und sich von Georg
verabschiedete, der ihn bis zur Stiege hinausbegleitete. Georg behielt es einige
Tage lang nach diesem Besuche wie einen unangenehmen Nachgeschmack in der Seele.
Jetzt fehlt nur noch der Bruder, dachte er gergert und stellte sich
unwillkrlich eine Auseinandersetzung vor, in deren Verlauf sich der junge Mann
als Rcher der Hausehre aufzuspielen suchte und Georg ihn mit auerordentlich
treffenden Worten in seine Schranken verwies. Immerhin fhlte sich Georg,
nachdem die Unterredung mit den Eltern Annas berstanden war, wie befreit. Und
ber den Stunden, die er mit der Geliebten allein in dem friedlichen Zimmer, der
Kirche gegenber verbrachte, lag ein eigenes Gefhl von Behaglichkeit und
Sicherheit. Zuweilen schien es ihnen beiden, als stnde die Zeit stille. Wohl
brachte Georg zu den Zusammenknften Reisehandbcher, den Burckhardtschen
Cicerone, sogar Fahrplne mit, und stellte gemeinschaftlich mit Anna allerlei
Routen zusammen, aber eigentlich dachte er nicht ernstlich daran, da all das
einmal wahr werden sollte. Was jedoch das Haus anbelangte, in dem das Kind
geboren werden sollte, so waren sie beide von der Notwendigkeit durchdrungen,
da es gefunden und gemietet sein mute, ehe sie Wien verlieen. Einmal sah Anna
in der Zeitung, die sie sorgfltig daraufhin durchzulesen pflegte, ein Forsthaus
angekndigt, hart am Walde, unweit einer Bahnstation, die von Wien in eineinhalb
Stunden zu erreichen war. Eines Morgens fuhren sie beide an den bezeichneten Ort
und nahmen die Erinnerung an einen verschneiten, einsamen Holzbau mit
Hirschgeweihen ber der Tr, an einen alten, betrunkenen Frster, an eine junge,
blonde Magd, an eine windesrasche Schlittenfahrt ber eine besonnte
Winterstrae, an ein unbegreiflich lustiges Mittagessen in einem riesigen
Gasthofzimmer und an ein schlecht beleuchtetes, berheiztes Kupee mit nach
Hause. Dies war das einzige Mal, da Georg mit Anna zusammen das Haus suchen
ging, das doch schon irgendwo in der Welt stehen und seiner Bestimmung warten
mute ... Sonst fuhr er meist allein mit der Bahn oder mit der Tramway in die
nahegelegenen Sommerfrischen Umschau halten.
    Einmal, an einem mitten in den Winter verirrten Frhlingstag, spazierte
Georg durch einen der kleinen, ganz nahe der Stadt gelegenen Orte, die er
besonders liebte, wo dorfmige Baulichkeiten, bescheidene Landhuser und
elegante Villen sich aneinanderreihten; hatte so ziemlich vergessen, wie ihm das
manchmal geschah, warum er hergefahren war, und dachte eben mit Ergriffenheit
daran, da auf den gleichen Wegen wie er vor manchen Jahren Beethoven und
Schubert gewandelt waren, als ihm unvermutet Nrnberger entgegentrat. Sie
begrten einander, lobten den schnen Tag, der so weithinaus ins Freie lockte,
und bedauerten hflich, da man einander so selten begegne, seit Bermann Wien
verlassen hatte.
    Haben Sie schon lange nichts von ihm gehrt? fragte Georg.
    Seit er fort ist, erwiderte Nrnberger, habe ich nur eine Karte von ihm
erhalten. Es ist wohl anzunehmen, da er mit Ihnen in regerer Korrespondenz
steht, als mit mir.
    Warum ist es anzunehmen? fragte Georg, durch Nrnbergers Ton wie manchmal
etwas gergert.
    Nun, zum mindesten haben Sie das eine vor mir voraus, den neuern Bekannten
fr ihn zu bedeuten, ihm also fr seine psychologischen Interessen ein
anregenderes Problem zu bieten, als ich.
    Aus diesen mit dem blichen Spott gebrachten Worten hrte Georg ein gewisses
Verletztsein heraus, das er brigens begriff. Denn tatschlich hatte sich
Heinrich in der letzten Zeit um Nrnberger, mit dem er frher sehr viel verkehrt
hatte, wenig mehr gekmmert, wie es berhaupt seine Art war, Menschen an sich zu
ziehen und mit der grten Rcksichtslosigkeit wieder fallen zu lassen, je
nachdem ihr Wesen seiner Stimmung gerade gem war oder nicht.
    Ich bin trotzdem nicht viel besser dran als Sie, sagte Georg. Auch ich
habe schon ein paar Wochen lang keine Nachrichten von ihm bekommen. Nach den
letzten scheint es brigens seinem Vater sehr schlecht zu gehen.
    So wird's jetzt wohl mit dem bedauernswerten, alten Mann bald zu Ende
sein.
    Wer wei. Nach dem, was mir Bermann schreibt, kann es auch noch Monate
dauern.
    Nrnberger schttelte ernst den Kopf.
    Ja, sagte Georg leichthin, in solchen Fllen sollte es wirklich den
rzten gestattet sein ... die Sache abzukrzen.
    Da haben Sie vielleicht recht, antwortete Nrnberger. Aber wer wei, ob
nicht unser Freund Heinrich, so sehr es ihn im Arbeiten und vielleicht sogar in
manchem andern stren mag, seinen Vater unrettbar hinsiechen zu sehen, wer wei,
ob er nicht trotzdem dem Vorschlag, diese hoffnungslose Sache durch eine
Morphiuminjektion endgltig zu erledigen, ablehnend gegenber stnde.
    Wieder fhlte sich Georg durch den hhnisch-bitteren Ton Nrnbergers
abgestoen. Und dennoch, in der Erinnerung an die Stunde, da er Heinrich von ein
paar unklaren Worten im Brief einer Geliebten heftiger bewegt gesehen hatte, als
von dem Wahnsinn seines Vaters, konnte er sich dem Eindruck nicht verschlieen,
da Nrnberger den gemeinsamen Freund richtig beurteilte ... Haben Sie den
alten Bermann gekannt? fragte er.
    Persnlich nicht. Aber ich erinnere mich noch der Zeit, da sein Name oft in
den Blttern genannt wurde, und auch mancher sehr gesinnungstchtigen Reden, die
er im Abgeordnetenhaus gehalten hat. Doch ich halte Sie auf, lieber Baron, gr
Sie Gott. Wir sehen uns wohl dieser Tage einmal im Kaffeehaus oder bei
Ehrenbergs.
    Sie halten mich durchaus nicht auf, erwiderte Georg mit absichtlicher
Liebenswrdigkeit. Ich bummle und bentze die Gelegenheit mir Sommerwohnungen
anzuschauen.
    So, wollen Sie heuer in der Nhe Wiens auf dem Lande wohnen?
    Ja, eine Zeitlang wahrscheinlich. Und auerdem hat mich eine bekannte
Familie gebeten, wenn der Zufall mich bei diesem Anla etwas finden liee ...
Er wurde ein wenig rot, wie immer, wenn er nicht ganz bei der Wahrheit blieb.
    Nrnberger bemerkte es und sagte harmlos: Ich bin eben an einigen Villen
vorbeigegangen, die zu vermieten sind. Sehen Sie zum Beispiel dort diese weie,
mit der breiten Terrasse?
    Die sieht ganz nett aus. Die knnte man sich eigentlich anschauen. Wenn es
Ihnen nicht zu fad ist, mich zu begleiten, so fahren wir dann miteinander nach
der Stadt zurck.
    Der Garten, den sie betraten, stieg schmal und lang nach aufwrts und
erinnerte Nrnberger an einen andern, in dem er als Kind gespielt hatte.
Vielleicht ist es sogar derselbe, sagte er. Wir haben nmlich durch Jahre
hindurch in Grinzing oder Heiligenstadt auf dem Lande gewohnt.
    Dieses wir berhrte Georg ganz eigen. Er konnte sich kaum vorstellen, da
Nrnberger auch einmal ganz jung gewesen war, als ein Sohn mit Vater und Mutter,
als ein Bruder mit Schwestern gelebt hatte, und er empfand mit einemmal die
ganze Existenz dieses Mannes als etwas Seltsames und Schweres.
    Auf der Hhe des Gartens, von einer offenen Laube, gab es einen
wunderhbschen Blick auf die Stadt, an dem sie sich eine Weile erfreuten. Dann
gingen sie langsam wieder hinab, von der Hausmeistersfrau begleitet, die ein
kleines Kind, in einen grauen Plaid gewickelt, auf dem Arme trug. Nun sahen sie
sich die Wohnung an; niedrige, muffige Zimmer, mit verschlissenen billigen
Teppichen auf den Fubden, schmalen Holzbetten, zerbrochenen oder blinden
Spiegeln. Im Frhjahr wird alles neu hergerichtet, erklrte die Hausmeisterin,
da schaut's dann sehr freundlich aus. Das kleine Kind streckte pltzlich die
Hndchen nach Georg aus, als wenn es von ihm auf den Arm genommen werden wollte.
Georg war ein wenig gerhrt und lchelte verlegen.
    Whrend er mit Nrnberger auf der Plattform der Tramway in die Stadt fuhr
und mit ihm plauderte, hatte er die Empfindung, da er ihm bei den vielen
frheren Gelegenheiten ihres Zusammenseins nicht so nahe gekommen war, als
whrend dieser hellen Wintersonnenstunde auf dem Lande. Beim Abschied ergab es
sich ganz ungezwungen, da sie sich fr einen der nchsten Tage zu einem neuen
Spaziergang verabredeten, und so kam es, da Georg bei seiner weitern
Wohnungssuche in der Umgegend Wiens etliche Male von Nrnberger begleitet wurde.
Dabei wurde immer die Fiktion gewahrt, als suchte Georg fr die befreundete
Familie, als glaubte Nrnberger daran, und als glaubte Georg, da Nrnberger
daran glaubte.
    Auf diesen Wanderungen kam Nrnberger manchmal dazu, von seiner Jugend zu
sprechen, von den Eltern, die er sehr frh verloren hatte, von einer Schwester,
die jung gestorben und von seinem ltern Bruder, dem einzigen seiner Verwandten,
der noch am Leben war. Der aber, ein alternder Junggeselle wie Edmund selbst,
lebte nicht in Wien, sondern als Gymnasiallehrer in einer kleinen
niedersterreichischen Stadt, wohin er schon vor fnfzehn Jahren als Supplent
versetzt worden war. Spter htte er es wohl ohne besondere Mhe erwirken
knnen, wieder in der Grostadt angestellt zu werden; doch nach ein paar Jahren
der Verbitterung, ja des Grimms, hatte er sich in die kleinen, ruhigen
Verhltnisse seines Aufenthaltsortes so vllig eingewhnt, da eine Rckkehr
nach Wien ihm eher als Opfer erschienen wre. Und er lebte nun, seinem Beruf und
insbesondre seinen Sprachstudien mit Inbrunst hingegeben, weltfern, einsam,
zufrieden, als eine Art von Philosoph in der kleinen Stadt. Wenn Nrnberger ber
diesen fernen Bruder sprach, so war es Georg manchmal, als hrte er ihn ber
einen Verstorbenen reden, so vllig schien jede Mglichkeit einer knftigen
dauernden Vereinigung aufgehoben zu sein. Ganz anders, beinahe wie von einem
Wesen, das einmal wiederkehren konnte, mit einer immer wachen Sehnsucht, sprach
er von der Schwester, die seit vielen Jahren tot war.
    An einem nebligen Februartag auf einer Bahnstation, whrend sie, den Zug
nach Wien erwartend, auf dem Perron miteinander hin und her spazierten, da war
es, da Nrnberger Georg die Geschichte dieser Schwester erzhlte, die schon als
Kind von einer ungeheuern Leidenschaft frs Theater wie besessen, mit sechzehn
Jahren in einem kindisch-romantischen Drang, ohne Abschied das Haus verlassen
hatte. Durch zehn Jahre war sie nun von Stadt zu Stadt, von Bhne zu Bhne
gewandert, immer nur in geringem Stellungen beschftigt, da weder ihr Talent
noch ihre Schnheit fr den gewhlten Beruf auszureichen schienen; aber immer
mit gleicher Begeisterung, immer mit gleicher Zukunftsgewiheit, trotz der
Enttuschungen, die sie erlebte, und des Jammers, den sie sah. In den Ferien
erschien sie zuweilen bei den Brdern, die damals noch zusammen wohnten, auf
Wochen, manchmal nur auf Tage, erzhlte von den Schmieren, auf denen sie gemimt,
als wren es groe Theater; von ihren sprlichen Erfolgen wie von Triumphen, die
sie errungen; von den armseligen Komdianten, an deren Seite sie gewirkt, wie
von groen Knstlern, von den kleinen Intrigen, die sich in ihrer Nhe
abgespielt, wie von gewaltigen Tragdien der Leidenschaft. Und statt allmhlich
inne zu werden, in welch einer klglichen Welt als eine der Bedauernswertesten
sie dahinlebte, spann sie von Jahr zu Jahr sich in goldenere Trume ein. Das
ging so lang, bis sie einmal fiebernd und krank in die Heimat zurckkehrte. Nun
lag sie monatelang zu Bett, mit gerteten Wangen, schwrmte in ihren Delirien
von Ruhm und Glck, die sie nie erlebt, erhob sich noch einmal zu scheinbarer
Gesundheit und zog wieder hinaus, um diesmal schon nach wenigen Wochen, vllig
zerstrt, den Tod auf der Stirne, heimzukehren. Nun reiste der Bruder mit ihr
nach dem Sden; nach Arco, nach Meran, an die italienischen Seen. Und jetzt
erst, in sdlichen Grten unter blhenden Bumen hingestreckt, dem Treiben
entrckt, das sie durch Jahre berauscht und verwirrt hatte, kam sie zur
Erkenntnis, da ihr Leben ein Hin- und Hertaumeln unter gemaltem Himmel und
zwischen papierenen Wnden, da der ganze Inhalt ihres Daseins ein Wahn gewesen
war. Aber auch die kleinen Abenteuer des Tags, in gemieteten Zimmern und
Wirtshusern, auf Straen fremder Stdte, erschienen ihr in der Erinnerung wie
Szenen, in denen sie als Schauspielerin im Rampenlichte mitgespielt, nicht wie
solche, die sie wirklich erlebt hatte. Und whrend sie dem Grabe entgegenging,
erwachte in ihr eine ungeheuere Sehnsucht nach dem wirklichen Leben, das sie
versumt hatte; je sicherer sie wute, da sie ihr fr immer verloren war, mit
um so klarerem Blicke erkannte sie die Flle der Welt. Und das allersonderbarste
war, wie in den letzten Wochen ihres Lebens das Talent, dem sie ihre ganze
Existenz hingeopfert, ohne es wirklich zu besitzen, geheimnisvoll dmonisch zum
Vorschein kam. Heute noch scheint mir, sagte Nrnberger, als htt ich
niemals, auch von der grten Schauspielerin, Verse so sprechen gehrt, ganze
Szenen so agieren gesehen, wie von meiner Schwester in dem Hotelzimmer in
Cadenabbia mit der Aussicht auf den Comosee, ein paar Tage, bevor sie starb.
Freilich, setzte er hinzu, ist es mglich, ja sogar wahrscheinlich, da mich
die Erinnerung tuscht.
    Warum denn? fragte Georg, dem dieser Abschlu so gut gefiel, da er sich
ihn nicht verderben lassen wollte. Und er bemhte sich, Nrnberger, der es
lchelnd anhrte, zu berzeugen, da der sich nicht geirrt haben knnte und da
mit dem seltsamen Mdchen, das in Cadenabbia begraben lag, eine groe
Schauspielerin dahingegangen war ...
    Das Landhaus, das Georg suchte, fand er auch auf seinen Wanderungen mit
Nrnberger nicht; ja, von einem Mal zum andern, schien die Entdeckung
schwieriger zu werden. Nrnberger spottete wohl zuweilen ber die schwer
erfllbaren Ansprche Georgs, der nach einer Villa zu suchen schien, an der vorn
die wohlgepflegte Strae vorbeifhren und die rckwrts eine Gartentre in den
Urwald haben sollte. Schlielich glaubte Georg selbst nicht mehr ernsthaft
daran, da es ihm jetzt gelingen wrde, das erwnschte Haus zu finden und
verlie sich auf den Zwang des Findenmssens nach der Rckkehr von der Reise.
Notwendiger erschien es, sich mglichst bald mit einem Arzt ins Einvernehmen zu
setzen; aber auch das verschob Georg von einem Tag zum andern. Doch eines Abends
teilte Anna ihm mit, da sie, durch einen neuen Ohnmachtsanfall in pltzliche
Angst versetzt, Doktor Stauber besucht und ihm ihren Zustand erffnet hatte. Er
war sehr herzlich gewesen, hatte keinerlei Erstaunen ausgedrckt, sie in jeder
Hinsicht vollkommen beruhigt und nur den Wunsch geuert, Georg vor der Abreise
zu sprechen.
    Ein paar Tage darauf folgte Georg der Einladung des Arztes. Die Ordination
war eben zu Ende. Doktor Stauber empfing ihn mit der vorausgesehenen
Freundlichkeit, schien die ganze Angelegenheit so einwandfrei und natrlich als
mglich zu finden und sprach von Anna nie anders als von der jungen Frau, was
Georg eigentmlich, aber nicht unangenehm berhrte. Als die sachlichen
Errterungen abgeschlossen waren, erkundigte sich der Arzt nach dem Ziel der
Reise. Georg hatte noch kein Programm entworfen, nur so viel stand fest, da das
Frhjahr im Sden, wahrscheinlich in Italien verbracht werden sollte. Doktor
Stauber nahm Anla von seinem letzten Aufenthalt in Rom zu erzhlen, der zehn
Jahre zurcklag. Er war damals, wie schon frher einmal, mit dem Leiter der
Ausgrabungen in persnlichem Verkehr gestanden und sprach zu Georg in fast
begeistertem Ton von den neuesten Entdeckungen auf dem Palatin, ber den er als
junger Mann selbst Studien gepflogen und in den Heften fr Altertumsforschung
verffentlicht hatte. Dann zeigte er Georg nicht ohne Stolz seine Bibliothek,
die in eine medizinische und in eine kunsthistorische geschieden war, und trug
ihm leihweise einige seltenere Bcher, eines aus dem Jahre 1834 ber die
vatikanischen Sammlungen und eine Geschichte Siziliens an. Georg fhlte sich
hchst angeregt, whrend ihm so deutlich zum Bewutsein kam, wie reiche Tage ihm
bevorstanden. Eine Art von Heimweh nach wohlbekannten und lang entbehrten
Gegenden berkam ihn, halbvergessene Bilder tauchten wieder in ihm auf: die
Pyramide des Cestius stand am Horizont, in den scharfen Umrissen, wie sie ihm
erschienen, da er als Knabe mit dem Prinzen von Makedonien in die abendliche
Stadt zurckgeritten war; die dmmrige Kirche tat sich auf, wo er seine erste
Geliebte als Braut zum Altar hatte schreiten sehen; unter einem dunkeln Himmel
zog ein Nachen mit seltsam schwefelgelben Segeln an der Kste hin ... Er begann
zu reden, sprach von den vielen Stdten und Landschaften des Sdens, die er als
Knabe, als Jngling gesehen, erzhlte von der Sehnsucht nach diesen Orten, die
ihn oft wie ein wahres Heimweh ergriff, von seiner Freude all das Ersehnte,
Bewahrtes und Vergessenes, und vieles Neue, mit gereiftem Blick umfassen zu
drfen, und diesmal in Gesellschaft eines Wesens, das fhig, alles mit ihm zu
verstehen und zu genieen, und das ihm teuer war. Doktor Stauber, der eben daran
war, ein Buch in die Reihe zurckzustellen, wandte sich pltzlich nach Georg um,
sah ihn mild an und sagte: Das la ich mir gefallen. Da Georg seinen Blick ein
wenig befremdet erwiderte, setzte er hinzu: Es war nmlich das erste warme Wort
ber Ihre Beziehung zu Annerl, das ich im Laufe dieser Stunde von Ihnen
vernommen habe. Ich wei, ich wei, es liegt nicht in Ihrer Art, sich einem
beinahe fremden Menschen gegenber aufzuschlieen, aber gerade weil ichs
eigentlich nicht erwarten durfte, hats mir wohlgetan. Es ist Ihnen wirklich aus
dem Herzen gekommen, man hats gemerkt. Und es htte mir leid getan um das Annerl
entschuldigen Sie, ich hei sie halt noch immer so wenn ich mir htte denken
mssen, Sie haben sie nicht so gern, wie sie es verdient.
    Ich wei eigentlich nicht, erwiderte Georg khl, was Sie veranlat, daran
zu zweifeln, Herr Doktor.
    Hab' ich etwas von Zweifeln gesagt? erwiderte Stauber gutmtig. Aber
schlielich, es soll schon dagewesen sein, da ein junger Mann, der allerlei
erlebt hat, so ein Opfer nicht gengend wrdigt. Es bleibt ja doch ein Opfer,
lieber Baron. Wir knnen noch so erhaben sein ber alle Vorurteile eine
Kleinigkeit ist es heutzutage noch immer nicht, wenn sich ein junges Mdel aus
guter Familie zu so was entschliet. Und ich wills Ihnen nicht verhehlen Annerl
hab ichs natrlich nicht merken lassen es hat mir doch einen leisen Ruck
gegeben, wie sie neulich bei mir gewesen ist und mir die Sache erzhlt hat.
    Entschuldigen Sie, Herr Doktor, erwiderte Georg gergert aber hflich,
wenn es Ihnen einen Ruck gegeben hat, so beweist das doch einiges gegen Ihr
Erhabensein ber Vorurteile ...
    Da haben Sie recht, sagte Stauber lchelnd. Aber vielleicht sehen Sie mir
diese Rckstndigkeit nach, wenn Sie bedenken, da ich etwas lter bin als Sie
und aus einer andern Zeit herkomme. Und dem Einflu seiner Epoche kann sich
selbst ein ziemlich selbstndig denkender Mensch ... was zu sein ich mir
schmeichle ... nicht ganz entziehen. Das ist ja das Merkwrdige. Aber glauben
Sie mir, es gibt auch heutzutage, selbst unter den jungen Leuten, die bei
Nietzsche und Ibsen aufgewachsen sind, geradesoviel Philister als es vor dreiig
Jahren gegeben hat; sie geben sich nur nicht zu erkennen, auer es geht ihnen
selbst an den Kragen, zum Beispiel, wenn man ihnen die Schwester verfhrt oder
wenn ihre Frau Gemahlin ihnen pltzlich mit der Idee kommt, sie will sich
ausleben ... Manche sind natrlich konsequent und spielen ihre Rolle weiter ...
das ist aber mehr eine Frage der Selbstbeherrschung als der Weltanschauung. Und
frher wieder, wissen Sie, in der Epoche, aus der ich eben komme, wo die
Begriffe so unwiderruflich festgestanden sind, wo jeder zum Beispiel genau
gewut hat: man hat seine Eltern zu verehren, sonst ist man ein Schuft ... oder:
eine wahre Liebe gibt es nur einmal im Leben ... oder: es ist ein Vergngen fr
das Vaterland zu sterben ... wissen Sie, in der Epoche, wo jeder anstndige
Mensch irgendeine Fahne hochgehalten, oder wenigstens irgendwas auf sein Banner
geschrieben hat ... glauben Sie mir, schon damals haben die sogenannten modernen
Ideen mehr Anhnger gehabt, als man ahnt. Nur, da es diese Anhnger selbst
manchmal nicht recht gewut, da sie selber ihren Ideen nicht getraut, da sie
sich gewissermaen wie Auswrflinge oder gar wie Verbrecher vorgekommen sind.
Soll ich Ihnen was sagen, Herr Baron? Es gibt berhaupt keine neuen Ideen. Neue
Gedankenintensitten das ja. Aber meinen Sie im Ernst, da Nietzsche den
bermenschen, Ibsen die Lebenslge erfunden hat, und Anzengruber die Wahrheit,
da die Eltern selber danach sein sollen, die von ihren Kindern Verehrung und
Liebe wnschen? Keine Spur. Alle ethischen Ideen sind immer dagewesen, und
staunen wrde man, wenn man wte, was fr Flachkpfe die sogenannten neuen,
groen Wahrheiten gedacht, vielleicht sogar manchmal ausgesprochen haben, lang
vor den Genies, denen wir diese Wahrheiten verdanken, oder vielmehr den Mut,
diese Wahrheiten fr wahr zu halten. Aber ich bin da etwas weit abgekommen,
verzeihen Sie. Eigentlich hab ich nur sagen wollen ... und Sie werden mirs
glauben ... ich wei so gut wie Sie, Herr Baron, da es manches jungfruliche
Mdchen gibt, das tausendmal verdorbener ist als eine sogenannte Gefallene, und
manchen, als anstndig geltenden jungen Mann, der schlimmere Dinge auf dem
Gewissen hat, als da er mit einem unschuldigen Mdchen ein Verhltnis anfngt.
Und doch ... das ist eben der Fluch meiner Epoche ..., schaltete er lchelnd
ein, ich hab mir nicht helfen knnen: im ersten Moment, wie Annerl mir die
Geschichte erzhlt hat, da haben gewisse unangenehme Worte, die seinerzeit ihre
feststehende Bedeutung gehabt haben, in meinem alten Kopf ganz mit ihrem alten
Ton zu klingen angefangen, dumme, berlebte Worte wie ... Wstling ...
Verfhrung ... sitzen lassen ... und so weiter. Und daher, ich mu noch einmal
um Entschuldigung bitten, jetzt, da ich Sie etwas nher kennen gelernt habe
daher ist dann der Ruck gekommen, den gesprt zu haben ein moderner Mensch
eigentlich nicht eingestehen drfte. Aber, um wieder ganz ernst zu reden,
berlegen Sie nur einmal, wie sich Ihr seliger Herr Vater zu der Sache gestellt
htte, der wieder das Annerl nicht gekannt hat. Er war doch sicher einer der
klgsten und vorurteilslosesten Menschen, den man sich denken kann ... Und
trotzdem zweifeln Sie gewi nicht daran, da es auch bei ihm nicht ganz ohne
Ruck abgegangen wre.
    Georg streckte dem Arzt unwillkrlich die Hand entgegen. Das Unerwartete
dieser pltzlichen Mahnung an den geliebten Toten lie eine so heftige Sehnsucht
in ihm aufsteigen, da er sie nur zu lindern vermochte, indem er von dem
Entschwundenen zu reden begann. Auch der Arzt wute noch von mancher Begegnung
mit dem verblichnen Baron zu erzhlen, meist zuflligen, flchtigen auf der
Strae, bei Sitzungen der Akademie der Wissenschaften, in Konzerten. Wieder war
einer jener Augenblicke, in dem Georg sich dem Dahingeschiedenen gegenber
seltsam schuldvoll erschien und sich im Innern zuschwor, seines Andenkens wrdig
zu werden.
    Gren Sie das Annerl von mir, sagte der Arzt beim Abschied zu ihm, aber
von dem Ruck erzhlen Sie ihr lieber nichts. Sie ist ein sehr feinfhliges
Geschpf, das wissen Sie ja, und jetzt kommt es vor allem darauf an, ihr jede
unangenehme Aufregung zu ersparen. Bedenken Sie nur, lieber Baron, es handelt
sich jetzt nur um das eine, da ein gesundes Kind auf die Welt kommt, alles
brige ... na, gren Sie sie schn von mir, hoffentlich sehen wir uns alle
gesund im Sommer wieder.
    Georg entfernte sich mit dem erhhten Bewutsein seiner Verpflichtungen
gegenber dem Wesen, das sich ihm gegeben, und jenem andern, das in wenigen
Monaten zum Dasein erwachen sollte. Er dachte zuerst daran, ein Testament zu
machen und es bei einem Notar zu hinterlegen. Bei nherer berlegung aber fand
er es richtiger, sich seinem Bruder zu erffnen, der ihm unter allen Menschen
doch auch innerlich am nchsten stand. In der eigentmlichen Befangenheit aber,
die dem doch so innigen Verhltnis zwischen den Brdern eigen war, lie er Tag
um Tag verstreichen, bis endlich Felicians Abreise nach Afrika zu den Jagden
ganz nahe bevorstand. In der Nacht vorher, auf dem Weg aus dem Klub nach Hause,
teilte Georg seinem Bruder mit, da er schon in der nchsten Zeit eine lange
Reise anzutreten gedenke.
    So? Auf wie lange willst du denn fort? fragte Felician.
    Georg hrte im Ton dieser Worte eine gewisse Besorgnis mitklingen und fhlte
sich veranlat hinzuzusetzen: Es wird wohl auf Jahre hinaus die letzte grere
Reise sein, die ich unternehme. Im Herbst befinde ich mich ja hoffentlich in
einer festen Stellung.
    Du bist also ganz entschlossen?
    Ja, selbstverstndlich.
    Es freut mich sehr, Georg, aus verschiedenen Grnden, wie du dir denken
kannst, da du nun endlich ernst machen willst. Und im brigen trifft's sich
auch gut, da nicht nur einer von uns in die Welt hinaus mu, und der andere
allein zurckbleibt. Das wr doch ein bi'l traurig gewesen.
    Georg wute wohl, da Felician im nchsten Herbst einer auswrtigen
Vertretung zugeteilt werden sollte, aber mit solcher Klarheit war ihm noch nie
bewut geworden, da es nun in wenigen Monaten mit der langjhrigen brderlichen
Gemeinschaft, mit dem Zusammenwohnen in dem alten Haus gegenber dem Park, ja
gewissermaen mit der Jugend unwiederbringlich vorbei sein mute. Er sah das
Leben ernst, beinahe drohend vor sich liegen.
    Hast du denn schon eine Ahnung, fragte er, wohin sie dich schicken
werden?
    Eine gewisse Chance besteht fr Athen.
    Wr' dir das angenehm?
    Warum nicht. Die Gesellschaft dort soll nicht uninteressant sein. Bernburg
war drei Jahre lang dort, und er ist ungern fort. Und dabei haben sie ihn nach
London versetzt, was doch auch nicht ohne ist.
    Sie gingen eine Weile schweigend weiter, nahmen den Weg durch den Park wie
gewhnlich. Eine Luft wie vom nahen Frhling war um sie, obwohl auf den
Rasenpltzen noch schmale, weie Schneeflecken schimmerten.
    Also nach Italien reist du? fragte Felician.
    Ja.
    Wieder so weit nach dem Sden wie voriges Frhjahr?
    Das wei ich noch nicht.
    Wieder ein kurzes Schweigen.
    Pltzlich aus dem Dunkel heraus die Stimme Felicians: Hast du von Grace
eigentlich seitdem etwas gehrt?
    Von Grace, wiederholte Georg etwas verwundert, denn es war lange her, da
Felician diesen Namen nicht mehr ausgesprochen hatte. Von Grace hab' ich nichts
mehr gehrt. Das war brigens so abgemacht zwischen uns. In Genua haben wir fr
ewig Abschied genommen. Auch schon ber ein Jahr her ...
    Auf einer Bank, ganz im Dunkeln, sa ein Herr im Pelz, mit Zylinder und
weien Handschuhen. Ah, Labinski, dachte Georg einen Moment lang; im nchsten
fiel ihm natrlich ein, da der sich erschossen hatte ... Es war nicht das
erstemal, da er ihn zu sehen glaubte. Auch im botanischen Garten zu Palermo
unter einer japanischen Esche war einmal einer gesessen, bei hellichtem Tag, den
Georg eine Sekunde lang fr Labinski gehalten hatte. Und neulich, hinter den
geschlossenen Fenstern eines Fiakers hatte Georg das Antlitz seines verstorbenen
Vaters zu erkennen geglaubt.
    Hinter den laublosen sten schimmerten Huser her. Eines davon war das, in
dem die Brder wohnten.
    Es wre Zeit, dachte Georg, da ich endlich auf die Angelegenheit zu reden
komme. Und um rasch anzuknpfen, bemerkte er leicht: Ich fahr' brigens auch
heuer nicht allein nach Italien.
    So, so, sagte Felician und sah vor sich hin.
    Im selben Moment fhlte Georg, da er den Ton nicht richtig genommen hatte.
Er besorgte, da Felician sich etwa denken knnte: ah, nun hat er wieder ein
Abenteuer mit so einer dubiosen Person. Und ernst fgte er hinzu: Du, Felician,
ich htte was ziemlich Wichtiges mit dir zu besprechen.
    Was Wichtiges?
    Ja.
    Na Georg, sagte Felician mild und sah ihn von der Seite an. Was gibt's
denn, du heiratest doch nicht am Ende?
    O nein, erwiderte Georg und rgerte sich gleich wieder, da er diese
Mglichkeit so entschieden abgelehnt hatte. Nein, nicht um eine Heirat handelt
es sich, sondern um etwas viel Wesentlicheres.
    Felician blieb einen Moment stehen. Du hast ein Kind? fragte er ernst.
    Nein. Noch nicht. Das ist es eben. Darum reisen wir fort.
    So, sagte Felician.
    Sie waren aus dem Park herausgetreten. Unwillkrlich sahen sie beide zu dem
Fenster ihrer Wohnung auf, von dem aus noch vor einem Jahr ihr Vater ihnen
manchmal grend zugenickt hatte. Beide fhlten mit Wehmut, wie sie seit dem
Tode des Vaters einander allmhlich entglitten waren und mit leiser Angst, um
wie viel weiter sie das Leben noch voneinander entfernen konnte.
    Komm zu mir ins Zimmer, sagte Georg, als sie oben waren. Da ist's am
gemtlichsten.
    Er setzte sich auf seinen bequemen Sessel am Schreibtisch. In die Ecke des
kleinen, grnen Lederdiwans, der an den Schreibtisch angerckt war, lehnte sich
Felician und hrte ruhig zu. Georg nannte ihm den Namen seiner Geliebten, sprach
von ihr in guten und innigen Worten und erbat sich von Felician, da er sich der
Mutter und des Kindes annhme fr den Fall, da ihm, Georg, in der nchsten Zeit
etwas Menschliches zustiee. Was von seinem Vermgen noch vorhanden wre,
hinterliee er selbstverstndlich dem Kind, der Mutter fiele die Nutznieung bis
zu des Kindes Volljhrigkeit zu. Als Georg zu Ende war, sagte Felician nach
kurzem Schweigen lchelnd: Na, du hast ja gegrndete Hoffnung, von deiner Reise
ebenso gesund und wohl zurckzukommen, als ich aus Afrika, und so hat unsere
Besprechung wohl nur akademische Bedeutung.
    Das hoff ich natrlich auch. Aber es ist mir jedenfalls eine Beruhigung,
Felician, da du nun eingeweiht bist und ich nach jeder Richtung hin unbesorgt
sein kann.
    Ja natrlich, das kannst du. Er reichte dem Bruder die Hand. Dann stand er
auf, ging im Zimmer auf und ab. Endlich fragte er: Zu legitimieren denkst du
deine Beziehungen nicht?
    Vorlufig nein. Was die Zukunft bringt, kann man ja nicht wissen.
    Felician blieb stehen. Na ja ...
    Du wrst dafr, da ich heirate? rief Georg mit einigem Erstaunen aus.
    Durchaus nicht.
    Felician, ich bitte dich, sei aufrichtig!
    Weit du, in solche Geschichten soll man niemandem drein reden, auch seinem
Bruder nicht.
    Aber wenn ich dich bitte, Felician. Mir komme vor, als gefiele dir irgend
etwas an der Geschichte nicht.
    Ja, siehst du Georg ... du wirst mich ja nicht miverstehen ... ich wei
natrlich, da du nicht daran denkst, sie im Stich zu lassen, im Gegenteil, ich
bin sogar berzeugt, da du dich in jeder Beziehung viel nobler benehmen wirst,
als irgendein Mensch an deiner Stelle. Aber, die Frage ist doch eigentlich die:
httest du dich in die Sache eingelassen, wenn du dir die Folgen nach allen
Seiten hin berlegt httest?
    Ja das ist freilich schwer zu beantworten, sagte Georg.
    Ich meine ganz einfach: Hast du die Absicht gehabt ... nicht sie zu deiner
Lebensgefhrtin zu machen, aber ein Kind mit ihr zu haben?
    Gott, wer denkt daran? Wenn man es so absolut htte vermeiden wollen .
    Felician unterbrach ihn. Wei sie, da du nicht daran denkst, sie zu
heiraten?
    Na du glaubst doch nicht, ich hab ihr 's heiraten versprochen.
    Nein. Aber das Sitzenlassen doch auch nicht.
    Das wre gerade so eine Unaufrichtigkeit gewesen, Felician. Es ist
gekommen, wie derartige Dinge eben zu kommen pflegen, hat sich alles ganz ohne
Programm entwickelt, bis auf den heutigen Tag.
    Ja das ist recht schn. Es ist nur die Frage, ob man nicht in wichtigen
Lebensdingen zu Programmen gewissermaen verpflichtet ist.
    Mglich ... Aber das war ja meine Sache nie, leider ...
    Felician blieb vor Georg stehen, machte ein liebes Gesicht und nickte ein
paarmal. Das ist schon wahr, Georg. Du bist doch nicht bs ... aber weil wir
schon einmal davon sprechen ... ich mae mir natrlich nicht das Recht an, dir
in deine Lebensfhrung dreinzureden ...
    Red nur, Felician ... wirklich ... es tut mir geradezu wohl ... Er strich
ihm leise ber die Hand, die auf der Diwanlehne lag.
    Na ja, es ist weiter nicht viel zu sagen. Ich meine nur, da es in allen
Dingen bei dir so ist ... so ein Mangel an Programm. Siehst du, um von einem
andern wichtigen Punkt zu reden, ich fr meinen Teil bin ja berzeugt von deinem
Talent und viele andre auch. Aber du arbeitest doch eigentlich verflucht wenig,
nicht? Und von selbst kommt der Ruhm ja doch nicht, selbst wenn man ...
    Gewi nicht. Aber so wenig wie du glaubst, arbeit ich durchaus nicht,
Felician. Nur ist ja das Arbeiten bei unsereinem so eine eigentmliche
Geschichte. Manchmal beim Spazierengehen, ja sogar im Schlaf fllt einem
allerlei ein ... Und dann im Herbst ...
    Na ja, hoffen wir, obzwar ich frchte, von deiner Gage wirst du anfangs
nicht leben knnen. Und wie lange dein bissel Geld reichen wird, bei deiner Art
zu leben, das ist sehr die Frage. Ich sag dir aufrichtig, wie du mir frher die
Summe genannt hast, die du deinem Kind hinterlassen knntest, hab ich einen
frmlichen Schrecken gekriegt.
    Hab nur Geduld, Felician. In drei Jahren oder fnf, wenn ich meine Oper
fertig hab ..., er sagte es in selbstironisierendem Tone.
    Schreibst du wirklich an einer Oper, Georg?
    Nchstens fang ich an.
    Wer macht dir denn den Text?
    Der Heinrich Bermann. Da machst du natrlich wieder ein Gesicht.
    Lieber Georg, was deinen Verkehr anbelangt, bin ich immer weit davon
entfernt gewesen, dir dreinzureden. Es ist ganz natrlich, da du bei deiner
geistigen Richtung in andre Kreise kommst als ich und mit Leuten umgehst, an
denen ich vielleicht weniger Geschmack fnde. Aber, wenn der Text von Herrn
Bermann nur schn ist, so hast du meinen Segen ... und der Herr Bermann
natrlich auch.
    Der Text ist noch nicht fertig, nur das Szenarium.
    Felician mute wider Willen lachen. So siehts mit deiner Oper aus? Wenn nur
das Theater schon gebaut ist, fr das sie dich als Kapellmeister engagieren.
    Na, sagte Georg etwas beleidigt.
    Verzeih, entgegnete Felician. Ich zweifle wirklich nicht an deiner
Zukunft. Ich mcht halt nur, da du selber ein bichen mehr dazu ttest. Ich wr
ja so ... wirklich Georg, stolz wr ich, wenn was Groes aus dir wrde. Und es
liegt ja gewi nur an dir. Der Willy Eiler, der doch ein sehr musikalischer
Mensch ist, hat mir erst neulich wieder gesagt, da er von dir mehr hlt, als
von den meisten jngern Komponisten.
    Wegen der paar Lieder, die er von mir kennt?
    Ja er findet sie eben hervorragend. Auf die Masse kommts doch nicht an.
    Du bist ein guter Kerl, Felician. Aber du brauchst mich wirklich nicht zu
ermutigen. Ich wei schon, was in mir steckt, nur fleiiger mu ich halt sein.
Und die Reise wird sehr wohlttig auf mich wirken. So auf eine Zeit aus der
gewohnten Umgebung herauskommen, das tut sehr gut. Das ist diesmal was ganz
anderes, als im vorigen Jahr. Es ist ja das erstemal, Felician, da ich mit
einem Wesen zusammen bin, das vollkommen auf meinem Niveau steht, das mir mehr
... das mir wahrhaftig auch eine Freundin ist. Und das Bewutsein, da ich ein
Kind haben werde, und grad mit ihr, das ist mir, trotz aller Begleitumstnde,
eher angenehm.
    Das kann ich mir schon denken, sagte Felician und betrachtete Georg ernst
und liebevoll.
    Die Uhr auf dem Schreibtisch schlug zwei.
    O, schon so spt, rief Felician. Und morgen frh mu ich packen. Na,
morgen bei Tisch knnen wir noch ber allerlei reden. Also, gr dich Gott
Georg.
    Gute Nacht, Felician. Ich danke dir, setzte er bewegt hinzu.
    Wofr dankst du mir, du bist komisch Georg. Sie reichten sich die Hnde,
und dann kten sie einander, was schon seit langer Zeit nicht geschehen war.
Und Georg beschlo, sein Kind, wenn es ein Knabe sein sollte, Felician zu
nennen, und er freute sich der guten Vorbedeutung im Glcksklang dieses Namens.
    Nach des Bruders Abreise fhlte sich Georg so verlassen, als htte er nie
einen andern Freund gehabt. Der Aufenthalt in der groen, einsamen Wohnung, wo
ihm eine hnliche Stimmung zu lasten schien, wie in der ersten Zeit nach dem
Tode des Vaters, machte ihn beinahe traurig.
    Die Tage, die noch bis zur Abreise verstreichen muten, empfand er als
bergangszeit, mit der nichts rechtes mehr anzufangen war. Die Stunden mit der
Geliebten im Zimmer der Kirche gegenber wurden farblos und de. Mit Anna selbst
schien nun auch seelisch eine Vernderung vorzugehen. Sie war manchmal reizbar,
dann wieder schweigsam, fast melancholisch, und oft berkam Georg im
Zusammensein mit ihr eine solche Langeweile, da ihm vor den nchsten Monaten,
in denen sie ganz aufeinander angewiesen sein sollten, geradezu bange wurde.
Wohl versprach die Reise an sich Abwechslung genug. Aber wie sollte es in den
sptern Monaten werden, die man ruhig irgendwo in der Nhe Wiens zu verbringen
gentigt war? Er mute auf eine Gesellschaft fr Anna bedacht sein. Noch zgerte
er mit ihr davon zu sprechen, als Anna selbst ihm mit einer Neuigkeit
entgegenkam, die jene Schwierigkeit und zugleich eine andre auf die einfachste
Weise zu beheben geeignet war. In der letzten Zeit, insbesondere seit Anna ihre
Lektionen allmhlich aufgegeben, hatte sie sich Theresen wieder nher
angeschlossen, ihr alles anvertraut; und so war bald auch Theresens Mutter mit
im Geheimnis. Diese nun kam Anna gtiger entgegen als die eigene Mutter, die
nach einem kurzen Aufflackern des Verstndnisses sich von der schuldigen Tochter
gekrnkt und schwermtig abgeschlossen hatte. Frau Golowski erklrte sich nicht
nur bereit bei Anna auf dem Lande zu wohnen, sondern versprach auch, das kleine
Haus, das Georg nicht hatte entdecken knnen, whrend das junge Paar fern war,
ausfindig zu machen. So sehr diese Bereitwilligkeit Georgs Bequemlichkeit
entgegenkam, es war ihm doch ein wenig peinlich, dieser fremden, alten Frau
verpflichtet zu sein; und da gerade sie, die Mutter Leos, und der Vater
Bertholds dazu bestimmt waren, an einem so wichtigen Erlebnis Annas so
bedeutenden Anteil zu nehmen, wollte ihm in verstimmten Augenblicken beinahe
lcherlich erscheinen.
    Drei Tage vor der Abreise, an einem schnen Mrz-Nachmittag, machte Georg
seinen Abschiedsbesuch bei Ehrenbergs. Seit jenem Weihnachtsfeiertage hatte er
sich nur selten oben blicken lassen, und seine Gesprche mit Else waren seither
durchaus harmlos geblieben. Wie einem Freunde, der solche Bemerkungen nicht mehr
miverstehen konnte, gestand sie ihm, wie sie sich daheim immer weniger wohl
fhle. Insbesondre, was Georg schon selbst manchmal beobachtet hatte, schien die
Stimmung des Hauses durch das ble Verhltnis zwischen Vater und Sohn dauernd
getrbt zu sein. Wenn Oskar in seiner nonchalant-vornehmen Haltung zur Tr
hereinkam und in seinem wienerisch-aristokratischen Ton zu reden begann, wandte
sich der Vater mit Hohn ab, oder konnte Anspielungen nicht unterdrcken, da er
von heut auf morgen der ganzen Vornehmheit durch Entziehen oder Herabsetzen des
sogenannten Gehaltes, der ja doch nur ein Taschengeld wre, ein Ende machen
knnte. Fing hingegen der Vater, wie er es vor Leuten und mit offenbarer Absicht
am liebsten tat, im Jargon zu reden an, so bi Oskar die Lippen aufeinander und
verlie wohl auch das Zimmer. Doch kam es in der letzten Zeit nur mehr selten
vor, da Vater und Sohn zugleich sich in Wien oder in Neuhaus aufhielten. Sie
ertrugen kaum mehr einer des andern Nhe.
    Als Georg bei Ehrenbergs eintrat, lag das Zimmer fast im Dunkel. Hinter dem
Klavier hervor leuchtete die marmorne Isis, und in den Erker, wo Mutter und
Tochter einander gegenbersaen, fiel das Dmmerlicht des spten Nachmittags.
Zum erstenmal hatte fr Georg die Erscheinung dieser zwei Frauen etwas seltsam
Rhrendes. Eine Ahnung tauchte in ihm auf, da ihm dieses Bild heute vielleicht
zum letztenmal vor Augen trte, und Elses Lcheln leuchtete ihm so schmerzlich
s entgegen, da er einen Augenblick lang dachte: wre nicht am Ende hier das
Glck gewesen? ... ...
    Nun sa er neben Frau Ehrenberg, die ruhig weiter stickte, Else gegenber,
rauchte eine Zigarette und war wie zu Hause. Er erzhlte, da er, verfhrt von
dem lockenden Frhlingswetter, die geplante Reise frher antrete, als
beabsichtigt war, und da er sie wahrscheinlich bis in den Sommer hinein
ausdehnen werde.
    Und wir wollen diesmal schon Mitte Mai nach dem Auhof, sagte Frau
Ehrenberg. Aber heuer rechnen wir sicher darauf Sie bei uns zu sehen.
    Wenn Sie nicht anderweitig beschftigt sind, setzte Else hinzu, ohne eine
Miene zu verziehen.
    Georg versprach im August zu kommen, auf einige Tage wenigstens.
    Dann sprach man ber Felician und Willy, die sich vor wenig Tagen von Biskra
aus mit ihrer Gesellschaft in die Wste begeben hatten, um zu jagen; ber
Demeter Stanzides, der nchstens seinen Abschied vom Militr nehmen und sich auf
ein Gut in Ungarn zurckziehen wollte, und endlich ber Heinrich Bermann, von
dem seit Wochen niemand eine Nachricht hatte.
    Wer wei, ob er berhaupt nach Wien zurckkommt, sagte Else.
    Warum sollte er nicht? wie kommen Sie darauf, Frulein Else?
    Gott, vielleicht wird er diese Schauspielerin heiraten und mit ihr in der
Welt herumziehen.
    Georg zuckte die Achseln ... Er wte von keiner Schauspielerin, mit der
Heinrich in Verbindung stand, und erlaubte sich seinen Zweifel auszudrcken, da
Heinrich jemals heiraten werde, ob nun eine Prinzessin oder eine Zirkusreiterin.
    Es wre schade um Bermann, sagte Frau Ehrenberg, ohne sich um Georgs
Diskretion zu kmmern. berhaupt finde ich, die jungen Leute nehmen diese Dinge
entweder zu leicht oder zu schwer.
    Else ergnzte: Ja es ist sonderbar. Ihr seid alle in diesen Dingen entweder
viel klger oder viel dmmer, als in allen andern, obwohl man doch gerade in
solchen Lebenssachen mglichst der bleiben sollte, der man fr gewhnlich ist.
    Liebe Else, sagte Georg obenhin, wenn einmal Leidenschaften im Spiele
sind ...
    Ja, wenn sie im Spiele sind, betonte Frau Ehrenberg.
    Leidenschaften! rief Else. Ich glaube die sind so was Seltenes, wie alles
Groartige auf der Welt.
    Was weit du mein Kind, sagte Frau Ehrenberg.
    In meiner Nhe habe ich wenigstens noch nichts dergleichen gesehen,
erklrte Else.
    Wer wei, ob Sies entdecken wrden, meinte Georg, auch wenn es einmal in
Ihrer Nhe vorkme. Von auen gesehen mag zuweilen ein Flirt und eine
Liebestragdie ganz den gleichen Anblick bieten.
    Das ist gewi nicht wahr, sagte Else. Leidenschaft ist etwas, das sich
unbedingt verraten mu.
    Woher willst du denn das wissen, Else? wandte Frau Ehrenberg ein.  Gerade
Leidenschaften knnen sich manchmal tiefer verbergen, als irgendein kleines
Gefhlchen, schon weil mehr auf dem Spiel zu stehen pflegt.
    Ich glaube, gndige Frau, entgegnete Georg, das ist sehr individuell. Es
gibt eben Leute, denen alles auf der Stirn geschrieben steht, und andre, die
undurchdringlich sind. Undurchdringlichkeit ist sogar gewissermaen ein Talent
wie ein anderes.
    Man kann es auch ausbilden wie ein anderes, sagte Else.
    Das Gesprch stockte einen Augenblick, wie es leicht geschieht, wenn mit
einemmal hinter einer allgemeinen Bemerkung die persnliche Nutzanwendung
allzudeutlich hervorblinkt.
    Frau Ehrenberg setzte neu ein: Haben Sie was Schnes komponiert in der
letzten Zeit, Georg? fragte sie.
    Ein paar Kleinigkeiten frs Klavier. brigens ist auch mein Quintett bald
fertig.
    Das Quintett fngt bald an mythisch zu werden, sagte Else unzufrieden.
    Else, mahnte die Mutter.
    Na ja, es wre doch wirklich gut, wenn er fleiiger wre.
    Da haben Sie freilich Recht, erwiderte Georg.
    Ich glaube, die Knstler haben frher viel mehr gearbeitet als jetzt.
    Die groen, ergnzte Georg.
    Nein, alle, beharrte Else.
    Es ist vielleicht gut, da Sie eine Reise machen, sagte Frau Ehrenberg
weitblickend. Sie werden hier zu viel abgelenkt.
    Er wird sich berall ablenken lassen, behauptete Else streng. Auch in
Iglau, oder wo er sonst im nchsten Jahr sein wird.
    Daran hab ich jetzt gar nicht gedacht, da Sie fortgehen, sagte Frau
Ehrenberg und schttelte den Kopf. Und Ihr Bruder ist nchstes Jahr in Sofia
oder Athen, und Stanzides in Ungarn ... traurig eigentlich, wie die nettesten
Menschen in alle Windrichtungen auseinander stieben.
    Wenn ich ein Mann wr, sagte Else, stb ich auch.
    Georg lachte. Sie trumen von einer Reise um die Welt in einer weien
Yacht. Madeira, Ceylon, St. Franzisko.
    O nein, ich mchte nicht ohne Beruf sein, aber wahrscheinlich wre ich
Marineoffizier geworden.
    Mchten Sie nicht so lieb sein, wandte sich Frau Ehrenberg an Georg, und
uns Ihre neuen Sachen ein bissel vorspielen?
    Ganz gern. Er stieg vom Erker am Fenster hinab, in die Dunkelheit des
Zimmers. Else erhob sich und schaltete das Oberlicht ein. Georg ffnete das
Klavier, setzte sich hin und spielte seine Ballade. Else hatte auf einem
Fauteuil Platz genommen, und wie sie den Arm auf die Lehne und den Kopf auf den
Arm gesttzt dasa, in der Haltung einer groen Dame und mit dem schwermtigen
Gesicht eines altklugen Kindes, fhlte Georg von ihrem Anblick sich wieder
sonderbar gerhrt. Er war heute nicht sehr befriedigt von seiner Ballade und
sich wohl bewut, da er durch ein allzu ausdrucksvolles Spiel der Wirkung
nachzuhelfen suchte.
    Hofrat Wilt trat leise ein und machte ein Zeichen, man mchte sich nur nicht
stren lassen. Dann blieb er mit dem grauen, kurz gestrubten Kopfhaar,
berlegen, gtig und lang neben der Tr an der Wand gelehnt stehen, bis Georg
mit bertrieben klangvollen Akkorden den Vortrag endete. Man begrte einander.
Wilt beglckwnschte Georg, da er ein freier Mann war und jetzt in den Sden
reisen durfte. Ich kann das leider nicht, fgte er hinzu, und dabei hat man
doch berdies zuweilen eine dunkle Ahnung, da in sterreich nicht das geringste
sich ndern wrde, selbst wenn man ein Jahr lang sein Bureau nicht betrte. Wie
immer redete er von seinem Beruf und seinem Vaterland mit Ironie. Frau Ehrenberg
entgegnete ihm, es gbe ja doch keinen, der sein Vaterland mehr liebte und
seinen Beruf ernster nhme, als gerade er. Er gab es zu. Fr ihn aber bedeutete
sterreich ein unendlich kompliziertes Instrument, das nur ein Meister richtig
behandeln knnte und das nur deshalb so oft bel klnge, weil jeder Stmper
seine Kunst daran versuche. Sie werden solange darauf herumschlagen, sagte er
traurig, bis alle Saiten zerspringen und der Kasten dazu.
    Als Georg ging, begleitete ihn Else ins Vorzimmer. Sie hatte ihm noch ein
paar Worte ber seine Ballade zu sagen. Besonders der Mittelsatz hatte ihr
gefallen. So innerlich glhend wre er gewesen. Im brigen wnschte sie ihm
glckliche Reise. Er dankte ihr. Also, sagte sie pltzlich, whrend er schon
den Hut in der Hand hielt, nun heit es wohl gewissen Trumen endgltigen
Abschied geben.
    Welchen Trumen? fragte er befremdet.
    Den meinen selbstverstndlich, die Ihnen nicht unbekannt geblieben sein
drften.
    Georg war sehr berrascht. So deutlich war sie nie gewesen. Er lchelte
befangen und suchte nach einer Antwort. Was wei man von der Zukunft, sagte er
endlich leicht.
    Sie runzelte die Stirn. Warum sind Sie nicht wenigstens ehrlich zu mir, so
wie ich zu Ihnen? Ich wei ja, da Sie nicht allein da hinunter reisen ... Ich
wei auch, wer Sie begleitet ... Ich wei berhaupt alles. Gott, was hab ich
denn nicht gewut, seit wir uns kennen.
    Und Georg hrte Schmerz und Zorn im Untergrund ihrer Worte beben. Und er
wute: wenn er sie doch einmal zur Frau nhme, sie wrde ihn fhlen lassen, da
sie zu lange hatte auf ihn warten mssen. Er sah vor sich hin, schwieg wie
schuldbewut und trotzig zugleich. Da lchelte Else heiter, reichte ihm die Hand
und sagte nochmals: Glckliche Reise.
    Er drckte ihr die Hand, als mte er ihr etwas abbitten. Sie entzog sie
ihm, wandte sich ab, ging ins Zimmer zurck. Er blieb noch ein paar Sekunden an
der Tre stehen, dann eilte er auf die Strae.
    Am Abend desselben Tages sah Georg nach vielen Wochen zum erstenmal Leo
Golowski im Kaffeehaus wieder. Er wute von Anna, da Leo als Freiwilliger in
der letzten Zeit unangenehme Dinge durchzumachen hatte, da besonders jene
Bestie in Menschengestalt ihn mit Bosheit, ja mit wahrem Ha verfolgte. Es
fiel Georg heute auf, wie Leo in der kurzen Zeit, whrend er ihn nicht gesehen,
sich verndert hatte. Er sah geradezu gealtert aus.
    Es freut mich, da ich Sie vor meiner Abreise noch einmal zu Gesicht
bekomme, sagte Georg und setzte sich ihm gegenber an den Kaffeehaustisch. Sie
freut es, erwiderte Leo, da Sie mich zufllig wieder einmal zu Gesicht
kriegen, und mir war es ein Bedrfnis, Sie noch einmal zu sehen, das ist der
Unterschied. Seine Stimme klang noch zrtlicher als gewhnlich. Er sah Georg
ins Auge, gtig, beinahe vterlich. In diesem Moment zweifelte Georg nicht mehr,
da Leo alles wute, war ein paar Sekunden so verlegen, als wenn er sich vor ihm
zu verantworten htte, rgerte sich ber seine Verlegenheit und war Leo dankbar,
da er sie nicht zu bemerken schien. Sie sprachen beinahe nur ber Musik an
diesem Abend. Leo erkundigte sich nach dem Fortgang von Georgs Arbeiten, und im
Verlaufe der Unterhaltung ergab es sich, da Georg sich bereit erklrte, Leo am
morgigen Sonntag Nachmittag einiges aus seinen neuesten Kompositionen
vorzuspielen. Aber als sie sich voneinander verabschiedeten, hatte Georg
pltzlich das unangenehme Gefhl, als wenn er eben eine theoretische Prfung mit
migem Erfolg bestanden htte und ihm fr morgen das praktische Examen
bevorstnde. Was wollte dieser junge, weit ber sein Alter sich reif gebrdende
Mensch eigentlich von ihm? Sollte Georg ihm gegenber erweisen, da sein Talent
ihn berechtigte, Annas Geliebter zu sein, oder der Vater ihres Kindes zu werden?
Er erwartete Leos Besuch mit innerm Widerstand. Einen Moment dachte er sogar
daran, sich verleugnen zu lassen. Aber als Leo erschienen war, so harmlos und
herzlich, wie er sich manchmal zu geben liebte, wurde Georg bald milder
gestimmt. Sie tranken Tee, rauchten Zigaretten, Georg zeigte seine Bibliothek,
die Bilder, die in der Wohnung hingen, Antiquitten und Waffen, und die
Prfungsstimmung verschwand. Georg setzte sich ans Klavier, spielte ein paar
seiner Stcke aus frherer Zeit und die letzten, auch die Ballade, viel besser
als gestern bei Ehrenbergs, dann einige Lieder, zu denen Leo ohne Stimme, aber
mit sicherem, musikalischen Gefhl die Melodie markierte. Endlich begann er das
Quintett aus der Partitur vorzutragen, es gelang ihm nicht recht, und Leo
stellte sich mit den Noten zum Fenster hin und las sie aufmerksam. Eigentlich
wei man noch gar nichts, sagte er. Manches ist wie von einem Dilettanten mit
sehr viel Geschmack und anderes wie von einem Knstler ohne rechte Zucht. In den
Liedern sprt man noch am ehesten ... aber was ... Talent? ... ich wei nicht
... da Sie eine vornehme Natur sind, sprt man jedenfalls, eine musikalisch
vornehme Natur.
    Na, das wre nicht viel.
    Es ist sogar ziemlich wenig. Aber da Sie noch so wenig gearbeitet haben,
beweist das auch nichts gegen Sie. Wenig gearbeitet und wenig durchfhlt.
    Sie glauben ... Georg zwang sich zu einem spttischen Lcheln.
    O, erlebt wahrscheinlich sehr viel, aber gefhlt ... wissen Sie, was ich
meine, Georg?
    Ja, ich kann mirs schon denken. Aber Sie irren sich entschieden. Ich finde
sogar eher, da ich eine gewisse Neigung zur Sentimentalitt habe, die ich
bekmpfen mu.
    Ja, das ist es eben. Sentimentalitt ist nmlich etwas, was in einem
direkten Gegensatz zum Gefhl steht, etwas, womit man sich ber seine
Gefhlslosigkeit, seine innere Klte beruhigt. Sentimentalitt ist Gefhl, das
man sozusagen unter dem Einkaufspreis erstanden hat. Ich hasse Sentimentalitt.
    Hm, und doch glaube ich, da Sie selbst nicht ganz frei davon sind.
    Ich bin Jude, bei uns ist es eine Nationalkrankheit. Die Anstndigen
arbeiten dran, da Grimm oder Zorn daraus werde. Bei den Deutschen ist es
schlechte Gewohnheit, innere Nachlssigkeit sozusagen.
    Also bei Ihnen zu entschuldigen, bei uns nicht?
    Auch Krankheiten sind nicht zu entschuldigen, wenn man im vollen Bewutsein
seiner Anlage versumt hat, sich dagegen zu wehren. Aber wir fangen an,
aphoristisch zu werden, befinden uns also auf dem Wege zu Halb- oder
Viertelswahrheiten. Kehren wir zu Ihrem Quintett zurck. Das Thema des Adagio
ist mir das liebste daran.
    Georg nickte. Das hab ich einmal in Palermo gehrt.
    Wie, fragte Leo, sollte es eine sizilianische Melodie sein?
    Nein, aus den Wellen des Meeres ist es mir entgegengerauscht, wie ich eines
Morgens allein am Strand spazieren gegangen bin. Das Alleinsein tut meiner
Produktion berhaupt gut. Auch fremde Gegenden. Ich verspreche mir darum von
meiner Reise allerlei. Er erzhlte ihm von Heinrich Bermanns Opernstoff, der
fr ihn von Anregungen erfllt sei. Wenn Heinrich wieder zurckkme, sollte Leo
ihn doch veranlassen, den Text ernstlich in Angriff zu nehmen.
    Wissen Sie noch nicht, sagte Leo, sein Vater ist gestorben.
    Wirklich? Wann denn? Woher wissen Sies?
    Heute frh ist es in der Zeitung gestanden.
    Sie redeten ber Heinrichs Verhltnis zu dem Hingeschiedenen, und Leo sprach
aus, da es um die Welt vielleicht besser stnde, wenn die Eltern fter von den
Erfahrungen ihrer Kinder lernten, statt zu verlangen, da diese sich ihrer
Altersweisheit anbequemten. Sie kamen in ein Gesprch ber die Beziehungen
zwischen Vtern und Shnen, ber echte und falsche Arten von Dankbarkeit, ber
das Sterben von geliebten Menschen, ber die Verschiedenheit von Trauer und
Schmerz, ber die Gefahren des Erinnerns und die Pflichten des Vergessens. Georg
fhlte, da Leo den ernstesten Dingen nachsann, sehr allein war, und es
verstand, allein zu sein. Er liebte ihn beinahe, als die Tr in spter
Abendstunde sich hinter ihm geschlossen hatte, und der Gedanke, da Annas erste
Schwrmerei ihm gegolten, tat ihm wohl.
    Noch ein paar Tage vergingen rascher als man gedacht, mit Einkufen,
Besorgungen, Vorbereitungen aller Art. Und eines Abends fuhren Georg und Anna
nacheinander, in zwei Wagen, am Bahnhof vor und begrten sich gegenseitig in
der Vorhalle zum Spa mit groer Hflichkeit, wie entfernte Bekannte, die sich
zufllig begegneten. O mein Frulein, was fr ein glcklicher Zufall, reisen
Sie vielleicht auch nach Mnchen? Jawohl, Herr Baron. Ei, wie trifft sich
das gut. Und haben Sie etwa Schlafwagen, mein Frulein? Jawohl, Herr Baron,
Bett Nummer fnf. Nein, wie sonderbar, ich habe Nummer sechs. Dann gingen sie
auf dem Perron hin und her. Georg war sehr gut aufgelegt, und es freute ihn, da
Anna in ihrem englischen Kleid mit dem schmalkrempigen Reisehut und dem blauen
Schleier aussah wie eine interessante Fremde. Sie schritten den ganzen Zug ab,
bis zur Lokomotive, die auerhalb der Halle stand und in aufgeregten Sten
hellgrauen Dampf zum dunkeln Himmel sandte. Drauen auf der Strecke, im matten
Schein, erglhten grne und rote Laternen. Angstvolle Pfiffe kamen von
irgendwoher aus der Weite, und langsam aus dem Dunkel hervor ringelte ein Zug
sich in den Bahnhof. Ein rotes Licht schwankte zauberhaft auf der Erde hin und
her, schien meilenweit zu sein, und wie es stille hielt, war es mit einem Mal
ganz nah. Und drauen, schimmernd und im Unsichtbaren sich verlierend, zogen die
Gleise ihren Weg, nach Nhen und Fernen, in die Nacht, in den Morgen, in den
nchsten Tag, ins Unerforschliche.
    Anna stieg ins Kupee. Georg blieb noch eine Weile drauen stehen und
amsierte sich ber die Reisenden, die eilig Aufgeregten, die vornehm Ruhigen
und die, die die Ruhigen spielten, und ber die verschiedenen Abarten der
Begleiter: die Wehmtigen, die Heitern, die Gleichgltigen.
    Anna beugte sich aus dem Fenster. Georg plauderte mit ihr, tat so, als
dchte er gar nicht daran abzureisen, stieg im letzten Moment ein. Der Zug fuhr
ab. Auf dem Bahnsteig standen Leute unbegreifliche Leute, die in Wien
zurckblieben, und denen wieder all die andern unbegreiflich schienen, die nun
ernstlich davonfuhren. Ein paar Taschentcher wehten, der Stationschef stand
wichtig da und sandte dem Zug einen strengen Blick nach, ein Trger, in blau
wei gestreifter Leinenbluse hielt eine gelbe Tasche hoch und blickte gierig in
jedes Fenster. Merkwrdig, dachte Georg beilufig, es gibt Leute, die
davonfahren und ihre gelben Taschen in Wien zurcklassen. Alles verschwand,
Tcher, Tasche, Stationschef, Bahnhofsgebude, das hell erleuchtete Signalhaus,
die Gloriette, die flimmernden Lichter der Stadt, die kleinen, kahlen Grten am
Damm; und der Zug sauste weiter durch die Nacht. Georg wandte sich vom Fenster
ab. Anna sa in der Ecke, hatte Hut und Schleier neben sich liegen; kleine,
sanfte Trnen rannen ihr ber die Wangen. Aber, sagte Georg, umschlang sie,
kte sie auf die Augen, auf den Mund. Aber Anna, wiederholte er noch
zrtlicher und kte sie wieder. Was weinst du denn? Es wird ja so schn sein.
    Du hasts leicht, sagte sie, und ber ihr lchelndes Antlitz flossen die
Trnen weiter.
    Es wurde schn. Zuerst hielten sie sich in Mnchen auf. In den hohen Slen
der Pinakothek spazierten sie umher, standen entzckt vor alten dunkelnden
Bildern, wanderten in der Glyptothek zwischen marmornen Gttern, Knigen und
Helden; und wenn Anna pltzlich ermdet auf einem Diwan sich niederlie, fhlte
sie Georgs zrtlichen Blick ber ihrem Scheitel. Sie fuhren durch den englischen
Garten, in breiten Alleen, unter noch entlaubten Bumen, eng aneinander
geschmiegt, jung und glcklich, und glaubten gern, da die Menschen sie fr
Hochzeitsreisende hielten. Und sie hatten ihre Pltze nebeneinander in der Oper,
bei Figaro, bei den Meistersingern, bei Tristan; und es war ihnen, als webte
sich aus den geliebten Klngen ein tnend durchsichtiger Schleier um sie allein,
der sie von allen andern Zuhrern abschied. Und sie saen, von niemandem
gekannt, an hbsch gedeckten Gasthaustischen, aen, tranken und plauderten
wohlgelaunt. Und durch Gassen, die den wunderbaren Hauch der Fremde hatten,
wandelten sie heim, wo im gemeinsamen Zimmer die milde Nacht ihrer wartete,
schlummerten beruhigt Wange an Wange ein, und wenn sie erwachten, lchelte vor
dem Fenster ein freundlicher Tag, mit dem sie schalten durften wie es ihnen
beliebte. Sie waren ineinander beruhigt, wie sies nie gewesen und gehrten
einander endlich ganz. Dann reisten sie weiter, dem rufenden Frhling entgegen;
durch gedehnte Tler, auf denen der Schnee glnzte und zerrann, dann, wie durch
einen letzten, weien Wintertraum, ber den Brenner nach Bozen, wo sie mittags
auf dem grellen Marktplatz in Sonnenstrahlen badeten. Auf den verwitterten
Stufen des weiten Amphitheaters von Verona, unter einem khlen Osterabendhimmel,
fand sich Georg endlich der ersehnten Welt gegenber, in die eine wahrhaft
Geliebte zu geleiten ihm diesmal gegnnt war. Aus rtlich blassen Fernen,
zugleich mit all den ewigen Erinnerungen, die auch andern Menschen gehrten,
grte ihn die eigene, entrckte Knabenzeit; ja ein Hauch der verwehten Tage, da
seine Mutter noch gelebt hatte, zitterte hier schon durch die fremdheimatliche
Luft. Venedig empfing ihn gefllig, doch zauberlos, und wohlbekannt, als htte
er es gestern verlassen. Auf dem Markusplatz wurde er von flchtigen Wiener
Bekannten gegrt, und der verschleierten Dame an seiner Seite im weiten Mantel
galt mancher neugierige Blick. Einmal nur, spt abends auf einer Gondelfahrt
durch enge Kanle, erstanden ihm die starrenden Palste, die im Alltagslicht
allmhlich zu Kulissen entwrdigt waren, im schweren Prunk dunkelgoldener
Vergangenheiten.
    Dann kamen ein paar Tage in Stdten, die er kaum oder gar nicht kannte, wo
er als Knabe nur kurze Stunden, oder noch niemals geweilt hatte. Aus einem
schwlen Paduaner Mittag traten sie in eine dmmrige Kirche und betrachteten
langsam von Altar zu Altar wandelnd, die einfltig herrlichen Bilder, auf denen
Heilige ihre Wunder vollbrachten und ihre Martyrien vollendeten. An einem
trben, regenschweren Tag fuhr sie ein rumpelnder, trauriger Wagen an einem
ziegelroten Kastell vorbei, um das in einem breiten Graben graugrnliches Wasser
stand, ber einen Marktplatz, wo vor dem Kaffeehaus nachlssig gekleidete Brger
saen; in stillere und traurige Gassen, wo zwischen den buckligen Steinen Gras
wuchs; und sie muten glauben, da diese klglich dahinsterbende Kleinstadt den
schmetternden Namen Ferrara trug. In Bologna schon, wo die lebhaft aufblhende
Stadt sich nicht am Stolz vergangener Herrlichkeiten gengen lie, atmeten sie
auf. Aber erst als Georg die Hgel von Fiesole erblickte, fhlte er sich wie von
einer andern Heimat begrt. Dies war die Stadt, in der er aufgehrt hatte Knabe
zu sein, in der der Strom des Lebens durch seine Adern zu kreisen begonnen
hatte. An manchen Pltzen tauchten Erinnerungen in ihm auf, die er fr sich
behielt; und in dem Dom, wo jenes Florentiner Mdchen unter dem Brautschleier
den letzten Blick zu ihm gesandt, sprach er zu Anna nur von der
Herbstabendstunde in der Altlerchenfelder Kirche, wo sie beide ahnungsvoll von
dieser Reise zu reden begonnen hatten, die nun so unbegreiflich rasch
Wirklichkeit geworden war. Er zeigte Anna das Haus, in dem er vor neun Jahren
gewohnt hatte. Noch befanden sich unten die gleichen Kauflden, in denen
Korallenhndler, Uhrmacher, Spitzenhndler ihre Waren feilhielten. Da der zweite
Stock zu vermieten war, htte Georg ohne weiteres das Zimmer wiedersehen knnen,
in dem seine Mutter gestorben war. Aber er zgerte lange, die Wohnung wieder zu
betreten. Erst am Tage vor der Abreise, als drfte er es doch nicht versumen,
und allein, ja ohne es Anna vorher zu sagen, betrat er das Haus, die Stiege, das
Gemach. Der alt gewordene Portier fhrte ihn herum und erkannte ihn nicht. Es
waren noch dieselben Mbel berall; das Schlafzimmer der Mutter sah noch genau
so aus wie vor zehn Jahren, und in der gleichen Ecke, aus braunem Holz, mit der
dunkelgrnen, silbergestickten Samtdecke, stand das gleiche Bett. Aber nichts
von allem, was Georg erwartet hatte, regte sich in ihm. Ein mdes Erinnern,
seichter und glanzloser als jemals sonst, rann ihm durch die Seele. Er verweilte
lange vor dem Bett mit dem klar bewuten Willen, die Empfindungen, zu denen er
sich verpflichtet fhlte, heraufzubeschwren. Er murmelte das Wort Mutter, er
versuchte sichs vorzustellen wie sie hier gelegen war, in diesem Bett, viele
Tage und Nchte lang. Er erinnerte sich der Stunden, in denen es ihr wohler
gegangen war und er ihr hatte vorlesen oder im Nebenzimmer auf dem Klavier
vorspielen drfen, sah den kleinen runden Tisch in der Ecke stehen, an dem der
Vater und Felician ganz leise gesprochen hatten, weil die Mutter eben
eingeschlummert war; und endlich, wie eine Szene auf dem Theater, so nah und
scharf, stieg jenes furchtbaren Abends Bild in ihm auf, an dem Vater und Bruder
fortgegangen waren, er selbst ganz allein an der Mutter Lager sa, ihre Hand in
der seinen ... alles sah und hrte er wieder: wie sie mit einem Mal nach dem
ruhigsten Tag sich bel befunden, wie er die Fensterflgel aufgerissen hatte und
mit der lauen Mrzluft das Lachen und Reden fremder Menschen ins Zimmer
hereingedrungen war, wie sie endlich dalag, mit offenen und schon erloschenen
Augen, das Haar, das noch vor wenigen Sekunden um Stirn und Schlfen wellig
geflossen war wirr und trocken auf dem Polster starrte, und der linke Arm nackt
ber den Bettrand herunterhing mit weit auseinander gekrampften Fingern. Mit so
ungeheuerer Lebendigkeit war dies Bild ihm aufgestiegen, da er sein eigenes
Knabenantlitz im Geiste wiedersah und sein eigenes lngst verhalltes Weinen
wieder hrte ... aber er fhlte keinen Schmerz. Es war doch zu lang vorbei. Zehn
Jahr beinah.
    E bellissima la vista di questa finestra, sagte pltzlich der Portier
hinter ihm, ffnete das Fenster; und mit einem Mal, wie an jenem lngst
entschwundenen Abend, tnten Menschenstimmen von unten herauf. Und im gleichen
Augenblick hatte er die Stimme der Mutter im Ohr, so wie er sie damals
vernommen, flehend, verengend ... Georg ... Georg ... und aus der dunkeln
Ecke, an der Stelle, wo damals die Kissen gelegen waren, sah er etwas Bleiches
sich entgegenschimmern. Er trat zum Fenster und besttigte: Bellissima vista.
Aber vor der schnen Aussicht lag es wie dunkle Schleier. Mutter, murmelte er,
und noch einmal: Mutter ... meinte aber zu seiner eigenen Verwunderung nicht
mehr die lngst Begrabene, die ihn geboren; jener andern galt das Wort, die noch
nicht Mutter war und die es in wenigen Monaten werden sollte ... eines Kindes
Mutter, von dem er der Vater war. Und nun klang das Wort pltzlich, als tnte
etwas nie Gehrtes, nie Verstandenes, als schwngen geheimnisvoll singende
Glocken in Zukunftsferne mit. Und Georg schmte sich, da er allein hier herauf
gekommen war, sich gleichsam hergestohlen hatte. Nun durfte er Anna nicht einmal
erzhlen, da er hier gewesen.
    Am nchsten Morgen fuhren sie nach Rom. Und whrend Georg von Tag zu Tag
sich heimischer, genufhiger, frischer fhlte, begann Anna immer hufiger an
schwerer Mdigkeit zu leiden. Oft blieb sie allein im Hotel zurck, whrend er
in den Straen herumschweifte, den Vatikan durchwanderte, auf Forum und Palatin
sich erging. Sie hielt ihn nie zurck, aber doch fhlte er sich bemigt, sie zu
trsten, ehe er fort ging, und pflegte zu sagen: Nun, das sparst du dir fr ein
anderes Mal auf, hoffentlich kommen wir bald wieder her. Da lchelte sie in
ihrer verschmitzten Art, als zweifelte sie gar nicht mehr daran, da sie einmal
seine Frau sein wrde; und er selbst mute sich gestehen, da er diesen Ausgang
nicht mehr fr unmglich hielt. Denn da sie in diesem Herbst auseinandergehen
sollten, mit einem Abschied fr immer, das war ihm allmhlich fast unfabar
geworden. Doch sprachen sie in dieser Zeit nie mit klaren Worten von einer
ferneren Zukunft. Er hatte Scheu davor und sie fhlte, da sie gut daran tte,
diese Scheu nicht aufzustren. Und gerade whrend dieser rmischen Tage, in
denen er oft stundenlang allein in der fremden Stadt umherspazierte, fhlte er,
wie er Anna zuweilen in einer ihm nicht unangenehmen Weise entglitt. Eines
Abends war er bis zur anbrechenden Dunkelheit zwischen den Trmmern der
Kaiserpalste umhergewandert, und von der Hhe des palatinischen Hgels, mit dem
stolzen Entzcken des Einsamen, hatte er die Sonne in der Campagna versinken
sehen. Dann hatte er sich eine Weile spazieren fahren lassen, lngs der antiken
Stadtmauer auf den Monte Pincio, und als er in seiner Wagenecke lehnend, ber
die Dcher hinweg den Blick zur Peterskuppel schweifen lie, glaubte er, tief
ergriffen, nun die erhabenste Stunde dieser ganzen Reise zu erleben. Erst spt
kam er ins Hotel zurck, fand Anna am Fenster stehen, verweint, bla, mit roten
Flecken auf den gedunsenen Wangen. Seit zwei Stunden verging sie vor Angst,
hatte sich eingebildet, da er verunglckt, berfallen, umgebracht worden sei.
Er beruhigte sie, fand aber nicht die herzlichen Worte, nach denen sie
verlangte, da er sich in unwrdiger Weise gebunden und unfrei vorkam. Sie fhlte
seine Klte, gab ihm zu verstehen, da er sie nicht genug liebte; er antwortete
gereizt, beinahe verzweifelt; sie nannte ihn gefhllos und egoistisch. Er bi
die Lippen zusammen, erwiderte nichts mehr und ging im Zimmer hin und her.
Unvershnt begaben sie sich in den Speisesaal, wo sie schweigend ihr Mahl
einnahmen, und gingen zu Bette, ohne einander Gute Nacht zu sagen. Die
nchsten Tage standen unter dem Schatten dieses Auftritts. Erst auf der Reise
nach Neapel, allein im Kupee, in der Freude an der neuen Landschaft, durch die
sie flogen, fanden sie einander wieder. Von nun an verlie er sie beinahe keinen
Augenblick mehr, sie schien ihm hilflos und ein wenig rhrend. Auf den Besuch
der Museen verzichtete er, da sie ihn nicht begleiten konnte. Sie fuhren
zusammen auf dem Posilipp und in der Villa Nationale spazieren. Auf der
Wanderung durch Pompeji ging er, ein zrtlich geduldiger Ehemann, neben ihrem
Tragsessel einher, und whrend der Fhrer in schlechtem Franzsisch seine
Erklrungen vortrug, nahm Georg Annas Hand, kte sie und versuchte mit
begeisterten Worten sie an dem Entzcken teilnehmen zu lassen, das er selbst
auch diesmal in der geheimnisvollen, dcherlosen Stadt empfand, die nach
zweitausendjhriger Versunkenheit allmhlich Strae fr Strae, Haus fr Haus
dem unvernderlichen Lichte dieses blauen Himmels entgegenrckte. Und als sie an
einer Stelle Halt machten, wo eben einige Arbeiter beschftigt waren, mit
vorsichtigen Schaufelschlgen eine gebrochene Sule aus der Asche
hervorzutreiben, wies er Anna mit so leuchtenden Augen darauf hin, als wre
dieser Anblick ein Geschenk, das er ihr seit langem zugedacht, und als htte er
mit allem, was bisher geschehen, nur den Zweck verfolgt, sie in dieser Minute an
diese Stelle hinzufhren und dieses Wunder schauen zu lassen.
    In einer dunkelblauen Maiennacht lagen sie in zwei Segeltuchsthlen auf dem
Verdeck des Schiffes, das sie nach Genua fhrte. Ein alter Franzose mit hellen
Augen, der bei der Abendmahlzeit ihr Gegenber gewesen war, blieb eine Weile
neben ihnen stehen und machte sie auf die Sterne aufmerksam, die wie schwere
silberne Tropfen im Unendlichen hingen. Einzelne nannte er mit Namen, hflich
und verbindlich, als fhle er sich gedrungen, die funkelnden Himmelswanderer und
das junge Ehepaar miteinander bekannt zu machen. Dann empfahl er sich und stieg
in seine Kajte hinunter. Georg aber dachte an seine einsame Fahrt auf gleichem
Wege unter gleichem Himmel im vorigen Frhjahr, nach seinem Abschied von Grace.
Von ihr hatte er Anna erzhlt, nicht so sehr aus einem innern Bedrfnis, als um
durch das Lebendigmachen einer bestimmten Gestalt und Nennung eines bestimmten
Namens seine Vergangenheit von dem rtselhaft Unheimlichen zu befreien, in dem
sie sich fr Anna manchmal zu verlieren schien. Anna wute von Labinskis Tod,
von Georgs Gesprch mit Grace an Labinskis Grab, von Georgs Aufenthalt mit ihr
in Sizilien, sogar ein Bild von Grace hatte er ihr gezeigt. Und doch, mit
leichtem Schauer gestand er sich ein, wie wenig Anna selbst von dieser Epoche
seines Daseins wute, ber die er sich beinahe rckhaltslos mit ihr
ausgesprochen hatte; und er empfand, wie unmglich es war, einem andern Wesen
von einer Zeit, die es nicht miterlebt hatte, von dem Inhalt so vieler Tage und
Nchte einen Begriff zu geben, deren jede Minute von Gegenwart erfllt gewesen
war. Er erkannte, wie wenig die kleinen Unaufrichtigkeiten, die er sich in
seinen Erzhlungen manchmal zuschulden kommen lie, bedeuten mochten gegenber
dem unvertilgbaren Hauch der Lge, den jede Erinnerung aus sich selbst gebiert,
auf dem kurzen Weg von den Lippen des einen zu dem Ohr des andern. Und wenn Anna
spter einmal einem Freund, einem neuen Geliebten, so ehrlich, als sie nur
vermochte, von der Zeit berichten wollte, die sie mit Georg verbracht, was
konnte der am Ende erfahren? Nicht viel mehr als eine Geschichte, wie er sie
hundertmal in Bchern gelesen: von einem jungen Geschpf, das einen jungen Mann
geliebt hatte, mit ihm herumgereist war, Wonnen empfunden und zuweilen
Langeweile, sich mit ihm vereint gefhlt hatte und manchmal doch einsam; und
selbst wenn sie versucht htte, von jeder Minute Rechenschaft abzulegen ... es
blieb doch ein unwiderbringlich Vergangenes, und fr den, der es nicht selbst
erlebt hatte, konnte Vergangenes nie Wahrheit werden.
    Die Sterne glitzerten ber ihnen. Annas Kopf war langsam an seine Brust
gesunken, und er sttzte ihn sanft mit den Hnden. Nur das leise Rauschen in der
Tiefe verriet, da das Schiff sich weiterbewegte. Nun ging es immer dem Morgen
entgegen, der Heimat, der Zukunft. Zu klingen und zu kreisen begann die Zeit,
die so lang stumm ber ihnen geruht. Georg fhlte pltzlich, da er sein
Schicksal nicht mehr in der Hand hatte. Alles ging seinen Lauf. Und nun sprte
ers durch den ganzen Krper gleichsam bis in die Haare, da das Schiff unter
seinen Fen unaufhaltsam vorwrts eilte.
    In Genua blieben sie nur einen Tag. Beide sehnten sich nach Ruhe, Georg
berdies auch nach seiner Arbeit. Nur noch ein paar Wochen wollten sie an einem
italienischen See verweilen, und Mitte Juni nach Hause fahren. Bis dahin war
wohl auch das Haus bereit, in dem Anna wohnen sollte. Frau Golowski hatte ein
halbes Dutzend passende entdeckt, genaue Berichte an Anna gesandt, wartete auf
die Entscheidung, suchte aber fr alle Flle noch weiter. Von Genua reisten sie
nach Mailand, doch ertrugen sie das laute Leben der Stadt nicht mehr, und schon
am nchsten Tag fuhren sie nach Lugano.
    Hier waren sie nun vier Wochen lang. Und Morgen fr Morgen ging Georg den
Weg, der ihn auch heute das heitere Ufer entlang, ber Paradiso hinaus, an die
Straenbiegung zu einer immer neu ersehnten Aussicht fhrte. Nur noch wenige
Tage des Aufenthalts standen bevor. So vortrefflich sich das Befinden Annas von
Anfang an verhalten hatte, es war an der Zeit, die Nhe Wiens aufzusuchen, um
allen Zufllen ruhig entgegensehen zu knnen. Die Tage in Lugano erschienen
Georg als die besten, die er seit seiner Abfahrt aus Wien erlebt hatte. Und er
fragte sich in manchem schnen Augenblick, ob es nicht vielleicht die beste Zeit
seines ganzen Lebens wre, die er hier verbrachte. Nie hatte er sich so
wunschlos, in Voraussicht und Erinnerung so beruhigt gefhlt als hier, und mit
Freude sah er, da auch Anna vollkommen glcklich war. Erwartungsvolle Milde
glnzte auf ihrer Stirn, ihre Augen blickten heiter und klug, wie in der Zeit,
da Georg um ihren Besitz geworben. Ohne Unruhe, ohne Ungeduld, und, im Gefhl
ihrer aufblhenden Mtterlichkeit weit hinausgetragen ber die Erinnerung an
heimatliche Vorurteile und ber die Besorgnis vor knftigen Wirrnissen, sah sie
der hohen Stunde beglckt entgegen, da sie dem wartenden Dasein als ein
beseeltes Wesen wiedergeben sollte, was ihr Leib in einem halb unbewuten
Augenblick der Wonne eingetrunken hatte. Freudig sah Georg in ihr die Gefhrtin
heranreifen, die er von Beginn an in ihr zu finden gehofft hatte, die ihm aber
im Laufe der Tage manchmal entschwunden war. In Gesprchen ber seine Arbeiten,
die sie alle sorgfltig durchgesehen, ber das Wesen des Gesangs, ber
allgemeinere musikalische Fragen, erschlo sie ihm mehr Wissen und Gefhl, als
er je in ihr geahnt hatte. Ihm selbst, ohne da er vieles niederschrieb, war
zumute, als schritte er innerlich vorwrts. Melodien klangen in ihm, Harmonien
kndigten sich an, und mit tiefem Verstehen erinnerte er sich einer Bemerkung
Felicians, der einmal, nachdem er monatelang die Klinge nicht gebt, gesagt
hatte: sein Arm wre whrend dieser Zeit auf gute Gedanken gekommen. So erregte
ihm auch die Zukunft keinerlei Sorgen. Er wute, sobald er nach Wien kam, wrde
die ernste Arbeit beginnen, und dann lag in freier Aussicht sein Weg vor ihm.
    Lngst stand Georg an der Straenbiegung, der seine Schritte zugestrebt
hatten. Eine kurze, breite Landzunge, von niederm Gestruch dicht bewachsen,
streckte sich von hier aus in den See, und leicht sich senkend fhrte ein
schmaler Weg in wenig Schritten zu einer von der Strae aus unsichtbaren
Holzbank, auf der Georg sich immer fr eine kurze Weile niederzulassen pflegte,
eh er ins Hotel zurckkehrte.
    Wie oft noch! dachte er heute unwillkrlich. Fnf oder sechs Male vielleicht
und dann zurck nach Wien. Und er fragte sich, was denn wohl geschhe, wenn sie
nicht zurckkehrten, wenn sie sich irgendwo in Italien, oder in der Schweiz
huslich niederlieen und mit dem Kind, im doppelten Frieden der Natur und der
Ferne sich ein neues Leben aufbauten. Was geschhe? ... Nichts. Kaum da irgend
jemand sich sonderlich wundern wrde. Und vermissen, mit Schmerz vermissen, als
unersetzlich, wrde niemand weder ihn noch sie. In dieser berlegung ward ihm
eher leicht als traurig zumute; nur verdro es ihn, da ihn manchmal doch eine
Art Heimweh, ja sogar von Sehnsucht nach einzelnen Menschen berkam. Und auch
jetzt, whrend er die Seeluft eintrank, sich von einem fremd-vertrauten Himmel
berblauen lie, das Vergngen des Entrckt- und Alleinseins geno, klopfte ihm
das Herz, wenn er an die Wlder und Hgel um Wien, an die Ringstrae, den Klub,
an sein groes Zimmer mit der Aussicht auf den Stadtpark dachte. Und es wre ihm
ein banges Gefhl gewesen, wenn sein Kind nicht in Wien zur Welt htte kommen
sollen. Pltzlich fiel ihm ein, da ja heute wieder eine Nachricht von Frau
Golowski da sein msse, so wie manche andre Nachricht aus Wien, und so beschlo
er noch vor der Rckkehr ins Hotel den Umweg ber die Post zu nehmen. Denn, wie
whrend der ganzen Reise, lie er sich auch hier die Briefe nicht ins Hotel
senden, weil er sich auf diese Weise freier gegenber allen Zuflligkeiten
fhlte, die von auen kommen mochten. Man schrieb ihm nicht eben viel aus Wien.
Am meisten, bei aller Krze, stand noch in den Briefen Heinrichs, was, wie Georg
wohl fhlte, weniger einem besonderen Mitteilungsbedrfnis des Dichters zu
danken war, als dem Umstand, da es zu dessen Beruf gehrte, den Stzen, die er
schrieb, Lebenshauch einzuflen. Die Briefe Felicians waren so khl, als htte
er ganz jenes letzten innigeren Gesprch in Georgs Zimmer und des Bruderkusses
vergessen, mit dem sie geschieden waren ... Er mochte wohl vermuten, dachte
Georg, da seine Briefe auch von Anna gelesen wurden, und sich nicht veranlat
fhlen, diese fremde Dame in seine Privatverhltnisse und Privatgefhle Einblick
nehmen zu lassen. Nrnberger hatte Georgs Kartengre ein paarmal kurz erwidert,
und auf einen Brief aus Rom, in dem Georg herzlich der gemeinsamen Spaziergnge
im Vorfrhling gedacht, hatte Nrnberger mit ironisch entschuldigenden Worten
sein Bedauern ausgesprochen, da er auf jenen Wanderungen Georg so viel von
seinen eigenen Familienverhltnissen erzhlt hatte, die den andern doch absolut
nicht interessieren konnten. Vom alten Eiler war ein Brief nach Neapel gelangt,
der berichtete, da eine Vakanz an der Detmolder Hofbhne im nchsten Jahre wohl
nicht vorauszusehen, da Georg aber durch den Grafen Malnitz eingeladen wre,
als erwnschter Gast den Proben und Vorstellungen anzuwohnen, bei welcher
Gelegenheit sich vielleicht ein nheres Verhltnis fr die Zukunft anbahnen
liee. Georg hatte hflich gedankt, war aber vorlufig wenig geneigt, auf eine
so vage Aussicht hin in der fremden Stadt lngern Aufenthalt zu nehmen, und
entschlossen gleich nach seinem Eintreffen in Wien sich nach einer sichern
Stellung umzusehen.
    Sonst klang persnlich zu ihm aus der Heimat nichts herber. Die ihm
zugedachten Gre, die Frau Rosner sich verpflichtet fhlte, den Briefen an die
Tochter beizufgen, drangen nicht an sein Herz, trotzdem sie in der letzten Zeit
nicht mehr an den Herrn Baron, sondern an Georg gerichtet waren. Er fhlte
ja doch, da die Eltern Annas einfach hinnahmen, was sie nicht ndern konnten,
da sie aber im Innersten gedrckt und ohne die wnschenswerte Einsicht
geblieben waren.
    Wie gewhnlich nahm Georg den Rckweg nicht das Ufer entlang. Durch enge
Gassen, zwischen Gartenmauern, dann unter Bogengngen, endlich ber einen groen
Platz, von wo der Blick auf den See wieder frei war, gelangte er vor das
Postgebude, dessen hellgelber Anstrich die Sonne blendend widerstrahlte. Eine
junge Dame, die Georg schon von weitem auf dem Trottoir auf- und abgehen gesehen
hatte, blieb stehen, als er nher kam. Sie war wei gekleidet und trug einen
weien Sonnenschirm aufgespannt ber einem breiten Strohhut mit rotem Band. Wie
Georg schon ganz nahe war, lchelte sie, und nun sah er mit einem Mal ein
wohlbekanntes Gesicht unter dem weien, getupften Tllschleier. Ist es mglich,
Frulein Therese, rief er aus und nahm die Hand, die sie ihm entgegenstreckte.
    Gr Sie Gott Baron, erwiderte sie harmlos, als wre diese Begegnung das
selbstverstndlichste von der Welt. Wie geht's der Anna?
    Danke, sehr gut. Sie werden sie doch jedenfalls besuchen?
    Wenn's erlaubt ist.
    Jetzt aber sagen Sie mir nur, wie kommen Sie hierher! Sind Sie am Ende ...
und er lie seinen Blick erstaunt ber ihre ganze Erscheinung gleiten, auf
einer Agitationsreise?
    Das kann man eigentlich nicht sagen, erwiderte sie und schob ihr Kinn vor,
ohne da diese Bewegung diesmal, wie sonst, ihr Antlitz verhlicht htte. Es
ist eher ein Ferienausflug. Und ihr Gesicht glnzte vor innerm Lachen, als sie
Georgs Blick auf das Tor gerichtet sah, aus dem eben, in weischwarz gestreiftem
Flanellanzug, Demeter Stanzides hervortrat. Er lftete den weichen, grauen Hut
zum Gru und reichte Georg die Hand. Guten Morgen Baron, es freut mich Sie
wiederzusehen.
    Auch ich freu mich sehr, Herr Stanzides.
    Kein Brief fr mich? wandte sich Therese an Demeter.
    Nein Therese, nur fr mich ein paar Karten, und er steckte sie in die
Tasche.
    Seit wann sind Sie denn hier? fragte Georg und versuchte sich mglichst
wenig berrascht zu zeigen.
    Gestern Abend sind wir angekommen, entgegnete Demeter.
    Direkt aus Wien? fragte Georg.
    Nein, aus Mailand. Wir sind schon acht Tage auf Reisen.
    Zuerst waren wir in Venedig, wie es blich ist, ergnzte Therese, zupfte
lchelnd an ihrem Schleier und hing sich an Demeters Arm.
    Sie sind ja viel lnger fort, sagte Demeter, eine Karte von Ihnen sah ich
vor ein paar Wochen bei Ehrenbergs. Haus der Vettier, Pompeji.
    Ja, ich hab eine wunderbare Reise hinter mir.
    Nun wollen wir uns ein wenig im Ort umsehen, sagte Therese, und im
brigen den Baron nicht weiter aufhalten, der sich jedenfalls Briefe abholen
will.
    O das eilt nicht. Und wir sehen uns doch jedenfalls wieder?
    Wollen Sie uns nicht das Vergngen machen, Baron, sagte Demeter, heute im
Europe, wo wir abgestiegen sind, mit uns zu lunchen?
    Danke sehr, es geht leider nicht. Aber ... aber vielleicht pat es Ihnen
mit ... mit ... uns im Parkhotel zu dinieren, ja? Um halb sieben, wenn's Ihnen
recht ist. Ich lasse im Garten decken unter einem wunderschnen Platanenbaum, wo
wir gewhnlich speisen.
    Ja, sagte Therese, wir nehmen dankend an. Ich komme vielleicht schon eine
Stunde frher, um mit Anna in Ruhe zu plaudern.
    Schn, erwiderte Georg, sie wird sich sehr freuen.
    Also auf Wiedersehen, Baron, sagte Demeter, und indem er seine Hand
herzlich drckte, fgte er hinzu: Bitte meinen Handku zu Hause.
    Therese winkte Georg vergngt mit den Augen zu, dann schlug sie mit Demeter
den Weg zum Ufer ein.
    Georg schaute ihnen nach. Htt ich sie nicht gekannt, dachte er, Demeter
htte sie mir ohne weiteres als seine Gattin, geborene Prinzessin X. vorstellen
knnen. Wie merkwrdig! diese zwei! ... Dann trat er in die Halle, lie sich am
Schalter seine Sendung geben und sah sie flchtig durch. Das erste, was ihm in
die Augen fiel, war eine Karte von Leo Golowski. Es stand nichts drauf als:
Lassen Sie sich's wohl ergehen, lieber Georg. Dann war eine Karte da aus dem
Waldsteingarten im Prater. Haben soeben auf den verehrten Ausreier unsre
Glser geleert. Guido Schnstein, Ralph Skelton, die Rattenmamsell.
    Die Briefe von Felician, Frau Rosner, Heinrich wollte Georg erst zu Hause
mit Anna zusammen in Ruhe lesen. Auch drngte es ihn, die Neuigkeit von der
Ankunft des sonderbaren Paares Anna mitzuteilen. Er war nicht ganz ohne Unruhe.
Denn Annas brgerliche Instinkte wachten zuweilen in ganz unerwarteter Weise
wieder auf. Jedenfalls beschlo Georg, ihr seine Einladung an Demeter und
Therese als etwas vollkommen Selbstverstndliches mitzuteilen und war bereit fr
den Fall, da sie der Sache gekrnkt, gergert oder auch nur unsicher
gegenberstnde, eine solche Auffassung mit Entschiedenheit abzulehnen. Er
selbst freute sich auf den Abend, der ihm bevorstand, nach den vielen Wochen,
die er ausschlielich in Annas Gesellschaft verbracht hatte. Beinahe sprte er
ein wenig Neid auf Demeter, der sich nun auf einer so sorgenlosen
Vergngungsreise befand, in der Art wie er selbst sie im vorigen Jahr mit Grace
gemacht hatte. Dazu kam, da ihm Therese besser gefallen hatte als je. So vielen
schnen Frauen er im Laufe der letzten Monate begegnet war, noch niemals,
trotzdem Anna an weiblicher Anmut immer mehr verlor, war er in ernste Versuchung
geraten. Heute zum erstenmal wieder fhlte er Sehnsucht nach neuen Umarmungen.
    Bald sah er durch die Gitterstbe des Balkons das hellblaue Morgenkleid
Annas schimmern. Georg pfiff, nach gewohnter Art sich anzukndigen, die ersten
Takte der Beethovenschen fnften Symphonie, und gleich erschien ber dem
Gelnder das blasse, sanfte Gesicht der Geliebten, und ihre groen Augen
begrten ihn lchelnd. Er hielt das Pckchen Briefe in die Hhe, sie nickte
befriedigt, dann eilte er rasch hinauf in ihr Zimmer auf den Balkon. Sie lehnte
in einem Strohsessel vor dem Tischchen mit der grnlichen Schutzdecke, auf dem
sie eine Handarbeit liegen hatte, so wie es beinahe immer der Fall war, wenn
Georg von seinem Morgenspaziergang nach Hause kam. Er kte sie auf die Stirn
und auf den Mund. Also was glaubst du, wem ich begegnet bin? fragte er hastig.
    Else Ehrenberg, antwortete Anna, ohne Besinnen.
    Wie kommst du drauf? Wie sollte die hierher geraten?
    Nun, sagte Anna pfiffig, man knnte dir ja nachgereist sein.
    Man knnte, aber man ist es nicht. Also rat weiter. Dreimal darfst du.
    Heinrich Bermann.
    Aber keine Idee. Von dem ist brigens ein Brief da. Also weiter.
    Sie dachte nach. Demeter Stanzides, sagte sie dann.
    Wie, weit du am Ende etwas?
    Was soll ich denn wissen? Ist er wirklich da?
    Donnerwetter du wirst ja ganz rot, o! Er kannte ihre Schwrmerei fr
Demeters melancholische Kavaliersschnheit, fhlte aber keine Spur von
Eifersucht.
    Also ist es Stanzides? fragte sie.
    Ja, allerdings ist es Stanzides.
    Daran kann ich aber mit dem besten Willen nichts Merkwrdiges finden.
    Das ist auch nicht merkwrdig. Aber wenn du draufkommst, mit wem er da ist
...
    Mit Sissy Wyner.
    Aber ...
    Nun, ich dachte verheiratet ... das kommt ja auch vor.
    Nein, nicht mit Sissy und nicht verheiratet, sondern mit deiner Freundin
Therese und so unvermhlt als mglich.
    Na geh ...
    Wie ich dir sage, mit Therese. Seit acht Tagen sind sie auf Reisen. Was
sagst du dazu? In Venedig und Mailand waren sie. Hattest du eine Ahnung davon?
    Nein.
    Wirklich nicht?
    Wirklich nicht. Du weit doch, da mir Therese nur einmal flchtig
geschrieben hat, und du hast ja mit bekanntem Interesse ihren Brief gelesen.
    Du bist mir nicht genug erstaunt.
    Gott ich hab immer gewut, da sie einen guten Geschmack hat.
    Demeter auch, rief Georg mit berzeugung aus.
    Wahlverwandtschaften, bemerkte Anna mit hochgezogenen Brauen und hkelte
weiter.
    Und das ist nun die Mutter meines Kindes, sagte Georg mit heiterm
Kopfschtteln.
    Sie sah ihn lchelnd an. Wann kommt sie denn zu mir?
    Nachmittag so gegen sechs, denk ich. Und ... und Stanzides kommt auch ...
etwas spter. Sie werden mit uns speisen. Du hast doch nichts dagegen?
    Dagegen? Ich freu mich sehr, erwiderte Anna einfach. Georg war angenehm
berhrt. Wenn Anna in ihrem Zustand Stanzides in Wien begegnet wre! ... dachte
er. Wie doch das Entrcktsein aus der gewohnten Umgebung befreit und reinigt!
    Was haben sie denn Neues erzhlt? fragte Anna.
    Wir sind kaum drei Minuten zusammen gestanden, bei der Post. Er lt dir
brigens die Hand kssen.
    Anna antwortete nichts, und Georg schien es, als wandelten ihre Gedanken
wieder auf sehr brgerlichen Wegen.
    Bist du schon lang aufgestanden? fragte er rasch.
    Ja, ich sitze schon eine ganze Weile da auf dem Balkon. Ich hab sogar ein
bissel geschlummert, die Luft hat so was Ermattendes heute, und getrumt hab ich
auch.
    Wovon hast du denn getrumt?
    Vom Kind, sagte sie.
    Wieder?
    Sie nickte. Ganz dasselbe wie neulich. Hier auf dem Balkon bin ich
gesessen, auch im Traum, und hab's in meinem Arm gehabt, an der Brust ...
    Was war's denn? Ein Bub oder ein Mdel?
    Ich wei nicht. Ein Kind halt. So klein und so s. Und eine Wonne war das
... Nein, ich geb's nicht her, sagte sie dann leise mit geschlossenen Augen.
    Er stand ans Gelnder gelehnt und fhlte den leichten Mittagswind in seinen
Haaren streichen. Wenn du's nicht fortgeben willst, sagte er, so sollst du's
auch nicht tun. Und es fuhr ihm durch den Sinn: wr es nicht sogar das
bequemste, wenn ich sie heiratete? ... Aber irgend etwas hielt ihn zurck, es
auszusprechen. Sie schwiegen beide. Er hatte die Briefe vor sich hin auf den
Tisch gelegt. Nun nahm er sie und ffnete einen. Sehen wir zuerst, was deine
Mutter schreibt, sagte er.
    Der Brief der Frau Rosner enthielt die Mitteilung, da daheim alles wohl
sei, da man sich sehr freue, Anna bald wieder zu sehen, und da Josef in der
Administration des Volksboten mit fnfzig Gulden Monatsgehalt angestellt sei.
Ferner wre eine Anfrage von Frau Bittner eingelangt, wann Anna aus Dresden
zurckkme, und ob es berhaupt sicher wre, da sie im nchsten Herbst wieder
da sei, weil man sich andernfalls doch nach einer neuen Lehrerin umsehen mte
... Anna blieb regungslos und uerte sich nicht.
    Dann las Georg Heinrichs Brief vor. Er lautete: Lieber Georg, ich freue
mich sehr, da Sie so bald zurck sein werden, und schreib Ihnen das lieber
heute, weil ich Ihnen ja doch, wenn Sie einmal da sind, nie sagen werde, wie
sehr ich mich darber freue. Vor ein paar Tagen an der Donau, auf einer
abendlich einsamen Radpartie hab ich eine wahre Sehnsucht nach Ihnen bekommen.
Was brigens diese Ufer fr einen unverwischbaren Duft von Einsamkeit haben! Ich
erinnere mich das schon vor fnf oder sechs Jahren einmal empfunden zu haben, an
einem Sonntag, wie ich in, was man so nennt, lustiger Gesellschaft im
Klosterneuburger Stiftskeller gesessen bin, in dem groen Garten, mit dem Blick
auf die Berge und zu den Auen. Wie aus den Tiefen des Wassers kommt sie
emporgestiegen, die Einsamkeit, die ja offenbar berhaupt etwas ganz anderes
vorstellt, als man gewhnlich meint. Keineswegs einen Gegensatz zur
Geselligkeit. Ja vielleicht hat man nur unter Menschen das Recht, sich einsam zu
fhlen. Nehmen Sie das als aphoristisch, lcherlich-unwahres Extrablttchen,
oder legen Sie es auch als solches beiseite. Um wieder auf meine Donauuferfahrt
zu kommen, gerade in jener etwas schwlen Abendstunde sind mir allerlei gute
Einflle gekommen, und ich hoffe Ihnen bald manches Sonderbare ber gidius
erzhlen zu knnen, wie der mordlustige und traurige Jngling nun endgltig
benannt ist, ber den tiefsinnig-undurchdringlichen Frsten, ber den
lcherlichen Herzog Heliodor, unter welchem Namen ich Ihnen den Brutigam der
Prinzessin vorzustellen die Ehre habe, und ganz besonders ber die Prinzessin
selbst, die ein viel merkwrdigeres Geschpf zu sein scheint, als ich anfangs
vermutet habe.
    Das bezieht sich auf den Operntext? fragte Anna und lie ihre Arbeit
sinken.
    Natrlich, antwortete Georg und las weiter.
    Sie sollen auch gleich erfahren, mein Lieber, da ich in den letzten Wochen
einige vorlufig nicht besonders unsterbliche Verse zum ersten Akt verfertigt
habe, die nun bis auf weiteres, ohne Ihre Musik nmlich, in der Welt
herumhpfen, wie ungeflgelte Engel. Der Stoff reizt mich in seltsamer Weise.
Und ich bin schon selber neugierig, worauf ich eigentlich mit ihm hinaus will.
Auch allerlei anderes hab ich begonnen ... entworfen ... bedacht. Und, kurz und
frech gesagt, es ist mir, als kndigte sich eine neue Epoche in mir an. Doch das
klingt frecher, als es ist. Denn auch Rauchfangkehrer, Salamutschimnner und
Feldwebel haben ihre Epochen. Unsereiner wei es nur immer gleich. Was ich fr
sehr wahrscheinlich halte, ist, da ich aus dem phantastischen Element, in dem
ich mich jetzt behage, sehr bald in ein hchst reales hinab oder hinauf steigen
drfte. Was wrden Sie zum Beispiel dazu sagen, wenn ich mich in eine politische
Komdie einliee? Und schon fhl ich, da das Wort von der Realitt nicht vllig
stimmt. Denn mir scheint, Politik ist das phantastischeste Element, in dem
Menschen sich berhaupt bewegen knnen, nur, da sie es nicht merken ... Hier
wre die Sache vielleicht anzupacken. Dies fiel mir ein, als ich neulich einer
politischen Versammlung anwohnte, (unwahr, diese Gedanken kommen mir soeben),
jawohl einer Versammlung von Arbeitern und Arbeiterinnen in der Brigittenau, in
die ich mich an der Seite von Mademoiselle Therese Golowski verfgt hatte und in
der ich sieben Reden ber das allgemeine Wahlrecht anzuhren bemigt war. Jeder
von den Rednern auch Therese war darunter sprach ungefhr so, als gbe es fr
ihn persnlich nichts Wichtigeres, als die Lsung dieser Frage, und ich glaube,
keiner von ihnen ahnte, da ihm in der Tiefe der Seele die ganze Frage ungeheuer
gleichgltig war. Therese war natrlich sehr emprt, als ich ihr das erffnete,
und erklrte mir, da ich von dem vergiftenden Skeptizismus Nrnbergers
angesteckt sei, mit dem ich berhaupt zu viel verkehre. Sie ist sehr schlecht
auf ihn zu sprechen, seit er sie vor einigen Wochen im Kaffeehaus gefragt hat,
ob sie zu ihrem nchsten Hochverratsproze hohe Frisur oder aufgesteckte Zpfe
tragen werde? brigens stimmt es, da ich mit Nrnberger viel zusammen bin. In
schweren Stunden gibt es wohl keinen, der einem mit mehr Gte entgegenkme. Nur
da es manche Stunden gibt, von deren Schwere er nichts ahnt oder nichts wissen
will. Es gibt allerlei Schmerzen, von denen ich fhle, da er sie unterschtzt
und von denen ihm gegenber zu sprechen ich daher aufgehrt habe.
    Was meint er denn? unterbrach ihn Anna.
    Offenbar die Geschichte mit der Schauspielerin, erwiderte Georg und las
weiter: Dafr ist er wieder geneigt, andere Schmerzen zu berschtzen, aber das
ist wahrscheinlich meine Schuld, nicht seine. Ich mu es gestehen, dem Verlust,
den ich durch den Tod meines Vaters erlitt, hat er eine Teilnahme
entgegengebracht, die mich beschmt hat. Denn so furchtbar es mich getroffen
hat, wir waren einander so fremd geworden, schon lange bevor der Wahnsinn ber
ihn hereinbrach, da sein Tod mir gleichsam nur ein weiteres, grauenhafteres
Entrcken bedeutete, nicht eine neue Erfahrung.
    Nun? fragte Anna, da Georg innehielt.
    Mir fllt eben was ein.
    Was denn?
    Die Schwester von Nrnberger liegt auf dem Friedhof von Cadenabbia
begraben. Ich hab dir ja von ihr erzhlt. Ich will dieser Tage einmal
hinberfahren.
    Anna nickte. Ich fahr vielleicht mit, wenn mir ganz wohl ist. Mir ist
Nrnberger nach allem, was ich von ihm hre, viel sympathischer als dein Freund
Heinrich, dieser schauerliche Egoist.
    Du findest?
    Na hre, wie er ber seinen Vater schreibt, das ist doch beinahe
unertrglich.
    Gott, wenn man einander so fremd geworden ist wie die zwei.
    Trotzdem. Auch meinen Eltern bin ich innerlich nicht gerade sehr nah. Und
doch ... wenn ich ... nein, nein ich will lieber gar nicht an solche Dinge
denken. Willst du nicht weiter lesen?
    Georg las: Es gibt ernstere Dinge als den Tod, traurigere gewi, weil eben
diesen andern Dingen das Endgltige fehlt, das im hhern Sinn das Traurige des
Todes wieder aufhebt. Es gibt zum Beispiel lebendige Gespenster, die auf der
Strae wandeln bei hellichtem Tag, mit lngst gestorbenen und doch sehenden
Augen, Gespenster, die sich zu einem hinsetzen und mit einer Menschenstimme
reden, die viel ferner klingt als aus einem Grab heraus. Und man knnte sagen,
da in Augenblicken, da man dergleichen erlebt, das Wesen des Todes sich viel
unheimlicher erschliet, als in solchen, da man dabeisteht, wie jemand in die
Erde gesenkt wird ... und wr er einem noch so nah gestanden.
    Georg lie den Brief unwillkrlich sinken, und Anna sagte mit Bestimmtheit:
Du kannst ihn dir schon behalten deinen Freund Heinrich.
    Ja, erwiderte Georg langsam, er ist manchmal ein bichen affektiert. Und
doch ... o, das ist ja schon das erste Luten zum Lunch, lesen wir rasch zu
Ende. Aber nun mu ich Ihnen doch erzhlen, was sich gestern hier zugetragen
hat, die peinlichste und lcherlichste Geschichte, die mir seit langem
vorgekommen ist, und leider sind die Beteiligten unsere guten Bekannten
Ehrenberg Vater und Sohn.
    O, rief Anna unwillkrlich.
    Georg hatte die folgenden Zeilen rasch fr sich durchgeflogen und schttelte
den Kopf.
    Was ist denn? fragte Anna.
    Das ist doch ... hre nur, und er las weiter. Wie sehr sich das
Verhltnis zwischen dem Alten und Oskar im Lauf des letzten Jahres zugespitzt
hat, wird Ihnen ja nicht entgangen sein. Sie kennen ja auch die innern Grnde,
so da ich den Vorfall einfach berichten kann, ohne mich ber die Motive des
breitern auszulassen. Denken Sie also. Gestern zur Mittagszeit geht Oskar an der
Michaelerkirche vorber und lftet den Hut. Sie wissen, da es zurzeit kaum eine
Eigenschaft gibt, die fr eleganter gilt als die Frmmigkeit. Und so bedarf es
vielleicht nicht einmal einer weiteren Erklrung wie z.B. die, da eben ein paar
junge Aristokraten aus der Kirche gekommen sein mgen, vor denen sich Oskar
katholisch gebrden wollte. Wei der Himmel wie oft er schon vorher sich dieser
Falschmeldung ungefhrdet schuldig gemacht hat. Das Unglck wollte nun gestern,
da im selben Moment der alte Ehrenberg des Wegs daherkommt. Er sieht wie Oskar
vor dem Kirchentor den Hut abnimmt ... und von einer fassungslosen Wut
ergriffen, holt er aus und haut seinem Sprling eine Ohrfeige herunter. Eine
Ohrfeige! Oskar dem Reserveleutnant! Mittag, im Zentrum der Stadt! Da die
Geschichte noch am selben Abend in der ganzen Stadt bekannt wurde, ist also
weiter nicht merkwrdig. Heute steht sie auch schon in einigen Zeitungen zu
lesen. Die jdischen schweigen sie zwar tot, von ein paar Klatschblttern
abgesehen, die antisemitischen legen sich natrlich mchtig hinein. Das beste
leistet der Christliche Volksbote, der verlangt, da beide Ehrenbergs wegen
Religionsstrung oder gar Gotteslsterung vor die Geschworenen kommen. Oskar
soll vorlufig abgereist sein, unbekannt wohin.
    Nette Familie, sagte Anna mit berzeugung.
    Wider Willen mute Georg lachen. Du an der Geschichte ist Else wirklich
vollkommen unschuldig.
    Die Glocke tnte zum zweitenmal. Sie begaben sich in den Speisesaal und
nahmen an ihrem kleinen Tisch am Fenster Platz, wo immer fr sie allein gedeckt
war. An der langen Tafel, in der Mitte des Saals, saen kaum ein Dutzend Gste,
meist Englnder und Franzosen, auch ein nicht mehr ganz junger Mann, der erst
seit zwei Tagen da war und den Georg fr einen sterreichischen Offizier in
Zivil hielt. Im brigen kmmerte er sich um ihn so wenig als um die andern.
Georg hatte den Brief Heinrichs zu sich gesteckt. Es fiel ihm ein, da er ihn
noch nicht zu Ende gelesen. Beim schwarzen Kaffee nahm er ihn wieder vor und
berflog den Schlu.
    Was schreibt er denn noch? fragte Anna.
    Nichts Besonderes, antwortete Georg. Von Leuten, die dich nicht besonders
interessieren drften. In seine Kaffeehausgesellschaft scheint er wieder hinein
geraten zu sein, mehr als ihm lieb ist, und mehr als er zugesteht, offenbar.
    Er wird schon hineinpassen, sagte Anna beilufig. Georg lchelte
nachsichtig. Es ist immerhin ein komisches Volk.
    Was ist denn mit ihnen? fragte Anna.
    Georg hatte den Brief neben der Tasse liegen, blickte hinein. Der kleine
Winternitz ... weit du ... der im Winter einmal mir und Heinrich seine Gedichte
vorgelesen hat ... geht nach Berlin als Dramaturg eines neu gegrndeten
Theaters. Und Gleiner, der uns einmal im Museum so angeglotzt hat ...
    Ja der ekelhafte Kerl mit dem Monokel ...
    Also der erklrt, da er das Schreiben berhaupt aufgibt, um sich
ausschlielich dem Sport zu widmen ...
    Dem Sport?
    Einem ganz eigenartigen. Er spielt mit Menschenseelen.
    Wie?
    Hr nur. Er las: Jetzt behauptet dieser Hanswurst mit der Lsung
folgender zweier psychologischen Aufgaben zugleich beschftigt zu sein, die sich
in geistreicher Weise ergnzen. Erstens: ein junges, unverdorbenes Geschpf aufs
furchtbarste zu depravieren und zweitens eine Dirne zur Heiligen zu machen, wie
er sich ausdrckt. Er verspricht nicht zu ruhen, ehe die erste in einem
Freudenhaus, die zweite in einem Kloster endet.
    Eine nette Gesellschaft, bemerkte Anna und stand vom Tisch auf.
    Wie klingt das alles hierher! sagte Georg, und folgte ihr in den Park.
ber den Wipfeln der Bume ruhte sonnenschwer ein dunkelblauer Tag. Eine Weile
standen sie an der niederen Balustrade, die den Garten von der Strae schied,
und sahen ber den See zu den Bergen hin, die hinter silbergrauen im Sonnenlicht
bebenden Schleiern dmmerten. Dann spazierten sie tiefer in den Park, wo die
Schatten khler und dunkler waren, und whrend sie Arm in Arm ber den leise
knisternden Kies wandelten, lngs der hohen braunen efeubewachsenen Mauer, ber
die alte Huser mit schmalen Fenstern hereinstarrten, plauderten sie von den
Nachrichten, die heute gekommen waren. Und zum ersten Male stieg eine leichte
Sorge in ihnen auf, bei dem Gedanken, da sie nun aus der freundlichen
Geborgenheit der Fremde so bald wieder nach Hause sollten, wo selbst der Alltag
von geheimen Fhrlichkeiten erfllt schien. Sie setzten sich unter die Platane
an den wei lackierten Tisch. Wie mit Absicht war dieser Platz immer fr sie
freigehalten. Nur gestern Nachmittag war der neu angekommene sterreichische
Herr dagesessen, hatte sich aber, durch einen mibilligenden Blick Annas
fortgewiesen, mit hflichem Gru entfernt.
    Georg eilte aufs Zimmer und holte fr Anna ein paar Bcher, fr sich einen
Band von Goethe-Gedichten und das Manuskript seines Quintetts. Nun saen sie
beide da, lasen, arbeiteten, sahen zuweilen auf, lchelten einander an, sprachen
ein paar Worte, guckten wieder ins Buch, blickten ber die Balustrade ins Freie
und fhlten den Frieden in ihren Seelen und den Sommer in der Luft. Sie hrten,
wie der Springbrunnen hinter dem Busch ganz nahe rauschte und dnne Tropfen auf
den Wasserspiegel fielen. Manchmal knarrten die Rder eines Wagens jenseits der
hohen Mauer, zuweilen tnten vom See her dnne, ferne Pfiffe, seltener noch
klangen Menschenstimmen von der Uferstrae in den Garten herein. Von Sonne
vollgetrunken drckte der Tag auf die Wipfel. Spter, mit dem leisen Wind, der
jeden Nachmittag vom See her wehte, verstrkten und mehrten sich Laute und
Stimmen. Die Wellen schlugen hrbar an den Strand, Rufe der Schiffer tnten
herauf, jenseits der Mauer klang Gesang junger Leute. Vom Springbrunnen sprhten
winzige Trpfchen her. Der Hauch des nahen Abends weckte Menschen, Land und
Wasser wieder auf.
    Schritte tnten auf dem Kies. Therese, schlank und wei, kam rasch die Allee
gegangen. Georg stand auf, ging ihr ein paar Schritte entgegen, reichte ihr die
Hand. Auch Anna wollte sich erheben, Therese lie es nicht zu, umarmte sie, gab
ihr einen Ku auf die Wange und setzte sich zu ihr. Wie schn ist es da! rief
sie aus. Aber bin ich euch nicht zu frh gekommen?
    Was fllt dir ein, ich freu mich ja so, erwiderte Anna.
    Therese betrachtete sie mit prfendem Lcheln und ergriff ihre beiden Hnde.
    Na, dein Aussehen ist beruhigend, sagte sie.
    Es geht mir auch sehr gut, erwiderte Anna. Und dir wie es scheint nicht
minder, setzte sie mit freundlichem Spott hinzu.
    Georgs Augen ruhten auf Therese, die wieder ganz wei wie morgens, diesmal
noch eleganter, in englisches gesticktes Leinen gekleidet war und um den freien
Hals eine Schnur aus lichtrosa Korallen trug. Whrend die beiden Frauen ber den
sonderbaren Zufall ihres Wiedersehens sprachen, erhob sich Georg, um Auftrge
fr das Diner zu erteilen. Als er in den Garten wiederkehrte, waren die beiden
andern nicht mehr da. Er sah Therese auf dem Balkon, den Rcken an das Gelnder
gelehnt, mit Anna reden, die unsichtbar, in der Tiefe des Zimmers weilen mochte.
In guter Stimmung spazierte er in den Alleen hin und her, lie Melodien in sich
singen, fhlte seine Jugend und sein Glck, warf zuweilen einen Blick auf den
Balkon oder ber die Balustrade auf die Strae und sah endlich Demeter Stanzides
herankommen. Er ging ihm entgegen. Seien Sie willkommen, begrte er ihn am
Gartentor. Die Damen sind oben auf dem Zimmer, werden aber bald erscheinen.
Wollen Sie sich indessen ein bichen den Park ansehen?
    Gern.
    Sie spazierten miteinander weiter.
    Haben Sie die Absicht, lnger in Lugano zu bleiben? fragte Georg.
    Nein, wir fahren morgen nach Bellaggio, von dort an den Lago Maggiore,
Isola bella. Die ganze Herrlichkeit dauert ja nimmer lang. In vierzehn Tagen
mssen wir wieder zu Hause sein.
    So kurzen Urlaub?
    Ach, es ist nicht meinetwegen. Aber Therese mu zurck. Ich bin ein ganz
freier Mann. Ich hab schon meinen Abschied im Sack.
    Sie wollen sich also ernstlich auf Ihr Gut zurckziehen?
    Mein Gut?
    Ja, ich hab so was gehrt, bei Ehrenbergs.
    Aber ich hab doch das Gut noch gar nicht. Steh allerdings in
Unterhandlungen.
    Und wo werden Sie sich ankaufen, wenn ich fragen darf?
    Wo sich die Fchs' gute Nacht sagen. Es wird Ihnen wenigstens so vorkommen.
An der ungarisch-kroatischen Grenze. Ziemlich einsam und entlegen, aber sehr
merkwrdig. Ich hab eine gewisse Sympathie fr die Gegend. Jugenderinnerungen.
Drei Leutnantsjahre. Offenbar bild ich mir ein, ich werde dort wieder jung
werden. Na, wer wei.
    Eine schne Besitzung?
    Nicht bel. Vor zwei Monaten hab ich sie mir wieder angesehen. Hab sie
nmlich schon aus frherer Zeit gekannt. Dem Grafen Jaczewicz hat sie gehrt
dazumal. Zuletzt einem Fabrikanten. Dem ist seine Frau gestorben. Jetzt fhlt er
sich einsam da unten und will's los werden.
    Ich wei nicht, sagte Georg, aber ich stell mir die Gegend ein bissel
melancholisch vor.
    Melancholisch? Na, mir scheint, in einer gewissen Lebensepoche kriegt jede
Gegend ein melancholisches Ansehen. Und er blickte rings um sich, wie um sich
einen neuen Beweis von der Wahrheit seiner Worte zu verschaffen.
    In welcher Epoche?
    Na, wenn man anfngt alt zu werden.
    Georg lchelte. Demeter erschien ihm so schn, und trotz der grauen Haare an
den Schlfen noch jung. Wie alt sind Sie denn Herr Stanzides, wenn ich fragen
darf?
    Siebenunddreiig. Ich sag ja nicht alt sein, sondern alt werden. Die
Menschen reden meist erst vom Altwerden, wenn sie's schon lang sind.
    Am Ende des Gartens, dort wo er an die Mauer stie, setzten sie sich auf
eine Bank. Von hier aus hatten sie das Hotel und die groe Gartenterrasse im
Auge. Die obern Stockwerke mit den Balkons waren ihnen durch die Baumkronen
verborgen. Georg bot Demeter eine Zigarette an und nahm sich selbst eine. Und
beide schwiegen eine Weile.
    Sie gehen brigens auch von Wien fort, hab ich gehrt, sagte Demeter.
    Ja, das ist sehr wahrscheinlich ... wenn ich nmlich eine Stellung an
irgendeiner Opernbhne bekomme. Na und ist's heuer nicht, so ist's nchstes
Jahr.
    Demeter sa mit bereinandergeschlagenen Beinen, hielt das eine mit der Hand
beim Knchel fest und nickte. Ja, ja, sagte er und blies den Rauch langsam und
schmal durch die Lippen. Ein Talent zu haben ist schon was Schnes. Da mu sich
auch das mit den Lebensepochen irgendwie anders verhalten. Das ist eigentlich
auch das einzige, um was ich einen Menschen beneiden knnte.
    Dazu haben Sie doch keinen Grund. berhaupt Leute mit Talent sind gar nicht
zu beneiden. Hchstens Leute mit Genie. Und die beneid ich wahrscheinlich noch
mehr, als Sie es tun: Aber ich finde, Talente, wie das Ihrige, sind etwas viel
Absoluteres, etwas viel Sichereres sozusagen. Man ist halt gelegentlich nicht in
Form, gut ... aber da leistet man, wenn man berhaupt was kann, noch immer sehr
Betrchtliches, whrend unsereiner, wenn er nicht in Form, gleich ein
vollkommener Pfrndner ist.
    Demeter lachte. Ja, aber es halt' lnger, so ein knstlerisches Talent, und
es bildet sich mit den Jahren sogar weiter aus. Zum Beispiel der Beethoven. Die
neunte Symphonie ist doch die allerschnste, nicht wahr? Na, und der zweite Teil
Faust! ... Whrend wir mit den Jahren unbedingt zurckgehen, da hilft nichts.
Selbst die Beethovens unter uns! Und wie frh das schon anfangt. Von ganz
seltenen Ausnahmen abgesehen. Ich zum Beispiel war mit fnfundzwanzig auf der
Hhe. Nie wieder hab ich das erreicht, was ich mit fnfundzwanzig in mir gehabt
hab. Ja, lieber Baron, das waren Zeiten!
    Na, ich erinnere mich, Sie vor zwei Jahren ein Rennen gewinnen gesehen zu
haben gegen Buzgo, der damals Favorit war, ... ich hab sogar auf ihn gewettet
gehabt ...
    Lieber Baron, unterbrach ihn Stanzides. Glauben Sie mir, ich wei, warum
ich aufgehrt hab. So was kann man nur selber spren. Und darum wei eben keiner
so gut, wann das Altwerden anfngt wie ein Sportsmann. Da ntzt auch alles
Weitertrainieren nicht. Es wird nur eine knstliche Sache. Und wenn Ihnen einer
erzhlt, da es anders ist, dann ist er einfach ... aber da kommen ja unsere
Damen.
    Sie standen beide auf. Arm in Arm nherten sich Therese und Anna, die eine
ganz wei, die andre in einem schwarzen Kleid, das, in weiten Falten zur Erde
sinkend, ihre Formen vllig verbarg. Beim Springbrunnen begegneten sich die
Paare. Demeter kte Anna die Hand.
    Das ist wirklich ein schner Fleck Erde, auf dem ich das Glck habe, Sie
wieder zu begren, gndige Frau.
    Es ist auch mir eine angenehme berraschung, erwiderte Anna, ganz
abgesehen von der Gegend.
    Weit du, sagte Georg zu Anna, da die Herrschaften morgen schon wieder
abreisen?
    Ja, Therese hat's mir erzhlt.
    Wir wollen uns doch mglichst viel ansehen, erklrte Demeter. Und meiner
Erinnerung nach sind die andern oberitalienischen Seen noch groartiger, als der
hier.
    Von den andern wei ich nichts, sagte Anna. Wir sind von da noch gar
nicht weggekommen.
    Nun, vielleicht bentzen Sie die Gelegenheit, sagte Demeter, und
schlieen sich uns fr einen kleinen Ausflug an. Bellaggio, Pallanza, Isola
bella.
    Anna schttelte den Kopf Es wre wohl schn, aber ich bin leider nicht
mobil genug. Ja, unglaublich faul bin ich. Es gibt ganze Tage, wo ich nicht aus
dem Park herauskomme. Aber wenn Georg Lust hat, mir auf ein bis zwei Tage zu
echappieren, so habe ich gar nichts dagegen.
    Ich denke gar nicht dran dir zu echappieren, sagte Georg. Er warf einen
raschen Blick auf Therese, deren Augen leuchteten und lachten. Sie bummelten
alle langsam durch den Garten, whrend es allmhlich dmmerte, und plauderten
ber die Orte, die sie in der letzten Zeit gesehen hatten. Als sie wieder an den
Tisch unter der Platane kamen, war gedeckt, und in den Glasglocken brannten die
Gartenlichter. Eben brachte der Kellner den Kbel mit Asti. Anna setzte sich auf
die Bank, die an den Stamm der Platane gelehnt war, ihr gegenber sa Therese,
zu ihren beiden Seiten Georg und Demeter.
    Das Essen wurde aufgetragen und der Wein eingeschenkt. Georg erkundigte sich
nach den Wiener Bekannten. Demeter erzhlte, da Willy Eiler von der Reise ein
paar glnzende Karikaturen mitgebracht hatte, sowohl von den Jgern, als von den
Tieren. Der alte Ehrenberg htte die Bilder gekauft.
    Wissen Sie brigens schon, sagte Georg, die Geschichte mit Oskar?
    Welche Geschichte?
    Nun, die Sache mit seinem Vater vor der Michaelerkirche. Er erinnerte
sich, da er schon vorher, als die Damen noch nicht erschienen waren, Demeter
die Geschichte hatte erzhlen wollen, da er es aber fr richtiger gefunden
hatte, sie zu unterdrcken. Nun war es wohl der Wein, der ihm wider Willen die
Zunge lste. Er berichtete in kurzen Worten, was ihm Heinrich geschrieben hatte.
    Das ist aber eine hchst traurige Geschichte, sagte Demeter sehr betreten,
so da auch alle andern sich pltzlich ernster werden fhlten.
    Warum eine traurige Geschichte? fragte Therese, ich finde sie zum
totlachen.
    Liebe Therese, du bedenkst nicht die Folgen, die sie fr den jungen
Menschen haben kann.
    Gott, ich wei ganz gut, er wird halt in einem gewissen Kreis unmglich
sein. Das wird ihn hchstens zur Einsicht bringen, was fr ein dummer Kerl er
bisher gewesen ist.
    Na, sagte Georg, ob Oskar gerade zu den Leuten gehrt, die zur Einsicht
kommen ... ich glaub eigentlich nicht.
    Abgesehen davon, liebe Therese, fgte Demeter hinzu, da das, was du
Einsicht nennst, durchaus noch nicht die richtige zu sein braucht. Alle
Menschengruppen haben ihre Vorurteile, auch ihr seid nicht frei davon.
    Was haben wir fr Vorurteile, das mcht ich wissen, rief Therese. Und sie
trank zornig ihren Wein aus. Wir wollen nur mit gewissen Vorurteilen aufrumen,
besonders mit dem, da es privilegierte Kasten gibt, die ihre besondere Ehre
...
    Bitte, liebe Therese, du bist hier in keiner Versammlung. Und es ist zu
frchten, da der Applaus am Schlu deiner Rede dnner ausfallen wird, als du's
gewohnt bist.
    Also schau, wandte sich Therese zu Anna, das ist die Art, wie ein
Kavallerieoffizier Diskussionen fhrt.
    Pardon, sagte Georg, diese ganze Geschichte hat doch mit Vorurteilen kaum
etwas zu tun. Eine Ohrfeige auf offener Strae auch von der Hand des eigenen
Vaters ... ich glaube, man mu da gar nicht Reserveoffizier oder Student sein
...
    Diese Ohrfeige, rief Therese, hat fr mich geradezu etwas Befreiendes.
Sie bildet den wrdigen Abschlu einer lcherlichen und berflssigen Existenz.
    Abschlu, das wollen wir nicht hoffen, sagte Demeter.
    Man schreibt mir, bemerkte Georg, da Oskar abgereist ist, unbekannt
wohin.
    Wenn mir einer in der Sache leid tut, sagte Therese, ist es jedenfalls
nur der Alte, der bei seinem guten Herzen wahrscheinlich heute die
Unannehmlichkeiten schon bedauert, die er seinem versnobten Sohn verursacht
hat.
    Gutes Herz! rief Demeter aus, ein Millionr! ein Fabrikbesitzer! ... Aber
Therese ...
    Ja, es kommt vor. Das ist zufllig einer von jenen, die in der Tiefe ihrer
Seele mit uns eines Sinnes sind. Und an dem Abend, Demeter, an dem du das
Vergngen gehabt hast, mich zum erstenmal zu sehen, weit du, warum ich damals
bei Ehrenbergs gewesen bin ...? Und weit du, fr welchen Zweck er mir damals
ohne weiteres tausend Gulden gegeben hat ...? Fr ..., sie bi sich auf die
Lippen, ich darf's ja nicht sagen, das war die Bedingung.
    Pltzlich erhob sich Demeter und verbeugte sich vor jemandem, der eben
vorbeiging. Es war der sterreichische Herr, der gestern angekommen war. Er
lftete den Hut und verschwand im Dunkel des Gartens.
    Sie kennen den Mann? fragte Georg nach ein paar Sekunden. Mir ist auch,
als kennte ich ihn, wer ist's denn nur?
    Der Prinz von Guastalla, sagte Demeter.
    So? rief Therese unwillkrlich, und ihre Augen bohrten sich ins Dunkel.
    Was schaust du denn? sagte Demeter. Ein Mensch wie ein anderer.
    Er soll ja von Hof verbannt sein, sagte Georg, nicht wahr?
    Davon ist mir nichts bekannt, entgegnete Demeter, aber jedenfalls ist er
nicht gern gesehen. Er hat neulich eine Broschre herausgegeben ber gewisse
Zustnde in unserm Heer, insbesondere ber das Leben der Offiziere in den
Provinzen, was ihm sehr bel genommen wurde, obwohl in Wirklichkeit gar nichts
Bses darin steht.
    Da htt' er sich an mich wenden sollen, sagte Therese, ich htt' ihm auch
einiges mitteilen knnen.
    Liebes Kind, wehrte Demeter ab, das, was du wahrscheinlich wieder meinst,
ist doch ein Ausnahmefall, da darf man nicht gleich verallgemeinern.
    Ich verallgemeinere nicht, aber ein solcher Fall gengt, um das ganze
System ...
    Keine Rede, Therese ...
    Ich spreche von Leo, wandte sich Therese an Georg. Was der heuer
durchmacht, das ist wirklich ungeheuerlich.
    Georg erinnerte sich pltzlich wie einer vollkommen vergessenen und hchst
merkwrdigen Sache, da Therese Leos Schwester war. Ob der wute, da sie hier,
und mit wem sie hier war?
    Demeter nagte etwas nervs an seinen Lippen.
    Da ist nmlich ein antisemitischer Oberleutnant, sagte Therese, der ihn
auf eine besonders niedertrchtige Art seckiert, weil er sprt, wie Leo ihn
verachtet.
    Georg nickte. Er wute ja davon.
    Liebes Kind, sagte Demeter, wie ich schon mehrere Male erwhnte, mir
stimmt in der Sache etwas nicht. Ich kenne zufllig den Oberleutnant Sefranek
und versichre dich, es ist mit ihm auszukommen. Er ist nicht besonders gescheit,
und da er fr die Israeliten keine Vorliebe hat, mag auch richtig sein, aber
schlielich mu man doch sagen, es gibt sogenannte antisemitische Schimpfwrter,
die gar keine Bedeutung haben, die von Juden meiner Erfahrung nach ebensoviel
angewendet werden wie von Christen. Und dein Herr Bruder leidet da entschieden
an einer krankhaften Empfindlichkeit.
    Empfindlichkeit ist nie krankhaft, entgegnete Therese. Nur
Unempfindlichkeit ist eine Krankheit und zwar die widerwrtigste, die ich kenne.
Ich stimme bekanntlich mit meinem Bruder, das wissen Sie am besten, Georg, in
meinen politischen Anschauungen so wenig berein als mglich, mir sind jdische
Bankiers geradeso zuwider wie feudale Grogrundbesitzer, und orthodoxe Rabbiner
geradeso zuwider wie katholische Pfaffen. Aber wenn sich jemand ber mich
erhaben fhlte, weil er einer andern Konfession oder Rasse angehrt als ich, und
gar im Bewutsein seiner bermacht mich diese Erhabenheit fhlen liee, ich
wrde so einen Menschen ... also ich wei nicht, was ich ihm tte. Aber
jedenfalls wrd ich den Leo begreifen, wenn er bei der nchsten Gelegenheit
diesem Herrn Sefranek ins Gesicht springt.
    Mein liebes Kind, sagte Demeter, wenn du nur den geringsten Einflu auf
deinen Bruder hast, so solltest du diesen Gesichtssprung um jeden Preis zu
verhindern suchen. Meiner Ansicht nach bleibt es doch bei einem solchen Fall das
beste, den anstndigen, das heit den vorschriftsmigen Weg einzuschlagen. Es
ist nmlich gar nicht wahr, da damit nichts erreicht wird, die obern Chargen
sind meistens ruhige, jedenfalls korrekte Persnlichkeiten und ...
    Aber das hat ja der Leo lngst getan ... schon im Februar. Er ist beim
Obersten gewesen, der Oberst war sogar sehr nett zu ihm und hat, wie aus
verschiedenen Anzeichen hervorgeht, dem Oberleutnant sehr ins Gewissen geredet;
nur da es leider nicht das geringste gentzt hat, im Gegenteil. Bei nchster
Gelegenheit hat der Oberleutnant seine Bosheiten erst recht wieder aufgenommen
und setzt sie mit einer raffinierten Konsequenz fort. Ich versichere Sie, Baron,
von Tag zu Tag frcht ich, da da irgendein Malheur geschieht.
    Demeter schttelte den Kopf. Wir leben in einer verrckten Zeit. Ich
versichere Sie, wandte er sich an Georg, der Oberleutnant Sefranek ist so
wenig Antisemit als Sie und ich. Er verkehrt in jdischen Husern, ich wei
sogar, da er mit einem jdischen Regimentsarzt direkt intim war durch Jahre. Es
ist wirklich, wie wenn die Leute wahnsinnig wren.
    Da knntest du recht haben, meinte Therese.
    Nun, Leo ist so vernnftig, sagte Georg, so klug bei all seinem
Temperament, da ich berzeugt bin, er wird sich zu keiner Dummheit hinreien
lassen. Schlielich wei er doch, in ein paar Monaten ist alles vorbei, solang
macht man's halt durch.
    Wissen Sie brigens, Baron, sagte Therese, whrend sie, dem Beispiel der
Herren folgend, aus einer Schachtel, die der Kellner gebracht hatte, eine
Zigarette nahm. Wissen Sie, da Leo von Ihren Kompositionen sehr entzckt war?
    Na, entzckt, sagte Georg, indem er Therese Feuer gab, davon hab ich
eigentlich nichts bemerkt.
    Also gefallen hat ihm einiges, schrnkte Therese ein, das ist beinahe
schon soviel, wie wenn ein anderer entzckt wre.
    Haben Sie auch auf der Reise komponiert? fragte Demeter verbindlich.
    Nichts als ein paar Lieder.
    Die werden wir wohl im Herbst zu hren bekommen, meinte Demeter.
    Ach Gott, reden wir nicht vom Herbst, sagte Therese. Bis dahin knnen wir
tot sein, oder eingesperrt.
    Na, das letztere wre doch bei einigem guten Willen zu vermeiden, rief
Demeter.
    Therese zuckte die Achseln. Georg sa nahe bei ihr und glaubte die Wrme
ihres Krpers zu fhlen. Aus den Fenstern des Hotels glnzten Lichter, und ein
langer, rtlicher Streif fiel bis zu dem Tisch, an dem die beiden Paare saen.
    Ich schlage vor, sagte Georg, da wir den schnen Abend bentzen, um noch
am Ufer spazieren zu gehen.
    Oder Kahn zu fahren, rief Therese aus.
    Alle waren einverstanden. Georg eilte rasch aufs Zimmer, um Umhllen zu
holen. Als er wieder herunterkam, fand er die andern bereit zum Fortgehen an der
Tr des Parks stehen. Er half Anna in ihren hellgrauen Mantel, hing Therese
seinen eigenen, langen berzieher um die Schultern und behielt einen
dunkelgrnen Plaid ber dem Arm. Sie gingen langsam durch die Allee, bis zu der
Stelle, wo Khne verankert lagen. Zwei Schiffer fhrten die Gesellschaft mit
raschen Ruderschlgen aus der Dunkelheit des Ufers in das schwrzlich glnzende
Wasser hinaus. Unnatrlich riesenhaft ragten die Berge zum Himmel auf. Die
Sterne waren nicht sehr zahlreich. Kleine, graublaue Wlkchen hingen in der
Luft. Die Ruderer saen auf zwei quergelegten Brettern; in der Mitte des Kahns
auf schmalen Bnken, einander gegenber, die beiden Paare: Georg und Anna,
Demeter und Therese. Alle waren zuerst ganz schweigsam. Erst nach einigen
Minuten unterbrach Georg die Stille. Er nannte den Namen des Berges, der den See
nach Sden abschlo, machte auf ein Dorf aufmerksam, das wie in unendlicher
Entfernung an einer Felsenlehne ruhte und doch in einer Viertelstunde zu
erreichen wre; erkannte das weie, leuchtende Haus auf der Hhe ber Lugano als
das Hotel, in dem Demeter und Therese wohnten, und erzhlte von einem
Spaziergang, den er neulich unternommen, zwischen besonnten Weinbergen weit ins
Land hinein.
    Anna hielt unter dem Plaid, whrend er sprach, seine Hand gefat. Demeter
und Therese saen ernst und korrekt nebeneinander, gar nicht wie Liebesleute,
die einander erst vor kurzem gefunden haben. Nun erst gewann Georg fr Therese
allmhlich seine Neigung zurck, die whrend ihres lauten, heftigen Redens
beinahe geschwunden war.
    Wie lang wird diese Geschichte mit Demeter whren? dachte er. Wird sie zu
Ende sein, wenn der Herbst da ist, oder wird sie am Ende so lange oder lnger
dauern, als meine mit Anna? Wird diese Fahrt auf dem dunkeln See auch einmal
eine Erinnerung an vollkommen Entschwundenes sein, so wie die Fahrt auf dem
Veldeser See mit dem Bauernmdel, die mir jetzt seit Jahren zum erstenmal wieder
einfllt ... wie die Reise mit Grace bers Meer? Wie seltsam. Anna hlt meine
Hand, ich drcke sie, und wer wei, ob sie nicht in diesem Augenblick ganz
hnliches in Hinsicht auf Demeter empfindet, wie ich in Hinsicht auf Therese?
Nein, doch nicht ... sie trgt ein Kind unter ihrem Herzen, das sich sogar schon
regt ... Deswegen ... ach Gott ... Auch mein Kind ist es ja ... Nun fhrt unser
Kind auf dem See von Lugano spazieren ... ... Werd ich es ihm einmal erzhlen,
da es vor seiner Geburt auf dem See von Lugano herumgefahren ist ...? Wie wird
das alles nun werden? In wenigen Tagen ist man wieder in Wien. Existiert denn
dieses Wien berhaupt? Es ersteht erst langsam wieder, whrend wir zurckfahren
... Ja, so ist es ... Sobald ich zu Hause bin, wird ernstlich gearbeitet. Ich
werde ruhig in meiner Wiener Wohnung bleiben und Anna immer nur besuchen; nicht
mit ihr auf dem Lande wohnen hchstens in den allerletzten Tagen ... Und im
Herbst ich in Detmold? Und wo wird Anna sein? Und das Kind? Bei fremden Menschen
irgendwo auf dem Land? ... Wie unwahrscheinlich ist das alles ... Aber es war
auch heute vor einem Jahr sehr unwahrscheinlich, da ich mit Frulein Anna
Rosner, und Stanzides mit Frulein Therese Golowski auf dem See von Lugano
spazieren fahren wrde ... und jetzt ist es die selbstverstndlichste Sache von
der Welt. Mit einem Male hrte er neben sich, berdeutlich, als wenn er eben
erwachte, Demeters Stimme. Wann geht unser Schiff morgen ab?
    Um neun Uhr frh, erwiderte Therese.
    Sie ist nmlich der Reisemarschall, sagte Demeter, ich brauche mich um
gar nichts zu kmmern.
    Nun stand mit einemmal der Mond ber dem See.
    Es war, wie wenn er hinter den Bergen gewartet htte und nun zum Abschied
aufgestiegen kme. Ganz wei und nahe lag pltzlich jenes unendlich ferne Dorf
an der Berglehne. Der Kahn legte an. Therese erhob sich und sah, von der Nacht
umgeben, auffallend gro aus. Georg sprang aus dem Kahn und half ihr beim
Aussteigen. Er sprte ihre khlen Finger, die nicht zitterten, sondern sich wie
mit Absicht leise bewegten, in seiner Hand und fhlte den Hauch ihrer Lippen
nah. Nach ihr stieg Demeter aus, dann kam Anna, schwerfllig und md. Die
Schiffer dankten fr das reichliche Trinkgeld, und die beiden Paare spazierten
heimwrts. Auf einer Bank in der Uferallee, in einem langen, dunkeln Mantel sa
der Prinz, rauchte eine Zigarre, schien auf den nchtlichen See hinauszusehen
und wandte den Kopf, offenbar um nicht gegrt zu werden.
    So einer knnte einem manches erzhlen, sagte Therese zu Georg, mit dem
sie immer weiter zurckblieb, whrend Demeter und Anna vor ihnen gingen.
    So bald also fahren Sie schon nach Wien? fragte Georg.
    In vierzehn Tagen, finden Sie das so bald? Jedenfalls werden Sie vor uns
daheim sein, nicht?
    Ja, in ein paar Tagen reisen wir. Es lt sich nicht lnger verschieben.
Auch werden wir einigemale unterbrechen mssen. Anna vertrgt das Fahren nicht
gut.
    Wissen Sie denn schon, da ich noch gerade vor meiner Abreise die Villa fr
Anna gefunden habe? sagte Therese.
    Wirklich? Sie? Haben Sie denn auch gesucht?
    Ja, ich hab meine Mutter ein paarmal aufs Land begleitet. Es ist ein
kleines, ziemlich altes Haus in Salmansdorf, mit einem schnen Garten, der
direkt auf Wiese und Wald hinausfhrt, und der Vorgarten ist ganz verwachsen ...
Anna wird Ihnen schon mehr erzhlen. Ich glaub, es ist das letzte Haus im Ort,
dann kommt noch ein Gasthof, aber ziemlich weit davon.
    Sollt ich dieses Haus auf meinen Entdeckungsreisen im Frhjahr bersehen
haben?
    Offenbar, sonst htten Sie es gemietet. Auf einem Rasenplatz, nah am
Gartenzaun, steht eine kleine Figur aus Ton.
    Kann mich nicht erinnern. Aber wissen Sie, Therese, es ist wirklich nett,
da Sie sich auch fr uns bemht haben. Mehr als nett. Bei Ihrer aufreibenden
Ttigkeit, wollte er hinzusetzen, unterdrckte es aber.
    Warum wundern Sie sich, fragte Therese. Ich habe Anna sehr gern.
    Wissen Sie, was ich einmal ber Sie habe sagen hren? bemerkte Georg nach
einer kleinen Pause.
    Nun, was?
    Da Sie entweder auf dem Schafott enden werden, oder als Prinzessin.
    Das ist ein Ausspruch vom Doktor Berthold Stauber, er hat es mir selbst
auch einmal gesagt. Er ist sehr stolz darauf, aber es ist doch ein Unsinn.
    Jetzt stehen die Chancen allerdings mehr auf der Prinzessinnenseite.
    Wer sagt Ihnen das? Der Prinzessinnentraum ist bald zu Ende.
    Traum?
    Ja, ich fange sogar schon an zu erwachen. Es ist ungefhr, wie wenn
Morgenluft ins Schlafzimmer hereinwehte.
    Und dann fngt wohl der andere Traum an?
    Wieso der andre Traum?
    Ich stell mir das so bei Ihnen vor. Wenn Sie wieder in der ffentlichkeit
stehen, Reden halten, sich fr irgendeine Sache opfern, dann kommt Ihnen in
irgendeinem Moment wieder das wie ein Traum vor, nicht? Und Sie denken, das
wahre Leben, das ist wo anders.
    Das ist nicht einmal so dumm, was Sie da sagen.
    In diesem Augenblick wandten sich Demeter und Anna, die schon am Gartentor
standen, nach den beiden um, und nahmen gleich die breite Allee zum Eingang des
Hotels. Auch Georg und Therese gingen weiter, ungesehen, auerhalb des Gitters,
im finstersten Schlagschatten. Pltzlich ergriff Georg die Hand seiner
Begleiterin. Diese wandte, wie erstaunt, sich zu ihm, und beide standen sich nun
gegenber, von Dunkel umhllt und nher als sie verstehen konnten. Sie wuten
nicht wie ... sie wollten es kaum, und ihre Lippen ruhten aufeinander, einen
kurzen Augenblick, der mehr erfllt war von der wehen Lust der Lge als von
irgend einer andern. Dann gingen sie weiter, schweigend, unbeglckt, verlangend,
und durchschritten das Gartentor.
    Die beiden andern vor dem Hotel wandten sich jetzt um und gingen ihnen
entgegen. Rasch sagte Therese zu Georg: Selbstverstndlich fahren Sie nicht mit
uns. Georg nickte leicht. Nun standen alle in der breiten, ruhigen Helle der
Bogenlampen.
    Es war ein wunderschner Abend, sagte Demeter und kte Anna die Hand.
    Also auf Wiedersehen in Wien, sagte Therese und umarmte Anna.
    Demeter wandte sich zu Georg. Ich hoffe, wir sehen uns morgen frh auf dem
Schiff.
    Es wre mglich, aber ich will nichts versprechen.
    Adieu, sagte Therese und reichte Georg die Hand.
    Dann wandte sie sich mit Demeter zum Gehen.
    Wirst du mit ihnen fahren? fragte Anna, whrend sie durchs Tor in die
Halle gingen, wo Herren und Damen saen, rauchten, tranken, plauderten.
    Was fllt dir ein, erwiderte Georg, ich denke nicht dran.
    Herr Baron, rief pltzlich jemand hinter ihm. Es war der Portier, der ein
Telegramm in der Hand hielt.
    Was ist denn das? fragte Georg etwas erschrocken und ffnete rasch. O,
rief er aus, wie entsetzlich.
    Was ist denn? fragte Anna.
    Er las ihr vor, whrend sie in das Blatt schaute. Oskar Ehrenberg hat heute
frh im Wald bei Neuhaus einen Selbstmordversuch verbt. Schu in die Schlfe,
wenig Hoffnung, sein Leben zu erhalten. Heinrich. Anna schttelte den Kopf.
Schweigend gingen sie die Treppen hinauf und ins Zimmer, das Anna bewohnte. Die
Balkontr war weit geffnet. Georg trat ins Freie. Aus der Dunkelheit heraus
drang ein schwerer Duft von Magnolien und Rosen. Vom See war nichts zu sehen.
Wie aus einem Abgrund gewachsen ragten die Berge. Anna trat zu Georg. Er legte
seinen Arm um ihre Schulter und liebte sie sehr. Es war, wie wenn das ernste
Geschehnis, von dem er eben Kunde erhalten, seinen eigenen Erlebnissen das
Gefhl ihrer wahren Bedeutung aufgezwungen htte. Er wute wieder, da es nichts
Wichtigeres fr ihn auf der Welt gab, als das Wohl dieser geliebten Frau, die
mit ihm auf dem Balkon stand und ihm ein Kind gebren sollte.

                                Sechstes Kapitel


Als Georg aus dem khlen Stadtrestaurant, in dem er seit einigen Wochen mittags
zu speisen pflegte, auf das sommerheie Pflaster trat und den Weg nach Heinrichs
Wohnung einschlug, war sein Entschlu gefat, die Reise ins Gebirge schon in den
nchsten Tagen anzutreten. Anna war ja darauf vorbereitet, hatte ihm sogar
selbst zugeredet, auf ein paar Tage wegzufahren, seit sie fhlte, da die
eintnige Lebensweise der letzten Zeit ihm Langeweile und innere Unruhe zu
verursachen begann.
    Vor sechs Wochen, an einem lauen Regenabend, waren sie nach Wien
zurckgekehrt, und Georg hatte Anna geradenwegs von der Bahn in die Villa
gebracht, wo in einem groen, aber ziemlich leeren Zimmer mit schadhaften,
gelblichen Tapeten, beim trben Schein einer Hngelampe, Annas Mutter und Frau
Golowski die Verspteten seit zwei Stunden erwarteten. Die Tr auf der
Gartenveranda stand offen, drauen fiel der Regen klatschend auf den Holzboden,
und der laue Duft befeuchteter Bltter und Grser zog herein. Beim Schein einer
Kerze, die Frau Golowski vorantrug, besichtigte Georg die Rumlichkeiten des
Hauses, whrend Anna abgespannt in der Ecke des groen mit geblmtem Kattun
berzogenen Sofas lehnte und auf die Fragen der Mutter nur mde zu antworten
vermochte. Bald hatte Georg von Anna gerhrt und erleichtert Abschied genommen,
war mit ihrer Mutter in den Wagen gestiegen, der drauen wartete, und whrend
sie ber aufgeweichte Straen in die Stadt fuhren, hatte er der befangenen Frau
mit geknstelter Beflissenheit die gleichgltigen Erlebnisse der letzten
Reisetage berichtet. Eine Stunde nach Mitternacht war er zu Hause, verzichtete
darauf, Felician zu wecken, der schon schlief, und streckte sich im
langentbehrten eignen Bett mit ungeahnter Wonne nach so vielen Nchten zum
ersten Heimatschlummer aus.
    Seither war er beinahe jeden Tag zu Anna aufs Land hinaus gefahren. Wenn es
ihn nicht zu kleinen Umwegen ber die Sommerfrischen der Umgebung lockte, konnte
er zu Rad leicht in einer Stunde bei ihr sein. fters aber nahm er die
Pferdebahn und spazierte dann durch die kleinen Ortschaften bis zu dem niedern,
grn gestrichenen Staketzaun, hinter dem, im schmalen, leicht ansteigenden
Garten das bescheidene Landhaus mit dem dreieckigen Holzgiebel stand. Nicht
selten whlte er einen Weg, der sich oberhalb des Dorfes zwischen Grten und
Wiesen hinzog, und stieg dann gerne den grnen Hang aufwrts, bis zu einer Bank
am Waldesrand, von wo der Blick auf die kleine, im schmalen Talgrund lnglich
hingebreitete Ortschaft freilag. Er sah von hier gerade auf das Dach, unter dem
Anna wohnte, lie seine milde Sehnsucht nach der Geliebten, der er so nahe war,
mit Willen allmhlich lebhafter werden, bis er hinabeilte, die kleine Tre
aufschlo und ber den Kies mitten durch den Garten zum Haus hinunterschritt.
Oft, in schwleren Nachmittagsstunden, wenn Anna noch schlief, setzte er sich in
der gedeckten Holzveranda, die lngs der Rckseite des Hauses hinlief, auf einen
bequemen, mit geblmtem Kattun berzogenen Lehnstuhl, nahm ein mitgenommenes
Buch aus der Tasche und las. Dann, in einfach-sauberm, dunkeln Kleid, trat aus
dem dmmrigen Innenraum Frau Golowski und stattete mit leiser, etwas wehmtiger
Stimme, einen Zug mtterlicher Gte um den Mund, von Annas Befinden Bericht ab,
insbesondere, ob sie mit Appetit gegessen hatte und ob sie fleiig im Garten auf
und ab gegangen war. Wenn sie geendet, hatte sie immer in Kche oder Haus etwas
Notwendiges zu besorgen und verschwand. Dann, whrend Georg weiterlas, kam wohl
auch eine trchtige Bernhardinerhndin herbei, die Leuten in der Nachbarschaft
gehrte, begrte Georg mit trnenvoll-ernsten Augen, lie sich von ihm das
kurzhaarige Fell streicheln und streckte sich dankbar zu seinen Fen hin.
Spter, wenn ein gewisser, strenger, dem Tiere wohlbekannter Pfiff ertnte,
erhob es sich, mit der Schwerflligkeit seines Zustands, schien sich durch einen
schwermtigen Blick zu entschuldigen, da es nicht lnger bleiben durfte, und
schlich davon. Im Garten daneben lachten und lrmten Kinder, ein und das
andermal hpfte ein Gummiball herber, an der niedern Hecke erschien ein blasses
Kindermdchen und bat schchtern, man mge ihn wieder zurckschleudern. Endlich,
wenn es khler wurde, zeigte sich am Fenster, das auf die Veranda ging, Annas
Antlitz, ihre stillen, blauen Augen grten Georg, und bald, in leichtem, hellen
Hauskleid, trat sie selbst heraus. Nun spazierten sie im Garten auf und ab lngs
der abgeblhten Fliederbsche und treibender Johannisbeerstauden, meist auf der
linken Seite, an die die freie Wiese grenzte, und ruhten sich auf der weien
Bank nah dem obern Gartenende unter dem Birnbaum aus. Erst wenn das Abendessen
aufgetragen wurde, erschien Frau Golowski wieder, nahm bescheiden ihren Platz am
Tische ein und erzhlte auf Befragen allerlei von den Ihrigen; von Therese, die
nun in die Redaktion eines sozialistischen Blattes eingetreten war, von Leo, der
dienstlich jetzt weniger beschftigt als frher, mathematischen Studien emsig
oblag und von ihrem Gatten, dem sich, whrend er in einer rauchigen
Kaffeehausecke den Schachkmpfen unermdlicher Spieler mit Hingebung zuschaute,
immer neue Hoffnungen regelmigen Erwerbs erffneten und gleich wieder
verschlossen. Nur selten kam Frau Rosner zu Besuch und entfernte sich meist bald
nach Georgs Erscheinen. Einmal an einem Sonntagnachmittag war auch der Vater
hier gewesen und hatte mit Georg eine Unterhaltung ber Wetter und Landschaft
gefhrt, als wre man einander zufllig bei einer leidenden Bekannten begegnet.
Nur den Eltern zulieb hielt sich Anna in der Villa vllig zurckgezogen. Denn
sie selbst, zu vlliger Unbefangenheit gereift, fhlte sich nicht anders, als
wre sie Georgs angetraute Gattin, und als jener krzlich, der eintnigen Abende
mde, um Erlaubnis gebeten, gelegentlich Heinrich mit herauszubringen, hatte sie
sich zu Georgs angenehmer berraschung ohne weiteres damit einverstanden
erklrt.
    Heinrich war der einzige von Georgs nhern Bekannten, der sich in diesen
drckenden Julitagen noch in der Stadt aufhielt. Felician, der sich nach des
Bruders Heimkehr, wie in neuerwachter Jugendfreundschaft, ihm angeschlossen
hatte, weilte nach bestandener Diplomatenprfung mit Ralph Skelton an der
Nordsee. Else Ehrenberg, die Georg bald nach seiner Rckkunft im Sanatorium am
Krankenbett ihres Bruders einmal gesprochen hatte, war mit ihrer Mutter lngst
wieder im Auhof am See. Auch Oskar, den sein unglcklicher Selbstmordversuch das
rechte Auge gekostet, aber, wie es hie, die Leutnantscharge gerettet hatte, war
von Wien abgereist, die schwarze Binde ber dem erblindeten Auge. Demeter
Stanzides, Willy Eiler, Guido Schnstein, Breitner, alle waren sie fort, und
sogar Nrnberger, der so feierlich erklrt hatte, auch dieses Jahr die Stadt
nicht verlassen zu wollen, war mit einemmal verschwunden.
    Ihn hatte Georg nach seiner Rckkehr vor allen andern besucht, um ihm Blumen
vom Grab der Schwester aus Cadenabbia zu berbringen. Auf der Reise hatte er
endlich den Roman Nrnbergers gelesen, der in einer nun halbvergangenen Zeit
spielte, derselben, wie es Georg schien, von der der alte Doktor Stauber einmal
zu ihm gesprochen hatte. ber jener lgendumpfen Welt, in der erwachsene
Menschen fr reif, altgewordene fr erfahren und Leute, die sich gegen kein
geschriebenes Gesetz vergingen, als rechtlich; in der Freiheitsliebe, Humanitt
und Patriotismus schlechtweg als Tugenden galten, auch wenn sie dem faulen Boden
der Gedankenlosigkeit oder der Feigheit entsprot waren, hatte Nrnberger
grimmige Leuchten angezndet; und zum Helden seines Buches hatte er einen
ttigen und braven Mann gewhlt, der, von den wohlfeilen Phrasen der Epoche
emporgetragen, auf der Hhe berblick und Einsicht gewann und in der Erkenntnis
seines schwindelnden Aufstiegs von Grauen erfat, in das Leere hinabstrzte, aus
dem er gekommen war. Da einer, der dies starke und rings widerhallende Werk
geschaffen, spter nur mehr wie in lssig hhnischen Randbemerkungen zum Gang
der Zeit sich hatte vernehmen lassen, wunderte Georg sehr, und erst ein Wort
Heinrichs: da wohl dem Zorne, nicht aber dem Ekel Fruchtbarkeit beschieden sei,
lie ihn verstehen, warum Nrnbergers Werk fr immer abgeschlossen war. Die
einsame dunkelblaue Sptnachmittagsstunde auf dem Friedhof von Cadenabbia hatte
sich Georg so seltsam tief eingeprgt, als wre ihm das Wesen, an dessen Grab er
gestanden, bekannt, ja wert gewesen. Es hatte ihn ergriffen, da die goldenen
Buchstaben auf dem grauen Stein matt geworden und die Beete im Rasen von Unkraut
durchwuchert waren, und nachdem er ein paar gelbblaue Stiefmtterchen fr den
Freund gepflckt hatte, war er mit bewegtem Herzen geschieden. Jenseits des
Friedhoftors warf er einen Blick durch das offene Fenster der Totenkammer und
sah im Dmmer, zwischen hohen, brennenden Kerzen, von schwarzem Tuch bis ber
die Lippen bedeckt, eine Frauensperson aufgebahrt, ber deren schmalem
Wachsgesicht die Lichter der Kerzen und des Tags ineinanderrannen.
    Nrnberger war von der teilnehmenden Aufmerksamkeit Georgs nicht ungerhrt
geblieben, und sie sprachen an diesem Tage vertrauter miteinander als je zuvor.
    Das Haus, in dem Nrnberger lebte, stand in einer engen, dstern Gasse, die
aus der innern Stadt treppenweise gegen die Donau zu fhrte; war uralt, schmal
und hoch. Die Wohnung Nrnbergers befand sich im obersten, fnften Stockwerk,
wohin man ber eine vielfach gewundene Treppe gelangte. In dem niedrigen, aber
gerumigen Zimmer, in das Georg aus einem dunkeln Vorraum trat, standen alte,
aber wohlgehaltene Mbel, und aus dem Alkoven in der Tiefe, vor dem ein
mattgrner Vorhang herabgelassen war, drang ein Duft von Kampfer und Lavendel.
Jugendbildnisse von Nrnbergers Eltern hingen an der Wand und brunliche Stiche
von Landschaften nach hollndischen Meistern. Auf der Kommode in
holzgeschnitzten Rahmen standen allerlei alte Photographien, und aus einer
Schreibtischlade, unter vergilbten Briefen suchte Nrnberger ein Bildnis der
verstorbenen Schwester hervor, das sie als achtzehnjhriges Mdchen zeigte, in
einer wie historisch anmutenden Kindertracht, einen Ball in der Hand, vor einem
Zaune stehend, hinter dem eine Felsenlandschaft sich trmte. All diese
Unbekannten, Entfernte und Verstorbene, stellte Nrnberger dem Freunde heute im
Bilde vor und sprach von ihnen in einem Tone, der den Zeitraum zwischen einst
und jetzt zu verbreitern und vertiefen schien.
    Georgs Blick schweifte manchmal hinaus ber die enge Gasse zu dem grauen
Mauerwerk uralter Huser. Er sah schmale, verstaubte Scheiben mit allerlei
Hausrat dahinter; auf einem Fensterbrett standen Blumentpfe mit rmlichen
Pflanzen, zwischen zwei Husern in einer Rinne lagen Flaschenscherben,
zerbrochene Tongefe, Papierfetzen, vermodertes Pflanzenwerk. Ein verwittertes
Rohr lief zwischen all dem Zeug hin und verlor sich hinter einem Rauchfang.
Andere Rauchfnge zeigten sich links und rechts, die Rckseite eines gelblichen
Steingiebels war sichtbar, zum blablauen Himmel ragten Trme auf, und
unerwartet nah, in lichtem Grau, mit durchbrochener Steinkuppel erschien einer,
der Georg wohlbekannt war. Unwillkrlich suchte sein Blick die Richtung, wo er
das Haus vermuten durfte, an dessen Eingang die zwei steinernen Riesen auf
gewaltigen Armen das Adelswappen eines versunkenen Geschlechts trugen, und in
dem sein Kind gezeugt worden war, das in wenig Wochen zur Welt kommen sollte.
    Georg erzhlte von seiner Reise, und in der Stimmung dieser Stunde wre er
sich kleinlich erschienen, wenn er es bei halben Wahrheiten htte bewenden
lassen. Nrnberger aber hatte auch die ganze lngst gewut, und als Georg sich
darber ein wenig erstaunt zeigte, lchelte er spttisch. Erinnern Sie sich
nicht mehr, fragte er, jenes Vormittags, an dem wir uns in Grinzing eine
Sommerwohnung angesehen haben?
    Gewi.
    Und erinnern Sie sich auch, da uns in Garten und Haus eine Frau mit einem
kleinen Kind auf dem Arm herumgefhrt hat?
    Ja.
    Bevor wir weggingen, hat das Kind die Arme nach Ihnen ausgestreckt, und Sie
haben es mit einem ziemlich gerhrten Blick betrachtet.
    Und daraus haben Sie geschlossen, da ich ...
    Ach, Sie sind nicht der Mensch, ber den Anblick kleiner und berdies etwas
ungewaschener Kinder in Rhrung zu geraten, wenn sich nicht Ideenverbindungen
persnlicher Art daran knpfen.
    Vor Ihnen mu man sich in acht nehmen, sagte Georg scherzend, aber nicht
ohne einiges Unbehagen.
    Die leichte Gereiztheit, die er Nrnbergers berlegenheit gegenber immer
wieder empfand, hielt ihn durchaus nicht ab, den Verkehr mit ihm weiter zu
pflegen. Manchmal holte er ihn vom Hause ab, um mit ihm in Straen und Grten
umher zu spazieren, und wie eine Genugtuung, ja wie einen persnlichen Sieg
empfand er es, wenn es ihm gelang, ihn aus den luftdnnen Regionen bittrer
Weisheit in die sanftern Gefilde herzlicher Unterhaltung hinabzuziehen. Die
Spaziergnge mit ihm waren Georg zu einer so angenehmen Gewohnheit geworden, da
er es wie eine Verarmung seiner Tage empfand, als er eines Morgens die Wohnung
Nrnbergers verschlossen fand. Tags darauf kam eine entschuldigende
Abschiedskarte aus Salzburg, von einem Ehepaar mit unterzeichnet, einem
Fabrikanten und dessen Frau, liebenswrdigen, heiteren Leuten, die Georg einmal
durch Nrnberger flchtig auf dem Graben kennen gelernt hatte. Nach Heinrichs
boshafter Darstellung war der gemeinsame Freund von diesem Ehepaar, nach
verzweifelter Gegenwehr natrlich, die Stiege hinuntergeschleppt, in einen Wagen
gesetzt und gewissermaen als Gefangener auf die Bahn transportiert worden. Wie
Heinrich behauptete, hatte Nrnberger einige Bekannte dieser harmlosen Art, die
das Bedrfnis empfanden, sich von dem berhmten Sptter in den wohlschmeckenden
Trank des Daseins einige Tropfen Bosheit trufeln zu lassen, so wie Nrnberger
seinerseits sich in ihrer bequemen Gesellschaft von den anstrengenden Bekannten
aus Literaten- und Psychologenkreisen zu erholen liebte.
    Das Wiedersehen mit Heinrich hatte fr Georg eine Enttuschung bedeutet. Der
Dichter, nach den ersten Begrungsworten, hatte wie gewhnlich nur von sich
geredet, und zwar in den Tnen tiefster Selbstverachtung. Er war endlich darauf
gekommen, da er eigentlich kein Talent bese, sondern nur Verstand, den
allerdings in enormem Mae. Was er aber an sich am heftigsten verdammte, das
waren die Disharmonien seines Wesens, unter denen, wie er wohl wute, nicht nur
er zu leiden hatte, sondern alle, die in seine Nhe gerieten. Er war herzlos und
sentimental, leichtfertig und schwerbltig, empfindlich und rcksichtslos,
unvertrglich und doch auf Menschen angewiesen ... zuzeiten wenigstens. Ein
Subjekt mit solchen Eigenschaften konnte nun seine Daseinsberechtigung nur durch
eine ungeheure Leistung erweisen, und wenn das Meisterwerk, zu dem er
verpflichtet war, nicht bald, sehr bald in die Erscheinung trte, so war er als
anstndiger Mensch verpflichtet sich totzuschieen. Aber er war kein anstndiger
Mensch ... daran lag es eben. Georg dachte: Natrlich wirst du dich nicht
totschieen, hauptschlich, weil du zu feig dazu bist. Er sprach das natrlich
nicht aus, war vielmehr sehr liebenswrdig, redete von Stimmungen, denen
schlielich jeder Knstler unterworfen sei, und erkundigte sich freundlich nach
den uern Umstnden in Heinrichs Leben. Da zeigte sich bald, da es mit ihm gar
nicht so schlimm bestellt war. Er fhrte sogar, wie es Georg scheinen wollte,
ein sorgenloseres Leben als je zuvor. Durch eine kleine Erbschaft war die
Existenz von Mutter und Schwester fr die nchsten Jahre gesichert; trotz aller
Feindseligkeiten, die gegen ihn am Werke waren, wuchs der Ruf seines Namens von
Tag zu Tag; die klgliche Geschichte mit der Schauspielerin schien endgltig
vorbei, und eine ganz neue, erwnscht leichte Beziehung zu einer jungen Dame
brachte sogar einige Heiterkeit in sein Dasein. Auch die Arbeit ging gut
vonstatten. Der erste Akt des Operntextes war so gut wie fertig und fr die
politische Komdie vieles aufgezeichnet. Er hatte die Absicht, im nchsten Jahre
Parlamentssitzungen zu besuchen, Versammlungen mitzumachen, spielte mit dem
eingestandenermaen kindisch-phantastischen Plan, sich als sozialdemokratischer
Genosse aufzuspielen, bei den Fhrer, Anschlu zu suchen und sich, wenn es
anging, sogar als ttiges Mitglied in irgendeiner Organisation aufnehmen zu
lassen, nur um im Getriebe einer Partei vollkommen Bescheid zu wissen. Ah, wenn
er mit einem Menschen nur einmal fnf Minuten lang sprach, so hatte er ihn ja
ganz. Irgendein Wort, dessen Bedeutung ein anderer gar nicht merkte, ri fr ihn
wie ein Sturmwind die Schleier von den Seelen. Sein Traum war es, in der
Operndichtung sich als Meister des Phantastischen, in der Komdie des
realistischen Moments zu zeigen und so der Welt zu beweisen, da er im Himmel
und auf Erden gleichermaen zu Hause wre. Bei einer sptern Zusammenkunft lie
Georg sich vorlesen, was vom ersten Akt der Oper vollendet war; er fand die
Verse sehr sangbar und bat Heinrich um die Erlaubnis, das Manuskript Anna
mitzubringen. Diese konnte dem, was Georg ihr vortrug, nicht viel Geschmack
abgewinnen; er aber, ohne rechte berzeugung, behauptete, da sie eben gleichsam
die Sehnsucht dieser Verse nach Vertonung spre, was sie notwendig als Mangel
empfinden msse.
    Als Georg heute zu Heinrich ins Zimmer trat, sa dieser an dem groen Tisch
in der Mitte des Zimmers, der mit Blttern und Briefen berdeckt war. Auch auf
dem Pianino und auf dem Diwan lagen beschriebene Papiere aller Art. Ein
vergilbtes Blatt hielt Heinrich noch in der Hand, als er aufstand und Georg mit
den Worten begrte: Nun, wie gehts auf dem Land? Dies war die Art, in der er
sich nach Annas Befinden zu erkundigen pflegte, und die Georg jedesmal von neuem
als zu intim empfand. Danke, sehr gut, erwiderte er. Ich komme Sie brigens
fragen, ob Sie heute vielleicht mit mir hinauskommen wollen.
    O ja, sehr gern. Die Sache ist nur die, da ich da eben im Ordnen
verschiedener Papiere begriffen bin. Ich knnte erst abends kommen, so gegen
sieben. Ist es Ihnen recht?
    Gewi߫, sagte Georg. Aber ich stre Sie, wie ich sehe, setzte er hinzu,
indem er auf den bersten Tisch wies.
    Durchaus nicht, erwiderte Heinrich, ich ordne ja nur, wie ich Ihnen eben
sagte. Es ist der schriftliche Nachla meines Vaters. Das da sind Briefe an ihn.
Und hier tagebuchartige Aufzeichnungen, hauptschlich aus seiner
parlamentarischen Zeit. Ergreifend, sag ich Ihnen. Wie hat dieser Mann sein
Vaterland geliebt! Und wie hat man's ihm gedankt! Sie haben keine Ahnung, in
welcher raffinierten Weise man ihn aus seiner Partei hinausgedrngt hat. Ein
verwirrendes Ineinanderspiel von Tcke, Beschrnktheit, Brutalitt ... echt
deutsch, mit einem Wort.
    Georg lehnte sich auf. Und er wagt es, dachte er, sich ber den
Antisemitismus aufzuhalten? Ist er besser? Gerechter? Vergit er, da auch ich
ein Deutscher bin ...?
    Heinrich sprach weiter. Aber ich werde diesem Mann ein Denkmal setzen ...
Er, kein anderer, wird der Held meines politischen Dramas sein. Er ist die
wahrhaft tragikomische Mittelpunktsfigur, die mir noch gefehlt hat.
    Der innere Widerstand Georgs wuchs. Er bekam groe Lust, den alten Bermann
gegen seinen Sohn in Schutz zu nehmen. Tragikomische Figur? wiederholte er
fast feindselig.
    Ja, entgegnete Heinrich bestimmt. Ein Jude, der sein Vaterland liebt ...
ich meine, so wie mein Vater es getan, mit Solidarittsgefhlen, mit
dynastischer Begeisterung, ist unbedingt eine tragikomische Figur. Das heit ...
er war es zu jener liberalisierenden Epoche der siebziger und achtziger Jahre,
da auch kluge Menschen dem Phrasentaumel der Zeit unterlegen sind. Heute wre ja
ein solcher Mensch allerdings ausschlielich komisch. Ja, selbst wenn er sich
endlich am erstbesten Nagel aufhinge, ich knnte sein Schicksal nicht anders
empfinden.
    Es ist eine Manie von Ihnen, erwiderte Georg. Man hat wirklich manchmal
den Eindruck, da Sie berhaupt nicht mehr imstande sind, etwas anderes in der
Welt zu sehen als immer und berall die Judenfrage. Wenn ich so unhflich wre,
als es Ihnen zuweilen zu sein passiert, so wrde ich Sie ... Sie verzeihen
schon, verfolgungswahnsinnig nennen.
    Verfolgungswahnsinnig ..., wiederholte Heinrich tonlos und sah an die
Wand. So, also Verfolgungswahnsinn nennen Sie das ... Na! Und pltzlich mit
zusammengepreten Zhnen, heftig, fuhr er fort: Ich will Sie einmal was fragen,
Georg, aufs Gewissen fragen.
    Ich hre.
    Er stellte sich gerade vor Georg hin und bohrte ihm seine Augen in die
Stirn: Glauben Sie, da es einen Christen auf Erden gibt, und wre es der
edelste, gerechteste und treueste, einen einzigen, der nicht in irgendeinem
Augenblick des Grolls, des Unmuts, des Zorns selbst gegen seinen besten Freund,
gegen seine Geliebte, gegen seine Frau, wenn sie Juden oder jdischer Abkunft
waren, deren Judentum, innerlich wenigstens, ausgespielt htte? Und ohne Georgs
Antwort abzuwarten: Keinen gibt es, ich versichere Sie. Sie knnen brigens
auch einen andern Versuch machen. Lesen Sie z.B. die Briefe von irgendwelchen
berhmten, sonst ganz klugen und vortrefflichen Menschen, und beachten Sie die
Stellen mit feindlichen und ironischen uerungen ber Zeitgenossen.
Neunundneunzigmal handelt es sich um ein Individuum ohne Bercksichtigung der
Abstammung oder Konfession, im hundertsten Fall, wo das belbehandelte
Menschenkind das Unglck hat, Jude zu sein, vergit der Verfasser gewi nicht,
diese Tatsache zu erwhnen. So ist es nun einmal, ich kann Ihnen nicht helfen.
Was Sie Verfolgungswahnsinn zu nennen belieben, lieber Georg, das ist eben in
Wahrheit nichts anderes als ein ununterbrochen waches, sehr intensives Wissen
von einem Zustand, in dem wir Juden uns befinden, und viel eher als von
Verfolgungswahnsinn knnte man von einem Wahn des Geborgenseins, des
Inruhegelassenwerdens reden, von einem Sicherheitswahn, der vielleicht eine
minder auffallende, aber fr den Befallenen viel gefhrlichere Krankheitsform
vorstellt. Mein Vater hat an ihr gelitten, wie viele andre seiner Generation. Er
ist allerdings so grndlich kuriert worden, da er darber verrckt geworden
ist.
    Tiefe Falten erschienen auf Heinrichs Stirn, und er sah wieder zur Wand hin,
ber Georg weg, der auf dem harten, schwarzledernen Divan Platz genommen hatte.
    Wenn das Ihre Auffassung ist, erwiderte Georg ja, dann mten Sie sich
doch logischerweise Leo Golowski anschlieen ...
    Und mit ihm nach Palstina wandern finden Sie? Politisch-symbolischerweise
oder gar in Wirklichkeit wie? Er lachte. Hab ich denn behauptet, da ich von
hier fort will? Da ich irgendwo anders lieber leben mchte als hier?
Insbesondere, da ich unter lauter Juden existieren mchte? Das wre, fr mich
wenigstens, eine recht uerliche Lsung einer hchst innerlichen
Angelegenheit.
    Das denk ich mir eigentlich auch. Und darum verstehe ich, die Wahrheit zu
sagen, immer weniger, was Sie wollen, Heinrich. Im vorigen Herbst auf der
Sophienalpe, wie Sie sich mit Golowski herumgezankt haben, da hatte ich doch den
Eindruck, da Sie die Sache viel hoffnungsvoller anshen?
    Hoffnungsvoller? wiederholte Heinrich beleidigt.
    Ja. Da mute man doch denken, da Sie an die Mglichkeit einer allmhlichen
Assimilation glauben.
    Heinrich zuckte verchtlich die Mundwinkel. Assimilation ... Ein Wort ...
Ja, sie wird wohl kommen, irgendeinmal ... In sehr, sehr langer Zeit. Sie wird
ja nicht so kommen, wie manche sie wnschen nicht so, wie manche sie frchten
... es wird auch nicht gerade Assimilation sein ... aber vielleicht etwas, das
sozusagen im Herzen dieses Wortes schlgt. Wissen Sie, was sich wahrscheinlich
am Ende herausstellen wird? Da wir, wir Juden, mein ich, gewissermaen ein
Menschheitsferment gewesen sind ja, das wird vielleicht herauskommen in tausend
bis zweitausend Jahren. Auch ein Trost, denken Sie sich! Er lachte wieder.
    Wer wei߫, sagte Georg nachsichtig, ob Sie nicht recht behalten werden in
tausend Jahren. Aber bis dahin?
    Ja, frher, lieber Georg, wird es wohl mit der Lsung der Frage nichts
werden. Fr unsere Zeit gibt es keine Lsung, das steht einmal fest. Keine
allgemeine wenigstens. Eher gibt es hunderttausend verschiedene Lsungen. Weil
es eben eine Angelegenheit ist, die bis auf weiteres jeder mit sich selbst
abmachen mu, wie er kann. Jeder mu selber dazusehen, wie er herausfindet aus
seinem rger, oder aus seiner Verzweiflung, oder aus seinem Ekel, irgendwohin,
wo er wieder frei aufatmen kann. Vielleicht gibt es wirklich Leute, die dazu bis
nach Jerusalem spazieren mssen ... Ich frchte nur, da manche, an diesem
vermeintlichen Ziel angelangt, sich erst recht verirrt vorkommen wrden. Ich
glaube berhaupt nicht, da solche Wanderungen ins Freie sich gemeinsam
unternehmen lassen ... denn die Straen dorthin laufen ja nicht im Lande
drauen, sondern in uns selbst. Es kommt nur fr jeden darauf an, seinen inneren
Weg zu finden. Dazu ist es natrlich notwendig, mglichst klar in sich zu sehen,
in seine verborgensten Winkel hineinzuleuchten! Den Mut seiner eigenen Natur zu
haben. Sich nicht beirren lassen. Ja, das mte das tgliche Gebet jedes
anstndigen Menschen sein: Unbeirrtheit!
    Georg dachte: Wo ist er nun schon wieder? Er ist in seiner Art genau so
krank, wie sein Vater es war. Dabei kann man doch nicht sagen, da er persnlich
schlimme Erfahrungen gemacht hat. Und er hat einmal behauptet, da er sich mit
niemandem zusammengehrig fhle! Es ist ja nicht wahr. Mit allen Juden fhlt er
sich zusammengehrig, und mit dem letzten von ihnen noch immer enger als mit
mir. Whrend ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, fiel sein Blick auf ein
groes Kuvert, das auf dem Tisch lag, und er las darauf die mit groen,
rmischen Buchstaben geschriebenen Worte: Nicht vergessen, nie dran vergessen.
    Heinrich gewahrte Georgs Blick, nahm das Kuvert in die Hand, auf dessen
Rckseite drei gewaltige, graue Siegel zum Vorschein kamen, warf es dann wieder
auf den Tisch, lie wie verchtlich die Unterlippe sinken und sagte: Diese
Sache hab ich nmlich auch heute in Ordnung gebracht. Es gibt solche Tage des
groen Reinemachens. Andre Leute htten das Zeug verbrannt. Wozu? Ich werd es
vielleicht einmal mit Vergngen wieder lesen. In diesem Kuvert sind nmlich die
anonymen Briefe, von denen ich Ihnen einmal erzhlt habe.
    Georg schwieg. Bisher hatte Heinrich ber die Umstnde, unter denen seine
Beziehungen mit der Schauspielerin geendet hatten, nichts verlauten lassen; nur
eine Stelle in dem Brief nach Lugano hatte darauf hingedeutet, da er die einst
Geliebte nicht ohne innern Schauer wiedergesehen hatte. Fast gegen den eigenen
Willen kam es ber Georgs Lippen.Sie kennen doch die Geschichte von Nrnbergers
Schwester, die in Cadenabbia begraben liegt?
    Heinrich bejahte. Wie kommen Sie darauf?
    Ich habe ihr Grab besucht, ein paar Tage vor meiner Abreise. Er zgerte.
Heinrich sah ihn starr an, mit einem heftig fragenden Blick, der Georg zum
Weitersprechen zwang. Und nun denken Sie, wie sonderbar, seither vermengen sich
in meiner Erinnerung immer diese zwei Wesen, von denen ich das eine nie gesehen
habe, das andre nur flchtig, auf dem Theater, wie Sie wissen nmlich die tote
Schwester Nrnbergers und ... diese Schauspielerin.
    Heinrich wurde bla bis in die Lippen. Sind Sie aberglubisch? fragte er
hhnisch, aber es klang, als fragte er sich selbst.
    Durchaus nicht, antwortete Georg. Was hat brigens diese Sache mit
Aberglauben zu tun?
    Ich will Ihnen nur sagen, da mir alle Dinge, die irgendwie mit Mystik
zusammenhngen, im Grund der Seele zuwider sind. ber Dinge zu reden, von denen
man nichts wissen kann, ja, deren Wesen es ist, da man nie und nimmer was von
ihnen wissen kann, das scheint mir von aller Art Geschwtz, die auf Erden fr
Wissenschaft ausgegeben wird, die unertrglichste.
    Sollte sie gestorben sein, diese Schauspielerin? dachte Georg.
    Pltzlich hielt Heinrich das Kuvert wieder in der Hand, und in dem trockenen
Tone, den er gerade dann anzuschlagen beliebte, wenn er bis ins Tiefste
durchwhlt war, sagte er: Da ich diese Worte hergeschrieben habe, ist
kindische Spielerei oder Affektation, wenn Sie wollen. Ich htte auch wie Daudet
vor seine Sappho die Worte hersetzen knnen: Meinen Shnen, wenn sie zwanzig
Jahre alt sein werden ... Zu dumm brigens. Als wenn ein Mensch mit den
Erfahrungen eines andern das geringste anfangen knnte! Die Erfahrungen des
einen knnen fr den andern manchmal amsant, fters verwirrend, aber nie
lehrreich sein ... Und wissen Sie, woher es kommt, da jene beiden Gestalten
sich in Ihrem Kopf vermengen? Ich will's Ihnen sagen. Einfach daher, da ich in
einem meiner Briefe fr meine einstige Geliebte den Ausdruck Gespenst angewandt
habe. So erklrt sich dieses geheimnisvolle Ineinanderflieen.
    Das wre nicht unmglich, entgegnete Georg.
    Von irgendwoher, undeutlich, kam schlechtes Klavierspiel. Georg blickte
hinaus. Auf der gelben Mauer drben lag die Sonne. Viele Fenster waren offen. An
einem sa ein Junge, die Arme aufs Fensterbrett gesttzt, und las. Von einem
andern schauten zwei junge Mdchen hinunter in den Gartenhof. Das Klappern von
Geschirr war hrbar. Georg sehnte sich nach freier Luft, nach seiner Bank am
Waldesrand. Bevor er sich aber zum Gehen wandte, fiel ihm ein: Was ich Ihnen
noch sagen wollte, Heinrich, Ihre Verse haben auch Anna sehr gefallen. Haben Sie
weitergeschrieben?
    Nicht viel.
    Es wre hbsch, wenn Sie alles, was vom Text fertig ist, heute mit
hinausbrchten und uns vorlsen. Er stand am Pianino und schlug ein paar
Akkorde an.
    Was ist das? fragte Heinrich.
    Ein Thema, erwiderte Georg, das mir fr den zweiten Akt eingefallen ist.
Es soll den Moment begleiten, in dem der merkwrdige Fremde auf dem Schiff
erscheint.
    Heinrich schlo das Fenster, Georg setzte sich nieder und begann
weiterzuspielen. Da klopfte es an die Tr, und unwillkrlich rief Heinrich
herein.
    Eine junge Dame trat ein, in lichtem Tuchrock mit roter Seidenbluse, ein
weies Samtband mit einem kleinen Goldkreuz um den Hals. Ein Florentinerhut,
rosengeschmckt, beschattete breitkrmpig das kleine, blasse Gesicht, aus dem
zwei groe, schwarze Augen blickten.
    Guten Tag, sagte die fremde Dame mit einer dunkeln Stimme, die zugleich
trotzig und verlegen klang. Verzeihen Sie, Herr Bermann, ich wute nicht, da
Sie Besuch haben. Und sie sah Georg, der sie gleich erkannt hatte, neugierig
an.
    Heinrich war bla und hatte Falten auf der Stirn. Ich habe allerdings nicht
vermutet ..., begann er, dann stellte er vor und sagte zu der Dame: Wollen Sie
nicht Platz nehmen?
    Danke, erwiderte sie unwirsch und blieb stehen. Ich komme vielleicht
spter wieder.
    O bitte, fiel Georg ein. Ich war eben daran, mich zu verabschieden. Er
sah, wie der Blick der Schauspielerin im Zimmer umherirrte, und fhlte ein
seltsames Mitleid mit ihr, wie man es manchmal im Traum mit Toten fhlt, die
nicht wissen, da sie gestorben sind. Dann sah er noch den Blick Heinrichs auf
diesem blassen, kleinen Gesicht mit unbegreiflicher Hrte ruhen und ging. Er
erinnerte sich jetzt sehr deutlich, wie er sie auf der Bhne gesehen hatte, mit
dem rotblonden Haar, das in die Stirn fiel, und den irrenden Augen. So sehen
Wesen nicht aus, dachte er, die dazu bestimmt sind, nur einem zu gehren. Und
das sollte Heinrich nie gefhlt haben, der sich auf seine Menschenkenntnis so
viel zugute tat? Was wollte er nun eigentlich von ihr? Eitelkeit war es, die in
seiner Seele brannte, nichts anderes als Eitelkeit.
    Auf der Strae schritt Georg wie durch trockene Gluten. Die Husermauern
warfen den eingetrunkenen Sommer in die Luft. Georg fuhr mit der Pferdebahn den
Hgeln und Wldern entgegen und atmete freier, als er auf dem Lande war. Langsam
spazierte er zwischen Grten und Villen weiter, dann, am Friedhof vorbei, nahm
er eine allmhlich ansteigende, weie Strae, die mit einem ihn freundlich
anmutenden Namen Sommerhaidenweg hie und zu dieser sonnigen
Sptnachmittagsstunde von Menschen kaum begangen war. Von dem bewaldeten
Hhenzug zur Linken kam noch kein Schatten, nur ein mildes Wehen von Lften, die
in den Blttern geschlafen hatten. Zur Rechten senkte der grne Hang sich
abwrts, gegen das lnglich dahinziehende Tal, wo zwischen sten und Wipfeln
Dcher blinkten. Drben, hinter Gartenzunen strebten Weinberge und cker auf,
zu Wiesen und Steinbrchen, ber denen durchglitzertes Gestrpp und Buschwerk
hing. Im Gelnde oft verloren, zog als schmale Linie der Weg, den Georg an
andern Tagen manchmal zu wandern pflegte, und sein Auge suchte die Stelle am
Waldesrand, wo seine Lieblingsbank stehen mochte. Wiesen und Waldeshhen hielten
am Talesende den Blick auf, und im Spiegel der Luft lieen abendliche Fernen mit
neuen Tlern und Hgeln sich ahnen.
    Dieser Landschaft fhlte Georg sich wunderbar vertraut, und der Gedanke, da
Beruf und Wille ihn in die Fremde rief, webte um seine einsamen Spaziergnge
schon in diesen Tagen oft Stimmungen des Abschieds, die freilich von Sehnsucht
schwerer waren als von Trauer. Zugleich aber regte sich in ihm ein Vorgefhl
reichern Lebens. Es war ihm, als bereite sich in seiner Seele manches vor, das
er nicht mit sorgenvollen Sinnen aufstren drfte; und in den Untergrnden
seiner Seele, wo heute schon hineinzuhren ihm nicht gegeben war, rauschte es
von Melodien kommender Tage. Auch war er nicht mig geblieben, um die uern
Umrisse seiner Zukunft klar zu ziehen. Nach Detmold hatte er einen
hflichdankenden Brief geschrieben, in dem er sich mit Vorbehalt dem Intendanten
fr den kommenden Herbst zur Verfgung stellte; auch den alten Professor
Viebiger hatte er aufgesucht, ihm seine Plne erffnet und ihn gebeten, sich bei
vorkommenden Gelegenheiten des einstigen Schlers zu erinnern. Aber auch wenn
wider Erwarten im Herbst nirgends eine Stellung fr ihn sich fnde, war er
entschlossen, Wien zu verlassen, sich vorlufig in eine kleine Stadt oder aufs
Land zurckzuziehen und in der Stille fr sich weiter zu arbeiten. Wie sich
unter diesen Umstnden seine Beziehungen zu Anna weiter gestalten sollten,
darber gab er sich keine klare Rechenschaft; er wute nur, da sie niemals
enden durften. Es schwebte ihm vor, da er und Anna einander besuchen und zu
gelegener Zeit gemeinschaftliche Reisen unternehmen wrden; spter bersiedelte
sie wohl an den Ort, wo er lebte und wirkte. Doch schien es ihm nutzlos, all dem
in die Tiefe nachzugrbeln, ehe die Stunde da war, da sich sein eigenes
Schicksal, wenigstens fr die Dauer der nchsten Jahre entschieden hatte.
    Der Sommerhaidenweg lief in den Wald, und Georg nahm den breiten Villenweg,
der an dieser Stelle das Tal durchquerend nach abwrts bog. In wenigen Minuten
befand er sich auf der Strae, an deren Ende waldesnah, neben bescheidenen,
gelben Parterrehuschen, nur durch die Balkonmansarde mit dem dreieckigen
Holzgiebel ber jene erhht, die kleine Villa stand, in der Anna wohnte. Er
durchschritt das Vorgrtchen, wo inmitten des Rasens zwischen Blumenbeeten, auf
viereckigem Postament, der kleine blaue Tonengel ihn grte; den schmalen Gang,
neben dem die Kche lag, das kahle Mittelzimmer, auf dessen Boden durch die
schadhaften grnen Jalousien Sonnenlinien hinspielten, und trat auf die Veranda.
Er wandte sich nach links und warf einen Blick durchs offne Fenster in Annas
Zimmer, das er leer fand. Nun ging er im Garten lngs der Fliederbsche und
Johannisbeerstauden nach aufwrts, und schon von weitem sah er Anna unter dem
Birnbaum auf der weien Bank sitzen, in ihrem weiten blauen Kleide. Sie sah ihn
nicht kommen, schien ganz in Gedanken versunken. Er nherte sich langsam. Noch
immer blickte sie nicht auf. Er liebte sie sehr in solchen Augenblicken, da sie
sich unbeobachtet whnte und auf ihrer klaren Stirn unbeirrt die Gtigkeit und
der Friede ihres Wesens ruhten. Sonnenkringel zitterten auf dem Kies zu ihren
Fen. Ihr gegenber, auf dem Rasen, lag schlafend die fremde
Bernhardinerhndin. Das Tier war es, das, erwachend, Georgs Kommen zuerst
bemerkte. Es erhob sich, und schwerfllig trappelte es Georg entgegen. Jetzt sah
Anna auf, und ein beglcktes Lcheln schwebte ber ihre Zge. Warum bin ich so
selten da, fuhr es Georg durch den Sinn. Warum wohn ich nicht herauen und
arbeite oben auf dem Balkon unter dem Giebel, wo man die hbsche Aussicht auf
den Sommerhaidenweg hat? Die Stirne war ihm feucht geworden, so hei brannte
noch immer die Sptnachmittagssonne.
    Er stand vor Anna, kte sie auf Aug' und Mund und setzte sich an ihre
Seite. Das Tier war ihm nachgeschlichen und streckte sich zu seinen Fen hin.
    Wie gehts, mein Schatz? fragte er, indem er seinen Arm um ihren Nacken
legte.
    Es ging ihr sehr gut, wie gewhnlich, und heute war ein besonders schner
Tag gewesen. Seit dem Morgen schon war sie sich ganz selbst berlassen, denn
Frau Golowski hatte wieder einmal in die Stadt fahren mssen, um nach den Ihren
zu sehen. Es war wirklich nicht bel, manchmal so vllig allein mit sich zu
bleiben. Da konnte man sich ungestrt in seine Trume versenken. Es waren
freilich immer dieselben, aber sie waren so hold, da man ihrer nicht mde
wurde. Von ihrem Kinde hatte sie sich trumen lassen. Wie sehr liebte sie es
schon heute, noch ehe es geboren war. Nie htte sie das fr mglich gehalten. Ob
Georg es denn auch verstnde? ... und da er versonnen nickte, schttelte sie den
Kopf. Nein, nein ... ein Mann konnte das nicht verstehen, auch der beste, der
gtigste nicht. Sie fhlte ja das kleine Wesen schon sich regen, sprte das
Klopfen seines zarten Herzens, fhlte diese neue unbegreifliche Seele in ihrer
atmen, geradeso wie sie den neuen jungen Leib in ihrem blhen und erwachen
fhlte. Und Georg sah vor sich hin, wie beschmt, da sie dem, was nahe war, mit
so viel reinern Sinnen entgegenlebte als er. Denn da hier, von ihm gezeugt, ein
Wesen wurde wie er und selbst wieder bestimmt, neuen Wesen Leben zu verleihen;
da in dem gesegneten Leib dieser Frau, nach dem ihm schon lange nicht mehr
verlangte, nach ewigen Gesetzen ein Leben schwoll, das vor einem Jahre noch ein
ungeahntes, ungewolltes, im Unendlichen verlorenes war und nun wie ein seit
Urzeit vorherbestimmtes zum Licht empordrngte; da er selbst sich nun in der
geschlossenen Kette von Urahnen zu Urenkeln gleichsam an beiden Hnden gefat,
unentweichbar einbezogen wute, ... von diesem Wunder fhlte er sich nicht so
mchtig aufgerufen, als es fordern durfte.
    Und ernsthafter, als sie es sonst zu tun pflegten, besprachen sie heute, was
nach des Kindes Geburt zu geschehen htte. In den ersten Wochen behielt Anna es
natrlich bei sich, dann mute man es wohl zu fremden Leuten geben; jedenfalls
aber sollte es ganz nahe wohnen, so da Anna es zu jeder Zeit ohne Schwierigkeit
sehen konnte.
    Und du, sagte sie mit einem Mal ganz leicht, wirst du manchmal herkommen
uns besuchen?
    Er sah ihr in das verschmitzt lchelnde Gesicht, nahm ihre beiden Hnde und
kte sie. Liebste, was soll ich tun, sag selbst? Du kannst dir denken, wie
schwer es mir sein wird. Aber was bleibt mir anders brig? Es mu ein Anfang
gemacht werden. Hab ich dir schon gesagt, setzte er hastig hinzu, als wre
damit jeder Rckzug abgeschnitten, die Wohnung ist gekndigt. Felician geht
wahrscheinlich nach Athen. Ja, wenn ich dich gleich mitnehmen knnte, das wr
freilich schn! Aber das ist ja leider nicht mglich, eine gewisse Sicherheit
mu vor allem da sein. Ich meine, wenigstens die Sicherheit, da ich lngere
Zeit an einem Ort bleibe ...
    Sie hatte ernsthaft-ruhig zugehrt. Dann kam sie bedchtig-wichtig auf ihre
neueste Idee zu sprechen. Er sollte nicht glauben, da sie daran dchte, ihm
alle Sorgen aufzubrden. Sie war entschlossen, sobald es sich machen liee, eine
Musikschule zu grnden. Wenn er sie noch lange allein liee, hier in Wien; wenn
er bald kme sie holen, dort, wo sie mit ihm zu Hause sein wrde. Und wenn sie
einmal auf eigenen Fen stnde, dann wollte sie auch ihr Kind zu sich nehmen,
ob sie nun seine Frau wre oder nicht. Sie wre weit davon entfernt sich zu
schmen, das wte er wohl. Sie wre eher stolz ... ja stolz, da sie Mutter
wurde!
    Er nahm ihre Hnde zwischen die seinen und streichelte sie. Es wird schon
alles werden, sagte er ein wenig bedrckt. Er sah sich pltzlich in einem sehr
brgerlichen Heim, unter dem bescheidenen Licht einer Hngelampe, beim
Abendessen sitzen, zwischen Frau und Kind. Und aus dieser getrumten
Familienszene wehte es ihm entgegen wie ein Hauch von sorgenvoller Langeweile.
Ah, es war noch zu frh dazu, er war noch zu jung. Wie sollte es denn werden?
War es denn mglich, da sie die letzte Frau blieb, die er umarmt htte?
Vielleicht konnte sie es werden, in Jahren, in Monaten schon ... aber heute noch
nicht. Trug und Lge in ein wohlgeordnetes Heim zu tragen, davor scheute er wohl
zurck. Doch der Gedanke, von ihr fortzueilen zu andern, die er begehrte, mit
dem Bewutsein, Anna so wieder zu finden, wie er sie verlassen, war lockend und
beruhigend zugleich.
    Der bekannte Pfiff von drben tnte. Die Hndin erhob sich, lie sich von
Georg noch einmal ber den gelb gefleckten Rcken streichen und schlich traurig
ihren Weg hinab.
    Herr Gott, sagte Georg, das htte ich ja beinahe vergessen. Heinrich kann
jeden Augenblick da sein. Er erzhlte Anna von seinem Besuch und verschwieg
auch nicht, da er zwischen Tr und Angel die ungetreue Schauspielerin kennen
gelernt hatte.
    Ist es ihr also gelungen? rief Anna aus, die fr Damen mit irrenden Augen
keine Neigung fhlte.
    Ich glaube nicht, erwiderte Georg, da ihr irgend etwas gelungen ist.
Heinrich war von ihrem Erscheinen sogar ziemlich unangenehm berhrt, kam mir
vor.
    Nun, vielleicht bringt er sie mit, sagte Anna mit Spott, und du hast
wieder wen zum kokettieren wie in Lugano die Knigsmrderin.
    Ach Gott, machte Georg unschuldig, und beilufig fgte er hinzu: Was
ist's denn brigens mit Therese, warum kommt sie denn gar nicht mehr zu dir?
Demeter ist ja nicht mehr in Wien. Sie htte wohl Zeit genug.
    Sie war erst vor ein paar Tagen da. Ich hab dir's ja gesagt, stell dich
doch nicht so.
    Ich hatte es wirklich vergessen, erwiderte er mit Aufrichtigkeit. Was hat
sie dir denn erzhlt?
    Alles mgliche. Die Geschichte mit Demeter ist aus. Ihr Herz schlgt wieder
ausschlielich fr die Armen und Elenden bis auf Widerruf. Und unter dem Siegel
strengster Verschwiegenheit vertraute ihm Anna Theresens Winterplne an. Als
armes Weib verkleidet, wollte sie Wanderungen durch Wrmestuben, Suppen- und
Teeanstalten, Asyle fr Obdachlose und Arbeitshuser unternehmen, um einmal dem
sogenannten goldnen Herzen von Wien in die verborgensten Winkel
hineinzuleuchten. Sie schien gefat und hoffte vielleicht ein wenig darauf,
Ungeheuerlichkeiten zu entdecken.
    Georg sah vor sich hin. Er erinnerte sich der eleganten Dame, im weien
Kleid, die im Sonnenglanz von Lugano vor dem Postgebude gestanden war, fern von
allem Jammer der Welt. Sonderbares Geschpf, dachte er. Sie will natrlich ein
Buch daraus machen, sagte Anna. Also da du keinem Menschen was davon
erzhlst, auch deinem Freund Bermann nicht.
    Fllt mir nicht ein. Aber sag, Anna, mut du nicht was vorbereiten fr
abend?
    Sie nickte. Komm, begleit mich hinunter, ich will nachsehen, was da ist,
und mich im brigen mit der Marie beraten ... soweit das mglich ist.
    Sie standen auf. Die Schatten waren lang. Im Garten nebenan lrmten die
Kinder. Anna nahm den Arm des Geliebten und ging langsam mit ihm hinab. Sie
erzhlte die neuesten Beispiele von der fabelhaften Dummheit der Magd. Ich
Ehemann, dachte Georg und hrte mit Nachsicht zu. Beim Haus angelangt sprach er
die Absicht aus, Heinrich entgegenzusehen, verlie Anna und begab sich auf die
Strae. Da rttelte eben ein Einspnner heran; Heinrich sprang heraus und
entlie den Kutscher. Gr Sie Gott, sagte er zu Georg, haben Sie mich am
Ende schon erwartet? Es ist ja noch gar nicht so spt.
    Gewi nicht, Sie sind sehr pnktlich. Ist es Ihnen recht, so machen wir
noch einen kleinen Spaziergang.
    Gern.
    Sie spazierten weiter, vorbei an dem gelben Gasthof mit den roten Terrassen,
in den Wald.
    Hier ist's ja wundervoll, sagte Heinrich. Und auch Ihre Villa sieht ganz
nett aus. Warum wohnen Sie eigentlich nicht herauen?
    Ja, es ist ein Unsinn, gab Georg zu, ohne weitere Erklrungen. Dann
schwiegen sie eine Weile.
    Heinrich war in hellgrauem Sommeranzug und trug auf dem Arm seinen Mantel,
den er ein wenig nachschleppen lie. Haben Sie sie wiedererkannt? fragte er
pltzlich, ohne aufzusehen.
    Ja, erwiderte Georg.
    Sie ist nur auf einen Tag hergefahren, aus ihrem Sommerengagement. Heute
Nacht reist sie wieder zurck. Ein Handstreich sozusagen. Aber milungen. Er
lachte.
    Warum sind Sie so hart? fragte Georg und dachte an das Riesenkuvert mit
den grauen Siegeln und der albernen Aufschrift. Sie habens eigentlich nicht
ntig. Es ist ja doch nur ein Zufall, da sie nicht auch anonyme Briefe bekommen
hat, geradeso wie Sie, Heinrich. Und wer wei, wenn Sie sie nicht allein
gelassen htten, aus wei Gott was fr Grnden ...
    Heinrich schttelte den Kopf und sah Georg beinahe mitleidig an. Meinen Sie
vielleicht, ich habe die Absicht zu strafen oder zu rchen? Oder glauben Sie,
ich gehre zu den Trpfen, die an der Welt irrewerden, weil ihnen etwas passiert
ist, wovon sie doch wissen, da es schon Tausenden passiert ist vor ihnen und
Tausenden nach ihnen passieren wird? Meinen Sie, ich verachte die Ungetreue,
oder ich hasse sie? Fllt mir gar nicht ein. Womit ich nicht sagen will, da ich
nicht zuweilen die Gebrde des Hasses und der Verachtung habe, natrlich nur, um
bessere Wirkungen zu erzielen ihr gegenber. Aber in Wahrheit versteh ich ja
alles, was geschehen ist, viel zu gut, als da ich ... Er zuckte die Achseln.
    Nun, wenn Sie es verstehen
    Aber lieber Freund, das Verstehen hilft ja gar nichts. Das Verstehen ist
ein Sport wie ein anderer. Ein sehr vornehmer Sport und ein sehr kostspieliger.
Man kann seine ganze Seele darauf verschwenden und als ein armer Teufel
dastehen. Aber mit unsern Gefhlen hat das Verstehen nicht das allergeringste zu
tun beinahe so wenig wie mit unsern Handlungen. Es schtzt uns nicht vor Leid,
nicht vor Ekel, nicht vor Vernichtung. Es fhrt gar nirgends hin. Es ist eine
Sackgasse gewissermaen. Das Verstehen bedeutet immer ein Ende.
    Auf einem Seitenpfad in miger Steigung, schweigend und langsam, jeder mit
seinen eigenen Gedanken, so kamen sie aus der Waldung auf offenes Wiesenland,
das den Blick talwrts freigab. Sie blickten ber die Stadt hin, und weiter
gegen die dunstatmende Ebene, durch die schimmernd der Flu rann; zu fernen
Berglinien, vor denen dnner Rauch sich hinbreitete. Dann, im Frieden der
Abendsonne spazierten sie weiter zu Georgs Lieblingsbank am Waldesrande. Die
Sonne war fort. Georg sah jenseits des Tales, lngs des waldigen Hgels den
Sommerhaidenweg ziehen, bla und wie ausgekhlt. Dann schaute er hinab, wute,
da in dem Garten zu seinen Fen ein Birnbaum stand, unter dem er vor wenig
Stunden mit einer sehr Geliebten gesessen war, die sein Kind unter dem Herzen
trug, und war bewegt. Fr die Frauen, die vielleicht anderswo seiner warteten,
sprte er eine leise Verachtung, doch war seine Sehnsucht nach ihnen darum nicht
ausgelscht. Unten auf dem Pfad zwischen Grten und Wiesen wandelten
Sommergste. Ein junges Mdchen blickte herauf, flsterte einer andern etwas zu.
Sie sind wohl eine populre Persnlichkeit hier in dem Ort, bemerkte Heinrich
mit spttisch verzogenen Mundwinkeln.
    Nicht da ich wte.
    Die hbschen Mdchen haben Sie sehr interessiert angeguckt. Das
Nichtverheiratetsein der andern bleibt fr die Leute doch eine unerschpfliche
Quelle von Anregungen. Diesem Sommervolk da unten bedeuten Sie jedenfalls so
eine Art von Don Juan und ... und Ihre Freundin ein ent- und verfhrtes Mdchen.
Glauben Sie nicht?
    Ich wei nicht, sagte Georg, das Gesprch ablehnend.
    Und was mag ich, fuhr Heinrich unbekmmert fort, fr das Theatervolk in
der kleinen Stadt vorgestellt haben? Offenbar den betrogenen Liebhaber, also
eine ausschlielich lcherliche Figur. Und sie? Na, man kann sichs ja denken.
Riesig einfach liegen die Dinge fr die Unbeteiligten. In der Nhe schaut dann
jede Geschichte doch ganz anders aus. Aber ob sie aus der Ferne nicht das
richtigere Gesicht hat? Ob man sich nicht allerlei einredet, wenn man selber
eine Rolle in der Komdie zu spielen hat?
    Er htte auch daheim bleiben knnen, dachte Georg. Da er ihn aber nicht nach
Hause schicken konnte, und um wenigstens zu einem andern Gesprch mit ihm zu
gelangen, fragte er rasch: Hren Sie nichts von Ehrenbergs?
    Vor ein paar Tagen, erwiderte Heinrich, hatte ich von Frulein Else einen
etwas melancholischen Brief.
    Sie stehen in Korrespondenz mit ihr?
    Nein, ich stehe nicht in Korrespondenz mit ihr, wenigstens habe ich ihr
noch nicht geantwortet.
    Sie hat sich die Sache mit Oskar doch mehr zu Herzen genommen, sagte
Georg, als sie eingestehen will. Ich habe sie einmal gesprochen, im Sanatorium.
Wir sind eine ganze Weile drauen auf dem Gang gestanden vor der wei lackierten
Tre, hinter der der arme Oskar lag. Damals frchtete man auch noch fr das
andere Auge. Es ist wahrhaftig eine tragische Geschichte.
    Eine tragikomische, verbesserte Heinrich hart.
    Sie sehen berall was Tragikomisches. Ich will Ihnen auch sagen warum. Weil
Sie ziemlich herzlos sind. Das Komische tritt in diesem Falle doch ganz zurck.
    Sie irren, erwiderte Heinrich. Die Ohrfeige des alten Ehrenberg war eine
Brutalitt, der Selbstmord Oskars eine Albernheit; da er sich so schlecht
getroffen hat, eine Ungeschicklichkeit. Aus diesen Motiven kann doch nichts
Tragisches resultieren. Eine etwas widerliche Affre ist es, das ist alles.
    Georg schttelte rgerlich den Kopf. Er hatte fr Oskar, seit das Unglck
geschehen, wirkliche Sympathie gefat. Und auch der alte Ehrenberg, der seither
immer drauen in Neuhaus lebte, nur mehr fr seine Arbeit, und keinen Menschen
sehen wollte, tat ihm leid. Sie hatten beide gebt, schwerer als sie es
verdient hatten. Vermochte Heinrich das nicht geradesogut einzusehen und zu
fhlen wie er? Sie machten einen wirklich manchmal nervs, diese
jdisch-berklugen schonungslos-menschenkennerischen Leute, diese Bermann und
Nrnberger. Da man sich nur ja von nichts berraschen lie, das blieb ihnen die
Hauptsache. Gte, die war es, die ihnen fehlte. Erst wenn sie lter wurden, kam
eine gewisse Milde ber sie. Georg dachte an den alten Doktor Stauber, Frau
Golowski, an den alten Eiler. Aber so lang sie jung waren ... immer hielten sie
sich auf dem qui vive. Nur ja nicht die Dmmern sein! Eine unbequeme
Gesellschaft. Sehnsucht nach Felician, nach Skelton regte sich in ihm, die doch
wahrhaftig auch gerade gescheit genug waren; sogar nach Guido Schnstein.
    Bei aller Melancholie aber, sagte Heinrich nach einiger Zeit, scheint
sich Frulein Else ganz leidlich zu amsieren. Es gibt auch schon wieder Besuch
auf dem Auhof. Neulich waren die Wyners dort, Sissy und James. James ist in
Cambridge Doktor geworden. Nobel, was?
    Der Name Sissy zuckte an Georgs Herzen vorbei, wie ein glitzernder Dolch. Er
wute es pltzlich, in wenig Tagen wrde er bei ihr sein. Seine Sehnsucht
schwoll so mchtig auf, da er es selbst kaum begriff.
    Die Dmmerung sank. Georg und Heinrich erhoben sich, gingen die Wiese hinab
und traten in den Garten. Da sahen sie Anna in Begleitung eines Herren den
mittleren Weg heraufkommen.
    Der alte Doktor Stauber, sagte Georg, Sie kennen ihn wohl? Man begrte
einander. Ich freue mich sehr, sagte Anna zu Heinrich, da ich Sie endlich
einmal bei uns sehe.
    Bei uns, wiederholte Georg innerlich mit einem Befremden, das er gleich
wieder zurcknahm. Er ging mit Doktor Stauber voraus. Heinrich und Anna folgten
langsam.
    Wie sind Sie mit Anna zufrieden? fragte Georg den Doktor.
    Es kann nicht besser gehen, erwiderte Stauber. Sie soll nur weiter
regelmig und fleiig Bewegung machen.
    Georg fiel es ein, da er dem Doktor, den er seit seiner Rckkehr zum
erstenmal sah, die entliehenen Bcher noch nicht zurckgegeben hatte, und er
brachte seine Entschuldigung vor.
    Aber das hat ja Zeit, erwiderte Stauber. Wenn sie Ihnen nur zustatten
gekommen sind. Und er fragte ihn nach den Eindrcken, die er aus Rom mit nach
Hause genommen htte.
    Georg erzhlte von Wanderungen durch die alten Kaiserpalste, von Fahrten
durch die Campagna im Abendglanz, von einer gewitterschwlen Stunde im Garten
des Hadrian. Doktor Stauber bat ihn aufzuhren, sonst knnte es geschehen, da
er alle seine Patienten hier im Stich liee, um geradewegs nach der
vielgeliebten Stadt zu entfliehen. Dann erkundigte sich Georg hflich nach
Doktor Berthold. Ob es auf Wahrheit beruhe, da ihn schon der nchste Winter
wieder politisch ttig finden werde.
    Doktor Stauber zuckte die Achseln. Er kommt im September zurck. Das ist
vorlufig das einzig Sichere. Bei Pasteur ist er sehr fleiig gewesen, und hier
im pathologischen Institut will er eine groe Serumarbeit weiterfhren, die er
in Paris begonnen hat. Wenn er mir folgt, bleibt er dabei. Das was er jetzt
macht, ist doch wichtiger fr die Menschheit als die schnste Revolution, meiner
unmageblichen Meinung nach. Freilich, die Talente sind verschieden, und gegen
gelegentliche Umstrze habe ich gewi nichts einzuwenden. Aber unter uns, das
Talent meines Sohnes liegt doch mehr auf der wissenschaftlichen Seite. Nach der
andern Richtung treibt ihn mehr das Temperament ... vielleicht ausschlielich
die Galle. Na, wir werden ja sehen. Aber wie stehts denn mit Ihren Plnen fr
den Herbst? fgte er pltzlich hinzu und sah Georg mit seinem
gutmtig-vterlichen Blick an. Wo werden Sie den Taktstock schwingen?
    Ja wenn ich das schon selber wte, erwiderte Georg. Und whrend er dem
Arzt, der mit halbgeschlossenen Lidern, die Zigarre im Mund, ihm zur Seite ging,
in betonter Wichtigkeit von seinen Bemhungen und Aussichten erzhlte, glaubte
er zu fhlen, da alles, was er sagte, von Doktor Stauber nur als
Rechtfertigungsversuch fr das Aufschieben seiner Verheiratung mit Anna
aufgefat wrde. Eine leichte Gereiztheit gegen sie stieg in ihm auf, die hinter
ihnen herging und vielleicht ihre stille Freude daran hatte, da er von Doktor
Stauber gleichsam ins Gebet genommen wurde. Absichtlich schlug er einen immer
leichtern Ton an, als htten seine persnlichen Zukunftsplne mit Anna berhaupt
nichts zu tun und sagte endlich lustig: Ja, wer wei wo ich im nchsten Jahr um
diese Zeit bin, am Ende in Amerika.
    Das wre nicht das Schlimmste, erwiderte Doktor Stauber ruhig. Ich habe
einen Vetter, der ist Violinspieler in Boston, ein gewisser Schwarz, der
verdient dort mindestens sechsmal soviel, als er hier an der Oper gehabt hat.
    Georg liebte es nicht, mit Violinspielern namens Schwarz verglichen zu
werden und behauptete daher mit einer Bestimmtheit, die er selbst als
bertrieben empfand, da es ihm fr den Anfang berhaupt nicht aufs
Geldverdienen ankme. Pltzlich, er wute nicht, woher der Gedanke ihm kam, fuhr
es ihm durch den Sinn: Wenn Anna stirbt! ... Wenn das Kind ihr Tod wre! Er
erschrak aufs tiefste, als htte er mit diesem Gedanken eine Schuld auf sich
geladen. Und im Geist sah er Anna daliegen, das Bahrtuch bis bers Kinn gezogen,
und sah das Licht des Tags und der Kerzen ber ihr wachsbleiches Antlitz rinnen.
Angstvoll beinahe wandte er sich um, wie um sich zu vergewissern, da sie da war
und lebte. Im Dunkel verschwammen ihm die Zge ihres Gesichts, was ihn
erschauern machte. Er blieb mit dem Doktor stehen, bis Anna mit Heinrich
herangekommen war. Er war glcklich, sie so nah zu haben. Jetzt wirst du aber
doch schon md sein, sagte er zu ihr in zrtlichstem Tone.
    Mein Pensum hab ich allerdings fr heute redlich absolviert, erwiderte
sie. Im brigen, und sie wies zur Veranda hin, wo auf dem gedeckten Tisch die
Lampe mit dem grnen Papierschirm stand, wird auch das Nachtmahl gleich da
sein. Es wr hbsch, Herr Doktor, wenn Sie bei uns blieben, ja?
    Leider, liebes Kind, ist es mir nicht mglich. Ich sollte schon lngst
wieder in der Stadt sein. Gren Sie die Frau Golowski von mir. Auf Wiedersehen.
Adieu Herr Bermann. Na, fgte er hinzu, wird man bald wieder etwas Schnes von
Ihnen zu hren oder zu lesen bekommen?
    Heinrich zuckte die Achseln, lchelte gesellschaftlich und schwieg. Warum,
dachte er, werden sogar die besterzogenen Menschen meistens taktlos, wenn sie
mit unsereinem zusammenkommen? Frag ich ihn nach seinen Angelegenheiten?
    Der Arzt sprach noch mit einigen Worten Heinrich seine Teilnahme an des
alten Bermann Tod aus. Er erinnerte sich an dessen berhmt gewordene Rede gegen
die Einfhrung der tschechischen Gerichtssprache in gewissen bhmischen
Bezirken. Damals war es an einem Haar gehangen, da der jdische Provinzadvokat
Justizminister geworden wre. Ja, die Zeiten hatten sich gendert.
    Heinrich horchte auf. Das lie sich am Ende fr die politische Komdie
verwenden.
    Doktor Stauber verabschiedete sich, Georg begleitete ihn zum Wagen, der
drauen wartete, und benutzte die Gelegenheit, einige Fragen medizinischer Natur
an den Arzt zu richten. Dieser konnte ihn in jeder Hinsicht beruhigen. Nur
schade, schlo er, da die Umstnde es Anna nicht gestatten, das Kind selbst
zu stillen.
    Georg stand gedankenvoll. Ihr konnte es doch nicht schaden? ... Hchstens
dem Kind. Oder auch ihr? ... Er fragte den Arzt.
    Was sollen wir davon reden, wenn es ja doch nicht geht, lieber Baron. Na,
machen Sie sich keine Sorgen, setzte er hinzu und hatte den einen Fu schon auf
dem Wagentritt. Um das Kind von Ihnen beiden braucht einem nicht bang zu sein.
    Georg blickte ihm fest ins Auge und sagte: Ich werde jedenfalls dafr Sorge
tragen, da es seine ersten Lebensjahre in gesunder Luft zubringt.
    Das ist ja sehr schn, sagte Doktor Stauber mild. Aber gesndere Luft als
im Elternhaus gibts im allgemeinen fr Kinder nirgends auf der Welt. Er reichte
Georg die Hand, und der Wagen rollte davon.
    Georg blieb einen Augenblick stehen, fhlte eine lebhafte Verstimmung gegen
den Arzt und gab sich selbst das Versprechen, es nie wieder zu Gesprchen mit
ihm kommen zu lassen, die diesem gewissermaen das Recht gaben, ungebetene
Ratschlge oder gar versteckte Vorwrfe vorzubringen. Was wute der alte Mann?
Was verstand er im Grunde von der Sache? Immer heftiger wehrte es sich in Georg.
Wann es mir beliebt, sagte er bei sich, werde ich sie heiraten. Knnte sie
brigens nicht das Kind bei sich behalten? Hat sie nicht selbst gesagt, da sie
stolz darauf sein wird, ein Kind zu haben? Ich will es ja auch nicht verleugnen.
Und ich werde alles tun, was in meinen Krften steht. Und spter, spter einmal
... Aber ich beginge ein Unrecht an mir, an ihr, an dem Kind, wenn ich mich heut
schon zu etwas entschlsse, wofr es zum mindesten noch zu frh ist.
    Langsam war er an der Schmalseite des Hauses vorbei in den Garten spaziert.
Auf der Veranda sah er Anna und Heinrich sitzen. Eben kam die Marie aus dem
Haus, sehr rot im Gesicht, und setzte auf den Tisch eine warme Schssel, von der
der Dampf aufstieg. Wie ruhig Anna dasitzt, dachte Georg, und blieb im Dunkel
stehen. Wie wohlgelaunt, wie sorgenlos, als knnte sie mir vllig vertrauen. Als
gbe es nicht Tod, Armut, treuloses Verlassen. Als liebte ich sie so, wie sie es
verdient! Und wieder erschrak er. Lieb ich sie denn weniger? Darf sie mir denn
nicht vertrauen? Wenn ich dort oben auf der Bank am Waldesrand sitze, quillt
manchmal soviel Zrtlichkeit in mir auf, da ich vergehen mchte. Warum spr ich
jetzt so wenig davon? Er stand nur wenige Schritte entfernt, sah, wie sie
verteilte; dann, wie sie ins Dunkel hineinstarrte, aus dem er kommen mute, und
wie ihre Augen zu leuchten begannen, als er pltzlich ins Licht trat. Einzig
Geliebte! dachte er. Wie er dann bei den andern sa, sagte Anna: Du hast ja mit
dem Doktor eine so lange Konferenz gehabt.
    Keine Konferenz, wir haben geplaudert. Auch von seinem Sohn hat er mir
erzhlt, der bald wieder zurckkommt.
    Heinrich fragte nach Berthold. Der junge Mann interessierte ihn, und er
hoffte sehr, ihn im nchsten Winter kennen zu lernen. Die Rede voriges Jahr ber
den Fall Therese Golowski und dann der offene Brief an seine Whler, in dem er
die Grnde seines Rcktrittes dargelegt hatte, das waren Leistungen hohen Ranges
gewesen ... Ja und mehr als das Dokumente der Zeit.
    ber Annas Antlitz flog ein leichtes, beinahe stolzes Lcheln. Sie sah auf
ihren Teller nieder und dann rasch zu Georg auf. Auch Georg lchelte. Keine Spur
von Eifersucht regte sich in ihm. Ob Berthold ahnte ...? Gewi. Ob er litt? ...
Wahrscheinlich. Ob er Anna verzeihen knnte? Da man da erst verzeihen mute!
Wie dumm.
    Ein Gericht Schwmme wurde aufgetragen, bei dessen Erscheinen Heinrich die
Frage nicht unterlassen konnte, ob sie etwa giftig wren. Georg lachte.
    Sie brauchen mich nicht zu verhhnen, sagte Heinrich. Wenn ich mich
umbringen wollte, wrde ich weder vergiftete Schwmme, noch verdorbene Wurst,
sondern ein edleres und rascheres Gift whlen. Man ist zuweilen
lebensberdrssig, aber man ist nie gesundheitsberdrssig, selbst fr die
letzte Viertelstunde seiner Existenz. Und im brigen ist die ngstlichkeit eine
ganz rechtmige, nur meistens schndlich verleugnete Tochter des Verstandes.
Denn was heit ngstlichkeit? Alle Mglichkeiten in Betracht ziehen, die aus
einer Handlung erfolgen knnen, die schlimmen geradeso wie die guten. Und was
ist Mut? Ich meine natrlich den wirklichen, der viel seltener vorkommt, als man
glaubt. Denn der affektierte, oder kommandierte, oder suggerierte Mut zhlt doch
nicht. Der echte Mut ist oft gewi nichts anderes als der Ausdruck fr eine
sozusagen metaphysische berzeugung von der eigenen berflssigkeit.
    Du Jude, dachte Georg ohne Feindseligkeit, und dann: er hat vielleicht nicht
so unrecht.
    Das Bier, von dem Anna nicht trank, schmeckte so gut, da die Marie um einen
zweiten Krug ins Wirtshaus geschickt wurde. Man kam in behagliche Stimmung.
Georg erzhlte wieder von der Reise: von den sonnenschweren Tagen in Lugano, von
der Fahrt ber den beschneiten Brenner, von der Wanderung durch die dcherlose
Stadt, die nach zweitausendjhriger Nacht dem Licht entgegendrngte; er beschwor
den Augenblick wieder herauf, in dem sie dabei gewesen waren, er und Anna, als
Arbeiter vorsichtig und mhevoll eine Sule aus der Asche herausschaufelten.
Heinrich hatte Italien noch nicht gesehen. Im nchsten Frhjahr wollte er hin.
Er erklrte, da er sich manchmal in Sehnsucht verzehre, wenn auch nicht gerade
nach Italien, doch nach Fremde, Ferne, Welt. Manchmal, wenn er vom Reisen
sprechen hrte, bekme er Herzklopfen wie ein Kind am Vorabend des Geburtstages.
Er zweifelte, da es ihm bestimmt war, sein Leben in der Heimat zu vollenden.
Vielleicht auch, da er nach jahrelangen Wanderungen zurckkehrte, in einem
kleinen Haus auf dem Land den Frieden seiner sptern Mannesjahre fnde. Wer
wei, es gbe ja so seltsame Zuflle, ob ihm nicht bestimmt war, gerade in
diesem Haus sein Dasein zu beschlieen, in dem er nun eben zu Gaste sei und sich
so wohl fhle, wie schon lange nicht. Anna bedankte sich, als wre sie nicht nur
hier in der Villa Hausfrau, sondern innerhalb dieser ganzen, abendlich-stillen
Welt. Aus dem Dunkel des Gartens begann es milde zu leuchten. Von den Grsern
und Blumen kam feuchtwarmer Duft. Die lngliche Wiese, die zum Gitter hinlief,
schwebte im Mondenschein empor, und die weie Bank unter dem Birnbaum schimmerte
her, wie von sehr ferne. Anna sagte zu Heinrich Freundliches ber die Verse aus
dem Operntext, die Georg ihr neulich vorgelesen hatte.
    Ja richtig, bemerkte Georg, die Beine behaglich gekreuzt und eine Zigarre
rauchend, haben Sie uns etwas Neues mitgebracht?
    Heinrich schttelte den Kopf. Nein, nichts.
    Wie schade, sagte Anna und machte den Vorschlag, Heinrich sollte doch den
Gang der Handlung geordnet und ausfhrlich erzhlen. Schon lange wnschte sie
sich das. Aus Georgs Berichten liee sich kein klares Bild gewinnen.
    Sie sahen einander an. Die dunkle, se Stunde stieg vor ihnen auf, da sie
Brust an Brust geruht in einem dunkeln Zimmer, vor dessen Fenstern hinter
wallendem Schneevorhang eine graue Kirche verdmmert und in das Orgeltne dumpf
geklungen waren. Ja, nun wuten sie, wo das Haus stand, in dem das Kind zur Welt
kommen sollte. Auch ein anderes, dachte Georg, steht vielleicht schon irgendwo,
in dem das Kind, das heute noch nicht geboren ist, sein Leben enden wird als
Mann oder als Greis oder ... ach, was fr Gedanken ... fort, fort.
    Heinrich erklrte sich bereit, den Wunsch Annas zu erfllen, und stand auf.
Es wird mir vielleicht selber ntzlich sein, sagte er wie zur Entschuldigung.
Ich knnte ber allerhand ins Reine kommen.
    Aber geben Sie acht, da Sie nicht pltzlich in Ihre politische
Tragikomdie geraten, bemerkte Georg. Und zu Anna gewandt: Er schreibt nmlich
ein Stck mit einem deutschnationalen Couleurstudenten als Helden, der sich aus
Verzweiflung ber die Emanzipation der Juden mit Schwmmen vergiftet.
    Heinrich winkte ab. Ein Glas Bier weniger und Sie htten nicht einmal
diesen Witz gemacht.
    Neid, erwiderte Georg. Er fhlte sich auerordentlich gut aufgelegt,
insbesondere, weil er nun fest entschlossen war, bermorgen abzureisen. Er sa
ganz nahe bei Anna, hielt ihre Hand in der seinen und hrte es wie von Melodien
spterer Tage im tiefsten Grunde seiner Seele rauschen.
    Heinrich stand pltzlich im Garten drauen vor der Veranda, griff ber die
Brstung, nahm seinen Mantel vom Sessel und schlug ihn romantisch um sich. Ich
beginne, sagte er. Erster Akt.
    Vorher Ouverture in D-moll, unterbrach ihn Georg. Er pfiff eine getragene
Melodie, nur ein paar Tne, und schlo mit einem und so weiter.
    Der Vorhang hebt sich, sagte Heinrich. Fest im kniglichen Garten. Nacht.
Am nchsten Tag soll die Prinzessin mit dem Herzog Heliodor vermhlt werden.
Vorlufig nenn ich ihn Heliodor, er wird wahrscheinlich anders heien. Der Knig
betet seine Tochter an und kann Heliodor, der eine Art von zsarenwahnsinnigem
Gecken vorstellt, nicht ausstehen. Zu diesem Fest, das der Knig hauptschlich
gibt, um Heliodor zu rgern, sind nicht nur die Edeln des Landes geladen,
sondern die Jugend aller Stnde, soweit sie sich durch Schnheit ein Recht dazu
erworben hat. Und die Prinzessin soll an diesem Abend mit jedem tanzen drfen,
der ihr gefllt. Da ist besonders einer, gidius mit Namen, von dem sie ganz
hingerissen scheint. Und niemand freut sich mehr darber als der Knig.
Eifersucht Heliodors. Steigendes Vergngen auf Seite des Knigs.
Auseinandersetzung zwischen Heliodor und dem Knig. Hohn, Verfeindung. Nun
geschieht etwas hchst Unerwartetes. gidius zckt den Dolch gegen den Knig, er
will ihn ermorden. Dieser Mordversuch mte natrlich sehr sorgfltig motiviert
werden, wenn Sie nicht die Gte htten, lieber Georg, die Sache in Musik zu
setzen. So wird es gengen, anzudeuten, da der Jngling ein Tyrannenhasser,
Mitglied einer geheimen Verbindung, vielleicht ein Narr oder Held auf eigne
Faust ist. Das wei ich nmlich noch nicht. Der Mordversuch milingt. gidius
wird festgenommen. Der Knig wnscht mit ihm allein zu bleiben. Duett. Der
Jngling ist stolz, gefat, gro, der Knig berlegen, grausam, unergrndlich.
So ungefhr stell ich mir ihn vor: Er hat schon viele in den Tod geschickt,
schon viele sterben sehen, aber ihm, in seiner ungeheuern innern Wachheit,
scheinen alle brigen Menschen in einem Zustand halber Bewutheit dahinzuleben,
so da ihr Dahingehen gewissermaen nichts anderes zu bedeuten hat als einen
Schritt aus Dmmerung in Finsternis. Ein solcher Untergang scheint ihm hier zu
mild oder zu banal. Diesen Jngling will er aus einem Tag, wie ihn noch kein
Sterblicher genossen, ins furchtbarste Dunkel strzen. Ja, das geht in ihm vor.
Wieviel er davon ausspricht oder singt, das wei ich natrlich noch nicht.
gidius, als ein nach aller Meinung zu sofortigem Tod Bestimmter, wird
abgefhrt, und zwar auf dasselbe Schiff, auf dem am Abend darauf Heliodor mit
der Prinzessin ihre Reise htten antreten sollen. Der Vorhang fllt. Der zweite
Akt spielt auf dem Verdeck. Das Schiff in voller Fahrt. Chor. Einzelne Gestalten
heben sich heraus. Ihre Bedeutung tritt erst spter zutage. Morgendmmerung.
gidius wird aus dem untern Schiffsraum heraufgeleitet. Wie er natrlich glauben
mu, zum Tode. Aber es kommt anders. Seine Fesseln werden gelst, alle neigen
sich vor ihm. Er wird begrt wie ein Frst. Die Sonne geht auf. gidius hat
Gelegenheit zu bemerken, da er sich in der besten Gesellschaft befindet. Schne
Frauen, Edelleute. Ein Weiser, ein Snger, ein Narr sind zu grern Rollen
bestimmt. Aus dem Chor der Frauen lst sich aber keine andre als die Prinzessin
selbst, die gidius zu eigen gehrt, wie alles auf dem Schiff.
    Ein splendider Vater und Knig, sagte Georg.
    Fr einen geistreichen Einfall ist ihm nichts zu teuer, erluterte
Heinrich, das ist seine Natur. Es folgt ein herrliches Duett zwischen gidius
und der Prinzessin, dann setzt man sich zum Mahl. Nach dem Mahle Tanz. Hohe
Stimmung. gidius mu sich natrlich fr gerettet halten. Er wundert sich nicht
bermig, denn sein Ha gegen den Knig war immer sehr von Bewunderung
unterzndet. Der Abend bricht an. Pltzlich ist ein Fremder an der Seite des
gidius. Vielleicht ist er auch lngst dagewesen. Einer unter den vielen,
unbemerkt, stumm. Er hat ein Wort mit gidius zu sprechen. Fest und Tanz gehen
unterdessen weiter. gidius und der Fremde. All dies ist Euer, sagt der Fremde.
Ihr knnt damit nach Belieben walten, knnt Besitz ergreifen und tten, ganz wie
Ihr wollt. Aber morgen ... oder in zwei, oder in sieben Tagen, oder in einem
Jahr, oder in zehn oder noch spter, wird dieses Schiff sich einer Insel nhern,
an deren Ufer auf einem Felsen eine marmorne Halle ragt. Und dort wartet Euer
der Tod. Der Tod. Euer Mrder ist mit Euch auf dem Schiff. Aber nur der eine,
der dazu bestimmt ist, Euer Mrder zu sein, wei es selbst. Kein anderer kennt
ihn. Ja berhaupt kein anderer auf diesem Schiff ahnt, da Ihr ein Todgeweihter
seid. Das bewahrt wohl in Euch! Denn wenn Ihr Euch irgendwie merken lat, da
Euer Los Euch selbst bekannt ist, so seid Ihr noch in derselben Stunde dem Tode
verfallen.
    Heinrich sprach diese Worte mit affektiertem Pathos, wie um seine
Befangenheit zu verbergen. Einfacher fuhr er fort. Der Fremde verschwindet.
Vielleicht la ich ihn auch ans Land setzen von zwei Schweigenden, die ihn
begleitet haben. gidius bleibt zurck, unter Hunderten, Mnnern und Frauen, von
denen einer oder eine sein Mrder ist. Wer? Der Weise? Der Narr? Der Sterngucker
dort? Irgendeiner von denen, die im Dunkeln kauern? Die dort am Gelnder
schleichen? Eine von den Tnzerinnen? Die Prinzessin selbst? Sie tritt wieder zu
ihm, ist sehr zrtlich, ja leidenschaftlich. Heuchlerin? Mrderin? Liebende?
Wissende? Jedenfalls die Seine. All dies heute noch so sein. Nacht ber dem
Meer. Schauer. Wonnen. Das Schiff langsam weiter, jenem Ufer entgegen, das
Stunden oder Jahre weit entfernt im Nebel liegt. Die Prinzessin ruht zu seinen
Fuen, gidius starrt in die Nacht und wartet. Heinrich hielt inne, wie selbst
bewegt. In Georg klang es. Er hrte die Musik zu der Szene, da der Fremde
verschwindet, von den Schweigenden begleitet, und dann allmhlich wieder das
Fest nach dem Vordergrund der Bhne zurauscht. Nicht nur als Melodie war sie in
ihm, sondern schon mit aller Flle der Instrumente. Tnten nicht Flte, Oboe und
Klarinette? Sang Cello und Violine nicht? Drhnte nicht leiser Trommelschlag aus
dem Winkel des Orchesters? Unwillkrlich hob er den rechten Arm, als hielte er
den Taktstock in der Hand.
    Und der dritte Akt? fragte Anna, da Heinrich noch immer schwieg.
    Der dritte Akt, wiederholte Heinrich, und seine Stimme klang bedrckt,
der dritte wird wohl in jener Halle auf dem Felsen spielen glauben Sie nicht?
Er mte, denk ich, mit einem Gesprch anfangen zwischen dem Knig und dem
Fremden. Oder mit einem Chor? Nein, auf unbewohnten Inseln gibt es ja keine
Chre. Also der Knig ist jedenfalls da, und das Schiff ist in Sicht. brigens,
warum mu die Insel unbewohnt sein? Er hielt inne.
    Nun? fragte Georg ungeduldig.
    Heinrich legte beide Arme auf die Brstung der Veranda. Soll ich Ihnen was
verraten? es ist gar keine Oper ...
    Wie meinen Sie?
    Es hat schon seine guten Grnde, da ich an dieser Stelle nie recht weiter
gekommen bin. Es ist eine Tragdie, offenbar. Und ich habe nur die Courage
nicht, sie zu schreiben. Wissen Sie, was darzustellen wre? Die innere Wandlung
des gidius wre darzustellen. Das ist offenbar das Schwierige und Schne an dem
Stoff, mit andern Worten das, woran ich mich nicht wage. Eine Flucht ist die
Idee mit der Oper, und ich wei nicht, ob ich mir dergleichen darf angehen
lassen. Er schwieg.
    Aber jedenfalls, sagte Anna, mssen Sie uns den Schlu erzhlen, so wie
Sie ihn fr die Oper im Sinn hatten. Ich kann Ihnen nmlich nicht verhehlen, da
ich sehr gespannt bin.
    Heinrich zuckte die Achseln und erwiderte mde: Also das Schiff legt an.
gidius kommt ans Land, er soll ins Meer gestrzt werden.
    Durch wen? fragte Anna.
    Aber ich wei ja nicht, erwiderte Heinrich leidend. Von jetzt ab wei ich
berhaupt nichts mehr.
    Ich hab mir gedacht, da die Prinzessin es sein wrde, die ..., sagte Anna
und vollfhrte eine todverkndende Handbewegung durch die Luft.
    Heinrich lchelte mild. Ich hab natrlich auch daran gedacht, aber ... Er
unterbrach sich und sah pltzlich gespannt zum Nachthimmel auf.
    Im ersten Plan, bemerkte Georg migelaunt, sollte es mit einer Art
Begnadigung enden. Aber sowas ist wohl nur fr eine Oper gut genug. Jetzt, als
Tragdienheld wird er natrlich wirklich ins Meer hinuntergestrzt werden, Ihr
gidius.
    Heinrich hob den Zeigefinger geheimnisvoll empor, und seine Zge belebten
sich wieder. Ich glaube, mir dmmert was. Aber sprechen wir vorlufig nicht
davon, wenn ich bitten darf. Es ist doch vielleicht gut gewesen, da ich den
Anfang erzhlt habe.
    Wenn Sie aber glauben, da ich Ihnen eine Zwischenaktmusik machen werde,
sagte Georg ohne besondre Kraft, so tuschen Sie sich.
    Heinrich lchelte schuldbewut gleichgltig, und die gute Stimmung war
dahin. Anna fhlte mit Mibehagen, da die ganze Geschichte verpufft war. Georg
war unsicher, ob er sich rgern sollte, da seine Hoffnung ins Wanken gekommen,
oder sich freuen, da er einer Art Verpflichtung ledig geworden war. Heinrich
aber war zumute, als verlieen ihn seine eigenen Gestalten in schattenhafter
Verwirrung, hhnisch, ohne Abschied und ohne das Versprechen wiederzukommen. Er
fand sich allein, verlassen, in einem traurigen Garten, in Gesellschaft eines
liebenswrdigen guten Bekannten und einer jungen Dame, die ihn gar nichts
anging. Er mute mit einemmal an ein Geschpf denken, das zu dieser Stunde mit
rotgeweinten Augen hoffnungslos in einem schlecht beleuchteten Kupee dunkeln
Bergen entgegenfuhr, in Sorge, ob sie morgen frh rechtzeitig zur Probe
erscheinen wrde. Nun fhlte er es wieder: seit das zu Ende war, ging es abwrts
mit ihm. Nichts hatte er mehr und niemanden. Das Leid jener klglichen und in
Qual gehaten Person war sein einziger Besitz. Und wer wei, morgen schon, mit
den rotgeweinten Augen lchelte sie einen andern an, noch immer Schmerz und
Sehnsucht in der Seele und doch schon neue Lebenslust im Blut.
    Frau Golowski war auf der Veranda erschienen, etwas versptet und eilig,
noch mit Hut und Schirm. Sie brachte Gre aus der Stadt von Therese, die Anna
nchster Tage wieder einen Besuch abstatten wollte. Georg, der an einem
Holzpfeiler der Veranda lehnte, wandte sich an Frau Golowski mit der
absichtlichen Hflichkeit, die er ihr gegenber stets zur Schau trug. Wollen
Sie nicht Frulein Therese in unserm Namen fragen, ob sie nicht einmal ein paar
Tage herauen wohnen mchte? Die Mansarde oben ist vollkommen zu ihrer
Verfgung. Ich gehe nmlich demnchst auf kurze Zeit ins Gebirge, setzte er
hinzu, als wenn er sonst das kleine Zimmer oben regelmig bewohnte.
    Frau Golowski dankte. Sie wollte es Therese bestellen. Georg sah nach der
Uhr und fand, da es Zeit war, sich auf den Heimweg zu machen. Dann
verabschiedete er sich mit Heinrich. Anna begleitete beide bis zur Gartentr,
blieb dort noch eine Weile stehen und sah ihnen nach, bis sie auf der Hhe
waren, wo der Sommerhaidenweg anfing.
    Die kleine Ortschaft im Talgrund flo im Mondenschein dahin. Die Hgel
standen fahl, wie dnne Wnde. Der Wald atmete Dunkelheit. In der Ferne
glitzerten tausend Lichter aus dem Nachtsommerdunst der Stadt. Schweigend gingen
Heinrich und Georg nebeneinander her, und Fremdheit stieg zwischen ihnen auf.
Georg erinnerte sich jenes Spaziergangs durch den Prater im vorigen Herbst, da
ein erstes, beinahe vertrautes Gesprch sie einander genhert hatte. Wie viele
waren seither gefolgt! Aber waren sie nicht alle wie in die Luft geweht? Auch
heute noch nicht konnte Georg mit Heinrich wortlos durch die Nacht wandeln wie
frher so manchmal mit Guido, mit Labinski auch, ohne sich innerlich von ihm
fort zu verlieren. Das Schweigen wurde ihm drckend. Er begann, weil das ihm
eben zuerst einfiel, von dem alten Stauber und pries dessen Verllichkeit und
Vielseitigkeit. Heinrich war nicht fr ihn eingenommen, fand ihn ein wenig
berauscht von der eigenen Gte, Weisheit und Tchtigkeit. Das war auch eine
Sorte Juden, die er nicht leiden mochte: die mit sich einverstandenen. Sie kamen
auf den jungen Stauber zu reden, dessen Schwanken zwischen Politik und
Wissenschaft fr Heinrich etwas sehr Anziehendes zu haben schien. Von da aus
gerieten sie in eine Unterhaltung ber die Zusammensetzung des Parlaments, ber
die Znkereien zwischen Deutschen und Tschechen, ber die Angriffe der
Klerikalen gegen den Unterrichtsminister. Sie redeten mit so angestrengter
Beflissenheit, wie man nur ber Dinge zu sprechen pflegt, die einem im Grunde
der Seele vllig gleichgltig sind. Endlich debattierten sie darber, ob der
Minister nach der zweifelhaften Rolle, die er in der Frage der Zivilehe
gespielt, im Amte bleiben durfte oder nicht; und wuten am Ende nicht mehr
recht, wer von ihnen beiden sich fr, und wer sich gegen die Demission
ausgesprochen hatte. Sie gingen lngs des Friedhofs hin. ber die Mauer ragten
Kreuze und Grabsteine und schwammen im Mondenschein. Der Weg senkte sich nach
abwrts zur Strae. Sie eilten beide, um die letzte Pferdebahn zu erreichen,
und, auf der Plattform stehend, in schwler, dunstiger Nachtluft rollten sie der
Stadt zu. Georg erklrte, da er den ersten Teil seiner Reise zu Rad zu
unternehmen gedchte. Und einem pltzlichen Einfall folgend, fragte er Heinrich,
ob er nicht mit von der Partie sein wollte. Heinrich war einverstanden und nach
wenigen Minuten begeistert. Beim Schottentor stiegen sie aus, suchten ein nahes
Caf auf und bestimmten in einer ausfhrlichen Unterredung mit Zuhilfenahme von
Spezialkarten, die sie in Lexikonbnden fanden, alle mglichen Reiselinien. Als
sie sich voneinander verabschiedeten, stand der Plan zwar noch nicht ganz fest,
aber sie wuten schon, da sie bermorgen frh miteinander Wien verlassen und in
Lambach ihre Rder besteigen wrden.
    Am offenen Fenster seines Schlafzimmers stand Georg noch eine ganze Weile
berwach. Er dachte an Anna, von der er morgen fr wenige Tage nur Abschied
nehmen sollte, und sah sie vor sich, so wie sie in dieser Stunde im blassen
Dmmerlicht zwischen Mond und Morgen auf dem Land drauen in ihrem Bette
schlummern mochte. Aber es war ihm in dumpfer Weise, als stnde diese
Erscheinung nicht mit seinem Schicksal in Zusammenhang, sondern irgendwie mit
dem eines Unbekannten, der selbst noch nichts davon wute. Und da in jenem
schlummernden Wesen ein anderes noch tiefer und geheimnisvoller schlief, und da
dies andre sein Kind sein sollte, das vermochte er gar nicht zu fassen. Jetzt,
da die Nchternheit der Frhe beinahe schmerzlich durch seine Sinne schlich,
ward ihm das ganze Erlebnis fern und unwahrscheinlich wie noch nie. Immer
hellerer Schein zeigte sich ber Dchern und Trmen, aber die Stadt war noch
lange nicht erwacht. Ganz regungslos lag die Luft. Von den Bumen drben aus dem
Park kam kein Wehen, kein Duft von den verblhten Beeten. Und Georg stand am
Fenster; glcklos und ohne Begreifen.

                               Siebentes Kapitel


Langsam stieg Georg aus dem untern Schiffsraum empor, auf schmaler,
teppichbelegter Treppe, zwischen langgedehnten, schiefen Spiegeln; und in einen
langen, dunkelgrnen Plaid gehllt, der nachschleppte, wandelte er unter dem
Sternenhimmel auf dem menschenleeren Verdeck auf und ab. Am Steuer, bewegungslos
wie immer, stand Labinski, drehte das Rad und hatte den Blick zum offenen Meer
gerichtet. Welche Karriere! dachte Georg. Zuerst Toter, dann Minister, dann ein
kleiner Bub mit einem Muff und heute schon ein Steuermann. Wenn er wte, da
ich auf diesem Schiff bin, so wrde er sicher appellieren. Geben Sie acht,
sagten hinter Georg die zwei blauen Mdeln, die er vom Seeufer her kannte; aber
schon strzte er hin, verwickelte sich in den Plaid und hrte den Flgelschlag
weier Mven ber seinem Haupt. Gleich darauf sa er unten im Salon an der
Tafel, die so lang war, da die Leute am Ende ganz klein aussahen. Ein Herr
neben ihm, der dem alten Grillparzer hnlich sah, bemerkte rgerlich: Immer hat
dieses Schiff Versptung, schon lngst sollten wir in Boston sein. Nun bekam
Georg groe Angst; denn wenn er beim Aussteigen die drei Partituren im grnen
Einband nicht vorweisen konnte, so wurde er unbedingt wegen Hochverrats
verhaftet. Darum sah ihn auch der Prinz, der den ganzen Tag auf dem Verdeck mit
dem Rad hin und herraste, manchesmal so sonderbar von der Seite an. Und um den
Verdacht noch zu steigern, mute er an der Tafel in Hemdrmeln dasitzen, whrend
smtliche Herren, wie immer auf Schiffen, Generalsuniformen und alle Damen rote
Samttoiletten trugen. Gleich sind wir in Amerika, sagte ein heiserer Steward,
der Spargel verteilte, nur noch eine Station. Die andern knnen ruhig sitzen
bleiben, dachte Georg, die haben nichts zu tun, ich aber mu gleich ins Theater
schwimmen. Und in dem groen Spiegel ihm gegenber erschien die Kste: lauter
Huser ohne Dcher, die terrassenartig immer hher hinaufstiegen; und ganz oben
in einem weien Kiosk mit durchbrochener Steinkuppel, ungeduldig, wartete die
Musikkapelle. Die Glocke auf dem Verdeck ertnte, und Georg stolperte mit seinem
grnen Plaid und zwei Handtaschen die Treppe hinauf zum Garten. Aber man hatte
den unrichtigen hertransportiert; es war nmlich der Stadtpark; auf einer Bank
sa Felician, neben ihm eine alte Dame in einer Mantille, legte die Finger an
die Lippen, pfiff sehr laut, und mit auergewhnlich tiefer Stimme sagte
Felician: Kemmelbach Ybs. Nein, dachte Georg, solch ein Wort nimmt Felician
nicht in den Mund ... rieb sich die Augen und erwachte.
    Der Zug setzte sich eben wieder in Bewegung. Vor dem geschlossenen
Kupeefenster leuchteten zwei rote Laternen auf. Dann rann still und schwarz die
Nacht vorbei. Georg zog seinen Reiseplaid fester um sich und starrte auf die
grn verhngte Lampe an der Decke. Ach wie gut, dachte er, da ich allein im
Kupee bin, so hab ich doch mindestens vier oder fnf Stunden fest geschlafen.
Was war das fr ein seltsam wirrer Traum? Die weien Mven fielen ihm zuerst
wieder ein. Ob die irgend etwas zu bedeuten hatten? Dann dachte er an die alte
Frau mit der Mantille, die eigentlich niemand anders war, als Frau Oberberger.
Sie wrde sich nicht sonderlich geschmeichelt fhlen. Aber hatte sie nicht
wirklich ausgesehen wie eine ganz alte Dame, als er sie vor ein paar Tagen an
der Seite ihres leuchtenden Gemahls in der Loge des kleinen, wei-roten
Kurtheaters erblickt hatte? Und auch Labinski war ihm im Traum erschienen, als
Steuermann, sonderbarerweise. Und auch die Mdchen in blauen Kleidern, die vom
Hotelgarten aus durchs Fenster ins Klavierzimmer hineingeblickt hatten, sobald
sie ihn spielen hrten. Aber was war denn nur das Gespenstische in diesem Traum
gewesen?
    Nicht die blauen Mdchen, auch Labinski nicht und nicht der Prinz von
Guastalla, der zu Rad bers Verdeck gerast war. Nein, seine eigene Gestalt war
ihm so gespenstisch erschienen, wie sie zu beiden Seiten neben ihm in den
langgedehnten, schiefen Spiegeln, hundertmal vervielfacht einhergeschlichen war.
    Es begann ihn zu frsteln. Durch den Luftspalt oben drang khle Nachtluft
ins Kupee herein. Die tiefschwarze Finsternis drauen wandelte sich allmhlich
in schweres Grau, und pltzlich klangen Georg Worte im Ohr, die er vor wenigen
Stunden erst von einer dunkeln Frauenstimme gehrt hatte, klangen flsternd und
weh: Wie bald wirst du mich vergessen haben ... Er wollte die Worte nicht hren.
Er wollte, sie wren schon wahr geworden, und wie verzweifelt strzte er sich
zurck in die Erinnerung seines Traums. Es war ihm ganz klar, da der Dampfer,
auf dem er die Konzertreise nach Amerika unternommen, eigentlich das Schiff
bedeutet hatte, auf dem gidius seinem dstern Schicksal entgegenfuhr. Und der
Kiosk mit der Musikkapelle war die Halle gewesen, wo den gidius der Tod
erwartete. Wundervoll hatte der Sternenhimmel sich ber das Meer gebreitet. Die
Luft war so blau und die Sterne so silbern gewesen, wie er sie im Wachen niemals
gesehen, nicht einmal in der Nacht, da er mit Grace von Palermo nach Neapel
gereist war. Pltzlich wieder, flsternd und weh, klang durch das Dunkel die
Stimme der geliebten Frau: Wie bald wirst du mich vergessen haben ... Und nun
sah er sie selbst vor sich, wie er sie vor wenig Stunden erst gesehen, das
dunkle Haar ber die Polster flieend, bleich und nackt. Er wollte nicht dran
denken, beschwor andre Bilder aus den Tiefen seiner Erinnerung hervor, jagte sie
mit Willen an sich vorbei ... Er sah sich auf einem Friedhof umhergehen in
schmelzendem Februarschnee, mit Grace; er sah sich mit Marianne ber eine weie
Landstrae dem winterlichen Wald entgegenfahren; er sah sich mit seinem Vater in
spter Abendstunde ber die Ringstrae wandeln; und endlich drehte sich sausend
ein Ringelspiel an ihm vorber, Sissy mit lachenden Lippen und Augen schaukelte
auf einem hlzernen, braunen Pferde, Else anmutig-damenhaft sa in einem roten
Wgelchen, und Anna ritt einen Araber, lssig die Zgel in der Hand. Anna! Wie
jung und holdselig sie aussah! War das wirklich dieselbe, die er in wenigen
Stunden wiedersehen sollte; und war er wirklich nur zehn Tage von ihr fern
gewesen? Und sollte er nun alles wiedersehen, was er vor zehn Tagen verlassen
hatte: zwischen Blumenbeeten den kleinen Engel aus blauem Ton, den Balkon mit
dem hlzernen Giebel, den stillen Garten mit den Johannisbeerstauden und
Fliederbschen? Ganz unfabar erschien ihm das. Auf der weien Bank unter dem
Birnbaum wird sie mich erwarten, dachte er. Und ich werde ihre Hnde kssen, als
wre nichts geschehen. Wie gehts dir, Georg, wird sie mich fragen, bist du
mir treu gewesen? Nein ... das ist nicht ihre Art zu fragen. Aber ohne da sie
fragt und ohne da ich antworte, wird sie fhlen, da ich nicht mehr als
derselbe wiederkomme, der ich gegangen bin. Wenn sies doch fhlte! Wenn es mir
erspart bliebe zu lgen! Aber hab ichs nicht schon getan? Und er dachte an die
Briefe, die er ihr geschrieben hatte vom Seeufer her, Briefe voll Zrtlichkeit
und Sehnsucht, die ja auch schon Lge gewesen waren. Und er dachte daran, wie er
nachts gewartet hatte mit klopfendem Herzen, das Ohr an die Tr gepret, bis
alles im Gasthof still geworden, wie er dann ber den Gang geschlichen war, zu
jener andern, die bleich und nackt dagelegen war, mit offenen, dunkeln Augen,
umstrmt vom Duft und blulichen Glanz ihrer Haare. Und er dachte dran, wie er
und sie in einer Nacht halbtrunken vor Lust und Verwegenheit auf den Balkon
hinausgetreten waren, unter dem verfhrerisch das Wasser rauschte. Wr einer in
der tiefen Finsternis dieser Stunde drauen auf dem See gewesen, so htte er die
weien Leiber durch die Nacht leuchten sehen. Georg bebte in der Erinnerung. Wir
waren nicht bei Sinnen, dachte er. Wie leicht htte es sein knnen, da ich
heute sechs Schuh unter der Erde lge, mit einer Kugel mitten durchs Herz. Es
kann noch immer so kommen. Sie wissens ja alle. Else hat es zuerst gewut,
obwohl sie kaum je aus dem Auhof in den Ort heruntergekommen ist. James Wyner
hats ihr wohl erzhlt, der mich am Abend mit der Fremden auf der Landungsbrcke
hat stehen sehen. Ob Else ihn heiraten wird? Da er ihr so gut gefllt, kann ich
verstehen. Er ist schn. Dieses gemeielte Antlitz, diese kalten, grauen Augen,
die klug und gerade in die Welt schauen. Ein junger Englnder. Wer wei, ob in
Wien nicht auch eine Art von Oskar Ehrenberg aus ihm geworden wre? Und es fiel
Georg ein, was Else ihm von ihrem Bruder erzhlt hatte. Auf dem Krankenbett im
Sanatorium war er Georg so gefat, beinahe gereift erschienen. Und jetzt in
Ostende sollte er ein wstes Leben fhren, spielen und sich in der belsten
Gesellschaft herumtreiben, als wenn er sich durchaus zugrunde richten wollte. Ob
Heinrich die Sache noch immer so tragikomisch fnde? Frau Ehrenberg war ganz
wei geworden vor Krnkung, und Else hatte sich an einem Morgen im Park oben vor
Georg so recht ausgeweint. Ob sie nur um Oskar geweint hatte?
    Das Grau vor dem Kupeefenster erhellte sich langsam. Georg sah, wie drauen
die Telegraphendrhte in eiligen Wellen mitschwebten und wanderten, und er
dachte daran, da gestern Nachmittag auf einem dieser Drhte auch seine
lgnerischen Worte zu Anna gewandert waren: Morgen frh bin ich bei dir, in
Sehnsucht Dein Georg ... Gleich vom Amt aus war er wieder zurckgeeilt, zu einer
glhenden und verzweifelten Abschiedsstunde mit jener andern. Und er konnte es
nicht fassen, da sie auch in dieser Stunde noch, whrend er schon eine ganze
Ewigkeit lang von ihr fort war, noch in dem gleichen Zimmer mit den fest
geschlossenen Fensterlden liegen und schlafen und trumen sollte. Und heute
Abend wird sie daheim sein bei Mann und Kindern, daheim wie er. Er wute, da es
so war, und er konnte es nicht verstehen. Das erstemal in seinem Leben war er
nahe daran gewesen, irgend etwas zu begehen, was die Leute vielleicht Tollheit
htten nennen drfen. Nur ein Wort von ihr und er wre mit ihr in die Welt
gegangen, htte alles zurckgelassen, Freunde, Geliebte und sein ungeborenes
Kind. Und war er nicht noch immer bereit dazu? Wenn sie ihn riefe, wrde er
nicht kommen? Und wenn er's tte, htte er nicht Recht? War er nicht fr
Abenteuer solcher Art viel mehr geschaffen, als fr das stille, pflichtenvolle
Dasein, das er sich erwhlt hatte? War es nicht eher seine Bestimmung,
unbedenklich und khn durch die Welt zu treiben, als irgendwo festzusitzen mit
Weib und Kind, mit der Sorge ums tgliche Brot, um die Karriere und hchstens um
ein bichen Ruhm? In diesen Tagen, aus denen er jetzt kam, hatte er sich leben
gefhlt, vielleicht das erste Mal. Jeder Augenblick war so reich und erfllt
gewesen, nicht die in ihren Armen allein. Er war wieder jung geworden mit
einemmal. Blhender hatte die Landschaft geprangt, der Himmel hatte sich weiter
gespannt, die Luft, die er trank, hatte bessere Wrze und Kraft geatmet. Und
Melodien hatten in ihm gerauscht, wie nie zuvor. Hatte er je ein schneres Lied
komponiert, als jenes heiter-wiegende, ohne Worte, auf dem Wasser zu singen?
Und seltsam, aus ungeahnter eigner Tiefe war das Phantasiestck emporgestiegen,
am Seeufer, eine Stunde, nachdem er die wunderbare Frau zum erstenmal erblickt
hatte. Nun sollte ihn Herr Hofrat Wilt nicht lange mehr fr einen Dilettanten
halten. Doch warum dachte er gerade an den? Wuten die andern besser, wer er
war? Schien es ihm nicht manchmal, als ob sogar Heinrich, der ihm doch einmal
einen Operntext hatte schreiben wollen, ihn um nichts gerechter beurteilte? Und
er hrte die Worte wieder, die der Dichter zu ihm gesprochen hatte, an jenem
Morgen, da sie von Lambach durch den taufeuchten Wald nach Gmunden gefahren
waren. Sie mssen nicht schaffen, um zu sein, was Sie sind ! Sie brauchen nicht
die Arbeit; nur die Atmosphre Ihrer Kunst ... Gleich darauf erinnerte er sich
des Abends in dem Forsthaus am Almsee, wo ein Jger von siebenunddreiig Jahren
lustige Liedeln gesungen und Heinrich sich gewundert hatte, da einer in diesem
Alter noch so lustig war, da man sich dem Tod doch schon so nahe fhlen mte.
Dann hatten sie sich in einem Riesensaal zu Bett gelegt, wo die Worte
widerhallten, lange noch ber Leben und Tod philosophiert und waren pltzlich in
Schlaf gesunken. Am Morgen darauf, unter khler Bergessonne hatten sie
voneinander Abschied genommen.
    Noch immer lag Georg regungslos ausgestreckt in den Plaid gehllt und
berlegte, ob er von seiner Begegnung mit der Schauspielerin Heinrich etwas
erzhlen sollte. Wie bla sie geworden war, als sie ihn pltzlich erblickt
hatte! Mit herumirrenden Augen hatte sie seinem Bericht von der gemeinsamen
Radpartie zugehrt, dann ohne weitern bergang von ihrer Mutter zu erzhlen
begonnen und von dem kleinen Bruder, der so wunderschn zeichnen knnte. Und die
Kollegen hatten von der Bhnentr immer hergestarrt, besonders einer mit einem
Lodenhut, auf dem ein Gemsbart steckte. Und am selben Abend hatte Georg sie in
einer franzsischen Posse spielen gesehen und sich gefragt, ob die hbsche
Person, die da unten auf der Bhne des kleinen Sommertheaters so unbndig
umheragierte, in Wirklichkeit so verzweifelt sein knnte, wie Heinrich sich's
einbildete. Nicht nur ihm, auch James und Sissy hatte sie gut gefallen. Was war
das fr ein lustiger Abend gewesen! Und das Souper nach dem Theater mit James,
Sissy, der Mama Wyner und Willy Eiler! Und am nchsten Morgen die Fahrt im
Viererzug des alten Baron Lwenstein, der selbst kutschierte! In weniger als
einer Stunde waren sie am See gewesen. Ein Kahn trieb am Ufer hin im
Frhsonnenschein, und auf der Ruderbank sa die geliebte Frau, den grnseidenen
Schal um die Schultern. Wie kam es nur, da auch Sissy gleich die Beziehung
zwischen ihm und ihr geahnt hatte? Und das heitere Diner dann, oben im Auhof bei
Ehrenbergs! Georg hatte seinen Platz zwischen Else und Sissy, und Willy erzhlte
eine komische Geschichte nach der andern. Und dann, am Nachmittag ohne
Verabredung, whrend die andern alle ruhten, unter der dunkelgrnen Schwle des
Parks, im warmen Duft von Moos und Tannen, hatten Georg und Sissy sich gefunden,
zu einer wunderbaren Stunde, die ohne Schwre der Treue und ohne Schauer der
Erfllung, leicht wie ein Traum durch diesen Tag geschwebt war. Wie mcht ich
ihn Augenblick fr Augenblick durchdenken und durchkosten, diesen goldnen Tag.
Ich seh uns beide, Sissy und mich, wie wir ber die Wiese hinunter spaziert sind
zum Tennisplatz, Hand in Hand. Ich glaube, ich hab auch besser gespielt als je.
Und ich sehe Sissy wieder, im Strohsessel liegend, die Zigarette zwischen den
Lippen und den alten Baron Lwenstein an ihrer Seite, und ihre Blicke glhen zu
Willy hin. Wo war ich schon in diesem Moment wieder fr sie! Und der Abend! Wie
wir in der Dmmerung noch hinausgeschwommen sind in den See, James, Willy und
ich, und das laue Wasser mich so kstlich umstreichelt hat! Was fr eine Wonne
auch das! Und dann die Nacht ... die Nacht ...
    Wieder hielt der Zug stille. Drauen war es schon ganz licht geworden, Georg
aber blieb regungslos liegen, nach wie vor. Er hrte den Namen der Station
ausrufen, Stimmen von Kellnern, Kondukteuren, Reisenden, hrte Schritte auf dem
Perron, Bahnsignale aller Art, und er wute, da er in einer Stunde in Wien sein
wrde. Wenn Anna Nachrichten ber ihn bekommen htte, wie Heinrich im
vergangenen Winter ber seine Geliebte! Er konnte sich nicht vorstellen, da
Anna ber dergleichen auer Fassung geriete, selbst wenn sie daran glaubte.
Vielleicht wrde sie weinen, aber gewi nur fr sich allein, ganz in der Stille.
Er nahm sich fest vor, sich nichts merken zu lassen. War das nicht geradezu
seine Pflicht? Worauf kam es nun an? Nur auf das eine, da Anna die letzten
Wochen ruhig und ohne Aufregung verlebte und da ein gesundes Kind zur Welt
kme. Darauf allein. Wie lange war es schon her, da er von Doktor Stauber diese
Worte gehrt hatte? Das Kind ...! Wie nahe war die Stunde! Das Kind ... dachte
er wieder; doch vermochte er nichts zu denken als eben nur das Wort. Endlich
versuchte er sich ein lebendiges, kleines Wesen vorzustellen. Aber wie zum
Possen erschienen ihm immer wieder Figuren von kleinen Kindern, die aussahen wie
aus einem Bilderbuch; burlesk gezeichnet und in berlauten Farben. Wo wird es
seine ersten Jahre verbringen? dachte er. Bei Bauern auf dem Land, in einem Haus
mit einem kleinen Garten. Eines Tages aber werden wir's holen und zu uns ins
Haus nehmen. Es knnte auch anders kommen ... Man erhlt einen Brief: Euer
Hochwohlgeboren, beehre mich mitzuteilen, da das Kind schwer erkrankt ist ...
Oder gar ... Wozu an solche Dinge denken? Auch wenn wir's bei uns behielten,
knnte es krank werden und sterben.
    Jedenfalls mu man es zu sehr verllichen Menschen geben. Ich will mich
selbst darum kmmern. Es war ihm, als stnde er neuen Aufgaben gegenber, die er
niemals recht berlegt hatte und denen er innerlich nicht gewachsen war. Die
ganze Geschichte fing gleichsam von neuem fr ihn an. Er kam aus einer Welt
zurck, in der ihn alle diese Dinge nichts gekmmert, wo andre Gesetze gegolten
hatten, als die, denen er sich jetzt wieder fgen mute. Und war es nicht
gewesen, als htten auch die andern Menschen gefhlt, da er nicht zu ihnen
gehrte, als wren sie alle von einem gewissen Respekt durchdrungen gewesen, als
htte Ehrfurcht sie erfat, vor der Macht und Heiligkeit einer groen
Leidenschaft, die sie in ihrer Nhe walten sahen? Er erinnerte sich eines
Abends, an dem die Hotelgste einer nach dem andern aus dem Klavierzimmer
verschwunden waren, als wren sie sich ihrer Verpflichtung bewut, ihn mit ihr
allein zu lassen. Er hatte sich an den Flgel gesetzt und zu phantasieren
begonnen. Sie war in ihrer dmmrigen Ecke geblieben, in einem groen Armstuhl.
Zuerst hatte er ihr Lcheln noch gesehen, dann nur das dunkle Leuchten ihrer
Augen, dann nur mehr die Umrisse ihrer Gestalt, dann berhaupt nichts mehr; doch
immer gewut: sie ist da. Drben am andern Ufer waren Lichter aufgeblitzt. Die
zwei Mdeln in den blauen Kleidern hatten durchs Fenster hereingeguckt und waren
gleich wieder verschwunden. Endlich hrte er zu spielen auf und blieb stumm am
Klavier sitzen. Da war sie langsam aus der Ecke hervorgekommen, einem Schatten
gleich und hatte ihre Hnde auf sein Haupt gelegt. Wie unsglich schn war das
gewesen! Und alles fiel ihm wieder ein. Wie sie im Kahn geruht hatten mitten im
See, mit eingezogenen Rudern, er den Kopf in ihrem Scho; und wie sie am Ufer
drben den Waldweg hinaufgewandert waren bis zu der Bank unter der Eiche. Dort
war es gewesen, wo er ihr alles erzhlt hatte. Alles, wie einer Freundin. Und
sie hatte ihn verstanden, wie nie eine andre ihn verstanden hatte. War sie es
nicht, die er seit jeher gesucht hatte, sie, die Geliebte war und Gefhrtin
zugleich, mit dem ernsten Blick fr alle Dinge der Welt und doch geschaffen zu
jedem Wahnsinn und jeder Seligkeit. Und gestern der Abschied ... Der dunkle
Glanz ihrer Augen, der blauschwarze Strom ihrer gelsten Haare, der Duft ihres
bleichen, nackten Leibes ... War es denn mglich, da es auf immer zu Ende war,
da all dies niemals, niemals wiederkommen sollte ...?
    Georg zerknllte den Plaid zwischen den Fingern in ohnmchtiger Sehnsucht
und schlo die Augen. Er sah die sanftbewegten Waldhgellinien nicht mehr, die
drauen im Morgenlicht vorbeizogen, und wie zu einem letzten Glck trumte er
sich in die dunkeln Wonnen jener Abschiedsstunde zurck. Doch wider Willen
berkam ihn Mattigkeit nach der durchrttelten Eisenbahnnacht, und aus
selbstgerufenen Bildern jagte es ihn wieder durch regellose Trume, ber die ihm
keine Macht gegeben war. Er ging ber den Sommerhaidenweg, in sonderbarem
Dmmerlicht, das ihn mit tiefer Traurigkeit erfllte. War es Morgen? War es
Abend? Oder trber Tag? Oder war es der rtselhafte Glanz irgendeines Gestirns
ber der Welt, das noch niemandem geleuchtet hatte, als ihm? Pltzlich stand er
auf einer groen, freien Wiese, wo Heinrich Bermann hin und her lief und ihn
fragte: Suchen Sie auch das Schlo der Dame? Ich erwarte Sie schon lang. Sie
stiegen eine Wendeltreppe hinauf. Heinrich voran, so da Georg immer nur einen
Zipfel des berziehers erblicken konnte, der nachschleppte. Oben auf einer
riesigen Terrasse, von der man die Stadt und den See sah, war die ganze
Gesellschaft versammelt. Leo hatte seinen Vortrag ber Mollakkorde begonnen,
hielt inne, als Georg erschien, stieg vom Katheder herab und fhrte ihn selbst
zu einem freien Stuhl, der in der ersten Reihe neben Anna stand. Anna lchelte
glckselig, als Georg erschien. Sie war jung und strahlend, in einer herrlichen,
dekolletierten Abendtoilette. Gleich hinter ihr sa ein kleiner Bub mit blonden
Locken, in Matrosenanzug mit breitem, weiem Kragen, und Anna sagte: Das ist
er. Georg machte ihr ein Zeichen zu schweigen, denn es sollte ja ein Geheimnis
sein. Indessen spielte Leo oben als Beweis seiner Theorie die cis moll Nocturne
von Chopin, und hinter ihm an der Wand, lang, hager und gtig, lehnte der alte
Bsendorfer, im gelben berzieher. Alle verlieen in groem Gedrnge den
Konzertsaal. Georg gab Anna den Theatermantel um die Schultern und sah die Leute
ringsum strenge an. Dann sa er mit ihr im Wagen, kte sie, empfand groe Wonne
dabei und dachte: knnt es doch immer so sein! Pltzlich hielten sie vor dem
Hause in Mariahilf. Oben am Fenster warteten schon viele Schler und winkten.
Anna stieg aus, verabschiedete sich von Georg mit einem pfiffigen Gesicht und
verschwand im Haustor, das lrmend hinter ihr zufiel.
    Bitte sehr, noch zehn Minuten, sagte jemand. Georg richtete sich auf. Der
Kondukteur stand in der Tre und wiederholte: In zehn Minuten sind wir in
Wien.
    Danke, sagte Georg und stand auf, mit ziemlich wirrem Kopf. Er ffnete das
Fenster und freute sich, da drauen in der Welt schnes Wetter war. Die frische
Morgenluft ermunterte ihn vllig. Gelbe Mauern, Bahnwrterhuschen, Grtchen,
Telegraphenstangen, Straen flogen vorber, und endlich stand der Zug in der
Halle. Ein paar Minuten darauf fuhr Georg in einem offenen Fiaker nach seiner
Wohnung, sah Arbeiter, Ladenmdchen, Bureauleute zu ihrem tglichen Berufe
wandern, hrte Rolladen in die Hhe schnurren; und inmitten aller Unruhe, die
seiner wartete, inmitten aller Sehnsucht, die ihn anderswo hinzog, empfand er
das tiefe Wohlgefhl des Wiederdaheimseins. Als er in sein Zimmer eintrat,
fhlte er sich wie geborgen. Der alte Schreibtisch mit dem grnen Tuch
berzogen, der Briefbeschwerer aus Malachit, die glserne Aschenschale mit dem
eingebrannten Reiter, die schlanke Lampe mit dem breiten, grnen
Milchglasschirm, die Bilder des Vaters und der Mutter in den schmalen
Mahagonirahmen, in der Ecke das runde Marmortischchen mit der Silberkassette fr
Zigarren, dort an der Wand der Prinz von der Pfalz nach Van Dyck, der hohe
Bcherschrank mit den olivenfarbigen Vorhngen; alles grte ihn mit
Herzlichkeit. Und gar der Blick, der gute, heimatliche ber die Baumkronen des
Parks zu den Trmen und Dchern, wie tat der wohl! Aus allem, was er hier
wiederfand, strmte es ihm wie kaum geahntes Glck entgegen, und es fiel ihm
schwer aufs Herz, da er all das in wenigen Wochen verlassen mute. Und bis man
wieder ein Heim, ein wirkliches Heim haben wrde, wie lang mochte das dauern!
Gern htte er sich ein paar Stunden lang in seinem lieben Zimmer aufgehalten:
aber er hatte keine Zeit. Vor der Mittagstunde noch mute er ja auf dem Lande
sein.
    Er hatte seine Kleider abgeworfen, lie sich in seiner weien Wanne
wonniglich von warmem Wasser umsplen. Um im Bade nicht einzuschlafen, whlte er
ein Mittel, das sich schon fters bewhrt hatte. Er dachte eine Fuge von Bach
Note fr Note durch. Das Klavierspiel fiel ihm ein, das mute auch wieder
tchtig gebt werden. Und Partituren gelesen. Ob es nicht doch das klgste war,
noch ein Jahr dem Studium zu widmen? Nicht erst unterhandeln, oder gar eine
Stellung annehmen, die man am Ende nicht ausfllen konnte? Lieber hier bleiben
und arbeiten. Hier bleiben? Wo denn? Die Wohnung war ja gekndigt. Einen
Augenblick fuhr ihm durch den Sinn, sich in dem alten Hause einzumieten, der
grauen Kirche gegenber, wo er so schne Stunden mit Anna verbracht hatte; und
es war ihm, als erinnerte er sich einer lngst vergangenen Geschichte, eines
Jugendabenteuers, heiter und ein wenig geheimnisvoll, das lange vorbei war.
    Erfrischt und in einem ganz neuen Gewand, dem ersten hellen, das er seit dem
Tode des Vaters anlegte, trat er in sein Zimmer zurck. Ein Brief lag auf dem
Schreibtisch, den eben die Frhpost gebracht hatte. Von Anna. Er las. Nur ein
paar Worte waren es: Du bist wieder da, mein Geliebter! Ich gre Dich. Ich
sehne mich nach Dir. La mich nicht zu lange warten. Deine Anna ...
    Georg sah auf. Er wute selbst nicht, was ihn an diesem kurzen Brief so
sonderbar berhrte. Annas Briefe hatten sonst immer, bei aller Zrtlichkeit,
etwas Gemessenes, fast Konventionelles bewahrt, und manchmal hatte er sie im
Scherz Erlsse genannt. Dieser hier war in einem Ton gehalten, der ihn an das
leidenschaftliche Mdchen aus frherer Zeit erinnerte; an seine Geliebte, die er
beinahe vergessen hatte; und seltsam unerwartet griff Unruhe nach seinem Herzen.
Er eilte die Treppe hinab, setzte sich in den nchsten Fiaker und fuhr aufs
Land. Bald fhlte er sich angenehm zerstreut durch den Anblick der Menschen auf
den Straen, die ihn nichts angingen; und spter, als er den Wldern schon nah
war, beruhigte ihn die Anmut des blauen Sommertages. Mit einemmal, frher als
Georg gedacht, hielt der Wagen vor dem Landhaus. Unwillkrlich sah Georg zuerst
zum Balkon unter dem Giebel auf. Ein kleines Tischchen stand oben, mit weier
Decke, und ein Krbchen darauf. Ach ja, Therese hatte ein paar Tage hier
gewohnt. Jetzt erst fiel es ihm wieder ein. Therese ...! Wo war das! Er stieg
aus, entlie den Wagen und trat ins Vorgrtchen, wo auf bescheidenem Postament
unter verblhten Beeten der blaue Engel stand. Er trat ins Haus. Im groen
Mittelzimmer deckte die Marie eben den Tisch.
    Im Garten oben is die gn Frau, sagte sie.
    Die Tr zur Veranda stand offen. Die Bretter des Bodens knarrten unter
Georgs Fen. Der Garten mit seinem Duft und seiner Schwle nahm ihn auf. Der
alte Garten war es. Alle die Tage, die Georg fern gewesen, war er stille
dagelegen, so wie in diesem Augenblick; im Morgenlicht, im Sonnenglanz, im
Abendschatten, im Dunkel der Nacht; immer derselbe ... Gerade schnitt der
Kiesweg durch die Wiese nach oben. Kinderstimmen waren jenseits der Stauden, an
denen rote Beeren hingen. Und dort auf der weien Bank, den Arm auf der Lehne,
sehr bleich, in wallendem blauen Morgenkleid, das war Anna. Ja wirklich sie. Nun
hatte sie ihn erblickt. Sie wollte aufstehen. Er sah es und sah zugleich, da es
ihr schwer wurde. Warum nur? Bannte die Erregung sie nieder? Oder war die
schwere Stunde schon so nah? Er winkte ihr mit der Hand, sie sollte sitzen
bleiben. Sie setzte sich auch wirklich wieder hin und hatte nur die Arme leicht
ausgebreitet, ihm entgegen. Ihre Augen leuchteten glckselig. Georg ging sehr
rasch, den weichen, grauen Hut in der Hand, und nun war er bei ihr.
    Endlich, sagte sie, und es war eine Stimme, die so weither klang wie jene
Worte in ihrem Brief von heut Morgen. Er nahm ihre Hnde, schttelte sie in
einer sonderbar ungeschickten Weise, fhlte irgend etwas in seiner Kehle
aufsteigen, konnte aber noch immer kein Wort sprechen, nickte nur und lchelte.
Und pltzlich kniete er vor ihr auf dem Kies, ihre Hnde in den seinen, sein
Haupt in ihrem Scho, fhlte wie sie ihm die Hnde leicht entzog, sie auf sein
Haupt legte; und dann hrte er sich ganz leise weinen. Und es war ihm, wie in
s dumpfem Traum, als lge er, ein Knabe, zu seiner Mutter Fen, und dieser
Augenblick wre schon Erinnerung, fern und schmerzlich, whrend er ihn
durchlebte.

                                 Achtes Kapitel


Frau Golowski kam aus dem Hause. Georg sah sie vom obern Ende des Gartens aus
auf die Veranda treten. Erregt eilte er ihr entgegen, aber schon wie sie ihn von
ferne gewahrte, schttelte sie den Kopf.
    Noch nicht? fragte Georg.
    Der Professor meint, erwiderte Frau Golowski, eh es dunkel wird.
    Eh es dunkel wird, sagte Georg und sah auf die Uhr. Und jetzt ist es erst
drei.
    Sie reichte ihm teilnahmsvoll die Hand, und Georg blickte ihr in die guten
etwas bernchtigen Augen. Die durchsichtigen weien Vorhnge vor Annas Fenster
wurden eben leicht zurckgeschlagen. Der alte Doktor Stauber erschien in der
Fensterffnung, warf Georg einen freundlich-beruhigenden Blick zu, verschwand
wieder und die Vorhnge fielen zu. Im groen Mittelzimmer am runden Tische sa
Frau Rosner. Georg nahm von der Veranda aus nur die Umrisse ihrer Gestalt wahr;
ihr Gesicht war ganz umschattet. Wieder drang ein Wimmern, dann ein lautes
Sthnen aus dem Zimmer, in dem Anna lag. Georg starrte zum Fenster hin, wartete
eine Weile, dann wandte er sich ab und ging, zum hundertstenmal heute, den Weg
hinauf zum obern Gartenende. Offenbar ist sie schon zu schwach, um zu schreien,
dachte er; und das Herz tat ihm weh. Zwei volle Tage und zwei volle Nchte lag
sie in Wehen; der dritte neigte sich zum Ende, und nun sollte es noch dauern,
bis der Abend kam! Schon am Abend des ersten Tages hatte Doktor Stauber einen
Professor beigezogen, der gestern zweimal dagewesen und heute seit Mittag im
Hause war. Whrend Anna auf ein paar Minuten eingeschlummert war und die
Wrterin an ihrem Bette wachte, war er mit Georg im Garten auf und ab gegangen
und hatte versucht, ihm den Fall in seiner ganzen Eigentmlichkeit zu erlutern.
Zur Besorgnis sei vorlufig kein Grund vorhanden, immer noch hre man die
Herztne des Kindes vollkommen deutlich. Der Professor war ein noch ziemlich
junger Mann, mit langem, blonden Bart, und seine Worte trufelten lind und
gtig, wie Tropfen eines schmerzstillenden Medikaments. Der Kranken sprach er zu
wie einem Kind, strich ihr ber Stirn und Haare, streichelte ihre Hnde und gab
ihr Schmeichelnamen. Von der Wrterin hatte Georg erfahren, da dieser junge
Arzt an jedem Krankenbett von gleicher Hingebung und Geduld erfllt wre. Welch
ein Beruf, dachte Georg, der sogar whrend dieser drei schlimmen Tage sich
einmal fr ein paar Stunden nach Wien geflchtet, der es vermocht hatte, auch
heute Nacht, whrend Anna sich in Schmerzen wand, oben in der Mansarde volle
sechs Stunden tief und traumlos zu schlafen.
    Er ging lngs der abgeblhten Fliederstrucher, ri Bltter ab, zerrieb sie
in der Hand, warf sie zur Erde. Jenseits der niedern Bsche im andern Garten
ging eine Dame im schwarz-wei gestreiften Morgenkleid. Sie schaute Georg ernst
und wie mitleidig an. Ach ja, dachte Georg, die hat natrlich auch das Schreien
Annas gehrt, vorgestern, gestern und heute. Der ganze Ort wute ja von den
Dingen, die hier vorgingen; auch die jungen Mdchen aus der geschmacklosen,
gotischen Villa, fr die er einmal den interessanten Verfhrer bedeutet hatte;
und geradezu komisch war es, da ein fremder Herr mit rtlichem Spitzbart, der
zwei Huser weit wohnte, ihn gestern im Ort pltzlich verstndnis- und
hochachtungsvoll gegrt hatte.
    Merkwrdig, dachte Georg, wodurch man sich bei den Leuten beliebt machen
kann. Nur Frau Rosner lie durchblicken, da sie Georg, wenn sie ihm schon nicht
die Hauptschuld an der Schwierigkeit des Falles beima, jedenfalls fr ziemlich
gefhllos hielte. Er nahm es der guten und gedrckten Frau nicht bel. Sie
konnte natrlich nicht ahnen, wie sehr er Anna liebte. Es war noch nicht lange
her, da er selber es wute.
    An jenem Ankunftsmorgen, da Georg nach langem, stummem Weinen sein Haupt aus
ihrem Scho erhoben, da hatte sie keine Frage an ihn gerichtet, aber in ihren
schmerzlich erstaunten Augen las er, da sie die Wahrheit ahnte. Und warum sie
nicht fragte, das glaubte er zu verstehen. Sie mute ja fhlen, wie ganz sie ihn
wieder hatte, wie er gerade von jetzt an ihr besser gehrte, als jemals vorher.
Und wenn er ihr in den nchsten Stunden und Tagen von der Zeit erzhlte, die er
fern von ihr verbracht, und unter all den Frauennamen, die er nannte, flchtig
aber unverschweigbar jener ihr neue, verhngnisvolle erklang, da lchelte sie
wohl in ihrer leicht spttischen Art; aber kaum anders, als wenn er von Else
sprach oder von Sissy, oder von den kleinen blaugekleideten Mdchen, die ins
Klavierzimmer hereingeguckt hatten, wenn er spielte.
    Seit zwei Wochen wohnte er in der Villa, fhlte sich wohl und war in guter
und ernster Arbeitsstimmung. Auf dem Tischchen, wo vor kurzem noch Theresens
Nhzeug gelegen war, breitete er jeden Morgen Partituren, musiktheoretische
Werke, Notenpapiere aus und beschftigte sich damit, Aufgaben der Harmonielehre
und des Kontrapunkts zu lsen. Oft lag er am Waldessaum auf einer Wiese, las in
irgend einem Lieblingsbuch, lie Melodien in sich klingen, trumte vor sich hin,
war vom Rauschen der Bume und vom Glanz der Sonne beglckt. Nachmittags, wenn
Anna ruhte, las er ihr vor oder plauderte mit ihr. Oft sprachen sie auch ber
das kleine Wesen, das nun bald zur Welt kommen sollte, mit Zrtlichkeit und
Voraussicht; doch niemals ber ihre eigene, nchste und fernere Zukunft. Aber
wenn er an ihrem Bette sa, oder Arm in Arm mit ihr im Garten auf und abging,
oder an ihrer Seite auf der weien Bank unter dem Birnbaum sa, wo die
leuchtende Stille der Sptsommertage ber ihnen ruhte, da wute er, da sie nun
fr alle Zeit fest aneinandergeschlossen waren, und da selbst die zeitweilige
Trennung, die bevorstand, gegenber dem sichern Gefhl dieser
Zusammengehrigkeit keine Macht mehr ber sie haben knnte.
    Erst seit die Schmerzen ber sie gekommen waren, schien sie ihm entrckt,
wohin er ihr nicht folgen konnte. Gestern noch war er stundenlang an ihrem Bett
gesessen und hatte ihre Hnde in den seinen gehalten. Sie war geduldig gewesen
wie immer, hatte sich sorglich erkundigt, ob er nur seine Ordnung im Hause habe,
hatte ihn gebeten zu arbeiten, spazieren zu gehen wie bisher, da er ihr ja doch
nicht helfen knnte, und ihn versichert, da sie ihn noch mehr liebe, seit sie
leide. Und doch, Georg fhlte es, sie war in diesen Tagen nicht dieselbe, die
sie gewesen. Besonders wenn sie aufschrie so wie heute Vormittag in den
schlimmsten Schmerzen , da war ihre Seele so weit weg von ihm, da ihn
schauerte.
    Er war dem Hause wieder nah. Aus Annas Zimmer, vor dessen Fenster die
Vorhnge sich leise bewegten, kam kein Laut. Der alte Doktor Stauber stand auf
der Veranda. Georg eilte hin, mit trockener Kehle. Was ist? fragte er hastig.
    Doktor Stauber legte ihm die Hand auf die Schulter: Es geht ganz gut. Ein
Sthnen kam von drin, wurde lauter, wurde ein wilder, wtender Schrei. Georg
strich sich ber die feuchte Stirn, und mit bitterm Lcheln sagte er zum Doktor:
Das heien Sie, es geht ganz gut?
    Stauber zuckte die Achseln: Es steht geschrieben, mit Schmerzen sollst du
...
    In Georg lehnte sich etwas auf. Er hatte nie an den Gott der
Kindlich-Frommen geglaubt, der als Erfller armseliger Menschenwnsche, als
Rcher und Verzeiher klglicher Menschensnden sich offenbaren sollte. Dem
Unnennbaren, das er jenseits seiner Sinne und ber allem Verstehen im
Unendlichen ahnte, konnte Beten und Lstern nichts anderes sein, als arme Worte
aus Menschenmund. Nicht als die Mutter nach unsinnig-martervollem Leid, nicht,
als in einem fr sein Begreifen schmerzenlosen Hingang der Vater starb, hatte er
sich des Glaubens vermessen, da sein Unglck im Weltenlauf mehr bedeutete, als
das Fallen eines Blattes. Keinem unerforschlichen Ratschlu hatte er in feiger
Demut sich gebeugt, nicht tricht gemurrt gegen ein ungndiges, gerade ber ihn
verhngtes Walten. Heute zum erstenmal war ihm, als ginge irgendwo in den Wolken
ein unbegreifliches Spiel um seine Sache. Der Schrei drinnen war verklungen, und
nur Sthnen war vernehmbar.
    Und die Herztne? fragte Georg.
    Doktor Stauber sah an Georg vorbei. Vor zehn Minuten waren sie noch
deutlich zu hren.
    Georg wehrte sich gegen einen furchtbaren Gedanken, der aus den Tiefen
seiner Seele hervorgejagt kam. Er war gesund, sie war gesund, zwei junge
krftige Menschen ... konnte so etwas denn mglich sein? Doktor Stauber legte
ihm nochmals die Hand auf die Schulter. Gehen Sie doch spazieren, sagte er,
wir rufen Sie schon, wenn's Zeit ist. Und er wandte sich ab.
    Georg blieb noch einen Augenblick auf der Veranda stehen. In dem groen
Zimmer, das in Sptnachmittagsdmmer zu versinken begann, an der Wand auf dem
Sofa, ganz in sich zusammengesunken, sah er Frau Rosner sitzen. Er entfernte
sich, spazierte rund um das Haus herum und begab sich dann ber die Holzstiege
in seine Mansarde. Er warf sich aufs Bett, schlo die Augen; nach ein paar
Minuten stand er auf, ging im Zimmer hin und her, gab es aber wieder auf, da der
Boden krachte. Er trat auf den Balkon. Auf dem Tisch lag die Partitur des
Tristan aufgeschlagen. Georg blickte in die Noten. Es war das Vorspiel zum
dritten Akt. Die Klnge tnten ihm im Ohr. Meereswellen schlugen dumpf an ein
Felsenufer, und aus trauriger Ferne klang die wehe Melodie des englischen Horns.
Er sah ber die Bltter weg in den silberweien Glanz des Tages. Sonne lag
berall, ber Dchern, Wegen, Grten, Hgeln und Wldern. Dunkelblau breitete
der Himmel sich hin, und Ernteduft stieg aus den Tiefen. Wie stand es heute vor
einem Jahr mit mir? dachte Georg. Ich war in Wien, ganz allein. Ich ahnte noch
nichts. Ich hatte ihr ein Lied geschickt ... Deinem Blick mich zu bequemen ...
Aber ich dachte kaum an sie ... Und jetzt liegt sie da unten und stirbt ... Er
erschrak heftig. Er hatte denken wollen ... sie liegt in Wehen, und auf die
Lippen gleichsam hatte es sich ihm gestohlen: sie stirbt. Aber warum war er denn
erschrocken? Wie kindisch. Als gb es Ahnungen solcher Art! Und wenn wirklich
Gefahr da wre und die rzte sich entscheiden mten, so hatten sie natrlich
vor allem die Mutter zu retten. Darber hatte ihn ja Doktor Stauber vor wenigen
Tagen erst aufgeklrt. Was ist denn ein Kind, das noch nicht gelebt hat? Nichts.
In irgend einem Augenblicke hatte er es gezeugt, ohne es gewnscht, ohne nur an
die Mglichkeit gedacht zu haben, da er Vater geworden sein knnte. Wute er
denn, ob er es nicht vielleicht auch vor wenigen Wochen geworden war, in jener
dunkeln Wonnestunde, hinter geschlossenen Lden ... auch damals Vater, ohne es
gewollt, ohne nur an die Mglichkeit gedacht zu haben; und vielleicht, wenn es
geschehen war, ohne es jemals zu erfahren?
    Er hrte Stimmen, sah hinunter; der Kutscher des Professors hatte ein
Dienstmdchen am Arm gefat, das sich nur wenig strubte. Auch hier wird
vielleicht zu einem neuen Menschenleben der Grund gelegt, dachte Georg und
wandte sich angewidert fort. Dann trat er ins Zimmer zurck, fllte sich seine
Zigarettentasche sorgfltig aus der Schachtel, die auf dem Tisch stand, und
pltzlich kam ihm seine Aufregung unbegrndet, ja kindisch vor. Und es fiel ihm
ein: Wie Anna jetzt, so lag auch meine Mutter einmal da, eh ich zur Welt kam. Ob
mein Vater auch in solcher Angst herumgegangen ist? Ob er heute hier wre, wenn
er noch lebte? Ob ich's ihm berhaupt gesagt htte? Ob all das geschehen wre,
wenn er lebte? Er dachte an schne, sorgenlose Sommertage am Veldeser See. Sein
behagliches Zimmer in des Vaters Villa schwebte in seiner Erinnerung auf, und in
dumpfer, beinahe traumhafter Weise wurde ihm die kahle Mansarde mit dem
krachenden Fuboden, in der er sich eben befand, zum Bilde seiner ganzen
jetzigen Existenz, gegenber dem sorgen- und verantwortungslosen Dasein von
einst. Er erinnerte sich eines ernsten Zukunftsgesprchs, das er vor ein paar
Tagen mit Felician gefhrt hatte. Gleich darauf kam ihm die Unterredung mit
einer Frau vom Land in den Sinn, die sich mit dem Anerbieten gemeldet hatte, das
Kind in Pflege zu nehmen. Mit ihrem Mann besa sie ein kleines Gtchen nahe der
Bahn, nur eine Stunde weit von Wien, und im vorigen Jahr war ihr das eigene
Tchterl gestorben. Das Kleine sollte es gut bei ihr haben, hatte sie
versprochen, so gut, als wenn es gar nicht bei fremden Leuten wre. Und wie
Georg daran dachte, war ihm pltzlich, als stnde ihm das Herz still. Eh es
dunkel ist, wird es da sein ... das Kind. Sein Kind, auf das schon irgend eine
Fremde wartete, um es mit sich zu nehmen. Er war so mde von den Aufregungen der
letzten Tage, da ihn die Knie schmerzten. Er erinnerte sich hnlicher
krperlicher Empfindungen aus frherer Zeit, vom Abend nach der
Maturittsprfung und von der Stunde in der er Labinskis Selbstmord erfahren
hatte. Vor drei Tagen, als die Wehen anfingen, wie anders, wie freudig und
erwartungsvoll war ihm da zumut gewesen! Jetzt sprte er nichts, als ein
Abgeschlagensein ohnegleichen, und immer unangenehmer empfand er den muffigen
Geruch der Mansarde. Er zndete sich eine Zigarette an und trat wieder auf den
Balkon hinaus. Die warme, stille Luft tat ihm wohl. Auf dem Sommerhaidenweg lag
noch die Sonne, und vom Friedhof her, ber die Mauer, schimmerte ein vergoldetes
Kreuz.
    Er hrte unter sich ein Gerusch. Schritte? Ja, Schritte und auch Stimmen.
Er verlie den Balkon, das Zimmer, lief ber die knarrende Holztreppe hinab.
Eine Tr ging, eilige Schritte waren im Flur. Im nchsten Moment stand er auf
der untersten Stufe, Frau Golowski gegenber. Sein Herz stand ihm stille. Er
ffnete den Mund ohne zu fragen. Ja, nickte sie, ein Bub.
    Er fate ihre beiden Hnde, sprte, wie er ber das ganze Gesicht lachte,
ein Strom von Glck, wie er so mchtig und hei ihn niemals erwartet, rann durch
seine Seele. Pltzlich merkte er, da die Augen der Frau Golowski nicht so hell
leuchteten, wie sie wohl htten tun mssen. Der Strom des Glcks in ihm staute
zurck. Irgendetwas schnrte ihm die Kehle zusammen. Nun? fragte er. Und
drohend beinah: Lebt's? Es hat einen Atemzug getan ... der Professor hofft
... Georg schob die Frau beiseite, war mit drei Schritten im groen
Mittelzimmer, und wie gebannt blieb er stehen. Der Professor, im langen, weien
Leinenkittel, hielt ein kleines Wesen in den Armen und wiegte es hastig hin und
her. Georg blieb starr. Der Professor nickte ihm zu und lie sich nicht stren.
Mit durchdringenden Augen betrachtete er das kleine Wesen auf seinen Armen. Er
legte es auf den Tisch hin, ber den ein weies Linnen gebreitet war, nahm mit
den Gliedmaen des Kindes heftige Bewegungen vor, rieb ihm die Brust und
Antlitz, dann hob er es in die Hhe, einigemale hintereinander, und immer wieder
sah Georg, wie der Kopf des Kindes schwer auf die Brust niedersank. Dann legte
der Arzt das Kind auf das Linnen hin, horchte an der Brust, erhob sich, lie die
eine Hand auf dem kleinen Krper liegen und winkte mit der andern Georg sanft zu
sich heran.
    Georg, unwillkrlich den Atem anhaltend, trat ganz nahe hin. Er sah zuerst
den Doktor an und dann das kleine Wesen, das auf dem weien Linnen lag. Das
hatte die Augen ganz offen, sonderbar groe, blaue Augen, wie die von Anna
waren. Das Gesicht sah anders aus, als Georg erwartet hatte, nicht verrunzelt
und hlich wie das eines alten Zwerges, nein; es war wirklich ein
Menschenantlitz, ein schnes, stilles Kindergesicht; und Georg wute, da diese
Zge das Ebenbild seiner eigenen waren.
    Der Professor sagte leise: Schon seit einer Stunde hab ich die Herztne
nicht mehr gehrt.
    Georg nickte. Dann fragte er heiser: Wie geht's ihr?
    Ganz gut. Aber Sie drfen jetzt nicht hinein, Herr Baron.
    Nein, erwiderte Georg und schttelte den Kopf. Er starrte den blulich
schimmernden, regungslosen, kleinen Krper an und wute, da er vor der Leiche
seines Kindes stand. Trotzdem sah er wieder den Arzt an und fragte: Nichts mehr
zu machen?
    Der zuckte die Achseln.
    Georg atmete tief auf und wies nach der geschlossenen Schlafzimmertr. Wei
sie schon ? fragte er den Arzt.
    Noch nicht. Seien wir vorlufig zufrieden, da es vorbei ist. Sie hat viel
zu leiden gehabt, die Arme. Ich bedaure nur, da es schlielich fr nichts
gewesen ist.
    Sie haben es erwartet, Herr Professor?
    Ich hab es gefrchtet seit heute Morgen.
    Und wieso ... wieso?
    Leise und mild erwiderte der Arzt: Ein sehr seltener Fall, wie ich Ihnen
vorher schon sagte.
    Sie sagten mir ...?
    Ja. Ich versuchte Ihnen zu erklren, da diese Mglichkeit Es ist nmlich
vom Nabelstrang erwrgt worden. Kaum ein bis zwei Prozent aller Geburten haben
diesen Ausgang. Er schwieg. Georg starrte das Kind an. Ganz recht, der
Professor hatte ihn schon vorbereitet; er hatte es nur nicht ernst genommen.
Frau Rosner stand neben ihm mit hilflosen Augen. Georg reichte ihr die Hand, und
sie sahen einander an, wie Schwergeprfte, die das Unglck zu Gefhrten macht.
Dann lie sich Frau Rosner auf einen Sessel an der Wand nieder.
    Der Professor sagte zu Georg: Ich will jetzt noch einmal nach der Mutter
sehen.
    Mutter, wiederholte Georg und sah ihn an.
    Der Arzt schaute weg.
    Sie wollen's ihr sagen? fragte Georg.
    Nein, nicht gleich. Sie wird brigens darauf gefat sein. Sie hat im Lauf
des Tages einigemal gefragt, ob es noch lebt. Es wird auch nicht so furchtbar
auf sie wirken, wie Sie frchten, Herr Baron ... gerade in den ersten Stunden
und Tagen nicht. Sie drfen nicht vergessen, was sie durchgemacht hat.
    Er drckte Georgs schlaff herabhngende Hand und ging. Georg stand
regungslos da, starrte immerfort das kleine Wesen an, und es erschien ihm wie
ein Gebilde von ungeahnter Schnheit. Er berhrte Wangen, Schultern, Arme,
Hnde, Finger. Wie rtselhaft vollendet dies alles war. Und da lag es nun,
gestorben, ohne gelebt zu haben, bestimmt, von einer Dunkelheit durch ein
sinnloses Nichts hindurch in eine andre einzugehen. Da lag dieser se, kleine
Leib, der frs Dasein fertig war und sich doch nicht regen konnte. Da
schimmerten groe, blaue Augen, wie in Sehnsucht das Licht des Himmels in sich
einzutrinken und todesblind, eh sie einen Strahl gesehen. Da ffnete sich wie
durstig ein kleiner, runder Mund, der doch nie an den Brsten einer Mutter
trinken durfte. Da starrte dieses bleiche Kindergesicht, mit den fertigen
Menschenzgen, das nie den Ku einer Mutter, eines Vaters empfangen und spren
sollte. Wie liebte er dieses Kind! Wie liebte er es jetzt, da es zu spt war.
Eine schnrende Verzweiflung stieg in seine Kehle. Er konnte nicht weinen. Er
sah um sich. Niemand war im Zimmer, und daneben war es ganz still. Er hatte
keine Sehnsucht in jenes andre Zimmer zu gehen und keine Angst davor; er fhlte
nur, da es etwas Unsinniges gewesen wre. Sein Auge kehrte auf das tote Kind
zurck, und pltzlich durchzuckte ihn die bebende Frage, ob es denn auch wahr
sein mte? Ob nicht alle sich irren konnten? Der Arzt so gut, wie der
Unerfahrene. Er hielt seine flache Hand vor die geffneten Lippen des Kindes und
ihm war, als hauchte etwas Khles ihm entgegen. Dann hielt er beide Hnde ber
die Brust des Kindes, hin und wieder war ihm, als spielte leicht bewegte Luft um
den kleinen Leib. Aber er fhlte da wie dort: Nicht Hauch des Lebens hatte ihn
angeweht. Nun beugte er sich nieder, und seine Lippen berhrten die khle Stirn
des Kindes. Etwas Seltsames, nie Gefhltes rieselte ihm durch den Krper bis in
die Zehenspitzen. Er wute es nun: Das Spiel dort oben war fr ihn verloren,
sein Kind war tot. Da erhob er langsam das Haupt und wandte sich fort. Die
Gartenhelle lockte ihn ins Freie. Er trat auf die Veranda, sah auf der Bank an
die Wand gelehnt Doktor Stauber und Frau Rosner sitzen. Beide stumm. Sie sahen
ihn an. Er wandte sich weg, als kennte er sie nicht, und trat in den Garten. Der
Schatten des Hauses fiel schrg ber den Rasen hin; weiter oben lag noch Sonne,
doch stumpf und wie ohne Kraft die Luft zu durchleuchten. Woran wollte ihn dies
Licht nur erinnern, das Sonne war und doch nicht glnzte, dieses Blau in der
Hhe, das Himmel war und ihn doch nicht segnete? Woran die Stummheit dieses
Gartens, die ihm vertraut und trstlich sein sollte und die ihn heute wie etwas
Fremdes und Ungastliches empfing? Allmhlich fiel ihm ein, da ihn vor kurzem in
einem Traum solch ein schwerer, frher nie geahnter Dmmerschein umgeben und
seine Seele mit unverstndlicher Traurigkeit erfllt hatte. Was nun? sagte er
vor sich hin, suchte nach keiner Antwort und wute nur, da irgend etwas
Unvorhergesehenes und Unabnderliches geschehen war, das ihm fr alle Zeiten das
Bild der Welt verndern mute. Er dachte des Tages, an dem sein Vater gestorben
war. Ein wilder Schmerz hatte ihn damals berfallen; doch er hatte weinen
knnen, und die Erde war nicht mit einemmal dunkel und leer geworden. Sein Vater
hatte doch gelebt, war einmal jung gewesen, hatte gearbeitet, geliebt, Kinder
gehabt, Freuden und Schmerzen erfahren. Und die Mutter, die ihn geboren, hatte
nicht umsonst gelitten. Und wenn er selbst heute htte sterben mssen, so frh
es gewesen wre, er hatte doch ein Dasein hinter sich, erfllt von Licht und
Tnen, Glck und Leiden, Hoffnung und Angst, durchflutet von allem Inhalt der
Welt. Und wenn Anna heute dahingegangen wre, in der Stunde, da sie einem neuen
Wesen das Leben gab, sie htte gleichsam ihr Los erfllt und ihr Ende htte
seinen grauenvollen, aber tiefen Sinn gehabt. Doch das, was seinem Kind
geschehen war, war sinnlos, widerwrtig, ein Hohn von irgendwoher, wohin man
keine Frage und keine Antwort senden konnte. Wozu, wozu das alles? Was hatten
nun diese vorhergegangenen Monate zu bedeuten gehabt, mit all ihren Trumen,
Sorgen und Hoffnungen? Denn er wute mit einem Male, da die Erwartung der
wunderbaren Stunde, in der sein Kind geboren werden sollte, immer, Tag fr Tag,
auch am nchternsten, leersten und leichtfertigsten, in der Tiefe seiner Seele
gewesen war; und er fhlte sich beschmt, verarmt, elend.
    Er stand oben am Gartengitter und sah zum Waldesrande auf, zu seiner Bank,
auf der er oft geruht hatte, und ihm war, als wre auch Wald und Wiese und Bank
frher sein Besitz gewesen und er msse nun auch das hergeben, wie so vieles
andere. Im Winkel des Gartens stand ein dunkelgraues, vernachlssigtes
Lusthuschen mit drei kleinen Fensterhhlen und einer schmalen Trffnung. Er
hatte es nie leiden mgen und nur einmal auf ein paar Augenblicke betreten.
Heute zog es ihn hinein. Er setzte sich auf die rissige Bank hin und kam sich
pltzlich geborgen und beruhigt vor, als wre nun alles, was geschehen, weniger
wahr oder in irgendeiner unbegreiflichen Weise rckgngig zu machen. Doch
schwand dieser Wahn bald wieder dahin, er verlie den unwirtlichen Raum und trat
ins Freie. Ich mu jetzt wohl ins Haus zurck, dachte er mde und fate es doch
nicht ganz, da in dem dunkeln Zimmer, das er von hier aus hinter der Veranda,
wie eine unergrndliche Finsternis liegen sah, der Leichnam seines Kindes ruhen
sollte. Langsam ging er hinab. Auf der Veranda stand Annas Mutter mit einem
Herrn. Georg erkannte den alten Rosner. Im berzieher stand er da, den Hut hatte
er auf den Tisch vor sich hingelegt, fuhr sich mit einem Taschentuch ber die
Stirn, und es zuckte um seine rotgernderten Augen. Er ging Georg entgegen und
drckte ihm die Hand.Das ist ja leider anders gekommen, sagte er, als wir
alle erwartet und gehofft hatten.
    Georg nickte. Dann erinnerte er sich, da der alte Herr in den letzten
Wochen mit dem Herzen nicht ganz in Ordnung gewesen war, und erkundigte sich
nach seinem Befinden.
    Ich danke der Nachfrage, Herr Baron, es geht mir etwas besser, nur das
Stiegensteigen macht einige Beschwerden.
    Georg merkte, da die Glastre zum Mittelzimmer geschlossen war.
Entschuldigen Sie, sagte er zu dem alten Rosner, schritt geradenwegs auf die
Tre los, ffnete sie und schlo sie rasch wieder hinter sich zu. Frau Golowski
und Doktor Stauber standen in der Nhe des Tisches und sprachen miteinander. Er
trat zu ihnen, sie schwiegen pltzlich.
    Nun? fragte er dann.
    Doktor Stauber sagte: Wir haben ber ... die Formalitten gesprochen. Frau
Golowski wird so gut sein und all das zu besorgen.
    Ich danke, erwiderte Georg und reichte Frau Golowski die Hand. All das,
dachte er. Ein Sarg, ein Begrbnis, Meldung beim Gemeindeamt: geboren ein Sohn
der ledigen Anna Rosner, gestorben am gleichen Tage. Nichts vom Vater natrlich.
Ja, seine Rolle war erledigt. Heut erst? War sie's nicht von der Sekunde an
gewesen, da er zufllig Vater geworden war?
    Er sah auf den Tisch hin. Das Linnen lag ber die kleine Leiche
hingebreitet. O wie rasch, dachte er bitter. Soll ich's niemals wiedersehen
drfen? Einmal wird's wohl noch erlaubt sein. Er zog das Tuch von der Leiche ein
wenig fort und hielt es in die Hhe gefat. Er sah ein blasses Kindergesicht,
das ihm lngst bekannt war, nur da die Augen seither von irgendwem zugedrckt
worden waren. Die alte Standuhr in der Ecke tickte. Sechs Uhr. Es war noch keine
Stunde vergangen, seit sein Kind geboren und gestorben war; und schon stand
diese Tatsache so unwidersprechlich fest, als htte es gar nicht anders sein
knnen.
    Er fhlte sich leicht an der Schulter berhrt.
    Sie hat es mit Ruhe aufgenommen, sagte Doktor Stauber, der hinter ihm
stand.
    Georg lie das Linnen ber das Antlitz des Kindes sinken und wandte den Kopf
nach der Seite. Sie wei also schon ...?
    Doktor Stauber nickte. Frau Golowski hatte sich abgewandt.
    Wer hat's ihr gesagt? fragte Georg.
    Man hat es ihr gar nicht zu sagen brauchen, erwiderte Doktor Stauber.
Nicht wahr? wandte er sich an Frau Golowski.
    Diese berichtete: Wie ich zu ihr hineingegangen bin, hat sie mich nur
angeschaut, und da hab ich gleich gesehen, da sie es schon wei.
    Und was hat sie gesagt?
    Nichts. Gar nichts. Sie hat ihre Augen zum Fenster hin gewandt und ist ganz
still gewesen. Wo Sie hingegangen sind, Herr Baron, hat sie mich gefragt, und
was Sie machen.
    Georg atmete tief auf. Die Tre von Annas Zimmer ffnete sich. Der
Professor, im schwarzen Rock, trat heraus. Sie ist ganz ruhig, sagte er zu
Georg. Sie knnen zu ihr hinein.
    Hat sie mit Ihnen darber gesprochen? fragte Georg.
    Der Professor schttelte den Kopf. Dann sagte er: Ich mu jetzt leider in
die Stadt. Sie entschuldigen, nicht wahr? Ich hoffe, es wird weiter gut gehen.
Morgen frh bin ich jedenfalls wieder da. Leben Sie wohl, lieber Herr Baron. Er
drckte ihm teilnahmsvoll die Hand. Sie fahren mit mir hinein, Doktor Stauber,
nicht wahr?
    Ja, sagte Doktor Stauber. Ich will nur Anna noch Adieu sagen. Er ging.
    Georg wandte sich an den Professor. Darf ich Sie etwas fragen?
    Bitte.
    Ich mchte nmlich gern wissen, Herr Professor, ob das vielleicht nur eine
Einbildung ist. Mir kommt nmlich vor und er hob das Tuch wieder von der
kleinen Leiche auf als wenn dieses Kind gar nicht so ausshe wie ein
Neugeborenes. Schner gewissermaen. Mir ist, als wenn die Gesichter von
Neugeborenen eigentlich faltiger, greisenhafter sein mten. Ich wei nicht
mehr, hab ich einmal selbst eins gesehen oder hab ich nur davon gelesen.
    Sie haben nicht unrecht, erwiderte der Professor, gerade in Fllen dieser
Art, auch bei glcklicherem Ausgang, sind die Zge der Kinder nicht entstellt,
ja manchmal geradezu schn. Er betrachtete das kleine Antlitz mit fachlicher
Teilnahme, nickte ein paarmal schade, schade ... lie das Tuch wieder fallen,
und Georg wute, da er das Antlitz seines Kindes zum letztenmal gesehen hatte.
Wie htte es nur heien sollen? Felician ... Leb wohl, kleiner Felician.
    Doktor Stauber trat aus dem Nebenzimmer und schlo leise die Tre. Anna
erwartet Sie, sagte er zu Georg. Dieser gab ihm die Hand, reichte sie auch dem
Professor noch einmal, nickte Frau Golowski zu und trat ins Nebenzimmer.
    Die Wrterin erhob sich von Annas Seite und verschwand aus dem Zimmer. Der
Tr gegenber hing ein Spiegel in dem Georg einen jungen, eleganten Herrn
erblickte, der bla war und lchelte. Anna lag in ihrem Bett, das frei in der
Mitte stand, mit groen, klaren Augen, die Georg entgegensahen. Wie steh ich vor
ihr da, dachte er. Er rckte mit einiger Umstndlichkeit den Sessel nah an ihr
Bett, setzte sich, ergriff ihre Hand, fhrte sie an seine Stirn und kte dann
lang, beinahe inbrnstig ihre Finger.
    Anna sprach zuerst. Du warst im Garten? fragte sie.
    Ja, ich war im Garten.
    Ich habe dich von oben herunterkommen gesehen vor einiger Zeit.
    Du sollst lieber gar nichts reden, Anna. Strengt es dich nicht an?
    Die paar Worte, o nein. Aber du kannst mir ja was erzhlen ...
    Er hielt ihre Hand immer in der seinen und betrachtete ihre Finger. Dann
sagte er: Weit du eigentlich, da da oben am Ende des Gartens ein kleines
Lusthuschen steht? Ja, natrlich weit du ... ich meine nur, wir haben es nie
so recht bemerkt.
    In den ersten Tagen war ich einigemale drin, sagte Anna. Schn ist es
nicht.
    Nein, wahrhaftig.
    Hast du heut vormittag was gearbeitet? fragte sie dann.
    Was fllt dir ein, Anna.
    Sie schttelte ganz leicht den Kopf. Und gerade in der letzten Zeit ist es
dir so gut damit gegangen.
    Ja, wirklich wahr, Anna, du hast dich sehr rcksichtslos benommen. Er
lchelte, sie blieb ernst.
    Du warst gestern in der Stadt? fragte sie.
    Du weit ja.
    Hast du Briefe vorgefunden? Ich meine, wichtige?
    Du sollst gewi nicht so viel reden, Anna, ich erzhl dir schon alles.
Also: Ich hab keine Briefe von Bedeutung vorgefunden. Auch aus Detmold ist
keiner gekommen. Dieser Tage geh ich brigens wieder zu Professor Viebiger. Aber
wir knnen wirklich ein andermal ber diese Dinge reden, glaubst du nicht? Und
was das Arbeiten anbelangt ... in den Tristan hab ich heute morgens noch ein
wenig hineingesehen. Den kenn ich aber wirklich bis ins kleinste. Ich wrde mich
getrauen, ihn heut zu dirigieren, wenn's drauf ankme.
    Sie schwieg und sah ihn an.
    Er erinnerte sich des Abends, an dem er mit ihr in der Mnchener Oper
gesessen hatte, wie eingehllt in einen durchsichtigen Schleier von geliebten
Klngen. Aber er sprach nichts davon.
    Es dmmerte. Die Zge Annas begannen ihm zu verschwimmen.
    Fhrst du heute noch in die Stadt? fragte sie.
    Er hatte gar nicht daran gedacht. Jetzt aber war ihm, als winkte damit eine
Art von Erlsung. Ja, er wollte hinein. Was konnte er auch hier herauen noch
tun? Aber er antwortete nicht gleich.
    Anna begann wieder: Ich denke, du wirst vielleicht deinen Bruder sprechen
wollen.
    Ja, das mcht ich recht gern. Und du wirst wohl bald schlafen?
    Ich hoffe.
    Wie md mut du sein, sagte er, indem er ihre Hand streichelte.
    Nein, es ist etwas anderes. Ich bin so wach ... ich kann dir gar nicht
sagen, wie wach ich bin. Mir ist, als wr ich in meinem ganzen Leben nicht so
wach gewesen. Und wei zugleich, da ich so tief schlafen werde, wie noch nie
... wenn ich nur erst die Augen geschlossen habe.
    Ja gewi wirst du das. Aber nun darf ich doch wohl noch eine Weile bei dir
bleiben? Am liebsten mcht ich so lange hier sitzen, bis du eingeschlafen bist.
    Nein, Georg, wenn du da bist, kann ich ja doch nicht einschlafen. Aber
bleib nur noch ein bichen. Das ist schon gut.
    Er hielt immer ihre Hand und blickte zum Garten hinaus, der nun ganz im
Abendschatten lag.
    Du warst nicht sehr viel im Auhof oben dieses Jahr? fragte Anna
gleichgltig, als glte es nur irgend etwas zu reden.
    O ja, tglich beinahe. Hab ich dir's denn nicht gesagt? Ich denke, Else
wird James Wyner heiraten und mit ihm nach England gehen.
    Er wute, da sie nicht an Else dachte, sondern an eine ganz andere. Und er
fragte sich: meint sie etwa, das sei schuld?
    Ein lauer Hauch kam von drauen geweht. Kinderstimmen klangen herein. Georg
blickte hinaus. Er sah die weie Bank unter dem Birnbaum schimmern und dachte
daran, wie Anna ihn dort oben erwartet hatte, im wallenden Kleid, die
fruchtschweren ste ber sich, umflossen vom sanften Wunder ihrer
Mtterlichkeit. Und er fragte sich: war es schon damals bestimmt, da es so
enden mte? Oder war es am Ende schon in dem Augenblick bestimmt, da wir
einander zum erstenmal umarmt haben? Die Bemerkung des Professors fuhr ihm durch
den Sinn, da ein bis zwei Prozent aller Geburten so enden. Also seit Menschen
geboren wurden, war es so, da unter hundert einer oder zwei in so sinnloser
Weise dahin mssen im selben Augenblick, da sie zum Licht emporgebracht werden!
Und so und so viele mssen im ersten Jahre sterben, und so viel in der Blte
ihrer Jugend, und so viel als Mnner, und wieder eine bestimmte Anzahl macht
ihrem Leben selbst ein Ende, wie Labinski, und bei so und so vielen mu es
milingen, wie bei Oskar Ehrenberg. Wozu nach Grnden suchen? Irgendein Gesetz
ist wirksam, unbegreiflich und unerbittlich, an dem wir Menschen nicht rtteln
knnen. Wer darf klagen, warum gerade mir das? Widerfhrt es nicht ihm, so
widerfhrt es eben einem andern ... unschuldig oder schuldig wie er. Ein bis
zwei Prozent trifft es eben, das ist die himmlische Gerechtigkeit. Die Kinder,
die da drben im Garten lachten, die durften leben. Durften? Nein, sie muten
leben, so wie das seine hatte sterben mssen nach dem ersten Atemzug, bestimmt
von einer Dunkelheit durch ein sinnloses Nichts hindurch einzugehen in eine
andere.
    Drauen war die Dmmerung, und im Zimmer war es beinahe schon Nacht. Anna
lag still und regungslos. Ihre Hand in der Georgs rhrte sich nicht. Aber als
Georg sich erhob, sah er, da ihre Augen offen waren. Er beugte sich nieder,
zgerte einen Augenblick, dann legte er den Arm um ihren Hals und kte sie auf
die Lippen, die hei und trocken waren und seine Berhrung nicht erwiderten.
Dann ging er. Im Nebenzimmer brannte die Hngelampe ber dem Tisch, auf dem
frher das tote Kind gelegen hatte. Nun war die grne Tischdecke ausgebreitet,
als wre nichts geschehen. Die Tre zu dem Zimmer, in dem Frau Golowski wohnte,
war geffnet. Das Licht einer Kerze schimmerte herein, und Georg wute, da da
sein Kind den ersten und letzten Schlummer schlief.
    Frau Golowski und Frau Rosner saen nebeneinander auf dem Sofa an der Wand,
stumm, wie zusammengekauert. Georg trat zu ihnen. Der Herr Gemahl ist schon
fort? wandte er sich an Frau Rosner.
    Ja, er ist mit den Herren Doktoren in die Stadt hineingefahren, erwiderte
sie und sah ihn wie fragend an.
    Sie ist ruhig, beantwortete Georg ihren Blick. Ich denke, sie wird fest
schlafen.
    Wollen Sie nicht etwas zu sich nehmen? fragte Frau Golowski. Seit ein Uhr
haben Sie ...
    Danke nein. Ich fahre jetzt in die Stadt. Ich mchte meinen Bruder
sprechen. Auch erwarte ich Briefe von Wichtigkeit. Morgen frh bin ich wieder
da. Er verabschiedete sich, ging in seine Mansarde, holte die Tristanpartitur
vom Balkon ins Zimmer herein, nahm berzieher und Stock, zndete sich eine
Zigarette an und verlie das Haus. Er fhlte sich freier, sobald er auf der
Strae war. Eine ungeheure Aufregung lag hinter ihm. Es war in unglcklicher
Weise vorber, aber vorber war es doch. Und mit Anna mute es ja gut ablaufen.
Freilich da gab es wohl auch den verhngnisvollen Prozentsatz. Aber es war klar,
da nun die Mglichkeit eines schlimmen Ausgangs, gerade nach dem Gesetz der
Wahrscheinlichkeitsrechnung viel geringer sein mute, als wenn das Kind am Leben
geblieben wre.
    Mit raschen Schritten durchma er die langgestreckte Ortschaft, wollte
nichts denken und betrachtete mit absichtlicher Aufmerksamkeit jedes einzelne
Haus, an dem er vorbeikam. Sie waren alle niedrig, die meisten recht trbselig
und arm. Hinter ihnen, im Abenddunst, stiegen kleine Grtchen an zu Weinbergen,
Ackern und Wiesen. In einem beinahe menschenleeren Wirtshausgarten, an einem
lnglichen Tisch, saen ein paar Musikanten und spielten auf Violine, Gitarre
und Harmonika einen klagenden Walzer. Spter kam er an ansehnlichen Landhusern
vorbei, und durch offene Fenster sah er in anstndig erleuchtete Rume, in denen
gedeckte Tische standen. In einem freundlichen Gasthausgarten, mglichst weit
von den andern nicht sehr zahlreichen Gsten, lie er sich endlich nieder, nahm
seine Mahlzeit und sprte bald eine wohltuende Mdigkeit ber sich kommen. Auf
der Pferdebahn duselte er in seiner Ecke beinahe ein. Erst als der Wagen durch
belebtere Straen fuhr, fand er sich wieder und entsann sich des Geschehenen mit
qulender, aber trockener Deutlichkeit. Er stieg aus, und durch die feuchte
Schwle des Stadtparks begab er sich nach Hause. Felician war nicht daheim. Auf
dem Schreibtisch fand er ein Telegramm liegen. Es war aus Detmold und lautete:
Wir ersuchen hflichst um Nachricht, ob es Ihnen mglich wre, innerhalb der
nchsten drei Tage bei uns einzutreffen. Doch wolle diese Einladung vorlufig
als fr beide Teile unverbindlich hinsichtlich weiterer Entschlieungen
angesehen werden. Reisekosten werden in jedem Falle ersetzt. Hochachtungsvoll
Hoftheaterintendanz. Daneben lag das rtliche Blankett fr die Antwort.
    Georg war enerviert. Was sollte er nun erwidern? Das Telegramm deutete
offenbar darauf hin, da eine Kapellmeisterstelle erledigt war. Sollte er um
Aufschub ersuchen? Nach acht Tagen knnte er wohl zu einer Besprechung hin und
gleich wieder zurckfahren. Es strengte ihn an, darber nachzudenken. Zum
mindesten hatte die Angelegenheit bis morgen frh Zeit. Und wenn das schon zu
spt war, so hatte sich am Ende noch immer nichts Wesentliches gendert. Als
Gast war er jedenfalls willkommen, das wute er ja schon. Es war vielleicht
besser, sich nicht zu binden ... sich irgendwo noch ohne Verpflichtung und
Verantwortung einzuarbeiten und dann fr das nchste Jahr gerstet, fertig
dazustehen. Aber was waren das fr nichtige Erwgungen gegenber der ungeheuern
Sache, die sich heute in seinem Leben ereignet hatte. Er nahm den Malachit und
stellte ihn auf das Telegramm. Was jetzt ...? fragte er sich. In den Klub gehen
und Felician aufsuchen? Das war ja doch nicht der Ort, ihm die Sache
mitzuteilen. Es war schon das beste, daheim zu bleiben und ihn zu erwarten. Es
war sogar ein wenig verlockend, sich gleich auszukleiden und zur Ruhe zu legen.
Aber er htte ja doch nicht schlafen knnen. So kam er auf die Idee, endlich
wieder einmal unter seinen Papieren ein bichen Ordnung zu machen. Er ffnete
eine Schreibtischlade, sichtete Rechnungen und Briefe und trug Anmerkungen in
sein Notizbuch ein. Die Gerusche der Strae kamen durchs offene Fenster wie von
fern. Er dachte daran, wie er im vorigen Sommer, nach des Vaters Tod, an
derselben Stelle Briefe seiner verstorbenen Eltern gelesen hatte und das gleiche
Gerusch der Stadt, der gleiche Duft des Parks zu ihm hereingestrmt war wie
heute. Das Jahr, das seither verflossen war, dehnte sich in seinem mden Sinn zu
Ewigkeiten, wurde dann wieder zu einer kurzen Spanne Zeit, und in seiner Seele
raunte irgend etwas: wozu ... wozu. Sein Kind war tot. Drauen am
Sommerhaidenweg auf dem Friedhof wird es begraben sein, dort wird es ausruhen in
geweihter Erde von dem mhevollen Weg, der ihm zu gehen bestimmt war, von einer
Dunkelheit durch ein sinnloses Nichts in die andere. Unter einem kleinen Kreuze
wird es liegen, als htte es ein Menschenlos durchlebt und durchlitten ... Als
htte es gelebt? Es hatte ja wirklich gelebt, von dem Augenblick an, da sein
Herz im Leib der Mutter zu klopfen angefangen. Nein, frher schon ... von dem
Augenblick an, da seiner Mutter Leib es empfangen, hatte es dem Reich des
Lebendigen zugehrt. Und Georg dachte daran, wievielen Menschenkindern es
bestimmt war, noch viel frher wieder dahinzugehen als dem seinen, wie viele,
gewnschte und ungewnschte, in den ersten Tagen ihres Lebens sterben, ohne da
die eigenen Mtter es nur ahnen. Und whrend er so vor seinem Schreibtisch mit
geschlossenen Augen hindmmerte, zwischen Schlafen und Wachen, sah er lauter
schimmernde Kreuze ragen auf winzigen Hgeln, als wr es ein Friedhof aus einer
Spielereischachtel, und eine rtlich-gelbe Puppensonne glnzte darber hin. Mit
einmal aber bedeutete dies Bild den Friedhof von Cadenabbia. Georg sa wie ein
kleiner Knabe auf der steinernen Umfassungsmauer und wandte pltzlich den Blick
zur See hinab. Da trieb in einem sehr langen, schmalen Kahn unter schwefelgelben
Segeln, mit einem grnen Schal um die Schultern, bewegungslos auf der Ruderbank
sitzend, eine Frau, deren Antlitz zu erkennen er sich vergeblich und beinahe
schmerzlich bemhte.
    Die Klingel tnte. Georg fuhr auf. Was war das? Ach ja, es war niemand da,
um aufzuschlieen. Der Diener war seit erstem entlassen, und die Portiersfrau,
die jetzt die Brder bediente, war um diese Zeit nicht in der Wohnung. Georg
ging ins Vorzimmer und ffnete. Heinrich Bermann stand auf dem Flur. Ich sah
von unten Licht in Ihrem Zimmer, sagte er. Es war ein guter Einfall von mir,
zuerst an Ihrem Haus vorber zu gehen. Eigentlich wollte ich zu Ihnen aufs Land
hinausfahren.
    Spricht er wirklich so erregt, dachte Georg, oder klingt es mir nur so? Er
bat ihn einzutreten und Platz zu nehmen.
    Danke, danke, ich gehe lieber auf und ab. Nein, schalten Sie die obere
Flamme nicht ein, die Schreibtischlampe gengt. Im brigen wie geht es bei Ihnen
drauen?
    Heute Nachmittag ist das Kind zur Welt gekommen, erwiderte Georg ruhig.
Aber leider war es tot.
    Totgeboren?
    Ich wei nicht, ob man es so nennen kann, entgegnete Georg bitter
lchelnd, denn einen Atemzug soll es getan haben, sagt der Arzt. Drei Tage lang
haben die Wehen gedauert. Es war schrecklich. Nun ist es vorbei.
    Tot. Das tut mir aber sehr leid, glauben Sie mir. Er reichte Georg die
Hand.
    Es war ein Knabe, sagte Georg, und merkwrdigerweise sehr schn, anders
als Neugeborene sonst auszusehen pflegen. Er erzhlte auch dann, wie er sich
eine ganze Weile in einem ungastlichen Gartenhaus aufgehalten hatte, das er
frher nie betreten, und wie seltsam sich die Beleuchtung der Landschaft mit
einemmal verndert hatte. Es war ein Licht, sagte er, wie es Gegenden
zuweilen im Traum haben, ganz unbestimmt, ... dmmerhaft, ... aber eher
traurig. Whrend er so sprach, wute er, da er Felician die ganze Sache anders
erzhlen wrde.
    Heinrich sa in der Ecke des Divans und lie den andern reden. Dann begann
er: Es ist sonderbar, all das ergreift mich natrlich sehr, und doch ... es
beruhigt mich zugleich.
    Beruhigt Sie?
    Ja. Als wren nun gewisse Dinge, die ich leider befrchten mu, mit
einemmal weniger wahrscheinlich geworden.
    Was fr Dinge?
    Ohne auf ihn zu hren, sprach Heinrich weiter, mit zusammengepreten Zhnen.
Oder ist es nur deshalb so, weil ich dem Schmerz eines andern gegenberstehe?
Oder gar nur, weil ich wo anders bin, in einer fremden Wohnung? Das wre schon
mglich. Haben Sie nicht bemerkt, da sogar der eigene Tod einem gleich wie
etwas hchst Unwahrscheinliches vorkommt, wenn man zum Beispiel auf Reisen ist;
manchmal schon auf einem Spaziergang? Solchen unbegreiflichen Selbsttuschungen
ist der Mensch unterworfen. Er war aufgestanden, zum Fenster getreten, hatte
das Gesicht abgewandt. Georg, an den Schreibtisch gelehnt, wartete ahnungsvoll,
was er hren sollte. Nach ein paar Sekunden, als htte er Fassung gewonnen,
wandte Heinrich sich um, blieb aber am Fenster stehen, beide Hnde rckwrts auf
die Brstung gesttzt, und sagte kurz und hart: Es besteht nmlich die
Mglichkeit, da die junge Dame, die Sie neulich bei mir flchtig kennen gelernt
haben, einen Selbstmord verbt hat. Bitte machen Sie kein so erschrockenes
Gesicht. Sie wissen, es war schon in manchen ihrer Briefe zu lesen, da sie es
tun will.
    Nun also, sagte Georg.
    Heinrich hob abwehrend die Hand. Ich habe es ja auch niemals ernst
genommen. Heute Morgen aber kam ein Brief, der, wie soll ich nur sagen, einen
unheimlichen Klang von Wahrheit hatte. Es steht eigentlich auch nichts anderes
drin, als was sie mir schon zehn- oder zwanzigmal geschrieben hat, aber der Ton
... der Ton ... kurz und gut, ich bin so gut wie berzeugt, da es diesmal
geschehen ist. Da es vielleicht in diesem Augenblick schon ..., er hielt inne
und starrte vor sich hin.
    Nein Heinrich. Georg trat zu ihm hin und legte ihm die Hand auf die
Schulter. Nein, fgte er krftiger hinzu, ich glaube es absolut nicht. Ich
habe sie ja gesprochen, vor ein paar Wochen erst. Sie wissen ja. Und da hatte
ich durchaus nicht den Eindruck ... Ich habe sie auch Komdie spielen gesehen
... wenn Sie sie spielen gesehen htten, in dieser frechen Posse, so wrden Sie
auch nicht daran glauben, Heinrich! Sie will sich nur an Ihnen rchen, fr Ihre
Grausamkeit. Unbewut vielleicht. Sie ist ja wahrscheinlich selbst manchmal
davon berzeugt, da sie nicht weiter leben kann, aber da sie es bis heute
ausgehalten ... Ja wenn sie es gleich getan htte ...
    Heinrich schttelte ungeduldig den Kopf. Hren Sie, Georg, ich habe an das
Sommertheater telegraphiert. Ich habe angefragt, ob sie noch dort ist, etwa so,
als wenn es sich um eine Rolle fr sie handelte, Probeauffhrung eines neuen
Stcks von mir, oder dergleichen. Ich habe zu Hause gewartet bis jetzt ... aber
es ist noch keine Antwort da. Kommt keine, oder keine gengende, so werde ich
auf alle Flle hinfahren.
    
    Ja warum haben Sie nicht einfach angefragt, ob sie ...
    Ob sie sich umgebracht hat? Man will sich doch nicht blamieren, Georg! Da
htt ich mich ja ungefhr jeden dritten Tag erkundigen knnen ... Das htte
allerdings eines gewissen grotesken Humors nicht entbehrt.
    Nun sehen Sie, Sie glauben ja selbst nicht dran.
    Ich will jetzt nach Hause, schauen, ob ein Telegramm da ist. Adieu Georg.
Verzeihen Sie mir. Ich hab es nmlich daheim nicht mehr ausgehalten ... Es tut
mir wirklich sehr leid, da ich Sie in einer solchen Stunde mit meinen
Angelegenheiten belstigt habe. Nochmals, verzeihen Sie ...
    Sie wuten ja nicht ... Und auch wenn Sie gewut htten ... Bei mir ist es
ja doch ... sozusagen eine abgeschlossene Geschichte. In meiner Angelegenheit
ist leider absolut nichts mehr zu tun. Er blickte angestrengt zum Fenster
hinaus, ber die Wipfel der Bume, zu den dunkeln Trmen und Dchern, die aus
dem matt rtlichen Glanz der abendlichen Stadt emporstiegen. Dann sagte er: Ich
begleite Sie, Heinrich. Ich kann ja zu Hause doch nichts anfangen. Das heit
wenn Ihnen meine Gesellschaft nicht unangenehm ist.
    Unangenehm? ... Georg! ... Er drckte ihm die Hand.
    Sie gingen. Anfangs spazierten sie lngs des Parks und schwiegen. Georg
erinnerte sich seines Spazierganges mit Heinrich durch die Praterallee, im
vorigen Herbst, und gleich darauf kam ihm der Maienabend ins Gedchtnis, an dem
Anna Rosner im Waldsteingarten erschienen war, spter als die andern, und Frau
Ehrenberg ihm zugeflstert hatte: Die hab ich fr Sie eingeladen. Ja fr ihn!
Wre jener Abend nicht gewesen, so wre Anna nicht seine Geliebte geworden und
nichts von allem, woran er heute trug, wre geschehen. Oder war auch hier
irgendein Gesetz am Werke? Gewi! Es mssen wohl jedes Jahr so und so viel
Kinder zur Welt kommen, und eine Anzahl darunter auer der Ehe. Und die gute
Frau Ehrenberg hatte sich eingebildet, da es in ihrem Belieben gestanden,
Frulein Anna Rosner einzuladen fr den Freiherrn von Wergenthin!
    Anna befindet sich doch auer Gefahr? fragte Heinrich.
    Ich hoffe, erwiderte Georg. Dann sprach er von den Schmerzen, die sie
gelitten, von ihrer Geduld und ihrer Gte. Er hatte das Bedrfnis, sie als
vollkommenen Engel darzustellen; als knnte er damit etwas shnen, was er gegen
sie verschuldet htte.
    Heinrich nickte. Sie scheint wirklich eine von den wenigen Frauen, die zur
Mutterschaft bestimmt sind. Es ist nmlich nicht wahr, da es viele von der Art
gibt. Kinder zu kriegen dazu sind sie ja alle da, aber Mtter zu sein! Und
gerade sie mute das erleiden! Es ist mir eigentlich nie in den Sinn gekommen,
da so etwas eintreten knnte.
    Georg zuckte die Achseln. Dann sagte er: Ich hatte erwartet, Sie noch
einmal drauen zu sehen. Ich glaube, Sie versprachen mir sogar etwas
dergleichen, als Sie vor acht Tagen mit Therese zusammen bei uns nachtmahlten.
    Ach ja, wie wir uns so furchtbar gezankt haben, Therese und ich. Auf dem
Heimweg ist es noch rger geworden. Zum lachen. Wir gingen nmlich zu Fu bis in
die Stadt. Die Leute, die uns begegneten, mssen uns unbedingt fr ein
Liebespaar gehalten haben, so frchterlich haben wir uns gestritten.
    Und wer hat am Ende recht behalten?
    Recht? Kommt das jemals vor, da einer recht behlt? Man diskutiert doch
nur, um sich selbst, und nie um den andern zu berzeugen. Denken Sie nur, wenn
Therese am Ende eingesehen htte, da ein vernnftiger Mensch sich nie und
nimmer einer Partei anschlieen kann! Oder wenn ich ihr htte zugestehen mssen,
da meine Parteilosigkeit einen Mangel an Weltanschauung bedeute, wie sie
behauptete! Wir htten uns beide sofort totschieen knnen. Was sagen Sie
brigens zu diesem Gerede von Weltanschauung? Wie wenn Weltanschauung etwas
anderes wre, als der Wille und die Fhigkeit die Welt wirklich zu sehn, das
heit, anzuschauen, ohne durch eine vorgefate Meinung verwirrt zu sein, ohne
den Drang, aus einer Erfahrung gleich ein neues Gesetz abzuleiten, oder sie in
ein bestehendes einzufgen. Aber den Leuten ist Weltanschauung nichts, als eine
hhere Art von Gesinnungstchtigkeit Gesinnungstchtigkeit innerhalb des
Unendlichen sozusagen. Oder sie sprechen von dsterer und heiterer
Weltanschauung, je nach der Frbung, in der ihnen die Welt kraft ihres
Temperaments und zuflliger persnlicher Erlebnisse erscheint. Menschen mit
offenen Sinnen haben Weltanschauung und beschrnkte nicht. So steht die Sache.
Man mu wahrhaftig kein Philosoph sein, um Weltanschauung zu haben ...
vielleicht darf man's nicht einmal sein. Jedenfalls hat Philosophie mit
Weltanschauung nicht das geringste zu tun. Von den Philosophen hat gewi jeder
bei sich gewut, da er nichts anderes vorstellt, als eine Art von Dichter. Kant
hat an das Ding an sich geglaubt und Schopenhauer an die Welt als Wille und
Vorstellung, wie Shakespeare an Hamlet und Beethoven an die Neunte. Sie haben
gewut, da nun ein Kunstwerk mehr auf der Welt ist, aber sie haben sich gewi
nicht eingebildet, da sie eine endgltige Wahrheit entdeckt htten. Jedes
philosophische System, wenn es Rhythmus und Tiefe hat, bedeutet einen Besitz
mehr auf Erden. Aber was soll es denn an dem Verhltnis eines Menschen zur Welt
ndern, der selbst mit offenen Sinnen begnadet ist? Er sprach weiter, immer
erregter, geriet, wie es Georg erschien, ins Fieberhaftverworrene. Georg
erinnerte sich daran, da Heinrich einmal ein Ringelspiel erfunden hatte, das
sich ber den Erdboden hher und immer hher in Spiralen drehen sollte, um
endlich in einer Turmspitze zu enden.
    Sie nahmen den Weg durch wenig belebte und mig beleuchtete
Vorstadtstraen. Georg war es, als spazierte er in einer fremden Stadt umher.
Pltzlich erschien ein Haus ihm sonderbar bekannt, und er merkte jetzt erst, da
sie an dem Haus der Familie Rosner vorbeigingen. Das Speisezimmer war
erleuchtet. Wahrscheinlich sa dort oben der Alte allein, oder in Gesellschaft
seines Sohnes. Ist es denn mglich, dachte Georg, da in wenigen Wochen auch
Anna wieder dort sitzen wird, am selben Tisch mit Vater, Mutter und Bruder, als
wre nichts geschehen? Da sie wieder hinter jenem Fenster mit den jetzt
geschlossenen Jalousien Nacht fr Nacht schlafen, Tag fr Tag aus diesem Hause
sich zu ihren armseligen Lektionen begeben da sie dieses ganze, klgliche Leben
wieder aufnehmen wird, als htte nichts, gar nichts sich verndert? Nein! Sie
durfte nicht mehr zu den Ihren zurckkehren, das wre ja unsinnig gewesen. Zu
ihm mute sie kommen, mit ihm zusammen leben, zu dem sie gehrte. Das Telegramm
aus Detmold! Beinahe htte er dran vergessen. Er mute mit ihr darber reden.
Hier war Hoffnung und Aussicht! In solch einer kleinen Stadt war das Leben
wohlfeil. Auch war Georgs eigenes Vermgen noch lange nicht aufgezehrt. Man
konnte es schon wagen. berdies bedeutete die Stellung dort nur den Anfang.
Vielleicht bald kam eine bessere, in einer andern, grern Stadt; ber Nacht,
unverhofft, wie solche Dinge immer kommen, war ein Erfolg da, man hatte einen
Namen, nicht nur als Dirigent, sondern auch als Komponist, und es brauchten kaum
zwei, drei Jahre zu vergehen, so konnten sie das Kind zu sich nehmen ... Das
Kind! ... Wie die Gedanken ihm durch den Kopf strmten ... Auch das konnte man
auf einen Augenblick vergessen?
    Heinrich sprach noch immer; es war ganz offenbar, da er sich bertuben
wollte. Er fuhr fort, die Philosophen zu vernichten. Eben war er daran, sie von
Dichtern zu Spielenden zu degradieren. Jedes System jedes philosophische und
jedes moralische sei Wortspielerei. Eine Flucht aus der bewegten Flle der
Erscheinungen in die Marionettenstarre der Kategorien. Aber das war es eben,
wonach es die Menschen verlangte. Daher alle Philosophie, alle Religion, alle
Sittengesetze! Auf dieser Flucht waren sie immerfort begriffen. Wenigen, gar
wenigen war die ungeheure, innere Bereitschaft gegeben, jede Erfahrung als neu
und einzig zu empfinden die Kraft es zu ertragen, da sie in jedem Augenblick
gleichsam in einer neuen Welt stnden. Und doch: nur dem, der den feigen Drang
berwinde, alle Erlebnisse in Worte einzuengen, dem zeige das Leben das
vielfltig-eine, das wunderbare, sich in seiner wahren Gestalt.
    Georg hatte die Empfindung, als strebte Heinrich mit all seinen Reden nur
dies an: vor sich selbst jede Verantwortung gegenber einem hhern Gesetz
abzuschtteln, indem er keines anerkannte. Und wie in einem wachsenden
Widerstand gegen Heinrichs faselhaft wunderliches Gebaren fhlte er, wie sich in
seiner eigenen Seele das Bild der Welt, das ihm vor Stunden erst wie in Stcke
zu zerfallen gedroht hatte, allmhlich wieder zusammenzuschlieen begann. Eben
noch hatte er sich gegen die Sinnlosigkeit des Schicksals aufgelehnt, das ihn
heute betroffen, und schon begann er dumpf zu ahnen, da auch das, was ihm ein
trauriger Zufall geschienen, nicht aus dem Leeren auf sein Haupt
heruntergestrzt war, sondern da es ebenso auf einem vorbestimmten, nur
dunklern Weg zu ihm herangezogen war, wie das, was auf weithin sichtbarer Strae
sich ihm nahte und das er gewohnt war, Notwendigkeit zu nennen.
    Sie waren vor dem Hause, in dem Heinrich wohnte. Der Hausmeister stand am
Tor und teilte mit, da er vor kurzem eine Depesche in Heinrichs Zimmer gelegt
htte.
    So? sagte Heinrich wie gleichgltig und ging langsam die Treppen hinauf.
Georg folgte. Im Vorzimmer zndete Heinrich eine Kerze an. Auf einem kleinen
Tischchen lag die Depesche. Heinrich ffnete sie, hielt sie nah zum flackernden
Licht hin, las fr sich und wandte sich dann zu Georg. Sie wurde heute morgens
auf der Probe erwartet und ist nicht erschienen. Er nahm den Leuchter in die
Hand und trat, von Georg gefolgt, in den nchsten Raum, stellte das Licht auf
den Schreibtisch und ging im Zimmer auf und ab. Georg hrte durchs offene
Fenster ber den dunkeln Hof Klaviergeklimper. Sonst enthlt die Depesche
nichts? fragte er.
    Nein. Aber offenbar ist sie nicht nur nicht auf der Probe gewesen, sondern
war auch in ihrer Wohnung nicht zu finden. Sonst htte man wohl telegraphiert,
da sie krank sei, oder sonst ein Wort der Erklrung. Ja, lieber Georg er
atmete tief auf diesmal ist es geschehen.
    Warum? Dafr ist doch kein Beweis vorhanden, kaum ein Anhaltspunkt.
    Heinrich schnitt mit einer seiner kurzen Handbewegungen die Rede des andern
ab. Dann sah er auf die Uhr und sagte: Heut hab ich keinen Zug mehr ... Ja ...
was soll man nur was soll man nur beginnen? Er hielt inne, blieb stehen und
sagte pltzlich: Ich werde zu ihrer Mutter fahren. Ja. Das ist das beste ...
Vielleicht, vielleicht ...
    Sie verlieen die Wohnung. An der nchsten Ecke nahmen sie einen Wagen.
    Hat die Mutter etwas gewut? fragte Georg.
    Ach Gott, sagte Heinrich. Was Mtter eben zu wissen pflegen. Es ist ja
unglaublich, wie wenig die Menschen ber das nachdenken, was in ihrer nchsten
Nhe vorgeht, wenn sie nicht durch einen uern Anla dazu gentigt werden. Und
die meisten Menschen ahnen nicht einmal, was sie alles wissen, in der Tiefe
ihrer Seele wissen, ohne sich's einzugestehen. Die gute Frau wird wohl etwas
erstaunt sein, wenn ich so pltzlich vor ihr auftauche ... ich habe sie schon
lange nicht gesehen.
    Was werden Sie ihr sagen?
    Ja, was werde ich ihr sagen? wiederholte Heinrich und bi an seiner
Zigarre herum. Hren Sie, ich habe eine groartige Idee. Sie werden mit mir
kommen, Georg, ich stelle Sie als Direktor vor, ja? Sie sind auf der Durchreise
hier, mssen noch heute mit einem Separatzug um elf Uhr fort, nach Petersburg,
haben irgendwie gehrt, da sich das Frulein in Wien aufhlt, und ich, als
alter Bekannter des Hauses bin so liebenswrdig Sie vorzustellen.
    Sind Sie zu dergleichen Komdien aufgelegt? fragte Georg.
    Ach verzeihen Sie, Georg! Es ist ja alles gar nicht notwendig. Ich frage
die Alte einfach, ob sie Nachricht hat ... Was sagen Sie ... wie schwl diese
Nacht ist?
    Sie fuhren ber den Ring, durch den hallenden Burghof, durch die Straen der
Stadt. Georg war eigentmlich gespannt. Wenn die Schauspielerin nun wirklich
ruhig bei ihrer Mutter zu Hause se, dachte er. Er fhlte, da es eine Art
Enttuschung fr ihn bedeuten wrde. Dann schmte er sich dieser Regung. Ist
denn die ganze Geschichte eine Zerstreuung fr mich, dachte er. Was den andern
Leuten passiert ... ist uns wohl selten mehr, wrde Nrnberger finden ... Eine
seltsame Art sich zu zerstreuen, um den Tod seines Kindes zu vergessen ... Aber
was soll man tun? ... ndern kann ich nichts mehr. In ein paar Tagen reis' ich
fort. Gott sei Dank.
    Der Wagen hielt vor einem Hause in der Nhe des Pratersterns. ber den
Viadukt gegenber drhnte eben ein Zug, darunter weg liefen die Alleen des
Praters ins Dunkle. Heinrich schickte den Wagen fort. Ich danke Ihnen sehr,
sagte er zu Georg. Leben Sie wohl.
    Ich warte hier auf Sie.
    Wollen Sie wirklich? Nun, ich bin Ihnen sehr dankbar.
    Er verschwand im Haustor. Georg ging auf und ab. Rings herum auf den Straen
war es trotz der spten Stunde noch ziemlich belebt. Aus dem Prater drangen die
Klnge eines Militrorchesters zu ihm her. Ein Mann und eine Frau kamen an ihm
vorbei. Der Mann trug ein schlafendes Kind auf dem Arm, das die Hnde um den
Hals des Vaters geschlungen hatte. Georg dachte an den Grinzinger Garten, an das
kleine, ungewaschene Ding, das ihm von den Armen der Mutter aus die Hndchen
entgegengestreckt hatte. War er damals wirklich gerhrt gewesen, wie Nrnberger
behauptet hatte? Nein, Rhrung war es wohl nicht. Etwas anderes vielleicht. Das
dumpfe Bewutsein, dazustehen in der geschlossenen Kette, die von Urahnen zu
Urenkeln ging, an beiden Hnden gefat, mit teilzuhaben am allgemeinen
Menschenlos. Nun stand er mit einemmal wieder losgelst, allein ... wie
verschmht von einem Wunder, dessen Ruf er ohne Andacht gehrt hatte. Von einem
nahen Kirchturm schlug es zehn Uhr. Fnf Stunden erst, dachte Georg. Und wie
ferne war schon alles. Nun durfte er wieder frei durch die Welt treiben, wie
frher einmal ... Durfte er wirklich?
    Heinrich kam aus dem Haustor. Hinter ihm fiel das Tor zu. Nichts, sagte
er. Ganz ahnungslos ist die Mutter. Ich habe nach der Adresse gefragt, als wenn
ich ihr was Wichtiges mitzuteilen htte. Ich wre gerade aus dem Prater
gekommen, und da fiel mir ein ... na und so weiter. Eine gute, alte Frau. Der
Bruder sitzt am Tisch und zeichnet auf einem Reibrett eine Ritterburg mit
unzhligen Trmen aus einer illustrierten Zeitung ab.
    Jetzt seien Sie einmal aufrichtig, sagte Georg. Wenn Sie sie auf diese
Weise retten knnten, wrden Sie ihr auch jetzt nicht verzeihen?
    Ja Georg, merken Sie denn noch immer nicht, da es sich gar nicht darum
handelt, ob ich verzeihen will oder nicht? Denken Sie doch, ich htte einfach
aufgehrt sie zu lieben, was doch gelegentlich passieren kann, auch ohne da man
verraten worden ist. Denken Sie, eine Frau, die Sie liebt, wrde Sie verfolgen,
eine Frau, vor deren Berhrung Ihnen aus irgendeinem Grunde graut, wrde Ihnen
schwren, sie bringt sich um, wenn Sie sie verschmhen. Wren Sie verpflichtet
ihr nachzugehen? Knnten Sie sich den leisesten Vorwurf machen, wenn sie
wirklich aus sogenannter verschmhter Liebe in den Tod ginge? Wrden Sie sich
als ihr Mrder fhlen? Das ist doch lauter Unsinn, nicht wahr? Also wenn Sie
glauben, da es das sogenannte Gewissen ist, das mich jetzt peinigt, so irren
Sie sich. Es ist einfach die Sorge um das Schicksal eines Wesens, das mir einmal
nahestand und gewissermaen heute noch nahesteht. Die Ungewiheit ... ...
Pltzlich blickte er starr nach einer Richtung.
    Was ist Ihnen? fragte Georg.
    Sehen Sie nicht? Ein Telegraphenbote. Er kommt auf das Haustor zu. Ehe der
Mann noch klingeln konnte, war Heinrich bei ihm, und sagte ihm ein paar Worte,
die Georg nicht verstehen konnte. Der Bote schien Einwendungen zu machen,
Heinrich erwiderte, und Georg, der nhergetreten war, konnte es hren. Ich habe
Sie ja hier vor dem Tor erwartet, weil mich der Arzt dringend darum gebeten hat.
Dieses Telegramm enthlt ... vielleicht ... eine traurige Nachricht ... und es
knnte fr meine Mutter der Tod sein ... nun wenn Sie mir nicht glauben, so
klingeln Sie doch, ich geh mit Ihnen ins Haus. Aber schon hatte er auch die
Depesche in Hnden, ffnete sie hastig und las beim Licht einer Straenlaterne.
Sein Antlitz blieb vllig unbeweglich. Dann faltete er die Depesche wieder
zusammen, reichte sie dem Boten hin, drckte ihm ein paar Silbermnzen in die
Hand und sagte: Sie mssen sie doch selbst drin abgeben.
    Der Bote war befremdet, aber durch das Trinkgeld milde gestimmt. Heinrich
klingelte und wandte sich ab. Kommen Sie, sagte er zu Georg. Sie gingen stumm
die Strae weiter. Nach ein paar Minuten sagte Heinrich: Es ist geschehen.
    Georg erschrak heftiger, als er erwartet htte. Ist es mglich ... rief er
aus.
    Ja, sagte Heinrich. Im See hat sie sich ertrnkt. In dem See, an dem Sie
heuer im Sommer ein paar Tage gewohnt haben, setzte er hinzu, in einem Ton, als
trge Georg nun auch irgendwie einen Teil der Verantwortung fr das, was
geschehen war.
    Was steht in dem Telegramm? fragte Georg.
    Es ist vom Direktor. Er hat eben die Nachricht erhalten, da sie beim
Kahnfahren verunglckt ist. Erbittet nhere Weisungen von der Mutter. Er sprach
khl, hart, als lse er eine Notiz aus der Zeitung vor.
    Die unglckliche Frau! Sollten Sie nicht doch, Heinrich ...
    Was ...? Zu ihr? Was soll ich denn bei ihr tun?
    Wer denn als Sie, kann ihr jetzt ... und mu ihr beistehen?
    Wer denn als ich? Er blieb stehen. Sie denken, weil es sozusagen
meinetwegen geschehen ist? Ich erklre Ihnen hiermit feierlich, da ich mich
total unschuldig fhle. Der Kahn, aus dem sie sich hat sinken lassen, und die
Wellen, die sie empfangen haben, knnen sich nicht schuldloser fhlen, als ich.
Das will ich nur feststellen. Aber da ich zu der Mutter hinein mu ... Ja,
damit haben Sie vollkommen recht. Und er schlug wieder die Richtung nach dem
Hause ein. Wenn Sie wollen, sagte Georg, so bleibe ich bei Ihnen. Was fllt
Ihnen ein, Georg. Gehen Sie nur ruhig nach Hause. Was soll ich noch alles von
Ihnen verlangen? Und gren Sie Anna und sagen Sie ihr, wie sehr ich beklage ...
na Sie wissen ja ... Da wren wir. Sie gestatten, da ich noch ein paar Sekunden
verziehe, ehe ich ... Er blieb stumm stehen. Dann begann er wieder, und seine
Zge verzerrten sich: Ich will Ihnen etwas sagen, Georg. Folgendes: Es ist ein
groes Glck, da man in gewissen Augenblicken gar nicht wei, was einem
eigentlich begegnet ist. Wenn man die Unheimlichkeit solcher Augenblicke nmlich
sofort so stark empfnde, wie man sie spter in der Erinnerung empfinden wird,
oder wie man sie in der Erwartung empfunden hat man wrde verrckt. Auch Sie
Georg, ja Sie auch. Und manche werden eben wirklich verrckt. Das sind
wahrscheinlich die Leute, denen die Gabe verliehen ist, sofort richtig zu
empfinden. Meine Geliebte hat sich ertrnkt, hren Sie? Es ist nicht anders zu
sagen. Ist wirklich frher andern etwas hnliches passiert? O nein. Sie glauben
sicher, da Sie schon hnliches gelesen oder gehrt haben. Es ist nicht wahr.
Heute das erstemal ... das erstemal, seit die Welt steht, ist so etwas
passiert.
    Das Tor ffnete sich und fiel wieder zu. Georg stand allein auf der Strae.
Der Kopf war ihm wirr, das Herz bedrckt. Er ging ein paar Schritte, dann nahm
er einen Wagen und fuhr nach Hause. Er sah die Tote vor sich, so wie sie an
jenem hellen Sommertage vor der Bhnentr gestanden war, in roter Bluse und
kurzem, weien Rock, mit den irrenden Augen unter dem rtlichen Schopf. Er htte
damals brigens geschworen, da sie mit dem Komdianten, der Guido hnlich sah,
ein Verhltnis hatte. Vielleicht war es auch so. Das konnte eine Art von Liebe
gewesen sein und was sie fr Heinrich fhlte, eine andere. Es gab wirklich viel
zu wenig Worte. Fr den einen geht man in den Tod, mit dem andern liegt man im
Bett, vielleicht noch in der Nacht, eh man sich fr den einen ertrnkt. Und was
beweist ein Selbstmord am Ende? Vielleicht nur, da man in irgendeinem
Augenblick den Tod nicht recht verstanden hat. Wie wenige versuchen es noch
einmal, wenn es ihnen einmal miglckt ist. Das Gesprch mit Grace fiel ihm ein,
an Labinskis Grab, das glhend-kalte, an dem sonnigen Februartag im schmelzenden
Schnee. In jener Stunde hatte sie ihm gestanden, da sie von keinem Grauen
erfat worden war, als sie Labinski erschossen vor ihrer Wohnungstr gefunden
hatte. Und als vor vielen Jahren ihre kleine Schwester gestorben war, hatte sie
eine Nacht lang am Totenbett gewacht, ohne auch nur eine Spur von dem zu
empfinden, was andere Menschen Grauen nannten. Aber etwas, das diesem Gefhle
hnlich sein mochte, so erzhlte sie Georg, hatte sie in der Umarmung von
Mnnern kennen gelernt. Zuerst war ihr das selbst rtselhaft gewesen, spter
glaubte sie es zu verstehen. Sie war nach der Aussage von rzten zur
Unfruchtbarkeit bestimmt, und darum mute es wohl geschehen, da der Augenblick
der hchsten Lust, durch dieses Verhngnis gleichsam sinnlos geworden, ihr wie
in ahnungsvollen Schauder versank. Dies war Georg damals wie ein affektiertes
Gerede erschienen, heute zum erstenmal sprte er einen Hauch von Wahrheit darin.
Sie war ein seltsames Geschpf gewesen. Ob ihm noch einmal ein Wesen solcher Art
begegnen wrde? Warum nicht? Am Ende bald. Nun fing ja eine neue Epoche seines
Lebens an, und irgendwo wartete vielleicht schon das nchste Abenteuer.
Abenteuer ...? Durfte er daran noch denken ...? Hatte er von heute an nicht
ernstere Verpflichtungen als je? Liebte er Anna nicht mehr, als je zuvor ...?
Das Kind war tot ... Aber das nchste wrde leben ...! Heinrich hatte wahr
gesprochen: Anna war dazu bestimmt, Mutter zu werden. Mutter ... Aber, dachte er
frstelnd, ist sie denn auch bestimmt, Mutter meiner Kinder zu werden? ... Der
Wagen hielt. Georg stieg aus, ging die zwei Treppen hinauf in seine Wohnung.
Felician war noch nicht zu Hause. Wer wei, wann er kommt? dachte Georg. Ich
kann ihn nicht erwarten, ich bin zu md. Er entkleidete sich rasch, sank ins
Bett, und tiefer Schlaf nahm ihn auf.
    Als er erwachte, suchten seine Augen durchs Fenster, wie er es nun seit
Tagen gewohnt war, eine weie Linie, zwischen Wald und Wiesen: den
Sommerhaidenweg. Er sah aber nur einen blulichen, leeren Himmel, in den eine
Turmspitze sich bohrte, mit einemmal wute er, da er zu Hause war, und alles,
was er gestern erlebt hatte, fiel ihm ein. Doch fhlte er Leib und Seele
morgenfrisch, und ihm war, als htte er auer dem Traurigen, das geschehen war,
sich auch irgendeiner gnstigen Sache zu entsinnen. Ach ja. Das Telegramm aus
Detmold ... War das denn etwas so Gnstiges? Gestern Abend hatte er es nicht so
empfunden.
    Es klopfte an seine Tr. Felician trat zu ihm ins Zimmer, Hut und Stock in
der Hand. Ich hab gar nicht gewut, da du heute zu Hause geschlafen hast,
sagte er. Gr dich Gott. Also was gibts denn drauen neues?
    Georg hatte den Arm auf den Polster gesttzt und blickte zu seinem Bruder
auf. Es ist vorber, sagte er. Ein Bub, aber tot. Und er sah vor sich hin.
    Geh, sagte Felician bewegt, trat auf ihn zu und legte unwillkrlich die
Hand auf des Bruders Haupt. Dann tat er Hut und Stock beiseite, setzte sich zu
ihm aufs Bett, und Georg mute an Morgenstunden seiner Kinderjahre denken, da er
beim Erwachen manchmal seinen Vater so am Bettrand sitzen gesehen. Er erzhlte
Felician, wie alles gekommen war, sprach insbesondere von Annas Geduld und
Sanftmut, aber mit einem gewissen Unbehagen fhlte er, da er sich ein wenig
zwingen mute, um seinen Mitteilungen den Ton von Ernst und Gedrcktheit zu
bewahren, der ihnen ziemte. Felician hrte mit Anteil zu, erhob sich dann und
ging im Zimmer auf und ab. Indes stand Georg auf, begann Toilette zu machen und
berichtete dem Bruder, wie merkwrdig sich der weitere Verlauf des Abends
gestaltet hatte; sprach von den Gngen und Fahrten mit Heinrich Bermann, und von
der eigentmlichen Art, wie sie endlich von dem Selbstmord der Schauspielerin
erfahren hatten.
    Ah, das ist die, sagte Felician. Es steht nmlich schon in der Zeitung.
    Also wie ist es denn geschehen? fragte Georg neugierig.
    Sie ist in den See hinausgefahren und hat sich vom Kahn aus ins Wasser
gleiten lassen ... Na, du wirst ja lesen ... Jetzt fhrst du wohl gleich wieder
aufs Land hinaus? fgte er hinzu.
    Natrlich, erwiderte Georg. Aber ich hab dir ja noch was zu sagen,
Felician, was dich interessieren drfte. Und er berichtete dem Bruder von dem
Detmolder Telegramm.
    Felician schien erstaunt. Das wird ja ernst, rief er aus.
    Ja, es wird ernst, wiederholte Georg.
    Du hast noch nicht geantwortet?
    Nein, wie htt ich knnen?
    Und was gedenkst du zu tun?
    Aufrichtig gestanden, ich wei nicht recht. Du begreifst, da ich nicht auf
der Stelle hinfahren kann, besonders unter diesen Umstnden.
    Felician schien nachdenklich. Mit einem kleinen Aufschub wird ja wohl
nichts verloren sein, sagte er dann.
    Das denk ich mir auch. Vor allem mu ich wissen, wie's drauen geht. Ich
mchte mich natrlich auch gern mit Anna beraten.
    Wo hast du denn das Telegramm, darf man's lesen?
    Drin auf dem Schreibtisch liegt's, sagte Georg, der eben damit beschftigt
war, sich die Schuhe zuzuschnren.
    Felician begab sich ins Nebenzimmer, nahm die Depesche zur Hand und las.
Das ist ja viel dringender, bemerkte er, als ich gedacht habe.
    Mir scheint, Felician, es kommt dir noch immer merkwrdig vor, da ich nun
bald einen wirklichen Beruf haben soll.
    Felician stand wieder bei seinem Bruder, strich ihm bers Haar und sagte:
Es ist vielleicht eine gute Fgung, da die Depesche gerade gestern gekommen
ist.
    Gut? Inwiefern?
    Ich meine, nach so einem trben Ereignis drfte dir die Aussicht auf
praktische Bettigung doppelt wohltun ... Aber ich mu dich jetzt leider
verlassen. Ich hab noch eine ganze Menge zu tun; Abschiedsbesuche unter anderm.
    Wann fhrst du denn, Felician?
    Heut in acht Tagen. Sag Georg, du kommst doch heut wahrscheinlich noch vom
Land zurck?
    Wenn drauen alles in Ordnung ist, ganz bestimmt.
    Wir knnten uns vielleicht am Abend noch treffen?
    Das wr mir sehr lieb, Felician.
    Also wenn's dir recht ist ich bin von sieben Uhr an zu Hause. Wir knnen
vielleicht zusammen soupieren, aber allein, nicht im Klub.
    Ja, gern.
    Und ich mcht dich was bitten, begann Felician nach kurzem Schweigen
wieder. Bestell drauen einen Gru von mir, einen herzlichen ... und sag ihr,
da ich den innigsten Anteil nehme.
    Ich danke dir, Felician, ich werde es ihr ausrichten.
    Wirklich, Georg, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr es mich berhrt
hat, fuhr Felician mit Wrme fort. Ich hoffe nur, sie kommt bald darber
hinweg ... ... Und du auch.
    Georg nickte. Weit du, sagte er leise, wie er htte heien sollen?
Felician!
    Felician sah seinem Bruder ins Auge, sehr ernst, dann drckte er ihm die
Hand. Aufs nchstemal, sagte er mit einem guten Lcheln. Noch einmal drckte
er dem Bruder die Hand und ging. Georg sah ihm nach, zwiespltig bewegt. Ganz
unangenehm ist es ihm ja doch nicht, dachte er, da es so gekommen ist. Rasch
machte er sich fertig und beschlo, heute wieder einmal zu Rad aufs Land zu
fahren.
    Erst als er ber die belebteren Straen hinaus war, kam er zum Gefhl seiner
selbst. Der Himmel hatte sich ein wenig getrbt, und von den Hgeln her wehte
Georg ein khler Wind wie Herbstgru entgegen. Er wollte in der kleinen
Ortschaft, wo das gestrige Ereignis jedenfalls schon bekannt geworden war,
niemandem begegnen und nahm den obern Weg zwischen Wiesen und Grten zum
rckwrtigen Eingang. Je nher der Augenblick kam, da er Anna wiedersehen
sollte, um so schwerer wurde ihm ums Herz. Am Gitter sa er vom Rad ab und
zgerte ein wenig. Der Garten war leer; unten lag das Haus, in Stille versunken.
Georg atmetet tief und schmerzlich auf. Wie anders htte es sein knnen! dachte
er, schritt hinab und hrte den Kies unter seinen Fen knirschen. Er trat auf
die Veranda, lehnte das Rad ans Gelnder und schaute durch das offene Fenster
ins Zimmer hinein. Anna lag mit offenen Augen.
    Guten Morgen, rief er mglichst heiter.
    Frau Golowski, die an Annas Bett gesessen war, erhob sich und erzhlte
gleich: Gut haben wir geschlafen, fest und gut.
    Na, das ist schn, sagte Georg und schwang sich ber die Brstung ins
Zimmer.
    Du bist ja sehr unternehmend heute, sagte Anna mit ihrem verschmitzten
Lcheln, das Georg an lngst vergangene Zeiten erinnerte. Frau Golowski teilte
mit, der Professor wre am frhen Morgen dagewesen, htte sich vollkommen
zufrieden gezeigt, und Frau Rosner in seinem Wagen mit in die Stadt genommen.
Dann entfernte sie sich, mit guten Blicken.
    Georg beugte sich zu Anna nieder, kte sie innig auf Augen und auf Mund,
rckte den Stuhl nher, setzte sich und sagte: Mein Bruder grt dich
herzlich.
    Es zuckte unmerklich um ihre Lippen. Danke, erwiderte sie leise und
bemerkte dann: Du bist ja mit dem Rad herausgekommen?
    Ja, erwiderte er. Da mu man nmlich auf den Weg aufpassen, was zuweilen
sein Gutes hat. Dann berichtete er vom Abschlu des gestrigen Abends, erzhlte
das Ganze wie eine spannende Geschichte, und erst zum Schlu, wie es sich
gehrte, durfte Anna erfahren, wie Heinrichs Geliebte geendet hatte. Er
erwartete sie bewegt zu sehen, aber sie behielt einen sonderbar harten Zug um
den Mund.
    Es ist doch furchtbar, sagte Georg. Findest du nicht?
    Ja, erwiderte Anna kurz, und Georg fhlte, da ihre Gte hier vllig
versagte. Er sah den Widerwillen aus ihrer Seele flieen, nicht lau wie von
einem Wesen zum andern hin, sondern stark und tief, wie einen Strom des Hasses
von Welt zu Welt. Er lie das Thema fallen und begann von neuem: Jetzt was
Wichtiges, mein Kind. Er lchelte, hatte aber ein wenig Herzklopfen.
    Nun? fragte sie gespannt.
    Er nahm das Detmolder Telegramm aus seiner Brusttasche und las es ihr vor.
Was sagst du dazu? fragte er mit gespieltem Stolz.
    Und was hast du geantwortet?
    Noch gar nichts, erwiderte er beilufig, als wre er nicht gesonnen, die
Sache sonderlich ernst zu nehmen. Ich wollt es natrlich vorher mit dir
besprechen.
    Also was denkst du? fragte sie unbeweglich.
    Ich ... lehne natrlich ab. Ich depeschiere, da ich ... in der nchsten
Zeit keineswegs hinkommen knnte. Und er erluterte ihr ernsthaft, da mit
einem Aufschub weiter nichts verloren sei, da er ja als Gast jedenfalls
willkommen und diese dringende Aufforderung doch nur einem Zufall zu verdanken
war, auf den zu hoffen man nicht das Recht gehabt htte.
    Sie lie ihn eine Weile reden, dann sagte sie. Du bist schon wieder einmal
leichtsinnig. Vor allem find ich, httest du gleich antworten sollen. Und ...
    Nun, und? ... Vielleicht auch gleich heute frh fortfahren, statt zu dir
herauszukommen wie? scherzte er.
    Sie blieb ernst. Warum nicht? sagte sie. Und auf sein befremdetes
Zurckwerfen des Kopfes: Mir geht es ja Gott sei Dank sehr gut, Georg; und auch
wenn es mir etwas schlechter ginge, helfen knntest du mir ja doch nicht, also
...
    Ja, Kind, unterbrach er sie, mir scheint, du verstehst gar nicht recht,
um was es sich handelt! Das Hinfahren ist natrlich eine ziemlich einfache Sache
aber das Dortbleiben! Das Dortbleiben mindestens bis Ostern! So lange dauert die
Saison.
    Na, da du nicht fortgefahren bist, ohne mir vorher adieu zu sagen, Georg,
das finde ich natrlich ganz in der Ordnung. Aber siehst du, fort mut du ja
jedenfalls, nicht wahr? Wenn wir auch gerade in der letzten Zeit nicht darber
gesprochen haben, wir haben's doch beide gewut. Also ob du in vier Wochen
wegfhrst, oder bermorgen oder heute ...
    Nun begann Georg sich ernstlich zu wehren. Das sei durchaus nicht
gleichgltig, ob in vier Wochen oder heute. Im Laufe von vier Wochen knne man
sich doch mit gewissen Gedanken vertraut machen und berdies alles genau
besprechen hinsichtlich der Zukunft.
    Was gibt es da viel zu besprechen, erwiderte sie md. In vier Wochen
nimmst du ... kannst du mich ebensowenig mitnehmen als heute. Ich glaube sogar,
da jede ernsthafte Besprechung zwischen uns erst nach deiner Rckkunft einen
Sinn erhalten kann. Bis dahin wird sich mancherlei geklrt haben ... Wenigstens
in Bezug auf deine Aussichten. Sie blickte zum Fenster hinaus, in den Garten.
Georg zeigte eine gelinde Entrstung ber ihre khle Sachlichkeit, die sie auch
in einer solchen Stunde nicht verliee. Ja wahrhaftig! sagte er, wenn man so
bedenkt was das bedeutet, da du hier bleibst und ich ...
    Sie sah ihn an. Ich wei, was es bedeutet, sagte sie.
    Unwillkrlich wich er ihrem Blick aus, nahm ihre Hnde, kte sie, war
innerlich aufgewhlt. Als er wieder aufblickte, sah er ihre Augen mtterlich auf
sich ruhen. Und wie eine Mutter sprach sie ihm zu. Sie erklrte ihm, da er
gerade in Hinsicht auf die Zukunft und es schwebte um dieses Wort kaum wie ein
linder Hauch eigener Hoffnung eine solche Gelegenheit nicht versumen drfe. In
zwei oder drei Wochen konnte er ja von Detmold aus auf ein paar Tage wieder nach
Wien zurckkommen. Denn das wrden die Leute dort gewi einsehen, da er seine
Angelegenheiten hier in Ordnung bringen mte. Aber vor allem wre es notwendig,
ihnen einen Beweis seines ernsten Willens zu geben. Und wenn er auf ihren Rat
etwas halte, so gbe es nur eins: noch heute abends abzureisen. Um sie brauche
er keine Sorge zu hegen, sie fhlte, da sie auer jeder Gefahr sei, ganz
untrglich fhle sie das. Natrlich werde er tglich Nachricht haben, zweimal,
wenn er wollte, frh und abends. Er gab nicht gleich nach, kam nochmals darauf
zurck, da das Unerwartete dieser Trennung ihn geradezu niederdrcken wrde.
Sie erwiderte, da ihr ein solcher rascher Abschied viel lieber sei, als die
Aussicht auf weitere vier Wochen in Bangen, Rhrung und Abschiedsangst. Und das
wesentliche bleibe doch immer: da es sich um nicht viel mehr handle als ein
halbes Jahr. Dann hatte man wieder ein halbes fr sich, und wenn alles gut
ginge, so standen vielleicht nicht mehr viele solcher Trennungszeiten bevor.
    Nun fing er wieder an: Und was wirst du in diesem halben Jahr tun, whrend
ich fort bin? Es ist doch ...
    Sie unterbrach ihn: Vorlufig wird es schon so weitergehen, wie es eben
jahrelang gegangen ist. Aber ich hab heute frh ber vielerlei nachgedacht.
    Die Gesangschule?
    Auch das. Obzwar das natrlich nicht so leicht ist und nicht so einfach und
berdies, setzte sie mit ihrem verschmitzten Gesicht hinzu, es wre doch
schade, wenn man sie gar zu bald wieder zusperren mte. Aber ber all das
werden wir nachher reden. Jetzt geh einmal telegraphieren.
    Ja was? rief er so verzweifelt aus, da sie lachen mute. Dann sagte sie:
Sehr einfach. Werde morgen mittag die Ehre haben, mich in Ihrer Kanzlei
einzufinden. Aller-, alleruntertnigst, oder ergebenst ... oder allerhochmtigst
...
    Er sah sie an. Dann kte er ihr die Hand und sagte: Du bist entschieden
die Gescheitere von uns zweien. Sein Ton deutete an: auch die Khlere, aber ein
Blick von ihr, mild, zrtlich und etwas spttisch, lehnte diesen Nebensinn ab.
    Also in zehn Minuten bin ich wieder da. Er verlie sie mit heiterer Stirn,
trat ins Nebenzimmer und schlo die Tre. Gegenber, hinter jener andern, jetzt
fiel es ihm mit Macht wieder ein, lag sein totes Kind im Sarg ... denn das
Ntige, wie gestern Doktor Stauber sich ausgedrckt hatte, war ja wohl schon
besorgt worden. In einer wehen Sehnsucht krampfte sich sein Herz. Frau Golowski
kam aus dem Vorzimmer. Sie trat auf ihn zu, sprach bewundernd von der
Ergebenheit und der Gefatheit Annas. Georg hrte etwas zerstreut zu. Seine
Blicke glitten immerfort ber jene Tre hin, und endlich sagte er leise: Ich
mcht es doch noch einmal sehen.
    Sie schaute ihn an, leicht erschrocken zuerst und dann mitleidig.
    Schon zugenagelt? fragte er angstvoll.
    Schon fortgeschafft, erwiderte Frau Golowski langsam.
    Fortgeschafft?! Sein Gesicht verzerrte sich mit einmal so peinvoll, da
die alte Frau wie beruhigend die Hnde auf seinen Arm legte. Ich war in aller
Frh die Anmeldung machen, sagte sie, und das andre ist dann sehr schnell
gegangen. Vor einer Stunde hat man's abgeholt in die Totenkammer.
    In die Totenkammer ... Georg erbebte. Und er schwieg lange, verstrt, wie
wenn er eine vllig unerwartete grauenhafte Neuigkeit erfahren hatte. Als er
wieder zu sich kam, fhlte er noch immer die freundliche Hand Frau Golowskis auf
seinem Arm und sah ihren Blick aus bernchtigen, gtigen Augen auf seinem
Antlitz ruhen.
    Also erledigt, sagte er, mit einem emprten Blick nach oben, als wr ihm
jetzt erst die letzte Hoffnung tckisch geraubt. Dann reichte er Frau Golowski
die Hand. Und Sie haben alles das auf sich genommen, liebe gndige Frau ...
Wahrhaftig ich wei nicht ... wie ich Ihnen das je ...
    Eine Bewegung der alten Frau wehrte jeden weitern Dank ab. Georg verlie das
Haus, warf auf den kleinen, blauen Engel, der wie ngstlich zu den verblhten
Beeten niederschaute, einen verchtlichen Blick und trat auf die Strae. Auf dem
Weg zum Amt berlegte er angestrengt die Fassung des Telegramms, das seine
Ankunft in dem Ort des neuen Berufs und der neuen Verheiung ankndigen sollte.

                                Neuntes Kapitel


Der alte Doktor Stauber und sein Sohn saen beim schwarzen Kaffee. Der Alte
hielt ein Zeitungsblatt in der Hand und schien darin etwas zu suchen. Der
Termin fr den Proze߫, sagte er, ist noch nicht festgesetzt.
    So, erwiderte Berthold, Leo Golowski glaubt, da er Mitte November, also
in etwa drei Wochen stattfinden wird. Therese hat ihren Bruder nmlich vor ein
paar Tagen in der Haft besucht. Er soll vollkommen ruhig sein, geradezu gut
aufgelegt.
    Nun wer wei, vielleicht wird er freigesprochen, sagte der Alte.
    Das ist recht unwahrscheinlich, Vater. Er mu eher froh sein, da er nicht
wegen gemeinen Mords unter Anklage gestellt worden ist. Der Versuch dazu ist ja
fr alle Flle gemacht worden.
    Das kann man doch keinen ernsthaften Versuch nennen, Berthold. Du siehst,
da sich die Staatsanwaltschaft um die alberne Verleumdung, auf die du
anspielst, gar nicht gekmmert hat.
    Wenn sie es aber als Verleumdung erkannt hat, entgegnete Berthold scharf,
so wre sie verpflichtet gewesen, die Verleumder vor Gericht zu stellen. Im
brigen leben wir bekanntlich in einem Staat, wo ein Jude nicht davor sicher
ist, wegen Ritualmords zum Tode verurteilt zu werden; warum sollten also die
Behrden vor der offizisen Annahme zurckscheuen, da Juden sich bei
Pistolenduellen gegen Christen vielleicht aus religisen Grnden einen
verbrecherischen Vorteil zu sichern wissen? Da es der Behrde an dem guten
Willen nicht gefehlt hat, auch diesmal der herrschenden Partei einen Dienst zu
erweisen, das ist am besten daraus zu ersehen, da die Untersuchungshaft nicht
aufgehoben wurde, trotz der angebotenen hohen Kaution.
    Die Geschichte mit der Kaution glaub ich nicht, sagte der alte Doktor.
Woher sollte Leo Golowski fnfzigtausend Gulden nehmen?
    Es waren nicht fnfzig- sondern hunderttausend, und Leo Golowski wei bis
heute berhaupt nichts davon. Im Vertrauen kann ich dir sagen, Vater, da
Salomon Ehrenberg das Geld zur Verfgung gestellt hat.
    So? Also da werd ich dir auch was im Vertrauen sagen, Berthold.
    Nun?
    Es ist mglich, da es gar nicht zu dem Proze kommt. Golowskis Advokat hat
ein Abolitionsgesuch eingebracht.
    Berthold lachte auf. Deswegen! Und du glaubst, da das nur die geringste
Aussicht auf gnstige Erledigung haben knnte, Vater? Ja, wenn Leo gefallen und
der Oberleutnant am Leben geblieben wr ... dann vielleicht.
    Der Alte schttelte ungeduldig den Kopf. Du mut um jeden Preis
oppositionelle Reden halten, mein Sohn.
    Verzeih, Vater, sagte Berthold mit zuckenden Brauen, es hat nicht jeder
die beneidenswerte Gabe, von gewissen Erscheinungen im ffentlichen Leben, wenn
sie ihn persnlich nicht angehen, einfach den Blick abzuwenden.
    Ist das vielleicht meine Gewohnheit? entgegnete der Alte heftig, und unter
der hohen Stirn taten die halbgeschlossenen Augen sich fast erbittert auf. Du,
Berthold, viel eher als ich bist es, der den Blick verschliet, wo er nicht
sehen will. Ich finde, du fngst an, dich in deine Ideen zu verbohren. Es wird
krankhaft bei dir. Ich habe gehofft, der Aufenthalt in einer andern Stadt, in
einem andern Land wird dich von gewissen beschrnkten und kleinlichen
Auffassungen kurieren. Aber es ist eher rger geworden. Ich merk es ja. Da
einer losschlgt, wie es Leo Golowski getan, das kann ich noch verstehen, so
wenig ich es billigen mchte. Aber immer dastehen, die geballte Faust in der
Tasche, sozusagen, was hat das fr einen Zweck? Besinn dich doch auf dich!
Persnlichkeit und Leistung setzen sich am Ende immer durch. Was kann dir Arges
passieren? Da du um ein paar Jahre spter die Professur kriegst als ein
anderer. Das Unglck fnd ich nicht so gro. Deine Arbeiten wird man doch nicht
totschweigen knnen, wenn sie was wert sind ...
    Es kommt ja nicht allein auf mich an! warf Berthold ein.
    Aber es handelt sich meist um derartige Interessen zweiten Ranges. Und um
wieder auf unser frheres Thema zu kommen, ob sich auch fr den Oberleutnant,
wenn er den Leo Golowski niedergeschossen, ein Ehrenberg oder Ehrenmann mit
hunderttausend Gulden gefunden htte, das ist sehr die Frage. So, und jetzt
steht es dir frei, auch mich fr einen Antisemiten zu halten, wenn's dir Spa
macht, obwohl ich jetzt direkt in die Rembrandtstrae zur alten Golowski fahre.
Also gr dich Gott, und werd endlich vernnftig. Er reichte seinem Sohn die
Hand. Der nahm sie, ohne eine Miene zu verziehen. Der Alte wandte sich zum
Gehen. An der Tr sagte er: Wir sehen uns wohl abends in der Gesellschaft der
rzte?
    Berthold schttelte den Kopf. Nein Vater. Ich verbringe den heutigen Abend
in einem minder gebildeten Lokal, in der silbernen Weintraube, wo eine
Versammlung des sozialpolitischen Vereins stattfindet.
    Bei der du nicht fehlen kannst?
    Unmglich.
    Na, sag's mir lieber gleich aufrichtig. Du kandidierst fr den Landtag?
    Ich ... werde kandidiert.
    So! Glaubst du dich denn jetzt fhig, den ... Unannehmlichkeiten die Stirn
bieten zu knnen, vor denen du im vorigen Jahr die Flucht ergriffen hast?
    Berthold blickte durchs Fenster, in den Herbstregen hinaus. Du weit,
Vater, erwiderte er mit zuckenden Brauen, da ich damals nicht in der
richtigen Verfassung gewesen bin. Jetzt fhl ich mich stark und gewappnet ...
trotz deiner frheren Bemerkungen, die doch nicht durchwegs zutreffen. Und vor
allem: ich wei ganz genau, was ich will.
    Der Alte zuckte die Achseln. Ich versteh's ja nicht recht, wie man eine
positive Arbeit aufgeben kann ... Ja du wirst sie aufgeben mssen, denn zwei
Herren kann man nicht dienen ... wie man so was hinwerfen kann, um ... um Reden
zu halten vor Leuten, deren Beruf es sozusagen ist, vorgefate Meinungen zu
haben hinwerfen, um berzeugungen zu bekmpfen, an die meistens auch der nicht
glaubt, der vorgibt, sie zu vertreten.
    Berthold schttelte den Kopf. Diesmal, ich versichre dich, Vater, lockt
mich kein rednerischer oder dialektischer Ehrgeiz. Diesmal hab ich mir ein
Gebiet abgesteckt, auf dem es mir hoffentlich mglich sein wird ebenso positive
Arbeit zu leisten wie im Laboratorium. Ich habe nmlich die Absicht, mich, wenn
es irgend geht, um nichts anderes zu kmmern, als um Fragen der ffentlichen
Gesundheitspflege. Fr diese Art der politischen Bettigung kann ich vielleicht
sogar auf deinen Segen rechnen, Vater.
    Auf meinen ... ja. Aber ob auf deinen eigenen ...?
    Wie meinst du das?
    Auf den Segen, den man etwa innere Berufung nennen knnte.
    Du zweifelst sogar an der? erwiderte Berthold betroffen.
    Der Diener trat ein und brachte dem alten Doktor eine Visitenkarte. Der las
sie. Ich stehe gleich zur Verfgung. Der Diener entfernte sich.
    Berthold, ziemlich erregt, sprach weiter: Ich darf wohl sagen, da meine
Vorbildung, meine Kenntnisse ...
    Der Vater, mit der Karte spielend, unterbrach ihn.
    Ich zweifle nicht an deinen Kenntnissen, deiner Energie, deinem Flei. Aber
mir scheint, um auf dem Gebiet der ffentlichen Gesundheitspflege was besonders
zu leisten, dazu gehrt, auer diesen vortrefflichen Eigenschaften doch noch
eine, von der du meiner Ansicht nach sehr wenig besitzest: Gte, lieber
Berthold, Liebe zu den Menschen.
    Berthold schttelte heftig den Kopf Die Menschenliebe, die du meinst,
Vater, halt ich fr ganz berflssig, eher fr schdlich. Das Mitleid und was
kann Liebe zu Leuten, die man nicht persnlich kennt, am Ende anderes sein fhrt
notwendig zu Sentimentalitt, zu Schwche. Und gerade, wenn man ganzen
Menschengruppen helfen will, mu man gelegentlich hart sein knnen gegen den
einzelnen, ja mu imstande sein ihn zu opfern, wenn's das allgemeine Wohl
verlangt. Du brauchst nur dran zu denken, Vater, da die ehrlichste und
konsequenteste Sozialhygiene direkt darauf ausgehen mte, kranke Menschen zu
vernichten, oder sie wenigstens von jedem Lebensgenu auszuschlieen. Und ich
leugne gar nicht, da ich in dieser Richtung allerlei Ideen habe, die auf den
ersten Blick grausam erscheinen knnten. Aber Ideen, glaub ich, denen die
Zukunft gehrt. Du brauchst dich nicht zu frchten, Vater, da ich gleich damit
beginnen werde, den Mord der Schdlichen und berflssigen zu predigen. Aber
philosophisch geht mein Programm ungefhr darauf hinaus. Weit du brigens, mit
wem ich neulich ber dieses Thema ein sehr interessantes Gesprch gehabt habe?
    Was fr ein Thema meinst du?
    Przis ausgedrckt: ein Gesprch ber das Recht, zu tten. Mit Heinrich
Bermann, dem Schriftsteller, dem Sohn des verstorbenen Abgeordneten.
    Wo hast du denn Gelegenheit gehabt, ihn zu sehen?
    Neulich in einer Versammlung. Therese Golowski hat ihn mitgebracht. Du
kennst ihn doch auch, nicht wahr, Vater?
    Ja, erwiderte der Alte, schon lang. Und er fgte hinzu: Heuer im Sommer
hab ich ihn wieder gesprochen, bei Anna Rosner.
    Wieder zuckte es heftig um Bertholds Brauen. Dann sagte er wie hhnisch: So
was hnliches hab ich mir gedacht. Bermann erwhnte nmlich, da er dich vor
einiger Zeit gesehen htte, wollte sich aber nicht recht erinnern wo. Ich schlo
daraus, es mte sich um eine diskrete Angelegenheit handeln. Ja. So hat es also
dem Herrn Baron beliebt, seine Freunde bei ihr einzufhren!
    Dein Ton, lieber Berthold, lt vermuten, da gewisse Dinge bei dir doch
nicht so gnzlich berwunden sind, als du frher angedeutet hast.
    Berthold zuckte die Achseln. Ich habe nie geleugnet, da mir der Baron
Wergenthin antipathisch ist. Darum war mir ja diese ganze Geschichte von Anfang
an so peinlich.
    Darum?
    Ja.
    Und doch glaub ich, Berthold, wrdest du der Sache anders gegenberstehen,
wenn du Anna Rosner irgend einmal als Witwe wiederfndest selbst im Fall, da
dir der verstorbene Gatte noch antipathischer gewesen wre, als der Freiherr von
Wergenthin.
    Das ist mglich. Man knnte dann doch annehmen, da sie geliebt oder
wenigstens respektiert worden ist, nicht genommen und weggeworfen, sobald der
Spa zu Ende war. Das hat fr mich etwas ... nun, ich will mich nicht nher
ausdrcken.
    Der Alte sah seinen Sohn kopfschttelnd an. Es scheint wirklich, da all
die vorgeschrittenen Ansichten von euch jungen Leuten auf der Stelle hinfllig
werden, sobald eure Leidenschaften und Eitelkeiten mit ins Spiel kommen.
    In Hinsicht auf gewisse Fragen der Reinheit oder Reinlichkeit wei ich mich
keiner sogenannten vorgeschrittenen Ansicht schuldig, Vater. Und ich glaube,
auch du wrst nicht sehr entzckt, wenn ich Lust versprte, der Nachfolger eines
mehr oder weniger verstorbenen Baron Wergenthin zu werden.
    Gewi nicht, Berthold. Besonders ihretwegen, denn du wrdest sie zu Tode
qulen.
    Sei unbesorgt, erwiderte Berthold. Anna schwebt in keinerlei Gefahr von
meiner Seite. Es ist vorbei.
    Das ist ein guter Grund. Aber zum Glck gibt es einen noch bessern. Der
Baron Wergenthin ist weder tot noch durchgegangen ...
    Auf das Wort kommt es wohl nicht an.
    Er hat, wie dir bekannt ist, eine Stellung in Deutschland als Kapellmeister
...
    Das hat sich gut getroffen. Er hat berhaupt viel Glck gehabt in der
ganzen Sache. Nicht einmal fr ein Kind sorgen zu mssen!
    Du hast zwei Fehler, Berthold. Erstens bist du wirklich ein ungtiger
Mensch, und zweitens lt du einen nicht ausreden. Ich wollte nmlich sagen, da
es zwischen Anna und dem Baron Wergenthin durchaus nicht aus zu sein scheint.
Erst vorgestern hat sie mir einen Gru von ihm ausgerichtet.
    Berthold zuckte die Achseln, als wre diese Angelegenheit fr ihn erledigt.
Wie geht's denn dem alten Rosner? fragte er dann.
    Diesmal kommt er wohl noch durch, erwiderte der Alte. brigens hoff ich,
Berthold, du hast dir die ntige Objektivitt bewahrt, um zu wissen, da an
seinen Anfllen nicht der Gram um die ungeratene Tochter schuld ist, sondern
eine leider ziemlich weit vorgeschrittene Arteriosklerose.
    Gibt Anna wieder ihre Lektionen? fragte Berthold nach einigem Zgern.
    Ja, erwiderte der Alte, aber vielleicht nicht mehr lang. Und er zeigte
seinem Sohn die Visitenkarte, die er noch immer in der Hand hielt.
    Berthold verzog die Mundwinkel. Du denkst, fragte er spttisch, er kommt
her, um Hochzeit zu feiern, Vater?
    Das werd ich gleich erfahren, erwiderte der Alte. Jedenfalls freu ich
mich, ihn wiederzusehen denn ich versichre dich, da er einer der
sympathischsten jungen Menschen ist, die ich je kennen gelernt habe.
    Merkwrdig, sagte Berthold. Ein Herzenbezwinger ohnegleichen. Auch
Therese schwrmt fr ihn. Und Heinrich Bermann neulich, es war fast komisch ...
Nun ja, ein schner, schlanker, blonder junger Mann; Freiherr, Germane, Christ
welcher Jude knnte diesem Zauber widerstehen ... Adieu, Vater!
    Berthold!
    Was denn? Er bi sich auf die Lippen.
    Besinn dich auf dich! Wisse, wer du bist.
    Ich ... wei es.
    Nein. Du weit es nicht. Sonst knntest du nicht so oft vergessen, wer die
andern sind.
    Wie fragend hob Berthold den Kopf.
    Du solltest einmal zu Rosners hingehen. Es ist deiner nicht wrdig, da du
Anna deine Mibilligung in so kindischer Weise zu erkennen gibst. Auf
Wiedersehen ... Und gute Unterhaltung in der silbernen Weintraube. Er reichte
dem Sohn die Hand, dann begab er sich in sein Sprechzimmer. Er ffnete die Tre
des Wartesalons und lud Georg von Wergenthin, der in einem Album bltterte,
durch eine freundliche Neigung des Kopfes ein, bei ihm einzutreten.
    Vor allem Herr Doktor, sagte Georg, nachdem er Platz genommen hatte, mu
ich mich bei Ihnen entschuldigen. Meine Abreise kam so pltzlich ... Leider
hatte ich keine Gelegenheit mehr, mich bei Ihnen zu verabschieden, Ihnen
persnlich zu danken, fr Ihre groe ...
    Doktor Stauber wehrte ab. Es freut mich sehr, Sie wiederzusehen, sagte er
dann. Sie sind wohl auf Urlaub hier in Wien?
    Natrlich, erwiderte Georg. Es ist ein Urlaub von nur drei Tagen. So
dringend brauchen sie mich dort, setzte er bescheiden lchelnd hinzu.
    Doktor Stauber sa ihm gegenber im Schreibtischsessel und betrachtete ihn
freundlich. Sie fhlen sich sehr zufrieden in Ihrer neuen Stellung, wie mir
Anna sagt.
    O ja. Schwierigkeiten gibt es natrlich berall, wenn man so pltzlich in
neue Verhltnisse kommt. Aber im ganzen hat sich wirklich alles viel leichter
gemacht, als ich erwartet htte.
    So hr' ich. Auch bei Hof sollen Sie sich ja schon sehr glcklich
eingefhrt haben.
    Georg lchelte. Diesen Vorgang stellt sich Anna offenbar groartiger vor,
als er war. Ich habe beim Erbprinzen einmal gespielt; und ein weibliches
Mitglied des Theaters hat dort zwei Lieder von mir gesungen; das ist alles. Viel
wesentlicher ist, da ich Aussicht habe, noch in dieser Saison zum Kapellmeister
ernannt zu werden.
    Ich dachte, Sie wren es schon.
    Nein, Herr Doktor, offiziell noch nicht. Ich hab zwar schon ein paarmal
dirigiert, in Vertretung, Freischtz und Undine; aber vorlufig bin ich nur
Korrepetitor.
    Auf weitere Fragen des Arztes erzhlte er noch einiges von seiner
Wirksamkeit an der Detmolder Oper, dann stand er auf und empfahl sich.
    Vielleicht kann ich Sie eine Strecke in meinem Wagen mitnehmen, sagte der
Arzt, ich fahre in die Rembrandtstrae, zu Golowskis.
    Danke sehr, Herr Doktor, das liegt nicht in meiner Richtung. Ich habe
brigens vor, im Laufe des morgigen Tags Frau Golowski zu besuchen. Sie ist doch
nicht krank?
    Nein. Freilich, ganz spurlos sind die Aufregungen der letzten Wochen nicht
an ihr vorbergegangen.
    Georg erwhnte, da er gleich nach dem Duell ein paar Worte an sie und auch
an Leo geschrieben htte. Wenn man denkt, da es auch anders htte ausfallen
knnen ..., setzte er hinzu.
    Doktor Stauber sah vor sich hin. Kinder haben ist ein Glck, sagte er,
fr das man in Raten bezahlt ... und man wei bei keiner, ob der da droben
schon zufrieden gestellt ist.
    An der Tr begann Georg etwas zgernd: Ich wollte mich auch ... bei Ihnen
erkundigen, Herr Doktor, wie es denn eigentlich mit Herrn Rosner steht ... Ich
mu sagen, ich fand ihn besser aussehend, als ich nach Annas Briefen erwartet
hatte.
    Ich hoffe, da er sich erholen wird, erwiderte Stauber. Aber immerhin mu
man bedenken ... er ist ein alter Mann. Sogar lter, als er seinen Jahren nach
sein mte.
    Aber um etwas Ernstes handelt es sich nicht?
    Das Alter ist an sich eine ernste Angelegenheit, entgegnete Doktor
Stauber, besonders wenn alles, was vorherging, Jugend und Mannheit, auch nicht
sonderlich heiter waren.
    Georg hatte seine Augen im Zimmer umherschweifen lassen und rief pltzlich
aus: Da fllt mir ein, Herr Doktor, ich habe Ihnen noch immer nicht die Bcher
zurckgeschickt, die Sie so gut waren, mir im Frhjahr zu leihen. Und jetzt
stehen alle unsere Sachen leider beim Spediteur; die Bcher geradeso wie
Silberzeug, Mbel, Bilder. Also ich mu Sie bitten, Herr Doktor, sich bis zum
Frhjahr zu gedulden.
    Wenn Sie keine rgern Sorgen haben, lieber Baron ...
    Sie gingen zusammen die Treppe hinunter, und Doktor Stauber erkundigte sich
nach Felician.
    Er ist in Athen, erwiderte Georg, ich hab erst zweimal Nachrichten von
ihm gehabt, noch nicht sehr ausfhrliche ... Wie sonderbar das ist, Herr Doktor,
so als Fremder in eine Stadt zurckzukommen, in der man vor kurzem noch zu Hause
war, und in einem Hotel zu wohnen, als ein Herr aus Detmold ...
    Doktor Stauber stieg in den Wagen ein. Georg bat, Frau Golowski vielmals zu
gren.
    Ich werd's ausrichten. Und Ihnen, lieber Baron, wnsch ich weiter viel
Glck. Auf Wiedersehen!
    Auf der Uhr der Stephanskirche war es fnf. Eine leere Stunde lag vor Georg.
Er beschlo, in dem dnnen, lauen Herbstregen langsam in die Vorstadt
hinauszubummeln, was auch eine Art Erholung bedeutete. Die Nacht im Kupee hatte
er beinahe schlaflos verbracht, und schon zwei Stunden nach seiner Ankunft war
er bei Rosners gewesen. Anna selbst hatte ihm die Tr geffnet und ihn mit einem
innigen Ku empfangen, ihn aber gleich ins Zimmer geleitet, wo ihre Eltern ihn
eher hflich als herzlich begrten. Die Mutter, befangen und leicht verletzt,
wie immer, sprach nur wenig; der Vater, in der Divanecke sitzend, einen
drapfarbenen Plaid ber den Knien, fhlte sich verpflichtet, Erkundigungen nach
den gesellschaftlichen und musikalischen Zustnden der kleinen Residenz
einzuziehen, aus der Georg kam. Dann war er mit Anna eine Weile allein gewesen;
in allzuhastiger Frag- und Antwortrede zuerst, spter in matt verlegenen
Zrtlichkeiten, beide wie betroffen, das Glck des Wiedersehens nicht so zu
empfinden, wie die Sehnsucht es versprochen hatte. Sehr bald erschien eine
Schlerin Annas; Georg empfahl sich, und im Vorzimmer vereinbarte er mit der
Geliebten noch rasch ein Rendezvous fr heute Abend; er wollte sie von Bittners
abholen und dann mit ihr in die Oper zur Tristanvorstellung gehen, ber deren
Neuinszenierung zu berichten sein Intendant ihn gebeten hatte. Dann hatte er
sein Mittagmahl eingenommen, an einem groen Fenster eines
Ringstraenrestaurants, Einkufe und Bestellungen bei seinen Lieferanten
gemacht, Heinrich aufgesucht, den er nicht zu Hause traf, und war endlich dem
pltzlichen Einfall gefolgt, seine Dankvisite bei Doktor Stauber abzustatten.
    Nun spazierte er langsam weiter, durch die Straen, die ihm so wohlbekannt
waren, und doch schon den Hauch der Fremde fr ihn hatten; und er dachte an die
Stadt, aus der er kam und in der er sich rascher heimisch werden fhlte, als er
erwartet hatte. Graf Malnitz war ihm vom ersten Augenblick an mit viel
Freundlichkeit entgegengekommen; er trug sich mit dem Plan, die Oper in modernem
Sinn zu reformieren und wollte sich fr seine weitgehenden Absichten in Georg,
wie es diesem schien, einen Mitarbeiter und Freund heranziehen. Denn der erste
Kapellmeister war wohl ein tchtiger Musiker, aber heute doch schon mehr
Hofbeamter als Knstler. Als Fnfundzwanzigjhriger war er herberufen worden und
sa nun seit dreiig Jahren in der kleinen Stadt, ein Familienvater mit sechs
Kindern, angesehen, zufrieden und ohne Ehrgeiz. Bald nach seiner Ankunft, in
einem Konzert, hatte Georg Lieder singen gehrt, die vor langer Zeit den Ruf des
jungen Kapellmeisters beinahe durch die ganze Welt getragen hatten; Georg
vermochte diese heute lngst verhallte Wirkung nicht zu begreifen, dennoch
uerte er sich dem Komponisten gegenber mit groer Wrme, aus einer gewissen
Sympathie fr den alternden Mann, in dessen Augen der ferne Glanz einer
reicheren und hoffnungsvolleren Vergangenheit zu leuchten schien. Georg fragte
sich manchmal, ob der alte Kapellmeister berhaupt noch daran dachte, da er
einst als ein zu hohen Zielen Berufener gegolten hatte? Oder ob auch ihm, wie so
manchem andern der Eingesessenen, die kleine Stadt als ein Mittelpunkt erschien,
von dem die Strahlen der Wirksamkeit und des Ruhms weit in die Runde fielen?
Sehnsucht nach grern und weitern Verhltnissen hatte Georg nur bei wenigen
gefunden; manchmal schien es ihm, als behandelten sie vielmehr ihn mit einer Art
von gutmtigem Mitleid, weil er aus einer Grostadt, und ganz besonders, weil er
aus Wien kam. Denn wenn der Name dieser Stadt vor den Leuten erklang, merkte es
Georg ihren vergngten und etwas spttischen Mienen an, da, gesetzmig beinahe
wie die Obertne auf den Grundton, sofort gewisse andre Worte mitzuschwingen
begannen, auch ohne da sie ausgesprochen wurden: Walzer ... Kaffeehaus ...
ses Mdel ... Backhendel ... Fiaker ... Parlamentsskandal. Georg rgerte sich
manchmal darber und war sich im brigen bewut, das mglichste zu tun, um den
Ruf seiner Landsleute in Detmold zu verbessern. Man hatte ihn berufen, weil der
dritte Kapellmeister, ein noch junger Mensch, pltzlich gestorben war, und so
mute Georg schon am ersten Tag in dem kleinen Probesaal am Klavier sitzen und
zum Gesang begleiten. Es ging vortrefflich; er freute sich seiner Begabung, die
sicherer und strker war, als er selbst vermutet hatte, und in der Erinnerung
war ihm, als htte auch Anna sein Talent ein wenig unterschtzt. berdies war er
mit seinen Kompositionen ernster beschftigt als je. Er arbeitete an einer
Ouvertre, die aus Motiven zu der Bermannschen Oper entstanden war, hatte eine
Violinsonate begonnen; und das Quintett, das mythische, wie Else es einmal
genannt hatte, war nahezu vollendet. Noch diesen Winter sollte es aufgefhrt
werden, in einer der Kammersoireen, die der Konzertmeister des Detmolder
Orchesters leitete, ein begabter junger Mensch, der einzige, dem Georg sich
bisher in dem neuen Aufenthaltsort persnlich etwas nher angeschlossen hatte
und mit dem er im Elefanten zu speisen pflegte. Noch bewohnte Georg in diesem
Gasthof ein schnes Zimmer, mit der Aussicht auf den groen, mit Linden
bepflanzten Platz und verschob es von Tag zu Tag eine Wohnung zu mieten. Es war
ja doch ungewi, ob er im nchsten Jahr noch in Detmold sein wrde, und berdies
hatte er das Gefhl, als mte es Anna verletzen, wenn er sich, wie zu lngerem
Aufenthalt, als Junggeselle huslich einrichten wollte. Doch ber
Zukunftsmglichkeiten aller Art hatte er in seinen Briefen an sie kein Wort
geuert, so wie sie wieder unterlie, ungeduldige oder zweifelnde Fragen an ihn
zu richten. Sie teilten einander beinahe nur Tatschliches mit: sie schrieb von
ihrer allmhlichen Wiederkehr ins alte Lebensgetriebe, er von all dem Neuen, in
das er sich erst hineinfinden mute. Aber obwohl es so gut wie nichts gab, das
er ihr zu verschweigen hatte, so ging er doch ber manches, das leicht zu
Miverstndnissen Anla bieten konnte, mit absichtlicher Flchtigkeit hinweg.
Wie sollte man auch die seltsame Stimmung in Worte fassen, die in dem
halbdunkeln Zuschauerraum webte, vormittags, bei den Proben, wenn der Geruch von
Schminke, Parfm, Kleidern, Gas, altem Holz und neuen Farben von der Bhne ins
Parkett herunterkam; wenn Gestalten, die man nicht gleich erkannte, in
Alltagstracht oder Kostm zwischen den Reihen hin und her huschten, wenn irgend
ein Atem einem in den Nacken wehte, der schwl war und duftete? Oder wie sollte
man einen Blick schildern, der aus den Augen einer jungen Sngerin
herniederglnzte, whrend man eben von den Tasten zu ihr aufschaute ...? Oder,
wenn man diese junge Sngerin am hellichten Mittag ber den Theaterplatz und die
Knigsstrae bis vor ihr Haustor begleitete und bei dieser Gelegenheit nicht nur
ber die Partie der Micaela sprach, die man soeben mit ihr studiert hatte,
sondern auch ber allerlei andre, wenn auch ziemlich harmlose Dinge; konnte man
das einer Geliebten nach Wien berichten, ohne da sie zwischen den Zeilen
Verdchtiges gesucht htte? Und auch wenn man betont htte, da Micaela verlobt
sei, mit einem jungen Arzt aus Berlin, der sie anbetete, wie sie ihn, so wre es
kaum besser geworden; denn das htte ja ausgesehen, als fhlte man sich
verpflichtet, abzulenken und zu beruhigen.
    Wie sonderbar, dachte Georg, da sie gerade heute Abend wirklich die Micaela
singt, die ich mit ihr studiert habe, und da ich hier denselben Weg spaziere,
nach Mariahilf hinaus, den ich vor einem Jahr so oft und so gern gegangen bin.
Und er dachte eines ganz bestimmten Abends, da er Anna von da drauen abgeholt
hatte, mit ihr zusammen in stillen Straen herumspaziert war, unter einem
Haustor komische Photographien betrachtet hatte, und endlich auf den khlen
Steinfliesen einer alten Kirche gewandelt war, in leisem, wie ahnungsvollem
Gesprch ber eine unbekannte Zukunft ... Nun war alles ganz anders gekommen,
als er es getrumt hatte. Anders ... Warum schien ihm das so? ... Was hatte er
damals denn erwartet ...? War dies Jahr, das seither vergangen war, nicht
wunderbar reich und schn gewesen, mit seinem Glck und mit seinen Schmerzen?
Und liebte er Anna heute nicht besser und tiefer als je? Und in der neuen Stadt,
hatte er sich nicht manchmal nach ihr gesehnt, so hei, wie nach einer Frau, die
ihm noch niemals gehrt hatte? Das Wiedersehen von heute frh, in der beln
Stimmung einer grauen Stunde, mit seiner matt verlegenen Zrtlichkeit, das
durfte ihn doch nicht irremachen ...
    Er war zur Stelle. Als er zu den erleuchteten Fenstern aufsah, hinter denen
Anna ihre Lektion erteilte, kam eine leichte Ergriffenheit ber ihn. Und als sie
in der nchsten Minute aus dem Tor trat, im einfachen, englischen Kleid, den
grauen Filzhut auf dem reichen, dunkelblonden Haar, ein Buch in der Hand, ganz
so wie vor einem Jahr, da durchstrmte ihn mit einmal ein unerwartetes Gefhl
von Glck. Sie sah ihn nicht gleich, da er im Schatten eines Hauses stand,
spannte ihren Schirm auf und ging bis zur Ecke, wo er im vorigen Jahr zu warten
gepflegt hatte. Er blickte ihr eine Weile nach und freute sich, wie vornehm und
wie brav sie aussah. Dann folgte er ihr rasch, und nach ein paar Schritten hatte
er sie eingeholt.
    Sie hatte ihm gleich die Mitteilung zu machen, da sie nicht mit ihm in die
Oper gehen knnte; der Vater htte sich nachmittags gar nicht wohl befunden.
    Georg war sehr enttuscht. Willst du nicht wenigstens auf den ersten Akt
mit mir hineingehen?
    Sie schttelte den Kopf. Nein, so was tu ich nicht gern. Da ist's schon
besser, du schenkst den Sitz einem Bekannten. Hol dir doch Nrnberger oder
Bermann ab.
    Nein, erwiderte er. Wenn du nicht mitgehst, geh ich lieber allein. Ich
hatte mich so sehr darauf gefreut. Mir persnlich lge gar nicht so viel an der
Vorstellung. Ich bliebe lieber mit dir zusammen ... meinetwegen sogar bei euch
oben; aber ich mu hineingehen, ich habe ja Bericht zu erstatten.
    Natrlich mut du hineingehen, bekrftigte Anna; und sie fgte hinzu: Ich
mchte dir auch nicht zumuten einen Abend bei uns oben zuzubringen, es ist
wirklich nicht besonders heiter.
    Er hatte ihr den Schirm aus der Hand genommen, hielt ihn ber sie, und sie
hing sich in seinen Arm.
    Du Anna, sagte er, ich mchte dir einen Vorschlag machen. Er wunderte
sich, da er nach einer Einleitung suchte, und begann zgernd: Meine paar Tage
in Wien sind naturgem so was Unruhiges, Zerrissenes und jetzt kommt noch diese
gedrckte Stimmung bei euch oben dazu ... wir haben wirklich gar nichts
voneinander, findest du nicht?
    Sie nickte, ohne ihn anzusehen.
    Also mchtest du mich nicht eine Strecke begleiten, Anna, wenn ich wieder
abreise?
    Sie sah ihn in ihrer verschmitzten Art von der Seite an und antwortete
nicht.
    Er sprach weiter: Ich kann mir nmlich ganz gut noch einen Urlaubstag
herausschlagen, wenn ich ans Theater telegraphiere. Es wr doch wirklich
wunderschn, wenn wir ein paar Stunden fr uns allein htten.
    Sie gab es zu, herzlich, aber ohne Begeisterung, und machte die Entscheidung
vom Befinden ihres Vaters abhngig. Dann fragte sie ihn, wie er den Tag
verbracht htte. Er berichtete eingehend und fgte sein Programm fr morgen
hinzu. Wir zwei werden uns also erst am Abend sehen knnen, schlo er. Ich
komme zu euch hinauf, wenn's dir recht ist. Und da besprechen wir dann alles
weitere.
    Ja, sagte Anna und blickte vor sich hin, auf die feuchte brunlichgraue
Strae.
    Nochmals versuchte er sie zu berreden, die Oper mit ihm zu besuchen; aber
es war vergeblich. Dann erkundigte er sich nach ihren Gesangsstunden und begann
gleich darauf von seiner eigenen Ttigkeit zu sprechen, als mte er sie
berzeugen, da es ihm am Ende nicht viel besser erginge als ihr. Und er wies
auf seine Briefe hin, in denen er ihr alles ausfhrlich geschrieben htte.
    Was das anbelangt, sagte sie pltzlich ganz hart ... und als er von ihrem
Ton getroffen, unwillkrlich den Kopf zurckwarf: Was steht denn schon in
Briefen, wenn sie noch so ausfhrlich sind!
    Er wute, woran sie dachte und was sie heute sowenig aussprach, als sie's
jemals getan hatte, und etwas Schweres legte sich ihm aufs Herz. Ruhte nicht
gerade in der Unerbittlichkeit dieses Schweigens alles, was sie verschwieg:
Frage, Vorwurf und Zorn? Heute morgen schon hatte er es gefhlt, und jetzt
fhlte er es wieder, da in ihr irgend etwas ihm geradezu Feindseliges sich
regte, gegen das sie selbst vergeblich anzukmpfen schien. Heute Morgen erst?
... War es nicht schon viel lnger her? Immer vielleicht? Vom ersten Augenblick
an, da sie einander gehrt hatten und auch in den Zeiten ihres hchsten Glcks?
War dies Feindselige nicht dagewesen, als sie bei Orgelklngen, hinter dunkeln
Vorhngen ihre Brust an seine gedrngt, als sie in dem Hotelzimmer zu Rom ihn
erwartet, mit gerteten Augen, whrend er beglckt von dem Monte Pincio aus die
Sonne in der Campagna versinken gesehen und, einsam, die wundervollste Stunde
der Reise zu genieen gewhnt hatte? War es nicht dagewesen, als er an einem
heien Morgen den Kiesweg hinangelaufen, ihr zu Fen gesunken war und in ihrem
Scho geweint hatte, wie in einer Mutter Scho; und als er an ihrem Bette
gesessen war und in den abendlichen Garten hinausgeblickt hatte, whrend drin
auf dem weien Linnen ein totes Kind lag, das sie eine Stunde zuvor geboren, war
es nicht wieder dagewesen, dsterer als je und kaum zu tragen, wenn man sich
nicht lngst damit abgefunden htte, wie mit so mancher Unzulnglichkeit, so
manchem Weh, das aus den Tiefen menschlicher Beziehungen emporstieg? Und jetzt,
wie schmerzlich fhlte er's, whrend er Arm in Arm mit ihr, sorglich den Schirm
ber sie haltend, die feuchte Strae weiterspazierte, jetzt war es wieder da;
drohend und vertraut. Noch klangen die Worte in seinem Ohr, die sie gesprochen
hatte: Was steht denn in Briefen, wenn sie noch so ausfhrlich sind? ... Aber
ernstere klangen fr ihn mit: Was bedeutet am Ende auch der glhendste Ku, in
dem sich Leib und Seele zu vermischen scheinen? Was bedeutet es am Ende, da wir
monatelang durch fremde Lnder miteinander gereist sind? Was bedeutet es, da
ich ein Kind von dir gehabt habe? Was bedeutet es, da du dich ber deinen
Betrug in meinem Schoe ausgeweint hast? Was bedeutet das alles, da du mich doch
immer allein gelassen hast ... allein auch in dem Augenblick, da mein Leib den
Keim des Wesens eintrank, das ich neun Monate in mir getragen, das dazu bestimmt
war, als unser Kind bei fremden Leuten zu leben und das nicht auf Erden hat
bleiben wollen.
    Aber whrend all dies schwer in seine Seele sank, gab er ihr mit leichten
Worten zu, da sie wirklich nicht unrecht htte, und da Briefe und seien sie
selbst zwanzig Seiten lang nicht sonderlich viel enthalten knnten; und whrend
ein peinigendes Mitleid mit ihr in ihm aufquoll, sprach er linde die Hoffnung
auf eine Zeit aus, in der sie auf Briefe beide nicht mehr angewiesen sein
wrden. Und dann fand er zrtlichere Worte, erzhlte von seinen einsamen
Spaziergngen in der Umgebung der fremden Stadt, wo er ihrer dchte; von den
Stunden in dem gleichgltigen Hotelzimmer, mit dem Blick auf den
lindenbepflanzten Platz und von seiner Sehnsucht nach ihr, die immer da war, ob
er allein ber seiner Arbeit sa, oder Snger am Klavier begleitete oder mit
neuen Bekannten plauderte. Aber als er mit ihr vor dem Haustor stand, ihre Hand
in der seinen, und ihr mit einem heitern Auf Wiedersehen in die Augen blickte,
sah er betroffen in ihnen eine mde, kaum mehr schmerzliche Enttuschung
verglimmen. Und er wute: Alle die Worte, die er zu ihr gesprochen, nichts,
weniger als nichts hatten sie ihr zu bedeuten gehabt, da das einzige, das kaum
mehr erwartete und immer wieder ersehnte doch nicht gekommen war.
    Eine Viertelstunde spter sa Georg auf seinem Parkettsitz in der Oper,
zuerst noch ein wenig verdrossen und matt; bald aber strmte die Freude des
Genieens durch sein Blut. Und als Brangne ihrer Herrin den Knigsmantel um die
Schultern warf, Kurwenal das Nahen des Knigs meldete und das Schiffsvolk auf
dem Verdeck im Glanz des aufleuchtenden Himmels dem Land entgegenjauchzte, da
wute Georg lngst nichts mehr von einer bel verbrachten Nacht im Kupee, von
langweiligen Bestellungsgngen, von einem recht gezwungenen Gesprch mit einem
alten, jdischen Doktor und von einem Spaziergang ber feuchtes Pflaster, in dem
das Licht der Laternen sich spiegelte, an der Seite einer jungen Dame, die brav,
vornehm und etwas gedrckt aussah. Und als der Vorhang zum erstenmal gefallen
war und das Licht den rotgoldenen Riesenraum durchflutete, fhlte er sich
keineswegs in unangenehmer Weise ernchtert, sondern es war ihm vielmehr, als
tauchte er sein Haupt von einem Traum in den andern; und eine Wirklichkeit, die
von allerhand Bedenklichem und Klglichem erfllt war, flo irgendwo drauen
machtlos vorbei. Niemals, so schien es ihm, hatte die Atmosphre dieses Hauses
ihn so sehr beglckt wie heute; nie war seiner Empfindung so offenbar gewesen,
da alle Menschen fr die Dauer ihres Hierseins in geheimnisvoller Weise gegen
allen Schmerz und allen Schmutz des Lebens gefeit waren. Er stand auf seinem
Eckplatz vorn im Mittelgang, sah manchen wohlgeflligen Blick auf sich gerichtet
und war sich bewut, hbsch, elegant und sogar etwas ungewhnlich auszusehen.
Und war nebstbei auch das erfllte ihn mit Befriedigung ein Mensch, der einen
Beruf, eine Stellung hatte, und selbst hier, im Theater, mit Auftrag und
Verantwortung gewissermaen als Abgesandter einer deutschen Hofbhne sa. Er
blickte mit dem Opernglas umher. Aus den hintern Parkettsitzen grte ihn
Gleiner mit einem etwas zu vertraulichen Kopfnicken, und schien gleich nachher
der neben ihm sitzenden jungen Dame die Personalien Georgs zu erlutern. Wer
mochte sie sein? War es die Dirne, die der mit Seelen experimentierende Dichter
zur Heiligen, oder war es die Heilige, die er zur Dirne machen wollte? Schwer zu
entscheiden, dachte Georg. In der Mitte des Wegs mochten sie ja ungefhr gleich
ausschauen. Georg fhlte die Linsen eines Opernglases auf seinem Scheitel
brennen. Er sah auf. Else war es, die von einer Ersten-Stock-Loge auf ihn
herabschaute. Frau Ehrenberg sa neben ihr, und zwischen ihnen beugte sich ein
hochgewachsener junger Mann ber die Brstung, der kein anderer war, als James
Wyner. Georg verbeugte sich und zwei Minuten spter trat er in die Loge,
freundlich, aber keineswegs mit Erstaunen begrt. Else in schwarz samtnem,
ausgeschnittenem Kleid, eine schmale Perlenkette um den Hals, mit einer etwas
fremden, aber interessanten Frisur streckte ihm die Hand entgegen. Wieso sind
Sie denn eigentlich da? Urlaub? Entlassung? Flucht?
    Georg erklrte es kurz und wohlgelaunt.
    Es war brigens nett, sagte Frau Ehrenberg, da Sie uns ein Wort aus
Detmold geschrieben haben.
    Das htte er auch nicht tun sollen? bemerkte Else,  da htt man ja
glauben knnen, da er mit irgendwem nach Amerika durchgegangen ist.
    James stand mitten in der Loge, gro, hager, gemeielten Antlitzes, das
dunkle, glatte Haar seitlich gescheitelt. Nun sagen Sie Georg, wie fhlen Sie
in Detmold?
    Else sah zu ihm auf, mit gesenkten Wimpern. Sie schien entzckt von seiner
Art, das Deutsche noch immer so zu sprechen, als mte er sich's aus dem
Englischen bersetzen. Immerhin ntzte sie es zu einem Witz aus und sagte: Wie
Georg in Detmold fhlt? Ich frchte, James, deine Frage ist indiskret. Dann
wandte sie sich an Georg: Wir sind nmlich verlobt.
    Es sind noch keine Karten ausgeschickt, fgte Frau Ehrenberg hinzu.
    Georg brachte seine Glckwnsche dar.
    Frhstcken Sie doch morgen bei uns, sagte Frau Ehrenberg. Sie treffen
nur ein paar Leute, die sich gewi alle sehr freuen wrden Sie wiederzusehen.
Sissy, Frau Oberberger, Willy Eiler.
    Georg entschuldigte sich. Er knne sich fr keine bestimmte Stunde binden,
aber im Lauf des Nachmittags wenn irgend mglich wollte er sich gern einfinden.
    Nun ja, sagte Else leise, ohne ihn anzusehen und hatte den einen Arm mit
dem langen weien Handschuh lssig auf der Brstung liegen, Mittag verbringen
Sie wahrscheinlich im Familienkreise.
    Georg tat, als wenn er nichts gehrt htte, und lobte die heutige
Vorstellung. James uerte, da er Tristan mehr liebe als alle andern Opern
von Wagner, die Meistersinger mit inbegriffen.
    Else bemerkte einfach: Es ist ja wunderschn, aber eigentlich bin ich gegen
Liebestrnke und solche Geschichten.
    Georg erklrte, da der Liebestrank hier als Symbol aufzufassen sei, worauf
Else sich auch gegen Symbole eingenommen aussprach. Das erste Zeichen zum
zweiten Akt war gegeben. Georg verabschiedete sich, eilte hinunter und hatte
eben Zeit, seinen Platz einzunehmen, eh der Vorhang aufging. Er erinnerte sich
wieder, in welch halboffizieller Eigenschaft er heute im Theater se, und
beschlo, sich den Eindrcken nicht lnger ohne Widerstand hinzugeben. Bald
gelang es ihm zu entdecken, da die Liebesszene doch noch ganz anders
herauszubringen wre, als es hier geschah; und gar nicht einverstanden war er
damit, da Melot, durch dessen Hand Tristan sterben mute, hier von einem Snger
zweiten Ranges dargestellt wurde, wie brigens beinahe berall. Nach dem zweiten
Fallen des Vorhangs erhob er sich mit einer gewissen Steigerung des
Selbstgefhls, blieb auf seinem Platze stehen und sah manchmal zu der
Ersten-Stock-Loge auf, aus der Frau Ehrenberg ihm wohlwollend zunickte, whrend
Else mit James sprach, der mit gekreuzten Armen unbeweglich hinter ihr stand. Es
fiel Georg ein, da er morgen James' Schwester wiedersehen wrde. Ob sie noch
manchmal jener wunderbaren Nachmittagsstunde im Park dachte, in der dunkelgrnen
Schwle des Parks, im warmen Duft von Moos und Tannen? Wie fern dies war! Dann
erinnerte er sich eines flchtigen Kusses im nchtlichen Schatten der
Gartenmauer von Lugano. Wie fern auch das! Er dachte des Abends unter den
Platanen, und das Gesprch ber Leo fiel ihm wieder ein. Eigentlich htte man
schon damals allerlei vorhersehen knnen. Ein merkwrdiger Mensch dieser Leo,
wahrhaftig! Wie er seinen Plan in sich verschlossen gehalten hatte! Denn der
mute natrlich lngst festgestanden haben. Und offenbar hatte Leo nur den Tag
abgewartet, an dem er die Uniform ablegen durfte, um ihn auszufhren. Auf den
Brief, den Georg ihm geschrieben gleich, nachdem er die Nachricht von dem Duell
erhalten hatte, war keine Antwort gekommen. Er nahm sich vor, Leo in der Haft zu
besuchen, wenn es mglich wre.
    Ein Herr in der ersten Reihe grte. Ralph Skelton war es. Georg
verstndigte sich durch Zeichen mit ihm, da sie einander nach Schlu der
Vorstellung treffen wollten.
    Die Lichter verlschten, das Vorspiel zum dritten Akt begann. Georg hrte
mde Meereswellen an ein des Ufer branden und die wehen Seufzer eines totwunden
Helden in blulich dnne Luft verwehen. Wo hatte er dies nur zum letztenmal
gehrt? War es nicht in Mnchen gewesen? ... Nein, es konnte noch nicht so lange
her sein. Und pltzlich fiel ihm die Stunde ein, da auf einem Balkon, unter
hlzernem Giebel die Bltter der Tristanpartitur vor ihm offen gelegen waren.
Drben zwischen Wald und Wiese war ein besonnter Weg zum Friedhof hingezogen,
ein Kreuz hatte golden geblinkt; unten im Hause hatte eine geliebte Frau in
Schmerzen aufgesthnt, und ihm war weh ums Herz gewesen. Und doch, auch diese
Erinnerung hatte ihre schwermutvolle Sigkeit, wie alles, was vllig vergangen
war. Der Balkon, der kleine, blaue Engel zwischen den Blumen, die weie Bank
unter dem Birnbaum ... wo war das nun alles! Noch einmal mute er jenes Haus
wiedersehen, einmal noch, ehe er Wien verlie.
    Der Vorhang hob sich. Sehnschtig tnte die Schalmei, unter einem bla und
gleichgltig hingespannten Himmel, im Schatten von Lindensten schlummerte der
verwundete Held, und ihm zu Hupten wachte Kurwenal, der treue. Die Schalmei
schwieg, ber die Mauer beugte sich fragend der Hirt und Kurwenal gab Antwort.
Wahrhaftig, das war eine Stimme von besonderen Klang. Wenn wir solch einen
Bariton htten, dachte Georg. Und mancherlei andres, was uns fehlt! Wenn man ihm
nur die ntige Macht in die Hand gbe, er fhlte sich berufen im Laufe der Zeit
aus dem bescheidenen Theater, an dem er wirkte, eine Bhne ersten Ranges zu
machen. Er trumte von Musterauffhrungen, zu denen die Menschen von allen
Seiten strmen mten; nicht mehr als Abgesandter sa er nun da, sondern als
einer, dem es vielleicht beschieden war, selber in nicht allzu fernen Tagen
Leiter zu sein. Weiter und hher liefen seine Hoffnungen. Vielleicht nur ein
paar Jahre vergingen und selbstgefundene Harmonien klangen durch einen
festlich-weiten Raum; und die Hrer lauschten ergriffen, wie heute diese hier,
whrend irgendwo drauen eine schale Wirklichkeit machtlos vorbeiflo. Machtlos?
Das war die Frage! ... Wute er denn, ob ihm gegeben war Menschen durch seine
Kunst zu zwingen, wie dem Meister, der sich heute hier vernehmen lie? Sieger zu
werden ber das Bedenkliche, Klgliche, Jammervolle des Alltags? Ungeduld und
Zweifel wollten aus seinem Innern emporsteigen; doch rasch bannten Wille und
Einsicht sie von dannen, und nun fhlte er sich wieder so rein beglckt wie
immer, wenn er schne Musik hrte, ohne daran zu denken, da er selbst oft als
Schpfer wirken und gelten wollte. Von allen seinen Beziehungen zu der geliebten
Kunst blieb in solchen Augenblicken nur die eine brig, sie mit tieferem
Verstehen aufnehmen zu drfen, als irgend ein anderer Mensch. Und er fhlte, da
Heinrich die Wahrheit gesprochen hatte, als sie zusammen durch einen von
Morgentau feuchten Wald gefahren waren: nicht schpferische Arbeit, die
Atmosphre seiner Kunst allein war es, die ihm zum Dasein ntig war; kein
Verdammter war er wie Heinrich, den es immer trieb zu fassen, zu formen, zu
bewahren, und dem die Welt in Stcke zerfiel, wenn sie seiner gestaltenden Hand
entgleiten wollte.
    Isolde, in Brangnens Armen, war tot ber Tristans Leiche hingesunken, die
letzten Tne verklangen, der Vorhang fiel. Georg warf einen Blick nach der Loge
im ersten Stock. Else stand an der Brstung, den Blick zu ihm herabgerichtet,
whrend James ihr den dunkelroten Mantel um die Schultern legte, und jetzt erst,
nach einem Kopfnicken, so rasch, als htte es niemand bemerken sollen, wandte
sie sich dem Ausgang zu. Merkwrdig, dachte Georg, von weitem hat ihre Haltung,
hat manche ihrer Bewegungen so etwas ... melancholisch-romanhaftes. Da erinnert
sie mich am ehesten an das Zigeunermdel aus Nizza, oder an das seltsame junge
Wesen, mit dem ich in Florenz vor der Tizianischen Venus gestanden bin ... Hat
sie mich jemals geliebt? Nein. Und auch ihren James liebt sie nicht. Wen denn?
... Vielleicht ... war es doch der verrckte Zeichenlehrer in Florenz? Oder
keiner. Oder gar Heinrich?
    Im Foyer traf er Skelton. Also wieder zurckgekehrt? fragte dieser.
    Nur auf ein paar Tage, erwiderte Georg. Es stellte sich heraus, da
Skelton nicht recht gewut hatte, was mit Georg vorging und ihn auf einer Art
musikalischer Studienreise durch deutsche Stdte geglaubt hatte. Nun war er
ziemlich erstaunt zu hren, da Georg sich auf Urlaub hier befnde und sich die
Neuinszenierung des Tristan sozusagen im Auftrag des Intendanten angesehen
htte.
    Ist es Ihnen recht? sagte Skelton, ich bin verabredet mit Breitner; im
Imperial, weier Saal.
    Famos, erwiderte Georg, ich wohne dort.
    Doktor von Breitner rauchte schon eine seiner berhmten Riesenzigarren, als
die beiden Herren an seinem Tisch erschienen. Was fr eine berraschung, rief
er aus, als Georg ihn begrte. Ihm war es bekannt, da Georg als Kapellmeister
in Dsseldorf wirkte.
    Detmold, sagte Georg, und er dachte: Sonderlich viel beschftigen sich die
Leute hier ja nicht mit mir ... Aber was tut's.
    Skelton erzhlte von der Tristanvorstellung, und Georg erwhnte, da er
Ehrenbergs gesprochen hatte.
    Wissen Sie, da Oskar Ehrenberg sich auf dem Weg nach Indien oder Ceylon
befindet? fragte Doktor von Breitner.
    So?
    Und was glauben Sie mit wem?
    Wohl in weiblicher Gesellschaft.
    Ja, das natrlich, ich hre sogar, sie haben fnf oder sieben Weiber mit.
    Wer sie?
    Oskar Ehrenberg ... und raten Sie einmal ... Na, der Prinz von Guastalla.
    Nicht mglich!
    Komisch was? Sie haben sich heuer in Ostende oder in Spa sehr angefreundet.
Cherchez ... und so weiter. Wie es nmlich Frauenzimmer gibt, derentwegen man
sich schlgt, so scheint es wieder andre zu geben, ber die man sich gleichsam
die Hnde reicht. Sie haben nun gemeinschaftlich Europa verlassen. Vielleicht
grnden sie ein Knigreich auf irgend einer Insel, und Oskar Ehrenberg wird
Minister.
    Willy Eiler war erschienen, blagelb im Gesicht, bernchtig und heiser.
Gr Sie Gott Baron, verzeihen Sie, da ich nicht paff bin, aber ich habe schon
gehrt, da Sie da sind. Irgendwer hat Sie in der Krtnerstrae gesehen.
    Georg bat Willy, seinem Vater vom Grafen Malnitz Gre zu bestellen er
selbst htte diesmal leider keine Zeit, den alten Herrn aufzusuchen, dem er wie
er mit bescheidner Koketterie bemerkte seine Stellung in Detmold verdanke.
    Was Ihre Zukunft anbelangt, lieber Baron, sagte Willy, hab ich mir nie
Sorgen gemacht, besonders seit ich im vorigen Jahr oder ist es schon lnger her?
Ihre Lieder von der Bellini hab singen hren. Aber da Sie sich entschlossen
haben Wien zu verlassen, das war eine gute Idee von Ihnen. Hier htte man Sie
jedenfalls noch einige Jahrzehnte lang fr einen Dilettanten gehalten. Das ist
schon einmal nicht anders in Wien. Ich kenne das. Wenn die Leute wissen, da
einer aus guter Familie ist, nebstbei Sinn fr schne Krawatten, gute Zigaretten
und verschiedene andre Annehmlichkeiten des Daseins hat, so glauben sie ihm die
Knstlerschaft nicht. Ohne ein Zeugnis von drauen werden Sie hier nicht ernst
genommen ... also bringen Sie nur bald einige glnzende mit, Baron.
    Ich werde mich bemhen, sagte Georg.
    Haben die Herren brigens schon das Neueste gehrt, begann Willy wieder.
Leo Golowski, wissen Sie, der Einjhrige, der den Oberleutnant Sefranek
erschossen hat, ist frei.
    Aus der Untersuchungshaft entlassen? fragte Georg.
    Nein, ganz frei ist er. Sein Advokat hat ein Abolitionsgesuch an den Kaiser
eingereicht, das ist heute gnstig erledigt worden.
    Unglaublich, rief Breitner.
    Warum wundern Sie sich denn so, Breitner? meinte Willy. Es kann doch auch
einmal etwas Vernnftiges geschehen in sterreich.
    Duell ist nie vernnftig, sagte Skelton, und daher kann auch eine
Begnadigung wegen Duells nicht vernnftig sein.
    Duell, lieber Skelton, ist entweder etwas viel Schlimmeres oder viel
Besseres als vernnftig, erwiderte Willy. Entweder ein ungeheuerlicher
Bldsinn oder eine unerbittliche Notwendigkeit. Entweder ein Verbrechen oder
eine erlsende Tat. Vernnftig ist es nicht und braucht es nicht zu sein. In
Ausnahmefllen kann man mit der Vernunft berhaupt nichts anfangen. Und da in
einem Fall, wie der, von dem wir grad sprechen, das Duell unvermeidlich war, das
werden auch Sie zugeben, Skelton.
    Absolut, sagte Breitner.
    Ich kann mir ein Staatswesen denken, bemerkte Skelton, in dem selbst
Differenzen solcher Art vor Gericht ausgeglichen wrden.
    Solche Differenzen vor Gericht! O frhlich! ... Glauben Sie wirklich,
Skelton, da in einem Fall, wo es sich nicht um Besitz- und Rechtsfragen
handelt, sondern wo sich Menschen mit einem ungeheuern Ha gegenberstehen,
glauben Sie wirklich, da da mit Geld- oder Arreststrafen ein Ausgleich
geschaffen werden knnte? Es hat schon seinen tiefen Sinn, meine Herren, da
Duellverweigerung in solchen Fllen bei allen Leuten, die Temperament, Ehre und
Aufrichtigkeit in sich haben, stets als Feigheit gelten wird. Bei den Juden
wenigstens, setzte er hinzu. Denn bei den Katholiken ist es bekanntlich immer
nur die Frmmigkeit, die sie abhlt sich zu schlagen.
    Kommt sicher vor, sagte Breitner schlicht.
    Georg wnschte zu wissen, wie sich die Sache zwischen Leo Golowski und dem
Oberleutnant abgespielt htte.
    Ja richtig, sagte Willy, Sie sind ja ein Zugereister. Also der
Oberleutnant hat das ganze Jahr hindurch diesen Leo Golowski erheblich kuranzt
und zwar ...
    Die Vorgeschichte kenn ich, unterbrach Georg, zum Teil aus direkter
Quelle.
    Ach so. Also am ersten Oktober war die Vorgeschichte, um bei diesem
Ausdruck zu bleiben, zu Ende; das heit, Leo Golowski hat das Freiwilligenjahr
hinter sich gehabt. Und am zweiten in der Frh hat er sich vor die Kaserne
hingestellt und ruhig gewartet, bis der Oberleutnant aus dem Tor gekommen ist.
In diesem Moment ist er auf ihn zugetreten, der Oberleutnant greift nach seinem
Sbel, Leo Golowski packt ihn aber bei der Hand, lt sie nicht aus, hlt ihm
die andere Faust vor die Stirn und damit war das Weitere so ziemlich gegeben.
brigens wird auch erzhlt, da Leo dem Oberleutnant folgende Worte ins Gesicht
geschleudert haben soll ... ich wei nicht recht, ob's wahr ist.
    Welche Worte? fragte Georg neugierig.
    Gestern, Herr Oberleutnant, sind Sie mehr gewesen als ich, jetzt sind wir
vorlufig einmal gleich aber morgen um die Zeit wird wieder einer von uns mehr
sein, als der andere.
    Etwas talmudisch, bemerkte Breitner.
    Das mssen Sie freilich am besten beurteilen knnen, Breitner, erwiderte
Willy und erzhlte weiter: Also am nchsten Morgen in den Auen bei der Donau
war das Duell. Dreimaliger Kugelwechsel. Zwanzig Schritte ohne Avance. Wenn
resultatlos, Sbel bis zur Kampfunfhigkeit ... Die ersten Schsse hben und
drben fehlen, und nach dem zweiten ... nach dem zweiten ist der Golowski
richtig bedeutend mehr gewesen als der Oberleutnant denn der war nichts, weniger
als nichts; ein toter Mann.
    Armer Teufel, sagte Breitner.
    Willy zuckte die Achseln. Es ist halt einmal einer an den Unrechten
gekommen. Mir tut er auch leid. Aber man mu doch sagen, es stnde manches
anders in sterreich, wenn alle Juden entsprechenden Falls sich so zu benehmen
wten wie der Leo Golowski. Leider ...
    Skelton lchelte. Sie wissen Willy, vor mir darf man nichts gegen die Juden
sagen, ich liebe sie. Und es tte mir leid, wenn man sich entscheiden wollte die
Judenfrage durch eine Reihe von Zweikmpfen zu lsen, denn dann wrde am Ende
von dieser vortrefflichen Rasse kein einziges mnnliches Exemplar brigbleiben.
    Am Ende des Gesprchs mute Skelton zugeben, da das Duell in sterreich
vorlufig nicht abzuschaffen wre. Aber er erlaubte sich die Frage, ob das
gerade fr das Duell und nicht vielmehr gegen sterreich sprche, da doch manche
andere Lnder, er wollte aus Bescheidenheit keines nennen, seit Jahrzehnten den
Zweikampf nicht mehr kennten. Und ob er zu weit gehe, wenn er sich gestatte,
sterreich, in dem er sich brigens seit sechs Jahren wahrhaft zu Hause fhle,
als das Land der sozialen Unaufrichtigkeiten zu bezeichnen. Hier wie nirgends
anderswo gebe es wsten Streit ohne Spur von Ha und eine Art von zrtlicher
Liebe, ohne das Bedrfnis der Treue. Zwischen politischen Gegnern existierten
oder entwickelten sich lcherliche persnliche Sympathien; Parteifreunde
hingegen beschimpften, verleumdeten, verrieten einander. Nur bei wenigen fnde
man ausgesprochene Ansichten ber Dinge oder Menschen, jedenfalls seien auch
diese wenigen allzuschnell bereit, Einschrnkungen zu machen, Ausnahmen gelten
zu lassen. Man habe hier beim politischen Kampf geradezu den Eindruck, wie wenn
die scheinbar erbittertsten Gegner, whrend die bsesten Worte hinber und
herberflgen, einander mit den Augen zuzwinkerten: Es ist nicht so schlimm
gemeint.
    Was glauben Sie, Skelton, fragte Willy, zwinkern sie auch, wenn die
Kugeln hin und herfliegen?
    Sie tten's wohl, Willy, wenn nicht der Tod hinter ihnen stnde. Aber
dieser Umstand beeinflut nicht die Gesinnung, sondern nur die Haltung, denk ich
mir.
    Sie saen noch lange Zeit zusammen und plauderten fort. Georg hrte allerlei
Neuigkeiten. Er erfuhr unter anderm, da Demeter Stanzides den Kauf des Gutes an
der ungarisch-kroatischen Grenze abgeschlossen habe, und da die Rattenmamsell
einem freudigen Ereignis entgegensehe. Willy Eiler war gespannt auf das
Ergebnis dieser Rassenkreuzung und vergngte sich indes damit, Namen fr das zu
erwartende Kind zu erfinden, wie Israel Pius oder Rebekka Portiunkula.
    Spter begab sich die ganze Gesellschaft ins benachbarte Kaffeehaus, Georg
spielte mit Breitner eine Partie Billard; dann ging er auf sein Zimmer. Im Bett
notierte er sich eine Stundeneinteilung fr den nchsten Tag und sank endlich in
einen Schlaf, der tief und kstlich wurde.
    Am Morgen mit dem Tee brachte man ihm die abends vorher bestellte Zeitung
und ein Telegramm. Der Intendant bat ihn ber einen Snger zu berichten. Es war
zur Befriedigung Georgs derjenige, den er gestern als Kurwenal gehrt hatte.
Ferner wurde ihm freigestellt zur bequemen Ordnung seiner Angelegenheiten drei
Tage ber den bedungenen Urlaub auszubleiben, da zufllig eine nderung des
Spielplans dies gestatte. Wirklich charmant, dachte Georg. Es fiel ihm ein, da
er seine eigene Absicht, um Verlngerung des Urlaubs zu depeschieren, vollkommen
vergessen hatte. Nun hab ich ja noch mehr Zeit fr Anna, als ich geglaubt htte,
dachte er. Man knnte vielleicht ins Gebirge. Die Herbsttage sind schn und
mild. Auch wre man jetzt berall ziemlich allein und ungestrt. Aber, wenn
wieder ein Malheur passiert! Ein Malheur passiert! So und nicht anders waren ihm
die Worte durch den Sinn geflogen. Er bi sich auf die Lippen. So stellte sich
die Sache mit einem Male fr ihn dar? Ein Malheur ... Wo war die Zeit, da er,
mit Stolz beinahe, sich als ein Glied in der endlosen Kette gefhlt hatte, die
von Urahnen zu Urenkeln ging? Und ein paar Augenblicke lang erschien er sich wie
ein Herabgekommener der Liebe, etwas bedenklich und bedauernswert.
    Er durchflog die Zeitung. Durch einen kaiserlichen Gnadenakt war die
Untersuchung gegen Leo Golowski eingestellt, gestern Abend war er aus der Haft
entlassen worden. Georg freute sich sehr und beschlo Leo noch heute zu
besuchen. Dann setzte er ein Telegramm an den Grafen auf und berichtete mit
vornehmer Ausfhrlichkeit ber die gestrige Auffhrung. Als er auf die Strae
trat, war es beinahe elf Uhr geworden. Die Luft war herbstlich khl und klar.
Georg fhlte sich ausgeschlafen, frisch und wohlgelaunt. Der Tag lag
hoffnungsreich vor ihm und versprach allerlei Anregung. Nur irgend etwas strte
ihn, ohne da er gleich wute, was es wre. Ach ja, ... der Besuch in der
Paulanergasse, die trbseligen Rume, der kranke Vater, die verletzte Mutter.
Ich werde Anna einfach abholen, dachte er, mit ihr spazieren gehen und irgendwo
mit ihr soupieren. Er kam an einem Blumenladen vorbei, kaufte wundervolle
dunkelrote Rosen, und mit einer Karte, auf die er schrieb: Tausend Morgengre,
auf Wiedersehen, lie er sie an Anna senden. Als er dies getan hatte, war ihm
leichter. Dann begab er sich durch die Straen der innern Stadt zu dem alten
Hause, in dem Nrnberger wohnte. Er stieg die fnf Stockwerke hinauf. Eine
huschelige, alte Magd mit dunklem Kopftuch ffnete und lie ihn in das Zimmer
ihres Herrn treten. Nrnberger stand am Fenster mit leicht gesenktem Kopf, in
dem braunen, hochgeschlossenen Sacco, das er daheim zu tragen liebte. Er war
nicht allein. Von dem Schreibtisch aus einem alten Armstuhl erhob sich eben
Heinrich, ein Manuskript in den Hnden. Georg wurde herzlich empfangen.
    Sollte Ihr Eintreffen in Wien mit der Direktionskrise in der Oper im
Zusammenhang stehen? fragte Nrnberger. Er lie diese Bemerkung nicht ohne
weiteres als Spa gelten. Ich bitte Sie, sagte er, wenn kleine Jungen, die
ihre Beziehungen zur deutschen Literatur bis vor kurzem nur durch den
regelmigen Besuch eines Literatenkaffees zu dokumentieren in der Lage waren,
als Dramaturgen an Berliner Bhnen berufen werden, so she ich keinen Anla zum
Staunen, wenn der Baron Wergenthin, nach der immerhin mhevollen,
sechswchentlichen Kapellmeisterkarriere an einem deutschen Hoftheater, im
Triumph an die Wiener Oper geholt wrde.
    Georg stellte zur Steuer der Wahrheit fest, da er nur einen kurzen Urlaub
erhalten, um seine Wiener Angelegenheiten zu ordnen; und verga nicht zu
erwhnen, da er gestern die neue Tristaninszenierung gewissermaen im Auftrag
seiner Intendanz gesehen habe; doch lchelte er dazu mit Selbstironie. Dann gab
er einen kurzen und ziemlich humoristischen Auszug seiner bisherigen Erlebnisse
in der kleinen Residenz. Auch das Konzert bei Hof berhrte er spttisch, als sei
er fern davon, seiner Stellung, seinen bisherigen Erfolgen, den Theaterdingen,
ja dem Leben berhaupt besondere Wichtigkeit beizumessen. So wollte er vor allem
seine Position Nrnberger gegenber gesichert haben. Dann kam das Gesprch auf
die Haftentlassung Leo Golowskis. Nrnberger freute sich dieses unverhofften
Ausgangs, lehnte es jedoch ab, sich darber zu wundern, da in der Welt und ganz
besonders in sterreich bekanntlich stets das Unwahrscheinlichste zum Ereignis
werde. Dem Gercht von Oskar Ehrenbergs Yachtfahrt mit dem Prinzen, das Georg
als neuen Beweis fr die Richtigkeit von Nrnbergers Auffassung vorbrachte,
wollte er anfangs trotzdem wenig Glauben schenken. Doch gab er am Ende die
Mglichkeit zu, da ja seine Phantasie, wie er seit langem wute, von der
Wirklichkeit immer wieder bertroffen wrde.
    Heinrich sah auf die Uhr. Es war Zeit fr ihn sich zu empfehlen.
    Hab ich die Herren nicht gestrt? fragte Georg. Ich glaube, Sie haben was
vorgelesen, Heinrich, als ich kam.
    Ich war schon zu Ende, erwiderte Heinrich.
    Den letzten Akt lesen Sie mir morgen vor, Heinrich, sagte Nrnberger.
    Ich denke nicht daran, erwiderte Heinrich lachend. Wenn die zwei ersten
Akte im Theater so durchgefallen wren, wie jetzt vor Ihnen, lieber Nrnberger,
so knnte man das Ding doch auch nicht zu Ende spielen. Nehmen wir an,
Nrnberger, Sie seien entsetzt aus dem Parkett ins Freie gestrzt. Den
Hausschlssel und die faulen Eier erla ich Ihnen.
    Donnerwetter! rief Georg aus.
    Sie bertreiben wieder einmal, Heinrich, sagte Nrnberger. Ich habe mir
nur erlaubt, einige Einwendungen vorzubringen, wandte er sich an Georg, das
ist alles. Aber er ist ein Autor!
    Es kommt alles auf die Auffassung an, sagte Heinrich. Es ist schlielich
auch nichts andres als eine Einwendung gegen das Leben eines Mitmenschen, wenn
man ihm mit der Hacke den Schdel einschlgt, nur eine ziemlich wirksame. Er
deutete auf sein Manuskript und wandte sich zu Georg. Wissen Sie, was das ist?
Meine politische Tragikomdie. Kranzspenden dankend verbeten.
    Nrnberger lachte. Ich versichre Sie, Heinrich, aus dem Sujet wre noch
immer was ganz Famoses zu machen. Sie knnten beinah die ganze Szenenfhrung
beibehalten und eine Anzahl von Figuren. Sie mten sich nur dazu entschlieen,
bei Wiederaufnahme Ihres Planes weniger gerecht zu sein.
    Das ist aber doch eigentlich schn, sagte Georg, da er gerecht ist.
    Nrnberger schttelte den Kopf. berall mag man es sein nur nicht im
Drama. Und sich wieder an Heinrich wendend: In solch einem Stck, das eine
Zeitfrage behandelt, oder gar mehrere, wie es Ihre Absicht war, werden Sie mit
der Objektivitt nie was erreichen. Das Publikum im Theater verlangt, da die
Themen, die der Dichter anschlgt, auch erledigt werden, oder da wenigstens
eine Tuschung dieser Art erweckt werde. Denn natrlich gibt's nie und nimmer
eine wirkliche Erledigung. Und scheinbar erledigen kann eben nur einer, der den
Mut oder die Einfalt oder das Temperament hat, Partei zu ergreifen. Sie werden
schon darauf kommen, lieber Heinrich, da es mit der Gerechtigkeit im Drama
nicht geht.
    Wissen Sie, Nrnberger, sagte Heinrich, es ging vielleicht auch mit der
Gerechtigkeit. Ich glaub, ich hab nur nicht die richtige. In Wirklichkeit hab
ich nmlich gar keine Lust gerecht zu sein. Ich stell mir's sogar wunderschn
vor ungerecht zu sein. Ich glaube, es wre die allergesndeste Seelengymnastik,
die man nur treiben knnte. Es mu so wohl tun, die Menschen, deren Ansichten
man bekmpft, auch wirklich hassen zu knnen. Es erspart einem gewi sehr viel
innere Kraft, die man viel besser auf den Kampf selbst verwenden drfte. Ja,
wenn man noch die Gerechtigkeit des Herzens htte ... Ich hab sie aber nur da,
und er deutete auf seine Stirn. Ich stehe auch nicht ber den Parteien, sondern
ich bin gewissermaen bei allen oder gegen alle. Ich hab nicht die gttliche
Gerechtigkeit, sondern die dialektische. Und darum ..., er hielt sein
Manuskript in die Hhe, ist da auch so ein langweiliges und unfruchtbares
Geschwtz herausgekommen.
    Weh dem Manne, sagte Nrnberger, der sich erdreistete derartiges ber Sie
zu schreiben.
    Na ja, erwiderte Heinrich lchelnd. Wenn's ein anderer sagt, kann man nie
den leisen Verdacht unterdrcken, da er recht haben knnte. Aber nun mu ich
wirklich gehen. Gr Sie Gott, Georg. Ich bedaure sehr, da Sie mich gestern
verfehlt haben. Wann reisen Sie denn wieder ab?
    Morgen.
    Aber man sieht Sie doch noch vor Ihrer Abreise? Ich bin heute den ganzen
Nachmittag und Abend zu Hause, kommen Sie, wann es Ihnen pat. Sie werden einen
Menschen finden, der sich mit Entschlossenheit von den Zeitfragen ab und wieder
den ewigen Problemen zugewandt hat: Tod und Liebe ... Glauben Sie brigens an
den Tod, Nrnberger? Hinsichtlich der Liebe frag ich schon gar nicht.
    Dieser fr Ihre Verhltnisse doch etwas zu billige Witz, sagte Nrnberger,
lt mich vermuten, da Sie sich durch meine Kritik, trotz Ihrer sehr wrdigen
Haltung ...
    Nein, Nrnberger, ich schwre Ihnen, ich bin nicht verletzt. Ich habe sogar
eher ein angenehmes Gefhl, da die Sache abgetan ist.
    Abgetan? Warum denn? Es ist doch immerhin mglich, da ich mich geirrt habe
und da gerade diesem Stck, das ich fr minder gelungen halte, auf dem Theater
ein Erfolg beschieden wre, der Sie zum Millionr machen kann. Ich wre
trostlos, wenn durch meine vielleicht ganz unmagebliche Kritik ...
    Gewi, gewi, Nrnberger, das mssen wir nun schon einmal alle und in jedem
einzelnen Fall auf uns nehmen, da wir uns geirrt haben knnen. Und nchstens
schreib ich doch wieder ein Stck und zwar mit folgendem Titel: Mir macht
niemand was wei und ich mir selber erst recht nicht ... und Sie, Nrnberger,
werden der Held sein.
    Nrnberger lchelte. Ich? Das heit, Sie werden einen Menschen hernehmen,
den zu kennen Sie sich einbilden, werden diejenigen Seiten seines Wesens zu
schildern versuchen, die Ihnen gerade in den Kram passen andre unterschlagen,
mit denen Sie nichts anfangen knnen, und am Ende ...
    Am Ende, unterbrach ihn Heinrich, wird es ein Portrt sein, aufgenommen
von einem irrsinnigen Photographen durch einen verdorbenen Apparat, whrend
eines Erdbebens und bei Sonnenfinsternis. Einverstanden oder fehlt noch was?
    Die Charakteristik drfte erschpfend sein, sagte Nrnberger.
    Heinrich nahm Abschied in berlauter Lustigkeit und entfernte sich mit
seinem zusammengerollten Manuskript.
    Als er fort war, bemerkte Georg: Seine Laune kommt mir doch ein bichen
geknstelt vor.
    Finden Sie? Ich hab ihn in der letzten Zeit immer auffallend gut gestimmt
gefunden.
    Wirklich gut gestimmt? Glauben Sie das ernstlich? Nach dem, was er erlebt
hat?
    Warum nicht? Menschen, die sich so viel, fast ausschlielich mit sich
selbst beschftigen wie er, verwinden ja seelische Schmerzen berraschend
schnell. Auf solchen Naturen, und wohl nicht nur auf solchen, lastet das
geringfgigste physische Unbehagen viel drckender, als jede Art von
Herzenspein, selbst Untreue und Tod geliebter Personen. Es rhrt wohl daher, da
jeder Seelenschmerz irgendwie unserer Eitelkeit schmeichelt, was man von einem
Typhus oder einem Magenkatarrh nicht behaupten kann. Und beim Knstler kommt
vielleicht dazu, da aus einem Magenkatarrh absolut nichts zu holen ist ...
wenigstens vor kurzem stand das noch ziemlich fest ... aus Seelenschmerzen
hingegen alles, was man nur will, vom lyrischen Gedichte bis zu philosophischen
Werken.
    Es gibt doch wohl Seelenschmerzen recht verschiedener Art, erwiderte
Georg. Und es ist doch noch etwas anderes, wenn uns eine Geliebte betrgt oder
verlt ... und selbst wenn sie eines natrlichen Todes stirbt, als wenn sie
sich unseretwegen umbringt.
    Sie wissen ganz bestimmt? fragte Nrnberger, da Heinrichs Geliebte sich
seinetwegen umgebracht hat?
    Hat Ihnen denn Heinrich nicht erzhlt ...?
    Allerdings. Aber das beweist nicht viel. In Hinsicht auf Dinge, die uns
selber angehen, sind wir immer Trpfe, auch die Klgsten unter uns.
    Solche Bemerkungen aus Nrnbergers Munde hatten fr Georg etwas seltsam
Beunruhigendes. Sie gehrten in die Reihe jener, die Nrnberger nicht ungern
vernehmen lie und die, wie Heinrich sich einmal ausgedrckt hatte, den Sinn
jedes menschlichen Verkehrs, ja aller menschlichen Beziehungen geradezu
aufhoben.
    Nrnberger sprach weiter: Wir kennen nur zwei Tatsachen. Die eine, da
unser Freund einmal mit einer jungen Dame ein Verhltnis gehabt und die andere,
da diese junge Dame sich ins Wasser gestrzt hat. Von allem, was dazwischen
liegt, ist uns beiden so gut wie nichts und Heinrich wahrscheinlich nicht viel
mehr bekannt. Warum sie sich umgebracht hat, knnen wir alle nicht wissen, und
vielleicht hat die Arme selbst es auch nicht gewut.
    Georg sah durchs Fenster, erblickte Dcher, Schornsteine, verwitterte Rhren
und ziemlich nah den hellgrauen Turm mit der durchbrochenen Steinkuppel. Der
Himmel darber war bla und leer. Es fiel Georg pltzlich auf, da Nrnberger
noch mit keinem Wort nach Anna gefragt hatte. Was mochte er wohl vermuten? Am
Ende, da Georg sie verlassen und sie sich schon mit einem andern Liebhaber
getrstet htte? Warum bin ich nach Wien gefahren, dachte er flchtig, wie wenn
seine Reise keinen andern Zweck gehabt htte, als sich von Nrnberger
Aufschlsse ber das Dasein erteilen zu lassen, die nun schlimm genug
ausgefallen waren. Es schlug zwlf. Georg nahm Abschied. Nrnberger begleitete
ihn bis an die Tr und dankte ihm fr den Besuch. Mit Herzlichkeit, als htte
das frhere Gesprch ber Georgs neuen Aufenthaltsort berhaupt keine Geltung zu
beanspruchen, erkundigte er sich nach der Beschftigung, den Arbeiten, den neuen
Bekannten Georgs und erfuhr jetzt erst, welchem Zufall Georg seine pltzliche
Berufung nach der kleinen Stadt zu verdanken hatte.
    Das ist's ja, was ich immer sage, bemerkte er dann, nicht wir sind's, die
unser Schicksal machen, sondern meist besorgt das irgendein Umstand auer uns,
auf den wir keinerlei Einflu zu nehmen in der Lage waren, ja den wir nicht
einmal in den Kreis unserer Berechnungen einbeziehen konnten. Ist es schlielich
... bei aller Schtzung Ihres Talents darf ich es wohl sagen ist es Ihr
Verdienst oder das des alten Eiler, von dessen Verwendung in Ihrer Sache Sie
mir einmal erzhlt haben, da Sie telegraphisch nach Detmold beschieden wurden
und dort so rasch Ihren Wirkungskreis gefunden haben? Nein. Ein Unschuldiger,
Ihnen Unbekannter mute eines pltzlichen Todes sterben, damit Sie dort den
Platz frei finden durften. Und welche andern Dinge, auf die Sie gleichfalls
keinen Einflu nehmen und die Sie nicht vorhersehen konnten, muten eintreten,
um Sie von Wien leichten Herzens, ja um Sie berhaupt von hier scheiden zu
lassen?!
    Wieso leichten Herzens? fragte Georg befremdet.
    Leichteren Herzens, als unter andern Umstnden, mein ich. Wenn das kleine
Geschpf am Leben geblieben wre, wer wei ob Sie ...
    Sie knnen berzeugt sein, auch dann wr ich fortgefahren. Und Anna htte
es geradeso natrlich gefunden, wie sie es jetzt findet. Glauben Sie das nicht?
Vielleicht wr ich sogar leichtern Herzens abgereist, wenn jene Sache anders
ausgegangen wre. Anna war es ja, die mir zugeredet hat anzunehmen. Ich war
durchaus nicht entschlossen. Sie ahnen gar nicht, was fr ein gutes und kluges
Wesen Anna ist.
    O ich zweifle nicht daran. Nach allem, was Sie mir gelegentlich von ihr
erzhlt haben, hat sie sich ja anscheinend auch in ihre Situation mit mehr Wrde
gefunden, als junge Damen aus ihren Kreisen bei solchen Gelegenheiten sonst
aufzubringen pflegen.
    Lieber Herr Nrnberger, die Situation war ja nicht so furchtbar.
    Ach, sagen Sie das nicht. Wenn sie auch durch Ihre Noblesse und
Rcksichtnahme sehr gemildert war, seien Sie berzeugt, das Frulein hat gewi
fter in dieser Zeit das Unregelmige in ihrer Situation empfunden. Es gibt
wohl kein weibliches Wesen, und dchte es noch so khn und berlegen, das in
einem solchen Fall nicht lieber den Ring am Finger trge. Und es spricht eben
wieder fr die kluge und vornehme Gesinnung Ihrer Freundin, da sie Sie das
niemals hat merken lassen und da sie auch die bittre Enttuschung am Ende
dieser gewi nicht ausschlielich sen neun Monate mit Fassung und Ruhe
hingenommen hat.
    Enttuschung ist ein mildes Wort. Schmerzen wre vielleicht das
richtigere.
    Es war wohl beides. Doch wie meistens wird wohl auch hier die brennende
Wunde des Schmerzes schneller verheilt sein, als die qulende, bohrende der
Enttuschung.
    Ich verstehe Sie nicht recht.
    Nun daran, lieber Georg, werden Sie doch nicht zweifeln, da Sie sehr bald,
am Ende schon heute, verheiratet wren, wenn das kleine Wesen am Leben geblieben
wre.
    Und Sie glauben, da jetzt, weil wir kein Kind haben ... ja Sie scheinen
der Ansicht zu sein, da ... da ... es berhaupt aus ist? Sie sind vollkommen
im Irrtum, aber vollkommen, lieber Freund.
    Lieber Georg, erwiderte Nrnberger, wir wollen lieber beide von der
Zukunft nicht reden. Weder Sie noch ich wissen es, wo in diesem Augenblick ein
Faden zu unserm Schicksal gesponnen wird. Sie haben auch in dem Augenblick, als
jener Kapellmeister vom Schlag gerhrt wurde, nicht das geringste versprt. Und
wenn ich Ihnen jetzt Glck wnsche zu Ihrer weiteren Laufbahn, so wei ich
nicht, auf wen ich mit diesem Glckwunsch vielleicht den Tod herabgefleht habe.
    Auf dem Flur nahmen sie Abschied. Auf die Stiege rief Nrnberger Georg nach:
Lassen Sie gelegentlich was von sich hren.
    Georg wandte sich noch einmal um: Und Sie, tun Sie desgleichen! ... Er sah
nur noch die abwehrend-resignierte Handbewegung Nrnbergers, lchelte
unwillkrlich und eilte hinab. An der nchsten Ecke nahm er einen Wagen. Auf dem
Weg zu Golowskis dachte er ber Nrnberger und Bermann nach. Was fr ein
seltsames Verhltnis das zwischen ihnen war! Vor Georg erschien ein Bild, das er
hnlich irgend einmal in einem Traum gesehen zu haben glaubte. Die zwei saen
sich gegenber; jeder hielt dem andern einen Spiegel vor, darin sah der andere
sich selbst mit einem Spiegel in der Hand, und in dem Spiegel wieder den andern
mit dem Spiegel in der Hand und so fort in die Unendlichkeit. Kannte da einer
noch den andern, kannte einer noch sich selbst? Georg wurde schwindlig zumute.
Dann dachte er an Anna. Sollte Nrnberger wieder einmal recht behalten? War es
denn wirklich aus? Konnte es berhaupt jemals enden? Jemals? ... Das Leben ist
lang! Aber waren schon die nchsten Monate bedenklich? Micaela vielleicht ...
Nein. Das war nicht schwer zu nehmen, wie immer es kommen sollte. Und zu Ostern
war er ja wieder in Wien, dann kam der Sommer; man blieb zusammen. Und dann? Ja
was dann? Vermhlung? Herrn Rosners und Frau Rosners Schwiegersohn, Josefs
Schwager! Ach, was ging ihn die Familie an. Anna war es doch, die seine Frau
sein wrde, das gtige, sanfte, kluge Wesen.
    Der Wagen hielt vor einem ziemlich neuen, hlichen, gelb angestrichenen
Haus, in einer breiten, einfrmigen Gasse. Georg hie den Kutscher warten und
trat ins Tor. Im Innern sah das Haus recht verwahrlost aus; Mrtel war an vielen
Stellen von den Mauern abgebrckelt, und die Stiegen waren schmutzig. Aus
einigen Kchenfenstern roch es nach schlechtem Fett. Auf dem Gang im ersten
Stock unterhielten sich zwei dicke Jdinnen in einem fr Georg unertrglichen
Jargon, und die eine sagte zu einem Buben, den sie an der Hand hielt: Moritz,
la den Herrn vorbei. Warum sagt sie das, dachte Georg. Es ist ja Platz genug.
Offenbar will sie sich mit mir verhalten. Als wenn ich ihr schaden oder ntzen
knnte. Und ein Wort Heinrichs aus einem verflossenen Gesprch fiel ihm ein:
Feindesland.
    Ein Dienstmdchen lie ihn in ein Zimmer treten, das er sofort als das Leos
erkannte. Bcher und Papiere auf dem Schreibtisch, das Klavier offen, auf dem
Divan eine geffnete Reisetasche, die noch nicht ganz ausgepackt war. In der
nchsten Minute ffnete sich die Tr; Leo trat herein, umarmte den Gast und
kte ihn so rasch auf beide Wangen, da der so herzlich Begrte gar nicht dazu
kam, verlegen zu werden. Das ist lieb von Ihnen, sagte Leo und schttelte ihm
beide Hnde.
    Sie knnen sich gar nicht denken, wie ich mich gefreut habe ..., begann
Georg.
    Ich glaub's Ihnen ... aber bitte kommen Sie mit mir weiter, wir sind
nmlich noch beim Essen aber gleich fertig.
    Er fhrte ihn ins Nebenzimmer. Die Familie war um den Tisch versammelt. Ich
glaube, meinen Vater kennen Sie noch nicht, bemerkte Leo und stellte die beiden
einander vor. Der alte Golowski stand auf, legte die Serviette fort, die er um
den Hals gebunden hatte, und reichte Georg die Hand.
    Dieser wunderte sich, da der alte Mann vollkommen anders aussah, als er
sich ihn vorgestellt hatte; nicht patriarchalisch, graubrtig und ehrwrdig,
sondern glattrasiert und mit breit verschlagenen Mienen glich er am ehesten
einem alternden Provinzkomiker. Ich freu mich sehr, Herr Baron, Sie kennen zu
lernen, sagte er, und in seinen listigen Augen stand zu lesen: Ich wei doch
alles.
    Therese stellte hastig die blichen Fragen an Georg, wann er gekommen wre,
wie lange er bliebe, wie es ihm ginge; er antwortete geduldig und liebenswrdig,
und sie sah ihm neugierig-lebhaft ins Gesicht. Dann fragte er Leo nach dessen
Absichten fr die nchste Zeit.
    Vor allem werd ich fleiig Klavier spielen mssen, um mich vor meinen
Schlern nicht zu blamieren. Die Leute sind ja sehr nett gegen mich gewesen.
Bcher hab ich gehabt, soviel ich wollte. Aber ein Klavier haben sie mir doch
nicht zur Verfgung gestellt. Er wandte sich an Therese: Das solltest du in
einer deiner nchsten Reden unbedingt geieln. Diese schlechte Behandlung der
Untersuchungshftlinge mu abgestellt werden.
    Gestern um die Zeit, sagte der alte Golowski, war ihm wirklich noch nicht
zum Lachen.
    Wenn du vielleicht glaubst, meinte Therese, da der Glcksfall, der dir
begegnet ist, meine Ansichten ndern wird, so irrst du dich gewaltig. Im
Gegenteil. Und zu Georg gewandt fuhr sie fort: Theoretisch bin ich nmlich
absolut dagegen, da sie ihn herausgelassen haben. Sie sprach wieder zu Leo
hin: Wenn du den Kerl, wie es ja dein gutes Recht gewesen wre, einfach
totgeschlagen httest, ohne diese ekelhafte Duellkomdie, wrst du nie frei
geworden, sest deine fnf bis zehn Jahre ab, heilig. Weil du dich aber auf
dieses grauenvolle, vom Staat konzessionierte Hazardspiel um Leben und Tod
eingelassen, weil du dich also vor der militrischen Weltanschauung geduckt
hast, bist du begnadigt worden. Hab ich nicht recht? wandte sie sich wieder an
Georg.
    Der nickte nur und dachte an den armen jungen Menschen, den Leo erschossen
und der eigentlich gar nichts anderes gegen die Juden gehabt hatte, als da sie
ihm so zuwider gewesen waren, wie schlielich den meisten Menschen und dessen
Schuld im Grunde nur darin bestanden hatte, da er an den Unrechten gekommen
war. Leo strich seiner Schwester bers Haar und sagte: Siehst du, wenn du das,
was du hier in diesen vier Wnden gesagt hast, nchstens ffentlich
aussprchest, dann wrdest du mir imponieren.
    Na und du mir, erwiderte Therese, wenn du dir morgen samt dem alten
Ehrenberg ein Billett nach Jerusalem lstest.
    Sie standen vom Tisch auf. Leo lud Georg ein, mit ihm in sein Zimmer zu
kommen.
    Str' ich euch? fragte Therese. Ich mcht nmlich auch was von ihm
haben.
    Sie saen alle drei in Leos Zimmer und plauderten. Leo schien sich der
wiedergewonnenen Freiheit unbedenklich und reuelos zu freuen, was Georg
sonderbar berhrte. Therese sa auf dem Divan, in einem dunkeln anliegenden
Kleid und sah heute zum erstenmal wieder der jungen Dame hnlich, die in Lugano
als die Geliebte eines Kavallerieoffiziers unter einer Platane Asti getrunken
und nachher einen anderen gekt hatte. Sie bat Georg Klavier zu spielen. Noch
nie hatte sie ihn gehrt. Er setzte sich hin, spielte einiges aus Tristan und
phantasierte dann mit glcklicher Eingebung. Leo sprach seine Anerkennung aus.
    Wie schade, da er nicht dableibt, sagte Therese und kreuzte, an der Wand
lehnend, die Hnde ber ihrer hohen Frisur.
    Zu Ostern komm ich wieder, erwiderte Georg und sah sie an.
    Aber doch nur, um wieder zu verschwinden, sagte Therese.
    Das wohl, entgegnete Georg, und es fiel ihm pltzlich auf die Seele, da
hier nicht mehr seine Heimat war, da er nun berhaupt keine mehr hatte, fr
lange Zeit.
    Wie wr's, sagte Leo, wenn wir im Sommer eine gemeinsame Wanderung
unternhmen? Sie, Bermann und ich. Ich verspreche Ihnen, da wir Sie nicht durch
theoretische Gesprche langweilen werden, wie im vorigen Herbst einmal ...
erinnern Sie sich noch?
    Ach, sagte Therese und reckte sich, es kommt so wie so nichts dabei
heraus. Taten! meine Herren!
    Und was kommt bei Taten heraus? fragte Leo. Sie sind hchstens
Privaterlsungen fr den Moment.
    Ja, Taten, die man fr sich selbst begeht, sagte Therese. Nur was man
fhig ist, fr die andern zu leisten, ohne Rachsucht, ohne Eitelkeit
persnlicher Natur, namenlos womglich, nur das nenn ich eine Tat.
    Georg mute endlich fort. Was hatte er noch alles zu besorgen!
    Ich begleite Sie ein Stck, sagte Therese zu ihm.
    Leo umarmte ihn noch einmal und sagte: Es war wirklich schn von Ihnen.
    Therese verschwand, um Hut und Jacke zu holen. Georg begab sich ins
Nebenzimmer; die alte Frau Golowski schien ihn erwartet zu haben. Mit einem
sonderbar ngstlichen Gesicht trat sie auf ihn zu und gab ihm ein Kuvert in die
Hand.
    Was ist das?
    Der Schein, Herr Baron, ich habe ihn nicht der Anna geben wollen ... es
htt sie vielleicht zu sehr aufgeregt.
    Ach ja ... Er steckte das Kuvert ein und fand, da es sich seltsamer
anfhlte, als andre ...
    Therese erschien mit einem spanischen Htchen, zum Fortgehen bereit. Da bin
ich. Auf Wiedersehen, Mama. Zum Nachtmahl komm ich nicht nach Haus.
    Sie ging mit Georg die Treppe hinab, sah ihn vergngt von der Seite an.
    Wohin darf ich Sie fhren? fragte Georg.
    Nehmen Sie mich nur mit, irgendwo steig ich halt aus. Sie stiegen ein, der
Wagen fuhr davon. Sie fragte ihn um allerlei, worauf er schon in der Wohnung
Antwort gegeben hatte, als nhme sie an, da er jetzt, mit ihr allein,
aufrichtiger sein mte, als vor den andern. Sie erfuhr nichts anderes, als da
er sich in der neuen Umgebung wohl fhlte und da seine Arbeit ihm Befriedigung
gewhrte. Ob sein Erscheinen eine groe berraschung fr Anna bedeutet htte?
Nein, das nicht, er hatte sie ja verstndigt. Und ob es denn wahr sei, da er zu
Ostern wiederkommen wollte? Es sei seine bestimmte Absicht ...
    Sie schien verwundert. Wissen Sie, da ich mir fest eingebildet hatte ...
    Was?
    Man wrde Sie niemals wiedersehen.
    Er erwiderte nichts, etwas betroffen. Dann fuhr es ihm durch den Sinn: Wr
es nicht vernnftiger gewesen ...? Er sa ganz nahe neben Therese, fhlte die
Wrme ihres Krpers wie damals in Lugano. In welchem ihrer Trume mochte sie
jetzt leben? In dem wirr-dstern der Menschheitsbeglckung, oder in dem
heiter-leichten eines neuen Liebesabenteuers? Sie sah angelegentlich zum Fenster
hinaus. Er nahm ihre Hand, die sie ihm nicht entzog, und fhrte sie an die
Lippen. Pltzlich wandte sie sich zu ihm und sagte harmlos: So, nun lassen Sie
halten, hier steig ich am besten aus.
    Er lie ihre Hand los und sah Therese an.
    Ja, lieber Georg, wohin geriete man, sagte sie, wenn man sich nicht ...,
sie verzog spttisch den Mund, fr die Menschheit zu opfern htte. Wissen Sie,
was ich mir manchmal denke ...? Vielleicht ist das alles nur eine Flucht vor mir
selbst.
    Warum ... warum fliehen Sie?
    Leben Sie wohl, Georg. Der Wagen hielt. Therese stieg aus, ein junger Mann
blieb stehen, starrte sie an; sie verschwand in der Menge. Ich glaube nicht, da
sie auf dem Schafott enden wird, dachte Georg. Er fuhr in sein Hotel, a zu
Mittag, zndete sich eine Zigarette an, kleidete sich um und begab sich zu
Ehrenbergs.
    Im Speisezimmer, beim schwarzen Kaffee, mit den Damen des Hauses waren
James, Sissy, Willy Eiler und Frau Oberberger anwesend. Georg nahm zwischen
Else und Sissy Platz, trank ein Glschen Benediktiner und beantwortete alle
Fragen, die seinem neuen Wirken galten, geduldig und mit Humor. Bald begab man
sich in den Salon, und nun sa er eine Weile im erhhten Erker mit Frau
Oberberger, die heute wieder ganz jung aussah und vor allem ber Georgs
persnliche Erlebnisse in Detmold nheres zu hren wnschte. Sie glaubte ihm
nicht, da er nicht mit smtlichen Sngerinnen Verhltnisse angeknpft hatte,
wie ihr berhaupt das Theaterleben nur als Anla und Vorwand fr galante
Abenteuer zu gelten schien; jedenfalls bestand sie darauf, ber Vorgnge hinter
den Kulissen, in den Garderoben und in der Direktionskanzlei Ungeheuerlichkeiten
zu vernehmen. Als Georg nicht umhin konnte, sie durch seine Berichte von der
brgerlich anstndigen, beinahe philistrsen Lebensweise der Bhnenmitglieder
und durch die Schilderung eines eigenen arbeitsvollen Daseins zu enttuschen,
begann sie sichtlich zu verfallen, und bald sa ihm eine gealterte Frau
gegenber, in der er dieselbe erkannte, die ihm im verflossenen Sommer zuerst in
der Loge eines wei-roten Theaterchens und spter in einem nun fast vergessenen
Traum erschienen war. Dann stand er mit Sissy neben der marmornen Isis, und
whrend des harmlosen Plauderns suchte jeder in den Augen des andern die
Erinnerung einer glhenden Stunde unter den tiefen Nachmittagsschatten eines
dunkelgrnen Parks. Aber beiden schien sie heute wie in unzugngliche Tiefen
versunken. Endlich sa er mit Else an dem kleinen Tischchen, auf dem
Photographien und Bcher lagen. Auch sie stellte zuerst gleichgltige Fragen,
wie alle andern.
    Pltzlich aber, ganz unvermutet und etwas leiser fragte sie: Wie geht's
denn Ihrem Kind?
    Meinem Kind ...? Er zgerte. Sagen Sie mir, Else, warum fragen Sie mich
eigentlich ...? Es ist ja doch nur Neugier.
    Sie irren sich, Georg, erwiderte sie ruhig und ernst, wie Sie sich ja
meistens in mir geirrt haben. Sie halten mich fr recht oberflchlich, oder wei
Gott was. Nun, es hat ja keinen Sinn, weiter darber zu reden. Aber jedenfalls
ist es nicht so ganz unbegreiflich, da ich mich nach dem Kind erkundige. Ich
mchte es gern einmal sehen.
    Sie mchten es sehen? Er war bewegt.
    Ja. Ich htte sogar noch eine andre Idee ... die Sie aber wahrscheinlich
ganz verrckt finden werden.
    Lassen Sie doch hren, Else.
    Ich denke mir nmlich, wir knnten es zu uns nehmen.
    Wer, wir?
    James und ich.
    Nach England?
    Wer sagt Ihnen denn, da wir nach England gehen? Wir bleiben hier. Wir
haben schon eine Wohnung gemietet, im Cottage drauen. Es braucht's ja niemand
zu wissen, da es Ihr Kind ist.
    Was fr ein romanhafter Gedanke.
    Gott, warum romanhaft? Anna kann's doch nicht bei sich haben und Sie doch
erst recht nicht. Wo soll's denn whrend der Proben stecken? Im Souffleurkasten
vielleicht?
    Georg lchelte. Sie sind sehr gut, Else.
    Ich bin gar nicht gut. Ich denk nur, warum soll denn so ein unschuldiges
kleines Geschpf dafr ben, oder darunter leiden, da ... na ja, ich meine, es
kann doch nichts dafr ... schlielich ... Ist es ein Bub?
    Es war ein Bub. Er machte eine Pause. Dann sagte er leise: Es ist nmlich
tot. Und er sah vor sich hin.
    Was? Ach so, Sie wollen sich ... vor meiner Zudringlichkeit schtzen.
    Else, wie knnen Sie denn ... Nein, Else. In solchen Dingen lgt man
nicht.
    Also wirklich? Ja, wie ist denn das ...
    Es ist tot zur Welt gekommen.
    Sie sah zu Boden. Nein, wie schrecklich! Sie schttelte den Kopf. Wie
schrecklich! ... Nun hat sie mit einemmal gar nichts mehr.
    Georg zuckte leicht zusammen, aber vermochte nichts zu antworten. Wie
entschieden es fr alle schien, da die Geschichte mit Anna zu Ende war. Und ihn
bedauerte Else gar nicht. Sie ahnte wohl nicht einmal, wie der Tod des Kindes
ihn erschttert hatte. Wie konnte sie es auch ahnen! Was wute sie von der
Stunde, da der Garten seine Farben, der Himmel sein Licht fr ihn verloren
hatte, weil sein wunderschnes Kind tot drin im Hause lag.
    Frau Ehrenberg war herangekommen. Sie drckte Georg ihre besondere
Zufriedenheit aus. Sie habe brigens nie daran gezweifelt, da er seinen Mann
stellen wrde, sobald er nur einmal in einem Beruf mitten drin stnde. Auch sei
sie fest berzeugt: in drei bis fnf Jahren htten sie ihn hier, in Wien, als
Kapellmeister. Georg wehrte ab. Er denke vorlufig gar nicht daran, nach Wien
zurckzukehren. Er fhle, da man drauen im Reich mehr und ernster arbeite.
Hier sei man immer in Gefahr, sich zu verlieren.
    Frau Ehrenberg stimmte zu und nahm Anla, sich ber Heinrich Bermann zu
beschweren, der als Dichter verstummt sei und sich nebstbei nicht mehr blicken
lasse.
    Georg nahm ihn in Schutz und fhlte sich verpflichtet, festzustellen, da
Heinrich fleiiger wre als je. Aber Frau Ehrenberg hatte auch andre Beispiele
fr den verderblichen Einflu der Wiener Luft. Nrnberger vor allem, der sich
nun vollkommen von der Welt abzuschlieen scheine. Und was mit Oskar passiert
sei ... htte das in einer andern Stadt als in Wien geschehen knnen? Ob Georg
brigens wte, da Oskar mit dem Prinzen von Guastalla auf Reisen wre? Sie
tat, als fnde sie daran nichts Besonderes, Georg merkte ihr aber an, da sie
ein wenig stolz war und irgendwie die Meinung hegte, als htte mit Oskar sich
schlielich doch noch alles zum Guten gefgt.
    Whrend Georg mit Frau Ehrenberg sprach, sah er zuweilen die Blicke Elses
auf sich gerichtet, die sich mit James in den Erker zurckgezogen hatte,
wissende, schwermtige Blicke, die ihn beinahe durchschauerten. Er empfahl sich
bald, fhlte einen unbegreiflich fremden Hndedruck von Else,
gleichgltig-liebenswrdige von den andern und ging.
    Wie das nur zugeht, dachte er im Wagen, der ihn zu Heinrich fhrte. Die
Leute wuten alles frher als er selbst. Sie hatten von seinem Verhltnis mit
Anna gewut, ehe es angefangen und jetzt wuten sie wieder frher als er, da es
zu Ende war. Er hatte nicht bel Lust, ihnen allen zu beweisen, da sie sich
irrten. Freilich, in solch einer Lebenssache durfte man sich durch Trotz am
wenigsten bestimmen lassen. Es war gut, da nun ein paar Monate kamen, in denen
er sich wieder sammeln, alles reiflich erwgen konnte. Auch fr Anna wrde es
gut sein; fr sie vielleicht ganz besonders. Der gestrige Spaziergang mit ihr im
Regen ber die feuchtbrunlichen Straen fiel ihm wieder ein und erschien ihm
wie etwas unsagbar Trauriges. Ach, die Stunden in dem gewlbten Zimmer, in das
von drben durch den wallenden Schneevorhang die Orgel hereinklang! Wo waren
sie! Diese und so viele andre wundervolle Stunden, wo waren sie hin! Er sah sich
und Anna im Geiste wieder, ein junges Paar auf der Hochzeitsreise, durch Gassen
wandeln, in denen der wunderbare Hauch der Fremde war; banale Hotelrume, in
denen er nur fr kurze Tage mit ihr geweilt, tauchten vor ihm pltzlich wieder
auf und waren wie geweiht vom Duft der Erinnerung ... Dann erschien ihm die
Geliebte auf einer weien Bank, unter schweren sten, die hohe Stirn von einer
trgerischen Ahnung sanfter Mtterlichkeit umflossen und endlich stand sie da,
ein Notenblatt in der Hand und weie Vorhnge bewegten sich leise im Winde. Und
als er sich bewut wurde, da es dasselbe Zimmer war, in dem sie jetzt seiner
wartete und da nicht viel mehr als ein Jahr verflossen, seit jener abendlichen
Sptsommerstunde, da sie, von ihm begleitet, sein Lied zum erstenmal ihm
vorgesungen atmete er in seiner Wagenecke schwer und beinahe angstvoll auf.
    Als er ein paar Minuten drauf bei Heinrich im Zimmer stand, bat er ihn, dies
nicht als Besuch anzusehen. Nur die Hand wollte er ihm drcken morgen vormittags
wenn's ihm recht sei, wollte er ihn abholen zu einem Spaziergang ... Ja dies
fiel ihm whrend des Redens ein zu einer Art von Abschiedsspaziergang im Wald
von Salmansdorf.
    Heinrich war einverstanden, bat ihn nur ein paar Augenblicke zu verweilen.
Georg fragte ihn scherzend, ob er sich schon von seinem Mierfolg von heute
Morgen erholt htte.
    Heinrich wies auf den Schreibtisch, wo lose Bltter lagen, die mit groen,
erregten Schriftzeichen bedeckt waren. Wissen Sie, was das ist? Den gidius
habe ich mir wieder hergenommen. Und gerade, bevor Sie kamen, ist mir ein
ziemlich mglicher Schlu eingefallen. Wenn es Sie interessiert, so erzhl ich
Ihnen morgen mehr davon.
    Gewi. Ich bin sehr gespannt. Das ist brigens hbsch, da Sie sich gleich
wieder an eine Arbeit gemacht haben.
    Ja, lieber Georg, ganz allein bin ich nicht gern. Ich mu mir mglichst
rasch Gesellschaft verschaffen, nach meiner Wahl ... sonst kommt eben wer will,
und man mchte doch nicht fr jedes Gespenst zu sprechen sein.
    Georg erzhlte, da er Leo besucht und ihn so heiter angetroffen, wie er es
kaum vermutet htte.
    Heinrich lehnte am Schreibtisch, beide Hnde in den Hosentaschen vergraben,
mit leicht gesenktem Kopf; die beschirmte Lampe zeichnete von unten unsichere
Schatten in sein Gesicht. Warum haben Sie's nicht erwartet, ihn heiter zu
finden? Uns ... mir wenigstens ging es wahrscheinlich gerade so.
    Georg sa auf der Lehne eines schwarzledernen Fauteuils, die Beine
bereinandergeschlagen, Hut und Stock in der Hand. Vielleicht haben Sie recht,
sagte er, aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, mir war es trotzdem sonderbar zu
denken, whrend ich sein frohes Gesicht sah, da er ein Menschenleben auf dem
Gewissen hat.
    Das heit, sagte Heinrich und begann im Zimmer hin und her zu gehen, es
ist einer der Flle, wo die Beziehung von Ursache und Wirkung so einleuchtend
ist, da man ruhig sagen darf: Er hat gettet, ohne da es beinahe nach einem
Wortspiel ausshe ... Im ganzen aber, finden Sie nicht, Georg, sehen wir diese
Dinge doch ein bichen oberflchlich an. Wir mssen einen Dolch blitzen sehen,
eine Kugel pfeifen hren, um zu begreifen, da ein Mord geschehen ist. Als wr
nicht einer, der jemanden sterben lt, vom Mrder oft durch weiter nichts
unterschieden, als durch einen hhern Grad von Bequemlichkeit und Feigheit ...
    Machen Sie sich am Ende Vorwrfe, Heinrich? Wenn Sie dran geglaubt htten,
da es so kommen mute Sie htten sie ja doch nicht sterben lassen.
    Vielleicht. Ich wei nicht. Aber eins kann ich Ihnen sagen, Georg, wenn sie
noch lebte ... das heit, wenn ich ihr verziehen htte, wie Sie sich
gelegentlich auszudrcken beliebten, so kme ich mir schuldiger vor, als ich mir
heute erscheine. Ja, ja, so ist es nun einmal. Ich will's Ihnen gar nicht
verhehlen, Georg, es gab eine Nacht ... ein paar Nchte gab es, da war ich wie
vernichtet vor Schmerz, vor Verzweiflung, vor ... nun, andre htten es eben fr
Reue gehalten. Es war aber nichts derart. Denn mitten in meinem Schmerz, in
meiner Verzweiflung hab ich's ja gewut, da dieser Tod etwas Erledigendes,
etwas Vershnendes, etwas Reines bedeutete. Wr ich schwach gewesen, oder
weniger eitel ... wie Sie's eben auffassen wollen ... wr sie wieder meine
Geliebte geworden, so wre viel schlimmeres gekommen, als dieser Tod, auch fr
sie ... Ekel und Qual, Wut und Ha wren um unser Bett gekrochen ... unsere
Erinnerungen wren verfault, Stck fr Stck, ja, bei lebendigem Leibe wre
unsere Liebe verwest. Es durfte nicht sein. Ein Verbrechen wr es gewesen,
dieses todkranke Verhltnis weiterzufristen, so wie es ein Verbrechen ist und in
der Zukunft auch so gelten wird das Leben eines Menschen hinzufristen, dem ein
qualvolles Sterben bestimmt ist. Das wird Ihnen jeder vernnftige Arzt sagen.
Und darum bin ich sehr fern davon, mir Vorwrfe zu machen. Ich will mich auch
nicht vor Ihnen oder sonst jemandem auf der Welt rechtfertigen, aber es ist nun
einmal so: ich kann mich nicht schuldig fhlen. Es geht mir ja manchmal sehr
schlimm, aber mit Schuldgefhlen hat das nicht das Geringste zu tun.
    Sie sind damals hingereist? fragte Georg.
    Ja. Ich bin hingereist. Ich bin sogar dabeigestanden, als man den Sarg in
die Erde senkte. Ja. Mit der Mutter zusammen bin ich hingefahren. Er stand am
Fenster, ganz im Dunkel und schttelte sich. Nein, nie werd ich es vergessen.
brigens ist es auch nur eine Lge, da sich Menschen in einem gemeinsamen Leid
finden. Nie finden sich Menschen, wenn sie nicht zueinander gehren. Noch ferner
werden sie einander in schweren Stunden. Diese Fahrt! Wenn ich mich daran
erinnere! Ich hab brigens beinahe die ganze Zeit gelesen. Es war mir
unertrglich, mit der dummen, alten Person zu reden. Man hat doch niemanden
mehr als jemand gleichgltigen, der einem Mitleid abfordert. Wir sind auch an
ihrem Grab zusammen gestanden, die Mutter und ich. Ich, die Mutter, und ein paar
Komdianten von dem kleinen Theater ... Und nachher bin ich im Wirtshaus
gesessen mit ihr allein, nach dem Begrbnis. Ein Leichenschmaus zu zweien. Eine
hoffnungslose Geschichte, sag ich Ihnen. Wissen Sie brigens, wo sie begraben
liegt? An Ihrem See, Georg. Ja. Ich habe fter an Sie denken mssen. Sie wissen
ja, wo der Friedhof liegt. Keine hundert Schritte weit vom Auhof. Man hat eine
entzckende Aussicht auf unsern See, Georg; allerdings nur wenn man lebendig
ist.
    Georg empfand ein leises Grauen. Er stand auf. Ich mu Sie leider
verlassen, Heinrich. Ich werde erwartet. Sie verzeihen.
    Heinrich trat aus dem Dunkel des Fensters hervor, zu ihm. Ich danke Ihnen
sehr fr Ihren Besuch. Also morgen, nicht wahr? Sie gehen jetzt wohl zu Anna?
Bitte gren Sie sie herzlich. Ich hre ja, da es ihr gut geht. Therese
erzhlte mir's.
    Ja, sie sieht vortrefflich aus. Sie hat sich vollkommen erholt.
    Das freut mich. Also auf morgen, nicht wahr? Ich freu mich sehr, da ich
Sie noch einmal sehen kann, eh Sie abreisen. Sie mssen mir auch noch allerlei
erzhlen. Ich habe ja wieder einmal nichts getan, als von mir geredet.
    Georg lchelte. Als wenn er das von Heinrich nicht gewohnt gewesen wre!
Auf Wiedersehen, sagte er und ging.
    Manches von dem, was Heinrich gesprochen, klang in Georg nach, als er wieder
im Wagen sa. Wir mssen einen Dolch blitzen sehen, um zu begreifen, da ein
Mord geschehen ist. Georg fhlte, da vom Sinn dieser Worte eine gleichsam
unterirdische, aber lngst geahnte Beziehung zu einem dumpfen Unbehagen hinging,
das er manchmal in seiner Seele sprte. Er dachte einer Stunde, da ihm gewesen
war, als ginge in den Wolken ein Spiel um sein ungeborenes Kind, und seltsam
erschien es ihm pltzlich, da Anna ber den Tod des Kindes mit ihm noch kein
Wort gesprochen, da sie sogar in ihren Briefen jede Andeutung nicht nur auf den
unglcklichen Ausgang, sondern auch auf den ganzen Zeitraum, da sie das Kind
unter dem Herzen getragen, vollkommen vermieden hatte. Der Wagen nherte sich
dem Ziel. Warum klopft mir das Herz, dachte Georg. Freude? ... Schlechtes
Gewissen? ... Heut mit einemmal! Sie kann mir doch die Schuld nicht geben ...?
Was fr Unsinn. Ich bin abgespannt und erregt zugleich, das ist es. Ich htte
nicht herkommen sollen. Warum hab ich all diese Menschen wiedergesehen? War mir
nicht, trotz aller Sehnsucht, tausendmal wohler in der kleinen Stadt, wo ein
neues Leben fr mich angefangen hatte ...? Irgendwo anders htte ich mit Anna
zusammentreffen sollen. Vielleicht fhrt sie mit mir fort ... Dann kann am Ende
alles noch gut werden. Ist denn irgend etwas schlecht ...? Sind unsere
Beziehungen am Ende auch krank, und ist es ein Verbrechen, sie weiterzufristen
...? Das knnte zuweilen eine bequeme Ausrede sein.
    Als er bei Rosners eintrat, sa die Mutter allein am Tische, sah von einem
Buche auf und klappte es zu. ber den Tisch, gleichmig nach allen Seiten,
glitt von oben der Schein einer leicht hin und her schwingenden Lampe. Josef
erhob sich aus einer Divanecke. Anna trat eben aus ihrem Zimmer, strich mit
beiden Hnden ber das hochgekmmte, gewellte Haar, begrte Georg mit leichtem
Kopfneigen und hatte fr ihn in diesem Augenblick mehr von einer Erscheinung als
von einer wirklichen Gestalt. Georg reichte allen die Hand und erkundigte sich
nach dem Befinden des Herrn Rosner.
    Es geht ihm nicht grad schlecht, sagte Frau Rosner. Aber aufstehen kann
er halt schwer.
    Josef entschuldigte sich, da er schlafend auf dem Divan betroffen worden
war. Er mute den Sonntag benutzen, um sich auszuruhen. Er bekleidete eine
Stellung bei seiner Zeitung, die ihn nachts manchmal bis drei festhielt.
    Er ist jetzt sehr fleiig, besttigte auch die Mutter.
    Ja, sagte Josef bescheiden, wenn man gewissermaen einen Wirkungskreis
hat ... Er bemerkte weiter, da der Christliche Volksbote sich einer immer
grern Verbreitung erfreue, sogar drauen im Reich. Dann richtete er an Georg
einige Fragen ber dessen neuen Aufenthaltsort, interessierte sich lebhaft fr
Bevlkerungszahl, Zustand der Straen, Verbreitung des Radfahrsports und
Umgebung.
    Frau Rosner ihrerseits erkundigte sich hflich nach der Zusammenstellung des
Repertoires, Georg gab Auskunft, bald war ein Gesprch im Gange, an dem sich
auch Anna sachlich beteiligte, und Georg fand sich pltzlich zu Besuch in einer
Brgerfamilie von angenehmen Umgangsformen, in der die Tochter des Hauses
musikalisch war. Die Unterhaltung gelangte endlich dahin, da Georg sich zur
uerung des Wunsches veranlat fand, die junge Dame wieder einmal singen zu
hren und er mute sich gleichsam besinnen, da es ja seine Anna war, deren
Stimme zu vernehmen ihn verlangt hatte.
    Josef entschuldigte sich; ein Rendezvous im Kaffee mit Klubgenossen rief ihn
ab ... Wissen sich Herr Baron noch zu erinnern ... die flotte Gesellschaft auf
der Sophienalpe?
    Gewi߫, sagte Georg lchelnd. Und er zitierte: Der Gott, der Eisen wachsen
lie ...
    Der wollte keine Knechte, ergnzte Josef. Aber das singen wir schon lange
nicht mehr. Es ist zu verwandt mit der Wacht am Rhein; und man soll uns nicht
mehr nachsagen, da wir ber die Grenze schielen. Es hat groe Kmpfe gegeben
bei uns im Ausschu. Ein Herr hat sogar demissioniert. Er ist nmlich
Solizitator in der Kanzlei vom Doktor Fuchs, dem deutschnationalen Abgeordneten.
Ja, es ist halt alles Politik. Er zwinkerte. Man sollte nicht glauben, da er
den Schwindel noch ernst nahm, jetzt da er selbst in die Maschinerie des
ffentlichen Lebens Einblick hatte. Mit der kaum mehr berraschenden Bemerkung,
da er berhaupt Geschichten erzhlen knnte, empfahl er sich. Frau Rosner fand
es an der Zeit, nach ihrem Gatten zu sehen.
    Georg sa Anna gegenber, allein mit ihr an dem runden Tisch, ber den der
Schein der Hngelampe flo.
    Ich danke dir fr die schnen Rosen, sagte Anna, ich hab sie drin in
meinem Zimmer. Sie erhob sich, und Georg folgte ihr. Er hatte ganz vergessen,
da er ihr Blumen geschickt hatte. In einem hohen Glas, vor dem Spiegel standen
sie, dunkelrot, und spiegelten farblos dunkel sich ab. Das Pianino war offen,
Noten waren aufgeschlagen, zwei Kerzen brannten zu den Seiten. Sonst war nur so
viel Licht in dem Raum, als durch den breiten Trspalt aus dem Nebenzimmer
hereinfiel.
    Du hast gespielt, Anna? er trat nher hin. Die Arie der Grfin? Auch
gesungen?
    Ja. Versucht.
    Geht's?
    Es fngt an ... kommt mir vor. Na, wir werden ja sehen. Aber sag mir vor
allem, was du heut den ganzen Tag gemacht hast.
    Gleich. Wir haben uns ja noch gar nicht begrt. Er umarmte und kte sie.
    Lang ist's her, sagte sie, an ihm vorbeilchelnd.
    Also, fragte er lebhaft, fhrst du mit mir?
    Anna zgerte. Aber wie denkst du dir denn eigentlich die Sache, Georg?
    Sehr einfach. Morgen nachmittag knnen wir fortfahren. Wahl des Ortes
bleibt dir berlassen. Reichenau, Semmering, Brhl, wohin du willst ... Und
bermorgen frh wrd ich dich zurckbegleiten. Irgend was hielt ihn ab, von dem
Telegramm zu reden, das ihm volle drei Tage zur Verfgung stellte.
    Anna sah vor sich hin. Es wr ja schn, sagte sie tonlos, aber es wird
halt nicht mglich sein, Georg.
    Wegen deines Vaters?
    Sie nickte.
    Es geht ihm doch besser?
    Nein, es geht ihm gar nicht gut. Er ist so schwach. Man wrde mir natrlich
keinen direkten Vorwurf machen. Aber ich ... ich kann die Mutter jetzt nicht
allein lassen, wegen so eines Ausfluges.
    Er zuckte die Achseln, ein wenig verletzt ber die Bezeichnung, die sie
gewhlt hatte.
    Und sag einmal aufrichtig, fgte sie wie scherzend hinzu, liegt dir denn
gar so viel dran?
    Er schttelte den Kopf, schmerzlich beinahe. Aber er fhlte, da auch diese
Geste der Aufrichtigkeit entbehrte. Ich versteh dich nicht, Anna, sagte er
schwcher, als er gewnscht htte. Da so ein paar Wochen des
Fern-voneinander-seins, da die ... Ja ich wei gar nicht, wie ich's nennen soll
... Es ist ja, als htte man sich verloren. Ich bin's doch, Anna, ich bin's doch
..., wiederholte er heftig aber md. Er sa auf dem Sessel vor dem Pianino. Er
nahm ihre Hnde, fhrte sie an die Lippen, zerstreut und ein wenig erregt.
    Wie war's denn in Tristan? fragte sie.
    Beflissen berichtete er von der Vorstellung, verschwieg auch seinen Besuch
in der Ehrenbergschen Loge nicht, sprach von all den andern Menschen, die er
gesehen, und bestellte ihr die Gre von Heinrich Bermann. Dann zog er sie zu
sich auf die Knie und kte sie. Als er sein Antlitz von dem ihren entfernte,
sah er Trnen ber ihre Wangen rinnen. Er spielte den Befremdeten. Was hast du
denn, Kind ...? Ja warum denn, warum ...
    Sie erhob sich, trat zum Fenster, das Gesicht von ihm abgewandt. Nun stand
er auf, etwas ungeduldig, ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, trat endlich zu
ihr, drngte sich nah an sie und begann wieder, unvermittelt, hastig: Anna!
berleg dir's, ob du nicht doch mit mir fahren knntest! Es wre alles so
anders, als hier. Man knnte sich aussprechen. Wir haben ber so wichtige Dinge
zu reden. Ich brauch ja auch deinen Rat; wegen meiner Entschlsse fr das
nchste Jahr. Ich hab dir ja geschrieben, nicht wahr? Es ist also sehr
wahrscheinlich, da man mir schon in den nchsten Tagen einen dreijhrigen
Vertrag zur Unterschrift vorlegen wird.
    Was soll man da raten? sagte sie. Du wirst schlielich am besten wissen,
ob du dich dort wohlfhlst, oder nicht.
    Er begann zu erzhlen, von dem liebenswrdigen und begabten Intendanten, der
ihn offenbar als Mitarbeiter heranzuziehen wnschte, von dem sympathischen,
alten Kapellmeister, der einmal so berhmt gewesen war, von irgendeinem sehr
klein geratenen Bhnenarbeiter, den man Alexander den Groen nannte, von einer
jungen Dame, mit der er die Micaela studiert hatte und die mit einem Berliner
Arzt verlobt war, von einem Tenor, der schon siebenundzwanzig Jahre an dem
Theater wirkte und Wagner grimmig hate. Dann begann er von seinen persnlichen
Aussichten in knstlerischer und materieller Beziehung zu sprechen. Ohne Zweifel
knnte er an dem kleinen Hoftheater bald zu einer gesicherten und gnstigen
Position gelangen. Andererseits wre zu bedenken, da es gefhrlich sei, sich
auf allzulange zu binden; eine Karriere wie die des alten Kapellmeisters wre
nicht nach seinem Geschmack. Freilich ... die Temperamente seien verschieden, er
fr seinen Teil glaube sich vor einem hnlichen Schicksal gefeit.
    Anna sah ihn immer nur an, und in einem nachsichtig-spttischen Ton, wie
wenn sie zu einem Kinde sprche, sagte sie endlich: Nein, wie er sich
anstrengt.
    Er war betroffen. Inwiefern streng ich mich an?
    Schau, Georg, du bist mir doch nicht Aufklrungen irgendwelcher Art
schuldig.
    Aufklrungen? Du bist aber wirklich ... Ich gebe dir doch keine
Aufklrungen, Anna. Ich schildere dir einfach, wie ich lebe, und mit was fr
Leuten ich zu tun habe ... weil ich mir schmeichle, da dich diese Dinge
interessieren; geradeso wie ich dir erzhlt habe, wo ich heute und gestern
gewesen bin.
    Sie schwieg. Und Georg fhlte wieder, da sie ihm nicht glaubte, da sie ein
Recht hatte ihm nicht zu glauben selbst wenn zufllig einmal Wahrheit ber seine
Lippen kam. Allerlei Worte traten ihm auf die Zunge, Worte des Gekrnktseins,
des Zorns, der milden Zusprache jedes schien ihm gleich wertlos und leer. Er
erwiderte gar nichts, setzte sich zum Pianino, griff leise Tne und Akkorde. Nun
war ihm wieder, als liebte er sie sehr und knnte es ihr nur nicht sagen, und
als wre diese Stunde des Wiedersehens ganz anders geworden, wenn man sie
anderswo gefeiert htte. Nicht in diesem Zimmer, nicht in dieser Stadt; am
liebsten an einem Ort, den sie beide nicht kannten, in einer fremden, neuen
Umgebung. Ja, dann wre vielleicht alles wieder geworden, wie es einstmals war.
Dann htten sie einander in die Arme strzen knnen wie einst, in Sehnsucht, zu
Wonne und Frieden. Es fuhr ihm durch den Sinn: Wenn ich ihr nun sagte: Anna!
Drei Tage und drei Nchte gehren uns! Wenn ich sie bte ... mit den rechten
Worten ... ihr zu Fen, sie anflehte ... komm mit mir! komm ... Sie widerstnde
nicht lang! Sie folgte mir gewi ... Er wute es. Warum sprach er die rechten
Worte nicht aus? Warum flehte er sie nicht an? Warum schwieg er, sa am Pianino,
abgewandt, griff leise Tne und Akkorde ...? Warum? ... Da fhlte er auf seinem
Haupt ihre weichen Hnde. Seine Finger lagen schwer auf den Tasten, irgendein
Akkord tnte nach. Er wagte nicht sich umzuwenden. Er fhlte: sie wei es auch.
Was wei sie ...? Ist es denn wahr ...? Ja ... es ist wahr. Und er dachte der
Stunde, nach der Geburt seines toten Kindes da er an ihrem Bett gesessen und sie
schweigend dagelegen war, den Blick in den dmmrigen Garten gerichtet ... Schon
in jener Stunde hatte sie's gewut frher als er da alles zu Ende war. Und er
hob seine Hnde vom Klavier auf, nahm die ihren, die noch immer auf seinem Haupt
lagen, fhrte sie an seine Wangen, zog sie selber nach, bis sie wieder ganz nah
bei ihm war und langsam auf seine Knie niedersank. Und schchtern begann er
wieder: Anna ... vielleicht ... knntest du dich doch entschlieen ...
Vielleicht wr es mir auch mglich, wenn ich telegraphiere, noch ein paar Tage
Urlaub mehr zu bekommen. Du, Anna ... hrst du ... es wre doch wunderschn ...
Ganz in der Tiefe kam ihm ein Plan. Wenn er wirklich mit ihr auf einige Tage
fortreiste. Und ihr bei dieser Gelegenheit ehrlich sagte: Es soll zu Ende sein,
Anna! Aber das Ende unserer Liebe soll schn sein, wie es der Anfang war. Nicht
matt und traurig, wie diese Stunden in deinem Elternhaus ....... Wenn ich ihr
das irgendwo auf dem Land, ehrlich sagte ... wr es nicht wrdiger, ihrer und
meiner und unseres vergangenen Glcks ...? Und in diesem Vorsatz wurde er
dringender, khner, leidenschaftlich beinahe ... und seine Worte klangen wieder
wie vor langer, langer Zeit.
    Sie auf seinen Knien, die Arme um seinen Hals, erwiderte leise: Noch einmal
Georg, mach ich das nicht durch.
    Schon hatte er ein Wort auf den Lippen, mit dem er ihre Befrchtungen
zerstreuen konnte. Aber er hielt es zurck. Denn ausgesprochen, htte es doch
nichts anderes bedeutet, als da er wohl daran dachte, wieder ein paar Stunden
der Lust mit ihr zu durchleben, aber da er nicht geneigt war, irgendeine
Verpflichtung auf sich zu nehmen. Er fhlte es: um sie nicht zu verletzen, htte
er nur dies eine sagen drfen: du gehrst mir fr immer! Du sollst ja ein Kind
von mir haben! Zu Weihnachten, zu Ostern sptestens hol ich dich und nie mehr
werden wir voneinander getrennt sein. Er fhlte, wie sie dieses Wort mit einer
letzten Hoffnung erwartete mit einer Hoffnung, an deren Erfllung sie selbst
nicht mehr glaubte. Aber er schwieg. Wenn er ausgesprochen htte, was sie
ersehnte, so htte er sich aufs neue gebunden und nun wute er es so tief, wie
er es noch nie gewut, da er frei sein wollte.
    Immer noch ruhte sie auf seinen Knien, ihre Wange an seine Wange gelehnt;
sie schwiegen lang und wuten, da dies der Abschied war.
    Endlich, entschlossen sagte Georg: Wenn du also nicht mit mir kommen
willst, Anna, dann reise ich ganz direkt zurck morgen. Und wir sehen uns erst
im Frhjahr wieder. Bis dahin gibt's wieder nur Briefe. Es sei denn, da ich zu
Weihnachten, wenn's mglich ist ...
    Sie hatte sich erhoben und lehnte am Klavier. Schon wieder ist er
leichtsinnig, sagte sie. Ist es nicht am Ende sogar besser, wenn wir uns erst
nach Ostern wiedersehen?
    Warum besser?
    Bis dahin wird alles noch viel klarer sein.
    Er wnschte sie nicht zu verstehen. Du meinst, wegen des Vertrags? Ja ...
da mu ich mich schon in den nchsten Wochen entscheiden. Die Leute wollen ja
wissen, woran sie sind. Andererseits, auch wenn ich unterschriebe, auf drei
Jahre, und es kmen andere Chancen, gegen meinen Willen werden sie mich nicht
halten. Aber bis jetzt scheint es wirklich, da der Aufenthalt in der kleinen
Stadt mir sehr frderlich ist. Nie hab ich so intensiv arbeiten knnen, wie
dort. Hab ich dir nicht geschrieben, wie ich manchmal nach dem Theater bis drei
Uhr frh an meinem Schreibtisch gesessen bin? Und war um acht ausgeschlafen und
frisch!
    Sie sah ihn immer nur an, mit einem Blick, schmerzlich und nachsichtig
zugleich, der ihn wie ein Blick des Zweifels berhrte. Hatte sie nicht einmal an
ihn geglaubt! Hatte sie nicht in einer halbdunkeln Kirche vertrauensvoll und
zrtlich zu ihm gesprochen: Ich will zum Himmel beten, da ein groer Knstler
aus dir werde. Wieder war ihm, als hielte sie lngst nicht mehr so viel von
ihm, als in frherer Zeit. Er fhlte sich beunruhigt und fragte sie unsicher:
Du erlaubst doch, da ich dir meine Violinsonate schicke, sobald sie fertig
ist? Du weit, auf niemandes Urteil geb ich so viel, wie auf deins. Und er
dachte: wenn ich sie mir doch als Freundin erhalten knnte ... oder einmal
wiedergewinnen ... als Freundin ... Wird es mglich sein?
    Sie sagte: Du hast mir auch von ein paar neuen Phantasiestcken
geschrieben, fr Klavier allein.
    Ganz richtig. Sie sind aber noch nicht ganz fertig. Aber ein anderes, das
ich ... das ich ... er fand es selbst tricht, da er zgerte heuer im Sommer
komponiert habe, an dem See, wo diese arme Person ertrunken ist, die Geliebte
Heinrichs, das kennst du ja auch noch nicht. Knnt ich nicht ... ich spiel dir's
vor, ganz leise, willst du?
    Sie nickte und schlo die Tr. Dort, hinter ihm blieb sie regungslos stehen,
als er begann.
    Und er spielte. Er spielte das kleine, leidenschaftlich-schwermtige Stck,
das er an seinem See komponiert hatte, als Anna und das Kind fr ihn vllig
vergessen waren. Es erleichterte ihn sehr, da er es ihr vorspielen durfte. Sie
mute ja verstehen, was diese Tne zu ihr sprachen. Es war gar nicht mglich,
da sie es nicht verstand. Er hrte sich selbst gleichsam sprechen aus diesen
Tnen; ja ihm war, als verstnde er jetzt erst vllig sich selbst. Leb wohl,
Geliebte, leb wohl. Es war schn. Und nun ist es vorbei ... Leb wohl Geliebte
... Was uns beiden gemeinsam bestimmt war, haben wir durchlebt. Und was nun
kommen mag, fr mich und fr dich, wir werden einander etwas Unvergeliches
bedeuten. Nun geht mein Leben einen andern Weg ... Und deines auch. Es mu
vorbei sein ... Ich hab dich geliebt. Ich ksse deine Augen ... Ich danke dir,
du Gtige, Sanfte, Schweigende. Leb wohl, Geliebte ... Leb wohl ... Die Tne
verklangen. Er hatte nicht von den Tasten aufgesehen, whrend er spielte; jetzt
wandte er sich langsam nach ihr um. Ernst, mit leise zitternden Lippen stand sie
hinter ihm. Er fate ihre Hnde und kte sie. Anna, Anna ...! rief er aus.
Das Herz wollte ihm zerspringen.
    Vergi mich nicht ganz, sagte sie leise.
    Ich schreib dir, sobald ich wieder dort bin.
    Sie nickte.
    Und du mir auch, Anna ... Und alles ... alles ... verstehst du mich.
    Sie nickte wieder.
    Und ... und ... morgen frh seh ich dich noch einmal.
    Sie schttelte den Kopf. Er wollte etwas erwidern, wie erstaunt als
verstnde es sich eigentlich von selbst, da er sie noch einmal vor der Abreise
sehen mte. Sie erhob leicht die Hand, als bte sie ihn zu schweigen. Er stand
auf, drckte sie an sich, kte ihren Mund, der khl war und seinen Ku nicht
erwiderte, und verlie das Zimmer. Sie blieb zurck, mit schlaffen Armen,
stehend, die Augen geschlossen. Er eilte die Treppen hinab. Unten auf der Strae
war ihm, als mte er noch einmal hinauf ihr sagen: Es ist ja alles nicht wahr!
Das war nicht der Abschied. Ich liebe dich ja. Ich gehre dir. Es kann nicht zu
Ende sein ...
    Aber er fhlte, da er es nicht durfte. Jetzt nicht. Morgen vielleicht. Von
heute Abend bis morgen frh wrde sie ihm nicht entglitten sein ... Und er eilte
umher, planlos, durch leere Straen, wie in einem leichten Rausch von Schmerz
und Freiheit. Er war froh, da er sich mit niemandem verabredet hatte und allein
bleiben durfte. Weit drauen in einem niedern, alten, rauchigen Wirtshaus, wo an
Nebentischen Menschen aus einer andern Welt saen, in einer stillen Ecke nahm er
sein Nachtmahl und erschien sich wie in einer fremden Stadt: einsam, ein wenig
stolz auf seine Einsamkeit und ein wenig durchschauert von seinem Stolz.
    Am nchsten Tag um die Mittagsstunde spazierte Georg mit Heinrich durch die
Alleen des Dornbacher Parks. Eine Luft, die von dnnen Nebeln schwer war, umgab
sie, durchfeuchtetes Laub knisterte und glitt unter ihren Fen, und durchs
Gestruch schimmerte die Strae, auf der sie gerade vor einem Jahr den
rtlich-gelben Hgeln entgegengezogen waren. Die ste breiteten sich regungslos,
als drckte die ferne Schwle der umgrauten Sonne sie nieder.
    Heinrich war eben daran, den Schlu seines Dramas zu erzhlen, der ihm
gestern eingefallen war. gidius war auf der Insel gelandet, gefat nach der
Todesfahrt von sieben Tagen sein vorverkndetes Schicksal zu erleiden. Der Frst
schenkt ihm das Leben, gidius nimmt es nicht an und strzt sich vom Felsen ins
Meer hinab.
    Georg war nicht befriedigt. Warum mu gidius sterben? Er glaubte nicht
daran.
    Heinrich begriff nicht, da man das erst erklren sollte. Wie kann er denn
weiterleben, rief er aus. Er war zum Tode verurteilt. Immer mit dem Ausblick
auf das Ende, als unumschrnkter Herr auf dem Schiff, Geliebter der Prinzessin,
Freund von Weisen, Sngern, Sternguckern, aber immer mit dem Ausblick auf das
Ende, hat er die herrlichsten Tage erlebt, die je einem Menschen geschenkt
waren. Dieser ganze Reichtum htte sozusagen seinen Sinn verloren, ja, die
hoheitsvoll-wrdige Erwartung des letzten Augenblicks mte sich in der
Erinnerung dem gidius zu lcherlich genarrter Todesangst verndern, wenn diese
ganze Todesfahrt sich am Ende als ein schaler Spa enthllte. Darum mu er
sterben.
    Und Sie halten das fr wahr? fragte Georg mit noch strkerem Zweifel als
vorher. Ich kann mir nicht helfen, ich nicht.
    Das macht nichts, erwiderte Heinrich. Wenn es Ihnen jetzt schon wahr
erschiene, htte ich es zu leicht. Aber wenn die letzte Silbe meines Stckes
einmal geschrieben ist, wird es wahr geworden sein. Oder ... Er sprach nicht
weiter. Sie stiegen eine Wiese hinan, und bald breitete sich das wohlbekannte
Tal zu ihren Fen aus. An der Hgellehne rechts schimmerte der Sommerhaidenweg,
auf der andern Seite, hart am Wald, zeigte sich der gelb angestrichene Gasthof,
mit den roten Holzterrassen und nicht weit davon, das kleine Haus mit dem
dunkelgrauen Giebel. In ungewissem Nebel war die Stadt zu ahnen, noch weiter
schwamm die Ebene zur Hhe auf und ganz ferne verdmmerten blasse, niedrig
gezogene Berglinien. Nun war eine breite Fahrbahn zu berschreiten, und endlich
fhrte ein Feldweg ber Wiesen und cker nach abwrts. Weit abgerckt zu beiden
Seiten ruhte der Wald.
    In Georg war ein Vorgefhl der Sehnsucht, mit der er in Jahren, vielleicht
schon morgen sich dieser Landschaft erinnern wrde, die nun aufgehrt hatte ihm
Heimat zu sein.
    Endlich standen sie vor dem kleinen Haus mit dem Giebel, das Georg ein
letztes Mal hatte sehen wollen. Tr und Fenster waren mit Brettern verschlagen;
verwittert, wie uralt geworden vor der Zeit, stand es da und wollte von der Welt
nichts wissen.
    Ja, nun heit es Abschied nehmen, sagte Georg in leichtem Ton. Sein Blick
fiel auf die Tonfigur inmitten der verblhten Beete. Komisch, sagte er zu
Heinrich, da ich den blauen Knaben da immer fr einen Engel gehalten hab. Das
heit, ich hab ihn nur so genannt, denn ich hab ja immer gewut, wie er
aussieht, und da er eigentlich ein gelockter Bub ist, barfu, mit Rckchen und
Grtel.
    Heut ber ein Jahr, sagte Heinrich, htten Sie doch geschworen, da der
blaue Knabe Flgel gehabt hat.
    Georg warf einen Blick nach oben zur Mansarde. Es war ihm, als bestnde die
Mglichkeit, da irgend jemand pltzlich auf den Balkon heraustreten knnte.
Labinski vielleicht, der sich seit jenem Traum nicht mehr gemeldet hatte? Oder
er selber, ein Georg von Wergenthin aus frherer Zeit? Der Georg dieses Sommers,
der dort oben gewohnt hatte? Dumme Einflle. Der Balkon blieb leer, das Haus war
stumm, und der Garten schlummerte tief. Enttuscht wandte Georg sich ab. Kommen
Sie, sagte er zu Heinrich. Sie gingen und nahmen die Strae zum
Sommerhaidenweg.
    Wie warm es geworden ist, sagte Heinrich, zog den berzieher aus und warf
ihn seiner Gewohnheit nach ber die Schultern.
    In Georg war ein des, etwas trockenes Erinnern. Er wandte sich an Heinrich.
Ich will es Ihnen lieber gleich sagen. Die Geschichte ist aus.
    Heinrich sah ihn rasch von der Seite an, dann nickte er, nicht sonderlich
berrascht.
    Aber, setzte Georg mit einem schwachen Versuch zu scherzen hinzu, Sie
werden dringend gebeten, nicht an den Engelsknaben zu denken.
    Heinrich schttelte ernsthaft den Kopf. Danke. Die Fabel vom blauen Engel
knnen Sie Nrnberger widmen.
    Er hat doch wieder einmal recht behalten, sagte Georg.
    Er behlt immer recht, lieber Georg. Man kann nmlich nie und nimmer
betrogen werden, wenn man allem auf Erden mitraut, sogar seinem eigenen
Mitrauen. Auch wenn Sie Anna geheiratet htten, htte er recht behalten ...
oder es kme Ihnen wenigstens so vor. Aber jedenfalls denk ich ... Sie erlauben
mir wohl das auszusprechen ... ist es gut so, wie es gekommen ist.
    Gut? Fr mich gewi߫, erwiderte Georg mit absichtlicher Schrfe, als htte
er durchaus nicht die Absicht seine Handlungsweise zu beschnigen. In Ihrem
Sinn Heinrich, war es vielleicht sogar eine Pflicht gegen mich, da ich ein Ende
machte.
    Dann war es wohl auch Ihre Pflicht gegen Anna, sagte Heinrich.
    Das wird sich doch erst zeigen. Wer wei, ob ich sie nicht aus ihrer Bahn
gerissen habe.
    Aus ihrer Bahn?
    Erinnern Sie sich noch, wie Leo Golowski einmal von ihr sagte, sie sei
bestimmt, im Brgerlichen zu enden?
    Meinen Sie, Georg, eine Ehe mit Ihnen wre etwas sehr Brgerliches
geworden? Anna war vielleicht geschaffen Ihre Geliebte zu sein nicht Ihre Frau.
Wer wei, ob nicht der, den sie einmal heiraten wird, allen Grund htte Ihnen
dankbar zu sein, wenn die Mnner nicht so rasend dumm wren. Reine Erinnerungen
haben ja die Menschen doch nur, wenn sie was erlebt haben. Die Frauen so gut wie
wir.
    Sie spazierten auf dem Sommerhaidenweg weiter, in der Richtung gegen die
Stadt, die aus grauem Dunst hervorstieg, und nherten sich dem Friedhof.
    Hat es eigentlich einen Sinn, fragte Georg zgernd, das Grab eines Wesens
zu besuchen, das niemals gelebt hat?
    Dort liegt Ihr Kind?
    Georg nickte. Sein Kind! Wie seltsam es immer wieder klang! Sie gingen lngs
der braunen Holzlatten hin, ber die Grabsteine und Kreuze ragten, an einer
niedern Ziegelmauer weiter, zum Eingang. Ein Wchter, den sie fragten, wies
ihnen den Weg ber die breite, mit Weiden bepflanzte Mittelstrae. Auf einem
Wiesenplan, hart an den Planken, auf niedern wie zum Spiel aufgeworfenen Hgeln,
reihten sich ovale Plttchen aneinander, jedes mit zwei kurzen Armen in die Erde
gerammt. Der Hgel, den Georg suchte, lag in der Mitte der Wiese. Dunkelrote
Rosen lagen darauf. Georg erkannte sie. Das Herz stand ihm stille. Wie gut,
dachte er, da wir einander nicht begegnet sind. Hat sie's am Ende gehofft?
    Dort wo diese Rosen liegen? fragte Heinrich.
    Georg nickte.
    Sie standen eine Weile stumm. Nicht wahr, fragte Heinrich dann, an die
Mglichkeit dieses Ausgangs hatten Sie wohl innerhalb der ganzen Zeit niemals
gedacht?
    Niemals? Ich wei nicht recht. Es gehen einem ja allerlei Mglichkeiten
durch den Sinn. Aber ernstlich hab ich natrlich nie daran gedacht. Wie sollte
man auch? Er erzhlte Heinrich nicht zum erstenmal, wie der Professor damals
den Tod des Kindes erklrt hatte. Ein unglcklicher Zufall war es gewesen, an
dem ein bis zwei Perzent der Neugeborenen zugrunde gehen muten. Freilich, warum
gerade hier dieser Zufall eingetreten war, das hatte der Professor nicht zu
sagen gewut. Aber war Zufall nicht nur ein Wort? Mute nicht auch dieser Zufall
seine Ursache gehabt haben? ...
    Heinrich zuckte die Achseln. Natrlich ... Eine Ursache nach der andern und
seinen letzten Grund im Anfang aller Dinge. Wir knnten gewi das Eintreten
mancher sogenannten Zuflle verhindern, wenn wir mehr berblick htten, mehr
Wissen und mehr Macht. Wer wei, ob nicht auch der Tod Ihres Kindes in
irgendeinem Augenblick abzuwenden war?
    Und vielleicht wre es sogar in meiner Macht gestanden, sagte Georg
langsam.
    Das versteh ich nicht. Waren denn irgendwelche Vorzeichen, oder ...
    Georg stand da, den Blick starr auf den kleinen Hgel gerichtet: Ich will
Sie was fragen, Heinrich, aber lachen Sie mich nicht aus. Halten Sie es fr
mglich, da ein ungeborenes Kind daran sterben kann, da man es nicht so
herbeisehnt, wie man sollte: an zu wenig Liebe gewissermaen?
    Heinrich legte ihm die Hand auf die Schulter. Georg, wie kommen Sie, der
sonst ein so anstndiger Mensch ist, auf derartige metaphysische Einflle?
    Nennen Sie's, wie Sie wollen, metaphysisch oder dumm; ich kann seit einiger
Zeit den Gedanken nicht los werden, da ich in einem gewissen Grad an diesem
Ausgang die Schuld trage.
    Sie?
    Wenn ich frher sagte, da ich's nicht genug herbeigesehnt habe, so hab ich
mich nicht gut ausgedrckt. Die Wahrheit ist: da ich an dieses kleine Wesen,
das auf die Welt kommen sollte, geradezu vergessen hatte. Und besonders in den
letzten Wochen vor seiner Geburt hatte ich es vllig vergessen gehabt. Ich
kann's nicht anders sagen. Natrlich wute ich immer, was bevorstand, aber es
ging mich sozusagen nichts an. Ich habe hingelebt, ohne dran zu denken. Nicht
immerfort, aber oft und ganz besonders im Sommer am See, an meinem See, wie Sie
ihn nennen ... da war ich ... Ja da wut ich einfach nichts davon, da ich ein
Kind bekommen sollte.
    Man hat mir allerlei erzhlt, sagte Heinrich vorbeischauend.
    Georg sah ihn an. So wissen Sie also, was ich meine. Nicht nur dem Kind,
dem ungeborenen, sondern auch der Mutter war ich fern in einer so unheimlichen
Weise, da ich es Ihnen beim besten Willen nicht schildern, da ich's heut
selber kaum mehr begreifen kann. Und es gibt Momente, da kann ich mich des
Gedankens nicht erwehren, da zwischen jenem Vergessen und dem Tod meines Kindes
irgendein Zusammenhang bestehen mte. Halten Sie denn so was fr vollkommen
ausgeschlossen?
    Heinrich hatte tiefe Falten in der Stirn. Vollkommen ausgeschlossen, das
kann man nicht einmal sagen. Die Wurzeln verschlingen sich ja gewi oft so tief,
da wir unmglich bis dort hinabschauen knnen. Ja vielleicht gibt es sogar
solche Zusammenhnge. Aber wenn es solche gibt ... nicht fr Sie Georg! Fr Sie
htten diese Zusammenhnge keine Geltung, auch wenn sie existierten.
    Fr mich keine Geltung?
    Der ganze Einfall, den Sie da ausgesprochen haben, der pat mir nicht zu
Ihnen. Der kommt nicht aus Ihrer Seele. Bestimmt nicht. Nie in Ihrem Leben wr
Ihnen etwas Derartiges eingefallen, wenn Sie nicht mit einem Subjekt meiner Art
verkehrten und es nicht zuweilen Ihre Art wre, nicht Ihre Gedanken zu denken,
sondern die von Menschen, die strker oder auch schwcher sind als Sie. Und ich
versichre Sie, was Sie auch an dem See dort, an Ihrem ... an unserm ... erlebt
haben mgen, Sie haben damit gewi keine sogenannte Schuld auf sich geladen. Bei
einem andern wr es vielleicht Schuld gewesen. Aber bei Ihnen, der von Natur aus
Sie verzeihen schon ziemlich leichtfertig und ein bichen gewissenlos angelegt
ist, war es gewi nicht Schuld. Soll ich Ihnen was sagen? Sie fhlen sich
nmlich gar nicht schuldig in Hinsicht auf das Kind, sondern das Unbehagen, das
Sie spren, kommt nur daher, da Sie die Verpflichtung zu haben glauben sich
schuldig zu fhlen. Sehen Sie, ich, wenn ich irgend was in der Art Ihres
Abenteuers erlebt htte, wre vielleicht schuldig geworden, weil ich mich
mglicherweise schuldig gefhlt htte.
    Sie Heinrich, htten sich in meinem Falle schuldig gefhlt?
    Vielleicht auch nicht. Wie kann ich das wissen. Sie denken jetzt
wahrscheinlich daran, da ich neulich ein Wesen direkt in den Tod getrieben und
mich trotzdem sozusagen ohne Schuld gefhlt habe?
    Ja daran denk ich. Und darum versteh ich nicht ...
    Heinrich zuckte die Achseln. Ja. Ich hab mich ohne Schuld gefhlt. Irgendwo
in meiner Seele. Und wo anders, tiefer vielleicht, hab ich mich schuldig gefhlt
... und noch tiefer, wieder schuldlos. Es kommt immer nur darauf an, wie tief
wir in uns hineinschauen. Und wenn die Lichter in allen Stockwerken angezndet
sind, sind wir doch alles auf einmal: schuldig und unschuldig, Feiglinge und
Helden, Narren und Weise. Wir das ist vielleicht etwas zu allgemein ausgedrckt.
Bei Ihnen, zum Beispiel, Georg, drften sich alle diese Dinge viel einfacher
verhalten, wenigstens wenn Sie von der Atmosphre unbeeinflut sind, die ich
zuweilen um Sie verbreite. Darum geht's Ihnen auch besser als mir. Viel besser.
In mir sieht's nmlich greulich aus. Sollten Sie das noch nicht bemerkt haben?
Was hilft's mir am Ende, da in allen meinen Stockwerken die Lichter brennen?
Was hilft mir mein Wissen von den Menschen und mein herrliches Verstehen? Nichts
... Weniger als nichts. Im Grunde mcht ich ja doch nichts anderes, Georg, als
da all das Furchtbare der letzten Zeit nichts gewesen wre, als ein bser
Traum. Ich schwre Ihnen, Georg, meine ganze Zukunft und wei Gott was alles gb
ich her, wenn ich's ungeschehen machen knnte. Und wr es ungeschehen ... so wr
ich wahrscheinlich geradeso elend wie jetzt.
    Sein Gesicht verzerrte sich, als wenn er aufschreien wollte. Gleich aber
stand er wieder da, starr, regungslos, fahl, wie ausgelscht. Und er sagte:
Glauben Sie mir, Georg, es gibt Momente, in denen ich die Menschen mit der
sogenannten Weltanschauung beneide. Ich, wenn ich eine wohlgeordnete Welt haben
will, ich mu mir immer selber erst eine schaffen. Das ist anstrengend fr
jemanden, der nicht der liebe Gott ist.
    Er seufzte schwer auf. Georg gab es auf, ihm zu erwidern. Unter den Weiden
schritt er mit ihm dem Ausgang zu. Er wute, da diesem Menschen nicht zu helfen
war. Irgend einmal war ihm wohl bestimmt, von einer Turmspitze, auf die er in
Spiralen hinaufgeringelt war, hinabzustrzen ins Leere; und das wrde sein Ende
sein. Georg aber war es gut und frei zumut. Er fate den Entschlu, die drei
Tage, die jetzt ihm gehrten, so vernnftig als mglich auszunutzen. Das beste
war wohl, irgendwo in einer schnen, stillen Landschaft allein zu sein,
auszuruhen und sich zur neuen Arbeit zu sammeln. Das Manuskript der Violinsonate
hatte er mit nach Wien genommen. Die vor allem dachte er zu vollenden.
    Sie durchschritten das Tor und standen auf der Strae. Georg wandte sich um,
aber die Friedhofsmauer hielt seinen Blick auf. Erst nach ein paar Schritten
hatte er den Ausblick nach dem Talgrund wieder frei. Doch konnte er nur mehr
ahnen, wo das kleine Haus mit dem grauen Giebel lag; sichtbar war es von hier
aus nicht mehr. ber die rtlich-gelben Hgel, die die Landschaft abschlossen,
sank der Himmel in mattem Herbstschein. In Georgs Seele war ein mildes
Abschiednehmen von mancherlei Glck und Leid, die er in dem Tal, das er nun fr
lange verlie, gleichsam verhallen hrte; und zugleich ein Gren unbekannter
Tage, die aus der Weite der Welt seiner Jugend entgegenklangen.
