
                                Laube, Heinrich

                                Das junge Europa

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                 Heinrich Laube

                                Das junge Europa

                             Roman in drei Bchern

                                  Erster Band

                                   Die Poeten

                           1. Konstantin an Valerius.

                               Den 20. Mrz 1830.

Die Sehnsucht, wieder einmal mit Menschen umzugehen, lt mich schreiben - mit
Menschen, denn hier gibt es nur Oberprsidenten, Unteroffiziere, Leutnants,
Regierungsrte usw. So wenig Ihr - ich hoffe, Du wirst mein Sendschreiben
unserem erlauchten Kreise mitteilen - nach diesem Eingange von meinem hiesigen
Nichtleben erwarten mget, so fange ich doch damit an, und gehe erst spter zu
Angenehmerem.
    Wenn zur Glckseligkeit weiter nichts erforderlich ist als gutes Essen und
Trinken, Tabak, Whist, Pikett, Patentvisiten, Gesellschaften, reine Wsche und
ein gutes Bett, so bin ich jetzt beraus glcklich. Doch ist mir's, als fehlten
mir noch einige Kleinigkeiten.
    Man lebt hier ein thrakisches (botisch ist durch uns nobilitiert) und
selbst fr mich, der ich doch kein Kostverchter bin, tragisches Leben. Ich lebe
wie mit zugeschnrter Kehle und denke an die Poesie wie an eine verbotene
Frucht. Neben der pupillarischen Substitution, der Intestat-Erbfolge und der
querela inofficiosi testamenti geht mir der Bernhard von Weimar sporenklirrend
im Kopf herum, nur seh' ich zuviel Schwierigkeiten, den Mann dramatisch zu
besiegen. Gibt's im poetischen Vereine viel Neues? Ich habe sehr wenig gemacht
und bin nur einmal aus diesem Sibirien nach Spanien gegangen.
    Uhland scheint wieder zu erwachen; ich habe schon hin und wieder
Kleinigkeiten von ihm gelesen - das wre fr mich von groer Wichtigkeit, denn
er veredelt und erhebt mich immer sehr: mein demokratisches Treiben grinset mich
zuweilen ein wenig an, nur in ihm ist es ewig schn, ja ist es das Urschne.
    Dem Fhnrich Pistol, meinem liederlichen Hippolyt gib die Beilage, gr den
William und die botischen Brder und lebe wohl - hrst Du, lebe wohl! -
    A propos, ich verweise Dich auf das Abenteuer, das Du am Schlu des
beiliegenden Briefes findest; ich sehe Dein Stirnrunzeln und Deine drohende
Unterlippe und hre des finsteren William grollende Worte: Es ist und bleibt
ein rohes Volk - ich hoffe, Du sprichst als echter Tragde jetzt nur in Jamben.
Auf Donnerstag, mein Graf? - Die Frist ist kurz! Ade, Du dunkelfarbiger Romeo!




                            Konstantin an Hippolyt.



                          Ein Lied nchtern zu singen.

1. Und es war ein Mann zu Bahri, der hie Semajah, der blies die Posaune und
    sprach:
2. Was trotzest du also und freust dich deiner Schande?
3. Deine Zunge trachtet nach Schaden, und schneidet mit Lgen wie ein scharfes
    Schermesser.
4. Du redest lieber Bses denn Gutes, und falsch denn recht. Sela.
5. Du redest gern alles, was zum Verderben dient mit falscher Zunge. Sela.
6. Darum wird dich auch Gott ganz und gar zerstren und aus deiner Htte reien
    und aus dem Lande der Lebendigen dich ausrotten. Sela.
7. Ich aber werde bleiben wie ein grner lbaum im Hause Gottes usw.

    Ich hoffe, mein Hippolyt, Du hast das sorgfltig gelesen, und bist jetzt in
einem gesammelteren Zustande. Ach, Dein Brief duftete wieder so krftig nach
Sekt, da ich auch ohne die Handschrift zu kennen, und ohne Unterschrift den
Autor sogleich wrde erraten haben. Sage mir, lieber Junge, kommt es wohl noch
vor, da Du Dich in einer ganz nchternen Stimmung befindest? O pfui! und Du
hattest doch so schne Vorbilder; ich sah Dich frher oft in Gesellschaft eines
wohlbeleibten Mannes mit einem heiteren Blick und sittigen Betragen, hat der all
seinen Einflu auf Dich verloren? Ich will es nicht hoffen, mein Fhnrich! Der
heitere Mann hat ein kleines Flschlein zarten Ausbruchs vor sich stehen, er
trinkt Dir ein miges Glschen zu, tu ihm Bescheid und befolg seine Lehren. In
Deiner wilden Unbndigkeit rennst Du also jetzt nach einem Epos? Wunderlich, als
stiege die epische Lust aus gleichem Stoff - ich suche eben auch. Ich sehe Dich
des Vormittags bei verhangenen Fenstern wirtschaften, die Helden abschlachten,
und Dein wildes Haupt stolz in den Nacken werfen. Ich hoffe wenigstens, da Du
aus Dankbarkeit deutsch schreibst; denn wahrlich, die geringe Zivilisation,
welche Du besitzest, hast Du doch lediglich uns zu danken; nicht viel anders als
der schwarze Falke vom Lorenzstrome kamst Du in unsere erlauchte Gesellschaft.
Fhnrich, tu mir die Freundschaft an, schreib deutsch, es ist die schnste
Sprache. Nur bei schwerem Sekt, Du kennst das edle Gewchs, das eben vor meinen
Blicken goldglhend wchst - nur bei schwerem Sekt lie sich Pistols und Sir
Johns zungenschweres, lallendes Englisch verbrauchen. Schreib deutsch, Pistol!
Es ist eine Universalsprache, selbst wenn Dir die duftigen Trume des
Guadalquivir wiederkommen, wie sie Dich manchmal in sternenheller oder
morgenfrher Seligkeit des Julius an den Boden warfen, selbst wenn Deine
spanische Jugend die weichen weien Arme um Dich schlgt - hat die deutsche
Sprache auch nicht Deine wollstigen spanischen Liebestne, so hat sie doch eine
gttliche Zrtlichkeit, die mich selbst oft vor ihr errten macht. Schreib
deutsch, Hippolyt!
    Ich habe noch neulich Tassos Jerusalem gelesen! Ja, aus jener Zeit ist es
schn usw., aus den dunkeln Lagunen, wo die romantische Verborgenheit und
unergrndliche Tiefe der Sehnsucht, wo das tiefblaue Dunkel des
zurckgestrahlten Himmels die Sinne umstrickt, - aber ich wrde es fr keinen
Gewinn halten, wenn wir heutzutage mit dergleichen beschenkt wrden.
    Ich bin sehr beschftigt, und zwar mit den verschiedenartigsten Dingen. Es
besucht mich fast niemand, und ich gehe nur wchentlich zweimal zu einem
Bekannten, mit dem ich Schach spiele, lese, und dessen Flgel ich benutze. Die
Musik kommt mir seit langer Zeit vornehm, fremd vor, es ist mir, als ob sie mich
ber die Achseln anshe - so war's doch frher nicht, und ich begreife durchaus
nicht, was der Dame einfllt - ich glaube, sie liebt den Sekt nicht. Auch bringt
sie mich stets ein wenig aus dem Gleise, es wird mir, als s ich einer frheren
Geliebten gegenber, der ich untreu geworden, Jnglingserinnerungen klopfen mich
unsanft wie Fcherschlge auf die Wangen - es ist wunderlich, aber ich kann das
Klavierspiel nicht lassen, es ist eine schmerzliche Lust, mit alten Geliebten zu
plaudern. Auerdem ist das Theater meine einzige Erholung. Ich bin wirklich, so
sehr ich mir Mhe gebe, auch wenn ich ausgestreckt auf dem Sofa liege, nicht
ganz ruhig. Ich schreibe dies und das, reie mich aber mit Gewalt wieder los,
denn ich will einige Zeit wieder etwas lernen. Ich wei nicht, was das Volk in
mir fr eine Wirtschaft treibt, es gebrdet sich manchmal wie eine mit der
Regierung unzufriedene Nation. Ich hoffe, das Studieren wird sie beschwichtigen.
Ich gbe viel darum, wenn ich jetzt unseres kleinen Kupido Chronik hier htte.
Wenn einmal jemand mit einem zu leichten Wagen hieher fhrt, so pack' ihm doch
das Ding auf. Was macht Kupido? Sitzt er noch in den Bergen bei seiner
idyllischen Landschne? Sein letzter Brief war wie die Sage eines wandernden
Minstrels; der Junge lauft im Lande umher, schne Mdchen zu suchen. Ich
frchte, er wird nchstens einmal der Polizei in die Hnde fallen und uns
Schande machen, was man so Schande nennt.
    Heute wre so ein rechter Phantasietag, wenn wir beisammen wren; es regnet
und strmt, und dunkelglhende Grogschatten ziehen vorber. Aber ich will dem
Salamander abschwren, er strt mich jetzt, denn ich bin mitten in einer
Liebesintrige. Hre, wie das kam!
    Ich sa vorn im Sperrsitz des Theaters und sah der Gaukelei zu. Ein junges
Soubrettchen machte mir Spa, sie war so nett und fix und rund und drall: Du
weit, das lieb' ich. Bald darauf kam sie im Ballett wieder zum Vorschein.
Hochgeschrzt entwickelte sie einen behenden, makellosen Wuchs, eine geregelte
muntere Formenschnheit scho aus Fu- und Handspitzen blitzende Funken in mich.
Mein Nachbar meinte, es sei ein unternehmendes Kind, und Dein Sir John verfgte
sich alsbald hinter das Geheimnis der schtzenden Kulissen. Glhend sprang sie
eben aus der Szene herein in die dunkle Verborgenheit, als wollte sie hei dem
Korydon in die Arme fliegen. Der Korydon war da und stellte sich ihr sehr
lebhaft vor, eine kurze Topographie seines inneren neuentdeckten Terrains
entwerfend, die ppige Vegetation seiner Triften beschreibend. Das muntere Ding
nahm es harmlos auf, und im raschen Flusse der Worte und Begebenheiten - denn
die phantastische Welt des Balletts spielte im Kpfchen noch weiter - berlie
sie sich nach geringem Struben der Woge meines Anerbietens, sie nach Hause zu
geleiten. Ich schwor bei Pistols Sekt und Fallstaffs Schwert - sie hatte
Heinrich IV. wahrscheinlich noch nicht gesehen - ich wrde die Stadt anznden,
wenn sie nicht in diesem reizenden Kostme bliebe, sie gewhrte, warf den Mantel
um und wir gingen.
    Dabei, lieber Hippolyt, mu ich im Vorbeigehen dem Valerius recht geben, und
ihm Dank sagen; er behauptete oft, wenn von dem Reiz der Schauspielerinnen die
Rede war, da man mit diesen Damen nur verkehren mte, wenn sie noch in
selbigem Anzuge seien, der sie auf der Bhne geschmckt, mit dem Gewande
schwinde die Illusion, und man bekme ein Gedicht in schleppende Prosa
bersetzt.
    Wahrhaftig, die Welt der Tuschung ist ja das einzige, was am Leben erfreut,
ein Narr, der einen Fetzen davon aufgibt. Das Geprnge der Tuschung macht die
Schauspielerinnen gefhrlich, - wer mchte in die Gefahr eingehen und den Glanz
wegwerfen. Eine Bajadere in ein Kattunkleid gesteckt, das zwei Ellen lang,
lieben wollen, heit sich an einer Statue ergtzen, die gegen die Witterung in
Leinwand gehllt ist.
    Kurz, ich fhrte meine Bajadere nach Hause und sprach geflgelte Worte mit
ihr. Aber das Erzhlen ist trg - ein andermal von Euern Taten, Sir John - Ade,
mein Fhnrich!

                           2. Konstantin an Valerius.


Ich lebe hier noch ebenso einfrmig, wie ich Dir's geschildert habe: uerst
selten ein poetischer Augenblick - ein nchternes Vegetieren. Es wei der
Himmel, woran das liegt. Ich gebe mir alle ersinnliche Mhe, das zu ndern - Du
wirst dies aus meinen philantropischen Bestrebungen im Briefe an Hippolyt
erkennen. Ich suche tastend nach allen Spitzen meiner Gemtsnerven: es geht
nicht; wenn ich neben Rosa sitzend einen an seinem Endpunkte erreicht habe, so
schnellt er mir immer wieder davon. Es ist sehr rgerlich. - Durch Goethe hab'
ich sehr groe Begier nach Italien bekommen, - ich will es indessen versuchen,
hier seine Elegien nachzuleben. Aber ich glaube, es ist italische Sonne und
italischer Himmel ntig, denn ich schaffe alle Ingredienzien seiner Poesie
herbei, aber ich kann das Getrnk nicht zustande bringen. Du glaubst nicht,
Valerius, was ich mir fr Mhe gebe, poetisch zu genieen. Es wei der Kuckuck,
warum es nicht gehen will.
    Da ich hier nichts vernnftiges Neues und Deutsches auftreiben kann, so hab'
ich mich an ltere franzsische und englische Schriftsteller gemacht, wie Le
Sage, Lorenz Sterne usw. Es ist merkwrdig, wie ihre Satire beinahe ganz noch
auf unsere Zeit pat.
    Die Menschheit mu doch viel stehende Gebrechen haben.
    Ihr schreibt so drftig wie fr einen Bettelmann. Gebt mir doch nicht so
karge Tropfen, Ihr wit ja, wie ich die vollen Glser liebe. Vom Kupido gar
nichts, und doch will und mu ich mit dem Kleinen in Verbindung bleiben.
    Bessert Euch! - Ade.


                            Konstantin an Hippolyt.

Fhnrich, auf ein Wort! Ihr mt bis tief in die Nacht bei der ehrsamen Witwe
von Ephesus im Promenadengchen gesessen haben, da Ihr nicht dazu gekommen
seid, meine Epistel zu beantworten. Ich will nicht hoffen, Pistol, da meine
Intrige so wenig Interesse fr Dich gehabt hat, ich sollte doch meinen, sie
mte Deinem abenteuerlichen Sinne zusagen. Wem soll ich sie denn erzhlen, wenn
Du nicht hren willst. Vor Valerius hab' ich in dieser Rcksicht eine
unberwindliche Scheu - wre er prde und fromm wie William, und sagte er mir
wie dieser: Du bist ein unmoralischer Mensch, so wrde ich lachen, und es wrde
mich nicht berhren: Du weit, wie ich ber objektive Moral denke. Aber ich sehe
seine groen klaren Augen dabei zentnerschwer auf mich fallen und mit
erdrckender Wehmut auf mir verweilen - das ertrag' ich nicht. Ich wei, er
gestattet eine rein subjektive Sittlichkeit, aber sein wenn auch wohlwollender
Blick dringt so schonungslos in alle Ritze meines Wesens, da ich immer zu
fhlen glaube, es beginne ein murmelndes Brckeln und Lsen meiner inneren
Wnde. Er richtete, als ich ihm einst ein hnliches Abenteuer erzhlte, nur drei
fragende Worte an mich: Bist du froh? und meine phantastische Welt war
auseinandergejagt wie Kosakenschwrme durch einen Kanonenschu. Ich mag es mir
nicht gern gestehen, und doch ist es so: er ist mir unbequem bei derlei Dingen.
Ich halte mich dabei lieber an Dich wilden Burschen und den leichtbesohlten
Kupido.
    Meine Schne heit Rosa und ist wirklich scharmant. Sie ist von der Gre,
die nicht auffllt, wobei man nicht an die Gre denkt, aber in den schnsten
Wellenlinien gewachsen. Die Taille schneidet sich so khn ein, da man daran
zweifelt, und gedrngt wird, sie zu umfassen. Zu meinem groen Vergngen ist sie
frei von dem mir so verhaten Wuchs der Weiber, welcher von der Hfte an in
einem plumpen, krummen Beine alle Leichtigkeit, Eleganz, Grazie des Ganges und
der Erscheinung vernichtet. Solche Weiber sind wie die Chinesen nur zum Sitzen
da, ihr Gang ist ein stetes Besiegen von Hindernissen, jeder Tritt mu erkmpft
werden, - das ist mir entsetzlich lstig; whrend die wohlige Freiheit in Rosas
Bewegungen mich hebt und entzckt. Man findet in Abbildungen aus alter Zeit
niemals eine Annherung an jenen Knieholzwuchs des weiblichen Unterkrpers; es
scheint eine neuere schlechte Mode zu sein, die vielleicht von irgend einer
beln Angewohnheit oder Beschftigung der Mtter herrhrt. Dergleichen Dingen
sollte die Medizin nachforschen, und die Polizei sollte ihr dann an die Hand,
gehen - es ist eine der grten gesellschaftlichen Snden, fehlerhaft hlich zu
sein (eine regelmige Hlichkeit ist auszunehmen) - ich wre berhaupt dafr,
alles mangelhaft Geborene sogleich dem Chaos wiederzugeben, wie der
Metallknstler das Verunglckte wieder in die Masse wirft, und es zu ersufen.
    Ich hoffe, Du weit, Fhnrich, was ein schnes Bein ist - es ist ein
Hauptvorzug der Spanierinnen, und ich gebe auerordentlich viel darauf, es ist
das Motiv der Erscheinung. Rosa geht wie ein flssiger Daktylenvers. Von der
Hfte an nmlich strebt in schnstem Schwunge die runde volle Form immer sanft
nach auen, dem Schauenden sich entgegendrngend, man sieht in den sanften
Linien das Weiche und Elastische ausgedrckt und ergtzt sich doch an der
springenden Khnheit des Grundzuges, welcher da, wo das Bein in die Nhe des
Fues kommt, durch den liebenswrdigsten kleinen Bogensprung die genialste
Verbindung mit diesem bewerkstelligt. Zu oben gergtem schlechten Wuchse des
Unterkrpers gehrt nmlich auch, da das Bein perpendikulr auf einen
horizontalen Fu sich aufsetzt und beide zusammen das fatalste Dreieck bilden.
Bein und Fu sondern sich wie Staatsgewalten - das ist widerwrtig platt. Bei
Rosa hpft das Bein in gerundetem hohem Spann auf den Fu, und dadurch erhlt
der ganze Krper jene schaukelnde ber alles bestechende Grazie, welche der
fliegende Poet vor dem schwerflligen Philosophen voraus hat.
    Nun hat Rosa nicht die unangenehme Manier sovieler leicht und rasch
gewachsenen Mdchen, da sie in ihrem Gange tnzelte und hpfte, eine Manier,
die so unschn ist wie das Zappeln mit den Fingern - nein, sie geht, aber schn
und leicht wie ein anmutiger Gedanke. Wie wenige unserer eleganten Damen wissen
zu gehen! Es mu eine Selbstndigkeit, eine Unabhngigkeit im Gange sein, die
ein wohlttiges Gefhl von sicherer Freiheit erweckt, der Gang mu das Zeichen
des Sieges ber die trge Erde sein - bei den meisten Weibern ist er das Zeichen
des Kampfes. Die Straffheit der Muskeln spielt mit dem schwerflligen Boden,
wenn die Dame schn geht, sie ringt mit ihm, wenn unschn. Daher ist es so
greulich, wenn plump Gewachsene einen sogenannten Anlauf nehmen - es wird mir so
unbehaglich dabei, als wenn ich schwere Gnse zum Fliegen ansetzen sehe. Es ist
dann ein Rcken, Ziehen und Heben der Schultern und Hften, ein Lenken und
Renken mit den Armen - das schnste Mdchen knnte durch solchen Gang meine
Illusion zerstren. Rosas Leichtigkeit hlt mein Wnschen in stetem Schweben,
sie erzeugt eine sthetische Behaglichkeit, wie ich sie ber alles liebe. Auch
ihr Kopf, Hals, Nacken, ihre Schultern - alles atmet in einer rasch gebogenen
Wellenlinie soviel Leichtigkeit, da mein Auge auf diesen geflgelten Formen mit
einer Wonne herumhpft, wie die heiterste Sehnsucht nach Lust in warmer
Sommernacht auf den spielenden, lauen Lftchen. Nichts an allen diesen Formen
ist starrer Stillstand, wie pltschernde Wellen nickt und wiegt alles. Ein
reiches, nubraunes Haar trgt sie auf griechische Weise leicht hinter dem
Scheitel zusammengenestelt; wie herausfordernde lose Schalke fliegen die kleinen
zierlichen Lckchen vom Hinterkopf herunter, als wollten sie erinnern, man mte
die vorberfliegende Schnheit der Nymphe fassen. Glatt liegt vorn das Haar an
der weien runden Stirn, und nichts von dem vielfachen Unrat des Kopfputzes
unserer Modedamen strt das lachende Oval des ganzen Kpfchens. Zierlich
schwingen sich die schmalen dunklen Augenbrauen ber das weite lachende Auge
hin, eine leicht gebogene Nase deutet auf frhlichen Unternehmungsgeist, ein
kleiner Mund mit schmalen Lippen auf verschwiegene Lust, das ganze
zurckgeworfene Kpfchen, das sich auf einem lnglichen schneeweien Halse
wiegt, auf bermut. Die blendenden Schultern sind, harmonisch mit dem Bau der
Hfte, so berraschend schn nach dem Arme geschweift, da der Blick in
unbeschreiblicher Lust heruntergleitet zu dem vollen Hndchen der
rosenfingerigen Eos.
    Dies ist Rosa. Ich hoffe, Clauren malt sie Dir nicht deutlicher.
    Sie wohnt drei Treppen hoch, einfach aber niedlich. Eine alte Frau, die sie
ihre Pflegemutter nennt, wohnt in einem kleinen Zimmer neben ihr - sie war nicht
zu Hause, als wir aus dem Theater ankamen, und ist mir jetzt schon sehr im Wege;
solche alte Weiber sind bei Liebeshndeln die fatalste Grammatik, das auswendig
zu lernende Vokabelbuch, ohne das man nicht zur ruhigen Lektre des Poeten
kommt, der in einer uns noch fremden Sprache geschrieben. Das ist ein Gucken und
Schnffeln und Fragen - der Mantel wird gestrichen, um aus der Qualitt des
Tuches Schlsse auf die Qualitt des Besitzers zu ziehen, nach der Uhr wird
gelugt, ob sie von Gold oder Silber, das Taschentuch wird beugelt, ob es von
doppelter oder einfacher Seide ist - diese alten Weiber sind die Zollbeamten in
den Liebesstaaten, und Zlle habe ich nie leiden mgen. Ich stehe mit dieser
auch schon auf einem rgerlichen Fue.
    Darin ist doch nur die Jugend liebenswrdig; sie kennt den Umfang ihrer
Krfte, also auch ihr Ende noch nicht, und fragt darum nie, wie weit oder kurz
der Weg, es steht ihr noch alles offen, darum nimmt sie jeden Nahenden nur als
einen kleinen Teil des Alls, und fragt und forscht nicht ngstlich nach ihm -
sie rechnet nicht, weil sie ungeknstelt, und das Rechnen die grte Knstelei
ist - sie schiebt die Summe der Teilnahme, welche man ihr schenkt, ungezhlt in
die Tasche, weil sie noch unzhlige Summen erwartet. Ein alter Drache aber
besieht jeden Pfennig, weil er berechnen kann, wieviel ihm noch abfallen werden.
Das hat mich am meisten fr Rosa gewonnen, da sie sich um mein Aushngeschild
gar nicht bekmmerte. Das ist die Poesie des Liebens, da sie hundert Augen fr
den Liebenden und nicht einen Blick fr den Brger hat. Man redet sich's
wenigstens vor, und weil man Tuschung sucht, findet man sie, es ist ja all dies
Liebeswesen nur ein knstlich Gestell, ein ungeschickter Sto und es kracht
zusammen - die Leute, welche sich selbst und gegenseitig am geschicktesten zu
tuschen verstehen, lieben am glcklichsten. Rosa konnte an Deinem
wohlgebildeten und wie immer sehr elegant ausstaffierten Sir John leicht
erkennen, da er eine respektable Stelle in der brgerlichen Gesellschaft
einnehme - aber es freute mich doch, da sie nicht fragte.
    Die kleine Bajadere bereitete auf das zierlichste Tee, und ich improvisierte
ihr unterdes das Sujet eines phantastischen Balletts. Sie lachte und klatschte
mitunter in die Hnde dazu, machte rasch eine Pantomime meines Balletts, und
setzte sich endlich behaglich zu mir aufs Sofa, sah mir lchelnd in die Augen,
schlrfte Tee und versicherte mich, da ich recht hbsch zu schwtzen wisse. Ich
nahm ihre Hand und kte sie, und behielt sie, und betrachtete mit Wonne den
schnen weien Arm, den sie im leichten Gewande bis dicht an die Schulter
aufgeschrzt trug. Sie lie mich einen Augenblick gewhren, dann zog sie die
Hand zurck, ward still, sah mich sinnend an, lchelte endlich in sich hinein
und nickte mit dem Kpfchen - ich fragte - -
    Genug fr heut; morgen mehr.

                           3. Konstantin an Hippolyt.


Ich habe sehr schne Gedanken und Reflexionen im Kopfe, aber ich wei ja, was Du
dazu sagst, wenn man sie zwischen Handeln und Tat spreut. Handle, lebe,
pflegtest Du zu sagen - von den sieben Weisen Griechenlands herunter haben die
Leute philosophiert, systematisiert, schematisiert und doch nichts gelernt, sie
haben alles in Formeln gebracht und darber die schne Zeit verloren, whrend
welcher sie glcklich sein konnten. Lebe, sagtest Du mir beim Abschiede, und da
Du ja auch ein Federheld bist, schreib mir's, wie und was Du lebst, aber ohne
Beisatz, Beigeschmack und Brimborium; schick mir das nackte Leben, und ich werd'
mir's schon selbst ankleiden.
    Nun denn! - Rosa gehrt zu den wunderlichen Geschpfen, welche die ersten
Schritte der Bekanntschaft, wie Du gesehen, am auffallendsten erleichtern - das
kommt von der Bhne. Die dramatischen Dichter machen sich das immer unglaublich
leicht: die Personen sehen sich und merken alsobald beide, da sie viel
miteinander zu tun haben mssen, sie bombardieren sich ohne weiteres mit
Sentiments, und wenn man ihnen nach einer viertelstndigen Bekanntschaft im
ersten Akte viel zu schaffen macht, so gehen sie ohne weiteres im zweiten Akte
miteinander durch - Psse brauchen sie nie, und Geld findet sich immer. Ich
lasse mir das im hheren Schauspiele gefallen, wo die modernen brgerlichen
Verhltnisse in ihrer Kleinheit verschwinden vor der knstlerischen Hhe der
Gedanken und Gefhle, aber im Lustspiele bleibt's doch immer sehr drollig. Darum
bin ich noch immer der Meinung, nur ein Mann von Welt wisse ein feines modernes
Lustspiel zu schreiben. Es mte denn wie in Williams Lustspiele das bunte Zelt
phantastischer Poesis zum Ort der Handlung aufgeschlagen werden.
    Rosa fand unsere schnelle Bekanntschaft ganz in der Ordnung, alle die
kleinen Nebenwege der gewhnlichen Liebschaften sind ihr durch die Bhne
abgeschlossen worden, sie fngt auf dem Punkte an, wo andere Mdchen nach
mannigfachen telegraphischen Depeschen, verhllten Andeutungen, Pfnderspielen,
gegenseitigen Trumen, schchternen Worten, geflgelten Sonetten, Notenaustausch
usw. anlangen. Ich gestehe, das ist Mangel eines romantischen Reizes, das ist
selbst mir zu modern, obwohl sehr bequem. Auf jenem Punkte bleibt sie nun aber
stehen; das ist ein Miverhltnis in den einzelnen Teilen, reizt mich zwar ein
wenig, ist mir aber unbehaglich.
    Man luft gern lang nach einer goldenen Frucht, aber am Baume angekommen
streckt man nicht gern die Hand tagelang aus.
    Sie duldet meinen Ku auf den Arm, auf die Schulter, aber wenn ich sie
umfasse und auf den Mund kssen will, so hlt sie mir den Mund zu und wehrt mich
entschieden ab. Das wrde mir bald langweilig werden, wre sie nicht gar so
hbsch.
    Die alte Pflegemutter hatte zu Muhmen und Basen geschwatzt, ich wolle Rosa
heiraten - meinen Namen hatte sie schon am andern Tage erfahren - das hat sich
bald verbreitet, und heute fragt mich meine Schwester danach. Das ist mir sehr
fatal und verleidet mir die Sache. Das Ganze wird dadurch so platt brgerlich.
Was einem das dumme Volk das Leben erschwert! Das Mrchen konnte so duftig
einsam abgesungen werden, wie in einem dunkeln Kiosk im Morgenlande. Ich werde
an Rosa schreiben und versuchen, der Sache einen andern Schwung, eine andere
Wendung zu geben.
    Ade!

                            4. Valerius an William.


                                              Breslau, am Himmelfahrtstage 1830.

Ich htte frher an Dich geschrieben, Freund, wr' ich nicht gar zu sehr
beschftigt gewesen; ich wrde Dir mehr schreiben, wre ich's nicht noch. Womit
aber? frgst Du barsch. Mit mir selbst. Spter ein paar Worte darber, jetzt zu
der Besorgnis, die mich in diesem Augenblicke drngt. Ich habe eben von
Konstantins Schwester einen Brief erhalten, worin sie mich beschwrt, alles
aufzubieten, um den Aufenthalt ihres Bruders zu entdecken, der seit mehreren
Tagen verschwunden ist. Man hat seine Abwesenheit whrend der ersten Nacht und
des nchsten Tages unbeachtet gelassen, da dergleichen - Du hast ja oft genug
dagegen gescholten - zuweilen bei ihm vorkam, namentlich wenn er mit Hippolyt
den Shakespeare paraphrasierte. Nach der zweiten Nacht hat man suchen lassen -
umsonst. Man hat zu Rosa geschickt - dies ist eine junge schne Dame, mit der er
ein Liebesverhltnis entriert hat - sie hat schnippisch geantwortet, man solle
verloren gegangene junge Suitiers nicht bei ihr suchen. Des Tags darauf hat das
schnippische Dmchen auch gefehlt und das Repertoir in Unordnung gebracht. Ihre
Pflegemutter, die, Gott wei, ob unterrichtet oder nicht, zurckgeblieben, ist
heulend und weinend zu Konstantins Schwester gekommen. Diese Frau Martha, denn
so scheint sie mir auszusehen, hat auf Berlin gedeutet - Du hast ja lebhafte
Verbindungen dahin, tu doch rasch alles mgliche, um mir Klarheit fr die arme
Schwester zu verschaffen. Du begreifst, da ich in meiner einsamen Wohnung, fern
vom Getmmel des Stadtverkehrs, mrrisch mit den bleichen Worten der Theologen
redend, und in tiefschattigen Schmerzen vergangener Herrlichkeit herumwandelnd
weniger geeignet bin, einen Flchtling zu entdecken. Doch mchte ich so gern die
Schwester beruhigen. Es ist so hart vom schlimmen Konstantin, ein so weiches
Herz mit rauhen Hnden anzufassen. Er hat sie so oft verletzt durch seine
abscheuliche Opposition gegen die Gesetze des Herkmmlichen, die seinem barocken
Sinn nicht behagen. Dennoch liebt sie ihn mit einer Frsorge, warm wie
Maiensonne. O, das Herz des Weibes ist reicher denn alle Welt, welche
hineingeht, denn es liebt mit dieser Welt noch eine andere - die besten von uns
lieben kaum etwas von dieser.
    Gehab Dich wohl und antworte!
    Hippolyt tritt eben ein, hrt stumm und lchelnd die Geschichte an, und lt
Konstantin ersuchen, wenn ihn Deine Kundschafter finden, ihm von Berlin ein
Exemplar der Lusiade zu besorgen, weil er hier keins auffinde. brigens meinte
er, sei es unntz, den Konstantin zu beunruhigen - man solle die Schwester durch
irgend eine Nachricht zufriedenstellen und jenen ungestrt lassen, bis er sich
selbst melde.
    Tu aber nur, wie ich Dich gebeten!


                              William an Valerius.

            Freund!

    Ich habe der verdrielichen Geschichte halber nach Berlin geschrieben, und
denke Dir bald Bescheid geben zu knnen. Ich mische mich brigens sehr ungern in
derlei Skandal, und nur die alten Freundschaftsverhltnisse aus unserm
poetischen Vereine bewogen mich, der Polizei ins Handwerk zu greifen. Das sind
die Folgen jener grauenhaften Lebensansichten, denen Du selbst nicht ganz fremd
bist. Was ist Euer Bodensatz? Die emprendste Eigenliebe. Das Ich allein soll
sich auf jede Weise wohl befinden, mag nun um Euch herum alles darber zugrunde
gehen. Es ist die unchristlichste Subjektivitt, die nur ersonnen werden konnte,
und dabei wollen sich einige von Euch noch in die Mitte der demokratischen
Zeitbewegung stellen, wollen sie loben und fhren. Heit das nicht den Bock zum
Grtner setzen! Das Wesen dieser demokratischen Richtung ist Allgemeinheit,
Zurckdrngen des individuellen Interesses, um das der Gesamtheit auf den Thron
zu setzen. Gebrdet Ihr Euch nicht wie kleine Despoten, wenigstens Autokraten,
die sich eben nur selbst Gesetz sind, die all ihren Launen den Zgel schieen
lassen?
    Und unsern Vereinigungspunkt, die Poesie anlangend, was hat uns da diese
Richtung gebracht? Eine schamlose Enthllung des eigenen Krpers, mit dem die
Poeten feilen Dirnen gleich kokettieren. Sie haben keinen andern Mittelpunkt
mehr, als das persnliche, meist materielle Vergngen, und je nachdem das nun
gro oder klein oder gar nicht da ist, wird das Gedicht frivol oder abgeschmackt
oder gottlos. Sie haben sich selbst auf den Thron des Hchsten gesetzt, darum
haben sie eine so arme Welt, eine so jmmerliche Regierung derselben, einen so
sndhaften schwachen Gott. Mit wieviel Heineschen Gedichten knnte ich Dir das
belegen, und wie klar liegt der Ursprung alles dessen vor Augen.
    Unfhig sich durch groartige Zusammendrngung der neu entdeckten Gefhle
und Gedankenkreise auszuzeichnen, etwas die allgemeine Aufmerksamkeit
berwltigendes zu liefern, aber doch gedrngt und gestachelt durch weibische
Eitelkeit, enthllten sie wie jener Mann in der Bibel die eigene Scham, brachten
sie die ganze Rumpelkammer der frheren Poesie, die Hobelspne der frheren
Werke hervor, putzten sie mit modernen Kleidern auf, und gaben sie hin fr
Gedichte. Die faule Welt, die soviel Soziales zu tun hatte, da ihr keine Zeit
blieb fr die Rume des besten inneren Menschen, nahm die Wechselblge
wohlgefllig hin, weil sie in ihrer bunten Tracht nur eines flchtigen Blicks
bedurften, und kein sorgfltiges Beschauen, keine Zeit, keine Ttigkeit in
Anspruch nahmen. Das einmal Gebilligte war Regel geworden, und nchstens erwarte
ich das Unanstndigste, weil die heutige Welt doch erst auf der Spitze des
Berges umkehren wird. Es ist wie mit dem Verdauungsproze - das ist ein Bild aus
Eurer Schule - der kranke Magen frdert die halbrohen Speisen weiter, der
gesunde zerteilt, zerlegt sie bis in die kleinsten Atome; Eure Poeten packen die
Situation, schleudern sie durch einige Verse, und das Gedicht ist fertig; der
wahre Poet lutert sie bis in die geheimsten Motive, und das Geistige daraus
gibt er wieder in Tnen. Der wahre Poet fhlt die Situation durch bis an die
Spitzen der Wurzeln und sein Gefhl davon ist die Poesie - der Eure flattert mit
seinen Blicken durch das Laub, und was er gesehen, ist sein Gedicht. Es ist eine
traurige Oberflche, und ich wei nicht, wo das hinaus soll, wenn die Opposition
nicht lebhafter wird.
    Das Gedicht mu aus der Knospe des innersten Menschen brechen. Ihr pflckt
es von den blinzenden Augenwimpern, dem zuckenden Munde. Was soll man zu diesen
kleinen Darstellungen Heines sagen, die Du so verehrest, wo nichts beschrieben
wird als ein Knabe, der im Kahne angelt und dazu pfeift, wo ein Mdchen im
Lehnstuhl sitzt und schlft. Das ist ein Buhlen mit fremden Knsten, das gehrt
der Malerei und ins Gebiet der Flche, die Poesie hat aber mehr Dimensionen, und
die Hhe und Tiefe ist ihr Wesentliches.
    Ich entferne mich immer mehr von Euch - ich wei nicht, was Euch halten
soll, wenn Eure physische Spannkraft Euch verlt, Ihr besteht ja doch nur wie
knstliche Maschinen; wenn Eure knstliche Ttigkeit aufhrt, so fallt Ihr
zusammen. Ihr seid isoliert von der Verbindungsstange der hheren Elektrizitt,
Ihr seid ohne Bezug zur Gottheit - eine Krankheit, die Eure geringe geistige
Kommunikation mit ihr aufhebt, weil sie Eure geistige Ttigkeit aufhebt, wirft
Euch zu den Tieren. Meine Religion ist die unzertrennbare Einigung mit dem
Hchsten, sie besteht wie die Atmosphre, auch wenn ich selbst unfhig bin, die
geistigen Anknpfungspunkte festzuhalten. Was soll ich zu Deinem theologischen
Treiben sagen, das unsere Urkunden und die Worte der alten Glaubenshelden nur
mit dem zersetzenden kritischen Auge ansieht und fertig zu sein hofft, wenn
alles in Wasser aufgelst ist. Ich bedaure Euch und gbe viel darum, wrt Ihr
anders. Ade. -

                                  Nachschrift.

    Eben erhalte ich Briefe von Berlin. Konstantin ist dort angekommen, hat ein
Logis von mehreren Gemchern gemietet, ist wieder abgereist und hat seine
Rckkehr mit einer Dame angekndigt. Die Adresse findest Du beigelegt, erlasse
mir die Erforschung des Details dieser skandalsen Geschichte. Leb wohl!


                              Valerius an William.

Da Du nicht in der Nhe des Walter Scott gelebt, als er seine Schwrmer
schrieb, bedaure ich lebhaft; Du httest ihm ja das beste Bild eines
hartnckigen und hartmuligen Presbyterianers gegeben. O, ber Euch schlimmen
Menschen! Weil Ihr nun einen Kfig zusammengesetzt, in dem Ihr Euch
wohlbefindet, verlangt Ihr denn nun ungezogen tyrannisch, es solle alle Welt in
diesen Kfig kriechen. Ihr habt Euerm innern und uern Menschen ein Kleid
zugeschnitten, und alle Welt soll nun hineinkriechen, es mag ihr zu eng oder zu
weit sein. Erinnere Dich, Freund, da ich Dich nie Deines Systems halber
getadelt habe, wenn auch das System nicht das meine ist - ich bin ein Mann der
Freiheit, und sitze zur Seite ihres holden Tchterleins mit den lieben, klaren
Augen, der Toleranz. Du sprichst aber despotische Worte, und klagst doch
wunderlich genug uns Leute der leichteren Moral des Despotismus an.
    Du berufst Dich zuerst auf die demokratische Tendenz unserer Zeit, der wir
huldigen, und verlangst Zurckdrngen des einzelnen, damit die Allgemeinheit
gedeihe. Das hat seine vollkommene Richtigkeit, und es ist niemand so sehr dafr
als ich - ich hasse wie Du den Egoismus des Staates in Bevorzugung einzelner.
Aber Freund, Du siehst die Sache schielend an, und das Endziel aller
Bestrebungen - die Freiheit - entgeht Dir. Die einzelnen sollen nicht bevorzugt,
aber jeder einzelne soll frei werden. Damit dies nun aber auf eine der
Allgemeinheit ersprieliche Weise geschehe, predigen wir als hchste Blte der
Bildung: Abstreifen jeder Art von Egoismus, Humanitt. Das sind nicht
Gegenstze, wie Du zeichnest, sondern Stufen.
    Die Freiheit widerspricht aber jede Art von Formel, sie betreffe Moral oder
sonst etwas - erreichten wir selbst durch solche Formeln das allgemeine Wohl, so
bezahlten wir dies doch mit dem allgemeinen Wohl, d.h. mit dem Wohle der
einzelnen, die von auen her nur gezwungen lebten, und nur in trostloser
Gleichgewichtstheorie den allgemeinen Fall vermieden. So werden die Menschen
beklagenswerte Negationen, und die Haupttugend wird wie in manchem
melancholischen Christentume die Unterlassung, die Demut. Es ist aber ein
greres Ziel unserer Richtung, die Menschen selbstndig zu veredeln, und die
Veredelten Selbstherrscher werden zu lassen. - Die Millionen Selbstherrscher
sind das uerste Ziel der Zivilisation. Dieses Ende verschliet Deine
Autorittstheorie fr immer, Dein Schlu mu eine starre Monarchie sein, der
meine ist die frhlichste, ungebundenste Allherrschaft, wo jede Individualitt
gilt, weil jede in sich gesetzmig ist und in ihrer Veredlung das neben ihr
wandelnde Gesetz nicht strt. Zu diesem Ziele ist das Zurckdrngen des
Individuums Weg, - bei Dir aber leider Endpunkt. Darum tadle auch ich es, wenn
Konstantin jetzt, wo die groe Epoche, des Demokratismus erst beginnt, ihre
Vollendung fr sich antizipiert, und nur sein persnliches Wohlsein im Auge
habend, Unheil anrichtet. Er betrgt seine Umgebungen, die noch auf einer
tiefern Stufe der Entwicklung stehen und in anderer Mnze Zahlung erwarten, als
er gewhren will.
    Unsere Ansichten verhalten sich zueinander wie zur Vereinigung
zusammenlaufende und in endlose Weite auseinandergehende Linien. Du willst die
Menschheit zu einer willenlosen Masse, zu einem Punkte zusammendrngen, ich will
sie aus dem engen Raume der Formel ausbreiten in das unendliche Gebiet des
unermessenen inneren Menschen. Darum bist Du Monarchist, ich Republikaner und
mehr denn dies.
    Ich wei, da tausend solche Opfer, wie Konstantin eins vorbereitet, fallen
mssen, eh' der Tag siegreich alles erhellt; in der unsichern Beleuchtung des
dmmernden Morgens stolpern die meisten - aber ich wei auch, da dieser
einleitende Nachteil Eurer groen Sklaverei vorzuziehen ist, welche den Menschen
der Menschheit opfert. Mir ist der Staat des einzelnen wegen da, Dir der
einzelne des Staates wegen. Darin ruht der groe Unterschied. Ich opfere
einzelne fr den knftigen allgemeinen Gewinn, Du opferst alle fr eine
regelmige Maschine. Das Individuum soll allerdings mit seiner Persnlichkeit
zurcktreten, um die Allgemeinheit zu frdern, aber dies soll das Ergebnis der
Bildung, der berzeugten Resignation sein, ein Akt der Freiheit, und so rettet
das Individuum seine Freiheit durch seine Opfer. Das Opfer wird aber von Tage zu
Tage geringer, da die Zahl der selbstndigen Individuen grer wird und am Ende
keines dem andern mehr in den Weg tritt - so wird endlich der einzelne und die
Allgemeinheit frei: Dein einzelner bleibt aber ewig Sklave.
    Darum tadle ich es nicht einmal, wenn sich das Individuum glnzend geltend
macht, ich tadle es nur, wenn ein anderes darunter leidet.
    Nicht viel anders ist es nun auch mit Deinen Ansichten ber die Poesie. Sie
ist bei Dir auch nicht viel mehr als die Kunst der abstrakten Formeln. Wenn das
Individuum selbstndig werden soll, so mu es sich erst verschnern, geltend
machen. Da nun die neuere Poesie, an deren Spitze sich Heine gestellt, die
einzelne Figur mit Vorliebe heraushebt, und spielend an ihr herumgleitend, erst
tndelnd an ihr hinabgleitend, mit einem schnellen Sprunge in dem oder jenem
Gedanken sich begrbt - das alles ist Dir ein Greuel. Du willst keine Figur,
willst nur die aus ihr abgezogene Formel, willst Sentenzen, Stze usw. Darum
verstehst Du auch die poetische Naturanschauung Heines nicht - es ist eine
streng demokratische: er lt nichts unbeachtet liegen, was einmal da ist; Ihr
esoterischen Sublimritter habt aber ein gewisses Register poetischer
Gegenstnde. Es ist alles poetisch oder nichts - es kommt nur auf das Glas an,
womit man's betrachtet. Euch ist es unerhrt, da ein Knabe im Gedicht angeln
und pfeifen kann; Ihr habt eine prde Poesie. Natrlich knnt Ihr auch die
kleinen poetischen Gemlde nicht verstehen, weil Ihr keine Bilder ohne
Unterschrift wollt. Konsequent setzt Ihr auch die schnen Uhlandschen Balladen
und Romanzen den breit erklrenden Schillerschen nach. Ich tu natrlich das
Gegenteil. Da das Gedicht mitten im Klange aufhren und darum den hchsten Wert
haben knne, wenn es auf eine schne Weise die Saiten des Lesers tnend
angeschlagen habe, begreift Ihr nicht. Wie es bebt und rauscht und klingt,
nachdem Ihr das Gedicht zu Ende gelesen und seinen Flgelschlgen nachlauscht -
das ist Euch zu unbefriedigend, Ihr wollt die Flgel so lange sehen, bis sie am
Boden liegen. Ihr seid Philister. Alles Ende ist prosaisch - ein Gedicht, dessen
Schlu den Raum des Gedichts offen lt, entfaltet die meiste Poesie. Ihr
platten Leute wollt eine tranchierende Sentenz am Ende, damit Euerm ngstlichen
Gewissen geholfen werde, sonst werdet Ihr unruhig, unbehaglich, weil Ihr die
peinliche Abgeschlossenheit liebt. Geht, geht, Ihr seid Rechenexempel.
    Von Konstantin hab' ich Nachricht, will Dich aber nicht damit behelligen.

                            5. Leopold an Valerius.


Kupido schreibt seinem lieben Zuverlssigen. Ich sehe Dich lcheln, Du ernster
Gesell, denn Du vermutest sogleich ein Anliegen, ein Geschft, sonst - meinst Du
- kommt der Schmetterling nicht zum Schreiben. Ich werde Dich nchstens hassen,
weil Du mir gegenber immer recht hast. Du bist wirklich ein fataler Mensch mit
Deiner Ruhe: wrst Du wenigstens ein Pedant wie William, so knnte man doch ber
Dich lachen, aber so wie Du bist, bist Du doch eigentlich gar nicht amsant.
    Da ich einmal schreibe, so knnte es sich begeben, da ich im Schusse die
eigentliche Veranlassung verge - lchle nicht wieder, lieber Valerius, ich
bitte Dich, es ist mir unbequem - ich will also gleich damit anfangen. Ich wohne
hier auf einer reizenden Villa bei uerst lieben Leuten; der Graf Topf ist
zwar, wie Du's nennst, ein eingefleischter Aristokrat, indessen weit Du, da
mich das wenig kmmert; er ist ein poetisches Gemt. Wre es nicht Dir
gegenber, so wrde ich sagen, das sei mehr wert als alles andere. Still doch -
ich hab' es ja nicht gesagt, hinweg mit der Stirnrunzel! Ein klein wenig
Eitelkeit - mein Gott, wer ist nicht eitel - mag wohl auch teil dabei haben; er
spielt gern den Mcen und da ich ihm von unserm poetischen Vereine erzhlte, so
besteht er darauf, die Mitglieder alle hier auf seinem Schlosse zu sehen und zu
bewirten. Ich habe Dich khlen Mann als einziges wahrscheinliches Hindernis
genannt, deshalb tat er das Unerhrte und schrieb eine verbindliche Einladung an
Dich. Du hltst sie als rosenfarbene Beilage meines Briefes in der Hand. Sei
freundlich, teile die Aufforderung den andern mit, und kommt her in das Reich
der Dfte und Tne, der seste Rausch wird ber Euch kommen, ich lebe wie ein
kleiner Liebesgott und habe Euren Beinamen nie besser verdient. Ich wiege mich
von einer Seite der klingenden Tiekschen Gedichte auf die andere, ich schwebe
auf Akkorden, ich bin wie entpuppt und susle wie Psyche krperlos durch die
Lfte. Mein ganzes Wesen ist der liebenswrdigste Argus mit hundert Augen fr
eitel Schnheit, der alte kleine Leopold begegnet mir nur zuweilen und
berrascht mich wie ein wiedergefundener Bekannter, ich bin durch und durch ein
neuer Gedanke von Glck und Liebe.
    - Wie Du sanft lchelst ob meiner berschwenglichkeit, nicht wie ein
Mephisto, aber wie ein Weiser der khlen Stoa - sieh, das macht Dich mir so
liebenswert, da ich immer wieder meine heie Brust an Dein khles Haupt lege:
Du gewhrst ja der Persnlichkeit ihr Recht. Ich lasse mich nur von Dir gern
schelten. William dagegen erbittert mich.
    Nun horch, was mich hier so unsglich beglckt. Der Graf hat eine Tochter,
Alberta, schn wie Diana, sprde wie Diana, gttlich wie Diana - jeder Gedanke
in mir liebt sie, und jeder Gedanke an sie ist Poesie. Ihr Kopf ist der einer
Madonna, die ihre Verklrung ahnt, die noch nicht geliebt hat, aber auf den
Lippen, auf den Augenwimpern die schalkhaften Liebesgtter hebt und wiegt, die
ihr zuflstern, da sie unendlich lieben werde. Der Ausdruck ihrer Zge ist ein
seliges, trumerisches Aufwachen, ihr wie ein Blumenkelch sich aufschlieendes
Ganze lispelt zauberisch: Ich fhl's, ich werde lieben. Wie ber der Blume
schimmert der Tau der Sehnsucht, der frische Morgen - ach es ist ein
unbeschreiblich liebes Mdchenbild, und ich mu mir die Augen zuhalten, um
ungestrt mit ihr kosen zu knnen. Sie ist fein, aber rund und voll gewachsen.
Trotz ihrer sonstigen Sanftmut trgt sie den Kopf keck und stolz und geht in
einer sehr vornehmen Haltung einher. Ihr Haar ist rabenschwarz, sie trgt es
glatt und ungelockt, meist verhllt durch eine Art leichten Turbans, den sie mit
groer Geschicklichkeit zu drapieren wei, so da er wie ein keckes Brschchen
herunterschaut. Die Stirn ist schn wie ein Marmortempel, die Augen - ach wenn
ich Dir sagen knnte, was es mit diesen Augen, mit diesen lispelnden Mundwinkeln
fr eine Beschaffenheit htte! In den Augen und auf dem Munde ruht jene
Sehnsucht des betauten Blumenkelchs. Das Auge ist gro und schwarz, aber nicht
stechend schwarz, nein, weich wie Sammet und Seide, weich wie die Nachtluft im
heien Sommer, glnzend wie ein dunkler Wasserspiegel, der in ungestrter Ruhe
zwischen den hohen Bergen Tirols lagert. In seinen Tiefen glaubt man
bezauberndes Glockengelut zu hren, Stdte von fabelhafter Pracht und
Herrlichkeit liegen zu sehen. Albertas Auge ist das Mrchen von tausend und
einer Nacht, und die langen dunkeln Wimpern beschatten es wie die trumerische
Palme Arabiens zur Zeit der Dmmerung; fein und schlank, fast unmerklich gebogen
ist die Nase, aber die zarten Flgel zittern mitunter wie Lotosbltter, die
Brahmas Odem durchbebt, und dann hebt sich so herausfordernd der kleine Mund mit
seinen vollen Lippen, und um seine spielenden Winkel hpfen kleine ppige
Tnzerinnen. Sie geht immer schneewei gekleidet - Himmel, da kommt sie mit
ihrer Freundin Kamilla, ich schreibe im Pavillon, kann nicht entrinnen und
Kamillens zgelloser Neugier knnt' es leicht einfallen, mir meinen Brief
wegzunehmen, ich will - -

                                                                         Spter.

Wie ich befrchtete, geschah's. Eh' ich meine Schreiberei verbergen konnte,
waren sie bei mir. Was schreiben Sie? Den Einladungsbrief an Valerius,
schtte ich in meiner dummen Bestrztheit heraus. - Sonst nichts? Und nun half
kein Struben. Die leichtsinnige Kamilla bemchtigte sich des Briefes und las
ihn in Albertas Gegenwart vor. Ich war einen Augenblick in groer Verlegenheit,
indes Du kennst mich ja, und hast diese Art meiner Dreistigkeit oft besprochen;
ich fate mich schnell, die Schnheit, der Zauber des Gegenstandes entflammte
mich; ich las den Brief selbst zu Ende. Mit dem Erfolge hab' ich indes sehr
wenig Ursache zufrieden zu sein; die trichte Kamilla trieb nichts als Spott mit
meinen sehr ernsthaften Dingen, und Alberta - ja Alberta sah so wunderlich
drein, da ich gar nicht aus ihr klug geworden bin. Ach, Valerius, wo ist das
Tor, das zu diesem Paradiese fhrt? Ich flattere an dem Gitterwerk herum und
nasche, wie Du's nennst, von den herberhangenden Zweigen, und trume im bloen
Anblick taumelnd umher; - wr' ich ein anderer, so wr' ich unglcklich, da ich
aber Ich bin, so bin ich trotzdem munter, und bis Ihr auf Grnschlo, des Grafen
Gute, eingetroffen, hab' ich alle Belagerungskunst erschpft und empfange Euch
als Herr und Meister der Festung. Die prosaische Kamilla ist mir sehr im Wege,
sie besprht meine Raketen stets mit kaltem spttischen Wasser, und scheint doch
neben diesem fatal platten Wesen eine Innigkeit zu besitzen, mit der sie
Alberten unauflslich fesselt, und die ich durchaus nicht verstehe, fr die mir
der Zugang zu fehlen scheint. Sie ist nicht schn, aber hbsch und
bewundernswert gewachsen. Ich glaube, sie wird Dir behagen.
    Eben erhalte ich zwei Briefe von zwei frheren Geliebten, die in dem
goldenen Wahne sind, ich htte seit der Zeit meiner Abreise von ihnen nichts zu
lieben gehabt als sie; ich htte ins Trnentchlein geseufzt. Ich bin nur ein
Siegwart des Augenblicks, ich liebe das Leben und nicht den Tod, Ferne und
Vergangenheit sind aber Tod. Ich werde zwei Briefe an Alberten schreiben und sie
den beiden guten Kindern schicken, ich hoffe, sie werden zufrieden sein.
    Meine Poesie fliet lustig, ich singe Tag und Nacht wie der Vogel, und in
der Musik bade ich mich wie ein sommerheier Schwan. Komm zu uns, komm und hilf
uns glcklich sein - der Himmel ist blau, die Welt ist schn, man kann so
unendlich viel lieben!

                           6. Konstantin an Valerius.


                                                        Berlin, den 2. Mai 1830.

Was hilft das Klagen?
Was soll das Zagen?
Nur keckes Wagen
Macht uns gesund.

    Ich bin da, sie ist auch da - das weit Du aus meinem letzten Billett - aber
ich bin noch nicht da, wo ich sein mchte. Mit aller Kraft meiner Suada bewog
ich Rosa, sich hieher entfhren zu lassen. Ich wei selbst nicht, warum sie's
eigentlich tat, denn ihre Neigung zu mir scheint nicht eben gro zu sein; ich
glaube, sie wollte die alte Martha los werden und die Welt sehen. Ich hatte uns
hier eine angenehme Wohnung gemietet, warm und bequem wie rmische Thermen, sie
schlug es bestimmt aus, mit mir zu wohnen, sie affektiert noch viel von Ruf und
dergleichen; schwache Weiber klammern sich an den Ruf wie Greise an den Stock -
jedes Kind schlgt ihn weg. Ich mute vorausreisen, und als ich ihr dann von
hier aus entgegenfuhr, durft' ich sie nur einige Stationen begleiten, sie wollte
allein hier ankommen, hat sich in einem ganz anderen Stadtviertel eingemietet
und bewirbt sich um ein Engagement an der Bhne. Sie ist freundlich,
liebenswrdig, gut, lieb gegen mich, aber ich komme nicht von der Stelle; es ist
lcherlich, ich habe ihr erst einige Ksse gestohlen, aber noch nicht einen
erhalten. Es ist eine groartige Koketterie, wenn es eine ist.
    Apoll senkt sein Gespann zum Schatten eines sen Maiabends; ich habe
mehrere Tage mit Rosa geschmollt; jetzt will ich zu ihr gehen, und kt sie mich
heut nicht, so kt sie mich nie.

Lustig ist's im Monat Mai,
Weil sich die Erde kleidet neu;
Lustig ist's dann in Walladmors Haus,
Weil die bsen Geister weichen hinaus.

                                                                     Den 3. Mai.

Der Teufel hole den Mai! Wer gut erzhlen will, mu Hindernisse bringen - der
Teufel hole die guten Erzhlungen. Rosa war nicht zu Hause, oder was noch
schlimmer wre, lie sich verleugnen. Ein Gardeoffizier ging in weiter
Entfernung vor mir her und in das Haus hinein, ein Gardeoffizier machte seiner
Lorgnette, meiner Rosa und mir neulich im Theater viel zu schaffen, ein
Gardeoffizier folgte uns beim Nachhausegehen wie ein Schatten - der Teufel hole
die Gardeoffiziere. Rosa, das kokette Mdchen, gestattet meine Begleitung stets
nur bis an die Haustr, der Aff' meint, es schicke sich nicht, so spt noch
Besuche anzunehmen, wenn man allein wohne - ach, ich bin so bs, die Geschichte
ist so garstig verfahren, und das dumme Zeug bringt mich so aus dem
Gleichgewicht und verdient doch so wenig Aufmerksamkeit. Ich werde ganz bs
werden und morgen mich hinter die Bcher setzen und die Wirtschaft ganz liegen
lassen. Wahrhaftig das werd' ich. - Ob sie wirklich so schnell htte intrigieren
knnen? Valer, was meinst Du, Du kennst ja die Weiber; ist ihr
Teilnahmsgedchtnis wirklich solch Entengedrm? -

                           7. Valerius an Konstantin.


                                                        Grnschlo, Anfang Juni.

Du wirst Dich wundern, wie ich aus meiner stillen Zelle pltzlich hieher
gekommen bin, was mit mir vorgegangen ist. Ich gestehe Dir, da mich die letzten
Tage etwas bereilt und verwirrt haben, ihre Bewegung hat an meinem ruhigen
Gleichgewichte gerttelt; es ist mir Erholung, Bedrfnis, mich ausfhrlich
auszusprechen, mich selbst aufs Reine zu bringen. Wie einen ungebten
Novellenschreiber beunruhigt mich der Faktenstoff, der in der Hand herumspringt
und Ort und Stelle und Ordnung erheischt. Wirst Du aber auch Zeit dazu haben,
mein lieber Freund? Du hast einen leichten Roman angesponnen und hast Dir die
Kraft zugetraut, Held und Dichter und Publikum zugleich zu sein, Du hast
versucht, Dir einen kleinen Freudenplaneten zu schaffen, in ihm zu genieen und
von auen her ihn zu bewegen, zu regieren. Nach Deinem letzten Briefe ist Dir
der Zepter schon klirrend an den Boden gefallen, der falsche griechische Kaiser
hat nur seinen Ornat noch behalten, aber das Ansehen und die Macht verloren;
Dichter und Publikum sind lachend davongegangen, und der Held des Romans, der
Passive, steht in den Mantel gehllt tief in der Nacht vor des Mdchens Haus und
schaut grollend und sehnschtig nach den Fenstern. Ja Freund, die Neigungen des
Menschen sehen immer anfnglich wie kleine harmlose Mdchen aus, bei denen man
einen Augenblick scherzend stehen bleibt, mit denen man spielt; und unter den
Spielen wachsen sie wunderbar schnell in die Hhe, und sie werden wunderbar
schn, und das kleine Hndchen ist eine weiche warme Hand geworden, die uns mit
wunderbarem Zauber festhlt. Dies geisterartige Wachsen der Neigung htte etwas
Unheimliches, wren nicht eben Blut und Wrme ihre Waffen, die da aufreizen,
statt abzuschrecken.
    Schreibe mir, wie es Dir ergeht. Ratschlge sind lcherlich; es sind
friedliche Landesgesetze fr eine eben vom Feinde eroberte Stadt, die unter dem
Martialgesetz seufzt, - ich gebe Dir keine, Du kannst keine brauchen.
    Leopold schwrmte seit lngerer Zeit hier auf Grnschlo, er hat den William
und mich hieher gebracht. Ich hielt es fr ntig, die Vorhnge meiner Einsamkeit
endlich aufzurollen und mich einmal nach der Sonne umzusehen. Wie ein bleicher
Mann trat ich hervor aus langer Kerkernacht in die bewegte Erde - was Wunder,
da ich ein wenig bestrzt war. Beinahe ein halbes Jahr ist es her, da ich
einsam auf meinem Gartenhause lebte, nur Euch sah ich zuweilen bei mir, nur der
Abend sah mich manchmal bei Euch, sonst hat mich niemand, sonst hab' ich niemand
gesehen. Ihr hattet mich immer nur zurckgezogen gekannt; solange wir zusammen
lebten, war ich vllig aus dem Getmmel der Welt getreten. Ein Unterschied nur
mute Euch auffallen. Frher suchtet Ihr mich oft vergebens in meiner Behausung;
ich war oft nicht daheim. Ob Ihr es wit, wo ich war, was mich beschftigte,
wei ich nicht; ich bin Euern Fragen ausgewichen, ich habe nie geforscht, ob Ihr
geforscht. Wahrscheinlich indes ist's Dir nicht neu. Ich liebte, Freund, und war
bei ihr, die mich wieder liebte. Nenn es eine Schwche oder wie Du willst: das
grelle Licht der ffentlichkeit blendet meine Augen, wenn ich sie hineinsenken
kann in das Auge der Liebe. All mein Tun gehrt der offenen Welt, aber meine
Liebe trag' ich scheu in den dunkelsten Hain; mein Herz erschrickt, wenn es
pltzlich vor aller Welt erscheinen soll mit seiner groen Sehnsucht nach einem
Weibe. Dazu kam, da es eine glckliche Unglcksliebe war; wir liebten uns ber
offenen Grbern, wir wuten unseren Todestag, und da wollten wir keine Minute
verlieren, und die Welt sollte uns mit ihrer Strung keinen Moment rauben. O
meine se Klara! wie redlich haben wir mit der Zeit gegeizt! Wie oft hab' ich
Euch bis ans Tor begleitet, wo Ihr nach Euerm Sammelplatze, jenem klassisch
gewordenen Kaffeegarten, steuertet, und wenn Ihr mich drngtet mitzukommen, und
ich den Kopf schttelte und traurig lchelnd von Euch ging, um in die Felder
hinauszustreifen, da harrte sie meiner schon in jener dichtbewachsenen Laube, wo
uns niemand strte, da ging ich zu ihr und sa stundenlang zu ihren Fen. Ach,
die Welt ging da gemessen und harmonisch, es war alles so schn, denn ich liebte
kindlich und kindisch wie ein fnfzehnjhriger Knabe. Mein demokratisches
Glaubensbekenntnis sagt mir heut, da man besser lieben knne, weiter, breiter,
universeller - ich konnte in jener Laube einsam mit ihr sitzen, aber ich konnte
die Welt mitbringen, die Welt der Ideen. Ich glaube es auch, ich wrde heut
reicher lieben. Aber damals war die Welt so arm, sie hatte noch keine Ideen, ich
wute wenigstens nichts davon, und meine modrige Wissenschaft pate nicht dazu.
Auf ihrem Schoe schrieb ich jene Lieder, die ich Euch im Vereine las, und weil
wir im tglichen Abschiednehmen lebten, so waren sie im hchsten Glck so
tragisch, ein schlagendes Herz, mitten durchschossen vom tdlichen Pfeil. Klaras
Schicksal war unwiderruflich bestimmt und entschieden durch ihren Vater. Wie
einen Gott liebte sie diesen Vater; sie wollte fr mich sterben, aber nie mein
Glck mit ihr in feindlicher Opposition gegen diesen Vater durchsetzen. Jeder
Versuch, das Geschick zu wenden, scheiterte an ihrer eisernen Festigkeit. Es hat
mich diese Festigkeit viel Schmerz gekostet. Ich sah sie vernichtet
zusammenbrechen, als diese vorgeschriebene Bestimmung erfllt werden mute; ich
sah sie zerbrochen und leblos vor mir; - aber nicht das leiseste Wort eines
nderungsversuchs ist je ber ihre Lippen gekommen.
    Der Zufall hatte mich mit ihr zusammengefhrt; sie frchtete sich anfnglich
vor mir. Ich war bestrzt ber ihre Anmut, es war eine rhrende Schnheit, die
meinen ganzen Menschen erweichte. Ich sah sie eine Woche lang tglich, und wir
wuten beide nicht, was wir wollten. Ihre Furcht hatte bald dem Extreme, einem
grenzenlosen Vertrauen, Platz gemacht, und - an einem melancholischen Abende
hing sie mir pltzlich weinend am Halse, und auch ich weinte Trnen der Liebe.
Wir haben berhaupt viel miteinander geweint, aber uns geliebt wie die Engel.
Aber Weib war sie durch und durch; zu einer Art von mnnlichem Kosmopolitismus
in der Liebe habe ich sie nie bewegen knnen, sie wehrte mich hastig mit den
Hnden ab, sie hielt mir den Mund zu, sie schlug mich, wenn ich ihr sagte, die
Liebe sei etwas Greres als die Neigung zu dieser oder jener einzelnen Person,
man knne der Liebe treu sein, whrend man der Geliebten untreu werde. Darin war
sie einseitig und leidenschaftlich. Und damit hat sie mich gelhmt fr mein
ganzes Leben.
    Es war eine warme, weiche, mondhelle Nacht, als Ihr einst von mir gingt,
Balladen und Lieder kten sich in mir, es war Ball in meinem Herzen, und
zauberische Musik trieb Mir alles im Kreise herum. Aus dem Fenster sah ich Euch
nach, mein ganzer Mensch war liebedurstig wie ein wohltuend ermdeter Wanderer;
ich ging Euch nach, bald fand ich mich vor dem Gartenzaun, der meiner Liebsten
Haus umgab. Der Hofhund kam brllend herbei; meine, eines alten Bekannten, leise
Schmeichelworte beschwichtigten ihn bald, ich stieg ber den Zaun. Klara hatte
Besuch von ihrem Bruder. Von unserem Verhltnisse durfte er nichts ahnen; er war
ein leidenschaftlicher Mensch, der in Italien geboren und erzogen war; entdeckte
er mich bei meinem Vorhaben, er scho mich wie einen Strauchdieb nieder. Ich
aber war liebelustig und verachtete alle Rcksichten; in den hohen Affekten
kennen wir keine knstlichen brgerlichen Formen, man htet mit Knig Ren
Schafe, und reitet mit Hon nach Bagdad. Jener Besuch hatte mich seit mehreren
Tagen von Klara getrennt, ich lechzte nach ihrem Auge, wie nach Licht - er war
noch da, das wute ich, aber ich wute auch, da Klara wie ein Vogel schlief,
der bei dem leisesten Gerusch die Schwingen hebt; ich wute, da ein hoher,
breitstiger Kastanienbaum dicht unter ihrem Fenster stand. Ich schlpfte
entschlossen durch die dunkeln Gnge des Gartens dem Hause zu. Klaras Fenster
waren offen, wahrscheinlich war sie noch wach - aber die Fenster des Bruders
waren hell, eines sogar war geffnet, das kleinste Gerusch konnte mich
verraten. Du weit, da ich im Sommer immer leichte Tanzstiefeln trage, dies kam
mir zustatten; ohne Gerusch kam ich bis an den Stamm des Baumes, die alte
Turngeschicklichkeit brachte mich bald hinauf, wie staunend sah mir unten der
Hund nach. Der Mond schien geisterhaft, ich stand im Dunkel der ste und bersah
mein Terrain. Klara lag halb entkleidet auf dem Sofa, ihr dunkelbraunes Haar war
zur Hlfte aufgelst und schmiegte sich schmeichelnd wie ein sehnschtiger
Trieb, dem man Gewhrung gestattet, um Hals und Busen, ihre weie Hand und der
schne, zur Hlfte entblte Arm spielten damit. Sie sah trumend vor sich hin -
ich habe nie etwas Reizenderes gesehen. Sie trug sonst immer ein weites faltiges
schwarzseidenes oder sammtenes Kleid, es schmiegte sich dies zwar liebend an die
schnen Formen, aber das warme Leben war immer verhllt - zum erstenmal sah
ich's entfesselt, und eine gttliche Sinnlichkeit, die sich mir selbst in ihrem
Arm nie so klar angekndigt, kam ber mich. Ich htte zu ihr gemut und htte es
mich tausend Leben gekostet. Wie Kthchen unter dem Hollunderbaum mit dem
Mondschein buhlend lag sie da, der kleine Fu, des Schuhes ledig, spielte
tndelnd in der Luft, der auf den Busen vorgebeugte Kopf trug den Ausdruck einer
glckseligen, heimlichen Erwartung. Eben wollte ich auf ihren Fensterbogen
treten, da ffnete der Bruder, dessen Zimmer daneben war und den ich auf und
nieder gehen gesehen hatte, den zweiten Fensterflgel und sah in den Mondschein
heraus. Ich blieb regungslos stehen, der verzweifelte Hund fing an zu knurren,
heraufsehend nach Baum und Fenster, ich konnte leichtlich dadurch verraten
werden. - Klara trumte und tndelte ungestrt fort. Eine peinliche Minute
verging, der Bruder schien nach mir herzusehen, ich hielt den Atem an, pltzlich
brach ein kleiner Ast, auf den ich im Rckzuge mit dem rechten Fue getreten
war; die Grabesstille der Nacht machte ein auffallendes Gerusch daraus, der
Bruder fuhr blitzschnell mit dem Kopf aus dem Fenster. Klara hob sich ein wenig
in die Hhe und horchte, der Hund knurrte lauter, ich hielt mich mit dem Arm
fest an einem Ast und wagte nicht, eine neue Sttze fr meinen rechten Fu zu
suchen, aus Besorgnis neues Gerusch zu machen. Der Vetter aller Liebenden,
Freund Mond, bemerkte zu rechter Zeit meine Not, er trat hinter eine Wolke;
schwerlich wre sonst des Bruders unablssigem Hinstarren nach dem Baume meine
leuchtende weie Hose entgangen. Tdliche fnf Minuten schwebte ich so auf der
Folter, da gab er endlich die Sache auf, warf das Fenster zu und ging in die
Tiefe des Zimmers. Ich trat jetzt keck auf den Fensterbogen und sprang behend
ins Zimmer. Ein unterdrcktes Ach! Klaras bedeckte ich vollends mit Kssen.
Die furchtsamsten Weiber, wenn sie lieben, werden nie durch eine uerung der
Furcht etwas verraten, sie haben den Liebhaber und die Liebe zu immerwhrenden
Begleitern, bei sich, und wenn etwas vorfllt, so sehen sie sich immer erst nach
diesen um und horchen, was diese dazu sagen. Der glhendste Mann liebt mit
Geschftspausen, er vergit des Tags ber wenigstens zehnmal die Geliebte und
erinnert sich hundertmal ihrer. Das Weib erinnert sich des geliebten Mannes gar
nicht, denn sie hat ihn immerwhrend bei sich, er ist in ihr und verlt sie
nie; er ist nicht nur ihr Gedanke, denn der kann wechseln, er ist ihr Denken,
ihre Phantasie, ja ihr Verstand. Klara hatte auch mit mir gedacht. Sie schalt
meine Dreistigkeit und kte mich und war so weich und warm und lieb wie ein
Sonnenstrahl. Sie wollte ihr Neglig verbergen und schmiegte sich tiefer in
meine Arme, damit ich sie nicht sehen sollte; sie war sanft wie ein spielend
Kind, sie war wie eine seltene Blume, die in schweigsamer Mondnacht ihren vollen
warmen Kelch aufschliet und Wrme und Sehnsucht haucht in die Nacht hinein, sie
war unbeschreiblich liebenswrdig. Und doch war sie neben jener Weichheit so
entschlossen stark, khn wie eine Gttin. Sie beherrschte mich in jener Nacht
mit allen Waffen. Klara zog mich aufs Sofa, drngte mir den Kopf nieder in ihren
Scho und sprach mir dann leise ins Ohr: Valer, ich will Dir angehren, wenn Du
mir schwrst. - Ich erhob den Kopf und erwiderte leise: Ich schwre - Narr,
Bsewicht - lachte sie - Du weit ja nicht, was. Und nun gab's ein neues
ausgelassenes Treiben bersprudelnder Wonne, wir lachten einander in die Augen,
wir kten den Stern und die Seele darin; ich suchte ihr Herz und drckte mein
brennend Gesicht daran, wir jubelten wie losgelassene Gefangene. Pltzlich
begann sie wieder die vorige Szene, ward ernst, weinte, beugte sich kssend zu
mir, bat mich um Verzeihung, und beteuerte, sie knne nicht anders - Schwre
mir, Valer, nie einer anderen zu gehren, schwre mir's - still, Freund, ich bin
Dein, Dein mit Seele und Leib auch ohne den Schwur - aber Du erfreust, Du
erquickst meine Seele durch ihn; willst Du?
    Ermi, ob ich wollte, ob ich's tat. Ich wute es fast in dem Augenblick, da
ich falsch schwor, da ich ganz gewi wute, Klara werde mir entrissen - ach,
Freund, die Erinnerung steigt mir in das Herz, in die Augen, ich drcke den Kopf
in die Hand - ich kann nicht schreiben, ich will meine geschlossenen Augen in
die Sofakissen pressen und Seele und Leib dem wirbelnden Gewitter der Erinnerung
hingeben.

                                                                         Spter.

Es ist unterdes Abend geworden; ich wei nicht, habe ich geschlummert,
geschwelgt, geweint oder Schmerzen gelitten - ich fhle mich so hoch gehoben,
die Welt schwingt sich so tief unter mir; es ist die Stimmung einen Thron
auszuschlagen - die Phnixflamme ist uns genommen, aber die reinigende
verjngende Trne ist uns geblieben. Drauen ist ein Gewitter drohend und
sprhend vorbergegangen, ich habe es donnern gehrt, ich sehe wie frisch die
Erde ihre tausend Augen aufgeschlossen, auen und innen steigt eine Welt frisch
aus dem Bade - die Welt ist schn, denn sie wechselt, sie ist eine Geliebte, die
sich zu verjngen wei. Ich wohne sehr angenehm. Das Schlo lehnt sich an einen
Hgel, der zu einer Terrasse abgeplattet ist; dahin fhrt meine offene
Fenstertr. So hab' ich nicht das lhmende Parterre, das umsonst mit den
Schwingen nach Aussicht flattert und nicht die abgesonderte Hhe, die umsonst
Bewegung und Ausdehnung sucht. Die Terrasse stuft sich zu einem spiegelglatten
Weiher ab, ber welchen Brcken in Park und Garten fhren. Ich sitze an der
offenen Tr und sehe durch die offenen Partien in die fernen blauen Berge und in
die durchsichtige, in der Abendsonne mit Trnenstubchen spielende Luft. Das
Gerusch der Bewohner kommt selten hieher, sie schwrmen vorn unter den
Zitronen- und Mandelbumen, die in den breiten Vorhallen des Schlosses stehen.
Ich habe mich unwohl melden lassen; so denk' ich, wird mich niemand stren, wenn
ich Dir weiter erzhle von meines Lebens grtem Glck und Leid. - -
    Sie zog mich fort vom Sofa, weil sie befrchtete, ihr Bruder knne Gerusch
hren, ging in ihr Schlafzimmer und setzte sich aufs Bett; ich kniete vor ihr.
Es war keine platte Sinnlichkeit, die Poesie beugte sich lauschend wie ein
rosenrotes Kind zwischen uns, der Mond schien in Klaras Gesicht, sie sah wie
eine Heilige aus, die zurckgekommen ist auf die Erde, um ihre trichte
Verhhnung der Natur lchelnd und kssend abzuben. Klara kte einen heien
Ku auf mein Auge, ihre runden weichen Arme schlossen sich wie elektrische Bande
der Seligkeit um meinen Nacken, eine glhende Trne fiel auf mein Angesicht -
Valer, unaussprechlich geliebter Mann, willst Du mein sein fr Zeit und
Ewigkeit, mein und nur mein, da nie ein Lichtstrahl zwischen unsere Herzen sich
drnge, da ich fern von Dir - sie drckte ihr trnenheies Gesicht in
wollstigem Schmerz in das meine - fern von Dir, gewi bin, sterben kann auf
die Gewiheit, Du seist mein unberhrtes Eigentum? Ach, ich war aufgelst, die
Seele des schnen Weibes schien wie Maisonne in die geheimsten Winkel meines
Innern, alles was gut, was edel in mir ist, tat sich auf wie die kleinen
Blmlein im Frhling, Schluchzen erstickte meine Stimme, der Drang nach
Seligkeit, die Flle von Seligkeit, das ganze innere beste Leben solch eines
Weibes zu besitzen, wollte mir Brust und Hals zersprengen - der flammendste
Liebesschwur, unbndig wie das Kreisen der neuen Welten in meiner Seele,
unbndig, da selbst Klara davor zusammenschrak, rang sich los aus meiner Brust
- ich halte nichts von Schwren, aber ich glaube, wir wrden beide innerlich
zusammenbrechen, wenn wir einander gegenberstnden mit treulosen Armen. Ich
meinte, wir tteten, wir erwrgten uns damals in glckseliger Gewiheit
gegenseitiger riesengroer Liebe; es war ein Umarmen, ein Kssen und Lachen, als
ob die Engel trunken um die Herrlichkeit der Sonne herumsprngen, und es war die
Nacht unserer Liebe. Jene Nacht ist der schnste Gedanke meines Lebens, aber sie
ward auch die schnste Fessel meiner ueren Freiheit - ich wei es, Klara
verginge wie das grne Blatt des spanischen Feigenbaumes, ber welches der
giftige Solano hinstreicht, wenn aus Licht des Tages und vor ihr erschrockenes
Auge die Nachricht trte, Valer liebt eine andere.
    - Nicht der Schwur, Freund, bindet mich, aber das Schwren.
    O httest Du sie gesehen, als sie mich von sich trieb! Einen dunkelgrnen
berrock von leichter Seide hatte sie bergeworfen, nur das Gesicht war verklrt
wie Seligkeitstraum, das Haar schlang sich lstern in den offenen Busen, das
weie Unterkleid lachte schelmisch triumphierend ob seines Mitwissens; so beugte
sie sich ber mich, der ich selig trumend auf dem Lager ruhte, und mit offenen
weiten Augen in den dmmernden Morgenhimmel sah. Valer, mein, mein, mein, o und
nur mein Valer, geh - geh mein Tag, eh' der Menschen Tag kommt und uns verrt.
    Noch heute fhle ich die keusche Trne, die da auf meine Wange fiel, weil
sie ein Tropfen aus heiem Herzen kam, ein Tautropfen ihrer Seele, den die Liebe
entzndet hatte! O wenn mein Mund jenen Scheideku vergessen knnte! So kt die
Sonne die Erde, wenn sie sich im Abendrot scheiden und der rote Liebesschein den
Abschied einhllt in Purpurwolken; es wird still auf der Erde, und der letzte
Sonnenhauch bringt in leisen Abendlften die stille Versicherung, da neuer Tag
und neue Liebe anbrechen werde. Knnt' ich jenen Abschied vergessen, es lge
endlose Nacht vor mir, ich htte keinen Morgen zu erwarten. Sie strich mir mit
weichen Hnden das Haar von Stirn und Schlfen und drckte sich wie eine
aufgeschlossene Blume in mein Gesicht. Ich weinte Freudentrnen und hob sie hoch
in die Hhe.
    Und der Franzose hat recht - sagte sie und legte das Haupt auf meine
Schultern und sah herauf in meine Augen - nicht wenn er zrtlich kommt, nein,
wenn er zrtlich geht, ist der Geliebte edel. - Aber der Morgen kommt - Ade, -
Ade. - Ich kehrte auf dem alten Wege zurck, und ging hinein ins erwachende
Land und sang mit den Lerchen die Schnheit der Welt. Das Gedchtnis und die
Erinnerung, so oft die Gefngniswrter unserer Leiden, sind rosenrote Bnder,
die um Schlfe und Augen flattern, wenn wir Freuden gesehen. - -

                                                                   In der Nacht.

- Ich ward auf eine wunderliche Weise gestrt; die Wogen der Vergangenheit
bedeckten mein Gesicht und Auge, ich sah ber die Terrasse hinaus in die Wolken
hinein und war weitsichtig; denn ich bemerkte es nicht, da die beiden jungen
Damen von hier, Alberta und Kamilla, schon lang an meiner Glastr standen und
mich lchelnd ansahen. Einen Augenblick war ich in Verlegenheit, als sie mich
scherzend aufschreckten, weil ich nicht wute, ob ich meine Wolkenschrift laut
gelesen htte oder nicht.
    Und doch tat es mir unendlich wohl, Weiber um mich zu haben - das Weib
empfindet Liebesleid um soviel besser als der Mann, wie der Mann die
Kriegsgeschichten besser liest als das Weib. Die Liebe ist der Frauen
Brotwissenschaft, und sie haben den Vorteil vor den Studenten voraus, da sie
selbige immer mit Leidenschaft treiben. Liebe und Liebestrost ist das Amt der
Frauen, in ihrer Nhe fhlt sich der unglcklichste Liebhaber in weicherer Luft.
Der Begriff von Untreue existiert zudem bei mir nicht. Das ist der tragische
Widerspruch mit meinem Versprechen an Klara, welcher den letzten Akt meiner
Tragdie im Schoe trgt. Ich bin der Liebe treu, nicht aber der Geliebten. Weil
ich eben die Liebe liebte, so liebte ich die schne Alberta, die muntere,
geistreiche Kamilla. Meine Wehmut schttelte den dsteren Morgennebel von den
Schwingen, flatterte wie ein erwachtes Vglein mit den Mdchen hinaus in den
Garten und Abend. Sie waren freundlicher, inniger denn je gegen mich, weil sie
meinten, ich sei es; der warme Gewitterregen mte mein Herz befruchtet haben,
das sonst ohne Grn und Bltter nur khle Worte zu sprechen pflege. Leopold
hpfte herum wie ein kleiner Flamingo, der seine Farbenpracht in wehenden
Flgeln schillern lt. Wenn mein Gefhl Feiertag hlt, reich' ich ihm gern
dieses kleine duftende Riechflschchen, und wenn der Herbst einen sonnigen
warmen Tag bringt, da werden die Menschen alle wrmer und poetischer als im
stets heien Juni, denn die berraschung befngt sie in goldenen Netzen, und die
berraschung ertappt das Beste im Menschen. Wir lieen uns alle auf
Empfindungswogen schaukeln, und die brigen meinten, ich sei schuld daran, weil
ich endlich einmal meinen Rock aufgeknpft htte.
    Kamilla, mit der ich sonst nur in blitzenden Gefechten spiele, war weniger
widersprechend, mehr ergeben, liebenswrdig, Alberta, ein sdlicher
Liebesgedanke, zitterte wie ein arabisch Lied in weicher Nachtluft, William war
still und sanft.
    Wir setzten uns in eine Laube und sprachen von Sternen und Gott und Liebe.
Der Graf ritt unweit von uns am Gartenzaune vorber, er kam aus der Stadt;
William ging, ihn zu begren, Leopold ward bald darauf vom Reitknecht
abberufen, der ihm Briefe mitgebracht. Ich war allein mit den in Empfindung
schauernden Mdchen, das Herz drngte sich in meinen Kopf, ich sprach - das
nchstemal, Freund, ich sprach zuviel fr unbefangene Mdchen.

                           8. Konstantin an Valerius.


                                                            Berlin, den 6. Juni.

        Symb.
Der nur ist ein groer Mann,
Der vom Himmel nichts erbittet,
Auer was man essen kann.

    Der inliegende Wisch - man hrt aus allem nur das bittere Nein - ist von
einem Vater an seinen Sohn, worin er ihm verkndet, da er die vterliche Hand
abziehe von dem Heidensohne. Ich lege Dir ihn bei, weil Du ihn vielleicht fr
eine brgerliche Tragdie oder einen zivilisierten Roman brauchen kannst. Mein
Vater schreibt einen lehrreichen, deutlichen Stil; das Aktenstck kann klassisch
werden.
    Bardolph eine andere Farbe, aber halte sie nicht zu hoch an Deine glhende
Nase.
    Nyms. Das ist eben der Humor davon.
    Ich habe hier einige sehr gescheite Leute kennen gelernt und manche andere.
    Die Migkeit ist eine schne, aber seltene Tugend. - In meines Vaters
Briefe ohne Datum befinden sich einige Grobheiten, die mit dieser Erwhnung
abgefertigt sein sollen. Meine Schwester, das gute Ding, schickt mir unter der
Hand einiges Papiergeld - wenn ich nur gutes Wasser habe, so lasse ich alles
Bier stehen und trinke Wein. Ich werde ein Dutzend fade Lustspiele schreiben -
wofr bin ich fade und lustig? und darber setzen aus dem Franzsischen des
X.Y.Z. - Nur eine auslndische Firma hat Kredit und wird auch den Vater
vergessen lehren. Tpfer macht es freilich umgekehrt, er bersetzt ein Lustspiel
von Planch aus dem Englischen und schreibt ausdrcklich Originallustspiel von
Tpfer.
    Es freut mich immer, wenn ich irgend einem Menschen begegne: Du schriebst
mir neulich man wei noch zu wenig, und dieses Bewutsein des Nichtwissens
erfllt mich jetzt ganz und gar. Hast Du Brnes Schriften noch nicht gelesen, so
rate ich Dir, sie schleunigst vorzunehmen: das ist ein kapitaler Kerl.
    Gestern hab' ich drei Festspiele geschrieben, weil ich heute essen wollte.
Morgen werde ich eine Novelle schreiben in biblischem Stile: Wie der ungeratene
Sohn nach Berlin reist und sich betrgen lt. Weil ich jetzt edieren will,
lobe ich des alten Claudius Alphabet:
    V. Vor Kritikastern hte Dich,
    W. Wer Pech angreift, besudelt sich.
    W. Wer Pech angreift, besudelt sich,
    V. Vor Kritikastern hte Dich.
    Vor allen Dingen aber empfehle ich Dir dringend: halte Deine
Pflegebefohlenen fern von aller produzierenden Poesie! Du weit selbst, da sie
zwar schne Stunden schafft, weit aber auch, da Poeten (nach wiederholten
Bescheiden des Kammergerichts) immer noch mit Seiltnzern, liederlichen Dirnen
und sonstigem Gesindel von der feinen Welt auf eine Stufe gestellt werden.
Ferner erzeugt die Poesie Mangel an Selbstdenken, raubt die hheren
Gesichtspunkte usw. - welches alles zur instruktionsmigen Verwaltung vieler
mter so unumgnglich notwendig ist, kurz, sie macht uns zu rohen, unbrauchbaren
Menschen. Wir sind nun einmal von diesem Gifte angesteckt und werden es wohl nie
wieder ganz los werden. Das mssen wir ertragen; aber verhindern wollen wir
doch, da unsere heranwachsende Jugend mehr davon erschnappe, als zur Fhrung
eines geistreichen Gesprchs in einer Teegesellschaft ntig ist. Dixi.
    - Wir wollen doch die Rezensionen abwarten, die sich im Jahre 18- oder 19-
in irgend einem Literaturblatte verbreiten werden ber pp. smtliche Werke, zum
ersten Male gesammelt und zum Besten der Familie des zu frh Verblichenen von
ppp. -
    Ich verbleiche schon sehr. Was Rosa macht? O, sie ist sehr munter, ich sah
sie gestern in der Oper. Die Heinefetter sang vortrefflich, und Rosa schien sehr
erfreut davon, wenigstens gebrdete sie sich sehr heiter und lustig mit ihren
Nachbarn - ich kann's nicht verbrgen, denn ich war weit davon im Parterre, und
Rschen blhte in einer Loge, und mein Glas war nicht recht durchsichtig.
    brigens lebe wohl, mein lieber Junge! ber der ganzen Welt scheint ein
unendlicher Katzenjammer zu hangen, und selbst der Mutigste erfreut sich
hchstens dessen, was Tieck in bezug auf Kleist eine herbe Frische nennt. Die
Welt ist krank, und die Zeit der Schferspiele, Idyllen und des kindlichen
Frohsinnes ist aus der Poesie und dem Leben entschwunden. Knige und Deys werden
ab- und aufgesetzt wie ein Hut, und ich studiere Kriminalrecht, gegenwrtig
fleischliche Verbrechen.
    - Schade, da es keine Klster mehr gibt in unserer nchternen
Protestanterei; ich mchte auf einige Zeit Mnch oder Nonne werden. Ade! -

                              9. Kamilla an Julia.


                                                            Grnschlo, im Juni.

Ich bin so glcklich, meine Liebe, Se, Beste, da ich Ihnen mitteilen mu von
unserem berflusse. Worin unser Glck besteht? - Ja, das kann ich Ihnen nicht
auseinandersetzen, das Auseinandersetzen ist berhaupt meine Sache nicht. Die
Welt ist schn, der Frhling grn, die Menschen sind gut. An den Menschen, ja,
daran mag's wohl grtenteils liegen, wir haben meist neue um uns, lauter neue
Weltteile mit neuen Pflanzen und Bumen, und das unterhlt. Wunderliche Leute
sind's, aber lieb, gut meist, scharmant alle. Alberta hat Ihnen schon davon
geschrieben, ich darf wohl nur ergnzen. Es behagt auch meiner Hastigkeit nicht,
breit und tief zu schreiben. Kurz und spitz, das ist mir lieber. Eins ist dabei
wunderlich - der Graf. Wie der zu dem Gedanken kommt, uns mit so junger,
grtenteils brgerlicher Gesellschaft zu umgeben, das wei ich nicht. Ich
glaube, er experimentiert. Die Leute sind artig, und was dem einen oder dem
andern an gutem Ton, feinen Manieren abgeht, das ersetzt vielleicht fr die
Privatgesellschaft ein gewisser Adel des Geistes und Gemts. Viel gelernt haben
alle, zu reden wissen sie alle wie die Bcher, Poeten sind sie auch alle, und
meine schnurrige Gouvernante pflegte zu sagen, die Poeten wren alle von Adel.
Unsere Gesprche sind jetzt auch ganz anderer Art als frher, manchmal sind sie
mir sogar zu hochtrabend: ber Vlker, Lnder, Sitten, Religion, Staat, Stnde,
Poesie, Geschichte und was dergleichen hochbeinige Dinge mehr sind. Gar nichts
mehr ber unsere Nachbarschaft, kein Rsonieren, Mokieren mehr, und wenn mich
manchmal der Schalk treibt, ein wenig ber diese oder jene zu lstern, so sieht
mich Herr Valerius mit seinem wunderlich vornehmen Lcheln an, spricht immer
frisch - 's ist noch zu wenig u. dergl., da ich still werde und mich schme.
Das ist berhaupt der sonderbarste von allen, Herr Valerius, er kommt mir wie
der gelehrte Napoleon vor, er herrscht ber uns alle. Wenn ich Ihnen aber sagen
soll, wie er das anfngt, so bin ich wieder in Verlegenheit. Ich wei es nicht.
Er ist einfach in Manier und Rede; er befiehlt nicht etwa, Gott bewahre, er
spricht oft nur ein paar Worte, aber darin ruhen Napoleons Kanonen; er sieht
dabei mit seinen klaren bis ins Mark dringenden Blicken hinein: darin, ja, ja,
ich glaube, darin ruht die Herrschermacht, und man streckt die Waffen. Er
scheint unglcklich zu sein, es dmmert solch eine melancholische Nacht um das
groe graue Auge, und wenn er etwas Wehmtiges spricht, so ist es
unbeschreiblich rhrend. Er ist gar nicht hbsch, und als er das erstemal in
unsern Gesellschaftssaal trat mit seinen kurzen leichten Schritten, seinen
kurzen Begrungsworten, seinen sparsamen Verbeugungen, die man kaum angedeutete
nennen mchte, hatte er etwas Schreckhaftes fr mich und Alberta. Erst
allmhlich wurden wir frei in seiner Gegenwart; aber dann war es auch, als sei
es etwas besonders Edles, womit wir uns beschftigten, als wir das von ihm
eingeleitete Gesprch fortfhren halfen. Und wenn er spricht, so fhlt man sich
in einer so wohligen, sicheren Befriedigung, er hat ein sehr angenehmes, fest
mnnliches Baritonorgan. brigens schweigt er sehr viel, aber es ist, als ob er
im Zuhren redete. Er ist von mittler Gre, fest und sicher gewachsen und
ebenso fest und sicher in seinen Bewegungen, ich mchte sagen ernst, aber doch
keineswegs schwerfllig oder gar plump. An seinem Gesichte ist gar nichts
Besonderes, es ist bla, fast krank, doch hat der Mund etwas uerst
Wohlwollendes, wenn er in seiner sanften Stimmung ist, etwas tief Verchtliches,
wenn er zrnt. Sein Anzug ist immer ganz schwarz und modern; er trgt meist
einen schwarzen leichten Rock, der ihn sehr gut kleidet; im Frack gefllt er mir
nicht, man sieht ihn auch selten darin. Seine Wsche ist immer blendend wei,
und das find' ich allerliebst am Manne. Ich glaube, er hat Theologie studiert,
aber die Wissenschaft gefllt ihm nicht mehr. Er soll arm sein, das wrde mir
sehr leid tun. An ihm selbst bemerkt man aber nicht das mindeste der Art. Ich
glaub's auch nicht, denn er ist in allen den freien Knsten, welche die hheren
Stnde auszeichnen, sehr wohl erfahren: er reitet, ficht, tanzt gut, ist
musikalisch, spricht die fremden neuen Sprachen, und das Geld erscheint in
seinen Reden nie. Er ist mir berhaupt zu vornehm fr einen Armen. Mit dem
Grafen spricht er am sichersten, wenn auch nicht soviel wie Herr William.
uerst selten ist er gleicher Meinung mit jenem, aber er streitet, obwohl
streng, doch nie znkisch, leidenschaftlich ungezogen wie soviele. Aber mein
Gott, ich schreibe Ihnen ja nur ber den Mann, und doch wollt' ich Ihnen ber
uns alle referieren.
    Doch jetzt habe ich das Federfechten satt, wir wollen Federball spielen -
morgen weiter; ich habe einmal den Befehl vom Grafen und Alberten, Sie von
unserem Leben im Detail zu unterrichten und Sie dann schnstens zu bitten, es
recht bald selbst bei uns anzusehen. Adieu, meine Liebe, fr heut'.

                                                                         Spter.

Ich bin soviel herumgesprungen, da ich ganz mde bin. Nie htte ich geglaubt,
da unsere ernsten jungen Herren so beweglich sein knnten, den kleinen
Leopoldus ausgenommen, an dessen Quecksilbernatur ich nie gezweifelt. Aber auch
der ernste William, der ruhige Valer - ich habe zu meinem Staunen erfahren, da
sie alle Turner gewesen sind; sie haben in der Stadt einen poetischen Verein
gehabt, da ist immer zuerst eine Stunde gedichtet, gelesen und kritisiert, die
nchste Stunde gefochten oder geturnt worden. Ich erinnere mich, als kleines
Mdchen noch einige Nachzgler jener Turnzeit gesehen zu haben, und gestehe, da
mir diese leinwandnen Burschen wenig behagten. Unsere jungen Herren fassen dies
wie alles romantischer auf; Herr William sprach dabei von Deutschland, Einheit
und Vaterland und geriet sehr in Ekstase, Valer lchelte ernsthaft und sagte
mir, Deutschland sei einst von edlem Weine trunken gewesen und habe das edle
Herz auf der Zunge, den Verstand in der Tasche getragen und dumme Streiche
gemacht. Es habe eine lang verlorene schne Geliebte gesucht und mit
schwimmenden Augen ihren Schatten dafr angesehen und ihn brnstig umarmt.
Verstehen Sie das? - Herr, dunkel war der Rede Sinn. - Ich mu ihn beim Tee
bitten, mir's deutlicher zu machen; des Abends ist er immer am zugnglichsten,
da tritt er mit mir in den Fensterbogen und spricht allerliebst ber lauter
kleine unbedeutende Dinge; aber er sieht alles so eigen, ich mchte sagen so
gro an, da man lauter Neuigkeiten hrt. Fatal ist's mir, da man uns nie lange
allein lt; denn allein schwatzt er viel zutraulicher. Namentlich ist Herr
William immer gleich bei der Hand. Irre ich mich nicht ganz, so macht mir dieser
lebhaft den Hof. - Was sagen Sie dazu, und was wird er sagen, den Sie kennen?
Ich glaube kaum, da William auch unter anderen Verhltnissen Glck bei mir
machen ktmte. Sein ueres ist im Grunde gar nicht bel: er ist hoch und
schlank gewachsen, indessen fehlt dem Wuchse die eigentliche Konsistenz, er ist
gertenartig. Dunkelblonde, schief gescheitelte Haare legen sich schlicht an
einen ziemlich kleinen Kopf, der durch ein schnes blaues Auge interessant wird.
Sein Anzug ist von weitem angesehen modern; guckt man aber in der Nhe danach
hin, so sieht man, da er nach der vorletzten Mode, gewissermaen schon
altfrnkisch ist. Das kann, ich an einem jungen Manne durchaus nicht leiden:
Halstuch, Halskragen, Jabot, Weste, - das alles, obwohl vom feinsten Stoffe,
sitzt so verwirrt und unordentlich durcheinander, da man kaum eines aus dem
andern herausfindet. Er ist sehr rigoristisch und von uerst strenger Moral;
das macht mir Todesangst; ich liebe den Leichtsinn und die leichteste
Beurteilung ber alles. brigens besitzt er unleugbare und groe Vorzge; er
spricht schn und geordnet, ist uerst unterrichtet, selbst nach Valers
Zeugnisse sehr verstndig, dichtet reizend, spielt die meisten musikalischen
Instrumente vortrefflich, er ist mitunter sogar uerst liebenswrdig, besonders
wenn er lacht. Seine Manieren sind hart wie seine Moral, aber bestimmt, fest,
ohne Verlegenheit. Denken Sie sich ihn stets im blauen Frack. Der kleine Leopold
ist sein Pol. Sie wissen, da dieser schon frher hier war und uns wrtlich die
Zeit vertrieb. Der Graf hatte ihn im Theater in einer Ecke der Loge gefunden, wo
er zusammengekauert wie ein kleiner Gnom sitzend auf die Ouverture der Dame
blanche gehorcht hatte. Pltzlich war er lebendig geworden, hatte wie ein
Regenwurm gezappelt, wenn eine schne Stelle darangekommen, und war bald darauf
ohne weitere Einleitung mit dem Grafen in ein Gesprch ber Oper und Musik
geraten. Mit Alberta, die auch da war, machte er sich alsbald bekannt, ist
beweglich, gefllig, redselig, liebenswrdig, da ihn der Graf zum Souper
bittet, und binnen achtundvierzig Stunden ist er mit hieher nach Grnschlo
gefahren, hat tausend Geschichten erzhlt, zehn Sonette gemacht, ist huslich
eingerichtet und wie ein Glied der Familie, wie ein gern gesehener bunter
Papagei, dem man Zucker schenkt. Es ist ein pudelnrrisch Kerlchen, romantisch
vom Scheitel bis zur Sohle, gewandt und beweglich wie ein Pppchen, verliebt und
hbsch wie eine Amorette. Er ist klein und zierlich gewachsen, ein schwarzer
Krauskopf, hat schwarze, muntere Augen, ein scharmantes ovales italienisches
Gesichtchen, ein weiches angenehmes Organ und den schnsten deutschen Akzent,
den nur Valers an Richtigkeit, nicht aber an Schnheit bertrifft. Es ist nicht
das schneidend scharfe Norddeutsche, sondern die sdliche Weiche hat sich sanft
um die nordische Schrfe gelegt, so da man sie nur zuweilen ahnt, aber nie
unangenehm empfindet. In Valers Akzent tritt sie schon mehr hervor. Dazu kommt,
da Leopoldus, der Provenzale, wie er meist genannt wird, fortwhrend in
poetischer Schwebelei zappelt und von Blumen und Dften redet; Valer aber nur
selten eine lodernde Fackel aus seinem Gemte holt. Sie sehen, es steckt an, ich
schreibe auch sogleich emphatisch. brigens ist der Kleine nicht so unangenehm
in dieser steten Verzckung, als man glauben sollte; er besitzt viel Geist und
ist keineswegs ein gewhnlicher Wortklimperer. Was mir an William so sehr
mifllt, ist, da er ihn unglaublich wegwerfend behandelt, ungefhr wie ein
Rechtglubiger einen Ketzer. Leopold mag freilich im Gegensatze zu ihm eine sehr
geduldige, nachgiebige Moral haben - aber es bleibt doch immer garstig und ist
so sehr hbsch und gut von Valer, da er ihn wie einen flatternden, lieben
Knaben hlt, dem er lchelnd zusieht, den er oft streichelt, zuweilen aber auch
mit ein paar ernsten Worten zurechtweist. Diese Art von Liebe fhlt auch Leopold
sehr, er, unterwirft sich ihm leicht und sogleich und liebkost ihn oft, wie ein
Mdchen ihrem Liebsten tun mag. Da ich zufllig wie ein Pffflein schon zweimal
von moralischer Beschaffenheit gesprochen habe, so mu ich auch der Moral Valers
gedenken. Aber wie fang' ich das an? Ich habe das Wort nie von ihm gehrt. Nach
manchen leichten uerungen, die er immer wieder in andern fr mich schwer
verstndlichen Worten verbarg, scheint er ein schlechter Christ zu sein. Als ich
ihn neulich des Abends, da die Gesellschaft auseinanderging, fragte, ob er denn
auch betete, da schttelte der freche Mensch lchelnd den Kopf und sagte: Nein
- ich sehe viel in die Nacht, in Mond und Sterne hinein, und frage sie, wer sie
so schn gemacht - aber was Sie beten nennen, meine Holde - und dabei kte er
mir zum ersten Male schelmisch die Hand - das hab' ich nur als kleiner Bub
getan, weil es die Mutter so wollte. - Ich war so verlegen und verwirrt von dem
Handkssen; ich kam mir dem klugen Manne gegenber, der alles in Entfernung von
sich hlt, dessen so unwrdig vor, da ich nichts zu sagen wute.

                                                                         Spter.

- Ich stand vom Schreiben auf und eilte ans Fenster, weil ich Reiter und viel
Gerusch hrte. Von der einen Seite kam Graf Fips, von der andern ein Fremder
geritten, um den sich unsere jungen Gste bald strmisch drngten, den sie
umarmten und jubelnd begrten. Also wahrscheinlich ein neuer Zuwachs zu unsern
Poeten. Sollten Sie sich des Grafen Fips nicht erinnern? Es ist die sogenannte 
elegante Figur, die immer auf den Bllen zu sehen ist. Ziemlich gro, schmal
und schmchtig gewachsen, mit einem jener traurig regelmigen Gesichter, die
man sich nicht behalten kann. Diesen erkenn' ich nur immer an der unanstndig
gesunden Rte wieder, die sich bis an die Ohren zieht, unweit der Nase
erschreckt aufhrt und sich in mdchenhafter Weie verliert. Auerdem hat er die
unangenehme Manier, blonde Augenwimpern zu tragen und dadurch wie ein malitises
Gewissen auszusehen, das fortwhrend zu Lsterungen stachelt. Auch hoffe ich
sehr, die zierlichen dunkelblonden Haare sind ganz das Werk seines Friseurs,
darum denke ich mir ihn immer kahlkpfig, und er erscheint mir nie anders als
wie ein Mischling von Trke und englischem Lord, ein europischer Kreole, der
innerlich halb bestialisch und nur uerlich modernisiert ist. Mein Gott, was
ist das fr Zeug! Er gilt allgemein fr einen schnen Mann, und im vorigen
Winter haben mich mehrere Damen sogar versichert, er sei witzig, wenigstens
scharf. Ein Kunststck versteht er gewi: er nselt schnarrend; ich verziehe
mein ganzes Gesicht, wenn ich's ihm nachmachen will. Seit einem Jahre schon ist
er kuflich, das heit, er sucht eine Frau; ich frchte, er hat sein
schillerndes blinzelndes Auge auf meine liebe Alberta geworfen. Das wre sehr
schlimm, denn es will mich bednken, der Graf, ihr Vater, suche eiligst einen
Schwiegersohn. Gott wei, was er fr Plne hat, Gott wei, was fr
ungewhnliche, denn gewhnlich ist nichts an ihm. Arme Alberta! Graf Fips ist
brigens ein gewandter Kavalier, der viel Glck bei den Damen hat. Ich erinnere
mich keiner einzigen, die in mein Lstergeschwtz ber ihn eingestimmt htte.
Kolossal - kolossal, wrde er sagen, ls' er das.
    Aber meine Liebe, Sie begreifen leicht, da mich meine Neugierde nicht
lnger am Schreibtisch duldet - ich mu rekognoszieren. - Adieu und nochmals
Adieu und herzliche Ksse auf Ihren lieben Mund von Ihrer
    
                                                                        Kamilla.

    P.S. Ich war schon aufgesprungen und komme noch einmal zurck, weil ich mich
eines Auftrags von Herrn Valer zu entledigen habe. Ich erzhlte ihm von Ihnen,
da Sie unsere Freundin seien und da ich an Sie schriebe, da Sie sehr schn
und liebenswrdig usw. - er schien nur mit halbem Ohr hinzuhren. Vor einigen
Tagen suchte er mich auf - ich glaube, der Postbote war eben bei ihm gewesen,
und erkundigte sich nach Ihnen, und ob man Sie wohl um folgendes bitten drfte.
Ein Freund von ihm, Konstantin Mller, lebt in Berlin in einem uerlich und
innerlich sehr aufgelsten Zustande - die Adresse ist am Schlu meines Briefes
angegeben; ich mu Valer noch einmal danach fragen. Dieser frchtet, Konstantin
verschweige mehr als er sage von seinem Unglck; er wei nicht, wie er ihm zu
Hilfe kommen kann. Ob es nicht angeht, dem Herrn Mller in Ihrem Hause Zutritt
zu verschaffen. Valer erlaube sich, dies einleitend, einige Zeilen an Konstantin
meinem Briefe beizulegen, die Sie ihm zuschickten usw. - die Ihrigen machen ja
ein groes Haus, das ist ja eine Kleinigkeit. Zur Courfhigkeit bei Ihrem Vater
dient Valers malitise Notiz, da der junge Mann von Adel sei, sich aber aus
Oppositionsgeist nie so nenne. Die Sache interessiert uns nach dem wenigen, was
wir ber jenen Konstantin wissen, auerordentlich, und Sie verbinden uns alle,
wenn Sie sich der Angelegenheit annehmen. Gott, Gott, soviel Worte! Adieu, Adieu
- ich ksse Sie von Herzen - der Graf legt einen Brief bei, worin er Sie gewi
sehr bittet, zu uns zu kommen. O, wir bitten alle recht, recht schn, kommen Sie
bald zu Ihrer Kamilla.

                          10. Konstantin an Valerius.


Es ist eine Schwche, da ich meine Rhapsodien, wieder an Dich beginne, aber ich
will schwach sein. La mir die Freude oder das Leid. Ich bin sehr allein.
    Geehrtes Volk der Myrmidonen, ich danke Euch fr Eure gute Meinung, die mir
William in ein paar albernen Zeilen kundgibt, da ich ruiniert sei. Und wenn ich
eben an den Galgen hinaufgezogen werden sollte, ich wrde dem hyperborischen,
frommen Manne sagen, er sei ein Schwachkopf - der Mensch hat mich in Harnisch
gesetzt mit seinen biblischen Auszgen - man soll sich aber nicht in Harnisch
bringen lassen, vielmehr sich einer gewissen innern Ruhe befleiigen, nicht zu
schwere Weine trinken, ins Kloster gehen. Wir sind alle mehr oder weniger
Ophelien. O Hamlet, Welt, warum warst du so khl gegen mich! Pfui doch! -
    O lieber Valer, tu mir die Freundschaft und tritt recht derb in den Dreck
der Dir verhaten Welt - ja so, Dir ist sie ja nicht verhat - wenn Du dann die
Fe nicht mehr regen kannst, so bildest Du Dir ein, festzustehen.
    Brust heraus, Kopf in die Hhe! Und nun la sausen und brausen - Mut, klare
Augen! Indem ich dies schreibe, tun mir meine Augen sehr weh. Ich habe die
Dinger in den romantischen Jahren der heimlichen Gymnasiastenlektre gar zu sehr
angestrengt, und be jetzt fr die Kleindrucksnden des Zwickauer Walter Scott.
    Noch immer wate ich getrost in der trostlosen Pftze unserer Jurisprudenz;
warum ich das tu', ist leicht begreiflich: hungern ist immer besser als
verhungern. Wenn ich mehr Mut htte, tt' ich's vielleicht nicht. Mut, Mut! der
fehlt uns und ganz Europa, sonst lg' es nicht so im argen. Nicht der Mut,
Gendarmen zum Einhauen zu kommandieren, wohl aber der, Lcherlichkeiten ruhig
anzusehen oder Ernstes genau und unbefangen zu prfen. Die Welt will jetzt nicht
nach Gesetzen leben, die da sind, weil sie da sind, sondern nach Gesetzen, die
aus der Zeit und dem Bedrfnisse hervorgehen, von denen sie wei, warum sie da
sind. Gebt gutwillig, was man Euch spter nimmt, und Ihr knnt fr willenlose
Puppen Menschen einhandeln, meines Erachtens ein schner Tausch. Ich bin kein
Narr, der den Staat fr ein Rechenexempel ansieht, das in einer Stunde zustande
gebracht ist, aber ich bin auch kein Esel, der sich beruhigt, wenn er Disteln
hat. O, ich sage mit Kaiser Max: Wenn sich Gott nicht der Sache erbarmt, ich
armer Kaiser und der versoffene Julius werden's nicht besser machen.
    Steht auf aus euren Grbern, die ihr sie zugeschnitten habt jene rote Mtze,
welche jetzt am Horne des Mondes hngt, vor allen du, Rousseau! Wirf noch einmal
dein hei- und vollbltiges Herz ber den Erdkreis, da ihnen der Blutregen die
Augen fllt statt der vergossenen Trnen. Wenn ich oft knirschend am Boden
meines Zimmers liege, da richtet mich der Gedanke an jene metallenen, mit Blut
bespritzten Helden der Franzosenjugend auf, der Gedanke an den brllenden Danton
mit der Athletenfigur, dem von Pocken zerrissenen Gesichte, wie er einen Vulkan
des zertretenen Menschenrechts nach dem andern aus der wogenden Brust
herausschleudert; an den blitzenden Desmoulins mit dem garstigen schwarzen
Antlitz, der schnen Frau im Arm und die tdliche Gerechtigkeit auf der
sprudelnden Lippe; an den rigoristischen frommen heuchlerischen Narren
Robespierre und die Helden des Ultraismus Sankt Justs, welche die neue schne
Lehre von der Freiheit mit dem stockigen Gifte enthaltsamer Tugend versetzten -
wahrhaftig, Du hattest recht, als Du mir sagtest, alles andere Studium sei heut'
toter Kram, die franzsische Revolutionsgeschichte enthalte alle Fustapfen
unserer kommenden Jahre, man solle sie studieren, und den Deutschen endlich eine
schreiben, denn sie haben noch keine und nur die Henkerlisten davon, und dann
sollten sie die Schulbuben auswendig lernen. Valer, das war Dein grter Gedanke
- o rote Freiheitsmtze, wann sieht dich Europas bleiche Sonne wieder! Mein
krankes Auge drstet nach deinem Anblick. -
    Es ist gut, wenn man an jemand hngt, es ist eine Art Sttze. Wenn man auch
im Wasser ist und sieht nur von fern Land, so hofft man auch wieder. - Warum
bist Du nicht bei mir; wie ein verliebtes, schwindschtiges Mdchen schmacht'
ich nach Dir - selbst Hippolyt wre jetzt nicht fr mich, in einiger Zeit ja,
denn ich wei es, in einiger Zeit werd' ich sehr munter leben, wenn ich wissen
werde, wo ich die Million stehle, die ich in die Lfte und Spelunken streuen
will. Kronen und Millionen stiehlt man ungestraft, nur die kleinen Diebe hngt
man, nur die kleinen Snder beichten und ben. Alles kommt auf die Quantitt,
die Masse an - mit Millionen von Goldstcken, oder von Liebe, oder von Ehre,
oder Lust ist jedermann zu bestechen. Ich schwr' es, jedermann. O, will mich
niemand bestechen!?
    Um mich verrckt zu machen, fehlt weiter nichts als die Liebe - wenn ich
nicht so sehr liebte, wr' ich lngst verrckt. Es gibt keinen liebevolleren
Menschen als mich. Die winselnden Lyrika scheinen uns verlassen zu haben, und
das ist gut, ich halte sie nur fr eine bergangsstufe. Der Dichter soll und mu
ber der Empfindung stehen.
    Ach, und doch wren mir einige lyrische Gedichte notwendig und erleichternd,
wie Trnen. Ich habe beides nicht. Frag nicht nach dem Mdchen, denn ich hasse
es. Deine nchsten Briefe schicke frankiert. - Ade!

                          11. Hippolyt an Konstantin.


                                                       Grnschlo, den 20. Juni.

Mein gehaltreicher Sir John, was hr' ich fr Dinge von Euch, Ihr gebt Euch
einer wsten inneren Unordnung hin - was soll das? Befolge eiligst Valers Rat
und komm hieher, die Luft der Kuhstlle wird Dich heilen. Ein Mann wie Du wird
sich doch nicht den Grillen ergeben! Du siehst, ich habe mich auch hier
eingefunden, um meinen Geist zu sammeln vom wirren Stadtleben, und ihn
vorzubereiten auf grere Wirren, denen ich in Europas Hauptstdten
entgegengehen will. Das ist nmlich der Plan zu meinem neuen Epos: zur
Physiognomie jeder Hauptstadt will ich einen entsprechenden Krper schaffen,
dann will ich sie durcheinander werfen und Situationen erzeugen, und wer die
Zivilisation und die Schnheit heiratet, der ist der Held. Komm und beschreib
mir Berlin mit der langweiligen Regelmigkeit und der kurzweiligen
Soldatenspielerei - romantisch darf ich jene drre Stadt schwerlich anziehen,
dazu ist sie zu gesetzt, zu altklug, zu hegelisch; komm, hilf mir den grauen
Magisterrock zuschneiden. Und das Herkommen lohnt wirklich der Mhe: der Ort
liegt schn, der Graf ist gastfrei, der Ton fessellos, die Damen sind schn,
Stoff zur Gallenabsonderung, besonders fr Valer ist auch da: ein junger
adeliger Laffe, Graf Fips, kam nmlich mit mir an und krchzt den Liebhaber und
Aristokraten - was willst Du mehr? Du hast Dich wahrscheinlich gewundert, warum
ich die Stadt so schnell verlassen habe, der Du mich dort in schnen Fesseln
wutest. Hast Du Dich wirklich gewundert? Ei, Mylord, wie kennt Ihr mich
mangelhaft! Ich dulde keine Fessel, auch nicht die schnste. Wie denken wir doch
alle so verschieden ber die Liebe. Willst Du wissen wie? Hre! Du liebst den
Genu der Liebe, Leopold liebt die Weiber; Valer, der immer was Besonderes haben
mu, liebt die Liebe; William, der Narr, liebt die Gottheit in ihr, und weil er
ein christlicher Pedant ist, schwrt er zum Monotheismus und verdammt alles
andere - ich - ich liebe das Leben. Was mir nicht mehr am Leben ist, werfe ich
weg, gleichgltig darber, ob ich nach der Definition anderer morde. Ich kenne
darum auch nicht Valers Piett gegen das, was er geliebt, alles Tote ist fr
mich nicht da; ich kenne Leopolds Zrtlichkeit, berschwenglichkeit nicht, weil
ich nur Leben geben will fr Leben. Ich schwre keinem Mdchen Liebe, ich liebe
nur. Insofern nhere ich mich Dir zumeist, nur mit dem Unterschiede, da ich nie
mitsterbe, wenn meine zeitige Liebe stirbt, mit platten Worten, wenn eine
Liebschaft aus ist, wie es Dir Stmper begegnet. Dem William mit seinem armen
Glauben gleiche ich in nichts, als da ich meinen Monotheismus so sehr erweitert
habe, da die ganze Welt hineingeht, whrend er bei jenem nur zwei Schuh hoch
ist, gerade so hoch nmlich, da ein Mdchen hineingeht. Valer kann allerdings
recht haben, wenn er mich den Kriegsgott der Liebe, wenn er mich den
gefhrlichsten nennt, der wie der Samum entznde und tte. Wenn Du dies
Glaubensbekenntnis betrachtest, so knnen Dich meine letzten Ereignisse nicht
berraschen. Mein Akt mit der jungen Frstin, von der ich Dir neulich schrieb,
entspann sich folgendermaen. Ich trat im Theater in die Loge, wo sie sa, ohne
sie zu bemerken. Man gab Shakespeares Othello, die Desdemona war ein schnes,
liebes Weib, die Tragdie sa mit verschrnkten Armen in ihren Augenwinkeln, der
Reiz des Unglcks lchelte weinend um ihren Mund. Sie sah mir wie ein schnes
Opfer des Lebens aus, wie eine indische Witwe, die mit Wollust im Scheiterhaufen
verkohlen will. Fast unverwandt sah sie nach unserer Loge und, wie es schien,
auf mich. Pltzlich fiel mir ein, da ich sie schon gesehen. Auf einem einsamen
Wege kam ich neulich zur Stadt geritten, mein Pferd war scheu und unstet, es
ging sehr unruhig, ich lasse ihm die Zgel schieen, um seinen Drang nach
Freiheit zu stillen. Wie ein rasselndes Gewitter brauste es die Strae einher,
eine kleine Strecke vor mir seh' ich pltzlich ein Kind in den Weg
hereinspringen, eine Dame mit durchdringendem Geschrei ihm nach, sie will es von
der Strae reien, das Kind strubt sich, mein Pferd ist schon dicht vor ihnen.
War das Kind allein, so setzte ich darber hinweg, mein Rappe versteht das und
beschdigt niemand. Aber die Dame richtet sich auf, ich pariere mit aller Kraft,
die mir zu Gebote steht, das Pferd und setze es so fest in den Boden, da mich
der Sto ber den Kopf des Tieres schleudert. Ich stand neben der Dame, die mich
mit unbeschreiblich schmerzhaftem Ausdrucke in ihrem schnen Gesichte ansah, sie
war wieder halb zusammengekauert und drckte wie schtzend das kleine Mdchen in
ihren Scho. Ich hob das liebe Kind, welches sorglos lchelte, in die Hhe,
kte es und gab es der schnen Mutter in die Arme. Sie war auer sich vor
Bewegung, sah mich mit weiten Augen wie ein durstiger Himmel an, griff hastig
nach meiner Hand und bedeckte sie mit Kssen. Ich erwehrte mich dessen kaum -
das heie Wasser stand in ihren Augen; erregt stieg ich wieder auf mein Ro,
winkte ihr Lebewohl und flog davon. Dieselbe Dame - ich erkannte sie jetzt genau
- war die Desdemona.
    Ich sah unverwandt hin und bemerkte es nicht, da mich die Frstin
fortwhrend fixierte, da ihr Bruder, den ich einige Male an der Pharaobank und
in liederlichen Husern gefunden, mich zu begren versuchte. Als ich dessen
inne ward, fertigte ich ihn kurz ab und verwies ihn auf das schne Spiel der
schnen Schauspielerin. Seine Schwester winkte ihm, und nach dem ersten Akte
stellte er mich ihr vor. Ich war zerstreut und sprach wie eine Seite der
Abendzeitung in langweiligen Aphorismen, die Blicke immer auf den Vorhang
heftend. Sie fragte boshaft, ob ich so sehnschtig auf die Desdemona wartete.
Ich sah sie lange freundlich an und sagte lchelnd: Ja. Es zuckte etwas ber
ihr Gesicht, und sie wendete den Kopf hinweg. Jetzt erst fiel mir ein, da ich
doch wohl etwas unartig sei. - Das Profil der Frstin betrachtend, versank ich
aber doch wieder in ein behagliches Trumen. Sie ist blond und hat die schnste
weieste Haut, die ich je gesehen. Das Gesicht ist vornehm und edel, braune
Augenbrauen und lange gleichfarbige Wimpern beschatten ein dunkles verlangendes
blaues Auge, das in seiner heizonigen Art wunderlich heizonig absticht gegen
das Nrdliche, Unschuldsvolle des brigen Gesichts, dessen feine, fast
unmerklich aufgestutzte Nase keck und leichtsinnig aussieht. Der kleine Mund ist
zum Kssen herausfordernd mit seinen quellenden Lippen, der Krper ist voll und
ppig. Sie trug einen blausammtnen Reitrock, der am Busen geffnet war, und
unter weier Chemisette, dessen erster Knopf sich gelst hatte, zeigte sich eine
schneeweie, khn und gesund gewlbte Brust zum Teil ohne Hlle dem fragenden
Blicke. Ihre Gedanken schienen sich zu erhitzen, sie ward rot und die Brust ward
rascher. Pltzlich wendete sie sich zu mir und fragte mich, warum ich sie
unverwandten Blickes ansehe. Ich lachte und versicherte ihr, ich sei ein
Physiognomiker, der Charaktere studiere und bei den interessantesten natrlich
am lngsten verweile.
    Ich war zwischen ein doppeltes Leben eingedrngt. Desdemona kam wieder und
sendete mir befruchtende Lichtstrahlen, die Frstin erwrmte wie Maiensonne. Ich
habe lange nicht so viel gelebt als an jenem Abende. Der Frst kam dazu und
wollte meine Familie und ihren Stammbaum in Spanien kennen, er schwatzte viel
unntzes, genealogisches Zeug; ich versicherte ihm, da ich ein Bastard, von
einer armen Baskin geboren, und nur aus Mitleid angenommen und mit meinem
jetzigen Namen beschenkt sei. Er lchelte, meinte, ich sei ein schnurriger Kauz,
und ich solle ihm meine Aufwartung machen. Die Frstin warf dazwischen, ich
wrde wohl keine Zeit haben; der Frst fragte, womit ich mich beschftige. Ich
dichte, antwortete ich. Sonst - fuhr er fort - sonst, nahm ich seine Rede auf,
studier' ich die chinesische Geschichte, wegen der schwierigen Stammtafeln. Sie
sind Historiker? - Nur mit dem interessantesten Teile der Geschichte, mit der
Genealogie und Heraldik beschftige ich mich. Jetzt schien er's zu glauben, nur
die Frstin schttelte leicht das Kpfchen und lchelte. Ich wei alle guten
Familien von Nebukadnezar herunter - fuhr ich fort. Hatten denn die Alten auch
Wappen? - O ja, sie trugen sie an den Schwertknpfen und die Urvlker an den
Huptern, ber welche sie Tierhupter zogen. Was halten Sie von Shakespeare und
dem Othello? warf die Frstin dazwischen. Wenn ich eine Frau wre, entgegnete
ich, wrde mir die Desdemona nicht gefallen, weil sie der ausgeprgteste Typus
von weiblicher Ergebenheit ist, und ich hasse als Mann die Ergebenheit; sie ist
wie ein rhrendes Lied; man mu das Lied lieben, ich liebe aber auch gern den
Dichter des Liedes. Vom Dichten ist aber nichts an ihr, sie ist nur gedichtet,
sie ist durch und durch Passivum - sie ist nur Trne, darum ein reizendes Weib;
der Mann liebt aber den Schmerz mehr als die Trne. Sie ist zum Sterben, zum
Vergehen liebenswrdig, der Mann braucht aber weniger Todesmut als Lebensmut;
Sterben ist leichter als Leben. Aber sie ist so verfhrerisch weiblich
liebenswrdig, da man mit ihr sterben mchte, und dies ist ihr einziges
Unrecht. Ihr Vater, Shakespeare, aber ist ein braver Mann. - Ein wenig roh,
setzte der Frst hinzu. - Beefsteak, Durchlaucht, Beefsteak - und die Natur ist
nicht fr alle anstndig, der Herrgott hat die Etikette nicht erfunden. Der Mann
mit den Sternen auf der Brust schwatzte noch viel albernes Zeug, ich sagte ihm
noch dreimal, da er recht habe, dann schwieg ich, legte mich an den Pfeiler und
litt mit des Mohren Weib. Zwei Striche fr Jago, und er ist der strkste Engel.
Shakespeare htte den Raffael bertreffen knnen, der mit zwei Strichen Weinen
in Lachen verwandelte. Es ist die frchterlichste Potenz von menschlicher Kraft
in diesem Jago - Shakespeare mu ein starker Mensch gewesen sein, sonst htte er
nie einen Jago zeichnen knnen. Es ist die verzeihlichste Schwche, einen groen
Menschen anzubeten, ich verzeihe darum gern der Welt die Tndeleien mit dem
dogmatischen Christentume - wenn mich Shakespeare nicht umarmen wollte, so wrde
ich seine Fe kssen. O Gesundheit! du Seele der Welt, warum hast du die Poeten
verlassen? Ich danke der Geschichte nur fr zwei Bcher, die sie gerettet, fr
den gesunden Homer und den gesunden, strotzend gesunden Shakespeare.
    Alles war tot; ich verga das Fortgehen. Ich hoffe Sie mehr zu sprechen -
hrte ich neben mir und gewann kaum Zeit, der fortrauschenden Frstin mich zu
empfehlen. Die Nacht und den andern Tag hatte ich fr niemand Zeit. Shakespeare
war bei mir, ich hielt Tr und Fenster verschlossen. An Desdemona hatte ich viel
geschrieben. Am zweiten Morgen hatte ich die schnsten Antworten. So hatte ich
mir das reizende Weib gedacht, jede Zeile war Poesie, war Herzblut. Aber ein
resignierendes Opfergeschpf war sie und blieb sie wie Othellos Weib. Ihre Liebe
versprach eine grausame Wollust zu sein. Die Keime des Todes streckten ihre
Spitzen aus jedem Gedanken. Ich fhlte ein inniges Erbarmen mit ihr und konnte
sie nicht sehen, sie verlangte es auch nicht, aber wir schrieben uns fleiig.
Ihr Mdchen, das mir die Briefe brachte, hatte einmal auch das kleine liebe Kind
mit sich, ich spielte einen ganzen Vormittag im Sonnenscheine meines Zimmers mit
dem kleinen Dinge. Du bist wohl ein groer Herr, meine Mutter erzhlt mir, da
du mit der Prinzessin sprichst, lallte das kleine harmlose Geschpf und
erinnerte mich zu ihrer Mutter Nachteil, da ich noch nicht bei der Frstin
gewesen.
    Ich fuhr hin, das schne Weib tat anfnglich stolz, sie war verletzt durch
meine Nichtachtung, Ungezogenheit. Sie ist klug und sehr unterrichtet. Wir
sprachen ber unsere Literatur. Das Gesprch wurde warm, ja, es ward ppig, als
wir auf Goethes Elegien kamen. Es berraschte mich uerst angenehm, ein Weib so
ganz ohne Prderie zu finden; sie sprach keck wie eine Griechin von ihrem
Entzcken ber die Darstellung jener italischen Szenen. - -
    Eben empfange ich Deinen Brief, erlaube, da ich ihn erst lese, ehe ich
weiter schreibe.

                          12. Konstantin an Hippolyt.


Frag doch einmal den Valerius, welche Bewandtnis es mit seinem letzten Billett
habe, das mir aus einem bedeutenden Gesandtschaftshotel zugeschickt worden ist
und in dessen Begleitung ich eine zierliche Einladungskarte in jenes Hotel
erhielt. Ich war eben mit einer Auktion meiner letzten reputierlichen Kleider
beschftigt, der gallonierte Bediente nahm sich schnurrig unter meinen Juden
aus. Es war der letzte Tag meiner uerlichen Anstndigkeit, im himmelhohen
Dachstbchen meiner jetzigen Hhe soll der geputzte Lakai mich schwerlich
wiederfinden. Ich sehe hoch herab auf den steifen Berliner Jammer.
    Tut mir nur den Gefallen, in Euren etwaigen Novellen keine miserablen Kerls
mit prchtigen Ansichten auszustaffieren, sondern die Gestalten mglichst
bedeutend zu machen - etwa von meiner Figur. Diese genialen Kerls, die blo
deshalb unglcklich sind, weil ihnen eine betrchtliche Dosis Menschenverstand
fehlt und weil sie auf der Welt nicht wie auf dem Dudelsacke spielen knnen,
sind mir im hchsten Grade zuwider. - Ich gebe mir alle ersinnliche Mhe, um
glcklich zu sein, wenn ich frh mit der Morgensonne die tote Stadt betrachte
und den lustigen Rauch aus den Schornsteinen steigen sehe, da will mich oft eine
Trne beschleichen und eine wimmernde Elegie zerbrckelt sich auf der Zunge,
aber ich jage das dumme Zeug fort und nehme meinen alten Moniteur von 1793 zur
Hand und lese ihn mit starker Stimme in die Morgenluft hinaus. Da kommt mir bald
der Zorn gegen die jmmerliche Welt, die ihren Geburtstag vergessen hat, und
wenn der Zorn erst kommt, da ist alles gut. Nach der Liebe ist er die edelste
Leidenschaft. Ich gehe oft einen ganzen Tag lang zrnend auf meiner kleinen
Stube hin und her; denn der einzige Rest meiner Zivilisation, der mir geblieben,
mein Mantel von Marengo, der mich Tag und Nacht schtzt, erlaubt mir nicht, am
Tage auszugehen. - Die Zukunft kmmert mich nicht; wren wir nicht alle
zukunftskrank, so wrden wir eine strkere Gegenwart haben. Mache Dir alles
Angenehme recht anschaulich und betrachte das Unangenehme als ein notwendiges
bel - htte ich nicht fr mich selbst diese Registratur der notwendigen bel
errichtet, beschftigte ich mich nicht mit allem Unangenehmen, bis es mir
wenigstens interessant und fr eine Novelle brauchbar erscheint, ich wrde
wahrlich nicht so guten Mutes sein. Ich lache doch alle Wochen wenigstens
einmal. Auch les' ich jetzt fleiig in der Bibel; ich will doch mit Vernunft
ber den Unsinn rsonieren, nach achtzehnhundert Jahren noch immer ungestrt von
einem Buch sich gngeln zu lassen, das unwissende Schler einem groen Meister
nachlallten. Die Menschenrechte daneben geben die Glossen dazu.
    Die weibliche Nachbarschaft mit ihren Gewissensfragen in Grnschlo
amsieret mich sehr. Die Weiber sind noch heute wie die Helden in den alten
Novellen, die sich beim ersten Begegnen ihre Lebensgeschichten abfragen. Macht
Ihr noch keine Sonette? Diese Dichtungsart ist ja wie fr Eure Lage erfunden.
Man mu beim Sonett nur immer die Form in grter Vollkommenheit voraussetzen
und so wie die Frbung beim Gemlde, der Stein bei der Bildsule Bestandteile
der Schnheit sein knnen, wenn auch der Gedanke die Hauptsache bleibt, so ist's
auch beim Sonett. Das uerlich Glnzende verteidigt niemand weniger als ich,
aber beim Sonett darf's nicht blo dieses sein: den ueren Glanz mu eben die
innere Harmonie geben. William sagt gut: Es ist eine Sulenordnung, wo jede
Sule zur andern und alle zum Ganzen in schner Beziehung, klarem Verhltnis
stehen mssen. Man mache hie und da, wenn es eben recht aufgerumt im Kopfe
ist, ein Sonett und sende es der Liebsten. - Das Sonett ist ein Weib, dies wird
sich dessen freuen, es ist ihr ein Spiegel eigener schner Zusammenstimmung,
wenn das Weib anders eben Musik in sich hat. Ein Dichter, der nur Sonette macht,
ist ein weibischer Mann aus unserer Teetassenzeit. Sonette knnen schon wegen
der Schwierigkeiten nichts als der Schaum unserer inneren Wogen sein, das
Eigentliche liegt auf dem Grunde, und wenn es heraufkommt, so ist es das
Einfache, der Urvers, der sich in der poetischen Prosa oder dem klaren Jambus
ausspricht.
    Da ich nicht ins Theater gehen kann, tut mir leid. Bei dieser schalen
mageren Welt seh' ich gern die phantastische Ttigkeit des Traums. Was mir
Valerius einst ber Nationalitt als Hebel der - namentlich der dramatischen
Poesie sagte, stimmte mit meinen Ansichten berein. Ich glaube aber, da alle
Nationalitt nach und nach verschwinden wird und da dies ganz notwendig im
Gange der Weltgeschichte liegt. Ich glaube nmlich an eine dereinstige
Universalrepublik so fest wie an meine Fhigkeit, ein Glas an den Mund zu
fhren. Es wird und mu sich eine neue Zeit bilden, wir leben freilich in
keiner, sondern in dem Zwischenraume auf der Brcke zweier Zeiten.
Individualitten, plastische Figuren, mit einem Worte, Helden verschwinden, und
an die Stelle der Helden tritt die Meinung. Wir bereiten den Stoff zu einer
neuen ra der Poesie, welcher der voreilende Jean Paul teilweise schon angehrt.
In dieser neuen Weise knnen wir noch nicht schreiten, weil sie erst die Hlfte
ihres Krpers aus dem Mutterleibe der kreisenden Weltgeschichte hervorstreckt;
die alte Weise kann uns aber nicht mehr gengen, eben weil die Ahnung der neuen
schon in uns vorhanden ist. Daher finden wir von allen Arten der Poesie die
meiste Befriedigung in der Musik, weil sie der Ausdruck halbbewuter Gefhle
ist. - Nenne dies Fieberphantasie eines tauben Musikers.

    Dieser Schuft von Diener aus der Gesandtschaft hat eine Sprnase wie ein
Jagdhund und mich wirklich ausgeschnffelt - keuchend kam er eben auf meiner
Hhe an, und brachte mir die verbindlichste und dringendste Einladung. Man habe
mir vielerlei mitzuteilen. Mantel, schtze mich vor Blen! Menschenrecht,
wahre meine Freiheit - in dies dumme Zeug hat mich Valers besorgliche
Gutmtigkeit wahrscheinlich gestrzt. Bitte ihn doch, da er die Leute
unterrichten lt, ich sei ein Taugenichts. Dann lassen sie mich hoffentlich in
Ruhe. Ich rusperte mich und hielt dem Diener eine jakobinische Standrede.
Erstens bedeutete ich ihm, da mein Name Mller, einfach Mller, Stadtmusikus
Mller sei, mein Vater heie von Mller, ich aber nicht - das von sei berhaupt
nicht mehr Mode, und die Mode sei die Hauptsache. Zweitens pate mein ueres
und Inneres nicht in ein Gesandtschaftshotel, drittens gehrte ich zu den
Sansculotten, viertens wrde ich ihm den Hals brechen, wenn er sich noch einmal
bei mir sehen lasse. -
    Ich hoffe, er hat genug.
    Gestern habe ich in der Zeitung gelesen, da meine gute Schwester gestorben
ist, es war, als ob eine alte Saite in mir sprnge, es schwirrte eine ganze
Weile. Ach, Sterben ist keine Kunst; - nur weil die Leute das nicht wissen,
erschrecken sie so unmig vor der franzsischen Schreckenszeit. -
    Ade - freue Dich, denn dies ist der Punkt, um den sich alle Sonnen und Monde
drehen - Epikureer ist auch der Stoiker, denn was anderes als Freude in sich
will er durch Stoizismus gewinnen? Um zum Vergngen zu kommen, sei mig, nur
nicht in der Liebe zu mir; ich denke Dir mit Wucher zu zahlen.

                          13. Hippolyt an Konstantin.


Lieber Freund, Valerius, der eben zu mir kommt und mir den hnlichen Brief von
Dir mitteilt, ist mit mir gleicher Meinung: das mu anders mit Dir werden.
Beiliegende Summe wirst Du zu Deiner Akklimatisierung anwenden, oder es trifft
Dich das Anathem der Botier. Sobald Du Dir einen Frack gekauft, folge jener
Einladung; nach allem was ich gehrt, findest Du ein reizendes Mdchen.
    Jetzt hre zu, ich erzhle weiter. Die Frstin bedauerte, da Goethe nicht
auch dergleichen Szenen aus reicheren, vornehmeren Umgebungen geschrieben, die
Weiber seien zu sehr Landschaft, ich solle ihr Elegien schreiben, wo die Frauen
mitsprchen. Jenes Behagliche, Reiche - entgegnete ich ihr - was sie vermisse,
ersetze der Schauplatz Italien, aber es sei allerdings rgerlich, da unsere
brigen Poeten noch immer so wenig Courage htten, dergleichen zu schreiben.
Einmal, sagte ich, liegt es an unserer brgerlichen Einrichtung, die in so
vielfache kleine brgerliche Fcher abgeteilt und durch Mauern und Hecken
abgetrennt ist, die so sehr der Freiheit ermangelt, da die meisten Menschen
nach dem Rechenbuche leben mssen, in die nassen Felder hinausrennen, um sich
Luft zu machen, da empfngt sie unser schlechtes Klima, und sie holen sich den
Schnupfen. Zweitens werden den meisten jene Fcher ins Herz hinein erzogen, sie
prallen vor jeder papiernen Wand zurck, weil ihnen das leidige Herkommen zum
unerschtterlichen Naturgesetz geworden ist. Sie zweifeln eher an der
Richtigkeit und Gesundheit ihrer Gefhle, als an der der Verhltnisse. Der ist
schon ein brgerlicher Held, der als Kanzlist der Tochter oder Schwester des
Regierungsrates seine Liebe anzubieten wagt. Drittens sind unsere allgemeinen
politischen Verhltnisse noch immer die der Herren und Sklaven, und der groen
Masse von Sklaven fehle es an Mut zu lieben, wenigstens an Mut, Gegenliebe zu
verlangen.
    Das sind wunderliche Dinge - entgegnete die Frstin - ich glaube aber
nicht, da Sie zu den Sklaven gehren. - Dabei reichte sie mir die schnste
Hand, welche ich je gesehen, zum Kusse. Ich kte sie ihr lachend mit warmen
Lippen, und da sie mit dem Zurckziehen nicht eilte, so eilte ich nicht mit dem
Zurcklassen. Ich sprach noch viel mit erhhter Wrme ber Poesie und Weiber.
Meine Dame ward auch bewegter, zog einmal ihre Hand weg, nannte meine Theorien
mnnerfrech, lie mich spter die Fingerspitzen wieder ergreifen, schwieg lange,
sah mich forschend, durchdringend an, stand dann pltzlich auf, strich mir wie
Adelheid in Goethes Gtz dem Franz ber das Gesicht und erlaubte mir, den andern
Tag wiederzukommen und ihr Gedichte mitzubringen.
    Ich war in einer Art Sinnlichkeitsrausch. Wenn Du Dich darber wunderst, so
hab' ich Dir nicht genug von der Schnheit des Weibes, nicht genug von dem stolz
einhergehenden und doch von Bewegung immer in die Knie sinkenden Trotze ihres
Wesens gesagt, das unwiderstehlich reizte. Eine stolze Blume, die sich des
feuchten Taus nicht erwehren kann, der ihre Bltter, die Augenlider, erweicht
und das Haupt beugt. Rechne dazu die reizendste, reichste Umgebung, welche der
trgsten Phantasie schwellende Polster unterschob. Glaube ja nicht, da die
ueren Umstnde ohne groen Einflu seien. Wer unter den gewhnlichen engen
brgerlichen Verhltnissen, wo das Philisterhafte der Frau Mutter oder Frau
Muhme mit beobachtet sein will, frei, mild, stark lieben will, mu einen viel
greren Grad von Freiheit und Strke entwickeln, als wer eine Frstin in
goldenen Zimmern findet, wo auch die leiseste Strung scheu nicht in die Nhe zu
treten wagt. Nur die sentimentale, eine Jugendliebe, die Raserei der Liebe
wchst unter erschwerenden Umgebungen - die Romanschreiber, die den Satz berall
gelten lassen, verstehen nichts davon. Wie kme jeder arme Novellist in seiner
kleinen Brgerstadt mit seinen paar Papiertalern Honorar in Kreise, wo die
Spirallinien des Wunsches in weiten freien Bogen springen! Da so wenige von den
uerlich Begnstigten Romane schreiben, da diese freieste schnste
Dichtungsart so fast lediglich den armen Teufeln berlassen ist, bringt soviel
Jmmerlichkeit, zusammengeschnrte Herzen in unsere Poesie. - Es ist ein ander
Ding, da die Liebe durch Hindernisse wachse - wer mchte das leugnen, aber der
Feind mu des Kampfes wert, der Feind mu gewaltig die hheren Ttigkeiten
aufregend sein, - wer und was ist denn aber der gewhnliche Feind Eurer
Liebschaften? Ein kleines Kastenherz, das die lebendigsten Pulsschlge als zu
khn und illegitim frchtet, jmmerliche Furcht vor einigen herkmmlichen
Rcksichten, die nicht erlaubt glcklich zu sein, weil's tausend andere Hasen
nicht gewesen sind, altes Weibergeschwtz, der sogenannte Ruf, d.h. das
Klatschthema aller mittelmigen Menschen. Solch ein Feind strkt nicht, aber er
lhmt. Man kmpft gegen einen ausgestopften Wanst, in welchem das Schwert
stecken bleibt, was den Arm ermdet, das mutige Herz aber mit Ekel erfllt.
    Ich erinnere mich eines Universittsbekannten, der den Umgang mit einem
liebenswrdigen Mdchen aus lauter brgerlicher Verzweiflung aufgab; sowie er
bei ihr sa, kam die Frau Muhme und die Frau Base und die Frau Nachbarin, und
wenn er die losgeworden war, der Herr Gevatter und der Herr Bruder
Handschuhmacher und der Papa und die ltere unversorgte Schwester und sprachen
von den Stunden der Andacht, von den schlechten Zeiten, von der
Sittenverderbtheit und noch einmal von schlechten Zeiten, da der Mensch immer
zum Tode abgemattet von seinem Liebchen kam und ein Ende machte, um nicht vor
rger, Langerweile, unbefriedigtem Sehnen, verplatteter Empfindung aufgerieben
zu werden.
    Der Gegensatz von all den Dingen zeitigte allerdings wie klarer Sonnenschein
meine Neigung zur Frstin. Ihr sogenannter Gemahl zhlte gar nicht; einmal
gehorchte er seiner Frau unbedingt und war ein klglicher Pantoffelritter,
zweitens war er ein abgestumpfter Mensch, der ein ordinrliederliches Leben
gefhrt hatte; ferner beschftigte ihn eine kindische Eitelkeit mit soviel
andern Gegenstnden, da er keine Zeit und keinen Zugang fr den Gedanken hatte,
seiner Frau knne ein anderer Mann gefallen, endlich war er meist verreist.
Whrend ich bei seiner Frau sa, lie er sein nobles Pharospiel bewundern, seine
schnen Pferde preisen, sein vielwisserisches fades Gesprch geistreich
schelten. Der Bruder der Frstin war sein Geno und strte uns ebensowenig. Aber
des Frsten Bruder war ein krftiger Feind, denn er liebte seine Schwgerin mit
Leidenschaft. Doch davon spter. Ich wollte Dir nur dartun, wie das Behagliche
aller Umgebungen mich hineinlockte in das Zauberschlo zur schnen Fee, wie ich
so lange einen Engel gleich Desdemona ihr nachsetzen konnte.
    Sie hatte mich das erstemal in einem groen Gesellschaftszimmer empfangen;
als ich den andern Tag wiederkam, fand ich sie in einem kleinen lauschigen
Gemache. Schwere grnseidene Gardinen mit glnzenden Goldtroddeln verhllten
zwei hohe Fenster, der Fuboden war ein bunter Blumenteppich, an der einen Wand
hingen zwei groe lgemlde, Joseph, eh' er zu dem einfltigen Entschlusse
kommt, sich der Potiphara zu entreien, und Leda, als sie brnstig ihren Schwan
kt; an der Wand gegenber stand ein rotseidener Diwan, ber welchem ein
vortrefflicher Kupferstich hing, Jupiter darstellend, wie er in goldenen
Regenstrahlen zur Dana kommt. Das Zimmer war sonst fast leer, ein breiter
Spiegel strahlte den Diwan zurck und umarmte strahlend den keuschen Israeliten
und die begehrliche Leda, ein reicher kleiner Tisch mit Erfrischungen bedeckt
stand neben dem Sofa. Es war die leichte heitere griechische Freiheit, die ber
das ganze Zimmer gegossen war; ich hasse nichts so, als die mit Herrlichkeiten
berladenen Gemcher, wo man bei jedem Schritt befrchten mu, etwas zu
zertreten.
    Die Frstin stand vor dem Spiegel und rollte eine Locke an den Fingern auf.
Ich habe nie etwas Schneres gesehen als dies Weib in jenem Augenblicke an jenem
Abende. Sie trug einen leicht seidenen weien Rock, hoch geschrzt mit einem
Florberwurf, nach Art der sarmatischen berkleider geschnitten. Beide waren
natrlich vorn offen und schlugen sich, wenn sie ging, zurck, so da man das
weie Unterkleid und die sich rund hervordrngenden Umrisse des Schenkels und
Beines sah. Schultern, Hals und Arme waren frei, die kurzen herunterhngenden
polnischen Florrmel fielen zurck wenn, sie den Arm hob. Titian hat nie ein
schneres Fleisch gemalt. Sie war ungeschnrt, und der volle Busen drngte die
schwache Seide wie ein volles Herz die kleinen gesellschaftlichen Rcksichten.
Ihr reiches blondes Haar fiel in reichen Locken um das Haupt. Der gewhnliche
scharfe Ernst ihrer Zge war gemildert, und sie ging anfnglich in launigen
Gesprchen wohl eine Viertelstunde lang im Zimmer auf und ab. Es mochte wohl
Eitelkeit sein, ihre in Schnheitslinien sich schaukelnde Figur zu zeigen. Aber
ich liebe diese Eitelkeit, und die stets sitzenden Frauen kommen mir wie fette
Trkinnen vor, die mich nie reizen knnten. Das freieste Wort, die freieste
Sprache des Krpers ist der Gang. Diese vornehme Keckheit, mit der sie ihre
Reize offenen Auges, offener Stirn auftreten lt, erfreut und strkt meine
Sinne. Es ist eine khne Gesundheit darin. Jenes verdeckte, versteckte
Kokettieren mit nackten Eckchen und Zipfelchen ist der bare Gegensatz davon und
mir in der Seele zuwider. Parallel damit geht auch die krankhafte Beschreibung
solcher hysterischen Schnheiten, wie sie in den sogenannten schlpferigen
Romanen zu finden. Beides schwcht die Sinne. Die Natur in ihrer ungeschminkten
Schnheit, in ihrer Nacktheit ist immer edel und schn, ihre Verknstelung ist
krankhaft. Weil der Novellist nicht den Mut hat, die unverhllte Form zu zeigen,
so hat er auch nicht den Mut, sie zu bewundern, und er gibt Dekokte fr die bare
Schnheit. Darin besteht ja die Flle von Vollkommenheit in der Poesie, da ihr
alle Knste zu Gebote stehen, und wer die plastische verdirbt und einen
lcherigen Mantel ber die nackte Statue wirft, bestiehlt den Roman. Was gbe
ich darum, schrieben unsere Bildhauer Novellen, das knnte eine strkende Kur
werden; was gbe ich darum, lebten noch zwei Heinse, die einfachen Homopathen
der Beschreibung. Das ist es, worin ich ganz mit Valer bereinstimme, nur, da
er mit grerer Vorliebe den weichen Formen des Praxiteles nachgeht, ich die
dreisten Linien des Phidias vorziehe. William hat gar kein Verstndnis dafr,
und ich frchte, der kleine Provenzale nimmt mehr das Lsterne heraus, was ich
ganz verwerfe, weil es entnervt.
    Die Frstin sprach von den Mnnern; ich mute ihr von Weibern erzhlen. Sie
hatte viele von unseren einbalsamierten Herren kennen gelernt, deren Gestalt nur
hier herumluft und deren Geist in Erziehung, Liederlichkeit oder Furcht
verflchtigt ist. Wenn das Gegenteilige ihr begegnet war, so hatte es aus jener
materiellen, rohen, ich mchte sagen, bestialischen Soldatenkraft bestanden, die
schon seit vielen Jahrhunderten unsere hher gestellten Stnde fr ein Axiom der
Bildung ansehen. Es ist diese Barbarei ein Kindlein des Mittelalters und
eigentlich ein diplomatischer Streich des Adels. Als das Rittertum verschwand,
pachteten sie die vornehme Soldaterei und Jagd; sie ahnten etwas vom
Kriegerstande der gyptier und Inder und wollten die herrschende Partei, welche
mit des Schwertes Kraft das Land erobert hat, fortspielen. Unterdes ist die Welt
mit ihrer Zivilisation weit ber jene behelmten Hupter hinausgewachsen, darum
sehen wir jetzt unter den sogenannten hheren Stnden eine solche Menge
barbarischer Fratzen mit lcherlichen Schnurrbrten von einem Ohr bis zum
andern, die noch immer der ernstlichen Meinung sind, sie htten das Privilegium
der Courage. Gemtern, die alle zivilisierten Anlagen zum Herrschen besitzen,
also ein Wort aus Erfahrung darber reden knnen, mu dieser Vandalismus
greulich sein. Das klagte die Frstin, und es beschlich sie, nachdem die Schrfe
des Wortes lange genug gemht hatte, eine leise Wehmut, die ihr sonst gar nicht
eigen, darum aber doppelt verfhrerisch an ihr war. Mnnersehnsucht,
Mnnertrauer, Trnen nach Mnnern sind die schrfsten Waffen eines stolzen
Weibes. Sie erobert, indem sie um Gnade bittet. Ich fhlte die reiche Armut des
einsamen, hochgestellten Weibes, ich fhlte meine Kraft sie zu halten und zu
beglcken. Arme reiche Frau - sprach ich, blieb vor ihr stehen, fate ihre
beiden Hnde, fhrte sie an meine Lippen und sah ihr drngend tief in die Augen
hinein. Sie legte ihre Arme auf meine Schultern und gab mir die Blicke feucht
und redlich zurck. Aber es war, als kmen sie aus einer weiten, fernen
Dmmerung, als wren sie Trume von reizenden Sternbildern; sie schauten wie aus
den Wogen tiefer Gedanken, sie sahen trumerisch, aber unendlich glcklich aus,
diese Blicke. Es war, als bckte sich die Seele des hohen Weibes tief vor ihnen.
Die starren Krfte des kalten schnen Gesichts waren gebrochen, die Zge sanken
in die Knie zu zauberhafter Milde, wehmtiger Freundlichkeit. Venus stieg aus
dem Meeresschaum, und die schumenden Wellen fielen pltschernd von ihr, und sie
ward ganz das warme Weib. Lange sahen wir uns so in die Augen, nher und nher
sie aneinander drngend. Keines sprach. Wenn sich die Seele unter Schmerz und
Lust und Trnen nackt an den Tag drngt, da staucht und hemmt sie erst das
vorlaute Wort, die dreiste Kehle, wie man ein Wehr hemmt, wenn man die Tiefe des
Wassers trocken und nackt sehen will. Endlich lispelte die Frstin leise, so
leise, da es nur mit Mhe mein innerster Mensch erlauschte: Du bist ein Mann,
und ich fhlte einen brennend heien Ku auf meinem Munde. Sie schlug die
schnen Arme um mich, ich hob sie dicht zu mir und hielt sie, die halb
schwebende, die ihre brennende Wange an mein Auge drckte und so eine Minute in
meiner Umarmung verweilte. Dann hob sie den Kopf, drckte mein Gesicht in ihre
Hnde und kte mich einige Male heftig, machte sich halb los von mir, warf
Haupt und Locken in den Nacken zurck und mich mit halbgeschlossenen Augen
betrachtend lchelte sie und nickte leise mit dem Kopfe. Komm, Mann, sprach
sie, legte den Arm auf meine Schultern und ging mit mir einige Male im Zimmer
auf und ab, hie und da blieben wir stehen und kten uns inbrnstig, und meine
passive, mir so ungewohnte Rolle von mir werfend, drckte ich die vollen
straffen Glieder des schnen Weibes an mich und schleuderte die lodernden Funken
der Sinnlichkeit verschwenderisch um uns herum, umschlang sie wie ein Lwe sein
Weib, berlie mich ganz der heiteren Kraft meines Wesens, und kte sie, bis
sie weich und erschpft in meinen Armen zusammenbrach, da hob ich sie, einen Arm
um ihren Leib schlagend, die Hand an ihren Busen drngend, an meine Seite und
ging, sie halb tragend, mit ihr durchs Zimmer. Vor dem Spiegel blieb ich stehen
und zeigte ihr unser Bild. Sie wollte den Stolz ihres Wesens aufrichten, aber es
gelang ihr nicht, sie lie das Haupt nach vornhin gebeugt sinken und sah mit
einem lchelnd naiven Ausdrucke, dessen ich sie gar nicht fhig gehalten htte,
auf unsere Gruppe im Spiegel. - -
    Die Stunden waren geflogen, wir saen auf dem Diwan und ich mute ihr
Liebesgeschichten erzhlen. Sie meinte, eiferschtig sei sie nicht auf die
Vergangenheit. Dennoch konnte ich keine Geschichte zu Ende bringen, ohne da sie
mich da, wo sie anfing interessant zu werden, auf den Mund schlug,
stillschweigen hie, aufstand, einen Gang durchs Zimmer machte, dann vor mir
stehen blieb, zausend in meine Haare griff und halb zornig, halb lachend sagte:
Du httest wohl auf mich warten knnen mit Deinem Lieben, dreister Mensch. Ich
lachte und zog sie an meine Brust, und drckte die Hand in ihren Busen, um den
Pulsschlag ihres Herzens zu fhlen, und als ich ihr sagte, sie htte ja kein
Herz, da schlug sie mich ins Gesicht und ging hinweg. Ich sprang ihr nach -
still, sagte sie - Du mut jetzt fort, es wird zu spt, meine Dienerschaft
kmmert mich zwar nicht; aber es reizt mich, nichts vor dem besorgten
Brgerweibe voraus zu haben - man soll Dich fortgehen sehen. Dieser Schlssel -
sie nahm ihn von jenem kleinen Tische am Diwan - schliet die westliche
Gartenpforte, ich habe ihn selbst heut mittag fr Dich abgezogen, Du Schuft; in
einer Stunde kannst Du zurckkehren. Schwing Dich auf den niedrigen Balkon an
der Ostseite des Hauses, die mittlere Flgeltre findest Du offen, geh dann
durch die nchsten drei Gemcher bis in das Bibliothekzimmer, dort erwarte mich.
Adieu, Mann meiner Liebe! - - -
    Das Palais liegt, wie Du weit, halb im Freien; ich wollte in frischer Luft
und Nacht die Stunde verbringen und schlenderte auf die Promenade und auf die
Wege, die zu den umliegenden Grten fhren. Aus einem etwas seitab liegenden
Gartenhause hr' ich Musik, eine Singstimme zum Klavier, und zwar Juliens Arie
aus der Vestalin, die ich liebe. Ich gehe hinan, und aus einem hohen
Parterrezimmer klingt die schne volle Frauenstimme. Ein Gartenschemel, der in
der Nhe steht, soll mir die Aussicht ins Zimmer gewhren, er wird unters
Fenster getragen, ich steige hinauf und sehe eine Dame im schwarzseidenen
berrocke, mir den Rcken zukehrend, am Klavier sitzen. Die Arie ist zu Ende,
sie lt die Hnde in den Scho, den Kopf nach vorn niedersinken. Ich rege mich
nicht. Sie hebt eine Hand und fhrt leise mit ihr auf den Tasten herum. Dabei
bewegt sie den Kopf ein wenig nach der Seite, ich sehe das Profil, es ist -
Desdemona. Guten Abend, Desdemona! - Sie fhrt auf, sieht, erkennt mich,
springt ans Fenster, greift nach meiner Hand, bedeckt sie mit Kssen und
spricht: Mein liebster Hippolyt. Sie fragt nach nichts, sie schilt nicht, sie
giet nur ihre Seele aus dem Auge in das meine; wir schwatzen kosend wie zwei
Vgel, die auf zwei sten sitzen, da schlgt es elf. Einen Ku, Desdemona, ich
gehe. Und das liebe Weib biegt sich weit heraus und bietet mir ihr Auge hin.
Gut' Nacht, Hippolyt, sagt sie - Gut' Nacht, Desdemona, und die Vglein
flattern voneinander.
    In wenig Minuten war ich an der Gartentr, auf dem Balkon, im
Bibliothekzimmer, ich suchte mir Heinses Ardinghello, streckte mich aufs Sofa,
und las beim Schein der Astrallampen, die den weiten Raum erhellten.
    Wie amsieren mich Eure langen Gesichter, wenn Ihr von dieser Impiett hrt,
wie man in voller Glut von einem Weibe zum andern laufen, jetzt diese, eine
Viertelstunde spter jene umarmen knne. O Ihr armen Leute! Wie knnen die
Bettler den reichen Mann begreifen, der links und rechts ohne Not Gold spendet?
Ich habe Leben fr eine Million, komme Million und liebe mich! Wie sollt' ich
geizen? Euer gewhnlicher Don Juan ist ein liederlicher sinnlicher Wicht. Aber
weil Ihr einmal wit, da den der Teufel holt, so haltet Ihr jeden fr des
Teufels Beute, der nur zufllig ein hnliches Wams trgt wie Euer Opernheld
getragen. Ich wollt' es dem armen Teufel nicht raten, sich an mich zu wagen; der
Teufel ist der Tod, ich erdrcke ihn in der Flle meiner Lebenskraft. - Genug,
ich will zu Ende.
    Die schne Frstin war so leise eingetreten, da ich sie nicht bemerkt
hatte, ich phantasierte ber die Formenschnheit mit Ardinghello - wie eine
heie Sonne trat sie pltzlich vor mein Lampenlicht. Eine Million lebte eben in
mir, ich ri sie in ihrem weichen Nachtkleide zu mir nieder, ich erwrgte sie
fast. La mich einen Augenblick los - flehte sie. Als sie frei war, sprang sie
durch die Tr, ich ihr nach. Sie war verschwunden. Mitten im nchsten Zimmer sah
ich mich um, sie schlo eben sorglich die Tr, hinter deren Flgel sie sich
einen Augenblick versteckt hatte. Der Frst knnte zurckkehren, - sagte sie -
und es fllt ihm zuweilen, meinem Schwager aber oft ein, sich selbst ein Buch
suchen zu wollen. Wir gingen in ihr Schlafzimmer, es ist verfhrerisch wie ein
anakreontisches Gedicht. Eine nur angelehnte Tr fhrte zu einem Badezimmer; ich
kte einen Augenblick Abschied auf Mund und Busen meiner Konstantie, warf die
leichten Kleider von mir und trnkte meine durstigen Glieder mit der weichen
Welle. Es ist dies etwas, was Ihr Deutschen durchaus nicht lernen wollt, da das
viele Baden etwas Reizendes sei. Ihr rauhen Bren Germaniens, die Ihr vom
Urzustande doch brigens nichts als das rauhe Fell behalten habt, wo drei
Schlge auf einen Fleck fallen mssen, ehe Ihr einen fhlt, begreift's nicht.
Das deutsche Weib, ja selbst der deutsche Jngling weint sich windelweich, weint
sich aus, wenn er einen neuen Menschen anziehen will, der sdliche badet, und
erfrischt, geschmeidig, gelutert tritt er an die Luft, fr deren Balsam er
tausend neue Organe geffnet hat. Das Bad ist ein Hauptakt der krperlichen
Zivilisation; schon in Frankreich findest Du in jedem einfach eingerichteten
Hauswesen ein Badezimmer, in Deutschland keines in dem besteingerichteten. Ich
verlange nicht den Reichtum des Sdens darin, denn natrlich drngt dort das
Klima mehr dazu; ich verlange nur das Aneignen des reinigenden Elements. Die
ppigen Thermen der Griechen und Rmer bekunden heut' noch in ihren Trmmern,
welchen Wert man auf diese Sitte gelegt. Geist und Gemt entfalten sich
behaglicher in einem Leibe, der aus dem Bade steigt, eine reinere frischere
Sinnlichkeit hpft durch die erregten Adern - aus dem Meere hoben die Griechen
ihre Liebesgttin, die strahlende Aphrodite. Das Wasser ist ein geistigeres
Element als die Erde, man fhlt sich hher, edler, wenn man die Glieder aus den
Fluten hebt. Darum lob' ich die mehr und mehr berhandnehmenden Schwimmanstalten
in Deutschland. Die Polizei sollte an den Toren darauf sehen, da die
Einpassierenden erst in den Flu gingen, ehe sie in die Stadt kmen; statt die
im Zimmer verkmmernden deutschen Brger allsonntglich wie die Herde zum
nutzlosen Geschwtz eines Pfaffen zu schicken, wrd' ich sie ins Wasser jagen,
damit sie die trgen Flgel schtteln lernten wie die Vgel, die sich auch
baden, obwohl sie in reinerem Elemente verkehren als wir. Deutschland hat die
grndlichste sthetik ediert, und die sthetiker holen die Regeln aus dem
Bcherstaube und schreiben ungewaschen ber Schnheit. Es hat mir den Anblick
manches zrtlichen Liebespaares verleidet, wenn ich daran dachte, da beide vom
Baden nichts wten. Man soll den Krper pflegen wie die Frucht, deren Saft
unsere physischen und geistigen Teile strkt und nhrt. Deutschland geh' ins
Bad.

                                                          In der Mitte des Juli.

Das Papier ist gelb geworden; ich habe das Schreiben lang liegen lassen. Du
weit, da ich immer das knstliche Leben dem natrlichen nachsetze. Es gibt
aber hier viel zu leben. Davon will ich Dir spter erzhlen; erst rasch meine
Geschichte bis zur Ankunft auf Grnschlo beendigen. Wenn ich auch an den
Bildern mehrerer Jahre vorbergehe, Konstantie bleibt das schnste Weib, das ich
gesehen. Linie, Muskel, Form, Auge, Wort, Geist, Gefhl - alles ist straff an
ihr; sie ist der Gedanke eines Mannes, der weibliche Form gefunden. Es hat mich
nie ein Weib mit solcher Energie umarmt und geliebt als Konstantie in jener
Nacht. Ich liebe diese Kraft am Weibe ber alles; das Weiche, Vergehende,
Ergebene gewhrt mir zu wenig Widerstand. Ich gehe noch einen Schritt weiter als
Valerius, der ebenfalls Kraft und Strke des Weibes bevorzugt, ich liebe sogar
die Strenge der Form, des Geistes und des Gemts. Vielleicht sind solche Weiber
der bergang zur griechischen Knabenliebe. Als Konstantie des Morgens erwachte,
war nichts von jener Scham, welche der Tag so oft ber die Freuden solcher
Nchte giet, an ihr zu entdecken; sie umarmte mich beim Tageslichte so glhend,
wie sie beim Lampenschein getan. Ich mute den Tag ber in jenen Gemchern bis
zum Balkon bleiben, weil ich nicht leicht unbemerkt fortkommen konnte.
Konstantie war fr die Welt krank und speiste auf ihrem Zimmer. Wir lebten wie
goldene Vglein im Kfig. Als die zweite Nacht zu schwinden begann, verlie ich
sie erst - ein groer Trnentropfen der Wollust und des Schmerzes, der einzige,
den ich je in den stolzen sdlichen Augen gesehen, erweichte ihren Blick, als
sie an der letzten Tr von mir schied. Wir hatten verabredet, da ich ihre
Salons fleiig besuchen sollte. Wenn sie mich italienisch fragte: Wie leben die
Poeten? so war dies ein Zeichen, da mein Schlssel gefahrlos zu ihr fhrte.
    Daheim fand ich einen Brief Desdemonas, ein duftender Zweig aus einem
indischen Walde. Ich schrieb ihr innig zurck und ritt dann in das duftende Land
hinaus. Es hpfte ein karger Frhling ber die deutschen Felder, aber es war
doch ein grner Junge mit frischem Atem; ich verga die springende Jugend
Spaniens und ritt immer weiter und weiter. Erst nach mehreren Tagen kam ich
zurck. Wieder lag ein Stck Himmel Desdemonas auf meinem Tische, daneben eine
trockene Einladung zur Soiree beim Frsten. Ich ging hin, aller sogenannte Adel
der Stadt und Umgegend hatte sich geputzt eingefunden, sie machten alle
ernsthaft ihre Kapriolen und spielten ihre Puppenkomdie aufs beste, d.h. ohne
allen Geist. Wie sie sich gefreut haben mgen, als sie nach Haus gekommen sind,
jeder auf seine Weise, der eine, da er sich keines Schnitzers im
Franzsisch-Plappern erinnerte, der andere, da der Frst ihn auf die Schulter
geklopft und versichert habe, er sei noch ganz derselbe wie 1806, der dritte,
da er niemand auf die Fe getreten, auch nicht gefallen sei, die erste, da
sie das zweite Paar im Kotillon und was dies Geschmei der Zivilisation
dergleichen schwatzt. Der Adel als Begriff und Masse ist wirklich in heutiger
Zeit, wie Valerius sagt, ein Indianerstamm, dessen Farbe europisch geworden,
dessen Charakter aber wild geblieben ist. Die spteren Historiker werden unsern
Adel als naturhistorische Merkwrdigkeit auffhren.
    Die Frstin war so umlagert, da ich nicht zu ihr konnte. Aber wo wre ein
Mann so klug wie ein Weib. Beim Kontertanz stand sie pltzlich mit ihrem Tnzer
neben mir, und ich hatte es kaum gesehen, als ich auch schon die Frage nach den
Poeten beantworten mute. Sie tanzte mit ihrem Schwager. Er sah sehr ernsthaft
aus und ma mich mit stolzen Blicken. Meine lange Gestalt machte ihm viel zu
schaffen, er schien nicht einig zu werden ber das Ma und fing immer wieder von
neuem an. Da ich dort nichts belnehmen konnte, so lachte ich, das machte ihn
noch ernsthafter. Konstantie ignorierte mich - alles flsterte, sie sei nie so
schn gewesen. Ein Weib kann noch so schn sein, die Liebe macht sie doch erst
reizend.
    Die Nacht kam und ging, ich mit ihr. Dieselben Szenen wiederholten sich;
Konstantie, die frher nur auflodernd hei gegen mich war, wurde von Tag zu Tage
wrmer, der mnnliche Tau schien mehr und mehr von ihr abgestreift zu sein, das
Weib war durch und durch erweicht, sie ward mit Blicken und sanften, lind
schmeichelnden Worten freigebiger und unvorsichtiger gegen mich. Die Eifersucht
aber ist das Bild des alten Argus, sie sieht das meiste. Ihr Schwager ging wie
ein Tiger umher; das htte dem hypochondrischen deutschen Jnglinge die Freude
verdorben, die meine erhhte es. Die Poeten waren des Abends daran gewesen, ich
stand gegen Mitternacht auf dem Balkon. Als ich eintrat, fand ich Konstantien
nachdenklich, den Kopf auf den weien Arm gesttzt im Lehnstuhl sitzend. Sie
trug noch das himmelblaue Sammetkleid, womit sie im Salon gewesen, hatte nur
allen andern Kram von sich geworfen und die Fesseln des Kleides gelst. Ich
blieb in einiger Entfernung vor ihr stehen und betrachtete im Spiegel unser
eingerahmtes Bild, Du weit, wie ich das Schaffen von Bildern liebe. Wir
schwiegen beide. Endlich hub sie an: - Hast Du wohl verschlossen, Hippolyt?
Ich habe. - Mein Schwager sinnt ohne Zweifel Arges, und ich will lieber
sterben als dem Menschen die kleinste Rache gegen mich gelingen lassen. Dabei
stand sie auf, kam zu mir, legte die Arme und das Haupt an meine Brust und
sprach nichts mehr. Pltzlich ging sie und schlo auch die Tr ihres
Schlafgemachs, was sonst nicht geschah, da die Bibliothek von uns aus
verschlossen war, und von dieser Seite keine andere Tr zu uns fhrte. Ich
lachte und kte sie. Nach Verlauf einer halben Stunde schrak sie in meinem Arm
auf, hielt mir den Mund zu und lauschte. Es ist Gerusch in der Bibliothek -
man schlgt drben an die Tr. - Wir horchten beide - es war so. Auf,
Hippolyt! Ich schickte mich eiligst zur Abreise an und fragte lachend: Wo
hinaus? Sie fhrte mich hastig ins Badezimmer und deutete auf ein an der oberen
Wand in tiefer Nische angebrachtes rundes Fenster mit bunten Glsern. Kannst
Du? - fragte sie. Ich mu. - Ein Stuhl ward herbeigebracht, ich sprang an ihm
in die Hhe und klammerte mich in der Nische fest, wo ich zusammengekrmmt mit
entsetzlicher Mhe das Fenster aus seinen Angeln brach, denn es war nicht zum
ffnen eingerichtet. Ich reichte es Konstantien hinunter, sonst htte ich's beim
Hinunterspringen in den Hof mit hinabgerissen, da der Raum zu eng war. Was sie
damit gemacht hat, wei ich nicht, sie wollte nur mich entfernt haben, alles
brige aber ohne Mhe dann vertreten. Es strmt heftig, gab ich ihr noch als
Notiz in die Hand, sie warf mir den letzten Ku zu, ich sprang hinunter. Der
Sprung war ein miges Stockwerk hoch und fhrte in einen Seitenhof, wo
glcklicherweise statt der Steinplatten Rasen war. Es krachten alle Knochen in
den Gelenken, jedoch die Elastizitt meiner gesunden Glieder spottete der
Erschtterung. Das Gerusch hatte aber den groen Hund des Palastwchters
herbeigelockt, ich stand kaum auf den Beinen, so kam er brllend auf mich
eingesprungen, setzte an mir in die Hhe und schlug Schnauze und Rachen an meine
Brust. Ich hatte Eile, spannte all meine Muskeln, wrgte ihm den Hals zusammen,
da ihm der Atem benommen ward und stie seine Schnauze so heftig, als ich
konnte, an die Mauer. Das Ringen seiner Glieder hrte auf, schlaff streckten
sich die Pfoten, er war halb erdrosselt, das Blut scho aus dem Rachen. Da hrt'
ich das kommende Nahen des Wchters - ich mute fort, den Hund drckte ich auf
die Erde, lie ihn einen Augenblick los und trat ihn, der fast regungslos war,
den Fu mit dem ganzen Gewicht des Krpers auf den Kopf. Das Terrain kannte ich,
ber eine kleine Mauer springend, gelangte ich in den Garten und jagte unter den
Bumen hin nach meinem Pfrtchen. Doch konnte ich meine Neugier nicht bezwingen;
ich mute mich nach dem Balkon und dem Eingange, der zur Bibliothek fhrte,
umsehen. Die Tr war offen, man irrte mit Lichtern in den Zimmern umher - es
hatte das Ansehen, als suche man einen Spitzbuben. So war ich, mit dem Gesicht
nach dem Palais zugekehrt, in die Nhe des Pfrtchens gekommen, jetzt kehrte ich
mich nach diesem um und ward nicht wenig berrascht, als ich eine Gestalt vor
der Tr auf und ab gehen sah und hrte. Es war sehr dunkel, man konnte nichts
genau erkennen - Wer da? rief's - ich meinte Livreestreifen am Kragen des
Wchters zu sehen und wagte es auf gut Glck, die Stimme des Schwagers vom
Frsten, rauhe tiefe Batne, nachzuahmen, dem wachstehenden Manne zuzurufen:
Du kannst gehen - es ist vorbei, und mich wieder einige Schritte nach
rckwrts zu wenden, als kehrt' ich zum Palais zurck. Es glckte wirklich, der
Mensch murmelte etwas Unterwrfiges in den Bart, und fragte, ob er das Pfrtchen
schlieen solle. In diesem Augenblicke kamen Menschen vom Balkon her. - Nein,
herrschte ich ihm zu. Der Narr zgerte noch immer, ich mute fort und konnte
nicht an ihm vorber ohne erkannt zu werden, die Leute kamen direkt auf uns zu.
Pack Dich, gurgelte ich endlich nach dem Lstigen hin; er ging, ich kam
hinaus. Kaum drei Schritte entfernt, hrte ich den Ruf der richtigen Bastimme:
Andreas - aus der Ferne gibt der Diener Antwort und kommt zurckgeeilt. Ich
aber springe nun auf den Zehen eiligst von dannen, bis ich die Promenade
erreiche. Da schttle ich die Ereignisse von mir und schlendre auf einem weiten
Umwege nach meiner Wohnung. Es schlug eins. Eben wollte ich aus der Vorstadt in
die Hauptstrae, wo ich wohnte, einbiegen, als ein Mann aus dem Schatten einer
Haustr vorspringend mit blankem Degen mich anfllt. Ich springe rasch auf die
Seite, der mit aller Wucht des Krpers gefhrte Sto fhrt vorbei, und eh' der
Bewaffnete Zeit gewinnt, von neuem auszufallen, bin ich ihm am Leibe und drnge
meinen Arm in die neu ausgeholte Degenbewegung. Der Degen schneidet zwar in
meinen Arm, aber die Waffe ist doch zur Hlfte gelhmt, und mit aller Kraft
seinen Arm in die Hhe drngend, gelingt es mir, ihm den Degen durch einen
heftigen Sto bis ins eigene Gesicht zurckzuschlagen, und da er mit dem Kopfe
zurckfhrt, ihm selbigen in diesem Augenblicke seiner Bestrzung und rckwrts
gebeugten Haltung zu entringen. Bei diesem Ringen entfllt ihm der Mantel, ich
erkenne Konstantiens Schwager. Eine Berserkerwut kam ber mich, einen Augenblick
wollte ich ihm mit der eigenen Klinge den Wanst durchrennen. Er drngte sich
aber schnell genug an mich, als ob er sich solch eines Aktes versehe, und
verhinderte mich dadurch. Ich sprang einen Schritt zurck und hieb ihm die
schmale Klinge durchs Gesicht. Vielleicht war der Hieb ber ein Auge gegangen:
er taumelte rckwrts. Ich stie ihn mit der Faust vor die Brust, da er
klirrend und drhnend rcklings auf das Pflaster schlug. Den Degen bog ich
heftig gegen die Steine, da die Klinge sprang, das Gef mit dem Stumpf warf
ich weit in die Strae, und ging zurck hinaus in die Vorstadt, da ich die
Nachtwchter kommen hrte. Es war kein Wort gesprochen worden, im Dunkeln,
lautlos vergossen wir unser Blut. Ich war wieder jenseits der Promenade in die
Gartenstraen geraten, mein Arm erstarrte und schmerzte, ich hatte mir auswendig
ber den durchschnittenen rmel das Taschentuch festgebunden, um das Blut zu
hemmen. Desdemonas Haus war in der Nhe; ich sprang ber den niedrigen
Gartenzaun und klopfte an das Fenster ihres Schlafzimmers. Ich hatte damals
durch die offene Tr gesehen, da sie neben jenem Zimmer schlief, wo sie Klavier
spielte. Durch den Fensterladen hrte ich Gerusch. Um ihre Angst vor Dieben und
dergleichen zu verscheuchen, sprach ich meinen Namen durch die Ritzen hinein.
Ein leiser Schrei, und es ward geffnet. Desdemona war im bunten trkischen
Schlafrocke mit aufgelstem Haar. Sie hatte diesen Abend die Lady Macbeth
gespielt, noch erhitzt davon hatte sie keinen Schlaf gefunden, und im
Shakespeare und meinen Briefen gelesen. Sie legte ihre Hnde auf meine Arme und
fragte mild: Willst Du herein? Entsetzt fuhr sie zurck, sie hatte in das
kalte Blut gegriffen, das auf meinem rmel lag, und ich parodierte pathetisch
die Lady: All the parfums of Arabia shall not sweeten this little hand. -
Desdemona verging fast vor Schmerz ber mein Blut; ich mute eilen
hineinzusteigen, um sie zu beruhigen. Sie war aufgelst und weinte unaufhrlich.
Es war, als ob ein nchtlicher Sommerhimmel warm regne. Unglcklicher, was ist
dir geschehen? Mein Lachen trstete sie noch immer nicht. Ich ri mit einigem
Schmerz den Rock herunter, wir wuschen das Blut ab, und es zeigte sich zu meiner
Freude und ihrem Entsetzen eine tiefe lange Fleischwunde. Ich beruhigte sie mit
Mhe, da das gar nichts zu sagen habe und nichts als eine kleine Narbe bringe.
Ihre Trnen fielen hei darauf, und kaum hielt ich sie vom fortwhrenden Kssen
der Wunde ab. Sie ri alle Schbe auf, und brachte Linnen und allerlei
Verbandzeug. Unter immerwhrenden Fragen, ach, es schmerzt dich wohl sehr?
Ach, mein armer Hippolyt! verband sie den Arm, und wollte gar nicht daran
glauben, da ich wohl und munter sei. Ein wenig erschpft war ich doch und
streckte mich aufs Sofa, Desdemona kniete vor mir, und strich mir die verwirrten
Locken von der Stirn und den wirren Bart vom Munde, und kte mich sanft wie ein
warmer schmeichelnder Luftzug. Sie sah rhrend aus. Der bunte Rock stach so
wunderlich ab von der stillen Trauer, die ber ihr ganzes Wesen gegossen war,
von dem schneeweien Halse und der Brust, die wie stets gleichmige Ruhe unter
den Freuden der bunten Blumen des Rockes lag. Das glnzend schwarze, geringelte
Haar schaukelte sich wie eine Nacht der Poesie auf den schimmernden Bumen des
Sdens. Das blasse Gesicht mit den weichen Zgen, die schmerzlichste,
rhrendste, tragische Maske, die je ein Maler gebildet, worauf die bezauberndste
Trauer ruhte, sah so durchweichend, teilgebend in mein Antlitz, da alles
sinnliche Leben zum ersten Male diesem Weibe gegenber aus meinen Adern wich.
Die kleine weie Hand tndelte wie arabischer Wohlgeruch auf meinen Zgen herum.
Desdemona war das Weib des reizendsten Sterbens, und da ich ein Mann des Lebens
bin, so ward unsere Vereinigung darum vielleicht so wunderlich, so tdlich - ich
wei es, Desdemona wird nie einen Mann nach mir lieben. Sie legte sich wie ein
s schmerzlicher Traum in meine Arme, der stehend bat, ihn nicht zu
verscheuchen. Ich sollte ihr erzhlen, was mir begegnet sei. Die kleinlichen
Winkelzge der platten Glcksritter hasse ich; dieser Seele gegenber, die mit
offenem blutenden Herzen immer wahr vor mir lag, htte ich das Schrecklichste
nicht verschwiegen: ich erzhlte ihr lchelnd mit Weglassung der Namen - alles.
Das Zuhren dieses Weibes bekundete eine Liebe, wie ich sie auf dieser Welt noch
nicht gesehen. Nicht die flchtigste Entrstung flog ber das schne Gesicht, ja
sie lchelte mit, wenn ich in meiner Erzhlung mich freute, und als ich zu End'
war, hielt sie mir die Augen zu und sagte: Es kann mir doch niemand wehren,
dich zu lieben. - Das berwltigte meinen harten Menschen. Das Wasser trat mir
in die Augen, zum ersten Male, seit ich vor zehn Zhren in Valencia von meiner
Mutter schied; ich schlug meinen gesunden Arm in ihr offenes Kleid und prete
ihre Schulter zu mir und hob mit dem andern Arme ihr Gesicht an das meine, und
kte sie, da wir beide zitterten. Hippolyt - sthnte sie - mein Engel, dein
Arm, dein Arm! Und als ich ihre Schulter leiser fate, da sank sie mit dem
Haupt an meine Brust und sah zu mir auf und lchelte wie ein sterbender Engel
und sagte: Das ist der Himmel, du meine Seele. - -
    La mich aufhren, Freund, dies ist die einzige Liebesgeschichte, die ich
mit Schmerz, wenn auch mit sem Schmerz, erzhle. Sie hat mein innerstes Herz
erweicht.
    Viele Tage und Nchte gingen vorber, ich war auf jenem Gartenhause und sa
vor ihr am Boden, und legte das Haupt in ihren Scho, und sah in den
herabschauenden Himmel ihrer Augen. Was der Koketterie, der Kraft, Gre,
Schnheit nie gelungen war, das gelang der Seele dieses Weibes: ich liebte wie
ein Knabe, wie ein hpfender Jngling. Erst eines Abends, wo sie spielen mute,
und einen Akt lang nichts zu tun hatte, kam ich in meine Behausung. Mehrere
Einladungen zum Frsten lagen da. Ich ging zurck ins Theater, ich sah nichts
als jenes schwarzblaue Auge, von schweren Wimpern beschattet, das seine
Millionen von den Brettern her auf meinen Mund, in meine Arme legte. Und wenn
ich sie heimbrachte nach der Vorstellung, und jede Fiber an ihr doppelt lebte
und ich heut' fr den und morgen fr den geliebten Helden ihre verschwenderische
Liebe erhielt, o Freund, da war ich glcklicher denn Knig Rn: mein Idyll kam
mir vom Himmel, ich durfte mir nicht erst bunte Kleider dazu anziehen.
    Eines Tages - in unserem Brgerleben war es Mittag und unsere kleine
Mahlzeit wurde schon aufgetragen - stand ich mit Desdemona am offenen Fenster,
das auf die Strae sah, nur wenige Weinranken verhinderten von auen das
Hereinsehen. Ich hatte meinen Arm um ihren Nacken geschlungen, und meine Hand
ruhte auf ihren Schultern - wir sahen hinaus in die grnen Grten. Da nahten
sich Reiter, eine Dame zu Pferd sah nach uns herber - es war die Frstin. Sie
schien ihren Augen nicht zu trauen und hielt einen Augenblick ihr Pferd an. Nur
einen Augenblick, dann hieb sie's mit der Gerte ber den Kopf, da es wild davon
brauste. - Um diese Zeit traf mich die Einladung hierher nach Grnschlo; Du
kannst denken, da ich wenig Lust dazu hatte. Ich ging noch einmal in die
Gesellschaft zum Frsten; durch unbefangenes Fragen bracht' ich heraus, da der
Schwager des Frsten mit dem Pferde gestrzt sei, und krank daniederliege, da
in einer strmischen Nacht Diebe versucht htten, in den Palast einzudringen
usw. - Die Frstin war nicht da, man meinte, sie sei schon seit einigen Tagen
unwohl und werde wohl schwerlich in der Gesellschaft erscheinen. Doch kam sie
noch spter. Sie sah wirklich krank und angegriffen aus. Mich behandelte sie
natrlich sehr vornehm, doch entging es mir nicht, da ihr Auge oft schwermtig
auf mir ruhte, oft hastig blitzend mich suchte. Ich trat in ihre Nhe, sie war
sehr zerstreut. Ich war sehr munter und aufgerumt, und tndelte mit einem
kleinen flinken Dmchen, das sich gar nicht zu gut geben konnte ber das
prtentise Wesen unserer jungen Gelehrten und Schriftsteller, die in die
Gesellschaften kmen um auszuruhen, nicht um die Damen zu unterhalten. Als ich
sie fragte, womit sie sich den Tag ber beschftigt habe, sah sie mich fragend
an, wo ich hinaus wollte und erwiderte naiv: mit vielerlei, frh bin ich
spazieren gegangen, nachmittags gefahren, und eh' ich hierher kam, hab' ich
einen Akt in der Oper gesehen. - Nun bedenken Sie, mein Frulein, ob der Mann
dort im Winkel mit dem jungen leidenden Gesicht recht hat: ich habe eben mit ihm
gesprochen und wei, da er heute den ganzen Tag alle alten Rechtsgelehrten in
allen Sprachen studiert hat, wie und unter welchen Verhltnissen Revolutionen
erlaubt seien - da er einen Artikel ber Abschaffung der Todesstrafe
geschrieben hat, aber freilich nicht spazieren gefahren und nicht in der Oper
gewesen ist. Wollen Sie ihm nun nicht erlauben - -
    Sie meinte, er htte was Besseres tun knnen, und - ward von der Frstin
abgerufen, und mit einem Geschft entfernt. So ging mir's mit einer zweiten,
einer dritten, bis ich mich selbst entfernte. -
    Desdemona, deren tiefes Spiel, deren blutende Seele nur von den besseren
Zuschauern im Theater erkannt wurde, und deren giebt's in den deutschen Theatern
sehr wenige, ward meisthin wenig applaudiert, das hohle dreschende Volk neben
ihr mit dem bestialischen Spektakel galt immer mehr; - das war sie gewohnt und
es kmmerte sie nicht. Pltzlich zeigte sich eine heftige Opposition gegen ihre
Verehrer, man zischte und lrmte, wenn sie applaudiert wurde. Die Anzettelung
war nicht zu verkennen, aber Desdemona litt unsglich dabei: endlich erklrte
sie, es sei ihr unmglich, vor einem Publikum zu spielen, das sie nicht wolle,
ihr Gefhl erstarre zu Eis, sie sterbe darber. Der Direktor des Theaters, ein
Einfaltspinsel, der seine Kasse gefhrdet glaubte, willigte in ihre Kndigung.
Desdemona ward frei; aber mit Entsetzen sah ich, wie sie verging in der neuen
Unttigkeit - sie gestand mir weinend, da sie strbe, wenn sie nicht spielen
knne. Aber sie knne nicht von mir gehen, um ein anderes Engagement, das man
ihr geboten, anzunehmen. Was blieb mir brig? Sollt' ich das schne innige Weib
sich verzehren sehen, dessen Lebensodem die Kunst war? Ich kte eines Abends
den Abschied auf ihr weiches Antlitz, der Mond schien zitternd durch die Bltter
der Bume, unter denen wir standen, ihr Kopf lag wie ein verbleichender Stern an
meiner Brust, sie schluchzte leise, obwohl ich ihr nichts gesagt, da es ein
langer Abschied sei. Ihre zartgesponnene Seele fhlte sein wie die Mimosa, sie
ging mit mir bis an die Gartentr, ihr ganzer Krper schauerte, sie war hei wie
eine Fieberkranke. Ich wollte gehen und war schon einen Schritt fort, ihre
kleinen Hnde hielten mich noch, sie prete sie krampfhaft in die meine und
flehte innig - Noch einmal, Hippolyt, noch einmal ksse mich! Ich umschlang
das liebe Wesen, sie brach in die Knie zusammen wie eine gebrochene Blume. Ich
mute sie ins Haus tragen und aufs Sofa legen. Dort lchelte sie sanft und
winkte mir mit der Hand zum Gehen.
    Am andern Morgen ritt ich hieher nach Grnschlo - erla mir heute das
Weitere. Ich bin nicht der Mann der Sentimentalitt, aber ich bin ein Mensch -
schickt mir, was ein Mensch tragen kann, ich will's tragen, ich hab's getragen.
Leb' wohl!

                             14. Kamilla an Julia.


                                                                   Den 30. Juli.

Und Sie kommen nicht und kommen nicht, Sie Schlimme, und lassen uns immer
vergebens warten. Wenn Sie noch lange zgern, so werden Sie das Leben hier sehr
verwirrt finden. Die Fden gehen so zickzack ineinander hinein, da ich wirklich
nicht wei, was fr ein Muster aus dem Gespinst werden wird. Mit jenem Fremden,
der mit Graf Fips ankam, ist ein gewaltiger Unruhstifter in unser Schlo
gezogen. Er heit Hippolyt und hat uns allen die Kpfe verrckt, und alles aus
dem Gleise geworfen; unsere ruhig segelnde Flotte ist wie durch einen Sturm
auseinandergeblasen, und hier irrt ein schwankendes Schiffchen, dort irrt eins.
Sie sollten aber auch diesen Hippolyt sehen! Jeder Zoll ein Mann, ein moderner
Herkules - ein strahlender Halbgott, sagt Alberta. Denken Sie sich einen hoch,
krftig und doch geschmeidig gewachsenen jungen Mann, der wie ein geborner Knig
einhergeht. Ich uerte unverhohlen gegen Valerius mein Erstaunen ber die
glnzende Erscheinung. Dieser stand mit verschrnkten Armen im Fensterbogen, und
sah lchelnd dem Aufruhr zu, den Hippolyt erregte. Ich will Ihnen einen Brief
mitteilen, sagte er, worin ich den Hippolyt einem Freunde schilderte, als ich
ihn vor einiger Zeit in Straburg zum ersten Male traf. Er tat's, hier haben
Sie einen Auszug davon.
    Ein Mdchen, wahrscheinlich eine leichte, ber die Oberflche hinflatternde
Libelle beschftigt aber meinen neuen Freund, der bisher saugend am tiefsten
Borne der Menschheit lag, den des Wissens Trieb bis an die Mauern von Lahore
gedrngt, der gebrunt von Luft und Sonne, erwrmt vom Feuer des Forschens wie
ein Athlet erst vor kurzem nach Europa zurckkehrte. In Straburg lernte ich ihn
kennen, wo er in historische Studien versunken tglich auf der Plattform des
Mnsters zu finden war, eine Viertelstunde las, dann sinnend in die vor ihm wie
eine Karte ausgebreitete Welt sah - die deutsche Dichtkunst, Goethe, Tieck, ging
an ihm vorber, er ahnte, bemerkte es kaum; die Kosmogonie, der Ursitz der
Menschen, der Ursitz der Bildung beschftigte ihn. Du weit, wie auch ich seit
lngerer Zeit nach den Futapfen der menschheitlichen Entwicklung jage, Heeren,
Herder, Schlegel, Champollion studiere - wir sprachen ber Indien, gypten, die
Wiegen des Menschengeschlechts, wir wurden schnell miteinander bekannt. Er war
dabei ein frhliches, lustiges Gemt; wir zogen zusammen nach Paris, er
studierte und lebte, mit den schwerflligen Stzen der Professoren spielte er
wie mit bekannten Bllen, mit der Gelehrsamkeit des alten Abb Remusat sprang er
wie mit einem leichtfigen Mdchen herum, mit den Mdchen tndelte er wie mit
Buchstaben, wie mit lngst gelsten Hieroglyphen; er fand den Schlssel zur
stolzesten Pyramidenschrift. Des Abends fanden wir uns im Theater, und von da
durchstrichen wir die Salons, und rasteten in manchem stillen verfhrerischen
Gemache. Wo er auftrat, der Sohn des Prometheus mit dem leuchtenden Siegel der
Gottheit auf der stolzen Stirn, zog er die Blicke auf sich. Sein Krper ist ein
Meisterstck der Natur, und Tausende, die ihn sehen, werden zu gerechten
Anklagen der launischen Gttin bewogen. Als ich den Cornel las, dachte ich mir
den Alcibiades so. Ein hoher Wuchs, leicht wie ein Gedanke, krftig wie ein
fester Gedanke, getragen durch die Wellen der Hften und Schultern, dunkles,
khn um die Schlfe fallendes, an den Spitzen gelocktes reiches Haar, ein
dunkelblaues Auge, am Tage tiefblau wie sdlicher Himmel, in den man ohne
Unterla sehen mu, als werde aus der zauberisch dsteren Ferne eine neue Welt
heraustreten, des Abends schwarz wie eine glnzende Sternennacht. Die Form der
Augen ist schn, eine voll ausgeschnittene lngliche; der Glanz zur Zeit der
Ruhe mild, angenehm, beruhigend, trstlich, bestechend; im Affekt aber, und zwar
im kleinsten drngt sich alles geistige Leben in ihnen zusammen, und nur der
Mutige, der das gegenberstehende Leben nicht frchtet, steht sie dann gern.
Weiber blicken sie dann nur seitwrts an, wie sie tapfere Taten, wo anders
Lebendiges mit im Spiel ist, nur seitwrts, nie geradhin ansehen. Aber das Weib
ehrt und liebt am meisten, was es vorher gescheut, so wie der Mensch den Lwen,
wenn er gezhmt ist, am hchsten hlt, daher Hippolyts fabelhaftes Glck bei den
Weibern. Die Nase ist streng griechisch, und um ihre seinen Flgel haucht ein
tatendurstiger Sinn, schreckender Mut, aber auch eine fast frivole Sinnlichkeit,
die im Affekt einer mit Mhe bezhmten Bestialitt nicht unhnlich sieht.
Krftige Mnner haben alle in der Leidenschaft ein Etwas, was zwischen dem
griechischen Gotte und der Bestie steht; etwas hnliches bezeichnet das Wort
Halbgott! Daher geht jedes Weib den eigentlich krftigen Mnnern langsam nahe,
wenn sie je einen Ausbruch irgend eines Affekts, vielleicht nur den des Zornes
an ihnen gesehen, und nur die Phryne, die das wild Materielle sucht, strzt sich
in ihre Umarmung.
    Aber der Mund vershnt durch unwiderstehliche Anmut. - -
    So weit der Brief; ich verstehe manches darin nicht, vielleicht wird's Ihnen
klarer; aber ich fhle, da das Bild richtig ist. Als er bei uns eintrat mit
dieser hohen, imponierenden Freiheit, dieser leichten ungezwungenen Turnre, war
selbst der Graf berrascht, und Graf Fips wurde unruhig und unstet. Alberta
wurde rot, ich selbst verlegen, nur das sarkastische Lcheln Valers, mit dem er
ihn vorstellte, gab mir schnell meine Fassung wieder; es rgerte mich. Aber es
war wirklich, als ob der Herrscher ins Zimmer trete. Er war modern gekleidet,
und doch lag etwas Auslndisches in der Erscheinung. Der leichte blaue
Sammetrock, der kurz und mit Schnren und Stickereien beset war, mochte wohl
schuld daran sein. Alles brige an ihm war schwarz bis auf den ans Kinn
quellenden vollen Backenbart und den bermtigen Schnurrbart und Henri quatre.
Er war in den ersten Tagen sehr sanft und mild, von Tag zu Tage ist er aber
ausgelassener und wilder geworden. Am meisten verkehrt er mit Valerius; sie
reiten auch tglich zusammen aus, und gehen so sicher mnnlich miteinander um,
da einem stark und wohlig zumut wird, wenn man sie zusammen sieht. Alberta ist
seit Hippolyts Ankunft ganz verndert, unruhig, heftig, bewegt, ausgelassen,
still, lauter Dinge, die zu ihrem frheren Gleichma gar nicht stimmen. Ich
selbst erwehre mich einer gewissen Unruhe und Bangigkeit nicht, wenn ich bei ihm
stehe und nur, wenn Valer hinzutritt, wird es beruhigter in mir. Wei Gott, es
ist, als ob ein Raubvogel ins Taubenhaus gekommen wre, alles ist bestrzt - und
doch ist der Raubvogel so zauberhaft schn. William hat sich auch ganz
zurckgezogen, er lacht gar nicht mehr, und spricht fast nie mit Hippolyt;
Leopold springt wohl an ihm herum, aber er scheint auch nicht die rechte Courage
gegen ihn zu haben, und wird oft verlegen, wenn ihn jener zum besten hat. Graf
Fips spricht von seiner Abreise, der Graf ist sehr aufmerksam gegen Hippolyt und
Valerius, aber er scheint auch nicht ganz sicher zu sein.
    Alberta grt Sie aus der Flle des Herzens, und bittet Sie, doch ja recht
bald hieher zu kommen. Adieu! Adieu!
    Man ruft mich zu Tisch, und unsere Mahlzeiten sind jetzt immer diplomatische
Mittagsessen; der Graf bringt lauter schwerfllige Gegenstnde aufs Tapet, und
es entsteht immer ein so klirrendes Gefecht, da man das Essen ganz vergit. Ich
glaube, es wrde oft Blut flieen, wenn nicht Valer immer die zrnenden Parteien
vom Schlachtfelde wegfhrte. Meine Herren, pflegt er dann zu sagen, ich bitte,
mir auf ein hher gelegenes Terrain zu folgen, und dann rckt er die Streitfrage
der Parteien auf ein sogenanntes historisches Entwicklungsfeld; stellt zuerst
den blutig um sich hauenden Hippolyt zur Ruhe; ihm folgt der Graf mit einigen
leichten Einwendungen, die bald beseitigt sind, und Graf Fips ist dann immer
sogleich still; ich glaube, er versteht nicht viel mehr davon als ich. Doch hab'
ich mich schon sehr in des Valerius Gelehrsamkeit eingerichtet; anfnglich kam
sie mir stets wie ein Bergsturz vor, der mich verschttete, jetzt hat er mich
mit ein paar klaren einfachen Worten von dem Hauptgange seiner Ideen
unterrichtet, und nun folg' ich ihm mit Leichtigkeit, und es tut mir
unbeschreiblich wohl, wenn er die Rede an mich richtet ber die wichtigsten
Dinge. Wenn man ihn erst ein wenig kennt, sieht man, wie uerst einfach er
redet, wie alles so schwer golden ist, was er bringt, wie er es dem Zuhrer so
gutmtig zuschneidet und anpat. Ich antworte gewi oft sehr einfltig darauf,
aber wenn er meine Antwort in seiner Sprache wiedergibt, wenn er mit leisen
Fingern die Wurzeln der Gedanken aufdeckt, so erscheint alles so eng verzweigt
mit groen allgemeinen Ansichten, da ich mich oft kindisch freue ber meine
Gelehrsamkeit, in die Hnde klatsche und - ja, denken Sie, neulich hab' ich den
klugen lieben Mann wegen einer so schnen Auslegung meiner Worte beim Kopf
genommen und ihm rasch einen Ku gegeben. Ich schmte mich hinterdrein und alle
lachten, aber Valer sah mich so freundlich lchelnd an, da es mir nicht leid
tat. Ach, nicht wahr, ich schwatz recht dummes Zeug - Adieu - Adieu!

                    15. Konstantin an Hippolyt und Valerius.


Ich danke Euch, meine Freunde, meine Freunde, ich danke Euch! Wir wollen unsern
Zug nach Westminster antreten, besorgt ein Paar hbsche Jungen fr meine
Schleppe. Ihr edlen Pairs meines Knigreichs habt mir Geld geschickt, das war
brav von Euch - mit dem Gelde hab' ich gespielt, um rote Dukaten gespielt, und
ich mute mir einen neuen Rock machen lassen, weil ich nicht genug Taschen fr
den Gewinst hatte.
    Spiel und Soff sind zwei Laster; aber beim heiligen Georg von England!
schne Laster.
    Ich habe alle Tage einige Zeilen an Euch geschrieben; hier folgen sie;
wundert Euch nicht, da sie aphoristisch sind, ich bin selbst ein abgerissener
Fetzen der Welt, wer hlt mich fest? Der nchste Sturmwind fhrt mich fort - die
ganze Welt ist aphoristisch, es ist kein Zusammenhang darin als die Luft, will
sagen, der Wind. Die Welt ist lauter Wind, Juchhe! -
    Vaterland! Wieviel abgerundeter und einiger wrde ich sein, wenn ich mit dem
Worte das verbnde, was viele Leute dabei zu fhlen scheinen. Ganz Deutschland
danke ich die deutsche Sprache; fr dies Geschenk bin ich um so dankbarer, als
ich keiner andern mchtig bin. So bin ich sehr erklrlich - ein Deutscher, denn
wenn man zu keiner andern Nation gehrt, so mu man ein Deutscher sein. brigens
bin ich es aus Gewohnheit, Temperament usw. - der Patriotismus ist einseitig,
klein, aber er ist praktisch ntzlich, beglckend, beruhigend; der
Kosmopolitismus ist herrlich, gro, aber fr einen Menschen fast zu gro, der
Gedanke ist schn, aber das Resultat fr dies Leben ist innere Zerrissenheit,
Humor. Eine gute Tragdie mu jetzt mindestens zum fnften Teil humoristisch
sein.
    Donnerwetter, was ist das fr patriotisch albernes Zeug, ich reise doch
morgen nach Paris und werde Franzos. Ja so, das wit Ihr noch nicht, da dies
mein letzter Brief aus Berlin ist. Holla, ins moderne Babel reis' ich morgen!
Was soll ich mit dem vielen Gelde machen? Es gibt hier gar keine Gelegenheit,
dafr munter zu sein unter dem steifen Volk, unter freien frhlichen Parisern
will ich leben, und gegen den dummen Polignak will ich schreiben - dort knirscht
der Minister mit den Zhnen gegen die frechen Wahrheiten, aber dort brauchen die
Psse der Wahrheit keine Unterschrift, er kann knirschen, sonst kann er nichts -
und morgen geh' ich nach Paris.
    Raupachs hohenstaufischen Philipp, eine Silhouette des Herrn von Raumer,
hab' ich gesehen - wr' ich Rezensent, wie wollt' ich Dich, o Philippus Raupach.
- -
    Und unsere Kritik ach glcklich sind Widersacher, die einander prgeln
knnen. Diesmal war ich in der Loge, und Rosa sa demtig im Parterre, und sah
sehr bla, ich aber sehr rot aus. Ja, mein Kind, das Leben ist aphoristisch. Ich
lie mein weiches Herz gewhren und ging zu ihr, und fragte sie, was ihr fehle.
Sie wollte nicht mit der Sprache heraus, und war verlegen. Ich ging mit ihr nach
Hause; heut' lie sie's ruhig zu - es sah etwas windig und leer in ihrer Stube
aus, und das Mdchen war auch etwas salopp gekleidet. Ich machte sie darauf
aufmerksam - da weinte sie. Ich fragte, wie es um ihr Engagement stnde, sie
meinte, erst mit dem ersten August knnte sie eintreten. Es ward mir unheimlich;
ich fragte nicht nach ihrem Gardeoffizier, sondern nur, wieviel sie des Monats
brauche. Sie wollte mir schluchzend vor Rhrung um den Hals fallen, und mich
einen edlen Menschen nennen - ich lie sie aber nicht dazu kommen. Das Mdchen
konnte nicht dafr, da ihr ein anderer besser gefallen hatte; ich konnte aber
auch nicht dafr, da ich nicht mehr eine Fingerspitze von ihr htte berhren
mgen. Hbsch war sie noch, aber ich ging in innerer Unbehaglichkeit fort und
trank eine Flasche Champagner, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Wie kam
denn das alles?

Warum wollt Ihr denn alles gleich ergrnden?
Wenn der Schnee schmilzt, wird sich's finden.

    Was ist das fr eine Figur? Mit Gott und der Welt ist sie zerfallen, vom
Vater verstoen, mit dem Theater unzufrieden, von der Geliebten betrogen, voll
Durst nach Wein und Liebe, immer noch wohlgenhrt aussehend, ohne einen einzigen
Vers im Kopfe, gekleidet nach der letzten Mode, unschlssig, ob er Theologe oder
Theaterlampenputzer werden soll, voll Grung und doch ruhig, oft im Begriff,
sich nach klassischen Mustern den Hals abzuschneiden und doch wieder zu
vernnftig dazu - kein Held, kein Held und doch manch Handwerkszeug dazu - keine
Geduld, kein gengender Leichtsinn, keine Festigkeit, ein genialischer
Charakter, auf der Bhne kalt lassend, im Roman sndhaft - meine Freunde, das
ist eine Novellenfigur. Die Novelle ist die moderne Brcke von der frheren Zeit
zu den jetzigen Begriffen, sie ist der bergang, die Form des Entstehens,
Werdens, nicht des starren Seins. Jene Figur ist eine Novellenfigur, auf mein
Wort. Niemand, ich sage niemand soll mir widersprechen. Auch dies gehrt dazu,
da mich jetzt sogar die Orthographie peinigt ich wei nicht, ob ich niemand,
etwas usw. gro oder klein schreiben soll - am liebsten schreib ich alles klein.
Nun denkt Euch einen geistreichen Schriftsteller, der mit der Orthographie noch
nicht, im reinen ist! Und hab' ich nicht recht, da die Novellenfigur der
eklektische Skeptizismus ist - hab' ich nicht? O bleibt bei mir, geht nicht von
mir, Freunde, auch wenn ich nach Paris gehe! Es kmmert sich ja keine Seele um
mich, ich lebe und sterbe unbeweint. Wollt Ihr nicht, o ich bitt' Euch schn. -
-

                                                                         Spter.

Gegen Abend geht ein Bekannter von mir als Kurier nach Paris, ich mit ihm.
brigens bin ich beim Gesandten gewesen und habe die schne Julia mehrmals
gesehen und gesprochen. Im Vertrauen gesagt, Ihr Herren, wenn ich nichts
Besseres tun knnte als lieben, ich bliebe hier. Diese Augen, dunkel wie die
Nacht mit auf und ab wehenden weichen Lften, diese seine Nase, empfindsam wie
aus Blttern des Lotos; dieser kleine gewlbte Mund und das Ganze wie aus dem
Tau gezogen, nicht ppig smmerlich, aber duftend frhlingsartig, zart
durchsichtig, nrdlich und doch voll Reiz - ich schwr' es Euch, das Weib kann
einen Poeten, dem noch etwas Herz geblieben, grenzenlos glcklich und sehr
unglcklich machen.
    Aber ich bin selbst so nrdlich geworden, da mein Wohlwollen, das ich an
solcher Schnheit empfand, nichts als ein paar Minuten sehen, ein paar Worte
sprechen wollte, um den Gang des Ausdrucks zu beobachten, aber nicht einmal im
leisesten affiziert wurde, als ich scheiden mute.
    Ich bin reif zum Knstler.
    Aber wenn ich einmal wieder poetisch werde, so wird der schmeichelnde Effekt
dieser reizenden Figur viel Einflu gehabt haben. Ich werde sie noch lange sehen
im kurzen weiseidenen Gewande, das Haar verfhrerisch natrlich und doch so
kunstreich modern aufgelst, ihre schwarzen Locken dem Anschein nach mhsam von
einer einzigen blendenden Kamelie zusammengehalten, hinabfallend auf den stolzen
weien Nacken. Ich vergesse sie nimmer diese Figur, leicht sich wiegend und
geschmeidig wie eine verfhrerische Melodie und doch stolz und hoch wie eine
hohe Kunstidee - hinter den breiten Augenlidern, den langen schattigen Wimpern
lag eine sdliche Nacht mit allem Verlangen und allem Reiz, mit Schalkheit und
Tnen - sie will nchstens nach Paris kommen. Auf Wiedersehen, mein schnes
Kind!
    Aber echt Deutsch schreib ich die letzte Stunde heran - wir sind Federvieh.
Jetzt Ade, du Land der Hofrte und der langen Weile - ade ihr Freunde, schickt
Eure nchsten Briefe poste restante nach Paris.

                             16. Julia an Kamilla.


Nur drei Zeilen, meine Liebste. Hoffentlich bin ich in nchster Woche bei Ihnen
- mein Papa mu schleunigst nach Paris, dort soll es sehr unruhig hergehen; ich
soll beim Grafen aufgehoben werden. Ich freue mich kindisch auf Grnschlo, auf
meine liebenswrdige Kamilla, meine duftende Blume Alberta und Eure bunte
Gesellschaft. Ich sehne mich ordentlich nach Poeten, Berlin ist sehr trocken,
und der Herr Konstantin war eine auffallende, interessante Erscheinung in
unserem Salon. Die Leute wuten nichts Rechtes ber ihn, das machte ihn
mystisch, er sprach so abgebrochen, aber so bunt originell, das machte ihn
pikant. Und dabei hat er ein vornehmes, sehr einnehmendes uere. Ich wei
nicht, ob das gestrt oder erhht wird durch einen wegwerfenden Zug von
Frivolitt, Leichtsinn, der oft wie Verachtung aussieht und ber das ganze
Gesicht streift. Er verzieht einen fein geschnittenen Mund zu einem nicht recht
heimlichen Lcheln, und drckt die Mundwinkel nach unten. Die groen hellblauen
Augen sind etwas unstet, das lichtbraune Haar ist aus Stirn und Schlfen
gestrichen und fliegt ein wenig wild, das Gesicht ist voll, aber es scheint mehr
das zu sein, was man mit den fatalen Ausdrcken aufgedunsen, schwammig,
bezeichnet. Es ist von feiner Haut und schwach gertet, meine Gouvernante nannte
ihn einen unbrtigen Apollokopf. Ausdruck und Haltung des Kopfes und der vollen
hohen Figur ist sehr vornehm, ich hab's wohl schon einmal gesagt; verlangen Sie
nichts Geordnetes von mir. Sie wollten eine Beschreibung, ich gebe sie, wie ich
in meiner Eile und Zerfahrenheit eben kann. Er war beide Male, wo ich ihn sah,
braun gekleidet, trug um den vollen Hals ein leicht fliegendes Tuch, keine
Krawatte und keinen steifen Vatermrder, sondern einen weichen nachgiebigen
Hemdkragen. Sie sehen, wie ich Ihren Regeln nachzukommen trachte und ins Detail
beschreibe, um Ihnen die Figur deutlich zu machen. Ich mu mich im Beschreiben
von Personen ben, dies Zeichnen mit Worten macht mir Vergngen. Bitte, lassen
Sie mir wieder mein altes Zimmer einrichten, das auf die Terrasse sieht, es ist
gar zu hbsch. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie ich mich auf Grnschlo
freue; ich bin hier so sommertrocken und suche Khle und Grn. Adieu, meine
Liebe, tausendmal Adieu.

                          17. Konstantin an Hippolyt.


                                                            Paris, den 29. Juli.

Ich hoffe nicht, da mir die Zeitungen vorausfliegen; wenigstens werden sie Euch
nicht sagen knnen, wie gut mir's in der hiesigen Schlacht geht. Sattle Dein Ro
und fliege her, wir machen Freiheit hier. Vorgestern ist er losgegangen in den
Straen von Paris, der hochrote blutige Kampf eines Volkes um sein Recht, die
dunkeln Schatten der Jakobiner schreiten vor der neuen Jugend einher, die alten
Freiheitslieder flattern wie Sturmvgel ber den Pltzen, mein Herz ist fast
zersprungen vor Freude, so zur rechten Zeit gekommen zu sein, und meinen
grimmigen Ha gegen alles weltgeschichtliche Unrecht ausbaden zu knnen in
schlechtem Sldnerblute. Ich habe gefochten wie ein Rasender. Gestern stand ich
am Fenster des Zimmers, wo die Deputierten zusammenkamen - der alte Student der
Revolutionen, das bemooste Haupt auf dem Fechtboden der Vlker, Lafayette, sagte
uns, was wir taten. Die Deputierten sprachen verwirrt von Emeuten, Revolten usw.
- Da stand der unsterbliche alte Knabe, dessen Herz noch im Sarge schlagen wird,
auf, und sagte mit seinem gewhnlichen welthistorischen Lcheln: Meine Herren,
das ist keine Revolte, das ist eine Revolution. - Wie ein Kanonenschu donnerte
das Wort durch Paris; er, der alle Vorlesungen der revolutionren Professoren
besucht hatte, er mute es wissen, wie das Kollegium hie. Nun ist der Name da
und nun lt sich Paris totschlagen, bis dieser Name von allen Trmen flaggt.
Hei brennt die Julisonne und saugt gierig das Blut auf, hei schlagen die
Herzen, wir haben eben das Stadthaus wieder gewonnen, das Haus, wo die ehernen
Mnner der neunziger Jahre saen; in einem Winkel desselben schreib' ich Dir; an
dem Fenster, wo ich sitze, strzten sich einst die Mnner des Thermidor
hinunter. Hurra, Freund, von hier geh' ich, um die letzten Schergen des dummen
Herrschers aus dem Louvre vertreiben zu helfen, neben mir regiert Lafayette, und
seine Arme, die Hunderttausende des Volks, geben dem alten morschen Thron der
Bourbonen, dem Thron der herkmmlichen Bevorzugung, den letzten Sto; morgen
machen wir eine Regierung, eine lustige Republik. - O groer Gott, seit Jahren
dank ich dir heut zum ersten Male fr deine Welt, ja sie ist schn; der alte
Unflat wird unter die Fe getreten, die Menschenrechte schreien durch die
Gassen, und alle Welt hrt sie; das Herrschen und Beherrschtwerden hrt auf -
frage den Valer, ob er Prsident werden will, ich werd' ihm meine Stimme geben.
Du taugst nichts dazu, Du bist zu monarchisch gewachsen und geartet. Schreibt
mir, schreibt mir, was das erschrockene Schlesien sagt - knnt' ich die
zertretenen dummen Fratzen Eurer Aristokratie in diesem Augenblicke sehen, mein
Glck reichte bis an den Himmel. Eine Schmarre in der Wange ausgenommen bin ich
noch heiler Haut - htt' ich tausend Leben, ich strbe tausendmal fr die
Freiheit. Holla die Trommeln - die Trommeln, es geht zum Louvre gegen die
Schweizer. Gott behte Euch; fall' ich, so beneidet mich, ich bin im Rausche
gefallen. -

                          18. Hippolyt an Konstantin.


                                                                  Den 7. August.

Mein Pferd - mein Pferd - a horse, a horse, a kingdom for a horse - ja so hab'
ich geschrien, und bin hinuntergestrzt, um fortzujagen nach Paris - lache mich
aus, schmhe mich, schlage mich, da ich nur bis ans Portal des Schlosses kam:
Julia stieg aus dem Reisewagen und sah mich neugierig an mit ihren groen Augen,
und das groe Auge der Weltgeschichte schlug seine Wimpern fr mich zu, und ich
blieb hier und glhe in Liebesfieber, wie es meine Seele nie gekannt. Vergib
mir, ich reiche dem Valer die Feder, er mag weiter schreiben. Ich kann es nicht.


                            Valerius an Konstantin.

Ich habe sie gelesen jene Worte, Freund, Sie haben den Knig verjagt, weil er
die Charte gebrochen, ich habe sie gehrt, und mein zitternder Mund hat sie mir
hundertmal zum Hren vorgesagt, da die Eisrinde an meinem Herzen springen und
meine liebende Seele, die alles Hoffen verlernt, daran glauben mchte, es gebe
noch Recht und Gerechtigkeit in der Welt, und der Freund der Menschen brauche
nicht mit gebrochenem Herzen zu sterben. O Berg, der auf meiner Seele lastete,
wie hoch flogst du auf, o du schlimmes Jahrhundert, wie hattest du dich
verpuppt, da selbst deine liebendsten Shne dein Angesicht nicht mehr
erkannten. Htte ich doch einen Franzosen bei der Hand, da ich ihn kssen,
drcken und wieder kssen knnte. Also wieder dieses leichtbltige Volk mute es
sein, das zum zweiten Male die Riegel der Entwicklungsgeschichte hinwegstoen
mute von der finsteren Zeit, auf da Licht hereinbreche, strahlendes Licht. O
mein Vaterland mit deinen Philistern, nur diesmal nicht wieder den abscheulichen
Undank, jene Pfrtner der Weltgeschichte, jene rosenroten Franken nicht
anerkennen zu wollen. Ach Konstantin, Konstantin, ich habe mich gefreut wie ein
Knabe, den man eingesperrt hatte, und nun hinauslie in den Sonnenschein; wie
einen unntzen Wanderstab warf ich alle Rcksicht, alle Besonnenheit von mir,
fiel dem Grafen um den Hals - wir saen bei Tisch, als Dein Brief ankam - kte
seine Tochter zwei-, dreimal, kte Kamilla fnf-, sechsmal, ri das Fenster auf
und schrie in den Himmel: Jetzt, blauer Bogen, behalte Deine Sonne, auf der
Erde ist die Freiheit eingekehrt, und den kleinen Leopold hob ich hoch in die
Hhe und drckte ihn dann an meine Brust, und zerquetschte ihm fast den kleinen
Schdel und rief: Nun Junge, sing' mir Freiheitslieder - ach ich war ein Kind,
es war die glcklichste Stunde meines Lebens. Und Dir, Konstantin, vergeb ich
alle dummen Streiche und schlimmen Dinge fr Deine Schmarre auf der Wange, und
glcklich bist Du ja nun auch geworden, es mag kommen was da wolle, Du hast ja
bluten, das Leben wagen drfen fr unsern Glauben.
    La mich schweigen, la mich schweigen, Freund, ich werde kindisch. Ich
werde Dir von unserem kleinen Ameisentreiben hier erzhlen, um mich zu sammeln.
Wenn's nur gehen wird. Ich bin ganz aus dem Gleise und mchte hinaus in die
Welt, um zu helfen am neuen Bau der groen Weltkirche. Die Verhltnisse begannen
eben in ihrer Unordnung sich ein wenig zu ordnen, als - ach, ich kann jetzt
nicht, die Vlker tanzen Arm in Arm auf dem Papier herum, statt der Liebespaare,
die es sollen. Morgen, morgen - morgen ist ja auch Freiheit, ich mu mich erst
an das Glck, das wie ein Gewitter gekommen ist, gewhnen. Morgen, bermorgen
von unseren kleinen Liebesgeschichten; ich will Parodien von jener begonnenen
groen daraus machen, dann wird's am ersten gehen. O Gott, ist denn diese
rosenfarbene Welt dieselbe, die noch gestern aschgrau war, soweit ich die Blicke
sandte, und Du kleiner Vogel, der sich auf mein Fenster setzt, kommst Du aus dem
schnen Frankreich, flogst Du vielleicht ber Paris in den letzten Julitagen,
hast Du jenes bunte Stck der neuen Welt schon gesehen? Vglein, willst Du
Zucker, bleib' ruhig, ich taste Deine Freiheit nicht an, solch ein Frevler bin
ich nicht - nicht wahr, die Freiheit ist das Hchste, da fliegt er fort und
lacht mich aus. Bravo, mein Vglein. Wrst Du doch ein Kutscher, Vogel! -
Konstantin, Du siehst, ich werde kindisch, ich mu aufhren. In den Flu will
ich mich werfen, meine Glut zu khlen, mit den Wellen zu ringen. Mein Krper
zuckt nach Ttigkeit, ich mu ihn ermden, sonst bringt er mich um. -

                                                                  Den 8. August.

Nichts davon heute. Wie meine heiligste Liebe will ich es einschlieen in mein
Herz. Von Grnschlo aber will ich erzhlen, es wird wie ein grnes Idyll in
Dein rotes Epos treten.
    Du erinnerst Dich, da mir der Graf Topf rtselhaft war. Ich glaube jetzt
etwas mehr auf dem Reinen mit ihm zu sein. Vor einiger Zeit kam ein Graf Fips
hier an, ein Ohrfeigengesicht, offenbar um des Grafen Tochter Alberta zu freien.
Ich schrieb nach der Stadt einem jungen Manne aus den sogenannten vornehmen
Stnden, der sich immer sehr freundschaftlich gegen mich bewiesen hatte, und bat
um Auskunft ber diesen Herrn Fips, und was man von unserem Grafen sage. Der
junge Adelige schrieb sehr unbefangen und wie es schien, sehr genau
unterrichtet. Fips suche eine reiche Frau; auer diesem Wnschen sei nichts an
ihm: das war leicht glaublich. Das Urteil ber den Grafen klingt bizarr, ist
aber so mit richtigen Details untersttzt, und pat im hheren Stile wirklich zu
dieser originellen Figur.
    Graf Topf - sagt der Briefsteller, - ist von Jugend auf ein Mann der Mode
gewesen, aber immer der neuesten, so da er seinen Umgebungen immer voraus war,
und darum stets wunderlich erschien. Als die Mode aufkam, nach Italien zu
reisen, ging er auf mehrere Jahre hin und errichtete in Florenz ein glnzendes
Haus fr alle Knstler, die bei ihm wohnten und lebten; er war bald eine Behrde
der dortigen Kunst. - Als die Franzosen vertrieben waren, und alles gegen sie
schimpfte, war er der erste Napoleonspoet, und verteidigte ihn gegen alle Welt.
Zur Zeit der europischen Kongresse begann die Aristokratie ein neues
bermtiges Leben, ihr Muster war Graf Topf, der schon ein halbes Jahr vorher in
der Residenz den Grandseigneur spielte, von dem man damals glaubte, er ruiniere
sich aus eitel Hochmut. Damals lebten ab und zu in seinem Hause die
bedeutendsten Schriftsteller der Reaktion. Herr von Haller war viel willkommen,
Kotzebue sehr wohl aufgenommen, Herr von Stourdza hatte sein Absteigequartier
beim Grafen Topf, und Frau von Krdener trank alle Tage Tee bei ihm und segnete
die Teegesellschaft. Nur die Turnzeit, das altdeutsch gebundene Gesangbuch der
Reaktion, hat er beinahe verpat. Das allzu Demokratische daran mochte ihn eine
Zeitlang abgehalten haben, sich damit einzulassen, und wahrscheinlich hoffte er,
die Richtung werde bald vorbergehen. Dennoch erinnern sich noch sehr viele
lebhaft, da er einer durchziehenden Turnerbande ein groes altdeutsches Mahl
gerstet, und weil er nicht schnell genug einen deutschen Rock bei der Hand
gehabt, mit bloem Halse und halb entblter Brust dem alten Jahn gegenber im
Schlafrock prsidiert habe. Man erinnert sich noch eines lebhaften Streites, den
er mit jenem gefhrt, ob Kastanien eine echte deutsche Frucht seien. Jahn
verneinte es zrnend, und warf eine groe hlzerne Schssel, - denn Topf tat
nichts halb, und alles Geschirr war antik - voll Kastanien an die Erde, obwohl
seine Turner sich ein wenig opponierten, weil ihnen die schmackhaften Maronen
behagten. Eicheln, Topf, wuchsen im Teutoburger Walde, Eicheln, nicht aber diese
welschen beralpigen Gewchse, mit denen wahrscheinlich Hannibal seine Truppen
zu Capua verweichelte. Tu mir nicht ein Gleiches mit meinen jungen Shnen Teuts,
Topf, ich beschwre Dich bei Hertas weien Rossen. Der Graf argumentierte eine
Zeitlang mit dem Nibelungenliede, dann gab er gerhrt nach, und umarmte Jahn mit
den Worten: So retten wir Deutschland vor auslndischem Tand. - Jahn, keine
Kastanien!
    Als der spanische Corteskrieg ausbrach, hatte er sich wahrscheinlich mit dem
englischen Unterhause in Rapport gesetzt, kurz mehrere Tage vorher, eh' Canning
zu St. Stephan sich erhob und seinen liberalen Donner ber Europa schleuderte,
hielt der Graf Topf bei einem Gastmahl eine hnliche Rede, und ward so lange fr
verrckt gehalten, bis die Zeitungen aus England ankamen. Lang vor der Schlacht
bei Navarin war er der renommierteste Philhellene im ganzen Lande und teilte oft
englische Griechenlieder mit, welche ihm sein Spezialissimus Lord Byron
geschickt haben sollte. Noch ehe der Kaiser Nikolaus daran dachte, den
Verdienstadel gegen den Erbadel zu erheben, verteidigte er mit steigender
Beredsamkeit diese Idee und focht gegen die Trken und gegen den Halbmond, eh'
die russischen Truppen dazu kommandiert wurden. Seine unverkennbare Absicht ist
immer dahin gegangen, den weitsehenden Politiker, den Mann der modernsten
Bildung zu spielen; man wei nicht, ob er je ein wichtiges Staatsamt gesucht,
oder nur den Titel eines Gonfaloniere der Zeit erstrebt; aber trotz seiner
extremen Handelsweise, die ihn oft vorbergehend lcherlich gemacht hat, steht
er in dem Rufe groer Klugheit, und alle Welt ist der Meinung, da er sich jetzt
mit jungen Geistern Ihrer Art umgibt, damit er der Zeit vorausgehoben werde.
Nach dem, was jetzt in Frankreich vorgefallen, scheint es ihm wirklich wieder
gelungen zu sein, denn ich kenne ja Ihre liberale Richtung, die wahrscheinlich
auch Ihre Freunde teilen. Man spricht neben der Julirevolution nur vom Grafen
Topf und seinem historischen Treffer, und Sie werden wahrscheinlich bald mehrere
der hiesigen Notabilitten auf Grnschlo sehen, welche das Terrain
rekognoszieren wollen. Das wird des Grafen grte Freude sein. Sein Vermgen ist
zwar durch seine khne Art zu leben ein wenig erschttert, aber noch keineswegs
zerrttet, und er wird bei der Vermhlung seiner Tochter keiner andern Rcksicht
folgen, als sie dem historisch modernsten Manne zu geben. Stand, Vermgen wird
gar nicht in Betracht kommen, schon weil es jetzt Mode wird, die sogenannten
geistigen Vorzge im Gegensatz zu den herkmmlichen allein zu beachten. Von
dieser Seite also, werter Freund, steht Ihnen gar nichts im Wege, wenn Sie
Absichten auf die schne Alberta haben - davon ist man jetzt nach den Julitagen
allgemein berzeugt, da Graf Fips nicht ressiert. -
    Soviel aus jenem Briefe. Denke Dir nun den Grafen als einen Fnfziger, als
einen Mann von den feinsten Sitten, dem gebildetsten, artigsten Betragen, der in
allen Dingen Kenntnisse, und fr alles groe Empfnglichkeit besitzt. Es ist
wahr, sein Wissen ist meist oberflchlich; er hat die Klassiker gelesen, aber
nicht empfunden, er kokettiert mit den Griechen und ein abgeschmackter hohler
Rmer luft ihm hie und da dazwischen; er hat Geschichte studiert, weil er sie
aber oft an so verschiedenen Fden aufgereiht hat, so sind seine Ansichten
verworren geworden. Er hat von allen Religionsphilosophemen genippt, ist
abwechselnd Atheist, Deist, Protestant. Quker und Pantheist gewesen und wie
alle extremen Geister, die in der eigenen Positivitt keinen Haltpunkt finden,
am Ende romanischer Katholik geworden, der aber noch immer mit Aufmerksamkeit
Religionsgesprche anhrt. Sein ueres ist imponierend. Von hohem starkem
Wuchse hat sein Gang jene adelige Gemessenheit und Sicherheit, die wir noch in
unserer frhen Jugend so oft an den damaligen Grafen und Baronen gesehen. Die
Gebrden, Gestikulationen, Bewegungen sind weit, breit, aber sicher gerundet. Du
siehst, wieviel auf den ersten Tanzmeister ankommt, denn ich bin berzeugt, da
sich der Graf viel Mhe gegeben hat, die modernen, krzeren Bewegungen zu
erlernen. Natrlich geht er ganz modisch gekleidet. Sein lockiges Haar ist noch
voll und dicht wie das eines Jnglings, aber schneewei. Das gibt dem ganzen
Gesichte, welches sich ebenfalls durch einen sehr weien Teint auszeichnet,
etwas Geisterartiges, und die unsteten schwarzen Augen irren wie heimatlos
umher. Der Schnitt des Gesichts ist edel; eine Rmernase erhht diesen Eindruck.
Nur der etwas breite eingekniffene Mund und der untere Teil des Kopfes deutet
darauf hin, da der Mann schon viel gelebt hat. Die Faltenlinien von den
Nasenflgeln aus drngen die untere Wange tief hinab nach dem Kinn. Dieser
untere Kopf hngt nur, und hat die Spannkraft verloren; er ist das Bild seiner
Charakterlosigkeit; Er redet fast alle Sprachen und dem Anschein nach alle gut,
wenigstens versichert es Hippolyt vom Spanischen, William vom Englischen,
Leopold vom Italienischen, und ich hre es am Franzsischen, das er keineswegs
so altmodisch wie die meisten unserer Aristokraten redet, die wie der junge
Anacharsis plappern. Eines ist beraus liebenswrdig an ihm: sein Sinn fr jede
Art von Poesie. Der Mann verdaut mehr Verse in einem Niedersitzen, als ich einen
ganzen Monat lang imstande bin zu verbrauchen, und hrt Rsonnements ber
Poeterei an, bis der Rsoneur heiser ist. Ich glaube, er hat viel geliebt; er
kostet das kleinste Lied durch und durch und hat wirklich ein so ausgebildetes
Gefhl dafr, da ihm nicht die kleinste Andeutung oder Beziehung entgeht. Dies
ist denn auch das schne Band, welches ihm seine Tochter fest am Herzen erhlt.
Ich glaube wirklich nicht, da er ihrer Neigung nur im entferntesten in den Weg
treten wrde, sie mte denn auf einen ganz veralteten jungen Mann fallen. Aber
ich habe nichts als Besorgnis mit der schnen Alberta. Seit einiger Zeit neigte
sie sich offenbar mit groer Vorliebe zum altertmlichen William, diesem
altenglischen Stockjobber, wie Ihr ihn zu nennen beliebt. Ich glaube, sein
glubiges Christentum fesselte die weiche furchtsame Seele. Da kam Hippolyt, das
reizende bse Geschick der Weiber, und nun ist die Verwirrung vollstndig. Es
ist eine sehr schlimme Sache mit Hippolyt. Wie oft hab' ich es ihm vorgestellt,
da es gar kein Rechtsverhltnis sei, in das er sich Frauenzimmern gegenber
begebe. Er geht jede Verbindung ein, ohne von seiner Seite auch nur irgend etwas
anderes zu gewhren, als da er geniet, solange es seine Laune so will. Auf
meinen ernsten Tadel und meine ebenso ernste Versicherung, da ich ihn
einsperren lassen wrde, htte ich Gewalt ber ihn, erwiderte er lachend, da er
nie von einem Frauenzimmer Liebe verlangt, noch irgendeiner mehr als
augenblickliche Neigung versprochen habe. Es sei ein rechtliches
Kontraktsverhltnis; da man von der anderen Seite oft mehr prsumiere, wre
nicht seine Schuld. Was soll ich mit ihm anfangen? Soll ich ihn der Polizei
anzeigen? Die betrachtet blo die moralisch Buckligen, Lahmen usw.; sie ist nur
fr uere bel da, die jeder andere Mensch auch sieht; soll ich ihm
unaufhrlich Steckbriefe schreiben und seine Umgebungen vor ihm warnen, wie ein
Gendarm mit blanker Klinge neben ihm herreiten? Wenn ich ihn nur berzeugen
knnte, da er unter unseren brgerlichen Konstellationen unrecht habe, da man
dem Verbande einer Gesellschaft vielerlei, so auch dieses zum Opfer bringen
mte. Solange das Verhltnis zwischen Mann und Weih noch nicht anders geordnet
ist als wie jetzt in das traurige Einmaleins der Ehe, solange erfordert die
Verpflichtung gegen die neben mir Stehenden meine Aufmerksamkeit, Schonung,
Vorsicht, ja Entsagung; Hippolyt kennt aber nur Verpflichtungen gegen sich,
darum ist er eigentlich fr keinen zivilisierten Staat zu brauchen. Die
persnliche Freiheit ist bei meiner Theorie durchaus nicht gefhrdet, aber die
Freiheit sieht, nur die Schrankenlosigkeit ist blind. Das Weib, das gleich mir
die Ehe nur fr eine Krcke der tausend Schwachen, nur fr ein leider noch immer
notwendiges Hilfsmittel der Gesellschaft ansieht, das Weib, das sich stark genug
fhlt, die ueren Nachteile der Gesellschaft zu ertragen, sobald diese den
Betrug gegen sich entdeckt - dies Weib ergibt sich mir mit Freiheit, und sie
freut sich oder leidet wie ein selbstndig freies Wesen, je nachdem unsere
Verbindung Freud oder Leid bringt; dies Weib such' ich zu gewinnen, sobald sie
mein Interesse fr sich erregt. Aber den Galeerensklaven von Freiheit und Genu
zu reden, ist grausam; ein Weib, das in den gewhnlichen Banden der Gesellschaft
Notwendigkeit sieht, Befriedigung, Genge findet, in Opposition gegen sie also
zugrunde gehen mte, ein solches Weib an sich reien und doch ihre Ansichten
vom brgerlichen Leben nicht annehmen wollen - das ist Laster. Und in solchem
Falle ist Hippolyt. Die Welt um ihn lebt im rechtlichen Friedenszustande, er
aber zieht umher wie ein auerrechtlich erobernder Krieger, das ist eine
unverschmte Bevorzugung des Individuums gleich dem Absolutismus, die ich
verabscheue, und doch kann ich mich nicht zu dem philisterhaften Handwerk
entschlieen, Alberta, seine sichere Beute, vor dem Unglck, das ihrer harrt, zu
warnen. Wei ich denn auch, ob das Mdchen nicht glcklich ist, wenn sie nur
eine heie Stunde unter den Strahlen ihrer Liebessonne ruht? Wie ist sie
glcklich, wenn sie ihn nur sieht, trumerisch geht sie mit uns umher, lchelt
schmerzlich, spricht wenig und ist innig, weich wie ein Blumenblatt. Mit allen
Waffengattungen ist die Liebe in ihr sanftes Herz gezogen und hat alles zum
Kriegsstande ausgerstet; wenn der Feind der Liebeshindernisse in unseren
Gesprchen zum Vorschein kommt, da hebt sie das schne Kpfchen pltzlich mutig,
und ihr Trkenbund, den sie um den Kopf trgt, wirft sich in den Nacken, und sie
fordert khn alle Welt heraus. Alle Scheu ist von ihr gewichen in solchen
Momenten. In einem hnlichen Gesprche redete ich ihr in diesen Tagen - wir
promenierten in einem entfernten Teile des Gartens - aus vollem Herzen und mit
inniger berzeugung von der Freiheit jeder Art. Sie horchte mir mit gesenktem
Haupte zu, pltzlich blieb sie stehen, sah mich mit den rhrenden Blicken eines
Engels, dem das Gefhl die Brust sprengen will, lange und innig an, fate auf
einmal mein Gesicht in ihre beiden Hnde, legte das Kpfchen auf meine Brust und
sprach: Sie sind ein guter Mann - dann flog sie schchtern wie ein Reh von
dannen. Wenn Hippolyt mit ihr sprach, so schauerte sie in Liebeslust; ich hab'
immer gefrchtet, sie werde ihm einmal ffentlich um den Hals fallen. Graf Fips
lt immer neue Krawatten und Fracks aus der Stadt kommen, ich glaube aber, er
fngt allmhlich an zu verzweifeln, wenigstens spricht er schon sehr lange von
der Abreise. Er ist in einer sehr blen Stellung, und ich bewundere aufrichtig
die Schafsgeduld dieses Menschen, dies Treiben mehrere Wochen mit anzusehen. Uns
brgerliches Pack verachtet er natrlich im Grunde seines Herzens, und in
Verzweiflung richtet er hie und da das Gesprch an den legitimen William, das
ist der einzige Knopf seines Rocks, auf den er sich verlassen kann. Der Graf
sucht das Gesprch immer allgemein zu machen, und das liebt Graf Fips nicht; die
Unterhaltungen, welche er mit den Damen anknpft, schnappen auch stets in groer
Geschwindigkeit ab; bei Hippolyt mu er befrchten, gar keine Antwort zu
bekommen. Leopold, den er manchmal gern zum besten haben mchte, verwickelt ihn
in poetische Gesprche, aus denen er keinen Ausweg findet; mich hat er nie recht
leiden mgen, nach einem neulichen Gesprch ber Adel, seine Manieren usw., was
ich Dir spter mitteilen werde, hat er ber mich unzweifelhaft entschieden; er
luft wie ein verlorener Gedanke aus vergangener Zeit unter lauter fremden
Bchern herum, rckt seine Brille, zupft den braunen Frack in die Taille, ist
ein Lasse - das sind seine Vergngen. Seit wir ein demokratisches Treiben bei
Tisch vorgeschlagen haben, ist er ganz sprachlos. Man a frher an langer Tafel,
und in den Sitzen herrschte eine Art Rangordnung. Wir stellten dem Grafen vor,
da alles Schne und Groe rund sei, alle Ecken wrden heutigentages
abgeschliffen - den Tag darauf speisten wir an einem runden Tische und setzten
uns, wie's eben kommt. Der Graf hat sich nur ausbedungen, da ich immer neben
ihm sitze, und da wir immer zusammen schwatzen, so sitzt Kamilla fast immer zu
meiner andern Seite, sie mte denn bse auf mich sein. Sie ist ein sehr
liebenswrdiges Wesen, hat viel Verstand, fat sehr schnell und ist munter ber
und ber. Du weit, wie ich das liebe. Sie stellt sich zwar, als schnelle sie
die Gefhle mit dem Finger fort, ich glaube aber aus einzelnen Gewitterschlgen
ihres Wesens schlieen zu knnen, da sie der tiefsten Leidenschaft fhig ist,
da sie zu den verschlossenen Gemtern gehrt - verstehe mich recht: zu denen,
welche alle Tren des Wesens offen halten, die innerste Herzenstr aber nur
allein unter Trnen der schnsten Freude oder des tiefsten Leides ffnen, sonst
aber so verstellen, da man gar keine Tr ahnen, und alles an ihnen zu wissen
glauben mchte. Da sie ein solch verstocktes Gemt ist, so wird sie einst
unendlich reicher als tausend andere beglcken knnen, aber auch unendlich
glcklicher oder unglcklicher sein. Alle innersten Herzenskrfte harren nmlich
noch ungeschwcht ihrer Befreiung. Sie ist hoch und sehr schn gewachsen und hat
ein uerst liebreiches Gesicht, lchelnde schalkhafte Augen, eine zierliche
Stumpfnase, einen kleinen ppigen Mund, der viel schwatzt und lacht und blendend
weie Zhne zeigt. Ihr volles lichtbraunes Haar flattert in zurckgestrichenen
Locken in einen vollen, feisten, schneeweien Nacken, der wie zum Kpfen gemacht
ist. Ich nenne sie darum oft Ludwigs Frau, und erklre ihren fteren Eigensinn
und ihre Hartnckigkeit daher. Das tu ich oft, weil sie mich dabei immer auf den
Mund schlgt. Wie ein bunter Vogel geht sie gekleidet; ich habe sie mehrmals
darber verhhnt und bin deshalb von ihr ausgelacht worden, weil ich so wenig
Farbenschnheit und Farbenverhltnisse begriffe. Und sie hat den Sieg
davongetragen, hat sich mehrmals einfarbig gekleidet, und ich habe zugestehen
mssen, da es nicht zu ihrem bunten Wesen passe.
    Noch an jenem Abende, wo Alberta so erregt war, da sie mich fast mit ihrem
Geliebten verwechselte, fand sie sich mit Hippolyt zurecht. Ich sah zufllig der
Szene zu, es war wirklich ein artiges Bild. Neben dem groen Saale, wo wir oft
sind, ist nur durch eine Glastr getrennt und mehrere Stufen tiefer das
Gewchshaus, wo ein Teil der Orangerie steht, der nicht Raum genug vor dem
Schlosse haben oder vielleicht die deutsche Luft gar nicht vertragen mag. Ich
suchte Kamilla, die sich nirgends sehen lie - der Saal war leer; ich gehe bis
an die Glastr und sehe in der Tiefe der sdlichen Bume Alberta sinnend und
trumend die Hnde in den Scho gelegt unter einem Feigenbaume sitzen. Sie sah
wie Preziosa aus, die mit gebrochenem Herzen nachsinnt, ob ihr wohl Alonso aus
Madrid nachfolgen werde. Da ffnet sich die Tr an der anderen Seite der
Orangerie und einen Fandango singend kommt Hippolyt herangestrmt. Wie im Traum
springt das Mdchen auf und hebt die Arme. - Hippolyt, den nichts berrascht,
fat ihre Hnde, sie sinkt ihm an die Brust und umschlingt ihn; er hebt mit
beiden Hnden ihren Kopf in die Hhe und kt sie. Die fremden Bume und ich
hinter der Glastr, wir sahen still zu; mal es aus das Bild.

                                                                         Spter.

Der Graf holte mich gestern vom Schreiben zum Spazierengehen ab. Ich bin sehr
verdrielich, Freund, ber all die Dinge, die sich hier zusammenfdeln; es ist
lcherlich, da ich sie Dir erzhle, der Du auf dem Markte der Welt Dich
herumbewegst. Aber ich denke, dieser Mikrokosmos soll Dich doch unterhalten, ich
frchte, er wird nur zu bald sehr interessant. Der Graf war so unsicher, er
fhlte so hin und her nach diesem und jenem an mir und Hippolyt, da ich nicht
wei, wie ich Dir's beschreiben soll. Mir ward ganz hei dabei, - es wurde alles
so heiratlich, so brgerlich ernsthaft, da mir bald kein Zweifel blieb, der
Graf wolle unserem Weibertreiben ans Leben gehen. Ich konnte nicht klar
heraustreten mit meinen Antworten, weil er es mit seinen Fragen nicht tat und
ich solchergestalt leicht eine Betise begehen konnte; indes lie ich ihn doch
nicht undeutlich merken, wie diese ganze Wendung der Fahrt nicht in meinen Kram
passe, mir sogar sehr unangenehm sei. Die Welt ist doch wahrhaftig eine so groe
Heiratskanzlei, da man nur in ein Haus treten darf, worin ein weibliches Wesen
wohnt, um beim Herausgehen Heiratsfragezeichen auf dem Rcken zu haben. Wird
nicht alle Geselligkeit dadurch zugrunde gerichtet! Sieh unser Schlo an, wie
ist alles durch diese verzweifelte Einzunung zerrissen, zerteilt! Graf Fips
reist schon seit vierzehn Tagen ab und rgert sich alle Tage dreimal, da er
noch da ist, und beschliet zehnmal, morgen werde er reisen und immer nur
einmal, da er noch einen Tag warten wolle. Wenn die Sonne aufgeht, da ist die
Erde unschuldig und der unglckliche Liebhaber hofft das Beste - dieser Fips ist
ein Maulaffe, aber er fhlt seinen traurigen Schmerz, einen Korb am Frackscho
zu tragen, so gut wie einer. Was ihm an Gefhl zur Empfngnis dieses Schmerzes
fehlt, das ersetzt die Eitelkeit; ich glaube, er wartet blo, weil er sich
frchtet, leer in der Stadt anzukommen. Leopolds leichter Sinn ist sogar
gebrochen, er hinkt wie ein lahmes Fllen hinaus ins Feld; man ist ihm zu
ernsthaft geworden, sein Scherz erschrickt vor den verkauften oder verschenkten
Augen, die keinen Blick fr ihn haben. Fr ihn ist mir zwar am wenigsten bange;
er ist wie der Flureiher in der Fabel, er nascht am Besten herum, bis ihn der
Liebeshunger drngt, mit einem Grndling vorlieb zu nehmen. Ich hre, er hat
sich beim Pastor und Frster bekannt gemacht, und er tndelt wahrscheinlich
bereits von der Waldmaid zum Gotteslmmchen. Aber William ist mir ein Greuel,
seine eigene philisterhafte Absonderungswut rcht sich frchterlich an ihm; weil
er alles, die ganze reiche schne Welt zu zwei und zwei abschachteln mchte wie
in eine traurige dumpfe Arche Noh, so ist er nun selbst ein verlassenes,
trostloses Wesen. Seit sich Alberta so entschieden mit allen Krften zu Hippolyt
wendete, ist dieser William ein wahrer Cromwell, der alles maltrtieren mchte.
Er ist ingrimmig, grob, ungezogen, ja boshaft wie ein verwhnter Knabe. Er
rgert alle. Das ist nun jene christliche Liebe, welche der Mann auf der Lippe
trug. Weil er keine Freiheit kannte im Glauben und Gefhl, so wei er nun auch
keine zu gestatten. Er ist auch in der Eifersucht Fanatiker und Schwrmer; er
ist sehr unangenehm. Es ist kein Schmerz in ihm, sondern Grimm. Ich selbst bin
aus meiner Ruhe aufgestrt, weil ich die frhliche Kamilla tglich mit
verweinten Augen sehe, weil ich kein heiteres Wort mehr von ihren Lippen hre,
weil mich das gute Mdchen innig dauert und ich durchaus nicht wei, was ihr
fehlt. Sollte das unglckliche Mdchen etwa auch den Mrder Hippolyt lieben?!
Nun sieh, was sind das fr Dinge, was ist das fr unntze Verwirrnis, die das
Leben unklar, unerquicklich macht. Ach, ich bin rgerlich! Als gb' es auf der
Welt keine andern Beziehungen mehr als zwischen Mann und Weib! Ich bin der
traurigen Kamilla selbst so gut geworden, da ich in mir selbst Verwirrung
frchte. Und nun fhrt das Geschick die Grfin Julia hieher, und das Haus wird
ein Tollhaus. Ich will die Sache erst noch etwas reifen lassen, eh' ich Dir
breiter davon spreche. Wir geben uns alle mgliche Mhe, wichtige, spannende, ja
verletzende Gesprche ber allgemeine Gegenstnde aufs Tapet zu bringen, sobald
wir bei Tisch oder beim Tee alle versammelt sind, damit die groe Spannung und
Zerrissenheit der Gesellschaft zugedeckt werde. Hre eines derselben.
    Der Adel, nahm Hippolyt das Wort, hatte eine in der ganzen Konstruktion
der Gesellschaft begrndete Stellung, er war ein integrierender, lebendiger Teil
des Staatslebens, mit einem Worte, er war Leben, als es nur Herren und Sklaven
gab. Die herrschende Klasse, die aus den Anfhrern oder den Kriegern oder den
Eroberern bestand - denn nur das Schwert war das Kriterium - wurde der Adel; er
gestattete einem, Frst zu sein, und hielte ihn nur so weit in Zaum, da er
seiner Teilnahme am Herrenrechte nicht zu nahe trete. Allmhlich machten sich
aber die Sklaven durch ihre heranwachsende Masse, durch Erfindungen, durch
Gelehrsamkeit geltend, das Schwert reichte nicht mehr ganz aus; da sprach der
Adel die Vergangenheit um Hilfe an, er erfand die Stammbume, die Ahnen; an die
Stelle des Schwertrechts trat das historische. Der Vorzug des greren Besitzes
machte es ihm noch lange Zeit mglich, eine hhere Klasse zu reprsentieren. Der
spekulative Geist des Brgers ri nach und nach einen groen Teil dieses
Besitzes an sich, die Gelehrsamkeit wurde immer flssiger, man fing an, die
Bestandteile der Gesellschaft zu prfen, der Adel war gentigt zu glnzen, weil
sein Kern verdorrt war. Alle hheren Ttigkeiten des Menschen drngten sich
allmhlich in einen Frchteknoten zusammen, es entstand die Bildung, und sie
strzte den Adel, weil sie das Kriterium des Schwertes und der Ahnen
vernichtete. Die Allgemeinheit ward vernnftig, und es wurde ein lcherlicher
Begriff, auf eine hhere Stellung in der Gesellschaft Ansprche zu machen, weil
es die Vorfahren getan.
    Aber mein Gott, begann Graf Fips, es mu doch ein Unterschied
existieren. Er erhielt lange keine Antwort, weil jeder lachte. Das Gesprch
schien abgebrochen, und der kleine Leopold knpfte es spahaft mit einer Antwort
fr Fips wieder an. Allerdings, sagte er, ein Unterschied zwischen Klugen und
Dummen, und der existiert noch. Der Graf Topf schwieg. William aber erhob seine
Stentorstimme und verteidigte das Mittel der Erinnerungen, was Tausende
aufreize, besser zu sein, als sie ohne selbiges sein wrden. Er sei nicht eben
fr den Adel, aber wenn man solches Verhhnen alles Herkommens und historischen
Rechtes zugbe, so brche das jakobinische Vernunftrecht unheilvoll ber alles
herein und nichts stnde mehr sicher. Ich erwiderte ihm, da nichts bestehen
solle, was nicht vernnftig sei, da darber kein Zweifel mehr obwalte und man
nur ber die Art und den Weg, alten Schutt wegzurumen, uneins wre. Die
gemigten Reformer wollten kein Privatrecht verletzen, um allgemeines Recht zu
erzeugen. Der Adel selbst aber sei nicht einmal ein Privatrecht, sondern nur ein
usurpierter Titel einer alten Gewalt, die Gewalt sei aber gestrzt, und ein
Knig ohne Land sei ein Narr, wenn er sich noch Knig nennen und von
Hofzeremonien umruchern lasse. Der Adel sei fr wahnsinnig zu erklren - fuhr
Hippolyt fort - wenn er noch in Generalsuniform einhergehen wolle, whrend er
lngst mit der groen Menge in Reih' und Glied marschieren mte. Wollen Sie
nicht schwach sagen? schaltete Graf Topf ein.
    Du siehst, wie gereizt das Gesprch wurde. Ich versuchte einzulenken, und
setzte hinzu: Es ist aber auf der andern Seite etwas, was der Adel aus seiner
Herrscherzeit behalten hat, und was wir ihm immer noch nicht haben gleich tun
knnen, das ist die leichte Art zu leben. Er lebt geflgelter, freier, weil er
sich hoch gestellt glaubt, seine Geschfte sind ihm Nebensache, der Genu des
Lebens aber Hauptsache. Er wei mehr zu genieen, weil er mehr sucht. Die Mhen
der Jahrhunderte, durch welche wir bis hieher gekommen sind, lasten noch lhmend
auf unseren Schwingen. Der Adel hat keine Mhen gekannt, darum ist sein Wesen
leichter, darum verfllt er nicht in den Irrtum, das Geschft fr den Zweck
anzusehen, wie es z.B. unser Kaufmann tut. Der Adel lebt leichter, weil er von
Jugend auf sorglos ist. Er kennt unsere Hypochondrie, die Krankheit der Mhe,
nicht. Indes, der Sieg ist schon lang erkmpft, und die Not des Kampfes wird
bald vergessen sein, dann erwerben wir auch diesen Vorzug, dann wird der Adel
nicht nur getadelt, er wird verlacht werden, wie jeder bankerotte Kaufmann, der
noch nach Goldstcken rechnet.
    Aber der Menschen Sinn trachtet nach Bevorzugung - Hub Graf Topf an - nur
das moralische Streben bndigt ihn; unter den Siegern ber die historische
Klasse bildet sich wieder eine Aristokratie, die Phasen der Geschichte sind nur
ein Wechsel der herrschenden Klassen, aber kein Aufhren derselben; der neue
Feind ist die Geldaristokratie, und wahrlich, meine Herren, sie ist noch platter
und prosaischer, sie hat nicht einen Funken von Poesie, und gerade das Extrem
des Adels, das trostlose Geschft, schwingt sich im Gewande der Industrie auf
den Thron; mir schaudert vor dieser neuen, blo rechnenden Herrschaft, wo die
Herzen nichts mehr gelten.
    Ich gab ihm recht und gestand zu, da wir sehr auf der Hut sein mten, uns
den Sieg nicht stehlen zu lassen, den Sieg der Bildung. Immer aber, fuhr ich
fort, ist das doch ein groer Schritt weiter, wenn der Erbaristokratismus
gestrzt ist, und wir vielleicht leider beim Geldaristokratismus angekommen
sind, so ekelhaft dieser auch sein mag. Die nchste Morgenrte kann mir das
Geld, einige Jahre knnen mir die Gelehrsamkeit, das Wissen bringen - keine
Ewigkeit, kein Gott kann mir eine Vergangenheit, lcherliche Ahnen geben, wie
sie der Adel verlangt. Und darin liegt das Fundament zuknftiger Zeit, die
vielleicht jetzt in Frankreich beginnt. Alle Wege mssen offen sein zu allem -
nicht unbedingte Gleichheit, aber unbedingt gleiche Befugnis zu allem, das ist
die Losung des neuen Jahrhunderts.
    Erbt nicht der Sohn des Millionrs auch die Million? warf abgehend von
meinem Schlusatze der Graf ein. Hippolyt antwortete fr mich: Er kann sie
morgen ganz oder zum Teil verlieren, und sein Nachbar kann sie gewonnen haben.
Sie knnen Ihre Ahnen nicht verlieren, kein Nachbar kann sie gewinnen, darin
ruht der Widerspruch mit der neuen Theorie: alles mu fr alle erreichbar sein.
    Graf Fips meinte, ich htte der feinen Manieren nicht erwhnt, die wrden
nach diesen barbarischen Ansichten ganz zugrunde gehen. Ich erwiderte ihm, da
ich die feinen Manieren allerdings fr ein Produkt der Zivilisation anshe, da
ich aber keineswegs an ihren Untergang ohne den Adel glaubte. Manches von dem,
fuhr ich fort, was Sie, Herr Graf von Fips, so nennen, drfte allerdings
verloren gehen; manches von dem, was der Adel darunter versteht, der aber nur
eine Frucht mit schner Schale will, die ihren Zweck durch ihr Aussehen erreicht
habe, nimmer aber geffnet zu werden brauche - die eigentlichen feinen Manieren
sind ein Ergebnis der hchsten Kultur, und die meisten feinen Leute kennen sie
nicht, weil sie eben nicht kultiviert genug sind. Es handelt sich dabei
natrlich nicht um ein Kompliment oder diese und jene Floskel, das ist nichts
als Turnre, die durch einige bung wie das Tanzen von jedem erlernt werden kann
und erlernt werden soll, denn sie ist die Bedingung des Erscheinens, und das
Erscheinen soll schn sein. Es handelt sich aber um das hchste geistige
Verstndnis und um die schnste und gewandteste und geeignetste Erscheinung des
Geistigen. Es kommt dem sogenannten feinen Menschen nicht im geringsten darauf
an, die geistigen Interessen einer Gesellschaft vor den Kopf zu stoen, wenn er
das nur mit einem zierlichen Komplimente tut - man spreche das Wichtigste,
erzhle, lese das Interessanteste: ein gesellschaftliches Unding, das sich eben
ereignet, bricht es ab, strt, und kein Mensch mit feinen Manieren fragt,
welcher Gedanke, welche Folgerung unterbrochen worden sei - darum weil diese
Manieren ihnen nur der Form, nicht der Gedanken halber da sind; der Gedanke
erzeugt bei ihnen nicht die Form, sondern die Form den Gedanken. Darum ist ihr
Gipfel die Frmlichkeit, und nur die Auserwhlten werden das, was die Rmer
formosi nannten, uerlich schn, mehr aber nicht. Jedermann aber wei, da Roms
grte Mnner nicht die formosi gewesen sind.
    Das ist z.B. gute seine Manier, um Ihnen durch ein Beispiel anzudeuten, was
ich darunter verstehe, dem andern durch alle Schlangenwindungen des
Gedankenprozesses zu folgen, wo er strauchelt, ihm die Hand zu reichen, wo er
eilt und fliegt, nachzueilen, nachzufliegen, und wenn's wirklich geflogen ist
und man artig sein will, dies bemerken - alle geistigen oder sonstigen
Interessen des anderen zu den eigenen machen und mit Teilnahme verfolgen, der
geistigen oder moralischen Atmosphre, die um ihn ist, ungeteilte Aufmerksamkeit
schenken - da kann manches uere, eine herabgefallene Nadel, ein Zwirnknuel
bersehen werden; wenn man dem Besten des Menschen sich anschmiegt, so hat man
die besten Manieren, alles andere ist angenehme Zugabe. Wird es aber zur
Hauptsache gemacht - setzte Hippolyt fort, - so wird es Leerheit,
Abgeschmacktheit, Unkultur, und die feinen Personen, die sich immer und nur
darin wohlbefinden knnen, drfen nicht zu unseren gebildeten Stnden gezhlt
werden, weil sie von Bildung nichts wissen und an hohlen Spielereien, an
Firlefanz und Puppenkram genug haben. Und meinen Sie denn, da jene feinen
Manieren ein Prrogativ des Adels seien? Wir haben solcher brgerlichen Affen
genug. Es ist eine lcherliche Schwche von uns, da wir den arroganten Titel
Adel noch immer gestatten, da wir ihn selbst in unserer Polemik noch immer
gebrauchen; man nenne es Junkerei oder hnlich.
    Man war still, wir hatten zu heftig gesprochen; ich frchte, unsere hiesige
Gesellschaft ist der Auflsung nahe.
    Ich sehe durch meine Glastr Kamilla einsam wandeln - leb' wohl fr heute,
ich will ernstlich zu erfahren versuchen, welcher Kummer das liebe Mdchen
drckt, ich habe sie sehr gern. Leb' wohl!

                            19. Kamilla an Ludoviko.


                                                                     Grnschlo.

Ich habe unrecht gegen Sie, Ihre gegen mich gerichteten Vorwrfe sind gerecht.
Aber ehrlich und offen will ich gegen Sie bleiben; Sie haben mir Ihre Liebe und
Hand angetragen, Sie haben mich damals berrascht, ich war ein unerfahren Ding;
ich wute nicht, was ich versprach. Warum muten Sie aber auch so lang von mir
bleiben; warum kamen Sie nicht, wie Sie versprachen, dies Frhjahr! Wieviel
Schmerz wre mir erspart worden. Ich habe die Treue gegen Sie gebrochen. Ihr
Verlobungsring liegt im Kasten. Frchten Sie nicht die Nachricht eines Exzesses,
es gilt nur die Treue meines Herzens. Valerius, ein Poet, kam zu uns, er warb um
niemand, lebte ruhig, harmlos, dem Anschein nach ohne Wunsch, ohne Verlangen
nach irgend etwas an unserer Seite und gewann sich somit das, was er nicht
suchte, unsere Teilnahme. Ich hatte ihn gern, und nur zuweilen dmmerte die
Vermutung in mir auf, da er Ihnen gefhrlich werden knnte. - Erlauben Sie mir
dies Wort; Ihr letzter Brief berechtigt mich noch dazu. Aber ich schttelte
lchelnd den Gedanken von den leichten Schwingen meines Wesens; ich hoffte
nichts als einen lieben, zuverlssigen Freund in ihm zu gewinnen. Sein
unwandelbarer Gleichmut bestrkte mich darin. Wie ein Blitzstrahl traf mich das
Wetter. Vor einiger Zeit such' ich ihn und Alberta, die im Garten promenierten.
Ich biege um eine hohe Zypressenreihe und sehe in der Tiefe des Gartens zwischen
Bumen eine Gruppe, die mich erstarren machte, und mir eine traurige Gewiheit
ber mein Inneres brachte. Alberta ruht an der Brust des Valerius. Heie Trnen
strzten aus meinen Augen, ich fhlte, da ich Ihnen untreu geworden, da ich
jenen unglckseligen Mann liebte. Keine Macht der Erde wrde dies Gestndnis
ber meine Lippen gebracht haben; Ihnen bin ich's schuldig. Vergeben Sie mir,
vergessen Sie mich. Denken Sie mit Teilnahme an unser grnes Schlo, wo auer
meinem Leid ein breites Feld von Trauer spriet.

Ein Jngling liebt ein Mdchen,
Das hat einen andern erwhlt;
Der andre liebt eine andre
Und hat sich mit dieser vermhlt.

    Der Stifter meines Unheils wird selbst unglcklich: Alberta liebt seinen
Freund Hippolyt, ach und ich frchte, dieser liebt die schne Grfin Julia, die
vor kurzem hier angekommen ist. Das Unglck hat sich hier eingenistet. Gren
Sie innigst Ihre Schwester; o da ich mein Leid in ihren Busen weinen knnte.
    Die Bitte, mir nicht zu antworten, darf ich wohl nicht erst aussprechen.
Vergeben Sie mir!

                                                                        Kamilla.

                             20. Hippolyt an Julia.


Wir sind in einem Hause, und ich mu das tote geschriebene Wort an Sie richten,
dem warmen lebendigen gestatten Sie keinen Zugang. Warum verschlieen Sie sich
in Ihrem Zimmer, warum nehmen Sie mir meinen Tag, das Licht Ihrer Augen? Ist es
meine Schuld, da ich Sie spter gesehen als die gute Alberta? Ich habe ein
heies glhendes Herz, mein Frulein, ich schwre es Ihnen, ich will, ich werde
Ihr kaltes Gemt erwrmen; nur Ihre Hand reichen Sie mir, durch die
Fingerspitzen will ich mein Leben bis zu Ihrem Herzen treiben. Nie habe ich
einem Weibe meine Liebe erklrt, Ihnen, Julia, sage ich, da ich vergehe in
Liebessehnsucht nach Dir. Du bist meine Sonne, mein Mond, der ganze gestirnte
Himmel meiner Wnsche, meine Erde, meine Welt, meine ganze Hoffnung auf
Seligkeit. Antworten Sie mir, meine ganze Seele fleht, antworten Sie mir gtig,
ffnen Sie Ihre Zimmer, ich mu Sie sehen, ich verschmachte in dieser Wste. Ihr
Anblick ist mir die erfrischende Quelle; ich renne mir den Kopf ein in dieser
Nacht. Sie sind mein Licht, o leuchten Sie mit dem Meere des Lichts in Ihren
Augen. Ich znde das Schlo an, um Sie aus den Flammen zu tragen, Sie in Dampf
und Glut zu kssen. - Weib, das mich unterjocht, ich liebe Dich Julia, Du weit
nicht, was das heit. Antworte mir, erscheine! -

                          21. Valerius an Konstantin.


Warum schreibst Du keine Zeile, Mensch? Lebst Du nicht mehr? Ich mu alle Strke
des Gemts zusammennehmen, um in diesem Drange der Dinge fest zu stehen. Sollte
Dir ein Unglck begegnet sein, la es uns bald wissen; ich will zu Dir kommen,
Du hast ja fr die Freiheit gefochten, fr das einzige Unwandelbare im Leben.
Hier ist viel Unheil. Kamilla weicht mir aus, steht mir nicht Rede. Das tut mir
unendlich weh. Alberta liegt krank, Hippolyt hat ihr das Herz gebrochen, der
Sdlnder ist rasselnd in ihm aufgesprungen, er rast in Liebe fr die schne
Julia. Diese flieht ihn wie ein Reh den Wolf, und hlt sich mehrere Tage in
ihren Zimmern verschlossen. Heut' kam sie zu Tisch; im Augenblick als wir uns
setzten, fuhr die Frstin Konstantie vor. Nun ist die Verwirrung vollstndig.
Hippolyt schumt wie ein Eber, ich habe meine Not, ihn in zivilisierten
Schranken zu halten. Wre dieser Mensch ohne Bildung, man she die Taten eines
blutigen Barbaren. Der Graf ist uerst niedergeschlagen und sprach heute
wehmtige, rhrende Worte mit mir. Ich bin alt geworden - sagte er - und kann
der Zeit nicht mehr voraus, sie bereilt und mordet mich und mein armes Kind. -

                                                                         Spter.

Eben erhalte ich eine Ausforderung von unbekannter Hand. Es werden da soviel
Nichtswrdigkeiten auf mich gehuft, da ich ein entsetzlicher Verbrecher sein
mu. Es ist doch unangenehm, auch nur fr einen einzigen Menschen ein solcher
Gegenstand des Abscheues zu sein. Ich sinne hin und her, weil mir der Gedanke
aufsteigt, die Handschrift schon irgendwo gesehen zu haben. Ich kann's nicht
aussinnen. Alle Anschuldigungen sind indes so unklar, unbestimmt ausgedrckt,
da ich durchaus nicht genau wei, welcher beltat ich angeklagt werde. Weiber
scheinen dabei beteiligt zu sein; es ist also wohl ein eiferschtiger oder
Ritterdienst tuender Mann. Und somit ist die Sache vielleicht ein
Miverstndnis, denn ich wte doch wahrlich nicht, wem ich der Weiber halber
etwas getan haben sollte. Der gute Mann verlangt keine Antwort, sondern wird
sich in kurzem selbst melden. Soll ich offenherzig sein? Die Sache ist mir
unangenehm; ich habe es neuerdings immer gefrchtet, in eine Duellangelegenheit
verwickelt zu werden, weil ich den fatalen Kampf meiner gesunden Ansicht mit
meiner schwchlichen Empfindsamkeit voraussah. Das Duell ist mir verhat, und
wenn ich an die sogenannten Skandler auf der Universitt zurckdenke, so kommen
auch alle die Harlekinaden mit, aus deren bunten Lappen das ganze Studentenleben
bestand, und jene Paukereien erscheinen mir wie ein ernsthaftes Spiel, bei dem
leicht ein Unglck geschieht. Wenn man aber die Harlekinsjacke ausgezogen hat,
soll man auch das Spielen lassen. Ich wrde es von Staats wegen niemand
verbieten, weil es eine Beschrnkung der persnlichen Freiheit wre, und weil es
wirklich Verhltnisse gibt, von deren feinen Linien das brgerliche Recht keine
Kenntnis haben kann, da es seiner Natur nach al fresco gemalt sein mu. Ich kann
es niemand wehren, an den Vorteilen der Zivilisation keinen Anteil nehmen zu
wollen, sobald er einen andern, der das will, nicht strt. Wenn also ihrer zwei
auer dem Gesetze begriffen sein und ihre Angelegenheit durch Degen oder Kugel
schlichten wollen, so soll man sie gewhren lassen. Aber man betrachte jedes
Duell mit also mitrauischen Augen, als man es noch immer mit gnstigen tut. Man
gestatte jedem, es unbeschadet seiner ueren Ehre zurckzuweisen; man blamiere,
verlache diese mittelalterliche Courage, das Vorrecht von Studenten und
Soldaten, die es in Ermangelung eines besseren Kerns zum Mittelpunkte ihres
Lebens gemacht haben, bei denen man keiner andern Eigenschaft bedarf, um fr
vollkommen zu gelten. Die besten Mnner der Weltgeschichte drften leichtlich
nichts taugen, wenn man diesen Duellmastab bei ihnen anlegen wollte, und doch
ist es Mode geworden, selbigen Mastab an uns alle anzulegen. Sind wir nicht wie
die Kinder? Wenn sich einer vor Dummheiten nicht frchtet, so ist er ein
tchtiger Mann, vor Klugheiten aber Furcht zu haben, ein Dummkopf zu sein, das
tut der Ehre nichts. Ich habe mich auf der Universitt geschlagen, weil - nun
ja, weil ich Student war; ich werde mich wahrscheinlich jetzt wieder schlagen,
weil ich schwach bin, oder wenigstens nicht den Mut habe, allein stark zu sein.
Aber ich will mich bessern, ich will mich an das Schreckbild gewhnen, fr feig
zu gelten; es gehrt ja doch wahrlich mehr Mut dazu, ihm ins Angesicht zu sehen
als einer schmalen Kugelmndung. Wenn meine Besserung nicht so schnell
vonstatten geht, da ich schon meinen jetzigen Ausforderer heimschicke, so soll
er doch der letzte sein, mit dem ich diese Narrheit treibe. La mich Dir's
gestehen, da meine Schwche durch meine Umgebung gesteigert wird: der Adel
sieht seinen Duellmut fr eine Prrogative an, womit er seine andern
Prrogativen verdiene; wenn ich ihm den Unsinn des Duells noch so klar beweise,
so zuckt er doch die Achsel und schwappt sich auf den Bauch und spricht: Man
sieht's doch gleich usw. - Unter den Indianern mut Du erst an den Gtzen,
welchen sie verehren, geglaubt haben, eh' Du ihnen beweisen kannst, da der
Gtze ein Gtze sei. Ich will noch einmal mich glubig stellen, und dann auf
offenem Markte das Gtzenbild zertrmmern. Es ist ja doch gar zu lcherlich,
jedem Laffen preisgegeben zu sein, sei's auch nur den Zeitpunkt betreffend, in
welchem ich ihm zu Dienst sein mu. Man beschftigt sich mit den hchsten
Interessen der Menschheit und ist den alten Resten der Blutrache, dem
faustrechtlichen Larifari unterworfen; man predigt auf der Kanzel und sndigt
hinter der Kirche. Der Krieg im allgemeinen bleibt immer noch ein Akt der
Barbarei, welcher wegen der Verschiedenartigkeit der Stufen, auf denen die
Vlker stehen, noch immer nicht abgeschafft werden kann; aber den Krieg im
kleinen sollten wir doch wahrlich dmpfen knnen. Es ist eine ebenso groe
Dummheit, als wenn man den Kriegerstand den brigen voranstellt. Ist es wohl
schon jemand eingefallen, die Kanone mit Verehrung anzusehen, weil man damit
eine Masse Menschen niederschieen kann? Aber es ist der alte Rest der
Eroberung, des Lehenwesens, der Barbarei, wo nur das gelten konnte, was groe
physische Gewalt entwickelte, was Furcht einflte. Die Kultur beginnt mit
Zerstren: man haut Wlder nieder, ttet die wilden Tiere - wollen wir denn
immer im Beginn der Kultur stehen bleiben? Man lehre die Jugend, den Tod nicht
zu frchten, aber man lehre es auf eine zivilisiertere Weise. -
    Die Frstin hat viel Gefolge mitgebracht. Es ist ein buntes festliches
Treiben hier eingekehrt, es geht alles geputzt, und doch ist niemand vergngt -
wir leben auf einem Totenacker, den man mit bunten Blumen beworfen hat. Hippolyt
steht knirschend wie ein Todesengel da und ist vernichtend in Wort, Blick und
Gebrde. Ich habe ihn nie so beiend witzig, verstndig, vornehm gesehen. Die
kecke Frstin richtet oft das Wort an ihn, er wirft Dolche statt Worte zurck.
Gestern fragte sie ihn nach Desdemona. Mit einer frchterlichen Klte erwiderte
er: Eine Schlange hat ihr Leben vergiftet und sie von dem Ort vertrieben, wo sie
glcklich war - jetzt ist sie wahnsinnig. Konstantie erbleichte. Ich fragte ihn
spter, ob es grliche Erfindung seines Grimmes sei. Nichts weiter, erwiderte
er, und reichte mir einen Brief. Er war aus Wien und von Desdemona angefangen;
sie schrieb mit herzzerreiender Sehnsucht, ihre Liebe stand auf einer Hhe, vor
der ich selbst schwindelte - die Fortsetzung war von einer uns unbekannten Dame,
welche Hippolyt mitteilte, da Desdemona in ein hitziges Fieber verfallen sei,
und da die rzte fr ihr Leben und fr ihren Verstand alles besorgten. Mge es
Dir besser ergehen als uns. Leb' wohl.

                           22. Julia an ihre Mutter.


Wie es mir geht, meine liebe, liebe Mutter? Gut - schlecht - die Worte passen
nicht dafr; unglaublich wunderlich. Fr Augenblicke fhl' ich mich beseligt,
ich schwimme in Bltendften, und dann kommt wieder ein langer Tag
unaussprechlicher Angst, kindischer Verzweiflung. So leiten die Dichter
gewhnlich ein, wenn sie ein verliebtes Mdchen einfhren wollen; ich wei, wie
oft Papa darber lachte, aber hier ist es doch ein wenig anders. Ein junger
Mann, von aller Welt kurz Hippolyt genannt - er soll der Sohn eines spanischen
Grand sein - macht mir auf eine beispiellose Weise den Hof. Sein strmisches
Wesen, mit dem er mich bereilte, hat mich tdlich erschreckt; was ich von der
Frstin Konstantie, die seit einigen Tagen hier ist, vernehme, was ich an der
unglcklichen Alberta sehe, die ihn glhend liebt, und pltzlich von ihm
verlassen ist, flt mir ein Grauen vor dem Menschen ein. Und dabei ist er
zauberhaft schn, beredt, liebenswrdig - ach meine liebe Mutter! dafr ist der
Ausdruck erfunden: er ist ein gefhrlicher Mensch. Wenn alles wahr ist, was man
vereinzelt von ihm hrt, so ist er ein solcher Ausbund von Lasterhaftigkeit,
eine solche Gre von Untugend, da man versucht wird, ihn zu bewundern. Er wei
z.B. um Albertas heftige Neigung fr ihn, er hat sie hingenommen wie ein
angenehm Geschenk, und vom Tage meiner Ankunft an nicht die mindeste Notiz mehr
davon gezeigt. Meinst Du nun aber, da er in ihrer Gegenwart befangen, auch nur
im mindesten befangen wre? Gott bewahre; er unterhlt sich harmlos, als ob gar
nichts vorgefallen sei. Mich verfolgt er mit den feurigsten Versicherungen
seiner Liebe; aber selbst in seinen Bitten liegt etwas Wildes, Herausforderndes.
Der Himmel wei, was die Frstin gegen ihn hatte, sie nahm in der ersten Zeit
ihres Hierseins unglaublich leidenschaftlich Partei gegen ihn, sie war immer so
erregt, wenn sie von ihm sprach, da ich eine Zeitlang glaubte, sie habe eine
glhende Neigung in die Livree des Hasses gekleidet - es war ein auffallender
Anblick, diese stolze gewaltige Frau und den imponierenden Hippolyt einander
gegenber sitzen zu sehen: Konstantie sah ihm vornehm, fest, starr in die Augen,
als erzhle sie ihm eine Geschichte von seiner eigenen Nichtswrdigkeit; er gab
die Blicke sprhend zurck und warf einen ganzen blitzenden Wolkenhimmel mit
lauter Zerstrung und Verachtung in ihre Augen, der verchtlich heruntergezogene
Mund sprach die Erluterung jener frchterlichen Blicke. So oft er den Namen
Desdemona aussprach, war der Stolz der Frstin gebrochen, ihre Schlacht verloren
- es ist unverkennbar, da sich die beiden Leute gekannt, und vielfache
Beziehungen zueinander haben. Konstantie ist heftig, leidenschaftlich, sogar
rachschtig, weil sie nicht nur eitel, sondern stolz ist - sollte es ihr
vielleicht mit Hippolyt wie der armen Alberta ergangen sein! Ich will doch genau
achthaben, oder Hippolyt selbst einmal fragen - erinnerst Du Dich nicht, liebe
Mutter, wie verwegen sie vorigen Winter in Berlin ber dergleichen Dinge sprach,
wenn sie des Donnerstags in unsere kleineren Gesellschaften kam? Ich habe mich
immer vor ihrer Art zu lieben gefrchtet; ihre Neigungen sind ein glhender
Sirokko, und sie pat eigentlich ganz zu Hippolyt. Die gute Alberta hat einige
Tage unaussprechlich gelitten, jedoch es scheint mir wie eine hitzige Krankheit
mit Heftigkeit, aber schnell vorbergehen zu wollen. Ihr zum Glck und uns allen
zur Freude ist ein Herr Valerius hier, der auf alle den wohlttigsten Einflu
ausbt. Er ist der einzige, mit dem Hippolyt in seiner jetzigen Leidenschaft,
die aus allerlei Ingredienzien zusammengesetzt ist, redet. Ich glaube, Hippolyt
hat die Frstin ebenso, wie er mich zu lieben glaubt, und wenn ich dem Manne
heute sagte, ich liebe ihn, so teilte ich wahrscheinlich in einigen Wochen das
Schicksal seiner Verlassenen - ich will aber mein Schicksal mit niemand teilen,
ich will mich durch nichts hinreien, bereilen lassen, ich will nicht diesen
Gefhlsaufwand, diese Strme, diese Unebenheiten, dies unersprieliche Gerusch.
Liebe Mutter, ich bin meines Vaters Tochter, schilt mir nicht dies mein Wesen.
Es macht diese innere Ordnung nur mein Glck. Knntest Du Dich mit mir hier
umsehen, wie die Neigungen, Leidenschaften, Verhltnisse bunt durcheinander
liegen, wie in einem ungeordneten Zimmer, Du wrdest mit mir davor
zurckschrecken. Solche Unklarheit, Verworrenheit meiner inneren Dinge ist immer
ein Unglck fr mich, das mich zu Tode hetzte wie ein Gespenst. Darum lobte ich
den Herrn Valer; fast alle lehnen sich an ihn, weil er allein fest zu stehen
scheint. Es ist, als ob er mit Alberta in magnetischem Rapport stnde, sowie er
zu ihr tritt, schliet sich die Blume ihres Schmerzes mit ihren Trnen, und das
liebe Mdchen ist mild, sanft, ja manchmal sogar heiter. Er spricht sehr schn,
nicht so glnzend wie Hippolyt, aber eindringlicher, gediegener; alle seine
Eigenschaften sind nicht so blendend wie bei diesem, aber alle sind sicherer,
fester, abgemachter. Ich liebe das sehr. Auch Graf Topf ist ihm sehr zugetan,
und die Frstin, welche ihn anfnglich ignorierte, weil er etwas sparsam in den
Annherungs- und Hflichkeitsformen ist, geizt jetzt frmlich mit seinen
Gesprchen. Er schafft uns die einzigen heimlichen Abendstunden; wir sitzen auf
der Plattform des Schlosses unter dem Zelte, sehen auf der einen Seite nach den
fernen Bergen, auf der andern nach der nahen Stadt und dem Flussesspiegel, der
zu ihr hinzieht; Hippolyt rastet selten lange dabei, sondern strmt meist zu
Pferd durch die Ebene, und Valerius bringt uns in das liebenswrdigste
Geschwtz. Er hat zwar eigentlich selbst abscheuliche Grundstze ber Ehe, Staat
und Menschen, aber er versteht es, das Wildeste geordnet vorzutragen,
interessant, wnschenswert zu machen; die freien Dinge, welche Konstantie
uert, sind eigentlich bei weitem nicht so arg als die seinen, und doch klingen
sie mir soviel greulicher. Es kommt vielleicht daher, weil sie mir unweiblich
dnken. Die Frstin verteidigt zum Beispiel den Genu aller Vergngungen, auch
wenn sie nach unseren brgerlichen Ansichten zu den verbotenen gehren. Sie hlt
z.B. die Ehe nur fr eine Form, welche der ueren Dinge wegen da sei, und
namentlich den materiellen Besitz des Weibes sichere. Es wird mir unheimlich,
wenn ich eine verheiratete Frau so sprechen hre - wenn dergleichen verwirklicht
werden sollte, so mte ja ein trostloses Durcheinander entstehen. Valer,
welcher die Frauen selbstndiger gestellt sehen will, und wunderlich genug von
den neuen verwirrenden Zeitbewegungen viel fr uns erwartet, opponierte der
Frstin in vielen Dingen. Er machte sie darauf aufmerksam, wie gerade jetzt das
uere Leben der Frauen in der Luft schwebe, wenn sie ihren einzigen Haltpunkt,
die Ehe, aufgben; wie nur die strksten und edelsten Weiber einen bergang zu
besserem freierem Gesellschaftsleben dadurch bilden knnten, da sie sich der
Ehe nicht unterwrfen, die neuen Begriffe aber auf alle Weise untersttzten,
weil nach der politischen Revolution die soziale vor den Toren lge, durch
welche das Weib eine gesellschaftliche Stellung erlangen wrde. Das Christentum
habe das Weib nur zur Hlfte frei gemacht, es msse es ganz werden; der jetzige
Durchgangspunkt aber bringe wie jedes Ringen nach neuen Zustnden, wie alles
Halbe sehr viel Unglck, und die Frauen mten sehr auf ihrer Hut sein, da die
ffentliche Meinung noch keineswegs soweit gebracht sei, Toleranz gegen sie zu
ben. Die alten Verhltnisse seien wie die alte Kirche in Auflsung begriffen,
die Rettung sei nahe, aber die Gefahr doppelt gro. Ich schreibe Dir diese Dinge
aus meinem treuen Gedchtnis; ich verstehe wenig oder gar nichts davon, und sie
wrden mich wie alles ndern beunruhigen, shen sie nicht in dem Vortrage Valers
so abgemacht aus. Die Frstin protestierte feurig dagegen. Sie gab die
eigentliche Auflsung der Ehe und Kirche in den hheren Stnden zu, fand die
Auflsung vernnftig, verlangte aber das Beibehalten der alten Formen, welche
die Gebildeten schtzten und doch nicht beengten, der groen Masse aber
notwendig seien. Valer nannte das lchelnd Aristokratismus und gebrauchte den
garstigen Ausdruck, da auf diese Weise die Welt verfaule. Geschwre msse man
aufschneiden, auch wenn es schmerze. Fi, - wie hlich klingt das, und doch
fllt es mir jetzt erst auf; im Munde des Mannes klang's nicht so. Herr William,
einer der hiesigen Gste, verteidigte hart und unduldsam das Bestehende, und
tadelte beide Ansichten, sie seien unchristlich und darum unsittlich, lsten das
Fundament der Zivilisation und untergrben die Grundprinzipien der Gesellschaft;
sie seien die Ausgeburt des menschlichen Dnkels, welcher die Gottheit spielen
und die ewigen Gesetze umndern wolle. Die Menschen htten zu hundert Malen
versucht, das Christentum abzuschaffen, und seien immer zuschanden geworden; ihm
verdankten wir alle Art von Bildung, und es heie auf die Barbarei
zurckdrngen, wenn man dergleichen Auflsung predige - menschlicher Verstand
ordne keine Welt, der gttliche sei uns in Christo zu Hilfe gekommen, und es
heie Gott lstern, wenn man seine eigenen Institutionen verbessern wolle. Valer
nahm das Gesprch gegen ihn auf; ich kann Dir's nicht wiederholen, weil es fr
mich zu gelehrt wurde. Die Frstin lud beide ein, in einigen Wochen auf ihrem
Lustschlo einzukehren, wo sich einen Monat hindurch viel Gesellschaft
zusammenfnde. Es sei ein Gesundbrunnen in der Nhe, welcher Valers nicht ganz
fester Gesundheit sehr zutrglich sein werde. Alberta sah aufmerksam und fast
ngstlich drein und horchte. William nahm die Einladung sehr dankbar an, Valer
schlug sie aus. Die Frstin war verletzt. Alberta schien erfreut; wir trennten
uns. - - Soeben ist der Graf aus der Stadt zurckgekommen und hat die
wunderliche, aber wie er meint, zuverlssige Nachricht mitgebracht, da sich
unter den hiesigen Poeten ein verkappter Prinz aus einem sehr vornehmen Hause
befinde. Du kannst denken, welche Neugier diese Nachricht erregte; die Meinungen
waren alle dafr, es knne nur Hippolyt oder Valerius sein. Natrlich dauerte es
auch nicht lange, da beide aus dem Fragen, Zischeln, Ausholen erfuhren, um was
es sich handle. Hippolyt schlug ein tolles Gelchter auf und verlangte
unanstndig, man solle seinen Vater nicht verunglimpfen, der ein Mauleseltreiber
in Katalonien sei. Valerius lachte ebenfalls und erklrte mit liebenswrdiger
Offenheit, da sein Vater ein schlichter Landgeistlicher mit vierhundert Taler
Gehalt wre und noch sechs Prinzen auer ihm und zwei Prinzessinnen auferzogen
habe. Die Gesellschaft war durch diese Erklrungen verstimmt, und die Frstin
fragte pikiert Valerius, ob es ihm so unangenehm sei, fr einen Prinzen gehalten
zu werden. Der abscheuliche Mensch antwortete sehr ernsthaft ja. Auf William
riet wunderlich genug niemand, und obwohl man die Vermutung bei Hippolyt und
Valerius noch keineswegs aufgab, so ging doch nun alles auf den sogenannten
Provenzalen Herrn Leopold ber. Dieser kleine hbsche Mann ist sehr wenig auf
dem Schlosse zu sehen, er streift in der Umgegend umher und soll lauter
demokratische Liebschaften anknpfen. Seine Freunde wuten nichts ber sein
Herkommen, und dem einfltigen Valerius fiel es erst jetzt ein, da er schon
frher einmal von Leopold selbst etwas hnliches gehrt, es aber vergessen habe.
- -
    - - Wir saen eben nachmittags im Garten, als der Kleine von seinen
Streifereien ankam. Er hat wirklich so etwas Apartes an sich, und ist so fein
und niedlich, als sei er in Purpurwindeln gewickelt gewesen. Man fragte ihn; er
tat verlegen, leugnete nicht direkt, gab nicht eben zu - kurz besttigte alle in
dem vorgefaten Glauben, und hat nun den immerwhrenden Spott von Hippolyt, den
Scherz von Valer zu erdulden. Jener nennt ihn nicht mehr anders als Kleine
Exzellenz! Was mich anbetrifft, ich glaube, der Prinz steckt anderswo. O
Mutter, rat' mir, hilf; Hippolyt berstrmt mich mit feuriger Liebe; zuweilen
komme ich mir wie die glckliche Omphale vor, zu deren Fen Herkules ruht, und
zuweilen wieder wie die unglckliche Proserpina, welche der Gott der Unterwelt
bedroht und vom Lichte der Sonne hinwegreien will.
    O wie schmerzhaft ist mir diese Unsicherheit, diese Verwirrung, welche die
Mnner anrichten! Unsere frhliche, muntere Kamilla ist - der Himmel wei
wodurch - vollstndig umgewandelt. Sie ist still wie das Grab, und ist wenig
unter uns.
    Eben erhalte ich einen Brief vom Vater aus Paris - ich werde Dir ihn
beilegen - Adieu, tausendmal Adieu, meine liebe zrtliche Mutter.

                          23. Valerius an Konstantin.


Also wirklich krank bist Du, gemtskrank? Krank an Deinem neuen Frankreich - ich
glaube, Du hast recht mit Deiner Krankheit; sie wollen Euer heies Juliblut
konfiszieren. Schreib' mir nur nicht so karg darber - mehr, mehr, auch wenn es
Wermut ist.
    Heut abend ist pltzlich mein Gegner hier angekommen; er kennt den Grafen
und hat ihn unterrichtet. Eben war dieser bei mir, sehr ernsthaft und feierlich
gestimmt; von seiner sonstigen Wrme gegen mich keine Spur. Was mu der Mensch
fr Dinge ihm gesagt haben! Ich ging mein Leben durch und fand durchaus keinen
Anhaltspunkt. Deshalb versicherte ich dem Grafen, es mte notwendig ein Irrtum
sein. Mit wunderlicher Bestimmtheit versicherte mir dieser, es sei keiner, und
der Fremde habe den triftigsten Grund mich zu fordern. Natrlich erklrte ich,
da vom Duell keine Rede sein knne, bevor ich von der Ursache unterrichtet und
mit dem Narren, der Person, welche mich durchaus totschieen wolle,
bekanntgemacht sei. - Auf des Grafen Bitte, nicht danach zu fragen, auf seine
heilige Versicherung, da alles in vollgltiger Richtigkeit sei, habe ich mich
zu der wunderlichen Farce entschlieen mssen, ein Duell mit jemand einzugehen,
den ich nicht kenne, dessen Vorwrfe und Zornesgrnde mir unbekannt sind. Morgen
frh werden sich zwei Leute im Park schieen. Der eine tritt wie eine Sache, wie
ein Pfahl ans Ziel hin, der andere aber wird, Gott wei, wessen Ehre durch einen
Schu auf diesen Pfahl reinigen. O Welt, mit wieviel Fratzenbildern bist du
eingezunt!
    Begegnet mir etwas Menschliches, so bedaure die Enkel, da ihnen ein Kmpfer
fr ihre Freiheit gefallen ist, beneide die jetzt Herrschenden, da sie einen
unvershnlichen Feind ihrer Herrschaft weniger haben. Ich habe nur ein groes
Interesse auf dieser Welt, das ist die Freiheit, nur weil ich noch fr sie
sterben kann, wrd' ich ungern im Fratzenkampfe untergehen. - -
    Eben hre ich mit tiefem Schmerz, da Kamilla bei Ankunft des Fremden auer
sich geraten ist, sich eingeschlossen, gepackt und soeben den Reisewagen
bestellt hat. Der Wagen rollt vor das Schlo - lautes Gerusch auf der Flur, der
Treppe. - -
    Ich ging an die Tr und hrte eine fremde Stimme neben Kamillas; ich durfte
nicht hin; es war offenbar der Fremde, und dem Grafen hatte ich versprechen
mssen, ihm auszuweichen. - Alberta sprach weinend dazwischen; sie waren im
Hausflur, ich eilte an mein Fenster, Lichter und Laternen erhellten den Raum vor
dem Schlosse, Kamilla ging eilig auf den Wagen zu, wehrte mit der Hand alle
zurck, sprang in den Wagen und flog davon.
    Das Schlo ist einsam fr mich, ich bin dem Mdchen sehr gut gewesen. Die
Lsung der Rtsel mu ich erwarten.

                          24. Hippolyt an Konstantin.


Der Teufel ist los, und es gilt den ernsthaften Versuch, ob wir ihn nicht
besiegen knnen. Ein Weib, das ich nicht gewinnen kann, ein Freund, dessen
Herzblut unntzerweise strmt. Valerius scho sich heut morgen mit einem
Fremden, der verlarvt auf der Mensur erschien, und dem Graf Topf sehr ernsthaft
sekundierte. Sie schossen sich auf Barriere. Valer war vollkommen passiv dabei,
blieb unverrckt auf seinem Platze stehen und machte keine Miene anzugreifen.
Desto eiliger avancierte der Gegner. Als Valer die blutigste Absicht nicht mehr
verkennen mochte, regte sich ihm die Galle auch, er trat einen Schritt vor und
drckte ab, im nmlichen Augenblick tat's der Gegner auch - Blitz und Knall von
beiden Seiten, beide strzen zusammen. Kaum fing ich meinen armen Freund noch in
den Armen auf. Das Blut strzte aus der oberen rechten Brust. Eh' ich ihn noch
ins Haus bringen konnte, hatte sich der Gegner aufgerafft, er war nur von einem
Streifschu am Schlaf betubt gewesen und kam ohne Maske zu uns heran. Valer,
der nicht einen Augenblick die Besinnung verlor, schien ihn sogleich zu erkennen
und machte - sprechen konnte er nicht - eine unwillige Bewegung mit der Hand zum
Zeichen, da er ihm aus den Augen gehen mge. Der Narr konnte aber sein
Komdienspiel nicht lassen und fing an zu deklamieren, er sei Klaras Bruder, und
Valer habe seine Schwester unglcklich gemacht, ein Brief, den er bei seiner
Schwester gefunden, habe es ihm verraten. - - Es wurde mir zuviel, und ich
drngte ihn mit Schulter und Arm von meinem Freunde weg, ihm bedeutend, da
Epiloge vor einem Schwerverwundeten berflssig seien, und da ich ihm mit
meiner Sekundantenkugel den Weg zeigen wrde, wenn er sich nicht schleunig davon
mache. Dem Grafen sagte ich einige harte Worte wegen dieses unziemlichen
Betragens, er zog den Mann mit dem gelben Italienergesicht fort. Ich trug Valer
auf sein Zimmer; es war sehr frh am Tage. Niemand strte mich. Der Graf hatte
schon den Abend vorher nach einem Arzte geschickt, der ward herbeigeholt und
untersuchte die Wunde. Die Kugel war dicht unter der Schulter hineingegangen und
sa noch drin. Der malizise Schuft hatte wenig Pulver genommen. Valer hatte
noch kein Wort gesprochen; wir legten ihn so, da er es bequemer hatte, und er
forderte pltzlich den zgernden Arzt auf, rasch ans Werk zu gehen, die Kugel
herauszuziehen und ihm rund und bar zu sagen, ob es das Leben koste, und wie
lang es dauern knne. Der Arzt schien ein Tlpel zu sein, machte dem armen Valer
unsgliche Schmerzen, eh' er die Kugel fassen und herausbringen konnte, und
zuckte dann, nochmals befragt, unsicher die Achseln. Ich stie den Narren weg,
nahm die Untersuchungswerkzeuge, und forschte sorgfltig, wie weit die Kugel
gedrungen. Ich habe ja doch nicht umsonst mit Cuvier am menschlichen Krper die
Lebensstrmungen aufgesucht. Mein Bescheid war etwas trstlicher. Es ist Gefahr
da, Valer, sie kann aber abgewendet werden, wenn du mehrere Tage ohne uerliche
und innere Bewegung still ruhest. - Ich danke Dir, - sagte er - berichte dem
Manne noch, da er seine fanatische Wut aufgeben und versichert sein mge, er
sei im Irrtum ber mich und seine Schwester. - Ich will lieber dem Hanswurst
den Hals brechen. - Valer machte lchelnd eine mibilligende Bewegung; ich ging
zum Grafen. Das ganze Haus war aufgeweckt und voll Besorgnis; die arme Alberta,
das gutmtige Kind, hatte verweinte Augen, auch Grfin Julia war da, und das
schlimme Weib hat mich noch nie so angelegentlich um etwas gebeten als hier um
Nachricht ber Valer; selbst die Frstin hatte sich eingefunden und stellte sich
besorgt um unsern Freund. Der Graf begegnete mir und war auf dem Wege zu uns;
der gute alte Mann haste geweint, und war in Todesangst um seinen Liebling, dem
er bereits im Herzen alles Mitrauen abgebeten, das etwa die Anklage des Fremden
erregt haben mochte. Ich teilte ihm Valers Auftrag mit; der Fremde war schon
fort, er ist Kamillas Verlobter, und ist seiner entflohenen Braut nachgeeilt.
Gott wei, was der flchtigen Kamilla durch den Sinn gegangen ist. Es hat mich
gerhrt, wie alle Domestiken schluchzend herankamen, um zu fragen, ob der gute
Herr Valerius auch am Leben bleiben werde. Es ist mir immer bewundernswert an
Valers eigentlich so vornehmem Wesen geblieben, wie demokratisch er die unter
ihm Stehenden zu behandeln und dadurch zu fesseln wei. Es ist nicht die
niedrige Volksschmeichelei, die ich ebenso hasse wie das Speichellecken eines
Hofrats, es ist das vertrauliche Zugestndnis, der andere habe dieselben
Ansprche wie er, und nur die Mittel, selbige geltend zu machen, seien
verschieden, was dem Valerius soviel Herzen unter der Volksmasse gewinnt. Es
wre entsetzlich, wenn der Tod seine Krallen in das schne Herz schlge. Ich
habe Valer sehr lieb. Selbst ein allzu sanguinischer Mensch brauche ich
wechselnde Wogen und Strme, aber mein Auge ruht aus auf meines Freundes
Spiegelflche des inneren Meeres. Ich bin gewi, da es ihm unsglich viel
kosten mag, so ruhig und geordnet zu sein, die Gedanken, die oft so wild und
toll sind gleich den blutdrstigen Tieren der Wste, also gezhmt zu haben, da
sie wie stolze zivilisierte Lwen und Panther vor seinem Wagen einhergehen, ich
bin berzeugt, da es seine besten Krfte verzehrt, die umfassendste Revolution
im Busen zu tragen und doch der Humanitt keinen Augenblick zu vergessen. -
Seine Gefahr hat das Unglaubliche vermocht: sie hat eine Pause in meiner
Leidenschaft zu Julia hervorgebracht, ich darf und will jetzt nicht an das Weib
denken, nach dem mein ganzes Wesen sich breitet, wie der Sturmwind ber die
Flche, die er bedecken, durchdringen, mit sich fortreien mchte. Es ist nicht
die gewhnliche Koketterie in mir, da mich ihr Widerstand doppelt reize; ich
habe immer despotisch geliebt und nie danach gefragt, wie der Gegenstand meiner
jedesmaligen Neigung mein Ich in sich aufnahm, wenn ich mich ihm nherte, ich
wei, da Valerius recht hat, wenn er mich den frchterlichsten Egoisten der
Liebe und darum unmoralisch nennt - aber ich wei auch, da ich diese schne
Julia mit den schwimmenden Herzensaugen, mit der ganzen im Morgentau der Jugend
lstern hin und her schwankenden Gestalt verfolgen werde durch alle Zonen, bis
dies weiche Wesen meinen straffen Gliedern sich anschmiegt in Begegnung und
Wollust. Ich werde - - nicht doch, ich werde nichts tun, bis Valers Gefahr
abgewendet oder - oder beendet ist. Es wrde mich ein Totenfieber schtteln,
wenn mir der liebe Mann von meinem Feinde, dem Tode, entrissen wrde. Ihr seid
alle Trabanten, er ist ein Planet mit eigenem Lichte; ich bin sein Komet. Sein
Anblick, ein Wort aus seinem Munde, eine Zeile von seiner Hand sind mein
Polarstern auf meiner groen Seereise, ich wrde mich den Wogen berlassen,
ginge mir dieser Stern unter. - -
    - Er liegt still wie ein griechischer Philosoph mit seinen Schmerzen da.
William liest ihm des schylus Prometheus vor; sein Zustand ist sehr bedenklich;
wenn ich der Furcht in meinem Herzen den Zugang gestatten wollte, lieber
Konstantin, so wrd' ich frchten, das schne Herz Valers werde heut nacht still
stehen. - - Leopold weint an seinem Bett still in sich hinein, Valers Hand ruht
auf des Kleinen Lockenkopf, er sieht nichts von den Trnen. Ich war eben unten
im Gesellschaftssaale - es war alles versammelt; auer der Frstin sprach man
nur leise, es war wie in der Kirche. Zum ersten Male seit Julias Ankunft, wo ich
sie nicht mehr kssen konnte, kam heute Alberta zu mir, als ich eintrat; das
arme Kind sah recht bla aus; ich konnte ihr nicht helfen, ich konnte ihr auch
nichts Trstliches von Valer sagen. Auch Julia forschte ngstlich, und in der
Hast des Fragens ergriff sie zum ersten Male meine Hand! Aber Valer rann durch
alle meine Adern, ich fhlte nichts im ersten Augenblicke - der Augenblick war
kurz, das Blut ward wieder mein; da floh die Hand feig aus dem Kampfe. Die
Frstin tut verstndig teilnehmend, das ist mir sehr widerwrtig. Graf Fips, der
wie ein Stck Holz dabei steht, ist mir angenehmer. Alberta hatte die Khnheit,
ihren Vater um die Erlaubnis zu bitten, mit ihm den Kranken besuchen zu drfen.
Er hat es ihr zum Abende zugesagt. Ich habe es nicht verweigert, weil ich nicht
glaube, da es den Valerius aufregen werde; seine Klara wrd' ich nicht zu ihm
lassen. Des Abends sieht ein Sterbender besser aus als beim Sonnenschein - das
helle Leben des Tages kontrastiert zu grauenhaft mit dem heranziehenden Tode; es
ist natrlicher des Nachts zu sterben. -
    Diese Worte des Grafen fielen wie Grabgelut in unsere Herzen - wir waren
erstarrt. Ich hasse das Glockengelut, ich hasse die Raben, ich hasse den Tod.
Es wr' eine Dummheit der Natur, wenn sie den Valerius sterben liee.

                          25. Konstantin an Valerius.


Ich wei es, Freund, Du wirst auer Dir sein ber meinen Brief, Du wirst mich
dumm, albern, verrckt nennen. Vergib mir meine Albernheit, ich will wenigstens
wahr sein und Dir alles geben, was sich mir durch den Kopf bewegt. Ich fhl' es,
da ich auf einer Grenzlinie angekommen bin und pltzlich ein anderer Mensch
werde; ich fhl' es, da Dir dieser neue Mensch weniger behagen wird als der
alte mit seinen Fehlern. Aber gestatte mir, da ich Euch allmhlich alles, was
sich in mir bewegt, darlege. Da ich vielleicht mehrere Monate nur rhapsodisch
zu schreiben imstande bin, kann Euch nicht wundern, wo soll ich die Ordnung
hernehmen, da ich eben in eine Krisis trete, die nach Ordnung lechzt. Die Welt
mit ihrer Unordnung ist mir pltzlich auf die Brust gefallen, ich will sie
allmhlich herunterwerfen, Gott wei, was mir dann brig bleibt. Ob ich reicher
oder rmer werde! Wenn auch rmer, ich will aufrumen. Ich glaube Dir schon
einmal etwas hnliches geschrieben zu haben, es ist nicht dasselbe gewesen, was
ich jetzt denke, vielleicht ist das jetzige gerade der Antipode von dem
frheren, vielleicht war jenes Abenddmmerung, vielleicht ist dies Reaktion und
jenes war Revolution. Beide mssen Schutt wegschaffen, aber wahr bin ich immer,
bei meiner armen Seele.
    ber der Menschheit vergit man jetzt gewhnlich die Menschen, und in dieser
Zeit der Brnde, Kanonen und glhenden Reden ist es doch erbrmlich kalt. Die
Idee ist eine ganz schne Sache, fr fast alle zu gro, und sie bleibt immer nur
Idee. Vermhlt sie sich nicht mit dem Individuum, mit der Gestalt, so ist sie so
gut wie nicht dagewesen. Ach und das traurige erbrmliche Pathos. Da bestrafen
nun die Franzosen den Meineid ihres Knigs - gut, obgleich schlimm, sie betragen
sich eine Weile vernnftig - sehr gut. Nun kommen die allgemeinen Redensarten
libert, gloire usw. heran. Wer fr diese hundsfttische gloire Leben und Glck
von Generationen opfert, jeder noch so ruhmgekrnte Eroberer ist als solcher
(unbeschadet seiner brigen Gre) gebrandmarkt und ehrlos. Ich will nicht
hitzig werden, darum hr' ich auf, ich will nicht gemein und wtend werden,
darum schweig' ich von der Journalistik. Gott, wenn sie doch erst so schlecht
wre, da keiner mehr von ihr wissen wollte; aber nein, dazu mte sie sehr gut
werden.
    Ja, in den ersten Tagen des August war ich noch auer mir, als die
Lafittesche Partei fr den Herzog von Orleans warb, ich habe mit den Volksmassen
das Stadthaus umlagert und mich heiser nach der Republik geschrien, ich habe
neben Dubourg gestanden, als er dem neuen Knige drohte, es werde ihm ebenso
gehen wie dem schlechten zehnten Karl, wenn er seinen Eid breche, ich habe die
geballte Faust in dem Augenblicke gegen Ludwig Philipp erhoben, ich habe mit Dir
durch die Straen geschrien: Man hat unsere Revolution konfisziert, ich habe
mich und die Welt ermorden, in die Luft sprengen wollen, htt' ich nur Pulver
genug gehabt. -
    Darauf verfiel ich in ein hitziges Fieber, und nach mehreren Wochen fand ich
meine Besinnung und mich im Htel Dieu wieder. Als ich wieder auf den Beinen
war, fand ich Paris in Ordnung. Ich dachte viel ber die Ordnung nach und bin
lange Zeit sehr kleinlaut gewesen.
    Es ist wirklich ein groes Ding um die Ordnung, mein Freund. Als kleiner
Bube hatte ich einen Holzkasten, wo kleine Quadrate und Dreiecke geschickt
ineinander gepat waren; mein grerer Bruder verstand das Zusammensetzen, aber
er ging immer sehr vorsichtig zu Werke, wenn er die Teile auseinander nahm, ich
wollte es ihm nachmachen und strzte den Kasten um, aber ich kam nicht zustande
und mute ihn zu Hilfe rufen; allein da alles durcheinander geworfen war,
kostete es ihn viel Zeit und Mhe, und er schalt mich sehr aus. Mit dem
Umstrzen des Holzkastens ist man sehr eilig.
    Ich befinde mich brigens im ganzen hier recht wohl - in einem fremden Orte
ertrgt man seinen Jammer leichter als in dem, der die historische Entwicklung
dieses Jammers mit angesehen hat. Man kann in einem neuen Rocke nicht so traurig
sein wie in einem alten. Ich habe meinen alten, blutigen Kittel ausgezogen und
fhle mich viel leichter und freier. Die Welt spricht von ihrer
Universalrevolution, und da die Lutherische Revolution ihren Wendepunkt
erreicht habe, und ich habe indes meine Spezialumwlzung vollendet; ich glaube,
Ihr werdet nicht ermangeln, aus diesem ueren Wechsel vielerlei zu schlieen.
Hrt, seit Monaten bin ich in die Nhe keines Weibes mehr gekommen, die Haare
werden nicht mehr  la Caracalla gestrichen, seit langer Zeit bin ich nicht mehr
trunken gewesen. Jetzt habe ich sogar das Wassertrinken gelernt, seit kurzer
Zeit rauche ich keinen Tabak mehr. Demnach ist die Titulatur Falstaff antiquiert
und gnzlich unpassend geworden. Mit diesen alten Gewohnheiten ist auch das
vollbltige Phlegma von mir gewichen, und mir ist viel leichter dabei. Es ist
wirklich ein groer Unterschied, ob einem Bier und Wein oder Blut in den Adern
fliet. Ich tummle mich jetzt mitunter in den wahnsinnigsten Reimereien und
nicht blo der Reimerei wegen; mein frheres Schimpfen auf die bloe Form kommt
mir jetzt platt vor, auch die bloe Form ist ein Leben, und ihre Seelenfden
sind dem gebtesten Auge sichtbar. Man mu das Auge ben.
    Ich hre jetzt viel Musik. Das Werdende, sich Bewegende ist das Musikalische
in uns, weil man es in seinem Zusammenhange nicht berblicken kann; darum,
Freund, sind Revolutionen etwas so sehr Gewagtes, dem man sich nur in uerster
Notwendigkeit hingeben darf; das Gewordene, Abgemachte, Plastische ist als ein
auer uns Liegendes immer in der Vergangenheit. Man bersieht es und kann
leichter der Sache Herr werden.
    So bin ich auch mit meinen religisen Ansichten jetzt unzufrieden. Man sieht
es solchen Byron-rationalistischen Ansichten auf hundert Meilen an, in welcher
Unbehaglichkeit sie empfangen worden sind. Ich habe mich nun lange genug mit
solchem Zeuge geqult: aber was ist das Ende vom Liede? Man kann nun einmal
alles Religise und dahin Gehrige nicht ins reine bringen, und was htte man
auch davon, wenn man es knnte? Eine Wissenschaft mehr und eine Welt von
Gefhlen weniger. Ich habe den festen Entschlu gefat, das Leben schn zu
finden, und schon gibt es Stunden, wo ich es ganz ertrglich finde.
    - Manche Stunden gibt es indes noch, Freund, wo ich mir selbst mit meinen
beraus vernnftigen Ansichten wie ein bei der Gewerbeschule angestellter
Regierungsrat vorkomme. Ich habe an meinen Vater um Vershnung und Vergebung
geschrieben, und denke meine juristische Karriere wieder aufzunehmen. Meine
Tollheiten in Paris kennt bei mir zulande niemand.
    Was einem wohl das stete Ringen, Lesen, Denken, Rezensieren,
Rezensiertwerden ntzt? - Eben da man ringt, denkt, liest usw. - da man etwas
zu tun hat, so wie das gemhte Gras wieder wchst, um wieder gemht zu werden.
Was verstehst Du unter einer zeitgemen Religion? Die Religion einer jeden Zeit
ist die zeitgeme. Du rsonierst ber die Pfaffen, die sich so gemchlich in
ihrem alten Dachsbau bewegen, und willst doch am Ende einen neuen detto anlegen.
Sowie man ber Religion spricht und schreibt, kommt gewi etwas Verkehrtes
heraus, was dem Sprechenden oder Schreibenden fremd ist; die Worte werden im
Munde verdreht. Es ist, als sollte man dergleichen nicht besprechen wie die
nchste Wollschur oder Weinlese. Lieber Katholik als in der Religion
Rationalist.
    La mir nur etwas Zeit, ich werd' mich schon finden; der alte und neue
Mensch wirtschaften noch heftig in mir. Du achtest ja jede Individualitt, achte
auch vorderhand meine tastende. Und bildet sich am Ende auch eine Dir
entgegengesetzte heraus, gewhr' mir nicht nur Gerechtigkeit, ich wei, das
wirst Du immer, sondern auch Teilnahme. Ich werde bald nach Deutschland kommen.

                            26. Kamilla an Alberta.


Um Gottes willen ist es wahr, ist es wirklich, was ich eben im Hause der Frstin
vernommen - Ludoviko hat den Valerius erschossen? O ich beschwre Dich, fertige
den Boten sogleich wieder ab, damit ich heut noch Nachricht habe. Ich stehe
zwischen lauter Grbern und will doch wissen, in welches ich springen soll. O
Gott, meine Gute, ich kann nicht schreiben, weil ich nicht sehen kann vor dem
Trnenstrome. Nein, nein, Gott wird seinen Liebling doch nicht von einem
heibltigen Tlpel ermorden lassen, dessen einzig Verdienst das heie Blut ist.
Armes Mdchen, was magst Du leiden. Ach es ist Unsinn! Der Mann, der noch soviel
in der Welt zu tun hat, kann nicht erschossen sein von einem nutzlosen Menschen.
Ist dieser Narr doch gar verrckt genug, mich hier auszukundschaften und meine
Hand zu verlangen, whrend er mir auf die nchste Frage eingestehen mu, da er
Valerius niedergeschossen, und nicht wisse, ob er noch lebe. Und jenes Herz
sollte still stehen - o wozu klappern die tausend unntzen dann noch weiter?! O
Liebe, schreibe mir sogleich! Ludoviko ist schon auf dem Wege nach Berlin, um
mich einzuholen - der beltter soll in den Wind fahren, ich bleibe vorderhand
hier - und meine gute Alberta, nicht wahr, Du schreibst sogleich - ach Gott, ich
wei nicht was ich sage, was ich will - ja, ja, Gewiheit nur, nichts weiter. -

                          27. Hippolyt an Konstantin.


Warum hat die Natur den Menschen nicht grer und strker geschaffen? ber Berge
mag er stolpern knnen, aber es ist ein Jammer, da er ber jeden
Maulwurfshaufen fllt. Solch ein Wicht kann doch eigentlich auch nicht schn
sein! Man sollte keine Statuen mehr machen, keine menschlichen Figuren malen,
keine Heldengedichte und Dramata schreiben. Die ganze Natur allein verdient so
etwas, der einzelne Mensch aber nicht. Nicht das kleine Herz dieses Mdchens
kann ich erobern - o, der Mensch ist ein Wicht und nichts weiter.
    Valerius scheint die Hauptgefahr berstanden zu haben, indessen ist er noch
keineswegs gerettet. Ist so was in Arabien erhrt worden? Wie barmherzige
Samaritanerinnen sitzen die Weiber um sein Lager herum und sprechen und lesen
ihm vor. Selbst die stolze Konstantie fehlt nicht. Der Graf hat dem armen
Kranken einen weichen seidenen Patientenanzug geschenkt, in diesem nun liegt
Valer wie ein verwundeter Emir, dem die verrckten Kreuzfahrer hart zugesetzt,
auf seiner Ottomane und lt die Houris um sich tndeln. Ihm zunchst sitzt
immer die sensitive Alberta, die meine Untreu in seine schnen Augen versenken
zu wollen scheint. Meinethalben, das weiche, weie Kind kann mich nicht ansehen,
und nur Valers Nhe scheint sie zu strken. Die Frstin bertrifft mich; so gro
hab' ich die Geschicklichkeit noch nicht gesehen, kein Gedchtnis zu besitzen.
Nach jenem kurzen Wortwechsel ber Desdemona schien sie lange Zeit sehr bewegt
zu sein. Sie hat lauter stolze Laster, aber auch ihre ebenbrtigen Gegner:
stolze Tugenden. Sie schien durch jene Nachricht von Desdemona sehr zu leiden,
und von William, dessen Unterwrfigkeit ihrem gesellschaftlichen Sinne am
bereitwilligsten entgegenkam, erfuhr ich, da sie durch ihn die lebhaftesten
Anstalten in Wien treffe, Desdemonas Wohl zu befrdern. Der junge Pfaff sagte
mir das triumphierend und mit scharfen Andeutungen mich anklagend. Ich wehrte
ihm diesmal nicht: war ich ein guter Mensch, so lie ich jene heie
liebedurstige Seele nicht verschmachten und allein ziehen. Aber ich bin nur ein
Mensch. Konstantie lt sich oft stundenlang von William christliche Moral
auseinandersetzen und scheint sehr aufmerksam zuzuhren; sie stellt eine Art
Examinatorium mit ihm an, und legt ihm schwierige Flle vor. William ist
natrlich entzckt, seinen Kram so anzubringen und wird lcherlich hochmtig;
solche Geduld ist ihm lange Zeit von verstndigen Leuten nicht geworden. Die
Frstin schlo meist die Gesprche damit, da sie pltzlich kopfschttelnd und
lchelnd aufstand, vor sich hinsprach: Ja, ja, das sind schlimme Dinge. Nur
das Lcheln sah William nie, und er fiel natrlich heut aus seines Himmels
Wolken, als Konstantie die Sitzung mit den Worten aufhob: Mein lieber Herr
William, das ist lauter Bchermoral, die bestaubt aussieht in dem Sonnenschein,
welcher in unseren modernen Zimmern lagert. Unsere Menschen sind nicht mehr die
Vorderstze zu Ihren Schlssen, die Dinge knnen also unmglich zueinander
passen. Es gibt eine Moral, die in die Poren des leichtsinnigen Burschen dringt;
aber die holt man nicht aus dem Grunde eines alten abgestandenen Gewssers, man
greift in die Fluten, in welchen jener leichtsinnige Bursch eben treibt; nicht
in Syrien heilen kluge Leute den Pariser, sondern in Paris. Ihr Zeug ist
langweilig wie alles Unzeitige. - Beim Zeus, es ist ein verstndig Weib, und
der Blick, der mich in diesem Augenblicke aus ihren blitzenden Augen traf,
erinnerte mich an jene Nchte neben der Bibliothek, an jene Herrscherblicke, mit
denen sie mich regierte. Sie sah, was in mir vorging, und wie ein schneller
Windsto flog jene nchtliche Liebe ber unsere Augen und Lippen. Wir htten uns
umarmt, wren wir allein gewesen. William stand so zerschmettert da, da ich ihn
das erstemal in meinem Leben bedauert habe. Die Frstin hatte am Fenster
gesessen, er vor ihr gestanden, Julia sa auf dem Sofa und hatte ein groes
Gemlde vor sich, nach welchem sie einen Teppich stickte. Ich sa ihr gegenber
am Tisch und erzhlte ihr von Spanien, von der Einsamkeit der den Straen, von
dem romantischen Zauber dieses Alleinseins und dergleichen; sie war freundlicher
als gewhnlich und lie zuweilen die Nadel ruhen, indem sie forschend auf mich
hinsah. Dies trumerische Zuhren gab ihr einen so rhrend unschuldigen,
harmlosen Ausdruck, da ich gar zu gern zu ihr gesprungen wre. Ich wnschte
Konstantien und William zum Henker. Bald darauf schlo sich das Gesprch, wie
ich Dir erzhlte. Die Frstin ging und gleich darauf auch William. Julia ward
unruhig und machte Miene, ihre Arbeit zusammenzulegen und aufzubrechen; sie
scheint wie etwas Unheimliches das Alleinsein mit mir zu fliehen. Ich sprang zu
ihr, drckte ihre Hand an meine Lippen und bat, wirklich schmerzlich erregt, so
sanft als ich konnte, sie mge nicht so hart gegen mich sein, sie mge mich
nicht fliehen. Einen Augenblick stand sie unschlssig mit gesenktem Kpfchen,
lie mir aber ihre Hand, dann sah sie auf, das Wasser stand ihr in den Augen,
der alte Hippolyt erwachte, ich wollte sie in meine Arme schlieen; sie drckte
mir aber die warme kleine Hand ins Gesicht, schttelte weinend ihre Locken und
ging nach der Tr. Wo htte ich sonst das Abweisen eines Sturmes so ohne neuen
Versuch hingehen lassen! Ich blieb starr und traurig stehen. Und dies schien sie
zu ermutigen. Sie hatte schon die Tr in der Hand, als sie mit ihrer rhrenden
Stimme sagte: Wollen wir einen Gang durch den Garten machen?
    Ich fhrte sie in eine dunkle Kastanienallee, die aus dem Garten in ein
nahes Wldchen fhrt. Sanft und mild war sie und sprach mehr als gewhnlich. Ich
fate ihren Arm, um sie zu fhren; sie bebte zusammen, als meine Hand sie
berhrte. Mein ungeduldiges Herz duldete den Zwang nicht lnger, es drngte mich
strmisch, das blhende Mdchen zu umarmen. Ihre klare, durchsichtige Haut war
durch die Bewegung auf den Wangen gertet; es war ein warmer Tag, und sie trug
ein leichtes weies Kleid, ein dnnes rotes Flortchlein um den Hals, mit dem
die Lfte spielten, und das nicht imstande war, das schne weie Fleisch der
runden Schultern und des jungen Busens zu verhllen. Unter einem groen
Platanusbaume, der einsam unter den Kastanien stand und seine breiten ste wie
ein geflliger Liebeshehler ausbreitete, hielt ich pltzlich im Gehen inne,
schlang meinen Arm um das heie strahlende Mdchen - sie wendete sich nicht zu
mir und ich konnte nur ihre Seite an meinen glhenden Krper drngen. Nicht so,
Hippolyt, bat sie innig. Mein gerhrtes Herz zerbrach die Sehnen meines
Krpers, ich knickte zusammen und mein Kopf sank auf ihre Schulter. Ich fhlte
ihre Hand in meinen Haaren und den Hauch eines Kusses auf meiner Stirn. Leb'
wohl, mein Freund, sprach sie und flog davon. An die Platane gelehnt, sah ich
ihr schmerzlich nach. Das mag wohl etwas von Eurer sentimentalen Liebe sein, was
mir mit diesem Mdchen gekommen ist; ich wte nicht, da es mir je so ergangen
wre; meine Augen standen in Trnen.
    Wie lange ich an dem Baume gestanden, wei ich nicht. - Prinz Leopold kam
aus dem Wldchen hergeschlendert und weckte mich durch seinen Gesang. Es war
eines jener leichtsinnigen deutschen Liebesliedchen, deren die Deutschen so
wenig, die Franzosen soviel, die Spanier gar keine haben, in denen Liebe und
Liebchen gutmtig verspottet werden. Sie sind die Kritik eines leichten Herzens.
Er erzhlte mir lachend, da ihm der Pfarrer und der Frster soeben die Tr
gewiesen. Sie waren dahinter gekommen, da er ein Liebesverhltnis mit den
Tchtern von beiden zu gleicher Zeit unterhielte. Der Pfarrer hatte dem Frster
und dieser dem Pfarrer vom zuknftigen Schwiegersohne erzhlt, und am Ende hatte
sich's ergeben, da sie beide denselben meinten. Darauf hatte ihn der Frster
unsanft unter mehrfachen Grobheiten und Flchen, der Pfarrer mit himmlischem
Schwefel drohend unter salbungsvoller Rede jeder aus seinem Hause gewiesen. Er
war nmlich zuerst bei letzterem gewesen und hatte sich fr solch' Finale rasch
bei der Tochter des ersteren strken wollen, war aber aus dem Regen in die
Traufe gekommen. Dem groben Frster hatte er mit seiner Prinzlichkeit gedroht;
das hatte aber den nur noch mehr ergrimmt. Hinter dem Hause indes hatte ihm das
gutmtige Frsterrschen zum Abend um neun noch ein Rendezvous im Walde
versprochen, und als er auf dem Rckwege bei der Kirche vorbeigekommen, hatte
ihm Juditha, des Pfarrers Tchterlein, einen Abschied abends um elf unter dem
Sturmdach der Sakristei zugesagt. Ich mute ber unsern kleinen Detailhndler in
der Liebe herzlich lachen. Wenn brigens der kleine Aff' nicht wirklich der Sohn
eines Prinzen ist, so glaubt er doch gewi bald selbst daran - aus lauter
Poesie. Es ist alles an ihm so Duft, Lge, Traum, da er am wenigsten darber
Auskunft geben kann, was von seinen Verhltnissen richtig und wahr ist. Ich
glaube ihm nicht einen Vorgang, den er mir erzhlt; deshalb klag' ich seinen
lgenhaften Willen nicht an, er wei es nicht besser. Jeden Vorfall sieht er mit
tausend dichterischen Augen an, er kann nicht dafr, da er unendlich viel Dinge
zuviel sieht. Er hat nicht eine Ader vom Historiker und ein Paar Eimer Blutes
zuviel vom Poeten.
    Es ist lcherlich, was sich die Leute fr Mhe geben hinter das prinzliche
Inkognito zu kommen, selbst der Graf verleugnet seinen antizipierenden
historischen Charakter und interessiert sich sehr dafr. William ist offenbar in
der peinlichsten Verlegenheit, ob er seine frhere fanatisch-sittenrichterliche
Rolle dem Kleinen gegenber mildern oder aufgeben soll, es freut mich aber an
ihm, er scheint doch soviel Stolz zu besitzen, da er sich nicht ganz dazu
entschlieen kann. Er knurrt und grollt wie ein Kettenhund, der aufgehrt hat zu
bellen. Fips ist sehr respektvoll gegen den Kleinen, und Konstantie betrachtet
ihn so oft lchelnd, so ahnungsreich, sarkastisch und doch komisch gutmtig
lchelnd, als she sie tief durch ein Gewebe - sie ist ein kluges Weib; Gott
wei, was sie hat, ich bin zu wenig neugierig, um mich darum zu kmmern. Wre
die Sache aber wichtiger, als sie's ist, so knnte sich das Tragische ereignen,
da die in Frage stehende Person ber das eigene Ich keine zuverlssige Auskunft
geben knnte; denn ich bin fest berzeugt, Dichtung und Wahrheit ist in Leopold
ber seinen Prinzen bereits so ineinander geflossen, da er am wenigsten
entscheiden knnte, ob er ein Prinz sei oder nicht.
    Die Frstin hat irgend etwas vor, will irgend eine Komdie auffhren; sie
lacht den William aus und protegiert ihn offenbar, und hat ihn ernsthaft auf ihr
Schlo eingeladen; sie lchelt spitzbbisch ber Leopold und will ihn ebenfalls
mitnehmen; sie achtet und scheut Valerius, und mchte ihn offenbar auch von der
Partie haben. Ich glaube, sie frchtet am meisten darum fr sein Leben. Es ist
ein schwer zu ergrndendes Weib. An William will sie sich wahrscheinlich einen
glubigen, verehrungslustigen Lamartine erziehen, der sie in Oden und Liedern
preist; da er ein bedeutendes poetisches Talent ist, hat ihr richtiger Takt
lngst herausgefunden. Und allerdings ist er der einzige, der sich etwa noch zum
Hofsnger qualifizierte. Sie behandelt ihn wegwerfend, und doch umstrickt sie
ihn mit Aufmerksamkeit, whrend sie Leopold wie ein Kind behandelt, das man
verhtschelt. Ob alles dies, vor allem aber ihre innige Teilnahme, die sie dem
Valer an den Tag legt, Oppositionsgeist gegen mich ist, ich wei es nicht; die
Frau wei die Anfangsfden so schlau zu verbergen, ist bizarr und affektiert
Bizarrerien, so da man schwer zur richtigen Anschauung kommt.
    Du merkst es wohl, da ich aus Verzweiflung schwatze - umsonst hab' ich
Julia gesucht, sie entzieht sich mir geflissentlich. Ich werde
Schicksalstragdien lesen, denn ich glaube fast, das Schicksal der Liebe und des
Weibes will sich rchen an mir durch dieses schne Mdchen. Sie ist die erste,
der ich meine Liebe nachtrage wie ein Bettler dem hartherzigen Wanderer seine
Bitte - und sie ist's gerade, die mich verschmht. Ist mein Leben verdorrt, mein
Blut vertrocknet, mein Geist versumpft? Wo liegt jenes Etwas, jener
unerklrliche Hauch der Sympathie, der das verbindende Mittel ist zwischen den
verschiedenartigsten Wesen, der sie zusammenzieht? Wo ist jene Elfenbrcke, wo
sich des Mannes und Weibes Gedanken im Mondschein finden und miteinander buhlen,
eh' Mann und Weib die klare Vorstellung davon haben, und die dann zurckhpfen
in die Tiefen der Herzen, ihre nchtlichen Geschichten erzhlen und die Liebe
stiften wie ein Gedicht? O ihr Elfenpoeten Julias und Hippolyts, wo seid ihr!
    Sieh, es ist so weit mit mir gekommen, da ich klarer, sonnenheller Mensch
dem Mondscheingeheimnis der sentimentalen Liebe nachspre, da ich ein blasser
Romantiker werde; wo ich frher nichts als das offene Walten der besten Krfte
sah, die sich nach Naturgesetzen anziehen, da such' ich jetzt mysterise
Sympathie. Es ist weit mit mir gekommen. Ich bin wie ein berschwenglicher
Mediziner; wenn seine Therapie nicht mehr ausreicht, da flchtet er zu den
sympathetischen Beschwrungsformeln. Weit Du keine fr meine Julia? O da wir
keinen Teufel mehr haben, dem ich mich verschreiben knnte fr das liebreizende
Mdchen! - -
    Und doch mu ich ber die lcherliche Szene, die sich neben mir begibt,
lachen. Valerius hat den Provenzalen an den Schreibtisch zitiert, um ihm einen
Brief an Dich zu diktieren; Leopold zappelt wie ein Bcklein, und mchte gar zu
gern fort, aber Valers Auge und Wort fesselt ihn, er ist wie eine am Magnet hin
und her rckende Stecknadel, die gern entweichen mchte, er sieht pudelnrrisch
aus.

                          28. Valerius an Konstantin.


Meine Krfte sind in diesem Augenblick zu geschwcht, als da ich Deinen Brief
sorgfltig einzeln und umfassend beantworten knnte. Es ist ein trber Nebeltag,
den Du mir geschickt, Freund. Jeder gewissenhafte Mensch zweifelt zuweilen an
den Wahrheiten, die sein Leben leiten und zusammenhalten. Du bist in einer
bedenklichen Krisis, und ich frchte, die Jugend Deines Geistes und Herzens geht
darin zugrunde; ich frchte, Du wirst in kurzem ein alter Mann sein, die Jugend
irrt allerdings mehr als das Alter, aber sie ist Poesie und Leben; ein grner
Irrtum ist schner als ein vertrocknetes richtiges Wort. Jeder groe Mann bringt
Tausenden Tod, um Millionen Leben zu bereiten; der Haufen Toter, den der Kampf
einer neuen Zeit um Euch aufhuft, verengt Euch die Aussicht, Ihr seht nur den
blutigen Tag, nicht das goldene Jahrhundert. Wenn uns die Jugend verlt, so
meinen wir, die Zeit msse ebenfalls vollendet sein; wir verlangen, da die Zeit
in ebenso kurzen Schritten gehe als ein Mensch, ebenso schnell mit ihrem Leben
zu Ende sei als wir. Der ist der groe Historiker, der nicht nach dem Schlage
des eigenen Herzens urteilt, denn wie zeitig schlgt ein menschliches Herz matt,
sondern nach dem Herzschlage der geschichtlichen Epoche. Das Jahrhundert kommt
wie ein Wandersmann mit zerrissenen, abgetragenen, schmutzigen Kleidern an dem
Orte an, wo es sich neu kleiden, reinigen, subern, umgestalten soll - ein
Kleidungsstck nach dem andern wird abgeworfen, der unkundige Mensch geht
vorber, er hat es lebhaft gewnscht, da jener Wanderer sich neu gestalten
soll; aber er sieht die halb entkleidete schmutzige Figur, er entsetzt sich
davor, nennt seinen Wunsch Frevel, verhllt sein Gesicht und luft heulend von
dannen.
    Du hast pltzlich vergessen, da wir inmitten einer kritischen,
zerstrenden, umwandelnden Epoche sind, in drei Tagen hast Du die Metamorphose
vollendet sehen wollen - da dieser Glaube Dich getuscht, wie er Dich tuschen
mute, denn nicht in einer Nacht blht die ganze Erde auf, lufst Du heulend und
Dein Gesicht verhllend von dannen. Dir spukt die Tages-und Wochengeschichte im
Kopf, und die Weltgeschichte Deines Herzens hast Du vergessen, die in Jahren,
Jahrzehnten und Jahrhunderten schreitet, weil Dein Herz pltzlich
zusammengeschrumpft ist.
    Da das Handgemenge um die Freiheit begonnen hat, alle Triebe, Begriffe,
Wissenschaften, Knste in dieses Handgemenge verwickelt sind, schreist Du mit
schwacher Stimme Ordnung - Ordnung, und weil es nichts hilft, wirfst Du Dich
weinend an den Boden. Kmpfe - der Kampf ist zur Kriegszeit der nchste Weg zur
Ordnung.
    Ermannst Du Dich nicht, erreichst Du nicht die Hhe des historischen
berblicks, wo die kleinen Strungen verschwinden, Freund, so bist Du in kurzem
von der neuen Zeit geschieden, so bist Du bald eine Mumie.
    - Ade, Konstantin - Dein Valer.
Schreiber dieses, der Prinz Zerbino aus der Provence, schickt Dir ein ganzes
    Fllhorn Gre und Entschuldigungen, da er seine Hand hat leihen mssen zu
    so herben Dingen.

                          29. Hippolyt an Konstantin.


Jag Deine Augen Karriere durch diese Zeilen. Sobald Du am Ende bist, eil an die
Tore nach Deutschland zu, gib Auftrge, beschreibe, unterrichte, versprich
Belohnungen - tu alles, um der Grfin Julia, wenigstens ihrer Wohnung,
wenigstens der Nachricht habhaft zu werden, ob sie in Paris ist oder nicht.
Dieser Brief kommt auf dem krzesten Wege zu Dir, er reist gewi schneller als
eine Dame. Vor einer Stunde ist Julia abgereist; ich trat nach jenem trichten
Geschwtz Leopolds, wobei wir vielfach stehen geblieben waren, gelacht, kurz die
Zeit vertrdelt hatten, in den Schlohof, und hoffte Julien verschmt aber
liebevoll im Gesellschaftssaale zu finden - da fliegt Juliens Reisewagen ber
die jenseitige Brcke, die vier Pferde wiehern wie hohnlachend und ziehen die
Beute im gestreckten Trabe von dannen - alle Muskeln schwellen mir, ich starre
wie ein zrnendes Steinbild hin, tausend Leidenschaften drohen mich zu
zersprengen - da wendet sich ein Kopf aus dem Wagen; ich erkenne Julien, sie
winkt Abschied mit dem Taschentuche. Da wird der Stein lebendig, ich fliege in
den Stall, zum Satteln ist keine Zeit, werfe meinem Pferde den Zaum ber,
springe auf und jage ventre  terre der davoneilenden Beute nach - am nchsten
Dorfe erreiche ich glcklich den Wagen, ich ruf' den Kutschern Halt zu, sie
erhalten aus dem Wagen Gegenbefehl, Julia, die mich erblickt hat, erteilt den
Gegenbefehl, mein Pferd droht unter mir zusammenzustrzen. Ich wollte in den
Wagen springen, mit gerungenen Hnden bat sie mich abzulassen, zurckzukehren.
Ihr Gesicht schwamm in Trnen, sie schien immerwhrend geweint zu haben -
Hippolyte, toute mon me Vous prie de me laisser partir, Vous m'assassinez en
m'empchant - das geschah alles noch im Trabe, ich schrie dem ersten Kutscher
zu, ich erwrgte ihn, wenn er nicht Schritt fhre - er tat's. Julie, mon ange,
pourquoi a? Sie reichte mir die Hand aus dem Wagen, sie war glhend hei und
bebte. Ich drckte sie an meine Lippen. Vous me tuez, si vous ne retournez
pas! - Ach, das sagte sie mit einem Blick, der mit seiner Rhrung den Himmel
gespalten htte. Ich hielt mein Pferd still und blieb zurck. Da warfen die
Kutscher ihre Pferde in Galopp - meine Wut erwachte, ich wollte die Schufte
ermorden und jagte nach. Julia erhob sich hnderingend im Wagen, neben ihr
strzte mein Pferd zusammen, ich hrte Juliens Schrei und Haltrufen, aber mein
Stolz hob mich unter dem Leibe meines Pferdes in die Hhe; ich winkte ihr,
fortzufahren - sie fuhr. Ich wei nicht, wie ich zurckgekommen bin. Tu, wie ich
Dich gebeten, bald siehst Du mich selbst.

                           30. Julia an ihre Mutter.


Du hattest recht, Mutter, als Du mir rietst, meinen Aufenthalt in Grnschlo
abzukrzen, Hippolyt wrde mein Unglck sein. Er ist der schnste, gewaltigste
Mann, den ich gesehen, wre ich lnger geblieben, so htte er mich berwltigt,
ob ich ihn deshalb je geliebt htte, wei ich nicht.
    Gestern bin ich abgereist, weil es die hchste Zeit war, ich gehe zum Vater
nach Paris und schreibe Dir dies Billett aus dem ersten Nachtlager. Morgen mehr,
liebe Mutter, ich bin todmde. Fast eine Stunde lang bin ich im Wagen ohnmchtig
gewesen - Hippolyt kam wie ein zrnender Gott hinter dem Wagen her und wollte
mich halten. Ach Mutter, was hab' ich gelitten dabei. Ich gab ihm meine Hand,
unendliche Wollust jagte sein Ku darauf durch meine Sinne, aber mir war's, als
hielte mich ein wilder Geist. Mein Mdchen, die etwas von unseren Gesprchen
verstanden hatte, gab den Kutschern ein Zeichen, der Wagen flog davon, Hippolyt
schrie auf, da es mir Mark und Bein erbeben machte, er jagte uns nach, das
Pferd brach unter ihm zusammen und strzte auf ihn - Mutter, ich war
zertrmmert, schrie Halt, wollte aus dem Wagen - ach - meine Krfte hatten mich
verlassen, ich war bewutlos zurckgefallen, das Mdchen hatte fortfahren
lassen. Sie erzhlte mir, Hippolyt habe unverletzt geschienen, habe selbst uns
fortgewinkt, sei aufgestanden und habe uns lange mit untergeschlagenen Armen
dastehend, nachgesehen.
    Ach, es war sehr traurig, liebe Mutter, und ich werde wohl lange nicht froh
werden.

                            31. Alberta an Kamilla.


Ach, da Du nicht mehr bei mir bist, meine arme geliebte Kamilla! O wie wollt'
ich Dich kssen! Du wunderst Dich, da ich nicht traurig bin, weil Du von der
Frstin gehrt hast, Julia sei fort, und Hippolyt sei ihr spornstreichs
nachgereist. Nein, meine Liebe, ich bin gar nicht traurig, ich bin recht still,
aber recht ruhig, ja sogar glcklich. Der ganze Schwarm ist fortgeflogen; Du
weit, da Konstantie William und Leopold mitgenommen hat, Graf Fips ist ein
stummer Mann, wir haben nur den lieben kranken Valerius hier, und der ist mehr
wert als alle.
    Man sagt mir, ich sei in Hippolyt verliebt gewesen, und er htte mich sehr
unglcklich gemacht; das erste mag wohl wahr sein, ich glaube, es ist auch das
rechte Wort getroffen. Geliebt? Ach, nein, berauscht -, o bitte, erla mir das
Zergliedern, Du weit, ich kann das nicht, ich liebe das bewutlose, ungeprfte
Hintrumen, ich frage nicht viel. Valerius nennt mich darum immer die
romantische Dame, und hat mir versprochen, mit mir nach Paris zu reisen, und
mich mit den dortigen Romantikern Viktor Hugo, Janin und wie sie heien mgen,
bekannt zu machen. Ja, ja, das hat er mir versprochen. Und sie wrden mich sehr
lieben, sagt er, der gute Mann. Gestern hat er mir Viktor Hugos Hernani
vorgelesen - ach, wenn ich doch so lieben knnte wie Donna Sol, sterben knnt'
ich gewi so fr meinen Hernani. Aber Hernani gleicht in vieler Wildheit zu sehr
dem Hippolyt, es ist in beiden zu tolles spanisches Blut. Ich habe Valerius
gebeten, mir einen sanfteren Hernani, einen deutschen zu schreiben. Er lachte,
als ich's ihm sagte, da die Deutschen am liebenswrdigsten wren. Der Vater hat
uns versprochen, da wir drei, er, Valerius und ich im Sptherbst nach Paris
reisen wrden. Papa ist viel weicher als sonst, aber nicht mehr recht lustig. Du
fehlst ihm, meine liebe Kamilla, o komm und mach uns munter mit Deiner guten
Laune. Wenn Du bald kommst, kannst Du auch mitreisen. Valerius hat heut' viel zu
schn fr Dich gebeten, und der Vater nickte still mit dem Kopfe und sah so
unbeschreiblich gut dabei aus. Ach Gott ja, Du warst in der letzten Zeit gar
nicht mehr vergngt, das fllt mir erst ein. Gib doch Deinen garstigen Ludoviko
auf. Dem Herrn Valerius darf man gar nicht davon sprechen, sonst wird er gleich
betrbt.
    Die Frstin wollt' ihn gar zu gern mitnehmen; der Vater sagte uns, sie htte
sich einen Scherz ausgesonnen, die jungen Leute mit ihren neuen Ansichten in den
groen Gesellschaften auftreten zu lassen, welche sich jetzt aus ihrem
Lustschlosse versammeln werden. Sie versprche sich von diesem Turnier mit den
alten Rittern sehr viel Spa, aber William und Leopold hlfen ihr eigentlich
nicht viel, jener, weil er zu fromm und legitim, dieser, weil er zu lustig,
unsicher und nachgiebig sei. Beide wrden ihr nur mit Poesie aushelfen knnen;
nur wenn Valerius mitkme, sei auf vorteilhaften Kampf zu rechnen. Da er es
bestimmt ausschlug, so hat er wenigstens versprechen mssen, feindliche Briefe
hinzuschreiben, welche die ganze Gesellschaft besprechen, und bekmpfend durch
den Sekretr William beantworten wrden. Es ist gar nicht hbsch von
Konstantien, da sie unserem kranken Freunde soviel zu schaffen machen will - er
soll ruhen, und geht's nach mir, so schreibt er keine Zeile.
    Aber das ein und alles meines Briefs ist: Komme - komme morgen, Herr
Valerius bittet auch schn, und der Vater auch. Es ist jetzt ja hbsch still und
heimlich auf Grnschlo, es wird Dir sehr behagen. Valerius darf noch nicht viel
gehen, und da sitzen wir fast den ganzen Tag auf der Terrasse unter den Akazien
und schwatzen und lesen und treiben allerlei. Herr Valerius trgt den Arm im
Tuch und sieht noch blasser aus als sonst, aber viel sanfter, freundlicher,
milder. Komm nur, komm, er will uns Geschichten erzhlen, wenn Du da bist -
hrst Du? Komm! Jetzt kss' ich Dich ein- zwei- dreimal und bin Deine zrtliche
    
                                                                        Alberta.

                            32. Kamilla an Alberta.


Ich soll zu Euch kommen? Ach Du gutes, harmloses Kind weit nicht, was Du
bittest und doch, wenn ich wirklich ein starkes Mdchen bin, so siehst Du mich
bald. Ach, ich wei nicht, wohin ich soll, und Grnschlo ist so schn, so
verfhrerisch schn. Htt' ich nur einen so jungen, fgsamen Charakter wie Du,
meine Liebe. Ich habe ein hartes garstiges Herz. Aber hier auf dem Schlosse der
Frstin halte ich's nicht mehr aus vor Langerweile. William schmachtet fr die
Frstin und bemerkt es nicht, wie ihn ihr Schwager schnde, ja unwrdig,
verchtlich und abgeschmackt behandelt - o wie wrde Valers Zorn donnern, wenn
er dies mit anshe. Der Prinz gewordene Leopold spielt eine wunderliche Rolle
hier. Man behandelt ihn mit aller Auszeichnung, die seinem neuen Stande zukommt,
und doch wei niemand, wie er eigentlich heit, und doch hpft ein so
gefhrlicher Spott auf den Lippen der Frstin herum, wenn sie mit dem
verzauberten Prinzen spricht, da ich wirklich nicht wei, was ich dazu sagen
soll. So erregt mir das ernsthafte Liebesverhltnis, das sich zwischen Leopold
und der Prinzessin Amelie gebildet hat, eine Art gespenstigen Grauens. Ich
frchte, Konstantie hat die Prinzessin. Die klare, in Goethe poetische Frau ist
der gerade Gegensatz alles Nebelhaften, unklar Romantischen. Unsere Freunde
wrden sagen: Sie ist griechisch, plastisch und Gott wei was, die Prinzessin
aber ossianisch, mittelalterlich, christlich. Es ist mehr, es ist ein wunderlich
Wesen, diese Amelie. Wenn man noch keinen Begriff von einer Mondscheinprinzessin
hat, so mu man sie ansehen, aber feineren, durchsichtigeren Teint habe ich nie
erblickt, weicheres, schneres Organ nie gehrt - ich kann mich nur von dem
Gedanken nicht losmachen, da all solche toll romantische Personen schwachkpfig
sind. Du weit, da das Haus, woher sie stammt, sehr vornehm, aber sehr arm ist.
Bei all ihrer Schwrmerei hat Amelie doch gegen alle niedrigeren Stnde einen
Stolz, ja Hochmut, da ich mich oft innerlich erbittert gefhlt habe, wenn ich
es sah. Das ist alles so ganz anders bei der Frstin. Nur der Schwager derselben
pat zu Amelie - es ist ein garstiger Mensch, hinter dessen Hofton eine
grinsende Roheit zu lauern scheint Er gibt sich den Anschein, als zeichne er
mich aus. Ach mir ist so unheimlich unter all den Larven, und da sie mich zum
Teil an Grnschlo erinnern, ist mir doppelt schmerzhaft - ich will nichts von
Euch Lieben hren, wenn ich nicht bei Euch sein kann. Ach, Ihr mgt in Eurem
Frieden recht glcklich sein, Ihr guten Leute. Nach Paris soll ich mit Euch
reisen? Ich mchte wohl, aber - liebe Alberta, es ist nicht alles gut in der
Welt. Wenn ich recht stark oder recht schwach werde, so bin ich bald in
Grnschlo. Gestern hab' ich einen sehr lieben Brief von Ludovikos Schwester
erhalten. Sie mu ein sehr liebenswrdiges Wesen sein, und bittet mich um
Nachricht ber ihren Bruder, der sie pltzlich verlassen hat, ohne da sie den
Grund seiner Abreise wei. Wie geht es mit Valers Gesundheit? Wie ist der Himmel
doch so gut, da er das Unglck abgewendet. - -
    Ich werde wohl bald kommen, ich sehne mich sehr nach Euch und doch, liebe
Alberta, ist es eine groe Torheit, wenn ich zu Euch gehe. Glaub mir's, ich bin
recht bel daran. Htte mir nicht die Frstin mit ihrem klaren Geiste so manches
von den Verhltnissen auf Grnschlo in einem andern Lichte dargestellt, als es
mir erschienen war, ich wre noch bler daran und kme nicht zu Euch, verzehrte
sich auch mein Herz in Sehnsucht. Frag mich nicht, was das fr Rtsel sind, frag
mich nicht, gutes Kind! Wenn einmal meine gute Laune wieder bei mir einkehren
sollte, dann werde ich Dir davon erzhlen, recht viel erzhlen.
    Tausend Gre fr Euch alle und nun Ade - Ade! -

                           33. Hippolyt an Valerius.


                                                             Wien, im September.

Verachtete ich nicht die Trostlosigkeit, Freund, ich wre trostlos. Hate ich
nicht die Reue, diese Schuldenmacherin bei der Zukunft, die unntzerweise Geld
fr die Vergangenheit leiht, ich finge an manches zu bereuen.
    Ich trete in den Speisesaal und setze mich. Ein leiser Schrei meiner
Nachbarin lt mich genau in das halbverhllte Gesicht sehen - es ist Julia, die
aufstehen und davoneilen will. Ich fasse krampfhaft ihre Hand und halte sie
fest, sie kann nicht fort, ohne groes Aufsehen vor der zahlreichen Gesellschaft
zu verursachen. Der Himmel wei, was ich ihr in Glut und Wut der Liebe alles
zuflsterte, sie bebte wie ein Espenblatt, ihre Brust schlug hoch, das Gesicht
brannte in Scham und Feuer. Da fielen ihre weinenden Augen wie fufllig in die
meinen, sie bat, wie eine Snderin ihren Beichtiger um Hoffnung fr die
Seligkeit bitten mag, ich mge sie lassen. Noch eh' ich zu etwas entschlossen
war, erstarrte ihre Hand in der meinen, sie lehnte sich an die Rckseite des
Stuhls und war ohnmchtig. Ihre Augen blieben offen, kein Mensch auer mir
kannte ihren Zustand. Die Kellner prsentierten ihr die Speisen, ich dankte
statt ihrer. Mein wilder Mensch hatte Lust, sich ber das Ereignis zu freuen,
und wollte eben die unwohl gewordene Dame auf ihr Zimmer bringen lassen, um die
wieder lebendige in ihrer Schwche zu erobern. Der alte stolze Hippolyt schmt
sich dieses jmmerlichen Gedankens, aber die Liebe hat die alte Kraft zermalmt.
In dem Augenblicke tritt ein Kellner zu mir und berichtet, da eine Dame, welche
im Hause wohne, meinen Namen erfahren und mich fragen lasse, ob ich derselbe
sei, welcher die Schauspielerin Desdemona gekannt habe. Diese liege krank in
selbigem Hotel danieder, und wnsche sehnlich mich zu sprechen. In eine verdete
Gegend meines Herzens schlug dieser Blitz und entzndete sie von einem Ende zum
andern. Julia hatte sich erholt, ich fhrte sie aus dem Saale, kte sie auf das
gebrochene Auge und flog davon, Desdemonas Zimmer suchend.
    O was erlebte ich! Mein gesthltes Innere bog sich wie ein Baumzweig.
Bleich, ein Bild des zerstrenden Todes, lag das einst so schne Weib auf dem
Lager. Die langen schwarzen Flechten hingen aufgelst ber Gesicht und Schultern
und das weie Nachtkleid herunter, die weichen Zge des Antlitzes waren spitz
und schmerzhaft geworden; der Mund, sonst lieblich wie ein Liebeslied, war
verzogen, nur das Auge mit seiner ewigen Liebe war derselbe Stern geblieben, der
nur bei heranbrechendem Tageslichte matter schien. Sie sprach nichts, als ich
eintrat, es schien sie gar nicht zu berraschen; als ich an ihr Bett trat,
nickte sie kaum merklich mit dem Haupte und lispelte: Nicht wahr, Hippolyt, es
kann mir doch niemand wehren, Dich zu lieben? Die heien Trnen - ja Freund, es
waren heie Trnen aus dem Kern meines Herzens - strzten aus meinen Augen auf
ihre abgemagerte Hand: Bist ja heut' so lang' bei der Frstin gewesen - sagte
sie weiter, ein zweischneidig Schwert whlte in meinem Innern - Du hast mich
heut' nicht gesehen und ich habe die Desdemona gut gespielt, so wie Du mich's
gelehrt. Ich fhlte einen krampfhaften Druck in meiner Hand, sie holte tief
Atem, der Mund war wieder Liebe und lchelte, das Auge strahlte alte
Glckseligkeit, ich hrte noch leise, ganz leise die Worte: Ach, wie lieb' ich
Dich - und Desdemona war tot. Lange stand ich unbeweglich, ich war auch tot.
Des Kindes Stimme, das an der Erde spielte, und pltzlich ber sein Spiel
aufjauchzte, erweckte mich. Die erstarrte Hand Desdemonas hielt die meine fest
umklammert, ich konnte nicht los und wollte der Toten durch das Aufbrechen keine
Schmerzen machen. Ich blieb noch lange stehen und suchte mit der freien Hand in
all meinen Taschen herum, um eine Waffe zu finden. Ich wollte bei meinem Weibe
bleiben. Meine Taschen waren leer. Da mute ich das Grlichste tun und meine
Hand gewaltsam von der toten Liebe befreien. Langsam ging ich nach der Tr. Das
kleine Mdchen sah mich lchelnd an und bat mich, mit ihr zu spielen. Lange
stand ich noch an der Tr und sah nach der lieben Leiche; dann ging ich und
schlo die Tr leise; ich wollte mein Weib nicht stren. Dieses zuschlagende
Schlo trennte mich von meiner innigsten Vergangenheit. Ich ging langsam den
Saal entlang und sah nur in weiter Ferne, was dicht um mich her vorging. Damen
in Reisekleidern schlpften an mir vorber - es mochte Julia und ihr Mdchen
sein - ich beachtete sie nicht. Man erzhlte mir spter, da ich mich an die
Haustr gestellt und der fortfahrenden Julia starr zugesehen, auf ihre an mich
gerichteten Worte nichts erwidert habe. Es war die erste Totenstunde meines
Lebens, und ich denke mit Grausen daran - der Tod ist ein garstig Scheusal, er
ist der bare hliche Gegensatz des Schnen. Es war ein trber Regentag gewesen.
Als ich noch an der Haustr des Hotels stand, brach pltzlich die
Nachmittagssonne die Wolken und leuchtete mir in das starre Auge. Da wich mein
Feind, der Tod, aus allen meinen Gliedern, ich fhlte wieder lebendig Blut in
mir, meine Sehnen spannten sich, ich war auferstanden. Es fiel mir alles
Lebendige, was ich gesehen, wieder ein. Juliens Abreise und ihre Schnheit - ich
rief nach Pferden. Was kmmert mich der Tod! Was sind die Menschen dumm, mit
diesem abscheulichen Zustande noch Geprnge und Aufsehen vorzunehmen. Der
gestorbene Mensch ist eine Sache, man bringe sie beiseit' so schnell als
mglich. Wer sich mit einem Leichnam beschftigen kann, die Seele mag ihm noch
so lieb gewesen sein, ist ein verhrtetes unsthetisches Leichenweib, ein
Handwerkstotengrber. Ich will lieber selbst sterben als sterben sehen. Ich
schreibe dies in einem andern Gasthofe und warte auf Pferde. Die bunte Bastei
mit ihrem Sonnenschein liegt vor meinem offenen Fenster; es ist aller Tod in mir
berwunden, die Vergangenheit der vorigen Stunde liegt in tiefem, weit
entferntem Nebel hinter mir. Mein Leben ist wieder lebendig - der Wagen fhrt
vor - Ade, mein Freund, ich fliege nach Paris, um Julien zu erobern. Ich werde
sie erobern, mt' ich ihr nachjagen durch alle Zonen. Soll ich auch noch die
Sentimentalitt lieben, diese Krcke der Schwche, den Regenschirm beim
Gewitterregen, der das furchtsame Gesicht vor Donner und Blitz versteckt, dies
Liebugeln mit dem Tode! Bin ich hier um zu sterben oder um zu leben? Ist die
Sonne, weil sie tglich einmal untergeht, zum Untergehen da? O ihr tglich
sterbenden Menschen mit eurer Romantik und wie ihr die Fratze nennt, Blut und
Wrme such' ich, ich suche Liebe und Julien - und damit Gott befohlen, Freund.

                          34. Valerius an Konstantin.


Hippolyt ist auf der Reise nach Paris, ihm kann ich nicht schreiben, Du wirst
wohl in Deiner begonnenen Metamorphose noch soviel Gedchtnis brig behalten
haben, da Du ein wenig Interesse an mir und meinen Angelegenheiten nimmst; ich
will nichts ber Staat und Kirche schreiben, mein Herz drngt mich aber zur
Mitteilung, ich mu sprechen, mu schwtzen, hre mir zu. Sie ist
wiedergekommen, Kamilla nmlich. Errtend trat sie mir entgegen, ein ganzer
Morgenhimmel von Schamhaftigkeit glnzte auf ihrem liebreichen Gesichte; damals
wute ich nicht warum, jetzt wei ich's. Ich war spazieren geritten, als sie
ankam; der Himmel war blau, die Sonne, das Auge Gottes auf dieser Erde, wrmend
und freundlich in milder Liebe, die Lerchen sangen ihre jauchzendem Stotne der
Freude, die Bume mit Frchten beladen sahen wie glckliche Mtter freundlich
drein in die helle Welt, ich schaukelte mich auf dem Pferde in gesunder
frhlicher Empfngnis all dieser Freuden, die der Schpfer allen, auch den
rmsten freigebig schenkt, die Weltgeschichte ging rosenfarbig an mir vorber,
ich hoffte das beste fr die strebenden Menschen. In dieser Stimmung ritt ich
langsam in den Schlohof. Auf den Stufen vor dem Schlosse sah ich zwei Damen
stehen und die eine - ich erkannte Alberta am weien leuchtenden Gewande - mir
mit dem Tuche winken. Kamilla war die andere, sie war eben angekommen. In meine
glckselige Seele fiel ihr verschmter Blick wie ein tiefsinniger Liebesgedanke
Byrons, die ruhige Freude in mir, die wie ein glcklicher Vogel in den
Baumzweigen sa, erhob pltzlich die Schwingen und flatterte jubelnd in die
Hhe, die ruhige Freude in meinem Innern erhob sich zu einem Jauchzen ber
namenloses Glck. Ich sah pltzlich, da ich Kamilla liebte. Sie reichte mir
ihre schne, weie Hand, ich drckte sie innig an meine zuckende Lippe, ich sah
aus meinem Glck heraus ihr tief in die feuchten glnzenden Augen bis ins Herz
hinein, unsere Hnde vermhlten sich, und die harmlose Alberta freute sich
unserer Freude. Wir gingen in den Garten und spielten wie die glcklichen
Kinder. Kamilla war weich, innig und warm wie ein Maiabend, und ihr Auge hing
wie ein kssender Engel an meinen Blicken; sie war nicht wie sonst munter und
ausgelassen, sie lachte nicht, aber sie sah wie ein Engel aus, der sich freut.
Nur wenn mein Glck mitunter aufjauchzte, sprang ihr sonstiges hpfendes
Temperament aus ihr hervor, die Augen blitzten, alle Zge des Gesichts jubelten,
alle Glieder hoben sich zum schwebenden Tanze, sie begann ein frhliches Lied
und tnzelte eine Strecke hin. Ich konnte ihr nicht sagen, was mir das Herz
bewegte, denn Alberta ging nicht von unserer Seite. Wir schwrmten also in
romantischer Ungewiheit den halben Tag in Garten und Wald umher, unsere Blicke
sprachen von vollem Herzen, von sem Glcke, unsere Lippen bargen die Schnheit
der Welt. Hie und da schien mir ein Schatten ber Kamillas Angesicht zu fliegen,
wenn ich mit Alberta tndelte und mit dem lieben kindlichen Wesen kosende Worte
wechselte.
    Der Graf ist in der letzten Zeit unserer Einsamkeit wieder aufgelebt; an die
Stelle des langweiligen Fips, der endlich seine diplomatischen Bestrebungen
aufgegeben und seine Lenden gegrtet hat, ist sein bunter Marschall der Laune,
Kamilla getreten. Wir leben wie die Engel, und wollen in einigen Monaten nach
Paris kommen. Die romantische Ungewiheit mit Kamilla hat sich in die reizendste
Klarheit aufgelst. Wir saen in den ersten Tagen ihrer Ankunft auf der
Plattform unter dem Zelt, dessen Seitenwnde wir aufgeschlagen hatten. Es war
gegen Abend, der Himmel rot, die Erde duftete in Wollust. Ich sah glcklich ins
Land hinein und stand mit untergeschlagenen Armen neben Kamilla, welche die
Gegend zeichnete. Alberta stand auf der andern Seite und sang, den Kopf an die
Sule des Zeltes hinauslehnend, sang ein Wanderlied des lieben Wilhelm Mller.
Kamilla sah von Zeit zu Zeit auf und hing ihre innigen Blicke an mein
freudestrahlendes Auge. Es kten sich unsere Seelen. Die Nachtigall schlug in
Albertas Gesang. Auf einmal kehrte sich diese um, kte Kamilla, reichte mir die
Hand und sprang hinweg, um zu musizieren - der Gesang, sagte sie, sei ihr zu
wenig, sie msse die Tne, die in ihr herumwogten, ausstrmen. Ich setzte mich
neben Kamilla und sah bald auf ihre Zeichnung, bald in ihr Auge. Ich fhlte es,
da ich im Begriff stand, unsern Dmmernebel zu zerreien. Der Mann ist darin
immer plumper als das Weib, er trachtet in seiner Nchternheit mehr nach
bestimmten Formen, er ist griechischer, das Weib romantischer, christlicher. Das
reine Weib liebt jahrelang ohne Worte, der Mann nicht soviel Monate. Kamilla,
sprach ich leise - sie ahnte, was kommen wrde und bebte zusammen. Valerius,
fragte sie kaum hrbar zurck. Der Bleistift fiel ihr aus der Hand, sie neigte
sich danach und die Flle ihrer Haare fiel ihr ber Wange, Schultern und Busen.
Ich ergriff ihre Hand, fhrte sie an meinen Mund und sah ihr bewegt in die
Augen. Sie erwiderte den Druck meiner Hand nicht, aber die Trnen standen ihr im
Auge, und als ich meinen Kopf an ihre Schulter in die herunterwallenden Locken
drckte, da zog sie die Hand aus der meinen, und ich fhlte den weichen runden
Arm um meinen Nacken, und ihre Trne fiel auf meine Stirn. Ich sah in ihr
seliges Gesicht und sagte leise: Kamilla, ich liebe Dich. Ihr leises Weinen
ging in Schluchzen ber, und ihr Antlitz an meinem Haupte verbergend vernahm nur
mein nahes Ohr die kaum hrbaren Worte: Ich liebe dich unsglich. Da sprang
ich auf, hob ihr Gesicht in die Hhe, kte ihr die Trnen vom Auge und drckte
die weiche nachgiebige Gestalt fest an mein Herz. Sie lchelte jetzt wie ein
Engel, und wir kten uns und freuten uns unserer Liebe. Aller frhere bermut,
dieser reizende vielfarbige Knabe, kam mit diesem Gestndnisse wieder ber sie.
Blde und bescheiden vorher, war sie nun toll und ausgelassen. Aber rhrend
klagte sie mir, was sie damals gelitten, als sie Alberta im Garten an meiner
Brust gesehen habe; mit neuen Trnen gestand sie, da sie deshalb hinweggereist,
und sie sah mich unsicher, schwankend, halb unglubig von der Seite an, als ich
ihr die Versicherung gab, sie sei im grten Irrtume gewesen, und es habe
zwischen mir und Alberta nie etwas anderes als ein freundschaftliches Verhltnis
bestanden. Endlich hielt sie mir den Mund zu und sagte: Ich glaube dir, aber
sei kein roher Mann und la Alberta nie etwas von unserem bereinkommen in Liebe
und Zrtlichkeit wissen - hrst du? Ich versprach's mit Freuden. Durch die
vielen Hindernisse unserer brgerlichen Gesellschaft, durch die Polizei und die
Strafgerichte, durch die Unsicherheit unseres ganzen Lebens, die Ungewiheit des
nahen oder fernen Todes sind wir so furchtsame Wesen geworden, da wir das
Schnste, was wir besitzen, oft dann schon gefhrdet glauben, sobald es nicht
mehr unser Geheimnis ist. Die herzdurchdringende Liebe will keine andere Wohnung
als das Herz, sie flieht und hat die Mrkte - so ist ihre Jugend. Sie gleicht
dem jungen Brger in der hoch-und dumpfgebauten Reichsstadt, er schleicht aus
dem strahlendsten Sonnenschein, der vor den Toren ppig seine Arme um die Erde
schlgt, aus der lebendigen Menschenmenge, die sich laut des Daseins freut, auf
das dstere Stbchen seines Mdchens, und oben in der dunklen Einsamkeit sind
beide froh, da nicht Sonnenschein noch Menschenwoge zu ihnen dringt. Dies
uerlich aristokratische Absonderungswesen ist aller jungen Liebe eigen. Ich
freute mich noch aus vielen andern Grnden ber Kamillas Vorschlag. Ist doch
meine ffentliche Liebe Snde gegen Klara. Fragst Du mich, warum ich mein
Klrchen nicht suche, da ich doch erfahren, sie sei noch frei und harre
wahrscheinlich ihres alten Geliebten, so kann ich Dir nicht viel Trstliches fr
die meisten Leute erwidern. Der Liebesharm ist eine se Krankheit, die mit dem
schnsten Schmerz beglckt und mit reiferer Gesundheit endet. Der deutsche
Liebesharm ist ein chronisches bel, das Jngling und Mann entnervt. Man mu
gegen ihn kmpfen. Ich will nicht treu sein, weil ich die Treue zumeist fr eine
Snde gegen unsern fort und fort rckenden Planeten und das, was darauf und
daran ist, halte. Treue ist ein Schutzmittel fr schwache, nicht ausreichende
Krfte; die Krfte sollen aber am Ende stark werden. Solange man diese Krcken
der Liebe nicht fortwirft, lernt man nicht selbstndig lieben. Auch die Liebe
verlt sich in jener sogenannten Tugend auf das Herkommen und ruht aus auf
einem hergebrachten Privilegium, statt auf eigener, unversiegbarer Kraft zu
bestehen. Es ist ein Traditionsgut, wie jedes andere auch, die Lnge der Zeit
ist das Verdienst, nicht die Gre oder Schnheit der Sache. Alle die tausend
gebrochenen Herzen, alle die langweiligen verdrossenen Ehen sind die Kinder der
Treue. Jedes schwindschtige Mdchen, jeder jmmerliche Jngling verlt sich
auf ihren Schutz, wenn es ihr oder ihm gelungen, in einer schwachen Stunde eine
Eroberung zu machen. Die Treue ist das groe Gngelband der menschlichen
Faulheit und Schwche, sie ist auch die Poesie der Kraftlosigkeit und ein
getreuer Eckard, unserer Tage, wie Du ihn einst vorhattest, ist eine Snde
wider den Geist der Zeit, und der Geist der Zeit ist der Zeit heiliger Geist.
Wenn der Knig von Gottes Gnaden sich auf Herkommen und angestammte Treue
beruft, und darin matt in der Vortrefflichkeit seiner Regierung die
Notwendigkeit derselben finden lt, so ist dies die steife Lehre von der Treue.
Nur was Blut hat, soll leben, nicht was nach Leben aussieht; ist Deines Lebens
Blut in Deiner alten Liebe zu finden, dann sei treu, dann ist Deine Liebe jung.
Dies ist die schne Lehre von der Bestndigkeit, die dann eine Tugend ist, wenn
die ueren Verhltnisse mit den inneren harmonieren. So ist die Ehe nur ein
Damm gegen den Strom der Geselligkeit; wit Ihr auf freiere Weise den Strom zu
leiten, so braucht Ihr keine Dmme. Wenn erst Tausende nichts mehr dem Herkommen
zuliebe tun, so ist das Lebenselement des Herkommens, seine Unzweifelhaftigkeit,
vernichtet, und eine neue Welt nhert sich im Sturmschritt. Es geht alles Hand
in Hand, die Gesetze sind eine groe Kette: trennt ein Glied, und die andern
klirren ebenfalls auseinander. Die neuen Staaten machen nach eben diesen
Grundstzen die mter beweglich, nur die Kraft behlt sie, dem Herkommen zahlt
man keinen Deut - alles gilt nur durch das, was es ist, nicht was es war oder
heit. Soll es mit den mtern der Liebe nicht ebenso werden? Dasselbe Geschrei,
das sich gegen Aushebung von Ehe und Treue jetzt erheben wird, erhob sich gegen
den wechselnden Staatsdienst in den neukonstruierten Staaten. - Flle vom Leben
bringt allerdings auch oft schnellen Tod; man wird neue Gesetze fr jenes
gesellschaftliche Verhltnis erfinden, wie man sie fr diese gefunden, denn auch
die Freiheit hat ihre Gesetze. Aber sie mssen sich in allen Teilen erweitern,
darin ruht das unbehagliche Drngen des jungen Geschlechts. Der Furchtsame mag
davor erschrecken, den Mutigen gehrt die Welt. Was man nicht erwerben kann,
frchtet man am meisten zu verlieren; wer die Kraft in sich fhlt, bangt vor
keinem Verlust, und nur die Kraft soll herrschen, nicht das Herkommen.
    Dies und manches andere sprach ich in stillen Stunden zu Kamilla. Sie hrte
aufmerksam zu, schmlte oft, es sei ihr zu hoch, ntigte mich deutlicher zu
sprechen, nickte lchelnd, da sie mich verstnde, weinte dann, da sie mich
verlieren werde und lachte wieder, da sie mich jetzt habe. Ich glaub' es gern,
da du recht hast, denn ich glaub' dir alles - sagte sie. - Du sollst mich
nicht heiraten, wenn du nicht willst, das Heiraten ist auch wirklich nicht
hbsch, es ist wirklich philisterhaft. Ich will bei dir bleiben, solange du mich
magst, und magst du mich nicht mehr - nun - nun so will ich die Vergangenheit
noch einmal allein leben und doch glcklich sterben. Sie war einen Augenblick
traurig, und wir kten uns hei und leidenschaftlich, dann trocknete sie sich
die Augen, fuhr mit der Hand ber die Stirn und durch die Luft, als wollte sie
schlimme Gestalten hinwegjagen und sprach dann frhlich weiter: Wie es mich
reizt, die groe Revolution mitbeginnen, mitbezahlen zu helfen; wie ich mich
freuen werde, wenn die Leute mich anklagen und doch beneiden werden, da ich
frei und fessellos ein schnes Liebesleben mit dir fhre. Meine guten Eltern
sind tot, ihnen mach' ich keine Sorge durch dies neue, ungewhnliche, darum
verdammte Leben; mein Vermgen reicht hin nach den Wnschen unseres Herzens zu
verkehren, und nicht wahr, so schnell und sogleich wird dir nicht eine andere
besser gefallen, mein lieber Valer - - in Paris bleiben wir zurck, wenn der
Graf heimkehrt, und wir fragen um nichts, als da wir einander gehren. Das
gute Kind ist ein Engel, und ich bin beraus glcklich; ihre unverflschte
Seele, welche der Frohsinn vor allen Flecken bewahrt hat, schleicht mit
liebenswrdiger Zudringlichkeit in alle Ritze meines Herzens und nistet sich
fest - o, es ist eine freie gttliche Liebe, von der die Heiratskandidaten keine
Ahnung haben. - Bald erfhrst Du mehr, schreib' bald, ob Hippolyt angekommen
ist.

                            35. Kamilla an Valerius.


Es ist sehr garstig, sehr garstig und ungezogen von Dir, da Du Deine dummen
Stadtgeschfte nicht schneller abmachst und lnger, als Dir erlaubt war,
ausbleibst. Alberta ngstigt sich um Dich, das tu ich zwar nicht: Du bist ja ein
starker Mann, der im gewhnlichen Lebensgange den harten Nacken nicht brechen
wird; aber komm Herz, Seele, Gedanke meines Lebens, ich lechze nach Deinem Auge,
nach dem Druck Deiner Hand; htte ich nur eine Wange von Dir da, um mein hei
Gesicht darauf zu drcken. Bis gestern abend war ich doch eigentlich sehr
heiter, ich sa lange auf Deinem Zimmer, naschte in Deinen Papieren herum und
sang Deine Lieder; ich fand es sogar schn, Dich einmal nicht zu haben, um zu
sehen, wieviel mir fehle, um meiner Schwche zu trotzen und allein zu leben. Die
gute Alberta war viel trauriger und sprach immerwhrend mit einiger Sehnsucht
von Dir. Als der Abend kam, gingen wir Dir entgegen, die Weiber, nicht die Hexen
erwarteten den Macbeth auf der Heide, - er kam nicht. Da brach alle Glut und
Leidenschaft, ber welche mich die Ruhe des Tages so sehr getuscht hatte, wie
ein Orkan aus mir heraus, ich mute bitterlich weinen - o bitte, schilt mich
nicht, ich dachte, Du wolltest nicht wiederkommen, - - dumme schwarze
Abendgedanken, fremd in meinem Blute. Heut' ist's viel besser, ich bin wieder
munter und heiter und denke: Kommt er nicht heute, so kommt er doch bald. Aber
hre, zu lang treib' mir's nicht, bin ich denn dazu auf der Welt, um getrennt
von Dir zu leben?
    Vergi nicht, mir hochrotes Band zu kaufen, sonst mut Du noch oft schelten
ber meine verblichenen Bnder, und Du hast recht, sie sind matt und hlich wie
blonde Augenbrauen auf einem brnetten Gesicht. Ich habe mir auch ausgesonnen,
wie ich Dich viel hbscher kssen will - Du sollst nur sehen, aber la Dir Dein
Brtchen nicht abschneiden, bitte, bitte. Vergi mir das Zeichenpapier nicht,
ich mu Dein khnes Byrongesicht malen. Deine Formen sind nicht so schn, aber
es fliegt Dir dieselbe Freiheitsmelancholie um die Augenwinkel, es ist derselbe
schne Liebesmund, auf dem die groen Worte und die sen Ksse ruhen, mit denen
er die schnen Italienerinnen bestach.
    Wenn Dir doch der Bote mit diesem Briefe schon unterwegs begegnete. Wrst Du
nicht Du, der beraus zuverlssige Valer, Dein Wegbleiben, Deine Kameraden, von
denen ich Dir gleich erzhlen werde, machten mir groe Angst. Wie wild,
unbndig, schonungslos betrug sich in allen Verhltnissen Hippolyt und nun hre,
was uns die Frstin schreibt. Leopold hat die Prinzessin Amelie wirklich
heiraten wollen; am Ende hat man doch natrlich sichere und bestimmte Dokumente
ber seine Herkunft und seine sonstigen Verhltnisse begehrt, er hat ein
unlsbares Inkognito vorgeschtzt, die Frstin hat wunderlich genug seine Partie
genommen, und es hat den folgenden Tag zur Hochzeit kommen sollen, da der
schwache Frst keine weiteren Einwendungen gemacht. Das ganze Schlo glnzt des
Abends im Kerzenschein eines strahlenden Polterabends, Park und Bsche blitzen
Liebeslichter, die geladene und frei herbeistrmende Menge erfllt die Gnge,
der glckliche Prinz Leopold, seine therische Braut am Arme, hpft populr
durch die Massen und lchelt uerst glcklich. Er spricht im Vorbergehen mit
den Bauern von Volksrechten und Freiheit und Gleichheit, der Volksjubel wird
immer grer, ein wtendes Geschrei lt den volksfreundlichen Erbprinzen leben,
verlangt ihn zu sehen, trgt ihn auf den Schultern einher. Prinz Leopold hat
seiner Prinzessin Braut gesagt, so htten's die alten Minnefrsten zur Zeit der
Romantik getrieben, und bestellt eine Tragbahre fr die romantische Dame, damit
sie teilnehme an dem Triumphzuge. Vom Balkon aus sieht der Hof zu, und die
Frstin lchelt sehr - so schreibt sie selbst. Da kommt ihr Schwager an und
zerstrt druend die demokratische Herrlichkeit. Er ruft Leopold beiseite und
spricht lange mit ihm. Dieser kommt zu seiner Braut zurck, spricht viel von den
Trnen der Romantik, erbittet sich von William eine Summe Geldes, um die Bauern
damit zu beglcken, und verschwindet. Dem zu Fu Fortwandernden ist ein Bauer
begegnet, der fahrende Prinz hat ihm erzhlt, er ginge erst nach Belgien, um fr
die Volkssouvernitt zu fechten; erst wenn diese errungen sei, drfe man der
Liebe Freuden pflegen. Prinzessin Amelie hat erklrt, Ohnmachten seien zu
modern, sie werde sich nicht damit befassen; sie trgt das Haar aufgelst und
singt am offenen Fenster des Nachts Lieder von Tieck und Novalis; sie it nur
ein Gericht und kleidet sich aschgrau, brigens ist sie wohl. Die Frstin setzt
hinzu, viele wrden die Sache einen Skandal nennen, auch Herr Valerius, und, das
Ganze wrde Wasser auf Deine Mhle sein. brigens mgest Du sie doch besuchen,
sie wolle mit Dir darber sprechen. Ich hoffe, das wirst Du bleiben lassen. Es
ist ein stolzes, herrsch- und rachschtiges Weib, Du magst mir's glauben, und
ich frchte sehr, sie hat dies alles absichtlich angezettelt. - -
    Eben kommt eine schreckliche Nachricht an. William hat des Abends auf dem
Korridor den Schwager der Frstin mit einem Dolchstich niedergeworfen, ist in
die Zimmer der Frstin wie wahnsinnig gedrungen und erst bei ihrem Hilferufen
entflohen. Es wird auf das lebhafteste verfolgt; zu dem Ende kam die Nachricht
mit einem Kurier hier an. Ach, wenn er nur Dir nicht begegnet! O eile, eile zu
uns, mir bangt fr Dich bei so grauenvollen Nachrichten.

                            36. William an Valerius.


Ich baue auf Deine Redlichkeit und vertraue mich Dir an. Die Verfolgung ist mir
auf der Ferse, ich habe groe Not, ihr zu entrinnen, tu alles Mgliche, sie auf
falsche Spur zu leiten, verbreite, ich sei nach sterreich geflohen. In diesem
Augenblicke darf ich mich nicht weiter wagen, sondern mu mich verborgen halten.
Erst wenn die falschen Nachrichten zu wirken anfangen, hoffe ich ber die
belgische Grenze zu entkommen. Mein ganzes Innere ist aufgelst, ich frage mich
nach keiner Rechenschaft, denn ich kann mir keine geben. Mein Gewissen ist
verloren, keine Autoritt vermag mich freizusprechen; nun so rolle denn das Rad
dem Abgrunde zu. Da ich die Frstin mit glhendem Verlangen liebte, wird Dir
wohl schon klar geworden sein. Lange kmpften meine Grundstze hartnckig gegen
mein Fleisch. Ich htte gesiegt, wre ich nicht durch die freundlichen Worte und
Blicke des schnen Weibes verfhrt worden. Ich stand auf dem Punkte abzureisen
und empfahl mich ihr; sie reichte mir die weiche Hand zum Kusse, strich mir das
Haar von der Stirn und fragte, was mich drngte. Ich konnte nicht fort, die
Snde war ausgebildet in meinem Herzen, ich vermochte es nicht mehr, mich vor
meinem Gewissen zu rechtfertigen. Ich schlug mein Gewissen tot und wollte
genieen. Jener unheimliche Schwager stellte sich mir entgegen; er fiel als
erstes Opfer eines Menschen, der die Bande der Ordnung in sich zerrissen hat.
Schweig, schweig, ich erkenne es an, da Du mir gegenber jetzt im Rechte bist.
Es ist Ordnung in Dir, wenn auch eine Ordnung, die ich verabscheue. Ich selbst
geh' zugrunde, aber mein System bleibt unerschttert; ich bin auer ihm. Alle
jene Begierden, welche die Gesetze meiner Religion in starren Banden hielten,
sind rasselnd aufgesprungen, haben sich meiner bemchtigt, seit ich jenen
Fehltritt begangen. Ein Stein ist herausgerissen, es strzt das ganze Gebude
ber mir zusammen; ich mu rennen und rennen, um diesem Geschick zu entgehen.
Die Hlle hohnlacht, aber sie soll wenigstens einen glnzenden Fang gemacht
haben; ich habe mich verloren, aber die Lust will ich gewinnen. Zurck fhrt
kein Weg, der Himmel geht am Abgrunde hin, ein falscher Tritt ist hinreichend.
Ich bin gefallen und will mich der neuen Gesellschaft wrdig machen. Frher
lohnte meine Tugend die uersten Entbehrungen, Entbehrungen ohne diesen
Gegendruck sind kindische Schwche - die Tugend ist verloren, nun denn, so jag'
ich nach dem Genu. Ihr habt viel Schuld an meinem Unglck; wer die Verleugnung
der Religion stets neben sich sieht, wird matt in seinen Dogmen. Ihr unseligen
Volksverfhrer habt meinen besten Teil auf Eurem Gewissen.

                          37. Konstantin an Valerius.


Du schreibst mir nicht, Freund, weil Du wahrscheinlich mir und meiner
Sinnesnderung zrnst. Warum lssest Du Dir die Gelegenheit entgehen, auf eine
Krisis einzuwirken, und in einer solchen befind' ich mich doch zuverlssig.
Rette an mir, was zu retten ist, ich fhle, wie mir alles unter den Hnden
verschwindet; ich fange an, den Schicksalstragdien zu glauben, es denkt und
lst ein fremder Geist in mir. Du gehrst ja doch sonst nicht zu der platt
republikanischen Partei, Du warst ja, wahrhaftig so war's, oft genug mein
Gegner; Du gestattest ja Entwicklungsgang, Modifikation usw. - Sollte denn an
mir gar nichts mehr zu brauchen sein? Hippolyt ist da und trgt mir eigentlich
auf, an Dich zu schreiben, er selbst schreibt keine Zeile: entweder tobt er
herum oder liegt starr ausgestreckt da und schweigt. Meine politische
Sinnesnderung, die ich ihm mitteilte, nahm er mit tdlichem Schweigen auf; es
erkltete, ja entsetzte mich durch und durch, als er mit untergeschlagenen Armen
vor mir stehend mit den schwarzen tiefbrennenden Augen bis in das Innerste
meiner Seele hineinsah; - die Verachtung sprang lachend um seine Mundwinkel; er
sprach kein Wort. Willst Du mir nicht etwas darber sagen? - Wofr habe ich
euch Freunde? Hippolyt sprich doch! Du bist ein schwacher Mensch, ein
deutscher Wicht, der mit Trumen buhlt und vor dem Sonnenlicht bleich wird -
wre nicht Valer unter euch gewesen, mich reute der Zeit, die ich in euren
Kreisen verbracht - sprich mir nicht wieder davon! Damit ging er hinweg. Es ist
ein beispielloser bermut solchen Auslnders, ich war sehr zornig und machte mir
durch viele Worte Luft. Als er am andern Morgen erst heimkam, wiederholte ich
ihm allen Zorn, alle Vorwrfe. Lange schien er gar nicht zuzuhren, endlich warf
er einen raschen unwilligen Blick auf mich, und warf die ganz fremde Frage
dazwischen, ob ich ihm fr den Abend ein Billett zum Gesandtenballe verschaffen
knne. Sein Liebeselend, das auf dem blassen Gesicht umherirrt, lie mich
abstehen von meiner Polemik; ich fragte teilnehmend, wie seine Sachen mit Julien
stnden. Mit vieler Mhe habe ich folgenden Tatbestand ermittelt, denn man mu
ihm wie ein Kriminalist das Wichtigste abfragen, da er kaum mit drei Worten
antwortet, nie aber erzhlt. Er ist frher hier eingetroffen als Julia, und
erfuhr es bald, da sie erst erwartet werde. Wie eine Bildsule stand er nun Tag
und Nacht vor der Barriere, welche sie aller Wahrscheinlichkeit nach passieren
mute. Sie kam des Nachts, sein Falkenauge erkannte sie, er sprang hinten auf
den Wagen und fuhr mit in das Hotel, ffnete den Schlag, hob sie heraus. Heftig
drckte er sie an sich, da erkannte sie ihn und wollte rufen. Er verhinderte sie
daran und bat, ihm Zutritt zu ihrem Hause zu gestatten. Sie verneint es
entschieden. Wohl, sagte er, sie loslassend, ich spreche Sie mindestens fnf
Minuten allnchtlich um zwlf Uhr auf dem Korridor des ersten Stockes oder ich
znde das Haus an und ermorde Sie samt Ihrem Vater.
    Das alles war das Werk von zwei Minuten; als man nach ihr rief, war er
verschwunden gewesen. Was ist diesem wilden unzivilisierten Menschen nicht alles
zuzutrauen; knnte er's, er wrfe die Erde dem Monde an den Kopf um einer
Liebesgrille halber. Das Mdchen konnte ihn arretieren lassen, wenn er kam; aber
so antiromantisch sind unsere Mdchen nicht. Und ist es nicht s, so toll
geliebt zu werden? Er hat sie mehrmals gesprochen, sie hat geweint und ihn
beschworen, sie ungestrt zu lassen. Trnen fruchten sonst nichts bei ihm; aber
er liebt Julien grenzenlos, er ist schon ber eine Woche lang nicht mehr
hingegangen. Ich will ihm zu Willen sein, meine Berliner Bekanntschaft erneuern
und bei Juliens Vater meine Aufwartung machen. Hoffentlich bekomme ich auf diese
Weise Karten zu dem groen Balle. Es macht auch mir Freude, das schne Mdchen
wieder zu sehen. -

                                                                         Spter.

Das wird eine bunte Wirtschaft. Ich wurde gemeldet und angenommen. Julia ist
wirklich sehr schn und liebenswrdig. Sie sa noch in Haustoilette am Fenster
und las. Ein leichtes weies Morgenkleid mit fliegenden rmeln, die um den
schnen vollen Arm spielten, umflog poetisch die schnen Glieder; die dunkeln
Locken hpften wie damals auf den Schultern. Sie war herzlich freundlich gegen
mich und behandelte mich mit aufgeschlossener, liebevoller Seele wie einen alten
Bekannten, mir vorwerfend, da ich erst so spt nach ihr frage. Wie warm und
heimatlich tut das meiner erstarrten Brust - was ist doch die Weltgeschichte
trocken ohne den Odem der Weiber. Du hast recht, Freund, die Welt ohne Weiber
ist ein Rechenexempel, oder eine langweilige Schulstube. Ich trat mit ihr ins
offene Fenster und sah in die lebendige Rue St. Honor! - Das war ein ganz ander
Paris, wie es sich in ihren Augen widerspiegelte, von ihren Lippen wieder zu mir
kam. Noch will ihr die tolle Stadt nicht behagen, es geht ihr alles so wst und
regellos durcheinander; ich bin ein kleiner Pedant, sagte sie, wo ich die Regel
nicht entdecken kann, da wird mir unruhig zumut; ich habe mich zum deutschen
Gott der schnen Ordnung und Harmonie, zu Goethe geflchtet und seine Iphigenia,
seinen Tasso gelesen, um mir Ruhe zu verschaffen vor dem Getmmel.
    Liebenswrdiges Mdchen, wie harmonisch klang das in das Streben meines
jetzigen Wesens. Ich sprach freudeglhend davon, wie angenehm es mich
berrasche, in den hpfenden Jugendjahren solche Besonnenheit zu finden, sie
lchelte und meinte, Du habest sie oft deshalb geneckt und eine junge Matrone
genannt. Aber - fuhr sie fort - hat das Weib bei seiner schnen unbeteiligten
Stellung in der gesellschaftlichen Welt etwas Passenderes zu erwhlen als das
Prinzip der Ordnung, der Einfachheit und Ruhe? Einfachheit und Ruhe sind die
Elemente der Schnheit, und diese soll ja unser Streben, unser Endziel sein. Der
Mann schafft, zeugt, produziert, wir reproduzieren, wir ordnen das Geschaffene.
Ich halte es fr tricht, wenn eine Frau nicht wie Goethe allen unerquicklichen
Lrm, alle Unruhe, ja allen Wechsel fern von sich hlt, selbst mit Aufopferung
des Reizes; die Empfnglichkeit wird durch groe Gaben verwhnt, die feinen
Organe, welche sonst bei den kleinsten Luftstrmungen beben, werden abgestumpft.
Ich halte aber darum auch Goethe fr eine neue Art Halbgott, d.h. ich glaube,
das Beste des Weibes war in ihm aufgenommen und durch seine edle Mnnlichkeit
verherrlicht, gehoben. Zum plumpen Handeln wrde er nie getaugt haben. - Dabei
spielte die kleine fleischige Hand, die sich weich senkend an den schnen Arm
schliet, mit den Blttern des Tasso, und das Auge ruhte auf mir wie das der
schnen Prinzessin Leonore. Ich fhlte Tassos Vergehen in mir und htte sie gern
umarmt, wenigstens die schnste Hand und den verfhrerischen Arm gekt. In ihre
Ideen eingehend beschrieb ich ihr meine Entwicklung und die allmhliche
Reaktion, wie Du es nennen magst - das freute sie sehr und sie erwhnte mehrmal,
warum Du mit Deiner Migung, sauberen Klarheit, Deinem geluterten
Schnheitssinn nicht eben dahin kommen knnest. Sie bat mich, bald
wiederzukommen und ihren Vater kennen zu lernen, der sich sehr freuen wrde,
einem solchen Gange der politischen Ausbildung zuzuhren. Ich nannte Hippolyts
Namen; sie entfrbte sich und Trnen traten ihr in die Augen. Ich bat, ihn
mitbringen zu drfen. Sie schwankte, mein Mitwissen erriet sie mit weiblichem
Takte sogleich - das gab ein heimliches Band zwischen uns, das uns schnell
einander nher brachte. Sie war verlegen, zupfte an den Bndern, sah auf die
Erde, faltete auf dem Scho die kleinen Hnde und sah starr in ihre
Verschlingung. Endlich hob sie langsam den Kopf, sah mich wehmtig an und sagte
bittend: Lassen Sie ihn nie allein kommen, ich frchte mich vor ihm. Dies
Vertrauen berwltigte mich, ich ergriff ihre Hand und kte sie schnell; sie
zog sie so schnell, als es die Artigkeit gestattet, hinweg, stand auf und
empfahl sich mir. Ein Gang in die Pairskammer hielt mich ein wenig auf. - Zu
Hause angekommen fand ich schon Billetts fr uns zum Balle fr den Abend.
Hippolyt sah schmerzlich drein, als ich ihm alles erzhlte.

                                                                         Spter.

Nun, wir sind dagewesen und werden wohl schwerlich wieder zusammen hingehen. Es
war ein glnzender Ball. Alle Notabilitten vom jungen Frankreich waren da. Er
unterhielt sich viel mit Julia, und er ist allerdings ganz der Mann fr sie. Ich
ging in den Tanzsaal und betrachtete mir die Jugend Frankreichs. Mein Blick fiel
bald auf Hippolyt und Julia, sie tanzten nachlssig, Hippolyt sprach eifrig, sah
sehr erhitzt aus. Ich trat nher hinzu und sah, wie er ihre Hand krampfhaft
festhielt. Der Tanz war zu Ende, er lie sie nicht los und begleitete sie nach
einem Nebenzimmer, oder vielmehr sie schien notgedrungen ihn zu begleiten. Ein
unaussprechlich bittender Blick von ihr traf mich, ich folgte ihnen. Hippolyt
eilte mit seiner Beute durch die von Gsten angefllten Zimmer nach den
entlegeneren leeren. Mich bemerkte er nicht, mit dem Rcken gegen mich hielt er
in einem leeren Gemach inne, umfate Julien und beschwor sie mit
herzzerreiender Stimme, den innigsten Worten, seine Liebe nicht ferner zu
verschmhen; er werde sanft und mild sein, er liebe sie bis zur Raserei. - -
Julia weinte heftig, Hippolyt lie sie los und kte sie auf das feuchte Auge,
sie schauerte zusammen, streckte die Arme nach mir aus, taumelte die wenigen
Schritte bis zu mir und fiel ohnmchtig in meine Arme. -
    Da nherte sich Gerusch aus dem angrenzenden Zimmer, Hippolyt sah mich mit
einem unbeschreiblichen Blicke an und griff nach Julien, um sie hinwegzutragen;
ich bat ihn herzlich, es nicht zu tun, lieber eiligst die Tr zu verriegeln. -
Nein, sagte er hart; da wollte ich selbst die Ohnmchtige ins nchste Gemach
retten. In dem Augenblicke ging die Tr auf, Juliens Vater trat ein. - Heut' ist
Julia nicht mehr in Paris; Hippolyt hat kein Wort mit mir gesprochen und ist
verschwunden; seinen Hut und Mantel hat mein Diener aus der Seine gefischt.
Juliens Vater schickt eben nach mir. Lebe wohl, ich komme in diesen Tagen nach
Deutschland, um eine Anstellung zu suchen.

                            38. Kamilla an Valerius.


Da die dummen Polen auch gerade jetzt ihre Revolution anfangen muten, whrend
Du in der Stadt warst - von hier htte ich Dich gewi nicht fortgelassen, nach
den neuesten Vorfllen zu fragen. Ich wnsche den lieben Leuten alles Gute, ich
glaube Dir's gern, da sie ein himmelschreiendes Recht haben, aber ich wnsche
mir auch meinen Liebhaber.
    Hast Du noch nicht genug Nachrichten, wirst Du nicht bald kommen? Ach ich
bin wirklich schon recht bse auf Dich: das Wetter wird immer rauher, man kann
beinah' nicht mehr aus dem Hause, die Langeweile und Sehnsucht wird immer grer
und noch dazu die Angst - jawohl die Angst. Hre nur! Gestern kam ein Reisewagen
und brachte mir eine liebe alte Freundin, das wre ja doch nur etwas, worber
ich mich freuen knnte; ja doch, ich freute mich sehr, aber nicht lange. Denke
nur, als wir zum ersten ruhigen Gesprche kamen, da sah aus jedem Auge, jedem
Zuge des Gesichts, Dein Blick, Dein Geist, die Worte waren Dein, so mtest Du
sprechen, wrst Du ein Weib; der Rede- und Tonfall ganz wie bei Dir, das ganze
Wesen, der ganze Luftkreis der des Valerius - Mann ich entsetzte mich, wrst Du
verheiratet, es mte dies Deine Frau sein. Ich teilte dies alles meiner
Freundin mit, sie lchelte. Wie bin ich erschrocken, als sie mir sagte, da sie
Dich kenne. O bleib jetzt, komm nicht, ich frchte mich vor Unglck, wenn Du
jetzt kommst. Ach nein, wenn sie Dich beglcken knnte, komm, komm, ich wrde so
gern fr Dein Glck sterben. Als Du mir von Deiner ersten Liebe erzhltest, da
war ich so schmerzhaft erregt und doch so beraus selig in dem Gedanken, wenn
ich sie Dir wieder in den Arm legen und mein seligweinend Gesicht zwischen eure
aneinander gedrckten Schultern schmiegen knnte. Du hast recht, die Liebe ist
mehr als der Besitz einer einzigen Person, sie ist eine ganze Atmosphre von
Wohlwollen, und viel hat darin Raum. Wenn ich Dich nur nicht soviel gekt
htte, das ist so schlimm, jetzt wird es mir doch viel schwerer werden, Dich am
Herzen einer andern zu sehen. Du glaubst aber nicht, um wieviel lieber ich Dich
habe wegen Deiner offenen Ehrlichkeit, da Du mir gleich beim ersten Kusse
sagtest, Dein Herz sei nicht mehr jungfrulich, Du httest Liebe gewhrt und
genossen und liebtest noch und wrdest noch geliebt. Ich kann klagen und weinen,
wenn man Dich mir heute entfhrte, aber nicht ber Dich, und das ist sehr lieb
und schn. Du bleibst ewig mein unwandelbarer Stern, Du bist der ehrliche
Palmerio. Komm, komm, Du Licht meiner Augen, ich will nur Deine Gestalt sehen,
das gleichgltigste Wort Deiner lieben, lieben Stimme hren und glcklich, sehr
glcklich sein. Komm! - Ich lege Dir einen Brief von Konstantin und einen von
der Frstin bei - was will denn die gefhrliche Frau von Dir? Ach, Du machst mir
recht viel Sorge. Die gute Alberta ist so still und traurig, da Du nicht da
bist, sie sitzt fortwhrend am Fenster, und wenn ein Reiter kommt, jubelt sie,
und wenn Du's nicht bist, kommt ihr das Wasser in die Augen. Ach, Du bist ein
Bsewicht. Auch der Graf ist so still und noch sanfter als sonst; auch er
scheint Kummer zu haben. Eile, uns froh zu machen!

                          39. Valerius an Konstantin.


Ich lege Dir Williams Brief bei; sieh', wohin der einseitige Fanatismus fhrt.
Wo jeder Gedanke von Freiheit fehlt, da gibt es nur Hhen und Tiefen, schmale
Wege, jhe Abgrnde; nur die Freiheit ebnet die Welt so wunderbar, da alles
gefahrlos gehen und springen kann. Man kann irren mit der Freiheit, aber an
jedem neuen Morgen kann man sich zurechtfinden. Der absolutistische religise
oder politische Glaube kennt keinen Irrtum, er kennt nur Snde und die Snde
gebiert den Tod, sagt er selbst. William ist das Opfer des Absolutismus, Leopold
wird der Spielball der Gesetzlosigkeit - er ist im belgischen Heere
Kompagnie-Chirurgus, wie ich eben erfahren und spielt eine abgerissene,
kmmerliche Rolle, und nur die ungeheuren, titanenartigen Krfte erhalten oben
auf der Lebenswoge den zgellosen Hippolyt; nur sein riesenhafter Geist lt ihn
bestehen mit seiner unbndigen, die Zivilisation berspringenden Freiheit. Du
scheinst ihn fr tot zu halten, das ist er gewi nicht; ein solcher
Romancharakter lebt noch lange in der Wildheit und wird einst, wenn seine
bestialische Kraft an den Schranken der Bildung gebrochen ist, der Anfhrer
eines freiheitsbedrftigen Volkes. Seine Subjektivitt mu erst zertrmmert
werden, eh' er ntzen kann. Jetzt ist er im Stadium des Danton, und nur die
gefhrliche Zeit fehlt, da er sich wie jener auszeichne. Aber dieser subjektive
Danton wird guillotiniert werden, und seine geluterte Objektivitt wird einst,
mit der neuen Gironde unserer Tage lehren. Er wird einst der hinreiende neue
Vergniaud werden. Es ist ein merkwrdiger Wendepunkt in unserem Leben
eingetreten. Ich gehe morgen nach Warschau, um fr das heilige Recht eines
Volkes gegen die Tyrannen zu fechten. Ich liebe das polnische Volk nicht eben
sehr, aber fr seine Sache will ich bluten und sterben. Dies asiatische Element
einer Herrscher- und einer Sklavenkaste, das sie noch immer nicht ernstlich
bekmpft haben, ist mir sehr zuwider. Es ist allerdings nicht der gewhnliche
Begriff der Aristokratie, die man ihnen meisthin zum Vorwurf macht, es ist eine
demokratische Aristokratie, welche die Stufen unter sich wenig beachtet und eine
groe Gleichheit unter sich eingefhrt hat; aber ich wrde lieber eine
aristokratische Demokratie sehen. Ihre ernstlichen Annherungen an eine
allgemeine demokratische Zivilisation sind sehr trge, wenn man selbst die
Absicht der Besten, welche die Charte vom 3. Mai entworfen, wenn man die
Selbstndigkeit ihrer bisherigen Unterjochungsperiode abrechnet. Es ist noch
viel roh Asiatisches an ihnen, aber ihre berwltigende Poesie der
Vaterlandsliebe, dieses Kthchen von Heilbronn in einem ganzen Volke, ist
zauberhaft, ihr Kampf ist der reinste und edelste, der gefochten werden kann.
Darum will ich hin, morgen schon, aus folgendem.
    Ich kehre aus der Stadt zurck, finde weiblichen Besuch auf dem Schlosse,
trete ins Zimmer; an der Hand Kamillas tritt mir Klara entgegen. Freude,
berraschung, Schrecken, Besorgnis pressen mir den Namen Klara aus - ich sehe
den Blitzstrahl in die schlanke Palme Kamilla zndend einschlagen. Das liebe
Kind ward bleich, das Wasser scho ihr in die Augen, aber sie lchelte wie ein
Engel. Klara war sanft und lieb. Mein Entschlu war schnell gefat; ich kndigte
ihnen meine morgende Abreise an. Die guten Wesen haben mich alle so lieb, da
jedes nun zu sehr mit sich beschftigt war, als da es auf die andern htte
achthaben knnen. Einen Augenblick war ich durch einen Zufall, der die andern
auseinandersprengte, mit Klara allein. - Willst Du mir nicht Morgen schenken,
lieber Valer, ich will sonst weiter nichts von Dir. Die Rhrung berwltigte
mich, weinend fiel ich ihr um den Hals, sie bedeckte mein Gesicht mit ihren
warmen Hnden, kte mich nur auf das Auge und sprach: Du guter Junge - ich
will nichts von Dir, als Dich einmal sehen. -
    Ich wre untrstlich, erfhre dieser Engel meiner Poesie, da ich noch
andere liebte und kte. - Als Alberta zurckkam, eilte ich fort, um Kamilla zu
suchen. Sie kam mir wie ein Kind sanft lchelnd, entgegen, gab mir ihre Hand und
fragte nur: Sie ist es? - Sie ist's, antwortete ich und erregt in allen
Fibern meiner Seele wollt' ich das liebenswrdigste Mdchen an mein Herz
drcken. Sie hielt mir die Hand vor den Mund und sagte: - Bitte, bitte, nein -
Du armer reicher Mann. - Willst du mir meinen Reichtum lassen.? - Ob ich
will? - La Klara nichts von unserer Liebe ahnen. Wie kannst du bitten, was
sich von selbst versteht; ich bin doch glcklich. Nun war ich ausgelassen
lustig. - Liebe, was bist du reich, und die ungeschickten Menschen machen dich
so drftig, weil sie egoistisch, jmmerlich egoistisch sind. Ich sagte Kamilla,
da ich den andern Tag noch dableiben wrde. Es ist recht schlimm, da du
gehst, wir werden alle vor Sehnsucht sterben.
    Es war ein seliger Tag, den ich von allen Seiten in Liebe gehllt verlebte.
Meine neuen Ideen, die Kamilla zur Sprache brachte, weil sie unser Lebensodem
geworden sind, waren fr Klara neu; meine alten, deren Klara erwhnte, waren's
fr Kamilla, Alberta flog wie ein Schmetterling zwischen uns. Ich habe einen Tag
in Indien gelebt, wir haben unser Herzblut ausgetauscht. Allein konnt' ich,
durft' ich mit keiner sein, allen Abschied verbat ich mir sogleich; wir saen
bis tief in die Nacht beisammen, nur den guten Grafen kte ich im Vorsaale
herzlich ab, nahm Reisegeld von ihm an, versprach zu schreiben und, wenn mich
keine Kugel trfe, bald wieder zu kommen. Der liebe Mann weinte und segnete mich
wie ein Vater. - Ich hatte mir mein Pferd satteln lassen, brachte meine lieben
Zuhrerinnen in ein erhebendes Gesprch ber ein weites reiches Leben nach dem
Tode, ber seinen Vorgeschmack, die Freiheit, und die Opfer, die wir ihr bringen
mten. - Der erhobene Mensch trgt alles Leid noch einmal so leicht; das Herz
besitzt unglaubliche Krfte, man mu sie nur wecken. Wir glhten alle von
Begeisterung fr das Edle und Groe, und die Mdchen wren alle mit gestorben,
wenn es des Todes bedurft htte. Da ging ich hinaus, setzte mich aufs Pferd,
ritt unter das Fenster und rief. Sie ffneten hastig, in vollem Lichte standen
sie beide, meines Herzens Arme. Alberta mute zufllig eben das Zimmer verlassen
haben, Der Mond schien auf mein trnenweiches Gesicht. Ade, meine Liebe, sprach
ich, in einer freieren Welt wieder. Fort ritt ich, und sah nur noch, wie sich
die lieben Mdchen in die Arme fielen. Taugt mein Dichten und Trachten nicht fr
diese gesellschaftliche Welt, so wird mich wohl eine russische Kugel treffen.
Ade Deutschland, vielleicht seh ich dich nie wieder. Kommst Du her, wie Du
schreibst, so suche die Bekanntschaft der Frstin, und sage ihr, wenn ich am
Leben bliebe, wrde ich ihr einst antworten. Sie hat mir einen wunderbar klugen
Brief ber William, Hippolyt, Leopold und alle diese betreffenden Verhltnisse
geschrieben. Man darf sie nicht nach dem gewhnlichen Mastabe messen, sie ist
ein merkwrdig Weib, die vielleicht durch allzu spitze Klugheit sich und andere
verderbt. Ich schreibe Dir dies in Breslau - lebe wohl, ich reise. Halte Dein
Herz munter, Freund, la es nicht vertrocknen.

                  40. Der Oberst Kicki an den Grafen von Topf.


                                                                   Im Mrz 1831.

Ihrem Verlangen gem, sehr geehrter Herr, hab' ich mich nach Herrn Valerius
berall erkundigen lassen, kann Ihnen aber leider nur einen unvollstndigen,
traurig klingenden Bericht mitteilen. Die ihn umgebenden Reiter haben ihn bis
nachmittags ungefhr zwei Uhr tapfer bei Grochow kmpfen sehen, nach dem groen
Kavallerieangriff der Russen ist er vermit worden. Noch wei niemand was ihm
widerfahren, freilich ist es das Wahrscheinlichste, da er gefallen, es waren
der Toten soviele, der Feind drang bis auf unsere Stellungen, es ist fast
unmglich, das Schicksal eines einzelnen zu ermitteln.
    Gestatten Sie mir, Herr Graf, die Versicherung vorzglicher Hochachtung, mit
der ich die Ehre habe zu sein usw. usw.


                                  Zweiter Band

                                  Die Krieger

                                       1.

Es war spt am Abende, ja die Nacht brach schon herein, als ein kleiner
polnischer Wagen vor einem Gehlz hielt. Die kleinen Pferde prusteten
angegriffen, denn es war kein eigentlicher Weg, auf welchem sie dahergekommen
waren, und der Boden war halb feucht und halb gefroren. Dazu herrschte eine
undurchdringliche Finsternis, die Tiere schienen selbst voll Angst zu sein; wie
denn bekanntlich das Pferd eines der sensibelsten Geschpfe ist und fast berall
nur Eindrcken der Furcht nachgibt. Dazu knallte bald hier, bald da noch Ein
Schu, pltzlich und unerwartet jagte ein Reiter oder ein Fuhrwerk vorber - es
war nicht zu verwundern, da man dicht neben ihnen den warmen Dampf sprte,
welchen sie ausstrmten. - Aus dem kleinen Wagen kroch eine Figur und schritt in
das Gehlz. Dort schlug sie Feuer, zndete in einer alten Laterne ein
Lichtstmpchen an und schlo die kleine blecherne Tr sogleich wieder. Die Wnde
der Laterne waren trbes, schmutziges Horn, das Licht gab also nur einen sehr
matten, unsicheren Schein, bei welchem kaum die ueren Umrisse des Mannes zu
erkennen waren.
    Er trug einen langen Mantel, sein Gesicht war durch eine tiefe Mtze halb
verhllt - nur wie er mit der Laterne am Gestruche herumsuchte, kam er einmal
mit dem Lichte bis in die Nhe der Brust, und man sah einen dichten grauen Bart
aus dem Mantel herausgucken.
    Sein Bestreben ging dahin, einen Zugang ins Gehlz zu finden, und bald fuhr
er auch seinen Wagen mitten in eine kleine Birkenschonung hinein, deren junge
Stmme und Zweige Pferden und Rdern nachgeben.
    Darauf barg er die Laterne unter dem Mantel und schritt eiligen Fues auf
der entgegengesetzten Seite aus dem Hlzchen. Man kann eigentlich nicht sagen,
er schritt, es war mehr ein geruschloses Hinschlpfen. Im Freien angekommen,
kauerte er sich zusammen und horchte mit angehaltenem Atem. Aber der Wind fuhr
eben rauh ber die Flche und warf harten, eisigen Regen durcheinander. Es war
kalt und schauerlich. Als jedoch der heftige Windsto vorber war, drang es
wirklich wie ein leises Gerusch von allen Seiten her, aber das Gerusch war
wunderbar und ungewhnlich, bald war es einem Wimmern, bald dem Hufschlag von
Pferden, bald dem Gesthn eines Tieres hnlich - ein neuer Windsto, und es war
nichts zu vernehmen.
    Der graubrtige Mann schien befriedigt und huschte weiter fort auf der
nassen Erde, ohne die Laterne hervorzubringen. Pltzlich strauchelte er und fiel
auf die Seite. Lautlos raffte er sich wieder zusammen, ffnete den Mantel ein
wenig und suchte mit dem trben Lichte seiner Hornleuchte, was im Wege liege.
    Es war ein Mensch, der auf dem Angesichte lag. Ringsum flo eine schwarze
Masse, in welcher die einzelnen fallenden Schneeflocken schmolzen, und die man
selbst bei der dsteren Beleuchtung fr Blut erkannte. Der Graubart rckte nher
und beleuchtete den Krper von unten bis oben. Darauf schttelte er den Kopf,
setzte die Leuchte beiseit und versuchte es, den Menschen umzuwenden. Mit Mhe
gelang es ihm; denn der Krper wog schwer, es war ein Leichnam. Der Alte nahm
die Leuchte wieder zur Hand, das Gesicht war von Blut besudelt, aber des Alten
Forschen ging auf einen Orden, den der Tote auf der Brust trug. Er untersuchte
ihn beim Schein der Laterne. Davon abstehend hielt er eine Weile inne und
seufzte tief. Dann ri er des Toten Rock auf, leerte ihm die Taschen und
schlpfte weiter.
    In einiger Entfernung gab's ein heftig Sthnen - der Alte nherte sich
vorsichtig, prallte aber wie von einem heftigen Stoe zurck, da der Mantel
aufschlug und die Leuchte schimmerte. Es war ein sterbendes Pferd, das mit dem
Tode ringend die Vorderfe in die Erde hieb und dann rchelnd zusammenbrach.
Der Alte nahm ein Pistol aus dem Sattel, untersuchte vorsichtig, ob es geladen
sei, und versuchte sodann, auch das andere hervorzuziehen; er war aber zu
schwach, die daraufliegende Wucht des Tieres zu lsen.
    Jetzt schlug er den Mantel zurck, erhob sich und ging offen mit seiner
Leuchte weiter. Links und rechts fand er Leichname und Kadaver von Pferden. Er
untersuchte berall, nahm, was er fand, schob's in die Taschen eines weiten
schwarzen Gewandes, das er unter dem Mantel trug, und ging weiter.
    Erschpft setzte er sich endlich auf die Kruppe eines toten Pferdes, stellte
die Leuchte an die Erde und seufzte tief und schwer. Russen, Russen, nichts als
Russen - o Joel!
    Bei diesen leise gemurmelten Worten stemmte er die Hnde auf die Knie, der
lange Oberkrper hob sich geisterartig aus dem Mantel, und bckte sich nach
vorn. Das schmutzig-gelbe Licht der Laterne fiel zum ersten Male vllig auf ihn.
Es war ein alter, von Haaren fast unkenntlicher Judenkopf. Der weigraue Bart
bedeckte die untere Hlfte des Gesichts und ging bis dicht an die Backenknochen.
Auch von den Wangen selbst und von der scharfen groen Habichtsnase hingen
einzelne lange Haare, und die Augenbrauen buschten sich mit ihrem noch dunkel
gebliebenen Kolorit bis an die Augenlider. Die Figur war lang und schmal und
gebckt, in einen anliegenden schwarzen Rock gehllt, der bis auf die Fe
reichte und von seidenem Stoff zu sein schien,. wie ihn die polnischen Juden
heute noch tragen. Seine mageren langen Hnde, mit schwarzen Haaren bedeckt,
stachen grell von dem dunkeln Kaftan ab.
    O Joel, mein Joel! sthnte er aufs neue und erhob sich wieder und schritt
weiter zwischen Leichen und Kadavern, die jetzt mitunter zu groen Haufen im
Wege lagen. Es war kein Zweifel mehr, da er auf einem Schlachtfelde wandelte. -
Aus einem Haufen drang pltzlich das deutliche Wimmern eines Menschen. Der Alte
steckte hastig seinen Kopf vorwrts und horchte, und als sich das Gesthn
wiederholte, schritt er schnell darauf zu. Es drang mitten aus einem Hgel von
Leichen. Mit riesenmiger Anstrengung, die niemand dem alten Manne htte
zutrauen sollen, warf er die oben liegenden Krper auf die Seite und drang zu
dem noch Lebenden. Er richtete ihn halb auf und griff in die Tasche, brachte
eine Flasche hervor und gab ihm zu trinken. Dem Unglcklichen waren die Beine
zerschossen. Der Alte streichelte ihm heftig das Gesicht und fragte mit
fliegenden Worten, wo die Kickischen Ulanen zuletzt gefochten htten. Sage
mir's, Freund, sage mir's gleich, ich komme wieder und nehme dich mit.
    Der Verwundete streckte den Arm aus und wies nach Westen. Ist es weit?
Verneinend schttelte jener den Kopf.
    Da nahm der Alte heftig die Leuchte und wollte von dannen, aber der
zerschossene Soldat griff krampfhaft in den langen Mantel, und sein Wimmern und
seine Mienen beschworen den Juden, ihm zu helfen. Mit einem Ruck machte sich
indessen dieser los, sprach: Ich komme zurck! und schritt hinein in die
Finsternis.
    Schneidend drang das Gesthn des Verlassenen durch die Nacht.
    Der alte Jude war nicht lange gegangen, da stolperte er ber Krasse und
Helme. - Gott meiner Vter, ich bin auf dem rechten, traurigen Wege, murmelte
er vor sich hin, mit diesen eisernen Mnnern haben sie gefochten. Und
berwltigt von Angst und Sorge brach er in lautes Wehklagen aus: Joel, Joel,
Sohn meiner Esther, wo bist du?!
    Hastig unter den Riesenleichnamen der Krassiere herumsuchend, die auf und
unter den ungeheuren Pferden lagen, wiederholte er diesen Schmerzensruf
unaufhrlich.
    Auf einmal vernahm er in einiger Entfernung eine Stimme, aber der Wind warf
den rasselnden Eisregen dazwischen, er konnte nichts Deutliches vernehmen.
    Manasse, mein Vater! klang es von neuem. Joel, ich komme, Joel -
    Aber statt hinzueilen, duckte er sich zusammen zwischen die Fe eines toten
Pferdes und regte sich nicht. Seine aufmerksamen Sinne hatten ihn auch nicht
getuscht, ein Trupp Soldaten kam ber das Schlachtfeld dahergeritten gerade auf
den Ort zu, wo Manasse lag, die Leuchte fest in den Mantel hllend. Ob sie
versprengt, ob Freund oder Feind waren, wer konnte es wissen.
    Ein Mann mit einer hell brennenden Laterne schritt voraus, die Pferde gingen
schlurfend und unruhig zwischen den Leichen, sie kamen dicht zu Manasse; kaum
wagte er es, hinzusehen nach den in Mntel gehllten Reitern.
    Dicht in seiner Nhe hielten sie, und einige stiegen von den Pferden.
Manasse hrte ihre Sprache; es waren Russen. Zitternd vor Frost drckte er sich
tiefer in die Weichen des toten Pferdes.

                                       2.


Es schien, als ob sie den Krper eines bedeutenden Offiziers suchten. Alle
Leichen wurden betrachtet, und sie kamen dabei Manasse so nahe, da ein Reiter
mit seinen Sporen in des Juden Mantel hngen blieb. Manasse regte sich nicht,
das morsche Tuch gab nach, der Reiter sah sich um, aber da die Laterne auf einer
andern Seite leuchtete, so entdecktes er den zitternden Juden nicht.
    Als sich die suchende Gruppe ein wenig entfernt hatte, machte sich Manasse
auf und schlpfte nach der Gegend, wo er Joels Ruf vernommen hatte. Joel -
Joel! flsterte er ununterbrochen mit gedmpfter Stimme. Die Laterne durfte er
nicht zum Vorschein bringen, und so kam's, da er in einen tiefen Graben
strzte, dessen Oberflche mit einer dnnen Eisrinde bedeckt war. Die Laterne
zertrmmerte und verlosch. Er raffte sich mhsam auf - Manasse - Manasse!
klang's in seiner Nhe. Das gab ihm Kraft, sich vollends aus dem Graben
herauszuarbeiten. Mein Sohn, mein Joel, mein Joel! - und so eilte der
Durchnte dem Rufe zu.
    Er fand seinen Sohn halb ausgerichtet, und nun brach aus dem Alten ein
wirbelndes Gewitter von Empfindungen los. Mein Sohn, mein Joel, Esthers Sohn -
lebst du, wo haben dich die Ismaeliter verwundet, o mein Joel! Und dabei fuhren
zitternd, liebkosend, schnell, aber behutsam die Hnde des Alten ber den ganzen
Krper des Sohnes.
    Joel beruhigte ihn mit der Versicherung, die Wunde sei unbedeutend und
hindere ihn nur am Gehen.
    Auf, mein Sohn, hnge dich auf meine Schultern, der Wagen harrt unserer im
Hlzchen.
    Joel aber bedeutete seinem Vater, erst msse sein Nachbar dahin gebracht
werden, dieser habe ihn durch den letzten Schluck aus seiner Flasche wieder ins
Leben zurckgerufen.
    Manasse war eine Zeitlang sprachlos, der Ideengang seines Sohnes mocht' ihm
augenblicks ganz unfalich erscheinen. - Trichter Joel, mach, hnge dich auf
meine Schultern, ich werde Mhe haben, dich ber den Graben zu bringen - ach
Sohn meiner Esther, und Schluchzen hemmte seine Worte, er fhlte von neuem
besorgt an Joels Krper herum. Joel, wo ist die Wunde, welche dir die Gottlosen
geschlagen?
    Joel bestand darauf, da erst sein Nachbar in Sicherheit gebracht werde. Er
war der bravste Soldat, und da liegt er erstarrt, kaum fhl' ich noch einen Rest
Leben in ihm, Vater Manasse, eilt, schafft ihn zum Wagen, und holt dann mich.
    Jetzt brach des Alten Leidenschaft in strmende Worte aus, er schalt seinen
Sohn einen halbchristlichen Narren, und man wute nicht mehr, ob das
unterbrechende Schluchzen mehr Mitleid oder Zorn gegen seinen Joel sei - was
kmmert dich der tote Idumer, komm, halte dich fest! - Und damit schickte er
sich an, seinen Sohn aufzuladen.
    Joel weigerte sich entschieden; des Alten Zorn stieg auf das hchste - da
kamen die suchenden Russen auf sie zu, wahrscheinlich aufmerksam gemacht durch
die lauten Worte des Zwiegesprchs. Manasse drckte schnell seinen Kopf in den
Scho, seines Sohnes, und bedeutete diesem leise, sich still zu verhalten. Aber
obwohl die. Russen schon dicht am Graben waren, so konnte er es doch nicht
unterlassen, seine heftige Entrstung fortzumurmeln ber die Torheit Joels; wie
ein gereizter Hund leise fortknurrt, wenn er nicht mehr bellen darf.
    Die Russen standen am Graben und horchten - Manasse regte sich nicht mehr;
sie wendeten sich nach einer andern Seite.
    Bald erhob sich der vorige Streit zwischen Vater und Sohn aufs neue -
Manasse raufte sich den Bart und schlug bald nach Joel, bald streichelte er ihn.
Er fand in seinem Kopfe nicht die kleinste Beschnigung fr solchen Wahnsinn,
und dies brachte ihn immer von neuem auer sich.
    Joel aber blieb unerschttert, und so mute der Alte endlich weichen, wenn
er den eigenen Sohn nicht seinem traurigen Schicksal berlassen wollte. Der
Nachbar Joels lag auf zwei toten Krassieren, also zum Teil im Trocknen, Joel
hatte auch ein Stck Mantel ber ihn gebreitet.
    Unter heftigen Verwnschungen lud ihn Manasse auf sich und schleppte ihn
ziemlich unsanft durch den Graben. Dann kam er zurck und brachte auch Joel
hinber. La uns forteilen, rief er, am andern Ufer ankommend, der Mensch ist
tot.
    Und hrst du nicht sein Sthnen, Vater Manasse, damit machte er sich
heftig vom Vater los, fiel an die Erde und stie einen Schmerzensschrei aus, da
der Fall seine Wunde berhrt hatte.
    Joel, mein Blut -
    Bei unserer Mutter Esther beschwr' ich dich, Vater Manasse, bringe den
Mann fort!
    Seufzend tat es Manasse. Keuchend kam er zurck, trocknete sich den Schwei
und lud seinen Sohn auf den Rcken. Meine Glieder zittern vor Frost, und doch
rinnt der Schwei ber meine Stirne, kaum hab' ich den Wagen wieder gefunden - o
Gott meiner Vter, wie zchtigst du mich, weil mein eigen Blut, dieser Joel, mit
den Ismaelitern unsere Sitten vermengt, o, trichter, trichter Joel.
    Whrend er abgebrochen diese Worte sprach, waren sie in die Nhe jenes
Verwundeten gekommen, welcher dem Alten kurz zuvor den Weg zu seinem Sohne
gezeigt hatte. Er bat in herzzerschneidenden Tnen, ihm zu helfen, und erinnerte
den Alten an sein Versprechen, da dieser dicht an ihm vorberging und trotz der
Finsternis an der Stimme zu erkennen war.
    Vater Manasse, was hast du versprochen?
    Schweig, Joel - nichts hab' ich versprochen! - und rascher ging er
vorwrts.
    Immer klglicher ward das Winseln des Zurckbleibenden. Sie kamen zum Wagen.
Sorgfltig legte der Alte seinen Sohn in das Heu, womit der kleine verdeckte
Wagen angefllt war, nahm die Pferde am Zgel und brachte mit vieler Vorsicht
den Wagen aus dem Gehlz.
    Vater Manasse, hole den Unglcklichen!
    Schweig, kindischer Joel, kann ich das ganze Schlachtfeld meinen kleinen
Krabben aufladen, kindischer Joel!
    Damit setzte er sich vornhin und fuhr in die Nacht hinein, die ein wenig
heller geworden war durch den dichten Schnee, welcher seit einigen Minuten dicht
herabfiel.

                                       3.


Es war das Schlachtfeld von Grochow, aus dessen Nhe die kleinen Pferde den
Wagen zogen. Am Tage vor dieser unfreundlichen Nacht hatten die Polen und Russen
zum dritten Male auf das erbittertste miteinander gekmpft. Die Ebene von
Warschau, welche sich ostwrts an die nahen Wlder erstreckt, war drei Tage lang
der Schauplatz mrderischen Kampfes gewesen.
    Bekanntlich fliet der breite Weichselstrom rechts an der polnischen
Hauptstadt Warschau vorber. Die eigentliche Stadt liegt also an seinem linken
Ufer nach unseren Lndern zu, und wenn man so sagen darf, auf der europischen
Seite. Am Ufer des Flusses hin prangen groe Palste, und das stolze Warschau
gewhrt von der groen Brcke, welche hinber fhrt zur stlichen Vorstadt
Praga, einen kniglichen Anblick. Man irrt sehr, wenn man bei dem Worte
polnische Hauptstadt seine Vorstellung nur ein wenig von dem Anblick und
Begriffe polnischer Ortschaften steigert: Warschau gehrt zu den imponierendsten
Hauptstdten Europas.
    Die Vorstadt Praga nun, ein befestigter Brckenkopf, war der erste
Sttzpunkt der polnischen Armee, welche sich auf den Feldern angesichts der
groen Waldungen ausgebreitet hatte. Die Russen rckten von Osten her in den
letzten Tagen des Februar aus jenen Wldern heraus. Diebitsch war ihr
Heerfhrer, und angesichts Pragas entspannen sich die zwei Tage lang dauernden
strmischen Gefechte, welche man die Schlacht bei Praga nennt. Sie fhrten
uerlich zu keinem besonderen Resultate, und die Schlacht wird von der
Geschichte eine unentschiedene genannt, war aber von groem moralischen
Einflusse. berall hatte man erwartet, Diebitsch werde mit der groen russischen
Armee die nach Zahlenverhltnis unbedeutenden Truppen der Polen werfen, ber die
Pragaer Brcke nach Warschau hineindringen und so den Aufstand endigen. Das war
indessen nicht gelungen. Die historisch bekannte leidenschaftliche
Vaterlandsliebe der Polen, welche man bei dem sonstigen Wesen dieser Nation hier
und da bereits fr Prahlerei hielt, hatte auf eine berraschende Weise Wort
gehalten. Und zwar unter den ungnstigsten Verhltnissen. Denn es gebrach ihnen
vor allen Dingen an einem Mittelpunkte ihrer militrischen Kraft, an einem
verlssigen Heerfhrer. Chlopicki, in der Zeit des Aufstandes am letzten Tage
des November zum Oberbefehlshaber ernannt, hatte nie an die Mglichkeit
geglaubt, dem mchtigen Ruland militrisch die Spitze bieten zu knnen, hatte
sich auf Unterhandlungen eingelassen, die Rstungen vernachlssigt, und am Ende
strrisch seine Diktatur niedergelegt, als die zum uersten entschlossene
Nation ihm in den Weg trat. Chlopicki. war aber der einzige populre Mittelpunkt
des Heeres, unzweifelhaft tapfer und ein tchtiger Fhrer aus der Napoleonischen
Schule. Die Wahl eines neuen Fhrers war unsglich schwer. Einen zweiten so
hervorragenden General gab es nicht, jede Wahl mute also die nicht Gewhlten
krnken. Besonders bei einer so ehrgeizigen und eiferschtigen Nation. Man
entschlo sich zu dem traurigen Auswege, einen Nichtmilitr, den Frsten
Radzivil, einen alten, hchst wackeren Patrioten zum Generalissimus zu erwhlen.
In der Hoffnung, er werde nur fr Chlopicki den Namen hergeben.
    So geschah es nun wohl auch, denn der graue Chlopicki setzte sich zu Pferde
und ritt hinaus ins Lager. Er hat ein starres, gertetes Soldatenantlitz,
weigrauen Bart, hellblaue scharfe Augen. Prfend sah er nach den Wldern
hinber, aus welchen die Russen sich entwickelten, und ordnete die Treffen. Aber
es war ein halbes Wesen mit dem Kommando ohne Titel. Nicht alle Fhrer
gehorchten unbedingt und schnell, und es war mehr die erstaunenswerte
ritterliche Tapferkeit der auf eigene Hand fechtenden Korps, welche die Schlacht
in den Tagen bei Praga aufrecht erhielt.
    Beide Heere waren brigens in diesen Tagen noch nicht in voller Kraft.
Abteilungen der polnischen Armee waren nordstlich ein wenig vorgeschoben, um
die Vereinigung eines groen russischen Korps mit Diebitsch zu hindern. Die
berlegene Zahl der Russen hatte dies aber vereitelt, am Tage von Grochow war
alles konzentriert.
    Grochow ist ein kleines Drfchen auf der Ebene von Praga. Nach diesem
drngte sich an diesem Tage die Hauptschlacht. Ein Erlengebsch war der Preis
des Sieges, dasselbe Gebsch, in welchem Manasse die Nacht darauf sein Fuhrwerk
verbarg.
    Diebitsch hatte am Ende bei so hartnckigem Widerstande die Entscheidung des
Tages auf einen groen Reiterangriff gesetzt, und Chlopicki war bei neuer
Eroberung des Gebsches von einer Granate niedergeworfen worden. Schon vorher
hatte sein scharfes Auge die Entwicklung der Reitermassen am fernen Waldessaume
entdeckt, und ununterbrochen hatte er nach Kavallerie gerufen. Aber er war nicht
Generalissimus und Frst Radzivil nicht bei der Hand. Noch als man ihn forttrug,
wies er fortwhrend mit seinem Pfeifenstummel zurck und flehte um Kavallerie.
    Von Praga aus luft mitten durch die Ebene die breite groe Heerstrae in
die Wlder hinein ber Siedlce bis an die altpolnischen Provinzen. Sie war der
Mittelpunkt des auf diese Tage folgenden Krieges, der rote Faden aller Treffen
und Schlachten vor der bei Ostrolenka. Auf und neben dieser Strae war der
kolossale Angriff von Reitern einhergedonnert, welchen Diebitsch angeordnet
hatte. Auf der Strae selbst kamen die gewaltigen Krassierregimenter, unter
welchen das Riesenregiment Prinz Albrecht, an der Seite der Chaussee die
leichtere Reiterei.
    Dieser Angriff nun war durch den kalten Mut der polnischen Infanterie,
welche sich in Karrees formierte, und erst in der dichtesten Nhe des Feindes
ein mrderisches Rottenfeuer erffnete, er war durch die gewandte Tapferkeit der
Kickischen Ulanen zersprengt worden. Die besudelten, zersprengten, abgematteten
Reste, welche nach dem Saume des Waldes zurckkamen, ntigten Diebitsch, den Tag
aufzugeben und in die Wlder zurckzugehen.
    Bei diesem blutigen Reitergefechte waren Joel und sein Nachbar gefallen.
    Durch Chlopickis Fall war aber auch unter den Polen eine solche Ungewiheit
entstanden, da niemand recht wute, wie die Schlacht stand. Wer eben am Kampfe
war, kmpfte aufs beste, ein groer Teil des Trains zog aber bereits schon im
Rckzuge ber die Brcke von Praga, und der Generalissimus Radzivil selbst hielt
unsicher mit seinem Pferde am Brckenkpfe.
    So lagen die Sachen an jenem rauhen Sptabende, und weder Manasse, der
jenseits aus der Waldung gekommen war, noch Joel, der bald polnische, bald
russische Partien vorbereilen gesehen hatte, wute, wie das Schicksal des Tages
entschieden worden sei. Im allgemeinen kamen indessen beide dahin berein, das
Resultat fr die Polen gnstig anzusehen, da Manasse auf seiner Herfahrt durch
den Wald nur mit Mhe den rckwrts marschierenden Russen ausgewichen war. Dies
regte nun aber auch wieder die grte Bedenklichkeit auf, ob man sich auf den
Weg nach der Heimat machen drfe, da dieser eben durch jene Wlder fhrte, oder
ob es geratener sei, nach Warschau zu fahren. Der Wagen kam eben an der groen
Chaussee an, und man mute sich entscheiden.
    Manasse hatte viel gegen Warschau einzuwenden: es sei ein teurer Ort, man
werde abgesperrt von allem Verkehr, das Haus in der Heimat bliebe allen Zufllen
preisgegeben, an Pflege fr den Verwundeten drfe man auch nicht denken, da
soviele Tausende darauf Anspruch machten. Im Hintergrunde lag ihm auch der
lebhafte Wunsch, dem Sohne die Soldatenjacke wieder auszuziehen, worauf in
Warschau durchaus nicht zu rechnen war. Zur Sicherheit kannte Manasse alle
kleinen Wege durch die Wlder und meinte zuversichtlicher, als sonst seine Art
war, man wrde gewi glcklich durchkommen, wenn man sich weit genug rechts von
der groen Strae halte nach dem Schlosse des gndigen Herrn zu.
    Anfnglich hatte sich Joel lebhaft widersetzt, der letzte Zusatz schien ihn
aber anders zu stimmen. Der Alte mochte ihn nicht ohne Absicht beigebracht
haben, Joel schwieg - Manasse fuhr quer ber die Chaussee nach dem Walde zu.

                                       4.


Die Finsternis zwischen den Bumen war natrlich noch dichter und das Fahren
sehr beschwerlich. Manasse zitterte und klapperte vor Frost in den nassen
Kleidern, sprach aber kein Wort. Er mochte indes noch so oft absteigen, und
rechts abfhrende Wege suchen, indem er mit den Hnden herumtastete, immer hrte
man von Zeit zu Zeit auf der linken Seite den verworrenen Lrm russischer
Kriegsvlker. Nicht selten mute er stillhalten, weil er bald eine
marschierende, bald eine reitende Truppe vor sich hrte. Es blieb auch nicht
aus, da sich einzelne Nachzgler am Wege fanden, welche vor Wunden oder
Erschpfung nicht weiter konnten und den Wagen in Anspruch nahmen.
Glcklicherweise war aber Manasse der russischen Sprache vllig mchtig, und er
wies alle Zudringlichen mit dem barschen Bedeuten ab, er fhre einen verwundeten
russischen General.
    Bei alle dem war die Lage uerst gefhrlich; wenn die Russen die polnischen
Uniformen gut dem Wagen erkannten, so war das uerste zu befrchten. So ntig
ihnen also auch das Tageslicht war zum Auffinden des Weges, so besorgt sahen sie
doch das verdrieliche Grau des Morgens heraufdmmern.
    Und das Unglck stand auch schon am Wege. Nicht weit von ihnen teilte sich
die Strae; am Scheidepunkte hielt ein russischer Offizier zu Pferde. Als er das
Fuhrwerk erblickte, kam er ihm einige Schritte entgegen und forderte mit rauhen
Worten die Abtretung des Wagens. Manasse brachte die gewhnliche Entschuldigung
vor. Der Offizier lie sich aber nicht hindern, zog den Degen, gebot Halt und
steckte den Kopf nach dem Wagen hinein. Glcklicherweise war jener Mantel, womit
Joel auf dem Schlachtfelde seinen Nachbar zugedeckt hatte, von einem russischen
Krassier. Joel suchte deshalb in Eile sich selbst damit zu bedecken, und da er
ebenfalls Russisch verstand, so rief der drohend, der Kamerad mge einen
russischen General nicht aufhalten. Der Offizier an die unterwrfigste
Subordination gegen Hhere gewhnt, wollte sich eiligst zurckziehen, als
Valerius - so hie der Nachbar Joels - zum ersten Male die Besinnung wieder
erhielt und sich ein wenig aufrichtete. Der pltzliche Stillstand des Wagens,
das heftige Gesprch mochten dazu beigetragen haben. Durch diese Bewegung ward
der Mantel zurckgeschlagen, und der Offizier sah noch mit dem letzten Blicke
polnische Uniformen. Da erhob er ein lautes Fluchen, hieb mit dem Sbel nach
Manasse und griff nach der Pistolenhalfter. Manasse war aber dem Hiebe glcklich
ausgewichen, Joel schob sich, so schnell und so weit es seine Wunde gestattete,
vorn nach der ffnung des Wagens und drckte ein Pistol nach ihm ab. Der Schu
traf, der Reiter wankte, Manasse hieb in die Pferde, und der Wagen flog rechts
in den Weg hinein.
    Es war dasselbe Pistol, welches Manasse auf dem Schlachtfelde mitgenommen
und unterwegs seinem Sohne gegeben hatte. Dies rettete sie fr den Augenblick;
der Schu hatte aber ihre Lage doppelt bedenklich gemacht. Er mute alles
aufregen, was von Feinden in der Nhe war, und wirklich hrten die Flchtigen
bald mehrere Schsse hinter sich fallen und Lrm von vielen Seiten. Manasse
trieb die bereits erschpften kleinen Pferde auf das uerste an und fuhr in
jeden noch so schwach angedeuteten Weg hinein, welcher sich nach rechts hin
ffnete.
    Nach einer Viertelstunde hrte aller Weg auf, und sie waren mitten im
unwirtlichen Forste. Die beschneiten Kiefern sahen sie trostlos an, der Schnee
fiel dichter, sie waren ratlos. Manasse stieg wimmernd und betend ab, um einen
Ausweg zu suchen. Valerius war unterdessen vllig zu sich gekommen, Joel sah
jetzt hastig nach des Nachbars breiter Kopfwunde. Es war der tchtige Hieb eines
handfesten Krassiers. So gut er konnte, verband er wenigstens die klaffende
Stelle mit seinem Halstuche und setzte Valerius von dem in Kenntnis, was mit
ihnen vorgegangen war.
    Und warum fahren wir zu den Feinden statt nach Warschau? fragte dieser
verwundert.
    Still, still! erwiderte Joel, wo ich Sie unterbringen werde, gibt's keine
Feinde, es ist eine beraus patriotische Familie, Sie werden mit Bequemlichkeit
geheilt, die alte Grfin -
    Ein durchdringender Schrei Manasses unterbrach ihn. Sie fuhren hastig an die
ffnung des Wagens, Manasse kam an den Wagen gestrzt, die Pferde gerieten in
Bewegung, ein Wolf sprang durch die Bume, graurot, mager, den Kopf mit den
tdlichen dsteren Augen nach dem Fuhrwerke gerichtet. Valerius und Joel schrien
ebenfalls jach auf, die Pferde jagten mit dem Wagen in die Bume hinein, die
Achsen und Rippen des Fuhrwerks krachten, mit Mhe erhaschte Joel die Zgel und
sprang, seine Wunde vergessend, aus dem Wagen. Ebenso tat Valerius, dessen Fe
ihn nicht hinderten, rckwrts nach dem verlassenen Schauplatze zu laufen. Joel
konnte nicht wieder von der Erde in die Hhe und schrie auf das klglichste:
Manasse, Vater Manasse!
    Der Alte war bei dem pltzlichen Anrcken des Wagens auf die Seite geworfen
worden und zurckgeblieben. Alles das lag im Zeitraume von wenig Augenblicken.
    Valerius fand noch vom Schlachtfelde den Sbel an seiner Seite, und obwohl
ihm Schmerz und Betubnis durch die Wunde bei der pltzlichen Bewegung alle
Gegenstnde in eine Art von Nebel hllte, so tappte er doch mit gezogener Klinge
vorwrts.
    Manasse kauerte an einem Baume, zitterte und bebte, und wies mit den Hnden
nach der Seite: Er ist vorber, ist vorber.
    Kaum vermochte es der schwache Valerius, den in diesem Augenblicke noch
schwcheren Alten aufzurichten. Diesem hatte die Todesangst alle Sehnen
zerschnitten. Straff und geschmeidig war er bis hierher durch soviel Gefahren
gegangen, und vor dem wilden Tiere brach er zusammen. Er gestand es spter, da
ihm ein ganzer Trupp Feinde nicht so frchterlich seien als ein gefhrliches
Tier. Es sind doch Menschen, sagte er mit schwacher Stimme, als er bis zum
Wagen gekommen war und sich ein wenig erholt hatte, es sind Menschen, fr
tausend Dinge zugnglich, mit Organen wie ich, mit Schwchen wie ich. Sie knnen
auf mich schieen, und meine Furcht ist nicht so gro, sie knnen vorbeischieen
- aber die Bestie hat keine Schwche mit mir gemein, ihre Zhne treffen immer -
ach Joel!
    Trotz seiner Schwche sah er, da der Sohn hilflos an der Erde lag, und mit
zitternden Hnden griff er nach ihm. Joel, warum tust du dir solchen Schaden!
Das wilde Tier sprang vorbei, weil wir alle geschrien haben, wozu steigst du mit
dem kranken Beine vom Wagen! - -
    Joel verbarg seinen Schmerz und lie sich von Valerius und dem Alten wieder
hinaufheben. Darauf untersuchte Manasse voll Angst und Sorge, ob und wie der
Wagen zerbrochen wre, sah sich indessen immer noch vorsichtig um, ob noch eine
Bestie in der Nhe sei.
    Der Wagen war zwar beschdigt, aber nicht so arg, da die Weiterfahrt nicht
htte gewagt werden knnen. Er war durch den pltzlichen Ruck der Pferde auf
einen schmalen freien Platz gebracht worden, und es ffnete sich wieder ein
enger Weg rechts in den Wald hinein. So fuhren sie denn in Gottes Namen weiter.
Manasse war noch totenbleich, und die groen schwarzen Augen lagen erloschen
tief in den Hhlen, die langen erstarrten Finger hielten unsicher die
Lenkstricke der Pferde.
    So ging's einige Stunden fort. Es zeigte sich kein Wechsel: immer dieselben
unwirtlichen Kiefern, derselbe halb verschneite Weg. Valerius sagte, ob man
nicht den Pferden etwas Heu vorlegen wolle. Manasse schttelte schweigend den
Kopf. Man knne indessen ein Feuer anmachen, um sich ein wenig zu wrmen.
Manasse selbst vor Frost klappernd, schttelte schweigend den Kopf. - Der Alte
war zwar von Wilna bis Lemberg und von Brody bis Kalisch mit allen Wegen und
Stegen des alten Knigreichs bekannt, aber wer einmal auf Irrwege gert in
diesen polnischen Wldern, namentlich wenn der Schnee die Gegenden alle gleich
macht, der braucht auch bei genauer Kenntnis des Landes oft Tag und Nacht, eh'
er sich wieder zurecht findet. Manasse sah immer aufmerksam vor sich hin und
trieb die mden Pferde ununterbrochen an. Joel klagte ber Hunger: der Alte zog
ein Stck Brot aus der Tasche und reichte es seinem Sohne, ohne selbst einen
Bissen zu begehren. Wohl aber wandte er sich verdrielich um, als Joel einen
Teil davon an seinen Nachbar gab.
    Es mochte gegen Mittag sein, als er still hielt und den Pferden etwas von
dem Heu vorwarf, was auf dem Wagen lag. Er zupfte es von der Seite heraus, auf
welcher Valerius sa, und beobachtete brigens noch immer dasselbe Schweigen.
Vorsichtig griff er nun an seines Sohnes Bein und sah fragend mit schmerzlichem
Gesichte zu ihm in die Hhe. Auf Joels zufriedenes Kopfnicken ging er hinweg und
stellte sich an die Seite des Wagens. Das Schneien hrte auf, und es fuhr solch
ein hellgrauer Dmmer ber den Himmel, wie er in jenen Gegenden zuweilen daran
erinnert, es sei noch eine Sonne hinter den Wolken. Alles rings war still.
    Ich hre Tritte - wahrhaftig, ich hre Tritte, sagte Manasse murmelnd vor
sich hin. Joel und Valerius indessen entdeckten nichts. Wirklich aber trat nach
einer Weile ein Mann aus den Kiefern und kam in den Weg unserer Reisenden. Er
nahm keine Notiz von ihnen und wre wahrscheinlich ohne zu gren
vorbergeschritten, wenn ihn nicht Manasse angeredet htte. Der polnische Bauer,
und einem solchen sah er gleich in dem kurzen Schafpelze, der die Knie kaum
bedeckte, ist auf der Landstrae nickt gesellig, am wenigsten spricht er einen
Juden an. Das unterlt er nicht sowohl aus Ha oder Abneigung, sondern aus
gewhnlicher Gleichgltigkeit. Der Reisende hat kein Interesse fr ihn, und die
deutsche Redseligkeit, die sich freut, wenn sie nur Gelegenheit findet, etwas zu
reden, die kennt er nicht. Er geht tagelang durch Wald und Feld, ohne ein Wort
zu sprechen. Er unterscheidet sich von der hheren Klasse in sehr vielen Dingen,
welche nicht blo Reichtum und uere Verhltnisse betreffen. Das Melancholische
des slawischen Volkscharakters ist noch vielfach am Bauer zu erkennen. Mag er
auch heftig, schnell, verschlagen erscheinen, der trbe Slawe ist doch der Grund
seines Wesens, und Schweigsamkeit bringt er aus seiner Htte mit. Das
chevalereske lebendige Wesen der Polen, das uns als polnisches bekannt wird,
ist, wie gesagt, mehr dem Vornehmen eigen, und widerspricht auch dem eben
Gesagten nicht - der lebhafteste Pole ist nicht so geschwtzig wie der Franzose
und Deutsche.
    Manasse erkundigte sich in schneller Frage nach Weg und Richtung, und ob
kein Dorf in der Nhe sei. Der Bauer antwortete Ja! und schritt weiter.
Manasse zumte die Pferde wieder und fuhr hinter ihm her. Bald hatte er ihn
eingeholt und begann seine Fragen von neuem: ob Russen in dieser Gegend seien?
Der Bauer schttelte den Kopf - ob da drben, von wo er herkme, schon welche
wren?
    Ja.
    Nun peitschte der Alte die Pferde, und in kurzem sah er auch die Htten
eines Heidedrfchens vor sich. Gleich aus dem ersten Hause guckte ein alter
Judenkopf nach den Ankmmlingen. Manasse hielt still, denn das war ihm ein
Zeichen, da er vor dem Wirtshause sei. Die meisten der polnischen Schenken sind
im Besitz von Israeliten.
    Die Verwundeten wurden ins Haus gebracht. Das Zimmer begann sogleich an der
Haustr, der Fuboden war ohne Dielen, ein groer Ofen stand in einer Ecke des
weiten Raumes, und Feuer und Rauch drangen aus seinen vielen Ritzen. Dort legte
Manasse seinen Sohn nieder, versorgte die Pferde, verschaffte sich warmes
Wasser, zog ein chirurgisches Besteck unter dem seidenen Rocke hervor und kniete
nun hin vor seinen Sohn, um die Wunde zu untersuchen. Aus den festen und
sicheren Handgriffen konnte man schnell ersehen, da er in dieser Beschftigung
vollkommen erfahren war. Als er die Wunde abgewaschen hatte, sthnte er vor
Schmerz, als se die Kugel, welche er entdeckte, in seinem Fleische.
    Unterdes trat auch der Bauer ein, forderte ein Glas Schnaps und sah der
Operation zu. Aufmerksam betrachtete er die Uniformen der Reisenden; sie waren
das erste, was seinen Indifferentismus zu stren schien.
    Zur Strkung fr die Verschmachtenden war nichts zu finden, als ein Glas
Schnaps, ein Stck Brot und ein Tpfchen alter Kartoffeln, das Manasse ans Feuer
setzte.

                                       5.


Die Operation war glcklich vollendet. Joel lag am Ofen und. war vom Schmerz
erschpft eingeschlafen. Manasse sa neben ihm an der Erde und bewachte
aufmerksam seinen Schlummer. Er hatte noch immer keine Nahrung genossen und
verlangte noch immer keine. Seine Augen ruhten nur auf den Zgen seines Sohnes.
Es ward allmhlich dunkel in dem Raume, und der schwarze, magere Alte mit der
Habichtsnase, dem schwarzen Kppchen auf dem Haupte, glich in seiner
zusammengekrmmten Stellung einem alten Raubvogel, welcher sein Junges htet.
Das unsicher flimmernde Licht aus den Ofenritzen erhhte das Phantastische des
Anblicks.
    Der Hauswirt, welcher fter als ntig war an der Gruppe vorberging, fragte
endlich leise Valerius, ob der Schlafende ein Verwandter Manasses sei. Bei der
Antwort schwieg er. Nach einer Weile trat er an den Alten hin und sagte leise:
Ist des Rabbi Manasse Fleisch ein Krieger unter den Nazarenern?
    Sprich nichts Unntzes! erwiderte hastig ebenso leise der Alte, bis dazu
kommt die gelegene Zeit.
    Der polnische Bauer hatte sich unterdessen an Valerius gemacht und ihm
mitgeteilt, er wolle Soldat werden, ob ihm dieser nicht sagen knne, wo er
polnische Truppen fnde. Valerius erkundigte sich nach seinen nheren Umstnden,
und der Bauer gab ihm in wenig Worten Auskunft. Er heie Thaddus Magiak und sei
drben aus Wawre, wo die Russen stnden. Eigentlich habe er nicht viel Lust zum
Kriege gehabt, als er aber die Russen gesehen habe, da sei ihm den Groll
gekommen, und er sei zur Hintertr hinausgesprungen, um die Soldaten seiner
Landsleute zu suchen. Was soll ich auch daheim, setzte er hinzu, Arbeit gibt
es whrend des Krieges nicht, der Herr ist fort, den Feinden mag ich keinen
Handgriff tun, und die Russen hassen wir alle. Es sind mir viel Kameraden
begegnet hier herber, die auch davongegangen sind; allein kommt aber jeder am
besten durch - die Weichsel ist breit, und unsere Lanzen sind lang. Als die
Moskowiter gestern zurckkamen, haben wir's wieder erfahren, - helft mir zu
einer Lanze, Herr.
    In diesem Augenblick strzte der jdische Wirt mit dem Geschrei in die
Stube: Die Russen! die Russen! Ich hre ihr Geschrei im Walde. Im Nu hatte
Manasse seinen Sohn auf den Armen und strzte hinaus zum Wagen. Thaddus war
auch wie ein Blitz bei der Hand und zumte den einen Gaul, der Alte schrie:
Genug, genug, sprang auf den Wagen und wollte fort, eh' Valerius noch
eingestiegen war. Der flinke Bauer ri ihm aber die Zgel aus der Hand, stie
ihn rcklings in den Wagen sprang selbst hinauf, hob Valerius zu sich, entri
dem Alten die Peitsche und jagte in den Wald hinein.
    Hier hielt er still, zumte rasch auch das andere Pferd, gab Valerius die
Zgel, horchte einen Augenblick und sagte dann: Der Jude hat nicht gelogen, das
ist Kosakengeschrei. - Wohin willst du? fragte er den Alten kurz.
    Manasse nannte den Namen eines Stdtchens, wo er zu Hause sei.
    Wenn die Kosaken hier sind, erwiderte Thaddus, so sind sie auch lngst
in Eurem Orte.
    Manasse seufzte tief. Joel, der aufgewacht war, nannte das Schlo eines
Grafen.
    Ich wei, rief Thaddus, und fort ging's im Galopp. Es war finster
geworden, der neue Kutscher schien aber des Weges vollkommen sicher zu sein;
Valerius kroch aus Frost mit in den Wagen und sank in Schlaf.
    Als er wachte, war es schon heller Tag, und das Fuhrwerk stand still.
Manasse und Joel waren schon abgestiegen, die Pferde waren ausgespannt und
Thaddus wartete seiner, am Kutschersitze stehend. Die vernachlssigte Wunde
hatte sich gercht und machte ihm groe Schmerzen, ja, als er sich aufrichten
wollte, verlor er das Bewutsein.
    Da er wieder zu sich kam, fand er sich auf einem harten Bett in einem groen
Gemache; die Sonne schien hell durch schmutzige Fenster, von Mbel fiel ein
glnzender Sekretr von Mahagoniholz in die Augen, daneben stand aber ein
fichtener Schemel, und ein grober, gewhnlicher Tisch war an das Bett geschoben.
Die Decke, welche auf ihm lag, war von dunkelroter Seide und auf das sauberste
gearbeitet. Man sah an allen Winkeln des Zimmers, da es lange nicht bewohnt
worden sei.
    Thaddus stand neben dem Tische und sah mit frhlichen Augen auf den sich
bewegenden und ermunternden Kranken. Valerius blickte ihn lange an, der frische
Polack mit dem roten, frischen Luftgesicht war ihm eine tchtige Verheiung der
Gesundheit. Thaddus war auch wirklich ein Reprsentant jenes schlanken und doch
fleischig und saftigen polnischen Nationalkrpers, an dessen Bewegungen man
berall Kraft und Geschmeidigkeit erblickt. Er mochte sechsundzwanzig bis
achtundzwanzig Jahre alt sein, das lichtbraune Haar hing ihm glatt geschnitten
um den Kopf, die blaugrauen Augen sahen verschlagen unter langen Wimpern hervor,
ein weicher Bart, der nie geschoren sein mochte, lag auf Lippen und Kinn, und
der nackte Hals sah wetterhart aus dem schmutzigen Pelze. Er sprach nicht eher,
als bis Valerius ihn fragte. Dann unterrichtete er ihn, soweit er es vermochte.
Sie seien auf dem Schlosse eines reichen Grafen, welchem die ganze Umgegend
zugehre. Als man gehrt, da Valerius ein Freiwilliger aus Deutschland und bei
Grochow verwundet sei, habe man ihn auf das bereitwilligste empfangen. Manasse
habe ihn verbunden und sei alsdann nach seinem Stdtchen gewandert, um seine
Habseligkeiten zu schtzen. Joel sei noch da, und knne schon am Stock
umhergehen; das ganze Haus lebe brigens in groer Frhlichkeit, weil nach allen
Nachrichten und den Bewegungen der Russen kein Zweifel obwalte, da die Schlacht
bei Grochow von den Polen gewonnen worden. Er selbst - Thaddus - sei zu
Valerius' Pflege dageblieben, weil die meisten mnnlichen Domestiken Soldaten
geworden, und weil die Wunde des Herrn aus Deutschland nach Manasses
Versicherung ihm bald gestatten wrde, den Thaddus mit nach Warschau zu nehmen.
    Valerius konnte bald das Bett verlassen, der Graf lie sich entschuldigen,
da er dem Gast nicht aufwarte - das Podagra fessele ihn an sein Zimmer. Er
eilte ans Fenster, um sich zu orientieren. Das Schlo schien ein groes Gebude
zu sein, es war aber offenbar schlecht erhalten, der Putz war an vielen Stellen
abgefallen, die Stufen, welche zum Portal fhrten, waren schadhaft oder fehlten
ganz, die Rinnen hingen zerstrt von der Traufe, auch das Dach mute schadhaft
sein, denn im Zimmer des Valerius, das sich im zweiten Stock befand, war ein
Teil der Decke so mit Feuchtigkeit angefllt, da er jeden Augenblick
herunterzustrzen drohte. Die Aussicht vom Fenster fhrte auf den nahen Wald.
Wirtschaftsgebude und Scheuern lagen zerstreut umher und gewhrten einen
unerfreulichen Anblick. Sie waren nachlssig aus Lehm gebaut und mit Stroh
gedeckt. Hie und da bemerkte man groe Lcken in Dach und Mauern. Die dnne
Schneelage, welche alles bedeckte, schmolz eben unter der hervortretenden Sonne,
und das Ganze bekam ein schwarzes, unwirtliches Ansehen.
    Valerius stand mit untergeschlagenen Armen am Fenster, und ein tiefer
Seufzer drang aus seinem Herzen. Er war aus Deutschland gekommen, um diesem
tapferen Volke zur Erkmpfung der Freiheit seinen Arm zu leihen. Mut und
Patriotismus ohnegleichen hatte er allerdings gefunden, sonst aber alles in
traurigem Zustande. Hohe gesellige Kultur neben aller Vernachlssigung des
huslichen Lebensmaterials, Ehrgeiz ohne Ma und ohne Bercksichtigung der
Allgemeinheit, keine Spur von deutscher Hbigkeit und Wohlfahrt. Es ist ein
ander Volk, ein ander Land, sprach er oft zu sich, du mut dich einleben, es
nicht nach andern Formen bemessen. Aber froh wurde er doch nicht.
    Wir glauben es nicht, wieviel uere Freiheit wir entbehren knnen fr den
zierlichen und behaglichen Herd, fr die anregende und befriedigende
Gesellschaft. So da die gesellige Kultur oft mchtiger erscheint als der Drang
nach Freiheit. Dies macht es auch allein erklrlich, wie ganze Vlker ohne Klage
in den erniedrigendsten Regierungsformen fortleben, ja sich befriedigt fhlen
knnen.
    Die Behaglichkeit eines heimlichen, hergebrachten Zustandes ist die grte
Macht des Bestehenden, da immer nur der kleinste Teil des Volkes von Ideen
angeregt wird und aus dem warmen Bett in die kalte Luft hinausspringt.
    Joel kam herbeigehinkt und unterrichtete den Kranken ber Personen,
Eigentmlichkeit und Zusammenhang des Hauses.

                                       6.


Einige Tage darauf war Valerius so weit hergestellt, um der Familie des Hauses
seine Aufwartung machen zu knnen. Er fand den Grafen in einem weiten, leeren
Saale. Dort sa er auf einem Rderstuhle, groe Jagdhunde lagen daneben, die
Fe waren in weite Pelzstiefeln gehllt, ein reicher Zobelpelz schtzte ihn
gegen die ziemlich unbehagliche Temperatur des den Raums.
    Der Graf empfing ihn mit der Hflichkeit eines gewandten Weltmannes,
Valerius mute sich einen der schlechten Sthle nehmen, welche in geringer
Anzahl und unordentlich im Saale herumstanden, und das Gesprch war sogleich
mitten im Kriege.
    Der Graf hatte eines jener verwsteten Gesichter, die auch mitten in der
Verwstung noch Spuren von groem Reiz entwickeln. Die Formen sind ursprnglich
scharf und schn gewesen, das Leben hat sie hie und da abgestumpft, die Mienen
sind durch tausend Affekte ein wenig verzerrt worden. Die Mienen sind aber die
Sprache der Formen, und so machte der Anblick des Grafen keinen wohltuenden
Eindruck. Das graue Haar lockte sich nur sprlich noch um die Schlfe, das Haupt
war schon kahl; auf der hohen Stirne liefen allerlei Leidenschaften wild
durcheinander, und die Augen lauerten dreist, oder kamen frech angesprungen. Um
den Mund, welchen ein schwarzer Knebelbart zur Hlfte verbarg, flogen jene
schnell wechselnden, ungewhnlichen Falten und Eindrcke, die wie ein
unbekanntes Alphabet aussahen, dessen Buchstaben man nicht zusammenreimen kann.
    Das war der Mann, welcher vor Valerius sa, heftig schilderte, verbindlich
dazwischen sprach, einen der Hunde ber den Kopf schlug, die Peitsche nach dem
alten Diener warf, der den Tisch zu decken kam, und mit dem Fue an einen der
Hunde stie, schnell wieder verbindlich gegen den Fremden lchelte, und mit
vielerlei Redensarten das Gesprch fortzuspinnen wute.
    Aber in dem einen Punkte war er wie die Besten: alles ward hingegeben fr
Polen, alles aufs Spiel gesetzt - der Graf brauchte nur seltener das Wort
Vaterland, er sprach vom Knigreich Polen.
    Selbst diese Eigenschaft hatte fr Valerius etwas Unheimliches. Dies Gefhl
ward noch gesteigert durch die Mutter des Grafen, welche bald darauf eintrat. Es
war eine Matrone von achtzig Jahren, aber sie trug ihre hohe Figur noch
kerzengerade, und ihr starres, mageres Gesicht war noch voll angefangener
Erzhlungen von frherer auerordentlicher Schnheit. Sie machte den Eindruck
eines Gespenstes auf Valerius, denn sie war schwarz gekleidet vom Scheitel bis
zur Zehe, und ihre Manieren waren steif und frmlich, wie man sie an alten
spanischen und franzsischen Hofdamen beschreibt. Eine kurze Rede, welche sie an
ihn richtete, und worin sie im Namen der Nation dankte, da er aus fremdem Lande
zum polnischen Kriege gekommen sei, machte einen peinlichen Eindruck auf den
Deutschen. Die Worte kamen wie aus dem Grabe und waren khl wie die Luft der
Grfte. Und doch war diese Frau eigentlich das Ehrwrdigste, was man sehen
konnte. Als achtzehnjhriges Mdchen hatte sie die erste Teilung erlebt und jene
erste Wut des Adels gesehen, die noch nicht wute, wie sie sich gestalten sollte
ber die grinsende Neuheit der Dinge. Sie war am Hofe des gelehrten Stanislaus,
des letzten Knigs gewesen, sie hatte Kosciusko durch ihre Schnheit und ihre
Rede begeistert, ihr Gatte war mit ihm bei Maciejovice gefallen, fnf ihrer
Shne waren in den Napoleonischen Kriegen untergegangen, im Jahre zwlf hatte
sie zu Napoleon gesprochen vom Knigreiche Polen, vor wenig Tagen war ihr
letzter Enkel bei Grochow in der Schlacht gewesen, und sie wut' es noch nicht,
ob er noch lebte, und fragte auch nicht danach. Seit Kosciuskos Falle hatte
niemand sie mehr lcheln sehen, und sie trug nun sechsunddreiig Jahre die
schwarzen Kleider.
    Wenn man von Wilna bis an die Karpathen kein russisch Wort mehr hren
wird, pflegte sie zu sagen, dann sollt ihr mich mit einem weien Kleide in den
Sarg legen, und ich will im Tode wieder lcheln. Ich will auch nicht eher
sterben, als bis dies geschieht, oder bis man noch einmal schreibt: Es gibt kein
Polen mehr. Und liee Gott, unser Gott, das letztere geschehen, dann sollt ihr
meinen Leichnam auf das freie Feld werfen fr die Vgel des Himmels, damit die
Kunde von unserem Unglck durch alle Lfte getragen werde, und Gott sie hren
mu.
    Es ist ein tiefes Geheimnis um die Heimat, und es ist ein wahres Wort: Was
uns wohl tun soll, mu uns heimatlich werden. Valerius staunte die lange
Grabesfrau an, er sah in das untraulich lchelnde Gesicht des Grafen, aber es
war ihm kalt im Herzen. Er fhlte es mit tiefem Weh, da ihn nur ein Begriff mit
diesen Leuten vereine, kein Tropfen warmen Blutes; da die Nationalitten, die
ihm stets unwichtig erschienen waren, von gewaltiger Bedeutung und Trennung
seien.
    Nur die Tochter des Hauses, die schne Hedwig, erinnerte ihn an das frische
polnische Element, an die ewige, tragische Jugend dieses Volkes, die nimmer
klagt und wimmert, und unter Trnen lacht. Sie und der liebenswrdige Joel
hielten seinen Mut aufrecht in dieser unnahbaren Fremde. Die Liebenswrdigkeit
ist berall daheim.

                                       7.


Die beiden Jugendgestalten waren es allein, die seinen Geist ein wenig
aufheiterten. War es Folge der Krankheit, oder rhrte es von andern Einflssen
her: Valerius befand sich fortwhrend in einer Stimmung, die ihm das Leben ohne
alle Farben, ohne alle Reize darstellte. Er war durchgehends unzufrieden mit
sich selbst, unzufrieden, da er sich frher jedem Anregen zur Begeisterung
hingegeben hatte, unzufrieden, da ihm jetzt alles grau, unerquicklich,
uninteressant erschien.
    Es war ein rauher Abend, als ihm diese Gedanken qulender als je auf Herz
und Lippe traten. Er sa in dem groen Saale, wo die Familie zu Abend gegessen
hatte. Die alte Grfin und der Graf waren nach ihren Zimmern gebracht, Clestin,
der betagte Diener, rumte den Tisch ab und brachte die leeren Flaschen beiseit.
Das war ein Geschft, das der regierende Herr Graf alle Tage einigemal ntig
machte. Der weite wste Saal lag in unheimlicher Dmmerung, ein Licht, das fr
Valerius bestimmt war, brannte flackernd an einem Fenster, und der Luftzug, der
durch die schlecht verwahrten Rahmen drang, drohte es zu verlschen. Der alte
Domestik ging leisen Schrittes schweigend ab und zu; in dem fernsten Winkel des
Saales stand Valerius und blickte in die unfreundliche Nacht hinaus. Hie und da
sah er eine Schneeflocke vorbergleiten.
    Er war in einer traurigen Stimmung, wie sie im jungen Mannesalter bei einem
prfenden, strebenden Geiste leider nicht so selten erscheint, als man zu
glauben geneigt ist. Sein Charakter war nicht von jenem leidenschaftlichen
Schwunge gehoben, der ohne weiteres auf den Dingen und Erscheinungen hinfliegt,
welche sich ihm bieten. Obwohl der begeisterndsten Gefhle fhig, war doch ein
gewisses, rationelles Wesen in seinem Innern mchtig. Er hatte selten rasch und
leidenschaftlich eine Richtung eingeschlagen; blieb er nun zwar im Verfolgen
derselben um so standhafter und hartnckiger, je tiefer allmhlich seine
berzeugung Wurzel geschlagen hatte, so fehlte ihm doch in kritischen Momenten
jener schwrmerische Fanatismus, der alle Zweifel berflgelt und mit bunten
Farben die blasse Wirklichkeit bertncht. Jenes begeisternde Element Alexanders
des Groen ging ihm ab, das dieser von seiner exaltierten Mutter Olympia geerbt
hatten.
    Man erzhlt von dieser, da sie die wildeste unter den Frauen gewesen sei,
welche mit aufgelstem Haar und brennenden Fackeln und Augen in dunkler Nacht
zum Opfer der Gtter schritten. In der Nacht, bevor sie Alexander empfing, hatte
sie getrumt, Jupiters Blitze schlge in ihren Scho.
    Dieser Blitz des Jupiter, der die zweifellosen Helden und Verbrecher
schafft, der Blitz des Fanatismus, fehlte dem Valerius. Sein Wesen war fern von
der schwanken Unentschlossenheit, von dem charakterlosen Umhertappen. Es war
eben im Gegenteil zuviel Charakter in ihm, als da er htte gerade fortschreiten
knnen, ohne wiederholt zu prfen; es war zuviel Humanitt in ihm, als da eine
entschiedene, unerschtterliche Feindschaft in seinem Herzen htte entstehen
knnen. Die Humanitt vertrgt sich nicht mit dem romantischen Heldentume.
    Valerius hatte sich Polen anders gedacht, und er schalt sich, da er sich
wie ein Kind romantischen Vorstellungen hingegeben hatte. Ist es nicht tricht,
andere Zustnde von einem Lande verlangen zu wollen, dessen Entwicklung so
gewaltsam gestrt worden ist! Bedarf's denn uerer bunter Illusionen, um die
Begeisterung fr einen schnen Begriff lebendig zu erhalten? - - Leider ist es
so; unsere Augen sind die schnellsten Boten, wir tun immer nur halb so viel fr
ein garstiges Mdchen, als fr ein schnes, wenn wir auch glauben, es mit jener
so gut zu meinen, als mit dieser.
    So sprach er leise vor sich hin. Er kam nicht einmal zu dem Gestndnisse,
da das Unbehagliche um ihn her, der wste Saal, das Unordentliche des Hauses
das meiste beitrgen zu seinem belbefinden. Er verga es vllig, da er die
Ansprche eines Deutschen an eine fremde Nation mache, da es jene
Gemtlichkeit, jenes Beisammensitzen, jenes Schwtzen sei, was er vermisse. ber
die Nationalunterschiede glaubte er so weit hinweg zu sein, und wute nicht, da
sie bis in die geheimsten Winkel unseres Wesens eingepret sind, und am
lautesten sprechen, wenn man wer wei welch hohe Motive zu hren glaubt. Wir
erfreuen uns anders, wir erholen uns anders, wir hassen und lieben anders - das
wirkliche Nationalleben Italiens und Spaniens wrde uns lange Zeit ebenso
unbequem erscheinen; und vorzglich zu Zeiten allgemeiner Erregtheit, wo das
angewhnte Wesen ohne Hlle hervortritt. Die Vlker sind in gegenseitiger
Beurteilung noch lange nicht vorsichtig genug.
    Valerius gestand sich's, da er in einem wohnlichen Zimmer, im breiten
Gesprch mit deutschen Freunden Welt und Dinge pltzlich anders ansehen wrde.
    Clestin war unterdes schon lange mit seinen Geschften zu Ende gekommen,
hatte das Licht wieder auf den Tisch gestellt, und schien den Aufbruch des
Gastes vom Hause erwarten zu wollen. Zur deutschen Nationalitt des Valerius
mochte es auch gehren, da er keinen Diener warten lassen, hinter dem Stuhle
bei Tisch sehen konnte; es qulte ihn, es benahm ihm alle Ruhe, wenn er wute,
da ein Mensch eine Zeitlang lediglich von ihm und seinen Launen bestimmt werde.
Rasch ging er nach dem alten Clestin hin. Zu seinem Erstaunen sah Valerius in
einer andern Ecke des Saales Joel auf einem Stuhle sitzen; er hatte das Gesicht
in die Hand gedrckt und schien zu schlafen. Valerius zog ihm die Hand weg und
fand das blasse Gesicht seines jungen Freundes in Trnen gebadet.
    Wenn man solche Trnen nicht errt, mu man nicht danach fragen. Das war
Valers erster Gedanke, indes glaubte er ihre Quelle zum Teil zu kennen, und er
wollte den jungen Mann zu trsten versuchen. Gleich als ob er selbst dazu einer
behaglicheren Stimmung bedurft htte, fragte er Clestin, ob es mglich sei, in
dem Kamin Feuer anzumachen. Dem Alten schien die Frage so vllig berraschend zu
sein, da er sich lange besinnen mute, ehe ein gedehntes O ja! zum Vorschein
kam.
    Es befand sich nmlich wirklich ein geschmackvoller Kamin im Saale. Er war
nach Art der Pariser eingerichtet und wie jene mit einer messingnen Einfassung
umgeben. Alles war indessen mit Staub bedeckt, und Clestin antwortete, da seit
fnfzehn Jahren kein Feuer darin gewesen sei. Damals wre der regierende Herr
Graf von Paris gekommen und habe den Kamin anlegen lassen; die selige, gndige
Grfin wre ein paarmal dagesessen, wenn sich Besuch auf dem Schlosse
eingefunden htte; die neue Gewohnheit sei aber bald wieder vergessen worden.
    Magyac ward gerufen, um den Kamin zu reinigen, Valerius nahm Joel unter den
Arm und ging schweigend mit ihm auf und ab. In kurzem brannte eine lustige
Flamme und erleuchtete den wsten Saal, ja das Licht lief bis in den nahen Wald
hinber. Die jungen Mnner setzten sich an den Kamin. Clestin und Magyac hatten
sich in einen Winkel zurckgezogen und sahen mit einer Art von Neugierde auf das
Feuer. Magyacs luftrotes Gesicht stach wunderlich ab von dem schneeweien Haare
des alten Domestiken. Clestin war gro, das Alter hatte seine Schultern schon
etwas nach vorn gebogen, aber sein Schnurrbart war noch pechschwarz, und die
eingefallenen Zge traten noch mit groer Strenge hervor. Er hatte ein Auge
verlogen und das andere war immer zur Hlfte bedeckt vom Augenlide, so da man
selten das frische Schwarz des Augapfels erblickte. Die ferne Flamme spielte
wunderliche Lichter auf die beiden Sarmatengestalten, und Valerius, ein
lebhafter Freund von solchen Bildern, machte eben seinen Nachbar auf die ganze
lichte und dunkle Umgebung aufmerksam, als die Szene noch lebendiger wurde durch
den Eintritt Hedwigs. Sie klatschte in die Hnde und kam zum Kamin gesprungen;
ihre franzsische Zofe rief entzckt, sie sehe Paris wieder; sogar Joel wurde
munter, und man schwatzte ein Weilchen heiter und lustig. Das frische
sechzehnjhrige Mdchen glnzte wie ein zweites Feuer vor den Flammen mit ihren
blitzenden, mutwilligen Augen, den weien Schultern und den braunen Flechten,
die ihr halb aufgelst um den Nacken flogen. Es schien, als habe sie eben zu
Bett gehen wollen, da sie die unerwartete Gesellschaft im Saal gefunden hatte.
Das Halstuch trug sie in der Hand, und den Kamm, welcher schon aus dem
Mittelpunkt der Flechten gezogen war, steckte sie scherzend in den Scheitel des
offenen Haares. An sich harmlos, von Jugend auf unter Mnnern, war sie dreist
und am fernsten von aller Prderie. Ihre Gromutter war ja auch ein Mann und
kmmerte sich nur um die Befreiung des Vaterlandes, nicht aber um das Busentuch
ihrer Enkelin, die jetzt ber Nacht zur Jungfrau emporgewachsen war. Ihre Mutter
hatte sie kaum gekannt. So war sie denn wie ein lustiges, freies Fllen
gediehen, war natrlich dreist und doch voll echten Schamgefhls. Als sie ihre
Freude am Feuer gesttigt hatte, sagte sie Bonne nuit, Messieurs, und sprang
davon. Es trat eine augenblickliche Stille ein, Valerius warf neues Holz aufs
Feuer, Joel sah gedankenvoll in die Flammen hinein, als wollte er sein Leben bis
in die fernste Zukunft darin entdecken. Da hrte man pltzlich auerhalb des
Hauses einen gellenden Pfiff durch die Luft schwirren. Joel schrak sichtbar
zusammen, Valerius wendete sich schnell um und fragte die noch im Winkel
stehenden Bedienten, was dies zu bedeuten habe. Sie erklrten mit halben Worten
ihre Unwissenheit; es war aber dem Valerius nicht entgangen, da Clestin seine
Hand nach dem Rockzipfel Magyacs ausgestreckt hatte, wahrscheinlich, um diesen
vor einer Unvorsichtigkeit zu warnen. Magyac war offenbar am meisten beunruhigt,
und da er noch weniger an die unterwrfige Domestikenform Clestins gewhnt war,
dessen Krper wie eine Bildsule unbeweglich stand, whrend die Befehle seiner
Herrschaft ruhten, so wagte er's, sich ans Fenster zu schleichen und
hinauszublicken. Er ging sogar auf die entgegengesetzte Seite des Gemachs zu
einer halb zerschlagenen Glastr, die auf einen verfallenen Balkon fhrte. Dabei
schlich er aber auf den Zehen, als sollte Valerius, den er wie seinen Herrn
betrachtete, die Dreistigkeit seines Herumstreichens im Saale nicht bemerken.
    Verdrielich ber das Verleugnen einer Erscheinung, die seinen Umgebungen
weniger unbekannt zu sein schien, hie er die beiden Leute zu Bett gehen.
    Clestin war wie ein Blitz verschwunden, und Magyac verbarg seine Eile
wenig. Die freundliche Behandlung, welche er bisher von Valerius erfahren hatte,
war nicht ohne tiefen Eindruck auf den jungen Polen geblieben. Er war an rauhere
Hnde gewhnt, und bewies dem deutschen Herrn eine lebhafte Hingebung. Valerius
hatte oft groe Mhe, sich den Versuchen Magyacs zu entziehen, wenn er ihm den
Arm oder den Rockzipfel kssen wollte. An jenem Abende machte ihm diese
orientalische Manier Magyacs keine Sorge. Wie ein Fuchs klemmte er sich mit
seinem Pelze durch die halboffene Saaltr und verschwand.
    Gegen die besten Freunde ist diese Nation mitrauisch und stolz, brummte
Valerius mrrisch vor sich hin, und setzte sich wieder ans Feuer; er sah Joel
fast unmerklich mit dem Kopfe nicken, tonlos die Lippen bewegen und in die
Flamme starren. Es war totenstill; nach einer Weile glaubte Valerius gegen den
Wald zu wiederum jenes Pfeifen zu vernehmen, wenn auch ganz leise - er horchte
aufmerksam: alles blieb still, nur die Saaltr knarrte im Luftzuge.

                                       8.


Die beiden jungen Mnner brachten noch eine lange Zeit schweigend zu. Jeder war
offenbar in trbe, dstere Gedanken versunken. Joels Traurigkeit schien indes
weicher und von hherer Reizbarkeit zu sein: zuweilen rollten dicke Trnen ber
seine Wangen.
    Der Freiheitskrieg eines Volkes, sagte endlich Valerius leise vor sich
hin, ist wie ein Liebeskrieg, man nimmt die Untersttzung eines Fremden an,
aber betrachtet ihn gleichgltig wie ein Werkzeug, in den Herzensrat kann er
nimmer aufgenommen werden.
    Da sah er zwei groe Trnen des armen Joel; er schalt sich, da er so
drngendes, nahes Leid ber seinen Grillen habe vergessen knnen, und suchte
nach einem Eingange, dem Kranken nahe zu treten, ohne ihn durch Beileidsgeschrei
noch schlimmer an seine Krankheit zu erinnern. Alle Leiden sind von einer
Familie, die meisten Trostgedanken passen auf alle, und die edelsten Leiden sind
wie die edelsten Familien: sie hren sich nicht gern selbst nennen, wenn man
ber ihre Schmerzen spricht. Das Unglck hat die zarteste Schamhaftigkeit.
Deshalb suchte Valerius einen fernen und doch verwandten Gedankengang, um nur in
die Tonart seines weinenden Nachbars einzufallen, nicht aber seine Trauermelodie
selbst anzustimmen.
    Die Natur, hub er leise an, als setze er sein Selbstgesprch fort, ist
doch von tiefer Gerechtigkeit, sie gleicht das uere Leben durchs innere aus.
Je schwrzer es auen um den Menschen wird, desto mehr wird er nach innen
gedrngt, desto lebendiger entzndet er das Licht seiner inwendigsten Seele;
Leute, denen es immer nach Wunsch geht, sehen niemals die verborgenen Reize des
unergrndlichen Menschen. Der Flchtling entdeckt alle versteckten Tler seiner
Heimat. Nur das wre ein zweifelloses Unglck, wenn groes Leid keine Poesie in
dem Menschen zu wecken vermchte, aber das geschieht nicht: die unglcklichsten
Menschen sind immer die begabtesten. Ein jeder von ihnen trgt seine Tragdie im
Herzen, die hebt und erquickt ihn. Der Schmerz ist der edelste Reiz. - -
    Joel drckte ihm die Hand. Sein Schmerz lste sich in einzelne Worte,
endlich in eine zusammenhngende Erzhlung auf. Und es ist mit dem Schmerze
ebenfalls wie mit schmollenden Liebesleuten: wenn sie erst zu sprechen anfangen,
und sich ihr Leiden vorhalten, dann folgt auch die Vershnung.
    Sein Vater Manasse spielte die Hauptrolle in der Erzhlung. Dieser lange,
magere Mann, sagte Joel, war einst krftig und schn, und in seiner gefurchten
Stirn liegen lange, abenteuerliche Geschichten, unglckliche Geschichten. Er hat
allen Wissenschaften obgelegen, die den menschlichen Geist anziehen, und nichts
ist ihm geblieben, was sein Alter reizt und mit Anteil erfllt, als sein Geld
und sein Sohn. Nach jenem strecken tausend Diebe die Hnde, ber Nacht kann es
verschwunden sein; der Sohn, sein Stab und seine Sttze, verlt ihn mit Undank.
Der Glaube, an den sich der Vater krampfhaft klammert, obwohl er seinem Herzen
fremd ist, dieser Glaube ist seinem Sohne ein Greuel. Und schiene die Sonne
zwlf Monden lang ununterbrochen Tag und Nacht, sie fnde in dieser kleinen
Familie keinen glcklichen Winkel.
    Joel seufzte tief und hielt einen Augenblick inne.
    Nur aus Szenen der Verzweiflung, welche meinen armen Vater zuweilen
berfllt, wei ich einiges aus seinem Leben. Er ist verschlossen wie das Grab.
Die Medizin scheint er in seinen jungen Jahren am eifrigsten betrieben zu haben;
in allen bedeutenden Stdten Europas hat er sie ausgebt. Aber auch die rzte
hat er wie die Pest. Einst war ich schwer krank und lag im Fieberschlummer auf
dem Lager. Manasse sa weinend an meinem Bett und glaubte meinen Geist vom
Fieber oder vom Schlafe befangen. Dem war aber nicht so, ich hrte alles, was er
vor sich hinlispelte. Er verwnschte die Natur, wenn sie mich ttete, das Auge
seines Lebens. Kein Mensch kann einen Pulsschlag schaffen, nur die Frechheit
behauptet's, murrte er vor sich hin, rette ihn Zufall oder Jehova, rette ihn,
wer am mchtigsten ist. Dann brach sich seine Stimme zu groer Milde, er rief
mehrmals den Namen Maria, und erzhlte vor sich hin, wie er des Abends in den
Mantel gehllt unter Kirchenpfeilern gestanden, wie sie gekommen sei und ihn
gekt habe, hei und brnstig. Aber Jude - Jude - ein Jude! sthnte er
ingrimmig, ich verlor die ganze Welt, und mein eigen Kind mut' ich mir stehlen.
- -
    Jene Maria war vielleicht meine Mutter. Einmal nur hab' ich's zu Manasse
gesagt, da starrte er mich an und verfiel in eine schwere Krankheit. Kurz, mein
Herr, ich bin als Jude aufgewachsen, und in dem einen Worte liegt das Unglck
eines ganzen Menschenlebens.
    Die Juden Jerusalems kreuzigten Christum, und seine Bekenner kreuzigen dafr
seit achtzehnhundert Jahren alles, was Jude heit auf dem weiten Erdboden. Und
was noch schlimmer ist, sie haben bereits einen groen Teil dieses Volkes so
weit gebracht, da er der Geielung, der Verachtung wrdig ist. Sie haben ihnen
Messer und Schere genommen, und prgeln sie, wenn sie mit ungeschornem Barte
umhergehen. - -
    Was soll ich Ihnen mehr erzhlen? Mit jenem Worte ist alles gesagt. Ich bin
blind von Kindesbeinen auf - nicht genug: ich bin taub geboren - nicht genug:
meine Zunge ist lahm und lernt nicht sprechen. - Solche Menschen nennt man
elend, aber viel greres Elend liegt in den drei Worten: Ich bin ein Jude. Jene
sehen und hren nichts von der Schnheit der Welt, sie wissen nicht, was sie
entbehren. Wir sehen und hren und drfen nicht genieen. Es gibt kein greres
Unglck, als verachtet zu sein, nicht wahr? - Doch, doch - das Unglck, einem
verachteten Volke anzugehren, ist noch ein greres. Verbirg dich jenseits der
Meere, fliehe auf den Flgeln der Abendrte in die Nacht hinein, wo du einen
Menschen findest, hrst du die drei frchterlichen Worte: Er ist ein Jude! - -
    Mein Vater lie mich alles lernen, was ich erlernen wollte. Die Wissenschaft
trstet nicht, aber sie hilft. Damals war er noch sanfter, aber mit dem Alter
stieg sein Unglck, weil seine Schwche stieg. Seit einiger Zeit gehrt er zu
der berspannten Sekte, welche sie Chassidim nennen, und ist grundlos elend.
Sonst kmmerte er sich nicht um seinen Glauben, nur aus Stolz verlie er ihn
nicht; er lie mich gewhren, wenn ich mich um die Bruche nicht kmmerte, er
fragte nie danach - jetzt ist er bigott, ohne an seine neuen Dinge zu glauben.
Er will einen Glauben haben, und zwar den strengsten, um die de seines Wesens
zu bevlkern. Jetzt mag ihm mein Heidentum viel Herzeleid machen, obwohl er mir
nimmer ein Wort darber sagt.
    Als ich von der Universitt heimkam, fand ich meinen Vater bei dem Herrn
dieses Hauses, bei dem er Geschfte hatte. Als dieser hrte, da ich
musikalische Kenntnisse bese, fragte er, ob ich seiner Tochter Musikunterricht
geben wolle, ihr Verlobter, der Graf Stanislaus liebe Musik. Frulein Hedwig war
damals ein Jahr jnger als jetzt; man hatte die beiden jungen Leute schon als
Kinder verlobt - ich blieb. Da kam die Revolution und der Krieg. Ich bat um eine
Soldatenjacke, ich wollte ein Vaterland haben - man gewhrte sie mir. Mit Ihnen,
mein Herr, kam ich zum erstenmal seit dem Dezember wieder hierher, und ich
trichter Mensch wundere mich, da man mir unter dem Kaskett noch immer den
Juden ansieht. - -
    Ich wei selbst nicht, was mir fehlt, und ich will auch nicht mehr weinen -
lassen Sie uns zu Bett gehen.
    Der Vorschlag war dem Valerius nur zu angenehm, er hatte keinen Trost fr
ihn. Die Lcke in seiner Erzhlung, wo er von der Universitt heimkehrte, war
ihm nicht entgangen.
    Man hatte das Feuer vergessen, es war dunkel geworden, nur die glhende
Asche warf einen unsicheren roten Schimmer auf das schmerzenreiche Antlitz des
schnen Joel. Valerius nahm ihn bei der Hand, und sie suchten schweigend ihre
Zimmer.

                                       9.


Den andern Morgen schien die Sonne; das trbe Wetter hatte sie bisher immer
verborgen. Sie brachte Mut in das schwer gedruckte Herz des deutschen
Freiwilligen. Die Sonne hat wirklich ein wunderbares Belebungselement fr die
sinnenden Menschen, die in lauter Gedanken das Leben hindurchklettern und jener
krperlichen Anregung zur Freude entbehren, welche die stumpfe Masse und die
eigentlich glcklichen Menschen zu Lust und Jauchzen stachelt. Valerius gehrte
nicht zu diesen letzteren, und er verehrte darum die Sonne wie ein Peruaner; sie
war ihm das wirkliche Auge des Himmels, und Gott und der Himmel waren fr ihn
der Begriff von eitel Schnheit, Freude und Glck.
    Es war ihm aber auch dieser Trost ntiger als je, es tat ihm mehr als je
not, ins Auge, in die Seele der Welt hineinzublicken. Er befand sich auf jenem
traurigen Standpunkte menschlicher Entwickelung, wo der graue Zweifel, die
aschfarbene Ungewiheit Herz und Geist anfllt, wo bei leidenschaftlichen
Menschen die Verzweiflung ausbricht, bei ruhigeren aber jene ttliche
Gleichgltigkeit des Unbehagens. Sogar die Vergangenheit war ihm verleidet: sein
eigenes sicheres, abgemachtes Wesen, das ihn frher ausgezeichnet hatte, war
jetzt seiner Erinnerung ein Greuel. Abgeschmackt, eitel, tricht erschien ihm
diese knabenhafte Sicherheit, dies ganze gesetzte Wesen, das ihm stets ein so
groes bergewicht unter seiner Umgebung eingerumt hatte.
    Und doch waren es nicht jene Freiheitsgedanken an sich, die er jetzt
bezweifelte; es waren die Verhltnisse im groen, die allgemeinen historischen
Entwickelungen, die ihm den Geist mit Dmmerung bedeckten. Er ahnte das
Tausendfltige der menschlichen Zustnde, die tausendfltigen Nuancen der
Weltgeschichte, die millionenfachen Wechsel in der Gestalt eines Jahrhunderts
und in der Gestalt seiner Wnsche und Bedrfnisse. Er sah die Armut des
menschlichen Geistes, der reformieren will, neben dem unabsehbaren Reichtume,
der unendlichen Mannigfaltigkeit dieser Welt und ihres verborgenen ewigen
Gedankens. Wie ein Prisma schimmerte ihm aus dem Dunkel seiner Seele jener ewige
Gott der Welt mit seinen Farben. Und dies Gefhl der Schwche, da er nicht eine
einzelne bestimmte Farbe herausblicken konnte, das Gefhl der Ohnmacht, sie
nicht im Geiste alle vereinigt halten zu knnen, dies Gefhl der menschlichen
Beschrnktheit drckte ihn zu Boden.
    Es gibt Menschen, welche zu stolz sind, einen Schritt weiter zu gehen, bevor
sie das Ziel genau kennen, auf welches sie losschreiten. Zu diesen gehrte
Valerius. Er glaubte noch an all seine frheren Gedanken, aber sie erschienen
ihm jetzt unvollkommen, Anfnge der Bildung.
    Das sind die trostlosesten Momente im Leben, wo wir den Fu erhoben haben
von einer frheren Entwicklungsstufe, und noch keinen neuen festen Boden unter
uns fhlen. Wir sehen mit Schrecken, wie tief jene Stufe noch gelegen, wir
erinnern uns mit Scham, wie weit wir uns schon vorgeschritten glaubten, als wir
auf. jener Stufe standen, und der Gedanke zerknirscht unser stolzes Herz, da
wir beim nchsten Ruhepunkte wieder in denselben Irrtum verfallen, und uns fr
fertig, fr vollendet halten werden. Wir sehen ngstlich fragend zum Himmel: Wo
ist das Ende, wo ist der Gipfelpunkt des Menschen? Aber der blaue Himmel ist
endlos fr das menschliche Auge, und wenn wir noch so hoch gestiegen sind, wir
wissen's nicht, ob es hher Stehende gibt, die uns verlachen. Da bricht das
Herz, und wir greifen nach jener Milde und Toleranz fr andere, damit wir
Vershnung in das Leben bringen.
    Valerius seufzte tief auf nach solchen Gedanken und sah schmerzlich lchelnd
in die Sonne: Nun denn, du mildes Licht, ich will eben weiter gehen, und jeder
deiner Strahlen soll mir Mut verleihen. Es war ihm sanft zu Sinne, als habe er
sich recht ausgeweint, und er ging leichten Schrittes in den Hof hinunter, um
einen Ritt ins Freie zu machen. Er wollte mit der Sonne schwelgen. Magyac war
nicht zu sehen; als wieder rstig gewordener Soldat ging er nach dem
Pferdestall, den litauischen Gaul selbst zu satteln, den ihm der Graf geschenkt
hatte.
    Zu seinem Erstaunen fand er das Pferd schon gesattelt, sogar schon
aufgezumt. Beim Umherblicken bemerkte er, da alle brigen Gule ebenfalls
angeschirrt und zum Ausreiten bereit waren.
    In geringer Entfernung von ihm legte Magyac eben dem letzten noch brigen
Tiere einen alten Kosakensattel auf; Clestin stand neben ihm an die Pfoste
gelehnt, und Valerius hrte bald, da sie in einem lebhaften Zwiegesprch
begriffen waren. Beide kehrten ihm den Rcken zu, und hatten ihn nicht gesehen.
    Und was wird's euch helfen, ihr Tellerlecker, wenn's glcklich ausgeht,
sagte Magyac, was? Fr 'nen dummen Herrn bekommt ihr einen klugen?
    Besser einen, als zwei! erwiderte Clestin.
    Besser gar keinen!
    Das geht nicht, dummer Bauer, Herrschaft mu sein.
    Magyac lachte, hielt einen Augenblick inne im Schnallen des Sattelgurtes und
sah vor sich hin, als besnne er sich auf etwas, dann sprach er schnell: Dem
Graf ist einer der schlimmsten - er schlgt die Woche siebenmal nach dir, und
schenkt dir's ganze Jahr nicht einen Schluck.
    Dafr nehm' ich mir alle Stunden einen.
    Clestin zog bei diesen Worten eine kleine Flasche aus seiner kurzen
abgetragenen Kutka, stemmte sie fest unter seinen Schnurrbart, legte den Kopf
tief in den Nacken und tat einen langen Schluck. Darauf schttelte und rusperte
er sich, gleich als ob ihm der Trunk entsetzlich vorkme, und reichte dem Magyac
die Flasche. Valerius belchelte diese Sufermanier und stellte sich hinter
einen hohen Futterkasten, um dem Gesprche weiter zuzuhren, wenn sich Magyac
etwa beim Zurckgeben der Flasche umkehren sollte.
    Wie lange dienst du dem Grafen schon?
    Lnger als du Grnschnabel pfeifen kannst - im sechsunddreiigsten Jahre.
    Da hast du Kosciusco noch gesehen?
    Alle Tage. Und dabei nahm er seine Mtze andchtig vom Kopfe und murmelte
etwas vor sich hin.
    Magyac hatte sich bei der Frage umgewendet und sah ihn mit blitzenden Augen
an.
    Kosciusco hat nie einen Polen geschlagen - weit du das? Und dabei fing er
das alte Volkslied an Noch ist Polen nicht verloren, und wenn er an den
Refrain kam, Kosciusco fhrt uns an, da zwickte und kitzelte er das Pferd, da
es wieherte und hinten und vorn ausschlug, und je mehr es lrmte, desto strker
sang er.
    Hatt' es der Schmied gestern eilig? fragte Clestin nach einer Weile.
    Jawohl, die Hunde zotteln wie die Wlfe berall herum, sie hungern!
    Nun, zu packen habe ich nicht viel, das silberne Tischzeug ist schon lange
in Warschau, meinetwegen knnen sie jede Stunde kommen, 's ist mir nur um die
gndige Grfin -
    Ist's denn wahr, Clestin, da Knig Stanislaus in sie verliebt gewesen
ist?
    Es ist die beste Polin von der Warthe bis an den Dniepr, du naseweiser
Lmmel.
    Ich wei, ich wei, Alter. La uns noch eins trinken. Solange der Schmied
ein Paar Augen im Kopfe hat und seine groen Fuste auf die Flinte legen kann,
sind ihre weien Haare in Sicherheit. 's wird ein lustiges Jahr, du krummer
Schimmel, und 's werden viele Franzosen traurig werden, die unsere Kutka nicht
mehr tragen mgen. Gib her, du langer Saufaus, ich will eins auf den alten
Krukowiecki trinken.
    In diesem Augenblicke hrte man Clestin rufen. Er steckte eiligst die
Flasche ein, wischte sich den Schnurrbart ab, hauchte schnell einigemal in die
Luft, und machte sich eiligst davon.
    Vergi nicht, Alter, heut' abend wegen des Feuers, rief ihm Magyac nach.
    Valerius ging jetzt nach dem Stande seines Pferdes und machte Gerusch, als
ob er eben erst in den Stall trete. Magyac kam eiligst herbeigesprungen und bat
ihn, heute noch nicht auszureiten. Valerius fragte ihn nach der Ursache dieser
Bitte. Der junge Pole meinte, des Herrn Kopfwunde sei noch nicht so weit.
    Possen, sagte dieser, und griff nach dem Zaum.
    Die Gegend ist unsicher, es reiten Russen durch die Wlder, Herr.
    Valerius zog das Pferd hinter sich fort, der Stalltre zu.
    Magyac kratzte sich verdrielich in den Haaren, endlich als jener den Fu in
den Steigbgel setzte, kam er eiligst hinzugesprungen: Herr, reitet nicht, der
Schmied von Wavre ist dagewesen.
    Wer ist der Schmied von Wavre?
    Ein Pole, Herr.
    In diesem Augenblicke ward ein Fenster im Schlosse geffnet, und Joel rief
hastig herunter, der Herr Graf liee Valerius bitten, eiligst zu ihm zu kommen.
Hedwig ffnete den anderen Fensterflgel und winkte ihm heftig. Es blieb ihm
keine Zeit, nhere Aufklrung von Magyac zu erfahren, und dieser hatte nichts
eiliger zu tun, als das Pferd wieder in den Stall zu ziehen.
    Valerius fand ein lautes Leben im groen Saale. Kutscher und Pferdeknechte
trugen allerlei Waffen herbei und stellten und legten sie neben den Stuhl des
Grafen und auf den Tisch, der vor ihm stand; Clestin ffnete Weinflaschen, der
Kutscher lud die Doppelflinte mit Kugeln, Hedwig tanzte singend herum, der Graf
herrschte den Leuten allerlei Befehle zu. Selbst Joel lud Pistolen; nur die alte
Grfin sa wie immer in ihren schwarzen Gewndern unbeweglich auf der Stelle, wo
sie alle Tage sa; ihre Augen sahen glsern und unbeweglich auf all die Dinge
und schienen nichts zu bemerken.
    Sie mssen zu Hause bleiben, Herr von Valerius, rief der Graf, der Teufel
ist los. Wir mssen einen berfall gewrtigen, es sind russische Streifkorps in
der Nhe; Graf Stanislaus, den ich schon seit mehreren Tagen erwarte, kommt
nicht. Er wollte uns mit einem Trupp Ulanen nach Warschau eskortieren, da er fr
unsere Sicherheit frchtete. Vielleicht ist sein Trupp zu klein gewesen, und er
ist abgeschnitten von uns, vielleicht hlt er auch die Gefahr nicht fr so
dringend, kurz, wir sind unserem Mute berlassen.
    Wer sagt denn aber, da die Gefahr so nahe sei? Es ist durchaus nicht
wahrscheinlich, da - 
    Ei, den Teufel auch, der Schmied von Wavre ist heute nacht dagewesen.
    Aber wer ist denn dieser -
    In dem Augenblicke hrte man das schnelle Wechseln mehrerer Flintenschsse
im nahen Walde.
    Auf eure Posten, ihr Schurken, schrie der Graf, und die Bedienten flogen
zur Tr hinaus. Valerius trat ans Fenster und sah alles, was von Knechten und
Bedienten im Hause war, mit Waffen, meist Jagdflinten, an allerlei Verstecke
eilen und sich postieren. Thaddus Magyac stand an die Pfoste der Pferdestalltr
gelehnt und sah unverwandten Blickes nach dem Walde. Des Grafen Stuhl und Tisch
wurden nach dem Fenster hingerckt, damit er die ersten Kugeln in die Weite
senden knne. Joel war zu demselben Zwecke ans zweite Fenster getreten; Valerius
ans dritte postiert. Clestin stand zum Laden am Tische und hatte einen groen
Haufen Patronen vor sich ausgebreitet. Der Graf bat seine Mutter, nach ihrem
Zimmer zu gehen, sie schttelte aber den Kopf und blieb unverrckt in der alten
Stellung. Hedwig, der ein gleiches anbefohlen wurde, erklrte, da sie die
Gromutter nicht verlassen wolle, und es trfen nicht alle Kugeln. Der Graf
stie einen Fluch aus und lachte hinterdrein; Joel machte eine bittende Bewegung
nach Hedwig hin, sie trotzte ihm aber mit einem halb bsen Gesicht und sprach
halblaut, wie die kleinen Kinder gewhnlich sagen: Ich will aber nicht! - Da
schien es, als flge ein Schatten ungewhnlichen Lebens ber das Gesicht der
alten Grfin, und als zucke ein schneller Strahl aus ihren sonst sprachlosen
Augen ber Joel hin. Sie griff hastig nach der Hand Hedwigs und zog sie zu sich
nieder.
    Es trat eine erwartungsvolle Stille ein, die wohl eine Viertelstunde lang
anhielt - nun hatte aber die Spannung dem leichtsinnigen Volkscharakter zu lange
gedauert, der Graf schlug ein lautes Gelchter auf, griff nach einer
Weinflasche, rief dem Thaddus zu, in den Wald auf Kundschaft zu gehen, und bat
Valerius, mit ihm zu frhstcken. Man schlo die Fenster, und das Leben des
Tages ging weiter, als wre man in der grten Sicherheit. Der Graf trank mehr
als gewhnlich und schickte beim Abendessen Clestin in den Keller, um
Champagner zu holen. Die kleine Hedwig, sagte er, hat sich heute so tapfer
bewiesen, sie trinkt gern ein Glas Champagner, sie mu ihr Siegesfest feiern.
Hedwig klatschte in die Hnde, sprang zum Vater hin und kte ihn - eine seltene
Erscheinung in ihrem Wesen. Papa, sagte sie mit mutwilliger Stimme, und drehte
mit den weien Hnden seinen dunkeln Schnurrbart, la mich Soldat werden. -
Der Graf lachte, antwortete aber dem Valerius, welcher unterdes seinen gestrigen
Versuch mit dem Kamin erzhlt hatte und ihn wiederholen wollte. Hedwig sprang
frhlich zu dem Vorschlage ber, ein Bedienter ward sogleich beordert, und in
wenig Minuten loderte ein lustiges Feuer auf. Eben kam Clestin mit den
Flaschen, sah mit groer Bestrzung nach der lodernden Flamme und flsterte
eiligst dem Grafen etwas ins Ohr. - Halt's Maul, alter Narr, und mach den Draht
von der Flasche. - Clestin zog sein Augenlid einmal ganz in die Hhe und scho
einen stechenden Blick auf Valerius. Dieser freute sich indes mit Hedwig und
Joel des Feuers; der Champagner spritzte, man trank auf die Befreiung des
Vaterlandes, und es war ein wunderlicher Anblick, wie die Flamme ber die
Mordgewehre und lustigen Gesichter hinlief und von der alten dsteren Grfin
abzuprallen schien, welche dem Feuer den Rcken kehrte und nach den Fenstern
hinstarrte, hinter welchen die Nacht lag. Joel, den der Wein aufgeregt hatte,
sang mit Begeisterung ein altes polnisches Schlachtlied, und selbst der
halbtrunkene Graf schien der sonoren Stimme und der alten herzergreifenden
Melodie mit groem Anteil zuzuhren, das vaterlndische Interesse war
unverletzt, ja sogar poetisch in ihm erhalten. Schade, Joel, sagte er am
Schlu des Liedes, und strzte ein volles Glas hinunter, schade, Joel, da du
ein Jude bist.
    Wie ein Schwertschlag traf dies Wort drei Herzen: Joel zitterte am ganzen
Leibe, Valerius fhlte sich von Scham- und Zornesrte bergossen, und aus
Hedwigs Augen tropften groe Trnen. Da flog Thaddus wie ein Pfeil in den Saal:
Sie sind da, Herr - das unntze Feuer hat sie gelockt, und damit ri er dem
Clestin ein feuchtes Tuch aus der Hand, womit dieser den berflieenden Wein
aufgetrocknet hatte, und warf es auf das Kaminfeuer, da es zur Hlfte erlosch.
Dreister Schurke, rief der Graf und hob die Hand nach ihm aus, Magyac wich auf
die Seite und stie dabei Clestin in die Rippen: Schafskopf, vor sich hin
murrend, nicht mal soviel ntze. Er ri das Fenster auf, warf die nchsten
Lichter um, und nahm die Bchse, die er fortwhrend in der Hand gehalten hatte,
an den Backen. Das war alles ein Augenblick, und wirklich krachten zwei, drei
Schsse ganz in der Nhe, die Fenster klirrten, die Kugeln schlugen in die Decke
des Saales, ein wildes Hurra drang herauf. - Valerius lschte schnell das
Kaminfeuer vollends, es ward einen Augenblick finster im Saale, nur auf die den
Fenstern gegenberliegende Wand fiel ein lichter Streifen von einem brennenden
Licht, das Clestin hinter den Ofen postiert hatte. Schsse und Geschrei von
unten wuchsen. Die Leute des Grafen begannen aus Stllen und von Bden herunter
ein sicher treffendes Gegenfeuer; der Mond kam herauf und beleuchtete den Raum
vor dem Schlosse und den Saal. berrascht durch den unerwarteten Widerstand
sammelte sich das russische Streifkorps - denn ein solches machte den berfall -
und hielt einen Augenblick an. Sie mochten etwa noch hundertfnfzig Schritte
entfernt vom Schlosse sein, und man konnte sie beim Schimmer des Mondes von dort
genau bersehen. Die bauflligen, schlechten Stlle und Wirtschaftsgebude
befanden sich zur linken und rechten Hand des Schlosses und lieen die Aussicht
nach dem Walde frei. Man erkannte leicht, da es eine gemischte Truppe war,
nicht eben zahlreich, aber doch der Mannschaft des Schlosses um das Doppelte
berlegen. Sie war nur zur Hlfte beritten, einige Krasse und Lanzenspitzen
flimmerten in der Luft, hie und da sah man ein Bajonett. Whrend des kurzen
Stillstandes schienen sie auf jemand zu warten; wirklich sprengte auch ein
schwerer Reiter herzu, man hrte einige kurze, herrische Worte, und die Truppe
setzte sich eben in Bewegung. Da begann Thaddus jenes durchdringende Pfeifen,
das ganz den scharfen Tnen einer Drossel glich, wenn sie einsam im Walde ihre
Stimme erhebt - auf allen Bden, in allen Stalltren ward es wiederholt. Wie vom
Blitz getroffen hielt der Feind inne. - Der Schmied, der Schmied, ging's von
Munde zu Munde - jetzt knallte der Schu des Thaddus, und jener schwere Reiter,
welcher der Anfhrer zu sein schien, knickte vorn ber den Hals des Pferdes
herab. Dadurch wurde jener zweifelhafte Zustand aufgelst; die Russen, welche
vor einer verborgenen Macht besorgt zu sein schienen, strzten jetzt in wildem
Sprunge auf das Schlo zu; die Polen, welche jenen geheimen Schrecken benutzt
hatten, um ihrer Lage irgend eine andere Wendung zu geben, brannten nun auch all
ihre Schsse ab, und die meisten schlugen sicher in die heranstrmende Masse.
Die schlecht verwahrte Haustr gab den Belagerten nur soviel Zeit, frisch zu
laden, die Tr des Saales mit Sthlen und Tischen zu verrammeln, und die auen
versteckten Polen konnten noch einige gut gezielte Schsse teils unter die
Belagerer schicken, teils nach den unvorsichtigen Russen richten, welche sich
einzeln nach den Stllen wagten, um ein Pferd zu erbeuten.
    Natrlich ging das alles rascher, als es erzhlt werden kann; die Schritte,
die Schsse und Tod und Wunden flogen. Und in all dem Lrmen sa die alte Grfin
regungslos an ihrer alten Stelle, der bleiche Mondesschimmer zitterte ber ihr
steinernes Gesicht hin; nur wenn ihr Sohn seinen wilden Jubel ob eines frisch
getroffenen Russen aufschlug, da schien es, als schlge ein Funke aus ihren
starren Augen. Hedwig lief hin und her, um Patronen zuzutragen. Joel flsterte
ihr leise etwas zu, und deutete auf die alte Balkontr, es schien aber nicht,
als ob sie etwas erwidere.
    Die Haustr war gebrochen, der Schwarm strzte die Treppe herauf, ein Schu
fuhr durch die Tr, und man hrte ihn noch durch die gegenberstehende Tr des
Saales dringen. Die gewaltige Wucht von mehreren Kolben flog an das Schlo, und
sthnend sprang es auf. Der Graf hatte sich in die Schulinie rcken lassen, die
drei brigen Schtzen standen neben und hinter ihm, nur zwei Schritt seitwrts
sa die alte Grfin; umsonst schrie ihr Sohn, umsonst zerrte Hedwig, sie sa
noch unbeweglich, als man die gierigen Augen der Feinde erblickte. Vier Schsse
drngten sich von innen mit tdlicher Hast durch die enge Pforte, die Vordersten
strzten, und Clestin harrte mit gespannter Pistole an der Mauer neben der Tr,
um den ersten Eintretenden niederzustrecken. Eine augenblickliche Pause trat
ein; Valerius glaubte whrend der letzten Salve ein Gerusch hinter sich gehrt
zu haben, er warf einen schnellen Blick herum, eine breite Gestalt stand hinter
ihm, die Balkontr lag an der Erde, von allen Seiten hrte man jenes schrillende
Pfeifen, der Schmied von Wavre, schrie alles durcheinander.

                                      10.


So gewaltig ist selbst bei stumpfen Barbaren die moralische Kraft eines
Begriffes: vor diesem gefrchteten Namen schraken die Angreifer bis zur
Unttigkeit zusammen. Clestin war der erste, welcher ihn ausrief; das
verhngnisvolle Pfeifen in ihrem Rcken, der Anblick jener Gestalt, die nur
drohend eine lange Flinte in die Hhe hielt, prete den Russen das gleiche
Geschrei dieses Namens aus, und sie standen gelhmt wie die Wlfe, welche eine
Feuerflamme vor sich aufschlagen sehen.
    Die Genossen des Schmiedes, welche von der Haustr herauf gedrungen waren
und sich mit der Besatzung aus den Stllen verbunden hatten, berwltigten mit
leichter Mhe den Rest des Streifkorps, der sich nur matt widersetzte. In diesem
Augenblicke hrte man vor dem Schlosse die Fanfare einer Trompete. Clestin hob
wirklich mit frohlockender Miene sein Licht hinter dem Ofen hervor, der Schmied
- denn dies war wirklich der so pltzlich erschienene Mann - sprang mit einem
Satze zum Fenster. Valerius, im Anschauen desselben verloren, sah ihn das
blitzende graue Auge wie einen Pfeil hinabschieen - es wird Graf Stanislaus
endlich sein! schrie der Graf; ein flchtiges Licht der Befriedigung flog ber
das Antlitz des Schmiedes und er nickte leicht mit dem Kopfe. Darauf ging er
raschen Schrittes zum Stuhle der alten Grfin, nahm seine dunkelrote Pelzmtze
ab, bckte sich, tief und kte den Saum ihres schwarzen Gewandes. Sein dichter
Busch brauner Haare, hie und da schon mit grauen vermischt, fiel ihm dabei ins
Gesicht, und er murmelte einige unverstndliche Worte.
    Der Graf rief indes nach Clestin, er solle eine Flasche Champagner und
einen der Gefangenen herbeibringen. Die Bedienten schleppten einen der
Krassiere in den Saal. Er fiel um Gnade flehend vor dem Grafen auf die Knie,
und aus einem mit Haaren verwachsenen schwarzen Gesichte sahen seine trben,
ausdruckslosen Augen starr auf die Hand seines neuen Herrn. Clestin schenkte
den Wein ins groe Bierglas, dessen sich der Graf zu bedienen pflegte; dieser
aber spannte den Hahn eines Pistols und scho die Ladung dem Gefangenen ins
Gesicht. Das arme Schlachtopfer duckte in Todesangst den Kopf nieder, und die
Kugel ri ihm das Hinterhaupt entzwei, da das Hirn weit umherspritzte.
    Schreiend strzte Hedwig herbei, um dem Vater in den Arm zu fallen, es war
aber zu spt. Der Graf stie einen Fluch aus und wollte den Krper des
Unglcklichen mit dem Fue fortstoen, ein heftiger Schmerz erinnerte ihn aber
an seine Krankheit; er griff zur Entschdigung nach dem vollen Glase und trank
es in einem Zuge leer.
    Als die Bedienten den Zerschossenen hinausschleiften, erschien Graf
Stanislaus an der Tr. Kopfschttelnd und mit trbem Ausdrucke im Gesicht
bersah er noch schnell, was sich eben ereignet hatte. Lrmend hie ihn der Graf
willkommen, erzhlte ihm, was vorgefallen, und mit den Worten: Zu rechter Zeit
kam der Schmied, wollte er sich eben zu diesem herumwenden, als er erst
bemerkte, da dieser Mann schon verschwunden sei, ohne einen Dank abzuwarten.
    Stanislaus, ein hoch gewachsener junger und blhender Mann, erklrte, die
Abreise nach Warschau mte sogleich vor sich gehen, die Streifkorps drngten
immer hufiger hinber, jede Stunde Aufschub sei Verlust, man wrde ohnedies nur
bei groem Glcke ungefhrdet passieren knnen.
    Clestin brachte die Nachricht, der Schmied mit seinen Leuten sei
aufgebrochen, um die Strae fr die gndige Frau Grfin rein zu halten, die
Reise msse aber sogleich angetreten werden, Magyac kenne die Tour genau, welche
zu nehmen sei, an ihn solle man sich halten. Der Graf runzelte die Stirn und gab
Befehl aufzubrechen.
    Binnen einer halben Stunde sa er im ersten Wagen, wohl verpackt und rings
mit Waffen umgeben, im zweiten fuhren die Damen, Stanislaus ritt auf der einen
Seite, Valerius und Joel trabten auf der andern, dieser mit dem traurigsten
Gesichte von der Welt. Magyac erffnete den Zug mit der Hlfte von den mit
Stanislaus angekommenen Ulanen, die andere Hlfte mit den berittenen Bedienten
des Grafen schlo ihn. Das wste Herrnhaus mit den toten Russen blieb einsam
zurck, die brigen Gefangenen waren mit dem Schmiede und seinen Leuten
verschwunden. Es ging im raschen Trabe durch den Wald hin, an keinem Wagen war
ein Licht zu sehen, hie und da nur fielen glnzende Mondesstrahlen auf den
schwarzen Trupp, und von Zeit zu Zeit hrte man jenes Drosselpfeifen tief aus
dem Walde, das Magyac an der Spitze des Zuges beantwortete.
    Von den Reitern konnte niemand sprechen, weil sie mit grter Sorgfalt auf
Weg und Pferde achten muten, alle Minuten stolperte ein Tier ber die
Baumwurzeln. Nur Hedwig tat einige leichte Fragen an Stanislaus, und fragte
Valerius und Joel, ob niemand verwundet worden sei. Ich seh' ja durch den
Mondschein, lieber Joel, da Sie ein klgliches Gesicht machen? Pfui doch, solch
ein rascher Schtze, solch ein frischer Reiter.
    Joel seufzte tief auf, und Valerius sah bei einem Blicke des Mondes ein
schmerzliches Lcheln ber sein Gesicht gleiten. Valerius selbst war aber zu
voll von dem, was vorgefallen. Das Bild des Schmiedes von Wavre wich nicht von
den Augen seines Gedchtnisses. Er erschien ihm wie die verkrperte schmiegsame
Kraft dieser ganzen Nation. All jenes verschlossene, verschlagene Element dieses
Volkes mit den blitzraschen Bewegungen, jene vornehme Armut, jener ganze
Anstrich von heldenmtigen Brigants, den eine insurgierende Nation von dieser
fliegenden Tapferkeit leicht erhlt, all dies ursprngliche Sarmatentum
erblickte er in diesem Manne.
    Wie er dastand - sprach die Erinnerung eifrig in ihm fort - als sein bloer
Anblick den Sieg entschieden hatte, in dem kurzen weigrauen Kittel, den der
breite Ledergurt straff zusammenzog! Die Muskeln seiner Hand spielten wie heie
Sonnenstrahlen an der Bchse - und unter dem Pulverdampfe von des Grafen
Mordpistole verschwand er wie ein Geist, er war der Urgeist einer Nation.
    Er ertappte sich lchelnd auf diesen bertreibungen, konnte und wollte sich
aber nicht davon losmachen. Das Leben wird erst unser, wenn es sich wieder
erzeugt in unserm Innern, darum sind die Dichter die reichsten Menschen, darum
sind sie kleine Gtter, die alle Tage eine Welt schaffen und sich mit dem Troste
zu Bette legen: Siehe, es war alles sehr gut. Im Sturm der Dinge selbst sind wir
die Beute der Dinge; ist es doch ein Hauptglck des gegenwrtigsten Reizes; der
Liebe, sich ihrer zu erinnern. Ein jahrelang ersehnter Ku, im Fluge geraubt und
erwidert, macht ein ganzes darauffolgendes Leben voll Gewhnlichkeit ertrglich,
whrend jener eigentliche Lebensaugenblick an sich kaum empfunden ward und nur
durch die lange Erwartung vorher und die lange Erinnerung nachher ein
beglckendes Ereignis wurde.
    So liegt in uns von Hause aus jener viel gesuchte Sieg ber das uere.
    Aber auch diese nachschaffende Fhigkeit war getrbt in Valerius, er reizte
sich mehr zum Genu, als da dieser Genu ihn aufgesucht htte. Der Mittelpunkt
seines Lebens war verschoben, und alles brige dadurch in Unordnung geraten. So
machte er sich Vorwrfe ber diese rmliche Manier, wie er's nannte, nur das zu
erkennen und zu ergreifen, was vorber sei, nicht der gegenwrtige Anblick
dieses sprlich erleuchteten nchtlichen Zuges wecke ein romantisches Gefhl in
ihm, schalt er weiter, nein, es sei der Augenblick, als vor fnf Minuten die
Mondesstrahlen glnzend durch die Baumgipfel gebrochen seien, jener Augenblick
be den Reiz auf sein Inneres, obwohl das Auge noch fortwhrend dasselbe sehen
knne, jener vergangene Augenblick liege bereits als geschichtliches Bild dieser
Fahrt in seinem Gedchtnisse. - Ich will keine Vergangenheit, ich will
Gegenwart, sprach er wie ein ungezogenes Kind vor sich hin - ich will ein
Mensch sein, nicht aber ein Knstler, den Trume beglcken.
    So wtet der Mensch gegen sein Fleisch, und der Starke schmht seine
doppelten Krfte, weil er in den Stunden des Unmuts einen Schwachen lcheln
sieht, und diesen um seine Schwche beneiden zu mssen glaubt.
    Aber wir mgen uns noch soviel Mhe geben, unserem Wesen ungetreu zu werden,
unser eigentliches Wesen ist unsere Gesundheit, und die Natur strebt immer von
selbst wieder dahin zurck.
    Ehe er sich seines Unmuts recht bewut wurde, war Valerius mit den Gedanken
in Deutschland, und ein Ort nach dem andern mute sich ihm darstellen im
Mondschein dieser Nacht. Das sind Bilder, die den Menschen am meisten befangen
mit ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit. Eine Gruppe nach der andern breitet sich
vor ihm aus, jede hat ihre tausend Beziehungen und Gewichte, die sich
fortwhrend im Gleise erhalten, jede fhrt zu einer neuen, und der Geist irrt
von einem Lande zum andern, ber den Ozean, wo jener Mondschein nicht zu sehen
ist, und die Leute im Sonnenstrahl umherwandeln - beim Schein des Mondes, beim
Strahl der Sonne denken wohl manche von jenen Leuten an den Kampf in Polen, und
so weckt und wirkt alles durcheinander in dieser Welt, und der Gedanke an den
Allmchtigen fllt das Herz -
    Camilla, Camilla, die Welt ist zu gro, das Interesse zu mannigfaltig,
Gottes Gedanke zu tief, und ich will alles suchen - dein Auge kommt mir immer
seltener, ich tauge nichts fr die Liebe, ich bin krank an berflu, und arm an
Liebe fr das einzelne, vergib mir! -
    Da stolperte sein Pferd ber eine Wurzel, sein Schenkel ward an einem Baime
gequetscht, und so erinnerte ihn die Gegenwart nur zu deutlich, da er wiederum
auer ihr gewesen sei. Der Zug hielt still, und jetzt erst bemerkte Valerius,
da fernher aus dem Walde einzelne Feuer leuchteten. Er ritt vorsichtig bis an
die Spitze des Zuges - Magyac sah unentschlossen nach der Seite in den dichten
Wald, als solle ihm von dort her Rat und Hilfe werden. Ein Umweg durch den Wald
war nicht mglich fr die Wagen, die Bume standen zu dicht.
    Trumerisch sah Valerius nach den Feuern, er bemerkte es nicht, da sein
Pferd langsamen Schrittes ihnen sich nherte; Magyac war zwischen die Bume
geritten, wahrscheinlich um zu rekognoszieren, und hatte keine Acht auf den
melancholischen Deutschen; die vordersten Ulanen mochten glauben, er wolle
ebenfalls die Ortsgelegenheit nher erkunden - kurz er kam ungehindert den
Feuern immer nher, und ohne nachzudenken betrachtete er das neue Schauspiel.
Etwa wie man ein Wouvermannsches Schlachtgemlde ansieht, ohne einen Augenblick
daran zu denken, das ausgehobene Schwert des Mannes auf dem friesischen Schimmel
knne uns treffen.
    Auf einer Lichtung war ein Trupp Kosaken gelagert, Ro und Reiter ruhten an
der Erde, gewrmt durch hohe Feuer. Die Lanzen steckten ihnen zur Seite im
Boden, und der grte Teil dieser rastlosen Steppenbewohner schien zu schlafen;
hie und da erhob sich einer mechanisch mit dem halben Krper und warf ein
frisches Stck Holz in die Glut, dann sank er wieder in die vorige Stellung
zurck, oder suchte sich ein bequemeres Kopfkissen auf dem Bauche seines
Pferdes. Die brtigen, augenlosen Gesichter, zur Hlfte gewhnlich im Schatten,
zur Hlfte vom Feuer beleuchtet, erhhten durch ihre Regungslosigkeit die
Tuschung, ein Gemlde zu sehen.
    So kam der junge Trumer bis zu den letzten Bumen, welche an seinem
schmalen Wege die Lichtung begrenzten. Einige Schritte nur von ihm hielt der
aufgestellte Wachtposten. Der Kosak war ebenfalls eingeschlafen und sa mit
untergeschlagenen Armen wie eine Bildsule da. Mit dem rechten Arme hatte er die
Lanze eingeklemmt, die linke Hand hielt den Zgel. Ein langer schneeweier Bart
fiel auf die Brust herab, ein kleines schwarzes Kreuz drngte sich darunter
hervor; wahrscheinlich hatte er noch kurz vorher seine Andacht verrichtet, nicht
ahnend, wie not es ihm sein drfte, um seinem Glauben nach glcklicher zu
sterben. Der Schlaf hatte ihn bereilt und ihm nicht gestattet, das Kreuzchen
wieder auf die behaarte Brust zurckzuschieben.
    Es war nur noch ein Schritt zwischen beiden Reitern, das Kosakenpferd zog
langsam die trgen Augenlider in die Hhe und rckte den Kopf ein wenig
aufwrts. Der Kosak, der die nachlassende Straffheit des Zgels empfinden, wohl
auch das Nahen eines Gegenstandes bemerken mochte, machte eine Bewegung mit der
Hand, ffnete die Augen, verstorbene, lebensmde Augen, ffnete den Mund -
    Da fhlte Valerius den Zgel seines Pferdes von einer raschen Hand gehalten,
der Kosak verschwand pltzlich von seinem Gaule, es erschien ein anderer Reiter
darauf, und ehe er sich ermuntern konnte, sah er sich auf dem Rckwege zu seinem
Zuge. Der Schmied von Wavre ging neben ihm, ein junger polnischer Bauer ritt zu
seiner andern Seite auf dem Kosakenpferde. Mit Grauen sah er bei den
nachleuchtenden Feuern, wie der alte Kosak mit einer Schlinge um den Hals von
dem Bauer nachgeschleift wurde. Das Pferd des pltzlich Erwrgten trug ebenso
geduldig den neuen Reiter, der es so schnell von seinem vorigen befreit hatte. -

                                      11.


Valerius war in jener Nacht nur auf kurze Zeitrume aus seiner Trumerei zu
wecken gewesen. Er machte sich die lebhaftesten Vorwrfe ber diese gefhrliche
Schwche, als ihm Magyac am andern Morgen die Begebenheiten der Nacht erzhlte.
    Das ist jenes trichte Leben in die Weite, in die Ferne, das den Baum vor
Augen nicht merkt, bis er sich kund gibt durch einen heftigen Sto. Das ist
jenes Rsonieren ins Ungemessene hinaus, jenes deutsche Komponieren der nchsten
weltgeschichtlichen Epochen, worber die Gegenwart und das zeitig Notwendige
unbentzt vorberstreicht, das ist jenes unpraktische Wesen, das sich so gern
und so leicht mit hheren weiteren Zwecken entschuldigt, das gepriesen sein
mchte als weitsichtiges, hheres Element, und das doch bertroffen wird von
jenem kleinen Buben, der das Pferd trnkt, da es eben drstet. Auf den nchsten
Schritt soll man achten und dem Augenblick leben, der eben da ist, den
Gegenstand ergrnden, der just neben uns steht.
    So schalt er sich, whrend Magyac erzhlte. Der Schmied hatte das Biwak
umstellt, und whrend die Schlfer mit wildem Geschrei berfallen worden, waren
die Wagen in grter Schnelligkeit ungehindert die Lichtung passiert. Nur das
gndige Frulein, die bis zum Augenblick des berfalls fest geschlafen, sei,
erweckt von dem pltzlichen Lrmen, aus dem Wagen gesprungen und in den Wald
hinein gelaufen; Joel, der ihr nachgeeilt, habe sie zwar eingeholt, aber die
Wagen seien lngst auf und davon gewesen, und so habe man das Frulein hierher
ins Haus gebracht, wo sie jetzt noch ruhig schlafe.
    Aber wie bin ich denn hierher gekommen, Thaddus?
    Ja, was wei ich, Herr, du sagtest ja zum Schmiede, da du seine
Bekanntschaft machen wolltest.
    So?
    Valerius befand sich auf einer hnlichen Waldlichtung, wie er heut' nacht
gesehen, in seinen Mantel gehllt lag er an einem verglimmenden Feuer, hinter
ihm ein langer starker Baumstamm. Dieser hatte ihm zum Kissen gedient, wie er
vermutete, denn der Nacken schmerzte ihm gewaltig von dem kurzen Schlafe. Magyac
sa vor ihm an der Erde und scharrte einige Kartoffeln aus der Asche, die er zum
Frhstck gerstet hatte. Dann zog er ein Stck Schwarzbrot aus der einen Tasche
seines Pelzes und eine Schnapsflasche aus der andern, und legte alles vor
Valerius hin, indem er ihn mit einem halb verschmitzten, halb schmerzlichen
Lcheln aufforderte, sich des Frhstcks zu bedienen.
    Valerius nahm lchelnd einige Bissen Brot. Trink getrost, Herr, sagte
Thaddus, es ist Wein vom Grafen, im Lrm der Abreise hab' ich meine Flasche
leer und wieder voll gemacht - der alte Schurke, wenn nicht seine Mutter wre,
die der heilige Adalbert erhalten mge.
    Wo ist Joel? Und wo sind wir eigentlich? Thaddus deutete auf einen Winkel
des Gebudes, unter dessen Dache sie sich befanden - da lag der arme Junge
zusammengekrmmt unter seinem Mantel und schlief. Mit der Hand und einem bunten
Tchlein hielt er sich einen Teil des Gesichts verdeckt - Valerius kannte das
Tuch von jenem Abende, es war Hedwigs.
    Thaddus hatte die zweite Frage nicht beantwortet; eh' sie Valerius
wiederholte, sah er sich um, ob er sie vielleicht selbst beantworten knnte. Er
erkannte nicht ohne Anstrengung, da er sich mit seinen Gefhrten unter einer
sogenannten Wildraufe befnde, wie man sie fr strenge Winter zur Atzung des
Wildes anlegt. Einige alte zerfallene Krippen und Raufen, die umherlagen,
erinnerten in ihren Trmmern daran. Solche Wildraufen bestehen eigentlich nur
aus einem schiefen Dache, das sich auf eine Bretterwand und einige Pfosten
sttzt. Die drei brigen Zugnge sind offen, und da die offene Seite nach Morgen
lag, so schien die Sonne freundlich auf die Gruppe und erheiterte wie immer den
deutschen Wallfahrer, wie er sich manchmal nannte. Der Fichten- und Kieferwald
glnzte mit den Funken des gerinnenden leichten Schnees, der den Abend vorher
gefallen und jetzt grtenteils schon wieder verschwunden war. Es begann einer
jener Wintertage, in deren Mundwinkeln schon ein Frhlingslcheln schwebt, ein
lauer Tauwind zog langsam ber die Flche. Solch ein Wind ist wie der Hauch
eines jungen Mdchens, wenn er uns zum ersten Male berhrt, und wir empfinden,
welch eine Lust es sein msse, von den Lippen gekt zu werden, ber welche
dieser Atem flog. Frhlingsahnung, Ahnung einer schneren Zeit zieht damit in
unsere Brust.
    Auch Valerius sagte lchelnd: Es wird noch alles gut werden - weiter,
weiter.
    Einer der Seitenausgnge dieser Wildraufe war aber verschlossen durch ein
Bretterhuschen, das sich daran lehnte, und mit der Hinterwand der Raufe eben
jenen Winkel bildete, in welchem Joel lag.
    Wer wohnt hier, Thaddus? fragte Valerius von neuem. Thaddus umging aber
die Frage noch einmal. In der guten alten Zeit, sagte er, wo die Polen noch
Polen waren, hat es hier in der Gegend einen freundlichen Herrn gegeben, welcher
das Wild besser behandelte, als mancher die Menschen; der lie in strengen
Wintern zuweilen hier Futter ausschtten fr die hungrigen Tiere - 's ist aber
lange her, und die alten Bretter sind schon verfault, wenn der Wind hineinfhrt,
da sthnen sie wie die Wlfe, die sich fters hierher flchten.
    Ich bin dein Freund, Thaddus, wer wohnt in jenem Hause?
    Gott lohn's Euch, Herr, erwiderte dieser und griff nach Valerius'
Mantelzipfel, wir haben nicht viel Freunde, wir Polen in Schafspelzen, aber
einen mchtigen und einen stolzen Feind: den Russen und den Edelmann, dort in
der Htte, Herr, aber - und dabei sank seine Stimme zum Geflster herab -
wohnt der Schmied - seit vielen, vielen Jahren schon - wer seine Wohnung
verrt, begegnet keinem Polen mehr, setzte er mit blitzenden Augen hinzu, es
fhrt kein Weg durch den Wald hierher, und eine Stunde im Umkreise haben seine
Freunde einen Graben im Walde ringsum gezogen, ber den kein Reiter setzt, es
haben viel Leute daran gegraben.
    Warum, fragte Valerius weiter, wohnt er denn schon so lange im
verborgenen?
    Ein zuckendes, bses Lcheln prete sich ber Magyacs Gesicht, und er schien
etwas Schlimmes auf der Zunge zu haben, aber er schluckte es hinunter, und nach
einer Pause fuhr er fort mit wehmtigem Tone: Es ist schon lange her, da sie
ihm alles genommen haben, ich war ein kleiner Bube, als er noch in Wavre wohnte
mit Weib und Kind, und 's war ein trber, nebliger Herbstabend, als ich wieder
einmal bei der Schmiede stand und mit groer Freude die glhenden Funken
betrachtete, die durch den Nebel hinstoben von des Schmiedes gewaltigen
Schlgen. Ja, Herr, die alten Leute sagen, sie htten Zeit ihres Lebens keinen
tchtigeren Polen gesehen als den Schmied Florian, und der selige Herr Kosciusco
- Gott segne seine Asche! - hat ihn immer den jungen Piasten genannt. Ja, Herr,
so war der Schmied, und als er an jenem Abende auf den Ambos schlug, da sang er
ein altes Lied von unserer Freiheit, und die Gesellen sangen mit, und das halbe
Dorf versammelte sich um die Schmiede, 's war just der Abend vorm heiligen
Martinstage, die Leute in Wavre gedenken alle Jahre dieses Abends. Denn als sie
noch nicht fertig waren mit der Axt, die der Schmied hmmerte, und dem Liede,
das sie alle sangen, da kamen die Russen aus Warschau und wollten den Florian
gefangen nehmen, weil er ein aufrhrerischer Kopf sei. Der Schmied aber schlug
dem ersten, der ihm nahe kam, den Hammer vor den Kopf, da er hinschlug wie ein
umgehauener Baum. Nun ging das Schieen los, denn es wagte sich keiner mehr an
den Polen. Es dauerte auch nicht lange, da lag Florians Weib und sein rstiger
Junge im Blute, und der Schmied strzte heraus wie ein angeschossener Eber
mitten unter die Soldaten, sie fuhren entsetzt nach allen Seiten auseinander,
und ehe sie sich wieder sammelten, war Florian in den Wldern. Jeder Russe, der
ihn wieder gesehen, hat's mit dem Leben bezahlt.
    Florian ist brigens der beste Mann im Lande und tut keinem Kinde was
zuleide; viele Leute halten ihn auch fr einen Heiligen; aber unglcklich ist er
sehr, und wenn er am Tage um unser Vaterland geweint hat, so weint er des Nachts
um sein Weib und seinen frischen Buben. Herr, seit ich den Schmied zum ersten
Male in seinem Jammer belauscht habe, seit der Zeit hat mich nichts mehr
gerhrt; es war am verwichenen Martinsabende, ich hatte einen Wolf erschlagen,
und wollte dem Florian die Haut bringen fr den Winter, da sah ich ihn durch die
Trspalte vor seinem Heiligen auf den Knien liegen, das Wasser lief ihm in den
Bart, und er fragte schluchzend den lieben Gott, ob er wohl wisse, wie schlecht
es uns erginge im Lande Polen.
    Thaddus sprach nicht weiter, es trat eine lange Pause ein, und Valerius
reichte ihm die Hand, die jener heftig kte. Der Mund des jungen Polen brannte
hei und fieberisch.
    Die Tr des kleinen Huschens ffnete sich, und Hedwig erschien auf der
Schwelle, frisch wie ein junger Waldbaum, den der Tau des Morgens erquickt hat.
Sie sah mit Lcheln auf den Schlfer im Winkel. Es lag soviel Schalkheit und
soviel Wehmut in diesem Lcheln, da man nicht wute, ob jene grer als diese
sei. Joel schlug die Augen auf und streckte noch halb schlaftrunken die Arme
nach ihr aus. Sie reichte ihm die Hand, und als er sie an die Lippen fhrte,
strich sie ihm leise damit ber das Gesicht; ihre Hand berhrte auch jenes
Tchlein, aber sie ergriff es nicht.

                                      12.


Die linden Lfte sind erwacht,
Sie suseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang,
Nun mu sich alles, alles wenden!

    Sie hatten den grten Teil des Tages ber im Sonnenscheine gesessen, und
die Herzen hatten gesprochen mit jenen unmittelbaren Worten, die man nicht
nacherzhlen kann, und Valerius hatte zum ersten Male wieder seit langer, langer
Zeit deutsche Lieder gesungen. Jene Verse stahlen sich aber immer von neuem
zwischen alle seine Lieder, die warme Luft lie sie nicht zur Ruhe kommen. Joel
war schweigsam, aber sanft und freundlich, und Hedwig hatte ihr inniges Ergtzen
an all den neuen Weisen, denn die Jugend liebt die Poesie wie die frische Luft.
Joel hatte sie die deutsche Sprache gelehrt, und wenn sie sich auch verwunderte,
da die Weisen alle so langsam gingen, so hrte sie doch nicht auf zu rufen:
Immer mehr, immer mehr!
    ber diesem Treiben kam der Abend; Magyac, der jenseits des Grabens nach den
im Dickicht untergebrachten Pferden gesehen hatte, kehrte zurck, machte in der
Htte ein Feuer an, und legte sich auf ein Strohlager in einen Winkel. Kamin
oder Ofen war nicht vorhanden, und der Rauch suchte sich durch die vielen
ffnungen des Daches seinen Weg. Kummervoll betrachtete Valerius diesen
unwirtlichen Raum, des armen Schmiedes steten Aufenthalt. Hedwig hatte sich am
Feuer niedergekauert und wrmte sich die Hnde; Joel war nicht zu sehen, bald
aber hrte man von drauen her seine Stimme. Auch ihm war das traurige Herz
aufgegangen in diesen stillen Stunden, und was er nie zu sprechen wagte, das
sang er jetzt in die Nacht hinaus, in den schweigsamen Wald hinein. Aber als ob
es das polnische Land nicht verstehen sollte, sang auch er die Worte deutscher
Dichter. Er schien umherzuirren auf der Waldflur, manchmal verklangen die Worte
in groer Ferne, manchmal hrte man sie dicht an der Htte. Hedwig horchte
aufmerksam, die Stimme kam eben nher, und man verstand die Worte:

Ach nein, erwerben kann ich's nicht,
Es steht mir gar zu fern.
Es weilt so hoch, es blinkt so schn,
Wie droben jener Stern.

Die Sterne, die begehrt man nicht,
Man freut sich ihrer Pracht,
Und mit Entzcken blickt man auf
In jeder heitern Nacht.

Und mit Entzcken blick' ich auf,
So manchen lieben Tag;
Verweinen lat die Nchte mich,
Solang' ich weinen mag.

    Hedwig sah mit wehmtigen Blicken in das Feuer; Valerius, an die Wand sich
lehnend, sah forschend in ihr Angesicht, es war alles still ringsum, man hrte
durch die dnne Bretterwand, wie der Snger leise seufzte und sich langsam
entfernte. Klagend sang er weiter:

Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb!
Mu noch heute scheiden.
Einen Ku, einen Ku mir gib!
Mu dich ewig meiden.

Eine Blt', eine Blt' mir brich
Von dem Baum im Garten!
Keine Frucht, keine Frucht fr mich!
Darf sie nicht erwarten.

    Die Stimme schwieg; es schien Valerius, als stnden dem schnen Mdchen die
Augen voll Wasser, aber sie regte sich nicht; der seidene Mantel glitt ihr
langsam von der weien Schulter - sie lie ihn gleiten; ihre langen Augenwimper
senkten sich kaum merklich ein wenig tiefer - man konnte das schne Mdchen fr
ein Marmorbild halten.

                                      13.


Nach einiger Zeit nahten sich Schritte von mehreren Seiten, und man hrte
drauen eine Menge Stimmen. Magyac sprang auf und ging nach der Tr, bat aber
Valerius, so lange in der Htte zu bleiben, bis der Schmied zurckkme. Durch
die Spalten der Wand sahen die Zurckbleibenden drauen unter der Wildraufe ein
Feuer auflodern, und rings um dasselbe eine Schar bewaffneter Bauern. Die Zahl
derselben wurde immer grer, ihr Gesprch immer lebhafter und strmischer.
    Warum liegen sie fortwhrend in Warschau still, schrie eine rauhe Stimme,
warum geht's nicht von der Stell'? Sie sind Verrter und schreiben nach
Petersburg.
    Das verstehst du nicht, Slodczek, du bist ein Unband, der an einem Tage
sen und ernten will, sprach ein alter Bauer, der sich am Feuer niedergesetzt
hatte.
    Der Slodczek hat recht, schrie eine Stimme aus dem dichtesten Haufen, -
er hat nicht recht, schrie eine andere, und bald brauste das Stimmengewirr
unverstndlich durcheinander.
    Es mu was geschehen, bertnte Slodczek das Durcheinander mit seiner
rauhen Kehle, sonst verkaufen sie uns wieder das Fell vom Leibe, und wenn's
Glck hoch kommt, sind sie selbst die Kufer - wir mssen nach Warschau.
    Dieses Wort erregte einen noch viel greren Lrm, und es schien auf
Augenblicke, als ob sich die verschieden gesinnten Meinungen durch die Waffen
selbst geltend machen wollten. Slodczek wenigstens schlug sein Gewehr auf einen
Bauer an, der sich ihm am eifrigsten entgegenzusetzen schien. Aber jener Alte,
der ihm zu Anfang widersprochen hatte, schlug ihm das Gewehr in die Hhe, der
Schu ging indessen los und die Kugel fuhr prasselnd durch das alte
Schindeldach.
    Es folgte eine augenblickliche Stille; Slodczek selbst schien bestrzt zu
sein.
    Wie lange wird der Ring des Schmiedes sicher sein, wenn wir alle unsere
Bchsen abschieen? sagte mit langsamer Betonung Thaddus Magyac.
    Der alte Bauer warf einen jener fliegenden polnischen Blicke auf Slodczek
und auf die brigen, dann sah er gedankenvoll in den Lauf seines Gewehrs, und
jener nationale Zug einer gesunden Melancholie lagerte sich auf seinem schmalen
Gesichte. Wir werden zu zeitig auf die Flche hinauslaufen, damit sie uns alle
mit einem Male treffen knnen, sprach er mit traurigem Tone.
    Man konnte nicht einen Augenblick verkennen, da selbst die Strmischen
dieser Insurgenten keineswegs zu etwas Durchgreifendem entschlossen waren. Die
Gelegenheit schien ihnen zwar bequem, ihre schlechten Dienstverhltnisse zu den
eingebornen Herren des Landes besser zu gestalten, und viele waren der Meinung,
da Polen bestehen knne, ohne da sie selbst in so tiefer Abhngigkeit von den
Edelleuten lebten, aber es war doch selbst in diesen mehr ein romantisches
Tappen nach grerer persnlicher Freiheit, als ein klares Bewutsein. Und
sobald die allgemeine Gefahr des gemeinschaftlichen Vaterlandes einen Augenblick
dringend wurde, verschwanden alle jene Halbgedanken wie die kleinen Wnsche
eines Gefangenen vor dem groen Begriffe der Befreiung.
    Whrend es in der Versammlung eine Zeitlang vllig still war, und die Bauern
gedankenvoll vor sich hinsahen, wendeten auch Hedwig und Valerius ihre Blicke
von den Spalten, und sahen sich gegenseitig an, um einander die Verwunderung
ber solch eine Szene auszudrcken. Sie waren beide in einer groen Spannung,
und es war natrlich, da sie heftig zusammenschraken, als pltzlich der Laden
aufgerissen wurde, der sich auf der andern Seite der Htte befand, ein langer
Bart zum Vorschein kam, und eine unheimliche Stimme mit eulenartigem,
weitschallendem Tone rief: Joel, wo bist du?
    Wie der Sturmwind strzten die Bauern herbei, und in einem Nu lag der Mann,
dem jene Stimme gehrte, niedergeworfen am Feuer unter der Wildraufe, und fnf,
sechs Bchsen waren auf ihn angeschlagen.
    Ein Spion, ein Spion! schrie alles durcheinander. Ein Jude, ein jdischer
Spion! brllte die Menge gleich darauf, als der Schein des Feuers auf ihn
gefallen war.
    Es war Manasse, Manasse in seinem langen schwarzseidenen Kaftan. Das
totenbleiche Gesicht sah ngstlich auf die drohenden Feuerrhre, und mit
hastiger Stimme rief er: Ich bin kein Spion, ich bin der ehrliche Jude Manasse
- wo ist mein Sohn Joel? schrie er hinterdrein mit kreischender Stimme.
    Drckt ab, strmte Slodczek, er hat uns behorcht; er verrt uns an die
Edelleute.
    Im Ringe des Schmiedes wird nicht geschossen, sagte Magyac, und warf
gleichmtig frisches Holz ins Feuer.
    Die Gewehre senkten sich. Manasse bentzte diesen Augenblick zu seiner
Verteidigung: Ich habe nichts gehrt, nichts, nicht ein Wort hab' ich gehrt;
von jener Seite bin ich gekommen, um zu suchen meinen armen Sohn Joel. Mein Sohn
Joel vergiet fr euch sein Blut, er ist Soldat, mein Joel, sie haben ihn vom
Pferde geschossen bei Grochow, vom Pferde, das ich ihm selber gekauft;
totgeschossen lag es neben ihm, das schne Tier, das teure Tier.
    Schlagt ihm den Schdel ein, unterbrach ihn Slodczek, und ging mit
umgekehrter Bchse auf ihn los, wenn er Geld verdienen kann, verrt er uns
doch.
    Da ri sich der alte Jude mit der Kraft eines Jnglings aus den Fusten der
beiden Bauern, die ihn festhielten, und die lange, magere Figur streckte sich
kerzengerade in die Hhe; mit der einen Hand ri er sich die schwarze Mtze vom
Schdel, die andere streckte er dem andringenden Slodczek entgegen - die drren
Finger zitterten, die dnnen grauen Haare flogen im Winde, er war anzuschauen
wie einer jener Propheten, die den Untergang Judas weissagten: Der Cherem des
allmchtigen Adonai falle ber euch, so ihr einem unglcklichen alten Manne ein
Haar krmmt, euer Stamm sei verflucht bis ins tausendfachste Glied, euer Land
soll wste liegen, wie das Land zwischen gypten und Kanaan, euer Name soll
vergessen werden auf ewig, und der Wrgengel halte Wache an euren Grenzen bis
zum Jngsten Gericht, so ihr euch vergreift mit frechen Hnden an einem Manne
des strengsten Gesetzes, an einem der Chassidim, an Manasse, dem Auserwhlten
des hochgelobten Herrn der Heerscharen.
    Dieser Bannstrahl machte einen unerwarteten Eindruck auf die Bauern. Es lag
ein religises Element darin, das die frommen Katholiken berhrte, jener
schreckliche Bezug auf ihr Vaterland und dessen Zerstrung, der entsetzlichste
Gedanke fr den wildesten polnischen Bauer, der Anblick und die erschreckende
Zuversicht des Greises, womit er die Worte sprach - alles das erzeugte eine
Totenstille.
    Manasse blieb in derselben Stellung, seine Muskeln schienen ehern geworden
zu sein, und die dsteren schwarzen Augen leuchteten wie schauerliche
Totenfackeln.
    Ich soll euch verraten an eure Herren! O Adonai, wie lange schon liegt dein
Zorn auf uns - bin ich nicht ein tiefer gebeugter Sklave als ihr - wenn der Herr
euch schlgt mit der Hand, so tritt er mich mit dem Fue, wenn er den einen von
euch mihandelt, so beklagen ihn die andern, wenn er mich mihandelt, so lachen
sie, wenn ihr unter die Kugeln lauft, und sie euch treffen, so fallt ihr fr
euer Land, so fallt ihr als Helden, welche die Nachwelt besingt - wenn wir
fallen fr euer Land, so ist ein Jude weniger, und das ist gut, sprecht ihr dann
- weil ich suche meinen Sohn Joel, der vielleicht schon gefallen ist fr euch
unter den Kugeln der Russen, schlagt ihr auch den Vater tot - das ist auch gut.
Und ich soll euch verraten! Was hab' ich zu verraten als greres Elend denn
eures -
    Dabei sank er zusammen. Hedwig, die ihn pltzlich verschwinden sah unter der
Menge, glaubte, man sei im Begriff, ihn umzubringen, und strzte hinaus,
Valerius, der schon lngst auf dem Sprunge gestanden hatte, folgte ihr
augenblicklich. Nur die berzeugung, da er in diesem Augenblicke eine ebenso
verhate Erscheinung sein msse, als der Jude, da er den Verdacht der Bauern,
behorcht zu sein, zur Gewiheit steigern wrde, hatte ihn bisher abgehalten.
Aber der Moment schien ihm der uerste, als Manasse vor seinen Blicken
verschwand, und er bemerkte es kaum, da auch Hedwig hinauseilte.
    Ihr Erscheinen machte die Verwirrung vollstndig. - Ein Edelmann - des
Grafen Tochter, schrie alles durcheinander, und im ersten Angenblicke drngten
sich die Bauern alle auf eine Seite zusammen, gleich als ob sie sich frchteten,
oder nur in Masse von nun an handeln mten.
    Da erschien auch pltzlich Joel, der mit dem grten Erstaunen die Gruppe
betrachtete, die so wenig zu den Liebestrumen passen mochte, aus denen er eben
erwachte. Er strzte zu Manasse und richtete ihn auf; in den Augen des
zerbrochenen Greises leuchtete eine unbeschreibliche Glckseligkeit, als er sah,
da es sein Sohn, sein Joel wre, der ihn untersttzte.
    Das Feuer war zwischen den Parteien, nur Magyac sa wie ein unbeteiligter
Grenzpflock vor demselben, und somit zwischen den beiden in diesem Augenblick so
feindlich gegeneinander gestimmten Heeren.
    Ein rasches Gemurmel flog durch die Gruppe der Bauern - es sind Kiekis
Uniformen - ein braves Regiment - wir sind verloren, wenn sie lebendig den Ort
verlassen - warum nicht gar - sie mssen daran. -
    Die letzte uerung kam von Slodezek, der Lrm ward strmisch, die Masse
bewegte sich gegen das Feuer zu, Slodezek voran; Valerius und Joel zogen ihre
Sbel, Hedwig stand unbeweglich, nur ihre Augen glitten bald von Joels Gesicht
auf das Antlitz des alten Manasse, bald von diesem auf jenes.
    Magyac nahm ruhig einen Feuerbrand und hielt ihn dem andringenden Slodezek
unter die Nase, da dieser einen Schritt zurckfuhr. Diese Leute sind die Gste
des Schmiedes von Wavre, sprach er und sprang in die Hhe.
    Slodezek aber, ergrimmt durch den steten Widerspruch, ri ihm den Feuerbrand
aus der Faust, schleuderte ihn in die Finsternis hinein und fiel dann mit der
grten Heftigkeit ber Magyac her. Das Signal war gegeben, der Kampf selbst
erzeugt dann bei solchen Gelegenheiten den Kampf, wenn die Parteien kurz vorher
noch so unschlssig gewesen wren. Alles drang auf die beiden Soldaten ein,
welche ihre wehrlosen Verbndeten zurckschoben, und sich so gut als mglich zu
verteidigen gedachten. Das Handgemenge begann.
    Holla, ho! rief pltzlich eine donnernde Stimme, und von unwiderstehlicher
Kraft fhlten sich die ersten Kmpfer auseinandergerissen. - Der Schmied, der
Schmied, schrie alles, und er stand wirklich zwischen ihnen. Die Flinte hing
ihm auf dem Rcken, seine Hand war ohne Waffe, aber sein Blick gengte, dem
Kampfe ein Ende zu machen. Er nahm seine dunkelrote Mtze ab, ein unendlicher
Schmerz breitete sich ber das gefurchte hartkantige Antlitz - die Hnde
faltend, sah er mit stierem Auge vor sich hin, und leise sprach er: Vater
Kosciusco, das sind deine Polen.
    Diese Worte waren bis zum entferntesten Bauer gedrungen - die erst noch so
unbndigen Insurgenten standen mit niedergeschlagenen Augen da. Erst nach einer
langen Weile sagte Slodezek halblaut: Vater Florian, sie haben uns behorcht.
    Was habt ihr fr Geheimnisse vor ihnen? fuhr der Schmied hastig auf, sie
hassen die Tyrannei so gut wie ihr, sie wollen unseres Landes Freiheit so gut
wie ihr, sie beten zu Gott, was ihr bittet.
    Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: Wir gehen alle nach Warschau,
bermorgen abends um sechs finden wir uns vorm Hause des alten Krukowiecki, der
heilige Adalbert nehm' uns in seinen Schutz.
    Magyac voraus, zume die Pferde und fhre sie an den Kreuzweg, dort harrt
der Wagen fr das Frulein.
    
    Thaddus, der den Schmied kannte, wute, da Eile ntig sei, und flog wie
ein Ro ber die Lichtung nach dem Walde zu. Die Bauern grten den Schmied mit
einer Mischung von Ehrfurcht und Vertraulichkeit, und wohl auch mit einem Rest
von Scham, da sie sich vom heien, znkischen Blute zu einer Torheit hatten
fortreien lassen, und zerstreuten sich, hastig ber die Lichtung schreitend.
    Jener gemigte Alte sagte mrrisch zu seinem Begleiter, als sie in das
Dunkel des Waldes traten: Der Slodczek macht immer tolles Zeug - 's rgert mich
aber doch, da mir die hbschen Pferde entgangen sind, ich witterte sie heut'
abend, als ich durch den Wald nach dem Ringe strich, und ich dachte, einmal
heimzureiten - 's war kein Glckstag heute.
    Auch der Schmied brach mit den brigen auf. Valerius wollte ihn gesprchig
machen, er gab aber nur kurze, wenn auch hfliche Antworten. Manasse liebkoste
seinen Joel und erzhlte ihm, wie er in jener Nacht des Aufbruchs aus dem
Schlosse dort angekommen sei, um ihn zu warnen vor den sich immer mehr nach
jener Seite ausbreitenden Russen. Ihr wart fort, ich rannt' euch nach. Auf dem
Walplatz im Walde fand ich einen schwerverwundeten Kosaken. Ich verband ihn,
damit er mir den Weg zeige, den ihr eingeschlagen. Er wies hierherzu. - Die
letzten, sagte er, seien hierherzu geritten, ein junger Soldat mit schwarzem
Haar und Bart sei dabei gewesen. Das war der junge Deutsche. - Gleichgltig,
Joel, ich bin gelaufen, ohne zu ruhen, und hab' dich gefunden. - Dabei
liebkoste er ihn heftig.
    Sie traten in den Wald, aber eine groe Helle in ihrem Rcken veranlate
sie, noch einmal rckwrts zu schauen. Die Wildraufe und die Htte standen in
lichten Flammen. Das ist der Feuerbrand, sagte Hedwig, welchen Slodczek ins
Dunkel warf. Der Schmied sah traurig nach den lustigen Flammen und sprach leise
vor sich hin: Nun habe ich nicht mehr, wo ich mein Haupt hinlegen knnte, wenn
ich gehetzt werde wie der Hirsch. Er fuhr sich mit der flachen Hand ber das
harte Gesicht. - Nun, wie die Heiligen wollen! Ist's doch unserem Herrn
Christus nicht besser gegangen. Er nahm die Mtze zwischen die Hnde, und seine
breiten, festen Lippen bewegten sich, als sprche er ein stilles Gebet.
    Das Feuer leuchtete unheimlich ber die Heide, sein Strahl hatte in der
Einsamkeit nur ein paar Krhen aus dem Schlafe gescheucht, die mit ihrem
Grabgesange ber die Lichtung flogen. Der Schmied wandte sich mit rascher
Wendung in den Wald, die andern folgten dem schweigsamen Fhrer.

                                      14.


Es war einige Tage darauf, als Valerius in seinen Mantel gehllt durch die
Straen von Warschau strich. Der Mondschein lag mit seinen weichen Blicken ber
der Stadt, wie eine se Trauer oder wie eine wehmtige Freude. Die ueren
Dinge fgen sich ja nachgiebig unseres Herzens Wnschen, wir lesen unser Herz in
ihren Blicken, und demselben Lichte jauchzt der eine wie einer Hochzeitsleuchte
entgegen, whrend der andere eine Begrbnisfackel darin zu sehen glaubt. Darum
sagen manche Leute, es sei nichts wirklich als unser Gedanke.
    Auch Valerius dachte so. Wozu qult man sich mit den uerlichkeiten,
sprach er in seinem trben Sinne, unser eigensinniges Herz macht ja doch
daraus, was es will. Wozu trachten wir unablssig, Geschichte zu machen, da wir
doch nur kleinen Kindern gleichen, die mit lcherlicher Mhe und Sorgfalt ihr
Kartenhuschen aufbauen - ein leichter Windzug wirft es um. Und wir wissen es
nicht, von wannen der Wind kam, noch wohin er geht.
    Ist es denn wirklich grer, ein Held zu sein, Nationen zu bewegen,
Vlkerschicksale gestalten zu helfen, als daheim zu bleiben bei den Seinen und
ihrem kleinen Glcke, ihren unscheinbaren Freuden Kraft und Ttigkeit zu widmen?
Haben die sogenannten Philister nicht am Ende recht, da wir uns um keine
anderen Dinge kmmern sollen, als um jene, die uns zunchst betreffen? Whrend
ich kmpfe und ringe fr eines Volkes Freiheit, weil ich den Begriff der
Freiheit fr etwas Groes halte, verschmachten vielleicht die Meinen in Angst
und Mangel und Kummer - ist denn nun auch wirklich dieser Begriff der Freiheit
grer als alle anderen? Ist es tugendhaft, alles andere darber zu
vernachlssigen?
    Groer Gott! im nchsten Jahrzehnt ist die Entwicklung der Menschen
vielleicht in ganz anderen Kreisen, und mein Treiben ist in den Augen der
Erleuchtetsten ein trichtes geworden, und das sogenannte Heldentum ist eine
moralische Karikatur!
    Und wenn das alles, was ich da denke und zweifle, Ausgeburten meines kranken
Leibes sind, warum ist die Welt so schwankend, da sie immer nur aussieht, wie
ich sie haben will?
    Dabei war er immer lebhafter hingeschritten durch die Straen, und war ohne
seinen Willen auf die Weichselbrcke gekommen. Eine groe Wasserflche bt stets
einen tiefen Eindruck auf das menschliche Herz: das Wasser erscheint uns wie ein
unparteiisches Element neben den anderen irdischen Stoffen, teilnahmslos sieht
es wie ein groes ewiges Auge auf den Vorbergehenden, und das Schiff und der
Schwimmer und der Sturm berhren nur seine Masse, sein Leben ist nicht zu
treffen: es mag darber hingezogen sein, was da will, dasselbe ewige Auge mit
seiner Unerforschlichkeit kehrt immer wieder. Wie schweigende Gottheiten gehen
die Wasserflchen an unserem Treiben vorber, und es bednkt uns manchmal, als
wohnte die tiefste Weisheit in ihnen, und als wrden wir sie wiederfinden in
einem andern Leben, wo sie unbefangen alles erzhlen, was auf dieser Erde
vorgegangen ist, die einzigen unbeteiligten Historiker neben den Sternen. Die
Sterne knnen nmlich nur von den heiteren Tagen erzhlen; wenn Nebel und Wolken
ber der Erde liegen, da sehen sie nichts, und sie steigen dann in der nchsten
klaren Nacht herab in die Wasserfluten, um sich erzhlen zu lassen, was unterdes
passiert sei.
    In solchen Trumereien schaukelte sich Valerius' Geist, whrend er am
Brckengelnder lehnte und in die murmelnden Wellen hinabsah, mit denen der Mond
und die Sterne hin und her fahrend verkehrten. Die schweigende Natur mit ihrer
Ewigkeit in den Zgen bte, wie immer, ihre volle Kraft der Beruhigung auf sein
Herz, man glaubt dann unmittelbar vor dem Auge Gottes zu stehen, und die Welt
schweigt im Menschen.
    Es war auch ein schner Platz damals auf der Brcke, die nach Praga
hinberfhrt: auf der einen Seite die Festung, welche vor dem Feinde sichert,
unter sich den breiten glnzenden Strom, auf der andern Seite die stolzen
Palste, deren lichte Fenster der Weichsel erzhlten, wie die Polen alle wieder
daheim seien, wie die Freude wieder angesiedelt werde in jenen so lange
schweigenden, glanzlosen Husern. Aus der Stadt her schallte Musik und Gesang,
und das Herz des traurigen Valerius mute endlich aufgehen in milderen Gedanken
und Empfindungen.
    Es fiel ihm ein, da er auf dem Wege zum Grafen Kicki gewesen sei, der ihn
zum Ball geladen, er hoffte frhliche Menschen zu sehen, und ging eiligst zurck
nach der Stadt.
    In einer engen Gasse sah er eine lichte Hausflur, und frhliche junge
Mnnergestalten, bald in schmutzige Schafpelze, bald in glnzende Uniformen
gekleidet, gingen ein und aus; die ganze Strae hallte wider von patriotischen
Gesngen der Ab- und Zugehenden. Er blieb einen Augenblick stehen, und es schien
ihm, als she er Magyac eintreten. Neugierig ging er ihm nach und erblickte sich
bald in einem groen Saale, in welchem sich zahlreiche Gruppen von Mnnern
befanden. Der Raum war sprlich beleuchtet, und das bunte Durcheinander von
lauter mnnlichen Gestalten, die mit etwas gedmpfter Stimme, aber grtenteils
rasch und heftig sprachen, machte einen wunderlichen Eindruck.
    Valerius drckte sich in eine dunkle Ecke. Er wollte versuchen, ob er sich
in diesem ihm ganz neuen Elemente zu orientieren vermchte. Dicht neben ihm
stand eine Gruppe Bauern, sie sprachen leise und unverstndlich. In seine Nhe
drngte sich ein Mann, bis an die Nase in den Mantel gehllt, die Mtze hatte er
tief in die Augen gezogen - es entstand eine Bewegung im Saale, und auf einer
Art Tribne im Hintergrunde desselben erschien eine Figur. Ein strmisches
Beifallsrufen drang aus mehreren Gruppen, die meistenteils aus Offizieren und
jungen Mnnern bestanden, welche, in feinen Zivilkleidern, den gebildeten
Stnden anzugehren schienen. Die Bauern neben Valerius sahen neugierig nach der
Tribne, als wre ihnen die Erscheinung vllig neu und unbekannt. Der Redner -
denn als solchen gab er sich bald kund - war eine schmale, hohe Gestalt, ganz in
Schwarz gekleidet; auf dem Kopfe trug er ein Kppchen von eben dieser Farbe, und
sein ganzes Ansehen gewann dadurch etwas Klerikalisches. Die Haltung des Krpers
schien von Sorgen oder Studien gebeugt zu sein - da die Gegend, in welcher sich
der Redner befand, heller beleuchtet war, als die Tiefe des Saales, so konnte
Valerius die Gesichtszge genau unterscheiden. Es lagen tiefe geheimnisvolle
Furchen in dem magern blassen Antlitze, die Nase war spitz und scharf geformt,
und die tiefliegenden Augen waren still und fast ohne Bewegung, bevor der Redner
zu sprechen begann. Dann aber flogen sie zuweilen hervor mit einem wie
unterirdischen Feuer, zuweilen glnzten sie sanft und mild wie die Seele der
wohlwollendsten Weisheit. Derselbe Wechsel spielte um den feinen Mund und dessen
schmale Lippen: bald schienen Pfeile des tiefsten Hasses aus den Winkeln zu
fliegen, bald sa ein Lcheln darauf, das aus dem schnsten Herzen zu kommen
schien und von unendlicher Liebe zeugte.
    Die Stimme war sanft und uerst wohlklingend, und der Akzent der schnste,
welchen Valerius noch in Polen gehrt: die schwierigsten Konsonanten zerflossen
auf jenen feinen Lippen, und alles schmiegte sich in Wohlklang und Reiz. Der
Redner begann mit jener anspruchslosen Einfachheit mchtiger Knstler die
Geschichte Polens zu erzhlen, die Stimme schien leise und schwach, und da die
Erzhlung mit den fernsten Jahrhunderten aushob, so frchtete man, es werde ihr
fr den eigentlichen Zweck, fr die Verhltnisse des Augenblicks keine Kraft
brig bleiben. Aber dieser Glaube war sehr irrtmlich. Die Stimme wurde strker,
wie ein Baum, der immer hher wchst, und so wie dieser immer breiter um sich
greift mit seinen Zweigen, so schien auch diese Stimme immer tiefer in die
Herzen der fernsten Zuhrer zu greifen. Es war eine Stille im Saale, da man den
Fall einer Nadel gehrt htte; auf allen Gesichtern war die hchste Spannung zu
lesen. Die Bauern neben Valerius schienen kaum zu atmen, und so erreichte die
Rede ihren Hhepunkt bis zum Ausbruch der neuesten Revolution, die noch mit den
lebendigsten, blutvollsten Worten dargestellt wurde. Da hrte sie pltzlich auf,
der Redner machte eine Pause. Der Eindruck war ber jenen hinaus, wo der Beifall
der Zuhrer losbrechen kann, diese waren selbst ber den Raum hinausgehoben, und
nicht ein Laut unterbrach die feierliche Stille.
    Der Redner schien auch diese Art der Anerkennung zu verschmhen, denn mit
viel schwcherem, aber noch vllig festem und gewandtem Tone sprach er nun ber
die neuesten Tage. Im Anfange der Rede waren dem aufmerksamen Zuhrer manche
kleine unbedeutende Stze begegnet, die mit dem folgenden in geringem oder gar
keinem Zusammenhange zu stehen schienen. Sie betrafen meist die Verhltnisse der
niedrigsten Stnde und schienen mehr nebenbei vom Redner hingeworfen zu sein, um
einen Teil seiner Zuhrer, die in Schafpelzen und ohne Halstuch gekommen waren,
nicht ganz leer ausgehen zu lassen. Aber all die kleinen Stze wurden in diesem
letzten Teil der Rede sorgfltig aufgehoben, zusammengerckt, ber-und
unterbaut, da man pltzlich ein massives Gebude der Volksfreiheit vor sich
sah, und im ersten Augenblicke stutzig war, wie es so pltzlich fest in allen
Teilen aus der Erde habe wachsen knnen. Es war aber in diesem Abschnitte der
Rede alles so fein schattiert, so schnell und gewandt ausgedrckt, da das Ganze
wie ein Luftschlo vorbergaukelte, und der eifrige Aristokrat htte es anhren
knnen, ohne zum klaren Bewutsein zu kommen, wie seine innersten Meinungen
hastig mit Erde verschttet wrden. Die Argumente, die historischen Data flogen
wie das Weberschifflein und die Einschlagfden vor den Augen durcheinander, und
das Gewebe war fertig, dicht und dauerhaft, ohne da der Zuhrer Absicht und
Weise hatte beachten knnen. Man konnte in der Stunde darauf den Redner vor
Gericht ziehen, und niemand wre imstande gewesen, anzugeben, auf diese oder
diese Weise hat er die Demokratie gepredigt. Und zwischen diesem Schaffen und
Bauen der Stze und Gedanken blitzten die mchtigsten Kugeln auf gegen die
Unbilden der Aristokratie; aber auf Blitz und Knall folgte eine ganz unerwartete
Wendung der Rede, die scharfen Augen und Mundwinkel waren wieder sanft und
glatt, man glaubte sich getuscht zu haben, man wurde von neuen Interessen
erschttert, und ein neuer Blitz ward von noch greren Dingen verdrngt, und
die Rede schlo mit einem erschtternden Aufrufe zum Kampfe auf Leben und Tod,
so da man selbst nicht wute, war die Stimme wieder gewachsen oder nicht, hat
der Redner zuviel oder zuwenig gesagt, soll man jubeln oder trauern, hassen oder
lieben. Aber durchgeschttelt und gerttelt, ja erschttert war alles bis in das
innerste Mark, und der lang verschlossene Atem rang sich bei den meisten
sthnend an die Luft.
    Der Redner war verschwunden, und Valerius fragte in der Betubung hastig
seinen verhllten Nachbar, wer da gesprochen, obwohl es schien, als ob der Mann
unter seinem Mantel nicht gestrt sein wolle.
    Joachim Lelevel, war die Antwort.
    Lelevel, wiederholte Valerius vor sich hin, gleich als fnde er einen alten
Bekannten. In der Gruppe der Bauern ward der Name wiederholt, und sie schienen
nicht weniger ergriffen zu sein von jener Rede als die Gebildeteren. Man glaubt
es nicht, wie fein die geistigen Empfngnisorgane dieses Volkes sind. Die Zeit
der Knechtschaft hat sie noch geschrft; wo das ganze Wort nicht erlaubt ist, da
lernt man schnell das halbe verstehen - die breite prunkende Art der Rede, das
rhetorische Wesen konnte nur bei den Rmern entstehen, der weite Lnderbermut
liegt darin, und darum hat sich jene Gattung in der neueren Zeit auch vorzglich
auf die Franzosen vererbt.
    Ein unterdrcktes Volk macht wenig Worte. So erklrte sich auch in diesem
Augenblicke Valerius jene auffallende Erscheinung unter der Wildraufe, wo die
Bauern soviel wie nichts gesagt hatten, und doch fr unberufene Ohren zuviel
gesagt zu haben frchteten. Sie glaubten, auch ihre Auslassungen seien behorcht
worden. Das ist ein Hauptunglck der Knechtschaft eines Volkes, da sie die
Unbefangenheit verlieren, da sie Begriffe, welche ihnen zu sprechen verboten
sind, am Ende selbst nicht auszudenken wagen, da sie mitrauisch werden.
    Die Gedanken jener Insurgenten waren nicht einmal reif in ihnen geworden,
noch weniger hatten sie etwas Vollstndiges ausgesprochen, und dennoch glaubten
sie zuviel gesagt, die schmerzensreiche Brust viel zu weit geffnet zu haben.
Mit dieser kranken Sagazitt und Kombinationsgabe des Verdachtes hatten sie aber
Lelevel vollkommen verstanden.
    Und es mochten wirklich grtenteils dieselben Bauern sein. Bei der
Bewegung, welche nach jener Rede unter ihnen entstanden war, erblickte Valerius
deutlich das wilde Gesicht des strmischen Slodczek.
    Ein anderer Redner war indessen aufgetreten: er war in der Uniform des
vierten Regiments, und der Ausdruck seines Gesichts war barsch, unschn, voll
Leidenschaft und schlecht verhehlten Grimmes. Er sprach mit wenig Rckhalt
herben Tadel aus ber die unzureichende Ttigkeit der zeitigen Regierung in
Sachen des Krieges und der gesellschaftlichen Umgestaltung, verlangte
durchgreifende Reformen gegen die Aristokratie des Landes auf der einen Seite
und schonungslose Allgemeinheit der Bewaffnung durch alles Volk, das polnisch
sprche.
    Valerius ward an den Jakobinerklub in Paris erinnert, und als er den Redner
verlangen hrte, da man aufrumen msse unter all den Leuten, an welchen der
leiseste Verdacht des Russentums hafte, da stieg das blasse Angesicht des
steinernen Saint-Just vor seinen Blicken auf, und jenes entsetzliche Wort
suspect, suspect, das Losungswort der Schreckenszeit, schwirrte um seine Ohren.
    Diese Erscheinung unumwundener Sprache bei einem allgemeinen Charakter, wie
er sich eben an jenem ersten Redner und jenen insurgierenden Bauern
herausgestellt hat, darf nicht verwundern. Der Mut ist keinen Gesetzen
unterworfen, und jener tollkhne Mut belebte einen groen Teil der damals
ttigen polnischen Jugend, die sich im vierten Regimente konzentrierte. Jener
Mut bersprang selbst die national gewordenen Eigentmlichkeiten.
    Diese Rede erregte einen tosenden Lrm, und sie ward eigentlich nicht zu
Ende gebracht, sondern der immer hher steigende Sturm bertubte sie - es lebe
Driwiecki - der Name des Redners - es lebe Polen! brauste der Lrm
durcheinander, und besnftigte sich nur zur Regelmigkeit, indem er in den
donnernden Gesang des bekannten Volksliedes: Noch ist Polen nicht verloren
berging.
    Valerius sah die Bauern auer sich vor Bewegung, Trnen liefen ihnen in die
Brte, und sie umarmten und kten sich strmisch.
    Er wollte den Saal verlassen. Unweit der Tr sah er im Dunkeln einen Mann
stehen, der abgesondert von allen brigen dem Sturme der Begeisterung nicht
nachzugeben schien. Valerius ging dicht an ihm vorber. Es war der Schmied. Gut
Nacht, Florian, freust du dich nicht bei solchen Dingen? - Es kommen ernste
Zeiten - gute Nacht, Herr!
    Dem Valerius schien es, als folge ihm sein Nachbar, der Mann im weiten
Mantel. Als er sich aber vor dem Hause umblickte, gewahrte er nichts. Hastig
eilte er nach dem Hause des Grafen Kicki.

                                      15.


Auf Flur und Treppen rannten gallonierte Bediente hin und her. Alles war licht
und hell, die Musik tnte aus dem Saale - es war ein ganz anderes Element, in
welchem sich Valerius wieder fand. Sein empfngliches Wesen nahm auch willig die
neuen Eindrcke auf. Seit er das feste Steuer seiner Lebensrichtung verloren
hatte, hielt er es frs Beste, sich dem Leben anzufgen, wie es sich eben
darbiete, sein Schifflein schwimmen zu lassen, wie es der Strom treibe. Aber
seine Natur widersprach diesem Vorsatze faktisch alle Tage, sie fgte sich nicht
so schnell als seine Einsicht. Von jeher gewohnt, zwischen festen Grundstzen
einherzuschreiten, lehnte sie sich jetzt tglich auf, und verlangte die alte
Prfung, den alten Kritizismus. So erziehen sich die besonnenen Menschen die
aufmerksamsten und zuzeiten strendsten Schulmeister in ihrem Busen, und es mag
oft ein leichtsinniger Mensch eher gesetzt und besonnen werden, als ein
gesetzter leichtsinnig. Jener leichte Sinn war es wenigstens, nach welchem
Valerius so sehnlich verlangte, bisher immer umsonst verlangte.
    Diesmal trat er aber wirklich heiterer als gewhnlich in den Saal. Der
Anblick eines Balles war ihm von jeher angenehm. Die zur Freude versammelten
Menschen, die zur Freude geputzten Damen, die zur Freude herausfordernde Musik
gewhrten ihm immer den besten Eindruck. Es stimmte auch vllig zu seinen
Ansichten, die Frhlichkeit, den heitern Genu zu erzeugen nach allen Krften.
Durch diesen Kanal der sogenannten Lebensphilosophie hatte nun einmal alles zu
ihm dringen mssen, und wenn er auch jetzt anfing, dieses gemachte Wesen mit
Unzufriedenheit anzusehen, wenn er sich auch lebhaft nach jener Unbefangenheit
sehnte, die allen Reiz der Unmittelbarkeit ber uns schttet, so konnte er sich
doch, wie gesagt, nicht so schnell seiner Vergangenheit entuern; er mute es
geschehen lassen, da der eben auf ihn anbringende gefllige Eindruck zum Teil
in frheren Lehrstzen seinen Ursprung hatte.
    Es war aber auch wirklich ein erheiternder Anblick, der sich ihm darbot. Die
polnischen Damen, berhmt durch die frische, lebendige Schnheit, jubelten in
ihren strmischen Nationaltnzen umher, der elastische Takt des Masurek hob sie
wie beflgelt ber den glatten Boden hin, die blitzenden Augen leuchteten
siegestrunken, alle Bewegungen der weien Arme waren khn und schn - es war der
Triumph des Vaterlandes, den sie tanzten. Man sah es, da alle Krfte und
Fhigkeiten hher gespannt waren als im Alltagsleben, und wenn sich zuweilen
jene einzelnen melancholischen Klnge ankndigten, die fast in keiner polnischen
Nationalmusik fehlen, so dienten sie nur dazu, das bermtige der Lust, wie es
an vielen Orten emporschlug, in milde Poesie zu wandeln. Man sah es, da ein
wirkliches Fest gefeiert wurde, da eine gemeinschaftliche Seele durch alle
wogte, und solch eine Freude teilt sich mit und dringt auf alles ein wie die
erquickende Frhlingsluft, die an einem sonnigen Tage ber ein Land daher zieht.
Valerius fhlte sich pltzlich von einer so berschwellenden Bewegung ergriffen,
da er htte aufjauchzen mgen vor Freude. Er glich damals in allem einem
Bergstrome, der heute bis auf den Grund vertrocknet, morgen brausend ber die
Ufer schlgt, wenn ein warmer Regen in seine Schneeberge gefallen ist.
    Die Polen gewhrten in ihrer kurzen Periode der Unabhngigkeit eine
merkwrdige Erscheinung. Mit ihrem liebenswrdigen Leichtsinne genossen sie die
pltzlich erschienene Freiheit - oft stand der Feind nur einen Kanonenschu von
ihnen entfernt, und sie jubelten und jauchzten, als ob sie in alle Ewigkeit
gesichert wren. In allem Glanze erschien damals jene nationale Poesie
sanguinischer Vlker, jeden Augenblick des Daseins auszukaufen, und auch den
uersten noch fr eine Freude zu erbeuten. Dieses Element imponierte Valerius,
dem Sklaven der Zukunft, ber die Maen. Er glaubte darin den Sieg eines starken
Herzens ber alle uerlichkeit zu sehen, und erregt von glcklicher Teilnahme
stand er an die Wand gelehnt, dem frhlichen Treiben zuschauend.
    Der Masurek ging zu Ende, die Tnzer drngten sich durcheinander, Valerius
fhlte sich bei der Hand ergriffen; es war Graf Stanislaus, der vor ihm stand
und ihn auf das herzlichste begrte. Alle schnen Elemente, die man an den
Polen bemerkt, wenn sie im bewegten Kriege oder auf der raschen Reise an uns
vorberfliegen, alle diese einnehmenden ritterlichen Vorzge besa der junge
Graf. Er war hoch, schlank und schn, sein Haar glnzte in jener polnischen
Mittelfarbe zwischen blond und braun, und ein solcher Flaum flog kraus ber
seine Wangen und Lippen hinweg. Mehr als gewhnlich drckte sich der Nationalzug
einer leichten Melancholie in seinem Antlitz aus, und Valerius fhlte ihm
gegenber zum ersten Male das gesellige Vertrauen, welches zu offener,
rckhaltsloser Mitteilung ermutigt. Diesen wesentlichen Reiz im Umgange mit
Deutschen hatte er bis jetzt in diesem Lande vllig entbehren mssen: alle
Menschen, denen er begegnet war, hatten ihm entweder eine leichtsinnige
Oberflchlichkeit, oder eine versteckte, mitrauische Art des Wesens bekundet,
und wenn er sich darin geirrt hatte, so war er doch von niemand vertraulich,
mitteilend angeregt worden. Joel war viel zu sehr mit eigenem Leid bedeckt, als
da man ihn noch htte zur Teilnahme an solchen feineren Dingen auffordern
knnen, wie es nationale Unterschiede, historische Richtungen fr einen jungen
Menschen sein muten, der mit den ersten Lebensbedingungen des Herzens und der
Gesellschaft zu kmpfen hatte.
    Man darf sich also nicht verwundern, wenn Valerius tief aufatmete, als er
solch ein Zutrauen weckendes Leben bald nach den ersten Worten der Begrung in
seinem neuen Bekannten entdeckte. Er fhlte sich nun pltzlich nicht mehr allein
in dem fremden Lande, und nun schien es ihm auch schnell, als ob dies der
einzige Grund seiner bisherigen Mistimmung gewesen sei.
    Starke Menschen sind nur zu geneigt, tiefe, chronische Krankheiten ihres
Geistes und Herzens wegzuleugnen, sobald sie irgend eine uere Veranlassung
entdecken, welcher sie das innere Unbehagen ihres Wesens zur Last legen knnen.
Es ist gewi wahr, da Nationalitten, die so wenig Berhrungspunkte haben, als
die deutsche und polnische, die unbequemsten Zustnde erzeugen knnen, wenn der
Vertreter der einen Landesart pltzlich mitten in das andere Land geworfen wird.
Aber die Krankheit des Valerius lag tiefer. Dem sei nun wie ihm wolle, er
glaubte einen vermittelnden Genius zwischen den verschiedenen Volkssitten in
Stanislaus gefunden zu haben; er gab sich ihm mit aller Schwrmerei einer so
unerwarteten Freude hin, und so wie Gleiches immer Gleiches erzeugt, ward auch
des jungen Grafen Herz durch solche Wrme immer offener und liebender; sie
strichen Arm in Arm im Saale auf und nieder, und redeten sich bald so tief in
Interessen und Freundschaft hinein, da sie, Tanz und Gesellschaft vergessend,
in die Seitenzimmer traten, um ungestrt ber Herzen und Vlker sprechen zu
knnen.
    Graf Stanislaus gehrte zu der jungen Generation Polens, die in vielem
wesentlichen abweicht von dem berlieferten Begriffe, den wir von diesem Volke
haben. Schon von der ersten Teilung Polens datiert ein neues Moment der Bildung
in Polen. Der einheimische Jammer trieb sie auf Reisen. Mancher neue
Bildungsstoff kam mit den Heimkehrenden zurck. Aber die Umgestaltung des
innersten Wesens eines Volkes macht sich nicht durch einige Reisende, jener
slawische Grundstoff einer gewissen Wildheit war nicht im Handumwenden zu
beseitigen, und die ueren Einwirkungen lieen einer tieferen Luterung des
Volkscharakters keine Zeit. Die Teilungen des Landes nahmen alle Krfte gegen
auen in Anspruch. Indes offenbarte sich schon damals in der Konstitution vom 3.
Mai 1793 jenes neue Zivilisationsmoment, von welchem hier die Rede ist, und der
Hauptvertreter dieser neuen polnischen Richtung erschien in dem sanften und
milden Thaddus Kosciusco. Schon damals bildete sich eine preiswrdige Mehrheit,
welche alle Forderungen der Humanitt zu bercksichtigen, die barbarischen
berreste der polnischen Gewohnheiten zu vernichten und das Volk aus der
Knechtschaft zu ziehen trachtete. Dieser Keim ist nicht untergegangen; die
fortwhrenden Strme, welche das Land heimsuchten, haben seine besten Mnner in
allen Lndern Europas umhergefhrt, und als die Revolution von 1830 ausbrach,
fand sie eine Schar im Unglck gebildeter Polen, welche aller neuen Erfindungen
der Zivilisation mchtig, und ber die alten Nationalvorurteile hinausgehoben
waren; ja sie fand eine Jugend, welche nicht nur fr die Freiheit, sondern auch
fr alle Forderungen einer modernen Humanitt schwrmte.
    Zu dieser Jugend gehrte Graf Stanislaus. Und dieser junge Mann gestand dem
Valerius, da er nur in den Stunden des Siegesrausches an ein glckliches Ende
dieses Kampfes glaube. Und dabei trat jener polnische Schmerzenszug wie das
trnenweiche Gesicht eines Mdchens auf seine Zge, in seine Augen. Die
Revolution, sprach er, hat uns bereilt, noch liegen alle Bestandteile eines
neuen Volkslebens chaotisch in uns durcheinander, noch ist die persnliche
Eitelkeit, unser Erbbel, zuwenig gebrochen von der uneigenntzigen Bildung, die
ungeordneten Massen unserer bedeutendsten Krfte werden sich in den Weg treten,
und vereinzelt berwunden werden.
    Bei diesen Worten, welche Valerius mit tiefer Trauer anhrte, waren sie
wieder an die Tr gekommen, die in den Saal fhrte. Vom Orchester herab rauschte
eine Polonse. Das ist der polnische Nationaltanz, welcher den ganzen Stolz des
Volkscharakters ausdrckt, eine ppige Erinnerung an die frheren
patriarchalischen Zustnde. Es liegt eine siegreiche Unabhngigkeit in ihren
Rhythmen, und sie scheint aus den frhesten Zeiten zu stammen, wo das Volk noch
ohne Strung in aller Breite sich ausdehnen konnte, durch keinerlei Feindschaft
zu Hast und Ungestm aufgeregt wurde, wo es seiner sonnenlichten und prchtigen
Heimat in Asien noch eingedenk war.
    Ein eisgrauer alter Pole fhrte sie an, und zum lebhaften Erstaunen
Valerius' war Hedwig seine Dame. Das schne Mdchen strahlte in seiner Frische
und in der lebhaften, phantastischen Nationaltracht wie die ewig junge
Schutzgttin des Landes selbst, die nur eben in ihrer Flchtigkeit oft andere
Dinge neugierig betrachtet als das ihr anvertraute Land. Auf dem schnen Haare
trug Hedwig ein zierliches, blitzendes Kaskett, und rot und wei war ihre brige
blendende Tracht, bis auf die kleinen karmoisinfarbenen Halbstiefel, welche das
hochgeschrzte Kleidchen mit aller Zierlichkeit des schngeformten Beines sehen
lie. Kurze Handschuhe bedeckten nur den Unterarm, der brige Arm, Nacken,
Schulter bis an die mutig schwellende jungfruliche Brust war lustig entblt,
und das frhliche Fleisch lachte harmlos mit den strahlenden Augen. Valerius
hatte sein inniges Vergngen an diesem Anblick. Sein krankhafter Zustand war in
der letzten Zeit so gro geworden, da auch die weibliche Schnheit keinen Reiz
fr ihn hatte, nur die vollendetsten Formen konnten seinem knstlerischen Sinne
ein flchtiges Behagen erwecken, alle Sinnlichkeit - und es gibt eine solche von
schner Art - hatte vllig in ihm geschwiegen, alles Blut schien aus ihm
gewichen zu sein. Indes, die Jugendlichkeit Hedwigs war nicht ohne eine Art von
Erfrischung fr ihn gewesen; jetzt sah er zum ersten Male das schne
herausfordernde Mdchen in ihr, und der freundliche Gru, den sie ihm nickte,
belebte seit langer Zeit zum erstenmal sein Auge mit dem muntern Wohlgefallen,
das der Anblick eines schnen Mdchens erweckt.
    War es ihm doch, als ob er die hohe Frauengestalt, die hinter Hedwig an der
Hand des Grafen Kicki einherschritt, schon irgendwo gesehen! Sein Blick hatte zu
fest auf jener geruht, und die andere war ihm dunkel wie eine Nebenerscheinung
vorbergeglitten; der Glanz und das Klirren des Tanzes zog seinen jetzt
erweckten Sinn vom Nachdenken ab, er schwelgte in diesem halbkriegerischen
Triumphzuge. Fast alles war im Kriegskostm, die meisten polnischen Tnze wurden
von den Mnnern mit Sporen getanzt, und in der Polonse fehlte auch der
klirrende Sbel nicht. Die schlanken Gestalten, das pulsierende Leben in den
kleinsten Bewegungen, der Glanz der Augen, das Blendende in der freien Schnheit
der lebhaften Frauen, die rauschende Musik, - alles das versetzte den sonst so
trben Deutschen in eine Art von Rausch. Es wre entsetzlich, wendete er sich
zu Stanislaus, wenn diese Nation wieder unterlge.
    Sie tanzen bis zum Grabe, erwiderte dieser mit trauriger Stimme.
    Valerius' Augen folgten dem leichten Schritte der schnen Hedwig, und wie
von einem Schrecken getroffen, dachte sein Herz pltzlich an Joel: In welcher
dunklen Judenstube mag der Arme jetzt sitzen mit dem alten Manasse! Welch ein
dsterer Gegensatz zu diesen in Licht und Glanz schimmernden Slen! - O, knnen
sie denn nie aufhren, diese grellen Kontraste der brgerlichen Gesellschaft!
    Der Tanz war beendigt - wahrlich, jene Tnzerin des Grafen Kicki, jene hohe
Gestalt, sie war es, die Frstin Konstantie! Wie kam sie aus Deutschland mitten
in diese ferne Stadt des Krieges? Valerius wute nicht, ob er sich freuen sollte
oder sich betrben, es war wie ein Schreck, was ihn durchbebte, und er redete
sich vor, die stolze, aristokratische Frau werde mit Hohnlcheln das verworrene
Treiben einer jungen Freiheit betrachten, und dies sei es, was ihn befangen habe
bei ihrem Anblick.
    Whrend ihm diese Gedanken durch Kopf und Herz flogen, war die Frstin neben
dem Grafen Kicki ganz in seine Nhe gekommen und betrachtete Valerius mit
festem, beinahe herausforderndem Blicke. Dieser, der eine unerklrliche Scheu
empfand, die Bekanntschaft mit ihr zu erneuern, blieb einen Augenblick
unschlssig und ohne Bewegung, es mochte auch der natrliche Trotz sein gegen
jene befehlenden Augen. Aber er glaubte pltzlich einen weichen, schmerzlichen
Zug um den sonst so stolzen Mund zu sehen, das Verlangen, eine Landsmnnin zu
begren, bermannte ihn, wie er glaubte, und er ging langsamen Schrittes ihr
entgegen, um sich ihr vorzustellen.
    Eine schnelle Freude flog ber ihr edles Gesicht, und sie empfing ihn auf
das Verbindlichste.
    Sie sind so bla, Herr Valerius? Sind Sie krank? fragte sie mit weicher
Stimme, und auf der Stirn haben Sie eine groe Schmarre?
    Sie hatte Franzsisch gesprochen, und Graf Kicki bernahm die Antwort: Herr
von Valerius bernimmt sich in Anstrengungen fr unser Vaterland, bei Grochow
ist er auf dem Walplatz liegen geblieben, und wir haben ihn lange fr tot
gehalten, unterdes hat er sich in den Wldern mit marodierenden Russen
herumgeschlagen - wahrhaftig, Herr von Valerius, Sie mssen eine Zeitlang den
Dienst aussetzen und sich erholen - wenn wieder eine schne Aussicht fr uns
Reiter kommt, eine schne Flche und jenseits himmelhohe Krassiere, dann ruf'
ich Sie, zuverlssig, Herr von Valerius, dann ruf' ich Sie. - Damit beurlaubte
er sich bei der Frstin, indem er artig versicherte, der junge tapfere Landsmann
wrde sie am interessantesten zu unterhalten verstehen, und dem Hause des Wirtes
soviel Ehre machen, als er seinem deutschen Vaterlande Ruhm bereite durch seine
Tapferkeit fr eine unterdrckte Nation.
    Graf Kicki war der polnische Alcibiades: schn wie ein Gott, tapfer bis zur
Verwegenheit, heiter, galant, liebenswrdig, ritterlich, war er der Abgott der
polnischen Damen, der fabelhafte Paladin des Krieges. Alles schrie seinen Namen,
wenn er durch die Straen sprengte, die Damen eilten aus Fenster, und warfen
Blumen auf ihn hinab, und kein Geliebter, kein Gatte verargte dies: der schne
Kicki war der Reprsentant ihrer nationalen Liebenswrdigkeit. Lchelnd und
unbefangen, als wre er aus einem Ritterroman heraus in die Straen gesprengt,
nahm er das alles auf, und grte rechts und grte links, und verschwand auf
dem brausenden Rosse.
    Die Frstin sah ihm nach und sagte mit jenem vornehmen Abandon, den Valerius
schon an ihr kannte, gleich als ob sie sich bereits den ganzen Abend mit dem
wiedergefundenen Bekannten unterhalten htte: Wahrhaftig, ein schner Mann, und
ein glcklicher Mann, setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu, schn und
glcklich sind die meisten dieser phantastischen Nation, sie leben in einem
kindlichen Leichtsinne, einer liebenswrdigen Oberflchlichkeit dahin, als wre
das Leben ein Karneval, selbst die Idee ihres Vaterlandes ist ihnen eine
stehende Maske geworden, fr die man schwrmen und sich totschlagen lassen mu -
still, still, ich spreche frivol in meiner Ballstimmung; Sie sind ein
tiefsinniger, ernster Mann, ich wei es. Machen Sie mir nicht das alte
Professorgesicht, ich nehm' es ja zurck, das bunte Zeug, man mu die heiligen
Dinge einer Nation nicht besptteln, wo nhmen wir am Ende die Gtter oder
Gtzen her, welche die Gesellschaft halten und das Hhere von dem Niederen
scheiden - wie geht's Ihnen, Herr von Valerius? So heien Sie ja wohl hier? Wo
ist Ihr Ha gegen den Adel geblieben, da Sie sich auf einmal solch ein adeliges
von gefallen lassen?
    Valerius konnte sich eines Lchelns nicht erwehren, was zum Teil von dem
geflligen Eindruck herrhrte, welchen die berwltigende Schnheit der Frstin
auf ihn machte. Sie hatte, whrend sie unter dem Sprechen einige Schritte im
Saale hin ging, den Handschuh vom Arm gestreift, um eine neugierige Locke
festzustecken, welche ihr auf den Busen herabgefallen war. Ihr voller Arm lockte
in seiner Krmmung das Auge des Begleiters, der warme Handschuh, den er hielt,
strmte das Frauenleben verfhrerisch in seine Nerven, und es war nicht zu
verwundern, wenn Valerius diesmal die neckenden Herausforderungen der Frstin
unbeantwortet lie, und kaum mit halben Worten etwas auf die letzte erwiderte.
    Es ist nicht wie in Deutschland, Durchlaucht, mit den Titulaturen, die
Leute fragen nicht nach meiner Geburt, ich gehre zur hheren Klasse, und da
werde ich Valeriuski, von Valerius genannt, ich mag wollen oder nicht.
    Ganz recht, nahm die Frstin die Rede auf, und lie sich ihren Handschuh
wiedergeben, dies Land der Aristokratie ist darin liebenswrdig, die kleine
adelige Gewrzkrmerei Deutschlands ist ihnen unbekannt - ein freier
unabhngiger Mann ist ein Edelmann - aber antworten Sie doch, Herr von Valerius,
wie geht's Ihnen - lassen Sie mir diesen Namen: Herr von Valerius; ich mu Ihnen
die Schwche gestehen, da es mir leichter ist, als das harte Herr Valerius.
Dies von ist mir durch die Gewohnheit so notwendig geworden, man ist in
Deutschland nur mit solchen Leuten umgeben, die es fhren, Sie sind mir fremder,
wenn ich es weglasse, und ich mchte nicht gern, Herr von Valerius, da Sie mir
fremder seien, als Sie sich ohnedies machen. Antworten Sie mir recht offen: Wie
geht's Ihnen? Sind Sie glcklich, sind Sie zufrieden?
    Valerius schttelte wehmtig den Kopf.
    Das freut mich, Sie werden mich nicht miverstehen, Sie sind ein Poet und
erraten meinen Ideengang, oder doch irgend einen. Es soll Ihnen nicht gut gehen
bei diesem trichten Leben - die Menschen sind der Opfer nicht wert, und warum
vernachlssigen Sie diejenigen, die Ihnen nahe stehen, um ins Blaue hinaus fr
die Menschheit zu wirken! Was ist die Menschheit? Der Mensch, der neben Ihnen
steht. Sprechen Sie nichts darber, ich bitte; ein andermal, nicht hier. Kennen
Sie dort das schne Mdchen, bei dessen Anblick sich vorhin Ihr trauriges
Gesicht belebte? - Ja, ja, ich habe Sie beobachtet, wren Sie ein anderer Mann,
o wrde ich glauben, jene unerfahrenen jungen Augen htten eben in aller
Unschuld Ihr Herz getroffen, aber Sie haben keine Zeit zu solchen Dingen, Ihre
historischen Gedanken lassen Sie nicht zu Privatneigungen kommen. Nicht wahr,
ich kenne Sie? - Indessen, gerade die groe Jugend dieses schnen Mdchens
knnte Ihnen gefhrlich werden, ich wei, Sie suchen jene Unbefangenheit, weil
Sie eine dunkle Ahnung haben mgen, da sie Ihnen selbst fehlt. - Ihr Gesicht
voll Verwunderung, Herr von Valerius, ist fr mich sehr unterhaltend, es steht
Ihnen vllig neu und originell, da sie sonst immer alles wissen und durch nichts
berrascht werden, oder wenigstens durch nichts sich berraschen lassen. Es ist
da nichts zum Verwundern, wir Frauen bemerken es nebenbei, ohne da wir
handwerksmig auf das Beobachten ausgehen, und unsere Bemerkungen sind oft
tiefer, weil es die schnellen Gefhle sind, von denen sie uns zugetragen werden.
Fast jede Frau betrachtet eine neue Mnnerbekanntschaft mit den Beziehungen der
Liebe, der Mann mag noch so reizlos und uninteressant sein, die Frau forscht
berall an ihm, ob nichts Liebenswrdiges aufzufinden sei, und solange sie nicht
vom Gegenteil berzeugt ist, wird ihr der Mann nicht vllig gleichgltig. Das
Lieben und Geliebtwerden ist nun einmal unser Element - natrlich ist es dabei
nicht immer auf Liebesverhltnisse abgesehen, was man so zu nennen beliebt,
sondern nur auf die Frage des Interesses oder der Gleichgltigkeit. Ich bin
aufrichtig und sage, was die meisten Frauen verschweigen. Sie knnen nun aber
auch meinen Beobachtungen Glauben schenken und sie der Bercksichtigung wert
achten - lieben Sie jenes Mdchen, oder sind Sie auf dem Wege sie zu lieben?
Geschwind, ohne Ausflucht.
    Valerius lchelte und gestand, da ihm Hedwig heut zum erstenmal als ein
schnes Mdchen aufgefallen sei, brigens drckte er nicht ohne eine leichte
Ironie der Frstin seine Verwunderung aus ber solch ein pltzliches und
ungewhnliches Verhr.
    Ich glaub' es, fiel sie ihm schnell in die Rede, und eine leichte Rte
flog ber ihr Angesicht, ich glaub' es; Historiker wie Sie, begreifen das
nicht. Das sind die Staatsangelegenheiten der Weiber, in diesem Fache mssen wir
von allem genau unterrichtet sein; wir haben auch unsere historischen
Interessen. Wer wird auch so ungezogen sein und eine Dame gleich bei der ersten
Begrung fragen, was sie pltzlich aus Deutschland nach Polen gefhrt habe. Sie
mssen sich diplomatisch ausbilden; nach dem Zweck und Ende fragt man wie billig
eben am Ende, wenn man sich die Hand zum Abschiede drckt. Ich langweilte mich
in Deutschland, mein lieber Landsmann, ich sehe die Menschen am liebsten in
ihren Leidenschaften, da tritt alle Schnheit, aller Rest von Gttlichkeit
hervor, da ist das Leben aus dem Sumpfe der Gewhnlichkeit erhoben, ich habe
nicht Lust, meine Jugend reizlos hinzubringen; die Zeit kommt frh genug, wo man
nicht mehr reizt, nicht mehr gereizt wird, und nichts Besseres tun kann als
lesen und denken und philosophieren und Befriedigung und Ruhe nach innen und
auen suchen. Was mir Interesse verspricht, das such' ich auf; wenn Sie durchaus
Tugend haben wollen, nun wohl, ich halte das fr Tugend, Gottes Welt so schn zu
finden, als es unsere Krfte nur immer erlauben.
    Also Sie kennen dies Mdchen schon lnger? Erzhlen Sie mir doch, was Sie
hier fr ein Leben getrieben haben; armer Mann, der schwere Hieb ber den Kopf
konnte Sie tten. So viel ist doch die Geschichtskenntnis nicht wert. Freilich,
was ist der Mann, der nicht mit dem Leben zu spielen vermag; Sie haben ganz
recht, und die Schmarre und der Schnurrbart stehen Ihnen gut. Bei solchen
denkenden Leuten haben die Beweise des mnnlichen Mutes etwas Rhrendes, bei den
leeren Kpfen sieht es leicht so aus, als gehrte das zum Handwerk. Aber Sie
mssen noch leiden, die Wunde hat noch ein frisches Ansehen, ein ganz frisches,
Sie Armer. Nicht wahr, Sie werden dem Kicki folgen, und sich eine Zeitlang
schonen, nicht wahr? Es ist mir ganz neu an Ihnen, da Sie so freundlich lcheln
und eine schwatzhafte Frau so liebenswrdig anhren knnen.
    Indessen, mein junger Landsmann, Sie mssen ein anderes Leben hier beginnen,
wenn Sie nicht in vage, gefhrliche Verwirrnisse geraten wollen. Wo waren Sie
heut abend, ehe Sie so spt in diesem Saale erschienen?
    Valerius sah sie verwundert an.
    Im patriotischen Klub waren Sie, mitten unter den wildesten, exaltiertesten
Demokraten, mit denen in kurzem der offene Kampf losbrechen wird; lassen Sie
diese ultrademokratischen Dinge, die Ihnen gar nicht einmal so natrlich sind,
als Sie glauben. Sie haben sich vielmehr diese Grundstze als eine Art von
Tugend angeeignet, weil Sie aus Trieb nach Charakterstrke eine Art Schwrmer
sind, ein Systematiker.
    Hier unterbrach der Graf Kicki die Frstin und fhrte sie zur Tafel.
Valerius stand berrascht von all den pltzlichen Erscheinungen, die wie ein
lustiges Gewitter ber ihn hereingebrochen waren, und bemerkte es kaum, da
Hedwig und Stanislaus zu ihm traten, und da das frhliche Mdchen ber seine
Geistesabwesenheit lachte. Aber er fhlte es mit innigem Behagen, als sie ihren
Arm in den seinen legte. Den andern reichte sie Stanislaus und unter ihren
Scherzen und liebenswrdigen Vorwrfen, da der Herr von Valerius sie auf eine
abscheuliche Weise ignoriert und kaum von weitem gegrt habe, kamen sie in den
Speisesaal. Die Frstin sa nicht weit von ihnen, und ihre Augen sahen mit einem
seltenen Gemisch von Wehmut und Lebhaftigkeit auf den jungen Deutschen, wenn er
angelegentlich mit Hedwig plauderte, und wenn seine Augen mit unverhehltem
Wohlgefallen auf den Zgen des glnzenden Mdchens ruhten. Sie sa dicht neben
ihm, und wenn sie eilig eine Bemerkung mitzuteilen hatte, da war ihre rote
Wange, ihr frhlicher, kleiner Mund so dicht an dem bleichen Gesichte des
Nachbars, da selbst ein unbefangener Zuschauer htte glauben knnen, statt der
Worte wrden einmal pltzlich Ksse gewechselt werden.
    Stanislaus sa ohne Aufmerksamkeit fr die beiden schwatzenden Leute neben
ihnen. Ich bin nur neugierig, sagte Hedwig, was aus uns beiden Verlobten
werden soll, wenn wir immer so wenig Zeit freinander haben, sehen Sie nur, wie
Stanislaus unverwandten Auges da hinber guckt nach jenem alten Schnurrbart, ich
wollte, Sie wren mein Verlobter, Valerius, Sie erzhlen mir doch hbsche
Geschichten, aber sind Sie auch so gut, so gut und lieb wie Stanislaus? Sie
glauben es nicht, wie sehr er's ist, wie sehr!
    Und denken Sie gar nicht an den armen Joel? sprach leise Valerius.
    Hedwig errtete, schlug die Augen nieder und sagte nach einer Weile mit noch
leiserer Stimme: Ach der arme Joel! - Aber - ach, was wei ich.
    Als die Tafel aufgehoben wurde, geleiteten die beiden jungen Mnner Hedwig
an den Wagen, sie war mde und schlfrig, und sagte ihnen kaum Gute Nacht.
Beide stiegen die Treppen wieder hinauf, da begegnete ihnen jener alte
Schnurrbart, den Stanislaus whrend des Essens unablssig betrachtet hatte. Es
war ein bejahrter stattlicher Mann, sein hartes und stolzes Gesicht war von
einem starken grauen Knebelbarte beschattet, einem feineren Beobachter entgingen
aber jene Winkel seiner Zge nicht, in welchen eine lauernde Verstellung, oder
List oder Geschmeidigkeit kauerte; es war nicht leicht, das richtige Wort dafr
zu finden. Seine Kleidung war sehr einfach und unscheinbar, aber national, der
Bediente reichte ihm einen alten Militrmantel, und Stanislaus, der sich schnell
bei seinem Freunde verabschiedete und mit jenem Alten die Treppe wieder
hinabstieg, nannte ihn Herr General.
    Es kamen indes mehr Gste, die sich entfernten; Valerius frchtete, seine
schne Landsmnnin nicht mehr zu finden, er lie sich keine Zeit, nach dem Namen
dieser Erscheinung zu fragen, die ihm interessant war.
    Die Frstin ging im Saale auf und nieder, umringt von einer Menge polnischer
Herren. Ihre Schnheit hatte die lebhaften Mnner angezogen, und ihr gewandter
Geist spielte mit den feurigen Huldigungen, welche diese Nation mit dem ihr
eigenen ritterlichen Ungestm darbrachte, und immer eifriger darbrachte, je
sprder, leichter und vornehmer die Frstin dergleichen aufnahm. Keiner sah sich
sonderlich beachtet, jeder war zuversichtlich, und ihr Eifer, die Aufmerksamkeit
der reizenden Frau zu fesseln, wurde immer lebhafter, je weniger Konstantie
davon Notiz nahm. So bildete sich jene strmische Unterhaltung um sie her, wo im
Grunde niemand Anteil an dem Gegenstande des Gesprchs nimmt, obwohl alle dafr
zu glhen scheinen, jene Unterhaltung des Egoismus, wo nur jeder hervorzutreten
trachtet.
    Valerius hrte eine Zeitlang hin und folgte mechanisch der Gruppe; die
Frstin sah ihn nicht, und es schien ihm, als lge ein ungewhnlicher Ernst auf
ihrem Gesichte, ein Ausdruck von Kummer, den er niemals auf diesen ungetrbten
Formen erblickt hatte. In der Mitte des Saales wartete er, bis die Gruppe vom
andern Ende wieder zurckkam, dann ging er ihr entgegen. Denn die Flanken dieser
Schlachtordnung waren so stark besetzt, da man zu der belagerten Festung nicht
durchzudringen vermochte. Konstantie lchelte, als sie ihn kommen sah, es lag
Freude, Wehmut und auch etwas Stolz auf den schnen Lippen. Apropos, rief sie
ihm entgegen, ich habe Briefe von Ihren Freunden aus Deutschland fr Sie
mitgebracht, und nach diesen Worten sagte sie den Herren Gute Nacht, ergriff
den Arm des Grafen Kicki, und verlie den Saal. Valerius ging ebenfalls nach
seinem Mantel; der Gedanke an die deutschen Briefe erfllte seinen Geist, und
trumerisch stieg er die Treppe hinab. Gute Nacht, lieber Trumer, flsterte
kaum hrbar eine deutsche Stimme neben ihm. Als er sich ermunterte, sah er den
Grafen und die Frstin vor sich hineilen, und ein Schwarm von jener Gruppe aus
dem Saale strmte an ihm vorber nach der Tr. Dort schwangen sie sich rasch auf
ihre Pferde und begleiteten den Wagen Konstantiens. Diese ungewhnliche
Courtoisie machte einen angenehmen Eindruck auf Valerius. Man sieht gern das
Heimische geehrt in der Fremde. Er glaubte wenigstens, dies sei der Grund seines
Wohlgefallens an dieser Szene.

                                      16.


Es war spt in der Nacht, aber der Mond schien noch in lichten Strahlen.
Valerius war so erfllt von Gedanken, Trumen, unklaren Wnschen, da er seine
Wohnung noch nicht suchen mochte. Er wanderte durch die stillen Straen und war
bald wieder auf der Weichselbrcke. Wie so ganz anders sahen ihn jetzt die
Wellen des Flusses, die Sterne, die Mondesstrahlen, die dunkel gewordenen
Fenster der Palste an; denn die ueren Dinge erhalten erst ihre Augen und ihre
Sprache von unserem Herzen. Selbst die trben weltgeschichtlichen Gedanken, die
ihn vor wenig Stunden hier zu Boden drckten, sie waren verschwunden, und wenn
er sie herbeirief, so lchelten sie, als htten sie ihren Scherz mit ihm
getrieben.
    Es ist wirklich eine Maskerade, sprach er vor sich hin, dies wunderliche
Leben bis in das geheimste Treiben unserer Gedanken hinein, und es kommt nur auf
die Beleuchtung an, ob sie ein schauerliches oder ein lustiges Ansehen haben
soll. Solch eine gewhnliche Redensart: Das Leben ist eine Maskerade, und doch
so tief und so richtig! Im Grunde sind in den vulgrsten Sprichwrtern und
Phrasen alle Wahrheiten lngst aufgefunden, und es ist tricht, sich darum zu
qulen. Man verliert sein Leben, und die Welt gewinnt nichts Neues.
    Aber sein grbelnder Charakter verlie ihn auch in diesem Augenblicke nicht,
auch von seinen glcklichen Momenten verlangte er Rechenschaft. Er erinnerte
sich einer Zeit, wo diese Frstin Konstantie einen durchaus ungnstigen Eindruck
auf ihn gemacht hatte: ihr mnnlicher Stolz, ihre Keckheit, des Lebens Freuden
wie eine Titanin an sich zu reien, hatte ihm mifallen, entschieden mifallen.
Und er konnte sich doch nicht leugnen, da ihre pltzliche Erscheinung ihn jetzt
mit einer Art Zauber berwltigt hatte. Aber er leugnete sich's. Stanislaus und
der tiefe Blick, den er in ein so edles, so vortreffliches Herz getan hatte, die
berzeugung, welche er dadurch gewonnen, jenes romantische Polen, fr das er
ausgezogen von seiner Heimat, existiere wirklich, Hedwig mit dem Schimmer ihrer
lieblichen Jugend, die ganze krftige Freude des Festes - das alles, glaubte er,
habe seinen Trbsinn verscheucht. Und die Frstin hat wohl auch dazu
beigetragen, setzte er leise hinzu. Sie erinnert mich an die schnen Tage in
meiner Heimat, an das poetische Grnschlo, an meine innige Kamilla! Ich habe
dir versprochen, Kamilla, dein zu gedenken und dich zu kssen, wenn ich mich
freue, vergib, da es seit so langer Zeit zum ersten Male geschieht.
    Whrend er wieder nach der Stadt zurckkehrte, erkmpfte er von seiner
Eitelkeit noch einen neuen Grund, und da es eben eine verstockte Eitelkeit war,
die er sich in seinem frheren so abgemachten und sicheren Wesen zum Vorwurf
machte, so verfolgte er mit der Strenge eines Bers jeden Sieg, den er ber
diese Schwche zu erringen glaubte. Sie ist die Schwester des Eigennutzes, und
dieser der Erbfeind aller Bildung, sagte er, um sich in eine erhhte Stimmung
zu bringen und dadurch seinen Fehler desto lebhafter zu empfinden. Sie hat von
jeher die besten Menschen, und somit die besten Prinzipien unterjocht, die
Fhrer und Trger neuer groer Ideen haben sich von der alten verderbten Welt
betren lassen durch eitlen Prunk und Glanz, so ist Csar, so Napoleon erlegen,
so sind tausend weniger Bekannte immer wieder zurckgezogen worden unter den
Tro der Gewhnlichkeit.
    Er glaubte nmlich, ein geheimes Etwas in ihm sei geschmeichelt oder
bestochen vom Range der Frstin, und die mehr als gewhnliche Auszeichnung, mit
der sie ihm begegne, mache darum einen so gnstigen Eindruck auf ihn, weil sie
von einer Frstin ausgehe.
    Sein ganzer demokratischer Stolz emprte sich dagegen, aber was helfen
Grundstze gegen anerzogene Schwchen! In unserem Zeitalter der groen
Standesunterschiede wchst mit einem groen Teile der niedriger Geborenen ein
verborgener irdischer Himmel auf, in welchem die hheren Stnde sich bewegen,
nach welchem der Geist strebt, ohne es zu wissen. Denn dieser wunderliche Himmel
liegt wie eine unklare, ungestaltete Ahnung in diesen Menschen, und wenn sie mit
vornehmen Leuten in genaue Lebensverhltnisse kommen, so fhlen sie sich in
einer erhabeneren Sphre, und doppelt glcklich, ohne da ihr Stolz die richtige
Deutung dieser Illusion auffinden lt. Das schreitet vom Bauer zum Brger, vom
Adeligen zum Frsten, und durch alle Mittelglieder dieser Stnde. Es hilft
nichts dagegen als ein trostloser Indifferentismus, der keine Reize kennt, und
die poetischen Menschen verfallen am ersten in diese Illusion. Denn der
Begabteste sucht vor allem nach vollkommeneren Zustnden. Diese Illusion vllig
verwischen, hiee die platte Prosa ins Leben einfhren, und die edleren
Demokraten wollen wohl nicht alle Unterschiede aufheben, sondern sie mildern,
sie auf richtigere Unterschiedsmerkmale grnden und die Aussicht auf eine
einstige vllige Ausgleichung erffnen. Denn sie glauben an ein zuknftiges
uerstes der menschlichen Zivilisation.
    Aber all diese Dinge, welche sich Valerius auf dem Wege nach seiner Wohnung
vorsprach, halfen ihm nicht von dem unbehaglichen Gefhle, das in ihm erregt
war. Jenes geheime Etwas - jenes geheime Etwas, das glaubte er wie ein Wild
verfolgen zu mssen, das war der unbestimmte Makel, auf den er alle seine
Aufmerksamkeit richten wollte.
    Darber hatte er sich in den Straen verirrt und war in eine enge Sackgasse
geraten. Das Quergebude, das die Gasse schlo, hatte ein groes Tor, er glaubte
eine Spalte davon offen und einen Menschen zwischen den Flgeln zu sehen. Der
Mondschein fiel eben auf das Tor, Valerius sah, da der Mensch eingeschlafen
war, er wute indessen keinen Ausweg aus diesem Straengewinde und sah sich
gentigt, den Schlfer zu wecken, um Bescheid zu erhalten. Als er ihn rttelte
und nach dem Wege fragte, fuhr dieser bestrzt in die Hhe ja, ja, Herr! nahm
Valerius bei der Hand und fhrte ihn durch einen schmalen, dunklen Hof, nach
einem alten Stallgebude. Dabei bat er fortwhrend mit leiser Stimme, der Herr
mge ihn nur nicht verraten, da er geschlafen, er msse den ganzen Tag Holz
hauen, um sein krankes Weib und seine Kinder zu ernhren, und es sei jetzt schon
die dritte Nacht, da er am Tore stehen, und den Fremden den Weg weisen msse,
da sei es ihm wohl zu vergeben. Dies und dergleichen sprach der Mann, und ehe
noch Valerius ber die wunderliche Erscheinung zu sich gekommen war und ein Wort
gesprochen hatte, sah er sich von dem Fhrer in das Stallgebude geschoben.
    In dem weiten Raume brannten nur einige Handlaternen, welche durch die
Hnde, in denen sie schwankten, ihr flchtiges Licht bald hier, bald dorthin
verbreiteten. Bei diesen Streiflichtern erkannte Valerius, da er unter eine
Versammlung geraten sei, die sich eben aufzulsen schien. Niemand hatte sein
Eintreten bemerkt, wenigstens nahm niemand Notiz davon. Er hrte noch die Worte:
Also nichts von Skrzynecki, alles fr den Alten, und den Tod den Hunden und
ein beiflliges Gemurmel. Die Versammlung zerstreute sich; und Valerius hllte
sich tief in den Mantel und ging mit von dannen, als ob er zu ihnen gehrte. Die
Laternen waren verlscht, er konnte niemand erkennen. Drinnen glaubte er einige
brtige Bauerngesichter erblickt zu haben, ein flchtiger Mondblick zeigte ihm
einige Militrmntel, die vor ihm aus dem Tore traten, an welchem der schlfrige
Pfrtner mit abgezogener Mtze stand. Es war ein altes, zerhacktes Gesicht, ein
roter Sbelhieb lief wie ein Blutstrich ber dasselbe. Er lchelte vertraulich,
als Valerius vorbeischritt, und flsterte ihm ins Ohr: Herr, das lohnte ja
nicht der Mhe.
    Ein Teil der Versammlung, die nicht eben zahlreich zu sein schien, blieb
noch im Hofe zurck, wahrscheinlich, um kein Aufsehen durch ihre Menge zu
erregen. Der erste Teil, mit welchem Valerius fortschritt, zerteilte sich
ebenfalls am Ende der Sackgasse, und dieser schlug auf gut Glck den ersten
besten Weg ein, denn er hielt es nicht fr ratsam, hier zu fragen. Es ist immer
gefhrlicher, zuviel zu wissen, als zuwenig. Ein Bauer war ihm gefolgt, und es
schien ihm, als ob er schon am Tore aufmerksam von demselben Gesellen betrachtet
worden sei. Der Mond trat eben in eine Lcke der Huser, und das Gesicht des
Bauers beugte sich pltzlich vor das seine. Es war Slodczek, der ihn forschend
ansah, und gleich darauf wie ein Pfeil einem Trupp der brigen nachstrzte,
deren Schritte man noch in der Ferne hrte. Valerius erkannte das Drngende der
Gefahr und ging raschen Schrittes nach der entgegengesetzten Seite. Im Gehen zog
er leise seinen Sbel aus der Scheide und drckte ihn unter den Arm. Schritte
kamen hinter ihm drein; sie konnten aber auch dem zweiten Trupp angehren,
schnelles Laufen konnte ihn am leichtesten verdchtigen. Es bot sich eben eine
Querstrae, er bog hastig hinein und rannte an eine Gestalt, der Mantel flog ihm
zurck, sein nackter Sbel flimmerte in der Dunkelheit.
    Pardon, sprach eine hfliche Stimme. Die Tritte nherten sich schnell.
Valerius fragte den Unbekannten, der ebenso in seinen Mantel vergraben zu sein
schien, nach welcher Richtung zu der schsische Platz lge. Die Stimme gab
Bescheid, und er ging rasch die Quergasse entlang und bog in eine breitere
Strae. Eine reitende Patrouille begegnete ihm, und er hatte nichts mehr von
jenen Schritten zu besorgen. Jene Stimme beschftigte ihn aber, er glaubte sie
schon gehrt zu haben, es schien ihm, als htte sie die Worte: Joachim Lelevel
gesprochen.
    Jetzt sah er sich auf bekanntem Wege, es war die Strae, in welcher Hedwig
wohnte. Als er an dem Hause vorbeiging, welches ihrer Wohnung gegenberlag,
glaubte er eine Bewegung unter der dunklen Haustre zu bemerken. Genauer
hinsehend erkannte er eine Mannsfigur, die in den Mantel gehllt am Boden lag -
ein schwerer Seufzer drang zu ihm auf. Valerius dachte, es sei ein
Verunglckter, welcher der Untersttzung bedrfe; er neigte sich zu ihm, und
fragte nach seinem Schmerze und ob er helfen knne. Eine kalte Hand legte sich
in die seine, und eine Stimme wie aus den tiefsten Grbern sprach: Valerius,
mir kann niemand helfen, ich bin ein Jude.
    Dabei richtete sich die Figur langsam auf und trat aus der Vertiefung des
Portals - die bleichen Mondesstrahlen fielen auf Joels bleiches Gesicht. Er
drckte dem Valerius die Hand, warf noch einen Blick auf das gegenberstehende
Haus und schritt in die Nacht hinein.
    Das Schicksal schien in dieser Nacht keine gleichmige Stimmung in Valerius
dulden zu wollen. Wie betubt von den mannigfachen Wechseln kam er nach Hause
und warf sich aufs Lager. Er wollte nichts mehr denken, nichts mehr berlegen,
nichts frchten, nichts hoffen, da er sich solchergestalt in der Hand von
allerlei Zufllen sah, welche ihr hhnendes Spiel mit ihm trieben.
    Aber unsere Gedanken sind eben der Himmel oder die Hlle, welchen wir nicht
entfliehen knnen, selbst im Schlaf nicht entfliehen knnen. Denn auch die
Trume stehen in ihrem Dienste. Und es will uns sogar manchmal bednken, als
streckten gerade in die Trume fremde Mchte dreister als sonst wohin ihre
Hnde: im Schlafe sehen wir Gedanken und Bilder ausgewachsen vor uns stehen,
deren Anfnge wir kaum in unserem Herzen empfunden haben. Unsere Bildung wird in
den Trumen sogar verarbeitet und oft neu gewendet und gerichtet, unsere
Selbstndigkeit ist zu Ende, aber unsere Krfte sind gewachsen, wir empfinden
uns freudig oder schmerzlich als unmittelbare Werkzeuge hherer Gewalten. Darum
lieen schon die ltesten Vlker im Traume die Gtter kommen und mit Menschen
sprechen.
    Darum nennen wir noch oft die begabtesten Menschen, die Poeten, Trumer,
weil wir sie erfllt sehen von bergewhnlichen Krften, von gttlichen Worten
und Gedanken, die ihnen nur direkt von der Gottheit gekommen sein knnen im
Schlaf und Traume. Wenn es ein Mittel gibt, die Zukunft zu erraten, so liegt es
gewi in den Trumen.
    Diese Kenntnis der Zukunft war aber eben jene Frucht vom Baume der
Erkenntnis, welche die neugierige Eva naschte, und die ihr den Tod bereitete.
Die Erfllung ist der Tod des Wunsches, und wer nicht mehr wnschen und hoffen
kann, der ist des Todes.
    Solch ein Erkenntnistraum sinkt oft in den Morgennchten auf die Menschen
herab, aber der Himmel ist freundlich wie immer, und hllt ihn in seine
romantischen Nebel; nur wenn man in der spteren Zeit wieder einen Teil jenes
Traumes erfllt glaubt, da dichtet man eine nchste Folge, aber man wei sie
nicht, und kann in Furcht und Hoffnung weiter leben.
    Warum soll man diese Offenbarung nicht glauben? Webt sie doch nur aus den
Anlagen und Krften, aus den verborgenen Gedanken des Schlfers seine Zukunft!
    Das waren die trumerischen Dinge, welche den halbschlafenden Valerius in
jenen Morgenstunden umflatterten; welch eine Geschichte aber mitten in diesen
Gedanken durch seine Seele hinzog, davon wute er am andern Morgen nur noch
einzelne Stcke. Im Verlauf des Lebens dichtete er sich einen Zusammenhang.

                                      17.


Die Vormittagssonne weckte Valerius aus seinen Trumen und brachte ihm, wie sie
es stets tat, die Hoffnung auf einen lebendigen, heiteren Tag, auf eine lichte
Zukunft. Er schrieb's auch diesen Sonnenstrahlen zu, da er sein Herz so
ahnungsreich und frhlich bewegt fhlte, als stnden ihm groe Freuden bevor. Er
hatte es zwar nicht vergessen, da er sich Briefe bei der Frstin holen sollte,
aber er meinte, diese schne verfhrerische Frau habe keinen Anteil an seiner
angenehmen Stimmung, und er werde auch heute noch nicht zu ihr gehen.
    Mit diesen herumspielenden Gedanken legte er sich ins Fenster, mitten ins
Gold der Sonne hinein, und atmete heiter die milde Winterluft. Das Fenster
fhrte nach der sdstlichen Flche vor Warschau, und die Waffen der
manvrierenden Truppen, welche dort herumschwrmten, blitzten weithin wie ein
Funkenregen. Noch war auf dieser deutschen Seite der Stadt kein Feind zu
erwarten, und selbst Valerius lie sich die Mglichkeit nicht trumen, da noch
in demselben Jahre von jener besonnten Ebene der neue Untergang des polnischen
Volks in die Tore ziehen werde. Seine traurigen Gedanken waren berhaupt in den
Hintergrund gedrngt, und er ertappte sich bald nur auf der Frage: Gehst du
heut zur Frstin, oder nicht? Er mute ber sich selbst lachen und sich
eingestehen, da es wieder ein Stckchen jenes geheimen Etwas, jener Eitelkeit,
da es Koketterie sei, wenn er nicht hingehe. Du willst dich rar machen, den
Uninteressierten spielen, sagte er sich spottend. Aber es kam heute nichts
Ernsthaftes in ihm auf, die Zeit der Vorwrfe gegen sich selbst schien vorber
zu sein; es ist auch langweilig und abgeschmackt, sich fortwhrend zu
hofmeistern - dachte er - wir wollen einmal meine Erziehung und die Erziehung
des Menschengeschlechts eine Zeitlang auf sich beruhen lassen. Magyac mute das
Pferd satteln, und er ritt spazieren, hinaus in die Sonne, und wenn das Pferd
gelaufen wre bis ins heie Afrika. O, es entwickelt sich ein so schnes,
gesundes Leben unseres Geistes und Herzens, wenn wir zu Wagen oder zu Pferde
dahingerissen werden in die reine Gottesluft, Kopf und Herz werden durch keine
Mhseligkeit des Krpers gestrt und der Mut wchst hoch in die Wolken. Der Mut
ist aber der eigentliche Lebensstoff, welcher berall das Grte erzeugt in
Taten und Gedanken.
    Es flog sein Gaul an einem Phaeton vorber, aus welchem er seinen Namen zu
hren glaubte. Aber es tat ihm weh, dem lustigen Pferde das eiserne Gebi
einzudrcken und seinen Lauf zu hemmen. Wie oft seufzen wir gegen die Macht,
wenn sie uns durch Schmerzen zgelt, wo wir mit vollen Segeln dahinstreichen
mchten! Und ein feines Gefhl setzt unsere Verhltnisse leicht fort im Umgange
mit lieben Tieren. Liegt doch namentlich im Pferde soviel Schnheit und Adel,
da es den Menschen nur zu leicht an ein verwandeltes, unglckliches Geschlecht
gemahnt, und seine Freundlichkeit und sanfte Hand in Anspruch nimmt. Valerius
kehrte also erst um, als das Pferd seine Lust gebt hatte, und suchte nun den
Wagen wieder zu erreichen, um zu sehen, ob er sich geirrt habe oder nicht.
Dieser schien seine Richtung nach den Truppen hin zu nehmen, welche sich auf der
Flche herumschwenkten. Jetzt hielt er still, Valerius sah einen Reiter mit
einem Handpferde ansprengen, ein Soldat sprang aus dem Wagen, bestieg das Pferd,
und ritt zu den Truppen. Federn von Damenhten wehten ber das zurckgeschlagene
Verdeck der Kutsche, Valerius nherte sich langsam.
    Da kommt der Unartige ganz langsam angeschlichen!
    Das war Hedwig, und die Frstin sa neben ihr. Sie war Gast im Hause von
Stanislaus' Eltern. Dieser war der Reiter gewesen, dessen Regiment hier
manvrierte, Konstantie wollte die Truppenbewegungen ansehen.
    Sie begrte ihren Landsmann auf das freundlichste, ja es lag ein Schmelz
von Innigkeit in ihren Fragen, wie es ihm gehe, was er denke, ob ihn der schne
Morgen nicht erquicke? da auch seine Antworten und Reden zutraulicher und
herzlicher wurden als gewhnlich.
    Ich habe Sie ja noch nie so munter gesehen, Herr von Valerius, rief Hedwig
in ihrer jugendlichen Heiterkeit, Sie haben sogar einmal rote Wangen - und
jetzt noch rtere.
    Das tut die Sonne, liebes Frulein, die Sonne.
    Ja, die Sonne - es hat ein jeder seine Sonne.
    Da brauste das Ulanenregiment vorber, Graf Kicki in der schimmernden
Uniform an der Spitze; er neigte den Degen, als er in die Linie des Wagens kam,
und die schlanken Reiter, die flatternden Fhnlein, die blitzenden Waffen, das
Gewieher und der Trott der Pferde gewhrten den lustigsten kriegerischen
Eindruck von der Welt.
    Wie knnen Sie denn in der Irre herumreiten, schwarz angetan wie ein
Trauernder, whrend Ihr Regiment im bunten Glanze die Revue passiert? Sind Sie
denn Ihres Dienstes entlassen?
    Ja, mein Frulein Wunderhold, ich habe mich aus dem Waffendienst in den
Augendienst begeben, und ich harre der Befehle - man hlt mich fr unbrauchbar
zum Soldaten, und spricht von mir wie Don Juan von seiner verabschiedeten
Geliebten: Ihr Kopf hat sehr gelitten.
    Valerius erkundigte sich nach der alten Grfin, und hrte, da sie sich noch
ebenso befnde, wie sie sich seit einigen dreiig Jahren befunden habe - aber
dieser Krieg, setzte Hedwig traurig hinzu, wird wohl das Ende ihres Lebens
sein. Siegen wir, so stirbt sie vor Freude, und werden wir von neuem unterjocht,
so stirbt sie vor Kummer.
    Es flogen Wolken ber den Himmel, die Sonne ward bedeckt, und bald fiel ein
trber Regen. Sie eilten nach der Stadt zurck, Valerius versprach, um die
Teezeit seinen Besuch zu machen, und so trennten sie sich.
    Dieser pltzliche Wechsel vom schimmernden Sonnenscheine zum grauen
trbseligen Regenwetter verdsterte seinen Sinn, der nur gar zu geneigt war,
sich dunklen Ahnungen hinzugeben, wenn der Himmel seine Anzeichen zu senden
schien. Sein Geist kmpfte gegen den Aberglauben, aber sein Herz dafr. Von
demselben Fenster seiner Wohnung, aus dem er noch vor kurzem die
freudestrahlenden Waffen der polnischen Soldaten gesehen hatte, erblickte er
jetzt mit Mhe durch die dstere Luft dunkle heimkehrende Scharen; es war ihm
einen Augenblick, als weine das ganze Volk, vom Himmel und Glck verlassen.
    Er rief Magyac, und fragte ihn hastig, ob er gestern das erstemal im
patriotischen Klub gewesen sei. In dem Augenblicke kam ihm erst jene
befremdliche uerung der Frstin wieder ins Gedchtnis, die eine Stunde nach
seiner Anwesenheit in der demokratischen Versammlung bereits davon gewut habe.
Nichts verstimmt offene, redliche Menschen mehr, als die berzeugung,
umschlichen und behorcht zu werden; es belastet sie wie ein bses Gewissen, und
das ist das rgste, was sie frchten.
    Nein, Herr, antwortete Magyac, zum zweiten Male. Er versicherte,
Valerius gar nicht gesehen, noch weniger gegen jemand seinen Namen genannt zu
haben. Dieser hatte Magyac im Verdachte, auch in jenem Stallgebude gewesen zu
sein, und er war im Begriffe, ihn auch danach zu fragen. Aber es hielt ihn eine
Art Stolz zurck, nach Geheimnissen zu forschen, die man verbergen wollte. Dies
ganze Wesen von heimlichen Umtrieben, das sich um ihn her spann, verstimmte ihn
indes immer mehr. Er war gekommen, fr dieses Volk zu kmpfen, und nun sah er
sich fortwhrend wie ein strender Fremder bergangen und doch beobachtet. Bei
grerer Unbefangenheit hatte er allerdings keinen eigentlichen Grund zur Klage;
es war Torheit zu verlangen, da die Polen jeden Fremden in ihre geheimsten
Absichten einweihen sollten. Aber das Unbehagen war bei einem Charakter wie der
seine ebenfalls natrlich.
    So verbrachte er in trber Stimmung den Rest des Tages auf seinem Zimmer.
Alle Zweifel ber Leben, Vlker, Freiheit rttelten wieder an ihm, und er schalt
sich selbst, da der Gedanke an die glnzende Frstin zum ftern in ihm
aufstieg, und jene finsteren Gestalten mit einem freundlichen Lichte
beleuchtete.
    Wenn wir einmal ins Zweifeln gekommen sind, so hlt kein Glaube mehr fest,
und die strksten Menschen, welche sich auf eigene und neue Wege des Lebens
gewagt haben, erschrecken vor ihrer Khnheit. Sie beneiden dann einen Augenblick
die groe Masse der Alltagsmenschen, die im hergebrachten Schlendrian
einherziehen, dergleichen Zweifel und Sorgen nicht kennen, und in Trbsal immer
links und rechts Sttzen finden, weil sie nie von der allgemein betretenen
Heerstrae gewichen sind. Die Mnner neuer Lebensgedanken und einer neuen Zeit
werden auch immer die Mrtyrer derselben, selbst wenn ihnen die alte strrige
Auenwelt keine Kerker ffnet, keine Schafotte errichtet. Ihr Gewissen, das
unter den alten Gedanken aufgewachsen ist, hlt sie unter einer immerwhrenden
Tortur, und es ist um so peinlicher als das der andern Menschen, weil es die
Verpflichtungen gegen die Gesellschaft tiefer empfindet. Die immerwhrende
Prfung hat es spitzer und feiner gemacht. Und der strkste Mensch mitraut
seinen Krften, der edelste Reformator fragt sich in stillen Stunden: Bringst du
nicht auch Unglck mit deinen neuen Gedanken? Beruht das Herkommen nicht auf der
Weisheit vieler Generationen? Ist deine und der Gleichgesinnten Meinung nicht
vielleicht unreif, unvollkommen, grn und dreist neben den alten viel geprften
Formen?
    Ertappt er sich nun auf einen Irrtum, auf einer Schwche, sie mgen noch so
fern liegen von dem Hauptgange seiner Gedanken, dann ist die allgemeine
Unsicherheit da. So ging es auch Valerius. In all seinen berzeugungen war er
schwankend geworden. Nichts war ihm frher klarer und abgemachter erschienen,
als das Verhltnis zwischen den verschiedenen Geschlechtern, seine Ansicht ber
Ehe und Treue. Der Gedanke an die Frstin weckte dies alles wieder auf, und der
qulende Zweifel seiner Seele brachte jetzt alle die Gesichter seiner Ideen ber
diese Gegenstnde bleich und mit verzerrten Zgen vor seine Augen.
    Die Dmmerung lag bereits in seinem Zimmer, und noch ging er brtend,
prfend, anklagend, verteidigend, verwerfend in demselben auf und ab. Einem
fremden Zuschauer htte er unheimlich erscheinen mssen, wie er halblaut
sprechend mit unsichtbaren Geistern zu verkehren schien. Alle die verschiedenen
Meinungen, mit denen er rang, schienen in den Winkeln des Gemachs zu stehen,
bald rastete er vor diesem, bald vor jenem, und sprach mit ihnen, und antwortete
statt ihrer:
    Wenn ich die gewhnliche Treue tadle, rede ich nicht der jmmerlichen
Liederlichkeit das Wort, die in grauenvollem Egoismus nur ihren Lsten nachjagt,
mag aus den Opfern derselben werden, was da will! Lse ich nicht den Bestand
aller Dinge auf, wenn ich den zuverlssigen Glauben auf ihre unwandelbare
Stetigkeit hinwegreie? Sind denn so viele Jahrhunderte im Irrtume gewesen,
welche die Treue zu einer Tugend erhoben haben?
    Aber war nicht die rohe Tapferkeit, der grausame blutdrstige Fanatismus
einst auch eine Tugend? Kann die Welt von der Stelle rcken, wenn sich die
Gesellschaft fortwhrend in denselben Gedanken herumbewegt? Ist es nicht eine
frmliche Mordanstalt, jene schwindschtige Treue, welche ber ihren eigenen Tod
hinaus zu bestehen trachtet? Das Interesse, der Reiz, die leiseste Hoffnung von
Glck ist oft verschwunden, wenn die Leute ein altes Versprechen einlsen; beide
Teile fhlen es, beide wagen es nicht zu uern, um den Popanz der Treue nicht
zu verletzen, beide strzen sich mit offenen Augen ins Verderben. Das tglich
wechselnde Leben, der Reiz, welcher frhlich vor ihre Augen tritt, predigt
strmend das Gegenteil, aber sie verstocken sich, um ihr Gespenst nicht zu
verletzen, sie sndigen gegen die Herrlichkeit der Natur, die sich ihnen in den
Scho wirft, um ein Wort zu halten, das ihnen vielleicht ein Augenblick des
Rausches entlockt hat.
    Sind denn nicht aber wirklich die schnsten Gefhle von tieferer Dauer, von
stetem Bestande? Heit es nicht das Herz verflachen, wenn man die Treue von
dannen weist? Verurteilen wir uns nicht selbst dadurch zu jener
vorberfliegenden Unbedeutendheit, die alle Verbindung mit ewigen Zustnden
aufgibt?
    O, erfindet, ihr widersprechenden Geister, ein neues Wort, verdrngt eure
tdlichen Bezeichnungen fr unwandelbare, unverrckte Zustnde, sie sind unserem
Blute und unserem Streben fremd, sie sind unnatrlich und erzeugen das Unglck -
keine Untreue, nein, sie ist des Herzens unwrdig, aber auch nicht jene Treue,
jenes tote, stehende Gewsser.
    Ich sehe dich, Kamilla, du zrnst mir nicht, wenn ich ein anderes Weib
ksse - deine Seele lebt im Grunde meines Herzens, solange ein Tropfen Blutes
darin rollt. Und soll ich nicht mehr atmen, wenn es nicht deine Luft ist? - Ohne
Weiber ist das Leben arm, arm, sehr arm.
    Du zrnst mir nicht, aber unglcklich wirst du doch, wenn du's erfhrst.
Und wrdest du einen andern kssen? Hab' ich mehr Recht? - Wahrhaftig, ich habe
mehr Recht, und das ist kein trichter Mnnerstolz, ich werde dir's erklren,
aber ein andermal. Jetzt hab' ich genug regiert, genug gearbeitet an der
Einrichtung der Welt, ich mu Weiber sehen!
    So hatte er sich endlich in eine humoristische Laune hineingesprochen. Es
war selten, da sie ihn von seinen Gedanken erlste, aber er nahm sie immer
frhlich auf, wenn sie kam, und trstete sich dann, wenn die Fragen ungelst
blieben mit Hamlet oder richtiger gegen Hamlet: Die Welt ist zwar aus den Fugen,
und ich soll sie einrenken, aber 's mu ja nicht heute sein, Rom ward nicht an
einem Tage erbaut, und der Herrgott msse auch das Seine tun.
    Der Teetisch, an dem er Hedwig und Konstantie zu finden hoffte, mochte wohl
die Hauptursache dieses seltenen Wechsels in seinem ernsten Wesen sein. Das
gesunde Leben behielt sein Recht ber das knstliche, und er besa soviel
Instinkt, sich darber zu freuen und seinen Mantel zu nehmen.
    Wie ein Schler, der aus dem Examen kommt, und nicht eben unter den Besten
und Ausgezeichnetsten, aber auch nicht gerade unter den Faullenzern genannt
worden ist, schritt er durch die Straen. Er glaubte, seinen Forschungen und
Studien einige Wochen Ferien gewhren zu drfen, und er freute sich eben auch
wie der Schler auf eine bequeme Zeit, die vor ihm lge.

                                      18.


Graf Stanislaus besa nur noch einen Vater. Das war ein hochbejahrter,
liebenswrdiger Greis von den feinsten franzsischen Manieren, der in groer
Achtung stand und allgemein gepriesen wurde wegen seiner anspruchslosen
brgerlichen Tugenden, seiner in Polen nicht eben gewhnlichen Sanftmut und
Freundlichkeit gegen alle Stnde, und endlich auch wegen seiner ebenso
ungewhnlichen Bildung in Literatur, Kunst und Staatsinteressen. Der Besuch der
Frstin Konstantie, mit welcher er verwandt war, erfreute ihn auch wegen der
geselligen Formen: sie reprsentierte die Dame des Hauses, und der alte reiche
Graf ging in groer Glckseligkeit trippelnd umher, da sein Salon jetzt wieder
glnzend geworden sei wie Anno 94. Als Valerius eintrat, fand er schon eine
zahlreiche Gesellschaft; Konstantie war umringt von Herren und Damen und
gewahrte ihn nicht. Der alte Graf, eine schlanke, vertrocknete Figur mit
schneeweiem, lockigem Haar, stand neben einer hohen Militrperson und war im
eifrigen Gesprche. Stanislaus eilte herbei, um ihm seinen neuen Freund
vorzustellen; sie warteten indes beide ein wenig, um das dem Anschein nach
wichtige Gesprch nicht zu stren, und whrend der Sohn dem Freunde mit sanfter
herzlicher Stimme alle die Liebenswrdigkeiten des Vaters leise schilderte,
hatte dieser Zeit, den Alten zu betrachten.
    Er war ganz schwarz gekleidet bis auf das Halstuch, welches, wie die
Leibwsche, von blendender Weie war, und einen heitern Schein auf das schmale,
gefurchte, aber noch immer von einer leichten Rte berflogene Gesicht warf. In
den groen, tiefliegenden Augen ruhte eine freundliche Sanftmut, und nur hie und
da sah man aus einem schnellen Blicke, da sie nicht auf Schwche, sondern auf
eine groe, geistige berlegenheit gegrndet sei. Im Knopfloche trug er das Band
der Ehrenlegion.
    Stanislaus hatte seinen Freund schon angekndigt, und der alte Graf nahm ihn
mit der zuvorkommendsten Liebenswrdigkeit auf.
    Es war eine lange Reihe von Zimmern geffnet und erleuchtet. Der Militr
hatte sich zu einem andern Teile der Gesellschaft gewendet, die drei Mnner
traten in das zweite Zimmer, und whrend der alte Graf seinen Gast mit einigen
Gemlden bekannt machte, entfernten sie sich weiter von der Gesellschaft.
    Sie mssen sich nicht abschrecken lassen, sagte der alte Herr mit seinem
liebenswrdigen Lcheln, wenn Ihnen nicht alles bei uns die romantische Probe
gehalten hat, wenn Sie sogar durch manches arg verletzt werden; wir sind zu oft
im Wachstum gestrt. Von Hause aus waren wir verzogene Kinder, unsere Freiheit
erstickte im eigenen berflssigen Blute, weil wir alles im Herzen haben
wollten, und es nicht recht zu verteilen wuten. Verzogene Kinder bleiben auch
im Unglck eigensinnig und werden bermtig bei jedem Schimmer von Glck. Aber
Sie sind ja aus dem Lande, das alles Fremde so gern gewhren lt, berwinden
Sie nationale Antipathien, welche bei so verschiedenen Vlkern nie ausbleiben
und strmender und trennender sind als groe Gegenstze, weil sie uns bei jedem
Schritte hindernd zwischen die Beine geraten. Ertragen Sie uns eine Zeitlang,
und Sie werden am Ende doch manches zu lieben finden. Jedes Volk hat seine
Liebenswrdigkeiten. Und Sie sind ja auch auf der Hhe von Humanitt, welche das
Edle tut ohne Ansehen der Person - versprechen Sie mir, mich zu besuchen, wenn
Sie mrrisch werden, ich bin ein alter Apotheker und habe Rezepte aus manchem
Jahrzehnt, versprechen sie mir's.
    Valerius schlug freudig in die dargebotene Hand. Nehmen Sie sich in acht,
fuhr der Greis fort, vor den Verbindungen mit unsern jungen Demokraten -
verkennen Sie mich in diesen Worten nicht: ich liebe diese brausende Jugend mit
ihrem menschenrechtlichen Fanatismus, o, ich liebe sie so sehr gerade wegen
dieser Poesie der Tugend, sie sind das ursprngliche Fundament der Gesellschaft,
diese Jnglinge mit dem heien Herzen. Aber sie kennen die Welt nicht mit den
tausend Beschrnkungen, ohne welche sich kein Staat konstituieren lt, solange
wir uns nicht isolieren knnen von Gewohnheit, Herkommen, geschichtlicher
Erinnerung, und besonders solange wir Nachbarn haben, denen wir uns
akkommodieren mssen. Ein Staat in Europa kann nicht nach Begriffen, nach bloen
Begriffen errichtet werden, welche der abgesondert spekulierende Geist ersinnt,
so wenig als das Individuum nach eigenen geselligen Regeln sich bewegen darf,
solange es in der brigen Gesellschaft seinen Raum einnehmen will. Eben weil es
nichts Einzelnes gibt, weil nichts ohne Verhltnisse existiert, knnen Wechsel
und nderungen nur mit der grten Umsicht vorgenommen werden. Und Umsicht ist
nicht Sache des poetischen Herzens, sondern der Erfahrung; darum drfen wir
unsern Jnglingen den Staat nicht berlassen.
    Machen Sie mir nicht so klgliche Gesichter. Freilich ist es fr das feurige
Blut niederschlagend, da die Weltgeschichte in so kleinen Schritten geht, da
sie nicht eher weiterrckt, als bis ein groer Staatenraum auf gleicher Hhe
angekommen ist; aber auf diesem lckenhaften Planeten, wo uns lauter unerklrte
Anfnge umgeben, mssen wir uns drein fgen.
    Verzeihen Sie meine Breite, ich komme zum Thema zurck. Ich hoffe, ha mein
Sohn einen ganzen Freund in Ihnen gewinnt, Ihre Nation ist die Nation der
Freundschaft, weil sie am wenigsten ausschlielich in Sitte, Formen und Gedanken
ist, weil sie am meisten annimmt und verzeiht, ja, erlauben Sie mir den
Ausdruck, weil sie am wenigsten Nation ist. Dieses Kapitel der Demokratie
betrifft aber meinen Sohn und seine Neigungen ebenso dringend als Sie, Herr von
Valerius. Es drngt mich, offen, ganz offen zu sprechen, und ich verspreche mir
sogar in Ihnen eine Hilfe, einen Sekundanten gegen Stanislaus zu erwerben. Ich
habe meines Sohnes Bildung selbst zu lebhafter Teilnahme an demokratischen
Formen geleitet, ich bin ihm vor allen Rechenschaft schuldig, wenn ich ihn jetzt
vom patriotischen Klub und dem, was dazu gehrt, abziehen will.
    Meine Herren, es ist das Wahrscheinlichste, da diese Interessen in kurzem
die eigentliche Lebensfrage Polens werden, ich halte sogar den mchtigen Feind
fr unwichtiger. Wenn wir vereinigt blieben, besiegt er uns nicht, aber die
Trennung wird nur zu bald klaffen wie eine breite Wunde. Die Jugend ist
unternehmend, sie ist der Kern des Heeres, sie wirbt den gemeinen Mann, oder hat
ihn schon geworben, sie will keine Vermittlung, sie hat das Halbe, das
Vorbereitende; denn ihre Kraft ist eben die gewaltige Einseitigkeit, bald wird
man uns mit dem Geschrei aus dem Schlafe wecken: Demokratie oder Tod!
    Du schttelst den Kopf, Stanislaus, du hoffst wohl gar auf Krukowiecki -
Unglcklicher, dieser Mann ist die schrecklichste Garantie, er ist voll
unlauteren Ehrgeizes, der das Land in die Luft sprengt fr seinen Ruhm - gut, es
mag sein, ich will bertrieben haben. Ein Kampf dieser Parteien bleibt gewi
nicht aus, und er verdirbt uns, er lhmt und verwirrt die Krfte. Ein voreiliger
Sieg der Demokratie ttet uns. Was ist Polen ohne seine Aristokratie? Ein
rauschender Baum, der ber Nacht mit all seinem Bltterreichtum verdorrt ist.
Die Aristokratie ist noch in diesem Augenblicke das Mark des Landes, das Land
gehrt ihr noch, sie erzeugt die Mittel des Krieges, im ihrem Stolze wurzelt
noch die Kraft dieser fortreienden Vaterlandsliebe. Dabei gedenk' ich unserer
Nachbarn gar nicht; die fremden Heere wrden bald erscheinen, wenn ein Konvent
in Warschau gebte.
    Indes wollen wir das Kind nicht mit dem Bade ausschtten, wie sie in
Deutschland sagen; ich sehe mit Entzcken diesen Sporn zur Energie, der unseren
Edelleuten keine Zeit lt fr ihren persnlichen Ehrgeiz; aber der Strom soll
nicht aus dem Bett treten - und nun zum Schlu: man wird gentigt sein, in
kurzem strenge Maregeln gegen den Klub zu unternehmen, halten Sie sich fern
davon, meine Herren, sprechen Sie, wo Sie knnen, zur Migung.
    Der alte Herr wurde zur Gesellschaft gerufen, und Stanislaus sagte
beruhigend zu seinem Freunde: Lassen Sie sich nicht einschchtern, das Alter
und tausend Hoffnungen, die fehlgeschlagen sind, haben ihn mitrauisch gemacht.
General Krukowiecki ist der wackerste Pole. Niemand kann es wagen, strenge
Maregeln gegen die demokratische Jugend zu nehmen; wir haben die Revolution
begonnen, wir halten sie aufrecht, Volk und Armee sind fr uns.
    Valerius war nicht recht bei der Sache, der alte Graf und manches andere
beschftigte ihn. Der junge entzndete Pole bemerkte es indessen nicht, er
disputierte noch eifrig weiter, und sie schritten in der langen Zimmerreihe auf
und ab. Es fiel Valerius auf, in den vom Gesellschaftssalon entferntesten
Zimmern grere Pracht, behaglichere Einrichtung zu finden. Im letztens Gemache,
das ohne eigenes Licht und nur von dem daranstoenden beleuchtet war, stand ein
prchtiges Bett, geheimnisvoll versteckt von rotseidenen Vorhngen. Es stieg
eine flsternde, behagliche Ahnung auf in ihm, er lftete die Gardine im
Vorbergehen ein wenig und erblickte an der Wand ein kleines Gemlde. Die
Dmmerung lie es nicht genau sehen, aber Valerius glaubte es zu erkennen. Auf
Grnschlo hatte er einst ein kleines Bild gemalt; es stellte eine
Gebirgslandschaft dar, an dem Bach im Vordergrunde sitzt ein Bauernmdchen und
sieht mit sehnschtigem Blicke in die Bergschluchten hinein, wo sie sich ffnen
und das Bild sich in eine dmmernde Ferne verliert. Er wute nicht mehr, wo das
Bild hingekommen war, in diesem Augenblicke glaubte er, es gesehen zu haben.
Aber er konnte nicht rasten, da sein Begleiter umkehrte und nach dem vorletzten
Zimmer zurckschritt. Eine schmeichelnde Unruhe bemchtigte sich seiner, es
hielt ihn fest in diesen Zimmern, und er zog Stanislaus auf ein Sofa. Auf einem
Tische vor demselben lag eine groe Mappe, und whrend der junge Pole allmhlich
in seine sinnende Schweigsamkeit versank, bltterte Valerius unter den Gemlden
und Kupferstichen, welche er in der Mappe fand. Eine versteckte Seitentasche
fiel ihm auf, und er zog ein kleines Blatt Papier heraus, das mit Versen
beschrieben war. - Er hatte sie selbst geschrieben, diese Goetheschen Verse:

Geh den Weibern zart entgegen,
Du gewinnst sie auf mein Wort;
Und wer rasch ist und verwegen,
Kommt vielleicht noch besser fort;
Doch wem wenig dran gelegen
Scheinet, ob er reizt und rhrt,
Der beleidigt, der verfhrt.

Die beiden letzten Verse waren unterstrichen. Aber diese Striche rhrten nicht
von ihm her. Es ward jetzt ganz klar in seiner Erinnerung: er hatte diese Worte
eines Nachmittags im Grnschlo gesprochen, als die Rede auf Liebe und
Liebesbewerbungen gekommen war, und die Frstin hatte ihn gebeten, sie
aufzuschreiben.
    Nachdenkend hielt er das Blatt in der Hand; damals hegte er sogar einen
Widerwillen gegen das kecke Wesen der Frstin, sein Herz war damals erfllt mit
Kamillas Reiz, alles brige berhrte ihn nicht.
    Da rauschte ein Gewand, Konstantie trat ins Zimmer. Es hatte sich im Salon
ein Streit erhoben ber ein franzsisches Buch; ihn zu enden, war sie nach ihren
Gemchern geeilt, um das Buch zu holen.
    Valerius sah sie mit groen Augen an, ein trumerisches Nachsinnen lag in
ihnen, das Blatt hielt er noch in der Hand. Eine flchtige Rte stieg in
Konstantiens Gesicht, sie griff nach dem Blatte und berhrte dabei seine Hand.
Ein ses Gefhl weckte ihn aus dem Nachdenken.
    Pfui doch, wie unartig, meine Mappe durchzustbern! Wie kommen Sie denn
berhaupt in meine Zimmer? Und wer hat denn jene Tren geffnet?
    Sie warf hastig die Flgeltre ihres Schlafzimmers herum. Unterdes kam auch
Hedwig herbeigesprungen, schalt Stanislaus, da er sich von ihr und der
Gesellschaft entferne, und zog ihn fort. Die beiden Deutschen waren allein.
Koustantie ging nach einem Winkel des Zimmers. Unartiger Mensch, helfen sie mir
ein Buch finden.
    Er sprang hinzu - sie nannte aber keinen Titel und sah zerstreut unter die
Bcher. Der leichte Schatten von Verlegenheit, welcher sich ber ihr Wesen
verbreitete, gab diesem glnzenden Wesen einen um so hheren Reiz, je seltener
er an ihr wahrzunehmen war, je mehr er gegen das Herrschende und Imponierende
ihrer Erscheinung zu kontrastieren schien. Ihre rechte Hand tastete wie suchend
auf den Bchern umher, die linke strich leise an den Falten des Gewandes
entlang. Diese weie Hand schien alle ihre auergewhnliche Unsicherheit
auszudrcken. Valerius ergriff sie leise, die weichen, warmen Finger setzten
noch einen Augenblick die Bewegung fort und schienen ebenfalls unschlssig zu
sein, ob sie sich dem Fremden ergeben sollten. Aber sie wurden still, und kaum
merklich wuchs ihre leichte Schwere von Sekunde zu Sekunde. Nur als sie der Mann
zu seinen Lippen aufhob, glaubte er ein leises Beben in ihnen zu verspren.
    Valerius fhrte die Hand von den Lippen auf seine Wange, die warme Hand an
die heie Wange - er schwieg, sie schwieg, ihr Kopf wendete sich nicht zu ihm,
aber er sah ihr Herz strmisch klopfen.
    Aus den vorderen Zimmern her kam Gerusch; da wendete sie sich pltzlich zu
ihm; ein unbeschreiblicher Ausdruck von Wehmut, Glck und Innigkeit lag darauf,
feucht glnzten ihre Augen, jene vermittelnde Hand legte sich eng und fest in
Hand und Wange des Mannes, er fhlte ihr heies Antlitz an dem seinen, ihren
Mund auf seinem Auge, und fort war sie, dahin flog sie durch die Zimmer.
    Hat sie nicht Liebster gesagt, leise, ganz leise, als sollte ich es selbst
nicht hren? sprach er ebenso leise.
    Er konnte sich lange von der Stelle, von dem Zimmer nicht trennen, und
Liebster,Liebster flsterte er vor sich hin.
    Als er in den Salon kam, lachte und scherzte man noch darber, da die
Frstin ein falsches Buch gebracht und dann eiligst ein Recht aufgegeben habe,
was sie kurz vorher so hartnckig verteidigt.
    Sie sa in einer holden Verwirrung da, und die Nachbarn des Deutschen
flsterten einander zu: Sie wird alle Stunden schner.
    Valerius war so munter und ausgelassen, wie man ihn noch nicht gesehen
hatte; er scherzte und tndelte ohne Aufhren mit Hedwig, die mehr als einmal
zur Frstin sagte: So liebenswrdig ist Ihr Landsmann noch niemals, niemals
gewesen. Konstantie lchelte wie das verborgene Glck und sah einen Augenblick
auf Valerius. Es hing dann vor ihren Augen ein dnner Flor, durch welchen eine
unendliche Seligkeit drngen zu wollen schien. - Als der Salon leer geworden,
fiel es ihr ein, da sie ihm Briefe aus Deutschland mitgebracht habe; sie ging
fort, und als sie wieder kam, trat ihr Valerius einige Schritte entgegen. Sie
gab ihm die Briefe und sagte mit jener leisen, die Seele bewegenden Stimme: Ich
liebe dich unsglich.

                                      19.


Der Wind trieb die Wolken wie ein scheltender Herr sein Gesinde am Himmel umher.
Sie flogen scheu unter dem Monde und den Sternen hinweg. Valerius glaubte aber
auch ohne dies, Sterne und Himmel bewegten sich im Tanze, als er aus dem Palaste
trat. Die Bewegung des Herzens macht alles beweglich, und es gibt keinen
schneren Sturm im Menschen, als wenn eine Liebschaft ihre Knospe schwellt, und
wenn diese das Geheimnis ihrer Blume zu heben beginnt. Das sind die Momente der
Himmelsahnung, welche uns die Gottheit gelassen hat fr drre unerquickliche
Steppen von freudlosen Jahren, es sind die Zisternen unserer Lebenswste, die
immer einige Tropfen frisches Wasser bewahren, mag es noch so hei um uns
drngen. Solche Momente sind's gewesen, welche den Menschen zum ersten Male den
stolzen Glauben erzeugt haben, sie seien gotthnliche Wesen.
    Valerius flchtete wieder zu seinem geliebten Strome hinaus, heute mit
seiner Lust. Heim konnte er nicht, das Zimmer war zu enge fr sein Herz, denn es
ist eine mehr als figrliche Redensart, da das Herz sich ausdehnt von groen
Gefhlen - man braucht wirklich mehr Raum, und in einer kleinen Stube kann man
nicht soviel Glck ausstrmen als in freier Luft.
    Khles, unparteiisches Wasser, heut' beneide ich dich nicht! rief er aus.
Aber er gestand sich's eigentlich selbst nicht genau, was ihn beglcke, er
hllte es in das groe himmelblaue Wort Liebe. Und der Liebe, jeder Liebe,
meinte er, drfe man sich immer freuen, sie sei der Herzensodem des Lebens. Der
kleine vorlaute Gesell in seinem Busen, mit dem kritischen, verdrielichen
Angesichte kam heute nicht zur Audienz mit seinem Geflster. Umsonst sprach er
von der schnen Konstantie auf Grnschlo, wo dem Herrn Valerius die bloe
freundliche Zuneigung derselben Dame strend, lstig gewesen sei. Er ward
berhrt. Liebe berwltigt wie die Sonne, ohne zu fragen und zu beachten, ob
man sie gewollt.
    Es war schon spt am andern Vormittage, als Thaddus seinem Herrn einige
Briefe aufs Bett legte. Sie steckten in der Brusttasche des Rockes, Herr, und
waren schon so zerknittert.
    Valerius erkannte in der Aufschrift des einen Kamillas Hand, und sein Rausch
verflog wie die Gltte des Wasserspiegels von einem Luftstoe. Langsam
entsiegelte er den Brief und las und setzte ab, und las wieder, und die heien
Trnen liefen ihm ber das Gesicht.
    Warum schreibst Du uns nicht, Lieber? Bist Du krank? Hast Du ein schlecht
Gewissen? Nicht doch, es ist eine trichte Frage, diese zweite. Wir sind ja
einig darber geworden, da die Treue etwas Bessres ist, als was man so nennt.
Ihr Mnner fahrt durch die Welt dahin wie der Sturmwind, und der mu mehr Dingen
begegnen als wir mit unserer stillen huslichen Atmosphre. Aber der Offenheit,
der Mitteilung mut Du mich wrdigen, wie Du's versprachst; meine Liebe ist Dir
sicher wie der morgende Tag, nur der Tod endigt fr mich beide auf dieser Erde.
    Ich lebe still und gedankenreich mit Dir hin. Des Morgens bin ich frh auf
und lese Deine englischen Bcher; sie sind mir sehr lieb mit ihrem schweren
trben Sinne, denn es kommt mir manchmal unrecht vor, da ich noch soviel lachen
kann, seit Du fort bist. Ich kann mir aber nicht helfen, da die Welt soviel
komische Dummheiten hat. Zuweilen bin ich mitten im Weinen, da ich Dich
verloren habe, da passiert irgend etwas Lcherliches, und ich lache samt meinen
Trnen. Du mut mich schon gewhren lassen, ich trage auch jetzt die Haare so,
wie Du es gern mochtest. Du wrdest Dich gewi freuen, wenn Du einmal pltzlich
eintrtest; viel, viel artiger bin ich als sonst.
    Der Graf hat einmal Deinetwegen an den Obersten Kicki geschrieben und
entweder gar keine Nachricht erhalten oder eine traurige. Ich glaube, er und
Alberta halten Dich fr tot; es ist wunderlich, da mich das gar nicht
beunruhigt. Damals, nach Deinem Duell, hab' ich so sehr fr Dich gezittert,
jetzt frcht' ich dergleichen nicht im mindesten. Ich knnte einen Eid darauf
ablegen, da Du noch lange, lange leben wirst - es ist noch zuviel Zukunft in
Dir. Sieh, wie besonders ich mich ausdrcke; es ist noch aus der alten Schule.
Und dann - gewi kndigte sich mir's irgendwie an, wenn Dir so etwas Schlimmes
begegnete. Daran glaube ich nun einmal fest, ganz fest. Ich bin fast den ganzen
Tag bei Dir, es mte ein Ruck eintreten - nein, nein, la mir den Aberglauben
meiner Mutter, da die herzlichsten Gedanken der Menschen durch die ganze Welt
zusammenhngen, da ein aparter Engel dazu angestellt ist vom lieben Gott, der
das Gewebe ordnet und hlt und wie der Himmelspostmeister die gegenseitigen
Nachrichten besorgt. Ach, was mach' ich dem armen Engel zu tun!
    Aber, aber, der Frstin Konstantie, die meinen Brief besorgen will, trau'
ich nicht ber den Weg, was Dich schlimmen Gesellen anbetrifft. Du bist zwar
fein ernsthaft und ehrbar, aber stille Wasser sind tief, und ich frchte am
meisten, da Dein Herz Beschftigung braucht. Wir Frauenzimmer sehen in solchen
Dingen schrfer - ich denke mit Schrecken an die schnen Augen Konstantiens,
wenn sie auf Dich fielen. Es war nicht jene Leidenschaft in ihnen, die wir an
ihr scheuten, sie waren sanft und milde, aber es lagen Wnsche - bin ich nicht
recht einfltig, Dich selbst aufmerksam zu machen. Ach, liebe, ksse, sei
glcklich, mein Herz, mein Blut, o, mein Valerius, den ich liehe, liebe so ganz
und gar. Aber ich bin ja Dein starkes Mdchen nicht mehr, Du wirst mir alles
erzhlen, und mich immer mitlieben. Ja?
    Nach diesem Briefe war es um die Entzckungen vom vorigen Abende geschehen.
Er glaubte, errten zu mssen vor sich selbst, solch einer Liebe nicht allein,
ungeteilt anzugehren. Mochten auch all seine Gedanken und Philosopheme ber
Liebessachen lchelnd ihre Stimme erheben, mochten sie ihn schelten, da er
einer alten eingelebten Gewohnheit seine berzeugung opfere, da es tricht sei,
zu darben, um romantischen Grillen zu gengen - er lie sich nicht besiegen und
ging nicht mehr zur Frstin.
    Das Herz allein ist der Richter in solchen Dingen, sprach er, und mein
Herz duldet es nicht.
    Aber es waren schmerzhafte Tage, welche trb und langsam vorberschlichen.
Stanislaus besuchte fters seinen Freund und machte ihm die lebhaftesten
Vorwrfe, weil er das Haus seines Vaters nicht mehr besuche, der so herzliches
Interesse an ihm nehme. Hedwig fragte zehnmal des Tages nach Ihnen, und
Konstantie hat sich zweimal ngstlich erkundigt, ob Sie krank seien. Es ist ein
rechter Jammer mit euch empfindsamen Deutschen, und mein guter Vater leidet arg
darunter: Konstantie kommt nun auch seit mehreren Tagen nicht mehr aus ihrem
Zimmer, und der Salon ist ohne Mittelpunkt. Sie schtzt Unwohlsein vor und
Trauer um den Tod ihres Gemahls. -
    Ist der Frst gestorben?
    Allerdings, aber das wute sie schon an jenem Abende, als Sie das letztemal
bei uns waren, und da hat man ihr kein Herzeleid angesehen. Der schwachkpfige
Mann ist ihr immer sehr gleichgltig gewesen, und sie ist viel zu stolz, eine
erheuchelte Trauer zu zeigen. Meine kleine harmlose Hedwig ist auch bel davon
betroffen. Bei dem rauhen, wenig geliebten Vater und der schweigenden Gromutter
den ganzen Tag zu sitzen wird ihr jetzt schwer, da sie die letzten Tage reger
Geselligkeit verwhnt haben. Neben Konstantie konnte sie den grten Teil des
Tages bei uns sein, und jetzt hat die launische Frau pltzlich keine Zeit fr
sie. Kommen Sie, Freund, trsten Sie uns.
    Valerius entschuldigte sich auf das herzlichste. Er habe traurige Briefe
bekommen, er tauge jetzt nichts fr Gesellschaft. Aber der Freund kam alle Tage
wieder, die Einsamkeit wurde auch dem deutschen Trumer lstig und langweilig,
und da die Frstin noch immer nicht aus ihrem Zimmer ging, er also ihre
Begegnung nicht zu frchten hatte, so gab er eines Abends dem Drngen des
Freundes nach.
    Die schnen Sle und Zimmer kamen ihm de vor, da die beiden Frauen fehlten,
und wenn er im Gesprch bis an die Tren Konstantiens kam, so hielt er seinen
Begleiter oft unwillkrlich einen Augenblick fest und lauschte mitten im
eifrigen gedankenlosen Sprechen, ob er kein Lebenszeichen aus den Gemchern
vernehme. Das Bild der schnen Frau, die in Trauer versunken Tag fr Tag einsam
in jenen hohen schweigsamen Zimmern sa, trat oft verstohlen vor seine Seele. Er
glaubte sie in schwarzseidenem Gewande mit aufgelstem Haare auf dem Futeppich
sitzen zu sehen, das blendende Wei der Arme und des Busens sah verwundert auf
die traurige Farbe des Kleides, und das Gesicht hatte den erschtternden
Ausdruck einer verlassnen Knigin, die ber Nacht von allen denen verraten
worden ist, welche noch am Abende ihren Winken gehorchten.
    Er ging spt nach Hause, denn der Ort, wo er ihr nher war, dnkte ihm doch
noch besser als sein fernes einsames Zimmer; eine finstere, schweigende Nacht
hing wie ein schwarzer Mantel in den Straen. Die Fensterreihe der Frstin, nach
welcher er ausblickte, war ohne Licht, nur in den letzten Zimmern dmmerte eine
schwache Helle. Lange blieb er stehen, vielleicht hoffte er, die Gardinen wrden
sich bewegen, und jene hohe Gestalt wrde sich zeigen, aber er wute es selbst
nicht, was er hoffte und ob er hoffte.
    Es kamen mehr solche Abende, und sein Wesen wurde immer unruhiger und
ungeduldiger. Nur zu deutlich erkannte er, da es nicht an Umgebung und
Gesellschaft liege, wenn er die Zeit nicht hinzubringen wisse, denn lesen und
denken und denken und lesen kann man nur bei ruhigem Gemte. Er gestand sich's
langsam, es fehle ihm Liebe, und zwar Konstantie.
    Wohl denn, rief er aus, als er eines Abends wieder mivergngt und
unruhvoll aus dem Palais des Grafen schritt, wohl denn: das Herz hat mich
gehindert, das Herz treibt mich jetzt, ich werd' ihm ewig folgen. - Gleich als
ob er einen groen Sieg errungen habe, als ob er von einer schweren Krankheit
durch einen pltzlichen Himmelsstrahl genesen sei, schritt er ber die Strae,
um von der andern Seite nach jenen letzten Fenstern zu schauen, wie er alle
Abende getan. Heut aber sah er mit leuchtenden Augen hinauf, und das Bild der
trauernden Knigin hatte sich verwandelt, und er glaubte das schne Weib schon
in den Armen zu halten. Alles drngte ihn, ihr zu sagen, was in seinem Herzen
vorginge, sogleich, im Augenblicke, keine lange Nacht des Zweifels und Harrens
sollte sich dazwischen legen. Und whrend er noch sann und dachte, wie das zu
bewerkstelligen sei, da erhob sich seine Stimme, und er sang ein altes Lied. Sie
mute es kennen: in jener warmen Liebeszeit auf Grnschlo, wo alles mit Kssen
in den Augen und auf den Lippen durcheinander lief, da hatte man es oft in
stillen Abendstunden aus den Gebschen des Gartens dringen hren.
    Es regte sich nichts in der Strae, und sie mute in ihrer Abgeschiedenheit
seine Stimme klar und deutlich vernehmen.

Herz, mein Herz, was soll das geben?
Was bedrnget dich so sehr?
Welch ein fremdes, neues Leben!
Ich erkenne dich nicht mehr.
Weg ist alles, was du liebtest,
Weg, warum du dich betrbtest,
Weg dein Flei und deine Ruh' -
Ach, wie kamst du nur dazu!

Fesselt dich die Jugendblte,
Diese liebliche Gestalt,
Dieser Blick voll Treu' und Gte,
Mit unendlicher Gewalt?
Will ich rasch ihr mich entziehen,
Mich ermannen, ihr entfliehen,
Fhret mich im Augenblick,
Ach! mein Weg zu ihr zurck.

Und an diesem Zauberfdchen,
Das sich nicht zerreien lt,
Hlt das liebe, lose Mdchen
Mich so wider Willen fest;
Muh in ihrem Zauberkreise
Leben nun auf ihre Weise -
Die Verndrung, ach, wie gro!
Liebe, Liebe, la mich los.

    Das Licht in Konstantiens letzten Zimmern verlosch bis auf einen matten,
kaum sichtbaren Schein. Der Snger glaubte die Gardine sich bewegen zu sehen,
aber die Dunkelheit war zu gro, um etwas genau unterscheiden zu knnen. Darber
konnte er sich aber nicht fglich tuschen, da in den noch erleuchteten Slen
ein Fenster geffnet und der Vorhang in die Hhe gezogen wurde. Ein
Lichtschimmer fiel auf die Strae, oben am Fenster sah Valerius den alten Grafen
mit seinen weien Locken erscheinen, und es war ihm, als mache der alte Mann
eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Der Snger war aber im bermute seiner
erwachenden Leidenschaft und seines Liedes - es ist auch schwerer, als viele
glauben, vom Singen zum pltzlichen Verstummen berzugehen - und er wiederholte,
die Strae hinabschreitend, die Schluverse:

Die Verndrung, ach, wie gro!
Liebe, Liebe, la mich los.


                                      20.

Am andern Tage ritt er durch dieselbe Strae. Niemand war an den Fenstern zu
sehen, die Gardinen in Konstantiens Zimmern hingen wie Tagsgespenster hinter den
Scheiben, obwohl es beinahe Mittag war. Valerius wurde verdrielich und dachte
einen Augenblick daran, als er vom Spazierritt nach Hause gekommen war,
Konstantien zu schreiben. Aber er verwarf den Gedanken schnell. Konnte nicht das
ganze Verhltnis, das er sich mit ihr gebildet hatte, eine Tuschung sein,
wenigstens zur Tuschung gemacht werden? Er kannte die Frstin als ein beraus
stolzes Weib, sie war ihm mit einem berschwellenden Herzen entgegengekommen, er
hatte sich zurckgezogen; nein, er konnte nicht schreiben, die Furcht seines
Stolzes lie es nicht zu. Und doch gestand er sich's, da es keinen Stolz geben
knne der wirklichen Liebe gegenber.
    Sein Herz hoffte aber zuversichtlich, sie werde diesen Abend in der
Gesellschaft erscheinen, er werde sie sehen und sprechen.
    Da trat Manasse in sein Zimmer, eine unerwartete Erscheinung. Valerius hatte
ihn nicht mehr gesehen, seit er in Warschau war, und es kam ihm vor, als sei der
alte Mann in dieser kurzen Zeit auffallend gealtert, seine Zge erschienen ihm
noch spitzer, die Augen noch tiefer, dem Grabe immer nher sich zukehrend.
Herr, sprach der Alte, mein Sohn Joel ist krank, und sein Herz sehnt sich
nach Ihnen, lassen Sie sich hernieder, unter das Dach eines armen Juden zu
treten, vielleicht knnen Sie helfen meinem armen Joel, ich kann es nicht.
Seine Arme, die er whrend des Redens erhoben hatte, sanken schlaff zurck, der
Kopf neigte sich auf die Brust, der lange Bart zitterte, und das blagelbe
Gesicht ward von jenem zerbrochenen Ausdruck des Schmerzes berzogen, der einer
vlligen Gefhllosigkeit hnlich sieht.
    Valerius war sogleich bereit, und auf dem Wege fragte er den Alten, was Joel
fehle. Er fragte um zu fragen, obwohl er die Krankheit mit all ihrer Schwere zu
kennen glaubte. Manasses vergrabene Augen stiegen bei dieser Frage herauf aus
ihren Hhlen, und sahen mit einem entsetzlichen Ausdruck nach dem Himmel - mit
der Hand wies er auf eine schwarze Wolke, welche die Sonne bedeckte. Adonai
wei es, sagte er mit leiser, aber entsetzlicher Stimme, und nach einer Weile
setzte er wie in Geistesabwesenheit hinzu: Was wollen wir klagen? Adonai leidet
gleich uns, und alle Nchte weint er auf den Trmmern Zions voll Reue und Gram,
brllend wie ein Tiger, und in Verzweiflung, sich auf immer mit seinem Volke
berworfen zu haben - was wollen wir klagen, die ganze Welt ist ein Wehe - -
ach, mein Sohn Joel!
    Mit einem leisen Schauer hrte Valerius diese talmudistischen Dinge und
schritt hastig vorwrts, in eine Strae hinein, welche grtenteils von
Israeliten bewohnt schien. Juden, die ihnen begegneten, sahen mit einem Gemisch
von Scheu und Ehrfurcht auf den alten Manasse - er trat in ein kleines Haus,
durchschritt den Hof hinter demselben, wand sich durch mehrere Gnge des
Hintergebudes und ffnete endlich die Tre eines kleinen abgelegenen Zimmers.
Obwohl es noch heller Tag drauen war, brannte doch hier eine Lampe; man sah
nirgends ein Fenster, Joel lag auf einem alten Sofa, das mit einem schwarzen,
jetzt abgeriebenen Seidenstoffe berzogen war. Sein Gesicht war in die Kissen
gedrckt, und er gab kein Lebenszeichen von sich.
    Mein Sohn Joel, sprach Manasse mit jener leisen geisterhaften Stimme, er
ist da, jener Mann aus Deutschland, den du hltst fr deinen Freund.
    Joel wendete sich herum und streckte die Hand nach Valerius aus - sein
Gesicht, halb bedeckt von den langen, lockigen Haaren, sah zerstrt aus wie eine
verwstete Kirche, wie ein schnes Gemlde, von dessen Antlitz man das Leben
ausgetilgt hat durch eine darber gestrichene weie Farbe.
    Valerius erschrak im Innersten, und die feuchte kalte Hand pressend fragte
er bekmmert, was ihm fehle, was er fr ihn tun knne. Joel warf einen bittenden
Blick auf seinen Vater.
    Warum soll ich es nicht hren, Joel, sprach dieser, was dich danieder
wirft, ich bin auch jung gewesen und habe gelitten wie du - aber ich will gehen,
wenn der Herr mir gut steht, da dir kein Unglck begegnet, whrend ich fern bin
- Joel, mein Kind, verlasse nicht frhzeitig deinen alten Vater.
    Langsam ging der Alte hinaus, und man hrte es, wie er sich unweit der Tre
auf den Boden setzte.
    Sie sind der einzige Mensch, begann Joel mit schwacher Stimme, der mein
Elend ermessen, mit dem ich darber sprechen kann. Ich glaubte nur die Wahl vor
mir zu sehen zwischen einem schnellen Tode oder dem Ausschtten meines Herzens.
Die Gedanken und Gefhle tten mich, ich mu zum ersten Male in meinem Leben zu
jemand darber reden, vielleicht hlt das auf einige Zeit meinen Tod auf, den
ich meines Vaters wegen frchten mu, meines armen Vaters wegen. - Sie werden
keine absonderlichen Geheimnisse erwarten, Sie werden voraus wissen, da es sich
nur um ein kleines unbedeutendes Ding handelt, um einen ausgestoenen Juden, wie
mich. Aber ich wei, Sie fhlen das abscheuliche Unrecht der gesellschaftlichen
Einrichtung, ich wei, Sie sind ein klarer, unbefangener Mann, ein gebrochenes
Menschenherz ist Ihnen soviel als ein gebrochenes Land, fr das Sie das Leben
einsetzen - knnen Sie mich nicht trsten, so gibt es keinen Trost fr mich, und
ich kann meinem armen Vater nicht helfen.
    Nach dieser Einleitung erzhlte er ihm die Geschichte seiner Neigung zu
Hedwig. Sie hatte nichts Auerordentliches als die orientalische Glut, welche
sich in dem kleinsten Worte Joels abspiegelte, das er in dieser Beziehung
sprach, die aus dem tiefsten Leben dringende Leidenschaft, womit er das Mdchen
in alle Fasern seines Lebens verflochten hatte. Niemals war es zu einer
Erklrung gekommen von seiner Seite. Solange er Hedwig tglich sehen konnte,
wollte er nicht sein Glck auf das Spiel setzen - das Leben in der Stadt hatte
sie ihm vllig aus den Augen gerckt. Einmal hatte er es versucht, das Haus
ihres Vaters zu betreten - Hedwig war nicht daheim gewesen, der alte Graf hatte
ihn mit der ihm eigenen schnden Roheit behandelt.
    Es war ein schwerer Abend, als ich aus Hedwigs Hause trat, ohne sie gesehen
zu haben, und mein Gedchtnis die hlichen Worte des Vaters nicht vergessen
konnte. Sie trafen mich damals in der Nacht - ich hatte die Heimkehr meines
Mdchens erwartet, ich wollte nur ihren Schatten sehen. Und ach, mein Freund,
das waren noch glckliche Zeiten!
    Sehen Sie, es qulte mich zu Tode, ihre Augen nicht mehr sehen zu knnen,
und heute ging ich wieder hin in jenes Haus. Ich fand sie, ich sprach sie, ach,
und das Herz, das tiefgequlte, trat mir auf die Lippen, ich erzhlte ihr all
meine Freude, all mein Leid an ihr - Herr, ich lag vor ihr auf den Knien, und
bat um Leben oder Tod. Hedwig fuhr mir mit der Hand ber die Locken und bat
mich, nicht so heftig zu sein, und aufzustehen, Vater und Gromutter seien im
Nebenzimmer. Aber die Welt war fr mich verschwunden, ich lie ihre Hand nicht
mehr los und beschwor sie, zu mir zu reden, wie es das Herz ihr eingebe. Das
Mdchen war erschrocken, war gengstigt, ich fhlte es, wie ihre Hand in der
meinen zitterte; ich aber lie nicht ab von meinem Drngen, und da sprach sie
denn endlich zgernd und stotternd jene Worte -
    Joel hielt den Atem an, als msse alles Leben still stehen in seinem Krper,
er schlo die Augen, und drckte krampfhaft die Hand seines Freundes. Aber nach
einer kurzen Pause fuhr er mit gefater, aber noch leiserer Stimme fort:
    Hedwig sagte, sie habe mich gern, sie habe mich lieb, aber ich ngstigte
sie mit solcher Leidenschaft. Kurz - sie hat es nicht ausgesprochen, sie wei es
vielleicht selbst nicht, aber ich verstand es - das arme Mdchen wrde mich
lieben, wenn ich ein Pole wre - verstehen Sie, Freund, sie kann sich eines
leichten Schauers nicht erwehren, wenn sie daran denkt, ach, wenn sie daran
denkt, da ich ein Jude bin - -
    Gott im Himmel, du weit es, welch ein entsetzlicher Fluch gegen die ganze
Welt aus meinem Herzen stieg, aber der namenlose Jammer, der ber mich herfiel,
erstickte ihn. Noch hielt ich Hedwigs Hand fest, so fest, wie ich jetzt die
Ihrige halte, ich wollte sie dem tckischen Schicksale nicht frei geben, noch
lag ich vor ihr auf den Knien - da hrt' ich ein wunderbares Gekreisch hinter
mir, und die Henkersstimme des alten Grafen bringt mich zur Besinnung. Die
Flgeltre ist offen, wie der Hllenrichter sitzt er auf seinem Stuhle mitten im
andern Zimmer, die alte schwarze Grfin steht nicht weit von uns, ihre trockenen
Hnde sind wie zum Fluch erhoben - vorber, vorber, er hat nach den Bedienten
gerufen - ich habe den einen zu Boden geschlagen, Gott wei, ob er wieder
aufgestanden ist, und bin hierher geflohen in Manasses verborgene Zelle.
    Valerius fhlte die Unmglichkeit, hier zu trsten wie damals auf dem
Schlosse. Es handelte sich um ein tdliches Erbbel der Gesellschaft, und er
konnte wie ein freundlicher Arzt nur alles aufbieten, die Schmerzen zu lindern.
Joel mute sich aussprechen, ausklagen, austoben - die Zeit der Trnen war
vorber, aber jeder Schmerz ist wie alles Irdische, er erschpft sich durch sich
selbst. Und als Joels Krfte bis Flgel senkten, da erzhlte ihm Valerius alle
die verschiedenen Peinigungen, denen dieser und dieser und jeder Stand
ausgesetzt ist im Verhltnis zu dem andern, und wie es schwach und unwrdig sei,
solchen menschlichen Zuflligkeiten sein ganzes Wesen zu unterwerfen.
    Der Stolz war es aber just, welcher Joel ein wenig aufrichten konnte, denn
er hatte mehr als die Liebe sein Herz gebrochen. Auch ist ein edler Stolz in
vornehmen und unterdrckten Menschen noch strker als die Liebe. Sie knnen
weiter leben mit einem Herzen, das mit Liebesweh berfllt ist, aber sie gehen
unter, wenn man ihre Ehre und Wrde zerschlgt.
    Valerius suchte also seinen Freund auf einen Standpunkt zu erheben, von
welchem diese gesellschaftlichen Miverhltnisse klein, unbedeutend, lcherlich
erscheinen, er suchte ihm das ganze Gefhl eines denkenden Menschen
wiederzugeben, der leicht ber die Znkereien seines Tages, seines Jahrzehnts
hinweggeht. Joel besa eine groe, schne Seele, die den hchsten Gedanken
zugnglich war. Leiden erzeugen immer die Spekulation unserer inneren
Ttigkeiten, und sie erweitern den Geist. Joel hatte alles durchgedacht, und
jedes Wort des Freundes fand eine befreundete Sttte. Es kehrte wieder Wrme in
den Unglcklichen zurck, und als Manasse eintrat, war sein Sohn so weit
beruhigt, da er dem alten Vater die Hand reichen konnte zum stillen
Versprechen, er werde nichts Gewaltsames gegen sich unternehmen. Manasse herzte
und kte ihn und war ausschweifend in seiner Freude.
    Es war auch von Ihnen die Rede, wendete sich pltzlich Joel an Valerius -
der Alte schrie im Zorne, Sie munterten mich auf zu so frevelhafter
Dreistigkeit, Sie seien ein Jakobiner, trieben sich in nchtlichen
Verschwrungen herum, und man wrde dem fremden Landlufer das Handwerk legen.
    Das machte den widerwrtigsten Eindruck auf den Deutschen. - Indessen hielt
er es immer fr eine Hauptaufgabe der Bildung, die eigenen Interessen
zurckzudrngen, solange andere unsere Ttigkeit oder Teilnahme in Anspruch
nehmen. Er empfahl also Joel, sich zunchst in dem Versteck Manasses
aufzuhalten, bis er sichere Nachricht erhielte, ob die Szene bei Hedwig insoweit
glcklich abgelaufen sei, da der getroffene Bediente lebe oder nicht. Er,
Valerius, wolle sogleich zu dem Chef ihres Regimentes, dem Grafen Kicki, eilen,
um die militrischen Dienstverhltnisse so weit zu ordnen, da Joel in den
nchsten Tagen von dieser Seite her ohne Strung bleiben knne. So schied er.
    Zu seinem Erstaunen war es schon spter Abend, als er in die Straen
herauskam; es fiel ihm schwer aufs Herz, da er nicht fglich noch in das Haus
von Stanislaus' Vater gehen knne, da Konstantie, wenn sie gestern seinen
Gesang gehrt habe und heute wieder im Salon erschienen sei, vllig irre an ihm
werden msse, ja, da sie wohl gar glauben knne, er treibe seinen Scherz mit
ihr. Eben ging er an ihrer Wohnung vorber, es war finster in ihren Zimmern.
Unschlssig stand er einen Augenblick; aber Joels Angelegenheit war dringend -
er eilte weiter, seinen Oberst aufzusuchen.
    Graf Kicki empfing ihn ernst und kalt - ganz gegen seine Gewohnheit. Er war
schon unterrichtet durch Hedwigs Vater. Der Bediente lebe noch, setzte er hinzu,
aber der Vorfall sei von sehr trauriger Bedeutung. Sie knnen doch, sprach er
mit groer Schnelligkeit, Sie knnen doch, Herr von Valerius, unmglich soviel
moderne Bildung von uns verlangen, da wir unsere edlen Familien mit Juden
vermischen. Es steht mir kein Recht ber den jungen Mann zu, oder der Augenblick
ist wenigstens nicht geeignet, die Soldaten wegen ihrer Privatangelegenheiten
vor Gericht zu stellen, aber und das letzte sprach er mit unverkennbarer
Bezglichkeit, ich wnschte, nicht mehr solche aufklrende Individuen unter
meinem Regimente zu haben.
    Valerius war von dem heftigsten Zorne bewegt und kndigte dem Grafen mit
schnellen Worten an, da er fr die Ehre danke, mit Truppen zu fechten, welche
ihr Verdienst von der hheren oder niederen Geburt erhielten.
    Der Graf war berrascht und wollte sprechen, Valerius aber fhlte sich im
Innersten verletzt, er glaubte, all seine Grundstze am Herzen angegriffen zu
sehen, und berlie sich rcksichtslos einer Wallung, wie sie auch dem
besonnensten Menschen dieser Art aufsteigt, wenn ihn ein Wort aus allen
Tuschungen rttelt. Und dergleichen hatte er am wenigsten bei einer
Revolutionsarmee wie die polnische erwartet.
    Sie haben mich, Herr Graf, einstweilig des Dienstes entlassen, ich scheide
nun fr immer aus Ihrem Regimente. Nimmermehr htte ich diese Art, ber Soldaten
zu urteilen, bei einem Heere erwartet, dessen alter Kern noch unter Napoleon
gefochten. Bonaparte, Herr Graf, war ein armer korsikanischer Junker, Bonaparte
hat nie danach gefragt, was Junot, Bernadotte, Ney gewesen, bevor sie Soldaten
wurden; die Sbel, Herr Graf, und die Fhigkeit haben seine Marschlle
geschaffen, in gypten war er Muselmann, und htte er Juden zu unterwerfen
gehabt, er wre in die Synagoge gegangen, er hat nie danach gefragt, auf welche
Weise seine Soldaten zu ihrem Gott beteten. Ich wnsche es von Herzen, aber ich
glaube es kaum, da Sie mit diesen aristokratischen Bedenklichkeiten eine
glckliche Revolution machen.
    Damit wendete er sich zum Abgehen. Der Graf trat ihm aber in den Weg und
nahm ihn bei der Hand.
    Sie irren sich, Herr von Valerius, wenn Sie mich fr einen Aristokraten
halten, ich bin nichts weiter als ein Pole und ein Soldat. Haben Sie recht mit
Ihrem Argwohn, so bin ich unschuldig, denn ich wei nichts von solchen Dingen
und frage nicht danach. Aber ich glaube nicht, da es gut ist, alle Unterschiede
niederzuwerfen - Sie sollten sich nicht das Leben verbittern, Herr von Valerius,
mit solchem Zeuge, Sie sind ein rascher, frischer Krieger, ein gebildeter Mann,
was kmmern Sie sich um andere Dinge! Ich war hitzig, die Geschichte mit
Frulein Hedwig hatte mich aufgebracht, man nennt Sie einen Jakobiner; aber
lassen Sie uns beisammen bleiben und weiter zusammen fechten. - Apropos! ein
Graf von Topf aus Deutschland hat einmal an mich geschrieben Ihretwegen, ich gab
ihm unbefriedigende Nachrichten, die ungefhr so ausgesehen haben mgen, als
seien Sie bei Grochow geblieben - bringen Sie den Mann aufs reine, ich habe im
Drang der Dinge fortwhrend vergessen, Ihnen davon zu sagen. - Und nicht wahr,
wir fechten noch zusammen?
    Valerius gab ihm keine bejahende Antwort, er war noch zu heftig in
Aufregung. So schieden sie rasch, und beide Teile waren unbefriedigt.

                                      21.


Valerius unterrichtete des andern Tages Joel beizeiten, da uerlich nichts zu
besorgen sei. Dieser war in der erzrnten, halb grimmigen Stimmung, welche jener
den Tag vorher mit Eifer entzndet hatte. Sie ist der beste Schutz krftiger
Menschen gegen die unleidlichen konventionellen bel, und sie ermunterte Joel
auch sogleich, wie sein Freund das Regiment zu verlassen. Wir finden einen
freundlichen Tod, sagte er, beim alten Dwernicki - dorthin lassen Sie uns
gehen, dort gibt's keine Aristokraten fr Sie - und fr mich - ach, fr mich
ist's berall gleich, aber die Jugend, die unter Dwernicki fechten will, ist
doch besser, ihr Blut ist noch natrlicher, und die Natur kennt keinen Ha.
    Valerius eilte nun zu Stanislaus - er war nicht zu sprechen - der alte Graf
ebenfalls nicht - die Frstin war den Abend vorher zum ersten Male wieder im
Salon erschienen. O, in welch einer verworrenen Stimmung eilte er hinweg! Was
mute Konstantie von ihm denken, wie tief mute sie sich gekrnkt glauben.
Sollte er schreiben? Nein, das war ihm nicht mglich - das Hoch und Niedrig,
Vornehm und Gering sprang so wild in seinem Kopfe herum, da ihm das Schreiben
an die Frstin wie ein Hinterhalt vorkam, in welchen er mit all seinem
Brgerstolze fallen knnte wie der arme Joel. Sind wir einmal aus dem
Regelmigen aufgeschreckt, dann sehen wir in allen Ecken Feinde. Und Stanislaus
und sein Vater - sie hatten sich sicherlich verleugnen lassen - wie konnte ich
einen Augenblick vergessen, da sie keine Deutschen sind mit all ihrer
Sanftmut!
    Das Leben in diesem Zustande ward ihm unertrglich; wenn sich das Verhltnis
zu Stanislaus und seinem Vater so feindlich ausbildete, wie er glaubte, da es
jetzt angefangen habe, so war ihm der Weg zu Konstantien versperrt. Von der
Armee hatte er sich geschieden, was hatte er nun in Polen noch zu schaffen? Aber
der Gedanke war ihm ebenso unertrglich, jetzt zu entscheiden. Alle Interessen
seines Geistes und Herzens htte er in unvollkommener Halbheit nach Deutschland
gebracht.
    In dem unbehaglichsten Aufruhr seiner Gedanken und Wnsche kam er in seine
Wohnung. Magyac trat ihm mit traurigem Gesicht entgegen: Herr, Sie wollen nicht
mehr mit uns fechten?
    Woher weit du das?
    Nach einigem Zgern erzhlte er, da es ihm der Bediente des Grafen
Stanislaus gesagt habe. Er hat den jungen und den alten Herrn Grafen sehr
heftig darber sprechen hren, auch von Joel ist die Rede gewesen, und der alte
Herr hat dem jungen heftige Vorwrfe gemacht, da er unbesonnen sein Vertrauen
und seine Freundschaft wegwerfe. Herr, es ist einer wie der andere von unseren
Edelleuten, wenn auch in manchen Stunden einer besser aussieht als der andere,
und ich wrde nicht von Ihnen gehen, Herr, wenn Sie noch mit uns fechten
wollten.
    Du willst mich also verlassen?
    Ja, Herr, ich bin ein Pole.
    Valerius fhlte eine Art Kitzel der Trauer darin, da ihm pltzlich alles
untreu wrde. Er reichte dem Thaddus die Hand und schenkte ihm seine Brse,
ohne zu bedenken, da es der letzte Rest seiner Barschaft sei.
    Leb' wohl, Magyac, du bist noch der Ehrlichste von allen.
    Thaddus kte ihm heftig die Hand, eine ungewhnliche Rhrung trat auf sein
Gesicht: Herr, Sie sind gut, lassen Sie mich so lange hier bleiben, bis Sie aus
Warschau gehen, jetzt gibt es doch noch nichts zu tun.
    Diese stillschweigende Voraussetzung des einfachen Bauers, da sein Herr
Warschau verlassen msse, wenn er nicht mehr fechten wollte, ergriff diesen
heftig. Er fhlte sich unglcklich, verlassen, beleidigt, und da er nicht wute,
wen er direkt anklagen sollte, so htte er am liebsten weinen mgen wie ein
ungezogenes Kind.
    So schnell wechseln die Dinge, da er es heut war, welcher Joel aufsuchte,
um einen Freund zu sehen. Einer wollte den andern zerstreuen, und sie strichen
planlos Arm in Arm durch die Straen. Stanislaus und sein Vater fuhren rasselnd
an ihnen vorber, Valerius bemerkte sie zu spt, um zu gren, sie selbst hatten
keine Anstalt dazu gemacht.
    Hoffen Sie wirklich, sprach Joel, mit diesen Leuten noch in Verbindung zu
bleiben, nachdem Sie sich meiner angenommen, nachdem Sie Ihr Regiment verlassen
haben? O wie wenig kennen Sie meine Landsleute, im Patriotismus liegt all ihre
Tugend, und wenn sie andere edle Gefhle zeigen, so entspringen diese nur aus
einem nahen oder fernen Zusammenhange mit diesem Patriotismus. Alle Nationalitt
ist eine Gattung Egoismus, und die unsere vollends. Und haben Sie denn
vergessen, da Hedwig des jungen Grafen Verlobte ist? Gewi, Sie haben es
vergessen, weil er keine Zeit hat fr das arme Mdchen, weil Sie nie etwas von
Lieb' und Teilnahme an ihm bemerkt haben - aber Freund, sie ist seine Verlobte,
und Sie haben einen zudringlichen, niedrigen Liebhaber derselben in Schutz
genommen, Sie gehen eben mit ihm Arm in Arm ber die Strae. Sie haben in seinen
Augen ein Sakrileg begangen, Sie haben seinen Stand und die kurze flchtige
Freundschaft verletzt - er kennt Sie nicht mehr, wenn er Ihnen begegnet.
    Joel war strker geworden, seit er seinen Freund unter Miverhltnissen
leiden sah, in denen er hnlichkeit mit den seinen zu finden glaubte. Es war ihm
eine Trstung, nicht allein von der Gesellschaft mihandelt zu werden, und sein
Liebesjammer verstummte vor den Kmpfen um Ehre und Existenz, die ihm Geist und
Herz bewegten.
    Sie traten in ein Kaffeehaus, berall hrte man Entrstung ber die
Unttigkeit der Regierung, alles politisierte, las Zeitungen, sprach vom Kriege.
Valerius kam sich vor wie ein abgeschiedener Geist, der nichts mehr
mitzusprechen habe ber irdische Dinge. In seinem Schrecken ward er jetzt auch
inne, da er von allem Gelde entblt sei, er mute Joel in Anspruch nehmen und
vorgeben, seine Brse vergessen zu haben. Es fiel ihm pltzlich schwer aufs
Herz, was daraus werden solle; Joel htte gewi leicht Rat geschafft, aber er
konnte ihm nichts sagen. Gerade dessen ble Stellung zur Gesellschaft hielt ihn
ab, etwas zu tun, worin er sonst einem Freunde gegenber nicht das mindeste
Bedenken gefunden htte. Er hat keinen einzigen Freund als mich, dachte er, und
der Arme knnte einen Augenblick glauben, ich stnde neben ihm, weil ich sein
Geld brauchte.
    Es war ein fataler, bertriebener Gedanke, den aber wohl die Situation
entschuldigte.
    Valerius hatte nirgends Ruhe, und Joels Vorschlag, ins Theater zu gehen, kam
ihm gelegen. Er war aus dem Hause getreten und wartete auf Joel. Da ritten zwei
Damen an ihm vorber; es waren Hedwig und Konstantie, an der Seite jener der
Graf Kicki. Hedwig nickte freundlich mit dem Kopfe, noch ehe er Zeit gewann,
nach seinem Hute zu greifen, Konstantie dankte leichthin seinem Grue, und es
eilte ein stolzer Schmerz schnell wie ein Windsto ber das schne Gesicht.
    Ach, er ist auch wieder so bla, hrte er Hedwig zu ihr sagen, und sie
wendete sich noch einmal freundlich nach ihm zurck. Konstantie aber sah nicht
mehr rckwrts. Regungslos blieb er stehen. Jenes schne Antlitz Konstantiens
war ihm wohl bekannt, nie hatte er diese verfhrerische Blsse, nie diesen
hohen, tragischen Ausdruck darauf erblickt. Das schwarze, lange Reitkleid, der
schwarze Hut mit dem wehenden schwarzen Schleier, erhhten das Bild einer
stolzen Trauer. Einzelne Locken flogen wie sehnschtige Gedanken ber die
Schultern zurck und sprachen stumm von der Achtlosigkeit ihrer Herrin.
    O schne, schne Konstantie, warum kann ich nicht zu dir, um dich zu kssen
und die trichte Welt in deinen Armen zu vergessen! seufzte er leise. Fort -
fort, flsterte Joel, der gekommen war, das sind vornehme Leute.
    Valerius sah ihnen aber noch lnger nach, und er hatte eine ironische Freude
an dem Gedanken, da er in der fremden, fr ihn unwirtlichen Stadt eben keinen
polnischen Groschen besitze, whrend das Weib, das er liebte, und das ihn
vielleicht wieder liebte, stolz vorber ritte, und dem ersten Bettler zuwrfe,
was dem Geliebten auf einen Tag das Leben fristen knnte.
    Nicht doch, nicht doch, rief er aber schnell, wozu solche Kontraste und
bertreibungen, kommen Sie, Freund, ins Theater.
    Aber auch dort litt es ihn nicht lange. berall Enthusiasmus, Patriotismus,
Freund Joel, das fngt an mich zu langweilen.
    Joel lchelte und erwiderte gutmtig: Sie sind schlechter Laune, und Sie
sind ein Deutscher: dies Volksleben, dieser Volkslrm war Ihnen willkommen, als
er Ihnen neu war, er entsprach Ihren Freiheitsbegriffen; jetzt sind Sie Ihren
Launen verfallen, die knstlichen, die erdachten Wnsche an Volksleben
schweigen, und die deutsche Gewohnheit macht Ihnen den Lrm lstig.
    Sie haben recht, man mu ber nichts reden, wenn man unfreien Gemtes ist;
ich habe den Leuten unrecht getan.
    Joel fhrte ihn in den patriotischen Klub, aber er hatte nirgends Ruhe.
Weiter, immer weiter trieb er, und als er endlich heimgekehrt war, strkte ihn
selbst der Schlaf nicht. Ermattet wachte er am nchsten Morgen auf. Die Sorgen
fielen ber ihn her, und der vllige Geldmangel war nicht die geringste. Und
zwei so verschiedene Dinge sind es gerade, Liebe und Geld, wo keine Philosophie
hilft. Er warf sich in die Kleider, um einen Bankier aufzusuchen, von welchem er
bei seiner Ankunft in Warschau einen Wechsel bezogen hatte; vielleicht wte der
Mann Rat zu schaffen. Das Kontor war noch geschlossen, und Valerius hatte Zeit,
spazieren zu gehen. Es regnete emsig; die Leute eilten flchtig durch die
Straen. Vielleicht nimmst du heut Abschied von diesen Orten, dachte er, und der
Himmel sorgt dafr, einen letzten trben Eindruck deinem Gedchtnis einzuprgen.
Ob er gehen, ob er nicht gehen wrde, das wute er nmlich selbst noch nicht,
die schne Reiterin von gestern ritt unaufhrlich in Kopf und Herzen auf und ab,
und er dachte eigentlich nicht eine Stunde vorwrts, und wenn jetzt eine Stimme
in ihm rief: Heute noch mut du diese Stadt verlassen, so sagte er: Jawohl,
jawohl! und ein leises Geflster, das von Konstantie erzhlte, ward nur von
seinem Herzen vernommen. Das Herz aber schwieg still, als kmmerte es sich gar
nicht um die Entschlsse seines Herrn, als htte es gar keinen Einflu darauf.
So lt die gebietende Hausfrau den zrtlichen Gatten, wenn er im Zorn oder
Sturm einhergeht, alles mgliche beschlieen, und wenn das Beschlossene
geschehen soll, so sagt sie blo: Nicht doch! und es bleibt beim alten.
    Valerius kam wieder zum Hause des Bankiers. Das Kontor war jetzt offen; er
traf aber schon einen jungen Mann im eifrigen Gesprch mit dem Herrn. Die Stimme
des Mannes, der ihm den Rcken kehrte, klang ihm bekannt, er hatte aber keine
Zeit nachzusinnen; der Bankier trat ihm entgegen und fragte nach seinem Begehr.
Valerius stellte ihm seine Verlegenheit vor und fragte, ob er einen Wechsel
ausstellen knne fr jenes deutsche Handelshaus, dessen Anweisung ihm der
Bankier vor einigen Monaten honoriert habe; der Graf Topf habe ihn an jenes Haus
empfohlen, und fr das garantiert, was er entnehme, die augenblickliche
Verlegenheit liee ihm aber jetzt keine Zeit, nach Deutschland zu schreiben und
einen rckkehrenden Brief abzuwarten. Der Bankier zuckte natrlich die Achseln
und erklrte, sich auf dies Geschft nicht einlassen zu knnen.
    Auf dem Wege nach Hause fiel es Valerius zum ersten Male ein, da es auch
eine Pflicht sei, Geld zu erwerben. Die Wichtigkeit des Geldes erschien ihm auf
einmal nur zu deutlich. Er mute sich gestehen, da es unmglich in der Ordnung
sein knne, vom Vermgen seiner Freunde zu leben. Dazu sei die brgerliche
Gesellschaft nicht konstruiert.
    Eh' er nach Grnschlo gekommen war, hatte er in kleinen, wohlfeilen
Verhltnissen gelebt, einzelne Geistesarbeiten und der jeweilige Zuschu seines
Freundes Hippolyt hatten fr seine Bedrfnisse zugereicht. Spter hatte ihn die
liebenswrdigste Zuvorkommenheit des Grafen Topf nicht mehr an Geld und
Gelderwerbung denken lassen, er hatte sich unterdes an die Bedrfnisse der
hheren Klassen gewhnt, und der Gedanke berraschte ihn bei der argen
augenblicklichen Verlegenheit nicht eben angenehm, da er auf diese Weise
durchaus nicht fortleben drfe. Der Staat ist einmal auf Erwerb gegrndet,
sagte er sich, und du bist ein unntzes, unproduktives Mitglied.
    Es hatte zwar eine Zeit gegeben, wo er in poetischer Ansicht des Lebens
solche triviale Staatsforderungen entrstet abgewiesen htte, aber ein
Augenblick, wo man den Hunger und Mangel vor der Tre sieht, ist der poetischen
Ansicht des Staates nicht gnstig. Und sein Verlangen nach Selbstndigkeit
lehnte sich nicht minder auf gegen dies stets abhngige Verhltnis von seinen
Freunden.
    Bei alledem blieb aber doch seine stolzere und hhere Art, das Leben zu
betrachten, mchtig, er verschob diese konomischen Untersuchungen auf eine
andere Zeit, und schritt stolz die Strae entlang, in welcher die Frstin wohnte
- wohin er gehen wollte, wute er selbst noch nicht.
    Stanislaus trat eben aus der Tr; Valerius ging auf ihn zu. Jener konnte
nicht fglich mehr ausweichen, und mute es anhren, wie ihn Valerius mit
freundlichen Worten fragte, ob er bse sei, und warum er sich durch den
Bedienten habe verleugnen lassen. Aber die Heftigkeit, welche in dem Polen
aufloderte, lie diesen nicht zu Ende kommen, er berschttete Valerius mit
einer Flut beleidigender Worte, wie er sich des dreisten Juden angenommen,
sogar, um seine Familie zu frondieren, Arm in Arm mit jenem frechen Burschen an
ihm und seinem Vater vorbergegangen sei, wie er den heiligen Kampf des Landes
leichtsinnig verlassen, weil Graf Kicki es nicht in der Ordnung gefunden habe,
da dieser Joel eine edle Familie mit seinen Zudringlichkeiten beschimpfe -
    Schweigen Sie, Herr, unterbrach ihn Valerius, der Sie allerlei schne
humane Redensarten im Munde fhren, und wenn's zur Sache kommt, die veraltetsten
adeligen Unfltereien an den Tag legen. Es ist mir nicht eingefallen, an Sie zu
denken und fr Sie eine Beleidigung darin zu sehen, wenn ich den unglcklichen
Joel gegen Ungebhrlichkeiten in Schutz nahm. Er hatte meine Freundschaft in
Anspruch genommen, und es war meine Schuldigkeit ihn zu vertreten. Ja, ich wrde
ihn auch ohne dies vertreten haben, den man wie einen Paria behandelt; gegen
tyrannische Unterdrckung zu kmpfen, war ich nach Warschau gekommen, und es ist
nicht mein geringster Schmerz, da ich sie da finde - genug, Herr, Sie Wortheld
der Humanitt haben sich eben der beleidigendsten Ausdrcke gegen mich bedient
und werden mir Satisfaktion geben.
    Diese letzten Worte rissen Stanislaus aus einem Zustande von Beschmung,
welche der erste Teil von Valerius' Rede erzeugt zu haben schien. Die
Herausforderung schrte seinen Zorn wieder auf. - Kommen Sie, Herr, rief er
glhend, und trat ins Haus, rief einen Bedienten, sagte ihm einige Worte ins
Ohr, und schritt Valerius voraus durch den Hof in den groen Garten, welcher zu
dem Palais gehrte. Ehe sie noch den hinteren Teil erreicht hatten, flog der
Bediente schon wieder hinter ihnen her, und brachte seinem Herrn einen Sbel.
Ein Wink von diesem, der Bediente entfernte sich, Stanislaus reichte seinem
Gegner den Sbel, und zog den seinen, sie warfen die Mntel ab, und hie Hiebe
flogen.
    Von dem Palais zog sich ein gedeckter Gang an der einen Seite des Gartens
hin bis zum Ende desselben. Er glich von auen vllig einem einstckigen
Gebude, hatte Fenster mit Jalousien und stie hinten an ein Gartenhaus, das
quer den Garten schlo und dessen Front hinten nach einer Strae ging. In dem
Winkel, welchen die beiden Gebude bildeten, war jetzt der Kampfplatz. Die
Jalousien des Ganges, die Fenster des Gartenhauses waren verschlossen, von dort
aus konnten sie nicht beobachtet werden, eine dichte Gruppe Bume, wenn auch
damals unbelaubt, deckte sie so ziemlich nach vorn zu gegen unberufene Blicke
aus dem Palais.
    Sie waren beide gebte Fechter, beide noch in der ersten Aufwallung, es
regnete von beiden Seiten Hiebe - da flog die letzte Jalousie des Durchganges
auf, in deren Nhe sie fochten, und die Frstin erschien in der Fensterffnung.
Sie hatte vorn am Fenster den Wortwechsel an der Haustre angehrt, hatte sie in
den Hof schreiten, den Bedienten mit einem Sbel nacheilen sehen und sich leicht
das brige ergnzt. Der Durchgang fhrte just in die Zimmer, welche sie
bewohnte; in frheren Zeiten hatte sich der Herr vom Hause gewhnlich darin
aufgehalten, und die bedeckte Verbindung mit dem Gartenhause war vielleicht zum
Behufe verborgener Zusammenknfte erbaut worden, wie sie in einem Lande der
Unterdrckung nicht selten sind. Die Frstin war also eilig durch ihre Zimmer
die Treppe hinabgeeilt, und das Waffengeklirr verkndigte ihr am letzten
Fenster, da sie hier in der Nhe der Kmpfer sei. Einen Augenblick sah sie mit
leuchtenden Augen dem Kampfe zu, als sei sie blo deshalb herbeigeeilt. Die
weibliche Sorge berwog aber doch bald jedes andere Wohlgefallen, und sie rief
hastig den Namen ihres Cousins.
    Das ffnen der Jalousie war diesen entgangen, aber die Stimme konnten sie
nicht leicht berhren. Beide hielten inne, erhitzt, heftig atmend.
    Schmen Sie sich nicht, meine Herren, ohne Sekundanten und Zeugen wie ein
paar Stegreifritter aufeinander loszuschlagen? - So was kann nur in Polen
geschehen! Cousin Stanislaus, ist das Zivilisation, Herr von Valerius, sind das
Ihre humanen Grundstze, mit denen Sie sonst das regelmige Duell sogar
wegrsonnieren mit Stumpf und Stiel?
    Den einen wie den andern trafen diese Vorwrfe: jeder hatte sich von der
Hitze fortreien lassen, und die beiden jungen Mnner, rot von der Bewegung und
einer leichten Scham, sahen unschlssig nach dem Fenster, aus dessen Dunkel das
blasse schne Antlitz Konstantiens blickte.
    Ich habe vom Fenster des Salons aus Ihren Streit angehrt; Cousin, Cousin,
was sind das fr fanatische Manieren gegen einen Mann, fr dessen Freundschaft
Sie noch vorgestern schwrmten. Erlauben Sie, meine Herren, da ich Sie beide
beim Onkel melde, und ihm den Stand der Sachen auseinandersetze - aber haben Sie
die Gte, Ihre Sbel einzustecken.
    Sie verschwand nach den letzten Worten. Valerius sah seinen Gegner an und
bot ihm die Hand, dieser schlug erst nach einer Weile die Augen auf, um mit
einem jener rapiden polnischen Blicke die Stimmung des Deutschen zu erforschen.
Als er aber die dargebotene Hand sah, schlug er schnell ein: Nous sommes
d'accord?
    Wenn das Gewissen noch nicht rein ist, und das Herz nicht selbst und mutig
spricht, dann reden die Leute in solchen Fllen franzsisch.
    Valerius nickte mit dem Kopfe, und sie gingen langsam dem Palais zu. Jener
dachte nur an Konstantie: sie hatte sich vorzglich an Stanislaus gewendet, und
er fhlte wohl, wieviel Vorwurf darin lag, da sie ihm weniger Vorwrfe machte
als diesem, da sie kein Recht mehr haben wollte, ihn zu schelten. - Aber er
hoffte, sie noch beim alten Herrn zu finden, und ihr durch zwei, drei leise
Worte sagen zu knnen, was er empfnde. Er wollte deshalb schneller gehen, aber
Stanislaus machte keine Anstalt, ihm zu folgen, und so war er gentigt, langsam
fortzuschleichen, whrend sein Herz sprang.
    Konstantie war nicht mehr beim alten Grafen. Dieser empfing Valerius mit
einer sen Hflichkeit, welcher man leicht anmerkte, da sie nur die eines
Weltmannes und von der Beredsamkeit Konstantiens erzeugt war. Er bat Valerius,
zum Essen dazubleiben, und begann ein Gesprch, ber deutsche Literatur; es war
nicht zu verkennen, da er alle frheren Beziehungen geflissentlich umgehen
wollte. Valerius fhlte sich gedrckt und ertrug den fatalen Zustand nur, um
wieder in die Nhe der Frstin zu kommen.
    Ich hrte neulich, hub der Graf an, hier unten auf der Strae ein Lied
von Goethe singen, das ich oft in Deutschland gehrt habe. Es sind wohl mehrere
Ihrer Landsleute hier? und die alten tiefen Augen schickten bei diesen Worten
einen spitzigen Blick auf den Gefragten - was machen die Leute in einer solchen
Kriegszeit bei uns?
    Valerius war verlegen und beleidigt, aber er mochte nicht reden und zuckte
blo mit den Achseln.
    Das Gesprch fgte sich nicht, die Reden und Gedanken gingen nicht
ineinander ber, und der Vorschlag des alten Grafen, bis zum Essen eine Partie
Schach zu spielen, war ebenso natrlich, um das Peinliche des Zustandes
aufzuheben, als er dem jungen Fremden angenehm war. Es gibt nichts Drckenderes,
als wenn zwei Personen von ueren Grnden getrieben werden, sich einander zu
nhern, und doch keine inneren gegenseitigen Verbindungen auffinden knnen. Der
Wunsch des Alten war nicht zu verkennen: Valerius mchte wieder unter die Waffen
treten. Jeder brave Pole - so nennen sie vorzugsweise ihre Patrioten -
betrachtet sein Vaterland wie eine Familienangelegenheit, und einen Krieger
dafr zu gewinnen, war in jenen Tagen Gewissenssache. Zumal hier, wo sich Vater
und Sohn vorzuwerfen hatten, da sie schuld trgen, wenn ihre Sache einen
Streiter verlre an dem Deutschen.
    Der Bediente meldete, da angerichtet sei. Wir mssen den Schlu unserer
Partie aufschieben, Herr von Valerius. Sie machen das Spiel dem Gegner schwierig
durch den hufigen Gebrauch der Springer - solch ein Springer macht seine
Bewegungen mit einer regelmigen Unregelmigkeit, die schnell einen ganzen
Plan umwirft.
    Der Spott war also schon artiger geworden, aber ohne Hedwigs Gegenwart wre
das Mittagsmahl doch wieder peinlich gewesen. Die Frstin war vllig schweigsam;
Stanislaus machte mehrere Versuche, in den frheren herzlichen Ton mit seinem
jungen Freunde einzustimmen, aber trotz dessen Entgegenkommen gelang es nicht.
Hedwig nur war unverndert in ihrer alten Heiterkeit. Einmal betrachtete sie
ihren Brutigam und Valerius aufmerksam und mit halb lachendem Gesichte und
brach endlich in ein volles Gelchter und in die Worte aus: Meine Herren, das
nenn' ich Sympathie, Sie haben ja beide zerrissene Rcke an! Hier ist ein langer
Ritz in der Uniform, und dort - ach, wie schade ist's um ihren blanken schwarzen
Rock, Herr von Valerius!
    Diese Erinnerung an den Vorfall im Garten war eher geeignet, die ble
Stimmung noch zu erhhen; der alte Graf nahm aber Gelegenheit davon, sein Glas
dem Fremden hinzureichen und auf frische Tapferkeit anzustoen. Dieser begriff
zwar leicht, da es auf seine zu hoffende Tapferkeit gegen die Russen gemnzt
sei, aber er stie an, um womglich ein frhlicheres Verhltnis zu erzeugen.
    Einem aufmerksamen Beobachter der Frstin konnte es nicht entgehen, da sie
nicht so ruhig war, als sie schien, da zuweilen eine schnelle Rte in ihrem
Gesichte aufstieg, da sie mit ungewhnlicher Teilnahme und Besorgnis auf den
Sbelhieb blickte, den Hedwig auf des Gastes Rocke entdeckt hatte. Aber sie
sprach nicht, und wenn Valerius sie anredete, und mit weicher, einschmeichelnder
Stimme auf diese oder jene Weise in ein Gesprch zu ntigen suchte, so wich sie
immer aus, wenn auch gewandt und hflich, aber immer kalt. Ihre schwer ruhenden
Blicke, die auf dem jungen Manne weilten, so oft seine Augen nicht direkt auf
sie gerichtet waren, bemerkte er leider nicht, von dem mrderischen Kampf
zwischen Stolz und Liebe, der in solchen Augenblicken ber ihre schnen Zge
hinwegbrauste, gewahrte er nichts. Als man vom Tische aufstand, entfernte sie
sich sogleich. Auch Valerius ging. Die liebt mich nicht, ich habe frher recht
gehabt, es ist ein gewhnliches liebelustiges Weib, das eine scheinbare
Vernachlssigung nicht vergibt. Still, Neigung, ungestmes Verlangen - hier ist
kein Heil fr mich, und morgen verlass' ich diese Stadt. Sein Geldmangel fiel
ihm ein, und unruhig und ungeduldig kam er nach Hause. Magyac bergab ihm einen
Brief und eine Rolle mit Goldstcken, die angekommen waren. Der Brief war von
seinem Freunde Hippolyt, vom Gelde erwhnte er zwar nichts, Valerius kannte aber
seine Gleichgltigkeit und sein Mibehagen, ber Geld nur ein Wort zu verlieren,
und trug dem Magyac auf, zum nchsten Morgen Postpferde zu bestellen und alles
fr die Abreise bereit zu halten.
    O Herr, verla uns nicht! bat Thaddus.
    Ich mu, Magyac, ich mu.
    Und traurig ging Thaddus ans Packen.

                                      22.


Es war dem Valerius, als ginge seine Jugend zu Ende mit der Abreise von
Warschau. Alle seine frheren Wnsche, Hoffnungen und Gedanken glaubte er in
Irrtmer verwandelt zu sehen, da er ein freiheitslustiges Volk aufgeben msse.
    Tief und schwer seufzte er auf: Und auch die Liebe geht zu Ende, auch sie
ist nicht mehr zu gewinnen. O, Jugend, du Inbegriff alles Reizes, warum
scheidest du so frh von mir! Was ist das Leben ohne Hoffnung, und wo gibt's
eine Hoffnung ohne Jugend? Nur die Jugend hat Farbe und Begeisterung, was werd'
ich anfangen mit den grauen Tagen ohne Rot und Grn, die keine Kraft mehr in mir
wecken. Die Jugend allein ist Poesie - wie soll ich mich fortschleppen ohne
dich, du erhebende Schwrmerei!
    Es gibt nur zwei Arten, glcklich zu sein: entweder man bewegt und bevlkert
sich und die Welt mit Idealen, Aussichten, neuer Zukunft, man schaukelt sich auf
der wogenden Bewegung des ungezgelten Strebens, - oder man betrachtet die Welt
aus einem ruhigen Herzen, freut sich des Kleinsten, hilft und frdert im
Kleinsten, pflanzt mit Gengsamkeit, wartet geduldig auf das Gedeihen, gestaltet
das Unbedeutende zur geflligen Form, verlangt nichts vom Tage, als was er eben
bietet, und hlt den Nachbar und sein Interesse hher als das Wohl oder Wehe von
Nationen.
    Nur der letzte Weg ist mir brig, und es fehlt mir alles, was er in Anspruch
nimmt. Sogar die wohlige Behaglichkeit des Krpers, diese Vergngen erzeugende
Harmonie des Leibes geht mir ab. Die Revolutionsmilch hat mich aufgesugt, unter
Bewegung ist mir Geist und Krper gro gewachsen - wird es mir gelingen, einen
neuen Menschen zu erziehen! Und doch mu es sein: ich habe zuwenig Fanatismus,
zuwenig Leidenschaft, um als rcksichtsloser Bewegungsmann irgend ein Ziel zu
finden. Ich werde ein jmmerliches Leben fhren ohne Begeisterung und ohne Ruhe,
zum Helden verdorben, zum Brger untauglich - aber zum Leiden und Tragen
geschickt; lebe wohl, Jugend!
    Damit nahm er seinen Mantel; er wollte von Joel Abschied nehmen und noch
einmal seine Brcke besuchen, aber der Strae, wo Konstantie wohnte, ausweichen,
soweit er konnte.
    Es war ein sanfter, stiller Abend, den er auf der Strae fand,
Frhlingsgedanken irrten schon vereinzelt hie und da in der Luft herum, und
flsterten unverstndliche aber frhlich klingende Worte den unbefangenen Leuten
ins Ohr.
    berrascht von dem milden Eindruck der Luft blieb er einen Augenblick vor
dem Hause stehen. Da kam eine verschleierte Dame an den Husern entlang, sie war
nicht mehr weit von ihm, als sie den Kopf aufrichtete und nach den Fenstern des
zweiten Stockes zu sehen schien, ein Bedienter folgte ihr in der Entfernung von
einigen Schritten. Jetzt war sie dicht bei Valerius, der Kopf wieder gesenkt.
    Konstantie! sprach dieser leise. - Valerius!
    Dieser Gegenruf schien aus dem Herzen der Dame zu springen, ehe sie Zeit
gewonnen hatte, das berraschte Gemt zu verschlieen. Und nun folgte eine
Szene, zu welcher nur tiefe und stolze Gemter den Stoff liefern knnen, oder
doch nur solche, welche imstande sind, die mchtigsten Gefhle lange und fest in
ihren Busen verschlossen zu halten.
    Sind Sie es wirklich, hub dieser weiter an, indem er neben der
Forteilenden herschritt.
    Ich bin es; der Abend ist schn, das Haus war mir eng: mgen es die Leute
unschicklich finden, was kmmern mich die Leute -
    O, wie dank' ich's dem milden Abende, der Sie herausgefhrt, da ich Sie
noch einmal sehe; es soll mir ein Zeichen des Himmels sein, da noch nicht alle
Freude fr mich verloren sei -
    Sie wollen doch nicht -
    Ja, Gndige, es ist meine letzte Nacht in Warschau, erwiderte er seufzend;
es will mich nichts mehr halten -
    Valerius!
    O dieser Ton! Warum ffnen Sie mir den Himmel, um ihn des andern Tages mit
kaltem Blicke zu verschlieen -
    Das sagen Sie mir? Groer Gott! Bin ich so schwach, mich verspotten zu
lassen, oder bin ich so tricht gewesen, nicht zu erkennen, was ich wnschte -
    Sie sind so hart, Liebe zu entznden, und dann stolz zurckzutreten, wenn
Sie ein Zufall irre fhrt -
    O, Himmel, nein, nicht hart und stolz, unglcklich bin ich, Valerius - Sie
drfen morgen nicht reisen -
    Ein ganzes Heer in Waffen vermag's jetzt nicht, mich fortzutreiben,
Konstantie, reich' mir einen Augenblick deine Hand, da ich fhle, mein Glck
sei wirklich -
    O du Lieber, o du Liebster - verla mich jetzt, wir sind an meiner Wohnung,
aber sei nicht lange von mir, mein Herz zerspringt vor Freude und Verlangen -
drben in der andern Strae, an der Tre des Gartenhauses, warte einen
Augenblick - tritt einen Schritt zurck, dort unter die Laterne, da ich dein
Auge sehe, dein liebes Auge - nun geh schnell, ich fliege.
    Trunken vor Seligkeit schwankte Valerius hinweg und suchte jene Strae.
Himmel, warum hast du an einem solchen Abende keine Sterne! rief er mit
freudebebender Stimme. Aber es war eine schwere Aufgabe fr ihn, die Front des
Gartenhauses zu finden; er hatte sie nie gesehen von dieser Seite, die Strae
war dunkel und lang, sein Wesen war in taumelnder Bewegung und nicht eben
geeignet, viel lokale Kombination zu entwickeln, um aus der Lage des Palais auf
die des Hintergebudes schlieen zu knnen. Unsicher schlich er an vier bis fnf
Husern auf und nieder, unter denen er seine Glckspforte verborgen glaubte,
eine beklemmende Angst kam ber ihn, da ihm das Glck wieder entschlpfen
knne. Alles war still, keine Tr bewegte sich.
    Ich Unglckskind, rief er, ich bin gewi am falschen Orte! Und dabei
ging er einige Schritte weiter. Aber hinter sich glaubte er jetzt Gerusch zu
hren - wirklich, eine Tr war offen, er trat hinein, eine weiche warme Hand
ergriff ihn. Die Tr ward zugeschlagen, und im Dunkeln gingen sie leise durch
den Salon des Gartenhauses, durch den bedeckten Gang, eine schmale Treppe
hinauf, seine Begleiterin ffnete eine Tr, und er sah Konstantien neben sich in
einem hohen, schnen Gemach, das eine von der Decke herabschwebende Lampe
erhellte.
    Mit dem Ausrufe Valerius, mein Valerius! schlang sie strmisch die Arme um
ihn und drckte den Kopf tief in seine Schulter.
    Er kte ihr den Hals und bedeckte sich das Gesicht mit ihren aufgelsten
Haaren. Sie sprachen lange kein Wort.
    Endlich begann er leise, ganz leise: Wie konntest du uns so peinigen und
meine Liebe nicht sehen!
    Konstantie richtete sich auf, und einen Schritt zurcktretend legte sie ihm
die bebende Hand auf den Mund: Nichts, nichts davon, mein Lieber; o ich bin
unaussprechlich glcklich!
    Auge in Auge blieben sie wiederum lange schweigend. Konstantie glich der
Gestalt einer stolzen Gttin, die alles vergit und nur in ihrer Leidenschaft
schwelgt. berwltigendes Glck strahlte aus ihren glnzenden Augen, unter dem
leichten schwarzseidenen Gewande glaubte man das Herz schlagen, Blut und Muskeln
in Freude hpfen zu sehen, so drngten sich die strebenden Glieder der hohen
Figur hinber zu dem Geliebten. Es glich der schne, sich neigende Krper einer
zauberhaften sinnlichen Ahnung, da sich zwei Menschen im nchsten Augenblicke
umarmen, bis zur Todeslust umarmen, bis zur Auflsung alles Sinnlichen
ineinander fesseln und drngen wrden.
    Und so erfate denn auch Valerius den schnen, in Freude und Liebe
zitternden Leib, wie er seiner zu harren schien, er hob ihn mit schwellenden
Armen an sein Herz, und sie zerstrten sich beide fast in leidenschaftlichem
Pressen und Drngen.
    Nach diesem ersten Sturme so lange zurckgehaltener Gefhle brachen die
Trnen hei mit strmend aus Konstantiens Augen - die Trnen fehlen nimmer, wenn
die Gottheit in uns rege wird, und hier brachen sie die immer noch schmerzliche
Sehnsucht des Weibes; ihr Antlitz, ihre gespannten Arme, ihr ganzer straffer
Krper wurde weich und nachgiebig, und die Rede, sanft und innig wie der tiefste
verborgenste Ton der Seele, trat wieder auf die Lippen. Und diese Lippen kten
jetzt mild und schmeichelnd.
    Du hast meine ganze Seele, Valerius, und ich weine, da ich nicht mehr fr
dich habe, und ich weine, da ich glcklich bin wie ein Kind, das in den Himmel
kommt.
    Valerius trug die zusammensinkende Geliebte auf ein kleines Taburett, das
neben dem Sofa stand, kniete vor ihr nieder, legte den Kopf in ihren Scho und
bedeckte sich bald die Augen mit ihren willenlosen, nachgiebigen Hnden, bald
fhrte er sie an seine Lippen.
    Sie waren so selig und ruhig nach jenem Sturme, da sie sich einmal ber das
andere zuflsterten: Hrst du, Konstantie, siehst du, Valerius, wie die kleinen
rosenroten Engel um uns herflattern und sich kssen und Geschichten erzhlen von
der Liebe Gottes und seiner Menschen.
    Das sind Augenblicke, wo die Menschen unmittelbar mit schnen Welten
verkehren, wo sie jene Ahnungen von Gottes unergrndlicher Liebe, von
unendlichen Freuden auerhalb dieses Lebens tief einsaugen in das offene,
empfngliche Gemt. Wenn der Mensch den Menschen am erschpfendsten liebt, da
gehen alle Geheimnisse der Welt vor ihm auf. Denn in der Liebe ruht das
Geheimnis der Schpfung, sie spricht mit Engelszungen.
    Valerius richtete sich allmhlich wieder in die Hhe, und seine Blicke
legten sich wie die Liebe selbst in die Augen und das se Antlitz des Weibes.
Er dachte nichts, er wute nicht, was er fhlte, aber die Schnheit dieses
Angesichts flocht und weckte sich durch Leib und Geist mit ihrer klaren
wohltuenden Gewalt. Er hatte keinen Wunsch, als sie anzublicken, alle
Schnheitsfreude durchrieselte ihn dabei wie ein frischer Bach. Konstantiens
schwarzes Kleid war zugeknpft bis an den Hals, langsam ffnete er's und
streifte es herab ber die blendende Achsel, welche hervorleuchtete, ber die
hochgewlbte Brust.
    Sie lie alles ruhig geschehen und wendete ihr Auge nicht ab von seinem
Blick: Du bist so rein, Valerius, so frei von jener groben mnnlichen
Sinnlichkeit, die auch das heieste Weib erschreckt - o, ich war nie so
glcklich.
    Er kte sie auf das Herz, und seine Wange daran lehnend und mit der Hand
ihr Gesicht herabziehend, sprach er wie in einer trunkenen Schwrmerei: Sieh,
Konstantie, ich bin ein Trumer - du hast mich oft so gescholten, und du hast
mich recht gescholten, sieh und hre, wie ich trume: ich habe einen herrlichen
schnen Gott, er ist mir berall, wo sich mir eine Schnheit, eine Ttigkeit,
eine Bewegung offenbart, er rauscht in den Bumen, in den Wellen, er sieht aus
der feuchten Pflanze, wenn sie sich ffnet, er spricht aus dem Munde eines
Volkes, aus dem Munde eines unbedeutenden Menschen, aus jedem Moment der
Tagesgeschichte, aber so lieb, und so klar und bezaubernd hat er noch nimmer zu
mir gesprochen, als heute aus deiner Schnheit. Aus deinem Busen klopft er in
meine Wange, aus der weien Haut und der vollkommenen Form deiner Schulter lacht
er mir in die Augen wie der unverhllte alte und ewig junge Reiz der Griechen.
Hier, wo das Kleid, das widerspenstige, mich hindert, mehr als ein Stck deines
stolzen Oberarmes zu sehen, hier beginnt die verschleiernde Romantik - nicht
doch, sieh, die schwache Seide weicht der Gottheit, o Weib, was bist du schn!
    Konstantie verschlo ihm den Mund mit Kssen: Mann meines innersten
Herzens, ich hasse, ich frchte den Tod, aber jetzt knnt' ich sterben, in
deinem schnen Gotte vergehen.
    Horch, wie dein Herz klopft, Weib, dies Leben hebt ber alle Schnheit
hinaus; das ist wieder mein Gott, Weib meines sen Glcks, horch, wie dein Herz
klopft, warum jauchzt es so, weit du's?

Mein Herz klopft wild beweglich,
Es klopft beweglich wild,
Weil ich dich lieb' unsglich,
Du liebes Menschenbild!

erwiderte sie strmisch mit den Worten des Dichters, und die Liebkosungen
schlugen wieder zusammen ber dem zrtlichen Paare mit ihren hohen strahlenden
Wogen.
    Es scheint ein Widerspruch zu sein mit der raschen, forteilenden Empfindung,
da Liebende in der hchsten Bewegung ihrer Leidenschaft die schwierigsten
Gedanken des menschlichen Geistes berhren, ber die wichtigsten Interessen des
Menschen mit wenig Worten entscheiden. Aber es ist keiner, und die Erscheinung
ist wahr und alltglich. Alle hheren Krfte sind aber auch in solchen Momenten
entwickelt, wirksam, ttig, das Herz liegt weit geffnet und gibt sie frei, all
seine besten Gedanken, und es ist ein altes Wort: die besten Gedanken kommen aus
dem Herzen.
    Zwischen die Zrtlichkeit unserer Liebenden drngten sich Gesprche,
Ausrufungen, einzelne Stze der mannigfaltigsten Art. Sie entwickelten sich auch
gegenseitig ihren Charakter, und Konstantie konnte nicht mde werden, ihrem
Geliebten vorzuwerfen, da er sich zu trbe, zu nachteilig beurteile. Was du so
anklagst, sagte sie, dies ewig nachdenkliche, prfende, befangene Wesen, das
hat mich zu dir gezogen, gleich als ich dich das erstemal gesehen hatte. Wir
Frauen sind alle unbefangen; wenn wir eine Zukunft von drei Tagen bedenken, so
ist das schon ungewhnlich, die Zukunft ist der Mnner, darum ist der Mann am
gefhrlichsten fr uns, der sie zu beherrschen, sich zu sichern, zu unterwerfen
trachtet. Wir sehen, da er fr etwas sorgt, wofr wir kein Auffassungsvermgen
haben, und das gewhrt ihm eine groe berlegenheit, wir fhlen uns gesicherter,
gehoben in seiner Nhe; die unbekannten Mchte, die er bewltigen will, weben
ein Geheimnis um sein Wesen, das uns reizt und anzieht, und so kommt das gar
bald, was du Poesie nennst, was uns Interesse, Liebe heit. O, ihr Mnner mgt
diesen Zauber gar nicht empfinden: wenn du in die Gesellschaft tratst und das
Gesprch ergriffst, und es mit wenig Worten bedeutsamer machtest, da wachten die
sesten Ahnungen in mir auf von hheren, schneren Dingen. Ich kann sie dir
nicht schildern, ich hatte keine Namen dafr, aber sie waren da, sie kommen
tglich wieder mit deinem dunklen, sinnenden Auge, mit deinen wunderlichen,
schweren Worten, die immer so anders sind als die der gewhnlichen Leute. All
mein Stolz war neben dir entwaffnet, mein Verstand mochte noch so schnell
operieren, er mitraute seinen Worten, wenn ich sie vor dir aussprach, alles war
leer neben den deinen, es fehlte eben jene Anknpfung an andere Welten, die wie
ein hervorhebender Schatten auf deinen kleinsten Gedanken lag. Was hab' ich mich
gescholten, wenn mein Herz dir so offen entgegensprang, was hab' ich gelitten
bei deinem Zurckhalten; wie arm, wie unbedeutend kam ich mir vor, wie bitter
hab' ich geweint, da ich nicht geistigen Zauber genug bese, dich zu fesseln,
und weinend hab' ich den Spiegel geschlagen, da er lge, da ich nicht schn
sei, oder doch eine leere, uninteressante Schnheit - lache immer, ksse immer,
du Schelm, wir wissen's so gut, da wir schn sind, wie ihr, wenn ihr geistreich
seid.
    Glaubst du, da es mich innig freut, so alten Stolz, sogar den ntigen Stolz
gegen dich vergessen zu haben - sieh, diesen, gerade diesen Ku hab' ich immer
dafr erwartet, o, du bist gut und lieb; und noch viel zu stolz bin ich gewesen.
    Wie kannst du fragen, was mich nach Warschau gefhrt hat - die Liebe, und
die Liebe fhrte mich heut abend in deine Strae, ich wollte wenigstens dein
Licht brennen sehen. Wenn ich dich still zu Hause wute, da ward ich ruhiger, du
warst mir nher dann - o, ich wute alles, was du machtest; weit du, wer hier
ist? William -
    William!
    Der Narr verfolgt mich berall mit seiner Neigung; er ist einige Male
whrend deiner Abwesenheit in unserem Salon gewesen, sonst seh' ich ihn nicht,
ich mag diesen harten fanatischen Menschen nicht, aber er schreibt mir alle
Tage, und da er immer von dir erzhlt, so lass' ich mir's gefallen. Er hat dich
nicht aufgesucht, weil er dein revolutionres Treiben hat, aber es sind noch
mehr junge Deutsche hier, welche dich oft sehen - ich glaub's wohl, da du dich
verwunderst; es ist nicht ntig, da du sie kennst, ihre Geschfte hier mgen
nicht die lautersten sein. Was denkst du eben, geschwind, sprich, eh' du dich
auf eine Lge besinnen kannst!
    Valerius wickelte ihre herabhngenden Haare um seine Hand und erwiderte
lchelnd: Ich dachte dich und mich, zwei so verschiedene Wesen, und es ist mir
jetzt klarer als je, da die verschiedensten Wesen gegeneinander die feurigste,
lebendigste Liebe entwickeln. Die Leute sagen immer: Es sind zwei gleiche Wesen,
ihre Gedanken begegnen sich berall, sie passen vortrefflich zusammen. Aber so
ist's nicht; das gibt eine eintnige, langweilige Liebe, eine Liebe der
Eitelkeit, wo sich eins in dem andern bespiegelt. Die Gegenstze bilden das
tchtigste Leben, sie entwickeln die Kraft und die Strke. Sind wir nicht die
verschiedensten Wesen von der Welt, Konstantie? Du voll strmender Leidenschaft,
ich langsam prfender, berlegender Mann; aber vereinigt sind wir eine Welt,
eine Welt voll Kraft und Glck! Wo die Fhigkeit des einen aufhrt, da beginnt
die des anderen, wir ergnzen uns, und so erzeugen wir ein drittes, neues Leben,
das uns beiden berlegen ist, uns beide beherrscht und glcklich macht -
Konstantie, wie heit dies Wesen?
    Liebe heit es, Liebe, Liebe, o du ses, gttliches Wort! Komm, du
besonnener Mann, mein Atem, meine Ksse, mein Blut sollen deine Seele aufjagen,
da sie springt wie ein besonnener Hirsch - Mann, du erstickst mich.
    Unter diesem Tndeln und Kosen verstrich die Zeit, und Konstantie mute den
Geliebten endlich selbst an den Aufbruch mahnen. Sie erhob sich von ihrem Sitze,
und ein flchtiges Rot der Scham flog ber ihr Gesicht, als sie den zerrissenen
rmel des Kleides um den bloen Arm flattern sah. Schnell warf sie die langen
Haare um die Achsel und hielt dem Valerius die Augen zu. Geh jetzt, mein
Lieber, nimm den Schlssel zur Tr des Gartenhauses, und wenn du im letzten
Fenster meines Schlafzimmers die Gardine ein wenig in die Hhe gezogen siehst,
dann knnen wir uns sehen, und ich erwarte dich hier. Aber warte, dies eine
Zeichen ist zuwenig, der Zufall und meine Kammerfrau knnten uns einen Streich
spielen. Wenn du am Tage jenen weien seidenen Schal an mir erblickst, so sei
dir das ein Zeichen, da helle seidene Stunden unser warten. Ja? Und komme
hbsch tglich ins Haus, spiele den Bekehrten gegen den alten Herrn, ob du dich
bekehren sollst, besprechen wir noch; aber verrate dich mit keinem Blicke, er
sieht scharf wie ein Luchs, und traut dir auch in diesem Punkte nicht. Dein
schnes Lied an jenem Abende, das mich ins Leben zurckrief, kann er nicht
vergessen. Was es ihn kmmert? Du wunderlicher Narr, siehst du nicht, da er bei
aller seiner Bildung ein stolzes, altes Weib ist, das mich gern verkuppeln
mchte. Was helfen alle die schnen Theorien von Freiheit und Gleichgltigkeit,
die eingelebten Dinge bleiben herrschend, wenn's zum Handeln kommt - nur die
Liebe, mein Kind, berwindet alles und die Zeit; die Vernunft ist ein schwaches
Ding - fort mit deinem Philosophengesicht, o pfui, das war ein kalter, ein
zerstreuter Ku, la dir die Haare von deiner Stirnwunde streichen, so, so,
Himmel, wenn der Sbel tiefer gegangen wre in diesen lieben Verstand hinein - o
wie schn, wie schn ist solch ein zrtlicher, keuscher Ku von dir, wenn die
Seele dabei aus deinem Auge winkt, noch einen! Ach, da wir scheiden mssen, da
das Leben soviel Lcken, hat - o, guter, lieber Mann, wir drfen nicht lnger
weilen, der Morgen bereilt uns. - Und doch, ja bleibe - nein, la uns
vernnftig handeln, diesen noch, und blo noch diesen Ku, und nun Ade - Ade!
Da, hll' dich fest in den Mantel, 's ist kalt drauen, - ffne leise die Tr -
Ade! o eil' nicht so - Valerius, komm noch einmal zurck, das war ja kein
ordentlicher Abschiedsku, so, so - o, mein ganzes, bestes Leben - Gott behte
dich sorgsam! - - Ade - Ade -

                                      23.


An demselben Abende, wo in einem stillen Zimmer von des alten Grafen Palais die
Liebe zweier Leute so lebhaft sich aussprach, war ganz Warschau in einer
ungewhnlichen Bewegung. Auf allen Straen sah man Gruppen von eifrig
sprechenden Leuten, die Wagen rasselten schneller und hufiger, als man es sonst
gewohnt war, Soldaten von allen Gattungen, Bauern, junge Leute in Zivilkleidern
strmten hin und her, einer fragte den andern - kurz, der unaufmerksamste
Beobachter mute inne werden, die ganze Bevlkerung werde von einem neuen groen
Interesse bewegt.
    Zwei junge Mnner in weite Karbonarimntel gehllt drngten sich durch die
Menge und gingen auf eine Konditorei zu, deren bunt erhellte Fenster weit herum
leuchteten in der Dunkelheit. Der eine von ihnen schien sich wenig um die
Aufregung des Volkes zu kmmern; er war etwas grer als sein Begleiter, die
Zge seines Antlitzes, das man jetzt dicht an der erleuchteten Ladentre sehen
konnte, waren streng und ernst, ja sie htten hart genannt werden knnen, wenn
sie nicht durch einen schwrmerischen Zug von Melancholie gemildert worden
wren. Er behauptete eine gewisse Superioritt ber den anderen und schritt ohne
weiteres zuerst in den Laden. Dieser zweite hatte auf der Strae mit vieler
Aufmerksamkeit hierhin und dorthin nach den uerungen der Menge gehorcht, und
dabei fortwhrend leise, schnell und angelegentlich zu seinem Begleiter
gesprochen, obgleich der letztere gar keine Notiz davon zu nehmen schien.
    Alle Zimmer der Konditorei waren angefllt, und die beiden Mnner fanden mit
Mhe in dem Winkel eines entfernten Gemachs zwei unbesetzte Pltze.
    Der Besitzer des Ladens hie Lessel und fuhr geschftig unter der Menge hin
und her, dem Anschein nach eifrig beschftigt, das Verlangen seiner Gste
zufrieden zu stellen. Indessen konnte es einem schrferen Beobachter nicht
entgehen, da der vertrocknete kleine Mann mit den beweglichen Augen hie und da
lnger stehen blieb, als ntig war, und mit groer Aufmerksamkeit auf die
uerungen der Anwesenden horchte.
    Der kleinere von den beiden im Winkel Sitzenden machte eben mit einem
verschmitzten Lcheln seinen schweigsamen Begleiter darauf aufmerksam, als Herr
Lessel an ihren Tisch trat. - Glhwein, meine Herren? sprach er mit lauter
Stimme, - leise aber setzte er hinzu, der Alte fllt durch, alles geht nach
Wunsch, und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er wieder unter die Menge, und
man hrte nur seine durchdringende Stimme: Glhwein, zweimal!
    Das verschmitzte Lcheln des zweiten Mannes im Karbonari blieb ungestrt auf
dem lebenslustigen Gesichte, und whrend nur der Ausdruck einer unschnen
Schlauheit etwas strker auf seinen Zgen hervortrat, sagte er zu seinem
Nachbar: Habe ich recht gehabt, Sir William?
    Dieser erwiderte indessen nichts und erhob nur das tiefliegende blaue Auge
auf die Masse der Gste, unter welcher eben die lebhafteste Bewegung entstanden
war. Skrzynecki - Skrzynecki - also doch Skrzynecki, dieser Ausruf flog von
Mund zu Mund, alles drngte sich nach den anderen Zimmern, sind die beiden
Mnner sahen sich pltzlich allein.
    Es war nmlich an jenem Abende die Wahl des neuen Generalissimus der Armee
entschieden worden. In der Schlacht bei Grochow hatte man erkannt, wie ntig es
sei, ein militrisches Talent an die Spitze zu stellen. Der wackere Frst
Radzivil, welcher damals auf allgemeines Drngen den Oberbefehl angenommen
hatte, um den Eiferschteleien der brigen Befehlshaber keine Veranlassung zum
Ausbruch zu geben, konnte und wollte dies Amt nicht lnger behalten. Als
Nichtmilitr und allgemein verehrter Patriot konnte seine Wahl keinen der
brigen Kandidaten beleidigen, Chlopicki konnte unter seinem Namen die Armee
leiten, deshalb hatte er damals auf allgemeines Drngen einen Posten angenommen,
dem er nicht gewachsen war. Chlopicki war aber gefallen und lag jetzt an seinen
Wunden in Krakau danieder, man hatte auf dem Schlachtfelde von Praga und Grochow
gesehen, wie milich es sei, wenn das Schicksal des Tages in den Hnden eines
Mannes ruhe, der, wie Chlopicki, nicht offiziell an der Spitze stand; die
Generale und Obersten hatten sich geweigert, seinen Anordnungen zu gehorchen,
und dies Miverhltnis hatte das Schicksal der Nation aufs Spiel gesetzt. Die
Notwendigkeit lag vor Augen, einen tchtigen Militr an die Spitze zu stellen,
und die neue Entscheidung hatte bisher alle Parteien in Bewegung gesetzt.
Skrzynecki und Krukowiecki waren die beiden wichtigsten Kandidaten, zwischen
denen man schwankte. Jener hatte vom Anfange des Krieges her unzweifelhafte
Proben einer tchtigen militrischen Geschicklichkeit gegeben, er war bekannt
und geschtzt als ein milder, gemigter Mann, an seinem Patriotismus haftete
kein Zweifel. Aber jene militrischen Proben eines untergeordneten Generals
waren nicht hinreichend zum Beweise, ob er als Generalissimus an seinem Platze
stnde, jene gemigten Gesinnungen hatten ihm kein Interesse bei der
Volkspartei erweckt. Krukowiecki dagegen geno bei dieser die ausgebreitetste
Popularitt, er galt fr einen echten, unverflschten Polen, er war einer von
denen, welche in der schlichten Kutka einhergingen, er besuchte den
patriotischen Klub, er verlangte durchgreifende, ganze Maregeln, sein
soldatisches Talent, seine Energie waren bekannt, er war ein alter General,
whrend Skrzynecki erst im Revolutionskriege dazu avanciert wurde.
    Es war aber auch gerade Krukowiecki, dessen Eifersucht man durch die Wahl
Radzivils hatte beschwichtigen wollen, sein Ehrgeiz wurde ber alles von der
Adelspartei gefrchtet, und diese Furcht wurde selbst durch seine bekannte
damalige uerung nicht entfernt. Stellt uns einen Tambour an die Spitze, er
wird uns zum Siege fhren, denn wir werden ihm folgen.
    So standen die Sachen, als an jenem Abende Skrzynecki zum Generalissimus
erwhlt ward.
    Herr Lessel fand sich bald wieder ein bei seinen beiden vereinsamten Gsten,
rieb sich vergngt die Hnde und sagte zu Williams Begleiter: Nun, hab' ich
recht gehabt, Herr von Wankenberg, hab' ich recht gehabt, die Diplomatie der
hohen Herrschaften ist durchgedrungen, der alte Brenbeier ist wieder drum
gekommen, und der sanfte, unschuldige, unbekannte Skrzynecki ist Generalissimus.
O, ich kenne meine Herren vom Reichstage! Sie wollen die Armee nicht aus der
Hand geben, Skrzynecki kann sich auf keine Partei sttzen, er beruht auf ihnen
allein - der patriotische Klub wird auer sich geraten, sie kommen aneinander,
sie kommen aneinander, geben Sie acht, unsere Sache geht gut, geht schneller als
wir dachten. - Sie tten am besten, gleich in den Klub zu gehen, und alles
mgliche Holz ins Feuer zu werfen.
    Herr von Wankenberg hatte noch immer dasselbe Lcheln auf den Lippen und
erwiderte dem lebhaften Konditor mit der ungestrten Ruhe eines besser
Unterrichteten und eines Vornehmeren, der sich am Eifer eines Gleichgesinnten
freut, ihn aber gern in die untergeordnete Stellung zurckgedrngt sieht: Sie
sind zu voreilig, zu sanguinisch, Herr Lessel, Sie knnten unsere Sache
kompromittieren, ehe sie reif ist, Sie sind den jungen Leuten ohnedies schon
verdchtig und sollten mehr als jeder andere auf der Hut sein.
    Lessel zog die Augenbrauen zusammen und kniff die schmalen Lippen ein, aber
Herr von Wankenberg lie sich nicht stren und fuhr fort: Der Klub ist klger,
als viele denken, seine Hauptfhrer haben beschlossen, das sogenannte Wohl ihres
Vaterlandes auf keine Weise blozustellen, solange der Feind zwei Meilen vor
Warschau steht, alle Kraft vorderhand auf den Kampf zu verwenden, und erst
spter einen direkten Einflu auf die Regierung, oder die Regierung selbst zu
erzwingen.
    Spter, spter, fiel Lessel ein, wenn's nur ein Spter fr sie geben
wird.
    Gut, gut, oder mglich, wahrscheinlich, fiel Wankenberg ein, Skrzynecki
ist ein unentschlossener Mann, er wird die Hitze verrauchen lassen, aber jetzt
ist nichts, gar nichts zu machen, kompromittieren Sie uns nicht, Lessel, mit
Ihrer Voreiligkeit; rsten Sie zu morgen frh, oder besser noch fr heute nacht
den alten Levi, ich werde ihm Briefe geben ber den Stand der Dinge; lassen Sie
nicht wieder den alten Franzosen sein Geschwtz beilegen, er bertreibt alles,
um seine Wichtigkeit beim Feldmarschall zu erhhen - seien Sie unbesorgt,
Lessel, ich will Ihrer Ttigkeit schon erwhnen, mein Mivergngen ber Ihre
Voreiligkeiten hat nichts mit meinen Mitteilungen zu schaffen - drben im
Winkel, hinter Ihnen hat sich ein Gast eingefunden, verlassen Sie uns, und
schicken Sie uns bessern Glhwein.
    Lessel nahm die Glser und schrie wieder wie vorher im Abgehen: Glhwein,
zweimal!
    Whrend dieses Gesprchs hatte William still dagesessen, und wenn er nicht
zuweilen einen verchtlichen Blick auf die beiden Sprecher geworfen htte, so
wrde man geglaubt haben, er hre gar nichts von ihrem Gesprche. Der schroffe
Ausdruck seines Gesichts war immer hrter geworden, er strich sich die langen,
schlichten Haare, welche ungeordnet um seinen Kopf hingen, aus den Schlfen, und
eine abschreckende Verachtung drckte sich auf seinen Lippen aus, als er dem
Kellner das frisch gefllte Glas abnahm und zu seinem Begleiter sprach:
    Sie mssen gestehen, Herr von Wankenberg, arme Adelige unseres Vaterlandes,
und die alten vertriebenen Franzosen arbeiten der Revolution aufs beste in die
Hnde - sie haben sich fast das Privilegium des Spionierens erworben.
    Wankenberg lachte hell auf: Sie sind ein Spavogel, aber ich bitte Sie,
nicht so laut zu sprechen, der Mann da drben liest vielleicht nicht so eifrig
im Warschauer Kurier, als es aussieht - die Diplomatie, lieber Sir William, hat
mancherlei Branchen, und ich wei ja, wie tief Sie selbst das revolutionre
Gesindel hassen.
    Ich hasse sie, weil ich ihre Grundstze hasse, aber ich bin kein Spion fr
Geld.
    Um Gottes willen, sprechen Sie leiser, wenn Sie Ihre Tugend auskramen
wollen, der Mensch da drben sieht schon ber das Journal hinweg. Apropos, Ihr
alter Freund Valerius, der noch heute morgen kein Geld zu seiner Abreise hatte
-
    Ich wei, ich wei, Sie haben mir das heut morgen schon gesagt, und ich
glaube, er ist jetzt damit versehen.
    Lassen Sie mich doch ausreden, ich bin ihm vor einer Stunde mit der Frstin
Konstantie auf der Strae begegnet. Sie war zu Fu und im eifrigsten Gesprch
mit ihm, es kostete mich Mhe, den weit hinter ihr gehenden Bedienten zu
entdecken - mit Ihren schnen Grundstzen machen Sie alles ungeschickt, und
bringen nicht einmal diesen Schwrmer aus der Stadt - mir ist er sicher, mir
kommt er auch spter zurecht; aber Ihnen ist er ja vllig im Wege. Ich habe mehr
fr Sie getan, als Sie wissen; ich habe ihn in den demokratischen Gesellschaften
erblickt, und damit habe ich ihn aus den Zirkeln gedrngt, die er wohl aufgeben
mute, weil man ihm scheele Gesichter schnitt, ich habe -
    William, auf dessen Antlitz sich die heftigsten Empfindungen ausgeprgt
hatten whrend dieser Erzhlung, sprang in diesem Augenblicke auf und verlie
schnell das Zimmer.
    Dies schien aber seinen Begleiter wenig zu rhren; er nahm ein Taschenbuch
aus dem Rocke und notierte sich etwas. Dieser Herr von Wankenberg hatte eins von
jenen verwischten Gesichtern, denen man das Alter nicht recht ansieht. Er konnte
ebensogut fnfundzwanzig wie fnfunddreiig Jahre zhlen. Seine Harare waren
dnn und eng am Kopfe liegend, ein fein zugeschnittenes Brtchen hob das glatte
Gesicht, das fr den ersten Anblick gesund und von lebhafter Farbe erschien.
Wenn man genauer hinsah, so gab man ihm vielleicht das unangenehme Beiwort
schwammig. Seine Hnde waren sehr wei und fein.

                                      24.


Das Glck einer brausenden Liebe hatte Valerius in allen Organen verndert. Er
sah jetzt alles vershnlich an, freundlich, liebevoll. Das ist ja eben das
wunderbare Geheimnis dieses Gefhls, da es der ganzen Welt eine andere, eine
glnzende Farbe gibt, und zwar nicht blo der Gedankenwelt, sondern auch den
scheinbar unbedeutendsten uerlichen Dingen. Ein Liebender fhlt sich an den
Quellen aller Triebe, er sieht mit Staunen ihre unendliche Kraft, und darum
vergibt er am leichtesten alle Leidenschaften.
    Die wilden, verzehrenden Sympathien und Antipathien, welche den jungen
Deutschen noch eben entsetzt hatten beim Anblick der polnischen Zustnde,
erschienen ihm jetzt in einem viel besseren Lichte. Groe Krfte, meinte er,
verlangen auch groe, mannigfache und heftige uerungen.
    Dieser neue Sinn drckte sich bis ins kleinste in seinem Wesen aus, denn die
ganzen Erscheinungen unseres Innern, mgen sie Liebe oder Ha zu nennen sein,
bemchtigen sich auch des ganzen Menschen. So kam es denn, da sich bald wieder
ein leidliches Verhltnis, namentlich mit Stanislaus, herstellte. Die Wahl
Skrzyneckis hatte im Hause seines Vaters die beste Stimmung erzeugt; die
aristokratische Partei frchtet so gut wie die demokratische einen berragenden
Krieger, denn sie ist in sich eben auch eine Demokratie. Skrzynecki war ein
unbedeutender Edelmann, sein Ruhm war mig, und man hatte nicht zu frchten,
da er sich den Meinungen und der Anordnung der Korporation berheben wrde.
Diese Beruhigung verlangt aber jede Partei, auch wenn sie noch gar nicht wei,
was sie will. Sie frchtet vor allem, ein bloes Instrument zu werden. Der alte
Graf nun besonders war nach dieser Wahl ganz in seinem Element: er gehrte zu
denen, die alles Edle und Hohe vorzubereiten trachten, die sich vorreden, die
Erreichung dieses Zweckes sei ihr ganzes Streben, die Ausfhrung ihrer
philantropischen Plne aber soweit wie mglich hinausschieben. Ihre angebornen
Neigungen sind im Grunde wenig strker als ihre Kultur, und sie sind nie
glcklicher, als wenn sie die Aussicht vor Augen haben, da sie auf dem
eingeschlagenen Wege zu Reformen gelangen knnen, ohne heute oder morgen diese
Reformen beginnen zu mssen. Ihre Bildung ist dann geschmeichelt, und ihre
Gewohnheiten schweigen, weil sie noch nicht bedrngt werden.
    So war's mit dem alten Grafen, als Skrzyneckis Erwhlung stattgefunden
hatte; es konnte alles geschehen, und man ward zu nichts getrieben. Keine
bereilung, keine bereilung! ist das Losungswort dieser Leute, die sich in
allen gesellschaftlichen Kreisen vorfinden.
    
    Valerius, der es nicht ertragen konnte, da er nach seinem Austritte von der
Armee nicht mehr fr vollgltig im Salon angesehen wurde, da ihn alles
mitrauisch, kaum mit notwendiger Hflichkeit behandelte, trug sich ernstlich
mit dem Entschlusse herum, das wieder ins Gleichgewicht zu bringen. So
selbstndig er auch zu sein glaubte, so sehr hing er hoch von seiner Umgebung ab
und von der Meinung derselben. Achtung, ja fast mehr als Achtung war ihm
Bedrfnis, und das konnte ihn sogar vermgen, gegen seinen eigenen Glauben zu
handeln, bessere Einsicht zu nehmen, und sich einer Gewhnlichkeit
unterzuordnen, welcher er sich weit berlegen fhlte. Hippolyt hatte ihn zwar
einmal mit der Behauptung eingeschchtert, der Einflu von dem, was uns umgibt,
ist strker als alle Philosophie, er macht uns zum vlligen Sklaven, sobald, wir
allen Trotz aufgeben. Valerius bebte vor dieser Sklaverei, namentlich bei seinen
jetzigen Umgebungen, aber er hielt es ebenso auf der andern Seite fr das
Wesentlichste einer geselligen Kultur, dem verletzenden Widerspruche, der
beleidigenden Absonderung, dem Rechtbehalten soviel als mglich aus dem Wege zu
gehen. Nur der hat recht, pflegte er oft zu sagen, der nicht recht haben
will.
    Diese Nachgiebigkeit ward nun auch sehr gefrdert durch die berschwellende
Stimmung einer neuen Liebe. Was ist wahr, was ist notwendig, rief er lachend,
in den verworrenen geschichtlichen Zustnden dieser Welt? Ich wei es nicht,
denn es wechselt wie die Witterung. Nur die Liebe ist ewig, und die
Vershnlichkeit ist darum immer die sicherste Tugend.
    So ward es Stanislaus nicht schwer, den desertierenden Deutschen wieder zu
gewinnen. Er versprach, wieder einzutreten, sobald es ans Fechten ginge. Und so
war alles im trefflichsten Gleise, und ein wunderlicher Humor ergo sich ber
Gedanken und Worte Valerius'. Keine einzige seiner wichtigen Gesellschaftsfragen
war gelst, aber die Harmonie nach auen war hergestellt, sein Herz auf das
Seste beschftigt. Und bei solcher Gelegenheit, wo wir eigentlich im tiefsten
Innern hren: es ist keineswegs alles in Ordnung, wo wir aber halb und halb die
Hoffnung aufgegeben haben, die widerstrebenden Massen zu bewltigen, und wo uns
dieser oder jener Reiz fr den Mangel einer vlligen Harmonie entschdigt, da
kommt uns der Humor, ein beschwichtigender Trster. Tief in den Winkeln seines
Lchelns ruht zwar ein ewiger Schmerz, aber dieser hebt nur das Lcheln um so
mehr, wir fhlen die Notwendigkeit, uns selbst zu erhalten, und jenen Schmerz
unberhrt zu lassen. In dem Lcheln liegt auch ein so heimatlicher Zug, ein
Erinnern an die Kindheit, an die Tage, wo wir noch vllig unschuldig waren, eine
Stimme sagt uns: Dies Lcheln ist echt, stammt aus dem Ursprnglichen deiner
Natur, aber der Schmerz ist erst gekommen mit der erworbenen Bildung, folge
deiner Natur und lchle.
    Daher kann es auch nur Humor geben, wenn die Bildungszustnde in Grung und
Wechsel geraten sind und sich neu gestalten wollen. In sogenannten klassischen
Perioden, wo die eben kursierende Aufgabe der Zeit gelst, wo alles fertig und
bestimmt ist, was man Tugend, Gesetz, Schnheit nennt, da gibt es keinen Humor.
Die Juden, Griechen und Rmer mit ihrer fertigen Welt kannten ihn nicht.
    Der alte Graf versumte in seiner guten Stimmung nicht, die humoristische
Laune des Deutschen durch artige, geistreiche Bemerkungen zu untersttzen,
Stanislaus lchelte dazu, obwohl man leicht bemerken konnte, da ihm das
eigentliche Verstndnis dieser Stimmung abging. Alle einseitigen Vlker wie die
Polen, besitzen keinen Humor, dessen Existenz die grte innere Mannigfaltigkeit
bedingt. Dieser Mangel erschwert dem Deutschen das behagliche Zusammenleben mit
solchen Nationen, zu denen auch die Franzosen gehren. Schnelle, kurze
Handlungen, welche diese Vlker bezeichnen, haben nichts zu schaffen mit der
breiten Basis des Humors und seiner alles umfassenden Natur. Auch Konstantie
gehrte eigentlich nicht in diesen Bereich, ihr entschlossener Geist war nicht
daran gewhnt, nach allen mglichen Richtungen zu blicken, aber die Liebe lehrt
alles. Wenn sie Valerius in dieser heitern, beweglichen Laune sah, da fhlte sie
sich beraus glcklich und gehoben, sie erkannte darin die frische Einwirkung
ihres Liebesverhltnisses, das deutsche Naturell und die feinen
Auffassungsorgane der Neigung erleichterten ihr das Verstndnis dieser
ungewhnlichen Sprnge des Geistes und Herzens, und so bildete sich bald ein
Zirkel der ergtzlichsten Unterhaltung. Hedwig schwamm in ihrer jugendlichen
Heiterkeit mit darin herum und schickte sich auf das Beste zu dieser in Polen so
fremdartigen Konversation, denn die Frauen verstehen alles schnell, wo das Herz
seine Tne beisteuert, und so hatte sich bald ein bestimmter Kreis gebildet im
Salon, welcher scherzhaft der deutsche Klub genannt wurde.
    Valerius war auch am Tage fters im Hause des alten Grafen, und unter dem
steten Wnschen, den weien Schal bald zu erblicken, unter Scherzen und Lachen
verstrich ihm die Zeit. Sehnschtig blickte er wohl tglich nach der Tr, durch
welche die Frstin erscheinen sollte, sie kam, aber das weie Freudenzeichen
fehlte immer. Einige Male flsterte sie ihm zu, der alte Herr sei nicht ohne
Argwohn, so freundlich er aussehe, sie glaubte sich streng beobachtet.
    So standen die Sachen, als Valerius am Abende des 30. Mrz in den Salon
trat. Es waren viele Militrs zugegen, und es schien eine ungewhnliche Bewegung
zu herrschen. Sie uerte sich indessen nicht laut und strmisch wie zumeist,
sondern dadurch, da sich die Gesellschaft in mehrere Gruppen gespalten hatte,
in welchen einzelne Redner mit halber Stimme lebhaft, und wie es schien, auf
berzeugung ausgehend, das Wort fhrten. Namentlich zeichnete sich ein junger
Offizier von hherem Range aus, er fand die meisten Zuhrer und schien am
wenigsten durch Zwischenreden gestrt zu werden. Er hatte ein blhendes,
lebhaftes Gesicht, groe forschende Augen und eine befremdende Wehmut oder
Schwrmerei schien manchmal aus den Zgen aufzublicken. Das ganze sprechende
Antlitz war aber trotzdem bedeckt mit Spitzen und Funken des nationalen
Scharfsinns, die bei einem Krieger auf schlaue Plne und Berechnungen deuten.
Valerius erinnerte sich, da ihn Stanislaus mehrmals auf die strategischen
Talente dieses Mannes aufmerksam gemacht hatte, und obwohl er die Worte nicht
hrte, so glaubte er doch aus alledem schlieen zu knnen, der junge Offizier
entwickle irgend einen Feldzugsplan. Sein Name war ihm entfallen, und er wollte
eben nher hinzu gehen, um sich zu unterrichten, als Konstantie eintrat. Auf
ihren Schultern lag der weie Schal - sie war schn wie eine Gttin, und alles
andere verschwand fr Valerius.
    Die Gruppen zerstreuten sich, das Treiben lste sich in den gewhnlichen
Salonverkehr auf. Valerius bemerkte es kaum, da sich Stanislaus mit dem jungen
interessanten Offizier entfernte, Konstantiens sehnschtige Augen beschftigten
ihn allein; sie sprach wenig mit ihm, aber es lag in den wenig Worten, eine so
se Schwere, eine so weiche Beklommenheit, das schne Rot ihres Gesichts
strahlte so glckverheiend, da er es kaum inne ward, wie die Stunden
verschwanden. Ein leichter Schlag auf die Achsel weckte ihn. Stanislaus stand
hinter seinem Stuhle und winkte ihm nach den stilleren Zimmern. Als sie weit
genug entfernt waren, da niemand sie hren konnte, stand er still, drckte ihm
heftig die Hand und sprach: Der Augenblick ist da, wir knnen fechten.
    Valerius erschrak. - Wann?
    Noch heute nacht.
    O!
    Das klingt ja wie Betrbnis, irr' ich mich wieder in Ihnen?
    Nein, nein, erwiderte Valerius, der sich schnell gefat hatte, um welche
Zeit steigen wir zu Pferde?
    Zwlf ist die spteste Stunde; Sie haben Zeit, bis dahin Ihre Vorkehrungen
zu treffen. Hren Sie, wie es zusammenhngt. Sie haben vorhin Prondzinski
gesehen.
    
    Wen? Ah, ja, das war also Prondzinski!
    Ich habe Sie ja schon fters aufmerksam lauf ihn gemacht; er ist die rechte
Hand Skrzyneckis, ein unerschpfliches Kriegstalent, wie ich glaube. Er sagte
mir heute abend, es sei etwas im Werke, wenn ich Lust htte, mchte ich ihn
begleiten. Wir gingen. Er hat eine unerschpfliche Kriegsphantasie und
entwickelte mir soviel Mglichkeiten, die Russen zu schlagen, da ich, ganz
bedeckt und verwirrt, kaum bemerkte, wohin wir gegangen seien. Es war ein
glnzender Speisesaal, in dem wir uns befanden. Ich blieb ein wenig zurck,
Prondzinski trat hinter Skrzyneckis Stuhl, und sie sprachen leise, aber eifrig
und lebhaft miteinander. Frhlich kam er zurck und fhrte mich wieder von
dannen. Endlich ist er entschlossen, um zwlf Uhr kndigt er der Gesellschaft
an, da es gegen den Feind geht, eine Minute darauf ist er im Sattel. - Nun
flogen wir, den Befehl zum Abmarsch zu verbreiten, die Truppen waren schon
konsigniert, die Weichselbrcke ward mit Stroh beschttet, wenn Sie hinausgehen
wollen, so knnen Sie den gespenstischen Zug der ganzen Armee betrachten.
    Wohin?
    Um zwlf Uhr spricht Skrzynecki das Wort aus, eher erfhrt's niemand, und
die Vorsicht ist gut, in der Stadt ist's unsicherer als im Lager.
    Wo find' ich Sie um zwlf?
    Zu Pferde an der Weichselbrcke.
    Sie gingen zurck in den Salon. Valerius htte um alles in der Welt gern ein
Wort zu Konstantien gesprochen, aber sie war umlagert von allen Seiten; er stand
wie auf Kohlen. Er winkte ihr mit den Augen, sie schien ihn zu verstehen, aber
der alte Graf schien es ebensogut bemerkt zu haben. Die Situation war peinlich.
    Es schlug zehn. Da brachen alle Militrs auf, in der Verwirrung konnte er
sich der Frstin nhern und ihr zuflstern: In einer halben Stunde bin ich da.
Das ist zu zeitig, erwiderte sie schnell, nicht wahr, lieber Onkel, der Graf
Kicki ist den ganzen Abend nicht hier gewesen, Herr von Valerius will es besser
wissen.
    Der alte Herr war nmlich sachte an das Prchen herangetreten, und hatte
vielleicht schon gehorcht; Konstantie suchte ihn zu tuschen und sprach weiter
in ihn hinein; Valerius konnte nicht lnger warten.
    Magyac kam ihm zu Hause schon gerstet entgegen, er hatte schmerzlich auf
den Herrn gewartet, da er von einem Aufbruche der Truppen unterrichtet war.
Jetzt jubelte er laut, als ihm dieser entgegenrief: Thaddus, die Pferde
satteln, meine Uniform!
    Ich hab's gewut, schrie er lustig, da Sie so sprechen wrden, ich hab'
meinen Herrn gekannt, Sie mochten sagen, was Sie wollten. Alles fertig, die
Pferde schon gezumt, hier, hier Uniform, Degen, Kaskett, Pistolen sind geladen,
fest geladen, Herr, Patrontasche voll, Herr, drauen auf der Weichselbrcke, das
ist ein Leben, seit zwei Stunden dauert der Zug schon, unsere Truppen, Herr,
unsere Truppen, ein Heer, ein echtes Heer - wohin geht's, Herr? setzte er
leiser hinzu.
    Auf der Brcke werd' ich dir's sagen, um dreiviertel zwlf, Schlag
dreiviertel zwlf reiten wir. - Er bezeichnete ihm einen Platz wo er ihn mit
den Pferden erwarten sollte. - Halt da, den Schlssel aus meinem Rock.
    Herr, da Sie die Uhr nicht verhren. Valerius flog davon, lachend ber
Magyacs uerung, der mit der Schlauheit seiner Nation den Zusammenhang zwischen
dem Schlssel und der Eile erraten zu haben schien.
    Es war halb elf, als Valerius an der Tr des Gartenhauses stand. Sie hatte
gesagt, es sei zu zeitig, er konnte auf einen ihrer Domestiken stoen, die sie
vielleicht noch nicht hatte entfernen knnen - aber es blieb ihm nur eine starke
Stunde, entschlossen ffnete er die Tr, und tappte durch den Gang, die Treppe
hinauf. Hier horchte er, wirklich wurde drinnen eben eine Tr zugeschlagen, dann
ward es still - er ffnete. Konstantie stand mitten im Zimmer und lauschte nach
den vordern Gemchern. Sie winkte ihm mit der Hand, stehen zu bleiben, und
schalt mit leiser Stimme: Unbesonnener! Ich habe mich nicht knnen umkleiden
lassen, meine Kammerfrau hat noch die nchste Tr in der Hand - endlich, jetzt
ist sie fort.
    Valerius flog auf sie zu und drckte sie herzend und kssend mit einem Arme
an sich, mit dem andern hielt er den Sbel, um kein Gerusch zu machen. Der
weie Schal glitt unter seiner Hand von den Schultern, und whrend Konstantie
seine Liebkosungen erwiderte, schob er ihn unter den Mantel.
    Was machst du da? Wit den Worten schlug sie ihm den Mantel auseinander.
In Uniform? Himmel, was soll das bedeuten? Sprich schnell.
    Valerius legte seinen Sbel ab und lachte. Er hatte ihr nichts sagen wollen,
aber sie bat so gut, so dringend: Sei nicht falsch, Valerius, erzhle!
    Er erzhlte. Konstantie regte sich nicht, ihre Augen aber verlieen die
seinen nicht. Also nur eine Stunde noch! sagte sie endlich mit schwacher
Stimme, und ich sehe dich vielleicht nie wieder. Ein Schauer berflog den
ganzen Krper, und sie setzte noch leiser hinzu: Es wre entsetzlich! Ich liebe
das Leben ber alles; aber ich wei nicht, wie ich ohne dich leben soll - bleib;
was gehen dich die Leute an, bleib', Geliebter! Dabei rollten groe Trnen ber
ihre Wangen.
    Konstantie! erwiderte Valerius, wie bist du reizend in dieser Schwche,
la mich die Trnen hinwegkssen von diesem Gesichte, das nicht fr Trnen
geschaffen ist, aber wenn sie getrocknet sind, wirst du nicht mehr verlangen,
da ich bleiben soll. Was wolltest du mit einem Manne ohne Mut, der sein
Versprechen brche, den die Umgebungen verachten?
    Ach, Mann, es ist ein grerer Mut, seine Umgebungen und ihr Geschwtz zu
ignorieren, es ist eine Schwche, den hergebrachten Formen nachzulaufen und das
Glck zu verlassen, es ist eine eingebildete Phantasterei, eine veraltete
Ritterkoketterie mit eurem Mut und eurer sogenannten Ehre, und ich htte dich
strker geglaubt. Rinald war der gewaltigste Ritter vor Jerusalem, und der
schwrmerisch-romantische Tasso lt gerade ihn mit Armida Jerusalem und
Schlacht vergessen.
    Aber Rinald war verzaubert.
    Und du bist es leider nicht - ja, ja, das ist der Unterschied. Mit diesen
Worten nahm sie ein Umschlagetuch vom Stuhle, hllte sich darein und setzte sich
in einen Winkel des Zimmers.
    Du tust mir unrecht, Konstantie, hu wirst dich besinnen; tu' es schnell,
die Minuten sind uns gezhlt. Die Ehre mag ein zuflliges bereinkommen sein,
aber unsere ganze Gesellschaft ist ein solches; wenn wir in ihr bestehen wollen,
mssen wir uns in die wesentlichsten Pflichten gegen dieselbe fgen. Du weit,
ich bin nicht der Mann ngstlicher Formen, ich htte wohl auch die Kraft, diesem
gemachten Phantom der Ehre entgegenzutreten; aber was bliebe in einer Zeit
brig, wo nur dies lose Band noch die Verhltnisse zusammenhlt, wo alle
sonstigen hheren Elemente der Gesellschaft lngst entwichen sind, und
Konstantie, weit du auch, wer mich zuerst anklagen wrde, weit du's? Du
schweigst; ich will dir's sagen: die Frstin Konstantie, die stolze Konstantie.
Besinne dich, ach die schnen Augenblicke, in denen wir uns lieben knnten,
verstreichen unter spitzfindigen Worten.
    Es entstand eine Pause. Valerius ging einigemal im Zimmer auf und ab und
blieb endlich vor ihr stehen. Ihr Kopf war auf die Brust gesunken, das Auge
niedergeschlagen, sie regte sich nicht. Valerius legte seine Hand auf ihr Haupt
und betrachtete sie schweigend. Bei der Berhrung bebte sie zusammen, schlug die
Augen auf, streckte ihm die Hand entgegen und sprach schnell: Es ist vorber,
du hast recht wie immer, komm', vergib!
    Und dabei sprang sie auf und zog ihn ans Herz. Das alte Spiel der
Liebkosungen begann, das einzige Spiel, im welchem beide Parteien gewinnen. Sie
glaubten sich einer um so greren Heftigkeit hingeben zu mssen, je unsicherer
die Aussicht war, da hnliche Freuden bald wiederkehren drften. Die sesten
Worte und Schmeichelreden schmiegten sich in das feste Umarmen, das brennende
Kssen; der Mantel fiel von seinen Schultern, das Tuch von den ihren, und sie
standen ineinander verschlungen wie zwei Kmpfer, welche die Krfte ihrer Liebe
messen wollen.
    Hastig sprang er auf einmal zurck und ri die Uhr aus der Tasche. Noch
zehn Minuten, Konstantie, sind unser, und dann - hier berwltigte ihn das
Ursprngliche seines Charakters, das Trumen der Zukunft, das Verzagen am Glck
- ach Konstantie, sagte er mutlos, wird unsere Freude wiederkehren?
    Konstantie, welche die Hnde auf die Augen gedrckt hielt, gleich als wollte
sie die schne Welt des Augenblicks, welche in ihrem bewegten Herzen rollte,
keinen Moment entfliehen lassen, sagte mit weicher Stimme: Komm, komm zu mir,
was kmmert uns die Zukunft, da der Augenblick so schn ist, komm, la mich dein
Auge kssen. - So, mein Herz, bist du nicht auch so glcklich, kannst du jetzt
an etwas anderes denken?
    Das ist der Vorteil leidenschaftlicher Wesen: der Genu der Gegenwart wird
ihnen nicht durch den leisesten Gedanken an das, was kommen knnte, getrbt,
keine Zukunft kmmert sie, auch wenn sie schon an die Tr klopft.
    Aber Valerius, den jetzt schon der Trennungsgedanke und das, was hinter
dieser Nacht lag, qulte, entbehrte dieses Vorteils, und er hrte denn auch
zuerst Stimmen und Gerusch im Garten. Konstantie wollte nicht daran glauben,
aber er ntigte sie, aufzuhorchen.
    Das Gerusch war unter den Fenstern ihres Zimmers, die, an der Rckseite des
Hauses, nach dem Garten fhrten. Konstantie lschte die Lampe aus und ffnete
leise das Fenster. Seht, nach dem Gartenhause - es war die Stimme des alten
Grafen - ob er vielleicht dort entkommen kann, eben schlug's vom nchsten
Turme dreiviertel auf zwlf.
    Ich mu fort, Konstantie! - Um Gottes willen nicht in diesem
Augenblicke.
    Beide schwiegen eine Zeitlang und horchten. Man hrte nichts mehr in der
Nhe, aber hinten am Gartenhause rief hie und da ein Bedienter dem andern zu.
Konstantie glaubte wahrzunehmen, da sie zurckkmen, und die Jalousien des
bedeckten Ganges untersuchten. Valerius grtete sich den Degen um, suchte seinen
Mantel im Dunkeln, und stand nun reisefertig wie auf Kohlen.
    ffne mir das andere Zimmer, flsterte er endlich, das Stockwerk ist
niedrig, ich werde auf die Strae hinunterspringen.
    Konstantie schwieg noch eine Weile; dann ermannte sie sich pltzlich und
ging mit raschen Schritten nach ihrem Umschlagetuche. La das dumme Volk,
sagte sie dann und trat zu Valerius, sie mgen sehen und erfahren, was sie
wollen, es ist kein bloes Liebesabenteuer zwischen uns; einen Abschiedsku, und
noch einen, und den letzten; nun komm, ich bring' dich selbst hinunter, mag uns
begegnen, wer da will.
    Nicht doch, Konstantie.
    Doch, widersprich mir nicht, es ist umsonst, mein Entschlu ist fest; es
schlgt den Augenblick zwlf.
    Sie gingen. Leise - leise, drck die Sbelscheide an dich, flsterte
Konstantie, als sie im bedeckten Gange wirklich die Bedienten an den Jalousien
rtteln und sprechen hrten.
    Alles ist fest, sagte der eine, die Tr dort ist auch verschlossen, er
mu in irgend einem Winkel stecken - brigens, Johann, wenn ich meine Meinung
sagen soll, ein Spitzbube war's gewi nicht, 's war nur ein Augenblick, da ich
ihn sehen konnte, aber so sieht ein Spitzbube nicht aus, 's war ganz gewi ein
Edelmann.
    Aber was sollte denn der - sprach der Angeredete.
    Pst, Johann, unterbrach ihn der erste. Die Stimmen entfernten sich.
Valerius und Konstantie kamen unangefochten ins Gartenhaus, und fanden auch da
nichts Verdchtiges. Er ffnete die Tr nach der Strae, sie umarmte ihn noch
einmal mit aller Leidenschaft, welche die ngstliche Situation um nichts
vermindert zu haben schien. Leb wohl, wohl, mein Herz, mein alles, leb wohl.
    Er flog durch die Straen, und schrie schon von weitem Magyac - Magyac!
    Dieser kam mit den Pferden herbei. Herr, da schlgt es zwlf, wir werden zu
spt kommen.
    Beide waren mit einem Sprunge im Sattel, und in gestrecktem Galopp ging es
nach der Weichselbrcke hinab durch die finstern, schweigsamen Gassen.

                                      25.


Ungeduldig erwartete ihn Stanislaus an der Brcke. Skrzynecki mit dem
Generalstabe war schon fort, die beiden jungen Offiziere sprengten in grter
Eile durch Praga, die beiden Gemeinen - Magyac war in das Regiment getreten - in
gleicher Eile hinterher. So ging es ber die Flche hin, welche auf der Ostseite
Warschaus bis an die Wlder luft. Die Nacht war still und dunkel, aber die
breite Chaussee erlaubte den Reitern die schnellste Bewegung. Diese Chaussee
fhrt von Warschau durch die Wlder ber Wavre, Dembe, Minsk, Siedlce nach den
tieferen polnischen Provinzen, nach dem eigentlichen Ruland hinein, und sie
ward bis in die Mitte des Sommers 1831 der Mittelpunkt aller Heerbewegungen.
    Kaum eine Stunde von Warschau beginnen die Wlder. Hier holten die vier
Reiter den Generalstab ein. Stanislaus schlo sich an einen der vorderen
Offiziere, und Valerius, der sich fortwhrend zu ihm hielt, hrte einen Teil der
Orders mit an, welche eine sanfte Stimme austeilte. Sie gehrte einem hohen
Manne, der auf einem groen Pferde ritt. Er war in einen Mantel gehllt, und die
Dunkelheit lie von seinem Gesicht nichts erkennen. Vertrauen Sie auf Gott,
meine Herren, er verlt die Seinen nicht - und nun an Ihre Posten. Alles flog
auseinander, und Valerius konnte erst, als er bei seinem Regimente angekommen
war, nach dem Namen jenes frommen Kriegers fragen.
    Das war Skrzynecki, erwiderte Stanislaus; ein weiteres Gesprch lie sich
nicht anknpfen. Das Vorrcken der Reiterei war nicht ohne Beschwerlichkeit, da
sie einen Teil der Chaussee dem Fuvolk und der Artillerie berlassen mute; der
Weg selbst nahm also bei der Finsternis alle Aufmerksamkeit in Anspruch.
Valerius erfuhr nur noch von Stanislaus, da ein bedeutender Teil der russischen
Streitmacht in dem Flecken Wavre und der Umgegend liege, und da die nchtliche
Expedition dahin gerichtet sei.
    Die Kolonnen hielten pltzlich; die vorderen Spitzen mochten in der Nhe des
Ortes angekommen sein. Es war eine wunderliche Stille, die einen Augenblick
eintrat, alle, selbst die Tiere, schienen zu empfinden, da es der Moment vor
einer Schlacht sei. Der Generalstab ritt rasch auf einem Waldwege vorber nach
dem Angriffspunkte hin; die dunkeln Gestalten glitten vorbei wie Gespenster
durch den dichten Nebel, der auf Wldern und Morsten lag. Aber bald trat jenes
wogende Murmeln ein, das nie ausbleibt, wenn eine so groe Masse an ein Werk
geht. Man hrte die Ladestcke fallen, weil hie und da einer untersuchte, ob
seine Patrone noch fest se; die Kavalleristen machten die Sbel in den
Scheiden locker; Befehle der Offiziere liefen leise von Mund zu Mund. Pltzlich
knatterte eine Lage Musketenfeuer tief aus dem Walde, und noch eine, und noch
eine, dumpfe Kanonenschlge mischten sich bald darein, die Infanteriekolonnen
auf der Chaussee erhielten Raum, vorwrtszurcken; das Regiment des Valerius
nahm seinen Platz auf der Heerstrae ein.
    Dieser nchtliche Kampf machte einen wunderlichen Eindruck auf ihn. Er
fhlte noch die warme Hand Konstantiens auf seiner Wange, und jetzt strich die
kalte Nachtluft darber, welche ihm die Tne eines mrderischen Kampfes brachte,
im nchsten Augenblicke konnte er selbst mitten im Getmmel sein. Die Schlacht
selbst befngt viel weniger, man ist beschftigt, Geist und Phantasie haben
nicht Raum und Zeit, sich des Gegenstandes zu bemchtigen, aber die Nhe der
Schlacht erschttert am tiefsten. Man wei nur, da unweit von uns gemordet
wird, massenweise gemordet wird; die Phantasie bemchtigt sich der Gegenstnde,
und ihre Mglichkeiten erschttern den Strksten. Hier ward sie obenein durch
die Nacht untersttzt, nur das Ohr benachrichtigte die Seele von den tdlichen
Dingen.
    Das Feuern ward indessen immer lebhafter und schneller, man mute einen
heftigen Widerstand vermuten, da die Kavallerie noch immer keinen Befehl
erhielt, vorzurcken. Hie und da stieg aus der stillen Reitermasse ein Fluch auf
gegen die Feinde. Pltzlich verbreitete sich eine groe Helle ber den Wald;
Huser von Wavre waren in Brand geraten, Kriegsgeschrei scholl aus der Ferne,
des Grafen Kicki Kommandostimme Vorwrts flog ber die Lanzen hin, und in
donnerndem Trabe flog das Regiment durch den Wald, in das brennende Dorf hinein.
Der Einzelnkampf wrgte noch in den Husern, pulverschwarze Krieger fochten in
kleinen Haufen mit dem Bajonett gegeneinander; wo man hinsah, flogen die
glhendroten Strahlen aus den Feuergewehren, Kugeln pfiffen von allen Seiten,
mancher Reiter sank auf den Hals des Pferdes.
    Seht, Herr, der Schmied erobert sein altes Haus, rief Magyac, der im Zuge
des Valerius ritt, dort rechts.
    Die schnelle Bewegung ri alles vorber, aber mit einem flchtigen Blicke
glaubte Valerius doch den alten Florian an der roten Mtze zu erkennen, wie er
auf der Schwelle eines brennenden Hauses stand und einen Russen hineinwarf in
die Flamme.
    Die Hauptmacht der Feinde war aus dem Dorfe hinausgeworfen, die hinter
demselben aufgefahrene Batterie wurde eben genommen, und die Kavalleriechargen
warfen den Feind vllig in die Flucht, immer tiefer in die Wlder hinein. Der
Feind, das Geismarsche Korps, war zersprengt, die Reste zogen sich auf das
Rosensche zurck, das drei Meilen davon stand. Den nchsten Tag, des Nachmitags,
wiederholte sich bei Dembe die Schlacht bei Wavre. Hier wurden indessen die
Russen auf keine Weise berrascht, sie wuten, da der Feind ihnen dicht an der
Ferse sei, und versuchten mit grter Anstrengung das Vordringen desselben
aufzuhalten. Sie waren in einer festen Position, zahlreich, und, wie alle
russischen Truppen, standhaft und hartnckig. Die angreifenden Polen strmten zu
wiederholten Malen vergeblich; der Tag begann sich bereits zu neigen, und die
meisten Kombattanten mochten der Meinung sein, er werde mit einem
unentschiedenen Treffen enden, als Skrzynecki unter den vordersten Truppen
erschien. Langsam und schweigend durchritt er ihre Reihen, hie und da nur
erhielten seine Adjutanten Befehle, die Massen enger und dichter
ineinanderzuschieben, Regimenter heranzubeordern, die weiter rckwrts geblieben
waren, hie und da nur sprach er im Vorberreiten zu den Soldaten: Kinder, mit
Gottes Hilfe mu der Tag gewonnen werden! Auch die Artillerie war verstrkt
worden. Skrzynecki erhob die Hand, und wie ein Echo schallte der Ruf zum
Angriffe links und rechts; es begann das Geschtz ein neues lebendiges Feuer,
alle Massen setzten sich im Sturmschritt in Bewegung, die Russen wurden
berwltigt, die untergehende Sonne fand sie auf der Flucht immer tiefer nach
der russischen Grenze hin gen Iganie und Siedlce. Dembe Wielkie war der zweite
Siegesort Skrzyneckis. Er bewies da zum ersten Male die unerschtterliche,
unbiegsame Hartnckigkeit in dem einmal Begonnenen, die sich spter so oft
wieder an ihm herausstellt. Langsam, vorsichtig, oft allzu bedenklich ging er an
die Unternehmungen, aber das einmal Begonnene fhrte er mit der tdlichen Ruhe
eines Fanatikers zu Ende, der sich dem einmal gefaten Entschlusse verfallen
glaubt. Es ist dies vielleicht ein religises Element, das bei Skrzynecki
berhaupt mehr hervortritt als das nationale. Von der polnischen
Volkstmlichkeit bemerkt man auer der schwrmerischen Vaterlandsliebe fast nur
das elegische Wesen an ihm, welches sich so leicht ber ein unterdrcktes Land
verbreitet, und sich zu einer schwrmerischen Religiositt ausdehnt.
    Hier sah Valerius den neuen Generalissimus zum ersten Male deutlich. Von
einigen Offizieren begleitet ritt er bei den letzten Strahlen der noch
kraftlosen Frhlingssonne in das Dorf ein. Das Antlitz strahlte, als ob ein
Gebet darauf ausgebreitet wre, und das matte aber groe Auge richtete sich
einen Moment lang nach der Himmelsdecke. Dann nahm der Held des Tages ein Glas
hervor, betrachtete noch einmal in grerer Nhe die eroberte Stellung, und gab
einige Befehle. Er ritt, wie es schien, noch dasselbe hohe Pferd, das ihn bei
Wavre getragen hatte; nachlssig sa die groe, edle Figur darauf, aber ein
Reitverstndiger konnte schnell erkennen, da es nicht die Ungeschicklichkeit
Friedrichs II. oder die Napoleons in der edlen Reitkunst war, welche aus seiner
nachlssigen Stellung hervorguckte, sondern vielmehr die erworbene Sicherheit,
welche natrliche Anlage und eine stete bung erzeugt. Die langen Beine des
Reiters lagen fast wie eingewachsen am Sattel, und der schn proportionierte
volle Oberkrper wiegte sich leicht und gerade in unbekmmerter Sicherheit. Der
sanfte, nachdenkliche Ausdruck seines Gesichts, welchen die Siegesfreude nur
flchtig verdrngt hatte, das sinnende poetische Auge erinnerten eher an einen
Denker, und nur zuweilen schrfte der Ernst seiner Zge die weichen Formen bis
zum befehlshaberischen, kriegerischen Ansehen.
    Die Order fr die Kickischen Ulanen, den ttigsten Anteil an der Verfolgung
des Feindes zu nehmen, unterbrach die Betrachtung des Deutschen. Er konnte nur
noch einen flchtigen Blick auf den neben Skrzynecki reitenden Prondzinski
werfen, und fort ri ihn die rasche Bewegung seines Regiments.
    Jetzt begann nun das eigentliche Lager- und Biwakleben des polnischen
Heeres, der Feind wurde zwar immer wieder auf der Chaussee zurckgedrngt, bei
und in Iganie selbst, das Prondzinski mit dem Bajonett in der Hand nehmen lie,
in einem mrderischen Gefechte geschlagen, und bis hinter Siedlce, den Hauptort
seiner Magazine und Kranken, zurckgeworfen. Aber der vorsichtige, bedenkliche
Skrzynecki wagte nicht weiterzudringen, in Siedlce war ein Lazarett mit
Cholerakranken, er betrat diese Stadt nicht, und der blutige Sieg bei Iganie
wurde nicht weiter verfolgt. Allmhlich zog der Gegner Diebitsch seine Truppen
enger zusammen und rckte mit berlegenen Krften wieder vor, und so trat denn
die lange Periode des Krieges ein, wo sich die Heere bald vor-bald rckwrts auf
der Chaussee hin und her bewegten. Zuweilen lie es sich an, als wrden sie sich
in eine Schlacht verwickeln, wie zum Beispiele in dem Treffen bei Minsk, aber es
kam nicht dazu. Diebitsch war wohl auch durch die Tage bei Praga und Grochow zu
der berzeugung gelangt, da er nur mit erdrckender berlegenheit auf einen
Erfolg rechnen drfe, und wartete deshalb ungeduldig auf die Garden, welche von
Petersburg her eintreffen sollten.
    So beobachteten sich die Heere, neckten sich, schtzten sich durch
Positionen, und der warme Frhling war indessen rings um sie eingekehrt, das
Moos der den Wlder, die jetzt berall von Kriegern wimmelten, glnzte mit
jungem Grn, das unter der Schneedecke gediehen war, die Nadeln der sonst so
eintnigen Kieferwlder schimmerten in junger Frische, dunkle Fichten und Tannen
hoben das monotone Kolorit. Wenn er mit den ewig muntern Reitern dahinzog beim
warmen Morgensonnenscheine, welcher spielend hin und her prallte an den Waffen,
da fhlte Valerius in seinem Herzen oft wieder die lang' vermiten Regungen der
Jugend, hinauszuschweifen ber die Felder ohne Absicht und Plan, singend und
trumend auf den schaukelnden Sonnenstrahlen. Die stete Bewegung in der freien
Luft, der lebhafte Wechsel des Krieges, die tgliche Gefhrdung und tgliche
Rettung des Lebens - alles das hatte ihn nicht zu seinen Gedanken zurckkommen
lassen, er war ein Krieger geworden wie die andern, von einer Stunde zur andern
lebend, nichts vor Augen habend als den nchsten Zweck. Nur wenn ein miger Tag
eintrat, da nahten leise aus der Ferne die alten qulenden Fragen: Kannst du
nichts Besseres tun, als Menschen erwrgen? Willst du so fortleben, ohne Zweck
und Absicht? Aber sie wurden nicht laut und traten nicht nahe genug. Das Leben
um ihn her lie keine Zeit dazu brig, und Konstantiens heie Ksse beherrschten
die Trumereien.
    Diese Art Krieg zu fhren begnstigte aber mehr als jede andere das
eigentliche Biwakleben. Es gab keine Schlachten, die alle Krfte in Anspruch
genommen htten, und doch war man fortwhrend in solcher Spannung und
Aufmerksamkeit, da alle Fhigkeiten geweckt blieben. In der nchsten Stunde
stand den Leuten Gefahr und Tod an der Seite, was Wunder, wenn sie alle
gesellige Rcksicht und ngstlichkeit beiseite setzten, solange sie
nebeneinander am Feuer lagen, und ihre Lebensgeschichten oder dies und jenes
erzhlten! Htte Valerius noch einen Zweifel gehabt ber den Leichtsinn, die
Liebenswrdigkeit, das Unglck und alle die Fehler dieses Volkes, die
Biwakszenen htten ihn gelst.
    Es waren namentlich zwei Offiziere aus den lteren polnischen Provinzen, mit
denen er am ftesten verkehrte, fr die er sich am meisten interessierte. Der
lteste von ihnen war aus Litauen, der jngere aus Volhynien. In der
Vaterlandsliebe und Tapferkeit glichen sie vollkommen all den Polen, welche er
bis jetzt gesehen hatte, aber auch diese beiden Eigenschaften hatten bei ihnen
eine neue Schattierung: sie waren weicher, weniger lebendig, man knnte sagen
schwrmerischer. Unmittelbar dem Feinde einverleibt haben diese alten Provinzen
die rauschende Frische verloren, aber Liebe und Ha sind desto tiefer
eingewurzelt in ihren Herzen. Die chevalereske Eitelkeit, die oft in Warschau an
den Tag sprang, war weniger an ihnen zu sehen, sie schienen aber sorgfltiger
und aufmerksamer den Grundfehlern ihrer Nationalitt nachgedacht zu haben, sie
schlossen sich deshalb dem Fremden enger an, und es schien dem Valerius
zuweilen, als fnden sich in ihnen tiefere Quellen zu einem langen
beschwerlichen Kampfe. Das grere Unglck mochte alle Innerlichkeit und Tiefe
mehr ausgebildet haben.
    Diese beiden Offiziere, Stanislaus und Valerius saen eines Abends in einer
einsam gelegenen Htte im Walde. Eine Seitenwand des Gebudes, da lngst von
seinen eigentlichen Bewohnern verlassen war, lag in Trmmern, ein Feuer brannte
auf dem Lehmboden, und der Rauch fand einen bequemen Ausweg durch die Bresche.
Die vier Krieger waren lange schweigsam, sahen ins Feuer oder nach einer andern
Gruppe, die sich im Winkel der Htte um eine Trommel postiert hatte, und ein
Spiel arrangierte. Ein Offizier setzte sich auf ein Tornister an die Trommel und
zog lachend einen Satz Wrfel und eine Brse hervor, und lud die brigen ein,
wacker zu setzen. Er war zwar dicht in den Mantel gehllt, aber man durfte aus
dem Betragen seiner Umgebung schlieen, da er ein hoher Offizier sei. Die
Statur schien die Mittelgre zu haben, das Gesicht war rot und trug den
Ausdruck lebendiger Behaglichkeit und die Spuren eines in Frhlichkeit
genossenen Lebens.
    Wir haben eben nichts Besseres zu tun, meine Herren, sagte er, lassen Sie
uns ein kleines Jeu entrieren, wenn bei den Vorposten Schsse fallen, so finden
sie uns munter, der Feind ist ganz nahe, unser Generalissimus will aber nicht,
da wir angreifen, bon, wir wollen unsere Brsen angreifen - qu'en dites-vous,
Monsieur le comte?
    Stanislaus, dem die letzten Worte gegolten hatten, lehnte seine Teilnahme
mit den Worten ab: Sie wissen, Herr General, ich habe kein Glck.
    Desto besser, erwiderte dieser, aber ich wei schon, Sie gehren zur
Tugend unserer neuen Generation, meinethalben, jeder nach seinem Geschmack, aber
rcken Sie ein klein wenig auf die Seite, ich bitte, damit wir von Feuer, Licht
und Wrme profitieren.
    Sie begannen ihr Spiel, das bald lebhaft und hitzig wurde; die vier Krieger
am Feuer rckten nher zusammen, und Valerius fragte leise seinen Freund nach
dem Namen des Generals.
    Kennen Sie Uminski nicht? antwortete der Litauer, welcher die Frage gehrt
hatte, und ein mildes Lcheln spielte um seine Lippen. Er ist in Deutschland
sonst nicht unbekannt. Als die Revolution ausbrach, sa er auf einer preuischen
Festung, ich glaube in Glogau. Einer der eifrigsten Patrioten, hatte er
fortwhrend Verbindungen angeknpft, um einen Aufstand vorzubereiten, sie wurden
entdeckt, und da er aus dem Posenschen ist, bemchtigte sich die preuische
Regierung seiner Person. Von der Festung entsprang er und kam nach Warschau. Als
er aus dem Wagen stieg, hrte er die Kanonen der Schlacht von Praga, warf sich
sogleich aufs Pferd und kam verhngten Zgels auf dem Schlachtfelde an, bernahm
auf der Stelle ein Kommando und strzte sich in den Feind. Denken Sie sich ihn
dort, und betrachten Sie ihn hier, so haben Sie sein Bild. Er ist einer der
besten Patrioten, ein vortrefflicher Soldat und - ein Lebemann.
    Diese Worte wurden so leise gesprochen, da der Gegenstand derselben sie
nicht vernommen htte, auch wenn er weniger eifrig mit dem Spiele gewesen wre.
    Kasimir, sagte hierauf Stanislaus, sich zu dem Volhynier wendend, Sie
haben uns Ihre Lebensgeschichte versprochen.
    Wenn Ihnen ein einfaches kurzes Leben in den volhynischen Wldern gengt,
erwiderte der Angeredete, wohl, wir haben nichts Besseres zu tun, und am Ende
hat der unbedeutendste Mensch ein Interesse.
    Magyac hatte unterdessen in einem groen Topfe von Blech eine Art Glhwein
zustande gebracht. Diesen go er in die leergewordene Weinflasche; da es an
Glsern fehlte, und nachdem diese einmal die Runde gemacht hatte und wieder
unweit des Feuers niedergesetzt war, begann der Volhynier seine Erzhlung, indem
er sich fast ausschlielich dabei an Valerius wandte. Vielleicht glaubte er bei
dem Fremden die meiste Teilnahme zu finden, da diesem Lokalitt und Verhltnisse
am wenigsten bekannt sein muten. Und er irrte sich darin nicht.

                                      26.


Ich habe aus Ihren frheren Reden geschlossen, begann er, da Sie sich unser
Vaterland nur als eine traurige Abwechselung von drrer Kieferheide und
reizloser Flche denken. - Sie haben indessen nur einen kleinen Teil Polens
gesehen. Wenn man aufwrts geht an der Weichsel, dahin, wo sie aus dem
Krakauischen herunterstrmt, da kommt man ber saftig grne Wiesen, durch khle
hohe Eichenwlder. Und wenn man sich wieder halb nach Osten wendet, da erheben
sich die sanften Hgel der Ukraine, welche hinabfhren in die ungeheuren
Grasebenen, durch welche die flchtigen Pferde in groen Herden jagen. Diese
Grasebenen sind das Meer unseres Vaterlandes, und aus ihrer schnen, groartigen
Einsamkeit kommen unsere schnsten Lieder. O, ich ritt einst in der Nacht ber
jenes grne Meer, mein Herz war traurig und lag zusammengepret von scharfem Weh
in meiner Brust, der Mond schien hell und klar, und ich sah mit trnenlosem,
dem Auge in die unbegrenzte Flche hinein. Da hrte ich pltzlich eines jener
ukrainischen Lieder, es klang wie eine Geisterklage durch die stille Nacht. Von
der tiefen Einsamkeit sprach es, und da kein Baum in der Nhe sei, mit dessen
Flstern der Hirte schwatzen knne. O, wie schn war diese Einsamkeit, hie es
weiter, als die Pferde noch frei waren und keine andern Sttel zu frchten
hatten als die polnischen. Da jagten sie frhlich an meiner Htte vorber und
wieherten mir ihre Freude zu, da sie tglich grer und strker wrden und bald
einen polnischen Reiter tragen knnten.

Und jetzt kommt der Tatar
Mit dem dicken Schdel,
Wirft das stumpfe Auge,
Wirft die starke Schlinge
Auf das freie Tier,
Schlgt die plumpen Beine
Um den freien Leib,
Ach, du Meer von Polen,
Grne Ukraine,
Du bist jetzt verlassen;
Einsam, einsam, einsam,
Seit der Tatar kommt -
Ach, ihr freien Pferde,
Und ihr freien Polen!

    Ich hatte vorher nicht weinen knnen, obwohl ich mein Liebstes verloren
hatte, jetzt rannten mir die Trnen stromweis ber das Gesicht, ich wendete den
Kopf meines Pferdes wieder herum nach Volhynien zu, von wo! ich gekommen war, um
mein Mdchen zu suchen. Das Tier eilte rastlos nach der Heimat, und als beim
Anbruch des Morgens eines jener schlanken Steppenrosse wiehernd und wild an mir
vorberflog, da sah ich schon von weitem die ewigen hohen Wlder, in welchen
meine Heimat liegt.
    Dort zwischen den alten Bumen, auf den feuchten, mit hohem Gras bewachsenen
Wiesen war ich gro geworden, hatte den Wolf gejagt und das muntere Pferd
getummelt. Mein Vater war ein reicher Gutsbesitzer, und ich war das einzige auf
der Welt, an dem er noch Freude hatte, seit er Steuern zahlen mute an den
russischen Herrn. Er war immer ein alter strenger Mann, solange ich mich seiner
erinnere, der die Freiheit noch gesehen hatte, und die Leute erzhlten von ihm,
da er nicht mehr gelacht habe, seit der russische Statthalter in Zitomierz
erschienen wre. Seine Untertanen behandelte er hart, aber sie waren ihm damals
zugetan, weil er fr den bravsten Polen der Provinz galt. Mir lie er aus der
Schweiz einen Lehrer kommen, der mich in allem unterrichten mute. Kasimir,
pflegte er zu sagen lerne fleiig, dein Vaterland wird kluge Leute brauchen,
wenn es die Fesseln der Arglist abschtteln will. Er selbst lehrte mich unsere
vaterlndische Geschichte, und wie Hamilkar seinen Sohn zog er mich auf in
tdlichem Hasse gegen die Moskowiter.
    Eines Tages hatte mich die Fhrte des Wildes weiter als gewhnlich in die
Wlder gelockt, ich verirrte mich zwischen den Smpfen des dunklen Buchenwaldes
und entkam mit Mhe und Not auf eine Lichtung festen Bodens. Es war
wohlgepflegtes Ackerland, und nach sorgfltigem Umherblicken entdeckte ich in
der Dmmerung das Huschen dessen, dem wahrscheinlich diese Besitzung gehren
mute.
    Der Herr des Huschens war nicht daheim, seine Tochter empfing mich, wies
mich zurecht, und ich kam bei einbrechender Nacht, mit gesundem Leibe nach
Hause. Aber schon den andern Tag verirrte ich mich wieder nach jener Gegend,
Ludmilla hatte mir den Weg so vortrefflich gezeigt, da ich keinen andern mehr
finden konnte, als den zu ihres Vaters Huschen. Dieser Vater war ein
sogenannter Slachtcziz, das heit, er gehrte zu dem niedrigen, herabgekommenen
Adel, der oft nichts weiter besitzt als ein Paar tchtige Arme und ein Paar
muskulse Schenkel, um ein Pferd zu bndigen, das noch keinen Reiter getragen.
Ludmillas Vater hatte noch ein Paar Stck Ackerland gerettet, die auf den
offenen Pltzen des Forstes in der Nhe seines Huschens lagen. Er sagte lange
Zeit nichts zu meinen Besuchen, als er aber gewahrte, da meine Neigung zu
Ludmillen immer heftiger und leidenschaftlicher wurde, da trat er mir eines
Tages in den Weg, als ich eben wieder auf seine Wohnung zuritt, und sprach: Du
liebst mein Kind, du bist jung und reich, mein Mdchen sieht hier wenig solche
Bursche, auch wenn ich sie einmal zur Kirche fahre, sie wird deiner Neigung
schwerlich entgegen sein. Wenn du sie heiraten willst, so wird dir dein Vater
die Tre weisen, willst du blo deinen Scherz mit ihr treiben, so trifft dich am
hellen Mittage die Kugel meiner Bchse - was willst du in meinem Hause?
    Ich hatte Ludmillas Liebe gewonnen, unter der hohen, breitstigen Rster
neben ihrem Hause hatte ich sie zum ersten Male den Tag vor dieser Anrede
gekt, die Sonnenstrahlen waren durch die dunkeln Bltter geschlpft bis auf
unsere Hupter, und wir hatten uns im stillen Walde miteinander verlobt, ich
liebte, da mich das Herz schmerzte vor glcklicher Regung. Deshalb antwortete
ich dem Vater, da ich seine Tochter heiraten wrde, mein Vater mge sagen, was
er wolle.
    Als wir zu seiner Wohnung kamen, strzte uns Ludmilla entgegen, das schne
braune Haar flatterte aufgelst um ihre Schultern, die roten Wangen waren
bleich, die grte Bestrzung sprach aus allen Zgen und Bewegungen. Wir
erfuhren, da der russische Steuerbeamte aus Berdiczow dagewesen sei und sich
aufs unanstndigste und zudringlichste gegen sie betragen habe. In der nchsten
Woche wolle er wiederkommen, und wenn die rckstndige Steuer nicht bezahlt
wrde, so knnt's was Neues geben.
    Ich teilte dem Alten an Barschaft mit, was ich besa, trstete das Mdchen,
das sich ngstlich an mich schmiegte, und ritt unter dem festen Vorsatz nach
Hause, meinen Vater zu unterrichten und seine Einwilligung zu erbitten. Er war
denselben Abend bei guter Laune, der Ungarwein schmeckte ihm, und er hrte mit
unverhehltem Vergngen meine Schilderung Ludmillens und ihrer Liebenswrdigkeit.
Gib sie mir zum Weibe, sagte ich, ermutigt durch seine Heiterkeit, ich liebe sie
ber alles.
    Du bist nicht gescheit, Kasimir, sagte er laut lachend, amsier dich, soviel
du willst, aber mit dem Heiraten bleib mir vom Leibe.
    Meine Erwiderung ward durch einen ankommenden Boten unterbrochen, der uns
die erste Nachricht von den Unruhen brachte, die in Warschau ausgebrochen waren.
Ich mute sogleich zu Pferde steigen und die Nachricht den nchsten
Gutsbesitzern mitteilen, sie auffordern, alles bereit zu halten, wenn Volhynien
vielleicht ebenfalls losbrechen knnte. Darber vergingen zwei Tage, erst am
dritten konnt' ich mein Mdchen wieder aufsuchen.
    Es war gegen Abend, als ich in die Nhe ihres Huschens kam, laut schallte
meine Stimme wieder im winterlichen Forste, denn ich kndigte mich immer durch
ein altes Liebeslied an, das sie vor allen gern hren mochte. Aber sie erschien
nicht an der Tr, wie sie zu tun pflegte. Hastig und besorgt sprang ich vom
Pferde und warf den Zaum ber einen Pflock unweit der Haustr. Diese stand
offen, die Tr des Zimmers ebenfalls, alles war leer, die rmlichen Hausgerte
lagen zerbrochen durcheinander, mir ahnte das Entsetzliche. In Todesangst rief
ich, durchsuchte ich alle Winkel, nirgends eine Antwort, nirgends ein
Lebenszeichen. Auch der kleine Pferdestall war leer, trostlos stand ich vor dem
Hause, und obwohl ich alle Hoffnung aufgegeben hatte, schrie ich Ludmillens
Namen voll Verzweiflung in den Wald hinein. Schauerlich klang er von den Bumen
nach allen Seiten wieder, der Abend war hereingebrochen, ich bemerkte, da sich
mein Pferd losgerissen hatte, aber ich wei heut noch nicht, wie diese Bemerkung
nur in mir entstehen konnte, denn meine Augen und meine Seele waren nur von der
Leere erfllt, von der trostlosen de, die mich umgab.
    Ein Gerusch weckte mich, es war ein junger, etwas bldsinniger Bauer aus
dem nchsten Dorfe, der eine groe Zuneigung fr Ludmillen hatte und in jeder
Woche einige Male abends nach beendigtem Tagewerke herberkam, um irgend eine
Botschaft fr das Mdchen zu bernehmen, oder die grbsten Wirtschaftsarbeiten
fr sie zu verrichten. Er gab mir Auskunft.
    Ich hab' auf dich gewartet, Herr, sagte er, als ich ihn strmisch um
Nachrichten anging, gestern schon und heute wieder - du kannst vielleicht
Ludmillen helfen, wenn's auch mir nichts hilft - vorgestern kam der Russe
wieder, der neulich hier war und das Mdchen angefat hatte. Er hatte diesmal
einen Wagen mit und mehrere Soldaten. Drin im Hause machte er einen groen
Spektakel; am Ende schleppten sie Ludmillen heraus auf den Wagen und den Alten
auch. Dem Alten waren aber Hnde und Fe mit Stricken festgebunden, und der
Russe hatte des Alten Bchse in der Hand - es waren fnf Mnner, Herr, mit
Waffen, ich konnt' nichts tun, als die Zhne zusammenbeien und mich hinter die
Strucher verstecken. Sie waren noch nicht lange fort, da hrte ich einen Schu
- ich dachte: Der ist dem Alten in die Brust gefahren, nahm den Stein, der immer
dort neben dem Pferdestalle lag, und lief schnell auf dem Fusteige ber den
Sumpf - du weit, Herr, der Fuweg ist noch einmal so kurz als der andere, und
so kam ich dem Wagen zuvor und wartete hinter einem Erlenbusche. Der Wagen kam,
aber der Alte fehlte, ich griff fest in meinen Stein, der Russe wollte das
Mdchen um den Hals nehmen, aber sie schlug ihn ins Gesicht, und da warf ich
meinen Stein, aber ich hab' den Rechten nicht getroffen, Herr, blo den
Kutscher. Er fiel 'runter, und ein anderer nahm den Lenkstrick und sie fuhren
weiter, da die Achsen krachten, immer auf die Stadt zu. Herr, reite nach der
Stadt, du bist reich, hilf der Ludmilla von den schwarzen Kerlen.
    Mit der hchsten Ungeduld hatte ich diese Erzhlung angehrt, jetzt rannt'
ich nach meinem Pferde. Auf mein Pfeifen kam es herbei, aber um meine Ungeduld
noch mehr zu foltern, sprang es scheu umher und wollte sich nicht fangen lassen.
Die kleinen Hindernisse vollenden, was oft das grte Unglck nicht vermag, sie
bringen die Verzweiflung zum Ausbruch. Ich schrie, weinte, tobte, bis ich den
Zgel des Pferdes in Hnden hatte. Dann ward ich still, als ob das Tier mir
alles Verlorne wiederbringen knnte. Durch die Nacht hin jagte ich nach der
Stadt. Jeder Pole ist gegen den fremden Herrn verschworen, er beachtet die
kleinste Bewegung gegen den Verhaten. berall erhielt ich Nachricht, wohin das
schne polnische Mdchen geschleppt worden sei. Aber der Vorsprung des
Entfhrers war zu gro, ich holte ihn nicht ein, und am Ende unserer Wlder
verlor ich auch seine Spur. So ritt ich aufs unsichere in die Steppe der Ukraine
hinein; bis dahin hatte ich alle die kriegerischen Anstalten meiner Landsleute,
die ich berall angetroffen hatte, unbeachtet gelassen, das Mdchen beschftigte
meine ganze Seele. Jetzt hrte ich in stiller Mondnacht den Pferdehirten mit
seiner einsamen, patriotischen Klage, er preist seine de Verlassenheit, wenn
die Steppe, wenn die Pferde dem Vaterlande angehren. Ich schmte mich tief,
alles Unglck meines Landes trat vor meine Seele, unaufhaltsam ritt ich nach der
Heimat, und wo mein Pferd vorberflog, da rief ich den Polen zu, sie sollten
sich bereithalten.
    Es war ein finsterer Abend, als ich zu Hause ankam und in den Hof hinein
ritt. Aus dem Zimmer meines Vaters schallte bacchantischer Lrm, mein Pferd
stand pltzlich still, es wurde am Zgel gehalten. Zu gutem Glck war es mein
Reitknecht, der mit Lebensgefahr Tag um Tag auf meine Rckkehr gelauert hatte.
Fort, Herr! rief er fort, um aller Heiligen willen! Das sind die Russen, die da
oben saufen und singen, das ganze Schlo liegt voll.
    Er hatte sich ein gesattelt Pferd beiseit gebracht, und wie ein Dieb floh
ich von meiner Vter Hause. Von heiem Ha getrieben hatte mein Vater voreilig
seine Leute und die Umgegend bewaffnet, war berfallen, berwltigt und -
erschlagen worden. Im Augenblicke war nichts zu tun; unter mannigfachen
Fhrlichkeiten kam ich bis Warschau.
    Aber warum, sprach Stanislaus, haben Sie sich nicht der Expedition
Chrzanowskis angeschlossen, die in diesen Tagen sdlich hinauf nach Zamosc zu
abgegangen ist, vielleicht eine Verbindung mit Dwernicki bewerkstelligt und
sicherlich eher als jedes andere Korps bis in Ihre Heimat dringt? Sie knnen
dort am meisten wirken durch Ihre Bekanntschaft und zuerst Nachricht von Ihrer
Ludmilla erhalten.
    Die beiden brigen Zuhrer vereinigten sich zu dieser natrlichen Frage.
    Kasimir entgegnete, da er diese schwachen Expeditionen fr uerst
nachteilig hielte. Entweder, sagte er, sie erreichen unsere Provinzen gar
nicht, oder sie bringen ihnen, wenn sie bis hin gelangen, nur Verderben,
beschleunigen den Aufstand, knnen ihn nicht gengend untersttzen und
vernichten so alle Aussicht auf ein Gelingen im ganzen und groen. Ich mag zu
diesem heillosen Verfahren meine Hand nicht bieten. - Ludmilla? - ach, geben Sie
mir doch noch einmal die Flasche her, der Wind kommt kalt von der Seite - sie
hat mir lange das Herz schwer gemacht; der Vorfall ist in der ganzen Provinz
bekannt: ist sie noch in Wolhynien, so retten sie meine Landsleute mit eben dem
Eifer, womit ich's tte, wre ich da - 's war ein schnes, ses Mdchen - was
hilft's - ich hre auch, da ein Unternehmen der ganzen Armee nach den stlichen
Provinzen im Werke ist-
    Das gebe Gott! schaltete der Litauer ein. Und auf dieses, fuhr Kasimir
fort, warte ich. Das entscheidet den Krieg; Litauen, Podolien, Wolhynien, die
Ukraine, dieses Altpolen ist wichtiger als alles.
    Stanislaus konnte sich eines leichten Spottes ber diesen Provinzialstolz
nicht enthalten, aber Kasimir nahm ihn gutmtig auf, und die schwermtige
Darstellung, welche der Litauer von dem Insurgentenkampfe in seiner Heimat
entwarf, nahm alle Teilnahme und Aufmerksamkeit in Anspruch.
    Er wurde aber in der Schilderung seiner blonden, blauugigen Landsleute
strmisch unterbrochen, die Wachtposten riefen an, man hrte einen Trupp Reiter
heransprengen, die Spieler fuhren auseinander - es ward nach dem General Uminski
gefragt; ber die eingefallene Mauer der Htte traten in weiten Reitmnteln die
hohen Gestalten Skrzyneckis und Prondzinskis ein. Zwei Adjutanten folgten ihnen
und ersuchten alle in der Htte Anwesenden, General Uminski ausgenommen, den Ort
zu verlassen.
    Es geschah sogleich, die Adjutanten zogen sich ebenfalls zurck, und die
drei berhmten Offiziere blieben allein. Prondzinski wandte sich sogleich mit
seiner gewhnlichen Lebhaftigkeit an Uminski und setzte ihm den neuen
Feldzugsplan auseinander, der entworfen wre und fr dessen Gelingen man seine
eifrigste Ttigkeit in Anspruch nehme. Es handelte sich nmlich darum, mit der
Hauptarmee schleunigst eine groe Diversion nach Nordost hinab bis nach Litauen
hinein vorzunehmen, auf diesem Wege die bereits heranziehenden Garden aufzuheben
und der litauischen Insurrektion Hilfe zu bringen. Die schwierigste Aufgabe war
es nun, Diebitsch mit der russischen Hauptarmee, die ihnen jetzt gegenberstand,
zu tuschen und in dem Wahne zu erhalten, er habe noch immer das polnische
Hauptheer vor sich. Zu diesem letzten Unternehmen sei er, nmlich General
Uminski, bestimmt.
    Whrend dieser Auseinandersetzung stand Skrzynecki unbeweglich am Feuer und
sah nachdenklich in die Flamme hinein. Als indessen Prondzinski eine
augenblickliche Pause machte, wendete sich jener rasch zu den Sprechenden,
besttigte mit wenig Worten das Gesagte und fgte hinzu, General Uminski solle
sogleich einen Angriff auf die nchsten feindlichen Posten machen, damit der
Abzug der Hauptarmee verdeckt wrde. Halten Sie Diebitsch fortwhrend in Atem;
wird er die Tuschung zu frh gewahr, so steht alles auf dem Spiele, drngt er
nach Warschau hin, so weichen Sie nur Schritt fr Schritt.
    Nimmermehr ist er so tricht, fiel Prondzinski ein, seine
Kommunikationslinie aufzugeben, er geht rckwrts ber den Bug.
    Nun, wie Gott will. General Uminski, ich mache Sie auf die grte
Wichtigkeit Ihres Postens aufmerksam, mge der Himmel Sie beschtzen - jetzt zu
Pferde, meine Herren.
    Sie verlieen die Htte, die Hufschlge der Rosse verloren sich nach allen
Seiten, es ward einen Augenblick still, das Feuer des kleinen Raumes fiel in
Kohlen zusammen, ein leichter Wind flog ber die eingeschlossene Flche und
jagte noch ein paar kleine Flmmchen auf. Ein ununterrichteter Zuschauer htte
nicht geahnt, da eben ein so wichtiger Moment in dem Befreiungskriege der
Nation eingetreten sei, ein Moment, dessen Folgen sich jahrelang ber Europa
verbreiten sollten.
    Von allen Seiten wurde bald darauf die Stille durch Flintenschsse, den Lrm
der Trommeln, das Schmettern der Trompeten unterbrochen. Uminski griff die
Russen an.

                                      27.


Die Hauptarmee war in schnellen Mrschen vor Ostrolenka angekommen, hatte dort
die Narew berschritten, war auf der groen Strae, die nach Litauen und
Petersburg fhrt, gegen Lomza vorgedrungen und stie hier auf die Garden. Sie
verlieen Hals ber Kopf ihr Lager, und die Polen nahmen es in Beschlag. Der
Augenblick war da, diese Elite des russischen Heeres zu vernichten. Aus einem
Bauernhause sah man einen hohen polnischen Offizier strzen, er trug den Hut in
der Hand, das aufgeregte Gesicht glnzte vor Freude, und er rief hastig nach
einem Ulanen, der zu Pferde in der Nhe hielt und ein schnes englisches Ro am
Zgel hatte, das dem Offizier anzugehren schien. Dieser setzte schon den Fu in
den Bgel, als das kleine Fenster des Hauses schnell aufgerissen wurde, und ein
blasses, von der Sonne leicht gebruntes Antlitz zum Vorschein kam.
    Prondzinski, Prondzinski! rief der herausblickende Mann, ein schwarzer
Schatten von Besorgnis legte sich auf das Gesicht des reisefertigen Offiziers,
zgernd gab er dem Ulanen den Zgel wieder und ging unsicher nach dem
Bauernhause.
    Skrzynecki - dies war der Herausblickende - schlug das Fenster zu, und als
sein Generalquartiermeister eintrat, fand er ihn heftig im Zimmer auf und ab
gehend.
    Es ist ein unntzes Blutvergieen, Prondzinski, der Angriff auf die Garden;
wir mssen erst Nachrichten ber die russische Hauptarmee haben, warten Sie noch
mit den Befehlen -
    Um Gottes willen, General, solch eine gnstige Stunde kommt nicht wieder,
die Garden sind verloren, wenn wir sie angreifen; sie sind gerettet, sobald wir
ihnen Zeit lassen, die Brcken und Dmme bei Tycoczin zu passieren, sie
vereinigen sich dann gefahrlos mit Diebitsch, sobald dieser ber den Bug geht,
ich beschwre Sie, General, lassen Sie uns angreifen.
    Skrzynecki, stand vor einem groen, plumpen Tische aus Fichtenholz; Karten,
Plne, Journale waren darauf ausgebreitet, und er sah scheinbar nachdenkend,
oder wie man am Ende bei solchen Augenblicken gewhnlich ist, gedankenlos auf
die Papiere.
    Er hatte die Arme bereinandergeschlagen, und als Prondzinski immer heftiger
drngte, machte er eine leichte, abwehrende Bewegung mit der Hand und schritt im
Zimmer auf und ab. Seine breitschulterige und doch schlanke, hohe Gestalt schien
kaum Platz zu finden in der niedrigen Stube, sein Gang hatte jenes Wiegende, das
nachdenklichen Menschen oft eigen zu sein pflegt; die Schwere des Krpers senkte
sich bei den langen Schritten sichtbar von einer Hfte auf die andere, und doch
war eine gewisse vornehme Leichtigkeit, ein imponierendes Etwas nicht zu
verkennen, der Oberkrper nahm wenig oder gar keinen Anteil an der Bewegung. -
Prondzinski schien einen Augenblick selbst von der geheimnisvollen Wrde dieser
Erscheinung betroffen zu sein, und den eigenen klaren Ansichten vom Verhltnis
der Dinge zu mitrauen. Wenigstens schwieg er.
    Der Erfolg hat gelehrt, da in jener Bauernstube wirklich alles auf dem
Spiele stand. Man hat Prondzinski oft den Vorwurf gemacht, da er bei seinem
erstaunlichen Reichtume an Kriegsplnen arm gewesen sei an dem Mute einer
konsequenten, rcksichtslosen Ausfhrung. Der Vorwurf ist wahrscheinlich nicht
ungerecht, wenigstens darf man auf sein Betragen in der Schlacht bei Iganie,
welches allerdings dieser Ansicht widerspricht, kein zu groes Gewicht legen. Es
ist wahr, da er selbst die Soldaten in diese beraus knstlich angelegte
Schlacht hineinfhrte, obwohl nicht alle berechneten Hilfsmittel zur bestimmten
Stunde eintrafen, es ist wahr, da er die grte Kaltbltigkeit mitten in dem
mrderischen Kampfe behielt und seinen Leuten whrend des Sturmschrittes unter
dem feindlichen Kugelregen die Vorteile des Bajonettkampfes auseinandersetzte.
Aber es ist nicht der persnliche Mut, der ihm mit jenem Tadel abgesprochen
werden soll, es ist der moralische Mut eines krftigen Befehlshabers, welcher
groe, gewagte Unternehmungen auf seine Schultern nimmt, durch den Gedanken an
die Verantwortlichkeit nicht erschreckt wird, und nicht rck-, nicht seitwrts
sehend, seinem einmal nach bester berzeugung gefaten Entschlusse schnurstracks
folgt. Nicht die Geschicklichkeit, sondern die Kraft des Heerfhrers darf man
ihm absprechen. Aus dieser Eigentmlichkeit erklrt sich auch sein spteres
Betragen, als das Unglck seiner Nation die Hhe der Krisis erreicht hatte und
vielleicht niemand die strategische Fhigkeit in dem Mae besa wie er - da
hatte er nicht die moralische Kraft, das Oberkommando zu bernehmen. Er besa
die grten Kriegskenntnisse, aber sie besaen ihn nicht, das heit: sie
vermochten es nicht ber ihn, ein zweifelloses Vertrauen gegen sie zu hegen, sie
konnten ihm nicht die Kraft geben, welche seinem Temperamente abging.
Prondzinski ist ein deutliches Beispiel, wieviel mehr ein beschrnkter Kopf
vermag, der sein geringes Wissen fest zusammengedrckt in der krftigen Hand
hlt, als ein reiches Talent ohne energischen Charakter. Eine gewisse
Einseitigkeit ist zu den grten Handlungen ntig; es gibt nichts in der Welt,
was nicht in mancher Rcksicht bedenklich erschiene, und wer alle Rcksichten
bedenken will, wird nie ein Schpfer.
    In dieser Situation war aber Prondzinski auer allem Zweifel. Seine Stellung
berhob ihn der Verantwortlichkeit im groen, seine Einsicht lehrte ihn das
Notwendige des unverzglichen, krftigen Angriffs und verhie ihm die
glnzendsten Frchte, stellte ihm aufs deutlichste die schlimmen Folgen der
Unterlassung dar. Es war also nicht zu verwundern, da er mit solchem Eifer in
den Oberfeldherrn drang, ja, da er diesen bald bis zur Leidenschaftlichkeit
steigerte. Ebenso lag es aber auch in seinem oft zweifelnden und mitten im Laufe
still haltenden Wesen, da ihn die imponierende Verweigerung des Angriffs von
seiten Skrzyneckis eine Weile befangen machen konnte. Was der Oberfeldherr
einmal unternommen hatte, das war stark und tchtig von ihm durchgefhrt worden
- gerade was uns fehlt, macht den gebietendsten Eindruck auf uns, sobald wir es
anderen entdecken: diese stille nachhaltige Kraft wirkte einschchternd auf
Prondzinski.
    So kam's, da er den Begegnungen des Generalissimus lange schweigend zusah
und zu erwarten schien, es werde bald ein einziges Wort von dessen Lippen
kommen, das alle seine Grnde mit einem Male niederschlagen knne. Leute von
Prondzinskis Beschaffenheit, die leicht und gewandt produzieren und wenig Kraft
besitzen, sind am ersten der Meinung, da andere mit langsamen
Geistesoperationen Gedanken zum Vorschein bringen, welche reifer und
vollkommener sind als die Kinder ihrer eigenen schnellen Geistesbewegungen.
    Skrzynecki schwieg aber noch immer und ging im Gemache auf und ab. Endlich
blieb er am Tische stehen und neigte sich ber die Karten hin. Es war aber nicht
schwer zu erkennen, da sein Auge nichts von dem sah, worauf es gerichtet war.
Seine Hand, die besser von den Sympathien ihres Herrn unterrichtet sein mute,
griff nach einem franzsischen Journale, indem sie ein polnisches heftig
beiseite stie. -
    Es ist ein frevelhaftes Geschwtz, das diese Warschauer Journalisten sich
erlauben, nichts ist ihnen heilig.
    Diese Worte sprach er mit halber Stimme, und sie schienen ihm so zu
entgleiten, da er selbst kaum etwas davon wissen mochte, denn er vertiefte sich
gleich darauf in das franzsische Journal, und sein Gesicht heiterte sich
merklich auf bei der Lektre. Es war der Avenir von Lamennais, welcher damals
mit vieler Salbung von dem religisen Element des polnischen Oberfeldherrn zu
sprechen pflegte, viele Nutzanwendungen daraus auf die nchste Gestaltung
Polens, auf Sinn und Geist der Armee und auf die Kriegsfhrung berhaupt
herleitete, und Skrzynecki selbst immer auf eine uerst schmeichelhafte Weise
mit Lobeserhebungen bedachte.
    Als Prondzinski diese Wendung der Dinge inne wurde, da verschwand ihm
natrlich die Hoffnung auf ein alles erschpfendes weises Wort Skrzyneckis, das
er bisher erwartet hatte, und er begann mit verdoppelter Lebhaftigkeit sein
Drngen. Skrzynecki, der nun einmal fest ins Verweigern hineingeraten war, wies
ihn ab; jener aber, berwltigt von dem Gedanken eines leichten, beraus
erfolgreichen Sieges, von der Vorstellung geqult, da die entkommenden Garden
dem ganzen Feldzuge von auerordentlichem Nachteile werden knnten, warf sich
ihm endlich zu Fen.
    Lassen Sie uns keine Komdie spielen, rief Skrzynecki entrstet, die
Verantwortung ist mein, ich werd's vertreten; Sie haben nichts zu tun, General,
als meinen Befehlen zu gehorchen.
    Erzrnt sprang dieser auf und sprach heftig: Nun wohl denn! Vernichten Sie
durch dieses unzeitige Zgern die ganze Expedition, setzen Sie unsere Armee aufs
Spiel, wenn Diebitsch mit den Garden sich vereint und uns den Rckzug ber die
Narew vertritt, aber ich will nichts zu schaffen haben mit dieser Art des
Krieges, ich verlange meinen Abschied -
    Den haben Sie - Adieu!
    Prondzinski strzte hinaus, warf sich aufs Pferd und jagte davon. Die Trnen
liefen ihm ber das Gesicht.
    Whrend dieser Zeit hatten die Truppen marschfertig gestanden und den Befehl
zum Angriff erwartet; ein Trupp Offiziere hielt zu Pferde auf einer kleinen
Anhhe und hatte das Bauernhaus im Auge, wo der Feldherr wohnte. Sie sahen
Prondzinski in voller Karriere sich nhern, hielten dies fr ein Zeichen, da
der Angriff schleunigst bewerkstelligt werden sollte, und wollten sich eilig auf
ihre Posten begeben. Er machte aber im Vorbeifliegen eine verneinende Bewegung
mit der Hand, hielt pltzlich sein Pferd an und blickte mit dem schmerzlichsten
Ausdrucke nach der Gegend hin, in welcher die Garden ihre Flucht
bewerkstelligten, die ihnen nur durch einzelne polnische Truppenabteilungen
schwierig gemacht wurde. Sein sonst blhendes Antlitz war verstrt, sein Auge
starr, die Gesichtsmuskeln zuckten zuweilen wie vom Krampf ergriffen.
    Stanislaus und Valerius befanden sich in der Offiziergruppe, und jener
wendete sich fragend an Prondzinski.
    Ich habe keine offizielle Antwort mehr fr Sie, ich bin verabschiedet,
sprach er mit metalloser Stimme, der Generalissimus greift die Garden nicht
an.
    Darauf ritt er langsam nach dem polnischen Lager. - Nur ein junger heftiger
Oberst stie einen lauten Fluch aus, die brigen Offiziere sahen sich erstaunt
an, schwiegen aber. Das Vertrauen auf Skrzynecki war damals noch so gro, da
niemand an der Weisheit seiner Maregeln zu zweifeln wagte.
    Es war ein schimmernder Maimorgen, die strahlende Sonne spiegelte sich in
den Wellen des Flusses, der Tau blitzte auf der weiten Flche bis auf die
Waldspitzen, die hier und da ins Land hereinliefen, die Vgel sangen, nur aus
der Ferne hrte man Schsse, und Valerius verga des Kriegs und seiner Sorgen.
Er hatte sich bereits an das wechselnde, gedankenlose Leben gewhnt, lie die
alten Fragen seines Geistes und Herzens nicht mehr aufkommen, da er weniger als
je eine Lsung der Lebensrtsel in Bereitschaft hatte, und sah mit offenem
Blicke in die frische Natur hinein.
    Da kam eine glnzende Equipage von der Richtung hergefahren, in welcher die
Garden entflohen. Man hatte eine so groe Menge Luxusartikel in ihrem Lager
vorgefunden, da man auch jenen schimmernden Wagen fr eine Beute der
nachsetzenden Reiter ansah und sich nicht eben ber seine Erscheinung
verwunderte. Als er indessen nher kam, fiel es doch auf, da eine Dame darin
sa; in ihrem Begleiter erkannten Valerius und Stanislaus den Wolhynier Kasimir,
und wie aus einem Munde riefen sie: Ludmilla? Der Wagen hielt einen Augenblick
und Kasimir erzhlte den beiden teilnehmenden Bekannten, wie er zu diesem Funde
gekommen sei. Die eilige Flucht der Garden hatte die Strae verstopft, so den
Wagen aufgehalten und ihn den nachsetzenden Polen in die Hnde geliefert.
Kasimir war dazugekommen. - Und der Russe? unterbrach ihn Stanislaus. - Die
Canaille hat seine Beute im Stich gelassen und war schon aus dem Bereich meiner
Kugel. Er ist brigens nicht der eigentliche Ruber gewesen, jene Steuerbestie
hat Ludmillen nicht mal fr sich gestohlen, sondern fr den Anfhrer eines
russischen Korps, das damals aus dem Sden heraufzog, um sich mit den Garden zu
vereinigen, so ist das Mdchen hierher gebracht worden.
    Valerius hrte wenig von diesen Worten, er konnte seine Augen nicht abwenden
von dem Gesicht Ludmillens. Es entging ihm nicht, da die Schnheit und das
Glck dieses Antlitzes zerbrochen sei, das groe Auge, voll von schwerer
Leidensgeschichte, wagte es nur selten, schchtern aufzublicken, die langen
Wimpern deckten es schirmend zu, und wenn sie sich hoben, da stieg eine
brennende Rte in das bleiche, schne Gesicht; Zorn und Scham, Stolz und Ha
schienen ihm in dieser schnell erscheinenden, schnell verschwindenden Rte
aufzuflackern. Das Mdchen war noch zur Hlfte in ihrer frheren lndlichen
Tracht, zur Hlfte mit modischen Kleidungsstcken behngt; der Wagen flog davon,
und es blieb ein wunderlicher Eindruck dieses Bildes in Valerius zurck. Wie
qulen wir uns, dachte er, im engen, kleinen brgerlichen Leben um die
unscheinbarsten Konvenienzen, machen Glck und Unglck davon abhngig und
gebrden uns entsetzlich, wenn ein Mdchen allein spazieren geht. Und ein
Windsto der Geschichte wirft alle die kleinen Dinge kopfber durcheinander, und
man hat keine Zeit, danach zu fragen - du armes, blasses Mdchen!
    Nachdenklich ritt er zu seinem Biwak zurck, Magyac brachte ihm einen Brief
entgegen, der von Warschau angekommen war. Konstantie schrieb:
    Komm, Geliebter; sobald Du diese Zeilen siehst, komm zu mir. Ich vergehe.
William kommt tglich ins Haus, wird tglich lstiger. Ein hiesiger Vornehmer
verfolgt mich mit Liebesantrgen, und mein Onkel, der alte Kuppler, begnstigt
ihn und seine Antrge; ich bin von Ennui umgeben und schmachte nach Dir. La
mich nicht lnger harren. Du mut mein Wesen soweit kennen, da die
Leidenschaften in mir stets auf Tod und Leben fechten, vernachlssigst Du meine
Liebe, so kann sie pltzlich ber Nacht ermordet sein. Mein Herz ertrgt diesen
halben, schmachtenden, unbefriedigten Zustand nicht. Komm sogleich, wenn Du mich
noch kssen willst. Was kmmert Dich der Krieg dieses Volkes? Fr Deine Wnsche
fechten die Leute nicht; wenn sie den russischen Herrn gestrzt haben, dann
kommen die polnischen Herren dran; was interessiert Dich das? Du weit am
besten, wie kurz die Jugend, die Kraft zu genieen dauert, warum willst Du sie
unntig selbst noch abkrzen? Es soll mir das einzige, untrgliche Zeichen
Deiner Liebe sein, wenn Du kommst. Folgst Du meinem Rufe nicht, so haben wir uns
ineinander geirrt.
    Kaum hatte er diese Zeilen zu Ende gelesen, so schmetterte die Trompete,
sein Regiment sollte aufsitzen und den Feind verfolgen. Was war zu tun? Der
General Kicki - er war im Laufe des Krieges avanciert worden - sprengte eben
vorber und rief mit freundlicher Stimme: Zu Pferd, zu Pferd, Sie deutscher
Freiheitsheld! Die Trompeten schmetterten aufs neue. Es dnkte ihm unmglich,
es dnkte ihm ehrlos, jetzt das Heer zu verlassen, obwohl er den Ernst von
Konstantiens Leidenschaftlichkeit tief erkannte, obwohl er dem natrlichen,
richtigen Gefhl zu folgen glaubte, wenn er nach Warschau ritte. Aber die
knstlichen Gesellschaftsbegriffe waren zu tief in ihn hineingewachsen; whrend
er sich schalt, da er die Konvenienz hher achte als das ursprngliche Gefhl,
eilte er zu seinem Regimente und instinktartig mit diesem ber die Flche fort
nach Litauen hin. Das Herz blutete in seiner Brust, aber er war dennoch ruhig
und ergeben, als mte es so sein.
    Die gesellige Bildung ist selbst in skeptischen Gemtern bereits mchtiger
geworden als die natrliche Regung. Der Gedanke, da der einzelne seine
gerechtesten Wnsche der allgemeinen Form unterordnen msse, damit die
Allgemeinheit ungestrt fortbestehe, dieser Gedanke wird ihnen nicht gerade in
dieser Gestalt klar und anschaulich, aber er ist ihnen so tief eingebildet, da
er sie unumschrnkt beherrscht.
    Der gnstige Moment, die Garden zu vernichten, war vorber. Die einzelnen
Angriffe fgten ihnen zwar vielfachen Schaden zu, hinderten sie aber nicht, den
bergang ber den Bug zu gewinnen, und als nun Skrzynecki am folgenden Tage bei
den Brcken und Dmmen vor Tycoczin ankam, waren sie bereits bei den andern
Ufern in Sicherheit, und er mute nun seine eigene Passage erzwingen.
    Hier betrat die Armee zum ersten Male litauischen Boden, und diese Idee
weckte einen groen Jubel im Heere. Es war dies der Hhepunkt der Polnischen
Waffen, das angegriffene Volk war in ein angreifendes verwandelt, die Strae
nach Petersburg lag offen vor ihm. Es war ein warmer Morgen, als das Heer eine
weite Heideflche vor sich sah, aus welcher eine hohe Sule wie eine Pyramide in
der gyptischen Wste ragte. Sie fhrt den Namen Czarneckisule, weil sie diesem
alten Helden zu Ehren auf der Grenze von Litauen und Polen errichtet worden ist.
Als der Generalstab bei ihr angekommen war, fesselte ein vielfaches Halt die
ganze Armee. Skrzynecki stieg vom Pferde, und alle Reiter folgten seinem
Beispiele. Er lie sich auf die Knie nieder, und alle die wilden Truppen, die
man noch kurz vorher nur im blutigen Hasse einherschreitend gesehen hatte,
beugten sich betend zur Erde. Es war ein erschtternder Anblick.
    Valerius, dem das Gebet nur immer als Wirkung auf den Betenden selbst
wichtig erschienen war, sah mit einem andchtigen Erbeben, wie es durch die
Gegenseitigkeit, durch den pltzlich laut werdenden allgemeinen Gedanken
erschtternd wirkte auf ein zahlreiches, aus sovielen rohen Elementen
bestehendes Heer. Er sah auf den harten, sonnenbraunen, zum Teil zerfetzten
Gesichtern, ber welche jetzt hie und da eine stille, einsame Trne rollte, er
sah auf diesen starren brtigen Gesichtern berall den Ausdruck: Gott da droben
ber dem blauen Himmel, du weit alles, was wir gelitten haben, hilf uns, hilf
uns! Er fhlte in der eigenen Brust ein heies Gebet aufsteigen: Du groer und
guter Gott, hilf ihnen, hilf allen Menschen, wie toll und tricht wir uns auch
mitunter gebrden.
    Die weite Flche, mit einer unabsehbaren Kriegermasse bedeckt, war still wie
ein nur leise murmelndes Meer, die warme Sommersonne zersprengte die leichte
Wolkenschicht, welche sich zwischen ihr und der Erde gelagert hatte, der
Waffenglanz blitzte in tausend Funken auf. Valerius ward an die sonnigen
Feiertagsmorgen seiner Jugend erinnert, wo er im Pfarrhause seines Vaters am
Fenster stand und die geputzten Bauersleute in die Kirche wandeln sah. Er hatte
immer geglaubt, zum Sonntage und zum Gottesdienste msse auch die Sonne
scheinen; ihr lichter Strahl war ihm Bedrfnis gewesen zur klaren Sabbatstille,
die er in seinem Heimatdrfchen immer so erquicklich genossen hatte. Die jetzt
durchbrechende Sonne hob seine Andacht zur Begeisterung, er glaubte ein
unmittelbares Zeichen des erhrten Gebetes darin zu erblicken. Und nun brauste
pltzlich wie das Getmmel einer neuen Weltschpfung ein altpolnischer
andchtiger Gesang aus soviel tausend Mnnerkehlen ber die stille Heide. Was
gleicht dem gewaltigen Eindrucke eines tausendstimmigen Mnnerchors! Das
verstockteste Herz wird erschttert, das mutloseste gehoben. In der menschlichen
Stimme liegt vielleicht das meiste von der gttlichen Unmittelbarkeit, ihr
tausendfacher Ausdruck erzeugt darum die wunderbarste Wirkung. Das polnische
Heer htte in diesem Augenblicke eine Welt in Waffen angegriffen mit dem
zweifellosen Glauben an unendlichen Sieg.
    Die feierliche Handlung war beendigt; noch wogte die erhabene Stimmung durch
das schweigende Heer, da flogen dicht hintereinander zwei Kuriere im vollen
Rosseslaufe durch die offenen Gassen der Truppen nach der Czarneckisule hin.
Sie brachten die Nachricht, da Diebitsch, seinen Irrtum einsehend, mit seiner
Armee schleunigst aufgebrochen und in ungeheuren Mrschen ber Granna und den
Bug gezogen sei. In dem Augenblicke, wo das Heer gebetet hatte, war also seine
Hoffnung schon vernichtet gewesen. Das Kriegsgerusch verbreitete sich bald
wieder strmisch durch die Massen, der Rckzug nach Lomza und Ostrolenka hin
mute schleunigst angetreten werden, wenn sich der Feind nicht zwischen das
polnische Heer und Warschau schieben sollte. Unter Gielgud und Chlapowski wurde
ein Armeekorps nach Litauen hinein beordert, um die dortige Insurrektion zu
untersttzen. Jener Litauer, welcher damals in der Waldhtte neben Valerius am
Feuer gesessen hatte, ritt jetzt an dem Deutschen vorber, welcher eben im
Begriff war, mit seiner Truppenabteilung abzuziehen.
    Sie schlieen sich der Expedition in Ihre Heimat an? rief ihm dieser zu,
mge Sie das Glck begleiten!
    Der Litauer richtete einen seiner sanften schwermtigen Blicke zum Himmel
und reichte Valerius die Hand. Ich frchte, wenn Sie einst wieder im Schoe
Ihres Vaterlandes an das ferne Litauen denken, da werden die sanften stillen
Bewohner dieses Landes erschossen hinter den Bumen liegen, welche jetzt noch
ihr einziger Schutz sind. Ach, ich habe keine Hoffnung auf Glck; Gott gebe nur,
da ich mit den Waffen in der Hand fallen mag, da ich nicht den Barbaren in die
Hnde gerate, nicht die abermalige Ermordung meines Vaterlandes zu sehen habe.
    Valerius wollte ihm die traurigen Gedanken aus dem Sinne treiben, der
Litauer schttelte aber schmerzlich lchelnd sein Haupt, drckte ihm fest die
Hand und schied.
    Als die Garden den Rckzug der polnischen Armee inne wurden, rckten sie
auch wieder vor, beunruhigten jene, und schickten sich an zur Vereinigung mit
Diebitsch, der vom Sden herausrckte. Die Vereinigung war nicht mehr zu
hindern, Skrzynecki ging rastlos bis Ostrolenka, und der grte Teil des Heeres
hatte dort bereits die Narew passiert. Es war ein warmer Nachmittag, eine Menge
Soldaten badeten im Flusse, die Kavallerie ftterte, die Infanterie kochte,
alles war in sorgloser Ruhe, da hrte man jenseits des Flusses pltzlich ein
heftiges Schieen. Das vierte Regiment war noch drben in der Stadt, bald sah
man einzelne Trupps desselben, rckwrts feuernd, aus der Stadt kommen, die
Brcke war bald erfllt von ihnen, immer lebhafter wurde das Gewehrfeuer in den
Straen der Stadt, man sah Batterien am jenseitigen Ufer auffahren, die Kugeln
flogen auf die Brcke, welche das tapfere Regiment Schritt fr Schritt
verteidigend, langsam passierte.
    Es war kein Zweifel: Diebitsch mit der groen Armee stand den Polen
gegenber. Wirklich war er in unerhrten Mrschen herbeigeeilt. Ein kleines
polnisches Korps unter Lubienski, das sich ihm bei Nur entgegengestellt hatte,
war natrlich nicht imstande gewesen, ihn aufzuhalten. Es gab nur ein Vorspiel
zu der jetzt beginnenden Schlacht von Ostrolenka. Die Polen kmpften bei Nur mit
bermenschlicher Tapferkeit und erzwangen sich mit blutigen Opfern einen
Rckzug. Das Treffen selbst war im Grunde ebensowenig ntig als das bei
Ostrolenka, in welches sich Skrzynecki am Nachmittage des 26. Mai einlie.
    Ein tosender Lrm brach unter den Polen aus, die sich in der nachlssigsten
Situation berfallen sahen und sich nun rsteten mit aller Schnelle und
Unerschrockenheit, welche ihre Heere charakterisiert. Skrzynecki flog auf seinem
hohen Pferde hin und her und befahl und ordnete mit fester, starker Stimme. Die
Kugeln vom andern Ufer schlugen links und rechts neben ihm ein, aber sie strten
ihn nicht; ein wunderliches Feuer brannte in seinen Augen, die blassen Wangen
waren leicht gertet, und auf den Lippen lag der tapfere Trotz, welcher zu sagen
schien: Ich verlasse den Platz nicht, oder ihr begrabt mich hier. Valerius, der
ihn in diesen Augenblicken sah, erschrak vor dem Anblick. Er wute nicht, war es
etwas Schwrmerisches, war es etwas Dmonisches oder gar ein Heiliges, das aus
dem erregten, gespannten Antlitz schaute. Die Puritanergestalten Balfour und
Cromwell mit den ehernen Fanatismuszgen kamen ihm in den Sinn; nimmer htte er
die sanften Zge Skrzyneckis dieses Ausdrucks fhig geglaubt.
    Wirklich wei man das ganze hartnckige, todesverachtende Benehmen des
Feldherrn an jenem Tage nur aus einer solchen berspannten Stimmung zu erklren.
Er verteidigte die Narewbrcke mit einer solchen Berserkerwut, als ob das
Schicksal des Landes vom Besitz derselben abgehangen htte. Im Rcken des
polnischen Heeres erhoben sich Sandhgel, welche ihm die beste Position gewhrt
htten, um den bergang des Feindes, wenn nicht zu hindern, doch auf das
blutigste und nachteiligste fr diesen zu stren. Er sah aber nichts als die
Brcke und den Feind auf der Brcke. Die unterlassene Schlacht gegen die Garden
schien wie ein Dmon in ihm zu wten; noch in keinem Zeitraume war die polnische
Armee so zahlreich, so gewaltig gewesen als jetzt, er wollte nicht nach Warschau
zurckkommen, ohne geschlagen zu haben, das Gewissen drngte ihn zu Taten, die
bis jetzt verabsumt worden waren.
    Kuriere flogen nach den Truppen, welche schon nach Warschau hin abmarschiert
waren; die Bataillone schritten mit geflltem Bajonett nach der Brcke, auf
welcher sich die dichten schwarzen Massen der Russen herberwlzten. Ein Morden
und Schlachten ohnegleichen begann. Die Karttschen und Kanonenkugeln schlugen
mrderisch dazwischen in den Menschenknuel, Feind und Freund treffend. Niemand
wich dem menschlichen Gegner, was in dem Defilee vor der Brcke und auf der
Brcke selbst erschien, das erlag nur dem Tode. Hgel von Leichnamen versperrten
den Weg; wo der Boden einen Augenblick leer wurde, da sah man ihn gepflastert
mit Kugeln gro und klein. Und immer neue Scharen drngten sich zu dem
Opferplatze; schauerlich einsam ragten die Generale zu Pferde aus den dunklen
Massen. Sie hatten die Sbel gezogen und halfen schlachten wie die gemeinen
Soldaten. Vorn, dicht an der Brcke, erblickte man den General Kaminski, den
Sbel hielt er hoch in der Hand, und rckwrts sich wendend, schrie er Befehl
auf Befehl; Valerius sah in geringer Entfernung nur seinen geffneten Mund, das
brllende Getose der Schlacht lie die donnerndste Stimme eines einzelnen nicht
vernehmen. Pltzlich sank er vom Pferde und verschwand in der dunkeln Masse. Wie
ein Kriegsgott hoch zu Ro flog der schne Kicki herbei und verschwand ebenfalls
wie ein schimmerndes Meteor, rasende Kugeln hatten die ritterlichen Helden
daniedergerissen. Kicki ist gefallen, Kicki ist gefallen! flog es in dem Toben
von Mund zu Munde. Aber man hatte keine Zeit zur Trauer, der Tod dieses Helden
erfllte die Soldaten nur mit grerer Wut, und die Wut sieht keine Gefahren,
sie ist blind. Wie rasend strzten die nchsten Scharen auf den Feind; das
Defilee vor der Brcke, in welches die Russen vorgedrungen waren, wurde wieder
genommen, aber dicht wie Wolken quollen immer neue russische Massen aus der
Stadt heraus, ber die Toten hinwegschreitend. Das alte Reiterregiment, das
Kicki frher gefhrt hatte, stand ohnmchtig in der Nhe des Schlachtfeldes, der
enge Raum gestattete der Reiterei wenig oder gar keine Mitwirkung. Valerius sah
und hrte, wie die Ulanen in Trnen und Heulen ausbrachen um ihren vergtterten
Helden, um das rings mhende Unglck, und ber die peinigende Qual, gefesselt
stehen zu mssen, ihren alten Fhrer nicht rchen zu knnen.
    Eine Pause der Erschpfung trat vor der Brcke ein, die Russen warfen Tote
und Verwundete in den Flu, um Raum zu erhalten, von der polnischen Seite
rasselte eine weitere Batterie an das Ufer herbei. General Bem fhrte sie, und
im Nu flog ein hagelndes Feuer gegen die Brcke. Jeder Schu traf bei der groen
Nhe, und die Karttschen whlten sich in die Menge hinein, viele Getroffene
wlzten sich unter dem Gelnder in die Narew hinab.
    Aber auch die russischen Batterien vom andern Ufer verdoppelten ihr
gefhrliches Feuer - Skrzynecki, der mit dsterem Gesicht vorn im dichtesten
Kugelregen gehalten hatte, stieg vom Pferde, stellte sich an die Spitze einer
Kolonne und marschierte mit ihr im Sturmschritt hinein in den Feind. Die
Flintenkugeln zischten wie tausend Schlangen um ihn, schlugen in seine Mtze,
zerrissen ihm die Uniform, vorwrts, immer vorwrts ging es. Er nahm die
durchlcherte Mtze vom Kopfe und wies seinen Grenadieren den Punkt, wo sie
angreifen sollten; ein leichter Wind hob seine dnnen dunklen Haare in die Hhe,
deren Spitzen schon ergraut waren unter den Kriegssorgen. Er glich einem
rstigen Vater, der in der Verzweiflung seines Herzens die letzte Anstrengung
macht, seine bedrohten Kinder zu retten. -
    Die Sonne ging glhend rot unter, wenige Minuten lang glnzten zitternd ihre
Strahlen ber den blutgetrnkten Flu, und eine schnell hereinbrechende
Dmmerung hllte die Gegenstnde ins Ungewisse. Die Anstrengungen der Russen
lieen nach, das Schlachten hatte ein Ende. Die Nacht brach herein, und man
hrte anfnglich das Abziehen des polnischen Heeres, das sich die traurige Ehre
nicht hatte nehmen lassen, das Schlachtfeld zu behaupten. Als es immer stiller
wurde, vernahm man nur das Gesthn und Wimmern der Todeswunden. Oft drang eine
herzzerschneidende Stimme aus der Tiefe eines hohen Menschenhaufens. Die Sterne
schienen klar, die Luft war mild als sei nichts vorgefallen.

                                      28.


Valerius lag in Warschau in seiner Wohnung danieder. In den letzten Stadien der
Schlacht hatte ihm eine Kugel den Arm zerschmettert; Stanislaus' Sorgfalt hatte
so viel bewirkt, da er nicht in ein Hospital gebracht, sondern in seiner alten
Wohnung aufgenommen wurde.
    Es waren Wochen vergangen, die Wunde heilte langsam und schmerzhaft. Von
Stanislaus hatte er erfahren, da Konstantie auf des Onkels Landgut wohne, zwei
Meilen von der Stadt; sie befinde sich sehr wohl. Das Landgut sei belebt durch
zahlreiche Besuche; manche sollten der schnen Witwe auf das dringendste den Hof
machen.
    Valerius bat seinen Freund, Konstantien zu gren. - Ich werde es
schwerlich ausrichten knnen, Wertester, erwiderte Stanislaus, in einer
Viertelstunde mu ich Warschau verlassen in Dienstgeschften; eh' ich
wiederkehre, denk' ich, sind Sie gesund.
    Schreiben konnt' er nicht, dazu fehlte der Arm, fremde Leute gewhrten ihm
die ntigen Handreichungen, er wute kein Mittel, Konstantien Nachricht zu
geben, da der direkte Weg eines plumpen Boten durch die Form versperrt war. Der
alte Graf schickte ihm Bcher, seine Krankenspeisen und dergleichen - aber er
glaubte, versichert sein zu knnen, da dieser alte Fuchs seiner Nichte kein
Wort erzhle, das den jungen Deutschen betrfe.
    So mute er in der Einsamkeit harren und das Schicksal seinen Gang gehen
lassen. Wir mgen noch soviel ber die Worte Schicksal, Fgung, Zufall reden,
immer sind wir innerlichst der Meinung, da sie durch unser Zutun, wenn nicht
gendert, so doch gelenkt werden, und unser Mibehagen erreicht den hchsten
Grad, wenn wir uns von aller Ttigkeit und Einwirkung ausgeschlossen sehen. Dann
glauben wir uns dem rgsten preisgegeben.
    So Valerius. Alles schwarzen Gedanken seiner letzten Entwicklungsjahre
sammelten sich um sein Krankenlager, und als er zum ersten Male wieder ausgehen
konnte, brachte er eine ganze Welt von qulenden Gedanken mit sich an die warme
Sommerluft. Und die Gedanken flogen nicht mehr in Gestalt von Zweifeln um seine
Seele, es waren feste, unumstliche Vorstellungen. Du bist eins der
unglcklichsten Wesen auf der Welt, sagte er sich, in die Reform des
Menschengeschlechts hast du dich hineingestrzt mit einem Herzen, das jeden
Augenblick selbst des Trostes, der Untersttzung bedarf, das an Liebhabereien,
Gewohnheiten hngt, wie das Kind an der Amme, das bei jedem neuen Schritte
tausend Fragen der Rcksicht und Bedenklichkeiten aufwirft. Unglcklicher Tor,
wozu taugst du auf dieser Welt? Im beschrnkten hergebrachten Kreise fortzuleben
gengt dir nicht, um das Kleine, Unscheinbare kennen zu lernen, und dich am Ende
daran zu erfreuen, fehlt es dir an Geduld und Ausdauer, und fr das Groe an Mut
und Kraft. Deine Hoffnungen gingen zugrunde, da du dieses Volk anders fandest,
als du daheim hinter dem Ofen getrumt, mit einem einseitigen Mastabe der
Bildung kamst du her, und entsetztest dich, als er nicht pate fr neue
Verhltnisse. Sie haben recht, die Verfolger dieser neuerungslustigen Jugend,
wenn sie uns Oberflchlichkeit vorwerfen, wenn sie sagen: Es sind junge, unreife
Leute, voll Drang nach neuen Dingen, weil sie zu ungeschickt, zu trg, zu stolz
sind, sich mit allen Krften der alten zu bemeistern. Es ist ihnen zu
langweilig, die bisherigen Zustnde bis in ihr tiefes historisches Leben zu
ergrnden; die beliebten historischen Rezits, einige blendende wissenschaftliche
Redensarten, die sie sich angeeignet, geben ihnen die berzeugung tiefer
geschichtlicher Einsicht. Die eigene innere Unlust, Dinge grndlich erschpfend
zu studieren, stachelt sie, alles, was da ist, abgelebt, veraltet, unvollkommen
zu nennen. Einige Unvollkommenheiten, Vernachlssigungen, Mngel, die bei keinem
irdischen Institute ausbleiben, dienen ihnen als Vorwand, alles fr schlecht,
jede Vernderung fr notwendig zu erklren. In dem hohlen Revolutionslrm
bertuben sie das eigene Gewissen, das ihnen zuflstert, wie sie die Zukunft im
Grunde dem Zufall berlieferten, die Zivilisation auf eine unsichere Karte
setzten, wie sie nicht die Fhigkeit besen, eine neue Gesellschaft zu
erfinden, eine Gesellschaft mit den tausend kleinen Rdern und Walzen, deren
Kenntnis das erschpfendste, grndlichste, sorgfltigste Studium ntig macht.
Solche Leute, trsten sie sich, werden sich finden, das gehrt fr die
Maschinenmenschen, wir erfinden, wir ndern im groen, das Genie kmmert sich
nicht um Hilfswissenschaften. Und diese Klasse der Revolutionrs ist noch die
beste, sie sucht nur dem eigenen Gestndnisse der Unzulnglichkeit zu
entfliehen, sie will sich selbst darber tuschen, da sie den schwierigen,
mhseligen Weg der Kultur berspringt, sie hat noch Stunden des Zweifels, der
Unsicherheit, und sie wird noch von der anderen, schlimmeren Hlfte
vorgeschoben, die nichts will als rauben und stehlen im groen und kleinen.
Diese letztere lebt in unbehaglichen Zustnden, sie ist zu trge oder zu
ungeschickt, sie in bessere umzugestalten - jede allgemeine nderung ist ihr
willkommen. Je gewaltsamer, je grer, desto besser. Da ffnen sich Chancen, die
auer dem Laufe des Herkmmlichen liegen, da gibt es allerlei Beute, die nicht
mhsam lange vorbereitet zu werden braucht. Diese Stegreifritter des Wissens,
des Herzens und schneller Hnde, diese bilden die sogenannte revolutionre
Jugend.
    Wenn die Leute dennoch recht htten! Er stand an einer Straenecke still.
Es ist freilich ein Rsonnement des Theaters, sprach er weiter, ebenso
oberflchlich, wie das, was sie oberflchlich nennen, ebenso einseitig, eine
schnelle Antwort fr den schnellen Frager, der die Bhne verlassen mu, weil man
zur Verwandlung geklingelt hat. Aber wie sieht es aus in mir? Mu nicht ein
jedes Individuum seine ganze Partei vertreten, mu es nicht all seine
Verhltnisse, Stimmungen und Wnsche fortwhrend den Forderungen der Welt, der
Bildung gegenberstellen, um zu prfen, ob die neue Generation auf richtigem
Wege sei? Ist es blo persnliches Ungeschick, da nichts in mir und um mich
passen will, bin ich ein falscher Ausdruck unserer Jugend? Gehetzt lauf' ich
durch die Tage hin, alles entwickelt sich mir zu langsam, berall finde ich
Hindernisse, nur der Rausch, wie meine Liebe fr Konstantien zu sein scheint,
hlt mich eine Zeitlang aufrecht, einsames Krankenlager wirft mich wieder in das
Chaos zurck - kann das der rechte Weg sein?
    Vorgesehen! riefen pltzlich zwei Stimmen neben ihm. Eine Tragbahre
streifte an dem Trumer hin; sein Auge fiel auf einen Kranken, der ausgestreckt
auf derselben lag. Entsetzt wendete er den Blick hinweg. Es war ein
aufgeschwollenes, todblasses Frauengesicht, dessen vortretende Augen ihn mit
einem gespenstischen Todesblicke anstarrten.
    Jetzt fiel ihm ein, da seine Krankenpfleger erzhlt hatten, seit der
Schlacht bei Iganie sei die Cholera unter den Polen zum Vorschein gekommen, das
Pahlensche Korps habe sie aus Bearabien mitgebracht, und jetzt wte sie in
Warschau. Die Trger hatten jenes kranke Weib niedergesetzt und reichten
einander die Schnapsflasche, um sich fr den weiteren Weg zu strken. Dabei
lachten sie, und auf die Kranke deutend, meinte der eine: Sie geht aufs letzte
Stadium los, wie der Doktor zu sagen pflegt, frisch Kamerad, da wir sie noch
lebendig ins Hospital bringen.
    Valerius schauderte, aber er konnte sich nicht enthalten, noch einen Blick
auf das Weib zu werfen. Mit Entsetzen glaubte er zu bemerken, wie sich die
schwarzen Todesschatten der Pest immer dichter um Augen und Schlfe legten, mit
Entsetzen erkannte er in den verzerrten Zgen das Antlitz Ludmillas.
    Auch sie schien sich eines Bekannten in ihm zu erinnern - bekanntlich
bleiben die von dieser Pest Befallenen ihrer vollen Verstandeskrfte mchtig.
Vielleicht wute sie auch weiter nichts, als da sie das Gesicht des jungen
Mannes schon einmal gesehen hatte, und in dieser Todesverlassenheit, in den
Hnden stockfremder, roher Gesellen mochte ihr das schon Aufmunterung sein,
irgend eine Hilfe anzusprechen. Kurz, sie arbeitete sichtbar mit den Hnden
unter der wollenen Decke und streckte endlich einen kreideweien Arm heraus nach
Valerius hin. Der hintere Trger, welcher mit seinem Gefhrten eben die Last
wieder aufheben wollte, sprang fluchend herbei und drckte den Arm wieder
zurck. Valerius aber, vom krampfhaften Mitleide durchdrungen, versprach den
stier auf ihn blickenden Augen, er werde mitgehen.
    Je nher sie dem Hospital kamen, um so grer wurde die Anzahl der
Tragbahren, welche herbeigeschafft wurden. Aus allen Gchen kamen welche, und
im Hofe des Krankenhauses stockte der Zug, weil die Vorderen nicht so schnell
ihrer Last entledigt werden konnten, als die Hinteren nachdrngten. Da stand
denn der ohnedies schon geistes- und krperkranke Deutsche, entsetzt von dem
schrecklichen Anblicke der Verpesteten, welche sich zum Teil in der Todesangst
aus den Bahren herauszuarbeiten trachteten, betubt von dem wsten Lrm der
Trger, die sich schreiend zutranken, rohe Scherze zuriefen, ihre unruhigen
Schtzlinge unter die Decken drckten und das Ganze mit nicht mehr und nicht
weniger Teilnahme behandelten, als trgen sie Kulissen und Garderobe fr ein
Schauspiel zusammen. Zu einer Seitentr des Gebudes sah er einen Leichnam nach
dem andern heraustragen und kopfber in eine ungeheure Grube strzen - wenn ein
unglcklicher Kranker sich einen Augenblick aufrichten konnte, so sah er, was
seiner wahrscheinlich in wenig Stunden harrte. Man machte fr ihn Platz, und
bald gab er denen Raum, die nach ihm kamen. Der Anblick eines Schlachtfeldes
dnkte Valerius Erholung neben dieser Szene. Man knnte sagen, dort sieht der
Tod und das Leiden gesund aus, und in dem Schmerzensgeschrei der Verwundeten
bekundet sich noch eine Lebenskraft. Hier sah man nichts als faulen Tod, die
betroffenen Opfer schwiegen grtenteils, nur aus den verzerrten, zu Schmerz
versteinerten Gesichtern sprach die unendliche Qual. Und wenn man ein Wimmern
hrte, so klang es so bermenschlich schmerzhaft, so unnatrlich jammervoll, als
kme es aus einer fremden, in lauter Elend wogenden Welt, aus einer qualvollen
Hlle.
    Valerius schauderte im Innersten. So entsetzlich war ihm das Menschenleben
noch nie erschienen, und gefoltert von den Fragen der Gesellschaft, umgeben von
dem Elende des Krpers, war er wohl zu entschuldigen, wenn er einen Augenblick
dem Gedanken Raum gab: wozu das ganze Dasein dieser Art? So sehr ihm sonst die
Verzweiflungshelden zuwider waren, die berall Zorn und Klagen gegen die
Weltordnung ausstoen, in diesen Augenblicken wute er keinen Tadel gegen sie.
    Beim Drngen am Eingange wurde eine Bahre umgestrzt; der Kranke fiel auf
das Pflaster mit dem Gesicht nach unten. Ohne nachzusehen, was ihm begegnet sein
knne, warfen ihn die Trger wieder auf sein Lager, und fort ging es, die Treppe
hinauf. Der Begriff eines Menschen hrt in solchen Zeiten auf, es gibt nur
Gegenstnde, deren man sich so schnell und so gut entledigt, als es eben gehen
will.
    Er kam endlich mit seiner armen Leidenden in den groen Saal des
Krankenhauses. Es war kein Platz, und er mute sich durch Geld die
Aufmerksamkeit und Teilnahme eines Wrters erkaufen, um Ludmillen
unterzubringen.
    Ich glaube, der Alte wird fertig sein, sagte dieser murmelnd vor sich hin,
und schritt nach einem Winkel des weiten Gemachs. Valerius sah, wie er einen
greisen Kopf in die Hhe richtete, die verworrenen grauen Haare hingen struppig
bis ber die weit offenen, glsern herausstarrenden Augen. Das magere, knochige
Gesicht war mit einer brunlichen, grauenhaften Pestfarbe berzogen, der Schaum
lag in einzelnen Tropfen auf den zusammengekniffenen, blauschwarzen Lippen.
    Ja, sagte der Wrter, indem er sein Ohr einen Augenblick an die Nase des
entstellten Kopfes geneigt hatte, der ist reif. - Heda, ihr faulen Schlingel,
ihr werdet die Pest nicht versaufen mit eurem Branntwein; gebt einmal die
Flasche her, na, der alte Krukowiecki und die Cholera sollen leben, macht hier
Platz mit dem Alten, 's hat ihn lang genug gewrgt, andere ehrliche Leute wollen
auch dran, sputet euch, bis ihr 'nunter kommt, ist er kalt.
    Diese Anrede galt ein Paar rotbackigen Burschen, welche das Geschft der
Totengrber versahen. Sie warfen den Alten auf ein paar zusammengenagelte
Bretter und traten die letzte Reise mit ihm an. Ludmilla kam an seine Stelle.
ngstlich blickte Valerius ber den weiten Saal, sein Auge suchte einen Arzt.
Bett an Bett stand auf beiden Seiten, hier und da hob sich ein dem Tode
verfallener Schmerzenskopf. -
    Ich will Ihnen den kleinen deutschen Doktor bringen, sagte der Wrter,
der versteht's am besten; wenigstens dauert's immer nicht lange: entweder 's
hilft so, oder 's hilft so, aber wirken tut's immer. Man wei doch immer bald,
wie man dran ist - da kommt er just den Gang herauf, sehen Sie nur wie er hopst,
munter ist er immer, als wenn er 'n Franzose wre.
    Valerius eilte ihm entgegen. Zu seinem grten Erstaunen erkannte er
Leopold. Dieser umarmte ihn strmisch und hatte so viel tausend Fragen, und war
so heiter und glcklich, als wenn er seinen alten Freund auf einem Balle
wiedergefunden htte. Soviel man sehen konnte, ganz der alte Leopold, wie er auf
Grnschlo gewesen war.
    Sein ernsterer Landsmann fhrte ihn aber ohne Verweilen an Ludmillens Lager
und sprach: Hilf, wenn du kannst.
    Leopold griff nach dem Pulse und entblte dabei wieder den Arm der Kranken.
- Schne Formen, schne Formen! sagte er lchelnd zu Valerius. Die Kranke
richtete die starren Augen auf den Arzt, als er die Hand auf ihre heie,
trockene Stirn legte; man glaubte, Schwerter darin zu sehen, die um das Leben
fechten wollten. - Hilfe! dies einzige, erste Wort rang sich von den blassen
Lippen.
    Valerius fhlte sich aufs schmerzlichste gepeinigt.
    Der junge Arzt ffnete der Leidenden eine Ader und wendete alle die
unsicheren Mittel an, welche damals gegen diese unergrndete Pest gebruchlich
waren. Dabei verfuhr er mit so groer Zuversicht und Sicherheit, das gespannte,
krampfhafte Wesen der Krankheit schien wirklich in etwas nachzulassen, so da
Valerius einige Beruhigung schpfte. Er fragte Ludmillen, ob er noch irgend
etwas fr sie tun knne, ob er Kasimir suchen solle - sie schttelte heftig den
Kopf und machte eine sanfte Bewegung mit der Hand, als wolle sie ihn nicht
lnger zurckhalten. Er versprach, mit dem Arzte bald wiederzukommen, und
verlie am Arme Leopolds den Saal. Nachdem er ihm ber seine bisherigen
Schicksale, den verwundeten Arm und die schne Kranke den ntigen Aufschlu
gegeben hatte, berschttete ihn dieser mit Erzhlung der eigenen Schicksale.
Denn nur die Neugier war einen Augenblick grer gewesen als seine
Geschwtzigkeit. Valerius unterbrach ihn jedoch noch einmal mit der dringenden
und ernsten Frage, ob er sich auf die gegen Ludmillens Krankheit getroffenen
Maregeln verlassen knne, ob Leopold sichere Einsicht in diese
Krankheitsverhltnisse besitze, ob man nicht vielleicht noch einen lteren Arzt
zu Rate ziehen mchte? Aber der Kleine unterbrach ihn lchelnd. Es war noch
jenes alte artige Gelchter, worin so viel Kindlichkeit, gutmtiges Wesen und
Bonhomie lag, da es niemand belnehmen konnte.
    Du bist noch derselbe gewissenhafte Kauz, sprach er unter diesem Lachen,
der die Medizin in Ordnung und Notwendigkeit eingesperrt wissen will wie die
Logik. Die Welt mag ein Exempel sein, aber wir haben keinen Rechnenknecht dazu
und knnen's nicht lsen, drum ist es wohl besser, sie fr eine groe Poesie zu
halten, deren Prinzipien uns unbekannt sind, und die wir ohne Prfung genieen
sollen, so gut wir eben knnen. Sieh, das ist am Ende in wenig Worten die
Ausbeute meines Lebens, seit ich dich nicht gesehen habe. Oder richtiger: ich
bilde mir's diesen Augenblick ein, solch eine Ausbeute gewonnen zu haben, denn
ich mu dir ehrlich gestehen, ich hab' eigentlich nichts gelernt in der
sogenannten Lebensphilosophie, was man so lernen nennt. Das heit, ich bin noch
immer zu keinen Prinzipien gekommen, und als ich neulich William begegnete, da
sagte er nach der ersten Viertelstunde, ich wre noch immer der alte
Taugenichts, der zwecklos und somit tugendlos in die Welt hineinlebte. Gott
wei, ob er recht hat, aber ich kann nicht anders, wenn ich nicht alle Freude
aufgeben soll, und das wre am Ende doch auch sndlich, da die ganze Welt voll
Freude ist, und es sie mibrauchen hiee, wollte man ihre Hauptsache von der
Hand weisen. Du bist immer gut gegen mich gewesen, du wirst mich deshalb nicht
so hart angehen, und deinen Belehrungen will ich immer Folge leisten, o, ich
freue mich ber alles, dich alten, lieben Valerius wiedergefunden zu haben; es
war mir oft ngstlich, so ohne meinen guten Schulmeister leben zu mssen. Du
weit zwar, da ich leicht und bequem mit den Menschen verkehre, da ich mir
alle Tage einen guten Freund erwerben kann, aber es ist doch keiner wie du,
nein, wirklich, wenn du auch lachst, keiner wie du. Dein Ernst ist sanft, und
wenn du lachst, dann wei ich gewi, es ist alles in Ordnung, und ich darf
tchtig mitlachen, ich fhle mich so sicher in deiner Nhe! Und wenn die Leute
sagen, ich sei leichtsinnig, du aber weit, was ich treibe, und nicht eben
darber schiltst, dann kmmert mich das Gerede der Leute nicht. Nun hre, was
ich getrieben habe. Aber la uns hier bei Lessel eintreten, du mut etwas
genieen, damit dir der Choleraschreck nicht schadet - ja, apropos, ich bin
davon abgekommen, dir von der Cholera und unserer Heilung derselben zu sprechen.
Du weit, ich bin in allen Dingen fr die Poesie dieser Dinge, und weniger fr
ihre strenge, ausgerechnete Wissenschaft. Du glaubst nicht, wieviel bloe Poesie
in unserer Heilkunst steckt. Darum lieb' ich sie. Wie jeder Mensch seine
individuelle Dichtung in sich trgt, so jeder Arzt seine eigene Medizin. Der
menschliche Leib ist uns der Kosmos, das verkleinerte All, ihm gelten unsere
Sonette und Kanzonen: das sind die knstlichen aus Tausenderlei
zusammengesetzten Rezepte, in welchen unsere Gelehrsamkeit brilliert; die
vielfltigen, meist unschuldigen Stoffe paralysieren sich gegenseitig, das
Resultat des Sonettenrezepts ist blo unser Ruhm. Ihm gelten ferner unsere Epen
und Romane; sie sind das Fundament des rztlichen Lebens, sie bringen die
stehende Beschftigung, das stehende Einkommen: das sind die sogenannten groen
und langen Kuren. Die Krankheit nmlich ist unser Dichtungsmotiv, das bilden wir
aus nach allen Seiten, wir betrachten, wir dehnen es rechts, wir dehnen es
links, und je mehr Jahre darber hingehen, desto reifer wird das Kunstprodukt -
ein schlechter Arzt, der nicht einige Scottsche Romane unter seinen Kuren
aufzuweisen hat. Er bereitet sich den Roman in der Vorrede aus unscheinbaren
Materialien, das heit: er begegnet dem Patienten in spe auf einem Spaziergange
und unterhlt sich mit ihm ber Krankheitsmglichkeiten, spter beruht seine
Kunst darin, die Parteien des Stoffs in feindliche Berhrung miteinander zu
bringen, das gibt die Spannung, und nun kommen die epischen Rezepte. Epische
Rezepte stammen gewhnlich aus den Kolonien, aus den quatorgegenden, wo die
Sonne brnstig auf der Erde ruht und die fabelhaften Gewchse gedeihen, die den
besten nordischen Magen in zehn Minuten auer Vernunft setzen knnen. Zwei, drei
solche Rezepte, in denen etwa der spanische Pfeffer die Rolle der pikanten Figur
des Romans spielt, zwei, drei solche Rezepte, Freundchen, bringen den Roman auf
die Hhe des Interesses. Nun ist die Gefahr da. Held, Verwandte, Freunde,
Zuschauer sind jetzt hinlnglich beschftigt, nun lt der Arzt dem Stoffe
seinen Lauf, er ist bereits unentbehrlich geworden, wie der Romanschreiber in
der Mitte des zweiten Teils, es kommen einige Ausfllrezepte, sanft lyrische
Akkorde, welche den allzu schnellen, wilden Verlauf ein wenig migen, und man
nhert sich langsam dem Schlusse. Hier kommt es nun wie beim Romantiker darauf
an, ob sich die zu Anfang und bei der Hauptschrzung gebrauchten Stoffe und
Motive nicht gegeneinandergestellt haben, ob eine Vershnung mglich ist. In
diesem Falle schliet das Ganze mit gelinden Strkungen, kleinen ntzlichen
Sprchen, die man in der sthetik Gnomen nennt, und die sich am Ende in
medizinische Ditsregeln auflsen. Der Kranke geht zum ersten Male wieder aus,
wenn er auch etwas bleich ist und den Stock braucht. Hierbei ffnet man nur noch
die Perspektive, der Roman ist zu Ende, und die Mitspieler rufen wie in den
alten Komdien des Plautus und Terenz: Plaudite omnes, das heit: Bezahlt und
preist den Arzt, den Knstler aufs beste. Sind jene Stoffe und Motive aber
unvershnlich, nun, dann schliet die Sache mit dem tragischen Chor der
Griechen, und das poetische Interesse ist um so grer, der Held ist dem Fatum
erlegen. Honorar und Beifall sind ebenso gro. Was nun aber die Cholera
betrifft, um wieder auf besagten Hammel zu kommen, denn ich sehe, du wirst
ungeduldig, so behandeln wir selbige epigrammatisch. Ein glcklicher Augenblick,
ein glckliches Wort, ein ungewhnlicher, pltzlicher genialer Versuch des
Arztes - das gibt dem Dichter das Epigramm, dem Arzte das Mittel gegen die
Cholera. Das Epigramm heilt selten, wie du weit, aber es trifft den
empfindlichen Punkt; Leben und Tod steht in Gottes Hand, sagen wir; das schnelle
Ende ist ebenfalls ein Zeichen, da wir auf rechtem Wege waren, es ist
Schickung, da die Natur gerade den negativen Pol und nicht den positiven Pol
berhrt hat. Diese epigrammatische Behandlung ist ebenfalls sehr knstlerisch,
schon Goethe sagt im Faust:

Wir sind gewohnt,
Da die Menschen verhhnen,
Was sie nicht verstehen. -

    Der Mediziner ist der Faust der Materie. Er verschreibt sich dem Teufel, um
das Wesen der Natur zu ergrnden. Der Teufel besteht nmlich in den verborgenen
Krften derselben.
    Uff, setz dich hierher, altes Brderchen, la mich ausreden, es gibt sonst
ein Unglck, ich fhle alle meine Studien und Betrachtungen auf der Zunge. Wenn
ich dir den jetzigen Zustand unserer Medizin schildern sollte, - denn das mte
ich, um dir unsere Behandlung der Cholera darzutun - so wre eine Darstellung
der ganzen Kulturgeschichte notwendig. Erschrick nicht, ich begnge mich mit
einigen Strichen, die letzten Jahrhunderte zu bezeichnen. Die Medizin ist immer
abhngig von dem Zustande der laufenden Bildung, so wie es denn nach deinen
eigenen Worten keine vereinzelte Erkenntnis gibt. Alles hngt an dnnen, oft
kaum sichtbaren Fden zusammen. Die Philosophie lernt von der Naturkunde, die
Naturkunde von der Philosophie, und die Medizin ist ein Dekokt aus beiden. Die
Geschichte der Medizin lt sich am tiefsten aus einer Geschichte der
Philosophie studieren, - aber die Cholera ist gekommen, alle entdeckten Gesetze
sind an ihr gescheitert, Hegel persnlich ist von ihr weggerafft worden, die
Wissenschaft steht wieder vor ihr wie vor einem dunkeln Vorhange. Diese Cholera
ist eine vollkommen neue Manifestation der Welt, es mu erst wieder eine neue
Poesie kommen, um sich ihrer zu bemchtigen, damit einer neuen Wissenschaft die
Augen geffnet werden. Die Sprache dieser Pest ist unserer Gelehrsamkeit
unverstndlich, sie pat in keines unserer Wrterbcher, das Glck und das Genie
schnappt hier und da ein Wort auf und rettet einen Menschen, aber an Gesetze
dieses neuen Idioms ist nicht zu denken, wir warten wie die Juden auf den
Cholera-Messias.
    Du bist ein systematischer Narr, erwiderte Valerius auf die lange
Provokation, aber der Schlu ist mir zu ernsthaft, um ber deinen Gallimathias
zu lachen, ich mu einen andern Arzt fr Ludmillen suchen.
    Ich schwre dir's, Freund, der Klgste wie der Dmmste ist vor dieser
Krankheit gleich klug; sie ist das neue Weltrtsel, und das wird nicht in acht
Tagen gelst; das Mdchen lie sich gut an, du mut es dem Zufall berlassen -
die Cholera ist ein Spott der Gottheit ber das absolute Wissen der Menschen,
sie wird den Pietismus befrdern und die Unverschmtheit zgeln, trink, lieber
Valerius, trink, du bist noch ganz bla.
    Valerius trieb den kleinen Schwtzer nach dem Lazarett, das Schicksal
Ludmillens bengstigte ihn um so mehr, da er die Unzulnglichkeit der Medizin
gegen die Krankheit schildern hrte. Er selbst wollte unterdes bei Stanislaus'
Vater eine Visite machen, und um jeden Preis Konstantien Nachricht zu geben
suchen. In Lessels Konditorei, die sie eben verlieen, wollten sich die Freunde
nach ungefhrem Verlauf einer Stunde wiederfinden.
    Valerius war sehr gespannt, wie er den alten Grafen treffen wrde. Das
Schicksal des Landes hatte sich gewaltig umgestaltet, halbe Maregeln schienen
mehr als je verderblich. Nach der Schlacht von Ostrolenka war Skrzynecki ohne
Aufenthalt nach Warschau gefahren, um der erste Bote zu sein, den Reichstag auf
das gnstigste vom Zustande der Dinge zu unterrichten, die Nachteile der
Schlacht soviel als mglich zu verdecken. Es war ihm auch gelungen; der Tag von
Ostrolenka konnte ihn den Oberbefehl kosten, aber der Reichstag und die
Regierung bezeigten ihm ein ungendertes Vertrauen und lieen das Schicksal des
Krieges mit den ermunterndsten Ausdrcken in seinen Hnden.
    Der alte General Malachowski sammelte die Trmmer der auseinandergerissenen
Armee, die versprengten Truppen fanden sich aus eigenem Antriebe wieder
zusammen, Diebitsch verfolgte seine etwaigen Vorteile nicht weiter, da sein
Truppenverlust noch grer gewesen war als der des polnischen Heeres. Er rckte
nach der Weichsel hin und schien die Verhltnisse abwarten zu wollen, ob sich
ein bergang bewerkstelligen liee. Bei Beurteilung dieses Mannes, soweit diese
die militrische Seite des polnischen Krieges betrifft, mu der Historiker sehr
vorsichtig verfahren, und die geringen Erfolge des Feldzugs nicht ohne weiteres
dem Ungeschick des Anfhrers zuschreiben. Bei einem genauen Blicke ins russische
Lager stellen sich vielerlei verwickelte, lhmende Zustnde dar: das russische
Nationalinteresse ist keineswegs so indifferent, da es ihm vollkommen
gleichgltig wre, unter einem Auslnder zu fechten. Eiferschteleien der Art,
nachlssig ausgefhrte Befehle von seiten der russischen Generale kommen in
Flle vor. Zu Petersburg hatte man keinen Mastab fr die moralische Kraft eines
auf den Tod kmpfenden Volkes, man schrieb es dem mangelhaften Eifer oder der
unzulnglichen Geschicklichkeit des Heerfhrers zu, da die Insurrektion nicht
gedmpft werden knne, man schickte Paskiewitsch, um Diebitsch zu untersttzen.
Dieser konnte in solcher Maregel nicht wohl etwas anderes als seine halbe
Absetzung erblicken, der bergang ber die Weichsel war uerst bedenklich, weil
man dadurch die Kommunikation mit Ruland vllig verlieren konnte, die Cholera
wtete im Heere, und so sah man Diebitsch von allen Seiten gelhmt,
niedergeschlagen in seinem Lager sitzen. Da ergriff ihn die Cholera selbst und
raffte ihn hinweg. Paskiewitsch, der bald darauf eingetroffen war, hatte mit
plumper Zuversicht das Heer ohne weiteres ber den Flu gefhrt, Skrzynecki
hatte nicht das mindeste dagegen getan, sogar all die kleinen Vorteile
verschmht, die bei solch einem Kriegsereignisse zu erringen sind, auch wenn der
bergang selbst nicht gewehrt werden kann. Die Russen rckten nun auf dem linken
Weichselufer gegen Warschau heran, und die polnische Armee wich von Position auf
Position zurck.
    So standen die Sachen, als Valerius seit langer Zeit zum ersten Male wieder
das Palais des Grafen betrat. Der Herr des Hauses war schon am frhen Morgen
aufs Landgut hinausgefahren. Das war dem Deutschen eigentlich erwnscht, denn es
gewhrte ihm die beste Gelegenheit, auf dem Landgute selbst zu erscheinen. So
hoffte er, auf das bequemste wieder in Konstantiens Nhe zu gelangen. Als er
eilig aus der Tr des Palastes trat, rannte ein hastig Vorbereilender gegen ihn
und stie ihn schmerzlich an den wunden Arm, welchen er in der Binde trug. Der
heftige Schmerz prete ihm einige harte Worte aus, der Vorberstrmende blickte
sich heftig um - es war das wilde Gesicht Slodczeks, das dem Verletzten trotzig
in das Auge blickte.
    Leopold war noch nicht in der Konditorei, als Valerius dort ankam. Er las
Journale, um sich ber die Stimmung des Volks zu unterrichten, da in seine
Krankenstube nur Einzelnes, Unvollstndiges gedrungen war. berall fand er die
heftigste Entrstung gegen Skrzynecki und die Unttigkeit des Heeres, berall
fanatisches Lob des alten Krukowiecki, der als Gouverneur von Warschau eine
rastlose, energische Ttigkeit entwickelte.
    Ein Gerusch auf der Strae zog ihn vom Lesen ans Fenster. Ein hoher
Offizier ritt langsam daher, die Leute, welche sich eben auf dem Wege befanden,
waren berall stehen geblieben, schwenkten die Hte und Mtzen und riefen laut.
Valerius ffnete das Fenster, um die Worte zu verstehen - in die Schlacht, in
die Schlacht, Vater, waren die ersten Worte, welche er vernahm. Mit Staunen
erkannte er in dem vorberreitenden Offizier jenen alten graubrtigen Mann
wieder, welchen er auf dem Balle beim Grafen Kicki gesehen, den Stanislaus mit
soviel Aufmerksamkeit und Teilnahme die Treppe hinab begleitet hatte. Seine
harten, finstern Zge waren in diesem Augenblicke durch eine gleiende
Freundlichkeit geglttet, das schnelle, graue Auge flog wie ein spielender
Raubvogel links und rechts unter die immer grer werdende Menge. Hilf,
Krukowiecki, Vater Krukowiecki hilf uns! rief man von allen Seiten. Zu seinem
Erstaunen sah Valerius seinen kleinen Mediziner mitten unter den Schreiern, er
schwenkte sein weies Htchen, und mit dem ihm eigentmlichen Lcheln, das halb
gutmtig halb ironisch, immer aber einnehmend aussah, schrie er tapfer mit:
Hilf, Krukowiecki, Vater Krukowiecki, hilf uns!
    Der Angerufene sprach etwas zum Volke, er war aber schon zu weit entfernt,
als da man es am Fenster der Konditorei htte verstehen knnen. Jubel und
Vivatrufen des Volkes kam hinterdrein.
    Das also ist Krukowiecki! sagte der Deutsche vor sich hin, ein
unheimlicher Mann des Volkes fr mich, ich wei selbst nicht warum - was fllt
denn dir ein, du unverbesserlicher Narr, rief er dem eintretenden Leopold zu,
mit dem Volke zu schreien, was hast du denn fr ein Interesse an Krukowiecki?
    Ich lache und rufe, erwiderte dieser, mit allen aufgeweckten Leuten, 's
ist immer etwas Munteres und Belebendes fr mich darin, wenn die Menge jemand
zujauchzt, etwas verlangt; die uerung ist so natrlich, man vergit einen
Augenblick unser knstliches Staatsleben - und dieser Krukowiecki hat ein so
interessantes Gesicht, ich sage dir, Freundchen, in diesem Gesicht liegt ein
ganzes Stck Weltgeschichte. -
    Wenn's nur ein gutes ist. -
    Ja, das ist die Frage. Du weit, ich habe solch einen gewissen
physiognomischen Instinkt: dies eckige, starre Gesicht, dieser brutal heroische
Kopf, der sich in den Nacken zurckwirft, bedeutet etwas Wichtiges. -
    Was macht die Kranke?
    Nichts, mein Lieber, gar nichts. -
    Sie ist doch nicht -
    Nein, sie ist nicht mehr, das heit, sie ist dem Geheimnis der modernsten
Philosophie, der ostindischen Pest verfallen, in populrer Sprache: sie ist tot
- keine Vorwrfe, Lieber, die besten rzte haben sich mit ihr beschftigt nach
unserem Weggange, sie haben alle Systeme probiert und der Cholera tapfer
beigestanden - wir wandeln hier in einem dunkeln Tale, das neue groe Geheimnis,
das aus Kalkutta gekommen ist, lehrt uns wieder, da wir nicht wissen, in
welchen Atomen das Leben besteht. Wenn wir erst etwas Lebendiges erschaffen
lernen, etwas, das Puls und Odem von uns empfngt, dann wollen wir der Medizin
die Anmaungen vergeben. -
    Kasimir! rief Valerius, aus einem traurigen Nachsinnen auffahrend - der
junge Wolhynier trat nmlich eben ins Zimmer - wissen Sie, wo Ludmilla ist?
    Kasimir zog die Stirn zusammen.
    Im Grabe ist sie.
    Was?
    Und nun folgte rasch die Erzhlung. Der Wolhynier schwieg noch eine Weile,
als sie beendigt war. Dann ergriff er rasch Valerius' Hand: Sie werden mich
verdammen, Herr, und Sie haben vielleicht nicht unrecht. Ludmilla kam aus den
dreisten Hnden des Russen in die meinen, sie hatte keine Schuld - aber - mit
meiner Liebe war es aus, ich verlie sie - zu was anderem, Wichtigerem, aber
hier ist nicht der Ort, vermeiden Sie berhaupt in diesen Tagen dies Haus. -
    Valerius berhrte die letzten Worte, sagte Leopold Adieu, unterrichtete
ihn, wo er zu finden sei, und ging mit Kasimir.
    Wir sind bei einer bedenklichen Krise angekommen, hub dieser mit leiser
Stimme an, als sie auf der Strae waren, haben Sie vorhin Krukowiecki durch die
Straen reiten sehen? Ich frchte, ich frchte, mit diesem Streicheln der Menge
pflegt er nicht nur seine Eitelkeit, sondern bereitet seinen stolzesten Plnen
ein Fest. Ich glaube, es mu etwas von unserer Seite geschehen, ich spreche
offen und rckhaltslos zu Ihnen. Alles ist bei der Armee, was dem Treiben
Krukowieckis entgegenarbeiten knnte, mich fhrt ein zuflliger Auftrag nach
Warschau, ich habe in diesem Augenblicke niemand, dem ich meine lebhafte
Besorgnis mitteilen knnte, ich glaube, Ihr Herz und Ihre Ansichten zu kennen,
bieten Sie mir die Hand, vielleicht knnen wir mancherlei abwenden.
    Valerius gestand, da er jetzt vllig auer genauer Kenntnis der
Verhltnisse sei, er wisse nicht, worauf dieser Eingang hinausgehen solle.
    Sie sind ein Demokrat, fuhr Kasimir fort, ich bin es auch - glauben Sie
nicht, da ich Mibrauch mit diesem Worte treibe. Ich habe es Ihnen angemerkt,
da Sie viele Tuschungen der Art in unserem Lande erfahren haben, geben Sie uns
deshalb nicht auf, Sie finden Reprsentanten fr alles unter uns. Eine
allgemeine, gleichartige Ausbildung wurde durch die Herrschaft der Fremden
unmglich gemacht; es ist nicht zu verwundern, wenn sich die verschiedensten
Richtungen unter uns finden. Mein schweizerischer Lehrer hat mich die grte
Unbefangenheit in Rcksicht auf Parteien und Zustnde gelehrt, vergeben Sie's,
wenn Sie hier und da einen Rest nationalen Leichtsinns an mir entdecken, ich bin
jung, und es ist gar schwer, das Temperament, die Atmosphre jedes Landes nach
den Forderungen, selbst nach den eigenen Forderungen der Bildung zu fgen. Man
kann im Grunde nicht mehr verlangen, als da ein jeder den lebendigen Willen
dazu habe, und, glauben Sie mir, den habe ich. Vielleicht gestehen Sie mir
spter zu, da ich unbefangener bin als Stanislaus; denn ich habe es wohl
bemerkt, wie Sie mitrauisch auf ihn blicken, obwohl er zu unsern
kultiviertesten jungen Edelleuten gehrt. Sie werden nicht leicht ein Land
finden, wo die Bildung so eifrig anerkannt und geschtzt wird, als Polen,
vergeben Sie uns bei der Beurteilung auf einen Augenblick die nationalen
Leidenschaften, welche dem Fortschritte so vielfach hindernd in den Weg treten.
    Und nun nher zur Sache! Wir mgen noch so eifrige Volksfreunde sein, nimmer
knnen wir es fr wnschenswert halten, das Regiment unmittelbar in den tausend
Hnden der Menge zu sehen. Und ich frchte, darauf geht es hinaus. Ich setze
nicht den entferntesten Zweifel in den unbegrenzten Patriotismus Krukowieckis,
aber ich bin dennoch berzeugt, er bietet in diesem Augenblicke nur alles auf,
um Skrzynecki zu strzen, selbst mchtiger, gewaltiger zu werden. Solange ich in
Warschau bin, beobachte ich diesen Mann, er ist von glhenden Leidenschaften
getrieben, man sollte also meinen, er knne sich nicht verbergen, und dennoch
darf ich nicht sagen: Ich kenne ihn. Die jedesmal hervortretende Leidenschaft
scheint im Augenblicke ihrer Ttigkeit die allein herrschende seines Wesens zu
sein, die Gre der Affekte verbirgt den eigentlichen Charakter des Mannes mehr,
als sie ihn enthllt. Nie aber habe ich diese Sttigung in seinen Zgen gesehen
wie heute. Irgend ein drohender Streich mu bereits ausgehoben sein. Warschau
ist in der bedenklichsten Aufregung; das konnte nur einem entgehen, der wie Sie
zum ersten Male seit vielen Wochen aus der Krankenstube tritt. Die Entrstung
ist allgemein, da Skrzynecki fortwhrend ohne Widerstand dem Feinde weicht; die
Entrstung ist gerecht, ich teile sie vollkommen; aber ein Aufstand, wie er in
diesen Straen droht, ist nicht das Mittel. Unordnung erzeugt keine Vorteile.
Wie es nun immer zu gehen pflegt bei Vlkern, die lange unter grausamem Drucke
schmachten, alles Unerwnschte bildet sich in Gemtern zunchst in Mitrauen, in
Verdacht aus. Wo der Fortgang zgert, da frchtet man russischen Einflu. Das
ist das Entsetzlichste unserer Sklaverei, da sie alles gesunde Vertrauen in die
bewhrtesten Patrioten ttet. Ein Teil dieses Unglcks kommt mit jeder
Sklaverei, aber das frmliche System der russischen Bestechung, wie es von der
Katharina angefangen hat, ist schlimmer als alles, was anderswo derartiges ein
Volk gelhmt hat. Nun hat sich mancherlei zusammengefunden, den Verdacht des
Volkes zu steigern; das Benehmen der Generale Jankowski und Bukowski, welche
damals Turno im Stiche lieen, als ein russisches Armeekorps mit Leichtigkeit
vernichtet werden konnte, war hchst auffallend und beunruhigend. Diese und
andere sitzen noch in Warschau, es erfolgt kein Urteilsspruch, das Volk glaubt
Leute protegiert, in denen es die abscheulichsten Verrter des Vaterlandes
sieht. Der Feind rckt tglich der Hauptstadt nher, eine krftige, glhende
Armee tut keinen Schwertstreich, Warschau ist in den Hnden dessen, welcher ein
leidenschaftlicher Gegner des Generalissimus ist - zweifeln Sie noch, da wir
bei diesen bedrohlichen Elementen tglich einen gefhrlichen Ausbruch des
Volksunwillens zu frchten haben?
    Glauben Sie nicht, da ich bertreibe, ich bin ein eifriger Besucher der
patriotischen Klubs und kenne die Stimmung. Wenn ich auch das wilde, ungeordnete
Drngen unserer Demagogen gar nicht billige, so mu ich doch den Ursprngen
ihrer Meinung recht geben. Lassen wir die Frage ungelst, ob es ratsam war oder
nicht, den Bauer pltzlich und ganz von aller Hrigkeit zu befreien; die Sache,
einmal in Anregung gebracht, von der allgemeinen Aufmerksamkeit in Anspruch
genommen, mute ein gengenderes Resultat geben, als sie gab. Die demokratische
Jugend hat die Revolution geschaffen, sie ist gro, gro an Anzahl, der Kern des
Heeres, ihre Meinung ist weit und tief verzweigt in die Nation, sie konnte mit
Recht einen Anteil an der neuen Regierung verlangen. Sie hat sich ihn ertrotzen
mssen von der aristokratischen Partei, und die spte Aufnahme Lelevels in die
Regierung hat sie belehrt, da von dem guten Willen der alten Aristokraten nicht
das mindeste zu erwarten sei. So stehen wir in diesem Augenblicke bedrohter als
je zwischen den Extremen, und alle vermittelnden Schattierungen treten jetzt
vllig in den Hintergrund. Was ist zu tun? Sie kennen Stanislaus' Vater genau,
wollen Sie mit mir zu ihm eilen? Wir finden bei ihm eine groe Anzahl
bedeutender Mnner, die stolze, eigentliche Aristokratenpartei, und die
Humanittsaristokraten, wie ich sie nennen mchte, unsere Doktrinrs und alles,
was nicht direkt zu den Mnnern des Klubs gehrt, erscheint fast tglich in
seinem Hause.
    Er ist nicht in der Stadt, sondern auf seinem Landgute.
    Ich wei das; eben dort versammelt sich die wichtigste Gesellschaft. Lassen
Sie uns einen Wagen nehmen und hinausfahren.
    Dieser Vorschlag war Valerius sehr angenehm. Nach einer Viertelstunde
rollten sie schon aus dem westlichen Tore der Stadt ber die Ebene hinweg. Das
Landgut lag eine halbe Meile seitwrts von der Strae, die nach Lowicz fhrt, in
einer freundlichen Birkenwaldung. Es war spter Nachmittag, als sie ankamen, die
heie Sonne des August lag drckend auf der Gegend und die schattigen Grten,
welche den Landsitz umgaben, winkten ihnen einladend. Sie fanden die
Gesellschaft in den dunkleren Partien des Gartens; bei der ersten Gruppe, welche
sie trafen, befand sich der Graf. Es war leicht zu erkennen, wie ihn der Anblick
des Deutschen nicht eben angenehm berraschte, sein feiner Weltton bedeckte
jedoch schnell den flchtig erscheinenden Ausdruck des Mibehagens mit den
hflichen Zgen des zeremonisen Wirts. Das Vorstellen Kasimirs, dessen
unumwundene Erklrung, was ihn herfhre, verdrngten schnell alle brigen
Interessen, eine strmische Diskussion begann, bald dieser, bald jener der
Anwesenden trug den ab- und zugehenden Bedienten auf, das Anspannen und
Vorfahren zu bestellen.
    Es waren wirklich bedeutende Reprsentanten der damaligen hheren
Gesellschaft Polens zugegen, und fast alle Schattierungen waren vertreten. Ein
ernster, sinnender Mann ergriff zuerst das Wort und erklrte mit sehr gewandter
Motivierung und nachdrcklicher Rede, da die Unzufriedenheit des Volkes
keineswegs grundlos sei, da man ernsthaft und schnell mancherlei ndern msse.
Es war dies Bonaventura Niemozewski, welcher den nchsten bergang zur
Volkspartei bildete. Sein Bruder Vinzenz, von kleinerer Statur, mit einem
blassen, von Nachdenken und Studien gefurchten Gesichte, schlo sich ihm an. Er
tat dies aber seiner Natur gem mit sehr viel Schonung, vielfachem Vorbehalt
und in mehr knstlichen als energischen Worten. Diese beiden Brder waren
Hupter einer Richtung im Reichstage, welche man im Vergleiche mit hnlichen
Erscheinungen des franzsischen Parlaments die doktrinre nennen drfte. Ihr
Verlangen, geschichtliche Einrichtungen nicht ohne weiteres dem rationellen
Ermessen unterzuordnen, ihre Berufungen auf die englische Verfassung und ihre
groe Vorliebe fr dieselbe charakterisierten sie. Eine hervorstechende
historische Gelehrsamkeit jeder Art und ein wohl durchgearbeitetes Element
humaner Kultur zeichnete sie aus.
    Dem Verlangen Bonaventuras opponierte sogleich mit groer Lebhaftigkeit ein
schlanker, glnzender Mann mit jenen Maintiens und kurzen, stolzen Bewegungen
des Kopfes, die den Vornehmen par exellence eigen zu sein pflegen. Es war Gustav
Potocki, und er reprsentierte die Spitze der ultra-aristokratischen Koterie.
Ein sehr edel und einnehmend aussehender Greis von feinen, sanften Manieren, die
mehr das Edle als das Vornehme ausdrckten, milderte Ansicht und Ausdrcke des
stolzen Potocki, obwohl er selbst zur Partei desselben gerechnet wurde. Dieser
Greis war der Frst Adam Czartoryski. Ein dritter Mann, welcher seit einiger
Zeit mehr zu dieser aristokratischen Richtung hinneigte, als man von ihm
erwartet hatte, ja mehr, als ihm eigentlich selbst natrlich war, schlo sich in
diesem Augenblicke lebhaft und mit vielem Feuer den Worten Bonaventuras an. Es
lag so viel Imponierendes in seinem Benehmen, seinen Mienen, seinen Ausdrcken,
da man leicht davon auf sein Amt schlieen konnte, in welchem er diese Art von
Reprsentationen vielfach gebt hatte. Er sa nmlich auf dem Marschallstuhle
des Reichstags, und ihm gebhrte das wichtige Verdienst, die Verhandlungen
dieses Staatskrpers in einer so strmischen, revolutionren Zeit mit einer
bewundernswrdigen Humanitt, Unparteilichkeit und Kraft, ja mit einer Gre
geleitet zu haben, wie sie selten in der Geschichte angetroffen wird. In
Ladislaus Ostrowski spiegeln sich alle Vorzge eines modernen Polen ab, und von
den Fehlern desselben finden sich nur die unbedeutenden an ihm. Kein bermiger
persnlicher Ehrgeiz, kein Standesvorurteil, kein Fanatismus irgend einer Art
darf ihm vorgeworfen werden, und nur kurze Zeit hat er sich vielleicht zu weich
und nachgebend gegen Standesgenossen wie Gustav Potocki und hnliche bewiesen.
Er ist einer der glnzendsten Charaktere jener Revolutionszeit, und nur der
neben ihm stehende Bruder Anton Ostrowski bertraf ihn an unerschtterlich
gleichmigen Grundstzen patriotischer Tugend und an einer Popularitt von
patriarchalischem Geprge. Diese beiden Brder umfassen in ihren
Persnlichkeiten die schnsten Ausdrcke von polnischem Patriotismus. Whrend
Ladislaus den ganzen adeligen, chevaleresken, liebenswrdigen, glnzenden Teil
der Nation darstellte und alles, was zu diesem gehrte, fesselte und hob, nahm
Anton, als Kommandant der Nationalgarde, beinahe vllig die Stellung Lafayettes
in Frankreich ein, reprsentierte die edelsten demokratischen Ansichten, war
Abgott der Brger im engen Sinne des Wortes.
    Es war natrlich, da er ohne Umschweife die Partei Niemojewskis ergriff, ja
noch darber hinausging. Seine ernsten, traurigen Worte ber den Zustand des
Vaterlandes machten auf alle, selbst auf Potocki und den Herrn des Hauses einen
tiefen Eindruck, und es herrschte noch ein langes Schweigen, als er schon
weggegangen war, um eiligst nach Warschau zurckzukehren.
    Valerius hatte in Betrachtung dieser Gruppe alles brige vergessen, und
erst, als die Leute sich trennten, und alle nach der Stadt aufbrachen, dachte er
daran, sich nach Konstantien umzusehen. Wie es zu gehen pflegt, hatte das
Gercht von drohenden Vorfllen sich dahin verwandelt, da alle glaubten, es sei
schon Trauriges vorgefallen. Der Herr des Hauses, die Staatsmnner fuhren
eiligst nach Warschau, und was an unwichtigen Besuchen da war, lief erschrocken
und fragend durcheinander. Kasimir war mit dem Grafen Heinrich Ostrowski nach
der Stadt gefahren und hatte Valerius dringend gebeten, sogleich nachzukommen.
Dieser eilte in das Schlo und fragte nach der Frstin. Ein vorbereilender
Bedienter deutete auf die offene Saaltr.

                                      29.


Der Saal war leer. Durch die dem Eintretenden gegenberliegende Tr eilten eben
noch ein paar Gestalten, wie es schien, von den beunruhigenden Gerchten
davongejagt. Valerius hrte aber dennoch deutlich die muntere, lachende Stimme
Konstantiens. Er trat tiefer ins Gemach und erblickte nun einen Balkon, der auf
den Garten hinaus ging, ein leichtes, flatterndes Dach von gestreiftem Stoffe
beschattete ihn. Dort sa die Frstin halb nach der Gegend, halb nach dem Saale
zugekehrt, wenn sie die Augen wendete, so mute sie gerade auf Valerius blicken,
der schweigend, in ihrem Anschauen verloren, stehen geblieben war. Der
weiseidene leichte Schal flatterte wieder um ihre Schultern, aber heute war er
keine Freudenflagge. Vor ihr saen zwei Mnner mit dem Rcken nach dem Innern
des Saales. Das Gesprch zwischen den drei Personen bewegte sich in jenen
kleinen franzsischen Kreisen um ein holdes Nichts, das die Konversation dieser
Art mit zierlichen, antithetischen oder sonst kokettierenden Phrasen behngt. Es
war das Spielen mit den Schalen und Hlsen der Sprache, wie sich's die
sogenannte gute Gesellschaft angeeignet hatte. Da man diesen hheren
Geselligkeitston zumeist aus Frankreich entlehnt hat, und er dort unter einem
Regenten seine hchste Ausbildung erhielt, welcher alle Ttigkeit und Macht des
Staates in sich vereinigte und jedes Mitdenken und Mitwirken der brigen, selbst
der hheren Mitglieder des Staates, ausschlo, so hat er vielleicht schon von
daher diesen Charakter der Unbedeutendheit mitgebracht. Es war eine Unterordnung
oder gar eine Schmeichelei gegen die Despotie, eine Konversation zu erfinden,
die sich mit nichts beschftigte und doch geistreich schimmerte. Die Bemhungen
der Fronde lsten sich in Epigramme auf, und diese Epigramme zerflossen endlich
in den charakterlosen Esprit. Dieser Esprit hat in Frankreich selbst mit der
wiedererrungenen Selbstndigkeit der Individuen schon lange den verlorenen
Charakter reklamiert, die groen Beziehungen der Sprache sind dort lngst wieder
bis in die kleinsten Spielereien derselben zurckgekommen, aber die
franzsierenden Auslnder treiben noch immer das alte leere Spiel mit den
Glasperlen des groen Ludwig.
    Valerius hrte mit Verwunderung zu, wie die geistreiche und energische
Frstin sich in solcher Unterhaltung gefallen konnte. Aber Erziehung und
Gewohnheit sind bekanntlich die zweiten Schpfer, und die schne Frau war ganz 
son aise - da fiel ihr Blick zufllig in den Saal, und sie sah den Geliebten
stehen. Ein hohes Rot bedeckte ihr Gesicht, und sie erhob sich wie unwillkrlich
von ihrem Sitze. Die beiden Herren sprangen erschrocken auf und fragten, -
Valerius sah zum ersten Male William wieder. Er war einer von den beiden.
Konstantie trat rasch in den Saal. - Wie kommen Sie hierher? und ohne Antwort
zu erwarten, setzte sie mit leiserer Stimme hinzu: Wann bekamen Sie meinen
Brief?
    Im Angesichte des Feindes, den wir eben angreifen wollten.
    Und der Angriff war Ihnen wichtiger?
    Die beiden Mnner waren unterdes ebenfalls herangetreten, das leise Gesprch
mute aufhren, Valerius und William begrten sich mit einem wunderlichen
Gemisch von Frostigkeit, alter Freundschaft und landsmannschaftlichem Interesse.
Die Frstin stellte Valerius dem andern Herrn vor, er berhrte den Namen des
polnischen Frsten.
    Man ging im Saale auf und ab. Das Gesprch hatte ein gespanntes, zerrissenes
Wesen. Valerius fhlte sich verletzt von dem stolzen, kalten Benehmen
Konstantiens und setzte ihm alle schroffe Entschlossenheit entgegen, welche ihm
eigen war. Nur einen Moment kam eine gewisse Wrme in Konstantiens Ton, als sie
auf den Arm im schwarzen Tuche deutete und nach seiner Verwundung fragte. Um
seine Anwesenheit zu rechtfertigen - denn er htte in diesem Augenblicke selbst
Konstantien nicht zugestehen mgen, da er zum Teil ihretwegen da war - erzhlte
er kurz, was man in Warschau befrchte.
    Man ist nicht streng genug gegen den Pbel gewesen, sagte der Frst.
    Die dreist gelsten Verhltnisse, setzte William hinzu, deren innere
Heiligkeit der freche Geist des Jahrhunderts berspringt, rchen sich frher
oder spter berall.
    Valerius verging vor Pein, er schtzte Befehle vor, die ihn nach Warschau
riefen, und empfahl sich. Einen Augenblick schien die Frstin bestrzt zu sein,
aber der alte Stolz trat schnell wieder auf ihre Lippen, sie entlie ihn stumm
und zeremonis.
    Er warf sich in den Wagen, und von allerlei Qualen gemartert kam er nach
Warschau. Ob es Eifersucht allein, oder auch gekrnkter Stolz war, was ihn
peinigte, das wute er selbst nicht zu sagen. Die Straen waren von Menschen
erfllt, die in der Dunkelheit des Abends drohenden Gespenstern gleich hin und
her zogen. Er eilte zum alten Grafen, um vielleicht dort etwas Nheres ber die
getroffenen oder zu treffenden Maregeln zu erfahren, denn da Kasimirs
Vermutungen nur zu richtig gewesen, zeigte ihm jeder Schritt. Die durch die
Strae wogende Menge befand sich zwar grtenteils in einem dumpfen Schweigen,
aber hier und da hrte man doch den drohenden Ruf: Nieder mit den Aristokraten,
nieder mit den Russenfreunden! Nieder mit den Russenfreunden! rollte dann
gewhnlich wie eine Lawine durch die ganze Strae hin.
    Er fand den alten Grafen in einer Aufregung, wie er sie nie an ihm gesehen.
Da haben Sie den patriotischen Klub, rief er ihm entgegen, da haben Sie die
gepredigte Zgellosigkeit, das kommt von dem demokratischen Unsinn. - Kanonen,
Kanonen, Kavalleriechargen gegen die Canaille: Grand Dieu, und nun ist kein
Militr da, und was da ist, wird von diesem gleinerischen Schurken, dem
Krukowiecki, kommandiert! In solchem Augenblicke solch ein Gouverneur der
Stadt!
    Der Graf, welcher einen Angriff auf sein Haus selbst zu frchten schien, bat
den Deutschen, dazubleiben, die Bedienten bewaffnen, postieren zu helfen, und
was der Sicherheitsmaregeln mehr waren. Valerius aber, in seiner ohnehin
gereizten Stimmung durch die Ausdrcke des Grafen noch mehr verletzt, lehnte es
ab. Er glaubte die vom Affekte berraschte echte Gesinnung des Grafen in dieser
aristokratischen Berserkerwut und Besorgnis zu erblicken; alle die schnen
Worte, welche er frher von ihm vernommen, schienen ihm jetzt angelernte
Floskeln, von denen das Herz des unverbesserlichen alten Adelshelden nichts
gewut habe. Ein altes schreckliches Wort Hippolyts fuhr ihm durch den Sinn:
Diese Erben des alten Systems sind durch und durch infiziert und durch nichts zu
heilen, sie mssen aussterben. Niemand kann sie ndern.
    So ging er entrstet von dannen, und es war ihm, als hre er einen
entsetzlichen Fluch des alten Edelmannes hinter sich her. Aber er mochte es
nicht glauben, da sich ein so ausgebildeter Mann zu solcher Roheit fortreien
lasse, und schob's auf einen Irrtum, auf seine eigene erhitzte Phantasie. Die
Menschenmenge auf den Straen war zwar nicht geringer geworden, aber ihre
heftige Grung und Bewegung schien nachgelassen zu haben. Man sah sie mehr in
Haufen zusammengedrngt und einzelnen Rednern zuhren, welche ihnen mit der
nationalen Lebhaftigkeit die Verhltnisse auseinandersetzten. Unsere Sache ist
eine heilige, schlo ein solcher Redner seinen Vortrag, zu dessen Gruppe der
junge Deutsche eben trat, unsere Sache ist eine heilige, wiederholte er mit
grtem Nachdruck, und wir brauchen sie nicht zu verbergen vor dem Sonnenlichte
- am hellen Tage, im Angesichte von ganz Europa wollen wir Gericht halten ber
die Verrter. Wie? haben wir nicht alles in die Schanze geschlagen, um die
Freiheit fr unser Vaterland zu erwecken? Was wten denn diese vornehmen Herren
von der glorreichen polnischen Revolution ohne uns? Als wir unsere Kpfe gewagt
hatten, als die Russen aus Warschau hinausgeworfen waren, da kamen die vornehmen
Herren erst zum Vorschein. Was? Ist unser Blut nicht so rot wie das ihre, ist es
nicht ebenso polnisch wie das ihre? Und wohin haben sie uns gefhrt? Ist der
Bauer frei geworden? Ist der Russe geschlagen? Nicht doch. In wenig Tagen wird
der Russe vor Warschau stehen, und seine Spione, von denen wir umgeben sind,
werden ihm die Stadt verraten. Warum hngt man die Spione nicht? Weil die
vornehmen Herren es nicht zum uersten kommen lassen wollen, weil sie immer
noch ein Brckchen zur Rckkehr haben mchten. - Wollen wir eine Rckkehr?
    Keine, keine, schrie der Haufe.
    Keine Rckkehr, ihr echten Polen, fuhr der Redner fort, Freiheit oder
Tod! Da drben sitzen die Verrter Jankowski und Bukowski, welche unsere Armee
verraten haben. - Bleibt, meine Freunde, unsere Sache ist eine heilige, sie
scheut den Tag nicht, sie sucht ihn vielmehr. - Die helle Sonne des
Freiheitssommers soll unsere Rache bescheinen, morgen sollen die Verrter am
hohen Mittage sterben, damit die Aristokraten erkennen, es gibt ein Volk, wenn
sie sich zur Tafel setzen. Freiheit oder Tod!
    Donnernd wiederholte die Masse den Ruf, und nachdem der Redner einigen der
Zuhrer noch leiser etwas mitgeteilt hatte, zerstreute sich der Haufe. Valerius
sah beim Schein einer Laterne das Gesicht dessen, der eben gesprochen hatte, es
war ein blasses, entschlossenes Gesicht, ein junger Mann von hoher, schlanker
Gestalt. - Eine Patrouille kam die Strae entlang, und im Nu war der Redner samt
allen Zuhrern verschwunden.
    Die Nacht verging ruhig, und als der Morgen des 15. August anbrach, glaubten
viele, das Ungewitter sei vorbergezogen. Valerius war nach dem, was er den
Abend vorher gehrt hatte, nicht der Meinung. Er ging zeitig aus, um dem Grafen
Anton Ostrowski mitzuteilen, was er gehrt. Er fand ihn nicht, alles war schon
in Bewegung, es war ein Festtag, Mari Himmelfahrt, alle Straen waren
angefllt, ein unheilvolles Murmeln lief durch die Straen. Valerius sah mit
Entsetzen, was es heie um einen Volksaufstand. Gerechte Klagen, trichtes,
ausschweifendes Verlangen, blutdrstige Drohungen drangen in buntem Gemisch zu
seinem Ohr. Wo ist die Mglichkeit, dachte er, hier aufzuklren, zu belehren,
das bertriebene vom Richtigen zu sondern! Welch ein entsetzliches Mittel,
gesellschaftliche Verhltnisse umzugestalten, bleibt der Aufruhr! Alle
Zivilisation ist wieder dem Chaos anheimgegeben.
    Graf Anton Ostrowski kam mit einer Abteilung der Nationalgarde daher. Man
machte ihm Platz, ja man rief: Es lebe Ostrowski! Aber wenn er die Leute
ermahnte, nach Hause zu gehen, den Ruf der gerechtesten Revolution nicht zu
beflecken, da scholl es von allen Seiten: Die Kpfe der Verrter! Die Kpfe der
Verrter! und sowie er mit den Truppen vorber war, schlo sich die geffnete
Gasse wieder brausend. Die Nationalgardisten selber schttelten den Aufrhrern
im Vorberziehen die Hnde; es war leicht einzusehen, da mit dieser Macht der
Aufstand nicht unterdrckt werden knne. Hoch ber den Kpfen der Menge sah man
hier und da Hnde sich emporstrecken, welche einen Strick in der Luft
schwenkten, und Hurra! Halsbnder fr Verrter! Halsbnder fr Aristokraten!
schrien rauhe Kehlen von allen Seiten. Valerius bemerkte, da der letztere Ruf
seltener war, und bald erblickte er auch in seiner Nhe den gestrigen Redner,
von welchem besonders die tdliche Drohung gegen die Aristokraten auszugehen
schien. Der Volksaufruhr galt wirklich nur den Russenfreunden.
    Ein wilder Bursche, der neben Valerius stand, fragte diesen pltzlich, warum
er nicht mitrufe. Du gehrst wohl auch zu den lauen Brdern, die sich
allenfalls mit den Russen vertragen! Dadurch wurde die Aufmerksamkeit aller
Umstehenden auf den Deutschen gerichtet, und dieser befand sich wirklich wegen
einer Antwort in der grten Verlegenheit. Da hier nicht der Ort sei,
persnliche publizistische Ansichten zu entwickeln, sah er wohl ein, und doch
vermochte er es nicht, in den blutdrstigen Ton einzustimmen. Ein
wohlgekleideter Brger kam ihm mit der Bemerkung zu Hilfe: Siehst du nicht,
Thomas, da der Herr verwundet ist, die Trken werden ihm den Arm nicht
zerschossen oder zerhauen haben, nicht wahr, Herr?
    Nein, mein lieber Freund, erwiderte Valerius schnell, der sich durch diese
Wendung des Gesprchs aus der peinlichen Situation zu befreien hoffte, es hat's
eine russische Kugel bei Ostrolenka getan.
    Siehst du, Thomas, du bist immer unbndig.
    Sachte, sachte, Meister Warow, es haben manche verdchtige Leute unter
Madame Skrzynecki gefochten, und solch eine dumme Kugel wei den Teufel, ob sie
an den Rechten kommt. Der junge Herr spricht mir auch so ein fremdes Polnisch,
und ich seh's ihm an, da ihm meine Frage garstig in die Quere kommt. Heut
denken die Vgel, sie seien im Haufen am sichersten. Wer wei auch, ob unter dem
schwarzen Tuche eine Wunde steckt, und warum trgt denn der junge Herr keine
Uniform, schmt er sich unserer Uniform, he?
    In dem Augenblicke brllte wieder der ganze Haufe: Tod den Verrtern! und
ein naher Strick flog Valerius um den Kopf. Valerius, der in einem gewissen
Starrsinn nicht mitschreien mochte, obwohl er einsah, da es am besten sei, mit
den Wlfen zu heulen, und da er durch sein Schweigen eine wirkliche Gefahr fr
sich herbeiziehe, sah, wie der wilde Thomas die Hand nach ihm ausstreckte,
hrte, wie er mit drhnender Stimme schrie: Hoho, ein Verrter!
    In diesem Augenblicke aber rckte die Volksmasse mit einem mchtigen Stoe
vorwrts, ein entsetzliches Gebrll erscholl, sie machte den Angriff auf das
Gefngnis der verdchtigen Generale Jankowski und Bukowski. Dadurch ward
Valerius von dem wilden Aufrhrer getrennt, und er hielt es nach seiner
Erfahrung fr rtlicher, sich aus der Menge zurckzuziehen. Da der Hauptdruck
sich entfernt hatte, so war es dnner und lichter um ihn geworden, er gewann
eine Querstrae und entschlpfte. Die nchste Hauptstrae war indessen wieder
mit Menschen angefllt, und die Lesselsche Konditorei, zu welcher ihn die Woge
trug, war ihm ein erwnschter Posten, auf den er sich zurckziehen wollte. Der
gestoene Arm schmerzte ihn sehr, und er bemerkte es in solchem Zustande gar
nicht, da gerade vor diesem Hause das Volk in dichtester Reihe aufgepflanzt war
und nur auf einen Impuls zu warten schien, um in die Tr zu dringen. Im Innern
fand er alles gefllt und drngte sich mit Mhe bis in die hinteren Zimmer, weil
er dort mehr Raum und Ruhe zu finden hoffte. Hier begegnete ihm Leopold, der
sich in groer Heiterkeit ber diesen Volkssturm hin und her bewegte. Man sieht
doch, da sie Blut in den Adern haben, das sind natrliche Urzustnde, die
Polizei hrt auf, die Poesie beginnt.
    Valerius setzte sich auf den einzig leeren Platz im dunkelsten Winkel des
Gemachs. Ein modisch gekleideter Mann sa neben ihm. Es war dem Deutschen, als
ob er dies blasse, gedunsene Gesicht schon gesehen habe, und zwar in der Heimat.
Leopold, der ab und zu ging und rapportierte, klrte ihn bald darber auf, indem
er den Nachbar anredete: Herr von Wankenberg, Sie sind wohl krank? Ich habe Sie
ja in meinem Leben nicht so bla gesehen.
    Der Angeredete machte eine verneinende Bewegung und bat Leopold mit leiser
Stimme, seinen Namen nicht so laut zu nennen. Jeder Name, der nicht polnisch
klinge, setzte er hinzu, sei in diesem Augenblicke verdchtig.
    Ich glaube, Sie haben mit dem Ihrigen besonders recht, sagte der kleine
Mediziner mit der gewhnlichen Schalkhaftigkeit, es sind da drauen ganz fatale
Sprachforscher, und wenn ich mich nicht irre, war Ew. Hochwohlgeboren werter
Name auch der Gegenstand ihrer Studien.
    Nicht doch! stammelte Herr von Wankenberg und versuchte zu lcheln, aber
die zitternden Zahnreihen lieen es nicht dazu kommen.
    Die deutschen Namen, fuhr jener fort, scheinen den Herren da drauen
besonders unangenehm zu sein, das Wort Lessel werfen sie mit allerlei
mrderischen Zungenknsten umher; wie ich aber bemerke, hat sich der ehrenwerte
Besitzer dieses anstigen Wortes den Blicken entzogen. Das ist die angeborene
Hflichkeit eines Kaffeewirts, er will durch seine Gegenwart keine Veranlassung
zu Miflligkeiten geben. Ich frchte nur, Herr von Wankenberg, dort unter dem
Ladentische, oder oben auf dem Boden ist er vor diesen grndlichen Forschern
durchaus nicht sicher, sobald sie einmal ernstlich an die Entscheidung ihrer
grammatischen Streitigkeiten gehen, aber sagen mir doch Ew. Hochwohlgeboren,
wodurch Sie sich das Mifallen dieser Generation zugezogen haben; es ist zwar
nur Pbel, Volk, und daher kommt es wohl.
    Ich verehre das polnische Volk ber alles, erwiderte dieser hastig, gleich
als ob ihn diese Versicherung retten knnte, ich liebe jede Volksherrschaft,
wahrhaftig, auf Ehre, ich liebe das Volk, und dabei perlte der Angstschwei in
groen Tropfen auf seiner Stirn.
    Valerius erinnerte sich jetzt deutlich dieser Person; es war in Deutschland
eine renommierte Figur. Auf der einen Seite galt er fr einen Spieler und fr
einen charakterlosen, kuflichen Menschen, der fr Geld zu allem brauchbar sei;
auf der andern Seite war er in der hchsten adeligen Gesellschaft aufgenommen,
galt fr einen Esprit, und ward als ein unterrichteter Verteidiger des
russischen Systems gerhmt. Ein unparteiischer Beobachter hatte Mhe, mit diesem
Menschen aufs reine zu kommen, denn bei nherem Umgange fand er ein weiches,
poetisches Gemt in ihm, das zarter, hherer Empfindungen fhig war, sich selbst
in schwachen Stunden ein verlorenes Geschpf nannte und in Trnen ausbrach.
Valerius vergegenwrtigte sich jetzt alles, was er auf Grnschlo von ihm gehrt
hatte, wo man diesen Herrn von Wankenberg kannte; und nach dem, was er sah und
hrte, schien es ihm nicht zweifelhaft, da sich dieser berrest aus der
franzsischen Royalistenzeit fr russisches Gold auch zu Machinationen gegen
Polen bereitwillig gefunden habe.
    Es war ein auffallender Zug in dem Gemte Valerius', da er ebensowenig
einem dauernden Hasse sich hingeben, als einen wirklich verchtlichen Menschen
vllig verachten und wegwerfen konnte. Er klagte es oft als eine Schwche seines
Charakters an, und doch widerstrebte ein Etwas seines innersten Wesens, wenn er
sich zu diesen sogenannten Kraftuerungen der Seele anspornen wollte. Es gibt
ein bekanntes Wort: Wer nicht recht hassen kann, vermag auch nicht recht zu
lieben; aber er kam nie recht zum Glauben an diesen gebieterisch klingenden
Satz. In der Forderung dieser Kraftextreme lag ihm stets eine kultivierte
Roheit, und so unangenehm ihn auch die Schwchlichkeit berhren mochte, sie
durfte sich nun in Taten oder Maximen uern, so wenig konnte er sich doch den
rcksichtslosen Kraftprinzipien anschlieen. Alle Systeme mit starrer
mathematischer Konsequenz schienen ihm der unerschpflich mannigfaltigen, immer
neu und unerwartet sich entwickelnden Menschennatur zuwider, feindlich,
verderblich zu sein. Namentlich fhrten ihn geschichtliche Studien von allem
Unbedingten zurck, und seine eigenen, frheren Ansichten flten ihm oft ein
Grauen ein vor jeder starren Einseitigkeit.
    So mifllig ihm also das erschien, was er von seinem jetzigen Nachbar
wute, so fhlte er doch eine Art Mitleid mit dem gefhrlichen Zustande, in
welchem sich dieser wirklich befand. Die Todesstrafe jeder Art, wie sie von
Menschen ber Menschen verhngt wird, hatte immer etwas Entsetzliches fr
Valerius; er war sich zu tief dessen bewut, wie Moral und Gesetze und Zustnde
aller Art dem lebhaftesten Wechsel unterworfen seien, er hielt es immer fr eine
martialische Aushilfe der Gesellschaft, sich ber das Leben eines Menschen das
Recht anzumaen.
    Whrend solchergestalt die Gewitterwolke ber Lessels Konditorei hing und
jeden Augenblick sich zu entladen drohte, schlug sie bereits mit mchtigen
Streichen in die Gefngnisse der beiden verdchtigen Generale. Die Regierung war
machtlos, solche Exzesse zu hindern ohne den Gouverneur, und der Gouverneur war
Krukowiecki. Es ist nicht zu leugnen, da er eine auerordentliche Ttigkeit an
diesem verhngnisvollen Tage entwickelte, er war berall, und berall war er
ttig. Glhrot vor Zorn und Eifer strzte er in das Zimmer, wo sich die fnf
Mitglieder der Regierung versammelt hatten, und berichtete, wie der Aufstand von
Minute zu Minute wachse und ein immer drohenderes Ansehen gewinne, wie die
Gefngnisse der Generale bereits erbrochen seien, und er nichts hindern knne,
wenn man ihm nicht grere Vollmacht erteile. Die vier Regierungsmnner machten
dem fnften unverhohlen die lebhaftesten Vorwrfe ber die Szenen. Das sind die
Taten des Klub, rief Vinzenz Niemojewski, den Sie protegieren, das ist die
Manifestation Ihrer gepriesenen Demokratie. Der lange blasse Mann, an welchen
diese Worte gerichtet waren, zuckte mit einiger Schchternheit die Achseln, und,
seinen schmalen Kopf auf die Brust herabneigend, sagte er mit halber, aber wohl
verstndlicher Stimme: Das ist nicht das Werk der Demokratie, meine Herren,
sondern des halben, zgernden Systems, das die Regierung befolgt hat. Ich habe
bisher umsonst meine schwache Stimme dagegen erhoben, jetzt sehen Sie in den
Straen der Hauptstadt selbst die Folgen davon. brigens glaube ich nicht - und
bei diesen Worten zog er einen Moment die Wimpern in die Hhe und fuhr mit einem
seiner blitzenden Blicke an der breiten, hohen Gestalt Krukowieckis in die Hhe,
bis seine tiefliegenden, stechenden Augen den verschmitzten, lebhaften Blick des
Generals getroffen hatten und ihn festzuhalten schienen; man htte hinter der
Schrfe dieser vier blitzenden Pupillen bei leidenschaftsloser Betrachtung ein
Lcheln entdecken knnen - brigens glaube ich nicht, da die wackere Nation
jemand anders ein Leid zufgen wird, als Personen, die mit der Schmach von
Vaterlandsverrterei gebrandmarkt sind.
    Es ist Anarchie, gleichviel, wohin sie sich richte, entgegnete zornig
Niemojewski.
    Lelevel, denn das war der schwarzgekleidete, blasse Mann, gegen den sich die
Vorwrfe gerichtet hatten, zuckte abermals die Achseln und spielte mit den
weien, mageren Hnden an der Kette seiner Uhr, die er vor sich auf dem Tische
liegen hatte.
    Krukowiecki erhielt die Vollmachten, eilte fort, schwang sich aufs Pferd und
sprengte in die Straen hinein. Ein wilder Tumult wlzte sich ber den Platz,
auf welchem der General eben ankam. Die Aufrhrer waren in das Gefngnishaus
eingedrungen, und jetzt schleppten sie die Schlachtopfer daher. Die Generale
waren nur halb bekleidet, der Tod lag bereits auf ihren blassen Gesichtern, der
Strick um die Nacken; ein mrderischer Lrm brauste durch die Luft, halb im
Sprunge strzte die zum Blutdurst erhitzte Menge nach den Laternenpfhlen, die
an der Huserreihe standen, und die dem Tode Geweihten muten die schnelle
Bewegung mitmachen, wenn sie nicht sogleich von den angezogenen Schlingen
erwrgt werden wollten.
    General Krukowiecki, der von seinem Pferde aus die Szene bersehen konnte,
strich sich wohlgefllig den grauen Knebelbart und redete leise zu einigen
verwegenen Gesichtern, die sich neben ihm eingefunden hatten. Als der erste
Unglckliche am Laternenpfahle zappelte, wendete er sein Ro und ritt zurck
nach dem Regierungshause, den Vorfall zu berichten und neue Vollmachten zu
verlangen.
    Die Nachricht von der vollzogenen Exekution rannte wie ein Tier der Wste
blitzschnell durch alle Straen, und die vor Lessels Hause noch zgernden
Demagogen erhoben ein wildes Geschrei und strzten sich nun unaufhaltsam in die
Tren. Wie bei allen Dingen, so vornehmlich bei einem Aufstande ist der Anfang,
die erste Tat das Schwierigste, was den Entschlossensten erheischt. Die rohesten
Leute sind so bis ins Innerste von der Ordnung, dem bestehenden Gesetz
umschlossen, da sie mit der grten Wut alles vorbereiten knnen, die Schranken
zu durchbrechen, und dennoch an der uersten Grenze unentschlossen stehen
bleiben. Ist nun aber angefangen mit der wirklichen Tat, dann schwinden alle
Bedenklichkeiten, der erste hat gleichsam die Verantwortung fr alle bernommen,
und die Wut, welche sich bei ungesetzlichen Handlungen oft so grell
herausstellt, ist nur ein Kind des Rausches. Die bertreter sind einmal ber das
Gewhnliche hinausgegangen, der ungewhnliche, gesteigerte Zustand befngt sie;
was einmal mit Gefahr begonnen ist, soll nun auch erschpft werden, damit man
der etwa folgenden Strafe, auch allen Genu vorweg abgekauft habe, alle
prfenden Gedanken werden als unbequem in den Hintergrund geschoben.
    Die eindringenden Mnner des Aufstandes schrien einstimmig nach Lessel, dem
Spione, dem Russenhunde, wie sie ihn nannten. Er war nicht zu sehen, und nach
allen Treppen hinauf und hinunter verbreiteten sich die Rachedurstigen. Da er
in ein anderes Haus entflohen sein knne, befrchteten sie nicht; am Morgen war
er noch dagewesen, und kein Warschauer, sagten sie, htte an diesem heiligen
Tage der Rache einen Flchtling verborgen.
    Es war ein erschtterndes Geschrei, das in dem Hause hin und wieder flog,
und Valerius, den die ganze Szene entsetzte, verwnschte den Gedanken, hier
eingetreten zu sein. Ans Hinausdringen war aber nicht zu denken, die Zimmer
waren so gefllt, da er regungslos neben dem von Todesschauern geworfenen
deutschen Edelmann sitzen bleiben mute. Leopold war durch das Gedrnge von
ihnen getrennt worden.
    Valerius konnte brigens schnell erkennen, da der Aufstand keineswegs eine
bloe Sache des Pbels war. Anstndig gekleidete Mnner, jung und alt, fllten
das Gemach, nur hie und da streckten sich die braunen, nackten Arme eines rohen
gemeinen Burschen oder eines alten brtigen Tagarbeiters in die Hhe, um einem
wilden Fluche gegen die Russen und ihre Freunde die ntige Gebrdenbegleitung zu
geben. Die flchtig gewechselten Worte der drohenden Gesellschaft berzeugten
ihn ebenso schnell, da man nichts wolle, als die zgernde Gesetzeshandhabung
gegen die Feinde und Verrter des Vaterlandes beschleunigen. Es lag eine
tdliche Ruhe des Revolutionsrechts in den wenigen Worten, die er vernahm.
    Der deutsche Spion ist im Hause, schrie pltzlich eine durchdringende
Stimme aus dem andern Zimmer, und Valerius schrak nicht viel weniger zusammen
als der Edelmann neben ihm, denn er hatte diese Stimme schon gehrt, obwohl er
im Augenblick nicht wute, wo. Die Stimme kam immer nher, der Rufer brach sich
eine Gasse durch die Menge, und pltzlich stand der blasse Volksredner, dessen
Peroration Valerius den Abend vorher auf der Strae gehrt hatte, vor den beiden
Deutschen. Eine sekundenlange Totenstille trat ein. Alles wartete auf die
Bezeichnung des Schlachtopfers. Valerius fhlte sich von dem entsetzlichen
Gefhle durchdrungen, wie das Individuum in Zeiten der Anarchie jeder Willkr
des einzelnen ebenso preisgegeben sei, wie in den Zeiten eines unbeschrnkten
Despotismus. Wirklich richtete auch der Demagoge seine tdlichen Blicke bald auf
Wankenberg, bald auf Valerius, und auf diesem sie ruhen lassend, sprach er
pltzlich: Sie standen gestern abend bei einer Gruppe Patrioten, die einem
Volksredner zuhrten und zujauchzten, Ihr Mund aber blieb stumm und Ihr Gesicht
drckte eine Mibilligung dessen aus, was Sie sahen und hrten.
    Bei diesen Worten griffen jene braunen, nervigen Arme nach Valerius, und die
weiter Zurckstehenden, welche die beiden sitzenden Deutschen nicht sehen
konnten, erhoben einen wilden Lrm: An die Laterne, an die Laterne mit dem
Verrter! Der Volksredner drngte aber den Angreifenden zurck, und auf
Wankenberg zeigend, rief er den auf der andern Seite Stehenden zu: Greift den
Spion! Darauf wandte er sich um und verlor sich unter der Menge, gleich als
habe er noch viel dergleichen Geschfte zu verrichten und knne sich nicht mit
dem Detail abgeben. Zwei junge, fein gekleidete Mnner, die zunchst an dem
deutschen Edelmanne standen, ergriffen ihn mit Wut, spuckten ihm ins Angesicht
und warfen ihn mit den Worten: Da habt ihr einen niedertrchtigen,
auslndischen Verrter fr die Laterne! den Vorderen zu. In diesem Augenblicke
drang ein wtendes Hallo von der Treppe herunter, man hatte Lessel ergriffen.
Eine offen stehende Tr des hinteren Zimmers, in welchem das Bisherige
vorgefallen war, lie von da aus die Treppe und den Hausflur erblicken, man sah
den kleinen, magern Konditor von Faust zu Faust herunterfliegen. Dies Ereignis
setzte alles in eine neue Bewegung, dadurch wurden die Personen ineinander
geschoben, und in einem Handumdrehen, war keiner der Mnner mehr in der Nhe,
welche Wankenberg arretiert hatten. Obwohl sich alle Augen nach der bekannten
und allgemein verhaten Person Lessels hinkehrten, so wurde der deutsche
Edelmann doch noch immer festgehalten, er war traditionell von einer Hand in die
andere bergegangen. Er machte sich aber mit groer Geschicklichkeit den
wtenden Tumult zunutze, der auf dem Hausflur ausgebrochen war, suchte ein
Lcheln auf sein Todesgesicht zu heften und erklrte den Inhabern der Fuste,
welche ihn eben schttelten, sie seien an den Unrechten gekommen. Seid ihr des
Teufels, sagte er hastig, einem der eifrigsten Patrioten die Kehle
zusammenzudrcken! Auf diese Weise entwischen eurer Blindheit die rgsten
Verrter - dort, dort, seht hin, dort ist er wieder still auf seinen Stuhl
geschlpft und wartet die Sache ab in aller Sicherheit!
    Bei diesen Worten deutete er auf Valerius.
    Strafen mich alle Heiligen, schrie eine rauhe Stimme, nach dem Burschen
hab' ich heute morgen schon einmal die Hand ausgestreckt, ich erkenne solch
einen Vogel auf den ersten Blick. Es war der wilde Thomas, der mit
blutdrstigen Augen und Hnden nach Valerius griff. Dieser schlug ihn jetzt ohne
weiteres ins Gesicht, da er zurcktaumelte. Der Zorn ber diese schauderhafte
Wirtschaft hatte sich seiner vllig bemchtigt und alle Besorgnis vertrieben.
Schmt ihr euch nicht, Polen, eure edle Sache durch solche plumpe Tlpel zu
beflecken, die Handhabung der Strafen dem Zufall preiszugeben? Ich bin Offizier
im Kickischen Regimente, mein Arm ist noch wund von Ostrolenka.
    Holla ho! das ist ein Vogel fr uns, Thomas, du hast einen richtigen
Treffer, rief pltzlich eine neue Stimme, und Valerius sah den ungestmen
Slodczek auf sich eindringen. Vor dem groen Lrmen waren die Verteidigungsworte
des Deutschen nur den nchsten Umstehenden verstndlich geworden; diese sahen
ihn unschlssig an. berall ist dieser aristokratische Spion
herumgeschnffelt, fuhr Slodczek zu einigen Bauern fort, die hinter ihm
standen, und zu Thomas, der sich das Blut aus dem Gesicht wischte, in Warows
Scheuer hat er unseren Klub behorcht, erst gestern kam er wieder aus dem groen
Hause eines alten, gefhrlichen Edelmanns, dem er unser heutiges Fest verraten
hatte, heut rettet dich der alte Florian nimmermehr, und damit fiel er mit
seinen Genossen ber Valerius her, welcher sich fruchtlos gegen die Menge
verteidigte und fortgeschleppt wurde.
    Vor der Haustr kam er mit Herrn Lessel zusammen. Die Volksmasse drngte
sich so ungestm herbei, da die Urteilsvollstrecker und die Gefangenen
stillstehen muten. Valerius versuchte es hier noch einmal, den Leuten in
betreff seiner Person ihren Irrtum verstndlich zu machen, aber das
erschtternde Geschrei von Schimpfreden und Verwnschungen lie ihn nicht zu
Worte kommen. So geht es denn, dachte er, mit deinem Zivilisationslaufe
unerwartet schnell zu Ende. Du hast die Revolution verteidigen helfen, um in
ihren zweischneidigen Armen ermordet zu werden.
    Sein Blick fiel auf Lessel. Es ist wunderbar, wie dem Menschen in den
entsetzlichsten Momenten, wo man die ganze Seele gefesselt und unttig denken
sollte, Gedanken und Bilder entstehen, die man nur den ruhigen Lagen des Lebens
natrlich glaubt. Valerius sah ein altes Bild vor Augen, das ihn oft in seiner
Kindheit erschreckt hatte. Der Teufel war darauf konterfeit, wie er einen
Bsewicht zur Hlle abholt. Diesen Kandidaten Urians glaubte er jetzt in Lessel
zu erblicken; das Gesicht des Konditors war wei wie die Kalkwand, die kleinen
Augen waren fast ganz zurckgetreten hinter die Augenknochen, ein leerer weier
Strich starrte nur gespensterhaft hervor. Der Unglckliche sank einmal ber das
andere in die Knie und bat in den jmmerlichsten Ausdrcken um sein Leben.
    Vorwrts! Vorwrts! schrie man von allen Seiten. Platz fr den
Henkersgang der Verrter! Es ward ein schmaler Raum offen, man setzte sich in
Bewegung, und jetzt, da es direkt zu dem schimpflichsten Ende ging, berfiel
Valerius eine unnennbare Angst, deren sich sein Mut und Verstand umsonst zu
bemeistern suchte.
    Platz fr die alte Grfin! Platz fr die beste Polin! rief man auf einmal
von vielen Seiten, und die meisten Anwesenden entblten ihre Hupter. Ein Wagen
rollte langsam durch die Menge, Valerius erkannte die alte Gromutter Hedwigs in
ihren schwarzen Gewndern - Hedwig selbst sa neben ihr. Sie erblickte ihn,
schrie laut auf, sprang aus dem Wagen, eilte zu ihm, griff nach seiner Hand.
Aber seine Arme waren von Slodczek und Thomas fest nach hinten gedrckt. -
Polen, seid ihr rasend, rief sie, an die Menge sich wendend, dieser Mann ist
einer eurer tapfersten Soldaten, von untadelhaftem Patriotismus! Ein drohendes
Murren erhob sich, eine Stimme nach der andern stieg auf: Er ist ein Verrter,
ein russischer Spion!
    Gromutter, sprich ein einziges Wort, aus deinem Munde wird es gengen,
sage diesen betrten Patrioten, da du den Herrn kennst, da er uns, unser
Vaterland verteidigt hat, da er kein Verrter ist!
    Ein langgewachsener Bauersmann mit kurzem rotleinenem Kittel trat mit
entbltem Kopfe an den Wagen, machte eine tiefe Verbeugung und sagte: Wenn die
gndigste Frau Grfin ja sagen will zu den Worten der schnen Dame, so wollen
wir den Verrter laufen lassen.
    Hedwig, Valerius, alle richteten ihre Blicke auf die alte Frau. Unbeweglich,
steinern blieb ihr blasses Antlitz, die Augen sahen starr und teilnahmslos in
die Luft, man konnte glauben, sie bemerke gar nichts von dem, was vorgehe.
Ringsum war alles still.
    Gromutter! unterbrach endlich Hedwig die Ruhe mit flehendem Tone. Da
machte die Alte eine Bewegung der Unzufriedenheit mit der flachen Hand; das Volk
nahm dies fr ein Zeichen der Verneinung, tosend brach der unterbrochene Lrm
wieder aus: An die Laterne mit den Verrtern! An die Laterne! und fort ging's
mit den Gefangenen nach der Seite hin, von wo der Wagen gekommen war. Alles Volk
strzte nach. Der lange Bauer hatte Hedwig schnell in den Wagen gehoben, und auf
der leer gewordenen Seite der Strae rollte dieser rasch von dannen.
    Valerius, erbittert durch diese Szene, hatte seine Kraft im Zorne wieder
gefunden. Nichtswrdiges, undankbares Volk, murmelte er vor sich hin und warf
mit einem pltzlichen Rucke die beiden Begleiter von seiner Seite. - Ich will
frei zum Tode gehen. Ihr Schurken, soviel Recht hab' ich mir erworben durch die
Schlachten, die ich fr euch gefochten habe - zurck, oder ich schlag' dir den
Schdel ein!
    Der verwundete Arm war aus dem Tuche gerissen, das Blut lief strmend ber
die Hand; dieser Anblick und der stolze Ausdruck seines Gesichts, das
Kriegsehrenzeichen, das beim Verschieben des Armtuches zum Vorschein gekommen
war, wirkten auf seine Hscher, die vielleicht einen Augenblick selbst irre
wurden. Sie lieen ihn frei einhergehen.
    Er glaubte in diesen Augenblicken, der Tod selbst sei ihm nicht so furchtbar
als die Schande; so sehr er auch Ruhm und Ehre oft verspottet hatte als von
Menschen gemachte Puppen, so waren doch im Grunde die innersten Fden seiner
Seele daran geknpft. Und alle Fenster waren geffnet, Damen jung und alt sahen
herab auf die Exekution, schwenkten die weien Taschentcher, klatschten dem
Volke Beifall zu, da es die Nation von dem Auswurfe befreie und riefen: Pfui
und Schande ber die Verrter!
    Das Herz im Leibe wurde dem unglcklichen Deutschen zusammengeschnrt. Das
Ziel war erreicht. Wo in die groe Strae eine Quergasse mndet, standen zwei
tchtige Laternenpfhle am Eingange der kleinen Gasse, so da des Abends ihre
Leuchten einen Teil der groen und die ganze Lnge der kleinen Strae erhellen
konnten. Diese konomie wollte man sich zunutze machen, mit reiender
Schnelligkeit ward Lessel aufgeknpft, Leiter und Strick waren lngst bereit
gewesen. Der Scherge eines erbitterten Volkes stieg langsam die Sprossen herab
und starrte wohlgefllig in das vom zurckgepreten Blute dunkel werdende
Gesicht des Konditors; die Reihe kam jetzt an Valerius, Slodczek schickte sich
an dazu. Es schien, als ob das stolze Wesen ihn vllig eingeschchtert habe, die
Bewegungen des wilden Burschen hatten all ihre sonstige Entschiedenheit
verloren, - da sprangen pltzlich diejenigen Zuschauer und Teilnehmer der
Strafhandhabung, welche sich in den Eingang der kleinen Gasse gedrngt hatten,
in die Hauptstrae zurck. Platz fr die Cholera! hrte man rufen, und zwei
jener schauerlichen Tragbahren erschienen unter dem verscheidenden Lessel.
Obwohl diese Pest nirgends so gering geachtet wurde als in Warschau, weil dort
alles um Tod und Leben spielte, so trieb doch der Instinkt die Leute, einem
solchen Ungeheuer auszuweichen, wenn es ihnen gerade in den Weg trat. Die
Exekutionsordnung verschob sich, alles drngte sich beiseite, und Valerius, von
der glhendsten Sehnsucht nach dem Leben erfllt, glaubte diesen Moment zu einem
Entweichungsversuche benutzen zu knnen. Es war wenig Hoffnung da, in der um und
um aufgeregten Stadt den vielen tausend bereitwilligen Hnden zu entschlpfen,
aber der Schiffbrchige greift zu dem letzten morschen Brette. In seiner Jugend
hatten noch die letzten Reste des Turnwesens in Deutschland geblht, Laufen und
Springen konnte er noch aufs beste aus jener Schule, die Todesangst verdoppelte
seine Krfte, und mit einem mchtigen Satze flog er ber das im Wege stehende
Cholerabett hinweg, flog in die enge Quergasse hinein.
    Ein donnerndes Geschrei und die nchsten seiner Henker strzten hinter ihm
drein. Ihr Nachsetzen schien nicht so gefhrlich als ihr Geschrei: Haltet auf,
haltet auf! ein Spion! ein Verrter! Die nchste Strae war indessen still und
einsam, es hatte sich alles Volk nach den Orten gedrngt, wo unmittelbar
gehandelt wurde. Aber diese Einsamkeit war bald durchrannt, er mute in eine
andere Strae einbiegen, in welche soeben von mehreren Seiten ein Teil der
Volksmenge eindrang, die von der Hinrichtung der Generale zurckkam. Er hrte
das Geschrei hinter sich, sah, wie die neue Volksmasse stutzte und sich
anschickte, ihn aufzufangen - er gab sich verloren und rannte wie wahnsinnig die
ersten ber den Haufen, welche sich ihm entgegenstellten.
    Da donnerten die Hufschlge einer Kavallerieabteilung herbei und sprengten
das Volk auseinander. Es war Kasimir mit einer Abteilung Ulanen, der eben ankam,
als Valerius erschpft in die Knie gesunken war.
    Jener, der mit einem Blicke und durch das Geschrei der Menge vom Stande der
Dinge unterrichtet war, wendete sich rasch zu einigen Mnnern, deren ueres und
Wesen andeutete, da sie keineswegs zum Pbel gehrten. Sie schienen dem
Offizier bekannt zu sein und ihn ebenfalls zu kennen. Er rechtfertigte nicht
ohne Heftigkeit Valerius und schlo mit den Worten: Wohin soll es fhren, wenn
wir auf diese Weise unsere gerechte Entrstung auch auf unsere wackersten
Krieger ausdehnen - da habt ihr ein Beispiel dessen, was ich euch vorher
verkndigte, als ihr auf rohem anarchischem Wege Besserung der Verhltnisse
suchen wolltet. Ich habe leider recht gehabt, entfesselt sind alle
Leidenschaften, und das Gute wird mit dem Bsen zertrmmert.
    Die angeredeten Mnner schwiegen still, und auf ihre Handbewegungen
zerstreute sich der Schwarm allmhlich. Nur Slodczek, der unterdes vom Verfolgen
wieder zu Atem gekommen war, wollte seine Beute nicht so leicht fahren lassen.
Es htte ihm jetzt noch klarer sein mssen, da der Verfolgte nicht zu denen
gehrte, deren Bestrafung das Volk mit Recht verlangen konnte, aber bei wilden
fanatischen Gemtern ist es leider nicht selten, da sie um so hartnckiger auf
einem Verlangen bestehen, je unstatthafter es ihnen dargestellt wird. Er rief
die leinenen Kittel um sich zusammen, winkte Thomas an seine Seite und forderte
mit polternder Stimme, hinter welche sich gewhnlich ein unsicheres Gewissen
versteckt, die Auslieferung des Verrters von Kasimir.
    Dieser war nicht so geneigt, diese Abteilung des Aufstandes mit Worten zu
beruhigen und befahl trocken einigen Ulanen, den Burschen festzunehmen. Slodczek
fand es nicht geraten, den Verlauf dieser Sache abzuwarten, und sprang davon.
Die leinenen Kittel folgten seinem Beispiele, aber die kommandierten Ulanen
begngten sich mit diesem Erfolge nicht, sondern sprengten hinterdrein, den
Wortfhrer im Auge behaltend.
    Kasimir begleitete den erschpften Valerius bis in die Nhe der Strae, wo
dieser wohnte, erzhlte ihm, da er zur Armee abgeschickt gewesen sei, um
Truppen gegen den Aufstand herbeizuholen. Glcklicherweise, setzte er hinzu,
kam ich mit meinen schnellen, vorauseilenden Ulanen noch zu rechter Zeit, Sie
zu befreien. Schreiben Sie Ihre abscheuliche Gefahr nicht den Patrioten zu, von
denen ich einige in Ihrer Nhe fand; die Absicht des Aufstandes selbst war die
gerechteste von der Welt, aber wir sehen aufs neue und deutlichste, welch ein
entsetzliches Mittel die Emprung ist. - Ich besuche Sie bald!
    Damit sprengte er fort. Valerius schleppte sich mhsam bis in sein Haus und
rastete eine Weile auf der Treppe, wo ihn die Krfte zu verlassen drohten. Da
strzte ein Mensch ins Haus, scho an ihm vorber und flsterte: Verbergen Sie
mich, ich werde verfolgt. Die Hufschlge von flchtigen Pferden nherten sich.
Treppe und Saal, die zu Valerius' Zimmer fhrten, waren dunkel, und erst als
dieser dem Flchtenden seine Tr ffnete, erkannte er - Slodcek. Dieser strzte
auf die Knie, als er des Deutschen ansichtig wurde, Sporen und Sbelscheiden
klangen auf der Treppe. Valerius schob den Verfolgten in das Schlafzimmer und
zog die Schlssel ab.

                                      30.


Schon einige Tage vor diesen Ereignissen war der Reichstag zur berzeugung
gekommen, es msse bei der Armee eine durchgreifende Vernderung stattfinden;
die Armee war bis nach Bolimow zurckgegangen, Skrzynecki lie jede Gelegenheit
zu einer Schlacht vorber. Es ward also eine Deputation erwhlt, welche ins
Lager hinausfahren und ntigenfalls Skrzynecki absetzen sollte.
    Dergleichen blieb aber der Masse natrlich unbekannt und hatte keinen
Einflu auf Ansicht und Verhalten derselben.
    Es sind vierzehn Stunden Weges bis nach Bolimow; am 10. August des
Vormittags kam die Deputation mit ihrem schweren Geschfte dort an; es war ein
bedeckter warmer Tag, und sie fanden den Generalissimus zu ihrem Erstaunen und
mit nicht geringer Besorgnis zu Pferde und alle Truppen musternd. Seine Freunde
hatten ihn bereits genau unterrichtet von allem was bevorstnde; er nahm nicht
die mindeste Notiz von der ankommenden Deputation, hielt Reden an die Soldaten,
schalt auf die Landboten, ermahnte, fest an ihm zu halten, ihm zu vertrauen, und
Es lebe Skrzynecki! schrien die kampffertigen Truppen weit ber die Ebene hin.
    Diesen Feldherrn jetzt abzusetzen, schien also in einer so gestrten, mit
dem uersten bedrohten Zeit eine sehr gefahrvolle Tat. Die Mitglieder der
Deputation traten beiseite und warteten unentschlossen, ob Skrzynecki von ihrer
Ankunft keine Kenntnis nehmen werde. Er tat es nicht. Endlich ward auf
Czartoryskis Veranlassung, der sich unter den Deputierten befand, ein Adjutant
zum Generalissimus abgeschickt, um ihn offiziell zu benachrichtigen.
    Auch dies machte keinen Eindruck, er setzte die Musterung fort, und immer
lauter schrien die Soldaten: Es lebe Skrzynecki! Die Deputation sah sich in
der bedenklichsten Lage.
    Indessen, Skrzynecki war weder der dreiste noch der schpferische Mann, sich
auer den vorgezeichneten Kreisen weiter zu bewegen; nach einer kurzen Weile
brach er die Musterung ab und begrte die Deputierten, seinen rger in die
begrenden Worte schiebend: Ich hoffe, die Herren sind da, um den Feind
schlagen zu helfen.
    Man verlangte einen Ort, um dem Generalissimus die Mitteilungen vom
Reichstage vorzutragen und eine Beratung zu erffnen. Es ward eine Scheune des
Hofes eingerichtet, wo das Hauptquartier war. Er ging, die Deputation lie sich
dort nieder und beschied ihn kurze Zeit darauf vor ihr Forum.
    Die groe stattliche Figur erschien nach diesem kleinen Zwischenraume
bescheiden und sanft und mit der Erklrung, sich dem Reichstage in allem zu
unterwerfen.
    Er ward befragt, warum er keine Schlacht liefere. - Seine Antwort brachte
mehr Beteuerungen, da er ein guter Patriot sei, als Grnde. In der jetzigen
Stellung, fgte er indessen hinzu, setze eine Schlacht alles aufs Spiel; wolle
man einen andern Fhrer an die Spitze stellen, so werde er ihm folgen, selbst
als gemeiner Soldat unter ihm dienen.
    Die Deputation, wohl einsehend, da hier der Edelmut nicht ausreiche,
sondern die Tat erfordert werde, lie einen Kriegsrat von allen bedeutenden
Offizieren fr den Abend zusammenberufen, und der fand sich denn auch ein, zum
eigenen Schrecken der Gesandtschaft. Gegen dreihundert Offiziere, die natrlich
sehr verschiedener Meinung waren, erfllten klirrend und lrmend, streitend und
rufend den Hof vor der Scheune, die einen lobten Skrzynecki, die andern
verwnschten ihn, noch andere schworen, nun sei endlich der hchste Moment da,
alles Aristokratische niederzumachen, was den Aufstand und Krieg so lange
gelhmt habe. Dazu schickte Ramorino von den Vorposten die Kunde, der Feind
greife an; ein kleines Flchen nmlich trennte nur die russische Armee von der
also aufgelsten polnischen. Und ber alledem lag ein weicher, schmeichelnder
Augustabend, und einzelne Sterne lchelten herunter in das wilde
Menschengetreibe.
    Skrzynecki lie sagen, man solle die Offiziere abfertigen, damit sie auf
ihre Posten kmen. Die Gesandtschaft war in der grten Verlegenheit, weil jeder
einzelne befragt werden sollte; da kam endlich Ramorino selbst mit der
Nachricht, der Angriff sei wieder eingestellt.
    So begann denn nun dennoch das aller Kriegsform unerhrte Verfahren: jedem
einzelnen ward Geheimhaltung seiner Aussage zugesichert, und jeder einzelne
Offizier gab seine Meinung ber den Krieg ab und ber den Feldherrn.
    Das Resultat war: eine Schlacht bei Bolimow ist nicht ratsam, Skrzynecki
aber hat das Vertrauen der Armee verloren, ein neuer Generalissimus ist ntig.
    Es begann die schwierige Wahl, und da sie nicht gengend erledigt werden
konnte, war zunchst der neue Untergang Polens. Nmlich ein berwiegendes Talent
war nicht da, das zu gleicher Zeit eine berwiegende Persnlichkeit mitgebracht
htte, wie dies in so aufgelsten Zustnden unerllich war. Prondzynski wurde
das Talent zugetraut, aber er selbst traute sich die Persnlichkeit nicht zu,
hatte sie also nicht. Eine neue Figur war brig, von der viele noch
Auerordentliches erwarteten, das war der Reitergeneral Dembinski. Er hatte
unter den gefhrlichsten Schwierigkeiten und Hindernissen einen Teil des
litauischen Expeditionsheeres durch die Feinde hindurch zurckgefhrt, und
whrend die oberen Fhrer Gielgud und Chlapowski mit ihren Heeresabteilungen
nach Preuen bergetreten waren und die Waffen gestreckt hatten, brachte er sein
Kommando beutebeladen durch alle Feindesscharen und erschien pltzlich,
verwildert, mit langem Knebelbarte, asiatischen Anstrichs, an der Spitze seiner
Reiter, am Tore von Warschau. Dies hatte ein groes, lebhaftes Interesse
aufgeweckt, fabelhaft ritterlich, mrchenhaft glcklich und tapfer erschien er
zu jener Zeit, wo der Krieg nur Rckzge und Rckzge darbot, der halb tatarisch
einreitende Dembinski. Groe Erwartungen knpften sich an diesen Eindruck; aus
den brigen Kandidaten, welche Stimmen erhielten, aus Uminski, Lubienski, Bem,
Malachowski ward Dembinski zum Generalissimus gewhlt, man schickte nach
Warschau, wo er als Gouverneur wirkte, um ihn zur Armee zu holen.
    Aber auch Dembinski war nicht der Mann, welchen man brauchte; sein Wesen
angefllt mit Tapferkeit, rascher, gewandter Khnheit eines Reiterfhrers, mit
schnell erregter Heftigkeit, besa noch nicht jene durchgeschttelte, in sich
ruhende, mit den tglichen Leidenschaften fertige Soliditt, welche man
Charakter und Aplomb nennt, und welche vor allem andern in jetziger Lage
erforderlich war.
    Noch ehe er ankam, murrte es in der Armee umher, als ob ein Sturm losbrechen
sollte. Infanterieregimenter schttelten die Waffen, sie wollten keinen
Reitergeneral, Anhnger Skrzyneckis erhoben ihre Stimmen, Deputationen der
Offiziere drngten sich an die Reichstagsdeputation, die Russen griffen die
Vorposten an, es war ein verworrenes, bses Wesen.
    Am elften erschien Dembinski, schalt die Deputierten, da sie sich als
Zivilgewalt so ausfhrlich in den Krieg mischten, wollte nur interimistisch auf
sechzig Stunden annehmen, ergab sich dem Patronate Skrzyneckis, der ihn der
Armee vorstellte. Dieser Antritt in all seinen Teilen mifiel der Regierung,
Dembinski ward nicht besttigt, die Armee zog sich gegen die Verschanzungen von
Warschau zurck in die Position von Utrata. Dieser neue Rckzug flog wie ein
Klageschrei durch Warschau und gab den ueren Sto fr die Aufruhrszene, welche
nun mit dem 15. August ausbrach.
    An der Spitze stand Krukowiecki, welcher sich der Volkspartei und der Klubs
bemchtigte, um die aristokratische Partei zu strzen und selbst an die Spitze
zu kommen. Whrend des Aufstandes erklrte er sich zum Gouverneur der Stadt und
war an allen Orten und Enden, der Regierung immer neue Gefahren meldend, den
Aufruhr selbst in aller Weise bis zu einem gewissen Hhepunkte frdernd.
    So waren die Zustnde am Abend des 15. August, wo Valerius nahe daran war,
aufgehngt zu werden; in der Stadt war leise, aber sicher alle Gewalt in die
langen Finger Krukowieckis geschlpft; die ohnmchtige Regierung, in welcher nur
Lelevel zur Aufruhrpartei gehrte, hielt er durch immer neue Schreckbilder im
Schach, die Volkspartei ermahnte er, nach einer gewissen Ordnung zu henken.
    Zu gleicher Zeit war die Armee ohne Fhrer, Dembinskis Termin war in wenig
Stunden abgelaufen, neue Deputierte kamen denselben Abend in das neue Lager, um
fr jeden Preis einen Generalissimus zu whlen. Skrzynecki, welcher durchaus
Dembinski wollte, weil sich ihm dieser so ergeben bewies, trat ihnen mit der
spttischen Frage entgegen: Wen wollt Ihr denn jetzt in Warschau? des Sultans
Bart oder Barbara Radzivillowna?
    Keiner von den brigen Generalen wollte annehmen, der allgemein verehrte
Frst Czatoryski kam verhngten Zgels ins Lager gesprengt, um Schutz zu suchen,
die Aufrhrer waren an der Barriere seinem Pferde in die Zgel gefallen, er
hatte sich durch einen Pistolenschu befreien mssen, die Lage war entsetzlich,
wenn Paskiewitsch Kunde erhielt und mit aller Gewalt angriff.
    Die Deputierten zwingen jetzt Prondzynski, den Oberbefehl anzunehmen, man
schildert ihm den Zustand der Hauptstadt, wo die Regierung im Begriff ist, den
allmchtig gewordenen Krukowiecki auch formell das Feld zu rumen und
niederzulegen. Er nimmt ebenfalls nur interimistisch an und erklrt, Krukowiecki
sprechen zu mssen und reitet nach Warschau. Jetzt erheben sich wieder
Skrzynecki und Dembinski: Warschau, heit es, msse gebndigt werden, ein
militrischer Diktator sei ntig. Die Armee wird von Utrata noch weiter zurck
bis in die Verschanzungen der Hauptstadt gefhrt und den Truppen in einem
Tagesbefehle angezeigt, die Russen htten einen Aufruhr in Warschau angerichtet.
Unter diesen sich berstrzenden Aufregungen errichtet man sogar in Eile
Batterien gegen Warschau.
    So steht's am 17. August. An der Spitze seiner Reiter und seines
Generalstabs reitet Dembinski in die Stadt, vor den Palast der Regierung, um
eine Diktatur in Beschlag zu nehmen. Prondzynski hat bereits wieder
niedergelegt, die Regierung tut desgleichen, Dembinski noch zum Generalissimus
ernennend.
    Dieser, nur halb entschlossen zu einem uersten, eilt in den Slen des
Palastes hin und her, bald diesen anfahrend, bald jenen fragend. Krukowiecki
tritt ein, auf ihn strzt er los: Ich bin gekommen, die Verbrecher vom 15.
August zu verhaften, Sie selbst sind mir von Lelevel als Teilnehmer genannt -
    Krukowiecki erbleicht, sein ganzes Werk steht auf dem Spiele, die Armee ist
da, und seine Macht kann in einem Nu entrckt sein. Er gibt sein Ehrenwort, mit
dem patriotischen Klub nichts gemein zu haben, Dembinski lt sogleich die
Hupter desselben und Anfhrer des Aufstandes verhaften.
    Unterdessen versammeln sich die Landboten, der Moment kommt, wenn sich
Dembinski zum Diktator machen will; er schwankt hin und her; sein Vorsatz kommt
zur Kenntnis des Marschalls Ostrowski, und dieser ruft laut: Wenn Dembinski
erscheint, so verweigere ich ihm das Wort.
    Man berbringt Dembinski eiligst diese uerung, er erschrickt, gibt sein
Unternehmen auf, und da er doch Generalissimus ist, rckt er hinaus ins Lager.
    So war das Feld wieder frei fr Krukowiecki: immer lngere Listen von
solchen, welche das Volk ermorden wolle, berbrachte er dem Reichstage, lie das
Schlo mit Truppen und Kanonen umringen, als sei die grte Gefahr vorhanden,
und ward dann auch wirklich unter diesen Schreckensumstnden, die er allein zu
bndigen schien, zum Prsidenten der neuen Regierung ernannt.
    Jede Partei glaubte, sich Glck wnschen zu knnen; die ausschweifendsten
Demagogen wurden bestraft, die tchtigsten aus der Volkspartei, wie Xaver
Bronikowski, wurden angestellt, den Doktrinrs ward dadurch gengt, da
Bonaventura Niomojewski Vizeprsident wurde, die Aristokraten fanden ihre
Stellen im diplomatischen Kreise, ein paar Soldaten und gemeine Leute, welche
man bei den Mordszenen ergriffen hatte, wurden erschossen; der neue Regent war
von unermelicher Ttigkeit, man fhlte sich konsequent und durchgreifend
regiert, alles pries den Retter aus so groer Unruhe und Unordnung, den alten
Krukowiecki.
    Valerius, der an jenem Abende den Slodczek wirklich gerettet hatte, ging
jetzt lebhaft mit dem Entschlusse um, wieder in die fechtenden Reihen
einzutreten, obwohl sein Anteil an allen diesen Dingen vllig erstorben war. Es
graute ihm vor diesen revolutionren Zustnden, die ihm mit aller Grlichkeit,
mit ihrem entsetzlichen Zufalle so nahe getreten waren, ein ganzes historisches
Verhltnis war ihm unheimlich, wo in keiner Weise ein gesichert Allgemeines
festgestellt werden konnte, aber er hielt es fr schicklich, jetzt nicht
abzustehen, wo die Gefahr aufs hchste gestiegen war.
    Eine Rckkehr nach Deutschland war in diesem Augenblicke auch nicht mglich,
die Russen hatten eine Meile von Warschau den ganzen Kreis des linken
Weichselufers besetzt; sogar das Rdigersche Korps hatte sich von Sden herauf
mit der groen Armee vereinigt, vor Deutschland lag die Mauer einer Armee.
    Im Begriff, nach Wola hinauszugehen, schritt er trbe und dster ber den
schsischen Platz, das ganze Leben sah ihm zugemauert und verloren aus, da kam
Kasimir geritten, der eine Botschaft von der Armee an den Prsidenten gebracht
hatte. Er war sehr niedergeschlagen und riet Valerius durchaus ab, noch einmal
die Waffen zu ergreifen fr eine vllig verlorene Sache.
    In diesem Augenblicke fuhr der Prsident Krukowiecki mit Stanislaus und
dessen Vater vorber.
    Sehen Sie, sprach Kasimir, die unnatrlichen Verhltnisse: der alte Graf
hat Krukowiecki wie die Pest, da fhrt er freundschaftlich mit ihm hin. Nein,
nein, glauben Sie das nicht, hoffen Sie nichts von dieser blendenden Energie,
diese Warschauer Polen sind bis ich die innerste Seele eitel und egoistisch,
dieser Krukowiecki ist der Egoismus selber, ich frchte das Schlimmste. Kommen
Sie mit, ich will mein Pferd einstellen und einen Schlupfwinkel suchen. Helfen
Sie mir; ich vertraue Ihnen rcksichtslos. Heut' abend kommt Dembinski, der
jetzige Generalissimus, mit Skrzynecki in die Stadt herein, Skrzynecki ist
seines Lebens nicht mehr sicher vor seinem Todfeinde, dem alten Grauen.
Krukowiecki verlangt heute seine augenblickliche Entfernung von der Armee,
morgen, bermorgen wird er auch Dembinski absetzen.
    Sie suchten eine Wohnung fr Skrzynecki. Des Abends kam wirklich ein Wagen
vor den Regierungspalast gefahren, in welchem zwei Offiziere saen. Der eine
stieg aus, um den Prsidenten der polnischen Regierung zu sprechen, heftiger
Groll lag auf dem Antlitze, und raschen Schrittes eilte er ber den Hof - es war
Dembinski. Der andere Offizier, in einen Mantel gehllt, fuhr weiter; in einer
dunkeln Strae stieg er aus, Kasimir und Valerius traten zu ihm, gingen
schweigend noch durch einige kleine Straen und traten in ein Haus.
    Der Mann, welcher sich jetzt in Warschau verbergen mute, war derselbe,
welcher noch vor wenig Tagen an der Spitze des polnischen Heeres gestanden
hatte, war Skrzynecki. Seufzend warf er sich im Zimmer auf einen Sessel; der
lange, blasse, interessante Mann nahm seine Brille ab und bedeckte die Augen mit
der Hand.
    Die Situation schnitt Valerius durch das Herz, wie zermalmender Sturm
erschien ihm eine Zeit, die aus dem Gleise gerckt ist.
    Wenn Dembinski heftig ist gegen den glcklichen Intriganten, so wird er
morgen des Generalissimates entsetzt sein, dieser Krukowiecki ist unser Saturn,
ein heidnischer Dmon, der seine Kinder frit. -
    Der nchste Tag sah die Erfllung dieses Wortes, Dembinski ward abgesetzt,
Valerius und Kasimir brachten dem zerbrochenen Krieger die Nachricht, und man
beratschlagte eifrig ber Mittel und Mglichkeit, da Skrzynecki nach Krakau
gelange; Krukowiecki hatte berall seine Spione, es war die grte Gefahr zu
besorgen. Darber brach der Abend ein, man hatte sich ber die Abreise zum
nchsten Abend vereinigt, die drei Mnner saen schweigend im Dunkeln.
    Da polterte ein schwerer, bespornter Fu die Treppe herauf, die Tr ward
ohne weiteres aufgerissen, ein groer breiter Mann trat auf die Schwelle und
blieb dort schweigend stehen; die Tr blieb offen. Hinter ihm kam ein Soldat mit
einer Laterne, er trat neben jenen, das Licht beleuchtete die Gruppe.
    Krukowiecki! riefen gleichzeitig die drei Mnner und sprangen von den
Sthlen auf.
    Jawohl, Krukowiecki, sprach jener. General Skrzynecki schlgt wohl die
Russen hier ganz in der Stille?
    Skrzynecki hatte seine volle vornehme Fassung und verhielt sich mit
untergeschlagenen Armen vllig schweigend. Die beiden groen Figuren in solcher
Stimmung und Situation einander gegenber, der leuchtende Soldat daneben, in
welchem Valerius Slodczek erkannte, die beiden erschreckten Mnner Kasimir und
Valerius, bildeten eine merkwrdige Gruppe.
    Sie, junger Mann aus Deutschland, sprach Krukowiecki zu Valerius, sind
auch eine der verdchtigsten Personen, die ihren Lohn finden wird - General
Skrzynecki, Befreier Polens, ich befehle Ihnen, Sie das letztemal gesehen zu
haben, Sie gehren weder zur Armee, noch nach Warschau.
    General Krukowiecki, erwiderte der abgesetzte Generalissimus, der Sie
unsere Revolution entwrdigen, gebe Gott zum Heil meines Vaterlandes, da Sie
nicht der sind, fr den ich Sie halte!
    Sie haben ausgespielt, Skrzynecki, erwiderte dieser heftig, und Ihr
Geschwtz soll auch ein Ende nehmen.
    Damit verschwand er. Die drei Mnner waren wieder im Dunkeln und gingen
augenblicklich daran, andere Maregeln fr ihre Sicherheit zu treffen.

                                      31.


Skrzynecki war auf dem Wege nach Krakau; Kasimir und Valerius ritten durch die
Barriere nach Wola, um sich in die Armee zu retten. Es war eine mondhelle Nacht,
und sie konnten nur langsam vorwrts, weil ein ganzes Armeekorps vom Lager aus
durch Warschau marschierte, um ber die Brcke von Praga aufs jenseitige
Weichselufer zu rcken und einen Streifzug zu unternehmen. Es war eine
Heeresabteilung von mehreren zwanzigtausend Mann, welche unter Ramorino und
Lubienski den Zugang von Praga subern und der diesseitigen Armee, welche auf
eine Quadratmeile eingeengt war, Lebensmittel verschaffen sollte.
    Valerius war starr und de und sah mit Verzweiflung auf die Stadt zurck,
welche unter Nacht und Mondschein hinter ihm lag. Fr all seine uneigenntzige,
enthusiastische Teilnahme an Befreiung der Nation, welche in dieser Stadt
verkrpert war, mute er jetzt wie ein Dieb in der Nacht entweichen und unter
den Kugeln der Russen eine Freistatt suchen. Alle seine Anknpfungen hinter
jenen Mauern sahen ihm trbselig nach: er wute nicht einmal, ob Konstantie noch
dort wohne, das Weib, das in einem so strmischen Rausche an seiner Brust
gelegen hatte; auch Joels Schicksal war ihm unbekannt; die liebliche Hedwig
hatte er nur in jenem entsetzlichen Momente wiedergesehen, das ganze Leben
grinste ihn an wie ein possenhaftes Trauerspiel. Dazu dieser erschreckende
Leichtsinn des vorberziehenden Heeres, Lrm und Jubel desselben in der warmen
Sommernacht, und sie ziehen vielleicht dahin, sagte Kasimir, und sehen dies
vergtterte Warschau nicht wieder; Paskiewitsch wei vortrefflich, wie es unter
uns hergeht, er hat seine ganze Macht beisammen und ist ein entschlossener,
tapferer Feldherr, der mit Energie das uerste daran setzt. - Gott schtze das
arme Polen!
    Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen! riefen die Kriegskameraden, welche
vorberzogen und im Mondscheine Kasimir oder Valerius erkannten. Auch Stanislaus
war unter den Marschierenden, aber er ritt ohne Gru dicht an dem Deutschen
vorbei.
    Jener Expedition Ramorinos schlo sich berhaupt der Kern der
aristokratischen Partei an, die sich in einem unsichern Verhltnisse zu
Krukowiecki fhlte.
    Dieser merkwrdige Mann war nun jetzt im ganzen Umfange des Wortes Diktator,
obwohl er den Titel nicht hatte: das Generalissimat war dem 75jhrigen
Malachowski aufgentigt worden, damit die Armee fr alle Plne verfgbar blieb;
die Gouverneurschaft von Warschau hatte General Chrzanowski, ein Offizier,
welcher den Patrioten hchst verdchtig war und schon lange von Unterhandlungen
mit den Russen gesprochen hatte; vom Oberbefehl ber die Nationalgarde war der
hochgeachtete Anton Ostrowski entfernt; Krukowiecki lie seine eigene Wohnung
von einem Chasseurregimente bewachen. Die Demokraten nmlich gerieten jetzt in
die Furcht, von ihm betrogen zu sein und organisierten eine Verschwrung. Sie
ward entdeckt - in diesen aufgelsten Zustand kamen nun die Parlamentrs von
Paskiewitsch, welche Unterhandlungen erffneten.
    So stand es, als Valerius am Vormittage des 5. Septembers den General
Prondzynski an sich vorbersprengen und ber die polnischen Vorposten
hinauseilen sah; vor ihm ritt ein Parlamentr, neben ihm Peter Wysocki, jetzt
Oberstleutnant, welcher ein Hauptfhrer der Fhndriche beim Ausbruch der
Revolution gewesen war. Als sie nach mehreren Stunden erst zurckkehrten,
erzhlte Wysocki zu groer Bestrzung, da Prondzynski eine Stunde lang geheim
mit dem russischen Generale Dannenberg in Unterredung geblieben und ganz
verwandelt, hchst bestrzt zurckgenommen sei. So war man denn auch ber diesen
wichtigsten Heerfhrer in Unruhe versetzt, wenn auch nicht an einen Verrat von
seiner Seite geglaubt wurde; vielleicht waren ihm im Eifer Andeutungen
entschlpft ber die ferne Abwesenheit des Ramorinoschen Korps, ber die
Regierung, kurz, den Morgen darauf, als Valerius sich eben gegen fnf Uhr von
seiner harten Lagerstatt am Erdboden erhob, donnerte ein Kanonenschu vom
russischen Heere herber, es folgte ein zweiter, und als ob Luft und Erde in
Donner aufgelst wrden, ein Schlag von hundert Kanonen, die wie ein Hagelwetter
links und rechts neben ihm in die polnischen Verschanzungen einschlugen,
schwarze Kolonnen, die Blitz auf Blitz vor sich hertrugen, kamen ber die Ebene
daher auf die Position von Wola los, welche die strkste der Warschauer
Verschanzungen war.
    Paskiewitsch begann den Sturm; in dem Augenblicke war der Oberbefehlshaber
Malachowski gar nicht zugegen, General Bem, welcher smtliche Artillerie
befehligte, stand ruhig auf dem Observatorium in Warschau und hielt den Angriff
auf das feste Wola fr einen Scheinangriff, viele Werke waren von den Soldaten
entblt, weil die 20000 Mann von Ramorino fehlten, die zum Teil just nach Wola
gehrten, nur Uminski, unter welchem auch Valerius jetzt focht, war auf seinem
Posten und des uersten gewrtig. Der grte Teil von der Armee, ganz Warschau
dachte nicht daran, da in den nchsten achtundvierzig Stunden eine
Totalentscheidung des ganzen Krieges vor sich gehe, just dies Verhllte,
Unerkannte des uersten war ein so beraus tragisches Moment.
    Zwei Stunden Zeit kostet's die Russen, zwei kleine, vereinzelte Vorwerke zu
nehmen, aber sie bieten, von der krftigsten Energie ihres Feldherrn
Paskiewitsch gedrngt, einen unablssigen massenhaften Angriff der
verzweiflungsvollen Wehr von seiten der Polen; nach sieben Uhr strzen sie zum
Sturm auf Wola, nach einem entsetzlichen Gemetzel ist es gegen neun Uhr
genommen; Wysocki, der es mit verteidigt, in den Hnden der Russen - es tritt
eine Totenstille auf dem Felde ein, kein Schu fllt mehr; Krukowiecki
erscheint, um zu sehen, was vorgefallen sei.
    Als nun die Russen zu weiterem und breiterem Angriffe vorrckten, fanden sie
geordneten Widerstand von Bem und Uminski; nachmittags um drei Uhr beginnen die
Polen selbst den Angriff, um Wola wieder zu erobern. Hier gab es nun eine Stunde
lang das mrderischste Gefecht des ganzen Krieges; Paskiewitsch drngte mit
konzentriertester Tapferkeit und Kraft alles auf Wola zusammen. Um vier Uhr
muten die Polen auf das nchste Hauptwerk Czysti zurckweichen und Wola
aufgeben; um fnf Uhr schwieg erschpft alles; die Russen befestigten Wola.
    Dies war der erste Tag des Sturms. Warschau hatte in dem Halbkreise, welchen
es diesseits der Weichsel nach der westlichen Ebene ausdehnt, drei
Verteidigungslinien; dieser Tag hatte den festesten Teil der ersten Linie
gekostet, der brige Kreis derselben war noch von Polen besetzt, die zweite und
dritte Linie unberhrt; man hoffte jede Stunde auf Ramorinos Ankunft, man dachte
nicht an ein Ende.
    Aber Krukowiecki dachte daran, Chrzanowski, der Gouverneur von Warschau, der
alles zu verhaften befahl, was in der Stadt die Waffen erhebe, Prondzynski, der
mutlos war.
    Krukowiecki lie in die Stadt hineinsagen, alles sei verloren, man mge ihn
zu Unterhandlungen bevollmchtigen. Er erhlt vorlufige Erlaubnis, man denkt,
er wolle Zeit gewinnen; aber die Armee erhlt keine Befehle fr den nchsten
Tag, noch beordert er Wagen, welche man vorschlgt, um dem Ramorinoschen Korps
die Ankunft zu beschleunigen; gegen Mitternacht beruft er Prondzynski. Er soll
neue Unterhandlungen anknpfen und erhlt von Krukowiecki die geheime Weisung,
Rckkehr unter russische Herrschaft sei die Grundlage. Um drei Uhr des Morgens
reitet Prondzynski nach Wola; Feldmarschall Paskiewitsch empfngt ihn barsch in
Gegenwart des Grofrsten Michael und des General Toll, der Grofrst aber
vermittelt, es soll bis neun Uhr Waffenstillstand sein, Prsident Krukowiecki
solle selbst zur Unterhandlung nach Wola kommen.
    Nach acht Uhr des Morgens am 7. September ritten also Krukowiecki und
Prondzynski mit dem russischen Parlamentr, General Dannenberg, nach Wola;
Paskiewitsch empfing sie, von einem glnzenden Generalstabe umgeben, und man
ging ins kleine Wirtshaus von Wola, um zu unterhandeln.
    Das wichtige Verhltnis wurde dadurch eingeleitet, da der russische
Feldmarschall den polnischen Prsidenten hart und rauh anging, wie den Vertreter
einer bereits ganz verlornen Sache, und da Krukowiecki sich nun ebenfalls
zornig in die Brust warf, und aufzhlte, was alles fr Hilfsmittel den Polen
noch zu Dienst wren. Der Grofrst Michael vermittelte hierbei ebenfalls;
Paskiewitsch verlangte unbedingte Unterwerfung und Rumung von Warschau,
Krukowiecki erklrte seinen Beitritt, fgte aber hinzu, da die Zustimmung des
Reichstags ntig sei, da diese indessen erfolgen werde. Bis sie verschafft sei,
bis Nachmittag zwei Uhr, solle der Waffenstillstand ausgedehnt werden.
    Zwischen den russischen Zurstungen zu einem neuen Sturme ritten die beiden
Polen zurck, und zwar einen andern Weg als sie gekommen waren. Dies rettete
Krukowiecki das Leben: an dem Wege, den er des Morgens genommen hatte, harrte
seiner der Tod, die Demokraten, welchen er jetzt ein Entsetzen geworden,
lauerten ihm auf.
    Warschau war unterdessen in der wunderlichsten Unruhe und Ungewiheit:
niemand dachte an eine so nahe Endkatastrophe, und doch fhlte man sich unter
dem peinigenden Drucke einer Gefahr drohenden Luft, man fragte sich: Was ist?
Was geschieht? Warum schweigen die Kanonen? Siegen wir? Warum ist der
Prsident bei den Russen?
    Nur die hher Gestellten sahen den Abgrund, an welchen sie gefhrt waren,
ohne doch auch genau zu wissen, wie tief er sei, ob ein Sprung retten knne; der
Vizeprsident, welchem vor den unheimlichen Schritten Krukowieckis graute, legte
seine Stelle nieder, ihm folgten die meisten Minister, dennoch frchtete noch
niemand das Entsetzlichste, was bereits neben ihnen stand.
    Es ist vormittags zehn Uhr, der Reichstag versammelt sich, Krukowiecki und
Prondzynski kommen an; wie soll die Forderung des russischen Feldmarschalls,
welche die ganze jetzige Existenz vernichtet, den Deputierten vorgetragen
werden? Prondzynski wird hineingeschickt, er soll als betrauter Offizier den
rettungslosen Waffenzustand schildern.
    Erhitzt, fieberisch bewegt von den Eindrcken, die ihn schleudern, tritt er
ein und bittet um eine geheime Sitzung. Man schliet die Tren, rumt die
Galerien, Prondzynski gibt eine hinreiende Schilderung, da Warschau kaum noch
eine Stunde zu halten sei, da der Feldmarschall den Wiener Traktat,
vollstndige Amnestie, Prefreiheit, Freiheit von russischer Besatzung biete -
ein Teil des Reichstags ist erschttert, da erhebt sich der Landbote Worcell und
ruft, man solle sich vertagen und niemals einen solchen Vertrag besttigen, es
erhebt sich der Landbote Jelowicki und erklrte, jene Darstellung sei lgnerisch
bertrieben, General Bem habe versichert, die Stadt knne sich noch
vierundzwanzig Stunden halten, unterdes sei Ramorino da, Paskiewitsch habe
bereits soviel Munition verschossen, als Napoleon zu seinem ganzen Zuge bis
Moskau mitgenommen, er msse in kurzem erschpft sein.
    Herren Landboten! beginnt Prondzynski aufs neue - Bonaventura Niemojewski
verbietet ihm das Wort und ermahnt die Versammlung, standhaft zu sein, sich
nicht einschchtern zu lassen.
    Es ist ein Uhr. Prondzynski zieht einmal um das andere seine Uhr heraus und
ruft: Meine Herrn, entscheiden Sie sich, es sind nur noch wenig Minuten brig,
der Sturm beginnt von neuem, die Russen dringen in die Tore.
    Lasset die Sturmglocken luten, ruft Anton Ostrowski, alles mit Waffen
hinaustreiben gegen den Feind!
    Auf der Stelle, stimmt Nakwaski bei, und der Bischof mit dem heiligen
Kreuz soll vorangehn.
    Whlt Niemojewski zum Prsidenten!
    Nein, fragt Krukowiecki!
    Keine Volksbewaffnung, sie erwrgt auch uns.
    Da drhnten die Fenster von dem Schlage, welchen zweihundert Kanonen
donnerten, Paskiewitsch begann den neuen Sturm.
    Erwhlt den Kaiser von Ruland zum Knig von Polen, wenn Polen ganz Polen
bleibt, rufen fnf bis sechs Stimmen, darunter Lelewels, Ostrowskis.
    Erwartet das rgste auf diesen Sthlen wie rmische Senatoren, ruft
Szaniecki; zwingt den entmutigten Prondzynski, der unser fhigster General ist,
an die Spitze der Truppen zu eilen!
    Ja, ja! so sei's! ruft alles. Prondzynski entweicht.
    ffnet die Tren, ruft der Reichstagsmarschall, verhandelt das
Eigentumsrecht der Bauern! So soll uns der Feind finden.
    Aus dieser Zerfahrenheit, wo stolze Phrasen, einzelne Khnheit, aber
nirgends eine gefate, durchdringende Energie, nirgends berwltigende,
herrschende Persnlichkeiten und Entschlsse zu finden waren, aus dieser
Versammlung, welche von den Ereignissen berflgelt war, lie sich keine Rettung
erwarten. Und diese Versammlung war das einzig noch geachtete mchtige Institut
der ganzen Revolution. Prondzynski mochte bertreiben, aber er tat es sicher
nicht so lgnerisch, als man ihm vorwirft, Paskiewitsch hatte wirklich groe
Wahrscheinlichkeit des Gelingens fr sich, da die Dinge einmal so weit getrieben
waren, und er eine unumschrnkte Entschlossenheit fr sich hatte.
    Der Hauptsturm war diesen Tag auf den Mittelpunkt der polnischen Position,
auf Czysti gerichtet, das mit zweihundert Kanonen verheerend angegriffen wurde.
Auf der Uminskischen Linie, wo ebenfalls strmisch vorgedrungen ward, gelang der
russische Angriff nicht, sondern ward zurckgeworfen, aber Czysti wurde bald so
weit demontiert, da es sturmreif war; Paskiewitsch, der mitten im Feuer hielt
und seine Truppen unablssig vordrngte, mute zwar persnlich zurck, da eine
Kugel seinen Kopf gestreift und verwundet, General Toll indessen bernahm das
Kommando, und war eben im Begriff, den Sturm zu beginnen. Da kam Prondzynski
mitten durch das beiderseitige Feuer gesprengt, und brachte die Nachricht,
Krukowiecki sei vom Reichstage autorisiert, zu unterhandeln.
    General Berg wurde mit ihm zurckgesendet; dieser verlangt schriftliche
Autorisation vom Reichstage, Krukowiecki hat eine solche nicht und schickt dem
Reichstage seine Entlassung. Sie wird angenommen; der Sturm auf Czysti beginnt,
Prondzynski lt sich noch einmal von Krukowiecki in den Reichstag schicken,
Niemojewski und der Marschall erheben sich gegen ihn, der Lrm beginnt von
neuem, er erhlt aber doch die schriftliche Erlaubnis, mit Rcksicht auf den
Geist der frheren Gesetze in Unterhandlung zu treten. Rasch lt nun
Krukowiecki seine Abdankung wieder vom Tische nehmen, und sendet abends um sechs
den immer reitenden Prondzynski nochmals ins russische Lager mit jener
Bevollmchtigung und mit einem eignen Unterwerfungsbriefe an den Kaiser von
Ruland.
    Unterdessen ist Czysti genommen, und die Russen dringen durch diese eine
Lcke in die Vorstdte, die Uminskischen Linien, welche noch unversehrt sind, in
der Flanke und im Rcken lassend. Von hier aus greifen nun die Polen an, und es
entsteht ein neues entsetzliches Gemetzel, die Nacht bricht ein, der Tod mht
wst, da fehlen pltzlich berall die polnischen Truppen, wie sie von
Malachowski und Uminski beordert waren; auf Krukowieckis Befehl sind sie in die
Stadt und bis nach Praga hinbergezogen worden; Chrzanowski lt niemand ber
die Brcke von Praga flchten, es ist offenbar darauf abgesehen, Krukowieckis
Unterwerfung an die Russen zu besttigen.
    Es herrscht die trostloseste Verwirrung, man rennt, man klagt, man schimpft,
Truppen ziehen dazwischen; aus den Vorstdten herein knattert das Gewehrfeuer,
braust das Kampfgetmmel - da bringt der Marschall Ostrowski noch einen kleinen
Teil der Landboten im Palaste zusammen, Krukowiecki wird von ihnen abgesetzt.
Die beiden Ostrowski unterzeichnen es und tragen es selbst zu ihm hin, viele
Landboten folgen.
    Was wollen Sie? schreit er und gert in schumende Wut, als ihm die
Absetzung mitgeteilt wird - sagt dem Grofrsten, da er jetzt die Stadt
beschiee, ich nehme die Entlassung nicht an, holla, Ordonnanz, die Gitter vom
Reichstagspalaste sollen geschlossen werden, ich will sehen, ob der Reichstag
meinen Vertrag ratifizieren wird.
    Aber dies war die letzte Wut, er wartete selbst die Rckkehr Prondzynskis
nicht ab, lie alles im Stich und entwich ber die Weichselbrcke. Die
Verwirrung war nun noch grer, als der russische Parlamentr ankam und nur mit
Krukowiecki unterhandeln wollte; es war mitten in der Nacht, und man mute
Reiter abschicken, um Krukowiecki zurckzuholen.
    Am 8. September endlich, vormittags gegen 12 Uhr, ward eine militrische
Kapitulation abgeschlossen, nach welcher Warschau und Praga bergeben wurden und
die polnische Armee mit ihren Effekten nach Plock abmarschieren sollte.
    Um diese Zeit ritt Valerius zum letzten Male durch die Straen, am Hause des
alten Grafen vorber, wo er mit Konstantien glcklich gewesen war; sie stand
neben dem alten Herrn am Fenster und sah in das vorbertosende militrische
Getmmel, der Graf hatte seine sonstige stille Miene, und man konnte darauf
lesen, da er nicht flchten, sondern sich mit den Russen abfinden werde. Sie
mochten Valerius in dem Wirrwarr nicht erkennen, aber es war diesem ein
schneidender Eindruck, der Frstin Augen lchelnd auf diesem Untergange ruhen zu
sehn. Bist du ein unbedeutender Geist, sprach sein Gewissen, ist sie ein so
berlegener? Oder gibt Geburt und Stellung auch in den wichtigsten Fragen soviel
richtigere Einsicht? Sie hat es dir voraus gesagt, da es so kommen wrde, du
hast es jetzt zum Schrecken gesehen, was eine Macht, die in strenges Verhltnis,
in strenge Einheit gefgt ist, berlegenes leistet! Wie gewaltig und ganz ist
dir in den letzten Tagen der russische Feldherr entgegengetreten neben diesen
aufgelsten Revolutionszustnden! Htte er nicht auch siegen mssen, wenn nicht
gerade von den Krukowiecki und Chrzanowski hantiert worden wre? Tuscht man
sich nicht eben weiter, wenn dieser Untergang auf einzelne Persnlichkeiten und
Zuflligkeiten geschoben wird? Was ist alle Frage und Untersuchung und Redensart
im Staatsleben, was bleibt der ewige Mittelpunkt? Kraft und Macht - wo wohnt sie
in dieser Verworrenheit?
    Der Zug war just vor des Grafen Hotel ins Stocken geraten, und Valerius
mute dort harren wie im Feuer einer Batterie. Auch Williams sonst so dstres
Angesicht sah er am Fenster, und er glaubte die Schadenfreude darauf zu
erkennen.
    Als er endlich bis an die Brcke gekommen war, fand er ein Drngen und ein
Gewirr, da er sein Pferd auf die Seite schieben und sich ruhig im Warten
bescheiden mute. In den Heereszug drngte sich alles, was bisher in Warschau
regiert oder mitgesprochen hatte, dieser und jener, der bis daher ein vornehmer
Mann gewesen war, trug sein Bndel, sein Kstchen, was er eben zunchst retten
wollte; die ganze letzte Zeit gewann hier das Ansehn eines Mummenschanzes, der
pltzlich verboten wird, auf die enge Passage dieser Brcke war mit einem Male
alles angewiesen, was bisher agiert hatte.
    Sieh da, auf einem kleinen Vorsprunge stand Leopold und sah neugierig dem
allen zu; Valerius rief ihn an; der Kleine bewies sich auch hier wie immer
redselig und heiter. Es ist ein historischer Moment, den mu ich mir
betrachten, lieber Alter, sieh, sieh, wie das hchst interessant sich gestaltet
hat, ich hab' mir's gedacht, Lieber, es mute so kommen, eine gestorbene alte
Geschichte bleibt eine Leiche, man mag tun, was man will.
    Es war ein wunderlich ironischer Eindruck auf Valerius, da selbst dieser
kleine, leichtsinnige Fant sich berlegen fhle, ihn gewissermaen beschme oder
herausfordere. Er fragte ihn, ob er sich denn nicht retten wolle, da er hier im
dnnen Leibrock mit dem Zuschauen begngt sei?
    Wovor mich retten? Ich bin ja kein Revolutionr, bin ein neutrales Element;
die zerstrende Leidenschaft der Menschen, du weit es ja, ist nie meine Sache
gewesen, nur die gefllige - schau, schau, kennst du ihn noch von neulich, da
sah er anders aus.
    Krukowiecki, Krukowiecki! sprach hie und da ein Vorberziehender, aber man
hatte in der allgemeinen Notwendigkeit keinen Raum zu absonderlicher Beachtung,
auch nicht zu zorniger. Er hatte seinen Mantel umgeschlagen und ritt unter dem
polnischen Zuge, als wre nichts Strendes zwischen ihm und seinen Patriotischen
Landsleuten vorgefallen.
    Valerius reichte Leopold die Hand, er wollte nun ebenfalls durchzukommen
versuchen. Leb wohl, Gott wei, wo wir uns wiedersehen!
    In Petersburg oder in Paris, Lieber.
    In Petersburg! Hansnarr!
    Hre, Valerius, bist du vielleicht stark bei Kasse?
    Das Gewhl drngte den Befragten weiter, ein Wagen, der rasch vorwrts
strebte, ntigte ihn zu groer Aufmerksamkeit auf sein Pferd - ach, Herr von
Valerius! hrte er eine sanfte Stimme rufen, sie kam aus dem Wagen, und war
Hedwigs, welche mit der steinalten Gromutter und dem Vater darin sa. Die arme
Kleine hatte ein verschwollen geweintes Antlitz und streckte ihm die Hand
entgegen. Bitte, begleiten Sie uns! bat sie instndig. Wie freue ich mich in
allem Elend, da ich Sie gerettet sehe.
    Ihr Vater lag mehr als er sa totenbleich im Wagen, nur die alte Grfin sa
kerzengerade, wie sie immer gesessen hatte, und starr und geisterhaft sah ihr
toter Blick vor sich hin.
    Jenseits der Brcke hatte General Bem vierzig Kanonen auffahren lassen, und
sie kamen eben dazu, als Krukowiecki die Weisung erhielt, man werde auf ihn
schieen, wenn er das rechte Weichselufer betrete. Zusammenfallend suchte der
alte Intrigant mhsam einen Weg nach Warschau zurck, er war vernichtet.
Valerius war brigens nicht mit vielen andern der Meinung, da er offener
Verrterei anzuklagen sei, er sah jenes unglcklichste Moment des polnischen
Nationalcharakters zum uersten in ihm wirksam, welches den einzelnen
persnlichen Einflu, den einzelnen persnlichen Ehrgeiz ohne aufopfernde
Rcksicht fr das Ganze und Groe um jeden Preis geltend macht. Wo diese
Fhigkeit der Entuerung und Entsagung fehlt, glaubte Valerius jetzt mehr als
je, da sei auch keine Kultur, und, als Ergebnis derselben, kein gedeihender
Staat mglich. So stellte sich ihm das polnische Unglck als ein regelmiger
Verlauf der ganzen polnischen Geschichte dar, in welcher niemals die einzelne
Person dem allgemeinen Bewutsein einer allgemeinen Notwendigkeit untergeordnet
worden, in welcher das Opfer im feinsten Sinne des Wortes unbekannt geblieben
sei. In dieser Weise habe auch Krukowiecki blindlings hineingewirtschaftet und
nur dafr gearbeitet, bis zum letzten Augenblicke, selbst als berlieferer an
den Feind, die Hauptperson zu bleiben; nebenher sei er der gepriesene Patriot
gewesen, mehr aber Krukowiecki als Patriot.
    Sie waren im Freien, links nach der Strae von Plock zog das Heer, geradeaus
vor ihnen lag der Weg nach Siedlce, die frher so wichtige groe Chaussee. Auf
dieser wollte die Familie weiter, um dann rechts durch die Wlder nach ihrem Gut
zu gelangen und dort ergeben die weitere Entwicklung des Dramas abzuwarten.
Hedwig bat unter immerwhrenden Trnen, Valerius mge sie begleiten; das
kindliche Anschmiegen rhrte ihm die Seele; Florian, dster und
niedergeschlagen, fand sich mit einigen Bauern ein, um, wie er sagte, die alte
Grfin in Sicherheit zu bringen; er antwortete dem fragenden Valerius, das
Ramorinosche Korps rcke durch die Wlder herauf, dem knne er sich anschlieen;
der Graf sprach nicht ein Wort, der Wagen rollte weiter; Valerius trabte halb
unschlssig hinterher, von der sich zum ftern umschauenden Hedwig wie gezogen.
Er wute es, wie gefhrlich der Weg fr ihn sei mitten in das von Russen
berschwemmte Land hinein.
    Florian mit den Bauern war beritten, es ging rasch nach den Wldern zu, in
einiger Entfernung folgte ein einzelner Reiter.
    Auch Florian sprach kein Wort, nur seine Handbewegung drckte aus: Alles
ist verloren, ein einziges Mal, als Valerius sagte, es sei ja nur Warschau hin,
erwiderte er: Warschau ist alles, die groen Herren haben ihr Spiel verloren,
und wir kommen hinterdrein.
    Bei einbrechender Nacht vernahm man aus der Ferne jenes ruckweis murmelnde
Gerusch, welches den Anzug von Truppen bezeichnet; der Wagen hielt still;
Florian und die Bauern ritten auf Rekognoszierung aus; es war eine windige
unfreundliche Nacht, der Hufschlag des Reiters, welcher dem Zuge gefolgt war,
nherte sich rasch, hielt aber pltzlich still, als er etwa auf zehn Schritt dem
Wagen nahe gekommen war.
    Valerius ritt langsam und vorsichtig nach ihm hin, und erkannte - Joel.
    Florian brachte die Nachricht, es sei ein Teil des Ramorinoschen Korps,
wahrscheinlich dessen Avantgarde, man knne die Reise ruhig fortsetzen. - Dies
Korps war dadurch so versptet worden, da es sich mit Gefechten gegen den Feind
zu tief eingelassen, und da es mehrmals widersprechende, mitunter ganz sorglos
klingende Nachrichten von Warschau erhalten hatte.
    Es konnte wnschenswert sein, Stanislaus darunter ausfindig zu machen, damit
sich dieser seiner Braut annehme, es sprach aber niemand davon, es war Nacht,
und, wie immer bei solchem Begegnen, von groer Schwierigkeit, aus einem
marschierenden Heere den einzelnen auszufinden. Um einen ungenierten Fahrweg zu
gewinnen, bog man auf Nebenwege ab, die Nacht war bald wieder still und tot um
die Reisenden, und Valerius, den eine schwere Bangigkeit berfiel, tiefer in das
verlorne Land hineinzureiten, fand es nun doch geratener, einen Rckweg zu
suchen, welcher ihn mit der Ramorinoschen Kolonne vereinigte.
    Joel, der sich dem Wagen nicht zu nhern wagte, beschwor ihn umsonst; er
ritt hin, um von Hedwig Abschied zu nehmen. Was sollte er hier? Was konnte er
helfen?
    Aber es war bereits zu spt. Die Heeresabteilung, welcher sie eben begegnet
waren, bildete nur eine Nebensule des Ramorinoschen Korps, die leichte Reiterei
der Russen umschwrmte es bereits, in diesem Augenblicke erschien dicht neben
ihnen ein Kosak; man sah ihn beim Scheine der Wagenlaternen, er mochte die
polnischen Uniformen von Valerius und Joel erkennen, war schnell wie ein Blitz
wieder verschwunden, und gleich darauf vernahmen die Reisenden aus allen Seiten
des Waldes ein schreckenerregendes Hurra. Die Kosaken strzten zwischen den
Bumen hervor; Florian mit den Bauern gaben Feuer; Valerius und Joel zogen die
Sbel und verteidigten sich gegen die eindringenden Lanzen; aber aller
Widerstand war nutzlos, der feindliche Trupp ward immer strker, und mochte wohl
ein Pulk von hundert Mann sein, das Kmpfen war bald zu Ende, der alte Graf lag
im Blute sterbend ausgestreckt im Wagen, Valerius und Joel waren entwaffnet und
gebunden, Florian, als Schmied von Wavre erkannt, schwer verwundet, war an ein
Kosakenpferd gebunden, seine Bauern hatten entweder unter den Lanzenstichen und
Kugeln der Kosaken ihr Leben verloren, oder hatten sich in das Waldesdickicht
gerettet; Hedwig sa vorn auf dem Sattel des brtigen Fhrers dieser
Kosakenabteilung, der sie mit den rauhen schmutzigen Hnden liebkosen wollte;
man ritt und fuhr nach einer Waldble, um dort den nahen Morgen zu erwarten und
den Wagen zu plndern.
    Da wurde ein Feuer angezndet, der alte Graf, welcher indessen verschieden
war, aus dem Wagen geworfen, und man ging eben daran, die Grfin, welche
fortwhrend unbeweglich geblieben war, anzufassen, als Florian in
bermenschlicher Anstrengung Reiter und Pferd, an welche er mit einem starken,
langen Riemen gebunden war, mehrere Schritte mit sich fortri, auf den
Wagentritt sprang, den im Wagen stehenden Kosaken mit einem Schlage ins Genick
niederwarf, um den Grtel fate und brllend in die Lanzen der brigen warf.
    Auffallenderweise trat eine groe Stille ein, die Kosaken schienen das
heilige Gefhl des Schmiedes zu erkennen und zu ehren, sie machten keine
Anstalt, den also getroffenen Kameraden zu rchen, wie ihnen berhaupt eine
solche kameradschaftliche Verpflichtung nicht eigen zu sein scheint; Florian
stand eine Weile unangefochten neben der unbeweglich sitzenden Grfin, das Feuer
beleuchtete sein verwildert fliegendes, dickes Haar und seine Zge, welche die
entsetzlichste Wut ausdrckten - nur Joel entfuhr der Ausruf: Florian!
    Schweig, Jude! erwiderte dieser, und in demselben Momente verschwand er
unter den Pferden. Der Kosak, an dessen Tier er gefesselt war, hatte es
fortgedrngt, Florian war hinuntergezerrt, und da die Kosaken nach der
Erschtterung des Schweigens eine lebhafte Bewegung machten, so war er unter den
Hufschlgen ihrer Rosse zermalmt worden.
    Der erste Morgenschein flog grau ber den Himmel, man erkannte, da die alte
Grfin leblos war und nur noch mumienartig dasa; schonend hoben sie die Kosaken
aus dem Wagen und setzten sie an einen Baum.
    Dort sa sie, drohend noch im Tode, als man aufbrach, eine schreckliche
Leiche einsam im Walde; einige Schritte vor ihr lag der verstmmelte Leichnam
Florians, einige Schritte neben ihr der erschlagene Graf, ihr Sohn.
    Hedwig, Valerius und Joel sahen noch tiefer aus dem Walde auf die Lichtung
zurck, ber welche ein grauer Morgen aufging.
    Hedwig war totenbleich, aber ohne Trne.

                                      32.


Der Kosakentrupp, welcher die drei Gefangenen transportierte, war folgenden
Tages nicht weit gekommen; die Nachricht vom Falle der Hauptstadt mochte beim
Ramorinoschen Korps eingetroffen sein, wenigstens hielt es inne in seinem
Marsche, und die leichte Verfolgung der Kosaken ward dadurch ebenfalls gehemmt.
Sie rasteten des Abends in einem kleinen Heidedrfchen, und der Teil, welchem
zunchst die Bewachung der Gefangenen anheimfiel, nahm eine Scheune und deren
Umgebung zum Nachtquartier. Hedwig war noch immer sehr begnstigt und durfte
ohne Fessel bleiben; man sah es nicht gern, wenn sie sich den beiden
Schicksalsgefhrten zugesellte, hinderte es aber doch nur leichthin und ohne
Nachdruck.
    Es wurde Nacht, die Kosaken lagen unordentlich auf der Tenne umher und
schliefen, durch die zerschlagenen Torflgel der Scheune schimmerten die in
Kohlen zusammenfallenden Feuer herein, um welche her die Piken aufgesteckt waren
und die kleinen Pferde standen und lagen.
    Valerius und Joel, denen die Hnde fest auf den Rcken gebunden waren,
blieben wach und dachten auf Flucht. Hedwig lag in einiger Entfernung von ihnen
und sprach leise zu Valerius herber. Der Kosak neben ihr hatte dies zwar
mehrmals verboten, wenigstens war durch Pantomime und Betonung dies unverkennbar
gewesen, obwohl sie des Kosaken Mundart nicht verstand, sie hatte aber keine
Notiz davon genommen, und der Kosak war endlich eingeschlafen.
    Nach einer Viertelstunde, sagte sie leise, werde ich meinem Wchter das
Messer aus dem Grtel ziehn und den Strick durchschneiden, an welchem er mich
festhlt, dann komme ich zu Ihnen, um Ihre Bande zu lsen - geben Sie doch dem
Kerl, welcher von hier aus vor Ihnen liegt, einen Sto, damit er sich ein wenig
anders legt, ber seine breite Figur kann ich nicht geruschlos wegsteigen.
    Es geschah, der Gestoene knurrte und erwachte halb, warf sich aber in eine
andere Lage. Hedwig vollfhrte an ihrem Nachbar das Vorhergesagte glcklich und
schlpfte leise zwischen den schlafenden Gestalten hin, hier ber ein Bein, dort
ber einen Arm hinwegschreitend - pltzlich entstand ein Gerusch vor der
Scheune, und mehrere Kosaken fuhren in die Hhe; Hedwig, die just neben Valerius
angekommen war, kauerte sich zusammen; die Kosaken riefen hinaus, und man
antwortete von drauen; Hedwigs Lage war peinlich, und wenn ihr eigentlicher
Wchter erwachte, so wurde sie mehr als dies. Dennoch schnitt sie in Eile die
Stricke um Valerius Hnde durch und gab ihm das Messer, damit er Joel ein
Gleiches tue.
    Mit Entsetzen gewahrte sie, da auch ihr Wchter jhlings sich aufrichtete
und seine Stimme zu einigen unverstndlichen Lauten erhob - aber wie bewutlos
und vom Schlaf berwltigt fiel er sogleich wieder zurck; es ward still.
    Schweigend verharrten die drei zur Flucht Fertigen; Joel ergriff im Drange
seines Gefhls Hedwigs Hand, um sie zu kssen, sie zog dieselbe aber rasch
zurck, und Valerius bei der seinigen ergreifend eilte sie vorsichtig ber die
Schlfer hinweg nach dem Tore. Dort schlpften alle drei durch die ffnung,
welche durch losgerissene Planken geboten war. Sie standen im Freien, der Wald
lag nur etwa zwanzig Schritt entfernt, die Nacht war schwarz und finster, wenige
Kohlen glhten noch in den Haufen. Es mute aber darauf gerechnet werden, da an
mehreren Punkten eine reitende Schildwacht aufgestellt sei, die man umgehen
msse; die schwere Aufgabe blieb auch noch brig, sich durch den Knuel von
Pferden und Lanzen und auswrts Schlafenden ohne Gerusch hindurch zu
schleichen; Hedwig ri eine Pike aus der Erde, die beiden Folgenden taten ein
Gleiches, sie waren glcklich den gefllten Kreis passiert, da hrten sie dicht
neben sich den langsamen Tritt eines Pferdes. Dies war der patrouillierende
Kosak; sie bckten sich rasch zur Erde, sein Auge aber, schon mehr an die Nacht
und Dunkelheit gewhnt, schien doch etwas gesehen zu haben, er hielt sein Pferd
an und streckte wie prfend und untersuchend die Lanze nach der Gegend, wo sie
kauerten. Hedwig, welche zunchst damit in Berhrung kam, schlug sie fort,
sprang auf und stie ihre Pike mit aller Anstrengung nach dem Reiter. Ein
Schrei, eine lebhafte Bewegung des Pferdes war die nchste Folge. Die Fliehenden
eilten jetzt rcksichtslos schnell nach dem Walde, hinter sich hrten sie den
schnellen Pferdetritt und ein paar hin und her fliegende Kosakenworte,
zuverlssig war es der zweite Wachtposten, welcher zu dem ersten, getroffenen
heransprengte, das Ntige hrte, das Pferd nach ihnen wendete und schreiend
hinter ihnen dreinsetzte. Sie waren eben bis zwischen die Bume gekommen, ein
Ruck verriet, da der Lanzenstich des Kosaken gegen einen Stamm geprallt war,
wenige Momente darauf knallte ihnen aber ein Schu nach, und sie hrten den Lrm
der aufgeschreckten Schlfer.
    Hedwig, welche wieder die Hand von Valerius ergriffen hatte, zuckte heftig
zusammen, sie war getroffen. Nur eine kleine Strecke konnte sie noch vorwrts,
dann brach sie zusammen; der Wald war ein dichtes Gestrpp; Valerius trug sie
noch einige Schritte mit Hilfe Joels, der bei Erkennung des Unglcks in Jammer
ausbrechen wollte und nur mhsam von Valerius zur Ruhe gebracht wurde. Mitten in
dem dichten Gestrpp kamen sie auf einen kleinen lichten Fleck, etwa von der
Gre eines Zimmerchens; dort ertasteten sie einen mit der Wurzel
herausgerissenen Baum; durch die ausgehobenen Wurzeln hatte sich unten eine Art
Hhlung gebildet, da hinein brachten sie das arme Mdchen.
    Unterdessen entstand rings im Walde ein brausendes Getmmel der nacheilenden
Kosaken, die in den eng stehenden Bumen nicht wohl fortkamen; bald sahen die
Flchtlinge ber das Gestrpp herber auch Kienspne leuchten; aber man glaubte
die Fliehenden schon weiter, es hielt sich kein Verfolger damit auf, durch das
dichte Gestruch einen beschwerlichen Weg zu suchen.
    Der Lrm und die Gefahr hrten aber keinen Augenblick auf, und man mute des
Schlimmsten gewrtig sein.
    Der Schu war in den Rcken des Mdchens gedrungen, die Sprache wurde immer
schwcher, der Tod nherte sich schnell. Und noch in diesem Zustande wies sie
die beflissenen Dienstleistungen Joels zurck. Als der weiter sphende Teil der
Kosaken wieder am Versteck vorber zurckzukehren schien, starb die arme Hedwig
in Valerius' Armen.
    Die Freunde saen erstarrt und schweigend bei der Leiche bis zum Morgen; der
Gedanke an den nahen Feind schien ganz vergessen zu sein; wenigstens ging Joel
ohne weitere Vorsicht, sobald es Tag geworden, hinber nach dem Heidedorfe, um
ein Grabscheit zu leihen.
    Die Kosaken waren glcklicherweise fort, er fand den Spaten, grub auf der
kleinen Lichtung seiner Geliebten, die bis in den Tod seine Liebe abgewiesen
hatte, ein tiefes Grab und bestattete sie mit dem ebenfalls schweigenden Freunde
in schauerlicher Waldesstille.
    - Sie waren spter auf dem Wege nach Joels Vaterstdtchen, wo der alte
Manasse schwerkrank daniederliegen sollte. Valerius konnte den Versuch nicht
mehr wagen, durch die verfolgenden Russen hindurch bis zu Ramorinos Korps zu
dringen, er mute Joels Vorschlag annehmen. Dieser war Tag und Nacht mit ihm
durch die Wlder gewandert, zehnmal hatten sie seitab sich bergen mssen, um den
russischen Truppen zu entgehen; Joel hatte nur das Allernotwendigste gesprochen;
am nchsten Morgen war ihm der starre Schmerz in strmende Trnengsse
aufgegangen, und damit war ihm denn auch die Sprache wiedergekommen, und er
konnte in einem gewissen Zusammenhange folgendes vorschlagen: Valerius solle mit
zu Manasse kommen, von dort wollte ihn Joel nach Krakau bringen.
    Dort, sagte er, werden wir diese unglcklichen Soldatenjacken los, ich
werde wieder das, was ich bin und bleiben mu, um eine Existenz zu haben, ein
Judenjunge, ich gehe auf den Schacher, da lt mich die Welt gewhren. Sie stt
mich, sie behandelt mich verchtlich, sie weist mich in den Winkel; aber das
wird meinem Herzen wohltun, es wird Ruhe haben. Ich habe ein Mensch sein wollen
mit Menschen, man hat dazu gelchelt, und ich habe leider nicht sterben knnen
an diesem Lcheln; andrer Unglck ist der Tod, unser Unglck ist das Leben.
Namenlos, namenlos Unglck! Ist's ein nationaler Zug, den wir vom Jordan
mitgebracht haben, diese feige Liebe zum Leben, oder ist er uns eingewachsen
durch die ber tausendjhrige Gefangenschaft? Wer wei es? Oder hngen wir in
aller Erniedrigung stolz und glubig an der alten Tradition, das vornehmste
Volk, das auserwhlte Volk Gottes zu sein? - Wir knnen den Tod nicht suchen und
wnschen, so notwendig er uns sei. Ich werde ein Schacherjunge, um weiter zu
leben.
    Und was hab' ich erlebt! Ein gemeiner Bauer verschmht den Ausdruck meiner
Teilnahme; ein Mdchen, das mich geliebt htte, ich wei es, wre ich ihrer
Abstammung gewesen, diesem Mdchen blieb ich zuwider bis in den Augenblick des
Todes, weil mein Leib eine nationale Atmosphre hat, die ihr fremd und
unheimlich ist, weil ich an den Jordan gehre und an der Weichsel ein
verachteter Fremdling bin. Fremd, fremd, fremd! in dem Worte liegen alle
Abgrnde der Existenz! Euch stinkt die Zwiebel, die anderen duftet. Nur das
verwegene Glckskind trete aus seinem Kreise, ich werde ein Schacherjude und
vergesse meine Philosophie und Kenntnis, die ich in falschen Kreisen erlernt
habe; Gott gebe, da ich zurck kann! Der Christ verstt mich, und ich habe
schon lange den Juden in mir verstoen! Weh! Dies wird der Zwitterzustand, den
diejenigen durchmachen mssen wie eine lebenslange, schmerzliche Geburt, die
sich einlassen auf Emanzipation. Ihr haltet diese Gewhrnis der Emanzipation fr
eine besondere Gunst, fr ein wohlschmeckendes Recht, das ihr uns gewhrt - weh,
der emanzipierte Jude zieht ein stechend Hemd auf seinen Leib, das er Zeit
seines Lebens mit Schmerzen tragen mu, um auen Frack und Weste darber zu
tragen, wie ihr tragt. Wer hilft, wer hilft gegen historisch Unglck?
    Und diesem Volke, das in grobe Kinderei entzweit ist, diesem polnischen, das
in ungebildeter Persnlichkeit auseinanderklafft und deshalb wieder verloren hat
sein Spiel, es wird ihm nicht viel besser gehen als den Juden, und wenn es nicht
wandert, so wird es doch beherrscht sein von Fremden, freilich immer noch ein
Glck gegen ein Geknechtetwerden in der Fremde! Hatten meine Vter vor ihrem
Untergange Streitigkeiten unter sich, so waren's doch groe Fragen der Ewigkeit.
Der Sadduzer sprach: Es lebt kein Fleisch fort in anderer Welt, der Phariser
wollte Gesetz und Prophezeiung und Glaube wrtlich und ganz. Habt ihr die Fragen
geschlichtet, an denen wir untergegangen sind? - Was war hier neben uns, hier in
Polen zu fragen? ber ein bichen Verwaltung, ob das Ding so heit, oder so -
pah! Aber was hhn' ich, so spricht kein Schacherjude, und mein Unglck ist
unwandelbar.
    Er setzte sich erschpft nieder; Valerius rastete schweigend neben ihm. Dann
sprang er hastig wieder auf und rief: Ach, ich sollte fliegen, Manasse hat mir
nach Warschau sagen lassen, er sei schwer krank, und wo bleibt mein Sohn Joel?
und ich bin meinem Vergngen mit der kleinen Hedwig nachgelaufen, 's war wohl
ein schlimmes Vergngen, und nun ist's aus fr immer, aber es war doch mein
Gelst, und ich habe versumt, was allein hlt in diesem Leben, das Band
zwischen Eltern und Kindern. Vater Manasse, lebe noch, ich komme; du bist vom
besten Stamme, vom Stamme Levi, und jeder Jude hat ein zheres Leben als ein
Mensch von anderem Volk; wir sind in allen Dingen die Aristokratie der Welt, von
reinem, uraltem Blut - aber was hilft alle Wahrheit, und was ist wahr? Das, was
geglaubt wird, sonst nichts. Wir ltesten Aristokraten, wir handeln mit Band und
heien Juden - o Hedwig, wenn du mich einen Augenblick geliebt httest, dann
wre alles gut - weiter, weiter!
    Die Wanderer kamen des Abends vor dem Stdtchen an, in welchem Manasse
wohnte; sie traten in das erste Huschen, um sich zu orientieren und
umzukleiden. Das tat wirklich not, denn es war ein Trupp Russen im Orte; in dem
Hause wohnte ein jdischer Trdler, welcher Joel mit lebhafter Freudenuerung
empfing und mit wahrem Jubel den Anzug eines wandernden Bandkrmers
zusammenschleppte, einmal ber das andere rufend: Nun haben wir Euch wieder,
Herr Joel, nun seid Ihr wieder von unsere Leut! Gottes Wunder, wie wird sich der
heilige Rabbiner, Euer Vater Manasse, freuen!
    Joel strich sich die Haare anders, und der elegante Reiter glich wirklich im
Handumkehren einem Bandjuden aufs Haar, so da Valerius erschrak. Die Klagen des
schnen jungen Mannes, welche er so lebhaft mitfhlte, waren ihm viel wrdiger
erschienen, solange der Klagende in besserer Kleidung neben ihm hergegangen war.
Er schalt sich ber solche Schwche, fuhr in den Bauernanzug, der ihm auf Joels
Veranlassung geboten wurde, und begleitete diesen zu Manasse.
    Es war ein kleines drftiges Haus, sie traten in die Stube und fanden sie
dunkel.
    Wer strt einen sterbenden Juden? sthnte eine leise, hohle Stimme aus dem
Winkel.
    Joel, mit der rtlichkeit vertraut, ging ein paar Schritte seitwrts und
machte Licht.
    Weh mir, wer dringt in mein Haus mit Gewalt? sprach strker die traurige
Stimme. Valerius sah zwischen dem Ofen und einem alten Schranke in schmutzigem
Pelzrocke eine Gestalt hocken, zusammengekrmmt, mit langem, schneeweiem Barte
und kahlem Haupte: er htte von selbst Manasse nicht wieder erkannt.
    Vater Manasse! sprach Joel leise.
    Gott meiner Vter! meine Ohren sind stumpf, meine Augen sind stumpf, aber
das ist ein Paradiesesodem, der mich umweht!
    Und lang auf richtete sich die magere todesartige Gestalt und streckte die
zitternden, drren Hnde vor.
    Vater Manasse, es ist Joel, Euer Kind!
    Die Erkennung und Begrung hatte etwas schauerlich Heftiges,
Konvulsivisches. Der Alte fiel darauf erschpft zusammen, und mit den Worten:
Nun, Gott Abrahams, la deinen alten Manasse in Frieden fahren, du hast meine
Gebete erhret, ward er bewutlos.

                                      33.


Manasse lag auf dem Tode; die letzten Monate, wo er sich von seinem Sohne
verlassen glaubte, wo sein Besitz in fortwhrender Gefahr schwebte, hatten ihn
reiend schnell ans Grab gefhrt; der Freudenmoment des Wiederfindens hatte
seine Kraft erschpft.
    Behalte, mein Sohn Joel, behalte den Rock, den du zur Freude deines Vaters
wieder angezogen hast; bleibe ein Jude, und du behltst dein Volk zum Troste,
deine Vter und das Unglck deiner Vter, du behltst reine Trnen und ein
stilles Herz; la mich gelitten haben fr dich, mein Sohn! Ich habe gelebt unter
den Christen, mit ihnen, fr sie, ich habe eine ihrer vornehmsten Tchter
geliebt, sie hat mich wiedergeliebt, solange sie mich hielt fr ihresgleichen,
du bist ihr Sohn, Gott meiner Vter, verzeihe mir diesen Abfall von meinem
Volke, verzeihe mir dies Gestndnis, es ist mein einziges Kind, dem ich's sage,
die Wege der Menschen sind wunderbar, es kann ihm ntzen; die schne Dame, Joel,
die du gesehen hast bei des Herrn Grafen Stanislaus stolzem Vater, die schne
Dame aus Deutschland ist die Tochter deiner Mutter. Gottes Wunder! ich habe sie
angeschaut, als sie bei mir vorbeigeritten ist, in Warschau, wie ein kindischer
Knabe, sie sieht hnlich ihrer Mutter, wie du mir siehst hnlich, Joel, da ich
jung und tricht war; das Herz ist mir im Leibe gesprungen, ich habe eine
sndliche Erinnerung gehabt an die Zeit, wo ich meinem Volke untreu ward mit
einer Tochter der Abgefallenen, ich habe es gebt mit einer strengen Strafe,
die ich mir auferlegt. Frage nichts, mein Sohn, es wird mir sauer, davon zu
sprechen, im schwarzen Kstchen findest du Briefe und Zeichen, es wird mir
schwach, mein Sohn, rcke mir das Kopfkissen. -
    In dem Augenblicke drang wilder Lrm ins Haus; die Russen hatten Kunde
erhalten von den Fremdlingen, die Manasse beherbergte, von Manasses Reichtume,
den er vergraben halte; Valerius flchtete auf Joels Gehei hinten aus dem
Hause, Manasse, im Sterben gestrt, ri sich mit letzter Kraft aus dem Bette und
stellte seine Entsetzen erregende Todesfigur dem Feinde entgegen.
    Ich habe nichts als mein Kind Joel, weicht von der Schwelle eines
sterbenden Mannes, oder der Fluch Adonais zerschmettre euer Gebein und eure
Seelen.
    Man stie ihn beiseite und durchsuchte das Haus; er war auf die Erde
gefallen, und der starke Wille rang mit dem stark eindringenden Tode.
    Unter polterndem Gerusch, mit diesem oder jenem beladen, fluchend zogen die
Soldaten wieder ab - steig in den Keller - Joel, grabe links im Winkel -
schnell - bring mir das schwarze Kstchen - schnell. -
    Joel wollte den sterbenden Vater nicht verlassen, aber krampfhaft
schleuderte ihn dieser von sich - das Gold allein - erhlt uns - in der
Menschenwste - fort, Joel! -
    Joel eilte in den Keller, fand das Kstchen und brachte es Manasse, der mit
brechenden Augen und schwer arbeitender Brust am Boden lag. Beim Anblick
desselben ffneten sich noch einmal die Augen weit, er griff danach und stie
noch folgende Worte schnell heraus: Ich habe edel sein wollen, sie haben mich
verachtet - ich habe mich um nichts mehr gekmmert als um das Geld, es ist das
beste, was wir haben, mehr' es, ach, Joel, mein Sohn! -
    Das Kstchen entfiel ihm, er griff mit den magern Hnden heftig nach dem
Gesichte seines Kindes und verschied.

    Tief im Hintergrunde des Gemtes lagen bereits diese Verwstungstage, als
Joel, ein wandernder Bandjude, und Valerius, ein Bauer im sdlichen Polen, ber
die Flche hinstrichen - es war ber einen Monat seit dem Falle Warschaus
vergangen, so langsam hatten sie laviert, um durch den herrschend gewordenen
Feind hindurchzukommen bis in die Nhe des Krakauschen Gebietes. Unterdessen war
die polnische Armee nach mancherlei strmischen Versuchen in der Wahl eines
neuen Generalissimus, in der Wahl eines neuen Feldzugsplanes an die Preuische
Grenze gedrngt worden, war dort bergetreten, hatte die Waffen niedergelegt,
war aufgelst; unterdessen war auch der rauhe Herbstwind ttig gewesen, das Laub
fing zeitig an von den Bumen zu fliegen, der Himmel ward grau und grauer. Die
beiden verwsteten Wanderer sprachen wenig oder nichts von den nchsten Dingen,
nur zuweilen, wenn sie ruhten und das kmmerliche Mahl aus dem Reisesacke sie
gestrkt hatte, sprachen sie, und dann wurden es stets allgemeine Beziehungen,
und es klang wie verlorenes Wort in eine Wste hinaus.
    In diesem sdlichen Teile des Landes fanden sie mitunter eine Laubholzung,
und an einem bleichen Nachmittage, als sie, eine solche verlassend, wieder ins
Freie traten, sahen sie am Horizonte Krakau, die alte ehrwrdige Polenstadt, die
Stadt des polnischen Gesanges und der Kirchen, vor sich mit den plumpen Trmen.
    Sie setzten sich unter einen Eichenbaum, der sprlich gegen den rauhen Wind
schtzte, und verzehrten ihr hartes Brot, zu dessen Wrze Joel einige Zwiebeln
hatte. Als das kmmerliche Mahl beendigt war, sahen sie noch lange schweigend in
die traurige Welt hinein; in kleiner Entfernung lagen mehrere tote Pferde
zerstreut umher - das Rozyckische Korps hatte sich hier noch lange gewehrt; ein
Mensch war nirgends zu sehen.
    Das Studium der Weltgeschichte, hub Valerius an, ist unser trauriger
Trost; jede neue Epoche findet eine neue Stellung zu ihr, eine neue Erklrung
derselben, und doch halten wir uns immer an diesen einzigen Trost, weil wir uns
immer erst beschwichtigt glauben, wenn die Dinge auf ein Gesetz gefhrt sind.
Menschen! auch unser Stolz ist ein mitleidig gewhrter Sonnenblick, damit wir
unsere Schwche vergessen. Vor kurzem war es unsere natrlichste geschichtliche
Forderung, da Polen bestehen msse, das Schicksal entscheidet anders, wir
erfinden ein anderes geordnetes Rsonnement, damit wir unter einem neuen
welthistorischen Gesetze doch den Anschein bewahren, als beherrschte unser Geist
die Welt. Menschen! Und wir sind einer wie der andere.
    Ich habe nun die Polen gesehen; sie sind wieder besiegt, und ich glaube
jetzt, sie werden nie siegen, sie werden zermalmt unter einer groen
historischen Kombination. Von Zeit zu Zeit wird die Welt verjngt durch frische,
von aller Kultur unberhrte Vlker. So kamen einst die Rmer gegen die Griechen
auf, die Germanen gegen die Rmer. Die asiatischen Slawen haben ihre Zeit noch
nicht gefunden, vielleicht finden sie selbige nie, sie scheinen unschpferisch,
in der Einzelheit unbegabt; vielleicht bilden sie doch einst ein neues groes
Element der Weltgeschichte. Aber ihre Vorposten sind sicher verloren, wie es
einst den Vandalen, den Alanen, selbst den Hauptstmmen der Goten ergangen ist:
der Wende, der Obotrite, Wilze, Leche ist frh zertreten worden, der Bhme und
Mhre ist langsam aufgezehrt in germanischem Wesen, der Pole ist tief angesteckt
von alt- und neueuropischen Verlangnissen, Ideenrichtungen, er will sogar
nichts Eigenes mehr als einen Namen, er verlangt halb franzsischen halb
sonstigen Zuschnitt; deshalb hat der Pole keine Zukunft, er unterliegt dem
eigentmlicheren Ruland. Findet dieser Reprsentant des mchtigsten Slawentums,
findet er Regenten, die ohne Rcksicht auf das alte Europa Ruland in ganz
eigener Nationalitt zu einer Gewalt aufbilden, so kann ein neues
welthistorisches Element entstehen, das bisheriges freilich zermalmen mte.
    Selbst ohne so groe Ausdehnung und Bedeutung kann Polen auf Jahrhunderte
als Polen verloren sein, und was jahrhundertelang sich verliert, das wird ein
anderes. Lasset singen: Jetzt ist Polen doch verloren!
    Wer sich tricht unterfngt, in Schnelligkeit die Weltgeschichte meistern
und ndern zu wollen, wie wir in den letzten Jahren als eine Kleinigkeit
versuchten, der beklage sich nicht, wenn er zugrunde geht. Handle, wer sich
berufen fhlt, aber keiner wage ins einzelne vorauszubestimmen, was werden soll;
wir kennen die Welt nur einen Schritt weit. Ich will in meine Heimat gehen, mir
eine Htte bauen, das Weite auch ferner betrachten, aber nur frs Nchste
wirken.
    Hofft ihr Juden nicht seit achtzehnhundert Jahren umsonst auf ein wieder
erwachend jdisch Reich, ist das nicht euer Hauptunglck? Warnet die Polen,
damit sie nicht mit ihrem starr erhaltenen Schmerze europische Juden werden?
Ihr wollt es heut noch nicht glauben, da ihr in einem neuen Umschwunge der Welt
verloren gegangen seid, und so seid ihr der ewige Jude geworden, der nicht
sterben kann und berall leidet. Gott bewahre dies Land vor einem ewigen Polen!
Wer nicht sterben kann, lebt auch nicht. Diese Welt kreist einmal nur zwischen
Leben und Sterben. Wie glcklich sind die Schotten in Englnder aufgegangen, wie
schwer wird den Irlndern der Tod, die schon lange Englnder sind, wie bedroht
jeder Ruck die Scheinpflanze Belgien, wie ringt Spanien in tausend Schmerzen,
weil die einzelnen Reiche nie sterben wollten!
    Wie sollen wir sterben, wir armen Juden! weiser Christ? sagte Joel.
    Wenn ihr den Buchstaben der Tradition aufgebt, aufgeklrte Juden werdet,
euch emanzipieren lat, so sterbt ihr, freilich langsam und schmerzhaft. Von
jetzt an, wo dieser Gedanke aufkommt, werden noch drei Generationen zuckend
leiden, wenn's in Stille fortgeht und nicht nach dem glubigen Unglauben
schlechter Christen eine ganz neue Offenbarung ber die Welt kommt. Gesteht's
nur, da ihr just darum so hartnckig seid, weil das Christentum aus euch
erwachsen ist, weil ihr die altklugen Vter bleiben, den berflgelnden Kindern
nicht weichen wollt; es gb' lang' keine Juden mehr, wre das Christentum
unabhngig vom Mosaismus entstanden.
    Vorderhand will ich schachern!
    Mit diesen Worten erhob sich Joel, und die beiden Wanderer schritten im
Winde, der immer mehr dunkle Abendwolken zusammenjagte, auf Krakau zu.


                                  Dritter Band

                                   Die Brger

                            1. Hippolyt an Valerius.

 Zu Pferde, Kind, zu Pferde, Kind,
 Lat uns die Welt durchreiten,
 Die Erde rennt so blitzgeschwind,
 Sie wird uns noch entgleiten.

Weit Du noch, mein Lieber, wie ich diesen Vers in die Luft hineinsang? Ich
wute selbst nicht, wo er herkam. Wenn man ein wenig poetisches Geschick hat, da
treten oft die verborgensten Gedanken des Innern pltzlich als kleine sangbare
Verse auf unsere Lippen. Das ist das Geheimnis der Poesie und der Welt, am Ende
wei kein Mensch, wie er zur sogenannten Wahrheit kommt, auch die Gedanken sind
Zuflle oder gttliche Ordnung. Es war damals ein schner, frischer
Sonnenmorgen, und wir ritten ber die taublitzende Flche hin, die Augen nach
den fernen, dampfenden Bergen richtend. In der Kraft unseren Jugend, in der
Frische des Morgens fhlten wir allen Reiz des Daseins, und schworen lustig
hinauf zum Himmel, da diese Welt zur Freude geschaffen sei, zum Tummelplatze
des kecken, mutigen Menschen, und da wir das beweisen wollten durch unser
frhliches Wanderleben bis zum lachenden, munteren Tode selbst. Das alte Europa,
das damals seine morsche Hlle kaum geschttelt hatte, wollten wir verjngen
helfen, wir jungen, romantischen Narren! Nun, Freund, wir leben doch fr etwas,
wenn wir auch den Schmetterling nicht mit drei schnen Worten aus der Puppe
locken; alles, was geschieht, ist interessant fr uns, wir sehen berall neue
Jugend sprossen. Wenn wir uns auch tausendfach irren, so leben' wir doch, das
heit, wir empfinden nach allen Richtungen unsre Existenz, wir haben Interessen,
und der Tod findet doch etwas an uns zu tten, der nchste Planet etwas
fortzusetzen. Unsre bermtigen Jugendplne, die Welt umzugestalten, haben wir
wohl zum Teil aufgegeben, wir sind erschrocken vor der Mannigfaltigkeit der
Welt, vor der Unerschpflichkeit ihrer Verhltnisse und Zustnde. Aber so
kleinmtig und verzagt wie Du, mein Freund, bin ich noch lange nicht. Pfui! was
war das fr ein mutloser Brief, den Du mir aus Warschau geschrieben! Kopf in die
Hhe! Vielleicht finden wir schon nach den nchsten Schritten das Absolute,
worin alle Schnheit und Herrlichkeit zusammengedrngt ist, das Zauberwort, das
alle Geheimnisse lst. Immer weiter im einmal begonnenen Laufe, La brausen,
Freund, la brausen, wir sind einmal auf dem Wege, und Kinder und Weiber kehren
um, wenn die Wetter losbrechen und alles strzt und fllt.
    Ja, es ist wahr, anders ist's gekommen mit der revolutionren Zeit, als wir
erwarteten, es hat manchmal das Ansehen, als trieben Kobolde ihr Spiel mit uns,
als sei das Neue schlechter als das Alte, der ppige Kaufmann mit dem Geldbeutel
in der Hand widerwrtiger als der alte Adelige mit dem Stammbaum; aber nur
weiter, Freund, weiter! Wenn der Gedanke, wenn die Theorie nicht mehr recht
behalten soll, dann mte ja die Vernnftigkeit der Erde und mit ihr die Erde
selbst zugrunde gehen. Der Gedanke ist ja der Geist Gottes.
    Ich habe Dir seit dem Sommer 30, seit Paris, nichts mehr ber mein Leben
geschrieben. Offen gestanden, Freund, jenes deutsche Mdchen, jene zauberische
Julia hat soviel von meiner ursprnglichen Kraft zerbrochen, da ich seit jener
Zeit nicht mehr gern von mir erzhle. Wir sind wie die Weiber: wir gestehen es
uns nicht gern, da wir lter und somit unmchtiger werden. Julia hat mir das
fabelhafte Vertrauen auf meine Kraft und Macht geraubt, und dadurch den Zauber
meiner Jugend erschttert. Sie war das erste Mdchen, das mir widerstand. In
jener Nacht, wo ich alles vergeblich aufgeboten hatte, um sie zu erweichen,
rannte ich wie toll durch die Straen von Paris, ich strzte mich in die Seine,
um meine Glut zu khlen, meine Eitelkeit und Zuversicht waren ins Herz
getroffen. Ich kenne den sentimentalen Liebesjammer nicht, den die Deutschen so
ausfhrlich beschreiben, und woraus sie eine Art von Poesie gemacht haben,
Wehmut und Trnen kamen mir also nicht zu Hilfe, um die wilde, unbefriedigte
Kraft in mir zu brechen, sie mute daher in sich selbst vertoben. O es war eine
grausame Wirtschaft!
    Als die Ruhe wiederkam und ich mich umsah, da graute mir vor diesem neuen
Wesen in Frankreich. Die Lge hatte den Kampfplatz behauptet, in lauter
Tuschungen lie sich das leichtsinnige, trichte Volk herumschaukeln, und es
schnitt mir durchs Herz, wenn ich den Jubel ansah, welchen sie beim Anblicke
ihres neuen Knigs erhoben. Dieser Brgerknig Ludwig Philipp ist der grte
Reprsentant unserer jetzigen Tage, Gott geb' es, nicht der neuen Zeit. Er ist
wirklich der Held einer Durchgangsepoche, welche die Winde beflgeln mgen, und
man darf ihm den Ruhm einer gewissen Gre nicht versagen. Er hat nicht nur das
alte Bourbonentum und alles, was um und dran war, bezwungen, nicht nur die
Jakobiner unterworfen, sondern allen Liberalismus bewltiget. Man kann ihn
Ludwig XIV. des neuen Jahrhunderts nennen: jener hat die Aristokratie gestrzt
und ward der Abgott des Adels, dieser hat die Demokratie unterdrckt und heit
der Brgerknig. Er besitzt alle Eigenschaften, die zu einem Helden dieser
neuesten Art ntig sind, er ist klug, sehr klug, und zwar beinahe so klug als
Talleyrand, denn er hat's lange nicht merken lassen, da er klug ist. Er
vermeidet ferner die Extreme, setzt Krieg oder Frieden nie auf eine Karte, und
wenn er's einmal ffentlich tun mu, so spielt er privatim eine ganz andere,
sichere Partie. Das Reprsentativsystem, das sonst den Knigen hinderlich war,
ist durch seine Klugheit fr ihn die bequemste Regierungsart geworden: ist die
ffentliche Partei im Nachteile, so tragen die Minister Schande und Verlust, der
Thron desavouiert sie und zeigt bescheiden, wie er bereits privatim viel
vorteilhaftere Dinge vorbereitet habe; siegt das Ministerium, so schliet er
sich emphatisch diesem Siege an, zuckt die Achseln zur Privatpartei und bedauert
gegen die fremden Gesandten, da ihm die Hnde gebunden seien. In der ersten
Hlfte des 18. Jahrhunderts regierten die Abenteurer aller Art mit kecken Lgen
und Intrigen einen groen Teil von Europa; an die Stelle jener berechnenden
Personen sind jetzt berechnete Begriffe getreten; man herrscht jetzt mit einer
gewissen Staatsalgebra, und in kurzer Zeit ist aller Fortschritt, den wir
erwarteten, auf ein paar Formeln gezogen, diese werden studiert, die neue
Wissenschaft ist fertig, ihr Ursprung und Beikram werden auf die Seite geworfen.
    Als der Adel gestrzt ward, kam der Despotismus an die Reihe, diesen
strzten die Jakobiner, die Jakobiner unterlagen den Soldaten, die Soldaten
berwltigte das Geld. Und das Geld herrscht heute noch, denn die Bildung, deren
Herrschaft wir zu befestigen glauben, steht im Solde des Geldes. Ludwig Philipp
ist auch der Knig des Geldes, und die Brse bedeutet jetzt Frankreichs
Generalstaaten. Was ist nun geblieben von der alten Poesie der Herrschaft? Etwa
die Tapferkeit? Allerdings ist eine gewisse Tapferkeit noch zu finden. Aber
diese Tapferkeit hat nichts von jener poetischen Eigenschaft, die wir so nennen,
sie ist die Tapferkeit des Kaufmannes, der sich fr seine besseren Warenballen
schlgt, der aber den Kampf aufgibt, wenn er bedenklich wird, um wenigstens
einen Teil jenes Vermgens zu retten. Es ist nichts mehr von dem ritterlichen
Elemente des Streites zu entdecken, nichts mehr von romantischen Fratzen jenes
Schlachtrufes: Sieg oder Tod, Knig oder nichts! nein, Alles oder doch etwas
heit die neue Parole.
    Diese Prosa beugt mich zu Boden. Die Poesie des Rittertums haben wir
gestrzt, und um die Poesie des Liberalismus sind wir vorlufig gebracht. Wird
die Zeit kommen und wann wird sie kommen, wo die Geldinteressen wieder die
zweite, untersttzende, nicht aber herrschende Stelle einnehmen werden?
Frankreich, als Flgelmann Europas, ist auch das Horoskop Europas. ber kurz
oder lang sinkt auch die englische Aristokratie unter den Zahlen der britischen
Kaufleute, und so geht's weiter. Oder ist nicht eigentlich jetzt schon das Geld
ein wesentliches Moment der englischen Lords? Besitz ist die Losung unserer
Tage, und die Kultur, wenn sie was gelten soll, mu sich ebenfalls danach
richten. Erfinde eine Poesie des Besitzes, oder wir gehen unter in dieser
breiten Prosa.
    Du hast recht, wenn Du mir Vorwrfe machst ber mein vlliges Stillschweigen
seit so langer Zeit, ich hatte aber auch recht. Ich fing an, einherzutappen,
statt einherzuschreiten durch die Welt. Soll ich meinen Freund mit herumzerren
in der trunkenen Bewegung?! Schon bin ich wieder fester, und da bin ich auch
wieder bei Dir. Wo Dich meine Briefe treffen werden - denn jetzt werd' ich Dir
fter schreiben - wei ich nicht; ich will sie alle nach Grnschlo schicken,
frher oder spter kommen sie Dir von dort sicher in die Hnde. Warum nicht nach
Warschau? Weil ich jeden Tag dachte, Warschau ist wieder russisch, und nun ist's
soweit, und Leopold sagt mir, Du seiest ber die Brcke, wer wei wohin; es ist
zuviel brutale Eitelkeit der Personen unter jenen Starosten, als da ihnen etwas
gelingen knnte, was sie gemeinschaftlich unternehmen.
    Warum ich nicht zu euch gekommen bin? Ich wei es selbst nicht. Ich habe die
Polen frher nicht leiden mgen, ich sah sie nur in der Fremde mit ihrem Stolze,
ihren Bedienten, ihrer abstoenden Nationalitt - diesen Krieg erwartete ich
nicht von ihnen. Und Du weit, ich handelte immer weniger nach allgemeinen
Begriffen, mehr nach besonderer Vorliebe, als Du, mein objektiver Freund. Du
schreibst von einer Goldrolle, die ich Dir mit meinem letzten kurzen Briefe nach
Warschau geschickt haben soll. Das ist ein Irrtum, mein Billett ging allein an
Dich.
    Nun will ich Dir erzhlen. Ich verlie Paris. Ungern, ja mit Schmerz schied
ich von den Franzosen. Sie sind und bleiben das liebenswrdigste Volk der Welt;
selbst ihre Irrtmer und die Tuschungen, welche sie erleiden, keimen aus ihrer
Liebenswrdigkeit. Eine gewisse Ritterlichkeit hat immer ihre Migriffe erzeugt,
auch die letzten. Wenn sie sich wie die Helden geschlagen hatten, dann verziehen
sie auch gromtig wie die Helden. Der ganze moderne Wirrwarr selbst mit
Berechnung und Geld wird von ihnen und durch ihre Lebhaftigkeit so bunt und
interessant ausgebildet, da er immer noch einen Schimmer von Poesie behlt. Ist
ihnen auch oft die Freiheit wieder entglitten, die Gleichheit haben sie aus
allen Strmen gerettet; der reiche Bankier und der rmste Journalist, einer
reprsentiert seinen Monsieur wie der andere; und das ist nicht etwa gesellige
Duldung mit allerlei Rckhaltsgedanken, wie man sie in den besten Gesellschaften
Deutschlands findet, nein, es ist eine Sache an sich, ein Absolutes. Jeder Mann
gilt fr einen Mann, und seine Worte werden nach ihrem absoluten Werte beachtet,
nicht nach Rcksichten. Das Geld ist mchtig, aber nicht allmchtig. Keime zu
allerlei neuen, lockenden Zustnden liegen berall am Tage, nirgends ist Tod und
Erstarrung.
    Ich wollte mir das neue Knigreich betrachten, das gegen alle diplomatische
Erwartung aus den Niederlanden aufgewachsen war. Diese wilde Pflanze Belgiens
hatte einen eigentmlichen Reiz fr mich. Den Polen verzeihen die rgsten
Stabilittsmnner in schwachen Stunden eine Revolution. Es ist Geschichte da,
sagen sie, nationales, tiefes Element. Aber was wollen diese Belgier, deren Name
so unbekannt und neu ist, wie die Namen Ligurien, Batavien und dergleichen, die
aus dem franzsischen Paroxismus der neunziger Jahre hervorwuchsen? Die Klagen
dieses Volkes ber Holland, fahren sie fort, sind nur Zeichen von eigensinnigem
bermut, das Ganze ist die frevelhafteste Revolution, die noch dagewesen ist.
    Gerade das interessierte mich. Ich glaubte eine mutwillige
Freiheitssympathie darin zu finden. Es ist kein ordinres, anstndiges Mdchen,
dachte ich, das mit gutem Rechte eine Ehe verweigert, sondern ein eigensinniges,
kaprizises, wildes Ding, das als selbstndiges Geschpf auch seine Launen
geltend machen will. Und Du weit ja, solche Mdchen sind mir immer die
interessantesten gewesen. Hier ist Natur, ppige Natur, Ursprngliches, dort
kaltes Produkt beschrnkter Erziehung.
    So ritt ich denn im Sptherbst ber die nrdlichen Flchen Frankreichs
dahin, immer hinab nach der Meeresniederung und sah mich an einem hellen Mittage
in den breiten, glnzenden Straen von Brssel. Eine vornehme, blendende Stadt!
Ich betrachtete mir lchelnd die Kanonenkugeln, die in dichten Scharen aus
manchen Husern guckten, unwillige Zeugen der lrmenden Septembertage und der
entschlossenen Hollnder, diese schimmernde Stadt um jeden Preis wieder zu
erobern. Ich brachte mein Pferd unter und eilte nach dem Park. Vielleicht war es
hier das erstemal, da ich den Kmpfen um Recht und Freiheit grollte, als ich so
manchen der schnen, stattlichen Bume, welche hier ihren majesttischen
Schatten ausbreiten, zerstrt, verstmmelt sah. Ein stolzer, ausgebildeter Baum
ist wie ein fertiger, abgerundeter Mensch, seine Verstmmelung erinnert an
Barbarei. Es war ein schner Tag, wie ihn die spte Jahreszeit in diesen
Gegenden bringt, und der Park war erfllt von Spazierenden zu Fu, zu Ro und zu
Wagen. Ein gewisser Freiheitsbermut lag auf vielen Gesichtern. Eine gelungene
Revolution macht stolzer als eine gewonnene Schlacht, man glaubt den eigenen
Schulmeister berwunden zu haben, und der dnkt uns bekanntlich immer gelehrter
und gewaltiger als alle anderen. Der Menschenschlag in dem neuen Belgien schien
mir brigens wirklich abgesondert und voll Eigentmlichkeit, und ich glaubte
eine Menge historischer Schattierungen herauszublicken: spanisches,
verschlossenes Feuer aus den Zeiten Philipps, franzsische Lebhaftigkeit,
nrdliches, behagliches, saftiges Fleisch, gemischte Charakterlosigkeit und was
man dergleichen mehr beim ersten Anblicke zusammenfaselt. Einen jungen Mann, der
neben zwei Damen hertnzelte, hatte ich mit eingerechnet, und je nher er
heranschritt, desto mehr beschftigte mich dies kleine, bewegliche franzsische
Gesicht mit schwarzen, krausen Haaren, die unter dem weien Hute hervorquollen,
mit schwarzen, unruhigen Augen - denke Dir, wie ich ber meine Klassifikationen
lachen mute, als ich in dem kleinen Mnnchen unsern Leopold erkannte. Er wurde
schneller mit mir fertig: mich sehen, an meinen Hals fliegen, tausend Fragen
ausstoen, mich den Damen vorstellen, war das Werk von zwei Minuten. Diese Damen
nun waren die Frau und Tochter eines reichen, vornehmen Advokaten, van Waelen.
Die Familie ist sehr angesehen, und rhmt sich, mit spanischen Granden vermischt
zu sein. Leopold hatte mich mit seiner schnellen Gewandtheit unter dem alten
spanischen Namen vorgestellt, den ich seit Jahren beinahe vergessen hatte. Der
gute Junge dachte nicht daran, wie dieser klangvolle Name ihm gefhrlich werden
knne. Er empfahl mich so vortrefflich bei dieser Familie, da ich in wenig
Tagen ein hochangesehener Hausfreund war. Frau van Waelen ist dreiig Jahre alt
und eine strotzende flamndische Schnheit von hohem, vollem Wuchse, feurigem
Auge, sie ist schweigsamen und dennoch innerlich lebhaften Temperamentes. Die
besten, ppigsten Formen fr einen Rubens, eine Frau fr Promenade, Haus und
Bett, wie sie ein Advokat nur wnschen kann. Stolz auf sich selbst, eitel auf
ihre Tochter, kommt sie in die wunderliche Verlegenheit, ob sie die nahenden
Liebhaber sich oder der Tochter wnschen soll. Denn Herr van Waelen ist ein
langer, trockener Gesell mit einem buschigen Backenbarte, seiner einzigen
Schnheit. Es war wirklich ein ganz neues Element, in dem ich mich beim
Eintritte in dies Haus bewegte. Denke Dir eine Wohnung, die uerlich
unscheinbar, verschlossen aussieht und von Jalousien versteckt wird, und Du
stehst mit mir vor van Waelens Hause. Ein blank schimmernder Klpfel hngt auf
der dunkeln, hell lackierten breiten Haustre. Man klopft, die Tre ffnet sich
durch einen Druck, der vom fernen Bedientenzimmer ausgeht, man tritt in einen
weiten Hausflur, alles ringsum, Treppen, Tren, Dielen, glnzt von Gltte und
Sauberkeit. Ein Besucher gleich mir, der mit der Lokalitt schon bekannt ist,
geht geradeaus, er wei, da die Treppen des Vorderhauses nur wenige Tage des
Jahres, nur bei groen Festen betreten werden; sie fhren zu den Prachtzimmern,
welche die Geschichte der Familie entfalten, Kunstarbeiten, die sich forterben,
wie Schlsser bei deutschen Ritterfamilien. Der Blick nach einem breiten,
viereckigen Hofe ist offen. Dieser ist mit Quadern gepflastert, ein offener
Saal, ein kleiner Markusplatz, auf den Seiten von den Flgeln des Hauptgebudes,
hinten vom eigentlichen Wohngebude begrenzt. Eine groe Glastre mit buntem
Glase fhrt in das letztere und zwar unmittelbar in den Salon, wo sich die
Familie gewhnlich aufhlt. Eine patriarchalische Stille ist ringsum ber alles
ausgegossen, der tiefste Familienfriede scheint auf dem Ganzen zu lagern, und
unsere strmischen Jugendgedanken kamen mir frivol vor, als ich das erstemal in
diese Rume trat. In dem Salon sitzt die Frau vom Hause mit ihrer Tochter. Sie
sind mit weiblicher Arbeit beschftigt und sprechen selten. Die Aussicht geht
auf den Garten, wo im Frhlinge die berhmten Tulpen der Niederlande blhen. Die
Mbel des Salons sind weniger modern als massiv und kostbar; dunkle, samtene
Tapeten bedecken die Wnde, schwere rotseidene Gardinen mit goldenen Troddeln
beschatten die Fenster, alles ist prchtig, gediegen, alles atmet vornehmes
Schweigen und Ruhe. Die Mutter empfngt den Besuch mit zurckhaltender,
wrdevoller Artigkeit, die Tochter errtet, denn ihre Haut ist so fein und
durchsichtig, da das Blut bei der geringsten Bewegung darauf sichtbar wird. Sie
ist fnfzehn Jahre alt und so gro wie die Mutter. Alle Formen sind bereits
schn und rund an ihr ausgebildet - ich wurde unterbrochen -

                            2. Hippolyt an Valerius.


Schreiben und sagen knnt ihr alles, aber ob ein einziges Wort von aller
Weisheit der Menschen wahr ist, das wei der Himmel. Wenn man einmal zu zweifeln
anfngt, so mu man alles bezweifeln. Du weit, es ist sonst nicht meine Sache,
skeptisch zu sein, aber wenn mir einmal solch eine Stunde kommt, dann ist alle
Welt fr mich fraglich. Lieber Gott, ist irgend ein Satz, eine Wahrheit in der
Welt, von welcher nicht auch das Gegenteil plausibel gemacht werden kann? Das
ist ein schrecklicher Triumph der Bildung, der immer wieder einmal deutlich
hervortritt, wenn ein Volk seine Vollendung erreicht zu haben glaubt, um ihm
begreiflich zu machen, die Welt sei mehr als unser Geist. In diesen letzten
Worten hast Du die Probe von diesem traurigen Exempel: vor ein paar Tagen
schrieb ich ganz anders, da war der Gedanke der Geist Gottes und das Ding hatte
auch seine Logik - ach, Sklaven, Sklaven, die wir sind in unsichtbaren Ketten,
gegen welche alles Toben und Wten vergeblich ist!
    Erinnerst Du Dich der Sophisten in Griechenland, welche die Schulweisheit so
vornehm wegwerfend anzusehen pflegt? Diese Leute sind ein entsetzliches
historisches Moment. Sie waren die Grnder der eigentlichen Bildung, sie wandten
die Philosophie auf alles an, sie emanzipierten das Denken fr den tglichen
Gebrauch - und sie waren wirklich der Grenzstein Griechenlands. Nicht da ich
die unhistorische Plumpheit nachsagen mchte, die Sophisten htten Griechenlands
Untergang herbeigefhrt. Sie produzierten nicht sowohl etwas, sondern, sie waren
ein Produkt. Der Kreis von Griechenlands lebendiger Entwickelung ward in ihnen
vollendet, wie die Zeit frhlicher Jugendjahre - die Jahreszeit und die
Weltgeschichte wartet nicht auf unsere Wnsche. Und, Freund, es will mich
manchmal bednken, als sei die Welt wieder auf solchem Punkte. Damals wurde das
Altertum geschlossen, jetzt geht das Mittelalter zu Ende, wenn es auch uerlich
schon mit Kaiser Max, Berlichingen und Sickingen gestorben ist. Weltperioden
sterben immer jahrhundertelang. Das Christentum, die Fahne der mittleren Zeit,
ist jetzt, wie damals die Weisheit der Alten, in Lebensgefahr, sein gttliches
Element der Humanitt ist in die allgemeine Kultur aufgenommen, wie in
Griechenland das Denkgesetz; nun beginnen die neuen, unzuberechnenden
Gestaltungen, und wir stehen mitten im Wirrwarr und unseren Hnden entschlpfen
die Urteile ber Dinge und Gedanken. Wir sind wieder bei dem traurigen Satze:
Sagen und schreiben knnt ihr alles, aber ob ein einziges Wort von aller
Weisheit der Menschen wahr ist, das wei der Himmel.
    Du hast mich nicht angesteckt, Freund, mit Deinen Warschauer Briefen. Jeder
denkende Mensch, der an den Parteiungen seiner Zeit lebhaften Anteil nimmt,
liest und denkt seinen Faust. Gott sei Dank, ich tue es selten, und bin hrteren
Stoffes denn Du. Rasches Wirken beschleunigt die Zustnde, je unsicherer man im
allgemeinen wird, desto krftiger mu man im besonderen, im Nchsten wirken,
nicht aber unschlssig stehen bleiben, wie es Dir am Ende begegnen wird. Das
nchste, klar ausgesprochene Ziel der Menschen ist die Freiheit; schaff sie
herbei, wir wollen sehen, was danach entsteht - schlag Du erst diese Welt in
Trmmer, die andere mag danach entstehen. -
    Leopold war's, der mich in der Beschreibung Margaretens, van Waelens schner
Tochter, strte. Du kannst ermessen, wie er nach gewhnlicher Manier nicht drei
Tage mit zwei schnen Weibern leben konnte, ohne der lteren zu sagen, sie sei
bezaubernd und die jngere, den Engel seines Lebens, um Herz und Hand zu bitten.
So wie er damals in aller Geschwindigkeit eine Prinzessin heiraten wollte, so
macht er's noch heut' mit jedem hbschen Mdchen. Es ist nicht etwa die Absicht
eines ungeschickten Rou, der unter der schtzenden gide einer baldigen
Hochzeit dreist seinen Liebeswnschen folgen zu knnen glaubt - Gott bewahre, es
ist Leopolds schnell erregtes, berwallendes Herz, es ist sein augenblicklicher,
vollkommener Ernst, und das Wunder ist gro, da ihn noch nirgends eine Schne
ebenso schnell beim Worte genommen hat. Er htte in den nchsten acht Tagen in
der Gte seines Herzens die zweite, in den nchsten vierzehn Tagen die dritte
geheiratet. Ich habe neuerdings den Jungen lieb gewonnen; Du erinnerst Dich, da
mir eine Zeitlang seine leichtsinnige Faselei, sein immerwhrendes Lgen vllig
zuwider war. Er ist eigentlich noch ganz derselbe, aber bei dieser platten,
alles berechnenden Zeit ist mir sein Leichtsinn eine Art von Poesie geworden:
der Junge bewegt sich fortwhrend in der Welt herum, als lebt' er noch zu Knig
Artus' Zeit; alle Begebenheiten seines tglichen Verkehres sind zwar in seinem
Munde nach den gewhnlichen Begriffen Lgen, wenigstens Unwahrheiten, aber sie
sind romantisch, sie beleben das tote Einerlei unseres geselligen Treibens. Und
mir tut solch ein verschollenes ritterliches Interesse manchmal so not, da ich
froh bin, mich Leopolds Tuschungen hingeben zu knnen. - Also, er sprang ins
Zimmer, whrend ich an Dich schrieb - Hippolyt, schrie er, spanisches Blut,
Enkel des Cid, es gibt romantische Geschfte, noch siegen die Kaufleute nicht
ber die alte herrliche Welt mit den bunten, unerwartet wechselnden
Erscheinungen. Hippolyt, die Liebe lt nicht alle Romantik untergehen. Tallon
will morgen Margareten entfhren - beim Hahn des skulap, beim Zauberer Merlin,
es ist kein Scherz, keine Posse, komm mit mir, Du sollst es selber hren. Du
weit, wir sind eingeladen, bermorgen frh Waelens nach dem Felde von Waterloo
zu begleiten, Tallon ist von der Partie, im Vorwerke la belle alliance wartet
der Wagen mit Napoleons sechs Rappen, die ihn damals nach Brssel zur Krnung
fhren sollten und welche jetzt Herrn Tallon mit der schnen Margarete nach
Valenciennes zur Hochzeit bringen sollen. Lache immer, aber setz Dir den Hut auf
und folge mir, Du sollst selber hren.
    Ich brauche nur ein paar Worte meiner abgebrochnen Schilderung zuzusetzen,
damit Du die Sache bersiehst. Leopold, der liebenswrdigste Begriff von Liebe,
fgte sich mit der rhrendsten Gutmtigkeit in die zweite Stellung, als er sah,
da ich ihn bei Margareten aus der ersten verdrngt hatte. Seine zarte, wenn
auch unermdliche Zudringlichkeit war dem Mdchen erwnscht gewesen, weil sie
den unangenehmen Bewerbungen eines Herrn Tallon in den Weg getreten war, den
Margareta nicht leiden mochte. Zudem mifllt der kleine Schelm niemals einem
Weibe. Dieser Tallon nun ist eine der rtselhaften Erscheinungen, wie sie seit
der Revolution hier in Belgien gar nicht selten sind. Man wei nicht genau, wo
er hergekommen, man wei nicht genau, was er ist, aber er zeigt sich berall als
einen entschlossenen Revolutionr, der furchtlos zu den gewagtesten Schritten
rt und bei der gefhrlichsten Gelegenheit vorangeht. Er ist von
auerordentlicher Bildung und Geschmeidigkeit, ein Mann von etwa dreiig Jahren,
mit einem ausdrucksvollen Gesichte und stechenden schwarzen Augen. Er hat sich,
wie gesagt, bei allen Vorfllen der Revolution tapfer und unerschrocken
bewiesen, er spielt die Rolle eines glnzenden Ehrenbrgers des neuen Staates,
Lebensart und Gewohnheiten bezeichnen ihn als einen reichen Mann.
    Natrlich war ein solcher Mann in Waelens Hause sehr willkommen. Herr van
Waelen gehrt als Advokat zu der abstrakten liberalen Partei, deren Ziel die
Republik ist. Der Anfhrer dieser Richtung ist de Potter. Diese Leute sind die
Protestanten der neuen ra; der bare, khle Rechtsverstand ist ihr Panier, die
Prosa ihre Gebieterin. Mit Herrn van Waelen ist Tallon vollkommen d'accord, wenn
sie nebeneinander im Salon auf und nieder gehen und Europa regieren und
einrichten. Mancher schnelle Seitenblick aber, den Tallon auf Frau van Waelen
wirft und welchen diese mit einem stolzen Lcheln beantwortet, unterrichtet den
aufmerksamen Zuschauer, da Tallons Glaubensbekenntnis mit diesen mageren Ideen
nicht erschpft ist. Frau van Waelen ist katholisch, ultramontan katholisch, sie
gehrt zur fanatischen Glaubenspartei, die sich mit den protestantischen
Republikanern zum Sturze der hollndischen Herrschaft verbunden hat. Ihr Held
ist der Erzbischof von Mecheln. In stillen Stunden mag Herr Tallon katholisch
revolutionr sein, die Revolution im allgemeinen ist das Geschft rhriger Leute
wie Tallon. Margarete liebt die orangegelben Westen, wenn man sie ber Politik
fragt, so ist sie fr ein selbstndiges Reich Belgien wie die anderen, aber
lchelnd meint sie, der Prinz von Oranien sitze gut zu Pferde, die alten
Bekanntschaften wrden nicht zerrissen, wenn er auf einen Thron zu Brssel
gesetzt wrde, und ein Hof wre doch notwendig, sonst wre Brssel nicht
Brssel, und die Kaufleute klagten abends zuviel in der Teestunde. Mit
Margareten lchelt Herr Tallon. Trgt mich nicht alles, so ist der Bursch ein
Italiener, obwohl er sich fr einen Franzosen ausgibt. Die Italiener waren immer
die Agenten der Weltgeschichte, wenn nicht im groen und ganzen, dann im kleinen
und einzelnen, Csar, der Papismus, Machiavell, die Bilder, die Opern, Napoleon,
alles das stammt von dorther.
    In dieser Familie siehst Du nun den grten Teil von Belgien, in Tallon
vielleicht einen Revolutionr von Profession oder Neigung; nous verrons. Kurz,
seine Heiratsbewerbungen sind bis jetzt an dem Mdchen gescheitert, das
revolutionre Interesse Belgiens nimmt ab, Tallon hat vielleicht also ohnehin
Lust, das Land zu verlassen, tiefe Leidenschaft liegt offenbar hinter diesen
schwarzen Augen, Leopolds Geschichte von Entfhrung ist nicht unmglich - ich
folgte dem Kleinen.
    Halt, sprach er unterwegs, tritt mit mir in diesen Laden, kauf uns zwei
Blusen, wir mssen echt belgisch aussehen, wenn wir was erfahren wollen.
    Ich tat dem Kleinen den Willen, wir warfen die blauen Hemden ber, und nun
fhrte er mich durch eine Menge Straen bis vor ein kleines Wirtshaus. Man hrte
schon von weitem den Lrm der Zecher. Dieses Hotel hie vor der Revolution Zum
guten Knig Wilhelm, als es aber in den Journalen Mode wurde, den guten Knig
Wilhelm nur Guillaume le bourreau zu nennen, da nderte der Wirt dieses Hotels
ebenfalls seine Devise. Das Schild ndern, oder gar ein neues machen zu lassen,
wre zu kostspielig gewesen, er strich also auf Autoritt der Journale das Wort
Knig aus und setzte das beliebt gewordne an die Stelle. So siehst Du denn jetzt
die mehr als wunderliche berschrift fr einen Gasthof Zum guten Henker
Wilhelm. Das Bild selbst ist dem Knstler von vornherein so vortrefflich
geraten, da es nicht der mindesten Abnderung bedurft hat - tritt herein, hier
findest Du die echtesten Wallonen, Flamlnder und Brabanonen, Du sollst kaum in
Deinem Leben mehr fluchen gehrt haben.
    Du darfst Dich nicht wundern, wie Leopold zu solchen Detail- und
Lokalkenntnissen gekommen ist. Da er mit seiner Beweglichkeit berall
herumschnffelt, weit Du ohnehin, und dann hat er whrend des
Revolutionskampfes als Arzt figuriert, und dieser Gasthof ist ein Hauptdepot
gewesen.
    Wir traten in eine niedrige Schenkstube, und setzten uns in den dunkelsten
Winkel. Der Wirt, dessen Wange und Backenbart von Fett und Wohlsein glnzte,
fragte nach unserm Begehr. Ach, sieh da, Herr Doktor, sprach er, an sein
Samtkppchen greifend, zu Leopold, das ist doch schn von Ihnen, da Sie auch
in langweiligen Friedenszeiten mein Haus nicht verschmhen, ich hab's wohl immer
gesagt: der Herr Doktor ist ein echter Volksfreund, er tut nicht apart und macht
sich mit jedermann gemein, ohne Unterschied - hab' ich recht, Herr Doktor?
    Ohne Unterschied, entgegnete Leopold, setzen Sie sich zu uns, Herr
Motten, helfen Sie uns eine Flasche feinen Roten ausstechen und erzhlen Sie uns
von Krieg und Frieden und wie teuer die Metze Hafer -
    Hehe! immer der alte Spavogel, wie in den munteren Septembertagen - he,
Charles, eine Rote hinten aus der Ecke im zweiten Keller! - Hol der Teufel die
Hollnder, mein Herr, Sie knnen glauben, unser kleiner Herr Doktor hier hat
manchen Wallonen zum Lachen gebracht, whrend er ihm den braunen Arm vom Leibe
schnitt, den sie drben im Park dem armen Jungen zerschossen hatten; immer hat
der kleine Doktor, - mit Permi, da ich mich so freundschaftlich ausdrcke -
immer hat er einen Spa bei der Hand; aber hier kommt der Rote!
    Whrend der Wirt einschenkte, machte mich Leopold auf zwei sonnverbrannte
Gesichter aufmerksam, die allein beim nchsten Tische saen. Das sind Tallons
Spitzbuben, horch auf sie, ich beschftige den Wirt, flsterte er mir zu.
    Die Burschen aber saen schweigend bei ihren Schnapsglsern und bliesen die
Rauchwolken aus den Tonstummeln, welche sie im Munde hielten. Ich hatte Zeit,
das ganze Terrain zu rekognoszieren, soweit es die Tabakswolken gestatteten. In
Belgien ist das Rauchen schon wieder viel allgemeiner als in Frankreich. Es
waren noch drei Tische besetzt, aber die Blusen machten alle Gestalten so
einfrmig und das Durcheinander von Dialekten verwirrte mich auf der andern
Seite so, da ich zu keiner klaren, gesonderten Vorstellung kommen konnte.
    Ein schwarzer Krauskopf, welcher eintrat, erregte die allgemeine
Aufmerksamkeit, alles rief und trank ihm zu, bon jour, Jacques! bon jour,
Jacques! scholl es von allen Seiten, und das allgemein werdende Gesprch ging
jetzt in ein rauhes, hart klingendes Provinzialfranzsisch ber. Nur der neu
angekommene Jacques sprach gelufig.
    Die Franzosen sollen leben! rief ein kleiner Blusenmann.
    Die Franzosen sollen leben, setzte ein anderer hinzu, solange sie Belgien
Belgien sein lassen und weiter nichts wollen.
    Jacques warf ihm einen unwilligen Blick zu und sagte: Waren die Franzosen
nicht immer gromtig? Ist das Land nicht weit genug von der Bidassoa bis an den
Rhein, brauchen die Franzosen mehr?
    's soll uns lieb sein, Jacques, erwiderte der Opponent lachend.
    Ihr seid ein mitrauisch Volk, sprach Jacques, wenn ihr ein Volk seid -
    Halloh! schrie aus einem Munde die ganze Stube, alles war aufgesprungen
und aus mancher Bluse sah man diese oder jene Waffe hervorblitzen. -
Unverschmter Franzose! brummte der Wirt.
    Jacques schlug ein Gelchter auf, griff nach seinem Glase, als ob ihn die
Drohungen, welche von allen Seiten auf ihn flogen, gar nicht kmmerten, und
rief: Messieurs, es leben die nrdlichen Italiener!
    Brummend setzte sich alles nieder. - Nrdliche Spanier sind wir, sprach
der Opponent, so wahr ich Juan Meravilla heie -
    Heilige Mutter Gottes, rief einer, das klingt spanisch.
    Was hat die heilige Mutter Gottes mit Belgien zu tun, erinnerte der
grere von den sonnverbrannten Burschen, zu denen sich Jacques gesetzt hatte,
die hilft heutzutage nicht mehr.
    Hr einmal, Highmans, dergleichen Anzglichkeiten auf unsere katholische
Religion verbitten wir uns, wir Spanier -
    Ach, du spanischer Schafskopf, bleib mit deinem dummen Zeuge zu Hause, um
eure Mutter Gottes kmmert sich heutigentags kein vernnftiger Mensch mehr, und
um eurer Pfaffen willen haben wir uns das Blut nicht abzapfen lassen im
September -
    Ein drohendes Murren erhob sich an mehreren Orten. Highmans ist ein Mensch
ohne Gewissen, murmelte Herr Motten, der Wirt, Ihr Wohlsein, Herr Doktor,
setzte er hinzu und leerte schlrfend sein volles Glas.
    Da seht Euch Vetter Motten an, rief Highmans, der wei seine Heiligen zu
behandeln, er trinkt ihnen ein Glas Rotwein nach dem andern zu, nicht wahr, du
Wirt zum Henker, das ist die beste Religion?
    Du bist ein gottloser Mensch, brummte Motten, wer einmal mit englischen
Matrosen verkehrt hat, der verlernt 's Beten und Singen -
    Aber 's Trinken lernt er, Motten zum Henker, und das mu deine Religion
sein, wenn du ein aufgeklrter Geist bist - drben in Luxemburg nennen sie's
Saufen, ein schnes Wort, beim lustigen Altenglend.
    Der Teufel hole Alt- und Neuengland! rief der spanische Belgier, sie
haben uns bei Waterloo die Hollnder gebracht, und -
    Du stockblinder Spanier, wie lange ist das her! unterbrach ihn Highmans,
weit du denn, wie weit 's bis Waterloo ist?
    Jener dachte nicht daran, da die Frage wrtlich gemeint sein knne, und
schwieg. Ich aber verwandte nicht Auge noch Ohr von Highmans, und es entging mir
nicht, als dieser leise, an Jacques sich wendend, die Frage wiederholte. Ich
bin nie drauen gewesen, setzte er hinzu, und habe bermorgen ein Geschft
da.
    Whrenddessen war der sogenannte Meravilla aufgestanden und dicht an mich
herangetreten, als nhme etwas in meiner Nhe seine Aufmerksamkeit in besonderen
Anspruch. Holla, schrie er pltzlich, ein Orangemann!
    Bei diesen Worten fuhr alles auf und strzte hinzu - Was? Wie? Nieder mit
den Orangisten!
    Ich, der ich nur auf Highmans geachtet hatte, wurde jetzt erst inne, da es
mir galt und da der spanische Belgier - die Hand nach mir ausstreckte. Ich warf
ihn unsanft zurck und fragte, was dem Narren einfiele?
    Nieder mit ihm, ihr Belgier, rief er zornig, hielt sich aber in einiger
Entfernung, unter der Bluse an der schwarzen Halsbinde trgt er eine
Orangeschleife!
    Ein wildes Geschrei erhob sich, und der ganze Haufe drngte auf mich ein.
Ich erinnerte mich, da mir Margarete den Tag vorher im Scherz eine solche
Schleife an das Halstuch gesteckt hatte, beim schnellen Ankleiden, als mich
Leopold drngte, war dies verrterische Parteizeichen vergessen worden.
    Herr Motten, der Wirt, erhob sich ebenfalls mit seinem feisten Leibe vom
Stuhle und sah mit unverkennbarer Angst in die Falten meiner Bluse hinein. Beim
glcklichen September, murmelte er ein Orangeband! Aber mein Herr Doktor, wie
knnen Sie in solcher Gesellschaft meinen wohl und patriotisch renommierten
Gasthof -
    Wirf doch den Lappen weg, flsterte Leopold und strte Herrn Motten in
seiner Rede. Der Haufe strzte aber schon wirklich auf das gelbe Band los. Du
weit indessen, da der Trger desselben zufllig ein Paar gesunde Fuste
besitzt; diese warfen denn auch die nchsten Strmer ohne weiteres zu Boden und
bewaffneten sich mit der halbleeren Weinflasche. Eine augenblickliche Pause trat
ein, und ich nahm das Wort folgendermaen: Meine Herren Belgier oder Spanier,
wie Sie sich nennen, ich bin kein Orangist; diese ihnen so verhate Schleife ist
sehr zufllig von einer schnen Dame an mein Halstuch befestigt worden, eine
sonstige Bedeutung hat sie fr mich nicht, und ich stnde keinen Augenblick an,
sie zu entfernen, htten Sie sich nicht in eine so drohende Stellung geworfen,
als sollt' ich dazu gezwungen werden. Das Haus Oranien ist mir sehr
gleichgltig, aber zwingen lass' ich mich auch nicht zur gleichgltigsten
Handlung. Setzen Sie sich ruhig an Ihre Pltze, dann will ich Ihren Wnschen
willfahren; dem ersten aber, der sich mir nhert, schlag' ich den Hirnschdel
ein.
    Herr Motten war der erste, welcher sich mit einem bedeutungsvollen
Seitenblicke entfernte; Herr Juan Meravilla fluchte bei den Heiligen und setzte
sich, und zu meiner eigenen Verwunderung taten die brigen ein Gleiches.
Jacques, Highmans und sein Nachbar hatten merkwrdigerweise gar keinen Anteil an
dem Vorfall genommen, sondern waren in leisem, eifrigem Gesprche begriffen. Es
war nicht ratsam, lnger zu weilen und auf dieses zu horchen, wir bezahlten
unsere Zeche an Charles und gingen. Herr Motten stand im Hausflur und schien auf
uns zu warten. Er machte eine schlaue Miene und schttelte einige Worte heraus,
die ungefhr andeuten mochten, er kenne den Lauf der Welt, und ein guter
Gastwirt sei ein unparteiischer Punkt, es ist nur wegen meines Schildes,
setzte er hinzu, da ich mich erkundige, ob wir eine nderung zu erwarten
haben. Denn sehen Sie, ich habe den Henker drauen nicht hingeschrieben, sondern
Highmans und der Spanier drin', aber mich wrde man beim Kopfe nehmen; wenn man
aber nur den rechten Augenblick wei, da geht das schon. Ich wei am besten, wie
die vornehmen Herren fr den Prinzen von Oranien sind, den Gott schtzen mge,
und Geld ist die Seele - vielleicht knnten Eure Herrlichkeit einem armen,
betriebsamen Brger einen Wink geben -
    Morgen mittag, Punkt zwlf Uhr, Herr Motten, sagte ich und ging, Leopold
mit fortziehend. Herr Motten stand noch mit abgezogenem Kppchen unter seinem
Henkerschilde, als wir schon weit fort waren. Die europische Politik mochte ihn
schwer beunruhigen.
    Ich hatte eigentlich nicht viel mehr erfahren, als Highmans Frage, wie weit
es bis Waterloo sei, welche mit Leopolds Aussage in einer Beziehung zu stehen
schien.
    Gegen die Teezeit ging ich nach Waelens Hause. Herr Tallon war mir bereits
zuvorgekommen, und das Gesprch wendete sich nach allen Seiten um die Partie
nach Waterloo, welche den Tag darauf veranstaltet werden sollte. Die politischen
Beziehungen lieen nicht auf sich warten, Herr van Waelen sprach vom Knige
Pharamund, dem Grnder des salischen Gesetzes, und den stolzen, gewaltigen
Chlodowigs und Chlotars, die alle in Belgien gesessen. Von hier aus, sprach er
mit Emphase, ist Frankreich erobert worden, Belgien ist der Ursitz der
Merowinger, bis heutigentags der Mittel-, Grenz- und Sammelpunkt der romanischen
und germanischen Vlker.
    Ich hatte mich still zwischen Frau und Frulein van Waelen eingeschoben,
lie die politisierenden Herren im Zimmer auf und ab gehen und sah bald in die
glnzend dunkelblauen Augen Margaretens, bald auf die weie, schne Hand der
Mutter. Es ist gar kein Wunder, da sich hier eine Malerschule ausgebildet hat:
mai findet nicht leicht anderswo ein lockenderes, schneres Fleisch, eine
lebhaftere Inkarnation, und auch das Fleisch hat seine Rechte, ja seine
Geheimnisse, es schafft die Form, es snftigt und hebt die Gedanken, es spiegelt
das Blut und Leben des Menschen - die asketischen Leute mssen alle plastische
Kunst verdammen, wenn sie konsequent sein wollen. Die Schnheit des Laokoon
beruht auf denselben Gesetzen wie die Schnheit der marmornen Venus. Gott soll
nun aber durchaus den schnen Leib dafr geschaffen haben, da er nicht gesehen
werde. Die protestantisch-christliche Gesittung hat doch recht viel hnliches
von einer Pensionsschulmeisterei, wo den Kindern gerade nur soviel frische Luft
gestattet wird, als sie zum kmmerlichen Leben durchaus ntig haben.
    Worin liegt es wohl, da ltere Frauenzimmer einen so groen Reiz fr
jngere Mnner haben? Die Tatsache ist nicht abzuleugnen, da die jungen
Burschen sich zumeist in die Frauen von dreiig Jahren verlieben. Da ihnen
solche weiter und behilflicher entgegenkommen als die blden Mdchen, lst das
Rtsel noch keineswegs. Es mu noch irgend ein Mysterium der Reife darunter
verborgen liegen. Ich gehre doch eigentlich nicht mehr zu den jungen Burschen,
und ich kann mich eines groen Interesses fr die schne Frau van Waelen nicht
erwehren, obwohl ich Margareten schner und liebenswrdiger finde. Dieses
wunderliche Verhltnis hat auch alle meine Bewerbungen gelhmt, die zweifellose
Einheit und Ganzheit meiner frheren Wnsche ist dadurch gelhmt, und sie war's,
welche mir immer die Kraft und Zuversicht des Gelingens einflte. Ich verliere
meinen Charakter in diesem Zustande und mit ihm mein Heil, denn dies beruht
immer in dem Gleichartigen zwischen unserem Charakter und der daraus flieenden
Handlung und Folge.
    Nur wenn ich mich recht gelutert und hoch gestimmt fhle, da siegt
Margaretens poetisches Jugendwesen vllig. Und so war's an jenem Abende.
    Du hast noch kein Bild von ihr, ich wurde damals in der Beschreibung
gestrt. Sie ist hoch und schlank - was knnte auch eine der gewhnlichen,
zusammengedrckten Figuren fr ein Interesse erregen! Der Wuchs ist die
Freiheit, ist die Idee des Krpers, er macht aus dem Leibe die schne Sule,
welche in weichen, runden Begrenzungen ringsum und aufwrts nach Luft und Himmel
strebt. Und nun sind alle Formen Margaretens, die Schultern, die Hften und was
sonst nach auen strebt, erst so fein, jugendlich, ich mchte sagen unschuldig
gerundet, es ist noch keine Spur zu sehen, da sie einst ebenso berreif, stark,
berfllt aussehen werden, wie dies leicht bei Weibern von ppiger Vegetation
eintritt; es ist ber das ganze Mdchen noch jener lockende Hhenduft des
Lebensmorgens ausgegossen, wie man ihn auf fernen, ersehnten Bergen liegen
sieht, da ich dies se Kind nur mit einer wohltuenden Sehnsucht erblicken
kann, mit einer Sehnsucht von so wunderlichem Gemisch, wie sie mir eigentlich
fremd ist. Von jenem keuschen, unschuldsvollen Elemente, das die Deutschen oft
im Munde fhren und das auch gewi nur echt germanisch ist, mag etwas dabei
sein; von meinen innigen, tiefen Liebesgedanken zu meinem gestorbenen Engel
Desdemona regt sich auch wohl etwas in mir, wenn mich Margareta mit ihren
dunkelblauen Augen vertrauensvoll anblickt. Aber es sind doch alles dies nur
Teile und Anfnge, das unwiderstehliche Etwas, welches keine Wahl mehr berlt,
jenes psychische Mysterium der Liebe fehlt noch. Und so ist es immer nur ein
beglckendes Wohlbehagen, das ich an der Seite des Mdchens empfinde, aber wenn
ich mich ihm eine Stunde hingebe, dann sehe ich recht, wie dem Kinde die Flgel
wachsen, und es wird das blaue Auge glnzender und Wort und Wesen khner, ich
bemerke ein Wetterleuchten an unserem Horizonte und ich glaube manchmal, ber
kurz oder lang ist das Gewitter da und der Blitzstrahl, dem nichts entrinnen
kann, fhrt hernieder. Ich habe soviel deutsche Gewohnheit bei Euch angenommen,
da ich diesen unbestimmten Dmmerzustand bereits liebe, wie wenig er auch sonst
zu meinem Wesen stimmt, das die Mittelzustnde gern berspringen mag. Es sind
kleine, niedrige Lehnsthle nach veralteter Form, welche im Salon benutzt
werden. Aber es sitzt sich deutsch behaglich auf den rotsamtenen Polstern, und
ich sa wie ein wohliger Glckspilz am Teetische zwischen den Frauen, lie
Leopold die Mutter unterhalten und erzhlte der Tochter Mrchen und Geschichten.
Wenn ich mich so recht stark und krftig fhle, so wild und katalonisch, wie
Du's manchmal nanntest, so da ich den Herrgott herausfordern mchte, die Erde
auf meine Hand zu legen, dann gebe ich dem dunkeln, ja dem farbigen Teint des
Weibes den Vorzug, dann erscheint mir das nrdlich-europische Wei schwchlich
und krankhaft, ich bilde mir ein, solch ein weies, blasses Geschpf hat keinen
Gegendruck, keinen Widerstand fr meine Kraft, es msse zerbrechen unter meinen
Armen. Aber jene braune, weltstrmende Kraft ist durch Juliens Widerstand
gebrochen, ich wei nicht, ob sie mir noch einmal in ihrer alten Macht und Flle
wieder kommen wird, und der elegische, weie Teint ist jetzt mchtig ber den
schwachen Hippolyt. Margaretens Haupt ist durchsichtig wie ein heiterer
Abendhimmel, ich sehe den kleinsten Gedanken in ihren Adern hpfen und dies
klare, griechische Antlitz liegt wie ein aufgeschlagenes Buch vor mir. Ihr Haar
ist - ja, wenn ich das einfache, platte Wort hinschreibe, so erschrickst Du und
die Illusion ist Dir zerstrt, die Leute haben sich eingebildet, rotes Haar sei
ein fr allemal garstig. Die guten Leute! Brandrotes, schattenloses Haar ist
allerdings widerwrtig, es verdet das Gesicht. Aber Margaretens Locken, dichte,
glnzende Locken, sind aus Gold- und Kastanienbraun so schimmernd gemischt, da
ich nie etwas Schneres gesehen zu haben glaube. Das farblose matte Blond ist
durch die Tiefe der Goldfarbe vllig vernichtet, und das Schattige des
Kastanienroten, die dunklen Augenbrauen heben das weieste Antlitz beraus. Es
bleibt ein merkwrdig Spiel der Natur, da sie das Temperament durch uere
Zeichen ankndigt: hinter solchem Haar mu ein heies Umarmungsfeuer lodern, ich
fhle so etwas von elektrischer Wirkung, wenn ich die weichen Finger dieses
Mdchens berhre.
    Ich sagte ihr mit halben Worten etwas davon, da Monsieur Tallon sie in
Waterloo entfhren wolle. Das Blut scho ihr ins Gesicht und verlie es
pltzlich wieder; sie sah mich mit einem herzdurchdringenden Blicke an, worin
allerlei Bitte lag.
    Monsieur Tallon aber hatte lngst ein Auge auf uns und ntigte mich durch
eine geschickte Wendung, an dem politischen Gesprche teilzunehmen.
    Du glaubst gar nicht, wie ich all die politischen Redensarten satt habe,
selbst wenn ich sie selber mache, selbst wenn ich sie Dir gegenber mache!
Wahrhaftig, aufrichtig zu sein ist doch ber die Maen schwer; es spricht ein
gelernter, gebildeter Mensch in uns, der wenigstens bei mir immer noch etwas
ganz anderes ist, als ich selber. Ganz eigentlich lebt ein so tiefer
bestialischer Drang in mir, der Dich entsetzen wrde, fnd' ich einmal die ganz
rcksichtslosen Worte dafr. Herrschen will ich, despotisch herrschen, das ist
alles, und ich verarge es keinem Staate, keinem Herrn, wenn er fr abstrakte
Forderungen auch nicht den kleinsten Zipfel seiner Macht hingibt, die Macht ist
alles, die Kraft, die Gewalt! Was Gesetz, was Regel! Wenn sie mir in den Weg
treten, so sind sie mir im Wege, und ich stoe sie beiseite. Ich lge mir und
lge Dir, wenn ich mich in Rsonnements ergehe, denn meiner eigentlichen Seele
sind sie alle fremd. Aber Ihr Prinzipienmenschen bildet und karrt, Leute meines
Schlages genieen, herrschen, leben oder die Kugel trifft sie.
    Warum, Frau van Waelen, sagte ich leise zu ihr, kmmern Sie sich um
Politik, die Sie mit Ihrer Schnheit, mit Ihrem Herzen Kummer und Leben bereiten
knnen? Erst wenn wir selbst unmchtig werden, fragen wir nach Parteien, eher
nicht; nur die Mittelmigkeit assoziiert sich, nur die Prosa; warum bleiben Sie
nicht allein? Ich bin auch allein.
    Holen Sie mich heute im Theater ab; den letzten Akt des Stckes liebe ich
nicht.
    Es ist ein prchtiger Anblick, diese hohe, volle Frau in den schwer seidenen
Gewndern; schweigend ruht die Schnheit ihres Antlitzes wie ein tiefer See, auf
dessen Grunde die bewegtesten Geheimnisse und Leidenschaften schlafen; zuweilen
tritt solch ein leiser Druck aus unbekannter Tiefe in das schwarze Auge der
schnen Frau van Waelen.
    Ich werde sie abholen.

    Natrlich war ich zeitig im Theater; sie sa in vollem Putze da, ich sollte
sie zu einer Soiree fahren, die sie heute abend noch besuchen wolle, eine
vornehme irische Familie, die tags darauf Brssel verlassen werde, empfange zum
letzten Male. Es sind interessante Katholiken, die mein Mann nicht kennt und
nicht goutiert - haben Sie Lust, vorgestellt zu sein, man wird Sie als ein
spanisches Kind willkommen heien, und die Leute halten die paar Monate, welche
sie hier zubringen, offenes Haus.
    Die Frau glich dem schnsten Rubensschen Bilde von einer spanischen Knigin,
das er malen konnte, und doch war der prchtige Nacken- und Schulterbau nicht so
feist fleischig, wie ihn Rubens leicht machte, und doch war der gesund und
krftig weie Teint dieser Fratz ebenso schn! Nicht das krankhafte Wei, das
man bleich nennen soll. Und wie ppig, warm und krftig war die Atmosphre des
Weibes!
    Ich drngte zur Abfahrt. Einen so vortrefflichen Bedienten wie jetzt habe
ich nie gehabt, die Italiener sind geborene Bediente und Kuppler. Nicht ein Wort
hatte ich ihm gesagt, als ich sie in meinen Wagen hob, und er lie durch alle
krummen Straen Brssels fahren, die er nur finden konnte, ehe wir zum Hotel der
Irlnder kamen.
    Frau van Waelen kam meiner strmischen Umarmung weniger strmisch, aber hei
und fest entgegen, wies indessen mein wildestes Drngen insoferne entschieden
ab, als sie mir verhie, schon morgen zum einsamsten Rendezvous ein Zimmer ihres
Hauses zu ffnen.
    Was interessierten mich die Irlnder und die katholischen Belgier, welche
diese Revolutionsspielerei eingeleitet haben! Meine Erwhlte war so auffallend
schn, da ich drngte und drngte, um nur wieder im Wagen zu sein und diesen
lockenden Leib zu kssen. Eine magere Brsselerin, die viel mehr Spitzen als
Reiz bei sich trug, tippte meiner Dame den Nacken an und belehrte sie lchelnd,
da an der Schultereinfassung hinten etwas zerrissen wre, ihre Kammerjungfer
msse sehr leidenschaftlich sein.
    Ja, Werteste, das ist sie, erwiderte lchelnd meine Dame, und wir gingen,
dem Zuschnitte der Gesellschaft nach, ungewhnlich frh; aber die Zeit war lang
bis zum andern Tage und mein Blut hei, und mein Giacomo kannte Brssel so gut,
da wir erst nach einer guten Stunde vor Waelens Hause ankamen.

    Morgen ist morgen, verstehst Du, nach Leopolds Rechnung; zwischen dem
bermorgen, wo sie nach Waterloo fahren, liegt also noch ein Tag und eine Nacht
- nun Adieu, der Schlaf soll mich suchen.

    Ich schreibe Dir weiter nach mehreren Tagen und zwar aus Ostende, angesichts
des Meeres. Hre, wie sich's begab.
    Als ich an jenem morgen zu Waelens kam, fand ich die schne Frau vom Hause
allein im Salon; es war ein sonniger Herbstnachmittag, Margareta war im Garten,
Herr van Waelen auf dem Kaffeehause. Sie winkte mir beredsam mit den groen
Augen, und wir stiegen die Treppe hinauf, gingen durch die prchtigen Gemcher
des Vorderhauses und rasteten in einem schnen Eckzimmer. Zwei groe, ppige
Gemlde der flamndischen Schule lachten von der silberwei tapezierten Wand,
der Sonnenschein blitzte nur in einzelnen Ritzen durch die geschlossenen grnen
Jalousien.
    Hier zeigte sie mir eine unbemerkbare Tapetentr, welche auf einen Korridor
des Nebenhauses fhrt, gab mir die ntigen Instruktionen und verhie mir zum
Abende den Schlssel, welcher das unbewohnte Nebenhaus und die Tre des
Korridors ffne. Wie einst die Burgherren zu ihren Schlssern, so haben heute
die lebelustigen Weiber verborgene Gnge und Tren.
    Sie war offenherzig und von reizender Innigkeit und vertraute mir unter
anderem, da Tallon frher umsonst lebhaft nach ihrer Gunst gestrebt, die
Domestiken bestochen, verfhrt, und das rgste getrieben habe. Ja, sie fhle
sich nicht ganz sicher, ob der abscheuliche Jakobiner nicht irgend was nheres
ahne von einem geheimen Zugange in diese Gemcher. Da seine Bewerbungen kein
Gehr erreicht, so habe sich der gemeine Mensch zu Margariten gewendet, ein
Greuel, sagte Frau van Waelen, der mein Innerstes emprt; ich htte den
Menschen lngst aus dem Hause gejagt, nhme er nicht mein Mann mit seiner
jammervollen Politik ein so fanatisches Interesse an ihm, aber ich werde eher
das uerste tun, ehe ein Mann meine Tochter berhrt, dessen Auge erst
wohlgefllig auf mir geweilt und gewnscht hat. Wenn ich Waelen betrge, einen
den, klglichen Mann, so vergibt mir's mein Beichtvater, aber weder dieser noch
mein Herz vergeben mir jene frevelhafte Verbindung.
    Ich hielt es nicht fr gut, sie durch Mitteilung des Verdachtes ber die
Waterloo-Partie zu beunruhigen und war mir gengender Kraft bewut, solch ein
abenteuerlich Unternehmen zu zersprengen.
    Ich kam des Abends wieder, fand die Familie, Leopold und Tallon im Saale und
suchte emsig ein halbes tte--tte mit Frau van Waelen, damit ich die Schlssel
erhielte. Sie schien mir unruhig, und zu meinem Erstaunen wagte Tallon die
wunderlichsten Sticheleien, als ob er die gestrige Spitzendame gesprochen und
meinen Giacomo ausspioniert habe. Man mu so borniert fr nichts Interesse haben
als fr politisches Gewsch, wie dieser Waelen, um so unberhrt zu bleiben, wie
er bleibt.
    Endlich konnte mir Frau van Waelen zuflstern, wir knnten uns nicht sehen,
die Schlssel seien spurlos fort, sie argwhne alles gegen diesen Tallon, der
aus dem Wege gerumt werden msse.
    Wie ein ruhiger feuerspeiender Berg, in dessen Innerem ungesehen fulminante
Ausbrche bereit liegen, erschien mir die Frau.
    Am andern Morgen bewaffnete ich Giacomo tchtig, der sich so ungeschickt
anstellte, da eine halbe Stunde Zeit darber vertrdelt wurde, nahm einen
handfesten Kutscher und fuhr mit Leopold nach der Hgellehne von Waterloo
hinaus. Waelens und Tallon waren schon da, wir sahen sie aus der Ferne auf dem
Hgel stehen und - zwei Kerle sprangen aus dem nahen Gehlze, hoben blitzschnell
Margarita in den Wagen, warfen den Kutscher vom Bocke und sprangen auf den Bock,
Tallon machte einige Grimassen mit Armen und Beinen, sprang ebenfalls nach, die
Peitsche flog, der Wagen verschwand, und als wir im Karriere oben ankamen, flog
er schon weit in der Ebene dahin.
    Frau van Waelen schrie mir wie eine Furie entgegen: Retten Sie mein Kind!
Herr van Waelen schnupfte und schimpfte auf die Straenpolizei.
    Ich befahl meinem Kutscher, im Karriere nachzujagen, er weigerte sich, ich
warf ihn Waelens Kutscher nach und jagte selbst die Pferde; durch ein unntzes,
unpassendes Zugreifen Giacomos in die Zgel wurden die Pferde pltzlich falsch
gewendet, der Wagen strzte, die Tiere gingen durch, was wei ich! Auf diese
Weise kam ich um die direkte Verfolgung, mute mhsam ein Stdtchen und eine
Post suchen, und so hatte der Schurke weiten Vorsprung; ich fuhr lange in der
Irre herum, bis mich neue Anzeichen nach Ostende fhrten. Nach der Kste zu
schien der Ruber seine Beute gebracht zu haben, und es kam mir nun schon die
lebhafte Besorgnis, er mchte bereits eingeschifft sein.
    Du glaubst brigens nicht, welch eine reizende Figur bei dem allem die
geraubte Margarita spielte in meiner Phantasie - das schlanke, noch so
mdchenhafte Geschpf, welch eine ursprngliche Tragik mute sich ausdrcken auf
diesem zarten, ausdrucksvollen Gesichte, wenn sie gegen die Brutalitt eines
verhaten Entfhrers in Kampf und Struben geriet!
    Das erste, was mir in Ostende aufstie, war - ich traute meinen Augen nicht
und schlug mir die Tuschung aus dem Sinne - es war Giacomo! Eine solche
Erscheinung huschte im Gedrnge des Hafendammes an mir vorber wie ein Schatten,
ich griff danach, aber sie war auch im lichtlosen Gewhle der Menge wie ein
Schatten verwischt.
    In den Gasthfen, bei allen abgehenden Schiffen erkundigte ich mich umsonst;
kindisch, da ich mich nie in meinem Leben an die Polizei wenden mag - Du hast
gewi recht, da sie ein heilsam, notwendig Institut ist, so wie die Welt eben
steht und liegt; mir widerstrebt aber jedes Institut, das blo da ist, den
natrlichen, ursprnglichen uerungen der Menschheit aufzupassen, die
immerwhrende, lebendige Erinnerung, da wir nur nach dem Schema leben sollen -
lassen wir's, ich bin ein wilder Mensch und Du ein zivilisierter, wir vereinigen
uns nicht darber; kurz, ich fragte nicht und entschlo mich, nach London zu
gehen. Das Meer ist weit, solch eine Einschiffung kann einem leicht entgehen,
der Abenteurer hielt sich auch gewi nicht so lange in dem Staate auf, wo er den
Gesetzen so sicher entgegengetreten war.
    Es war ein nebeliger Morgen, als ich nach dem Schiffe ging, man sah nicht
drei Schritte vor sich, da eilt ein Mann in derselben Richtung nach dem Hafen an
mir vorber; der Matrose, welcher meine Habseligkeiten trgt, ruft, ich wei
nicht warum, etwas aus, das ungefhr wie Vorgesehen! oder Attention! klingen
mochte, jener Mann wendet sich um, wir sehen uns, ich schreie auf und strze
nach ihm hin, er wendet sich blitzschnell und geruschlos wie eine Schlange
seitwrts und verschwindet im Nebel, ich hinterdrein, bald hier, bald da werde
ich seiner einen Moment ansichtig, aber nimmer lebhaft, da die Finsternis ihn
stets mit wenig Schritten seitwrts meinen Blicken entzieht. Pltzlich, als ich
ihn wohl zum fnften Male wieder vor Augen bekomme, steht er, ich jage gegen ihn
los, er streckt mir ein Pistol entgegen und sagt atemlos, was wei ich! denn ich
beachtete es nicht und griff danach, der Schu blitzt und knallt vor meinem
Gesicht, ich fhle einen Ruck im Arme, seine Kehle ruht aber bereits in meiner
andern Hand. Wir waren an eine kleine, abgelegene Strandhhe geraten, seitab vom
Hafen, das Meer rauschte einen Schritt hinter meinem Feinde - Sag im
Augenblicke, wo ist Margarita, oder ich schleudere dich ins Meer! damit hielt
ich ihn bereits halb bergebeugt nach hinten. Er rchelte und winkte, wie
bereitwillig mit dem Kopfe, meine Faust lie kein Sprechen zu, ich lftete sie
ein wenig und er bekannte eiligst das Verlangte. In diesem Augenblicke fhlte
ich mich von hinten ergriffen, mein rasches Gegenwirken warf Tallon ins Meer;
der neue Gegner war Giacomo, ein Schuft, der mich also immer betrogen hatte.
Der, wie ich spter bemerkte, getroffene linke Arm versagte mir seinen Dienst,
und ich hatte auf Tod und Leben zu ringen, damit ich mich des geschmeidigen
Burschen erwehrte, ihn auf die Meerseite drngen und hinabdrcken konnte. Er
klammerte sich aber so fest, da ich das Gleichgewicht verlor und mit
hinabstrzte.
    Die kalte Woge verschlang und bedeckte uns; hier unter der Wasserdecke mute
ich mich noch zu ein paar verzweifelten Sten aufraffen, um mich der stets noch
festhaltenden Klaue des ergrimmten Italieners zu erwehren. Der Strom ri uns nun
auseinander, ich kam an die Luft und wute nicht, wo Ksten-, wo Meerseite war,
da der Nebel nichts sehen lie; aber die landwrtskommende Welle warf mich, den
mit einem Arm Rudernden, glcklich an den Strand. Wie es den Schuften ergangen
ist, wei ich nicht, ich blickte nicht um, sondern strzte fort, um Margaritens
Versteck zu suchen; der Meeresfrost schttelte mich, warm quoll das Blut aus der
Armwunde.
    Ein anstndiger Mensch mute sich erst umkleiden, den Chirurgus rufen und
nach dem Mantelsacke sehen, welchen der Matrose geschleppt hatte; unterdes wre
eine der Ratten wieder ans Land gekrochen und htte Margariten beiseite
gebracht.
    Sie empfing mich mit einer Freude ber mein Erscheinen, als ob des Menschen
guter Engel pltzlich in die Hlle trte und Himmelsluft und Himmelsglck statt
der Verdammnis bte, und mit einem Weh ber die Wunde und das Fieber, welches
mich befiel, als ob die Sonne nicht mehr aufgehen wollte.
    Vergib, ich referiere nicht ganz passend, weil ich momentan in der tollsten
Lustigkeit zu Paris sitze und eben aus St. Plagie komme, wo Leopold der Holde
wegen bermiger Schulden weilt und eben mit den geistreichsten Schuldenmachern
Frankreichs eine Konferenz hielt, wie die Schulden, dieses Negative der Welt, in
das Positive, aus der Gefangenschaft in die Herrschaft umzuwandeln seien. Es
kamen ausgelassen geistreiche Dinge vor - man ist sehr munter in St. Plagie -
und ich bin von tollen Einfllen vllig turbiert. So will ich einen Preis
aussetzen, wie man der Sonne einen Flanellmantel umschlgt, damit sie nicht so
dreist und ohne weiteres auf die jetzt so rcksichtsvolle Erde falle.
    Aber ich fasse mich. Wie wunderbar gestaltete sich das alles in Ostende! Ein
flchtig wildes Fieber warf mich, Margarita pflegte mein und stand in lodernder
Liebe, ich wei nicht, weil ich ihr Retter war oder um was sonst. Und wie
duftend und ppig entfaltete sich diese Knospe! Aber was ich nicht suche,
verlange, erkmpfe, was sich mir als unbegehrtes Geschenk in den Scho wirft,
das ist nichts fr mich.
    Ich sagte, wir wollten nach Brssel - da schrie sie auf und wehrte ab, und
umklammerte meine Schultern und flsterte: Die Mutter wrde mir mein Glck
nicht gnnen.
    Aber was sollte ich auf die Lnge in Ostende? Ich bestellte uns Pltze auf
einem Fahrzeuge und sagte ihr, wir wollten in die weite Welt - bald trug uns das
Meer, das Meer, das ich allein seit meiner Jugend unverndert liebe. Es war ein
schlankes, freies Schiff, das mit Wind und Wellen krftig rang - ich hasse die
Dampfschiffe, diese knstliche Vermittlung des Menschen mit dem Elemente, diese
reprsentative Schiffahrt, wo das freie, krftige, gefhrliche Ineinander des
Menschen und des Meeres gestrt ist.
    Ich hatte den Verdacht, in einer Spelunke des Schiffes Giacomo gesehen zu
haben, nur er hatte solche dolchartige neapolitanische Augen - eines Nachts
stieg ich auf das Verdeck, der Mond schien hell, das Meer ging hoch und
schumend, von einem frechen Nachtwinde getrieben, der aus Osten kam und uns
nicht an die Kste lie. Am Bord sa eine dunkle Gestalt, ich sah, da sie
zusammenfuhr, da ich mich nahte, - es war Giacomo.
    Ich trat ihm ruhig nahe, fragte ihn nach Tallon und ob er auch entkommen sei
aus jenem Bade. Giacomo wute es nicht; Hin- und Herfragen belehrte mich, da
jener Tallon ein Bruder Giacomos, ein Neapolitaner und wirklich ein
Revolutionsabenteurer sei. brigens log Giacomo wie immer; von jener Schuwunde
ist mein Arm gelhmt, und diese mir ungewohnte Schwche mag wohl etwas dazu
beitragen, da ich mich feindseliger gegen die Welt fhle, als sonst. Ich fate
den Schurken, eh' er sich dessen versah, bei Schulter und Hfte und schleuderte
ihn ins Meer. Wind und Wellen rauschten hoch, sonst war nichts zu vernehmen. -
    Wir kamen abends in Brssel an, ohne da Margarita gewut htte, wo sie sei;
ich lie beim Hause ihres Vaters vorfahren, und eh' sie zu einer rechten
uerung kommen konnte, standen wir im Salon vor Herr und Frau van Waelen.
    Du verrtst mich, Hippolyt, rief sie und sank in Ohnmacht.
    Aber so etwas, wie das Antlitz der Frau van Waelen und deren Gebrde habe
ich niemals gesehen; ich glaube, es ist das erste gewesen, wovor ich in meinem
Leben wirklich erschrocken bin. Die unglcklichen Worte Margaritas mochten ihr
eine Geschichte erzhlt haben. - Mann, schrie sie mir entgegen und streckte
die Arme nach mir aus, wie eine Furie, die mich zerfleischen wollte, Mann, du
bringst den Greuel ber unsere Familie! - Herr van Waelen eilte, die
Schnupftabakdose in der Hand, zwischen uns, sie schleuderte ihn zur Seite und
ich entwich.
    Ich bin zum ersten Male entflohen, aber vor einem tollen Weibe. Zufllig,
weil die Wogen just hierher trieben, bin ich wieder nach Paris gekommen; hier
fand ich Leopold, der sich aus der umgestrzten Kutsche hierher bewegt und hier
lustig gelebt hatte. Ach, ist das eine Welt, die es einem so schwer macht,
lustig zu leben!

                            3. Valerius an Hippolyt.


Gott wei, ob Du jemals diese Zeilen erhltst, Gott wei, ob Du sie lesen
kannst! Ich kritzle sie mit einem Bleistifte auf kleine Papierstckchen, die ich
durch den Zufall mitunter bekomme und die zum Teile ganz schmutzig sind - ich
bin im Gefngnisse, und da ich endlich soviel erreicht habe, heimlich des Tages
einige Zeilen aufzuschreiben, ist ein berschwenglicher Vorteil. Lange Wochen,
lange Monde sind ohne ihn vorbergezogen, langsam, langsam, ach wie bleiche,
ausgehungerte Wesen, Freund, wie habe ich gelitten, wie leide ich! Was htte ich
darum gegeben, tags nur einen kleinen Gedanken aufschreiben zu drfen, der sich
aus der Gedankenqual, die sich unerlst, furienartig in dem Verstoenen
herumzauset, allen brigen vordrngt. Wenn man nichts loswerden kann aus dem
Inneren, dann steht sich Geist und Gedchtnis ab wie Wasser, das nicht bewegt
wird, entweder das Gesetz und die Ordnung hren auf, und der regellose Wahnsinn
erlst, oder man verfllt in eine dumpfe Schwche, welche der kleinsten
Geistesoperation nicht mehr gewachsen ist. -

    Das Blatt war zu Ende, und ich habe lange kein neues ergattern knnen; heute
war an einem Eierkuchen, den ich zum Mittagessen erhielt, ein Stckchen Papier
angebacken, das benutze ich trotz seiner Fettigkeit. Ich fhle es, wie aus
weiter Ferne, es wre mir viel wohlttiger, wenn ich Dir in einer gewissen
Ordnung erzhlte, aber die Kraft dazu gebricht; in gezwungenem Nichtstun, in dem
ewigen machtlosen Denken, auf welches ich angewiesen war, ist all solche Strenge
der Darstellung verloren gegangen, ich tappe und greife bald hierhin, greife
bald dahin. Niemals kann ich schildern, was ich gelitten und leide: diese
schweren Innerlichkeiten sehen so unbedeutend aus, wenn ich sie mit einem Worte
bekleide, jedes Wort ist schon zu kurz, zu frivol dafr, sie sind viel zarter
als Worte; vielleicht knnte sie nur Musik wiedergeben, jedenfalls wird nur
Liebe sie ahnen und verstehen. Und dann: die Bezeichnung verschwindet mir unter
den Hnden, weil mein Gedchtnis die Spannkraft verliert und die Einfrmigkeit
doch immer wieder neue Nuancen des Schmerzes entwickelt, und man nun bestrebt
ist, dies alles zusammenzudrngen; knnte man's, die ganze Menschheit mte von
einem elektrischen Schlage des Wehs betroffen werden; es gibt unbeschreiblich
Leid in der Welt, das Gefngnis ist ein solches. Ach, das Papier ist aus, ich
sehe kaum, was ich geschrieben, und die Freude war so kurz!

    Es ist doch schon ein Zweck, fr den ich jetzt lebe, seit ich das kleine,
kleine, ach so vortreffliche Stckchen Bleistift gefunden in einer kleinen
Uhrtasche der Beinkleider, die ich niemals benutzt oder beachtet hatte. Es ist
doch ein Geschft, wenn auch nur von zehn Minuten. Denke Dir das Entsetzliche,
wenn ich frh erwache, das kleine, dstere Gemach wiedersehe, das ich im Schlafe
vergessen habe und mit Entsetzen wieder daran erinnert werde, da mein Leben
beendigt ist auf eine so trostlose Art! Wir haben geklagt, wenn's keinen Reiz
gab; ach Freund, was ist's erst, wenn's gar kein Geschft gibt! Sobald ich
aufgestanden bin, mich angekleidet und mein krglich Frhstck verzehrt habe,
dann bin ich fertig, nun liegt der lange, de Tag vor mir, grau wie die
Unterwelt der Alten; ich habe kein Buch, ich hre nichts, ich sehe nichts, es
ist mir keine Ttigkeit brig, als in dem kleinen Raume herumzugehen, die
Gedanken schweifen zu lassen, bis sie schwindlig werden gleich meinem Kopfe,
ruckweis kommen und gehen, atemlos am Ende die Dienste versagen. Gegen zwlf,
oft lange vor zwlf bringt der Wrter das Mittagbrot; das ist doch eine
Unterbrechung, die magere Speise ist doch ein Gegebenes, woran der Gedanke sich
wieder aufrichtet, ich mchte langsam darber wenigstens eine halbe Stunde
hinziehen, wenn auch die eigentliche Mahlzeit in zehn Minuten verzehrt sein
kann, aber der Wrter gestattet eine solche Ausdehnung nicht, er hat noch
dreiig andere zu fttern und Geschirr und Besteck mssen gleich wieder fort,
damit ich keinen Mibrauch damit treibe. Die Tre rasselt zu, es ist zwlf,
sieben Stunden breiten sich vor mir aus, sie wollen durchgebracht sein, dann
kommt ebenso flchtig das bichen Abendessen; dann sind neue Gedanken zu suchen
fr den Abend, ehe der Schlaf zu finden ist, welcher dem Gefangenen ohne
Bewegung und Luft so trge sich nhert, so unmutig! Und das ist nur ein Tag und
so reiht sich ausdruckslos einer an den andern, bis man eben verrckt wird von
den unbeschftigten Gedanken oder starr sich wie das Tier der Wste in den
Winkel hockt.

    Knnt' ich Dir nur folgerecht erzhlen, das wrde mir ntzlich sein; es
drngt und bumt sich von Gedanken alles so durcheinander, da ich nicht wei,
wonach ich greifen soll, und ich zittere, da man meinen Bleistift oder die
beschriebenen Papierstckchen entdeckt und ich wieder in die alte Wste geworfen
werde. Wenn die Wache auf dem Korridore einen unregelmigen Schritt macht, so
fahre ich zusammen, ich denke, man sieht es meiner Tasche an, da verbotenes
Papier darin steckt, und es treibt mich ein halber Wahnsinn, dem Wrter zu
sagen, wenn er mich ansieht, unaufgefordert zu sagen: Denken Sie nicht etwa,
da ich hier rechts in der Tasche Papierstckchen und einen Bleistift habe! -
So nerven- und geistesschwach wird man; man wei es noch eine Zeitlang, man
sieht sich bei lebendigem Leibe sterben. Ich denke an alle die
heruntergekommenen Leute meiner Bekanntschaft, es fiel eins nach dem andern von
ihnen ab, der Besitz, der Umgang, die Kleidung, sie wollten doch noch auf
Augenblicke leben, sie tranken oder sie stahlen gar und taten noch Schlimmeres
und endeten klglich, und die Welt hhnte darber und verdammte sie
rcksichtslos. Ich tat es nie, und jetzt im Elende fhle ich, wie nahe
beieinander die guten und die schlechten Taten ruhen, so nahe wie die
glcklichen und unglcklichen Geschicke; ein kleiner Mangel fhrt zum nchsten
groen, man greift nach der nchsten Rettung, Geist und Nerve wird schwach und
verwirrt, Wahl hrt vllig auf, der Zufall wei, was daraus werden mag, und die
Menschen verurteilen! - Ach, mein Raum ist wieder aus, ich bin wieder wer wei
wohin geraten. -

    Mit peinlicher Mhe habe ich mir tagelang vorgesagt, was ich damals noch
dazu schreiben wollte, als der Papierfetzen zu Ende war, und ich habe lange
keinen erreichen knnen; solch ein halb brig bleibender Gedanke qult und
martert, er will entweichen, weil er nur ein Halbes ist, mein Gedchtnis wird
ohnedies tglich schwcher. Es war dies: in einiger Entfernung von meinem Kerker
hre ich zuweilen Ketten rasseln, ich denke, es mag ein Bsewicht sein, und ich
fhl's an meiner Schwche, da ich ja auch gar nicht sicher bin, ein solcher zu
werden. O, was ist der Mensch! - Und zu einem Erzhlen komme ich immer nicht,
und mein Klagen darber fllt den sprlichen Papierraum nutzlos. Nun, ich will
meine gefangenen Ideen noch spezieller einzufangen suchen fr die Darstellung,
diese notwendige Ordnung wird mir doch ein Geschft sein und als solches, ach,
wie willkommen! Heute habe ich nur ein Papierstreifchen, das ums Licht gewickelt
war, und mu schlieen.

    Triumph! Der Wrter hat mir ein altes, schlechtes Buch geliehen, darin ist
vom Okulieren der Bume, von Vertreibung der Hhnerwurzeln, vom Gelbmachen der
Butter und solchen Dingen die Rede; aber es ist etwas Lesbares, etwas auer mir,
was zu Hilfe kommt, ich habe einen Trost, eine Hoffnung, wenn mir die Gedanken
ausgehen; ich klettere dann hinauf zu dem kleinen Fensterchen, welches durch
Eisenstbe und eine Blechblende von der Auenwelt abscheidet und nur ein
schmales Stckchen Himmel oben hereinlt, dort lese ich ber das Buttermachen,
und lese jede Zeile zweimal, dreimal, um recht lange Zeit ber dem Buche
hinzubringen. Wie berauschend scheint mir der Traum, solch ein Gartenknecht
werden zu knnen, der graben und hacken darf in Gottes freier Natur, und wie
wollt' ich mich bei der Wirtin beliebt machen mit den geheimnisvollen
Kenntnissen, die ich aus der vergilbten Scharteke erlerne! Und nun der groe
Gewinn: hinten und vorne in dem Buche sind zwei eingebundene schmutzige
Papierbltter, die werde ich stehlen, und aus der Mitte werde ich manches lose
Druckblatt herausziehen, um ber den Druck hinwegzuschreiben; wenn es sich
spter schwer lesen lt, so habe ich ein neues Geschft des Entzifferns, ich
bin jetzt sehr reich, lieber Himmel! Eher darf ich's aber nicht tun, als bis ich
das Buch zurckgegeben und nach mehreren Tagen erkannt habe, da der Wrter
nichts vermit. Es kommen also wieder einige schlimme Fasttage.

    Es ist gelungen, und nun will ich erzhlen, aber nur vom Momente der
Gefangenschaft an; das Vorhergehende hat seine groen Umrisse mit der ueren
Welt gemein, das vergesse ich nicht, aber die kleinen Schattierungen zwischen
vier Wnden entgehen mir; sie mchte ich festhalten. Ich fhle es, je lnger
diese Einfrmigkeit dauert, desto ausdrucksloser wird sie mir, ich gewhne mich
und verliere in der Auffassung das Unterscheidende. Ach, und ein Ende ist nicht
abzusehen, in der jetzigen Form kann es jahrelang dauern, braucht gar nicht
aufzuhren. O! kein Mensch hrt und sieht diesen Seufzer, erfhrt's, welch ein
entsetzlicher Schmerzesabgrund dahinter liegt. Also: durch viele Hfe und Gnge,
mehrere Treppen aufwrts, ward ich in ein kleines Gemach gefhrt, die Tr ward
hinter mir zugeschlossen, ich bemerkte noch anfangs nichts, ich ward noch von
den wahrhaft lebendigen Gedanken der letzten Verhltnisse bewegt, ich ging
stundenlang im Zimmerchen umher, bis ich mde war. Da bot sich zum Ruhen ein
kleines schwarzes Kanapee, das zwar zu kurz war, um sich darauf auszustrecken,
das doch aber durch sein Dasein harte Kerkergedanken nicht aufkommen lie;
gegenber stand ein roter, ordinrer Tisch, ein Bett und zwei dito Sthle fanden
sich vor, auch ein kleiner Tisch mit Waschbecken und dergleichen. Ich rmpfte
ein wenig die Nase, da mein Gemach schmal und lang statt viereckig sei, da man
aufs Sofa steigen msse, um zu dem vergitterten Fenster zu kommen und in den Hof
hinabzusehen. Indessen, die Eindrcke waren sehr flchtig; zu Anfange denkt man
auch, das werde nicht lange dauern, man ist noch zerstreuend mit der letzten
Auenwelt beschftigt. Die Gefngnisentbehrungen traten mir auch noch milde vor
die Augen; im Felde hatte ich mir das leidige Tabakrauchen wieder angewhnt, man
gab mir Feuerzeug und Pfeife, ich hatte eine volle Brse in der Tasche, es wurde
nicht danach gefragt, kurz: es war nichts grell aufstrendes Gefngliches da. Am
andern Tage ward ich verhrt; der Inquirent war ein sehr artiger Mann, welcher
sich teilnehmend nach den kleinen Lebensbedrfnissen erkundigte, mir seine
Bibliothek anbot und die lebhafte Hoffnung besttigte, da mein Arrest wohl
nicht lange dauern wrde. Die aufgeregte Zeit mache grere Strenge und Sorgfalt
ntig, man wisse, da ich revolutionre Grundstze gehegt und mich dafr
bewaffnet habe, um mich der polnischen Revolution anzuschlieen. Das leugnete
ich nicht, setzte aber hinzu, da die polnische Sache einmal fr eine historisch
rechtmige gelte, und da ich ferner nirgends eine heilsamere Lehre gefunden
htte, als just in Warschau. Auf das erste entgegnete er hflich: Sie sind ein
wissenschaftlich gebildeter Mann und werden leicht einsehen, da der bestehende
Staat nicht auf alle historische Rckforderung eingehen kann, ohne stete Unruhe
und die beliebigste Rechtsnderung zu gestatten; Sie wissen, wie die Geschichte
vorrckt und sich gestaltet, niemals alten Besitz respektierend: wo kmen wir
hin, wenn alle solche Rekriminationen gestattet wrden, wenn z.B. der Elsa von
Deutschland zurckbegehrt, die rmisch-deutsche Kaisergewalt von sterreich
angesprochen wrde? Da Sie zweitens das Miliche der Revolution kennen gelernt,
glaube ich wohl, aber Sie sehen ein, da solche Versicherung jetzt, wo Sie im
Gefngnisse deshalb sind, nicht von groem Belange ist. Sie haben mit Ihren
Freunden durch Wort und Schrift die Revolution direkt propagiert, Sie haben
selbst an der einen mit den Waffen in der Hand teilgenommen, welche gegen die
gesetzlich bestehenden Traktate Europas gerichtet war; das werden Sie
zugestehen, und Sie mssen sich's nun gefallen lassen, da man sich Ihrer Person
versichert, da man die Gleichgesinnten von Ihnen zu erfahren sucht, von Ihrer
bekannten Lebensttigkeit auf unbekannte schliet und deren mchtig zu werden
trachtet. So kam's in Gang, was man eine Untersuchung nennt; wie human dieser
Mann gegen mich war, habe ich spter mit groer Betrbnis eingesehen, mit
Betrbnis darber, da ich ihn nicht behielt. Den zweiten Tag war mir schon
unruhiger im Gefngnisse zumute. Die erste Illusion, da es in ein paar Stunden
vorber sein knne, war vorber; mit der Gegenwart fiel nun auch die unsichere
Zukunft lastend auf mich, mein eigenes Interesse erschien mir so bedroht, da
mir die Interessen der Bcher, welche mir der gtige Inquirent geliehen hatte,
fremd und knstlich gemacht vorkamen, ich hatte keine Ruhe zur Lektre. Ich
erinnere mich, da mir eine einzige Stelle von vielem Gelesenen einen Eindruck
machte, die stand in Deppings Erinnerungen aus Paris; er schildert einen
glcklichen Menschen und sagt: zum Zeichen, da er wirklich Glck hatte, wurde
er auch von einem tchtigen Unglcke betroffen. Diese Stelle war mir ein
wirklicher Trost; die Dichter, welche er mir mitschickte, wollten wenig helfen,
merkwrdigerweise auch Shakespeare nicht: seine Dinge fielen alle in eine
tobendere, willkrlicher wechselnde Zeit, als da eine Vergleichung gepat
htte, seine Gedanken berstrzen sich in ihrem Reichtume so, da sie mir
deshalb weniger wahr und notwendig vorkommen. Er schttet sie, dachte ich, aus
einem Fllhorn des Genies, unberlegt, ungepflegt und ungeprft, er wei selbst
nicht, ob sie immer wahr sind. Und es trstet nur, was der Trstende selbst
glaubt, und wenn wir sehen, da sich das Wort des Schreibenden wirklich bewhrt
hat. Deshalb vielleicht war mir Goethe allein von Erquickung: da war nichts
berspanntes, bertriebenes, nur das Zuverlssige war einfach gesagt, das
Verlangen an die Welt war immer gemessen - diese Lektre allein gab mir Ruhe. -
Und was glaubte ich damals zu leiden, wenn ich nichts anzufangen wute, als zu
lesen, einmal ans Fenster zu klettern, in den leeren Hof hinabzusehen, wo
eintnig die Schildwache auf und nieder schritt, und dann wieder zu lesen! Man
wird so wst davon, man schlingt am Ende ohne Unterscheidung alles hinunter,
nichts ist mehr frisch, nichts lockt, - ach, und wie sehnschtig hab' ich spter
jene Zeit wieder herbeigewnscht! Gefngnisse, welche dem meinigen gegenber,
hatten Blechkasten vor den Fensterchen und sahen wie trostlos erblindet aus;
wenn ich mitunter hinter ihnen sprechen, gar lachen hrte, so berhrte es mich
immer unheimlich. Mein freundlicher Wrter erwiderte mir auf Befragen
achselzuckend, dort sen schwere Verbrecher. Ich schauerte, es berlief mich
mit Grausen, so durch ein Verbrechen vom Tageslichte abgeschlossen zu sein.
Lieber Gott, jetzt sitze ich schon seit vielen Monaten hinter solcher Blende,
und doch bin ich noch derselbe, nur schwcher, doch lebe ich auch weiter, und
das moralische Moment dieser Dmmerung kmmert mich nicht mehr; der Mensch lernt
alles, auch die Verbrechermaske tragen, und am Ende hlt er sie fr sein
wirkliches Gesicht. Ich vergesse es jetzt schon manchmal vllig, da ich kein
Verbrecher bin, ich mu mich selbst daran erinnern, da es nur hhere,
wechselnde Staatsrcksichten sind, welche mich in den Zustand gebracht, da ich
nur selbst in dem Verhltnisse dergestalt sinke; nach lngerer Zeit werde ich in
moralischem Bewutsein ganz in diesen Kerker gehren. Wir sind nichts selbst,
wir sind halb oder ganz unsere Verhltnisse. Ich rufe mir's jetzt zurck, was es
mir damals fr verwundende Eindrcke gab, wenn abends um zehn Uhr an die Tr
geklopft und bemerkt wurde, das Licht sei auszulschen; jetzt fllt es mir nicht
mehr auf, wenn die Wache schreit Licht aus!; in jenem ersten
Interimsgefngnisse saen Vagabunden und solch leichtes Gesindel in meiner Nhe,
das sich durch leichtsinnige, rohe uerungen, durch gemeinen Spektakel oft
auffllig machte, zuweilen wurde des Abends ein Besoffener oder solch ein
Straenheld eingebracht, er tobte wie ein Tier, und ich hrte wohl, da man ihn
hier im abgelegenen Korridor nicht eben zart zum Eintritte ntigte; nun fluchte
der Kerl die halbe Nacht und wtete gegen die Tr, bis er zusammenfiel - ja,
damals kam ich mir sehr entwrdigt vor; jetzt hielte ich es bereits fr eine
Abwechslung, eine Erholung gegen dies tote, bleierne Einerlei, das mich umgibt,
das nur zuweilen vom Rasseln jener Kette unterbrochen wird. Damals, wo ich wst
vom Lesen war und nur nach Abwechslung verlangte, wo ich wie ein
Gefngnisdilettant mich betrug, ward mir auch von vornherein eine Freistunde
bewilligt, um auf einem kleinen verschlossenen Hofe herumzugehen, und ich
trichter Mensch nahm gar kein Interesse daran; es war heier Sommer, wenig
Schatten im Hofe, und eine Stunde lang dort auf und ab zu gehen schien mir sehr
langweilig, ich dnkte mir ein wildes Tier, dessen Kfigdeckel aufgeschoben wird
und das vor Leuten hin und her rennt. Einige Arbeitstuben der Behrde nmlich
und mehrere Gefngnisse sahen in den Hof, ordinre Gefangene spotteten ber
mich, da ich im Hut und mit Handschuhen herumging; wenn ich gar eben ein
frisches Hemd hatte, dessen Manschetten sichtbar waren, so mute die Wache oft
dem Spotte Ruhe gebieten. Das krnkte mich tief, und ich lie die Stunde oft
vorbergehen - jetzt bin ich so abgestumpft, da ich alles tte einer Freistunde
willen: so schmachte ich nach frischer Luft, so drste ich danach. Ich ginge mit
meinem langen Barte und meinem wahrscheinlich verbleichten Antlitze auf einer
Galerie umher, mchte zuschauen, wer da wollte. In jenem kleinen Hofe sah ich
einen langen Beamten stets an einem Pulte stehen und schreiben und ich bildete
mir steif und fest ein, der schriebe meine Sache, und er mte nun bald meinen
Freibrief schreiben; es war mir stets auffallend, da der Mann nicht mit
grerem Anteile auf mich heruntersah. Gott wei, was der lange Wann geschrieben
hat, aber er htte etwas viel Besseres schreiben knnen. berhaupt, ach, wieviel
Anknpfung und Romantik gab's da drben in dem Gefngnisse! Jetzt empfinde ich
es erst in dieser de und Entbehrnis, wie man erst sieht, da man Blut hat, wenn
man's verliert. Auf den kleinen Hof ging auch ein Flurfenster, wo Fremde
zuweilen erschienen, wahrscheinlich solche, die etwas petitionieren wollten. Da
fand sich denn wohl auch eine Dame ein, mitunter auch eine schne in seidenem
Gewande, mit einem Schleier. Ach du lieber Himmel, knnt' ich doch in meinem
Leben noch einmal eine schne Dame mit seidenem Gewande und Schleier sehen! Vom
klglichen Bedrfnisse zum Auskommen, vom Auskommen zur Wohlhbigkeit, von
dieser zum Luxus, zum geflligen Reize, wie weite Strecken liegen zwischen
alledem, und diese ganze, groe Strecke liegt zwischen mir und der Welt! Ich
liege hier im Staube, Schmutz, in der kmmerlichen Ernhrung und strecke Hand
und Wunsch aus nach einem seidenen Gewande, wie der Bettler nach einem
Goldstcke. Bin ich derselbe, dem eine Frstin in den Armen gelegen, der
Prachtgewnder zerrissen hat? Ein Fetzen davon knnte mir jetzt einen
glcklichen Tag machen. Oft habe ich solche Gelste verhhnt, weil sie die
Harmonie eines Zustandes, und auch der unterste hat eine, weil sie diesen
Einklang zerstrten, weil sie krankhaft seien. O, wie grausam war ich in solchen
Worten, die tote Regel ist eben die Prosa, der Tod; - knnt' ich meine Hand
jetzt nur einen Augenblick auf einen Seidenstoff legen, um an dem feinen,
glatten Stoffe zu empfinden, es gibt noch Reiz und Schnheit in der Welt!

    Der Papiervorrat war zu Ende, und es ist wieder eine lange Pause
eingetreten; durch rstiges Darben habe ich mir einige Kreuzer abgespart an der
Rechnung, welche der Wrter fhrt, und mir ein Stckchen Kuchen kaufen lassen,
weil bei mir zu Hause Kuchen etwas Sonntgliches, Feiertgliches ist und ich
gern einmal solch einen Eindruck des Besonderen, des Festlichen haben mchte.
Nebenher - nun, es ist gelungen, und ich will mir den Platz nicht verringern
durch Erzhlung der kleinen Intrige: der Kuchen war in Papier eingeschlagen, das
ich jetzt bentze. Du glaubst nicht, wieviel ich Schmerz habe bei Beschreibung
jener ersten Gefngniszeit, weil sie mir jetzt so bunt und reich vorkommt gegen
die jetzige, weil ich mich danach zurcksehne, wie nach einem Eldorado. So gibt
es auch unter den Bettlern Reichtum und Armut, und ber den glcklicheren
Genossen geht des Darbenden Wunsch nicht hinaus; ich bin so weit gedrckt, da
ich das Berauschende einer totalen Freiheit gar nicht mehr hoffe, nur nach jenem
Zustande schmachte, wo keine Blende vor dem Fenster ist, wo ich rauchen, lesen,
am Ende gar schreiben durfte, schreiben mit ordentlicher Tinte, wirklichen
Federn und auf ganz reines, weies Papier; wo ich des Tages eine kleine Stunde
in den Hof kam und mitunter einen anderen Menschen sah als den Wrter. Denke,
welch ein Reichtum war folgendes: In jenem Gefngnisse wurden auch die
leichtsinnigen Mdchen der Straenromantik eingesperrt, welche in ihrer
gesetzlichen Gesetzlosigkeit etwas versehen und sich hatten aufgreifen lassen;
diese leichten Kinder, welche zu Zwanzigen in einem groen Gemache kampierten,
wo allerlei anderes Weibsbild, das sich irgendwo im Netz der Vorschriften
verirrt haben mochte, zusammentraf, sangen und tndelten in ihrem Kfig, wie es
ihnen die Langeweile eingab und solange es der Schlieer gestattete, dessen
Verbot und Anrede allerdings unangenehm war. Zuweilen nun, wenn ich in die
Freistunde gefhrt wurde und an diesem Terrain vorberkam, stand die Tr offen,
weil ausgefegt oder eine der Heldinnen abgerufen ward, die unter den stark
aufmunternden Worten des Schlieers ihre Toilette beendigte. Ich hatte dann
einen vollen Blick in dies Serail; sie lagen zum Teile, halb entkleidet wegen
der Wrme, in allen Positionen umher, oder saen, oder kauerten, oder versuchten
es, in dem Gedrnge zu promenieren, und schmachtender oder frecher wurde mir in
Eile als einem jungen Mannsbilde allerlei Teilnahme ausgedrckt. Zuweilen gab es
wirklich schne Geschpfe darunter, und der Schlieer machte mir stets einen
schlechten Eindruck, wenn er ohne allen Unterschied jegliche uerung grob zur
Ruhe wies. Freilich war der Mann abgehrtet; ich sprach ihn zuweilen, und er
sagte stets mit einem Fluche: das Pack taugt all' nichts, erst haben sie sich
auf der Strae herumgetrieben, ach da tun sie unschuldig, wir lassen sie wieder
laufen, dann kommen sie zum zweiten Male, nun ist's schon schlimmer, und so
drei-, viermal fort, bis sie zum Zuchthause reif sind, und die Hbschesten sind
immer die rgsten. - Es gab immer eine viertelstndige Unterhaltung, wenn sie
auf den Hof gelassen wurden, den ich von meinem Fenster sah; laufen mochte
keine, Frauenzimmer sind nicht fr Bewegung; sie zankten sich um die
Schattenpltzchen, auch die Hlichste, dem Gefngnis tief Verlorene, mochte den
Teint nicht aussetzen. Die Alten zerrten, die Jungen neckten, sehr viele hatten
stets ein Tpfchen bei sich mit irgend welchem Ekrame; aber mir erwuchs noch
ein spezielleres Interesse daraus. Mein Wrter nmlich benutzte diese Garde, um
mein Gemach tglich reinigen zu lassen, und mit munterem Geschmacke whlte er
stets eine Handfeste frs Grobe und eine Hbschere frs Leichtere, das Bett zu
machen, den Staub abzukehren. Das war den Mdchen auch eine Abwechslung, und sie
kamen meist sehr heiter, erzhlten auch meist in der Krze dieser Viertelstunde
ihre Lebensgeschichte. Ein bildschnes Mdchen kam fters wieder, endlich Tag
fr Tag; der Wrter nahm ein gewi herzliches Interesse an ihr und an ihrem
Schicksale, er hatte sie gekannt, da sie noch als kleines Mdchen herumgelaufen
war, sagte, sie sei ein wirklich gutmtiges Geschpf, und doch sei sie immer
wieder auf leichtsinnigem Verkehr mit Mnnern betroffen worden. Sie nannte sich
Luise und war sehr kmmerlich und sprlich gekleidet. Wenn sie beim Ausfegen
manchmal die Tr herumschlug, so da der Wrter auf der Trschwelle oder weiter
zurck auf dem Korridor uns einige Augenblicke nicht sehen konnte, dann erhob
sie ihre gutmtigen, schnen Augen so sanft und lockend gegen mich, und es lag
ein so merkwrdiger Ausdruck darin, da ich sie gern weitlufiger befragt htte.
Sorgloser Leichtsinn war so unverkennbar dabei, und doch so zutraulich und
harmlos! Sie sagte mir auch, da sie wohl diesmal ins Zuchthaus kommen wrde,
sprach aber dies fr mich so entsetzliche Wort so leicht aus, wie wir einst vom
Kaffeehause redeten. 's ist schlimm, meinte sie, und nickte dabei mit dem Kopfe.
Wenn man ihr aber die Backe streichelte, so war das Lcheln gleich wieder da und
sie flsterte: Vielleicht kann ich mich einmal des Abends zu Ihrer Tr
heraufschleichen. - Aber mein Kind, meine Tr ist ja zugeschlossen. - So?
Das ist freilich schlimm, aber vielleicht geht's doch; ach, da unten ist's
langweilig! - Lngere Zeit, als zu dieser Mitteilung ntig war, dauerte unsere
halbe Einsamkeit nicht; sie mute wieder fort, ich ward wieder eingeschlossen,
und ich konnte ber die pikante Situation nachdenken, wie mit einer
Zuchthauskandidatin getndelt werde. Sie kam jetzt jeden Morgen und flsterte
mir immer zu: Ich komme nchstens. So gab's doch eine ordentliche
Romananknpfung dort; wie duftig erscheint mir jetzt das unvorsichtige Mdchen!
Eine gemeine Spitzbbin, die mir ihre Lebensgeschichte erzhlen wollte, wre mir
jetzt sehr erwnscht, man hrte doch etwas, verkehrte mit einem Menschen. -
Wirklich huschte es eines Abends um meine Tre her und klopfte leise, die kecke
Luise war da; der Schlieer unten hatte den Schlssel nicht umgedreht und sie
war heraufgeschlichen. Aber bei mir war der Schlssel zweimal umgedreht, das
leichtsinnige Kind fragte, ob ich kein Mittel wte; die Wache kam unterdes vom
anderen Ende des Korridors langsam aber sicher herzugeschritten und Luise mute
fort. Ich hab' sie nicht wieder gesehen; mit den guten, treuen Augen hat sie
wahrscheinlich aufs Zuchthaus gemut. Aber auch dort wird sie jetzt mitunter
lachen und sich glcklicher fhlen als ich.

    Ich lerne so klein schreiben und, wahrscheinlich auf Kosten meiner Augen, so
undeutlich Geschriebenes lesen, da ich gestern mit meinem Kuchenpapiere nicht
fertig geworden bin. Das hat mir den besten Eindruck gegeben, dies Stckchen
brig bleibendes Papier hat mir die Mglichkeit eines berflusses verschafft,
eines berflusses, und ich bin ordentlich zufrieden gewesen im Verhltnisse zu
der sonstigen Zeit. So macht das Verhltnis alles in der Welt, so elastisch ist
der Mensch. - Bei allen den Abwechslungen meines vorigen Gefngnisses fiel doch
die Lnge der Abgeschlossenheit immer schwerer auf mich, la mich Dir's offen
gestehen: manchmal glaubte ich erdrckt zu werden, so einsam, verlassen,
unglcklich erschien ich mir, und die heien, dichten Trnen brachen ber mich
herein. Ach, wie ein Kind habe ich geweint, manchmal stundenlang; ich werde es
nie vergessen, wie ich den Kopf an die Wand lehnte und mich rcksichtslos dem
schneidenden Weh hingab, von der Welt ausgeschlossen zu sein Tag um Tag, Nacht
um Nacht! - Und wenn ich in einer gewissen Sigkeit des ganz freigelassenen
Schmerzes erschpft war, da trat ein Vers von Goethe so oft mir auf die Lippen,
ach so oft, und brachte immer wieder neue Trnen. Durchgefhlt, durchgeweint
habe ich jedes Wort, jede kleinste, mgliche Bedeutung desselben; es war das
Lied aus dem Wilhelm Meister, das der Harfner und Mignon zu Wilhelms Schmerze
singen:

Nur wer die Sehnsucht kennt,
Wei, was ich leide:
Allein und abgetrennt von aller Freude
Seh' ich ans Firmament
Nach jener Seite.
Ach, wer mich liebt und kennt,
Ist in der Weite,
Es schwindet mir, es brennt
Mein Eingeweide -
Nur wer die Sehnsucht kennt,
Wei, was ich leide!

    Eigentlich htte ich das Lied wie Prosa, ohne Absatz schreiben sollen wegen
des Papiermangels, aber ich konnte mich nicht dazu entschlieen; ein Knig kann
in Lumpen gehn, aber nicht betteln. Leb wohl, leb besser, das Papier ist aus;
empfinde nie bis ins Herz die so harmlos aussehenden Worte: Allein und
abgetrennt von aller Freude. -

Habe wieder ein Lied gemacht,
Habe mich ausgeweint,
Denke nun an die stille Nacht,
Meinen einzigen Freund:

Wenn die Sonne hinunter ist,
Wird sie leichter, die Not -
Denke dann: Nicht mehr allein du bist,
Ringsum ist alles tot.

Was dich in der Ferne liebt,
Ist jetzt stille wie du,
Manches ist wohl um dich betrbt,
Hat eben Zeit dazu.

    Trichte Leute schmhen die Freude; es gibt kein Leben ohne die Freude, alle
Momente derselben sind allein unser Leben, alles andere ist dumpfe, tote Masse;
selbst in der Traurigkeit, im Schmerze sind es allein die unerkannten kleinen
Freudenpunkte, die ein Leben, ein Bewutsein gestatten. Hier in meinem Elend
ist's der Tagesschimmer, den ich sehe, das krperliche Leben, das ich in dieser
und jener Wendung oder Regung einmal empfinde, des Genge Du bekommst etwas zu
essen - oder Du wirst dich bescheiden lernen; diese Freudenatome halten auch
mich am Leben. Zum Beispiele, da ich wieder Papier habe, lauter kleine
Stckchen, aber viel Stckchen. Ich kann wieder schreiben. - In jenem Weh der
Abgeschlossenheit, das mir so trnenreich war im damaligen Gefngnisse, da sa
ich denn eines Tages brtend und traurig, als ich zu meinem Inquirenten
beschieden wurde. Ist's Freiheit? weiter dachte ich damals nicht, soviel
Spielraum war damals noch gegeben - wie lange ist der fort! Und der Wrter war
so gutmtig, auf die Mglichkeit einzugehen und zu sagen: 's mu wohl noch
nicht soweit sein. - Der Inquirent empfing mich ernstfreundlich und deutete mit
der Hand seitwrts auf den Hintergrund des Zimmers. Eine Dame stand da,
Gesichter, Gedanken strzten bereinander in meinem Herzen, ich fand's: es war
Kamilla, die ich in solcher Situation zu begren hatte. Welch ein Gemisch von
Empfindungen! Das vortreffliche Mdchen hatte in Grnschlo erfahren, was mir
begegnet sei, hatte sich ohne weiteres selbstndig, allein aufgemacht, war
hierher gekommen, zu allen Herren und Behrden gelaufen, um fr mich zu wirken,
um zu mir zu dringen! Und sie weinte jetzt nicht, sie fragte stark und eifrig,
worin sie helfen und ntzen knne. O wieviel Rhrendes, berschwengliches liegt
im starken, liebenden Herzen eines Weibes! Da ich nicht ngstlich treu sei,
wute sie aus meinem frheren Wesen und Leben, da ich es ihr nicht geblieben,
wute sie nur zu gut; aber sie ist ein wirklich liebendes, ein echtes,
unverflschtes Weib, sie kam dennoch, da ich im Unglcke war; im Glcke htte
sie mich niemals gestrt: O du gute, herzensreiche Kamilla! Konstantie wohnt
nher und htte mit der geringsten Anstrengung groe Mittel fr mich in Bewegung
zu setzen vermocht - hierbei drngt es mich, Dir meine Schicksale von dem
Augenblicke an zu ergnzen, wo ich mit Joel in Krakau ankam, bis zu dem
Augenblicke meiner Verhaftung. Ein Mensch, der unser Freund sein mute, wenn er
ein Herz besa, wenigstens ein Freund in bezug auf die Russen, Slodczek, den wir
vor den Toren Krakaus im Jammer fanden, den wir retteten und nhrten,
berantwortete uns dem Feinde, weil es ihm einen kleinen Vorteil brachte, weil
er undankbar ist, wie es ein nicht seltener slawischer Zug mit sich bringt, weil
er den Auslnder und den Juden keiner weiteren Rcksicht wert achtete. Zum Glck
waren wir an reine Kosaken gekommen, und unser Weg ging nach dem sdlichen
Sibirien, weil er den Kosaken der wnschenswertere schien. Der Kosak ist
gutmtig, und in den meisten Teilen Sibiriens verkehrt er gern, weil er es noch
fr ein Privatreich seiner Stmme ansieht; denn sie haben es in der zweiten
Hlfte des 17. Jahrhunderts dem russischen Reiche unterworfen. Was soll ich Dir
nun sagen, wo ich berall hingeraten bin? Wir sind eben Tag und Nacht geritten,
und an einem frischen Morgen haben die Kosaken miteinander beratschlagt, das hat
nur ein paar Minuten gedauert, und wir haben dann unsere ursprngliche Richtung
aufgegeben und uns nach Sden gewendet. Dann sind wir geritten, lange, lange
ber unendliche Ebenen, ich hatte vergessen, was Sonntag oder Montag sei, ich
habe auch mit Joel kein Wort gesprochen, wir waren beide blasiert. Endlich in
der Nacht war's, da Joel zu mir trat und mich seit undenklicher Zeit wieder
einmal in deutscher Sprache anredete. La uns heimkehren, sprach er, ich habe
wieder Sehnsucht nach Menschen; die Kosaken kmmern sich nicht darum, ob wir bei
ihnen sind, ob nicht, unsere Pferde finden den Rckweg. - Wir brachen auf, als
die Karawane schlief, wir ritten viele, viele Tage; als ich zum ersten Male
wieder deutsch rings um mich sprechen hrte, da war der Frhling aufgeblht und
mit den Lauten und Blumen des Vaterlandes wachte meine alte Welt wieder auf, die
alten Trume und Wnsche kamen wieder, der Starrschlummer war gebrochen, ich
streckte wieder die Arme aus nach dem Leben. Aber ich war allein; Joel war in
Galizien geblieben, es blieb mir nichts brig, als zu singen und zu hoffen. Ich
war ohne Reisemittel, und an einem warmen Frhlingstage mute ich die letzten
Krfte anstrengen, um ein Schlo zu erreichen, das im Schatten seiner hohen
Bume am wohlbekannten Strome lag. Ich wute, da es Konstantien gehrte, ich
wute, da sie in der Frhlingszeit da zu wohnen pflegte, und meine Sehnsucht
nach einem Herzen, das mich kannte, war so riesengro geworden! Ich verga das
schne Weib und alles brige Verhltnis, nur das Auge wollte ich sehen, die
Stimme wollte ich hren eines Weibes, das mich kannte, das eine Teilnahme zeigen
mochte fr den ewigen Wanderer. Erschpft, drstend, hungernd, von allerlei
Drang gepeinigt kam ich ans Schlotor, wo der Portier sein Stbchen hat; ich
fiel auf die Bank, ich fragte; die Frstin sei da, war die Antwort, sie se
eben bei Tafel. Der Portier mute mir Schreibzeug geben, ich gab vor, eine
drngende Mitteilung msse der Frstin sogleich gemacht werden; ich schrieb ihr,
mich einen Tag zu beherbergen, ich kme ermdet von der russischen Grenze hier
vorber und sehnte mich, ein bekanntes Wesen zu sprechen, - der Portier, welcher
den Brief selber aufs Schlo hinauftrug, blieb sehr lange, am Ende kam ein Wagen
herabgeschossen, darin sa die Frstin und William, ich kauerte erschpft auf
der kleinen Bank des Portiers, sie brausten an mir vorber. Der alte Portier kam
mit dem Bescheide nachgehinkt: das mte seine vollkommene Richtigkeit gehabt
haben, denn die Frstin habe Hals ber Kopf nach dem Wagen geschickt, und da
fahre sie hin. - Der alte Mann schenkte mir ein Stck Schwarzbrot und einen
Trunk, dann schleppte ich mich weiter, die herbe Wunde im Herzen.

    Bald darauf begann die Gefangenschaft, kam Kamilla. Aber bla war das arme
Mdchen sehr geworden - ach, wie durchdrungen war ich damals, ihr diese rhrende
Anhnglichkeit mit aller Liebe zu danken, die nur in meinem Herzen gedeihen
knne. In der Einsamkeit meines Gefngnisses malte ich mir es aus, wie sie
zufrieden und glcklich sein wrde, wenn wir eine kleine husliche Existenz
nebeneinander fhrten; die Welt msse freilich aufgegeben sein, aber Kamilla sei
zufrieden mit einem Idyll. Um diese Zeit trat eine Katastrophe ein, und alles
wurde anders; ich wartete tglich auf meine Befreiung; eines Tages, als der
Wrter mein Mittagessen brachte, fiel mir sein stilles, zurckhaltendes Benehmen
auf; ich fragte, er schwieg, ich fragte dringender. - Erschrecken Sie nur
nicht, sagte er endlich, Sie kommen von uns weg, und die Untersuchung wird
grer und strenger. - Wer die Fassung im Augenblicke verliert, ist sehr
schwach oder wenig gebildet, die Kultur ist ja eine Fassung, ich glaube, damals
trstete ich den Wrter und a mein Mittagbrot. Als er abgerumt und
zugeschlossen hatte, als ich wieder so recht gefnglich allein war, da strzte
der Jammer wie ein Sturzregen ber mich. Mit jener Nachricht war nicht nur alle
Aussicht auf Freiheit vernichtet, sondern ich wute nun auch zuverlssig, da
ich mindestens ein halbes Jahr Gefngnis noch vor mir hatte. O du, zur schnsten
Reise Gegrteter, lasse dich ins Bett drcken mit der Gewiheit, viele Monate
darin leiden zu mssen, vielleicht nicht mehr aufzustehen. Es war ein schwerer
Nachmittag und Abend, bis alle Hoffnungsmglichkeit in mir erwrgt, zum
Schweigen gebracht war. Wer sich ergeben kann, leidet weniger, ich konnt' es
nicht, und kann es in meiner Jmmerlichkeit heute noch nicht; nun kamen die
Gedanken an Flucht, welche die Unruhe auf ihren Schultern tragen und eine
erhitzte Hoffnung hinter sich herschleppen. - Mein damaliges Gefngnis lag
dergestalt in der Mitte aller fesselnden Anstalten, da ein Durchbruch unmglich
schien. An die Freistunde auf dem Hofe klammerte sich alles: dieser Hof lag am
Flusse und war von diesem nur durch ein groes Tor getrennt; das wurde zuweilen
des Nachmittags geffnet, und einer oder der andere Beamte setzte sich in den
Kahn, welcher an der Treppe lag, um zu angeln, oder er schlo gar den Kahn los,
um fortzurudern - der Glckliche, er wute nicht, wie er beneidet wurde. Je
nher die Gefangenschaft mit der freien Welt in Berhrung kommt, desto
schmerzhaft prickelnder wird sie, die Vergleichung hebt oder schwcht alle
Eindrcke. Die Sonne schien warm, ich schwimme mit Leichtigkeit, jenseits des
Flusses lockte die offene Strae, ein khner Entschlu konnte mich retten; die
bestrzte Wache, die neben mir stand, wre nicht so schnell zum Laden ihrer
Muskete gekommen, da ich nicht die auf grere Entfernung groe Unsicherheit
des Schusses htte riskieren knnen - wer mag die Situation beschreiben! Die
Situation, wo ein Entschlu in schnelle Tat bergehen soll, in eine Tat, die so
milich war. Was sollte geschehen, wenn ich drben pudelna ans Land kroch, am
hellen, lichten Tage, in der fremden Stadt, die mitten im Lande liegt! Und doch
war's so lockend. Es hob sich der Fu, es pochte das Herz! Wie schwer ist solch
ein Aufbruch, wenn man besonnen bleibt, und nicht von einer Leidenschaft
gestachelt wird - das Tor ward zugeschlagen, und nun dachte ich: Du httest es
doch wagen sollen! - Die Zeit war von peinigender Unruhe, da ich auf den neuen
Gefngniszustand, auf das neue Verfahren wartete, sie war ganz berflssig,
frderte gar nicht zum Ende, war ein unntzes Interregnum und doch ein
Gefngnis. Sie dauerte wohl eine Woche, ich lechzte nach der Vernderung, nach
dem neuen Gefngnisse, das Unbekannte schmeichelt mit tausend Mglichkeiten;
auch fr die Flucht hoffte ich neuen besseren Anhalt; so kam der letzte Abend
und mit ihm ein schweres Gewitter. Solange ich gefangen war, hatte die Sonne
geschienen, und dadurch war meine Unruhe, meine Pein nur befrdert worden: je
lockender die Welt aussieht, desto schwerer ist das Gefngnis. Jetzt, unter dem
gieenden Regen, den krachenden Donnerschlgen, den zuckenden Blitzen mute
jedermann im Zimmer bleiben, ich hatte wieder eine gleiche Gemeinschaft mit der
Welt, das war beruhigend. Und welch ein Genu fr meinen Privataberglauben war
das Unwetter! Solche ungewhnliche Erscheinung mute einen groen Wechsel in
meinem Leben ankndigen; wer im Unglck nicht aberglubisch wird, der ist sehr
stark, oder sehr fhllos, oder sehr arm an Phantasie. Jedes kleine Mbel, jedes
Buch hatte mir eine Bedeutung, wenn es so oder so postiert war, jede
wiederkehrende Beschftigung, das Aufziehen der Uhr, ob der rechte oder der
linke Strumpf zuerst ausgezogen wurde, ob ich das Licht so oder so anzndete
oder auslschte, das hatte alles seine Bedeutung, seinen Einflu auf Europa und
rckwirkend auf mich. Wenn man nichts zu tun hat, als zu hoffen, da wird jeder
Gegenstand ttig. Und besonders, wenn alles so einfrmig wiederkehrt, so
unverrckt bleibt. Jetzt tobte ein wild Gewitter, jetzt mute alles anders
werden! Ach, ja wohl!

Wenn ich wieder hinunterkomm',
Da sind die Blumen verschwunden,
Da hat wohl auch dein liebes Aug'
Sich neuen Weg erfunden.

Es ist so lang', so lange her,
Da man mich hlt gefangen,
Und da dein Herz eine Blume ist,
Ist's ihm wie jenen ergangen.

Sollt' ich die Welt je wiedersehen,
Dein Aug' je wieder erblicken,
Ach Gott, ich will den Blumen und dir
Verzeihung blicken und nicken.

    Es ward anders. Sonntag des Nachmittags nahm ich Abschied von meinem
Gefngnisse, und so wie man, wie gesagt, auch unter den Drftigen Reiche und
Arme findet, so hoffte auch ich von einer Vernderung des Orts und der
Verhltnisse. Ich setzte mich zu meinem Inquirenten in den Wagen; auf meiner
Seite war er zugeschlossen, zur andern hinaus aber sah ich die Straen und die
Spaziergnger, welche sonntglich geputzt dahineilten zu ihrer Lust und
Erholung. Das schneidet tief ins Herz: Bist du schlechter als diese Masse
gewhnlicher Leute? Sie drfen Sonne und Freiheit kosten, und du siehst seit
langer Zeit beides zum ersten Male wieder, und nur von weitem, und nur, um fr
lange Zeit davon Abschied zu nehmen, vielleicht fr immer. - Der Abend dieses
Tages fand mich in einem sehr kleinen und fast ganz dunklen Gefngnisse, der
Verzweiflung Vorbote; die Trostlosigkeit lag mit mir auf dem harten Lager: das
Geld, die Bcher, der Tabak, alles war mir abgenommen worden, ich hatte nichts
zur Beschftigung als die vier kahlen Wnde, einen fichtenen Tisch, einen
fichtenen Schemel, ein blechern Handbecken, das im Staube des Fubodens stand.
Der Wrter, ein groer, vierschrtiger Mensch mit kahlem Kopfe war kurz, fremd
und grob. Es war das uerste, was mir begegnen konnte, da ich nach dem
frheren Gefngnisse zurckverlangte wie nach einem Paradiese; ich wei kaum,
mit welchen Krften ich die ersten Wochen dieses Zustandes berlebt habe: denke
Dir das kleine, dstere Loch, in den Winkel von zwei Gebuden versteckt, durch
einen Blechkasten verdunkelt, und mich ohne den geringsten Anhalt darin,
herumtappend den langen Tag und Abend, ohne Gedanken, ohne Hoffnung. Die
Untersuchung war mir jetzt mit dem grauen Gesichte einer Unendlichkeit
angekndigt, der Zustand konnte so lange dauern, als mein Leben - o die
Menschen, die Menschen! dachte ich wohl manchmal da, wenn ich aus der Dumpfheit
aufwachte, die Menschen treiben miteinander das Unverantwortliche. Umsonst aller
Wunsch! Meine Existenz war ans Gefngnis verloren, und zwar ans todeinsame,
dunkle, trostlose. Was Rechtes, Genaues wei ich eigentlich nicht mehr von jener
ersten Zeit meiner jetzigen Gefangenschaft, ich erinnere mich nur, da ich oft
aus einer Starrheit und Taubheit erwachte, mich an der Mauer lehnend fand und
zusammenschauerte, da eine mir ganz fremde Gesellschaft in meinem Kopfe zu
wohnen schien und Dinge trieb, von denen mein eigentliches Ich gar nichts wute.
Ich dachte mit Schauer an die Wahnsinnigen, die furchtsam in sich selbst
zusammenkriechen. Meine Nerven wurden nachgerade, auch sehr zupassend
erschttert: der eintnige Schildwachentritt auf der Flur, das regelmige
Ablsen nach je zwei Stunden, besonders zur Nachtzeit, zerrttete mich ganz.
Mein Bett stand nmlich an einer Mauer, die den Gang bilden half, durch welchen
die Wachmannschaft vorber trottete; war ich nachts eingeschlafen, um die wste
Existenz zu vergessen, so fuhr ich immer nach je zwei Stunden hoch auf, wenn die
Schritte tief an mein Ohr traten, oder gar die Waffen klirrten und polterten.
Gott bewahre meinen rgsten Feind vor solchem Zustande, war das Wort meiner
Mutter; ich hatte einst von einem Gefangenen gehrt, der alle Stunden auf den
Anruf der Wache antworten mute; es war ihm das Nervensystem dadurch so zerstrt
worden, da er sich nicht mehr tief genug unter die Erde retten konnte, um keine
Nhe, kein Gerusch zu empfinden. In einem Gemache, das dreiig Fu hoch, mit
einem Erdwalle bedeckt war, berfielen ihn Zuckungen und Krmpfe, wenn jemand
ber den Wall schritt. Der Mann qulte mich sehr; ich fuhr zusammen vor den
eigenen Bewegungen meines Armes oder Beines. Es war recht schlimm; und da solch
Leben endlos vor mir lag, ach und liegt, dies mochte wohl das schlimmste sein;
es scheidet sich schmerzhaft von Leben und Jugend, und wenn man obenein nicht zu
der Entsagung kommt, wenn man nicht scheiden will, so leidet man sehr, sehr. -
Ich habe damals oft an das gedankenlos viel gebrauchte Bild des Prometheus
gedacht, und die Herzenskenntnis der Griechen bewundert; der gewaltige Mensch
ist in erschreckende Einsamkeit an den Felsen geschmiedet, er, der die Menschen
zusammenband gegen die Gtter, ist einsam, starrt ins Unendliche, Leere, und an
der Leber nagt ihm der Geier, gegen den er keine Abwehr, keine Waffe besitzt;
jawohl, an der Leber nagt der einsame Kerker, er whlt und bohrt, und der
sthnende Seufzer ist eine Erleichterung.

    Es sind wieder viele, viele Tage vergangen, ohne da ich Dir schreiben
konnte; die Mittel, Papier zu erlangen, waren alle versiegt, jetzt ist wieder
ein Fetzen, wenn auch grau und schmutzig, in meiner Hand. Ich sage nichts mehr
ber jene erste Zeit des hiesigen Kerkers, ich wei nichts mehr, ich habe nicht
geweint und nicht geklagt, Trnen gibt es nur, wenn wir die Hilfe des Leids in
der Nhe glauben, wenn das Leid in unsere Vorstellung und Fhigkeit des
Schmerzes pat, wenn das Leid uns natrlich bleibt. Ich litt damals dergestalt,
da ich nicht daran gedacht habe, es fehlten mir Bcher und Schreibmaterial, und
sie knnten mir wohlttig sein, Gott mag es wissen, wie doch die langen Tage und
Nchte an mir vorbergezogen sind - sie sind's doch; dessen erinnere ich mich,
da ich zuweilen den Schemel auf den Tisch gestellt habe, um zu dem versetzten
kleinen Fenster hinaufzukommen, um durch die schmale Lcke, welche oben offen
blieb, den Streifen blauen Himmels zu sehen, nach dem ich drstete, wie ein
Wstenreisender nach einer Wolke drsten mag. Dort oben am Fensterchen fand ich
die Worte Dantes mit Bleistift angeschrieben, welche die Devise aller
Gefngnisse geworden und in allen zu finden sind, die Worte: Lasset drauen die
Hoffnung, die ihr hier eintretet. - Lat drauen die Hoffnung, das hat lange,
lange in meinem Kopfe als einziger, ungedachter Gedanke herumgeklappert; wie
lange hab' ich von dieser eintnigen Hoffnungslosigkeit gelebt! - Eines Morgens
ward's besser, ich bekam ein anderes Gefngnis, mein jetziges, es liegt nicht an
jenem Durchgange, wo die Wachposten vorbertrampeln, das versetzte Fensterchen
ist etwas tiefer, und ich sehe durch die Blendenffnung oben die Spitzen eines
Baumes - Vorteile, die mir einen glcklichen Tag bereiteten. Alles brige blieb
beim alten, dennoch schien mir der Fortschritt riesengro; fr das Elend ist
alles Glck wohlfeil. Aber es dauerte nicht lang: Jetzt kam die schmerzhafteste
Sehnsucht nach Beschftigung, nach einem Anhalt der regellos schweifenden, sich
zu Tode hetzenden Gedanken. Ich warf mich aufs Bett, drckte den Kopf in die
Kissen, aber die Gedanken werden davon nicht berhrt, sie fangen ihren wsten
Tumult wieder an, sie schreien nach Stoff, ich sprang wieder auf und lief umher,
ich versuchte es, ob nicht ein altes Lied in der eingetrockneten Kehle raste,
krchzend begann ich, denn die Stimme rostet in diesem Mangel aller bung
vllig. Ruhe da! schrie die Wache unter dem Fenster, die Wache auf dem
Korridor - ich hielt mich fr verloren. Aber wahrscheinlich hatten mich just die
Wachen gerettet, der Zorn wachte auf und er fand leicht seinen Stoff, so wurde
der Heihunger nach Gedanken fr den gefhrlichen Augenblick beschwichtigt. -
Ihr wit es gar nicht da drauen, was Ihr habt, wenn Ihr Euch ber Mangel oder
Langeweile beschwert; Eure Tr ist offen, Eure Fenster sind's ebenfalls, Ihr
seht Menschen, Ihr seht Tiere, wenn Eure Gedanken ghnen, was wit Ihr von Leid!
Wenn Euer Leben stocken will, denkt an das schreckliche Nichts eines
Gefngnisses!

    Hat denn nicht der menschliche Geist Kraft genug in sich, ohne Anknpfung
und uere Mittel zu bestehen? Ist der meine so besonders schwach? Allerdings
produziert mein Geist unablssig, aber weil das Geschaffene auf keine Weise nach
auen hin Erscheinung und Gestalt empfangen kann, verwirrt sich alles in mir und
wird zur Last; der Geistesarme mag in solchem Falle sogar besser daran sein.
Einen kleinen Trost finde ich darin, die traurigen Eindrcke in ein paar Verse
zu gestalten, die also gewonnene Form befreit gewissermaen, und der also
geordnete Zustand erhlt wieder etwas von dem Adel in Beziehung auf brige Welt,
wie man ihn bei solcher Erniedrigung am meisten braucht. Mehr als zwei oder drei
behalte ich freilich nicht, und ich mchte Dir gern einige ltere herschreiben,
um neue machen zu knnen, wenn Verse nur nicht soviel Platz wegnhmen. Und ich
kann mich nicht entschlieen, sie als Prosa ohne Absatz herzuschreiben, es
scheint mir dies eine grobe Beleidigung der Schnheit zu sein, eine Figur in
schmutzigem Schlafrocke auf dem Balle. Und wie rhrend ist mir dies Bestreben,
Dir all das aufzuschreiben, da es wohl nie vor Deine Augen gebracht wird! Diese
Unendlichkeit meines Gefngnisses ist eben der Tod selber; in jetziger Weise
kann es ein Leben lang fortgehen; wie beneidenswert scheint mir derjenige,
welcher zu zwanzig Jahr Kerker verurteilt ist, er kann doch berechnen, ob ihm
wahrscheinlicherweise noch ein paar Jahre fr die freie Luft und die Menschen
brig bleiben: jeder Tag frdert ihn doch! O kommt, Verse!

Wie gehen die Stunden langsam hin,
Ich glaube, der Tag steht still,
Mein mder, abgehetzter Sinn
Wei nicht mehr, was er will -

Hat alles zehnmal schon durchirrt,
Was jemals er erlebt,
Was nur vorber ihm geschwirrt,
Was er gehofft, erstrebt -

Er wei nichts mehr, und dumpf und tot
Liegt alles vor ihm da -
Mein Gott, erbarm dich dieser Not,
Der Wahnsinn tritt mir nah!

Die Glocken luten drauen,
Die Leute beten zu Gott -
Und den Sturmwind hr' ich brausen,
O Glocken und Sturm, weckt Gott -

Weckt Gott, da er mir helfe,
Ich bin ja auch sein Kind -
Es heulen die Glocken wie Wlfe,
Ans Fenster schlgt hhnend der Wind.

    Mit dem Sonnenschein mag es drauen ein Ende haben, Regen und Wind schlagen
an meine Blechblende, es wird Herbst sein - das beruhigt mich in etwas, nur die
Hypochondristen gehen jetzt drauen spazieren. Aber es ist Sonntag, hat mir der
Wrter gesagt, und der Schmutz und das Unsonntgliche ist rings um mich her in
alter trauriger Gestalt.

Heut ist Sonntag in der Welt,
Es putzen sich alle Leute,
Ein jeder hofft fr Glck und Geld
Heut irgend eine Freude.

Hab' drum mein bestes Hemd erwhlt,
Wollt' auch gern Sonntag haben -
Du sieche Brust, so arg geqult,
Sollst dich am Hemde laben.

    Wenn sie auch Dir nicht nahe liegt, denn Du bist ein gottloser Mensch, aber
andern Leuten ist die Frage natrlich: Warum suchst du keinen Trost bei Gott,
warum flchtest du nicht, von aller Welt verlassen, in den Scho der Religion?
Darauf mu ich gestehen, da ich nach der allgemeinen Ausbildung jetziger Jugend
alles auf die Festigung meines Charakters verwendet, alle hheren Bezge da
hinein gewoben habe, und da es mir nichts hilft, ein Auenliegendes zu suchen.
Ist es mir nicht gelungen, was die Menschen Gottheit und Religion nennen, in
meine innersten Fasern aufzunehmen, dann bin ich wirklich verlassen, wenn die
Welt mich verlt. Also ist es mir aber niemals geworden, meinen inneren Halt
haben nicht Leid noch Entbehrung erschttert, und insoweit hat mir der jetzt
ziemlich allgemeine Zustand, welchen die Theologie beklagt, Probe gehalten. Ist
er ein falscher, so wnsche ich denen Glck, welche imstande sind, einen anderen
mit sich in Einklang zu bringen; ich glaube es gern, da der Traditionsglubige
festeren Anhalt nach dieser Seite hin finden mag, aber ich frchte, die brigen
selbsteigenen Sttzen des Charakters, die selbstgezimmerten, sind ihm schwcher
und unkrftiger. Ich bin zu trocken vernnftig, um einem Dogma anzugehren, das
mir nicht auf dem Wege meines Gedankens zukommt, und fhle mich zu sehr in
poetische Ahnungen hineingedrngt, um mir das Unsichtbare vordefinieren oder
wegdefinieren zu lassen. So glaub' ich an die Kraft und Macht des Gebetes, aber
wenn es ein Unglck ist, so habe ich es, die Kraft und Macht des Gebetes nur
darin zu finden, da es mir selber Kraft und Macht gewhrt. Soll ich Dir's nun
offen gestehen, da es mir wie klglich und jmmerlich vorkam, just im tiefen
Elende das Gebet so aufzusuchen, wie es mir niemals nahegetreten, niemals fr
mein Ich natrlich gewesen war; diese Verleugnung meiner selbst mochte ich
nicht. Der innerste Gedanke eines nicht verwahrlosten Menschen ist fr mich ein
Gttliches; dagegen zu lgen ist mir ein Frevel, eine Snde, wie es die
Terminologie nennt - das Glck vielleicht bekehrte mich zu etwas Herkmmlichem,
das meinem Wesen sonst fremd ist, das Unglck nimmer. Der geheimste, beste Stolz
ist gar oft der Lebensodem einer moralischen Existenz, man mu ihn respektieren,
selbst beim Bsewichte. Ich konnte Gott bitten, da er mir das Betteln erlasse,
weil ein solch Verhltnis zu ihm nie das meine gewesen, aber ich konnte nicht
bitten, da er eingreifen mge in mein traurig Schicksal; solches ruckweise
Regieren der Welt mag fr viele ein segensreicher Trost sein; wehe dem, der ihn
leichtsinnig den Menschen rauben wollte, fr mich ist er ein Fremdes. Ich habe
mit Gott gesprochen, aber mein Individuum ist dabei fr mich selbst unverloren
geblieben. Sagt man, ich habe keine Demut, und sei deshalb noch weit ab von dem,
was das Dogma heische, so hat man vollkommen recht. Aber es ist eben mein
Glaube, da ich nichts in mich aufnehmen kann, was meiner besten Innerlichkeit
nicht zupassen will, und da ich nicht imstande bin, ja es fr frevelhaft halte,
gegen mich selbst zu lgen.
    Und nach alledem wirst Du mir doch glauben, da es meine besten Stunden in
diesem Elende sind, wenn ich einen antwortreichen Verkehr mit der Gottheit
finde, wie ich mir sie denke durch Welt und Geschichte regierend. Eben wenn sie
antwortet aus mir heraus, dann hab ich meines Erachtens das richtige Verhltnis
zu ihr gefunden. Warum soll sie der eine nicht im brennenden Busche sehen, der
andere im Suseln der Lfte hren, der dritte im Todesschweigen der Wste oder
des Kerkers!

    Wenn Du diese schmutzigen Bltter je sehen solltest, wie wrdest Du lcheln,
da ich nach Deiner Meinung echt deutsch das letzte Stckchen Papier fr
metaphysische Redensarten verbrauchte. Ich hatte eben einen gesammelteren Tag
gehabt und ber Gott gedacht, und ber die Art und Weise, in welcher die
Menschen sich auf der Erde untereinander eingerichtet, und da sie soviel
einzelne ausstoen mssen durch Gefngnis und Tod. Nebenher hab' ich mir eine
kleine Beschftigung erfunden; tglich wird mir eine Flasche ordinren Bieres
verabreicht, an welcher der Kork mit Bindfaden festgehalten wird. Diese kleinen
Stckchen sammle ich mir, flechte ich zusammen, und fasere sie dann am Ende auf,
um eine Art Lunte zu erschaffen. Mit dieser stehe ich dann stundenlang an der
heien Ofenrhre - denn es ist klter geworden und wird geheizt - und warte, ob
sie sich nicht entznden werde. Der Ofen nmlich wird drauen gefeuert, man hat
mir aber eine Pfeife und ein Restchen Tabak wieder gegeben fr den Fall, da ich
endlich eine Freistunde bekme, und weil auf dem Hofe geraucht werden darf;
Feuerzeuge sind in den Gefngnissen nicht gestattet, und Rauchen ist streng
untersagt, Pfeife und Lorgnette, die mir gelassen ist, sehen mich also ganz
ironisch an, und die Lunte will sich nicht entznden; das Streben danach ist mir
aber doch eine Beschftigung.

    Jetzt ist noch neuer Schmerz von auen hinzugekommen - um Gottes willen
macht drauen nicht noch Forderungen an mich, die Wnde sind dick, die Schlsser
und Gitter fest, werft nicht noch Skorpionen in meine Einsamkeit, ich kann
niemand helfen, ich gebiete blo ber acht Schritte Raum. Als mein alter Vater
Sonntags von der Kanzel gekommen ist, da sind Pfarrkinder zu ihm getreten und
haben gefragt, ob es denn wahr sei, ein Reisender habe es erzhlt, da der
lteste Pfarrsohn ein Verbrecher geworden sei. Tritt uns erst die Beschrnktheit
nahe mit allen Rechten der unkundigen Teilnahme, des unerfahrenen Vorwurfs, dann
wird die Lhmung vollstndig. Der Vater jammert und fragt, und ich kann ihm
nicht helfen, ja ich kann ihm nicht antworten, denn es fehlt mir Papier und
Feder, und zur Tortur hat man diesen Brief und ein Billett Kamillas
hereingelassen, seit Monden das erste Verbindungszeichen mit der Welt, und ein
so trauriges wie ein Grabesflor - verhngt ihr mir auch noch die Welt drauen
mit weinerlichen Wolken, die Welt, nach der ich schmachte? Wo soll ich hin mit
meinen Wnschen! Unglckliche Kamilla! Sie hat nach Grnschlo keine Nachricht
gegeben, wo sie hin sei, sie hat Himmel und Erde aufgeboten in der fremden
Stadt, um zu mir zu dringen, mir zu helfen, jetzt liegt sie erschpft darnieder,
niemand hilft ihr - und ich kann nichts tun, als an die vier Wnde laufen.

Hinter jenen Eisenstben
Liegt das weite, offne Feld,
Liegt die Freude, liegt das Leben,
Gottes groe, schne Welt -

Trnen, Trnen, ach ihr brechet
Jene harten Stbe nicht -
Ferne Sonnenstrahlen, sprechet
Von der schnen Welt mir nicht!

Denn es schmerzt mich so unsglich,
Da das Herz mir stille steht -
Und so kommt die Welt mir tglich,
Bis die Sonne untergeht.

    Es ist Abend geworden und wieder Tag und wieder Abend und wieder Tag, der
Geier hat sich dick gefressen an meinem Eingeweide, jetzt ist es wieder ganz
still; ein Lied ist mir geblieben aus der schlaflosen Nacht mit einem garstigen
Gefngnisschlusse:

Hier gehen in goldenen Slen
Die Menschen hin und her,
Sie haben nur zu whlen,
Was das Vergnglichste wr'.

Hier weint ein blasser Vater
In dunkler Abendnot,
Es fehlt ihm Trost und Rater,
Die Kinder schreien nach Brot.

Hier wandeln Liebesleute
In dunkler Strae hin,
Sie kichern vor lauter Freude,
Vor frhlichem Lebenssinn.

Hier sitzt in trber Kammer
Der Gefangne mit seiner Qual,
Mit seinem einsamen Jammer,
Mit der schwarzen Gedanken Zahl.

Und ob dem allem schweben
Himmel und Sterne still -
Dies ist das Menschenleben,
Es kommt, wie's eben will.

    Wit Ihr, was Resignation heit? Ihr versagt Euch eine Freude, ja Ihr
entsagt manchem Notwendigem, aber Ihr lebt weiter. Ich kann dem trostlosen
Vater, der verlassenen Geliebten mit keinem Worte beistehen, und ich bin endlich
auch ruhig geworden, ich schlafe wieder ein, ich esse meine bescheidene Kost,
was man sagt, ich bin resigniert. Sind's doch Gedanken, neue Eindrcke gewesen,
die ein paar Tage erfllt haben, ist doch solch stechender Schmerz auch ein
Gewinn neben de und Langeweile! Ach, Hippolyt, ich habe es oft mit Redensarten
bekleidet, ich hielt's fr unrecht, das nackte, schonungslose Wort zu whlen,
aber mu es nicht einmal gesagt sein, wenn es denn doch vorhanden ist? Wenn der
Krper verschleimt und verstopft wird, und man hat selbst Freiheit vor die Tre
zu gehen, was ist's mit dem Leben? Wenn die Welt aus den Fugen reit, und nichts
allgemein Geglaubtes und Geachtetes brig bleibt, was lohnt's zu leben? Bewahrst
Du dabei Nerven wie straffe Stricke, wohl Dir, Du kannst mit Hilfe der
krperlichen Elastizitt hie und da einen Reiz gewinnen, die Verworrenheit zu
einem pikanten Anblicke ineinander dichten, am kleinen Zustande Dich laben; aber
wenn auch der Krper blasiert wird, was dann? Was ist der Ruhm? Eine Nahrung
kindischer Eitelkeit; was ist die Teilnahme, welche Dir werden mag in
Freundschaft oder Liebe? Ein Zuflliges, weil Du just mit Leuten in Berhrung
kommst, die das mgen, was Du scheinbar besitzest, und was Dir ber Nacht eine
Laune, eine Krankheit rauben kann! Was ist die Menschenentwicklung, fr welche
Du dich erhitzest? Ein so langsam und mannigfach Werdendes, da Du Dich in
Ewigkeit seiner nicht bemchtigen kannst, wo Du mit allen Schlssen und
Folgerungen am scheinbaren Endpunkte Dich getuscht, Dich in den Hnden einer
ewig unerklrten Macht siehst? Was ist Poesie? Eine Spielerei Deines Herzens,
solange Dein Herz Kraft hat zu erfinden, zu kombinieren, zu empfangen und zu
genieen, und wenn Dir die Kraft ausgeht, ist sie nichts. Elastische Fhigkeit
und Kraft ist alles, von ihnen wird alles bedingt; wenn sie Dir fehlen, kommt zu
Deinem grten Reichtume die Blasiertheit, ein knstlich Wort, das wir
aufgenommen haben, um den garstigen Ausdruck Stumpfheit zu umgehen. Ich mchte
die Augen schlieen knnen, und lange, lange schlafen. Klgliche, schwchliche
Geschpfe, die ihren Zorn gegen den Gefngnisherrn richten; der ist eben auch
eingefgt in den groen Zusammenhang, welcher immer der einzelnen spotten mu,
welcher von unzulnglichen Menschen erfunden ist. Wenn man den Gefngniswrter
hassen wollte, dann wrden sie schnell zur Hand sein mit weisem Tadel und
meinen: Der Mann kann nicht dafr. Geht doch zwei, drei, vier Schritte weiter,
wer kann dafr? Der Mensch im groen, das heit der Mensch im kleinen; ich habe
Lust, ihn vllig aufzugeben, und in Nacht und de zu versinken. - So klug war
wohl Prometheus auch, aber er konnte nicht sterben. Das Leben allein ist schwer,
und der Tod ist unmglich. Wenn ich nur schlafen knnte!

    Graue, graue Tage sind vorbergeschlichen, vorbergekrochen; ein kleines
Geschpf hat sich meiner erbarmt, ein Muschen, und nun bin ich nicht mehr
allein. Ich kann eigentlich diese kleinen Tiere nicht leiden, aber in der Wste
hren die feinen Unterschiede auf, ist das kleine Ding doch ein lebendig Wesen,
das unabhngig von mir seine Bewegungen macht, und durch diese Selbstndigkeit
in meine de und Leere Abwechselung, ich mchte sagten objektive Abwechselung
bringt. Wenn ich so ruhig auf meinem Schmerzenslager liege, dann wagt sie sich
immer weiter vor, um die kleinen Brotkrumen zu suchen, die ich zerstreut habe.
Fehlen diese, so knubbert sie an meinen Stiefeln, als wte sie, da ich keine
Stiefeln mehr brauche; glsern ist das kleine Auge, aber die Bewegungen des
Krperchens deuten auf Wohlbefinden und Behaglichkeit - soll ich das Tier
beneiden? Pfui, wie schwach! Wer aus dem Kreise seiner Existenz heraus will, hat
seine Existenz schon verloren. Aber ein Sperling setzt sich zuweilen auf die
Spitze des Blechkastens, er gewhrt keine Unterhaltung, da er nicht lange
bleibt, aber er gewhrt mir Freude und bringt mir die Mrchenwelt. In diese
hll' ich mich wie in weiche endlose Gewnder, mit denen man auch Augen und
Ohren verschliet, um in eine ganz fremde Welt zu sinken; Traum und Glaube sind
so gefllige Trger, wenn unser Geist keine Hilfe hat, ich reite sanft auf dem
Rcken des Vogels Rok, hoch ber die sdlichen Wsten, Gebirge und Wasser dahin,
nachts zwischen den Sternen umher, bald links grend, bald rechts. Auf den
Sternen nmlich wohnen verteilt alle die Menschen, die mir jemals wert gewesen
sind, sie reichen mir die Hand beim Vorberfliegen, und wnschen mir glckliche
Reise - ach, es wre dem Herrgott doch eine Kleinigkeit, was im Mrchen mglich
ist, in Wahrheit mglich zu machen, und wie neu und interessant wre die Welt,
was gb's fr Kombinationen, und die Dichter herrschten, denn die Phantasie
herrschte. Vielleicht ist die nchste Zukunft die Mrchenzukunft. Wenn ich jetzt
strbe, mt' ich sie finden. Dann ist kein Gefngnis mehr mglich, als Fliege,
als Sperling flg' ich davon. Wo bin ich? So wechselt's im Menschenherzen, und
das stete Erwachen in diesem schmutzigen Loche ist so unnennbar schmerzhaft!
Manchmal, wenn mich ein fester Schlaf und Traum beglckt, wache ich rstig auf,
und erkenne dann mit Entsetzen wieder, wo ich bin - Traum und Mrchen, sie
knnten vor Blasiertheit und vor Kerker retten, kommt, kommt!
    Steigt herunter auf goldenen Wolken!

Es laufen Gedanken in mir herum,
Darunter auch jenes Wort,
Der Welten tiefes Mysterium,
Hasch' ich, so fliegt es fort!

Ich lausch' oft ganze Stunden lang,
Ob es ein Geist mir nennt,
Ich hre nur verworrnen Klang:
All Wissen hat bald ein End'!

Und sprech' ich laut, was ich empfand,
Was mir durchs Herze zieht,
So wird daraus solch bunter Tand,
Ein klein armselig Lied.

    Unglaubliches ist geschehen, und die Vernderung ist gro; von den alten,
lngst gelesenen Bchern, die ich im ersten Gefngnisse hatte, sind mir einige
verabreicht worden. Fr Lektre helfen sie nun zwar nichts, aber ich schreibe
jetzt alle weien Pltzchen voll, welche die Rnder des Gedruckten bilden, und
die Titel- und Schlubltter bieten hoffnungsreichen Raum. Die Freude war gro,
und es ereignete sich noch Greres. Als ich heut morgen noch im Bette lag, um
den Vormittag krzer zu machen, hre ich hinter der Wand neben mir Gerusch und
Stimmen. Ich unterscheide, da ein Gefangener neben mir eingebracht wird, ich
sehe die Hoffnung deutlich zu mir herantreten, da eine Verbindung, vielleicht
gar ein Gesprch mglich zu machen ist, der Verkehr mit einem Menschen tritt mir
nahe, ich bin auer mir. Um nichts zu bereilen, lie ich mehrere Stunden
vergehen. Alles ist still und tot wie sonst, ich klopfe leise an die Wand, und
erschrecke selbst vor diesem signalartigen Gerusche - alles bleibt still; ich
fasse mir ein Herz, und da die Wache auf dem Korridor gerade abwrts schreitet,
klopfe ich strker - alles bleibt still, leise, ganz leise, wie aus weiter Ferne
hr' ich Erwiderung des Klopfens. Vorsichtig, langsam gesteigert setzen wir die
Versuche fort, bis wir den Winkel, in welchem mein Bett steht, als den leichtest
schallenden aufgefunden. Ich wage es sogar, die heiser gewordene Stimme da
hineinzuschicken, aber die Wache verhindert groe Hhe und Strke, wir mssen
oft lange still sein, aber in den Bemhungen hab' ich allen Jammer vergessen,
mein Kerker hat einen belebten Winkel, alles andere existiert im Augenblicke
nicht mehr fr mich, es ist gegen Abend, ich habe den Tag gewonnen, und ich wei
bereits den Namen meines Nachbars, und da er schon drei Monate sitzt; mehr
freilich war noch nicht zu verstehen, und ich wei nicht, wieviel ihm von meiner
Mitteilung deutlich geworden ist, aber ich bin selig, und wenn wir nicht mehr
haben knnen als das Klopfen, es verbrgt doch eine Menschennhe, die
Todeseinsamkeit ist vorber.

    Es hat lange an Papierlappen gefehlt, dafr hat sich mit meinem Nachbar eine
Unterhaltung eingerichtet, wobei zwar manches Wort verloren geht, die aber doch
Anknpfung an ein wirkliches Leben ist. Gott, was ist's fr Trost um eine
Menschenstimme, um ein Gesprch nach solchem Grabesschweigen! Wer nie gefangen
sa, der wei es nicht zu schtzen, was Menschennhe sagen will. Ich liege jetzt
den grten Teil des Tages auf meinem Bett, das Gesicht nach unten kehrend, weil
ich in dieser Stellung, so unbequem sie auf die Lnge ist, meinen Nachbar am
besten verstehen kann. Der Glckliche hat drei Bcher, den Faust, Dr.
Katzenbergers Badereise und die Gerichtsordnung seiner Heimat; er hat die Sachen
schon fnfmal durchgelesen, und beginnt jetzt den sechsten Kursus, aber es ist
doch ein Anhalt an gegebene Dinge, und der ist von so groem Werte, wie es jener
Punkt war, den Archimedes auerhalb der Erde und seiner Umgebung suchte, um den
Erdball in eine andere Bewegung zu setzen. Er liest mir vor, und obwohl die Wand
manches verschlingt, und in je zwei Minuten eine Pause eintreten mu, wenn die
Wache vorberschreitet, so genie' ich doch manches davon. Freilich mssen wir
sehr aufpassen, da nicht einer der Wrter oder Aufseher nahen kann, ohne da
wir's bemerken, denn sonst hat unsere Herrlichkeit schnell ein Ende. Wir sind
aber schon so eingebt, wie ein paar Wilde, die durch die stillen Urwlder
flchten und auf groe Entfernung hin den Tritt eines Hirsches oder Panthers,
einer Rothaut oder eines Weien unterscheiden. Wir haben auch ihren Signalruf
angenommen, und wer von uns zuerst etwas nahen hrt, oder die Mglichkeit einer
Gefahr wittert, der ruft Hugh! und der andere schweigt sogleich. Beneide mich
um die Romantik, welche in meine de gekommen ist, aber sthle mir auch die
Nerven dafr.
    Kannst Du ein Bett zurechtmachen? Unterrichte Dich ja beim nchsten
Kammermdchen, es sollte mich sehr wundern, wenn Du, ein wirklich egoistischer
Feind des Menschenvereins, dem Gefngnisse entgingest, und dort ist solche
Kenntnis ntig. Anfangs kam ich mir wie ein zu Weibern des Harems erniedrigter
Bettelsardanapal vor, wenn ich abends vor dem zerwhlten Lager stand und meine
eigenen Hnde gebrauchen sollte - das gibt sich mit der Zeit; zwischen diesen
vier traurigen Wnden schwindet alle Illusion und gemachte Ehre, das Notwendige
verhhnt und drngt so lange das Herkmmliche, bis man nur noch das nchste
Bedrfnis hrt. Ich bin noch weiter gediehen: es wird selten und oberflchlich
ausgekehrt, abgestubt gar nicht, so was ist Luxusartikel, und der Wrter, dem
dreiig Gefangene obliegen, hat dafr auch wirklich keine Zeit; der Schmutz ist
also arg, und das bleibt ein lhmender Schmerz fr mich; fr Wsche kann ich nur
wenig vom schmalen Kostgelde, das der Wrter auslegt, absparen, was bleibt mir
also brig, als bisweilen mein graues Blechhandbecken herzunehmen und Taschen-
oder Handtcher zu waschen? Und der Weltverbesserer bedrfte des Unterrichts von
einem alten Weibe! Das Leben hat alle Taschen voll Ironie! Jetzt, da wir's
einander erzhlen, mein Nachbar und ich, wird es spahaft: wenn ein zweiter
derselben Notwendigkeit folgen mu, dann wird sie dadurch auf der Stelle
legitim, und sie kann als ein gerechtfertigtes Objekt zu allem ausgebeutet
werden. Soll ich Dir nun das Schlimmste gestehen: in den vierzehn Tagen hat sich
unser Gesprch und unsere Bekanntschaft schon sehr abgenutzt, wir sind schon
mitunter auf dem Trocknen. Er hat mehr Aussicht, einmal wieder loszukommen, als
ich; aber ihn kmmert dafr eine andere Sorge, aus der ich ihm ein Lied gemacht
habe.
    Es singen drei Gefangene:

Es zogen wohl drei Schwne
Vom Sden nach dem Nord,
Sie suchten alte Freunde -
Die Freunde waren fort.

Es zogen wohl drei Schwne
Vom Norden nach dem Sd,
Sie suchten die alten Ufer -
Die waren verwstet, verblht.

Sie hatten nicht mehr Heimat,
Nicht Freunde in der Welt -
Da haben an den Felsen
Sie sich die Kpfe zerschellt.

Und wenn wir einst befreiet,
So kennt uns niemand mehr,
Es bleibt uns nur zu sterben,
Die Welt ist wst und leer.

Der Sommer scheidet, kalter Wind
Fllt auf die Dcher nieder -
Des blauen Himmels Farben sind
In Grau verblichen wieder.

Als ich die Welt zum letzten sah,
Da war sie hell und milde,
Ich wei nicht, was seitdem geschah,
Ich sah sie nur im Bilde.

Ich fhl' auch heut nur kalten Wind,
Seh' keine Bltter fallen -
Wenn ferne Lieben gestorben sind,
Hren wir Glocken hallen.

    Du wunderst Dich vielleicht, da ich ber das, worin der Mittelpunkt meines
Elendes ruht, ber den Staat selbst, so wenig denke und zusammenstelle; ich
wundere mich manchmal selbst darber; aber es ist nicht anders. Was sollt' ich?
Einen Staat konstruieren wie Sieys, von dem man sagt, da er immer mehrere
Exemplare des Staates in den Taschen gehabt? Dies Definieren aus der Luft ist
nicht meine Sache, und Du glaubst nicht, wie die Gedanken, zaumlos freigegeben
wie die Pferde der Ukraine in den unabsehbaren Steppen, Du glaubst nicht, wie
sie in der Irre mde werden. Man denkt im geschftlichen Leben, wo des Tags kaum
zwei einsame Stunden gewhrt sind, viel mehr Darstellbares; unser Inneres
braucht Abwechselung, Anregung ebensogut, um zu schaffen, wie der Krper, um
sich krftig zu entwickeln. Es gibt kein abgesondertes Innere als die
Schwrmerei. Und soll ich toben, da der Staat Gefngnisse braucht? Wrden wir
einen Staat erhalten ohne sie? Mein moralisches Gefhl, das, was man innerste
Ehre nennen kann, verlangt jetzt gerade von mir die grte Milde, weil ich
selbst hart betroffen bin und die Rache mir etwas Unehrenhaftes dnkt. Die
Gefngnisse selbst anbelangend, wrde ich eine unabhngige Kommission der
Humanitt im Staate errichten, welche die Gefngnisse kontrollierte, und,
unabhngig vom Gericht und von der Regierung, wenn auch mit Rcksicht auf den
jedesmaligen speziellen Fall des Gefangenen, verfgte. Die Untersuchungsarreste
sind der wunde Fleck; sie erheischen strengste Aufsicht und sollen doch noch
nicht strafen, meist sind sie aber schmerzhafter als der Strafarrest; jedenfalls
sind sie zu sehr ber einen Leisten und dem mitbeteiligten Untersuchungsrichter
zu sehr berlassen, der zur Erreichung seiner Zwecke seine Torturgrade dadurch
in der Gewalt hat. Du siehst, das ist ein blo Administratives und hat mit der
Staatsspekulation im groen gar nichts zu schaffen, man hlt sich eben immer an
das Nchste, wenn man klug wird. Wre ich das frher geworden, dann se ich
schwerlich im Loche. Alle Kenntnis und Frderung sonstiger Politik ist mir jetzt
benommen, die Politik selbst also liegt tot in mir; ich mchte auch nie einen
Staat aus dem Gefngnisse erfinden. Ist die politische Fluktuation der neuen
Zeit ein bel, so ist sie's eben darum, weil man den Staat erfinden will, statt
ihn werden zu lassen, wachsen zu machen. Soll er echt sein, mu er sich
historisch entwickeln wie der Mensch, wie die Pflanze. - Es ist wieder ein
groes Ereignis dagewesen: man hat mir einige von den Bchern gegeben, die ich
mitgebracht habe. Freilich hab' ich sie schon gelesen, aber es sind doch Bcher,
ich werde doch berall wieder Mensch; hinter der Wand eine halbe Gesellschaft,
auf dem Tische ein gedrucktes Buch! Welcher Fortschritt! Schlegels Philosophie
der Geschichte ist dabei, ein Buch, welches zur Demtigung der Menschen
geschrieben ist - wozu htte mir Gott den Stolz und die khne Kraft gegeben und
damit soviel des Besten verwoben, wenn ich sie nur vernichten sollte? Ich
fhl's, einen greren Gott zu haben, dem mein Bewutsein irgendwelcher
Tchtigkeit wohlgefllig ist. Auch in meiner Verlassenheit berhebe ich mich
dieser klglichen Ansicht des entmutigten Schlegel. Aber ich finde in dem Buche
Beschreibungen der indischen Einsiedler und Heiligen, welche mir von groer
Beschftigung sind, weil sie auch mit der uersten Einsamkeit zusammenfallen.
Was kann der Mensch, den ein fanatischer Glaube, treibt! Ich erschrecke davor;
wie klein sind wir, denen die skeptische Kultur jeden solchen unerschtterliches
Anhalt genommen; ein guter Fanatiker erobert ein Stck Gottheit und ein Stck
Tier zugleich. Diese Leute stellen sich auf die Einsamkeit eines hohen
Postamentes, mitten in die verzehrende indische Sonne hinein, strecken den Arm
in die Hhe, bis er erstarrt, verwchst in dieser Richtung, sehen in die
blendenden Sonnenstrahlen unverwandt, bis die Augen erblinden, und denken nur
den Gottesgedanken, um ganz in die Gottheit zu versinken, was ihnen denn wohl am
Ende gelingt, denn welcher Menschengeist versnke nicht am Ende dabei! So werden
sie wirklich halbe Bildsulen, die Vgel bauen Nester auf ihnen, die Wallfahrer
beten im Anschauen dieser Heiligen! Und ich kann zehn Schritte umhergehen, kann
liegen, kann sitzen, denken, was ich will: wie bequem hab' ich's neben dieser
Menschenart, und doch sind's auch Menschen. Ich stelle mich jetzt manchmal eine
Zeitlang unter meine Fensterblende, sehe in den Himmelsstreifen, strecke den Arm
aus, denke einen Gedanken, bis ich wirblig werde und erschpft zusammensinke.
Dann empfinde ich, da mein Los noch beneidenswert!

    Welch ein kalter Strom hat sich wieder an meine Einsamkeit hergewlzt! Ich
habe kaum Fassung, Dir zu schildern. Gestern kam der entschlossene, klirrende
Schritt des Ordonnanzsoldaten neben unserem Wchter den Korridor entlang, und
ber jeden von uns legte sich das atemlose Beben, da der Schritt vor seiner
Zelle halten, seinen Namen rufen werde - das ist so schreckhaft! Denke Dir, wie
sehr unsere Nerven schon zerstrt sind: das Verhr allein kann uns frdern, den
traurigen Zustand ndern, wenn nicht in einen besseren verwandeln, denn im
schlimmsten Falle ist Strafgefngnis eine Erholung gegen den Untersuchungsarrest
- und doch frchten wir alle das Verhr, wenigstens die Ankndigung desselben,
das Klopfen, den Namensruf, das hastige Ankleiden, den Gang durch die dunklen
Korridore. Wenn man den Tritt der Ordonnanz hrt, da wnscht man stets, er mge
vorbergehen, man denkt an den Henker, welcher ein Todesurteil bringt, und bebt.
Nur Ungestrtheit, unbeachtetes Zusammenkauern in den traurigen Kerkerschmutz
wnscht die furchtsame Seele - so wird die Furcht in Krper und Seele gebracht,
wie man den Mut hineinbringen kann; ich habe jetzt eine deutliche Vorstellung
von den Bldsinnigen, welche in den Winkel kriechen, sobald sich ihnen irgend
etwas naht. Du glaubst nicht, wie sehr man, wie krampfhaft man die Erinnerung an
einen stolzen Menschen, der man einst war, zusammenhalten, in sich hinein
klammern mu, um nicht der klglichste Wicht zu werden!
    Der Sporenschritt des Ordonnanzsoldaten hielt still vor meiner Tre, mein
Atem stockte und jagte; es ward geklopft, mein Name ward gerufen - wir schritten
durch den Korridor. Die Ordonnanz ist ein brtiger, freundlicher Mann, er sagte,
ich sei sehr bla geworden, und mein Bart sei lang, sehr lang - er hat mich seit
mehreren Monaten nicht ins Verhr geholt. An der Tr flsterte er mir zu: Ich
bringe Sie heut vor einen andern Richter. Neuer Schreck. - Wer ist's? - 's ist
der Herr Oberrichter!
    An der langen grnen Tafel sa er, schwarz gekleidet, mit dem Rcken nach
der Tr, durch welche ich eintrat, neben ihm der Protokollfhrer, sonst war
niemand in dem groen Zimmer, es war ganz still; ohne umzublicken wies er mit
der Hand auf einen Sessel; ich ging dahin, sah den Oberrichter und stand wie vom
Schlage getroffen - es war Konstantin!
    Er sah mich nur zuweilen mit halbem Blicke an, und inquirierte vortrefflich:
als einstiger Jakobiner kennt er alle Gedankengnge, Plne und Zustnde sehr
gut; es war ein interessantes Verhr! Der Stil, die Ausdrcke, die Wendungen,
welche wir frher gemeinschaftlich aufgesucht, gebt, wurden jetzt gegen mich
bentzt! Beim letzten Worte schellte er, und eh' ich noch meinen Namen
unterzeichnet hatte, war die Ordonnanz wieder im Gemache, und ich ward
abgefhrt. - Wir haben sonst nicht ein Wort miteinander gesprochen. Aber alle
Leidenschaft und mit ihr alle Strke war mit diesem Eindrucke wieder in mich
eingekehrt: heute hrt' ich mit Begierde den Tritt der Ordonnanz, das Klopfen an
meiner Tr, den Namensruf - o Zorn, du machst noch straffer und tchtiger als
die Liebe, darum sind die feindlichen Taten meisthin soviel gewaltiger.
    Heute empfing er mich in einem Vorderzimmer, das auf einen offenen Teil der
Stadt sieht; das Licht blendete mich, in der Ferne erblickte ich harmlos,
freigehende Menschen, die Wintersonne in allem Glanze schien mir entgegen, ich
htte niedersinken mgen, bestrmt von dem pltzlichen Eindrucke, oder durch die
Fensterscheibe springen im trunkenen Drange nach Freiheit.
    Er war allein und ging im Zimmer umher. Folgendes war seine Rede:
    Es spricht heute nicht der Richter zu Ihnen, sondern der Jugendbekannte.
Ich kenne Ihren Gedankengang und wei, da Sie sich in einem gewissen Stolze
meiner berheben, da Sie der Unterdrckte vor mir stehen, welcher ich eben
Gewalt und Macht ber Sie habe; da Sie den Anfngen meiner Lebensgeschichte
nach, die ich mit Ihnen gemeinschaftlich erlebt habe, glauben, diese meine
jetzige Stellung knnte mit einer Unwrdigkeit meines sittlichen Menschen
zusammenhngen, weil sie mit dem Beginn meiner damaligen Lebensansichten auf den
ersten Anblick nicht harmoniert. Um einer solchen Folgerung zu widersprechen,
welche Ihrem inneren Schicksale eine falsche Richtung geben und mich in eine
falsche Position bringen knnte, will ich Ihnen mit zwei Worten meine
Lebensentwicklung mitteilen. Warum ich dies auf so frmliche Weise und nicht im
wiederangeschlagenen Tone unserer frher kordialen Bekanntschaft beginne, wird
Ihnen erklrlich sein, wenn Sie bemerken, da ich eben Persnliches aller Art
der Form unterordne, wenn es sein mu, gewaltsam und schonungslos unterordne,
da ich eben in der Ansicht zu meinem jetzigen Punkte gekommen bin, die Form sei
alles, sei die eigentliche Bildung, der losgelassene, seiner ganzen
Innerlichkeit freigegebene Mensch sei ein ewiger Feind des Zusammenlebens. Als
Jakobiner, als Vergtterer aller Revolution kam ich nach Paris und erkannte
langsam, aber sicher, da die Gesellschaft darin zugrunde gehen msse, wenn
jeder Regung des unbndigen Menschen Folge gegeben werde. Der erfindende Mensch,
das Genie, ist wild und grausam, es entspricht dem reienden Tiere, bei welchem
sich ebenfalls die grte Potenz der Tierwelt, vorfindet, welches nur zum
Nachteile seiner Umgebung lebt und berall auf den Tod verfolgt werden mu.
Dagegen ist die Schranke erfunden, welche man Form nennt, und je eiserner diese
ist, desto besser wirkt sie. Am uersten Endpunkte der Revolution wird nichts
gewonnen als ein anderer Herr, ein anderer Diener; wenn's hoch kommt, ein
gelinderes Verhltnis zwischen diesen. Ein Verhltnis also wieder, eine Form
wieder, die just durch ihre Entstehung bedroht ist. Hat man frher die
Heiligkeit der Form zerreien drfen, warum nicht spter auch? So wird die
Auflsung geboren, und just der Wildheit ist das Tor geffnet, weil sie im
Erfinden am mchtigsten ist. Und halten Sie das gelindere Verhltnis fr einen
Gewinn? Es fhrt zu nichts als zur berhebung des Niedrigeren: weil er seltener
und weniger zu gehorchen, Leichteres zu leisten habe, ist ihm jede Lsung und
Nichtbeachtung um so nher gelegt. Erwarten Sie von der Masse die seine
Sonderung des Erlaubten, weil Sie sein Verhltnis seiner gemacht? Dann mte die
Roheit von der Erde weichen, und doch ist sie ein Urelement derselben. Dieses
Hinaufexperimentieren bringt entweder immerwhrenden Wechsel, da jeder Mensch
einen Schritt weiter verlangt, als er gestellt ist, oder es bringt die
Blasiertheit. Warum? Die ganze Welt ist in groen Unterschieden begrndet, sie
sind erforderlich, damit wir einen Drang, ein Interesse haben; wenn diese
aufhren, dann beginnt die de. Dies war mein Los in Paris, und es ist das, was
ich mein Lebtag nicht mehr verwinden werde; denn mein Verstand hat sich zwar
einen anderen Kreis, eine andere Existenz geschaffen, die in Schlu und
Notwendigkeit fest begrenzt ist, aber mein Herz stammt aus der Geburt einer
anderen Welt, weil meine Jugend revolutionr war, mein Herz ist verarmt, und
wird nur durch knstliche Mittel aufrecht erhalten. Die Revolution hat mein
Leben verschlungen; mein Automatenschatten, der it und trinkt, kt und
spricht, lauft allein noch weiter - miverstehen Sie mich nicht: mein Herz hngt
nicht etwa noch an der Revolution, o nein, ach ich beneide jeden Schwrmer, fr
ein schwunghaftes Leben ist sie unbezahlbar, die Schwrmerei, sie richte sich,
auf was sie wolle. In den unnatrlichen Gegenstzen aber, wohinein ich geriet,
ist alles drngende Leben in mir gettet worden; wenn ich phantasierte, so tte
ich's in einem knstlichen Wahnsinn, dem ich mich selbst bewutvoll in die Arme
strzte, und der sich meiner dann bemchtigte, strker werdend als ich selbst.
An Dmonen mchte ich mich schlieen, um von einer strkeren Macht geschwungen
zu sein, aber mein kaltes Herz isoliert mich auch von diesen. So verdet gewann
ich Julia, das schne Mdchen, weil sie Gesetz und Ma in mir fand, was sich
beides damals in seiner Geburt um so strker herausdrngte, weil sie einen
Schutz suchte vor der Wildheit Hippolyts. Sie ward meine Frau und hat nie jemand
anders geliebt, als ihn, den tobenden Hippolytos; das reizende Geschpf war in
die Form hinein verzogen, sie hatte das umgekehrte Unglck: ihre natrlichen
starken Krfte waren von Hause aus zusammengeschnrt und erstickt worden, sie
hatte keinen Mut mehr zur dreisten. Kraft und Freude, an denen ein Teil zur
wirklich elastischen Existenz ntig ist, sie konnte sich nur noch freuen, wo die
Freude jedem anstndigen Weibe erlaubt ist, und verlor so jede eigene
persnliche Lust. Sie und Hippolyt htten sich vielleicht ergnzt und ein
gelungenes Paar gebildet; mit mir, dem gegen seine Anlagen formell Gewordenen
mute sie versteinern, mich mute sie versteinern, da dasjenige, was sie in
meine Arme fhrte, der Mord meines eigentlichen Lebens, der Mord ihres Lebens
war. Ob ich sie geliebt? Spter erst habe ich eingesehen, da ich von da an, wo
der groe Lebenswechsel in mir eintrat, wo ich mein Herz auf Kosten der Bildung
erwrgte, gar nicht mehr lieben konnte. Wir stellten uns so, weil es fr solches
Verhltnis in der Form ist, zrtlich zu sein, und weil die Sinne da noch zu
Hilfe kommen; glcklicherweise wuten wir nichts von dieser Verstellung, das war
unser einziges Glck, das uns je geblht hat. Wir haben Kinder gezeugt und ein
Haus gemacht und gelten fr ein musterhaftes Paar - gegen die Welt haben wir in
alle Wege recht, und dies ist das Opfer und der einzige Trost, an dem ich wie an
einer Drahtschnur weitergehe; gegen uns selbst haben wir unrecht, und die Welt
mit ihrer schwer zu fgenden Ordnung trgt die Schuld. Sie sehen, ich bin so
sehr ein Opfer, wie Sie, ich habe mir ein greres, ebenso trauriges Gefngnis
bereitet, aber mit mir gedeiht der Staat, mit Ihnen verdirbt er. Knnte man mir
diesen Glauben nehmen, so gbe man mir den Tod. Das Gefngnis, gro und klein,
ist fr die Menschenerfindung, den Staat notwendig.
    Das Nchste, was mir zu entgegnen, wre vielleicht dies: Sie haben Ihren
Wechsel in Staatsansichten gewaltsam bereilt, Sie haben mit einem Male den
geistigen Blutumlauf Ihres Herzens gewendet und dadurch den Keim des Todes in
Ihr Herz gelegt. Wohl, es interessiert mich in meiner Blasiertheit einen
Augenblick zu wissen, ob es blo die Manier gewesen ist, die mich gestrt hat;
ich habe zu dem Ende Ihre Verhaftung bewirkt, und diese in die strengsten
Grenzen eingedrngt, jetzt will ich sehen, was aus Ihren Meinungen geworden ist.
In unserm damaligen Umgange lag der Fruchtknoten meines Lebens, der jetzt
verdorrt ist; den kleinen Reiz, dessen ich noch fhig bin, gewhrt mir von
meinem ganzen Leben nur das Verhltnis zu jener Zeit. Sagen Sie mir, auf was fr
einem Standpunkte der Meinung sind Sie jetzt?
    Gott wei, was ich ihm in meiner Entrstung gesagt habe. Am rgsten
betroffen schien er von meiner Versicherung zu sein, da ich kein eigentlicher
Revolutionr mehr gewesen sei, als ich das Gefngnis betreten, da ich niemals
in eine Verzweiflung meiner Ansichten geraten, da ich auch jetzt darin besonnen
und ruhig sei. Ich habe ihn lange und habe ihn totenbleich gesprochen; als wir
schieden, war es dunkel. Von dem wenigen, was er erwiderte, erinnere ich mich
nur der fters wiederkehrenden Worte: Befreien kann ich Dich jetzt selbst nicht
mehr, es ist ein eingeleitet Verfahren.
    Ermi, welchen Sturm ich danach mehrere Tage lang in meinem engen Kfig
durchgelebt habe. Wohin gert der Mensch, wenn er das Heil nur immer in den
uersten Gegenstzen sucht!

    Der Mangel an Papier hat alle Folgerung jener Szene, die reichlich in mir
grte, aufgehoben; jetzt bewegen mich schon wieder ganz andere Dinge. Es ist mir
eine Freistunde, freilich nur einen Tag um den andern bewilligt worden; o, das
war ein Ereignis! Ich wurde in einen kleinen Hof gefhrt, der mit hohen Mauern
umgeben ist, ein Aufseher schlug mir Feuer fr die Pfeife. Wie habe ich den Mann
beneidet um sein groes Stck Schwamm, von welchem er mir ein kleines Endchen
anbrannte! Der Instinkt lie mich alsbald ein klein, ganz klein Stckchen
abreien, um es fr meinen dunklen Kerker zu sparen. Noch eine Wache ist auer
dem Aufseher bei uns; an der andern Seite des Hofes geht ein zweiter Gefangener
hin und her, er ist brtig und bleich wie ich, aber er blst aus seinem Stummel
anscheinend besten Mutes Rauch in die Lfte. Niemand darf ein Wort sprechen. Die
Luft war dick und dster, es regnete und schneite; meine Gesellschafterin, die
Maus, hat wirklich ein Loch in meine Stiefel genagt, das hat seine belstnde,
aber ich schlrfte doch diese kleine Gefngnisfreiheit mit vollen Zgen, es war
wieder Welt, wieder Leben, was mir nahetrat. Gegen Ende der Stunde war ich auch
schon mit meinem Gegenfler in Rapport getreten, allmhlich hatten wir den
Zwischenraum, der uns trennte, immer kleiner gemacht, die Wchter waren des
Regens halber ins Schilderhaus gekrochen, er flsterte mir etwas zu, was ich
freilich nicht verstand, aber er lachte, und das war groer Trost. Kann doch
also auch hier gelacht werden! Aus seinem ganzen ueren spricht eine Verhhnung
der Ketten, die hebt mich selber mit. Als der Regen pltzlich heftiger wurde,
warf er mir schnell etwas an den Fu, ich tat, als fiele mir die Pfeife an die
Erde - so lgnerisch klug wird man in der Unterdrckung ohne weiteres, und hob
es auf. Es war ein kleiner Stein, Beihilfe zum Feuerschlagen - bei der nchsten
Begegnung sagte er deutlich Hosenschnalle! Wahrscheinlich soll sie die Stelle
des Stahls vertreten, ich habe aber leider keine, und zuckte mit den Achseln, er
zuckte auch und lachte. Jetzt plag' ich mich nun den ganzen Tag mit einer
kleinen Schnalle meines Tragebandes, um Feuer zu schlagen, aber das Steinchen
hat wenig Feuer, die Schnalle wenig Stahl, ich schlage mir die Finger blutig,
aber es ist doch eine Arbeit nach einem nchsten Ziele, ich habe doch groe
Fortschritte gemacht im Kerkerleben, und wei doch jetzt, da ich fr eine
Stunde des Tages existiere, fr die Freistunde.

    Ich habe heut gefragt, welcher Monat in der Welt ist, die Zeit ist lange von
mir gewichen, und ein anderer Mensch kritzelt Dir diese Worte. Der pltzliche
Eindruck frischer Luft nmlich war verheerend auf meinen Leib gestrzt, ich
brach zusammen, als ich aus der zweiten Freistunde wieder in mein Gefngnis kam,
die Besinnung entwich lange Zeit, der Wrter sagt, viele Wochen hab' ich im
hitzigen Fieber gelegen. So teuer ist sonst die Zeit fr ein Jugendleben, wie es
das meinige noch sein knnte, mir entweicht sie finster und unbeachtet. Ich
finde da in meiner Tasche auf kleinem schmutzigem Blatte folgende Verse, die
sich darauf beziehen, sie lauten also:

Wei wohl eure Richtertugend,
Was ihr mir genommen habt?
Ach, es ist ja meine Jugend.
Die ihr langsam hier begrabt.

Ohne Jugend ist das Leben
Wie ein Frhling ohne Grn,
Alles kann man wiedergeben,
Nur nicht Zeit und Jugendblhn.

Und ein jeder Tag macht lter,
Und ich leb' doch keinen Tag,
Und das Herz schlgt immer klter -
Was euch Gott vergeben mag.

    Ich sollte trauern, da ich jetzt kaum noch die Bedeutung solcher Worte
empfinde, unntz trivial erscheint mir jetzt alles, nicht Klage, nicht Zorn ist
mehr in mir, ich bin stumpf, ganz stumpf! Was kmmert's mich, ob ich im Glanz
oder Schmutz existiere, was kmmert's mich! Es ist ein Gesellschafter zu mir in
den Kerker gegeben worden, aber das Loch ist nun so eng, da der eine sitzen
mu, wenn der andere herumgeht. Wir sprachen nun in den ersten zwei Tagen
mehreres; mein Genosse, ein baumstarker Mensch, sitzt schon viel lnger als ich
und ist tief vergrollt, man knnte sich in der Abgeschiedenheit mit ihm frchten
vor seiner mitunter vorbrechenden Wildheit, wenn man sich noch mit Furcht und
Hoffnung abgbe. Gestern abend uerte er, als wir schweigend auf unseren Betten
lagen, etwas, wofr ich mich einen Augenblick interessiert habe, er sagte
nmlich: Wenn einer in diesen Kammern sein Licht unter das Bett stellte, und
solchergestalt Feuer ausbrche, dann mten wir alle in den schwer
verschlossenen Zellen verbrennen wie wilde Tiere, und es mte ein merkwrdiges
Geheul geben. Zu etwa dreiig Tren, von denen jede doppelt und dreifach
verschlossen ist, hat nur ein Mann die Schlssel, von Rettung wre also nicht
sehr die Rede. Nun gibt es vier solcher Abteilungen, es knnte also ein
tchtiger Feuerschmaus von hundert Revolutionrs werden, und der Staat wre
einer groen Beunruhigung los. - Mitunter sind wir auch grob lustig und lachen
so laut, da es die Wache verbietet. Ich glaube, der Mensch braucht solch einen
Reiz, und wenn sich keiner bieten will, so wird er roh. Jetzt wrde ich nicht
mehr verwundert sein wie frher, wenn ich Verbrecher in Ketten lustig sah, die
Natur hilft sich, und die Gemeinheit ist, auch eine Rettung. Wozu schreiben und
Gedanken spinnen? Ich will nun endlich die Brcke abbrechen, die noch von mir
zur Welt hinbergeht; mein kleiner Bleistift ist auch zu End' geschrieben - leb
wohl auf ewig!

                            4. Valerius an Hippolyt.


Heute vor acht Tagen ist der groe Tag gekommen, den ich nicht mehr zu hoffen
wagte. Vor einigen Wochen wurde uns ein ander Gefngnis gestattet - wenn in den
kleinen Hof unserer Freistunde die Sonne hineinzngelte, ach, da war mir's doch
manchmal noch ein schmerzlicher Stich, da ich wieder in das Dunkel unseres
Gefngnisses zurck mute, das nach der Mitternachtseite belegen war. Obwohl ich
sonst stumpf und gleichgltig geworden, die Sonnenstrahlen, mein eigentlich
Gottesleben, zndeten doch eine kleine Flocke in meiner ausgebrannten Seele.
Jetzt fhrte man uns in ein kleines Stbchen, das auf den groen Hof sieht; es
waren nur Gitter vor dem Fenster, eine Blende war nicht da, die Morgensonne
quoll warm herein - es war ein wunderbarer Moment: alle die alten Freudenkrfte
meines Innern rttelten und regten sich, und es hob sich ein Drang, als ob ich
noch einmal jauchzen knnte; ich htte wohl selbst den harten Kerkermeistern
einen Augenblick danken mgen. Aber es kroch wieder zusammen, mein
vergrollterer, strkerer Geno schalt mich und sagte, es sei unwrdig, dieser
Gewalt gegenber eine dankbare Regung zu zeigen; wir saen aber den ganzen Tag
am Fensters, um uns zu sonnen, und es beschlich mich zuweilen wieder ein leises
geheimnisvolles Behagen; der Winter schien im Sturmeslaufe aus der Welt zu
ziehen, und die Luft hatte wieder Befruchtung in sich. Auch ein unterhaltender
Anblick war in der neuen Zelle; auf dem groen Hofe genossen die Gefangenen
dieses Viertels ihre Freistunde, nach jeder Stunde kam ein anderes Paar. Alle
waren bla, aber wie verschieden trugen sie ihr Unglck: der eine rannte
strmisch, unaufhaltsam, bis er am Laternenpfahl ausruhen mute; der zweite
hatte Rock und Gesicht und Augen tief zugeknpft, der Ha war in hundert Falten
eingeschnrt, er ging ruhig und gemessen umher; der dritte war zerbrochen, matt,
elend; der vierte gleichgltig und sorglos. Wenn solche Unterhaltung nur frher
gekommen wre, die Empfngnis blieb doch gar zu taub in mir; jetzt gab's auch
Schreibmaterial, aber ich hatte nichts mehr zu schreiben. So vergingen Wochen,
und am Ende dacht' ich: 's war im kalten Loche, hinter der Blende drben, nicht
viel schlechter.
    Heut vor acht Tagen kam der groe Tag, dieser einzige Gedanke seit sovielen
Monden: ich ward frei, stand allein und ungehindert auf der Strae, kein Fhrer
hinter mir - ach, und diese Freude aller Freuden kam zu spt, sie konnte mich
nicht mehr recht bewltigen. Erst spt abends, als ich im Mondschein durch die
Straen schlenderte, meiner neuen Freiheit genieend, brach pltzlich ein heier
Trnenstrom aus meinen Augen, und von da an fhlte ich mich den Menschen wieder
nher, ich dachte wieder in ihrer Weise, schlug mir die Bekmmernis um meinen im
Kerker zurckgelassenen Kameraden aus dem Sinn, bemerkte, da ich keinen Kreuzer
Geld bese, und in der groen, weiten Freiheit nicht wte, wohin mein Haupt zu
legen sei. Ich kenne in dieser Stadt nichts als das Gefngnis und was damit
zusammenhngt, ich wollte Konstantin um ein Nachtlager ansprechen, wir brauchen
ja nicht miteinander zu reden, und morgen, nun morgen wird sich was anderes
finden, oder auch nicht, das Leben mag sich einen Weg suchen oder aufhren,
wie's will! Du wirst schelten, es unwrdig nennen, da ich mich nur um das Lager
auf einem Brette an Konstantin wende, immerhin, ich hasse schlecht von Hause
aus, und jetzt erst gar, schilt meinetwegen!
    Um Konstantin zu finden, mute ich wieder ans Gefngnishaus zurck, dort
seine Wohnung zu erfragen - 's hatte etwas Verhngnisvolles, da ich mir dort
Rat fr die Freiheit holen sollte. Sie fragten mich, ob es mir so gut gefallen
htte, und ich wiederkommen, wieder bei ihnen schlafen wollte? Wahrhaftig, es
wre mir ganz recht gewesen, htten sie ein Lager zur Hand gehabt, ich htte
mich hingestreckt.
    Konstantin sa mit seiner Frau am Teetische. Er empfing mich kalt, und Julie
eigentlich auch, aber das Weib, auch wenn es noch so blasiert und versteinert
wre, ist milder und sorglicher; sie beklagte mein bleiches Aussehen und bat
mich, den langen Bart abschneiden zu lassen; ber meine abgerissene Kleidung
sagte sie nichts, sondern ihr Auge klagte nur darber. Der schne Tee, die
reinliche, feine Zurstung nahmen mich mehr als alles andere in Beschlag, es kam
mir wieder eine leichte Wrme in Herz und Sinne.
    Als uns Julie verlie, sprach Konstantin: Wundern Sie sich nicht ber meine
Klte, ich habe keine andere uerung mehr, aber Ihr Eintritt in mein Haus
bewegt mich eigentlich sehr, und wenn ich in mein erstarrtes Herz noch einen
kleinen Zugang htte, so wrde ich dich willkommen heien. Da du dich zu mir
wendest, der dein Elend geschaffen, ist eine Gre deines Herzens, die mein
Verstand wohl anerkennt. La dich's nicht irren, wenn du etwas hnliches nicht
wieder von mir hrst.
    Ich blieb allein. Sieh, mein Herz ist gro, weil ich kein Nachtlager hatte
und die letzte Zuflucht ergriff!
    In einem Gartensalon habe ich die letzten Tage verlebt, und mehr und mehr
bin ich zu mir gekommen und werde allmhlich wieder Mensch. Konstantin und seine
Frau sehe ich wenig, sie kommt nur zuweilen in den Garten, wo es zu knospen
anfngt, und wir sprechen dann ein paar Worte miteinander.
    Sonst laufe ich viel umher, ins Freie hinaus, es ist mir, als wenn ich
dadurch von Tag zu Tag wrmer wrde. Die Zettel an Dich habe ich jetzt
abgeschrieben, und ich schicke Dir den Pack nach Brssel, wo Du sein sollst. Wer
htte gedacht, da es doch noch an Dich kommen wrde!

                            5. Valerius an Hippolyt.


Es wird mir tglich besser, vielleicht, weil der Frhling drauen immer wrmer
und voller wird. Denke, es ist mir schon wieder ein Lied aus dem Herzen
gewachsen, nun wird alles wieder gut werden, da ist es:

Es ist ein Regen gefallen
In erster Frhlingsnacht,
Nun drngen und treiben und wallen
Die Krfte mit aller Macht,
Die Keime in bunter Pracht.

Junggrn springt auf den Zweigen
Mit der Sonne hin und her,
Kein Strauch kann's mehr verschweigen,
Kein Herz, sei's noch so schwer,
Kein Herz, sei's noch so leer.

Kein Auge kann's verbergen,
Da - ja, wer's nennen knnt'!
Der Herrgott steigt von den Bergen,
bers Tal die Ahnung rennt:
Neuer Anfang kommt, neues End'!

    Entsetzlich! Ich nahm das Lied mit hinauf zu Konstantin und las es ihnen
beim Kaffee vor. Sie waren beide eine lange Zeit ganz still, dann sagte
Konstantin: Beneidenswerter Mensch, deinem Herzen kommt alles Blut, alle Wrme,
alle Kraft wieder, teilzunehmen - und zu Julie setzte er hinzu: Wir bleiben
allein verdammt. Sprich!
    Was soll das Untersuchen! sagte sie, wir gehen weiter -
    Wozu?
    Hm!
    Darauf winkte er ihr, und sie gingen ins Nebenzimmer. - Julie ist wunderbar
schn und vollkommen geworden, blendend wei, das groe blaue Auge ist nur etwas
glsern.
    Es mochte keine Viertelstunde vergangen sein, da ich allein war, da hrte
ich einen starken Schu im Nebenzimmer, ich strze hinein - sie haben sich
gegenseitig erschossen, sich wohl getroffen ins erstarrte Herz.
    Ich eile von dannen, um nicht wieder den Kerker zu sehen; zunchst hlt man
wohl mich fr den rachedurstigen Mrder. Welt, du bist schwer!

                           6. William an Konstantien.


Ich mu Ihnen, durchlauchtige Frau, einen Vorfall berichten, der ein schlagender
Beweis dafr ist, was ich oft gegen Sie behauptet. Der junge Roturier, der
Predigerssohn Valerius, welchen Sie in Warschau fter viel zu angelegentlich in
Schutz nahmen, hatte endlich, wie das vorauszusehen war, sein Quartier im
Gefngnisse erreicht - was ist mit strsamen Mitgliedern der Gesellschaft anders
anzufangen? Sie werfen die Begriffe der Standesscheidung willkrlich
durcheinander, und wenn sie Geist haben, wird die Welt nur zu leicht dadurch
getuscht, denn die notwendigen Unterschiede sind einer dreisten Jugend immer
unbequem. Ihr Einflu, weil er zu den leicht gereizten Leidenschaften spricht,
ist rascher wirksam und folgenreich, als die besonnene Widerlegung, welche stets
Opfer und Resignation heischen mu, ohne welche keine Gesellschaft bestehen
kann. Es bleibt also gegen sie nichts brig als die Gewalt. Unsere
Standesgenossen htten nur frher zu bedenken gehabt, was riskiert wurde, wenn
sie den Geist in ihre Kreise aufnahmen und ihm doch die brgerliche Livree
lieen; Englands Manier mute ein Beispiel sein: wo der Geist aus unteren
Regionen eine Geltung erzwingt, dann versieht man ihn auch mit der Dekoration
des hheren Standes, der geistreiche Parvenu wird wirklicher Baronet, dadurch
ist das Zerstrende seines Verhltnisses aufgelst; er konkurriert dann im Range
wirklich mit uns, der ererbte Vorteil, der Vorteil der Geschichte und des
notwendigen Instituts hat dann nichts Gehssiges mehr, und sein notwendiger Sieg
ber den Parvenu strt nicht mehr, weil der Kampf auf gleichem Terrain geschieht
und scheinbar mit gleichen Waffen. Ich meine das nicht einmal zum Nachteile der
unteren Klassen, sondern nur im Interesse des Staats und der hheren Stnde.
Ergnzen mssen wir uns, wenn wir mit der Geschichte bestehen wollen, und dies
ist die beste Art: sie reizt keine offenen Leidenschaften und erhlt das
aufrecht, was die Einsicht niemals aufgeben kann, nmlich da die Unterschiede
in der Verschiedenheit des menschlichen Wesens begrndet und in einer geordneten
Einrichtung notwendig sind.
    Bei uns ist diese Ansicht nicht eingefhrt, und nicht herrschend; es bleibt
also nichts brig, als solche Subjekte einzusperren, die man in England zu
Baronets machen wrde. Die positive Kriminalverfassung hat nun nicht gengenden
Anhalt zu ausgedehnter Strafe bei ihm vorgefunden, und man hat ihn vor einigen
Tagen entlassen, voraussetzend, die harte Bue werde wohl beschwichtigt und
beruhigt haben. Nun sehen Sie aber einmal deutlich vor Augen, meine gndigste
Frau, was Sie so gern abzuweisen geneigt waren, sehen Sie's an diesem
schrecklichen Beispiele, wohin der Mensch gert, wenn er die positiven
Hauptpunkte einer Zivilisation verlt und auf eigene dreiste Hand ein
sittliches Leben improvisieren will. Sie erinnern sich - doch nein, er war nicht
selbst in Grnschlo, aber er war ein Mitglied unsers Dichtervereins, zu dem wir
uns am Schlu der Universittszeit verbunden hatten. Ein Herr Konstantin von
Mller, exzentrisch ber die Maen und in der besten Verirrung zum Jakobinertum
begriffen, war eins der Mitglieder und besonders intim mit Valerius; er
verleugnete seinen Adel, und ging nach Paris, mit der schnsten Absicht, zu
septembrisieren. Dort ist er zu sich gekommen und als Antirevolutionr
heimgekehrt. Seine juristische Karriere hat ihm hier bald eine gute Stellung
gebracht, er war ein gemessener, sehr ordentlicher und beliebter Geschftsmann
und ein feiner Mann guter Soziett geworden. Frulein Julie, die Sie aus
Grnschlo kennen, wo sie vor dem frechen und rohen Hippolyt flchtete, war
seine Gattin. Man sagt, Valerius sei auf Herrn von Mllers Veranlassung in Haft
gebracht und streng gehalten worden. Des Freigelassenen Rache wendete sich also
gegen diesen wrdigen Mann, der den Abgerissenen noch obenein mildttig
aufgenommen hatte, ja die gemeine Wut begngt sich nicht an diesem einen Opfer
des Hasses: vorgestern erschiet dieser Tugendprediger Valerius den Mann und die
Frau und entweicht.
    Der Bediente hat ihn noch ruhig die Treppe herunterkommen sehen und die
Worte sagen hren: Lauf nach dem Arzte, die Herrschaften haben sich beide
entleibt. Natrlich ist er nachher verschwunden, und die Steckbriefe verfolgen
ihn jetzt.

                            7. Valerius an Hippolyt.


Ich bin nach Grnschlo gegangen; der Graf ist schwach und alt geworden, und er
wute nicht recht, ob er sich freuen oder verlegen sein sollte, da ich eintrat.
Ach, wie verwstet erscheint mir alles: der Park ist verwildert, das Gebude
wird schadhaft. Alberta hat einen gleichgltigen Edelmann geheiratet, bringt
Kinder zur Welt und scheint fr die gewhnlichsten Dinge ihren frher so
anmutigen Enthusiasmus zu versplittern. Ihre Schnheit soll sehr
zusammengefallen sein, und da ich Dir's nur gerad' heraussage, der alte Herr
wird mitunter sogar etwas kindisch; seinen barocken Liebhabereien, denen wir
frher gern einen elastischen, schwunghaften Geist unterlegten, mu doch in
jeder Weise ein tchtiger Mittelpunkt abgegangen sein. Dadurch wird jetzt auch
zur Faselei, was frher charaktersprde, interessante Kaprice war, und die Leute
verlachen ihn - das ist doch falsch; jene Zeit mit ihrer Laune war doch in ihrer
Art interessant, und der Bezug auf den Ausgang mit dem alten Herrn ist
unrichtig. Ach die Welt, die Welt, was wirst sie alles durcheinander! Und das
Leben in seiner schonungslos mhenden Weise, was ist es ernsthaft! Wie traurig
erleb' ich's an mir selbst, auch im Verhltnis zu diesem Engel Kamilla, den ich
vernichtet habe, ich mag sie noch so sehr fr einen Engel halten. Sie ist nicht
hier, sie ist aus der Welt verschwunden, kein Mensch wei das geringste von ihr.
Da sieh den Menschen ganz und gar, indem Du in mein Herz blickest: in der ersten
traurigen Gefngniszeit hielt ich mich glcklich ganz und gar, wenn ich ein ganz
kleines, stilles Leben mit Kamilla fhren, ihr mit eitel Sorgfalt und Liebe
danken knnte, was ihr Herz an mir getan - im Gefngnisse selbst verschwand
dieses Bild schon vllig, ganz einsam in der Freiheit wnsch' ich doch jetzt
nicht einmal, an ihrem Herzen getrstet zu sein, wenn auch nur fr einen
Augenblick. Ich mchte ihr Gutes und Liebes erweisen, aber nicht in der Weise,
wie es der Liebhaber will - das nennt die Welt nichtswrdig, ach, die Welt! Wer
klassifiziert die Gefhle, ohne zu lgen! Fr die Rohen, fr die Nichtdenkenden
bewahrt eure Tabellen, das starke krftige Individuum verschont damit, wenn
ihr's nicht lhmen wollt.
    Die Dankbarkeit ist eine Tugend der Gesinnung, ein Herz, das ihre Regung
nicht empfindet, ist frevelhaft, wer sie im allgemeinen nicht verlangt, stellt
die Menschen einander mit fletschenden Zhnen gegenber. Die Dankbarkeit aber,
wenn sie berall verlangt wird als fraglose Tat, ist eine Last, welche die
Menschen und den Fortschritt zu Boden drckt. Die Gre kann fast niemals
dankbar sein, und wenn die Liebe im Boden der Dankbarkeit gro gezogen werden
soll, so wchst die Lge oder die Mittelmigkeit auf.
    Auch Deine Briefe habe ich gefunden - Herr des Himmels, schicke mir endlich
wieder einmal ein Menschenbild, an dem ich mich laben kann! Mensch, wenn Du
nicht eine Welt erobern kannst, so wirst Du ein gemeiner Frevler, weil Du ganz
undankbar, ganz rcksichtslos nur Deinen Gelsten lebst. Du mut ein Napoleon
werden, oder man mu Dich totschlagen; nur das Auerordentlichste darf so frech,
einseitig und egoistisch sein.
    Der alte Herr hat mir heute einen Steckbrief gewiesen; mit Konstantins Tode
geht es mir, wie ich Dir sagte. Er war sehr betreten, ob er mich verbergen drfe
- ich werde morgen in einen Wald gehen und mit einem Khler Meiler brennen. Und
ist die Welt nicht schwer?

                            8. Hippolyt an Valerius.


Gestern hat mir der kleine liebenswrdige Pelagianer folgendes aus seinem
Brsseler Leben erzhlt, was er zum Teil noch neben mir angesponnen hat. Du
weit so gut wie ich, da auf die Wahrhaftigkeit Leopolds kein Sou zu verwetten
ist, das folgende ist aber ziemlich allgemein bekannt worden, und man besttigt
mir das einzelne von vielen Seiten.
    Eine reiche Handelsfrau, Madame Joao, fhrt bei rauher Witterung durch eine
enge Strae in Brssel; es kommt ein Wagen entgegen, daraus entsteht Verzug.
Hinter einen Prellstein geschmiegt, sprlich von Lumpen bedeckt, sitzt ein
kleines Mdchen. Das kleine Wesen, in einem Krbchen Frchte zum Verkauf
haltend, friert sehr und blickt mit ihren wunderbar schnen Augen rhrend zu
Madame Joao auf. Diese fhlt sich im Innersten betroffen von dem rhrenden
Blicke, lt das Kind in den Wagen heben, wrmt es, findet ein fein gebautes,
reizendes Geschpf, fragt nach Vater und Mutter desselben, fhrt dahin, lt
sich das Kind abtreten und verspricht den Eltern dafr eine jhrliche
Untersttzung. Das Mdchen heit Maria und nimmt sich in den neuen Kleidern wie
ein Engel aus; die wunderbaren Augen, unschuldig, lieb, bittend, wie man sie bei
Gemsen findet, ben den gewinnendsten Zauber auf alle Welt. Haut, Farbe, Formen
sind von zartester Feinheit, die Sprache ist weich, das Verstndnis zeigt sich
sehr empfnglich, das Gefhl beraus fein, und tief, die kleinste Erregung
desselben giet eine schne Rte ber das sonst ein wenig blasse Gesichtchen.
    Madame Joao ist sehr glcklich in dem neuen Besitze, es vergehen ein paar
Jahre, sie lt Marien sorgfltig unterrichten, diese lernt alles mit
Leichtigkeit und gedeiht aufs beste. Madame Joao, eine reiche, unabhngige Witwe
in den besten Jahren, hat einen jungen Schauspieler zum Hausfreunde, namens
Jaspis, dem sie sich sehr zugetan zeigt, und der tglich ins Haus kommt. Er ist
ein schner, feuriger Mann, mit ganzer Seele Schauspieler, und bekundet dies
durch lebhaften Vortrag jeder Weise, durch dichterische Ausdrcke, die ihm fr
alles zur Hand sind. Er macht den tiefsten Eindruck auf die damals zwlfjhrige
Maria, sie setzt sich oft auf die Treppe, damit sie ihn beim Weggehen sieht, sie
ist ungewhnlich bewegt, wenn er ein leichtes, scherzendes Wort an sie richtet,
oder wohl gar, wie man mit einem kleinen Mdchen zu tun pflegt, ihr die Locken,
die Wange streichelt. Es vergehen mehrere Jahre, die in der Stille mit
aufwachsende Neigung Marias wird durch nichts unterbrochen, sie ist
berglcklich und auer Gewohnheit lustig, wenn die Tante, Madame Joao, sie mit
ins Theater nimmt. Eines Nachmittags beim Kaffee sagt Herr Jaspis halb scherzend
zu ihr, ob sie nicht Lust habe, selbst Komdie zu spielen, sie sei jetzt beinahe
fnfzehn Jahre und ein erwachsenes, schnes Mdchen. Wie ein Blitzstrahl znden
die Worte, Trnen strzen Marien aus den Augen sie fllt der Tante um den Hals
und bittet sie, beschwrt sie um Erlaubnis, aufs Theater zu gehen. Die
berraschte Tante, welche auf die Herzensbewegungen des Mdchens nicht so
sorgfltig acht gegeben hatte, sagt ja, Maria meldet sich, Jaspis studiert ihr
ein Paar Rollen ein, das Mdchen wogt in Glck und Bewegung, sie kt ihm die
Hand, man findet, da sie eine geborene Schauspielerin sei. Sie tritt auf; das
wunderbare Mdchen, mit dem unwiderstehlichen tiefsten Ausdrucke des Auges, mit
dem feinen, schnen Krper, mit den zarten, halb verschmten, halb
herausdrngenden Bewegungen, mit einer Stimme, worin die Seele selber klingt,
macht Furore. Nun erst wird Jaspis aufmerksam, er rechnet alles zueinander, und
sieht es nun erst, da eine tiefe Neigung fr ihn existiere. Es rhrt ihn, und
bei der nchsten Begegnung nimmt er Maria in den Arm und kt sie auf die Stirne
- das Mdchen erbebt und zittert am ganzen Leibe. Solche Szene wiederholt sich
im Verlaufe der nchsten Zeit noch zweimal, Jaspis spricht aber nie ein
erklrendes Wort dazu, noch weniger spricht er direkt etwas aus, was ein
Verhltnis, ein Bndnis wnschen knnte; die Tante dagegen, welche irgendwie
etwas von dem Zustande geahnt haben mochte, warnt Marien ohne Rckhalt vor
Jaspis, sagt, da er nur zu geneigt sei, in Tndelei mit einem Mdchen
einzugehen.
    Maria wird krank; um diese Zeit ist Leopold im Hause der Witwe eingefhrt
worden. Sein einschmeichelndes, liebenswrdiges Wesen erwirbt ihm das grte
Wohlwollen der Witwe, er berflgelt am Krankenbette der Kleinen mit leichter
Mhe die materiellen Versuche der brigen rzte, welche wie gewhnlich nichts
als ein krperliches Krankheitsschema vor Augen haben. Du weit, er versteht es,
in mystisch-poetischer Weise ber das menschliche Herz zu sprechen, ihm ist
jederzeit eine ganz scharmante ideale Welt zur Hand, wenn ein sinniges
Frauenzimmer danach verlangt, kurz, er poetisiert Marien gesund, und mit der
gefllig untersttzenden Witwe ist er bald Verlobter des liebenswrdigen
Mdchens. Das geht so eine Weile, aber beim Komdienspiel bleibt die neue
Berhrung mit Jaspis nicht aus; der scheint zwar noch immer keine Lust zu haben
nach einem eigenen ausgesprochenen Besitze, aber, wie das in der neidischen
Menschenbrust immer geht, er will auch die Mglichkeit nicht abgeschnitten, er
will auch Maria nicht als Eigentum eines anderen sehen. Das alte halbe
Verhltnis wacht wieder auf, Leopold, der Wandelbare, lt sich mancherlei
kleine Seitenwege zuschulden kommen, die Tante endigt und schickt Maria nach
Antwerpen, wo ein Engagement offen ist und sie vom Publikum mit Enthusiasmus
empfangen wird. Strmischen, unruhigen Herzens war sie angekommen, denn am Tore
von Brssel war Jaspis an ihren Wagenschlag getreten, hatte ihr die Hand
hineingestreckt, ihr mit weicher Stimme Lebewohl gesagt, und zum erstenmal
wenigstens die Bitte direkt an sie gerichtet, keinen andern zu heiraten.
    Aber der Verkehr mit der groen Menge wirft seine Nebel auf das Herz, der
allgemeine Beifall ist ein natrlicher Feind der halb Liebenden; Maria gewann
eine unbefangene Stimmung, Leopold, der nach Antwerpen kam und sich um die
Stellung eines Theaterarztes und Theaterdichters bewarb, kam ihr ganz angenehm,
sie untersttzte sein Gesuch, sie verschaffte ihm den Kontrakt. Er war so weich,
so innig, so poetisch; auch von Lob und Enthusiasmus umgeben, braucht man ein
Herz, das an unserm Eigensten, Innersten teilnimmt. Du weit, wie verfhrerisch
Leopold sein kann, Maria fhlte in Antwerpen mehr als in Brssel, wieviel
Miliches das Alleinstehen eines Mdchens hat. Jaspis lie nicht das mindeste
von sich hren, kurz, Leopold eroberte ihre Hand und ein tchtiges, herzliches
Wohlwollen mit ihr. Sie umarmte ihn oft pltzlich mit den Worten: Du bist doch
mein herziger, lieber Mann. So ging's eine Zeitlang aufs beste, da plagt den
Kleinen die alte Sucht nach Bewegung und Unruhe, eine beiende Kritik smtlicher
Schauspieler drucken zu lassen; diese erklren allesamt und geharnischt der
Direktion, nicht mehr aufzutreten, wenn Leopold in Verbindung mit dem Theater
bliebe. Sie mu sich zur Entlassung Leopolds entschlieen. Maria sendet
natrlich auch die ihrige, und alle Welt erwartet, dieser enthusiastisch
geliebte Liebling des Publikums knne nicht entlassen werden; die Direktion ist
in grter Verlegenheit, aber die Schauspieler bestehen energisch auf ihrem
Entschlusse, es wird auch Marien die Entlassung zugeschickt. Nun sammeln sich
die Freunde des Paares, die uerst zahlreich sind, de grte Teil des
Theaterpublikums, das sie vergtterte, schliet sich ihnen an, man setzt fest,
da jede Schauspielerin, die in einer Rolle Mariens auftreten wrde,
ausgepfiffen sein solle, man bringt Marien Nachtmusiken und Vivats, und erwartet
ungeduldig den Tag, wo eine Rolle Mariens drankommen werde. Die Direktion ist
klug genug, den so weit als mglich hinauszuschieben, unterdes erkaltete das
Interesse gegen die bertriebene Teilnahme bildet sich wie immer eine nchterne
Opposition, der Abend kommt, die Nachfolgerin Mariens wird mit dem besten
Beifalle aufgenommen.
    Diese Roheit, weiche in jeder Masse liegt, trifft Mariens Herz wie ein
Dolch; sie treibt zur Abreise, sie fhlt sich verlassen, das Unglck fhrt sie
nach Brssel zurck. Die Tante trstet aufs beste und warnt vor dem Theater,
aber Marie kann es nicht entbehren, die brige Welt ist ihr zu prosaisch, nur
auf den Brettern findet sie Nahrung fr ihre ideale Sehnsucht. Jaspis hat sich
unterdessen ebenfalls verheiratet, bleich, schwermtig tritt er ihr entgegen,
aber durch den Nebel glaubt sie die alte verborgene Zrtlichkeit zu sehen. Eines
Abends ergreift er ihre Hand, bedeckt sie mit Kssen und sagt: Marie, wir sind
beide unglcklich!
    Marie fllt in Ohnmacht, sie mu nach Hause gebracht werden, und von der
Stunde an hat sie ihr Lager nicht mehr verlassen, es entwickelt sich eine
Herzkrankheit, an welcher sie stirbt.
    Das sind Eure klglich halben Zustnde und Verlangnisse. Leopold sagt, er
sei lange besinnungslos gewesen vor Schmerz, jetzt hat er's lange vergessen, und
erzhlt die Sache seiner kurzen Verheiratung wie eine Novelle sonst woher.

                            9. Hippolyt an Valerius.


                                                                     Aus London.

Ich habe Paris verlassen, weil es mich langweilte: frs gewhnliche Leben ist
fast alles erlaubt, es reizt kein Widerstand, und doch lockt auch keine
ungewhnliche Kraft, wo sie sich aber erhebt, wird sie Fratze. Es reizt auch
kein Widerstand bei den Weibern, sie sind munter und gefllig ohne Nachdenken,
und bleiben auch in der Liebe kokett. Die deutschen Weiber haben mich verwhnt.
Es ist hier alles Kaprice, eigentlich auch die Politik, das Volk ist viel zu
gesellig und zu gefallschtig, um eine dauernde Tchtigkeit in sich und in einer
Form zu erzeugen. Man mu nach Paris nur auf Besuch gehen, dann ist es amsant,
in der Lnge sieht all der Wechsel, die Strebsamkeit wie Tndelei aus. Die Leute
mag's wundern, Dich nicht, der Du mich wirklich kennst, da ich so abfllig ber
Frankreich rede; jawohl, das meiste von unsern Wnschen ist hier leicht gemacht
oder gar verwirklicht, aber das Element, aus welchem hier alles entsteht, in
welchem es herumspielt, kann mir nicht zusagen. Man mu nicht in die Kche gehen
und die Spe der Kche anhren und ansehen, wenn einem das Essen schmecken
soll. Meine Wnsche, meine Plne, meine Ansichten von Staat und Leben, sie
quellen aus tiefer, starker Leidenschaft - 's mag wohl sein, da ich die Welt
darber mibrauche und am End' zugrunde geh' - aber die franzsischen quellen
aus der Leidenschaftlichkeit, das ist nicht mein Geschmack.
    Ich bin zu den Republikanern gegangen, da fand ich allerdings Ha und Zorn
und stolze Wut gegen die Unlauterkeit der Herrschenden, welchen die Stelle, das
Amt, die Auszeichnung kuflich und feil ist fr dies oder jenes Bessere, fr
eine berzeugung, fr ein wrdiges Verhltnis, das sie spielend in den Kauf
geben. Aber der Ha war auch sehr mit Deklamation verbrmt, war unschpferisch,
und das eigentliche Leben der Leute war in kleinerem Verhltnisse entweder
ebenso wie das getadelte, oder es war gegen allen Reichtum der Welt zynisch -
nichts fesselte mich.
    Ich mag oberflchlich geblieben sein, weil meine Liebhabereien und Aventren
wie gewhnlich meine Zeit in Beschlag nahmen; dies mag ein Grund sein, da ich
immerwhrend eine deutsche Anekdote auf der Zunge behielt, die mir allen
Geschmack verleidete: Ein deutscher Professor zerkaut in einer politischen
Unterhaltung die Zeitung, welche er in der Hand hlt; man will endlich etwas
nachsehen, und der Gegner sagt entrstet: Herr, Sie haben ja die Zeitung
gefressen. - Drum, erwidert dieser, drum schmeckte mir's so nach Papier.
    Es schmeckt hier alles nach dem Journalpapier. Die Kammern haben sich
berlebt, es sind nur ein paar wirkliche, ursprngliche Potenzen brig, das ist
zuerst Ludwig Philipp, und dann sind's ein paar Schriftsteller, die freilich auf
den traurigen Ausdruck durch die Feder angewiesen sind. Wenn man lange schreibt,
so wird die Feder entweder durch das Einerlei oder die viele, notwendige Wendung
unmchtig fr den Zeitgenossen, ihr Kraft erwacht erst wieder fr den Enkel. So
ist's mit Lamennais, den ich im Sinn habe, der eine dmonische Potenz ist;
hierher gehrt dann die Dudevant auch, der herzlich aufrichtige, liebenswrdig
beschrnkte Branger und der lautere, naive Nodier. Andere haben mehr Geist und
Talent, aber sie sind der Ursprnglichkeit zu weit abgewendet und tief in den
Fesseln von Ziererei und Manier.
    Bei aller Wichtigkeit, die ich Frankreich fr die Weltgeschichte zuerkennen
mu, bei der gebieterischen Wichtigkeit, da es der Mittelpunkt europischer
Bewegung ist, kam ich doch von dem Gedanken nicht los, dies Volk sei eigentlich
der Schalksnarr unserer Weltregierung, des Herrgotts Komdienhaus. Wenn die
Franzosen selbst zum Schafott oder in die Kugeln rennen oder geschleppt werden,
so tritt mir doch auch der Harlekin vor die Seele, welcher in der Tollheit auch
das rgste tut und mit sich tun lt; der Don Juan, welchen nur zum Ergtzen des
Parterres, und weil er ein paar Weiber verfhrt hat, der Teufel so lange holt,
bis der Vorhang gefallen ist. Ich habe schon daran gedacht, ob nicht alle die
toten Franzosen, die seit Anno 91 auf der Bhne gestorben sind, nur fr ein
Schauspiel agiert haben, und alle noch leben, und an einem schnen Sonntage mit
Blumenstruen und Kothurnschritten dastehen auf dem Marsfelde, wo ihnen die
Bewunderung Europas angratuliert wird.
    Bei dieser Verhhnung aller Illusion mu ich dem Volke unrecht tun, und es
mu mich langweilen.
    So kam mein letzter Abend; ich mu Dir gestehen, da ich bei Weibern und
Mnnern nicht mehr fr so frisch und interessant gelte, als da ich mit
Konstantie hier war; das strt natrlich meine Eitelkeit, ich knirsche gegen die
Welt, welche altert, und bin nicht so unbefangen wie sonst. Kurz, eine schne
Dame aus der vornehmen Welt lie mich harren, ergab sich nicht, ich treffe sie
in einer groen Gesellschaft, sie ist sehr schn den Abend, und ich versuche das
uerste. Ein Bedienter wird nach ihrem Hotel geschickt, um den Wagen eine
Stunde spter zu bestellen, als er beordert war. Als die Gesellschaft aufbricht,
begleite ich sie ins Vorzimmer - ich war den Abend sehr sanft und zurckhaltend
gewesen - der Diener, die Equipage fehlt, ich hnge ihr den Mantel um und
berhre ihre schn gewlbten Schultern kaum mit der Fingerspitze, soviel
berwindung es mich kostet. Sie hat nmlich die in Paris ungewhnliche Manier,
sehr verschlossen, bis an den Hals verhllt, sich zu kleiden, obwohl man am
schnen Wchse, der vollen Hand, dem weien, schnen Halse, den Umrissen unter
der seinen Hlle sehen konnte, da just ihre Bste sehr schn sein msse. Ich
sage, der Diener warte vielleicht ungeschickt am Wagen, ich bringe sie hinunter,
ihre Equipage fehlt, sie will kein Aufsehen machen, entschliet sich, steigt in
die meine.
    Du magst denken, da ich die Situation zu benutzen suchte, sie wehrte, ich
wurde strmisch, das Widerstrebende lockt am meisten, ich ri ihr den Kragen von
der Achsel, und fand Nacken, Schulter, Brust voll und duftend vom schnsten
Leben. -
    Aber, Monsieur, sagte sie lchelnd, fahren wir doch zu mir nach Hause,
dort knnen wir ja die Liebkosung viel bequemer haben. Es geschah; smtliche
Dienerschaft eilte bestrzt herbei und entschuldigte das Ausbleiben des Wagens
mit erhaltenem Befehle - sie zog den Mantel fest um die Schultern und wendete
sich lchelnd zu mir: Ich danke sehr, Monsieur, fr Ihre Artigkeit, gren Sie
Margarita und schlafen Sie wohl!
    Du siehst, mein Leben geht zu Ende, und ich habe alle Ursache, desperat zu
sein. Ich kenne keine andere Existenz, als eine vom Glck getragene, vom Genu
beschwingte, darauf ist mein Leben gestellt. Was wollt Ihr von mir, wenn Ihr von
Treulosigkeit redet! Solange mein Herz treu ist, bin ich es auch, Desdemonen
wre ich's vielleicht fr immer gewesen, Julien sicher - es hat sich anders
gefgt, soll ich die Treue lernen? Ich bin zu alt und zu wild fr die Schule,
ich kann sterben aber nicht darben. Und dies flatterhafte Paris will mich hhnen
- ich kann Nero begreifen, wie er einer Regung zu Dienst eine ganze Stadt
anznden lt. Ich hatte keine Zeit, den Kleinen noch einmal in St. Plagie zu
besuchen, jeder mu selbst sehen, wie er sich hilft, die Welt ist ein Kampf. Der
Junge wird auch langweilig, er hat sich theosophisches Zeug in den Kopf gesetzt
und mystische Redensarten; wenn er so fortfhrt, ist er in kurzem fromm.
    Und nun bin ich hier, und wie befinde ich mich? Sage mir um Gottes willen,
was habe ich fr eine Idee von Freiheit? Die britische soll die freieste Nation
der Erde sein, und ich werde des Teufels bei dieser freiesten Nation. Ist das
alles, da ich nicht leicht verhaftet werden, da ich drucken lassen kann, was
ich will, und dergleichen? Ist das die Freiheit? Kann man in Sachen der Religion
und Moral bornierter sein, als man hier ist? Die Poesie des kirchlichen Glaubens
haben sie mit Mhe ausgetrieben, wie der Exorzist einen Geist austreibt, und das
notwendige bel aller Religionen, den Priester, der sie zum Handwerke macht,
haben sie in allem Pompe und aller Anmaung beibehalten! Unter einer prchtigen
Kristallkuppel, die mit Gold und Edelsteinen dekoriert ist, bewahren sie eine
graue, traurige Luft. Und was nicht unter diese Kuppel will, die Millionen
Dissenters, welche sich in Sekten von der bischflichen Kirche getrennt, sie
sind ebenso aschfarben und traurig. Und fr diese phantasie-entkleideten,
mageren Dinge, fr diese leidenschaftslosen, den Formeln herrscht ein
tyrannischer Fanatismus, wie ihn die Puritaner fr ihr Holz und ihr Leder nur
haben konnten. Die Puritaner hatten aber doch wenigstens den Kampf fr sich, den
Kampf auf Leben und Tod als Vermittlung zum Fanatismus; jetzt erhitzt man sich
frmlich nur fr die drre Rute. Und dies ist Atmosphre des ganzen Landes, des
freiesten Landes von Europa, das mir entgegentritt wie eine groe, traurige
Dorfschule, in welcher der abgeschabte Przeptor seinen Stock schwingt, da alle
Kpfe scheu und stumm nach dem Boden gesenkt werden und kein Laut sich regt. Ein
Sonntag hier in England hat das Ansehen, als ob Bann und Interdikt auf der Erde
lastete, furchtsame Stille schleicht ber Strae und Feld und Wald, der Wind
erschreckt, wenn er Bltter bewegt, die trbe, neblige Luft kommt zu Hilfe, da
ich meine, in Dantes Hlle zu wandeln und Deine traurigen Gefngnisworte zu
hren: Lat drauen die Hoffnung!
    Ist das jener Gott, welcher die Sonne geschaffen, den lustigen Wald, das
springende Reh, den jubelnden Vogel, die Schnheit und die Freude?! Jehova, der
rachlustige selbst, war heiterer und schner! Und diese Nation, welche
solchergestalt das innerste Leben in eine traurige, dunkle Hhle vergrbt, ist
die freieste? Wahrlich, mein Bauer im Bastantale, der am rgsten Aberglauben
seines Mnches hngt, der einem Rei netto und jeder andern Willkr ohne weiteres
untergeben ist, er lebt in goldener Freiheit neben diesem gottfurchtsamen,
gottdrftigen Briten! Und diese Traueratmosphre eines bornierten Gedankens,
welchem sich aller innere Mensch dahier gebeugt hat, sie durchdringt alle hhere
Ttigkeit dieses Volkes. Die Literatur wird nach dem Moralkodex konstruiert und
gerichtet, eine freie Schnheit, eine Schnheit an sich besteht gar nicht; diese
alten Gromtter mit Hornbrillen, diese Reviews kritisieren in einer
Altklugheit, da jedem Knstler die Haare zu Berge stehen mssen; der
eigentliche Brite, der nicht inkonsequent den Kreis seines Landes verlt, darf
kein Gemlde, keine Statue mit Wohlgefallen anschauen. Titians Fleisch ist gegen
die Moral, der borghesische Fechter ist gegen den moralischen Anstand, darum
leistet auch dies Volk in der bildenden Kunst nichts, gar nichts. Denn die
Liebhabereien einzelner, die mitunter kolossal erscheinen, weil man sehr reich
ist, sind einzelnes, das eigentlich Nationale hat damit nichts zu schaffen. Und
wer in der Bildung frei und unbefangen geworden ist, der wird im Parlamente wie
eben ein anderer in den moralischen und religisen Jargon einstimmen, weil er
sich frchtet, frchtet teils vor den bornierten Genossen, teils vor dem Volke
selbst. Er wagt es nicht, dafr einen Schritt zu tun, da dies Volk selbst
einmal ber seine niedrigen hlzernen Kirchsthle hinwegshe, und so hlt sich
das freieste Volk mit gelufiger Formel in rgster Sklaverei des bornierten
Gedankens. Sie haben Shakespeare ignoriert, bis sie Garrik mit eminentem Talente
dazu verfhrt hat, und wre das rein Englische nicht so allgewaltig im groen
William ausgeprgt, wir wrden wunderliche Dinge hren; jedenfalls ist dieser
englische Dichter in Deutschland bergehoch grer und richtiger gewrdigt als in
England. Sie haben Shelley ausgestoen und in den Tod gejagt, sie haben Byron zu
Tode gemartert - das ist das freie England. Ordinre brgerliche Verwaltung,
darin sind diese guten Leute und schlechten Musikanten zu Hause, darin sind sie
unbefangen, dreist und frei wie kein Volk auf der Welt, darauf haben sie sich
eben beschrnkt, auf dies Nchste, Hausbackene, dafr und fr alle Entwicklung
der Art seien sie Euch vorsichtigen Schritt fr Schritt weiter Tappenden
meinethalben ein Beispiel. Mir sind sie unausstehlich, mich interessiert das
groe Gedicht der Freiheit und Schnheit, nicht das Abc derselben; ich kann
lesen und singen von der Gre und Lust des Menschen, und will nicht warten, bis
es Millionen beschrnkten Volkes auch gelernt haben.
    Und nun diese Lge bei aller Prderie und Moral! Diese Eroberungen Englands
in andern Weltteilen, diese unmoralischen Ansprche, mit Blut, mit Strmen
Blutes verfochtenen Ansprche auf Amerika, diese ganze auswrtige Politik des
allertrivialsten kaufmnnischen Vorteils mit lchelnder Hintansetzung alles
Prinzips, verwnscht seist du heuchlerisches, puritanisches Albion, meiner Seele
ein Greuel! Ich hatte es vergessen, da du den gewaltigen Napoleon echt
puritanisch ins Grab gergert hast, da Hudson Lowe dein Sohn ist, da deine
Gre ordinrer Egoismus war fr und fr - o, fort mit der Feder!

    Du sagtest einmal zu mir, ich msse gar nicht ber Nationen und deren
Freiheit reden, denn ich hate im Grunde jedes Gesetz, weil es geniere, ich
wollte Zgellosigkeit - meinethalben! Warum genieren all Eure Gesetze? Warum ist
mit mir kein Staat mglich? Warum seid Ihr so arm! Erfindet! Erst wenn Ihr einen
habt auch fr den rgsten Unband, dann will ich Euch preisen, dann seid Ihr
wirklich zivilisiert. Die weiteste Frderung mu in den Staat aufgenommen sein,
nicht blo die kleinste.
    Ach, Valerius, wie sprech' ich's aus? Ich werde immer ungeduldiger, immer
zorniger; htten nur all die Hindernisse, die mich beengen, einen Schdel, und
wre er von Eisen, ich rennte dagegen, wenn auch der meinige zerschellt wrde,
so ingrimmig werd' ich Tag um Tag. Ich tobe, da ich nur immer Einzelnheiten
fassen kann.

                           10. Hippolyt an Valerius.


Meine Unzufriedenheit mit England schliet jedoch meine bereitwilligste
Anerkenntnis der einzelnen Englnder nicht aus. Ich finde die Personen von einer
auerordentlichen Tchtigkeit und Potenz, ich habe nie solche feste, in Mut,
Charakter und Khnheit gehrtete Menschen gesehen, oder richtiger - bei genauer
Betrachtung erkannt als hier. Diese dichten, gefesteten, sthlernen
Innerlichkeiten, Herr des Himmels, welch ein Reich der Titanengewalt htten sie
aus diesen Inseln gemacht, wre die Nation nicht eine kaufmnnische geworden -
der Kaufmann ist und bleibt ein geborener Feind des Poetischen, des Genialen.
Der Genius unseres romantischen Wunsches hat niemals Prozente gesucht und
Wechsel ausgestellt. Die Englnder haben aus dem Handel das Grte gemacht, was
daraus zu machen ist, sie haben ein Netz ber alle Erdteile und alle Ozeane
geworfen, aber der Handel selbst ist ein Erwerb, ein Kramgeschft, sei er noch
so gro, die uneigenntzigen, die grandiosen Bewegungen der menschlichen Seele,
die Gtter der Menschheit haben nichts damit zu schaffen.
    Wenn der Englnder heraustritt aus seinem Bannkreise der engen Sitte, des
engen Glaubens, so ist er auch der groartigsten Frechheit fhig. Wer nicht
frech sein kann, der ist auch ohne Gewalt, das Auerordentliche wird immer den
Gttern geraubt; die Griechen hatten ihren Prometheus, wir nennen es eben darum
das Auerordentliche.
    So haben die Englnder die Republik erfunden, welche das schreckende
Beispiel eines Knigsschafottes gab, welche Cromwell mit Krallen zeugen und
erziehen half, welche England heute noch besitzt, welche die ganze strmische
Welt der modernen Politik geweckt hat, und in Albion selbst nur prosaisch
niedergehalten ist durch ihre Geburt aus dem drren Puritanismus, durch ihre
Verheiratung an den Kaufmann. Diese moderne Republik ist innerlich die frechste
Forderung, sie heischt Genialitt jedes einzelnen.
    So haben die Englnder das Meer bezwungen, sie haben die tausend und
abertausend Lords geschaffen, deren jeder die Souvernitt eines Imperators in
sich trgt, uneingeschrnkter Mensch sich fhlt ganz und gar.
    Sie haben Shakespeare gezeugt, der als ordinrer Schauspieler die Poesie des
Universums an seine Brust ri, sie haben Gibbon gezeugt, der das Christentum
verfluchte, haben Chesterfield gezeugt, der die Tugend mit der Klugheit
zerdrckte, Shelley, der Gott leugnete mit einen sanften Herzen, Byron, der die
Gesellschaft schlug mit Fusten, welche von Ambra dufteten.
    Noch heut findet man Riesenpotenz im einzelnen Englnder, noch heute ist
mitten in dieser Stadt Old Bailey, der Aufenthalt allerfrechster Gemeinheit,
beilufigen Mordes, unbezwungen. London hat soviel Freudenmdchen, wie ein
deutsches Herzogtum Einwohner, und darunter die schnsten und die gemeinsten der
Welt, noch heute findet man in England neben dem vernnftig berechnenden
Kaufmanne die gromtigste, erschtternd unbefangene Anerkennung des Ungeheuren,
Teilnahme am Verwegensten - mit einer Rakete bis auf den Mond geschossen zu
werden, mach' es mglich, und ein Englnder klammert sich kaltbltig an Deinen
Raketenstock.
    Fhnrich, es ist etwas vom Geschlechte des Tantalus, das mit den Gttern
frech verkehrte, im Englnder, was meine schlaff werdende Seele, welcher nichts
groes mehr zu Hilfe kommen will, wunderbar schwellt - ich verkehrte mit einigen
Lords und Baronets von dieser Weise, und mitunter schreit mein alter Mensch noch
einmal auf in Jauchzen und Genge.
    Ich lege Dir da ein Brieflein Leopolds bei, das er mir mitgeschickt hat,
sieh' zu, wie es Dich anmutet, mir wird die Faselei unausstehlich.

                            11. Leopold an Valerius.


Nach langer Zeit drcke ich Dir wieder einmal, die Hand, mein Liebwertester. Ich
bin, seit wir in Warschau schieden, noch durch manches Lebensverhltnis neben
Hippolyt leicht und ohne innere Gedanken, ohne Beachtung des geheimnisreichen,
tief liegenden Menschen geschlpft. Du weit, Hippolyt schpft seinen Geist und
seine Welt nur aus einem sinnlichen Herzen. Hier hatte ich mich brouilliert und
geriet nach St. Pelagie, ein artiger Aufenthalt, der Zerstreuung bietet und
Einsamkeit, wie man's kann und mag. Es sitzen Leute hier, die Millionen
kommandieren und sich zur Bezahlung irgend einer Schuld nicht verpflichtet
glauben, das Weltliche hat ja tausendfache Deutung. Es wird groer Aufwand
gemacht, solange die Quellen flieen, man trinkt, singt, spielt, liebt, lacht,
man zieht sich zurck in Beschaulichkeit und Ernst. Nach jenem ersten ist mir
das zweite geworden, hier unter den fremd redenden Menschen ist mir die
Identitt Gottes und des menschlichen Gedankens aufgegangen, ich bin sehr
glcklich und beruhigt in mir, still heiter, es weht ein Hauch des Himmels durch
meinen Kopf, durch mein Herz. Valerius, Du wrst am ersten fhig und wrdig,
dieses Glckes auch teilhaftig zu werden, des Glckes, das ein Ineinanderleben
des Geistes und Sinnes dieser Welt mit dem Geist und Sinne hherer Existenz
bietet. Ich bin sehr glcklich, auch die Verse sind mir wieder gekommen, ich
habe ein groes Gedicht in Komposition, wo die Gottheit suselnd ber eine
Engelschar hinschwebt, die Engel wollen diesen ewigen Ton wiedergeben, um den
Herrn der Heerscharen zu loben, jeder versucht's auf seine Weise, und so
entsteht die Musik in ihrer verschiedenartigen uerung. Nun fliegen sie
voneinander in alle Zeiten, in alle Lnder, kehren ein bei diesem Menschen, bei
jenem, schweben des Nachts ber den Huptern derselben und singen den Herrn;
diese glcklichen Menschen sind dann vom nchsten Morgen an die groen Musiker,
welche das trumerisch Vernommene zu fesseln suchen und der Welt berliefern. So
verbreitet sich der Himmel, die verschiedenen Apostel verstehen oft selbst nicht
die Sprache, welche sie reden, der Dichter nur deutet sie, und das tu' ich;
jeder Walzer ist die Geschichte eines Menschen, der sich im leichten Sinne zum
Ewigen durchschaukelt; die Symphonie ist schon der Versuch, sich einer ganzen
Himmelsgegend zu bemchtigen, und der Schlu meines Gedichtes wird dann das
groe, letzte irdische Musikfest, das profane Menschen das Ende der Welt nennen,
da lst sie sich auf in verschwebende Harmonie, der Mensch wird Ton, die
Sinnesrichtungen entwickeln sich als Tonarten, der vereinte groe Herzschlag der
Menschheit wird Takt, das allgemeine Aufgehen in die Gottheit wird Weltenchorus,
jene unendliche, nur von den zartesten Gemtern geahnte Symphonie der Sphren.
    Dies Land hat den Wein erfunden, um aus der irdischen Entzckung in die
berirdische zu gelangen. Eine junge Grfin aus der Champagne, Lilli heit sie,
versorgt mich mit Champagner. Wir lieben einander wie zwei Ksse, die sich
unvermutet im Universums begegnen. Ich habe sie hier in St. Pelagie gefunden,
wohin sie nach einer stillen Klause geflchtet war, weil die Welt ihr
Fallstricke legte, und ihre Revenuen unvermutet ausgeblieben waren. Wir haben
geschwrmt und gedichtet und gerungen miteinander vom Aufgange bis zum
Niedergange, es ist endlich still um uns geworden, der Priester hat seine Weihe
ber uns gesegnet, ein Verwandter hat die Schulden bezahlt, sie hat den Staub
dieses Hauses von ihren Fen geschttelt, und ich erwarte jetzt tglich, da
sie auch mir die Palme des Ausgangs senden werde.

                                                                         Spter.

Es hat sich ein junger Mann an mich angeschlossen, der zu denen in Frankreich
gehrt, welche die unruhige, haltlose Welt wieder zu einem religisen
Mittelpunkte fhren wollen. Er sagt, gerade die lebhaftesten Kinder der Welt
mten zuerst gewonnen sein, weil in ihnen die grte Bewegung, also auch die
grte Empfnglichkeit herrschte; der neue Glaube msse die Welt mit ihrem Sturm
und Drange des sinnlichen Lebens nicht leugnen, sondern just auf den Fittichen
derselben hindurchfhren. Auch meine Frau hat er hier kennen gelernt und ihr
sehr gut gefallen, er geht immer hellblau gekleidet, halb elegant, halb
orientalisch, und in St. Pelagie hlt er sich nur auf, um Proselyten zu machen;
Geld hat er hinreichend, da er einer groen wohlversehenen Gesellschaft
angehrt. Wenn ich nicht bald bereit wrde, so hat er mir versprochen, mich aus
seinen Mitteln zu lsen.

                                                                         Spter.

Der wackere Lichtblaue hat Wort gehalten. Wir sind sogleich zu Vry gegangen und
haben gut gespeist, dann haben wir mein Manuskript in die Druckerei seiner
Gesellschaft gebracht, dann bin ich nach meiner Frau ausgewesen. Jener Verwandte
war bei ihr und wollte mich eine Zeitlang nicht ins Zimmer lassen - unsere Ehe
ist noch ein Geheimnis. Lilli war sehr aufgerumt, obwohl sie mir zu erzhlen
hatte, da sie um ihre Gter in der Champagne betrogen sei. Sie hat keine
Vorurteile und hat sogleich ihre Fhigkeiten und Kenntnisse in Kontribution
gesetzt: sie tanzt und singt an einer scharmanten Bhne und gefllt sehr. Der
Lichtblaue und ich, wir machen Proselyten unter dem Personal.

                                                                         Spter.

Lilli hat vollkommen recht: sie sagt, das Geld sei unter Liebenden eine
Nebensache, aber wenn die Liebenden in der groen Welt lebten, so sei es keine
Nebensache, und ich mte mit meinen Talenten auch etwas verdienen. Sie hat mir
mit ihrem Verwandten, welcher der vortrefflichste Pierrot von der Welt ist,
Unterricht gegeben, und ich wirke jetzt schon ganz leidlich als kleiner
Harlekin. Der Himmelblaue sagt, in dieser Weise knnte meine Einwirkung auf das
Personal immer intimer werden. Meine Gage ist noch klein, aber der Direktor
meint, wenn ich so fortstrebte, wrde sie wachsen. Sobald mein Musikhimmel in
Lettern steht, sende ich Dir ein Exemplar, die Druckerei scheint sehr langsam zu
arbeiten. Ich lege Dir ein Rezept bei zu Cotelettes  la Dejanira, sie sind eine
superbe Speise; denke dabei an mich. Adieu, millionen-, myriadenmal Adieu!

                           12. Hippolyt an Valerius.


Sie haben hier in England so starre Gesetze der Religion und Moral, da die
Ausnahmen nirgends besser schmecken; und das junge Geschlecht ist hungrig und
durstig; das Gesetz ist einmal der Tod fr alle Jugend; wenn die Wildheit Gesetz
wre, ich glaube, wir lebten dann des Gesetzes wegen zahm.
    Unter dem Kreise, mit welchem ich mich in Tollheit herumbewege, zeichnet
sich mir ein Lord Henry aus, von dessen Landsitz ich Dir schreibe. Wir sind zur
Jagd hier und zum Ausruhen von den Mhen des Vergngens - ber die saftgrnen
weiten Hgelflchen jagen wir hin mit dem Morgenwinde, welcher den Nebel jagt,
die langgestreckten Pferde weifen dahin, als htten sie Atem und Kraft der
Gtter; das Wort Gefahr spricht niemand aus; wer strzt, mge sich helfen, der
Jockei und die Hunde wissen auch nichts davon. Der Krper streckt sich und
prustet Frische in diesem zehrenden Klima, die Leiber sind hier lang
aufgeschossen, die Hautfarbe ist klar und fein und rot behaucht, und es ist zum
ersten Male, da mir diese weien Menschen nicht unkrftig erscheinen.
    Lord Henry ist solch ein langer schmaler Englnder mit schweigendem lnglich
englischem Gesichte, das so schne hnlichkeit mit dem Kopfe des hiesigen
Pferdes hat. Er ist still und verschlossen, aber was heraustritt, ist so
energisch wie ein donnernder Windsto aus brigens ruhender Luft, sei es
Meinung, sei es Empfindung. Das ist berhaupt ein Wort Eurer Sprache, welches
ich liebe, Empfindung; statt dessen sprecht Ihr immer von Gefhl; kann sein, da
ich Gefhl nicht habe, aber Empfindung hab' ich. Es soll eine vulkanische
Vergangenheit unter Henrys schweigender Oberflche und deren Geschichte ruhen,
wenigstens erzhlt man so; an ihm selbst ist nichts zu spren: wenn er das
Berhrende findet, so steigt der Anteil und Drang in ihm auf wie ein kochender,
gewaltiger Strudel; wenn der Jockei ein humoristisch Verhltnis trocken
schildert, so lacht er tchtig. Er soll zu einer nahen Verwandten in frher
Jugend liebend entbrannt gewesen sein und wie ein Berserker alles beiseite
geworfen haben, was im Wege stand; donnerndes, blitztreffendes Durcheinander
wird da erzhlt - das Mdchen sei aus der Welt verschwunden, niemand wisse
wohin.
    Ich wei, da ich Dir ein Greuel bin, wenn ich diesen Punkt der
Verwandtschaftsliebe anrhre; Dir ist sie ein Zivilisationsfrevel - ich habe nie
Empfindungen, deren Ursprung in der Zivilisation ruhte, vielleicht hat sie kein
krftiger Mensch, der nicht auch seine Nervenspitzen bis zur Furcht und
Artigkeit erzogen hat, und meine Empfindung fragt nicht danach, aus welchem
Schoe das Weib stammt, welches mein Auge liebt, mein Arm begehrt. Was taten die
alten Vlker, wo es an Menschen fehlte? Hatten sie solche Skrupel? O nein,
selbst die sanftesten nicht. Hat mein Herz nach den Listen und Tabellen der
bervlkerung zu fragen? Die Griechen brandmarkten nur die Umarmung der eigenen
Mutter, jedes Volk hatte seine individuelle Idiosynkrasie, ich, der ich keinem
allgemeinen, also auch keinem Volke mich fge und keiner einzelnen Sitte eines
solchen, ich empfinde keine Idiosynkrasie, was gehen mich Eure Formeln an! Und
ich glaube Lord Henry denkt ebenso.
    Morgen machen wir eine Tour zu Pferde durch die Provinz.

                                                                         Spter.

Gestern vormittag kamen wir an den Ausgang eines Eichenwaldes, die Sonne
spaltete den Nebel, ein stattlich Schlo lag auf dem Hgel vor uns, aus der
gotischen Bauweise stammend, aber glnzend erhalten, dahinter donnerte die
Meeresbrandung. Lord Henry rief einem Reitknecht zu, vorauszujagen und einen
Besuch des Lord Roldan zu melden. Dies ist Henrys Name nicht, ich sah ihn
fragend an. Die alte Lady da oben, sagte er, hat meinen Namen und mich, ich
hre es gern, wenn ein Todfeind von mir redet, ich sitze einem solchen gern
einmal nahe, die Aussicht von der alten Abtei da oben soll entzckend sein, wir
reiten eben vorber, warum sollen wir nicht ein Stck Rindfleisch da oben essen?
Auch soll die Lady eine schne Tochter haben, man sagt's, denn von uns hat sie
niemand gesehen, die Alte kommt seit zehn Jahren nicht nach London.
    Wir wurden in die groe steinerne Halle zu Tisch gefhrt; ich denke hier
fortwhrend Walter Scotts, man sieht durch hohe Bogenfenster weit ins Meer
hinaus, seitwrts auf grnes oder waldiges Bergufer. Das Schlo ruht von dieser
Seite auf einem Felsen, der senkrecht aus dem Meere aufsteigt, das Wogenbrausen
ist eine Tafelmusik des ewigen Elements, dessen Wellen ab und zu gehen zwischen
den Erdteilen dieses Planeten.
    Die alte Lady ist eine hohe, vornehme Frau, hflich wie ein Buch, nicht mehr
sprechend, als die strengste Zensur einem Buche erlaubt htte - sie kam allein,
wie wir erwartet hatten; wir waren sehr artig und bescheiden und sprachen ber
Walter Scott und dessen Romane. Es ist reizend, wieviel unbefangen romantisches
Interesse in diesen Englndern lebt: jede erfundene Person einer Geschichte,
jedes Wort, das diese spricht, jede Wendung, welche die Sache nimmt, alles
findet hier den freundlichsten Boden, findet und weckt den Reiz einer
Geschichte. Wie arm seid Ihr dagegen! Wo nicht ein Lehrgedanke das Faktum, die
Schilderung, die Begebenheit untersttzt oder gar rechtfertigt, da meint Ihr
Unntzes zu treiben; das Trichte nennt Ihr Romanhaftes, darum besitzt Ihr auch
den reinen Roman nicht, Ihn seid verdorben fr reine, bloe Bilder, die nichts
sein wollen und sein sollen als Bilder.
    Wir wurden eingeladen, lnger zu bleiben. Abends zum Tee erschien die
Tochter: schlank, fein gefrbt wie der Pfirsich, mit langen Augenlidern und
reichem Haare, zurckhaltend, aber naiv, ernsthaft, mit aus der Tiefe
durchschlagender Lustigkeit, kalt, aber mit durchfliegenden Spuren tiefster
Innigkeit, so ist Mi Anna.

                                                                         Spter.

Wir sind noch immer hier. Lord Henry, der hier Englnder ist vom Scheitel bis
zur Sohle, gefllt der alten Lady sehr, und Anna gefllt uns beiden, dem Lord
auerordentlich. Er sieht scheel dazu, da ich sie gern habe, ich lache seine
Lordschaft aus.

                                                                         Spter.

Hui! wir haben erfahren, da noch eine Dame hier ist. Gestern abend bei klarer
Luft lieen wir uns auf dem Boote in der Brandung herumwerfen, wir sehen beide
scharf wie Falken und entdeckten am Fenster eine schwarz gekleidete Figur, die
nicht die Lady, nicht Anna war.
    Ohne weiteres sagten wir's, so harmlos wie mglich, bei unserer Rckkunft
der Lady. Sie sagte ja, und des Abends erschien die schwarze Dame. - Henry fuhr
vom Sessel auf; Mi Mary schauerte zusammen, sie ist jene Jugendliebe. Die alte
Lady scheint nichts Sicheres bemerkt zu haben bei dieser Szene.
    Dies schwarz gekleidete Mdchen macht einen wunderbaren Eindruck, sie ist
bleich wie Schnee, kaum der Duft roten Blutes schimmert durch diese bleichen
Wangen, durch diese weien Hnde. Dunkles Haar und dunkle Augen heben wie der
lebendige Grundton eines khnen Schmerzgesanges die in schwarzen Samt gehllte
Figur. Sie ist kein junges Mdchen mehr, feine Zge des Leids schweben hin und
her durch das zarte Antlitz, aber sie erhhen die vornehme Tragik der ganzen
Erscheinung, ich mchte sagen: sie reizen wie das historische Kolorit eines
Romans.
    Du weit, wie sehr ich die Jugendfrische des Weibes allem spteren Reize
vorziehe, welche geflltes schnes Fleisch gewhren mgen, der Trieb ist mir ein
Knabe, der das Wachstum noch vor Augen hat; die Reife ist der letzte Schritt vor
dem Welken, der Herbst ist magisch, des Winters Tod lauert ihm auf der Schulter;
aus des vollen Leibes lockender Haut seh' ich die Falte lauschen, welche der
nchste Erbe ist und nur von Unerfahrenen nicht gesehen wird. Nur die junge Form
hat wirklich zeugende Kraft, gesunde Sehnsucht, echten Drang zeugende; die
erfllte Form hat eine Mattigkeit des Beendeten.
    Dennoch sehe ich mit einem schnen Gefhle dies wunderbare Weib Mi Mary,
ich erkenne, da ein Zauber dahinter ruht, der so mchtig, vielleicht mchtiger
sein kann, als der Zauber junger Sinneswelt, weil eine Atmosphre darum webt,
die etwas haben mag von Kraft des erfahrenen Herzens, von Kraft historischer
Welt. Dessen ward ich deutlich inne, aber gefhrlich ist sie mir doch nicht - Du
wrdest vielleicht sagen: Das ist eben dein Mangel.
    Mi Mary sprach bei jenem ersten Erscheinen sehr wenig, und ihre Stimme
wankte wie eine unsicher angeschlagene Harfensaite - Henry, der beherrschte
Englnder, konnte nur mhsam den erregten inneren Sturm niederhalten.

                                                                         Spter.

Die Zeit vergeht, es geschieht uerst wenig, und doch ist das Wort Langeweile
ganz unbekannt, wir sind alle tief und rastlos bewegt, es drngen und murmeln
tiefe Meeresstrme unter den innersten Rumen unserer Welt, wie sie in der
Wirklichkeit unten am Felsenabhange whlen.
    Wir sind alle wie im halben Somnambulismus: die Lady ahnt unklar
Gefhrliches, aber sie wei nichts und wehrt in keiner Weise, und liebt Henry;
Anna liebt ihn wahrscheinlich auch, und ber Mi Mary schweigt alle Sicherheit.
Zuweilen sah ich eine pltzliche Rte ins bleiche Antlitz treten, und ich meinte
ein Wachtfeuer auflodern zu sehen, das den nahen Todfeind verkndet; dann fliegt
ein Schauer ber den zarten Leib, wie eine kalte Luft rasch durch den heien
Mittag fliegt.
    Das ist ein dmonisches Verhltnis zu Henry: ich glaube, sie liebt ihn
nicht, sie wrde eher in meinem Arm weich und glcklich werden, so sagt es mir
manchmal ein kleiner Strahl, der hinter ihrem Blicke ruht und selten von einem
so gebten Auge wie das meine zu erkennen ist, so sagt es mir die elektrische
Kraft, welche sich uert, wenn ihr samtenes Kleid an mich streift, oder gar die
schnen Finger wie ein Hauch an mich treffen. Ihre Hand ist wie ein prchtig
Trauerlied voll melancholischer Lockung, das in weie Seide, in kstlichen Stoff
gebunden ist, ein wollstiger Schmerz lockt aus dieser weien Hand.
    Weit Du es nicht, da die ursprngliche Neigung Hand und Locke des
schamhaften Mdchens treibt, flchtig wie ein Gedanke aber wirklich den
Geliebten zu berhren? Sie wei es nicht, unbekannte Mchte tun es.
    Aber das dmonische Verhltnis zu Henry wird nach auen strker sein, es
schliet die starken Ketten immer fester um sie, sie schauert, aber sie kann
sich nicht wehren, die Hnde sinken, sie strzt ihm in die Arme, von dem sie
wei, da er ihr Verderber. Du wirst es sehen.
    Und Henry! Demselben Dmon ist er unterworfen, und ein ebenso schlimmer, der
englische Eigensinn, eine Macht ber Tod und Mglichkeit hinaus, schliet sich
an, und macht das tolle Verhltnis zum Verhngnis. Henry liebt offenbar mit
aller sinnlichen Liebesneigung und Glut Mi Anna, er ist bezaubert von ihr, aber
er schlgt die Faust darauf, da es ihn selber zum uersten schmerzt, und -
strebt nach Mary, durchaus nach Mary.

                                                                         Spter.

Es ist ganz so, wie ich sagte: er liebt Anna, aber er will Mary besitzen,
durchaus, und sollte er sie aus den Wolken reien.
    Wir saen des Morgens an der Fenstertr des groen Saales, vor welcher ein
schmaler steinerner Sitz berm Meere hngt und das tief tosende Element
gleichsam verhhnt. Mary sprach mehr als gewhnlich, das heit, sie sprach, denn
sonst schweigt sie meistens; das entzckte Anna, denn Anna liebt sie zrtlich,
und verheit in der Leidenschaftlichkeit, womit sie das zuweilen ausdrckt, dem
geliebten Manne einen Himmel von Feuer und Hingebung. Sie umarmte Mary mehrmals
und war viel lustiger als sonst, die alte, strenge Lady war auch nicht zugegen.
    Pltzlich stand Lord Roldan auf und fhrte mich auf die Seite, khl und
trocken also sprechend: Mein Herr, Sie kokettieren mit den beiden Frauen, die
mein sind, mein sein sollen -
    Beide? fragte ich lchelnd.
    Herr, Sie erlauben sich meiner zu lcheln?
    Item, er forderte wich, und gegen Abend bestieg jeder von uns allein ein
Boot, jeder nahm drei wohlgeladene Pistolen mit, jeder berlie sich der
strmischen Brandung. Verabredet war's also, da wir aufeinander schieen
wollten, so nahe als jeder imstande sei, mit Welle und Ruder dem Boote des
anderen zu kommen.
    Die Sonne schien klar, aber die See ging hoch, die Wellen warfen uns bald
nahe aneinander, bald trennten sie uns weit. Gleichzeitig blitzten die beiden
ersten Schsse, einen Knall hrte im Wogengebrause nur jeder von seinem eigenen
Pistol - wer getroffen wurde und des Ruders nicht mchtig blieb, der war
unrettbar verloren.
    Das Meer schleuderte uns auseinander, keiner wute, ob die Kugel das Ziel
gefunden, ich war unverletzt. Es dauerte lange, eh' wir uns deutlich wieder
erblickten, Lord Henry griff nach dem Pistol und zielte wie ich. Die zweiten
Schsse fielen, ich sah, da Lord Henry das Ruder entglitt und er in den Raum
seines Bootes zurcksank, die hochgehende Woge fate sein Fahrzeug und
schleuderte es von dannen. Ich strengte alle Krfte an, um es zu erreichen,
damit er nicht das Opfer seines bermtigen Eigensinnes werde, denn bei aller
feindseligen Betroffenheit davon liebe ich diese gewaltsame Natur, und ich
setzte mein eigenes Leben daran, um sie nicht dem wilden Elemente als Beute zu
lassen. Aber meine Krfte erschpften sich, jener Zustand der Schwche, der mir
so verhat, ist, trat ein, mein Geist schlug umsonst in den unmchtig werdenden
Krper hinein - da beschmten mich die Wellen, sie warfen mir pltzlich Henrys
Boot entgegen, ich sprang mit meinem Ruder hinein, und berlie meinen Kahn dem
Meere.
    Lord Henry lag blutend am Boden; ich band mein Taschentuch um die Wunde und
legte ihn so, wie es am wenigsten schmerzhaft zu sein schien.
    Wir lachten beide auf - um ein Nichts, um eine Kaprice vernichtet der Mensch
den anderen! Was soll mir aber das Leben, rief Henry, wenn ich nicht damit
schalten kann, wie es mein wechselnder Wille eben heischt; wer fr das Leben
sorgt, der lebt nicht, dem ists eine Brde; was ich bewachen mu, das ist nicht
mein, und der eingeschrnkte Besitz ist nur einer fr die Knechte.
    Wir waren nun aber weit ins Meer hinausgetrieben, und der Abend fiel dunkel
herab, ich arbeitete, da der Schwei in Strmen ber mich strzte, die Sterne
gingen auf, Henry ward totenstill, die Wunde mute in der kalten Nachtluft
heftig schmerzen, aber er verriet es nicht mit einem Laute.
    Ich brach zusammen, als ich das Boot endlich aus Ufer geworfen hatte, und es
blieb mir doch noch die schwere Last Henrys, den ich bis ans Schlo zu tragen
hatte. Er lie es nicht geschehen, und schleppte sich, auf meine Schulter
gesttzt, mit eigener Kraft.

    Die Strenge der Umgangssitten in diesem Lande drckte schwer: Mi Anna
verging vor Angst, den leidenden Henry nicht sehen, nicht pflegen zu knnen.
    Ich verlie sein Zimmer nicht, einem Machtlosen will ich nichts streitig
machen, ich sah Mi Mary mit keinem Auge; wir sprachen viel, sehr viel,
besonders ber die Schwche der Menschen.
    Als er soweit wiederhergestellt war, um im Zimmer umherzugehen, ging ich zum
ersten Male von ihm, um in freier, rascher Bewegung Luft zu schpfen, ich lie
ein Pferd satteln und jagte umher bis tief in den Abend hinein.
    Das hatte die wildeste Eifersucht von neuem in ihm erweckt: sein Gedanke
war, ich knnte bei Mi Mary sein, er ergreift eine Waffe und eilt nach den
Zimmern der Meerseite, wo die Mdchen wohnen, er dringt unbemerkt bis an ihre
Gemcher, er hrt Anna und Mary sprechen; sie sind allein; beruhigt schleicht er
zurck in den Saal, da hrt er vom andern Eingange desselben die Lady kommen. Um
keinen Preis der Welt will er gesehen sein; die Tr nach den Zimmern der Mdchen
hin ist noch offen, der Verdacht, die Indiskretion, dieser ganze Sittenbruch,
ein Englnder empfindet ihn wie eine Todsnde. Aber es ist kein Ausweg brig als
durch die groe Fenstertr nach dem Meere, sie ist einige Ellen hoch von
bergendem Holze, hinter welchem man sich niederkauern kann auf der schmalen
Steinplatte, die drauen ber dem Meere hngt; die Nacht ist dunkel. Er ergreift
hastig diesen Ausweg und zieht die Tre leise an sich, ohne sie ins Schlo zu
werfen, denn wenn dies letztere geschieht, so ist er ausgesperrt, sie ist nur
vom Saale aus zu ffnen.
    In dem peinlichen Momente, wo die Lady mit einem leuchtenden Diener den Saal
entlang kommt, bemerkt er kaum die entsetzliche Situation, auf schmalem Raume,
ohne Anhalt dicht ber dem tiefen Abgrunde zu sein.
    Die Lady kommt bis an die Tr, schilt den Diener, da man das oft Gebotene
nicht beachte, hat die Tr nicht geschlossen sei, und drckt sie fest ins Schlo
- der Rckweg ist ihm abgeschnitten. Die Lady geht in das Nebenzimmer, von neuem
scheltend, da auch dorthin die Tr offen sei; der Diener beteuert, es sei
niemand dagewesen.
    Das Nebenzimmer ist der Lady Schlafgemach, die Kammerfrau kommt, um die
Herrin zu entkleiden, also auch die Hoffnung schwindet, ein Fenster der Tr
einzubrechen und dadurch den Rckzug zu gewinnen: das Gerusch wrde die Lady
wecken; mit Entsetzen wird er inne, da auch die Kammerfrau in der Nhe schlft.
Die Lady drfte im uersten Falle das Miliche erfahren, niemals aber eine
Dienerin.
    Es wird still im Schlosse, die Lichter verlschen, aber dem reichen, stolzen
Lord ergeht es hart: Wind und Regen machen sich auf vom Meere, sie berfallen
ihn, der sich vor Frost kaum noch erhlt. Unbeweglich mu er stehen - denn jetzt
hat er sich wenigstens aufgerichtet - ein fester Anhalt ist nirgends, wie immer
zieht die Gefahr wie eine Sirene, der ganze Krper will im wsten Schwindel nach
dem Abgrunde zu, er kommt aus dem Krankenzimmer und ist mit Leichtigkeit von
Nachtluft, Regen und unbequemer Stellung vernichtet. - Er entschliet sich,
lieber selbst hinabzuspringen: der stolze freche Lord, der sonst die dicksten
Taue des Menschenverkehrs ohne weiteres zerreit, er ist von diesem
Spinnwebfaden der Ehrensitte dergestalt umrankt, da er eher sich, als einen
Schatten Anstand seiner Wirtin opfern will. Dies sind Geheimnisse spezieller
Zivilisation.
    Ich kam spt nach Hause, und weil ich kein Licht in Henrys Zimmer sah, so
meinte ich, er sei zu Bett; es war mir willkommen, nun einmal nach mancher
gestrten Nacht fest schlafen zu knnen, ich verriegle die Tr meines Gemachs
und liege bald im tiefsten Schlummer. Henrys Reitknecht sagte mir am andern
Morgen, er habe umsonst gepocht und gelrmt an meiner Tre, da er seinen Herrn
vermit und bei mir Rat gewollt habe. Ich erinnere mich nur, einen Augenblick
erwacht zu sein und mich beglckwnscht zu haben, da ich bei dem Sturm und
Regen, der an die Fenster schlug, im Trockenen und Sicheren sei.
    Die Lust am Leben, welche allen Geschpfen innewohnt und welche die grten
Empfindungen gemacht hat, trieb Lord Henry endlich auch zu einem Entschlusse und
Versuche - das Pistol, welches er von seinem Zimmer mitgenommen, lag neben ihm
auf der Steinplatte, er unternahm noch einmal das Gefhrliche, sich zu bcken,
und mit erstarrter Hand danach zu greifen. Es gelang, und er zielte nun mitten
ins Schlo der Tr hinein, um sie aufzusprengen, und mit einem tchtigen Rucke
in den Saal, und von dort rasch, ehe jemand in den Weg treten knne, auf den
Gang, nach seinem Zimmer zu kommen.
    Der Schu versagte - Henry zwang seinen Sinn vor sich selbst zur Ruhe, zum
Gleichmut, zog das Gewehr noch einmal langsam auf, drckte noch einmal ab, es
knallte und krachte; es gelang.
    Natrlich geriet da oben alles in Bewegung, man strzte hinzu, man fand das
Unerklrliche, man mutmate nach allen Richtungen - Henry, um alledem eine
andere Wendung zu geben, warb am nchsten Morgen um die Hand der Mi Anna,
entdeckte der Lady seinen wahren Namen.
    Bestrzt und erfreut trieb sie zur augenblicklichen Reise nach London, damit
dort die Hochzeit gehalten wrde. Bestrzt war sie um Marys willen, die einst
just vor Henry zu ihr gerettet worden war, erfreut war sie, weil Anna in
glhender Liebe fr den Lord brannte, weil ihr selbst der Schwiegersohn
wohlgefiel.
    Es war noch nicht Mittag, da fuhren wir alle gen London, ich mute Harrys
Bitten weichen, ich mute mit; denn Mary blieb zurck, weder er noch ich hatte
sie wieder gesehen.

                                                                         Spter.

Seit der Zeit sind Wochen vergangen, das Ehepaar schwelgt in den Flitterwochen,
ich konnte das charaktervolle Bild Marys nicht vergessen und ihre verzauberte
Einsamkeit auf der Abtei; in einer Stunde des Gedankens daran warf ich mich aufs
Pferd und ritt Tag und Nacht, hinaus nach dem Felsenschlosse. Jm Walde vor dem
Hgel lie ich das Pferd meinem Burschen, und eilte hinauf, niemand begegnete
mir, ich kam in den Saal, Mary sa am Fenster und schaute ins Meer hinaus; das
dunkle Haar hing aufgelst ber den bloen Nacken und das schwarze Samtkleid
herab, sie glich einer Balladenknigin, und hob staunenden Rufs ihre Arme, da
sie mich sah.

Das Kleid war schwarz, der Leib war wei,
Die Hand war kalt, das Herz war hei;
Sie wehrte, rang und kte -

    Es gibt Dmonen, die ihre Krallen tief herein strecken in die Welt, glaub'
mir's. Sie schttelten dies Weib selbst in meinen Armen, sie gnnten ihr keine
Ruhe, kein Glck, in den Trumen rang sie mit Henry.
    Und diesem erging es ebenso: von der Seite des liebenden und geliebten
Weibes ward er zur Nachtzeit getrieben, und er flog nach der Abtei, und als ich
nach einem Jagdausfluge von zwei Tagen zurckkehrte, da stand Mary hinter der
offenen Fenstertr des Saales, auf der Steinschwelle, die ber dem Meere hngt,
ihr Samtkleid hing zerrissen an der einen Schulter, das Haar flog aufgelst im
Winde, sie sang Liederverse Opheliens, und mich kannte sie nicht mehr. Es war
grausig, und ich entfloh zum zweiten Male.
    Lord Henry ist nicht wieder gesehen worden in Altengland.

    Ich habe sonst ein fatumhartes Wesen, ich kann arge Dinge sehen, wie sie die
Menschen Unglck nennen, und sehr unbefangen dabei bleiben; fr mich hat die
Welt starke Nerven, weil sie ihr meiner Meinung nach notwendig sind. Wir sind
wie Tiere in den Wald gesetzt und haben uns unserer Haut zu wehren. Aber es
schauerte mich, als ich am Eingange des Eichenwaldes mich noch einmal umwendete,
und die verdete Abtei da oben sah, das zrnende Meer dahinter hrte. Wie lag
sie damals sonnenfrhlich da! Wir haben unsern Fu hineingesetzt, und der Dmon
ist auf unsern Schultern gekommen - jetzt ist sie verwstet.
    Ich mu der Welt nicht mehr Gesicht zu Gesicht gegenberstehen, denn wo ich
hinblicke, richt' ich Unglck an, oder helfe es anrichten. Und wo kein Glck
mehr ist, da ist der Tod, Glck ist eben das richtige Verhltnis. Ich hab's
verloren - pah! ich mu doch weiter.
    Mit welcher Mhe entrinn' ich der alten Lady, der verzweifelnden, ber
ungewisse Verlassenheit hinstarrenden Anna! So jung, so rot, so lebenswarm, so
vertrauend, so hingebend, so schn, so gut, so lieb und so vernichtet! Wenn's
mich rhrt, Valerius, wie mu es sein!
    Geht's nicht auch mit mir zu Ende? Ich erschrecke, ich fliehe, ich bedauere
- wie will das in mein Leben passen?
    Sie verfolgen mich, diese unglcklichen Weiber, ich soll ihnen Auskunft
geben, oder mit ihnen nach Auskunft suchen ber Lord Henry.
    Die stolzen, schweigsamen Ladys, diese schwarz gebundenen Velinbcher,
welche die Sitte mit goldenen Spangen verschliet, mit nrdlichem Reife
behaucht, und in denen morgenlndisch glhende Mrchen ruhen, sie betrachten
mich kalt und scheu und neugierig. Diese Vereinigung im Blicke ist echt
englisch. Um solcher Welt der Untersuchung zu entgehen, schlie' ich mich an die
Genossen tollen Lebens, ich brauche eine krftigere Bewegung, als sie das
Nachdenken ber unabnderlich Geschehenes bietet - manche Nacht sprangen wir
durch die gaslichten Straen hinaus in die Nacht, um ein Landhaus zu besuchen,
wo eine frhliche Wirtschaft gedeiht. Mdchen aus Afrika, Bajaderen aus
Ostindien, verschlossene Amerikanerinnen, verschleierte Ladys, verlarvte Kinder
begegnen uns dort, Prinz Heinz hat reizloser liederlich gelebt.
    Es ist ein Mdchen dort, von allen die Perle genannt, die mich wunderbar
fesselt, obwohl sie mir niemals ihr Antlitz zeigt; sie kleidet sich frei und
prchtig wie eine Indierin, sie tanzt mit dem Tamburin zum Entzcken, alle
brigen haben ihr Antlitz gesehen und nennen sie schn zum Erstaunen, alle
brigen haben mit ihr geredet und finden sie liebenswrdig zum Berauschen - mir
nur zeigt sie ihr Antlitz nicht, mir nur gnnt sie kein Wort; aber sie sucht
mich, sie hrt mich, sie verstndigt sich mir durch die reizendste Pantomime.
Perle, du reizest mich zum uersten, erhre mich auch, erflle den Reiz! Sie
schttelt mit dem Kopfe.

    Ich jagte heut allein hinaus und fand die Perle in einem mystisch
beleuchteten Zimmer, wie es die deutschen Romanschreiber gern fr
Liebesabenteuer schildern. Umsonst drohte ich, bat ich, flehte ich sie, den
verhllenden Schleier vom Gesicht zu ziehen, ein Wort zu sprechen, umsonst. Aber
brigens war sie sanft, war sie hingebend, wiegte mich in se Verlangnisse,
berschttete jene Neugier mit Wollust. Als ich darein verloren war und sie
verloren glaubte, raffte ich mich auf und ri ihr den Schleier vom Haupte - wen
erblickt' ich und was erfuhr ich! Nur ein Moment blieb mir Freiheit, Margaritens
schnes, aber tdlich drohendes Antlitz zu sehen, im nchsten Augenblicke hatte
ich mit aller Anstrengung um mein Leben zu kmpfen. Sie hatte behend wie eine
Schlange den leichten Schal ihres Halses um meinen Nacken geschrzt, sie
schnrte ihn mit aller Kraft zusammen, um mich zu erdrosseln - es war ein Ringen
um Leben und Tod mit einem starken, wtenden Mdchen.
    Als ich sie mhsam berwltigt und nach Luft geschpft hatte, lag sie
zitternd am Boden, zitternd von der gewaltsamen Anstrengung und vor Wut - Du
hast mich zur Bajadere gemacht, sagte sie halb erstickter Stimme, mache mich
auch zur Leiche, oder ich werde dich verfolgen, bis ich dich erwrgt habe.
    Ich eilte von dannen. Dies schreib' ich auf einem amerikanischen Schiffe,
das auf Wind harrt, um die Anker, zu lichten. Am Strande, von wo ich ins Boot
sprang, sah ich von neuem Margarita, sie war es sicherlich, obwohl ein dichter
Mantel und Schleier sie verhllten, wer knnte sonst die Worte sprechen, die ich
deutlich bis auf die kleinste Silbe vernahm:
    Wo du auch hingehst, meine Rache wird neben dir sein.
    Versuch's, rachlustig Mdchen, durch den Ozean zu schwimmen. Leb' wohl,
sanfter Deutscher!

                           13. Valerius an Hippolyt.


Unsere Naturen schieden sich fr immer: Du gibst auf eine grob sinnliche Weise
so ganz und gar jedem Gelste fraglos nach, da Dir am Ende gar kein Unterschied
mehr brig bleibt von dem blo Animalischen. Wenn die Bildung nicht eine
gemeinschaftliche Natur wird mit dem, was Sinn und Krper heischt und was der
einschrnkende und ordnende Geist zult oder gebietet, wenn sich nicht eine Ehe
geordneter Art zwischen Leib und Seele bewerkstelligen lt, dann hinaus mit dem
Menschen unter die Tiere des Waldes oder der Wste, er berhebt sich ihrer in
keiner andern Weise, als da seine Sinne vielleicht noch raffinieren.
    Mge hie und da ein einzelner Mensch Deiner Gattung brig bleiben, wie man
fr Wissenschaft und Kunst eine Urpflanze, ein Urgeschpf aufbewahrt, um stets
ein echtes Bild vor sich zu haben, wonach die Ausbildung geregelt werde; mge
einem Geiste wie dem meinigen noch oft eine Erquickung, ein Spekulationswecker
aufstehen in einem Menschen wie Du, in einem teilnahmsvollen Verhltnisse, wie
zwischen uns - aber die zivilisierte Welt mu Dich vernichten, wie ganze
Gegenden ausziehen, um einen Wolf zu erlegen. Fahre wohl! Ich werde Deiner
gedenken, und zwar mit einer Liebe, wie ich sie vielleicht allein auf der Welt
fr Dich haben kann, weil ich allein Deine innerlichste Menschenbedeutung
erkenne.
    Wundere Dich nicht, beklage Dich nicht! Wer keine Beschrnkung duldet, der
duldet auch keine Liebe; Du vereinsamst Dich fr Deine Lust, und so wirst Du
auch vereinsamt und vogelfrei fr jeden Schtzen, der auf Dich zielen will, so
vereinsamst Du Dich auch zum Tode. Fahre wohl! Ich sehe Dich einsam erschlagen
am Meeresstrande eines fernen Weltteils liegen; Deine zornige Seele ringt sich
mhevoll vom starken, widerspenstigen Leibe und strzt drohend ins All hinaus,
um ihre Verbindung mit der Gottheit zu suchen, ihre unmittelbare Verbindung.
Armer Hippolytos! Das ist eben der tragische Mensch, da er nur mittelbar der
Gottheit sich bemchtigen kann, und es ist wenig Aussicht vorhanden, da die
Unmittelbarkeit gleich nach diesem Leben eintreten werde! Armer Hippolytos!
    Jawohl, jawohl, wir haben uns einst alle erhoben fr die Freiheit, aber die
Freiheit fr Zivilisierte ist nur ein freies Gesetz; ja wohl haben wir uns
erhoben fr den wahrhaften, echten Verkehr zwischen den Geschlechtern und gegen
die lgenhafte Ehe, aber nur gegen die lgenhafte; wo in Wahrheit zwei Wesen in
eines aufgehen, da ist eine Erfllung des Menschentums gewonnen. Was mir eine
Geliebte zurief, das bezeichnet fr mich den wahren Standpunkt, sie sagte, den
verehelichten Personen gelte der Kampf, nicht der Ehe.
    Haltet die Ehe offen, wie der Herr des Himmels seine Hand offen erhlt fr
den wahrhaft notwendigen Wechsel der irdischen Welt, den Wechsel von Tag zu
Nacht, von Schnee zu Blumen; schttelt die Personen, welche durch Lge mit dem
Institute Frevel treiben, schtzet diejenigen, welche von der Unwahrheit einer
Verbindung gefesselt und zertrmmert werden, kmpft gegen und fr die
Verehelichten, haltet die Tr der Erfindung offen, doch vermengt damit nicht die
Ehe selbst.
    Aber, ist Dein Verhltnis zum Weibe etwas anderes als ein Krieg, ein
Raubzug? Soll ihn das Weib gutheien, kann ihn der Mann loben? Du willst vom
Weibe nur die Lust; das Weib kann aber auch ein Herz geben, eine Ewigkeit darin,
und vergleichen willst Du nicht, weil Du's nicht brauchen kannst; Du vernichtest
also das Weib.
    Fahre wohl! Der Schrecken wird Dich ereilen in der freien Welt Amerikas.
Dort ist die Freiheit ein Rechenexempel, und ein schlimmeres als das, um
deswillen Du Europa fliehst. In einer durchwirkten alten Welt sind die Zahlen,
dieser unpoetische Behelf, abgestumpft, und die Mannigfaltigkeit entschdigt fr
einzelnes Mifllige - dort drben in der amerikanischen Anfnglichkeit stehen
sie noch nackt und einzeln da wie ein Pfahlwerk, das die Zeit berkleiden soll,
und an diesem Pfahlwerke wirst Du gespiet. Ein Rechenexempel, ein Pfahlwerk der
Freiheit ist dem poetischen Gelste viel unertrglicher als eine bekleidete, mit
geschichtlichem Moos bewachsene Untertnigkeit; der bloe Begriff ist ein
Rezept, die Gewohnheit aber ist eine Speise, und Speise braucht der Mensch.
Fahre wohl!
    Ich bin wirklich von Grnschlo nchtlicherweile ins Gebirg gewandelt und
habe als Kohlenbrenner die Berge durchstrichen aufwrts und abwrts. Hier in
einem abgelegenen Tale sa ich eines Morgens und labte mich an dem harten,
schwarzen Brote, das in meinem Schnappsacke zu finden war; die Sonne schien, die
Vgel sangen, mein Leib war gesundet und gekrftigt, mit ihm mein Geist, ich
dachte damals: Ei nun, du bist ja nicht allein klug in der Welt, sie wird's so
gut machen und besser als du, la sie gewhren, glaube ihr, betrachte, sinne,
dichte von neuem, aber im kleinen. Mit der groen Welt bist du gescheitert,
versuch's mit dem verjngten Mastabe; harke die Erde, pflanze Kohl, wirke auf
den Nachbar, suche das Nchste, wage dich nur langsam und uerst vorsichtig mit
dem Schlusse, mit der Forderung ins Allgemeine.
    Da trat ein Bauer zu mir, der aus dem Holze kam, und grte mich; er fragte,
ob ich feirig sei, und warb meine Fuste und meine Tageszeit. Und zwar fr
seinen Garten, fr seine Baumschule, wenn ich dergleichen verstnde, denn Ihr
seht mir, meinte er, nicht so recht aus wie Feldarbeit. Ich verstand's, und
es schickte sich gut: es gedieh die Frucht, und des Abends schwatzte der Bauer
mit mir und lie sich erzhlen und Ratschlge geben - es erquickte mich, die
Macht des Geistes zu sehen, des unbefangenen Geistes, wie er sich abgesetzt hat
in mir durch soviel Erfahrung und Gedanken. Es war mir Freude und Genugtuung,
einen Erfolg solches unparteiischen, la mich sagen naiven Geistes auf den
Bauersmann zu sehen, ich sprach nicht in Kategorien, nicht im Jargon unserer
Kultur, und es trat ein wirklich bildendes Verhltnis zwischen uns ein - was
erkannte ich? Ach! Nach bestimmten Zielen rennt man, verfehlt sie und lt die
Arme sinken; man glaubt, umsonst gestrebt und gewagt zu haben, aber der Anfall
macht uns aufmerksam, da wir zu einem ganz anderen Besitze gekommen sind:
zwischen den Fugen, in denen wir uns bewegt, zwischen den Fingern, mit denen wir
gerafft und nichts errafft haben, sind feine Sommerfden hangen geblieben,
Fden, welche eine Verkndigung stillen glcklichen Sommers sind. Die Welt
besiegt man nicht, aber einzelne Leitgedanken, einzelne Weisheit derselben
siedeln sich unserer Seele an, und statt der Herrschaft ber das Ganze, nach
welcher wir ausgezogen sind in Kampf und Streit, finden wir eine Herrschaft ber
uns selbst, einen Aplomb unserer selbst, eine Entsagung, aus welcher heraus eine
Macht und Herrschaft unserem Geiste wchst, grer und dichter, denn alle
uerliche.
    Der Bauersmann erzhlte seinem Herrn, welch einen Grtner er gewonnen; der
Herr kam, ich fand mit Leichtigkeit den hheren, richtigen Bezug zu ihn, ohne
ganz meinen Charakter zu verleugnen, ohne das System aufzugeben, da mir die
Welt noch einmal von der Einzelnheit und von der Resignation aus zu erobern sei.
Ich gefiel auch ihm, - die Fassung, das Verhltnis, in welchem etwas erscheint,
macht ja alles; die meiste Beziehung, welche in der Welt existiert, ist ja in
den ersten tausend Jahren der Welt aufgefunden worden, das Verhltnis, in
welches diese Beziehungen zueinander gebracht werden, dies allein ist das Neue,
das Reizende, ist die Aufgabe. So war denn der weise Grtner dem Gutsherrn ein
Wunder, ich mute aufs Schlo, mute einen groen Teil der Verwaltung
bernehmen; mein Regiment ber Obstbume und den Bauer wuchs solchergestalt
reiend, der Schloherr, jung und wacker, hat es mir nach und nach ber sich
selbst eingerumt, er wei, da ich kein Grtner bin, da ich eine bewegte
Geschichte habe, aber wir schweigen darber. Die Polizei aus jenem Staate
drben, die mich fr den Mrder Konstantins und Juliens hlt, soll mich nicht
qulen, und ich will deshalb in der Stille bleiben. Diesem ber mir schaukelnden
Schwerte, das meine Bewegung bannt, sehe ich ruhig zu; frher allerdings htte
ich dies nicht vermocht: wer aber resigniert hat, ist viel strker, als wer
alles besitzt. Ein Durchreisender kann mich allerdings erkennen, denunzieren,
aber ich denke, es wird nicht geschehen.
    Meine Macht wollte noch weiter hinaus: der Gouverneur des Distrikts, von
meinem Gutsherrn unterrichtet, lie sich mit mir ein, wollte mir ein gro
Regiment anvertrauen; ich hab' es abgelehnt, weil ich dabei wieder in die
Unsicherheit des offenen Meeres geworfen wrde, und weil ich fhle, da meine
Kraft und Ruhe doch noch sehr jung und schmchtig ist; mge sie hher und
breiter und mge ihre Rinde wachsen mit den Jahren! Fast berauschte es mich
schon, wie dieser Weg des kleinen Schrittes doch so rasch und sicher zu groer
Herrschaft fhre; wer noch berauscht wird, der ist noch zu jung. Nicht wahr, ich
werde ein Philister? 's ist nicht so arg: mancherlei Hoffnung, sogar mancherlei
berschwenglichkeit schlgt schon wieder die Flgel in mir. Wenn ich noch einmal
lieben knnte, dann wre alles gut; ich frchte aber, diesen schnsten Keim
haben mir die Nachtfrste verdorben.
    Ein ganz verschwiegen Tal - freilich ist mir die Verschwiegenheit gar zu
wnschenswert geworden - ein Tal mit der Ruhe und warmen Fruchtbarkeit des
Paradieses habe ich aufgefunden, dort baue ich mir ein zierlich, heimlich Haus,
ich bin sehr gut bezahlt und habe das Geld dazu, es wchst tglich und rundet
und schliet sich im freien Schatten dunkler Kastanienbume, die fr mein
Sonnenherz eine groe Spalte nach Morgen offen und frei lassen. Du glaubst
nicht, was mir das fr Freude gewhrt, solch ein eigenes Besitztum zu schaffen,
einen wunderbaren, ganz neuen Reiz. Ist's ein Egoismus, o lat mir die kleine
Snde, ich stelle auch keine unbedingten Verlangnisse mehr an Euch, ich bin
nicht mehr kategorisch, seid's auch nicht gegen mich! Wirklich die grte
Freude, Hippolyt! Heute habe ich sogar eine Spekulation mit gewagt, eine
industrielle, die ich mit all meiner Erfahrung ausgerechnet habe; Walden, mein
Gutsherr, sagt: Wenn sie gelingt, so soll Ihr Gewinn das ganze Tal sein, wo Sie
Ihr Haus bauen, und ich rste Ihnen die Besitzung mit zwei Stck Stammvieh von
jeder Sorte aus, von Pferden, von Ochsen, von Khen, von Schafen, von Ziegen -
denke Dir, dann htte ich eine ganz vollkommene Wirtschaft! Aus dem
unglcklichen Weltreformator wrde ein beschrnkter Landwirt, dessen Besorgnis
das Kalben einer Kuh wre - spotte zu, ich bin gesund beschftigt in diesem
Treiben, und die groe Welt in mir stirbt darber nicht, o, sie ist so
geschftig im Kleinen!

    Triumph! Es ist gelungen! Ich bin Herr meines Tales, der Besitz, ein Wort,
das uns bisher immer unbekannt geblieben ist, rankt seine weichen,
verfhrerischen Arme um mich, und seine Macht ist im so grer, weil ich ihn
selbst erworben habe. Das Geschenk berauscht, das Erworbene beglckt und
fesselt. Der Regen, welcher vom Himmel fllt, der Sonnenblick, welcher sich
durchdrngt und einen Wechsel verheit, sie haben jetzt einen viel wichtigeren
Bezug auf mich, sie wirken zum Gedeihen meiner Frucht, sie bestimmen die
jedesmalige Anordnung des Geschfts, ich gehre jetzt zur groen Familie Gottes,
welcher die Erde zur Verwaltung bergeben ist. Denen, die drauen sind, die
umherschweifen lose ber die besetzte Erde, bleibe die Spekulation die
strmische, ins allgemeine brausende, den anderen aber bleibe ungestrt die
nchste Sorge, die Verteidigung des Ruhenden - aus diesem Gemisch bilde sich die
Welt weiter; aber es verachte mir keines das andere. Und kommt man auf meinem
Wege zum Eigentume, so entweicht die Spekulation nicht, auch dem Ruhenden
kreiset das Blut; aber sie geht in kleineren Schritten. Trotzdem arbeitet sie
unablssig; la mir den kleineren Schritt.

    Bin ich furchtsam geworden? Du wirst es sagen; aber ich habe eine Erfahrung
gemacht, die mir einen andern Gedanken aufdrngt: der Mut lt sich nicht als
etwas Allgemeines aufstellen und verlangen; so wie das Verdienst und der Fehler
bei jedem einzelnen ein eigenes sind, so ist auch der Mut fr jeden einzelnen
ein anderer. Wenn er hinausgeht aus der eigentmlichen Bildung und Anlage des
Menschen, so wird er ein forcierter, ungedeihlicher - ich hab's mit Schrecken
eingesehen. Hre:
    Mein Haus und Land waren bestellt, ich konnte abkommen, bestieg meinen
Klepper, um aus meinem Zauberkreise wieder einmal in die Welt hineinzusehen. Du
baust dich vielleicht in einen Irrtum ein, sprach mein Geist zu mir, du befngst
dich in Abgeschiedenheit, betrachte rasch die fremde Welt mit einem prfenden
Blicke. Einige Meilen von uns liegt ein Bergstdtchen, wo sich viele Straen
kreuzen, mancherlei Fremde zusammenfinden, wo ein reger Menschenverkehr sich
bewegt - dorthin ritt ich, und siedelte mich an, um einige Wochen zuzuschauen.
    Wen fand ich dort? Ich trat in eine kleine Gesellschaft, und an meinen Hals
flog Kamilla. Die Leute guckten, steckten die Kpfe zueinander, verwunderten,
fragten sich. Das arme Mdchen war zu einer Verwandten hierher geflchtet und
lebte still und anspruchslos - - da erscheine ich, der natrlichste Gedanke, da
ich sie aufgesucht, fliegt wie ein Frhlingswind durch ihr Herz; sie fragt
nicht, sie beachtet nicht, sie liebt, das gute Mdchen!
    Du hast eine Antipathie gegen de Ehe, sagte sie; Valerius, widersprich
nicht, ich wei es, sie soll dir nicht gestrt werden, ich komme zu dir als
deine Geliebte, ich will nie mehr sein als deine Geliebte, nimm mich auf! Was
kmmert mich sonst in der Welt als deine Liebe, la die Leute reden, lchle
doch!
    Bin ich furchtsam, den Formen, dem Geklatsch unterworfen? Es scheint so,
denn ich ertrug es nicht, da man mit Fingern auf uns wies, da die
klglichsten, ordinrsten Weiber ihren Stuhl wegrckten, wenn sich Kamilla neben
sie setzte; Kamilla, ein Engel neben diesem Tro, Futter fr Hebammen - ich sah
das Nichts dieser Geschpfe, wute, da sie keinen Begriff davon htten, was
bloe Form, was hhere, innere Wahrheit, was wirkliche Sittlichkeit sei, ich
wute alles, aber ich ertrug es nicht. Ich litt Folterqual fr Kamilla. Sie, die
Feinfhlende empfand es nur zu bald. Eines Abends waren wir in einem
ffentlichen Salon, wo ein allgemeines Fest gefeiert wurde, man setzte sich an
eine groe Tafel, um zu speisen, es blieben fr uns an einer Ecke zwei Pltze
leer, wir gehen darauf zu, eine ordinre Kaufmannsfrau von der plebejsten Form
und Gesinnung sitzt auf dem angrenzenden Stichle, sieht uns kommen, steht von
ihrem Sessel auf, legt ihn um, setzt sich auf einen der beiden Pltze, die wir
einnehmen wollten. Ich frage hflich, ob sie diese Sthle noch besetzen wolle.
Ja, erwidert sie mit lauter Stimme, ich will nicht neben einer Liebhaberin
sitzen, dazu ist mir meine Reputation zu lieb. All mein Blut trat mir aus dem
Gesicht, ins Herz zusammen, ich erinnere mich kaum, je eine solche Wut empfunden
zu haben; ich fate sie bei der Hand, da ihr wohl Hren und Sehen, wenigstens
das Schreien vergehen mochte, zog sie in die Hhe, fhrte sie zwei Schritte
hinter den Stuhl, und ihr sagend: Madame, verkaufen Sie Bindfaden, und bleiben
Sie unbekmmert um sonst etwas! gab ich Camilla die Hand, und wir setzten uns.
O dieser Zustand! Das ging nun wie ein Rottenfeuer um die Tafel herum, bald
lauter, bald leiser, durchweg mit einem Ausbruch gegen uns drohend; alles sah
auf uns, ich schlang Gift hinunter mit dem Essen, und die Rache, mir sonst so
fremd, schrie in mir. Kamilla, diesen Engel, wie kannst du ihn rchen an der
Brutalitt des Packs - je fremder diese Stimmung in meinem jetzigen Wesen war,
desto verheerender tobte sie in mir umher.
    Am andern Morgen war Kamilla verschwunden; der Torschreiber hatte sie mit
einem Bndel unter dem Arme bei grauendem Tage fortwandern sehen; ich schickte
Boten nach allen Richtungen, ich jagte selbst nach allen Seiten, umsonst. Und
ich wute obenein, da sie mittellos hinausgegangen war in die fremde,
feindliche Welt, ich war in Verzweiflung. Ein Zettel allein auf meinem
Nachttische war mir geblieben, folgender:

        Du hast nicht das Wesen, Valerius, ein illegales Verhltnis zu
        ertragen, Du leidest, Du sollst aber glcklich sein. Ich gehe, folge mir
        nicht, mein Lieber, es gibt nichts Gutes fr Dich, wenn Du mich fndest.
        Meiner herzinnigsten, unverbrchlichsten Liebe fr Zeit und Ewigkeit sei
        ganz gewi; suche Dir ein Eheweib, sie wird Dich beglcken. Du schlfst
        fest, whrend ich dies schreibe, ich ksse Dich noch einmal leise und
        schlucke den Trnenstrom hinunter, damit er Dich nicht wecke; dann geh'
        ich fr immer. Bis an meinen Tod will ich fr Dich beten. Deine, ach,
        bis in die geheimste Faser des Herzens
                        Deine
                                                                       Kamilla.

    Wochen sind vergangen, alle Nachforschung bleibt vergebens.

                           14. Hippolyt an Valerius.


                                                                  Auf dem Meere.

Der Tag zieht eintnig vorber, die Nacht mit dem blitzenden Himmel steigt
einmal wie das andere herauf, langsam und unmerklich entfernen sich die
europischen Sternbilder, das Meer rauscht und streicht, hebt sich und fllt
einmal wie das andere - ich habe sie gewnscht, diese groen
Elementarverhltnisse der Welt, sie haben mich oft gestrkt. Auch sie werden mir
einfrmig und de, Du hast vielleicht recht: ich brauche eine andere Welt,
vielleicht da oben, auf dem rotblinkenden Mars, find' ich Genge, in der Sonne
selbst vielleicht find' ich Leben. Auch wenn sie drckt und brennt und die
Menschen niederwirft, ist sie mein Gestirn, ich bin daheim, wenn sie da ist, ich
liebe sie, selbst die versengende mcht' ich umarmen.
    Groll und Galle und Wildheit bleibt in meinem Herzen, auch die
Meereseinsamkeit hilft nicht dagegen; das europische Land bleibt in mir liegen,
ich sehe darauf hin, wie auf einen bewegten, schwarzen Ameisenhaufen, es zuckt
mir in der Hand, eine hohe Woge zu fassen und darber hin zu schtten, bis
nichts brig wre als unbelebter Boden. Die Welt im ganzen ist anders gebildet
worden, als ich sie haben mchte. Die Geschichte hat nur fr die Philister eine
Welt erfunden, eine Zivilisation, Ihr knnt nicht anders fertig werden, als wenn
Millionen gekleidet sind einer wie der andere, denken, wnschen, handeln einer
wie der andere, die Gleichfrmigkeit ist Euer einziges Mittel des
Beisammenlebens - ein trauriges, mordendes Mittel. Ich bin berzeugt, da erst
die unterste Klasse der Erdentwicklung erfllt ist, wenn Ihr das klgliche Ziel
erreicht, und alles unter einen Hut, unter eine Decke gebracht habt, dann wird
die zweite, die bedeutendere Entwicklung beginnen, nach der ich schmachte, die
Entwicklung der Mannigfaltigkeit, der Tausend-, der Millionenfaltigkeit. Dann
wird jeder ein eigener Mensch werden, nach seinem Geschmack sich kleiden, nach
seiner wirklichen Eigenheit reden, nach seinem echten Herzen tun, ohne da der
in der Einzelnheit ohnmchtige Haufe erschrickt oder Schaden leidet. Eure
Menschheit ist eine Hammelherde, die gleichmig blkt, dieser Begriff
Menschheit ist mein Greuel; aber ich erlebe keinen neuen, Ihr habt fr
Jahrhunderte hinaus die Nivellierung gepachtet, Ihr revolutioniert gar fr die
Gleichmacherei, Eure Langweil' ghnt mich an wie das breite Wstenmaul der
Sahara, ber welche zehn arabische Pferde mit abwechselnden Krften jagen
knnen, ohne ein anderes Ziel zu erjagen als den Tod. Ihr habt das prchtige
Wort erfunden: Leute - Leute! darin liegt Eure Weisheit, Euer Glck! Wer zu
den Leuten gerechnet sein will, der braucht nur einen Krper, eine Nase, einen
Magen und das gebruchliche zu haben, das reicht hin, er ist von den Euren. Der
Starke mu schwach werden, der Schwache stark, was ber das Fahrwasser
hinausgreift, das ist des Todes - heie Sonne, verkohle mich, ich will des Todes
sein, ehe ich in dieser Mittelmigkeit fortvegetiere.
    Habt Ihr's nie begriffen, da es der frchterlichste Vorwurf war, wenn Eure
Poeten die Poesie da suchten, wo Ihr nicht wart, wo Eure Welt nicht war? Wenn
sie idealisierten, eine poetische Welt erfanden, und Euch darauf
Abonnementsbilletts verschafften? Ihr verderbt fr Eure Zivilisation so viel
Klugheit, da Ihr Euch selbst in Euren Lumpen nicht mehr erkennt. Fret Staub,
wie eure Muhme, die Schlange!
    Darum habt Ihr soviel Verbrechen in Eurer Welt, wie in der Erziehung eines
hflichen Kaufmannssohnes alles verboten ist, und nur einzelnes ausnahmsweise
erlaubt wird. Was wit Ihr vom Verbrechen! Wenn wir dessen nicht mehr fhig
sind, so hren wir auf, Menschen zu sein, werden Zahlen und Begriffe. In jedem
Menschen liegt jedes Verbrechen, oder er ist kein vollstndiger Mensch. Was
erreicht Ihr nun mit Eurem Katechismus? Das Verbrechen flchtet sich in Eure
Tugend, denn die Fhigkeit des Verbrechens ist die Urkraft, welche Eure
Gleichmacherei nicht leiten und richten, sondern tten will; das vermgt Ihr
nicht, denn Ihr bleibt strker, gttlicher als Ihr es wollt und begreift, die
geknebelte Urkraft uert sich nun gewaltsam, sie wird darum Verbrechen, sie
wird Verbrechen, auch wenn sie zufllig in Euer Gesetz flchtet, der streng
Tugendhafte ist ein Verbrecher der Tugend und richtet mit der Tugend sein Unheil
an.
    Das geschieht, weil Ihr aus den ungeheuren Krften des Alls lauter kleine
Dorfschulmeister machen wollt. Ich habe manch sanftes und gutes Pferd gesehen,
das strrisch und schlecht wurde nach wenig Wochen unter Hand und Schenkel eines
pedantischen, hart-dogmatischen Reiters. So trenset und kandaret Ihr Euch eine
verbrecherische Tugend zurecht.
    Ich hab's beschlossen, mein Fu betritt den Boden Europas nicht mehr;
gefallen mir die Yankees nicht, so geh' ich zu den Rothuten der Wlder, dort
wird es mir wohlgefallen. Sie haben wenig Kultur, aber darum auch wenig
Verdorbene.
    Nachts, wenn ich auf dem Verdeck umhergehe, schleicht hinter mir, vor mir,
neben mir eine verhllte Gestalt - ich habe nie begriffen, was Ihr mit dem Worte
unheimlich ausdrckt, jetzt empfinde ich's; ich mu mir das vom Halse
schaffen! Sie schleicht leise, fast unhrbar, dennoch erinnert sie mich an den
ehernen Tritt des Komturs im Don Juan.
    Es sind einige deutsche Auswanderer auf dem Schiffe; warum wandern sie aus?
Lieber Gott, weil sie zuviel Kinder fr den kleinen Acker haben. ber dies Abc
der Staatsnot lt sich nichts sagen; aber es sind, auch einige Robespierrianer
mit uns, was wollen diese aus der Welt machen? Es ist ihnen nicht genug, da
gleichgemacht wird, es soll auch gleichgeschlagen werden: das Bumchen, das
etwas grer, der Strauch, welcher etwas niedriger ist, als man's eben beliebt,
das soll vertilgt sein, und sie hoffen auch, ihre Rechnung in Amerika zu finden.
Sie erwarten es, ich erwarte es - ach, nein, ich erwarte nichts. Eure Revolution
ist noch prosaischer als Euer Altes; was ich so von ein paar Probeexemplaren aus
Amerika sehe und hre, das grinst mich an mit totem, glsernem Auge.

    Der Wind streicht frisch aus Europa in unsern Rcken, er ist meinem Herzen
gnstig. Heute morgen sind wir bei der groen Bank angekommen, welche sich viele
hundert Seemeilen nach Nordnordost hinaufzieht und den Amerikaseglern Gefahr
droht. Es walten hier die dichten Nebel, wir fahren dahin in halber Nacht -
gibt's einen einsameren, groartigeren Tod? In der Dunkelheit mitten im
Weltmeere verschwindet man wie ein Atom. O klglicher, klglicher Zustand eines
Menschen! Ein tyrannischer, weit fordernder, weit greifender Geist ist ihm
gegeben, und ein Wechsel des Ortes reicht hin, da dies Geschpf verschwindet,
jach und unbemerkt!
    Betrachte, wie unsere Welt verarmt ist! Das Mittelalter hatte seinen Teufel,
seinen lieben Teufel, zu welchem die sogenannte Frechheit flchtete; die Torheit
und die Klugheit glaubte ihn zu sehen, er war ein Hilfsmittel, wenn die bekannte
Welt mit ihren Gedanken und Krften nicht mehr zureichen wollte, er war eine
Brcke ins Grere, wenn auch eine brennende. Welch eine Anreizung wre mir das,
mich ihm zu verschreiben? Ihr verget solche Verhltnisse ganz und gar, weil Ihr
Prosaisch nivelliert seid, Euer Titanenelement verwssert habt. Manchmal, wenn
es in den dichten Nebeln dieses Meeres gar nicht Tag werden kann, sitze ich hier
am Borde und schrei' in die Wasserewigkeit hinaus, ob es keinen Dmon gibt, der
sich mit mir einlassen will; hier wre doch wahrlich der Ort fr einen wsten,
schweifenden Urgeist. Versuch' es, in totenstiller Nacht und Einsamkeit dem
Teufel zu rufen, aber direkt in der Volkssprache zu rufen, mit klarer,
verstndlicher Stimme: Teufel, hole mich! Es liegt eine Reizung darin.
    Aber die wsten Wasser schweigen.

    Der Kapitn hat Reisebeschreibungen, in denen lese ich. Da finde ich in der
einen folgendes: Der Sultan war ein eifrig Glubiger, und als er nach Jerusalem
kam, und die groe Moschee zum Gottesdienste einrichten wollte, wo der alte
Salomonische Tempel gestanden, und wo der Christ gebetet hatte, da lie er die
ganze Moschee von oben bis unten mit Rosenwasser abwaschen, damit kein Stubchen
brig sei, das vom Christen verunreinigt wre.
    Von dem, was Ihr religises Moment heit, mag nichts in mir sein, denn Ihr
seid gewohnt, nur das also zu nennen, was mit Eurer positiven berlieferung, mit
der entsagenden zerknirschten Demut verbunden ist, und mein Bezug zur Gottheit
ist ein forderndem, ein trotziger ist dasjenige, was die Griechen im Prometheus
zusammendichten - aber jener Sultan ist mir recht. Hat man sich einen Gott
charakteristisch gebildet und angekleidet, dann soll ihm auch kein Stubchen
vorenthalten sein.
    Aber Euer Glaube ist nicht gefat, nicht geschlossen, schweift in
Erklrungen - was ist ein Glaube, der erklrt wird! Und dazu mgt Ihr Euch noch
wundern, da eine Zeit in Verwirrung umhergeworfen sei, die weder eine
klassische Religion, noch eben darum einen klassischen Staat, noch eine
klassische Poesie hat! Fr meinen Blick gibt es nur zwei Seiten des Menschen,
die Pole des Herzens, und darum zwei Strme der Welt, um welche sich alles
bewegt. Das ist die Selbstsucht und die Selbstaufopferung. Jene hat das
ungeheure Altertum geschaffen, diese ist mit dem Christentume eingetreten und
hat beinahe zweitausend Jahre Geschichte erzeugt. Gegen sie hat sich ein
dreister, neuer Geist erhoben, der halb von ihr, halb vom Altertume stammt,
Philosophien haben sich gebildet, die auf eigenem Fue sich erheben, und eine
Selbstndigkeit neben der positiven Religion, in Anspruch nehmen, als
selbstndige Staaten mit ihr unterhandeln. Jede solche Philosophie ist
unchristlich, auch wenn sie zu christlichen Resultaten kommt. Durch sie ist der
Weltgedanke einer durchgehenden Selbstaufopferung erschttert und nun mordet
sich die Gre des andern Prinzips, der Selbstsucht, wieder heraus, um neues
Element zu bringen, und vielleicht ein neues Dritte zu erzeugen, und dieser
Kampf ist unsere klgliche Zeit. Um so klglicher, da niemand mit der geteilten
Wahrheit seines Herzens offen herausgeht, jeder ein Geordnetes lgt, um sich
selbst zu beschnigen. So seid Ihr alle beschrnkte Menschen, weil Ihr furchtsam
oder frech abteilt, Euer Herz hat keinen Mut gegen Euer Gedchtnis, die Besseren
halten zurck wegen der Gesellschaft, und darber verlieren sie ihr Wahres und
Groes; ich will mich aber nicht beschrnken, darum werde ich ein Gott oder ein
Ungeheuer.
    Da meine Geduld und meine Kraft schwindet, so wird wohl ein Ungeheuer
entstehen, Du magst recht haben.
    Herrschen, herrschen! um dies eine Wort tobt aller Kampf der Welt. Ich
wollte lieber ein Meer sein, als ein so groer Ohnmacht sich bewuter Mensch;
das Meer in seiner weiten Macht bumt sich gegen eindringende Gewalten, heulend
und schttelnd ringt es mit dem Sturme, sich zerschellend strzt es an das
Gestein des Landes. Ich aber liege kraftlos auf Brettern und Balken, und wo ich
sei, ich bin preisgegeben.

                           15. Valerius an Hippolyt.


Du gehst zu Grabe, Du gehst zu Grabe, Genosse meiner Jugendzeit! Du hast Dich
allein in den Ozean geworfen, Dein Arm ist stark, Deine Kraft ist gro, aber
wenn der Mensch allein mit den Elementen ringen will, da ist ihm der Tod gewi,
nur in der Gemeinschaft ist der Mensch mchtig. Weil er die Gesellschaft
erfunden hat, ist er Herr der Welt, und Du hhnst und ttest die Gesellschaft.
Ich habe Deine letzten Briefe aus England erhalten - Deine Tragdie geht zu
Ende, Du raffinierst schon mit Tallon und Lord Henry nach uerungen des Herzens
und Leibes; erinnerst Du Dich Lotharios in Wilhelm Meister, als er inne wird,
da eine Blutsverwandtschaft zwischen ihm und Theresen sei, erinnerst Du Dich,
da er flieht? Mag sein, da andere anders empfinden, da alles hnliche nur ein
Zivilisationsgefhl ist; aber es will als solches geachtet sein, die
Zivilisation mu Dich erschlagen, und wenn sie es nicht tut, so werden's die
Rothute Amerikas tun, denn auch sie sind eine Gesellschaft. Wo zwei Geschpfe
nebeneinander treten, da entsteht ein Verhltnis, und ein Verhltnis braucht ein
Gesetz.
    Ich bin traurig bewegt. Hippolyt, Du bist der letzte, an dem meine
Geschichte, mein Herz, mein Geist hngt, alles, neben dem ich geworden, ist
zerplndert, verwstet; Konstantin erstarrte und schied, William, der uns nie
mit Wrme nah' getreten war, ist im kalten Hochmute ein einseitiger,
unbedeutender Herr geworden, in welchem gar keine Welt sich entwickelt hat,
Leopold blieb, was er war, ward, was er werden mute, ein Narr, sein Ende wird
im Spitale sein; Joel, das schne Herz, schachert, weil es die grausame Welt so
haben will, die Weiber sind gestorben, verdorben, zerknickt, Du kmpfest den
letzten Verzweiflungskampf mit Leben und Tod - ich allein habe mich in ein
grnes, stilles Tal gerettet; aber ich bin auch verarmt; mein Herz ist nicht
erkaltet, aber es hpft nicht mehr, kein Blick, keine Hoffnung entzndet es
mehr, ich baue mir eine neue Welt, wie traurig ist das! Die Menschen, die ich
gewinne, wissen nichts von meiner untergegangenen Welt, sie sind neu fr mich,
die kennen nur den kahlen Valerius, der von vorne anfngt, die tausend Klammern
gemeinschaftlicher Geschichte fehlen uns, ich bin ein Besuch. Gott wei es, wenn
man nicht groes Glck hat, so ist das Leben schwer, schwer.
    Und doch bin ich still-heiter, wenn ich nicht Deiner gedenke, wenn ich nicht
an Dich schreibe.
    Mein Besitztum gedeiht, die Leute suchen mich, mein Haus wchst und seine
Ecken werden weich - ja, Freund, ich gestehe mir's selbst, manches Philisterkorn
fngt schon an in mir zu wuchern. Retten will ich, solange ich's vermag, aber
die Ursache, die Ursache ist so herb, und ich frchte, es ist ihr nicht mehr
abzuhelfen: ich kann nicht mehr lieben! Jene Bewegung und Teilnahme, ohne da
gefragt wurde, warum? jenes Wachstum der Empfindung bei Tage und bei Nacht, dies
Frische, Wogende, dies Hei und Kalte, diese berraschung unserer selbst, dies
weit aufgehende, bis zu Trnen aufgehende Herz, der ganze Rausch eines stets
interessierten Gemtes, alles, alles dies, es ist dahin!
    Der rauhe Wind des Krieges, die dampfige Luft des Kerkers, sie haben das
Herz verhrtet und verdumpft, ich mu mhsam erhalten, was sich gerettet hat,
mu mich ins Kleine ziehen, um auszukommen. Warme Trnen flieen mir seit langer
Zeit auf das Papier, ich weine sie unserem Genie, das sich aufgebrckelt hat an
einer feindlichen Welt.-
    Das ist die Welt, sie fhrt alles zum Tode, sie gab uns das Lcheln, es tut
mir wohl. Bin berhaupt viel glcklicher, mein alter Kumpan, als dieser Brief
ausdrckt, ich kann mich nur des Gedankens nicht erwehren, da es der letzte
sei, den ich an Dich schreibe. ber das weite Weltmeer bist Du in blutigem Groll
von uns geschieden - man schlgt keine Brcke da hinber.
    Nimm nun den letzten Strich zu dem Bilde meines Lebens, wie es sich wohl
hier unter Linden und Kastanien zu Ende spinnen wird - denn nach auen ist auch
der letzte Faden, ein Faden der Besorgnis abgerissen: den Gerichten nmlich ist
es durch Konstantins Hinterlassenschaft klar geworden, da er selbst der Tter
war, und ein Mann gegenber hat durchs Fenster die Katastrophe erblickt, aus
Scheu vor Kriminalien aber lange sein Zeugnis zurckgehalten.
    Ich bin gelst von der zornigen Welt, und in den warmen Sommerabenden
promeniere ich getrost ber den Waldberg, welcher die Grenze bildet. Jenseits
der Grenze steht ein kleines Jagdschlo, das hinabsieht ins weite Land, dort am
Fenster steht jeglichen Abend ein Mdchen mit blitzendem Auge, sie lacht, sie
tollt, ist witzig und munter, will Geschichten hren von da und dort, und kann
still und weich sein, man sollt' es nicht glauben.
    Der Vater sagt, wir liebten uns, ich mu zwar den Kopf dazu schtteln, aber
ich gehe heute abend wieder hin.
    So geht alles Sinnen und Trachten der Welt am Ende immer wieder in ein
Handdrcken aus, in ein Streicheln der Mdchenwange - der unruhigste Kopf ruht
am Ende aus auf eines Mdchens Schoe.
    Hippolyt! Bleibt uns Bewutsein fr neue Welten, dann finden wir uns auf ein
und demselben Sterne wieder, wir gehren zusammen, auch wenn wir
entgegengesetzte Pole gewesen sind auf dieser Welt. Stirb wohl! Hippolyt! O wie
natrlich ist der Wunsch eines Menschen, da unsere Seele eine Erinnerung, einen
Zusammenhang trge in neue Zustnde, wenn der Leib ausgespannt wird fr immer.
Was von Gott in uns war, jauchzte sich dann gelutert entgegen. Hippolyt, ach,
ich kann's nicht in Worte ordnen - stirb wohl!

                           16. Margarita an Valerius.


                                                                        Neuyork.

Ich habe keinen Auftrag, Ihnen die nachfolgenden Papierstcke Hippolyts zu
senden, aber ich wei, da er Sie stets seinen einzigen Freund auf der Welt
genannt hat, ich gebe sie auf das Schiff. Sind die Wellen nicht lstern danach,
so nehmen Sie diese Schluworte eines gewaltigen Menschen freundlich auf.

    Frchterliche Enttuschung! O frchterlich! Mache starr meine Faust, Pluto,
da ich dieses Fratzenbild einer neuen Welt in Scherben schlage. Die Freiheit
hofft' ich zu finden, und finde die bettelhafteste Armut, und neben ihr noch
alle Frechheit der Armut. Gold haben sie und suchen sie, aber kein Leben; allen
Reichtum des Menschen, seine Lust, seine Klage, sein Sehnen, seinen Feind, sein
ewiges Herz, seine schaukelnden Gedanken, seine Titanengedanken, seine Wollust,
seine Verzweiflung, den ganzen Roman des Menschen, um den allein es sich lohnt,
morgens aufzustehen, abends sich niederzulegen, alles das haben sie jenseits des
Meeres gelassen, davon sind sie frei, das ist ihre Freiheit. Auch das Tier ist
frei von menschlicher Sorge - o!

    Jetzt fhle ich, was Tod heit, zum ersten Male in meinem Leben, es ist ein
giftiger Reif auf mein Auge, auf mein Herz gefallen, mein innerster Kern lst
sich ghnend in Stcke, ich bin trumerisch, melancholisch, ich schreibe auf
einzelne Papierstreifen, ich fliehe die Menschen und suche die Bcher, ich liege
im verschlossenen Zimmer, und frchte die Natur; vor dem Meere zittere ich. Ich
zittere, ich, Hippolyt - die Spiegel habe ich zugehngt, um nicht zu sehen, wie
ich vor mir selbst errte.

    Der Kerl, welcher mir die Stiefel putzt, ein plumper, einfltiger Kerl,
will behandelt sein wie ein Seigneur - wohl hattest Du recht, Valerius, die
gleiche Berechtigung haben sie verleumdet, indem sie die Gleichheit daraus
machten. Und diese Schwarzen! O frecher Frevel mit der Freiheit! Als wenn die
Bedienten Europas sich Geld gespart und sich einen Staat errichtet htten! Was
nicht auch Bedienter gewesen ist, heit Aristokrat, wessen Antlitz anders
gefrbt ist, der heit Hund, wird mit Fen getreten, zertreten. Alle Prosa
Europas ist hier zur Herrschaft gediehen; ich ersticke hier.

    Keine Geschichte, keine freie Wissenschaft, keine freie Kunst! Freier
Handel ist die ganze Freiheit, ein Gott von Pappe, in allerlei kleinen
Buchbinderausgaben, ein Gott, dem man keinen Geschmack zutraut, weil man selbst
keinen hat - eine neue Welt, welche von der alten nur ein paar Zahlen geerbt
hat; was nicht Geld einbringt, ist unntz, was nicht ntzt, ist berflssig! O
schne Freude einer edlen Bildung, warum habe ich dich mit Fen gestoen, eine
Kaufmannsschule, welche sich fr eine Welt ausgibt, rcht dich an mir!

    Die brigen Zettel sind im Trubel der letzten Tage verloren gegangen, hren
Sie die Erzhlung derselben zum letzten Andenken an Ihren Freund.
    Ich kam auf demselben Schiffe mit ihm hierher, die Rache trieb mich, ihn zu
vernichten. Auf dem Schiffe konnte ich nicht an ihn kommen, obwohl sich mir
mehrmals die Gelegenheit bot, ihn rcklings ber Bord zu stoen; ich frchtete
mich vor ihm. Und hier, ach, hier wurde ich wieder Weib, der zerschmetterte
Titan jammerte meine Seele, ich weinte hinter ihm her, wenn er einmal einen
Spaziergang wagte. Die stolze Gestalt war geknickt, der wilde Kopf neigte sich
auf die Brust, das schwarze Haar ergraute, das groe, khne Auge war
verschleiert und suchte den Boden, seinem Lieblingstiere, dem mutigen Rosse,
wich er scheu aus dem Wege. Ach! Es war ein trber regnerischer Tag, als ich
mein Herz so bewegt fhlte von Mitleid und Weh, da ich zu ihm hintrat, meinen
Schleier zurckschlug und sagte: Hippolyt, ich bin vershnt, kann ich Dir
helfen, kann ich Dich trsten? Er schrak zusammen, dann nahm er meine Hand,
kte sie, und es fielen Trnen darauf, vielleicht die einzigen, welche er in
seinem Leben geweint hat. Es war spter Nachmittag, die Arbeiter kehrten heim,
pltzlich drang Geschrei aus einem Zugange der nahen Stadt, ein Neger strzte
wie ein Pfeil heraus, eine Schar Weier hinter ihm drein; der Schwarze hatte den
Vorsprung und flog wie ein Hirsch dem nahen Wldchen zu, schon war er dicht
daran, da fielen zwei, drei Schsse, der arme Flchtling sprang hoch in die
Hhe, dann strzte er lang hin an den Boden. Mit wildem Freudengeschrei strzte
die immer grer werdende Menge nach dem Opfer hin, an uns vorber. Mit
Entsetzen erkannte ich unter denen, die ein Gewehr trugen, das noch rauchte,
Tallon, den Verhaten. Ich warf eilig meinen Schleier ber - welche Vernderung
aber war mit Hippolyt vorgegangen! Wie von einem elektrischen Schlage war die
ganze Gestalt aufgerichtet, das Auge blitzte, die Muskeln zuckten, gewaltiger
als ich ihn je gesehen, stand er da und schritt straffen Ganges dem Haufen nach.
Dieser war ber den Leichnam hergefallen, ein deutscher Arbeiter hatte ein paar
Worte des Mitleids geuert, und man fiel, eben auch ihn ber her und schrie:
Lyncht ihn, lyncht ihn! als Hippolyt wie ein Lwe in den Haufen hineinsprang,
links und rechts die rohe Masse beiseite schleuderte, den deutschen Arbeiter an
seine Seite ri und mit donnernder Stimme ihnen vorwarf, da sie ein
nichtswrdig Gesindel seien, das Menschenrecht und Freiheit mit Fen trete.
    Sie strzten mit Gebrll auf ihn ein, Hippolyt entri dem einen die Bchse,
schlug und mhte wie ein Athlet, und schuf zweimal, dreimal freie Bahn rings um
sich her, er stand da wie ein zrnender Halbgott!
    Tallon aber war zurckgetreten, die tckische Schlange, hatte seine Bchse
wieder geladen, schlug an - ich sah's, strzte hinzu - zu spt! Mitten in die
Brust getroffen strzte der stolze Leib Hippolyts nieder, mit furchtbarem Geheul
schlug die Menge ber ihm zusammen.
    Es war Abend geworden, als sich die Rotte zerstreut hatte, der Regen go,
der schne Leib Hippolyts war zertreten, und nur an den Kleiderfetzen war er vom
nackten Negerleichnam zu unterscheiden. Ich habe die ganze Nacht bei ihm
gesessen und geweint, dort, die Raubvgel scheuchend von seinen verstmmelten
Resten, hab' ich's wie Dolchstiche empfunden, da ich ihn geliebt habe bis zur
Raserei, auch da, wo ich ihn morden wollte.
    Ich werde in die Wlder hinber gehen. Kann solch ein groes Menschenbild
nicht bestehen in dieser Welt, was tut's, ob ein verloren Mdchen unter den
Weien oder unter den Rothuten oder in der Einsamkeit zugrunde geht - Klster
gibt's nicht mehr, aber der Urwald ist noch nicht besiegt, dort ist noch Raum
zum Sterben.
