
                               Wassermann, Jakob

                  Caspar Hauser oder Die Trgheit des Herzens

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                                Jakob Wassermann

                  Caspar Hauser oder die Trgheit des Herzens

Es ist noch dieselbe Sonne
die derselben Erde lacht;
aus demselben Schleim und Blute
sind Gott, Mann und Kind gemacht.
Nichts geblieben, nichts geschwunden,
alles jung und alles alt,
Tod und Leben sind verbunden,
zum Symbol wird die Gestalt.


                                  Erster Teil

                              Der fremde Jngling

In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nrnberg sonderbare Gerchte
ber einen Menschen, der im Vestnerturm auf der Burg in Gewahrsam gehalten wurde
und der sowohl der Behrde wie den ihn beobachtenden Privatpersonen tglich mehr
zu staunen gab.
    Es war ein Jngling von ungefhr siebzehn Jahren. Niemand wute, woher er
kam. Er selbst vermochte keine Auskunft darber zu erteilen, denn er war der
Sprache nicht mchtiger als ein zweijhriges Kind; nur wenige Worte konnte er
deutlich aussprechen, und diese wiederholte er immer wieder mit lallender Zunge,
bald klagend, bald freudig, als wenn kein Sinn dahintersteckte und sie nur
unverstandene Zeichen seiner Angst oder seiner Lust wren. Auch sein Gang glich
dem eines Kindes, das gerade die ersten Schritte erlernt hat: nicht mit der
Ferse berhrte er zuerst den Boden, sondern trat schwerfllig und vorsichtig mit
dem ganzen Fue auf.
    Die Nrnberger sind ein neugieriges Volk. Jeden Tag wanderten Hunderte den
Burgberg hinauf und erklommen die zweiundneunzig Stufen des finstern alten
Turmes, um den Fremdling zu sehen. In die halbverdunkelte Kammer zu treten, wo
der Gefangene weilte, war untersagt, und so erblickten ihre dicht gedrngten
Scharen von der Schwelle aus das wunderliche Menschenwesen, das in der
entferntesten Ecke des Raumes kauerte und meist mit einem kleinen weien
Holzpferdchen spielte, das es zufllig bei den Kindern des Wrters gesehen und
das man ihm, gerhrt von dem unbeholfenen Stammeln seines Verlangens, geschenkt
hatte. Seine Augen schienen das Licht nicht erfassen zu knnen; er hatte
offenbar Furcht vor der Bewegung seines eignen Krpers, und wenn er seine Hnde
zum Tasten erhob, war es, als ob ihm die Luft dabei einen rtselhaften
Widerstand entgegensetzte.
    Welch ein armseliges Ding, sagten die Leute; viele waren der Ansicht, da
man eine neue Spezies entdeckt habe, eine Art Hhlenmensch etwa, und unter den
berichteten Seltsamkeiten war nicht die geringste die, da der Knabe jede andre
Nahrung als Wasser und Brot mit Abscheu zurckwies.
    Nach und nach wurden die einzelnen Umstnde, unter denen der Fremdling
aufgetaucht war, allgemein bekannt. Am Pfingstmontag gegen die fnfte
Nachmittagsstunde war er pltzlich auf dem Unschlittplatz, unweit vom Neuen Tor,
gestanden, hatte eine Weile verstrt um sich geschaut und war dann dem zufllig
des Weges kommenden Schuster Weikmann geradezu in die Arme getaumelt. Seine
bebenden Finger wiesen einen Brief mit der Adresse des Rittmeisters Wessenig
vor, und da nun einige andre Personen hinzukamen, schleppte man ihn mit
ziemlicher Mhe bis zum Haus des Rittmeisters. Dort fiel er erschpft auf die
Stufen, und durch die zerrissenen Stiefel sickerte Blut.
    Der Rittmeister kam erst um die Dmmerungsstunde heim, und seine Frau
erzhlte ihm, da ein verhungerter und halbvertierter Bursche auf der Streu im
Stall schlafe; zugleich bergab sie ihm den Brief, den der Rittmeister, nachdem
er das Siegel erbrochen, mit grter Verwunderung einige Male durchlas; es war
ein Schriftstck, ebenso humoristisch in einigen Punkten wie in andern von
grausamer Deutlichkeit. Der Rittmeister begab sich in den Stall und lie den
Fremdling aufwecken, was mit vieler Anstrengung zustande gebracht wurde. Die
militrisch gemessenen Fragen des Offiziers wurden von dem Knaben nicht oder nur
mit sinnlosen Lauten beantwortet, und Herr von Wessenig entschied sich
kurzerhand, den Zulufer auf die Polizeiwachtstube bringen zu lassen.
    Auch dieses Unternehmen war mit Schwierigkeiten verknpft, denn der
Fremdling konnte kaum mehr gehen; Blutspuren bezeichneten seinen Weg; wie ein
strrisches Kalb mute er durch die Straen gezogen werden, und die von den
Feiertagsausflgen heimkehrenden Brger hatten ihren Spa an der Sache. Was
gibts denn? fragten die, welche den ungewohnten Tumult nur aus der Ferne
beobachteten. Ei, sie fhren einen betrunkenen Bauern, lautete der Bescheid.
    Auf der Wachtstube bemhte sich der Aktuar umsonst, mit dem Hftling ein
Verhr anzustellen; er lallte immer wieder dieselben halb bldsinnigen Worte vor
sich hin, und Schimpfen und Drohen nutzte nichts. Als einer der Soldaten Licht
anzndete geschah etwas Sonderbares. Der Knabe machte mit dem Oberkrper
tanzbrenhaft hpfende Bewegungen und griff mit den Hnden in die, Kerzenflamme;
aber als er dann die Brandwunde versprte, fing er so zu weinen an, da es allen
durch Mark und Bein ging.
    Endlich hatte der Aktuar den Einfall, ihm ein Stck Papier und einen
Bleistift vorzuhalten, danach griff der wunderliche Mensch, und malte mit
kindisch-groen Buchstaben langsam den Namen Caspar Hauser. Hierauf wankte er in
eine Ecke, brach frmlich zusammen und fiel in tiefen Schlaf.
    Weil Caspar Hauser, so wurde der Fremdling von nun ab genannt, bei seiner
Ankunft in der Stadt burisch gekleidet war, nmlich mit einem Frack, von dem
die Sche abgeschnitten waren, einem roten Schlips und groen Schaftstiefeln,
glaubte man zuerst, es mit einem Bauernsohn aus der Gegend zu tun zu haben, der
auf irgendeine Weise vernachlssigt oder in der Entwicklung verkmmert war. Der
erste, der dieser Meinung entschieden widersprach, war der Gefngniswrter auf
dem Turm. So sieht kein Bauer aus, sagte er und deutete auf das wallende
hellbraune Haar seines Hftlings, das etwas nicht ausdrckbar Unberhrtes hatte
und glnzend war wie das Fell von Tieren, die in Finsternis zu leben gewohnt
sind. Und diese feinen weien Hndchen und diese sammetweiche Haut und die
dnnen Schlfen und die deutlichen blauen Adern zu beiden Seiten des Halses,
wahrhaftig, er gleicht eher einem adligen Frulein als einem Bauern.
    Nicht bel bemerkt, meinte der Stadtgerichtsarzt, der in seinem zu
Protokoll gegebenen Gutachten neben diesen Merkmalen die besondere Bildung der
Knie und die hornhautlosen Fusohlen des Gefangenen hervorhob. So viel ist
klar hie es am Schlu, da man es hier mit einem Menschen zu tun hat, der
nichts von seinesgleichen ahnt, nicht it, nicht trinkt, nicht fhlt, nicht
spricht wie andre der nichts von gestern, nichts von morgen wei, die Zeit nicht
begreift, sich selber nicht sprt.
    Die hohe Polizeibehrde lie sich durch ein solches Urteil nicht aus dem
vorgesetzten Gang der Untersuchung lenken; es bestand der Verdacht, da der
Stadtgerichtsarzt durch seinen Freund, den Gymnasialprofessor Daumer, beeinflut
und zu diesen berschwenglichkeiten verfhrt worden sei. Der Gefngniswrter
Hill wurde beauftragt, den Fremdling insgeheim zu belauern. Er sphte oft durch
das verborgene Loch in der Tre, wenn sich der Knabe allein whnen mute; aber
es war immer derselbe traurige Ernst in den bald schlaffen und beklommenen, bald
wie durch den Anblick eines unsichtbaren Furchtgebildes verzerrten und
zerrissenen Zgen. Es war auch vergeblich, nachts, wenn er schlief, an sein
Lager zu schleichen, hinzuknien, auf den Atem zu horchen und zu warten, ob er
verrterische Worte aus dem Innern auf die Lippen trug; Leute, die bles im
Schild fhren, pflegen nmlich aus dem Schlaf zu reden, auch schlafen sie eher
bei Tag als bei Nacht, wo sie ihren Gedanken und Entwrfen nachhngen; aber
diesen umfing der Schlummer, sobald die Sonne sank, und er erwachte, wenn sich
der erste Morgenstrahl durch die verschlossenen Lden zwngte. Es konnte Argwohn
wecken, da er jedesmal zusammenzuckte, wenn die Tr seines Gefngnisses
geffnet wurde; wahrscheinlich jedoch gab sich darin nicht die Angst eines
schuldbewuten Gemts zu erkennen, sondern vielmehr eine bermige Erregbarkeit
der Sinne, denen jeder Laut von auen zu qualvoller Nhe kam.
    Unsre Herren auf dem Rathaus werden noch viel Papier beschmieren mssen,
wenn sie auf dem Weg weiterkommen wollen, sagte der gute Hill eines Morgens, es
war der dritte Tag der Haft Caspar Hausers, zu Professor Daumer, der den
Fremdling besuchen wollte; ich kenne gewi alle Schliche des Lumpenvolks, aber
wenn der Bursche ein Simulante ist, will ich mich hngen lassen.
    Hill sperrte auf, und Professor Daumer trat in die Kammer. Wie gewhnlich
erschrak der Gefangene, aber als der Ankmmling einmal im Raum war, schien ihn
Caspar Hauser nicht mehr zu gewahren und schaute, bezaubert im dumpfen
Nichtwissen, still vor sich nieder.
    Da geschah es, als Hill den Fensterladen geffnet hatte, da der Knabe,
vielleicht wie nie zuvor in seinem Leben, den gefesselten Blick erhob, ihn von
der schweigenden, gleichmigen Furcht wegkehrte, die das Innere seiner Brust
beherbergen mochte, und ihn durchs Fenster hinausschweifen lie in das besonnte
Freie, wo Ziegeldach an Ziegeldach sich steil und glhend rot auf einem
Hintergrund von blulich dmmernden Wiesen und Wldern malte. Er streckte seine
Hand aus; berraschung und freudloses Staunen verzog seine Lippen, zgernd griff
er mit dem Arm in das funkelnde Gemlde, als ob er das bunte Durcheinander
drauen mit den Fingern anfassen wolle, und als er sich berzeugt hatte, da es
nichts war, etwas Fernes, Trgerisches, Ungreifbares, da verfinsterte sich sein
Gesicht, und er wandte sich unwillig und enttuscht ab.
    Am selben Nachmittag kam der Brgermeister Binder in Daumers Wohnung und
teilte im Verlauf eines Gesprchs ber den Findling mit, da die Herren vom
Stadtmagistrat eher feindlich und unglubig als wohlwollend gegen diesen
gestimmt seien.
    Unglubig? entgegnete Daumer verwundert, in welcher Beziehung unglubig?
    Nun ja, man nimmt an, da der Bursche sein Gaukelspiel mit uns treibt,
versetzte der Brgermeister.
    Daumer schttelte den Kopf. Welcher Mensch von Verstand oder
Geschicklichkeit wird sich aus purer Heuchelei dazu herbeilassen, von Brot und
Wasser zu leben, und alles, was dem Gaumen behagt, mit Ekel von sich weisen?
fragte er. Um welches Vorteils willen?
    Gleichviel, antwortete Binder unschlssig; es scheint eine verwickelte
Geschichte. Da niemand sagen noch vermuten kann, worauf das Spiel hinaus will,
ist Vorsicht um so mehr geboten, als man durch leichtsinnige Gutglubigkeit den
gerechten Hohn der Urteilsfhigen herausfordert.
    Das klingt ja beinahe, als ob nur die Zweifler und Neinsager urteilsfhig
heien knnten, bemerkte Daumer stirnrunzelnd. Von der Gilde haben wir leider
genug.
    Der Brgermeister zuckte die Achseln und blickte den jungen Lehrer mit jener
milden Ironie an, welche die Waffe der Erfahrenen gegenber den Enthusiastischen
ist. Wir haben eine neuerliche Untersuchung durch den Gerichtsarzt
beschlossenfuhr er fort. Der Magistratsrat Behold, der Freiherr von Tucher und
Sie, lieber Daumer, sollen dieser Untersuchung kommissarisch beiwohnen. Der
aufzunehmende Akt wird dann, zusammen mit den bereits vorhandenen, polizeilichen
Protokollen, der Kreisregierung berschickt.
    Ich verstehe: Akten, Akten, sagte Daumer spttisch lchelnd.
    Der Brgermeister legte ihm die Hand auf die Schulter und erwiderte
gutmtig: Seien Sie nicht so berlegen, Verehrter; unsre Welt schmeckt nun
einmal nach Tinte, und daran habt ihr Bcherwrmer doch wahrlich nicht die
wenigste Schuld. brigens, er griff in die Rockbrust und brachte ein
zusammengefaltetes Stck Papier zum Vorschein, als Mitglied der Kommission
werden Sie gebeten, Einblick in ein wichtiges Dokument zu nehmen. Es ist der
Brief, den unser Gefangener beim Rittmeister Wessenig abgegeben hat. Lesen,
Sie.
    Das mit keiner Namensunterschrift versehene Schreiben lautete: Ich schicke
Ihnen hier einen Burschen, Herr Rittmeister, der mchte seinem Knig getreu
dienen und will unter die Soldaten. Der Knabe ist mir gelegt worden im Jahre
1815, in einer Winternacht, da lag er an meiner Tr. Hab selber Kinder, bin arm,
kann mich selber kaum durchbringen, er ist ein Findling, und seine Mutter hab
ich nicht erfragen knnen. Hab ihn nie einen Schritt aus dem Haus gelassen, kein
Mensch wei von ihm, er wei nicht, wie mein Haus heit, und den Ort wei er
auch nicht Sie drfen ihn schon fragen, er kann es aber nicht sagen, denn mit
der Sprache ist es noch schlecht bei ihm bestellt. Wenn er Eltern htte, wie er
keine hat, wr was Tchtiges aus ihm geworden. Sie brauchen ihm nur etwas zu
zeigen, da kann er es gleich. Mitten in der Nacht hab ich ihn fortgefhrt, und
er hat kein Geld bei sich, und wenn Sie ihn nicht behalten wollen mssen Sie ihn
erschlagen und in den Rauchfang hngen.
    Als Daumer gelesen hatte, gab er dem Brgermeister das Schriftstck zurck
und ging mit ernster Miene auf und ab.
    Nun, was halten Sie davon? forschte Binder; einige unsrer Herren sind der
Ansicht, der Unbekannte selbst knne den Brief geschrieben haben.
    Daumer hielt mit einem Ruck in seiner Wanderung inne schlug die Hnde
zusammen und rief: Ach, du himmlische Gnade!
    Dazu ist natrlich gar kein Grund vorhanden, beeilte sich der
Brgermeister hinzuzufgen. Da bei der Abfassung des Schreibens eine
zweckvolle Tcke gewaltet hat, da es dazu bestimmt ist, Nachforschungen zu
erschweren und irrezufhren, ist offenbar. Es ist eine schnde Kaltherzigkeit im
Ton, die mir von Anfang an den Verdacht erregt hat, da der Jngling das
unschuldige Opfer eines Verbrechens ist.
    Eine mutige Meinung, in welcher der Brgermeister durch einen Vorgang sehr
bestrkt wurde, der sich ereignete, kurz nachdem die Herren von der Kommission
am folgenden Morgen das Gefngnis Caspar Hausers betreten hatten. Whrend der
Wrter damit beschftigt war, den Knaben zu entkleiden, lie sich drunten in
einer Gasse am Burgberg eine Bauernmusik hren und zog mit klingendem Spiel an
der Mauer vorber. Da lief ein grauenhaft anzuschauendes Zittern ber den Krper
Hausers, sein Gesicht, ja sogar seine Hnde bedeckten sich mit Schwei, seine
Augen verdrehten sich, alle Fibern lauschten dem Schrecken entgegen, dann stie
er einen tierischen Schrei aus, strzte zu Boden und blieb zuckend und
schluchzend liegen.
    Die Mnner erbleichten und sahen einander ratlos an. Nach einer Weile
nherte sich Daumer dem Unglcklichen, legte die Hand auf sein Haupt und sprach
ein paar trstende Worte. Dies wirkte beruhigend auf den Jngling, und er wurde
stille; nichtsdestoweniger schien der ungeheure Eindruck des gehrten Schalls
seinen Leib von innen und von auen verwundet zu haben. Tagelang nachher zeigte
sein Wesen noch die Spuren der empfundenen Erschtterung; er lag fiebernd auf
dem Strohsack, und seine Haut war zitronengelb. Teilnahmsvollen Fragen gegenber
war er allerdings herzlich bewegt, und er suchte nach Worten, um seine
Erkenntlichkeit zu beweisen, wobei sein sonst so klarer Blick sich in dunkler
Pein trbte, besonders fr den Professor Daumer, der zwei- bis dreimal tglich
zu ihm kam, legte er eine zrtliche Dankbarkeit, schweigend oder stammelnd, dar.
    Bei einem dieser Besuche war Daumer mit dem Knaben ganz allein, und das zum
erstenmal; der Wrter hatte auf seine Bitte das untere Tor abgesperrt Er sa
dicht neben dem Gefangenen, er redete fragte, forschte, alles mit einem
vergeblichen Aufwand von Innigkeit, Geduld und List. Zum Schlu beschrnkte er
sich darauf, das Tun und Lassen des Jnglings voll Spannung zu beobachten.
Pltzlich stie Caspar Hauser seine verworrenen Laute aus: er schien etwas zu
fordern und sphte suchend herum. Daumer erriet bald und reichte ihm den
gefllten Wasserkrug, den Hill auf die Ofenbank gestellt hatte - Caspar nahm den
Krug, setzte ihn an die Lippen und trank. Er trank in langen Schlcken, mit
beseligter Gelstheit und einem begeisterten Aufleuchten der Augen, wie wenn er
fr den kurzen Zeitraum des Genusses vergessen htte, da das dmonisch
Unbekannte auf allen Seiten ihn bedrngte.
    Daumer geriet in eine seltsame Aufregung. Als er nach Hause kam, durchma er
lnger als eine halbe Stunde mit groen Schritten sein Studierzimmer. Gegen acht
Uhr pochte es an der Tr, seine Schwester trat ein und rief ihn zum Abendessen.
Was glaubst du, Anna, rief er ihr lebhaft und mit beziehungsvollem Ton zu,
zwei mal zwei ist vier, wie?
    Es scheint so, erwiderte das junge Mdchen, verwundert lachend, alle
Leute behaupten es. Hast du denn entdeckt, da es anders ist? Das she dir
hnlich, du Aufwiegler.
    Nicht gerade das hab ich entdeckt, aber doch etwas der Art, sagte Daumer
heiter und legte den Arm um die Schulter der Schwester. Ich will einmal unsre
braven Philister tanzen lassen! Ja, tanzen sollen sie mir und staunen.
    Betrifft es etwa gar den Findling? Hast du was mit ihm vor? Sei nur auf der
Hut, Friedrich, und la dich nicht in Scherereien ein, man ist dir ohnedies
nicht grn.
    Gewi߫, gab er, rasch verstimmt, zur Antwort, das Einmaleins knnte
Schaden leiden.
    Nun, wei man noch gar nichts ber den Sonderling? fragte bei Tisch
Daumers Mutter, eine sanfte, alte Dame.
    Daumer schttelte den Kopf. Vorlufig kann man nur ahnen, bald wird man
wissen, entgegnete er mit starr nach oben gerichtetem Blick.
    Am folgenden Tag brachte die Morgenpost einen Artikel, der die berschrift
trug: Wer ist Caspar Hauser? Wenngleich auf diesen Appell keiner der Leser eine
Antwort zu erteilen vermochte, wurde der Zudrang der Neugierigen so gro, da
das Brgermeisteramt sich gentigt sah, die Besuchsstunden durch eine strenge
Vorschrift zu regeln. Bisweilen standen die Leute Kopf an Kopf vor der offenen
Tr des Gefngnisses, und in allen Gesichtern war die Frage zu lesen: Was ist es
mit ihm? Was ist es fr ein Mensch, der die Worte nicht versteht und dennoch
sprechen kann, die Dinge nicht erkennt und dennoch sehen kann, der zu lachen
vermag, kaum da sein Weinen zu Ende, der arglos scheint und geheimnisvoll ist
und hinter dessen unschuldig leuchtenden Augen vielleicht beltat und Schande
verborgen sind?
    Sicherlich sprte der Gefangene, sprte es schmerzlich, was die lstern auf
ihn gerichteten Blicke begehrten, und der Wunsch, ihnen zu willfahren, erzeugte
mglicherweise die erste erhellende Dmmerung, welche ihm selbst die
Vergangenheit langsam begreiflich machte, so da er in beunruhigter Brust nach
dem Gewesenen tastete, ein Gewesenes erst fhlte und die Gegenwart damit
verband, im tiefsten schaudernd an der Zeit messen lernte, was sie verndernd
mit ihm getan, und was er sah, mit dem verglich, was er ehedem gesehen. Er
begriff das Fordernde der Frage und ward des Mittels inne, die verlangenden
Mienen zu befriedigen.
    Mit durstigen Sinnen suchte er das Wort. Sein flehentlicher Blick grub es
heraus aus dem sprechenden Mund der Menschen.
    Hier war Daumer in seinem Element. Was keinem andern, dem Arzt nicht, dem
Wrter nicht, dem Brgermeister nicht, den Protokollanten erst recht nicht
gelingen wollte, das vermochte nach und nach seine Behutsamkeit und zweckvolle
Geduld. Die Person des Findlings beschftigte ihn aber auch dermaen, da er
seiner Studien und privaten Obliegenheiten, ja beinahe seines ffentlichen Amtes
darber verga, und er erschien sich wie ein Mann, den das Schicksal vor das ihm
allein bestimmte Erlebnis gestellt hat, wodurch sein ganzes Sein und Denken eine
glckliche Besttigung erfhrt. Unter seinen Notizen ber Caspar Hauser lautete
eine der ersten wie folgt: Diese in einer fremden Welt hilflos schwankende
Gestalt, dieser schlafumfangene Blick, diese angstverhaltene Gebrde, diese ber
einem etwas verkmmerten Untergesicht edel thronende Stirn, auf welcher Frieden
und Reinheit strahlen: es sind fr mich Zeugen von unbesiegbarer Deutkraft. Wenn
sich die Vermutungen bewahrheiten, mit denen sie mich erfllen, wenn ich die
Wurzeln dieses Daseins aufgraben und seine Zweige zum Blhen bringen kann, dann
will ich der stumpfgewordenen Welt den Spiegel unbefleckten Menschentums
entgegenhalten, und man wird sehen, da es gltige Beweise gibt fr die Existenz
der Seele, die von allen Gtzendienern der Zeit mit elender Leidenschaft
geleugnet wird.
    Es war ein schwieriger Weg, den der eifervolle Pdagoge ging. Da, wo er zu
beginnen hatte, war die menschliche Sprache ein wesenloses Ding, Wort um Wort
mute erst seinem Sinn angeheftet, Erinnerung erst erweckt, Ursache und Folge in
ihrer Verkettung erst entschleiert werden. Zwischen einer Frage und der nchsten
lagen Welten des Begreifens, ein Ja, ein Nein, oft hilflos hingeworfen, galt
noch nichts, wo jeder Begriff erst aus der Dunkelheit erstand und die
Verstndigung von Vokabel zu Vokabel stockte. Und doch schien ein Licht wie aus
weit entfernter Vergangenheit den Geist des Jnglings viel rascher zu beflgeln,
als selbst der hoffnungsselige Daumer zu erwarten gewagt hatte. Es war
erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit und Kraft er einmal Gesagtes festhielt und
wie er aus dem Chaos unlebendiger Laute das fr ihn Lebendige und
Bedeutungsvolle bildvoll hervorzauberte, so da es Daumer zumute war, als hebe
er blo Schleier von den Augen seines Schtzlings, als spiele er die Rolle des
Lauschers bei den langsam hervorquellenden Erinnerungen. Er hielt den Krper,
indes der Geist des Knaben zurckkehrte in den Bezirk, von wo er kam, und eine
Kunde brachte, dergleichen kein Ohr je vernommen.

                Bericht Caspar Hausers, von Daumer aufgezeichnet


Soweit Caspar sich entsinnen konnte, war er immer in einem dunkeln Raum gewesen,
niemals anderswo, immer in demselben Raum. Niemals den Menschen gesehen, niemals
seinen Schritt gehrt, niemals seine Stimme, keinen Laut eines Vogels, kein
Geschrei eines Tieres, nicht den Strahl der Sonne erblickt, nicht den Schimmer
des Mondes. Nichts vernommen als sich selbst, und doch nichts von sich selber
wissend, der Einsamkeit nicht innewerdend.
    Das Gemach mu von geringer Breite gewesen sein, denn er glaubte, einmal mit
ausgestreckten Armen zwei gegenberliegende Wnde berhrt zu haben. Vordem aber
schien es unermelich gro; angekettet an ein Strohlager, ohne die Fessel zu
sehen, hatte Caspar niemals den Fleck Erde verlassen, auf dem er traumlos
schlief, traumlos wachte. Dmmerung und Finsternis waren unterschieden, so wute
er also um Tag und Nacht; er kannte ihre Namen nicht, allein er sah die
Schwrze, wenn er einmal in der Nacht erwachte und die Mauern entschwunden
waren.
    Er hatte kein Ma fr die Zeit. Er konnte nicht sagen, wann die
unergrndliche Einsamkeit begonnen hatte, er dachte zu keiner Stunde daran, da
sie einmal enden knne. Er sprte keinerlei Verwandlung an seinem Leibe, er
wnschte nicht, da etwas anders sein solle, als es war, es schreckte ihn kein
Ungefhr, nichts Knftiges lockte ihn, nichts Vergangenes hatte Worte, stumm
lief die regelvolle Uhr des kaum empfundenen Lebens, stumm war sein Inneres wie
die Luft, die ihn umgab.
    Wenn er am Morgen erwachte, fand er frisches Brot neben dem Lager und den
Wasserkrug gefllt. Bisweilen schmeckte das Wasser anders als sonst; wenn er
getrunken hatte, verlor er seine Munterkeit und schlief ein. Nach dem Aufwachen
mute er dann das Krglein sehr oft in die Hand nehmen, er hielt es lange an den
Mund, doch flo kein Wasser mehr heraus; er stellte es immer wieder hin und
wartete, ob nicht bald Wasser komme, weil er nicht wute, da es gebracht wurde;
hatte er doch keinen Begriff, da auer ihm noch jemand sein knne. An solchen
Tagen fand er reines Stroh auf seinem Bette, ein frisches Hemd am Krper, die
Ngel beschnitten, die Haare krzer, die Haut gereinigt. All das war im Schlaf
geschehen, ohne da er es gemerkt, und kein Nachdenken darber umflorte seinen
Geist.
    Ganz allein war Caspar Hauser nicht; er besa einen Kameraden. Er hatte ein
weies Pferdchen aus Holz, ein namenloses, regungsloses Ding und gleichwohl
etwas, in dem sein eignes Dasein sich dunkel spiegelte. Da er die lebendige
Gestalt in ihm ahnte, hielt er es fr seinesgleichen, und in den matten Glanz
seiner knstlichen Augenperlen war alles Licht der ueren Welt gebannt. Er
spielte nicht mit ihm, nicht einmal lautlose Zwiesprach hielt er mit ihm, und
obwohl es auf einem Brettchen mit Rdern stand, dachte er nie daran, es hin und
her zu schieben. Aber wenn er sein Brot a, reichte er ihm jeden Bissen hin,
bevor er ihn selbst zum Mund fhrte, und bevor er einschlief, streichelte er es
mit liebkosender Hand. Das war sein einziges Tun in vielen Tagen, langen Jahren.
Da geschah es einst whrend der Zeit des Wachens, da sich die Mauer auftat, und
von drauen her, aus dem Niegesehenen, erschien eine ungeheure Gestalt, ein
Niegesehener, der erste Andre, der das Wrtchen Du sprach und den Caspar deshalb
den Du nannte. Die Decke des Raumes ruhte auf seinen Schultern, etwas
unverstndlich Leichtes und Vernderliches war in der Bewegung seiner Glieder,
ein Lrm war um ihn, der das Ohr fllte. Laut um Laut flo rasch von seinen
Lippen, zu atemlosem Hren zwang das Leuchten seiner Augen, und an seinen
Kleidern hing das Drauen als ein betubender Geruch.
    Von den vielen Worten, die aus dem Munde des Du kamen, verstand Caspar
zunchst keines, aber durch tieferregtes Aufmerken begriff er allmhlich, da
der Ungeheure ihn fortbringen wolle, da das Ding, das seine Einsamkeit geteilt,
den Namen Ro trug, da er andre Rosse erhalten werde und da er lernen solle.
    Lernen, sagte der Du immer wieder, lernen, lernen. Und wie um
klarzumachen, was das heie, stellte er einen Schemel mit vier runden Fen vor
ihn hin, legte ein Blatt Papier darauf, schrieb zweimal den Namen Caspar Hauser
und fhrte beim Nachschreiben Caspars Hand. Dies gefiel Caspar, weil es schwarz
und wei aussah.
    Darauf legte der Du ein Buch auf den Schemel und sprach, auf die winzigen
Zeichen deutend, die Worte vor. Caspar konnte sie alle wiederholen, ohne irgend
den Sinn erfat zu haben. Auch andre Worte und gewisse Redensarten plapperte er
nach, die ihm der Mann vorsagte, zum Beispiel: Ich mcht ein solcher Reiter
werden wie mein Vater.
    Der Du schien zufrieden; jedenfalls um ihn zu belohnen, zeigte er ihm, da
man das Holzpferd auf dem Boden hin und her rollen knne, und damit vergngte
sich Caspar, als er am andern Morgen erwachte. Er schob das Rlein vor seinem
Lager auf und ab, wobei ein Gerusch entstand, das den Ohren wehe tat; deshalb
lie er es wieder und begann dafr mit dem Pferd zu reden, indem er die
unverstndlichen Laute aus dem Munde des Du nachahmte. Es war eine wunderliche
Lust fr ihn, sich selbst zu hren, er hob die Arme und fllte den Raum mit
seinem freudigen Gelall.
    Seinen Kerkermeister mochte dies verdrieen und beunruhigen, er wollte ihn
zum Schweigen bringen: auf einmal sah Caspar einen Stab ber seine Schulter
sausen und sprte zugleich einen so heftigen Schmerz auf dem Arm, da er vor
Schrecken nach vorn fiel. Mitten in der Angst machte er die erstaunliche
Wahrnehmung, da er nicht mehr ans Lager angebunden war. Eine Zeitlang verhielt
er sich ganz stille, dann versuchte er, vorwrts zu rutschen, aber ihm graute
als er mit seinen bloen Fen die kalte Erde berhrte. Mit Mhe erreichte er
sein Lager und versank sofort in Schlaf.
    Es wurde dreimal Nacht und Tag, ehe der Du wiederkam und versuchte, ob
Caspar noch seinen Namen schreiben und die Worte aus dem Buch lesen konnte. Er
verbarg nicht seine Verwunderung, als der Knabe dies mhelos vermochte. Er wies
auf Dinge rings im Raum und nannte ihre Namen; er redete langsam, Aug in Aug mit
Caspar, und hielt ihn dabei an der Schulter fest; durch seine Blicke, seine
Gebrden, das Verzerren seiner Zge hindurch ahnte Caspar, was er sagte, und ihn
schauderte, whrend seine stotternde Zunge dem Mann gehorsam war.
    In der folgenden Nacht wurde er aus dem Schlaf gerttelt. Lange und mit Qual
sprte er es und konnte doch nicht ganz erwachen. Als er endlich die Augen
aufschlug, war die Mauer geffnet, und ein purpurroter Schein flo in den Raum.
Der Du war ber ihn gebeugt und sprach leise, vielleicht um Caspars Furcht zu
stillen. Er richtete ihn empor und bekleidete. ihn mit Hosen, mit einem Kittel
und mit Stiefeln, dann stellte er ihn auf die Fe, lehnte ihn gegen die Wand
und kehrte sich mit dem Rcken gegen ihn. Er umfate seine Beine, hob ihn auf,
Caspar umschlang mit den Armen seinen Hals, und nun ging es hinauf, einen hohen
Berg hinauf, so schien es Caspar; in Wirklichkeit war es wahrscheinlich die
Treppe des unterirdischen Verlieses. Furchtbar drhnte der Atem des Mannes,
etwas Khles und Feuchtes schlug Caspar ins Gesicht, setzte sich in seinen
Haaren fest, die sich von selbst zu bewegen anfingen, und klammerte sich an
seine Haut.
    Pltzlich wich die Schwrze, sie rauschte auf den Boden nieder; alles wurde
weit, weich und blieb doch dunkel; in der Tiefe, in der Ferne wuchteten fremde
groe Dinge; von oben brach ein blauer Strahl und verlor sich wieder, das
Schlpfrig-Feuchte blhte die Falten der Kleider, durchdringende Gerche wogten
umher, Caspar begann zu weinen und schlief auf dem Rcken des Mannes ein.
    Beim Erwachen lag er auf dem Boden, das Gesicht zur Erde gekehrt, und von
unten strmte Klte in den Leib, Der Du richtete ihn auf. Die Luft brannte
sonderbar, und ein unertrglich heller Schein flirrte vor den Augen. Der Du
machte ihm begreiflich, da er gehen lernen msse; er zeigte ihm, wie er gehen
solle, er hielt ihn von hinten unter den Armen und stie seinen Kopf gegen die
Brust, ihm so befehlend, da er auf den Boden sehen solle. Caspar gehorchte
wankend und zitternd, die Luft und der Schein brannten ihm die Augenlider, die
Gerche machten ihn schwindeln, die Sinne vergingen.
    Er schlief wieder; wie lange, das wute er nicht. Auch wute er nicht, wie
oft er zu gehen probiert hatte, als es wieder dunkel wurde. Vielleicht glaubte
er, es sei Nacht geworden, whrend sie sich nur in einem Wald befanden. Den Weg
gewahrte er nicht, er konnte nicht sagen, ob es aufwrts oder abwrts ging. Ob
Bume oder Wiesen oder Huser da waren, wute er nicht. Bisweilen schien ihm
alles ringsum in rote Glut getaucht, aber wenn das Weiche, Dunkle kam, dehnten
sich Luft und Erde blulich und grn. Ob Menschen vorbergingen, konnte er nicht
sagen, er gewahrte nicht den Himmel, er sah nicht einmal das Gesicht des Mannes.
Einmal fiel Wasser von der Hhe; er dachte, der Du schtte ihn mit Wasser an,
und beklagte sich, doch jener entgegnete, er schtte ihn nicht an, er deutete in
die Luft und rief: Regen! Regen!
    Wie lange er so unterwegs gewesen, wute er nicht. Ihm dnkte, jedesmal wenn
er sich, erschpft vom Gehen, zur Ruhe niedergelegt, sei ein Tag vergangen.
Furcht zog ihn hin und bemeisterte seine Mdigkeit, sie spannte seine Gelenke
und ri sein Haupt nach oben, indes die Augen unaufhrlich zur Tiefe starrten.
Der Du gab ihm dasselbe Brot zu essen, das er im Kerker genossen, und lie ihn
Wasser aus einer Flasche trinken. Caspars Erschpfung und seine Angst, wenn der
Wind durch die Bsche sauste, oder wenn ein Tier schrie, oder wenn das Gras um
seine Fe klirrte, suchte er durch das Versprechen schner Pferdchen zu
besiegen, und als Caspar endlich lngere Zeit allein gehen konnte, sagte er, nun
seien sie bald da. Er wies mit dem Arm in die Ferne und sagte: Groe Stadt.
    Caspar sah nichts, taumelnd tappte er vorwrts; nach einer Weile hielt ihn
der Du bei den Armen zum Zeichen, da er stehenbleiben solle, gab ihm einen
Brief und sagte, den Mund nahe an Caspars Ohr: La dich weisen, wo der Brief
hingehrt.
    Caspar machte noch ein paar Schritte, und als er sich dann umsah, war der Du
verschwunden. Er sprte pltzlich Steine unter den Fen, er tastete nach allen
Seiten, um sich zu halten, er sah Steinmauern, die im Sonnenlicht feurig lohten,
aber Entsetzen packte ihn erst, als er Menschen gewahrte, erst einen, dann zwei,
dann viele. Grauenhaft nah kamen sie heran, umstanden ihn, schrien ihm zu, einer
ergriff ihn und schleppte ihn vorwrts, alles ringsumher war Lrm und Getse; er
begehrte zu schlafen, sie verstanden ihn nicht; er sprach von seinem Vater, von
den Rossen, sie lachten und verstanden ihn nicht; er jammerte ber seine wunden
Fe, sie verstanden ihn nicht; er schlief im Stall des Rittmeisters, dann kamen
wieder andre Gestalten, um, kaum da sie sich gezeigt, mit unbegreiflicher Hast
wieder zu fliehen, die Luft war schwer und kaum zu atmen, die gewaltigen Dinge,
als welche ihm die Huser erschienen, drngten sich an ihn an, und auf der
Wachtstube erschreckten ihn die wilden Mienen und Gebrden der Leute so, da er
zu Trnen seine Zuflucht nahm.
    Wiederum schlief er lange, und danach wurde er auf den Turm gebracht. Der
Mann, der ihn die groe Stiege hinauffhrte, sprach mit starker Stimme und
ffnete eine Tr, die einen besonderen Hall von sich gab. Kaum hatte er sich auf
dem Strohsack niedergelassen, so begann die Turmuhr zu schlagen, worber Caspar
in unermeliches Erstaunen geriet. Er lauschte angestrengt, aber nach und nach
hrte er nichts mehr, seine Aufmerksamkeit verlor sich, und er fhlte nur das
Brennen seiner Fe. In den Augen hatte er keine Schmerzen, da es dunkel war. Er
setzte sich auf und wollte nach dem Krglein langen, um seinen Durst zu stillen.
Er sah kein Wasser und kein Brot, anstatt dessen sah er einen Boden, der ganz
anders beschaffen war als dort, wo er frher gewesen. Nun wollte er nach seinem
Pferdchen greifen und mit ihm spielen, es war aber keines da, und er sagte: Ich
mcht ein solcher Reiter werden wie mein Vater.
    Das sollte heien: Wo ist das Wasser hin und das Brot und das Pferdchen?
    Er bemerkte den Strohsack, auf dem er lag, betrachtete ihn mit Verwunderung
und wute nicht, was es sei; mit dem Finger darauf klopfend, vernahm er dasselbe
Gerusch wie von dem Stroh, das sonst sein Lager gewesen. Dies erfllte ihn mit
Beruhigung, so da er wieder einschlief und erst mitten in der Nacht vom oftmals
wiederholten Ton der Glocke erwachte. Er lauschte lang, und als der Schall
verklungen war, sah er den Ofen, der eine grne Farbe hatte und einen Glanz von
sich gab (denn Caspar vermochte selbst in tiefer Dunkelheit die Farben zu
unterscheiden). Er blickte sehr angespannt hinber und murmelte wieder: Ich
mcht ein solcher Reiter. werden wie mein Vater.
    Das sollte heien: Was ist denn dieses, und wo bin ich denn? Auch drckte er
damit sein Verlangen nach dem glnzenden Ding aus.
    In der Frhe ffnete der Wrter die Fensterlden, das helle Tageslicht tat
Caspars Augen wehe; er fing zu weinen an und sagte: Hinweisen, wo der Brief
hingehrt, und damit wollte er sagen: Warum tun mir die Augen weh? Tu es weg,
was mich brennt, gib mir das Pferdchen zurck und plag mich nicht so. Denn er
sprach im Geiste mit dem Du, von dem er glaubte, da er Abhilfe schaffen knnte.
Er hrte die Uhr wieder schlagen, das nahm ihm die Hlfte der Schmerzen, und
indes er horchte, kam ein Mann und stellte allerhand Fragen, aber Caspar gab
keine Antwort, weil seine Aufmerksamkeit auf den verhallenden Klang gerichtet
war. Der Mann fate ihn am Kinn, hob seinen Kopf in die Hhe und redete mit
starker Stimme. Jetzt hrte Caspar zu und sagte all seine gelernten Worte her,
aber der Mann verstand ihn nicht. Er lie seinen Kopf los, setzte sich neben
Caspar und fragte immerfort; als nun die Uhr wieder tnte, sagte Caspar: Ich
mcht ein solcher Reiter werden wie mein Vater.
    Das sollte bedeuten: Gib mir das Ding, das so schn klingt.
    Der Mann verstand ihn nicht und redete weiter, da fing Caspar an zu weinen
und sagte: Ro geben, womit er den Mann bat, er mge ihn nicht so qulen.
    Er sa dann lange Zeit allein. Aus weiter Ferne klang ein Trompetenschall
aus der Kaiserstallung, und als ein andrer Mann eintrat, sagte Caspar die
Redensart mit dem Brief; das sollte heien: Weit du nicht, was das ist? Der
Mann brachte den Wasserkrug und lie Caspar trinken, danach ward es ihm leicht
zumute, und er sagte: Mcht ein solcher Reiter werden wie mein Vater. Das
bedeutete Jetzt darfst du nicht mehr fortgehen, Wasser. Bald erklang wieder die
Trompete, und Caspar lauschte freudig; er dachte, wenn sein Pferdchen kme,
wrde er ihm erzhlen, was er gehrt.
    An diesem Tag aber begann schon die Peinigung, die er von den vielen
Menschen auszustehen hatte.

           Eine hohe amtliche Person wird Zeuge eines Schattenspiels


Natrlich hatte es wochenlang gedauert, bis Professor Daumer einen so
vollstndigen Einblick in die Vergangenheit des Jnglings gewonnen hatte. Dies
alles ans Licht zu bringen, kndbar, greifbar, hatte hnlichkeit gehabt mit der
Arbeit eines Brunnengrbers. Was anfangs ein Fiebertraum geschienen, besa nun
die Zge des Lebens.
    Daumer verfehlte nicht, der Behrde den Sachverhalt in einer gewissenhaften
Niederschrift vorzulegen. Die Folge davon war, da sich der Magistrat entschlo,
die Bahn frmlicher Verhre zu verlassen und in eine vertrautere Beziehung zu
dem Unglcklichen zu treten. Die aufflligen Besonderheiten seines Wesens
sollten noch einmal berprft werden, hie es in einer der gerichtlichen Noten,
deshalb wurden rzte, Gelehrte, Polizeibeamte, scharfsinnige Juristen, kurz
unzhlige Personen, die an seinem Schicksal freien Anteil nahmen, zu ihm auf den
Turm geschickt. Es war ein endloses Schnffeln und Debattieren, Zweifeln und
Staunen, doch die verschiedenen Erklrungen liefen alle auf eins hinaus, und die
bloe Kraft des Augenscheins mute den Daumerschen Bericht besttigen.
    Wenige Tage spter, gegen Anfang Juli, verffentlichte der Brgermeister
einen Aufruf, der im ganzen Land Verwunderung und Beunruhigung erregte. Zunchst
wurde darin das Erscheinen Caspar Hausers geschildert, und nachdem die eigne
Erzhlung des Jnglings mit tunlichster Ausfhrlichkeit wiedergegeben war,
beschrieb der Verfasser diesen selbst. Er sprach von der alle Umgebung
bezaubernden Sanftmut und Gte des Knaben, in der er anfangs immer nur mit
Trnen und nun, im Gefhl der Erlsung, mit Innigkeit seines Unterdrckers
gedenke; von seiner rhrenden Ergebenheit an diejenigen, die hufig mit ihm
umgingen, von seiner unbedingten Willfhrigkeit zum Guten, die mit der Ahnung
dessen verbunden sei, was bse ist, ferner von seiner auerordentlichen
Lernbegierde.
    Alle diese Umstnde, fuhr der beredsame Erla fort, geben in demselben
Ma, indem sie die Erinnerungen des Jnglings bekrftigen, die berzeugung, da
er mit herrlichen Anlagen des Geistes und des Herzens ausgestattet ist, und
berechtigen zu dem Verdacht, da sich an seine Kerkergefangenschaft ein schweres
Verbrechen knpft, wodurch er seiner Eltern, seiner Freiheit, seines Vermgens,
vielleicht sogar der Vorzge hoher Geburt, in jedem Fall aber der schnsten
Freuden der Kindheit und hchsten Gter des Lebens verlustig geworden ist.
    Eine khne und folgenschwere Vermutung, die eher dem mitleidigen Gemt und
dem romantischen Geist als der behrdlichen Vorsicht eines hohen
Brgermeisteramtes zur Ehre gereichte.
    Zudem beweisen mancherlei Anzeichen, hie es weiter, da das Verbrechen
zu einer Zeit verbt worden, wo der Jngling der Sprache schon einmal mchtig
gewesen und der Grund zu einer edeln Erziehung gelegt war, die gleich einem
Stern in finsterer Nacht aus seinem Wesen hervorleuchtet. Es ergeht daher an die
Justiz-, Polizei-, Zivil- und Militrbehrden und an jedermann, der ein
menschliches Herz im Busen trgt, die dringende Aufforderung, alle, auch die
unbedeutendsten Spuren und Verdachtsgrnde bekanntzugeben. Und nicht etwa
deswegen, um Caspar Hauser zu entfernen, denn die Gemeinde, die ihn in ihren
Scho aufgenommen, liebt ihn, betrachtet ihn als ein von der Vorsehung ihr
zugefhrtes Pfand der Liebe, das sie ohne gltigen Beweis der Ansprche andrer
nicht abtreten wird, sondern nur, um die beltat zu entdecken und den Bsewicht
samt seinen Gehilfen der gerechten Shne auszuliefern.
    Wahrscheinlich wurden von den Urhebern groe Hoffnungen an das Manifest
geknpft, aber die Sache nahm einen ganz unerwarteten Verlauf und bereitete den
Nrnberger Herren mancherlei Verlegenheiten. Zunchst lief eine Menge unsinniger
und verleumderischer Bezichtigungen ein, durch welche eine Reihe von adligen
Familien und von intimen Vorgngen in aristokratischen Kreisen dem Gerede
ausgesetzt wurden: Kindesmord, Kindesraub, Kindesunterschiebung waren nach
Ansicht des gemeinen Volks Verbrechen, welche die vornehmen Leute tglich und
zum Vergngen begehen.
    Schlimmer war es, da die magistratische Bekanntmachung dem Appellhof des
Rezatkreises auf nichtamtlichem Weg zu Hnden kam. Irgendein grimmiger Hofrat am
selben Gerichtshof erlie alsogleich ein gepfeffertes Schreiben an die
Kreisregierung in Ansbach, worin erstlich die Publikation des Nrnberger
Brgermeisters als vorschriftswidrig, zweitens als abenteuerlich bezeichnet
wurde, und worin drittens der lebhafte Tadel darber ausgedrckt war, da durch
das verfrhte Preisgeben wichtiger Umstnde eine Kriminaluntersuchung wenn auch
nicht vereitelt, so doch sehr erschwert worden sei. Der ergrimmte Hofrat
ersuchte daher die Regierung, den Magistrat zu strenger Rechenschaft zu ziehen
und zu befehlen, da die den Fall behandelnden Polizeiakten unverzglich anher
zu senden seien.
    Die Regierung lie sich das nicht zweimal sagen. Sie sendete ein Reskript an
den Stadtkommissr von Nrnberg und uerte sich dahin, da die erzhlte
Lebensbeschreibung des Findlings so viele grobe Unwahrscheinlichkeiten enthalte,
da der Gedanke an eine rgerliche Tuschung nicht abzuweisen sei. Gleichzeitig
wurden die noch vorhandenen Exemplare des Intelligenzblattes und des
Friedens- und Kriegskuriers, in welchen Zeitungen der Aufruf erschienen war,
beschlagnahmt. Dies wurde dem Appellhof ordnungsgem mitgeteilt und die
Erwgung daran geknpft, ob die strafrechtliche Verfolgung des Hftlings
einzuleiten sei oder nicht.
    Den Magistratsherren fuhr ein heilloser Schrecken in die Glieder.
Schleunigst lieen sie die Aktenfaszikel zusammenpacken und schickten sie mit
Eilpost nach Ansbach hinber. Vielleicht whnten sie, da nun alles gut sei aber
der grimme Hofrat dort selbst erhob alsbald wieder seine Stimme. Die Verhre
mit dem Hftling und die Zeugnisse ber ihn sind aktenmig nicht einwandfrei,
zeterte er; es sind keineswegs alle Personen, die zuerst mit ihm in Berhrung
getreten sind, polizeilich vernommen worden; ferner htte der Professor Daumer,
um der ffentlichen Bekanntmachung des Magistrats eine rechtliche Basis zu
geben, seine Gesprche mit dem Findling zu den Akten legen sollen.
    Die Regierung, um ein briges zu tun, warnte den Magistrat vor einseitigem
Verfahren. Darauf erwiderte der Magistrat in einem Anfall von Trotz und
Entrstung: ja, aber in den Maregeln, wie ihr sie verlangt, liegt Gefahr, die
Entdeckung zu hemmen, welche Anklage die vorgesetzte Behrde mit zorniger
Energie zurckwies. Holt eure Versumnisse nach, diktierte sie, protokolliert
Verhre, schickt Akten, Akten, nichts als Akten.
    Mit innerer Wut hatte der Professor Daumer diese Vorgnge verfolgt. Er
bezeichnete das Treiben der Ansbacher Behrde als widerwrtige Federfuchserei
und hatte allen Ernstes die Absicht, seinem Unmut in einer geharnischten Epistel
an die Regierung Luft zu machen. Mit Mhe hielten besonnene Freunde ihn davon
zurck. Aber es mu doch etwas geschehen! warf er ihnen voll Emprung
entgegen, man ist ja auf dem besten Weg, einen Justizmord zu begehen, und soll
ich dazu die Hnde in den Scho legen?
    Das ratsamste wre, antwortete der Freiherr von Tucher, der bei diesem
Auftritt anwesend war, sich persnlich an den Staatsrat Feuerbach zu wenden.
    Das hiee also, nach Ansbach reisen?
    Gewi.
    Aber nehmen Sie denn an, da er, als Prsident des Appellgerichts, von den
Manahmen seiner untergebenen Beamten nicht schon unterrichtet ist und sie etwa
gar mibillige?
    Gleichviel, ich verspreche mir etwas von einer mndlichen
Auseinandersetzung; ich kenne Herrn von Feuerbach, er ist der letzte, der einer
gerechten Sache sein Ohr verschliet.
    Die Reise wurde beschlossen. Daumer und Herr von Tucher bei an den sich am
andern Tag schon in Ansbach. Unglcklicherweise war der Prsident Feuerbach
gerade auf einer Inspektionsreise durch den Bezirk, sollte erst am fnften Tag
zurckkommen, und die beiden Herren, sofern sie das vorgesetzte Ziel erreichen
wollten, muten ihren Aufenthalt in der Kreishauptstadt ber Gebhr verlngern.
    Mittlerweile hatte der Findling eine gar bse Zeit. Sein Turmgefngnis wurde
das Ziel aller Miggnger und Neugierlinge der ganzen Stadt. Man lief hin wie
zu der Ausstellung einer unterhaltsamen Raritt, denn der magistratische Erla
hatte ihn zu einem ffentlichen Gegenstand gemacht. Seine bisherigen Beschtzer
waren ein wenig zurckhaltender geworden, denn man wute ja nicht, wie die
Geschichte enden wrde und ob nicht ein hochweises Appellgericht ihn zum
gewhnlichen Schwindler stempeln wrde. Der Turmwchter durfte der allgemeinen
Volksbelustigung nicht steuern, der Brgermeister selbst hatte die frheren
Befehle aufgehoben, weil es zweckmig schien, da mglichst viele Leute den
Fremdling sahen. Oft erbarmte ihn der wehrlose Knabe, doch schmeichelte es
anderseits seiner Eitelkeit, Herr ber ein solches Wunderding zu sein, auch
spazierte nebenbei mancher Groschen in den Beutel.
    Brach der Morgen an und Caspar Hauser erhob sich vom Schlaf, seltsam mde,
mit den Augen das Licht meidend; sa er traurig stumm in der Ecke, whrend Hill
den Strohsack aufschttelte und Wasser und Brot brachte, dann erschienen schon
die ersten Besucher, die berufsmigen Frhaufsteher: Straenkehrer,
Dienstmgde, Bckergesellen, Handwerker, die zur Arbeit gingen, auch Knaben, die
auf dem Weg zur Schule einen ergtzlichen Abstecher machten, sogar einige hchst
unbrgerliche Erscheinungen, die die Nacht im Stadtgraben oder in einer Scheune
verbracht hatten.
    Mit dem Verlauf des Tages wurde die Gesellschaft vornehmer; es kamen ganze
Familien, der Herr Rendant mit Weib und Kind, der Herr Major a.D., der
Schneidermeister Bgelflei, Graf Rotstrumpf mit seinen Damen, Herr von bel und
Herr von Strbel, die ihre Morgenpromenade zum Zweck einer Besichtigung des
kuriosen Untiers unterbrachen.
    Es war ein heiteres Treiben; man konversierte, wisperte, lachte, spottete
und tauschte Meinungen aus. Man war freigebig und brachte dem Jngling allerlei
Geschenke die er ansah wie ein Hund, der noch nicht apportieren gelernt hat, den
fortgeworfenen Spazierstock seines Herrn ansieht. Man legte Ewaren vor ihn hin,
um seinen Appetit zu reizen; so schleppte zum Beispiel die Kanzleirtin Zahnlos
einmal eine ganze Schinkenkeule herauf, die allerdings am andern Tag
verschwunden war - wohin, das wute niemand; doch zog man bedeutsame Schlsse
daraus.
    Vor allem hie es: zeigt uns das Wunder, das angepriesene Wunder! Aber da
der schweigsame, sanftherzige Knabe nichts von alledem tat, was sie in ihrer
lsternen Erwartung sich eingebildet, so begannen sie entweder zu schimpfen, als
ob sie Eintrittsgeld bezahlt htten und darum betrogen worden wren, oder
stellten die erstaunlichsten Torheiten an. Indem sie ihn fortwhrend mit Fragen
qulten, woher er komme, wie er heie, wie alt er sei und hnliches kamen sie
sich sowohl witzig wie berlegen vor. Sein flehentliches Kopfschtteln, sein
ungereimtes Nein oder Ja, das wie aus Kindermund frohbereitwillig und furchtsam
zugleich klang, sein Gestotter, sein glubiges Lauschen, alles das erregte ihr
Behagen. Einige brachten ihr Gesicht ganz nah an seines und waren hchst
vergngt, wenn er vor ihren Starrblicken sichtlich bis ins Innerste erschrak.
Sie befhlten seine Haare, seine Hnde, seine Fe, zwangen ihn, durchs Zimmer
zu spazieren, zeigten ihm Bilder, die er erklren sollte, und taten zrtlich mit
ihm, whrend sie einander listig zuzwinkerten.
    Aber die Harmlosigkeit solcher Versuche ward den unternehmenderen Geistern
bald berdrssig. Man wollte sich doch berzeugen, ob es seine Richtigkeit damit
hatte, da der Gefangene jede Nahrung auer Brot und Wasser verschmhe. Man
hielt ihm Fleisch und Wurst, Honig oder Butter, Milch oder Wein vor die Nase und
amsierte sich kstlich, wenn der Knabe vor Ekel frmlich auer sich geriet.
Ei, der Komdiant, kreischten sie dann, tut, als ob er unsre Leckerbissen
verachte! Hat sich wahrscheinlich mal in eines groen Herrn Kche berfressen!
    Einen Hauptspa gabs, als einmal zwei junge Meister der Goldschlgerinnung
Schnaps herbeibrachten und sich verabredeten, dem Hauser das Getrnk mit Gewalt
aufzuntigen. Der eine hielt ihn, der andre wollte ihm das volle Glas zwischen
die Lippen schtten. Doch konnten sie ihren Plan nicht ausfhren, weil ihr Opfer
durch den bloen Geruch, der aus dem Gef strmte, das Bewutsein verloren
hatte. Sie waren einigermaen verdutzt und wuten mit dem Ohnmchtigen nichts
anzufangen; zum Glck sahen sie ihn atmen und hatten weiter keine Furcht.
Glaubt ihm doch seine Kniffe nicht, meinte ein stutzerhaft gekleidetes
Brschlein, das bisher gelangweilt dabeigestanden, ich will ihn schon wieder
munter kriegen. Sprachs, zog lchelnd die goldene Schnupftabaksdose und steckte
eine volle Prise unter die Nase des vermeintlichen Simulanten, dessen Gesicht
sogleich von heftigen Zuckungen bewegt wurde, worber alle drei in Gelchter
ausbrachen. Als dann der Wrter kam und sie derb zur Rede stellte, zogen sie
schimpfend ab und rumten den Plan einem gravittischen lteren Herrn, der den
langsam zum Leben, zurckkehrenden Caspar von vorn und hinten beschnffelte, den
Finger an die Stirn legte, sich rusperte, den Kopf schttelte, erst
Franzsisch, dann Spanisch, dann Englisch auf den Jngling einredete, mit dem
Wrter tuschelte, kurz von Wichtigkeit frmlich barst.
    Caspar jedoch sah ihn immer nur an und sagte in jmmerlichem Ton:
Heimweisen.
    Warum spielst du nicht mit dem Rlein? fragte, als die wichtige Person
gegangen war, der Wrter. Man verstndigte sich mit Caspar noch immer mehr durch
Gesten als durch Worte, und er selbst las, was Worte ihm nicht mitteilen
konnten, von den Augen und den Hnden der Menschen ab.
    Er blickte auch Hill lange an und sagte: Heimweisen.
    Heimweisen? antwortete der Wrter, halb verdrielich, halb mitleidig.
Wohin denn heim? Wo bist du denn daheim, du Unglckswurm? In dem unterirdischen
Loch vielleicht? Nennst du, das daheim?
    Der Du soll kommen, sagte Caspar klar, langsam und hell. Der wird sich
hten, versetzte Hill, brbeiig lachend.
    Der Du kommt, bald kommt, beharrte Caspar, und er schaute mit einem
Ausdruck feierlicher Inbrunst gegen den abendlichen Himmel, als sei er
berzeugt, da der Du durch die Lfte schreiten knne. Dann erhob er sich in
seiner mhevollen Weise, nahm sein Spielpferdchen und versuchte es zu tragen,
denn dies allein wollte er von den Gegenstnden, die er geschenkt erhalten,
mitnehmen, wenn der Du kme, sonst nichts.
    Hill begriff sein Vorhaben. Nein, Caspar, sagte er, jetzt mut du schon
in dieser Welt bleiben. Da sie dir nicht gefallen mag, versteh ich wohl. Mir
gefllt sie auch nicht, aber dableiben mut du.
    Caspar, wenngleich er den Worten nicht ganz folgen konnte, erfate doch den
unabnderlichen Beschlu, den sie enthielten. Er begann an allen Gliedern zu
beben, laut weinend warf er sich zu Boden, aber auch spter, als es dem
bestrzten Hill gelungen war, ihn zu trsten, schien es, wie wenn er vor Kummer
sein Herz verhauche. Die Traurigkeit seines Gemts berflutete das kindhafte
Gesicht wie ein dunkler Schleier, und am Morgen waren seine Lider durch die
whrend des Schlummers vergossenen Trnen verklebt.
    Er wollte zum erstenmal nicht mehr mit dem Pferdchen spielen, sondern
kauerte stundenlang ohne Regung auf einem Fleck. Bei jedem Krachen der Treppe
schttelte es ihn, und er schauderte, wenn sich wieder und wieder ein neues
Gesicht ber der Schwelle zeigte. Zitternd sah er die Menschen an, der Geruch
ihres Atems war ihm eine Pein und unertrglich, wenn sie ihn berhrten. Am
meisten Furcht hatte er vor ihren Hnden. Zuerst sah er immer die Hnde an,
merkte sich ihre verschiedene Gestalt und Farbe, und ehe er sie an seiner Haut
sprte, erschrak er schon, denn sie erschienen ihm wie selbstndige Geschpfe,
kriechende, klebrige, gefhrliche Tiere, deren Tun von einem Augenblick zum
andern gar nicht abzuschtzen war.
    Nur Daumers Hand, die einzige, deren Berhrung angenehm war, war
verschwunden. Warum? dachte Caspar, warum war dies alles? Warum das seltsame
Getse von frh bis spt? Woher kamen die fremden Gestalten, warum so viele, und
warum war ihr Mund und ihr Auge bse?
    Das frische Wasser schmeckte ihm nicht mehr, auch hungerte ihn nicht mehr
nachdem gewrzten Brot. In seiner Erschpfung dnkte ihm mitten am Tage, es sei
Nacht geworden, und das Heigleiende, funkelnde, von dem man ihm gesagt, da es
der Schein der Sonne sei, wurde vor seinen mden Augen zu purpurnem Dunst. Es
bengstigte ihn das Gerusch des Windes, denn er verwechselte es mit den Stimmen
der Menschen. Er sehnte sich in die Einsamkeit seines Kerkers zurck; heimweisen
war sein einziger Gedanke.
    Es war ein Sonntag. Sptnachmittags waren Daumer und Herr von Tucher aus
Ansbach wieder angelangt, und in ihrer Begleitung befand sich der Staatsrat von
Feuerbach, der sich entschlossen hatte, den Findling selbst zu besuchen und
womglich Klarheit in das unfruchtbare Hinundher von Akten und Erlssen zu
bringen. Nachdem er im Gasthof zum Lamm Quartier gemietet hatte, lie sich der
Prsident von den beiden Herren sogleich zur Burg und auf den Turm fhren. Es
hatte schon neun Uhr geschlagen, als sie dort ankamen. Gro war ihre
berraschung, als sie das Zimmer Caspars leer fanden; die Frau des Wrters
erklrte verlegen, ihr Mann sei mit Caspar ins Wirtshaus zum Krokodil gegangen.
Der Rittmeister von Wessenig habe nmlich einigen seiner von auswrts
zugereisten Freunde den Findling zu zeigen gewnscht, habe heraufgeschickt und
befohlen, da man Caspar bringe.
    Daumer war erbleicht und schaute, Schlimmes ahnend, finster zu Boden; Herr
von Tucher vermochte seinen Unwillen kaum zu bemeistern, und ber die bartlosen
Lippen des Prsidenten huschte ein halb mokantes, halb verchtliches Lcheln;
seine gebietende Haltung erinnerte an einen durch Pflichtversumnisse vielfach
beleidigten Frsten, als er sich mit der schroffen Aufforderung zu seinen
Begleitern wandte: Fhren Sie mich zu diesem Wirtshaus!
    Die Dunkelheit war eingebrochen, ber dem Dach des Rathauses stand
fahlleuchtend der Mond. Schweigend schritten die drei Mnner den Berg hinab, und
kaum waren sie, das winklige Gassengewirr verlassend, auf den Weinmarkt
getreten, als Daumer stehenblieb und mit erregter Stimme flsterte: Da ist er.
    In der Tat sahen sie Caspar, der gleich einem zu Tod Erkrankten am Arme
Hills aus dem Tor des Krokodilwirtshauses wankte. Der Prsident und Herr von
Tucher blieben ebenfalls stehen, und sie bemerkten jetzt, da der Jngling
pltzlich innehielt, zurckschauderte und, ein maloses Staunen in den vor Angst
weit aufgerissenen Augen, zu Boden starrte. Die drei Mnner nherten sich eilig,
um zu erfahren, was es sei. Sie sahen nichts weiter als die Mondschatten des
Jnglings und seines Begleiters auf dem Pflaster.
    Caspar wagte nicht mehr sich zu regen, weil er jede Bewegung seines Krpers
nachgeahmt sah von dem unbegreiflichen Ding. Seine Lippen waren wie zum Schrei
geffnet, seine Wangen schneewei und die Knie schlotterten ihm. War es doch,
als ob alles Grauenhafte und Geheimnisvolle einer Welt, in die ein Ungefhr ihn
geschleudert, sich zu dem seltsam zuckenden Gebild am Boden verdichtet habe.
    Daumer, Herr von Tucher und der Wrter bemhten sich um ihn, der Prsident
stand wortlos daneben. Als er emporblickte, bemerkte Daumer, der ihn heimlich
und gespannt beobachtete, in seinem strengen Gesicht eine unverstellte
Erschtterung.
    Es fehlte nicht viel, so wre Hill, den der Zorn des Prsidenten am ersten
traf, noch am selben Abend aus seinem Amt gejagt worden; nur die mutige
Frsprache des Herrn von Tucher rettete ihn und lenkte das Gewitter auf
schuldigere Personen ab, denn die Vernachlssigung, die der Gefangene erlitten,
war allzu offenbar. Seiner ungestmen Art gem suchte der Prsident sogleich
den Brgermeister Binder auf, dem er die heftigsten Vorwrfe machte. Herr Binder
konnte nicht umhin, dem Prsidenten kleinmtig beizupflichten; die
Entschiedenheit, mit der er den Gegenstand behandelt sah, bte tiefen Eindruck
auf ihn, und er mute einen kaum wiedergutzumachenden Fehler vor sich selber
eingestehen. Von seiner Seite war nur Lauheit im Spiel gewesen, die Scherereien
mit der Regierung hatten ihn verdrossen, jetzt auf einmal, da der mchtige Mann
seine Stimme fr den Findling erhob, wurde er sich seiner Bereitwilligkeit
bewut, alles Frdernswerte fr Caspar Hauser zu tun, und er erklrte sich ohne
weiteres einverstanden, als Herr von Feuerbach verlangte, der Knabe msse seiner
bisherigen Lage entrissen werden. Er soll in eine geordnete Pflege kommen,
sagte der Prsident, Professor Daumer hat sich freiwillig erboten, ihn zu sich
ins Haus zu nehmen, und ich wnsche nicht, da dieser Schritt im geringsten
verzgert werde.
    Binder verbeugte sich. Ich werde morgen mit dem frhesten die ntigen
Anstalten treffen, antwortete er.
    Nicht, bevor ich selbst mit dem Knaben gesprochen, versetzte der Prsident
hastig; ich werde um zehn Uhr auf dem Turm sein und bitte, da man mich eine
Stunde lang mit dem Gefangenen allein lasse.
    Auch Daumer war ziemlich erregt heimgekommen. Kaum da er, nach tagelanger
Abwesenheit, Mutter und Schwester ordentlich begrte. Die Herrschaften mssen
artig gewtet haben, grollte er, indem er unaufhrlich durch das Zimmer
wanderte, der Knabe ist ja ganz verstrt. Das hei ich menschlich sein, das
hei ich Einsicht haben! Barbaren sind sie, Schlchter sind sie! Und unter
solchem Volk zu leben bin ich gezwungen!
    Warum sagst du es ihnen nicht selbst? bemerkte Anna Daumer trocken.
Hinter deinen vier Wnden zu schimpfen fruchtet wenig.
    Sag mal, Friedrich, wandte sich nun die alte Dame an ihren Sohn, bist du
denn wirklich fest davon berzeugt, da du dein Herz nicht wieder einmal an
einen Gtzen wegwirfst?
    Aus deiner Frage erkennt man, da du ihn noch, immer nicht gesehen hast,
antwortete Daumer fast mitleidig.
    Das wohl; es war mir ein zu gro Gerenne.
    Also. Wenn man von ihm spricht, kann man nicht bertreiben, weil die
Sprache zu rmlich ist, um sein Wesen auszudrcken. Es ist wie eine uralte
Legende, dies Emportauchen eines mrchenhaften Geschpfs aus dem dunkeln
Nirgendwo; die reine Stimme,der Natur tnt uns pltzlich entgegen, ein Mythos
wird zum Ereignis. Seine Seele gleicht einem kostbaren Edelstein, den noch keine
habgierige Hand betastet hat; ich aber will danach greifen, mich rechtfertigt
ein erhabener Zweck. Oder bin ich nicht wrdig? Glaubt ihr, da ich nicht wrdig
bin dazu?
    Du schwrmst, sagte Anna nach einem langen Stillschweigen fast unwillig.
    Daumer zuckte lchelnd die Achseln. Dann trat er an den Tisch und sagte in
einem Ton, dessen Sanftheit gleichwohl einen gefrchteten Widerstand im voraus
zu bekmpfen schien: Caspar wird morgen in unser Haus ziehen; ich habe
Exzellenz Feuerbach darum angegangen, und er hat meiner Bitte willfahrt. Ich
hoffe, da du nichts dawider einzuwenden hast, Mutter, und da du mir glaubst,
wenn ich versichere, es ist eine Sache von groer Bedeutung fr mich. Ich bin
hchst wichtigen Entdeckungen auf der Spur.
    Mutter und Tochter sahen erschrocken einander an und schwiegen.
    Am nchsten Morgen um zehn fanden sich Daumer, der Brgermeister, der
Stadtkommissr, der Gerichtsarzt und einige andre Personen im Burghof vor dem
Gefngnisturm ein und warteten dritthalb Stunden auf den Prsidenten, der bei
dem Findling oben war. Daumer, der Gesprche mit andern vermeiden wollte, stand
fast ununterbrochen an der Umfassungsmauer und blickte auf das malerische
Gassen- und Dchergewirr der Stadt hinunter.
    Als der Prsident endlich unter den Wartenden erschien, drngten sich alle
mit Eifer heran, um die Meinung des berhmten und gefrchteten Mannes zu hren.
Doch das Gesicht Feuerbachs zeigte einen so dsteren Ernst, da niemand ihn mit
einer Anrede zu belstigen wagte; sein machtvolles Auge blickte brennend nach
innen, die Lippen waren gleichsam aufeinander geballt, auf der Stirn lag eine
von Nachdenken zitternde senkrechte Falte. Das Schweigen wurde vom Brgermeister
mit der Frage unterbrochen, ob Exzellenz nicht geruhen wolle, das Mittagessen in
seinem Haus zu nehmen. Feuerbach dankte; dringende Geschfte ntigten ihn zu
sofortiger Rckkehr nach Ansbach, entgegnete er. Darauf wandte er sich an
Daumer, reichte ihm die Hand und sagte: Sorgen Sie sogleich fr die
bersiedlung des Hauser; der arme Mensch braucht dringend Ruhe und Pflege. Sie
werden bald von mir hren. Gott befohlen, meine Herren!
    
    Damit entfernte er sich in raschen, kleinen, stampfenden Schritten, eilte
den Hgel hinab und verschwand alsbald gegen die Sebalderkirche. Die
Zurckbleibenden machten etwas enttuschte Mienen. Da sie alle berzeugt waren,
da der Scharfsinn dieses Mannes ohne Grenzen sei und da kein andres als sein
Auge das Dunkel durchdringen knne, welches ber Untat und Verbrechen brtete,
waren sie verstimmt ber eine Schweigsamkeit, die ihnen beabsichtigt und
planvoll erschien.
    Am Abend befand sich Caspar in der Wohnung Daumers.

                              Der Spiegel spricht


Das Daumersche Haus lag neben dem sogenannten Annengrtlein auf der Insel
Schtt; es war ein altes Gebude mit vielen Winkeln und halbfinstern Kammern,
doch erhielt Caspar ein ziemlich gerumiges und wohleingerichtetes Zimmer gegen
den Flu hinaus.
    Er mute sogleich zu Bett gebracht werden. Es zeigten sich jetzt mit einem
Schlag die Folgen der jngst durchlebten Zeit. Er war wieder ohne Sprache, ja
bisweilen ohne Gefhl des Lebens. Auf den ungewohnten Kissen warf er sich
fiebernd herum. Wie jammervoll, ihn bei jedem Knacken der Dielen erschaudern zu
sehen; auch das Gerusch des Regens an den Fenstern versetzte ihn in aufgewhlte
Bangnis. Er hrte die Schritte, die auf dem weiten Platz vor dem Haus
verhallten, er vernahm mit Unruhe die metallenen Schlge aus einer fernen
Schmiede, jeder Stimmenlrm brachte auf seiner eingeschrumpften Haut ein Zeichen
des Schmerzes hervor; und von Moment zu Momentvertauschten seine Zge den
Ausdruck der Erschpfung mit dem gepeinigter Wachsamkeit.
    Drei Tage lang wich Daumer kaum von seinem Bett. Diese Opferkraft und
Hingebung erregte die Bewunderung der Seinen. Er mu mir leben, sagte er. Und
Caspar fing an zu leben. Vom dritten Tag ab besserte sich sein Zustand stetig
und schnell. Als er am Morgen erwachte, lag ein besinnendes Lcheln auf seinen
Lippen. Daumer triumphierte.
    Du tust ja, als ob du selbst dem Kerker entronnen wrst, meinte seine
Schwester, die nicht umhin konnte, an seiner Freude teilzunehmen.
    Ja, und ich habe eine Welt zum Geschenk erhalten, antwortete er lebhaft;
sieh ihn nur an! Es ist ein Menschenfrhling.
    Am andern Tag durfte Caspar das Bett verlassen. Daumer fhrte ihn in den
Garten. Damit das grelle Tageslicht seinen Augen nicht schade, band er ihm einen
grnen Papierschirm um die Stirn. Spterhin wurden die Dmmerungszeit oder die
Stunden bewlkten Himmels fr diese Ausgnge vorgezogen.
    Es waren ja Reisen, und nichts geschah, was nicht zum Ereignis wurde. Welche
Mhe, ihn sehen, ihn das Gesehene nennen zu lehren. Er mute erst zu den Dingen
Vertrauen gewinnen, und ehe nicht ihre Wirklichkeit ihm selbstverstndlich ward,
machte ihn ihre unvermutete Nhe bestrzt. Als er endlich die Hhe des Himmels
und auf der Erde die Entfernung von Weg zu Weg begriff, wurde sein Gang ein
wenig leichter und sein Schritt mutiger. Alles lag am Mut, alles lag daran, den
Mut zu krftigen.
    Das ist die Luft, Caspar; du kannst sie nicht greifen, aber sie ist da; wenn
sie sich bewegt, wird sie zum Wind, du brauchst den Wind nicht zu frchten. Was
hinter der Nacht liegt, ist gestern; was ber der nchsten Nacht liegt, ist
morgen. Von gestern bis morgen vergeht Zeit, vergehen Stunden, Stunden sind
geteilte Zeit. Dies ist ein Baum, dies ist ein Strauch, hier Gras, hier Steine,
dort Sand, da sind Bltter, da Blten, da Frchte ...
    Aus dem dumpfen Hren heraus erwuchs das Wort. Die Form wurde einleuchtend
durch das unvergeliche Wort. Caspar schmeckt das Wort auf der Zunge, er sprt
es bitter oder s, es sttigt ihn oder lt ihn unzufrieden. Auch hatten viele
Worte Gesichter; oder sie tnten wie Glockenschlge aus der Dunkelheit; oder sie
standen wie Flammen in einem Nebel.
    Es war ein langer Weg vom Ding bis zum Wort. Das Wort lief davon, man mute
nachlaufen, und hatte man es endlich erwischt, so war es eigentlich gar nichts
und machte einen traurig. Gleichwohl fhrte derselbe Weg auch zu den Menschen;
ja, es war, als ob die Menschen hinter einem Gitter von Worten stnden, das ihre
Zge fremd und schrecklich machte; wenn man aber das Gitter zerri oder dahinter
kam, waren sie schn.
    Hatte es am Morgen neu geklungen, zu sagen: die Blume, am Mittag war es
schon vertraut, am Abend war es schon alt. Dies Herz, dies Hirn, zur
Fruchtbarkeit aufbewahrt durch lange Zeiten, treibt wie vertrockneter und
endlich befeuchteter Humus Sprlinge, Blten und Frchte in einer Nacht,
notierte der fleiige Daumer; was dem matten Blick der Gewohnheit unwahrnehmbar
geworden, erscheint diesem Auge frisch wie aus Gottes Hand. Und wo die Welt
verschlossen ist und ihre Geheimnisse beginnen, da steht er noch seltsam
drngend und fragt sein zuversichtliches Warum. Nach jedem Schall und jedem
Schein tappt dies zweifelnde, erstaunte, hungrige, ehrfurchtslose Warum.
    Es ist nicht zu leugnen, Daumer war oft erschreckt durch das Gefhl eignen
Ungengens. Heit das noch lehren? grbelte er, heit das noch Grtner sein,
wenn das wilde Wachstum sich dem Pfleger entwindet, das malos wuchernde
Getriebe keine Grenze achtet? Wie soll das enden? Zweifellos bin ich hier einem
ungewhnlichen Phnomen auf der Spur, und meine teuern Zeitgenossen werden sich
herbeilassen mssen, ein wenig an Wunder zu glauben.
    Noch immer war es die liebste Vorstellung Caspars, einst heimkehren zu
drfen; erst lernen, dann heim, sagte er mit dem Ausdruck unbesiegbarer
Entschiedenheit. Aber du bist ja zu Hause, hier bei uns bist du zu Hause,
wandte Daumer ein. Aber Caspar schttelte den Kopf.
    Bisweilen stand er am Zaun und sah in den Nachbargarten hinber, wo Kinder
spielten, deren Wesen er mit komischem Befremden studierte. So kleine
Menschen, sagte er zu Daumer, der ihn einmal dabei berraschte, so kleine
Menschen. Seine Stimme klang traurig und hchst verwundert.
    Daumer unterdrckte ein Lcheln, und whrend sie zusammen ins Haus gingen,
suchte er ihm klarzumachen, da jeder Mensch einmal so klein gewesen, auch
Caspar selbst. Caspar wollte das durchaus nicht zugeben. O nein, o nein, rief
er aus, Caspar nicht, Caspar immer so gewesen wie jetzt, Caspar nie so kurze
Arme und Beine gehabt, o nein!
    Dennoch sei dem so, versicherte Daumer; nicht allein, da er klein gewesen,
sondern er wachse ja noch tglich, verndere sich tglich, sei heute ein ganz
andrer als der Hauser auf dem Turm, und nach vielen Jahren werde er alt werden,
seine Haare wrden wei sein, die Haut voller Runzeln.
    Da wurde Caspar bla vor Furcht; er fing an zu schluchzen und stotterte, das
sei nicht mglich, er wolle es nicht, Daumer mge machen, da es nicht geschehe.
    Daumer flsterte seiner Schwester etwas zu, diese ging in den Garten und
brachte nach kurzer Weile eine Rosenknospe, eine aufgeblhte und eine verwelkte
Rose mit herauf. Caspar streckte die Hand nach der vollblhenden aus, wandte
sich aber gleich mit Ekel ab, denn so sehr er die rote Farbe vor allen andern
liebte, der heftige Geruch der Blume war ihm unangenehm. Als ihm Daumer den
Unterschied der Lebensalter an Knospe und Blte erklren wollte, sagte Caspar:
Das hast du doch selbst gemacht, es ist ja tot, es hat keine Augen und keine
Beine.
    Ich habe es nicht gemacht, entgegnete Daumer, es ist lebendig, es ist
gewachsen: alles Lebendige ist gewachsen.
    Alles Lebendige gewachsen, wiederholte Caspar fast atemlos, indem er nach
jedem Wort pausierte. Hier drohte Verwirrung. Auch die Bume im Garten seien
lebendig, sagte man ihm, und er getraute sich nicht, den Bumen zu nahen, das
Rauschen ihrer Kronen machte ihn bestrzt. Er fuhr fort zu zweifeln und fragte,
wer die vielen Bltter ausgeschnitten habe und warum? Warum so viele? Auch sie
seien gewachsen, wurde geantwortet.
    Aber mitten auf dem Rasen stand eine alte Sandsteinstatue, die sollte tot
sein, trotzdem sie aussah wie ein Mensch. Caspar konnte stundenlang die Blicke
nicht davon wenden, Verwunderung machte ihn stumm. Warum hat es denn ein
Gesicht? fragte er endlich, warum ist es so wei und so schmutzig? Warum steht
es immer und wird nicht mde?
    Als seine Furcht besiegt war, ging er heran und wagte die Figur zu betasten,
denn ohne zu tasten, glaubte er nicht dem, was er sah. Er hatte den heftigen
Wunsch, das Ding auseinandernehmen zu drfen, um zu wissen, was innen war. Wie
viel war berall innen, wie viel steckte berall dahinter!
    Es fiel ein Apfel vom Zweig und rollte ein Stck des abschssigen Weges
entlang. Daumer hob ihn auf, und Caspar fragte, ob der Apfel mde sei, weil er
so schnell gelaufen. Mit Grauen wandte er sich ab, als Daumer ein Messer nahm
und die Frucht entzweischnitt. Da ward ein Wurm sichtbar und krmmte seinen
dnnen Leib gegen das Licht.
    Er war bis jetzt im Finstern gefangen wie du im Kerker, sagte Daumer.
    Das Wort machte Caspar nachdenklich; es machte ihn nachdenklich und
mitrauisch. Wie vieles war da im Kerker, wovon er nicht wute! Alles Innen war
ein Kerker. Und in wunderlicher Verworrenheit knpfte sich an diesen Gedanken
die Erinnerung an den Schlag, den er damals erhalten, nachdem ihn der Du
gelehrt, wie man das Pferdchen frei bewegen knne. In allen fremden Dingen
lauerte der Schlag, in allen unbekannten wohnte Gefahr. Eine gewisse strahlende
Heiterkeit, die allmhlich Caspars Wesen entstrmte und die das Entzcken seiner
Umgebung bildete, war daher stets an jene erwartungsvolle, ahnungsvolle
Bangigkeit gebunden.
    Nach regnerischen Stunden mit Daumer aus dem Tor tretend, gewahrte Caspar
einen Regenbogen am Himmel, Er war starr vor Freude. Wer das gemacht habe,
stammelte er endlich. Die Sonne. Wie, die Sonne? Die Sonne sei doch kein Mensch.
Die natrlichen Erklrungen lieen Daumer im Stich, er mute sich auf Gott
berufen. Gott ist der Schpfer der belebten und unbelebten Natur, sagte er.
    Caspar schwieg. Der Name Gottes klang ihm seltsam dster. Das Bild, das er
dazu suchte, glich dem Du, sah aus wie der Du, als die Decke des Gefngnisses
auf seinen Schultern ruhte, war unheimlich verborgen wie der Du, als er den
Schlag gefhrt, weil Caspar zu laut gesprochen.
    Wie geheimnisvoll war alles, was zwischen Morgen und Abend geschah! Das
Regen und Raunen der Welt, das Flieen des Wassers im Flu, das Ziehen
luftig-dunkler Gegenstnde hoch in der Luft, die man Wolken nannte, das
Vorbergehen und Nichtwiederkommen undeutbarer Ereignisse, und vor allem das
Flchten der Menschen, ihre schmerzlichen Gebrden, ihr lautes Reden, ihr
sonderbares Gelchter. Wie viel war da zu erfahren und zu lernen!
    Es schnrte Daumer das Herz zusammen, wenn er den Jngling in tiefem
Nachdenken sah. Caspar schien dann wie erfroren, er hockte zusammengekauert da,
seine Hnde waren geballt, und er hrte und sprte nicht mehr, was um ihn
vorging.
    Ja, es war zu solchen Zeiten eine vollstndige Dunkelheit um Caspar, und
nur, wenn er lange genug versunken war, hpfte aus der Tiefe etwas wie ein
Feuerfunken, und in der Brust begann eine undeutlich murmelnde Stimme zu
sprechen. Wenn der Funken wieder verlosch, tat sich die uere Welt wieder kund,
aber eine schwermtige Unzufriedenheit hatte sich Caspars bemchtigt.
    Wir mssen einmal mit ihm hinaus aufs Land, sagte Anna Daumer eines Tages,
als der Bruder mit ihr darber gesprochen. Er braucht Zerstreuung.
    Er braucht Zerstreuung, gab Daumer lchelnd zu, er ist zu gesammelt, das
ganze Weltall lastet noch auf seinem Gemt.
    Da es sein erster Spaziergang sein wird, wre es gut, die Sache mglichst
still zu unternehmen, sonst sind wieder alle Neugierigen bei der Hand, meinte
die alte Frau Daumer. Sie schwatzen ohnehin genug ber ihn und ber uns.
    Daumer nickte. Er wnschte nur, da Herr von Tucher mit von der Partie sei.
    Am ersten Feiertag im September fand der Ausflug statt. Es war schon fnf
Uhr nachmittags, als sie vom Haus aufbrachen, und da sie auf Caspars langsame
Gangart Rcksicht nehmen muten, gelangten sie erst spt ins Freie. Die
begegnenden Leute blieben stehen, um der Gesellschaft nachzuschauen, und oft
hrte man die staunenden oder spttischen Worte: Das ist ja der Caspar Hauser!
Ei, der Findling! Wie fein ers treibt, wie nobel! Denn Caspar trug ein neues
blaues Frcklein, ein modisches Gilet, seine Beine staken in weiseidenen
Strmpfen, und die Schuhe hatten silberne Schnallen.
    Er ging zwischen den beiden Frauen und hatte sorgsam acht auf den Weg, der
nicht mehr wie ehedem vor seinen Blicken auf- und abwrts schwankte. Die Mnner
schritten in gemessener Entfernung hinterdrein. Pltzlich erhob Daumer den
rechten Arm nach vorn, und gleich darauf blieb Caspar stehen und sah sich
fragend um.
    Erfreut in liebevollem Ton rief ihm Daumer zu, weiterzugehen. Nach ein paar
hundert Schritten hob er wieder den Arm, und abermals blieb Caspar stehen und
blickte sich um.
    Was ist das? Was bedeutet das? fragte Herr von Tucher erstaunt.
    Darber gibt es keine Erklrung, antwortete Daumer voll stillen Triumphes.
Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen noch viel Merkwrdigeres zeigen.
    Hexerei wird doch wohl kaum im Spiele sein, meinte Herr von Tucher ein
bichen ironisch.
    Hexerei? Nein. Aber wie sagt Hamlet: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und
Erde-
    Also sind Sie schon an den Grenzen der Schulweisheit angelangt? unterbrach
Herr von Tucher noch immer mit Ironie. Ich fr meinen Teil schlage mich zu den
Skeptikern. Wir werden ja sehen.
    Wir werden sehen, wiederholte Daumer frhlich.
    Nach oftmaligem kurzen Rasten ward am Rand einer Wiese haltgemacht, und alle
lieen sich im Gras nieder. Caspar schlief sogleich ein; Anna breitete ein Tuch
ber sein Gesicht und packte sodann einige mitgebrachte Ewaren aus einem
Krbchen. Schweigend begannen alle vier zu essen. Ein natrliches Schweigen war
es nicht: der lieblich vergehende Tag, das sommerliche Blhen forderten eher zu
heiteren Gesprchen auf, aber um den Schlfer lag ein eigner Bann, jeder sprte
die Gegenwart des Jnglings jetzt strker als vorher, und es hatte bei einigen
gleichgltigen Redensarten sein Bewenden, die leiser klangen als selbst die
Atemzge des Schlummernden. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, da man
absichtlich einen selten begangenen Weg gewhlt hatte.
    Die Sonne war am Sinken, als Caspar erwachte und, sich aufrichtend, die
Freunde der Reihe nach dankbar und etwas beschmt anblickte. Sieh nur hinber,
Caspar, sieh den roten Feuerball, sagte Daumer; hast du die Sonne schon einmal
so gro gesehen?
    Caspar schaute hin. Es war ein schner Anblick: die purpurne Scheibe rollte
herab, als zerschnitte sie die Erde am Rand des Himmels; ein Meer von
Scharlachglut strmte ihr nach, die Lfte waren entzndet, blutiges Geder
bezeichnete einen Wald, und rosige Schatten bauschten langsam ber die Ebene.
Nur noch wenige Minuten, und schon zuckte die Dmmerung durch den sanften Karmin
des Nebels, in den die Ferne getaucht war, einen Augenblick lang bebte das
Gelnde, und grnkristallene Strahlenbndel schossen ber den Westen, der
versunkenen Sonne nach.
    Ein geisterhaftes Lcheln glitt ber die Zge der beiden Mnner und der zwei
Frauen, als sie Caspar mit einer Gebrde stummer Angst hinbergreifen sahen
gegen den Horizont. Daumer nherte sich ihm und ergriff seine Hand, die eiskalt
geworden war. Caspars Gesicht wandte sich erzitternd ihm zu, voller Fragen,
voller Furcht, und endlich bewegten sich die Lippen, und er murmelte schchtern:
Wo geht sie hin, die Sonne? Geht sie ganz fort?
    Daumer vermochte nicht gleich zu antworten. So mag Adam vor seiner ersten
Nacht im Paradies gezittert haben, dachte er, und es geschah nicht ohne
Schauder, nicht ohne seltsame Ungewiheit, da er den Jngling trstete, ihn der
Wiederkunft der Sonne versicherte.
    Ist dort Gott? fragte Caspar hauchend, ist die Sonne Gott?
    Daumer deutete mit dem Arm weit ringsum und erwiderte: Alles ist Gott.
    Indessen mochte ein solches Diktum pantheistischer Philosophie fr die
Auffassungsgabe des Jnglings ein wenig zu verwickelt sein. Er schttelte
unglubig den Kopf, dann sagte er mit dem Ausdruck dumpf-abgttischer Verehrung:
Caspar liebt die Sonne.
    Auf dem Heimweg war er ganz stumm; auch, die brigen, selbst die immer
wohlgelaunte Anna, waren in einer wunderlich gedrckten Stimmung, als wren sie
nie zuvor durch einen sptsommerlichen Abend gewandert, oder als fhlten sie den
Auftritt voraus, der ihnen das Beisammensein dieser Stunden unvergelich machen
sollte.
    Kurz vor dem Stadttor nmlich blieb Anna stehen und deutete mit einem Zuruf
an alle in das herrlich gestirnte Firmament. Auch Caspar blickte hinauf, er
erstaunte malos. Kleine, jhe, wirre Laute eines leidenschaftlichen Entzckens
kamen aus seinem Mund. Sterne, Sterne, stammelte er, das gehrte Wort von
Annas Lippen raubend. Er prete die Hnde gegen die Brust, und ein
unbeschreiblich seliges Lcheln verschnte seine Zge. Er konnte sich nicht
sattsehen; immer wieder kehrte er zum Anschauen des Glanzes zurck, und aus
seinen seufzerartig abgebrochenen Worten war vernehmbar, da er die Sterngruppen
und die ausgezeichnet hellen Sterne bemerkte. Er fragte mit einem Ton des
Auersichseins, wer die vielen schnen Lichter da hinaufbringe, anznde und
wieder verlsche.
    Daumer antwortete ihm, da sie bestndig leuchteten, jedoch nicht immer
gesehen wrden; da fragte er, wer sie zuerst hinaufgesetzt, da sie immerfort
brennten.
    Pltzlich fiel er in tiefe Grbelei. Er blieb eine Weile mit gesenktem Kopf
stehen und sah und hrte nichts. Als er wieder zu sich kam, hatte sich seine
Freude in Schwermut verwandelt, er lie sich auf den Rasen nieder und brach in
langes, nicht zu stillendes Weinen aus.
    Es war weit ber neun Uhr, als sie endlich nach Haus gelangten. Whrend
Caspar mit den Frauen hinaufging, nahm Herr von Tucher am Gartentor von Daumer
Abschied. Was mag in ihm vorgegangen sein? meinte er. Und da Daumer schwieg,
fuhr er sinnend fort: Vielleicht sprt er schon die Unwiederbringlichkeit der
Jahre; vielleicht zeigt ihm die Vergangenheit schon ihre wahre Gestalt.
    Ohne Zweifel war es ihm ein Schmerz, das beglnzte Gewlbe zu schauen,
antwortete Donner; nie zuvor hat er den Blick zum nchtlichen Himmel erheben
knnen. Ihm zeigt die Natur kein freundliches Antlitz, und von ihrer sogenannten
Gte hat er wenig erfahren.
    Eine Zeitlang schwiegen sie, dann sagte Daumer: Ich habe fr morgen
nachmittag einige Freunde und Bekannte zu mir gebeten. Es handelt sich um eine
Reihe von hchst interessanten Erfahrungen und Beobachtungen, die ich an Caspar
gemacht habe. Ich wrde mich freuen, wenn Sie dabei sein wollten.
    Herr von Tucher versprach zu kommen. Zu seiner Verwunderung ward er, als er
am andern Tag etwas versptet erschien, in eine vollstndig verfinsterte Kammer
gefhrt. Die Produktion hatte schon begonnen. Von irgendeinem Winkel her vernahm
man Caspars eintnige Stimme lesend. Es ist eine Seite aus der Bibel, die der
Herr Stadtbibliothekar aufgeschlagen hat, flsterte Daumer Herrn von Tucher zu.
Die Dunkelheit war so gro, da die Zuhrer einander nicht gewahren konnten,
trotzdem las Caspar unbeirrt, als ob seine Augen selbst eine Quelle des Lichtes
seien.
    Man war erstaunt. Man wurde es noch mehr, als Caspar in der gleichen
Dunkelheit die Farben verschiedener Gegenstnde unterscheiden konnte, die bald
der eine, bald der andere von den Anwesenden, um jeden Verdacht einer
Verabredung oder Vorbereitung auszuschlieen, ihm auf eine Entfernung von fnf
oder sechs Schritte vorhielt.
    Ich will jetzt die Weinprobe machen, sagte Daumer und ffnete die Lden.
Caspar prete die Hnde vor die Augen und brauchte lange Zeit bis er das Licht
ertragen konnte. Jemand brachte Wein im undurchsichtigen Glas, und Caspar roch
es nicht nur sogleich, sondern es zeigten sich auch die Merkmale einer leichten
Trunkenheit: seine Blicke flimmerten, sein Mund verzog sich schief. Konnte das
mit rechten Dingen zugehen? War solche Empfindlichkeit denkbar oder mglich? Man
wiederholte den Versuch zweimal, dreimal, und siehe, die Wirkung verstrkte
sich. Beim viertenmal wurde drauen Wasser ins Glas gegossen, und nun sagte
Caspar, er spre nichts.
    Doch viel wunderbarer war zu beobachten, wie er sich gegen Metalle verhielt.
Ein Herr versteckte, whrend Caspar das Zimmer verlassen hatte, ein Stck
Kupferblech. Caspar ward hereingerufen, und alle verfolgten mit Spannung, wie er
zu dem Versteck frmlich hingezogen wurde; es sah aus, wie wenn ein Hund ein
Stck Fleisch erschnuppert. Er fand es, man klatschte Beifall, man achtete nicht
darauf, da er bla war und mit khlem Schwei bedeckt. Nur Herr von Tucher
bemerkte es und mibilligte das Treiben.
    Es hatte natrlich nicht bei diesem einen Mal sein Bewenden. Die Sache
redete sich schnell herum, und das Haus wurde zum Museum. Alles, was Namen und
Ansehen in der Stadt hatte, lief herzu, und Caspar mute immer bereit sein,
immer tun, was man von ihm haben wollte. Wenn er mde war, durfte er schlafen,
aber wenn er schlief, untersuchten sie die Festigkeit seines Schlafes, und
Daumer schwamm in Glck, wenn der Herr Medizinalrat Rehbein behauptete, eine
derartige Versteinerung des Schlummers habe er nie fr mglich gehalten.
    Selbst gewisse krankhafte Zustnde seines Krpers gaben Daumer Anla zur
Vorfhrung oder wenigstens zum, Studium. Er suchte durch hypnotische Berhrungen
und mesmeristische Streichungen Einflu zu nehmen, denn er war ein glhender
Verfechter jener damals nagelneuen Theorien, die mit der Seele des Menschen
hantierten wie ein Alchimist mit dem Inhalt einer Retorte. Oder wenn auch dies
nichts half, wandte er Heilmittel von einer besonderen Kategorie an, erprobte
die Wirkungen von Arnika und Akonitum und Nux vomica; immer beflissen, immer
erfllt von einer Mission, immer mit dem Notizenzettel in der Hand, immer in
rhrender Obsorge.
    Was fr serise Spiele! Welch ein Eifer, zu beweisen, zu deuten, das
Sonnenklare dunkel zu machen, das Einfache zu verwirren! Das Publikum gab sich
redliche Mhe im Glauben, nach allen Windrichtungen wurden die anscheinenden
Zaubereien ausposaunt, nicht zum Vorteil unseres Caspar, keineswegs zu seinem
Heil, wie sich bald herausstellen sollte, aber leider gibt es berall
verwerfliche Kreaturen, die noch zweifeln wrden und wenn man ihnen die Skepsis
berm Essenfeuer ausruchern wrde. Vielleicht wollten sie jedesmal etwas Neues
vorgesetzt bekommen, schraubten ihre Erwartungen zu hoch und fanden, da der
Wundermann nur in seinen eingelernten Paradestckchen exzellierte, in denen er
allerdings, so drckten sie sich aus, etwas von der Fertigkeit eines dressierten
ffchens an den Tag legte.
    Mit einem Wort, das Programm wurde einfrmig, hchstens Neulinge konnten ihm
noch Geschmack abgewinnen. Die andern erblickten in Daumer etwas wie einen
Zirkusdirektor oder einen Literaten, der seine Freunde mit der bestndig
wiederholten Vorlesung eines mittelmigen Poems langweilt, whrend ber Caspar
sich zu amsieren sie immerhin noch Gelegenheit fanden.
    Oder war es nicht amsant, wenn er zum Beispiel einen hohen Offizier
tadelte, da sein Rockkragen bestubt war; wenn er mit dem Finger das Haupt
eines ehrwrdigen Kammerdirektors berhrte und mitleidig-verwundert sagte:
Weie Haare, weie Haare? Wenn er whrend der Anwesenheit einer vornehmen
Standesperson nur darauf achtete, wie diese den Stock zwischen den Fingern
baumeln lie und es auch so machen wollte; wenn er seinen Ekel gegen den
schwarzen Bart des Magistratsrats Behold uerte oder sich weigerte, einer Dame
die Hand zu kssen, indem er sagte, man msse ja nicht hineinbeien?
    Durch solche kleine Zwischenflle hielten sie sich fr belohnt. Wenn man
lachen konnte, war alles gut. Hingegen Daumer rgerte sich darber und suchte
ihm die Pflichten der Hflichkeit begreiflich zu machen. Du vergit stets, die
Ankmmlinge zu begren, sagte Daumer. In der Tat blickte Caspar, in ein Buch
oder Spiel versenkt, erst empor, wenn man ihn anrief, bisweilen, wenn er ein
bekanntes oder liebgewordenes Gesicht sah, mit einem berckend schelmischen
Lcheln, und fing dann ohne Einleitung an zu fragen und zu plaudern. Mochten
noch so wichtige Personen zugegen sein, er verlie nie seinen Platz, ohne alle
Dinge, mit denen er beschftigt gewesen, sorgfltig in Ordnung zu bringen und
mit einem kleinen Besen den Tisch von Papierschnitzeln oder Brotkrumen zu
reinigen. Man mute warten, bis er fertig war.
    Er war ohne Schchternheit. Alle Menschen schienen ihm gut, fast alle hielt
er fr schn. Er fand es selbstverstndlich, wenn sich irgendein Herr vor ihn
hinstellte und ihm aus einem bereitgehaltenen Zettel endlos viele Namen oder
endlos viele Zahlen vorlas. Sein Gedchtnis lie ihn nicht im Stich, er konnte
in der gleichen Reihenfolge Namen fr Namen, Zahl fr Zahl, und waren es
hundert, wiederholen. Am Erstaunen der Leute merkte er wohl, da er
Staunenswertes geleistet, aber kein Schimmer von Eitelkeit zog ber sein
Gesicht, nur ein wenig traurig wurde es, wenn immer dasselbe kam, wenn sie nie
zufrieden schienen.
    Er konnte es nicht verstehen, da ihnen wunderbar war, was ihm so natrlich
war. Aber was ihm wunderbar war, darum kmmerte sich keiner. Er vermochte es
nicht zu sagen, es wurzelte im verborgensten Gefhl. Es war eine kaum gesprte
Frage, am Morgen, beim Erwachen etwa, ein hastiges, stummes, verzweifeltes
Suchen, wofr es keine Bezeichnung gab. Es lag weit zurck; es war mit ihm
verknpft, und er besa es doch nicht. Es war etwas mit ihm vorgegangen,
irgendwo, irgendwann, und er wute es nicht. Er tastete an sich herum, er fand
sich selber kaum. Er sagte Caspar zu sich selbst, aber das dort in der Ferne
hrte nicht auf diesen Namen. So band sich die Erwartung an ein ueres; wenn
die Uhr im andern Zimmer tnte, welch sonderbare Erwartung von Schlag zu Schlag!
Als ob eine Mauer sich auflsen, zu Luft vergehen mte. Die eben vergangene
Nacht war voll ungreifbarer Vorgnge gewesen. Hatte es am Fenster gepocht? Nein.
War jemand dagewesen, hatte gesprochen, gerufen, gedroht? Nein. Es war etwas
geschehen, doch Caspar hatte nichts damit zu tun.
    Unergrndliche Sorge. Man mute lernen, vielleicht wurde es dann klar.
Lernen, wie alles bestand, lernen, was in der Nacht verborgen war, wenn man
nicht lebte und dennoch sprte, das Unbekannte lernen, erhaschen, was so fern,
wissen, was so dunkel war, die Menschen fragen lernen. Sein Eifer bei den
Bchern wurde glhend. Er begann Ungeduld zu zeigen, wenn er von den fremden
Besuchern sich immer wieder empfindlich gestrt fand, denn jetzt kamen die Leute
schon von auswrts, weil allenthalben im Land ber Caspar Hauser geredet und
geschrieben wurde. Auch Daumer konnte sich der Ansprche, die an ihn gestellt
wurden, kaum erwehren. Er war oft migelaunt und matt, und es gab Stunden, wo er
bereute, Caspar der Welt preisgegeben zu haben.
    Es gab Stunden, wo er, allein mit dem Jngling, sich seiner besseren Wrde
erinnerte und diesem seltsam Leibeigenen, Seeleneigenen sich tiefer anschlo,
als der anfngliche Zweck gewollt. Es gab eine Stunde, wo Daumer eines
paradiesischen Bildes gewahr wurde: Caspar im Garten, auf der Bank sitzend, ein
Buch in der Hand; Schwalben ziehen ihre Zickzackkreise um ihn, Tauben picken vor
seinen Fen, ein Schmetterling ruht auf seiner Schulter, die Hauskatze schnurrt
an seinem Arm. In ihm ist die Menschheit frei von Snde, sagte sich Daumer bei
diesem Anblick, und was wre sonst zu leisten, als einen solchen Zustand zu
erhalten? Was wre hier noch zu entrtseln, was zu verknden?
    Eines andern Tages erhob sich im Nachbargarten groer Lrm. Ein bissiger
Hund hatte seine Kette zerrissen und raste, Schaum vor dem Maul, in wilden
Sprngen umher, berrannte ein Kind, schlug einem Knecht, der ihn verfolgte, die
Zhne ins Fleisch und strzte gegen den Zaun des Daumerschen Gartens. Eine Latte
krachte unter dem Anprall, das Tier schlpfte herber und richtete die
blutunterlaufenen Augen wild auf die kleine Gesellschaft, die unter der Linde
sa: Daumer selbst, dessen Mutter, der Brgermeister Binder und Caspar. Alle
standen ngstlich auf, Binder erhob den Stock, das Tier machte einige Stze,
blieb aber auf einmal stehen, schnupperte, trabte auf Caspar zu, der bleich und
stille sa, wedelte mit dem Schweif und leckte die herabhngende Hand des
Jnglings. Mit einem lodernden ungewissen Blick sah es ihn an, voll Ergebenheit
fast, eine Zrtlichkeit erwartend, und es war, als erbitte es Verzeihung.
Denselben ungewissen und ergebenen Ausdruck hatte auch Caspar im Auge; ihn
jammerte der Hund, er wute nicht warum.
    Man erzhlte sich, da Daumer nach diesem Auftritt geweint habe.
    Zwei Tage spter, an einem regnerischen Oktoberabend war es, da sich Daumer
mit seiner Mutter und Caspar im Wohnzimmer befand. Anna war zu einer
Unterhaltung in die Reunion gegangen, die alte Dame sa strickend im Lehnstuhl
am offenen Fenster, denn trotz der vorgerckten Jahreszeit war die Luft warm und
voll des feuchten Geruchs verwelkender Pflanzen. Da wurde an die Tre geklopft,
und der Glasermeister brachte einen groen Wandspiegel, den die Magd in der
vergangenen Woche zerbrochen hatte. Frau Daumer hie ihn den Spiegel gegen die
Mauer lehnen, das tat der Mann und entfernte sich wieder.
    Kaum war er drauen, so fragte Daumer verwundert, warum sie den Spiegel
nicht gleich an seinen Platz habe hngen lassen, man htte dann doch die Arbeit
fr morgen erspart. Die alte Dame erwiderte mit verlegenem Lcheln, am Abend
drfe man keinen Spiegel aufhngen, das bedeute Unheil. Daumer besa nicht genug
Humor fr derlei halbernste Grillen; er machte der Mutter Vorwrfe wegen ihres
Aberglaubens, sie widersprach, und da geriet er in Zorn, das heit er sprach mit
seiner sanftesten Stimme zwischen die geschlossenen Zhne hindurch.
    Caspar, der es nicht sehen konnte, wenn Daumers Gesicht unfreundlich wurde,
legte den Arm um dessen Schulter und suchte ihn mit kindlicher Schmeichelei zu
begtigen. Daumer schlug die Augen nieder, schwieg eine Weile und sagte dann,
vllig beschmt: Geh hin zur Mutter, Caspar, und sag ihr, da ich im Unrecht
bin.
    Caspar nickte; ohne recht zu berlegen, trat er vor die Frau hin und sagte:
Ich bin im Unrecht.
    Da lachte Daumer. Nicht du, Caspar! Ich! rief er und deutete auf seine
Brust. Wenn Caspar im Unrecht ist, darf er sagen: ich. Ich sage zu dir: du,
aber du sagst doch zu dir: ich. Verstanden?
    Caspars Augen wurden gro und nachdenklich. Das Wrtchen Ich durchrann ihn
pltzlich wie ein fremdartig schmeckender Trank. Es nahten sich ihm viele
Hunderte von Gestalten, es nahte sich eine ganze Stadt voll Menschen, Mnner,
Frauen und Kinder, es nahten sich die Tiere auf dem Boden, die Vgel in der
Luft, die Blumen, die Wolken, die Steine, ja die Sonne selbst, und alle
miteinander sagten zu ihm: Du. Er aber antwortete mit zaghafter Stimme: Ich.
    Er fate sich mit flachen Hnden an die Brust und lie die Hnde
heruntergleiten bis ber die Hften: sein Leib, eine Wand zwischen innen und
auen, eine Mauer zwischen ich und du!
    In demselben Augenblick tauchte aus dem Spiegel, dem gegenber er stand,
sein eignes Bild empor. Ei, dachte er ein wenig bestrzt, wer ist das?
    Natrlich war er schon oft an Spiegeln vorbeigegangen, aber sein von den
vielen Dingen der vielgesichtigen Welt geblendeter Blick war mit vorbeigegangen,
ohne zu weilen, ohne zu denken, und er hatte sich daran gewhnt wie an den
Schatten auf der Erde. Ein Ungefhr, das ihn nicht hemmte, konnte nicht zum
Erlebnis werden.
    Jetzt war sein Auge reif fr diese Vision. Er sah hin. Caspar, lispelte
er. Das Drinnen antwortete: Ich. Da waren Caspars Mund und Wangen und die
braunen Haare, die ber Stirn und Ohren gekruselt waren. Nhertretend, schaute
er in spielerisch-zweifelnder Neugier hinter den Spiegel gegen die Mauer; dort
war nichts. Dann stellte er sich wieder davor, und nun schien ihm, als ob hinter
seinem Bild im Spiegel sich das Licht zerteile und als ob ein langer, langer
Pfad nach rckwrts lief, und dort, in der weiten Ferne stand noch ein Caspar,
noch ein Ich, das hatte zugeschlossene Augen und sah aus, als wisse es etwas,
was der Caspar hier im Zimmer nicht wute.
    Daumer, gewohnt, das Betragen des Jnglings zu beobachten, lauerte gespannt
herber. Da, ein seltsames Gerusch; es surrte etwas in der Luft und fiel neben
dem Tisch zu Boden. Es war ein Stck Papier, das von drauen hereingeflogen war.
Frau Daumer hob es auf; es war wie ein Brief zusammengefaltet. Unschlssig
drehte sie es zwischen den Fingern und reichte es dem Sohn.
    Der ri es auf und las folgende, mit groer Schrift geschriebene Worte: Es
wird gewarnt das Haus und wird gewarnt der Herr und wird gewarnt der Fremde.
    Frau Daumer hatte sich erhoben und las mit; ein Frsteln lief ber ihre
Schultern. Daumer jedoch, indes er schweigend auf den Zettel starrte, hatte das
Gefhl, als sei vor seinen Fen ein Schwert, die Spitze nach oben, aus der Erde
gewachsen.
    Caspar hatte von dem Vorgang nicht das mindeste wahrgenommen. Er verlie den
Platz vor dem Spiegel und ging wie geistesabwesend an den beiden vorber zum
Fenster. Dort stand er besinnend, beugte sich besinnend vor, immer weiter,
vllig selbstvergessen, ganz vom Willen des Suchens erfllt, bis die Brust auf
dem Sims lag und seine Stirn in die Nacht hinaus tauchte.

                                 Caspar trumt


Am andern Morgen bergab Daumer das unheimliche Papier der Polizeibehrde. Es
wurden Nachforschungen angestellt, die aber natrlich fruchtlos blieben. Der
Vorfall wurde auch amtlich an das Appellationsgericht gemeldet, und nach einiger
Zeit schrieb der Regierungsrat Hermann, der mit dem Baron Tucher befreundet war,
an diesen einen Privatbrief, in welchem er unter anderm die Meinung vertrat, man
solle nicht ablassen, den Hauser scharf zu bewachen und auszuforschen, denn es
sei wohl mglich, da er durch eine tief eingepflanzte Furcht gezwungen sei,
manches ihm bekannte Verhltnis zu verschweigen.
    Herr von Tucher suchte Daumer auf und las ihm diese Stelle vor. Daumer
konnte ein spttisches Lcheln nicht unterdrcken. Ich bin mir wohl bewut, da
ein Mysterium, von Menschenhand gewoben, hinter allem dem liegt, was mit Caspar
zusammenhngt, sagte er mit leisem Widerwillen, ganz abgesehen davon, da mir
auch der Prsident Feuerbach unlngst darber geschrieben hat, und zwar in
hchst eigentmlichen Wendungen, die auf etwas Besonderes schlieen lassen. Aber
was heit das: ihn ausforschen, ihn bewachen? Hat man darin nicht schon das
uerste versucht? rztliche Vorsicht und menschliches Gefhl befehlen mir jetzt
ohnehin die uerste Behutsamkeit gegen ihn. Ich wage es ja kaum, ihn von der
einfachen Kost zu entwhnen und ihn so zu ernhren, wie es durch die vernderte
Lebenslage bedingt ist.
    Warum wagen Sie das nicht? fragte Herr von Tucher ziemlich erstaunt. Wir
sind doch bereingekommen, ihn endlich zum Genu von Fleisch oder wenigstens von
andern gekochten Speisen zu bringen?
    Daumer zgerte mit der Antwort. Milchreis und warme Suppe vertrgt er schon
ganz gut, sagte er dann, aber zur Fleischkost will ich ihn nicht ermuntern.
    Warum nicht?
    Ich frchte Krfte zu zerstren, die vielleicht gerade an die Reinheit des
Blutes gebunden sind.
    Krfte zerstren? Was fr Krfte vermchten ihn und uns fr die Gesundheit
des Leibes und die Frische seines Gemts zu entschdigen? Wre es nicht vielmehr
ratsam, ihn von der Richtung des Auerordentlichen abzulenken, die ihm frher
oder spter verhngnisvoll werden mu? Ist es gut, einen andern Mastab an ihn
zu legen, als es einer natrlichen Erziehung entspricht? Was wollen Sie
berhaupt, was haben Sie mit ihm vor? Caspar ist ein Kind, das drfen wir nicht
vergessen.
    Er ist ein Mirakel, entgegnete Daumer hastig und ergriffen; dann, in einem
halb belehrenden, halb bitteren Ton, der fr einen Weltmann wie Tucher
verletzend klingen mute, fuhr er fort: Leider leben wir in einer Zeit, in der
man mit jedem Hinweis auf Unerforschliches den plumpen Alltagsverstand
beleidigt. Sonst mte jeder an diesem Menschen sehen und spren, da wir rings
von geheimnisvollen Mchten der Natur umgeben sind, in denen unser ganzes Wesen
ruht.
    Herr von Tucher schwieg eine Zeitlang; sein Gesicht hatte den Ausdruck
abwehrenden Stolzes, als er sagte: Es ist besser, eine Wirklichkeit vllig zu
ergreifen und ihr genugzutun als mit fruchtlosem Enthusiasmus im Nebel des
bersinnlichen zu irren.
    Rechtfertigt mich denn die Wirklichkeit noch nicht, auf die ich mich
berufen kann? versetzte Daumer, dessen Stimme leiser und schmeichelnder wurde,
je mehr das Gesprch ihn erhitzte. Mu ich Sie an Einzelheiten erinnern? Sind
nicht Luft, Erde und Wasser fr diesen Menschen noch von Dmonen bevlkert, mit
denen er in lebendiger Beziehung steht?
    Baron Tuchers Gesicht wurde dster. Ich sehe in allem dem nur die Folgen
einer verderblichen berreiztheit, sagte er kurz und scharf. Das sind die
Quellen nicht, aus denen Leben geboren wird, in solchen Formen kann sich keine
Brauchbarkeit bewhren!
    Daumer duckte den Kopf, und in seinen Augen lag Ungeduld und Verachtung,
doch antwortete er im Ton nachgiebiger Freundlichkeit: Wer wei, Baron. Die
Quellen des Lebens sind unergrndlich. Meine Hoffnungen wagen sich weit hinauf,
und ich erwarte Dinge von unserm Caspar, die Ihr Urteil sicherlich verndern
werden. Aus diesem Stoff werden Genien gemacht.
    Man tut einem Menschen stets unrecht, wenn man Erwartungen an seine Zukunft
knpft, sagte Herr von Tucher mit trbem Lcheln.
    Mag sein, mag sein, ich aber halte mich an die Zukunft. Mich kmmert nicht,
was hinter ihm liegt, und was ich von seiner Vergangenheit wei, soll mir nur
dienen, ihn davon zu lsen. Das ist ja das hoffnungsvoll Wunderbare: da man
hier einmal ein Wesen ohne Vergangenheit hat, die ungebundene, unverpflichtete
Kreatur vom ersten Schpfungstag, ganz Seele, ganz Instinkt, ausgerstet mit
herrlichen Mglichkeiten, noch nicht verfhrt von der Schlange der Erkenntnis,
ein Zeuge fr das Walten der geheimnisvollen Krfte, deren Erforschung die
Aufgabe kommender Jahrhunderte ist. Mag sein, da ich mich tusche, dann aber
wrde ich mich in der Menschheit getuscht haben und meine Ideale fr Lgen
erklren mssen.
    Der Himmel bewahre Sie davor, antwortete Herr von Tucher und nahm eilig
Abschied.
    Noch am selben Tag wurde Daumer durch seine Mutter aufmerksam gemacht, da
Caspars Schlaf nicht mehr so ruhig sei wie sonst. Als Caspar am andern Morgen
ziemlich unerfrischt zum Frhstck kam, fragte ihn Daumer, ob er schlecht
geschlafen habe.
    Schlecht geschlafen nicht, erwiderte Caspar, aber ich bin einmal
aufgewacht und da war mir angst.
    Wovor hattest du denn Angst? forschte Daumer.
    Vor dem Finstern, entgegnete Caspar, und bedchtig fgte er hinzu: In der
Nacht sitzt das Finstere auf der Lampe und brllt.
    Den nchsten Morgen kam er halb angekleidet aus seinem Schlafgemach in das
Zimmer Daumers und erzhlte bestrzt, es sei ein Mann bei ihm gewesen. Zuerst
erschrak Daumer, dann wurde ihm klar, da Caspar getrumt habe. Er fragte, was
fr ein Mann es denn gewesen sei, und Caspar antwortete, es sei ein groer
schner Mann gewesen mit einem weien Mantel. Ob der Mann mit ihm gesprochen?
Caspar verneinte; gesprochen habe er nicht, er habe einen Kranz getragen, den
habe er auf den Tisch gelegt, und als Caspar danach gegriffen, habe der Kranz zu
leuchten angefangen.
    Du hast getrumt, sagte Daumer.
    Caspar wollte wissen, was das heie. Wenn auch dein Krper ruht, erklrte
Daumer, so wacht doch deine Seele, und was du am Tag erlebt oder empfunden,
daraus macht sie im Schlummer ein Bild. Dieses Bild nennt man Traum.
    Nun verlangte Caspar zu wissen, was das sei, die Seele. Daumer sagte: Die
Seele gibt deinem Krper das Leben. Leib und Seele sind einander vermischt.
Jedes von beiden ist, was es ist, aber sie sind so untrennbar gemischt wie
Wasser und Wein, wenn man sie zusammengiet.
    Wie Wasser und Wein? fragte Caspar mibilligend. Damit verderbt man aber
das Wasser.
    Daumer lachte und meinte, das sei nur ein Gleichnis gewesen. In der Folge
nahm er wahr, da es mit Caspars Trumen eigen beschaffen war. Sonst sind Trume
an ein Zuflliges geknpft, sagte er sich, spielen gesetzlos mit Ahnung, Wunsch
und Furcht, bei ihm hneln sie dem Herumtasten eines Menschen, der sich im
finsteren Wald verirrt hat und den Weg sucht; da ist etwas nicht in Ordnung, ich
mu der Sache auf den Grund gehen.
    Das Auffallende war, da gewisse Bilder sich allmhlich zu einem einzigen
Traum sammelten, der von Nacht zu Nacht vollstndiger und gestalthafter wurde
und mit immer grerer Deutlichkeit regelmig wiederkehrte. Im Anfang konnte
Caspar nur abgebrochen davon erzhlen, so stckhaft wie die Bilder sich ihm
zeigten, dann eines Tages, wie der Maler den Vorhang von einem vollendeten
Gemlde zieht, vermochte er seinem Pflegeherrn eine ausfhrliche Beschreibung zu
geben.
    Er hatte ber seine Gewohnheit lange geschlafen, deshalb ging Daumer in sein
Zimmer, und kaum war er ans Bett getreten, so schlug Caspar die Augen auf. Sein
Gesicht glhte, der Blick ruhte noch im Innern, war aber voll und krftig und
der Mund war zu sprechen ungeduldig. Mit langsamer, ergriffener Stimme erzhlte
er.
    Er ist in einem groen Haus gewesen und hat geschlafen. Eine Frau ist
gekommen und hat ihn aufgeweckt. Er bemerkt, da das Bett so klein ist, da er
nicht begreift, wie er darin Platz gehabt. Die Frau kleidet ihn an und fhrt ihn
in einen Saal, wo ringsum Spiegel mit goldenem Rande hngen. Hinter glsernen
Wnden blitzen Silberschsseln und auf einem weien Tisch stehen feine, kleine,
zierlich bemalte Porzellantchen. Er will bleiben und schauen, die Frau zieht
ihn weiter. Da ist ein Saal, wo viele Bcher sind, und von der Mitte der
gebogenen Decke hngt ein ungeheurer Kronleuchter herab. Caspar will die Bcher
betrachten, da verlschen langsam die Flammen des Leuchters eine nach der
andern, und die Frau zieht ihn weiter. Sie fhrt ihn durch einen langen Flur und
eine gewaltige Treppe hinab, sie schreiten im Innern des Hauses den Wandelgang
entlang. Er sieht Bilder an den Wnden, Mnner im Helm und Frauen mit goldenem
Schmuck. Er schaut durch die Mauerbogen der Halle in den Hof, dort pltschert
ein Springbrunnen; die Sule des Wassers ist unten silberwei und oben von der
Sonne rot. Sie kommen zu einer zweiten Treppe, deren Stufen wie goldene Wolken
aufwrts steigen. Es steht ein eiserner Mann daneben, er hat ein Schwert in der
Rechten, doch sein Gesicht ist schwarz, nein, er hat berhaupt kein Gesicht.
Caspar frchtet sich vor ihm, will nicht vorbeigehen, da beugt sich die Frau und
flstert ihm etwas ins Ohr. Er geht vorbei, er geht zu einer ungeheuern Tr, und
die Frau pocht an. Es wird nicht aufgemacht. Sie ruft, und niemand hrt. Sie
will ffnen, die Tr ist zugeschlossen. Es scheint Caspar, da sich etwas
Wichtiges hinter der Tr ereignet, er selbst beginnt zu rufen, doch in diesem
Augenblick erwacht er.
    Seltsam, dachte Daumer, da sind Dinge, die er nie zuvor gesehen haben kann,
wie den gersteten Mann ohne Gesicht. Seltsam! Und sein Wortesuchen, seine
hilflosen Umschreibungen bei solcher Klarheit des Geschauten. Seltsam.
    Wer war die Frau? fragte Caspar.
    Es war eine Traumfrau, entgegnete Daumer beschwichtigend.
    Und die Bcher und der Springbrunnen und die Tr? drngte Caspar. Warens
Traumbcher, wars eine Traumtr? Warum ist sie nicht aufgemacht worden, die
Traumtr?
    Daumer seufzte und verga zu antworten. Was bekam da Gewalt ber seinen
Caspar, sein Seelenprparat? Sehr an Welt und Stoff gebunden war dieser Traum.
    Caspar kleidete sich langsam an. Pltzlich erhob er den Kopf und fragte, ob
alle Menschen eine Mutter htten? Und als Daumer bejahte, ob alle Menschen einen
Vater htten? Auch dies mute bejaht werden.
    Wo ist dein Vater? fragte Caspar.
    Gestorben, antwortete Daumer.
    Gestorben? flsterte Caspar nach. Ein Hauch des Schreckens lief ber seine
Zge. Er grbelte. Dann begann er wieder: Aber wo ist mein Vater?
    Daumer schwieg.
    Ist es der, bei dem ich gewesen? Der Du? drngte Caspar.
    Ich wei es nicht, antwortete Daumer und fhlte sich ungeschickt und ohne
berlegenheit.
    Warum nicht? Du weit doch alles? Und hab ich auch eine Mutter?
    Sicherlich.
    Wo ist sie denn? Warum kommt sie nicht?
    Vielleicht ist sie gleichfalls gestorben.
    So? Knnen denn die Mtter auch sterben?
    Ach, Caspar! rief Daumer schmerzlich,
    Gestorben ist meine Mutter nicht, sagte Caspar mit wunderlicher
Entschiedenheit. Pltzlich flammte es ber sein Gesicht, und er sagte bewegt:
Vielleicht war meine Mutter hinter der Tr?
    Hinter welcher Tr, Caspar?
    Dort! im Traum ...
    Im Traum? Das ist doch nichts Wirkliches, belehrte Daumer zaghaft.
    Aber du hast doch gesagt, die Seele ist wirklich und macht den Traum? Ja,
sie war hinter der Tr, ich wei es; das nchste Mal will ich sie aufmachen.
    Daumer hoffte, das Traumwesen wrde sich verlieren, doch dem war nicht so.
Dieser eine Traum, Caspar nannte ihn den Traum vom groen Haus, wuchs immer
weiter, umschlang und krnte sich mit allerlei Blten- und Rankenwerk gleich
einer zauberhaften Pflanze. Immer wieder schritt Caspar einen Weg entlang und
immer wieder endete der Weg vor der hohen Tre, die nicht geffnet wurde. Einmal
zitterte die Erde von Tritten, die innen waren, die Tre schien sich zu bauschen
wie ein Gewand, durch einen Spalt ber der Schwelle brach Flammengeloder, da
erwachte er, und die nicht zu vergessende Traumnot schlich durch die Stunden des
Tages mit.
    Die Gestalten wechselten. Manchmal kam statt der Frau ein Mann und fhrte
ihn durch die Bogenhalle. Und wie sie die Treppe hinaufgehen wollten, kam ein
andrer Mann und reichte ihm mit strengem Blick etwas Gleiendes, das lang und
schmal war und das, als Caspar es fassen wollte, in seiner Hand zerflo wie
Sonnenstrahlen. Er trat nahe an die Gestalt heran, auch sie ward zu Luft, doch
sprach sie lautschallend ein Wort, welches Caspar nicht zu deuten verstand.
    Daran hingen sich wieder besondere kleine Trume, Trume von unbekannten
Worten, die er im Wachen nie gehrt und deren er, wenn der Traum vorber war,
vergebens habhaft zu werden suchte. Sie hatten meist einen sanften Klang,
bezogen sich aber, so fhlte er, nie auf ihn selbst, sondern auf das, was hinter
der verschlossenen Tre vor sich ging.
    Traumboten waren es, Vgeln des Meeres gleich, die in bestndiger Wiederkehr
Gegenstnde eines halbversunkenen Schiffes an die ferne Kste tragen.
    In einer Nacht lag Daumer schlaflos und hrte in Caspars Zimmer ein
dauerndes Gerusch. Er erhob sich, schlpfte in den Schlafrock und ging hinber.
Caspar sa im Hemde am Tisch, hatte ein Blatt Papier vor sich, einen Bleistift
in der Hand und schien geschrieben zu haben. Ein matter Mondschein schwamm im
Zimmer. Verwundert fragte Daumer, was er treibe. Caspar richtete den bis zur
Trunkenheit vertieften Blick auf ihn und antwortete leise: Ich war im groen
Haus; die Frau hat mich bis zum Springbrunnen im Hof gefhrt. Sie hat mich zu
einem Fenster hinaufschauen lassen; droben ist der Mann im Mantel gestanden,
sehr schn anzuschauen, und hat etwas gesagt. Danach bin ich aufgewacht und habs
geschrieben.
    Daumer machte Licht, nahm das Blatt, las, warf es wieder hin, ergriff beide
Hnde Caspars und rief halb bestrzt, halb erzrnt: Aber Caspar, das ist ja
ganz unverstndliches Zeug!
    Caspar starrte auf das Papier, buchstabierte murmelnd und sagte: Im Traum
hab ich's verstanden.
    Unter den sinnlosen Zeichen, die wir aus einer selbsterdachten Sprache
waren, stand am Ende das Wort: Dukatus. Caspar deutete auf das Wort und
flsterte: Davon bin ich aufgewacht, weil es so schn geklungen hat.
    Daumer fand sich verpflichtet, den Brgermeister von den Beunruhigungen
Caspars, wie er es nannte, in Kenntnis zu setzen. Was er befrchtet hatte,
geschah. Herr Binder der Sache eine groe Wichtigkeit bei. Zunchst ist es
geboten, dem Prsidenten Feuerbach einen mglichst ausfhrlichen Bericht zu
geben, denn aus diesen Trumen knnen sicherlich ganz bestimmte Schlsse gezogen
werden, sagte er. Dann mache ich Ihnen den Vorschlag, mit Caspar einmal in die
Burg hinaufzugehen.
    In die Burg? Warum das?
    Es ist so eine Idee von mir. Da er immer von einem Schlosse trumt, wird
ihn der Anblick eines wirklichen Schlosses vielleicht aufrtteln und uns
bestimmtere Anhaltspunkte geben.
    Ja, glauben Sie denn an eine reale Bedeutung dieser Trume?
    Ganz unbedingt. Ich bin davon berzeugt, da er bis zu seinem dritten oder
vierten Lebensjahr in einer derartigen Umgebung,gelebt hat und da mit dem neuen
Erwachen zum Leben und zum Selbstbewutsein die Erinnerungen an die frhere
Existenz auf dem Weg der Trume Form und Inhalt gewinnen.
    Eine sehr naheliegende, sehr nchterne Erklrung, bemerkte Daumer gallig.
Also der Hintergrund dieses Schicksals wre nichts weiter als eine gewhnliche
Rubergeschichte.
    Eine Rubergeschichte? Mir recht, wenn Sie es so nennen. Ich verstehe
nicht, weshalb Sie sich dagegen wehren. Soll der Jngling aus dem Mond
heruntergefallen sein? Wollen Sie irdische Verhltnisse fr ihn nicht gelten
lassen?
    O gewi, gewi! Daumer seufzte. Dann fuhr er fort: Ich schmeichelte mir
mit andern Hoffnungen. Das Grbeln und Verlangen nach rckwrts ist eben das,
was ich Caspar ersparen wollte. Gerade das Freie, Freischwebende, Schicksallose
war es ja, was mich so stark an ihm ergriffen hat. Auerordentliche Umstnde
haben diesen Menschen mit Gaben bedacht, wie kein andrer Sterblicher sich ihrer
rhmen kann; und das soll nun alles verkmmern, abgelenkt werden in das Gleis
von Erlebnissen, die ja an sich tragisch genug sein mgen, aber doch nichts
Ungemeines an sich haben.
    Ich verstehe, Sie wollen den mystischen Nimbus nicht zerstren, versetzte
der Brgermeister mit etwas pedantischer Geringschtzung. Aber wir haben
grere Pflichten gegen den Mitmenschen Caspar Hauser als gegen das Unikum
Caspar Hauser. Lassen Sie sich das ernstlich gesagt sein, lieber Professor. Es
erscheinen heutzutage keine Engel mehr, und wo Unrecht geschehen ist, mu Shne
sein.
    Daumer zuckte die Achseln. Glauben Sie denn, da Sie damit etwas zum Heile
Caspars tun? fragte er mit einem Ton von Fanatismus, der dem Brgermeister
lcherlich erschien. Nur Erdenschwere und Erdenschmutz heften Sie ihm an. Schon
jetzt erhebt sich ja ein Geznke um ihn, da mir mein Anteil an seiner Sache
verbittert wird. Es werden bse Geschichten zutage kommen.
    Das sollen sie; wenn sie nur zutage kommen, erwiderte Binder lebhaft. Im
brigen tue jeder, was seines Amtes.
    Am nchsten Vormittag stellte sich der Brgermeister in Daumers Wohnung ein,
und sie gingen mit Caspar zur Burg hinauf Herr Binder lutete an der
Pfrtnerwohnung; der Pfrtner kam mit einem groen Schlsselbund und geleitete
sie hinber.
    Als sie vor dem mchtigen zweiflgeligen Tor standen, war es, als ob sich
Caspars Gesicht pltzlich entschleiere. Er reckte sich auf, sein Oberleib bog
sich nach vorn, und er stammelte: So eine Tr, genau so eine Tr.
    Was meinst du, Caspar, was schwebt dir vor? fragte der Brgermeister
liebevoll.
    Caspar antwortete nicht. Mit gesenktem Auge und nachtwandlerischer
Langsamkeit schritt er durch die Halle. Die beiden Mnner lieen ihn vorangehen.
Immer nach ein paar Schritten blieb er stehen und sann. Seine Erschtterung
wuchs zusehends, als er die breite Steintreppe hinaufstieg. Oben blickte er sich
seufzend um; sein Gesicht war bleich, die Schultern zuckten. Daumer hatte
Mitleid mit ihm und wollte ihn seiner Hingenommenheit entreien, doch wie er zu
sprechen begann, sah ihn Caspar mit einem fernweilenden Blick an, lispelte:
Dukatus, Dukatus und lauschte dabei, als wolle er dem Wort einen heimlichen
Sinn abhorchen.
    Er gewahrte die lange Reihe der Burggrafenbildnisse an den Wnden, er
schaute durch die Flucht der offenen Sle, er stand in der Galerie und schlo
die Augen, und endlich, auf eine leise Frage des Brgermeisters, wandte er sich
um und sagte mit erstickter Stimme, es sei ihm so, als habe er einmal ein
solches Haus gehabt, und er wisse nicht, was er davon denken solle.
    Der Brgermeister sah Daumer schweigend an.
    Nachmittags suchten sie Herrn von Tucher auf und entwarfen in Gemeinschaft
mit ihm den Bericht an den Prsidenten Feuerbach. Das ausfhrliche Schreiben
wurde noch selbigen Tags zur Post gegeben.
    Sonderbarerweise erfolgte darauf weder ein Bescheid noch berhaupt ein
Zeichen, da der Prsident das Schriftstck erhalten habe. Der Brief mute
verlorengegangen oder gestohlen worden sein. Baron Tucher lie unter der Hand
und auf privatem Weg bei Herrn von Feuerbach anfragen, und man erfuhr wirklich,
da dieser von nichts wisse. Unruhe und Bestrzung bemchtigte sich der drei
Herren. Sollte da ein unsichtbarer Arm im Spiel sein wie bei jenem Zettel, den
man mir ins Fenster geworfen hat? meinte Daumer ngstlich. Nachforschungen bei
der Post hatten kein Ergebnis, und so ward der Bericht zum zweitenmal abgefat
und durch einen sicheren Boten dem Prsidenten persnlich eingehndigt.
    Feuerbach erwiderte in seiner kategorischen Art, da er die Sache im Auge
behalten wolle und sich aus naheliegenden Grnden einer schriftlichen
Meinungsuerung enthalte. Ich entnehme aus dem Gesundheitsattest des
Amtsarztes, worin bei einem sonst befriedigenden Befund von Caspars bleicher
Gesichtsfarbe die Rede ist, da es dem jungen Menschen an regelmiger Bewegung
in freier Luft fehlt, schrieb er; hier ist Abhilfe dringend ntig. Man lasse
ihn reiten. Es ist mir der Stallmeister von Rumpler dort selbst empfohlen
worden. Hauser soll dreimal wchentlich eine Reitstunde bei ihm nehmen, die
Kosten soll der Stadtkommissr auf Rechnung setzen.
    Vielleicht waren es die Trume, die Caspar bla machten. Fast jede Nacht
befand er sich in dem groen Haus. Die gewlbten Hallen waren von silbernem
Licht durchflutet. Er stand vor der geschlossenen Tr und wartete, wartete ...
    Endlich eines Nachts, die dmmernden Rume des groen Hauses dehnten sich
schweigend und leer, tauchte vom untersten Gang her eine schwebende Gestalt auf.
Caspar dachte zuerst, es sei der Mann im weien Mantel; aber als die Gestalt
nherkam, gewahrte er, da es eine Frau war. Weie Schleier umhllten sie und
flogen bei den Schultern durch den Hauch eines unhrbaren Windes empor. Caspar
blieb wie festgewurzelt stehen; sein Herz tat ihm wehe, als htte eine Faust
danach gegriffen und es gepackt, denn das Antlitz der Frau zeigte einen solchen
Ausdruck des Kummers, wie er ihn noch an keinem Menschen bemerkt. Je nher sie
kam, je furchtbarer schnrte sein Herz sich zusammen; ernst schritt sie vorbei;
ihre Lippen nannten seinen Namen, es war nicht der Name Caspar, und doch wute
er, da es sein Name war oder da ihm allein der Name galt. Sie hrte nicht auf,
denselben Namen zu nennen, und als sie schon wieder in weiter Ferne war und die
Schleier wie weie Flgel um ihre Schultern flatterten, hrte er immer noch den
Namen; da wute er, da die Frau seine Mutter war.
    Er wachte auf, in Trnen gebadet; und als Daumer kam, strzte er ihm
entgegen und rief: Ich hab sie gesehen, ich hab meine Mutter gesehen, sie war
es, sie hat mit mir gesprochen!
    Daumer setzte sich an den Tisch und sttzte den Kopf in die Hand. Sieh mal,
Caspar, sagte er nach einer Weile, du darfst dich solchen Wahngebilden nicht
glubig hingeben. Es bedrckt mich aufrichtig und schon lange. Es ist, wie wenn
jemand in einem Blumengarten lustwandeln darf und, statt freudigem Genu sich zu
berlassen, die Wurzeln ausgrbt und die Erde durchhhlt. Versteh mich wohl,
Caspar; ich will nicht, da du auf das Recht verzichtest, alles zu erfahren, was
auf deine Vergangenheit Bezug hat und auf das Verbrechen, das an dir verbt
wurde. Aber bedenke doch, da Mnner von reicher Erfahrung, wie der Herr
Prsident und Herr Binder, dafr am Werke sind. Du, Caspar, solltest vorwrts
schauen, dem Lichte leben und nicht der Dunkelheit; im Lichte ruht dein Dasein,
dort ist das Glck. Jeder Mensch von Vernunft kann, was er will; tu mir die
Liebe und wende dich ab von den Trumen. Nicht umsonst heit es ja: Trume sind
Schume.
    Caspar war bestrzt. Der Gedanke, da in seinen Trumen keine Wahrheit sein
solle, wurde ihm zum erstenmal entgegengehalten, aber zum erstenmal war die
eigne Gewiheit von einer Sache fester als die Meinung seines Lehrers. Das zu
empfinden, bereitete ihm keine Genugtuung, sondern Bedauern.

                 Religion, Homopathie, Besuch von allen Seiten


So war es Dezember geworden, und eines Morgens fiel der erste Schnee des
verspteten Winters.
    Caspar wurde nicht mde, dem lautlosen Herabgleiten der Flocken zuzuschauen;
er hielt sie fr kleine beflgelte Tierchen, bis er die Hand zum Fenster
hinausstreckte und sie auf der warmen Haut zerrannen. Garten und Strae, Dcher
und Simse glitzerten, und durch das Flockengewhl kroch lichter Nebeldampf wie
Hauch aus einem atmenden Mund.
    Was sagst du dazu, Caspar? rief Frau Daumer. Erinnerst du dich, da du
mir nicht glauben wolltest, als ich dir einmal vom Winter erzhlte? Siehst du,
wie alles wei ist?
    Caspar nickte, ohne einen Blick von drauen zu wenden. Wei ist alt,
murmelte er, wei ist alt und kalt.
    Um elf Uhr hast du Reitstunde, Caspar, vergi es nicht, mahnte Daumer, der
in seine Schule ging.
    Eine berflssige Sorge; das verga Caspar nicht, allzu lieb war ihm schon
das Reiten geworden seit der kurzen Zeit, wo er damit begonnen.
    Er liebte Pferde, war ihm doch ihre Gestalt gar sehr vertraut. Es kam vor,
da abendliche Schatten als schwarze Rosse vorberstrmten, erst am feurigen
Rand des Himmels haltmachten und ihn mit zurckschauendem Blick aufforderten,
sie in die unbekannte Ferne zu geleiten. Auch im Wind sausten Rosse, auch die
Wolken waren Rosse, in den Rhythmen der Musik hrte er das taktbemessene Traben
ihrer Hufe, und wenn er in glcklicher Stimmung an etwas Edles und Vollkommenes
dachte, sah er zuerst das Bild eines stolzen Rosses.
    Beim Reitunterricht hatte er von Anfang an eine Gewandtheit gezeigt, die das
grte Erstaunen des Stallmeisters erregt hatte. Wie der Bursche sitzt, wie er
den Zgel hlt, wie er das Tier versteht, das mu man sich anschauen, sagte
Herr von Rumpler; ich will hundert Jahre in der Hlle braten, wenn das mit
rechten Dingen zugeht. Und alle, die etwas von der Sache verstanden, redeten
hnlich.
    Ei, wie selig war Caspar beim Trab und Galopp! Dies Ziehen und Fliehen, dies
leichte Getragensein, hinaus und vorwrts, dies sanfte Auf und Ab, das
Lebendigsein auf Lebendigem!
    Wenn nur nicht die Leute so lstig gewesen wren. Beim ersten Ausritt mit
dem Stallmeister wurden sie von einem ganzen Pbelhaufen verfolgt und
selbstgesetzte Brger blieben stehen und lachten erbittert vor sich hin. Der
verstehts, hhnten sie, der hat sich ein Bett gemacht, so mu mans anfangen,
damit einem warm wird.
    Auch heute war solch ein unbequemes Aufsehen. Der Himmel hatte sich geklrt,
und die Sonne schien, als sie durch die Engelhardtsgasse ritten. Eine Rotte von
Knaben zog hinter ihnen drein, und rechts und links wurden die Fenster
aufgerissen. Der Stallmeister gab seinem Tier die Sporen und trieb Caspars Pferd
mit der Peitsche an. Man kommt sich ja, parbleu, wie ein Zirkusreiter vor,
rief er zornig.
    Sie sprengten bis zum Jakobstor. He! Holla! rief da eine Stimme, und aus
einer Seitengasse kam, ebenfalls zu Pferde, Herr von Wessenig auf sie zu.
Rumpler begrte den Offizier, und der Rittmeister gesellte sich an Caspars
Seite.
    Prchtig, lieber Hauser, prchtig! rief er mit bertriebener Verwunderung,
wir reiten ja wie ein Indianerhuptling. Und das alles hat man erst bei den
braven Nrnbergern gelernt? Nicht zu glauben.
    Caspar hrte nicht den verfnglichen Unterton der Rede; er blickte den
Rittmeister dankbar und geschmeichelt an.
    Aber denk dir, Hauser, was ich heute bekommen habe, fuhr der Rittmeister
fort, den es juckte, mit Caspar einen Spa zu haben. Ich hab etwas bekommen,
was dich hchlichst angeht.
    Caspar machte ein fragendes Gesicht. Vielleicht war es der edelruhige
Ausdruck seiner Zge, der den Rittmeister zgern lie. Ja, ich habe etwas
bekommen, wiederholte er dann eigensinnig, ein Brieflein hab ich bekommen. Er
hatte den einfltigen Ton, den die Erwachsenen annehmen, wenn sie mit Kindern
scherzen, und der lauernde Blick in seinen Augen besagte etwa: wollen mal sehen,
ob er Angst kriegt.
    Ein Brieflein? entgegnete Caspar, was steht denn drinnen?
    Ja, rief der Rittmeister und lachte knallend, das mchtest du wohl
wissen? Wichtige Sachen stehen drin, wichtige Sachen!
    Von wem ist es denn? fragte Caspar, dem das Herz erwartungsvoll zu pochen
anfing.
    Herr von Wessenig zeigte seine Zhne und stellte sich vor Vergngen in die
Steigbgel. Nun rate mal, sagte er, wir wollen mal sehen, ob du raten kannst.
Von wem kann das Brieflein sein? Er zwinkerte Herrn von Rumpler
verstndnisinnig zu, indes Caspar den Kopf senkte.
    Es quoll auf einmal Traumluft um Caspars Sinne, und eine Hoffnung liebkoste
ihn, die den kargen Tag verleugnete. Aus ihren Schleiern erhob sich die
kummervolle Traumfrau und schwebte still vor den drei Rossen dahin. Jh blickte
er empor und sagte mit zgernden Lippen: Ist vielleicht von meiner Mutter der
Brief?
    Der Rittmeister runzelte ein wenig die Stirn, als ob es ihm bedenklich
schiene, den Schabernack zu weit zu treiben, doch entuerte er sich schnell der
ernsten Regung, klopfte Caspar auf die Schulter und rief. Erraten, Teufelskerl!
Erraten! Mehr sag ich aber nicht, Freundchen, sonst knnt es mir bel bekommen.
Und mit dem letzten Wort setzte er sich fester in den Sattel und sprengte davon.
    Eine Viertelstunde spter kam Caspar atemlos nach Hause. Daumers saen schon
bei Tisch, sie schauten dem Ankmmling gespannt entgegen, und Anna erhob sich
unwillkrlich, als Caspar mit schweibedeckter Stirne neben den Sessel ihres
Bruders trat und mit gebrochener Stimme hervorjubelte: Der Herr Rittmeister hat
einen Brief bekommen von meiner Mutter!
    Daumer schttelte erstaunt den Kopf. Er versuchte Caspar begreiflich zu
machen, da ein Miverstndnis oder eine Tuschung obwalten msse; Mutter und
Schwester untersttzten ihn darin nach Krften. Es war umsonst. Caspar faltete
flehentlich die Hnde und bat, Daumer mge mit ihm zu Herrn von Wessenig gehen.
Dessen weigerte sich Daumer entschieden, doch als Caspars Aufregung wuchs,
erklrte er sich bereit, allein zu Herrn von Wessenig zu gehen. Er a schnell
seinen Teller leer, nahm Hut und Mantel und ging.
    Caspar lief zum Fenster und sah ihm nach. Er wollte sich nicht zu Tisch
begeben, ehe Daumer wieder da war. Er zerknllte das Taschentuch in der Hand,
rasch atmend starrte er gegen den Himmel und dachte: Wenn ich dich liebhaben
soll, Sonne, mach, da es wahr ist. So wurde es ein Uhr, und Daumer kam zurck.
Er hatte den Rittmeister zur Rede gestellt und eine heftige Auseinandersetzung
mit ihm gehabt. Herr von Wessenig hatte die Sache zuerst humoristisch genommen,
damit lief er aber bei Daumer bel ab, dem ohnehin das hmische Gerede, das ihm
tglich zugetragen wurde, Verdru genug erregte. Erst gestern hatte man ihm
erzhlt, auf einer Assemblee bei der Magistratsrtin Behold habe sich ein
angesehener Aristokrat ber ihn lustig gemacht als ber den Meister somnambuler
und magnetischer Geheimkunst, der Caspar Hauser feierlich den Zaubermantel unter
die Fe breite; aber statt in den ther zu entschweben, wie jedermann erwarte,
bleibe der gute Caspar gemchlich sitzen und lasse sich ausfttern.
    Solches nagte an Daumer, und er hatte es dem Rittmeister ins Gesicht gesagt,
da ihn das scheele Geschwtz der nichtstuenden eleganten Welt gleichgltig
lasse. Bin ich auch eher auf Hilfe und Zustimmung als auf Verteidigung und
Abwehr gefat gewesen, so wei ich doch genau, da das erstarrte Herz von Ihnen
und Ihresgleichen nicht um einen Pulsschlag gefhlvoller schlagen wird, rief er
aus. Das aber kann ich fordern, da man den Jngling, der unter meinem Schutz
und dem des Herrn Staatsrats steht, wenigstens mit bswilligen Scherzen
verschont.
    Sprachs und ging. Einen Freund lie er nicht zurck.
    Zu Hause ankommend und Caspars stummes Drngen wahrnehmend, sagte er mit
mhsamer Milde: Er hat dich zum Narren gehabt, Caspar. Es ist natrlich kein
Wort wahr. Solchen Leuten mut du auch nicht glauben.
    O! machte Caspar voll Schmerz. Dann war er still.
    Erst als Daumer sich nach der Mittagsrast zum Aufbruch anschickte, entri
sich Caspar seinem Schweigen und sagte in mattem und verndertem Ton: Der Herr
Rittmeister hat also nicht die Wahrheit gesagt?
    Nein, er hat gelogen, versetzte Daumer kurz.
    Das ist schlecht von ihm, sehr schlecht, sagte Caspar.
    Erstaunlich schien ihm zunchst die Tatsache des Lgens, erstaunlicher noch,
da sich ein so groer Herr ihm gegenber der Lge schuldig gemacht. Warum hat
er das mit dem Brief gesagt, grbelte er, und stundenlang war er damit
beschftigt, sich des Rittmeisters Worte immer wieder von neuem vorzusagen und
sich das Gesicht zurckzurufen, in welchem, von ihm nicht gewut, die Lge
wohnte.
    Es war da etwas nicht in Ordnung. Er sann und sann und kam zu keinem Ende.
Um sich auf andre Gedanken zu bringen, schlug er die Rechenfibel auf und ging an
sein Tagespensum. Als auch dies nichts half, nahm er die Glasharmonika, die ihm
eine Dame aus Bamberg geschenkt, und bte sich eine halbe Stunde lang in den
simpeln Melodien, die er darauf zu spielen erlernt hatte.
    Pltzlich erhob er sich und trat vor den Spiegel. Starr blickte er sein
eignes Gesicht an: er wollte sehen, ob Lge darin sei. Trotz der Beklommenheit,
die er dabei empfand, reizte es ihn, einmal selber zu lgen, nur um zu prfen,
wie nachher sein Gesicht aussehen wrde. ngstlich schaute er sich um, blickte
dann wieder in den Spiegel und sagte leis: Es schneit.
    Er hielt das fr eine Lge, weil ja die Sonne schien.
    Nichts hatte sich in seinem Gesicht verndert: man konnte also lgen, ohne
da es jemand bemerkte. Er hatte geglaubt, die Sonne wrde sich verfinstern oder
verstecken, aber sie schien ruhig weiter.
    Am Abend kam Daumer mit einem neuen rger nach Hause. Von der Mutter
gefragt, was es denn schon wieder gebe, zog er ein kleines Zeitungsblttchen aus
der Tasche und warf es auf den Tisch. Es war der Katholische Wochenschatz, auf
der ersten Seite stand eine Epistel ber Caspar Hauser, die mit den
fettgedruckten Lettern begann: Warum lt man den Nrnberger Findling nicht der
Segnungen der Religion teilhaftig werden?
    Ja, warum lt man denn nicht? spottete Anna.
    Und das wagt man in einer protestantischen Stadt, sagte Daumer mit
finsterem Gesicht. Wenn diese Herren nur wten, was fr eine unmige Furcht
der Jngling vor ihren Geistlichen hat. Whrend er noch auf dem Turm war, sind
eines Tages vier zu gleicher Zeit bei ihm erschienen. Glaubt ihr vielleicht, sie
htten zu seinem Herzen geredet oder seine Andacht zu wecken gesucht? Weit
gefehlt. Sie schwatzten vom Zorn Gottes und von der Vergeltung der Snden, und
als er immer furchtsamer dreinsah, fingen sie an zu wettern und zu drohen, als
ob der arme Mensch am nchsten Tag zum Galgen gefhrt werden sollte. Zufllig
kam ich dazu und forderte sie hflich auf, ihre Bemhungen einzustellen.
    Da Caspar ins Zimmer trat, wurde das Gesprch abgebrochen.
    Aber der Appell des Katholischen Wochenschatzes verhallte nicht ungehrt.
Mit der Religion ist nicht zu spaen, sagten die Herren auf dem Magistrat, und
einer drckte sogar den Zweifel aus, ob der Jngling berhaupt getauft sei.
Darber ward eine Weile hin und her debattiert, doch lie man die Frage
schlielich fallen, und die Taufe ward als selbstverstndlich angenommen, da man
ja unter Christen in einem christlichen Lande lebe und der Jngling auf keinen
Fall aus der Tatarei kommen knne.
    Nicht so leicht war die Entscheidung ber die katholische oder evangelische
Konfession. Obgleich die Pfaffen in der Stadt wenig Macht besaen, mute man
doch die obdachlose Seele dem hungrigen Rachen Roms entreien, anderseits war
man zu zaghaft fr ein rauhes Zugreifen, weil es mglich war, da eine
einflureiche Person ber kurz oder lang ein Anrecht andrer Art geltend machen
konnte.
    Der Brgermeister wandte sich an Daumer und verlangte, Caspar solle einen
Religionslehrer erhalten, man berlasse es Daumer, einen vertrauenswrdigen Mann
zu bestimmen. Wie wre es mit dem Kandidaten Regulein? meinte Binder.
    Ich habe nichts dagegen, erwiderte Daumer gleichgltig. Der Kandidat
wohnte im Daumerschen Haus zu ebener Erde und geno den Ruf eines soliden und
fleiigen Mannes.
    Wenn ich selbst auch nicht kirchlich-fromm gesinnt bin, sagte der
Brgermeister, so ist mir doch die modische Freigeisterei von Herzen zuwider,
und ich wnschte nicht, da unser Caspar in ein ehrfurchtsloses Weltwesen gert.
Auch in Ihrer Absicht kann das nicht liegen.
    Aha, ein Stich, dachte Daumer stillergrimmt, man beleidigt, verdchtigt mich
schon wieder, ich bin niemand bequem, sehr ehrenwert, ihr Herren, sehr
ehrenwert. Laut antwortete er: Gewi nicht. Ich habe es auch nicht fehlen
lassen, in meiner Art auf ihn zu wirken. Und meine Art mag sein, wie sie will,
sie ist nicht schlechter als jede andre. Leider haben mir allerhand Unberufene
bestndig hineingepfuscht. So war es mir in der ersten Zeit mit groer Mhe
gelungen, den starren Eigensinn seines Schauens zu brechen und ihm einen Begriff
von dem allmchtigen Trieb des Wachstums in der Natur zu geben. Kommt da ein
Frauenzimmer an, whrend Caspar vor einem Blumentopf sitzt und mit seinem
unschuldigen Staunen die ber Nacht aufgesproten Schlinge betrachtet. Nun,
Caspar, fragt sie einfltig, wer hat denn das wachsen lassen? Es ist von selbst
gewachsen, erwidert er stolz. Aber, Caspar, ruft jene, es mu doch jemand sein,
der es hat wachsen lassen? Er wrdigte sie keiner Antwort mehr, aber die
wohlwollende Dame ging hin und erzhlte berall, Caspar werde zum Atheisten
gemacht. Da hat man eben einen schweren Stand.
    Es handelt sich doch am Ende nur darum, ihm das Gefhl einer hheren
Verpflichtung einzuimpfen, sagte Binder.
    Die hat er, die hat er, aber sein Verstand anerkennt eben in seinen
Forderungen keine Grenzen und will durchaus befriedigt sein, fuhr Daumer
leidenschaftlich fort. Gestern abend besuchten ihn zwei protestantische
Geistliche, der eine aus Frth, der andre aus Farnbach, der eine dick, der andre
mager, alle beide eifrig wie kleine Paulusse. Sie machten mir erst allerlei
Elogen, ich lasse sie zu Caspar hinein, und ehe man drei zhlen kann, fangen sie
eine Disputation mit ihm an. Ach, es war komisch, es war hchst komisch. Es kam
die Rede auf die Erschaffung der Welt, und der Dicke aus Frth sagte, Gott habe
die Welt aus dem Nichts geschaffen. Und als nun Caspar wissen wollte, wie das
zugegangen, stibitzten sie ihm die Erklrung vor der Nase weg, indem sie alle
zwei hndefuchtelnd auf ihn einredeten wie auf einen Heiden, der bei seinem
Gtzen schwrt. Endlich beruhigten sie sich, und da sagte mein guter Caspar
zutulich, wenn er etwas machen wolle, msse er doch etwas haben, woraus er es
mache, sie mchten ihm doch sagen, wie das bei Gott mglich sei. Da schwiegen
sie eine Weile, flsterten untereinander, und endlich antwortete der Magere, bei
Gott sei alles mglich, weil er nicht ein Mensch sei, sondern ein Geist. Da
lchelte mich Caspar an, denn er dachte, sie wollten sich ber ihn lustig
machen, und er stellte sich, als glaube er ihnen, was die beste Manier war, um
sie loszuwerden.
    Der Brgermeister schttelte mibilligend den Kopf. Daumers Sarkasmus gefiel
ihm ganz und gar nicht. Es gibt auch eine gedachtere Ansicht von Gott als die,
die sich so mhelos verspotten lt, wandte er ruhig ein.
    Eine gedachtere Ansicht? Ohne Zweifel. Vergessen Sie nur nicht, da die der
gemeinen durch und durch widerspricht. Und wenn ich sie ihm beizubringen suche,
setze ich mich Vorwrfen und Mikennungen aus. Nchstes Jahr soll er in die
ffentliche Schule gehen, fr einen Menschen von wenigstens achtzehn Jahren
ohnedies eine Schwierigkeit, da wrden nun meine Lehren wieder zunichte gemacht,
und die Folge ist Konfusion. Schon jetzt fange ich an feig zu werden und speise
ihn mit bequemen Antworten ab. Neulich konnte er eingetretener Augenschwche
halber nicht arbeiten, und er fragte mich, ob er von Gott, etwas erbitten drfe
und ob er es dann erhalten werde. Ich sagte, zu bitten sei ihm gestattet, doch
msse er es der Weisheit Gottes anheimstellen, ob er die Bitte gewhren wolle
oder nicht. Er entgegnete, er wolle die Genesung seiner Augen erbitten und
dawider knne ja Gott nichts einzuwenden haben, denn er gebrauche die Augen, um
seine Zeit nicht in unntzen Gesprchen und Spielereien vergeuden zu mssen. Ich
sagte darauf, Gott habe bisweilen unerforschliche Grnde, etwas zu versagen,
wovon wir glaubten, da es heilsam wre, er wolle uns oft durch Leiden prfen,
in Geduld und Ergebung ben. Da lie er traurig den Kopf hngen. Gewi dachte
er, ich sei auch nicht besser als die Frommen, deren Grnde er nur fr Ausreden
nimmt.
    Was ist jedoch zu tun? fragte der Brgermeister mit sorgenvoller Stirn.
Auf dem Weg des Zweifelns und Leugnens mu die Fhigkeit zum Guten verkmmern.
    Zweifeln und Leugnen ist es wohl kaum, versetzte Daumer unwillig. Gott
ist kein Bewohner des Himmels, er haust nur in unsrer Brust. Der reiche Geist
birgt ihn im umfassenden Gefhl, der arme wird durch die Not des Lebens seiner
gewahr und nennt es Glauben; er knnte es auch Angst nennen. In Schnheit und
Freude gestaltet sich der wahre Gott, im Schaffen. Was Sie Zweifel und Leugnen
heien, ist das aufrichtige Zagen der ihrer selbst noch ungewissen Seele. Man
gebe der Pflanze so viel Sonne, wie sie braucht, und sie besitzt einen Gott.
    Das ist Philosophie, erwiderte Binder, und zudem Philosophie, die einem
Alltagsmenschen wie mir frivol klingen mu. Jeder Bauer hat fr seine Ernte mit
Sturm und Unwetter zu rechnen, und nur ein berheblicher Mensch kann sich
einfallen lassen, von selber etwas zu gelten. Doch genug davon. Waren Sie
eigentlich mit Caspar schon einmal in der Kirche?
    Nein, ich habe das bis jetzt vermieden.
    Morgen ist Sonntag. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden, wenn ich ihn zum
Gottesdienst in die Frauenkirche mitnehme?
    Nicht im geringsten.
    Gut, ich werde ihn um neun Uhr abholen.
    Wenn sich Herr Binder eine sonderliche Wirkung von diesem Versuch
versprochen hatte, so wurde er darin sehr enttuscht. Als Caspar die Kirche
betreten hatte und die erhobene Stimme des Predigers vernahm, fragte er, warum
der Mann schimpfe. Die Kruzifixe erregten seinen tiefsten Schauder, weil er die
angenagelten Christusbilder fr gemarterte lebendige Menschen hielt. Bestndig
schaute er, bestndig verwunderte er sich, das Spiel der Orgel und der Gesang
des Chors betubten sein empfindliches Ohr dermaen, da er die Harmonie der
Klnge gar nicht sprte, und zum Schlu brachte ihn die Ausdnstung der
Menschenmenge einer Ohnmacht nahe.
    Der Brgermeister sah wohl seinen Fehlgriff ein, doch lie er nicht ab, auf
einen regelmigen Besuch der Kirche zu dringen, obwohl sich Caspar jedesmal
hartnckig dagegen strubte. Wenn der Kandidat Regulein Herrn Binder seine Not
klagte, erwiderte dieser: Nur Geduld, die Gewohnheit wird ihn schon zur Andacht
ntigen. - Ich glaube nicht, versetzte der Kandidat darauf mutlos, gebrdet
er sich doch, als ob er sein Leben lassen sollte, wenn ich ihn zum Kirchgang
auffordere. - Macht nichts, es ist Ihr Beruf, seinen Widerstand zu brechen,
lautete der Bescheid.
    Der gute, hilflose Kandidat Regulein! Ein junges Mnnlein, das nie jung
gewesen war und dessen Gottesgelehrtentum von so dnner Beschaffenheit war wie
seine Beine. Er zitterte insgeheim vor den Unterrichtsstunden, die er Caspar
erteilen mute, und sooft ihn eine Frage in Verlegenheit setzte, was gar nicht
selten geschah, verschob er die Auskunft auf das nchste Mal, wobei er sich
vornahm, in gewissen Bchern nachzuschlagen, um nicht gegen die Theologie zu
verfehlen. Caspar wartete treuherzig, aber in der folgenden Stunde kam nichts
oder wenig. Der Kandidat, der im stillen hoffte, sein Schler habe vergessen,
erschrak und wich aus. Das half nicht; der unbarmherzige Frager trieb ihn aus
einer Verschanzung in die andre, bis das verzweifelte Argument aufgestellt
werden mute, es sei unrecht, ber dunkle Gegenstnde des Glaubens zu forschen.
    Caspar lief zu Daumer und beklagte sich bitter, da er keine Aufschlsse
erhalte. Daumer fragte, was er zu wissen begehrt habe. Er hatte zu wissen
verlangt, warum Gott nicht mehr wie in frheren Zeiten zu den Menschen
herabkomme, um sie ber so vieles, was verborgen sei, zu belehren. Ja sieh mal,
Caspar sagte Daumer, es gibt Geheimnisse in der Welt, die sich eben beim
besten Willen nicht verstehen lassen. Da mu man Vertrauen haben, da Gott eines
Tages unser Herz darber erleuchtet. Wir alle wissen ja auch nicht, woher du
kommst und wer du bist, und trotzdem hoffen wir von der Gerechtigkeit und
Allwissenheit Gottes, da er uns eines Tages darber Aufschlu gewhrt.
    Aber Gott hat doch nichts damit zu tun, da ich im Kerker war, erwiderte
Caspar sanft, das haben doch die Menschen getan. Und ratlos setzte er hinzu:
So ists eben. Das eine Mal sagt der Kandidat, Gott lasse den Menschen ihren
freien Willen, das andre Mal sagt er, Gott strafe sie fr ihre bsen Handlungen.
Da werd ich ganz zum Narren.
    Diese Unterhaltung fand an einem strmischen Nachmittag Ende Mrz statt, und
Daumer geriet durch sie in eine so trbe Stimmung, da er eine angefangene
schriftliche Arbeit nicht zu beendigen vermochte. Man raubt ihn mir, man bricht
ihn mir zu Stcken, dachte er. Voll Traurigkeit nahm er ein dickes Heft zur
Hand, das seine Aufzeichnungen ber Caspar enthielt, und bltterte drin herum.
Er schrak zusammen, als seine Schwester ziemlich hastig eintrat, noch mit
Pelzkappe und Umhang, wie sie von der Strae kam. Ihr Gesicht verriet Aufregung,
und sie wandte sich mit der schnell hervorgestoenen Frage an Daumer: Weit du
schon, was man in der Stadt spricht?
    Nun?
    Man erzhlt sich, Caspar Hauser sei von frstlicher Abkunft, ein
beiseitegeschaffter Prinz.
    Daumer lachte gezwungen. Das fehlte noch, entgegnete er abschtzig. Was
denn noch alles!
    Du glaubst nicht daran? Das hab ich mir gleich gedacht. Aber woher mgen
solche Gerchte stammen? Irgend etwas mu doch dahinter sein.
    Gar nichts mu dahinter sein. Sie schwatzen eben. La sie schwatzen.
    Eine halbe Stunde spter erhielt Daumer den Besuch des Archivdirektors Wurm
aus Ansbach. Es war dies ein kleiner, etwas verwachsener Mann, der nie lchelte;
es hie von ihm, da er sehr befreundet mit Herrn von Feuerbach und die rechte
Hand des Regierungsprsidenten Mieg sei. Von ersterem bestellte er Gre an
Daumer und sagte, der Staatsrat werde in allernchster Zeit nach Nrnberg
kommen, er beschftige sich angelegentlich mit der Sache Caspar Hausers.
    Nach einem kurzen, wenig belangvollen Hin- und Herreden griff der
Archivdirektor pltzlich in die Rocktasche, brachte ein kleines broschiertes
Buch zum Vorschein und reichte es wortlos Daumer. Dieser nahm es und las den
Titel: Caspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein Betrger. Vom Polizeirat
Merker in Berlin.
    Daumer besah das Bchlein mit feindseligen Augen und sagte matt: Das ist
deutlich. Was will der Mann? Was ficht ihn an?
    Es ist ein gehssiges Pamphlet, tritt aber hchst plausibel auf, erwiderte
der Archivdirektor. Es sind da mit Flei und Geschick alle Verdachtsgrnde, die
schon lngst in mitrauischen Gemtern spuken, gegen den Findling
zusammengetragen. Der Verfasser prft alle Angaben Caspars auf ihre
Verdchtigkeit hin, auch gibt er Beispiele aus der Vergangenheit, wo hnliche
Lgenknste, wie er sich ausdrckt, zu verspteter Enthllung gelangt sind. Sie,
lieber Professor, und Ihre hiesigen Freunde kommen dabei nicht zum besten weg.
    Natrlich, kann ich mir denken, murmelte Daumer, und mit der flachen Hand
auf das Buch schlagend, rief er aus: Nicht unwahrscheinlich ein Betrger! Da
sitzt so ein mit allen Hunden gehetzter Herr in Berlin und wagt es, wagt es -!
Himmelschreiend! Man sollte ihm diesen nicht unwahrscheinlichen Betrger
vorfhren, man sollte ihn zwingen, dem Engelsblick standzuhalten, ach,
schndlich! Der einzige Trost dabei ist, da doch niemand das Zeug lesen wird.
    Sie irren sich, versetzte der Archivdirektor ruhig, das Heft findet
reienden Absatz.
    Nun gut, ich werde es lesen, sagte Daumer, ich werde damit zum Redaktor
Pfisterle von der Morgenpost gehen, der ist der richtige Mann, um dem famosen
Polizeirat Widerpart zu halten.
    Der Archivdirektor ma den aufgeregten Daumer mit einem
gleichgltig-schnellen Blick. Ich mchte eine solche Maregel nicht ohne
weiters gutheien, bemerkte er diplomatisch; ich glaube auch im Sinn des Herrn
von Feuerbach zu sprechen, wenn ich Ihnen davon abrate. Wozu das
Zeitungsgeschreibe? Was soll es ntzen? Man mu handeln, in aller Vorsicht und
Stille handeln, das ist es.
    In aller Vorsicht und Stille? Was wollen Sie damit sagen? fragte Daumer
ngstlich und argwhnisch.
    Der Archivdirektor zuckte die Achseln und schaute zu Boden. Dann erhob er
sich, sagte, er wolle am folgenden Nachmittag wiederkommen, um Caspar zu sehen,
und reichte Daumer die Hand. Als er schon auf der Treppe war, eilte ihm Daumer
nach und fragte, ob es ihn nicht stre, wenn er morgen fremde Leute hier im
Hause treffe, es htten sich einige Herrschaften zu Besuch angesagt. Der
Archivdirektor verneinte.
    Es gehrte zu den Charaktereigentmlichkeiten Daumers, da er sich in einmal
gefate Ideen bis zur offensichtlichen Schdlichkeit verrannte. Trotz der
Abmahnung des besonnenen Herrn Wurm begab er sich, kaum da er das Buch des
Berliner Polizeirats gelesen hatte, was weniger denn eine Stunde Zeit brauchte,
voll Erbitterung in die Redaktion der Morgenpost. Der Redaktor Pfisterle war
ein hitziges Blut; wie der Geier aufs Aas strzte er sich auf diese Gelegenheit,
seine immer in Vorrat vorhandene Wut und Galle loszulassen. Er wollte Material
haben, und Daumer bestellte ihn fr den Mittag des folgenden Tages zu sich in
die Wohnung.
    Am Abend herrschte eine sonderbar schwle Luft im Daumerschen Haus. Whrend
des Nachtessens wurde wenig geredet, und Caspar, der von all dem, was rings um
ihn vorging, nicht im mindesten etwas ahnte, war verwundert ber manchen
prfenden Blick oder ber das dstere Schweigen auf eine herzliche Frage. Er
hatte die Gewohnheit, vor dem Schlafengehen noch ein Buch zur Hand zu nehmen und
zu lesen; das tat er auch heute, und es geschah nun, da sein Blick, als er das
Buch aufgemacht, auf eine bestimmte Stelle fiel, die ihn veranlate, entzckt in
die Hnde zu schlagen und in seiner herzlichen Art zu lachen. Daumer fragte, was
es gebe; Caspar deutete mit dem Finger auf das Blatt und rief: Sehen Sie nur,
Herr Professor! Seit einiger Zeit hatte er aufgehrt, Daumer zu duzen, und zwar
ganz von selbst und eigentmlicherweise fast an demselben Tag, an welchem er zum
ersten Male Fleisch genossen und danach krank geworden war.
    Daumer blickte ins Buch. Die von Caspar aufgegriffenen Worte lauteten: Die
Sonne bringt es an den Tag.
    Was gibts dabei zu staunen? fragte Anna, die ber die Schulter des Bruders
gleichfalls in das Buch schaute.
    Wie schn, wie schn! rief Caspar aus. Die Sonne bringt es an den Tag.
Das ist wunderschn.
    Die drei andern schauten einander voll seltsamer Gefhle in die Augen.
    berhaupt ist es schn, wenn man so liest: die Sonne! fuhr Caspar fort.
Die Sonne! Das hallt so.
    Als er gute Nacht gewnscht hatte, sagte Frau Daumer: Man mu ihn doch
liebhaben. Es wird einem ordentlich wohl, wenn man ihn in seiner artigen
Geschftigkeit beobachtet. Wie ein Tierchen webt er fr sich hin, niemals
langweilt er sich, nie fllt er durch Launen zur Last.
    Wie verabredet, kam Pfisterle am nchsten Tag kurz nach Tisch, blieb jedoch
ber Gebhr lange sitzen und verstand nicht die ungeduldigen Andeutungen
Daumers, der ihn gern vor dem Eintreffen der erwarteten Gste losgeworden wre.
Als diese um drei Uhr erschienen, sa er noch immer auf seinem Fleck und blieb
auch da. Wahrscheinlich hatte es seine Neugierde gereizt, da ihm Daumer den
Namen einer der drei Personen mitgeteilt hatte; es war dies ein damals
vielgelesener Schriftsteller aus dem Norden des Reichs. Die andern beiden waren
eine holsteinische Baronin und ein Leipziger Professor, der auf einer Romreise
begriffen war; ein Unternehmen, welches zu jener Zeit wenigstens in Nrnberg,
einem Mann den Nimbus eines khnen Forschers verlieh.
    Daumer empfing die Herrschaften sehr liebenswrdig, und nachdem er Caspar
herbeigeholt hatte, zndete er trotz der frhen Stunde die Lampe an, denn der
Nebel lag dicht wie graue Wolle vor den Fenstern. Der Leipziger Professor zog
Caspar in eine Unterhaltung, aber er sprach mit ihm wie von Turmeshhe herunter.
Auch lie er keinen Blick von ihm, und die gelblichen Augen hinter den
kreisrunden Brillenglsern schimmerten bisweilen boshaft. Whrenddem kamen noch
Herr von Tucher und der Archivdirektor, lieen sich den Fremden vorstellen und
nahmen auf dem Sofa Platz.
    In deinem Kerker war es also immer dunkel? fragte der Romfahrer und strich
langsam seinen Bart.
    Caspar antwortete geduldig: Dunkel, sehr dunkel.
    Der Schriftsteller lachte, worauf ihm der Professor vielsagend mit dem Kopf
zunickte.
    Haben Sie den Unsinn gehrt, der hier in der Stadt ber seine frstliche
Abkunft geredet wird? lie sich jetzt, die holsteinische Baronin hren, deren
Stimme wie aus einem Kellerloch kam.
    Der Professor nickte wieder und sagte: In der Tat, es werden hier starke
Zumutungen an die Leichtglubigkeit des Publikums gestellt.
    Eine Zeitlang schwiegen alle, wie von einem Schu erschreckt. Endlich
entgegnete Daumer mit heiserer Stimme und mit der Hflichkeit eines schlechten
Komdianten: Was veranlat Sie, meine Ehre zu beschimpfen?
    Was mich veranlat? prasselte der cholerische Herr auf. Diese Gaukelfuhr
veranlat mich dazu. Der Umstand, da man ein ganzes Land skrupellos mit einem
albernen Mrchen fttert. Mu denn der gute Deutsche immer wieder das Opfer von
Abenteurern  la Cagliostro werden? Es ist eine Schmach.
    Herr von Tucher hatte sich erhoben und blickte dem Aufgeregten mit so
unverhohlener Geringschtzung ins Gesicht, da dieser pltzlich schwieg.
    Wir sind natrlich berzeugt, mischte sich der Schriftsteller, ein
klapperdrrer Herr mit kahlem Schdel, vermittelnd ein, da Sie, Herr Daumer,
im besten Glauben handeln. Sie sind Opfer, wie wir alle.
    Jetzt konnte sich Pfisterle, den die Wut frmlich aufgeschwellt hatte, nicht
lnger halten. Mit geballten Fusten sprang er vom Stuhl empor und schrie: Ja,
zum Teufel, warum sollen wir uns denn das gefallen lassen? Da kommen sie her,
niemand hat sie gerufen, kommen her, um dagewesen zu sein und mitreden zu
knnen, haben von Anfang an alles besser gewut, und wenn sie blind wie die
Maulwrfe sind, werfen sie sich noch stolz in die Brust und rufen: Wir sehen
nichts, also ist nichts da. Warum soll denn das ein Unsinn sein, geehrte Dame,
was man von seiner Abstammung erzhlt? Warum denn, bitte? Leugnen Sie etwa, da
hinter den Mauern, wo unsre Groen wohnen, sich Dinge ereignen, die das
Tageslicht zu scheuen haben? Da dort die Vertrge des Bluts fr nichts geachtet
und Menschenrechte mit Fen getreten werden, wenn der Vorteil eines einzelnen
es erheischt? Soll ich mit Tatsachen dienen? Sie knnen es nicht leugnen. Bei
uns wenigstens sind die paar Dutzend Mnner noch nicht vergessen, die ihre
mutige Freiheitsfahne durch das Land getragen und mit brennenden Fackeln in die
Lgendmmerung der Palste geleuchtet haben.
    Genug, genug! unterbrach der Professor den rabiaten Zeitungsmann. Migen
Sie sich, Herr!
    Ein Demagoge! sagte die Baronin und stand mit erschrockenen Augen auf. Der
Archivdirektor heftete einen vorwurfsvollen und khlen Blick auf Daumer, der den
Kopf gesenkt und die Lippen eigensinnig geschlossen hatte. Als er emporschaute,
blieb sein Auge mit gerhrtem Ausdruck auf Caspar ruhen, der frei und arglos
dastand, den lchelnden klaren Blick von einem zum andern gleiten lie, nicht
als ob von ihm gesprochen wrde und er daran teilhtte, sondern als ob das
bewegte Spiel der Mienen und Gebrden lediglich seine Schaulust erwecke. In der
Tat verstand er kaum, wovon die Rede war.
    Der Leipziger Professor hatte seinen Hut ergriffen und wandte sich noch
einmal, an Pfisterle vorbersprechend, gegen Daumer. Was ist denn bewiesen von
den Mutmaungen trichter Kpfe? fragte er gellend. Nichts ist bewiesen. Fest
steht nur, da aus irgendeinem gottverlassenen Dorf in den frnkischen Wldern
sich ein Bauerntlpel in die Stadt verirrt, da er nicht ordentlich sprechen
kann, da ihm alle Werke der Kultur unbekannt sind, das Neue neu, das Fremde
fremd erscheint. Und darber geraten einige kurzsichtige, sonst ganz wackere
Mnner auer sich und nehmen die plumpen Aufschneidereien des geriebenen
Landstreichers fr bare Mnze. Wunderliche Verschrobenheit!
    Ganz wie der Polizeirat Merker, konnte sich der Archivdirektor nicht
enthalten zu bemerken. Auch Pfisterle wollte dawiderreden wurde aber durch eine
energische Kopfbewegung des Herrn von Tucher zum Schweigen gebracht.
    Pltzlich wurde von der Strae drauen das Rollen einer Kutsche hrbar.
Direktor Wurm ging zum Fenster, und nachdem der Wagen vor dem Haus gehalten
hatte, sagte er: Der Staatsrat kommt.
    Wie? entgegnete Daumer rasch. Herr von Feuerbach?
    Ja, Herr von Feuerbach.
    In seiner Benommenheit versumte Daumer die Pflicht des Hausherrn, und als
er sich aufraffte, um den Prsidenten zu empfangen, stand dieser schon auf der
Schwelle. Mit seinem Imperatorenblick berflog er die Gesichter aller
Anwesenden, und als er den Archivdirektor gewahrte, sagte er lebhaft: Gut, da
ich Sie treffe, lieber Wurm, ich habe etwas mit Ihnen zu sprechen.
    Er trug die einfache Kleidung eines Privatmannes, und auer einem kleinen
Ordenskreuz neben dem Halsaufschlag des Rockes war keinerlei Schmuck an ihm zu
sehen. Die auerordentlich stolze Haltung des gedrungenen, massigen Krpers und
das steif Aufrechte, soldatisch Gebietende seines stets etwas zurckgeworfenen
Hauptes erweckten ehrfurchtsvolle Scheu; sein Gesicht, auf den ersten Anblick
dem eines verdrielichen alten Fuhrmanns hnlich, wurde durch die
dunkelglhenden Augen, in denen die Unrast geistiger Leidenschaften lag, und
durch die festgeschlossenen, khn gebogenen Lippen geadelt.
    Er machte nicht den Eindruck eines Mannes, der viel Zeit hat. Trotz der
Wrde, die ihm sein Amt verlieh und die er nicht verringerte, hatte sein
Auftreten etwas Heftiges, und in der Art, wie er die im Zimmer Versammelten
begrte, war Frmlichkeit und Strenge enthalten. Es wirkte darum erschreckend
auf alle, als ihm Caspar ungezwungen entgegentrat und ihm von selbst die Hand
hinstreckte, die Feuerbach auch ergriff, ja sogar eine Zeitlang in der seinen
behielt.
    Caspar war es wunderlich wohl geworden, seit der Prsident eingetreten war.
Er hatte oft an ihn gedacht, seit er mit ihm auf dem Gefngnisturm gesprochen
hatte, und seit dem ersten Hndedruck liebte er besonders die Hand des
Prsidenten, eine warme, harte, trockene Hand, die sich wohlverschlo beim Gru,
als ob sie glaubwrdige Versprechungen gbe, und die eigne Hand ruhte dabei so
sicher in ihr wie der mde Krper abends im Bett.
    Daumer geleitete den Prsidenten und den Direktor Wurm in sein Studierzimmer
und kehrte dann zurck. Die fremden Gste schickten sich an zu gehen, sie hatten
durch die Dazwischenkunft Feuerbachs etwas von ihrer berlegenen Haltung
verloren. Caspar wollte der Dame in den Mantel helfen, doch sie machte eine
abwehrende Geste und folgte eilig ihren Begleitern. Herr von Tucher und
Pfisterle entfernten sich ebenfalls.
    Caspar nahm ein Schreibheft aus der Lade und setzte sich zur Lampe, um seine
lateinische Arbeit anzufertigen, da kamen der Prsident und Direktor Wurm wieder
ins Zimmer. Feuerbach ging auf Caspar zu, legte die Hand auf sein Haar, bog den
Kopf des Jnglings leicht zurck, so da der Lampenschein voll in Caspars
Gesicht fiel, betrachtete seltsam lange und mit bohrender Aufmerksamkeit das
seinem Blick stillhaltende Antlitz und murmelte endlich, gegen Wurm gewendet,
tief atmend: Keine Tuschung. Es sind dieselben Zge.
    Der Archivdirektor nickte stumm.
    Das und die Trume ... zwei wichtige Indizien, sagte der Prsident mit dem
gleichen Ton von Vertieftheit. Er schritt zum Fenster, die Hnde auf dem Rcken,
und sah eine Weile hinaus. Darauf wandte er sich zu Daumer und fragte
unvermittelt, wie es mit Caspars Ernhrung stehe.
    Daumer erwiderte, er habe in letzter Zeit versucht, ihn an Fleischkost zu
gewhnen. Zuerst hat er sich sehr gewehrt, auch hat es den Anschein nicht, als
ob die vernderte Dit ihm sehr zutrglich sei. Es ist sogar zu befrchten, da
sie seine inneren Krfte wesentlich vermindert. Er wird zusehends stumpfer.
    Feuerbach zog die Stirn empor und deutete gegen Caspar. Daumer verstand den
Wink und forderte Caspar auf, zu den Frauen hinberzugehen. Er wartete nicht ab,
bis der Jngling das Zimmer verlassen hatte, sondern fuhr mit beklommenem Eifer
fort: An demselben Tag, wo Caspar zum erstenmal Fleisch geno, schnappte der
Hund unsers Nachbars, der ihm bis dahin hchst zugetan war, nach ihm und bellte
ihn wtend an. Das war mir eine wunderbare Lehre.
    Der Prsident entgegnete finster: Dem mag sein, wie ihm wolle. Aber ich
mibillige die zahllosen Experimente, die Sie mit dem jungen Menschen vornehmen.
Wozu das alles? Wozu magnetische und andre Kuren? Man berichtet mir, da Sie
gegen gewisse krankhafte Zustnde homopathische Heilmittel anwenden. Wozu? Das
mu einen so zarten Organismus aufreiben. Die Jugend ist es, die die Krankheiten
heilt.
    Ich bin erstaunt, da Eure Exzellenz dagegen etwas einzuwenden haben,
versetzte Daumer kalt und demtig. Der menschliche Krper wird oft von
vorbergehenden Leiden befallen, denen auf homopathischem Weg am besten
beizukommen ist. Erst vorigen Montag hat, wie ich bestimmt versichern kann, eine
kleine Dosis Silizea Wunder gewirkt. Kennen Eure Exzellenz nicht den schnen,
alten Spruch:

    Ein kluger Arzt, der nimmt da seine Hilfe her, von wo der Schaden kmmt,
    Lst Salzsucht auf durch Salz, lscht Feuer aus durch Flammen.
    Ihr Kinder der Natur, ihr zieht die Kunst zusammen,
    Macht weniges aus viel und wirket viel durch wenig.

    Feuerbach mute unwillkrlich lcheln. Mag sein, mag sein, polterte er,
aber damit ist nichts bewiesen, und wenn auch, so trifft es die Sache nicht.
    Meine Sache steht auch nicht darauf.
    Um so besser. Vergessen Sie nicht, da hier ein Recht durchzusetzen ist,
das Recht eines Lebens. Ist es ntig, deutlicher zu sein? Ich glaube kaum. Gar
bald, ich hoffe es, wird das Dunkel sich lften, das ber den rtselhaften
Menschen gebreitet ist, und der Dank, den ich und andre Ihnen schon jetzt
schulden, lieber Daumer, wird nicht durch ein Mivergngen geschmlert sein, das
sich an Ihre vielleicht schdlichen Irrtmer heften mu.
    Das klang feierlich.
    Man kanzelt mich ab wie einen Schulbuben, dachte Daumer erbittert, als der
Prsident und Direktor Wurm sich verabschiedet hatten; was ist mir doch in den
Kopf gefahren, da ich die Sache des heimatlosen Findlings zu meiner eignen
machen mute? Wr ich nur bei meinem Leisten geblieben, in meiner Einsamkeit.
    Es geht mich wenig an, was sie da ber sein Schicksal fabeln, fuhr er in
seinen verdrossenen berlegungen fort; allerdings, der Ton, des Prsidenten lt
auf etwas Ungewhnliches schlieen; das seltsame Gerede ber Caspars Herkunft,
sollte es wirklich einen Bezug haben? Gleichviel, was wre das mir? Ob eines
Bauern, ob eines Frsten Sohn, was wrde es besagen? Freilich, wenn so ein hoher
Herr einem in den Weg luft, gibt man sich als beflissenen Diener; verbriefter
Adel und erlauchte Abstammung fordern nun einmal den Respekt des Brgers. Doch
ein andres ist das Leben und ein andres die Idee; ein andres, den Mchtigen zu
willfahren, weil es zwecklos ist, ihnen zu trotzen, und ein andres, ihrer zu
vergessen, eingeschlossen und gefeit in der goldenen Wohnung der Philosophie.
Zwischeninne fhrt die Grenze, die den Menschen aus Staub von dem Menschen aus
Geist trennt. Sollte ich in meinem Optimismus zu weit gegangen sein, wenn ich in
Caspar den Menschen aus Geist sah? Noch steht es zu bezweifeln.
    Ein Gedankengang, der nicht frei von ahnungsvoller Betrbnis war.

                   Daumer stellt die Metaphysik auf die Probe


Der Prsident blieb lnger als eine Woche in der Stadt. Whrend dieser Zeit kam
er entweder ins Daumersche Haus, um Caspar zu, sprechen, oder er lie den
Jngling zu sich in den Gasthof rufen. Feuerbach liebte nicht Zeugen seines
Zusammenseins mit Caspar. Seit er an einem der ersten Tage mit ihm durch die
Straen gegangen war (wo der frh gealterte, doch mchtig anzuschauende Mann
neben dem zarten, ein wenig gebckt gehenden jungen Menschen allenthalben
Aufsehen erregt hatte) und an einer Ecke, an der die beiden vorber muten, ein
Kerl wie aus der Erde gewachsen pltzlich neben ihnen hergeschlichen war,
verzichtete der Prsident darauf, sich mit seinem Schtzling ffentlich zu
zeigen.
    Seine Gesprche mit Caspar, so geschickt sie auch eine Beziehungslosigkeit
bisweilen vortuschen mochten, verfolgten natrlich einen ganz bestimmten Zweck.
Caspar, der davon wenig merkte, teilte sich seinem hohen Gnner ohne
Befangenheit mit, und durch sein unschuldiges Geplauder wurde Feuerbachs Herz
oft sonderbar bewegt, so da er, dem Wort und Sprache in Flle gegeben waren,
sich nicht selten zum Schweigen verurteilt fand. Ja, er verlor an Sicherheit;
Caspars Blick gleicht dem Glanz eines morgendlich reinen Himmels, bevor die
Sonne aufgeht, schrieb er an eine altvertraute Freundin, und manchmal ist mir
unter diesem Blick zumute, als hielte der rasend dahinstrmende Schicksalswagen
zum ersten Male still; die ganze Vergangenheit steht auf, erlittene Willkr und
der Trug des Rechts, die Krnkungen des Neides und manche Tat, deren Frchte
faul und ekel am Wege liegen. Dazu kommt, da ich in betreff seiner unbekannten
Herkunft auf einer Spur bin, die mich, ich frchte sehr, an den Rand eines
verderblichen Abgrunds fhrt, wo es gilt, sich den Gttern zu vertrauen, denn
Menschen werden dort keinem Gesetz mehr untertan sein.
    Am letzten Tag der Anwesenheit Feuerbachs schickte sich Caspar eine Stunde
vor Abend zum Ausgehen an, da der Prsident ihn zu sich bestellt hatte. Er trat
ins Wohnzimmer, um zu sagen, da er gehe, und fand Anna Daumer allein. Sie sa
am Fenster und las gerade das Bchlein des Polizeirats Merker. Kaum da Caspar
die Tr geffnet, versteckte sie das Heft rasch und erschreckt unter der
Schrze. Was lesen Sie denn da, und warum verbergen Sie es denn? fragte Caspar
lchelnd.
    Anna errtete und stotterte etwas. Darauf schaute sie mit feuchten Augen
empor und sagte: Ach, Caspar, die Menschen sind doch gar zu schlecht.
    Er entgegnete nichts, sondern lchelte noch immer. Das erschien Anna
auffallend, aber Caspar dachte sich weiter gar nichts dabei. Es war eine seiner
Seltsamkeiten, da er sich nie entschlieen konnte, eine Frauensperson ganz
ernst zu nehmen; Frauenzimmer knnen nichts als dasitzen und ein wenig nhen
oder stricken, pflegte er zu sagen; sie essen und trinken unaufhrlich und alles
durcheinander, und deswegen sind sie immer krank; auf andre Weiber schmhen sie,
und wenn sie dann mit ihnen beisammen sind tun sie schn und lieb. Als er einmal
in solcher Weise redete, beklagte sich Frau Daumer, doch er antwortete ihr: Sie
sind kein Frauenzimmer, Sie sind eine Mutter. Auch ereignete es sich einst, da
er bei einem Paradezug von Seiltnzern einem zu Pferd sitzenden Mdchen, dessen
bunter Putz und Reitkunst seine Aufmerksamkeit erweckt hatte, ein paar Straen
weit folgte; darber rgerte er sich nachher gewaltig, und er meinte, nun sei
ihm doch auch einmal geschehen, was bei andern, wie er hre, zuweilen der Fall
sei, er sei einem Weibe nachgelaufen.
    Er sagte, da er zum Nachtessen wieder zu Hause sein werde, aber Anna
erwiderte, das sei wohl zu spt, ihr Bruder habe davon gesprochen, da er den
Abend mit Caspar bei der Magistratsrtin Behold verbringen wollte; die Rtin
habe schon einige Male darum gebeten, sie sei eine einflureiche Person, und
wenn Daumer sich nicht eine Feindin an ihr machen wolle, msse er der Einladung
folgen.
    Der Herr Prsident geht vor, sagte Caspar verdrossen und ging.
    Es war mildes Wetter, der Schnee war lngst verschwunden, weie Wolken zogen
ber die spitzgiebligen Dcher hin. Als Caspar in das Zimmer trat, das der
Prsident bewohnte, sa dieser am Schreibtisch und blickte mit zurckgelehntem
Krper dster sinnend ins Leere. Erst nach einer Weile wandte er sich zu Caspar
und redete ihn, aus seinem dunkeln Nachdenken heraus, ohne Begrung an. Ich
kehre morgen nach Ansbach zurck, Caspar, wie Sie ja wissen, begann er und
verdeckte die Augen mit der Hand; Sie werden mich einige Wochen, ja vielleicht
monatelang nicht sehen. Ich mchte hie und da von Ihnen Nachricht haben, von
Ihnen selbst, will Sie aber nicht auffordern, mir regelmig zu schreiben, damit
Ihnen nicht eine ungern erfllte Pflicht daraus erwachse. Nun dachte ich mir,
Ihnen eine Gelegenheit zur Mitteilung zu geben, beider Sie mehr auf sich selbst
als an andre gewiesen sind. Sie sollen nicht zur Rechenschaft befohlen sein,
aber was Sie einem Freund oder sagen wir Ihrer Mutter vertrauen wrden, das
sollen Sie hier bewahren.
    Damit reichte er Caspar ein in blauen Pappendeckel gebundenes Schreibheft.
Caspar ergriff es mechanisch und las auf einem weien herzfrmigen Schildchen:
Tagebuch - Stundenbuch fr Caspar Hauser. Er schlug es auf und gewahrte, auf der
ersten Seite eingeklebt, das Bild Feuerbachs und darunter, von der Hand des
Prsidenten geschrieben, die Worte: Wer die Stunde liebt, der liebt Gott; der
Lasterhafte entflieht sich selbst.
    Caspar schaute den Prsidenten mit groen Augen ngstlich an Er wiederholte
fr sich im stillen, mit sichtbarer Bewegung der Lippen, die geschriebenen Worte
und dann, was der Prsident zu ihm gesagt; alles verflo im Nebel und, des
feierlichen Tones halber, in eine Ahnung von Gefahr.
    Es pochte an der Tr, und auf das Herein des Prsidenten brachte ein Eilbote
einen Brief. Kaum hatte Feuerbach, ohne das Schreiben zu ffnen, einen Blick auf
das Siegel geworfen, als er die Handglocke lutete und dem eintretenden Diener
den Befehl gab, es solle sogleich angespannt werden. Ich mu noch diesen Abend
reisen, sagte er zu Caspar.
    In unbestimmtem Lauschen und Warten blieb Caspar stehen. Der Postillon im
Hof knallte mit der Peitsche. Ein Hauch der Ferne umwehte Caspar, er sprte
pltzlich etwas von der Gre der Welt, und die Wolken am Himmel schienen Arme
herunterzustrecken, um ihn emporzuheben. Als ihm der Prsident die Hand zum
Abschied reichte, bat er schmeichelnd, mit verlangendem Lcheln: Mcht auch
mitfahren.
    Wie, Caspar! rief der Prsident in gespielter berraschung, und pltzlich
wieder das frhere Du der Anrede whlend, willst du denn fort von den
Nrnbergern? Hast du denn vergessen, was du deinem gtigen Pflegevater schuldig
bist? Was wrde Herr Daumer sagen, wenn du ihn so undankbar verlieest? und
viele andere wackere Mnner, die sich deiner angenommen haben? Es erstaunt mich,
Caspar. Bist du denn nicht gern hier?
    Caspar schwieg und senkte die Augen. Hier ist immer dasselbe, dachte er. Er
sehnte sich fort; er dachte, einmal knne man fortgehen, man knnte in der Nacht
das Tor ffnen und knnte gehen, ohne den Weg zu wissen. Vielleicht kme dann
einer, um zu fragen: wohin, Caspar? Und er fhrte ihn zu einem Schlo, vor dem
viel Volks versammelt ist; drinnen ruft eine Stimme Caspars Namen, die Leute
machen Platz, und viele Arme deuten auf das Tor, dem er zuschreitet.
    Sprich! mahnte der Prsident barsch.
    Sie sind alle gut mit mir, flsterte Caspar mit zuckenden Lippen.
    Nun also!
    Es ist nur -
    Was? Was ist -? Heraus mit der Sprache!
    Caspar schlug langsam die Augen auf, machte mit dem Arm eine weite Geste,
als wolle er den ganzen Erdkreis in das Wort einbeziehen und sagte: Die
Mutter.
    Feuerbach wandte sich weg, ging zum Fenster und blieb schweigend stehen.
    Eine Viertelstunde spter schritt Caspar durch die engen Gassen beim Rathaus
und kam alsbald auf den menschenverlassenen Egydienplatz. Es war schon dunkel
geworden, vor der Kirche brannte eine llaterne, und whrend er nach links abbog
wo das niedere Buschwerk einer Gartenanlage den Platz gegen die Laufergasse
schlo, gewahrte er einen ruhig stehenden Mann, der gebeugten Kopfes nach ihm
hersah. Caspar ging ein wenig langsamer, pltzlich sah er, da der Mann den Arm
erhob und mit dem Finger winkte.
    Caspars Herz klopfte laut. Irgend etwas zwang ihn, der stummen Aufforderung
des Unbekannten zu folgen. Der Mann fuhr fort, mit dem Finger zu winken, und wie
hingezogen trat Caspar ein paar Schritte auf ihn zu. Da ging der Mann tiefer in
das Gehlz, hrte aber nicht auf zu winken. Caspar konnte sein Gesicht nicht
sehen, das unter dem weit in die Stirn gedrckten Hut versteckt war.
    Er folgte dem Menschen, obwohl alle Fibern seines Leibes widerstrebten, mit
Grauen fhlte er sich Schritt um Schritt gezogen, seine Augen waren aufgerissen,
Staunen und Schrecken lagen in seinem Gesicht, und die Hnde hielt er. mit
gespreizten Fingern von sich gestreckt.
    Schon war er dem Unbekannten so nahe, da er dessen gelbe Zhne zwischen den
Lippen schimmern sah, und wer wei, was geschehen wre, wenn sich nicht in
diesem Augenblick auf der andern Seite des Gebsches ein Trupp betrunkener
junger Leute htte hren lassen; der fremde Mann stie einen gurrenden Laut aus,
bckte sich rasch und war unter dem Schutz des Laubwerks im Nu verschwunden.
    Auch Caspar kehrte um und rannte gegen die Kirche; er lief geradeswegs
mitten in die Schar der Lrmmacher hinein, die ihn aufzuhalten suchten, und so
vermischte sich ein Schrecken mit dem andern. Nur mit Mhe ri er sich los,
einige folgten ihm schreiend, er verdoppelte seine Eile, der Hut fiel ihm vom
Kopf, er lie ihn liegen, rannte, so schnell er konnte, durch die Judengasse und
weiter und ging erst wieder langsamer, als er sich auf der Brcke zur Insel
Schtt befand.
    Daumer war schon unruhig geworden und wartete vor dem Haustor. Betroffen
hrte er Caspars hastigen und unklaren Bericht an, und nach einiger berlegung
meinte er, er glaube nicht recht an das Abenteuer; da hat dir wohl deine
allweil erregte Phantasie einen trichten Streich gespielt, sagte er
ungewhnlich streng. Nein, es ist wirklich wahr, beteuerte Caspar. Dann klagte
er, da er den Hut verloren habe, und schlielich zeigte er, auf einmal ganz
heiter geworden, das Heft, das ihm der Prsident geschenkt und das er whrend
der ganzen Zeit krampfhaft in der Hand festgehalten hatte.
    Zerstreut besah es Daumer. Hat dir Anna nicht gesagt, da wir zur
Magistratsrtin gehen? fragte er migelaunt. Es ist hchste Zeit; mach flink
und zieh dir den Sonntagsrock an.
    Caspar schaute ihn mit schrgem Blick von unten an und ging zgernd ins
Haus. Daumer, der schon im Gesellschaftskleid war, wandelte zweimal bis zum
Pegnitzufer und wieder zurck; eine halbe Stunde verflo, und Caspars langes
Ausbleiben machte ihn endlich ungeduldig. Er eilte die Stiege hinan und betrat
Caspars Zimmer, wo eine Kerze brannte. Zu seinem rger nahm er wahr, da Caspar
angekleidet auf dem Bette lag und schlief Er rttelte ihn an der Schulter, lie
aber pltzlich ab, durchma ein paarmal das Zimmer, ohne seines Mimuts Herr zu
werden, dann stie er zornig hervor: Ach was, soll die Neugier der guten Leute
um ihren Schmaus betrogen werden!
    Durch den finstern Flur schritt er ins Gemach der Schwester, die vor dem
Klavier sa und spielte. Er legte ihr den Fall vor und Anna gab ihm ohne
weiteres recht, da er Caspar zu Hause lasse. Dann mu jemand zur Rtin und
unser Ausbleiben entschuldigen, sagte Daumer in einem Ton, als ob das
Versumnis sonst schlecht ausgelegt werden knne und er Unannehmlichkeiten zu
befrchten habe. Anna erwiderte, die Magd sei nicht da, und nach einigem
Besinnen erklrte sie sich bereit, den Gang selbst zu tun.
    Als sie fort war, setzte sich Daumer zu den Bchern, rckte die Lampe
zurecht und las. Doch er hatte ein schlechtes Gewissen und fuhr bei jedem Laut
zusammen. Nach einer geraumen Weile hrte er Schritte; Anna trat hinter seinen
Stuhl und sagte hastig, die Magistratsrtin sei mitgekommen, um Caspar zu holen.
Daumer sprang auf; das heie ich den Spa zu weit getrieben, murmelte er
entrstet. Anna legte ihm die Hand auf den Mund, denn schon stand die Rtin in
der Tre; reich geschmckt, im Seidenmantel, ein kostbares Spitzentuch um den
Kopf.
    Sie war eine nicht mehr ganz junge, aber sehr stattliche Frau ungewhnlich
gro gewachsen, mit ungewhnlich kleinem Kopf. In ihrem Betragen vermischte sich
das Modisch-Franzsische und das Nrnbergerisch-Provinzliche auf eine nicht
immer ganz einwandfreie Weise, und wo jenes zur Geltung kommen sollte, guckte
dieses wie der Zipfel eines schlechtverborgenen Armeleutgewands unter einer
brokatenen Tunika hervor.
    Sie rauschte auf Daumer zu, majesttisch wie eine schaumige Woge, und der
gute Mann, niedergeschmettert von so viel Glanz, verga seinen Groll und fhrte
die dargereichte Hand der Dame an seine Lippen. Mu ich selbst Sie an Ihr
Versprechen erinnern? rief sie mit einer sonoren, krftigen Stimme. Was solls
bedeuten, Professor? Was ist vorgefallen? Weshalb die Absage? Sie sehen, ich
verlasse meine Gste, um ein Wort einzulsen, das Ihnen zu brechen so leicht
wird. Keine Ausflucht, lieber Daumer, Caspar mu mit, wo ist er?
    Er schlft, erwiderte Daumer zaghaft.
    Nom de Dieu! Er schlft! Da dich das Musle beit! So wird man ihn halt
wecken. Marsch, marsch, voran!
    Daumer hatte nicht den Mut, zu widersprechen, dies zupackende Gebaren
beraubte ihn der gegenstndlichen Grnde. Er nahm die Lampe und schritt voraus.
Anna, die zurckblieb, rusperte sich emprt, dies beirrte aber Frau Behold
keineswegs, als Antwort zuckte sie nur verchtlich die Achseln.
    Daumer stand so versonnen an Caspars Lager, da er die Lampe wegzustellen
verga. In der Tat mochte es schwerlich etwas Schneres zu sehen geben als den
Engelsfrieden und die rosenhafte Heiterkeit, die auf dem Gesicht des Schlfers
leuchteten. Frau Behold schlug unwillkrlich die Hnde zusammen, und darin lag
Wahrheit und Gefhl.
    Bestehen Sie noch darauf, ihn zu wecken? fragte Daumer richterlich. Der
Schlaf ist heilig. Die seligen Geister werden fliehen, sobald unsre Hand ihn
berhrt.
    Frau Behold klappte die Lider auf und zu, als wolle sie das bichen Rhrung
davonjagen, wie man Fliegen mit einem Wedel vertreibt. Schn gesagt, spottete
sie, und ihre Stimme surrte wie das Rdchen einer Spindel. Aber ich bestehe auf
meinem Schein. Ich will dem Buben was dafr schenken, und was die seligen
Geister betrifft, die kommen wieder, zum Schlafen gibts Nchte genug.
    Whrend Daumer den Schlafenden bei den Schultern emporhob und durch
zrtliches Zureden mehr sich selbst als Caspar zu beschwichtigen schien, zeigte
sich in dem kleinen Gesicht der Frau Behold eine wunderliche Erregung. Sie
blinzelte mit den Augen, ihre Unterlippe wurde schlaff und entblte eine
schmale, feste Zahnreihe wie bei einem Nagetier. Pauvre diable, murmelte sie,
armes Herzle, und erfate Caspars Hand.
    Davon erwachte Caspar vllig, befreite die Hand mit einem Ruck und
schttelte sich. Sein trunken-mder Blick fragte, was man mit ihm vorhabe,
Daumer erklrte es, schenkte Wasser in ein Glas und gab es ihm zu trinken, nahm
den Sonntagsrock, der schon bereitlag, und hielt ihn zum Anziehen hin.
    Caspar heftete den verdunkelten Blick auf Frau Behold und sagte trotzig:
Ich will nicht zu der Frau.
    Wie, Caspar? rief Daumer erstaunt und verletzt. Zum erstenmal vernahm er
dies ich will nicht, zum erstenmal stand Caspars Wille gegen ihn auf Caspar
war selber erschrocken, sein Blick war schon wieder gefgig, als Daumer mit
ernsthaftem Ton fortfuhr: Ich aber will es. Ich will auch, da du die Dame um
Verzeihung bittest. Es geht nicht an, da du eine Laune ber dich Herr werden
lt. Wenn wir uns der Rcksichten gegen die Menschen entbinden wrden, stnden
wir alle so hilflos da wie du am ersten Tag.
    Mit niedergeschlagenen Augen tat Caspar, was ihm befohlen worden. Frau
Behold nahm den ganzen Auftritt nicht schwer. Sie ttschelte Caspars Wange und
fand den Professor Daumer ziemlich komisch.
    Eine halbe Stunde spter waren sie in den festlich erleuchteten Zimmern der
Rtin. Caspar, von Menschen umdrngt, mute die gewhnliche Flut der Fragen ber
sich ergehen lassen. Frau Behold wich nicht von seiner Seite, sie lachte,
beinahe zu allem, was er sagte, und er wurde allmhlich verwirrt und unruhig,
empfand Angst vor den Worten; es schien ihm gefhrlich, zu sprechen, es war, als
ob alle Worte zwiefach vorhanden wren, einmal offenbar, das andre Mal verhllt,
und so wie die Worte hatten auch die Menschen etwas Zwiefaches, und
unwillkrlich suchten seine Blicke in ein und derselben Person die zweite, die
lauernd hinterherging und verfhrerisch mit dem Finger winkte.
    Es war ihm unverstndlich, was sie von ihm wollten, ihre Kleidung, ihre
Gebrden, ihr Nicken, ihr Lcheln, ihr Beisammensein, alles war ihm
unverstndlich, und auch er selbst, er selbst fing an, sich unverstndlich zu
werden.
    Indessen verlebte Daumer eine bse Stunde. Frau Behold, die stolz darauf
war, ihr Haus zum Sammelort vornehmer Fremden zu machen, hatte heute einen Herrn
zu Gast, der, wie man sich erzhlte, unter falschem Namen reiste, da er in
wichtiger diplomatischer Mission nach einer Residenz im Osten des Landes
unterwegs sei. Man raunte sich auch zu, da der hohe Fremde groes Interesse an
dem Findling Hauser nehme und da er vielen einflureichen Personen gegenber
sich abfllig und tadelnd ber die unsinnigen Gerchte geuert habe, die
Caspars Herkunft zum Gegenstand hatten. Und man mu gestehen, da die
einflureichen Personen sich dem Gewicht einer solchen Meinung nicht
verschlossen, aber das Treiben des vornehmen Herrn gab auch Anla zu mancherlei
Verdacht, und der Redakteur Pfisterle, Querulant wie immer, behauptete sogar,
der diplomatische Herr sei nach seiner Ansicht nichts andres als ein verkappter
Spion.
    Wie dem auch war, von all diesen Neuigkeiten hatte Daumer in seiner
Weltverlorenheit nichts erfahren. Der Fremde gesellte sich nach kurzer Weile zu
ihm, und sie kamen ins Gesprch, wobei es jener leicht anzustellen wute, da
sie sich von den brigen Gsten absonderten. Daumer, eingeschchtert durch die
Manieren, die delikate Zwanglosigkeit des hohen Herrn, dessen Rockbrust voller
Orden hing, wute zuerst kaum etwas zu sagen, antwortete blo wie ein Schler
mit nein und ja. Allmhlich gab er sich freier und erzhlte seinem Zuhrer
vieles von Caspar, kam auf dessen furchtsames Wesen zu sprechen und schilderte
wie zur Erluterung das Benehmen des Jnglings, als er heute abend, vor einem
eingebildeten, ohne Zweifel eingebildeten, Verfolger flchtend nach Hause
gekommen war.
    Der Fremde hrte aufmerksam zu. Vielleicht hat er sich aber gar nicht
getuscht, entgegnete er vorsichtigen Tons, es mag sich da mancherlei in der
Verborgenheit abspielen. Meines Wissens haben ja auch Sie, lieber Professor, vor
lngerer Zeit eine Art von Warnung erhalten. Sie drfen sich daher nicht
wundern, wenn aus gewissen Drohungen Ernst wird.
    Daumer stutzte, doch der Fremde fuhr mit liebenswrdiger Offenheit,
scheinbar harmlos plaudernd, fort: Sie sollten sich an den Gedanken gewhnen,
da da Mchte im Spiel sind, die vor nichts zurckschrecken, um ihre Maregeln
mit Nachdruck durchzufhren. Das unruhige Gemunkel wird vielleicht als strend
empfunden, vielleicht hat man etwas auf dem Kerbholz und mchte die
ffentlichkeit vermeiden. Vorlufig mag es der Gewalt, die da im Hintergrund
ist, darum zu tun sein, die Dinge mglichst in Verborgenheit abzumachen, aber
sie knnte wohl auch offenes Spiel treiben, sie knnte der Polizei und den
Gerichten mit Gemtsruhe die Hnde binden. Einstweilen begngt man sich aber,
die Fden hinter den Kulissen zu ziehen.
    Von neuem stutzte Daumer; die Worte seines Gegenber schienen einen genauen
Bezug zu haben; doch der Fremde lie ihm keine Zeit zu berlegen, er fuhr mit
heller Stimme, fast vertraulichen Tones fort: Ich glaube vor allem, da man die
Verbreitung all des hirnlosen Geschwtzes durch das bequeme und naheliegende
Mittel der Druckschrift frchtet und ahnden wird. Man demaskiert sich dort oben
ungern, noch weniger will man von andern demaskiert werden, man liebt es nicht
auf den Markt zu treten, noch seine privaten Angelegenheiten da ausgeboten zu
sehen; das ist begreiflich. Der Staatsbrger hat Freiheiten genug; in seinem
Bereich mag er sich tummeln, nach oben soll er sich gebunden finden.
    Was war das? Daumer meinte zu verstehen, worauf es hinauswollte; er
beschlo, dem dunkeln Befehl zu gehorchen; war doch dem Zwang schon seine eigne
Freiwilligkeit zuvorgekommen.
    Ich mchte mir eine Frage erlauben, verehrter Professor, begann der Fremde
wieder; sind Sie wirklich berzeugt, da der hergelaufene Knabe, an dem ich auf
meine Art, ich will es nicht leugnen, ein gewisses ueres Interesse nehme, die
ununterbrochene Aufmerksamkeit ernsthafter Mnner verdient und rechtfertigt?
Lohnt es sich denn, die ganze Welt mit seiner zweifelhaften Sache zu
beschftigen? Was bleibt fr die groen Angelegenheiten der Nation, der
Wissenschaft, der Kunst, der Religion, des Lebens berhaupt, wenn ein Mann wie
Sie die besten Geisteskrfte an ein empfindsames Naturspiel verschwendet? Man
rhmt die auergewhnlichen Gaben des Findlings. Ich bemhe mich umsonst, solche
Gaben zu entdecken; ich bin khn genug, zu behaupten, da ich damit nur an Ihre
eigne Ungewiheit rhre. Lassen wir noch ein wenig Zeit vergehen, und wir werden
ber diesen Punkt eine betrbende Sicherheit gewinnen. Innerhalb der
menschlichen Gesellschaft gibt es Hunderttausende von Wesen, die, mit ebenso
groen oder noch greren Eigenschaften geboren, dennoch einem ungleich
elenderen Los verfallen sind. Die wahrhafte Tugend mte sich auch fr sie
entflammen, denn in der Idee darf dem Erbarmen mit der menschlichen Not keine
Grenze gesetzt sein. Aber wo endete der Mann der sein Herz nach allen Seiten hin
zerrisse und in Fetzen austeilte? Er stnde leer da an dem Tage, wo ein wrdiger
Gegenstand ein wrdiges Opfer von ihm forderte. Denken Sie sich von Caspars
Lebensalter ein Dutzend Jahre hinweg, und das vermeintliche Wunder ist enthllt
bis auf den Grund und hat Ihnen nichts mehr zu geben als die beschmende
Selbstverstndlichkeit einer natrlichen Tatsache. Bestenfalls bleibt ein
Kuriosum, mit welchem man ein Tischgesprch wrzen kann. Ein Kuriosum und das
bichen Geheimnis, das allen unreifen Kpfen so aufregend dnkt.
    Widerspruch und Abwehr malten sich in Daumers Zgen; sein umherschweifender
Blick suchte nach Caspar, aber alles, was er zu sagen wute, war: Nicht durch
Worte kann die Seele fr sich zeugen.
    Der Fremde lchelte bitter. Die Seele! die Seele! erwiderte er spttisch.
Sie kann nicht durch Worte zeugen, denn sie ist nur ein Wort wie jedes andre.
Das Auge schaut, der Finger sprt, jedes Hrchen lebt auf eigne Weise, das Blut
durchspritzt die Adern, jeder Sinn macht den Raum lebendig, den Tod fhlbar, was
ziert ihr euch da und wollt ein Besonderes haben und sprecht von Seele, als sei
die Seele wie ein Schmuckstck, das eine eitle Frau im Kstchen verschliet und
gelegentlich an ihren Busen steckt, um beim Ball damit zu glnzen! Jeder ist im
allgemeinen ausgeteilt, und sein Zuschu von Krften ist kein Privileg, sondern
nur eine Hoffnung. Oder drfte der Adler die Seele fr sich in Beschlag nehmen,
weil er besser zu fliegen vermag als die Gans? Die Seele! Ihr Herren beleidigt
den Schpfer damit, ob ihr sie leugnet oder ob ihr Bcher schreibt, um sie zu
beweisen.
    Es entstand ein Schweigen. Er spricht wie ein Satan, dachte Daumer, und als
er sich anschickte zu antworten, kam ihm der Fremde mit hflicher
Eindringlichkeit zuvor. Ich wei, Sie lieben Caspar, sagte er mit vernderter
Stimme, ernst und herzlich, Sie lieben ihn brderlich, und nicht Mitleid nhrt
diesen Trieb, sondern die schne Begierde, die stets den Gott in der Brust des
andern sucht und nur im Ebenbild sich selbst erkennen will. Aber Sie mchten
eine Ausrede haben fr Ihre Liebe, das ist es. Mu ich Ihnen sagen, da es keine
tieferen Wunden gibt als die Enttuschungen aus solchem Zwiespalt? Ich rate
Ihnen, fliehen Sie den Anblick und die Gesellschaft dessen, der Ihnen nichts
mehr zu bieten hat als Enttuschung.
    Also sind wir denn zu schwach, dem Erlebnis gegenber so zu bleiben, wie
wir zu sein glaubten, indem wir es ersehnten! rief Daumer verzweifelt.
    Der Fremde verzog sein faltigaltes Gesicht zu einer Grimasse des Bedauerns.
Eine leichte Gebrde verriet, da das Gesprch fr ihn erschpft sei, und sie
mischten sich wieder unter die brigen Gste. Daumer, vllig aus der Fassung
gebracht, wnschte nichts weiter, als den lrmenden Kreis zu verlassen. Er
suchte Caspar und bemerkte ihn, bla und schweigsam, mitten unter schillernden
Roben und grauen und braunen Frcken; Frau Behold sa auf einem niedrigen
Schemel fast zu seinen Fen, und ihr Gesicht sah hart und dster aus.
    Der Abschied war umstndlich. Als sie auf den vereinsamten Gassen schweigend
ein Stck Wegs zurckgelegt hatten, schlang Daumer den Arm um Caspars Schulter
und sagte: Ach, Caspar, Caspar! Es klang wie eine Beschwrung.
    Caspar, den es nach Belehrung drstete und dessen Herz zum berflieen voll
von Fragen war, seufzte auf und lchelte seinem Lehrer in wiedererwachtem
Vertrauen zu. Sei es nun, da Blick und Lcheln Daumer an einer Stelle seines
Innern trafen, wo er sich unsicher und schuldig fhlte, sei es, da die Nacht,
die Einsamkeit, die qulenden Zweifel, das wunderliche Gesprch, das er eben
gefhrt, seinen Geist zu bertriebener Inbrunst entzndeten, er blieb stehen,
umarmte Caspar noch fester und rief mit emporgewandten Augen: Mensch, o
Mensch!
    Das Wort ging Caspar durch Mark und Bein. Ihm war, als erffne sich ihm auf
einmal, was dies zu bedeuten habe: Mensch! Er sah ein Geschpf, tief unten
verstrickt und angekettet, von tief unten hinaufschauend, fremd sich selbst,
fremd dem andern, dem es das Wort Mensch zuschrie und der ihm nichts antworten
konnte als eben diesen inhaltsvollen Ruf: Mensch.
    Sein Ohr hielt den Klang fest, der durch die Ergriffenheit Daumers etwas
Weihevolles fr ihn bekommen hatte. Am andern Morgen nahm er sein Tagebuch zur
Hand, und die erste Eintragung, die er darin machte, waren die drei Worte:
Mensch, o Mensch, fr jeden andern natrlich eine sinnlose Hieroglyphe, fr ihn
aber ein deutungsvoller Hinweis, ein entschleiertes Geheimnis beinahe, ein Wahl-
und Zauberspruch zur Abwendung von Gefahren. Es entsprach seinem kindischen
Wesen, da er von derselben Stunde ab das Tagebuch als eine Art von Heiligtum
betrachtete, welches nur in Zeiten der Andacht und Sammlung zugnglich war, und
in einer jener sehnschtigen und angstvoll traurigen Stimmungen, die ihn hufig
befielen, fate er den sonderbaren und folgenschweren Entschlu, da kein andrer
Mensch auer seiner Mutter jemals Einblick in dieses Heft erlangen, jemals lesen
sollte, was er darin aufschreiben wrde. Solche Vorstze starrsinnig zu halten,
dazu war er durchaus imstande.
    Als wenige Tage nachher die Prinzessinnen von Kurland in Daumers Haus kamen,
die mit Feuerbach befreundet waren und groe Teilnahme fr Caspar hegten, kam
zuflligerweise die Rede auf das Geschenk, das der Prsident seinem Schtzling
gemacht, und da Daumer erzhlte, es befnde sich in dem Bchlein ein sehr gutes
Stahlstichportrt des Prsidenten, wnschten die Damen das Heft gern zu sehen.
Zu aller Erstaunen weigerte sich Caspar, es zu zeigen. Daumer warf ihm
erschrocken seine Unhflichkeit vor, aber er blieb hartnckig. Die Damen
bestanden nicht weiter darauf, ja sie lenkten sogar die Unterhaltung taktvoll in
eine andre Richtung, aber als sie fortgegangen waren, nahm Daumer den Jngling
ins Gebet und fragte ihn nach dem Grund seiner Weigerung. Caspar schwieg. Und
wrdest du auch mir, wenn ich es verlangte, das Heftchen vorenthalten? fragte
Daumer. Caspar sah ihn gro an und antwortete treuherzig: Sie werden es gewi
nicht verlangen, bitte schn!
    Daumer war sehr betroffen und entfernte sich still.
    Gegen Abend kam Herr von Tucher, bat Daumer um eine Unterredung unter vier
Augen, und als sie allein waren, sagte er ohne weitere Einleitung: Ich mu Sie
leider davon in Kenntnis setzen, da ich unsern Caspar zweimal beim Lgen
ertappt habe.
    Daumer schlug stumm die Hnde zusammen. Das fehlte nur noch, dachte er.
    Beim Lgen! Zweimal beim Lgen ertappt! Ei du gtiger Himmel, wie war das
zugegangen?
    Die Sache verhielt sich so: Am Sonntag sei er mit dem Brgermeister in
Caspars Zimmer getreten, erzhlte Herr von Tucher, und habe den Jngling
ersucht, ihn in seine Wohnung zu begleiten. Da habe Caspar, der bei den Bchern
gesessen, erwidert, er drfe nicht, Daumer habe ihm verboten, das Haus zu
verlassen. Dem Brgermeister sei das gleich bedenklich erschienen, besonders da
ihn Caspar kaum anzusehen gewagt; er habe sich unauffllig bei Daumer erkundigt,
wie dieser sich wohl erinnern werde, und seinen Verdacht besttigt gefunden. Am
andern Tag seien beide, Herr Binder und Herr von Tucher, whrend Daumer vom
Hause fortgewesen, zu Caspar gekommen und htten ihm seine Unwahrheit
vorgehalten. Unter Erglhen und Erblassen habe er sein Vergehen zugestanden,
habe aber, wie ein gescheuchter Hase in die Enge getrieben und den ersten besten
Ausweg ergreifend, albernerweise eine Geschichte erfunden von einer Dame, die
bei ihm gewesen und die ihm ein Geschenk versprochen, weshalb er auf sie
gewartet habe.
    Auf unser mehr bestrztes als strenges Zureden bekannte er sich auch dieser
Unwahrheit schuldig, fuhr Herr von Tucher mit unerschtterlichem Ernst fort.
Er gab zu, da er nur in Ruhe habe studieren wollen und da ihm kein andres
Mittel eingefallen sei, um die lstigen Strungen abzuwenden. Instndig flehte
er uns an, Ihnen nichts von seinem Fehltritt zu erzhlen, er wolle es nie wieder
tun. Ich hab mirs aber berlegt und bin zu dem Schlu gelangt, da es besser
ist, wenn Sie alles wissen. Es ist vielleicht noch Zeit, um das bse Laster mit
Erfolg zu bekmpfen. Man kann ihm ja nicht ins Herz schauen, doch ich glaube
noch immer an die Unverdorbenheit seines Gemts, wenngleich ich berzeugt bin,
da uns nur die uerste Wachsamkeit und unerbittliche Manahmen vor grberen
Enttuschungen bewahren knnen.
    Daumer sah vollkommen vernichtet aus. Und das von einem Menschen, auf
dessen heiliges Wahrheitsgefhl ich Eide geschworen htte, murmelte er. Wenn
Sie es nicht wren, der mir das erzhlt, ich wrde lachen. Noch vor einer Stunde
htte ich jeden fr einen Schurken erachtet, der mir gesagt htte, Caspar sei
einer Lge fhig.
    Auch mir ist es nah gegangen, versetzte Herr von Tucher. Aber wir mssen
Geduld haben. Sehen Sie zu, halten Sie die Augen offen, warten Sie auf den
nchsten gegrndeten Anla, dann greifen Sie ein, und zwar mit wuchtiger Hand.
    Eine Lge; nein, zwei Lgen auf einmal! Der arme Daumer er wute sich keinen
Rat. Er ging hin und berlegte. Herr von Tucher nimmt den ganzen Vorgang zu
schwer, sagte er sich; Herr von Tucher ist eine sehr gerechte Natur, aber ohne
Zweifel ein Mann mit vielen Vorurteilen, die ihn dazu verfhren, eine Lge mit
allen verfemenden Zeichen der beltat auszustatten; Herr von Tucher kennt das
tgliche Leben nicht, das unsereinen unterscheiden lehrt zwischen dem, was
schlecht ist und was der Andrang gebieterischer Umstnde auch dem Redlichsten
entpret. Aber was geht mich Herr von Tucher an, hier handelt es sich um Caspar.
Ich glaubte einst, von ihm fordern zu drfen, was keiner sonst von keinem
fordern darf. War es eine Verblendung, eine Anmaung von mir? Wir wollen sehen;
ich mu jetzt herausbekommen, ob er schon zu den Gewhnlichen gehrt oder ob
sein Wille noch einer unhrbar rufenden Stimme zu gehorchen fhig ist. Hat sich
sein Ohr jedem Geisterhauch und -schall schon verschlossen, dann ist seine Lge
eine Lge wie jede andre, kann ich aber noch bersinnliche Krfte des Verstehens
in ihm wecken, dann will ich die Philister verachten, die immer gleich mit dem
Bakel erscheinen.
    Es bedurfte einer schlaflosen Nacht, um dem sonderbaren Plan Daumers, der
eine Art Gottesurteil in sich schlieen sollte, auf die Beine zu helfen. Die
Weigerung Caspars, sein Tagebuch zu zeigen, gab den Ansto. Ich will ihn
bewegen, mir aus eignem Trieb das Heft zu bringen, kalkulierte Daumer ich will
etwas wie eine metaphysische Kommunikation zwischen mir und ihm herstellen; ich
werde ihn, ohne ein Wort zu sprechen, mit meinem geistigen Verlangen zu erfllen
trachten und werde eine Stunde festsetzen, innerhalb deren das nur Gewnschte zu
geschehen hat. Kann er folgen, so ist alles gut; wenn nicht, dann ade,
Wunderglaube, dann hat dieser beredsame Materialist recht gehabt, mir die Seele
wegzudisputieren.
    Am Morgen, so gegen neun Uhr, kam Anna zu ihrem Bruder und sagte, Caspar
gefalle ihr heute ganz und gar nicht; er sei schon um fnf aufgestanden und es
sei eine Unruhe in ihm, die sie noch nie wahrgenommen; beim Frhstck habe er
fortwhrend ngstlich um sich herumgeschaut und keinen Bissen gegessen.
    Daumer lchelte. Sollte er jetzt schon spren, was ich mit ihm vorhabe?
dachte er, und seine Stimmung wurde mild und zuversichtlich.
    Ein schicklicher Vorwand, die Frauen aus dem Haus zu schaffen, fand sich
ungezwungen; Frau Daumer mute ohnehin auf den Markt, Anna wurde berredet,
einige Besuche zu machen. Um elf Uhr machte sich Caspar an seine Schularbeiten,
Daumer ging ins Nebenzimmer, lie aber die Tr offen. Er setzte sich, das
Gesicht gegen Caspars Platz gerichtet, ein wenig hinter der Schwelle auf ein
Sthlchen, und es gelang ihm alsbald, mit erstaunlicher Energie all seine
Gedanken auf das eine Ziel zu richten, auf dem einen Punkt zu sammeln. Im Haus
war es sehr still, kein Laut strte das wunderliche Beginnen.
    Bleich und gespannt sa er also und beobachtete, da Caspar hufig aufstand
und zum Fenster trat. Einmal ffnete er das Fenster, das andre Mal schlo er es
wieder. Dann begab er sich zur Tr und schien zu berlegen, ob er hinausgehen
solle. Sein Auge war ohne Stetigkeit und sein Mund eigentmlich gramvoll
verzogen. Aha, es rumort in ihm, frohlockte Daumer, und immer, wenn Caspar sich
dem Schrnkchen nherte, in dem das blaue Heft wahrscheinlich lag, bekam der
unglckliche Magier vor Erwartung Herzklopfen.
    Wie weit war Caspar davon entfernt, auch nur zu ahnen, was in Daumer
vorging! zu ahnen, da in dieser Stunde sein Geschick und Wesen vor ein Tribunal
gestellt wurde!
    Es war ihm ungeheuer bang heute. Es war ihm so bang, da er ein paarmal die
ganz bestimmte Vorstellung hatte, es wrde ihm etwas Schlimmes zustoen. Ja, er
hatte das unabweisbare Gefhl, da einer unterwegs sei, der ihm etwas zuleide
tun werde. Erstickend lag die Luft im Raum, die Wolken am Himmel blieben lauernd
stehen; wenn durch die Baumkronen vor dem Fenster eine Schwalbe strich, sah es
aus, als ob eine schwarze Hand pfeilschnell auf und nieder tauche; das
Deckengeblk bog sich niedriger, hinter dem Getfel der Wand knackte es
unheimlich.
    Caspar ertrug es nicht mehr. Sein Blick stach, eine khlschaurige Angst flo
ihm durch die Haare, die Brust wurde eng, es trieb ihn hinaus, hinaus ...
Pltzlich verlie er mit fliehenden Gebrden das Zimmer.
    Ruhig blieb Daumer sitzen und stierte vor sich hin wie einer, der aus dem
Rausch erwacht. Vorber, die Frist war verstrichen. Er schmte sich sowohl
seiner Niederlage als auch seines vermessenen Unterfangens, denn er war ja ein
gescheiter Kopf und hatte Selbstbesinnung genug, um die spielerische Willkr
dessen, was er gewollt, ernchtert zu empfinden.
    Trotzdem ergriff ihn eine finstere Gleichgltigkeit. Der Hoffnungen zu
gedenken, die sich noch vor kurzem an den Namen Caspar geknpft, verursachte ihm
einen schalen Geschmack auf der Zunge. Er fate den unerschtterlichen Vorsatz,
sein Leben wie ehedem dem Beruf, der Einsamkeit und den Studien zu widmen und
die Krfte des Geistes nur dort zu opfern, wo im Frieden der Erkenntnis und des
Forschens jede Gabe sichtbar bezahlt wird.

                        Eine vermummte Person tritt auf


Caspar war in den Garten gegangen. Er lief ber den feuchten Boden bis zum Zaun
und schaute gegen den Flu hinber. Ein bleifarbener Dunst umkleidete die
Trmchen und ineinandergeschobenen Dcher der Stadt, nur das bunte Dach der
Lorenzerkirche glnzte hell, doch glich alles zusammen mehr einem Spiegelbild im
Wasser als einer greifbaren Wirklichkeit.
    Caspar frstelte, und es war doch warm. Er wandte sich wieder gegen das
Haus. Als er das Pfrtchen geffnet hatte, machte ihn der leer daliegende Flur
betroffen. Ein breiter Streifen Sonne, der ber die Steinfliesen kam und
zitternd die weien Stufen der Wendeltreppe hinauflief, verstrkte den Eindruck
der Verlassenheit. Hinter einer Tr des Flurs, aus der Wohnung des Kandidaten
Regulein, tnten Geigenklnge; der Kandidat bte. Den einen Fu schon auf der
Treppe, blieb Caspar stehen und lauschte.
    Da! Da war es! Da kam er! Ein Schatten erst, dann eine Gestalt, dann eine
Stimme. Was sagte die Stimme, die tiefe Stimme?
    Eine tiefe Stimme sprach hinter ihm die Worte: Caspar, du mut sterben.
    Sterben? dachte Caspar erstaunt, und seine Arme wurden steif wie Hlzer.
    Er sah einen Mann vor sich stehen, der ein seidig-schwarzes, langhngendes,
vom Zugwind ein wenig geblhtes Tuch vor dem Gesicht hatte. Er hatte braune
Schuhe, braune Strmpfe und einen braunen Anzug. ber seinen Hnden trug er
Handschuhe, und in seiner Rechten funkelte etwas Metallenes, funkelte schnell
und erlosch. Er schlug Caspar damit. Whrend Caspar den gelhmten Blick nach
oben zwang, sprte er einen donnernden Schmerz im Hirn,
    Auf einmal hrte der Kandidat Regulein auf, die Geige zu spielen. Es
erschallten Schritte, die wieder verklangen, doch mochte der Vermummte stutzig
geworden sein und die Furcht ihn verhindern, zum zweitenmal auszuholen. Als
Caspar die Augen auftat, ber die von der Mitte der Stirn herunter eine
brennende Nsse flo, war der Mann verschwunden.
    Ei, htte er nur nicht Handschuhe gehabt, unter tausend Hnden wollte ich
seine Hand erkennen, dachte Caspar, indem er zur Seite torkelte. An der
Schmalseite, des Flurs fand er keinen Halt; er probierte die Stiege
hinaufzuklimmen, aber der Sonnenstreifen erschien wie ein hindernder Strom
Feuers. Er glitt nieder, umklammerte die Steinsule und blieb eine halbe Minute
lautlos sitzen, bis ihn die Angst packte, der Vermummte knne wieder
zurckkommen. Mit aller Kraft hielt er das fliehende Bewutsein noch fest,
richtete sich auf, taumelte vorwrts und tastete sich an der Wand entlang, als
suche er ein Loch, um sich zu verkriechen.
    Als er bei der Kellertreppe war, gab die nur angelehnte Tr dem Druck seiner
Hand nach, so da er fast hinuntergestrzt wre. Kaum sehend und ohne zu
berlegen tappte er so schnell wie mglich die finsteren Stufen hinunter, denn
schon glaubte er den Vermummten hinter sich. Als er im Keller war, spritzte
Wasser von seinen Schritten auf; es war Regenwasser, das bei schlechtem Wetter
hier unten Pftzen bildete. Endlich fand er einen trockenen Winkel; whrend er
sich niederlie und sich, voller Furcht und. Grauen, frmlich zusammenrollte,
hrte er noch von den Turmuhren zwlf schlagen, danach sah und fhlte er nichts
mehr.
    Um Viertel eins kamen die Daumerschen Frauen zurck. Anna, die im Flur
voranging, gewahrte die groe Blutlache vor der Stiege und schrie auf.
Gleichzeitig kam der Kandidat Regulein aus seiner Wohnung und meinte: Na, was
ist denn das fr eine Bescherung! Die alte Frau, die an nichts Schlimmes
dachte, uerte sich, wahrscheinlich habe jemand Nasenbluten gehabt. Anna
jedoch, mehr und mehr voll Ahnung, wies auf die blutigen Fingerabdrcke hin, die
an der Mauer bis zur Kellertr sichtbar waren. Sie sprang hinauf, ihr erster
Gedanke war Caspar, sie suchte ihn in allen Zimmern und sagte zum Bruder: Du,
da unten ist alles voll Blut. Daumer erhob sich mit einem beklommenen Ausruf
vom Schreibtisch und eilte hinaus.
    Inzwischen war der Kandidat der Blutspur bis in den Keller gefolgt. Mit
heiserer Stimme schrie er von unten nach Licht und fgte gellend hinzu: Da
unten ist er, da liegt der Hauser! Hilfe, Hilfe, schnell!
    Alle drei Daumers strzten in den Keller, Anna kam keuchend wieder zurck,
um die Kerze zu holen, die andern versuchten, den verkauerten Krper Caspars
aufzurichten, und dann trugen sie ihn selbdritt hinauf. Zum Arzt, zum Arzt!
kreischte Frau Daumer der entgegenrennenden Anna zu, die das Licht ausblies, zu
Boden warf und davonsprang.
    Als Caspar endlich oben auf dem Bett lag, wuschen sie das gestockte Blut von
seinem Gesicht, und es kam eine nicht unbedeutende Wunde inmitten der Stirn zum
Vorschein. Daumer lief mit gerungenen Hnden im Zimmer auf und ab und sthnte
fortwhrend: Das mu mir passieren! Das mu in meinem Haus passieren! Ich habs
ja gleich gesagt, ich habs immer gewut!
    Der Platz vor dem Haus war schon voller Menschen, als Anna mit dem Arzt
zurckkam. Im Flur standen einige Magistrats- und Polizeileute. Ein wenig spter
erschien auch der Gerichtsarzt; beide Doktoren versicherten, da die Wunde
ungefhrlich sei, ob aber das Gemt des Jnglings nicht eine bedenkliche
Erschtterung erlitten habe, lieen sie dahingestellt.
    Ein amtliches Protokoll konnte nicht aufgenommen werden, Caspar war immer
nur kurze Zeit bei Besinnung; er stammelte dann ein paar Worte, die allerdings
das, was mit ihm geschehen war, wie unter Blitzesleuchten erkennbar machten,
sprach von dem Vermummten, von seinen glnzenden Stiefeln und gelben
Handschuhen, fiel aber danach in heftige Wahn- und Fieberdelirien. Bei der
Besichtigung der Lokalitt wurde der Weg entdeckt, auf dem der Unbekannte ins
Haus gedrungen war: unter der Stiege befand sich nmlich gegen den Baumannschen
Garten ein kleines Trchen, dessen Vorlegeschlo zersprengt war.
    Die Vernehmung Daumers war fruchtlos, er stand kaum Rede. Gegen Abend kam
Herr von Tucher und teilte mit, da man einen Eilboten an den Prsidenten
Feuerbach abgefertigt habe.
    Das Brgermeisteramt hatte sogleich umfassende Nachforschungen veranstaltet.
An allen Haupt- und Nebentoren der Stadt wurde die Wache zu erhhter
Aufmerksamkeit verpflichtet; die Wirtshuser und Herbergen, wo Leute gemeinen
Schlags sich aufzuhalten pflegten, wurden sorgfltig durchsucht, auch wurden die
Gendarmerie und die benachbarten Landgemeinden zu ttiger Vigilanz aufgefordert.
An die Amtstafel des Rathauses wurde eine ffentliche Bekanntmachung
angeschlagen, und zwei Aktuare und die halbe Polizeimannschaft wurden mit der
Verfolgung des Frevlers betraut.
    Die Untat geschah an einem Montag; eine zu leitende Gerichtsverhandlung
hinderte unglcklicherweise den Prsidenten, sofort nach Nrnberg zu kommen,
erst am Donnerstag traf er mit Extrapost in der Stadt ein und begab sich
unverzglich aufs Rathaus. Er lie sich vom Magistratsvorstand ber die
polizeilichen Maregeln und deren Ergebnisse Bericht erstatten, zeigte sich aber
mit allem so unzufrieden und geriet ber eine Reihe von Migriffen in solchen
Zorn, da die ganze Beamtenschaft den Kopf verlor. ber die vom Aktuar ihm
vorgelegten Protokolle und Zeugenaussagen machte er sarkastische Bemerkungen; da
war eine Hallwchtersfrau, welche am Schiegraben beim Hauptspital einen
wohlgekleideten Herrn gesehen hatte, der sich in einer Feuerkufe die Hnde
wusch; da war ein bstnerweib, die in Sankt Johannis einem Fremden begegnet war,
welcher sich bei ihr erkundigt hatte, wer am Tiergrtner-Tor Examinator sei und
ob man, ohne angehalten zu werden, in die Stadt gelangen knne; da waren
verdchtige Handwerksburschen und unterstandslose Strolche verhaftet worden; da
hatte man zwei Kerle beobachtet, den einen im hellen Schalk, den andern im
dunkeln Frack, die auf der Fleischbrcke zusammengekommen waren und einander
Zeichen gegeben hatten.
    Zu spt, zu spt, knirschte der Prsident. Warum hat man nicht die
Namensliste der zu- und abgereisten Fremden in den Gasthfen kontrolliert? fuhr
er den zitternden Aktuar an.
    Die Spuren laufen nach vielen Richtungen, bemerkte schchtern der
Unglckliche.
    Gewi, die Unfhigkeit hat viele Wege, antwortete der Prsident beiend,
und mit Bedeutung fgte er hinzu: Hren Sie, Mann Gottes! Der beltter, auf
den wir da fahnden, wscht seine Hnde nicht auf offener Strae, er lt sich
mit keinem bstnerweib in Gesprche ein und braucht keinen Examinator zu
frchten. Zu niedrig habt ihr gegriffen, viel zu niedrig.
    Er nahm einen Schreiber mit, um den Lokalaugenschein im Daumerschen Haus
nochmals selbst vorzunehmen. Der Magistratsrat Behold begleitete ihn und ward
ihm durch mannigfaches Reden lstig; unter anderm uerte Behold, er habe
gehrt, Professor Daumer wolle Caspar nicht lnger behalten, und machte sich
erbtig, dem Jngling in seinem Haus Obdach zu gewhren. Feuerbach hielt dies
fr leeres Geschwtz und entledigte sich des Mannes, indem er ihn mit einem
Auftrag zu Herrn von Tucher schickte.
    Aber als er dann mit Daumer sprach, erregte dessen Zerfahrenheit sein
Befremden. Um ihn nicht noch mehr zu verwirren, legte Feuerbach das Verhr mit
ihm so an, da es mehr einer freundschaftlichen Unterhaltung glich. Daumer
erinnerte sich der geheimnisvollen Begegnung, die Caspar vor der Egydienkirche
gehabt hatte, und rckte damit heraus.
    Und davon erfhrt man jetzt erst? brauste der Prsident auf. Und hatte
die Sache keine unmittelbaren Folgen? Haben Sie nachher nichts Verdchtiges
beobachtet?
    Nein, stotterte Daumer, in Furcht gesetzt durch den sthlern
durchdringenden Blick des Prsidenten. Das heit, eines fllt mir noch ein. ich
traf am selben Abend bei Frau Behold einen Herrn, der sich mir gegenber in ganz
seltsamen Andeutungen oder Warnungen gefiel, wie man es auffassen soll, wei ich
nicht.
    Was war der Mann? Wie hie er?
    Man sagte, es sei ein zugereister Diplomat, des Namens entsinne ich mich
nicht. Oder doch, jawohl: Herr von Schlotheim-Lavancourt; er soll sich aber
unter falschem Namen hier aufgehalten haben.
    Wie sah er aus?
    Dick, gro, ein wenig pockennarbig, ein hoher Fnfziger.
    Schildern Sie mir das Gesprch mit ihm.
    Daumer gab, so gut er es vermochte, den Inhalt der Unterredung. Feuerbach
versank in langes Nachdenken, dann schrieb er einige Notizen in sein
Taschenbuch. Lassen Sie uns zu Caspar gehen, sagte er, sich erhebend.
    Caspars Stirn war noch verbunden; das Gesicht war beinahe so wei wie das
Tuch; auch das Lcheln, womit er den Prsidenten empfing, war gleichsam wei. Er
hatte bereits drei oder vier Verhre berstanden; schon beim ersten hatte er
alles Erzhlenswerte erzhlt; das hielt den guten Amtsschimmel nicht ab, immer
wieder von neuem anzutraben, man fragte die Kreuz und Quer, um das Opfer auf
einem Widerspruch zu erwischen; mit Widersprchen kann man arbeiten, wenn einer
jedesmal dasselbe sagt, wird die Geschichte aussichtslos. Der Prsident
unterlie das Fragen; er fand einen vernderten Menschen in Caspar; es war etwas
Beklommenes an ihm, sein Blick war weniger frei, nicht mehr so tiefstrahlend und
seltsam ahnungslos, nher an die Dinge gekettet.
    Whrend die Frauen sich ber Caspars Befinden befriedigt uerten, kam auch
der Arzt und besttigte gern, da von irgendwelcher Gefahr keine Rede mehr sein
knne. In einem Ton, der mehr Befehl als Wunsch enthielt, sagte der Prsident,
er hoffe, da in diesen Tagen fremde Besucher ohne Ausnahme abgewiesen wrden.
Daumer erwiderte, das verstehe sich von selbst, erst diesen Morgen habe er einem
betreten Lakaien abschlgigen Bescheid geben lassen.
    Es war der Diener eines vornehmen Englnders, der im Gasthof zum Adler
wohnt, fgte Frau Daumer hinzu; er war brigens nach einer Stunde noch einmal
da, um sich ausfhrlich zu erkundigen, wie es Caspar ginge.
    Es klopfte an die Tr, Herr von Tucher trat ein, begrte den Prsidenten
und machte nach kurzer Weile eine berraschende Mitteilung: derselbe Englnder,
ein anscheinend sehr reicher Graf oder Lord, habe dem Brgermeister einen Besuch
abgestattet und ihm hundert Dukaten berreicht als Belohnung fr denjenigen, dem
es gelingen wrde, den Urheber des an Caspar verbten berfalls zu entdecken.
    Ein erstauntes Schweigen entstand, welches der Prsident mit der Frage
unterbrach, ob man wisse, weshalb sich der Fremde in der Stadt aufhalte. Herr
von Tucher verneinte. Man wei nur, da er vorgestern abends angekommen ist,
antwortete er; ein Rad seines Wagens soll in der Nhe von Burgfarrnbach
gebrochen sein, und er wartet hier, bis der Schaden ausgebessert ist. Der
Prsident zog die Brauen zusammen, Argwohn umdsterte seinen Blick; so wird der
Jagdhund stutzig, wenn sich abseits von verwirrenden Fhrten eine neue Spur
zeigt. Wie nennt sich der Mann? fragte er scheinbar gleichgltig.
    Der Name ist mir entfallen, entgegnete Baron Tucher, doch soll es in der
Tat ein hoher Herr sein, Brgermeister Binder preist seine Leutseligkeit in
allen Tnen.
    Hohe Herren gelten schon fr leutselig, wenn sie einem auf den Fu treten
und sich nachher freundlich entschuldigen, lie sich Anna, die an Caspars Bett
sa, naseweis vernehmen. Daumer warf ihr einen strafenden Blick zu, doch der
Prsident brach in eine schmetternde Lache aus, die auf alle ansteckend wirkte;
noch minutenlang kicherte er vor sich hin und zwinkerte vergngt mit den Augen.
    Blo Caspar nahm an dem heiteren Zwischenspiel keinen Teil, sein Blick war
nachdenklich ins Freie gerichtet, er wnschte jenen Mann zu sehen, der aus
weiter Ferne kam und soviel Geld hergab, damit der gefunden werde, der ihn
geschlagen. Aus weiter Ferne! Das war es; nur aus weiter Ferne konnte kommen,
wonach Caspar Verlangen trug, vom Meere her, von unbekannten Lndern her. Auch
der Prsident kam aus der Ferne, aber doch nicht von so weit, da seine Stirn
gefrbt war von fremdem Schein, da ein ser Wind an seinen Kleidern hing oder
da seine Augen wie die Sterne waren, ohne Vorwurf, ohne das ewige Fragen. Der
aus der Ferne kam, im silbernen Kleid vielleicht und mit vielen Rossen, der
brauchte nicht zu fragen, er wute alles von selbst, die andern aber, alle die
Nahen, die immer da waren, immer hereingingen und immer wieder fort, sie sahen
niemals aus, als ob sie von schumenden Rossen gestiegen wren, ihr Atem war
dumpf wie Kellerluft, ihre Hand mde wie keines Reiters Hand; ihr Antlitz war
vermummt, nicht schwarz vermummt wie das Gesicht dessen, der ihn geschlagen und
der ihm so nah gewesen wie keiner sonst, sondern undeutlich vermummt; darum
redeten sie mit unreiner Stimme und in verstellten Tnen, und darum war es auch,
da Caspar sich jetzt verstellen mute und nicht mehr imstande war, ihnen fest
ins Auge zu sehen und alles zu sagen, was er htte sagen knnen. Er fand es
heimlicher und trauriger zu schweigen als zu reden, besonders wenn sie darauf
warteten, da er reden solle; ja, er liebte es, ein wenig traurig zu sein, viele
Trume und Gedanken zu verbergen und sie zu dem Glauben zu bringen, da sie ihm
doch nicht nahkommen knnten.
    Daumer war zu sehr mit sich selbst beschftigt und zu bedrckt von der
bevorstehenden Ausfhrung eines unabnderlichen Entschlusses, um darauf zu
achten, ob Caspar ihm noch in derselben kindlich offenen Weise entgegenkomme wie
sonst. Erst Herr von Tucher war es, der auf gewisse Sonderbarkeiten in Caspars
Betragen hinwies, und er lie auch gegen den Prsidenten einige Andeutungen
darber fallen, als sie zusammen aus dem Daumerschen Haus gingen. Der Prsident
zuckte die Achseln und schwieg. Er bat den Baron, ihn nach dem Gasthof zum Adler
zu begleiten; dort erkundigten sie sich, ob der englische Herr zu Hause sei,
erfuhren jedoch, da Seine Herrlichkeit Lord Stanhope, so drckte sich der
Kellner aus, vor einer knappen Stunde abgereist war. Der Prsident war
unangenehm berrascht und fragte, ob man wisse, welche Richtung der Wagen
genommen habe; das wisse man nicht genau, ward geantwortet, doch da er das
Jakobstor passiert, sei zu vermuten, da er die Richtung nach Sden, etwa nach
Mnchen eingeschlagen habe.
    Zu spt, berall zu spt, murmelte der Prsident. Ich htte gern gewut,
wandte er sich an Herrn von Tucher, was Seine Herrlichkeit bewogen hat, soviel
Dukaten aufs Rathaus zu tragen. Das Gesicht Feuerbachs war dermaen zerarbeitet
von Gedanken und Sorgen, von der Anstrengung einer bestndigen Wachsamkeit wie
von der Glut eines zehrenden Temperaments, da es dem eines Kranken oder eines
Besessenen glich.
    Und so war es seit Monaten. Die ihm unterstellten Beamten frchteten seine
Gegenwart; die geringste Pflichtverletzung, ja, der geringste Widerspruch
brachte ihn zur Raserei, und waren die Ausbrche seines Zornes schonvon jeher
furchtbar gewesen, so zitterten sie jetzt um so mehr davor, als der
unbedeutendste Anla einen solchen Sturm heraufbeschwren konnte. Dann gellte
seine Stimme durch die Hallen und Korridore des Appellgerichts, die Bauern auf
dem Markt unten blieben stehen und sagten bedauernd: Die Exzellenz hat das
Grimmen, und vom Regierungsrat bis zum letzten Schreibersmann sa alles bla
und artig auf den Sthlen.
    Vielleicht htten sie williger dies Joch getragen, wenn sie gewut htten,
welche Pein dadurch dem Urheber selbst bereitet ward, wie sehr er, besiegt durch
sein eignes Wten, Scham und Reue litt, so da er bisweilen, wie um durch
irgendeine Handlung sich loszukaufen, dem erstbesten Bettler auf der Gasse eine
Silbermnze hinwarf. Sie ahnten freilich nicht, da die trben Nebel dieser
Laune ein bewegtes Widerspiel von Pflicht und Ehre bargen und da hier ein
Genius am Werk war, um inmitten scheinbarer Unrast und Friedlosigkeit ein
Wunderwerk der Kombination zu schaffen und mit wahrem Seherblick eine Hlle von
Verworfenheit und Missetat zu durchdringen.
    Mit Zaubrerhand war es ihm gelungen, aus den dunkeln Fden, die das
Schicksal Caspar Hausers an eine unbekannte Vergangenheit banden, ein Gewebe zu
knpfen, auf welchem jhlings wie in Brandlettern flammte, was durch die Fgung
der Umstnde und die Zeit selbst mit Finsternis bedeckt war.
    Voll Schrecken stand er vor seiner Schpfung, denn der Boden seiner Existenz
wankte unter ihm. Es gab fr ihn keinen Zweifel mehr. Aber durfte er es wagen,
mit der frchterlichen Wahrheit auf den Plan zu treten und die Rcksicht
hintanzusetzen, die ihm durch sein Amt und das Vertrauen seines Knigs auferlegt
war? Schien es nicht besser, das Geschft des Spions in Heimlichkeit weiter zu
betreiben, um den rnkevollen Gewalten, tckisch wie sie selbst, erst bei
gelegener Stunde in den Rcken zu fallen? Es war nichts zu gewinnen, nicht
einmal Dank, aber alles war zu verlieren.
    O Qual, dachte er oft in schlaflosen Nchten, sonderbare Qual, dem
rechtlosen Treiben als bestellter Wchter und mit unttiger Hand zusehen zu
mssen, gro und kleine Snde am ungengenden Gesetz zu messen, die Feder auf
den Buchstaben zu spieen, indes das Leben seine Bahn luft und Form auf Form
gebiert, zerstrt, niemals Herr der Taten zu sein, immer Sprhund der Tter und
nie zu wissen, was zu verhten sei, was zu befrdern!
    Er wre nicht der gewesen, der er war, wenn er nicht einen Weg zwischen
ffentlichkeit und feigem Verschweigen gefunden htte, der seiner Selbstachtung
Genge tat. Er richtete ein ausfhrliches Memorial an den Knig, worin er mit
bedchtiger Gliederung aller Merkmale den Fall darlegte, frei und khn vom
Anfang bis zum Ende; ein Hammerschlag jeder Satz.
    Das Schriftstck begann mit der Auseinandersetzung, da Caspar Hauser kein
uneheliches, sondern ein eheliches Kind sein msse.
    Wre er ein uneheliches Kind, hie es, so wren leichtere, weniger grausame
und weniger gefhrliche Mittel angewendet worden, um seine Abstammung zu
verheimlichen, als die ungeheure Tat der viele Jahre lang fortgesetzten
Gefangenhaltung und endlichen Aussetzung. Je vornehmer eines der Eltern war,
desto mheloser konnte das Kind entfernt werden, und noch weniger Ursache zu so
bedeutenden und verrterischen Anstalten htten Leute geringen Standes und
geringen Vermgens gehabt; das Brot und Wasser, welches Caspar im Verborgenen
verzehren mute, htte man ihm auch vor aller Welt reichen drfen. Denkt man
sich Caspar als uneheliches Kind hoher oder niedriger, reicher oder armer
Eltern, in keinem Fall steht das Mittel im Verhltnis zum Zweck. Und wer
bernimmt grundlos die Last eines so schweren Verbrechens, zumal wenn er dabei
die angstvolle Plage hat, es fr unabsehbare Zeit Tag fr Tag wieder und wieder
verben zu mssen? Aus alledem geht hervor, so fuhr der unerbittliche Anklger
fort, da sehr mchtige und sehr reiche Personen an dem Verbrechen beteiligt
sind, welche ber gemeine Hindernisse unschwer hinwegschreiten, welche durch
Furcht, auerordentliche Vorteile und glnzende Hoffnungen willige Werkzeuge in
Bewegung setzen, Zungen fesseln und goldene Schlsser vor mehr als einen Mund
legen knnen. Liee es sich sonst erklren, da die Aussetzung Caspars in einer
Stadt wie Nrnberg am hellen Tage erfolgen und der Tter spurlos verschwinden
konnte; da durch alle seit vielen Monaten mit unermdlichem Eifer betriebenen
Nachforschungen kein rechtlich geltend zu machender Umstand entdeckt werden
konnte, der auf einen bestimmten Ort oder einen bestimmten Menschen fhrte, da
selbst hohe Belohnungen keine einzige befriedigende Anzeige veranlaten?
    Deshalb mu Caspar eine Person sein, mit deren Leben oder Tod weittragende
Interessen verkettet sind, folgerte Feuerbach. Nicht Rache und nicht Ha konnten
Motive zur Einkerkerung gewesen sein, sondern er wurde beseitigt, um andern
Vorteile zuzuwenden und zu sichern, die ihm allein gebhrten. Er mute
verschwinden, damit andre ihn beerben, damit andre sich in der Erbschaft
behaupten konnten. Er mu von hoher Geburt sein, dafr sprechen merkwrdige
Trume, die er gehabt und die sonst nichts sind als wiedererwachte Erinnerungen
aus frher Jugend, dafr sprechen der ganze Verlauf seiner Gefangenschaft und
die daraus sich ergebenden Schlsse; er wurde freilich im Kerker gehalten und
sprlich ernhrt, aber man hat Beispiele von Menschen, die nicht in bswilliger,
sondern in wohlttiger Absicht eingekerkert wurden, nicht um sie zu verderben,
sondern um sie gegen diejenigen zu schtzen, die ihnen nach dem Leben
getrachtet. Vielleicht auch, da durch sein bloes Dasein ein Druck ausgebt
werden sollte auf jemand, der mit zauderndem Gewissen an der Unternehmung
teilgehabt und doch nicht wagen durfte, Einspruch zu erheben Es wurde Sorgfalt
und Milde an Caspar gebt; warum? Warum ha ihn der Geheimnisvolle nicht gettet?
Warum nicht einen Tropfen Opium mehr in das Wasser getan, das ihn bisweilen
betuben sollte? Das Verlies fr den Lebendigen wurde ein doppelt sicheres fr
der Toten.
    Wenn nun in irgendeiner hohen, oder nur vornehmen, oder nur angesehenen
Familie in Caspars Person ein Kind verschwunden wre, ohne da man ber dessen
Tod oder Leben und wie es hinweggekommen, etwas in Erfahrung brachte, so mte
doch lngst ffentlich bekannt sein, in welcher Familie dies Unglck
vorgefallen. Da aber seit Jahren und unerachtet Caspars Schicksal ein
weitbesprochenes Ereignis geworden, nicht das mindeste davon verlautet hat, so
ist Caspar unter den Gestorbenen zu suchen. Das will heien: ein Kind wurde fr
tot ausgegeben und wird noch jetzt dafr gehalten, welches in Wirklichkeit am
Leben ist, und zwar in der Person Caspars; das will heien, ein Kind, in dessen
Person der nchste Erbe oder der ganze Mannesstamm seiner Familie erlschen
sollte, wurde beiseite geschafft, um nie wieder zu erscheinen; es wurde diesem
Kind, das vielleicht gerade krank gelegen, ein andres, totes oder sterbendes
Kind unterschoben, dieses als tot ausgestellt und begraben und so Caspar in die
Totenliste gebracht. War der Arzt im Spiel, hatte er Befehl, das Kind zu morden,
fand er jedoch in seinem Herzen oder in seiner Klugheit Grnde, den Auftrag
scheinbar zu vollziehen und das Kind zu retten, so konnte der fromme Betrug
leichterdings vollzogen werden. Hier handelte jeder auf hhere Weisung, aber wo
war der gebietende Mund? Wo der mchtige Geist, der ein solches Gewicht von
Verantwortung fr ewige Zeiten zu tragen unternahm? Wo das Haus, in welchem das
Unerhrte geschah?
    An dieser Stelle des Berichts stockte die Hand des Prsidenten, tagelang,
wochenlang. Nicht aus Schwche noch aus Wankelmut, sondern mit dem schmerzlichen
Zagen eines Feldherrn, der des Unheils und Verderbens sicher ist, wie immer die
Schlacht auch enden mge. Die Krone von einem Frstenhaupt zu reien und mit
Fingern auf das befleckte Diadem deuten, hie das nicht, die Majestt auch des
eignen Knigs beleidigen, geheiligte berlieferungen mit Fen treten, die
unmndigen Vlker zum Widerpart stacheln? Doch wie nie zuvor empfand er die
zeugende Gewalt des Wortes und wie Wahrheit aus Wahrheit fliet und drngt.
    Er nannte das Haus mit Namen. Er wies nach, da das alte Geschlecht
jhlings, in auffallender Weise und gegen jede menschliche Vermutung im
Mannesstamm erloschen sei, um einem aus morganatischer Ehe entsprossenen
Nebenzweig Platz zu machen. Nicht etwa in einer kinderlosen, sondern in einer
mit Kindern wohlgesegneten Ehe hatte sich dies Aussterben ereignet, und nur die
Shne starben, die Tchter aber lebten weiter. So wurde die Mutter zur
wahrhaften Niobe, doch traf Apollos ttendes Gescho ohne Unterschied Shne und
Tchter, hier aber ging der Wrgengel an den Tchtern vorber und erschlug die
Shne. Und nicht blo auffallend, sondern einem Wunder hnlich, da der
Wrgengel schon an der Wiege der Knaben stand und sie herausgriff mitten aus der
Reihe blhender Schwestern. Wie wre es erklrbar, fragte Feuerbach, da eine
Mutter demselben Vater drei gesunde Tchter gebiert und als Shne lauter
Sterblinge? Darin ist kein Zufall behauptete er furchtlos, sondern System, oder
man mu glauben, die Vorsehung selbst habe einmal in den gewhnlichen Lauf der
Natur eingegriffen und Auerordentliches getan, um einen politischen Streich
auszufhren. Nicht lange nach dem Erscheinen Caspars hat sich in Nrnberg das
Gercht verbreitet, Caspar sei ein fr tot ausgegebener Prinz jenes Geschlechts,
und immer wieder redeten die dunkeln Stimmen, sogar von einer angeblichen
Geistererscheinung wurde, wie ffentliche Bltter erzhlten, die Behauptung
gewagt, da die gegenwrtigen Regenten den Thron durch Usurpation besen und
da noch ein echter Prinz am Leben sei. Gerchte sind freilich nur Gerchte;
aber sie flieen oft aus guten Quellen; sie haben, wo es geheime Verbrechen
gibt, hufig ihre Entstehung darin, da ein Mitschuldiger geplaudert, oder mit
seinem Vertrauen zu freigebig gewesen, oder eine Unvorsichtigkeit begangen oder
sein Gewissen erleichtern wollte, oder seine getuschten Hoffnungen zu rchen
sich vorgesetzt, oder im stillen die Entdeckung der Wahrheit herbeizufhren
gesucht, ohne die Rolle des Verrters spielen zu mssen.
    Der Prsident nannte nicht blo die Dynastie mit Namen und das Land, das ihr
erbeigen war, er nannte auch den Frsten, dessen pltzlicher Tod vor mehr als
einem Jahrzehnt Argwohn erregt hatte, er nannte die Frstin, die, von
hocherlauchter Abkunft, in selbsterwhlter Einsamkeit ein unfabares Geschick
betrauerte; er nannte diejenigen, die so ber Leichen hinweg zum Thron
geschritten, und neben dem Bild eines schwachen, doch ehrgeizigen Mannes tauchte
die Gestalt eines Weibes auf, voll von dmonischem Wesen, der regierende Wille
ber dem grausen Geschehen.
    Es war etwas von der Bitterkeit eignen Erlebens in den unumwundenen
Hinweisen des Prsidenten. Denn er kannte die hfische Welt, in der Tcke und
Hinterlist in eine Wolke von Wohlgerchen gebettet sind und wo die Niedertracht
ihre Opfer mit heuchlerischen Gnaden betubt; er hatte ihre Luft geatmet, er
hatte von ihren Tischen gespeist, von ihrem Gift genossen, den besten Teil
seines Lebens und seiner Krfte in ihrem Dienst vergeudet und war fr die
reinste Hingebung mit Schmach und Verfolgung belohnt worden; er kannte ihre
Kreaturen und Helfershelfer, er kannte sie, denen die Geschichte nichts bedeutet
als eine Stammbaumchronik, Religion eine Priesterlitanei, Philosophie einen
fluchwrdigen Jakobinismus, Politik einen Blindekuhreigen mit Noten und
Protokollen, der Staatshaushalt ein Rechenexempel ohne Probe, Menschenrechte ein
Pfnderspiel, der Monarch ein Schild ihrer eignen Gre, das Vaterland ein
Pachtgut und Freiheit das strfliche Vermessen aberwitziger Toren. Die
unersetzlichen Jahre schrien hinter seinen Worten hervor, erlittene
Zurcksetzung und ein verfinsterter Geist. Er wollte seiner selbst nicht
gedenken, doch die Worte entschleierten seinen Gram, wenn auch nicht fr das
Auge des Knigs, der nur zu lesen brauchte, was geschrieben stand.
    Die Schrift ward unter Anwendung peinlicher Vorsicht abgesandt, damit sie in
keine andern Hnde als in die des Regenten gerate, und der Prsident wartete von
Woche zu Woche vergeblich auf Erwiderung, auf einen Bescheid, auf irgendein
Zeichen. Da kam die Kunde von dem Mordanfall auf Caspar. Feuerbach reiste nach
Nrnberg; seine eignen Manahmen hatten so wenig Erfolg wie die der Polizei. Am
zehnten Tag seines Aufenthalts erhielt er ein Schreiben aus der kniglichen
Privatkanzlei, worin mit gebhrendem Dank von seinen Mitteilungen Notiz genommen
und mit Anerkennung des nicht genug zu bestaunenden Scharfsinns in der
Entwirrung verwickelter Verhltnisse gedacht war, das aber in allen wesentlichen
Punkten eine sprde Zurckhaltung zeigte; man werde prfen; man werde berlegen;
man msse abwarten; gewichtige Rcksichten seien zu beachten; leicht erklrliche
Beziehungen legten unbequeme Pflichten auf; die Natur des Unglaublichen selbst
veranlasse eher zur Verwunderung, zur Bestrzung als zu unbesonnenem Eingreifen;
doch verspreche man, ja man verspreche; vor allem werde Schweigen empfohlen,
unbedingtes Schweigen; bei Verlust aller Gnade drfe keine derartige Kunde als
authentisch durch den Mund eines hohen Staatsbeamten nach auen dringen: man
erwarte ber den Punkt Verstndigung und Unterwerfung.
    Die Wirkung dieses geheimen Erlasses, mit welchem man ihm zugleich
schmeichelte und drohte, der einer freundlich dargereichten Hand glich, worin
der geschliffene Dolch blitzte, war um so heftiger, als der Inhalt lngst geahnt
und gefrchtet war. Feuerbach schumte. Er zertrat das Sendschreiben mit den
Fen; er rannte mit keuchender Brust, die Fuste gegen die Schlfen gedrckt,
eine ganze Weile im Zimmer auf und ab, dann strzte er aufs Bett, das Sausen
seiner Pulse bengstigte ihn, und er erlste sich schlielich in einem lauten,
langen Gelchter voll Wut und Zorn.
    Dann blieb er stundenlang liegen und konnte nichts andres denken als das
einzige Wort: Schweigen, Schweigen, Schweigen.
    An demselben Nachmittag war der Brgermeister Binder mehrmals im, Gasthof
gewesen und hatte den Prsidenten zu sprechen gewnscht. Der Kellner war stets
mit dem Bescheid zurckgekommen, sein Pochen sei vergeblich, der Herr Staatsrat
scheine zu schlafen oder wnsche nicht gestrt zu werden. Gegen Abend kam Binder
wieder und wurde endlich vorgelassen. Er fand den Prsidenten in ein Aktenheft
vertieft, und seine Entschuldigung wurde mit der verletzend kurzen Bitte
erwidert, er mge zur Sache kommen.
    Der Brgermeister trat betroffen einen Schritt zurck und sagte stolz, er
wisse nicht, wodurch er sich das Mifallen Seiner Exzellenz zugezogen haben
knne, doch wie dem auch sei, er msse eine derartige Behandlung zurckweisen.
Da erhob sich Feuerbach und entgegnete: Ums Himmels willen, Mann, lassen Sie
das! Wer auf einem Scheiterhaufen schmort, hat einigen Grund, wenn er die Regeln
der Hflichkeit vergit!
    Binder senkte den Kopf und schwieg verwundert. Dann erklrte er den Zweck
seines Besuchs. Da Daumer die Absicht habe, Caspar aus seinem Haus zu
entfernen, sei dem Prsidenten wahrscheinlich bekannt. Da nun der Jngling
soweit hergestellt sei, habe sich Daumer entschlossen, damit nicht hinzuwarten,
sondern ihn baldmglichst zu den Beholdischen zu bringen, die Caspar mit Freuden
aufnehmen wollten. Alles dies sei gengend besprochen und man wnsche nur, den
Prsidenten zu unterrichten, und bitte um seine Gutheiung.
    Ja, ich wei, da Daumer die Geschichte satt hat, antwortete Feuerbach
verdrielich. Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus. Niemand hat Lust, sein Haus
zu einer umlauerten Mordsttte werden zu lassen, obwohl dagegen Maregeln
ergriffen werden knnen, werden mssen. Von heute ab soll Caspar unter genauer
polizeilicher berwachung stehen; die Stadt haftet mir fr ihn. Doch warum hat
Daumer solche Eile? Und warum gibt man Caspar in die Familie Behold, warum nicht
zu Herrn von Tucher oder zu Ihnen?
    Herr von Tucher ist whrend der nchsten Monate berufshalber gezwungen,
seinen Aufenthalt in Augsburg zu nehmen, und ich - der Brgermeister zgerte,
und sein Gesicht wurde vorbergehend bleich, was mich betrifft, mein Haus ist
kein Ort des Friedens.
    Rasch schaute der Prsident empor; sodann ging er hin und reichte Binder
stumm die Rechte. Und was ist es mit diesen Beholds? Was sind es fr Leute?
fragte er ablenkend.
    Oh, es sind gute Leute, versetzte der Brgermeister etwas unsicher. Der
Mann jedenfalls; ist ein geachteter Kaufherr. Die Frau ... darber sind die
Meinungen geteilt. Sie gibt viel auf Putz und dergleichen, verschwendet viel
Geld. Bses kann man ihr nicht nachsagen. Da es fr Caspar, wie wir ja
verabredet, von Vorteil ist, wenn er jetzt die ffentliche Schule besucht,
gengt schlielich die bloe Beaufsichtigung in einem Kreis anstndiger
Menschen.
    Haben die Leute Kinder?
    Ein dreizehnjhriges Mdchen. Der Brgermeister, dem es wie aller Welt
wohlbekannt war, da Frau Behold diese Tochter schlecht behandelte, wollte noch
etwas hinzufgen, um sein Gewissen zu beruhigen, doch da wurden Daumer und der
Magistratsrat Behold gemeldet. Der Prsident lie bitten. Alsbald zeigte sich
das freundlich grinsende Gesicht des Rats; der feierliche schwarze Kinnbart
stand in einem komischen Gegensatz zu dem schon ergrauten Kopfhaar, das in
feuchten Strhnen pomadeduftend ber die Stirn hing.
    Unter bestndigen Verbeugungen trat er auf Feuerbach zu, der ihn nur eines
flchtigen Grues wrdigte und sich sogleich an Daumer wandte. Dieser wagte kaum
dem forschenden Auge des Prsidenten zu begegnen, und die Frage, ob man Caspar
die innere und uere Anstrengung eines so durchgreifenden Wechsels schon
zumuten drfe, beantwortete er durch verlegenes Schweigen. Als sich Herr Behold
ins Gesprch mischte und versicherte, Caspar solle in seinem Haus wie ein
leiblicher Sohn betrachtet werden, unterbrach ihn der Brgermeister mit den fast
widerwillig hervorgepreten Worten, darauf halte er nichts; wie man an Caspar
selbst sehe, gebe es ja Eltern, die ihre leiblichen Kinder verkmmern lieen.
Der Rat machte ein verlegenes Gesicht, rieb seine ausgemergelten Finger an der
Stuhlkante und stotterte, er knne nichts weiter sagen; was an ihm lge, wolle
er tun.
    Der Prsident, stutzig geworden durch die beziehungsvollen Reden, sah die
beiden Mnner abwechselnd an. Darauf trat er dicht vor Daumer hin, legte die
Hand auf dessen Schulter und fragte ernst: Mu es denn sein?
    Daumer seufzte und entgegnete bewegt: Exzellenz, wie hart mein Entschlu
mich ankommt, das wei nur Gott.
    Gott mag es wissen, versetzte der Prsident grollend, und seine
untersetzte feiste Gestalt schien pltzlich drohend zu wachsen, aber wird er es
darum schon billigen? Wenn man Stein und Stahl zusammenschlgt, gibt es Funken;
wehe aber, wenn blo Schmutz und Krmel vom Stein fliegen. Da ist keine Dauer
und keine Tchtigkeit der Natur.
    Er kanzelt mich schon wieder ab, dachte Daumer, und die Rte des Unwillens
stieg ihm ins Gesicht. Ich habe getan, was in meinen Krften stand, sagte er
hastig und mit Trotz. Ich verschliee Caspar nicht mein Haus. Und mein Herz
schon ganz und gar nicht. Aber erstens kann ich keine Gewhr fr seine
Sicherheit mehr leisten, und ich glaube, niemand kann es. Wie ist es mglich,
Semann zu sein auf einem Acker, unter dem ein verderbliches Feuer gloset und
jeden Samen verbrennt? Und dann, was mehr ist, ich bin enttuscht, ich gestehe
es, ich bin enttuscht. Nie will ich vergessen, was mir Caspar gewesen ist, wer
knnte ihn auch vergessen! Aber das Wunder ist vorber, die Zeit hat es
aufgefressen.
    Vorber, ja vorber, murmelte Feuerbach dster, das Wort mute fallen.
Die Augen werden stumpf vom Schauen ins Licht. Die Shne werden verstoen, wenn
sie unsrer Liebe ein berma abntigen. Aber der Bettler kriegt seine
Bettelsuppe. Meine geschtzten Herren, fuhr er laut und frmlich fort, tun
Sie, wie Ihnen beliebt; in jedem Fall, dessen seien Sie eingedenk, bleiben Sie
mir fr das Wohl Caspars verantwortlich.
    Als Daumer auf der Strae war, rgerte er sich noch immer ber den Ton und
die Worte des Prsidenten. Doch zugleich konnte er sich seine
Selbstunzufriedenheit nicht verhehlen. In einer der verdeten Straen nahe der
Burg begegnete er dem Rittmeister Wessenig. Daumer war froh, eine Ansprache zu
haben, und begleitete den Mann bis zur Reiterkaserne. Von Anfang an lenkte der
Rittmeister die Unterhaltung auf Caspar, und Daumer bemerkte nicht oder wollte
nicht bemerken, da die Gesprchigkeit des Rittmeisters einen hohnvollen
Beigeschmack hatte.
    Eine geheimnisvolle Sache, das mit dem Vermummten, meinte Herr von
Wessenig, pltzlich deutlicher werdend. Sollte es Leute geben, die daran
ernstlich glauben? Am hellichten Tag dringt ein Kerl, ein Kerl mit Handschuhen,
bitte, dringt in ein bewohntes Haus, hngt sich einen Schleier bers Gesicht und
zieht ein Beil aus der Tasche? Oder sollte er das Beil vorher offen ber die
Strae getragen haben? Mit Handschuhen, wie? Beim heiligen Tommasius, das ist
eine gewaltige Ruberhistorie!
    Da Daumer nichts antwortete, fuhr der Rittmeister eifrig fort: Nehmen wir
einmal an, der famose Vermummte hat die Absicht gehabt, den Burschen zu tten.
Warum dann die unbedeutende Wunde? Er brauchte ja nur ein bichen krftiger
zuzuschlagen, und alles war aus, der Mund, der ihn verraten mute, war stumm.
Man mu rein glauben, der behandschuhte Mrder hat sein Opfer einstweilen nur
ein bichen kitzeln wollen. Wahrhaftig, eine kitzlige Geschichte. Alle meine
Bekannten, parole d'honneur, lieber Professor, sind emprt ber die
Leichtglubigkeit, die sich von so albernem Spuk zum besten halten lt.
    Daumer hielt es fr unter seiner Wrde, Zorn oder Entrstung zu zeigen. Er
stellte sich, als htte er nicht bel Lust, dem Rittmeister beizustimmen, und
fragte gelehrig, wie man sich aber den ganzen Vorgang zu denken habe. Herr von
Wessenig zuckte vielsagend die Achseln; er mochte heftiges Aufbrausen und
scharfe Zurechtweisung erwartet haben, und weil dies nicht eintraf, legte er
sein verhaltenfeindseliges Wesen ab, war jedoch vorsichtig genug, sich nur in
allgemeinen Vermutungen zu uern. Vielleicht ist der gute Hauser betrunken
gewesen und auf der Treppe gefallen und hat dann die Mordsgeschichte ausgeheckt,
um sich interessant zu machen. Das wre ja noch harmlos. Andre sehen bei weitem
schwrzer; man traut dem Halunken schon zu, da er seine Wohltter durch einen
feingefdelten Streich hinters Licht gefhrt hat.
    Jetzt vermochte Daumer nicht mehr, an sich zu halten. Er blieb stehen,
wehrte mit beiden Hnden ab, als drngen die Reden seines Begleiters wie giftige
Fliegen auf ihn ein, und strzte ohne Wort noch Gru davon.
    Das ist also die Welt, das sind ihre Stimmen, dachte er bestrzt; das zu
denken, ist mglich, es auszusprechen, steht jedem Mund frei! Und dieser Abgrund
von Unsinn und Bosheit soll dich verschlingen, armer Caspar! Wenn du auch nicht
der Himmelszeuge bist, den ich whnte, ber ihnen schwebst du doch wie der Adler
ber Koboldsgezcht. Freilich, sie werden dir die Flgel brechen; vergebens wird
die Schuldlosigkeit aus deinem Innern strahlen, sie werden es nicht sehen;
vergebens wirst du vor ihnen weinen und vergebens lcheln, du wirst ihre Hand
fassen und vor Klte schaudern, du wirst sie anblicken, und sie werden stumm
sein, angstvoll sucht dein Geist die Wege zu ihnen, und Verrat fhrt dich auf
den verderblichsten von allen ...
    Man ist Prophet und hat ein mitleidiges Gemt; man kennt die Menschen, man
wei, da das Feuer brennt, da die Nadel sticht, und da der Hase, wenn er
angeschossen wird, ins Gras fllt und stirbt; man kennt die Folgen dessen, was
man tut, nicht wahr, Herr Daumer? Aber ist dies etwa ein Grund, den
Geschehnissen, wie einem Feind, der das Schwert erhoben hat, in die Arme zu
fallen und den Schlag abzuwenden? Nein, es ist kein Grund. Oder ist es nur
Grund, ein kleines Entschlchen rckgngig zu machen? Nein, es ist kein Grund.
Darin haben die Idealisten und Seelenforscher nichts voraus vor Dieben und
Wucherern.
    Man geht nach Hause, philosophierend geht man nach Hause, legt sich
schlafen, und am nchsten Morgen sieht die Welt weit annehmbarer aus als am
gestrigen, reichlich verstimmten Abend.

                                 Das Amselherz


Vierundzwanzig Stunden spter hlt eine Kutsche vor dem Daumerschen Haus, und
Frau Behold selber kommt, um Caspar zu holen. Wirklich, Frau Behold hat sichs
etwas kosten lassen, eine schwarzlackierte Kutsche mit zwei Pferden und einen
Mann mit goldenen Knpfen auf dem Bock.
    Caspar wird von Daumer und den beiden Frauen zum Tor geleitet, auch der
Kandidat Regulein verlt seine Junggesellenklause. Anna kann sich der Trnen
nicht erwehren, Daumer blickt finster vor sich hin, Frau Behold gibt dem
Kutscher ein Zeichen, die Rosse schnauben, die Rder rollen, und die
Zurckbleibenden schauen stumm in die Dunkelheit, die das Gefhrt verschlingt.
    Das war der Abschied, und Caspar wars, als gehe es weit fort. Aber es ging
nur von einem Haus auf der Schtt zu einem Haus am Markt. Es war dies ein
schmales, hohes Haus, welches so eingepret stand zwischen zwei andern, da es
aussah, als fehle ihm die Luft zum Atmen. Es hatte einen gezinnten Giebel,
steilabhngend wie die Schultern eines verhungerten Kanzlisten, die Fenster
hatten nichts Freischauendes, sondern etwas Blinzelndes, das Tor war seltsam
versteckt, und innen wand sich eine dunkle Treppe in vielen Biegungen, gleichsam
in vielen Ausreden durch die Stockwerke; die alten Treppen knarrten und sthnten
bei jedem Schritt, und wenn die Tren geffnet wurden, flo nur ein dmmeriges
Licht aus den Stuben.
    Caspar wohnte in einem Gemach gegen den viereckigen Hof; vor den Fenstern
lief eine Holzgalerie mit verschnrkeltem Gelnder, auf jeder Seite waren
grnverhangene Glastren, und unten stand ein eiserner Brunnen, aus dem kein
Wasser flo.
    Das Wunderliche lag darin, da drauen der Markt war, wo viele Menschen laut
redeten, wo die Hndler ihre kleinen Lden und Verkaufszelte hatten, wo von
morgens bis abends Frauen feilschten, Kinder kreischten, Rosse wieherten, das
Geflgel gackerte, und da man blo das Tor hinter sich zu schlieen brauchte,
und es wurde so still, als ob man in die Erde hineingestiegen sei.
    Dies machte Caspar im Anfang Spa. Es glich einem Versteckenspiel; er fand
es lustig, sich zu verstecken, und gelegentlich sah er es darauf ab, ein andres
Gesicht zu zeigen, als ihm zu Sinn war, oder andre Dinge zu sagen, als man von
ihm erwartete. An einem der ersten Tage verlor Frau Behold ein silbernes
Kettchen; Caspar behauptete, es im Vorplatz gesehen zu haben, obwohl er es
keineswegs gesehen hatte.
    Es wurde ihm verboten, ohne Erlaubnis das Haus zu verlassen. Er fragte, wer
es verboten habe, da wurde ihm geantwortet, Frau Behold habe es verboten, und
als er sich an Frau Behold wandte, sagte sie, der Magistratsrat habe es
verboten, und als er sich an den Magistratsrat wandte, sagte der, der Prsident
habe es verboten. Dermaen war alles verzwickt und versteckt in diesem Haus.
    Einmal wollte Frau Behold in sein Zimmer gehen; sie fand es versperrt, er
hatte von innen zugeriegelt. Was sperrst du dich denn ein am hellichten Tag?
fragte sie und schnffelte auf dem Tisch herum, wo seine Bcher und
Schularbeiten lagen. Frchtest du dich vielleicht? fuhr sie zungengelufig
fort. Bei mir brauchst du dich nicht zu frchten, bei mir gibt es keine
vermummten Spitzbuben. Er gab zu, da er sich frchte, und das schmeichelte
Frau Behold, sie nahm eine grimmige Beschtzermiene an und lchelte
herausfordernd.
    Jeden Vormittag, wenn er von der Schule kam, er besuchte jetzt zwei Stunden
tglich die dritte Klasse des Gymnasiums, erkundigte sich Frau Behold, wie es
ihm gegangen sei. Schlecht ists gegangen, entgegnete er dann trbselig, und in
der Tat, er hatte wenig Freude davon. Die Lehrer klagten, da seine Gegenwart
die andern Schler der Aufmerksamkeit beraube; der Umstand, da auf der Gasse
stets ein Polizeidiener hinter ihm herging und da die Polizei Tag und Nacht das
Haus bewachte, in dem er wohnte, dnkte die Knaben aufregend sonderbar, und sie
belstigten ihn mit den albernsten Fragen. Seine Schweigsamkeit wurde natrlich
ganz falsch gedeutet, und wenn er von selbst unbefangen das Wort an sie
richtete, wichen sie entweder scheu zurck oder hhnten ihn, denn er war in
ihren Augen nichts weiter als ein groer dummer Teufel, der, fast doppelt so alt
als sie, noch in den Anfangsgrnden der Wissenschaft steckte. Es kam hufig vor,
da er whrend des Unterrichts aufstand und eine seiner kindischen Fragen
stellte; da brach dann die ganze Klasse in Gelchter aus, und der Lehrer lachte
mit. Einmal, whrend eines gewaltigen Sturmwinds, der drauen heulte, verlie er
seinen Platz und flchtete in die Ofenecke; da kannte das Vergngen der andern
keine Grenze, und als ihn der dicke Lehrer hervorzog und zu den Bnken schob,
begleiteten sie den Vorgang mit einer wahren Katzenmusik.
    Am eigentmlichsten war es aber anzusehen, wenn er auf dem Nachhauseweg
mitten unter der Knabenschar ging, still, verschlossen und sorgenvoll unter den
Lrmenden und Unbekmmerten, mnnlich unter den Halbwchslingen, und ihm zur
Seite bestndig der Wchter des Gesetzes.
    Sehr hufig sprach Daumer vor, um bei den Kollegen Auskunft ber Caspar
einzuholen. Ach, hie es da, er hat freilich den besten Willen, aber leider
nur einen mittelmigen Kopf. Er erweist sich anstellig, aber es bleibt nicht
viel haften. Wir knnen ihn nicht tadeln, aber zu loben ist auch nichts.
    Daumer war gekrnkt. Ihr knnt nicht tadeln, ihr Herren, ei, und tadelt
doch, dachte er; Tadel ist leicht, besonders wenn er den Tadler lobt, wie es
sein Merkmal ist. Er wandte sich an den Magistratsrat und suchte ihm eine
Lobpreisung auf Caspar frmlich abzulisten, aber Herr Behold war kein Freund von
offenen Meinungen, Er war ein einschichtig lebender Mensch, der seine Tage in
einem dstern Kontor am Zwinger verbrachte, und wer von ihm etwas haben wollte,
erhielt gewhnlich die Antwort: Da mssen Sie sich an meine Frau wenden.
    Daumer glich fast einem unglcklichen Liebhaber darin, wie er jetzt achtsam
und bekmmert den Wegen seines frheren Pfleglings folgte, wobei er aber gern
vermied, Caspar zu sehen und zu sprechen. Mit groem Mitrauen verfolgte er
insgeheim das Tun und Treiben der Frau Behold, und er zerbrach sich den Kopf
darber, weshalb diese so gierig getrachtet hatte, den Jngling in ihre Nhe zu
bekommen. Was willst du, meinte Anna, die ebensoviel gesunden Menschenverstand
besa wie ihr Bruder phantastischen Pessimismus, es ist ja ganz klar, sie
braucht eine Spielpuppe, eine Unterhaltung fr ihren Salon.
    Eine Spielpuppe? Sie hat doch ein Kind, und sie vernachlssigt sogar dieses
Kind, wie man hrt.
    Freilich; aber daran ist nichts Merkwrdiges, ein Kind zu haben wie alle
andern Leute; es mu etwas sein, wovon man redet, was Interessantes mu es sein;
man kann dabei die groe Dame spielen und liest hie und da den eignen Namen in.
der Zeitung. Auch gilt man nebenher fr eine Wohltterin, der Herr Gemahl kann
einen hohen Orden bekommen, und was die Hauptsache ist, man vertreibt sich die
Langeweile. Die Person kenn ich, als ob ichs selber wre. Der Caspar tut mir
leid.
    Frau Behold war immer unterwegs und eigentlich nur zu Hause, wenn sie Gste
hatte. Sie mute immer Menschen sehen, sie liebte wohlgekleidete, gutgelaunte
Menschen, Mnner mit Titeln und Frauen von Rang, liebte Feste, Schmuck und
prchtige Gewnder. Man htte sie eine joviale Natur nennen drfen, wenn der
Ehrgeiz sie nicht so unruhig gemacht htte; sie wre bisweilen behbig, ja
gemtlich erschienen ohne eine gewisse ziellose Neugierde, von der sie bis ins
Innerste, bis in den Schlaf der Nchte behaftet war. Sie hatte eine Unmasse
franzsischer Romane verschlungen und war dadurch empfindsam und abenteuerlustig
geworden, und das gute Teil Phlegma, das ihrem Temperament beigemischt war,
machte diese Eigenschaften nur um so hintergrndiger. Wer sie so nahm, wie sie
sich gab, war im voraus betrogen.
    Was Caspar betrifft, so sah sie ihn zunchst blo humoristisch und am
meisten dann, wenn er ernst und nachdenklich war. Nein, was er heute wieder
Komisches gesagt hat, war ihre bestndige Phrase. Es hatte oft den Anschein,
als habe sie einen kleinen Hofnarren in Dienst genommen. Also, mein liebes
Mondklbchen, sprich, forderte sie ihn vor den Gsten auf. Wenn sie ihn gar
eifrig beflissen sah, lateinische Vokabeln auswendig zu lernen, lachte sie aus
vollem Hals. Wie gelehrt wie gelehrt!! rief sie und fuhr ihm mit der Hand wst
durch das Lockenhaar. La es sein, la es sein, trstete sie ihn, wenn er ber
die Schwierigkeit einer Rechnung klagte, bringsts ja doch zu nichts, ist genau
so, wie wenn ich seiltanzen wollte.
    Indes erregte er auf andre Weise bald eine wunderliche Neugierde in ihr.
Eines Morgens kam sie dazu, als er in der Kche stand und Zeuge war, wie der
Metzgerbursche das rohe und noch blutige Fleisch aus dem Korb nahm und auf die
Anrichte legte. Eine unendliche Wehmut malte sich in Caspars Zgen, er wich
zurck, zitterte und war keines Lautes fhig, dann floh er mit bedrngten
Schritten. Frau Behold war betroffen und wollte ihrer Rhrung nicht nachgeben.
Was ist das? dachte sie; er verstellt sich wohl; was ist ihm das Blut der Tiere?
    Um ihm gefllig zu sein, tat sie mehr, als ihre Bequemlichkeit ihr sonst
verstattet htte. Trotzdem schien er sich nicht wohl im Haus zu fhlen.
Sapperment, was ist dir bers Leberlein gekrochen? fuhr sie ihn an, wenn sie
ein trauriges Gesicht an ihm bemerkte. Wenn du nicht lustig bist, fhr ich dich
in die Schlachtbank, und du mut zuschauen, wie man den Klbern den Hals
abschneidet, drohte sie ihm einmal und wollte sich ausschtten vor Lachen ber
die Miene des Entsetzens, die er darber zeigte.
    Nein, Caspar fhlte sich keineswegs wohl. Frau Behold war ihm ganz und gar
unverstndlich, ihr Blick, ihre Rede, ihr Gehaben, alles das stie ihn aufs
uerste ab. Es kostete ihn nicht wenig Kunst und Nachdenken, um seinen
Widerwillen nicht merken zu lassen, gleichwohl war er krank und elend, wenn er
nur eine Stunde mit Frau Behold verbracht hatte. Es fehlte ihm dann jegliche
Arbeitslust, und die Schule zu besuchen, die ihm ohnehin verhat war, unterlie
er ganz. Die Lehrer beschwerten sich beim Magistrat; Herr von Tucher, der jetzt
wieder in der Stadt weilte und der vom Gericht zu Caspars Vormund ernannt worden
war, stellte ihn zur Rede. Caspar wollte nicht mit der Sprache heraus, ein
Betragen, das Herr von Tucher als Verstocktheit auffate und das ihm zu
schlimmen Befrchtungen Anla bot.
    Und da war noch eines, was Caspar zu denken gab. Manchmal begegnete ihm auf
der Stiege oder im Flur oder in einem entlegenen Zimmer Frau Beholds Tochter,
ein Mdchen, halb erwachsen und bleich von Gesicht. Ihre Augen waren feindselig
auf ihn gerichtet. Wenn er sie anreden wollte, lief sie davon. Einmal schaute er
von der Galerie in den Hof und sah sie am Brunnen stehen, hinter dessen eisernem
Rohr ein Brett weggeschoben war, so da der Blick in die Tiefe offen lag. Das
Mdchen stand unbeweglich und starrte mindestens eine Viertelstunde lang in das
schwarze Loch. Caspar verlie leise die Galerie und schlich hinunter; er betrat
jedoch kaum den Hof, so flchtete das Mdchen mit bsem Gesicht an ihm vorber.
Als Caspar ihr zaudernd folgte, begegnete ihm der Herr Rat, und Caspar erzhlte
voll Eifer, was er mitangeschaut. Herr Behold zog die Stirn kraus und sagte
beschwichtigend: Ja, ja, gewi; das Kind ist nicht gesund. Kmmer Er sich nicht
darum, Caspar, kmmer Er sich nicht darum.
    Caspar kmmerte sich aber doch darum. Er fragte die Mgde, was mit dem Kind
sei, und eine von ihnen erwiderte bissig: Sie kriegt nichts zu essen, der
Findling frit ihr alles weg! Darauf eilte er spornstreichs zu Frau Behold,
wiederholte ihr die Worte der Magd und fragte, ob das wahr sei. Frau Behold
bekam einen Wutanfall und jagte die Magd auf der Stelle davon. Als jedoch Caspar
sie auch dann noch in seiner ungeschickten und altklugen Weise ermahnte, da sie
mehr auf ihre Tochter achten mge als auf ihn und da er sonst fortgehen werde,
schnitt sie ihm das Wort ab und verwies ihm den Vorwitz. Wie willst du denn
fortgehen? fuhr sie auf. Wohin denn? Wo bist du denn daheim, wenn man fragen
darf?
    Es entstand jetzt in Frau Behold die Meinung, da Caspar in ihre Tochter
verliebt sei. Sie legte es darauf an, ihn ber den Punkt auszuholen. Auf ihre
Fragen antwortete er jedoch so blde, da sie sich beinahe ihres Verdachts
geschmt htte. Grand Dieu, sagte sie laut vor sich hin, mir scheint, der
Einfaltspinsel wei nicht einmal, was Liebe ist. Ja, noch mehr, sie sprte, da
er sich nicht einmal im entferntesten einen Gedanken darber machte. Das war der
guten Dame doch beraus seltsam, ihr, deren Begierden und Gelste immer im
trben Gewsser halb romanhafter, halb schlpfriger Leidenschaften pltscherten,
so tugendhaft sie auch vor ihren Mitbrgern sich halten mute.
    Er ist doch aus Fleisch und Blut, kalkulierte sie, und wenn schon der
nrrische Daumer in allen Tnen von seiner Engelsunschuld schwrmt, als
erwachsener Mensch wei man, was der Hahn mit den Hhnern treibt. Er heuchelt,
er hlt mich zum besten; warte, Kerl, ich will dir den Gaumen trocken machen.
    Auf dem Markt, zur Rechten vor dem Beholdschen Haus, stand der sogenannte
schne Brunnen, ein Meisterwerk mittelalterlich-nrnberger Kunst. Seit grauen
Zeiten erzhlte man den Kindern, da der Storch die Neugeborenen aus der Tiefe
des Brunnens hole. Frau Behold fragte Caspar, ob er davon vernommen habe, und
als er verneinte, sah sie ihn mit schlauem Augenzwinkern an und wollte, wissen,
ob er daran glaube. Ich seh nur nicht, wo der Storch da hinunterfliegen kann,
antwortete er harmlos, es ist ja alles mit Gittern vermacht.
    Frau Behold staunte. Ei du Tropf! rief sie aus, schau mich einmal
aufrichtig an!
    Er schaute sie an. Da mute sie die Augen senken. Und pltzlich erhob sie
sich, eilte zur Kredenz, ri eine Lade auf, schenkte sich ein Glas Wein voll und
trank es auf einen Zug leer. Sodann ging sie ans Fenster, faltete die Hnde und
murmelte mit einem Ausdruck von Stumpfsinn: Jesus Christus, bewahre mich vor
Snde und fhre mich nicht in Versuchung.
    Es bedarf kaum der Erwhnung, da sie sonst eine hchst aufgeklrte Dame
war, die sich das ganze Jahr nicht in der Kirche sehen lie.
    Es war schon Mitte August, und groe Hitze herrschte. An einem Sonntag
veranstaltete der Brgermeister ein Waldfest im Schmausenbuk; Caspar war am
Morgen mit dem Stallmeister Rumpler und einigen jungen Leuten bis Buch geritten
und war so mde, da er nach Tisch in seinem Zimmer einschlief. Frau Behold
weckte ihn selbst und hie ihn sich ankleiden, da der Wagen warte, der sie zum
Festplatz bringen sollte. Auf Caspars Frage, ob noch wer mitgehe, erwiderte sie,
zwei Knaben fhren mit hinaus, die Shne des Generals Hartung. Da sagte Caspar
enttuscht, er wnschte, da Frau Behold ihre Tochter mitgehen lasse, denn die
werde sich grmen, wenn sie zu Hause bleiben msse. Frau Behold stutzte und
wollte zornig werden, nahm sich aber zusammen. Sie beugte sich vor, ergriff mit
der Hand einen Bndel Locken auf Caspars Kopf und sagte boshaft: Ich schneide
dir die Haare ab, wenn du wieder davon anfngst.
    Caspar entwand sich ihr. Nicht so nahe, flehte er mit aufgerissenen Augen,
und nicht schneiden, bitte!
    Hab ich dich! drohte Frau Behold, gezwungen scherzend. Hab ich dich,
furchtsames Menschlein? Noch ein Widerpart, und ich komme mit der Schere!
    Whrend der Fahrt blieb Caspar schweigsam. Die beiden Knaben, die vierzehn
und fnfzehn Jahre alt waren, neckten ihn und suchten etwas aus ihm
herauszulocken, da sie stets wie ber eine Art Wundertier ber ihn hatten
sprechen gehrt. Nach Schuljungengewohnheit fingen sie an, prahlerische Reden zu
fhren, als ob es keine gelehrteren und scharfsinnigeren Menschen gbe. Weit auf
der Landstrae drauen rief der eine, er hre schon die Musik aus dem Wald, da
entgegnete Caspar, rgerlich ber das Wesen, das die beiden von sich machten,
das wundre ihn, er hre nichts, dagegen sehe er auf einer hohen Stange fern ber
den Bumen eine kleine Fahne. O die Fahne, meinten jene geringschtzig, die
sehen wir schon lang! Auch hierber wunderte sich Caspar, denn er hatte sie
erst im Augenblick wahrgenommen, ein schmales Streifchen, das nur im Wehen des
Windes sichtbar war.
    Gut, sagte er, wenn sie wieder weht, will ich euch fragen, ob ihr es
bemerkt. Er wartete eine Weile und stellte dann, whrend die Fahne ruhig war,
die irrefhrende Frage: Also, weht sie jetzt oder nicht?
    Sie weht! antworteten die Knaben wie aus einem Mund, doch Caspar versetzte
ruhig: Ich sehe daraus, da ihr nichts seht.
    Oho! riefen jene, dann lgst du!
    So sagt mir doch, fuhr Caspar unbekmmert fort, was fr eine Farbe sie
hat.
    Die Knaben schwiegen und guckten, dann riet der eine ziemlich kleinlaut:
rot, der andre, etwas khner: blau. Caspar schttelte den Kopf und
wiederholte: Ich sehe, da ihr nichts seht; wei und grn ist sie.
    Daran war schwer zu mkeln, eine Viertelstunde spter konnten sich alle von
der Wahrheit berzeugen. Aber die Knaben blickten Caspar voll Ha ins Gesicht;
sie htten gern vor Frau Behold geglnzt, die die ganze Unterhaltung wortlos
mitangehrt hatte.
    Caspars Gegenwart beim Fest zog, wie immer, eine Anzahl Gaffer herbei,
darunter waren einige Bekannte, junge Leute, die sich seiner annehmen zu sollen
glaubten und ihn Frau Behold unerachtet ihres Widerspruchs entrissen. Es war
anfangs nur eine kleine Gesellschaft, die sich aber allgemach vergrerte und,
indem einer den andern anfeuerte, lauter Tollheiten beging. Sie warfen Tische
und Bnke um, schreckten die Mdchen, kauften die Krmerbuden leer, verbten ein
wstes Geschrei und stellten sich dabei an, als ob Caspar ihr Gebieter sei und
sie kommandiere. Das Treiben wurde immer ausgelassener; als es Abend geworden
war, rissen sie die Lampions von den Bumen und zwangen ein paar Musikanten,
ihnen vorauszuziehen, um den Tumult mit ihren Trompeten zu begleiten. Zwei junge
Kaufleute hoben Caspar auf ihre Schultern, und er, dem schon Hren und Sehen
verging, wnschte sich weit weg und kauerte mit dem unglcklichsten Gesicht von
der Welt auf seinem lebendigen Sitz.
    Unter Gesang und Gelchter kam die entfesselte Schar vor die Estrade, wo der
Tanz begonnen hatte; hier konnte sie nicht weiter, die angesammelte Menge
versperrte den Weg nach rckwrts und seitwrts. Pltzlich sah Caspar ganz nahe
die beiden Knaben, die in Frau Beholds Kutsche mitgefahren waren; sie standen
auf der Treppe zum Tanzpodium und trugen einen langen Baumzweig mit einem weien
Pappendeckel an der Spitze, worauf in groen Lettern die Worte gemalt waren:
Hier ist zu sehen Seine Majestt Casperle, Knig von Schwindelheim. Sie
hielten die Tafel so, da die Aufschrift Caspar zugekehrt war, auch alle
Umstehenden gewahrten sie alsbald, und es erhob sich ein schallendes Gelchter.
Die Trompeter gaben einen Tusch, und der Zug setzte sich wieder, am Wirtshaus
vorbei, gegen den illuminierten Wald in Bewegung.
    Caspar rief, man solle ihn herunterlassen, aber niemand achtete darauf. Nun
zog er mit der einen Hand am Ohr des einen, mit der andern an den Haaren des
zweiten seiner Trger. Au, was zwickst du mich! schrie dieser und der andre:
Au, mich zebelt er! Wtend traten sie beiseite, wodurch Caspar herunterglitt.
Die beiden Schildtrger standen vor ihm und grinsten hhnisch. Wir haben auch
ein Fhnlein fr dich, sagte der ltere, sieh mal zu, ob es weht. Im selben
Augenblick schraken sie zusammen, denn eine gebieterische Stimme schrie drhnend
ihren Namen. Es war der Vater der beiden, der General, der mit einigen andern
Herren und mit Frau Behold in geringer Entfernung an einem abseits stehenden
Tisch sa. Diese alle erhoben sich, denn am Himmel waren schwere Wolken
aufgezogen, und man hrte schon den Donner grollen.
    Frau Behold empfing Caspar mit den Worten: Du machst ja schne Streiche,
schmst dich nicht? Allons! Wir fahren heim. Mit berlautem Wesen
verabschiedete sie sich von den Herren und eilte zum Ausgang des Festplatzes, wo
sie mit kreischender Stimme ihren Kutscher rief. Setz dich! herrschte sie
Caspar an, als sie den Wagen erreicht hatten. Sie selbst stieg zum Kutscher auf
den Bock, ergriff die Zgel, und nun begann ein tolles Fahren, erst durch den
Wald, dann die staubschumende Chaussee entlang. Sie trieb die Tiere an, da sie
nur so hpften und von jedem Kieselstein, den ihr Huf traf, Funken spritzten.
Kein Stern war zu sehen, die Landschaft breitete sich dster hin, hufig zuckten
Blitze auf, und der Donner rollte nher.
    In wenig mehr denn einer halben Stunde waren sie in der Stadt, und als die
Pferde am Marktplatz hielten, dampfte der Schwei von ihren Flanken. Frau Behold
sperrte das Haustor auf und lie Caspar vorangehen. Er tastete sich in der
Dunkelheit bis zu seiner Zimmertr, doch die Frau ergriff ihn am Arm, zog ihn
weiter und trat mit ihm in den sogenannten grnen Salon, einen groen Raum, wo
die Fenster geschlossen waren und eine muffige Luft herrschte. Frau Behold
zndete eine Kerze an, warf Hut und Mantille auf das Sofa und setzte sich in
einen Ledersessel. Sie summte leise vor sich hin, pltzlich unterbrach sie sich
und sagte in derselben singenden Weise: Komm einmal her zu mir, du unschuldiger
Snder.
    Caspar gehorchte.
    Knie nieder! gebot die Frau.
    Zgernd kniete er auf den Boden und sah Frau Behold ngstlich an.
    Wie am Nachmittag nherte sie wieder ihr Gesicht dem seinen. Ihr schmales,
langes Kinn zitterte ein wenig, und ihre Augen lachten sonderbar. Was strubst
du dich denn so? gurrte sie, da er den Kopf zurckbumte. Ma foi, er strubt
sich, der Jngling! Hast wohl noch kein lebendiges Fleisch gerochen? He, du
Strick, wers glaubt! Was Teufel, frchtest dich am Ende? Hab ich dir nicht die
besten Bissen auftragen lassen? Hab ich dir nicht gestern erst eine schne Amsel
geschenkt? Ich hab ein gutes Herz, Caspar, da horch, wies schlgt, wies tickt
...
    Mit groer Kraft zog sie seinen Kopf gegen ihre Brust. Er dachte, sie wolle
ihm ein Leids tun, und schrie, da drckte sie die Lippen auf seinen Mund. Ihm
wurde eiskalt vor Grauen, sein Krper sank zusammen, wie wenn die Knochen aus
den Gelenken gelst wren, und als Frau Behold dieser jhen Erschlaffung inne
ward, erschrak sie und sprang auf. Ihr Haar hatte sich gelockert, und ein dicker
Zopf lag wie eine Schlange auf der Schulter. Caspar hockte auf dem Boden,
krampfhaft umklammerte seine Linke die Rcklehne. Frau Behold beugte sich noch
einmal zu ihm und schnupperte seltsam, denn sie liebte den Geruch seines Leibes,
der sie an Honig erinnerte. Aber kaum sprte Caspar ihre abermalige Nhe, als er
emportaumelte und ans andre Ende des Zimmers floh. Die Seite gegen die Tr
geschmiegt, den Kopf vorgeduckt, die Arme halb ausgestreckt, so blieb er stehen.
    Die ferne Ahnung von etwas Ungeheuerm dmmerte in ihm auf. Kein jemals
gehrtes Wort gab einen Hinweis, doch er ahnte es, wie man auf eine
Feuersbrunst, die hinter den Bergen wtet, aus der Rte des Himmels schliet.
Schndlich war ihm zumut, insgeheim fhlte er sich an, ob er denn auch seine
Kleider am Krper trge, und dann schaute er auf seine Hnde nieder, ob sie
nicht voll Schmutz seien. Er schmte sich, er schmte sich, vor den Wnden, vor
dem Sessel, vor der brennenden Kerze schmte er sich; er wnschte, die Tr
mchte von selber sich ffnen, damit er unhrbar verschwinden knne.
    Es war wie das entsetzliche Aufleuchten von Augen, als ein rosiger
Blitzstrahl ins Zimmer fuhr; der Donner folgte wie ein enormer Schrei. Caspar
drckte die Schultern zusammen und fing an zu zittern.
    Mittlerweile ging Frau Behold mit wahren Mannesschritten auf und ab, lachte
ein paarmal kurz vor sich hin, pltzlich ergriff sie die Kerze und trat auf
Caspar zu. Du Aas, du verdorbenes, was hast du denn geglaubt, sagte sie
erbittert, glaubst du vielleicht, mir liegt etwas an dir? Ja, einen alten
Stiefel! Mach, da du weiterkommst, und untersteh dich nicht, darber zu
sprechen, sonst massakrier ich dich!
    Sie lachte dabei, als solle es im Grunde doch nur Scherz sein, aber Caspar
erschien sie bergro, ihr schwarzer Schatten erfllte den ganzen Raum, auer
sich vor Furcht rannte er hinaus, die Frau hinter ihm her, er, die Treppe hinab
zum Tor, rttelte an der Klinke; es war zugesperrt. Er hrte drauen den Regen
aufs Pflaster prasseln, zugleich vernahm er hastig trippelnde Schritte, ein
Schlssel drehte sich im Schlo, und der Magistratsrat erschien auf der
Schwelle. Die unaufhrlichen Blitze beleuchteten Caspars schlotternde Gestalt,
und das Donnergeschmetter verschlang die Fragen des bestrzten Mannes.
    Oben an der Stiege stand Frau Behold, der nahe Kerzenschein durchfurchte ihr
Gesicht mit verwildernden Lichtern und ihre Stimme bertnte den Donner, als sie
ihrem Manne zuschrie: Er hat sich betrunken, der Kerl! Auf dem Schmausenbuk
haben sie ihn betrunken gemacht! La Er sich heute nur nicht mehr blicken!
Marsch, ins Bett mit ihm.
    Der Magistratsrat schlo das Tor und klappte den triefenden Parapluie zu.
Nun, nun ... aber, aber, machte er, so schlimm wirds doch nicht gleich sein.
    Frau Behold antwortete nicht. Sie schlug eine Tr zu, dann war es still und
finster.
    Komm Er nur mit, Caspar, sagte der Rat, wir wollen mal Licht anznden und
nachsehen, was es denn da gibt. Reich Er mir den Arm, so. Er geleitete Caspar
in dessen Zimmer, machte Licht und murmelte fortwhrend kleine, beschwichtigende
Stzchen vor sich hin. Dann beroch er Caspars Atem, um zu sehen, ob er wirklich
getrunken habe, schttelte den Kopf und meinte verwundert: Nichts dergleichen.
Die Rtin ist da sicherlich im Irrtum. Aber mach Er sich nichts draus, Caspar,
empfehl Er Seine Sache dem Herrn, und es wird wohl enden. Gute Nacht!
    Als Caspar allein war, irrte sein scheues Auge von Blitz zu Blitz. Bei jedem
Aufflammen hatte er unter den Lidern Schmerzen wie von Nadelstichen, bei jedem
Donnerschlag war ihm, als ob alles in seinem Leibe locker sei. Hnde und Fe
waren ihm eiskalt. Er wagte sich nicht ins Bett zu begeben, sondern blieb wie
angewurzelt stehen, wo er stand. Er erinnerte sich mit Grauen des ersten
Gewitters, das er im Turm auf der Burg erlebt hatte. Er war in einen Mauerwinkel
gekrochen, und die Frau des Wrters war gekommen, ihn zu trsten. Sie sagte:
Man darf nicht hinausgehen, es ist ein groer Mann drauen, der zankt. Immer,
wenn es donnerte, bckte er sich ganz zur Erde, und die Frau sagte: Hab keine
Angst, Caspar, ich bleib bei dir.
    Auch jetzt war es ihm, als sei ein groer Mann drauen, der zankte. Aber es
war niemand da, um ihn zu trsten. Die Amsel, die in einem Kfig beim Fenster
geduckt auf dem Holzstbchen hockte, lie bisweilen piepsende kleine Laute
hren. Er htte sie schon lngst freigelassen, weil ihn das Tier erbarmte, doch
frchtete er Frau Beholds Zorn.
    Als das Gewitter im Wegziehen war, entledigte er sich schnell der Kleider,
kroch ins Bett und deckte sich bis zur Stirn hinauf zu, um das Blitzen nicht
sehen zu mssen. In der Eile verga er sogar, die Tre abzuriegeln, und dieser
Umstand hatte ein gar sonderbares Geschehnis zur Folge.
    Am Morgen beim Aufwachen sprte er einen durchdringenden Geruch. Ja, es roch
nach Blut im Zimmer. Schaudernd blickte er sich um, und das erste, was er sah,
war, da der Vogelbauer am Fenster leer war. Caspar suchte nach dem Tierchen und
gewahrte, da die Amsel auf dem Tisch lag, tot, mit ausgebreiteten Flgeln, in
einem Blutgerinnsel. Und daneben, auf einem weien Teller, lag das blutige
kleine Herz.
    Was mochte dies bedeuten? Caspar verzog das Gesicht, und sein Mund zuckte
wie bei einem Kind, bevor es weint. Er kleidete sich an, um in die Kche zu
gehen und die Leute zu fragen, doch als er das Zimmer verlie, erschrak er, denn
Frau Behold stand im Flur neben der Tr. Sie hatte einen Kehrbesen in der Hand
und sah unordentlich aus. Caspar schaute in ihr fahles Gesicht, er sah sie lange
an, fast so matt und bewegt, wie er den toten Vogel angesehen.

                            Botschaft aus der Ferne


Es war aber von da an nicht mehr auszuhalten mit Frau Behold. Wahrscheinlich
bereitete sich in dieser Zeit schon der furchtbare Gemtszustand vor, der
spterhin ihr Schicksal verhngnisvoll beschlo. Jedermann scheute sich, mit ihr
zu tun zu haben. Kaum hatte sie sich irgendwo hingesetzt, so sprang sie auch
schon wieder auf, um fnf Uhr frh war sie schon munter, lrmte in den Zimmern
und auf den Stiegen und klopfte Caspar aus dem Schlaf, wobei sie ein solches
Gepolter an seiner Tr machte, da er mit wehem Kopfe erwachte und den ganzen
Tag zu keiner Arbeit fhig war. Bei Tisch sollte er nicht reden, und wenn er
einmal Widerspruch hielt, drohte sie, ihn beim Gesinde in der Kche essen zu
lassen. Kam ein Fremder und Caspar wurde gerufen, so erging sie sich in bissigen
Wendungen. Ich bin neugierig, ob Sie aus dem Stockfisch was herausbringen,
sagte sie etwa; man hat Ihnen sicherlich weisgemacht, da Sie ein Unikum von
Klugheit an ihm finden werden. berzeugen Sie sich doch; sehen Sie zu, ob die
arme Seele ein vernnftiges Wort hergibt. Solches machte den Gast, wer er auch
war, verlegen, und Caspar stand da und wute nicht, wohin er schauen sollte.
    Wie frher muten Menschen her, um die Rume des Hauses zu fllen, Gelchter
sollte ber die morschen Stiegen hallen und knisternde Schleppen den Staub der
Jahrzehnte abfegen. Aber die Tage waren von den Nchten so verschieden wie der
Ballsaal, wenn die Lichter brennen und dann, wenn die Leute gegangen sind, der
Pfrtner die Kerzen auslscht und Muse ber die befleckten Teppiche huschen. In
einem solchen Dasein wchst Schuld wie das Unkraut auf nicht gepflgtem Acker.
Groe Schuld kann reinigen in Bue oder Leiden; die kleinen Versumnisse und
unnennbaren Missetaten, die an vielen Stunden vieler Tage hngen, zermrben die
Seele und fressen das Mark des Lebens auf.
    Jedenfalls war Frau Behold eine sehr moralische Natur, weil sie dem Menschen
nicht verzeihen konnte, der ihre Tugend ins Wanken gebracht hatte, wenngleich
nur fr eine schwle Gewitterstunde. Aber lag es blo daran? War ihr nicht
vielmehr die ganze Welt auf den Kopf gestellt durch das unerwartete Bild der
Unschuld, das ihr der Jngling dargeboten hatte? Eine solche umgedrehte Welt war
ihr nicht ertrglich, um darin zu leben. Es war ein Raub an ihr geschehen, und
sie verlangte nach Rache.
    Den Freunden Caspars blieb der vernderte Zustand im Hause Behold nicht
verborgen. Brgermeister Binder war der erste, der mit Nachdruck erklrte,
Caspar drfe nicht lnger dort verbleiben. Daumer untersttzte diese Meinung
lebhaft, und der Redakteur Pfisterle, hitzig und unbequem wie immer, beschimpfte
in seiner Zeitung den Magistratsrat und uerte den Verdacht, man wnsche den
Findling unschdlich zu machen und die Stimmen mit Gewalt zum Schweigen zu
bringen, welche die Anrechte seiner geheimnisvollen Geburt durchsetzen wollten.
Da lebt er, der rtselhafte Knabe, dem ein unsichtbares Diadem auf der Stirn
glnzt, wie ein einsames Tier, das sich nur mit ein paar schchternen Sprngen
ans Licht getraut und whrend es ber den Acker hpft possierlich mit Schwanz
und Ohren wackelt, um seine Feinde zu ergtzen, dabei aber ngstlich nach allen
Seiten spitzt, um bald wieder ins erste beste Loch zu kriechen.
    So der aufgeregte Schreibersmann. Danach entschlossen sich die Stadtvter
nach mancherlei Beratungen, wie vordem einen Erziehungs- und Kostbeitrag aus der
Gemeindekasse auszusetzen, und weil niemand so wie Herr von Tucher geeignet
schien, dem Elternlosen ein Obdach zu bieten, legte man ihm die Sache
beweglicherweise ans Herz, appellierte an seine Gromut und an die
ausgezeichnete Stellung seiner Familie, deren Name allein gengen wrde, den
Jngling vor gemeinen Verfolgungen zu schtzen.
    Herr von Tucher hatte jedoch Bedenken. Das pltzliche Gezeter gegen die
Beholdschen verdro ihn. Erst seid ihr froh gewesen, fr den jungen Menschen
einen Unterschlupf zu finden, und auf einmal wird hohes Kammergericht gespielt,
sagte er; soll ich annehmen, da es mir besser ergeht? Ich will nicht Gefahr
laufen, da mein Privatleben von oben bis unten beschnffelt wird, ich will
nicht jedem migen Hahn erlauben, sein Kikeriki in meinen Frieden zu krhen.
    Auch die Familie, besonders seine Mutter, erhob Einspruch und warnte ihn,
sich. in Abenteuer zu begeben. Es hie sogar, die alte Freifrau habe dem Sohn
einen unangenehmen Auftritt bereitet und ihm gesagt, wenn er den Hauser zu sich
nehmen wolle, mge er nur dessen Unterhalt aus Gemeindekosten bestreiten, sie
gebe keinen Groschen dafr her.
    Aber Herr von Tucher war ein Pflichtmensch. Er fand, da es seine Pflicht
sei, Caspar aufzunehmen. Da er in ihm schon einen halb Verlorenen sah, stellte
er sich vor, da er damit einen unglcklich Irrenden wieder auf die gebahnten
Wege des Lebens fhren knne. Der gute Caspar ermangelt vielleicht nur einer
mnnlichkrftigen Hand, sagte er sich; die Faseleien von bernatur und
Ausnahmswesen, das bestndige Bestarrt- und Bewundertwerden, alles das war ihm
verderblich; Einfachheit, Ordnung, berlegte Strenge, kurz, die Prinzipien einer
gesunden Zucht werden ihm heilsam sein. Probieren wirs!
    Herr von Tucher hatte sich also hier eine Aufgabe gestellt, und das war das
wichtigste. Er erklrte: Ich bin bereit, den Findling zu betreuen, knpfe
jedoch die Bedingung daran, da man mich in allen Dingen gewhren und da
niemand, wer es auch sei, sich einfallen lt, mich in meinen Plnen zu
beeintrchtigen oder in irgendwelcher Absicht zwischen mich und Caspar zu
treten.
    Natrlich wurde das zugesagt und versprochen.
    Kaum hatte Frau Behold gehrt, was sich hinter ihrem Rcken abspielte, so
beschlo sie, den Ereignissen zuvorzukommen. Sie wartete eine Nachmittagsstunde
ab, whrend welcher Caspar nicht zu Hause war, lie alles, was sein Eigentum
war, Kleider, Wsche, Bcher und sonstige Gegenstnde, in eine Kiste werfen und
diese ohne Deckel auf die Strae stellen. Dann sperrte sie selber das Tor zu und
lehnte sich befriedigt lchelnd zum Erkerfenster des ersten Stockwerks heraus,
um auf Caspars Rckkehr zu harren und die Verblffung des angesammelten Volkes
zu genieen.
    Caspar kam bald; er wurde von seinem Leibpolizisten ber das Vorgefallene
belehrt, und indes der Mann von Amts wegen aufs Rathaus trollte, um Meldung zu
erstatten, lehnte sich Caspar gegen seine Kiste und schaute hin und wieder
verwundert zu Frau Behold hinauf Es dauerte gute zwei Stunden, bis man sich auf
dem Rathaus entschieden hatte, was zu tun sei, und Herr von Tucher
benachrichtigt worden war. Whrenddem fing es an zu regnen, und htte nicht ein
gutmtiges Marktweib einen Hopfensack herbeigebracht, mit dem sie die Kiste
bedeckte, so wre Caspars ganzes Hab und Gut durchnt worden. Endlich zeigte
sich der Polizist wieder in Begleitung eines Tucherschen Bedienten; sie brachten
ein Handwgelchen mit und schleppten die Kiste hinauf. Nun gings fort, und ein
einfltig schwatzender Haufen Menschen folgte bis in die Hirschelgasse ans
Tucherhaus.
    Es begann nun wieder ein ganz neues Leben fr Caspar. Vor allem hrte der
Besuch der Schule auf, und anstatt dessen kam zweimal tglich ein junger Lehrer
ins Haus, ein Studiosus namens Schmidt. Sodann wurde jedem unberufenen Fremden
die Tr verriegelt. Ferner wurde das Reiten nicht mehr gestattet. Derlei
bungen sind fr Aristokraten und reiche Leute, nicht aber fr einen Menschen,
der zu brgerlichem Brotverdienst erzogen werden mu und sicherlich einst darauf
angewiesen sein wird, sich mit seiner Hnde Arbeit durchzuschlagen, sagte Herr
von Tucher.
    Daraus war ersichtlich, da er den Redereien von vornehmer Abstammung, die
im Lauf der Zeit keineswegs verstummt waren, nicht die mindeste Bedeutung zuma.
Die gegebenen Verhltnisse sind schwierig genug, erwiderte Herr von Tucher,
wenn man ihn nur auf eine Mglichkeit dieser Art hinwies; ich bin durchaus
nicht gesonnen, einem solchen Phantom, und mehr ist es nicht, meine Grundstze
zu opfern.
    Herr von Tucher war ein Mann, der unerschtterlich an seine Grundstze
glaubte. Grundstze zu haben war fr ihn das erste Element des Lebens, nach
ihnen zu handeln ein selbstverstndliches Gebot. Es gehrte zu diesen
Grundstzen, da er von Anfang an eine Entfernung zwischen sich und Caspar
schuf, die den Respekt sicherte. Vertrauliche Beziehungen waren ohnehin seine
Sache nicht; Gefhle zu zeigen, war ihm verhat; die aufrechte Haltung, der
gemessene Gang, der khle Blick, die Tadellosigkeit in Kleidung und Manieren
kennzeichneten auch ganz und gar sein Inneres.
    Strenge erschien ihm wichtig; er zeigte Caspar ein strenges Gesicht. Die
oberste Maxime war: sich nicht rhren lassen. Daneben war es billig fr erfllte
Pflicht Anerkennung zu gewhren. Die Stunden vom Morgen bis zum Abend waren aufs
genaueste eingeteilt. Am Vormittag der Unterricht, dann ein Spaziergang unter
Aufsicht des Dieners oder Polizisten, am Nachmittag beschftigte sich Caspar
allein. Neben seiner Stube war eine kleine Kammer als Werksttte eingerichtet,
und wenn er die Aufgaben beendigt hatte, verfertigte er allerlei Tischler- und
Papparbeiten, wozu er viel Geschick bewies. Auch an Uhren und deren Zerlegung
und Zusammensetzung fand er Freude. Sein Betragen befriedigte Herrn von Tucher
vollkommen. Er konnte nicht umhin, den eisernen Flei des Jnglings und seinen
hartnckigen Lern-und Bildungseifer zu bewundern. Es gab nicht Widerspruch noch
Auflehnung, niemals tat Caspar weniger, als von ihm gefordert wurde. Ganz klar,
man hat mich falsch berichtet, dachte Herr von Tucher, die Leute, die bisher um
ihn waren, haben ihn nicht zu behandeln gewut, zum erstenmal erfhrt er den
Segen einer folgerechten Leitung.
    Die Grundstze triumphierten.
    Das hufige und lange Alleinsein war Caspar zuerst angenehm, aber im Verlauf
der Zeit wurde ihm doch fhlbar, da dem ein Zwang obwaltete, und er hrte auf,
die Gelegenheiten zu fliehen, die ihm Zerstreuung und Unterhaltung versprachen.
Wenn auf der sonst so den Hirschelgasse Lrm entstand, ri er das Fenster auf
und lehnte erwartungsvoll ber den Sims, bis es wieder stille war. Es brauchten
nur zwei alte Weiber schwatzend stehenzubleiben, gleich war unser Caspar auf dem
Posten und lauschte. Er wute genau, um welche Zeit die Bckerjungen am Morgen
vom Webersplatz herkamen, und ergtzte sich an ihrem Pfeifen. Sobald der
Postillon am Laufertor sein Horn blies, unterbrach er die Arbeit, und seine
Augen glnzten. So machte ihn auch jedes Gerusch aus dem Innern des
weitlufigen Hauses stutzig, und nicht selten lief er zur Tr, ffnete den Spalt
und horchte aufgeregt, wenn er eine Stimme vernommen hatte, die unbekannt klang.
Die Dienstleute wurden darauf aufmerksam; sie sagten, er sei ein Trenhorcher
und lege es darauf an, sie dem Baron zu verklatschen.
    Vor dem Hause selber empfand Caspar eine unbestimmte Hochachtung; er schritt
fast auf Zehen ber die Korridore, etwa wie man in der Gegenwart eines vornehmen
Herrn leise spricht. In stolzer Zugeschlossenheit thronte der Bau abseits vom
Getriebe, und wer Einla heischte, mute sich von einem langbrtigen Pfrtner
besichtigen und befragen lassen. Die Mauern waren so gewaltig in die Erde
gebohrt, Fassade, Dach und Giebel so majesttisch gefgt und verwachsen, als
htten altverbriefte Rechte mehr als die Kunst des Baumeisters ihnen zu solchem
Ansehen verholfen. Der Turm im Hof mit der Wendeltreppe fesselte Caspars Auge
gern am Abend, wenn die feinverschnrkelten Formen, durchglht von blulichem
Dunst, sich ineinanderwirkend zu beleben schienen.
    Bisweilen gewahrte er hinter einem versperrten Fenster einen eisgrauen
Scheitel ber einem pergamentenen Gesicht. Es war die alte Freifrau, die sich
sonst ihm niemals zeigte. Man sagte ihm, da sie von schwacher Gesundheit sei
und ngstlich das Zimmer hte. Dies Fremdsein Wand an Wand erregte sein
Nachdenken. Allmhlich wurde es ihm klar, da er unter lauter fremden Menschen
herumging und von der Mitleidsschssel speiste. Einer nahm ihn und nhrte ihn;
da kam ein Wagen, und er wurde geholt. Ein andres Haus; eines Tages wirft man
sein Zeug auf die Gasse: wieder woandershin.
    Wie ging das zu? Andre lebten stndig an ihrer Stelle, kannten ihr Bett von
Kindheit an, keiner durfte sie losreien, sie hatten Rechte. Das war es, sie
hatten angestammte und gewaltige Rechte. Es gab Arme, die um Geld dienten, die
zu den Fen derer lagen, welche man als reich bezeichnete, selbst die standen
irgendwo fest auf der Erde, hielten irgend etwas fest in den Hnden, sie
verrichteten eine Arbeit, man bezahlte sie fr die Arbeit, und sie konnten
hingehen und sich ihr Brot kaufen. Der eine machte Rcke, der zweite Schuhe, der
dritte baute Huser, der vierte war Soldat, und so war einer dem andern Schutz
und Hilfe und bekam einer vom andern Speise und Trank. Warum konnte man sie
nicht wegreien von der Stelle, wo sie hausten?
    Darum war es, ja, darum wars: weil sie eines Vaters und einer Mutter Sohn
waren. Das hielt einen jeden. Vater und Mutter trugen jeden zur Gemeinschaft der
Menschen und zeigten somit allen andern an, woher er gekommen sei und was er
sein wollte.
    Das war es, Caspar wute nicht, woher er gekommen sei; aus irgendeinem
unentdeckbaren Grund war er, er ganz allein vaterlos, mutterlos. Und er mute es
herausbringen, warum. Er mute zu erfahren suchen, wer und wo sein Vater und
seine Mutter waren, und vor allem mute er hingehen und sich seinen Platz
erobern, von dem man ihn nicht vertreiben konnte.
    An einem Winterabend betrat Herr von Tucher Caspars Zimmer und fand ihn tief
in sich gekehrt. Zwei- oder dreimal wchentlich pflegte Herr von Tucher nach
beendetem Tagewerk seinen Zgling zu besuchen, um sich ein wenig mit ihm zu
unterhalten. Es lag dies im Schema des Erziehungsplanes. Das Prinzip verlangte
aber von Herrn von Tucher, da er eine wrdevolle Unnahbarkeit bewahre; das
Prinzip zwang ihn, auf die Freuden eines natrlichen Verkehrs zu verzichten. Und
wenn es ihm auch manchmal schwer wurde, solche berwindung zu ben, sei es durch
ein eignes Bedrfnis, sich mitzuteilen, oder weil ein stumm forschender Blick
Caspars an sein Herz fate, es gab kein Schwanken, das Prinzip, grimmig wie ein
Vitzliputzli, verstattete nicht, da man die Grenze der Zurckhaltung mehr als
ntzlich berschreite.
    Wie er aber Caspar so gewahrte, verborgenem Sinnen hingegeben, ergriff ihn
der Anblick doch, und seine Stimme nahm wider Willen einen milderen Klang an,
als er den Jngling um die Ursache seines Nachdenkens befragte.
    Caspar berlegte, ob er sich aufschlieen drfe. Wie bei jeder
Gemtsbewegung war die linke Seite seines Gesichtes konvulsivisch durchzuckt.
Dann strich er mit einer ihm eignen unnachahmlich lieblichen Geste die Haare von
der einen Wange gegen das Ohr zurck und fragte mit einem Ton aus innerster
Brust: Was soll ich denn eigentlich werden?
    Herrn von Tucher beruhigten diese Worte sogleich. Er machte eine Miene, als
wolle er sagen: die Rechnung stimmt. Darber habe er auch schon nachgedacht,
erwiderte er; Caspar mge ihm doch sagen, wozu er am meisten Lust habe.
    Caspar schwieg und schaute unentschlossen vor sich hin.
    Wie wre es mit der Grtnerei? fuhr Herr von Tucher wohlwollend fort.
Oder wie wre es, wenn du Tischler wrdest oder Buchbinder? Deine Papparbeiten
sind ganz vortrefflich, und du knntest das Buchbindergewerbe in kurzer Zeit
erlernen.
    Drft ich dann alle Bcher lesen, die ich einbinden soll? fragte Caspar
versonnen, der so geduckt sa, da sein Kinn die Tischplatte berhrte.
    Herr von Tucher runzelte die Stirn. Das hiee eben den Beruf
vernachlssigen, antwortete er.
    Ich knnte ja auch Uhrmacher werden, sagte Caspar; er hatte in diesem
Augenblick eine ziemlich berspannte Vorstellung von einem Uhrmacher; er sah
einen Mann, der im Innern hoher Trme steht und den Glocken zu luten befiehlt,
der goldene Rdchen ineinanderfgt und durch einen Zauberspruch die Zeit
unsichtbar macht und in ein winziges Gehuse bannt. berhaupt mit solchen Namen
war es schwer; nicht sein Wollen lag dahinter, sondern ein unbegreiflich
verwickeltes Bild des ganzen Lebens. Herr von Tucher, voll Argwohn, als wurzle
in dem Gehaben Caspars doch kein wahrer Ernst, erhob sich und sagte kalt, er
werde sich die Sache berlegen.
    Am nchsten Abend wurde Caspar in Herrn von Tuchers Zimmer gerufen. Ich bin
nun mit Bezug auf unser gestriges Gesprch zu folgendem Entschlu gelangt,
sagte der Baron; du bleibst das Frhjahr und den Sommer ber noch in meinem
Haus. Wenn du fleiig bist, kann deine Ausbildung in den Elementarfchern bis
zum September beendet sein, dessen versichert mich auch Herr Schmidt. Damit nun
der Tag ein ununterbrochenes Ganzes fr dich wird, sollst du des Mittags nicht
mehr mit mir essen, sondern alle Mahlzeiten auf deinem Zimmer einnehmen. Ich
werde bald mit einem anstndigen Buchbindermeister sprechen; wir wissen dann,
woran wir sind. Bist dus zufrieden, Caspar? Oder hast du andre Wnsche? Nur
frisch heraus mit der Sprache, du kannst noch immer whlen.
    Ein flchtiger Schauer lief Caspar ber den Rcken. Er schttelte sich ein
wenig, setzte sich nieder und schwieg. Herr von Tucher wollte ihn nicht weiter
bedrngen, er wollte ihm Zeit lassen. Eine Weile ging er hin und her, dann nahm
er vor dem Flgel Platz und spielte einen langsamen Sonatensatz. Es geschah dies
nicht aus zuflliger Laune; am Dienstag und Freitag von sechs bis sieben Uhr
abends spielte Herr von Tucher Klavier, und da der Kuckuck der Schwarzwlderuhr
soeben sechs gekrchzt hatte, wre eine Versumnis sehr gegen die Regel gewesen.
    Es war eine ziemlich schwermtige Melodie. Fr Caspar war dergleichen eine
Qual; so gern er Mrsche, Walzer und lustige Lieder hrte, - die Anna Daumer,
die kann spielen, sagte er immer -, so unbehaglich war ihm bei solchen Tnen.
Als Herr von Tucher den Schluakkord des Stckes angeschlagen hatte, sich auf
dem Drehsessel umkehrte und Caspar fragend anschaute, dachte er, er solle sich
uern, wie es ihm gefalle, und er sagte: Das ist nichts. Traurig kann ich von
alleine sein, dazu brauch ich keine Musik.
    Herr von Tucher zog erstaunt die Brauen in die Hhe. Was maest du dir an?
entgegnete er ruhig. Ich habe kein musikalisches Urteil von dir verlangt, und
ich habe nicht den Ehrgeiz, deinen Geschmack in dieser Hinsicht zu veredeln. Im
brigen geh auf dein Zimmer.
    Caspar war es ganz lieb, da er nicht mehr mit dem Baron zu essen brauchte.
Das steife Beieinandersitzen erschien ihm jedesmal unsinnig und lstig. Vieles
entzckte ihn an diesem Manne, besonders seine Ruhe und sein sachtes Sprechen,
das beraus Reinliche seines Krpers, die porzellanweien Zhne und vor allem
die rosigen gewlbten Ngel der langen Hnde. Er kannte viele Leute mit blassen
Ngeln und mitraute ihnen; blasse Ngel weckten ihm die Vorstellung des Neides
und der Grausamkeit.
    Doch immer hatte Caspar das Gefhl, als ob Herr von Tucher auf irgendwelche
Art schlechte Nachrichten ber ihn erhielte und sich davon betren lasse; es war
ihm manchmal, als msse er ihm zurufen: es ist ja alles nicht wahr! Aber was?
Was sollte nicht wahr sein? Das wute Caspar nicht zu sagen.
    In seiner Einsamkeit war ihm zumute, als seien die Menschen seiner
berdrssig und gingen damit um, sich seiner zu entledigen. Er war voller
Ahnungen, voller Unruhe. In Nchten, wo der Mond am Himmel stand, verlschte er
die Lampe frher als sonst, setzte sich ans Fenster und verfolgte unverwandt die
Bahn des Gestirns. An Vollmondtagen ward er hufig unwohl, es fror ihn am ganzen
Leibe, erst der Anblick des Mondes selbst nahm den Druck von seiner Brust. Er
wute, von welchem Dach oder zwischen welchen Giebeln die helle Scheibe
emporsteigen msse, hob sie wie mit Hnden aus der Tiefe des Himmels heraus, und
wenn Wolken da waren, zitterte er davor, da sie den Mond berhren knnten, weil
er glaubte, das strahlende Licht msse befleckt werden.
    Sein Ohr schien in dieser Zeit manchmal den Lauten einer Geisterwelt zu
lauschen. Eines Morgens erhob er sich whrend des Unterrichts pltzlich, ging
zum Fenster und beugte sich weit hinaus. Herr Schmidt, der Studiosus, lie ihn
gewhren, als es aber zu lange dauerte, rief er ihn zurck. Caspar richtete sich
auf und schlo das Fenster, sein Gesicht war so bleich, da der Studiosus
besorgt fragte, was ihm sei.
    Mir war, wie wenn jemand kme, versetzte Caspar.
    Wie wenn jemand kme? Wer denn?
    Ja, wie wenn mich jemand unten gerufen htte.
    Der Studiosus fand dies wunderlich. Er dachte eine Weile nach und htte gern
eine Frage gestellt. Es war da neuerdings in der Stadt viel von einer seltsamen
Geschichte die Rede, die Caspar betraf oder auf ihn gedeutet wurde und die in
allen Journalen, auch drauen im Reich, des langen und breiten durchgehechelt
wurde. Aber weil Herr von Tucher dem Studiosus aufs strengste verboten hatte,
mit Caspar jemals ber solche Dinge zu sprechen, nahm er sich zusammen und
schwieg.
    Nun hatte Caspar seit Monaten die Gewohnheit, alle Zeitungsbltter, die ihm
in die Hand kamen und die er sich zum Teil heimlich zu verschaffen wute, denn
Herr von Tucher frchtete von dieser Seite her Beeinflussung mit gutem Grund,
aufs genaueste durchzulesen. Hin und wieder geschah es, da er irgendeine
Nachricht, eine Mitteilung ber sich selbst entdeckte, und obgleich er noch nie
etwas Wesentliches gefunden hatte, bekam er jedesmal Herzklopfen, sobald er nur
seinen Namen gedruckt sah. Kurze Zeit nach jenem kleinen Zwiegesprch mit dem
Lehrer spielte ihm der Zufall eine schon mehrere Tage alte Nummer der
Morgenpost in die Hnde, und beim Lesen fand er folgende eigentmliche
Erzhlung:
    Vor mehr als zehn Jahren hatte ein Fischer bei Breisach eine schwimmende
Flasche aus dem Rheinstrom gezogen, und diese Flasche enthielt einen Zettel, auf
welchem geschrieben stand: In einem unterirdischen Kerker bin ich begraben.
Nicht wei der von meinem Kerker, der auf meinem Thron sitzt. Grausam bin ich
bewacht. Keiner kennt mich, keiner vermit mich, keiner rettet mich, keiner
nennt mich. Dann kam ein halb unleserlicher und verstellter Name, von dem alle
deutlichen Buchstaben auch im Namen Caspar Hauser enthalten waren.
    Alles das war damals schon von einigen Zeitungen gemeldet worden, war aber
bei dem Mangel jeglichen Anhaltspunktes natrlich wieder in Vergessenheit
geraten. Da hatte vor vier Wochen etwa ein ungenannter Schnffler den Vorfall
aus einem alten Jahrgang der Magdeburger Zeitung neuerdings ans Licht
gebracht. Andre Journale bemchtigten sich der Angelegenheit, die nach und nach
viel Staub aufwirbelte. Auf einmal wurde nachgewiesen, da seinerzeit ein
Piaristenmnch von einer gewissen Regierung bezichtigt wurde, die Flasche in den
Rhein geworfen zu haben. Es stellte sich ferner heraus, da derselbe Mnch
pltzlich verschwunden und eines schnen Tages im Elsa, in einem Wald der
Vogesen, ermordet aufgefunden worden war. Den Tter hatte man nie entdeckt.
    Wenn auf diese Spur hin das Mysterium, das ber dem Findling schwebt, nicht
endlich gelftet wird, rief der Querulant in der Morgenpost, nachdem er die
Geschichte also ausfhrlich berichtet hatte, dann gebe ich keinen Pfifferling
fr unsre ganze Justizpflege!
    Caspar las und las. Zwei Stunden verbrachte er damit, die wunderliche
Historia immer wieder von vorn anzufangen und beinahe jedes einzelne Wort zu
berlegen. Dabei berraschte ihn der Studiosus; er vergewisserte sich, da es
eben dieselbe Affre sei, von der er neulich nicht sprechen gewollt, und sagte
hastig: Ei, was treiben Sie da, Caspar? Was sagen Sie brigens dazu? Die
meisten Leute halten es fr Quark, trotzdem es ein unwiderlegliches Faktum ist,
da die Sache damals in der Magdeburger Zeitung gestanden hat. Was sagen Sie
dazu, Hauser?
    Caspar hrte kaum; als der Mann seine Frage wiederholte, erhob er das
Gesicht, schlug den feuchten Blick zum Himmel empor und sagte leise: Ich hab es
nicht geschrieben, was da vom Kerker steht.
    Vom Kerker und vom Throne, fgte der Studiosus mit sonderbarem und
begierigem Lcheln hinzu. Da Sie es nicht geschrieben haben, glaub ich schon,
Sie haben ja das Schreiben erst bei uns gelernt.
    Aber wer kann es geschrieben haben?
    Wer? Das ist eben die Frage. Vielleicht einer, der helfen wollte; ein
verborgener Freund vielleicht.
    Vom Kerker und vom Throne, lallte Caspar mit willenlosem Mund. Er begab
sich in die Ofenecke, kauerte sich auf einem Schemel zusammen und versank in
tiefe Grbelei. Weder Ruf noch Mahnung noch Befehl vermochten ihn zu wecken, und
der Studiosus, der sich schuldig fhlte, blieb, um kein Aufsehen zu machen, die
Stunde ber sitzen und entfernte sich dann still.
    Am selben Abend war eine Assemblee im Tucherschen Haus; alle Freunde der
Familie waren geladen, und eine halbe Stunde lang dauerte das Wagengerassel. Als
die ersten Tanzweisen vom Saal heraufschallten, begab sich Caspar in den
Korridor und horchte. Er hatte nicht mehr Zutritt zu solchen Festen.
    Whrend er noch stand, ans Gelnder gepret, den Kopf vorgebeugt, und er
sich so recht verstoen vorkam, berhrte eine Hand seine Schulter. Es war der
Lakai, der ihm auf silberner Platte einige Sigkeiten brachte. Caspar
schttelte den Kopf und sagte: Ses mag ich nicht, worauf der Diener ihn
mrrisch mit den Blicken ma und sich zu gehen anschickte.
    Da kamen Schritte von der zweiten Treppe her, die unbeleuchtet war, und
unversehens stand die alte Freifrau in grauseidenem Kleid und seidener
Haarschrpe vor den beiden; indem sie ihre blauen Augen streng in die des
Jnglings bohrte, sagte sie stolz und befremdet: Ses mag Er nicht? Warum mag
Er denn Ses nicht?
    Sie kam von unten; Caspar roch deutlich den Menschendunst an ihren
Gewndern. Es war ihre Art, sich frh zurckzuziehen. Bevor sie zur Ruhe ging,
pflegte sie tglich durch das ganze Haus zu wandern, um nachzusehen, ob kein
Feuer sei und kein Dieb sich eingeschlichen habe.
    Vor ihren rauh klingenden Worten duckte Caspar den Kopf Es ist anzunehmen,
da seine Phantasie ungewhnlich erregt war. Pltzlich sprte er eine lhmende
Furcht. Schwrze stieg um seine Augen, es war ihm, als habe er die Stimme des
Vermummten gehrt, und den Arm ausstreckend, schrie er bittend: Nicht schlagen,
nicht schlagen!
    Die alte Dame, die es so schlimm eben nicht gemeint hatte, blickte
verwundert und erschrocken auf. Indes hatte Caspars lauter Schrei die
Aufmerksamkeit einiger Gste erregt, die im unteren Flur auf und ab spazierten.
Sie wandten sich an Herrn von Tucher, und dieser ging die Treppe empor, gefolgt
von einigen Herren. Unter der Gesellschaft im Saal verbreitete sich das Gercht,
es sei etwas passiert, und da Caspars Aufenthalt im Hause natrlich bekannt war,
dachten alle an ein Ereignis wie das bei Daumer vorgefallene. Es entstand ein
Schweigen, die Tanzmusik verstummte, viele drngten hinaus, besonders die jungen
Damen waren erregt, und eine Anzahl von ihnen stieg die Treppe empor und blieb
schauend stehen.
    Herr von Tucher, der dies alles aufs peinlichste empfand, wie ihm denn jedes
unntze Aufsehen ein Greuel war, schickte sich an, Caspar zur Rede zu stellen,
wurde aber durch das versteinerte Bild des Jnglings abgeschreckt, auch machte
ihn die bestrzte Haltung seiner Mutter stutzig.
    Es ging etwas Ungeheures in Caspar vor. Ihm war, als habe er, was jetzt
geschah, schon einmal erlebt. Wie mit einer Sturzwelle ri es ihn zurck, und
die Zeit schien ihren Atem anzuhalten. Da war die alte Frau, frstlich
geschmckt und majesttisch anzusehen; wie, glich sie nicht einem Weib, das
einst in ein Gemach gekommen, wo auch er gewesen war, und hatte ihre Gegenwart
nicht alle andern erstarren lassen? Lag nicht jemand auf dem Bett und vergrub
den Kopf in die Kissen? Da war der Diener, der eine silberne Platte in Hnden
hielt; war das nicht alt? Stand nicht auch damals einer da, der Geschenke
brachte oder Ses oder Kostbares? Da waren feierlich gekleidete Mnner, die auf
einen Befehl zu harren schienen, darauf warteten, da einer kme, noch
festlicher angetan als sie selbst, vor dem sie sich verneigen muten? Und diese
schlanken weien Mdchen in weien Schleiern, deren Blicke tief und bang waren?
Und hier oben die Dmmerung, die sich ber zahllose Marmorstufen hinab ins Licht
verlor? Caspar htte jauchzen mgen, denn er erschien sich fremd und zugleich
von allen angebetet; sie senkten das Haupt, sie erkannten den Herrn in ihm; ja,
er ahnte, was er war und von wo er kam, er sprte, was jenes Wort vom Kerker und
vom Throne zu bedeuten hatte; ein geisterhaftes Lcheln umspielte seine Lippen.
    Herr von Tucher bereitete dem unangenehmen Auftritt ein mglichst stilles
Ende. Er fhrte Caspar in sein Zimmer, gebot ihm, sich zu Bett zu begeben,
wartete, bis er lag, verlschte dann selbst das Licht und sagte beim Hinausgehen
in scharfem Ton, er werde ihn am andern Morgen wegen seiner ungehrigen
Auffhrung zur Rechenschaft ziehen.
    Darum scherte sich Caspar wenig. Es wurde auch nicht viel aus der gedrohten
Abrechnung. Herr von Tucher sah ein, da den Grundstzen eigentlich nichts
zuleide geschehen war. Sein Koch verriet ihm im hohlen Ton der Prophezeiung,
Caspar sei mondschtig und werde sicherlich einmal aufs Dach steigen und
herunterstrzen. Herr von Tucher konnte den Mond nicht abschaffen; da der
Jngling krankhaften Zustnden unterworfen schien, durfte man ihn fr gewisse
Fehltritte nicht verantwortlich machen. Ob Caspar Tischler oder Buchbinder
werden solle, war noch immer unentschieden. Es mute hierzu die Meinung des
Prsidenten Feuerbach eingeholt werden. Herr von Tucher nahm sich vor, im April
nach Ansbach zu fahren und mit dem Prsidenten zu sprechen.
    Caspar aber war voller Erwartung. Er wartete auf einen, der kommen mute,
auf einen, der irgendwo unter den Menschen ging und den Weg zu ihm suchte, und
so fest war der Glaube an diesen Kommenden, da er jeden Morgen dachte: heute,
und jeden Abendmorgen. Er lebte in einem bestndigen innerlichen Sphen, und
seine ahnungsvolle Freude glich einem Traum. Aber wie der Pfau seinen Schweif
niederschlgt, wenn er seine hlichen Fe gewahrt, so machte seine eigne
Stimme, sein eigner Schritt ihn schon wieder zaghaft, um wieviel mehr erst der
Anblick von Menschen, die tglichseine Erwartung enttuschen muten.
    Sein ganzes Treiben in dieser Zeit war auergewhnlich, und die aufmerksam
horchende Spannung gegen ein Leeres hin hatte etwas von Wahnwitz. Freilich,
zusammengehalten mit dem Verlauf der Ereignisse bot sie ein andres Gesicht und
htte einem Mann wie Daumer absonderlichen Stoff fr seine Ideen geliefert.
    Es lauerte viel Heimliches und Feindseliges auf Caspars Wegen, und es
berlief ihn kalt, wenn im Nebel ein Tropfen von einer Dachrinne fiel.
Angstvorstellungen begleiteten ihn bis in den Schlaf, und weil er oftmals
erwachte und die Finsternis ihn qulte, bat er, da man neben seinem Bett ein
llmpchen brennen lasse. Dies geschah.
    Einstmals in einer Nacht sprte er, noch schlummernd, ein eigentmliches
Ziehen im Gesicht, als ob ihn von oben her ein khler Atem streife. Jhlings
richtete er sich auf, blickte ber Bett und Wand und gewahrte eine groe Spinne,
die an einem Faden in der Nhe seines Kopfes hing. Entsetzt sprang er aus dem
Bett, und unfhig, sich zu regen, beobachtete er, wie das Tier sich aufs Kissen
niederlie und ber das weie Linnen kroch, einen glitzernden Faden hinter sich
herschleppend.
    Caspars ganzer Leib war wie mit einer neuen, schaudernden kalten Haut
bedeckt. Er prete die Hnde zusammen und flsterte angstvoll und seltsam
schmeichelnd: Spinne! Was spinnst du, Spinne?
    Die Spinne duckte den gelblichen Leib.
    Was spinnst du, Spinne? wiederholte er flehend.
    Das Tier berklomm den Bettpfosten und gewann die Mauer. Was schickst du
dich denn so, Spinne? hauchte Caspar. Warum so eilig? Suchst du was? Ich tu
dir nichts ...
    Die Spinne war schon oben an der Decke. Caspar setzte sich auf den Stuhl, wo
die Kleider hingen. Spinne, Spinne! sagte er tonlos vor sich hin. Es schlug
vier Uhr drauen, und er hatte sich noch immer nicht ins Bett zurckgetraut.
Dann, ehe er sich hinlegte, wischte er Kissen und Wand eifrig mit dem
Taschentuch ab.
    Er trug von der unbekleidet verwachten Stunde eine Erkltung davon, die ihn
mehrere Tage ans Lager fesselte. Er wurde traurig, des Wartens war er schon
mde. Obwohl ihm schlielich nichts mehr fehlte, hatte er keine Lust, das Zimmer
zu verlassen. Herr von Tucher nahm seinen Zustand fr ein hypochondrisches
Zwischenspiel; als er sich jedoch berzeugte, da sowohl seine vorstzliche
Gleichgltigkeit wie sein gtiger Zuspruch fruchtlos blieben und da da eine
unverstellte seelenvolle Betrbnis waltete, ward er besorgt.
    Nun geschah es an einem dieser Tage, da ein auswrtiger Bote im Haus
vorstellig wurde, der zu Caspar gefhrt zu werden verlangte, um ihm einen Brief
auszuhndigen. Herr von Tucher verweigerte die Erlaubnis dazu. Nach einigem
Bedenken berlie ihm der Mann das Schreiben und entfernte sich wieder. Herr von
Tucher hielt sich fr berechtigt, den Brief zu ffnen. Er war von rtselhafter
Fassung; noch rtselhafter dadurch, da ihm ein kostbarer Diamantring beilag,
den Caspar damit als Geschenk bekam. Herr von Tucher war unschlssig, was er tun
solle. Brief und Ring dem Gericht oder dem Prsidenten Feuerbach auszuliefern,
erschien ihm das ratsamste. Doch widersprach es immerhin seinem Rechtsgefhl.
Eine flchtige Stimmung von Weichheit gegenber Caspar lie ihn den Vorsatz
vllig vergessen; er hoffte, den Jngling aus seiner Niedergeschlagenheit
aufzurtteln, und diesen Zweck erreichte er vollkommen. Er brachte Brief und
Ring herbei.
    Caspar las: Du, der du das Anrecht hast, zu sein, was viele leugnen,
vertrau dem Freund, der in der Ferne fr dich wirkt. Bald wird er vor dir
stehen, bald dich umarmen. Nimm einstweilen den Ring als Zeichen seiner Treue
und bete fr sein Wohlergehen, wie er fr das deine zu Gott fleht.
    Als Caspar dies gelesen hatte, drckte er das Gesicht gegen den Arm und
weinte still fr sich hin. Herr von Tucher sa am Tisch und lie den schnen
Stein des Rings nachdenklich im Sonnenlicht spielen.

                               Der englische Graf


In den Nachmittagsstunden eines der letzten Apriltage rollte ein vornehmer
Reisewagen vor die Einfahrt des Hotels zum wilden Mann, und alsbald verlie ein
hochgewachsener Herr den Schlag und begrte leutselig den herbeistrzenden
Wirt, der eines solchen Gastes nicht gewrtig war, da in seinem Hause fast nur
Kaufleute und Handlungsreisende verkehrten. Der Fremde forderte die besten
Zimmer, und ohne sich nach dem Preis zu erkundigen, schritt er durch das Spalier
von Gaffern in das weitbogige Tor. Diener und Kutscher trugen die Koffer, den
Nachtsack und sonstige Reisegegenstnde in die Halle. Der Ankmmling verlangte
von selbst das Fremdenbuch, und bald konnte jeder ehrfrchtig-schaudernd die mit
Riesenschrift geschriebenen Worte lesen: Henry Lord Stanhope, Earl of
Chesterfield, Pair von England.
    Das Ereignis machte solches Aufsehen in der Gegend, da noch spt abends
Leute auf der Gasse standen und zu den hellen Fenstern emporstarrten, hinter
denen der erlauchte Herr logierte. Am nchsten Morgen gab der Lord in der
Wohnung des Brgermeisters sowie bei einigen Notabilitten der Stadt seine Karte
ab, und schon wenige Stunden darauf erhielt er in seinem Quartier die
Gegenbesuche, vor allem denjenigen Binders, der sich der frheren Anwesenheit
des Lords natrlich wohl erinnerte.
    In der ziemlich langen Unterredung mit dem Brgermeister gestand Graf
Stanhope ohne Umschweife, da wie jenes erste Mal so auch heute die Person des
Caspar Hauser den Grund seines Aufenthaltes in der Stadt bilde. Er hege fr den
Findling die grte Teilnahme, sagte er und lie durchblicken, da er etwas
Entscheidendes fr ihn zu unternehmen gesonnen sei.
    Der Brgermeister erwiderte, er verstatte Seiner Herrlichkeit, soweit es die
Vorschriften erlaubten, freien Spielraum.
    Was fr Vorschriften? fragte der Lord rasch.
    Binder versetzte, Herr von Tucher sei Kurator des Findlings, habe
weitgehende Rechte und werde der Einmischung eines Fremden nicht freundlich
gegenberstehen; auerdem knne man ohne Wissen des Staatsrats Feuerbach keine
Vernderung befrworten, die das Leben Caspar Hausers betreffe.
    Der Lord machte ein bekmmertes Gesicht. Da werde ich einen schweren Stand
haben, bemerkte er. Hierauf erkundigte er sich, ob man wegen des berfalls im
Daumerschen Hause irgend Anhaltspunkte gewonnen habe und ob die seinerzeit von
ihm ausgesetzte Prmie keinen Empfnger habe finden knnen. Dies mute Binder
verneinen; er entgegnete, die so gromtig zur Verfgung gestellte Summe liege
unangetastet auf dem Rathaus und Seine Lordschaft knne sie zu beliebiger Stunde
zurckerhalten, da doch jede Entdeckungsaussicht nunmehr geschwunden sei.
    Die nchsten Tage verbrachte der Lord ausschlielich mit der Erfllung
gesellschaftlicher Pflichten. Zu Mittag, zum Tee und zu Abend war er eingeladen
oder gab kleine, aber exzellente Mahlzeiten in seinem Hotel, wozu er eigens
einen franzsischen Koch in Dienst nahm. Wenn es seine geheime Absicht war, sich
auf diese Weise Freunde und Bewunderer zu verschaffen, so blieb ihm darin nichts
zu wnschen brig. Wenn er den Zweck verfolgte, all die guten Leute und ihre
Gesinnungen kennenzulernen, so fiel ihm das nicht sonderlich schwer; man gab
sich rckhaltlos, man fhlte sich geehrt durch seine Gegenwart, man bestaunte
seine geringsten Handlungen.
    Jeder Anla war ihm recht, um das Gesprch auf Caspar Hauser zu lenken; er
wollte wissen, immer Neues wissen, schwelgte in den rhrenden Einzelheiten, die
man zu berichten wute, fand es aber dabei doch nicht notwendig, eine
Unterlassung, die allerdings auffallend gefunden wurde, den Professor Daumer zu
besuchen, sondern begngte sich damit, den Gefngniswrter Hill zu sich kommen
zu lassen und ihn auszufragen.
    Hill, von dieser Auszeichnung etwas aus dem Gleichgewicht gebracht,
schilderte so beweglich, da es von einem unter Verbrechern ergrauten Mann
wunderbar zu hren war, jenes hold verlorene Weben und ergreifende
Darniedersinken Caspars whrend seines Aufenthalts im Turm; zum Schlu rief er,
glhend vor Eifer, er, was an ihm liege, er werde die Unschuld des Jnglings
bezeugen, und wenn Gott selber das Gegenteil behaupte. Graf Stanhope war
sichtbar erschttert; er lchelte, sagte, hier sei ja nicht von Schuld die Rede,
und entlie den Mann frstlich belohnt.
    Nun endlich entschlo er sich, Herrn von Tucher und damit auch Caspar selbst
gegenberzutreten. Wenn man ihn verwundert gefragt hatte, weshalb er dies so
lang verzgerte, hatte er erwidert, er bedrfe dazu seiner ganzen Sammlung und
Seelenkraft, denn vor dem Augenblick, wo er Caspar zum erstenmal sehen werde,
sei ihm bange, freudig bang wie einem Kind vor dem Weihnachtsabend.
    Herr von Tucher befand sich in seinem Arbeitszimmer, als man ihm die Karte
des Englnders brachte. Es versteht sich von selbst, da er von der Anwesenheit
Stanhopes in der Stadt Kenntnis hatte und von dessen Umtrieben unterrichtet war.
Da er in jedem Fall einen Friedensstrer in ihm sah, war er nicht zugunsten des
Mannes voreingenommen.
    Nach allen Beschreibungen hatte er in dem Fremden eine liebenswrdige und
gewinnende Erscheinung zu finden erwartet; gleichwohl war er berrascht, als er
den vornehmen Gast auf sich zuschreiten sah, und im Nu schwand seine durch das
Hrensagen und trbe Vorgefhle entstandene Abneigung.
    Es war allerdings etwas Gefhrliches um den Mann, das sprte Herr von Tucher
auf den ersten Blick, doch ebensosehr lag ein bestrickender Reiz von
Weltlichkeit und geistreicher Anmut ber seiner Person. Da seine Haltung stolz
war, erschien die Zartheit der schlanken Gestalt nicht weibisch; die Zge,
durchaus englisch markant, waren edel geschnitten und lieen die fahle Frbung
der Haut vergessen; das wechselnde Feuer der durchsichtigen Augen erinnerte bald
an die sanfte Gazelle, bald an die Ruhe des Tigers, kurz, Herr von Tucher wurde
in einen Zustand angenehmer Spannung und Erregung versetzt, der durch das
schnell in Flu gebrachte Gesprch nicht im mindesten betrogen wurde.
    Die bloen Fragen des Lords nach Caspars leiblicher und geistiger Verfassung
bekundeten schon einen Menschen von hoher Einsicht und Kenntnis des Lebens, und
was er sagte, eroberte die Zustimmung des Hrers mhelos.
    Auf die Beweggrnde seines Hierseins kam er von selbst zu sprechen. Was er
vorbrachte, klang unbestimmt genug; er war augenscheinlich ein Meister in der
Kunst, seine wahren Absichten zu verschleiern, aber kein Argwohn konnte Herrn
von Tucher beifallen. Der Name Stanhope gab ausreichende Brgschaft. Was konnte
einen Lord Stanhope verhindern, deutlich zu sein? War es nicht Feingefhl und
angestammter Takt, so war es eine Verschwiegenheit, die zugleich das Gelbnis
enthielt, zur gebotenen Stunde alles schicklich offenbar zu machen. Herr von
Tucher fand sich dadurch eher verpflichtet als enttuscht; ohne die
ausgesprochene Bitte des Lords abzuwarten, fragte er hflich, ob es ihm genehm
sei, Caspar zu sehen. Indem er die Versicherung der Dankbarkeit seines Gastes
lchelnd abwehrte, lutete er und gab Auftrag, da man den Jngling hole.
    Es entstand nun eine Stille; Herr von Tucher verblieb in unwillkrlichem
Lauschen an der Tr, und der Lord sa mit bergeschlagenen Beinen, den Kopf in
die behandschuhte Linke gesttzt, das Gesicht dem offenen Fenster zugekehrt. Es
war ein sonniger Sonntagnachmittag; der Himmel lag blaustrahlend ber dem
fchrigen Geschiebe der roten Dcher, zwitschernde Schwalben schossen lngs der
grauen Huserfronten hin. Als Caspar in das Zimmer trat, vernderte Stanhope
langsam die Richtung seines Blickes, und ohne jenen eigentlich anzusehen, schien
er doch das ganze Bild des Menschen in sich festzuketten. Noch whrend Caspar,
durch ein paar rasche Worte des Herrn von Tucher ber die Person des illustren
Mannes belehrt, auf den Grafen zuging, erhob sich dieser und sagte mit
berraschender Erregung und sichtlich tief berhrt: Caspar! Also endlich!
Gesegnete Stunde! Dann streckte er die Arme nach ihm aus, und wie zu einem Tor,
das ihm nach sehnsuchtsvollem Harren aufgetan worden, begab sich Caspar in diese
geffneten Arme, ein heller, scharfer, khler Strahl der Freude durchfuhr ihn
von oben bis unten, und er vermochte weder zu sprechen noch sich zu regen.
    Das war er, der aus weiter Ferne kam. Von ihm der Ring, von ihm die
Botschaft. Schon oben, als er die Kalesche vor dem Haus stillhalten gehrt, war
eine Erstarrung von Caspars Gliedern gefallen, und als der Diener ihn rief, war
es, als ob ein Morgenschein das Haus durchglhe. Als er die Schwelle des Zimmers
erreicht hatte, sah Caspar nur ihn, den Fremden, Fremdvertrauten, und wie wenn
ihm bisher die Hlfte seines Herzens gefehlt htte, fhlte er sich auf einmal
ganz geworden, rund und neu: mit gebadetem Auge sah er sich selbst, zweckvoll
erschaffen. Mild an ihre Glocke schlug die Uhr, und das Licht des Nachmittags
war wie Honig und s zu schmecken.
    Auf den Lord bte die wunderbare Ergriffenheit Caspars anscheinend groe
Wirkung. Fr die Dauer mehrerer Sekunden war sein Gesicht heftig bewegt, und die
Augen trbten sich wie in peinvollem Erstaunen. Er war ohne Zweifel verwirrt,
die allzeit dienstbare Phrase versagte sich ihm, und bei der ersten zrtlichen
Anrede klang die sonst seidenweiche Stimme rauh. Mit der Hand streichelte er
Caspars Haare, prete die Wange des Jnglings gegen seinen Busen, und ein
verlorener Blick traf den stumm abseits stehenden Herrn von Tucher, der mit
Verwunderung die ungewhnliche Szene beobachtete. Stanhope bat ihn dann, weil
das Verhllte des Vorgangs zu irgendeiner Klrung drngte, ob er Caspar fr
einige Stunden mit sich nehmen drfe, ein Ansuchen, dem Herr von Tucher nicht
widerstehen konnte.
    Bald darauf sa Caspar an der Seite des Lords im Wagen; der Polizist mute
natrlich mit und sa hintenauf. Whrend das Gefhrt zum Tor hinaus gegen die
Maxfeldgrten rollte, entspann sich langsam ein Gesprch.
    Caspar klagte; zum erstenmal durfte er klagen. Doch war er schon vershnt
mit dem Augenblick, wo geschehenes Unrecht als solches erkannt und verstanden
wurde. Die Welt schien schlecht bis auf diesen Tag, jetzt tat sich ihr Himmel
auf, und es zeigte sich ein waltender Arm.
    Doch nicht so sehr um das Nahgeschehene handelte sichs: hier war einer, der
wissen mute! Caspar fragte. Khn und leidenschaftlich fragte er: wer bin ich?
wer war ich? was soll ich? wo ist mein Vater? wo meine Mutter? Und die Antwort
des Grafen? Verlegenheit. Eine Umarmung. Geduld, Caspar; bis morgen nur
Geduld:: das lt sich nicht in einem Atemzug abtun, allzuviel ist zu sagen.
Erzhl mir lieber: wie hast du gelebt? Erzhl von deinen Trumen. Man sagt mir,
du habest wunderbare Trume. Erzhl!
    Caspar lie sich nicht lange bitten. Die wesensvollen Gebilde machten den
Lauscher stutzig, er umschlo Caspar fester und verbarg so sein Gesicht vor ihm;
bei der geschilderten Erscheinung der Mutter fuhr er wie vor Schreck zusammen,
und abermals suchte er abzulenken, wollte Einzelheiten ber das Leben Caspars im
Daumerschen, im Beholdschen Hause wissen; der Gegenstand war gefahrlos. Stanhope
fand sich ergtzt durch Caspars ursprngliche und bezeichnende Ausdrucksweise,
die komische Anwendung von Sprichwrtern und Nrnberger Redensarten. Auf dem
Rckweg fragte er, wo Caspar den Ring habe, den er ihm geschickt. Hab mich
nicht getraut, ihn an den Finger zu tun, antwortete Caspar.
    Warum denn nicht?
    Wei nicht warum.
    War er dir nicht schn genug?
    O nein; umgekehrt wird ein Schuh draus. Viel zu schn war er mir. Hab immer
Herzklopfen gehabt, wenn ich ihn angesehen.
    Aber jetzt wirst du ihn tragen?
    Ja, jetzt will ich ihn tragen. Jetzt wei ich, er gehrt wirklich mir.
    Der Wagen hielt vor dem Tor, Stanhope nahm zrtlichen Abschied von Caspar
und bestellte ihn fr den nchsten Vormittag in den Gasthof. Auf Wiedersehen,
Liebling! rief er ihm noch zu.
    Caspar stand beklommen. Jetzt kroch die Zeit wieder trge. Jeder Schritt ins
Haus war ein schmerzliches Sichentfernen aus dem Kreis des herrlichen Mannes;
was jetzt die Hand, der Blick berhrte, war alt, war tot.
    Schon um zehn Uhr morgens war er im Wilden Mann. Der Unterrichtsstunde war
er einfach entlaufen; htte ihn jemand abzuhalten versucht, er wre an einem
Strick vom Fenster heruntergeklettert.
    Der Lord kam ihm in der oberen Halle entgegen, kte ihn vor vielen
Zuschauern auf die Stirn und fhrte ihn ins Empfangszimmer, wo auf einem
Tischlein Geschenke fr Caspar lagen eine goldene Uhr, goldene Hemdknpfe,
silberne Schuhschnallen und feine weie Wsche. Caspar traute seinen Augen
nicht, der berschwang des Dankes versperrte ihm die Kehle, er wute nichts
andres, als immer nur die freigebige Hand des Spenders in der seinen
festzuhalten.
    Der Lord nahm den stillen Ansturm mit gerhrtem Schweigen auf. Aber nachdem
sie ein paarmal Arm in Arm durch die Mitte des Raumes gewandelt waren und Caspar
noch immer mit sichtbarer Anstrengung nach Zeichen seiner Erkenntlichkeit rang,
ermahnte ihn Stanhope sanft, er mge doch jeden Dank unterlassen. Diese Dinge
sind ja nur geringfgige Merkmale meiner Liebe zu dir sagte er; das Wirkliche,
das Groe, was ich fr dich tun will, bleibt der Zukunft vorbehalten. Inzwischen
bleibe du so, wie du bist, mein Caspar, denn so bist du mir eben recht; nicht
geruschvoll in Worten, aber zuverlssig in deinem Herzen. Zuverlssig und treu
sollst du mir bleiben, ein Sohn, ein Kamerad, ein Freund.
    Caspar seufzte. Das war zu viel des Glcks. Nie htte er geglaubt, da ein
Menschenmund so sprechen knne. Zur Beteuerung war er ohnmchtig, nur sein Auge
gab Kunde in einem schwrmerischen Blick.
    Stanhope ffnete eine Tr und geleitete den Jngling zu einer kleinen
Frhstckstafel, die im Nebenzimmer blo fr sie beide gedeckt war. Sie nahmen
Platz, der Lord fllte Wein in die Glser und lchelte sonderbar, als Caspar
erklrte, er trinke niemals Wein. Wie wird es dann werden, Caspar, wenn wir
zusammen in die Lnder des Sdens reisen? Auf allen Hgeln glht dort der Wein
und die Luft ist voll davon. Was schaust du mich so an? Glaubst du mir nicht?
    Wirklich? Werden wir wirklich zusammen reisen? fragte Caspar jubelnd.
    Gewi werden wir das. Denkst du denn, da ich mich von dir trennen will?
Oder denkst du, da ich dich in dieser Stadt lasse, wo dir so viel bles
widerfahren ist?
    Also fort? Wirklich fort? Fort in die weite Ferne! rief Caspar, prete wie
auer sich beide Hnde vor den Mund und zog in freudigem Krampf die Schultern
bis an die Ohren. Was wird aber Herr von Tucher dazu sagen? Und der Herr
Brgermeister? Und der Herr Prsident? fgte er hinzu, vor lauter Hast
plappernd, whrend sich in seinem Gesicht die ganze Betrbnis malte, die er bei
der Vorstellung empfand, jene Mnner knnten die Plne des Grafen mibilligen
oder zunichte machen.
    Sie werden es geschehen lassen, sie werden keine Gewalt mehr ber dich
haben, dein Weg fhrt dich ber sie empor, antwortete Stanhope ernst und sah
Caspar zugleich mit einem scharfen, ja durchbohrenden Blick an.
    Caspar erbleichte, von einem grenzenlosen Gefhl berwltigt. Whrend in
seiner Brust Wunsch und Zweifel, dunkel umschlungen, alle Krfte der Seele an
sich zogen, erhob sich vor seinem Geiste leuchtender als je das Bild der Frau
aus dem Traumschlo. Mit einer ergreifenden Gebrde des Flehens wandte er sich
zu Stanhope und fragte: Herr Graf, werden Sie mich zu meiner Mutter bringen?
    Stanhope legte Messer und Gabel beiseite und sttzte den Kopf in die Hand.
Hier liegen furchtbare Geheimnisse, Caspar, flsterte er dumpf. Ich werde
reden und ich mu reden, aber du mut schweigen, keinem andern Menschen darfst
du vertrauen als mir. Deine Hand, Caspar, dein Gelbnis! Herzensmensch!
Unglcklich-Glcklicher, ja, ich will dich zu deiner Mutter bringen, die
Vorsehung hat mich erwhlt, dir zu helfen!
    Caspar sank hin, die Beine trugen ihn nicht mehr, sein Kopf fiel auf die
Knie des Grafen. Die Luftadern pochten um ihn, ein Schluchzen lste die
ungeheure Spannung seiner Brust. Wie soll ich denn zu dir reden? fragte er mit
der Khnheit eines Trunkenen, denn die Formeln, in denen man sonst zu Menschen
spricht, erschienen ihm fremd, sie taten seiner dankbaren Liebe nicht genug.
    Der Lord hob ihn sachte empor und sagte zrtlich: Recht so, das traute Du
soll zwischen uns herrschen; du sollst mich Heinrich nennen, als ob ich dein
Bruder wre.
    In so inniger Nhe erblickte sie der eintretende Bediente, der den
Brgermeister und den Regierungskommissr anmeldete. Durch die geffnete Tr
forderte der Lord die Wartenden ins Zimmer. Es sah aus, als wnsche er, da die
beiden Zeugen seiner Liebkosungen gegen Caspar wrden. Er tat, als knne er sich
nicht von ihm trennen; da die Besucher nach ehrfrchtigem Gru Platz genommen,
schritt er, noch leise plaudernd und ihn bei der Schulter umschlungen haltend,
mit Caspar auf und ab, sodann begleitete er ihn zur Stiege, eilte zurck, ging
ans Fenster, beugte sich hinaus, sah Caspar nach und winkte ihm mit dem
Taschentuch. Die Verwunderung seiner Gste wohl bemerkend, migte er sich
trotzdem nicht, im Gegenteil, er gebrdete sich wie ein Verliebter, der seine
Empfindungen ohne Scheu preisgibt.
    Die Geschenke des Lords wurden einige Stunden nachher ins Tuchersche Haus
gebracht. Herrn von Tuchers Erstaunen beim Anblick der wertvollen Gaben war
gro. Ich werde diese Gegenstnde an mich nehmen und aufbewahren, uerte er
zu Caspar nach einigem Nachdenken; es steht einem zuknftigen
Buchbinderlehrling nicht an, derlei auffallenden Luxus zu treiben.
    Da htte man Caspar sehen sollen! O nein, rief er aus, das gehrt mir!
Das ist mein, und ich wills haben, das darf mir keiner nehmen! Seine Haltung
war geradezu drohend, und sein Blick funkelte.
    Aus Herrn von Tuchers Zgen wich alle Farbe. Ohne eine Silbe zu erwidern,
verlie er das Zimmer. Also ein Undankbarer, dachte er bitter, ein Undankbarer!
Einer, der eigenschtig die Gelegenheit nutzt und den einen Wohltter
verleugnet, wenn der andre besser zahlt!
    Die Grundstze hrten auf zu triumphieren. Sie machten ein zerknirschtes
Gesicht und hllten sich in Sack und Asche.
    Nachgiebigkeit wre in diesem Fall eine unwrdige Schwche, deren ich mich
schmen mte, sagte sich Herr von Tucher. Aber was tun? Soll ich Gewalt
anwenden? Gewalt ist unmoralisch. Er wandte sich an Lord Stanhope und trug ihm
die Sache vor. Der Graf hrte ihn freundlich an, er gab sich Mhe, die Vergehung
Caspars als eine kindische Malosigkeit zu verteidigen, und versprach, ihn dahin
zu bringen, da er dem Vormund die Geschenke freiwillig berreiche.
    Herr von Tucher war von der Liebenswrdigkeit des Lords bezaubert und
verlie ihn in bester Zuversicht. Auf den verheienen Gehorsam Caspars wartete
er aber vergeblich. Kein Zweifel, die Mhe des Lords war ohne Erfolg geblieben;
kein Zweifel, Caspar verstand es, den gtigen Mann zu beschwatzen. Kein Zweifel,
dieser Bursche war mit allen Salben geschmiert, ein Charakter voll Heimlichkeit
und List. Viel zu stolz, um einen Dritten zum Mitwisser seiner
niederschmetternden Erfahrungen zu machen, begngte sich Herr von Tucher
vorlufig, den Ereignissen ruhig zuzusehen, wenn auch mit dem Verdru eines
Mannes, der sich hintergangen fhlt. Da Caspar sich nicht ein einziges Mal
bewogen fand, ber die Art seiner Beziehung zu dem Lord, ber den Gegenstand
ihrer Gesprche sich zu uern, verletzte ihn tief; einen solchen Mangel an
zutraulicher Mitteilsamkeit htte er zum allerwenigsten erwartet.
    In der ersten Zeit hatte sich der Lord darauf beschrnkt, Caspar im
Tucherschen Haus zu besuchen oder ihn hchstens nach frmlich erbetener
Erlaubnis des Barons zu einer Spazierfahrt abzuholen. Allmhlich nderte sich
das, und er bestellte den Jngling an fremde Orte, wo Caspars unvermeidliche
Leibwache sich fnfzig Schritte entfernt halten mute. Herr von Tucher fhrte
beim Brgermeister Beschwerde; er behauptete, der Lord handle damit seiner
ausdrcklich gegebenen Zusage entgegen. Aber was konnte Herr Binder tun? Durfte
er den vornehmen Herrn zur Rede stellen? Er wagte einmal eine schchterne
Andeutung. Der Lord beruhigte ihn mit einem Scherz; um nicht fr wortbrchig zu
gelten, war es leicht, den Versto auf Caspars Unbesonnenheit zu schieben.
    So sah man die beiden auffallenden Gestalten hufig am Abend durch die
Gassen wandeln. Arm in Arm; im eifrigen Gesprch achteten sie der Blicke nicht,
die sie verfolgten. Meist gingen sie ber den Stadtgraben und dann auf die Burg;
hier durfte sich Caspar wehmtiger Erinnerung berlassen; der dstere Turm barg
die grten Schrecknisse seines Lebens, und wenn er auf die Stadt niederschaute,
wo zwinkernde Lichter aus vielen Fenstern das dunkelverschlungene Gassengewirr
belebten, vernahm er mit ganz andern Gefhlen die Stundentne der Glocke; jetzt
band und einte die Zeit ihre Schlge und zerri sie nicht mehr zu Pausen des
Grauens.
    Der Lord wurde nicht mde zu erzhlen. Er erzhlte von seinen Reisen. Er
verstand es, Dinge und Begebenheiten mit einfachen Worten zu malen. Caspar
erfuhr von den Alpen und da dort Berge mit ewigem Schnee seien und glckliche
Tler, wo freie Menschen lebten. Er sah Italien, das Wort war schon ein Rausch,
geschmckte Kirchen, enorme Palste, Grten mit wunderbaren Statuen, voller
Rosen, Lorbeer und Orangen, einen mrchenhaft blauen Himmel und die schnsten
Frauen. Er sah das Meer und die Schiffe mit blanken Segeln auf der Flut. Seine
Sehnsucht wurde so gro, da er manchmal pltzlich lachen mute. Einmal wirklich
dort sein drfen in den Lndern der Sonne und der unbekannten Frchte, dort sein
drfen, und das bald, solche Hoffnung machte das Herz stillstehen. Es war eine
Freude, die weh tat.
    An einem regnerischen Abend befanden sie sich im Hotel. Der Lord ffnete
eine Truhe und zeigte einiges von den Schtzen, die er auf seinen Reisen
gesammelt. Da waren seltene Mnzen und Steine; Kupferstiche, Statuetten, Gemmen,
Kameen, Perlen und altertmliches Geschmeide; ein geweihter Rosenkranz aus dem
Heiligen Land; ein silberner Becher mit kunstvoll gravierten Figuren; eine Bibel
mit den herrlichsten Initialen und Malereien, ein Damaszener Dolch mit goldenem
Griff, der Siegelring eines Papstes, ein indischer Mantel aus Seide, bestickt
mit Sternen; ein pompejanisches Lmpchen und altfranzsische Porzellanvschen
und vieles andre, alles seltsam, alles fremdartig, alles mit einem Duft von
weiter Welt und groem Schicksal.
    Das habe ich vom Kurfrsten von Mainz bekommen, sagte der Lord etwa, und
dies ist ein Geschenk des Herzogs von Savoyen; diese schne Miniature habe ich
bei einem Hndler in Barcelona gekauft, und dies Tonfigrchen stammt aus
Syrakus. Da ist ein Talisman, den hat mir Scheik Abderrahman verehrt, und diese
orientalischen Stoffe hat mir meine Base aus Syrien geschickt; sie ist eine
wunderliche Person, zieht mit Arabern und Beduinen durch die Wste, schlft in
Zelten und treibt Alchimie und Astrologie.
    Welche Laute, welche Fernen! Mit offenbarer Lust schrte der Graf das Feuer
des Verlangens in Caspar. Vielleicht nahm er es mit seinen Verheiungen ernst.
Vielleicht bereitete es ihm blo eine Wonne, Wunsch und Lste aufzupeitschen.
Vielleicht war es nur ein Spiel der Rede. Vielleicht aber das furchtbare
Vergngen, dem Vogel im Bauer, im nie zu ffnenden, so lange vom Flug durch den
goldnen ther zu erzhlen, bis endlich der jubelnde Freiheitsgesang durch seine
Kehle bricht.
    Wie er sprach, wie er die Worte besa! Zwischen den Lippen und den weien
Zhnen spielte das Lcheln wie ein listiges Tierchen. Er war nicht gleichmig
heiter. Was war das? Oft zog Finsternis ber sein Gesicht. Bisweilen pflegte er
aufzustehen und wie ein Lauscher an die Tr zu treten. Seine Liebkosungen waren
nicht selten voll Schwermut, dann sa er wieder schweigend da, und sein
suchender Blick glitt dster an dem Jngling vorber. Da fate Caspar einmal Mut
und fragte: Bist du denn eigentlich glcklich, Heinrich?
    Glcklich, Caspar? O nein. Glcklich, was sprichst du da? Hast du schon von
Ahasver gehrt, dem ewigen Juden, dem ewigen Wanderer? Er gilt als der
unglcklichste aller Menschen. Ach, ich mchte mein Leben vor dir aufblttern,
denn auf seinen dunkeln Seiten liegt der Gram. Aber ich darf nicht, ich kann
nicht. Spter vielleicht, wenn dein eignes Geschick sich entschieden hat, wenn
du mit mir in meine Heimat gehst ...
    Ist denn das mglich, wird denn das sein?
    Es schttelte den Lord pltzlich; es war, als werfe er einen Mantel ab oder
wolle sich einem unsichtbaren Druck entziehen. Eine krampfhafte Lebendigkeit
ergriff ihn, er begann von Caspars knftiger Gre zu sprechen, doch wie stets
nur in geheimnisvollen Wendungen und mit der feierlichen Ermahnung zur
Verschwiegenheit. Ja, er sprach von Caspars Reich, von seinen Untertanen, und
das zum erstenmal, wie einem Zwang gehorchend, selber schaudernd, selbst
zitternd, immer von neuem das Gelbnis des Schweigens betonend, hingerissen von
einem Phantom gleichsam und alle Gefahr vergessend. Ich will dich fhren; ich
will deine Feinde zermalmen, du bist tausendmal mehr wert als jeder einzelne von
ihnen. Wir gehen zuerst nach dem Sden, um sie irrezufhren, dann fliehen wir zu
mir nach Hause, schaffen uns einen Hinterhalt, von wo die Verfolger zu treffen
sind, wo man Krfte sammeln kann fr den entscheidenden Schlag.
    Wieder zur Tr; wieder lauschen; nachsehen, ob kein Horcher versteckt sei.
Dann, ngstlich ablenkend, schilderte der Graf seine Heimat, den Frieden eines
englischen Landsitzes, die herrenhafte Unabhngigkeit auf erbgesessenem Gebiet;
die tiefen Wlder und klaren Flsse, die balsamische Luft, das behagliche Weilen
berall, Frhling, Herbst und Winter, eingeschlossen in einem Ring unschuldiger
Gensse.
    In solchen Bildern lag etwas von der Wehmut reuigen Gewissens und dem
Schmerz eines auf immer Verstoenen. Zum andern Teil aber enthielten sie viel
von der modischen Empfindsamkeit, die auch das verhrtetste Gemt unter
Umstnden davon schwrmen lie, seine selbstgeschaffene Unrast am Busen der
Natur zu besnftigen. Und dann sprach er doch von seinem Leben. Er wute sich
als einen Mann darzustellen, der, vielbeneidet, mit Ehren und mtern und
greifbaren Glcksgtern beladen, gleichwohl das Opfer feindlicher Mchte ist.
Das Schicksal trat in romantischer Verkleidung auf und jagte den Sohn eines
verfluchten Geschlechts unstet von Land zu Land. Vater und Mutter tot, ehemalige
Freunde gegen den edeln Spro des Hauses verschworen und er, ein Mann von
fnfzig Jahren, ohne Heim und Weib und Kind, Ahasver!
    Derlei Enthllungen ffneten wie nichts sonst Caspars Herz der Freundschaft.
Denn da war endlich einer, der sich gab, sich ffnete, die Vermummung abwarf. Es
war bitterse Lust, die angebetete Gestalt den Sockel verlassen zu sehen, auf
dem sie fr alle brigen thronte.
    Was ihn betrifft, er bot in dieser Zeit das Schauspiel eines ruhenden
Menschen; auen und innen ruhend, gelst von hemmender Fessel, Blick und Gebrde
gelst, die Gestalt aufgerichtet, die Stirn wie entschleiert, die Lippen
geschwellt von einem bestndigen Lcheln.
    Er wurde seiner Jugend inne. Er dehnte sich aus, es war ihm, als sei er ein
Baum und seine Hnde wie Zweige voller Blten. Ihm schien, als strme sein Blut
einen Wohlgeruch aus; die Luft schrie nach ihm, das Land schrie nach ihm, alles
war voll von ihm, alles nannte seinen Namen.
    Er pflegte manchmal laut mit sich selbst zu reden, und wenn er dabei
berrascht wurde, lachte er. Die Leute, die mit ihm in Berhrung kamen, waren
bezaubert; sie fanden kein Ende, die ber alles liebliche Erscheinung zu
preisen, in der Kind und Jngling zu rhrendem Verein gediehen waren. Es gab
junge Frauen, die ihm zrtliche Briefchen schrieben, und Herr von Tucher wurde
vielfach mit Bitten belstigt, ihn von einem Maler konterfeien zu lassen.
    Das ble Gerede gegen ihn war auf einmal wie verblasen. Keiner wollte je
etwas Schlechtes gesagt haben, die eingefleischten Widersacher duckten sich, die
ganze Stadt warf sich pltzlich zu seinem Beschtzer auf. Es hie mit immer
khnerer Deutlichkeit, man msse ihn gegen die Machenschaften des englischen
Grafen in Schutz nehmen.
    Eines Tages mute Stanhope zu seiner grten Bestrzung wahrnehmen, da er
von allen Seiten peinlich berwacht und behorcht war. Er mute sich entschlieen
zu handeln.

       Die geheimnisvolle Mission und was ihrer Ausfhrung im Wege steht


Schon lange hie es an allen Wirtshaustischen, der Lord wolle Caspar Hauser an
Sohnes Statt annehmen. In der Tat stellte Stanhope Mitte Juni den frmlichen
Antrag an den Magistrat, ihm den Jngling zu berlassen, er wnsche fr seine
Zukunft zu sorgen. Der Magistrat lie durch den Brgermeister erwidern: zum
ersten, da ein solches Ersuchen in pleno vorgetragen werden msse; zum zweiten,
da der Lord vor allem den Nachweis eines hinlnglichen Vermgens erbringen
msse, damit die Stadt eine sichere Gewhr fr das Wohlergehen ihres Pfleglings
habe.
    Stanhope nahm den Bescheid sehr ungndig auf. Er ging zum Brgermeister,
zeigte ihm seine Orden, die Beglaubigungen fremder Hfe, sogar vertrauliche
Briefe hoher Frstlichkeiten; Herr Binder, bei aller Ehrfurcht vor Seiner
Lordschaft, bedauerte, den einstimmigen Beschlu des Kollegiums nicht rckgngig
machen zu knnen.
    Der Graf war unvorsichtig genug, in einer Gesellschaft, wo er zu Gast
geladen war, seine Geringschtzung gegen das pedantischberhebliche Brgerpack
zu uern. Dies wurde ruchbar, und obgleich er sich beeilte, in einem Brief an
den Magistratsvorstand sein Benehmen zu entschuldigen und es als einen durch
Weinlaune verursachten Ausbruch verzeihlichen rgers hinzustellen, machte die
Sache doch bses Blut. Der Argwohn war einmal geweckt. Man wollte wissen, da er
in seinem Hotel hufig Persnlichkeiten von zweifelhaftem Aussehen empfange, mit
denen er hinter verschlossenen Tren lange Verhandlungen fhrte. Wie kommt es
berhaupt, fragte man sich, da der angeblich so reiche und vornehme Mann sein
Quartier in einem Gasthaus zweiten Ranges nimmt? Frchtet er am Ende, von seinen
eignen Landsleuten gesehen zu werden, wenn er wie sie im Adler oder im
Bayrischen Hof wohnt? Dies schien plausibel, wenn man einer unverfolgbaren
Nachricht trauen durfte, die irgendwer eines Tages verbreitete und nach welcher
der Lord ehedem als Trakttchenverkufer im Dienst der Jesuiten in Sachsen
herumgezogen sei.
    Stanhope beeilte sich zu reisen. Er stattete dem Brgermeister in seiner
Kanzlei einen Abschiedsbesuch ab und sprach von dringlichen Geschften, die ihn
wegberiefen; bei seiner Rckkunft werde er den geforderten Vermgensnachweis
vorlegen. Zugleich deponierte er fnfhundert Gulden in guten Scheinen, welche
Summe ausschlielich fr die kleinen Wnsche und Bedrfnisse seines Lieblings zu
verwenden sei. Der Brgermeister wandte ein, da eigentlich Herr von Tucher die
Verwaltung dieses Geldes bernehmen msse, doch der Lord schttelte den Kopf und
meinte, in Herrn von Tuchers Verfahren liege zu viel vorgefate Strenge, er
handle nach einem erdachten Ideal von Tugend, eine so zarte Lebenspflanze knne
nur in liebevollster Nachsicht aufgezogen werden. Seien wir doch eingedenk, da
das Schicksal eine alte Schuld an Caspar abzutragen hat, und da es engherzig
ist, immerfort hemmen und beschneiden zu wollen, wo die Natur selbst gegen den
Willen der Menschen ein so herrliches Gebilde erzeugt hat.
    Der Ernst dieser Worte wie auch das hoheitsvolle Wesen des Lords machten
groen Eindruck auf den Brgermeister. Er sprach nochmals sein Bedauern darber
aus, da die Absichten des Grafen nicht sogleich verwirklicht werden konnten,
und versicherte, da die Stadt es sich stets zur Ehre rechnen wrde, einen
solchen Gast in ihren Mauern zu beherbergen.
    Von hier begab sich Stanhope unverweilt zu Herrn von Tucher. Man sagte ihm,
der Baron sei mit einigen Bekannten auf die Jagd geritten, auch Caspar sei
ausgegangen, msse aber in Blde zurckkehren, er mge zu warten geruhen.
Ungeduldig schritt er in dem groen Salon auf und ab. Er nahm die Brieftasche
heraus, zhlte Geld, notierte mit dem Bleistift Ziffern auf ein Blatt, wobei er
mit den Zhnen knirschte und der feine weie Hals sich langsam dunkelrot frbte
wie bei einem Trinker. Er stampfte auf den Boden, das Gesicht war frmlich
aufgerissen, der Blick glitzerte. Gottverdammte Bestien, murmelte er, und auf
den schmalen Lippen lag eine wilde Verachtung.
    Da war nichts mehr von der Gemessenheit und Wrde des Edelmanns. O, Herr
Graf, mu der Vorhang des ffentlichen Theaters nur fr eine Viertelstunde
fallen, damit der Schauspieler, berdrssig der gutgelernten Rolle, sein
geschminktes Antlitz zu furchtbarer Wahrheit verndere? Schade, da kein Spiegel
in dem Raum angebracht war, vielleicht htte er den Lord zur Besinnung gebracht
und zur Behutsamkeit ermahnt, denn es brauchte ja nur schnell eine Tr
aufzugehen, und das Stck begann von neuem. Aber zeugte dieser Umstand nicht
zugunsten des Grafen? Wre mehr Beherrschung nicht ein Beweis von grerer Kunst
gewesen? Der echte Komdiant tragiert sein Spiel auch leeren Rumen vor und
macht selbst die Wnde zu Zuschauern. In dieser Brust aber waren noch Stimmen
des Verrats, in ihrer Tiefe war noch Sturm, ihr dumpfes Hhlengetier hatte noch
Augen, die vom Strahl der Wandelbarkeit getroffen wurden.
    Es scheint, da der Lord ein schlechter Rechner war, denn die aufgestellten
Zahlen wollten nicht das notwendige Ergebnis liefern, so da er immer wieder von
neuem begann und mit gerunzelter Stirn einzelne Posten auf ihre Richtigkeit
prfte. Fr Popularittszwecke entschieden zu wenig, sagte er mrrisch, eine
uerung, deren Unbedachtsamkeit dadurch gemildert war, da sie in englischer
Sprache getan wurde. Dann noch ein sonderbares Wort, unheimlich anzuhren, nicht
wie aus einem geistreichen Schauspiel, sondern wie aus einem Ruberdrama: Wenn
der Graue sich wieder blicken lt, will ich ihn in den Schwanz kneifen; seine
Beute ist wahrhaftig gro genug. Kronen sind keine Marktware, er mag ehrlicher
im Teilen sein.
    Beklagenswerter Lord! Auch die Einsamkeit hat ihre Laute. Durch eine
schlechtverschlossene Fensterspalte zwngt sich der Wind, und es gleicht einer
Stimme, oder das Holz der jahrhundertalten Mbel zieht sich zusammen, und es
klingt wie ein Schu oder wie ein Miniaturgewitter. Zudem war Graf Stanhope
aberglubisch; das Rieseln der Kalkkrner hinter den Tapeten erinnerte ihn an
den Tod; wenn er mit dem linken Fu ein Zimmer betrat, wurde ihm bel und
ngstlich. Dies war hier geschehen; er nahm sich zusammen und schwieg, um so
mehr, als er vom Flur herauf Caspars helle Stimme hrte; er begab sich wieder in
seine Rolle, die Augen gewannen ihren gazellenhaften Glanz zurck, er holte
einen Band Rousseauscher Schriften aus dem Bcherregal in der Ecke, setzte sich
in den Lehnstuhl und begann mit sinniger Miene zu lesen.
    Und doch, als Caspar eintrat, als das freudeverklrte Antlitz aus dem Dmmer
tauchte, da zitterte empfundener Schmerz ber die Zge des Lords, und eine
pltzliche Verzagtheit raubte ihm die Sprache. Ja, er wurde verwirrt er lenkte
den Blick abseits, und erst als Caspar, durch das fremdere Wesen betroffen, ihn
leise anrief, brach er das Schweigen; es lag nahe, die bevorstehende Reise als
Grund der Verstimmung anzufhren, aber der Zustand inneren Zurckbebens und
jhen Wankelmutes in solchen Augenblicken war dem Lord nicht unbekannt,
wenngleich er sich heute strker als sonst fhlbar machte. Ihm war dann, als ob
der Anblick des Jnglings den vorgesetzten Willen lhme, als ob mhsam
aufgebaute Plne zusammenbrchen, wie von einem Orkan gefat, so da er das Werk
wieder von vorn beginnen konnte, wenn er allein war und sich erholt hatte; er
glich dann der Penelope, die, was sie tagsber kunstvoll gesponnen, bei Nacht
wieder in seine Fden trennte.
    Caspars wehmtige Klage bei der unerwarteten Kunde wurde nicht beschwichtigt
durch den Hinweis, da sein eignes Wohl diese Trennung erforderlich mache, auch
nicht durch die Versicherung Stanhopes, da er so bald als mglich, vielleicht
schon nach Verlauf eines Monats, zurckkehren werde. Caspar schttelte den Kopf
und sagte mit erstickter Stimme, die Welt sei gar zu gro; er umklammerte den
Freund und bat flehentlich, mitgenommen zu werden, der Graf solle den Diener
entlassen, er, Caspar, wolle dienen, er brauche kein Bett, auch keinen Lohn, er
wolle wieder von Brot und Wasser leben. Ach, tu es, Heinrich! rief er unter
Trnen. Was soll ich denn ohne dich hier anfangen?
    Der Lord stand auf und befreite sich sanft aus den Armen des Jnglings. Der
Trost, den er spenden durfte, rettete ihn vor sich selbst und verlieh seinen
Worten greres Gewicht. Da du so kleinmtig bist, Caspar, beweist ein kleines
Vertrauen zu mir, sagte er, wie kannst du nur glauben, da Gott, der uns
endlich vereinigt hat, uns nun wieder voneinander reien wird? Das hiee seine
Weisheit und Gte verdchtigen. Die Welt ist ein Bau von hoher Harmonie, und der
Mensch findet sich zum Menschen durch ein auserwhltes Gesetz; halte du deine
Bestimmung fest, so tragen dich Raum und Zeit ans Ziel, und ob ich eine Stunde
lang oder wochenlang von dir fort bin, gilt gleichviel vor der Gewiheit der
Erfllung. Wartet doch mancher bis zum Tod auf den Erlser und wird nicht
ungeduldig. Auch mut du dich beherrschen lernen, Caspar; Frstenshne weinen
nicht.
    Es war mittlerweile dunkel geworden; der Lord fhrte Caspar zum offenen
Fenster und sprach bewegt: Blick auf zum Himmel, Caspar, schau, wie die Sterne
durch das Firmament brechen! In diesem Zeichen wollen wir uns erkennen.
    Mit Befriedigung bemerkte Stanhope, da Caspar nachdenklich wurde und,
feierlich gestimmt, sich der zgellosen Verzweiflung schmte, die keinen Zwang
des Wechsels anerkennen, keine Zukunft gegen die beglckte Gegenwart in Kauf
nehmen wollte. Es war, als spre Caspar die hhere Notwendigkeit, welche die
Schicksale steigert und heimlich ineinander stickt; vielleicht erwachte sein
verwundert umherschauendes Auge in dieser Stunde zum Begreifen, und der Damm,
der den Strom der Sehnsucht hemmte, wurde eine Kraft der Seele; die besiegte
Leidenschaft adelt den Jngling zum Mann. Frstenshne weinen nicht; ein starkes
Wort; der leise Windhauch, der die Vorhnge bauschte, flsterte es nach.
    Der Lord schaute auf die Uhr und erklrte, da er Eile habe, er wolle der
Hitze wegen die Nacht durch fahren. Vor dem Wagen unten nahm er Abschied;
Stanhope reichte Caspar einen kleinen mit Goldstcken gefllten Beutel; er gebot
ihm, damit nach seinem Belieben zu schalten und keiner Einrede Gehr zu leihen.
    Diese unbedachte oder vielleicht schlau berechnete Weisung verschuldete ein
ernstes Zerwrfnis zwischen Caspar und seinem Vormund. Herr von Tucher erfuhr
von dem abermaligen Geschenk des Grafen und verlangte, da Caspar ihm das Geld
abliefere. Caspar weigerte sich wiederum, Herr von Tucher bestand jedoch mit
seiner ganzen Autoritt darauf, und er wrde Gewalt angewendet haben, wenn nicht
Caspar, eingeschchtert durch Drohungen wie durch das Gefhl der Abwesenheit
seines mchtigen Freundes, klein beigegeben htte. Doch verharrte er in dumpfer
Auflehnung, und dies brachte Herrn von Tucher auer sich. Ich werde dich aus
dem Haus stoen, rief er, nicht mehr fhig, sich zu beherrschen, ich werde
deine Schande der Welt offenbaren; man soll dich endlich kennenlernen, du
Schlack!
    Caspar, betrbt und erregt, glaubte in seiner Weise ebenfalls drohen zu
sollen. Ach, wenn das der Graf wte, der wrde Augen machen! sagte er
erbittert und mit naiver Bedeutsamkeit, als ob es in der Macht des Grafen lge,
jedes Unrecht zu shnen.
    Der Graf? Auch gegen ihn machst du dich ja des Undanks schuldig, versetzte
Herr von Tucher. Wie oft hat er mir versichert, er habe dich zur Folgsamkeit
und Treue ermahnt, habe dich himmelhoch gebeten, deinen Wohlttern keinen Anla
zur Klage zu geben. Du aber miachtest sein Gebot und bist seiner gromtigen
Liebe ganz und gar unwrdig.
    Caspar erstaunte. Von solchen Ratschlgen des Grafen wute er nichts, eher
vom Gegenteil; er bestritt daher, da der Lord dergleichen gesagt habe. Da
schalt ihn Herr von Tucher mit verchtlicher Ruhe einen Lgner, woraus
ersichtlich ist, da das so weise aufgerichtete Erziehungssystem sich nicht
einmal fr seinen Schpfer als tragfhig genug erwies, um Ausbrche emprter
Leidenschaft und verwundeten Selbstgefhls hintanzuhalten.
    Die Grundstze waren endgltig in die Flucht geschlagen. Herr von Tucher war
des unerquicklichen Kampfes mde; obwohl entschlossen, Caspar nicht lnger zu
behalten, verschob er die Ausfhrung seines Vorsatzes bis zur Rckkehr des
Grafen. Um nicht durch Caspars Anblick der bestndigen Pein der Enttuschung
ausgesetzt zu sein, folgte er der Einladung eines Vetters und begab sich fr den
Rest des Sommers auf ein Landgut in der Nhe von Hersbruck, wo seine Mutter
schon seit drei Monaten weilte. Da es Ferienzeit war und der Lehrer ohnedies
nicht ins Haus kam, brauchte er fr den Unterricht Caspars keine Manahmen zu
treffen; er empfahl ihm fleiiges Eigenstudium, trug Sorge fr seine tglichen
Bedrfnisse, lie ihm vier Silbertaler an Taschengeld zurck und ging nach
kaltem Abschied, die Aufsicht ber ihn der Polizei und einem alten Diener des
Hauses berlassend.
    Caspar zhlte die Tage und durchstrich jeden vergangenen mit roter Kreide
auf dem Kalender. Das lautlose Haus, die verdete Gasse, in der die Sonne
brtete, lieen ihm das Alleinsein stetig fhlbar werden. Gesellschaft hatte er
keine, Fremde, die noch immer zahlreich kamen, zahlreicher noch, seit die
passionierte Teilnahme eines Lord Chesterfield den Findling wie mit einem Nimbus
umgab, wurden nicht zugelassen, die frheren Bekannten aufzusuchen hatte er
keine Lust.
    Am Abend nahm er manchmal sein Tagebuch zur Hand und schrieb; da war ihm
dann der Freund nher, es glich einer Unterhaltung mit ihm durch die trennende
Ferne. Ohne das Gelbnis des Stillschweigens ber das, was Stanhope ihm
anvertraut zu vergessen, wurde doch auf solche Weise das Papier zum Mitwisser
der mysterisen Andeutungen. Aber aus seiner Art sie zu fassen, erhellte klar,
da er sich im mindesten nicht dabei zurechtfinden konnte. Es war ein Mrchen.
Er verstand nicht den Bau der Ordnungen, nicht das labyrinthisch verschlungene
Gefge der menschlichen Gesellschaft. Noch war das Schlo mit seinen weiten
Hallen ein Traum: da wehten die Schauer unbekannter Sterne. Nur heimzugehen war
sein Wunsch, dies Wort hatte Sinn und Kraft. Wehe, wenn er zum Begreifen
erwachte; erst wenn die Finsternis entwichen, kann der verirrte Wanderer
ermessen, wie weiter von seinem Ziel verschlagen worden.
    Anfangs September erhielt Caspar die erste kurze Nachricht vom Grafen, die
auch dessen bevorstehende Rckkehr meldete. Seine Freude war gro, doch war ihr
ein ahnender Schmerz zugemischt als knne es zwischen ihm und dem Freund nicht
mehr werden wie vordem, als htte die Zeit sein Antlitz verwandelt. Bei jedem
Wagenrollen, jedem Luten am Tor dehnte sich sein Herz bis zum Springen. Als der
Erwartete endlich erschien, war Caspar keines Lautes mchtig; er taumelte nur so
und griff um sich, wie wenn er an der Wahrheit der Erscheinung zweifle. Der Lord
vernderte Haltung und Miene; es sah aus, als verschiebe er ein vorgesetztes
Anderssein fr spter, das Lauern seiner Blicke versank in der weicheren Regung,
in die der Jngling ihn stets versetzte, der einzige Mensch vielleicht, dem er
Macht ber sein Inneres zugestehen mte und dessen Geschick er zugleich hinter
sich herschleifte wie der Jger das erbeutete Wild.
    Er fand Caspar schlecht aussehend und fragte ihn, ob er genug zu essen
gehabt habe. Der Bericht ber die mit Herrn von Tucher vorgefallenen
Streitigkeiten entlockte ihm nur Sarkasmen, doch schien er nicht weiter
migelaunt darber. Hast du denn bisweilen an mich gedacht, Caspar? erkundigte
er sich, und Caspar antwortete mit dem Blick eines treuen Hundes: Viel, immer.
Dann fgte er hinzu: Ich habe sogar an dich geschrieben, Heinrich.
    An mich geschrieben? wiederholte der Lord verwundert. Du wutest doch
meinen Aufenthalt nicht!
    Caspar drckte die Hnde zusammen und lchelte. In mein Buch hab ichs
geschrieben, sagte er.
    Der Graf wurde nervs, doch stellte er sich zutraulich. In welches Buch?
Und was hast du denn geschrieben? Darf ichs nicht lesen?
    Caspar schttelte den Kopf.
    Also Heimlichkeiten, Caspar?
    Nein, keine Heimlichkeiten, aber zeigen kann ich dirs nicht.
    Stanhope brach das Gesprch ab, nahm sich aber vor, der Sache auf den Grund
zu gehen.
    Er war wieder im Wilden Mann abgestiegen, doch lebte er anders als vorher.
Zu jeder Mahlzeit bestellte er Champagner und teure Weine und trieb den grten
Aufwand, als sei es ihm darum zu tun, Reichtum zu zeigen. Er brachte seine eigne
Equipage mit, deren Rder vergoldet waren, whrend am Schlag Wappen und
Adelskrone prangten. Als Dienerschaft hatte er einen Jger und zwei Kmmerlinge,
und diese drei Betreten erregten das Staunen der Nrnberger.
    Er sumte nicht, sein Ansuchen um die berlassung Caspar Hausers zu
erneuern. Zum Beleg seines gnstigen Vermgensstandes wies er, scheinbar nur
nebenbei, auf die Kreditbriefe hin, die er seit seiner Rckkunft beim
Marktvorsteher Simon Merkel deponiert hatte. Es lag darin eine Gebrde von
Prahlerei, als seien so geringfgige Summen kaum der Rede wert; in der Tat aber
waren die Akkreditive, von deutschen Wechselhusern aus Frankfurt und Karlsruhe
ausgestellt, von bedeutender Hhe.
    Der Magistrat sah sich jedes stichhaltigen Einwands gegen die Wnsche des
Lords beraubt. In der Versammlung der Stadtvter wurde die Frage aufgeworfen: ja
warum? Was will er eigentlich mit dem Hauser? Darauf las Brgermeister Binder
mit besonderem Nachdruck eine Stelle aus der Zuschrift des Grafen vor, worin es
hie: Der Unterzeichnete fhlt um so mehr den Beruf, sich des unglcklichen
Findlings anzunehmen, als er bei langem Umgang mit ihm die selbst einem
Vaterherzen wohltuende Erfahrung gemacht hat, wie sehr ihm dies kindliche Gemt
in liebender Anhnglichkeit und Dankbarkeit ergeben ist.
    Fragen wir also den Hauser selber, hie es, man mu wissen, ob er Lust
hat, dem Grafen zu folgen.
    Caspar wurde vor Gericht zitiert. In tiefer Bewegung erklrte er, er sei
berzeugt, da der Herr Graf den innigsten Anteil an seinem Schicksal nehme,
erklrte, mit dem Grafen gehen zu wollen, wohin ihn dieser auch fhren werde.
    Trotz alledem verzgerte sich die frmliche Bewilligung des Magistrats durch
eine Reihe erst scheinhafter und ungreifbarer Umstnde, die aber nach und nach
zu entschiedenem Widerstand erwuchsen, bis sie sich schlielich in einer
einzigen Stimme Gehr verschafften, welcher niemand zu widerstehen wagte.
    Der bermige Eifer des Lords, sich der Person Caspars zu versichern,
rhrte den unterirdisch murrenden Argwohn immer wieder empor. Sein pomphaftes
Auftreten mifiel. dem Brger, der einer bescheidenen Lebensfhrung, auch bei
Groen, mehr Vertrauen entgegenbrachte als einer Verschwendungssucht, die nur
die schlechten Instinkte des Pbels nhrte. Es erbitterte, wenn der Graf in
seiner Prunkkarosse daherfuhr, mit Absicht die belebtesten Pltze whlte und
nach rechts und links Kupfermnzen ins Volk streute, das sich dann, jeder Wrde
bar, vor dem in nachlssiger Leutseligkeit thronenden Fremdling im Kot wlzte.
    Man sprach davon, da Stanhope vom Marktvorsteher Merkel auf die
Kreditbriefe hin hohe Summen entlehnt habe. Merkel, wenngleich er gesichert
schien, wurde zur Vorsicht ermahnt; es lief das Gercht, der Lord drfe die
Papiere gar nicht angreifen oder doch nur bis zu einer vorgeschriebenen Grenze.
    Mittlerweile war Herr von Tucher vom Land zurckgekehrt. Die Entwicklung der
Dinge war ihm bekannt; er wollte fr seinen Teil ein klares Ende herbeifhren.
Er richtete an den Lord einen ziemlich weitlufigen Brief in welchem er ihn
schlielich vor die Wahl stellte: entweder den Jngling ganz zu sich zu nehmen
und ihn, den Baron, damit seiner Verantwortlichkeitspflicht zu entheben, oder
einen jhrlichen Beitrag auszusetzen, welcher es ermgliche, Caspar einem
verstndigen und gebildeten Mann vollstndig zu bergeben; in letzterem Falle
msse Seine Herrlichkeit allerdings die Gte haben, jedem Verkehr mit Caspar
schriftlich wie mndlich fr die Dauer mehrerer Jahre zu entsagen; er
seinerseits wrde sich dafr gern verbinden, dem Lord regelmigen Bericht ber
Caspars Tun und Treiben abzustatten.
    In der sonstigen Fassung des Schreibens herrschte jedoch die gebotene
Devotion vor. Mit dem wrmsten Dank habe ich, hochzuverehrender Herr, die
zahllosen Beweise des Wohlwollens anzuerkennen, mit denen Sie mich seit den
wenigen Wochen Ihres Hierseins berschttet haben, hie es unter anderm; aus
dem Grund meiner Seele habe ich die ungeheuchelte Verehrung an den Tag zu legen,
zu welcher mich Ihre Herzensgte und Ihr seltener Edelmut zwingen. Aus dieser
Gesinnung entspringt mir auch die Pflicht des Vertrauens, zu der Sie mich so oft
aufgefordert haben, und so trete ich vor Ihnen, edler Mann, geraden und offenen
Sinnes auf mit der Zuversicht, da Sie meinen Worten ein geneigtes Ohr schenken
werden. Caspar ist nicht der, fr den Sie ihn zu halten scheinen. Wie konnten
Sie auch dieses wunderliche Zwitterding kennenlernen, da ihn ja im Umgang mit
Ihnen, dem er alles verdankt und von dem er alles erwartet, was sein Sinn
begehrt, auch alles dazu einlud, im besten Licht zu leuchten. Herr Graf! Sie
haben ihm eine Freundschaft bezeigt, wie man sie nur einem Gleichgestellten
schenkt. Bei der unbegrenzten Eitelkeit, mit welcher die Natur neben so reichen
Gaben seine Seele verunstaltet hat und die von einfltigen Menschen hier noch
grogezogen wurde, haben Sie unschuldigerweise ein Gift in sein an sich schon
krankes Wesen gemischt, das kein Seelenarzt, auch nicht der geschickteste, wird
jemals wieder daraus entfernen knnen. Ich bin von nichts weiter entfernt, als
Ihnen damit einen Vorwurf zu machen, ich bitte Sie instndig, auch nicht einen
solchen finden zu wollen. Sie sind auer Schuld. Aber feststellen mu ich, da
whrend der ganzen Zeit, die Caspar in meinem Hause weilte, kein Anla war, mit
ihm unzufrieden zu sein, whrend er seit Ihrem Aufenthalt dahier, ich sage es
mit blutendem Herzen und mit der Zaghaftigkeit, die mir Liebe und Ehrfurcht
gegen Sie, vortrefflicher Mann, gebieten, wie umgewandelt und verkehrt ist.
    Eine solche Sprache mute auch dem verwhntesten Ohr schmeicheln.
Nichtsdestoweniger gab sich Lord Stanhope den Anschein durch den Brief des
Freiherrn herausgefordert und verletzt worden zu sein, sprach auch berall in
Gesellschaft davon. In einer Eingabe an das Kreisgericht in Ansbach, die sich
als notwendig erwiesen und worin er seine Bereitwilligkeit anzeigte, nicht nur
whrend seines Lebens fr Caspar Hauser zu sorgen, sondern auch dessen Erhaltung
fr den Fall seines Todes zu sichern, erwhnte er, da zwischen ihm und Herrn
von Tucher Verhltnisse eingetreten seien, die ihm fr jetzt und knftig jeden
Verkehr unmglich machten; es sei deshalb von Wichtigkeit, da Caspar tunlichst
bald in eine andre Umgebung versetzt werde.
    Hofrat Hofmann in Ansbach beeilte sich, Herrn von Tucher von der verhllten
Anklage des Lords zu unterrichten. Herr von Tucher war auer sich. Er teilte der
Behrde seinen an Stanhope gerichteten Brief wrtlich mit, schilderte noch
einmal und in dsteren Farben den unheilvollen Einflu des Grafen auf Caspars
Charakter und ersuchte um schleunige Decharge von einer Vormundschaft, die ihm,
wie er sich ausdrckte, Sorgen, Plagen und Lasten und zuletzt noch Undank und
Verargung seines redlichen Willens zugezogen habe. Da das Ansbacher Amt ein
Gutachten ber die Person des Lords gewnscht, schrieb er zurck, er habe den
Herrn Grafen als einen seltenen Mann von ausgezeichneten Eigenschaften
kennengelernt. Das Gercht bezeichne ihn als sehr vermglich, er selbst
behaupte, eine jhrliche Rente von zwanzigtausend Pfund Sterling, also
dreimalhunderttausend Gulden, zu genieen, welches Einkommen ihn brigens als
Earl und erblichen Pair von Grobritannien noch keineswegs unter die reichen
Edelleute seines Landes setze. Vorausgesetzt, da die hochlbliche
Kuratelbehrde gengende Sicherheit erlangt, schlo er sein mchtig langes
Schreiben, auch solche, die ber gewisse bedenkliche Konjunkturen in England
Aufschlu gibt, habe ich als Vormund gegen die Adoption Caspar Hausers durch
Lord Stanhope, sonderlich in finanzieller Hinsicht, nichts einzuwenden.
    Ein umstndliches Verfahren, ein endloser Instanzenweg. Stanhope zappelte
schon vor Ungeduld und Wut. Doch schienen ungeachtet des geschftigen Klatsches
und der widerstreitenden Meinungen alle Hindernisse beseitigt, und er sah sich
dem von Anfang an mit langsamer Zhigkeit verfolgten Ziele nahe, als pltzlich
alles wieder vernichtet wurde. Der Prsident Feuerbach legte nmlich sein Veto
ein gegen die Entfernung Caspars aus Nrnberg, Er schickte einen Privatboten an
den Brgermeister Binder und lie ihn wissen, da er soeben von seiner Badekur
in Karlsbad zurckgekommen und was im Werke sei als vollkommene Neuigkeit
vernehme. Er untersagte jede Entscheidung, bevor er den ihm verworren und
verdchtig erscheinenden Fall geprft und die auszufhrenden Schritte
gutgeheien habe.
    Der Brgermeister fand sich verbunden, den Lord sogleich von der neuen
Wendung der Dinge in Kenntnis zu setzen. Stanhope empfing und las das Briefchen
Binders in seinem Hotel gerade whrend man ihn rasierte. Er stie den Bader
beiseite, sprang auf und rannte, noch mit dem Seifenschaum auf seiner Wange,
heftig erregt durch das Zimmer. Es dauerte geraume Zeit, bis er sich seiner
Toilettenpflicht wieder erinnerte; er zerri den Zettel, den ihm Binder
geschickt, in hundert kleine Stcke und sa dann unter dem Rasiermesser mit
einem Gesicht so voll Ha und Galle, da die Hand des erschrockenen Barbiers zu
zittern begann und er sich nach vollendeter Arbeit eilig aus dem Staube machte.
    Zu spt bedachte der Graf, da er sich vergessen habe; aber wie empfindlich
mute der Schlag sein, der ihn getroffen, wenn dadurch die eherne Ruhe und
Zurckhaltung eines so vom Zweck Umpanzerten erschttert werden konnte!
    Mit fliegender Hand schrieb er einige Zeilen, schlo und siegelte den Brief,
lie den Jger kommen, gebot ihm, ein Pferd zu satteln, und trug ihm auf, die
Botschaft vor Ablauf von achtundvierzig Stunden an Ort und Stelle zu bringen,
kost es, was es wolle.
    Der Mann entfernte sich schweigend. Er kannte seinen Herrn. Er wute, da
sein Herr sich nicht mit Spen beschftigte, Liebeshndeln und kleinen
Intrigen. Er kannte dieses Gesicht an Seiner Lordschaft, diese Spannung eines
grlichen Entweder-Oder, diese Miene eines angestrengten Wettlufers, diese
krankhafte Fassung des Hasardspielers. Man hatte dergleichen Ritte schon oft
unternommen bei Tag wie bei Nacht; man mute eine verschwiegene Zunge haben, um
die unbehaglichen Zutaten solcher Obliegenheiten vor einer wibegierigen Welt
bergen zu knnen, denn es hatte nicht selten den Anschein, als ob man der
Mittler lichtscheuer Geschfte sei. Eile war stets geboten; man kam auch stets
zurecht, doch jenes Kost es, was es wolle war ein bichen aufschneiderisch,
man erhielt nicht immer seinen Lohn, man mute oft wochenlang warten und
heimlich nach den Brocken haschen, die von der grflichen Tafel abgetragen
wurden; Seine Herrlichkeit war eben nicht bei Kassa, man erwartete Gelder aus
England oder aus Frankreich oder man wurde sogar um Geld zu irgendeinem
vornehmen Herrn geschickt, und es war auffallend, da dem grflichen Verlangen
hufig nicht eben diensteifrig begegnet wurde, der vornehme Herr lie in seiner
Sprache eher etwas von Geringschtzung als von Ehrfurcht gegen die Person des
Lords merken.
    Woran hing das alles? Wohin liefen die Fden, die dieses ber den Pbel
erhobene Schicksal an die gemeine Notdurft knpften? Der edle Abkmmling eines
edeln Geschlechts, seine Tage in einer erbrmlichen Spelunke fristend, einer der
stolzesten Namen eines stolzen Reiches, abhngig von der schmierigen
Freundlichkeit eines Gastwirts, verdammt, seines Lebens Mark und Kern mit eignen
Fen in den Schlamm zu treten, das strenge Gedchtnis unantastbarer Ahnen
preiszugeben, wofr? Woran hing das alles?
    Jede gegenwrtige Stunde war eine Ruine der Vergangenheit, jeder Tag die
Trmmersttte eines goldenen Ehemals; ehemals, da der Name Stanhope in den
Hauptstdten Europas noch jene Rolle gespielt, die seinem Trger selbst nur noch
wie eine Sage erschien, als der jugendliche Lord das Entzcken der Salons von
Paris und Wien gewesen war, als er reich gewesen und den Reichtum benutzt hatte,
um seine malose Jugend damit zu sttigen und der Welt seiner Standesgenossen
das Schauspiel einer Verschwendung ohnegleichen zu geben. Seine Feste und
Gastmhler waren berhmt gewesen. Er war von Land zu Land gereist mit einem
Hofstaat von Kchen, Sekretren, Kammerdienern, Handwerkern und Spamachern. Er
hatte bei einer Pergola in Madrid fr fnfundzwanzigtausend Livres Blumen an die
Frauen verteilen lassen. Er hatte whrend des Wiener Kongresses die Knige und
Frsten bewirtet, Wettrennen veranstaltet, die allein ein Vermgen verschlangen,
und Oratorien und Opern fr eigne Rechnung auffhren, lassen. Seine luxurisen
Launen hielten die Gesellschaft in Atem; er beschenkte seine Freunde mit Villen
und Landgtern und seine Freundinnen mit Perlenketten. Er war jahrelang der
Timon des Kontinents gewesen, um den sich eine Armee von geilen Schmarotzern
drngte, die alle ihr Profitchen an ihm machten und ihre ausschweifenden Gelste
bei ihm befriedigten. Seine Gutherzigkeit und Freigebigkeit war sprichwrtlich
geworden, seine Art, mit immer gefllten Hnden Gold um sich her zu streuen,
achtlos, ob es in die Gosse oder auf die Teppiche fiel, glich dem Wahnsinn oder
einer tollen Probe auf die menschliche Habgier.
    Dann das Ende: Fallissement und Selbstmord eines Bankiers beschleunigten den
unaufhaltsamen Zusammenbruch. Es war an einem Abend im Palais Bourbon, man hatte
hoch gespielt, Stanhope verlor viele Tausende, um so bezaubernder wirkte sein
unbefangenes Geplauder, das Feuer und die Anmut seines Geistes. Der Gesandte,
Lord Castlereagh, trat zu ihm und machte ihm eine hastige Mitteilung. Man sah
ihn erblassen, ein Lcheln von eigner Schwermut gefror auf den feinen Zgen,
andern Tags reiste er. Er glaubte in der Heimat das zurckgezogene Leben eines
Landedelmannes fhren zu knnen, dies milang. Die Gter waren berschuldet, von
allen Seiten drngten Glubiger, auerdem graute ihm vor der Einsamkeit, hate
er die menschenlose Natur. Er floh. Der Glanz vergangener Zeiten mute Fetzen
borgen fr ein Dasein, das allmhlich von innen ausgehhlt wurde durch die Angst
um das nackte Brot. Es war still um ihn geworden; seine Wanderzge waren eine
Jagd nach den frheren Freunden und Genossen, aber auf einmal gab es keinen
mehr, der nicht alles vorher gewut htte und aus sicherer Schanze heraus
Verdammnis predigte. In einem rmischen Hotel nahm er, verzweifelt, erschpft,
aller Hoffnung bar, Strychnin. Eine junge Sizilianerin pflegte und rettete ihn.
Das Gift, das seinen Krper verlassen hatte, schien von seiner Seele Besitz zu
ergreifen. Er rang mit dem Dmon, der ihn niedergestoen; er wurde wild und
kalt; seine ans Erhabene streifende Menschenverachtung erleichterte ihm, die
Schwchen seiner Umgebung zu benutzen. Er begab sich in den Dienst hoher Herren
und studierte die schmutzigen Mysterien ihrer Vorzimmer und ihrer Hintertreppen.
Er wurde Emissr des Papstes und bezahlter Agent Metternichs. Bald war sein Name
ausgestrichen aus der Liste der Untadeligen und jenen Abenteurern zugezhlt, die
an den Grenzbezirken der Gesellschaft eine gefrchtete Korsarenrolle spielen.
Die auerordentlichen Talente, die er besa, machten ihm keine Aufgabe schwer;
der unablssige Zwang zu handeln, die Vielfltigkeit der Beziehungen erstickten
die Stimmen des Gewissens und die Empfindung dunkler Schmach. Oben gechtet und
bei aller Ntzlichkeit gemieden, war er in den Niederungen noch immer der
erlauchte Mann; er wurde ein gebter Menschenjger und Seelenfnger; was dem
Druck des Unglcks entsprungen war, wurde Metier; das unwiderstehliche, sanfte
Lcheln: Metier; die edeln Manieren, das ritterliche Betragen, die gewinnende
Konversation, die treffliche Bildung: alles Metier; jedes Zucken der Wimpern,
jede Verbeugung war Geschft; alles hatte Folgen, alles Ursache, ein
nachlssiges Wort konnte das Milingen einer Aufgabe bedeuten, und doch, wie
entbehrungsvoll war ein solches Dasein, wie jmmerlich der Lohn! Und wie ging es
bei alledem langsam bergab, ins Kleine hinein, als ob die Kette, an der er zog,
von selber und ohne da sie sich lockerte, Glied um Glied absetzte, um ihn in
den Abgrund zu zerren.
    Eines Tages hie die Kriegslosung Caspar Hauser. Der Auftrag war deutlich,
seine Quelle klar, die Umstnde finster wie nichts zuvor. Man sagte: Du bist der
rechte Mann, das Unternehmen ist schwer, aber eintrglich, es scheint von
geringer Bedeutung, doch Ungeheures steht auf dem Spiel. Die Verhandlungen
wurden nicht von Gesicht zu Gesicht gefhrt, alles war hinter Vorhngen
versteckt, jeder Mittler trug das Wort eines namenlosen Gebieters. Das
Gespenstertreiben reizte die Phantasie, der Abgrund begann zu leuchten. Das
Ausspinnen des Plans hatte etwas von Wollust; der seltene Vogel mute
meisterlich beschlichen werden.
    Ja, der Auftrag war deutlich, er hatte Hand und Fu Du hast den Findling aus
dem Bereich zu entfernen, in welchem er anfngt fr uns gefhrlich zu werden,
lautete die Weisung; nimm ihn zu dir, nimm ihn mit in ein Land, wo niemand von
ihm wei; la ihn verschwinden, strze ihn ins Meer oder wirf ihn in eine
Schlucht oder miete das Messer eines Bravo oder la ihn unheilbar krank werden,
wenn du dich auf Quacksalberei verstehst, aber verrichte das Werk grndlich,
sonst ist uns nicht gedient. Unsers Dankes bist du versichert; wir notieren
unsern Dank mit der und der Summe bei Israel Blaustein in X.
    Was war zu berlegen? Alle Not konnte zu Ende sein. Jedes Zgern machte
schon mitschuldig; den unttigen Wisser zu beseitigen war fr jene ein Zwang. Es
gab keine Wahl. Der Beginn des Unternehmens lag weit zurck; schon damals, wo
man den Mordgesellen in Daumers Haus geschickt, hatte Stanhope Befehl,
einzugreifen, falls der Anschlag, an dem er selber unbeteiligt war, nicht
gelingen sollte. Die Roheit und Verworfenheit der angewandten Mittel schreckten
ihn, beleidigten seinen guten Geschmack, rttelten sein besseres Wesen auf. Er
floh, er verbarg sich. Das Elend und drohender Hunger lockten ihn wieder ins
Garn, und so machte er sich auf aus weiter Ferne, um sein Opfer zu betren.
    Doch wie sonderbar war schon das erste Begegnen und Zusammensein! Welch eine
Stimme! Welch ein Auge! Was erschtterte den Verderber und ri ihn hin? Er wurde
betrt, er! Dieser Vogel verstand auch zu singen, das hatte der Netzknpfer
nicht bedacht. Auf einmal sah er sich geliebt. Nicht wie Frauen lieben, das
hatte er erfahren, das kann gewrdigt und auch vergessen werden, es liegt im
Flu der Dinge begrndet, Zufall und Trieb haben gleichen Anteil daran; auch
nicht wie Mnner lieben oder Eltern oder Geschwister oder wie ein Kind liebt;
Gesetz und Aneignung, Not und Wille binden die Kreatur an ihresgleichen; doch im
tiefsten Grund ruht Wetteifer, Kampf und Feindschaft. Dies aber war anders,
ungeahnt und wundersam rhrte die Schnheit einer Seele an das ummauerte Herz.
    Es gibt eine Sage, die von einem Land erzhlt, wo nicht Tau noch Regen fiel,
daher entstand Trockenheit und Wassermangel, weil nur ein einziger Brunnen war,
der Wasser erst in groer Tiefe enthielt; wie nun die Leute zu verschmachten
anfingen, da kam ein Jngling zu dem Brunnen, der die Zither spielte und seinem
Instrument so se Melodien entlockte, da das Wasser bis zur Mndung des
Brunnens heraufstieg und im berflu dahinstrmte.
    So wie dem Brunnen erging es dem Lord, wenn der Jngling Caspar bei ihm
weilte und die sen Melodien seines Wesens spielte. Sein Geist stieg aus der
Tiefe, ein jammernder Blick flog rckwrts, Scham entzndete das bebende Gemt,
leicht schien es das bel ungeschehen zu machen, er fand sich selbst wieder, es
strahlte ihm aus diesem Antlitz das Bild der eignen noch unbefleckten Jugend
entgegen, und so, wie er htte sein knnen, wenn das Schicksal nicht sein
Edelstes zermalmt htte, so sah er sich genommen, geglaubt und verherrlicht. Und
so wahr, so reich, so grundlos schenkend, da der verruchteste Geizhals und
Bsewicht seine Truhe nach Kostbarkeiten durchwhlt htte, nur um sich der Qual
der Verschuldung zu entledigen.
    Aber er gab - nichts. Er konnte sich nicht selber geben, denn seine Person
war zum voraus verschrieben, sein Leben war von denen bezahlt, denen er diente,
bezahlt sein Tag und seine Nacht, bezahlt seine Reue, sein Unfrieden, sein
schlechtes Gewissen. Er fhrte eine Tat im Schilde, die jede Falte seines
Gesichts mit Lge bemalte, aber bisweilen dachte er in Wirklichkeit daran, mit
Caspar zu fliehen. Doch wohin? Wo gab es eine Ruhestatt fr den Gechteten eines
Erdteils? Ach, wenn er die stillen Stunden mit Caspar verbrachte und dieses
Antlitz ihm zugeneigt war, in dem der reine Glanz des Menschen wohnte, da fhlte
er, da auch er noch ein Mensch war, und er konnte in unermelicher Wehmut vor
sich hintrauern. Dann verga er Zweck und Sendung und rchte sich an jenen,
deren schuldiges Opfer er war, indem er hinwarf, was er von ihren Geheimnissen
wute, und doppelten Verrat beging. Er erfllte Caspar mit Erwartungen auf Macht
und Gre, das war seine Gegengabe, das Geschenk des Geizhalses. Ein Glck, da
der Zauber an Kraft verlor, wenn er von dem Jngling entfernt war und er nicht
mehr jenen fragenden Blick auf sich lasten fhlte, bei dem ihm zumute war, als
sei ein Gesandter Gottes neben ihn hingestellt. Inmitten der finstern berlegung
und im Verfolg der furchtbaren Plne schrieb er gleichwohl kurze
leidenschaftliche Briefchen an den Umgarnten, wie dies: In der ersten Woche, da
ich dich kennenlernte, hie ich mich deinen Vasall; solltest du je fr eine Frau
dasselbe fhlen, was du fr mich empfindest, so bin ich verloren. Oder: Wenn
du einmal Klte an mir bemerkst, so schreibe es nicht einer Herzlosigkeit zu,
sondern nimm es fr den Ausdruck jenes Schmerzes, den ich bis ans Grab in mir
verschlieen mu; meine Vergangenheit ist ein Kirchhof, als ich dich fand, hatte
ich Gott schon halb verloren, du warst der Glckner, der mir die Ewigkeit
einlutete. Es waren Wendungen im Geschmack der Zeit, beeinflut durch
Modepoeten, aber sie bekundeten doch die Ratlosigkeit eines bis ins Innerste
verworrenen Gemts.
    So hin- und hergerissen, hemmte er selbst den Gang seiner Unternehmung. Er
lie geschehen, was geschah, und unterlag dem Anprall der Ereignisse, denn sie
waren mchtiger als seine Entschlsse. Er wute, da er sein schndliches Werk
enden wrde und enden msse, aber er zauderte, und dies Zaudern gab ihm Zeit,
sein Geschick zu beklagen. Er versuchte sich eine Ausrede vor dem Himmel zu
schaffen, indem er betete, und vor dem Richter in sich selbst, indem er aus
seinem Dasein ein Fatum machte. Den an Genu und Wohlleben hngenden Geist
beschwichtigte er durch den Sophismus, da die Notwendigkeit strker sei als
Liebe und Erbarmen, und das klare Bild des Endes eskamotierte er hinweg mit
einem billigen: es wird ja so schlimm nicht werden!
    Indessen wurde auch nach der hastigen Absendung des Jgers die Unsicherheit
seiner Lage immer grer, die Kosten des Aufenthalts wuchsen bestndig, die
Kreditbriefe nutzten wenig, sie waren einstweilen nur ein Aushngeschild, die
Bedrngnis zwang ihn zu Taten, und er fate den Entschlu, nach Ansbach zu
reisen und mit dem Prsidenten Feuerbach persnlich zu unterhandeln.
    An einem Samstag zu Ende November gebot er, eilends den Reisewagen instand
zu setzen, und schickte eine Nachricht ins Tuchersche Haus, da Caspar sogleich
zu ihm kommen mge. Er aber begab sich, nachdem er Auftrag erteilt, Caspar bis
zu seiner Wiederkehr zurckzuhalten, auf einem Weg, wo er dem Gerufenen nicht zu
begegnen frchten mute, selbst dorthin, lie sich in Caspars Zimmer fhren, gab
vor, auf ihn warten zu wollen, und als er allein war, durchstberte er in
gehetzter Eile alle Schublden, Bcher und Hefte des Jnglings, um einen vor
Wochen von ihm selbst an Caspar geschriebenen Brief zu finden, in welchem ihm
hchst unbedachte, auf die Zukunft Caspars bezgliche Bemerkungen entschlpft
waren und den er um jeden Preis aus der Welt schaffen wollte, denn schon hatte
man ihn gewarnt, schon hatten die Finsteren hinter dem Vorhang gedroht.
    Sein Suchen war vergeblich.
    Da ffnete sich auf einmal die Tr, und Herr von Tucher stand auf der
Schwelle. In seinem ngstlichen Eifer hatte der Lord die nahenden Schritte
berhrt. Herr von Tucher sah mchtig gro aus, da sein Scheitel den oberen
Pfosten der Tre berhrte; in seiner Haltung lag ein schmerzliches Erstaunen,
und nach einem langen Schweigen sagte er mit heiserer Stimme: Herr Graf! Das
sind doch nicht etwa die Geschfte eines Spions?
    Stanhope zuckte zusammen. Einen Anwurf solcher Art erlauben Sie mir wohl
mit Schweigen zu bergehen, entgegnete er mit gelassenem Hochmut.
    Aber was soll das, fuhr Herr von Tucher fort, wie soll ich den
Augenschein deuten? Mir ahnt, Herr Graf, eine innere Stimme verrt es mir, da
hier nicht alles auf geraden Wegen vor sich geht.
    Der Lord geriet in Verwirrung; er prete die eine Hand an die Stirn, und mit
flehendem Ton sagte er: Ich bedarf mehr des Mitleids und der Nachsicht, als Sie
denken, Baron. Er zog das Taschentuch aus der Brusttasche, drckte es vor die
Augen und begann pltzlich zu weinen, wirkliche, unverstellte Trnen. Herr von
Tucher war sprachlos. Seine erste Regung war dsterer Argwohn und der Verdacht,
da alle trben und versteckten Redereien ber Caspars Schicksal eines
ernstlichen Grundes doch nicht entbehren mochten.
    Stanhope, als ahne er, was in dem klugen Manne vorging, fate sich schnell
und sagte: Nehmen Sie sich eines schwankenden Herzens an. Ich tappe im Dunkeln.
Ja, es will in Worte gebracht sein, ich zweifle an Caspar! Ich vermag ihn nicht
loszusprechen von gewissen Unaufrichtigkeiten und heuchlerischen Knsten ...
    Auch Sie also! konnte sich Herr von Tucher nicht enthalten auszurufen.
    Und ich fahnde nach Beweisen.
    Diese Beweise suchen Sie in Schubladen und Schrnken, Herr Graf?
    Es handelt sich um geheime Aufzeichnungen, die er mir vorenthielt.
    Wie? Geheime Aufzeichnungen? Davon ist mir nicht das mindeste bekannt.
    Sie sind nichtsdestoweniger vorhanden.
    Vielleicht meinen Sie am Ende das Tagebuch, das er vom Prsidenten erhalten
hat?
    Stanhope griff diesen Gedanken, der ihn aus der schiefen Situation halbwegs
rettete, mit Vergngen auf. Ja, gerade dieses, ohne Frage dasselbe, beteuerte
er rasch, indem er sich zugleich gewisser verrterischer Andeutungen Caspars
darber entsann.
    Ich wei nicht, wo er es aufbewahrt, sagte Herr von Tucher; ich wrde
auch Anstand nehmen, es Ihnen in seiner Abwesenheit auszuliefern. Im brigen
wei ich zufllig, da er vor einiger Zeit aus demselben Tagebuch das Bildnis
des Prsidenten, das sich auf der ersten Seite befand, herausgeschnitten und das
Ihre, Herr Graf, an dessen Stelle gesetzt hat. Damit langte Herr von Tucher
nach einer Mappe, die auf dem Schreibpult lag, zog ein darin befindliches Blatt
hervor und reichte es Stanhope. Es war Feuerbachs Portrt.
    Der Lord sah eine Weile darauf nieder, und beim Anschauen dieser
jupiterhaften Zge beschlich ihn eine niegekannte Furcht. Das ist also der
berhmte Mann, murmelte er; ich bin im Begriff, ihn aufzusuchen, ich erwarte
viel von seiner unbestechlichen Einsicht. Doch alles, was er plante, der Weg
dorthin, der Zwang, dem furchtbaren Blick dieser Augen standhalten zu sollen,
versetzte ihn in eine Befangenheit, deren er nicht Herr werden konnte.
    Exzellenz Feuerbach wird zweifellos entzckt sein, Ihre Bekanntschaft zu
machen, sagte Baron Tucher hflich, und da Stanhope sich anschickte zu gehen,
bat er ihn, dem Prsidenten seine verehrungsvollen Gre zu bermitteln.
    Zwei Stunden spter sauste der Wagen des Lords auf der Reichsstrae dahin.
Es war ein arger Sturm, in Wellen und Spiralen krmmte sich der Staub empor, der
Lord kauerte, in Tcher eingehllt, in der Ecke des Gefhrts und wandte keinen
Blick von der herbstlichtrbseligen Landschaft. Doch sein krankhaft leuchtendes
Auge sah weder Felder noch Wlder, sondern schien die Ebene nach verborgenen
Gefahren zu durchsphen. Das Auge eines Besessenen oder eines Flchtlings. Als
kurz vor dem Stdtchen Heilsbronn das Gedudel eines Leiermanns hrbar wurde,
drckte er die Hnde gegen die Ohren, wandte sich ab und sthnte seine zur
Einsamkeit verdammte Qual in das seidene Ruhekissen des Wagens. Danach sa er
wieder aufrecht, hart und kalt wie Stahl, ein Hexenlcheln um die dnnen Lippen.


                                  Zweiter Teil

   Gesprch zwischen einem, der maskiert bleibt, und einem, der sich enthllt

Es regnete in Strmen, als die Kalesche des Lords am spten Abend ber den
Ansbacher Schloplatz donnerte. Dazu scheuten die Pferde pltzlich vor einem
ber den Weg trottenden Hund, und der elsssische Kutscher fluchte in seinem
greulichen Dialekt so laut, da sich hinter den dunkeln Fensterquadraten ein
paar weie Zipfelmtzen zeigten. Die Zimmer im Gasthof zum Stern waren
vorausgemietet, der Wirt tnzelte mit einem Parapluie vors Tor und begrte den
Fremdling mit unzhligen tiefen Komplimenten und Kratzfen.
    Stanhope schritt an ihm vorber zur Treppe, da trat ihm ein Herr in der
Uniform eines Gendarmerieoffiziers entgegen, sehr eilfertig, mit regentriefendem
Mantel und stellte sich ihm als Polizeileutnant Hickel vor, der die Ehre gehabt
habe. Seiner Lordschaft vor einigen Wochen beim Rittmeister Wessenig in Nrnberg
flchtig, leider allzu flchtig, begegnet zu sein. Er nehme sich die Freiheit,
dem Herrn Grafen seine Dienste in der unbekannten Stadt anzubieten, und bitte um
Vergebung fr die einem berfall hnliche Strung, aber es sei zu vermuten, da
Seine Lordschaft wenig Zeit und vielerlei Geschfte habe, darum wolle er nicht
versumen, in erster Stunde nachzufragen.
    Stanhope schaute den Mann verwundert und ziemlich von oben herab an. Er sah
ein frisches, volles Gesicht mit eigentmlich kecken und dabei zrtlich
ergebenen Augen. Unwillkrlich zurcktretend hatte Stanhope das Gefhl, da hier
einer seine ganze Person als Werkzeug antrug, gleichviel zu welchen Zwecken;
nichts Neues war ihm der begehrlich streberische Glanz solcher Blicke, schon
glaubte er seinen Mann in- und auswendig zu kennen. Aber woher wute der
Dienstbeflissene davon? Wer hatte ihn auf die Fhrte gebracht? Eine feine Nase
war ihm jedenfalls zuzutrauen. Der Lord dankte ihm kurz und erbat sich fr eine
bestimmte Stunde seinen Besuch, worauf der Polizeileutnant militrisch grte
und ebenso eilig, wie er gekommen war, wieder in den Regen hinausrannte.
    Stanhope bewohnte den ganzen ersten Stock und lie sogleich in allen Zimmern
Kerzen aufstellen, da ihm unbeleuchtete Rume verhat waren; whrend der
Kammerdiener den Tee bereitete, nahm er ein in Saffian gebundenes
Andachtsbchlein aus der Reisetasche und begann darin zu lesen. Oder wenigstens
hatte es den Anschein, als lese er, in Wirklichkeit dachte er hundert zerstreute
Gedanken, die Ruhe des kleinen Landstdtchens war ihm unheimlicher als
Kirchhofsstille. Nach dem Imbi lie er den Wirt rufen, befragte ihn ber dies
und jenes, ber die Verhltnisse im Ort, ber den ansssigen Adel und die
Beamtenschaft. Der Wirt zeigte sich den neuen Luften grndlich berlegen. Er
hatte noch die selige Markgrafenzeit erlebt, und mit dem Tag, wo Hfling und
Hofdame aus ihren ziervollen Rokokopalstchen die Flucht vor dem heransausenden
Kriegssturm ergriffen hatten, war es aus mit dem Glanz der Welt; ein stinkendes
Rattennest war sie geworden, ein Aktentrdelmarkt mit dem hochtrabenden Namen
Appellationssenat, eine Tintenhhle, ein Paragraphenloch.
    Damals, ach, damals! Wie verstand man zu schkern, wie heiter war das
Treiben, man spielte, man parlierte, man tanzte; und der dicke Mann fing vor den
Augen des Lords an, einige gravittische Menuettposen und Pas de deux zu
illustrieren, wozu er eine verschollene Melodie trllerte und mit zwei Fingern
jeder Hand schelmisch die Rocksche hob.
    Der Lord blieb vollkommen ernsthaft. Er fragte auch beilufig, ob Herr von
Feuerbach in der Stadt sei, doch bei diesen Worten zog der Dicke ein suerliches
Gesicht. Die Exzellenz? grollte er. Ja, die ist da. Wohler wre uns, sie wr
nicht da. Wie ein brummiger Kater lauert sie uns auf und faucht uns an, wenn wir
ein bichen pfeifen. Er kmmert sich um alles, ob die Straen gekehrt sind, ob
die Milch verwssert ist; berall ist er hinterher, aber Galanterie hat er keine
im Leib. Nur eines versteht er grndlich, er ist ein scharfer Esser, und halten
zu Gnaden, Herr Graf wenn Sie mit ihm zu tun haben, mssen Sie alles loben, was
auf seinen Tisch kommt.
    Stanhope entlie den Schwtzer huldvoll, dann bezeichnete er dem Diener die
Kleider, die fr morgen instand zu setzen seien, und begab sich zur Ruhe. Am
andern Morgen erhob er sich spt, schickte den Lakaien in die Wohnung Feuerbachs
und lie um eine Unterredung bitten. Der Mann kam mit der Botschaft zurck, der
Herr Staatsrat knne heute und wohl auch in den nchsten Tagen nicht empfangen,
er ersuche Seine Lordschaft, ihm das Anliegen schriftlich mitzuteilen. Stanhope
war wtend. Er begriff, da er sich berstrzt habe, und fuhr sogleich zum
Hofrat Hofmann, der ihm empfohlen war.
    Indessen hatte sich die Kunde von seiner Anwesenheit verbreitet und nach
weiteren vierundzwanzig Stunden war schon ein Sagenkranz um seine Person
geflochten. Ein halb Dutzend mit Goldguineen gefllte Scke seien auf dem
Reisewagen des Fremdlings aufgeschnallt gewesen, hie es, und er wolle das
Markgrafenschlo samt dem Hofgarten kaufen; er fhre ein Bett mit Schwanendaunen
mit sich und gestickte Wsche; er sei ein Vetter des Knigs von England und
Caspar Hauser sein leiblicher Sohn. Stanhope, khl bis in die Nieren, sah sich
als Mittelpunkt kleinstdtischen Schwatzes und war es zufrieden.
    Der Hofrat hatte ihm keine Erklrung ber das Verhalten des Prsidenten zu
geben vermocht. Um die dienstlichen Schritte zu beraten, suchten sie den
Archivdirektor Wurm auf, der bei Feuerbachgroes Vertrauen geno. Stanhope
sprte, da man nur mit scheuer Vorsicht an die Sache ging; die amtssssigen
Herren konnten sich keines freien Verhltnisses zu einem Manne rhmen, dessen
Hand wie eine Eisenlast auf ihnen ruhte.
    Am Abend folgte Stanhope der Einladung in einen Familienkreis. Als er hier
die Rede auf den Prsidenten brachte, wurde eine Reihe von Anekdoten erzhlt,
die teils lcherlich, teils bizarr klangen, oder man berichtete, wie um den
Mangel an Liebe und echtem Sichbescheiden durch Umstnde zu verdecken, welche
das Mitleid herausforderten, von dem Unglck, welches Feuerbach an zweien seiner
Shne erlebe, von einer zerrtteten Ehe, von der menschenhassenden Einsamkeit,
in welcher der Alte hauste, und in der man doch wieder etwas wie eine dunkle
Verschuldung sehen wollte. Er ist ein Fanatiker, lie sich ein kahlkpfiger
Kanzleivorstand vernehmen, er wrde, wie Horatius, seine eignen Kinder dem
Henkersknecht ausliefern.
    Er vergibt niemals einem Feind, sagte ein andrer klagend, und dies
beweist keine christliche Gesinnung.
    
    Das alles wre nicht so schlimm, wenn er nicht in jedem Menschen eine Art
von beltter sehen wrde, meinte die Dame des Hauses, und bei jeder
Harmlosigkeit gleich das ganze Strafgesetz aufmarschieren liee. Neulich ging
ich um die Dmmerung mit meiner Tochter auf der Triesdorfer Strae spazieren,
und wir waren unbedachtsam genug, ein paar pfel von den Bumen zu pflcken; auf
einmal steht die Exzellenz vor uns, schwingt den Stock in der Luft und schreit
mit einer frchterlich krhenden Stimme: Oho, meine Gndige, das ist Diebstahl
am Gemeindegut! Nun bitt ich einen Menschen, Diebstahl! Was soll denn das
heien?
    Du mut aber auch sagen, Mama, fgte die Tochter hinzu, da er dabei ganz
pfiffig geschmunzelt hat und sich kaum das Lachen verbeien konnte, als wir, vor
Schrecken zitternd, die pfel in den Graben warfen.
    Der bloe Name des Mannes glich einem Steinblock im Strom, vor dem das
Wasser staut und aufprallt. Stanhope machte kein Hehl aus seiner Bewunderung fr
den Prsidenten. Er, zitierte Stellen aus seinen Schriften, schien selbst die
trockensten juristischen Abhandlungen zu kennen und pries die von Feuerbach
durchgefhrte Abschaffung der Folter als eine Tat, die ber die Jahrhunderte
leuchten wrde. Es war ein Mittel zu blenden, wie irgendein andres.
    Auf allen Gassen, in allen Salons gab es alsbald nur einen einzigen
Gesprchsstoff, und das war Lord Stanhope. Lord Stanhope, der Held und die
Zuflucht der unschuldig Verfolgten; Lord Stanhope, der Gipfel der Eleganz, Lord
Stanhope, der Freigeist, Lord Stanhope, der Liebling des Glcks und der Mode,
Lord Stanhope, der Melancholische, und Lord Stanhope, der Strengreligise.
Soviel Tage, soviel Gesichter; heute ist Lord Stanhope kalt, morgen ist er
leidenschaftlich; zeigt er sich hier heiter und ungebunden, dort wird er
tiefsinnig und wrdevoll sein; Gelehrsamkeit und leichte Tndelei, die Stimme
des Gemts und sittliche Forderung: es kommt nur auf das Register an, das der
geschickte Orgelspieler braucht. Wie interessant sein Aberglauben, wenn er in
einem Zirkel bei Frau von Imhoff seine Furcht vor Gespenstern bekennt und
schildert, da er dabei gewesen, wie ein Landsmann in den Krater des Vesuv zur
Hlle gefahren sei; wie entzckend die Ironie, mit der er bei andrer Gelegenheit
gottlose Gedichte von Byron zu rezitieren versteht.
    Die Elemente mischen sich, man wei nicht wie. Es ist eine Lust, die Welle
zu Schaum zu schlagen und den kleinen provinzlichen Sumpf im vergoldeten Kahn zu
durchfahren.
    Am fnften Tag kam der Jger zurck. Er brachte erweiterte Vollmachten;
Befehle, denen Stanhope durch seine Reise nach Ansbach zum Teil zuvorgekommen
war, aus denen als bemerkenswert etwas wie Furcht vor den Manahmen Feuerbachs
auffiel. Es wurde ihm geboten, sich dem Prsidenten in jedem Fall zu fgen, da
Widerstand Verdacht erweckt htte; das uerste zu versuchen, aber sich zu fgen
und neue Minen zu graben, wenn die alten wirkungslos geworden. Von einem
gefhrlichen Dokument war die Rede, das einstweilen beiseitegebracht oder
unschdlich gemacht werden msse, von dessen Inhalt aber jedenfalls Abschrift zu
nehmen sei.
    Das berreichte Schreiben sollte im Beisein des Jgers zerrissen und
verbrannt werden. Dies geschah. Vor allem brachte der Bursche Geld, herrliches
bares Geld. Stanhope atmete auf.
    Am nchsten Abend lud er einige der vornehmsten Familien der Stadt zu einem
geselligen Beisammensein in die Rume des Kasinos. Man raunte sich zu, da er
die Speisen nach besonderen Rezepten habe bereiten lassen und die Musikpiecen
mit dem Kapellmeister selbst durchprobiert habe. Vor Beginn des Tanzes erhielt
jede Dame ein ebenso sinniges wie kostbares Angebinde: ein kleines Schildchen
von Gold, auf welchem in emaillierter Schrift die Devise stand: Dieu et le
coeur. Danach nahm der Lord sein Glas und forderte die Anwesenden auf, mit ihm
das Wohl eines Menschen auszubringen, der ihm so teuer sei, da er den Namen vor
so vielen Ohren gar nicht auszusprechen wage, wten doch alle, wen er meine:
jenes wunderbare Geschpf, vom Schicksal wie auf eine Warte der Zeit
hingestellt: Dieu et le coeur dies gelte ihm, dem Mutterlosen, dessen die Mtter
gedenken mchten, welche Kinder geboren, und die Jungfrauen, die sich der Liebe
weihten.
    Man war gerhrt; man war auerordentlich gerhrt. Ein paar weie
Taschentcher flatterten in sanften Hnden, und eine ergriffene Bastimme
murrte: Seltener Mann. Der seltene Mann, als ob er seine eigne Bewegung nicht
anders meistern knne, begab sich auf den anstoenden Balkon und schaute sinnend
auf das Volk, das teils in ehrfrchtig flsternden Gruppen stand, teils in der
Dunkelheit auf und ab promenierte. Viele auch hatten sich, der Musik lauschend,
an die gegenberliegende Mauer gedrngt, und eine ganze Reihe von Gesichtern
glnzte fahl in dem aus den Fenstern flutenden Lichtschein.
    Da gewahrte Stanhope den Uniformierten, der sich ihm bei seiner Ankunft in
der Stadt prsentiert. Er hatte ihn seitdem vllig aus dem Gedchtnis verloren,
der Mann war zur festgesetzten Stunde im Hotel gewesen, doch hatte Stanhope die
Verabredung nicht gehalten, und jener hatte nur die Karte zurckgelassen. Jetzt
stand er wenige Schritte entfernt unter einem Laternenpfahl, und sein Gesicht
schien auffallend bse.
    Ein Unbehagen berlief den Lord. Er verbeugte sich hflich nach der
Richtung, wo der Regungslose stand. Darauf hatte der nur gewartet; er trat
nher, und dicht am Balkon stehend, war sein Gesicht etwa in Brusthhe des
Grafen.
    Polizeileutnant Hickel, wenn ich nicht irre, sagte Stanhope und reichte
ihm die Hand; ich hatte das Unglck, Ihren Besuch zu versumen, ich bitte mich
zu entschuldigen.
    Der Polizeileutnant strahlte vor Ergebenheit und heftete den Blick andchtig
auf den redenden Mund des Grafen. Schade, versetzte er, ich htte sonst gewi
den Vorzug, den heutigen Abend in Mylords Gesellschaft zu verbringen. Man
rechnet meine Wenigkeit hier gleichfalls zu den oberen Zehntausend, haha!
    Stanhope rckte kaum merklich den Kopf. Was fr ein unangenehmer Geselle,
dachte er.
    Waren Eure Herrlichkeit schon beim Staatsrat Feuerbach? fuhr der
Polizeileutnant fort. Ich meine heute. Die Exzellenz war nmlich bis jetzt
starrkpfig, wollte mit Eurer Herrlichkeit nur schriftlich unterhandeln. Es ist
mir endlich gelungen, den eigensinnigen Mann andern Sinnes zu machen.
    All das wurde in der biedersten Weise vorgebracht; doch Stanhope zeigte ein
befremdetes Gesicht. Wie das? fragte er stockend.
    Nun ja, ich kann bei dem guten Prsidenten manches durchsetzen, woran andre
sich umsonst die Zhne ausbeien, erwiderte Hickel, ebenfalls mit dem
heitersten und geflligsten Ausdruck. Solche Hitzkpfe sind um den Finger zu
wickeln, wenn man sie zu nehmen versteht. Haha, das ist lustig: um den Finger
gewickelte Hitzkpfe, haha!
    Stanhope blieb eisig. Er empfand einen an Ekel grenzenden Widerwillen. Der
Polizeileutnant lie sich nicht beirren. Mylord sollten keinesfalls lange
berlegen sagte er. Wenn auch die Angelegenheit jetzt nicht gerade sonderlich
drngt, so treffen Sie doch den Staatsrat in einem Zustand von
Unentschlossenheit, dnkt mich, der auszunutzen ist. Und was das bedrohliche
Dokument anbelangt ... Er hielt inne und machte eine Pause.
    Stanhope fhlte, da er bis in den Hals erbleichte. Das Dokument? Von
welchem Dokument sprechen Sie? murmelte er hastig.
    Sie werden mich vollstndig verstehen, Herr Graf, wenn Sie mir eine halbe
Stunde Gehr schenken wollen, antwortete Hickel mit einer Unterwrfigkeit, die
sich beinahe wie Spott ausnahm. Was wir uns zu sagen haben, ist nicht
unwichtig, mu aber keineswegs noch heute gesagt werden. Ich stehe zu jeder
beliebigen Zeit zur Verfgung.
    Seiner Unruhe trotzend, glaubte Stanhope Gleichgltigkeit zeigen zu sollen.
Obwohl ein Stichwort gefallen war, das er nicht berhren durfte, verschanzte er
sich hinter einer vornehmen Unnahbarkeit. Ich werde mich sicherlich an Sie
wenden, wenn ich Ihrer bedarf, Herr Polizeileutnant, sagte er kurz und wandte
sich stirnrunzelnd ab.
    Hickel bi sich auf die Lippen, schaute mit einiger Verblffung dem Grafen
nach, der durch die offene Saaltr verschwunden war, und ging dann leise
pfeifend ber die Strae. Pltzlich drehte er sich um, verbeugte sich hhnisch
und sagte mit geschraubter Verbindlichkeit, wie wenn Stanhope noch vor ihm
stnde: Der Herr Graf sind im Irrtum; auch bei dero Gnaden wird mit Wasser
gekocht.
    Als Stanhope wieder unter seine Gste getreten war, zog er den
Generalkommissr von Stichaner ins Gesprch. Im Verlauf der Unterhaltung uerte
er, er habe sich entschlossen, dem Prsidenten morgen seinen Besuch zu machen;
wenn Feuerbach auch dann bei seinem wunderlichen Starrsinn verbleibe, werde er
es als vorstzlichen Affront auffassen und abreisen.
    Er sagte das mit so lauter Stimme, da einige danebenstehende Herren und
Damen es hren muten; unter diesen befand sich auch Frau von Imhoff, die mit
Feuerbach sehr befreundet war. An sie hatte sich der Lord offenbar wenden
wollen. Frau von Imhoff war aufmerksam geworden, sie blickte herber und sagte
etwas verwundert: Wenn ich mich nicht tusche, Mylord, so hat Exzellenz ja
Ihnen einen Besuch abgestattet. Ich traf ihn spt nachmittags in seinem Garten,
als er eben im Begriff war, zum Stern zu gehen Sie waren wohl nicht zu Hause?
    Ich verlie mein Hotel um acht Uhr, antwortete Stanhope.
    Eine Stunde spter schickten sich viele zum Aufbruch an. Der Lord erbot
sich, Frau von Imhoff, deren Gatte verreist war, in seinem Wagen nach Hause zu
bringen. Da sie der Weg vorbeifhrte, lie Stanhope beim Stern halten und
erkundigte sich, ob in seiner Abwesenheit jemand vorgesprochen habe. In der Tat
hatte Feuerbach seine Karte abgegeben.
    Am andern Vormittag um elf Uhr hielt die grfliche Karosse in der
Heiligenkreuzgasse vor dem Tor des Feuerbachschen Gartens. Mit aristokratisch
gebundenen Schritten, die gertenhaft biegsame Gestalt unnachahmlich gestreckt,
nherte sich Stanhope dem landhaushnlichen Gebude, indem er genau die Mitte
der kahlen Baumallee einhielt. Sein Anzug bekundete peinliche Sorgfalt; in dem
Knopfloch des braunen Gehrocks glhte ein rotes Ordensbndchen, die Krawatte war
durch eine Diamantschliee gehalten und wie ein geistiger Schmuck umspielte ein
mdes Lcheln die glattrasierten Lippen. Als er ungefhr zwei Drittel des Wegs
zurckgelegt hatte, hrte er eine brllende Stimme aus dem Haus, zugleich rannte
eine Katze vor ihm ber den Kies. Ein bses Omen, dachte er, verfrbte sich,
blieb stehen und schaute unwillkrlich zurck. Es war so neblig, da er seinen
Wagen nicht mehr sah.
    Er zog die Glocke am Tor und wartete geraume Weile, ohne da geffnet wurde.
Indes dauerte das Geschrei drinnen fort, es war eine Mnnerstimme in Tnen
wilder Wut. Stanhope drckte endlich auf die Klinke, fand den Eingang
unversperrt und betrat den Flur. Er sah niemand und trug Bedenken,
weiterzugehen. Pltzlich wurde eine Tr aufgerissen, ein Frauenzimmer strzte
heraus, anscheinend eine Magd, und hinterher eine gedrungene Gestalt mit
mchtigem Schdel, in welcher Stanhope sofort den Prsidenten erkannte. Doch
erschrak er dermaen vor dem zornverzerrten Gesicht, den gestrubten Haaren und
der durchdringenden Stimme, da er wie angewurzelt stehenblieb.
    Was hatte sich ereignet? War ein Unheil passiert? Ein Verbrechen zutag
gekommen? Nichts von alledem. Blo ein stinkender Qualm zog durch den Korridor,
weil ein Topf mit Milch in der Kche bergelaufen war. Die Frauensperson hatte
sich beim Wasserholen verschwatzt, und da war es denn ein gar wrdeloser
Anblick, den alten Berserker zu sehen, wie er mit den Armen fuchtelte und bei
jeder jammernden Widerrede der Gescholtenen von neuem raste, die Zhne
fletschte, mit den Fen stampfte und sich vor Bosheit berschrie.
    Ein komisches Mnnlein, dachte Stanhope voll Verachtung; und vor diesem
kleinen Provinztyrannen und Polizeiphilister habe ich gebebt! Sich vornehm
ruspernd, schritt er die drei Stufen empor, die ihn noch von dem lcherlichen
Kriegsschauplatz trennten, da wandte sich Feuerbach blitzschnell um. Der Lord
verneigte sich tief, nannte seinen Namen und bat nachsichtig lchelnd um
Entschuldigung, wenn er stre.
    Schnelle Rte berflog das Gesicht Feuerbachs. Er warf einen seiner jhen,
fast stechenden Blicke auf den Grafen, dann zuckte es um Nase und Mund, und auf
einmal brach er in ein Gelchter aus, in welchem Beschmung, Selbstironie und
irgendeine gemtliche Versicherung lag, kurz, es hatte einen befreienden,
wohltuenden und berlegenen Klang.
    Mit einer Handbewegung forderte er den Gast zum Eintreten auf; sie kamen in
ein groes wohlerhaltenes Zimmer, das bis in jeden Winkel von auerordentlicher
Akkuratesse zeugte. Feuerbach begann sogleich ber sein bisheriges Verhalten
gegen den Lord zu sprechen, und ohne Grnde anzufhren, sagte er, die
Notwendigkeit, die ihn bestimmt, sei strker als die gesellschaftliche Pflicht.
Doch habe er eingesehen, da er einen Mann von solchem Rang und Ansehen nicht
verletzen knne, zumal ihm schtzenswerte Freunde soviel Anziehendes berichtet
htten, deshalb habe er Seine Lordschaft gestern aufgesucht.
    Stanhope verbeugte sich abermals, bedauerte, da er Seiner Exzellenz nicht
habe aufwarten knnen, und fgte bescheiden hinzu, er msse diese Stunde zu den
hchsten seines Lebens rechnen, vergnne sie ihm doch die Bekanntschaft eines
Mannes, dessen Ruf und Ruhm einzig und ber die Grenzen der Sprache wie der
Nation hinausgedrungen sei.
    Von neuem der jhe, scharfe Blick des Prsidenten, ein schamhaft satirisches
Schmunzeln in dem verwitterten Gesicht und dahinter, fast rhrend, ein Strahl
naiver Dankbarkeit und Freude. Der Lord seinerseits stellte vollendet einen Mann
der groen Welt dar, der vielleicht zum erstenmal befangen ist.
    Sie nahmen Platz, der Prsident durch die Gewohnheit des Berufs mit dem
Rcken gegen das Fenster, um seinen Gast im Licht zu haben. Er sagte, eine der
Ursachen, weshalb er ihn zu sprechen verlange, sei ein gestern eingetroffener
Brief des Herrn von Tucher, worin ihm dieser nahelege, Caspar zu sich ins Haus
zu nehmen. Diese pltzliche Sinnesnderung sei ihm um so merkwrdiger
erschienen, als er ja wisse, da Herr von Tucher den Absichten des Grafen
geneigt gewesen; er habe den Faden verloren, die ganze Geschichte sei ihm
verschwommen geworden, er habe nun sehen und hren wollen.
    Im Tone grten Befremdens erwiderte Stanhope, er knne sich das Vorgehen
Herrn von Tuchers durchaus nicht erklren. Man braucht den Menschen nur den
Rcken zu kehren und sie verwandeln ihr Gesicht, sagte er geringschtzig.
    Das ist nun so, versetzte der Prsident trocken. Ich will brigens Ihre
Erwartung nicht hinhalten, Herr Graf. Wie ich schon dem Brgermeister Binder
mitteilte, kann es auf keinen Fall geschehen, da Ihnen Caspar berlassen werde.
Ein solches Ansinnen mu ich gnzlich und ohne Bedenken abweisen.
    Stanhope schwieg. Ein schlaffer Unwillen malte sich in seinen Zgen. Er
blickte unablssig auf die Fe des Prsidenten, und als ob ihn das Sprechen
berwindung koste, sagte er endlich: Lassen Sie mich Ihnen, Exzellenz, vor
Augen fhren, da Caspars Lage in Nrnberg unhaltbar ist. Aufs sonderbarste
angefeindet und von keinem unter allen, die sich seine Schtzer nennen,
verstanden, mit dem Druck einer Dankesschuld beladen, die das Schicksal selbst
fr ihn aufgenommen hat und die er niemals wird bezahlen knnen, da ihm ja sonst
jeder Tag und jedes Erlebnis zu einer wucherischen Zinsenabgabe wrde und er,
ein Junger, ein Wachsender, der er ist, sein Dasein fr sich verzehren mu, ist
er waffenlos ausgesetzt. Zudem will die Stadt, wie mir ausdrcklich versichert
wurde, nur noch bis zum nchsten Sommer fr ihn sorgen und ihn dann einem
Handwerksmeister in die Lehre geben. Das, Exzellenz, dnkt mich schade. (Hier
erhob der Lord seine Stimme ein wenig, und sein Gesicht mit den
niedergeschlagenen Augen erhielt den Ausdruck verbissenen Hochmuts.) Es dnkt
mich schade, die seltene Blume in einen von aller Welt zerstampften Rasen setzen
zu lassen.
    Der Prsident hatte aufmerksam zugehrt. Gewi, das alles ist mir bekannt,
antwortete er. Eine seltene Blume, gewi. War doch sein erstes Auftreten
derart, da man einen durch ein Wunder auf die Erde verlorenen Brger eines
andern Planeten zu sehen vermeinte, oder jenen Menschen des Plato, der, im
Unterirdischen aufgewachsen, erst im Alter der Reife auf die Oberwelt und zum
Licht des Himmels gestiegen ist.
    Stanhope nickte. Meine Hinneigung zu ihm, die dem allgemeinen Urteil
bertrieben erschienen ist, entstand mit dem ersten Hrensagen ber seine
Person; sie findet auch in der Geschichte meines Geschlechts etwas wie eine
atavistische Rechtfertigung, fuhr er in khlem Plauderton fort. Einer meiner
Ahnen wurde unter Cromwell gechtet und floh in ein Grabgewlbe. Die eigne
Tochter hielt ihn verborgen und nhrte ihn, bis die Flucht gelang, kmmerlich
mit erstohlenen Brocken. Seitdem weht vielleicht ein wenig Grabesluft um die
Nachgeborenen. Ich bin der Letzte meines Stammes, ich bin kinderlos. Nur noch
ein Traum oder, wenn Sie wollen, eine fixe Idee bindet mich ans Leben.
    Feuerbach warf den Kopf zurck. Die Linie seines Mundes zuckte in die Lnge
wie ein Bogen, dessen Sehne zerrissen ist. Pltzlich lag Gre in seiner
Gebrde. Eine innere Verantwortung hindert mich, Ihnen zu willfahren, Herr
Graf, sagte er. Hier steht so Ungeheures auf dem Spiel, da jeder Gnadenbeweis
und jedes Liebesopfer daneben gar nicht mehr in Frage kommt. Hier ist den in
Abgrnden kauernden Dmonen des Verbrechens ein Recht zu entreien und dem
bangen Auge der Mitwelt, wenn nicht als Trophe, so doch als Beweis dafr
entgegenzuhalten, da es auch dort eine Vergeltung gibt, wo Untaten mit dem
Purpurmantel bedeckt werden.
    Der Lord nickte wieder, doch ganz mechanisch. Denn innerlich erstarrte er.
Es wurde ihm schwl vor der elementaren Gewalt, die aus der Brust dieses Mannes
zu ihm redete, und die selbst das Pathos verzehrte, das ihm anfangs unbehaglich
war und ihn ironisch gestimmt hatte. Er fhlte, da gegen diesen Willen zu
kmpfen, der sich wie ein ein Unwetter verkndigte, ein aussichtsloses Mhen
sein wrde, und wenn es ein Beschlu ber ihm war, durch den er in das Labyrinth
lichtscheuer Verrichtungen mehr geglitten als geschritten war, so fand er sich
jetzt ratlos und ohnmchtig darin, und es wurde ihm auf einmal wichtig, einen
Anschein von Ehre und Tugend aus dem Chaos seines Innern zu retten. Er beugte
sich vor und fragte sanft: Und ist das Recht, das Sie jenen entreien wollen,
die Leiden dessen wert, dem es zukommt?
    Ja! Auch dann, wenn er daran verbluten mte!
    Und wenn er verblutet, ohne da Sie Ihr Ziel erreichen?
    Dann wird aus seinem Grab die Shne wachsen.
    Ich ermahne Sie zur Vorsicht, Exzellenz, um Ihretwillen, flsterte
Stanhope, indem sein Blick langsam von den Fenstern zur Tr wanderte.
    Feuerbach sah berrascht aus. Es war etwas Verrterisches in dieser Wendung,
in irgendeinem Sinn verrterisch. Aber die blauen Augen des Lords strahlten
durchsichtig wie Saphire, und eine frauenhafte Trauer lag in der Neigung des
schmalen Hauptes. Der Prsident fhlte sich hingezogen zu dem Manne, und
unwillkrlich nahmen seine Worte einen milden, ja fast liebreichen Klang an, als
er sagte: Auch Sie? Auch Sie sprechen von Vorsicht? Meine Sprache scheint Ihnen
khn; sie ist es. Ich bin es satt, auf einem Schiff zu dienen, das durch die
Verblendung seiner Offiziere in den schmhlichen Untergang rennt. Aber ich
knnte mir denken, da es einem Brger des freien England unbegreiflich ist,
wenn ein Mensch wie ich seine Ruhe und die Sicherheit der Existenz aufgeben mu,
um das Gewissen des Staats fr die primitivsten Forderungen der Gesellschaft
wachzurtteln. Es ist berflssig, mich zur Vorsicht zu mahnen, Mylord. Ich
wrde alles das auch demjenigen ins Ohr schreien, der sich mir als Denunziant
bekennte. Ich frchte nichts, weil ich nichts zu hoffen habe.
    Stanhope lie einige Sekunden verstreichen, bevor er versonnen antwortete.
Mein Unkenruf wird Sie weniger verwundern, wenn ich Ihnen gestehe, da ich
nicht uneingeweiht in die Verhltnisse bin, auf die Sie hindeuten. Ich bin nicht
das Werkzeug des Zufalls. Ich bin nicht ohne ueren Antrieb zu dem Findling
gekommen. Es ist eine Frau, es ist die unglcklichste aller Frauen, als deren
Sendboten ich mich betrachte.
    Der Prsident sprang empor, als ob ein Blitz im Zimmer gezndet htte. Herr
Graf! rief er auer sich. Sie wissen also -
    Ich wei߫, versetzte Stanhope ruhig. Nachdem er mit dsterer Miene
beobachtet hatte, wie der Prsident krampfhaft die Stuhllehne gepackt hielt, so
da die Arme sichtbar zitterten, und wie das groe Gesicht sich verfaltete und
bewegte, fuhr er mit monotoner Stimme und einem matten, seltsam slichen
Lcheln fort: Sie werden mich fragen: Wozu die Umwege? Was wollen Sie mit dem
Knaben? Ich antworte Ihnen: Ich will ihn in Sicherheit bringen, ich will ihn in
ein andres Land bringen, ich will ihn verbergen, ich will ihn der Waffe
entziehen, die fortwhrend gegen ihn gezckt ist. Kann man klarer sein? Wollen
Sie noch mehr? Exzellenz, ich habe Kenntnis von Dingen, die mein Blut gefrieren
lassen, selbst wenn ich nachts erwache und in der Pause zwischen Schlaf und
Schlaf daran denke, wie man an ein Fieberbild denkt. Ersparen Sie mir die
Ausfhrlichkeit. Rcksichten, bindender als Schwre, machen meine Zunge lahm.
Auch Sie scheinen ja, es ist mir rtselhaft, auf welche Weise, Einblick gewonnen
zu haben in diesen grauenhaften Schlund von Schande, Mord und Jammer; so darf
ich Ihnen wohl sagen, da ich, der den Knigen und Herren der Erde sehr genau
und sehr nah ins Gesicht geschaut hat, niemals ein Antlitz sah, dem Geburt und
Geist einen gleich hohen Adel und der Schmerz eine ergreifendere Macht verliehen
haben als dem jener Frau. Ich ward ihr Sklave mit dem Augenblick, wo das Bild
ihrer tragischen Erscheinung zum erstenmal mein Gemt belud. Es wurde meine
Lebensidee, die ihr vom Schicksal zugefgten Wunden in ihrem Dienst zu mildern.
Ich will schweigen darber, wie ich Gewiheit ber den Zustand der gemarterten
und am Rand des Todes hinsiechenden Seele gewann und wie sich mir von denen, die
ein Jahrzehnte hindurch fortgesponnenes Gewebe von Leiden um das unbeschtzte
Dasein der Unglcklichen flochten, langsam Stirn um Stirn entschleierte. Das
Haupt der Meduse kann nicht grlicher sein. Genug damit, da ich meine wahre
Natur unterdrcken und mich harmlos geben mute; ich mute lgen, schmeicheln,
schleichen und Rnke durch Rnke schlagen, ich habe mich verkleidet und
tuschungsvolle Aufgaben bernommen. Dabei fra mir der Zorn am Mark, und ich
fragte mich, wie es mglich sei, weiterzuleben mit solcher Wissenschaft in der
Brust. Aber das ist es ja eben: man lebt weiter. Man it, man trinkt, man
schlft, man geht zu seinem Schneider, man promeniert, man lt sich die Haare
scheren, und Tag reiht sich an Tag, als ob nichts geschehen wre. Und genau so
ist es mit jenen, von welchen man glaubt, da das bse Gewissen ihre Sinne
verwsten und ihre Adern verdorren msse, sie essen, trinken, schlafen, lachen,
amsieren sich, und ihre Taten rinnen von ihnen ab wie Wasser von einem Dach.
    Sehr wahr! Das ist es, so ist es! rief Feuerbach leidenschaftlich bewegt.
Er eilte ein paarmal durch das Zimmer, dann blieb er vor Stanhope stehen und
fragte streng: Und wei die Frau von allem -? Wei sie von ihm? Was ist ihr
bekannt? Was erwartet, was hofft sie?
    Aus persnlicher Erfahrung kann ich darber nichts melden, entgegnete der
Lord mit derselben traurigen und matten Stimme wie bisher. Vor kurzem wurde bei
der Grfin Bodmer erzhlt, sie habe laut aufgeweint, als man den Namen Caspar
Hauser vor ihr genannt. Mag sein, ganz glaubwrdig ist es nicht. Hingegen ist
mir ein andrer Vorfall bekannt, der auf eine fast bersinnliche Beziehung
schlieen lt. Eines Mittags vor zwei Jahren befand sich die Frstin allein in
der Schlokapelle und verrichtete ihr Gebet. Nachdem sie geendet und sich
erheben wollte, sah sie pltzlich ber dem Altar das Bild eines schnen
Jnglings, dessen Gesicht einen unendlichen Kummer ausdrckte. Sie rief den
Namen ihres Sohnes, Stephan hie er, der Erstgeborene, dann fiel sie in
Ohnmacht. Spter erzhlte sie die Vision einer vertrauten Dame, und diese, die
Caspar selbst in Nrnberg gesehen hatte, war von der hnlichkeit tief berhrt.
Und das Wunderbare ist, da die Erscheinung sich am selben Tag und zur selben
Stunde gezeigt hatte, wo der Mordanfall im Hause Daumers stattfand. So viel ist
klar, da sich auf beiden Seiten ein geheimnisvolles Zusammenstreben offenbart.
Ferner ist es klar, Exzellenz, da jedes Zaudern Gefahr bedeutet und ein
leichtfertiges Vergeuden gnstiger Gelegenheit. Ich rufe Ihnen das in ernster
Not entgegen. Es knnte kommen, da unsre Versumnisse vor einen Richterstuhl
gefordert werden, wo keine Reue das Geschehene ausgleicht.
    Der Lord erhob sich und trat zum Fenster. Seine Augenlider waren gertet,
sein Blick verdunkelt. Wen verriet er eigentlich, wen belog er? Seine
Auftraggeber? Den Jngling, den er an sich gekettet? Den Prsidenten? Sich
selbst? Er wute es nicht. Er war erschttert von seinen eignen Worten, denn sie
erschienen ihm wahr. Wie sonderbar, alles das erschien ihm wahr, als ob er der
Retter wirklich sei. Er liebte sich in diesen Minuten und htschelte sein Herz.
Eine Finsternis des Vergessens kam ber ihn, und sofern er Mdigkeit und Ekel zu
erkennen gab, galten sie nur dem wesenlosen Schemen, das an seiner Stelle
gesessen, an seiner Statt geredet und gehandelt hatte. Er lschte zwanzig Jahre
Vergangenheit von der Tafel seines Gedchtnisses hinweg und stand da,
reingewaschen durch eine Halluzination von Gte und Mitleid.
    Feuerbach hatte sich vor seinen Schreibtisch niedergelassen. Den Kopf in die
Hand gesttzt, schaute er sinnend in die Luft. Wir sind die Diener unsrer
Taten, Mylord, begann er nach langem Schweigen, und die sonst polternde oder
schrille Stimme hatte einen sanften und feierlichen Klang. Vor dem schlimmen
Ende zittern, hiee jede Schlacht aufgeben, bevor sie geschlagen. Offenheit
gegen Offenheit, Herr Graf! Bedenken Sie, ich stehe hier auf einem verlorenen
Posten des Landes. Mein Leben war fr eine andre Bahn bestimmt, einst glaubte
ich es wenigstens, als in der Verborgenheit einer Kreisstadt beschlossen zu
werden. Ich habe meinem Knig Dienste geleistet, die gewrdigt worden sind und
die vielleicht dazu beigetragen haben, seinem Namen das stolze Attribut des
Gerechten zu verleihen. Noch grere wollte ich leisten, sein Volk erhhen, die
Krone zu einem Symbol der Menschlichkeit machen. Dies scheiterte. Ich ward
zurckgestoen. Freilich, man hat mich belohnt, aber nicht anders als wie
Domestiken belohnt werden.
    Er hielt inne, rieb das Kinn mit dem Handrcken und knirschte mit den
Zhnen. Dann fuhr er fort: Von frher Jugend an habe ich mich dem Gesetz
geweiht. Ich habe den Buchstaben verachtet, um den Sinn zu veredeln. Der Mensch
war mir wichtiger als der Paragraph. Mein Streben war darauf gerichtet, die
Regel zu finden, die Trieb von Verantwortung scheidet. Ich habe das Laster
studiert wie ein Botaniker die Pflanze. Der Verbrecher war mir ein Gegenstand
der Obsorge; in seinem erkrankten Gemt wog ich ab, was von seinen Snden auf
die Verirrungen des Staates und der Gesellschaft entfiel. Ich bin bei den
Meistern des Rechts und bei den groen Aposteln der Humanitt in die Lehre
gegangen, ich wollte das Zeitalter der berlebten Barbarei entreien und Pfade
zur Zukunft bauen. berflssig zu beteuern. Meine Schriften, meine Bcher, meine
Erlsse, meine ganze Vergangenheit, das heit eine Kette ruheloser Tage und
arbeitsvoller Nchte, sind Zeugen. Ich lebte nie fr mich, ich lebte kaum fr
meine Familie; ich habe die Vergngungen der Geselligkeit, der Freundschaft, der
Liebe entbehrt; ich zog keinen Gewinn aus eroberter Gunst; kein Erfolg schenkte
mir Rast oder nachweisbares Gut, ich war arm, ich blieb arm, geduldet von oben,
begeifert von unten, mibraucht von den Starken, berlistet von den Schwachen.
Meine Gegner waren mchtiger, ihre Ansichten waren bequemer, ihre Mittel
gewissenlos; sie waren viele, ich einer. Ich bin verfolgt worden wie ein
rudiger Hund; Pasquillanten und Verleumder besudelten meine gute Sache mit
Schmutz. Es war eine Zeit, da konnte ich nicht durch die Straen der Residenz
gehen, ohne die grblichsten Insulten des Pbels frchten zu mssen. Als ich,
durch widerwrtige Intrigen und Anfeindungen gezwungen, mein Professorenamt in
Landshut aufgeben mute, als man den studentischen Janhagel gegen mich in
Raserei versetzt hatte und ich nach meiner Heimat floh, Weib und Kind im Stich
lassend, da trachteten mir bezahlte Schergen nach dem Leben. Es war der groe
Krieg, alle Ordnung war zerrttet; von der sterreichischen Partei wurde
ausgesprengt, da ich mit der franzsischen Partei im Bndnis stehe, die dem
Kaiser Napoleon zur Errichtung eines okzidentalischen Kaiserreichs den Weg
bahnen und die souvernen Frsten strzen wolle, die Franzosen verdchtigten
umgekehrt meine Beziehungen zu sterreich. Es gab einen Mann, einen Amts- und
Berufsgenossen, einen Gelehrten, berhmt und angesehen, o, ein feiger Poltron,
die Zeit wird seinen Namen an einen der Schandpfhle des Jahrhunderts heften,
der sich nicht entbldete, mich ffentlich als Spion zu bezeichnen, und mein
Protestantentum zum Vorwand nahm, den Knig gegen mich mitrauisch zu machen.
Ich erlag nicht. Die Widrigkeiten hatten ein Ende, mein Frst nahm mich wieder
in Gnaden auf, freilich nur in Gnaden. Ein neuer Herr bestieg den Thron, ich
blieb in Gnaden. Heute bin ich ein alter Mann, sitze hier in der Stille, immer
in Gnaden. Auch meine Feinde sind besnftigt oder sie stellen sich so, auch sie
sind in Gnaden. Aber was es bedeutet, eine aufs Groe und Allgemeine gerichtete
Existenz vernichtet zu sehen, bevor noch die letzte Faser des Geistes, der sie
trug und nhrte, ihre Kraft verzehrt hat, das empfinden nicht jene, das wei nur
ich.
    Feuerbach stand auf und atmete tief. Hierauf griff er zur Schnupftabaksdose,
nahm eine Prise, dann wandte er Stanhope voll das Gesicht zu, und unter den
barschen Brauen blitzte ein rhrendngstlicher und dankbarer Blick hervor,
whrend er sagte: Herr Graf, ich bin mir nicht ganz klar darber, was mich
bewegt, so zu Ihnen zu sprechen. Es erstaunt mich selbst. Sie sind der erste,
der zu hren bekommt, was so verzweifelt den Klagen eines Zurckgesetzten hnelt
und doch nur die Erklrung fr eine unabnderliche Notwendigkeit bieten soll. Es
ist mir in der Angelegenheit Caspars nichts an dem Besonderen des Falles
gelegen, und nicht das Besondere der Person ist es, was meinen Beschlu strkt.
An mich tritt der hrteste Zwang heran, der einen Mann von grauen Haaren treffen
kann, und ntigt mich zu der Frage an das Schicksal: ob denn alles Geopferte und
Gewirkte umsonst gewesen, ob es mir und den Gleichstrebenden keine andre Frucht
gezeitigt hat als Ohnmacht hier und Gleichgltigkeit dort. Ich mu die Probe
machen, ich mu es durchfhren, komme, was da wolle; ich mu wissen, ob ich in
Wind geredet und auf Sand geschrieben habe; ich mu wissen, ob die
Versprechungen, mit denen man die Bitterkeit meines Exils verst hat, nur
wohlfeile Lockspeise waren; ich mu und will wissen, ob man es ernst meint mit
mir und meiner Sache. Ich habe Beweise, Graf, es liegen furchtbare Indizien vor;
ich kann dreinschlagen, ich habe den Donnerkeil und kann das Wetter machen,
alles ist von mir fixiert und in einem besonderen Dokument dargestellt; man wei
es, man wird es nicht zum uersten treiben, denn zum uersten bin ich
entschlossen, um das kostbare Gut zu wahren, zu dem ich vor Gott und den
Menschen als Hter bestellt bin. Immerhin, ich werde warten, groe Dinge
brauchen viel Geduld. Aber Caspar darf mir nicht entfernt werden. Er ist die
lebendige Waffe und der lebendige Zeuge, deren ich bedarf, und zwar in stets
erreichbarer Nhe. Verlre ich ihn, so wre das Fundament meines letzten Werks
dahin, ich spr es wohl, es ist das letzte, und jeder Anspruch auf Gehr wrde
wesenlos. Und Sie, edler Mann, was verlren Sie? Wollen Sie eine Tat der
Barmherzigkeit oder der Liebe verrichten und der Gerechtigkeit nicht gedenken?
Das hiee Gold wegwerfen, um Hckerling zu erhalten.
    Stanhopes Gesicht war nach und nach so fahl geworden, als flsse kein Blut
mehr unter der Haut. Er hatte sich niedergesetzt, sich geduckt, wie wenn er sich
verkriechen wollte; ein paarmal waren Blicke aus seinen Augen gebrochen wie
wilde Tiere, die ihren Kfig zertrmmert haben, dann rief er sie wieder zurck,
saugte sie in sich hinein, hielt den Atem an, nestelte mit den Fingern am
Kettchen des Lorgnons, und als der Prsident am Ende war, richtete er sich mit
einer leidenschaftlichen Bewegung auf. Er hatte Mhe, sich zu finden, er hatte
Mhe, Worte zu finden, in heftigem Wechsel zuckte es um seinen Mund, wie wenn er
lachen oder einen krperlichen Schmerz verbeien wollte, und als er die Hand des
Prsidenten ergriff, wurde ihm eiskalt; der Doppelgnger stand an seiner Seite,
dieser Schattenleib des Gelebten, Begangenen, Versumten, und zischelte ihm das
Wort des Verrats ins Ohr, aber seine Augen waren feucht, als er sagte: Ich
verstehe. Alles, was ich zu antworten vermag, ist: nehmen Sie mich als Freund,
Exzellenz, betrachten Sie mich als Ihren Helfer. Ihr Vertrauen ist mir wie ein
Wink von oben. Doch welche Brgschaft haben Sie? Welche Gewhr, da Sie Ihr Herz
nicht einem Unwrdigen erffnet haben, der nur besser zu heucheln versteht als
alle andern? Ich htte Caspar entfhren knnen, ich knnte es noch -
    Wenn dies Antlitz lgt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir stehen, dann will
ich es meinetwegen fr ein Hirngespinst erklren, Wahrheit auf Erden zu suchen,
unterbrach ihn Feuerbach lebhaft. Entfhren, Caspar entfhren? fuhr er
gutmtig lachend fort. Sie scherzen; ich mchte das jedem Manne widerraten, der
noch Wert darauf legt, im Sonnenschein spazierenzugehen.
    Stanhope versank eine Weile in regungsloses Grbeln, dann fragte er hastig:
Was soll aber geschehen? Schnelles Handeln ist Pflicht. Wohin mit Caspar?
    Er soll hierher nach Ansbach, versetzte Feuerbach kategorisch.
    Hierher? Zu Ihnen?
    Zu mir, nein. Das ist leider unmglich, aus vielen Grnden unmglich. Ich
mu viel allein sein, ich habe viel zu arbeiten, ich bin viel auf Reisen, meine
Gesundheit ist erschttert, mein Charakter eignet sich schlecht zu der Rolle,
die ich dabei bernehmen mte, und auerdem verbietet es die Sache, ein allzu
persnliches Band zu knpfen.
    Stanhope atmete auf. Wohin also mit ihm? beharrte er.
    Ich werde nach einer Familie Umfrage halten, wo er gute Pflege und geistige
wie sittliche Untersttzung findet, sagte der Prsident. Noch heute will ich
mit Frau von Imhoff sprechen und ihren Rat einholen, sie kennt die hiesigen
Leute. Seien Sie dessen versichert, Mylord, da ich ber den Jngling wachen
werde wie ber mein eignes Kind. Die Nrnberger Schwabenstreiche sind zu Ende.
Da ich Ihrem Verkehr mit Caspar keinerlei Schranken setze, bedarf nicht der
Erwhnung. Herr Graf, mein Haus ist das Ihre. Glauben Sie mir, auch unter der
Hlle des Beamten und Richters schlgt ein fr Freundschaft empfngliches Herz.
Man wird in diesem Land der Kleingeisterei nicht verwhnt durch den Umgang mit
Mnnern.
    Nachdem sie noch flchtig ber die an Herrn von Tucher und den Nrnberger
Magistrat zu sendenden Nachrichten beraten hatten, verabschiedete sich Stanhope.
    
    Der Prsident schritt lange Zeit, in tiefe Gedanken versunken, auf und ab.
Von Minute zu Minute wurde sein Gesicht unruhiger und finsterer. Ein
sonderbares, nagendes, nicht abzuweisendes Mitrauen stieg in seiner Brust
empor. Je mehr Frist verstrich, seit der Graf das Zimmer verlassen hatte, je
mehr wuchs diese peinigende Empfindung. Er war ein zu gewiegter Menschenkenner,
um sich gewissen Merkmalen zu entziehen, die ihn bedenklich stimmten. Pltzlich
schlug er sich mit der Hand vor die Stirn, begab sich an den Schreibtisch und
schrieb in groer Hast drei Briefe: einen nach Paris an einen hochgestellten
englischen Freund, einen an den bayrischen Geschftstrger nach London und einen
dritten an den Staatsminister der Justiz, Doktor von Kleinschrodt, in Mnchen.
In jenen beiden zog er genaue Erkundigungen ber die Person des Grafen Stanhope
ein, in letzterem meldete er seine baldige Ankunft in der Residenz und ersuchte
um Reiseurlaub.
    Alle drei Briefe lie er zur Stunde mit expresser Post aufgeben.

                                Nacht wird sein


Stanhope hatte dem Kutscher befohlen, vorauszufahren, und ging zu Fu durch die
menschenleeren Gassen, in denen sein Schritt wie in einer Kirche widerhallte. Er
war verstrt, zerschlagen und auerstande, eine vernnftige berlegung
anzustellen. Im Gasthof angelangt, schlo er sich ein und machte eine halbe
Stunde lang Fechtbungen mit dem Florett.
    Er unterbrach sich erst, als er von drauen eine Stimme vernahm, die mit dem
Kammerdiener unterhandelte, der Auftrag hatte, niemand vorzulassen. Stanhope
lauschte; er erkannte die Stimme, nickte gleichgltig, und mit dem Degen noch in
der Hand ffnete er. Es war Hickel, der auch sofort eintrat und den ihn
schweigend betrachtenden Grafen etwas verlegen begrte.
    Nach seinem Begehr gefragt, rusperte er sich und stotterte ein paar
unzusammenhngende Floskeln, aus denen hervorging, da er um den Besuch
Stanhopes bei Feuerbach wute. Sein Benehmen verriet trotz einer unangenehm
wirkenden Kriecherei eine nicht zu fassende freche Vertraulichkeit.
    Stanhope verwandte keinen Blick von dem aufgeregten Mann in der kleidsamen
Uniform. Was hatte es eigentlich zu bedeuten, da Sie mir zu einer
Zusammenkunft mit dem Herrn Prsidenten Ihre Hilfe anboten? fragte er frostig.
    Der Herr Graf haben sich aber meine Hilfe doch gefallen lassen, erwiderte
Hickel. Wer wei, ob der Staatsrat ohne mich zu haben gewesen wre, er versteht
es, sich zu verschanzen. Der Herr Graf geruhen das nicht anzuerkennen. Je nun,
fgte er achselzuckend hinzu, groe Herren haben ihre Launen.
    Wie kommen Sie denn berhaupt dazu, sich zum Zwischentrger anzubieten?
    Zwischentrger? Der Herr Graf legen meiner unschuldigen Zuvorkommenheit ein
zu groes Gewicht bei.
    Das Gewicht gaben Sie selbst. Sie beliebten dunkel zu sein. Sie gefielen
sich in einigen Wendungen, um deren Aufklrung ich hflichst gebeten haben
mchte. Stanhope verbarg nach wie vor unter steifer Wrde die Unsicherheit, die
er diesem Menschen gegenber empfand.
    Ich stehe dem Herrn Grafen ganz zu Diensten, versetzte Hickel. Darf ich
meinerseits fragen, inwieweit sich der Herr Graf zu erffnen gedenken werden?
    Zu erffnen? Wem zu erffnen? Ihnen? Ich habe nichts zu erffnen.
    Der Herr Graf haben in mir einen Mann von unbedingter Verschwiegenheit vor
sich.
    Was soll das heien? fuhr Stanhope auf. Wollen Sie mir Scharaden zu lsen
geben?
    Man hat sich vor der Ankunft Eurer Lordschaft nach einer vertrauenswrdigen
Persnlichkeit umgesehen, sagte Hickel pltzlich mit eisiger Ruhe. Meine
langjhrigen Beziehungen zu Exzellenz Feuerbach empfahlen mich mehr als einige
bescheidene Fhigkeiten.
    Stanhope entfrbte sich und sah zu Boden. Sie haben also direkte Auftrge?
murmelte er.
    Der Polizeileutnant verbeugte sich. Auftrge? Nein, entgegnete er zgernd.
Man versicherte sich meines guten Willens und ich wurde angewiesen, mich Eurer
Lordschaft zur Verfgung zu stellen.
    Es war Stanhope zumute, als ob er an diesem Tag schon einmal gestorben wre,
und zwar einen bufertigen Tod, und als ob er nun wieder zum Leben aufgestanden
und ein fr allemal seiner Bestimmung bergeben sei.
    Er wollte um fnf Uhr bei Frau von Imhoff zum Tee erscheinen und fragte den
Polizeileutnant, ob er ein Stck Wegs mitfahre. Obwohl aus der Frage der Wunsch
einer Ablehnung klang, nahm Hickel, dem es darum zu tun war, mit dem Lord
ffentlich gesehen zu werden, das Anerbieten dankbar an.
    Die Straen waren jetzt etwas belebter als am Mittag; die alten Beamten und
Pensionisten machten um diese Stunde ihren tglichen Spaziergang ber die
Promenade. Viele blieben stehen und grten gegen das Innere der hocherlauchten
Kutsche.
    Nun passierte es, da an einer Straenecke der Mann auf dem Bock wieder
einmal sein welsches Geschrei ertnen lie; es stand nmlich mitten auf dem
Fahrdamm ein trumerisch wolkenwrts guckender Herr, der von dem Herannahen der
grflichen Karosse keine Notiz zu nehmen schien. Hchst erschrocken sprang er
beiseite, als der Elssser zu fluchen begann, doch nicht schnell genug, da
nicht seine Kleider durch den Kot beschmutzt wurden, der von den Hufen der
Pferde und den Rdern aufspritzte.
    Hickel bog den Kopf zum Fenster hinaus und griente, denn der Besudelte stand
mit einem verdutzten und unglcklichen Gesicht, hielt die Arme vom Leib und sah
sich die Bescherung an.
    Wer ist der ungeschickte Mann? erkundigte sich Stanhope, den die
Schadenfreude des Polizeileutnants verdro.
    Das? Das ist der Lehrer Quandt, Mylord.
    Eigner Zufall; eine halbe Stunde spter wurde bei Frau von Imhoff derselbe
Name genannt. Der Prsident und seine Freundin waren nach langen Beratungen
bereingekommen, Caspar in die Obhut des Lehrers Quandt zu geben.
    Er ist ein aufgeklrter und gebildeter Kopf und geniet als Brger wie als
Mensch allgemeine Achtung, sagte Frau von Imhoff.
    Und ist er denn geneigt, eine so verantwortungsreiche Aufgabe zu
bernehmen? fragte der Lord zerstreut. Doch darber konnte Frau von Imhoff
keine Auskunft geben.
    Als Stanhope sich am andern Morgen beim Prsidenten melden lie, traf er
Herrn Quandt dortselbst. Beide waren offenbar schon einig, denn Feuerbach zeigte
sich sehr aufgerumt, und als sich der Lord wegen des gestrigen Zwischenfalls
mit dem Wagen bei Quandt entschuldigte, hatte der Prsident seinen Spa an der
Verlegenheit des Lehrers, die er durch harmlose Witzchen ber zerstreute Denker
und dergleichen noch steigerte. Sein Gelchter trieb einen wahren Angstschwei
auf Quandts Stirn, er verneigte sich vor Stanhope wie ein Muselmann vor dem
Kalifen, und es hatte den Anschein, als msse er sich geschmeichelt fhlen, da
der Kot der grflichen Karosse seine geringe Person der Beachtung wert gefunden.
    Na, Quandt, machen Sie sich nicht so mausig, mahnte der Prsident
belustigt, ich wette, Ihre Ehefrau hat Ihnen tchtig den Marsch geblasen und
sich gemht, das Rcklein wieder sauber zu kriegen.
    Es war ja nur der Mantel, Euer Exzellenz, erwiderte Quandt lchelnd und
von soviel Leutseligkeit beglckt.
    Stanhope blieb gemessen. Sie befanden sich diesmal im Staatszimmer des
Prsidenten, und drei hohe Fenster gewhrten Aussicht gegen den Garten. Der Raum
war wohnlich geschmckt, auch hier alles von der grten Nettigkeit. In einer
Art von vertiefter Nische hing ein gutes lbild Napoleon Bonapartes im
Krnungsornat; Stanhope betrachtete es mit vorgeblichem Interesse; in
Wirklichkeit prfte er aufmerksam das Wesen und Gehaben des Lehrers.
    Quandt war mittelgro und hager; ber der hohen Stirn waren tabaksgelbe
Haare mit Hilfe von Pornade ganz lcherlich glatt zurckgekmmt. Die Augen
blickten schchtern, fast betrbt, und blinzelten bisweilen, die Hakennase stach
ein wenig prahlerisch in die Luft, der Mund, versteckt unter demtigen und
zerbissenen Schnurrbartstoppeln, hatte einen suerlichen Zug, der die
Berufsgewohnheit vielen Nrgelns verriet.
    Der Lord war nicht unzufrieden mit dem Ergebnis seiner Beobachtung; er
fragte den Prsidenten, ob die Verhandlungen zum gewnschten Ziel gefhrt
htten, und als dieser bejahte, wandte er sich an Quandt, reichte ihm stumm
dankend die Rechte und sagte, er werde ihm am Nachmittag seinen Besuch
abstatten. Sehr benommen von solcher Huld, verbeugte sich der Lehrer abermals
tief, machte sein Kompliment gegen den Prsidenten und ging.
    Auch Stanhope entfernte sich bald, da Feuerbach zu einer Gerichtssitzung
mute. Im Hotel angekommen, verbrachte er zwei Stunden mit dem Schreiben eines
Briefes, und als er fertig war, schickte er den Jger damit ab. Um halb zwei
stellte sich, wie verabredet, der Polizeileutnant ein; sie aen zusammen und
gingen hernach zu Quandt.
    Das Huschen des Lehrers, das am Kronacher Buck beim oberen Tor lag, war auf
den Glanz hergerichtet; Frau Quandt, eine frische, gefllige junge Frau, mit dem
rostfarbigen Seidenkleid wie zu einer Hochzeit angetan, stand knicksend am
Eingang, in der guten Stube war der Tisch mit Konditorkuchen beladen, und das
feine Porzellanservice blinkte einladend auf dem schneeweien Tuch. Der Lord war
gegen die Lehrerin von vterlicher Freundlichkeit; da sie guter Hoffnung war,
wnschte er Glck, ein Hndedruck bekrftigte seine zarte Teilnahme; er fragte,
ob es das erstemal sei; das junge Weib wurde purpurrot, schttelte den Kopf und
sagte, sie habe schon einen dreijhrigen Knaben. Als der Kaffee aufgetragen war,
gab ihr Quandt einen Wink, sie ging still hinaus, und die drei Mnner blieben
allein.
    Stanhope sagte, noch knne er sich nicht in den Gedanken einer Trennung von
Caspar finden, aber er sei enchantiert von dieser friedlichen und geordneten
Huslichkeit und es beruhige ihn ungemein, seinen Liebling hier untergebracht zu
wissen. So drfe man denn endlich hoffen, da der Unglckliche, an dem schon so
viele Pfuscherhnde herumprobiert und der dabei an Leib und Seele Schaden
erlitten, einen rettenden Port erreicht habe.
    Quandt legte beteuernd die Hand auf die Brust.
    Ja, mischte sich Hickel ein, indem er den letzten Bissen Kuchen
hinunterschluckte und Schnurrbart und Lippen mit dem Handrcken abwischte, das
wohl; und es mu nun einmal Licht werden um dieses Kind der Dunkelheit.
    Der Lord runzelte die Brauen, ein Zeichen des Unwillens, das Hickel nicht
entging; er lchelte leer vor sich hin, nahm aber eine drohende Miene an.
    Leider ist ja Anla zum Argwohn vorhanden, fuhr Stanhope fort, und seine
Stimme war tonlos und kalt; wohin man sich auch wendet und wie man es auch
betrachtet, berall Argwohn und Zweifel. Da ist es kein Wunder, wenn die
ursprngliche Neigung von Bitterkeit durchtrnkt ist. Will ich mich gleich dem
liebenden Gefhl hingeben, so melden sich doch immer wieder Stimmen, deren
Urteil oder Gewicht zu verdchtigen sinnlos wre, und der schlummernde Funke des
Mitrauens lscht nicht aus.
    Nun also, lie sich Hickel wieder vernehmen, so hab ich doch recht! Man
mu reinen Tisch machen. Man mu den hinterlistigen Burschen endlich Mores
lehren. Man mu ihm die Mucken aus dem Kopf jagen.
    Stanhope erblate; ber Hickel hinwegblickend, sagte er schneidend: Herr
Polizeileutnant, ich mu mich gegen einen solchen Ton verwahren. Was immer auch
gegen den Jngling zeugen mag, so ist er doch nur als die mileitete Kreatur
eines unbekannten Frevlers zu betrachten.
    Hickel senkte den Kopf, und von neuem irrte das leere Lcheln ber sein
Gesicht. Verzeihen Eure Lordschaft, entgegnete er hastig und ziemlich
erschrocken, aber das ist die Meinung der ganzen Welt, zumindest des
aufgeklrten und vernnftigen Publikums. Erst gestern war ich Zeuge, wie der
Ritter von Lang und der Pfarrer Fuhrmann sich ber den Findling und die Dummheit
der Nrnberger geuert haben. Das htten der Herr Graf nur hren sollen. Wir
wissen ja dahier auch, es ist von Gerichts wegen bekannt geworden, was der Herr
von Tucher ber den Undank und die moralische Verderbtheit des Findlings an Eure
Lordschaft geschrieben hat. Zeigen Sie doch Herrn Quandt den Brief des Barons,
und er wird sich berzeugen, da ich nur gesagt habe, was jeder anstndige und
vorurteilslose Mann darber denkt. Und Hickel heftete auf den Grafen einen
befremdet-forschenden Blick.
    Dem ist nicht ganz so, versetzte Stanhope abweisend und nippte mechanisch
von der Kaffeetasse. Herr von Tucher spricht in seinem Brief nur von einigen
beln Gewohnheiten Caspars. Auch ich habe Augen; ein liebendes Herz ist niemals
blind; versteht es nicht abzuwgen, so ist ihm doch die Gabe der Ahnung eigen.
Im brigen wollen wir unserm wrdigen Gastgeber nicht vorgreifen. An ihm wird es
sein, zu richten. Was krumm gewachsen ist, kann er grade biegen, und wenn er mir
die hlichen Flecken von meinem Kleinod nimmt will ichs ihm frstlich danken.
    Hickel verzog das Gesicht und schwieg. Quandt hatte mit gespannter
Aufmerksamkeit das Gesprch verfolgt. Wozu der Wortstreit? dachte er; als ob es
nicht die leichteste Sache von der Welt wre, zu erkennen, ob einer ein
Spitzbube ist. Man mu die Augen offenhalten, das ist alles; der Gute ist gut,
der Bse ist bs, wo liegt da die Schwierigkeit? Ein bel auszurotten, wenn es
sich nicht zu tief eingefressen hat, ist nur eine Frage der Tatkraft und
Umsicht. Aber mir scheint, meditierte der Lehrer in seinem stillen Sinne weiter,
da sind noch ganz andre Dinge verborgen; die Herren reden nicht von der Leber
weg.
    Und damit traf er wohl das Richtige, wie sich bald erweisen sollte. Er
entwickelte dem hflich zuhrenden Lord seine Anschauungen ber Moral, ber den
Verkehr mit Menschen, den Umgang mit Schlern, die Notwendigkeit der
Aufmunterung, den Wert der Zensur; alles ein wenig umstndlich und
verklausuliert, aber einfach, staunenswert einfach; nur die sorgenvolle Miene
gab einen Anschein von Schwierigkeit und Philosophie. Der Lord nickte ein
paarmal mit dem Kopf, whrend Hickel entschiedene Zeichen von Ungeduld von sich
gab. Dann beim Fortgehen, whrend Stanhope sich von der Frau verabschiedete, zog
Hickel den Lehrer beiseite und flsterte ihm zu: Lassen Sie sich nicht ins
Bockshorn jagen durch die Reden des Grafen, lieber Quandt. Der gute Graf betrgt
sich selber und mchte das Sonnenklare nicht wahr haben. Die Teufelsgeschichte
nimmt ihn absonderlich her. Sie leisten ihm einen gewaltigen Dienst, wenn Sie
den Schwindler entlarven.
    Das war das Merkwort und der Anschlag. Es barg den Kern des Komplotts. Nun,
Caspar, sollst du in ein kleines Stdtchen gehen und in ein kleines Haus, sollst
in Verborgenheit leben, und die Wnde der Welt sollen sich verengen, bis sie
wieder zum Kerker werden. Gewalt hat sich der List verbrdert; der Richter wird
richten, was er sieht, und nicht wissen, was er fhlt. Niedrig sollst du werden,
damit die Freunde sich in Feinde verwandeln und deine Einsamkeit leichtere Beute
des Verfolgers sei. Das Blut soll gegen sich selber zeugen, Licht soll
verweslich werden, Frucht soll nicht mehr wachsen, die Stimme des Himmels soll
verstummen, und auf die Nacht, denn Nacht wird sein, soll keine Frhe folgen.

                             Ein Kapitel in Briefen


    Freiherr von Tucher an Lord Stanhope:

    Seit geraumer Zeit bin ich ohne Nachricht von Eurer Herrlichkeit. Die
unsichere Lage, in der ich mich Caspar gegenber befinde, veranlat mich,
zudringlicher zu sein, als es Ihnen, verehrter Herr, genehm sein mag, und Sie um
eine rasche Erledigung der schwebenden Angelegenheit zu bitten, um so mehr, als
meine Teilnahme an dem Findling nicht mehr die gleiche wie ehedem ist, und er
selbst wiederum durch den gezwungenen Aufenthalt in meinem Hause sich mehr als
ein Gefangener, denn als Gast und zugehriges Glied erscheinen mu. Ein
endgltiger Zustand wre dem Jngling ehestens zu wnschen; seine aufgeregten
Hoffnungen enthalten seinem Geist jede Ruhe vor, und Tag fr Tag glht er in
einer so fieberhaften Erwartung, da an ein vorgesetztes Studium nicht mehr zu
denken ist und auch dem bldesten Auge die Unruhe seines Gemts nicht entgeht.
Die Abende bringt er mit unntzen Schreibereien hin, und sein Hauptvergngen
ist, mit der Spitze eines Bleistifts auf einer groen Landkarte die Straen zu
verfolgen, die er bald mit Eurer Lordschaft zu fahren hofft, jedenfalls eine
praktische, wenn auch einseitige Art, Geographie zu treiben. Er spricht, denkt
und trumt von nichts anderm als von der bevorstehenden Reise, und wenn Ihnen,
Mylord, noch ein Geringes an dem Wohl des unglcklichen Jnglings gelegen ist,
so vermag ich keinen strkeren Appell an Ihre Gte zu erheben als den, ein so
drngendes und fruchtloses Hinweben in mglichster Blde zu beenden. Sie sind
der einzige Mensch auf Erden, dessen Wort und Name noch Gewicht in seinen Ohren
hat, und sein grenzenloses Vertrauen gegen Sie mu auch das Herz desjenigen
bewegen, der sonst durch die Launen, die Unverllichkeit und Zwitterhaftigkeit
des rtselvollen Wesens eines ehemals intensiven Attachements fr ihn beraubt
wurde.

    Daumer an den Prsidenten Feuerbach:

    Eure Exzellenz haben mir die Ehre erwiesen, mich um Auskunft ber Caspar
Hausers nunmehrige Verfassung zu ersuchen. Ich mu gestehen da mich dies
einigermaen in Verlegenheit gesetzt hat. Ich habe mich in den letzten
anderthalb Jahren wohl gehtet, dem so sorgfltig Abgeschlossenen nahezutreten,
weil ja hierzulande jeder ngstlich bedacht ist, sein kleinstes Privileg vor
fremdem Einspruch zu wahren, und so wird ein Interesse, das die Menschheit
angeht und jeden freien Geist in Mitleidenschaft ziehen mu, unversehens zur
Angelegenheit einer Partei. Eure Exzellenz mge diese Insinuation entschuldigen,
sie mge lediglich fr meine unerloschene Teilnahme an dem Los des Findlings
zeugen, das seinen Freunden heute weniger als je Anla zu bertriebenen
Hoffnungen gibt. Die vertrauensvolle Zuschrift Eurer Exzellenz hat meine
Bedenklichkeit besiegt, ich habe Caspar letzter Tage im Tucherschen Haus
aufgesucht, er ist auch, zum erstenmal seit langer Zeit, bei mir gewesen, und
ich gebe Ihnen hier einige Mitteilungen ber ihn, die, wiewohl allgemeiner
Natur, doch das Besondere seiner gegenwrtigen Lage erhellen.
    Caspar ist ein hochaufgeschossener junger Mann geworden, der jetzt gut und
gern den Eindruck eines etwa Zweiundzwanzigjhrigen macht. Trte er, der nun den
gesitteten Menschen von Lebensart zugerechnet werden mu, unerkannt in eine
Gesellschaft, so wrde er doch als eine befremdliche Erscheinung auffallen; sein
Gang hat etwas von dem Furchtsam-Zaudernden und Vorsichtigen einer Katze; seine
Zge sind weder mnnlich noch kindlich, weder jung noch alt: sie sind alt und
jung zugleich, besonders auf der Stirn verraten einige leicht gezogene Furchen
seltsam ein vorzeitiges Altern. Auf seiner Lippe sprot heller Bartflaum dies
scheint ihn oft befangen zu machen, will auch nicht zu der sanften
Mdchenhaftigkeit des Gesichts und den noch immer bis zur Schulter hngenden
braunen Haarlocken stimmen. Seine Freundlichkeit ist herzgewinnend, sein Ernst
bedchtig, ber beiden schwebt stets ein Hauch von Melancholie. Sein Benehmen
ist altklug, hat aber eine vornehme, ganz ungezwungene Gravitt. Tlpelhaft und
schwerfllig sind blo noch manche seiner Gebrden, auch seine Sprache ist hart
und die Worte sind ihm nicht immer bereit. Er liebt es, mit wichtiger Miene und
in anmaendem Ton Dinge zu sagen, die bei jedem andern lppisch klngen, aus
seinem Mund jedoch sich ein schmerzlich-mitleidiges Lcheln erzwingen; so ist es
hchst possierlich, wenn er von seinen Zukunftsplnen spricht, von der Art, wie
er sich einrichten wolle, wenn er was Rechtes gelernt, und wie er es mit seiner
Frau halten wolle. Eine Frau betrachtet er als notwendigen Hausrat, als etwas
wie eine Obermagd, die man behlt, solange sie taugt, und fortschickt, wenn sie
die Suppe versalzt oder die Hemden nicht ordentlich flickt.
    Sein immer sich gleichbleibendes stilles Gemt hnelt einem spiegelglatten
See in der Ruhe einer Mondscheinnacht. Er ist unfhig zu beleidigen, er kann
keinem Tier weh tun, er ist barmherzig gegen den Wurm, den er zu zertreten
frchtet. Er liebt den Menschen; jedes Menschengesicht wird ihm zum
Gtterantlitz, und er sucht den ganzen Himmel darin. Nichts Auerordentliches
ist mehr an ihm als das Auerordentliche seines Schicksals. Ein reifer Jngling,
der keine Kindheit besessen, die erste Jugend verloren, er wei nicht wie, ohne
Vaterland, ohne Heimat, ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne Altersgenossen, ohne
Freunde, gleichsam das einzige Geschpf seiner Gattung, erinnert ihn jeder
Augenblick an seine Einsamkeit mitten im Gewhl der ihn umdrngenden Welt, an
seine Ohnmacht, an seine Abhngigkeit von der Gunst und Ungunst der Menschen.
Und so ist eigentlich all sein Tun nur Notwehr; Notwehr seine Gabe zu
beobachten, Notwehr der umsichtige Scharfblick, womit er jede Besonderheit und
Schwche des andern erfat, Notwehr die Klugheit, womit er seine Wnsche
anbringt und den guten Willen seiner Gnner sich dienstbar zu machen wei.
    Ja, Eure Exzellenz, er ist ohne Freunde. Denn wir, die ihm wohlwollen, ihn
vor der grbsten Bedrngnis des Lebens bewahren, wir sind doch nur Zuschauer vor
dem Ungeheuern seiner Existenz. Und jener vielberedete Mann, Graf Stanhope, darf
er in Wahrheit Caspars Freund genannt werden? Was drfen wir glauben? Wo findet
der begrndete Zweifel Stillung? Mir ahnt Schreckliches, wenn ich der
Erwartungen des Jnglings in bezug auf den Grafen denke, der ein Heiliger, ein
Ohnegleichen sein mte, wenn sich alle Versprechungen erfllen wrden, die mit
seinem Auftreten fr Caspar verbunden waren. Und erfllen sie sich nicht,
erfllt sich nur ein hundertstel von ihnen nicht, so prophezeie ich ein bses
Ende. Denn ein solches Herz, aus der Tiefe emporgehoben zum Leben der Welt, aus
uerstem Frieden den ausschweifendsten Lockungen erschlossen, will alles,
fordert das ganze Ma des Glcks oder mu, nur um ein Weniges betrogen, einer
ungemessenen Devastation anheimfallen.
    Ich gestehe, da mein schwarzsichtiges Temperament mehr als das immer
unverhohlener werdende Gerede der Hiesigen mir die Khnheit zu solchen
Erwgungen gibt; wie drfte sich auch mein Mitrauen an einem so hochgestellten
Mann vermessen. Aber man spricht seit heute davon, da Caspar nach Ansbach in
Pflege kommen solle. Frau Behold, die alte Feindin Caspars, trgt das Gercht in
der Stadt herum und verkndet berall mit Schadenfreude, da aus der englischen
Reise und aus den Luftschlssern des Grafen nichts geworden sei. Wie mir meine
Schwester erzhlt, habe die Magistratsrtin indirekte Nachricht von der Lehrerin
Quandt erhalten; beide Frauen sind Jugendfreundinnen und in demselben Haus
mitsammen aufgewachsen. Gott verhte, da Caspar von diesem Geschwtz etwas
erfhrt. Ich wre Eurer Exzellenz sehr zu Dank verpflichtet, wenn Sie mir
darber genaue Auskunft berichten lieen, damit ich dem ungereimten Geklatsche
so entgegentreten kann, wie es fr das Wohl unsers Schtzlings wnschbar ist.

    Feuerbach an Herrn von Tucher:

    Dem Verlangen Euer Hochgeboren wie der eingetretenen Notwendigkeit Rechnung
tragend, teile ich Ihnen hierdurch mit, da Sie Ihres Amtes als Vormund Caspar
Hausers von heute ab enthoben sind. Eine gleichzeitige Urkunde des Kreis- und
Stadtgerichtes wird Ihnen dies in amtlicher Form bekanntgeben, wie auch
weiterhin die Verfgung, da Caspar dem Grafen Stanhope zu berlassen sei;
freilich einstweilen nur der Form nach, denn bis die schwierigen und
verwickelten Verhltnisse eine nderung erlauben werden, soll Caspar in der
Familie des Lehrers Quandt Aufnahme finden; Lord Stanhope hat whrend dieser
Zeit fr seine zweckmige Erziehung und Verpflegung zu sorgen, ich selbst werde
in Abwesenheit des Pflegevaters ber das Wohl des Jnglings wachen. Am siebenten
des Monats wird der Gendarmerieoberleutnant Hickel bei Ihnen eintreffen, ein
energischer Beamter, der durch Regierungsdekret zum Spezialkurator fr die
bersiedlung Caspars nach Ansbach bestellt ist. Seine Lordschaft, Graf Stanhope,
hat sich in letzter Stunde entschlossen, einer Handlung, die in den Augen des
Publikums einen durchaus amtlichen Charakter tragen soll, fernzubleiben, und
dieser Vorsatz hat meine volle Billigung. Ich sehe keine Schwierigkeit darin,
Caspar von der vernderten Lage der Dinge zu unterrichten, und halte die
Besorgnisse wegen dieses Punktes fr bertrieben. Ich selbst werde dieser Tage
eine lngst vorbereitete Reise nach der Hauptstadt antreten, ich hoffe bei
dieser Gelegenheit eine gnstige Wendung in den Lebensumstnden Caspars
endgltig herbeizufhren.

    Baron Tucher an den Prsidenten Feuerbach:

    Eurer Exzellenz die untertnige Nachricht, da der pltzliche Tod meines
Oheims mich zwingt, die Stadt zu verlassen und nach Augsburg zu reisen. Ich habe
die Obsorge fr den noch in meinem Hause weilenden Caspar Herrn Brgermeister
Binder und Herrn Professor Daumer bergeben und es ihnen anheimgestellt, Caspar
hier zu belassen oder fr die restliche Frist seines Aufenthaltes in der Stadt
zu sich zu nehmen. Eine Mitteilung ber das Bevorstehende oder auch nur eine
Andeutung ist von meiner Seite aus gegen den Jngling noch nicht erfolgt, und
ich mu ohne Hehl bekennen, da mich eine gewisse unbesiegbare Furcht davon
abhlt. Caspar glaubt noch steif und fest daran, da er mit seinem erlauchten
Beschtzer nach England oder Italien reisen soll; ihm erscheint eine, wenn auch
nur zeitweise Entfernung von dem Grafen als eine Sache der Unmglichkeit, und
derjenige, der ihm eine solche Kunde berbringt, mte eine gttliche
berredungskunst besitzen, um ihn mit den neuen Umstnden zu vershnen. Meinem
unmageblichen Erachten nach ist es ein Fehler, den Knaben wiederum in enge
Verhltnisse zu bringen, die ihn niemals werden befriedigen, seinen Durst nach
Leben und Bettigung nicht werden stillen knnen. Der Hang seiner Ideen hat eine
verhngnisvolle Anmaung gewonnen, er ist dem Kreis friedlicher Brgerlichkeit
entwachsen, sein Lerneifer in den vergangenen Monaten war gleich Null, alle
seine Gedanken, sein ganzes Streben ist auf den Lord gerichtet, und wenn nun
Graf Stanhope von ihm gehen wird, dann bin ich sicher, da er einen
unglcklichen Gesellen, ein unntzes und bedauernswertes, aus jedem sozialen
Zusammenhang gelstes Glied der menschlichen Gesellschaft zurcklassen wird.
Wenn es der eigentliche Wesenszug der Frstenkinder wre, da sie dem privaten
Leben untauglich und hilflos gegenberstehen, dann allerdings wre Caspar ein
Auserwhlter unter den Prinzen. Vielleicht aber schmiedet ihn das Schicksal
noch, und es wird ein Mann aus ihm, der eine Krone zu erwerben vermag, wenn es
auch eben keine Frstenkrone ist. Fr mich ist die Episode Caspar Hauser nunmehr
abgeschlossen, und was auch immer ich an Enttuschung und Bitterkeit daraus
gewonnen habe, sie hat mir einen Einblick in Menschenwahn und Menschengeschfte
gegeben, den ich fr mein ferneres Leben nicht missen mchte. So mu eben jeder
auf seine Weise bezahlen.

    Daumer an den Prsidenten Feuerbach:

    Ich fhle mich verpflichtet, Eurer Exzellenz von den Ereignissen der letzten
Tage eine wahrheitsgetreue Darstellung zu machen, insoweit eben Wahrheit auf
zwei Augen ruht. Vielleicht klingt vieles von dem, was ich zu berichten habe, so
ungewhnlich, da ich mich fragen mu, ob ein Mann, der den beln Ruf eines
nicht ganz nchternen Kopfes geniet, die geeignete Person ist, solche Vorflle
zu beschreiben. Aber die strenge Einsicht Eurer Exzellenz habe ich noch am
wenigsten zu frchten; wenn ich sachlich bin, wird die Sache fr sich selber
sprechen, und meiner Hand bleibt nur die Aufgabe, die Reihenfolge der Begebnisse
festzuhalten, was freilich nicht immer ganz leicht sein mag.
    Vor vier Tagen besuchte mich Herr von Tucher und teilte mir mit, da er
wegen eines Todesfalles verreisen msse. Schon vorher hatte er mich wie auch
Herrn Binder gebeten, die Aufsicht ber Caspar zu fhren so lange, als der
Jngling noch in Nrnberg bleiben msse. Da mir dies befremdlich erschienen war,
lie Herr von Tucher durchblicken, die an hherer Stelle beliebte Umgehung
seiner Person mache ihm ein solches Handeln zum Gebot. Er meinte das Schreiben
Eurer Exzellenz, durch welches ich, halb wider Willen, bewogen wurde, Caspar
aufzusuchen und mich neuerdings mit ihm zu beschftigen. Dies hat Herr von
Tucher sehr bel aufgenommen Ich gab mir keine Mhe, den stolzen Mann andern
Sinnes zu machen, auch vermute ich zu seiner Ehre, da dies Betragen noch eine
ernstere, menschliche Regung habe, denn als ich ihn fragte, ob er Casparn schon
eine Andeutung ber die zu erwartende Ankunft des Polizeileutnants Hickel
gemacht, wich er aus und entgegnete hastig, er wolle dies mir berlassen, der
ich doch eines gewinnenderen Zuredens fhig sei und bei Caspar mehr Vertrauen
geniee.
    Am Nachmittag beschlo ich, zu Caspar zu gehen. Als ich in sein Zimmer trat,
las er die christliche Andacht des Tages. Er schaute heiter von dem Buch empor,
blickte in mein Gesicht und, Seltsameres ist nicht zu denken, im Nu berzogen
sich seine Wangen mit leichenfahler Blsse. Es war mir schwl um die Brust, ich
setzte mich auf einen Stuhl und schwieg ngstlich. Ganz und gar verga ich die
bernommene Rolle, ich fhlte blo mit ihm, ich sah, da er alles, was ich ihm
zu sagen hatte und weswegen ich gekommen war, von meinen Augen abgelesen hatte,
die unbewute Furcht mute wohl in seinem Innern geschlummert haben, anders kann
ich es auf natrlichem Weg nicht erklren, ich fhlte, wie pltzlich die Wurzeln
seines Herzens aufgerissen wurden. Er erhob sich, er schwankte, ich wollte ihn
halten, er gewahrte mich kaum, er schien vllig betubt. Ich folgte ihm bis zum
Bett, er warf sich darauf hin, krmmte den Krper und fing in einer solchen
Weise zu weinen an, da mir das Mark in den Knochen gefror.
    Noch war nichts geschehen, es konnte noch alles gut werden; so bildete ich
mir ein und lie es an trstlichen Worten nicht fehlen, Das Weinen dauerte
ungefhr eine halbe Stunde. Dann erhob er sich, schlich in den Winkel, kauerte
hin und bedeckte das Gesicht mit den Hnden. Ich redete unablssig in ihn
hinein, ich wei nicht mehr, was ich alles vorbrachte. Gegen sechs Uhr abends
verlie ich, ihn, und obgleich er bis dahin noch nicht einmal den Mund aufgetan,
dachte ich mir, er werde mit der Geschichte schon fertig werden. Ich empfahl dem
Diener, sich bisweilen nach Caspar umzusehen, und im stillen nahm ich mir vor,
nach ein paar Stunden wiederzukommen, aber es war unausfhrbar, meine
Berufsarbeit nahm mich bis in die Nacht in Anspruch. Als ich von Caspar
fortgegangen war, sa er auf einem Schemel zwischen Ofen und Wandschrank, am
andern Morgen um halb neun Uhr trat ich wieder in sein Zimmer, und wer
beschreibt das schmerzliche Erstaunen, das ich empfand, als ich ihn an genau
derselben Stelle, in unvernderter Haltung, noch immer die Hnde vors Gesicht
geschlagen, so sah, wie ich ihn vierzehn Stunden frher verlassen. Das Bett war
noch in demselben Zustand, etwas zerdrckt von seinem ersten Draufhinsinken,
kein Gegenstand war berhrt, auf dem Tisch stand der mit einer dicken Haut
berzogene Milchbrei, sein Nachtessen, daneben die Schale mit erkaltetem Kaffee
vom Morgen, und es herrschte eine stickige, ungelftete Atmosphre. Der Diener
kam, begegnete meiner stummen Frage mit einem Achselzucken, ich wandte mich an
Caspar selbst, ich rttle ihn an der Schulter, ich packe seine eiskalte Hand:
nichts, keine Antwort, kein Laut, er schwelt vor sich hin, kaum da sich seine
Augen rhren. So verging wieder eine Viertelstunde, da wurde mirs unheimlich,
ich beschlo nach dem Arzt zu schicken, vielleicht habe ich auch dergleichen vor
mich hingemurmelt, jedenfalls hatte Caspar verstanden, was ich wollte, denn
jetzt regte er sich, hob den Kopf wie aus einer Grube heraus und schaute mich
an. Ach, diesen Blick! Und wenn ich Abrahams Alter erreichte, nie knnte ich
diesen Blick vergessen. Das war ein andrer Mensch. Leider liegt es nicht in
meiner Natur, eine Situation momentan in ihrer ganzen Bedeutung zu erfassen;
anstatt zu schweigen, begann ich wieder mit Scheintrstungen, aber ich sprte
gleich, da es besser sei, das letzte Abendrot der Hoffnung nicht noch einmal
ber die verdunkelte Seele heraufzubeschwren; was mich entschuldigt, ist, da
ich selber ja kaum mit Klarheit wute, was im Werk war, und da mich die
zermalmende Wirkung von etwas vollstndig Unausgesprochenem, deren Zeuge ich
war, mehr lhmte und erschtterte als das Wissen darum. Doch will ich Eure
Exzellenz nicht durch Betrachtungen verwirren und hbsch in der Ordnung bleiben.
    Ich hatte schon zuviel Zeit verloren, ich mute fort. Nach vieler Mhe war
es mir gelungen, Caspar zu berreden, da er sich ein bichen niederlege, auch
hatte er mir versprochen, mittags bei uns zu essen; das war mehr als ich
erwarten durfte, ich ging also beruhigter meinen Geschften nach, war um halb
eins wie gewhnlich zu Hause, wir warteten einige Zeit, aber wer nicht kommt,
ist Caspar. Ich vermutete, er sei eingeschlafen, denn da er die Nacht ber
nicht ein Auge geschlossen, hatte ich ihm angesehen, und ohne bse Gedanken ging
ich um zwei Uhr wieder ins Gymnasium mit dem Vorsatz, beim Nachhauseweg in der
Hirschelgasse nachzuschauen. Das tat ich auch, es war halb fnf und dmmerte
schon stark, als ich am Tucherhaus war, aber wie wurde mir, als mir der Pfrtner
mitteilte, Caspar habe schon um zwlf Uhr das Haus verlassen und angegeben, er
gehe zu mir. Ich war wie vor den Kopf geschlagen; neben aller Verantwortlichkeit
durfte ich auch die begrndetste Sorge fr den armen Menschen hegen; ich lief in
meine Wohnung, da hatte sich kein Caspar blicken lassen, ich schickte die
Schwester zum Brgermeister, die alte Mutter sogar machte sich auf die Beine um
bei einigen Bekannten nachzufragen; whrenddessen beriet ich mit dem Kandidaten
Regulein, und als meine Schwester Anna binnen kurzem zurckkam und wir gleich an
ihrem Gesicht merkten, da sie nichts erfahren hatte, schien es geboten, ohne
Verzug die Polizei zu unterrichten, die ja im Fall eines Unglcks mitschuldig
war, da man die Bewachung in letzter Zeit auffallend vernachlssigt hatte. Ich
gab hastig noch ein paar Anweisungen und war eben im Fortgehen begriffen, als
sich die Tr auftat und Caspar auf die Schwelle trat.
    Aber war er es wirklich? Wir glaubten sein Gespenst zu sehen. Ich mache mich
keiner bertreibung schuldig, wenn ich versichere da wir alle den Trnen nahe
waren. Ohne sich umzusehen und ohne zu gren, schritt er mit sonderbarer
Langsamkeit durch die Stube bis zum Tisch, nahm auf dem Holzsessel Platz,
sttzte das Kinn in die Hand und schaute mit unverwandtem Blick regungslos ins
Licht der Lampe. Wir waren alle drei wie verzaubert, und meine Schwester sowie
der Kandidat gestanden mir spter, da ihnen ganz frstlich zumute gewesen sei.
Mittlerweile war auch meine Mutter zurck gekehrt; sie war die erste, die an den
Tisch trat und Caspar fragte, wo er gesteckt habe. Er gab keine Antwort. Meine
Schwester Anna glaubte ihn besser zum Reden bringen zu knnen, sie nahm ihm den
Hut vom Kopf, strich mit der Hand ber seine Haare und suchte ihn mit leiser
Stimme seinem Brten zu entreien. Ganz vergeblich; er schaute immer nur ins
Licht, immer ins Licht, die geffnete Hand an der Wange, das Kinn ber dem
Daumen. Ich sah mir ihn jetzt genauer an, indem ich mich unauffllig nherte,
jedoch sein Antlitz verriet nichts als einen unbeweglichen, gar nicht einmal
schmerzlichen sondern starren, fast stupiden Ernst. Meine Mutter fuhr fort, in
ihn zu dringen, er solle doch sagen, wo er herkomme und wo er gewesen sei. Da
sah er uns alle der Reihe nach an, schttelte den Kopf und faltete bittend die
Hnde.
    Wir beredeten uns nun, da Caspar in unserm Hause bleiben und da bernachten
solle; wir hatten, um das Aufsehen wegen Caspars Verschwinden gleich wieder zu
ersticken, die Magd zum Brger meister geschickt, auch zu den andern Leuten, die
wir schon inkommodiert hatten, und meine Mutter ging in die Kche, um frs
Abendessen zu sorgen, da erschien der Tuchersche Diener, erkundigte sich, ob
Caspar bei uns sei, und als wir dies bejahten, sagte er, er solle gleich nach
Hause, der Polizeileutnant Hickel aus Ansbach wre da und Caspar msse noch am
Abend mit ihm abfahren. Eine solche Botschaft kam mir nicht weiter unerwartet,
nur da die Sache gar so eilig sein sollte, versetzte mich einigermaen in
Wallung, und ich war unberlegt genug, dem Menschen eine scharfe Antwort zu
geben; wenn ich mich recht erinnere, so sagte ich, der Herr Polizeileutnant mge
sich doch gedulden, es sei ja nicht ein Sack Kartoffeln zu expedieren, den man
holterdiepolter auflade. Meine Erregung mu jedem verstndlich erscheinen, der
das Vorhergegangene in gerechte Erwgung zieht, es kamen mir aber doch Bedenken
an, ich rgerte mich nachher ber meine Unbesonnenheit und veranlate den
Kandidaten Regulein, da er ins Tuchersche Haus gehe, um mit dem Herrn aus
Ansbach zu sprechen und ihn tunlichst aufzuklren. Das wre soweit ganz gut
gewesen, nur passierte dabei die Fatalitt, da der Kandidat, der etwas
redseliger Natur ist und der froh war, den Fremden mit irgend etwas unterhalten
zu knnen, dem Herrn Polizeileutnant die Geschichte von dem Verschwinden Caspars
brhwarm hinterbrachte, woraus sich denn spter der peinlichste Auftritt ergab.
    Es war schon sieben, als das Essen auf den Tisch gesetzt wurde, der Kandidat
war noch nicht zurck, wir nahmen alle Platz und waren nun wieder einmal, wie in
frheren Zeiten, mit Caspar ganz unter uns. Aber wie anders waren die Zeiten,
wie anders Caspar! Ich mute mir den Menschen bestndig ansehen, wie er mit
niedergeschlagenen Augen dasa und lustlos in der Grtze lffelte. Seine Blicke
waren jetzt unruhig, und bisweilen berlief ein Schauder seine Haut. Lange
konnte ich mich solchen Betrachtungen nicht berlassen, denn gegen viertel acht
wurde mit sonderbarer Heftigkeit an der Hausglocke gerissen, Anna lief hinunter,
um zu ffnen, und alsbald erschien ein Offizier in Gendarmenuniforrn, und bevor
er noch seinen Namen nannte, wute ich natrlich, wer es war. Caspar war bei dem
grellen Glockenlrm stark zusammengefahren. Hinzufgen mu ich noch, da die
vorher erwhnte Auseinandersetzung mit dem Diener sowie das Gesprch mit dem
Kandidaten im Flur vor der Treppe stattgefunden und Caspar nichts davon gehrt
hatte; er erhob sich jetzt und schaute mit einem langen Blick gegen die Tre,
und als er des Herrn Polizeileutnants ansichtig geworden, wurden seine Wangen
wieder genau so tdlich fahl wie tags zuvor, da ich in sein Zimmer gekommen war.
Ich kann mir, wenn ich die Tatsachen im Zusammenhang gegeneinander halte, keine
andre Erklrung denken, als da Caspar alles das, was sich nun seit
vierundzwanzig Stunden abspielte, von innen aus erriet, sozusagen durch ein
inneres Gesicht, und da er der ueren Besttigung durch die Ereignisse gar
nicht mehr bedurfte, denn es gab sich eine Versunkenheit an ihm kund, die ich
nur mit der schrecklichen Ruhe eines Schlafwandlers vergleichen kann. Ich selbst
war nachgerade so benommen, da ich, wie ich frchte, Herrn Hickel mit einer
unfreundlich wirkenden Klte empfing. Glcklicherweise schien dieser keine Notiz
davon zu nehmen, und nachdem er sich gegen meine Damen verbeugt, wandte er sich
an Caspar und sagte mit einem Ton der berraschung, der freilich nicht ganz
aufrichtig klang: Das ist also der Hauser! Ist ja ein ganz ausgewachsener
Mensch, mit dem wird sich ja reden lassen. Caspar schaute den Mann gro an, und
zwar mit einem finster prfenden Blick, in dem durchaus nichts Wehleidiges oder
Jmmerliches war. Es entstand nun ein allseitiges Schweigen; ich berlegte mir,
wie ich es anstellen knnte, damit Caspar die Nacht ber noch in meinem Hause
bleiben knne, denn in seinem Zustand ihn einem Fremden zu berlassen erschien
mir unratsam. Ich erklrte mich Herrn Hickel mit offenen Worten, er hrte mich
ruhig an, sagte aber dann, er habe gemessenen Auftrag Caspar gleich mitzunehmen,
es sei keine Zeit zu verlieren, die Sachen mten noch gepackt werden und der
Wagen stehe schon bereit. Meine Schwester Anna, unbndig wie sie ist, rief mir
zu, ich solle mich darum nicht kmmern, zugleich trat sie, wie um ihn zu
schtzen, an Caspars Seite. Herr Hickel lchelte und sagte, wenn uns soviel an
einem Aufschub gelegen sei und wir noch etwas mit Caspar zu besprechen htten,
sein Ton war dabei so beziehentlich, da ich stutzig wurde, wolle er nicht den
Spielverderber machen, ich msse mich aber verpflichten, Caspar Punkt neun Uhr
zum Tucherschen Haus zu bringen. Jetzt verlor auch ich die Fassung und fragte,
ob denn die Sache um Gottes willen so dringend sei, da er in die Nacht
hineinreisen wolle. Herr Hickel zuckte die Achseln, schaute auf die Uhr und
antwortete kalt, ich mge mich entschlieen. Jetzt begann Caspar zu sprechen,
und mit einer Stimme, deren Klarheit und Festigkeit mir bei ihm etwas ganz Neues
war, sagte er, er wolle sogleich mitgehen. Wir sahen aber alle, da er vor
Erschpfung zitterte und da er sich kaum auf den Beinen zu halten vermochte.
Meine Mutter und Schwester beschworen ihn zu bleiben, Herr Hickel, der bei
Caspars Worten abermals gelchelt hatte, o, ich kenne dieses Lcheln! wie oft
hat es mir die Schamrte ins Gesicht getrieben, kehrte sich gegen mich und
sagte: Also um neun Uhr, Herr Professor, und zu Caspar gewandt, erhob er den
Finger und sagte schalkhaft drohend: Da Sie mir ja pnktlich sind, Hauser!
Auch mu ich wissen, wo Sie sich den Nachmittag ber herumgetrieben haben.
Lassen Sie sich beileibe nicht einfallen, mich anzulgen, sonst gibts was. Da
kenn ich keinen Scherz.
    Grend ging Hickel und lie uns in einem Zustand von Emprung, Zweifel und
Unruhe zurck. Das alles nahm sich ja schlimmer aus, als es die rgste
Befrchtung malen konnte. Besonders die letzten Worte des Leutnants hatten mich
wie auch meine Angehrigen mit Schrecken erfllt. Was sollten wir von der
Zukunft Caspars denken, was von seinem Glck erhoffen, wenn Drohungen von so
brutaler Art unverhllt auftreten durften? Das Herz war mir schwer geworden.
Doch war zu grbeln nicht die Zeit. Ich beschlo, zum Brgermeister zu gehen und
mich mit ihm zu beraten. Anna hatte schnell auf dem Sofa ein Lager bereitet, sie
fhrte Caspar hin, er sank nieder, und kaum ruhte sein Kopf auf dem Kissen, so
schlief er auch schon. Indes ich mich zum Fortgehen anschickte, lutete es, und
Herr Binder kam selbst. Ich verstndigte ihn in Eile von dem Vorgefallenen, er
war hchlichst befremdet von dem Auftreten des Ansbacher Herrn, und da er es fr
tunlich hielt, mit diesem selbst zu sprechen, forderte er mich auf, ihn zu
begleiten. Wir berlieen Caspar der Obhut der Frauen und gingen in die
Hirschelgasse. Es hatten sich trotz der Abendstunde eine Menge Menschen
hauptschlich aus der niederen Volksklasse vor dem Tucherschen Haus eingefunden,
die, ich wei nicht durch welche Umstnde, von der bevorstehenden Abreise
Caspars unterrichtet waren und teils laut, teils murrend ihre Mibilligung
ausdrckten.
    Als wir die Tr von Caspars Zimmer geffnet hatten, bot sich uns ein
sonderbarer Anblick. Die Kommodeschubladen und Schrnke waren vollstndig
ausgerumt; Wsche, Kleider, Bcher, Papier, Spielwaren, alles lag wst auf dem
Boden und auf Sthlen, und Herr Hickel kommandierte den Diener, der damit
begonnen hatte, die Sachen ordnungslos in einem Reisekoffer und einer kleinen
Kiste unterzubringen. Als er uns gewahrte und den Unwillen aus unsern Blicken
las, sagte er lchelnd, als ob es sich um eine Schmeichelei handle, jetzt fange
ein neues Regiment fr den Findling an, jetzt werde alles an den Tag kommen. Mit
finsterem Gesicht entgegnete Herr Binder, was er damit meine, was denn
eigentlich an den Tag kommen solle; zugleich gab er sich unter Nennung seines
Namens zu erkennen. Herr Hickel geriet in Verlegenheit; mit einigen
nichtssagenden Wendungen entschlug er sich der Antwort; er behauptete, Caspar zu
lieben; es sei ihm nur darum zu tun, den jungen Menschen vor falschen Illusionen
zu bewahren. Da stieg mir das Blut zu Kopfe, und ich antwortete, wer denn anders
solche Illusionen erzeugt und genhrt htte als gewisse Herrschaften, die sich
nun aus dem Staub zu machen schienen; erst schmcke man den Arglosen mit einem
festlichen Kleid, und wenn er dann darin herumzuspazieren wage, sehe man einen
gefhrlichen berhebling in ihm. Das begreife wer wolle, ein solches Spiel sei
verdammungswrdig. Das war heftig, war unvorsichtig, es sei gestanden, doch mu
ich hinzufgen, da mich die ironische Ruhe des Polizeileutnants aufreizte. Um
so verblffter war ich, als er mir nun in jedem Punkt beipflichtete, sich aber
auf keine weitere Errterung einlie und sich wieder zu dem Diener kehrte, indem
er Eile vorschtzte, da er nicht in so spter Nacht abreisen wolle. Herr Binder
bemerkte ihm darauf, da die Abfahrt sehr gut bis morgen verschoben werden
knne, Caspar bedrfe der Ruhe, die Verantwortung sei er bereit auf sich zu
nehmen. Herr Hickel versetzte, das sei unmglich, er habe strikten Befehl und
msse auf seiner Anordnung bestehen. Wir waren ratlos.
    Der Polizeileutnant hatte sich auf den Tischrand gesetzt und blickte uns
Schweigende spttisch-erwartungsvoll an. Da vernahmen wir Schritte, und als wir
uns umwandten, die Tre stand offen, sahen wir Caspar und hinter ihm meine
Schwester. Anna flsterte mir zu, Caspar sei kurz nach unserm Fortgehen erwacht,
er habe erklrt, mit dem fremden Mann gehen zu wollen, und sich durch keinen
Einwand zurckhalten lassen; so habe sie ihn denn begleitet.
    Caspar schaute sich forschend um, dann sagte er, zu Herrn Hickel gewandt:
Nehmen Sie mich nur mit, Herr Offizier. Ich wei schon, wohin Sie mich bringen
wollen, ich frcht mich nicht. Es war in diesen Worten, so wenig Besonderes sie
enthielten, ein wunderbarer Antrieb und das, was man Haltung nennt, und ich kann
nicht verhehlen, da ich durch sie aufs tiefste bewegt wurde. Ich htte viel
darum gegeben, wenn ich Caspar jetzt eine Stunde lang fr mich allein htte
haben knnen. Der Herr Polizeileutnant verbarg seine Freude ber die unvermutete
Wandlung nicht und antwortete lachend: Na, frchten, Hauser! Warum nicht gar!
Es geht ja nicht nach Sibirien! Er nherte sich nun dem Jngling, legte beide
Hnde auf dessen Schulter und fragte: Jetzt seien Sie einmal ganz offen,
Hauser, und sagen Sie mir ohne Umschweife, wo Sie den Nachmittag ber gesteckt
haben? Caspar schwieg und besann sich, dann entgegnete er dumpf: Das kann ich
Ihnen nicht sagen. - Ja wie denn, was denn, was soll das heien, heraus mit
der Sprache! rief der Leutnant, und Caspar darauf: Ich hab was gesucht. -
Ja, was denn gesucht? - Einen Weg. - Zum Donnerwetter, begehrte Herr
Hickel auf, spielen Sie mir kein Theater vor und machen Sie keine Flausen,
sonst werde ich Ihnen zeigen, was die Glocke geschlagen hat. Wir in Ansbach
werden Ihnen nicht auf das aberwitzige Wesen hereinfallen, das lassen Sie sich
nur gesagt sein.
    Herr Binder und ich waren durch solche herausfordernde Redeweise wie
begreiflich sehr emprt. Aber Herr Hickel zeigte keine Lust, sich zu
rechtfertigen, er befahl Caspar in knappen Worten, sich fertigzumachen, in einer
halben Stunde werde er fahren. Whrenddem kamen der Baron Scheuert, der Assessor
Enderlin und andre Bekannte Caspars, die von der Abreise gehrt hatten und ihm
Lebewohl sagen wollten; ich hatte keine Zeit mehr, nur drei Worte mit ihm zu
wechseln, binnen kurzem waren wir alle im Hausflur versammelt. Die Menge auf der
Strae hatte sich vermehrt, in der Dunkelheit sah es aus, als ob ganz Nrnberg
auf den Beinen sei. Die Zunchststehenden stieen drohende Reden aus, Herr
Hickel forderte vom Brgermeister, da er die Wache aufziehen lassen solle, doch
eine solche Maregel erklrte dieser fr berflssig, und in der Tat gengte
sein bloes Erscheinen, um die Ruhe wiederherzustellen.
    Als Caspar zum Wagenschlag trat, rannte alles zuhauf, jeder wollte ihn noch
einmal sehen. Die Fenster der gegenberliegenden Huser waren erleuchtet und
Frauen winkten mit Tchern herab. Die Kisten und Vachen waren aufgebunden, der
Kutscher schnalzte, die Pferde zogen an - und fort war er.
    berzeugt, da Eure Exzellenz zu den wenigen aufrichtigen Gnnern des
Jnglings gehren, fhlte ich mich im Innersten gedrngt, Ihnen ber diese
Vorflle genauen Bericht zu erstatten. Nur einige Stunden sind seit den
erzhlten Begebenheiten verflossen, es ist weit ber Mitternacht, die Feder will
meiner Hand entsinken, aber ich durfte keine Frist verstreichen lassen, um nicht
selber zum Flscher meiner Erinnerung zu werden. Wo die Verleumdung so
unermdlich am Werk ist, soll auch der Gutgesinnte eine Nachtwache nicht
scheuen, wenn er zu frchten hat, da ihn der bloe Schlaf nur um eine Linie von
der Deutlichkeit seines Erlebens betrgen knnte. Vielleicht finden Eure
Exzellenz, da ich die Dinge falsch deute oder in ihrer Wichtigkeit berschtze.
Mag sein, ich habe jedoch meine Pflicht erfllt und bin mir keiner Versumnis
bewut. Ich trage schwere Sorge um Caspar, ohne da ich ganz zu sagen vermchte
weshalb, aber ich bin nun einmal als Geister- und Gespensterseher auf die Welt
gekommen, und mein Auge sieht den Schatten frher als das Licht.
    Nicht vergessen will ich zum Schlu die Erwhnung, da mir Herr von Tucher
bei seinem letzten Besuch die hundert Goldgulden bergab, die Caspar vom Herrn
Grafen Stanhope geschenkt erhalten. Ich werde die Summe mit nchster fahrender
Post an Eure Exzellenz berschicken.

    Frau Behold an Frau Quandt:

    Werte Frau, excusez, da ich mich schriftlich an Sie wende, was Sie
extraordinaire finden werden, da ich Ihnen doch im ganzen fremd bin, obwohl Sie
in meiner Eltern Hause Ihre Jugend verlebten. Mit groem Etonnement vernehme
ich, da der Caspar Hauser nunmehr in Ihrem Heim weilen wird, und ich fhle mich
gedrungen, Ihnen zum Belehr etwelches ber den Sonderling zu erffnen. Sie
wissen doch, da der Hauser das Wunderkind von Nrnberg war. Lob und
Verhtschelei htten bei einem Haar den Knaben zum Narren gemacht, es ist eben
ein tolles Volk dahier. In solchem verderbten Zustand haben wir ihn aus reinem
christlichen Mitleid und, ich schwre, ohne jede Nebenabsicht zu uns genommen.
Bei aller Tollheit haben die andern doch vor dem vermummten Kerl mit dem Beil
Angst gehabt, wir aber frchteten nichts, und der Hauser wurde bei uns wie ein
Kind geliebt und estimieret. bel ist uns das gelohnt worden; keine
Erkenntlichkeit vom Hauser, und noch dazu die bse Nachrede seines Anhangs.
Wieviel rgerliche Stunden, wieviel Verdru er uns durch seine entsetzliche
Lgenhaftigkeit bereitet hat, davon sind alle Muler stumm. Nachher freilich hat
er alleweil Besserung gelobet und ward mit frischer Liebe an unser Herz
geschlossen, aber fruchten tat es nichts, der Lgengeist war nicht zu bannen,
immer tiefer versank er in dieses abscheuliche Laster. Ist viel Gerede gewesen
von seinem keuschen Sinn und seiner Innocence in allem Dahergehrigen. Auch
hierber kann ich ein Wrtlein melden, denn ich habs mit meinen eignen Augen
gesehen, wie er sich meiner damals dreizehnjhrigen Tochter, heute ist sie in
der Schweiz in Pension, unziemlich und unmiverstehlich nherte. Nachher zur
Rede gestellt, wollt ers nicht wahr haben, und aus Rache hat er mir die arme
Amsel umgebrungen, die ich ihm donationieret. Gebe Gott, da Sie nicht hnliche
Erfahrungen an ihm machen; er steckt voller Eitelkeit, meine Liebe, voller
Eitelkeit, und wenn er den Gutmtigen agieret, ist der Schalk dahinter
verborgen, und so man ihm den Willen bricht, ist es mit seiner
Katzenfreundlichkeit am Ende. Wieviel wir auch durch sein detestables Betragen
zu dulden hatten, Undank und Calomnie, aus unsern Lippen ist keine Klage
gefahren, denn warum, man htt ihm auch dann die Wahrheit nicht mehr glauben
knnen, und ein Betrger ist er nicht, nur ein armer Teufel, sehr armer Teufel.
Ihnen und dem Herrn Gemahl glaube ich hingegen einen Gefallen zu erweisen, wenn
ich die Decke lpfe, unter der er seinen Unfug treibet; der gegen ihn so gtig
gesinnte Graf Stanhope wird gewi bald zu der schmerzlichen Entdeckung gelangen,
da er eine Schlange an seinem Busen nhret. Wre der Herr Graf nur zu mir
gekommen, dieses aber hat der Pfiffikus Hauser hintertrieben, und aus guten
Grnden. Seien Sie nur recht wachsam, gute Frau; er hatte alleweil
Heimlichkeiten, bald da, bald dort versteckt er was in einem Winkel, das lt
auf nichts Gutes schlieen. Und nun bitte ich Sie oder den Herrn Gemahl, mir in
einiger Zeit Nachricht zu geben, wie sich Ihr Zgling produzieret und was Sie
von ihm halten, denn ohneracht alles Geschehenen nimmt er doch ein Pltzchen in
meinem Herzen ein, und ich wnsche nur, da er ttig an seiner Selbstbesserung
arbeite, ehe er in die groe Welt entrieret, wo er viel mehr Kraft und
Bestndigkeit vonnten haben wird als in unsrer kleinen.
    Von mir selbst ist nicht viel Gutes zu sagen, ich bin krank; der eine Doktor
meint, es ist ein Geschwr auf der Milz, der andre nennt's eine maladie du
coeur. Die groe Teuerung der Lebensmittel ist auch nicht angetan, einem die
Laune zu verbessern, Gott sei Lob gehen die Mannsgeschfte im allgemeinen gut.

    Bericht Hickels ber den vollfhrten Auftrag der bersiedlung Caspar
Hausers:

    Ich traf am 7. ds. vorschriftsgem in Nrnberg ein, verfgte mich sogleich
in die Wohnung des Freiherrn von Tucher, fand aber den Kuranden nicht zu Hause
und erfuhr zu meiner Verwunderung, da er sich den ganzen Nachmittag ber
aufsichtslos und unbekannt wo herumgetrieben habe, was doch gegen die Vorschrift
ist, und da er sich zur Zeit beim Professor Daumer aufhalte, wahrscheinlich in
der Absicht, die Reise zu verzgern und dabei die Untersttzung seiner Freunde
zu finden. Denn als ich bei Herrn Daumer vorsprach, wurden zu besagtem Zweck
alle mglichen Ausreden versucht, auch gefiel sich Hauser selbst in einigen
leicht durchschaubaren Schnurrpfeifereien, was mich aber nicht hinderte, auf der
mir erteilten Weisung zu beharren. Eine strenge Inquisition nach seinem Verbleib
whrend des Nachmittags blieb fruchtlos, der Bursche gab die albernsten
Antworten von der Welt. Mein entschiedenes Auftreten hatte die Wirkung, da von
einer Verzgerung nicht weiter gesprochen wurde, um neun Uhr war der Wagen zur
Stelle, es war groer Zulauf in den Gassen, die Leute, vermutlich insgeheim
aufgehetzt, gebrdeten sich einigermaen revoltant, wurden aber durch meine
Drohung, da ich die Wache aufziehen lassen wrde, schnell eingeschchtert. Dem
Kutscher gebot ich Eile, und nach einer Viertelstunde hatten wir das Weichbild
der Stadt verlassen. Whrend der ganzen drei Stunden bis zum Dorfe Grohaslach
lie mein Kurand nicht eine Silbe verlauten, sondern starrte ununterbrochen in
die Dunkelheit hinaus; gewi mag es ihm gar trbselig zumute gewesen sein, da er
nun doch erkennen mute, da es mit seinen groen Hirngespinsten Matthi am
letzten war. Ich hatte den Sergeanten nach Grohaslach bestellt, und derweil die
Pferde gefttert und getrnkt wurden, verfgten wir uns in die Poststube. Hauser
legte sich daselbst alsogleich auf die Ofenbank und entschlief. Ich konnte aber
des Verdachts nicht ledig werden, da er sich nur schlafend stellte, um mich und
den Sergeanten sicher zu machen und unser Gesprch zu belauschen. In diesem
Argwohn bekrftigte mich auch das jedesmalige Blinzeln seiner Lider, wenn ich in
nicht gerade schmeichelhaften Ausdrcken seiner Person erwhnte. Um der Sache
auf den Grund zu gehen und zugleich herauszubringen, was es mit dem allerwrts
verbreiteten Mrchen von seinem steinernen Schlummer fr eine Bewandtnis habe,
nahm ich meine Zuflucht zu einer kleinen List. Nach einer Weile gab ich nmlich
dem Sergeanten einen Wink, und wir erhoben uns leise, als ob wir gehen wollten,
und siehe da, kaum hatte ich die Trklinke gefat, so schnellte mein Hauser wie
von der Tarantel gestochen empor, tat ein wenig wirr und verstrt und folgte
uns, die wir uns kaum das Lachen verbeien konnten. Im Wagen fragte mich Hauser
pltzlich, ob der Herr Graf noch in Ansbach weile; ich bejahte, fgte aber
hinzu, da Seine Lordschaft dieser Tage gen Frankreich fahren werde, worauf
Hauser einen tiefen Seufzer ausstie; er lehnte sich in die Ecke zurck, schlo
die Augen und schlief nun wirklich ein, wie ich aus seinen tiefen Atemzgen
entnehmen konnte. Die Weiterfahrt verlief ohne bemerkenswerte Vorflle, es war
ein Viertel nach drei, als wir bei Schneetreiben vor dem Sterngasthof anlangten;
ich hatte diesmal harte Mhe, den Hauser aus dem Schlaf zu bringen, und erst als
ich ihn energisch anschrie, entschlo er sich, aus der Kutsche zu steigen. Da
nur der Torwart zugegen war und ich den Herrn Grafen nicht wecken lassen wollte,
brachten wir den jungen Menschen in eine Kammer unterm Dach; ich befahl ihm,
sich zu Bette zu begeben, sperrte der greren Sicherheit halber die Tr von
auen zu und hie meinen Sergeanten, bis zum Anbruch des Tages auf Wache zu
bleiben. Soll ich nun zum Schlusse ber die Person und das Betragen des Kuranden
ein Urteil abgeben, so mu ich bekennen, da mir der junge Mann wenig Sympathie
oder Mitgefhl abntigte. Sein verschlossenes, trotziges und hinterhltiges
Wesen lt auf einen, wenn auch nicht verdorbenen, so doch angefaulten und
widrigen Charakter schlieen. Von wunderbaren Eigenschaften hab ich an ihm
nichts beobachtet, als eine in der Tat wunderbare Begabung zur Schauspielerei,
was noch milde ausgedrckt ist. Ich frchte, man wird hiesigenorts manche
Enttuschung an ihm erleben.

    Binder an Feuerbach:

    Um des ferneren allem berflssigen Gerede und Vermuten vorzubeugen, das in
derselben Sache schon an Eure Exzellenz gelangt sein mag, diene die Nachricht,
da ich bereits gengenden Aufschlu habe ber den rtselhaften, vier bis fnf
Stunden andauernden Verbleib Caspar Hausers am letzten Nachmittag seines
Aufenthalts in hiesiger Stadt. Freilich, dieser Aufschlu ist im Grunde keiner,
denn so wenig der Jngling sich selbst hatte erklren wollen, so wenig erklren
die mir bekannt gewordenen Einzelheiten seine ganze Handlungsweise.
    Ich will mich kurz fassen. Am Morgen nach Caspars Abreise kam der
Gefngniswrter Hill zu mir und berichtete, der Hauser sei gestern mittag nach
eins bei ihm auf dem Turm erschienen und habe gebeten, ihm die Kammer zu zeigen,
worin er einst gefangen gewesen. Zufllig war an jenem Tag kein Hftling auf dem
Luginsland, und er, Hill, habe nach einigem verwunderten Fragen und Forschen
Caspar eintreten lassen. Nachdem er eine Weile grbelnd dagestanden, begab er
sich in dieselbe Ecke, wo ehedem sein Strohlager gewesen, hockte auf den Boden
und brtete stumm vor sich hin. Dem Hill war das befremdlich, und da alle
Versuche, den Jngling seiner Lethargie zu entreien, nichts fruchteten, kehrte
er in seine Wohnung zurck und machte seiner Ehefrau von dem Vorfall Mitteilung.
Sie berlegten gerade, was zu tun sei da kam Caspar von selbst die Stufen
herunter und trat in das Zimmerchen, das ihm ebenfalls von frher wohlbekannt
war, das er jedoch mit bohrend nachdenklichen Blicken durchmusterte, genau wie
er oben in der Zelle getan. Hill und sein Weib dachten nicht anders als der arme
Mensch habe den Verstand eingebt. Die Frau nherte sich ihm, stellte einige
Fragen, erhielt aber keine Antwort. Da fiel sein schweifendes Auge auf die
beiden Kinder des Wrters, die auf einem Tritt beim Fenster mitsammen spielten,
und pltzlich lchelte er gar wunderlich, schlich sich heran und setzte sich am
Rand des ber den Boden erhhten Tritts nieder.
    Hill tat das Vernnftigste, was er tun konnte, er lie ihn gewhren und
wartete ab, was daraus werden wrde. Nachdem sich Caspar also niedergelassen,
begann er die zwei Kinder auf eine Weise anzustarren, als ob er nie im Leben
Kinder gesehen htte; er beugte sich vorwrts, er studierte frmlich ihre
Finger, ihre Lippen, seine heihungrigen Blicke verschlangen gleichsam jede
ihrer Gebrden; der Frau wurde dabei angst und bang, mit Mhe hielt Hill sie ab,
dazwischenzufahren, denn er frchtete nichts. Kenn ich doch Hausers sanfte
Seele, so drckte er sich mir gegenber aus. Auf einmal sprang Caspar auf,
streckte die Arme in die Luft, sthnte, starrte vor sich hin, als sehe er einen
Geist, dann kehrte er sich um und rannte mit erstaunlicher Geschwindigkeit zur
Tr und die Treppe hinunter auf den Platz. Hill folgte ihm unverzglich, denn er
schlo mit Recht, da Caspar in einer bedenklichen Verfassung sei und da man
ihn so nicht sich selber berlassen drfe. Als er den Burgberg herunter gegen
die Fll lief, gewahrte er ihn noch rechtzeitig und konnte ihn im Auge behalten.
    Caspar eilte nun durch mehrere Gassen, und zwar ganz unsinnig die kreuz und
quer, danach ber die Glacis und nach St. Johannis hinber. Hill folgte in einer
Entfernung von fnfzig oder sechzig Ellen und hatte auf jede Bewegung Caspars
genau acht. Trotzdem es den Anschein ziellosen Gehens hatte, war doch der
Schritt des Jnglings so beschleunigt, ja ungeduldig, als wolle er ein vor ihm
fliehendes Etwas erhaschen. Es ging nun durch die Mhlgasse, am Ende dieser
Gasse breitet sich das flache Feld aus und die Strae verwandelt sich in einen
Wiesenweg, der lngs der Mauer des Johanniskirchhofs zur Pegnitz und zum Wald
hinunterfhrt. An der Kirchhofsmauer, die so niedrig ist, da auch ein
mittelgroer Mensch leicht ber sie hinwegblicken kann, blieb Caspar jhlings
stehen, ri den Hut vom Kopf und prete die Hand gegen die Stirn. Es wird Eurer
Exzellenz bekannt sein, eine wie ungeheure Wirkung schon frher einmal bei der
Annherung an den Grberort an ihm wahrgenommen worden ist. Er schien zu
zittern, er atmete mit offenem Mund, seine Zge drckten Grauen aus, die
Hautfarbe wurde bleifahl, er sah aus, als knne er sich nicht losreien,
pltzlich aber strzte er so schnell weiter, da sein Beobachter Mhe hatte, ihm
nah zu bleiben, auch dachte Hill, Caspar msse ins Wasser strzen, da er am
Fluufer in ein wildes Torkeln geriet. Glcklicherweise wandte er sich gegen den
nahen Forst und verschwand alsbald zwischen den Stmmen. Hill hatte Angst, da
er ihm entkommen knnte; er bemerkte einige Arbeiter, die an einer Erdgrube Sand
schaufelten, und forderte sie auf, ihm zu helfen; drei oder vier gesellten sich
zu ihm, und sie drangen verteilt ins Gehlz; doch Hill selbst war es, der Caspar
nach langem Suchen und als er schon hchlichst besorgt wurde, zuerst wieder
erblickte. Er sah ihn kniend am Fu einer mchtigen Eiche, er sah, wie er die
Hnde aufhob, und hrte ihn mit einer leidenschaftlich flehenden Stimme rufen:
O Baum! O du Baum! Nichts weiter als diese Worte, und mit solchem Gefhl, wie
man ein Gebet spricht, wenn der Geist in hchster Bedrngnis ist. Hill sagte
aus, er habe es nicht ber sich gebracht, ihn anzurufen, berhaupt hat der
einfache Mann bei all diesen Vorgngen ein Zartgefhl und eine Menschlichkeit
bewiesen, um deretwillen ich ihm meine Anerkennung nicht versagen kann. Die
Arbeiter, die er mitgenommen, riefen ihm, er gab ein Zeichen, sie kamen herbei;
Caspar hatte sich indes erschrocken aufgerichtet, blickte die Leute der Reihe
nach an, und es schien, als erkenne er Hill nicht. Dieser dankte den Mnnern und
bedeutete ihnen, da er sie nicht mehr brauche. Von ihm untergefat, lie sich
Caspar ohne Widerstand aus dem Forst herausfhren; im Gegensatz zu seinem
bisherigen Wesen zeigte er nun eine vollkommene Gelassenheit. Hill fragte ihn,
wohin er denn gehen wolle, und nach einigem Zgern antwortete Caspar, er msse
zum Mittagessen zu Herrn Daumer. Da lachte Hill und erinnerte ihn, da Mittag
lngst vorbei sei; als sie vor der Stadtmauer ankamen, begann es schon zu
dmmern. Caspar ging jetzt auerordentlich langsam, und trotzdem Hill um vier
Uhr auf der Polizeiwache htte sein sollen, begleitete er ihn noch zu Professor
Daumers Haus und wich erst von der Stelle, als sich das Tor hinter seinem
Schtzling geschlossen hatte.
    Dies, Exzellenz, die getreue Wiedergabe dessen, was der Mann berichtet hat.
Ich habe seine Erzhlung, deren Glaubwrdigkeit zu bezweifeln kein Anla
vorliegt, protokollieren lassen. Aus den Begebnissen selbst wei ich, wie
gesagt, nichts zu machen, auch ist es nicht an mir, den Schlssen Eurer
Exzellenz vorzugreifen. Gestern habe ich mich von Hill zu der Stelle fhren
lassen, wo Caspar kniend gefunden wurde, denn ich dachte mir, da da vielleicht
etwas Besonderes sei. Es ist, ungewhnlich bei solcher Stadtnhe, ein
friedensvoller Ort; der Wald ist dicht bestanden, lautlose Einsamkeit fordert zu
beschaulicher Stimmung auf. Hill erkannte den Platz mit Sicherheit wieder und
zeigte zum Beweis auf Fuabdrcke und zerwhltes Moos. Sonst habe ich nichts
Bemerkenswertes wahrgenommen.
    Der Polizeisoldat, der durch seine Nachlssigkeit in Caspars Bewachung all
dieses verschuldet hat, wurde der verdienten Strafe zugefhrt.

    Lord Stanhope an den Grauen:

    Ich weile noch immer in dem weltentlegenen Nest, obwohl ich zu Weihnachten
in Paris sein wollte. Ich sehne mich nach freier Konversation, nach
Maskenbllen, nach der italienischen Oper, nach einem Spaziergang auf den
Boulevards. Hier sind aller Augen auf mich gerichtet, jeder will teilhaben an
mir; von einer gewissen Hofratsfamilie, die nicht in den besten Verhltnissen
lebt, wird erzhlt, sie habe eine goldene Stehuhr, ein vortreffliches Erbstck,
versetzt, um eine Soiree zu Ehren des Lords geben zu knnen. Man verdchtigt
eine Dame, Frau von Imhoff, uralter Patrizieradel, der nheren Beziehung zu mir,
vielleicht nur deswegen, weil die Arme in einer unglcklichen Ehe lebt, an der
sich der Klatsch seit Jahren mstet. Scherzhafter Unsinn. Die Dame ist, leider,
ein makelloser Mensch. Das brige Volk ist kaum der Rede wert. Die guten
Deutschen sind servil bis zum Erbrechen. Der behbige Kanzleidirektor, der mit
einer sklavisch tiefen Reverenz den Hut vor mir zieht, wrde mir mit Vergngen
die Stiefel putzen, wenn ichs ihm befhle. Nichts hindert mich, hier eine Art
Caligula zu spielen.
    Zur Sache. Ein uerer Grund meines Verweilens hier ist nicht mehr
vorhanden. Der bislang vorgeschriebene Teil meiner Aufgabe ist erfllt. Was
verlangt man noch von mir? Wessen hlt man mich noch weiterhin fr fhig? Hat
Euer Hochgeboren oder dero Gebietende noch intime Wnsche, so wre es geraten,
sie in Blde vernehmen zu lassen, denn der ergebenst Unterzeichnete ist satt.
Die Mahlzeit fllt ihn bis zum Hals, er mu jetzt ans Verdauen denken, Ich gehe
mit der Absicht um, in Rom Prlat zu werden oder mich hinter Klostermauern
einzusperren, vorher mu ich noch das ntige Schwergeld fr den Abla beisammen
haben; wenn der Papst kein Einsehen hat, kehr ich in den Scho der puritanischen
Kirche zurck, so bin ich wenigstens der Sorge und des Ekels enthoben, mir den
Bart wachsen lassen zu mssen. Auch in meinem Land gibt es Masken und jedenfalls
ein wrdigeres Kostm. Ist der Minister H. in S., der Pensionist, von allen
Vorgngen verstndigt und hat man ihn gegen berflle gesichert? An welcher
Bankstelle kann ich meinen nchsten Zinsgroschen beheben? Dreiig Silberlinge;
mit welcher Zahl darf ich die Summe multiplizieren? Denn auf Multiplikation ist
nun einmal mein Leben gestellt. Herr von F. ist vor einigen Tagen nach Mnchen
abgereist; dies zur Notiz. Das bewute Dokument ist, wie ein ranziges Stck
Fleisch, von einem gewissenhaften Raben in Aussicht genommen, vorlufig aber
noch unzugnglich. Wie hoch normiert man den Preis und, sollten im Kriegsfalle
khnere Maregeln geboten sein, was billigt man dem jenigen zu, der die Hlle um
einen neuen Untertanen reicher machen will? Ich mu dies wissen, gegenwrtig
stellen auch die geringsten Diener des Satans ihre Ansprche. Wenn Herr von F.
so weit kommt, mit der Knigin zu verhandeln, wie er beabsichtigt, mu ein
geeigneter Reprsentant gefunden werden, um das angefachte Feuer zu lschen;
freilich wird dann das ranzige Stck Fleisch anfangen zu stinken. Dabei fllt
mir ein penetranter Passus in dem letzten Schreiben von Eurer Hochgeboren ein;
wie lautet er doch gleich: Sie beginnen, mein lieber Graf, zu viel Wert auf das
Verruchte und Verfluchte zu legen, sobald es nur einen Anschein von
Zweckmigkeit und Behendigkeit hat. Ich nehme diesen Worten die Schminke und
lese: es ist unglaublich, was Sie fr ein Spitzbube sind. Kennen Sie die hbsche
Replik des alten Frsten M., als ihn der amerikanische Gesandte ins Gesicht
hinein einen Betrger nannte? Mein Lieber, Teurer, erwiderte der Frst mit
seinem sanftesten Lcheln, da Sie doch in Ihren Ausdrcken niemals mahalten
knnen! Ja, halten wir Ma, wenn auch nicht im Tun, so doch im Reden. Wozu
Sottisen? Ein Schurke wird geboren so gut wie ein Edelmann. Wer sich anmat, in
den Lauf eines fremden Schicksals zu pfuschen, ist ein Philister oder ein
Dummkopf, wenn nicht beides. Wer kennt mich? Wer will mich richten oder formen?
Verrt mich nicht jeder Atemzug? Verwandte Sterne haben ber Ihrer und meiner
Wiege geleuchtet. Sie sind ein getreuer Diener. Das ist eine wunderschne
Ausrede. Werfen Sie ab, was Sie bindet, fliehen Sie in eine Einde, auf das
Meer, in die Wste, zum Pol, auf einen andern Planeten, zu sich selbst und
erproben Sie, ob Sie sich noch am Glanz des Himmels und am Schein der Sonne zu
freuen vermgen, und wenn das der Fall ist, wollen wir ber das Thema weiter
verhandeln. Schlagen wir uns in die Nacht wie Wlfe und sammeln wir Mut, denn
das Opfer knnte wehrhaft werden.
    Unser Schutzbefohlener bereitet mir neuestens mancherlei Sorge, und ich mu
gestehen, da er es ist, der mich in dieser gottverlassenen Gegend noch immer
festhlt. Allerdings ohne da er davon wei, aber er ist mir in jeder Hinsicht
verdchtig geworden, und ich komme mir bisweilen wie ein tauber Musikant vor,
der auf einer verstopften Flte spielen mu. Aber nicht nur dies hlt mich,
sondern auch noch ein andres, womit ich jedoch Ihr allen Empfindsamkeiten
abholdes Ohr nicht belstigen will. Auf jeden Fall, und dies nun im Ernst,
entlassen Sie mich aus der Arena. Ich bin betubt, ich bin mde, meine Nerven
gehorchen nicht mehr, ich werde alt, ich fange an, den Geschmack an Treibjagden
zu verlieren; es erregt meinen Widerwillen, wenn der gengstigte Hase dem
bissigsten der Hunde von selbst in die Zhne rennt, ich bin zu sehr Schngeist,
um dies noch ergtzlich zu finden, und ich knnte kaum dafr einstehen, da ich
nicht im letzten Moment eine Bresche in die Treiberkette schlage, die der
verfolgten Kreatur zur Flucht verhilft. Dann aber knnte sich eine merkwrdige
Metamorphose begeben, der Hase knnte zum Lwen werden und zurckkehren und die
blutgierige Meute mte zitternd in ihre Hinterhalte schleichen. Doch frchten
Sie nichts: dies sind Zuckungen und Phantasien eines senilen Gewissens. Auch ich
bin ein treuer Diener - meiner selbst. Das Werk befiehlt. Unsre Lste sind die
Schergen der Seele. Nur der Dieb, der keine Philosophie im Leibe hat, verdient
gehngt zu werden. In meiner Jugend hatte ich Trnen brig, wenn ich mir den
gitarrespielenden Knaben auf Carpaccios Bild in Venedig betrachtete, jetzt
bliebe ich ungerhrt, wenn man das Kind von der Mutterbrust risse und seinen
Schdel am Rinnstein zerschmetterte. Das macht die Philosophie. Wenn sie sich
besser bezahlte, wre ich vielleicht frhlicher. Bei dieser Gelegenheit mu ich
Ihnen einen amsanten Traum erzhlen, den ich neulich hatte, eine wahre Gorgo
von Traum. Wir beide, ich und Sie, feilschten um eine gewisse Ware; pltzlich
unterbrachen Sie mich mit den Worten: Nehmen Sie, was ich Ihnen biete, denn
wenn Sie jetzt erwachen, bekommen Sie gar nichts. Ich fand dies Argument
gttlich und so wenig zu widerlegen, da ich in der Tat, mit Angstschwei
bedeckt, erwachte.
    Genug, bergenug. Mein Jger berbringt Ihnen diesen Brief, der durch seinen
Mangel an Inhalt Ihren Verdru erregen wird. Das beiliegende Akzept, um dessen
Signierung ich bitte, drfte Sie noch weniger vershnen. Dem Lehrer habe ich ein
Halbjahr im voraus bezahlt. Er ist ein brauchbarer Mann, unbestechlich wie
Brutus und lenkbar wie ein frommes Pferd. Wie alle Deutschen hat er Prinzipien,
die sein Selbstvertrauen hervorbringen. Gott befohlen, die Nacht will ihren
Schlaf.

                               Anbetung der Sonne


Am Morgen nach Caspars Ankunft blieb der Lord lnger als gewhnlich in seinen
Zimmern. Auch dann vermied er es noch, Caspar rufen zu lassen, und machte erst
die tgliche Promenade. Als er zurckkam, ging Caspar vor dem Salon auf und ab;
die Bewegung Stanhopes, als wolle er ihn umarmen, schien Caspar zu bersehen; er
blickte steif zu Boden. Sie traten ins Zimmer, der Lord entledigte sich seines
schneebedeckten Pelzmantels und stellte mglichst unbefangen Fragen: wie es
Caspar ergangen, wie der Abschied, wie die Reise gewesen und mehr dergleichen.
Caspar antwortete bereitwillig, wenn auch ohne Ausfhrlichkeit, war freundlich
und keineswegs bedrckt oder vorwurfsvoll. Dies gab Stanhope zu denken, und es
bedurfte einer gewissen Anstrengung von seiner Seite, um die sonderbar khle
Unterhaltung fortzusetzen. Er konnte sogar einen leisen Schrecken nicht
unterdrcken, wenn er Caspar ansah, der, ihn mit seinen weinfarbigen Augen
fortwhrend fremd betrachtete.
    Es war eine Erlsung, als der Polizeileutnant gemeldet wurde. Stanhope
empfing ihn im Nebenzimmer; sie sprachen dort ber eine halbe Stunde leise
miteinander. Nachdem der Graf hinausgegangen war, trat Caspar zum Schreibtisch,
streifte den Diamantring von seinem Finger und legte ihn mit bedchtiger Gebrde
auf einen angefangenen, in englischer Sprache geschriebenen Brief; dann schritt
er zum Fenster und blickte in das Schneetreiben.
    Stanhope kam allein zurck. Er fragte, ob Caspar wisse, wo er untergebracht
werden solle. Caspar bejahte.
    Es ist am besten, wir gehen mal gleich zu den Lehrersleuten hin, um dein
knftiges Quartier in Augenschein zu nehmen, sagte der Lord.
    Caspar nickte und wiederholte: Ja, es ist am besten.
    Der Weg ist nicht weit, meinte Stanhope, wir knnen zu Fu gehen; wenn du
es aber wnschest und die Zudringlichkeit der Menschen scheust, die zu erwarten
ist, kann ich den Wagen bestellen.
    Nein, erwiderte Caspar freundlich, ich gehe lieber; die Leute werden sich
schon trsten, wenn sie sehen, da ich auch auf zwei Beinen spaziere.
    Da fiel Stanhopes Blick auf den Ring. Erstaunt nahm er ihn in die Hand, sah
Caspar an, sah den Ring an, berlegte mit zusammengezogenen Brauen, lchelte
flchtig und wild, dann legte er den Ring schweigend in eine Lade, die er
verschlo. Als ob nichts geschehen wre, zog er den Mantel an und sagte: Ich
bin bereit.
    Das Aufsehen in den Gassen war ertrglich; es spielte sich alles in Ruhe ab,
das Volk hier war gutmtig und scheu.
    ber dem Tor des Quandtschen Hauses war ein Kranz aus Immergrn aufgehngt,
in dessen Mitte auf einem Pappendeckel ein gemaltes Willkommen prangte. Quandt
trat den Ankmmlingen im braunen Bratenrock entgegen, sonntglich aussehend,
seine Frau hatte einen schottischen Schal umgehngt, damit ihr krperlicher
Zustand weniger auffllig hervortrete.
    Zuerst wurde Caspars Zimmerchen besichtigt, das im obern Flur lag. Der Raum
hatte auf einer Seite eine schiefe Mansardenwand, bot aber sonst ein nettes
Ansehen. ber dem altvterisch-bunten Kanapee hing ein schwarzgerahmter Stich;
das Bild stellte ein unsagbar schnes Mdchen vor, das die Arme schmerzlich nach
einem Jemand ausstreckte, von dem man gerade noch zwischen Gebschen die Beine
und einen fliegenden Mantel sah. An der andern Wand hingen zwei lngliche
Deckchen, worauf Sinnsprche eingestickt waren; auf dem einen: Frh auf, spt
nieder bringt verlorene Gter wieder; auf dem andern: Hoffnung ist des Lebens
Stab von der Wiege bis zum Grab. Auf dem Sims standen Tpfe mit Winterblumen,
und ber niedriges Dcherwerk hinweg konnte sich der Blick an einer lieblich
geschlossenen Landschaft ergtzen; schneeweie Hgel begrenzten in nicht zu
groer Weite das ansteigende Tal.
    Caspar war es beim Hinschauen recht jmmerlich zumute; er dachte gewisser
Vorstellungen von ehedem, die jetzt keinen Bezug mehr hatten: eine Fahrt mit
weitgestecktem Ziel; die Strae luft frhlich dem Wagen voran; Wolken teilen
sich beim Nherkommen; Berge treten gefllig zur Seite; die Luft schwirrt vom
Gesang der Fremde; Wlder und Wiesen, Drfer und Stdtchen hpfen im besonnten
Nebel vorber, und unter dem schlieenden Ring des Himmels strmt Welt auf Welt
hervor.
    Es war nicht mehr an dem.
    Unten im Wohnzimmer dunsteten die frischgefegten Dielen noch von
Feuchtigkeit. Quandt setzte dem Lord die wichtigsten Punkte seines Programms
auseinander. Bisweilen schaute er Caspar dabei an, und sein Blick war dann
durchdringend wie bei einem Schtzen, der das Ziel fixiert, ehe er die Flinte
anlegt.
    Stanhope sagte, er schtze sich glcklich, da Caspar endlich Aussicht auf
eine geregelte Bildung habe, alles bisherige sei ja nur Willkr und Ungefhr
gewesen. Wenn der Herr Staatsrat nicht so fest darauf bestanden htte, da
Caspar in Ansbach bleibe, dies sollte offenbar eine Erklrung gegen den still
zuhrenden Jngling sein, wren sie ohne Zweifel heute schon in England oder
doch auf dem Weg dahin. Da ich ihn aber in so guten Hnden wei, fgte er
hinzu, bin ich nichtsdestoweniger froh; man sieht daraus, da auch ein
unerwnschter Zwang oft die ersprielichsten Folgen hat.
    Seine Worte waren trocken; es war, als rede sein Hut oder sein Stock. Das
Kompliment, das sie enthielten war schal, oft gebraucht wie Splwasser. Aber fr
Quandt waren sie eine Herzenserquickung. Er belebte sich zusehends und meinte
eifrig, es sei am geratensten, wenn Caspar noch heute einziehe. Stanhope schaute
Caspar fragend an; dieser senkte den Kopf, worauf sich der Lord zu einem
nachsichtigen Lcheln zwang. Wir wollen nichts berstrzen, sagte er. Ich
lasse morgen frh das Gepck herschaffen, heute soll er noch bei mir bleiben.
    Es war dunkel geworden, als beide das Haus verlieen. Quandt begleitete sie
bis auf die Strae. Zurckkehrend schlo er ganz leise und langsam die Tr, wie
er immer zu tun pflegte, dann stellte er sich in die Mitte des Zimmers, legte
beide Hnde flach gegen die Brust und schttelte mindestens eine Viertelminute
lang in lautlosem Erstaunen den Kopf.
    Warum schttelst du denn so den Kopf? fragte Frau Quandt.
    Ich begreife nicht, ich begreife nicht, antwortete der Lehrer bekmmert
und schlich herum, als suche er etwas auf dem Boden. Was begreifst du denn
wieder nicht? fragte die Frau verdrielich.
    Quandt zog einen Stuhl herbei, setzte sich neben seine Gattin und schaute
sie aus seinen blassen Augen fest an, bevor er fortfuhr: Hast du vielleicht
etwas Wunderbares an dem Menschen bemerkt? Sprich dich nur aus, liebe Jette,
hast du etwas, irgend etwas Auergewhnliches bemerkt, irgendetwas, das ihn von
einem andern Menschen unterscheidet?
    Frau Quandt lachte. Ich habe nur bemerkt, da er nicht besonders hflich
war und da er seidene Strmpfe trgt wie ein Marquis, entgegnete sie
leichthin.
    Ja, nicht wahr? nicht besonders hflich, wie? und seidene Strmpfe, ganz
recht, sagte Quandt mit sonderbarer Hast, als sei er einer Entdeckung auf der
Spur. Na, die seidenen Strmpfe werden wir ihm schon abgewhnen und das
Modewestchen auch; dergleichen schickt sich nicht fr unser einfaches Haus, Aber
ich frage dich: verstehst du die Menschen? verstehst du die Welt? Davon hrt man
nun seit Jahren als von einem noch nie dagewesenen Wunder reden! Dafr erhitzen
sich geistreiche Mnner, Mnner von Geschmack, von Welt, von Kenntnissen; ist es
zu fassen? Gibt es denn keinen, der mit seinen eignen, ihm von Gott eingesetzten
Augen sehen kann? Ist es zu fassen?
    Mittlerweile waren Caspar und der Lord zum Gasthof zurckgekehrt, Stanhope
war nicht gerade rosig gestimmt. Die Schweigsamkeit seines Begleiters erboste
ihn; es war ihm, als werde hinter einem Vorhang eine Pistole gegen ihn
gerichtet.
    Er war unruhig, fhlte sich in die Enge getrieben. Es gibt einen Punkt, wo
die Schicksale sich wie auf einem schmalen Pfad zwischen Abgrnden begegnen und
wo es zum Austrag kommen mu. Da stellen sich Worte ungerufen ein; die Dmonen
erheben sich aus dem Schlummer.
    Stanhope schellte dem Diener, lie die Lichter anznden und Holz ins
Kaminfeuer legen. Gleich darauf wurde der Hofrat Hofmann gemeldet; der Lord
sagte, er sei nicht zu sprechen, gab auch Befehl, niemand mehr vorzulassen. Er
machte sich unter seinen Papieren zu schaffen und fragte dabei Caspar: Wie
haben dir die Lehrersleute gefallen?
    Caspar wute nicht recht, wie, und gab eine unbestimmte Antwort. In Wahrheit
wute er berhaupt gar nicht mehr, wie Herr Quandt oder dessen Frau oder das
Haus aussahen. Er erinnerte sich blo, da Frau Quandt ihren Kaffee aus der
Untertasse getrunken und den Zucker dazu abgebissen hatte, was ihm sehr albern
erschienen war.
    Pltzlich kehrte sich Stanhope um und fragte mit der Miene eines Menschen,
der die Geduld verliert: Also, was ist es mit dem Ring? Was wolltest du damit
sagen?
    Caspar antwortete nicht; in traurigem Trotz schaute er ins Leere. Stanhope
nherte sich ihm, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Schulter und sagte
scharf: Sprich; sonst wehe dir!
    Mir ist schon weh genug, entgegnete Caspar eintnig, und sein Blick glitt
von der Gestalt des Grafen wie von etwas Schlpfrigem hinweg auf die dunkelrote
Tapete, auf welcher das Kaminfeuer Schatten malte.
    Was htte er sagen sollen? War doch sein Gefhl fast ungemindert gegen den,
der ihm den Weg gewiesen, der zum erstenmal wie ein Mensch zu ihm geredet.
Sollte er von der furchtbaren Nacht im Tucherschen Haus erzhlen, wo er
gesessen, die Fuste in der Brust, das Herz zerrieben, einsam und der Welt
beraubt? Wie er angefangen hatte zu suchen, wie er die Zeit aufgegraben,
gleichwie man im Garten Erde aufgrbt, wie es Tag geworden und er enteilt war,
wie er Kinder gesehen, den Flu gesehen, an einem Baume gekniet, alles wie nie
zuvor, alles anders, er selbst verwandelt, mit neuen Augen, von Unwissenheit
erlst ... Unmglich, solches mitzuteilen; dafr gab es keine Worte.
    Er fuhr fort, ins Leere zu starren, indes Stanhope, die Hnde auf dem
Rcken, auf und ab wanderte und widerwillig, hastig, stoweise zu reden begann.
Willst du mich etwa anklagen? Soll ich mich rechtfertigen? Goddam, ich habe fr
dich gekmpft wie fr mein eigen Fleisch und Blut, Vermgen und Ehre zum Pfand
gesetzt, keine Demtigung gescheut, mich unter Pbelvolk und Pedanten
herumgeschlagen, was denn noch? Wer das Unmgliche von mir verlangt, ist mir
nicht wohlgesinnt. Noch ist nicht aller Tage Abend, das Garn ist noch nicht
abgewickelt, ich stelle noch immer meinen Mann, aber ich mu mir verbitten, da
du mich wie den Aussteller eines Schuldscheins beim Buchstaben packst und meine
schne Freiwilligkeit unter moralischen Druck setzest. Wenn du von mir forderst,
anstatt das Gewhrte dankbar zu erkennen, dann sind wir geschiedene Leute.
    Was er doch alles spricht, dachte Caspar, der kaum zu folgen vermochte.
    Der nchste Gedanke Stanhopes war, Caspar habe vielleicht eine geheime
Verbindung und von daher Lehre und Ermunterung empfangen, denn er sah wohl, und
mit Angst nahm er es wahr, da er nicht mehr das willenlose Geschpf von ehedem
vor sich hatte. Aber auf seine rauh zufahrende Frage machte Caspar ein so
verwundertes Gesicht, da er den Argwohn sogleich fallen lie. Caspar legte die
Hnde flach zusammen und sagte nun in seiner um Deutlichkeit bemhten Weise, er
habe Stanhope nicht krnken wollen, auch mit dem Ring nicht; es sei nur etwas
geschehen, was die Geschichten betreffe; man habe ihm immer Geschichten erzhlt,
Geschichten von ihm selbst, er habe zugehrt und doch nicht ordentlich
verstanden. Es sei wie mit dem Holzpferdchen gewesen, mit dem er in seinem
Kerker geredet und gespielt und das doch nichts Lebendiges gewesen sei. Aber
jetzt, fgte er stockend hinzu, jetzt ist das Holzpferdchen lebendig
geworden.
    Stanhope warf den Kopf zurck. Wie? was denn? rief er schnell und
furchtsam, sprich deutlich. Er nahm die Lorgnette und schaute Caspar
stirnrunzelnd durch die Glser an, eine Gebrde, die Hochmut ausdrcken sollte,
aber im Grunde nur Verlegenheit war.
    Ja, das Holzpferdchen ist lebendig geworden, wiederholte Caspar
bedeutungsvoll.
    Ohne Zweifel glaubte er mit diesem kindlichen Sinnbild alles dargelegt zu
haben, was ihm das entschleierte Antlitz der Vergangenheit verraten hatte. Er
mochte die Gewalten ahnen, die sein Schicksal geformt hatten, und jedenfalls
begriff er das Wirkliche, das schwer von Grnden Wirkliche seiner langen
Gefangenschaft, die ihn, auerhalb der Gesetze, bis ber das Jnglingsalter
hinauszum Zustand eines Halbtiers verurteilt hatte. Es mochte ihm klar geworden
sein, da es sich dabei um eine Sache handelte, der in den Augen der Menschen
ein hoher, ja der hchste Wert zukam; da sein Anrecht auf diese Sache
ungeschmlert fortbestand und da, wenn er nur hinginge, um zu zeigen, da er
lebe, um zu sagen, da er wisse, aller Widerstand und Willkr zu Ende sei und er
besitzen durfte, wessen er freventlich beraubt.
    Das war es etwa, aber es war noch mehr. Und es fgte sich, da der Lord
selbst, in Angst fr sich, fr seine Auftraggeber, fr die Zukunft, fr das
ganze Gebude, an dem er mitgezimmert und von dem er, wenn es zusammenbrach,
vielleicht mit zerschmetterten Gliedern in eine bodenlose Tiefe strzen mute,
da er selbst das Wort fand und aussprach, welches dies andre, Grere,
Unsagbare fr Caspar zauberhaft und schrecklich erleuchtete.
    Beinahe fhlte sich Stanhope besiegt, und er hatte nur noch wenig Lust,
gegen eine Macht zu kmpfen, die gleichsam aus dem Nichts entstanden war und wie
der Ifrid aus Salomons Wunderflasche den ganzen Himmel verfinsterte. Ich war zu
gromtig, dachte er; ich war zu lau; Wankelmut trgt die eigne Haut zu Markt;
lt man die Trumer aufwachen, so greifen sie nach den Zgeln und machen die
Rosse scheu; das se Zeug schmeckt nicht lnger, nun gilt es Salz in den Brei
zu tun.
    Er setzte sich an den Tisch, Caspar gegenber, und indem er beim Sprechen
kaum die Zhne voneinander entfernte und fortwhrend dster und blicklos
lchelte, sagte er: Ich glaube dich zu verstehen. Man kann es dir nicht
verbeln, da du Schlsse aus meinen, wie ich bekennen mu, ein wenig
unvorsichtigen Erzhlungen gezogen hast. Ich werde in diesem Augenblick sogar
noch weiter gehen und dir an Deutlichkeit nichts zu wnschen briglassen. Ich
will dein lebendig gewordenes Holzpferdchen aufzumen, und wenn du dann Lust
hast, kannst du es meinetwegen reiten. Ich habe dich nicht getuscht: du bist
durch deine Abkunft den mchtigsten unter den Frsten ebenbrtig, du bist das
Opfer der scheulichsten Kabale, die Satans Bosheit je ersonnen hat; httest du
keine andre Instanz zu frchten als die der Tugend und des moralischen Rechts,
dann sest du nicht hier, und ich wre nicht gezwungen, dich so zu warnen, wie
ich es jetzt tue. Denn merk auf. So gegrndet deine Ansprche, deine Hoffnungen
sind, so verderblich mssen sie dir werden, sobald sie dich nur den ersten
Schritt zum vorgefaten Ziele lenken. Die erste Handlung, das erste Wort
besiegelt unabnderlich deinen Tod. Du wirst vernichtet sein, eh du noch den
Finger ausgestreckt hast, um zu nehmen, was dir gebhrt. Vielleicht kommt eine
Stunde, morgen oder in einem Monat oder in einem Jahr, wo du an der
Aufrichtigkeit dessen, was ich dir sage, zweifeln knntest; nun, so beschwre
ich dich: glaube mir! La deine Lippen siebenfach vernietet sein. Frchte die
Luft und den Schlaf, da sie dich nicht verraten. Mglich, da einst der Tag
kommt, an dem du sein darfst, was du bist, aber bis dahin halte still, wenn dir
dein Leben lieb ist, und la dein Holzpferdchen hbsch im Stall.
    Langsam hatte sich Caspar erhoben. Ein bergewaltiger Schrecken donnerte,
vielgestaltig wie die Blcke eines Felssturzes, um ihn her. Um seine Gedanken
anderswo hinzulenken, betrachtete er mit einer an Wahnsinn grenzenden
Aufmerksamkeit die leblosen Gegenstnde: Tisch, Schrank und Sthle, den
Leuchter, die Gipsfiguren am Kamin, den krummgebogenen Schrhaken. War ihm dies
alles neu oder nur unerwartet? Keineswegs. Es hatte, wie giftige Luft, schon
lange um ihn her gebrtet. Aber ein andres das bloe Ahnen und Spren und ein
andres das zermalmende Wissen.
    Auch Stanhope war aufgestanden; er trat nahe vor Caspar hin und fuhr mit
eigentmlich nselnder Stimme fort: Es hilft nichts; in diesem Zeichen bist du
eben geboren; in diesem Zeichen hat dich deine Mutter geboren. Das ist das Blut.
Es richtet dich und rechtfertigt dich; es ist dein Fhrer und dein Verfhrer.
    Und nach einer Weile: La uns nun schlafen gehen, es ist spt. Morgen frh
wollen wir in die Kirche und beten. Vielleicht schickt uns Gott eine
Erleuchtung.
    Caspar schien nicht zu hren. Blut! das war das Wort. Das war die Kraft, die
alle Poren seines Wesens durchdrang. Schrie nicht sein Blut aus ihm, und von
fernher wurde der Schrei erwidert? Blut trug aller Erscheinungen Grund,
verborgen, wie es war, in Adern, im Gestein, in Blttern und im Licht. Liebte er
sich nicht in seinem Blut, sprte er nicht die eigne Seele wie einen Spiegel aus
Blut, in dem er sich ruhend beschauen konnte? Wieviel Menschen in der Welt, so
nahe beieinander, so reich bewegt, so fremd und stumm, und alle durch einen
Strom von Blut wandelnd, und sein Blut doch besonders rauschend, ein besonderes
Ding, in einsamem Bette flieend, voll von Geheimnissen, unbekannter Schicksale
voll!
    Auch als er den Blick wieder gegen den Grafen kehrte, war es, als wandle der
durch Blut, eine Vorstellung, die freilich durch die scharlachfarbene Tapete
begnstigt, wenn nicht erzeugt wurde. Wenn man die Kerzen verlscht, dachte
Caspar, wird alles tot sein, das Blut und die Worte, er und ich; ich will nicht
schlafen diese Nacht, nicht sterben. Ja, Caspar htte, was sein Mund geredet,
gern wieder in sich hineingeschluckt, in jenen Kerker des Leibes gesperrt, der
Schweigen hie. Gehorsam sein, unwissend sein, unglcklich sein, Schande und
Schimpf ertragen, die Stimme des Blutes ersticken, nur nicht sterben mssen, nur
leben, leben, leben. Ei, man wird sich frchten, man wird feig sein wie eine
Maus, man wird Tren und Fenster verriegeln, man wird die Trume vergessen, den
Freund vergessen, man wird sich klein machen, man wird das Holzpferdchen
vergraben, aber man wird leben, leben, leben ...
    Der Lord wnschte, da Caspar nicht in seiner Mansarde, sondern hier unten
nchtige. Er befahl dem Aufwrter, ein Bett auf dem Sofa zu richten. Indes
Caspar sich entkleidete, ging er hinaus, kam jedoch nach einiger Zeit wieder,
berzeugte sich, da der Jngling ruhig lag, und verlschte die Lichter. Die
Verbindungstr zu seinem Zimmer lie er offenstehen.
    Ungeachtet seines Vorsatzes schlief Caspar bald ein und nahm sein
aufgewhltes Gemt in den Schlummer hinber. Er mochte vier bis fnf Stunden
geschlafen haben, als sich sein bleiernes Daliegen in ein ruheloses Herumwlzen
verwandelte. Pltzlich erwachte er mit einem tiefen Seufzer und starrte
brennenden Auges in die Finsternis. An den Fensterscheiben war ein Kribbeln und
Tasten, das von den anprallenden Schneeflocken herrhrte und dem leisen Pochen
einer Hand hnlich war. Aus dem Nebenraum hrte er die gleichmigen Atemzge
des schlafenden Stanhope; hchst befremdlich klang dies Atmen des andern
Menschen in der Nacht, wie ein drohendes Geflster: hte dich, hte dich.
    Er ertrug es nicht mehr im Bett. Es war, als sei ihm der Krper mit tausend
Fden umschnrt, und als er aufstand, geschah es nur, weil er sich vergewissern
wollte, ob er sich noch frei bewegen knne. Er schlug die Wolldecke um die
Schultern und trat barfig ans Fenster.
    Das ganze groe All war angefllt mit den gesprochenen Worten, die wie rote
Beeren in der Dunkelheit hingen. berall Gefahr; blo zu denken, war schon
Gefahr; jeder Anhauch aus fremdem Munde Gefahr.
    Er fing an zu zittern. Die Knie saen loser in den Gelenken, es war ihm so
leicht und schwer zugleich; sein Nachdenken hatte eine andre, nhere Folge, auch
alle Gegenstnde waren nher, und das Ganze der Erde und des Himmels, Wolken,
Wind und Nacht hatten etwas eingebt, etwas unbegreiflich Flchtiges und
Wandelbares. Alles ist nun so wunderlich wahr. Caspar hlt die Scherben eines
kostbaren Gefes in der Hand, und seine Phantasie will nicht einmal die schne
Form, wie sie gewesen, zurckgestalten.
    Unten auf der Gasse geht lautlos der Nachtwchter. Der zuckende Schein
seiner Laterne vergoldet den Schnee. Caspar folgt ihm mit den Blicken, denn es
ist, als ob der Mann in irgendeinem unerklrlichen Zusammenhang mit seinem
Schicksal stehe. Sie wandeln miteinander ber ein verschneites Feld, jener fragt
Caspar, ob ihn friere, und wirft ihm einen Teil seines Mantels um die Schultern,
so da sie beide unter derselben Hlle gehen. Auf einmal gewahrt Caspar, da es
kein Mnnergesicht ist, das sich so mild erbarmend zu ihm kehrt, sondern das
schne, traurige Gesicht einer Frau. Es enthalten diese Trauer und diese
Schnheit etwas Redendes, und da sie zusammen unter demselben Mantel wandern,
hat den allertiefsten Sinn, etwas, das mit Qual und Freuden eines ist und vom
Anfang der Dinge stammt.
    Da tnte das ungeheure Wort des Grafen neuschallend in die Nacht: In diesem
Zeichen hat dich deine Mutter geboren.
    Dich geboren! Welcher Laut! Was war darin beschlossen! Caspar legte beide
Hnde vors Gesicht; ihm schwindelte.
    Da hrte er ein Gerusch von Schritten. Jh drehte er sich um, es war ein
Emportauchen aus finsterer Flut; der Graf stand im Schlafrock vor ihm.
Wahrscheinlich hatte Caspars nchtliches Wachsein ihn aufgeweckt, er hatte einen
leisen Schlummer.
    Was treibst du? fragte Stanhope mrrisch.
    Caspar machte einen Schritt auf ihn zu und sagte dringlich, atemlos, drohend
und flehend: Fhr mich zu ihr, Heinrich! Einmal la mich die Mutter sehen, nur
einmal, nur sehen; nicht jetzt, spter vielleicht. Einmal, nur einmal! Nur
sehen! Nur einmal!
    Stanhope wich zurck. Dieser Aufschrei hatte etwas berirdisches. Geduld,
murmelte er, Geduld.
    Geduld? Wie lange noch? Hab schon lange Geduld.
    Ich verspreche dir -
    Du versprichst es, aber wie soll ich glauben?
    Setzen wir die Frist eines Jahres fest.
    Ein Jahr ist lang.
    Lang und kurz. Ein kleines, kurzes Jahr und dann -
    Dann -?
    Dann will ich wiederkommen -
    Und mich holen?
    Dich holen.
    Gelobst du das? Caspar heftete einen suchenden und wie ein mattes
Flmmchen erlschenden Blick auf den Grafen. Da der Widerschein des Schnees die
Nacht erhellte, konnte jeder des andern Zge deutlich unterscheiden.
    Ich gelob es.
    Du gelobst es, aber wie kann ichs wissen?
    Stanhope geriet in eine sonderbare Bedrngnis; dies Gegenberstehen zu
solcher Stunde, die immer herrischer, strmischer werdenden Fragen des Jnglings
wirkten wie Gespensterschauer auf seine Einbildungskraft. Rei mich aus deinem
Herzen aus, wenn es nicht geschieht, murmelte er dumpf; er mute in diesem
Augenblick lebhaft des Mannes gedenken, der vom Teufel lebendigen Leibes in den
feuerspeienden Vesuv geschleudert wurde.
    Und Caspar darauf: Was kann mir das ntzen? Sag mir den Namen, sag mir
ihren Namen, sag mir meinen Namen.
    Nein! niemals! niemals! Aber glaube mir nur. Es wacht ein Gott ber dir,
Caspar. Es kann dir nichts versagt sein, denn du hast die Kaufsumme fr das
Glck zum voraus entrichtet, die wir andern tglich in kleiner Mnze bezahlen
mssen. Und bezahlt mu werden, alles mu bezahlt werden, das ist der Sinn des
Lebens.
    Du versprichst also, in einem Jahr wieder dazusein?
    In einem Jahr.
    Caspar bohrte die Finger in Stanhopes Hand und richtete einen tiefen,
seltsam seelenhaften, seltsam stolzen Blick auf den Lord, der seinerseits die
Augen senkte, whrend sein Gesicht steinalt aussah. Als er in sein Zimmer
zurckging, begann er pltzlich leise plappernd das Vaterunser zu beten.
    Erst gegen Morgen entschlief er wieder. Als er sich mittags erhob, war
Caspar lngst auf; er sa am Fenster und schien die Eisblumen zu studieren.
    Um ein Uhr verlie er mit ihm das Hotel. Arm in Arm, ein Schaugeprnge fr
die Einwohnerschaft, spazierten sie ber den hochliegenden Schnee durch das
Herrieder Tor zum Markt. Dort war eine groe Versammlung von Bauern und
Hndlern. Vor dem Portal der Gumbertuskirche blieb Stanhope stehen und forderte
Caspar auf, mit hineinzugehen. Caspar zgerte, folgte jedoch dem Grafen in den
hohen, schmucklosen, von schwarzem Geblk berdachten Raum.
    Mit raschen Schritten eilte Stanhope zum Altar, warf sich mit den Knien auf
die steinernen Stufen, beugte die Stirn herab und verblieb so in vollkommener
Unbeweglichkeit.
    Caspar, peinlich berhrt, schaute sich unwillkrlich um, ob niemand Zeuge
dieser demtigen Handlung sei. Aber die Kirche war leer. Warum krppelt er sich
so zusammen, dachte er verstimmt, Gott kann doch nicht im Boden drinnen sein.
Allmhlich ward ihm bange; das Schweigen des riesigen Raumes strmte bis in
seine Brust. Und wie er nun in die Hhe blickte, sah er oben, durch ein
geffnetes Bogenfenster, wie die Sonne mit Macht die winterlichen Nebel zu
gewltigen suchte. Da rtete sich sein blliches Gesicht zu schchterner
Freude, und das Schweigen in seiner Brust wandelte sich zu einer hinaufziehenden
Verehrung.
    O Sonne, sagte er halblaut und mit einfltiger Inbrunst, mach doch, da
alles nicht so ist, wie es ist. Mach es doch anders, Sonne. Du weit ja, wie es
ist; du weit ja, wer ich bin. Scheine nur, Sonne, da meine Augen dich immer
sehen knnen, immer wollen dich meine Augen sehen.
    Indem er so sprach, flutete eine goldene Lichtwelle bis auf die
kreidigweien Fliesen, und Caspar, sehr zufrieden, meinte, die Sonne htte ihm
damit auf ihre Weise eine Antwort erteilt.

Man erfhrt einiges ber Herrn Quandt sowie ber eine vorlufig noch ungenannte
                                      Dame


Die bersiedlung Caspars ins Lehrerhaus fand ohne Zwischenflle statt.
    Nun wohlan denn, sagte Quandt whrend der ersten gemeinsamen Mahlzeit, als
die Suppenschssel aufgetragen wurde, jetzt beginnt fr Sie ein neues Leben,
Hauser. Hoffentlich ist es ein Leben der Gottesfurcht und des Fleies. Wenn wir
uns lobenswert bettigen und in unsern Gedanken nicht den Schpfer aller Dinge
vergessen, wird unser irdisches Bemhen stets von Erfolg gekrnt sein.
    Nach Tisch mute Quandt zur Schule, und als er um vier Uhr zurckkam,
erkundigte er sich beflissen, was Caspar die Zeit ber getrieben habe. Seine
Frau konnte ihm nur ungengenden Bescheid geben, und er tadelte sie deshalb.
Wir mssen aufpassen, liebe Jette, sagte er, wir mssen die Augen offen
halten.
    In der Tat, Quandt pate auf. Wie ein emsiger Buchhalter legte er in seinem
Innern ein Konto an, um alle Worte und Handlungen seines Pflegebefohlenen zu
verzeichnen. Bei dieser umsichtigen Geschftsfhrung stellte es sich bald
heraus, da Soll und Haben einander nicht die Wage hielten, da die Schuldseite
nach und nach bedenklich berlastet wurde. Das betrbte den Lehrer aufrichtig;
jedoch gab es ein geheimes Winkelchen in seiner Brust, worin er sich dessen
freute.
    Es war nmlich mit diesem Manne derart beschaffen, da er in einer
merkwrdigen Zweiheit existierte. Der eine Teil war die ffentliche Person, der
Brger, der Steuerzahler, der Kollege, das Familienhaupt, der Patriot; der andre
Teil war sozusagen der Quandt an sich. Jener war ein Heros der Tugend, eine
wahre Mustersammlung von Tugenden; dieser lag versteckt in einer stillen Ecke
und belauerte die liebe Gotteswelt. Die ffentliche Person, der Brger, der
Patriot nahm herzlichen Anteil an den allgemeinen Angelegenheiten, wohingegen
der Quandt an sich vergngt die Hnde rieb, wenn irgendwo irgendwas passierte:
sei es nun ein unerwarteter Todesfall oder nur ein Beinbruch oder die
Kaltstellung eines verdienten Beamten oder ein Diebstahl bei einer Vereinskassa
oder ein Radschaden an der Postkutsche oder eine kleine Feuersbrunst beim
reichen Bauern Soundso oder die skandalse Heirat der Grfin Ypsilon mit ihrem
Stallburschen. So unverbrchlich der Steuerzahler, das Familienhaupt, der
Kollege seinen Pflichten nachkam, der Quandt an sich hatte etwas von einem
Revolutionr und war immer auf dem Posten, um der Weltregierung auf die Finger
zu schauen, und stets besorgt, da keinem mehr Ehre geschah, als er nach genauer
Bilanz ber seine Verdienste und Mngel, seine Vorzge und Laster fglich
beanspruchen durfte. Der ffentliche Quandt schien zufrieden mit seinem Los, der
geheime fand sich allerorten und zu jeder Zeit zurckgesetzt, beleidigt, vor den
Kopf gestoen und in seinen vornehmsten Rechten gekrnkt.
    Nun sollte man denken, mit zwei so verschieden gesinnten Kostgngern unter
einem Dach sei schwer zu wirtschaften. Nichtsdestoweniger kamen die beiden
Quandts trefflich nebeneinander aus. Freilich, der Neid ist ein boshaftes Tier;
er durchlcherte manchmal die Scheidewand zwischen den zwei Seelen, und wie oft
der strkste Damm nicht gengt, um eine verheerende berschwemmung zu
verhindern, so brach eben dieser Neid bisweilen ein in die reinlichen,
fruchtbaren und wohlbestellten Gefilde des Gottes-und Menschenfreundes Quandt.
    Und was gab es doch nicht alles in der Welt, worber das tckische Untier
sich gefrig hermachen konnte! Da hatte einer einen Orden bekommen, der das
ganze Leben lang hinterm Ofen hockte und Maulaffen feilhielt; dort hatte ein
andrer zehntausend Taler geerbt, der schon ohnehin die Woche zweimal Pasteten a
und Moselwein trank; da wurde ein Name lobend in der Zeitung erwhnt, ohne da
man erforschen konnte, ob ihm eine solche Auszeichnung von Rechts wegen zukam;
dort hatte ein Ichweinichtwer eine Entdeckung gemacht, auf die man, htte man
sich zufllig mit dem Gegenstand beschftigt, leichterdings auch htte verfallen
knnen. Warum denn der? Warum nicht ich? murrte dann der heimlich aufrhrerische
Quandt. Es war ein bestndiger und unsichtbarer Zweikampf mit dem Schicksal
unter der Parole: Warum der andre, warum nicht ich?
    Vielleicht litt der gute Quandt unter seiner Abstammung; sein Vater war
Pastor gewesen, mtterlicherseits kam er von Bauern her. Er besa viel vom
Bauern und vom Pastor: sein sehr irdisches Streben war rundherum mit Theologie
behangen. Dabei war der Bauer dem Pastor bestndig im Wege, denn wo htte man je
gehrt, da ein auf Religion und Friedfertigkeit gestimmtes Gemt rachschtig,
mignstig und ehrgeizig gewesen wre? Die Wahrheit liebte Quandt ber alles; er
sagte es, er beteuerte es und es war auch so. Nichts war ihm offenbar genug;
nirgends stimmte die Rechnung; berall hatten die Menschen eine falsche Addition
gemacht oder den Kasus verwechselt. Er sagte und beteuerte, da er niemals in
seinem Leben gelogen hatte. Ein bewundernswerter Fall; und wirklich stand es
fest und war nachzuweisen, da er mit dem einzigen Busenfreund, den er je
besessen, einem Schulamtskandidaten in Tauberbischofsheim, deshalb fr immer
gebrochen hatte, weil er ihm auf eine Lge gekommen war.
    Wie ratlos mute nun Caspar einer so ernsten Wachsamkeit, einer solchen
Vereinigung von seltenen und vorbildlichen Eigenschaften, wie sie der bessere
Teil des Lehrers bot, gegenberstehen. Wir, der Leser und ich, haben darin
leichtes Spiel, uns kann man nicht betrgen, uns sind die Kleiderfalten offen
und die Haut ber dem Herzen ist uns durchsichtig; wir weilen auf einer hheren
Warte, wir sind Seher und Humoristen; wir verfolgen Herrn Quandt, wenn er in
einen Krmerladen tritt, mit hflicher Gemessenheit ein halbes Pfund Kse
verlangt und dabei mit unruhig-eifrigen Augen die Einkufe seiner Nebenmenschen,
gleichviel ob es Kchinnen oder Generale sind, in seinem Innern notiert; wir
hren ihn, wenn er mit dem Oberinspektor Kakelberg spricht und sich mit Schmerz
ber die zunehmende Verlotterung der Schuljugend beklagt; wir sehen ihn jeden
Sonntagmorgen gebrstet, frisiert, gewaschen zum Gottesdienst eilen und mit
Bescheidenheit sein Gebetbchlein aufschlagen; wir wissen, da er respektvoll
gegen Hhere und unnachsichtig gegen Geringere ist, denn sein Pflichtbewutsein
nach beiden Seiten unterliegt keinem Zweifel. Aber wir wissen auch, da er jeden
Abend vor dem Schlafengehen im Nachthemd auf der Kante seines Bettes sitzt und
sich mit dsterer Miene erinnert, da ihn der Regierungsrat Hermann heute
ziemlich nachlssig gegrt hat; mit Bedauern nehmen wir von der Tatsache
Kenntnis, da er seine Schler, selbstverstndlich nur die faulen und
strrischen, mit einem sorgsam getrockneten spanischen Rohrstock empfindlich zu
zchtigen pflegt, und leider drfen wir nicht verhehlen, da er seine gutmtige
Frau nicht immer so zart und rcksichtsvoll behandelt, wie es vor Fremden
geschieht, die nach ihren Beobachtungen ohne weiteres der Ansicht sind, da
diese Ehe als das leuchtende Beispiel eines guten Einvernehmens zwischen Gatten
zu betrachten sei.
    So war fr Caspar, der den Vorteil unsrer Allwissenheit und Allgegenwart
natrlich nicht geniet, Herr Quandt eine zwar dunkle und unfrohe, aber durchaus
imponierende Gestalt. Ein bichen Alpdruck sprte er jedesmal, wenn Quandt in
wunderlich forschendem Ton und mit unabgewandtem Blick zu ihm sprach. Er fhlte
sich anfangs bedrckt in dieser gar engen Huslichkeit, in der man fast nicht
einmal mit seinen Gedanken allein sein konnte, und der einzige Trost war, da
der Graf, der schon anfangs Dezember hatte reisen wollen, noch immer in der
Stadt war. Stanhope behauptete zwar, auf wichtige Briefe warten zu mssen, in
Wirklichkeit harrte er jedoch der Rckkehr des Prsidenten Feuerbach, da ihn das
Beginnen des Mannes, der Grund seines Fernseins beunruhigte wie den Wanderer ein
drohendes Gewitter.
    Auch Caspar hielt ihn, und das in eigner Weise. Er pflegte den Jngling
jeden Nachmittag fr eine oder anderthalb Stunden zum Spazierengehen abzuholen;
sie gingen dann gewhnlich den Weg zum Schloberg hinauf und gegen das
Bernadotter Tal, das in schner Abgeschiedenheit wie eine Vorhalle zu den
finster umschlieenden und weitgedehnten Wldern lag. Caspar empfand einen sehr
wohltuenden Einflu von der Bewegung in der kalten, meist frostklaren Luft.
    Ihre Gesprche strebten stets von einem unverbindend persnlichen Punkt aus
ins Allgemeine, wo das zu Sagende gefahrlos wurde und doch das Lehrhafte wie das
Erzhlende nicht den Reiz einer anmutenden Vertraulichkeit entbehrte. Es schien
dem ein bereinkommen zugrundezuliegen, ein Friedensschlu vor einer dumpf
gefhlten Wandlung, welche die vergangene Schnheit ihres Verhltnisses vollends
zerstren mute. So gingen sie dahin, anzusehen wie Freunde, in einer ihrem
Schicksalskreis fremden Region aufrichtig einander ergeben, den Unterschied der
Jahre und der Erfahrung ausgleichend durch ein williges Schenken von der einen
und ein nicht minder williges Empfangen von der andern Seite.
    Der Lord fand sich durch diese Form eines Verkehrs lebhaft angezogen, ja im
wahrsten Sinn ergriffen. Durfte er sich doch auch einmal wieder unbefangen
fhlen, ohne Joch, von keiner Peitsche zu ausbedungenem Ziel gezwungen; in sich
selber ruhend, betrachtsam und nicht ohne Wehmut berschauend, wie das Leben in
seiner Brust gehaust und was es dem zwecklos spielenden Geist briggelassen, der
ja das eigentliche Element ist, in welchem der Mensch den Menschen erkennt. Er
ging ber die Tiefen seines Daseins hin wie ber eine gebrechliche Brcke, die
der leichteste Windhauch in den Abgrund strzen kann.
    Am liebsten redete er ber Menschenlos und Menschendinge: erzhlte, wie der
begonnen, wie jener geendet, was diesen ins Unheil gestrzt und jenem zu Ansehen
verholfen; wie er einen im Glck gewahrt, an der Tafel des Knigs schwelgend,
und wie selbiger zwei Jahre spter in einer Dachkammer elend krepiert war.
Ungleich ging es zu auf Erden; in schwer erklimmbarer Hhe blhten die Blumen;
nichts sicher, nichts von Bestand, nirgends Verla. Gewisse Regeln durften nicht
unbeachtet bleiben, nach welchen das Wirken des einzelnen sich zu fgen hatte.
Stanhope erwhnte das Buch des Lord Chesterfield, eines Vorfahrs und
weitlufigen Verwandten, der in berhmten Briefen an seinen Sohn gar treffliche
Maximen gegeben hatte; ganze Seiten daraus wute er aus dem Gedchtnis
herzusagen. Derselbe Chesterfield habe, um den Ahnenstolz des Adels zu
verspotten, in seinem Schlo zwei Bilder aufhngen lassen, einen nackten Mann
und ein nacktes Weib, und darunter geschrieben: Adam Stanhope, Eva Stanhope.
    Der Graf gab seiner berraschung darber oft drastischen Ausdruck, einen wie
klugen Kopf er in Caspar bei aller Einfalt und Schweigsamkeit entdeckte: immer
zutreffend im Widerpart, durchaus weltlich gestimmt, in Frage und Antwort aus
erster Hand, das Gegenstzliche mhelos erfassend und phantasievoll verknpfend.
    Die Wandlung kam bald. Ein unbedeutender Anla fhrte sie herbei.
    Eines Tages, whrend der Rckkehr nach der Stadt, sprach sich Stanhope
darber aus, wie fruchtbar es fr die innere Haltung eines Menschen sei, wenn er
seine Erlebnisse nicht leichtsinnig vorberflieen lasse, sondern sie moralisch
zu ntzen suche, indem er durch schriftliche oder mndliche Mitteilung den Stoff
seines Nachdenkens bereichere. Caspar fragte, wie er das meine; statt der
Antwort stellte der Graf, den dieser Umstand lngst beunruhigte, die lauernde
Gegenfrage, ob Caspar noch ein Tagebuch fhre.
    Caspar bejahte.
    Und willst du mir nicht gelegentlich daraus vorlesen?
    Caspar erschrak, berlegte und antwortete zgernd, ja, er wolle es tun.
    So nehmen wir die gute Stunde wahr und machen uns gleich daran, sagte
Stanhope. Ich wnsche nur einen ungefhren Einblick zu erhalten und bin
neugierig, wie du so etwas anpackst.
    Zu Hause angelangt, begleitete der Lord Caspar auf dessen Zimmer und nahm,
der Erfllung des Versprechens gewrtig, auf dem Kanapee Platz. Im Ofen
prasselte Feuer; drauen herrschte seit dem Mittag starker Tauwind; es dmmerte
schon, die Hgel waren violett umschleiert.
    Caspar machte sich unter seinen Bchern zu schaffen, doch Minute auf Minute
verging, ohne da er sich im geringsten anschickte zu tun, was Stanhope
erwartete.
    Nun, Caspar, meldete sich endlich ungeduldig der Graf, ich bin bereit.
    Da gab sich Caspar einen Ruck und sagte, er knne nicht. Stanhope sah ihn
gro an; Caspar schlug die Augen nieder. Das Tagebuch sei unter vielen andern
Sachen versteckt, und es sei unbequem, es zu erreichen, murmelte er stockend.
    So so, versetzte der Lord und lachte fast lautlos durch die Nase. Wie
flink du in Ausflchten bist, Caspar; ich htte nicht geglaubt, da du so flink
in ... Ausflchten bist. Ei, sieh doch!
    In diesem Moment klopfte und scharrte es an der Tr, der Lord rief, und die
Gestalt Quandts schob sich langsam ins Zimmer. Er tat erstaunt, den Herrn Grafen
hier zu finden, und fragte, ob Seiner Lordschaft eine kleine Erfrischung
gefllig sei. Der Lord dankte stumm und heftete den Blick fortgesetzt auf
Caspar.
    Quandt merkte gleich, da da was auf der Pfanne brodelte. Er erkundigte
sich, ob Seine Herrlichkeit Anla habe, mit dem Hauser unzufrieden zu sein.
Stanhope entgegnete, er habe allerdings einigen Grund, sich zu rgern, und in
kurzen Worten teilte er dem Lehrer mit, worum es sich handle. Hierauf zu Caspar
gewandt, sagte er laut und markiert: Wenn es von vornherein nicht in deiner
Absicht lag, mir von deinen Intimitten Kenntnis zu geben, so httest du es
nicht versprechen drfen. Und wenn du dein Versprechen bereut hast, so durftest
du es schicklich wieder zurcknehmen. Aber statt dessen zu einer solchen, eine
beredte kleine Pause, Ausflucht zu greifen, das scheint mir deiner und meiner
nicht wrdig.
    Er erhob sich und verlie das Zimmer. Quandt folgte ihm. Unten im Flur blieb
Stanhope stehen und fragte den Lehrer kurz angebunden, ob er sich in der
verflossenen Zeit schon ein Urteil ber die Fhigkeiten und den guten Willen
Caspars gebildet habe.
    Eben wollte ich Eure Lordschaft ergebenst ersuchen, mir zur Besprechung
dieses Punktes eine Viertelstunde Gehr zu schenken, erwiderte Quandt. Er nahm
das llmpchen vom Nagel und bekomplimentierte den Lord in sein Studio. Indes
sich Stanhope in den Lederstuhl setzte, Bein auf Bein kreuzte und gelangweilt in
die Luft starrte, ramschte Quandt seine Notizbltter zusammen und sagte, er habe
den Hauser gleich vom ersten Tag an tchtig vorgenommen, ihm diktiert, ihn lesen
und rechnen lassen, die deutsche und lateinische Grammatik abgefragt, alles aus
dem Grbsten und nur des berblicks halber.
    Und das Ergebnis? fragte Stanhope, wobei die Langweile seine Nasenflgel
auseinanderdehnte.
    Das Ergebnis? Leider ziemlich trostlos, leider!
    Es mute ein Schmerz fr Herrn Quandt sein, denn in diesem leider lag ein
tiefgefhlter Ton. Es mute ein Schmerz fr ihn sein, da Caspars Handschrift so
viel zu wnschen brig lie. Er hat nichts Freies und Zgiges in seiner Hand,
und mit der Orthographie steht er auf gespanntem Fu߫, sagte er. Es mute ein
Schmerz fr Quandt sein, wenn ein Mensch den Dativ nicht in allen Fllen vom
Akkusativ unterscheiden konnte. Von der funktionellen Bedeutung des Konjunktivs
hat er nicht die geringste Vorstellung, sagte Quandt und fuhr fort: Im
sprachlichen Ausdruck scheint er nicht ungewandt, hier ragt er sogar ber seine
sonstige Bildungsstufe hinaus, und er kennt die Stze und ihre Verbindungen so
weit, da er den Punkt, das Kolon, das Anfhrungs-, Frage- und Ausrufungszeichen
genau und das sogar von Sprachforschern so verschieden in Anwendung gebrachte
Semikolon manchmal richtig zu setzen wei.
    Immerhin ein Lichtstrahl. Hingegen die Arithmetik, o weh! Er beherrscht die
vier Grundrechnungen in gleichbenannten Zahlen noch nicht mit Sicherheit. Eine
Null wird fr ihn bald da, bald dort zum unberwindlichen Hindernis, sagte
Quandt. Die Lehre von den Brchen, vom Kettensatz, von den einfachen und
zusammengesetzten Proportionen: ein hoffnungsloses Dunkel. Erstaunlicherweise
arbeitet er jedoch in diesen Dingen am willigsten, sagte Quandt.
    Wie erklren Sie sich das? erkundigte sich der Lord mit der Neugierde
eines Verschlafenen, den man an den Fen kitzelt.
    Ich erklre mir das so: Jedes Exempel stellt sich als ein fr sich
bestehendes Ganzes dar. Ein solches zu gestalten, dazu hat er immer Lust und
Verlangen, und es macht ihm Spa, wenn er es vollendet sieht. Was ihn aber lange
beschftigt, erregt sein Mibehagen und kann ihn sogar zu allerlei unwahren
Entschuldigungen veranlassen. Daher zeigt er sich auch verdrielich bis zum
Zorn, wenn er ein leichtes Exempel falsch gerechnet hat und den Fehler der
Oberflchlichkeit nicht finden kann.
    Weiter, weiter: Geschichte, Geographie, Malen, Zeichnen? Was die Geschichte
betreffe, so habe Quandt noch niemals und bei keinem Menschen eine hnliche
Gleichgltigkeit gefunden, sowohl gegen vaterlndische Begebenheiten wie gegen
welthistorische Fakta, gegen Monarchen, Staatsmnner, Schlachten, Umwlzungen,
Helden und Entdecker. Nur die Anekdote fesselt ihn, ein Geschichtlein, damit
kann man ihn kdern. Traurig! Und die Geographie? Auf der Erdkugel fhlt er
sich keineswegs zu Hause, sagte Quandt. Auch ist er oft zerstreut; er merkt
nicht auf. Die nrnbergische Schwrmerei ber sein wunderbares Gedchtnis ist
mir ein Rtsel, ein unsagbares Rtsel, Mylord.
    Mylord hatte genug. Vom Malen und Zeichnen wollte Mylord nichts mehr wissen;
er unterbrach den Lehrer, der Proben zeigen wollte, und warf ein, da ihm die
Ausbildung in diesen Nebenfchern zwar wnschenswert erscheine, da er aber kein
groes Gewicht darauf lege.
    Wnschenswert, jawohl, versetzte Quandt, und das Wnschenswerte sollte
doch gepflegt werden. Der Geist eines Menschen ist wie ein Zuchtgarten, in
welchem das Schne und das Ntzliche nebeneinander gedeihen drfen. Ich glaube,
der mchtigste Ansporn fr den Hauser ist seine Eitelkeit. Wenn man es versteht,
seine Eitelkeit zu befriedigen, kann man ihn zu allem haben. Noch eine Frage,
Mylord: haben Sie besondere Wnsche wegen des Religionsunterrichts? Ich habe
schon mit Herrn Pfarrer Fuhrmann gesprochen, der sich erboten hat, zweimal
wchentlich Caspar eine Stunde zu geben. Die Bibel habe ich selbst mit ihm
durchzunehmen begonnen.
    Stanhope hatte nichts dawider; er wollte aufbrechen, aber mit verlegenem
Stottern brachte Quandt jetzt das Quartiergeld aufs Tapet, seine Frau liege ihm
ber die zunehmende Teuerung am Hals. Der Lord, ganz Seigneur, bewilligte
kurzerhand einen Zuschu; es wurde vereinbart, da Caspar einen Mittagstisch fr
zwlf und einen Abendtisch fr acht Kreuzer erhalten solle.
    Um den blen Eindruck dieser Errterung zu verwischen, die ihn beschmte und
demtigte, uerte Quandt den Wunsch, Seiner Lordschaft nach deren Abreise
periodischen Bericht ber die Fortschritte Caspars zu senden. Stanhope, schon
vllig ergeben, stellte dies seinem Belieben anheim. Es wre ratsam, schlug
Quandt vor, Hausers Briefe an Eure Herrlichkeit zugleich als Stilbungen zu
betrachten. Ich knnte, ohne natrlich am Gedanken etwas zu verndern, die
Hauptfehler korrigieren und mit roter Tinte eine Zensur darunter schreiben. So
htten Sie immer ein Bild seiner derzeitigen Fhigkeiten.
    Stanhope fand diesen Gedanken unvergleichlich. Sie traten nun in den Flur,
Quandt trug wieder das llmpchen voran. Auf einmal prallte er zurck und hielt
das Lmpchen hoch. Am Stiegengelnder stand eine dunkle Gestalt. Es war Caspar.
    Aha, der hat gehorcht, fuhr es Quandt durch den Kopf. Er drehte sich um und
sah den Lord beziehungsvoll an.
    Caspar trat auf Stanhope zu und bat ihn mit bewegter Stimme, noch einmal auf
sein Zimmer zu kommen. Der Graf antwortete kalt, er habe wenig Zeit, Caspar mge
sein Anliegen hier vorbringen. Caspar schttelte den Kopf; der Lord dachte,
Caspar habe sich eines Bessern besonnen, er stellte sich, als ob es ihn
berwindung koste, dem Wunsch zu willfahren, dann ging er mit kleinen, wie
gezhlten Schritten die Stiege hinan. Quandt folgte unaufgefordert und blieb im
Zimmer oben als stumme Person neben der Tr stehen.
    Caspar sagte, er wolle dem Lord das Tagebuch gerne zeigen, aber dieser mge
ihm versprechen, nichts darin zu lesen.
    Der Lord verschrnkte die Arme ber der Brust. Dies wurde ihm denn doch zu
bunt. Aber er antwortete mit der Ruhe einer vollendeten Selbstbeherrschung: Du
kannst mir wohl glauben, da ich ohne deine Einwilligung nicht in deine
Privatangelegenheiten dringen werde.
    Caspar ffnete die Schublade des Kommodekstchens und hob den Zipfel eines
Seidentchleins, unter welchem das blaue Heft lag. Der Graf nherte sich und
blickte in wortloser Befremdung bald auf das Heft, bald auf Caspar. Was fr
eine kindische Zeremonie! stie er finster heraus. Ich hatte nicht die
geringste Begierde geuert, deinen papierenen Schatz zu sehen. Soviel ich wei,
wolltest du mir daraus vorlesen; mit Flunkereien bitte ich mich zu verschonen.
    Auch Quandt war nun herangekommen, und mit zweifelnden Blicken ma er das
mysterise Heft. Caspar schaute whrenddem, auch indes der Lord das Zimmer
schweigend verlie, mit einem chinesischschiefen, schiefbesinnenden Blick vor
sich hin, einem Blick der Versunkenheit und Jenseitigkeit, wie ihn manche Kpfe
auf sehr alten Bildern haben.
    Wenn ich meine unmagebliche Meinung uern darf, sagte Quandt, der den
Grafen zum Tor begleitete, so mu ich gestehen, ich glaube nicht an dieses
Tagebuch. Ich glaube nicht, da ein Charakter wie der des Hauser von sich selbst
aus den Antrieb findet, ein Tagebuch zu fhren. Ich kann mir nicht helfen,
Mylord, aber ich glaube nicht daran.
    Ja, denken Sie denn, da er uns da blo leeres Papier gezeigt hat?
versetzte Stanhope schroff.
    Das nicht, aber ...
    Was also?
    Je nun, man mu der Sache nachgehen, man mu sich damit beschftigen, man
mu sehen, was dahinter steckt.
    Stanhope zuckte die Achseln und ging. Er hatte gehofft, aus den
Aufzeichnungen des Jnglings mancherlei ber sich selbst zu hren; dies lockte;
er wute, da er dort auf einem hohen Postament stand und da er vergttert
worden war; es ist schn, vergttert zu werden, wie wenig hnlichkeit man auch
mit einem Gott haben mag, und wenngleich das Gtterbild vom Sockel gestrzt war,
um seine Trmmer mute noch eine reizende Romantik blhen. Dies lockte. An das
Verrterische des Bchleins dachte er nicht, wollte er nicht denken, damit
mochten sich die Schergen abfinden.
    Trotzdem begab er sich am nchsten Mittag ins Lehrerhaus, trat in Caspars
Zimmer und forderte kurz und streng von dem Jngling die Ablieferung der Briefe,
die er ihm whrend ihrer Trennung nach Nrnberg geschrieben. Caspar gehorchte
ohne zu fragen. Die Briefe, es waren nur drei, darunter der gefhrliche,
geschwtzige, den der Graf zu frchten hatte, lagen in einer besonderen Mappe in
einer Hlle von Goldpapier. Stanhope zhlte sie nach, steckte sie in die
Brusttasche und sagte dann etwas milderen Tons: Du holst mich heute abend um
acht Uhr vom Hotel ab. Wir sind aufs Schlchen zu Frau von Imhoff geladen. Zieh
dich gut an.
    Caspar nickte.
    Stanhope schritt zur Tr. Die Klinke in der Hand, drehte er sich noch einmal
um: Morgen reise ich. In der Krmmung seines Mundes lag berdru und Grauen.
Ihm graute pltzlich vor dieser Stadt und vor ihren Menschen, ihm graute vor
etwas, das er wie eine hllische Unholdfratze ber sich in der Luft hngen sah
und dem er durch die Geschwindigkeit seiner Pferde zu entrinnen hoffte. Den
Prsidenten zu erwarten hatte er aufgegeben, denn Feuerbach hatte seinem
Stellvertreter geschrieben, er kme erst nach Neujahr.
    Morgen schon? flsterte Caspar betrbt; und nach einer Pause fgte er
scheu hinzu: Was abgemacht ist, das gilt aber?
    Was abgemacht ist, das bleibt bestehen.
    Die Einladung der Imhoffs war zugleich eine Abschiedsfeier fr den Grafen.
Es waren gebeten: der Regierungsprsident Mieg, der Hofrat Hofmann, der Direktor
Wurm, Generalkommissr von Stichaner mit Frau und Tchtern und einige andre
Herrschaften; alle kamen in groer Gala. Man war sehr gespannt auf Caspars
erstes Erscheinen in der hiesigen Gesellschaft.
    Sein Auftreten enttuschte nicht. Wie feierte man ihn, bemhte man sich um
ihn; man sagte ihm Komplimente, die lcherlichsten Komplimente, lobte seine
kleinen Ohren und schmalen Hnde, fand, da ihm die Narbe auf der Stirn, die vom
Schlage des Vermummten herrhrte, interessant zu Gesicht stehe, bestaunte sein
Reden und sein Schweigen und whnte damit den Lord zu entzcken, der sich jedoch
ber eine gemessene Hflichkeit hinaus nicht verpflichtete und dem
berschwenglichen Wesen der Damen seinen verbindlichsten Sarkasmus
entgegensetzte.
    Nachdem die Tafel aufgehoben war, erschien der Kmmerling des Lords und
brachte ein Paket, welches in ungefhr einem Dutzend Exemplaren das in Kupfer
gestochene Portrt Stanhopes enthielt, worauf er in Pairstracht mit der
Grafenkrone dargestellt war. Er verteilte die Bilder an die lieben Ansbacher
Freunde, wie er mit bezauberndem Lcheln sagte.
    Das Kunstwerk erfuhr die lauteste Bewunderung, sowohl in bezug auf die
hnlichkeit wie auf die Ausfhrung; als jeder seinen Dank gezollt, kam das
Gesprch auf Bilder berhaupt, und es entstand eine Meinungsverschiedenheit
darber, ob man aus den Zgen eines Portrts auf die Charaktereigenschaften der
betreffenden Person schlieen knne. Der Hofrat Hofmann, als der negative Geist,
der er berhaupt war, bestritt es mit groer Lebhaftigkeit und mit Aufwand von
vielen Grnden; er sagte, jedes Bildnis gebe schlielich doch nur eine Essenz
der besten oder einschmeichelndsten oder am offensten sich darbietenden
Eigenschaften, es komme dem Maler oder Stecher nur darauf an, einen besonderen,
seinem Kunstwesen verwandten Zug bis zur vorgesetzten Wirkung zu bertreiben, so
da von der wahren Art des betreffenden Menschen kaum noch etwas brigbleibe.
Dem wurde heftig widersprochen; das hnge ja vor allem von dem Genie des
Knstlers ab, wurde erwidert, und Lord Stanhope, der die uerungen des Hofrats
bei diesem Anla als einen Mangel an Delikatesse empfinden mute, ereiferte sich
sehr gegen seine sonstige Gepflogenheit und behauptete, er seinerseits getraue
sich aus jedem Bildnis, wen es auch darstelle und von wessen Hand auch immer es
gefertigt sei, die seelische Beschaffenheit der abgebildeten Person zu erraten.
    Bei diesen Worten lchelte die Hausfrau bedeutungsvoll. Sie verschwand in
einem Nebenraum und kehrte alsbald mit einem goldgerahmten ovalen lbild zurck,
das sie, noch immer lchelnd, in kurzer Entfernung von dem Grafen aufrecht auf
den Tischrand stellte. Die Gste drngten sich herzu, und fast von allen Lippen
erscholl ein Ausruf der Bewunderung.
    Es war ein uerst lebendig und natrlich gemaltes Bild, welches eine junge
Frau von verblffender Schnheit darstellte: ein Gesicht wei wie Alabaster und
berhaucht von zartem Rosenrot; klare und ebenmige Zge, einen Blick, dem
offenbar die Kurzsichtigkeit etwas Poetisches und Schchternes gab, und im
ganzen der Physiognomie ein himmlisches Leuchten von Gefhl.
    Nun, Mylord? fragte Frau von Imhoff schelmisch.
    Stanhope nahm eine neunmalweise Miene an und lie sich vernehmen: Wahrlich,
in diesem Geschpf verbindet sich orientalische Weichheit mit andalusischer
Grazie.
    Frau von Imhoff nickte, als ob sie das Gesagte vortrefflich fnde. Schn,
Mylord, meinte sie, wir wollen etwas ber den Charakter der Dame wissen.
    O, man will mich attrappieren! versetzte Stanhope heiter. Nun gut. Ich
denke, es ist das eine Frau, welche jede Art von Leiden oder Ungemach mit
auerordentlicher Langmut zu ertragen versteht. Sie ist sanft, sie ist
gottesfrchtig, sie liebt den idyllischen Frieden des Landlebens, ihre Neigungen
gehren den schnen Knsten -
    Frau von Imhoff konnte nicht mehr an sich halten und brach in belustigtes
Lachen aus. Ich bin sicher, Graf, da Sie nur, um mich zu necken, eine so
falsche Deutung unternommen haben, sagte sie.
    Der Hofrat machte ein mokantes Gesicht, Stanhope errtete. Wenn ich mich
blamiert habe, so belehren Sie mich eines Bessern, gndige Frau, antwortete er
galant.
    Um das zu knnen, mte ich Ihre Geduld lnger als wnschbar in Anspruch
nehmen, sagte Frau von Imhoff pltzlich ernst. Ich mte Ihnen von dem
ungewhnlichen Schicksal dieser Frau erzhlen, die meine beste Freundin ist, und
ich wrde Gefahr laufen, die gute Stimmung zu zerstren, in der Sie sich alle
befinden.
    Aber man wollte sich nicht damit zufriedengeben, und Frau von Imhoff mute
schlielich dem allgemeinen Drngen willfahren.
    Meine Freundin kam als Mdchen von achtzehn Jahren an den Hof einer
mitteldeutschen Residenz, begann sie mit einer reizenden Befangenheit. Sie war
vater- und mutterlos und in ihrer Existenz ganz auf ihren Bruder angewiesen.
Dieser Bruder, ich will ihn der Krze wegen den Freiherrn nennen, galt trotz
seiner Jugend, er war nur um zehn Jahre lter denn seine schne Schwester, fr
einen Mann von hervorragenden Talenten; der Frst, obwohl schwchlich und
ausschweifend, wute seine Fhigkeiten vollauf zu wrdigen, gab eine der
hchsten Stellen des Landes unter seine Verwaltung und berhufte ihn mit Ehren
und Auszeichnungen. Doch nahm der Freiherr an den Vergngungen des Hofes nur
insofern teil, als er die Schwester in die Salons und Gesellschaften des Adels
einfhrte, und er hatte auch die Genugtuung, da sie nicht nur durch ihre
Schnheit, sondern auch durch Geist, Anmut und ein selten befeuertes Naturell
der Mittelpunkt jedes Kreises wurde, in dem sie sich sehen lie.
    Eines Tages nun wurde das ruhige Zusammenleben der beiden Menschen auf eine
furchtbare Weise zerstrt. Fast zufllig machte der Freiherr die Entdeckung,
da in der Finanzverwaltung des Landes ganz ungeheuerliche Unterschleife
stattgefunden hatten, es handelte sich um viele Hunderttausende von Talern, und
da der Frst selbst, in Bedrngnis geraten durch eine arge Mtressen- und
Protektionswirtschaft, bei diesen zum Nachteil des Volkes ausgefhrten
Manipulationen beteiligt war. Der Freiherr wute sich keinen Rat. Er vertraute
sich der Schwester an. Diese sagte ihm: Hier gibt es kein Schwanken, geh zum
Frsten und mach ihn ohne Rckhalt auf die Schwere eines solchen Verbrechens
aufmerksam. Es geschah. Der Frst geriet in Zorn, wies dem jungen Mann die Tr
und deutete ihm an, da er seinen Abschied zu nehmen habe. Als der Freiherr
seiner Schwester von dem unerwarteten Ausgang seines Unternehmens Mitteilung
machte, drngte sie ihn, die Geschichte vor die versammelten Landstnde zu
bringen. Auch dazu erklrte sich der Freiherr bereit, erffnete sich aber vorher
noch einem seiner Freunde, der den Entschlu zu billigen schien. Derselbe Freund
schrieb ihm am nchsten Abend ein Briefchen, worin er ihn dringlichst
aufforderte, einer wichtigen Besprechung halber sogleich in ein nahe der Stadt
gelegenes Lusthaus zu kommen. Ohne Zgern folgte der Freiherr dem Ruf, lie,
trotzdem es schon spt und die Nacht finster war, sein Pferd satteln und ritt
davon.
    Seit dieser Stunde wurde er nicht mehr gesehen. Einige Leute wollten gegen
Mitternacht in der Nhe jenes Lusthauses Schsse gehrt haben, aber wie dem auch
sein mochte, der Freiherr war verschwunden, und was mit ihm geschehen war, blieb
ein unerklrtes Rtsel. Den Schmerz der Schwester kann man sich denken. Doch vom
ersten Tag an verschmhte sie es, diesem Schmerz sich hinzugeben, und entfaltete
eine erstaunliche Ttigkeit. Da sie nach und nach den Tod des Bruders glauben
mute, setzte sie alles daran, um wenigstens seinen Leichnam ausfindig zu
machen. Sie nahm Arbeiter auf, die in der Umgebung des Lusthauses wochenlang die
Erde aufgraben muten, mit Gte, mit List, mit Drohungen beschwor sie den
angeblichen Freund des Bruders, zu reden, wenn er etwas wisse; es war umsonst,
er behauptete, nichts zu wissen. Niemand wollte etwas wissen. Sie warf sich dem
Frsten zu Fen, der sie huldvoll anhrte und, anscheinend selbst ergriffen,
alles zu tun versprach, um der Sache auf die Spur zu kommen. Es war umsonst.
Einige Tage darauf erkrankte sie, ohne Zweifel durch Gift; der Versuch
wiederholte sich. Pltzlich aber starb der Frst an einem Schlagflu. Ihres
Bleibens an jenem schrecklichen Ort war nun nicht mehr. Sie begann zu reisen und
suchte an allen kleinen und groen Hfen Deutschlands, spter sogar in London
und Paris Minister, Monarchen und Mnner der ffentlichkeit zu gewinnen, um
Shne oder wenigstens Aufklrung zu erlangen. Stellen Sie sich das Leben vor,
fuhr Frau Imhoff fort, das meine Freundin auf solche Weise lnger als drei
Jahre fhrte, immer unterwegs, immer in Hast, mit bestndigen Widerwrtigkeiten
kmpfend. Ein groer Teil ihres Vermgens ging nach und nach durch ihre
fruchtlosen Anstrengungen verloren. Als sie nun endlich einsehen mute, da sie
nichts erreichen wrde, da die Verbrderung der Schlechten und Gleichgltigen
zu mchtig ist, entsagte sie mit derselben Entschlossenheit, die sie bisher an
den Tag gelegt, allen weiteren Versuchen, zog in eine kleine Universittsstadt
und warf sich mit einem wunderbaren Eifer auf das Studium der Politik, der
Jurisprudenz und der Nationalkonomie. Nicht als ob sie sich damit gegen die
Welt verschlo, ganz im Gegenteil. Sie hatte ihre private Sache mit einer
ffentlichen vertauscht. Ihre glhende Seele, fr den Gedanken der
Vlkerfreiheit und der Menschenrechte entflammt, suchte Bettigung. Vor zwei
Jahren heiratete sie einen unbedeutenden und keineswegs geliebten Mann; es
geschah deshalb, weil sich der Mann, dem sie sich schon geweigert hatte, aus
Leidenschaft zu ihr im Bade die Adern geffnet hatte; er wurde gerettet und sie
nahm ihn. Doch wurde die Ehe schon nach wenigen Monaten in friedlichem
Einverstndnis gelst, der Mann ist nach Amerika gegangen und Farmer geworden.
Meine Freundin fing abermals ihr merkwrdiges Wanderleben an; ich habe Briefe
von ihr bald aus Ruland, bald aus Wien, bald aus Athen; seit einigen Monaten
weilt sie in Ungarn. berall untersucht sie die Lage der Bauern und die Not des
arbeitenden Volkes, nicht etwa nur oberflchlich und empfindsam, sondern mit
sachlicher Grndlichkeit; ihr profundes Wissen und ihre Kenntnis der Gesetze,
Verfassungen und ffentlichen Einrichtungen hat schon manchem gelehrten Herrn
Bewunderung abgezwungen. Sie ist heute fnfundzwanzig Jahre alt und sieht fast
immer noch so aus wie auf diesem Bild, das vor sechs Jahren gemalt wurde. Nach
alledem werden Sie mir wohl glauben, Mylord, da bei ihr von orientalischer
Weichheit und sanfter Leidensdemut nicht wohl die Rede sein kann. Sanft ist sie,
ja sie ist sanft, aber ganz anders, wie man sich das gewhnlich vorstellt. Ihre
Sanftmut hat etwas Freudiges und Ttiges, denn es ist in ihr ein khner Geist
und ein erhabenes Vertrauen zu allem, was menschlich ist. Immer ist ihr die
Gegenwart das Hchste.
    Ein lautloses Schweigen bezeugte der Erzhlerin die tiefe Wirkung, die sie
hervorgerufen. Und ist es denn nicht prchtig ist es nicht prchtig-spannend und
angenehm-gruselig, sich dergleichen im wohldurchheizten, hellerleuchteten Zimmer
vorerzhlen zu lassen? Der Mann am Kamin reibt sich gemtlich die Hnde, wenn es
drauen strmt und wettert. Dem Mann am Kamin verursacht es ein sprickelndes
Behagen, wenn er sich vorstellt, da drauen einige Leute ohne berzieher und
Handschuhe herumspazieren. Er, der Mann am Kamin, ist sogar imstande, mit
solchen Unglcklichen auf das lebhafteste zu sympathisieren.
    Caspar war, als Frau von Imhoff zu sprechen angefangen, etwas auerhalb des
Zuhrerkreises gesessen, dann hatte er sich langsam erhoben, war nher gekommen,
bis er an ihrer Seite stand, und hatte wie verzaubert auf ihren redenden Mund
geblickt. Jetzt, da sie fertig war, lachte er pltzlich. Die Zge kamen in
Bewegung und erhielten etwas unendlich Anziehendes. Frau von Imhoff gestand
spter, da ihr ein solcher Ausdruck kindlicher Freude noch nirgends vorgekommen
sei; ja, es glich dem Lachen eines kleinen Kindes, nur da sich eine hhere und
reinere Kraft des Bewutseins darin zu erkennen gab und die Empfindung seines
Innern mit den strksten Farben malte. Die Umsitzenden waren neugierig, was er
sagen wrde, und beugten sich vor, doch er stellte nur die zaghafte Frage: Wie
heit denn die Frau?
    Frau von Imhoff legte den Arm um seine Schulter und antwortete, gtig
lchelnd, das zu verraten stehe ihr jetzt nicht zu, spter vielleicht werde er
es erfahren, auch an ihm nehme sie herzlichen Anteil.
    Er blieb nachdenklich. Auch als die Geselligkeit wieder geruschvoller wurde
und das jngste Frulein von Stichaner am Klavier Lieder sang, behielt er seinen
schief-besinnenden Blick. Sonderbar wurde sein Gefhl durch das so beweglich
geschilderte Schicksal jener Unbekannten nach auen getrieben, und wie durch den
Wink eines unsichtbaren Geistes ffnete sich zum erstenmal sein Herz den Leiden
eines andern Ichs, einer fremden Existenz. Es kann doch nicht so mit den Frauen
beschaffen sein, wie ichs mir immer eingebildet habe, dachte er.
    Das gab ihm zu denken. An irgendeinem Punkt erzitterte auf einmal der Bau
der Welt, und ein zwiefaches Antlitz zeigten die Kreaturen: das eine
wohlvertraut und nicht geliebt, das zweite unfabar wie fern wie der Mond,
verschwistert beinahe dem der nie gesehenen Mutter.
    Auf der Brcke zwischen Abend und Abend schreitet das Leben; was es heute
schenkt, wird morgen Besitz. Ohne diese Stunde htte ein Ereignis der folgenden
Nacht, bei dem er nur der flchtige und kaum bemerkte Zeuge war, nicht so
gewaltig in sein Inneres gewuchtet, da er tagelang danach sich in der
schmerzlichsten Verwirrung befand.

                            Joseph und seine Brder


Als Abschiedsgabe erhielt Caspar vom Lord zwei Paar Schuhe, eine Schachtel mit
Brsseler Spitzen und sechs Meter feinen Stoff zu einem Anzug. Nachdem er schon
den ganzen Vormittag mit ihm verbracht, kam Stanhope nach Tisch ins Quandtsche
Haus, um Caspar Lebewohl zu sagen. Um halb vier fuhr der Wagen vor. Caspar
geleitete den Grafen auf die Gasse. Er war bleich bis in die Augen; drei mal
umarmte er den Scheidenden und bi die Zhne zusammen, um nicht aufschreien zu
mssen, war es doch ein Stck seines innigsten Seins, das sich grausam von ihm
trennte - fr immer, das fhlte er wohl, ob er den so teuer gewordenen Mann
wiedersah oder nicht. Mit ihm nahm er Abschied von der Unschuld seligsten
Vertrauens und von der Sigkeit schner Wnsche und Tuschungen.
    Auch der Lord war zu Trnen gerhrt. Es entsprach seiner reizbaren Natur,
sich bei solchen Anlssen einer wohlttigen Gemtserschtterung zu berlassen.
Sein letztes Wort klang wie ein Schutz vor Selbstvorwrfen; als wolle er
geschwind noch ins Schicksalsrad greifen und die Speichen zurckdrehen; die
Kutsche war schon im Fahren, da rief er Quandt und dem Polizeileutnant Hickel,
die beide am Tor standen, mit feierlich hochgezogenen Brauen zu: Bewahrt mir
meinen Sohn!
    Quandt drckte die Hnde beteuernd gegen seine Brust. Das Gefhrt rollte
gegen die Krailsheimer Strae.
    Fnf Minuten spter erschienen Herr von Imhoff und der Hofrat Hofmann; sie
muten zu ihrem Leidwesen erfahren, da sie die Zeit verpat hatten. Um Caspar
seiner Traurigkeit zu entreien, forderten sie ihn zu einem Spaziergang in den
Hofgarten auf, ein Vorschlag, dem der Lehrer eifrig zustimmte. Hickel bat, sich
anschlieen zu drfen.
    Kaum waren die vier Personen um die nchste Ecke gebogen, als Quandt rasch
ins Haus zurckeilte und seiner Frau einen Wink gab, die ihm, ohne zu fragen,
weil das Unternehmen verabredet war, in den oberen Flur folgte, wo sie sich bei
der Treppe als Schildwache aufstellte. Quandt seinerseits machte sich nun daran,
das Tagebuch zu suchen. Er hatte sich zu dem Ende ein zweites Paar Schlssel
anfertigen lassen und konnte damit die Kommode und den Schrank ffnen. In der
Kommodeschublade fand er nichts, das blaue Heft war nicht mehr darin. Aber auch
den Schrank durchstberte er vergeblich, die Kleider, die Tischlade, die Bcher,
das Kanapee; vergeblich kroch er in jeden Winkel, es war nichts zu finden.
    Erschpft trocknete er sich den Schwei von der Stirn und rief seiner Frau
durch die offene Tr zu: Siehst du, Jette, was ich immer sage: der Kerl hats
faustdick hinter den Ohren.
    Ja, ja, er ist falsch wie Bohnenstroh, erwiderte die Frau, und lauter
Scherereien macht er einem. Sie schimpfte blo ihrem Mann zu Gefallen, denn im
Grund hatte sie den Jngling gern, weil noch nie ein Mensch sich so hflich und
nett gegen sie betragen hatte.
    Quandt blieb fr den Rest des Tages verstimmt wie einer, der um ein edles
Werk betrogen wurde. Und war dem nicht so? War es nicht seine Mission auf dieser
Erde, die Lge von der Wahrheit zu scheiden und als rechter Herzensalchimist den
Mitmenschen die unvermischten Elemente aufzuzeigen? Er durfte nicht ruhig
zusehen und nicht Nachsicht ben, wo der Atem der Lge wehte.
    Von solchen Empfindungen bewegt, hielt er am selben Abend seiner Gattin eine
lngere Rede, worin er sich folgendermaen aussprach: Sieh mal, Jette, ist dir
nicht sein gerades und aufrechtes Sitzen bei Tisch schon aufgefallen? Kann man
annehmen, da so ein Mensch jahrzehntelang in einem unterirdischen Loch
vegetiert hat? Kann man dies glauben, wenn man seine fnf Sinne ordentlich
beieinander hat? Von seiner gerhmten Kindlichkeit und Unschuld kann ich, offen
gestanden, nichts entdecken. Er ist gutmtig, ja; gutmtig mag er sein, aber was
beweist das? Und wie er vor den reichen und vornehmen Leuten scharwenzelt und
liebedienert als der ausgemachte Duckmuser, der er ist! Da hat deine Freundin,
die Frau Behold, den Nagel auf den Kopf getroffen. Sieh mal, oft, wenn ich
unversehens in sein Zimmer trete, es liegt mir natrlich daran, ihn zu
berraschen, aber da hockt er dir manchmal in der Ecke, es ist sonderlich
anzuschauen. Ich wei nicht, ist er so geistesabwesend oder stellt er sich nur
so, aber wenn er mich dann bemerkt, verndert sich sein Gesicht blitzschnell zu
der heuchlerischen Grimasse von Freundlichkeit, die einen leider entwaffnet.
Einmal hab ich ihn sogar am hellichten Tag bei heruntergelassenen Rouleaus
gefunden. Was kann das bedeuten? Es steckt eben was dahinter.
    Was soll denn dahinter stecken? fragte die Lehrerin.
    Quandt zuckte die Achseln und seufzte. Das mag Gott wissen, sagte er. Bei
alledem mag ich ihn leiden, schlo er mit versorgtem Stirnrunzeln; ich mag ihn
gut leiden, er ist ein aufgeweckter und trtabler Bursche. Man mu aber sehen,
was dahinter steckt. Es ist etwas Unheimliches um den Menschen.
    Die Lehrerin, die sich fr die Nacht frisierte, war des Schwatzens mde. Ihr
hbsches Gesicht hatte den Ausdruck eines dummen, schlfrigen Vogels, und ihre
auffallend nah beieinander stehenden Augen blinzelten matt ins Kerzenlicht.
Pltzlich lie sie den Kamm ruhen und sagte: Horch mal, Quandt.
    Quandt blieb stehen und lauschte. Caspars Zimmer lag ber dem ehelichen
Schlafgemach, und sie vernahmen nun in der eingetretenen Stille die unaufhrlich
auf und ab gehenden Schritte ihres rtselhaften Hausgenossen.
    Was mag er treiben?, meinte die Frau verwundert.
    Ja, was mag er treiben, wiederholte Quandt und starrte finster zur Decke.
Ich wei nicht, mir wurde immer gesagt, da er mit den Hhnern schlafen geht;
ich merke nichts davon. Nun siehst dus, da soll man sich auskennen. Jedenfalls
wollen wir ihm das Spazierengehen bei Nacht abgewhnen. Quandt ffnete leise
die Tr und schlich auf Pantoffeln vorsichtig hinaus. Vorsichtig schlich er die
Treppe empor, und als er vor Caspars Tr angelangt war, versuchte er durchs
Schlsselloch zu sphen, aber da er nichts sehen konnte, legte er in derselben
gebckten Stellung das Ohr ans Schlo. Ja, da wandelte er herum, der
Unerforschliche, wandelte herum und schmiedete seine dunkeln Plne.
    Quandt drckte die Klinke, die Tr war versperrt. Da erhob er seine Stimme
und forderte energisch Ruhe. Sogleich ward es drinnen muschenstill.
    Als nun der Lehrer wieder zu seiner Frau kam, fand sich, da mit
unerwarteter Pltzlichkeit deren schwere Stunde angebrochen war. Schon lag sie
sthnend auf dem Bett und verlangte nach der Hebamme. Quandt wollte die Magd
schicken; die Frau sagte: Nein, das geht nicht, geh du selber, die Person ist
blde und wird den Weg verfehlen. Wohl oder bel mute sich Quandt dazu
entschlieen, so unbequem auch die Sendung war, denn erstlich hatte er sich aufs
Bett gefreut, zweitens frchtete er sich ein wenig vor dem Gang durch die
finstern Gassen, war doch erst zu Pfingsten hinter der Karlskirche ein
Rechnungsakzessist berfallen und halb erschlagen worden.
    Verdrossen hastete er in die Kleider; hierauf holte er die Magd aus den
Federn und befahl ihr, eine befreundete Nachbarin zu rufen, die sich im Notfall
zur Hilfeleistung erboten hatte, dann schlurfte er wieder herein, durchkramte
die Truhe nach seinen Pistolen, wobei er das Nhtischlein umwarf, was ihn wieder
derart in Verzweiflung setzte, da er mit den Hnden seinen Kopf packte und sein
unseliges Los verwnschte. Die Frau, der das Elend schon den Sinn verrckte,
entnahm ihrem Zustand den Mut, ihm allerlei sonst feig zurckgehaltene
Aufrichtigkeiten zuzuschleudern, welche ihn im besondern und das Mannsvolk im
allgemeinen trafen. Das hatte die beste Wirkung, und nachdem er sein kleines
Shnchen, das nebenan schlief und von dem Tumult erwacht war, in die Magdkammer
getragen hatte, trollte er sich endlich.
    Caspar, im Begriff sich niederzulegen, vernahm auf einmal mit Schaudern die
schmerzensvolle Stimme der Frau unten. Immer furchtbarer wurden die Laute, immer
greller drangen sie herauf. Dann war es wieder eine Zeitlang stille, dann
knarrte die Haustre, Schritte gingen, Schritte kamen, und nun begann das
Schreien viel rger. Caspar dachte, ein groes Unglck sei passiert; sein erster
Trieb war, sich zu retten. Er lief zur Tr, sperrte auf und eilte die Stiege
hinab. Die Wohnzimmertre war offen, berheizte Luft quoll ihm entgegen. Die
Magd und die Nachbarin standen geschftig am Bett der Frau Quandt; diese schrie
nach ihrem Mann, schrie zu Gott und bumte sich auf.
    Ach, was sah Caspar da! Wie ward ihm doch zumute! Ein Kpflein sah er, einen
weien kleinen Rumpf, ein ganzes winziges Menschlein, emporgehoben mit Hnden,
die nicht kleiner waren als es selbst! Alle Glieder zitterten an Caspar, er
wandte sich um, und ohne da ihn jemand erblickt, floh er die Stiege hinauf,
sank auf dem obersten Treppenabsatz atemlos hin und blieb sitzen.
    Wieder ging die Haustr, Quandt erschien mit der Wehfrau, doch schon strzte
ihm die Nachbarin jubelnd entgegen: Ein Tchterlein, Herr Lehrer!
    Ei, sieh da! rief Quandt mit einer Stimme, so stolz, als htte er dabei
etwas Nennenswertes geleistet.
    Piepsendes Geplrr besttigte die Anwesenheit der neuen Weltbrgern. Nach
einer Weile kam trllernd die Magd, und Caspar sah, da sie eine Schssel voll
Blut trug.
    Es mochte in allem nicht mehr denn eine Stunde verflossen sein, als Caspar
sich endlich erhob und in seine Kammer taumelte. Wie betrunken entkleidete er
sich, whlte sich in die Betten und vergrub das Gesicht.
    Er konnte nichts dawider tun: aus der Nacht erhob sich gleich einer
purpurnen Scheibe die Schssel voll Blut.
    Er konnte nichts andres sehen als dies: aus einem blutigen Schlund krochen
junge Wesen und wurden Menschen genannt. Nackend und winzig, einsam und hilflos
und unter dem Jammer der Mutter krochen sie wehevoll aus einem Kerker
ohnegleichen, wurden geboren, ja, geboren, so wie die Mutter ihn geboren.
    Das ist es also, dachte Caspar. Er sprte das Band, begriff den
Zusammenhang, fhlte seine Wurzeln tief in der blutenden Erde, alles starre
Leben regte sich, das Geheimnis war entschleiert, die Bedeutung offenbar.
    Doch Mitleid und Grauen, Sehnsucht und Furcht waren nun eines, Leben und
Sterben zu einem Namen verschmiedet. Er wollte nicht einschlafen und schlief
ein, aber je nher der Schlummer kam, eine je qualvollere Todesangst umfing ihn,
so da er sich nur widerstrebend ergab: ein banger kleiner Tod im Leben.
    Da er am Morgen ber die gewohnte Stunde ausblieb, verwunderte sich Quandt,
ging hinauf und pochte an der Tr. Obgleich er das Zimmer vom Abend her
versperrt wute, drckte er auf die Klinke, fand jedoch zu seinem Erstaunen die
Tr unverschlossen. An Caspars Bett tretend, rttelte er ihn und sagte
rgerlich: Nun, Hauser, Sie fangen ja an, ein Siebenschlfer zu werden. Was
ists denn?
    Caspar setzte sich auf, und der Lehrer sah, da das Kopfkissen ganz na war;
er deutete hin und fragte, was das sei. Caspar besann sich ein wenig und
antwortete, es sei vom Weinen, er habe im Schlaf geweint.
    Was, geweint? dachte Quandt argwhnisch; warum geweint? wieso wei er es
denn so schnell, wenn er im Schlaf geweint hat? Und warum hat er solange
gewartet, bis ich mich entschlossen, ihn zu holen?
    Dahinter steckt eine Finte, entschied Quandt, er will mich milde stimmen.
Forschend schaute er sich um, und sein Blick fiel auf das Wasserglas, das auf
dem Nachttischlein stand. Er nahm das Glas und hob es prfend empor, es war halb
leer. Haben Sie Wasser getrunken, Hauser? fragte er dster.
    Caspar sah ihn verstndnislos an. Der Blick des Lehrers, von dem Glas auf
das Kissen gleitend, bekam einen vorwurfsvollen Ausdruck. Sollten Sie nicht aus
Versehen das Wasser verschttet haben? fragte er weiter; ich sage: aus
Versehen und meine durchaus nichts andres, Sie knnen freimtig mit mir reden,
Hauser.
    Caspar schttelte langsam den Kopf; er verstand nicht, was der Mann wollte.
    Verstockt, verstockt, dachte Quandt und gab das Verhr auf. Als Caspar zum
Unterricht ins Wohnzimmer kam, teilte ihm Quandt in geziemender Wrde mit, da
ihm eine Tochter geschenkt worden sei.
    Wieso geschenkt? fragte Caspar naiv.
    Quandt runzelte die Stirn. Die Gleichgltigkeit, mit welcher der Jngling
ein solches Ereignis aufnahm, verdro ihn sehr. Seine Haltung war kalt und
frmlich, als er sagte: Wir beginnen wie gewhnlich mit der Bibelstunde. Lesen
Sie Ihr Pensum vor.
    Es war die Geschichte Josephs.
    Da ist ein alter Mann, der viele Shne hat, aber den jngsten unter ihnen am
meisten liebt und ihm einen bunten Rock gibt, um ihn auszuzeichnen. Deswegen
hassen ihn nun die Brder und wollen nicht mehr freundlich mit ihm reden. Und
Joseph erzhlt ihnen einen Traum von den Garben. Siehe, wir banden Garben auf
dem Felde, erzhlt er, da stand meine Garbe auf und blieb stehen, und siehe,
eure Garben waren ringsum und beugten sich vor meiner Garbe. Da antworten die
Brder: Willst du denn Knig werden ber uns? willst du herrschen ber uns?
Und sie hassen ihn noch mehr wegen seiner Trume. Aber Joseph ist sehr arglos,
er scheint den Grund ihrer Abneigung nicht zu ahnen, er erzhlt ihnen alsbald
einen zweiten Traum, nmlich wie die Sonne, der Mond und elf Sterne sich vor ihm
beugten. Ein Traum von leichter Deutbarkeit, denn elf ist die Zahl der Brder.
Sogar der Vater schilt ihn wegen dieses Traumes. Was denkst du, Joseph,
spricht er vorwurfsvoll, soll ich und deine Mutter und deine Brder, sollen wir
kommen, uns vor dir zu beugen? Und bald darauf gehen die Brder, die alle
Hirten sind, aufs Feld, um die Schafe zu weiden, und Joseph wird von seinem
Vater zu ihnen gesandt. Und wie die Brder ihn von ferne sehen, sprechen sie
zueinander: Seht, da kommt der Trumer. Und sie beschlieen, ihn zu erwrgen,
sie wollen ihn in eine Grube werfen und vorgeben, ein wildes Tier habe ihn
verzehrt; dann werden wir ja sehen, was aus seinen Trumen wird, sagen sie
hohnvoll. Da ist aber einer unter den Brdern, der Erbarmen hat, und er warnt
die andern. Er rt ihnen, den Jngling in die Grube zu werfen, ihn jedoch nicht
zu tten. Und so geschieht es auch; sie ziehen ihm den Rock aus, den bunten
Rock, den er trgt, und werfen den Knaben in die Grube, und als dies vollbracht
ist, erscheint ein Zug von Kaufleuten aus fernem Land, und die Brder einigen
sich jetzt, den Joseph zu verkaufen, und sie verkaufen ihn um Geld. Dann nehmen
sie Josephs Kleid, tauchen es in das Blut eines geschlachteten Tieres und
sprechen zum Vater: Das blutige Kleid haben wir gefunden, sieh doch, ob es
nicht deines jngsten Sohnes Kleid ist. Der Alte zerreit sein Gewand und ruft
aus: Trauernd will ich hinunterfahren zu meinem Sohn in die Unterwelt.
    Als Caspar soweit gekommen war, versagte ihm die Stimme. Er stand auf, legte
das Buch beiseite, und seine Brust ward von Seufzern nur so geschttelt. Die
Hand vor den Mund gepret, erstickte er mit groer Anstrengung das
heraufquellende Schluchzen.
    Quandt stutzte. Er beobachtete den Jngling scharf. Er hatte dabei den
schrgen Blick einer an den Pfahl gebundenen Ziege. Hren Sie mal, Hauser,
sagte er endlich. Sie werden mir doch nicht weismachen wollen, da Sie von
dieser simpeln Geschichte so ergriffen sind, die Ihnen noch dazu wohlbekannt
sein mu; meines Wissens haben Sie ja diesen Teil des Alten Testaments schon
beim Professor Daumer durchgenommen. Da mu Ihnen doch auch gegenwrtig sein,
da es dem Joseph noch recht glcklich ergangen ist, denn er war ein reiner und
guter Mensch. Ich bitte, sparen Sie sich also die Mhe. Wenn Sie pflichtgetreu,
aufrichtig und folgsam sind, werden Sie bei mir zehnmal besser fahren als durch
die unzeitige Schaustellung von so weit hergeholten Affekten. Ich glaube Ihnen
Ihre Trnen einfach nicht; ich denke Ihnen das heute schon einmal deutlich genug
bewiesen zu haben. Damit erzielen Sie bei mir nur das Gegenteil von dem, was Sie
beabsichtigen mgen, ich bin nmlich kein Freund von Gefhlsausbrchen, im
allgemeinen nicht, und bei so ungegrndetem Anla schon gar nicht. Es ist
nachgerade Zeit fr Sie, sich an den Ernst des Lebens zu gewhnen. Und weil wir
nun schon so offen miteinander reden, mchte ich Sie dringend warnen, alle
Leute, mit denen Sie zu tun haben, fr dumm zu halten; das ist eine Verblendung
von Ihnen, welche die nachteiligsten Folgen haben wird. Ich bin Ihnen
wohlgesinnt, Hauser, ich meine es wahrhaft gut mit Ihnen, vielleicht haben Sie
keinen bessern Freund als mich, was Sie freilich erst einsehen werden, wenn es
zu spt sein wird. Aber hten Sie sich, mich hinters Licht zu fhren! Und nun
fahren wir fort. Ich will diesen Zwischenfall als nicht geschehen betrachten.
    Im Verlauf dieser eindrucksvollen Predigt war die Stimme des Lehrers weich
und gtig geworden, und es hatte beinahe den Anschein, als wolle er nun Caspar
nehmen und an sein Herz drcken. Aber Caspar stand mit albernem Gesicht, in
welchem ein Lcheln hilflos zuckte, vor ihm da. Was ist denn das? dachte er, was
will der Mann?
    Es war ihm, auch bei spterem Nachdenken, ganz und gar nicht verstndlich,
worauf die Worte des Lehrers hinzielten, und er kam zu der Ansicht, da Quandt
der rtselhafteste Mensch sei, dem er je begegnet.

                               Schlo Falkenhaus


Der Prsident traf erst am Dreiknigstag, nach fast vierwchiger Abwesenheit,
wieder in der Stadt ein. Die ihm nahestehenden Personen wollten eine bedeutende
Vernderung seines Wesens an ihm bemerken; er erschien wortkarg und finster, und
sein Anteil an den Amtsgeschften hatte bisweilen etwas von Lauheit.
    Es fiel auf, da er mehrere Tage verstreichen lie, ehe er sich nach Caspar
erkundigte. Als ihn der Hofrat Hofmann whrend des gemeinsamen Nachhausewegs
unbefangen fragte, ob er den Jngling schon gesehen habe, gab Feuerbach keine
Antwort. Tags darauf erschien der Polizeileutnant bei ihm. Hickel stellte sich
um die Sicherheit des Hauser besorgt und meinte, man solle fr eine berwachung
sorgen; der Prsident ging auf die Sache nicht weiter ein und sagte blo, er
werde sichs berlegen. Am selben Nachmittag lie er den Lehrer rufen und stellte
ihn ber Befinden und Betragen seines Zglings zur Rede. Quandt sagte dies und
sagte das; es war nicht schwarz noch wei; zum Schlu zog er einen Brief aus der
Tasche, es war das Schreiben der Magistratsrtin Behold, welches dem Prsidenten
zu berreichen er sich entschlossen hatte.
    Feuerbach berlas das Schriftstck, und eine Wolke von Mimut lagerte sich
auf seine Stirn. Sie mssen auf derlei Zeug kein Gewicht legen, lieber Quandt,
sagte er barsch, wo kmen wir denn hin, wenn wir auf das Gewsch jeder solchen
Nrrin hren wollten? Sie haben sich nicht mit der Vergangenheit des Hauser zu
beschftigen, das ist nicht Ihres Amts; ich habe Sie dazu bestellt, einen
tchtigen Menschen aus ihm zu machen, wenn Sie in der Hinsicht zu klagen haben,
bin ich ganz Ohr, mit andern Dingen verschonen Sie mich.
    Es lt sich denken, da eine so grobe Abfertigung die Empfindlichkeit des
Lehrers tief verletzte. Er ging erbittert heim, und obwohl ihm der Prsident den
Auftrag gegeben hatte, Caspar am Sonntag frh zu ihm zu schicken, teilte er dies
dem Jngling erst zwei Tage spter, am Samstag abend, mit.
    Als Caspar zur bestimmten Stunde ins Feuerbachsche Haus kam, mute er im
Flur ziemlich lange warten, dann erschien erst Henriette, die Tochter des
Prsidenten, und fhrte ihn ins Wohnzimmer. Ich wei nicht, ob der Vater Sie
heute empfangen wird, sagte sie und erzhlte dann, in der vergangenen Nacht sei
ein Einbruch in das Arbeitszimmer des Prsidenten verbt worden; die unbekannten
Tter htten alle Papiere auf dem Schreibtisch durchwhlt und mit Nachschlsseln
die Laden geffnet; es sei anzunehmen, da die Verbrecher irgend bestimmte
Briefe oder Handschriften htten an sich bringen wollen, denn es sei nichts
geraubt worden, auch die gewnschte Beute htten sie nicht machen knnen, da der
Vater seine wichtigen Papiere gut verwahrt habe; nur die erbrochenen Fenster und
eine gewaltige Unordnung habe von ihrem Treiben Zeugnis gegeben.
    Das Frulein schritt whrend dieses Berichts in mnnlicher Weise auf und ab,
die Arme ber der Brust verschrnkt, Groll und Zorn in Stimme und Miene. Sie
sagte, der Vater sei natrlich auer sich ber den Vorfall; whrenddessen
ffnete sich die Tr, und der Prsident trat in Begleitung eines schlanken, etwa
dreiigjhrigen jungen Mannes auf die Schwelle. Aha, da ist Caspar Hauser,
Anselm, sagte der Prsident. Der Angeredete stutzte und blickte Caspar
gedankenvoll und zerstreut ins Gesicht. Caspar war betroffen von der
auergewhnlichen Schnheit dieses Menschen; wie er spter erfuhr, war es der
zweitlteste Sohn Feuerbachs, der, verfolgt von einem widrigen Geschick, fr
einige Tage ins Elternhaus geflchtet war, um Rat und Hilfe seines Vaters in
Anspruch zu nehmen. Caspar liebte schne Gesichter, zumal wenn sie so voll Geist
und Schwermut waren, bei Mnnern ganz besonders; aber es war dies nur eine kurze
Erscheinung, er sah ihn nicht wieder.
    Der Prsident lie Caspar ins Staatsgemach treten und kam erst nach einer
Weile. Sofort fiel Caspars Blick auf das Napoleonbildnis an der Wand. Wie
wunderlich es war: solche hnlichkeit im Ausdruck der stolz abweisenden Majestt
und der finsteren Trauer um die anmutig geschwungenen Lippen mit jenem Mann, den
er soeben gesehen! Dazu noch der prunkvolle Ornat, Krone, Halsschmuck und
Purpurmantel. Caspar war bewegt; eine hhere Welt tat sich ihm auf; am liebsten
wre er hingegangen, um, was an dem Bild gestalthaft schien, mit Hnden zu
packen und, was ihn so hoheitsvoll daraus anredete, in laute Zwiesprach zu
verwandeln. Unwillkrlich reckte er sich auf, als zwinge ihn die knigliche
Figur zur Nachahmung; er machte ein paar Schritte hin und her und war freudig
erschrocken bei der Wahrnehmung, da die Augen des Bildes ihn mit dunkler Glut
verfolgten.
    Also beschftigt fand ihn der Prsident und blieb berrascht neben der Tr
stehen. Mochte es Zufall genannt werden oder war es eine der unergrndlichen
Verkettungen, in denen dies nicht gewhnliche Schicksal sich offenbarte,
Feuerbach sah in dem zauberartigen Gegenberstehen von Bild und Jngling etwas
wie ein Ordal, eine Beglaubigung von oben. War doch Caspars Mutter (seine
Mutter, ja, sofern der ganze Bau der furchtbaren Annahmen und halben Gewiheiten
im Licht der Wirklichkeit nur irgend bestehen konnte) durch verwandtschaftliche
Bande an jenen Heros geknpft.
    Wissen Sie denn auch, wer das ist, Caspar? fragte Feuerbach mit lauter
Stimme.
    Caspar schttelte den Kopf.
    So will ichs Ihnen sagen. Das ist ein Mann, der die Menschheit davon
berzeugt hat, da ein groer Wille alles vermag. Haben Sie denn noch nie was
vom Kaiser Napoleon gehrt? Ich kannte ihn, Caspar, ich habe ihn gesehen, ich
habe mit ihm gesprochen, ich war Mittelsmann zwischen ihm und unserm Knig Max.
Es war eine groe Zeit, und nicht mehr viel ist von ihr brig.
    Mit wehmtig-sinnendem Blick wandte sich Feuerbach ab. Er sprte die Last
der Jahre; lange genug hatte er sich gegen ihre Pranken gewehrt; fast mit Angst
streifte sein Auge den immer noch schweigend dastehenden Jngling, als erwarte
er von ihm das Richterwort, das seine nicht mehr zu verbergende Ohnmacht der
Welt preisgeben mute. Das zuletzt Erfahrene, dort bei den Mchtigen Erlittene
berflutete sein Herz mit Scham; eine Flamme des Ingrimms und Hasses gegen
alles, was Mensch hie, loderte pltzlich in ihm auf, zhneknirschend rannte er
ein halbdutzendmal zwischen den Fenstern und der Tr hin und her; erst der
Anblick des vor Furcht erbleichten Caspar gab ihm die Besinnung einigermaen
zurck, und er stellte die mrrische Frage, ob Caspar bei Quandt genug zu essen
bekomme.
    Darber ist nicht zu klagen, antwortete Caspar.
    Den zweideutigen Ton, in welchem er dies vorbrachte, schien Feuerbach zu
berhren. Und was ist es mit dem Lord? fragte er weiter mit einem
starr-drohenden Blick, haben Sie schon Nachricht von ihm? Haben Sie selbst ihm
schon geschrieben?
    Einmal jede Woche schreib ich ihm, sagte Caspar.
    Wo befindet er sich?
    Er will jetzt nach Spanien.
    Nach Spanien; soso; nach Spanien. Das ist sehr weit, mein Bester.
    Ja, das soll weit sein.
    Diese einsilbige Unterhaltung wurde durch einen Polizeibeamten unterbrochen,
der eine schriftliche Meldung wegen des nchtlichen Einbruchs brachte. Caspar
verabschiedete sich.
    Wo bleiben Sie denn so lang? empfing ihn Quandt rgerlich.
    Ich war beim Prsidenten, das wissen Sie doch, versetzte Caspar.
    Schn; aber es verrt wenig Lebensart, da Sie einen Besuch nicht zu krzen
verstehen, wenn man zu Haus mit dem Abendessen auf Sie wartet.
    Das Essen war nmlich eine wichtige Angelegenheit bei Quandts. Der Lehrer
setzte sich immer mit einer gewissen Rhrung zu Tisch, und sein prfender Blick
schien alle Teilnehmer der Mahlzeit auf den Grad ihrer Andacht zu examinieren.
Wenn Frau Quandt verkndigte, was man des Guten zu erwarten habe, begleitete der
Lehrer ihre Aufzhlungen entweder mit einem Kopfnicken oder bedenklichem Runzeln
der Stirne. Schmeckte ihm ein Gericht, so wuchs seine gute Laune, fand es nicht
seinen Beifall so a er jeden Bissen mit einem Ausdruck weltberlegener Ironie
Fr manches hatte er eine besondere Vorliebe, wie zum Beispiel fr saure Gurken
oder angewrmten Kartoffelsalat, und er unterlie es dann selten, whrend er
sich delektierte, die Einfachheit seiner Bedrfnisse hervorzuheben. Die Lehrerin
verstand trefflich zu kochen, und wenn ihr eine Leibspeise des Mannes gelungen
war, blieb sie fr sein Lob nicht unempfnglich, obschon es bisweilen in eine zu
gelehrte Form gekleidet war; so pflegte Quandt im Scherz zu sagen, wenn er sie
nicht genommen htte, wre sicherlich der selige Trimalchio wieder auferstanden,
um sie zu heiraten. Nach dem Abendessen kam die gemtliche Stunde mit
Pantoffeln, Schlafrock Lehnstuhl und Zeitungslesen. Ins Wirtshaus ging Quandt
fast nie, einmal wegen der Kosten und dann, weil er keine Ansprache fand. Er zog
die bequeme Ofenecke vor.
    Aber seit Caspar im Haus weilte, war diese idyllische Abendstimmung ohne
rechten Reiz. Quandt war geqult und wute manchmal kaum die Ursache. Stellen
wir uns einen Hund, vor, einen klugen, nervigen wachsamen Hund. Stellen wir uns
vor, da dieser Hund bei seinem Schnuppern in dem anvertrauten Revier irgendwo
einen Brocken Gift erwischt hat und da er nun, das verderbliche Feuer in seinem
Leib, unbewut das Dunkel sucht, alle feuchten Winkel lechzend durchrast, den
Schatten verfolgt, die Fliege beknurrt, alles um sich und ber sich nur auf das
eine tolle Drngen bezieht und die ganze Welt fr vergiftet hlt, whrend es
blo seine armen Gedrme sind, so htten wir ein anschauliches Bild von dem
Zustand des bedauernswerten Mannes. Sein Dmon schmiedete ihn fest an den
Jngling; es wurde ihm vor allen Dingen wichtig, dahinterzukommen; er htte
ein paar Jahre seines Lebens hergegeben, wenn er dadurch geschwind zu der
Kenntnis gelangt wre, was dahintersteckte.
    Um acht Uhr kam der Polizeileutnant zu Besuch; er war schlecht gelaunt, denn
er hatte letzte Nacht im Kasino fnfundsechzig Gulden beim Pharao verloren und
war das Geld noch schuldig. Gegen Caspar zeigte er sich auffallend freundlich;
er fragte ihn aus, was er mit dem Prsidenten gesprochen, nahm aber den getreuen
Bericht des Jnglings, als zu belanglos, mit Mitrauen auf.
    Ja, unser guter Freund ist recht zurckhaltend, beklagte sich Quandt; ich
wute gar nichts von dem Einbruch beim Prsidenten, und mit Mh und Not, da er
berhaupt davon erzhlt hat. Wissen Sie Nheres, Herr Polizeileutnant? Hat man
schon Spuren?
    Hickel erwiderte gleichmtig, man habe bei Altenmuhr einen verdchtigen
Landstreicher aufgegriffen.
    Was doch alles vorgeht! rief Quandt; welche Frechheit gehrt dazu, das
Oberhaupt der Behrde zum Opfer eines solchen Anschlags zu machen! Insgeheim
aber rsonierte er: recht so; das wird den Unantastbarkeitswahn der Exzellenz
ein bichen erschttern; recht so; auch von den Spitzbuben knnen die groen
Herren mitunter eine ntzliche Lehre empfangen.
    Es sollte mich sehr wundern, sagte Hickel mit vornehm geschlossenen
Lippen, eine Finesse, die er dem Lord Stanhope abgeguckt, wenn diese Geschichte
nicht wieder irgendwie mit unserm Hauser zusammenhinge.
    Quandt machte groe Augen, dann schaute er schrg auf Caspar, dessen
erschrockener Blick dem seinen entglitt.
    Ich habe Grnde zu einer solchen Vermutung, fuhr Hickel fort und starrte
die blankgescheuerten Ngel seiner roten Bauernhnde an; diese Hnde flten
Caspar stets einen namenlosen Widerwillen ein; ich habe Grnde und werde
vielleicht seinerzeit damit herausrcken. Der Staatsrat selber ist gescheit
genug, um zu wissen, was die Glocke geschlagen hat. Aber er wills nicht Wort
haben, es ist ihm nicht geheuer dabei zumut.
    Nicht geheuer zumut? Was Sie sagen! versetzte Quandt, und ein angenehmes
Gruseln lief ihm ber den Rcken. Auch die Lehrerin hrte mit dem
Strmpfestopfen auf und sah neugierig von einem zum andern.
    Ja, ja, fuhr Hickel fort und lchelte den Lehrer mit seinen gelbblinkenden
Zhnen an, sie haben ihm dort unten in Mnchen gehrig eingeheizt, und er trgt
den Kopf bei weitem nicht mehr so zuversichtlich. Meinen Sie nicht auch,
Hauser? fragte er und sah bald Quandt, bald dessen Frau strahlend an.
    Ich meine, es ist nicht in der Ordnung, da Sie so vom Herrn Staatsrat
sprechen, antwortete Caspar khn.
    Hickel verfrbte sich und bi sich auf die Lippen. Sieh mal an, sieh mal
an, sagte er dster. Haben Sie das gehrt, Herr Lehrer? Schon unkt die Krte,
es wird Frhjahr.
    Eine hchst unpassende Bemerkung, Hauser, lie sich Quandt zrnend
vernehmen. Sie sind dem Herrn Polizeileutnant Ehrfurcht und Bescheidenheit
schuldig so wie mir. Gegen den Baron Imhoff oder den Generalkommissr wrden Sie
sich so etwas nicht unterstehen, des bin ich sicher. Und ein doppelt Gesicht,
ein falsch Gesicht, heit es. Ich werde das dem Grafen schreiben.
    Echauffieren Sie sich nicht, Herr Lehrer, unterbrach ihn Hickel, es lohnt
sich nicht, man mu es seinem Unverstand zugut halten. Im brigen hab ich
gestern einen Brief vom Grafen bekommen; er griff in die Rockbrust und zog ein
zusammengefaltetes Papier heraus. Sie mchten wohl gerne wissen, was er
schreibt, Hauser? Na, gar so schmeichelhaft ist es eben nicht fr Sie. Der gute
Graf macht sich Sorgen wie immer und empfiehlt uns rcksichtslose Strenge, falls
Sie nicht parieren.
    Caspar machte ein unglubiges Gesicht. Das hat er geschrieben? fragte er
stockend.
    Hickel nickte.
    Er hat sich auch damals zu sehr gergert ber die Heimlichtuerei mit dem
Tagebuch, sagte Quandt.
    Das werd ich ihm alles erklren, wenn er wiederkommt, versetzte Caspar.
    Hickel rieb den Rcken an der Ofenecke und lachte. Wenn er wiederkommt!
Wenn! Wer wei aber, ob er wiederkommt? Mir deucht, er hat nicht allzu groe
Lust dazu. Glauben Sie denn, Sie Kindskopf, so ein Mann hat nichts Besseres zu
tun, als seine Zeit dahier zu versitzen?
    Er kommt wieder, Herr Polizeileutnant, sagte Caspar mit triumphierendem
Lcheln.
    Oho, oho! rief Hickel, das klingt ja allerdings verllich. Woher wei
man denn das so genau?
    Weil er es versprochen hat, entgegnete Caspar mit treuherziger Offenheit.
Er hat heilig versprochen, in einem Jahr wieder da zu sein. Am achten Dezember
hat ers versprochen, sind also noch zehn Monate und sechzehn Tage bis dahin.
    Hickel sah Quandt an, Quandt sah seine Frau an, und alle drei brachen in
Gelchter aus. Im Rechnen scheint er sich ja gebt zu haben, meinte Hickel
trocken. Dann legte er Caspar die Hand auf den Kopf und fragte: Wer hat Ihm
denn die herrlichen Locken abgeschnitten?
    Quandt erwiderte, Caspar habe es selbst gewnscht, nachdem er ihm
vorgestellt, da es fr einen erwachsenen Menschen nicht schicklich sei, mit so
einem Haarwald herumzulaufen. Sie knnen jetzt schlafen gehen, Hauser, sagte
er hierauf.
    Caspar reichte jedem die Hand und ging. Als er drauen war, ffnete Quandt
leise die Tr und lauschte. Sehen Sie, Herr Polizeileutnant, flsterte er
Hickel bekmmert zu, wenn er wei oder annimmt, da man ihn hrt, steigt er
ganz langsam und bedchtig die Stiege hinan, wenn er sich aber unbeachtet
glaubt, da kann er wie ein Hase springen, gleich ber drei Stufen auf einmal.
Ists nicht so, Frau?
    Die Lehrerin besttigte es; und wieviel Umstnde er einem mache, fgte sie
verdrossen hinzu; jetzt sei er sechs Wochen im Haus und habe vierzehn Hemden in
der Wsche; immer msse er herausgeputzt sein wie eine Docke, und schon in aller
Herrgottsfrh fange er an, seine Kleider zu brsten.
    Sie setzte dem Polizeileutnant ein Glschen Schnaps vor und ging ins
Nebenzimmer, um den Sugling zu stillen, der sich schreiend meldete.
    Ja, es ist des Teufels mit ihm, setzte Quandt das Lamento seiner Gattin
fort; da hab ich neulich einmal aus der Bayrischen Deputiertenkammer
vorgelesen. Der Hauser stellt sich hinter mich, und wie ich fertig bin, liest er
den Titel der Zeitung halblaut fr sich hin, wie wenn ihn das Wort verwundere.
Nun wird aber doch die Bayrische Deputiertenkammer in jedem anstndigen Hause
gelesen, nicht wahr? Auerdem hat er Tag fr Tag Gelegenheit gehabt, das Blatt
auf unserm Tisch zu sehen, und der Name konnte ihm unmglich neu sein. Ich frage
also, ob er denn nicht wisse, was das sei, eine Deputiertenkammer. Darauf sagt
er mir mit seinem unschuldigsten Gesicht: das sei wohl ein Zimmer, wo man Leute
einsperre. Nun bitt ich Sie um alles in der Welt, das geht doch ber den grnen
Klee. Es mu schon ein Engel vom Himmel herunterkommen, damit ich solche
Ungereimtheiten auf Treu und Glauben hinnehmen soll, und selbst dann getrau ich
mich noch zu bezweifeln, ob es auch ein richtiger Engel ist und kein
nachgemachter.
    Was wollen Sie, antwortete der Polizeileutnant, es ist alles Schwindel,
alles ist Schwindel. Und indem er sich auf den gespreizten Beinen hin und her
wiegte, loderte in seinen Augen ein unbestimmter, trger Ha.
    Alles Schwindel; ein Urteil, das sich nicht etwa blo auf die vorgetragene
Anekdote bezog, sondern auf das ganze, ihm bis zum Ekel gleichgltige Treiben
der Menschen, sofern es nicht mit seinem Wohlbehagen verknpft war. Mochten sie
sich einander die Kpfe abhacken, mochten sie ber Himmel und Hlle, um Knig
und Land streiten, mochten sie ihre Huser bauen, ihre Kinder zeugen, mochten
sie morden, stehlen, einbrechen, schnden und betrgen oder sich ehrlich rackern
und edle Taten vollbringen, ihm war letzten Endes alles Schwindel, ausgenommen
der Freibrief fr ein sorgenloses Dasein, den ihm die Gesellschaft nach seiner
Ansicht schuldig war.
    Der Ritter von Lang, der an Hickel wegen seines einschmeichelnden Wesens
Gefallen hatte, pflegte gern zu erzhlen, wie Hickel einst mit seinem, des
Ritters, Sohn, einem jungen Doktor der Philosophie, ber die Landstrae gegangen
und wie der junge Mann, gegen das ausgestirnte Firmament deutend, angefangen
habe, von den zahllosen Welten dort oben zu reden; da habe Hickel mit seinem
mokantesten Gesicht erwidert: Ja, glauben Sie denn im Ernst, Doktor, da diese
hbschen Lichterchen etwas andres sind als eben - Lichterchen?
    Das war nicht etwa blo Unbildung, sondern nur der Ausdruck jener
berlegenheit, die in dem Worte gipfelte: alles Schwindel.
    Man wute in der ganzen Stadt, da Hickel ber seine Verhltnisse lebte. Es
war sein Ideal, fr einen Kavalier zu gelten, seine Leidenschaft, elegant zu
sein, auch besa er die feinste Nase fr die Echtheit und Legitimitt aller
damit zusammenhngenden Dinge. Als vor einiger Zeit seine Aufnahme in den
vornehmen Beamtenklub strittig gewesen war, hatte man lange gezgert, denn er
war keineswegs beliebt und auerdem war er von niedriger Abkunft, seine Eltern
waren arme Ktnersleute in Dombhl; schlielich hatte er seinen Wunsch mit Hilfe
einiger erschlichener Familiengeheimnisse durchgesetzt, mit denen er den
betreffenden Persnlichkeiten bange zu machen verstand. Der Hofrat Hofmann, sein
frherer Vorgesetzter, gab dem vorherrschenden Gefhl gegen ihn bezeichnenden
Ausdruck, indem er versicherte: Er decouvriert sich nicht; dieser Hickel
decouvriert sich nicht. In der Tat hatte es stets den Anschein, als ob der
Polizeileutnant mit etwas Gefhrlichem im Hinterhalt bleibe.
    Ausgezeichnet verstand er es, sich mit dem Prsidenten zu stellen. Er durfte
sich sogar erlauben, dem sonst so Unnahbaren gewisse Wahrheiten zu sagen, die
liebenswrdig oder sorgenvoll klangen, im Grunde aber nichts waren als
verzuckerte Bosheiten. Er besa eine nicht zu leugnende Geschicklichkeit im
Erzhlen amsanter Histrchen und mancherlei einlaufenden Stadtklatsches. Dies
ergtzte Feuerbach und stimmte ihn fr vieles andre nachsichtig. Rtselhaft,
sagten die Leute, was der Staatsrat an dem Hickel fr einen Narren gefressen
hat. Jedenfalls fand der Polizeileutnant stets williges Gehr bei Feuerbach,
und mit Schlauheit lie er sich dafr gern gefallen, da der Prsident in seiner
brbeiigen Manier an ihm herum erzog, seinen leichtsinnigen Wandel tadelte und
seine schlechten Instinkte mit erstaunlichem Scharfblick sozusagen in den
Wurzeln entblte. Ist es nicht wahrscheinlich, da gerade dies den Prsidenten
verfhrte und verstrickte? Indem er so klar die Leerheit und Dsterkeit dieser
Seele durchschaute, hatte er sich vielleicht schon zu vertraut gemacht mit ihr,
um sie von sich stoen zu knnen.
    Hickel wute den Prsidenten nach und nach zu berreden, da man Caspar
nicht so frei wie bisher herumgehen lassen drfe, und es wurde als Wchter ein
alter Veteran bestellt, der einen Stelzfu hatte und einarmig war. Dieser
Wackere fate seine neue Obliegenheit sehr gewissenhaft auf und folgte Caspar
auf Schritt und Tritt zum Gelchter der Gassenjugend. Der Polizeileutnant hatte
richtig spekuliert, wenn die so frsorglich aussehende Maregel dazu dienen
sollte, die Bewegungsfreiheit des Jnglings mglichst zu hemmen. Es gab
Beschwerden ber Beschwerden, bald von Quandt, bald von Caspar, bald von dem
Invaliden, den Caspar nicht selten berlistete, indem er sich heimlich
davonstahl.
    Er klagte dem Pfarrer Fuhrmann, bei dem er Religionsunterricht empfing,
seine Not; dieser ihm wohlgesinnte Greis ermahnte ihn zur Geduld. Was soll es
nutzen, geduldig zu sein! rief Caspar trotzig, wird ja doch immer schlechter!
    Was es nutzen soll? versetzte der Pfarrer mild. Was nutzt es Gott, da er
unserm unsinnigen Treiben zuschaut? Durch Geduld fhrt er uns zum Guten. Geduld
bringt Rosen.
    Dennoch wandte sich Pfarrer Fuhrmann an den Prsidenten, und dieser
versprach Abhilfe, ohne jedoch vorlufig etwas zu unternehmen. Die jhrliche
Inspektionsreise durch den Bezirk entfernte ihn fr drei Wochen aus der Stadt;
als er zurckgekehrt war, lie er eines Tages den Polizeileutnant auf sein
Arbeitszimmer rufen. Hren Sie mal, Hickel, redete er ihn an, Sie sind doch
in der hiesigen Gegend ziemlich gut bekannt? Schn. Haben Sie mal etwas ber das
Falkenhaus gehrt?
    Gewi, Exzellenz, antwortete Hickel. Das sogenannte Falkenhaus ist ein
uraltes markgrfliches Jagdschlchen im Triesdorfer Wald.
    Stimmt. Das Objekt interessiert mich schon seit einiger Zeit. Ich habe
Nachforschungen eingezogen und habe folgendes erfahren. Das Falkenhaus hat bis
vor ungefhr vier Jahren als Frsterwohnung gedient, und zwar hat der letzte
Frster jahrzehntelang mutterseelenallein dort gelebt. Der Mann hat nie mit
irgendeinem Menschen verkehrt, ist nie in einem Wirtshaus gesehen worden und hat
seine Einkufe in den umliegenden Drfern selbst besorgt. Eines Tages ist er
pltzlich verschwunden gewesen, und ein verabschiedeter Gendarm soll ihn im
Schwbischen als Besitzer oder Verwalter eines Gutshofs wiedergesehen haben. Ich
bin auch dieser Spur nachgegangen, und es hat sich herausgestellt, nicht nur,
da es damit seine Richtigkeit hat, sondern auch, da der Mann im Oktober 1830
des Nachts in seinem Bett ermordet worden ist.
    Davon ist mir nichts bekannt. Ich wei nur, da das Falkenhaus verdet und
unbewohnt ist und da im Volk allerlei gespensterhaftes Zeug ber die
unheimliche Einsiedelei erzhlt wird.
    Richten Sie jedenfalls Ihr Augenmerk darauf, sagte der Prsident; am
besten, Sie senden einen ortskundigen Mann hin, der sorgfltige Erhebungen
einziehen soll.
    Zu Befehl, Exzellenz. Darf ich fragen, um welchen Fall es sich dabei
handelt?
    Es handelt sich um Caspar Hauser und seine Gefangenschaft.
    Ah! Hickel rusperte sich und machte eine Verbeugung, Gott wei, warum.
    Ich glaube mit Bestimmtheit annehmen zu drfen, da das Falkenhaus die
Sttte seiner grausamen Kerkerhaft ist. Es war mir schon seit den ersten
Erzhlungen Caspars ber die Art seiner Wanderung mit dem Unbekannten
zweifellos, da der Ort in Franken selbst, nicht allzu weit von Nrnberg oder
Ansbach zu suchen sei. Nun haben mich die Spuren zum Falkenhaus gefhrt.
    Wahrscheinlich brauchen Eure Exzellenz dieses Indizium zu der Schrift ber
den Hauser, bemerkte Hickel schmeichelnd.
    So ist es.
    Und soll die Verffentlichung des Werks noch in diesem Jahr vor sich gehen?
Exzellenz verzeihen meine Neugier, aber ich bin ja herzlich interessiert bei der
Sache.
    Sie fragen mich zu viel, Hickel. Lassen Sie das. Da ist ein Briefchen fr
den Hofrat Hofmann, geben Sie es drauen zur Befrderung. Ich will mit dem
Hofrat und Caspar morgen nach Falkenhaus fahren. Benachrichtigen Sie den Hauser,
da er sich bereithlt, erwhnen Sie aber beileibe nichts von dem Zweck der
Fahrt.
    Zur festgesetzten Stunde fand sich Caspar ein und sah sich alsbald zu seiner
Verwunderung in der bequemen Kalesche gegenber dem Prsidenten und dem Hofrat
sitzen. In selten unterbrochenem Schweigen ging es durch die sonnige
Frhlingslandschaft.
    Sie langten an. Ein Gang durch das verlassene Waldhaus und die eingehende
Prfung seiner Lokalitten brachte nicht den geringsten Aufschlu. War ein
unterirdischer Raum zu jenem frchterlichen Gebrauch vorhanden gewesen, so hatte
der einstige Bewohner ihn sicherlich verschttet, und die Zeit hatte alle
Merkmale unsichtbar werden lassen.
    Da entdeckte das scharf umhersuchende Auge des Prsidenten im Freien neben
dem rechten Trakt des Gebudes eine sonderbar gestaltete Erdgrube. Die Anzeichen
lieen darauf schlieen, da sich vordem ein Holzschuppen oder dergleichen
darber erhoben hatte, denn ringsum lagen noch vermorschte Bretter und Balken
und rissige Schindeln. Es fhrten sieben in den Sand geschlagene und schon
verfallene Stufen hinab, und unten war die seltsam geglttete Erde von
gelblichem Moos bedeckt.
    Feuerbach verfrbte sich, als er dieses sah. Nach langem Versunkensein stieg
er hinunter, betastete einige Stellen der Wnde, bckte sich in einer Ecke auf
den Boden, alles dies finster und wortlos. Als er wieder heraufkam, sah er
Caspar durchdringend an. Der aber stand ruhig da und lie den unwissenden Blick
in die Tiefen des Forstes schweifen. Ahnt er nichts? dachte Feuerbach; ahnt er
nicht, worauf sein Fu tritt? Weckt ihn kein Hauch der Vergangenheit? Sprechen
die Bume nicht zu ihm? Verrt ihm die Luft nichts? Und da es nicht so scheint,
darf ich mich unterfangen, mit einem Ja oder Nein die schauerliche Ungewiheit
zu entscheiden?
    Der Wagen hielt an der Heerstrae drauen. Beim Rckweg durch den Wald blieb
Caspar, den pltzlich eine unbesiegbare Schwermut berfallen hatte, die ihn zu
langsamem Gehen zwang, ein groes Stck hinter den beiden Mnnern.
    Der Hofrat Hofmann benutzte die Gelegenheit, um dem Prsidenten seine
vernunftgemen Zweifel mitzuteilen. Ich mchte nur eines wissen, sagte er mit
verkniffenem Gesicht, ich mchte wissen, warum man den Menschen, wenn er
wirklich so lange in Gefangenschaft geschmachtet hatte, auf einmal freilie, und
nicht nur das, sondern mitten in eine groe Stadt gebracht hat, wo er das
ungeheuerste Aufsehen erregen, also notwendigerweise seine Peiniger verraten
mute. Eine solche Logik will mir nicht einleuchten.
    Mein Gott, dafr lassen sich mancherlei Erklrungen denken, erwiderte der
Prsident ruhig; entweder man war seiner berdrssig geworden; ihn lnger zu
beherbergen war mit Schwierigkeit, ja mit Gefahr verknpft; sein Kerkermeister
konnte den Auftrag erhalten haben, ihn zu tten, fate jedoch in einer
begreiflichen Regung des Erbarmens oder der Anhnglichkeit oder der Furcht den
Entschlu, ihn auf andre Art verschwinden zu lassen, und wo konnte das mit mehr
Aussicht auf Erfolg geschehen als gerade in einer groen Stadt? Man dachte sich
die Sache so: der Rittmeister Wessenig, dem mitgegebenen Schreiben folgend,
steckt ihn unter die Soldaten; dort gibt es der Analphabeten und Halbidioten die
Menge, dort wird er nicht weiter auffallen, vermeinte der Verbrecher in einem
Optimismus, der freilich nur von seiner eignen Unbildung zeugt. Als aber die
Dinge einen ganz andern Weg nahmen, bekam ers mit der Angst, teilte sich, mute
sich denen mitteilen, welche die Fden von Anfang an in der Hand hielten, und
diese muten zusehen, wie sie den furchtbarsten Zeugen ihrer Schuld wieder
unschdlich machen konnten, der nun, geschtzt von einer Welt, ihnen als
Auferstandener gegenbertrat.
    Sehr fein, sehr fein, murmelte der Hofrat beifllig, ohne merken zu
lassen, da er keineswegs berzeugt war.
    Spt nachmittags kamen sie in die Stadt zurck. Caspar trennte sich von den
Herren und ging heimwrts. Auf dem Promenadeweg begegnete er Frau von Imhoff.
Sie begrte ihn und fragte, warum er sich so lange nicht bei ihr sehen lasse.
    Hab keine Zeit, hab viel zu arbeiten, antwortete Caspar, doch mit so
verlegenem Gesicht, da die kluge Dame merkte, dies knne nicht der wahre Grund
sein. Sie unterlie es aber, ihn auszuforschen, und fragte ablenkend, ob er sich
auch des Frhlings recht erfreue.
    Caspar schaute in die Luft und in die Kronen der Ulmen, als habe er den
Frhling bis jetzt bersehen, und schttelte den Kopf. Gern htte er vieles
gesagt, das Herz war ihm voll, bervoll, doch auf der Zunge lag es wie ein
Stein, und er hatte nicht das Gefhl, da diese Frau, so freundlich sie sich
auch gab, wirklich fr ihn aufgelegt sei. Was kann es nutzen? dachte er.
    Ich habe Ihnen einen Gru zu bestellen, sagte sie dann beim Abschied und
nachdem sie ihn fr den Sonntag zu Tisch gebeten hatte; erinnern Sie sich noch
der Geschichte meiner Freundin, die ich am Abend, als Lord Stanhope bei uns war,
erzhlt habe? Die lt Sie gren. Und ein Gru bedeutet bei ihr viel.
    Wie heit die Frau? fragte Caspar, genau wie damals, nur nicht lchelnd
und froh, sondern zerstreut.
    Frau von Imhoff lachte; diese Wibegier nach einem Namen erschien ihr
komisch. Kannawurf heit sie, Clara von Kannawurf, antwortete sie gutmtig.
    Ganz hbsch, da sie mich gren lt, dachte Caspar, whrend er seinen Weg
fortsetzte, aber was kann es nutzen? Was solls mir nutzen?

                   Quandt begibt sich auf ein heikles Gebiet


Kaum war Caspar zu Haus in die Wohnstube getreten, so merkte er, da etwas
Besonderes los sein mute. Quandt sa am Tisch und korrigierte mit finsterer
Miene die Schlerhefte, die Lehrerin wiegte den Sugling auf den Knien und
erwiderte, dem Beispiel ihres Mannes folgend, seinen Abendgru nicht. Die Lampe
war noch nicht angezndet, ein scharlachner Abendhimmel flammte durch die.
Fenster, und als Caspar seinen Hut aufgehngt, ging er wieder hinaus in den Hof.
Dort spielte das vierjhrige Shnchen des Lehrers mit Schussern, Caspar setzte
sich daneben auf die Steinbank; nach einer Weile erschien Quandt, und kaum hatte
er die beiden beieinander gesehen, als er hineilte, das Kind bei der Hand
ergriff und es rasch wie von einem mit ansteckender Krankheit Behafteten
wegfhrte.
    Caspar folgte alsbald dem Lehrer ins Haus. Doch Quandt war nicht im Zimmer,
und er traf die Frau allein. Was gibt es denn bei uns, Frau Lehrerin? fragte
er.
    Na, wissen Sie denn nicht? versetzte die Frau befangen. Haben Sie denn
nichts davon gehrt, da sich die Magistratsrtin Behold zum Fenster
heruntergestrzt hat? Es steht in der Nrnberger Zeitung heut.
    Heruntergestrzt? flsterte Caspar aufgeregt.
    Ja; vom Dachboden ihres Hauses hat sie sich in den Hof gestrzt und den
Kopf zerschmettert. Die ganze letzte Zeit her soll sie sich wie eine Verrckte
aufgefhrt haben.
    Caspar wute nichts zu sagen; seine Augen erweiterten sich, und er seufzte.
    Es scheint Ihnen ja nicht besonders nahezugehen, Hauser, lie sich
pltzlich die Stimme Quandts vernehmen, der leise hereingetreten war, als er die
beiden sprechen gehrt hatte.
    Caspar wandte sich um und sagte traurig: Sie war ein schlechtes Weib, Herr
Lehrer.
    Quandt stellte sich dicht vor ihn hin und rief schneidend: Unseliger, der
du dich nicht entbldest, das Andenken einer Toten zu besudeln! Das soll Ihnen
unvergessen bleiben! Nun haben Sie Ihre schwarze Seele enthllt! Pfui, pfui,
sage ich, und abermals pfui! Gehen Sie mir aus den Augen! Fllt es Ihnen denn
nicht aufs Herz, da die Hingegangene am Ende vielleicht durch Sie, durch den
Kummer ber den erlittenen Undank zu einer solchen Tat getrieben wurde? Ahnen
Sie das nicht? Freilich, ein Selbstschtling wie Sie schert sich wenig um die
Leiden andrer Menschen, ihm ist nur das eigne Wohlergehen wichtig.
    Mann, Mann, beruhige dich doch, mischte sich die Lehrerin ein mit einem
scheuen Blick auf Caspar, der aschfahl geworden war und mit vllig geschlossenen
Augen dastand, whrend er die Fingerspitzen seiner Hnde gegeneinander gelegt
hatte.
    Du hast recht, Frau, erwiderte Quandt, ich vergeude meine Entrstung an
taube Ohren. Was kann an einem Menschen noch zu bessern sein, der selbst dem Tod
gegenber nicht ein bichen Andacht und Demut aufbringt? Da ist Hopfen und Malz
verloren.
    Als Caspar in sein Zimmer kam, glnzte noch die letzte Glut des
Sonnenuntergangs ber den Hgeln. Er setzte sich ans Fenster, nahm einen der
Blumentpfe zur Hand und schaute darauf nieder. Die Stengel in den
Hyazinthenkelchen schttelten sich, und ihm war, als vernehme er fernes Gelute.
Er wnschte sich das Angesicht einer Blume, um keinen Blick eines Menschenauges
erwidern zu mssen. Oder er wnschte wenigstens sich im Scho einer Blume bergen
zu knnen, solange, bis das Jahr vorber war, von dessen Wende er so vieles
hoffte. Dort knnte man stille sein und warten.
    In den nchsten Tagen wurde der Magistratsrtin keine Erwhnung getan,
Quandt vermied es sorgfltig, den Namen der Frau Behold zu nennen. Um so mehr
war er berrascht, als Caspar selbst davon anfing; am Samstag beim Mittagessen
sagte er pltzlich, es gereue ihn, was er ber die Tote gesagt, er sehe ein, da
es unrecht sei, eine Verstorbene anzuklagen.
    Quandt horchte hoch auf. Aha, dachte er, sein Gewissen regt sich! Aber er
entgegnete nichts, sondern verzog nur das Gesicht, als wolle er sagen: Lassen
wir das, ich wei mein Teil. Doch stach ihn die Galle, und whrend sie alle drei
schweigend die Suppe lffelten, konnte er sich nicht enthalten zu sagen: Sie
mten sich doch eigentlich bis in den Fuboden hinein schmen, Hauser, wenn Sie
an Ihr Benehmen gegen die unschuldige Tochter der Magistratsrtin denken.
    Wieso? versetzte Caspar verwundert. Was hab ich denn getan?
    Ei, wollen Sie auch jetzt noch das Lmmchen spielen? antwortete der Lehrer
abschtzig. Gottlob hab ich alles schriftlich und eigenhndig von der Seligen,
da hilft kein Leugnen.
    Caspar staunte unruhig vor sich hin. Er fragte wieder, da ging Quandt zum
Sekretr, holte aus einer Schublade den Brief der Frau Behold hervor und las,
neben Caspar stehend, mit dumpfer Stimme vor: Ist viel Gerede gewesen von
seinem keuschen Sinn und seiner Innocence in allem Dahergehrigen. Auch hierber
kann ich ein Wrtlein melden, denn ich habs mit meinen eignen Augen gesehen, wie
er sich meiner damals dreizehnjhrigen Tochter ... unziemlich und
unmiverstehlich nherte.
    Caspar begriff allmhlich. Langsam legte er Lffel und Brot beiseite, und
der Bissen blieb ihm im Munde stecken. Seine Augen wurden ganz dunkel, er erhob
sich, rief mit jammernder Stimme: Ach, diese Menschen, diese Menschen! und
strzte hinaus.
    Das Ehepaar sah einander an. Die Lehrerin legte die Hand breit auf das
Tischtuch und sagte nachdrcklich: Nein, Quandt, ich kanns nicht glauben. Da
mu sich die selige Rtin geirrt haben. Er wei doch nicht mal, was eine Frau
ist.
    Auch Quandt war gerhrt. Das eben steht dahin, das wre zu beweisen,
meinte er kopfschttelnd. Du bist leichtglubig, meine Gute. Ich erinnere dich
nur daran, da er bei der Geburt unsers Mdchens zu meiner Befremdung wie ein
gereifter Mann ber die Sache sprach. Es war mir das gleich enorm verdchtig.
Immerhin gebe ich zu, da Frau Behold in dem Brief zu weit gegangen sein mag und
da ich mich infolgedessen zu einer bereilung habe hinreien lassen. Aber ich
mu dahinterkommen, wie weit seine Wissenschaft in dem Punkte geht, denn an sein
Kindergemt, das weit du, glaub ich nun einmal nicht.
    Du mut ihn wieder vershnen, Quandt, es war zu arg, das da, sagte die
Lehrerin.
    Quandt machte eine bedenkliche Miene. Vershnen? Ja, gut; ich wills gern
tun. Aber er ist dann immer so lieb und anschmiegsam, da man ihm schwer
widerstehen kann, und dadurch wird das objektive Urteil getrbt. Ich werde
morgen einmal mit dem Pfarrer Fuhrmann ber das Thema sprechen.
    Gesagt, getan. Doch leider zeigte Quandt bei diesem Anla die
Umstndlichkeit einer alten Jungfer und umschrieb das, was er sagen wollte, mit
blhenden Redefiguren, als ob zwischen Mann und Weib nur Beziehungen therischer
Art wren, die zuweilen unglcklicherweise in den Staub gezogen und befleckt
wrden durch beleidigende, aber nicht auszurottende Zwischenflle.
    Der geistliche Herr mute lcheln. Nach einigem verwunderten Nachdenken
antwortete er, er habe an Hausers Charakter nach dieser Richtung etwas
Anstiges nicht im geringsten beobachtet, Caspar scheine ihm in allem, was das
Verhltnis der Geschlechter betreffe, noch ein vollstndiges Kind. Zum Beweis
dessen erzhlte er dem Lehrer, da Caspar vor ungefhr einem Monat beim Lesen
einer Bibelstelle, die ihm aufgefallen war und die er ihm so gut es ging
erklrt, mit schnem Zaudern von einer gewissen wiederkehrenden Beunruhigung
gesprochen habe, einem Zustande, der ihn sicherlich schon oft bedrngt und fr
dessen Deutung er nirgends eine vertrauende Ansprache gefunden. Der alte Mann
versicherte, da ihm die Art und Weise, wie Caspar dies vorgebracht,
unvergelich sein werde, es habe wie ein ahnungsloser Vorwurf gegen die Natur
geklungen, die etwas mit ihm anstellte, wogegen er sich nicht wehren knne.
    Quandt lie sich kein Wort entgehen. Er sah das mit ganz andern Augen an. Er
erblickte darin die Merkmale einer verderbten Phantasie. Doch uerte er von
seiner Ansicht gegen den Pfarrherrn nichts, sondern begab sich in stillem
Vorbedacht nach Hause, legte sich emsig auf die Lauer und pate die Gelegenheit
ab.
    Am Tag darauf sollte Caspar bei Imhoffs essen, er kam aber wieder zurck,
denn die Baronin war krank und lag zu Bett. Beim Abendtisch kam das Gesprch
darauf, und da Quandt sein Bedauern ausdrckte, sagte Caspar: Ach, die wird
vielleicht nie mehr ganz gesund.
    Was reden Sie da, Hauser, fiel die Lehrerin ein, so eine junge Frau, so
reich und so schn.
    Ach, entgegnete Caspar wehmtig, Reichtum und Schnheit tuns nicht. Die
hat sich schon zu sehr hinuntergegrmt.
    Ja, hat sie denn ihren Kummer am Ende Ihnen anvertraut? forschte Quandt
unglubig.
    Caspar beantwortete die Frage nicht und fuhr wie zu sich selbst redend fort:
Nichts fehlt ihr auf der Welt, nur der Mann ist nicht, wie er sein sollte, hat
andre lieber. Warum? Er ist doch sonst so gescheit. Aber wenn sich die Frau auch
zu Tod betrbt, deshalb wird es nicht besser. Und die Leute hinterbringen ihr
alles; ich hab ihr gesagt, das sind keine Freunde, die Ihnen solches Zeug
erzhlen, wahre Freunde sind das nicht.
    Hm, machte Quandt und schaute eigentmlich lchelnd auf seinen Teller. Er
besiegte sein Schamgefhl und fragte mit gezwungener Leichtigkeit, ob denn Herr
von Imhoff in neuerer Zeit seiner Frau wieder Anla zur Sorge gegeben habe,
seines Wissens habe doch erst im Mrz eine Vershnung stattgefunden.
    Ja, freilich hat er Anla gegeben, versetzte Caspar unbefangen, es ist ja
wieder ein Kind von ihm da.
    Quandt erschrak. Da haben wirs, dachte er. Und so hart es ihn auch ankam, er
beschlo, Caspar gleich auf den Zahn zu fhlen. Er wechselte mit seiner Frau
einen Blick des Einverstndnisses und bat sie, sie solle nach den Kindern
schauen. Als nun die Frau das Zimmer verlassen hatte, wandte sich der Lehrer,
bla und aufgeregt durch die Schwierigkeit seines Vorhabens, an Caspar und
fragte ihn unvermittelt, ob er schon einmal mit einem Frauenzimmer etwas gehabt
habe, es lgen verschiedene Mutmaungen vor, und Caspar mge offen wie mit einem
Vater zu ihm reden.
    Diese Worte stimmten Caspar dankbar; er sah in ihnen ein Zeichen von
Teilnahme, obgleich er ihren Sinn und Zweck nicht verstand, sondern blo das
trbe Element, aus dem sie stiegen, furchtsam ahnte.
    Er berlegte. Mit einem Frauenzimmer? Ja wie? murmelte er.
    Meine Frage ist doch deutlich, Hauser; stellen Sie sich nicht so kindisch.
    Ja, ich versteh schon, sagte Caspar eilig, um die gute Laune des Lehrers
nicht zu verscherzen; und da ist auch was gewesen.
    Na, nur heraus damit! Nur Mut!
    Und harmlos begann Caspar zu erzhlen: So vor ungefhr sechs Wochen hab ich
meinen Sonntagsanzug zur Putzerin in die Uzensgasse getragen. Sie wissen doch,
Herr Lehrer, es ist das kleine Haus neben dem Bcker. Wie ich hingekommen bin,
war der Laden versperrt, da bin ich hinauf in die Wohnung gegangen und hab an
die Tr geklopft. Da hat mir ein junges Mdle aufgemacht und war im Nachtkleid,
weiter hat sie nichts am Leib gehabt, die ganze Brust hat man sehen knnen, es
war scheulich. Sie hat mir die Sachen abgenommen und hat gesagt, sie wollt es
der Putzerin ausrichten. Ich war immer noch vor der Tr. Komm nur herein, sagt
sie. Da bin ich hinein und frage, was sie will. Da hat sie angefangen vor mir
herumzutnzeln, hat gelacht und sonderliches Zeug geredet, hat mich gefragt, ob
ich ihr Brutigam sein will, und zuletzt - er zgerte lchelnd.
    Zuletzt? Was zuletzt? fragte Quandt, indem er den Kopf weit vorbeugte.
    Zuletzt hat sie verlangt, ich soll ihr einen Ku geben.
    Nun, und?
    Da hab ich ihr gesagt, dazu soll sie sich einen andern wnschen, ich
versteh' mich nicht aufs Schmatzen.
    Und weiter?
    Weiter? Weiter war nichts. Ich bin dann fortgegangen und sie hat mir vom
Fenster aus nachgeschaut.
    Wie konnten Sie denn das bemerken?
    Weil ich mich umgedreht hab.
    So so. Umgedreht. Wie heit die Person?
    Das wei ich nicht.
    Das wissen Sie nicht? Hm. Und ... ein zweites Mal waren Sie nicht dort?
    Caspar verneinte.
    Schne Geschichten, murmelte Quandt und erhob sich mit einem Blick zum
Himmel.
    Er sprte vorsichtig nach. Er erfuhr, da bei jener Putzmacherin wirklich
ein Frauenzimmer zweifelhafter Gattung zur Miete wohne. Der Erzhlung Caspars
noch nher auf den Grund zu gehen hinderte ihn die Rcksicht auf seinen Ruf,
hatte er doch ohnehin den Eindruck gewonnen, da der Jngling an der ganzen
Begebenheit so unschuldig nicht sein knnte, als er sich anstellte; denn, so
argumentierte er, zu einem derartig niedrigen Benehmen wie dem jenes weiblichen
Geschpfs kann nur ein Mensch Anla geben, dem eine gewisse moralische
Unzulnglichkeit auf der Stirn geschrieben steht.
    Ja, wenn er nicht lgen wrde, dann wre alles anders, dachte Quandt; aber
er lgt, er lgt, und das ist das Frchterliche. Hat er mir nicht erzhlt, die
Herzogin von Kurland habe ihm ein Dutzend gestickter Taschentcher geschenkt?
Kein Wort wahr. Hat er nicht behauptet, er kenne den Ministerialrat von Spie
und habe im Schlotheater mit ihm gesprochen? Lge. Hat er nicht dem Musikus
Schler weisgemacht, er habe die Idyllen von Gener gelesen, und als ich ihn
danach fragte, wute er kein Wort darber zu sagen, wute nicht einmal, was eine
Idylle ist? Gibt er nicht immer vor, dringende Besorgungen zu haben, einmal fr
den Prsidenten, das andre Mal fr den Hofrat, und spter zeigt es sich, da er
blo herumgebummelt ist, um einen neuen Schlips spazierenzutragen? Steht das
nicht alles fest, oder bin ich selbst so dumm und so ungerecht, da ich diesen
Dingen eine Bedeutung zumesse, die niemand sonst darin finden kann?
    Quandt wandte sich an den Pfarrer Fuhrmann und legte ihm Punkt fr Punkt die
verdammenswerten Vergehungen vor.
    Sehen Sie denn nicht, lieber Quandt, sagte darauf der Pfarrer, da das
lauter armselige, kleine Lglein sind, kaum da sie den Namen verdienen? Es ist
das mehr ein Sichliebmachenwollen oder eine durch ihre Ohnmacht
bemitleidenswerte Anstrengung, Fesseln abzustreifen, oder gar nur das harmlose
Vergngen an einem Wort, an einer Redensart. Vielleicht spielt er nur mit seiner
Zunge, wie er andre Menschen damit spielen sieht, nur eben viel ungeschickter.
    So? ereiferte sich Quandt, dann will ich Ihnen, Hochwrden, eine
Geschichte erzhlen, die den strikten Beweis des Gegenteils erbringt. Hren Sie
zu. Vorige Woche findet unsre Magd des Morgens seinen Leuchter mit abgebrochener
Handhabe; sie zeigt es meiner Frau, meine Frau macht mich darauf aufmerksam, und
ich konstatiere, da der Henkel nicht abgebrochen, sondern abgeschmolzen ist;
das Rohr war bis ganz hinunter von der Hitze des Lichtes schwarzgebrannt und von
auen rtlichblau berflammt, in der Schale konnte man deutlich sehen, wie hoch
das zerflossene Unschlitt gereicht und wie es an mehreren Stellen abgeschabt
war; von der ganzen Kerze, die Hauser den Abend zuvor erhalten, war keine Spur
mehr da. Nun mssen Sie wissen, da ich ihm streng verboten hatte, bei
Kerzenlicht zu lesen oder zu arbeiten; trotzdem wollte ich ihn schonen und lie
ihn nur durch meine Frau verwarnen. Aber da leugnet er pltzlich alles ab,
versichert, da er die Kerze weder wissentlich habe verbrennen lassen, noch
dabei eingeschlafen sei und erkhnt sich am Ende zu der Behauptung, es sei gar
nicht sein Leuchter, sondern der der Magd, denn beide shen gleich aus. Was
sagen Sie dazu?
    Der Pfarrer zuckte die Achseln. Wir drfen doch nicht vergessen, da er
trotz allem ein Wesen von besonderer Beschaffenheit ist, erwiderte er
nachdenklich. Ich habe mich selbst davon berzeugt. Ich besitze eine kleine
Elektrisiermaschine, mit der ich manchmal ein bichen experimentiere. Neulich
nahm ich das Ding vor, whrend Caspar dabei war, lie die Funken springen und
lud die Leidener Flasche. Da wird mir der arme Mensch bleich und zusehends
bleicher, fngt zu zittern an, spreizt die Finger starr von sich, und sein
Krper zuckt wie ein Hecht, den man auf den Sand wirft. Ich war sehr erschrocken
und rumte das Zeug beiseite, worauf er wieder in seinen gewhnlichen Zustand
zurckkehrte. Doch schmerzte ihn der Kopf noch tagelang nachher, wie er mir
gestand; wenn er im Bette lag, hatte er kalten Schwei, und die Dinge, die er
anfhlte, stachen ihn wie mit winzigen Nadeln. Bezeichnenderweise sagte er, beim
Gewitter sei ihm jedesmal hnlich, da kitzle ihn und brenne ihn das Blut, da er
immerfort schreien mchte.
    
    Und daran glauben Sie? rief Quandt, die Hnde zusammenschlagend.
    Ja, warum denn nicht?
    Nun, wenn Sie daran glauben, befinde ich mich allerdings in einem groen
Nachteil gegen den Menschen, das mu ich zugeben, sagte Quandt. Das mu ich
zugeben, wiederholte er bekmmert.
    So ist es immer, dachte der Lehrer auf dem Nachhauseweg; erst wird
entschuldigt und beschnigt, und wenn man seine triftigen Grnde vorbringt,
werden die Achseln gezuckt, und man tischt einem Histrchen auf, die nicht
gestogen und geflogen sind, und von denen sich kein Jota beweisen lt. Was fr
ein Satan steckt doch in dem Burschen, da er berall Neigung und Teilnahme zu
erwecken versteht, wo er sich auch zeigen mag! Da kein Mensch seine Laster
sehen will und ganz fremde Leute, darauf versessen, ihn kennenzulernen, das
windigste Entzcken uern und ihn verhtscheln, als ob sie verzaubert wren,
als ob er ihnen ein Liebestrnkchen eingegeben htte!
    Das erbitterte Quandt. Er sagte sich: nehmen wir an, ich trte unter
unbekannte Menschen und gbe vor, der Heilige Geist oder sein Apostel zu sein
oder spielte mich als Wundertter, auf, und es fiele dem oder jenem bei, ein
wirkliches Wunder zu verlangen, und ich mte zugeben, es sei die blanke
Spiegelfechterei, was wrde da passieren? Man wrde mich ins Narrenhaus stecken
oder mit Prgeln traktieren; ja, das wrde man, wenn ich auch noch so ein
Engelsgesicht aufsetzte, das wrde man, und mit Recht; nicht aber wrde man mich
mit Geschenken berhufen und mich anhimmeln und meine schnen Augen und weien
Hnde bewundern und mir Haare zum Andenken abschneiden, wie ich das, Gott seis
geklagt, von einer verblendeten Menschheit hier erleben mu.
    Aus einem Selbstgesprch solcher Art geht klar hervor, wieviel
Kopfzerbrechen und welche ernste Seelenkmpfe dem Lehrer aus dem Umgang mit
seinem Zgling erwuchsen.
    Und was war frher mit ihm? grbelte Quandt. Wo kommt er eigentlich her?
Dahinter mte doch zu kommen sein. Wie hat er sich das alles zurechtgelegt,
womit er die Dunkelmnner betrt? Ja, das ist eben das Geheimnis, sagen die
Dunkelmnner. Geheimnis? Es gibt kein Geheimnis; ich verwerfe das Geheimnis. Die
Welt von oben bis unten ist ein klares Gebilde, und wo die Sonne scheint,
verstecken sich die Eulen. Gbe mir nur der Herrgott einen Wink, wie ich dieser
diabolischen Verstellungskunst zu Leibe gehen knnte! Man mte einmal ernstlich
zusehen, wie es mit dem Tagebuch beschaffen ist und was dahintersteckt. Das
Tagebuch scheint zu existieren, es scheint damit seine Richtigkeit zu haben,
abgesehen von allem Geflunker; vielleicht ist es eine Art Beichtgelegenheit fr
ihn; man mu dahinterkommen.
    Die Begebenheiten halfen Quandt, rascher dahinterzukommen, als er gehofft.

                                Eine Stimme ruft


Eines Nachmittags im Hochsommer erschien Hickel und reichte Caspar einen an ihn,
den Polizeileutnant, gerichteten, aber im Grunde fr Caspar bestimmten Brief des
Grafen Stanhope, in welchem dieser dem Jngling klipp und klar befahl, das
Tagebuch an Hickel auszuliefern.
    Caspar berlas das Schreiben dreimal, ehe er endlich Worte fand; er weigerte
sich zu gehorchen.
    Ja, mein Bester, sagte Hickel, wenn es nicht gutwillig geht, mu ich
leider Gewalt anwenden.
    Caspar besann sich, dann sagte er mit trber Stimme, der einzige, dem er das
Tagebuch geben knne, sei der Prsident, und dem wolle er es morgen bringen,
wenn man darauf bestehe.
    Gut, entgegnete der Polizeileutnant, ich werde Sie morgen frh abholen,
und dann gehen wir mit dem Heft zum Prsidenten.
    Hickel wollte Zeit gewinnen. Er hatte natrlich keine Lust, das Tagebuch in
die Hnde Feuerbachs kommen zu lassen, gerade dies zu verhindern, hatte er
Auftrag, und er berlegte, was zu tun sei. Was Caspar betrifft, so stahl er sich
gegen Mittag aus dem Haus und lief in die Wohnung des Prsidenten, um sich zu
beschweren. Feuerbach war im Senat; Caspar vertraute seine Sorge der Tochter an,
und diese versprach dem Vater Bericht zu geben.
    Nachmittags lutete es bei Quandts, und der Prsident trat ins Zimmer.
Mittlerweile hatte Caspar, um auch diesem sonst verehrten Mann den gehteten
Schatz nicht ausliefern zu mssen, sich eine Ausrede erdacht, und als der
Prsident im Beisein Quandts nach dem Tagebuch fragte und ob es wahr sei, da er
es nicht zeigen wolle, sagte er schnell, er habe es verbrannt.
    Da gab es dem Lehrer einen Ruck, und er konnte sich eines zornigen Ausrufs
nicht enthalten.
    Wann haben Sie es verbrannt? fragte Feuerbach ruhig.
    Heute.
    Und warum?
    Damit ichs nicht hergeben mu.
    Warum wollen Sie es nicht hergeben?
    Caspar schwieg und starrte zu Boden.
    Das ist eine Lge, er hat es nicht verbrannt, Exzellenz, zeterte Quandt,
bebend vor rger. Und wenn er berhaupt ein Tagebuch gefhrt hat, so mu es
schon lnger beiseite gebracht sein. Von Weihnachten an hab ich es berall
gesucht, in jedem Winkel seines Zimmers hab ich Umschau gehalten, und nie,
niemals war eine Spur davon zu finden.
    Der Prsident schaute Quandt aus groen Augen stumm und verwundert an; es
war ein Blick, der etwas Mattes und Gramvolles hatte. Wo war denn das Tagebuch
aufbewahrt, Caspar? fuhr er dann zu fragen fort.
    Caspar antwortete zaudernd, er habe es bald da, bald dort versteckt; bald
unter den Bchern, bald im Schrank, zuletzt an einem Nagel hinter der
Schreibkommode. Quandt schttelte dabei unaufhrlich den Kopf und lchelte bse.
Haben Sie denn den Nagel selbst eingeschlagen? inquirierte er.
    Ja.
    Wer hat Ihnen die Erlaubnis dazu erteilt?
    Gehen Sie jetzt, Caspar, schnitt der Prsident das Zwiegesprch
gebieterisch ab. Ich begreife nicht, wandte er sich, als Caspar drauen war,
an den Lehrer, weshalb Lord Stanhope pltzlich so groes Gewicht auf das
Tagebuch legt; wahrscheinlich berschtzt er die ohne Zweifel harmlosen
Schreibereien. Mit Gte und berredung wre man brigens besser gefahren als
durch einen kategorischen Befehl.
    Gte, berredung? versetzte Quandt hnderingend. Da haben Euer Exzellenz
einen schlechten Begriff von diesem Menschen. Durch Gte entfesselt man nur
seine Selbstsucht, und jeder Versuch, ihn zu berreden, vergrert seine
Bockbeinigkeit. Ja, er dnkt sich schon etwas, stellt sich auf die Hinterfe,
hlt Widerpart und ist fhig, mir eine Antwort zu geben, da ich dastehe wie vor
den Mund geschlagen. Euer Exzellenz mgen verzeihen, aber ich bin der Meinung,
da sogar Sie durch Gte und berredung nichts mehr bei ihm ausrichten knnen.
    Na, na, machte Feuerbach, schritt zum Fenster und sah dster in die
regentriefenden Zweige des Birnbaums, der an der Hofmauer wuchs.
    Ich getraue mich auch, Euer Exzellenz auf das allerbestimmteste zu
versichern, da er das Tagebuch nicht verbrannt hat, schlo Quandt mit
beschwrender Stimme.
    Der Prsident antwortete nichts. Wie widerwrtig war es ihm, all den kleinen
Hader austragen zu sollen, den sie ihm da herbeischleppten. Ihn drstete nach
Frieden. Das eine Werk noch, vollendet mute es werden, dann - Frieden.
    Kaum war Feuerbach gegangen, so eilte Quandt in Caspars Zimmer, rckte die
Schreibkommode von der Wand und sah nach, ob dort ein Nagel stecke. In der Tat
war ein Nagel ins Holz geschlagen. Quandt rief die Magd herauf Hat der Hauser
in letzter Zeit den Hammer gehabt, und haben Sie ihn klopfen gehrt? fragte er.
Die Magd bejahte; er habe vorige Woche Hammer und Ngel aus der Kche geholt,
und sie habe ihn klopfen gehrt.
    Pltzlich hatte Quandt eine Erleuchtung. Wir sind ja im Sommer, dachte er,
und wenn er das Heft wirklich verbrannt hat, mu die Asche noch im Ofen zu
finden sein. Er ging zum Ofen, kniete nieder, ffnete das Trchen und scheuerte
mit gierigen Hnden alles, was von verbrannten und verkohlten Resten in dem Loch
war, heraus auf den Boden.
    Es kam viel Papierasche zum Vorschein. Quandt gab acht, da die greren
Stcke nicht zerbrachen, da man auf Asche eine Schrift noch lesen kann. Sorgsam
schob er die Trmmer auseinander. Er frchtete das eine oder das andre mit dem
Finger anzugreifen und blies es mit dem Atem seines Mundes zur Seite; wenn es
beschrieben war, versuchte er die Worte zu lesen, fand aber keinen Zusammenhang.
    Da nherten sich Schritte, und Caspar trat ein, nicht wenig erstaunt ber
die Lage, in der er den Lehrer sah, dessen Hnde und Gesicht von Ru geschwrzt
waren, indes ihm der Schwei von den Haaren troff.
    Quandt lie sich nicht stren. Soviel Asche kann doch unmglich von dem
einen Tagebuch herrhren, sagte er.
    Ich hab auch alte Briefe und Schriften damit verbrannt, erwiderte Caspar.
    Die khlsachliche Antwort trieb Quandt die Zornrte ins Gesicht; er stand
hastig auf, murmelte etwas durch die Zhne und verlie das Zimmer, die Tr
hinter sich zudonnernd. Sie kommen mir heut abend nicht mit auf die Ressource,
schrie er auf der Stiege.
    In der Ressource war ein Gartenfest, das der Schtzenverein veranstaltete.
Quandt hatte eigentlich keine Lust, hinzugehen, dergleichen kostete immer Geld.
Aber die Frau wollte auch einmal ein Amsement haben, war des verdrielichen
Zuhausehockens satt. Sie hatte sich schon vor acht Tagen ein Kattunkleid fr
diesen Zweck gemacht, und so mute denn der Lehrer sich fgen und, wie er sich
ausdrckte, der Unvernunft seinen Zoll entrichten, zumal das Wetter gegen Abend
schn geworden war.
    Caspar blieb, bis die Dunkelheit anbrach, am offenen Fenster sitzen und
geno der Stille. Dann machte er Licht, und ein Lcheln umspielte seine Lippen,
als er zur Wand ging, den Stahlstich ber dem Kanapee herunternahm, die hinter
dem Bild befestigte Holztafel loslste und nun das so verborgene Tagebuch
hervorzog. Er setzte sich damit zum Tisch, bltterte nachdenklich in dem Heft
herum und berlas einige Stellen.
    Hier war ein Lebensalter, eine Menschwerdung zusammengepret in den Verlauf
von nicht mehr als vier Jahren, mit unheimlicher Geschwindigkeit Epoche an
Epoche drngend. Was es an mangelhaft Ausgesprochenem, Geschildertem enthielt,
die unschuldigen Ergsse erster Freuden und Schmerzen, das erste bange
Welterkennen, knabenhafte Philosophie und trotziges Hadern mit ahnungsvoll als
feindlich empfundenen Mchten irdischer und berirdischer Natur, alles das htte
die auf diese Beute versessenen Jger bitter enttuscht. Aber es war nicht fr
jene, es war fr die Mutter, ihr war es zugelobt ein fr allemal, und mit der
ihm eignen Wunderlichkeit war Caspar der Gedanke ganz unfalich, da ein andres
Auge je auf diesen Blttern ruhen sollte. Es mag auch sein, da ihm das Heft
nach und nach in der Einbildung zu seinem einzigen wirklichen Besitz geworden
war; das einzige Ding, das ihm vllig zugehrte und sein ganzes Vertrauen besa.
    Auf einer der ersten Seiten stand: Neulich hab ich aus Gartenkresse meinen
Namen geset, ist recht schn gewachsen und hat mir groe Freude gemacht. Ist
einer in den Garten hereingekommen, hat Birnen gestohlen, der hat mir meinen
Namen zertreten, da hab ich geweint. Herr Daumer hat gesagt, ich soll ihn wieder
machen, hab ihn wieder gemacht, am andern Morgen haben ihn Katzen zertreten.
    Es folgten in demselben unbeholfenen Stil einige Versuche, seine Kerkerhaft
zu beschreiben, etwa so: Die Geschichte von Caspar Hauser; ich will es selbst
erzhlen, wie hart es mir ergangen. Zwar da, wo ich eingesperrt war in dem
Gefngnis, ist es mir recht gut vorgekommen, weil ich von der Welt nichts gewut
und keinen Menschen niemals gesehen habe.
    In diesem Ton ging es weiter; spterhin kamen einige zum Schnrednerischen
strebende Stellen, und eine begann mit dem Satz: Welcher Erwachsene gedchte
nicht mit trauriger Rhrung an meine unverdiente Einsperrung, in der ich meine
blhendste Lebenszeit zugebracht habe, und wo so manche Jugend in goldenen
Vergngungen lebte, da war meine Natur noch gar nicht erwecket.
    Trume, Hoffnungen, Sehnsuchtsbilder, Berichte ber kleine Ausflge, ber
Unterhaltungen mit Fremden; hier und da ein beherzigenswertes Wort, in einem
Buch gefunden oder aus einem Wust sonst inhaltloser Gesprche geklaubt;
allmhlich Stze, an denen etwas wie persnlicher Schliff hervortrat und eine
merkwrdige verhllte Dsterkeit des Stils. Unmittelbar war nie ein Kummer, ein
Urteil, eine Meinung ausgedrckt; er hatte es eben, wie Quandt diese Eigenschaft
formulierte, hinter den Ohren. Von einem bedeutungsvollen Tag stand oft nur das
Datum vermerkt und daneben ein Sternchen; manches Ereignisses war nur in scheuen
Umschreibungen gedacht; auch Lakonismen waren diesem Geist nicht fremd; so hie
es von dem Mordanfall in Daumers Hause kurz: Der Erntemonat wre bald mein
Sterbemonat geworden.
    Kleine Vorflle des tglichen Lebens: Gestern hat mich eine Biene
gestochen, das Frulein von Stichaner hat mir die Wunde ausgesaugt, sie sagte,
wen die Biene sticht, der hat Glck. Oder: Gestern war eine Feuersbrunst, ber
Dautenwinden hat der Wald gebrannt, ich bin die halbe Nacht am Fenster gesessen
und hab gedacht, die Welt geht unter.
    Sinnliche Empfindlichkeiten kamen zu lapidarem Ausdruck: Herr Quandt riecht
nach alter Luft, die Lehrerin nach Wolle, der Hofrat nach Papier, der Prsident
nach Tabak, der Polizeileutnant nach l, der Herr Pfarrer nach Kleiderschrank.
Fast alle Menschen riechen schlecht, nur der Graf hat wie ein Leib gerochen, an
dem nichts ist als guter Odem.
    Dem Grafen war manche Seite gewidmet; hier wurde der Ton poetisch und nicht
selten drngend in der Art eines Gebets. Stanhope und die Sonne wurden zu
Bildern von verwandter Kraft. Seit dem Abschied aus Nrnberg hatte das
aufgehrt, der Name des Lords wurde nicht mehr erwhnt, nur das Gelbnis vom
achten Dezember war aufgeschrieben.
    Aus den letzten Tagen stammte eine Zeichnung, welche ber die Hlfte einer
Seite fllte: die Umrisse eines mnnlichen Kopfes, mit auffallend geschickter
Hand festgehalten. Es war ein fremdartiges Gesicht, keinem irdischen hnlich,
eher dem einer Statue, doch wie aus einer schauerlichen Vision gerissen, von
schmerzlicher Unbewegtheit. Darunter war geschrieben:

O groer Mensch, was tuest du mir an?
Du folgest mir, und meine Spur ist blind,
Und so du mich erschaust, bin ich verwandelt.
Dem Kerker ist entflohn das arme Kind,
Der Mantel fehlt und Krone auch und Schwert,
Und ohne Reiter luft das weie Pferd.

    Die Zeichnung war in der Nacht gefertigt worden; aus einem Traum auffahrend,
hatte Caspar das Gesicht vor sich gesehen; er war aus dem Bett gesprungen und
hatte es beim Mondlicht gezeichnet. Die Verse hatte er am Morgen beim Erwachen
fertig auf den Lippen gefunden. Ihrem Sinn hatte er nicht weiter nachgegrbelt,
erst jetzt wurde er stutzig und flsterte die Worte mehrere Male vor sich hin.
    Mittlerweile war es spt geworden, Caspar wollte gerade vom Tisch aufstehen,
da hrte er das Haustor knarren, rasche Schritte nherten sich, es klopfte an
die Tr, und Quandts Stimme befahl zu ffnen. Erschrocken blies Caspar das Licht
aus. Im Finstern tastete er sich zum Sofa, brachte das Tagebuch wieder in sein
Versteck, und whrend Quandt immer strker pochte, gelang es ihm, das Bild an
den Nagel zu hngen.
    Quandt hatte nmlich, vom Spitalweg kommend schon aus der Ferne in Caspars
Zimmer Licht bemerkt. Er packte seine Frau am Arm und rief: Sieh mal, Frau,
sieh mal!
    Was gibts denn schon wieder? murrte die Frau, die voll rger darber war,
da Quandt ihr mit seiner beln Laune den ganzen Abend verdorben hatte.
    Jetzt hast du doch den Beweis, da er bei der Kerze sitzt, sagte Quandt.
    Das Haus hatte durch ein Gartenpfrtchen auch einen Zugang von der
Rckseite. Quandt whlte den, und als er mit der Frau im Hof stand, fiel ihm
ein, ob er nicht zuerst den Jngling auf irgendwelche Art belauschen und sehen
knne, was er treibe. Der Birnbaum an der Mauer war wie geschaffen dazu. Quandt
war geschickt und krftig, ohne Mhe erklomm er die Mauer und dann einen breiten
Ast, von wo er Caspars Zimmer berschauen konnte. Was er sah, gengte. Nach
kurzer Weile kam er aufgeregt herab, raunte seiner Frau zu: Ich hab ihn
erwischt, Jette, und strzte ins Haus und die Stiege empor.
    Da sich auf sein Klopfen drinnen nichts rhrte, geriet er in Wut. Er fing
an, mit den Fusten, sodann mit den Abstzen an die Tr zu trommeln, und als
auch dies nichts half, beschlo der beklagenswerte Mann in seiner Raserei, ein
Beil zu holen und die Tre einzuschlagen. Vorher lief er noch geschwind in den
Hof zurck und sah, da es in Caspars Zimmer indessen finster geworden war, ein
Umstand, der seinen Zorn nur noch steigerte.
    Von dem Lrm waren die Kinder und die Magd aufgewacht; die Lehrerin trat
Quandt jammernd entgegen, als er mit der Holzhacke aus der Kche rannte. Er
stie sie weg, schumte: Ich wills ihm schon zeigen, und strzte wieder
hinauf.
    Nach dem ersten Schlag mit dem Beil ffnete sich die Tr, und Caspar trat im
Hemd auf die Schwelle. Der Anblick der ruhigen Gestalt hatte etwas so
Unerwartetes und Ernchterndes fr den Lehrer, da er frmlich zusammenklappte,
nichts zu sagen und zu tun wute und nur sonderbar mit den Zhnen knirschte.
Machen Sie Licht, murmelte er nach einem langen Stillschweigen. Doch schon kam
die Frau mit einem Licht, leise heulend, die Stiege herauf. Caspar erblickte das
Beil im gesenkten Arm des Lehrers und fing an, heftig zu zittern. Bei diesem
Zeichen von Furcht verlor Quandt vollends die Haltung. Er schmte sich, und tief
aufseufzend sagte er: Hauser, Sie bereiten mir groen Kummer. Damit drehte er
sich um und ging langsam hinunter.
    Caspar schlief erst ein, als der Tag dmmerte. Beim Frhstck, vor der
gewohnten Unterrichtsstunde, erfuhr er, da Quandt schon ausgegangen sei. Es
wurde Mittag, und whrend des Essens war der Lehrer vollkommen stumm; mit dem
letzten Bissen erhob er sich und sagte: Um fnf Uhr seien Sie auf Ihrem Zimmer,
Hauser. Der Polizeileutnant will mit Ihnen sprechen.
    Caspar legte sich oben aufs Kanapee. Es war ein heier Augusttag,
Gewitterwolken lagerten am Himmel, am offenen Fenster flogen Schwalben ngstlich
zwitschernd vorber, die schwl erhitzte Luft surrte und sang im engen Gemach.
Noch mde von der Nacht, entschlummerte Caspar alsbald, und erst ein heftiges
Rtteln an seiner Schulter weckte ihn. Hickel und der Lehrer standen neben ihm,
er setzte sich auf, rieb die Augen und sah die beiden Mnner schweigend an.
Hickel knpfte mit einer amtlichen Gebrde seinen Uniformrock zu und sagte: Ich
fordere Sie hiermit auf, Hauser, mir Ihr Tagebuch abzuliefern.
    Caspar erhob sich tiefatmend und antwortete mit einer mehr von innerem Zwang
als Mut eingegebenen Festigkeit: Herr Polizeileutnant, ich werde Ihnen mein
Tagebuch nicht geben.
    Quandt schlug die Hnde zusammen und rief klagend: Hauser! Hauser! Sie
treiben Ihre unkindliche Widersetzlichkeit zu weit.
    Caspar schaute sich verzweifelt um und erwiderte zuckenden Mundes: Ja, bin
ich denn ein Eigentum von einem andern? Bin ich denn wie ein Tier? Was wollen
Sie denn noch? Ich hab ja schon gesagt, da ich das Buch verbrannt habe!
    Wollen Sie etwa leugnen, Hauser, da Sie heute nacht bei der Kerze
geschrieben haben? fragte Quandt dringlich. Briefe haben Sie doch nicht zu
schreiben gehabt, und mit den Exerzitien waren Sie fertig.
    Caspar schwieg. Er wute nicht ein noch aus.
    Ein guter Mensch hat berhaupt die Einsicht in sein Tagebuch nicht zu
scheuen, fuhr Quandt fort, im Gegenteil, sie mu ihm erwnscht sein, da doch
seine Unbescholtenheit damit bezeugt wird. Sie am allerwenigsten, lieber Hauser,
haben Grund, ein geheimes Tagebuch zu fhren.
    Wie lange werden Sie uns noch warten lassen? fragte Hickel mit hflicher
Klte.
    Da will ich doch lieber sterben, als da ich das alles aushalten soll!
rief Caspar und hob den Arm, um sein Gesicht darin zu verbergen.
    Nun, nun, sagte Quandt beunruhigt, wir meinen es ja gut mit Ihnen, auch
der Herr Polizeileutnant will nur Ihr Bestes.
    Freilich, besttigte Hickel trocken; brigens kann ich Ihnen sagen, da
das Sterben zurzeit nicht der beste Einfall von Ihnen wre. Da knnte man unter
Umstnden auf Ihrem Grabstein lesen: Hier liegt der Betrger Caspar Hauser.
    Ganz abgesehen davon, da sich in einem solchen Satz eine hchst
verwerfliche Gesinnung ausdrckt, fgte Quandt tadelnd hinzu, eine feige und
unsittliche Gesinnung.
    Es liegt mir am Leben nichts, wenn man mich immer mit solchen Geschichten
plagt und mir nicht glaubt, entgegnete Caspar bedrckt; ich hab ja frher auch
nicht gelebt und hab lange nicht gewut, da ich lebe.
    Hickel ging indes an der Wand entlang und klopfte mit den Kncheln wie
spielend an einige Stellen der Mauer; pltzlich schien sich seine Aufmerksamkeit
gegen das Bild ber dem Sofa zu richten. Er nahm es lchelnd herab, betrachtete
es nach allen Seiten und klappte schlielich die Scharniere auf, um die
Holztafel zu entfernen.
    Caspar wurde schlohwei und bebte wie Espenlaub.
    Aber als nun Hickel das blaue Heft schmunzelnd in seiner Hand hielt, ging
eine seltsame Verwandlung mit Caspar vor. Es sah aus, als wachse er pltzlich
und werde um Kopfeslnge grer. Mit zwei Schritten stand er dicht vor dem
Polizeileutnant. Sein Gesicht war frmlich aufgerissen. In seiner Miene war
etwas Erhabenes. Sein Blick glhte von einer leidenschaftlichen und
gebieterischen Kraft. Hickel, in dem dumpfen Gefhl, als werde er zermalmt oder
zertreten, wich langsam und fasziniert gegen die Tr zurck. Der kalte Schwei
brach aus seiner Haut, als ihm Caspar folgte, Schritt fr Schritt, den Arm
ausstreckte, das Heft mit einem Ruck aus seinen umklammernden Fingern zog, es
mitten durchri, die beiden Hlften noch einmal und noch einmal zerri, bis
alles in Fetzen auf dem Boden lag.
    Wer wei, was noch geschehen wre, wenn die Dazwischenkunft einer vierten
Person in diesem Augenblick nicht die Situation verndert htte. Es war der
Pfarrer Fuhrmann, der im Vorbergehen Caspar hatte besuchen wollen, um ihn zu
fragen, weshalb er heute vom Unterricht fortgeblieben war. Als er eintrat, mute
sich ihm eine Ahnung des Geschehenen aufdrngen; er blickte stumm von einem zum
andern. Quandt, der dem ganzen Vorgang mit entsetzten Augen zugeschaut, gewann
nur mhsam seine Fassung und sagte in verlegenem Ton: Was haben Sie denn da fr
ein Geschnitzel gemacht, Hauser?
    Hickel wanderte mit ein paar groen Schritten durchs Zimmer, dann grte er
den Pfarrer militrisch und ging mit kaltem und finsterem Gesicht. Unter der Tr
drehte er sich um, deutete auf den Papierhaufen und machte eine befehlende
Kopfbewegung gegen Quandt. Dieser begriff. Er bckte sich, um die Schnitzel
zusammenzuscharren. Aber Caspar durchschaute seine Absicht; er stellte sich mit
den Fen darauf und sagte: Das kommt ins Feuer, Herr Lehrer.
    Er kniete nieder, raffte das Papier mit zwei Hnden auf, trug es zum Ofen,
ffnete mit dem Fu das Trchen und warf alles hinein. Darauf schlug er Feuer,
und eine Minute spter brannte es lichterloh.
    Der Pfarrer Fuhrmann war blo schweigender Zeuge des Auftritts, Hickel war
gegangen, und der Lehrer, bestndig hstelnd schritt mit der, Gleichmigkeit
eines Wachpostens vor dem Ofen auf und ab, indes Caspar kauernd zuschaute, bis
das letzte Fnkchen verglommen war; dann nahm er den Schrhaken und zerschlug
die Aschenreste zu Staub.
    Der Pfarrer hatte nachher eine Unterredung mit Caspar, welche trotz dem
herabgestimmten Gemtszustande des jungen Menschen und einer schier krankhaften
Unlust zu sprechen doch zu mancherlei Erffnungen fhrte, die den geistlichen
Herrn bewogen, sich wegen des Vorgefallenen an den Prsidenten Feuerbach zu
wenden.
    Es ist eigen mit dem Lehrer Quandt, sagte er im Verlauf seiner
Mitteilungen zu Feuerbach; ein sonst so vertrefflicher Mann, und in allem, was
den Hauser betrifft, wie verhext. Die Ruhe des Hauser macht ihn kribblig, seine
Sanftheit rauh, seine Schweigsamkeit redselig, seine Melancholie spttisch,
seine Heiterkeit traurig, und seine Ungeschicklichkeit gibt ihm die
durchtriebensten Listen ein. Aus allem, was der Hauser tut und sagt, schliet er
im stillen das Gegenteil, sogar das Einmaleins aus diesem Mund scheint ihm eine
Lge. Ich glaube, er mchte ihm am liebsten die Brust aufschneiden, um zu sehen,
was drinnen ist. Das ist, wei Gott, kein christlicher Gedanke von mir, aber ich
kann mir nicht helfen, wenn ich sehe, wie da alles verdchtig gemacht wird.
Verdchtig ist, wenn dem Hauser etwas neu erscheint, und verdchtig, wenn er es
schon kennt; verdchtig, wenn er lange schlft, und verdchtig, wenn er frh
aufsteht; da er das Theater liebt und die Musik nicht liebt; verdchtig; da er
es hinunterschluckt, wenn man ihn zankt, hingegen die Streitigkeiten zwischen
andern, zum Beispiel zwischen Quandt und seiner Frau, immer schlichten will:
verdchtig. Alles ist verdchtig. Wie soll das enden!
    Aber, wie man so bezeichnend sagt, ein Wort gab das andre, und zum Schlu
kam nichts heraus.
    Der Prsident, merkwrdig zerstreut, versprach, den Polizeileutnant zur Rede
zu stellen. Er lie Hickel rufen und schrie ihn gleich beim Eintritt an, da dem
Verdutzten Hren und Sehen verging. Leider diente die Schimpferei der Sache
schlecht; als der Zorn verdampft war, trug Hickels berlegene Ruhe und
berechnete Schmiegsamkeit den Sieg davon. Es kam nichts heraus. Es blieb alles
beim alten. Nur da der Polizeileutnant, in seiner Eitelkeit tief gekrnkt,
doppelt still und kalt seiner Wege ging.
    Die Bemhung, dem Hauser eine annehmliche Existenz zu verschaffen, mu man
wohl als gescheitert betrachten, sagte Feuerbach eines Tages zu seiner Tochter.
Der Mensch leidet in seiner jetzigen Umgebung, und die Art, wie man ihn
behandelt, scheint gegen alle Vernunft und Billigkeit.
    Mag sein; aber kann man es ndern? versetzte Henriette achselzuckend.
    Mich beruhigt nur die Zuversicht, da ja eine Entscheidung ohnehin fallen
mu, wenn die Schrift einmal erschienen ist, sagte der Prsident vor sich hin.
    Was schadet es auch dem jungen Menschen, wenn die Wogen des Lebens ber
seinem Kopf zusammenschlagen? fuhr Henriette fort. Vielleicht lernt er
schwimmen dabei. Es ist nicht an Ihnen, Vater, seinen Przeptor zu machen.
    Vielleicht lernt er schwimmen dabei. Vortrefflich ausgedrckt, meine
Tochter. Dereinst mag er dann der berstandenen Prfungen dankbar gedenken. Ein
Gekrnter, der eine solche Schicksalsschule erfahren hat, von der tiefsten Tiefe
zur hchsten Hhe gestiegen ist, ei, das gbe Hoffnungen! Fehlte es den Groen
der Erde nicht an Lebenskenntnis, so wre ihnen das Volk mehr und etwas andres
als eine Melkkuh. Lassen wir also den Stahl glhen, damit er hart werde. Sind
heute Korrekturen gekommen?
    Henriette verneinte und ging seufzend hinaus.
    Es gibt eine innere Stimme, die beredsamer ist als die Weisheit der
Sentenzen. Feuerbach erfuhr die Gewalt dieser Stimme stets aufs neue, wenn er
sich Caspar gegenber befand. Es war ihm nicht gegeben, sich um den Appell einer
hheren Instanz, als es Vernunft und Erfahrung sind, herumzulgen. Den Freimut
der Verantwortlichkeit, den er vor dem eignen Herzen empfand, hatte das Alter
nicht abgestumpft, sondern gelutert; er mute sich bekennen, da das, was ihn
qulte, ganz einfach das schlechte Gewissen war.
    Welch ein Dilemma fr einen solchen Mann! Auf der einen Seite die bis zur
Selbstverleugnung getriebene Erfllung der Idee, auf der andern das
vorwurfsvolle Auge dessen, dem die Idee galt und dem er sich nicht ergeben
konnte und durfte, aus Furcht vor dem allzu beteiligten Gefhl, aus Furcht vor
der Trbung des Urteils, aus Furcht, da der Engel der Gerechtigkeit seiner
vorgesetzten Bahn entfliehen wrde, wenn Neigung, Rcksicht und herzliche
Annherung ins Spiel kmen.
    So wie an die nchsten Freunde schickte der Prsident in diesen Tagen die
Aushngebogen seiner Caspar-Hauser-Schrift auch an Stanhope, der sich zur Zeit
in Rom aufhielt. Der Graf dankte oder antwortete mit keinem Wort.
    Eines schlimmeren Zeichens bedurfte Feuerbach nicht. Wie hatte doch das
groe Wort gelautet, das er einst in lebendiger Stunde zu jenem Mann gesprochen?
Wenn dieses Antlitz trgt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir stehen, dann ...
    Ja, dann! Was dann? Kindliche Anmaung! Wrde die Welt untergehen, weil ein
Feuerbach sich getuscht? Wie vielfltig ist der Mensch, wie viele Gesichter
sind ihm eigen, wie viele Worte findet er um eines erbrmlichen Vorteils willen!
Fr den Bissen Brot ist jeder Bettler schon ein Frst der Worte, und was
Staatskarossen, was Pairschaft, was anmutige Manieren und berredendes Gefhl,
wenn dem allen nur das Wort die Schminke ist, das eine ausstzige Haut
verschnt? Dazu also Herzen zergliedert, im Dunkel der Seelen gewhlt, mit
Richterkunst und -pathos Tat und Untat auf ihr menschlich Ma geprft, damit ein
aufgeschmckter Schelm aus England kam, um damit ein sardonisches Spiel zu
treiben und alles lchelnd ins Absurde zu fhren.
    Den alten Mann ekelte. Aber die Vorstellung von der Macht und den
Hilfsmitteln der Feinde, mit denen er sich in ungleichen Kampf eingelassen,
wurde allmhlich ungeheuer, und wenn auch sein Vorhaben nicht die geringste
Beeintrchtigung erfuhr und er nicht fr die Dauer eines Augenblicks ins
Schwanken geriet, nahm doch eine verdsternde Unruhe von ihm Besitz. Seit jenem
nchtlichen Einbruch, dessen Anstifter aller aufgewandten Mhe zum Trotz
unentdeckt geblieben waren, entbehrte er des dauernden Schlafs. Er erhob sich
bisweilen aus dem Bett, wanderte mit dem Licht durch die Zimmer, ber Treppen
und Flur, rttelte an den Fenstern, probierte die Festigkeit der Schlsser und
erschrak nicht selten vor seinem eignen Schatten. Es war fr seine Kinder ein
erschtterndes Schauspiel, diesen Mann der Leidenschaft und des eingefleischten
Mutes in dergleichen Gespensterwesen verstrickt zu sehen. Einstmals am frhen
Morgen fand man an der ueren Seite des Haustors folgende mit Kreide
angeschriebenen Verse:

Anselm, Ritter von Feuerbach!
Lsch 's Feuer unter deinem Dach!
La den falschen Freund nimmer ein!
Zieh den Degen und hau drein,
Sonst wirds um dich geschehen sein.

    An einem Abend zu Ende Oktober kam Quandt und begehrte den Prsidenten zu
sprechen. Feuerbach lie ihn eintreten und beobachtete sofort in seinem Benehmen
etwas Verlegenes und Bestrztes, doch zeigte der Lehrer nicht die gewhnliche
Umstndlichkeit, sondern rckte schnell mit seinem Anliegen heraus. Er
berichtete, Caspar habe vorgestern einen Brief des Grafen erhalten und seitdem
habe er sich ganz verndert; ob Seine Exzellenz nicht eine Stunde erbrigen
knne, um mit dem Menschen zu reden, er selbst bringe kein Wort aus ihm heraus.
    Der Prsident fragte, worin die Vernderung bestehe.
    
    Es ist, als wre er taubstumm geworden, versetzte Quandt. Bei Tisch lt
er die Speisen unberhrt, beim Unterricht ist er uerst unaufmerksam, ja
geistesabwesend, die Aufgaben macht er nicht mehr, auf Fragen antwortet er
nicht, schleicht herum wie ein Todkranker und starrt in die Luft. Gestern nachts
hab ich und meine Frau ihn belauscht und wir haben zugehrt, wie er erst eine
ganze Weile vor sich hingewimmert, dann auf einmal hat er einen grlichen
Schrei ausgestoen.
    Wissen Sie vielleicht, was in dem Brief des Grafen gestanden hat? forschte
der Prsident.
    O ja, das wei ich wohl, entgegnete der Lehrer harmlos; es ist meine
Gepflogenheit, alle Briefe, die er erhlt, vorher zu ffnen.
    Feuerbach blickte jh empor und sah den Lehrer mit finsterer Neugier an.
Nun, und? fragte er.
    Ich knnte den Inhalt des Schreibens durchaus nicht mit einer solchen
Wirkung zusammenreimen, erwiderte Quandt bedchtig.
    Der Prsident stampfte ungeduldig mit dem Fu. Gut, gut, rief er barsch,
aber was stand denn drin, da Sie es doch einmal wissen?
    Quandt erschrak. Es stand drin, der Graf knne in diesem Jahr nicht mehr
nach Ansbach kommen, unerwartete Zwischenflle ntigten ihn, diesen Plan ins
Unbestimmte zu verschieben. Nun ist mir freilich bekannt, da Hauser mit der
Herkunft des Lords stark gerechnet hat, er sprach sogar immer von einem festen
Termin und hielt es fr einen Frevel, wenn man ihm das ausreden wollte; er
schien es geradezu fr eine Pflicht des Grafen zu erachten, denn in seinem
kindischen Kopf glaubt er noch fix daran, da ihn der Graf mit nach England auf
seine Schlsser nehmen werde, und er ahnt gar nicht, da der Herr Graf schon
lngst sein Herz von ihm abgewandt hat -
    Woher wissen Sie das, Mann? brauste der Prsident auf und erhob sich mit
solchem Ungestm, da der Stuhl hinter ihm umstrzte.
    Eure Exzellenz verzeihen, stotterte Quandt furchtsam, aber das ist doch
sonnenklar. Er ging hin, stellte den Stuhl mit einer hflichen Grimasse wieder
auf, und whrend der Prsident mit seinen steifen, kurzen Schritten auf und ab
wanderte, sagte er schchtern: Trotz allem ist mir die Wirkung dieser in den
urbansten Formen gehaltenen Absage unerklrlich und besorgniserregend; es mu da
etwas dahinter stecken, und Eure Exzellenz sind vielleicht imstande, es
herauszubringen.
    Ich werde der Sache nachgehen, schnitt Feuerbach das Gesprch kurz ab.
Quandt machte seinen Bckling und entfernte sich. Er ging nicht heimwrts,
sondern wandte sich gegen die Herrieder Vorstadt, da er seine Frau vom Haus
ihrer Mutter abholen wollte. Es war ein heftiger Sturm, Bltter und Zweige
wirbelten durch die Luft, Quandts Mantelumhang flatterte hoch auf, und mit
beiden Hnden mute er die Rnder seines Schlapphuts festhalten.
    Kurz nach dem Lehrer hatte Caspar heimlich das Haus verlassen, eigentlich
ohne Ziel. Als er auf der Strae war, fiel ihm ein, ob er nicht zu Frau von
Imhoff gehen knne, und ungeachtet der Dunkelheit und des bsen Wetters, und
obgleich das Imhoffschlchen eine Viertelstunde vor der Stadt gelegen war,
entschlo er sich dazu. Aber als er angelangt war, als er am Gittertor stand und
zu den erleuchteten Fenstern hinaufschaute, schwand ihm alle Lust und er
frchtete sich vor den hellen Zimmern. Sah er sich doch schon droben; hrte er
doch schon die Worte, die ihm nichts waren und nichts galten; er kannte sie
alle, er htte sie auswendig an der Schwelle hersagen knnen. Ja, er kannte nun
die Worte der Menschen, er erfuhr nichts Neues durch sie, sie fielen in das
unermeliche Meer seiner Traurigkeit wie kleine trbe Tropfen, deren Aufschall
die Tiefe verschlang.
    Ein Schatten glitt an den Fenstern vorbei, ein andrer folgte. So weilten sie
in ihren Wohnungen, still und emsig, zndeten ihre Lichter an und wuten nicht,
wer drauen stand am Tor.
    Mitten im Windgebrause vernahm Caspar Tne wie von einem Saiteninstrument,
das unter den Wolken aufgehngt war. Es befand sich nmlich auf dem Dach des
Schlchens eine Aeolsharfe, Caspar wute dies nicht und hielt es fr eine
geisterhafte Musik. Als er den Rckweg antrat, schlugen immer von Zeit zu Zeit
die orgelnden Akkorde an sein Ohr.
    Er wnschte noch nicht heimzugehen; der gleiche dumpfe Drang, der ihn vor
das Schlchen der Imhoffs getrieben hatte, fhrte ihn noch zum Hause des
Generalkommissrs, dann zum Haus des Regierungsprsidenten, dann zum
Feuerbachschen Haus und schlielich vor ein Gebude, das unbewohnt war und das
mit seinen verschlossenen Lden, seinen bemoosten Simsen und seinem hochbogigen
Tor, ber welchem ein Auge in den Stein und darber die Worte gemeielt waren:
Zum Auge Gottes, schon lang vorher seine Wibegier aufgeweckt hatte. Zur
Markgrafenzeit sollte ein Goldmacher darin gewohnt haben.
    Es war ihm zumute, wie wenn er in all diesen Husern zu Gast gewesen sei,
wie wenn er unsichtbar unter ihren Bewohnern oder in ihren leeren Rumen
herumgegangen sei und als ob er dabei eine merkwrdige Kenntnis von dem
vergangenen und gegenwrtigen Leben ihrer Menschen gewonnen htte.
    Ziemlich mde und dabei tief erregt langte er im Lehrerhaus an. Quandt und
seine Frau waren noch nicht daheim, die Kinder schliefen, die Magd war nicht zu
sehen, es herrschte eine groe Stille, nur der Wind umheulte die Mauern, und das
Flurlmpchen flackerte wie vor Furcht. Da, whrend Caspar zur Treppe schritt,
vernahm er eine langgezogene feine Stimme, hnlich dem Zirpen der Sommergrille,
und die Stimme rief:
    Stephan!
    Er blieb befremdet stehen und sah sich um. Da alles ruhig war, glaubte er
sich getuscht zu haben, glaubte, es sei eine Stimme drauen auf der Strae
gewesen. Aber kaum hatte er drei Schritte getan, so erschallte die Stimme
neuerdings, nur unvergleichlich lauter, anscheinend aus dichterer Nhe:
    Stephan!
    Es war etwas unendlich Ergreifendes in dem Ton; es klang, wie wenn einer,
der zu ertrinken frchtet, aus dem Wasser ruft. Unverkennbar war es eine
mnnliche Stimme, die nun zum drittenmal wie von Schluchzen erstickt ausrief:
    Stephan!
    Kein Zweifel, der Ruf galt ihm, ihm, Caspar. Er streckte die Arme aus und
fragte: Wo? Wo bist du? Wo bist du?
    Da sah er oben ber der Tr, krperlos schwebend, ein fahlleuchtendes
Gesicht. Es war das Gesicht Stanhopes, mit aufgerissenen Augen und aufgerissenem
Mund, wie in uerstem Schrecken verzerrt, hlich, schier unkenntlich hlich.
    Caspar verharrte angewurzelt an seinem Platz, seine Glieder, ja seine Augen
waren wie versteinert. Als er zum zweitenmal hinblickte, war das Antlitz
verschwunden, auch die Stimme lie sich nicht mehr vernehmen. Flur und Stiege
erleuchtet, alle Tren zu, kein Mensch zu sehen, kein Laut zu hren.

                         Es wird eine Reise beschlossen


Eines Nachmittags im Dezember sahen erstaunte Nachbarn den Lehrer Quandt wie
besessen aus seinem Haus und gegen die Neustadt strmen, wo die Wohnung des
Polizeileutnants lag. Er trat ins Zimmer des Leutnants, und ohne sich Zeit zu
gnnen, seinen Hut vom Kopf zu nehmen, griff er in die Rocktasche und hielt
Hickel wortlos ein dnnes Druckheft entgegen.
    Es war die vor kurzem erschienene Caspar-Hauser-Broschre Feuerbachs. Quandt
hatte das Bchlein erst heute in die Hnde bekommen und es in einem Zug
durchgelesen.
    Hickel nahm das Heft, besah es rundum und sagte gelassen: Na, und? Was
solls? Meinen Sie, da das eine Neuigkeit fr mich ist? Sie echauffieren sich
doch nicht etwa? Der Alte schreibt, weil das sein Geschft ist. Eher knnen Sie
einer Henne das Eierlegen abgewhnen als einem geborenen Federfuchser das
Schreiben.
    Quandt atmete tief auf. Schreiben, schn; ich lasse ja vieles gelten,
antwortete er, aber das geht denn doch zu weit. Erlauben Sie - er packte das
Heft, schlug das Titelblatt auf und las vor: Caspar Hauser oder Beispiel eines
Verbrechens am Seelenleben des Menschen. Das klingt ja nach etwas, sagte er
bitter; es streut den Leuten von vornherein Sand in die Augen. Aber das Ganze
ist ein Roman, und nicht einmal einer von der besten Sorte.
    Er bltterte und deutete mit dem Finger auf eine Stelle, die er gleichfalls
hhnisch betont vorlas: Caspar Hauser, das rare Exemplar der Gattung Mensch -!
Lieber Herr Polizeileutnant, da bin ich mit meiner Weisheit zu Ende. Das kommt
mir so vor, als ob man den notorisch schlechtesten meiner Schler vor
versammeltem Volk als einen groen Gelehrten erklrte. Rares Exemplar! In dem
Punkt wei ich besser Bescheid, halten zu Gnaden, Exzellenz; da knnte ich einem
verehrlichen Publiko ganz anders die Augen ffnen. Rares Exemplar, gewi! Aber
man mu nur auch das Alphabet von vorne und nicht von hinten lesen. Das ist also
der groe Kriminalist, der bestaunte Alleswisser! So sieht der Ruhm aus, wenn
man ihn aus der Nhe betrachtet! Und nun erst das ganze dynastische
Hintertreppenmrchen! Es wre ja zum Lachen, wenn es nicht so traurig wre.
Herrgott, ist das eine Zeit, ist das eine Welt!
    Der Polizeileutnant hrte mit kaum merklichem Lcheln den Ausbruch des
Lehrers an. Als Quandt zu Ende war, sagte er gleichmtig: Was wollen Sie? Als
getreue Diener sind wir nun einmal dazu verurteilt, die dummen Streiche unsrer
Herrschaft mit anzusehen. brigens kann ich Sie in einer Hinsicht beruhigen. Der
Prsident hat selber keine rechte Freude an dem Bchlein. Er klagt ber
Gedchtnisfehler, die ihm dabei passiert sind, und da es ihn mehr Mhe gekostet
hat, die Geschichte zu Papier zu bringen, denn ein ganzes Corpus juris. Und
jetzt mu ers erleben, da man ihm drauen im Reich hart zusetzt. Es geht die
Rede, da die Bundeskommission zu Frankfurt die Schrift konfiszieren wird.
    Recht so, rief Quandt. Auch die Frsten sollten etwas dagegen
unternehmen.
    Das lassen Sie nur die Sache der Frsten sein, versetzte Hickel, dessen
Gesicht pltzlich bse und sorgenvoll wurde. Potz Kreuz, lieber Quandt, Sie
ereifern sich ja da, als obs Ihnen an den Kragen ginge. Ich mchte nur gar zu
gern wissen, ob Sie auch so viel Mut zeigen wrden, wenn die Exzellenz dahier im
Zimmer wre.
    Quandt schaute sich mitrauisch um. Dann zuckte er die Achseln und
erwiderte: Sie belieben zu scherzen, Herr Polizeileutnant. Schlimm genug, da
man mit seiner wahren Meinung hinterm Berg halten mu. Wir haben alle vergessen,
wie ein Mann den Kopf tragen soll. Kuschen, das haben wir gelernt, das verstehen
wir von Grund aus. Aber ich will nicht mehr kuschen.
    Pst! unterbrach ihn Hickel unwirsch; lassen wir das; es schmeckt nach
Demagogentum. Sagen Sie mir lieber: Hat der Hauser Kenntnis von der Broschre?
    Nicht da ich wte, entgegnete Quandt. Aber es wird nicht zu vermeiden
sein, da er davon erfhrt, gibt es doch Unverstndige genug, die sich ein
Vergngen daraus machen werden. Haben Sie, Herr Polizeileutnant, nicht auch von
der Schrift eines gewissen Garnier gehrt?
    Bei der Nennung dieses Namens zuckte Hickel zusammen und sah den Lehrer
finster an. Es dauerte eine ganze Weile, bevor er sich zu einer Antwort
entschlo. Garnier? Ja, das ist ein landesflchtiges Subjekt. In seinem
Pamphlet bringt er dieselben sinnlosen Dinge vor wie der Staatsrat, blo noch
verbrmt mit dem windigsten Hofklatsch. Das Machwerk ist nicht der Rede wert.
    Wie soll ich mich aber verhalten, wenn der Hauser irgendwie in den Besitz
eines dieser Produkte kommt? fragte Quandt.
    Hickel spazierte mit seinen langen Schritten herum und nagte mit den Zhnen
nervs an der Unterlippe. Treffen Sie Vorsorge, erwiderte er kalt. Lassen Sie
ihn nicht aus den Augen. Mich kmmert das brigens gar nicht; ist mir vllig
egal. Man wird den jungen Mann schon karwanzen.
    Quandt seufzte. Herr Polizeileutnant, sagte er bedrckt, ich kann Ihnen
nicht schildern, wie mir ist. Meine halbe Seligkeit gb ich drum, wenn es mir
vergnnt wre, den Menschen zu einem offenen Gestndnis zu bringen.
    Man wirds Ihnen billiger machen, versetzte Hickel dster.
    Wissen Sie denn das Neueste? fuhr Quandt fort. Der Prsident will den
Hauser als Schreiber beim Appellgericht beschftigen. Morgen soll er schon
anfangen.
    Und was wird der Graf dazu sagen?
    Man hat es ihm schreiben wollen, wei aber nicht, wo er sich aufhlt. Es
ist seit vier Wochen nur ein einziger Brief von ihm gekommen, und den hat der
Hauser nicht einmal angesehen. Meines Erachtens mu er sich ber die Maregel
freuen. Fr ein Metier im engeren Sinn ist der Hauser doch nicht zu brauchen, er
hat leider den Verkehr mit den gebildeten und hheren Stnden zu lange genossen,
als da es ihn nicht rebellisch machen mte, wenn er ihn pltzlich mit der
Umgebung in einer Werksttte vertauschen mte. Anderseits ist er auch zu einem
Beruf ungeeignet, der eine tiefere Ausbildung erfordert, denn zu einem
ernsthaften Studium fehlt ihm Sinn und Ausdauer. Der Staatsrat hat demnach die
beste Lsung getroffen, die auch mich von einem Teil meiner Verantwortlichkeit
entlastet. Bei der Schreiberei kann sich der Hauser nicht nur zu einem Beamten
des niederen Dienstes, sondern bei einigem Flei sogar fr eine Stelle beim
Registratur- oder Rechnungswesen ausbilden.
    Hickel hrte der weitlufigen Auseinandersetzung kaum zu. Sie gingen nun
zusammen fort; vor der Hofapotheke verabschiedete sich Hickel, um sich, wie er
sagte, ein Plverchen gegen Schlaflosigkeit verschreiben zu lassen.
    Auf dem Nachhauseweg wurde Quandt vom Hofrat Hofmann sehr freundlich
gegrt, eine Tatsache, die hinreichend war, seine mrrische Stimmung ungemein
aufzuheitern. Beim Mittagessen, es gab Kalbsbrust und Ochsenmaulsalat, wurde er
sogar lustig und trieb allerlei Scherze mit seiner Gattin. Aber wie es bei
serisen Naturen der Fall zu sein pflegt, geriet seine Aufgerumtheit ziemlich
ins Plumpe. Unter anderm nahm er das Messer und fuchtelte der Lehrerin lachend
damit vor der Nase herum. Da erblate Caspar, stand auf und sagte: Um Gottes
willen, Herr Lehrer, legen Sie doch das Messer weg, ich kanns nicht sehen.
    Quandt, gleich wieder verdrielich, brummte: Na, hren Sie mal, Hauser, ein
solches Betragen schmeckt stark nach Affektation.
    Sie sind ein schner Tappel, sagte die Lehrerin, ein Mann mu mutig sein.
Was wollen Sie denn tun, wenns mal Krieg gibt? Da heit es mit Anstand sterben.
    
    Sterben? Nein, da sag ich Dank, sterben mag ich nicht, erwiderte Caspar
hastig.
    Und doch haben Sie sich damals vor dem Polizeileutnant in einer hchst
widerwrtigen Weise ber denselben Punkt geuert, lie sich Quandt vernehmen.
    Nein, so feig, fuhr die Lehrerin fort, mit dem Kadetten Hugenpoet von den
Dragonern haben Sie sich letzten Sommer ja auch einmal so feig benommen.
    Was ist denn das fr eine Geschichte? erkundigte sich Quandt, davon wei
ich gar nichts.
    Er war doch mit dem Kadetten oft beisammen; der hat dem Hauser immerzu
vorgeschwrmt, er soll Soldat werden, in ein paar Jahren brcht er es leicht zum
Offizier. Wr ja nicht so bel, die Kadetten haben es gut und kommen schnell
vorwrts. Unser Hauser war auch begeistert von der Idee, aber auf einmal war die
Freundschaft aus.
    Ei, und aus welchem Grund?
    Das war so. An einem Abend im September ist er mit dem Kadetten am
Rezatufer spazieren gegangen, und sie sind zu einer Stelle gekommen, wo viele
Knaben und Burschen sich gebadet haben, denn es war furchtbar warm an dem Tag.
Der Kadett sagt, das wollen wir auch machen, zieht sich aus und will den Hauser
berreden, gleichfalls zu baden. Der war aber zu Tod erschrocken von dem
Vorschlag und sagt, ins Wasser geht er nicht. Das hren die andern, steigen
heraus, stellen sich um ihn herum, verspotten ihn und wollen ihn mit Gewalt ins
Wasser bringen. Da reit er sich los, eh' man sichs versieht, ist er in seiner
Hllenangst ber die Felder davongelaufen, und die nackichten Kerle hhnen
hinter ihm her. Dem Kadetten wars zu bunt, und er sieht ihn nicht mehr an
seitdem. Ists wahr, Hauser, oder nicht?
    Caspar nickte. Der Lehrer schttelte sich vor Lachen.
    Ein paar Tage spter kamen Frau von Imhoff und das Frulein von Stichaner,
um Caspar zu besuchen. Die Lehrerin, stolz auf die vornehmen Gste, wich nicht
vom Fleck. Der Unterhaltung zuliebe und weil ihr nichts Gescheiteres einfiel,
erzhlte sie im Beisein Caspars abermals die Geschichte mit dem Kadetten und dem
verweigerten Bad, doch hatte sie nicht denselben Erfolg wie vor ihrem Ehegemahl.
Die beiden Damen hrten schweigend zu.
    Solche Feigheit ist eigentlich nicht schn, bemerkte das Frulein von
Stichaner dann auf der Strae gegen Frau von Imhoff.
    Man kann es nicht gut Feigheit nennen, antwortete diese; er liebt das
Leben zu sehr, das ist es. Er liebt das Leben wie ein Toller, wie ein Tier liebt
er es, wie ein Geizhals sein Gold. Er hat mir selbst gestanden, da er jedesmal
vor dem Einschlafen Angst hat, sein Schlaf knne sich ihm unbewut in Tod
verwandeln, und er betet, Gott mge ihn doch ganz gewi am andern Morgen wieder
aufwachen lassen. Nein, es ist nicht Feigheit; es ist vielleicht die Ahnung
einer groen Gefahr, auch der Trieb, viel Versumtes nachzuholen. Man mu ihn
nur manchmal sehen, wie er sich freuen kann, und ber das Allergeringste, woran
jeder andre stumpf vorbergeht. Seine Freude hat etwas Groartiges, etwas
Erdentrcktes, so wie seine Furcht und seine Traurigkeit etwas Schauerliches
haben.
    Zu Hause wurde Frau von Imhoff durch einen Brief ihrer Freundin, der Frau
von Kannawurf, berrascht, doppelt angenehm berrascht, da Frau von Kannawurf,
sie weilte gegenwrtig in Wien, schrieb, sie wolle im Mrz nach Ansbach kommen.
In dem Brief war berdies viel von Caspar die Rede. Ich habe in den letzten
Tagen die Feuerbachsche Schrift gelesen, hie es unter anderm, und mu dir
gestehen, da mich noch niemals ein Buch dermaen im Innersten aufgewhlt hat.
Ich kann seitdem nichts andres denken, und es flieht mich der Schlaf. Wei
Caspar Hauser selbst von dieser Schrift? Und wie stellt er sich dazu? Was uert
er darber?
    Frau von Imhoff versumte es, ber den Punkt Bescheid zu geben; es fiel ja
auch schwer, Caspar zu befragen. Hat er das Buch nicht gelesen so ist es
peinlich und sonderbar, ihn darber in Unwissenheit zu sehen, dachte sie; noch
peinlicher und sonderbarer, wenn er es gelesen hat; peinlich und sonderbar sein
Aufenthalt hier, sein Kopistenamt auf dem Gericht, sein ganzes Treiben; und wie
ist es mglich, eine Aussprache herbeizufhren? Jedes offene Wort kann
unheilvoll werden.
    Trotzdem unternahm es Frau von Imhoff, Caspar vorsichtig auszuholen, ob er
berhaupt von der Sache wisse oder davon reden gehrt. Und er wute davon. Nicht
im entferntesten aber hegte er den Wunsch, sich Klarheit zu verschaffen. Erstens
aus Furcht; die Furcht lie ihn vor jedem Schritt zurckbeben, der auf eine
Vernderung seiner Lage zielte, seine Gedanken von der krankhaft umklammerten
Gegenwart ablenken konnte; und dann, weil er wahrscheinlich annahm, es handle
sich bei der Schrift des Prsidenten auch nur um das bodenlose Gerede, das er
in- und auswendig wute und von dem ihm, wie er zu sagen pflegte, blo Kopf- und
Herzweh und ein dummes Nachschauen blieb. Er hatte dergleichen oft genug
erfahren, und aus lauter berdru daran war er am Ende so unneugierig geworden,
da eine einzige Andeutung, whrend eines Gesprchs etwa, hinreichte, um seinem
Gesicht den Ausdruck schalster Langweile zu geben.
    Wie er schlielich doch dazu gelangte, das fr ihn und um seinetwillen
geschaffene Werk kennenzulernen, das hatte eine eigentmliche Bewandtnis.
    Es war an einem unfreundlichen Vormittag im Mrz, da verbreitete sich
pltzlich im Appellgerichtsgebude und bald darauf in der ganzen Stadt die
Nachricht, der Prsident sei im groen Gerichtssaal whrend einer Verhandlung,
die er leitete, ohnmchtig vom Stuhl gestrzt. Alle Beamten liefen sofort aus
ihren Zimmern und standen alsbald auf den Treppen und Korridoren. Auch Caspar
hatte seinen Arbeitstisch verlassen und gesellte sich zu den brigen. Er schlich
aber absichtlich wieder davon, um nicht Zeuge sein zu mssen, wie man den
Prsidenten von oben heruntertrug.
    Als er sich in das Zimmer zurckbegab, in welchem er an allen Vormittagen
von acht bis zwlf Uhr schrieb, und zwar nur in Gesellschaft eines alten
Kanzlisten, eines gewissen Dillmann, war dieser sein Amtsgefhrte noch nicht
wieder da. Caspar, sehr traurig und erschrocken, stellte sich zum Fenster und
malte, schmerzlich versonnen, wie er war, mit dem Finger den Namen Feuerbach in
die beschweite Scheibe.
    Indes trat Dillmann ein und ging hnderingend auf seinen Platz zu.
    Bis auf diesen Tag hatte der alte Kanzlist, und Caspar befand sich nun ber
neun Wochen auf dem Amt, noch nicht ein Dutzend berflssiger Worte mit dem
neuen Kollegen gewechselt; er hatte sich im mindesten nicht um ihn gekmmert und
eine grmliche Gleichgltigkeit gegen ihn zur Schau getragen. Im Verlauf der
dreiig Jahre, whrend welcher er Akten, Erlsse, Verordnungen und Urteile
kopierte, hatte er es zu einer besonderen Geschicklichkeit im Schlafen gebracht,
und es war komisch zu sehen, wenn er, den Federkiel aufs Papier gespiet, leise
schnarchend seine Siesta hielt und sogleich die Hand schreibend weiterbewegte,
wenn sich drauen der Schritt eines Vorgesetzten vernehmen lie, da er die
Gangart jedes einzelnen Herrn genau studiert und sozusagen im Kopf hatte.
    Um so verwunderter war Caspar, als Dillmann auf ihn zuschritt und mit
zitternder Stimme sagte: Der unvergleichliche Mann! Wenn ihm nur nichts
zustt! Wenn ihm nur nichts Menschliches passiert!
    Caspar drehte sich um, entgegnete aber nichts.
    Na, Hauser, und fr Sie wre es gar ein unersetzlicher Verlust, fuhr der
Alte seltsam keifend und znkisch fort; wo gibts denn in dieser lummerigen Welt
einen Menschen, der sich so fr einen andern Menschen einsetzt? Sollte mich
nicht erstaunen, wenn das ein schlimmes Ende nhme. Ja, es wird ein schlimmes
Ende nehmen, ein schlimmes Ende.
    Caspar hrte schweigend zu; seine Augen blinzelten.
    
    So ein Mann! rief Dillmann aus. Ich hab, seit ich hier sitze, schon
sieben Prsidenten und zweiundzwanzig Regierungsrte zum Grab geleitet, Hauser,
aber so einer war nicht dabei. Ein Titan, Hauser, ein Titan! Die Sterne knnt er
vom Himmel reien um der Gerechtigkeit willen. Man mu ihn nur betrachten; haben
Sie ihn mal genau betrachtet? Der Buckel ber der Nase! Das deutet, wie man
sagt, auf eine genialische Konzeption; diese Jupiterstirn! Und das Buch, Hauser,
das er fr Sie geschrieben hat! Das ist ein Buch! Ein wahrer Scheiterhaufen
ists! Die Zhne mu man zusammenbeien und die Fuste ballen, wenn mans liest.
    Caspar machte ein mrrisches Gesicht. Ich habs nicht gelesen, sagte er
kurz.
    Dem alten Kanzlisten gab es einen Ruck. Er ri den Mund auf und schnappte.
Nicht gelesen? stotterte er. Sie - nicht gelesen? Ja wie ist denn das
mglich? Da soll mich doch gleich der Teufel holen! Eilig trippelte er zu
seinem Tisch, schob eine Lade auf, suchte herum und brachte das Bchlein zum
Vorschein. Er reichte es Caspar hin, stie es ihm frmlich in die Hand und
knurrte: Lesen, lesen! Sapperlot, lesen!
    Caspar machte es beinahe wie Hickel dem Lehrer Quandt gegenber. Er drehte
das Buch um und um und zeigte eine unschlssige Miene. Dann erst schlug er es
auf und las, sichtlich erbleichend, den Titel. Immerhin gengte auch dies noch
nicht, um ihn neugierig oder ungeduldig werden zu lassen. Er steckte das Buch in
die Tasche und sagte trocken: Zu Hause will ichs lesen.
    Schlag zwlf Uhr verlie er, wie gewhnlich, das Amt, setzte sich zu Hause,
als ob nichts geschehen wre, zu Tisch und hrte still den Gesprchen zu, die
sich ausschlielich um das dem Prsidenten widerfahrene Unglck drehten. Am
letzten Sonntag vor dem Kirchgang, plauderte die Lehrerin, da hab ich den
Staatsrat gesehen, gerade wie ihm vier Totenweiber begegnet sind. Der Staatsrat
ist ganz erschrocken gewesen, ist stehengeblieben und hat ihnen nachgeschaut.
Ich hab mir gleich gedacht, das kann nichts Gutes bedeuten.
    Wenn ihr Frauenzimmer nur nicht alleweil euch anmaen wolltet, dem Herrgott
in die Karten zu gaffen, versetzte Quandt unwirsch. Da predigt man und predigt
das liebe lange Jahr, glaubt wunders wie auf den Hhen der Aufklrung zu wandeln
und schlielich spuckt einem die eigne Sippschaft am krftigsten in die Suppe.
    Caspar belachte diese Worte, was ihm von der Lehrerin einen giftigen Blick
eintrug.
    Er begab sich dann in sein Zimmer.
    Um zwei Uhr sollte er zum Unterricht kommen, erst von vier Uhr an brauchte
er im Amt zu sein. Als zehn Minuten ber die Zeit vergangen waren, trat Quandt
in den Hausflur und rief. Es erfolgte keine Antwort. Er ging hinauf und
berzeugte sich, da Caspar nicht da war. Sein Unwillen verwandelte sich in
Schrecken, als er bei seiner spionierenden Umschau die Feuerbachsche Schrift auf
Caspars Tisch liegen sah.
    Also doch, murmelte er bitter.
    Er nahm das Buch an sich, suchte unten seine Frau und sagte mit tonloser
Stimme: Jette, ich habe da eine furchtbare Entdeckung gemacht. Der Hauser hat
die Schrift des Staatsrats auf seinem Zimmer gehabt. O die gewissenlosen
Menschen! Wer doch das wieder eingefdelt hat!
    Die Lehrerin zeigte wenig Verstndnis fr den Vorfall. La ihn gehen, oder
sags ihm doch, oder gib's ihm nur ordentlich, war meist alles, was sie zu
entgegnen wute, wenn Quandt ungehalten ber Caspar war.
    Wann ist denn der Hauser fort? erkundigte sich Quandt bei der Magd. Diese
wute von nichts. Da trat Caspar selber ins Zimmer und entschuldigte sich
hflich.
    Wo waren Sie denn? forschte der Lehrer.
    Ich bin zu Feuerbachs gegangen und wollte fragen, wie es dem Staatsrat
geht.
    Quandt schluckte seinen Verdru hinunter und begngte sich, Caspars
Fortgehen als Eigenmchtigkeit zu tadeln. Als er mit dem Jngling allein war,
wandelte er eine Weile ratlos auf und ab. Endlich begann er: Ich war vorhin auf
Ihrer Kammer, Hauser. Ich habe bei dieser Gelegenheit einen Fund gemacht, der
mich, gelinde ausgedrckt, sehr mit Bedenken erfllt. Ich will mich nun ber die
Schrift des Herrn Staatsrats nicht weiter auslassen, obwohl alle vernnftigen
Menschen darber einer Meinung sind; ich halte mich nicht fr befugt, Ihnen
gegenber einen so verdienstvollen Mann herunterzusetzen. Auch will ich nicht
weiter untersuchen, wer Ihnen das Buch in die Hand gespielt hat, da ich mich
dabei doch nur der Gefahr aussetzen wrde, von Ihnen angelogen zu werden. Aber
mein Bedenken hat es erregt, da Sie sogar bei einem solchen Anla heimlich
verfahren zu mssen glauben. Warum kommen Sie nicht, wie sichs gehrt, zu mir
und sprechen sich aus? Denken Sie denn, da ich Sie des Vergngens beraubt
htte, eine hbsche Fabel zu lesen, die ein ehemals groer und berhmter, doch
nun kranker und geistesmder Mann verfat hat? Wei ich denn nicht auch, wie
Ihnen in Ihrem Innern zumute sein mu, wenn man ein solches Mrchen in Ihre
Vergangenheit hineinspinnt? Eine Vergangenheit, die Ihnen wahrlich besser
bekannt ist als dem armen Staatsrat? Aber warum denn um Gottes willen die ewige
Versteckenspielerei? Hab ich das um Sie verdient? Bin ich nicht wie ein Vater zu
Ihnen gewesen? Sie leben in meinem Haus, Sie essen an meinem Tisch, Sie genieen
mein Vertrauen, Sie nehmen teil an unserm Wohl und Wehe, kann Sie denn nichts in
der Welt bewegen, Sie heimlicher Mensch, einmal offen und rckhaltlos zu sein?
    O wundersam! Dem Lehrer standen die Augen voller Trnen. Er zog die Schrift
des Prsidenten aus der Tasche, ging zum Tisch und legte das Bchlein mit Affekt
vor Caspar hin.
    Caspar blickte den Lehrer an, als ob dieser in einer weiten Entfernung
stehe. Es war etwas Stieres in seinem Blick und eine vollkommene Abwesenheit der
Gedanken. Auf der Stirn lag es wie geisterhaftes Gewlk, die Lippen waren
geffnet und zuckten.
    Wie bse er aussieht, dachte Quandt und fing an, sich zu ngstigen.
Sprechen Sie doch! schrie er heiser.
    Caspar schttelte langsam den Kopf. Man mu Geduld haben, sagte er wie im
Traum. Es wird sich was ereignen, Herr Lehrer, passen Sie nur auf. Es wird sich
bald was ereignen, glauben Sie mir. Unwillkrlich streckte er die Hand nach dem
Lehrer aus.
    Quandt kehrte sich angewidert ab. Verschonen Sie mich mit Ihren
Redensarten, sagte er kalt. Sie sind ein abscheulicher Komdiant.
    Damit war das Gesprch beendet und Quandt verlie das Zimmer.
    Durch den Archivdirektor Wurm erfuhr Quandt, da Caspar allerdings zu Mittag
im Feuerbachschen Haus gewesen war, da er aber nicht blo nach dem Befinden des
Prsidenten gefragt, sondern auch mit auffallender Dringlichkeit den Staatsrat
zu sprechen verlangt habe. Natrlich habe man ihm durchaus nicht willfahren
knnen. Er war noch eine halbe Stunde lang unbeweglich am Tor stehengeblieben,
und bevor er sich entfernt, war er um das ganze Haus herumgegangen und hatte zu
den Fenstern hinaufgeschaut, wobei sein Gesicht anders als je, wild und
verstrt, ausgesehen.
    Nun kam er aber den nchsten Tag wieder, und ebenso am dritten und vierten
Tag, jedesmal mit demselben dringenden Begehren, und jedesmal wurde er
abgewiesen. Der Prsident bedrfe der Ruhe, wurde ihm gesagt; sein Zustand, der
anfangs zu Besorgnissen Grund gegeben, bessere sich jedoch stetig.
    Direktor Wurm erzhlte endlich dem Prsidenten davon. Feuerbach befahl, da
man Caspar zu ihm fhren solle, wenn er das nchste Mal kme, und bestand trotz
dem Abreden Henriettes auf seinem Willen. Es verging aber die ganze Woche, ehe
sich Caspar wieder sehen lie.
    Eines Nachmittags, schon ziemlich spt, erschien er und wurde, von Henriette
nicht eben freundlich empfangen, in das Zimmer ihres Vaters geleitet. Der
Prsident sa im Lehnstuhl und hatte einen kleinen Berg von Akten vor sich
aufgeschichtet. Er sah sehr gealtert aus, weie Bartstoppeln umstanden Kinn und
Wangen, sein Auge blickte ruhig, hatte aber einen ngstlichen Schimmer, wie bei
einem, dem der uerst gefrchtete Tod nher gewesen ist als er denken will.
    Nun, was wnschen Sie von mir, Hauser? wandte er sich an Caspar, der neben
der Tr stehengeblieben war.
    Caspar trat heran, stolperte vor dem Schemel, fiel pltzlich auf die Knie
und beugte in pagenhafter Demut das Haupt. Auch seine Arme sanken schlaff
herunter, und er verharrte mit ergebener und dsterer Miene in derselben
Stellung.
    Feuerbach verfrbte sich. Er packte Caspar bei den Haaren und bog den Kopf
zurck, aber die Augen Caspars blieben geschlossen. Was gibts, junger Mann?
rief der Prsident hart.
    Jetzt erhob Caspar den sprechenden Blick. Ich hab es gelesen, sagte er.
    Der Prsident ballte die Lippen aufeinander, und seine Augen verschwanden
unter den Brauen. Ein langes Schweigen trat ein.
    Stehen Sie auf, herrschte endlich der Prsident Caspar an. Dieser
gehorchte.
    Feuerbach packte ihn beim Handgelenk und sagte halb drohend, halb
beschwrend: Nicht mucksen, Hauser, nicht mucksen! Stille halten! Stille sein!
Abwarten! Ist vorlufig nichts weiter zu tun.
    Caspars Gesicht, stumm erregt wie das eines Fiebernden, wurde starrer.
    Es graut Ihnen, jawohl, fuhr der Prsident fort, auch mir graut, und
dabei mu es sein Bewenden haben. Unserm Arm sind nicht alle Fernen und Hhen
erreichbar. Wir haben nicht Josuas Schlachttrompeten und Oberons Horn. Die
hochgewaltigen Kolosse sind mit Flegeln bewehrt und dreschen so hageldicht, da
zwischen Schlag und Schlag sich unzerknickt kein Lichtstrahl zwngen kann.
Geduld, Hauser, und nicht mucksen, nicht mucksen. Zu versprechen ist nichts;
eine Hoffnung bleibt noch, aber dazu brauch ich Gesundheit. Genug fr jetzt!
    Er machte eine verabschiedende Geste.
    Caspar sah den alten Mann zum erstenmal klar und ruhig an. Der feste Blick
wunderte den Prsidenten. Ei der Tausend, dachte er, der Bursche hat Blut in
sich und kein Zuckerwasser. Schon im Fortgehen begriffen, drehte sich Caspar
noch einmal um und sagte: Exzellenz, ich hatte eine groe Bitte.
    Eine Bitte? Heraus damit!
    Es ist mir so lstig, da ich bei jedem Ausgehen immer auf den Invaliden
warten soll. Er kommt oft so spt, da es sich gar nicht mehr ums Weggehen
lohnt. Ins Appellgericht kann ich doch alleine gehen und zu meinen Bekannten
auch.
    Hm, machte Feuerbach, wills berlegen, werd es richten.
    Als Caspar das Zimmer verlie, huschte eine weibliche Gestalt lngs des
Korridors davon, einer ertappten Lauscherin gleich. Es war Henriette, die, in
bestndiger Angst um den Vater, nichts so sehr frchtete wie die Gefahr, die aus
dessen leidenschaftlichen Anteil an dem Schicksal Caspars drohte. Es mag dafr
ein Brief Zeugnis geben, den sie an ihren in der Pfalz wohnenden Bruder Anselm
schrieb und der die unheilschwere Luft, die in der Umgebung des Prsidenten
lastete, mit jeder Zeile spren lie.
    Der Zustand unsers Vaters, so begann das Schreiben, hat sich, Gott sei
Dank, zum Bessern gewandt. Er vermag schon, auf einen Stock gesttzt, durchs
Zimmer zu gehen und hat auch wieder Freude an einem guten Braten, wenngleich
sein Appetit nicht mehr der frhere ist und er hin und wieder ber
Magenschmerzen klagt. Was aber seine Stimmung im allgemeinen anbelangt, so ist
sie schlechter denn je, und zwar hngt dies vornehmlich mit der unglckseligen
Caspar-Hauser-Schrift zusammen. Du weit, welch riesiges Aufsehen die Broschre
im ganzen Land hervorgerufen hat. Tausende von Stimmen haben sich dafr und
dawider erhoben, aber es scheint, da das Dawider allmhlich die Oberhand
behalten hat. Die gelesensten Zeitungen brachten Artikel, die einander
auffallend hnlich waren und worin das Werk als Produkt eines berspannten
Kopfes hhnisch abgetan wurde, Nachdem zwei Auflagen in rascher Folge verkauft
waren, weigerte der Verleger pltzlich unter allerlei Ausflchten den Druck, und
als man sich an zwei andre wandte, kamen ebenfalls Absagen. Da dahinter die
tckischesten Umtriebe stecken, samt und sonders aus ein und derselben Quelle,
kann man sich nicht verhehlen, und ich mchte mir die Lippen wund beien, wenn
ich daran denke, in was fr Zustnden wir zu leben gezwungen sind, da selbst
ein Mann wie unser Vater fr eine Sache, die so, wie sie ist, zum Himmel
schreit, kein williges Ohr findet, von ttiger Hilfe ganz zu schweigen.
Wahrhaftig, die Menschen sind trge, stumpfe, dumme Tiere, sonst wre mehr
Emprung in der Welt. Nun magst du dir aber erst unsern Vater vorstellen: seine
bittere Verstimmung, seinen Schmerz, seine Verachtung, und alles zurckgehalten,
in seiner Brust zugeschlossen. Was mute er fhlen, da sogar aus dem nchsten
Freundeskreis kein Zeichen des Beifalls, des Dankes, der Liebe mehr zu ihm flog!
Gewisse hochgestellte Personen hielten mit ihrem rger nicht zurck, und hier,
in dem abscheulichen Krhwinkel, hatte man ohnehin wenig Aufhebens von der
ganzen Geschichte gemacht, begreiflicherweise, denn Christus mag Rom erobern, zu
Jerusalem ist er nur ein schbiger Rabbi. Ich bin in groer Sorge fr unsern
Vater. Ich kenne ihn genug, um zu wissen, da seine jetzige uerliche Ruhe nur
den inneren Sturm verbirgt. Manchmal sitzt er stundenlang und starrt auf eine
einzige Stelle an der Wand, und wenn man ihn dann strt, schaut er einen mit
groen Augen an und lacht lautlos und weh. Neulich sagte er ganz pltzlich und
mit finsterer Miene zu mir: das Rechte sei, wenn aus solcher Ursache heraus wie
in frheren Zeiten der ganze Mann sich stelle, mit Haut und Haar msse man sich
opfern und drfe sich nicht hinter einem Wall bedruckten Papiers verschanzen. Er
wlzt Plne in seinem Hirn; die Nachricht, da im Badischen eine Revolution
ausgebrochen ist, hat ihn mchtig angegriffen, und in der Tat scheint diese
Katastrophe mit der Caspar-Hauser-Sache in innigem Zusammenhange zu stehen. Er
glaubt in einem verabschiedeten und irgendwo am Main lebenden Minister einen der
Hauptanstifter der an dem Findling begangenen Greuel vermuten zu drfen, und,
kaum will mir der Satz in die Feder, er hat die Absicht, den Mann aufzusuchen,
ihn zu einem Gestndnis zu zwingen. Der Polizeileutnant Hickel, der unheimliche
Geselle, dem ich nicht ber den. Weg traue, kommt nun fast tglich ins Haus und
hat lange Konferenzen mit Vater, und soviel ich bis jetzt den Andeutungen des
Vaters entnommen habe, soll ihn Hickel in einigen Wochen auf die Reise
begleiten. Knnt ich doch das, nur das verhindern! Er wird um dieser unseligen
Geschichte willen den letzten Frieden seines Alters hingeben, und er wird nichts
ausrichten, nichts, nichts, und wre er ein Jesajas an Beredsamkeit, ein Simson
an Kraft und ein Makkabus an Mut. Ach, wir Feuerbachs sind ein gezeichnetes
Geschlecht! Das Kainsmal der Ruhelosigkeit bedeckt unsre Stirnen. Sinnlos
wirtschaften wir mit unsern Krften und unsern Vermgen, und wenn die
berbleibsel noch gerade bis zur Kirchhofsmauer reichen, ist es schon ein Glck.
Es ist uns nicht gegeben, einen harmlosen Spaziergang zu machen, wir mssen
immer gleich ein Ziel haben, wir knnen nicht atmen, ohne eines wichtigen
Zweckes zu gedenken, und in der Erwartung des nchsten Tages entgleitet uns jede
holde Gegenwart. So ist er, so bist du, so bin ich, so sind wir alle. Ich habe
noch nie an einer Rose gerochen, ohne darber zu trauern, da sie morgen
verwelkt sein wird, noch nie ein schnes Bettelkind erblickt, ohne ber die
Ungleichheit der Lose zu spintisieren. Leb wohl, Bruder, der Himmel mache meine
schlimmen Ahnungen unwirklich.
    So der Brief. Das darin zum Ausdruck gebrachte Mitrauen gegen den
Polizeileutnant wuchs schlielich dermaen, da Henriette alle mglichen
Anstrengungen machte, um den Vater mit Hickel zu entzweien. Es fruchtete nichts,
aber Hickel roch Lunte und zeigte in seinem Benehmen gegen die Tochter des
Prsidenten alsbald eine undurchdringliche, sliche Liebenswrdigkeit. Als ihn
Quandt aufsuchte und sich lebhaft darber beklagte, da der Prsident sich von
Hauser habe beschwatzen lassen und dessen unbewachtes und unbehindertes
Herumlaufen in der Stadt bewilligt habe, sagte Hickel, das passe ihm nicht, er
werde dem Staatsrat schon den Kopf zurechtsetzen.
    Er lie sich bei Feuerbach melden und trug ihm seine Bedenken gegen die
unerwnschte Maregel vor. Eure Exzellenz drften nicht berlegt haben, welche
Verantwortung Sie mir damit aufbrden, sagte er. Wenn ich keine Kontrolle
habe, wo der Mensch seine Zeit hinbringt, wie soll ich dann fr seine Sicherheit
Garantie bieten?
    Larifari, knurrte Feuerbach; ich kann einen erwachsenen Menschen nicht
einsperren, damit Sie Ihre Nachmittagsstunden mit Gemtsruhe im Kasino versitzen
knnen.
    Hickel heftete einen bsen Blick auf seine Hnde, antwortete aber mit einer
nicht bel gespielten Treuherzigkeit: Ich bin mir ja eines Lasters bewut, das
Eure Exzellenz so streng verurteilen. Immerhin, ein Pltzchen mu der Mensch
doch haben, wo er sich wrmen kann, sonderlich wenn er ein Hagestolz ist. Wenn
Sie in meiner Haut steckten, Exzellenz, und ich in der Ihren, wrde ich milder
ber einen geplagten Beamten denken.
    Feuerbach lachte. Was ist Ihnen denn ber die Leber gekrochen? fragte er
gutmtig. Haben Sie Liebeskummer? Er hielt den Polizeileutnant fr einen
groen Suitier.
    In diesem Punkt, Exzellenz, bin ich leider zu hartgesotten, entgegnete
Hickel, obgleich ein Anla dafr vorhanden wre; seit einigen Tagen hat unsre
Stadt die Ehre, eine ganz ausgezeichnete Schnheit zu beherbergen.
    So? fragte der Prsident neugierig. Erzhlen Sie mal. Er hatte, nicht zu
leugnen, eine kleine naive Schwche fr die Frauen.
    Die Dame ist bei Frau von Imhoff zu Besuch -
    Jawohl, richtig, die Baronin sprach davon, unterbrach Feuerbach.
    Sie wohnte zuerst im Stern, fuhr Hickel fort, ich ging ein paarmal
vorber und sah sie gedankenvoll am Fenster weilen, den Blick zum Himmel
aufgeschlagen wie eine Heilige; ich blieb dann immer stehen und schaute hinauf,
aber kaum da sie mich bemerkte, trat sie erschrocken zurck.
    Na, das la ich mir gefallen, das heit gut beobachten, neckte der
Prsident, es ist also schon eine Art Einverstndnis geschaffen.
    Leider nein, Exzellenz; offen gestanden, fr galante Abenteuer ist die Zeit
zu ernst.
    Das sollt ich meinen, besttigte Feuerbach, und das Lcheln erlosch auf
seinen Zgen. Er erhob sich und sagte energisch: Aber sie ist auch reif, die
Zeit. Ich gedenke am achtundzwanzigsten April aufzubrechen. Sie nehmen vorher
Dispens vom Amt und stellen sich mir zur Verfgung.
    Hickel verbeugte sich. Er schaute den Prsidenten erwartungsvoll an, und
dieser verstand den Blick. Ach so, sagte er. Ich mu Ihnen allerdings
zugeben, da es sein Untunliches hat, den Hauser sich selbst zu berlassen.
Anderseits ist es nicht billig, ihm die Welt vor der Nase zuzuriegeln. Davon mag
er genug haben. Durch Einbue an freiwilliger Bettigung wird ein zum Leben
gewandter Wille ebenso empfindlich getroffen wie durch Ketten und Handfessel.
Er konnte nicht einig mit sich werden; wie immer dem Polizeileutnant gegenber
fand er sich in seinen Entschlssen beengt; es war ein Anprall von Kraft,
Jugend, Klte und Gewissenlosigkeit, dem er dabei unterlag.
    Aber Eure Exzellenz kennen doch die Gefahren - - wandte Hickel ein.
    Solange ich in dieser Stadt die Augen offen habe, wird niemand wagen, ihm
ein Haar zu krmmen, dessen seien Sie ganz gewi.
    Hickel hob die Brauen hoch und betrachtete wieder die gestreckten Finger
seiner Hand. Und wenn er uns eines Tages ber alle Berge rennt? fragte er
finster. Dem ist manches zuzutrauen. Ich schlage vor, da man ihn wenigstens
des Abends und auf Spaziergngen berwachen lt. Bei Besorgungen in der Stadt
mag er im Notfall allein bleiben. Dem alten Invaliden knnen wir den Laufpa
geben, und ich will statt dessen meinen Burschen abrichten. Er soll sich tglich
um fnf Uhr nachmittags im Lehrerhaus melden.
    Das wre eine Lsung, sagte Feuerbach. Ist der Mann verllich?
    Treu wie Gold.
    Wie heit er?
    Schildknecht; ist ein Bckerssohn aus dem Badischen.
    Erledigt; sei es so.
    Als Hickel schon unter der Tr war, rief ihn der Prsident noch einmal
zurck und schrfte ihm wegen der bevorstehenden gemeinsamen Reise unbedingtes
Stillschweigen ein. Hickel versetzte, einer solchen Mahnung bedrfe es nicht.
    Ich knnte die Reise keinesfalls allein unternehmen, sagte der Prsident,
ich brauche die Hilfe eines umsichtigen Mannes. Die Gelegenheit mu sorgfltig
ausgekundschaftet werden. Vorsicht ist geboten. Vergessen Sie niemals, da ich
Ihnen in dieser Sache einen groen Beweis von Vertrauen gebe.
    Er schaute den Polizeileutnant durchbohrend an. Hickel nickte mechanisch.
ber Feuerbachs Stirn senkte sich pltzlich eine Wolke ahnungsvoller Sorge.
Gehen Sie, befahl er kurz.

                           Die Reise wird angetreten


Am selben Abend suchte Hickel den Lehrer auf und teilte ihm mit, da der Soldat
Schildknecht von nun an den Hauser berwachen werde. Caspar war nicht daheim,
und auf die Frage nach ihm antwortete Quandt, er sei ins Theater.
    Schon wieder ins Theater! rief Hickel. Das dritte Mal seit vierzehn
Tagen, wenn ich recht zhle.
    Er hat eine groe Vorliebe dafr gefat, erwiderte Quandt; beinahe sein
ganzes Taschengeld verwendet er dazu, um Billette zu kaufen.
    Mit dem Taschengeld wird es, nebenbei bemerkt, nchstens hapern, sagte der
Polizeileutnant, der Graf hat mir diesmal nur die Hlfte des vereinbarten
Monatswechsels geschickt. Offenbar wird ihm die Sache zu kostspielig.
    Stanhope hatte von Anfang an die fr Caspar zu verwendenden Gelder an Hickel
gesandt.
    Kostspielig? Dem Lord? Einem Pair der Krone Grobritannien? Diese Lappalie
kostspielig! Quandt ri vor Erstaunen die Augen auf.
    Das erzhlen Sie nur keinem andern, sonst denkt man, Sie machen sich lustig
ber den Grafen, sagte die Lehrerin. Neugierig prfend schaute sie den
Polizeileutnant an. Dieser aalglatte und geschniegelte Mann war ihr stets
merkwrdig und reizvoll erschienen. Er brachte das bichen Phantasie, das sie
hatte, in Bewegung.
    Kann nicht helfen, schlo Hickel unwirsch das Gesprch, es ist so. Der
Postzettel liegt bei mir zur Einsicht vor. Der Graf wird schon wissen, was er
tut.
    Als Caspar nach Hause kam, fragte ihn Quandt, wie er sich unterhalten habe.
Gar nicht, es war soviel von Liebe in dem Stck, antwortete er rgerlich. Ich
kann das Zeug nun einmal nicht ausstehen. Da schwtzen sie und jammern, da
einem ganz dumm wird, und was ist das Ende? Es wird geheiratet. Da will ich
lieber mein Geld einem Bettler schenken.
    Vorhin war der Herr Polizeileutnant hier und hat uns erffnet, da der Graf
Ihre Bezge erheblich gemindert hat, sagte Quandt. Sie werden also alle
Ausgaben berhaupt beschrnken und den Theaterbesuch, frchte ich, ganz aufgeben
mssen.
    Caspar setzte sich zum Tisch, a sein Abendbrot und sagte lange nichts.
Schade, lie er sich endlich vernehmen, bernchste Woche ist der Don Carlos
von Schiller. Das soll ein herrliches Stck sein, das mcht ich noch sehen.
    Wer hat Ihnen denn mitgeteilt, da es ein herrliches Stck ist? fragte
Quandt mit der nachsichtig berlegenen Miene des Fachmannes.
    Ich hab Frau von Imhoff und Frau von Kannawurf im Theater getroffen,
erklrte Caspar, beide haben es gesagt.
    Die Lehrerin hob den Kopf: Frau von Kannawurf? Wer ist denn das nun
wieder?
    Eine Freundin von der Imhoff, erwiderte Caspar.
    Quandt besprach sich mit seiner Frau noch bis Mitternacht darber, wie man
sich in die vom Grafen getroffene Vernderung zu schicken habe. Es wurde
vereinbart, da Caspar von jetzt ab den Mittagstisch fr zehn und den Abendtisch
fr acht Kreuzer haben solle. Wenn das so ist, wie der Polizeileutnant sagt,
mu ich in jedem Fall draufzahlen, meinte die Lehrerin.
    Wir drfen nicht vergessen, da der Hauser im Essen und Trinken wirklich
beispiellos mig ist, versetzte Quandt, dessen Redlichkeit sich gegen eine
unrechtmige Beschrnkung strubte.
    Macht nichts, beharrte die Frau, ich mu doch immer um soviel mehr in der
Kche haben, da ein Hungriger satt wird. Das krieg ich nicht geschenkt.
    Am andern Nachmittag brachte Hickel das Monatsgeld. Er und Quandt traten
gerade in den Flur, als Caspar, zum Ausgehen fertig, aus seinem Zimmer
herunterkam. Vom Lehrer gefragt, wohin er gehe, antwortete er verlegen, er wolle
zum Uhrmacher, seine Uhr sei nicht in Ordnung, und er msse sie richten lassen.
Quandt verlangte die Uhr zu sehen, Caspar reichte sie ihm, der Lehrer hielt sie
ans Ohr, beklopfte das Gehuse, probierte, ob sie aufzuziehen sei, und sagte
schlielich: Der Uhr fehlt ja nicht das mindeste.
    Caspar errtete und sagte nun, er habe sich blo seinen Namen auf den Deckel
gravieren lassen wollen; doch er htte ein viel geschickterer Heuchler sein
mssen, um seinen Worten den Stempel der Ausflucht zu nehmen. Quandt und Hickel
sahen einander an. Wenn Sie einen Funken Ehrgefhl im Leib haben, so gestehen
Sie jetzt offen, wohin Sie gehen wollten, sagte Quandt ernst.
    Caspar besann sich und erwiderte zgernd, er habe die Absicht gehabt, in die
Orangerie zu gehen.
    In die Orangerie? Warum? Zu welchem Zweck?
    Der Blumen wegen. Es sind dort im Frhjahr immer so schne Blumen.
    Hickel rusperte sich bedeutsam. Er blickte Caspar scharf an und sagte
ironisch: Ein Poet. Unter Blumen - la mich seufzen ... Dann nahm er seine
militrische Miene an und erklrte bndig, er habe den Prsidenten bestimmt, die
unbedacht gewhrte Erlaubnis zu freiem Ausgehen wieder zu kassieren. Tglich um
fnf Uhr werde sein Bursche antreten, und in dessen Gesellschaft mge Caspar
tun, was ihm beliebe.
    Caspar blickte still auf die Gasse hinaus, wo die Frhlingssonne lag. Es
scheint - murmelte er, stockte aber und sah ergeben vor sich hin.
    Was scheint? fragte der Lehrer. Nur heraus damit. Halbgesagtes verbrennt
die Zunge.
    Caspar richtete die Augen forschend auf ihn. Es scheint, beendete er den
Satz, da beim Prsidenten doch recht behlt, wer zuletzt kommt. Als er der
Wirkung dieser bitteren Worte inne ward, htte er sie gern wieder ungesprochen
gemacht. Der Lehrer schttelte entsetzt den Kopf, Hickel pfiff leise durch die
gespitzten Lippen. Dann nahm er sein Notizbuch, das zwischen zwei Knpfen seines
Rockes stak, und schrieb etwas auf. Caspar beobachtete ihn mit scheuen Blicken,
es flackerte wie ein Blitz ber seine Stirn.
    Natrlich werde ich den Staatsrat von dieser unziemlichen Bemerkung
unterrichten, sagte Hickel in amtlichem Ton.
    Als der Polizeileutnant gegangen war, bat Caspar den Lehrer, er mge ihn
doch ausnahmsweise heute fortlassen, weil so schnes Wetter sei. Es tut mir
leid, entgegnete Quandt, ich mu nach meiner Instruktion handeln.
    Der Bursche Hickels erschien erst gegen halb sechs. Caspar begab sich mit
ihm auf den Weg nach dem Hofgarten, aber als sie hinkamen, war die Orangerie
schon geschlossen. Schildknecht schlug vor, am Onolzbach entlang
spazierenzugehen; Caspar schttelte den Kopf. Er stellte sich an eines der
offenen Fenster des Gewchshauses und blickte hinein.
    Suchen Sie wen? fragte Schildknecht.
    Ja, eine Frau wollte mich hier treffen, erwiderte Caspar. Macht nichts,
gehen wir wieder heim
    Sie kehrten um; als sie auf den Schloplatz gelangten, sah Caspar Frau von
Kannawurf, die in der Mitte des Platzes stand und einer groen Menge von Spatzen
Brosamen hinstreute. Caspar blieb auerhalb der Sperlingsversammlung stehen; er
schaute zu und verga ganz zu gren. Die Ftterung war bald beendet, Frau von
Kannawurf setzte den Hut wieder auf, den sie am Band ber den Arm gehngt hatte,
und sagte, sie sei anderthalb Stunden lang im Gewchshaus gewesen.
    Ich bin kein freier Mensch, kann nicht halten, was ich verspreche,
antwortete Caspar.
    Sie gingen die Promenade hinunter, dann links gegen die Vorstadtgrten.
Schildknecht marschierte hinterdrein; der rotbackige kleine Mensch in der grnen
Uniform sah drollig aus. Der grte von den dreien war berhaupt Caspar, denn
auch Frau von Kannawurf hatte eine kindliche Gestalt.
    Nachdem sie lange Zeit schweigend nebeneinander her gewandert waren, sagte
die junge Frau: Ich bin eigentlich Ihretwegen in diese Stadt gekommen, Hauser.
Die ein wenig singende Stimme hatte einen fremden Akzent, und whrend sie
sprach, pflegte sie hie und da mit den Lidern zu blinzeln, wie Leute tun, die
ermdete Augen haben.
    Ja, und was wollen Sie von mir? versetzte Caspar mehr unbeholfen als
schroff. Das haben Sie mir schon gestern im Theater gesagt, da Sie meinetwegen
gekommen sind.
    Das ist Ihnen nichts Neues, denken Sie. Aber ich will nichts von Ihnen
haben, im Gegenteil. Es ist sehr schwer, im Gehen darber zu reden. Setzen wir
uns dort oben ins Gras.
    Sie stiegen den Abhang des Nubaumberges hinan und lieen sich vor einer
Hecke auf den Rasen nieder. Ihnen gegenber sank die Sonne gegen die Waldkuppen
der schwbischen Berge. Caspar schaute andchtig hin, Frau von Kannawurf sttzte
den Ellbogen aufs Gras und sah in die violette Luft. Schildknecht, als verstehe
er, da seine Gegenwart nicht erwnscht sei, hatte sich weit unterhalb auf einen
umgestrzten Baum gesetzt.
    Ich besitze ein kleines Gut in der Schweiz, begann Frau von Kannawurf,
ich habe es vor zwei Jahren gekauft, um mir in einem freien Land einen
Zufluchts- und Ruheplatz zu schaffen. Ich mache Ihnen den Vorschlag, mit mir
dorthin zu reisen. Sie knnen dort ganz nach Ihrem Wunsch leben, ohne
Belstigung und ohne Gefahr. Nicht einmal ich selbst werde Sie stren, denn ich
kann nirgends bleiben, es treibt mich immer wo anders hin. Das Haus liegt
vollstndig einsam zwischen hohen Bergen im Tal und an einem See. Nichts
Groartigeres lt sich denken als der Anblick des ewigen Schnees, wenn man dort
im Garten unter den Apfelbumen sitzt. Da es viel Schwierigkeiten und viel Zeit
kosten wrde, wenn ich es durchsetzen wollte, Sie vor aller Welt hinzubringen,
bin ich dafr, da Sie mit mir fliehen. Sie brauchen nur ja zu sagen, und alles
ist bereit.
    Sie hatte Caspar jetzt das Gesicht voll zugewandt, und dieser kehrte den
etwas geblendeten Blick von dem roten Sonnenball weg und schaute sie an. Er
htte von Holz sein mssen, um diesem wunderschnen Antlitz gegenber
unempfindlich zu bleiben, und ganz von selbst, und als ob er ihr gar nicht
zugehrt htte, fielen die verwunderten Worte von seinen Lippen: Sie sind aber
sehr schn.
    Frau von Kannawurf errtete. Es gelang ihr nicht, hinter ihrem spttischen
Lcheln ein schmerzliches Gefhl zu verbergen. Ihr Mund, der etwas
Kindlich-Ses hatte, zuckte bestndig, wenn sie schwieg. Caspar geriet in
Verwirrung unter ihrem erstaunten Blick und sah wieder in die Sonne.
    Sie antworten mir nicht? fragte Frau von Kannawurf leise und enttuscht.
    Caspar schttelte den Kopf. Es ist unmglich zu tun, was Sie von mir
wollen, sagte er.
    Unmglich? warum? Frau von Kannawurf richtete sich jh auf.
    Weil ich dort nicht hingehre, sagte Caspar fest.
    Das junge Weib sah ihn an. Ihr Gesicht hatte den Ausdruck eines aufmerksamen
Kindes und wurde nach und nach so bla wie der Himmel ber ihnen. Wollen Sie
sich denn opfern? fragte sie starr.
    Weil ich dorthin mu, wo ich hingehre, fuhr Caspar unbeirrt fort und
blickte immer noch gegen die Stelle, wo die Sonne jetzt verschwunden war.
    Ihn zu meinem Plan zu bekehren, ist vergeblich, dachte Frau von Kannawurf
sogleich; groer Gott, wie wahr, wie einfach alles vor ihm liegt: ja - nein,
schn - hlich; er betrachtet die Dinge nur von oben. Und wie sein Gesicht
grenzenlose Gte mit einer naiven und zrtlichen Traurigkeit vereint; man ist
benommen und erstaunt, wenn man ihn anschaut.
    Was aber wollen Sie tun? fragte sie zaudernd.
    Ich wei es noch nicht, entgegnete er wie im Traum und verfolgte mit den
Augen eine Wolke, welche die Gestalt eines laufenden Hundes hatte.
    Also was man mir berichtet hat, ist falsch; er frchtet sich ja gar nicht,
dachte das junge Weib. Sie erhob sich und ging ungestm voraus, den Hgel
hinunter an Schildknecht vorbei, der zu schlafen schien. Man mu ihn schtzen,
dachte sie weiter, er ist imstande und rennt in sein Verderben; was er tun wird,
wei er nicht, natrlich, er ist wahrscheinlich nicht fhig, einen Plan zu
machen, aber er wird handeln, er trgt eine Tat mit sich herum und wird vor
nichts mehr zurckschrecken; es ist nicht schwer, ihn zu erraten, obwohl er
aussieht wie das Schweigen selbst.
    Sie blieb stehen und wartete auf Caspar. Ei, Sie knnen ordentlich laufen,
sagte er bewundernd, als er wieder an ihrer Seite war.
    Die frische Luft macht mich ein bichen wild, antwortete sie und holte
tief Atem.
    Als Frau von Kannawurf und Caspar durch den Torbogen des Herrieder Turmes
gingen, sahen sie pltzlich neben einem leeren Schilderhuschen den
Polizeileutnant. Und beide blieben unwillkrlich stehen, denn der Anblick hatte
etwas Erschreckendes. Hickel lehnte nmlich mit der Schulter gegen das Huschen
und sah aus wie zur Bildsule erstarrt. Trotz der Dunkelheit konnte man
wahrnehmen, da sein Gesicht aschfahl war, und es lag ber seinen Zgen eine
bleierne Dsterkeit. Hinter ihm stand sein Hund, eine groe graue Dogge; das
Tier war genau so regungslos wie sein Herr und blickte unverwandt an ihm empor.
    Caspar zog grend den Hut; Hickel bemerkte es nicht. Frau von Kannawurf sah
noch einmal zurck und flsterte frstelnd: Wie furchtbar! Was fr ein Mann!
Was mag ihn peinigen!
    War es denkbar, da der Polizeileutnant, etwa durch neue Spielverluste in
Verzweiflung gebracht, sich soweit vergessen konnte, da er, wennschon durch die
Dunkelheit und einen Mauerwinkel geschtzt, auf offener Gasse das Schauspiel
eines vom Krampf Befallenen darbot? Das ist den Spielern sonst nicht eigen; sie
berschlafen ihren Unglcksrausch und geben sich kaltbltig dem tckischen
Zufall von neuem in die Hnde. Aber Spieler pflegen skrupellos zu sein; setzen
sie nicht Geld auf Karten, so setzen sie auf Seelen, und dabei kann es sich wohl
ereignen, da ihnen der Teufel eine grliche Schuldverschreibung vorhlt, die
sie mit ihrem Blut unterzeichnen mssen.
    Als Hickel am Nachmittag nach Hause gekommen war, trat ihm vor der Tr
seiner Wohnung ein unbekannter Mann entgegen, bergab ihm ein versiegeltes
Schreiben und verschwand wieder, ohne gesprochen zu haben. Der erfahrene Blick
des Polizeileutnants konnte nicht im unklaren darber bleiben, da der Mensch
falsches Haar und falschen Bart getragen hatte. Der Brief, den Hickel sogleich
ffnete, war chiffriert; seine Entzifferung kostete, trotzdem der Schlssel
bekannt war, den Rest des Nachmittags. Der Inhalt des Schreibens bezog sich auf
die mit dem Prsidenten gemeinschaftlich anzutretende Reise. Hickel las, las und
las wieder. Er hatte schon beim ersten Male verstanden, aber er las, um nicht
denken zu mssen.
    Punkt sieben Uhr erhob er sich vom Schreibtisch und ging zehn Minuten lang
pfeifend im Zimmer auf und ab. Sodann ffnete er ein Glasschrnkchen, nahm eine
Flasche mit Whisky heraus, die er vom Grafen Stanhope geschenkt erhalten hatte,
fllte ein nettes silbernes Becherchen damit und trank es in einem Zuge leer.
Hierauf griff er zur Brste, reinigte den Rock, danach hing er den Sbel um, und
um halb acht verlie er mit dem Hund seine Wohnung. Er schien gutgelaunt, denn
er pfiff und summte noch immer vor sich hin und knipste hie und da mit den
Fingern. Doch unter dem Bogen des Herrieder Turmes blieb er auf einmal stehen
und sah angelegentlich zur Erde nieder. Ein durchfahrender Handwagen stie ihn
an der Hfte an, deshalb ging er ein paar Schritte weiter bis zum Schilderhause
um die Ecke. Dort gewahrte ihn das heimkehrende Paar.
    Es wrde einen ungengenden Einblick in den Charakter des Polizeileutnants
beweisen, wenn man annehmen wollte, da diese Sinnesverdunklung lnger gedauert
habe, als gemeinhin eine vorbergehende Blutleere im Kopf dauert. Um acht Uhr
sa er schon mit einigen Kollegen beim Fischessen in der Goldenen Gabel, und
um neun Uhr war er im Kasino; sollte diese genaue Stundenangabe etwas
Verdrieliches haben, so sei hinzugefgt, da er in der Zeit von neun bis vier
Uhr berhaupt keinen Glockenschlag mehr, sondern nur noch das eintnige Knistern
der Spielkarten vernahm. Er gewann. Auf dem Heimweg durch die grauende Frhe
passierte dann das Auffllige, da er vor dem Sterngasthof in der Mitte der
Strae Halt machte, den Sbel an das Bein prete und einen langen, saugenden
Blick gegen dasselbe Fenster hinaufschickte, hinter dem er die schne Fremde
gesehen hatte.
    Am Morgen schlief er lange, und als der Bursche mit dem Rapport kam, hrte
er kaum zu. Schildknecht war verpflichtet, jeden Morgen Bericht zu erstatten, wo
er den Nachmittag oder Abend vorher mit Caspar gewesen. Fast jedesmal hie es
von nun ab: wir haben die Frau von Kannawurf abgeholt, oder: die Frau von
Kannawurf ist uns begegnet, und wir sind spazierengegangen; oder bei
Regenwetter: wir sind im Imhoffschen Garten in der Laube gesessen. Dieses Wir
hatte aber in Schildknechts Mund einen sehr bescheidenen Klang; er sprach von
Caspar stets mit achtungsvoller Zurckhaltung. Da er die Wahrnehmung machte, da
sein Herr die Berichte ber das regelmige Beisammensein der beiden mit Unruhe
aufnahm, wute er in seinen Ton etwas wie eine Versicherung von Harmlosigkeit zu
legen, fgte zum Beispiel hinzu: sie haben viel ber das Wetter gesprochen,
oder: sie haben sich ber gebildete Sachen unterhalten. Solche Einzelheiten
erfand er, denn in Wirklichkeit hielt er sich jedesmal in einer taktvollen
Entfernung hinter den beiden.
    Hickel begann dem jungen Menschen zu mitrauen.
    Eines Abends erwischte er ihn, wie er in einem Winkel der Kche hockte, eine
Kerze vor sich, und mit dem Zeigefinger buchstabierend ber die Zeilen eines
Buches glitt. Als er sich gestrt fand, war er wie entgeistert, seine roten
Backen hatten die Farbe verloren. Hickel nahm das Buch, und sein Gesicht wurde
finster wie die Nacht, als er sah, da es die Feuerbachsche Schrift war. Woher
hat Er das? schrie er Schildknecht an. Der Bursche erwiderte, er habe es auf
dem Bcherschrank des Herrn Leutnant gefunden. Das ist eine widerrechtliche
Aneignung, ich werde Ihn davonjagen und disziplinieren lassen, wenn so etwas
nochmal vorkommt, merk Er sich das! donnerte Hickel.
    Wahrscheinlich htte die erstbeste Seerubergeschichte die Neugier des
Tlpels ebenso gereizt, sagte sich Hickel spter und erklrte sein Aufbrausen
fr eine Unbesonnenheit. Gleichwohl witterte er Gefahr, der Bursche war nicht
nach seinem Sinn, und er beschlo, sich seiner zu entledigen. Ein Anla ergab
sich bald.
    Als Schildknecht tags darauf Caspar abholte, merkte er, da dieser verstimmt
war. Er suchte ihn aufzuheitern, indem er ein paar lustige Schnurren aus dem
Kasernenleben vorbrachte. Caspar ging auf die Unterhaltung ein, er fragte den
zutraulichen Menschen nach seiner Heimat, nach seinen Eltern, und Schildknecht
bemhte sich, auch davon mglichst gutgelaunt zu erzhlen, obschon es ein
trauriges Kapitel fr ihn war. Er hatte eine Stiefmutter gehabt, der Vater hatte
ihn in frher Jugend unter fremde Leute gegeben, kaum war er von Hause fort, so
hatte ein Liebhaber der Frau den Vater im Raufhandel erschlagen. Jetzt sa der
Liebhaber samt der Frau im Zuchthaus, und die Brder hatten das Vermgen
durchgebracht.
    Schildknecht wagte zu fragen, weshalb Caspar heute seine Freundin nicht
treffe.
    Sie geht ins Theater, antwortete Caspar.
    Warum denn er nicht gehe, fragte Schildknecht weiter.
    Er habe kein Geld.
    Kein Geld? Wieviel braucht man denn dazu?
    Sechs Groschen.
    Soviel hab ich grad bei mir, meinte Schildknecht, ich leihs Ihnen.
    Caspar nahm das Anerbieten mit Vergngen an. Es wurde nmlich der Don
Carlos gegeben, auf den er sich schon lange gefreut hatte.
    Das Stck erregte mit Ausnahme des verrckten Frauenzimmers, das den Prinzen
verfhren will, sein Entzcken. Und wie ward ihm, als der Marquis zum Knig
sprach:

Sie haben umsonst
Den harten Kampf mit der Natur gerungen,
Umsonst ein groes knigliches Leben
Zerstrenden Entwrfen hingeopfert.
Der Mensch ist mehr, als Sie von ihm gehalten.
Des langen Schlummers Bande wird er brechen
Und wieder fordern sein geheiligt Recht.

    Er erhob sich von seinem Platz, starrte gierig, mit funkelnden Augen auf die
Bhne und enthielt sich nur mit Mhe eines lauten Ausrufs. Zum Glck wurde die
Strung in der herrschenden Dunkelheit nicht weiter beachtet; sein Nachbar, ein
bser alter Kanzleirat, zerrte ihn grob auf den Sitz zurck.
    Das Ausbleiben ber den Abend hatte zunchst ein Verhr durch den Lehrer zur
Folge. Er gestand, im Schlotheater gewesen zu sein. Woher haben Sie Geld?
fragte Quandt. Caspar erwiderte, er habe das Billett geschenkt bekommen. Von
wem? Gedankenlos, noch ganz gefangen von der Dichtung, nannte Caspar
irgendeinen Namen. Quandt erkundigte sich am andern Tag, erfuhr
selbstverstndlich, da ihn Caspar belogen hatte, und stellte ihn zur Rede. In
die Enge getrieben, bekannte Caspar die Wahrheit, und Quandt machte dem
Polizeileutnant Mitteilung.
    Um fnf Uhr nachmittags ertnte im Hof vor Caspars Fenster der wohlbekannte
Pfiff, zwei melodische Triolen, mit denen sich Schildknecht zu melden pflegte.
Caspar ging hinunter.
    Es ist aus mit uns beiden, sagte Schildknecht zu ihm, der Polizeileutnant
hat mich entlassen, weil ich Ihnen das Geld geliehen hab. Ich mu jetzt wieder
Kasernendienst tun.
    Caspar nickte trbselig. So geht mirs eben, murmelte er, sie wollens
nicht leiden, wenn einer zu mir hlt. Er reichte Schildknecht die Hand zum
Abschied.
    Hren Sie mal zu, Hauser, sagte Schildknecht eifrig, ich will jede Woche
zwei- oder dreimal, berhaupt wenn ich frei bin, dahier in den Hof kommen und
meinen Pfiff pfeifen. Vielleicht brauchen Sie mich mal. Warum nicht, kann ja
mglich sein.
    Es lag in den Worten eine ber alle Maen tiefe Herzlichkeit. Caspar
richtete den aufmerksamen Blick in Schildknechts freundlich lchelndes Gesicht
und erwiderte langsam und bedchtig: Es kann mglich sein, das ist wahr.
    Topp! Abgemacht! rief Schildknecht.
    Sie gingen durch den Flur nach der Strae. Vor dem Tor stand ein Amtsdiener,
und da er Caspars ansichtig wurde, sagte er, er habe ihn gesucht, der Herr
Staatsrat schicke ihn her, Caspar solle gleich hinkommen. Caspar fragte, was es
gbe. Der Herr Staatsrat reist um sechs Uhr mit dem Herrn Polizeileutnant ab
und will noch mit Ihnen sprechen, antwortete der Mann.
    Caspar machte sich auf den Weg. Ein paar hundert Schritte vom Lehrerhaus
entfernt konnte er nicht weiter. Ein Ziegelwagen war vor dem Einfahren in ein
Tor mit gebrochener Radachse umgestrzt und versperrte die Gasse. Caspar wartete
eine Weile, kehrte dann um und mute nun durch die Wrzburger Strae und ber
die Felder Infolgedessen kam er zu spt. Als er vor dem Feuerbachschen Garten
anlangte, war der Prsident schon weggefahren. Henriette und der Hofrat Hofmann
standen am Gartentor und nahmen Caspars triftige Entschuldigung schweigend auf.
Henriette hatte verweinte Augen. Sie blickte lange die Gasse hinunter, wo der
Wagen verschwunden war, dann drehte sie sich wortlos um und schritt gegen das
Haus.

                                  Schildknecht


Der Mai brachte viel Regen. Wenn das Wetter es irgend erlaubte, wanderten Caspar
und Frau von Kannawurf ganze Nachmittage lang durch die Umgegend. Caspar
vernachlssigte pltzlich sein Amt. Auf Vorhaltungen entgegnete er: Ich bin der
dummen Schreiberei berdrssig. Was ihm von den magebenden Personen hchlichst
verbelt wurde.
    Der von Hickel neuaufgenommene und fr die Dauer seiner Abwesenheit streng
unterwiesene Bursche ward gleich zu Anfang so lstig, da sich Frau von
Kannawurf beim Hofrat Hofmann darber beschwerte. Weniger aus Einsicht als um
der schnen Frau gefllig zu sein, gestattete der Hofrat, da Caspar seine
Spaziergnge mit ihr allein unternehme. Hoffentlich entfhren Sie mir den
Hauser nicht, sagte er mit seinem fiskalisch-schlauen Lcheln zu der
Sprachlosen.
    Nun aber machte wieder Quandt Schwierigkeiten. Ich bestehe auf meiner
Instruktion, war sein eisernes Sprchlein. Eines Morgens erschien daher Frau
von Kannawurf in der Studierstube des Lehrers und stellte ihn khn zur Rede.
Quandt konnte ihr nicht ins Gesicht sehen; er war vollkommen verdattert und
wurde ab wechselnd rot und bla. Ich bin ganz zu Ihren Diensten, Madame, sagte
er mit dem Ausdruck eines Menschen, der sich auf der Folter zu allem
entschliet, was man von ihm haben will.
    Frau von Kannawurf schaute sich mit gelassener Neugier im Zimmer um. Wie
verhalten Sie sich eigentlich innerlich zu Caspar? fragte sie auf einmal.
Lieben Sie ihn?
    Quandt seufzte. Ich wollte, ich knnte ihn so lieben, wie seine
achtungswerten Freunde glauben, da er es verdient, antwortete er meisterhaft
verschnrkelt.
    Frau von Kannawurf erhob sich. Wie soll ich das verstehen? brach sie
leidenschaftlich aus, wie kann man ihn nicht lieben, ihn nicht auf Hnden
tragen? Ihr Gesicht glhte, sie trat dicht vor den erschrockenen Lehrer hin und
sah ihn drohend und traurig an.
    Doch sie besnftigte sich schnell und sprach nun von andern Dingen, um den
ihr erstaunlichen Mann besser kennenzulernen. Ihr war jeder Mensch ein Wunder
und fast alles, was Menschen taten, etwas Wunderbares. Deshalb erreichte sie
selten ein vorgesetztes Ziel. Sie verga sich und berschritt die Grenze, die
ein oberflchlicher Verkehr bedingt.
    Quandt rgerte sich nachher grndlich ber seine nachgiebige Haltung. Was
mag denn da wieder dahinter stecken? grbelte er. So oft die kleinen Briefchen
von Frau von Kannawurf an Caspar kamen, ffnete er und las sie, ehe er sie dem
Jngling gab. Er brachte nichts heraus; der Inhalt war zu unverfnglich.
Wahrscheinlich verstndigen sie sich in irgendeiner Geheimsprache, dachte Quandt
und stellte gewisse wiederkehrende Phrasen zusammen in der Hoffnung, damit den
Schlssel zu finden. Caspar wehrte sich gegen diese Eingriffe, worauf Quandt ihm
mit ungewhnlicher Beredsamkeit das Recht der Erzieher auf die Korrespondenz
ihrer Pfleglinge bewies.
    Schlielich bat Caspar seine Freundin, ihm nicht mehr zu schreiben. So
unverfnglich wie die Briefe htte der Lehrer auch, wenn er unsichtbar die
beiden htte belauschen knnen, ihre Gesprche gefunden. Es kam vor, da sie
stundenlang ohne zu reden nebeneinander hergingen. Ist es nicht schn im Wald?
fragte dann die junge Frau mit dem innigsten Klang ihrer sen Stimme und einem
kleinen, vogelhaft zwitschernden Lachen. Oder sie pflckte eine Blume vom
Wiesenrain und fragte: Ist das nicht schn?
    Es ist schn, antwortete Caspar.
    So trocken, so ernsthaft?
    Da es schn ist, wei ich noch nicht gar lange, bemerkte Caspar tief,
das Schne kommt zuletzt.
    Ihn machte der Frhling diesmal glcklich. Mit jedem Atemzug fhlte er sich
eigentmlich bevorzugt. Wahrhaftig, da es schn war, hatte er bis jetzt noch
nie bedacht. Die seiende Welt schlang sich wie ein Kranz um ihn. Solang die
Sonne am blauen Himmel stand, leuchteten seine Augen in verwundertem Glck. Er
ist wie ein Kind, das man nach langer Krankheit zum erstenmal in den Garten
fhrt, sagte sich Frau von Kannawurf. Ihr gtiges Herz klopfte hher bei dem
Gedanken, da sie vielleicht nicht ohne Einflu auf diese Stimmung war.
Bisweilen wand sie junges Waldlaub um seinen Hut, und dann sah er stolz aus.
Aber er war doch immer in sich gekehrt und immer so verhalten, als ringe er mit
einem groen Entschlu.
    Eines Tages kamen sie berein, da er sie einfach Clara und sie ihn Caspar
nennen solle. Sie amsierte sich ber die geschftsmige Gesetztheit, mit der
er seinerseits diesen Vertrag einhielt. Er belustigte sie berhaupt oft,
besonders wenn er ihr kleine Moralpredigten hielt oder etwas, was er
frauenzimmerlich nannte, gergert tadelte. Er ermahnte sie auch, nicht gar so
viel herumzulaufen und ihre Gesundheit zu schonen. Nun sah es ja manchmal
wirklich aus, als habe sie die Absicht, sich zu ermden und zu erschpfen. Eine
ihrer Leidenschaften bestand darin, auf Trme zu steigen; auf dem Turm der
Johanniskirche wohnte ein alter Glckner, ein weiser Mann in seiner Art, durch
lange Einsamkeit beschaulich und sanft geworden; sie scheute nicht die
Anstrengung der vielen hundert Stufen und lief oft zweimal tglich zu dem Alten
hinauf, plauderte mit ihm wie mit einem Freund oder lehnte ber die eiserne
Brstung der schmalen Galerie und schaute ber das Land in die Fernen. Der
Glckner hatte sie auch so ins Herz geschlossen, da er zu gewissen Abendstunden
nach der Richtung des Imhoffschlchens verabredete Zeichen mit seiner Laterne
gab.
    Jeden Tag machte sie neue Reiseplne, denn sie gefiel sich nicht in der
kleinen Stadt. Caspar fragte, warum sie denn so fortdrnge, aber darber wute
sie im Grund keinen Aufschlu zu geben. Ich darf nicht wurzeln, sagte sie,
ich werde unglcklich, wenn ich zufrieden bin, ich mu immer auf
Entdeckungsfahrten gehen, ich mu Menschen suchen. Sie blickte Caspar zrtlich
an, indes ihr kleiner Mund unaufhrlich zuckte.
    Einmal, und das war das einzige Mal berhaupt, da davon gesprochen wurde,
erwhnte sie der Feuerbachschen Schrift. Caspar griff nach ihrer Hand, die er
mit sonderbarer Kraft so stark prete, als wolle er damit das Wort zerquetschen,
das er vernommen. Frau von Kannawurf stie einen leisen Schrei aus.
    Es war schon Abend; sie gingen noch bis zu der Straenkreuzung, an der sie
sich gewhnlich voneinander trennten. Da sagte Frau von Kannawurf rasch und
eindringlich, indem sie sich nah zu ihm stellte und auf seine Stirn starrte:
Also wollen Sie es auf sich nehmen?
    Was? entgegnete er mit sichtlichem Unbehagen.
    Alles -?
    Ja, alles, sagte er dumpf, aber ich wei nicht, ich bin ja ganz allein.
    Natrlich allein, aber etwas andres wnschen Sie doch gar nicht. Allein wie
im Kerker, das ist es eben, nur nicht mehr drunten, sondern droben - Sie konnte
nicht weiterreden, er legte die eine Hand auf ihren Mund und die andre auf den
seinen. Dabei glnzten seine Augen beinahe voll Ha. Pltzlich dachte er mit
einer Art freudiger Bestrzung: ob meine Mutter so hnlich ist wie diese da? Er
hatte ein durstiges und brennendes Gefhl auf den Lippen, und es war zugleich
etwas in ihm, wovor ihn widerte. Ich geh jetzt heim, stie er mit wunderlichem
Unwillen hervor und entfernte sich voll Eile.
    Frau von Kannawurf sah ihm nach, und als die Dunkelheit schon lngst seine
Gestalt verschlungen hatte, heftete sie noch die groen Kinderaugen in die
Richtung seines Weges. Es war ihr furchtbar bang ums Herz. Er ist sicher der
mutigste aller Menschen, dachte sie, er ahnt nicht einmal, wieviel Mut er
besitzt; was bewegt mich doch so sehr, wenn ich mit ihm rede oder schweige?
Warum ngstigts mich so, wenn ich ihn sich selbst berlassen wei?
    Sie ging heimwrts und brauchte zu einem Weg von wenig mehr als tausend
Schritten ber eine halbe Stunde. Im Westen leuchteten Blitze wie feurige Adern.
    Caspar hatte sich frhzeitig zu Bett begeben. Es mochte ungefhr vier Uhr
morgens sein, da wurde er durch einen lauten Ruf aufgeweckt. Es war auf der
Strae auerhalb des Hofs, und die Stimme rief: Quandt! Quandt!
    Caspar, noch im Halbschlaf, glaubte die Stimme Hickels zu erkennen. Es wurde
irgendwo ein Fenster geffnet, der von der Strae sagte etwas, was Caspar nicht
verstehen konnte, bald hernach ging eine Tr im Haus. Es blieb dann eine Weile
ruhig. Caspar legte sich auf die Seite, um weiterzuschlafen, da pochte es an
seine Zimmertr. Was gibts? fragte Caspar.
    Machen Sie auf, Hauser! antwortete Quandts Stimme.
    Caspar sprang aus dem Bett und schob den Riegel zurck. Quandt, vollstndig
angekleidet, trat auf die Schwelle. Sein Gesicht sah im Morgengrauen grnlich
fahl aus.
    Der Prsident ist tot, sagte er.
    In einem schwindelnden Gefhl setzte sich Caspar auf den Bettrand.
    Ich bin im Begriff hinzugehen, wenn Sie sich anschlieen wollen, machen Sie
rasch, fuhr Quandt murmelnd fort.
    Caspar schlpfte in die Kleider; er war wie betrunken.
    Zehn Minuten darauf schritt er neben Quandt auf dem Weg zur
Heiligenkreuzgasse. Im Garten vor dem Feuerbachschen Haus standen Leute, die
halb verschlafen, halb bestrzt aussahen. Ein Bckerjunge sa auf der Treppe und
heulte in seine weie Schrze hinein. Glauben Sie, da man nach oben darf?
fragte Quandt den Schreiber Dillmann, der mit ingrimmigem Gesicht und tief in
die Stirn gedrcktem Hut auf und ab ging.
    Die Leiche ist ja noch gar nicht in der Stadt, sagte ein alter
Artilleriehauptmann, an dessen Schnurrbart kleine Regentropfen hingen.
    Das wei ich, entgegnete Quandt, und er folgte etwas beklommen Caspar, der
ins Haus eingetreten war. Im unteren Stock standen alle Tren offen. In der
Kche saen zwei Mgde vor einem Haufen Holz, das zu Scheiten geschlagen war.
Sie schienen angstvoll zu horchen. Caspar und Quandt vernahmen eine
durchdringende Stimme, die sich nherte. Sie sahen alsbald eine weibliche
Gestalt mit hochgehobenen Armen durch eines der Zimmer laufen. Sie schrie vor
sich hin wie rasend.
    Die Unglckliche, sagte Quandt verstrt.
    Es war Henriette. Ihr Geschrei dauerte ununterbrochen fort, bis einige Damen
erschienen, darunter Frau von Stichaner. Quandt begab sich mit Caspar an die
Schwelle des Staatsgemachs. Die Frauen bemhten sich um Henriette, sie aber
stie jede mit den Fusten von sich. Ich habs gewut, schrie sie, ich habs
gewut sie haben ihn mir vergiftet, haben ihn vergiftet! Ihre Augen waren
blutunterlaufen, und ihr Blick war rot. Sie strmte in ein andres Zimmer, das
lose Nachtgewand flatterte hinter ihr, und immer gellender schallte ihr
Geschrei: Sie haben ihn vergiftet! vergiftet! vergiftet!
    Caspar hatte keinen andern Ruhepunkt fr sein Auge als das Napoleonbild, dem
er gegenberstand. Es kam ihm vor, als msse der gemalte Kaiser schon mde sein
von der unablssigen majesttischen Drehung, die sein Hals machte.
    Lassen Sie uns gehen, Hauser, sagte Quandt, es ist zuviel des Jammers.
    Im Flur stand der Regierungsprsident Mieg im Gesprch mit Hickel. Der
Polizeileutnant berichtete alle Einzelheiten der Katastrophe. In Ochsenfurt am
Main habe Seine Exzellenz ber Unwohlsein geklagt und sei zu Bett gegangen; in
der Nacht habe er gefiebert, der gerufene Arzt habe ihm zur Ader gelassen und
habe behauptet, die Krankheit sei bedeutungslos. Am Morgen darauf sei pltzlich
das Ende eingetreten.
    Und welcher Ursache schrieb der Arzt seinen Tod zu? erkundigte sich Herr
von Mieg und verbeugte sich gleichzeitig, da Frau von Imhoff und Frau von
Kannawurf an seine Seite traten. Frau von Imhoff weinte.
    Hickel zuckte die Achseln. Er glaubte an Herzschwche, erwiderte er.
    Ungeachtet des frhen Morgens war schon die ganze Stadt auf den Beinen. ber
dem Dach des Appellgerichts wehten zwei schwarze Fahnen.
    Caspar blieb den Tag ber in seinem Zimmer. Niemand strte ihn. Er lag auf
dem Sofa, die Hnde unterm Kopf, und starrte in die Luft. Spt nachmittags bekam
er Hunger und ging in die Wohnstube. Quandt war nicht da. Die Lehrerin sagte:
Um vier Uhr ist die Leiche angekommen; Sie sollten eigentlich hingehen, Hauser,
und ihn nochmal sehen, bevor er begraben wird.
    Caspar wrgte an einem Stck Brot und nickte.
    Sehen Sie, wie recht ich damals hatte mit den Totenweibern, fuhr die
Lehrerin geschwtzig fort, aber die Mnner denken immer, alles geht so, wie
sies ausrechnen.
    Der Flur des Feuerbachschen Hauses war angefllt von Menschen. Caspar
drckte sich in einen Winkel und stand eine Weile unbeachtet. Er zitterte an
allen Gliedern. Der eigentmliche Geruch, der im Hause herrschte, benahm ihm die
Sinne. Da sprte er sich bei der Hand gepackt. Aufschauend, erkannte er Frau von
Imhoff. Sie gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Sie fhrte ihn in ein groes
Zimmer, in dessen Mitte der Tote aufgebahrt war. Drei Shne Feuerbachs saen zu
Hupten des Vaters, Henriette lag regungslos ber die Leiche hingeworfen. Am
Fenster standen der Hofrat Hofmann und der Archivdirektor Wurm. Sonst war
niemand im Zimmer.
    Das Gesicht des Toten war gelb wie eine Zitrone. Um die Winkel des scharfen,
verbissenen Mundes hatten sich groe Muskelknoten gebildet. Das schiefergraue
Kopfhaar glich einem kurzgeschorenen Tierfell. Es war nichts mehr von Gre in
diesen Zgen, nur zhneknirschender Schmerz und eine unmenschliche, eisige
Angst.
    Caspar hatte noch nie einen Toten gesehen. Sein Gesicht bekam einen
qualvoll-wibegierigen Ausdruck, die Augpfel drehten sich in die Winkel, und
mit allen zehn Fingern umkrampfte er Kinn und Mund. Sein ganzes Herz lste sich
in Trnen auf.
    Henriette Feuerbach erhob den Kopf von der Bahre, und als sie den Jngling
sah, verzerrten sich ihre Zge grlich. Deinetwegen hat er sterben mssen!
schrie sie mit einer Stimme, vor der alle erbebten.
    Caspar ffnete die Lippen. Weit nach vorn gebeugt, starrte er das
halbwahnsinnige Weib an. Zweimal klopfte er sich mit der Hand gegen die Brust,
er schien zu lachen, pltzlich gab er einen dumpfen Laut von sich und strzte
ohnmchtig zu Boden.
    Alle waren erstarrt. Die Shne des Prsidenten waren aufgestanden und
schauten bekmmert auf den am Boden liegenden Jngling. Direktor Wurm eilte, als
er sich gefat hatte, zur Tr, wahrscheinlich, um einen Arzt zu rufen. Der
besonnene Hofrat hielt ihn zurck und meinte, man solle kein unntiges Aufsehen
machen. Frau von Imhoff kniete neben Caspar und befeuchtete seine Schlfe mit
ihrem Riechwasser. Er kam langsam zu sich, doch dauerte es eine Viertelstunde,
bis er sich erheben und gehen konnte. Frau von Imhoff begleitete ihn hinaus.
Damit sie sich nicht durch die Menge der Besucher im Korridor zu drngen
brauchten, fhrte sie ihn ber eine Hintertreppe in den Garten und anerbot sich,
ihn nach Haus zu bringen. Nein, sagte er unnatrlich leise, ich will allein
gehen. Er steckte seine Nase in die Luft und schnffelte unbewut. Sein Puls
ging so schnell, da die Adern am Hals frmlich flogen.
    Er entwand sich dem liebreichen Zuspruch der jungen Frau und ging mit trgen
Schritten gegen die Hauptallee des Gartens. Vor dem Portal stie er auf den
Polizeileutnant. Nun, Hauser! redete ihn Hickel an.
    Caspar blieb stehen.
    Zur Trauer haben Sie gegrndeten Anla, sagte Hickel mit unheilvoller
Betonung, denn wer wird eines Feuerbach gewichtiges Frwort ersetzen?
    Caspar antwortete nichts und schaute gleichsam durch den Polizeileutnant
hindurch, als ob er aus Glas wre.
    Guten Abend, ertnte da eine glockenhelle Stimme, die Caspar wundersam
berhrte. Frau von Kannawurf trat an seine Seite. Hickels Gesicht wurde um eine
Schattierung bleicher. Gndigste Frau, sagte er mit einer Galanterie, die sich
krampfhaft ausnahm, darf ich die Gelegenheit benutzen, Ihnen meine ungemessene
Verehrung zu Fen zu legen?
    Frau von Kannawurf trat unwillkrlich einen Schritt zurck und sah
erschrocken aus.
    Der Polizeileutnant hatte die Miene eines Menschen, der sich in ein tiefes
Wasser strzt. Er beugte sich nieder, und ehe Frau von Kannawurf es hindern
konnte, packte er ihre Hand und drckte einen Ku darauf, und zwar mit den
nackten Zhnen; als er sich aufrichtete, waren seine Lippen noch getrennt. Ohne
eine Silbe weiter zu sprechen, eilte er davon.
    Mit weiten Augen blickte ihm Frau von Kannawurf nach. Grauenhaft ist mir
der Mensch, flsterte sie. Caspar blieb vllig teilnahmslos. Frau von Kannawurf
begleitete ihn schweigend nach Hause.
    Als er in seinem Zimmer war, bekamen seine Augen einen geisterhaften Glanz
und flammten in der Dmmerung wie zwei Glhwrmer. Er stellte sich in die Mitte
des Raumes, und vom Kopf bis zu den Fen zitternd, sagte er in beschwrendem
Ton folgendes:
    Kenn ich dich, so nenn ich dich. Bist du die Mutter, so hre mich. Ich geh
zu dir. Ich mu zu dir. Einen Boten schick ich dir. Bist du die Mutter, so frag
ich dich: warum das lange Warten? Keine Furcht hab ich mehr, und die Not ist
gro. Caspar Hauser heien sie mich, aber du nennst mich anders. Zu dir mu ich
gehn ins Schlo. Der Bote ist treu, Gott wird ihn fhren und die Sonne ihm
leuchten. Sprich zu ihm, gib mir Kunde durch ihn.
    Pltzlich ergriff ihn eine sonderbare Ruhe. Er setzte sich an den Tisch,
nahm einen Bogen Papier und schrieb, ohne da ihn die Dunkelheit hinderte,
dieselben Worte nieder. Darauf faltete er den Bogen zusammen, und da er kein
Wachs besa, zndete er die Kerze an, lie das Unschlitt aufs Papier trufeln
und drckte das Siegel darauf, das ein Pferd vorstellte mit der Legende: Stolz,
doch sanft.
    Es verging eine halbe Stunde; er sa regungslos da und lchelte mit
geschlossenen Augen. Bisweilen schien es, als bete er, denn seine Lippen
bewegten sich suchend. Er dachte an Schildknecht. Er wnschte ihn herbei mit
aller Kraft seiner Seele.
    Und als ob diesem Wnschen die Macht innegewohnt htte, Wirklichkeit zu
erzeugen, schallte auf einmal vom Hof herauf der wohllautende Triolenpfiff.
Caspar ging zum Fenster und ffnete; es war Schildknecht. Ich komm hinunter,
rief ihm Caspar zu.
    Unten angelangt, packte er Schildknecht beim Rockrmel und zog ihn durch das
Pfrtchen auf die einsame Gasse. Dort forderte er ihn stumm auf, ihm weiter zu
folgen. Bisweilen hielt er zgernd inne und sphte umher. Sie kamen beim
Huschen des Zolleinnehmers vorber und auf einen Wiesenplan. Auf dem Rain stand
ein Bauernwagen. Caspar setzte sich auf die Deichsel und zog Schildknecht neben
sich. Er nherte seinen Mund dem Ohr des Soldaten und sagte: Jetzt brauch ich
Sie.
    Schildknecht nickte.
    Es geht um alles, fuhr Caspar fort.
    Schildknecht nickte.
    Da ist ein Brief, sagte Caspar, den soll meine Mutter bekommen.
    Schildknecht nickte wieder, diesmal voll Andacht. Wei schon, antwortete
er, die Frstin Stephanie -
    Woher wissen Sies? hauchte Caspar betroffen.
    Habs gelesen. Habs in dem Buch vom Staatsrat gelesen. Und weit auch, wo
du hingehen mut, Schildknecht?
    Wei es. Ist ja unser Land.
    Und willst ihr den Brief geben?
    Will es.
    Und schwrst bei deiner Seligkeit, da du ihr selber den Brief gibst? aufs
Schlo gehst? in die Kirche, wenn sie dort ist? ihren Wagen aufhltst, wenn sie
auf der Strae fhrt?
    Ist kein Schwren ntig. Ich tus, und wenns Knollen regnet.
    Wenn ichs tun wollte, Schildknecht, ich km nicht bis ins nchste Dorf. Sie
wrden mich abfangen und einsperren.
    Wei es.
    Wie willst dus anstellen?
    Bauernkleider anziehen, bei Tag im Wald schlafen, bei Nacht laufen.
    Und wo den Brief verstecken?
    Unter der Sohle, im Strumpf.
    Und wann kannst du fort?
    Wanns beliebt. Morgen, heute, gleich, wenns beliebt. Ist zwar Fahnenflucht,
macht aber nichts.
    Wenns gelingt, macht es nichts. Hast du Geld?
    Nicht einen Taler. Macht aber nichts.
    Nein. Geld ist ntig. Brauchst viel Geld. Geh mit mir, ich hole Geld.
    Caspar sprang empor und schritt in der Richtung des Imhoffschlchens voran.
Am Tor gebot Caspar dem Soldaten zu warten. Er ging hinein und sagte zum
Pfrtner, er msse Frau von Kannawurf sprechen. Es war etwas in seinem Aussehen,
was dem alten Hausmeister Beine machte. Frau von Kannawurf kam ihm alsbald
entgegen. Sie fhrte ihn ber eine Stiege in einen kleinen Saal, der nicht
erleuchtet war. Ein wandhoher Spiegel glitzerte im Mondschein. Der Pfrtner
machte Licht und entfernte sich zgernd.
    Fragen Sie mich nichts, sagte Caspar mit fliegendem Atem zu der Freundin,
die keines Wortes mchtig war, ich brauche zehn Dukaten. Geben Sie mir zehn
Dukaten.
    Sie blickte ihn ngstlich an. Warten Sie, antwortete sie leise und ging
hinaus.
    Es dnkte Caspar eine Ewigkeit, bis sie wiederkam. Er stand am Fenster und
strich bestndig mit der einen Hand ber seine Wange. Still, wie sie gegangen,
kehrte Frau von Kannawurf zurck und reichte ihm eine kleine Rolle. Er nahm ihre
Hand und stammelte etwas. Ihr Gesicht zuckte ber und ber, ihre Augen schwammen
wie im Nebel. Verstand sie ihn? Sie mute wohl ahnen; doch sie fragte nicht. Ein
trbes Lcheln irrte um ihre Lippen, als sie Caspar hinausbegleitete. Sie war
ergreifend schn in diesem Augenblick.
    Schildknecht lehnte am Mauerpfeiler des Tors und guckte ernsthaft in den
Mond. Sie gingen zusammen stadtwrts; nach ein paar hundert Schritten blieb
Caspar stehen und gab Schildknecht den Brief und die Geldrolle. Schildknecht
sagte keine Silbe. Er blies ein wenig die Backen auf und sah harmlos aus.
    Vor dem Kronacher Buck meinte Schildknecht, es sei besser, wenn man sie
nicht mehr beieinander she. Ein Hndedruck, und sie schieden. Dann drehte sich
Schildknecht noch einmal um und rief anscheinend frhlich: Auf Wiedersehen!
    Caspar blieb noch lange wie verhext an demselben Fleck stehen. Er hatte
Lust, sich ins Gras zu werfen und die Arme in die Erde zu whlen, fr die er
pltzlich Dankbarkeit empfand.
    Spt kam er heim, blieb aber glcklicherweise ungefragt, denn Quandt war
einer wichtigen Besprechung halber zum Hofrat Hofmann befohlen. Er brachte eine
Neuigkeit mit. Hre nur, Jette, sagte er, der Staatsrat hat sich whrend der
letzten Tage, die er mit dem Polizeileutnant beisammen war, von der Sache des
Hauser gnzlich losgesagt. Er soll sogar mit dem Plan umgegangen sein, die
Denkschrift fr den Hauser ffentlich als einen Irrtum zu erklren.
    Wer hats gesagt? fragte die Lehrerin.
    Der Polizeileutnant; es heit auch allgemein so. Der Hofrat ist derselben
Ansicht.
    Es heit aber auch, da der Staatsrat vergiftet worden ist.
    Ach was, dummes Geschwtz, fuhr Quandt auf. Hte dich nur, da du
dergleichen verlauten lt. Der Polizeileutnant hat gedroht, da er die
Verbreiter von so gefhrlichen Redensarten verhaften lassen und unerbittlich zur
Rechenschaft ziehen werde. Was macht der Hauser?
    Ich glaube, er ist schon schlafen gegangen. Nachmittags war er bei mir in
der Kche und beklagte sich ber die vielen Fliegen in seinem Zimmer.
    Weiter hat er jetzt keine Sorgen? Das sieht ihm hnlich.
    Ja. Ich sagte ihm, er soll sie doch hinausjagen. Das tu ich ja, antwortete
er, aber dann kommen immer gleich zwanzig wieder herein.
    Zwanzig? sagte Quandt mibilligend. Wieso zwanzig? Das ist doch nur eine
willkrliche Zahl?
    Man begab sich zur Ruhe.
    Am Tage von Feuerbachs Begrbnis trafen Daumer und Herr von Tucher aus
Nrnberg ein und stiegen im Stern ab. Daumer suchte alsbald Caspar auf. Caspar
war gegen seinen ersten Beschtzer frei und offen, und doch hatte Daumer den
qulenden Eindruck, als sehe und hre ihn Caspar gar nicht. Er fand ihn bla,
grer geworden, schweigsam wie stets und von einer wunderlichen Heiterkeit; ja,
ganz zugeschlossen, ganz eingesponnen in diese Heiterkeit, die, seltsam wirkend,
dunkle Schatten um ihn warf.
    In einem Brief an seine Schwester schrieb Daumer unter anderm: Ich mte
lgen, wenn ich behaupten wollte, es mache mir Freude, den Jngling zu sehen.
Nein, es ist mir schmerzlich, ihn zu sehen, und fragst du mich nach dem Grund,
so mu ich wie ein dummer Schler antworten: Ich wei nicht. brigens lebt er
hier ganz in Frieden und wird wohl, trbselig zu melden, all seine Tage hindurch
als ein obskurer Gerichtsschreiber oder dergleichen figurieren.
    Whrend Herr von Tucher am selben Nachmittag wieder abreiste, und zwar ohne
sich um Caspar zu kmmern, blieb Daumer noch drei Tage in der Stadt, da er
Geschfte bei der Regierung hatte. Beim Begrbnis des Prsidenten sah er Caspar
nicht; er erfuhr spter, da Frau von Imhoff seine Anwesenheit zu verhindern
gewut hatte. Er machte bald die krnkende Entdeckung, da Caspar ihm
geflissentlich auswich. Eine Stunde vor seiner Abreise sprach er mit dem Lehrer
Quandt darber.
    Kann ein Mann von Ihrer Einsicht um eine Erklrung dieses Betragens
verlegen sein? sagte Quandt erstaunt. Es ist doch ganz klar, da er jetzt, wo
er eine immer grer werdende Gleichgltigkeit um sich entstehen sieht und die
Folgen davon tglich empfinden mu, da er jetzt durch den Anblick seiner
Nrnberger Freunde in Verlegenheit gert und sie nach Krften zu meiden sucht.
Denn dort stand er ja in floribus und glaubte wunder was fr Rosinen in seinem
Kuchen steckten. Wir aber, verehrter Herr Professor, sind hm dicht auf der Spur;
es wird nicht mehr lange dauern, und Sie werden merkwrdige Nachrichten hren.
    Quandt sah bekmmert aus, und seine Worte klangen fanatisch. Ob danach
Daumer gerade mit hoffnungsvoller Brust die Fahrt zum heimatlichen Bezirk
angetreten habe, steht zu bezweifeln. Fast htte er wie in jener stillen Nacht,
als er Caspar im Geist und leibhaftig an sich gedrckt, klagend ber die
sommerlichen Felder gerufen: Mensch, o Mensch! Aber dabei hatte es sein Bewenden
nicht. Ein zwangvolles Grbeln bemchtigte sich des verwirrten Mannes; in seinem
Hirn grte es wie schlechtes Gewissen, und langsam, den Entschlu zur Tat und
Shne weckend, zur viel zu spten Tat und Shne, entstand eine erste Ahnung der
Wahrheit.

                            Ein unterbrochenes Spiel


Im Verlauf der folgenden Wochen gab es in den Salons und Brgerstuben der Stadt
allerlei sonderliche Dinge zu munkeln. Ohne da das Gerede bestimmte Formen
annahm, wollte man doch in dem pltzlichen Tod des Prsidenten Feuerbach auch
weiterhin nichts sehen als die Frucht einer mysterisen Verschwrung. Eine
greifbare uerung fiel natrlich nicht; die Flsterer nahmen sich in acht. Sehr
insgeheim raunten sie sich zu, auch Lord Stanhope sei an dieser Verschwrung
beteiligt, und nach und nach tauchte das bestimmte Gercht auf, der Lord gehe
damit um, einen Kriminalproze gegen Caspar Hauser anzustrengen, und habe sich
zu dem Ende schon der Hilfe eines bedeutenden Rechtsgelehrten versichert. Auf
einmal bekannte sich kein Mensch mehr zu dem frheren Enthusiasmus fr den
Grafen, das groartige Andenken, das er hinterlassen, war verwischt, und in
einigen magebenden Familien, wo er der Abgott gewesen, sprach man bereits mit
ngstlicher Vorsicht seinen Namen aus.
    Caspars Freunde wurden besorgt. Frau von Imhoff suchte eines Tages den
Polizeileutnant auf und erkundigte sich, was von dem Gemunkel zu halten sei. Mit
khlem Bedauern erwiderte Hickel, da die ffentliche Meinung in diesem Punkt
nicht fehlgehe. Das Blatt hat sich eben gewendet, sagte er; Seine Lordschaft
sieht in Caspar Hauser jetzt nur einen gewhnlichen Schwindler.
    Darauf verlie Frau von Imhoff den Polizeileutnant, ohne ein Wort zu
entgegnen und ohne Gru.
    Ei, die sanften Seelen, hhnte Hickel fr sich, das Grausen fat sie an.
    Hickel hatte eine neue Wohnung auf der Promenade gemietet und lebte wie ein
groer Herr. Woher mag er die Mittel haben? fragten die Leute. Er hat Glck am
Kartentisch, sagten einige; andre behaupteten im Gegenteil, da er fortwhrend
groe Summen verliere.
    Auch damit war der Gesprchsstoff nicht erschpft. Eine andre Seltsamkeit:
Im Sommer war aus der Infanteriekaserne ein Soldat auf unaufgeklrte Weise
verschwunden. Zu andrer Zeit wre ein solches Ereignis vielleicht unbeachtet
geblieben. Jetzt hefteten sich auch daran allerlei Fabeleien. Es wurde gesagt,
jener Soldat, der den Hauser beaufsichtigt, habe von gewissen Geheimnissen
Kenntnis erhalten und sei beiseite geschafft worden. Man wurde furchtsam; man
verschlo bei Nacht sorgfltig die Haustren. Es war nicht mehr geheuer in der
guten, stillen Stadt. Wer fremden Namens war, wurde beargwhnt.
    Selbst Frau von Kannawurf erfuhr solchen Argwohn, wenngleich um sie etwas
Unantastbares war, das den verleumderischen Worten die Kraft raubte. Dennoch
fiel es auf, da sie sich des Umgangs mit ihresgleichen entzog und sich anstatt
dessen hufig unter Menschen der niedersten Volksklasse herumtrieb. Sie
verbrachte viele Stunden in geistlosem Gesprch mit Bauernweibern und
Arbeiterfrauen, stieg zu ihrem Trmer hinauf oder gesellte sich zu den Kindern,
die von der Schule heimkehrten. Da geschah es denn oft, da sie zum malosen
Staunen der begegnenden Brger einen lrmenden Schwarm von Knaben und Mdchen um
sich versammelt hatte und in ihrer Mitte lchelnd durch die Gassen zog.
    Wahrscheinlich ist sie eine Demagogin, hie es. Gesinnungstchtige Eltern
verboten ihren Sprlingen, sich an den skandalsen Aufzgen zu beteiligen. Kein
Zweifel, auch die Behrde fand das Treiben anstig, denn einmal am Abend hatte
man beobachtet, da der Polizeileutnant vor dem Imhoffschlchen Posten fate;
zwei Stunden lang war er in der Dunkelheit unbeweglich unter einem Baum
gestanden.
    Es ist wahr, Frau von Kannawurf war eine auffallende Person und benahm sich
auffallend. Aber ihre kuriosen Handlungen hatten einen Anschein von
Leichtigkeit, ja Lssigkeit. Sie hatte eine Art von Lcheln, in welchem sich
selbstvergessene Hingebung an irgendein Gedachtes, Gefhltes mit der
Verzweiflung ber die eigne Unzulnglichkeit aufs rhrendste mischten. Sie lebte
an allem und in allem, starb mit jedem Seufzer gleichsam dahin, flog mit jeder
Freude in eine entrckte Region.
    Eines Abends im August trat sie ins Zimmer ihrer Freundin, warf sich wie
atemlos vom Laufen auf das Sofa und war lange nicht zu sprechen fhig.
    Was hast du nur wieder getrieben, Clara? sagte Frau von Imhoff
vorwurfsvoll; das heit nicht leben, das heit sich verbrennen.
    Es hilft nichts, murmelte das junge Weib erschlafft, ich mu reisen.
    Frau von Imhoff schttelte liebenswrdig tadelnd den Kopf. Diese Worte hatte
sie seit drei Monaten des fteren vernommen. Bis zu unserm Familienfest wirst
du doch noch bleiben, Clara, erwiderte sie herzlich.
    Wieviel Willenskraft gehrt doch manchmal dazu, einen Entschlu nicht
auszufhren, sagte Clara von Kannawurf zu sich selbst; und nach einer Pause des
Schweigens wandte sie das Gesicht der Freundin entgegen und fragte: Warum,
Bettine, kannst du Caspar nicht zu dir ins Haus nehmen? Er soll und darf nicht
lnger beim Lehrer Quandt bleiben. Dieses Haus zu betreten ist mir unmglich.
Seine Lage ist schauderhaft, Bettine. Wozu sage ich dir das! Du weit es, ihr
wit es ja alle; ihr bedauert es alle, aber keiner rhrt nur den Finger. Keiner,
keiner hat den Mut zu tun, was er getan zu haben wnscht, wenn das geschehen
ist, was er im stillen frchtet.
    Frau von Imhoff blickte betreten auf ihre Handarbeit. Ich bin nicht
glcklich und nicht unglcklich genug, um mit Aufopferung des eignen einem
fremden Schicksal mich hinzugeben, versetzte sie endlich.
    Clara sttzte den Kopf in die Hand. Ihr lest ein schnes Buch, ihr seht ein
ergreifendes Theaterstck und seid erschttert von diesen nur eingebildeten
Leiden, fuhr sie bewegt und eindringlich fort. Ein trauriges Lied kann dir
Trnen entlocken, Bettine; erinnere dich nur, wie du weintest, als Frulein von
Stichaner neulich den Wanderer von Schubert sang. Bei den Worten: Dort, wo du
nicht bist, ist das Glck, hast du geweint. Du konntest eine Nacht lang nicht
schlafen, als man uns erzhlte, drben in Weinberge habe eine Mutter ihr eignes
Kind verhungern lassen. Warum ist es immer nur das Unwirkliche oder das Ferne,
woran ihr eure Teilnahme verschwendet? Warum immer nur dem Wort, dem Klang, dem
Bild glauben und nicht dem lebendigen Menschen, dessen Not handgreiflich ist?
Ich versteh es nicht, versteh es nicht, das qult mich daran, ja daran verbrenn
ich.
    Das leise, melodische Stimmchen verging in einem Hauchen. Frau von Imhoff
sttzte den Kopf in die Hand und schwieg lange. Dann erhob sie sich, setzte sich
neben Clara, streichelte die Stirn der Freundin und sagte: Sprich mal mit ihm.
Er soll zu uns kommen. Ich will es durchsetzen.
    Clara umschlang sie mit beiden Armen und kte sie dankbar. Aber nicht mit
freiem Herzen hatte Frau von Imhoff diesen Entschlu gefat, und sie atmete
seltsam erleichtert auf, als ihr am andern Tag Frau von Kannawurf die Erffnung
machte, Caspar habe sich unbegreiflicherweise hartnckig gegen den Vorschlag
gestrubt, das Haus des Lehrers zu verlassen. Zuerst habe er keinen Grund fr
seine Weigerung nennen wollen, als er aber Claras Betrbnis wahrgenommen, habe
er gesagt: Dort hat man mich hingebracht, und dort will ich bleiben. Ich will
nicht, da es heit, beim Lehrer Quandt hat ers nicht gut genug gehabt, da haben
ihn aus Mitleid die Imhoffs genommen. Ich hab ja mein Brot und mein Bett, mehr
brauch ich nicht, und das Bett ist das Allerbeste, was ich auf der Welt
kennengelernt habe, alles andre ist schlecht.
    Da fruchtete keine Einrede mehr. Schlielich knnt ihr ja mit mir
anstellen, was ihr wollt, fgte er hinzu, aber da ich freiwillig hingehen
soll, das wird nicht geschehen. Wozu auch? Lang kanns nimmer dauern.
    So war ihm denn das Wort entschlpft. War deshalb der tiefe Glanz in seinen
Augen? Blickte er deshalb mit stummer Spannung die Straen entlang, wenn er
morgens zum Appellgericht ging? Wars deswegen, da er stundenlang am Fenster
lehnte und hinbersphte gegen die Chaussee? Da er gierig aufhorchte, wenn er
irgendwo zwei Menschen leise miteinander reden sah? Da er tglich dabei sein
mute, wenn der Postwagen ankam, und da er den Briefboten ausfragte, ob er
nichts fr ihn habe?
    Dem rtselhaften Wesen tat die Zeit keinen Abbruch. Es lag Frau von
Kannawurf daran, ihn einer Gebundenheit zu entreien, die ihn einem innigen
Verhltnis zur umgebenden Welt entziehen und jede frohe Bettigung zwangsvoll
machen mute. Sie sann immer auf Ablenkung, und jenes Familienfest, von dem ihre
Freundin Bettine gesprochen, gab Gelegenheit, damit Caspar wieder einmal aus
sich heraus und einer anteilvollen Welt gegenbertrete.
    Die Feier wurde von Herrn von Imhoff zu Ehren der Goldenen Hochzeit seiner
Eltern veranstaltet und sollte am zwlften September stattfinden. Der junge
Doktor Lang, ein Freund des Hauses, hatte zu. der Gelegenheit ein sinnreiches
Bhnenspiel in Versen verfat, welches von einigen Damen und Herren der
Gesellschaft ausgefhrt werden sollte. Bei den Proben, die im oberen Saal des
Schlosses abgehalten wurden, zeigte es sich, da einer der jungen Leute, der die
Rolle eines stummen Schfers darstellte, seines plumpen Benehmens halber unfhig
war, den Part zu gewnschter Wirkung zu bringen. Da hatte Frau von Kannawurf,
die selbst mitspielte, den Einfall, diese Rolle Caspar zu bertragen. Die
Anregung fand Beifall.
    Caspar willigte ein. Da er eine Person vorzustellen hatte, die nichts zu
sprechen brauchte, glaubte er sich der Aufgabe leichterdings gewachsen, die
seiner alten Neigung fr das Theater entgegenkam. Er ging fleiig zu den Proben,
und wenngleich das phrasenhafte Wesen des Stcks nicht eben sein Gefallen
erweckte, so erfreute er sich doch an der wechselvollen Bewegung innerhalb eines
abgemessenen Vorgangs.
    Das harmlose Spiel hatte einen berechneten und fr das Publikum unschwer
durchschaubaren Bezug auf ein schon weit zurckliegendes Ereignis in der Familie
der Imhoffs. Einer der Brder des Barons hatte sich zu Anfang der zwanziger
Jahre an burschenschaftlichen Umtrieben beteiligt und war, von dem feierlichen
Bannfluch des Vaters und nebenbei von den politischen Behrden verfolgt, nach
Amerika entflohen. Nach erlassener Amnestie war er zurckgekehrt, hatte vor dem
Familienhaupt alle freiheitlichen Ideen abgeschworen, und von da ab hatte ihm
die vterliche Gnade wieder geleuchtet.
    Diese etwas philistrse Begebenheit hatte den Hauspoeten zu seiner Dichtung
begeistert. Ein Knig gibt einem ihn besuchenden Freund und Waffengenossen ein
Gastmahl. Ein zweiter Polykrates, brstet er sich bei diesem Anla mit seiner
Macht, dem Frieden seiner Lnder, den Tugenden seiner Untertanen. Die Hflinge
an der Tafel bestrken ihn voll schmeichlerischen Eifers in seinem Glckswahn,
nur der Gastfreund wagt das khne Wort, da er auf dem Purpur des Herrschers
doch einen Makel bemerke. Der Knig fhlt sich getroffen und lt jenen hart an,
auch wei er zu verhindern, da der Freund weiterspreche, da seine Gemahlin
Zeichen eines groen Seelenschmerzes von sich gibt. Unterdessen ziehen im
Burghof Schnitter und Schnitterinnen mit Lachen und munteren Zwiegesprchen auf,
und Musik begleitet die Erntefeier. Pltzlich entsteht ein Stillschweigen; die
Geigen, die Rufe, das Gelchter verstummen, und auf die Frage des Knigs wird
mitgeteilt, der schwarze Schfer, der sich schon seit Menschengedenken nicht im
Land habe sehen lassen, sei unter das Volk getreten. Der Gastfreund begehrt zu
wissen, was fr eine Bewandtnis es mit diesem Schfer habe, und man antwortet
ihm, der Wunderbare besitze die Gabe, durch seinen bloen Anblick bei jedem
Menschen die Erinnerung an dessen strkste Schuld wachzurufen, Schuldlose aber
den Gegenstand langgehegter Sehnsucht schauen zu lassen. Zur Besttigung dessen
hrt man auch aus der Mitte des Volkes Weinen und allerlei klagende Tne. Der
Knig befiehlt, da sich der Fremdling entferne, doch die Knigin, untersttzt
von den Bitten des Gastfreunds und der Hflinge, fleht den Gemahl an, ihn
heraufkommen zu lassen. Der Knig fgt sich, und alsbald betritt der stumme
Schfer die Szene. Er schaut den Knig an; der verhllt sein Gesicht; er schaut
die Knigin an, und diese, dunkel ergriffen, ergeht sich in einem lngeren
Selbstgesprch, aus welchem deutlich wird, da ihr erstgeborener Sohn wegen
einer unbesonnen angestifteten Verschwrung vom Vater verstoen wurde und
seitdem verschollen ist. Mit ausgebreiteten Armen, unwiderstehlich gezogen, geht
sie auf den Schfer zu, und siehe, es ist der reuig zurckgekehrte Prinz. Man
erkennt, man umarmt ihn, das Eis des kniglichen Herzens schmilzt, und alles
lst sich in Wonne auf.
    Caspar benahm sich nicht ungeschickt. Im Lauf der Vorbereitungen fand er von
sich selbst aus einen heftigen Antrieb zu der Rolle und fhlte sich so hinein,
als ob sein alltgliches Leben von ihm abgelst wre. hnlich verhielt es sich
mit Frau von Kannawurf, die die Knigin machte; auch sie gab sich ihrer Aufgabe
mit einem Ernst hin, der das Spielhafte des Vorgangs undienlich vertiefte und
daher die Rollen ihrer Partner schattenhaft werden lie. So webten die beiden
gleichsam in einer eignen Welt fr sich.
    Es war ein sehr warmer Septembertag, als gegen sechs Uhr abends die
geladenen Gste erschienen, im ganzen etwa fnfzig Personen, die Frauen in
groer Pracht, unmig aufgedonnert, die Mnner in Frcken und gestickten
Uniformen. Das Podium fr die Komdie nahm die Schmalwand des Saales vllig ein,
Kulissen und Requisiten, auch eine Anzahl Statisten waren vom Direktor des
Schlotheaters zur Verfgung gestellt worden. Die Tafel befand sich in einem
Nebensaal; dort hatte sich auch die Musikkapelle eingefunden, denn nach dem
Essen sollte getanzt werden.
    Um sieben Uhr ertnte ein Glockenzeichen, alles begab sich auf die Pltze.
Der Vorhang rollte auf, und der Knig begann seine berhebliche Tirade. Der
Gastfreund, vom Verfasser selbst gemimt, hielt respektvollen Widerpart, dann kam
das heitere Zwischenspiel auf dem Hof, und das Folgende nahm seinen ruhigen
Fortgang. Nun trat Caspar auf. Das schwarze Gewand kleidete ihn trefflich und
hob die Blsse seines Gesichts. Sein Erscheinen auf der Bhne hatte eine
unmittelbare Wirkung. Das Husten und Ruspern hrte auf; Totenstille entstand.
Wie er den Knig und die Knigin anblickte, wie er auf sie zuschritt und
traumhaft lchelte, das war ergreifend. Einige sahen ihn sogar zittern und
beobachteten, da sich seine Finger wie im Krampf in die Hand schlossen. Nun der
Monolog der Knigin; auch dies klang anders, als Schauspieler sonst sich geben,
sie tritt an den Jngling heran, sie legt die Arme um seinen Hals ...
    In diesem Augenblick eilte ein Mann aus dem Hintergrund des Saales bis vor
die Rampe und rief ein gellendes: Halt! Die Spieler auf der Szene fuhren
erschrocken zusammen, die Zuschauer erhoben sich, und eine allgemeine Unruhe
entstand. Wer ist das? Wer wagt das? Was gibts? wurde durcheinander gerufen;
man drngte nach vorn, die Frauen schrien ngstlich, Sthle wurden umgeworfen,
und nur mit Mhe gelang es dem Hausherrn, eine gefhrliche Panik zu verhten.
    Indes stand der Urheber der Verwirrung noch immer unbeweglich vor dem
Podium. Es war Hickel. Bleich und feindselig stierte er auf die Szene und schien
nichts zu gewahren auer Caspar und Frau von Kannawurf, die, aneinander
gedrngt, furchtsam in den verdunkelten Saal schauten. Der erste, der sich an
Hickel wandte, war der junge Doktor Lang. In seinem Phantasiekostm des
Gastfreundes trat er an den Rand der Estrade und fragte wtend nach dem Grund
einer so unverantwortlichen Handlungsweise.
    Der Polizeileutnant holte tief Atem und sagte laut mit einer glsernen
Stimme: Ich mu die hochgeehrte Versammlung tausendmal um Entschuldigung
bitten, und da ich selbst zu den hier Geladenen gehre, wird meine Versicherung
vielleicht Glauben finden, da mir ein solcher Schritt nicht leicht geworden
ist. Aber ich kann nicht dulden, da der Hauser ein frivoles Amsement zu einer
Stunde fortsetzt, wo ich die Nachricht von einem schrecklichen Unglck erfahren
habe, das ihn wie keinen andern trifft und fr sein ferneres Leben von
folgenschwerer Bedeutung sein wird.
    Finstere, neugierige und unwillige Augen blickten auf den Polizeileutnant.
Der Doktor Lang entgegnete zornig: Unsinn! Eine Teufelei ist es, weiter nichts.
Was auch immer vorgefallen ist, so kann weder ich noch irgend jemand von den
Anwesenden Ihnen das Recht zu einer so groben Eigenmchtigkeit zugestehen. Ist
es schlimm, was Sie zu melden haben, so war um so mehr Grund zu warten, unser
Spiel war ja am Ende. Es ist ein Wahnsinn, ein Mibrauch der Gastfreundschaft.
    Jawohl, der Doktor hat recht, riefen einige Stimmen.
    Hickel senkte den Kopf und legte die Hand vor die Stirn.
    Darf ich wissen, worum es sich handelt? trat nun Herr von Imhoff
dazwischen.
    Hickel raffte sich empor und erwiderte dumpf: Graf Stanhope hat seinem
Leben freiwillig ein Ende gemacht.
    Es entstand eine lange Stille. Fast alle blickten auf Caspar, der gegen eine
Soffitte lehnte und langsam die Augen schlo.
    Er hat sich erschossen? fragte Herr von Imhoff.
    Nein, antwortete Hickel, er hat sich erhngt.
    Raschelnde Laute des Schreckens lieen sich vernehmen. Herr von Imhoff bi
sich auf die Lippen. Wei man Nheres? fuhr er fort zu fragen.
    Nein. Das heit, ich habe nur eine allgemein gehaltene Nachricht von seinem
Jger. Er war bei einem Freund, dem Grafen von Belgarde, an der normannischen
Kste zu Besuch. Am Morgen des vierten September fand man ihn im Turmzimmer des
Schlosses an einer Seidenschnur hngend als Leiche.
    Herr von Imhoff sah zu Boden. Als er wieder aufblickte, fixierte er den
Polizeileutnant fremd und sagte: Es tut uns allen von Herzen leid. Ich glaube,
da niemand in diesem Saal ist, der dem unglcklichen Mann nicht ein lebendiges
Andenken bewahren wird. Nichtsdestoweniger, Herr Leutnant, bleiben Sie mir Ihres
sonderbaren Vorgehens halber Rechenschaft schuldig.
    Hickel verbeugte sich stumm.
    Die Hausfrau und mit ihr einige andre Damen waren bemht, die Gste zu
beruhigen, aber whrend die Diener die Kerzen des groen Kronleuchters
anzndeten, meldete man Frau von Imhoff, da ihre Schwiegermutter, die
Jubilarin, infolge der ausgestandenen Aufregung unwohl geworden sei und sich auf
ihr Zimmer begeben habe. Sie folgte sogleich nach. Dies war ein Signal zu
allgemeinem Aufbruch. Der Regierungsprsident und der Generalkommissr mit ihren
Frauen verlieen zuerst den Saal, und schlielich blieben nur ein paar intime
Freunde des Barons um diesen versammelt und nahmen in gedrckter Stimmung an der
weitlufigen Tafel Platz.
    Ich hab es immer geahnt, da uns der gute Lord noch einmal eine grimmige
berraschung bereiten wrde, sagte Herr von Imhoff.
    Was wird aber nun mit dem armen Hauser geschehen? meinte einer aus der
Gesellschaft.
    Man sprach allerlei Vermutungen darber aus; die Unterhaltung kam in Flu,
und wie oft ein unglckliches Ereignis dazu dient, die Phantasie der entfernt
Beteiligten wohlttig anzuregen, so auch hier. Man gab sich bis ber Mitternacht
lebhaften Gesprchen hin.
    Caspar hatte sich whrend des raschen Aufbruchs der Gste in dem kleinen
Ankleidezimmer fr die Schauspieler versteckt. Die jungen Leute entledigten sich
eilfertig ihres Kostms und verschwanden. Nach einer Weile kam ein Diener, um
die Lichter auszulschen, und dieser entdeckte Caspar. Als Caspar gegen die
Treppe zu ging, hrte er Schritte hinter sich, und Frau von Kannawurf trat an
seine Seite. Sie fragte ihn, ob er nach Hause wolle, und er bejahte. Es
regnet, sagte sie unten beim Tor und streckte die Hand hinaus. Sie wartete ein
wenig, um den Regen vorbergehen zu lassen, aber es wurde ein heftiger Gu
daraus, und das Wasser knatterte lrmend auf die Bume und den ausgedrrten
Boden. Ein kaltfeuchter Luftstrom schlug ihnen entgegen, und Frau von Kannawurf
forderte Caspar auf, mit ihr ins Zimmer zu gehen, es knne allzu lang dauern. Er
folgte still.
    Oben machte sie Licht, dann stand sie und sah versonnen in die Flamme. Ihre
Schultern bebten frstlich. Caspar hatte sich auf das Sofa gesetzt. Allgemach
sprte er eine so groe Mdigkeit, da es ihn frmlich hintberzog, und er mute
sich auf den Rcken legen. Da trat Clara zu ihm und ergriff seine Hand, die er
ihr jedoch hastig wieder entri. Er machte die Augen zu, und einen Moment lang
war sein Gesicht vollkommen leblos. Frau von Kannawurf stie einen matten
Angstruf aus und fiel neben ihm auf die Knie. Dann rief sie ihre Kammerzofe und
bat um Wasser; sie schenkte ein Glas voll und reichte es ihm zu trinken. Er
trank ein paar Schlcke. Was ist dir, Caspar? flsterte sie, und zum erstenmal
duzte sie ihn. Er lchelte dankbar. Du bist wie eine Schwester, sagte er scheu
und berhrte mit den Fingern das Haar ihres ber ihn gebeugten Kopfes. Dieses
Wort Schwester hatte in seinem Mund einen eignen Klang; es tnte wie ein nie
zuvor gesprochenes Wort.
    Clara schmiegte sich an seine Seite; ihr war, als mte sie ihn wrmen, er
aber rckte ngstlich fort, da wollte sie sich wieder erheben, doch betastete er
mit der Hand ihren Arm und sah sie an mit einem bittenden Ausdruck von Schmerz
und Liebe. Clara, sagte er, und sie glaubte vergehen zu sollen oder zu einem
andern Leben erwachen zu mssen, denn die schchtern-flehentliche Art, wie er
diesen Namen aussprach, hatte etwas berirdisches.
    Es kam nun so, da Stunde auf Stunde verging und sie immer nebeneinander
lagen, stumm, stumm, regungslos und ber und ber zitternd beide. Sie streckte
die Hand nach ihm aus, und der Atem seines Mundes flo in die Luft gleich dem
ihren.
    Als es von der Schlouhr zwlf schlug, schauerte Clara zusammen. Sie erhob
sich und sagte mit tiefer Beteuerung vor sich hin: Nie, nie, nie, nie. Dann
schritt sie zum Fenster und ffnete es. Der Regen hatte lngst aufgehrt, das
Firmament war klar, der ganze Sternenhimmel lag funkelnd vor ihr da. Ihre volle
Brust drngte den unbekannten Welten entgegen, denn von dieser, auf der sie
lebte, war sie satt.
    Sie sagte zu Caspar, er knne die Nacht im Schlo verbleiben, aber er
entgegnete, das wolle er nicht. Sie ging dann hinaus, um zu sehen, ob Frau von
Imhoff noch wach sei. Sie schritt am Speisesaal vorbei, wo die Herren noch beim
Wein saen und laut redeten. Die Baronin hatte sich gleichfalls noch nicht zur
Ruhe begeben. Clara teilte ihr mit, da Caspar bis jetzt bei ihr gewesen sei.
Frau von Imhoff nickte, sah aber die Freundin etwas verlegen und verwundert an.
Ich werde morgen frh meinen Koffer packen und reisen, sagte Clara leise und
mit einem Ausdruck unwiderruflicher Bestimmtheit, der ihr bisweilen eigen war
und ihre kindlichen Zge seltsam hart und leidend machte. Frau von Imhoff erhob
sich berrascht und trat nahe an die Freundin heran. Pltzlich fielen sie
einander in die Arme, und Clara schluchzte.
    Sie verstanden sich; es war nicht ntig zu sprechen.
    Als sich Clara losri, sagte sie, sie werde Caspar noch in die Stadt
begleiten. Das kannst du unmglich tun, wandte Frau von Imhoff ein, oder ich
werde dir wenigstens den Diener mitgeben.
    Bitte nicht, antwortete Clara lchelnd, du weit doch, da ich keine
Furcht habe. Es beirrt mich auch, wenn man meinethalben ngstlich ist. Die Nacht
tut mir gut, und ich freue mich auf den einsamen Rckweg.
    Eine Viertelstunde spter wanderte sie mit Caspar ber die noch feuchte
Strae gegen die Stadt. Sie redeten auch jetzt nichts, und vor dem Lehrerhaus
reichten sie einander die Hnde. Jetzt gehst du wahrscheinlich fort von mir,
Clara, sagte da pltzlich Caspar und schaute sie mit einem verschleierten Blick
an.
    Sie war ebenso erstaunt wie bewegt ber diese Worte, die ein tiefes
Vorgefhl verrieten. Wie schn sind seine Augen, dachte sie, sie sind hellbraun
wie die eines Rehs; gleicht er doch auch sonst einem Reh, das traurig-verwundert
im dunkeln Wald steht.
    Ja ich gehe, erwiderte sie endlich.
    Und warum denn? Bei dir war mir wohl.
    Ich komme wieder, versicherte sie mit einer gezwungenen Herzlichkeit,
hinter der ein Aufschrei erstarb. Ich komme wieder. Wir werden uns schreiben.
Zu Weihnachten komm ich wieder.
    Ich komme wieder; das hab ich schon einmal gehrt, sagte Caspar bitter.
Bis Weihnachten ist lang. Und schreiben tu ich nicht. Was hat man vom
Schreiben, ist ja doch nur Papier. Geh nur, leb wohl.
    Es kann nicht anders sein, flsterte Clara und ihr Blick suchte die
Sterne. Sieh, Caspar, dort oben ist das Ewige. Wir wollen es nicht vergessen
wie alle andern. Wir wollen nichts vergessen. Ach, vergessen, vergessen, darin
liegt alle Bosheit der Welt. Uns gehren die Sterne, Caspar, und wenn du
hinaufschaust, bin ich bei dir.
    Caspar schttelte den Kopf. Leb wohl, sagte er matt.
    Im Erdgescho wurde ein Fenster geffnet, und das mit der Bettmtze gekrnte
Haupt des Lehrers wurde sichtbar, um gleich darauf wieder zu verschwinden. Es
war eine schweigende Mahnung.
    Ich will Bettine bitten, da sie ihn tglich besucht, berlegte Clara,
whrend sie allein durch die den Gassen ging; ich bring ihm Unheil, wenn ich
bleibe, ein Abgrund ghnt mir entgegen, wie er frchterlicher nicht zu denken
ist. Schwester! Wie war mir doch, als er mich Schwester nannte! Die himmlische
Seligkeit pochte mir an die Brust. So htt ich einen verlorenen Bruder gefunden,
und mehr noch; aber, gerechter Gott, mehr darf es nicht sein. Ihn anzutasten!
Seinen Schlummer stren! O verbrecherische Lippen, denen ein Ku nichts
bedeutet! Htt ichs getan, ich mte seine Mrderin heien, was kann ich
Besseres tun als fliehen? Ein guter Genius wird ihn schtzen; vermessen, wollt
ich durch meine armselige Gegenwart ihn behtet glauben; ein so edles Ding kann
nicht zugrunde gehen, weil sich zwei Augen von ihm wenden.
    Diese wirre und aufgeregte Gedankenfolge entschleiert ein rettungslos
verstricktes Gemt das in seiner Schwrmerei den Entschlu eines Opfers fat,
verzagt, geblendet durch den Anblick von soviel Schicksal und in seiner
Betrbnis irregehend an den Kreuzwegen der Liebe.
    Den Blick bestndig zum Himmel gerichtet, und zwar auf das schne Sternbild
des Wagens, das wie ein erstarrter Zackenblitz im Dunkelblauen schwamm, bemerkte
Clara nicht, da am Portal des Schlosses eine Gestalt lehnte. Sie prallte erst
zurck, als ihr die nchtige Person den Weg verstellte. O Gott, der Grauenvolle,
dachte sie.
    Hickel, denn dieser war es, verneigte sich gegen die bestrzte Frau.
Vergebung, Madame, Vergebung, murmelte er. Und nicht nur fr diesen berfall,
auch fr das andre. Sie sind zu schn, Madame. Wenn Sie die Gnade htten, zu
erwgen, da Ihre sublime Schnheit mit meinem Kopf umspringt wie ein
mutwilliger Knabe mit seinem Kreisel, wenn Sie in Betracht ziehen wollten, da
es selbst beim Komdiespiel einen Punkt gibt, wo die verrckt gewordene
Phantasie den Gegenstand ihrer Wnsche besudelt und das Bildliche eiferschtig
fr ein Wirkliches hlt, so wrden Sie vielleicht Ihren zerknirschten Diener
durch ein trstliches Wort beglcken.
    Alles dies klang einfltig, formlos, geziert, hhnisch und verzweifelt. Er
schien die Worte zwischen den Zhnen zu zerquetschen, und man konnte ihm
ansehen, da er sich nur mit Anstrengung steif und ruhig hielt.
    Clara trat einen Schritt zurck, verschrnkte die Arme, drckte sie fest
gegen die Brust und sagte befehlend: Lassen Sie mich vorbei!
    Madame, von Ihrem Mund hngt zur Stunde manches ab, fuhr Hickel fort und
hob den Arm mit der starren Bewegung einer Wachsfigur. Ich bin nie ein Bettler
gewesen. Hier steh ich und bettle. Verleugnen Sie nicht Ihr Gesicht, das einen
Engel glauben lt!
    Er trat zur Seite, wortlos ging Clara an ihm vorber. Sie lutete, und der
Pfrtner, der auf sie gewartet, ffnete sogleich. Als sie drinnen war, sprte
sie eine entsetzliche belkeit. In ihrem Hirn war etwas wie zerrissen. Auf der
Treppe stockte sie; ihr war, als msse sie umkehren und den furchtbaren Mann
noch einmal anreden.
    Als Caspar am nchsten Nachmittag zu Imhoffs kam, wurde ihm mitgeteilt, da
Frau von Kannawurf schon abgereist sei. Er bat Frau von Imhoff, sie mchte ihm
Claras Bild zeigen, das er seit dem ersten Gesellschaftsabend, dem er im
Schlosse beigewohnt, nicht mehr gesehen. Die Baronin fhrte ihn in ein
Erkergemach, wo das Portrt zwischen zwei Ahnenbildnissen an der Wand hing.
    Er setzte sich davor und betrachtete es lange mit stummer Aufmerksamkeit.
Als er ging, versprach Frau von Imhoff, ihm eine Zeichnung von dem Bild
anfertigen zu lassen. Er war so zerstreut, da er nicht einmal dankte.

             Quandt unternimmt den letzten Sturm auf das Geheimnis


Obwohl eine Zeitlang von einer Strafversetzung Hickels die Rede war, verlautete
darber nichts Nheres, und die Sache schien allmhlich in Vergessenheit zu
geraten. Ohne Zweifel waren verborgene Einflsse im Spiel, die den
Polizeileutnant sicherstellten.
    Dem Mann ist nicht beizukommen, sagten die Eingeweihten; er ist zu
gefhrlich und wei zuviel. Freilich war Hickel brauchbar im Dienst und von
seinen Untergebenen uerst gefrchtet. Dabei wurde sein Lebenswandel immer
undurchdringlicher; auer im Kasino und im Amt sprach er mit keinem Menschen.
Auf der Polizeiwache sa er halbe Nchte, aber nur deswegen, um seine Leute zu
drangsalieren.
    Sogar Quandt hatte ihn frchten gelernt. Eines Nachmittags im Oktober, der
Lehrer sa mit seiner Frau und Caspar beim Kaffee, trat pltzlich sbelrasselnd
Hickel ins Zimmer, schritt ohne Gru auf Caspar zu und fragte herrisch: Sagen
Sie mal, Hauser, wissen Sie vielleicht etwas ber den Verbleib des Soldaten
Schildknecht?
    Caspar wurde aschfahl. Der Polizeileutnant fixierte ihn mit glitzernden
Augen und donnerte, ungeduldig ber das lange Schweigen: Wissen Sie etwas oder
wissen Sie nichts? Reden Sie, Mensch, oder, so wahr mir Gott helfe, ich lasse
Sie auf der Stelle ins Gefngnis bringen!
    Caspar erhob sich. Ein Knopf seiner Joppe verwickelte sich in die Fransen
des Tischtuchs, und whrend er zurckwich, fiel die Kaffeekanne um, und das
schwarze Gebru ergo sich ber das Linnen.
    Die Lehrerin tat einen Schrei; Quandt aber machte ein rgerliches Gesicht,
denn das grospurige Auftreten des Polizeileutnants verdro ihn, auch war es ihm
um so verwunderlicher, als Hickel gerade Caspar gegenber sich seit Monaten
einer steifen und finsteren Zurckhaltung beflissen hatte. Was soll er denn mit
dem Deserteur zu schaffen haben? sagte er unwillig.
    Das lassen Sie nur meine Sorge sein! brauste Hickel auf.
    Oho, Herr Polizeileutnant, in meinem Hause bitte ich mir ein hflicheres
Benehmen aus, versetzte Quandt.
    Ach was! Sie sind ein Schwachmatikus, Herr Lehrer. Was nicht auf Ihrem Mist
wchst, das stimieren Sie nicht. berhaupt, was ists denn? Zwei Jahre sinds
her, seit der Mensch bei Ihnen wohnt, und wir sind genau so klug wie zuvor. Wenn
das Ihre ganze Kunst war, dann lassen Sie sich nur heimgeigen.
    Der Hieb sa. Quandt verbi seinen Groll und schwieg.
    Aber es hat ein Ende jetzt, fuhr Hickel fort; ich werde mit dem Hofrat
reden, und der Hauser kommt zu mir in die Pflege.
    Damit werden Sie mir blo einen Gefallen erweisen, erwiderte Quandt und
verlie hochaufgerichtet das Zimmer.
    Die Lehrerin blieb mit gesenkten Augen sitzen. Hickel marschierte hastig auf
und ab und trocknete mit dem rmel seine Stirn. Wie mir nur ist, wie mir nur
ist, murmelte er fast verstrt. Dann wandte er sich wieder schimpfend an
Caspar. Unglckseliger, verdammt Unglckseliger! Was fr ein Teufel hat Sie
geritten! brigens, fgte er leise hinzu und stellte sich neben Caspar, der
Bursche ist verhaftet und wird ausgeliefert. Kommt auf die Plassenburg, der
Kerl.
    Das ist nicht wahr, sagte Caspar, ebenfalls leise, gedehnt und etwas
singend. Er lchelte, dann lachte er, ja, er lachte, wobei sein Gesicht stark
erbleichte.
    Hickel wurde stutzig. Er kaute an seiner Lippe und sah dster ins Leere.
Pltzlich griff er nach seiner Kappe, und mit einem bsen, eiligen Blick auf
Caspar entfernte er sich.
    Quandt war nicht gesonnen, den Schimpf, den ihm der Polizeileutnant angetan,
auf sich sitzen zu lassen. Er beschwerte sich beim Hofrat Hofmann, doch dieser
schien nicht sehr bereit, sich einzumischen. Der Lehrer nahm die Gelegenheit
wahr, noch eine andre Sache zum Austrag zu bringen.
    Seit Feuerbachs Tod hatte der Hofrat die Oberaufsicht ber Caspars Pflege.
Auf eine Hilfe wie die vom Grafen Stanhope war nicht mehr zu rechnen, man hatte
den Brgermeister Enders und die Gemeinde um Untersttzung angegangen, aber der
Beschlu war noch in der Schwebe. Einstweilen erhielt Caspar vom Gericht eine
kleine Lohnerhhung fr seine Schreiberei; das Geld lieferte er pnktlich dem
Lehrer ab. Die beschrnkten Verhltnisse erlaubten ihm nicht die geringste
Freiheit in seinen Ausgaben. Anfangs Oktober war er konfirmiert worden, und mit
Sehnsucht erwartete er das sogenannte Taggeld, das ihm von der Stadt dafr
ausgesetzt war. Ungehalten ber die Verschleppung, wandte er sich an den Pfarrer
Fuhrmann; dieser riet ihm, er solle den Lehrer ersuchen, aufs Gemeindeamt zu
gehen, um die Auszahlung zu betreiben.
    So etwas tu ich nicht, Herr Hofrat, ich mache nicht den Bittsteller mein
Stolz erlaubt das nicht, sagte Quandt.
    Der Hofrat zuckte die Achseln. Geben Sie ihm doch die paar Taler
einstweilen aus Ihrer Tasche, sagte er, man wirds Ihnen gewi bald ersetzen.
    In Hinsicht auf den Hauser gibt es keine Gewiheiten, versetzte Quandt;
ich habe ohnehin Auslagen genug und wei nicht, ob ich noch lange so zusehen
kann.
    Der Hofrat berlegte. Er hat doch wohlhabende und reiche Freunde, sagte er
dann, die knnen doch helfen.
    Ach du lieber Gott, seufzte der Lehrer, denen ist er viel zu interessant,
als da sie an seine kleine Notdurft denken.
    Ich will einmal morgen zu Ihnen kommen und den Hauser fragen, wozu er denn
eigentlich so dringend Geld braucht, schlo der Hofrat das Gesprch.
    Des Abends kam Caspar noch spt in Quandts Zimmer und flehte ihn mit
aufgehobenen Hnden an, ihn doch nicht aus dem Haus zu geben, er wolle ja alles
tun, was man von ihm verlange; nur nicht zum Polizeileutnant, alles, nur das
nicht, sagte er.
    Der Lehrer beruhigte ihn nach Krften und sagte, davon knne vorlufig keine
Rede sein, der Polizeileutnant habe ihn blo schrecken wollen. Nein,
antwortete Caspar, auch der Offiziant Maier hat heute auf dem Gericht davon
gesprochen.
    Nun, Hauser, jetzt gebrden Sie sich aber wie ein kleiner Knabe und sind
doch schlielich ein erwachsener Mann, sagte Quandt tadelnd. Ich kann das
nicht ganz ernst nehmen, Sie lieben es zu bertreiben und sich kindisch zu
stellen. Der Polizeileutnant wrde Ihnen auch nicht den Kopf abbeien, wennschon
ich zugebe, da er bisweilen etwas derbe Manieren hat. Aber Sie sind ja jetzt
auch ein Christ in des Wortes voller Bedeutung, und ohne Zweifel haben Sie den
Spruch schon gehrt: Tue deinen Feinden Gutes, damit du feurige Kohlen auf ihrem
Haupt sammelst.
    Caspar nickte. Es steht ein Gestzlein darber in Dittmars Weizenkrnern,
erwiderte er.
    Ganz recht; wir haben es ja zusammen durchgenommen, fuhr Quandt lebhaft
fort. Wissen Sie was! Damit Sie das schne Merkwort genau im Gedchtnis
behalten, schlage ich Ihnen vor, mir Ihre eignen Gedanken darber
niederzuschreiben. Ich will es meinetwegen als ein Pensum fr sich betrachten
und Sie knnen den ganzen morgigen Nachmittag dazu verwenden.
    Caspar schien einverstanden.
    Der Hofrat kam nicht, wie er versprochen, am nchsten, sondern erst am
zweitfolgenden Tag. Als er ins Zimmer trat, redete der Lehrer gerade mit
zornigen Gebrden auf Caspar ein. Auf die Frage des Hofrats was Caspar
verbrochen habe, sagte Quandt: Ich mu mich doch gar zu viel mit ihm
herumrgern. Vorgestern stellte ich ihm ein Thema fr den deutschen Aufsatz, er
versprach mir, es auszuarbeiten, und er hatte den ganzen gestrigen Nachmittag
dazu Zeit. Soeben verlang ich nun sein Heft, und hier, berzeugen Sie sich
selbst, Herr Hofrat, auch nicht eine Zeile hat er geschrieben. Eine solche
Trgheit ist himmelschreiend.
    Quandt reichte dem Hofrat das aufgeschlagene Heft: oben auf einer Seite
stand der Titel des Aufsatzes: Tue deinen Feinden Gutes, damit du feurige Kohlen
auf ihrem Haupt sammelst; danach kam aber nichts, und die Seite war leer. Warum
haben Sies denn nicht gemacht? fragte der Hofrat khl.
    Caspar antwortete: Ich kann nicht.
    Das mssen Sie knnen! rief Quandt. Vorgestern haben Sie mir ja erzhlt,
da der Gegenstand in Ihrem Lesebuch behandelt ist, eine Gedankenfolge zu
finden, htte Ihnen also nicht schwerfallen knnen, wenn sie dort angeknpft
htten.
    Probieren Sies doch einmal, Hauser, fiel der Hofrat besnftigend ein.
Schreiben Sie meinetwegen nur ein paar Stze nieder. Ich werde mich mit dem
Herrn Lehrer ins Nebenzimmer begeben, und wenn wir zurckkommen, sollen Sie uns
irgend etwas vorzeigen und den Beweis liefern, da Sie wenigstens den guten
Willen haben.
    Quandt nickte und ging mit dem Hofrat hinaus. Als sie im Wohnzimmer waren,
bergab der Hofrat dem Lehrer zwei Golddukaten und sagte, die seien von Frau von
Imhoff, der er Caspars Verlegenheit geschildert habe; die gtige Dame habe sich
noch hoch entschuldigt, da es nur so wenig sei, aber sie habe ber das Geld
keine freie Verfgung. brigens war der Hauser gestern bei mir, fuhr der
Hofrat fort, und zwar kam er, um mich zu bitten, ich mchte es doch verhindern,
da er dem Polizeileutnant in Pflege gegeben werde.
    Es ist doch des Teufels; er belstigt alle Leute mit seinen kindischen
Miseren, klagte Quandt, auch mich hat er schon darum angegangen.
    Vor dem Hickel scheint er ja eine Heidenangst zu haben.
    Ja, der Polizeileutnant ist eben sehr streng mit ihm.
    Ich sagte ihm, da von meiner Seite eine solche Absicht nicht vorliege, und
er mge nur seine Pflicht tun, dann werde ihm niemand zunahe treten.
    Sehr wahr.
    Wir redeten noch ber seine Geldkalamitt, und da wollte er nicht mit der
Farbe heraus. Ich versprach, ihm zu seinem Geburtstag fnf Taler zu schenken,
und fragte ihn, wann er Geburtstag habe. Darauf antwortete er traurig, das wisse
er nicht, und ich mu gestehen, es war da etwas in seinem Wesen, was mich
rhrte. Aber sonst schien er mir doch gar zu schmeichlerisch, und sein
freundlich Geblinzel und Getue mifiel mir.
    Leider, leider, schmeichlerisch ist er, da haben Sie recht, Herr Hofrat;
besonders wo er seine Plne durchsetzen will.
    Nach diesem Meinungsaustausch kehrten sie wieder zu Caspar zurck. Er sa am
Tisch, den Kopf in die Hand gesttzt. Na, was haben Sie fertiggebracht? rief
der Hofrat jovial. Er nahm das Heft, stutzte, da er nur einen einzigen Satz
geschrieben fand, und las vor: Wenn sie dir bles an deinem Krper zugefgt
haben, tue ihnen Gutes dafr. Das ist alles, Hauser?
    Sonderbar, murmelte Quandt.
    Der Hofrat stellte sich vor Caspar hin, drehte den Kopf gegen die Schulter
und begann unvermittelt: Sagen Sie mal, Hauser, wen haben Sie denn eigentlich
von allen Menschen, die Sie bisher kennengelernt haben, am meisten
liebgewonnen? Sein Gesicht sah pfiffig aus; er hatte von seinem Amt als
Gerichtsfunktionr die Manier behalten, auch das Harmlose mit einem Ausdruck von
suerlichem Spott zu uern.
    Stehen Sie doch auf, wenn der Herr Hofrat mit Ihnen spricht, flsterte der
Lehrer Caspar zu.
    Caspar stand auf. Er blickte ratlos vor sich hin. Er witterte eine Falle
hinter der Frage. Er dachte pltzlich: Wahrscheinlich ist der Lehrer darum so
bse, da ich den Aufsatz nicht gemacht habe, weil er glaubt, ich halte ihn fr
meinen Feind. Er schaute zu Quandt hinber und sagteversonnen: Den Herrn Lehrer
hab ich am liebsten.
    Der Hofrat wechselte mit Quandt einen Blick des Einverstndnisses und
rusperte sich bedeutsam.
    Aha, ein Bestechungsversuch, dachte Quandt und war stolz darauf, nicht im
mindesten von der Antwort erbaut zu sein.
    Caspars Leben wurde nun immer einfrmiger und zurckgezogener. Er hatte
niemand, mit dem er eine vertrauliche Unterhaltung fhren konnte. Frau von
Kannawurf lie auch nichts von sich hren, und das wurmte ihn denn doch,
trotzdem er behauptet hatte, an Briefen sei ihm nichts gelegen. Wo war sie
berhaupt? Lebte sie noch? Er mochte oft nicht ausgehen, alle Wege waren ihm
verhat, jede Verrichtung fand ihn lau. Zudem war das Wetter immer schlecht, der
November brachte gewaltige Strme, und so sa er in der freien Zeit auf seinem
Zimmer, glitt mit den Blicken ber die Hgelrnder oder streifte bang den Himmel
und sinnierte unablssig. Er wartete, wartete. Einmal ging er insgeheim in die
Kaserne und erkundigte sich vorsichtig, ob man dort etwas ber Schildknecht
wisse. Man konnte ihm keine Auskunft geben. Das nhrte die verflackernde
Hoffnungsflamme, aber in den darauffolgenden Tagen fhlte er sich krank und
wollte sich des Morgens kaum zum Verlassen des Bettes entschlieen. Es kamen
noch manchmal Fremde zu Besuch; er verhielt sich strrisch und einsilbig. Wenn
er aufgefordert wurde, in Gesellschaft zu gehen, sagte er bitter: Was soll mir
das Schwtzen? Als er eines Abends ber den Schloplatz ging und an der
mchtigen Fassade mit den hohen, immer geschlossenen Fenstern emporsah, glaubte
er in den leergedachten Slen bergroe Gestalten wahrzunehmen, die ihn
feindselig beobachteten. Sie schienen alle in Purpur gekleidet, mit goldenen
Ketten um den Hals. Ein grenzenlos ermattender Schmerz drckte ihn nieder, und
er war nahe daran, sich auf das Pflaster zu werfen und zu heulen gleich einem
Hund.
    Er fhlte sich so kalt, so trb. In einer Nacht trumte er, er she auf
einem grnen Steinblock eine goldene Schale, und darauf lagen fnf seltsam
qualmende Herzen, doch nicht in natrlicher Form, sondern so wie Lebkchner die
Herzen backen; er stand davor und sagte laut: Das ist meines Vaters Herz, das
ist meiner Mutter Herz, das ist meines Bruders Herz, das ist meiner Schwester
Herz, das ist mein eignes Herz. Sein eignes lag oben und hatte zwei lebendige,
traurige Augen.
    Nicht selten hatte er das bestimmte Gefhl von der fernen Wirkung einer
beraus teuern Person. Die Person handelte, sprach und litt fr ihn, aber eine
Welt lag dazwischen, und was auch immer sie unternahm, konnte die Weite zwischen
ihm und ihr nicht verringern. Er sprte unheimliche Vorgnge so deutlich, da er
oft dastand und lauschte wie auf ein Gesprch hinter einer dnnen Wand. Und er
faltete die Hnde unterm Kinn und lchelte ngstlich.
    Blind htte der Lehrer sein mssen, wenn er von alledem nichts bemerkt
htte. Seine Beobachtungen sammelte er sozusagen unter einem Titel, und dieser
Titel lautete: Der Kampf mit dem schlechten Gewissen. Ich habe kein Wohlwollen
mehr fr den Menschen, erklrte Quandt, ich habe kein Wohlwollen mehr fr ihn,
seit ich gesehen habe, wie gleichgltig ihn die Katastrophe mit dem Lord
gelassen hat. War mir selbst doch zumut, als htte ich einen Bruder verloren,
und er wollte sich nicht einmal zu einer den Schein wahrenden Trauer verstellen.
Er hat ein Herz von Stein und eine ganz pbelhafte Undankbarkeit.
    Wir sehen den Lehrer gleichsam hinter einer Hecke, wir sehen ihn lauern, wir
sehen, wie er mannigfaltige Nachrichten ber Caspar aus frheren Jahren
zusammentrgt, Fakten und Umstnde, die er mit dem Sprsinn eines
Untersuchungsrichters aufstbert, deutet, beleuchtet und still zum Zweck
bereithlt. Wir sehen ihn in Ha entbrennen gegen den ewig Verstockten, immer
Verschlossenen, und wir knnen nicht umhin, ihn einem Menschen hnlich zu
finden, den ein Irrlicht solange geneckt und gelockt hat, bis er endlich in eine
Art von rasender Trunkenheit gert.
    Zu Anfang Dezember, es war an einem Donnerstag, abends nach Tisch, fragte
Quandt Caspar, ob er seine bersetzung fr morgen schon fertig habe. Caspar
erwiderte in ernster Stimmung, doch mit unaufrichtiger Freundlichkeit, wie es
Quandt vorkam, ja, er sei damit fertig. Quandt nahm das Buch, zeigte ihm, wie
gro die Aufgabe sei, und fragte noch einmal, ob er denn wirklich so weit
bersetzt habe.
    Caspar bejahte. Ich bin sogar noch um einen Absatz weitergekommen, sagte
er.
    Quandt glaubte es nicht; es war ihm unwahrscheinlich; die Aufgabe enthielt
ein paar Flle, mit denen Caspar nicht allein htte fertig werden knnen und bei
denen er seine Hilfe unbedingt htte in Anspruch nehmen mssen. Indes fand er es
fr gut, im Beisein seiner Frau nichts weiter zu bemerken, sondern ihn ungestrt
auf sein Zimmer gehen zu lassen.
    Ungefhr fnf Minuten spter ergriff Quandt das lateinische Elementarbuch
und folgte Caspar. Caspar hatte die Tr schon zugeriegelt, und bevor er ffnete,
fragte er, ob der Lehrer noch etwas wnsche. Machen Sie auf! befahl Quandt
kurz. Als er drinnen war, las er ihm einige willkrlich herausgerissene Stze
vor und ersuchte ihn zu sagen, wie er es bersetzt habe. Caspar schwieg eine
Weile, dann entgegnete er, er habe blo prpariert, er wolle erst jetzt
bersetzen. Quandt blickte ihn ruhig an, sagte ausdrucksvoll: So,wnschte gute
Nacht und entfernte sich.
    Drunten erzhlte er den Sachverhalt seiner Frau, und sie kamen berein, da
dahinter ein bbischer Trotz stecke, weiter nichts. Am andern Morgen berichtete
er auch dem Hofrat darber, dieser schrieb ein kurzes Briefchen an Caspar und
gab es dem Lehrer mit, Caspar las das Schreiben in Quandts Gegenwart, und als er
zu Ende war, reichte er es dem Lehrer, sichtlich verstimmt. In dem Brief warnte
ihn der Hofrat schonend vor Eigenschaften, denen nur gemeine Naturen sich
berlieen, die jedoch, so war der Wortlaut, unserm Hauser leider nicht fremd
zu sein scheinen.
    Am selben Abend, wiederum nach dem Nachtmahl, brachte Quandt eines der
bungshefte Caspars zum Vorschein und sagte: Aus diesem Heft ist ein Blatt
herausgeschnitten, Hauser. Sie wissen doch, da ich Ihnen das schon zahllose
Male verboten habe.
    Ich hatte in das Blatt einen Flecken gemacht, und den wollte ich nicht in
der Schrift haben, versetzte Caspar.
    Statt aller Antwort forderte Quandt den Jngling auf, mit ihm in sein
Studierzimmer zu kommen. Seiner Frau sagte er, sie mge die Kerze anznden, er
griff die Lampe und schritt voran. Im andern Zimmer angelangt, schlo er
sorgfltig beide Tren, hie Caspar Platz nehmen und begann: Sie werden mir
doch wohl nicht zumuten, da ich Ihre Ausrede fr bare Mnze nehme?
    Was fr eine Ausrede? fragte Caspar matt.
    Nun, das mit dem Flecken. Ich glaube nicht an diesen Flecken.
    Warum wollen Sie es denn nicht glauben?
    Sie kennen doch das Sprichwort: Wer einmal lgt, dem glaubt man nicht, und
wenn er auch die Wahrheit spricht. Sie, lieber Freund, lgen fter als einmal.
    Ich lge nicht, erwiderte Caspar ebenso matt und tonlos.
    Das getrauen Sie sich mir ins Gesicht zu behaupten?
    Ich wei nicht, da ich lge.
    O, schelmischer Rabulist! rief Quandt bitter. Wenn ich Ihre hufigen
Unwahrheiten nicht jedesmal berede, so bestimmt mich dazu die nach und nach
gewonnene Einsicht, da ich Sie von dem bel doch nicht heilen kann. Wozu also
soll ich mich vergeblich grmen? Sie sind gewohnt, solange nein zu sagen, bis
man Sie dermaen berfhrt hat, da Sie nicht mehr nein sagen knnen, und dann
sprechen Sie dennoch kein Ja.
    Soll ich ja sagen, wenn nein ist? Beweisen Sie mir, da ich gelogen habe.
Caspar sah den Lehrer mit einem jener Blicke an, die dieser als tckisch zu
bezeichnen pflegte.
    Ach Hauser, wie schmerzt es mich, Sie mir gegenber so zu sehen, versetzte
Quandt. Ich bin um Beweise nicht verlegen und habe so viele, da ich gar nicht
wei, wo ich anfangen soll. Erinnern Sie sich nicht an die Geschichte mit dem
Leuchter? Sie behaupteten, die Handhabe sei abgebrochen, und es ist doch
unwiderleglich nachgewiesen, da sie abgeschmolzen war?
    Es war so, wie ich gesagt habe.
    Damit lasse ich mich nicht abspeisen. Sie knnen versichert sein, da ich
mir den Vorfall mit allem Flei notiert habe, nmlich schriftlich, um
ntigenfalls vollstndige Rechenschaft ber Sie geben zu knnen.
    Caspar machte ein sehr betroffenes Gesicht; er schwieg.
    Und weiter, betrachten wir einen Fall jngsten Datums, fuhr Quandt fort;
es war doch einerlei, ob Sie vorgestern mit der bersetzung fertig waren oder
ob Sie sie erst im Zimmer machen wollten. Da Sie tagsber beschftigt waren, so
konnten und durften Sie die Arbeit abends machen. Warum sagten Sie, Sie seien
fertig, whrend Sie nicht das geringste daran getan hatten?
    Ich habe gemeint, Sie fragen, ob ich prpariert htte.
    Lcherlich. Sie hatten neulich schon die Frechheit, meine Worte einfach zu
verdrehen. Ich habe deutlich gefragt: Haben Sie Ihre bersetzung gemacht? Meine
Frau war zugegen und ist Zeuge.
    Wenn Sie es gesagt haben, habe ichs eben anders verstanden.
    Die gewohnten Ausflchte. Sie hatten ja nicht einmal prpariert. Das knnen
Sie jemand aufbinden, der Sie nicht so genau kennt wie ich. Ich wnschte, ich
htte Sie nie kennengelernt; am Ende kommt man durch Sie noch um den Ruf eines
redlichen Mannes. Aber Sie werden durchschaut, nicht nur von mir, sondern auch
von andern. Es gibt nur noch wenig Familien, bei denen Sie fr liebenswrdig und
aufrichtig gelten; die meisten sehen ein, da Sie eine alltgliche Einbildung
und einen niedrigen Hochmut besitzen, da Sie gleichgltig und anmaend gegen
weniger Vornehme sind, sobald Sie bei Vornehmeren Zutritt finden. Und was Ihre
Verlogenheit betrifft, so bin ich erbtig, Ihnen in jedem einzelnen Fall auf den
Kopf zuzusagen, ob Sie bei der Wahrheit geblieben sind, was in und auer Ihrem
Horizont liegt, was Ihre Aufmerksamkeit fesseln kann und was nicht. Ich gebe
Ihnen ein artiges Exempelchen aus der letzten Zeit. Es war beim Mittagstisch die
Rede vom Regierungsrat Flieen. Meine Frau meinte, es sei dem guten alten Mann
unangenehm, da er nicht bei den Seinen in Worms sein knne. Ich bemerkte
hierauf, da der Regierungsrat eine groe Verwandtschaft im Rheinkreis und
soundsoviele Enkel habe. Darauf sagten Sie: Elf Enkel hat er, es wurde beim
Generalkommissr davon gesprochen. Ich antwortete, da ich von neunzehn Enkeln
gehrt, Sie versicherten aber, es seien elf. Ich wute dem nun allerdings nichts
entgegenzusetzen, aber das wute ich bestimmt, da Sie die Zahl nur in der
Geschwindigkeit aufgegriffen hatten, um uns zu imponieren, um den Namen des
Generalkommissrs in den Mund nehmen zu knnen und uns zu zeigen, da Sie mit
den Verhltnissen der Personen vertraut seien, die jenes Haus besuch ten. Hand
aufs Herz: ists nicht so?
    Jemand hat an der Tafel von elf Enkeln gesprochen. Ganz gewi.
    Das glaube ich nicht.
    Doch.
    Pfui, schmen Sie sich, Hauser, in einem so ernsten Augenblick auf der Lge
zu beharren. Dazu gehrt ein hoher Grad von Erbrmlichkeit, um nicht zu sagen
Nichtswrdigkeit. An der Sache selbst ist ja wenig gelegen, aber Ihre
fortgesetzte dreiste Behauptung lt tief blicken. Sie zeigt, da Sie nie einen
Fehler auf eigne Rechnung nehmen, da Sie nie eine Schwche zugestehen wollen
und es dabei aufs uerste ankommen lassen. In der ersten freien Stunde werde
ich den Regierungsrat selbst fragen, wieviele Enkel er hat. Sind es wirklich
elf, so werde ich Ihnen gehrige Genugtuung geben, im andern Fall will ich Sie
in einer Weise beschmen, da Sie an mich denken sollen.
    Caspar senkte ergeben den Kopf.
    Aber das Eigentliche, was ich Ihnen vorzuhalten habe, kommt noch, lieber
Freund, begann Quandt nach einer Pause, whrend welcher man den Sturmwind gegen
die Fenster donnern und im Kamin wimmern hrte. Es ist jetzt endlich an der
Zeit, da Sie einem Mann wie mir, der an Ihrem Schicksal ungeheuchelten Anteil
nimmt, reinen Wein einschenken. Sie scheinen immer noch der Meinung, die ganze
Welt stehe Ihrem Mrchen von der geheimnisvollen Einkerkerung oder gar von der
hohen Abkunft glubig gegenber. Sie befinden sich in einem schmhlichen Irrtum,
lieber Hauser. Anfangs, ich gebe es zu, hat man sich damit als einem
rtselhaften Vorgang beschftigt, aber nach und nach sind doch alle vernnftigen
Menschen zu der Einsicht gelangt, da sie das Opfer - lassen Sie mich die
Eigenschaft nicht nennen, deren Opfer sie geworden waren. Ich kann mir wohl
denken, Hauser, da Sie den Anschlag ursprnglich nicht so weit treiben wollten.
Im vorigen Winter, als die Schrift des Prsidenten erschienen war, da zeigten
Sie sich selbst erschrocken von den Folgen Ihrer Tat, und Sie erinnerten mich an
ein Kind, das ein bichen mit dem Feuer gespielt hat und unversehens das ganze
Haus in Flammen sieht. Sie frchteten, den Futterplatz zu verlieren, den Sie
sich durch Ihre Pfiffigkeit verschafft hatten, Sie muten gerade da eine
Entdeckung und die wohlverdiente Strafe frchten, wo Ihre verblendeten Freunde
das Glck fr Sie sahen. Prfen Sie sich doch in Ihrem Innern, ob ich nicht
recht habe.
    Caspar sah dem Lehrer mit einem leblosen Blick ins Auge.
    Schn; ich will Sie nicht zur Antwort zwingen, fuhr Quandt mit dsterer
Befriedigung fort. Es ist nun wieder still um Sie geworden, Hauser.
Eigentmlich still ist es geworden. Man will sich nicht mehr recht um Sie
kmmern. So still war es auch damals um Sie geworden, bevor der angebliche
Mordanfall im Hause des Professors Daumer sich ereignet hat. Kein Mensch unter
all den vielen Tausenden, welche die Stadt Nrnberg bewohnen, hat zur kritischen
Zeit oder spter eine Person beobachtet, die auch nur im entferntesten im
Zusammenhang mit einer solchen Greueltat gedacht werden konnte. Ihre Freunde
glaubten trotzdem an den vermummten Unhold, so wie sie an den phantastischen
Kerkermeister glaubten, der Sie das Lesen und Schreiben gelehrt haben soll.
Nichtsdestoweniger hat Sie der Professor Daumer alsbald vor die Tr gesetzt. Er
wird wohl gewut haben, warum. Und heute steht Ihre Sache so, da Sie sich
entschlieen mssen. Ihre mchtigsten Gnner, der Staatsrat, der Lord Stanhope,
die Frau Behold, haben das Zeitliche verlassen. Erkennen Sie darin nicht einen
Wink des Himmels? Es hat ja nun keinen Zweck mehr fr Sie, die Fiktion
aufrechtzuerhalten. Sie sind doch jetzt ein Mann, Sie wollen doch ein ntzliches
Glied der menschlichen Gesellschaft werden. Sprechen Sie zu mir, Hauser,
erffnen Sie sich! Sprechen Sie mit Ihrem wahren Mund, aus wahrem Herzen!
    Ja, was soll ich denn sprechen? fragte Caspar dumpf und langsam, indes
seine Gestalt verfiel wie die eines Greises und auch in seinem Gesicht lauter
greisenhafte Falten entstanden.
    Der Lehrer trat zu ihm und ergriff seine schwere steinkalte Hand. Die
Wahrheit sollen Sie sprechen! rief er beschwrend. Ach, Hauser, es ist ja ein
Jammer, Sie anzuschauen, wie das schlechte Gewissen gespensterhaft aus jedem
Ihrer Blicke lugt. Ihr Gemt ist bedrckt. Auf! die gequlte Brust, Hauser!
Lassen Sie endlich einmal die Sonne hineinscheinen! Mut, Mut, Vertrauen! Die
Wahrheit! Die Wahrheit! Er packte Caspar am Kragen des Rocks, als wolle er ihm
mit seinen Hnden das Geheimnis entreien.
    Was denn? Was denn? dachte Caspar, und sein Blick flatterte wehevoll umher.
    Ich will Ihnen entgegenkommen, sagte Quandt. Knpfen wir an ein
Greifbares an. Als Sie nach Nrnberg kamen, zeigten Sie einen Brief. Sie trugen
in den Taschen Ihres verschnittenen Fracks mehrere Bcher, es waren alte
Mnchsschriften, darunter eine mit dem Titel: Kunst, die verlorenen Jahre
einzubringen. Wer hat den Brief geschrieben? Wer hat Ihnen die Bcher gegeben?
    Wer? Der, bei dem ich gewesen.
    Das ist ja klar, versetzte Quandt mit erregtem Lcheln, aber Sie sollen
mir sagen, wie der hie, bei dem Sie gewesen. Sie werden mich doch nicht fr so
nrrisch halten, da ich glaube, Sie wten das nicht. Ohne Zweifel war es doch
Ihr Vater oder Ihr Oheim oder ein Bruder oder ein Spielgenosse, gleichviel.
Hauser! Stellen Sie sich vor, Sie befnden sich vor Gottes Angesicht. Und Gott
wrde fragen: Woher kommst du? Wo ist deine Heimat, der Ort, wo du geboren bist?
Wer hat dir einen flschen Namen angedichtet, und wie heit du mit dem Namen,
den du in der Wiege empfangen hast? Wer hat dich unterrichtet und angelernt, die
Menschen zu tuschen? Was wrden Sie in Ihrer Seelennot antworten, was
antworten, wenn der erhabene Gott Sie zur Rechtfertigung aufforderte, zur
Shnung des verbten Trugs?
    Caspar starrte den Lehrer atemlos an. Das Blut stockte ihm. Die ganze Welt
verkehrte sich ihm.
    Was wrden Sie antworten? wiederholte Quandt mit einem Ton zwischen Angst
und Hoffnung; ihm schien es, als sei er nahe daran, die verschlossene Pforte zu
sprengen.
    Caspar stand schwerfllig auf und sagte mit zuckendem Mund: Ich wrde
antworten: Du bist kein Gott, wenn du solches von mir verlangst.
    Quandt prallte zurck und schlug die Hnde zusammen. Lsterer! schrie er
mit durchdringender Stimme. Dann streckte er den rechten Arm aus und rief: Hebe
dich weg, du Unzucht, du verfluchter Lgengeist! Hinaus mit dir, Infamer!
Besudle meine Luft nicht lnger!
    Caspar kehrte sich um, und whrend er nach der Trklinke tastete, krchzte
hinter ihm die Wanduhr zehn Schlge in das Sturmgebrodel.
    Seufzend, schlaflos wlzte sich Quandt die ganze Nacht auf den Kissen. Seine
Heftigkeit mochte ihn gereuen, denn im Lauf des folgenden Tages suchte er sich
Caspar wieder zu nhern. Aber Caspar blieb kalt und in sich gekehrt. Abends
brachte Quandt das Gesprch auf den Regierungsrat Flieen; er sagte, da er sich
erkundigt habe, und rief Caspar scherzend zu: Achtzehn Enkel, Hauser, achtzehn
sind es! Na, sehen Sie, da ich recht gehabt habe?
    Caspar schwieg.
    Aber Hauser, Sie essen ja gar nichts mehr, sagte die Lehrerin besorgt.
    Ich habe keinen Appetit, erwiderte Caspar; kaum da ich angefangen habe
zu essen, bin ich auch schon satt.
    Am Mittwoch, dem elften Dezember, kam Quandt versptet und sehr erregt zu
Tisch. Er hatte auf dem Heimweg von der Schule einen heftigen Auftritt mit einem
Fuhrknecht gehabt, der in der bergigen Pfarrgasse sein Pferd zuschanden
geschlagen hatte, weil es den schwerbeladenen Wagen nicht zum Hafenmarkt
hinaufziehen konnte. Quandt hatte dem rohen Kumpan Vorstellungen gemacht und
einige hinzukommende Brger zu Zeugen der unmenschlichen Qulerei angerufen.
Dafr war der Fuhrknecht mit erhobenem Peitschenstiel auf ihn losgegangen und
hatte ihn angebrllt, er solle sich zum Teufel scheren und sich nicht um Sachen
kmmern, die ihn nichts angingen. Gott sei Dank ist mir der Name des Kerls
bekannt, und ich werde dem Polizeileutnant darber Meldung erstatten, schlo
Quandt. Er wurde nicht mde zu beschreiben, wie der armselige Klepper vor dem
Gefhrt immer wieder vergeblich an den Strngen gezerrt habe, und wie das
schwarze Blut unter seinen Rippen hervorgequollen sei. Der Spitzbube, grollte
er, ich werde es ihm zeigen, ein Tier so zu rackern.
    Nachher, als Caspar weggegangen war, fragte ihn seine Frau, ob es ihm denn
nicht aufgefallen sei, da Caspar gar kein Wort ber die Geschichte
fallengelassen habe.
    Ja, er war ganz stumm, es ist mir aufgefallen, besttigte Quandt.
    Eine halbe Stunde darauf ging er in Caspars Zimmer und bat ihn, die
schriftliche Anzeige gegen den Fuhrknecht, die er verfat hatte, in der Wohnung
Hickels abzugeben. Um drei Uhr kehrte Caspar mit der Nachricht zurck, der
Polizeileutnant habe einen mehrtgigen Urlaub genommen und sei verreist.

                              Aenigma sui temporis


Es geschah am bernchsten Tage, einem Freitag, als Caspar kurz nach zwlf das
Gerichtsgebude verlassen wollte, da er im Korridor vor der unteren Treppe von
einem fremden Herrn angesprochen wurde, einem anscheinend sehr vornehmen Mann,
der gro und schlank war, einen schwarzen Backen- und Kinnbart trug, und der ihn
aufforderte, ihm wenige Minuten Gehr zu schenken.
    Caspar stutzte, denn in der Stimme des Mannes war etwas sehr Dringliches und
etwas sehr Achtungsvolles.
    Sie gingen ein paar Schritte seitwrts von der Treppe, wo niemand
vorberkommen konnte. Der Fremde lchelte ermutigend, als er Caspars scheues
Wesen bemerkte, und begann sogleich in derselben dringlichen und achtungsvollen
Weise: Sie sind Caspar Hauser? Bis heute sind Sie es gewesen. Morgen werden Sie
diesen Namen abstreifen. Wie mich schon der erste Blick in Ihr Gesicht belehrt
und erschttert hat! Prinz, mein Prinz! Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu
kssen.
    Er bckte sich rasch und kte ehrfurchtsvoll Caspars Hand.
    Caspar hatte keine Worte. Er sah aus wie einer, dem pltzlich das Herz
stillsteht.
    Ich komme vom Hof, ich komme als Abgesandter Ihrer Mutter, ich komme, Sie
zu holen, fuhr der Fremde fort, nicht weniger hastig, nicht weniger
respekterfllt. Ich vermute, da Sie seit langem darauf vorbereitet sind. Doch
mssen wir auf der Hut sein. Wir haben groe Hindernisse zu scheuen. Sie mssen
mit mir entfliehen. Alles ist bereit. Die Frage ist nur, ob Sie willens sind,
sich ohne Rckhalt mir anzuvertrauen, und ob ich auf Ihre unbedingte
Verschwiegenheit rechnen darf?
    Wie sollte Caspar imstande sein, darauf zu antworten? Er schaute in das
Gesicht des Mannes, das ihm in jeder Beziehung auergewhnlich, ja mrchenhaft
erschien, und mit stupider Aufmerksamkeit haftete sein Blick auf den zahllosen
kleinen Blatternarben, die auf der Nase und den Wangen des Fremden sichtbar
waren.
    Ihr Schweigen ist fr mich beredt, sagte der Fremde mit einer schnellen
Verbeugung. Der Plan ist der: Sie finden sich morgen nachmittag um vier Uhr im
Hofgarten ein, und zwar neben der Lindenallee, wenn man vom Freibergschen Haus
kommt. Man wird Sie von dort zu einem bereitstehenden Wagen fhren. Die
einbrechende Dunkelheit wird unsre Flucht begnstigen. Kommen Sie ohne Mantel,
so wie Sie sind; Sie werden standesgeme Kleider finden. Bei der ersten
Raststation an der Grenze, die wir in drei Stunden erreichen knnen, werden Sie
sich umkleiden. Ich bin Ihnen unbekannt. Sie sollen sich dem Unbekannten nicht
auf Treu und Glauben bergeben. Bevor Sie in den Wagen steigen, werde ich Ihnen
ein Zeichen behndigen, an dem Sie unzweifelhaft erkennen werden, da ich zu
meinem Auftrag von Ihrer Mutter bevollmchtigt bin.
    Caspar rhrte sich nicht. Nur sein ganzer Krper schwankte ein wenig, als
wre er erstarrt und der Wind drohe ihn umzublasen.
    Darf ich dies alles als abgemacht ansehen? fragte der Fremde.
    Er mute die Frage wiederholen. Da nickte Caspar: ernsthaft, schwer, und auf
einmal war ihm die Kehle wie verbrannt.
    Werden Sie sich zur bestimmten Stunde am bestimmten Platze einfinden, mein
Prinz?
    Mein Prinz! Caspar wurde leichenbla. Er schaute wieder die Blatternarben
mit verzehrender Aufmerksamkeit an. Dann nickte er abermals, mit einer Bewegung,
die den Schein von Klte oder von Verschlafenheit hatte.
    Der Fremde lpfte mit demutsvoller Hflichkeit den Hut; hierauf ging er und
verschwand in der Richtung gegen die Schwanengasse.
    Whrend des ganzen Auftrittes, der etwa acht bis zehn Minuten gedauert
hatte, war also nicht ein einziges Wort aus Caspars Lippen gekommen.
    War es Freude, die Caspar empfand? War Freude so beschaffen, da einen dabei
fror bis ins Mark? Da bestndig Schauder ber den Rcken liefen wie kaltes
Wasser?
    Er machte immer nur ein halb Dutzend Schritte und hielt dann inne, weil er
glaubte, der Erdboden sinke unter seinen Fen. Menschen, geht mir aus dem Weg,
dachte er; weh mich nicht an, Schnee; Wind, sei nicht so wild. Er betrachtete
seine Hand und berhrte mit der Spitze seines Fingers starr nachdenklich die
Stelle, auf die der Fremde ihn gekt.
    Warum arbeiten die Schustergesellen noch, es ist ja Mittagszeit, grbelte
er, als er im Vorbeigehen in einen Laden blickte. Unaufhrlich rannen die
Schauder ber den Nacken herab.
    Es war schn, zu wissen, da mit jedem Schritt, mit jedem Blick, mit jedem
Gedanken Zeit verging. Denn darum handelte es sich jetzt ganz allein: da die
Zeit verging.
    Als er nach Hause kam, sagte er zur Magd, er wolle nichts essen, und sperrte
sich in seinem Zimmer ein. Er stellte sich ans Fenster, und whrend ihm die
Trnen ber die Backen liefen, sagte er: Dukatus ist gekommen.
    Seine Gedanken hatten etwas von einem nchtlichen Flug wilder Vgel. Bis
heute war ich Caspar Hauser, dachte er, von morgen an bin ich der andre; und was
bin ich jetzt? Gestern war ich noch ein Schreiberlein, und morgen werd ich
vielleicht einen blauen Mantel tragen, mit goldenen Borten verziert; auch einen
Degen soll mir Dukatus bringen, lang und schmal und aufrecht wie ein Binsenhalm.
Aber ist denn alles wahr, kann es denn sein? Freilich kann es sein, weil es doch
sein mu.
    Erst als es vllig finster war, zndete Caspar das Licht an. Die Lehrerin
schickte herauf und lie fragen, ob er nichts zu sich nehmen wolle. Er bat um
ein Stck Brot und ein Glas Milch. Dies wurde gebracht. Sodann fing er an, seine
Laden auszurumen; einen ganzen Sto von Papieren und Briefen warf er ins Feuer,
die Schreibhefte und Bcher ordnete er mit peinlicher Sorgfalt. Er ffnete eine
Truhe und zog unter mancherlei Kram das Holzpferdchen hervor, das er noch von
der Gefangenschaft auf dem Vestnerturm her besa. Er betrachtete es lange; es
war wei lackiert, mit schwarzen Flecken, und hatte einen Schweif, der bis auf
das Brettchen fiel. O Rlein, dachte er, hast mich manches Jahr begleitet, was
wird nun aus dir? Ich will wiederkommen und dich holen, und einen silbernen
Stall werd ich dir bauen. Damit stellte er das Spielding behutsam auf ein
Ecktischchen neben dem Fenster.
    Es mag fglich wundernehmen, da ein Gemt wie das seine, so mit Ahnung
begabt, so mit Erfahrungen vielerlei Art gefllt, vom ersten Augenblick der
vermeintlichen Wandlung seines Schicksals in eine dermaen blinde Glubigkeit
verfiel, da auch nicht ein Funke des Mitrauens, der Furcht oder nur des
zweifelnden Staunens in ihm erglomm. Ein Vorgang, so weit auerhalb des
gebundenen Wirklichen, so abenteuerlich in seiner Pltzlichkeit, so zierdelos
und simpel, da ein Schler, ein Kind, ein Verrckter daran Ansto genommen
htte, und er, dem so viele Menschengesichter unvermummt oder durch Schuld
entmummt gegenbergetreten waren, er, dem die Welt nichts andres war, als was
der Schwalbe, die vom Sden kommt, das durch Bubenhnde zerstrte Nest, er
ergriff mit unerschtterlicher Zuversicht die unbekannte Hand, die sich aus
unbekanntem Dunkel ihm entgegenstreckte, die starre, kalte, stumme Hand.
    Aber bei ihm war keine andre Hoffnung mehr. Oder es war berhaupt von
Hoffnung keine Rede. Hier war das selbstverstndlich Endliche, das jenseitig
Sichere, das Ungefragte, dem kein Wort der menschlichen Sprache, ja nicht einmal
ein Gedanke, eine Vorstellung, eine Vision mehr nahekommen konnte und das sich
so vorbestimmt vollzieht wie der Aufgang der Sonne, wenn es Tag wird. O ihr
mdgetriebenen Glieder, ihr Ketten an den Gliedern, ihr trgen Minuten, ihr
schweigenden Stunden! Noch prasselt der Kalk in der Mauer, noch bellt von fern
ein Hund, noch blst der Sturm den Schnee ans Fenster, noch knistert das Licht
auf der Kerze, und alles dies ist voll Bosheit, weil es so bestndig scheint, so
langsam vergeht.
    Um neun Uhr begab er sich zur Ruhe. Er schlief fest, spter in der Nacht
hrte er alle Viertelstundenschlge von den Kirchen. Bisweilen richtete er sich
auf und schaute beklommen in die Finsternis. Dann kam ein Traum, in dem Schlaf
und Wachen unmerklich ineinanderflossen. Ihm trumte nmlich, er stehe vor dem
Spiegel, und er dachte: wie sonderbar ich habe ein so bestimmtes Gefhl von der
Gltte des Spiegelglases, und doch trume ich nur. Er erwachte oder glaubte zu
erwachen, verlie das Bett oder glaubte es zu tun, machte sich im Zimmer zu
schaffen, legte sich wieder hin, schlief ein, erwachte abermals und grbelte:
Sollte ich das mit dem Spiegel nur getrumt haben? Jetzt trat er vor den Spiegel
hin, gewahrte sein umschattetes Bild, fand etwas Fremdes daran, wovor, ihm
graute, und bedeckte den Spiegel mit einem Tuch, das blau war und goldene Borten
hatte. Als er sich nun hingelegt hatte und nach einer Weile wirklich erwachte,
da erkannte er, da alles nur ein Traum gewesen war denn der Spiegel war
keineswegs verhngt.
    Es war eine lange Nacht.
    Des Morgens ging er wie gewhnlich aufs Gericht. Er verrichtete seine
Schreibarbeit wie mit verschleierten Augen. Um elf Uhr klappte er das Tintenfa
zu, rumte auch hier alles suberlich zusammen und entfernte sich still.
    Quandt war wegen einer Lehrerkonferenz ber Mittag vom Hause fort. Caspar
sa mit der Frau allein bei Tisch. Sie sprach bestndig vom Wetter. Der Sturm
hat den Schlot auf unserm Dach umgerissen, erzhlte sie, und der Schneider
Wst von nebenan ist durch die herunterfallenden Ziegel beinahe erschlagen
worden.
    Caspar blickte schweigend hinaus: er konnte kaum das gegenberliegende
Gebude sehen; Regen und Schnee untermischt wirbelten durch die verdunkelte
Gasse.
    Caspar a nur die Suppe; als das Fleisch kam, stand er auf und ging in sein
Zimmer.
    Punkt drei Uhr kam er wieder herunter, nur mit seinem alten braunen Rock
bekleidet und ohne Mantel.
    Wo wollen Sie denn hin, Hauser? rief ihn die Lehrerin von der Kche aus
an.
    Ich mu beim Generalkommissr etwas holen, entgegnete er ruhig.
    Ohne Mantel? Bei der Klte? fragte die Frau erstaunt und trat auf die
Schwelle.
    Er sah zerstreut an sich herab, dann sagte er: Adieu, Frau Lehrerin, und
ging.
    Bevor er die Haustr schlo, warf er noch einen Abschiedsblick in den Flur,
auf das geschweifte Gelnder der Treppe, auf den alten braunen Schrank mit den
Messingschnallen, der zwischen Kchen und Wohnzimmertr stand, auf das
Kehrichtfa in der Ecke, das mit Kartoffelschalen, Kserinden Knochen,
Holzspnen und Glassplittern angefllt war, und auf die Katze, die stets
heimlich und genschig hier herumschlich. Trotz des blitzhaft schnellen
Anschauens dieser Dinge schien es Caspar, als ob er sie nie deutlicher und nie
so absonderlich gesehen htte.
    Als die Klinke eingeschnappt war, lie der schier unertrgliche Druck, der
seine Brust verschnrte, ein wenig nach, und seine Lippen verzogen sich zu einem
schalen Lcheln.
    Dem Lehrer werd ich schreiben, dachte er; oder nein, besser ist es, selber
zu kommen; wenn der Winter vorbei ist, werd ich kommen und mit dem Wagen vors
Haus fahren; ich werd es einrichten, da es Nachmittag sein wird, da ist er
daheim. Wenn er vors Tor tritt, werd ich ihm nicht die Hand reichen, ich will
mich stellen, als ob ich ein andrer wre, in meinen schnen Kleidern wird er
mich ja nicht erkennen. Er wird einen tiefen Bckling machen: Wollen Euer
Gnaden gndigst eintreten? wird er sprechen. Wenn wir im Zimmer sind, stell ich
mich vor ihn hin und frage: Erkennen Sie mich nun? Er wird auf die Knie
fallen, aber ich reiche ihm die Hand und sage: Sehen Sie jetzt ein, da Sie mir
unrecht getan haben? Er wird es einsehen. Ei, sag ich, zeigen Sie mir doch
mal Ihre Kinder und schicken Sie nach dem Polizeileutnant. Den Kindern werd ich
Geschenke bringen, und wenn dann der Polizeileutnant kommt, zu dem werd ich
nicht reden, den werd ich nur anschauen, nur anschauen ...
    Von der Gumbertuskirche schlug es halb vier. Es war noch viel zu frh. Auf
dem unteren Markt ging Caspar rings an den Husern herum. Vor dem Pfarrhaus
blieb er eine Weile sinnend stehen. Infolge seiner inneren Hitze sprte er die
Klte kaum. Er sah nur wenige Leute, die, wie vom Wind gepeitscht, schnell
vorberhuschten.
    Als er sich von der Hofapotheke rechts gegen den Schlodurchla wandte,
schlug es dreiviertel. Da rief jemand; er blickte empor, der Fremde von gestern
stand neben ihm. Er trug einen Mantel mit mehreren Kragen und darber noch einen
Pelzkragen. Er verbeugte sich und sagte ein paar hfliche Worte. Caspar verstand
ihn nicht, denn der Wind war gerade so heftig, da man htte schreien mssen, um
einander zu hren. Daher machte der Fremde blo eine Gebrde, durch die er
Caspar bat, mit ihm gehen zu drfen. Offenbar war selbst eben im Begriff
gewesen, den Ort des Stelldicheins aufzusuchen.
    Bis zum Hofgarten waren es nur noch wenige Schritte. Der Fremde ffnete das
Trchen und lie Caspar den Vortritt. Caspar ging voran, als ob es so sein
msse. Eine Mischung von einfltiger Ergebenheit und ruhigem Stolz zeigte sich
in seinem Gesicht, um mit sonderbarer Raschheit einem Ausdruck des Grauens Platz
zu machen, denn der Augenblick war zu stark, er konnte seine Wucht nicht
ertragen. In dem Zeitraum, den er brauchte, um von dem Pfrtchen ber den
dichtbeschneiten Orangerieplatz zu den Bumen der ersten Allee zu gehen,
durchlebte er in seinem Innern eine Reihe gnzlich unzusammenhngender Szenen
aus ferner Vergangenheit, eine Erscheinung, die von Seelenforschern auf dieselbe
Wurzel zurckgefhrt werden kann wie etwa die, da ein von einem Turm Fallender
whrend der Zeit des Sturzes sein ganzes Dasein an sich vorbergleiten sieht. Er
erblickte zum Beispiel die Amsel, die mit ausgebreiteten Flgeln auf dem Tisch
lag; dann sah er mit ungemeiner Deutlichkeit den Wasserkrug, aus dem er in
seinem Kerker getrunken; dann sah er eine schne goldene Kette, die ihm der Lord
aus seinen Schtzen gezeigt, womit die angenehme Empfindung verbunden war, die
ihm Stanhopes weie, feine Hand erregte; ferner sah er sich im Saal der
Nrnberger Burg, wohin Daumer ihn gefhrt, und sein Auge weilte auf der sanften
Linie einer gotischen Fensterwlbung mit einem Entzcken, das er damals
sicherlich nicht versprt hatte.
    Sie kamen zum Kreuzweg, da eilte der Fremde voraus und gab mit erhobenem Arm
irgendein Zeichen. Caspar gewahrte hinter dem Gebsch noch zwei andre Personen,
deren Gesichter durch die aufgestellten Mantelkragen vllig verhllt waren.
    Wer sind diese? fragte er und zauderte, weil er annahm, hier sei der
verabredete Platz.
    Mit den Blicken suchte er den Wagen. Das Schneegestber erlaubte jedoch
nicht weiter als zehn Ellen zu sehen.
    Wo ist der Wagen? fragte er. Da der Fremde auf beide Fragen nicht
antwortete, schaute er ratlos gegen die zwei hinter dem Gebsch. Diese nherten
sich oder es schien wenigstens so. Sie riefen dem Blatternarbigen etwas zu, erst
der eine, dann der andre. Darauf entfernten sie sich wieder und standen dann auf
der andern Seite des Wegs.
    Der Fremde drehte sich um, griff in die Tasche seines Mantels, brachte ein
lilafarbenes Beutelchen zum Vorschein und sagte mit heiserer Stimme: ffnen Sie
es; Sie werden darin das Zeichen finden, das uns Ihre Mutter bergab.
    Caspar nahm das Beutelchen entgegen. Whrend er sich bemhte, die Schnur zu
entknpfen, durch die es zugebunden war, hob der Fremde einen langen, blitzenden
Gegenstand in der Faust und schnellte mit dem Arm gegen Caspars Brust.
    Was ist das? dachte Caspar bestrzt. Er fhlte etwas Eiskaltes tief in sein
Fleisch glitschen. Ach Gott, das sticht ja, dachte er und wankte dabei. Den
Beutel lie er fallen.
    O ungeheurer, ungeheurer Schrecken! Er griff nach einem der Baumstmmchen
und versuchte zu schreien, aber es ging nicht. Auf einmal brach er in die Knie.
Vor seinen Augen wurde es schwarz. Er wollte den Fremden bitten, da er ihm
helfe, doch die Fe des Mannes, die er noch eine Sekunde zuvor gesehen, waren
verschwunden. Die Schwrze vor den Augen wich wieder; er sah sich um; niemand
war mehr da; auch die beiden hinter dem Gebsch waren nicht mehr da.
    Er kroch nun auf allen vieren ein wenig am Gebsch entlang und senkte den
Kopf herunter, um sein Gesicht vor dem nassen Schneestaub zu schtzen, den ihm
der Wind entgegenspritzte. Er machte ein paar Bewegungen mit dem Krper, als
suche er in der Erde eine Hhlung zum Hineinschlpfen, konnte dann nicht weiter
und blieb sitzen. Ihm schien, als riesle etwas im Innern seines Leibes. Es fror
ihn jetzt erbrmlich.
    Mcht sehen, was in dem Beutel ist, dachte er, whrend seine Zhne
klapperten. O ungeheurer Schrecken, der ihn abhielt, nach jener Stelle zu
blicken, wo der Fremde gestanden.
    Wenn ich nur ein Wort wte, durch das mir leichter wrde, dachte er, wie
einer, der sich durch Zauberformeln zu schtzen whnt. Und er sagte zweimal:
Dukatus.
    Welches Wunder, pltzlich ward ihm leicht. Er glaubte aufstehen und nach
Hause gehen zu knnen. Er erhob sich. Er sah, da er gehen konnte. Nachdem er
einige taumelnde Schritte gemacht, fing er an zu laufen. Ihm war, als ob sein
Krper ohne Schwere sei, ihm war, als fliege er. Er lief, lief, lief. Bis zum
Tor des Gartens; ber den Schloplatz; ber den Markt an der Kirche vorbei; bis
zum Kronacher Buck, bis in den Flur des Quandtschen Hauses; lief, lief, lief.
    In Schwei gebadet, strzte er in den Flur. Weiter gings nicht mehr;
keuchend lehnte er sich an die Wand. Die Magd gewahrte ihn zuerst. ber sein
Aussehen entsetzt, gab sie einen gellenden Schrei von sich. Da kam Quandt aus
der Stube; seine Frau folgte ihm.
    Caspar starrte ihnen entgegen, sprach aber nichts, sondern deutete blo auf
seine Brust.
    Was ist geschehen? fragte Quandt rauh und kurz.
    Hofgarten - gestochen, stammelte Caspar.
    Und Quandt? Wir sehen ihn schmunzeln. Nichts andres: wir sehen ihn
schmunzeln. Und wenn Jahrhunderte, feierlich in Purpur angetan wie Gottes Engel,
auf uns zutreten und uns beschwren, die Tatsachen nicht zu verzerren, so ist
nichts andres zu erwidern, als da Quandt schmunzelte, seltsam schmunzelte. Wo
sind Sie denn gestochen, mein Lieber? fragt er gedehnt.
    Wieder deutete Caspar auf seine Brust.
    Quandt knpfte ihm Rock, Weste und Hemd auf, um die Wunde anzuschauen.
Richtig, da war ein Stich, nicht grer als eine Haselnu. Aber nicht die
geringste Spur von Blut war zu bemerken. Eine Wunde ohne Blut, das gibt es
nicht; das ist wie eine Behauptung ohne Beweis.
    Also gestochen, sagte Quandt. So lassen Sie uns sofort umkehren und
zeigen Sie mir den Platz im Hofgarten, wo das passiert sein soll, fgte er
energisch hinzu. Was haben Sie denn zu dieser Stunde und bei solchem Wetter im
Hofgarten zu tun gehabt? Marsch, kommen Sie! Die Sache mu unverzglich
aufgeklrt werden.
    Caspar widersprach nicht. Er schleppte sich an des Lehrers Seite wieder auf
die Gasse. Quandt fate ihn unter, wie ein Krppel schlich Caspar dahin.
    Nach langem Schweigen sagte Quandt in verbissenem Ton: Diesmal haben Sie
Ihren dmmsten Streich gemacht, Hauser. Diesmal wird es keinen so guten Ausgang
nehmen wie beim Professor Daumer, das kann ich Ihnen schriftlich geben.
    Caspar blieb stehen, warf einen schnellen Blick gen Himmel und sagte: Gott
- wissen.
    Machen Sie nur keine Faxen, zeterte Quandt, ich wei, was ich wei. Wenn
Sie sich auch noch so sehr auf Gott berufen, damit haben Sie bei mir kein Glck,
denn Sie sind ein gottloser Mensch von Grund auf. Ich kann Ihnen nur raten,
spielen Sie nicht lnger die Stumme von Portici und gestehen Sie lieber gleich.
Ein wenig bange machen wollen Sie uns, die Leute wollen Sie durcheinanderhetzen.
Gestochen? Wer soll Sie denn gestochen haben? Vielleicht um Ihnen Ihre
jmmerlichen paar Moneten aus der Tasche zu ziehen? So ein Unsinn! Gehen Sie
nicht so langsam, Hauser, meine Zeit ist knapp.
    Den Beutel - will ich holen, stammelte Caspar leise.
    Was denn fr einen Beutel?
    Der Mann - mir gegeben.
    Was fr ein Mann?
    Der mich gestochen.
    Aber Hauser, Hauser, es ist ja himmelschreiend! Bilden Sie sich denn ein,
da ich an diesen Mann nur im entferntesten glaube? So wenig wie an den
schwarzen Peter. Bilden Sie sich denn ein, da ich ber den wahren Tter einen
Augenblick im Zweifel bin? Gestehen Sies doch! Gestehen Sie, da Sie sich selber
ein bichen gestochen haben. Ich will ber die Sache noch einmal schweigen, ich
will Gnade fr Recht ergehen lassen.
    Caspar weinte.
    Dicht vor dem Hofgarten brach er pltzlich zusammen. Quandt war verwirrt. Es
kamen einige Mnner des Weges, diese bat er, da sie den Jngling nach Hause
fhren mchten, er selbst wolle zur Polizei. Die Mnner muten erst geraume
Weile warten, bis sich Caspar ein wenig erholt hatte; auch dann hielt es schwer,
ihn zum Gehen zu bewegen.
    Es wurde spter von den rzten als eine Unbegreiflichkeit bezeichnet, da
Caspar mit der furchtbaren Verletzung in der Brust imstande gewesen war, den Weg
vom Hofgarten zum Lehrerhaus, hernach vom Lehrerhaus zum Schloplatz, und
endlich vom Schloplatz wieder nach Hause zurckzulegen, das erste Mal laufend,
das zweite Mal am Arme Quandts, das dritte Mal von den Mnnern halb gezogen, im
ganzen ber sechzehnhundert Schritte.
    Als Quandt den Weg nach dem Rathaus einschlug, war es finster geworden. Der
diensttuende Offiziant erklrte, da ohne speziellen Auftrag des Brgermeisters,
der im Bade sei, die Anzeige nicht protokolliert werden drfe. Der Lehrer
schwatzte noch eine Weile mit ihm, dann begab er sich unwillig und verdrossen in
die eine Viertelstunde vor der Stadt gelegene Kleinschrottsche Badewirtschaft,
wo der Brgermeister im Kreis seiner Vertrauten beim Bier sa. Quandt trug den
Fall vor. Man staunte, zweifelte, pldierte,bestieg den Amtsschimmel und
gestattete hierauf die frmliche Protokollaufnahme. Um sechs Uhr wurde das
interessante Aktenprodukt bei Laternen- und Kerzenschein dem Stadtgericht zur
weiteren Untersuchung bergeben.
    Quandt kehrte nach Hause zurck. Auf der Gasse vor seiner Wohnung fand er
viele Menschen, und zwar waren es Personen jeglichen Standes, die dem Unwetter
zum Trotz gekommen waren und in einem Schweigen verharrten, das den Lehrer
stutzig machte. Er ging sogleich in das Zimmer Caspars, der zu Bett gebracht
worden war. Der Doktor Horlacher war zugegen. Er hatte die Wunde schon
untersucht.
    Wie stehts? fragte Quandt.
    Der Doktor antwortete, es sei kein Grund zu ernster Besorgnis vorhanden.
    Das dacht ich mir, versetzte Quandt.
    Jetzt erschien der Hofrat Hofmann. Ein Polizeisoldat hatte ihm unten den
lilafarbenen Beutel bergeben, der an der Unglckssttte gefunden worden war.
    Kennen Sie diesen Beutel? fragte der Hofrat.
    Mit fieberglnzenden Augen blickte Caspar auf den Beutel, den der Hofrat
ffnete. Es lag ein Zettel darin, der, so schien es zunchst, mit Hieroglyphen
bedeckt war.
    Die Lehrerin, die dabeistand, schttelte den Kopf. Sie zog ihren Mann
beiseite und sagte zu ihm: Es ist doch eigen; genau so legt der Hauser immer
seine Briefe zusammen, wie das Papier im Beutel zusammengefaltet war.
    Quandt nickte und trat an die Seite des Hofrats, der den Zettel erst prfend
betrachtete und dann einen Handspiegel verlangte.
    Es ist wohl Spiegelschrift, sagte Quandt lchelnd.
    Ja, erwiderte der Hofrat; eine sonderbare Kinderei.
    Er stellte Schrift und Spiegel einander gegenber und las vor: Caspar
Hauser wird Euch genau erzhlen knnen, wie ich aussehe und wer ich bin. Dem
Hauser die Mhe zu sparen, denn er knnte schweigen mssen, will ich aber selber
sagen, woher ich komme. Ich komme von der bayrischen Grenze am Flu. Ich will
Euch sogar meinen Namen verraten: M.L.O.
    Das klingt ja geradezu hhnisch, sagte der Hofrat nach einem verwunderten
Schweigen.
    Quandt nickte erbittert vor sich hin.
    Als Caspar die vorgelesenen Worte vernommen hatte, fiel sein Kopf schwer in
das Kissen, und eine grenzenlose Verzweiflung malte sich in seinen Zgen. Es
schlo sich sein Mund mit einem Ausdruck, als wolle er von nun an nie mehr
reden. Und da er htte reden knnen, womit dieser M.L.O. offenbar nicht
gerechnet hatte, empfand er bis in das Fieber hinein als eine Art schmerzlichen
Triumphes.
    Quandt, den Zettel, den ihm der Hofrat gegeben, zwischen den Hnden,
wanderte aufgeregt hin und her. Das sind schne Streiche, rief er aus, schne
Streiche! Sie halten das Mitleid Ihres Jahrhunderts zum besten, Hauser. Sie
verdienen eine Tracht Prgel, das verdienen Sie.
    Der Hofrat runzelte die Stirn. Gemach, Herr Lehrer; lassen Sie das doch!
sagte er mit ungewhnlich ernstem Ton. Bevor er sich verabschiedete, versprach
er, am nchsten Morgen den Kreisphysikus zu schicken, woraus ersichtlich war,
da auch er an keine unmittelbare Gefahr dachte.
    Indes kam der Kreisphysikus, von Frau von Imhoff dazu bewogen, noch am
selben Abend. Es war der Medizinalrat Doktor Albert. Er untersuchte Caspar mit
groer Sorgfalt; als er fertig war, machte er ein bedenkliches Gesicht. Quandt,
seltsam gereizt dadurch, sagte fast herausfordernd: Es fliet ja gar kein Blut
aus der Wunde.
    Das Blut sickert nach innen, entgegnete der Medizinalrat mit einem den
Lehrer nur streifenden Blick. Er legte einen Umschlag von Senfteig auf das Herz
und empfahl die mglichste Ruhe.
    Quandt griff sich an die Stirn. Wie, sagte er zu seiner Frau, sollte sich
der Bursche in seinem Leichtsinn doch ernstlichen Schaden zugefgt haben?
    Die Lehrerin schwieg.
    Ich bezweifle es, ich mu es bezweifeln, fuhr Quandt fort. Sieh doch
selbst, der sonst so wehleidige Mensch klagt ja mit keiner Silbe ber
Schmerzen.
    Er antwortet auch nichts, wenn man ihn fragt, fgte die Frau hinzu.
    Um neun Uhr fing Caspar an zu delirieren. Quandt war entschlossen, an das
Delirium nicht zu glauben. Als Caspar aus dem Bett springen wollte, schrie er
ihn an: Machen Sie nicht solche widerlichen Umstnde, Hauser! Gehen Sie
schleunigst in Ihr Bett zurck.
    Der Pfarrer Fuhrmann trat gerade in das Zimmer und hrte dies. Aber Quandt!
Quandt! sagte er entsetzt. Ein wenig Milde, Quandt, im Namen unsrer Religion.
    Oh, versetzte Quandt kopfschttelnd, Milde ist hier schlecht angebracht.
In Nrnberg, wo er doch auch so eine verworfene Komdie aufgefhrt hat,
gebrdete er sich genauso, und ich habe mir sagen lassen mssen, da er dabei
von zwei Mnnern ist gehalten worden. Was mich betrifft, ich lasse mir so ein
Schauspiel nicht bieten.
    Frau von Imhoff hatte eine Pflegerin vom Krankenhaus geschickt, die ber
Nacht an Caspars Lager wachte. Er schlummerte zwei bis drei Stunden.
    Schon frh am Morgen erschien eine Gerichtskommission. Caspar war bei klarem
Bewutsein. Vom Untersuchungsrichter aufgefordert, erzhlte er, ein fremder Herr
habe ihn zum artesischen Brunnen in den Hofgarten bestellt.
    Zu welchem Zweck bestellt?
    Das wei ich nicht.
    Er hat darber gar nichts gesagt?
    Doch; er hat gesagt, man knnte die Tonarten des Brunnens besichtigen.
    Und daraufhin sind Sie ihm schon gefolgt? Wie sah er aus?
    Caspar gab eine kurze, abgerissen gelallte Beschreibung und der Art, wie ihn
der Fremde gestochen. Sonst war nichts aus ihm herauszubringen.

Es wurde nach Zeugen gefahndet. Es stellten sich Zeugen. Zu spt fr die
Verfolgung des Tters. Schon die erste Anzeige war, durch die Mitschuld Quandts,
unverantwortlich verzgert worden. Als man die am Ort des Verbrechens
befindlichen Blutspuren untersuchen wollte, ergab es sich, da inzwischen schon
zu viele Menschen dagewesen waren und den Schnee zertreten hatten. Aus einem so
wichtigen Umstand Nutzen zu ziehen mute also von vornherein verzichtet werden.
    Zeugen fanden sich genug. Die Zirkelwirtin in der Rosengasse bekundete,
gegen zwei Uhr sei ein Mann in ihr Haus gekommen, den sie nie zuvor gesehen, und
habe gefragt, wann ein Retour nach Nrdlingen gehe. Der Mann war ungefhr
fnfunddreiig Jahre alt gewesen, von mittlerer Gre, brunlicher Hautfarbe und
mit Blatternarben im Gesicht.
    Er habe einen blauen Mantel mit Pelzkragen, einen runden schwarzen Hut,
grne Pantalons und Stiefel mit gelben Schraubsporen getragen. In der Hand hielt
er eine Reitgerte. Er habe nur fnf Minuten geweilt und ganz wenig gesprochen;
auffallend sei es gewesen, da er nicht sagen gewollt, wo er logierte.
    So beschrieb auch der Assessor Donner einen Mann, den er um drei Uhr im
Hofgarten neben der Lindenallee gesehen, und zwar in Gesellschaft von zwei
andern Mnnern, die der Assessor jedoch nicht betrachtet hatte.
    Ein Spiegelarbeiter namens Leich ging ein paar Minuten vor vier Uhr von
seiner Wohnung auf dem neuen Weg durch die Poststrae auf die Promenade und von
da ber den Schloplatz. Er sah vom Schlo her zwei Mnner ber die Gasse
schreiten und, die Reitbahn zur Linken lassend, zum Hofgarten gehen. Er erkannte
in dem einen von ihnen Caspar Hauser. Als die beiden zum Laternenpfahl am Eck
der Reitbahn kamen, wandte sich Caspar Hauser um und blickte den Schloplatz
hinauf, so da ihn der Beobachter noch einmal und genau hatte sehen knnen. Bei
den Schranken blieb der Fremde stehen, um Hauser mit hflicher Gebrde den
Vortritt zu lassen. Der Arbeiter dachte fr sich: wie doch die Herren bei
solchem Sturm und Schnee spazierengehen mgen.
    Drei Viertelstunden spter, erzhlte der Mann, als ich von einer
Besorgung beim Bttner Pfaffenberger zurckkam, standen auf dem Schloplatz
viele Leute, die jammerten und sagten, der Hauser sei im Hofgarten erstochen
worden.
    Und weiter. Ein Grtnergehilfe, der in der Orangerie beschftigt ist, hrt
gegen vier Uhr Stimmen. Er blickt zum Fenster hinaus und sieht einen Mann im
Mantel vorberlaufen. Der Mann luft einen guten Trab. Die Stimmen sind etwa
einen Bchsenschu weit vom Orangeriehaus entfernt gewesen, nicht so weit, wie
das Uzsche Denkmal ist. Es waren zweierlei Stimmen, eine Ba und eine helle
Stimme.
    Neben der Weidenmhle wohnt eine Nherin. Ihr Fenster geht auf den
Hofgarten; sie sieht bis in die zwei gegen den hlzernen Tempel zu fhrenden
Alleen. Bei beginnender Dmmerung gewahrt sie den Mann im Mantel; er tritt aus
dem neuen Gittertor und steigt am Abhang der Rezatwiese hinab. Er stutzt, als er
vor dem hochgeschwollenen Wasser steht. Er kehrt um und wendet sich gegen die
Stffelchen an der Mhle, geht ber den Steg auf der Eiberstrae und
verschwindet. Die Frau hat von seinem Gesicht nur einen schrglaufenden
schwarzen Bart wahrnehmen knnen.
    Es meldet sich auch der Schreiber Dillmann zu einer Aussage. Die
unverbrchliche Gewohnheit des alten Kanzlisten ist es, jeden Nachmittag, wie
das Wetter auch beschaffen ist, zwei Stunden lang im Hofgarten zu promenieren.
Er hat Caspar und den Fremdengesehen. Er versichert aber, nicht vorangegangen
sei Caspar dem Fremden, sondern hintennach sei er gegangen. Er ist ihm gefolgt,
wie das Lamm dem Metzger zur Schlachtbank folgt, sagt er.
    Zu spt. Zu spt der Eifer. Zu spt die erlassenen Steckbriefe und
Streifzge der Gendarmerie. Es konnte nicht mehr fruchten, da man sogar den
Rezatstrom aus seinem Bett leitete, um vielleicht das Mordinstrument zu
entdecken, das der Unbekannte bei seiner Flucht von sich geworfen haben mochte.
Was lag an diesem Dolch?
    Was lag an den Zeugen? Was lag an den Verhren? Was lag an den Indizien,
womit eine saumselige Justiz ihre Unfhigkeit prahlerisch verbrmte? Es wurde
gesagt, da die Nachforschungen planlos und kopflos betrieben wurden. Es wurde
gesagt, eine geheimnisvolle Hand sei im Spiel, deren Machenschaften darin
gipfelten, die wahren Spuren allmhlich und mit Absicht zu verwischen und die
Aufmerksamkeit der Behrde irrezuleiten. Wer es sagte, konnte natrlich nicht
erkundet werden, denn die ffentliche Meinung, ein Ding, ebenso feig wie
ungreifbar, orakelt nur aus sicheren Hinterhalten. Und sie schwieg gar bald
stille hier, wo Verleumdung, Bosheit, Lge, Dummheit und Heuchelei ein schnes
Menschenbild wie zwischen Mhlrdern zermalmten, bis da nichts mehr brigblieb
als ein rmliches Mrchen, wovon sich das Volk dieser Gegenden an rauhen
Winterabenden vor dem Ofen unterhlt.

Am Sonntag nachmittag traf Quandt den jungen Feuerbach, den Philosophen, auf der
Strae.
    Wie gehts dem Hauser? fragte der den Lehrer.
    Ei, er ist ganz auer Gefahr; dank der Nachfrage, Herr Doktor, antwortete
Quandt geschwtzig; die Gelbsucht ist eingetreten, aber das soll ja die
gewhnliche Folge einer heftigen Erregung sein. Ich bin berzeugt, da er in ein
paar Tagen das Bett wird verlassen knnen.
    Sie sprachen noch eine Weile von andern Dingen, hauptschlich von der
neuerdings zwischen Nrnberg und Frth geplanten Dampfschienenbahn, ein
Unternehmen, gegen das Quandt eine ganze Kanonade von Skepsis auffahren lie,
dann verabschiedete er sich von dem stillen jungen Mann mit der Dankbarkeit
eines beklatschten Redners und eilte, bestndig vor sich hinlchelnd, nach
Hause. Er war in einer hchst zuversichtlichen Stimmung, einer Stimmung, in der
man bereit ist, seinen rgsten Feinden Nachsicht angedeihen zu lassen. Warum,
das mochten die Gtter wissen. War der schne Tag daran schuld? Man darf nicht
vergessen, da in Quandt auch eine Art von Poet steckte; oder war es die Nhe
des Weihnachtsfestes, das jedem guten Christenmenschen gleichsam eine Erneuerung
seiner Seele verspricht? Oder war es am Ende der Umstand, da gegenwrtig so
viele vornehme und ausgezeichnete Personen sein bescheidenes Heim aufsuchten und
da er inmitten dieses bescheidenen Heims eine Stellung von ungeahnter
Wichtigkeit innehatte? Genug, wie dem auch sein mochte, er war mit sich
zufrieden, folglich stammte sein Lcheln aus der lautersten Quelle.
    Vor seiner Wohnung traf er auf den Polizeileutnant. Ah, vom Urlaub zurck?
begrte er ihn mit gedankenloser Freundlichkeit. Gleich darauf sagte er sich:
mit dem habe ich ja noch ein Hhnchen zu rupfen.
    Hickel drckte die Augen zusammen und sah aus, als ob er lachen wollte.
    Sie gingen miteinander hinauf.
    Caspar sa mit nacktem Oberleib im Bette, gegen aufgetrmte Kissen gelehnt,
starr wie eine Figur aus Lehm, das Gesicht grau wie Bimsstein, die Haut des
Krpers strahlend wei wie eine Magnesiumflamme. Der Medizinalrat hatte soeben
den Verband abgenommen und wusch die Wunde. Auerdem war noch ein
Kommissionsaktuar zugegen. Dieser hatte am Tisch Platz genommen; ein
Protokollformular lag bei ihm, auf dem die lakonischen Worte standen: Der
Damnifikat verbleibt bei seinen bisherigen Depositionen. ber einen
eingefangenen Straenruber htte man sich nicht besser und niedlicher
ausdrcken knnen.
    Kaum hatte Caspar den eintretenden Hickel gewahrt, als er den wie einen
gebrochenen Blumenkelch seitwrts gesenkten Kopf aufrichtete und mit
weitgeffneten Augen, in denen ein ganz unsglicher Schrecken lag, dem
Ankmmling ins Gesicht starrte.
    Ohne zu sprechen, erhob Hickel drohend den Zeigefinger. Diese Gebrde schien
den Schrecken Caspars aufs uerste zu treiben; er faltete die Hnde und
murmelte chzend: Nicht nahekommen! Ich habs ja doch nicht selber getan.
    Aber Hauser! Was fllt Ihnen denn ein! rief Hickel mit einer Lustigkeit,
die man etwa im Wirtshaus zur Schau trgt, und seine gelben Zhne blinkten
zwischen den vollen Lippen; ich hab Ihnen ja nur gedroht, weil Sie ohne
Erlaubnis in den Hofgarten gegangen sind. Wollen Sie das vielleicht auch
leugnen?
    Keine Auseinandersetzungen, wenn ich bitten darf, mahnte der Medizinalrat
unwillig. Er hatte den Verband erneuert, zog nun den Lehrer beiseite und sagte
leise und ernst: Ich kann Ihnen nicht verhehlen, da Hauser wahrscheinlich die
Nacht nicht berleben wird.
    Offenen Mundes stierte Quandt den Arzt an. Seine Knie wurden weich wie
Butter. Wie? Was? hauchte er, ists mglich? Er schaute alle Anwesenden der
Reihe nach langsam an, wobei sein Gesicht dem eines Menschen glich, der sich
soeben behaglich zum Essen setzen wollte und dem pltzlich Schssel, Teller,
Messer und Gabel, ja der ganze Tisch weggezaubert wird.
    Kommen Sie mit mir, Herr Lehrer, sagte mit heiserer Stimme Hickel, der am
Ofen stand und mit sinnloser Geschftigkeit seine Hnde an den Kacheln rieb.
    Quandt nickte und schritt mechanisch voraus.
    Ists mglich! murmelte er wieder, als er auf der Stiege stand. Ists
mglich!Hilfesuchend blickte er den Polizeileutnant an. Ach, fuhr er elegisch
fort, wir haben doch unser redlich Teil getan. An treuer Frsorge haben wirs
wahrlich nicht fehlen lassen.
    Lassen Sie doch die Flausen, Quandt, antwortete der Polizeileutnant grob.
Sagen Sie mir lieber, was hat denn der Hauser alles geredet in seinem Wahn?
    Unsinn, lauter Unsinn, versetzte Quandt bekmmert.
    Achtung, Herr Lehrer, da sehen Sie mal hinunter, rief Hickel, indem er
sich ber das Gelnder beugte.
    Was denn? gab Quandt erschrocken zurck, ich sehe nichts.
    Sie sehen nichts? Potz Kbel, ich auch nicht. Es scheint, wir sehen beide
nichts. Er lachte wunderlich, richtete sich wieder kerzengerade auf und
hstelte trocken. Dann ging er, indes Quandt ihm nicht wenig betroffen
nachguckte.
    Wohin soll es auch kommen mit der Welt, wenn Leute wie Hickel unter die
Gespensterseher geraten? Auf ihren robusten Schultern ruhen die Fundamente der
Ordnung, des Gehorsams und aller staatlich anerkannten Tugenden. Mag es auch in
diesem besonderen Fall so beschaffen gewesen sein, da die Ausgeburt
rhmenswerter Untertaneneigenschaften dennoch einer Regung bsen Gewissens
anheimfiel, nun, dann mu erklrt werden, da dieses bse Gewissen mit einem
martialischen Aussehen gesegnet war, da es zu allen Mahlzeiten einen
beneidenswerten Appetit entwickelte und da es das sanfteste Ruhekissen fr
einen unvergleichlich gesunden Schlaf war, der durch keine Feuerglocke und kein
Tedeum htte gestrt werden knnen.
    Im Zimmer Caspars hatte der Kommissionsaktuar neuerdings ein Verhr
begonnen. Caspar sollte sagen, ob noch ein Dritter zugegen gewesen sei, whrend
er im Appellgericht mit dem fremden Mann gesprochen.
    Caspar antwortete matt, er habe niemand bemerkt, nur vor dem Tor seien Leute
gewesen. Arme Leute passen mir immer dort auf, sagte er, zum Beispiel eine
gewisse Feigelein, der hab ich manchmal einen Kreuzer gegeben, auch die
Tuchmacherswitwe Weigel.
    Der Aktuar wollte weiterfragen, doch Caspar lispelte: Mde - recht mde.
    Wie ist Ihnen, Hauser? erkundigte sich die Wrterin.
    Mde, wiederholte er; werd jetzt bald weggehen von dieser Lasterwelt.
    Eine Weile schrie und redete er fr sich hin, hernach wurde er wieder ganz
stille.
    Er sah ein Licht, das langsam erlosch. Er vernahm Tne, die aus dem Innern
seines Ohrs zu dringen schienen; es klang, wie wenn man mit einem Hammer auf
eine Metallglocke haut. Er erblickt eine weite, einsame, dmmernde Ebene. Eine
menschliche Gestalt rennt schnell darber hin. O Gott, es ist Schildknecht. Was
lufst du so, Schildknecht? ruft er ihm zu. Hab Eile, groe Eile, antwortet
jener. Auf einmal schrumpft Schildknecht zusammen, bis er eine Spinne ist, die
an einem glhenden Faden zum Ast eines riesengroen Baumes emporklimmt. Trnen
des Grauens fallen wie, Regen aus Caspars Augen.
    Er sah ein seltsames Gebude; es glich einer kolossalen Kuppel; es hatte
kein Tor, keine Tr, kein Fenster. Aber Caspar konnte fliegen, flog hinauf und
schaute durch eine kreisrunde ffnung in das Innere, das von himmelblauer Luft
erfllt war. Auf himmelblauen Marmorfliesen stand eine Frau. Vor diese trat ein
Mensch, kaum deutlicher zu sehen als ein Schatten, und er teilte ihr mit, da
Caspar gestorben sei. Die Frau hob die Arme und schrie vor Schmerz, da die
Wlbung erzitterte. Da klaffte der Boden auseinander, und es kam ein langer Zug
von Menschen, die alle weinten. Und Caspar sah, da ihre Herzen zitterten und
zuckten wie lebendige Fische in der Hand des Fischers. Und einer trat heraus,
der gerstet war und ein Schwert trug, der sprach ungeheure Worte, aus denen
sich das ganze Geheimnis enthllte. Und alle, die zuhrten, preten die Hnde
gegen die Ohren, schlossen die Augen und strzten vor Kummer zu Boden.
    Dann war alles verwandelt. Caspar sprte sich voll von wunderbaren Krften.
Er sprte die Metalle in der Erde, von tief unten zogen sie ihn an, und die
Steine sprte er, die Adern von Erz hatten. Dazwischen ruhte vielfltiger Samen,
und er brach auf, und die Wrzlein schossen, und bebend hoben sich die Grser.
Aus dem Boden sprangen Quellen hoch empor wie Fontnen, und auf ihren Spitzen
leuchtete die willkommene Sonne. Und inmitten des Weltalls stand ein Baum mit
weitem Gipfel und unzhligen Verstelungen; rote Beeren wuchsen aus den Zweigen,
und auf der Krone oben bildeten die Beeren die Form eines Herzens. Innen im
Stamm flo Blut, und wo die Rinde zerrissen war, sickerten schwrzlichrote
Tropfen hindurch.
    Mitten in diesem Wogen verzweiflungsvoller Bilder und krankhafter
Entzckungen war es Caspar, als ob ihn jemand in einen Raum trge, wo keine Luft
zum Atmen mehr war. Da half kein Struben und Sichbumen, es trug ihn hin, und
ein khler Wind wehte ber sein Haar, seine Finger krmmten sich, als suche er
sich irgendwo zu halten. Es war eine namenlose Erschpfung, von welcher der
vergebliche Kampf begleitet war.
    Auf der Strae fuhr der Nrnberger Postwagen vorbei, und der Postillon blies
ins Horn.
    Es kamen bis zum Abend viele Leute, um nach seinem Befinden zu fragen. Frau
von Imhoff blieb lange an seinem Bett sitzen.
    Um acht Uhr schickte die Pflegerin zum Pfarrer Fuhrmann, der mit grter
Schnelligkeit eintraf. Er legte Caspar die Hand auf die Stirn. Mit angstvoll
groen Augen schaute sich Caspar um; seine Schultern zitterten Er machte mit dem
Zeigefinger auf dem Deckbett Bewegungen, als wolle er schreiben. Das dauerte
jedoch nicht lange.
    Sie haben mir einmal gesagt, lieber Hauser, da Sie auf Gott vertrauen und
mit seiner Hilfe jeden Kampf kmpfen wollen, sagte der Pfarrer.
    Wei es nicht, flsterte Caspar.
    Haben Sie denn heute schon zu Gott gebetet und ihn um seinen Beistand
angerufen?
    Caspar nickte.
    Und wie ist Ihnen darauf gewesen? Haben Sie sich nicht gestrkt gefhlt?
    Caspar schwieg.
    Wollen Sie nicht wieder beten?
    Bin zu schwach; vergehen mir gleich die Gedanken. Und nach einer Weile
sagte er wie fr sich, seltsam leiernd: Das ermdete Haupt bittet um Ruhe.
    So will ich ein Gebet sprechen, fuhr der Pfarrer fort, beten Sie im
stillen mit. Vater, nicht mein -
    Sondern dein Wille geschehe, vollendete Caspar hauchend.
    Wer hat so gebetet?
    Der Heiland.
    Und wann?
    Vor - seinem - Sterben. Bei diesem Wort strubte sich sein Krper empor,
und ber sein Gesicht ging ein hchst qualvolles Zucken. Er knirschte mit den
Zhnen und schrie dreimal gellend: Wo bin ich denn?
    Aber, Hauser, in Ihrem Bett sind Sie, beruhigte ihn Quandt.
    Es kommt ja bei Kranken fter vor, da sie sich an einem andern Ort zu
befinden whnen, wandte er sich erklrend an den Pfarrer Fuhrmann.
    Geben Sie ihm zu trinken, sagte dieser.
    Die Lehrerin brachte ein Glas frisches Wasser.
    Als Caspar getrunken hatte, wischte ihm Quandt den kalten Schwei von der
Stirn. Er selber bebte an allen Gliedern. Er beugte sich ber den Jngling und
fragte dringend, feierlich beschwrend: Hauser! Hauser! Haben Sie mir nichts
mehr zu sagen? Sehen Sie mich einmal so recht aufrichtig an, Hauser! Haben Sie
mir nichts mehr zu beichten?
    Da packte Caspar in hchster Herzensnot die Hand des Lehrers. Ach Gott, ach
Gott, so abkratzen mssen mit Schimpf und Schande! stie er jammernd hervor.
    Das waren seine letzten Worte. Er kehrte sich ein wenig auf die rechte Seite
und drehte das Gesicht zur Wand. Jedes Glied seines Krpers starb einzeln ab.
    Zwei Tage spter wurde er begraben. Es war nachmittags und der Himmel von
wolkenloser Blue. Die ganze Stadt war in Bewegung. Ein berhmter Zeitgenosse,
der Caspar Hauser das Kind von Europa nennt, erzhlt, es sei zu der Stunde Mond
und Sonne gleicher Zeit am Firmament gestanden, jener im Osten, diese im Westen,
und beide Gestirne htten im selben fahlen Glanz geleuchtet.

Etwa anderthalb Wochen spter, drei Tage nach Weihnachten, es war Abend, und
Quandt und seine Frau wollten sich eben zu Bett begeben, erschallten starke
Schlge gegen das Haustor. Sehr erschrocken, zgerte Quandt eine Weile; erst als
sich die Schlge wiederholten, nahm er das Licht und ging, um zu ffnen.
    Drauen stand Frau von Kannawurf. Fhren Sie mich in Caspars Zimmer, sagte
sie zum Lehrer.
    Jetzt noch? In der Nacht? wagte dieser einzuwenden. Jetzt, in der Nacht,
beharrte die Frau.
    Ihr Wesen schchterte Quandt dergestalt ein, da er stumm zur Seite trat,
sie vorangehen lie und mit dem Licht folgte.
    In Caspars Zimmer erinnerte wenig an den Verstorbenen. Es war alles
umgestellt und verrumt. Nur das Holzpferdchen stand noch auf dem Ecktisch neben
dem Fenster.
    Lassen Sie mich allein, gebot Frau von Kannawurf. Quandt stellte den
Leuchter hin, entfernte sich schweigend und wartete in Gemeinschaft mit seiner
Frau unten an der Stiege. Es ist sehr gutmtig von mir, da ich mir so etwas in
meinem Hause gefallen lasse, murrte er.
    Mit verschrnkten Armen schritt Clara von Kannawurf im Zimmer auf und ab.
Ihr Blick fiel auf den Tisch, wo eine Abschrift des Sektionsprotokolls lag; es
ging daraus hervor, da man nach dem Tode Caspars die Seitenwand seines Herzens
ganz durchstochen gefunden hatte. Clara nahm das Papier mit beiden Hnden und
zerknitterte es in ihren Fusten.
    Was fruchtet aller Schmerz und Reue? Man kann nicht die Gewesenen aus Luft
zurckgestalten; man kann der Erde nicht ihre Beute abfordern. Trnen beruhigen;
aber diese Trauernde hatte keine Trnen mehr; fr sie waren keine Sterne mehr,
kein Glanz des Himmels; fr sie wuchs kein Gras mehr, duftete keine Blume mehr,
ihr schmeckte der Tag nicht mehr und die Nacht nicht mehr, fr sie hatte sich
alles Menschentreiben, ja selbst das Schaffen der Elemente in eine einzige
dstere Wolke von nie wieder gutzumachender Schuld zusammengeballt.
    Es mochte eine halbe Stunde verflossen sein, als Clara wieder herabkam. Sie
blieb ganz dicht vor dem Lehrer stehen, und whrend sie ihn mit
weitaufgeschlagenen Augen ansah, sagte sie bebend und kalt: Mrder.
    Dies war fr Quandt etwa so, wie wenn man ihm einen Schwefelbrand unter die
Nase gehalten htte. Es lt sich denken, der wackere Mann war vollkommen
ahnungslos; im Schlafrock, gesticktem Hauskppchen und mit Schlappschuhen an den
Fen wartet er, da der ungebetene Gast sein Haus wieder verlasse, und da fllt
ein Wort, wie es nicht einmal ein bser Traum erzeugen kann.
    Das Weib ist wahnsinnig! Ich werde sie zur Rechenschaft ziehen, tobte er
noch im Bette.
    Clara wohnte bei Imhoffs. Sie fand die Freundin noch auf. Frau von Imhoff
sagte ihr, da man morgen auf den Kirchhof gehen wolle, weil das Kreuz auf
Caspar Hausers Grab errichtet werde. Frau von Imhoff empfand Claras
Schweigsamkeit wie einen Alpdruck und erzhlte, erzhlte. Vieles von Caspar,
vieles von denen, die um ihn waren. Quandt wolle ein Buch schreiben, worin er
haarklein nachzuweisen gedenke, da Caspar ein Betrger gewesen; da Hickel den
Dienst quittiert habe und aus Ansbach wegziehe, wohin, wisse niemand, da alle
Bemhungen, dem furchtbaren Verbrechen auf den Grund zu kommen, vergeblich
gewesen seien.
    Clara blieb wie aus Stein. Als sie sich fr die Nacht trennten, sagte sie
leise und mit unheimlicher Sanftmut: Auch du bist seine Mrderin.
    Frau von Imhoff prallte zurck. Doch Clara fuhr ebenso leise und sanft fort:
Weit du es denn nicht? willst dus nicht wissen? Versteckst du dich vor der
Wahrheit wie Kain vor Gottes Ruf? Weit du denn nicht, wer er war? Glaubst du
denn, da die Welt immer und ewig darber schweigen wird, so wie sie jetzt
schweigt? Er wird auferstehen, Bettine, er wird uns zur Rechenschaft fordern und
unsre Namen mit Schmach bedecken; er wird das Gewissen der Nachgebornen
vergiften, er wird so mchtig im Tode sein, als er ohnmchtig im Leben war. Die
Sonne bringt es an den Tag.
    Darauf verlie Clara das Zimmer ruhig wie ein Schatten.
    Am andern Morgen ging sie frh vom Hause fort. Sie besuchte ihren Trmer auf
der Johanniskirche, sa lange oben auf der Steinbank in der schmalen Galerie und
blickte weit ber die winterliche Ebene. Sie sah aber nicht Schnee, sie sah nur
vergossenes Blut. Sie sah nicht das Land, sie sah nur ein durchstochenes Herz.
    Dann schlug sie den Weg nach dem Kirchhof ein. Der Totengrber fhrte sie
zum Grab. Eben kamen zwei Arbeiter und lehnten ein hlzernes Kreuz gegen den
Stamm einer Trauerweide.
    Nach wenigen Minuten erschien der Pfarrer Fuhrmann. Er erkannte Clara und
grte sie ernst und hflich. Sie, ohne zu danken, schaute an ihm vorber, ihr
Blick streifte den mit schmutzigem Schnee bedeckten Grabhgel und die Arbeiter,
die jetzt das Kreuz zu Hupten des Grabes einrammten. Auf einem groen,
herzfrmigen Schild, das inmitten des Grabkreuzes befestigt war, standen in
weien Lettern die Worte:

                                   HIC JACET
                                CASPARUS HAUSER
                                    AENIGMA
                                  SUI TEMPORIS
                                IGNOTA NATIVITAS
                                  OCCULTA MORS

    Sie las es, schlug die Hnde vors Gesicht und brach in ein gellend wehes
Gelchter aus. Jhlings wurde sie aber wieder ganz still. Sie drehte sich gegen
den Pfarrer um und rief ihm zu: Mrder!
    In diesem Augenblick kamen vom Hauptpfad her einige Leute, die der Zeremonie
der Kreuzaufstellung hatten beiwohnen wollen: Herr und Frau von Imhoff, Herr von
Stichaner, Medizinalrat Albert, der Hofrat Hofmann, Quandt und seine Frau. Sie
sahen den Pfarrer bleich und aufgeregt, und der Eindruck eines jeden war, da
etwas Schlimmes vor sich gehe. Frau von Imhoff, voller Ahnung, eilte auf ihre
Freundin zu und umschlang sie mit den Armen. Aber mit verwilderten Gebrden
machte sich Clara los, strzte der Gruppe der Nahenden entgegen und schrie mit
durchdringender Stimme: Mrder seid ihr! Mrder! Mrder! Mrder!
    Nun rannte sie an ihnen vorbei, auf die Strae hinaus, wo sich alsbald viele
Menschen um sie versammelten, und schrie, schrie! Endlich wurde sie von einigen
Mnnern umringt und am Weiterlaufen verhindert.
    Quandt hatte wieder einmal recht behalten. Sie war wahnsinnig geworden. Noch
am selben Tag wurde sie in eine Anstalt gebracht. Mit der Zeit verging die
Raserei, aber ihr Geist blieb umnachtet.
    Sehr zu Herzen war der Auftritt am Grabe dem Pfarrer Fuhrmann gegangen. Er
wollte sich nicht zufriedengeben, wenn man ihm vorhielt, da es doch eine Irre
gewesen, die so gehandelt. Noch vor seinem kurz darauf erfolgten Ableben sagte
er zu Frau von Imhoff, die ihn besuchte: Mich freut die Welt nicht mehr. Warum
klagte sie mich an? Mich, gerade mich? Ich hab ihn ja liebgehabt, den Hauser.
    Die Unglckliche, erwiderte Frau von Imhoff leise, an Liebe allein hatte
sie nicht genug.
    Ich trage keine Schuld, fuhr der alte Mann fort. Oder doch nicht mehr,
als dem sterblichen Leib berhaupt zukommt. Schuldig sind alle, die wir da
wandeln. Aus Schuld keimt Leben, sonst htte unser Stammvater im Paradies nicht
sndigen drfen. Auch unsern hingeschiedenen Freund kann ich nicht freisprechen.
Was hat es ihm gefrommt, das Trumen ber seine Herkunft? Wo Verrat von allen
Lippen quillt, flieht der Tchtige in den Kreis fruchtbarer Neigungen. Aber
Schwrmer hren nur sich selbst. Unschuldig, meine Beste, unschuldig ist nur
Gott. Er gnade meiner Seele und der des edeln Caspar Hauser.

                                      Ende
