
                                Spitteler, Carl

                               Die Mdchenfeinde

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                                 Carl Spitteler

                               Die Mdchenfeinde

                            Abschied von Sentisbrugg

Noch bis zum letzten Feriendonnerstagabend hatten sie gemeint, die armen
Kadettenbblein, es knne einfach nicht sein, da sie wieder fort mten von
Sentisbrugg, in die mrrische Stadt und den hssigen Zank der Schule. Sie hatten
sich eingebildet, im schlimmsten Fall, wenn jede Hoffnung geschwunden wre, so
da sie lngst nicht mehr daran dchten, werde sich zu allerletzt die Natur ins
Mittel legen und irgendeine rettende Katastrophe stiften, zum Beispiel ein
Erdbeben - warum denn nicht? das komme ja vor - oder eine berschwemmung, oder
eine Lehrerseuche, oder eine pltzliche Kriegserklrung, was wei ich. Und den
langen, schnen Donnerstagnachmittag waren sie auf der Gaisfluh gelegen,
geduldig auslugend, ob nicht vielleicht die franzsischen Krassiere links den
Berg heraufgesprengt kmen oder von rechts die badischen Jger mit finstern
Waffenrcken und schmetternden Trompeten.
    Erst jetzt, als sie nach ergebnisloser Erwartung niedergeschlagen
heimkehrten, mit Efeu, das ihnen die Hirtenmdchen umgehngt, berwuchert wie
zwei wandelnde Gartenlauben, und im Dmmerzwielicht gewahrten, wie die
Gromutter erbarmungslos den Koffer packte, begriffen sie, da sie von der
ganzen Welt verraten waren. Da kletterten sie in ihrem Elend zuoberst auf den
Ofen, leerten den Kater, der sich dort in einer Jacke eingenistet hatte und
nicht wute, will er weichen oder nicht, auf den Stubenboden und duckten sich in
den Winkel. Und wie sie nun von da oben im Dmmerschein die Herrlichkeiten
berschauten, die sie morgen verlassen muten, das Uhrgehuse mit der Geiel
darin und dem Grovater daneben, dem sehaften, dem man so bequem auf die Knie
springen konnte, und die Fliege, die verschlafen auf dem Tisch herumspazierte
und morgen, ach Gott, wenn sie schon lngst fort waren, noch hier herumspazieren
durfte, die Glckliche, versprten sie solch ein unleidliches Weh, da sie
anfingen zu wimmern. Weil aber die Klagetne so unerwartet natrlich
hervorkamen, da es sie selber erbarmte, gerieten sie auf den Einfall, man
knnte mglicherweise auch Groelternherzen damit erweichen. Deshalb fuhren sie
nun mit ihrem Jammer absichtlich fort, erst schchtern und prbelnd, hernach,
als das nichts fruchtete, in zweistimmigem Crescendo, schlielich mit resolutem
Heulen wie die Verdammten. Inzwischen rsteten die heien Platten ihre Schenkel,
so da ihr Klagegesang in grimmige Schmerzensbeteuerungen ausartete; unversehens
raschelten sie in ihrem Efeugeheg ber den Ofen hinab, knurrend wie zwei Pardel
im Prrienbrand.
    Ohne rechten Glauben, nur um ja nichts zu unterlassen, versuchten sie noch
eine letzte Mglichkeit: ber Nacht schnell krank werden. Wie wird ein Mensch
krank? indem er sich erkltet; wie erkltet sich ein Mensch? dadurch, da er
nasse Fe bekommt. Folglich tauchten sie, als alle Welt schlief, die Fe ins
Waschbecken, setzten sich im Hemd aufs Fensterbrett, die tropfnassen Fe nach
auen, in die khle Nachtluft gestreckt, und erwarteten dann in den Betten die
Wirkung.

    Gerold, bist du krank? schnellte der kleine Hansli aus den Kissen, als ihn
die Morgensonne in die Augen blendete. Leider nicht. Und du? Nicht einmal
Kopfweh. Jetzt war es aus, einfach aus; rundum nirgends mehr der Schatten einer
Rettung. Da bemchtigte sich ihrer die Verzweiflung, und die Verzweiflung lud
ihr Gemt mit Weltwut. Weil sie sich aber gegenseitig Schimpf und Schande
zuwarfen, dafr, da der andere nicht krank geworden war, mndete die Weltwut in
eine grimmige, strampelnde Bruderschlacht, die Fuste in den Haaren, mich an die
Wand, dich an die Wand, bis Gerold einen tchtigen Kratzstriemen weg hatte und
aus Hanslis Nase Blut trpfelte; das erleichterte. Das Waschbecken lag auch auf
dem Boden; das beruhigte. Nun halfen sie einander friedlich beim Ankleiden;
Gerold nestelte dem kleinen Infanteristen das gefltelte Vorhemd, Hansli
schnallte dem Bruder Kanonier den Sbelgurt zu, ein mhseliges Geschft, denn
Gerold hatte sich in den Ferien allseitig abgerundet. Gestiefelt und geschmckt,
stolz auf ihren funkelnden Kadettenstaat, den rohaarbebuschten Tschako tief in
der Stirn, betraten sie den Flur, meldeten ihre bevorstehende Ankunft mit
Siegesgeschrei und ritten schnell wie der Biswind schlittlings die Stiegenlehne
hinab.

    Unten wurden sie von den Groeltern empfangen. Zuerst erhielten sie vom
Grovater den Tagesbefehl: Sie wrden diesmal nicht mit der Post heimreisen,
erffnete er ihnen, blo der Koffer fahre mit der Post; fr sie selber gebe es
eine Ausnahmsgelegenheit, die Reise kostenlos auszufhren. Pat auf, was ich
sage: Zuerst geht ihr zu Fu bis nach Schnthal. - Ruhig, ihr knnt nachher
jubeln, jetzt heit es hren, was ich sage. - Den Weg nach Schnthal hinab,
anderthalb Stndchen im hchsten Fall, werdet ihr allein finden, das ist kein
Hexenwerk auf der breiten Fahrstrae; wenn man ein Fchen in Sentisbrugg
losliee, wrde es von selber nach Schnthal rollen. brigens seid ihr ja alt
genug, um ntigenfalls zu fragen. Mit Patrontasche und Sbel werden hoffentlich
ein paar zwlfjhrige Kadetten keine Kindsmagd mehr ntig haben.
    Elfjhrig, verbesserte Gerold, zehnjhrig, krhte Hansli.
    Zehnjhrig oder zwlfjhrig, das ist Nebensache.
    Der Dolf kann sie ja bis halbwegs Schnthal begleiten, warf die Gromutter
ein.
    Meinetwegen, obschon es nicht ntig wre; der Schnthaler Fabrikschlot
guckt ja rotgelb aus den Bumen wie ein Wiedehopf. - In Schnthal erwartet euch
der Gtti Statthalter zum Mittagessen. Nachher kommt ein Wagen vom Landammann
Weienstein in Bischofshardt; der holt das Tchterlein des Landammanns ab, das
in Schnthal beim Fabrikdirektor Balsiger in den Ferien gewesen ist und
ebenfalls am Montag wieder in die Schule mu. In dem Wagen drft ihr bis
Bischofshardt mit fahren -
    Pfui!
    Wieso pfui? Das sind doch Manieren!! Ihr fahrt doch sonst gerne in einem
Wagen.
    Ja, aber das Mdchen!
    Sie wird euch nicht beien, ihr solltet es vielmehr fr eine unverdiente
Ehre anrechnen, mit solch einem feinen, wohlerzogenen Mdchen reisen zu drfen,
wie die Gesima Weienstein. Aber lat ihr mich eigentlich ausreden oder nicht?
Also mit der Gesima fahrt ihr im Wagen bis nach Bischofshardt, und morgen drft
ihr den ganzen Samstag beim Landammann bleiben; wie er euch dann am Sonntag nach
Aarmnsterburg weiterspediert, ist seine Sache.
    Diesem Reiseverzeichnis fgte die Gromutter einige Weisungen, Warnungen und
Ermahnungen bei. Mit dem Gtti Statthalter in Schnthal, bei welchem sie zu
Mittag essen werden, sei nicht zu spaen; der sei ein entsetzlich strenger Herr,
vor welchem alles zittere, so da sie sich dort doppelt vorsichtig und
untadelhaft benehmen mten. Sie drften ihn also zum Beispiel nicht so patzig
anglotzen, als wollten sie sagen: pumps, jetzt sind wir da, sondern ihm
manierlich die Hand reichen. Im besonderen habe der Statthalter einen
furchtbaren Ha gegen seinen eigenen Sohn, den Max, oder den Narrenstudenten,
wie er im Kanton heie; sie sollten daher nie nach seinem Sohne fragen und, wenn
von dem Max gesprochen werde, tun, als hrten sie nichts. Nmlich der Max sei
leider fehlgeraten.
    Der Max hat doch wenigstens niemals Schulden gemacht wie der Dolf,
bemerkte der Grovater bitter mit einem schmerzlichen Seufzer.
    Die Gromutter fuhr fort: Und mit der Gesima Weienstein sollten sie fein
suberlich umgehen, denn die sei erschreckend vornehmer Leute Kind, und ihr
Vater, der Landammann, wrde vorkommenden Falls die mindeste Ungebhrlichkeit
grausam rchen. Mit suberlich umgehen sei indessen nicht blo gemeint, sie
nicht zu hauen und auszuhhnen, sondern hflich und zuvorkommend gegen sie zu
sein und danke zu sagen. - Gerold, wenn dich der Kater beit, beklage dich nur
nicht bei mir. - Wenn in der Friedlismhle, wo sie vorbeikommen werden, jemand
nach dem Onkel Dolf frage, so sollten sie antworten, es sei jetzt in Ordnung,
und es komme in den nchsten Tagen ein ausfhrlicher Brief. Und im Althusli,
auf der letzten Wirtshausstation vor Bischofshardt, sollten sie nicht etwa
einkehren; denn im Althusli wohne Lumpenware, mit welcher man nichts zu tun
haben wolle. Dieser Brief ist fr die Frau Statthalter, der andere fr eure
Mama, der hier gehrt in die Friedlismhle. Gre an Papa und Mama und alle
verstehen sich von selber, aber es kommt daneben hauptschlich darauf an, da
man sie auch ausrichte. Und die Monika, die Magd bei Statthalters, solle so gut
sein und auf den Sonntag fr Kalbfleisch sorgen. Und der Doktor mchte doch von
Schnthal heraufkommen, wegen der Urgromutter, womglich heut noch, und
Blutegel mitbringen, denn es gehe ihr nicht gut. Wenn sie Zeit htten, sollten
sie in Bischofshardt -
    Und so weiter und so weiter! schlossen die Buben, flchteten durch die Tr
und pflanzten sich entschlossen vor den Kaffeetisch.

    Ob sie nicht selber das Bedrfnis versprten, von der Urgromutter Abschied
zu nehmen und sie ein letztes Mal noch zu sehen, - mahnte eine Stimme aus dem
Fenster, als sie reisefertig vor dem Hause ungeduldig auf und ab spazierten.
    Als sie in die Krankenstube der Urgromutter traten, erblickten sie etwas
Merkwrdiges: den jungen Onkel Dolf, der schluchzend auf den Knien lag, whrend
die Urgromutter mit keuchender Stimme auf ihn einredete: Also heilig
versprochen, Dolf, du machst keine Schulden mehr und lssest vom Marianneli und
gehst nie mehr ins Althusli? Gib mir die Hand darauf. Das tat der Onkel Dolf
laut aufschluchzend. Und heiratest die Therese von der Friedlismhle? Ja,
flsterte Dolf kaum hrbar. Da begann die Urgromutter zu beten, und der
Grovater und die Gromutter umarmten den Dolf, der alsobald weinend aus der
Stube strzte. Jetzt kamen die Buben an die Reihe, von den Groeltern zum
Krankenstuhl geschoben. Liebe Kinder, sthnte die Urgromutter, dann, nach
einer langen Atempause, da man frchtete, sie erstickte, stie sie hervor:
grt mir eure Mutter. Hierauf lie sie sich in den Kissen aufrichten und
reckte mit groer Anstrengung ihre Hnde nach den Stirnen der Buben,
unverstndliche Worte lallend. Gerold begriff, erstaunte und erschrak andchtig.
Das war ein Segen wie im Alten Testament, aber da es heutzutage noch Segen
gebe, htte er nie gedacht; er hatte gemeint, der Segen wre seit tausend Jahren
aus und vorbei wie die Wunder. Auch hatte er gemeint, ein Segen sei etwas
Freudiges, Schnes, Glnzendes, mit einem goldenen Schimmer um den Kopf des
Segnenden, und jetzt war die Urgromutter mit den aufgeschwollenen Gliedern, mit
den blden Augen, mit dem blutigen Waschbecken neben sich, so traurig und
hlich anzusehen, da er fast htte weinen mssen. Das jedoch war ihm deutlich:
die Urgromutter brachte ihnen mit ihrem Segen das grte Geschenk, das ein
Mensch anderen bringen kann; denn durch diesen Segen waren sie fortan beide fr
ihr ganzes Leben gegen alles Unheil gefeit. Ich danke dir fr den Segen,
Urgromutter, sagte er treuherzig, und der Hansli auch. Er hatte es besser
sagen wollen, allein er wute nicht wie.

    Nun stand der Abreise nichts mehr im Weg, auer da der Dolf, der sie
halbwegs Schnthal begleiten sollte, immer nicht kommen wollte. Endlich kam er
doch, und sofort stampften sie, Fhrer rechts, linken Fu voran, von dannen; und
je schmerzlicher ihnen der Abschied wehe tat, desto strker stampften sie.
    Der Onkel Dolf mute offenbar krank sein, denn er sah bleich aus, hielt sich
abseits von den Knaben und sprach auf dem ganzen Wege kein Wort zu ihnen. Sie
aber machten unterdessen ihrem Groll, mit einem Mdchen reisen zu mssen, mit
gedmpfter Stimme Luft, indem sie alle Unarten und Lcherlichkeiten der
Mdchenrasse hhnisch zusammentrugen: ihre komische Erscheinung mit den
unvernnftig langen Haaren und Rcken, mit den kindischen Trippelschritten, mit
den geschwollenen Krperlinien, - ihre schmhliche Feigheit, so da sie vor dem
bloen Anblick einer blanken Waffe sich die Augen, vor einem kleinen
Pistolenschu die Ohren zuhielten, - ihre verchtliche Schwachheit: eine ganze
Schulklasse erwachsener Mdchen von einem einzigen schneeballbewehrten Buben in
die Flucht zu schlagen, - ihre Eitelkeit und unmnnliche Ziersucht, immer ein
Spiegelein vor dem Gesicht und ein bunter Lappen am Hals und in den Haaren. -
Und hast du gesehen, wie sie schwimmen? flsterte Gerold, ekelhaft! Zu
allem obendrein sind sie noch falsch und hinterlistig und lgen, berichtete
Hansli, der Brieftrger hats zum Posthalter gesagt, ich habs gehrt; und der
kanns wissen, er ist alt genug.
    Da strte der Dolf unversehens ihre Unterhaltung; schade! noch nie hatten
ihre Ansichten so bereingestimmt. Seht ihr dort unten im Tal zwischen den
Wldern den gelben Fabrikschlot? Das ist Schnthal; ihr knnt jetzt unmglich
noch fehlen, in einer starken halben Stunde seid ihr dort. Und zeigte ihnen mit
dem Finger den Schlot. Dann stellte er die Kadetten zu beiden Seiten der Strae
auf, Front gegen die Wiese und Rcken gegen Rcken. Kannst du ein Geheimnis
bewahren, Gerold? zischelte er ihm ins Ohr. Gerolds Blicke leuchteten stolz.
Diesen Brief gibst du heimlich dem Marianneli im Althusli, aber ja niemand
anders als ihr, und falls du das Marianneli nicht treffen solltest, so zerrei
den Brief. Verstanden? Hiemit nahm er ihm den Tschako ab und steckte den Brief
in das Hutfutter. Hernach kommandierte er mit lauter Stimme: Kadettenbataillon
Aarmnsterburg, Augen zu! und steckte dem Gerold allerlei in die Fracksche,
dem Hansli in die Patrontasche. (Streichhlzer, dachte Gerold, ich riechs;
Pulver, erriet Hansli, ich merks.) Alles gehrt beiden gemeinsam, erklrte
Dolf, aber Gerold hat den Oberbefehl darber. - Achtung! Bataillon
Aarmnsterburg, Augen auf! Front nach Schnthal! Richt' euch! Vorwrts,
Feldschritt, marsch! Da marschierten die Kadetten zu Tal, und der Dolf kehrte
nach Hause zurck, bergauf, heim nach Sentisbrugg.

    Sobald er hinterm Rank verschwunden war, untersuchten die Buben ihre
Geschenke. Richtig, wie sie vermutet hatten: Streichhlzer und Schwefelhlzer,
Zunder und Pulver. Aber in welchem unglaublichen, fabelhaften Reichtum! So viel
hatten sie in ihren khnsten Hoffnungstrumen kaum beisammen geschaut,
geschweige denn in der Wirklichkeit. Wohl an die vier Pfund des feinsten
Jagdpulvers! - Gerold rang sthnend nach Atem vor berglck, Hansli tanzte wie
besessen auf dem Fleck, dann blitzten sie einander aus den Augen einen Schwur
entgegen. Jetzt, ehe es zur Schule geht, das Leben genieen, grndlich, bis zum
letzten Pulverkorn, hernach komme, was da wolle! Und strmten in wahnsinnigem
Lauf in den Wald, um einen abgelegenen Schlupfwinkel zu erspren, durch Busch
und Strupp, Dickicht und Dorn, ber Wasser und Steine, blindlings, ohne
Aufenthalt, aufwrts nach den Flhen. Eine einsame heie Felsenkammer, deren
jhe Mauern von stillem Buchenwald berwachsen waren, empfing sie; hoch ber
Fluh und Wald kreiste ein leises Raubvogelpaar. Hier! herrschte Gerold und
begann die kriegerische Alchimistenware auf dem glhendsten Felsentisch
auszubreiten. Aber ehe er die Hochzeit gestattete, hielt er zuerst dem kleinen
Infanteristen vor dem Tiegel eine ernste Festpredigt, von der Last der
Verantwortlichkeit redend, die er, als der ltere, fr seines Bruders Leben auf
dem Gewissen trage, hernach vor den Tcken des Schiepulvers warnend, welches,
von Berthold Schwarz Anno 1330 in Freiburg erfunden, mit wahrhaft teuflischer
Hinterlist sich tot zu stellen pflege, um einem genau in dem Augenblick, da man
anfange zu blasen, ins Gesicht zu springen; endlich dem Bruder pyrotechnische
Errterungen ber Lauffeuer, Feuerteufel und Erdminen gnnend, nebst den
Rezepten und Handgriffen fr die Zubereitung eines jeden dieser Gerichte.
    Nachdem Hansli mit begeistertem Blick nicht blo die blindeste Disziplin
zugesichert, sondern berdies berraschungen der Klugheit in Aussicht gestellt,
machten sie sich gierig ans Werk, worauf binnen kurzem unter ihren
Schwarzknsten die stille Felsenklause sich in eine donnernde, flammende und
qualmende Hlle verwandelte, in welcher die beiden Kadetten wie zwei verklrte
Salamander wirtschafteten. Fauchend pufften die Lauffeuer um den Sims des
Gemuers, blitzgeschwind, in abenteuerlichen Schlangenwindungen, gefolgt von
trge nachkriechenden Wolkenkarawanen. Blutrote Funkengarben entsprhten
zischend und knatternd den Feuerteufeln, hllisch anzusehen, doch gnzlich
ungefhrlich - man durfte sogar das Gesicht darber halten; ohnmchtige,
selbstmrderische Vesuve, weiter nichts. Das Herrlichste aber waren doch die
Minen. Freilich, Zeit brauchten sie! Zeit! Oder was meint ihr denn? Ohne
Schaufel und Pike die Erde auszuhhlen, einzig mit den Fingern und einem kleinen
Taschenmesser, das macht sich nicht so schnell! Und dann hernach noch Gras und
Bltter, Reiser und Steine herbeischleppen, aus allen Weltgegenden, zum
Auffliegen - wenn ihr glaubt, das gehe nur so im Handkehrum, so tuscht ihr euch
gewaltig. Allerdings wurde man dafr auch belohnt. Der Knall, wenn die Mine
krachend aufflammte! Und die Vergngungsflge der wie verrckt herumwirbelnden
Hlzer und Kiesel in der Luft! Und wenn das Feuerwerk von Knall und Flug fertig
war, kam erst noch das Beste: ein schwarzlockiger Rauchball bolzgerade ber die
Buchenwipfel steigend, gefolgt von kleinen verspteten Erdbeben, und ganz
zuletzt wuschelten noch einige Pulverwlklein gleich Maulwrfen durch das Moos.
Jedesmal, wenn eine Mine aufgeflogen war, sprangen sie hinzu und tanzten im
Rauch; wenn vollends ihnen nachtrglich noch vereinzelte Hlzer und Steinchen um
die Kpfe karttschten, so wuten sie sich vor wahnsinniger Wonne und
Bruderliebe gar nicht mehr zu helfen. berhaupt, wie zeigt man eigentlich seinem
Bruder, da man ihn gern hat? In dieser Zweifelsnot fraen sie Pulver und
fletschten einander mit dem Schwefelatem an. Vielleicht war das nicht der
bliche Ausdruck der Sympathie, gleichviel, sie verstanden sich in dieser
Sprache.
    Das knallt schn! erscholl eine tiefe Mnnerstimme, als sie eben wieder
eine Mine losgelassen hatten. Und wie sie sich umsahen, hielt ein
Landjgerwachtmeister mit Ehrenzeichen auf der Brust und goldenen Schnren am
rmel hinter ihnen. Gerold stand vor Schreck versteinert, und Hansli hockte, er
wute selbst nicht wieso, pltzlich auf einem Felsblock oben. Wir tun nichts
Bses, kreischte er von dort, der Onkel Dolf hat es uns erlaubt. Der
Wachtmeister beruhigte sie lchelnd. Ein Landjger, belehrte er, bedeute nicht
notwendig das Gefngnis, ein solcher habe auch noch andere Obliegenheiten in der
Welt. Zum Beispiel seien die Landjger die Untergebenen des
Regierungsstatthalters, welcher sie, wenn er wolle, unter anderm zum harmlosen
Botendienst bentze. Mazzmann ist mein Name, und der Statthalter von Schnthal,
euer Gtti, hat mich geschickt, nachzusehen, wo ihr bleibet und ob euch nicht
etwa ein Unglck zugestoen sei, oder ob ihr euch vielleicht verirrt habet. Ich
knnte nicht gerade behaupten, da es schwierig gewesen wre, euch zu finden,
man hat ja das Pulvern fast bis auf die Landstrae gehrt und den Rauch ber den
Bumen gesehen. Doch kommt jetzt; ihr werdet Hunger haben. Das war eine Idee;
Hunger, ja Hunger hatten sie.

                             Beim Gtti Statthalter


Wie er lachte, der Gtti Statthalter, als er ihnen bei den ersten Husern von
Schnthal entgegenkam! lachte, lachte, schon von weitem, mit einem aus tiefster
Brust schallenden Gelchter, da man, ob man wollte oder nicht, mitlachen mute.
Ihr seid ja Mohren! rief er ihnen zu. Dann lrmte er alles Volk links und
rechts aus den Husern und zeigte mit den Fingern nach den herankommenden
Kadetten. Die schaut an, die, die! donnerte seine Lwenstimme, das, das, das
sind doch einmal echte, wahre, gesunde, unverdorbene Buben! so, so, so sollten
sie sein. Dazu knirschte er, ballte die Fuste und blickte zornig in die Ferne.
    Zum Gru nahm er den Hansli auf seine linke, den Gerold auf seine rechte
Seite und drckte sie zrtlich gegen sich, so da seine weie Weste ganz schwarz
von dem Abdruck ihrer Pulverkpfe wurde. Wieviel Uhr meint ihr eigentlich, da
es sei? schmunzelte er mit pfiffigem Augenzwinkern. Elf Uhr! riet der Kleine,
ein Uhr! steigerte Gerold. - Wiederum entlie der Gtti frhliches Gelchter.
Habt ihrs gehrt? rief er unter die Leute, elf Uhr! ein Uhr! - Zieht doch
einmal meine Uhr aus der Tasche und seht nach. Vier Uhr, meldete Hansli
verblfft. Die Uhr geht nicht, versetzte Gerold geschwind, mit gescheitem
Blick. So halt sie ans Ohr. Sie ging. Jetzt strich er ihnen zrtlich ber die
Wangen. Gute Buben, schmeichelte er, mit kosendem Ton, etwa so, wie man zu
einem Pferde spricht, whrend man ihm den Hals streichelt. Und auf dem ganzen
Weg bis zur Statthalterei mute klein und gro heraus, um die gesunden,
unverflschten Naturbuben zu bewundern.
    Halt! still! kein einziges Wort des Vorwurfs! wehrte er einer schwachen,
blassen Frau, die mit entsetztem Gesicht und erhobenen Armen aus der
Statthalterei hervoreilte, nicht eine Silbe des Tadels! Ich wrde dem Himmel
auf den Knien danken, wenn einer der Buben da mein Sohn wre, statt - Den Rest
des Satzes verschluckte er, doch seine Augen rollten vor Zorn und Ha. Die
schwache Frau aber kehrte um und verschwand. Haltet euch nur an mich, sagte er
hierauf vertraulich zu den Kadetten, meine Frau meint es ja gewi seelengut,
allein vom Kindergemt versteht sie so wenig wie die brigen Frauen, wenigstens
wenn es sich um Knaben handelt.
    Als er jedoch die beiden nur so an den Etisch setzen wollte, der drauen
fast auf der Strae zwischen den Oleanderbschen gerstet war, erschien seine
Frau wieder, um Einspruch zu erheben, zwar mit tonloser, beinah versagender
Stimme, doch mit zhem, entschlossenen Willen. Sie dulde und erlaube es einfach
nicht, da jemand in so verwahrlostem Zustande mit kohlschwarzen Gesichtern und
Hnden und zerrissenen und staubigen Kleidern sich an den Tisch setze; erst
mten die Kinder gewaschen und notdrftig hergerichtet werden und berhaupt
wieder halbwegs menschlich und anstndig aussehen. Und behielt schlielich die
Oberhand, trotz dem Achselzucken des Statthalters und seinem Maulen ber die
Herzlosigkeit und Grausamkeit des weiblichen Geschlechtes.
    Also wurden die Kadetten in eine Schlafstube neben dem Hfchen befrdert,
dort von der Statthalterin und der Monika ausgezogen, ihre Kleider zum
Schneider, ihre Schuhe zum Schuhmacher geschickt (aber sofort! und so geschwind
als nur mglich, nur das Allernotwendigste, denn in einer Stunde mten die
Kinder wieder verreisen), sie selber, einer nach dem andern, Gerold voran, auf
den Tisch gestellt, eingeseift, gekmmt, gestriegelt und gebrstet. Whrend
dieses Geschftes hrte man durch die Wand den Statthalter im Nebenzimmer
spektakeln: Ihr, der Ihr einen Kutscher vorstellen wollt, und noch dazu einen
herrschaftlichen, Ihr solltet doch wissen, da man einem Pferd, ehe man es
anspannt, zu fressen gibt; geschweige denn einem Menschen. Ob er denn keinen
Funken Gefhl in der Brust habe, da er zweien armen unschuldigen Kindern, die
von morgens acht Uhr bis nachmittags vier Uhr nichts im Magen gehabt haben,
zumute abzureisen, ehe sie gegessen htten.
    Der Kutscher schien etwas zu erwidern, was man nicht verstehen konnte. Das
ist nichts als elendes, faules, einfltiges Geschwtz, lrmte der Statthalter
weiter, Ihr kommt noch bequem nach Bischofshardt. Im Gegenteil, in der
Abendkhle gibt es weniger Staub, und die Bremsen sind den Pferden nicht mehr so
aufsssig. Nur ein Tierquler ohne Herz und Gemt kann auf den Einfall kommen,
bei dieser infernalischen Hitze ein paar arme unschuldige Rlein auf der
Landstrae in Schwei zu jagen. Und dem Wagen wird es wohl auch kein Rad
abknappen, wenn er noch ein Viertelstndchen wartet.
    Dann blieb es eine geraume Weile still nebenan. Hernach tnte es: Guten
Abend, Herr Statthalter. Guten Abend, Herr Balsiger; was gibts Gutes? womit
kann ich aufwarten? Ich glaube, Herr Statthalter, es ist besser, wir lassen
Gesima allein abfahren, und die Buben kommen morgen vormittag mit der Post nach;
falls Sie etwa nicht Platz fr beide haben sollten, so bin ich gerne bereit, den
einen von ihnen, oder auch beide, ber Nacht zu mir zu nehmen.
    An und fr sich htte ich durchaus nichts dagegen, da die Buben die Nacht
in Schnthal blieben, antwortete der Statthalter nach einer kleinen Pause, mit
nachdrcklicher Betonung, denn es sind brave, gesunde, unverdorbene Buben. Sie
sind mir auch nicht feil, niemand braucht sie mir abzunehmen. Aber bei mir heit
es: ein Wort ist ein Wort; es ist zwischen uns abgemacht worden, sie sollten
heute mit Gesima in des Landammanns Wagen nach Bischofshardt fahren.
    Bei mir heit es ebenfalls: ein Wort ist ein Wort. Aber es war abgemacht
worden, um zwei Uhr werde man fahren, und jetzt ist es bald fnf, und bis die
Buben gegessen haben, kann es sechs Uhr werden.
    Sechs Uhr ist nicht zu spt; in zwei Stndlein ist ein Wagen von hier in
Bischofshardt.
    Meinetwegen, so sei es sechs Uhr, wenns nicht anders sein kann; aber dann
mu ich dringend bitten, nicht eine Minute spter.
    Auf eine Minute frher oder spter wirds auch nicht ankommen.
    Ich bitte um Verzeihung, wenn es um vier Stunden Versptung nicht
angekommen ist, so kommt es schlielich auf eine Minute an.
    Jetzt erhob pltzlich der Statthalter seine Stimme zum donnernden Gebrll,
da die Wnde zitterten: Herr Balsiger, ich bin ein einfacher Gemtsmensch.
Aber wenn ich auch von Kunst und sthetik und Klassik und all dem berspannten
Zeug nichts verstehe, so wei ich doch, was recht und unrecht ist, und
vielleicht besser als mancher, der sich wunder wieviel auf seine Bildung zugute
tut. In welchem Gesetz, Herr Balsiger, steht denn geschrieben, da ich nicht
ebensogut ein Anrecht auf ein wenig Freude in der Welt haben sollte wie ein
anderer? Bis dato kenne ich keinen solchen Paragraphen. Aber das htte ich nicht
von Ihnen erwartet, Herr Balsiger, da Sie mir geizig und neidisch die Minuten
vorrechnen wrden, um mir das Stndchen Gegenwart der braven Naturbuben zu
verkrzen. Ich bin ein Gemtsmensch, Herr Balsiger, ich habe auch einen
Lichtblick ntig. Woher aber soll ich den sonst beziehen? Jedenfalls nicht von
meinem Max. Weshalb brigens gerade ich dazu verdammt bin, einen solchen
Duckmuser zum Sohne zu haben, ist mir noch heutigen Tages ein Rtsel. Da machen
sie ein gewaltiges Wesen und Geschrei ber den Sentisbrugger Dolf wegen ein paar
Liebeleien und einiger lumpigen tausend Franken Schulden. Ich tauschte mit
Vergngen den Max gegen den Dolf. An dem Dolf ist doch wenigstens Natur und
Rasse, und wenn er auch ein bichen ber die Schnur haut, mein Gott, das sind
Jugendstreiche, die man strafen, aber auch verbessern und verzeihen kann, und
oft geben die wildesten Fllen spter die besten Rlein. Dagegen so ein
weibischer, saft- und kraftloser Kopfhnger, der einem nicht ehrlich und offen
in die Augen sieht, vom Morgen bis zum Abend in den Wldern herumschleicht, sich
von aller Welt absondert, an keinem gesunden krperlichen Spiel, an keinem
frhlichen Fest, an keiner Versammlung teilnimmt, sich besser dnkt als alle
andern und doch hinten und vorn nichts ist und nichts kann - die Galle berluft
mir, wenn ich nur daran denke.
    Da wir zwei ber Ihren Max verschiedener Meinung sind, erwiderte der Herr
Balsiger ruhig, wissen wir schon lange. Doch jetzt ist nicht von Max die Rede,
sondern von Gesima und den Buben. Ich wnsche einfach einen bestimmten Bescheid.
Kann ich darauf rechnen, da die Buben punkt sechs Uhr reisefertig sind? Wenn
ja, gut, so wartet der Wagen; wenn nein, so la ich Gesima allein fahren. Also,
ich bitte um eine deutliche Antwort; ich denke, das wird wohl kein unbilliges
Ansinnen sein. Oder?
    Da lenkte der Statthalter ein. Gut, gut, einverstanden, ich habe ja nie im
mindesten etwas dagegen gesagt. Aber die Kinder knnen ja ebensogut direkt von
hier abfahren; schicken Sie doch einfach um sechs Uhr den Wagen zu mir. Und
Gesima soll ein halbes Stndchen frher kommen, damit die drei Kinder Zeit
finden, Freundschaft zu schlieen.
    Das hat etwas fr sich. Also ich schicke ungefhr in einer halben Stunde
die Gesima und um sechs Uhr den Wagen.
    Abgemacht. Und nichts fr ungut, nicht wahr, Herr Balsiger? Ich bin ein
einfacher Gemtsmensch und verstehe nicht, meine Worte auf die Goldwaage zu
legen. Auf Wiedersehen.
    Auf Wiedersehen.
    All die Zeit, da der Statthalter redete, hasteten der Statthalterin Hnde,
welche den Gerold pflegten, in aufgeregter Eile; wenn er mit der Antwort
einsetzte, zuckte sie zusammen, als ob man ihr an einen hohlen Zahn rhrte;
erhob er die Stimme, so suchte sie den Atem; wie er aber gegen den Sohn
wetterte, irrte sie fieberhaft in der Stube umher und fate allerlei Gegenstnde
an, ohne zu wissen, was sie tat oder tun wollte.
    Nachdem Gerold als erster suberlich hergestellt und angekleidet war,
entlie ihn die Statthalterin. Sobald dein Bruder gleichfalls fertig ist, knnt
ihr essen. Der Gtti Statthalter jedoch, emprt ber diese, Grausamkeit,
befahl, dem Gerold sein Essen sofort aufzutragen, und als Monika dem Befehl
trotzte, schickte er den Wachtmeister Mazzmann in die Kche, die Suppenschssel
zu holen, worauf Monika sich endlich herbeilie. Nun bediente er eigenhndig den
hungrigen Kanonier mit der Sorgfalt eines Krankenwrters, redete ihm beweglich
Appetit zu, lobte ihn wegen seiner Natrlichkeit, liebkoste ihn mit weichen,
schmelzenden Seufzertnen, wie wenn man einen Kanarienvogel lockt, damit er
einem Zucker aus dem Munde nehme, so da Gerold in Wonne und Freundschaft
schwamm. Bis zum Gemse, da nderte sich die Szene. Das sind Rapnzlein,
schmeichelte der Statthalter, oder Schwarzwurzeln, wenn du das besser
verstehst. Die habe ich eigens fr euch kochen lassen; liebst du die
Rapnzlein?
    Nicht gar so sehr.
    Sags nur offen, du brauchst dich nicht zu frchten, ich bin doch kein
Tyrann. Ja oder nein?
    Nein.
    Da schickte ihm der Gtti Statthalter einen hlichen, stechenden Blick zu:
Nun gut; es zwingt dich ja kein Mensch, sie zu essen, wenn du sie nicht magst.
Aber was ich nicht leiden kann, das ist, wenn man sich ziert und Faxen macht und
Komdie spielt. Da hast du die Rapnzlein, die du so gerne magst; also la die
Stempeneien, greif zu, i, und la dirs schmecken; es sind genug da. Hiemit
hufte er ihm den Teller voll Rapnzlein, und Gerold mute sie wider Willen
aufessen.
    Es sind noch mehr da, falls du etwa wnschest. Willst du noch mehr? sags
offen!
    Nein, ich danke.
    Der Gtti Statthalter runzelte die Stirn und rollte die Augen. Gerold,
Gerold, drohte seine Stimme mit feindseliger Betonung, ich habe dich bisher
fr einen gesunden, unverdorbenen, wahrhaftigen Buben gehalten. Was ich auf den
Tod nicht ausstehen kann, das ist ein hinterhltiges, duckmuserisches Benehmen.
Also gesteh es ehrlich und aufrichtig, wenn du noch mehr begehrst, und sag nicht
nein. Und schob ihm abermals den gehuften Teller voll hin. So oft Gerold, der
einfach nicht mehr konnte, mit Essen einhalten wollte, warf ihm der Gtti einen
hssigen Blick zu, wenn er dagegen weiter wrgte, nannte er ihn einen guten,
braven Buben. Schlielich, als es dem angsterfllten Opfer gelang, sich von dem
halsnotpeinlichen Stopftisch zu retten, Gelt, wir zwei verstehen einander?
triumphierte der Gtti Statthalter, hngte ihm eine Flinte ber die Schulter,
drckte ihm ein Signalhorn in die Hand: So, jetzt spaziere das Dorf hinab und
zeig dich.
    Gehorsam spazierte Gerold durchs Dorf, mitunter einen Ton durch das
Signalhorn tutend. Dabei geriet er an einer hllisch tosenden Fabrik vorber,
auf den Turnplatz; dort setzte er sich auf die Wippschaukel, und blieb halt von
selber sitzen, die Glieder ein wenig mde, der Krper schwer, die Seele
schlfrig, der Blick von einer Steinkugel gefesselt, die in der Lohe lag und
merkwrdige Wunder von Licht und Schatten offenbarte. Da rasselte der
Sentisbrugger Postwagen mit dem Marti auf dem Bock an ihm vorber und hielt zwei
Huser weiter unten still.
    Ich hatte gemeint, ihr wret schon lngst schnurrentum kurrentum in
Bischofshardt, rief ihm der Marti zu, whrend er vom Bock sprang.
    Den Postwagen mochte er sich nher ansehen. Dieser beneidete gelbe Wagen
also hatte noch vor einer Stunde das Glck, das Haus der Groeltern zu schauen,
oder, wer wei, vielleicht sogar den Grovater und die Gromutter selber oder
den Onkel Dolf! Und der Staub hier auf seinem Schulterleder ist Staub von
Sentisbrugg! Und wie sonderbar: nach ihm von Sentisbrugg abgefahren, jetzt mit
ihm gleichzeitig hier und in einigen Minuten vor ihm weg nach Bischofshardt! Ein
eigentmliches Denkgefhl, als stiee die Vergangenheit mit der Deichsel neben
ihm vorbei der Zukunft ein Loch in den Rcken.
    Whrend seines Rundgangs um den Wagen schenkte er dem Inhalt einen Blick.
Hinten in der groen Omnibusabteilung war nichts Lohnendes: farbloses,
graubraunes Volk. Dagegen vorn im Sonntagsbehlter, oder, wie der Marti ihn
taufte, im Affenkasten, wo die Nixverstandewu einzusteigen pflegten, sa ein
feines, junges Dessertmenschenpaar, die Frau mit einem Gesicht wie eine
Prinzessin aus dem Mrchen, obwohl ganz einfach gekleidet, und der Herr hatte
Augen, welche mehr Augen waren als andere Augen. Diese Menschen nun gefielen
ihm; deshalb stieg er auf den Wagentritt und steckte den Kopf durch das Fenster,
um sie sich anzuschauen; da winkten sie ihm beide freundlich lchelnd zu. Als
sie aber anfingen, im verstohlenen sich zu umschlingen wie die Schlangen und
einander abzukssen, schmte er sich und trat vom Postwagen zurck.
    Jemand schupfte ihn an die Schulter: der Hansli.
    Sie ist jetzt da.
    Wer?
    Das Modegeschpf, das Mdchen, die Gesima.
    Wie sieht sie aus?
    Lcherlich: eine rote Mhne bis ans Ende der Welt, eine Kappe ohne Schirm
auf dem Kopf wie ein Teller, ganz dnne Beinchen und ein schwarzweier Rock wie
ein Damenbrett.
    Und beide lachten laut auf ob solch einer Menge komischer Eigenschaften.
Dann zogen sie heim, um sich an der possierlichen Gestalt des kuriosen
Modegeschpfes zu erlustigen.
    Ein prachtmiger, himmelblauer Zweispnnerwagen wartete vor der
Statthalterei mit einem ebenso blauen Kutscher auf dem Bock, der eine unendlich
lange Geiel steif aufrecht hielt wie ein Ulan die Lanze; aber er schien
schlechter Laune und hatte einen ganz roten Kopf. Ob sie nicht wten, wann man
endlich abfahren knne, fragte er die Buben, ohne sich nach ihnen umzudrehen
oder auch nur den Kopf zu bewegen, und worauf man denn eigentlich noch warte.
    Ehe sie ihm jedoch antworten konnten, kam der Gtti Statthalter aus der
Haustr geschnoben:
    Dieses verdammte Zappeln und Drngen und Zwngen habe ich nachgerade bis
zum Halse satt. Ich bitte um hfliche Antwort auf eine hfliche Frage: Wer hat
hier dem andern zu befehlen? der Kutscher dem Regierungsstatthalter? oder der
Regierungsstatthalter dem Kutscher?
    Ich bin dem Herrn Landammann Weienstein sein Kutscher. Der Herr Landammann
hat mir befohlen, sptestens um sechs Uhr mit den Kindern in Bischofshardt
zurck zu sein; jetzt ist es halb sieben, und wir sind noch immer in Schnthal.
    Mit dem Landammann werde ichs schon ausmachen; das geht mich an. Ihr habt
Euch nicht darum zu kmmern.
    Ich habe mich freilich um den bestimmten Befehl meines Dienstherrn zu
bekmmern.
    So fahrt denn! fahrt! fahrt in des Teufels Namen! wenn Ihrs vor Bauchweh
nicht lnger aushalten knnt!
    Ja, ists ernst gemeint? Darf ich mich darauf berufen, Sie htten mir
befohlen, ohne die Kinder heimzufahren?
    Jetzt zweifelte der Statthalter und zauderte; dann antwortete er in
vertrglicherem Ton: Wer hat denn jemals behauptet, Ihr solltet ohne die Kinder
fahren? Ich meinte blo: fahrt einstweilen ruhig und langsam gegen die
Friedlismhle voraus, die Kinder kommen in einer halben Minute nach.
    Da lpfte der Kutscher die Schultern, erhob die Geiel und setzte den Wagen
in Gang.
    Mit Wollust hatten die Buben dem Zank beigewohnt, nun aber, nach dem letzten
Aktschlu, strmten sie ins Haus. Im Hfchen ist sie, belehrte Hansli; deshalb
bogen sie vom Hausgang in die Schlafstube, um von dort das Modegeschpf frs
erste einmal unbemerkt zu beobachten.
    Richtig, da war sie leibhaft im Hfchen, auf einem Paar riesiger Stelzen
zwischen den Kapuzinerblumenbeeten umherhopsend, da ihre rote Mhne hoch ber
das Lubchen hinweg die Luft fegte, wie der Turbanschweif eines galoppierenden
Pascha.
    Mit Siebenmeilenschritten gabelte sie den Wnden entlang, bald tiefer, bald
hher steigend und die hlzerne Schere regelmig auf- und zuklappend; schwenkte
dann stolpernd nach der Mitte, beschrieb dort mit den Zirkeln zwei
Viertelskreisbogen, einen links herum, den andern rechts herum, und spreizte
endlich die steifen Storchenbeine spazierend auf dem Fleck, wie die Rekruten
beim Strafexerzieren, indem sie zugleich ein Liedlein von ihrer Staffelei
erklingen lie.
    Vor Zeiten, als sie noch ein lutschendes Sabbelfrulein gewesen, sang sie,
habe sie mit einem Kadetten vorlieb genommen. Seit sie jedoch die Schule
besuche, fordere sie, wie billig, einen fertigen, garantierten, patentierten
Offizier. Der msse sich indessen sehr beeilen, denn wenn sie einmal in Pension
kme, sei dann ein Major das Allerniedrigste, womit sie sich begnge; billiger
knne sie es unmglich geben.
    Das Liedlein reimte sich, und zur besseren Behauptung markierte sie jeweilen
den Gleichklang mit den Stelzfen.
    Am Schlusse, nachdem sie gesungen hatte: Aber wirklich zum Altar fhrt mich
blo ein General, stampfte sie mit den Krcken.
    Nicht General, rief sie, sondern Generar.
    Dann variierte sie: Aber wirklich zum Altal - Ach was Manschetten! lachte
sie, wischte mit den Stolperstcken ber das Pflaster, als ob sie die Spuren des
Unsinns aus dem Gedchtnis tilgen wollte, und nahm endlich, mutwillig trllernd,
ihren gigantischen Rundgang wieder auf.
    Ob diesem Lustspiel sahen die Brder einander ins Gesicht und brachen
gleichzeitig wie auf Verabredung in ein schallendes Hohngelchter aus; dann
betraten sie das Hfchen.
    Sobald Gesima die Kadetten erblickte, hpfte sie flugs mit geschlossenen
Fittichen vom Stapel, wie der Sperling vom Sims, und whrend hinter ihr die
Stelzen langsam die Waffen streckten, stand sie schon dicht vor den Knaben, in
bescheidener Haltung, vertrauensvoll mit ausholendem Arm die Hand darbietend,
die Flche nach unten.
    Sie nahmen jedoch den Gru nicht an, sondern stemmten die Fuste auf die
Hften und umgingen prfend den seltsamen Kfer, worauf sie ihrem Ergtzen
abermals mit Hohngelchter Luft machten.
    Bse Buben! schalt Gesima, vor dem schimpflichen Empfang flchtend.
    In diesem Augenblick tnte ein schriller Pfiff durch das Haus, ein das Ohr
verletzender, das Herz beleidigender Befehlspfiff, wie man ihn einem
ungehorsamen Hunde nachpfeift. Schnell, schnell, ihr Buben! mahnten
erschrockene Stimmen aus dem Hause, der Gtti Statthalter hat gepfiffen.
    Der Gtti Statthalter sa schreibend in seiner Amtsstube, in schner,
aufrechter Haltung, die Zigarre im Mund, mit zufriedener Miene. Setzt euch,
lud er ein, auf zwei Sthle links und rechts an seiner Seite deutend. Aber ihr
drft euch nicht bewegen, solang ich schreibe, denn das strt mich. Und fuhr
fort zu schreiben. Nach einer Weile bemerkte er milde: Ein anderes Mal, wenn
ich wieder pfeife, bitte ich mir aus, da ihr im Sturmschritt gesprungen kommt
und nicht erst alle mglichen anderen Beschftigungen vornehmt. Sie laufen euch
ja nicht davon.
    Wir wuten halt nicht, da das Pfeifen uns gelte, entschuldigte sich
Gerold.
    Ich mache euch auch keinen Vorwurf, erwiderte der Gtti sanft, ich sage
blo, ein anderes Mal mt ihr schneller kommen. - Und hier ist fr jeden von
euch ein Fnffrankentaler. - Schon gut, schon gut, es braucht keinen
umstndlichen Dank. - Aber so bleibt doch sitzen! Ihr drft zusehen, wie ich
schreibe, nur mt ihr euch ruhiger verhalten als bisher.
    Die Statthalterin nherte sich auf den Fuspitzen dem Schreibenden. Hast
dus befohlen, der Wagen solle fortfahren?
    Der Wagen ist fortgefahren und ist nicht fortgefahren.
    Wenigstens ist er nicht mehr da.
    Liebste, beste Frau, wenn du nur nicht immer knstlich Schwierigkeiten
schaffen wolltest, wo keine sind; berla das ruhig mir; ich habe alles
besorgt.
    Aber ich mu doch wissen, ob die Buben hier bleiben oder nicht, damit ich
die Betten rsten kann.
    La mich nur erst schnell den Brief fertig schreiben, dann will ich dir
alles erklren.
    Jetzt polterte Monika herein, rcksichtslos, mit Trampeltritten. Der Karl,
der Reitknecht von Balsigers, ist da, meldete sie rufend, er solle die Gesima
heimholen.
    Er soll, was ich ihm sagen werde. Zunchst soll er einmal hereinkommen. -
Und was tut denn die Gesima allein im Hause? warum ist sie nicht bei den Buben?
Ruft sie doch. Und holt mir die Pantoffeln, Monika. - Mazzmann, bist du da?
    Hier, Herr Statthalter.
    Wrdest du so gut sein und diesen Brief im Vorbeigehen auf die Post
tragen?
    Mit Vergngen, Herr Statthalter.
    Wo ist der Landjger Weber?
    Nebenan im Wachtzimmer.
    Schick ihn her. - Aha, da bist du ja, Gesima. Nun, wie stehts mit Leib und
Leben? Freust du dich, mit den Buben zu reisen, oder frchtest du dich etwa vor
ihnen?
    Gesima schnellte einen prfenden Blick nach Gerold, einen zweiten nach
Hansli, dann lchelte sie: O nein, ich frchte mich nicht vor ihnen.
    Du bist ein vernnftiges Mdchen, gescheiter als manche Erwachsene; gelt,
du begreifst, nicht wahr, da gesunde Naturbuben nie bse sind; bse sind nur
die Duckmuser - Ihr, Karl, was begehrt Ihr?
    Herr Direktor Balsiger hat mir aufgetragen, das kleine Frulein
heimzuholen, nachdem Ihr den Wagen fortgeschickt httet.
    Das hat Euch der Herr Balsiger unmglich aufgetragen; Ihr mt ihn falsch
verstanden haben. Denn erstens war der Wagen berhaupt nicht fortgefahren, und
zweitens ist zwischen mir und dem Herrn Balsiger etwas anderes abgemacht worden.
Geht nur heim - die Gesima bleibt hier, - und sagt dem Herrn Balsiger, ich lasse
ihm sagen, es bleibe bei dem, was abgemacht worden ist.
    Der Reitknecht zgerte. Ich mchte mir erlauben, hflich zu bemerken ...
    Hier ist gar nichts weiter zu bemerken, es ist alles deutlich und klar.
Adieu. - Ihr, Weber, Ihr seid ein zuverlssiger Bursch. Ihr begleitet die drei
Kinder bis zur Friedlismhle, wo der Wagen des Landammanns auf sie wartet. Ihr
knnt ja den Weg durchs Hfchen ber die Wiesen nehmen, er ist khler und
weniger staubig und nur ein ganz geringer, unbedeutender Umweg. - Aber jetzt,
Kinder, auf die Reise! hpp, huppla, hopp! es ist die hchste Zeit! worauf
wartet ihr eigentlich? Und bitte keine unntzen Zeremonien und
Abschiedssentimentalitten, die kann ich nicht leiden. Huppla, vorwrts,
marsch! Und schob die Kinder in den Hausgang.
    Die Statthalterin trat ihm zaghaft in den Weg. Aber bist du denn auch
vollkommen sicher, wagte sie, da der Wagen wirklich in der Friedlismhle
wartet? hast dus dem Kutscher auch deutlich genug gesagt? Ehe er antworten
konnte, brach sie pltzlich in krampfhaftes Weinen aus, da sie sich an ihn
halten mute. Mitleidig lehnte er sie an seine Brust und redete gtig auf sie
ein, mit sanfter, trstender Stimme: Es sind die Nerven; du sprst die Hitze
und das Gewitter in der Luft. - Weit du was: leg du dich ein halbes Stndchen
ruhig aufs Bett, das wird dir gut tun. - Dann rief er mit Donnerstimme:
Monika, ist der Max, der Schleicher, noch immer nicht heim?

                              In der Friedlismhle


Sie wanderten, eines hinter dem andern, auf dem schmalen Wiesenpfade durch ein
samtnes Bdeli wie eine lustige Blumenschnur auf einem schwarzgrnen Teppich;
zuvorderst Gesima, dann Hansli, hernach Gerold, zuhinterst der Landjger Weber,
immer der Hintermann grer als der Vordermann, wie die Orgelpfeifen. Gesima
versuchte mit Frgeln ein Gesprch anzubahnen: wie lange sie Ferien gehabt
htten und ob es schn gewesen sei in Sentisbrugg und hnliches, erzielte jedoch
keine Antwort. Darauf kehrte sie sich um und bot ihnen Schokolade an; das war
nun verfhrerisch, doch die Kadetten blieben stark und schttelten die Kpfe.
    Dieses Betragen mifiel dem Landjger Weber. Sie sollten doch nicht so stumm
und bockig einherstiefeln, mahnte er, sondern galant sein und ihrer anmutigen
Gefhrtin etwas Artiges sagen.
    Wir sind nicht galant, riefen sie patzig.
    Drben auf der Landstrae, aus einem groen, einzelstehenden Hause, worauf
mit gewaltmigen Buchstaben geschrieben stand Amadeus Stmpfli, Leuenwirt,
quiekte eine blutleere Tanzmusik: eine Klarinette, eine Trompete und eine
Brummgeige. Gesichter zeigten sich an den Fenstern. He, Weber, wohin? Mach
Feierabend! Komm tanzen, die Eva ist da.
    Jetzt defilierte der Landjger bers Gras nach vorn und hielt den Kindern
eine Ansprache. Sie htten jetzt nur noch zehn Minuten bis zur Friedlismhle,
verkndete er ihnen, und knnten selbst mit dem besten Willen den Weg nicht
verfehlen. Wenn sie aus der Klus auf die Landstrae kmen, brauchten sie blo
rechts zu kehren und der Landstrae zu folgen, so wrden sie mit der Nase an die
Friedlismhle stoen. Nach diesem Spruche bog er in die Weiden, bersprang das
Bchlein, schlich ber die Fahrstrae und verschwand in dem gastlichen Rachen
des Leuen.
    Kaum war er auer Sicht, so schritten die tapfern Kadetten stracks zum
Angriff.
    Gerold zerrte dem Mdchen das schwarzweie Barett, das sie schwebend auf dem
Hinterhaupte trug, ber die Stirn mit der barschen Bemerkung, ein Hut gehre auf
den Kopf, nicht dahinter. Zugleich mit der Mtze wanderte jedoch ein Lockenbusch
ber die Schlfe, welcher nun krausemause ber die Augen wehte, weshalb er jetzt
zu einer mhseligen Abhilfe gentigt war, indem er jedes Hrchen einzeln unter
den Rand des Barettes zurckdrngte. Wenn er aber eines glcklich untergebracht
hatte, kamen an einem andern Orte sechs neue boshaft zum Vorschein, so da er
mit dem Coiffieren gar nicht fertig wurde.
    Whrend er sich noch damit abplagte, rckte Hansli auf den Plan. Sie solle
ihm die Alpen hersagen, heischte er protzig. Gesima fate den Horizont ins Auge
und zhlte ohne Zaudern: Jungfrau, Eiger, Mnch, Schreckhorn, Wetterhrner,
Finsteraarhorn, Blmlisalp. Und was sie benannte, bezeichnete sie zugleich mit
dem Finger.
    Hansli sah scharf nach, ob sie nicht etwa pfusche. Als jedoch jede Zacke
ihren zugehrigen Namen erhalten hatte, urteilte er gndig: Gut, mein Kind, du
kannst deine Geographie! Jetzt wollen wir indessen erfahren, wie es mit der
Multiplikation steht. - Aufgepat! Wieviel macht zwlf mal sieben? trat jedoch
verblfft zur Seite, da sie das Exempel schneller im reinen hatte als er selber.
    Nun nahm Gerold, der inzwischen zerstreut nach den Schneebergen gegafft
hatte, das Verhr auf. Wie hoch das Finsteraarhorn sei, prfte er.
    Wenn du oben bist, kannst dus sehen.
    Emprt ber diese ungebhrliche Antwort, runzelte er drohend die Stirn und
ballte die Faust. Der kommt zeitlebens nie aufs Finsteraarhorn, hhnte Hansli,
hchstens aufs Faulhorn. Jetzt wendete Gerold seine drohende Stellung gegen
den Bruder. Da klang in der Ferne ein Vesperglcklein, auf- und abflackernd wie
der zitternde Silberblitz eines Bchleins zwischen den Erlen. Sofort intonierte
der Kanonier mit drhnender Stimme: Goldne Abendsonne. Flugs fiel Hansli ein,
Gesima stimmte ebenfalls zu, und so zogen sie alle drei singend aus der Klus auf
die Landstrae, Gesima jetzt in der Mitte, die Buben zu beiden Seiten.
    Ein haushoher Lastwagen, mit sechs normnnischen Nilpferden bespannt,
knarrte schwerfllig vor ihnen her, der Fuhrmann in gebckter Haltung neben den
Tieren einherkeuchend, als ob er ihnen mte schleppen helfen. Er gab den
Kindern seine Befriedigung ber ihren lieblichen Gesang kund, welcher dem Herzen
wahrhaft wohltue, erlaubte sich dagegen ber ihre Erscheinung eine freche
Bemerkung. Sie shen nebeneinander aus, meinte er, und machte ein geistreiches
Gesicht, wie die Schaufeldame zwischen dem Herzknig und dem Ecksteinbuben.
    Und dem Schwarzpeter davor, ergnzte Gesima spitzig. Der Fuhrmann belobte
das Mdchen wegen ihrer Schlagfertigkeit und erkundigte sich nach ihrem Namen.
Mit dieser Frage entfachte er jedoch Zank. Nmlich die Knaben behaupteten,
Gesima wre ein hlicher Name, wogegen Gesima einwandte, was hliche Namen
betreffe, so seien jedenfalls Gerold und Hansli hliche Namen, denn wenn sie
schne Namen htten, wrden sie Artur und Oskar heien.
    Er mchte indessen durchaus nicht etwa der Anla sein, verwahrte sich der
Fuhrmann, da sie ihren Gesang seinetwegen unterbrchen; im Gegenteil, falls sie
nichts dawider htten, wolle er gerne mithelfen, so gut oder so schlecht er es
verstnde.
    Die Kinder erklrten den Zuschu eines Basses fr annehmbar, und nach kurzer
Verstndigung sangen sie alle vier mit vereinten Krften: Es zieht mich in die
Ferne. Der Fuhrmann grlte greulich, allein das verdro ihn nicht. Falsch!
strafte Hansli jedesmal, wenn er einen Fehler machte. Spter suchten sie wieder
ein anderes Lied zusammen und so fort, indem jeder aus seinem Gedchtnis
hervorklaubte, was zum gemeinschaftlichen Konzert taugen mochte.
    So oft ein Quartett verklungen war, umkreiste der Fuhrmann einmal seinen
Wagen, um den Rossen ein melancholisches H zuzurufen und ihnen mit dem
Peitschenstock den Takt anzudeuten; hernach gesellte er sich wieder zu seinen
Kameraden, um sich das Losungswort zu einer neuen Nummer zu holen. Bisweilen
lie er auch die Pferde ein wenig ausschnaufen, whrend er sich an den Rdern zu
schaffen machte. Man knne nie wissen, entschuldigte er das Versumnis, ob man
je wieder einmal zusammenkme und wie viele von ihnen das nchste Jahr um diese
Zeit noch am Leben seien. Aber er frchte, es gbe morgen ander Wetter. Es
gefalle ihm nicht, wenn man die Alpen gar so schn sehe, da man meine, man
knne sie mit den Hnden greifen wie einen Zuckerstock, und der Himmel sei ihm
auch viel zu bunt, gerade wie wenn ein Flachmaler seinen Farbentopf darber
geworfen htte.

    Die Fledermuse segelten schon um die Dcher, als die Kinder mit dem
Fuhrmann bei der Friedlismhle anlangten. Auf der stattlichen Freitreppe standen
die Wirtsleute bereinander postiert, wie die Altersstufen in einem Bilderbogen.
Mit erhobenen Armen riefen sie den Ankommenden entgegen, wohin sie wollten, bei
Nacht und Dunkel. Und auf die Antwort, der Statthalter htte ihnen gesagt, der
Wagen des Herrn Landammann warte auf sie bei der Friedlismhle, kam der
Bescheid: Davon hat der Kutscher nicht das mindeste gewut, kein Mensch hat ihm
deutlich gesagt, was er machen soll; ein halbes Stndchen hat er noch hier
gewartet, fr alle Flle, dann ist er eben heimgefahren, in der Meinung, ihr
wrdet heute nacht noch in Schnthal bleiben.
    Das gleicht wieder dem Statthalter! tnte ein Ruf.
    Nun, da la ich einfach schnell anspannen und die Kinder nach Schnthal
zurckbringen. Oder, noch besser, ich fahre selber.
    Unterdessen hatte sich jedoch eine stattliche, ungewhnlich groe Jungfer an
die Buben herangemacht. Hat euch niemand in Sentisbrugg einen Auftrag nach der
Friedlismhle gegeben? flsterte sie.
    Freilich, sagte Gerold, ich solle sagen, es sei alles in Ordnung.
    Hast du etwa Briefe? rief sie gierig.
    Ja, antwortete er und kramte die Briefe hervor.
    Trotz der Dunkelheit erbrach die Jungfer einen Umschlag mit fiebernden
Fingern und fing an zu lesen. Pltzlich beging sie einen Freudensprung Juchhu
und lief wie ein Windhund zurck die Treppe hinan, um die Briefe vorzuzeigen.
    Jetzt nderten sich mit einem Male der Text und die Tonart. Sie knnten ja,
hie es, schlielich auch hier bernachten und morgen mit der Achtuhrpost nach
Bischofshardt weiterreisen, sie seien ja hier gut aufgehoben und mten morgen
nicht so frh aufstehen, als wenn sie wieder rckwrts fhren und von Schnthal
die Post nhmen. Abgesehen von der unntzen Aufregung, die sie daheim
verursachen wrden, wenn sie in der Nacht pltzlich wieder in Schnthal ankmen.
Es dauere doch immerhin eine kleine halbe Stunde, bis der Wagen angespannt wre.
Zur vlligen Beruhigung knne man ja einen Knecht nach Schnthal schicken und
den Herrn Balsiger und den Statthalter davon verstndigen. Oder ob sie
vielleicht etwas dagegen htten, hier zu bernachten? An freundschaftlicher
Frsorge wrde man es ihnen jedenfalls nicht fehlen lassen.
    Mit einem bedenklichen Fragezeichen im Gesicht wandte sich Gesima nach den
Kadetten, ihnen stillschweigend die Antwort zuweisend. Hansli, dem die Aussicht
auf unverhoffte Abenteuer das Herz verjngte, stupfte den Bruder heimlich mit
der Faust in den Rcken, einladende Grimassen schneidend. Auch Gerold mochte
lieber in der Friedlismhle als in Schnthal bernachten, schon deshalb, weil
ihm vor der gewaltttigen Freundschaft seines Gtti Statthalter graute. Aber
wieviel es denn kosten wrde, erkundigte er sich bange, sie htten nmlich jeder
nur einen Fnffrankentaler bei sich.
    Der Friedlismhlewirt lachte: Ein Fnffrankentaler? Was meint ihr denn?
Glaubt ihr, die Friedlismhle sei eine Ruberhhle? brigens kostet es fr euch
gar nichts; ihr gehrt ja jetzt sozusagen zur Familie, und ich betrachte euch
alle drei zusammen als meinen lieben Besuch.
    Und ehe sie eigentlich eingewilligt hatten, wurden sie als Zustimmende
behandelt und die Treppe hinauf geleitet. Ihr drft mich Therese nennen,
raunte die groe Jungfer vertraulich, oder auch Tante, wenn ihr lieber wollt.
    Lieber Therese.
    Der Friedliswirt in Person komplimentierte Gesima, die kostbare
Kantonsprinzessin, wie einen Lotteriegewinst ins feine Gastzimmer. Die Kadetten
dagegen baten sich die Gunst aus, sich in der Bauernstube niederzulassen; wegen
des Tabakqualms, wegen des lauten, rauhen Stimmenlrms, wegen der scharrenden
Stiefel; das wre mnnlicher, krftiger, behaupteten sie. Dort wurden sie dann
von Therese in eine besondere, ausgezeichnete Ecke gesetzt und persnlich von
ihr bedient. Und wie! Forellen! - Und immer wollte sie etwas Neues von Onkel
Dolf wissen, was fr ein Gesicht er zuletzt gemacht habe, und so weiter, mehr
als sie selber wuten. Nachdem sie endlich alles ausgeforscht hatte, was
herauszuziehen war, begab sie sich zu Gesima ins Herrenzimmer hinber, kehrte
aber von Zeit zu Zeit wieder zu ihnen in die Bauernstube zurck, gleichsam als
lebendiger Bindestrich zwischen dem Mdchen und den Buben.
    Allmhlich begannen die hinter dem Schoppen lagernden Bauern an den Kadetten
mit Fragen zu stochern, woher sie kmen, wohin sie wollten, wie sie hieen, und
so weiter. Ob ihre Urgromutter, die alte Gottebas Salome von Sentisbrugg, immer
noch am Leben sei, erkundigte sich ein drrer, hagebuchener Armenpfleger,
whrend er sich mit den knchernen Fingern hinter den Ohren kraute wie ein
Kakadu. Und als sie dies mit groer Entrstung als selbstverstndlich bejahten,
munkelte er: So selbstverstndlich ist das nicht; es ist schon manches
Frschlein kopfber in den Schnthaler Wasserfall gehupft, seit das schne
Salomeli von Sentisbrugg mit dem jungen Schulmeister von Buchsingen auf der
Burghhe um die Wette gelaufen ist und dazu gesungen hat: Holderipantoffel,
holderi, der Himmel ghrt dem Herrgott, und d'Welt ist mi. Wenn ihr eurer
Urgromutter das nchste Mal guten Tag sagen wollt, um nachzufragen, ob es ihr
jetzt mit ihren Beinen besser gehe, so mt ihr sie hinter der Kirche aufsuchen,
unter einem Rosmarinstruchlein.
    Dagegen protestierten die Kadetten mit zornigem Knurren.
    Wie alt mag sie denn jetzt sein? tnte eine Frage.
    Jedenfalls hoch in den Achtzigen, nher dem neunzigsten.
    Die alte Bas Salome von Sentisbrugg? ergnzte ein anderer. Die ist ja
Matthi am letzten. Der Marti, der Postillon, hat es heut abend berichtet.
    Das ist nicht wahr, krhte Hansli, wir haben ja heute noch mit ihr
gesprochen.
    Einer Entgegnung wehrte Therese mit einem abmahnenden Bst, indem sie nach
den Buben deutete; und rcksichtsvoll verstummte das Gesprch.
    Der Fuhrmann aber nahm seinen Schoppen in die Hand und lie sich mit den
Worten: Setz dich, liebe Emmeline, neben den Kadetten nieder. Wo habt ihr
denn eure feine Gesponsin gelassen? Gesima, oder wie sie heit?
    Auf der andern Seite, im Gastzimmer.
    Wartet nur, bis sie einmal tausend Wochen alt ist, da wrdet ihr gerne
jeder einen Fnfliber zahlen, wenn ihr noch einmal mit ihr zusammen abends nach
Sonnenuntergang in die Friedlismhle spazieren drftet. Mag leicht sein, einer
oder der andere von euch nagt sich dannzumal die Fingerngel bis zum Ellenbogen
ab, aus Reue darber, da ihr stundenlang in der Wirtsstube gesessen seid, statt
mit ihr im Herrenzimmer. Ja, die hats hinter den Ohren, die wei, wo Bartel den
Most holt, die wird euch schon einmal zeigen, was Trumpf ist, darauf knnt ihr
euch heilig verlassen. Hierauf begann er zu seufzen: Es ist ein eigen Ding um
das Weibervolk. Zuerst, fnfzehn Jahre lang, sieht sie kein Mensch an; dann
pltzlich haben sie ein Herrgottslmpchen am Hals hangen, da sie glitzern wie
Johanneswrmchen, und man meint, sie seien die leibhaftigen Engel. Und
schlielich, wenn der Docht ausgebrannt ist, hat man eine Hexe im Haus, da man
froh ist, wenn man drauen in der Welt herumhaudern darf, bei harter Arbeit und
saurem Wein in Regen und Schnee, lieber als daheim hinter der warmen Suppe. Im
Anschlu daran begann er nach einer Pause ber das menschliche Leben zu
philosophieren. Es mahnt mich immer an den Sentisbrugger Hauenstein: man gibt
sich des Teufels Mhe, um hinaufzugelangen, und kaum ist man oben, so geht es
wieder hinunter und noch viel bser und ruinser. Zuletzt kommen wir doch alle
miteinander bei der nmlichen Herberge an: beim Wirtshaus zu den stillen
Mnnlein.
    Bei diesen Worten stand der Armenpfleger unwirsch auf, zahlte seine Zeche
und stapfte mit steifem Gangwerk aus der Stube.
    Wohin mit den Klbern, Xaverli? grte der Fuhrmann durch das offene
Fenster auf die Strae.
    Nach Bischofshardt zum Metzger. Der Landammann spendiert dem Kantonsrat auf
den Sonntag ein Essen.
    Der Xaverli lie seinen Viehwagen einen Augenblick halten, und smtliche
Klber begannen zu blken. Die breiten Lichtmassen, welche aus dem Gasthof auf
die Strae quollen, beschienen die groen runden Menschenaugen der lechzenden
Tiere, und man konnte sehen, wie sie ihre gespenstisch bleichen Kpfe
verdrehten, um dem Xaverli die Hand zu schlecken. Dann rasselten die Rder
weiter, und das Blken verstummte.
    Eine lange Zeit wurde kein Wort mehr geredet. Pltzlich hie es: Habt ihr
ihn gesehen? gerade diesen Augenblick ist er an der Mauer vorbergeschlichen,
heim zu.
    Wer?
    Der Narrenstudent.
    Was tut er eigentlich den ganzen Tag im Walde?
    Und jetzt ging es ber den Narrenstudenten los, nicht gehssig, aber
spttisch, berlegen und emprt. Wie er sich lcherlich kleide, anders als alle
andern Menschen, mit einem Regenschirm gegen die Sonne, mit Handschuhen und
waschleinenen Unterhosen, wie ein Mdchen, mit einer Brille auf der Nase, wie
ein alter Mann, zum Lesen sogar mit zwei Brillen aufeinander, - wie er sich im
Hardtwalde in der Nhe des Althusli ein Httchen zum Faulenzen
zusammengevattert habe, mit Bchern und Heften und allerlei Schnickschnack. Auf
der Falkenfluh habe man ihn einmal dabei berrascht, wie er die Welt zwischen
den Beinen angeguckt habe, den Kopf zuunterst, angeblich, weil auf diese Weise
die Farben glnzender herauskmen.
    Lat den Narrenstudenten in Frieden, mahnte Therese, er tut ja keinem
Menschen etwas zuleid.
    Aber ein Volksfeind ist er, der den gemeinen Mann verachtet und niemand ein
freundliches Wort gnnt. Sein Vater, der Statthalter, wenn er vorbergeht,
wnscht jedem einen guten Tag und erkundigt sich, wie das Korn und die
Kartoffeln stehen; der Narrenstudent, o je -, der kann nicht einmal Hafer und
Roggen voneinander unterscheiden.
    Es ist keineswegs gesagt, versetzte Therese, da das die besten
Volksfreunde sind, die jeden Menschen anlcheln und dem Volk mit Schmeicheleien
schntun.
    Item, er ist ein Sonderling. Und er kann von Glck sagen, da er einen so
braven, allgemein geachteten, hochmgenden Mann zum Vater hat.
    Der Niedereulenbacher Sizilienverein hat ihn einmal in den Fingern gehabt.
    Warum?
    Die Rose von Tannenheim in den Spott gezogen, wo sie mit vielen Kosten
gegeben haben, sogar mit einem Passivsaldo von mehr als hundert Franken.
    Der Sentisbrugger Turnverein auch.
    Was hatte er mit dem?
    Sie haben ein Stabturnen aufgefhrt, im Sentisbrugger Gemeinderatssaal, und
er hat ihnen nachgesagt, sie wren eitler als das affigste Weibsbild. - Ohne den
schnen Dolf wre es ihm damals schlimm gegangen; und ich wollte ihm noch heute
nicht raten, allein in der Dunkelheit ums Sentisbrugger Schulhaus zu streichen.
Sonst lt man ihn allgemein in Frieden, man hat sich alsgemach an seine
Narrheiten gewhnt; hchstens, da ihm etwa in der Dmmerung ein Stein
nachfliegt.
    Ob dieser Schilderung keimte in Gerold, der mit glubiger Andacht dem
Femgericht zuhrte, der Wunsch, der Zufall mge ihm den Ruhm vorbehalten, den
kantonalen Lindwurm zu zchtigen. Das wre, dachte er, gerade ein hbscher
Heldenanfang fr einen elfjhrigen Siegfried, nicht zu leicht und wieder nicht
zu schwer, denn was da Brillen trug, getraute er sich, ber den Haufen zu
schlagen, gro oder klein, unbesehen.
    Lats nur gut sein, bemerkte ein kleines, feistes, mit einer Botentasche
behangenes Mnnlein, den Narrenstudenten fischt man eines Morgens aus der Aar.
Das sagte er so zuversichtlich und bedeutsam, als ob er mehr wisse, als er sagen
wolle.
    Das mchte ich denn doch nicht behaupten, migte ein anderer; aber
abgesehen davon, treibt ers ohnehin nicht lange. Er hat die Institution seiner
Mutter; alle ihre Geschwister sind an der Schwindsucht gestorben, und sie selber
spinnt auch keinen langen Faden mehr.
    Kein Wunder, bei dem tglichen Verdru mit ihrem Mann wegen des Sohnes.
    Ich liebe nicht, wenn bei mir anderer Leute Familienverhltnisse
hergenommen werden, tadelte jetzt die laute Stimme des Friedliswirtes, welcher
unbeachtet durch die Kchentr hereingetreten war. Darauf wandte er sich zu den
Kindern: ob sie nicht ihrer Reisegefhrtin gute Nacht sagen wollten, sie gehe
jetzt zu Bett.
    Nein, trotzten sie.
    Nachtrglich dauerte jedoch den Gerold die schnde Weigerung; es tat ihm
geradezu weh, so dauerte es ihn, und schnell eilte er hinaus, um Gesima
womglich noch einzuholen. Sie stieg eben die Treppe hinauf, hinter zwei
kerzentragenden Mgden. Eins zwei war er ihr nach, und zur Einleitung, er wute
selbst nicht warum, packte er sie mit vollem Griff am Schopf und zog ihr den
Kopf hinten herber. Sie streckte regungslos die Pftchen von sich, wie eine
Katze, die man aufhebt, lie das Mulchen tief hangen und schaute ihn mit groen
Augen an, von denen man fast nur das Weie sah. Ein Zuck, und sie wre auf dem
Boden gewesen; allein er wollte ihr ja kein Leid antun, bewahre; deshalb gab er
sie sofort wieder frei, worauf sie mit geschwinden Stzen die Treppe hinauf
flchtete. Nun reute es ihn aber wieder, da er sie am Schopf gepackt hatte,
statt ihr freundlich gute Nacht zu wnschen, wie seine Absicht gewesen war.
Darum sprang er ihr nach, und da sie sich in ihrer Angst in den Winkel eines
blinden Ganges verirrt hatte, versperrte er ihr mit seinem Krper die Ausflucht.
Hier gedachte er zum Zeichen seiner Reue ihr etwas zu schenken, fand jedoch
nichts Schenkenswertes in seiner Tasche als ein rosenfarbiges Papier; das
berreichte er ihr. Ich danke, flsterte sie und machte einen hbschen Knicks.
Zeit seines Lebens hatte noch kein Mensch ich danke zu ihm gesagt, und das
verwirrte ihn so, da er sie geistesabwesend angaffte. Seine Verblffung
bentzte sie hurtig, indem sie aalgleich an ihm vorbeiglitt und sich zu den
umkehrenden Mgden rettete. Gute Nacht, rief er ihr gutmtig nach, erhielt
jedoch keine Antwort. Darauf schlich er wieder in die Wirtsstube, nicht ganz
zufrieden mit sich selber.
    Ihr geht jetzt, denk ich, auch besser zu Bett, meinte Therese, die Augen
fallen euch ja zu vor Schlfrigkeit.
    Durchaus nicht schlfrig, bestritten sie eifrig, und um nicht zwangsweise
zu Bett gebracht zu werden, eilten sie flugs durch den Hausgang die Freitreppe
hinunter, um die Hausecke. Es war finstre Nacht, mit Sternen am Himmel, aber
warm, fast hei; ein Kuzchen wimmerte von einer nahen, unsichtbaren Bergwand,
und die Grillen verfhrten einen unsinnigen Lrm. Bei ihrem Streifzug gerieten
sie von ungefhr in einen gewaltigen Wagenschauer, der mit Fuhrwerken jeder Art
vollgepfropft war. Hier erkletterten sie den Bock einer ungeheuren
Riesenkutsche, knpften das Schutzleder, das ihnen bis an den Hals reichte, auf
beiden Seiten zu, so da sie da saen wie zum Rasieren, und schnupperten
wollstig den Duft der Lederwichse.
    Sie liegt jetzt im Sterben, hrten sie drauen auf der Landstrae einen
Vorberziehenden melden, sie rchelt schon.
    Was ist das, rcheln? fragte Hansli leise den Bruder.
    Ich wei nicht genau, etwas hnliches wie schnarchen.
    Kannst du rcheln?
    Rcheln kann man erst, wenn man stirbt.
    Tut eigentlich das Sterben weh?
    Natrlich, warum wrden sonst alle weinen, wenn jemand stirbt.
    Und das Heiraten?
    Jedenfalls viel weniger; sie machen ja alle bei einer Hochzeit lustige
Gesichter. Und gesetzt auch den Fall, so bleibt doch immer ein groer
Unterschied: mit dem Sterben ist alles aus, whrend das Heiraten vorbergeht.
    Hierauf gab es eine kleine Pause. Dann begann Hansli von neuem: Gibt es
auch wohlriechende Tiere?
    Eine einfltige Frage! verwies Gerold strenge, denn er wute die Antwort
nicht.
    Jetzt abermals eine kurze Pause. Warum, fragte Hansli wieder, warum sieht
man eigentlich niemals einen Grovater ber einen Schemel springen oder auf dem
Dach herumklettern, oder eine Gromutter in einen Bottich schlpfen?
    Diesmal begngte sich Gerold mit einem schlfrigen Knurren statt der
Antwort.
    Hernach kam eine lange Pause der Zufriedenheit. Und da die Zufriedenheit
whrte, whrte auch die Pause. Drauen auf der Strae murmelte der pltschernde
Brunnen, stetig und ebenmig; aus weiter Ferne, von der Klus her humpelte der
hustende Brummba der Tanzmusik vom Leuen, plump und drollig, als ob eine
lebendig gewordene Runkelrbe schief um den Saal herumwalzte, die Wurzelspitze
nach unten und der grne Pflanzenschopf oben. Allmhlich steckten sie einander
an, der Brummba und der Brunnen, so da man nicht wute, welcher Ton diesem,
welcher dem andern gehrte; die Brunnenrhre vervielfltigte sich, bekam hundert
Leuenrachen, die Rachen klappten smtlich auf und zu, im Takt des Brummbasses,
schlielich blieben sie sperroffen stehen, stumm und versteinert. Jetzt
erschienen dem schlummernden Gerold Traumgesichte.
    Ihm schien, er stnde vor der Freitreppe der Friedlismhle, aber statt
Friedlismhle stand ber der Haustr geschrieben: Gasthof zu den stillen
Mnnlein. Ein schauerlicher, tausendfltiger Lrm, bertnt von dem
Donnergebrll des Gtti Statthalter und dem Blken angstvoller Klber umtoste
den stillen Gasthof, hnlich dem Tosen der Schnthaler Fabrik. Jetzt kam ein
unendlicher Zug von Schlachtopferklbern die Stufen der Freitreppe
heraufgestiegen, mit ihren groen traurigen Menschenaugen sich nach Gerold
umschauend; oben auf der Treppe standen sie still, wackelten mit den Kpfen und
Beinen im Takt des Brummbasses, dann stiegen sie auf der andern Seite die Treppe
hinab. Aber mit einem Male waren es nicht mehr Klber, sondern Menschen, die
Groeltern, die Urgromutter, der Onkel Dolf und alle andern, die er lieb hatte.
Und siehe da, er selber, Gerold, war mit in ihrer Reihe und schaute ihn von der
Treppe herunter an, und der Hansli hinter ihm, der ihm mit den Fingern
spttische Zeichen ber die Schultern gabelte. - Aber wer rchelt denn so?
Erschrocken, mit schnarchendem Aufschrei fuhr er in die Hhe, sthnend, die
Augen geblendet von Lichtschein.
    Da also sind sie, die Ausreier! lachte die Stimme des Friedliswirtes, und
eine laternenbewaffnete Scharwache umringte die Kutsche. Nun wurde das Nest
ausgerumt, der fest schlafende Hansli von der Therese auf die Arme geladen,
Gerold taumelnd und schwankend vom Wirt abgefhrt.
    Unterwegs nach ihrem Schlafzimmer kamen sie an einem mrchenhaften
Himmelbett vorber, mit Schleiern und Spitzen umhangen wie fr ein
Schneewittchen. Es lag auch wirklich so etwas Weies darin, das setzte sich
empor, rieb sich die Augen und schnellte dann mit einem kleinen Schrei unter die
Decke. Gute Nacht, Gesima, lallte schlaftrunken Gerold.
    Als er dann in das linde Gastbett verpflanzt war, wo Leib und Seele in
kstliche Untiefen versanken, schlugen alsbald die Trume wieder ber seinem
Geist zusammen.
    Ihm trumte, er se am Weidenbchlein der Klus und schaute in das Wasser,
das eilends einem Wasserfall zustrudelte. In einem Papierschifflein kam die
Urgromutter das Bchlein herabgefahren, aber ganz klein wie ein Kind, und nicht
mehr krank, sondern frisch und frhlich, jung und lieblich; im Vorberfahren
pflckte sie links und rechts Blumen vom Uferrand. Guten Tag, Urgromutter,
grte er. Da spritzte sie ihm mit der Hand Wasser in die Augen. Und wie er die
Augen wieder auftun konnte, war es nicht die Urgromutter gewesen, sondern
Gesima, welche sich neckisch nach ihm umkehrte und ihn auslachte.

                            Der tckische Postwagen


Als Morgenlied pfiff ein Knecht eine Polka, gegenber im Tenn des Heupalastes,
von dessen Dache die Tuberiche gurrten. Dann geschah vom Stalle her ein Poltern
und Wiehern, begleitet von melodischem Schellengelute. Immer neue Glockenspiele
stampften heran, in allen musikalischen Farben, bald mit geschttelten Akkorden,
bald mit leise bewegten Einzelgesngen. Und all das Klingeln erzhlte
Reisemrchen von blauen Bergen und abenteuerlichen Drfern, in mutiger
Schnellfahrt zurckgelegt unter wettsegelnden Wlklein.
    Was ist fr Wetter? erkundigte sich Hansli ghnend.
    Gerold schlug argwhnisch die Augen auf. Die Fensterlden waren geschlossen,
so da es ziemlich dunkel um ihn herum war. Aber oben, hart unter der
Zimmerdecke, kreuzte eine Schar Fliegen in scharfen Wendungen aneinander vorbei,
und in den Winkeln des Zimmers war es nicht dsterer als in der Mitte, das waren
verheiende Zeichen. Als er vollends den schmalen Lichtstrahl zwischen den
Fensterlden nicht wei, sondern gelb sah, verkndete er khn und bestimmt:
Schnes Wetter.
    Falsch! verbesserte Hansli, ich hre, wie es regnet.
    
    Das ist der Brunnen, urteilte Gerold.
    Hansli sprang aus dem Bett und ffnete die Lden. Ein Schwall goldenen
Lichtes strzte durchs Fenster, und gegenber auf den Ziegeln der Scheune lag
ein steifer, rechteckiger Sonnenschein, das Dach halbierend.
    Aber etwas noch viel Schneres lag auf ihren Nachttischlein: Schokolade.
Woher die kam, htten sie leicht erraten, wenn sie gewollt htten; allein sie
wollten nicht raten, aus Besorgnis, der Stolz mchte ihnen sonst verbieten, das
Geschenk anzunehmen. Deshalb begngten sie sich lieber mit der Tatsache und
aens anonym. Derweilen blieben sie liegen, in den Sonnenschein auf dem
Scheunendache starrend; der Sonnenschein starrte ihnen ebenfalls entgegen,
darber ermdeten ihre Augen und schtzten sich mit den Lidern.
    Bis die frhliche Tonleiter der Kaffeelffel auf den Untertassen tnzelte,
da sprangen sie hops aus den Betten.

    Man hatte den drei Kameraden ein besonderes schmuckes Tischlein im
Herrenzimmer gerstet. Auf diesem prangte in einem geblmten Napfe blonder,
sandkrniger, in Zpfen geflochtener Honig; daneben, in feuchte Weinrebenbltter
gehllt, ein knstlich gestempelter Butterbarren, einen Bren schildernd, der
auf einem schrgen Blumenstengel lechzend berganschritt. Whrend sie sittig um
den Tisch herumsaen, als htten sie miteinander einen Ferienaufsatz zu
ergrbeln, erlitt Hansli einen Rckfall ins Examinatorische. Ob man Brot mit
einem d oder einem t schreibe, prfte er das Mdchen. Sie besann sich ein
Weilchen und antwortete dann, solange das Brot frisch und weich sei, schreibe
man es mit einem d, wenn es aber alt und hart werde, mit einem t.
    Das ist eine ebenso unehrerbietige wie ungengende Antwort, rgte Hansli,
Gesima, du erhltst ein schwach in der Orthographie.
    Whrend dessen guckte ihr Gerold schelmisch in die Augen, da er sich
erinnerte, da sie ihm im Traume eine Woge Wasser ins Gesicht gespritzt hatte.
    Als das so fortdauerte, klopfte sie ihm mit dem Lffel auf die Finger.
Trink! mahnte sie. Da trank er geschwind die Tasse aus.
    Aber jetzt fiel ihm wieder ein, wie er sie gestern abend beim Schopf gepackt
hatte, und aus Wehmut darber schaute er ihr abermals in die Augen, um zu
erfahren, ob sie es ihm wohl nachtrage. I! rief sie, und stahl ihm sein
Butterbrot.

    Die Tren standen offen zum Empfang der Morgenluft, welche von weitem herkam
und wrzige Gre aus fremden Gauen mitbrachte. Drben in der Bauernstube zog
ein Trpplein Knechte und Mgde ein; ihre heien Krper und frohen Gesichter
zeugten von rstiger Frharbeit, nchternen Mutes auf freiem Felde vollbracht.
Wie sie so einer um den andern mit roten Backen, glnzenden Stirnen und
schweiglitzernden Armen bedchtig in die khle, schattige Stube traten, war es
anzusehen, als ob jeder von ihnen sechs Quadratfu Sonnenschein und ein paar
Eimer Luftessenz um sich htte.
    Zuhinterst, um einen halben Kopf grer als die brigen, rckte Therese an,
aufrecht und zufrieden, in den langen, blablonden Zpfen blaue Bnder, in den
Augen Siegesleuchten, in den Scheitelhaaren ein paar Flocken Heu: man sprte es
ihr an, da sie die Lerchen hatte jubeln hren. Sie kam zu den Kindern ins
Gastzimmer. Zunchst wnschte sie ihnen einen guten Tag und erkundigte sich, ob
sie wohl geruht und gefrhstckt htten, und ob ihnen nichts mangle. Dann
entschuldigte sie die Abwesenheit ihres Vaters; er habe nach Sentisbrugg fahren
mssen, schon in der Frhe, vor sechs Uhr; er lasse sie aber herzlich gren und
ihnen eine glckliche Reise wnschen. Hierauf sah sie ins Leere und lie endlich
einen langen eigentmlichen Blick auf den Buben ruhen.
    Es hat eine nderung in Sentisbrugg gegeben, sagte sie in gedmpftem, fast
ehrerbietigem Tone zu ihnen, als ob sie zu Erwachsenen redete, habt ihrs
erfahren?
    Und auch Gesima schaute die Knaben scheu an.
    Was fr eine nderung? fragten diese.
    Therese blickte auf den Boden. Nun, ihr werdets noch immer frh genug
vernehmen; geniet nur unbefangen eure letzten Ferientage und seid frhlich, es
ist euer heiliges Recht. - Wohin mit dem Gerold, Hansli?
    Nur ein wenig auf Entdeckungen ums Haus herum, antwortete Hansli, Gesima,
du bleibst hier; dich knnen wir nicht brauchen.
    Ihr drft euch aber nicht mehr zu weit entfernen, mahnte Therese, denn in
einer starken halben Stunde kommt die Post. Und da habt ihr es dann nicht wieder
mit einem langmtigen Privatwagen zu tun, der euretwegen einen halben Tag auf
dem Fleck wartet, sondern mit einem obrigkeitlichen Fahrplan, der auf niemand
Rcksicht nimmt; da geht es strikte nach der Uhr.
    Das mit der Entdeckungsreise ums Haus war nur ein Vierteil der Wahrheit: ein
Komplott gegen Gesima heckte Hansli. Kaum hinter den Pappeln bei der Scheune
angelangt, hielt er still und zog Gerold ins Vertrauen, indem er sich eng an ihn
anschmiegte, um ihn besser zu berzeugen. Wir wollen suchen, flsterte er,
da wir beide auf den Bock oder auf das Postdach zu sitzen kommen, und Gesima
ins Innere des Wagens, dann sind wir sie bis Bischofshardt los.
    Gerold gab keine Antwort, sondern brummte nur.
    Das Allerschnste wre, fuhr Hansli fort, wenn sie den Postwagen
verfehlte; freilich mte man hiefr ein Mittel finden, sie aus dem Haus
herauszulocken. Wenn wir ihr zum Beispiel angben, im Garten wren Himbeeren?
Was meinst du?
    Wiederum begngte sich Gerold mit Brummen. - Aber ist denn das wirklich
schon die Post, dort in der Klus? es ist doch noch viel zu frh.
    Hansli spannte den Blick; er sah weiter und schrfer als sein Bruder.
Bewahre, es ist ja blo ein einziges Pferd, und gar kein Wagen dahinter.
Pltzlich tat er einen Luftsprung: Ein Dragoner! schrie er.
    rgerlich verwies ihm Gerold die unbesonnene Meldung. Er war durch die
Erfahrung gewitzigt; ihm war durch tausend schmerzliche Enttuschungen der
Glaube an leibhaftige Soldaten, geschweige denn an Dragoner, in der gemeinen
Alltagswirklichkeit lngst abhanden gekommen. Eher noch an den Osterhas glauben
als an Dragoner. Ach Gott, wie viele hundert Male hatte er vor Zeiten beim
Gepolter jedes Rumpelkarrens gemeint, eine Trommel zu hren, beim Aufschein
eines bunten Frauenhutes einen Tambourmajor zu sehen. Und hernach die grausame
Enttuschung! Lieber ein fr allemal die Hoffnung aufgeben. - Und doch! Diesmal
sieht es wirklich von fern einem Dragoner gleich, es glitzert etwas auf dem Kopf
des Reiters, wie ein wahrhaftiger Helm, und etwas an seiner Seite wie eine
Sbelscheide. Wenn der Hansli recht htte! O Bangigkeit, o Hoffnung! Jetzt fragt
sichs blo, hat er Epauletten, hat er einen roten Streifen an den Hosen, einen
roten Halskragen? Ja, ja, ja, kein Zweifel mehr, ein leibhaftiger Dragoner. Aber
wohin der wundersame Schmetterling schwenken wird, wenn er vollends aus der Klus
hervorkommt? seitabwrts in den Gau? oder herwrts nach der Friedlismhle?
Atemlos verfolgten ihre Blicke jede Bewegung des Pferdes. Jetzt ist er an der
Kreuzung, nun wird sichs entscheiden. Er kommt. Nein, er biegt ab. O weh,
verloren! er reitet nach dem Gau.
    Nach! schrie Hansli.
    Nach! besttigte Gerold sthnend.
    Und wie hungrige Wlfe setzten sie sich in Galopp, unbekmmert um die
abmahnenden Rufe, die hinter ihnen dreinliefen, um sie zurckzuholen. Der
Dragoner trabte scheinbar ganz langsam; trotzdem vergrerte sich stetig der
Zwischenraum, statt sich zu verringern, und schon begann ihnen der Atem
auszugehen. Allein es gibt hiezulande Wirtshuser am Wege; nicht unmglich, da
er irgendwo absteigt und einkehrt. Dann ist aber auch der Galopp nicht ntig,
der Trab tuts auch; also gingen sie in Trab ber; und der frderte sie beinahe
ebenso flink; abgesehen davon, da er den Atem weniger in Anspruch nahm. Immer
kleiner wurde der fliehende Reiter; nur noch wie ein rotes Schfchen leuchtete
er von Zeit zu Zeit zwischen den Bumen auf. Aber tusch ich mich? mir scheint,
das Schfchen bleibt gleich gro und behlt bestndig ein nmliches Huschen
neben sich. Er sitzt nicht mehr auf dem Pferde, meldete der scharfsichtige
Hansli. Folglich war er abgestiegen, und das Huschen mute eine Schenke sein.
Also fielen sie mit neugestrktem Mute wieder in Galopp.
    Er sa wirklich in der Schenke, der Ersehnte, man konnte seinen Raupenhelm
durchs Fenster erblicken; und sein Pferd stand an einem Pfosten angebunden vor
der Tr. Nun begannen sie die Liebeswerbung, nicht ohne Zuversicht und
Selbstbewutsein. Sie waren ja doch nicht die ersten besten Buben, sondern
Kadetten, sie trugen Uniform mit goldenen Knpfen, Gerold sogar mit Granaten auf
den Knpfen, sie konnten einen Sbel und eine Patrontasche vorweisen, sie
durften sich mithin ein wenig als seine Kameraden betrachten; gewi wird er
ihnen einen freundlichen Gru, vielleicht gar, o Wonne, ein holdes Wort gnnen.
Es galt blo, sich ihm bemerkbar zu machen. Darum stolzierten sie in
militrischer Haltung vor dem Fenster auf und ab, warfen sich in die Brust,
hstelten, sngelten, streckten sich auf den Zehen. Zeig deinen Sbel, riet
Hansli, vielleicht macht das Eindruck. Also zog Gerold den Sbel und
salutierte damit vor dem Fenster. Als auch das nichts fruchtete, kletterte
Hansli am Sims in die Hhe, um den schwarzen Rohaarschweif auf seinem Tschako
wirken zu lassen.
    Jetzt kroch eine mrrische Alte, verdrossen wie das Regenwetter, aus der
Haustr. Was sie wollten, fuhr sie die Buben unwirsch an, mit mitrauischer
Miene.
    Nichts; nur den Dragoner ansehen, antwortete Hansli kleinlaut.
    So kommt ehrlich und rechtschaffen in die Stube, bellte sie, und trinkt
einen Schoppen Wein, wie sichs gehrt, aber nicht wie die Bettler vor dem
Wirtshaus herumstreichen ohne einzukehren.
    Wir trinken keinen Wein.
    Dann schert euch vom Fenster weg! und verschwand mit einem Blick des
Hasses und der Verachtung.
    Nun richteten sie ihre Werbungen an das Pferd, in der Hoffnung, auf diesem
Umwege die Gunst des Reiters zu erschmeicheln; liebkosten dem Gaul den Hals, das
Maul, das Kreuz, wagten sogar ab und zu den Sattel und die Steigbgel
anzurhren, bescheiden, mit heiliger Scheu. Ob dieser Beschftigung erleuchtete
den Gerold ein gescheiter Einfall. Er erinnerte sich gelesen zu haben, ein
Freier pflege seine Geliebte mit heimlichen Geschenken zart zu berraschen,
Blumenstruen und dergleichen. Einen Blumenstrau besa er leider nicht, wohl
aber den Fnffrankentaler vom Gtti Statthalter. Den schob er nun mit
feinfhliger Gebrde behutsam in den Pistolenhalfter des Sattels.
    Da scho der Dragoner mit dem Kopf aus dem Fenster wie der Teufel aus einer
Schachtel. Was sie an seinem Gaul zu schaffen htten, wolle er wissen; der
gehre ihm, nicht ihnen. Darauf nannte er den einen einen Lausbuben, den andern
einen Saububen und beide zusammen zwei Krtenbuben. Und wenn sie sich nicht
sofort packen, werde er herauskommen und sie bei den Ohren nehmen.
    Also mit Schimpf abgefertigt, trabten sie wieder von dannen,
niedergeschlagenen Mutes, mit hangenden Kpfen. Neben der Schande der
verschmhten Liebeswerbung qulte den Kanonier noch das nutzlos verschwendete
Silberstck; nicht sowohl der Verlustschaden selber, als die Gewissenssorge, ob
er mit der Dahingabe eines geschenkten Gutes nicht etwas Unrechtes begangen
habe, eine Versndigung gegen das achte Gebot: Du sollst nicht stehlen.
Eigentlich gestohlen war das ja nicht, allein man hatte ihnen ja in der Schule
so eindringlich bedeutet, da die zehn Gebote eine viel grere Tragweite
htten, als ihr Wortlaut zu sagen schien; kaum da man sich unvorsichtig
bewegte, so hatte man sich gegen eines der bsen Zehn versndigt. Zum mindesten
hatte er sich einer leichtsinnigen Verschleuderung schuldig gemacht; mithin war
er ein Vergeuder wie der verlorene Sohn. Gelt, du erzhlst es keinem Menschen,
bat er seinen Bruder, nachdem er ihm, ohne den Geschwindlauf zu unterbrechen,
seine Missetat bekannt hatte. Das gemeinsame Migeschick erweichte des Bruders
Herz, so da er ihm unverbrchliches Schweigen gelobte.
    Wenn wir jetzt nur nicht zu allem noch die Post verfehlen! seufzte Gerold
und drngte zu verdoppelter Eile.
    Waren sie weit gelaufen! Die Strecke wollte kein Ende nehmen. Dort kommt
die Post! ertnte Hanslis Schreckensruf. Richtig, ungefhr zehn Minuten von
ihnen entfernt erschien der Postwagen aus der Klus und schwenkte, ihrer
verzweifelten Zeichen ungeachtet, nach der Friedlismhle, zwischen den Bumen
verschwindend.
    Zu spt! jammerten ihre Herzen.
    Gerold stellte den Lauf ein und hielt dem Bruder eine Ansprache: Jetzt nur
eines nicht: nur ja nicht hitzig nachlaufen, nachdem es doch einmal zu spt ist;
das wre das Unvernnftigste, was ein Mensch in solchem Fall tun kann. Denn
sonst geschieht unfehlbar folgendes: sowie der Postwagen merkt, da man ihm
nachluft, bleibt er absichtlich stehen, bis man ihm ganz nahe gekommen ist,
dann auf einmal fhrt er im letzten Augenblick hhnisch davon, und je mehr man
sich darber rgert, desto mehr freut es ihn. Den Gefallen wollen wir ihm nicht
tun. Also nur ganz ruhig und gemchlich im Schritt gehen, es kommt auf das
nmliche hinaus.
    Das leuchtete dem Infanteristen ein, und so zogen sie langsam im Schritt
weiter, froh, dem tckischen Postwagen seine boshafte Schadenfreude zu
vereiteln.
    Bald konnten sie ihn von weitem sehen, den abgefeimten Reisekasten, wie er
neben der Friedlismhle stille hielt, mit harmloser Miene, als ob er auf sie
wartete.
    Trau ihm nur nicht, dem falschen Fritz! warnte Gerold, la dich nicht
fangen! er spekuliert einzig darauf, da wir ihm nachrennen, dann fhrt er
augenblicklich fort, darauf kannst du dich verlassen. Und zum Trotz
verlangsamten sie nochmals ihre Schritte.
    Und immer, immer hielt er noch auf dem Fleck, der Hinterlistige, wie
angenagelt, so da sie ihm, wie zgernd sie auch schlendern mochten, trotzdem
stetig nher und nher rckten. ber diese Standhaftigkeit beschlich sie
Verwunderung, und in der Verwunderung sa die Hoffnung. Weit du, was ich
glaube, rief Gerold, wenn wir laufen wie der Blitz, so kommen wir trotz allem
noch rechtzeitig, aber so schnell als du nur kannst. Und mit gewaltigen
Sprngen begannen sie einen Hetzlauf zu rennen. Da tnte ein Posthorn und
klatschte eine Peitsche, und wackelnd reiste der Postwagen in die Weite.
    Siehst du ihn jetzt, siehst du ihn, den gelben Salamander, den
verschmitzten? knirschte Gerold, was habe ich dir gesagt? Sobald wir anfingen
zu rennen, so lachte er mit dem Schwanze und trottelte hhnisch davon. Wren wir
ruhig im Schritt weitergegangen, so htten wir ihn berrascht. Und in seiner
Wut schleuderte er dem heimtckischen gelben Betrger seinen Sbel nach.
    Hansli spottete ber diese ohnmchtige Strafexekution. Du bist genau so
verrckt wie Xerxes, als er das Meer peitschen lie. Gesagt, und warf seine
Patrontasche hinter dem Sbel drein.
    Das eine Gute ist immerhin dabei, trstete Hansli, jetzt sind wir
wenigstens der Gesima los und ledig.
    Wieso?
    Weil sie mit der Post davongefahren ist.
    Die Tatsache mute Gerold als wahrscheinlich zugeben, allein einen
merklichen Trost versprte er nicht darin; eher fast das Gegenteil. Ob sie
gleich nur ein Mdchen war, so hatte er sich halt schon ein wenig an Gesima
gewhnt, und mit einem Male kam ihm die ganze Welt langweilig und dumm vor.
    Und was jetzt weiter? fragte Hansli.
    Mir einerlei, knurrte der Kanonier.
    Nach meiner Meinung gehen wir einfach zu Fu nach Bischofshardt.
    Mir einerlei.
    O weh, da kommt die Therese, pa auf, jetzt gibt es eine Strafpredigt.
    Mir einerlei.
    Es gab keine Strafpredigt, blo eine milde Frage um Aufschlu ber ihr
rtselhaftes Verhalten. Warum sie so langsam im Schneckentempo angerckt wren,
wie wenn sie es absichtlich darauf angelegt htten, die Post zu verfehlen. Zehn
lange Minuten sei es ihr gelungen, den Postillon hinzuhalten, aber lnger habe
sie es nicht verantworten knnen. Was sie jetzt beginnen wollten? Das kleine
Frulein wre der Ansicht, sie knnten alle drei zusammen zu Fu weiter; sie
habe selber schon zweimal den ganzen Weg von Bischofshardt nach Schnthal zu Fu
gemacht. Also, wenn ihr einverstanden seid -
    Ja, ist sie denn nicht mit der Post fortgefahren? fragte Gerold.
    Sie wollte durchaus nicht ohne euch einsteigen. Dort steht sie auf der
Treppe.
    Schne Geschichte, schne Geschichte! die Post verfehlt! spottete Gesima,
indem sie die beiden Hnde mit gespreizten Fingern erhob.
    Darauf machten sie sich alle drei auf den Weg.
    Glckliche Reise, rief ihnen Therese nach. Wollt ihr nicht noch etwas zum
Essen mitnehmen, ein paar Birnen oder Pflaumen? oder sonst etwas?
    Nicht ntig. Und vielmal Dank fr alles.

                               Gerold und Gesima


Hansli bestand auf einer geregelten Marschordnung. Es komme einem Mdchen nicht
zu, urteilte er, in ebenbrtiger Frontlinie mit zwei uniformierten Kadetten zu
ziehen, Gesima msse zehn Schritte zurckbleiben. Sie erhob keinen Einspruch,
fgte sich auch scheinbar seinem Ansinnen, allein so oft Hansli sich umwandte,
um sich zu vergewissern, ob sie die Distanz auch richtig einhalte, dnkte ihn
der Zwischenraum verringert. Das bestritt ihm Gesima lebhaft, worauf er die
Kolonne halten lie und den Abstand mit den Fen nachma. Siehst du, es sind
nur acht Schritte. Dann stellte er sie zurecht, kommandierte Marsch, und
sofort fing der Streit von neuem an. Jetzt befahl er ihr, in der nmlichen
Entfernung voranzuschreiten, um sie besser berwachen zu knnen. Wiederum
gehorchte sie ohne Widerrede. Aber nun trippelte sie im Adagio molto quasi lento
ritardando, was die Kadetten ntigte, ebenso langsam hinterdrein zu kriechen,
denn sonst htten sie ja ihrerseits die Distanz gebrochen. Nicht genug damit,
stand sie alle Augenblicke stille, sei es, um an ihren Stiefelchen zu nesteln
oder an ihrem Kleide zu bndeln, so da die Kolonne langsamer vom Fleck kam als
der Landsturm. Gesima, ich gebe dir eine schlechte Note im Betragen, schlo
Hansli rgerlich und lie fortan den Marsch laufen, wie er mochte.
    Trotzdem es noch frh am Morgen war, neun Uhr oder so etwas, stach die Sonne
schon gewaltig hei, und allmhlich begann den Infanteristen seine Patrontasche
zu belstigen; nicht da sie ihm zu schwer gewesen wre, aber das Bandulier
drckte und erhitzte ihm die Schulter. Folglich zog er das lstige Zeug ab und
hngte es Gesima ber die Achsel. Die machte sich einfach schmal, so da sie
durch das Bandulier schlpfte wie ein Fischlein durch eine Masche, und die
Patrontasche lag auf dem Boden. Dieser Vorgang wiederholte sich etliche Male.
Gesima, drohte Hansli, wenn du das Kunststck noch einmal auffhrst, la ich
die Pulvertasche ganz gewi liegen. La! antwortete sie und befrderte das
Anhngsel abermals zu Boden. Nun machte Hansli ein sorgloses Gesicht und zog
weiter, als ob ihn das schwarze Gepck nichts anginge, nur im Verstohlenen ab
und zu nach hinten schielend. Bis ein Bauernbub den merkwrdigen Fund mit
erstaunter Gebrde aufgriff, da rannte er mit heftigem Protestgeschrei zurck
und ri ihm sein Eigentum aus den Fingern. Wie er aber dann das Mdchen
neuerdings als Lasttier bentzen wollte, verwehrte ihm das der Bruder
milaunisch. Er knne seine Patrontasche selber tragen, bemerkte er barsch.
Diesen herrischen Kommandoton von seiten eines gewhnlichen Kanoniers verbat
sich der Infanterist, ein gereizter Wortwechsel entstand, illustriert mit
Vergleichen aus dem Tierbuche, keinen schmeichelhaften; dem Wortwechsel folgte
nach dem Gesetz der Steigerung das Hohngelchter und schlielich die
Beleidigung. Mdchenfreund! schrie Hansli und flchtete in rasendem Galopp
querfeldein, als liefe der Teufel hinter ihm, wtend verfolgt von dem Bruder,
der ihm jedoch mit seiner Schwerflligkeit bei weitem nicht nachkam. Von nun an
war es Hansli, der Distanz hielt, nicht zehn Schritte, sondern hundert und
zweihundert, zwar von Zeit zu Zeit um eine Ecke herum oder aus einem Busch
hervor den beschimpfenden Zuruf wiederholend, aber furchtsam den Fu zur jhen
Weiterflucht gerstet.
    Kmmern wir uns nicht um ihn, und lassen wir ihn laufen, sprach Gerold
groartig, nachdem er eingesehen, da er ihn nicht einzuholen vermochte. -
Komm, dort geht ein Fuweg in den Wald, so sieht er uns nicht.
    Aber wenn wir uns verirren?
    Und wenn? oder hast du etwa Angst?
    Vor den schwarzen Waldameisen weniger als vor den kleinen roten.
    Und da er sich anheischig machte, sie vor jeder Gattung Ameisen zu behten,
sowohl vor den roten wie vor den schwarzen, folgte sie ihm in den Wald, durch
ein Gebschtor, dessen Zweige so tief auf den Boden hingen, da man gebckt
durch das Pfrtchen schlpfen mute wie durch eine Hhle. Jenseits des
Gebschtores befanden sie sich, von der Welt wie durch einen Vorhang abgesperrt,
in einer dunklen, khlen Tannenhalle. Auf dem trockenen, weichen,
tannennadelgepolsterten Boden federte der Schritt von selber empor, als ob von
unten den Fen mitgeholfen wrde; keine Spur von Unterholz oder Efeu, hchstens
ab und zu eine mchtige Wurzel hemmte den Wandel; und die Erde tnte dumpf und
hohl. Das war so vergnglich, da sie den Fuweg verschmhten und lieber den
einladenden rundlichen Mulden und Hgelchen des sanftgewellten Grundes folgten,
die Tlchen mit kleinen Sprngen, die Hcker im Anlauf gewinnend. Mit einem Male
gewahrten sie, als sie eben wieder eine Anhhe erobert hatten, unten zu ihren
Fen, mitten im Walde, einen majesttischen Flu, der lautlos vorbeizog, zwar
in schleunigem Strom, doch glatt, ohne kruselnde Wellen; statt der Wellen wob
die Flut glanzseidene Muster in die Wasseroberflche.
    Die Aar, erklrte Gesima wibefriedigt. Das bestritt ihr Gerold. Die Aar
sei nicht hier, sondern bei Aarmnsterburg.
    Das beweist nichts; sie kann ganz gut in Aarmnsterburg sein und doch
hier.
    Bitte, Gesima, schwatz keinen Unsinn. Nichts kann an zweien Orten zugleich
sein.
    Doch, ein Flu kann das, weil er sich bewegt. Sonst mte ja die Aar, wenn
sie in Aarmnsterburg bleiben wollte, bestndig ber den eigenen Kopf
hinaustanzen. Gerold erstaunte und dachte gespannt nach. Schlielich mute ers
zugeben. Gesima, du hast recht, du bist gescheit, urteilte er.
    Man sieht nicht alle Tage eine Aar in einem Walde, es lohnte sich, die
Merkwrdigkeit etwas lnger zu betrachten. Darum setzten sie sich in die Nische
einer Zwillingstanne und blickten, frei von Wnschen und Gedanken, geduldig auf
den leisen, schnellen Flu hinab, whrend ber ihnen ein Specht mit
weithinschallendem Ticktack die Stille betonte.
    Gerold wurde anhaltend ernst und nachdenklich. Ob sie sich nicht ebenfalls
entsinne, fragte er, lange vor diesem Leben, vor undenklichen Zeiten, schon
einmal gelebt zu haben, und zwar in einer anderen als menschlichen Gestalt. Und
als sie das bestimmt verneinte, gestand er ihr, er fr seinen Teil erinnere
sich, frher einmal ein Storch gewesen zu sein.
    Ob es ihm denn nicht langweilig vorgekommen sei, fragte sie zurck,
stundenlang auf einem Bein zu stehen, und ob er es nicht unappetitlich gefunden
habe, ungekochte Schlangen und Eidechsen zu essen. Und es nehme sie wunder, wie
er das Fliegen zustande gebracht habe, bei seinem Krpergewicht.
    Das wenigstens, meinte er eifrig, ist dir gewi schon aufgefallen, da
man manches zweimal erlebt.
    Nein, das ist mir nie aufgefallen; es wre auch eine Kunst, denn es ist ja
nicht einmal wahr.
    Hierauf verfiel er wieder ins Nachsinnen. Pltzlich blickte er sie fest an,
mit berlegener Rtselmiene: Was ist das Schwerste in der Welt?
    Der Elefant, riet sie hurtig.
    Nein.
    Ein Heuwagen.
    Nein. Sondern das Schwerste in der Welt ist, zu einem Menschen zu sagen: Es
tut mir leid.
    Durchaus nicht, lachte sie, das sage ich alle Tage zu Papa und Mama, wenn
ich etwas Dummes pexiert habe.
    Da schaute er sie bewundernd an, als ob sie aus einem edleren Stoffe gemacht
wre, und schttelte den Kopf.
    Und was ist das Zweitschwerste in der Welt?
    Mit seinem Bruder nicht zanken.
    Das allerdings auch. Aber ich meine etwas anderes: Das Zweitschwerste in
der Welt ist, jemand eine Verbeugung zu machen.
    Bist du denn so steif?
    Das nicht. Ich knnte schon, wenn ich wollte, aber ich will nicht. Weil ich
ein Schweizer bin und ein Schweizer vor keinem Menschen den Nacken beugen soll.
    Mein Papa ist auch ein Schweizer und macht dennoch Verbeugungen, sogar sehr
schne, wenn er eine Freundin von Mama im Zimmer sieht. - Da kannst du ja nie
auf den Ball gehen und tanzen.
    Doch, tanzen kann ich. Nur wenn es heit Verbeugung, tue ich immer das
Gegenteil und strecke mich bolzgerade in die Hhe.
    Da kannst du jedenfalls sicher sein, da ich nie mit dir tanze.
    Das brauchst du auch nicht, wenn du nicht willst. Ich habe schon eine
Tnzerin fr die Tanzstunde; eigentlich mag ich sie nicht, aber sie hat nicht so
viele hliche rote Haare wie du. - Wart, bleib sitzen, ich will geschwind
hinunter, ein paar Schiefersteinchen prellen.
    Ist dirs nicht ebenfalls verboten, allein an die Aar zu gehen?
    Nur von der Mama. Mein Papa ist selber beim Militr und begreift, da
Gefahr eine Ehre ist. Er tut zwar, als wre er ungehalten, wenn wir etwas
Waghalsiges unternehmen, aber es freut ihn heimlich doch; er lacht mit den Augen
dazu. - Du aber rhrst dich nicht! Gelt? ich kann mich darauf verlassen? Du
versprichst es mir? Du weit, ich habe die Verantwortlichkeit fr dich.
    Ich, wenn mir etwas verboten ist, so brauche ich keine Ermahnungen; ich tu
es einfach nicht.

    Also lief er den Hgel hinab zur Aar. Dort streifte er auf der Suche nach
einem Schtzenplatz und glatten Steinchen der Strmung entlang hinter dem
Weidensaum. Jetzt, so nahe am Ufer, war der Flu nicht mehr stumm, sondern gab
einen unheimlichen drhnenden Metallruf von sich, immer den nmlichen.
    Geh nicht zu nah zum Wasser! und entferne dich nicht zu weit! warnte
Gesimas Ruf von oben.
    Ich kann sechs Zge schwimmen, meldete er stolz zurck.
    Ein tief in den Schatten getauchter schwarzer Waldgraben, wo der Strom in
pfeilschnellen Wirbelringen vor einer Felswand umbog, zog ihn an; erstens wegen
des frchterlichen Anblicks, zweitens weil sich an dieser grausigen Stelle eine
Halbinsel von Schiefergeschtt wie ein Dreieck weit in den Flu vorschob, die
Spitze des Dreiecks im Wasser; dort muten sich geeignete Wurfgeschosse in Menge
vorfinden. Langsam, Fu vor Fu setzend, wagte er sich auf dem Geschtt vor,
bange und bebend, mit verhaltenem Atem und klopfendem Herzen, denn ihm war, als
wollte ihn der reiende Wogenschu von dreien Seiten zugleich angreifen,
umwlzen und fortschwemmen; und das einfrmige Drhnen des Stromes hatte sich in
ein heulendes Brausen verwandelt. Nachdem er ein glattes Scheiblein aufgelesen,
pflanzte er sich in schrger Schtzenstellung fest auf die Beingestelle und
schickte es waagrecht ber die Flche. Ein-, zwei-, dreimal berhrte der Stein
streifend das Wasser, milchweie Spritzer zischten empor, die von dem finstern
Wasserrachen sofort verschluckt wurden; schnapp, wie von einem Krokodil. Doch
Krokodile gibt es nicht in der Aar. Allerdings, wenn man aberglubisch wre,
knnte man meinen, dort in jener meergrnen Wirbelmhle glotzten zwei
Krokodilaugen und dort von oben kmen mehrere hintereinander mit der Strmung
geschwommen, tckisch unterm Spiegel verborgen, bewegungslos anreisend, sich tot
stellend. Unsinn! - Ha! da segelte er mitsamt der Insel, worauf er stand, den
Flu hinunter, da er schwindelnd mit den Armen nach einem Halt fischte, whrend
gleichzeitig eine ungeheure Riesenschlange, um die Waldecke schieend, ihn
blitzschnell verfolgte. Lcherlichkeit! Augentuschung! es schien nur so. - Aber
wenn doch nur Gesima mit ihrem lppischen Geschrei aufhren wollte! sie verwirrt
einem vollends den Kopf damit. Stille schweigen! herrschte er ihr zu. Solch
eine Dummheit! Sie knnte einen schlielich noch anstecken mit ihrer einfltigen
Angst.
    Und bckte sich, um ein zweites Tellerchen auszuwhlen. Da gewahrte er etwas
auffllig Weies im Geschiefer, ein ziemlich groes Blatt Papier, das an den
vier Ecken mit Kieseln beschwert war; es lag kaum anderthalb Schritt von ihm
entfernt, aber ganz nahe beim Wasser, so nahe, da es fast vom Schaum besplt
wurde. Neugierig schob er sich mit vorsichtigen Drehungen hinzu, behndigte mit
einem raschen Griff glcklich den Fund und untersuchte ihn. Das Papier war
beschrieben, zwar blo mit Bleistift, aber leserlich. Er buchstabierte und las:
Hier stand ich vier Stunden. Der Mutter gedenkend kehrte ich um. Max, genannt
der Narrenstudent. Schnell kniete Gerold nieder, kramte seinen Bleistift aus
der Tasche, sttzte sich auf die Ellenbogen, und also, in vierfiger Stellung,
den Geschttboden als Schreibtisch bentzend, kritzelte er hastig eine
Nachschrift darunter: Abscheulicher Mensch! den niemand gern hat, nicht einmal
sein eigener Vater! Gerold. Und die Urkunde beschwerte er seinerseits mit
Steinen, gleichsam als einen Urteils-, Absage- und Fehdebrief.
    Hernach gedachte er in seiner Schtzenkunst fortzufahren. Allein nun war es
auf einmal zuviel. Das unaufhrliche Heulen des brausenden Flusses, der haltlose
Zug der reienden Strmung, das schwindelhafte Kreiseln der Geschwindwirbel mit
ihren Ungeheueraugen und schmatzenden Lippen, das verrterische Gebaren seines
Standbodens, der jeden Augenblick Miene machte, pltzlich bachab zu reisen,
hinterlistig, ohne Warnung und Vorzeichen, das alles, vereint gegen seinen Mut
unablssig anstrmend, ohne eine Sekunde Waffenstillstand, bermochte auf die
Lnge endlich seine Kraft, und jhlings packte ihn das Grausen. Fort aus dieser
flssigen Hlle! schrie sein Herz. Noch gelang es seiner Tapferkeit,
ehrenhalber ruhig nach dem rettenden Ufer zu schreiten, stolz, in aufrechter
Haltung; kaum jedoch sprte er sich auf sicherem Erdboden, so rannte er in
toller Flucht den Wald hinauf.
    Dort sprang ihm die vor Angst weinende Gesima mit Vorwrfen entgegen, fate
ihn am rmel und zerrte ihn mit sich, irgendwohin, einerlei, nur weg von der
gefhrlichen Flut, fort aus dem unheimlichen Wald. Und beiden dnkte es, als ob
das schillernde Stromungeheuer hinter ihnen die Anhhe heraufgestiegen kme, um
sie zu verfolgen, so da sie anfingen, flchtlings zu laufen. Bis von dem
schauerlichen Singen des Wassers nicht mehr der leiseste Ton zu vernehmen war;
da erst atmeten sie auf. Nun erzhlte Gerold hastig von der Schrift des
Narrenstudenten, die er im Geschtt aufgefunden. Gesima schnupfte wegwerfend:
Ein grausiger Mensch! it Froschschenkel und gekochte Schnecken! Wre er nur
ertrunken! Frau Balsiger mag ihn, ich nicht.
    Ja, aber wie kommen wir denn eigentlich aus dem Wald? Das lustige Klingeln
eines Fuhrwerks wies ihnen die Richtung, und frher als sie gehofft hatten,
mndeten sie wieder in den lichten Tag und das freundliche Leben.
    Aber mit dir gehe ich nie mehr von der Landstrae ab, schmlte Gesima,
eher lasse ich mich von der Sonne rsten. Du magst mich dann meinetwegen als
Krebspastetchen verspeisen.

    Es war ein frmliches Auftauen an Leib und Seele, das sie wollstig berkam
in dem heien Sonnenfang der Landstrae, nach dem frstelnden Schauder des
finstern Stromgrabes, und der neuerwachende Mut heischte, als Antwort auf die
erlittenen Schrecknisse und Bangnisse, das Plaudern. Die jngsterlebten
Ferienwonnen schilderten sie einander; Gerold die Herrlichkeiten des
ungebundenen Schweifens ber die Triften, die Abenteuer in Wald und Feld, in
Dorf und Stall, Gesima das stille Vergngen in den kunstseligen Gemchern der
Familie Balsiger, von den Bildsulen im Treppenhause erzhlend, von den Gemlden
an den Wnden, von den Schrnken voller Prachtbilderbcher, von dem Musikspiel
nach dem Nachtessen, mit Frau Balsiger am Klavier, Herrn Balsiger am Geigenpult,
und zuweilen komme auch der Pfarrer mit dem Cello.
    Allein Gerold hrte lngst nicht mehr zu; ber ihrem gleichfrmigen
wohllautenden Kanarienvogelgezwitscher waren seine Gedanken unvermerkt nach den
Wolken ausgewandert, und an ihrer Stelle erschienen allerhand flchtige
Trumereien, die sich allmhlich zu einem einzigen Lieblingstraum verklrten,
seinem Traum, den er bestndig im Herzen hegte: Er sah sich als Anfhrer der
smtlichen schweizerischen Kadetten, in einer frchterlichen Schlacht gegen die
verbndeten Kadetten Europas kmpfend; die Kanonen donnerten, der Pulverrauch
dampfte, da einem vor Wonne Hren und Sehen verging. Schon war der Sieg
entschieden, der Feind floh, smtliche Kanonen im Stich lassend, siehe, da
strzte der Obergeneral der feindlichen Kadetten, ein engelschner Knabe in
weier Uniform mit goldener Schrpe und goldgestickten Aufschlgen, verwundet
vom Pferde. Er, rcksichtslos durch Freund und Feind sich Bahn brechend,
strmisch zu ihm hin, half ihm, sich aufrichten, trstete ihn liebreich, nahm
ihm sein Ehrenwort ab und versprach ihm Pflege und gromtige Behandlung. Und
s war der Dankesblick aus den blauen Augen des schnen Gefangenen.
    Da stupfte ihn Gesima: Was sinnierst du? Errtend wachte er hernieder. Er
solle ihr lieber von Aarmnsterburg erzhlen, begehrte sie, als so langweilig
stumm neben ihr einherzuziehen. Also erzhlte er ihr von Aarmnsterburg, ohne
Plan und Wahl, was ihm gerade zunchst einfiel. Sonst verabscheute er zwar
Aarmnsterburg, denn es war ja die Schulstadt, gehssig, mrrisch und znkisch,
voller Aufgaben, Zeugnisse, Vorwrfe und Nachsitzen, aber merkwrdig, heute, in
der Abwesenheit, als er die Stadt jemand anders schilderte, erschien ihm das
nmliche, was er im wirklichen Leben hate, teilnahmswrdig und erwnscht. Und
da sie seiner Rede aufmerksam lauschte, wurde er allgemach redselig.
    Gesima wnschte zu erfahren, wie es in einem Theater zugehe, und ob er schon
einmal in einer Oper gewesen sei.
    Ah! da leuchteten seine Augen. In der Regimentstochter war er gewesen. Und
nun schilderte er ihr begeistert die unermeliche Flle von Herrlichkeiten, die
er in der Regimentstochter geschaut und gehrt: das Orchester mit seinen
abenteuerlichen Instrumenten, die Bhne mit dem Vorhang und den wechselnden
Szenen, erzhlte ihr den ganzen Hergang der Geschichte, sang ihr die lieblichen
Melodien vor und kam dermaen in Eifer, da er selber gestikulierte und
schauspielerte und gar nicht mehr wute, wo er war.
    Whrend dessen sah ihn Gesima unverwandt an, mit groen, starren, glnzenden
Augen, mitgenieend und mitgerissen, die geschilderten Herrlichkeiten anstaunend
und mehr noch seine Begeisterung, dieses Lodern einer fremden Feuerkraft aus
Seelengegenden, von welchen ihrem jungen kleinen Mdchenherzen bisher noch keine
Ahnung geflstert hatte.
    Mit einem Sehnsuchtseufzer berichtete er dann in berschwenglicher Ekstase
von Marie, der Regimentstochter in Person, der entzckenden Heldin der Oper. Ein
Mdchen, so grundverschieden von den gemeinen Alltagsmdchen wie ein Engel von
einem sndigen Menschen. Heldenhaft, mutig und tapfer in Gebrde, Blick und
Gang, militrisch keck und frisch, in einer Art Uniformrckchen, ein Fchen
angebunden, grend wie ein Soldat, und schn, schn! Eine farbige Schrpe um
die Schultern, ein kleines feines Mulchen und prachtvolle Augenbrauen, die sie
zuweilen zornig zusammenzog; und wo sie auch ging und was sie auch tat, immer
schwebte ein unnennbarer Glanz um sie herum, der sie von allen andern Menschen
auf der Bhne unterschied. Und wie sie singen konnte! viel lieblicher und hher
als die brigen, das trillerte nur so heraus. Aber das Aller-allerherrlichste
war doch, wenn sie mit dem Fu stampfte und dazu fluchte: Sapperment,
Sapperlot, Sackerlot, einmal sogar Donnerwetter.
    Ich kann auch Sapperment sagen, flsterte Gesima wehmtig und neidisch.
    Du? und betrachtete sie, als ob sie ihm Petri wunderbaren Fischzug
versprche. Und als sie wirklich laut und deutlich Sapperment rief und mit dem
Fu dazu stampfte, jubelte er hoch auf, umschlang sie mit den Armen und
quetschte sie einige Male. Pltzlich lie er sie los, sah scharf in die Ferne,
wo er einen wichtigen Gedanken bemerkte, dann legte er ihr die Hnde auf die
Schultern und schaute ihr fest ins Gesicht. Willst du, willst du nchsten
Winter am Kadettenball meine Tnzerin sein? Es wird dir nicht zur Unehre
gereichen, denn im Sptherbst werde ich Offizier. Dann erscheine ich im Tanzsaal
mit einem Schleppsbel und einer breiten roten Schrpe; Quasten und Fransen an
der Schrpe, die bis ans Knie reichen; in den Kragen und in die Aufschlge der
rmel (schwarzsamt, wie du siehst) kommen dann noch goldgestickte Granaten;
Lackstiefel und weie Hosen verstehen sich von selbst. Also, willst du? Gesima?
    Unter der Bedingung, da du mir eine Verbeugung machst.
    Da wippte er mit dem Oberkrper.
    Ja, aber von einem Offizier verlange ich bessere Verbeugungen, hbschere,
geflligere. Du verbeugst dich so, da man dir ansieht, du bist einmal ein
Storch gewesen. Komm, ich will dichs lehren.
    Und fhrte ihn abseits in den Schatten eines Nubaumes und erteilte ihm dort
auf dem Rasen eine kleine Ergnzungstanzstunde. Als ers schlielich leidlich
hbsch konnte, gaben sie sich die Hand und verlobten sich feierlich zum
Kadettenball.
    Nachher setzten sie ihre Reise fort, nunmehr als erklrte Freunde und
Kameraden, traulich und herzlich. Die junge Eintracht machte sie so vergngt,
da sie von selber zweistimmig zu singen anfingen, immer die nmliche Melodie:
das jubelnde Siegesthema aus der Regimentstochter, das ihnen, je fter sie es
wiederholten, um so lieber wurde.
    Whrend des Singens schlenkerte Gerold zum Spiel Gesimas Arm von sich, um
ihn nach dem nchsten Schritt wieder aufzufangen wie einen Pendel; und ihr Arm
federte so flgelleicht, da er dem gelindesten Druck seiner Finger nachgab.
Weil er aber dazu bestndig in den blauen Himmel schaute, kam ihm vor, als ob
ihre Stimme nicht neben ihm, sondern dort oben jauchzte, mit himmelblauen Tnen
und silbersprhenden Aufleuchtern, sooft sie eine hhere seligere Note nahm.
    Wer ihnen begegnete, vermhlte sie mit dem Blick, lchelte ihnen wohlwollend
einen Gru zu und schaute ihnen nach. Eine Kleinkinderschar, die sie einholten,
gaffte sie mit offenen Mndern an. Nehmt euch ein Beispiel, mahnte die
Kindergrtnerin, auf Gerold und Gesima zeigend. Tobias mit dem Engel Raphael,
vermutete ein naseweises Stimmchen aus der Kinderschar.

                          Das verrterische Springseil


Also singend gelangten sie zu einem komischen Zwergstdtchen, das blo aus einer
einzigen Strae bestand. Weidenbach, belehrte Gesima. Am Eingang des
Stdtchens stand Hansli in feindseliger Stellung, die Beine gespreizt, mit
hhnischem Gebrdenspiel ein Stck Brot vorzeigend und verzehrend, in der
Hoffnung, Neid zu erwecken; aber beim Nherrcken des gefhrlichen Kanoniers
stahl er sich vorsichtig um die Ecke, den Durchpa freigebend, und die
Verbndeten zogen in Weidenbach ein.
    Appetitliche Gerche von Fleischbrhe und Krbelkraut grten die
Vorbergehenden; aus khlen, verhngten Stuben klapperten Teller und Lffel, ein
sonnenfeindlicher Hut- und Handschuhladen entsandte einen muffigen Hauch
fremdlndischen Aroms. Durch schwarze Hausflure gewahrte man besonnte
Hofwinkelchen, hnlich den Sentisbrugger Glckseligkeiten, nur auf andern
Stengeln. Auf der Schattenseite der Strae trieb ein Scherenschleifer seinen
Wetzstein, da das Schnurren und Kritzen das stille Stdtchen erfllte. Neben
ihm erschien, aus einem Hausgang tretend, von einem Vlklein neugieriger Kinder
gefolgt, eine Magd mit einer Musefalle, gleichgltigen Blickes das Stdtchen
nach Zerstreuungen absuchend, als ob sie ein Haushaltungsgeschft besorgte wie
ein anderes. Eine aufgeregte Katze schmiegte sich kosend an ihre Fe, weiche,
flehende Tne gespannter Mordlust jammernd. Schaudernd beschleunigte Gerold
seine Schritte und schaute kummervoll zum Himmel, ob nicht das teuflische
Henkerspiel dort oben einen Schmutzfleck in der Welt zurcklassen werde. Neben
der Herzensangst des Mitleids qulte ihn berdies ein dumpfes Schuldgefhl, da
ihm sein Gewissen zuflsterte, alles, was immer geschehe, gehe die
Verantwortlichkeit smtlicher Gegenwrtiger an. Und dazu surrte das Rdchen des
Scherenschleifers geschftig weiter, und seine scharfen Messer kreischten so
schrill, da es einen bis ins Knochenmark fror, wenn man sich an die Stelle des
Wetzsteines lebendiges Fleisch dachte. Als er aber seinen Abscheu vor dem
schauderhaften Benehmen der Katzen mit den Musen aussprach, wurde er von Gesima
gescholten.
    Geschieht den Musen nichts als recht, urteilte sie, warum fressen sie
die Vorhnge!
    Vor einem Zuckerbckerladen am Ausgang des Stdtchens gestand Gesima, Hunger
zu verspren. Ich habe kein Geld, bedauerte Gerold. Hingegen ich! fnfzig
Rappen! Und berredete ihn einzutreten.
    Guten Tag, Kinder, was ist euch gefllig? fragte die freundliche
Verkuferin. Nach einigem Zaudern entschied sich Gesima fr Pomeranzen. Wieviel
fr fnfzig Rappen? Vier, und eine fnfte obendrein, weil ihrs seid. Aber ist
das nicht, oder tusche ich mich, Gesima Weienstein von Bischofshardt? Wie
kommen denn Sie dazu, Frulein, am heien Mittag zu Fu auf der Landstrae zu
reisen? Wollen Sie nicht vielleicht ein wenig ausruhen und einen Teller Suppe
essen? Doch Gesima verneinte dankend.
    Jenseits des Stdtchens sphten sie nach einem Pltzchen, wo sie die
Pomeranzen am behaglichsten verspeisen knnten. ber dem Straenbord auf der
Hhe eines Wiesenraines ruhten zwei Heuwagen, haushoch berladen, zur Heimfahrt
bereit, aber noch nicht mit Pferden bespannt. In den Zwischenraum dieser beiden
Wagen setzten sie sich wie in ein Stbchen, mit einer leuchtenden, weien Wolke
zum Dach. Nun klaubte das Mdchen mit der Daumenbreite die dicken, pelzigen
Goldschalen zu einem Kranz auseinander und bot das Kunststck ihrem Beschtzer
an. Nimm! Whrend sie so eintrchtig schmausten, schlich sich unten auf der
Strae Hansli herbei und guckte ihnen zu, furchtsam und begehrlich wie ein
fremder Hund vor der Gasttafel; es fehlte blo, da er winselte. Kannst
fasten, riefen sie ihm schadenvergngt zu, hasts verdient, ist dir gesund,
und so oft sie eine Pomeranze erledigt hatten, schickten sie ihm die Schalen ins
Gesicht. Dann warf er den Kopf nach allen Richtungen, wie der Dchsel, wenn eine
Wespe vorberfliegt, prfte mit gierigem Blick die enttuschende Bescherung und
nahm betrbt seine demtige Kapuzinerstellung wieder ein.
    Ein Hausierer, den Wiesenrain schrg hinansteigend, erschien vor dem
luftigen Speisestbchen, auf den Schultern statt der Epauletten grellfarbige
Tcher, Hosentrger und Springseile, in dem baumelnden Hngekorbe Knpfe, Ringe,
Nadeln, Salben, Schwefelhlzchen, ein ganzer Jahrmarkt. Und beim Gehen sttzte
er den Korb mit dem Knie, als ob er Drehorgel spielen wollte.
    Gerold lie er unbehelligt, dagegen das Mdchen suchte er mit zudringlichen
Aufmunterungen heim, indem er ihr die Kinkerlitzchen vor die Augen spiegelte.
Sie bog verchtlich den Kopf weg, als ob er ihr Ungeziefer vorgehalten htte.
Als jedoch ein Springseil an die Reihe kam, glnzten ihre Augen. Nun erlaubte er
ihr, das Springseil versuchsweise zu bentzen. Da sprang sie lustig in dem
Schwungrade herum, wie der Mann im Monde, warf dann pltzlich das Seil weg,
setzte sich nieder und schlo die Augen, dem Hndler den Rcken kehrend. Jetzt
hielt jener das Seil dem Gerold unter die Nase, so lange, bis dieser ganz
verlegen wurde. Wir haben kein Geld, munkelte er endlich kleinlaut und wandte
sich ebenfalls ab.
    Nachdem der Krmer noch eine Zeitlang in seiner Verkaufsstellung beharrt
hatte, ohne sich um die verneinende Mimik des Kanoniers zu kmmern, stieg er den
Rain hinab auf die Strae und machte sich an Hansli, welcher, die Hnde in den
Hosen, dem Handel aufmerksam zugesehen hatte. Der gaffte eine Weile das
Springseil an, schnitt dann pltzlich ein schlaues Gesicht, griff in die Tasche
und zeigte mit einladenden Winken dem Mdchen seinen Fnffrankentaler. Sofort
eilte Gesima zu ihm hinunter, schmiegte sich an ihn und empfing nach kurzer
Verhandlung das ersehnte Springseil zum Geschenk glckselig aus Hanslis Hnden.
Hierauf zogen sie beide, Hansli und Gesima, frhlich ab, mit den Schultern
aneinanderklebend und unter geheimnisvollem Zischeln spttische Blicke nach dem
verlassenen Kanonier zurcksendend, welcher mit zornigen Schritten nachfolgte,
um das treulose Mdchen zur Pflicht zurckzumahnen.
    Du bist ja blo ein Storch! rief sie ihm schnippisch zu, sobald sie einen
berfallssichern Zwischenraum hinter sich gelegt hatte, und Hansli ergnzte die
Schmhung, indem er es fr vollstndig richtig und vernnftig ausgab, da Gesima
keine Gemeinschaft mit einem so unwissenden Buben pflegen mge, der mit elf
Jahren noch nicht einmal gelernt habe, da man nur ein einziges Mal auf der Welt
sei und das nmliche Erlebnis nicht zweimal erlebe. Hiermit liefen sie beide in
siegreichem Trab davon, mittelst dessen sie sich rasch entfernten. Dazwischen
hopsten sie zur Abwechslung beilufig ber die Steinhaufen zu beiden Seiten der
Strae, Hansli zu Fu, seine Freundin im Flug durch das Schwungrad; schlielich
tauchten sie am Horizont unter, Stck fr Stck von den Fen aufwrts, bis sie
gnzlich versanken.
    Gerold aber war emprt, einfach emprt. Erstens darber, da seine
Reisegefhrtin, mit welcher er vor wenigen Minuten noch so traulich die
Regimentstochter gesungen, seine Verbndete, mit welcher er sich zum
Kadettenball versprochen hatte, verrterisch zum Feinde berlief, zweitens ber
die schndliche Verffentlichung seiner Geheimnisse. Es war das erste Mal
gewesen, da er berhaupt einem Menschen mitgeteilt hatte, er sei ein Storch
gewesen und erlebe manches zweimal; wenn er es Gesima anvertraut hatte, so war
das selbstverstndlich unter der stillschweigenden Bedingung geschehen, sie
betrachte es als einen Beweis der Freundschaft und behalte es bei sich. Und nun
geht sie und schwatzt es aus und gibt ihn der Lcherlichkeit preis! Das fand er
gemein, einfach gemein. Vor Groll stie er mit den Fuspitzen den Staub vor
seinen Fen auf, da er wie in einer Wolke einherwandelte. Dann warf er das
treulose Geschpf verchtlich aus dem Sinn. Was brauchte er eine Gesima! was
ging ihn das ganze falsche Mdchengeschlecht an! Er hatte Besseres als das:
seinen schnen Kadettengeneral, der ihm nicht untreu werden konnte, weil er ja
sein Gefangener auf Ehrenwort war. Und nun berlie er sich wieder der
beseligenden Vorstellung, wie der schne Feind, vor ihm auf das linke Knie
sinkend, sich ihm ergab, indem er ihm den Sbel waagrecht hinreichte und mit
seinen blauen Augen um Gnade flehte. Weiter vermochte er die Geschichte mit
aller Gedankenanstrengung nicht zu fhren, er fiel ewig in diese einzige Szene
zurck, die aber enthielt eine solche Sigkeit, da er gar nicht ungerne daran
kleben blieb, wie die Fliege an einem Milchtropfen.
    Whrend er dieses wonnige Erlebnis im Herzen abhandelte, schickte er
gleichzeitig seine Blicke in die Wirklichkeit auf die Weide; das eine strte das
andere nicht; im Gegenteil: je andchtiger er dem inwendigen Bilderspiel
zuschaute, desto schrfer sahen seine Augen nach auen.
    Die Strae fhrte durch grne Wiesen und gelbe Rapscker wie zwischen
blhenden Gartenbeeten. Oben am lerchendurchjauchzten Himmel trmten sich
leuchtende Weiwolkenberge, in den Feldern gaukelte eine Kavallerie von
Schmetterlingen, und die ganze Welt war vom Sonnenglast wie mit Fenstern
berspiegelt, so da die Luft flimmerte und zitterte. Von Menschen war keine
Spur zu erblicken, wahrscheinlich wegen der sogenannten Mittagshitze. Was sie
doch immer fr ein unbegreifliches Gezeter gegen die Hitze anhoben, die
Erwachsenen! Er hatte den Grundsatz: je heier, desto lieber, denn je heier,
desto mehr Farben zwischen Himmel und Erde, desto mehr Wohlgerche im Walde,
desto mehr Leben auf dem Felde.
    Dagegen Bremsen, ja, deren gab es eine Unmenge; von allen Nummern und
Tonarten. Die summten dumm-tlpisch um ihn herum, wie betrunkene Racheengel um
ein bses Gewissen; seine gesamte Uniform von oben bis unten war von den
Musikanten gesprenkelt, grau auf dem dunkelgrnen Waffenrock, schwrzlich auf
den hellen Hosen. Die Bremsen nahm er gelassen mit, lie sich auch von den
Blutstropfen nicht rgern, die ihm von den Wangen herunterrieselten. Nur wenn
ihn eine gar zu frech in die Hand stach, zielte er, ohne sich zu beeilen, nach
dem Blutsauger und patschte ihm auf den Kopf. Dann fiel das Glotzauge rcklings
auf die Strae, gabelte mit den Beinen, spielte mit den Armen Violine und
vergrub sich mit rttelnden Bewegungen in den Staub.
    Er war zufrieden, und ihm war wohl. Hatte er nicht recht gehabt? was
brauchte er Gesima! allein war ihm am wohlsten.

                              Beim Narrenstudenten


Ein sonderbarer Mensch, wie ein Schauspieler, aber mit einer Brille auf der
Nase, trat auf ihn zu, grte ihn beim Namen und fragte ihn, warum er so fidibum
fideralla einherziehe, als ob die Welt ihm gehre.
    Weil mir wohl ist.
    Amen, sprach der Fremde.
    Oder ist denn das etwas Bses?
    Im Gegenteil, etwas ganz Vorzgliches, Beneidenswertes. Aber bist du denn
Beelzebub, der Fliegenknig, da du beide Backen schwarz voll Bremsen hast?
warum scheuchst du sie nicht weg?
    Weil ich sie liebe. Da aber bei diesem Spruch der andere hellauf lachte,
fgte er schnell zur Entschuldigung hinzu: Sie tnen so angenehm; das heit,
nicht die gewhnlichen, sondern die ennetbirgischen, die welschen. Und als der
Unbekannte ihn mit aufgerumter Miene ersuchte, er mge ihn doch geflligst den
welschen Bremsen vorstellen, da er noch nicht die Ehre habe, sie zu kennen, nahm
ihn Gerold zu sich heran, hie ihn stillestehn und sagte dann nach einer Weile:
Hrst dus jetzt? peing, pang, wie eine Metallsaite.
    Wahrhaftig, du hast recht. Du verstehst vielleicht mehr von der Schnheit
als ich mit all meinem Studieren. berhaupt, weit du, Gerold, du kommst mir vor
wie ein Fink in einem blhenden Zwetschgenbaum, der es ganz selbstverstndlich
findet, da ihm ein grnes Nest unter dem Leibe wchst. - Wollen wir ein bichen
zusammen wandern?
    Nein.
    Oha! lachte der Unbekannte, schob die Brille auf die Stirn und tippte sich
mit der Hand auf die Nase, da hast dus! Hernach entfernte er sich, indem er
ein Buch hervorzog und eine zweite Brille aufsetzte.
    Jetzt merkte Gerold, da er den Narrenstudenten vor sich hatte. Flugs sprang
er in den Busch, raffte einen halbdrren Baumast vom Boden und schlug damit dem
Unhold ber den Bauch.
    Oho! schrie dieser und zog ein Bein zum Schutz empor. Nun brach Gerold den
Baumast bers Knie und schmi ihm die Stcke einzeln ans Bein.
    Hopla, du grober Gesell! rief der Narrenstudent, jetzt wird mirs denn
doch zu stark, packte ihn am Arm und heischte drohend Auskunft, warum er so
vlkerrechtswidrig behandelt werde.
    Weil du der Narrenstudent bist, versetzte der Kanonier trotzig, mit
herausfordernder Miene.
    Das stimmt, sagte der Narrenstudent kopfnickend und lie den Arm fahren.
Dann fgte er mit einem eigentmlichen Lcheln hinzu: Ein jeder, wie ers
versteht. Du bist halt auch ein Stck ffentlicher Meinung; und keines von den
schlechtesten. Es wre vielleicht ertrglicher, wenn einem die andern ebenso
offen und ehrlich auf den Bauch schlgen; das ist ein Stimmungsausdruck wie ein
anderer; und man wei doch, woher es kommt, und kann sich dagegen wehren. Aber
so kannibalisch brauchtest du deswegen gleichwohl nicht zu hauen, ich htte auch
eine bloe Andeutung verstanden. Wer wei, ob du nicht selber einmal in den
Wldern herumlufst, der Welt zum Spott, wenn du einmal mein Alter hast und der
Engel mit dem feurigen Angelhaken kommt. Ich mchte dirs zwar nicht wnschen;
aber du siehst mir gerade danach aus, mit deinen Johannisaugen.
    Doch Gerold hatte Wichtigeres zu tun als zuzuhren. Ein Krokodil aus grnem
Stein, das der Narrenstudent an der Uhrkette hngen hatte, bezauberte seinen
Blick. Nicht wahr, das ist ein wunderbares Krokodil? lachte der Narrenstudent.
Wenn du mich in meine Einsiedelei begleiten willst, so zeige ich dir noch viel
merkwrdigere Sachen. Willst du?
    Gerold nickte und folgte dem Narrenstudenten in den Wald; ber weiches Moos,
lngs einem Bchlein, neben Felsblcken vorbei.
    Gelt, du hast sie lieb, deine Gesima? forschte der Narrenstudent
unterwegs.
    Ich hasse Gesima, denn sie ist ein falsches Mdchen.
    Das ist kein Grund; man kann auch falsche Mdchen liebhaben, die
falschesten vielleicht sogar am liebsten. Nicht wahr, das begreifst du nicht?
Ich will dirs erklren: hast du jemals ein Eichhrnchen gehabt?
    In einer Drille.
    Hat es dich nie heimtckisch in den Finger gebissen?
    O ja, mehr als einmal, wenn ich ihm zu fressen gab.
    Und hast du dafr das Eichhrnchen totgeschlagen oder fortgeworfen?
    Das wre doch schade. Ich habe einfach dazu gelacht.
    Nun siehst du, gerade so mu mans mit den Mdchen machen, wenn sie falsch
sind und einem hinterlistig wehtun. Nicht sie deswegen fortstoen, das wre
schade, sondern einfach darber lachen. Was hat sie dir denn so Schlimmes
angetan, deine Gesima? la hren.
    Da erzhlte ihm Gerold alles von Anfang an, von ihrer Freundschaft, von
ihrem Bndnis zum Kadettenball, von der schmhlichen Untreue Gesimas wegen des
Springseils.
    Und jetzt sinnst du wahrscheinlich auf Rache?
    Das heit, wenn ich eine Rache wte, welche nicht boshaft und unedel
wre.
    Ich wei dir so eine; eine frchterliche Rache, und doch keine boshafte und
unedle! Nimm du sie am Kadettenball fest um den Leib und tanze mit ihr so lange,
bis sie um Hilfe schreit, vorwrts und rckwrts, linksum und rechtsum, und
erlaube ihr den ganzen Abend nicht mit einem andern zu tanzen oder auch nur ein
Wrtlein mit jemand anders zu reden als mit dir.
    Gerold lachte vergngt: Das ist gut! Das will ich mir merken. Und nicht
wahr, deshalb, weil ich sie zum Kadettenball eingeladen habe, brauche ich sie
deswegen noch lange nicht zu heiraten?
    Kein Gedanke! noch lange, lange nicht.
    Wen heiratet man eigentlich?
    Seine knftige Frau.
    Ich meine nicht so. Ich meine: wie kann man wissen, wen man heiraten soll?
    Das macht man folgendermaen: man stellt smtliche Mdchen der ganzen Stadt
in eine lange Reihe und hlt an jede das Ohr daran, wie der Doktor, wenn man den
Husten hat. Und jene, welche seufzt, als wenn sie zu viele Pastetchen gegessen
htte, die heiratet man.
    Das ist nicht wahr, das glaube ich dir nicht.
    Es ist freilich wahr, nur hat bei mir die Wahrheit einen Fastnachtdomino
an, weil ich halt der Narrenstudent bin.
    Ich mchte gern etwas Dummes fragen, begann Gerold nach einer Pause
zgernd.
    Bitte instndig, tu mir den Gefallen. Eine gesunde Dummheit fragen zu
hren, nachdem man so viel anspruchsvollen Aberwitz hat mssen behaupten hren
wie ich, das ist ja eine wahre Erlsung. Also bitte, Gerold, erbarme dich: frag
eine Dummheit.
    Ich frchte, da du mich auslachen wirst.
    Ich lache niemals eine Dummheit aus, blo eine Weisheit. Also, mutig!
nrrischer als ich bin kannst du doch nicht fragen.
    Warum mu man durchaus ein Mdchen heiraten und nichts anderes?
    Ja, wolltest du lieber einen Heuschreck heiraten?
    Das nicht, aber -
    Aber?
    Meinen schnen Gefangenen.
    Was ist das fr ein Bruder Benjamin?
    Da erzhlte ihm Gerold errtend sein Geheimnis von dem schnen feindlichen
Kadettengeneral, der ihm seit einem Jahr tglich erscheine, sobald er allein sei
und nachts im Bette, im Wachen wie im Traum.
    Der Narrenstudent stand mit offenem Munde still: Sag einmal, du
Riesenpudding von einem Knirps, wie alt bist du denn eigentlich?
    Elf Jahr und zwei Monate.
    Elf Jahr und zwei Monate! und schon Engeleien im Kopf! Gerold, du bist ein
Phnomen.
    Was bedeutet das: ein Phnomen?
    Nichts Beleidigendes. Und wenn du je einmal das Wort Phnomen schreiben
mut, so tu mir den Gefallen und setz ein Ph an den Anfang oder meinetwegen,
wenns nicht anders geht, ein F, nur nicht ein Pf, wie der Prsident vom
Niedereulenbacher Ccilienverein. Um aber auf deinen holden Kadettengeneral
zurckzukommen, so will ich dir, weil du mir dein Geheimnis anvertraut hast,
auch etwas Geheimnisvolles verraten, glaubs oder glaubs nicht, aber merk dirs
und behalt es: der Kadettengeneral verwandelt sich spter, mag sein in fnf, mag
sein in sieben oder acht Jahren, in ein lebendiges Mdchen, das du sehen kannst
und das Gerold mit einem langen, langen e zu dir sagen wird, wie wenn ein h
dahinterstnde. Hast du sonst noch etwas zu fragen?
    Ja. Warum erlaubt der liebe Gott den Katzen, die Muse so grausam zu
martern, statt sie gleich zu tten?
    Wo hast du den lieben Gott her?
    Aus der Bibel.
    Und vom bsen Teufel, steht da nichts in der Bibel?
    Freilich, allein der Herr Pfarrer hat uns in der Religionsstunde gesagt, es
gebe doch keinen Teufel.
    Sag dem Herrn Pfarrer einen Gru von mir, und ich lasse ihm sagen, er sei
ein Gummipfarrer; aber warte erst, bis du alle Examen gemacht hast, ehe du ihm
das sagst. berhaupt? Gerold, nimm dich in acht, du fngst an zu denken, das ist
ein verpntes Handwerk, ein unpatriotisches, gemeinschdliches,
menschenfeindliches. Wenn du so fortfhrst, machst du dich erstens rundum
verhat, und zweitens findest du eines Morgens das Narrenpatent neben deiner
Kaffeetasse, verla dich darauf! Denk nicht, Gerold! Denk nicht!
    Unter solchen Gesprchen waren sie vor ein Mooshttchen angekommen, auf
dessen Dache eine papierene Windfahne sich drehte, einen helmbewehrten Jngling
und eine gruliche Hexe darstellend, der Jngling mit einer Rute, die Hexe mit
einem Besen in der Hand. Das ist meine Wetterfahne, erluterte der
Narrenstudent, wenn der Jngling die Hexe in die Flucht schlgt, gibt es
schnes Wetter in der Welt. - Doch treten Sie geflligst ein, Herr Kommandant,
es ist eine Bank im Httchen, Platz genug darauf fr zwei rudige Bcklein, wie
wir sind. - So, jetzt mach dirs bequem. Und sieh dir an, was du magst, du darfst
alles hervorziehen, alles ffnen, alles herausnehmen; fr dich habe ich weder
ein Verbot noch ein Geheimnis, und Ordnung gibts bei mir nicht. Unterdessen will
ich den Altar rsten. Falls du irgendeine Auskunft brauchst, so frag nur, ich
bin dicht nebenbei und hre jedes Wort, das du sagst. Damit verlie er das
Httchen.
    Gerold aber zog eine Kiste unter der Bank hervor und kramte darin. Alte
Mnzen kamen zum Vorschein, Versteinerungen, geprete Pflanzen,
verschiedenfarbige Glser. Nicht wahr, lachte der Narrenstudent, den Kopf
durch eine Lcke in der Wand steckend, als Gerold unersttlich die Glser vor
die Augen hielt, nicht wahr, wie die Welt ein verschiedenes Gesicht macht, je
nach dem Glas, durch welches man sie ansieht?
    Warum ist dieses Heft leer? fragte Gerold.
    Wieder steckte der Narrenstudent den Kopf durchs Guckfenster. Das Heft ist
nicht leer, sondern das ist eine Art Zauberheft, mit sympathetischer Tinte
bemalt; wenn du lange Zeit scharf auf ein einziges Blatt siehst, so kommt etwas
Wunderbares.
    Ja, jetzt sehe ich etwas, aber undeutlich. Frchte und Blumen oder so etwas
hnliches.
    Recht so, aus den glubigen Bblein wachsen die trotzigen Mnner; weit du
auch, Gerold, da du ein Sonntagskind bist?
    Gerold schttelte den Kopf. Ach nein, entgegnete er betrbt,
Sonntagskinder sind immer die jngsten von mehreren Brdern, ich aber bin der
ltere von zweien.
    Irrtum, mein Lieber! Irrtum! Man ist immer der Jngste, wenn man in den
tiefen Brunnen hineinlebt, wo die Zeit mit dem Eimer die Gegenwart aus der
Ewigkeit schpft; und ein Sonntagskind bedeutet nicht einen Menschen, dem alles
von selber gelingt, so einen gibt es in der Wirklichkeit gar nicht, sondern
einen solchen, der ber die grauen Werktage hinweg schlielich an einen roten
Heiligen gelangt, einerlei wann und wie. In der Zwischenzeit geht es mitunter
dunkelbraun und schwarz zu. Tut weh, aber schadet nichts. Nach diesen Worten
verschwand sein Kopf wieder aus der Luke.
    O! rief Gerold entzckt, mit saugendem Atem.
    Was freut dich so? sag an, beschreib.
    Eine wunderschne Reiterin, prchtig mit Wasserfarben gemalt. Hast du das
gezeichnet?
    Ich wei nicht, was fr eine Reiterin du meinst.
    Sie sitzt auf einem Schimmel und gleicht ein wenig Gesima. Darunter steht:
Hilda Maria Anita von Weienstein, geb. Freiin - was heit das, geb. Freiin?
    Der Narrenstudent kam aufgeregt zur Tr hereingeschossen. Wo hast du das
Bild gefunden? Komm, wir wollen es geschwind wieder verstecken. Und schob es
hastig in eine Mappe, die er mit einem Schlsselchen verschlo. Dann bekam er
einen langen, peinlichen Hustenkrampf.
    Gerold, ich beneide dich um deinen Kadettengeneral, seufzte er dann, als
er wieder ein wenig zu Atem kam, du hast ihn besiegt, er ist dein Gefangener
und bleibt bei dir. - Meine Generalin dagegen - o weh! - Doch komm jetzt, der
Altar ist gerstet.
    Auf einen Steinschemel neben der Htte war ein rotes Tuch gebreitet, und
darber in einer nackten Felsennische standen zwei farbige Wachskerzchen
geklebt, eins fr dich und eins fr mich, belehrte er, das Heiligenbild
dahinter mu man sich hinzu denken; jeder, was er am liebsten hat; das ist sein
Heiligenbild. Und jetzt wollen wir zu dem Heiligenbild beten, ganz kurz -, du
darfst dich setzen, hier auf den Schemel, und brauchst keineswegs die Hnde zu
falten. Mge uns von denen, die wir liebhaben, niemals Bses geschehen. Das
gengt; das Gebet ist aus. Und jetzt kommt der Gesang, allein vorher znden wir
die Kerzen an. Nachdem er die Kerzen angezndet hatte, nahm er eine Geige zur
Hand und spielte ein Vorspiel, kunstvoll und rein, wie ein Musiker; dann begann
er auf lateinisch ein Lied zu singen, whrend er sich mit der Geige dazu
begleitete; das Lied klang so ernst und traurig, da Gerold trotz dem Verbot die
Hnde faltete; und die Stimme des Narrenstudenten, sonst schwach und farblos,
tnte, whrend er sang, berraschend stark und doch sanft und wohllautend,
ungefhr wie der Ton eines Cello. Gerold hrte andchtig zu; befriedigt im Gehr
und in der Seele; ihm war, er se in einem Kirchenkonzert.
    Pltzlich flog ein Stein, durch Strucher rauschend, gegen das Httchen. Da
hast dus, sagte der Narrenstudent traurig, indem er schnell die Geige weglegte,
Violinspiel und Singen am hellen Tage reizt ihren Ha. Gerold, Gerold, glaub du
an Teufel! und zwar an viele, viele Teufel! Das da war der Gemeindeteufel
Populo, der alles anfeindet, was anders und ungewohnt ist, ob es schon niemand
das mindeste zuleid tut. - Geh du jetzt deiner Wege, der Aufenthalt beim
Narrenstudenten ist nicht ratsam. Als sich jedoch Gerold dankend entfernen
wollte, fgte er hinzu: Halt! hollah! nicht so schnell! Dich begleiten wir. So
einen mu man auf die gebahnte Strae stellen, sonst bleibt er uns an einer
wohlriechenden Staude hangen. Nach welcher Richtung zieht es dich? Gesima zu
oder Gesima entgegen?
    Gesima entgegen.
    Gut, so fhren wir dich Gesima entgegen. Und schritt ihm durch den Wald
voran.
    Whrend sie so hintereinander gingen, berichtete Gerold seine leichtsinnige
Tat mit dem geschenkten Fnffrankenstck. Was er ihm rate, da er nun tun solle;
kommen lassen, was von selber kommen werde, oder der verdienten Strafe durch ein
Bekenntnis entgegengehen.
    berla das mir; ich werde es heute abend Papa erzhlen; er wird nicht blo
nicht ungehalten ber dich sein, sondern an dem Dragonerstcklein eine unbndige
Freude haben, ich kenne ihn.
    Hast du nicht Angst vor deinem Papa?
    Man hat niemals Angst, fr einen andern etwas zu tun. - So, hier sind wir
an der Landstrae. Geh jetzt nur schrg ber den Weg zu jenem Huschen dort, wo
geschrieben steht Althusli, und leg dich auf die Bank vor der Haustr, du wirst
dann schon sehen, was kommt. - Worauf wartest du noch? warum guckst du mich so
sonderbar an?
    Gerold schaute verlegen auf seine Schuhe. Er danke ihm fr alles, stammelte
er, und es reue ihn, ihn anfnglich geschlagen zu haben, aber er knne es leider
nicht aussprechen, weil er den Satz es tut mir leid nicht herausbringe, so sehr
er sich auch Mhe gebe.
    Der Narrenstudent lachte. Auf den Stuhl gelegt ist auch abgeliefert; ich
nehms fr empfangen.
    Doch Gerold war damit nicht zufrieden. Er finde es so schn und edel zu
sagen: Es tut mir leid. Ob er ihm keine Anweisung geben knne, wie man es
anfange, um diesen Spruch hervorzuringen.
    Das kommt dir pltzlich ganz von selber, wenn du einmal einen Menschen so
recht von Herzen gern haben wirst. Die vier Wrtlein kommen dir dann so willig
und lustig mit allen vier Beinen zwischen den Zhnen herausgesprungen, wie ein
Rlein ber einen Zaun. - Fehlt dir immer noch etwas?
    Ja, das Schlimmste von allem. Und berichtete ihm von der Schrift, die er
heute morgen unten im Waldgraben, im Geschiebe der Aar gefunden und was fr ein
Urteil er darunter geschrieben: Abscheulicher Mensch, den niemand gern hat,
nicht einmal sein eigener Vater. Aber ich wrde es jetzt nicht mehr schreiben,
ich wei jetzt, da es nicht wahr ist.
    Doch, doch, es ist wahr; du hast buchstblich richtig geschrieben. Ich bin
ein abscheulicher Mensch, den niemand gern hat, nicht einmal mein eigener
Vater. Dann fing er an zu husten, steckte den Hals zwischen die Schultern und
rannte mit heftigen Armschwngen in den Wald zurck.
    Nun htte ihm Gerold gerne nachgerufen: Es tut mir leid, allein es war zu
spt, der Narrenstudent war schon weit weg, im Gebsch verschwunden. Also tat
er, wie ihm befohlen war, und zog quer ber die Strae schrg bis zum Althusli
und legte sich dort auf die Bank neben der Haustr, den Kopf ber die Lehne, die
Beine ber die andere Lehne, denn die Bank war viel zu kurz fr ihn.

                                  Im Althusli


Als er eben daran war, mit der Behaglichkeit recht in Zug zu kommen, betastete
eine feuchte, kalte Hundeschnauze seine Wange, und zwei blutunterlaufene Augen
glotzten ihm ins Gesicht, entschuldigten sich jedoch sofort mit gutmtigem
Blinzeln, als wollten sie sagen: Ach so, du bists. Hierauf paradierte das ganze
Ungeheuer mit seinem Zottelpelze vorber, unter freundlichen Krmmungen von
Station zu Station das schwappige, schwarzangerauchte Mundstck an den Krper
des Liegenden stoend. Nachdem das gesamte Zotteltier mit Einschlu des
Schweifes an ihm vorbeidefiliert war, erwies es sich, da das Ungeheuer eine
Patrontasche nach sich schleifte, ber welche es sich mit klglichem Wedeln
beschwerte. Aus der Patrontasche zog Gerold den Schlu: der Hansli ist in der
Nhe. Es dauerte auch nur wenige Sekunden, so kam dieser aus dem Hausgang
gestrmt, mit rechthaberischem Lrm seine Patrontasche heischend. Wehe! da
gewahrte er mit einem Schreckensschrei den beleidigten Bruder. Gesima, gib
acht, der Gerold ist da! warnte er gellend als getreuer Rehbock seine Rieke und
rettete sich mit schleuniger Flucht.
    Gerold rhrte sich nicht, aber rstete heimlich seine Fuste zum Empfang,
die Augenlider tckisch bis auf die Wimpern geschlossen wie ein Kater, der etwas
piepsen hrt. Nach einiger Erwartung schien ihm, er rche etwas wie
Veilchenduft; whrend er danach schnupperte, hpfte ein Taschentuch, zu einer
Grtelmaus gedreht, ber sein Gesicht, mit Ohren begabt und einem fabelhaft
weitschweifigen Schwanze. Die Grtelmaus schleuderte er auf die Landstrae. Dann
glitt ihm ein eiskaltes Steinchen zwischen Haut und Kragen den Rcken hinab,
immer tiefer, Wirbel fr Wirbel. Jetzt war er seiner Sache sicher: Gesima!
Richtig, er hrte sie kichernd flchten. Ergrimmt klemmte er die Lippen zwischen
die Zhne und manvrierte sich unauffllig in eine bessere Angriffslage, mit den
Zehen den Boden suchend. Lange Zeit regte sich nichts Verdchtiges mehr.
Unversehens wurden ihm die Ohren von zwei weichen Hnden verschlossen und seine
Lippen von oben herab mit einem Ku versiegelt. Voll Wut ber diese unreinliche
Gewalttat schnellte er zornschnaubend auf die Fe. Oha, diesmal war es nicht
Gesima, sondern die fremde Frau, die er gestern im Postwagen zu Schnthal
gesehen hatte. Whrend er sie verblfft anstarrte, prete sie ihm mit beiden
Hnden die Backen zusammen, so da seine Lippen zwei Kissen bildeten, aber statt
nun von ihm zu verlangen, er solle Pfaff sagen, wie er meinte, da sie tun
werde, kte sie ihn pltzlich noch einmal. So unappetitlich das war, so wagte
er doch nicht zu murren. Jetzt erschien auch ihr Begleiter, der schne Herr, auf
der Schwelle. Kommen Sie, Herr Oberst, sagte er, mit einem lieblichen Lcheln
um die Mundwinkel, das ihn an den Dolf gemahnte, das Mittagessen wartet schon
seit zwei Stunden auf Ihro Gnaden. Hiemit legte er ihm die Fingerspitzen auf
die Schulter und schob ihn mittels einer sanften Drehung des Handgelenkes in den
Hausgang.
    Im Winkel einer modrigen Veranda war fr ihn gedeckt, hinter einem Vorhang
trocknender Wsche, welche beim Durchkriechen in ihrer ganzen Reihe erbebte.
Guten Appetit, wnschte das fremde Paar und verzog sich ber ein Brcklein
nach dem Gemselabyrinth eines verwilderten Gartens. Gleich darauf erschien ein
kleines, lebhaftes Jngferchen mit einer Suppenschssel, stellte die Schssel
auf den Tisch und setzte sich neben Gerold. Erst wartete sie, bis er ein paar
Lffel voll gegessen hatte, dann fing sie an, ihn auszufragen.
    Also in der Friedlismhle seid ihr, scheint es, bernachtet?
    Ja, antwortete er kurz, denn er war am Essen.
    Und Tante, hat sie gemeint, solltet ihr zu ihr sagen? Wer? Nun, die
lange Therese. Ja. Und hast du wirklich Tante zu ihr gesagt? - Nein. Da
streichelte sie ihm freundlich ber den Kopf. Der Hansli behauptet, fuhr sie
fort, der Dolf htte dich beim Abschied beiseite genommen und dir etwas
zugeflstert oder zugesteckt. Hat er dir etwa einen Auftrag an mich gegeben oder
einen Brief? Ja, wer bist du denn eigentlich? Das Marianneli. Ach so, du
bist das Marianneli, ja, ich habe einen Brief fr dich, ich wei aber nicht mehr
genau wo, und fing an, in seinen Taschen zu kramen. Ich will dir suchen
helfen, rief sie, warf sich hitzig ber ihn, befhlte, betastete, begriff
seinen Rock und seine Hosen und durchwhlte ihm seine Taschen wie ein
Zollbeamter, wobei sie ihm unbefangen ihren heien Atem ins Gesicht hauchte, als
wre er niemand. Jetzt erinnere ich mich, rief er pltzlich, im Futter des
Kppi. Wie eine Katze fuhr sie danach, ri den Brief heraus und schnellte damit
in die Ecke, berflog ein paar Zeilen, zerknitterte dann pltzlich das Papier
mit der Faust, warf es weit von sich und rannte mit erbarmungswrdigem
Schluchzen ins Haus. Ihrem Schluchzen antworteten drinnen Verwnschungen und
Scheltworte, erst einstimmig, dann mit wachsender Stimmenzahl, bis in den
Oberstock, wo ein wster Lrm anhob. Immer flennte das Mdchen zum Erbarmen, und
je verzweifelter sie weinte, desto ungebrdiger tobten die brigen. Gerold aber
konnte nicht fassen, wie man jemand, der ohnehin unglcklich ist, obendrein noch
schelten knne. Auch das kam ihm unbegreiflich vor, da der gute, freundliche
Onkel Dolf, whrend er doch selber traurig zu sein schien, einen Brief sollte
geschrieben haben, der einem andern Menschen wehe tut. Wie knnen berhaupt
Briefe so schrecklich schaden auf Entfernungen, wo selbst ein Kanonenschu nicht
reicht? Und da er selber als Protzwagen hatte dienen mssen, der dem armen
Marianneli das giftige Gescho zubrachte, das war ihm auch nicht recht. Kurz,
die ganze Geschichte war ihm nicht klar und gefiel ihm nicht; offenbar lebte man
da ber seinen Kopf und Verstand weg, ohne sich um ihn zu kmmern. Nun, so
kmmerte er sich halt auch nicht darum. Und a gleichmtig seine Suppe. Wirst
du auch gut bedient? erkundigte sich der fremde Herr aus dem Gemsegarten
herber. O ja, versicherte Gerold berzeugt, vorzglich. Und vergngte sich
weiter mit seiner Suppe.
    Siehe, da begannen die Unterhosen und Strmpfe, die vor ihm am Waschseil
hingen, zu hpfen und Purzelbume zu schlagen wie Hampelmnnlein, was ihn
anfnglich ergtzte. Mit der Zeit beschlich ihn jedoch der Verdacht, es mchte
bei dem Marionettentheater eine bse Hand im Spiele sein, und als er jetzt die
schwarzen Strmpfe Gesimas unter einem groen Mannshemd beineln sah, verbat er
sich entschieden die Kasperlevorstellung, widrigenfalls er der verborgenen
Drahtzieherin einen Teller anschmeien werde, einerlei wohin, und zwar auf ihre
Verantwortlichkeit und Kosten. Da wurde die Vorstellung abgebrochen.
    Dagegen erschien jetzt Hansli auf der Bhne, zwar in sicherer Entfernung,
jenseits des Baches am Ufer des Gemsegartens. Von dort versuchte er
Unterhandlungen anzuknpfen, auf dem Umwege erwnschter Zeitungsnachrichten. Die
Leute hier, meldete er, seien mit Onkel Dolf befreundet, der oft tagelang im
Althusli wohne. Der Zottelhund zum Beispiel sei ein Geschenk von ihm (der
Seppli, der Knecht, habe es ihm gesagt), ebenso der Braune im Stall, ein
herrliches junges Rlein, mit welchem sie, wenn er recht verstanden habe, nach
Bischofshardt fahren drften; nmlich der fremde Herr meine, es wre zu viel fr
Gesima, die Strecke bis zur Stadt auch noch zu Fu, und es komme wahrscheinlich
ein Gewitter. Er, der Fremde, bezahle alles, die Fahrt und das Essen; er sei auf
der Hochzeitsreise und furchtbar reich. Und hnliches mehr. Da er aber auf diese
staunenswerten Nachrichten keine andere Antwort als ein unwilliges Knurren
erhielt, merkte er, da die Zeit fr Unterhandlungen noch nicht reif war und
verzog sich in den Hintergrund.
    Nachdem Gerold die Suppe aufgegessen hatte, erging er sich ein wenig.
Zunchst betrachtete er die Bleistiftzeichnungen, die lngs den Wnden der
Veranda aufgeklebt waren; Pferde, Soldaten, Gebsche, alles suberlich
gezeichnet, aber mit hartem Bleistift, Faber Nr. 3, hchstens 2, und unter jeder
Zeichnung stand geschrieben Adolphus Wengimannus fecit, mit verschiedenen
Jahreszahlen. Auch ein Kupferstich war darunter: die Preisverteilung an einem
Schtzenfest mit Bechern und Fahnen, und der in der Mitte, dem der Kranz
aufgesetzt wurde, glich dem Dolf.
    Also von Bild zu Bild vorrckend, geriet er um die Ecke biegend auf ein
Brcklein. Dort nahm er am Gelnder Position, beide Arme bis zum Ellenbogen auf
der Brstung, der Kopf dazwischen und der linke Fu auf der unteren
Gelnderstange wie auf einem Steigbgel. So blieb er stehen.
    Ohrwrmer wimmelten ber die Lehne der Brcke, den Fasern des von Messern
zersplissenen Holzes ausweichend, als wren es Bume. Whrend er dem Gebaren der
Ohrwrmer zusah, bemerkte er, da die Messerschnitzeleien Buchstaben
darstellten, aus denen er unschwer - denn die Einkerbungen hoben sich durch ihre
gelbe Farbe ab - die verschlungenen Namen Dolf und Marianneli herauslas. Und
ber das ganze Gelnder wiederholten sich die Namensverbindungen, zum Teil mit
Tinte nachgeschwrzt und mit Krnzchen verschnrkelt. Auf ewig stand in einem
der Schnrkel.
    Unter ihm im halbtrockenen schbigen Bachbett, unweit des Brckleins,
wateten Gesima und Hansli mit nackten Fen auf Entdeckungsreisen, mit
hochgehaltenen Ellbogen flgelnde Seiltnzerbewegungen wippend, um das
Gleichgewicht zu behaupten. Hansli hielt in jeder Hand einen Stiefel, Gesima
hatte das Springseil als Grtel um den Leib geschlungen und Schuhe und Strmpfe
hineingehngt. An ihren nackten dnnen Waden waren Ttowierungen zu sehen:
weiliche Eindrcke und Striemen, teilweise mit einem blauschwarzen Hauch
getuscht, neben regenbogenfarbigen Quetschmalen und roten Kratzstreifen.
    Auf einer gerumigen Insel, von der hlzernen Pritsche des Baches gebildet,
machten sie halt und errichteten dort eine Perlfischerei. Die Jagd war ergiebig,
denn an der Kste erhoben sich Korallenriffe von dunkelgrnen Flaschen,
irisierten Glassplittern und geblmten Topfscherben, untermengt mit Knpfen,
rostigen Geldstcken und was sonst die Ebbe hatte hangen lassen. Von diesen
Schtzen ergriffen sie nach dem Strandrecht Besitz, und whrend Hansli immer
neue Beute beibrachte, erffnete Gesima eine Goldwsche. Spter, als sich auch
lebendiges Kriechzeug erjagen lie, gesellte sich eine Menagerie hinzu, auf
einer gesteppten roten Bettdecke, die zum Trocknen von der Gartenmauer in das
Bachbett gefallen war.
    All dieser Gewerbeflei konnte trotz dem Kriegszustande ungehindert
aufblhen, weil der feindliche Kanonier ber ihnen auf dem Brcklein, seiner
Unbehilflichkeit in Angelegenheiten der Hhen- und Tiefendimension bewut, von
jeder Verkehrsstrung Umgang nahm. Als jedoch Hansli in allzugroer
Zuversichtlichkeit frecherdings seine Stiefel auf die Brcke pflanzte, bekam er
sie durch einen Fusto zurckspediert, platsch ins Wasser.
    Mit der Zeit bemerkte Gerold, da der fremde Herr, der dort im Gemsegarten
auf einem Feldstuhl sa, etwas zeichnete, whrend seine Frau ihm lchelnd zusah.
Was er zeichnete, konnte er natrlich von hier aus nicht sehen, aber schon
allein die Ttigkeit des Zeichnens fr sich, wie er mit gescheiten Maleraugen
den Kopf bald aufhob, bald ber das Blatt beugte, fesselte seine Aufmerksamkeit.
Jetzt hielt jener den Bleistift quer vor die Augen, und beide, der Herr und die
Dame, schauten Gerold scharf an. Da begriff er, da er selber, Gerold, zur
Zeichenvorlage diente. Von nun an hielt er es fr seine Pflicht, weder zu zucken
noch zu mucken, da er die liebe Zeichenkunst verehrte und ihre Schwierigkeiten
aus eigener Erfahrung zu ermessen vermochte.
    Whrend dessen schlich sich Gesima durch den Garten, stellte sich hinter den
Zeichner, guckte ihm, auf den Zehen stehend, ber die Schulter und gab ber
seinen Kopf hinweg dem Kanonier Taubstummensignale, um ihn zu benachrichtigen,
welches Stck seiner Person jeweilen unter dem Bleistift geboren wrde. Die
Augen beschrieb sie als zwei Schtzenscheiben mit je einem Punkt darin, den Mund
als einen queren Sbelstrich, der das Gesicht in zwei Hlften spaltete, zur
Versinnbildlichung der Ohren fate sie ihre Ohrlppchen, streckte die
Zungenspitze hervor und schob allmhlich ihre Hnde dem Kopf entlang ins
Unendliche.
    Hansli aber, nachdem er seinerseits die Sachlage erspht hatte, ntzte die
heilsame Versteinerung des grollenden Bruders fr seine Friedensbestrebungen
aus. Sicher, da der Kanonier nicht ausschlagen durfte, fate er ihn einfach an
den Frackschen und lie seine Vershnungsrede flieen, unbekmmert um die
grimmigen Papagenotne, welche ihm aus den geschlossenen Lippen
entgegenknurrten. Ob es sich auch lohne, wegen eines minderwertigen
Mdchengeschpfes einander zu befehden; sie wren immer brderlich eintrchtig
zusammen ausgekommen, bis dieser verwnschte verrterische Rotschopf den Frieden
verpfuscht habe. Von Gesima wolle er nichts mehr wissen, denn sie hintergehe den
einen wie den andern. Weit du, was sie von dir gesagt hat? Du seiest ein
grausamer Mensch, da du den Katzen nicht einmal gnnest, Muse zu fressen. Und
dann hat sie noch gesagt, sie bedanke sich fr jemand, der alles zweimal erlebe;
sie habe genug daran, da man ihr im letzten Winter einen Zahn auszog, sie wolle
sich ihn nicht noch einmal ausziehen lassen. Sogar einen Witz hat sie ber dich
gemacht. - Das hingegen glaube ich nicht, knirschte Gerold, das wre zu
gemein. Ich kann dir sogar sagen, was fr einen: sie hat gesagt, du gehrest
gewi zur schweren Artillerie, man sehe dirs an.
    Das wirkte. Vieles konnte Gerold ertragen, aber Witze! Anspielungen auf sein
Krpergewicht! nein, das war zu viel, das brachte ihn auer sich. Also billigte
jetzt sein zorniger Blick den Separatfrieden mit dem Bruder, durch welchen
Gesima ausgeschlossen und von beiden Parteien verstoen wurde. Den feierlichen
Handschlag, da Gerold sich nicht rhren durfte, ersetzten sie durch einen
Nielenstengel, den Hansli dem Verbndeten in die Hand schob. Indem jeder ein
Ende des Stengels in der Hand hielt, war das Bundessinnbild hergestellt.
    Und sofort gab Hansli die neue Gruppierung der Mchte Gesima zu verstehen,
indem er auf dem Brcklein eine lebhafte Pantomime von spttischen Gebrden und
herausfordernden Sprngen auffhrte. Um aber vllig ehrlich und unzweideutig zu
handeln, schien ihm eine frmliche Kriegserklrung schicklich. Ist nirgends ein
Stck Papier? Dort lag so etwas am Boden, ein zerknitterter Brief, zwar eng
beschrieben, doch hinten am Ende zwischen der letzten Zeile, wo es hie: glaube
nicht, da ich dich darum weniger lieb habe, und der Unterschrift Dolf fand er
noch etwas Raum. Dort hinein schrieb er: hliche Gesima, hast rote Haare,
hierauf schmeichelte er den Zottelhund heran, schob ihm die Botschaft unters
Halsband und bedeutete dem Mdchen durch Zeichen, den Hund an sich zu lokken.
Dieses schnippte mit den Fingern, empfing den Hund, las das Sendschreiben,
kritzelte etwas hin, und Hansli schmeichelte den Briefhund wieder herber.
Zuoberst auf dem Papier, ber dem Titel Mein armes, armes Marianneli erhielt er
den Bescheid: Bser Hansli, hast eine Warze am linken Zeigefinger.
    Weiterer Korrespondenz wehrte ein Naturereignis: mitten aus dem blauen
Himmel scho pltzlich ein Schauer von silberglnzendem Regen in groen Tropfen
hernieder, da alle Welt kreischend flchtete. Die drei Kinder, von der hheren
Gewalt vereinigt, fanden sich auf der Veranda zusammen, das fremde Hochzeitspaar
hatte der Schreck in ein Gartenhuschen gescheucht. Da war der Regen auch schon
zu Ende, wie mit einer Hagschere abgeschnitten.
    Ein joviales Milchgesicht guckte aus dem Hausgang. Kommt, der Wagen ist
fertig, meldete er, macht schnell, wir mgen just noch knapp nach
Bischofshardt, ehe das Bombardement beginnt, die Wolken hocken ja am Drenberg
haushoch wie schwarze Stiere aufeinander.
    Erst stattete Gerold nach dem Gartenhuschen hinber dem gastfreundlichen
Fremden geschwind noch seinen Dank ab, die Abstze zusammenschlagend, die Hand
am Kppi, und eine der neuen Verbeugungen ausfhrend, die er von Gesima gelernt
hatte, dann hasteten sie durch den Hausgang.
    Auf den Bock, bettelten die Buben. Das Milchgesicht packte einen nach dem
andern am Kragen und lud sie auf den Bock wie junge Hunde. Seppli hei ich,
erklrte er, whrend er zwischen ihnen Platz nahm. Da wurde im Oberstock ein
Fenster aufgerissen, und das verweinte Gesicht des Marianneli erschien zwischen
dem Rahmen, um ihnen etwas zuzurufen; statt dessen schnellte sie linksgeschwenkt
um und schrie in die Stube zurck: Und ich will keinen andern, und ich nehme
keinen andern.
    Der Seppli grinste schmunzelnd. Da ist Feuer im Dachboden! aber ich wei
manchen im Kanton, der sie gerne trstete. Ich auch. - Was ist? sind wir fertig?
knnen wir reisen? Und schon tat der Braune einen ungeduldigen Ruck.
    Allein von hinten wimmerte Gesima klglich. Sie konnte nicht einsteigen, der
Wagentritt war ihr zu hoch, so da ihr Fchen bestndig ins Leere tappte, wie
ein Pudel, wenn er das Pftchen geben will. Mit einem Satz sprang Gerold auf die
Erde, umringte von hinten her, unter ihren Achseln durch, ihre Brust und hob sie
also, mit den Knien und dem Bauch nachhelfend, chzend in den Wagen.
    Es tut mir leid, flsterte sie zum Dank und reichte ihm bittend die Hand
hin. Ob diesem Spruch wurde ihm mit einem Male weich, so da er beinahe ihren
Handschlag angenommen htte; da erinnerte er sich, da sie ihn einen schweren
Kanonier genannt hatte, darum verhrtete er gewaltsam sein Herz und stieg ohne
ein freundschaftliches Wrtlein wieder auf seinen Sitz.
    Kaum war er von neuem oben angelangt, so rollte das Fuhrwerk klingelnd von
dannen.

                              Die Regimentstochter


War das ein Fest! Pfeilschnell und glatt durch den Forst getragen wie auf einer
Eisbahn, ohne einen Ruck, auf dem weichen Kutschersitz, hoch ber der Erde, auf
halber Hhe der Bume, an welchen noch die glitzernden Regentropfen hingen! Und
wie er mit den Beinen ausgriff, der Braune, feurig, als ob er mit Pulver geladen
wre und nur auf den Zunder wartete, um zu explodieren! Aber sonderbar sah er
aus, so von der Kutscherperspektive betrachtet: wie eine Gitarre mit zwei Ohren
zum Aufdrehen und mit den Zgeln als Saiten. Ob wohl ein Pferd aus dieser
Perspektive, genau so gezeichnet, wie mans sieht, noch als ein Pferd wrde
erkannt werden, fragte sich Gerold.
    Dann ging es ans Betteln. Sie mchten ebenfalls ein wenig leiten drfen,
oder wenigstens die Geiel halten! Der Seppli schnitt ein bedenkliches Gesicht.
Das Gevatterspielen mit Zgel und Geiel, meinte er, wenn einer nichts davon
verstehe, sei ein gefhrliches Vergngen mit dem Braunen; ohnehin hitzig wie der
Teufel - nicht umsonst hat ihn der Dolf gekauft! - habe er obendrein noch
Hafer gepickt. Zwar, wenn ihr sehr, sehr vorsichtig sein wollt und mir aufs
Wort gehorchen und die Zgel ruhig halten und die Geiel nur brauchen, wenn ichs
erlaube, so knnte mans ja versuchen, unter dem Vorbehalt, da ihr mir
augenblicklich die Leitung zurckgebt, sobald ichs verlange. Hiermit
berreichte er unter fortwhrenden Mahnungen und Anweisungen dem Hansli behutsam
die Zgel.
    Ha! das nenn ich einmal einen Unterricht! Wenn man solche Stunden und solche
Lehrer in der Schule htte! das wre eine Hochzeit! was meinst du, Gerold? Es
war auch erstaunlich, welche Wunder der Regierungskunst man von da oben
auszurichten vermochte! nur ein klein, klein wenig die Daumen gerckt, so nahm
das ganze Fuhrwerk einen andern Weg, und zwar genau dahin, wohin man gewnscht
hatte. Jetzt bekam Gerold sachte die Geiel zugelangt, hinten herum: Aber ums
Himmels-Heilandswillen nicht damit fuchteln oder fackeln, aufrecht halten und
ruhig wie eine brennende Kerze, und nur gebrauchen, wenn ichs befehle, und dann
blo sachte die Haut streifen, etwa so wie ein Fischer die Angelschnur bers
Wasser zieht, und ja an keine andere Krperstelle als aufs Kreuz. So, jetzt
kannst du ihm einmal sanft aufs Kreuz tupfen, aber sanft, sage ich, wie Watte
auf einen bsen Finger. O Seligkeit! Kaum berhrte die Spitze des tnzelnden
Zwickes das Rckenfell, so verdoppelte sich urpltzlich, doch ruhig die
Schnelligkeit der Reise, als wre ein gezhmter Blitzfunken dem Braunen in den
Leib gefahren.
    
    Inzwischen begann hinter ihnen in der Versenkung des Wagens Gesima an ihr
Dasein zu erinnern. Zunchst als Einleitung hstelte sie. Tu, als wenn dus
nicht hrtest, riet Hansli dem Bruder. Dann kam ein Potpourri aus der
Regimentstochter. Gerold seufzte, der schnen alten Zeit vor Weidenbach
gedenkend, blieb aber fest. Hernach verlauteten Selbstgesprche, mit
nachdrcklicher Stimme geredet, frs Publikum. Sie werde zum Kadettenball weie
Stiefelchen anziehen, verkndete sie, und ihre Bernsteinhalskette. Jetzt horchte
Gerold mit einem Ohr nach hinten; dabei geriet jedoch seine Geiel in flunkernde
Bewegung, so da ihm das Geielrecht vom Seppli aberkannt wurde.
    Dann kam ein Rezitativ, frei die Tonleiter bergauf und bergab: Von dem
Postwagen will Gesima nichts sagen, und wie die Soldaten Gerold und Hansli
daneben geraten. Dem Rezitativ folgte eine Polka: Stammt auch vom Storch der
Kanonier, darber zu spotten hat keine Manier. La dich nur nicht fangen,
mahnte Hansli, sie will dir blo schmeicheln. Denk an die Fabel von Odysseus
und den Sirenen. Zur Strafe dafr kam dem Hansli ein Marsch auf den Rcken
getrommelt. Fuchswtend drehte er sich um. Durch diese Drehung steuerte er aber
das Fuhrwerk quer ber die Strae, weshalb ihm nunmehr vom Seppli das Recht der
Zgel abgesprochen wurde.
    Danach blieb es ein Weilchen still. Dann ertnte ein leises, klgliches
Wimmern. Mitleidig schaute sich Gerold um. Da steigerte sich das Wimmern zum
Weinen. Ach Gott! sthnte Gerold und stieg ohne weiteres, den Seppli als
Schwungbrett und Gelnder bentzend, zu Gesima in die Wagenwiege hinunter,
setzte sich an ihre Seite und trstete sie, indem er mit dem linken Arm ihren
Leib umfate und mit der andern Hand ihr bers Gesicht und ber die Knie strich.
Nun hrte sie auf zu weinen, Gerold aber blieb vorsorglich neben ihr sitzen fr
den Fall eines neuen Schmerzensausbruches.
    Darber war er scheints ein wenig eingenickt, denn wie er aufsah, sa Gesima
nicht mehr neben ihm, sondern neben dem Seppli, sicher mit den Zgeln
kutschierend, wie eine Fee im hirschbespannten Muschelwagen, whrend das
Milchgesicht, der Seppli, ihr vergngt zuschmunzelte, als ob man ihm Mehlbrei
ums Maul geschmiert htte. Auch gut, dachte Gerold, so habe ich besser
Platz, und legte sich bequem auf den Rcken, aufwrts nach dem Himmel in die
Wetterwolkensule starrend, die wie der schiefe Turm von Pisa schrg gegen die
Sonne wuchs und sie schon fast verschlungen hatte, und so schwarz, da man
meinte, es msse ein weier Pfau kommen und daran vorberfliegen. Bis ihm der
Schlummer die Augenlider zudrckte.

    Pltzlich tat der Wagen einen harten Ruck, und wie Gerold aus dem Schlaf
emporschreckte, war der Wagen ganz am Rande der Strae, und Seppli stand auf dem
Boden neben dem Pferde, das er mit gestemmten Fusten am Zaum hielt. Ein
prachtvoller Adjutant, schmuck wie aus einer Weihnachtsschachtel, es fehlte blo
die Holzwolle, kam herangesprengt. Oskar, grte Gesima frhlich und klatschte
in die Hnde. Mein Vetter, erklrte sie den Buben. Mama kommt mit dem Wagen,
rief ihr der Adjutant entgegen. Haltet Ihr den Braunen auch gut? wandte er
sich zum Seppli. Keine Gefahr, ich bin blo zur Sicherheit abgesprungen. Dann
sprengte Oskar im Galopp einige hundert Schritt zurck, Zeichen mit dem Sbel
winkend; und kam bald an der Seite eines zweispnnigen Wagens wieder, des
nmlichen Wagens, den sie gestern in Schnthal gesehen hatten, aber ein Diener
sa neben dem Kutscher und eine schne Dame im Wagen: die Reiterin aus dem
Bilde, das Gerold beim Narrenstudenten gesehen hatte.
    Mama! jubelte Gesima. Der Diener hob erst Gesima herunter, dann die beiden
Buben. Kommt, mahnte die Dame freundlich, nachdem Gesima neben ihr Platz
genommen, sonst werden wir alle miteinander na, es donnert schon. Und Gesima
winkte einladend. Da stiegen sie munter ein, der Wagenschlag tat sich zu, und
fort ging es im Saus, sanft talabwrts zwischen Landhusern, Grten und
Kapellen, einer gromchtigen Stadt mit glitzernden Trmen und Zinnen entgegen.
    Schon waren sie unten in der Talmulde angelangt und erblickten das Stadttor,
da - sehe ich recht? ist es ein Traum? - kam seitwrts vom Felde her eine
Schwadron Dragoner geritten! nein, wahrhaftig, leibhafte Dragoner! eine ganze
Schwadron! farbenleuchtend, helmfunkelnd! und siehe dort auf einem Parallelwege
eine zweite! und hinter ihnen im fahlen Gewittersonnenschein noch andere
Reiterhaufen, ein unermelicher paradiesischer Reichtum! Auf ein Fingerzeichen
der Dame hielt der Wagen still, am Rande der Strae, und die ganze mrchenhafte
Kavalleriemasse (- ein Regiment! erluterte Gerold) begann, auf die Landstrae
schwenkend, an ihnen vorberzurauschen. Die Rosse rieben sich aneinander, da
die Sbelscheiden klirrten, die helmgeschmckten Dragonerkpfe, je nach dem Tanz
der Hufe, juckten auf und nieder, und hie und da versuchte - o Wonne! - ein
widerspenstiges Pferd sich zu bumen und auszuschlagen.
    Ein Oberst! jauchzte Gerold. - Doch was ist das? wie darf sie das wagen?
Gesima winkte, wei Gott, die Unverschmte, dem Oberst mit dem Taschentuch! Der
Oberst aber, statt sich darber zu erzrnen, machte ein freundliches Gesicht und
kam in kurzem Galopp gegen den Wagen gesprengt. Papa! Papa! rief Gesima. Mein
Mann, erklrte die Dame. Da schauten die Kadetten einander mit groen Augen an
- Gesima hat einen Oberst zum Vater! - und betrachteten das Mdchen mit
scheuen Blicken, wie ein berirdisches Wesen. Seid ihr alle drei wohl und
gesund? fragte der Oberst in herzlichem Tone. Dann ritt er vorber. Gleich
darauf erscholl ein frhlicher Trompetermarsch, und mit klingendem Spiel fuhr
der Wagen in stolzem Zuge, Dragoner vorn, Dragoner hinten, durchs Stadttor.
    In einer stillen Seitenstrae, vor einem ernsten grauen Palaste wurde
angehalten, Gesima mit ihrer Mama verschwanden in der Tr, die Kadetten wurden
von zwei schwarzbefrackten Dienern eine breite teppichbelegte Treppe
hinaufgeleitet, an einem majesttischen indigoblauen Vorhang vorber, hinter
welchem man erwartete, Wallenstein hervortreten zu sehen, in ein feierliches
Gastzimmer. Dort wurden sie weiblichen Dienstboten berantwortet. Ein Bad nach
dem langen Marsch auf der heien, staubigen Landstrae wrde ihnen gewi
wohltun, meinte die eine von ihnen, die Frau Landammann wre der nmlichen
Ansicht. Also wurden sie in eine marmorne Badestube gefhrt und, nachdem ihnen
die Brause, der warme und der kalte Kran erklrt, die Seife und jedem sein
Handtuch gezeigt worden war, allein gelassen.
    Eine fatale Geschichte, meinte Gerold, wie sie im dampfenden Wasserbecken
lagen, denn nicht zu leugnen, wir sind mit Gesima ein bichen grob
umgesprungen.
    Nicht unsere Schuld, trotzte Hansli, warum hat man uns verschwiegen, da
sie eines Obersten Kind ist?
    Ja, was ist er nun berhaupt eigentlich, ihr Papa, Oberst oder Landammann?
fragte Gerold. Eine dumme Frage, antwortete Hansli, er kann ja Landammann und
Oberst zugleich sein. - Wenn es nur mit einer Strafpredigt abgeht, und ihr Papa
uns nicht bei der Lehrerversammlung verklagt!
    Doch Gerold glaubte weder an eine Lehrerversammlung noch an eine
Strafpredigt. Nach meiner Meinung gibt es Gromut mit Verzeihung, das
Schlimmste von allem, denn dann mssen wir uns frchterlich schmen.
    Als sie wieder im Gastzimmer erschienen, wurden sie von der Frau Landammann
mit herzlicher Miene empfangen. Ich danke euch, sagte sie, indem sie jedem die
Hand reichte, fr den liebenswrdigen Schutz, den ihr gutartigerweise einem
wildfremden Mdchen habt angedeihen lassen.
    Traurig blickte Gerold zu Boden und schttelte den Kopf. O nein, Frau
Landammann, Gesima hat gelogen; wir sind nicht gutartig und liebenswrdig
gewesen, grob und bs sind wir gewesen.
    Da streichelte sie ihm freundlich die Wangen. Wir sind smtlich keine
fehlerlosen Engel, Gesima auch nicht. - Beilufig eine nebenschliche Frage, sie
enthlt keinen Vorwurf und entspringt nicht dem Mitrauen: Wo bist du die zwei
Stunden lang allein gewesen, Gerold, whrend Hansli und Gesima im Althusli zu
Mittag aen?
    Im Wald mit dem Narrenstudenten.
    Das ist nicht gerade die empfehlenswerteste Gesellschaft, was du freilich
nicht wissen konntest. Nun, wir wollen froh sein, da alles so gut abgelaufen
ist und da ihr alle drei gesund und wohlbehalten da seid; es war eine etwas
abenteuerliche Reise. Ich glaube, ihr werdet mit Gesima noch groe Freunde
werden. Und mit dem Kadettenball, Gerold, bleibt es, wie du mit Gesima abgemacht
hast, ich genehmige euer Versprechen von Herzen. Jetzt aber kommt essen, Gesima
kommt spter, sie kleidet sich um.
    Obschon es noch nicht einmal vllig Abend war, wurde es auf einmal so
dunkel, da man eigentlich Licht htte anznden mssen; man sah kaum, was man
a. Pltzlich krachte ein steinharter Donnerschlag, der sie alle miteinander von
den Sesseln aufjagte, und damit ging ein prachtmiges Gewitter los, mit
ununterbrochenen Donnersalven aus allen Himmelsgegenden, begleitet von einem
sndflutlichen Platzregen, der aus unerschpflichen Wasserpaketchen die Dcher
dampfend berschttete. Mitunter fegte ein Blitz, statt schrg von oben,
waagrecht durch die Gasse, hnlich dem Fintenstreiche eines weiglhenden
Riesendegens; dann berpurzelten sich aus den aufgeschlitzten Wolkenbuchen die
Regenstrme mit verdoppelter Wucht, obgleich man schon vorher geglaubt hatte,
jetzt heie es tutti fortissimo. Ob dieser krftigen Tafelmusik wurde den
Kadetten, welche anfnglich ein wenig schchtern getan hatten, so heimelig
zumute, da sie auftauten, herzhaft zulangten und dem Pudding tchtig die
Meinung sagten.
    Warum sollten wir nicht die gesunde Luft hereinlassen? rief der Oberst,
als der Donner fernwrts abgrollte und der Platzregen gleichmiger und
senkrechter niederfiel. Da stellten sich die Buben ans offene Fenster, streckten
die Kpfe hinaus, da ihnen die Tropfen auf die Nase spritzten, und sangen aus
Leibeskrften: Guter Mond, du gehst so stille. Sie mchten doch lieber das
Lied vom guten Kameraden singen, lachte der Oberst, da sie doch auf der Reise so
treu zusammengehalten htten. Das taten sie. Dann kam die Frau Landammann und
fragte, ob sie vielleicht das Lied Heimat, Heimat ber alles wten, das hre
sie so gerne.
    Hansli zuckte verchtlich die Achseln: Das haben wir schon in der zweiten
Klasse gehabt. Hierauf sangen sie ihr das Lied. Bitte noch einmal, falls ihr
nicht etwa zu mde seid. Und als sie es wiederholt hatten, mochte sies zum
drittenmal hren. Dabei hielt sie aber das Taschentuch vor die Augen und
seufzte, so da Gerold sich wunderte, warum jemand ein Lied, das ihn doch
traurig mache, fter hren wollte. Was ist das eigentlich, Heimat? fragte er.
    Der Oberst antwortete: Wenn man einmal weit, weit weg ist.
    Diese Antwort verblffte ihn, er hatte gedacht, eher das Gegenteil.
    Unterdessen hatte sich der Regen erschpft, und an mehreren Stellen guckte
das frischpolierte Himmelsblau zwischen dem schmutzigen Gewlk hernieder. Das
bedeutet Glck, sagte der Oberst, und wenn ihr Geduld haben knnt - knnt ihr
Geduld haben? Ja - so gibt es eine berraschung. Dann rckte er zwei Sthle
vor den Kamin, Front gegen den Feuerherd. Setzt euch. Guckt nur fest in den
Kamin - aber da ihr euch ja nicht umdreht!! - bis ich klingle. Hiermit verzog
er sich mit seiner Frau ins Nebenzimmer, die Tr anlehnend. Die Buben aber
guckten aus Leibeskrften in den Kamin.
    Was meinst du? flsterte Hansli, was gibt es wohl fr eine berraschung?
am Ende eine bse?
    Warum nicht gar, es gibt berhaupt keine bsen berraschungen.
    Sie schreiben beide etwas im Nebenzimmer, der Oberst und seine Frau, ich
habe es durch die Trspalte gesehen. Ich habe doch Angst. Da wurde die Tr
geschlossen. Nun starrten sie gewissenhafter in den Herd und enthielten sich
berflssiger Gedanken. Whrend dessen kam ein Sonnenstrahl zu ihnen zu Gast,
der Stahlreif des Kohlenfngers begann zu glnzen, der goldene Spiegelrahmen zu
leuchten, der Gabelschweif des ausgestopften Auerhahns erhielt einen blaugrnen
Pfauenschweif gemalt, und die Kristallflasche daneben sprhte Kronen und
Diamanten.
    Unvermutet schellte die erlsende Klingel. Und wie sie aufsprangen, stand
der Oberst mit seiner Frau hinter ihnen. Hier habe ich einen Brief
geschrieben, sagte er, lest die Aufschrift. Sie lasen: An Herrn Hauptmann
Guggenbhler in Aarmnsterburg. Und ich auch einen, ergnzte die Frau Oberst.
Sie lasen: An Frau Hauptmann Guggenbhler in Aarmnsterburg. Und dieses kleine
Briefchen hat Gesima gekritzelt. Sie lasen: An Herrn und Frau Hauptmann
Guggenbhler in Aarmnsterburg. - Was darinsteht, lchelte der Oberst
geheimnisvoll, wird euch die Regimentstochter verraten. Und mit dem Finger
winkend, fhrte er sie, auf den Zehen schreitend, ins Gastzimmer, dessen
Balkontr flgelweit offenstand. Kadettenbataillon Aarmnsterburg, vorwrts
marsch! rief er mit schallender Kommandostimme und schob sie auf den Altan.
    Wer stand auf dem Altan? Gesima! Als Regimentstochter verkleidet, auf der
Stirn ein impertinentes Mtzchen mit einer Hahnenfeder, um den Hals, zum Zeichen
ihrer militrischen Heldeneigenschaft, ein Miniaturfchen aus Schokolade an
goldenen Zuckerbckerfden. Auf einer Art Estrade stand sie, gerade unter dem
Regenbogen, als wollte sie ihn als Springseil bentzen; und in der rechten Hand
hielt sie einen ziselierten Degen, den sie so weit als mglich von sich
wegstreckte, wie wenn sie befrchtete, er knnte losgehen.
    Kaum betraten die Brder den Altan, so gab sie sich durch Stirnrunzeln ein
tyrannisches Ansehen und kommandierte, whrend sie mit dem Degen eigensinnig auf
das Gelnder klopfte, in die Strae hinunter: Adjutant Oskar Wildstrubel!
Sapperment, wo bleibt denn der Faulpelz von Adjutant?
    Da klirrten Sporen, der Adjutant von heute nachmittag schnellte vor den
Balkon, salutierte mit dem Sbel und fragte: Zu Befehl! was beliebt Ihrer
Exzellenz der Regimentstochter?
    Gesima sgte mit ihrem Degen bedrohlich ber das Gelnder und schnauzte mit
erboster Majorsstimme: Alle Bomben und Granaten von Sevilla, aufgepat, Oskar!
Wir Anita Maria Septuagesima, die Regimentstochter, im Namen unseres Vaters, des
Landammann Oberst Weienstein in Bischofshardt, wollen hiemit und befehlen, da
der Kanonier Gerold Guggenbhler von Aarmnsterburg, desgleichen der Infanterist
Hansli Guggenbhler mit nichten bermorgen in der Schule zum Appell einrcken,
sapperlot, sintemalen dieselben die ganze folgende Woche bis Samstag abend
anhiero in Ferien bleiben werden, sappermost, damit wir uns lustig machen,
Donnerwetter! Und mit dem Worte Donnerwetter pflanzte sie den Degen energisch
in einen Geranientopf.
    Soll pnktlich geschehen, Euer Exzellenz, antwortete Oskar, salutierte
abermals und verschwand.

    Gesima aber stieg von der Estrade herab und begab sich, an Hansli vorbei,
der freudebesessen auf- und niedertanzte wie ein tollgewordener Gummiball und
die hinzugeschenkten Ferientage an den Fingern abzhlte, zu Gerold hinber,
hielt in bescheidener Haltung vor ihm still und fragte ihn mit den Augen, ob er
jetzt mit ihr zufrieden und gnzlich vershnt sei. Gerold, mit dem Rcken ans
Gelnder gelehnt, zog ein finsteres Denkergesicht, musterte das heroische
Maidlein vom Kopf bis zu den Fen, und wieder von den Fen bis zum Kopf, dann
verkndete er mit der lautesten Stimme, die er aufbrachte, freudig und
berzeugt: Es tut mir leid.
