
                             Keyserling, Eduard von

                                     Dumala

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                             Eduard von Keyserling

                                     Dumala

Der Pastor von Dumala, Erwin Werner, stand an seinem Klavier und sang:

Der Nebel stieg, das Wasser schwoll,
Die Mwe flog hin und wied-e-r -

    Er richtete seine mchtige Gestalt auf. Sein schner Bariton erfllte ihn
selbst ganz mit Kraft und sem Gefhl. Es war angenehm zu spren, wie die Brust
sich weitete, wie die Tne in ihr schwollen.

Aus deinen Augen liebevoll
Fielen - die Trnen - nie-ie-der.

    Er zog die Tne, lie sie ausklingen, weich hinschmelzen.
    Seine Frau sa am Klavier, sehr hbsch mit dem runden rosa Gesicht unter dem
krausen aschblonden Haar, hellbeleuchtet von den zwei Kerzen, die kurzsichtigen
blauen Augen mit den blonden Wimpern ganz nah dem Notenblatt. Die kleinen roten
Hnde stolperten aufgeregt ber die Tasten. Dennoch, wenn ein lngeres Tremolo
ihr einen Augenblick Zeit lie, wagte sie es, von den Noten fort zu ihrem Mann
aufzusehen, mit einem verzckten Blick der Bewunderung.
    Es war zu schn, wie der Mann, von der Musik hingerissen, sich wiegte, wie
er wuchs, grer und breiter wurde, wie all das Se und Starke, all die
Leidenschaft herausstrmten. Das gab ihr einen kstlichen Rausch. Trnen
schnrten ihr die Kehle zusammen und um das Herz wurde es ihr seltsam beklommen.

Seit jener Stunde verzehrt sich mein Leib,
Die Seele stirbt vor Seh-nen -

    Die Stimme fllte das ganze Pastorat mit ihren schwlen Leidenschaftsrufen.
Die alte Tija hielt im Ezimmer mit dem Tischdecken inne, faltete ihre Hnde
ber dem Bauch, schlo ihr eines, blindes Auge und schaute mit dem anderen starr
vor sich hin. Dabei legte sich ihr blankes, gelbes Gesicht in andchtige Falten.
    Das ganze Haus, bis in den Winkel, wo die Katze am Herde schlief, klang
wider von den wilden und schmelzenden Liebestnen. Sie drangen durch die Fenster
hinaus in die Ebene, wo die Nacht ber dem Novemberschnee lag; ja vom nahen
Bauernhof antwortete ihnen ein Hund mit langgezogenem, sentimentalem Geheul.

Mich hat das unglcksel'ge Weib
Vergiftet - vergiftet - -

    Die Fenster bebten von dem Verzweiflungsruf. Die Katze erwachte in ihrer
Ecke, die alte Tija fuhr sich mit der Hand ber das Gesicht und murmelte:
    Ach - Gottchen!

Vergiftet mit ihren Trnen. -

    Die kleine Frau lehnte sich in ihren Stuhl zurck, faltete die Hnde im
Scho und sah ihren Mann an.
    Pastor Werner stand schweigend da und strich sich seinen blonden Vollbart.
Er mute sich auch erst wieder zurckfinden.
    Jetzt war es ganz still im Pastorate. Nur Tija begann wieder leise mit den
Tellern zu klappern.
    Wie Siegfried! kam es leise ber die Lippen der kleinen Frau.
    Wer? fuhr Pastor Werner auf.
    Du, sagte seine Frau.
    Werner lachte spttisch, wandte sich ab und begann, die Hnde auf dem
Rcken, im Zimmer auf und ab zu gehen.
    So war es jedesmal, wenn er sich im Singen hatte gehen lassen, wenn er sich
mit Gefhl vollgetrunken hatte. Dann kam der Rckschlag.
    Man hatte geglaubt, etwas Groes zu erleben, einen Schmerz, eine
Leidenschaft, und dann war es nur ein Lied, etwas, das ein anderer erlebt hat,
und die Winde des Zimmers mit ihren Photographien, die groen schwarz und rot
gemusterten Mbel, all das beengte ihn, drckte auf ihn.
    Seine Frau sa noch immer am Klavier und starrte in das Licht. Auch bei ihr
war der schne Rausch der Musik vorber. Nur eine mde Traurigkeit war
briggeblieben. Sie dachte darber nach, warum er sich gergert hatte, als sie
Siegfried sagte. Das kam oft so. Wenn sie ganz voll von Begeisterung fr ihn
war, dann war ihm etwas nicht recht, und er lachte kalt und spttisch.
    Lene, essen wir nicht? fragte Werner.
    Da fuhr sie auf.
    Natrlich! Gefllte Pfannkuchen!
    Und sie lief in die Kche hinaus.
    Am Etisch unter der Hngelampe war alles Fremde und Erregende fort. Wenn es
ihm schmeckte, war Pastor Werner gemtlich, das wute Lene. Dann konnte sie
ruhig vor sich hinplaudern, ohne berufen zu werden, dann hatte sie das Gefhl,
da er ihr gehrte.
    Die Baronin aus Dumala fuhr heute hier vorber, berichtete sie.
    So, meinte Werner, und sah ber das Schnapsglas, das er zum Munde fhren
wollte, hinweg seine Frau scharf an: Nun - und?
    Nun, ja. Sie hatte eine neue Pelzjacke an. Entzckend!
    Werner trank seinen Schnaps aus und fragte dann:
    Stand sie ihr gut, diese Jacke?
    Lene seufzte: Natrlich! Diese Frau ist ja so schn!
    Was ist dabei zu seufzen? fragte Werner. La sie doch schn sein.
    Weil ich sie nicht mag, fuhr Lene fort, deshalb. Sie will alle Mnner in
sich verliebt machen. Aber schn ist sie.
    Werner lachte. Was fr Mnner? Die arme Frau pflegt ihren gelhmten Mann
Tag und Nacht. Die sieht ja keinen. Eine neue Pelzjacke ist da doch eine sehr
unschuldige Zerstreuung.
    Dich sieht sie doch. Lene nahm einen herausfordernden Ton an, als suche
sie Streit.
    Werner zuckte nur die Achseln.
    Mich!
    Ja dich, fuhr Lene fort. Und du bist doch auch in sie verliebt, - etwas -
nicht?
    Heute rgerte das Werner nicht.
    Wenn du willst! meinte er.
    Die kleine Frau durfte heute ruhig mit ihm spielen, wie mit einem groen,
gutmtigen Neufundlnder. Ein wenig schweigsam war er, aber das pflegte er am
Sonnabend immer zu sein, wenn die Predigt ihm im Kopfe herumging.
    Nach dem Essen sa das Ehepaar am Kaminfeuer. Durch das Fenster, an dem die
Lden offen geblieben waren, schaute die bleiche Schneenacht in das Zimmer. Aus
der Gesindestube klang Tijas dnne, zitternde Stimme. Sie sang einen
Gesangbuchvers.
    So ist's hbsch, sagte Lene. So ist's gemtlich! Nicht wahr? Alles ist
still, und das Feuer, - und man sitzt beisammen.
    Stell doch der Lebenslage keine Zensur aus, versetzte Werner, der sinnend
in das Feuer starrte.
    Warum? fragte Lene eigensinnig.
    Weil, weil - Werners Stimme wurde streng - weil Zensuren ausgestellt
werden, wenn die Schule zu Ende ist.
    Deshalb! meinte Lene, die ihn nicht recht verstanden hatte.
    Nun sei aber nicht ungemtlich, Wernerchen.
    Sie stand auf, ging zu ihm, setzte sich auf seine Knie, schmiegte sich an
seine Brust, umrankte den groen Mann ganz mit ihrer kleinen, legitimen
Sinnlichkeit, die sich schchtern hervorwagte.
    Wir sind doch glcklich! sagte sie. Ich sag's doch. Ich stell' gute
Zensuren aus.
    Werner sa still da, lie sich von der Wrme dieses jungen Frauenkrpers
durchdringen. Dann pltzlich schob er Lene beiseite und stand auf.
    Wohin? fragte sie erschrocken.
    Oh - nichts, erwiderte er, ich - ich will mir noch was berlegen.
    Diese ewige Predigt! seufzte Lene. Worber predigst du denn morgen?
    ber die Versuchung in der Wste, du weit's ja.
    Ach ja! Sei doch nicht wieder so streng. Wenn du so herunterdonnerst, wird
einem ganz bang.
    Er zuckte die Achseln.
    Seit wann willst du denn Einflu auf meine Predigten nehmen?
    Also nun hatte sie ihn auch noch gergert. Sie schwieg. Whrend Werner, die
Hnde auf dem Rcken, im Zimmer auf und ab ging, kauerte sie auf ihrem Sessel
und folgte ihm unverwandt mit den Blicken. Eben noch hatte sie sich glcklich
gefhlt, jetzt war wieder etwas ber ihn gekommen, das sie nicht verstand. Sie
fhlte, wie mde ihre Glieder von der Arbeit des Tages waren, und das Traurige
war ber sie gekommen, dem sie nicht nachdenken wollte. Sie folgte Werner mit
den Blicken, wie er auf und ab ging, sehr aufrecht in seinem schwarzen Rock, auf
und ab, bis seine Gestalt undeutlich wurde und ihr die Augen zufielen.
    Herunterdonnern, hatte Lene gesagt, ja, das liebte er, das Predigen war
wie das Singen, da konnte er sich ausgeben, da hatte er das Gefhl, als ginge
eine Kraft von ihm aus, wie die Bibel sagt. All die groen, schnen Worte, der
groe Zorn, mit dem er drohen, die ganz groen Seligkeiten, die er versprechen
konnte, und all das war unendlich und ewig, das gab auch einen Rausch. Er freute
sich schon darauf. Dazu zog die Versuchung in der Wste, diese wunderbare
Geisterunterhaltung, gro wie Dantes Verse, ihn seltsam an. Das Wilde des
Kampfes der beiden Wunderkrfte in der Wste regte ihn auf.
    In tiefem Sinnen ging er auf und ab, verga seine Umgebung, bis ein
verschlafener Laut aus Lenes halbgeffneten Lippen ihn aufschauen machte.
    Ja so - der Friede des Pastorats - dachte er nicht ohne Bitterkeit. Wei
es Gott! ihm war wenig friedlich zumute!
    Er stellte sich an das Fenster, schaute in die Nacht hinaus.
    Oben am Himmel war Aufregung unter den Wolken, zerfetzt und geblht wie
Segel schoben sie sich aneinander vorber. Der Mond mute irgendwo sein, aber er
wurde verdeckt, nur ein schwaches, mdes Dmmerlicht lag ber der Ebene.
    Frieden! Ja, wenn einer sich bestndig mit Wunderdingen abgeben mu, wenn er
immer diese Sprche im Munde fhren mu, die so voll Leidenschaft und Zorn und
Sigkeit und Geheimnis sind, wo soll da der Friede herkommen? Das Herz wird so
empfindlich und so erregt, da es auf alles hineinfllt.
    Der Wind trieb kleine Schneewirbel wie weie Rauchwlkchen ber die Ebene.
Winzige Lichtpnktchen waren in die Nacht gestreut, wie verloren in dem fahlen,
weien Dmmern. Dort die Reihe heller Punkte waren die Fenster des Schlosses
Dumala. Werner fiel die neue Pelzjacke der Baronin Werland ein, und dann sah er
das groe, dstere Zimmer vor sich, die grn verhangene Lampe, am Kamin im
Sessel den Herren mit dem wachsgelben, scharfen Gesicht, die Fe in eine rote
Decke gewickelt. Bei ihm auf dem niedrigen Sthlchen die schne Frau mit den
schmalen Augen, die unruhig schillerten, und dem seltsam fieberroten Munde. Sie
sa da, blinzelte schlfrig in das Kaminfeuer und strich mit ihrer Hand langsam
an dem Bein des Kranken auf und ab.
    Ein Schmerz, etwas wie ein krperlicher Schmerz, schttelte Werner bei
diesem Bilde, lie ihn bla werden und das Gesicht leicht verziehen.
    rgerlich wandte er sich vom Fenster ab. Es war zu dumm! Dieses
Predigtmachen lie jedesmal alles in ihm toller rumoren denn je!
    Er begann wieder auf und ab zu gehen, dann blieb er vor Lene stehen.
    Sie hatte die Fe auf den Sessel hinaufgezogen, die Wange an die Stuhllehne
gesttzt. So schlief sie. Die Lippen halb geffnet, atmete sie tief, auf dem
Gesichte den ernsten, besorgten Ausdruck, den Menschen in schwerem Schlafe
annehmen, als sei das Schlafen eine Arbeit.
    Werner betrachtete sie eine Weile. Er fhlte pltzlich ein tiefes Erbarmen
mit diesem jungen schlafenden Wesen. Auch wieder die Nerven und die unntze
Weichheit! Er konnte ja jetzt nichts mehr ansehen, ohne da es schmerzte!
    Behutsam nahm er Lene auf seine Arme und trug sie in das Schlafzimmer
hinber.

    Die Sakristei war voller Schneelicht. Zwischen den engen, weien Wnden, in
dem weien Lichte, sah Pastor Werner, im schwarzen Talare, sehr gro aus. Er sa
am Tisch, vor sich das aufgeschlagene Gesangbuch und das Blatt mit den Notizen
zu seiner Predigt. Drauen sangen sie schon das Lied, ein Chor harter
Frauenstimmen, heiserer Kinderstimmen, dazwischen das Knarren der Bsse. Sie
zogen die Tne schlfrig und beruhigt. Gott! spielte der Organist heute tolles
Zeug zusammen! Sicherlich hatte der Mann wieder die ganze Nacht durch gesoffen.
Die alte Orgel sthnte und seufzte ordentlich unter seinen rcksichtslosen
Fingern.
    Werner sang nicht mit. Er schaute zum Fenster hinaus. Es taute und die Sonne
schien. Die Bume hingen ganz voll blanker Tropfen und das bestndige Tropfen
vom Dache und den Traufen legte um die Kirche ein helles Blitzen und Klingen.
    Sonntglich! Die Sonntagsstimmung war da, die kam immer, aus alter
Gewohnheit, anfangs feierlich, spter angenehm schlfrig. Er liebte diesen
Augenblick in der Sakristei vor der Predigt, wenn er dasa und sich voll groer
Worte, voll lauter, eindringlicher Tne fhlte.
    Er horchte hinaus. Er kannte die Schellen der Schlitten, die heranfuhren.
Das waren die Schellen von Debschen, das - der Doktor Braun, das die Schellen
von Dumala.
    Dennoch fragte er, als der Kster eintrat: Wer ist alles da?
    Der Kster Peterson legte sein groes, schlaues Bauerngesicht in pastorale
Falten.
    Die Dumalaschen sind da, meldete er, die Baronin und der Sekretr.
    Wer noch? fragte Werner ungeduldig. Warum meldete der Kerl gerade nur die
Dumalaschen?
    Peterson zog ergeben die Augenbrauen empor:
    Der Doktor ist da, die aus Debschen. -
    Gut - gut. Werner winkte ab. Es war doch ganz gleichgltig, ob der Doktor
da war und die Alte aus Debschen!
    Nun war es Zeit, auf die Kanzel zu steigen, sie sangen da drin schon den
letzten Vers des Liedes. Werner freute sich, zu finden, da die Kirche voller
Licht war. Wenn die breiten, gelben Lichtbnder durch die hohen Fenster in den
Raum fluteten, dann bekam seine Predigt auch anders helle Farben, als wenn die
Kirche voll grauer Dmmerung war, und der Regen gegen die Fensterscheiben
klopfte.
    Es roch nach nassen, schweren Wollkleidern, frischgewaschenen Kattuntchern
und Transtiefeln.
    Werner beugte sich ber das Pult auf der Kanzel zum Gebet. Dieser Augenblick
brachte ihm stets eine sanfte, andchtige Ekstase, so die Stirn auf das Pult zu
legen, und unten wurde es still, und sie warteten, warteten auf sein Wort.
    Die Predigt begann. Die eigene Beredsamkeit erwrmte ihn heute besonders. Er
hrte es, wie die Leute unten aufmerksam wurden, wie das Husten und Sichruspern
schwiegen.
    Und Werner gab seiner Stimme vollere Tne, machte groe, freie Bewegungen.
Er wute es wohl, die meisten dort unten verstanden ihn nicht, aber heute
drngte eine innere Erregung ihn, hinauszusagen, hinauszurufen, was ihn bewegte.
    Falle vor mir nieder und bete mich an, sprach der Bse zum Sohne Gottes.
Bete mich an! Ja, das ist es, das will er. Er hat nicht genug mit unseren Snden
der Schwche, der Nachlssigkeit, der Bosheit, des Unglaubens, nein,
niederfallen sollen wir vor ihm und ihn anbeten. Er will angebetet, er will
verehrt, er will geliebt werden. Danach drstet er. Er will, da wir zu ihm
sprechen: Um dich geben wir die ewige Seligkeit und die Gotteskindschaft hin,
dir opfern wir sie, um dich gehen wir mit offenen Augen in unser Verderben, weil
wir dich anbeten, weil du uns gro und liebenswert erscheinst, weil wir zu dir
wollen. Der Bse will, da wir die Snde lieben, da wir sie anbeten. Das ist
sein Triumph. Das ist das tiefe, furchtbare Geheimnis der Snde. Die Stimme des
Pastors hatte hier einen tiefen, geheimnisvollen und leidenschaftlichen Tonfall
angenommen, wie eine unheimliche Liebeserklrung an die Snde klang es.
    Er hielt inne, selbst erstaunt ber das, was er sagte. Es klang fremd in die
Kirche hinein, und zugleich schien es ihm, als verriete er etwas, als sprche er
etwas aus, das geheim sein sollte und nur von ihm geahnt wurde.
    Er schaute hinunter auf die Gemeinde.
    Ruhig saen sie da alle beisammen. Alte Frauen schliefen. Mdchen, mit
glattgebrstetem Haar, die Hnde im Scho gefaltet, starrten ausdruckslos vor
sich hin, genossen die Ruhe des Augenblicks. Ihm gegenber im Gesthle der
Werlands von Dumala sa die Baronin Karola. Sie hatte den Kopf leicht
zurckgelehnt und schaute scharf zu ihm herber, sie kniff dabei die Augenlider
zusammen, so da die Augen nur wie sehr blanke Striche zwischen den langen
Wimpern hervorschimmerten.
    Werner ging zum Schlu seiner Predigt ber. Seine Stimme nahm wieder ihren
ruhig ermahnenden Ton an, in dem erbaulich das Metall seines schnen Baritons
mitklang.
    Nach dem Gottesdienst fragte Werner den Kster, whrend er sich in der
Sakristei umkleidete:
    Ist die Baronin aus Dumala schon fortgefahren?
    Nein, meinte der Kster, die Frau Baronin wartet auf den Herrn Pastor -
wie immer.
    Wieso - wie immer? fragte Werner ungeduldig. Peterson, Sie fangen an,
Unsinn zu sprechen.
    Leute kamen zu ihm, die Waldhuslerin Marri, ihre Mutter, die alte Gehda,
konnte nicht sterben, das dauerte nun schon Wochen. Der Herr Pastor soll
herberkommen. Werner fertigte die Leute eilig und mechanisch ab, sagte das
ntige Gott wei am besten, wenn er uns zu sich ruft. Wir mssen warten. Die
Waldhterin klagte, da ihr Mann sie zuschanden schlug, wenn er besoffen war.
    Werner zog sich seinen Pelz an. Ja, ja - ich komme mal an. Gott beht' euch
lieben Leute - Gott befohlen. Eilig ging er hinaus.
    Die Baronin Karola stand vor ihrem Schlitten, sehr schlank, fest in die
blaue Pelzjacke geknpft, das Gesicht ganz rosa von der scharfen Winterluft, der
Mund unnatrlich rot, die Stirnlckchen voller Tropfen unter der kleinen
Fischottermtze. Ah, Pastor! rief sie, ich warte auf Sie. Sie drfen uns
heute nicht verlassen. Ja - er leidet, und es ist abends so traurig bei uns.
Also, Sie kommen? Sie reichte ihm die Hand, schttelte die seine mit
unterstrichener Kameradschaftlichkeit. Die Verlassenen trsten ist ja doch Ihr
Amt. Sie lchelte, wobei ihre Mundwinkel sich hinaufbogen, was ihr einen leicht
durchtriebenen Ausdruck verlieh.
    Werner verbeugte sich in seiner feierlichen Art, die etwas Befangenes hatte.
    O - gewi - mit Vergngen, und er lchelte auch aus reinem Behagen, diese
schne Frau anzusehn.
    So, danke, sagte sie. Jetzt wollen wir fahren, mein Page friert. Karl
Pichwit, der Sekretr und Vorleser des Barons Werland, fror immer. Sein
hbsches, krnkliches Knabengesicht war blau von Frost, und er zitterte.
    Er half der Baronin in den Schlitten, setzte sich neben sie, und da lchelte
auch das krnkliche Knabengesicht und errtete.
    Werner stand noch eine Weile da und schaute dem Schlitten, dem Wehen des
blauen Schleiers auf dem Fischottermtzchen nach, er schtzte die Augen mit der
Hand vor der Sonne, um lnger und besser sehen zu knnen.

    Ich finde es rcksichtslos, sagte Lene beim Mittagessen zu ihrem Mann,
da die Werlands dich immerfort hinber bitten. Ich bin jeden Sonntagabend
allein. Der Sonntag gehrt doch wenigstens der Familie.
    Werner zuckte die Achseln, ja, daran war nichts zu ndern. Drben ging es
nicht heiter zu, da mute er eben - -
    Aber Lene rgerte sich.
    Ach was! Dieser Baron, der Gottlosigkeiten und Unanstndigkeiten spricht,
der ist berhaupt kein Umgang fr einen Pastor.
    Werner lchelte nur und a ruhig seinen Sonntagsbraten. Lene erregte sich
immer mehr. Ach was - der Baron! Der ist's ja gar nicht. Sie ist's!
    Sie? Werner schaute auf.
    Natrlich sie, fuhr Lene tollkhn fort, obgleich sie fhlte, da das, was
sie sagen wollte, die Lebenslage ungemtlich machen wrde. Sie - sie will
Gesellschaft haben. Es ist ihr nicht genug, da der arme Pichwit sie verliebt
ansieht, sie will so 'n groen, schnen Mann wie dich zum Kokettieren haben.
    Werner wurde bleich, wie immer, wenn der Zorn in ihm aufstieg. Lene, -
rief er und schlug mit der Hand auf den Tisch, da die Teller klirrten, was ist
das fr ein Geschwtz. Hier an meinem Tisch wird nicht so ber diese edle,
geprfte Frau gesprochen.
    Lene wurde zwar sehr rot, lie sich jedoch nicht einschchtern. Sie
murmelte, um das letzte Wort zu behalten:
    Es ist aber doch so.
    Die Gemtlichkeit des Mittagessens war dahin. Es wurde kein Wort mehr
gesprochen.
    Die Zimmerflucht im Schlosse Dumala war nicht erleuchtet, als der alte Jakob
Pastor Werner hindurchgeleitete. Die Winterdmmerung lag ber den groen,
schweren Mbeln, gab ihnen etwas Verlassenes und Verschollenes. Es roch nach
altem, staubigem Holz in den hohen Zimmern. Das Getfel und das Parkett knackten
bestndig.
    Wir haben hier kein Licht gemacht, erklrte Jakob. Wozu? Es geht hier ja
doch niemand.
    Er hob sein bleiches Gesicht zu Werner auf, sah ihn mit den verblaten Augen
traurig an. Es mochte frher ein hbsches Lakaiengesicht gewesen sein, jetzt war
es auch verwittert und vernachlssigt.
    Wozu? wiederholte er knarrend. Ein Gemach, das sie durchschritten, duftete
nach weien Heliotropen. Helle Vorhnge hingen an den Fenstern, und kleine Mbel
mit goldenen Fen schimmerten aus den dunkeln Ecken.
    Ihr Zimmer, sagte sich Werner, und atmete den Heliotropenduft tief ein.
    Und schlecht geht es uns heute auch, berichtete Jakobs klagende Stimme
weiter. Wir haben starke Schmerzen im Bein. Das Kaminzimmer war von der
groen, grn verhangenen Lampe matt erleuchtet, ein Krankenstubenlicht. Baron
Werland sa in seinem Sessel am Feuer, die Fe in die rote Decke gehllt, die
Gestalt ein wenig in sich zusammengesunken. Das regelmige Gesicht war
wachsbleich, das Haar sorgsam gelockt, der Schnurrbart hinaufgedreht. Nur die
tiefen Augenhhlen ber den unruhig flackernden Augen legten sehr dunkle Flecken
in diese Blsse. Ein starker Opoponaxduft umgab den Kranken.
    Aha - unser Seelsorger, rief er mit seiner hohen Stimme Werner entgegen.
Es ist doch gut, da man einen hat, der von Amts wegen barmherzig sein mu, der
sozusagen dafr bezahlt wird. Werner lachte: Na - es gibt auch Leute, die das
aus Sport sind, meinte er.
    Sport! Der Sport ist unmodern. Setzen Sie sich, Pastor. Kalt - was? Karola
hatte an der Lampe gelesen. jetzt begrte sie Werner. In dein blauen Tuchkleide
sah die Gestalt hoch und biegsam aus.
    Ich danke, da Sie gekommen sind, sagte sie einfach, und schttelte ihm
wieder kameradschaftlich die Hand. Die Sessel wurden an das Feuer gerckt.
Karola drckte sich behaglich in den ihren hinein und blinzelte Werner
erwartungsvoll an, wie ein Kind, das von dem Erwachsenen unterhalten zu sein
hofft.
    Werner rieb sich die erfrorenen Hnde in leichter Befangenheit, die ihn
hufig ergriff.
    Wie geht es? fragte er dann hflich den Baron.
    Schlecht, Pastor, erwiderte der Baron, einfach schlecht. Kein Schlaf in
der Nacht, tolle Schmerzen. Was wollen Sie mehr? Der verdammte Tauwind. Das
tut mir sehr leid, sagte Werner ein wenig steif
    Das tut Ihnen leid, Pastor, fuhr der Baron fort. Natrlich. Sie sind
mitleidig. Das gehrt zum Amt. Nur hilft das nichts. Wissen Sie, was ich mal
hren mchte, der Abwechslung wegen?
    Nun?
    Wenn ich sage: mir geht's schlecht, da mal einer, so von Herzen, mir
antwortet: das freut mich. - So von Herzen - wissen Sie. Das wr' mal was Neues.
Darber knnte ich recht lachen.
    Solch einer findet sich zum Glck schwer - bemerkte Werner.
    Der Baron verzog sein Gesicht: Ich wei nicht. Ein recht geldhungeriger
Erbe vielleicht. Das war's aber nicht, was ich Ihnen sagen wollte, Pastor. Also
heute nacht konnte ich nicht schlafen, und da bedachte ich mir wieder einmal
grndlich die Aussichten Ihrer Unsterblichkeit, Ihres Lebens nach dem Tode.
    Meines?
    Na ja, weil Sie es predigen mssen. Aber, Pastor, die Aussichten sind
schwach. Ich kann die Sache drehen und wenden wie ich will -, heute nacht waren
die Aussichten schwach, gleich null.
    Mit dem Denken kommen wir da wohl nicht heran, wandte Werner ein,
zerstreut, wie wir uns an einem Gesprch beteiligen, das wir oft schon haben
fhren mssen.
    Aber der Baron wurde eifrig:
    Ich wei, der Glaube. Nein, Ihr Glaube ist ein Kunststck, zu dem ich kein
Talent habe. Ein Wunder - gut! ber Wunder kann man nicht sprechen.
    Ah! sagte Karola, sollen wir wieder davon sprechen!
    Der Baron kicherte:
    Natrlich! Ihr seid gesund. Ihr denkt so nebenbei einmal: Unsterblichkeit -
wie schn! Leben nach dein Tode - entzckend! und damit ist's gut. Aber ich -
mich geht das jetzt was an. Sehen Sie, Pastor, wenn Sie zu Hause bleiben wollen,
nun, dann ist's Ihnen gleich, wann der Schnellzug nach Paris geht und ob er
Anschlu hat. Sie sagen wohl so im allgemeinen - ach - der Schnellzug, wie
schn! Aber wenn die Koffer gepackt sind, ja, dann blttern Sie im Kursbuch,
dann kommt es auf Genauigkeit an. Na - also - ich, - ich seh' mir das Kursbuch
an und, Pastor, ich sag' Ihnen, es gibt keinen Anschlu. Wir bleiben liegen.
    Die Wrme des Kaminfeuers machte Werner die Glieder schlaff und die
Augenlider schwer. Er hrte nur halb der hohen, erregten Stimme des Kranken zu.
Er schaute Karola nicht an, aber das Gefhl ihrer Gegenwart, das Gefhl, da ihr
Blick fr einen Moment auf seinem Gesicht ruhte, der leichte Heliotropduft, das
leise Klingen ihrer Armbnder, all das erfllte ihn mit einem Behagen, das ihm
wie ein edler Wein kstlich das Blut erwrmte. Nur mechanisch machte er seine
Einwnde auf die Reden des Barons. Ja, aber ohne Leben nach dem Tode, hat das
Leben da Sinn? Fr das bichen Erdenleben, all der Aufwand! Bravo! Der Baron
klatschte leise in die Hnde. Ich sah Sie damit kommen. Euer Haupttrumpf.
Natrlich ist's ein Unsinn, dies bichen Erdenleben. Sehr richtig! Hren Sie.
Also: Da ist ein hoffnungsvoller, junger Mann, er sieht gut aus, alter Adel,
Geld, lernt was, schneidig, ein Schlo, eine schne Frau. Gut! Anfang der
Vierziger sind ihm die Beine weg, rein weg, und so 'n Stck vom Rckenmark,
sehen Sie, so 'n Stck, untauglich - zum Fortwerfen. Alles aus - finis -. Man
lebt nur, um die Fe in die rote Decke zu wickeln, und auf Schmerzen zu warten.
Ein Unsinn, so 'n Leben. Dafr all die Umstnde mit dem Geborenwerden und
Aufgezogenwerden. Aber, sagen Sie, Pastor, wo steht es geschrieben, da das
Leben einen Sinn haben mu? Bitte, wo steht das? Karola, Kind, was sagst du
dazu?
    Karola reckte sich ein wenig in ihrem Sessel. Ich? sagte sie mit mder
Stimme. Warum soll man nicht darauf hoffen, warten? Man sieht eine Allee hinab,
eine lange, lange Allee. Warum sollen wir uns da pltzlich eine schwarze Mauer
denken? Das lieb ich nicht. Ich will hinabsehn, weit - weit -, bis da, wo ich
vor Helligkeit der Ferne nichts mehr unterscheide.
    Hm - ganz hbsch, meinte der Baron. Poesie, das ist was fr die Gesunden.
Liegt ihr mal im Bett und der Schlaf kommt nicht, und es zwackt und zieht an
allen Nerven, da gengt die Poesie auch nicht. Nein, mein lieber Pastor, mit
Ihrer Unsterblichkeit steht es schlecht.
    Er war mde vom Sprechen, lehnte den Kopf zurck und schlo die Augen. Es
wurde still im Zimmer. Deutlich hrte man hinter dem Getfel die eifrige Arbeit
einer Maus.
    Da ist sie wieder, sagte der Baron, ohne die Augen zu ffnen. Nichts zu
machen! Der alte Kasten will zusammenfallen, fngt an zu sprechen wie ein altes
Weib. Aber, es lohnt sich nicht, etwas dafr zu tun, es lohnt sich nicht mehr.
    Langsam und eintnig sprach er vor sich hin. Es klang resigniert in die
grne Krankenstubendmmerung hinein. Der leise, hoffnungslose Seufzer des
Kranken schien alle Tore des Lebens zu schlieen. Werner sah zu Karola hinber
und begegnete ihrem Blick, dem seltsam schillernden Blick der schmalen, grauen
Augen. Die Mundwinkel bogen sich hinauf, wie im Beginne eines Lchelns. Werner
und Karola sahen sich ruhig an, wie um sich aus der bedrckenden Traurigkeit
dieses Gemaches in das Leben zurck zu retten.
    Jakob brachte den Tee. Mit ihm erschien Karl Pichwit. Er verbeugte sich
stumm und setzte sich.
    Ah! rief der Baron. Herr Pichwit der Page. Herr Pichwit der Troubadour!
    Pichwit verzog seinen zu kleinen kinderhaften Mund zu einem schiefen,
hochmtigen Lcheln. Darin sa er stumm da und schaute sinnend auf Karolas
Hnde, die sich mit den Teetassen zu schaffen machten, schaute stetig und
vertrumt aus den runden, hellbraunen Augen, - blanke Melange hatte Karola von
ihnen gesagt -, Augen, denen die blauen Schatten unter dem Augenlide etwas
Kummervolles gaben.
    Der Baron kniff die Augen zusammen, sah Pichwit, dann Karola an, und lachte
lautlos in sich hinein.
    Ja, jeder auf seine Fasson, meinte er und rhrte in seinem Tee. Kennen
Sie den Baron Rast, Pastor, Behrent Rast, unseren Nachbarn? fragte er.
    Ja, Werner kannte den Baron Rast aus Sielen.
    Na der, fuhr Werland fort, der gnnt sich Tag und Nacht keine Ruhe, nur
um in sein Leben mglichst viel hineinzustopfen. Der hat Eile! Und was kommt
dabei heraus? Der hat seine Duelle, der riskiert seinen Hals beim Rennen, der
verfhrt die Frauen der anderen, der macht von sich reden. Gut! Er arbeitet wie
bezahlt. Warum? Nur weil Behrent Rast zugleich in einer Loge sitzt und zuschaut,
was Behrent Rast tut, und ruft - Behrent ist ein Teufelskerl! und klatscht.
Lohnt denn das bichen Eitelkeit die ganze Geschichte?
    Ich kenne den Baron zu wenig, um ber ihn urteilen zu knnen, sagte Werner
ablehnend.
    Sie werden ihn kennenlernen, fuhr Werland fort. Nehmen Sie die Schafe
Ihrer Herde in acht, Pastor, Rast ist ein unmiger Weiberkonsument.
    Behrent Rast ist sehr unterhaltend, bemerkte Karola.
    Der Baron lachte. Ja, die Weiber lieben so was. Schauspieler in jeder Form.
Merken Sie sich das, Herr Pichwit, wollen Sie einem Weibe gefallen, so mssen
Sie ihr einbilden, da Sie ganz speziell fr sie eine Rolle spielen.
    Ist das so sicher? fragte Karola gelangweilt.
    Ganz sicher, beteuerte Werland. Pltzlich lehnte er sich in den Sessel
zurck. Da sind sie wieder, verdammte Kameraden, diese Schmerzen. Herr Pichwit,
haben Sie Ihren Tee ausgetrunken? Ja? Dann, gute Nacht.
    Pichwit errtete, er lchelte zwar hochmtig, aber die hellbraunen Augen
bekamen einen feuchten Glanz. Er verbeugte sich stumm und ging.
    Warum schickst du den armen Jungen fort? Das krnkt ihn, fragte Karola.
    Der Baron kicherte. Wissen Sie, Pastor, Herr Pichwit ist nmlich in meine
Frau verliebt, unsterblich verliebt, so wie man es in englischen Romanen ist. Na
ja - natrlich - warum nicht? Mir macht das groen Spa. Die Honigaugen!
    So la ihn doch, - warf Karola hin.
    Ich lasse ihn ja, - versicherte Werland. Wie gesagt, es macht mir Spa.
Nur manche Abende fallen diese Augen mir auf die Nerven. La ihn nur auf sein
Zimmer gehn. Heute ist so was wie Mondschein am Himmel. Da kann er ja dichten.
Herr Pichwit dichtet nmlich. Honig in den Augen und Chinin im Herzen,
bitters, das gibt bei diesen jungen Leuten jedesmal einen Lyriker. Oh! Du
verflucht! Er fate sich an sein Bein. Karola - Kind - komm, reib' das Bein
ein wenig. Sie mssen wissen, Pastor, die Frau hat so was wie magnetische Kraft
in den Fingern.
    Karola rckte ein niedriges Sthlchen an den Sessel ihres Mannes heran,
setzte sich und begann sachte mit der Hand ber die rote Decke hinzufahren, das
Bein des Kranken zu streichen. Der Baron bog den Kopf zurck und schlo die
Augen. Werner sah dieser Hand zu, wie sie langsam und stetig ber die rote Decke
hinglitt, schmal und wei und voller Ringe. Im Schein des Feuers war die Hand
ganz umflimmert von scharfen, bunten Lichtern.
    Der Kranke atmete jetzt tief und regelmig, zuweilen sthnte er.
    Sie sind geduldig, sagte Werner leise.
    Ich? Karola schaute erstaunt auf Wie wissen Sie das?
    Ich seh' es.
    Gott! was man sieht! Dann fragte sie halblaut: Nicht wahr? Sie waren in
Ihrer Jugend ein wilder Junge?
    Ah, man beging Torheiten, erwiderte Werner. Man kam sich interessant vor.
Das Interessante war eben, da man jung war.
    Sie waren frh verlobt?
    Ja - als Student.
    Die halblaute Unterhaltung tat beiden wohl. Es war gleich, was gesagt wurde,
das Flstern brachte sie einander nah.
    Ach ja, meinte Karola, Theologen verloben sich immer frh. Sie sind
natrlich sehr glcklich.
    Natrlich? Warum?
    Pastorenehen sind immer glcklich.
    Ja so!
    Beide lchelten.
    Der Kranke sthnte heftiger.
    Jakob soll ihn zu Bett bringen, beschlo Karola.
    Werner erhob sich: Ja - es ist spt. Ich gehe auch.
    Karola begleitete ihn bis an die Flurtr. Sie stand an den Trpfosten
gelehnt und schaute zu, wie er sich den Pelz anzog.
    Sie freuen sich wohl, nach Hause zu kommen. Wenn Sie von hier kommen, ist's
da wohl doppelt gemtlich? sagte sie. Werden Sie noch etwas essen?
    Ich wei nicht -.
    Gewi hat Ihre Frau auf Sie gewartet, sie lchelte dabei ihr leicht
spttisches Lcheln. Gute Nacht!

    Der Wind fegte ber die Ebene. Der Schlitten glitt geruschlos ber den
feuchten Schnee. Werner hieb unbarmherzig auf seinen Schecken ein:
    H - h - vorwrts. -
    Tolle Bewegung hatte er jetzt ntig. Er wollte den Wind wie Peitschenhiebe
im Gesicht fhlen. Drben lag das Pastorat. Licht blinkte durch das Fenster. -
Nein - dahin nicht!
    Dort wird es gemtlich sein - wie sie das gesagt hatte mit dem Zucken der
Mundwinkel, als wte sie, da er dorthin - dorthin, wo es so gemtlich war,
jetzt nicht konnte.
    Er bog in den dem Pastorat entgegengesetzten Weg ein, fuhr dem Walde zu. Nur
vorwrts - vorwrts!
    In den engen Waldwegen war es finster, ber ihm rauschten die Fhren, ein
leidenschaftliches Brausen, das nachlie, wieder anschwoll, wie der Atem einer
Riesenbrust. Hier und da knarrte ein morscher Zweig durchdringend schrill, wie
ein Schmerzenslaut.
    Das tat Werner wohl. Es war, als tobte und rief eine groe Kraft ber ihm
sich aus - fr ihn, tobte und rief hinaus, was in ihm hinaus wollte.
    H - h - trieb er den Schecken an. Er mute sich tief bcken, um unter
den niederhngenden Zweigen durchzukommen, und wurde dann ganz mit Tropfen
berschttet. Krhen flogen lrmend aus den Wipfeln. Ein aufgescheuchtes Reh
brach durch das Unterholz. Werner wute nicht, wohin er fuhr, nur vorwrts -
hinein in die Dunkelheit, in das Wehen und Brausen, in das Tropfen und Duften.
    Pltzlich hielt der Scheck. Er war am Moorkrug.
    Willst nicht weiter, armer Racker, sagte Werner.
    Das Tier schnaufte und blies. Werner stieg aus. Teufel, ja! das Pferd war in
Schaum! Da war nichts zu machen.
    He - Wirtschaft - Jost!
    Der Krger erschien; seine riesige Gestalt sehr tief bckend, um durch die
Tr zu kommen.
    Was, der Herr Pastor selber?
    Ja - ja - wundern Sie sich nicht so lange. Fhren Sie das Pferd in den
Schuppen, trocknen Sie es ab. Und dann einen Grog - geschwind.
    Werner trat in die Krugstube. Eine Lampe rauchte an der Wand. Ein Holzknecht
sa am Tisch, hatte den Kopf auf die Arme gelegt und schlief. Am Ofen, den Kopf
auf sein Bndel gesttzt, schlief ein Hausierer. Die beiden Schlfer riefen
rauhe, schnarchende Gurgeltne zueinander hinber. Die Tr zum Nebenzimmer, zum
Herrenzimmer, war angelehnt. Dort flsterten Stimmen.
    Werner stie sie auf.
    Ah - da find' ich Gesellschaft, rief er. Da saen der Organist Sahlit und
der Lehrer Grv bei einer schwelenden Lampe und tranken Grog. Sie blickten scheu
zur Tr, erhoben sich von ihren Sthlen.
    Die stillen Snder, sagte Werner. Na, setzen Sie sich nur, wenn Sie jetzt
Ihren Grog stehen lassen, das macht die Sache nicht besser.
    Nu - mal am Sonntag, murmelte Sahlit, der schon betrunken war.
    Gut, gut. Werner warf sich auf einen Stuhl und knpfte sich den Pelz auf
Die tolle Fahrt hatte ihn erfrischt. Er lachte die beiden wunderlichen Gesichter
sich gegenber an. Sahlit mit dem blanken, kahlen Schdel, rote Flecken im
Gesicht, und die Augen fromm und schwimmend. Der Lehrer sah sehr hochmtig aus,
rote, hektische Flecken auf den eingefallenen Wangen, das rote Haar wirr ber
die bleiche Stirn gestrichen. Wie In verzeichneter Schiller schaut der Kerl
aus, dachte Werner.
    Sie, Sahlit, sagte er, Sie haben heute in der Kirche wieder gespielt wie
In Schwein. Das kommt vom Saufen.
    Nein, Herr Pastor, entschuldigte sich Sahlit, die alte Orgel, das Luder,
pariert nicht mehr.
    Wenn ich eine Orgel wre, wrde ich Ihnen auch nicht parieren, fuhr Werner
fort. Und Sie, Grv, kommen wegen der roten Marri her. Das ist fr einen Lehrer
unpassend.
    Ich tu die Woche ber meine Pflicht, erwiderte Grv stolz, fr den
Sonntag verantworte ich - fr mich.
    So! Da ist ja der Grog, brach Werner das Gesprch ab. Marri, gro,
rothaarig, seltsam rote Augenbrauen im weien Gesicht, brachte den Grog, stellte
sich dann an den Ofen und sah Werner unverwandt an.
    Nun, Kinder, da wir einmal zusammen sind -, sagte Werner und hob sein
Glas.
    Auf Ihr Wohl, Herr Pastor, stammelte Sahlit unterwrfig.
    Werner streckte die Beine von sich. Das Getrnk ging angenehm hei in die
Glieder.
    Na, munter, Kinder. Wovon spracht ihr?
    Ach, berichtete Sahlit, Grv hat einen sehr stolzen Rausch. Wenn der
getrunken hat, dann spricht er von groen Regierungssachen, nu, und dann wei er
alles besser.
    Ja, dazu trinkt man, versetzte Werner, Grv wei dann alles besser - und
Sie, Sahlit, sind dann ein groer Musiker. Und beide werdet's ihr dann schon dem
Pastor mal zeigen - nicht?
    Was knnen wir zeigen, murmelte Sahlit und sah den Lehrer scheu an.
    Ja - dem Pastor es mal zeigen, davon spracht ihr. Werner schlug mit der
Hand auf den Tisch und lachte: Ja, Kinder, zeigt's ihm mal! Sie, Grv, haben
mit drei Glas Grog eine ganze Welt von Stolz und Mut heruntergetrunken. Das ist
doch billig.
    Mein ist der Stolz und mein ist die Snde, sagte Grv fest.
    Gut, Grv. Werner trank ihm zu. Sie nehmen es auf Ihre Kappe. Sie
verantworten es, obgleich Sie sich einbilden, ein sehr groer, verwegener Snder
zu sein, der Marri wegen und des Grogs wegen. ja, das macht Sie stolz, so 'n
ganz groer Snder zu sein? Da ist man doch mal was.
    Ich verantworte, sagte Grv wieder sehr entschlossen.
    Snder ist man - was kann man machen, brummte Sahlit.
    Werner lachte: Aber ihr seid ja gar keine groen Snder! Das bildet ihr
euch ein, damit der Grog euch besser schmeckt. Ob Grv morgen Kopfweh hat, und
ob Sahlit Kater hat, das ist ja ganz gleichgltig. Arme Geschpfe kriechen
heimlich zusammen, wollen sich ein bichen Mut und Hochmut antrinken, wollen's
dein Pastor mal zeigen, na - und den anderen Tag zeigen sie's ihm nicht, und vom
Hochmut und vom Mut ist auch nichts mehr da, nein! das schreibt der Teufel sich
nicht auf sein Gewinnkonto, - das ist nichts.
    Das Fleisch ist schwach, lallte Sahlit mit gefalteten Hnden, und Reue
und Bue sind lang.
    Katzenjammer - nicht Bue, rief Werner ihn an. Sie spielen morgen wieder
falsch die Orgel, Grv rechnet seinen Kindern falsch auf der Tafel vor, ihr
kriecht so durch den Tag hin wie immer. Das ist nicht Bue, das ist was
anderes.
    Der Schullehrer hatte schweigend zugehrt. Er hob den Kopf, sein Nacken
wurde steif und sein Lcheln sehr berlegen. jetzt begann er zu sprechen,
schnell und in hoher Stimmlage:
    Vielleicht, Herr Pastor, sind die Snden der vornehmen Herren nichts fr
uns. Wir sind arme kleine Leute. Wo sollen wir die groen Snden hernehmen? Die
sind nichts fr uns. Sowieso hat man nichts vom Leben, auch - auch von den
Snden nichts. Das ist mal so die Gerechtigkeit der Gesellschaft. Es ist
mglich, da der Herr Pastor sich mehr fr die vornehmen Snder interessiert,
jeder streckt sich nach seiner Decke. Ich hab' die Welt nicht gemacht. Ich
mchte auch lieber eine Lampe, die nicht raucht, und einen Grog ohne Fusel und -
und -, er errtete. Der Mut seines Angriffes stieg ihm zu Kopfe - und 'ne
vornehme Dame.
    Bravo, Grv! rief Werner. Marri, noch ein Glas. Ihr Lehrer ist ein Mann.
Sie wollen gleichmige Verteilung der Snden? Recht haben Sie, Mann.
    Das wird auch noch kommen, prophezeite Grv.
    Gott geb's, betete Sahlit verstndnislos.
    Werner sttzte den Kopf in die Hand und wurde nachdenklich.
    Arme Racker! sagte er vor sich hin. Mt nachts hier hinaus kriechen, um
bichen hochmtig zu sein, um bichen Sozialdemokrat zu sein, um zu sehen, ob
Marri Zeit hat. Und dann morgen nichts - vorber.
    Er schaute auf, betrachtete nachdenklich die beiden wunderlichen Gesichter
seiner Kameraden: Nun, - wit ihr -, euch wird viel vergeben werden, weil -
weil ihr so furchtbar hlich seid.
    Amen, murmelte Sahlit.
    Eine dumpfe Mdigkeit, die ihn traurig machte, legte sich auf Werner. Die
Luft war dick von dem Qualm der Lampe, dem Dampf des Grogs. Sahlit weinte jetzt.
Grvs Stolz wurde gespenstischer, dabei warf er verliebte Blicke dem Mdchen am
Ofen zu. Und dieses Mdchen, das Werner mit den runden, bleichen Augen stetig
ansah, mit dem groen, weien Gesichte, den nackten Armen, dem weichen Quellen
des Busens, mit all dem weien, lasterhaften Fleisch, es erregte Ekel in Werner,
um so strker, weil es in seinem Blute doch ein Brennen entzndete, das ihm
unendlich zuwider war.
    Er stand auf. Jetzt fahren wir. Und die Herren kommen mit mir.
    Danke, danke, lallte Sahlit.
    Im Schlitten befahl Werner dein Krger, die Decke fest zuzuknpfen - sonst
verliere ich meine Gste. Nur festhalten - es geht los.
    Er trieb den Schecken an. Der Wind whlte noch in den Fhrenwipfeln. Durch
die Wolken schien auf Augenblicke der Mond, ein Licht, das kam und ging, als
liefe jemand mit einer Kerze eine lange Fensterreihe entlang.
    Und alle Schatten unten kamen in Aufregung, fuhren zwischen den hohen
Stmmen hin und her.
    Gott sei uns gndig, betete Sahlit.
    H - h - rief Werner. Dieses Blasen und Wehen badete ihn wieder rein.
H - Sie flogen die kleinen Waldwege entlang. Das leichtgefrorene Moos
knisterte unter den Hufen des Pferdes.
    Haltet euch, Kinder, kommandierte Werner. Der Scheck stutzte, aber Werner
lie die Peitsche sausen. Vorwrts! - ein Ruck, und sie waren an der
Galgenbrcke.
    ber eine tiefe Schlucht, einst vielleicht ein Steinbruch, in der Steine in
einem schwarzen Wasser schliefen, war eine rohe Brcke geschlagen worden, einige
Bretter auf einigen hohen Pfosten. Alles war jetzt morsch und faul, das Gelnder
fortgebrochen. Lngst wagte keiner mehr diese Brcke zu befahren oder auch nur
zu betreten. Der Rbensimon, der Sufer, hatte sich mitten auf der Brcke
erhngt, die Beine ber dem Abgrund, und als der Strick gerissen war, war der
Rbensimon in das Wasser gefallen, und man hatte seine Leiche nie finden knnen,
ein so tiefes Loch mute dort unten in dem schwarzen Wasser sein; so erzhlten
sich die Leute.
    Herr Pastor! sagte Grv heiser.
    Gnade! wimmerte Sahlit.
    Aber der Scheck jagte hin. Er fhrte eine Art Tanz auf, um ber die morschen
Bretter hinberzukommen. Hier war eine glatte Stelle, dort brach der Huf ihm in
das faule Holz ein -, dort war ein Spalt. Hoch ber dem Wasser glitt der
Schlitten hin. Etwas Mondlicht fiel in die Tiefe. Werner lehnte sich in den
Schlitten zurck. Eine starke Spannung straffte jeden Nerv in ihm an, eine
atemlose Erwartung -, jeden Augenblick kann es kommen, das Neue, das Nieerlebte.
Ein Rausch war es, der ihn wiegte, dazwischen darin ein ruhiger, beobachtender
Gedanke: Also so ist's, wenn wir davor stehen, so ist's, wenn wir's erleben.
    Sahlit winselte leise vor sich hin wie ein Hund, der an einer geschlossenen
Tr steht und hinaus will.
    Jetzt noch ein Ruck und der Schecke hatte festen Boden unter den Fen.
So! sagte Werner und tat einen tiefen Atemzug. Er lie die Leinen los. Der
Schecke fand den Heimweg schon allein. Eine Ermdung wie nach einer starken
Anstrengung legte sich ber Werner. Er sah seine Genossen an. Er fhlte eine Art
Zrtlichkeit fr sie.
    Der Kster hielt die Augen noch geschlossen und wimmerte. Mann -, es ist
vorber! schrie Werner ihn an und schttelte ihn.
    Sahlit ffnete die Augen, schaute um sich wie einer, der aus schwerem Traum
erwacht.
    Danke, danke, Herr Pastor, stammelte er.
    Der Mond beschien einen Augenblick das Gesicht des Lehrers, ein
geisterbleiches Gesicht. ber die spitzen Backenknochen mit den roten Flecken
flossen Trnen, die ganz blank im Mondlicht wurden.
    Sie weinen ja, Grv? sagte Werner.
    So? erwiderte er. Ich wei nicht. Das trnenberstrmte Gesicht blieb
regungslos und starr.
    Sie haben sich gut gehalten, Grv, meinte Werner. Er wollte dem Manne
etwas Angenehmes sagen.
    Nicht meine Verantwortung, versetzte der Lehrer eintnig und leise, wie
einer im Schlafe spricht. Der Herr Pastor wollte uns vielleicht strafen. Ob er
das Recht dazu hatte, ist zweifelhaft.
    Nein, nein, dazu hatte er kein Recht, sagte Werner. Verzeihen Sie mir,
Grv.
    Ich - bitte, Herr Pastor, warf Grv nachlssig hin.
    Der Scheck trabte munter dem Pastorate zu.
    Schlafen werden wir gut, bemerkte Werner. Ja, schlafen wollte er. Auf eine
lange, traumlose Ruhe freute er sich. Die Ebene, ber die das flackernde
Mondlicht hinstrich, erschien ihm schon Jetzt wie eine weite, stille
Traumlandschaft.

    Es war spt am Nachmittag. Werner ging zu der alten Waldhuslersmutter
Gehda, die nicht sterben konnte.
    Ganz drr und gelb, wie ein groes Heimchen, lag die Alte in ihrem Bett. Aus
den tiefen Augenhhlen lugten die trben Augen geduldig und stetig hervor und
warteten. Als der Pastor sich an ihr Bett setzte und fragte: Wie geht es,
Mutter Gehda? - schwieg sie, als verlohne es sich nicht, darauf zu antworten.
Die Schwiegertochter, die Waldhuslerin, antwortete redselig:
    Ach, Herr Pastor, kein Atem, was ist das fr'n Leben! Man is alt, man will
sterben, nu ja! Gestern haben wir ihr ein warmes Bad gemacht, haben sie gut
abgeseift. Wird man nu sehn - wie's wird.
    Werner sprach erbauliche Worte. jeder Augenblick, den Gott uns gibt, kann
fr unser Heil wichtig sein. Was bedeutet das bichen Warten gegen eine Ewigkeit
bei Ihm!
    Da begann die Sterbende zu sprechen mit tiefer, mrrischer Stimme, als
schelte sie jemanden:
    Geplagt hat sich der Mensch beim Mistverstreuen und Unkrautjten in dem
Baumgarten. Nu will der Mensch seine Ruhe haben. Das kann er verlangen. Das
heilige Abendmahl hat man genommen, alles ist fertig. Aber nein - und nein.
    Werner schwieg. Was sollte er hierzu sagen? Die Alte wute es besser. Sie
verlangte nach dem Tode als nach ihrem Recht. Hier brauchte er nicht zu trsten.
    Er stand auf: Na, Mutter Gehda, - Gott wird helfen. Geduld mssen wir
haben.
    Er ging hinaus. Der Tag war kalt gewesen und mit leichtem Frost.
    Die Sonne ging rot hinter den bereiften Bumen unter.
    Das Man will seine Ruhe haben der Alten klang Werner nach, whrend er
durch den Wald ging, - beruhigend und friedlich. Dazu lebt man, um diese
Sehnsucht nach tiefer Ruhe, diesen Durst nach der Wohltat des Todes zu haben.
Was sollte er der alten Frau von einer ewigen Seligkeit, einem ewigen Leben
sprechen. Sie verlangte nach ewiger Ruhe vom Mistzerstreuen und Unkrautjten.
    Lustig waren der weie Wald mit dem roten Sonnenschein und die klare
Frostluft. Alles sah so geschmckt aus, als sollte hier etwas Gutes, etwas
Festliches geschehen.
    Durch den Wald tnte Schellengeklingel, sehr hell, wie ein silbernes Lachen.
Werner blieb stehen und horchte. Er kannte dieses Schellengeklingel wohl. Das
war es, was in den festlichen, weien Wald hineingehrt hatte. Er lachte ein
knabenhaft frohes Lachen vor sich hin. Das Schellengeklingel kam nher. Nun sah
Werner schon den Schlitten, die beiden spitzgespannten schwarzen Pferde, des
Kutschers Pelzmtze und braunrote Livree.
    Karola sa allein im Schlitten. Pastor! rief sie, als sie Werner sah.
Fahren Sie mit? Doch nein! Peter - halt! Ich steige aus. Peter wartet auf mich
an der Allee. Ich geh ein Stck mit Ihnen.
    Sie sprang aus dem Schlitten. Ihr Pelz und die Pelzmtze waren wei bereift,
ihre Wangen gertet. Sie lachte ber das ganze Gesicht, als sie Werner die Hand
reichte.
    Ist das schn, Pastor! Der Wald und die rote Sonne! Wie lauter Balldamen,
auf die es Himbeersoe regnet!
    Sie ging neben ihm her, sprach erregt: Einen Besuch hab' ich gemacht bei
der Baronin Huhn in Debschen. Oh! war das langweilig! Schon wenn ich die
Zwiebcke in Debschen sehe, macht es mich traurig. Alles riecht dort nach
Zwiebcken. Woher das wohl kommen mag? Das Leben dort mu eine einzige,
langweilige Kaffeestunde sein. Ich sehnte mich hinaus. Der Wald jetzt ist doch
das Eleganteste, das es gibt. Wie fein der Schnee knirscht, wenn man darauf
geht, wie Zucker. Das mte man im Sommer machen, einen Weg mit Zucker
bestreuen, und am Rande mten ganz rote Tulpen stehen. Und wo waren Sie?
    Werner erzhlte von der Mutter Gehda und wie sie den Tod nicht erwarten
konnte.
    Dieser Besuch hat Sie wohl traurig gemacht? fragte Karola und sah
enttuscht zu Werner auf
    Nein, meinte er. So was beruhigt, dieses Haus, in dem man auf den Tod
wartet, rgerlich und ungeduldig, wie auf den Zug, der Versptung hat.
    So. Dann frchtet sie sich also nicht, sagte Karola befriedigt. Wenn die
Leute leben wollen und nicht drfen, das lieb ich nicht.
    Sie traten aus dein Walde hinaus. Vor ihnen lag die Ebene, ganz bergossen
von zentifolienfarbenem Licht. Die Sonne war im Untergehen. Um sie her, in einem
fliederfarbenen Himmel, bauten sich groe, bunte Wolken auf Langgestreckt,
stachen sie wie goldene Klingen in den Himmel, oder sie rundeten sich wie
rosenfarbene Nacktheiten, an denen goldene Schleier hingen. Karola stie einen
kleinen Schrei aus, dann stand sie still, lie die Arme niederhngen, wie wir
unter einer Dusche stehen. Das rotangeleuchtete Gesicht hob sie zu Werner auf:
    Stehen Sie still, rief sie ihm zu. Fhlen Sie, wie's an einem
niederfliet? Ich spr' ordentlich, wie die Wellen kommen, rosa und goldene
Wellen.
    Sie schaute in die Sonne. Ihre Augen wurden wieder ganz schmal, leuchtende
Striche zwischen den schwarzen Wimpern.
    Sie sind auch ganz rosa, Pastor, ein rosa Gesicht, einen rosa Bart.
    Sie lachten sich an, ffneten den Mund, als knnten sie das Licht trinken.
    Die Sonne sank. Sie war nur noch eine rote Halbkugel.
    Sie geht - sie geht! rief Karola. Mit ausgebreiteten Armen lief sie den
Weg entlang, der Sonne nach.
    Die Sonne war untergegangen. Alle Lichter erloschen auf der Ebene. Oben
verblaten die Wolken. Ein blaues Dmmern kroch sachte ber den Schnee.
    Karola war stehen geblieben.
    Alles weg, sagte sie bedauernd.
    Der Himmel wurde glasig und farblos. Ein weies Stck Mond hing in ihm.
    Wie so 'n bichen Licht einen aufregt, bemerkte Karola entschuldigend.
Ich bin mde. Geben Sie mir Ihren Arm, Pastor. Gott! bin ich gelaufen!
    Sie hing sich an Werners Arm. So gingen sie langsam durch die zunehmende
Dmmerung ber die Ebene. Karola sprach jetzt ruhig, ein wenig traurig vor sich
hin:
    Ich glaube, weil die Lampe bei uns immer verhngt wird, scheint die
Dmmerung mir traurig. Eben war es so, als ob Jakob die Haustr verschliet. Ich
lege den grnen Schirm ber die Lampe, und der Abend beginnt.
    Aber Sie, gndige Frau, sagte Werner, Sie sind ja nicht traurig. Sie sind
ja geduldig und frhlich.
    Karola zuckte die Achseln.
    Das haben Sie schon zuweilen gesagt, Pastor, Sie wollen an mir wohl eine
Tugend loben. Geduldig, mein Gott! Ich mag es aber nicht besonders, wenn Sie
mich bemitleiden.
    Nein - Sie darf man nicht bemitleiden, versetzte Werner schnell.
    Mich nicht? Sie hob ein wenig den Kopf und sah Werner mit dem scharfen
Blitzen ihrer Augen an. Warum?
    Weil -, Werner dachte einen Augenblick nach. Dann zeigte er auf die beiden
Schatten, die der Mond, gro und blau, vor ihnen auf den Schnee legte: Sehen
Sie Ihren Schatten?
    Nun und?
    An diesem Schatten seh ich, da Sie nicht heimlich an etwas Schwerem
tragen.
    Karola lachte. Pastor, was ist das mit dem Schatten, sagen Sie?
    Eine Geschichte.
    So erzhlen Sie.
    Ich war frher in einem kleinen Pastorat nah an der Grenze. Ich hatte mich
auf der Jagd verirrt. Es war spt geworden. Der Mond schien, so wie heute. Sie
wissen, es wird dort viel geschmuggelt. Nun, auf einer Lichtung an einem kleinen
Flu sah ich einen Zug langsam hingehen. Juden waren es wohl. Lange Rcke, lange
Brte, groe Hte. Es schienen sehr starke, groe Leute zu sein. Sie gingen
langsam, ein wenig gebckt, ein wenig mhsam vielleicht. Sonst war aber nichts
Besonderes an ihnen zu sehen. Aber neben ihnen, auf dem Boden, gingen ihre
Schatten her - riesige, dunkle Schatten, und diese Schatten waren seltsam
unfrmig. Die Schatten hatten Buckel und Ausbuchtungen und Beulen. Die Schatten
trugen an etwas schwer, sie verrieten es, wie schwer beladen diese Leute waren.
    Ich versteh' nicht recht, sagte Karola und schaute aufmerksam auf ihren
Schatten nieder.
    Nun, erklrte Werner, Leute, die heimlich schwer an etwas tragen, die
bemitleide ich. Aber Ihr Schatten, sehen Sie, wie schlank und leicht er ber den
Schnee gleitet. Fast leichtsinnig. Heimliche Lasten entstellen immer.
    Ganz leicht, wiederholte Karola. Und Ihrer?
    Ich wei nicht. Werner richtete sich gerade auf, um seinen Schatten
schlanker zu machen. Vielleicht doch ein wenig unfrmig?
    Nein, rief Karola eifrig. Sehen Sie, wie leicht er geht. Nun ja, Sie sind
stark, Sie knnen leicht viel tragen.
    Sie schweigen eine Weile und folgten mit den Blicken den Schatten, die vor
ihnen hergingen.
    Und Karl Pichwits Schatten, sagte Karola darin, wie mag der sein?
    Der? Ich wei nicht.
    Ich glaube, der ist auch ein wenig verzeichnet, meinte Karola
nachdenklich.
    Das letzte Stck Weges wurde nichts mehr gesprochen. Still gingen sie durch
die glashelle Mondnacht. Karola war mde und sttzte sich schwer auf Werners
Arm. Vor ihnen glitten die beiden Schatten hin, so eng aneinandergeschmiegt, als
umarmten sie sich.
    Hier ist Peter, sagte Karola. Danke! Das war gut. jetzt zur Lampe zurck.
Kommen Sie bald, Pastor. Verlassen Sie uns nicht.
    Sie reichte ihm die Hand, stand ganz nahe vor ihm und sah ihm in die Augen.
    Gewi, Frau Baronin, ich komme, sagte Werner, weich, als sei es eine
Liebeserklrung. Sie setzte sich in den Schlitten und fuhr die Allee hinab.
    Werner stand noch lange an derselben Stelle und hrte dem Klingeln der
Schellen zu, das so hell in die Mondnacht hinauslachte.
    Langsam und sinnend ging er dann heim, einer stillen, heimlichen Heiterkeit
in seiner Seele zuhrend.
    Im Pastorat war noch kein Licht gemacht. Lene sa im Wohnzimmer am Fenster
und schaute den Mond an.
    Nun, Kind, trumst du? sagte Werner freundlich.
    Ja, der Mond ist so hell, erwiderte Lene, ohne aufzustehen und ihm
entgegenzukommen.
    Also verstimmt, dachte Werner. Das war rgerlich. Gerade heute htte er
gewnscht, da alles harmonisch um ihn wre. Er beschlo, nicht darauf zu
achten.
    Ja, ein schner Abend, begann er wieder der macht sentimental. Steck' das
Licht an, Kind, wir wollen ein wenig musizieren. Was?
    Ja - gleich, sagte Lene, aber das klang nicht begeistert. Da war ein
Unterton suerlicher Resignation. Als die Lampe und die Kerzen am Klavier
brannten, sah Werner, da Lene geweint hatte.
    Natrlich! Heute jedoch tat er, als bemerkte er es nicht. Er wollte die
kleinen, huslichen Unannehmlichkeiten vermeiden, sich den Nachglanz des
Abendrots, den Nachklang der lachenden Schellen in der Mondnacht nicht verderben
lassen.
    Lene setzte sich an das Klavier und schlug die Noten auf.
    Werner plauderte unbefangen weiter.
    Der Baronin Werland bin ich begegnet.
    So! deshalb kamst du wohl so spt nach Hause?
    Ja, wir gingen ein Stck zusammen. Werner sorgte dafr, da nicht die
geringste Ungeduld aus seiner Stimme klang.
    Und sie lt den armen, kranken Mann solange allein, sagte Lene.
    Das ist wohl nicht unsere Sache, erwiderte Werner sanft. Die Frau erfllt
gewissenhaft genug ihre nicht leichten Pflichten.
    Lene zuckte die Achseln und tat den unklaren Ausspruch:
    Wer erfllt denn nicht seine Pflichten?
    Werner antwortete nicht auf diese Wendung, die das Gesprch ins ganz
Persnliche hinberleiten sollte. Die junge Frau mit den verweinten Augen tat
ihm leid. Er wollte ihr etwas Gutes tun, er wollte recht schn singen. Die arme,
leidende Seele sollte ganz in Gefhl und Sigkeit gebadet werden. Das wrde ihr
guttun.
    Lene legte die Hnde auf die Tasten und wartete.
    Was willst du singen? fragte sie.
    Werner bltterte im Notenheft. -
    Du bist die Ruh, denke ich.
    Gut. Lene beugte sich noch nher an die Noten heran und versuchte die
Begleitung. Werner schaute auf ihre Hnde hinab.
    Du, sagte er dann, die Baronin Huhn hat mir ein Wasser empfohlen, - fr
die Hnde. Das macht die Hnde wei.
    Lene zog schnell ihre Hnde von den Tasten herunter.
    Fr wen?
    Fr dich.
    Fr mich? fuhr Lene auf Pltzlich sind dir meine Hnde nicht wei genug.
Ja, ich hab' rote Hnde. Natrlich, bei der Arbeit! Aber ich danke fr das
Wasser der alten Huhn. Bisher ist dir das nicht aufgefallen.
    Warum regst du dich auf? Werner versuchte zu lachen. Es ist doch
angenehmer, weie Hnde zu haben als rote, und wenn - - -
    Gewi. Lene fing zu weinen an.
    Es ist vielleicht auch angenehmer, so schmale Schlangenaugen zu haben,
statt solcher dummen, blauen Augen mit blonden Wimpern wie ich.
    Werner zuckte die Achseln. Gut, also lassen wir das. Soll ich singen? Lene
wischte sich die Augen und begann zu spielen, noch immer schluchzend wie ein
Kind.
    Werner sang, aber die Lust dazu war ihm vergangen. Er sang schlecht und ohne
Genu.
    Es geht nicht! sagte er rgerlich und brach ab.
    Er ging in sein Zimmer, setzte sich an seinen Schreibtisch und starrte in
das Licht der Lampe.
    - Warum mute das sein? Warum immer leiden oder leiden machen? Fhlte er ein
wenig Glck, gleich mute das mit dem Schmerz eines anderen Wesens bezahlt
werden. Warum? Seltsame konomie, seltsame Buchfhrung!

    Das Ehepaar Werner war ins Schlo Dumala zum Diner geladen.
    Lene stand vor Werner und wollte seinen Rat.
    Was soll ich anziehen?
    Werner antwortete nicht gleich, weil er in dem Buch vor sich die Zahlenreihe
zusammenaddieren wollte.
    Das Schwarzseidene?
    Ja - ich denke, sagte Werner ohne aufzuschauen.
    Lene dachte nach.
    Ach, meinte sie, es ist so langweilig, immer schwarz. Die Pastorin
natrlich in schwarzer Seide.
    Wenn man nun mal Pastorin ist, warf Werner hin, indem er weiter rechnete.
    Die Baronin wird natrlich hell sein, fuhr Lene fort.
    Das glaube ich nicht, meinte Werner. Als Hausfrau wird sie wohl eher
einfach gekleidet sein.
    Aber Lene bestand darauf: Ach! Was die einfach nennt! Und dann, der Baron
Rast wird da sein. Der soll ja ein so schlechter Mensch sein, wie man hrt.
    Werner schaute auf. Hat das denn irgendeinen Einflu auf deine Toilette?
    Wenigstens, beschlo Lene, leg' ich dann die kirschroten Bnder um.
    Tu das, Kind, sagte Werner freundlich, das wird hbsch sein. Auch wohl
vielleicht, weil der Baron Rast ein schlechter Mensch ist?
    Was hat das fr einen Zusammenhang? fragte Lene und ging aus dem Zimmer.
    Die Zimmer in Dumala waren heute alle erleuchtet. Die alten Mbel mit den
verblaten Seidenbezgen und den groen gewundenen Lehnen standen mrrisch, wie
im Schlaf gestrt, im hellen Lampenlicht.
    Als Werners in das Kaminzimmer traten, waren die anderen Gste dort schon
versammelt.
    Die Baronin Huhn aus Debschen, in eine blanke, graue Atlasrobe, wie in einen
Spiegel gekleidet, sehr erhitzt unter ihrer weien Percke, unterhielt sich mit
dem Baron Werland, der im Gesellschaftsanzuge noch schmler und gebrechlicher
als sonst aussah.
    Neben ihm am Kamin lehnte Behrent von Rast, breitschulterig und gro. Der
Kopf war seltsam grell, mit dem kurz geschorenen schwarzen Haar ber der
geraden, niedrigen Stirn, mit dem Bart, der am Kinn geteilt, wie zwei
schwarzblaue Flammen von beiden Seiten abstand. In dem brunlichen Gesicht saen
zwei groe, samtbraune Augen.
    Unangenehm! dachte Lene.
    Karola begrte die Pastorin sehr herzlich.
    Wie freue ich mich, Sie hier zu sehen. Man sieht sich so selten.
    Lene errtete, weil sie berrascht war von der unumwundenen Falschheit
dieser Freundlichkeit. Sie ladet mich ja nie ein, dachte sie. Vor dein Diner
sa man zusammen und plauderte. Rast lie sich von der Baronin Huhn und Werland
ber Landwirtschaft belehren. - Ach! - So ist es! Ich bin sehr dankbar. Gott!
Ich bin so unwissend in der Landwirtschaft.
    Karola unterhielt sich zerstreut mit der Pastorin:
    Sie haben zu Hause viel zu tun, nicht wahr? Sie sind musikalisch, wie
angenehm!
    Jakob ffnete die Tren zum Speisezimmer.
    Sttz dich nur auf meinen Arm, mein Alter, sagte Rast brderlich zu
Werland.
    Danke! ja, ich mu mich fhren lassen, meinte Werland. Ich htte nicht
gedacht, da ich noch die Beine anderer Leute werde pumpen mssen.
    Mach' dir nichts draus, trstete Rast. Es ist noch lange nicht erwiesen,
da Beine fr ein angenehmes Leben durchaus ntig sind. Die groen Damen in
China haben die Fe so gut wie abgeschafft.
    Bei Tisch sa Rast neben Lene, Werland nahm ihn jedoch in Anspruch. Er
wollte mehr von den groen Damen in China hren. Werner unterhielt sich mit der
Baronin Huhn, die von ihren Dienstboten sprach.
    Simon, der Schweinehter, sagte, er sei zum Schweinehten da und wollte im
Winter keine andere Arbeit so recht tun.
    Karola, ein wenig bleich in ihrem dunkelroten Seidenkleide, der Mund
unnatrlich rot, war einsilbig.
    Der Gang vorigen Abend, fragte Werner, ist er Ihnen bekommen? Es war,
als htte sie ihn vergessen und mte sich erst darauf besinnen.
    Der Gang? - Ach ja, der war schn.
    Rast hatte sich jetzt Lene zugewandt und begann eine Unterhaltung. Seine
groen Samtaugen glitten dabei ruhig und frech ber das Gesicht und die Gestalt
der jungen Frau. Es war Lene, als streiften diese Augen langsam die Kleider von
ihr ab. Sie wurde dunkelrot.
    Wir sind ja Nachbarn. Wir werden, hoffe ich, gute Nachbarschaft halten. Der
Pastor ist ja Jger.
    Mein Mann jagt nicht mehr, berichtete Lene, man sieht das hier nicht
gern.
    So? Rast bedauerte es. Schadet denn das jagen der Wrde? Hat die Frau
Pastorin auch schwere Pflichten ihrer Wrde?
    Jeder hat seine Pflichten, erwiderte Lene.
    Hm - streng sein; und so. hbsch zu sein, ist wohl nicht erlaubt? meinte
Rast. Lene machte ein sehr ernstes Gesicht. Sie wollte ihn in seine Schranken
zurckweisen.
    Er wandte sich von ihr ab und rief zu Karola hinber:
    Wissen Sie, Baronin, Ihr Diner ist das beste, das ich seit langem gegessen
habe, daher darf ich das sagen. Man schmeckt sofort Tradition heraus.
    Unser Jansohn ist auch der konservativste aller Kche, berichtete Werland.
    Ja, ja, das schmeckt man, besttigte Rast. Es ist, als legte er berall
ein paar Bltter vom Stammbaum zu. Familienkche, das ist das Wahre. Man mte
es gleich herausschmecken knnen, diese Speise ist Werlandsch, - diese Huhnsch.
    Viel saueren Schmand, das ist mein Familienspruch, sagte die Baronin Huhn.
    Als der Sekt kam, verstummten die Einzelunterhaltungen, und Rast sprach
allein, erzhlte Anekdoten aus aller Welt, eine nach der anderen.
    Wie sie ihm alle zuhrten, wie sie lachten, auch Karola! Werner wunderte
sich darber. Ihm waren sie zuwider, diese Geschichten, und diese weiche,
schnarrende Stimme, die die Worte so nachlssig hinwarf. Er schaute mibilligend
zu Lene hinber. Sie achtete nicht darauf. Sie hrte aufmerksam zu, legte ihr
Taschentuch vor den Mund, weil sie so lachen mute.
    Nur Pichwit blieb ernst und sah Rast mibilligend und ironisch an.
    Nach dein Essen mute Werner wieder die Baronin Huhn unterhalten. Werland
sprach mit Lene, nachlssig und schon ein wenig schlfrig. In einer
Fensternische standen Rast und Karola. Werner konnte Karolas Profil sehen, das
sich scharf und rein von dem dunkeln Vorhang abhob. Sie stand sehr gerade, die
Taille ein wenig zurckgebogen. Werner hrte nur scheinbar der Geschichte von
einer Trine zu, welche widerwillig war, die die Baronin Huhn ihm erzhlte. Eine
tiefe Verstimmung qulte ihn, ein Gefhl, als sei es nun mit etwas vorber, das
ihm lieb und ntig gewesen war.
    Warum lachte Lene so unnatrlich? Und dann bewegte sie die Hnde zuviel beim
Sprechen, das sah ungeschickt aus. Er horchte zum Fenster hinber. Rast schien
von Pferden zu sprechen und von Rennen. Auch Karola lachte heute, wie sie sonst
nicht lachte, so ein helles, girrendes Lachen. Konnte sie das denn wirklich
unterhalten, was der groe, schwarze Herr da erzhlte?
    Werner versank in Gedanken. Er sah das Zimmer vor sich, wie es an den
einsamen Abenden war, wenn er hier sa, und Karola zu den Fen ihres Gatten
kauerte und mit der Hand ber sein Bein hinstrich, und es ganz stille war, so
still, da sie das Nagen der Maus hinter dem Getfel hrten, und Karola zu ihm
aufsah, und er zu ihr niederschaute, und ihre Blicke ruhig und lange ineinander
ruhten, und ihr Schweigen eine so seltsam erregte Zwiesprache hielt.
    Am Kamin war es still geworden. Werland schlief in seinem Sessel. Lene sa
stumm und verlegen da.
    Drben am Fenster standen sie noch immer beisammen, aber ihre Stimmen waren
jetzt gedmpfter. Ja, es ist schwer mit den Leuten, schlo die Baronin Huhn
ihre Erzhlung und seufzte.
    Die beiden Stimmen in der Fensternische waren nun der einzige Ton im Zimmer.
Der Ba weich, ein wenig singend. Karolas Alt antwortete eindringlich, schien es
Werner, und mit einem kindlichen Schmollen, das er an ihr nicht kannte.
    Werner erhob sich. Lene, es ist spt.
    Man brach auf.
    Auf der Heimfahrt, im Schlitten, war Lene sehr gesprchig: sie hatte sich
gut unterhalten, dieser Baron Rast war sehr merkwrdig -, interessant konnte man
sagen. Man mute mit ihm auf seiner Hut sein, mute ihn in seine Schranken
zurckweisen. Aber unterhaltend war er.
    Hast du ihn in seine Schranken zurckgewiesen? fragte Werner spttisch.
    Gewi߫ - erwiderte Lene.
    brigens, sagte Werner, mut du darauf achten, beim Sprechen nicht soviel
zu gestikulieren. Das sieht schlecht aus.
    Ich gestikuliere gar nicht, behauptete Lene gereizt. Und brigens
gestikulieren die anderen auch. Nun schwieg sie gekrnkt.
    Werner war unzufrieden mit sich. Warum mute er dieses unschuldige, kleine
Selbstbewutsein niederschlagen, warum ihr den Abend verderben? - nur weil er
sich unglcklich fhlte. Und warum war er unglcklich? Er hatte ja nicht einmal
das Recht, unglcklich zu sein.
    Lene aber mute ihre kleine Rache haben. Sie uerte:
    Die Baronin hat aber heute mit dem Baron Rast kokettiert. Oh! die geniert
sich nicht.

    Werner hatte aus Schlo Dumala lngere Zeit nichts gehrt. Der Winter mit
pltzlichem Frost und dann wieder Tauwetter fing bel an. berall herrschten
Krankheiten. Werner mute Krankenbesuche machen und Beerdigungsreden halten. Er
arbeitete stark und eifrig.
    Der letzte Abend im Schlosse hatte etwas wie eine Unruhe, eine Qual in ihm
zurckgelassen. Die muten niedergekmpft werden, da sie ihm verdchtig
erschienen.
    Er sah Rast zuweilen nach Dumala vorberfahren. Lene hatte eine unangenehme
Art, das jedesmal laut zu verknden, als sei es ein Ereignis.
    Da fhrt der Baron Rast wieder nach Dumala.
    Nun ja, warum nicht, antwortete Werner darin mglichst ruhig, aber es
klang doch gereizt.
    Sonntags sah Werner Karola in ihrem Kirchenstuhl. Neben ihr sa Rast in dem
seinen. Sie nickten einander zu, lchelten. Zuweilen neigte Rast sich zu ihr
hinber, sagte etwas, wie im Salon. Karola hob ihren Muff an den Mund.
    Werner schlug mit der Faust auf den Rand der Kanzel, donnerte auf die
Gemeinde hinunter, so da die alten Frauen aus ihrem Schlaf erwachten und
verwundert zu ihm aufschauten.
    Beim Mittagessen sprach er sich sehr streng ber dieses Benehmen in der
Kirche aus.
    Als am Abend jedoch ein weier Nebel sich ber die Ebene legte, das Haus
ringsum wie in feuchte Watte einpackte und die Welt eng, ganz eng machte, da
trieb es Werner hinaus nach Dumala.
    Ohne einen Gedanken daran zu wenden, ohne mit sich zu streiten, zog er den
Pelz an, nahm den Stock. Er kannte das an sich. Wenn es in ihm pltzlich stark
nach etwas schrie, da half nichts.
    Du gehst? fragte Lene verwundert.
    Ja, ich will in Dumala nach dem Baron sehen.
    - Jetzt - pltzlich?
    - Ja, jetzt - pltzlich.
    Drauen vermochte er kaum drei Schritte weit zu sehen. berall das weie,
kalte Flieen, das alles verhngte, in dem er allein war, ganz, ganz allein.
Alles andere war ausgelscht, selbst die Tne erstarben. Das tat wohl. Wie in
einer Unendlichkeit stand er, kein Anfang, kein Ende. Hier, in dieser Einsamkeit
mute es gut sein, eines zu retten, das in Gefahr war. Heraus ans allem in diese
khle, weie Einsamkeit mit ihm. ja, mit ihm, natrlich! Werner lchelte
hhnisch ber die Schliche seiner Seele. Mit ihm! Er war der rechte Retter! So
wollte ja wohl auch Behrent von Rast retten.
    Dumala fand er wie sonst. Die dunkle Zimmerflucht. Im Kaminzimmer sa Karola
zu Fen ihres Mannes und strich mit der Hand ber die rote Decke auf seinen
Beinen.
    Bravo, Pastor! rief Werland. Sie haben uns vernachlssigt. Ich sagte es
schon, der Barmherzigkeitssport ist unserem Pastor zu anstrengend geworden.
Setzen Sie sich. Erzhlen Sie.
    Ja, sagte Karola, erzhlen Sie, so von Waldhuslern und Bauernhusern, wo
die Frauen schon um ein Uhr nachts ausgeschlafen haben, aufstehen und spinnen.
Ist die Mutter Gehda gestorben?
    - Ja, Mutter Gehda war tot. Sie war ruhig eingeschlafen, auf dem Gesicht den
verdrielichen Ausdruck, den sie in der letzten Zeit hatte, weil sie sich ber
den Tod rgerte. Dann erzhlte Werner von dem Waldhter, der von Wilderern
erschossen worden war. Er erzhlte langsam und umstndlich. Er sah dabei auf
Karolas Hand, auf die blitzenden Ringe, die die Decke auf und ab fuhren, er sah
zu ihrem Gesicht, zu ihren Augen auf, zgernd, als frchtete er sich vor etwas,
das er dort finden knnte.
    Karola schaute nachdenklich in das Feuer, mit stetigen, seltsam schillernden
Augen. Werner sah es diesen Augen an, da sie ihm lngst nicht mehr zuhrte. Sie
war mit ihren Gedanken sehr weit fort.
    Als er kurz abbrach, merkte sie es nicht.
    Werland schlief.
    Pltzlich ging eine Vernderung ber Karolas Gesicht. Etwas Gespanntes kam
hinein. Sie blinzelte mit den Wimpern. Es war, als horchte sie angestrengt
hinaus.
    Weit drauen kam ein Ton durch den Nebel, kaum hrbar. Aber Karola lauschte.
Ihre Hand hrte auf, ber die rote Decke zu streichen, und ein leichtes Rot
stieg in ihre Wangen.
    Hren Sie, Pastor?fragte sie.
    Ja - ein Schlitten. -
    Rast, sagte sie und lchelte.
    Es war unwrdig und lcherlich, sagte sich Werner, da dieses Lcheln ihn so
schmerzte.
    Rast kam, den Bart feucht vorn Nebel, die Augen voll von einem
herausfordernden, frischen Glanz. Mit seiner lauten Stimme, seinem Lachen weckte
er das stille Haus aus seinem Schlaf.
    Solche Nebeltage sind tdlich, sagte er. Bei mir zu Hause - die
Melancholie! Da mu man zusammenkriechen. Herr Pastor, an solchen Tagen mssen
die Seelen in Ihrer Hand weich wie Wachs sein, wenn Sie ihnen von Licht
sprechen. Na, und Licht kommt doch in der Religion vor.
    Er hatte viel erlebt. Jagden und Pferde wurden durchgegangen. Karola, von
ihrem niedrigen Sthlchen, sah zu ihm auf, die Mundwinkel zu einem Lcheln
bereit.
    In der Zimmerflucht wurden die Lampen angesteckt. Jakob brachte den Tee.
    Werland wurde auch gesprchig, er erzhlte aus den Zeiten, da ich noch
meine Beine hatte. Er neckte Pichwit, der zum Tee erschien und die Gesellschaft
stumm und feindselig beobachtete.
    Gedichtet, Pichwit, was? Ich seh' schon. Blaue Ringe um die Augen - immer
ein Zeichen starker, lyrischer Erregung. Er kniff ein Auge zu und kicherte.
    Kommen Sie, Baronin, sagte Rast. Wenn ich eine Reihe erleuchteter Zimmer
seh', mu ich darin auf und ab gehen. Ihr Saal hrt ohnehin zu wenig Schritte.
    Karola und Rast begannen in den hellen Zimmern auf und ab zu gehen, Schulter
an Schulter, Karola sehr schlank in dem blauen Tuchkleide mit der langen spitzen
Schleppe.
    Gleich eifrig im Gesprch, murmelte Werland.
    Die drei zurckbleibenden Mnner sahen durch die Tr dem Paar im Saale zu,
aufmerksam und schweigend, als sei es ein Schauspiel, als warteten sie auf
etwas, das geschehen sollte.
    Pichwit, sagte Werland endlich, gehn Sie mal in das Ezimmer und schauen
Sie nach dem Barometer.
    Gehorsam erhob sich Pichwit und ging in das Nebenzimmer.
    Werland kicherte, beugte sich vor, flsterte:
    Oh, der pat auf, wie 'n Hund.
    Werner verstand nicht gleich. Wem?
    Denen da.
    Denen?
    Werland winkte, er sollte leise sprechen. Ich will Ihnen mal was sagen,
Pastor. Wenn der Pichwit verliebt ist, das ist in der Ordnung, das macht mir
Spa; und Sie -
    Ich?
    Gleichviel, sprechen wir nicht von Ihnen, fuhr Werland ungeduldig fort.
Das alles ist nichts. Das mu eine Frau haben. Aber der da, er zeigte mit dein
Daumen zum Saal hin, der - ist mir ungemtlich. Der versteht sich auf blaues
Blut. Das macht mich nervs.
    Werner fhlte es, da er bleich bis in die Lippen wurde. Das rgerte ihn. Er
versuchte es, sanft und ermahnend zu antworten.
    Ich bitte Sie, Herr Baron. Das wre Ja eine grundlose Krnkung Ihrer Frau
Gemahlin.
    Ba - ba - lieber Pastor, unterbrach ihn Werland, das ist franzsisches
Drama: Mein Herr, Sie beleidigen mich.
    Es ist doch natrlich, wandte Werner ein, da die Frau Baronin die
Unterhaltung des Baron Rast geniet. Sie hat nicht viel Unterhaltung. Er wollte
sehr gerecht sein.
    Sie brauchen niemanden zu entschuldigen, flsterte Werland. Alles geht
ganz natrlich zu. Alles auf der Welt geht natrlich zu. An Wunder glaub' ich
nicht. Es ist ganz natrlich, da die Nachtigall fortfliegt, wenn Sie den Kfig
offen lassen. Aber dazu haben Sie sie doch nicht in den Kfig gesetzt.
    Werner machte ein beleidigtes Gesicht, beleidigt fr Karola.
    Gott gab Ihnen, Herr Baron, eine Gattin von so klarem, reinem Blick und so
ruhiger Gte und Geduld, da es undankbar ist, so zu sprechen.
    Danke, Pastor, danke, unterbrach ihn Werland, Predigten erbauen, aber
beweisen nichts. Klaren Blick, sagen Sie. ja, aber gerade die Klgsten sind
hilflos vor so gewissen Dummheiten des Lebens. Diese Frauen werfen bei gewissen
Gelegenheiten ihren Verstand mit Genu beiseite, so wie sie ein enges Mieder
aufhaken.
    Er hielt inne, seufzte, kicherte dann wieder:
    Der Pichwit kommt nicht zurck. Nein, der steht im Ezimmer und horcht. Oh!
der pat auf! Hren Sie, Pastor, Sie sprachen da von reinem Blick und Geduld und
so Sachen. Sie meinen, was man Tugend nennt. Bei Damen der Gesellschaft
gebraucht man dieses Wort nicht gern, aber das meinen Sie, tugendhafte Gattin,
nicht wahr?
    Das meine ich, besttigte Werner. Warum wollen Sie sich Ihren Frieden
nehmen lassen und den Frieden Ihrer Frau Gemahlin stren?
    Ich bin nicht ganz ruhig, das ist wahr - und das ist vielleicht dumm,
sagte Werland. Einer, der keine Beine hat, sollte ruhig sein. Aber diese Tugend
ist bei unseren Frauen Sache der Reinlichkeit, der Erziehung zur Reinlichkeit,
wie das Bad und die gute Seife und das gute Parfm. Nur, da das Bad und die
Seife von Pinaud und das Parfm Gewohnheiten sind, von denen man sich schwerer
lossagt als von der Tugend. Man sagt Leidenschaft oder Liebe, und darin glauben
die Frauen, das, was sie fr unreinlich halten, sei nun pltzlich eine feine
Sache. Ich kenne diese Geschichten, ich bin jetzt, was man so nennt -, objektiv
- darin.
    Wenn es Sie beunruhigt, begann Werner ein wenig mhsam, mu denn - - mu
denn - der Baron Rast kommen?
    Was wollen Sie! meinte Werland. Soll ich ihm sagen: du - Rast - komm
nicht, ich bin eiferschtig? Das wre so was fr den. Nein, Pastor, Beine haben
wir zwar nicht, aber lcherlich machen wir uns trotzdem nicht. Es geschieht ja
nichts! Konversation! Sie sind Pastor, Ihnen kann man beichten. Ein Beichtvater
ist ein Mann, dem ich die lcherlichsten Sachen erzhlen kann und der mich nicht
auslachen darf. Nehmen wir an, ich htte nichts gesagt.
    Er schaute durch die Tr in den Saal.
    Wo sind Sie denn geblieben, zum Teufel! Pichwit! rief er.
    Pichwit erschien in der Tr.
    Das Barometer fllt, meldete er.
    Wo sind die beiden? fragte Werland.
    Pichwit zuckte die Achseln. Die Frau Baronin, berichtete er, wollte dem
Baron Rast den alten Flgel und das Turmzimmer zeigen. Die Mamsell ging mit
aufschlieen.
    Aha! antiquarische Interessen, meinte Werland. Und wovon sprachen sie
denn vorher?
    Pichwit lchelte hochmtig: Soviel ich hrte, erzhlte der Baron von
malaiischen Frauenzimmern.
    Werland lachte tonlos in sich hinein: Bekannt, alte Technik, man spricht
von anderen Weibern. Gute Nacht, Pichwit, schlafen Sie wohl.
    Als Pichwit gegangen war, bemerkte Werland: Sehen Sie, der, der hat so das,
was man gewhnlich mit Liebe bezeichnet. Na, - aber Schlu. Reden wir von etwas
anderem. Bilden Sie sich nicht ein, Pastor, da ich klage und da Sie mich
bemitleiden mssen.
    Wir haben zuweilen seltsam erregte Momente. Das kommt, wir knnen nichts
dafr. Werner versuchte, etwas Passendes zu sagen, aber es klang ihm selber
leer und verlogen.
    Danke, danke, unterbrach ihn Werland. Wie sagten Sie - Pflichterfllung?
ber den malaiischen Weibern und dem Interesse am alten Turmzimmer ist mein Bein
heute doch ein wenig in Vergessenheit geraten. Na - ich sage nichts. Schlu.
    Eine andere Unterhaltung wollte nicht gelingen. Beide Mnner sahen die
Zimmerflucht hinab, horchten - warteten.
    Endlich hrte man Stimmen. Karola und Rast kamen.
    Famoses altes Zimmer, sagte Rast. Das Bett mit den verblichenen grnen
Damastvorhngen - und die zerfetzten Goldtapeten, was fr eine gespenstische
ppigkeit dadrin steckt. Unglaublich!
    Werland nickte: Ja, ja. Das war wohl der Sndenflgel der alten Werlands.
Dekorative Snden. Das achtzehnte Jahrhundert hatte wenig Temperament, daher
wurde die Sinnlichkeit dekorativ.
    Es war spt geworden.
    Ich bringe Sie nach Hause, Pastor, sagte Rast. Gute Nacht, Werland. Wenn
es weiter so nebelt, ziehe ich zu euch in den alten Flgel.
    In den Sndenflgel, kicherte Werland.
    Ja, ja, sagte Rast, zu Hause bekommt man Einsamkeitsfieber.
    Ein seltsames Haus, sagte Rast zu Werner, als sie zusammen durch den Nebel
fuhren.
    Ja, erwiderte Werner khl, manches Schwere ist diesem Hause auferlegt.
    Schwere? wiederholte Rast. Ja, wegen des Werland. - Alle haben da was.
Werland mit dem Bein, und die schne Frau, und das kleine Gespenst von Sekretr,
alle seltsam einsam, aber eine Einsamkeit, die fiebert -, die fiebern alle vor
Einsamkeit. Das regt ordentlich auf, steckt an.
    So Schweres auch dem Hause auferlegt ist, sagte Werner, und er rgerte
sich selbst darber, da das so salbungsvoll klang, die Baronin versteht es mit
ihrer Gte und Klarheit, da Harmonie hineinzubringen.
    Opfer, sagte Rast, und lie die Peitsche knallen. Was soll sie machen?
Ein Mann ohne Beine. Da setzt sich alles in Opfer um. Bekanntes Phnomen. Chemie
der Sinnlichkeit.
    Um diese Frau zu verstehen, meinte Werner gereizt, drfte keine andere
Formel gengen, als Hochachtung.
    Ganz Ihrer Ansicht, Herr Pastor, erwiderte Rast. Aber da sind wir ja bei
Ihnen. Gute Nacht. -
    Lene schlief schon, die Wangen hei, zwischen den blonden Augenbrauen eine
kleine, aufrechte Falte, ein schwermtiges, kleines Zeichen, das der einsame
Abend zurckgelassen hatte. Leise legte Werner sich in das Bett. Lene atmete
ruhig und regelmig neben ihm. Drauen tropfte der Nebel vom Dache, ein
stetiges, geschftiges Flstern, eine heimliche, traurige Geschichte, die die
Nacht sich erzhlte.
    Und in der Stille und Dunkelheit dieser Nacht war pltzlich etwas da - bei
Werner - in ihm, etwas Fremdes, dein er fast mit Neugier zuschaute. Also so ist
es, wenn wir hassen.
    Er war stark, er war jhzornig. Er kannte es, wie die Wut hei in die
Glieder fhrt und es eine Erlsung ist, die Hand schwer auf eine Wange
niedersausen zu lassen.
    Aber dieses jetzt war anders: - Dieses bohrende, bestndige Denken an einen
Mann mit dem Gefhl des Widerwillens, mit fast krperlichem Schmerz. Die
Gedanken begannen zu mahlen. Rast bleich und hilflos zwischen Werners Hnden.
Rast vor Karolas Augen gedemtigt - lcherlich und verchtlich. Kindische
Phantasmen, denen er nicht wehren konnte. Immer das qulende, heie Verlangen,
Rast leiden zu sehen, qulend, aufdringlich, wie ungestilltes, sinnliches
Begehren.
    Da sollte er nun die Leute trsten und ihnen in die Seele reden. Was wissen
wir denn, was in unseren Seelen ist. Etwas Fremdes kommt, herrscht. Wir knnen
nur zusehen.

    Mut du denn jetzt so hufig nach Dumala? fragte Lene.
    Ja, ich mu߫, antwortete Werner im Ton der Autoritt.
    Warum?
    Weil der Baron leidet und es ihn beruhigt, wenn ich da bin.
    Du kannst ihm ja doch nicht helfen.
    Ich bitte dich, Werner wurde streng, mir nicht in das, was ich fr ntig
halte, hineinzureden.
    Sie haben dort ja Gesellschaft genug, fuhr Lene eigensinnig fort.
    Wieso?
    Der Baron Rast fhrt ja so hufig hier vorber.
    Seine Sache, meinte Werner. Du scheinst dich dafr zu interessieren, ob
er vorberfhrt.
    Nun schlug Lene die Hnde vor das Gesicht, weinte und klagte:
    Was soll ich denn tun? Ich bin ja immer allein. Nun soll ich nicht einmal
mehr sehen, wer vorberfhrt!
    Werner nahm seine Mtze vom Nagel und ging.
    Die weinende Frau da drinnen hatte recht. Und er - er tat, als erfllte er
streng und weise seine Pflicht, er ging einen unreinlichen Weg, das sah er so
klar, als ginge ein anderer diesen Weg, und er schaute ihm nach und wunderte
sich, wohin der wohl geraten wird.
    Aber nach Dumala mute er. Es war ihm, als sei ein wichtiger Posten
unbesetzt, wenn er nicht im Kaminzimmer, im Scheine der grnen Lampe sa.
    Es war immer dasselbe. Karola war zerstreut und sah vertrumt ins Feuer und
horchte hinaus. Und dann klingelten die Schellen drauen.
    Ah, Rast! sagte sie.
    Sie verbarg es nicht, wie lustig dieses Schellengeklingel ihr in die Glieder
fuhr. Sie richtete sich auf, streckte die Arme, in einer ihr ungewohnten
Bewegung des Sichgehenlassens, als schttele sie die Schlfrigkeit der Stunden
ohne ihn von sich ab. Sie ging Rast entgegen, lchelnd, mit flimmernden Augen.
    Und er kam, fllte den Raum mit seiner klingenden Stimme, seinem sorglosen
Lachen, seinem englischen Parfm. Die Lichter wurden angezndet. Es wurde
festlich, ihm zu Ehren.
    Wenn nach dem Tee Karola und Rast im Saal auf und ab gingen, saen Werland,
Pichwit und Werner am Kamin, schweigsam und wachsam. Wenn sie sprachen, so
sprachen sie mit gedmpfter Stimme. Pichwit ging nach dem Barometer und blieb
lange fort. Werland flsterte und kicherte:
    Haben Sie bemerkt, Pastor, denen dort geht nie der Stoff zur Konversation
aus.
    Ja, Baron Rast ist sehr unterhaltend, erwiderte Werner matt.
    Gott! meinte Werland, Sie brauchen einer Frau nur einigemal zu sagen: Ich
bin sehr interessant, dann glaubt sie es.

    Ein starker Wind hatte die Nebel zerstreut. Als Werner gegen Abend von einem
Gang in das Dorf dort hinter dem Walde nach Hause ging, stand ein goldener
Himmel ber dem Lande. Durch die feuchten Tannenzweige schlpfte viel
schwergoldenes Licht.
    Werner lie das Licht auf sich wirken. Er wollte nicht denken, nur das
helle, stille Leben dieses Lichtes wollte er in sich hineintrinken.
    Da hrte er vor sich den feuchten Schnee unter Schritten knirschen. Es war
Karola. Die Hnde tief in ihren Muff gesteckt, den Kopf geneigt, ging sie
langsam und sinnend den Weg hinab. Beide sahen zu gleicher Zeit auf.
    War es etwas wie Ungeduld, das einen Augenblick ber ihre Zge ging? fragte
sich Werner.
    Aber sie lchelte gleich wieder.
    Ah, Pastor, das ist hbsch!
    So allein hier? fragte Werner.
    Allein, erwiderte Karola. Natrlich! Ich habe einen Spaziergang gemacht.
Sehen Sie, wieder das schne Licht. Erinnern Sie sich, wie wir das letztemal im
Abendrot nach Hause gingen? Das war schn!
    Ja, das liegt doch nicht gar so weit zurck, meinte Werner.
    Nicht? sagte Karola. Ach, alles geht so schnell - schnell vorber, wie
Laterna magica-Bilder.
    Durch den Wald kam Schellengeklingel, es entfernte sich, wurde schwcher.
    Dort fhrt einer, sagte Werner und horchte.
    Ja - er fhrt fort, erwiderte Karola ruhig.
    Beide schwiegen.
    Sie sind gut, glaube ich, sagte Karola pltzlich aus ihren Gedanken
heraus.
    Werner lchelte. Warum bin ich gut?
    Weil Sie, versetzte Karola, die, welche Sie lieben, glaube ich, gut
schtzen? Sie sind friedlich und stark.
    Ich?
    Karola sah in die untergehende Sonne und dachte nach. Ich glaube, die
Beschftigung mit den ewigen Dingen macht friedlich. Ewig, - das klingt, als ob
alles aus wre und nur Ruhe - groe Ruhe. Ja, der, den Sie lieben, ist gut
geborgen.
    Es - es ist doch wohl -, begann Werner, seine Stimme klang ein wenig
unsicher, es ist doch wohl fr jeden das Schnste, das zu schtzen, was er
liebt.
    Karola nickte. Ja - ja. Aber es ist gut, wenn Liebe stark und friedlich
ist.
    Das Abendlicht flo wieder grell ber die Ebene, als sie aus dein Walde
traten und in die lange Allee einbogen.
    Warum sprechen Sie von - Geschtzt-werden, fragte Werner. Kann ich - - -
wollen Sie geschtzt sein? Das kam zgernd und ungeschickt heraus.
    Ich? Karola lachte. Mein Gott! Ich bin ja so furchtbar geborgen.
    Dann zeigte sie auf ihre Schatten, die vor ihnen auf dem Schnee lagen. Und
die Schatten, haben die sich verndert?
    Werner schttelte den Kopf Nein - nein - Ihrer ist ganz leicht und frei.
Zum Verheimlichen haben Sie kein Talent, gndige Frau.
    Karola lchelte ein seltsam hochmtiges Lcheln, das er an ihr noch nicht
kannte, und sagte in einem Ton, der ihm mifiel:
    Wozu auch?
    Am Ende der Allee trennten sie sich.
    Auf Wiedersehen, Pastor, Sie kommen doch zu uns, sagte Karola und reichte
ihm die Hand. Was machen Sie fr seltsame Augen? Ach, es ist wohl die
Abendsonne, wenn die sich in den Augen spiegelt, dann werden die Augen ganz
wild.
    Ich bin friedlich und stark, dachte Werner auf dem Heimwege. Und sie ist
wohlgeborgen und hat nichts zu verbergen. So geht man liebevoll durch den
hbschen Abendschein, und einer legt dem anderen freundlich seine Lgen an das
Herz.

    Der Waldhter Erman war bei Werner. Gott! sah der Mann zerlumpt aus mit
seinen Bastschuhen, der schlechtgeflickten Hose, dazu das traurige
Trinkergesicht. Er war auch heute leicht angetrunken. Werner hatte ihn zu sich
bestellt, um ihm eine Strafrede zu halten. Seine Frau klagte bestndig ber ihn.
    Eine Schande ist es, fuhr er ihn an. Sieht so ein herrschaftlicher
Waldhter aus? Nicht einmal Stiefel hast du bei diesem Saufen, und Frau und
Kinder verhungern.
    Ja - ja - Snde ist's, sprach Erman weinerlich vor sich hin. Was kann man
machen!
    Nicht saufen! schrie Werner ihn an.
    Nicht saufen, - nicht saufen, wiederholte Erman. Wer kann das! Was hat
man sonst!
    Jetzt bist du schon betrunken, fuhr Werner fort. Glaubst du, der Baron
Rast wird solch einen Lumpen als Waldhter behalten?
    Der Baron - der! Erman lchelte verschmitzt.
    Was heit das?
    Mit dem ist's auch nicht richtig.
    Was sprichst du da! Der Mann war betrunken, er sollte ihn fortschicken,
sagte sich Werner, aber er schickte ihn nicht fort, er schwieg, er wartete, was
der Mann sagen wrde. Erman dachte nach, sah mit den verschwommenen wasserblauen
Augen zur Decke hinauf, suchte seine Erinnerungen zusammen.
    Ja, es war so, Herr Pastor, begann er. Weil die Hasen jetzt so fest
liegen, sind die Wilddiebe hinter ihnen her in letzter Zeit, die Racker. Nun
denk' ich, ich werd' mal nachsehen. Ich steh' auf und geh' ins Revier. So nach
eins kann es gewesen sein. Gefroren hatte es ein bichen, das Moos krachte so
beim Gehen. Heute werden die Hasen nicht festliegen, denk' ich. Und wie ich zur
Galgenbrcke komme, denk' ich, ich setz' mich hin und rauche eine Pfeife. Und
wie ich sitz' und rauch', da seh' ich vor mich hin, und da seh' ich, ber die
Brcke geht eine Spur - eine frische Schlittenspur. Die Bretter waren wei vom
Reif und - eine Spur. Da ist einer gefahren, siehst du mal an! Von der
Sielenschen Seit' nach der Dumalaschen. Das kann nur der Teufel sein. Ich sitz'
und denk': der mu Eile gehabt haben, auf dem krzesten Wege nach Dumala zu
kommen. Und richtig, da kommt was von der Dumalaschen Seite, den kleinen Weg
hinauf. Kommt still, still, ohne Schellen, ein groes, schwarzes Pferd und ein
Schlitten, und drin sitzt der Sielensche Baron, der Bart weht nur so. Neben ihm
der kleine Diener, die kleine Krte, der schlft fest. So kommen sie, gerade auf
die Brcke los und rauf und auf das Pferd losgeschlagen und hinber, wie ein
Blitz und fort, den kleinen Weg nach Schlo Sielen. Ist's nu der Baron gewesen
oder ist's der Teufel gewesen. Fhrt der ber die Galgenbrcke!
    Betrunkener Kerl, sagte Werner heiser, was du gesehen hast!
    Ganz gut, Herr Pastor, erzhlte Erman weiter. Das sagt' ich mir auch den
anderen Morgen. Na, und die nchste Nacht geh' ich um dieselbe Zeit und sitz'
dort und rauch' und warte. ja, und da kommt es wieder den kleinen Weg nach
Dumala herauf. Das schwarze Pferd, und der schwarze Herr sitzt im Schlitten, der
Bart weht, und der kleine Diener schlft. Ich sah alles hbsch deutlich. Und
wieder ber die Galgenbrcke herber. Der Diener wacht nicht auf, und die
Bretter knacken, ganz schwindlig wird mir's, nun und da sind sie hinber und
fort. Mit dem ist's nicht richtig, mit dem schwarzen Baron. ber die
Galgenbrcke - Gottchen!
    Nach ein Uhr? fragte Werner.
    Ja, so was wird's wohl gewesen sein, meinte Erman.
    Werner stand einen Augenblick schweigend da, sehr bleich und nagte an seiner
Unterlippe.
    So ber die verfaulten Bretter, erzhlte Erman weiter, unten gurgelt das
Wasser. Ist das ein Gespenst, denk' ich! Du gehst, denk' ich mir, und schaust
dir die Spur an. Gespenster haben keine Spur. Und richtig, eine gute
Schlittenspur. Sie geht, - geht, den kleinen Weg nach Dumala runter, bis an die
hintere Pforte des Gartengitters - und da hinein. Die Pforte war zu, aber nun
wut' ich, wo er war. Was er da zu tun hat, das ist nicht meine Sache. Aber der
hat Eile. ber die verfaulten Bretter!
    Werner hatte ganz still zugehrt.
    ber die verfaulten Bretter, wiederholte Erman unsicher. Es war ihm
unheimlich, da der Pastor so stumm und bleich dasa.
    Du verdammter, besoffener Kerl, donnerte Werner pltzlich los. Er war
aufgesprungen, packte den erschrockenen Erman an die Brust, schttelte ihn, als
sei er ein Bndel Lumpen. Was schwatzest du hier? Bin ich dein Narr, da du mir
deine besoffenen Geschichten, deine verdammten Schnapsgeschichten vorerzhlst?
Und er schttelte ihn, hob ihn in die Hhe, am liebsten htte er ihn gegen die
Wand geworfen, da ihm alle Knochen brachen ... dann pltzlich lie er ihn los,
wandte sich ab. Geh! - sagte er.
    Erman wimmerte leise:
    Ach Gottchen, Gottchen. Was kann ich dafr! Meinetwegen kann der schwarze
Baron sich auf der Galgenbrcke den Hals brechen. Ein armer Mann trinkt Schnaps.
Das ist Snde, sagt der Herr Pastor. Herrschaften haben wieder ihre Sachen. Na,
wenn einer Augen hat, sieht er mal was. Da kann ich nichts dafr.
    So vor sich hinbrummend, schob er sich langsam zur Tr hinaus.
    Werner sa regungslos auf dem Sessel am Schreibtisch die langen
Nachmittagsstunden hindurch. Vor ihm lag ein Kontobuch aufgeschlagen. Die Sonne
ging unter. Rote Abendlichter zogen ber die Wand. Die Bltter des Kontobuches
wurden rot. Werners Bart flammte rotgolden auf. Dann verblaten und erloschen
die Lichter. Die Dmmerung fiel wie feiner Aschenregen auf die Gegenstnde. Lene
ging drauen ab und zu. Es roch nach Kaffee. Lene steckte den Kopf durch die
Tre:
    Kommst du? fragte sie.
    Nein, trink nur allein den Kaffee, erwiderte Werner, ich will die Arbeit
hier beenden.
    Und die ganze Zeit ber war es ein einziger Gedanke, der in ihm arbeitete,
eintnig und eigensinnig sich wiederholte: Gewiheit - wie kannst du Gewiheit
haben? Dieser Gedanke schmerzte, als sei die Gewiheit schon da, ein zorniger,
dumpfer Schmerz, an dem sein ganzer, groer Krper teil hatte, als sei etwas,
das zu ihm gehrte, gewaltsam von ihm losgerissen worden.
    Seine Abendbesuche in Dumala hatte Rast in letzter Zeit eingestellt. Karola
schien ihn auch nicht zu erwarten, sie horchte nicht hinaus nach dem
Schellengeklingel. Das sagte sich Werner jetzt. Also - ber die Galgenbrcke -
den geraden Weg nach dem Park von Dumala - zu der hinteren Pforte und dann -
dann - -
    Du bist ja im Finstern, du Armer. Es war wieder Lene, die in das Zimmer
schaute.
    Werner fuhr aus seinen Gedanken auf. Ja - ich - ich - hab' ber etwas
nachgedacht.
    Soll ich die Lampe bringen?
    Nein - nein - ich komme an den Kamin.
    Er sehnte sich jetzt nach Licht, nach Traulichkeit, nach Lenes Geplauder,
dann wrde es vielleicht nachlassen, dieses angestrengte, ermdende Denken des
einen Gedankens.
    Er sa am Kamin, mde wie nach einem langen Gange.
    Sprich - erzhl, sagte er zu Lene. Du warst bei Doktors?
    Ja, Lene war bei Doktors gewesen. Die Kinder waren krank. Das Mdchen hatte
eine Halsentzndung, das Kleine zahnte.
    So - wirklich. - Werner versuchte es, sich dafr zu interessieren.
    Der Doktor Braun war aus Debschen gekommen. Die Baronin hatte einen
Gichtanfall.
    Ja - das geht so weiter, murmelte Werner. Er war mit seinen Gedanken
wieder auf dem Wege von der Galgenbrcke nach dem Park von Dumala - und dort -
geschah ihm ein groes Unrecht.
    Was hast du denn jetzt soviel zu tun? hrte er Lene fragen.
    Ich? - ja - du weit - am Ende des Kirchenjahres ist's so, antwortete
Werner. Ich werde ein gutes Stck der Nacht zu Hilfe nehmen mssen.
    Die dummen Rechnungen! seufzte Lene.
    Der Abend verging fr Werner traumhaft genug. Lene war heiter und
gesprchig, daraus schlo er, da auch er einen gemtlichen Eindruck machte.
Lene freute sich beim Abendessen, da es ihm schmeckte, also schien es, da er
mit Appetit a.
    Spter zog er sich wieder in sein Zimmer zurck, um zu arbeiten.
    Er sttzte den Kopf in die Hand und schaute in das Kontobuch.
    - Jetzt wute er es, er mute hinaus, er mute dort an der Brcke und am
Parkgitter stehen.
    Nun wartete er, da die Stunde kam. Er horchte hinaus, wie es stiller im
Hause wurde, wie die Uhren schlugen. Lene kam und lie sich auf die Stirne
kssen.
    Hast du noch viel zu tun, du Armer? fragte sie.
    Es geht, antwortete er freundlich. Gute Nacht.
    Werner wurde unruhig. Er trat an das Fenster. Die Nacht war sternhell. Ein
scharfer Nordwind fegte ber die Ebene.
    Jetzt litt es Werner nicht mehr in dem Zimmer, bei der Lampe. Es war ihm,
als knnte er etwas Wichtiges versumen.
    Leise zog er sich seinen Pelz an, stlpte die Mtze auf den Kopf und schlich
vorsichtig zum Hause hinaus.
    Drauen blieb er einen Augenblick stehen und bedachte sich. Er war ganz
ruhig. Ein sicheres Wollen erfllte ihn. Er machte seinen Plan, wie der Jger,
der ein Wild einkreist.
    Durch die Tannenschonung mute der Schlitten kommen. Dort konnte er auch,
durch die kleinen Tannen verborgen, den Weg nach der Galgenbrcke bis zum
Parkgitter gehn.
    Er trat seinen Weg an, sah zum Sternhimmel auf, bewunderte das Flimmern. Wie
geschftig solch ein Sternlicht ist, keinen Augenblick ruhig. ber den ganzen
Himmel dieses eifrige, goldene Sichregen. Die jungen Tannen dufteten erfrischend
bitter und strichen mit ihren vom Reif berglasten Nadeln, wie mit kleinen,
kalten Krallen, ber Werners Wange.
    Ein Fuchs kam des Weges daher, den Kopf am Boden suchte er wohl eine Spur,
die ihm verlorengegangen sein mochte. Furchtlos ging er an Werner vorber.
    Werner mute lachen.
    Raubtiere, die sich im Revier begegnen, ging es ihm durch den Kopf. Im
Gehen hatte er fast vergessen, warum er hier war. Es tat wohl unter dem
Sternhimmel, mitten unter den stillen Bumen und Tieren zu stehen, sich wie
einer der Ihren zu fhlen, verantwortungslos und gedankenlos.
    Jetzt sah er die Galgenbrcke vor sich - sehr hoch ber der finstern Kluft
hingen die beschneiten Bretter, ein heller Streif in all dem Schwarz. Ja - hier
hinber, das ist der allernchste Weg nach Dumala - dachte Werner.
    Und wirklich, ber den weien Strich glitt etwas, ein dunkler Schatten, dann
wie ein zierliches, schwarzes Spielzeug - ein Pferd - ein Schlitten. Lautlos
huschte er ber den Abgrund hin. - Nun war er mitten auf der Brcke - schwebte
wie frei in dem Dunkel - jetzt mute - mute er versinken. Werner schien es, als
knnte er mit seinem Wunsch, mit seinem Willen das zierliche, schwarze Spielzeug
versinken machen. Sein Wunsch zerrte an den morschen Brettern, um sie zu
brechen.
    Der Schlitten war herber.
    Etwas wie eine groe Enttuschung machte Werner das Herz schwer.
    Der Schlitten nherte sich ihm, er hrte den Hufschlag im weichen Schnee.
    Von einer dichten Hecke junger Tannen verborgen, sphte er hinaus, wie das
Gefhrt an ihm vorbereilte. Er sah deutlich Rast, mit wehendem tintenschwarzem
Bart. Er kutschte und hatte eine Zigarre im Munde. Neben ihm Damkewitz, der
Groom, dieses seltsame Geschpf, gro wie ein zehnjhriger Knabe, mit dem
verwitterten Kindergesicht, das voller Falten war, wie gedrrt. Rast schnalzte
mit der Zunge, um das Pferd anzutreiben, und der groe, schwarze Traber griff
mchtig aus. - Nun waren sie vorber. Der Duft der Zigarre mischte sich mit dem
herben Geruch der Tannen.
    Werner ging den Weg, den der Schlitten gefahren war, hinab, ohne deutlichen
Gedanken, mechanisch, ein wenig mde, wie wir es sind, wenn eine starke Spannung
pltzlich nachgelassen hat, er ging, um das Programm, das er sich gemacht hatte,
zu erfllen. Da war die Tannenschonung, - der Baumgarten - die Eichenpflanzung
und hier das Parkgitter.
    Er versuchte es, die Pforte zu ffnen. Sie gab nach. Hinter den Bumen, wie
hinter einem dichten weien Gitterwerk, lag das Schlo, eine groe, schwarze
Masse.
    Als Werner darauf zuging, hrte er irgendwo den Ton eines aufschlagenden
Pferdehufes. Er schaute sich um. ja, dort in dem kleinen Schuppen, der im Sommer
dazu diente, allerhand Gartengerte aufzubewahren, stand der Schlitten mit dem
schwarzen Pferde. In dein Schlitten, ganz in Pelzdecken gehllt, sa Damkewitz
und schlief.
    Wie das alles stimmt, dachte Werner. Er fhlte einen Augenblick die
Befriedigung eines Rechners, dem sein Exempel berraschend gut ausgekommen ist.
    Er ging bis zu der groen Fliederhecke, dem alten Flgel und dem Turm
gegenber, stand dort und sah das dunkle Gebude an. Nirgends ein Lichtschein.
Der wahrte sein Geheimnis, dieser Sndenflgel, wie Werland sagte. Kein
Zeichen von Leben. Aber wie Werner dastand in den weien Zweigen der
Fliederhecke und hinberstarrte, da war es ihm, als sehe er, was da drin
vorging, sehe es mit unertrglicher Deutlichkeit - wie sie sich ganz schlank und
wei - mit flimmernden Augen zurckbiegt in seine Arme, die Lippen fieberrot und
halb geffnet. - -
    Werner tauchte seine Hand in die beschneiten Zweige, um sie zu fhlen, er
fate sie und knickte sie, lie sie knirschen. Er mute fhlen, wie er etwas
zerbrach und zerstrte. - Das Dunkel des schweigenden Hauses war unendlich
qualvoll. Wo sind sie? Wenn er nur einen Lichtschimmer sehen knnte! Dort links
im Turm. Ein Vorhang ist vorgezogen, hrte er es neben sich flstern.
    Er schaute sich um.
    Pichwit stand neben ihm. Im Sternschein schienen Sein Gesicht, die Augen,
die Lippen - alles von der gleichen fahlen Blsse. Er zitterte vor Klte und
steckte die Hnde tief in die Hosentaschen.
    Wo? fragte Werner.
    Er wunderte sich nicht, Pichwit neben sich zu sehen. Es war, als habe er das
erwartet.
    Links, Herr Pastor, sagte Pichwit hflich. Sehen Sie scharf auf das linke
Fenster am Turm. Am Rande des Vorhanges werden Sie einen schwachen Lichtstreif
bemerken.
    Ja - ja - ich seh' es.
    Das ist das Turmzimmer, in dem das alte, goldene Bett steht, berichtete
Pichwit.
    Dann schwiegen beide. Sie standen nebeneinander und schauten zu dem
schwachen Lichtstreifen am Turmfenster empor. Der eine hrte den beklommenen
Atem des anderen und daneben einen leisen, dumpfen Ton, als ginge jemand sachte
durch weichen Schnee. Das war das Pochen des eignen Herzens.
    Die Schlouhr schnarrte, als ruspere sie sich, und schlug zwei.
    Jetzt, flsterte Pichwit.
    Im unteren Fenster des Turmes erwachte ein Lichtschein, verschwand, erschien
tiefer unten.
    Sie steigen die Treppe herunter, erklrte Pichwit.
    Leises Knarren. Das Licht erschien in der Turmtre. Frau Wandel, die alte
Kammerfrau, hielt es und schtzte es mit der Hand. Ihr geduldiges
Pensionsvorsteheringesicht unter der schwarzen Spitzenhaube wurde einen
Augenblick hell beleuchtet. Hinter ihr standen zwei. Die Schatten zweier Kpfe,
sehr nahe beieinander, fielen auf die Wand. Endlich drngte sich Rasts breite
Gestalt durch die Tre.
    Gute Nacht:, sagte Frau Wandel feierlich.
    Schlafen Sie gut, Mutter Wandel, antwortete Rast.
    Die Tre schlo sich. Das Licht stieg wieder den Turm hinan.
    Rast ging nahe an der Fliederhecke vorber. Er pfiff leise vor sich hin,
zndete sich eine Zigarette an. Das Zndholz beleuchtete grell sein Gesicht, den
glnzenden Bart, die groen, braunen Samtaugen. Er ging vorber. Pichwit und
Werner lauschten. Das Knarren einer Fehmerstange drang zu ihnen, das Gleiten
eines Schlittens, das vorsichtige Zuklappen eines Tores.
    Er ist fort, flsterte Pichwit. Da stand Werner nun mit seiner Gewiheit,
nach der er sich gesehnt hatte, stand da und fhlte sich ganz ohnmchtig, ganz
schwach, ganz elend. Er htte heulen knnen wie ein Schuljunge.
    Gehn wir, Herr Pastor, sagte Pichwit und berhrte Werners Arm. Sie gingen
durch die Parkwege, wo die Statuen in ihren hlzernen Winterhuschen schliefen
und die Rosen, dicht in Moos verpackt, auf den Beeten lagen.
    Pichwit berichtete halblaut, mit einer klagenden Stimme, die zuweilen
wunderlich umschlug, als mache ein Lachen oder ein Schluchzen sie unsicher.
    Das ist so vielleicht seit acht Tagen. Sie wissen, er kam des Abends nicht
mehr. Sie rieb dem Baron wieder das Bein. Er war ruhig geworden. Ich wute
gleich, es geschieht etwas. Ich fhlte das. Sie sang jetzt zuweilen, wenn sie
allein war, vor sich hin. Am Tage lag sie gern im groen Stuhl, die Arme hinter
dem Nacken und lchelte. Sie wartete am Abend auch nicht mehr auf ihn. Ich
suchte und suchte. Da - eines Nachts, ich konnte nicht schlafen - kam ich hier
in den Park. Da wute ich. Er hielt einen Augenblick inne, dann fragte er: Was
werden Sie tun, Herr Pastor?
    Ich? erwiderte Werner. Was kann ich tun?
    Doch! Sie werden etwas tun, sagte Pichwit. Ich - ich kann nichts. Ich
wollte zu ihm gehn und ihn zum Duell fordern. Ich glaube, ich knnte ihn
erschieen, ich glaube, das wrde mir gegeben werden. Aber - wer bin ich! Er
wrde mich auslachen. ber Pichwit lacht man ja. Das wre fr ihn nur eine
Anekdote mehr. Und dann - ich - ich kann nicht. Sie hat es verboten.
    Sie hat es verboten? wiederholte Werner erstaunt.
    Ja - ja - sagte Pichwit. Ich sagte ihr gute Nacht. Da reichte sie mir die
Hand und sagte - sagte leise, so da die anderen es nicht hrten: Herr Pichwit
ist mein treuer Page. Auf den kann ich mich verlassen. Und da verstehn Sie, Herr
Pastor, ich kann nichts tun. Wenn sie wollte, ich soll hier Wache stehn, whrend
er oben ist, damit keiner sie strt, ich mte es tun. Aber Sie - Herr Pastor,
Sie!
    Ach - ich! sagte Werner matt.
    Aber Pichwit wurde eindringlich. Sie sind gro, Sie sind stark, Sie sind
schn. Ach! Ich war so eiferschtig auf Sie. Ich sah es, wie sie sich freute,
wenn Sie kamen, und ich sah, wie Sie sich einander in die Augen sahen - ja, das
hab' ich gesehen. Ich war sehr unglcklich darber. Aber jetzt - jetzt mssen
Sie sie retten. Er darf sie nicht haben. Er ist schlecht und gemein, ich wei
das, ich fhl' das. Was werden Sie tun, Herr Pastor?
    Werner rttelte sich aus der schweren, traumhaften Mdigkeit auf, die ihn
bedrckte.
    Pichwit, sagte er streng, was sprechen Sie da? Sie sind ja krank. Sie
sprechen wie im Fieber. Gehn Sie, legen Sie sich zu Bett. Sie mssen ja krank
werden, wenn Sie hier im Frost stehn.
    Daran hab' ich auch schon gedacht, erwiderte Pichwit.
    Woran?
    An das Krankwerden. Wenn ich krank werde, zum Sterben krank, wissen Sie,
dann kommt sie zu nur, das wird sie wohl tun. Und dann sag' ich ihr alles. Wenn
man stirbt, dann wird man ernst genommen, dann steigt man in der Achtung. Nicht
wahr? Ein Sterbender ist nicht lcherlich. Was er sagt, das wird gehrt. Es ist
schon vorgekommen, da das Wort eines Sterbenden einen Lebenden gerettet hat
...
    Kind, Sie trumen, unterbrach ihn Werner. Gehn Sie, legen Sie sich
nieder, decken Sie sich gut zu - und - keine Unvorsichtigkeiten.
    Werner hatte die Hand auf Pichwits Schulter gelegt. So redete er ihm
vterlich zu.
    Pichwit sttzte den Kopf gegen Werners Arm und weinte.
    Nun, nun! redete Werner ihm zu, wie einem Kinde. Fassen Sie sich. Das
hilft nichts. Gehn Sie. Gute Nacht.
    Pichwit richtete sich auf, wischte sich die Trnen aus den Augen, und
pltzlich sah Werner ihn lcheln, sah auf dem bleichen Gesichte das hochmtige,
berlegene Lcheln.
    Gute Nacht, Herr Pastor, sagte er. Ich wei - Sie - Sie werden etwas
tun.
    Damit verschwand er hinter den weien Hecken.
    Werner ging nach Hause. Schlafen wollte er, liegen und vergessen - nichts
anderes. -

    Als Werner am nchsten Morgen erwachte, hatte er das Gefhl, als lge eine
Aufgabe vor ihm, eine schwere Arbeit. Was war es?
    Sie werden etwas tun, klang Karl Pichwits erregte Stimme ihm ins Ohr. Das
war es!
    Der Tag war hell, das Pastorat voll gelben Sonnenscheins. Lene war rosig und
gesprchig. Whrend Werner seinen Morgentee trank, lachte er mit ihr ber
irgendwelche geringfgige Dinge.
    Er ging an seine Amtsgeschfte. Leute kamen. Er ermahnte und schalt sie, war
vterlich und jovial. All das ging gut vonstatten, nur erschien es ihm alles so
vorlufig. Eine Aufgabe wartete seiner, das andere war nur ein Hinbringen der
Zeit bis dahin. Er dachte nicht weiter darber nach, er htete sich davor, sich
selber Zeit zu lassen, um sich auf das zu besinnen, was vor ihm lag und lauerte.
    Am Nachmittag lie er den Schecken einspannen, um nach Schlo Sielen zu
fahren. Das war's, was er tun mute, und der Pastor Werner tat es, der eine
Pflicht erfllte, nicht der trichte unbegreifliche Mann, der gestern im
mchtigen Park von Dumala gestanden hatte, Stunde um Stunde, um zu dem
Lichtstreifen oben am Turm emporzusehen, mit einem schmerzhaften Begehren.
    Pastor Werner fuhr zu Behrent von Rast, um eine Pflicht zu erfllen, eine
Amtspflicht, und eine Freundschaftspflicht.
    Whrend er durch das grelle Nachmittagslicht dahinfuhr, dachte er nicht
darber nach, was er sagen und was er tun wollte. Da es eine Amtspflicht war,
mute das von selbst kommen.
    In Sielen wurde Werner vom Groom Damkewitz empfangen. Der Zwerg, sehr
auffallend in die Rastschen Farben Gelb und Blau gekleidet, bedeckt mit groen
Wappenknpfen, sah wie ein abenteuerlicher kleiner Affe aus. Whrend er Werner
durch die Zimmer geleitete, sprach er mit einer hohen, gedrckten Stimme, wie
alte Frauen sie zuweilen haben.
    Der Herr Baron wird sich freuen. Der Herr Baron ist allein, und ihm wird
die Zeit lang. Etwas Gesellschaft wird dem Herrn Baron angenehm sein.
    Werner fand Rast in einem groen Zimmer, das ein mchtiges Kaminfeuer stark
berheizte. berall lagen und hingen Teppiche. Rast hatte sich in einen Burnus
aus weiem Tuch gehllt, lag auf dem Diwan und rauchte.
    Der Pastor, das ist hbsch. Also Sie gedenken doch der Einsamen, rief er
Werner entgegen.
    Werner war steif und befangen, wie meist am Anfang eines Besuches.
    Ja - ich habe mir erlaubt -
    Famos, unterbrach ihn Rast. Setzen Sie sich, Herr Pastor. Was - das Feuer
zu nah? Sehen Sie, ich friere hier immer. Diese alten Familienhuser sind so
gebaut, als sollten die Familien durch Klte mglichst lange konserviert werden.
Aber wenn die Familien sich dem Ende zuneigen, scheint es, als vertrgen sie
diese Temperatur nicht mehr recht, sie schlagen dabei um wie guter Bordeaux.
    Rast lachte laut ber seine eigene Bemerkung, und Werner lachte hflich mit.
    Ein Likr gefllig? fragte Rast und go aus einer vergoldeten Flasche
einen rosenfarbenen Likr in ein Glas. Nicht? Eine orientalische Erfindung,
Rosenlikr aus wirklichen Rosen. Ein wenig s - ja. Ich trinke ihn an kalten
Tagen, denn er schmeckt wie destillierte, heie Julitage. Aber nehmen Sie doch
eine Zigarre.
    Rast war gesprchig, wie Leute es sind, die einen einsamen Tag verbracht
haben und es nun ausntzen, da sie jemanden haben, der ihnen zuhrt.
    Ja, rauchen mssen Sie der Gerechtigkeit wegen. Bei einer Unterhaltung ist
es ungerecht, wenn nur einer raucht, dadurch bekommt der andere einen zu groen
Teil der Unterhaltung. Sehen Sie, wenn beide rauchen und dem einen geht die
Zigarre aus, dann wei man gleich, da er ein zu groes Stck des Gesprches an
sich gerissen hat.
    Werner lchelte.
    Nun, Herr Baron, in diesem Falle wollte ich auch mehr eine Mitteilung
machen, als da es hier auf eine Erwiderung ankme.
    Ah! Das ist etwas anderes, meinte Rast.
    Er lehnte am Kamin. Von dem weien Burnus hob sich der Kopf sehr dunkel und
ein wenig gewaltsam ab - das brunliche, hbsche Gesicht, die blanken schwarzen
Bartflammen zu beiden Seiten des Kinnes mit dem weichlichen Grbchen, die
groen, braunen Augen mit dem feuchten, trgen Blick. Ja - gewaltsam - dachte
Werner, als er ihn mit groer Abneigung betrachtete und mit dem Sprechen zgerte
- solchen gehrt, wie den Zuchtstieren, ein Ring durch die Nase und angekettet
in einem dunklen Stallwinkel, aus dein sie nur hervorgeholt werden, wenn sie
ntig sind.
    Die Sache ist die, begann Werner, er hrte, da seine Stimme sanft und
pastoral klang: Sie wissen, Herr Baron, ich komme durch mein Amt viel mit den
Bauern der Gegend in Berhrung und hre, was unter diesen Leuten gesprochen
wird. Schlielich ist das Pastorat so eine Art Schallfnger fr die Gerchte,
die durch das Kirchspiel schwirren. - Da ist mir nun ein Gercht zu Ohren
gekommen, das ich Ihnen, Baron, mitzuteilen fr meine Pflicht hielt, weil - weil
es dazu angetan ist, eine Dame zu kompromittieren. Wie gesagt, da es Sie
betrifft, hielt ich es fr meine Pflicht, Ihnen davon Mitteilung zu machen.
    Ah! sagte Rast und schaute auf seine Zigarre nieder: Sehr interessant.
Worum handelt es sich denn?
    So leicht hier das gesagt war, Werner glaubte aus dem khlen, ein wenig
spttischen Ton etwas wie eine Herausforderung herauszuhren, und das freute
ihn, das machte ihn warm.
    Ich denke, auf die nheren Umstnde einzugehen, ist wohl nicht ntig,
versetzte er. Es handelt sich um - um nchtliche Fahrten, die beobachtet -, die
bis zu ihrem Ziel verfolgt worden sind, aus denen Schlsse gezogen werden, die
einer Dame schaden knnen.
    Er bemhte sich, klar und geschftlich zu sein.
    Und, sagte Rast noch immer im leichten Unterhaltungston, Sie, Herr
Pastor, hielten es fr Ihre Pflicht, mir das mitzuteilen?
    Ja.
    Fr Ihre Pflicht als Pastor natrlich?
    Werner erhob ein wenig die Stimme, als er antwortete:
    Ja, als Pastor, gewi - und als Ehrenmann und als Freund der betroffenen
Familie.
    Rast wehrte mit der Hand ab und sagte bittend: Nein, Herr Pastor, nicht das
alles. Bleiben wir bei dem Pastor. Als Pastor, bitte.
    Als was Sie wollen, fuhr es Werner jetzt ziemlich grob heraus.
    Sehen Sie, meinte Rast, das mit dem Ehrenmann. Ein jeder setzt bei dem
anderen voraus, da er wei, was ein Ehrenmann zu tun hat. Gewi - sonst wr's
ja beleidigend. Aber es ist besser, sich da nicht weiter auf Einzelheiten
einzulassen. Es entstehen dann doch leicht Meinungsverschiedenheiten. Und
Freund, mein Gott, Gefhle komplizieren die Sachen nur. Aber Pastor -, Pastor
ist klar. Sie sind als Pastor verpflichtet, sich in die Angelegenheiten anderer
Leute zu mischen, das ist Ihre Amtspflicht, peinlich vielleicht, aber sie wird
erfllt. Sehr achtbar!
    Es handelt sich hier nicht um mich, versetzte Werner hitzig. Es handelt
sich darum, da eine Dame ...?
    O bitte, unterbrach ihn Rast sanft, doch, es handelt sich um Sie. Sie tun
Ihre Pflicht. Als Pastor handelt es sich fr Sie nicht um einen bestimmten
Herren oder eine bestimmte Dame, es handelt sich fr Sie abstrakt um einen Ruf -
eine Tugend, eine Snde, nicht wahr? Es ist Ihr Beruf, zu verhindern, da ein
Ruf geschdigt wird, oder da eine Tugend fllt, oder da eine Snde begangen
wird. Sie haben keinerlei persnliches Interesse daran, Sie tun Ihre Pflicht,
und nur deshalb, Herr Pastor, knnen Sie's tun, knnen Sie hier Dinge sagen und
tun, die ein anderer nicht sagen und tun kann.
    Ich berufe mich nicht auf mein Amt, sagte Werner. Ich spreche als Mann
zum Manne.
    O nein, versetzte Rast, Sie kommen, als Pastor ermahnen, nicht
Rechenschaft fordern.
    Doch, unterbrach ihn Werner, ich will Rechenschaft fordern.
    Rast zuckte die Achseln.
    Nicht mglich, Herr Pastor. Sie wollen eine Tugend retten, Sie wollen, was
man so nennt, Gutes tun. Sie wollen keine Antwort oder Erklrung. In Ihren
Predigten fragen Sie auch zuweilen, aber Sie wollen doch keine Antwort darauf.
Darauf zu antworten, wre unpassend. So auch hier. Sie wollen Gutes tun, Sie
wollen ermahnen, Sie wollen keine Antwort von mir. Das sagten Sie ja vorhin. Ich
verstehe Sie vollkommen.
    Werner erhob sich von seinem Stuhl. Der Zorn scho ihm ganz hei in das
Blut. Seine Schlfen brannten.
    Herr Baron, sagte er feierlich, ich sehe, da etwas Unerhrtes geschieht,
und ich soll ruhig zusehen, ich soll nicht das Recht haben, einzugreifen?
    Rast sah ihn mit seinen gefhlvollen Samtaugen sinnend an.
    Aber so setzen Sie sich doch, Herr Pastor. Sie haben unrecht, sich so
aufzuregen. Sie htten doch eine Zigarre nehmen sollen. Bismarck sagt, eine
Zigarre mache ein Gesprch ruhig. Aber ich erkenne Ihr Recht, einzugreifen - als
Pastor - an. Sie sprachen von Unerhrtem -, es ist vielleicht besser, eine
genauere Kritik hier zu vermeiden, - der Objektivitt wegen.
    Ich wiederhole es, rief Werner heftig. Ich fordere hier Rechenschaft.
Rast lchelte. Aber Herr Pastor. Wollen Sie sich mit mir schlagen? Das ginge
doch nicht. Wrde das nicht aussehen, als htten Sie ein Interesse oder ein
Recht in dieser Sache? Nein, ich werde nie vergessen, wen ich vor mir habe.
    Und ich - ich -, sagte Werner heiser, ich darf wohl nicht vergessen, -
da ich in Ihrem Hause bin.
    Rast wehrte mit der Hand ab.
    O bitte, darauf kein Gewicht zu legen. Mein Haus steht zu Ihrer Verfgung.
Ich bedauere, Herr Pastor, Sie ein wenig erregt und nicht ganz zufrieden zu
sehen. Ich frchte, ich bin Ihnen nicht sympathisch, das bedauere ich ...
    Werner war pltzlich ganz ruhig geworden. Er lchelte sogar.
    Sympathisch - nein. Ich kam wohl auch nicht, um eine Liebeserklrung zu
machen.
    Selbstverstndlich! gab Rast zu und lchelte auch. Ich meine nur, warum
sind Sie mit mir nicht zufrieden? Sie kommen zu mir, um mir eine Mitteilung zu
machen, um mir eine Mahnung zugehen zu lassen. Gut! Ich nehme die Mitteilung
dankbar entgegen. Die Mahnung - ich will sie -, wie sagt doch die Bibel, ich
will sie in meinem Herzen bewegen. Mehr knnen Sie, Herr Pastor, nicht von mir
verlangen. Der Fall selbst ist nicht geeignet, besprochen zu werden. Das ist
natrlich auch Ihre Ansicht. Aber Ihre Mission - Herr Pastor - Ihre Mission kann
als durchaus gelungen bezeichnet werden.
    Sie haben recht, sagte Werner leise und mde, so werd' ich denn gehen.
    Sie wollen schon gehen? rief Rast, als berraschte ihn das. Das tut mir
leid. Es plaudert sich angenehm an solchen kalten Tagen. Aber ich darf Sie wohl
nicht aufhalten.
    Die beiden Mnner reichten sich die Hnde, und Werner wurde sich dabei des
Umstandes bewut, da er fast einen Kopf grer als Rast war, da, wenn er jetzt
den Arm hob und seine Faust auf den vor ihm stehenden Rast niederfallen lassen
wrde, dieser vor ihm auf dem Teppich lge.
    Also besten Dank, sagte Rast, auf Wiedersehen.
    Er begleitete Werner bis an die Tr und nickte ihm lchelnd zu.
    Auf dem Heimwege wurde Werner den Gedanken nicht los, wie hlich und
widernatrlich doch diese sogenannte Kultur war. Zwei haten sich. War es da
nicht schner, sich zu fassen, um den Leib, das fiebernde Fleisch
aneinanderzudrcken, sich den glhenden Atem in das Gesicht zu blasen und zu
suchen, einander weh zu tun ..., zu verwunden, wie die Bauernburschen es unten
im Kruge tun? Statt dessen reicht man sich die Hand, lchelt: Besten Dank! Auf
Wiedersehen. - Pfui!

    Die Adventszeit war da. Lene sa abends am Klavier und sang Chorle. Werner
hielt Nachmittagsandachten, whrend die untergehende Sonne durch die
Kirchenfenster schien und die Gesichter der Leute rot malte: Oder er besuchte
die Schulen. Grv, hektisch-rote Flecke auf den mageren Wangen, die Augen
entzndet, stand an dem Pult und sprach mit hoher, erregter Stimme auf die
Kinderschar ein. Die Wintersonne schien hell ber die blonden Kinderkpfe. Die
Kinderstimmen, die sich drauen heiser geschrien hatten, sagten eintnig und
taktmig Sprche her, in denen von groen Wundern und groen Geheimnissen die
Rede war -, die Augen klar und voll verstndnisloser Andacht. Werner hatte diese
Zeit stets geliebt, in der die groen Mysterien eine familienhafte Traulichkeit
annahmen, in der Frauen, Mdchen und Kinder sich in den ewigen Dingen gemtlich
zu Hause fhlten, wie in ihren Stuben. berall war etwas Wunderluft. Auch jetzt
ging Pastor Werner seinen Amtsgeschften ruhig nach. Er konnte andchtig und
heiter sein.
    Aber neben dem Pastor Werner ging ein anderer her. Er versteckte sich, er
war jedoch da - fremd - unheimlich - - unentrinnbar.
    Wenn Werner abends bei der Lampe Lene gegenbersa und zuhrte, wie Lene
ber friedliche, kleine Dinge plauderte, dann geschah es wohl, da sie pltzlich
ausrief
    Was ist dir?
    Mir? Nichts - warum?
    Du machst ein Gesicht, als schmerzte dich was.
    Werner lachte: Was du nicht siehst!
    Allein, wenn es still im Hause wurde, wenn er in seinem Arbeitszimmer sa,
dann kam er - der andere - unabnderlich, ein Gast, der nie ausblieb.
    Werner hrte auf den Schlag der Uhr, wartete in dumpfer Ergebung.
    Es schlug zwlf.
    Werner erhob sich, zog seinen Pelz an, nahm seinen Stock und ging hinaus,
pnktlich, wie zu einem gewohnten Geschft. Und whrend er leise durch das Haus
zur Haustr schlich, mute er an das Wort des Johannisevangeliums denken, das
von Judas sagt:
    Da er nun den Bissen genommen hatte, ging er sobald hinaus. Und es war
Nacht.
    Die nchtliche Welt um diese Stunde war ihm jetzt vertraut. Zuweilen war der
Himmel klar und voller Sterne, oder der Nordwind fuhr in die Bume, rauschte
wild, als riefe er in die alten Fhren eine aufregende Nachricht hinein. Oder
dichter Nebel verhngte das Land, tropfte und flsterte in den Zweigen. Werner
kannte jede dunkle Baumgestalt, an der er vorber mute. Er kannte die leisen
Schritte des Wildes im Dickicht. Er gehrte zu ihnen allen, die ihn umstanden,
sie waren seine Mitwisser.
    Durch die Tannenschonung ging er in den Wald hinein, bis er den schmalen
weien Strich ber dem Abgrunde sah. Dort setzte er sich auf einen Baumstumpf im
Gebsch und wartete.
    Wenn es in seiner Nhe raschelte, dann wute er, es war der Fuchs, der auf
die Jagd ging. Die regungslose Gestalt auf dem Baumstumpf schreckte den Fuchs
nicht. Er war an sie gewhnt. Er mochte gemerkt haben, da dieses Raubtier, das
so still auf der Lauer lag, ihm nicht ins Gehege kam.
    Werner wartete geduldig, bis sie herankamen: der Schlitten - das schwarze
Pferd - eilig, lautlos. Sie glitten ber den weien Strich - schwebten ber dem
Abgrunde - und waren hinber und verschwunden. Werner steckte sich eine
Zigarette an, rauchte und wartete, bis der Schlitten wiederkam, einen Augenblick
ber dem Abgrund schwebte und verschwand.
    Um das zu sehen, dieses Schweben ber dem Abgrund, kam er Nacht fr Nacht.
Das war ein Augenblick furchtbarer Spannung. jetzt - jetzt mute die zierliche,
schwarze Vision auf dem weien Strich im Abgrund verschwinden!
    Die Bibel war so voller Wunder. Was wirkten die Leute da nicht alles mit
ihrem Willen! Sie machten Tote auferstehen und Lebende tot zur Erde fallen.
Konnte er denn nicht mit der Gewalt seines Willens eines dieser morschen Bretter
zum Brechen bringen? Nur ein Brett und - - -
    Oft, wenn der Schlitten an ihm vorber war, stand Werner von seinem
Baumstumpf auf, ging auf die Brcke hinauf, vorsichtig und aufmerksam. Er
betrachtete sorgsam jedes Brett, prfte es mit der Hand. Dieses war ganz morsch,
dieses lag nur lose auf - hier war ein Spalt. Es mute einmal geschehen. Wenn
einer eines dieser Bretter zufllig mit dem Fu oder mit der Hand verschob - -
ein leichter Schwindel fate ihn. Er mute fr einen Moment die Augen schlieen.
Dann ging er wieder an seinen Platz zurck.
    Wenn einer zufllig mit dem Fu oder mit der Hand eines dieser Bretter
verschiebt - klang es in ihm wider, eintnig, eigensinnig, wie ein sinnloser
Refrain. Und um ihn flsterten die kleinen Tannen  - ver - schiebt - ver -
schiebt, und oben fielen die alten Fhren laut und majesttisch ein versch - -
iebt - ver - schiebt - Der ganze Wald dachte nur daran.
    War es vorber, war der Schlitten zurckgefahren, dann ging Werner nach
Hause - die Glieder schlaff - das Herz mde und leer.
    Er warf sich auf sein Bett und schlief einen schweren Schlaf, wie nach
harter, freudloser Arbeit.

    Werner war in der kleinen Schule dort hinter dem Walde gewesen, jetzt ging
er langsam heim. Es war um die Mittagszeit. In der Nacht hatte es geschneit. Nun
lie die Sonne den Schnee von den Zweigen tropfen. Der Wald war voller
Flgelrauschen und Vogelrufe. Die Meisen tollten wie kleine, graue Blle an den
Zweigen entlang. In einem verschneiten Haselnustrauch sa eine Gesellschaft
Dompfaffen wie groe, rote Frchte.
    Das war heiter. Werner klangen noch die Lieder im Ohr, die er eben von den
Kindern gehrt hatte.
    So viel Licht, da man nichts mehr unterscheidet, hatte Karola gesagt. So
dachte sie sich das Jenseits. Das war es. So mute die Religion fr die Armen
und Gedrckten sein, - Licht, nicht das zeigt und aufdeckt, nein, Licht, das
verhllt, das wie ein leuchtender Schleier sich ber das graue Leben breitet.
    Von dem engen Waldpfade bog er in die kleine Waldlichtung ein und - trat
leise zurck.
    Wie eine Vision stand es vor ihm.
    Die Lichtung war wei verschneit, ringsum weie Wlle und darber der
Sonnenschein, ein gelber Lichtnebel ber den Wipfeln. Mitten auf dem Platz hielt
der Schlitten mit dem schwarzen Pferde. Rast stand in dem Schlitten, hoch
aufgerichtet, sein Bart flimmerte vor Tropfen, und vor ihm stand Karola. Sie bog
den Kopf zurck, sah zu ihm auf, lachte ber das ganze Gesicht. Sie streckte die
Arme aus.
    Heb mich - sagte sie.
    Er beugte sich zu ihr nieder, fate sie und hob sie hoch in die Hhe, in den
Sonnenschein hinauf Karola stie einen leisen Schrei aus und bewegte die Arme
wie Flgel.
    Ja - so - so, rief sie.
    Ein Eichelhher antwortete mit seinem lauten, aufdringlichen Ruf, als htte
er es dem ganzen Walde mitzuteilen.
    Werner sah Karola in dem gelben Lichtnebel schweben, sah ihr Gesicht ernst
werden, die Lippen sich ffnen, die Augen sich schlieen - wie berwltigt von
einem starken Gefhl.
    Rast lie die Arme langsam sinken, legte die schwebende Gestalt auf seine
breite Brust - beugte sich auf sie nieder und kte das Gesicht mit den
geschlossenen Augen.
    Dann setzte er Karola in den Schlitten.
    Jetzt fahren wir los, sagte er.
    Jetzt fahren wir los, wiederholte Karola lustig.
    Sie lie sich zurechtsetzen, einhllen, willenlos wie eine Sache, wie seine
Sache.
    - H!rief Rast dem Pferde zu, und sie fuhren in all das Wei der Bsche
hinein.
    Laut - leichtsinnig und schamlos erfllten die Schellen den Wald mit ihrem
Geklingel.
    Warum - sagte sich Werner, warum mute dieses Weib so furchtbar tief in sein
Fleisch hineingeschrieben sein? Was war sie ihm? Was durfte sie ihm sein? Und
doch jede Faser, jeder Nerv seines Krpers fieberte. Betrogen und bestohlen
fhlte sich dieser Krper. Da stand er, versteckt hinter den Bschen und
hungerte nach diesem Weibe, hungerte, wie er noch nie nach etwas gehungert
hatte. Und dieser groe, brutale Mann durfte im Sonnenschein stehen und sie
nehmen wie sein Eigentum, wie seine Sache. Wozu war solch ein flacher
Lebensvergeuder da? Um mit seinen unreinen Hnden zu nehmen, zu stehlen, was
anderen heilig, was fr andere der tiefste Kampf der Seele war? Ein schdliches,
unntzes Raubtier, dein man Fallen stellen sollte wie dem Fuchs, das ist dieser
Rast.
    Zu Hause war Werner heiter, er scherzte mit Lene, mit Tija, er war fast
ausgelassen oder versuchte es zu sein. Ihm war, als mte er unter dieser
Heiterkeit etwas verbergen - vor Lene, vor Tija -, vor sich selber. Er wute
selbst nicht, was es war.
    Am Nachmittag kam der Doktor Braun. Er sa am Kamin und erzhlte:
    Mit dem Baron in Dumala war es so - so. Er machte dem Doktor Sorge. Das Herz
matt und die Schmerzen. Sie sollen doch herberkommen, Pastor, lt er Ihnen
sagen. Er schimpft schon. Ein Doktor und ein Pastor wrden dafr bezahlt, da
sie die Kranken besuchen - sagt er, von einem Bankdirektor verlang' ich das
nicht. Was denkt sich der Werner eigentlich! Ja, die Laune ist nicht die beste.
Und die arme Frau. Die sitzt bei ihm, ertrgt jede Laune. Eine Heilige.
    Ja - eine Heilige, wiederholte Werner.
    Und denken Sie sich! Der Doktor wurde ganz rot vor Aufregung. Die Alte in
Debschen sagt mir - es ist unglaublich - sie habe von Gerchten - von Gerede
gehrt - die Trine - sagt - oder der Schweinejunge - was wei ich - von dieser
Frau und dem Rast - von Zusammenknften hat sie gehrt. Getratsch - Gestnker!
Ich hab's der Alten gesagt: wer diese Frau angreift, der hat es mit mir zu tun.
Mit uns beiden - nicht, Pastor? Na - ich werd es der Alten in Debschen schon
anstreichen. Der Doktor lachte drohend, den Mund weit offen.
    Ja - Doktor - Sie haben recht, stimmte Werner ihm zu.
    Das befriedigte den Doktor. Na - also! jetzt geh' ich heim. Um neun Uhr
leg' ich mich in die Klappe. Meine Frau liest mir die Zeitung vor, dabei
schlft's sich gut ein. Ein Sybarit - was? Aber zwei Nchte hab' ich
hintereinander Kinder zur Welt bringen helfen. Die Rangen kommen jetzt immer bei
Nacht zur Welt. Auch eine Unsitte - Unsoliditt. Er lachte sehr laut ber seine
Bemerkung.
    Werner schaute ihn nachdenklich an. Der war glcklich! Der war mit sich
zufrieden, tat seine Arbeit und geno sein Bett. Nichts Dunkles qulte ihn,
keine schwere - unbegreifliche Aufgabe.
    Und Werner empfand diese ruhige Zufriedenheit als klein, er verachtete sie
fast seiner eigenen Qual gegenber.
    Der Abend verging still und gemtlich.
    In der Nacht machte Werner sich pnktlich zu seinem Posten auf den Weg. Er
berlegte sich das nicht mehr. Wozu? Er wute es ja doch, zu der bestimmten
Stunde wrde er unten im Walde sein.
    Die Nacht war windstill. Es schneite. Dieses weie Niederrinnen legte eine
bleiche Helligkeit in die Nacht. Alle nchtlichen Kameraden Werners im Walde
schwiegen heute. Sie standen regungslos da und lieen sich von den weien
Flocken zudecken.
    Auch Werner sa regungslos auf seinem Baumstumpf und lie sich zudecken. Die
stetige Bewegung des niederfallenden Schnees machte ihn schlfrig, wiegte ihn in
einen wachen Traum. Ganz ferne Bilder aus der Kindheit kamen: das Stbchen der
Witwe Werner. Der kleine Erwin lag im Bett. Die Lampe stand am Fenster. In ihrem
Lichte konnte das Kind sehen, wie drauen groe Schneeflocken an der
Fensterscheibe vorberzogen. Die Mutter erzhlte mit klagender Stimme der
Nachbarin von den schweren Zeiten. Es war immer von Mark und Pfennigen die Rede.
Das Kind hrte dein wie einem Wiegenliede zu. Mark und Pfennige schienen ihm
etwas Trauriges zu sein, von dem sich endlose Geschichten erzhlen lieen. Und
die Schneeflocken kamen aus dem Dunkel und gingen in das Dunkel, einen
Augenblick im Strahl der Lampe durch die Scheibe in das Zimmer sehend. Der
kleine Erwin versuchte es, die endlose Geschichte von den Mark und Pfennigen zu
verstehen, versuchte es, die Flocken zu zhlen, die am Fenster vorberzogen, bis
ihm die Augen zufielen.
    Ein leises Gerusch lie ihn aufschauen. Rasts Schlitten war schon mitten
auf der Brcke. Rast sagte etwas, und der Zwerg antwortete mit seiner gedrckten
Altweiberstimme, schlfrig, als fahre er auf sicherer Landstrae hin. Nun waren
sie - hinber - wirklich hinber und fort.
    Werner schaute auf die Brcke - erstaunt. Es war ihm gewesen, als mte es
heute sein. Er hatte das so fest erwartet, da es ihn ruhig gemacht hatte -
heute wrde er es sehen, da der Schlitten mitten auf der Brcke verschwand -
und nun - - -
    Werner sann vor sich hin. Es war kein Nachdenken, es war ein gespanntes
aufmerksames Insichhineinhorchen.
    Was wird geschehen?
    Auf die Brcke wollte - mute er hinauf.
    Gut! Er ging auf die Brcke hinauf.
    Der feuchte Schnee machte die Bretter schlpfrig. Er hatte sich in acht zu
nehmen. jetzt stand er ber dem Abgrund. Das Wasser unten war heute stumm. Eine
leichte Eiskruste mochte darber liegen. Werner bckte sich und befhlte die
Bretter. Dieses lag ganz lose auf und war morsch. Werner rttelte daran. Es sa
doch fester, als er gedacht. Er spannte seine Kraft in. ja - nun gab es nach,
lie sich schieben, schwenken und fiel. Unten krachte die dnne Eisdecke, das
Wasser gurgelte.
    Jetzt brauchte einer die anderen Bretter nur mit dem Fu zu stoen und sie
fielen auch.
    Werner stie sie mit dein Fu, und wieder krachte unten das Eis und
pltscherte das Wasser, unertrglich laut in all der Stille, erschien es Werner.
    Vor ihm ghnte ein groes, schwarzes Loch. Er stand am Rande und schaute
hinein. Eine schwere Mattigkeit machte ihm die Glieder weich, nahm ihm alle
Kraft. Am liebsten htte er sich auch in das schwarze Loch hinabgleiten lassen.
Ein Aufschlagen des Wassers, ein Gurgeln und die tiefe Stille htte sich auch
ber ihn gelegt, khl und wohltuend.
    Vorsichtig trat er den Rckweg an und setzte sich wieder auf den Baumstumpf.
Er zndete sich eine Zigarette an, sah beim Schein des Zndholzes nach der Uhr.
Es ging ihm durch den Kopf, da der niederfallende Schnee jede Spur verwischte.
Er dachte an seinen Gang heute morgen. Wie fern, wie fremd schien ihm der
Werner, der in der Schulstube vterlich die Hand auf die blonden Kinderkpfe
gelegt und mit den Kindern Vom Himmel hoch gesungen hatte. Ja, so ein
friedlicher Pastor hat es gut!
    Unendlich langsam verrannen die Stunden heute, und die gespannte Wachsamkeit
des Ohres war ermdend. jeder Ton, das Herabgleiten des Schnees von den Zweigen,
der Fall eines Tannenzapfens, das Knacken der Eiskruste unten auf dem Wasser,
alles hallte so erschreckend in ihm wider.
    Da war es aber wirklich, das dumpfe Aufschlagen des Pferdehufes auf den
Schnee.
    Werner erhob sich. Alles in ihm war furchtbar angestrengte Aufmerksamkeit.
Er versuchte es, durch die niederfallenden Flocken zu sehen, versuchte es, mit
dem Ohr die Entfernung zu messen, die der herannahende Schlitten durchma. -
Jetzt war er an der alten Tanne. - Jetzt sah er den Kopf des Pferdes, er mute
dicht vor der Brcke sein - - Werner trat vor.
    Halt! rief es aus ihm heraus.
    Rast ri das Pferd zurck und hielt.
    Wer ist da? fragte er.
    Fahren Sie nicht weiter, sagte Werner.
    Ja - warum?
    Weil die Brcke eingestrzt ist, - da - in der Mitte.
    So.
    Rast lie das Pferd einige Schritte zurckgehen, stieg dann aus.
    Gebrochen, sagen Sie, meinte er, wie wissen Sie das?
    - Ich wei es, entgegnete Werner ungeduldig.
    Hm - danke. Rast stapfte durch den Schnee zu Werner hin: Ah! Der Herr
Pastor! Ich glaubte schon Ihre Stimme zu erkennen.
    Die Brcke ist in der Mitte eingebrochen, erklrte Werner in
geschftsmigem Ton, Sie wren unbedingt hinuntergefallen.
    Na -, da hab' ich wieder einmal Glck gehabt, sagte Rast und lachte.
    Und Sie - sind Sie deshalb hier?
    Ich - ich war hier -
    Wollen wir den Schaden mal ansehen, meinte Rast.
    Er ging auf die Brcke hinauf, stand an dem Loch. Werner schaute ihm nach.
Er htte fortgehen knnen. Er hatte ja hier nichts mehr zu tun. Aber er blieb,
stand da, trge und gedankenlos. Rast kam zurck.
    Seltsam! sagte er, wie das geschehen konnte! Sie wissen das natrlich
nicht? Nein, wie sollten Sie.
    Rast bog seinen Kopf sehr nah an Werners Gesicht heran. Werner sah zwischen
dem schwarzen Bart die weien Zhne blitzen. Lachte Rast?
    Aber kommen Sie, Pastor, sagte Rast besorgt, setzen Sie sich in den
Schlitten. Sie mssen gefroren haben. Nein, nein, keine Einwendungen. Ich bin
Ihnen zu groem Dank verpflichtet. Sie sind, was man so nennt, mein
Lebensretter.
    Er drngte Werner in den Schlitten hinein, deckte ihn sorgsam zu.
    Werner lie es geschehen. Willenlosigkeit lag lhmend auf ihm, wie wir sie
in einem schweren Traum empfinden, wenn wir die dsteren Traumereignisse
widerstandslos ber uns ergehen lassen mssen.
    Rast ergriff die Zgel, wandte den Schlitten und fuhr in den Wald hinein.
    Im Fahren unterhielt er Werner liebenswrdig.
    Verfault war das Ding genug, ich htte lngst erwartet, da es einstrzt.
Jedesmal, wenn ich da hinberfuhr, gab es eine angenehme kleine Spannung. Ich
bin Spieler und bin gewohnt, Glck zu haben. Da hier keine Bank ist, sollte die
Brcke sie ersetzen. Sie wissen, wenn man gewohnt ist, Glck zu haben,
vergrert man gern den Einsatz. - Immerhin, merkwrdig, da sie so in der Mitte
brechen konnte. Als ob jemand die Bretter aufgerissen htte. Merkwrdig.
    So plauderte er fort. Er fragte nicht, wie Werner denn in den Wald kam, wie
er von dem Loch in der Brcke wute. Er sprach vom Wetter. Dieser verdammte
feuchte Schnee, der kroch einem in die Kleider hinein. Man fror bis auf die
Knochen.
    Der Schlitten hielt. Das war ja der Moorkrug.
    Steigen sie aus, Herr Pastor, sagte Rast. Wir mssen uns ein wenig
erwrmen, sonst haben wir beide die Erkltung weg. Auf die Lebensrettung mssen
wir eins trinken. He - Jost - Karl.
    Der Krger erschien eilfertig. Sein mrrisches Gesicht grinste unterwrfig.
    Ah, der Herr Baron.
    Ja - ja! Damkewitz, trocknen Sie den Gaul ab. Lassen Sie sich einen Grog
geben, so!
    Werner folgte Rast in den Krug mit der traumhaften Willenlosigkeit, die er
nicht abschtteln konnte. Alle Aufregung in ihm hatte sich gelegt, nur etwas wie
Neugierde lebte in ihm, Neugierde, wie dieser entsetzliche Traum weitergehen
wrde.
    Die Lampe wurde im Herrenzimmer angesteckt, Feuer im Ofen angemacht.
    Und nun Ihren Sndersekt, befahlt Rast: Ein armer Jude hat nmlich Sekt
hier bei dem Jost einmal versteckt, um ihn bei Gelegenheit ber die Grenze zu
schaffen. Na, den Juden haben die Grenzreiter wohl geholt, und unser Jost
verkauft den Sekt an zuverlssige Kunden. So geht es im Leben. Aber Pastor, Sie
haben gefroren, Sie sind ja ganz wei im Gesicht. Setzen Sie sich nah an das
Feuer. So! Nun wird's noch ganz gemtlich werden.
    Der Wirt brachte den Wein. Rast schenkte die Glser voll.
    Ja, das wird besser sein, als unten im schwarzen Loch liegen, meinte er:
Ein eigentmliches Gefhl ist es doch, so nah an dem schwarzen Loch gestanden
zu haben. Nur wenige Schritt und dann die groe, kalte Angelegenheit. Brr! Statt
dessen sitzt man hier in angenehmer Gesellschaft, wrmt sich und trinkt Josts
Sndersekt.
    Er hob sein Glas: Prosit! Stoen Sie an, Pastor. Auf Ihre Gesundheit, mein
Lebensretter.
    Prosit, sagte Werner und trank sein Glas schnell aus. Er ist gut, der
Wein, bemerkte er und hielt das leere Glas Rast hin. Ja, der tut gut, meinte
Rast. So ist's recht, fgte er hinzu, als er sah, da Werner auch dieses Glas
auf einen Zug leerte. Seine schnen Samtaugen ruhten freundlich und wohlgefllig
auf Werner.
    Geschmeckt? jetzt wird's besser? fragte er besorgt.
    Das wrmt, erwiderte Werner und lchelte mde.
    Also! Rast schien wesentlich erleichtert zu sein, als er Werner lcheln
sah: Wissen Sie, Pastor, Sie sind ein famoser Mensch. Das hab' ich gleich
gewut, als ich Sie sah. Ich sagte noch zu - zu einer Dame: Der Pastor Werner
mu Glck bei Frauen haben, wenn ich ein Weib wre ... 
    Werner zuckte die Achseln.
    Bei einer Frau.
    Natrlich, fiel Rast ein, die Frau Gemahlin. Habe das Vergngen gehabt.
Scharmante Dame. Nein, wirklich, Pastor, Sie waren sozusagen meine unglckliche
Liebe, denn ich bin Ihnen leider nicht sympathisch, das sagten Sie vorigen
Abend. Nichts zu machen! Aber es freut mich doch, da gerade Sie mein
Lebensretter sind. Prosit - Lebensretter.
    Ach, lassen Sie doch den Lebensretter, sagte Werner rgerlich.
    Warum, fragte Rast, fr Sie bedeutet das vielleicht wenig, aber fr mich
ist das wichtig. Wo wre ich jetzt ohne Sie! Gar nicht auszudenken! Wenn ich
daran denke, kommt so 'n Schwindel ber mich. Prosit! Sie - Jost - eine
Flasche.
    Sie hatten schnell getrunken. Werner fhlte es, wie der Wein ihm zu Kopf
stieg, wie die Gegenstnde und Ereignisse ihre Sachlichkeit und Wirklichkeit
verloren. Er und Rast und das Zimmer mit den roten Vorhngen an dem kleinen
Fenster, das groe Ofenfeuer, Marri, die halb nackt in ihrer lasterhaften
ppigkeit ab und zu ging, all das war wie eine Erscheinung, die gleich
verschwinden wrde.
    Seltsam ist es immerhin, hrte er Rast nachdenklich sagen, gerade in der
Mitte. Ich bin doch vor wenig Stunden hinbergefahren. Ob es so von selbst ...?
    Morsch genug war es, hrte Werner sich sagen.
    Allerdings, gab Rast zu. Sagen Sie, Pastor - ob da vielleicht einer
hinbergefahren ist - und - -
    Ach nein! meinte Werner. So - nicht. Rast dachte nach, dann rckte er
nher an Werner heran mit einer vertraulichen Mitteilung. Hren Sie, Pastor -
Lebensretter -, ich kann Ihnen sagen, oft, wenn ich da hinberfuhr, ist mir der
Gedanke gekommen, das wr' so 'ne Gelegenheit fr einen, dem ich unbequem wre.
Ein paar Bretter heraus, die anderen so auf der Kippe, die reine Mausefalle. Ich
bin unten. Kein Mensch wundert sich darber. Jeder hat es erwartet, da ich
einmal den Hals breche. Ja, das wre eine Gelegenheit - was?
    Und wer konnte das sein? fragte Werner und sah Rast aufmerksam an. - Wie
er heranschleicht, dachte Werner. Es unterhielt ihn zu sehen, wie der Mann
vorsichtig ihn einkreiste.
    Ich meine nur so, fuhr Rast fort. Die Aufgabe mu nicht leicht gewesen
sein. Denken Sie sich, auf den verdammt schlpfrigen Brettern zu stehen und zu
arbeiten. Das mu nicht leicht gewesen sein.
    Schwindelfrei mu einer dazu schon sein, warf Werner hin.
    Schwindelfrei, auch das, gab Rast zu, und dann, ein oder der andere Nagel
steckte wohl noch unten in den Latten - und dann, das groe Brett -
    Sehr morsch - wandte Werner ein.
    Immerhin, sagte Rast, ein hbsches Stck Arbeit. Alle Achtung. Ob der da
wo im Gebsch gestanden hat und gewartet, da ich in die Falle gehe? Was denken
Sie? An seiner Stelle htte ich gewartet - bis - bis es unten aufklatscht. Das
htte mich gefreut - wenn ich das gewollt htte. Ob er da war? Sie haben nichts
bemerkt?
    Rast nahm sein Glas, trank langsam daraus und sah ber den Rand des Glases
hinweg Werner mit seinen sentimentalen Augen sinnend an.
    Sie haben ihn nicht gesehen? wiederholte er leise.
    Wen? fragte Werner leise zurck.
    Nun - ihn -, der's getan, sagte Rast.
    Werner schwieg einen Augenblick, sttzte beide Arme auf den Tisch und
schaute in das Feuer.
    Doch - sprach er dann langsam in das Feuer hinein -er war da.
    Oh! Wirklich - Rast zog ein wenig die Augenbrauen in die Hhe, wie in
leichtem Erstaunen.
    Ja, er wartete, fuhr Werner fort, er wartete. - Ich wartete.
    Etwas wie Spott klang aus der Stimme, die das sagte, Spott ber den anderen,
der durchschaut war.
    Rast blieb in seiner sinnenden Stellung, er sagte nur:
    Ja, natrlich wut' ich's.
    Beide Mnner schwiegen, sttzten sich mit den Armen schwer auf den Tisch,
wie Leute, die mde sind, und sahen dem Ofenfeuer zu.
    Pltzlich richtete sich Rast auf, griff nach seinem Glase:
    Prosit, Pastor, prosit, Lebensretter! Natrlich wut' ich's. Auf Ihr Wohl!
Hier in der Gegend sind Sie der einzige, der so was kann. Teufel noch einmal, so
was! Eine Falle wie fr einen Wolf. Herr, Sie mssen ordentlich hassen knnen.
Aber gekonnt, bis zu Ende gekonnt haben Sie's auch nicht.
    Nein, sagte Werner wie in Gedanken, das sollte nicht sein. Sie waren
nicht in meine Hand gegeben.
    Rast lchelte sein liebenswrdiges Lcheln.
    Schade, theoretisch schade. Nicht in Ihre Hand gegeben, das ist Altes
Testament, nicht wahr? Wirklich, die Sache hat was Alttestamentarisches. - Einen
Jngling fr meine Wunde, und eine Jungfrau fr meine Schwren - so ungefhr
sagt auch einer der alten Helden. Nicht? Aber verzeihen Sie noch eine Frage, tut
es Ihnen jetzt leid, da Sie es nicht bis zu Ende gekonnt? Sie mchten lieber,
da ich dort in dein Loch liege, als da ich hier sitze und Sekt trinke? Nicht?
    Werner erhob sich von seinem Stuhl und begann im Zimmer auf und ab zu gehen,
die Hnde auf dem Rcken, wie er es gewohnt war. Die seltsame Traumschlaffheit
wollte er von sich abschtteln. Dann blieb er vor Rast stehen und sagte ruhig
und laut:
    Baron. Mit dem, was ich Ihnen gesagt habe, knnen Sie tun, was Ihnen
beliebt. Vielleicht gibt es Ihnen irgendein Recht auf mich. Aber ich bestreite
Ihnen das Recht, mich auszufragen, sich da einzumischen, was ich und meine Tat
miteinander auszumachen haben - -
    Aber lieber Pastor, unterbrach ihn Rast, ich hoffe, ich habe Sie nicht
verletzt. Sie haben recht, es war taktlos von mir, diese Frage zu stellen. Sie
knnen ruhig sein, das wird nicht mehr vorkommen, keine Frage. Fr eine
Unterhaltung in Fragen sind wir beide zu gut erzogen. Und dann, Sie sprechen von
einer Tat. Hier gibt es keine Tat, kaum das Gespenst einer Tat. Und Rechte,
welche Rechte soll ich haben? Ich bin fr Ihre Mitteilung dankbar, sie hat mich
sehr interessiert. Wenn ich Ihnen einen Gegendienst leisten kann, wird es mich
freuen.
    Werner stand noch immer und sah auf Rast hinab. Pltzlich ging ein
merkwrdig hochmtiges Lcheln ber sein Gesicht.
    Sie sind witzig, Baron, sagte er, und Sie fhlen sich mir jetzt sehr
berlegen. Aber sehen Sie, was auch geschehen ist, mir steht meine Tat, trotz
allein, doch hher als Ihre Taten. berlegen sind Sie mir nicht.
    Rast war aufgesprungen.
    Ihre Tat, die Sie nicht tun konnten, rief er hhnisch.
    Das ist meine Sache, erwiderte Werner.
    Rast machte eine leichte, bedauernde Handbewegung.
    Lassen wir das. Schade. Man htte herzlicher auseinandergehen knnen. Also,
leben Sie wohl, Herr Pastor, besten Dank fr die Lebensrettung und den
interessanten Abend. Wie gesagt, schade, da der Pastor dazwischen kommt, wenn
es anfngt, gemtlich zu werden -
    Werner verbeugte sich in seiner feierlichen, befangenen Art und ging hinaus.
    Drauen hing schon ein blagelbes Lichtband am stlichen Horizont. ber dem
frischgefallenen Schnee kam der Tag sehr wei und rein herauf.

    Bist du mit den dummen Rechnungen fertig? fragte Lene. Du schlfst ja
keine Nacht mehr.
    Ja - fertig, antwortete Werner und drckte sich fester in den Sessel am
Kamin hinein.
    So sing' wieder, bat Lene.
    Nein - ich kann nicht singen.
    So erzhl' was.
    Nein, sagte Werner. Erzhl' du was, Kind, etwas, das ich kenne, wie ihr
als Kinder zum Grovater kamt und in dem alten Garten unter den
Johannisbeerbschen lagt und die sonnenwarmen Trauben at.
    Die alten Geschichten! meinte Lene.
    Ja - alte, stille Geschichten.
    Lene erzhlte gehorsam. Werner hrte dem Tonfall der angenehmen, hellen
Stimme zu. Seine Gedanken gingen ihren Weg, einen gewohnten Weg. Er lebte die
stillen Abende in Dumala durch. Er sah das Aufleuchten von Karolas Augen, das
Zucken des Mundes. Er hrte die Worte, die sie gesprochen, den Ton der Stimme.
Es war ein ruhevolles Gedenken, wie wir einer gedenken, die wir verloren. Alles
andere schien ausgelscht. Die Nacht im Walde, sie stand in keiner Verbindung
mit seinem Leben. Sie gehrte zu ihm, sagte er sich, und doch vermochte er sie
sich nicht zu eigen zu machen. Das Leben ging weiter, als wte es nichts von
dieser Tat. Was ist eine Tat, die nicht gegen uns aufsteht und uns an sich
erinnert?
    Nur nachts zuweilen, im Traum, stand er auf der schmalen Brcke, und etwas
fiel in das Wasser, und das Wasser spritzte auf, schwarz wie Tinte, und vor ihm
ghnte das dunkle Loch. Dann erwachte er todmde, wie gehetzt von dem Traum.
    Mit Rast traf er eines Nachmittags in Debschen bei der Baronin Huhn
zusammen.
    Rast begrte ihn sehr herzlich, als seien sie alte Freunde. Ach, Pastor!
Angenehm, da man sich wieder trifft.
    Beide hrten geduldig den Dienstbotengeschichten der Baronin zu. Als sie
aufbrachen, lie Rast seinen Schlitten ein wenig vorausfahren. Die Sonne ging so
hbsch unter, er wollte einige Schritte gehen.
    Werner lie es schweigend geschehen, wie wir geduldig etwas Lstiges aus
guter Erziehung ertragen.
    Schulter an Schulter gingen die beiden Mnner die Pappelallee entlang. Rast
sprach von gleichgltigen Dingen.
    Gott sei Dank! Es friert, gut fr die Jagd. - Schade, da Sie nicht mehr
jagen, Pastor. Die Jagd ist doch das einzige, wirkliche Vergngen dieser Einde.
Es ist vielleicht kindlich, primitiv. Wir verstecken uns und freuen uns, da wir
klger sind als ein Fuchs oder ein Reh. Nicht gerade ehrgeizig das! Aber
Hinterhalte legen, das liegt uns allen im Blut, und da die Gelegenheit sonst
immer seltener wird - - Unsere Urvter waren ja doch alle gewiegte
Fallensteller, nicht wahr?
    Er lie seine Zhne zwischen dem Bart in einem breiten Lachen blitzen.
    Werner lachte hflich mit. Ja - ja! Vielleicht.
    Sie trennten sich mit einem Hndedruck.
    Zu Hause fand Werner einen Brief vom Baron Werland vor. Werland machte ihm
Vorwrfe wegen seines langen Ausbleibens. Ein Beichtvater, hie es in dem
Brief, hat nicht das Recht, selbst das Beichtkind im Stich zu lassen, das ihm
die langweiligsten Geschichten beichtet. Also kommen Sie.

    Werner wunderte sich, als htte er es anders erwartet, Dumala ganz so zu
finden, wie er es immer gesehen hatte - die tiefe Dmmerung in dem Zimmer, das
diskrete, faltige Gesicht des alten Jakob, das Kammzimmer mit der grnen Lampe.
    Werland, in die rote Decke gewickelt, sa am Kamin, und die Augen schauten
flackernd aus den tiefen Hhlen.
    Nun, Seelsorger, rief er, Sie entkommen mir nicht! Setzen Sie sich,
setzen Sie sich. Nur keine Entschuldigung. Machen Sie, als ob Sie gestern hier
gewesen wren.
    Karola sa auf ihrem Sthlchen und rieb das Bein ihres Gatten. Sie nickte
Werner zu, als htte sie ihn wirklich eben erst gesehen, und es begann eine
ziemlich trge Unterhaltung, wie unter Leuten, die sich zu hufig sehen und sich
wenig Neues mitzuteilen haben. Werland schlo zuweilen die Augen, verfiel in
leichten Schlaf, ans dem er dann auffuhr, um etwas zu sagen.
    Wie steht es mit der Seelsorge, Pastor?
    Oh - danke, es geht, erwiderte Werner.
    So! Ein merkwrdiges Geschft, meinte Werland. Mu schwer sein, die
Buchfhrung, die Bilanz - soundso viel Seelen plus - so viel minus.
    Werner lachte. Ja, das ist schwer bei einem Kapital, das noch zirkuliert.
Die groe Bank dort oben wird's dann schon - -
    Unser altes Thema, unterbrach ihn Werland. Aber ich denke nicht mehr
darber nach. Man wird sehen. Er schlo wieder die Augen. Karola war
schweigsam, rieb Werlands Bein und schaute in das Feuer.
    Werner betrachtete dieses Gesicht. Er suchte darin nach etwas Neuem, etwas
Fremdem, etwas, das verriet. Allein die Zge hatten wie immer ihre klare
Reinheit, die Augen ihr vertrumtes, geheimnisvolles Licht. Nichts war
verndert, nichts war von der Karola da, die sich dort in der Waldlichtung in
den Sonnenschein emporheben lie. Das beunruhigte Werner, er wollte etwas
finden, was diese Frau ihm fremd und verchtlich machte, und nun schaute er in
das Gesicht, das ihn mit trichten, knabenhaft weichen Gefhlen erfllte.
    Die Galgenbrcke hat Rast einreien lassen, sagte Werland.
    Ja, es war Zeit, erwiderte Werner zerstreut.
    Eine Gelegenheit weniger, sich aus der Welt zu befrdern, meinte Werland,
aber Sie haben wohl keine Selbstmrder unter Ihren Gemeindekindern, was?
    Nein, Gott sei Dank.
    Die Leute hier, fuhr Werland fort, sind wie die kleinen Leute, die selten
ins Theater kommen. Wenn sie mal ihren Platz bezahlt haben, dann bleiben sie bis
zu Ende, wenn auch ein Stmper das Stck geschrieben hat und sie nur ghnen und
sich rgern mssen. Wir alle machen es wohl so.
    Das ist doch wohlerzogen, wandte Werner ein. Sich langweilen knnen, ist
doch gute Erziehung.
    Da haben Sie wieder recht, Pastor, gab Werland zu. Das sieht man an
unserer guten Gesellschaft. Was wir an Langeweile ertragen knnen, ist
ungeheuer, und nur durch jahrhundertlange Erziehung zur Langeweile mglich. Ist
es nicht so, Kind? wandte er sich an Karola und strich ihr mit der Hand ber
den Scheitel.
    O ja, das knnen wir! sagte sie, und ihr Gesicht wurde einen Augenblick
von dem hbschen, durchtriebenen Lachen erhellt.
    Pichwit kam zum Tee, war schweigsam und hochmtig wie sonst.
    Als Karola sich erhob und in das Nebenzimmer ging, um Jakob eine Bestellung
zu machen, folgte Werner ihr mit den Blicken, und da - da fand er es, das
Fremde, das Neue. Aufrecht und gleichmig, mit ganz wenig Bewegungen, pflegte
sie sonst zu gehen. Heute wiegte sie leicht den Oberkrper, lie die Arme lose
herabhngen in einer welchen, mden Bewegung, die sorglos, fast leichtsinnig
aussah. Das war es! Das erinnerte an den Krper, der sich auf der Waldlichtung
an Rasts Brust schmiegte. Werner wandte den Kopf ab. Es war ihm unertrglich,
das zu sehen. Da fiel sein Blick auf Pichwit. Mit den hellbraunen, feuchten
Augen war auch er Karola gefolgt. Sein bitterer, zu kleiner Mund drckte die
Lippen so fest zusammen, da sie wei wurden. Auch ihn schmerzte das.
    Als Pichwit gute Nacht sagte, streckte Karola ihm die Hand hin. Pichwit nahm
sie, ein wenig erstaunt, und kte sie.
    Mein treuer, kleiner Page, sagte Karola.
    Pichwit errtete. In seinem Gesicht zuckte es, als wollte er weinen. Er
wandte sich schnell ab und ging hinaus.
    Whrend Werland schlief, sagte Karola:
    Pastor, nicht wahr, Sie kommen fter, er braucht Sie.
    Gewi, Frau Baronin, erwiderte Werner frmlich, aber solange er Sie hat,
wen braucht er da!
    Doch - er braucht Sie, wiederholte Karola. Sie haben so viel starkes
Leben, das mu er haben, er verbraucht viel -
    Wer?
    Der, bei dem das Leben zu - zu versiegen anfngt.
    Ja, sagte Werner, um etwas darauf zu erwidern, unser Leben wird uns fr
die anderen gegeben.
    Karola schaute auf, zuckte kaum merklich mit den Achseln.
    Eine merkwrdige Welt, sprach sie vor sich hin, die, die leben knnen,
sollen das Leben denen geben, die nicht leben knnen.
    Werner antwortete nicht darauf. Diese Worte klangen ihm hart, und er sah
unertrglich deutlich Rasts Gesicht vor sich, wie er in einem hflichen Lcheln
seine weien Zhne zeigte. Fr den will sie leben, dachte er. All das machte
ihn elend.
    Er erhob sich, er wollte fort.
    Karola begleitete ihn wie sonst auf den Flur hinaus.
    Nicht wahr, Sie kommen, sagte sie, und dann streichelte sie, mit einer
seltsam kindlichen Bewegung, seinen Rockrmel. Sie sind gut.
    Werner rgerte es, da diese einfache Bewegung ihn so tief rhrte. Oh, die
hat es leicht mit uns! dachte er ingrimmig.

    Am Vormittage sa Werner an seinem Schreibtisch, und vor ihm stand Kathe,
die Knechtstochter, und weinte bitterlich.
    Werner hatte seine strenge Pastorenmiene aufgesetzt.
    Immer das alte Lied! So lange wird den Jungen nachgelaufen, bis das Unglck
da ist, und dann kommen die Trnen und der Jammer. Was, der Simon war der Vater?
Und vom Heiraten spricht er nicht? Na, mit dem wrde man schon sprechen! Aber
die Mdchen hatten wirklich keine Auffhrung. Es geschah ihnen schon recht, wenn
sie ins Unglck kamen, solch eine liederliche Gesellschaft!
    Kathe schluchzte: Ach, Herr Pastor, das kommt mal so. Man hlt sich,
solange man kann. Es war beim Grummetmhen. Er mhte und ich harkte. Und der
Abend war so warm.
    Ein bichen Grummetharken und ein warmer Abend, schalt Werner, das ist
genug, damit ihr den Kopf verliert.
    Ja! klagte Kathe. Snde ist's. Aber wer denkt denn gleich an so 'n
Unglck. Es kommt einem auf, man wei nicht wie.
    Na ja, ich spreche schon mit dem Simon, schlo Werner die Unterhaltung.
Das Weinen und jammern hilft nichts. Geh jetzt. Die Sache kommt schon in
Ordnung.
    Kathe ging.
    Werner sann. Ja! Das Leben setzt unverhltnismig hohe Preise auf einen
kleinen, guten Augenblick. Ein warmer Abend, man umfat sich, man wirft sich auf
das frischgemhte Grummet, und dann Trnen und trbe, hliche Sachen.
    Die Tr wurde heftig aufgerissen, und Karl Pichwit strzte in das Zimmer. Er
blieb an der Tr atemlos stehen.
    Herr Pichwit, sagte Werner, wie sehen Sie aus? Sind Sie ohne Mantel
herbergekommen?
    Pichwit stand noch immer regungslos da, die Lippen blau vor Klte. Die Augen
sahen seltsam abwesend und wie erstaunt aufgerissen vor sich hin. Ja, Herr
Pastor, sagte er leise.
    So kommen Sie doch an den Ofen, Mann, rief Werner, setzen Sie sich.
    Gehorsam ging Pichwit an den Ofen und setzte sich.
    Werner wartete. Er wagte nicht zu fragen.
    Endlich sagte Pichwit leise und weinerlich: Sie ist fort - mit ihm - ganz
fort. -
    Er schaute hilflos und ratlos zu Werner auf. Dieser wandte sich ab, ging an
das Fenster und schaute auf den Hof hinaus. Ihn fror, er wunderte sich, er hatte
es nicht gewut, da wir innerlich so frieren knnen. Da hrte er hinter sich
einen Ton, ein Schluchzen. Er wandte sich um. Pichwit hatte beide Arme auf den
Tisch und den Kopf auf die Arme gesttzt und gab sich rckhaltlos einem
leidenschaftlichen, kinderhaften Weinen hin. Werner ging zu ihm und strich mit
der Hand sanft ber Pichwits Haar. Er sagte nichts, er strte ihn nicht. Der
hatte es gut! Wer auch so die Arme auf den Tisch und den Kopf auf die Arme
werfen knnte und sinnlos darauflosweinen! Er setzte sich und schaute dem
weinenden Pichwit zu. Dieser hob endlich seinen Kopf. Das trnenberstrmte
Gesicht lchelte aus Gewohnheit sein hochmtiges Lcheln.
    Ins Ausland sind sie, hat Damkewitz dem Jakob gesagt. Bei Nacht mu er sie
abgeholt haben, berichtete er. Um neun Uhr kam ein Brief von der Station. Ich
wei nicht, was darin stand.
    Und er? fragte Werner.
    Der Baron? sagte Pichwit. Er trank seinen Tee wie sonst, als ich ihn sah
und tat so, als lse er die Zeitung.
    Dann sa er auf seinem Stuhl und hielt die Augen geschlossen. Ich glaube
nicht, da er schlief Aber ich - ich hab' es gewut.
    Sie?
    Ja - ich. Es war an einem der letzten Abende. Er schlief, sie rieb ihm das
Bein. Da sagte sie zu mir - so - leise, wissen Sie: Pichwit, wenn ich einmal
nicht hier sitze, dann mssen Sie meinen Platz einnehmen. Sehen Sie, Herr
Pastor, da wute ich alles, alles; was konnte ich tun? Ganz leise hatte sie das
zu mir gesagt, als ob sie mir ein Geheimnis anvertrauen wollte. Ich war seit
einigen Nchten auch nicht mehr drauen im Park. Wozu? Ich glaube auch, es wre
ihr nicht recht, da man unten steht und zu dem Turm hinaufsieht. Aber Sie, Herr
Pastor, ich glaubte fest, Sie wrden etwas tun.
    Was kann ich tun, antwortete Werner, wem knnen wir denn sein Schicksal
aus der Hand nehmen.
    Ja, vielleicht ist das so, gab Pichwit zu. Aber ich hab' so fest auf Sie
gehofft. Jetzt ist es aus. Ich bleibe natrlich in Dumala, sie hat mir ja einen
Auftrag gegeben. Auf Sie, lieber Herr Pichwit, kann ich mich verlassen, sagte
sie einmal. O ja! auf mich kann sie sich verlassen. Ja, nun werd' ich gehen. Zum
Frhstck mu ich da sein.
    Gehen Sie, Herr Pichwit, sagte Werner. Ich geb' Ihnen meinen Pelz, und
schweigen Sie.
    Als Werner zum Mittagessen kam, war die Nachricht von Karolas Flucht schon
zu Lene gedrungen. Die Baronin Huhn war am Pastorat angefahren, nur, um die
Neuigkeit mitzuteilen und vielleicht welche zu hren.
    Lene ereiferte sich sehr ber den Fall. Sie war entrstet. Etwas hnliches
htte sie dieser Frau schon zugetraut, aber das war unerhrt. Den todkranken
Mann zu verlassen, um mit diesem Rast durchzugehen!
    Werner schob seinen Teller fort und stand vom Tische auf.
    Willst du nicht essen? fragte Lene.
    Nein, antwortete er, nicht mehr essen und nicht mehr hren. Damit ging
er hinaus.
    Als Lene ihm in das Wohnzimmer nachkam, hatte sie rote Backen und den
eigensinnig kampflustigen Ausdruck, der anzeigte, da sie entschlossen war,
heute ihren kleinen Streit zu haben. Sie fuhr ein wenig unwirsch im Zimmer hin
und her, blieb dann vor Werner stehen und begann sehr schnell und beredt zu
sprechen:
    Du nimmst das bel, was ich sagte. Verzeihen ist christlich, das wei ich
auch. Aber deshalb darf man eine solche Frau nicht entschuldigen. Das ist nicht
zu entschuldigen. Natrlich bin ich entrstet. Jede anstndige Frau mu in
solchen Fllen entrstet sein. Ich wrde mich vor dir und mir selbst schmen,
wenn ich nicht entrstet wre. Man hat doch auch seine Standesehre, und solch
eine Frau bringt den Stand der christlichen Ehefrau in Verruf, und deshalb kann
ich sagen, ich verachte diese Frau, und wenn ich auch nur eine kleine
Pastorsfrau bin und sie die groe Baronin von Dumala ist.
    Auer Atem hielt sie inne und sah ihren Mann an, erwartete mutig einen
Zornesausbruch, ein donnerndes Lene!
    Er schwieg aber, und als er sprach, klang es sanft und mde:
    Ach, Kind! Was wissen wir, was verstehen wir von dem, was in anderen
vorgeht! Wie knnen wir urteilen!
    Du und ich, wir leben nah beieinander. Was wissen wir voneinander? Was
knnen wir freinander tun? Wie die Pakete im Gterwagen, so stehen die Menschen
nebeneinander. Ein jeder gut verpackt und versiegelt, mit einer Adresse. Was
drin ist, wei keines von dem anderen. Man reist eine Strecke zusammen, das ist
alles, was wir wissen.
    Lene erschrak. Er sah bleich aus, und ein Zug wirklichen Leidens malte sich
auf seinem Gesichte. Er tat ihr leid. Sie ging zu ihm, legte die Hand auf seine
Schulter.
    Bist du krank, Erwin?fragte sie.
    Ich? Nein. Warum?
    Du hast zu Mittag nichts gegessen. Sie dachte nach. Jetzt hatte sie es.
    Hr', Erwin, ob ich dir nicht einen ganz starken, ganz sen Grog mache?
    Werner lchelte. Ja, Lene, mach' mir einen ganz starken, ganz sen Grog.
Das ist wenigstens noch etwas, das einer fr den anderen tun kann!

    Werner hatte einigemal in Dumala nachgefragt, jedoch den Bescheid erhalten,
der Baron sei leidend und empfange nicht.
    Ein bser Anfall, sagte Doktor Braun.
    Na, kein Wunder. Ich htte selbst davon einen Anfall bekommen knnen.
    Eines Nachmittags schickte Werland in das Pastorat hinber und lie den
Pastor bitten, doch zu ihm zu kommen.
    Werner fand den Baron auf seinem gewohnten Platz am Kaminfeuer, wohl
frisiert und parfmiert. Er rief dem Pastor sein gewhnliches Ach - unser
Seelsorger! entgegen.
    Auf dem niedrigen Sthlchen zu seinen Fen sa Pichwit und rieb ihm sein
schmerzendes Bein.
    Ja, sagte Werland, das macht Pichwit ganz gut. Er hat eine leichte Hand.
Dichter haben immer leichte Hnde.
    Man sprach vom Frost, der nun endlich gekommen war und gleich mit groer
Schrfe einsetzte. So lange Eiszapfen am Dach hatte man lange nicht gesehen. Der
Baron erzhlte von Eiszapfen frherer Jahre. Die Rehe muten fleiig gefttert
werden. Die Hasen machten verzweifelte Anstrengungen, um an die Spitzen der
jungen Bume zu gelangen.
    Zuweilen hrte man, wie drauen vom Dach ein Eiszapfen fiel und auf dem
Boden zersplitterte. Als wrde ein groes Glas zerschlagen, klang es.
    Werland schreckte zusammen. Kaput, sagte er. Was hat er sich auch bemht,
so lang zu werden. Zu dumm!
    Pichwit, sagte er dann, gehen Sie, schauen Sie nach dem Barometer. Ich
rufe Sie.
    Pichwit ging hinaus.
    Guter Junge, bemerkte Werland, ihm nachschauend.
    Ich glaubte, er litte an der sauren Liebe, aber wie es scheint, wird er
milder. Ich wollte Ihnen sagen, Pastor, ich habe Nachricht erhalten, gleichviel
wie. - Sie sind in Florenz. Gut! Da hab' ich nun einen Brief geschrieben. Ich
will ihn nicht von hier aus auf die Post geben und ihn auch nicht selbst
adressieren. Hier ist er. Adressieren Sie ihn und geben Sie ihn auf die Post.
    Gewi, gern, sagte Werner und nahm den Brief entgegen.
    Ich kann Ihnen auch sagen, fuhr Werland fort, was in dem Brief steht. Sie
werden sich vielleicht darber wundern. Ich schreibe ihr: Du kannst Jeden
Augenblick zurckkommen. Nichts ist gendert, auch das Testament nicht. Was? Das
haben Sie nicht erwartet? Das ist neu? Werland sah den Pastor triumphierend an.
So macht man die Sache sonst nicht. Aber sehen Sie, ich fhle mich von den
Regeln der anderen entbunden, der anderen mit den Beinen. Ich bin ein Mensch
ohne Beine, meine Beine zhlen nicht, ein Menschenstmpfchen, warum soll ich
mich an die Vorschriften der ganzen Menschen halten? Ich habe meinen eigenen
Komment. Ich will, da sie wieder da sitzt. Und sie wird kommen. Rast ist ein
fuseliger Schnaps. Die Weiber kriegen von ihm schnell einen Rausch und schnell
Katzenjammer. Sie wird kommen.
    Werland hielt inne, schaute in das Feuer, schaute scharf und angestrengt
hinein, als betrachte er dort ein Bild.
    Sie kommt, sprach er vor sich hin. Sie kommt herein. Nichts von Verzeih'
mir! - Ich verzeih' dir! Nichts Dramatisches. - Guten Tag, Kind. Gute Fahrt
gehabt? Keine taktlosen Gesprche. Und sie sitzt hier wieder, reibt nur das
Bein, giet den Tee ein, geht hier herum, wie frher. Und sie wird kommen. Also
den Brief.
    Werner verbeugte sich stumm. Von nun an war nie mehr von Karola die Rede.
    Werner ging oft nach Dumala hinber. Die drei Mnner saen beisammen.
Werland schlief viel, oder man sprach von dem Frost und den Rehen. Pichwit rieb
das Bein des Barons. Oder man hrte schweigend zu, wie die Muse hinter dem
Getfel arbeiteten.
    Nur wenn drauen ein Ton erwachte, schlug Werland die Augen auf und horchte.
Und Pichwit hielt im Reiben inne und horchte.
    Fhrt da einer? fragte Werland.
    Nein, nein, es ist nichts, sagte Werner.
    Die schlfrige Stille sank wieder ber das Gemach.
    Zuweilen stand Werner oder Pichwit auf, machte einige Schritte, um die vom
Sitzen steif gewordenen Beine zu strecken, ging an das Fenster, schaute hinaus,
schaute die lange Pappelallee hinab. Die Pappeln standen wie groe, weie
Kristallpyramiden im hellen Mondlicht.
    Was sehen Sie da? fragte Werland.
    Oh - nichts, ich sehe nichts, war die Antwort.

    Eine Erkltung, sagte Doktor Braun, die Lunge ein wenig affiziert. Nicht
schlimm vielleicht. Aber das Fieber. Wenn das Herz das nur mitmachen will. Gehen
Sie mal hin, Pastor, sehen Sie sich nach ihm um. Pichwit pflegt ihn wie eine
Gattin, sag' ich ihnen; na, aber immerhin eine melancholische Gattin.
    Baron Werland war krank.
    Werner fand ihn in dem groen Bette fast verschwindend unter der Flle all
der Kissen. Die flackernden, blauen Augen schienen das einzig Lebendige, bse
und erregt lauerten sie aus all dem Wei heraus.
    Pastor, sagte er, als Werner sich an sein Bett setzte, ich bin wtend.
Dieser Husten, eine ganz unsinnige Beschftigung. Sie werden natrlich sagen,
auch der Husten ist eine weise Einrichtung, der Schleim mu aus den Lungen
gebracht werden. Gut! Aber wozu ist Schleim in den Lungen? Das nennen Sie
Vorsehung. Ich kann nur nicht denken, da, wenn ich Schpfer wre, ich mir die
Zeit damit vertreiben wrde, mir solche merkwrdige Kombinationen auszudenken,
wie diese.
    Wir sollen daran vielleicht Geduld lernen, meinte Werner.
    Werland lachte rgerlich.
    Na, und wenn ich sie glcklich gelernt habe, diese Geduld! Wenn ich eine
Art Heiliger geworden, was dann? Als Knabe hatte ich eine Klavierlehrerin,
Frulein Mier, eine gute, alte Person. Die lie mich das ganze Jahr hindurch
Stcke ben als berraschung zum Geburtstag der Eltern. Na, und wenn dann die
Geburtstage kamen, war von den Stcken keine Rede mehr. Kein Mensch wollte sie
hren. So ist's auch mit Ihren Tugendbungen. Man bt - bt - fr wen?
    Er hustete, lehnte den Kopf in die Kissen zurck und schlo die Augen.
    Pastor, sagte er mhsam, schreiben Sie ihr - ich glaube, sie wird kommen
- schreiben Sie ihr, da ich warte -.
    Ja - gewi, ich will schreiben, versprach Werner.
    Werland lag eine Weile mit geschlossenen Augen still da. Pltzlich begann er
zu sprechen, und zwar so, als setzte er eine Unterhaltung fort.
    Und dann, sehen Sie, das ist auch ein Argument gegen Ihre Unsterblichkeit.
Wenn die so 'ne groe Sache ist, und Sie sagen doch - das Leben nach dem Tode,
das ist die Hauptsache -, na, da mte man doch, wenn man ihr nherrckt, so was
wie 'n Gefhl haben - nun kommt's, etwas steht bevor. Vor einem Duell, vor einem
Rendezvous - vor meiner Trauung, ja, am Abend vor einer Jagd hab' ich das
gehabt. Jetzt - nichts davon. Die Lampe ist heruntergeschroben, immer tiefer -
dann dunkel. Alles das sieht mehr nach Ende als nach Anfang aus.
    Er sprach schnell und gelufig, wie Fiebernde es tun.
    Ja! schlo er mit einem Seufzer. Ich will nichts behaupten, besonders
aufgelegt fr eine Ewigkeit fhl' ich mich jetzt nicht.
    Oh, die, sagte Werner, die giet dann schon ganz anders leuchtkrftiges
l in die Lampe.
    Mag sein, meinte Werland.
    Als die Dmmerung anbrach, wurde der Kranke unruhig und verlangte, in das
Kaminzimmer gebracht zu werden. Er wollte in seinem Sessel sitzen, ganz wie
sonst. Pichwit mute ihm das Bein reiben.
    So - so - sagte er, nur keine Neuerungen.
    Allein, er fand keine rechte Ruhe.
    Pichwit, sagte er mehreremal, gehn Sie an das Fenster, schauen Sie die
Allee hinab. Man kann nie wissen, wer so 'ne Allee heraufkommen kann. Nun?
    Ich sehe nichts, meldete Pichwit.
    Sie sehen auch nie was, brummte Werland rgerlich.
    So saen sie wieder und warteten, aber es war nicht nur der Schlitten, der
die Allee heraufkommen sollte, auf den sie warteten, was anderes noch war es,
dem sie ernst und gespannt entgegensahen.
    Der Doktor wollte kommen, sagte der Baron.
    Ja, um zehn Uhr, erwiderte Pichwit.
    Ein guter Mensch, der Doktor, fuhr Werland fort, aber er wei wohl
ebensoviel von dem, was auf dein Monde passiert -, wie von dem, was in meinem
Krper vorgeht. Na, gleichviel! Dann lachte er krftig und herzlich. Ich denke
an die lieben Verwandten. Der Chef der Familie, der Staatssekretr, seine
Tochter, die Grfin mit den vielen Kindern und dem wenigen Gelde, und die dicke
Tante Sophie mit den Zwillingen und die anderen, die werden Augen machen, wenn
sie das Testament lesen. Ich seh' den Vetter Exzellenz, wie seine Nase wei wird
von traditioneller Moral. Hi-hi! So 'n Stndchen Leben nach dem Tode knnte man
sich wnschen, nur, um das anzusehen. Er konnte sich lange nicht darber
beruhigen, er fing wieder von neuem darber zu lachen an.
    Als Jakob den Tee brachte, sah Werland ihn streng an und sagte: Jakob, du
hast mich heute nicht frisiert.
    Nein, Herr Baron, erwiderte Jakob, wir haben uns heute nicht frisiert.
Der Herr Baron waren mde, da dachte ich - -
    Der Baron schttelte mibilligend den Kopf:
    Ich lieb' es nicht, wenn Diener denken. Mir fehlt etwas, wenn ich nicht
frisiert bin - etwas an Haltung. Also, holen wir's nach. Es knnte ja auch noch
jemand kommen, schon fr die Herren hier ist es eine Unhflichkeit, wenn ich so
dasitze.
    Sie sollten heute eine Ausnahme machen, redete Werner ihm zu, es ermdet
Sie - und schlielich -
    Aber Werland unterbrach ihn:
    Lieber Pastor, manche haben den Tag ber ein Gefhl der inneren Unordnung,
wenn sie am Morgen nicht ihre Andacht abgehalten haben. So hr' ich. Ich hab'
ein Gefhl innerer Unordnung, wenn ich nicht frisiert bin. Das ist individuell.
Also Jakob, vorwrts. Die Herren werden entschuldigen, wenn wir's hier vor ihnen
vornehmen.
    Jakob brachte einen Spiegel und stellte ihn vor den Kranken hin, auf jeder
Seite wurde eine Kerze angezndet, und Jakob begann ihn zu frisieren, wusch den
Kopf mit Haarwasser und bog mit der Brennschere vorsichtig die Lckchen ein.
    Aufmerksam schaute Werland in den Spiegel, folgte dem Vorgang, studierte das
gespenstisch-bleiche Gesicht, das ihm aus dem Glase entgegensah.
    Keiner sprach ein Wort.
    Pltzlich lehnte der Baron sich in den Stuhl zurck und atmete kurz und
schnell: Ich wei - nicht -, brachte er mit Anstrengung heraus, mir ist so -
ich seh' im Spiegel nichts mehr.
    Dann sank er ganz in sich zusammen.
    Er stirbt, sagte Werner, der sich ber ihn beugte.

    Seine Exzellenz lassen den Herrn Pastor bitten, zum Diner herberzukommen,
es sei manches zu besprechen, meldete Jakob im Pastorat.
    Die Exzellenz? fragte Werner.
    Ja, die Exzellenz ist da, berichtete Jakob, und der Herr Graf und die
Frau Grfin mit den Kindern, und die Frau Baronin mit den Kindern, und die
Herren Leutnants - alle sind da. Das ist bei uns jetzt ein Leben -, mein Gott!
    Ein Seufzer unterbrach die korrekte Dienerstimme, die zu zittern begann.
    Gut, gut! Ich komme, sagte Werner, das geht vorber, Jakob, noch einen
Tag.
    Ja, Herr Pastor, man tut, was man kann, meinte Jakob weinerlich. Leicht
ist es nicht, besonders mit den Kindern der Frau Grfin.
    Als Werner den Flur von Dumala betrat, hrte er hohe, ein wenig kreischende
Kinderstimmen und laufende Schritte die Zimmerflucht entlang. Es schien eine Art
Lauf- und Fangspiel im Gange zu sein. Dann eine scharfe, scheltende Frauenstimme
und tiefe Stille.
    Im groen Saal empfing die Grfin Glei, die Tochter des Staatssekretrs,
den Pastor. Lang und hager in ihrem schwarzen Trauerkleide, hatte sie viel
blondes Haar ber ihrem Scheitel aufgebaut, das Gesicht war spitz und die Haut
von den vielen Wochenbetten verdorben.
    Es freut mich sehr, Herr Pastor, Ihre Bekanntschaft zu machen. Bitte, Platz
zu nehmen.
    Sie war ganz Hausfrau.
    Sie wunderten sich vielleicht ber den Lrm eben? Ja - eben Kinder! Es ist
fr die Kinder schwer, immer stillzusitzen, nicht wahr? Etwas Bewegung mssen
sie haben. Besonders Lola - meine dritte -, eigentlich Melani, wenn die nicht
ihre Bewegung hat, gleich ist etwas mit dem Magen nicht in Ordnung. Aber
natrlich, es darf nicht vergessen werden, da die teure Hlle noch unter uns
weilt.
    Die Grfin wurde ernst und betrbt: Ja, er hat es nicht leicht gehabt, der
Verstorbene. Noch zuletzt die bittere Erfahrung. Ich glaube fest, das hat ihm
das Herz gebrochen.
    Wieder erhoben sich die ausgelassenen Kinderstimmen, und die Schar strzte
herein.
    Still - Kinder, rief die Grfin, das geht nicht. Mademoiselle, - wandte
sie sich an ein junges Mdchen mit hbschem Gassenbubengesicht unter wirrem
rotem Haar, bedenken Sie doch, c'est une maison mortuaire. Kommt, gebt die
Hand.
    Drei blonde kleine Mdchen und zwei blonde Buben traten an und reichten
Werner die Hand.
    Alle hatten erhitzte Wangen, ungeordnetes Haar und eine unwiderstehliche
Lust, zu lachen.
    Und hier, Mademoiselle Pin, stellte die Grfin das rothaarige junge
Mdchen vor. So geht, benehmt euch gut. Denkt, der arme tote Onkel liegt dort
nebenan.
    Die Schar strzte ab.
    Kinder eben, sagte die Grfin und schaute ihnen gerhrt nach.
    Da kam die Exzellenz, klein, mit einem weien Mausegesicht, das schne,
silbergraue Haar war ber den Ohren zu kleinen, gewundenen Kuchen aufgedreht.
Die Exzellenz war zeremonis und feierlich.
    Ich freue mich, Herr Pastor, obgleich der Anla, der uns zusammenfhrt,
traurig ist.
    Ich berlasse die Herren ihren Geschften, sagte die Grfin und
verschwand.
    Ja, Geschfte, begann die Exzellenz. Eigentlich Geschfte kann man das
nicht nennen. Es handelt sich hier mehr um ein ..., wie soll ich sagen? die
Exzellenz klemmte sich ein Glas in das linke Auge, um schrfer zu denken, um
eine Orientierung. Sie, Herr Pastor, haben mit dem Verstorbenen intim verkehrt.
Er hatte Vertrauen zu Ihnen, natrlich. Ist Ihnen vielleicht etwas ber seine
letzten Bestimmungen oder vielmehr ber eine in letzter Zeit vorgenommene
nderung seiner letzten Bestimmungen bekannt?
    Werner zuckte leicht die Achseln. Von einer nderung ist mir nichts
bekannt, Exzellenz.
    So! fuhr die Exzellenz in hflichem Verhrston fort, der Notar, der
Anwalt - ist in letzter Zeit nicht hier gewesen?
    Werner hatte nichts bemerkt.
    So! Die Exzellenz nahm das Monokel aus dem Auge und wurde vertraulich,
legte seine Hand auf Werners Arm: Sehen Sie, Herr Pastor, es handelt sich
nmlich darum: der Verstorbene, als der letzte der Dumalaschen Linie, hat das
Recht, keine glckliche Bestimmung brigens, seiner Witwe das Gut zum
Fruchtgenu fr ihre Lebenszeit zu hinterlassen. Bon! Nach den bedauerlichen
Ereignissen in dieser Ehe ist es nicht anzunehmen, da mein verstorbener Vetter
die Unvorsichtigkeit begangen htte, hier gewisse Bestimmungen seines
Testamentes nicht zu ndern. Nun denken Sie sich, Herr Pastor, auch fr Sie, fr
die Gegend hier, welch ein Skandal, diese Dame als Gutsherrin.
    Werner machte eine bedauernde Bewegung. Wie gesagt, Exzellenz, ich habe
nichts bemerkt. In diese Sachen mich zu mischen, war wohl auch nicht meines
Amtes.
    Doch, doch, sagte die Exzellenz ermahnend. Unsere Gesellschaft - unsere,
bitte - steht denn doch glcklicherweise noch auf dem Standpunkt, da der Pastor
berall mitsprechen darf.
    Ich bedaure, wiederholte Werner. Ich kann nur sagen, da in letzter Zeit
eine nderung im Testament nicht vorgenommen wurde.
    Die Exzellenz fand das sehr bedenklich. Als der Schwiegersohn, der Graf
Glei, kam, blond, als htte er kein Haar, mit einem Mdchenteint und langem,
goldenem Backenbart, rief sein Schwiegervater ihm entgegen:
    Der Pastor wei nichts von einer Testamentsnderung!
    Der Graf strich bedchtig seinen goldenen Bart.
    Bedauerlich, meinte er, der verstorbene Onkel liebte es allerdings von
jeher, ein wenig zu necken.
    Necken, protestierte die Exzellenz. Ernste Familienangelegenheiten sind
doch kein Gegenstand fr Neckereien. Der Verstorbene wute gewi, was er dem
Namen Werland schuldig war. Wir sind bereit, sehr - large gegen die betreffende
Dame zu sein, aber Dumala - Dumala mu rein bleiben.
    Mte, sagte der Graf
    Mu߫, wiederholte die Exzellenz.
    Man ging zum Essen. Im Speisesaal war eine sehr lange Tafel gedeckt, und aus
allen Tren strmten Werlands heran.
    Oben an der Tafel sa die Baronin Sophie aus Pehwicken. Sie hatte die
Fettsucht und nahm die ganze Schmalseite des Tisches ein. Der Leutnant Emmerich
von den Basserowschen, der ziemlich ungezogen war, nannte sie: die Tanten
Sophie, weil sie fr eine Tante zuviel sei. Dann kamen die Kinder des Grafen,
die Zwillinge der Tante Sophie, fette, sechzehnjhrige Mdchen, denen dicke
blonde Zpfe ber den Rcken niederhingen, und die zwei Dragonerleutnants und
Mademoiselle Pin. Das schwirrte alles heran. Die Kinder stritten sich um die
Pltze. Leutnant Emmerich sah sich die Etiketten der Weinflaschen an, wie im
Hotel.
    Die Exzellenz leitete oben am Tisch die Unterhaltung. Sie sprach von der
konomischen Lage der Gegend. Der Wald mute besser verwertet werden.
    Ich wrde den alten Flgel einreien lassen, sagte die Baronin Sophie.
    Die Exzellenz glaubte, gewisse historische Erinnerungen mten vielleicht
respektiert werden.
    Gott! meinte der Graf, historische Erinnerungen sind meist
kompromittierend.
    Und unpassend, fgte die Baronin Sophie hinzu.
    Ein Werland fiel bei Zorndorf, das ist auch eine historische Erinnerung,
sagte die Exzellenz streng.
    Als der alte Rheinwein kam, klingelte die Exzellenz an das Glas und machte
ein trauriges und feierliches Gesicht. Ich denke, wir trinken auf das
Angedenken unseres verstorbenen Vetters ein stilles Glas.
    Unter tiefer Stille nippte ein jeder an seinem Glase - nur eine der
Zwillinge mute mit dem Lachen kmpfen und verschluckte sich dabei. Leutnant
Emmerich wollte sie auf den Rcken klopfen, was sie nicht duldete. So gab es
Streit.
    Ich bitte doch um ein wenig Ruhe, sagte die Exzellenz traurig.
    Pltzlich erhob sich unten am Tisch eine Kinderstimme und rief laut in die
Gesellschaft hinein: Meiner - - teuren Karola.
    Es war Lola, die einen silbernen Serviettenring in der Hand hielt und
triumphierend diesen Satz darauf las.
    Quittez la table, sagte die Grfin.
    Die Exzellenz schttelte den Kopf, warum man auch solche Dinge den Kindern
in die Hnde gab.
    Nach dem Essen sa man im Saal beisammen und sprach von den Umbauten, die
das Schlo ntig hatte. Nebenan spielte die Jugend Gesellschaftsspiele. Lautes
Lachen fllte die Rume von Dumala.
    Lola steckte einmal den Kopf durch die Tr und meldete: Eben hat Vetter
Emmerich Mademoiselle gekt.
    Dieses Kind ist unmglich -, sagte die Exzellenz.
    Die Grfin errtete und meinte, dieses Mal sei wohl nicht das Kind - das
Unmgliche.
    Warum gehen sie nicht schlafen? fragte die Baronin Sophie.
    Weil sie sich frchten, an der Tr vorberzugehen, hinter der der
Verstorbene liegt, war die Antwort.
    Sie werden wohl unseren Verstorbenen sehen wollen, Herr Pastor? fragte die
Exzellenz.
    Sie gingen in das Kaminzimmer, wo der Tote aufgebahrt lag. Im Vorzimmer
saen die Zwillinge eng aneinandergedrngt an einem kleinen Tisch und schrieben
ihre Tagebcher, um den Eindruck der Lebenslage ganz frisch aufzufangen.
    Werland lag in seinem Sarge, hell von den hohen Wachskerzen beschienen,
schmal und gerade in seinem Gesellschaftsanzuge, eine Gardenia im Knopfloch. Das
Gesicht schien kleiner geworden, wie zusammengezogen, um die Augen viele
Fltchen, die ihm ein fast schalkhaftes Aussehen verliehen.
    Die Exzellenz beugte den Kopf im Gebet.
    Wie friedlich er ruht, flsterte die Grfin. Die Blumen haben wir aus
Berlin kommen lassen.
    Eine Weile standen sie und schauten den Toten an, der sehr korrekt vor ihnen
lag und aus der Menge sdlicher Frhlingsblumen mit dem kleinen, schadenfrohen
Gesicht hervorlugte. Dann gingen sie hinaus.
    Im Vorzimmer stand Lola und weinte. Um ihr Pfand auszulsen, mute sie bis
zur Tr des Totenzimmers gehen und einen Knicks machen, und nun frchtete sie
sich und wollte nicht.
    Die Grfin seufzte: es war schwer mit den Kindern! Sie waren nicht zu Bett
zu bringen. Alle frchteten sich - wegen des Toten!
    Werner verabschiedete sich.
    Im Flur stie er auf den Leutnant Emmerich und Mademoiselle Pin, die sehr
nahe beieinander gestanden haben muten und jetzt erschrocken auseinanderstoben.
    
    Als Werner in die klare Winternacht hinaustrat, fand er Karl Pichwit vor dem
Schlosse stehen. Den Kopf auf die Schulter geneigt, schaute er dem Monde ins
Gesicht.
    Herr Pastor, sagte er, ich habe hier auf Sie gewartet. Jakob sagte mir,
da Sie da seien. Dort zu den Leuten mag ich nicht hinuntergehen. Ich reise
morgen ab. Was soll ich hier? Das Begrbnis - Gott! Ein Begrbnis hat ja keine
Bedeutung. Und sie, wenn sie kommt, das ist doch jetzt alles ganz anders. Es
kommt ja berhaupt alles anders, als man denkt. Ich glaubte, es wrde etwas
geschehen - ich - ich wrde vielleicht etwas tun -. Aber nein, ich reise nur ab,
- nur das.
    Werner legte seine Hand auf Pichwits Schulter und sagte:
    Ja, Karl Pichwit, gehen Sie. Sie sind jung. Man mu nicht zgern, das Blatt
im Buche umzuwenden, wenn es zu Ende scheint. Und in Ihrem Buche kann noch
soviel stehen, - recht viel Gutes - hoffe ich und wnsche es Ihnen.
    Danke, Herr Pastor, erwiderte Pichwit. Ich werde noch ein wenig zu dem
Baron hineingehen. Seltsam, ich hab' immer das Gefhl, als warte er auf mich,
damit ich ihm das Bein reibe. Leben Sie wohl, Herr Pastor.
    Leben Sie wohl, Pichwit!

    Unter hellem Sonnenschein, durch das weie, knisternde Land, trugen die
Waldhter von Dumala den Baron Werland zum kleinen Friedhof in sein Familiengrab
hinber.
    In Schleier und Pelze gehllt folgten die Verwandten dem Sarge, eine
schwarze, stille Schar, whrend die Bauern sich um den Friedhof versammelten,
sehr bunt in ihren Sonntagskleidern auf dem grell beschienenen Schnee.
    Werner stand am Grabe und hielt die Rede.
    Was sollte er von diesem Leben sagen, das sich und anderen so unverstndlich
gewesen war? Er sprach daher die altbewhrten Worte, von denen die Kirche
Jahrhunderte hindurch einen so schnen Schatz aufgehuft hat. Mit guten,
allgemeinen, khlen Worten wurde der kleine, gutfrisierte Herr in die Nische
seines Familiengrabes eingemauert.
    Die Sonne beschien hell die Menschenmenge, die sich jenseits der
Friedhofsmauer angesammelt hatte, sie lie die farbigen Tcher lustig leuchten,
spiegelte sich in den Glatzen der alten Mnner.
    Es fror. Die Exzellenz stand ganz vorn am Grabe und wechselte hufig das
Stehbein und steckte die Nase fast ganz in den seidenen Schal. Die Grfin legte
dem einen oder dem anderen der Kinder ein Tuch um die Schultern. Alle warteten
ungeduldig auf das Ende.
    Pltzlich bemerkte Werner eine Unruhe in der Versammlung. Die Leute schauten
sich um. Die Trauernden am Sarg rckten scheu zur Seite. Es wurde geflstert.
Die Grfin sah ihren Vater an und schttelte traurig den Kopf Sie winkte ihre
Kinder nah an sich heran.
    Karola stand da vor dem Sarge. Langsam war sie den Weg zwischen den Grbern
hinabgegangen bis zu der Gruft. Nun stand sie da in schwarze Schleier gehllt,
schlank und aufrecht.
    Werners Stimme hatte einen Augenblick gezgert, Jetzt eilte er dem Ende
seiner Rede zu.
    Karola blieb regungslos stehen, auch als das Grab geschlossen worden war.
    Alles drngte dem Ausgang zu.
    Die Exzellenz reichte Werner die Hand.
    Ich danke, Herr Pastor; unerhrter Zwischenfall, nicht wahr? Damit eilte
sie fort.
    Um Karola, die noch immer am Grabe stand, war alles leer geworden.
    Werner trat an sie heran.
    Er htte sich darber gefreut, da Sie gekommen sind, Frau Baronin, sagte
er.
    Karola schlug den Schleier zurck. Sie war bleich, aber sonst ganz
unverndert, schien es Werner. Sie reichte ihm in ihrer kameradschaftlichen Art
die Hand.
    Hat er gewartet? fragte sie.
    Ja, er hat gewartet.
    Litt er zuletzt?
    Nein, ich glaube es nicht.
    Sie gingen nun nebeneinander die Wege zwischen den Grbern hin.
    Ich bleibe jetzt hier, sagte Karola. Das hat er wohl gewollt.
    Das wrde er wohl gewnscht haben, besttigte Werner.
    O sont les enfants? hrte man die scharfe Stimme der Grfin. So komm
doch! Was stehst du?
    Lola stand auf dem Wege und starrte Karola an. Aber die Grfin lief heran,
nahm das Kind, aufgeregt wie eine Glucke, die ihre Brut in Gefahr sieht.
    Karola lchelte.
    Sie sehen, sagte sie, keine Gefahr, da ich hier vielen Menschen auf
meinem Wege begegne. Die Einsamkeit hat mich wieder eingefangen. So ist es mir
immer gegangen. Ich habe mich gegen sie zuweilen auflehnen wollen, aber sie
fngt mich immer wieder ein. Schlielich werd' ich mich mit ihr befreunden
mssen. Vielleicht ist das so etwas, das Sie Bue nennen.
    Sie sah Werner an und dieser dachte: Das Wort Bue ist wohl noch nie mit
diesem Lcheln ausgesprochen worden.
    Kann ich Ihnen, Frau Baronin, in etwas behilflich sein, fragte er.
    Karola schaute nachdenklich in die Sonne.
    Ich danke. Ich wei nicht. Allein sein, das ist wohl meine Bestimmung. Fr
das Zusammengehen mu ich kein Talent haben. Entweder tu ich den anderen weh,
oder sie tun mir weh. Vielleicht braucht das nicht zu sein.
    Sie reichte ihm die Hand. Adieu, Herr Pastor. Sie schaute den Weg hinab,
auf dem die schwarze Schar der Verwandten dem Schlosse zuzog. Sie lchelte. Wie
sie ziehen! Gehat zu werden, das ist fr mich etwas ganz Neues.
    Dann ging sie mit wehenden Schleiern zwischen den weien Grabsteinen hin,
dem Ausgang zu.

    Es war am ersten Weihnachtstage. Pastor Werner mute gleich nach dem
Gottesdienst zu dem fernen Waldfriedhof hinberfahren.
    Kathe, die Knechtstochter, war infolge einer Frhgeburt gestorben. Das
Grummetharken mit dein Simon an jenem warmen Abend hatte sie mit dem hchsten
Preis bezahlt.
    Schweres Nachmittagslicht lag schon ber der weien Glaswelt, als Werner
heimfuhr.
    Er mute dicht am Schlosse Dumala vorber.
    Auf der hohen Freitreppe unter dem grauen Portal stand Karola, eine stille,
schwarze Gestalt. Sie schtzte die Augen mit der Hand und schaute die Allee
hinab. Werner grte hinauf, und sie grte zu ihm hinunter.
    Er fuhr weiter. Wenn er zurckschaute, sah er noch die schwarze Gestalt
unter dem grauen Portal stehen, von der Abendsonne angeleuchtet.
    Seltsam! dachte Werner, da glaubt man, man sei mit einem anderen schmerzhaft
fest verbunden, sei ihm ganz nah, und dann geht ein jeder seinen Weg und wei
nicht, was in dem anderen vorgegangen ist. Hchstens grt einer den anderen aus
seiner Einsamkeit heraus!
