
                                Hauptmann, Carl

                              Einhart der Lchler

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                                 Carl Hauptmann

                              Einhart der Lchler

                                  Erster Band

                                  Erstes Buch

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Wenn jetzt einmal die Seelen von Einharts Vater und Mutter rein fr sich
gegeneinander klangen, was fast nie mehr geschah, war es nur eine monotone
Dissonanz. Laut oder heimlich. Einharts Vater war ein gewichtiger Ordnungsmann,
schon als er die junge, wohlhabende Zigeunerdirne heiratete. Er war ein peinlich
pflichtgetreuer Beamter, der damals schon eine hhere Postverwaltungsstelle in
einer kleinen Stadt versehen, ein Mann von strengen, soldatisch gebundenen
Formen im Umgang, mit scharfen, schwarzen Augen, die wenig und kurz lachten, so
nebenhin nur, die selten aus der Wrde kamen - mit einem dunklen, strengen
Schnurrbart, der so voll stand, da die Hand sich nie um ihn kmmerte, die schon
damals steif herabhing ohne Geste, wenn sie nicht eifrig und flchtig mit dem
groen Rohrhalter ihre Arbeit tat - oder auch leicht gebieterisch sich streckte,
wenn Herr Selle Anordnungen gab, oder etwas verwies.
    Wenn jetzt, in den wirklichen Widerwrtigkeiten mit Einhart, Herr Selle
erregt im Zimmer hin- und herging, mute er die Hnde auf dem Rcken fest
zusammen nehmen, so gleichsam sich selbst noch mehr bindend, da er nicht doch
einmal seine Wrde ganz verge und dreinschlge unter die phantastische,
traumugige Zigeunerbrut. So wenigstens deuchte es jetzt dem alten Herren, wo
Einhart ein Jngling geworden ganz mit den sanften, rabenschwarzen,
unerwecklichen Glutaugen der Mutter und mit einer Seele voll regloser Verachtung
gegen alle Wnsche und Forderungen, so weit sie von Vaters Seite kamen und ein
geordnetes, brgerliches Fortkommen betrafen, und die einfach wie Meerwasser von
einer ljacke abtroffen, selbst wenn wahre Gewaltwogen der Sittlichkeit den nur
halb in dieser Welt des Scheins sich aufhaltenden Sinnierer und Lchler zu
erschttern und auf rechte Wege zu bringen versuchten.
    Es war ein Irrtum von Herrn Selle, da ihm schien, als wenn er schon frher,
so gleichsam von Anfang an, Frau Selle mit den strengen Blicken des Vorwurfs
angesehn. Wenn es auch Geistesgemeinschaft nie zwischen ihnen gegeben. Dessen
hatte Luisa nie bedurft. Flammen waren zusammengeschlagen. So gebunden er auch
gewesen, stolz und wrdig, die heien Flammen schmelzen noch immer die
Erstarrungen. Flammen waren aus der jungen Dunklen gekommen. Sie hatte noch
jetzt Augen von verzehrender Sehnsucht. Wie sie ihn angesehen, der jung und kalt
geschienen, hatte sie den Fels schmelzen wollen. Sie war wirklich eine
Zigeunerin von Blut. Sie hatte wohl als einzige Tochter im Hause gegolten. In
Wahrheit hatte man das Kind an der braunen Brust einer Zigeunermutter, die
betteln kam und sich krank hingeschleppt, gesehen, es richtig gekauft und
angenommen an Kindesstatt. Natrlich war Luisa dann im Brgerhause in sanfter
Erziehung aufgewachsen. Nur noch im Blicke lag manchmal etwas Demtiges oder
auch Wildes, was leicht einsank und sich verga, da das Mdchen dann lange wie
erstarrt geschienen. Schn war Luisa nie gewesen, braungelben Gesichtes, ein
wenig schmal und leicht welk. Etwas Kochendes, etwas Verzehrendes im Blicke nur.
Aber das kam nur von ferne. Als wenn ein weiter Garten stiller Traumblumen lge
in Demut und Trauer, und ber hohe Gitterstbe she der Ha herein mit spitzen,
gelben Blicken. Aber ihre dunklen Augen lachten dann auch gleich, wenn der Ha
kam. Da Herr Selle wenn nicht eine sanfte, doch eine achtlos vershnte,
hinlachende Demtige in beginnenden Uneinigkeiten vor sich gehabt, als die
Gluten Luisas klter geworden, die ersten Kinder an ihrer Brust gesogen, ihr
Auge wie einer Raubtiermutter Auge, ihr schlanker, jher Leib wie einer
Tigermutter Leib zum Hasprunge bereit ber der Brut gewacht. Damals hatte Herr
Selle nur eins ums andere der dunklen, lieblichen Mdchenkinder in Luisas
Frsorge und zehrender Mutterpflege angesehen, und hatte Frau Selle nur wieder
hei begehrt, eine Jugend die andere, schmachtend und unbesonnen, und durch
keine Harmonien anders gebunden, als die Glut des Blutes und der Sinne, und es
war in ihm wirklich immer wieder Wrde und Pflicht und sonstiges sittliches
Meinen in des Begehrens heier Quelle ertrunken.
    Das war lange her.
    Einhart war jetzt ber die Sechzehn, noch sehr schmchtig und fast wie ein
Knabe. Es waren auerdem vier Schwestern im Hause. So kamen sie nach der Reihe:
Johanna, Katharina, Einhart, Rosa und Emma. Mutter und Vater kannten sich kaum
noch. Leib und Leben stand nun da und hier. Herr Selle sprach jetzt berhaupt
nicht. Oder wenn er sprach, sprach er zu niemand recht, nur so mit ernstem Blick
in die Luft. Er hatte eine hohe Stellung erklommen. Auch Frau Selle fhlte das.
Er war geheimer Rat. Die schwarzugigen Tchter sahen an ihm auf und
streichelten ihn. Sie versuchten ihm auch in die Augen zu sehen. Wenn es jetzt
ein Zerwrfnis gab um Einhart, der wie ein schriller Ton allmhlich in dumpfes
Brten klang, dann vermochten die phlegmatischen Zigeunerfrulein, die sie fast
alle schon geworden, doch noch wieder schlau die Dissonanzen leise zu
verstreichen. Sie stillten der Mutter dann oft pltzlich aufquellende
Ratlosigkeit mit leicht gesponnenen Schmeichelgeweben und umstellten den
erregten Herrn Geheimrat, der im Schlafrock eifrig auf dem weichen Teppich
hinschritt, noch immer mit auf dem Rcken fest verschrnkten Hnden, und lieen
ihn nicht aus ihren Liebesblicken. Dann gab es noch immer eine Heiterkeit
schlielich.
    In Frau Selle, die jetzt verwelkt aussah, nicht sehr fett, nur gelb und
verzehrt, kam dann aus dem Sich-ratlos-wissen, das wie ein Aufkochen im Blick
gefunkelt, das leichte, lssige Verachtungslachen, das fast in Demut vor den
jungen Augen sich weghob.
    Mit den vier Tchtern war Frau Selle heimlich eins. Und der strenge Herr
Selle ergab sich Schmeichelwort und Schmeichelblicken der vier dunklen Schnen,
die in dem Bruder Einhart ein geliebtes Rtsel sahen, und Rosa, die dritte, das
eigentliche Ereignis anstaunte.
    Nmlich das war es zumeist: Es war ein strenges Pflichtleben, das Herr Selle
fhrte. Er hatte nur Reglementbcher und Reskripte vor seiner Seele, mute
immerfort nur an solche Dinge denken, die im Grunde fr seine Seele nichts
bedeuteten, nur fr seine Pflicht. Die Inventarien der groen Posten, lange
Berechnungen fr all die Sendungen, deren Seelen in Kuverts verborgen steckten
und ihn nichts angingen. Das erfllte ihn. Er hatte sogar im Traume oft nur
Zahlen in seiner Seele. Seine Seele war wie eine graue Kammer, in der nicht
einmal die Dinge selber, nur Merkzeichen und Nummern von den Dingen noch hingen.
So lebte er in der groen Mietwohnung mitten in der engen Strae der
Residenzstadt ohne Strung und durchaus zufrieden. Da sah er unten die bekannten
Menschen gehen, die ihn ehrten und grten, die ihn in seiner Wrde kannten. Und
es fehlte nicht das heimliche Gefhl, da die Wrde mit den Jahren noch zu
hheren Titeln und Auszeichnungen anwuchs.
    Aber Frau Selle trumte und die Tchter trumten. Wenn die auf der Strae
oder gar in den Frhlingsanlagen allein hingingen, sahen sie wie eine Schar
huschender Vgel aus, im Begriffe und bereit, die welke, gelbe, in vornehm
brgerliche Hllen maskierte, fremdartig-jhe Mama mit sich irgend wohin empor
und fort zu reien. Alles war dann strmisch und laut, vertrumt und
rcksichtslos. Sie kmmerten sich um niemand. Ihre hastigen Stimmen klangen alle
ein wenig heiser. Miteinander allein vor der Mutter war eine jede wie
losgebunden. Eine jede hatte fr sich etwas Versucherisches im Blick. Wenn
Mnner kamen, sahen sie nicht scheu. Aber diese Art war mehr nur Mut aus der
Hhe, mehr wie ein herausfordernder Widerstreit, der manchen hart traf wie ein
Schlag, da er sie dann verfolgte und fast wie einen Trotz der Liebe empfand.
Lose, ungehaltene, schne, dunkelfarbige Zigeunerdirnen in flieenden
Frhlingsroben wie helle Kchlein um die alte Glucke. Die aber freilich dann
gesetzt sich reckten und wie vornehme, stolze Frulein gingen, wenn der Herr Rat
Selle es einmal in Wrde selbst unternahm, Sonntags mit hinauszuwandern und
neben Frau Selle stumm und steif emporgereckt in den Frhling zu ziehen.
    Die blhenden Kirschen entzckten auch ihn. Wenigstens bekamen seine Augen
einen richtigen Krhenfu, der die ganze Zeit starr an der Schlfe stand. Und er
nahm auch eine Blte, die die lteste Tochter Johanna ihm sanft und mit Grazie
lachend ins Knopfloch gesteckt. Indes Katharina und Rosa und Emma um ihn
drauen, wo sie Kuchen und Kaffeeflaschen am Waldsaume ausgepackt, sich wohlig
trge dehnten. Whrend Herr Selle mitten auf einem Plaid aufrecht sa, umbaut
von einem Gehege von Bltensten, die die vier Dirnen im bermut von Obst- und
Weidenbumen am Damme herabgerissen.
    Frau Selle war dann kindlich und weich, trieb sich achtlos allein auf der
Wiese nach Blumen herum, kam mit Struen und streichelte jetzt auch einmal
Herrn Selles straffe Wange, die sich mit halbem Blick Mhe gab, wie lachend
auszusehen.
    Wer die Menschen dann von ferne sah, mochte an glckliche Menschen denken.
    Frau Selle, so in Freiheit und unter Blten, trumte dann hin. Und die
schwarzbraunen Tchter trumten und dehnten ihre jungen, schmiegsamen Leiber der
Frhlingserde nahe, mit einer Seele voll unbestimmter, heimlicher Glut. Und Herr
Selle sa strengaufgerichtet, lie es sich schmecken und trank den Kaffee, in
den sich fast wunderlich ein Beigeschmack mischte, den er monieren gewollt, ehe
er heiter merkte, da es der Bltenduft des Frhlings selber war.
    Freilich gab es gewhnlich zum Schlu dann ein rgernis, weil Einhart zuerst
zurckgeblieben in der Absicht, etwas von dem Gesehenen in sein Skizzenbuch
abzuzeichnen, und weil es sich dann gewhnlich herausstellte, da er nicht mehr
sich zur Familie herzugefunden. Herr Selle fand das unbegreiflich, machte Frau
Selle fr derartige Vertrumtheiten durchaus verantwortlich, und man zog oft
nicht ohne neuerwachten Groll in die zweite Etage des grauen Miethauses ein. Der
Vater hatte nun wieder sein altes Mitrauen. Er meinte in gedmpfter Emprung
gar, Frau Selle untersttze den Trieb. Er gab zu verstehen, da der Junge mit
Absicht den Weg verfehlt, wenn Einhart daheim sich damit zu entschuldigen
suchte. Es gab eine richtige Dissonanz aus diesem Frhlingsgange, in die nur
mhsam stimmend dann Johanna, Katharina und Emma ihre Blicke und Worte
einmischten, Einhart stumm und dumm, die Mutter stumm und ihre Augen demtig und
gleichgltig machten, bis Rosa mit leiser Zrtlichkeit zugleich des Herrn Selle
Augen fing und seine Wange sanft strich.

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In der Familie Selle ging offen alles nach dem Geheimrat. Der strenge Geist
waltete immer, solange der alte, sehr gerade aufrechtgehende Herr im Hause war.
Und nichts war zu spren, da von Blutswegen in des Geheimrats Hause im Grunde
noch immer etwas von einem ganz fremden Geiste und Leben umging. Auenhin waren
die Selles, wenn man sie auch da und dort neckend die Zigeuner nannte, eine ganz
vornehme Familie. Bis auf den gelbbraunen Hautton von Frau Selle und die lssig
trgen Bewegungen jeder einzigen dieser vier dunkelfarbigen Tchter, die sich in
den teppichweichbelegten Zimmern am Klavier oder vor einem Malwerk halbttig
amsiert herumdehnten, htte man beim ersten Eintreten ins Haus an nichts
anderes denken knnen.
    Herr Selle hatte alles Phantastische durchaus fern gehalten.
    Der Flur war fast zu voll gestellt. Der Eintretende, wenn er sich beim
Ablegen des Mantels oder so auch nur eine Linie weiter ausrecken mute, lief
Gefahr, Leuchter oder Schirmlampen oder eine Hutschachtel oder Vase gar mit
Blumen, die dort im Verborgenen kmmerlich blhten, herabzureien. Das sah
durchaus nicht phantastisch aus. Eher, wie das Entree bei einem Hndler, der
gleich im ersten Eindruck verrt, da nun erst drinnen in allen Rumen Schrnke
und Schbe mit gutem Hausrat berfllt sind.
    So schlimm war es nun innen nicht. Da brachte doch der vergilbte, blaue
Plsch im Mittelraume, der auf einem groen Sofapolster und zwei Sesseln sich
ausgebreitet, ein wenig Buntheit. Und gar im Salon der Frau Selle daneben zeigte
der weiche, groe Teppich, der noch ziemlich neu war, eine riesige, blaue
Blumenstaude mitten in den gelben Spiegel eingewoben, was man kaum htte denken
sollen, weil Herr Selle selbst diesen Teppich zum Geburtstag fr Frau Selle
ausgesucht und gekauft hatte.
    In diesem Salon stand auch ein Schreibtisch fr Frau Selle, obwohl Frau
Selle selbst eigentlich nie schrieb, und so nur die Tchter, die sich sogar im
Hause Briefe schrieben, um ihren Lebensdrang heimlich auszutoben, sich um den
Platz davor zanken oder barsch anfahren konnten.
    Alle Phantasmen waren aus diesen Rumen und von diesen Menschen sichtbarlich
vllig fortgetrieben, solange der strenge Blick des Herrn Selle alles
zusammenhielt und beherrschte. Es kam dazu, da in dem Arbeitszimmer des Herrn
Geheimrat selbst lange Reihen Bcher in gleicher Uniform, unermeliche
Registerreihen von A bis O oder Z standen, kalt papieren gebunden in Grau, so
da nur die Rckenschilde grn oder rot zu glnzen wagten. Und an den wenigen
schmalen Wandflchen, die frei geblieben, hingen kleine Medaillonbildchen,
gelehrte, steife Gesichter mit Brillen auf der Nase, die aussahen, als htten
sie auch schon ewig in Registern und Buchstaben herumgesucht. Denn Herrn Selles
Vater war ein berhmter Altertumsforscher gewesen, ein versunkengrabender Kenner
aller ehrwrdigen Dokumente deutscher Vergangenheit. Herr Selle liebte diese
Tatsache mit strengem Stolz in der Familie zu betonen. Er selbst bedauerte dabei
hundertmal im Leben, sich in diesen Quellen nicht haben grndlich erquicken zu
knnen.
    Aber bei mir zu Hause hie es, verdiene bald! Wir waren zwlf Kinder. Bei
meinem ehrwrdigen Herrn Vater gab es dann gar keine Unklarheit, keine Fata
morgana. Er sah und bestimmte. Da gab es kein Widerreden. Und schlielich kann
ein tchtiger Mensch sich an jedem Platze bewhren, sagte er dann mit einer
entfernten Genugtuung. So waren aus solcher Erinnerung auch die Namen der Kinder
bis auf den ersten, der von Frau Selles Pflegemutter stammte, deutsch geworden.
So hieen die Kinder also: Johanna, Katharina, Einhart, Rosa und Emma. Denn mit
Knaben war es bei Einhart geblieben.
    Und es lag unter Namen, die aus dem deutschen Altertume stammten, und
unter dem strengen, farblos-gleichmigen Pflichtenleben, und in dem
phantasielosen Gehuse, darein Herr Geheimrat Selle und die ganze, dunkle
Geheimratsfamilie eingefangen war, der alte, unversiegliche Quell Sehnsucht und
Traum der Seele ganz verschttet.
    Sicherlich ganz verschttet.
    Denn schon Frau Selle war als Mdchen von kleinlichmahnender,
innigversorgter Brgerliebe umgeben gewesen, hatte es nur zu gut gehabt, hatte
sich schmcken und einzig tun knnen, und hatte in solchem
leichtsinnig-schwrmerischen Flitterleben die heimlichen Flammen ihres hpfenden
Blutes verflackern lassen. Schon ihre Augen und Seele htten nicht gewut, wo
fr ihre Sehnsuchten gro anderes finden? Nun gar die der vier Mdchen, die
eines Geheimrats Tchter waren.
    Der Feuerbrand der alten, treibenden Natursehnsucht, die Atemnot in engen
Rumen, die Lust ins Unbestimmte hinaus, wie Vgel ziehen nach sdlichen
Paradiesen, oder wie Winde ziehen, in Wipfeln zausen und mit vom Knospendufte
vollgesogenen Ku lustig weiter wirbeln ber Heide und Weide und Waldtler, in
Traumfetzen regten sie sich in den Geheimratsdirnen, in den trgen Bewegungen
der jungen, jachen Leiber, in einem flchtigen Blick wie im Hasse und Streite
kam daran eine Erinnerung. Aber alles wre auch hier wie in der Mutter ohne
Deutung und Sinn gewesen, ohne Drang, ohne Hoffnung, ohne Nachhall und
Darstellung, solange das Jungvolk eitel der Wohlhabenheit starre Ehren geno -:
wre nicht eben unter dem Namen Einhart ein rechter Nimmersatt von Traum und
Verachtung, ein unheilbar Unbrgerlicher, einer, dem es aus langem Wandertum der
Urvter mit heien Purpurbildern im Blute umging, verborgen gewesen.
    Herrn Geheimrat Selle schien dieser Bengel bald hoffnungslos. Man kann
sagen, die ganze Geheimratsfamilie wre wie ein erstarrtes Idyll in Dunkelfarben
erschienen: Der Herr ein grauer Kraterrand und drumherum viele stille, lockende
Blumen auf der erstarrten Lava erwachsen. Wenn nicht Einhart im Grunde ein
brennendes Feuer, eine ohne Absicht ungebndigte, ziellos aufquellende
Lebenssucht heimlich mit sich getragen htte, aus Ehre und Schranken der grauen,
eingeschnrten, kleinen, sonnenlosen, getnchten Pflichtenwelt auf irgend eine,
ihm selbst in dieser Jugend noch vllig unklare Weise zu entfliehen.
    Wie dieser Junge mit seinen sechszehn Jahren schon allein aussah! Schlank,
fast wie wenn er Vogelglieder htte. Ganz gerade gewachsen. Aber auch einen
schmchtigen Vogelhals. Und fettes, rabenschwarzes Schlichthaar, davon Strhne
immer in die Stirn fielen. Das Gesicht sehr mager und gelb. Die Augen in
Dunkelwei so tief funkelnd, wenn er hate oder in Abwehr aufblitzte, obwohl er
meist eine fast lcherliche Gutmtigkeit und scheue Einfalt zeigte, und fast nie
wute, ob er gelebt oder nur getrumt, was er redete.
    Heimlich rauchte er, wo er konnte, gleichgltig was.
    Die Schwestern steckten ihm allerhand zu, und die Mutter desgleichen.
    Eine feine, schmale Stirn, daran eine leichte Aderschwellung in Zeiten der
Freude, hatte er, eine feine, schmale Nase und gerade, schmale, frohe Lippen,
aus denen die vom Rauchen leicht gelben Zhne sahen.
    Wer ihn so betrachtete, war entsetzlich erstaunt, da dieser junge Mann
Einhart hie, und noch mehr darber, da er eines strengen Geheimrats Sohn war.
    Man konnte ihm anschaffen, was man wollte. Alles war gleich hin. Man konnte
ihn mahnen, sorgfltig und auf seine Reinlichkeit achtsam zu sein. Es gbe
keinen, der in solchen Trumen leben und noch htte wissen knnen, wofr man
Seife und Wasser brauchte und wie die Traumdinge reiner waschen? Er selbst ging
vor sich im Traume hin, und hatte nie ein Gefhl, da er je und je Schmutz an
Haaren und Halse, Ngeln und Hnden, und an seinen Kleidern mit sich brachte, wo
er ging und stand. Nun, da da gerade Herr Selle nicht glcklich war ber
solches zuchtloses Leben, kann man begreifen. Es gab jetzt ewig Szenen um
Einhart. Man mute sich allmhlich schmen, wenn er einmal von den Schwestern
unbemerkt unter Besuche hereingekommen. Drauen putzten und suberten ihn dann
erst die Schwestern. Und er lachte kindlich dazu.
    Die Mutter hatte heimlich einen Hang zu ihm. Wenn sie ihn auch nur sah,
strich sie ihm immer flchtig die gelbgraue Wangenhaut. Der Mutter gegenber war
auch er immer geradezu wie ein demtiger Hund. Es lag in ihr fr Einhart etwas,
was er sinnlos und wie nichts in der Welt liebte. Und fr sie schien sich in
Einhart wieder herzustellen, so ins Unbestimmte, was sie immer verloren gefhlt.
So sah Frau Selle mit trger Verachtung fast, wenn sie alle erst um den Tisch
saen, zu Vater, aber zu Einhart mit jher, heimlicher Glut in den Mienen, die
so graugelb waren, wie seine, nur welk und alt.
    Und Frau Selle hatte es oft fr sich amsiert, wenn er das Essen verpat,
drauen in der Sandkuhle gelegen, Igeln nachgetrachtet im Weizenfelde, mit
Kindesblicken ewig einer Lerche Jubel zugestarrt bis zum Blenden, und statt des
Kalbsbratens mit trber, dnner Sauce daheim einfach hre um hre vom
Weizenfelde ausgekrnert und mit seinen Zhnen, unter Trumen oben im Hirn,
zermahlen hatte.
    Dann hatte er ihr alles umstndlich erzhlen mssen, da Frau Selles Augen
unaufhrlich dabei lachten. Auch wenn es schon Auftritte gegeben mit Vater.
Wobei Mutter natrlich gar nicht erst hatte wagen knnen, gegen dessen Wnsche
und Bestimmungen aufzukommen.
    Aber heimlich, da hatte man beisammen gesessen, wenn der Herr Geheimrat
geraden Ganges mit dem Schirm unter den Armen die Strae entlang gegangen, und
man ihn um die Ecke hin endlich hatte verschwinden sehen. Da kam jede einzelne
der Schwestern, um Einhart um den Hals zu nehmen. Rosa zuerst, die ihn ein Stck
drollig hinzog, wobei er noch immer absichtlich ein dummes Gesicht behielt. Auch
wenn der Tusch noch jetzt manchmal mit Handgreiflichkeiten geendet. Alle kamen,
Johanna, Katharina, und die Jngste, Emma, und faten ihn um den Hals von hinten
oder von vorn. Und Rosa kte ihn phantastisch auf die Augen, die dann pfiffig
lachten, als wie dem Sturmwind des Vaters und seiner Wrde mit Drolligkeit nach.
Und Mutter, versorgt und gengstigt noch, begann, selber immer lustiger werdend,
ihn auszufragen, wenn sie die schon belustigten Schalksblicke sah, mit denen
Einhart seine versonnenen, Vergessen bringenden Fahrten drauen in Heide und
Wildnis sprsinnig zu erzhlen und Buntes und wie aus mrchenschnen Dingen
Erlesenes hineinzuweben wute. Dann standen die vier Schwestern mit Staunen und
sahen in Einhart etwas, wie ein unglaublich neckisches, wagsames Rtselwesen,
das sie liebten, das ihnen unter die armgrauen Ereignisse des
herkmmlich-brgerlichen Geheimratlebens ein ganz neues Fhlen und neue Feste
brachte. Sie lachten ber den ungekmmten, ungewaschenen Jungen, dessen Augen
Diebe schienen, und ber die zerrissenen und verwitterten Kleider und die
verwetzten, verwahrlosten Stiefeln. Und jede wute jetzt auch, da man ohne
solche Opfer nichts dergleichen erleben knnte. Eine jede der vier
dunkelfarbigen Dirnen htte es dann am liebsten gleich auch versucht. Alle, auch
Mutter, trug trotz der verborgenen Pein des Zerwrfnisses immer ein Glck fort
aus diesem das Leben so wegwerfenden Jngling.
    Einhart war bald ein Jngling, so drftig und schmchtig er auch mit seinen
Jahren noch aussah. An solchem Tage sahen alle heimlich auf den Herrn Geheimrat,
wie auf eine langweilige Gesetzestafel, die streng verfgte, was man lngst
tausendmal kannte. Und wenn er erst wieder heimgekommen, fhlte man es in allem,
da es eine jede der Damen, alt und jung, heimlich entrstete, wie die harte
Wrde dem grnen Wucherreis mit dem glutugigen Sanftblick blind und milaunig
alles frohe Treiben knicken wollte. Da hatte Herr Selle keine seiner Tchter in
seiner Arbeitsstube hocken, wie sonst gewhnlich. Niemand empfing ihn. Er mute
am Tische stumme Mnder unter den sammetnen, gesenkten Blicken sehen. Alles war
da nicht, als wenn sie drauen auf der Wiese und im Walde und glckliche
Menschen wren, wie es einem Fernen so erschienen. Hier sa der Herr Selle,
steif und gehalten, mit strengen Blicken, nun auch sichtlich gergert. Aber mit
bestimmter Verachtung dessen und nur gewappnet, zu gebieten. Und dort sa die
ganze, junge Brut, enttuscht und voll Entsagung. Da nur Frau Selle dann und
wann, als wenn sie sich aus Trumen pltzlich besnne, dem wrdigen Herrn etwas
an Fleisch oder den Brotkorb, wenn sie seine Augen am Tische suchen sah,
hinreichte. Und Einhart sa dann unter ihnen immer mit einem verlorenen,
einfltigen Lcheln.

                                       3


Rosa war die dritte der vier Geheimratstchter. Sie kam hinter Einhart, und war
nur etwa ein knappes Jahr jnger als er. Ein seltsam frommes Mdchen schien sie,
jemehr sie den Kinderjahren entwuchs und in den Kmpfen um Einhart in der
Familie sich zu einer Art heimlichen Schutzpatrons von Einhart entwickelte.
    Rosa war dunkel, wie alle. Auch einen Anflug brauner Hautfarbe, wenn auch am
unscheinbarsten, hatte sie. Ihr Haar, das jetzt, wo sie eine Jungfrau wurde, in
breiten Scheiteln ber den Ohren hing, war glnzend schwarz, wie Jet, und ihre
Brauen feinbogig, wie schmale Rabenfedern. Aber im Dunkelglanz der groen
Sammetaugen lag kein zehrendes Feuer, nur eine ferne Mildigkeit, und die
schmale, leicht spitze Nase zeigte auf einen immer ein wenig geffneten Mund,
der sanft wie ein Schnitt in frisches, dunkelglhes Fruchtfleisch, weich und
zrtlich schien, und nur zrtlichen, vershnlichen, verhaltnen Worten sich
schmiegte.
    Herr Selle konnte Rosa in dieser Zeit nicht ansehen, ohne nicht heimlich
beglckt zu sein. Die drei andern Mdchen, von denen Johanna und Katharina um
die Zwanzig waren und also erwachsen und sehr resolut, und die kleine Emma noch
ein rechter Backfisch kaum, nur gerade in den Flegeljahren, amsierten sich
spttisch ber den frommen Hauch, der ber Rosas Wesen sich ausgebreitet, und
Rosa stand also in dieser Zeit in gewissem Sinne allein.
    Nicht etwa, da sie mit Frau Selle und den Schwestern in der Vergtterung
Einharts uneins gewesen. Ganz im Gegenteil. Was ihre Einsamkeit schuf, war der
Umstand, da Herr Geheimrat, ebenso wie Einhart, Rosa durchaus bevorzugten. Herr
Selle sah in diesem Mdchen allmhlich eine besondere Lebensfreude, da er sie
rhmte vor allen in ihrer Zucht und Scheuheit. Da er die keusche Erscheinung
auch offen mit einer, seinem sonstigen strengen Blicke ungewohnten Wrme ansah,
und nur ihr es schlielich allein noch gelang, eine Last rechtzeitig zu lsen,
wenn es Gewitter gegeben, oder wenn der Vater in sich erregt in die Familie
getreten war.
    Und was Einhart betraf: die groen Mdchen waren ihm zu rcksichtslos
geworden. Sie konnten auch rein nichts von seinen Heimlichkeiten fr sich
behalten. Sie rhmten sich womglich vor der Kchin. Sie glossierten alles
behaglich laut und offen, wie es groe Damen tun, und nahmen sich nicht in Acht,
selbst wenn Vater in der Nhe war.
    Auch Freundinnen wurde es zugetragen. Es duchte Einhart auch so etwas, wie
wenn sie vor den andern Frulein halb gezwungen mit einstimmten in eine Art
sittlichen Bedenkens, wenn es die Situation zu fordern schien. Einhart lachte
auch darber. Aber er hatte einen Halt allmhlich nur an Rosa, die eine
Geheimnistrgerin war und fr sich genug hatte, ohne eitel nach auen zu
blicken. Sie besa eine stolze, sanfte Verschlossenheit gegen jedermann. Auch
gegen Mutter. Auch Frau Selle war das Mdchen, wie sie es manchmal mild und
vertrumt aussprach, ein bissel entwachsen. Das ist allzu frh begonnen,
meinte sie dann in sanfter Verzichtleistung.
    Rosa hatte begonnen, Trume selbstndiger Art zu gewinnen. Man sah es ihr
an. Sie sah nicht nur Albernheiten in Einharts Drngen und Taten. Ernst galten
sie ihr. Sie empfand, ein wenig heimlich verletzt, Abwehr gegen das zu laute
Vergngen, was selbst die geliebte Mutter machmal bei Einharts seltsamen
Unternehmungen zeigte. Sie hatte etwas von einer milden, berlegenen Weisheit,
so dnkte es Einhart damals. Sie verstand seinen Lebenssinn vollkommen. Sie
redete dagegen nie ein Wort. Nur gegen das, was im ueren man vermeiden konnte,
mahnte sie:
    Du kannst nicht gehen, wie ein Stromer, geliebter frre! sagte sie von
oben lustig ohne zu lachen. Das kann Vater natrlich nicht dulden. Aber das
verstehe ich ja, da man nicht lebt hinter den Schulbchern und auf guten
Polstersthlen. Rosa hatte auch einmal zufllig etwas von Charlotte Corday
gelesen, und hatte ins Unbestimmte ein Ideal von einer alles frs Vaterland
opfernden Frau gewonnen. Schne, weite, drngende Gefhle ging es in ihr hin,
wie Melodien ohne Gegenstand. Das gab nun Einhart eine Grundlage. Er sah sich
gewissermaen erkannt. Das Mdchen gab seinen Schalkspielen einen Sinn erst, da
er vor ihr eine drolligfrohe, verlockende Gehobenheit empfand. Das alles verband
ihn der zarten Rosa und machte, da er jetzt mehr Gewichtigkeit selber in seinem
Tun zu ersehnen angefangen.

                                       4


Es waren Zigeuner auf dem Plan vor der Stadt. Drauen lag ein See, und am Ufer
standen Erlen aufrecht, und Weidengebsche hingen ins Wasser. Weil es Sommer
war, konnte man lagern. Einhart hatte noch am Nachmittag gleich die Gelegenheit
sich angesehen. Ein junger apollinisch-jdischer Mann, mit einem flaumigen
Barte, der Pavo hie, spielte, als der Abend versank, im Dmmer der Sterne die
schmelzende Geige, und das schne, sonngebrunte Volk in bunten Fetzen tanzte
und flog in der Wiesenflche.
    Einhart hatte gleich etwas empfunden, wie um sich selber gebracht. Er hatte
das ganze Abendneigen schon erst in der Nhe gestanden, die grnen Planwagen,
die im Rubinlicht ragten, umschlichen und die falben, struppigen Pferde
angestaunt, die an den Wagenksten knabberten oder das Gras am Boden nagten.
Einhart hatte dann an der Bschung sich unter die Kinder der Armen und einige
Arbeitsleute gemischt, die auch herumstanden und auf die seltsame Horde
staunten.
    Eine junge Mutter, wie ein gelbes, gyptisches Weib, stand mit dem Kind an
der Brust im Freien. Whrend eine alte, grougige Zigeunermutter im Wageninnern
kochte, da der Rauch unaufhrlich dick aus der kleinen Esse schlug.
    Weie Ziegen weideten am Hange.
    Einhart stand - und starrte und starrte, als wenn rein nur das wre, was
sich vor seinen Blicken und Ohren begab. Wie nicht wirklich dnkte er sich und
ihm diese Welt. Wie selbst verjagt hinziehend und doch in Tnzen und flchtiger,
lustiger Rast. Die Lust daran machte seine Augen wie verzehrt. Da waren auch
zwei halbwchsige Zigeunerdirnen, melancholisch und trge. Die trockenen
Schwarzhaare hudelten um die Stirn, wie ihm. Die beiden kamen zu ihm nahe heran
und lachten ihn gutmtig an. Sie nahmen seine Hnde prfend in ihre dnnen,
harten Finger. Er mute an sich halten, da er nicht einen Sprung in die Lfte
tat, wie ein Bajazzo, oder wie ein junger, dummer Frhlingsfaun mit Nymphen,
sich im tollen Wirbel drehend, als Pavos Geige eingesetzt.
    Ein Rausch ging in ihm, eine Selbstvergessenheit ohnegleichen, eine richtige
Ohnmacht. Nicht, als wenn er die Sinne verlor. Durchaus nicht. Nur allen Willen,
etwas anderes noch zu sein, als was ihn jetzt erfllte.
    Die dunklen, lumpigen Dirnen konnten zudem ihr Lachen nicht lassen, ihr
weiches, kindliches Locken. Weil er in seiner fiebernden Unruhe doch noch einmal
zurckgetreten.
    Seine Blicke suchten ununterbrochen den jungen, schnen Zigeunerspieler. Die
junge Mutter war unter die Arbeitsleute gekommen. Sie hatte das Kind in den
Wagen zurckgetragen und drehte jetzt eine Zigarre in ihrem Munde. Ein Gesicht,
wie das einer Koptin, gelbgrau, mit gebogener Nase, streng, knisterndes
Zottelhaar um die Stirn, nicht voll, drftig, und ein drftiges Zpfchen hinten,
das ihr nachlssig, blau gebunden, im Nacken starrte. Die blaue Kattunjacke
stand offen, da man die knospenfrischen Brste sah. Sie kam Schritt um Schritt,
mit ihren Dunkelblicken lautlos und achtlos um Feuer bittend. Die Arbeiter
machten ein paar gemeine Glossen und lachten. Einhart hrte es nicht. Es zog ihn
und trieb ihn gleichzeitig. Der Gedanke an Rosa, und da sie es sehen mte, war
in ihm erwacht. Der Sternenhimmel begann schon zu blinken. Immer wieder kamen
die zwei stahlschlanken Dirnen, die seine Augen suchten, als htten sie an ihm
etwas Besonderes ausgefunden, und lachten ber ihn kindlich schalkisch
untereinander.
    Und die Geigentne gingen jetzt schon im stillen Reigen. Der Mond ging auf
und stieg stummgolden in den Raum, ferne ber den schwarzen Wldern. Von ferne
hallte ein Kuckucksruf, unaufhrlich weich sich wiederholend. Es war eine
Juninacht. Unermelich die silberne Blankheit des sanften Wasserspiegels, weil
das Mondlicht ihn streichelte.
    Einhart hatte es nicht mehr ausgehalten. Er war wie sinnlos fortgeeilt,
geirrt, weil noch immer zurckgebunden, und doch wie im Wirbel. Die heien
Geigentne des braunen Zigeuners gingen mit ihm und die weie Dunkelnacht, und
die Mdchenblicke, und es schwirrte rings, wie von Dmonen in weicher
Dmmerluft. So war er in Zwngen in die Wohnung der Geheimrtlichen
zurckgerannt.
    Der Zufall wollte, da nur Frau Selle und die Schwestern daheim waren. Der
Herr Geheimrat selbst hatte im Amt eine Hinderung gehabt und hatte
heimgeschickt, da er auswrts e. Er sa unterdessen in einer kleinen
Weinstube mit einigen Herren seines Ressorts beim Glase, und man erzhlte
allerhand Postvorkommnisse, besprach auch einen Fall schwerer Defraudation
genauer und ernstlich, ehe man wieder lachte und pokulierte. So war Einhart gut
ins Haus gekommen. Aber sein Herz, so voll tollen Spaes es war, sank jetzt wie
demtig zusammen, da er sein Fieber pltzlich niederprete und nur einfltig
lchelnd dastand, als Frau Selle ihm die Strhne liebevoll aus der Stirn strich.
Frau Selle hatte in einem losen Sommerkleide am Fenster gestanden. Auch sie
lchelte nur gtig. Johanna und Katharina verstanden nicht recht, warum Einhart
heut nicht redete. Dann waren die beiden mit Mutter auf den Balkon getreten.
Auch fr sie alle hatte sich jetzt der Silbermond in die Welt gehoben. Auf den
Dchern lagen Spiegelscheine, und es umflo alle Dinge mit Silberfden. Johanna
redete laut, wie glnzend der Mond im ther schwmme. Sie machte einen Witz von
Liebenden im Mondenschein. Einhart mute hell hinauslachen. Er war im
Zimmerdunkel zurckgeblieben. Auch Rosa, die gleich mit der feinen Witterung der
Seele zu ahnen begonnen, da in Einhart neugesponnene Trume sich rhrten und
laut werden wollten - nur fr sie. Sie hatte ihn jetzt unter den Arm gefat und
legte ihre Wange sanft an die seine. Da begann Einhart auch schon erregt zu
flstern. Komm! sagte er ganz leise, komm! - - - Wohin? sagte Rosa. Und
man hatte kaum drauen eine Weinranke am Balkon im Silberlichte wanken sehen.
Und dann war Einhart nach einigen bestimmten, stummen Zeichen pltzlich
gegangen. Er hatte sein Bett in einer Bodenkammer.
    Aber spter, als alles schlief im Hause, und weil Herr Selle noch immer
nicht nach Haus gekommen, huschten Einhart und Rosa in die Monddmmer hinaus und
liefen hin in die brnstigen Tnze im Silberschein, unter die sich auch einige
Dienstmdchen und junge Arbeitsleute mit eingelassen, da nun, schon gegen
Mitternacht, ein ewiger Reigen hin und her, von der monotonen, sehnschtig
nselnden Weise der einsamen Geige hingefhrt, im Mondlicht schwebte. Die
Schatten tanzten mit unter dem wogenden und ringelnden, bleichlichten Fremdvolk
auf der weien Wiese. Eine stumme Inbrunst spann in der Nachtluft, dann und wann
nur von Rufen oder einem jhen Schrei flchtig unterbrochen. Eine lange
Fackelflamme gaukelte in Rauch, die Insekten umschwirrten. Falter verflogen sich
in Einharts Gesicht, da er sie, flchtig erweckt, dann doch achtlos nur wieder
in der Hand hielt. In allen Gesichtern lag ein ewiges Lcheln. Auch in Einharts.
Auch in Rosas. Einhart und Rosa hielten sich aneinander, langsam und scheu, und
ganz erstaunt noch immer und nichts wagend, beide nur ganz diese klingende,
treibende Rtseldmmerwelt, fiebernd von losgebundnen Trieben, ganz den
seltsamen Dunkelleuten hingegeben.
    Und jetzt mit noch greren Augen lachend, als der weie Wiesenplan rein
lag, alles erschpft beiseite getreten, und nur die beiden Zigeunerdirnen
herangeflogen, in der Leibesmitte sich greifend, ihre nackten Fe streckend und
stampfend wie in wildem, taumelnden Einvernehmen, und sich lsten und
auseinanderschwangen, stumm fast, ewig geneigt in schwebendem Gleichgewicht. Gar
nicht mehr Lcheln, Feier in den hei blickenden Mienen, dann und wann einen
heiseren Schrei hinausgebend, wie ein Vogel schrillt, rasend so hin, inbrnstig,
wie in Gottesdienst, da die Menge ringsum wie im Mitleiden den Atem anhielt.
    Einhart hatte dann, er wute nicht wie, eine der Dirnen umgriffen und hatte
zu springen und zu tollen begonnen, weil sich auch Rosa gar nicht mehr
eingehalten, im Taumel dem jungen Zigeuner im Arm gelegen und ohne Rckblicken
den Geigenklngen der Nacht sich willenlos hingegeben.
    Aber sie war ebenso pltzlich geflohen.
    Der Zigeunerjngling hatte sie unversehens hart um den Leib gegriffen, sie
an sich gerissen und sie sinnlos zu liebkosen und ins Gesicht hinein zu kssen
gewagt. Da war es wie eine Furie hinter ihr aufgesprungen, da sie besinnungslos
lief und lief, nicht mehr hinter sich sehend, und da sie atemlos und gescheucht
auch schon vor der Haustr stand, den Schlssel im Schlosse zitternd umdrehend,
und als wenn sie im nchsten Augenblicke zusammensinken und sterben gemut.
    Aber da drauen spielte Pavo noch immer seine schmelzende Weise. Die alte
Zigeunermutter wiegte ihre breiten Hften und schlug die Hnde. Wie eine
Grimasse hielt das Lcheln alle Gesichter. Auch auf dem Gesicht der jungen
Zigeunerfrau lag ein weiches Schmerzlachen, und Franziska glhte und kreischte,
indem sie den tollen Einhart mit sich herumri.
    Einhart erwachte erst, als er sich endlich nach Rosa einmal umgesehen und
entdeckt hatte, da sie nicht mehr unter den fahlen Nachtgesichtern zu finden
war. Der Mond ging eben am Horizonte zur Rste. Einhart lief nach Hause, die
einsamen Straen hastend entlang und stahl sich ber die Mauer des Hofes und
durch die verlassene Hintertr in seine Dachkammer. Aber weil Herr Selle selbst
auch spt heimgekommen und deshalb nicht am Frhstckstisch der Familie
erschien, war das Geheimnis dieser Nacht verborgen geblieben und blieb
einstweilen ohne Folgen fr Einhart.

                                       5


Die Realschule der Stadt lag an einem im Mittel gebreiteten Geschftsplatze. Ein
dreistckiges, rotes Gebude, drohte sie mit mchtiger, langweiliger,
fensterreicher Fassade, wenn Einhart, seinen bcherquellenden Tornister schief
auf die Hfte gestemmt, um die Ecke des kleinen Nebenweges von der Promenade her
einbog. Drohen oder auch locken kann man sagen. Weil alle Dinge in der Welt, in
der Einhart lebte, fr ihn solchen Doppelsinn hatten. Diese breite, gespreizte,
rote Hauswand machte ihn manchmal gerade so ferne lachen, als wie sein
strhnhaariges, gelbgraues Gesicht ein pltzliches Lcheln nicht unterdrcken
konnte, wenn der Herr Geheimrat mit ganzer Wrde und Positur und mit allerlei
ergrndenden Abwandlungen ihm streng mahnend dieselbe Schluzeile durch die
Ohren zog wie den Putzer durch den Zylinder: Werde etwas Tchtiges! - Der
Mensch mu etwas Tchtiges sein! - Jeder mu ein wrdiges Mitglied der
Menschengesellschaft werden! - Werde meinethalben Schuster oder Schneider. Das
fnde ich zwar nicht bermig ehrend in der Stellung, die ich erklommen. Aber
trotzdem! - Nur werde etwas Tchtiges! In jedem Amte und Berufe kann man seine
Tchtigkeit zeigen. Und das macht den Mann.
    Einhart mute dann, wie gesagt, oft unversehens lcheln. Es kam ihm
pltzlich manchmal der alte Herr mit dem vollen, grauen Schnurrbart und dem
strengbewegten Munde, mit der befehlenden Geste, die sofort in die ganze
Steifheit des gehaltenen Ernstes zurcksank, wenn er im ratlosen Gefhle auf dem
weichen Teppich auf- und abwogte, derart liebevoll komisch und Mitleid erregend
vor, das, was der Vater wrdiges Mitglied der Menschengesellschaft und ehrend
nannte, so ungreifbar ferne und matt und grau, da Einhart in seinem pltzlichen
Zwang, womglich rund hinauszulachen mit Zrtlichkeit, eine vollkommene Einfalt
in seine Zge bekam, und Herr Selle dann jedesmal dachte, da er es mit einem
unheilbaren Toren zu tun htte.
    Einhart stand dann oft ewig wie angewurzelt. Er drehte ohn' Unterla an
seinem Jackenzipfel herum. Das gutmtige Schalkslachen drckte die dunklen
Brandaugen klein und gab ihnen eine seltsame Verschlagenheit, die sich den Tag
ber kaum noch lste. Da auch Frau Selle selbst, wenn sie ihn endlich sanft
weckte, sich flchtig rgern konnte ber den schlauen Ausdruck, der durchaus
nicht nach Reue aussah, nur mehr nach toller Laune, die unter der einfltigen
Armensndergrimasse aufflammen gewollt und doch nur heimlich umgegangen war. Das
machte Kopf und Auge und Ohr und das Blut und die Muskeln und die Nerven, die
Einhart hieen. Zucken und Jucken tat manchmal das alles, gleichwie ber sich
selber hinwegzuspringen. Die Augen zudem, wenn sie sich schlossen, sanken sehend
in Purpurfelder. Und in den Ohren klangen lustige Sprche und Pfiffe. Nun gar
jetzt, wo er dem flmischen Breitmaul Schule entgegenging und in die groen
hundert Augen, in die Fenster, seine lustigen Blicke flchtig hinaufwarf.
    Eben war man im Begriff, die Fenster allenthalben oben und unten zu
schlieen, weil Einhart, wie immer, im letzten Augenblick um die Ecke stob. Im
ersten Stockwerk hockte ein blonder, groer Bengel im Fenster, der sich weit
hinausbog und ihm winkte und zuschrie. Man sah auch, da sich der Blonde
wohllaunig in die Klasse zurckgewendet, und hatte ein Hallo verklingen hren,
als sich das Fenster vollends schlo.
    Einhart war immer prickelnd erwartet. Ein rechter Faxenmacher unter den
durcheinander lmmelnden Knabengesichtern, und wie ein Strohhalm manchmal, der
im Winde herumhupft. In der Klasse konnte man ohne ihn mit den Freipausen nicht
fertig werden. Wenn er am Trpfosten nach dem Korridor lehnte, hatte er gleich
allerlei Zuhrer. Er erzhlte die widersinnigsten Spe in wirren Mrchenformen,
wo er Vter und Alte in Bren oder Steine, und Kinder in weise Knige
verwandelte durch Zaubermittel, und sich selber einen Narren nannte, dem alles
in der Welt auf den Kopf gestellt deuchte.
    Einmal benahm er sich auch, als wenn er sich als ein richtiger Affe fhlte,
langgliedrig und behende zugleich, so da er seinen Schulgenossen dann ein
ewiges Schauspiel Eines gab, der zum Klettern geboren wre, allenthalben in
hockender Stellung auf Fensterbrettern, Katheder oder gar Ofen sa und ihnen
derart allerlei lockende Dinge von Urwldern und Wanderungen an Schlingpflanzen
und in den hchsten Wipfelrumen nachahmte. Dazu immer erzhlend: Etwas
Tchtiges! Nur etwas Tchtiges! sagte er dann. Und wenn es ein Affe im Urwald
ist, nur etwas Tchtiges, das macht den Mann! Eine Korona Knaben sah nur schon
seine pfiffigen Mienen und lachte. Einige der bedchtigeren Schler gaben nur
seine Worte weiter und erlustigten sich an seinen Einfllen. Und alle wuten,
da er daheim ganz und gar nichts lernte, und lachten schon heimlich in dem
Gefhle, wie dieser dunkle Fuchs dann vor dem langen, scharfen und schneidenden
Ordinarius wrde in lchelnde Einfalt einsinken, als ob er schon nicht mehr
wte, was ein weies Schneeglckchen im Frhling wre oder die hellerlichte
Sonne? Aber es war doch auch des Geheimrates Sohn, eines Mannes, der bedeutende
Karriere gemacht und sicherlich noch weiter zu Ehren aufging. Im Grunde sa man
in der ganzen Lehrerschaft wie auf Kohlen. Nur gut, da Einhart in der
uerlichen Krperlichkeit nicht zu sehr aus seiner Klasse herausgewachsen. Alle
seine Mitschler waren um Jahre jnger als er. Er htte mssen wenigstens in
Sekunda sein, und man erwartete jetzt nur vergeblich, ihn der Tertia
einzuverleiben. Die Lehrer wnschten es dringend. Der Direktor war Herrn Selles
Freund. Er erkundigte sich oft bei den Lehrern nach Einhart. Aber es war
durchaus nie etwas anderes zu hren, als da sie es mit einer unverbesserlichen
Art Gaukelei und Trgheit, mit einer Verschlagenheit und Sanftheit
gleichermaen, die man gar nicht zu qualifizieren wute, hier zu tun htte.
    Der Geheimrat hatte es schon erfahren, da man auch jetzt noch wieder an
eine Versetzung nicht recht glauben konnte. Er hatte sich sogar alles schon
zurechtgelegt: Wenn es jetzt nicht wird, kommt er in die Lehre. Dienen wird er
nicht brauchen bei seiner Schwchlichkeit. Nun also! Da mag ihn ein strenger
Handwerksmeister erziehen, wenn es in gebildeten Formen nicht gelingt, hatte
Herr Selle schon berlegt. Die Stimmung daheim war in diesen ganzen Wochen,
solange Herr Geheimrat im Hause war, nicht bermig launig gewesen. Aber da es
so bunt kommen mte, wie es jetzt kam, wre niemand, weder dem Herrn Vater,
noch den Lehrern je in die begriffsverblichenen, matten Sinne eingefahren.
    Schon als Einhart heute in die Schule kam, hatte er etwas an sich, das die
Mitschler nicht kannten. Er sah durchaus nicht einfltig aus. Er sah aus, als
wenn er aus einem langen Schlafe unversehens munter geworden. Lat mich in Ruh
mit Albernheiten! sagte er nur bestimmt, und seine Augen hatten ein strenges
Feuer. In diesem Moment htte man geradezu an den Blick des Geheimrats denken
knnen. Obwohl aus dessen Blicken nie Zigeunertnze und schwler Taumel auf
Mondwiesen im heimlichen Schauen aufgeblitzt. Einhart war auerdem, als er kam,
auermaen bleichgelb, richtig verzehrt.
    In der Stunde, die der alte Mdchenschulrektor, der hier am Gymnasium
Schreibunterricht gab, leitete, sank Einhart tief in Schlaf und sank seinem
Nebenmanne, der ihn nur jedesmal lcherlich ein wenig puffte, immer wieder auf
die Schulter. Der alte Walk achtete nicht genau und mochte auch keine
Prozeduren. Manchmal schlief er selber auf dem Katheder ein, wenn alle fnfzig
Federn leise kritzelten. Er sagte dann auch gutmtig und zu eigner und andrer
Entschuldigung: Wie es so geht manchmal im Leben, jeder ist nicht immer zu
jedem aufgelegt! So schlief mancher noch mit.
    Auch Einhart schlief also heute. Aber seltsam auch, da sein Nebenmann lange
auf sein bleiches, sanftgewordenes Gesicht sehen und wie ein fernes Entzcken
mit diesen schmalen, bleichen Zgen empfinden mute. Wie ein ferner, froher
Traum lag drin. Eine liebliche Miene, ein Lachen, stumm und versunken, unter
dunkelrandigen, geschlossenen Lidern.
    Aber wie Einhart erwachte, versuchte er geschftig zu blicken und kmmerte
sich nicht um die Augen, die ihn rings komisch suchten. Eine fiebernde
Unzufriedenheit regte sich in ihm. Schreiben jetzt war ihm unmglich. Er malte
Schnrkel auf die weie Flche, die er vor sich hatte, ohne Sinn. Aber dann
drehte er den Bogen, da der Nachbar gleich neugierig mit auf sein Blatt sah. Es
war tiefe Stille in der Klassenstube, da man nur manchmal ein einzelnes
Aufatmen hrte in die Versunkenheit vor den kleinen, aus den Federn flieenden
Tintenkringeln. Aber Einhart schrieb nicht. Er begann Gesichter mit Zottelhaaren
hinzuzeichnen, einen ganzen, tollen Reigen, wilde, nackte Gestalten, da der
kleine Nebenmann, der ein blonder, sanfter Knabe war, wegsah und ein wenig
errtete wider Willen. Einhart zeichnete mit schmutzigen Hnden. Er war in die
Schule gelaufen, noch ohne sich anders, als nur auf der Mutter Gehei, eine
reinliche Jacke anzuziehen. Durch die Haare war er sich ein paarmal mit den
Fingern gefahren. Und er kmmerte sich um nichts, was vorging.
    Auch wie der Rektor dann eine lange, moralische Rede ber die Schrift
begann. Da man aus der Schrift die Seele des Menschen ablesen knnte, meinte
er, wre eine Fabel. Aber ein gesitteter Mensch knnte sich doch schon in der
Reinlichkeit des Papiers bekunden, in der Ordnung der Zeilen, in der Klarheit
der Schriftzge. Die Achtung vor den Gesetzen und dem Herkommen zeigte sich in
der Schrift nicht minder. Deshalb lehrte man die Schrift. Nicht, da man da
Sonderbarkeiten recht ausprgte, so unleserlich schriebe wie mglich. Derartiges
gefiele nur eitlen Narren. Einer wie der andere msse es aussehen. Darum nenne
man das eine Schreibstunde. Und ich bin euer Schreiblehrer. Er schrieb selbst
wie gestochen, und man konnte wirklich nicht wissen, ob er oder ein Rektor in
einer Seestadt oder ein Schulmeister in Kospeda es geschrieben. Einhart hrte
nur mit halbem Lcheln hin und dachte an das schmutzige Gesindel auf dem Plane,
da der alte, schwerfllige Walk auf ihn sah und ihn fragte: Nun, Herr Selle,
warum so lcherlich?
    Ich freue mich ber Ihre Lehren, sagte Einhart ganz wie nebenbei, da ein
tolles Gelchter ausbrach, und der Rektor gleich mit sanfter Gebrde stillen
wollte. Nur ruhig! - nur ruhig! sagte er selber halblaut und erschrocken, weil
es der Direktor leicht hren konnte. Selle wei immer eine gute Antwort, sagte
er dann vershnlich, ein wenig eitel. Dabei hielt er die Hand mit dem Lineal wie
einen Palmenzweig des Friedens ausgestreckt vom Katheder, damit hchstens noch
ein kleines Aufwallungslachen folgen konnte, das seiner Seele wohltat.
    Aber dann, als die Schuluhr schrill die Stunde geschlagen, und Walk
umstndlich hinaus war, berkam es Einhart, da er eilig aufs Katheder stieg,
ins Klassenbuch sah, um welche Stunden es sich noch handelte, und dann pltzlich
ein tiefleidendes Gesicht schnitt. Lat mich in Ruh, sagte er. Ich habe
wahnsinniges Zahnweh. Ich kann es bei Gott nicht lange so aushalten. Er sa in
der Bank und begann sich richtig zu krmmen wie ein Wurm. Viele lachten noch
immer. Andere dachten schon an Ernst. Jedenfalls machte Einharts Miene durchaus
Eindruck.
    Der strenge Ordinarius, der die nchste Stunde gab, hatte sich beim
Eintreten gar nicht umgesehen. Er begann mit dem Abhren der unregelmigen
Verben. Dabei sah er wie zufllig, da Einhart noch immer halb umgesunken in der
Bank sa, und alle Blicke sich immer wieder dahin richteten.
    Was ist denn da los? Das ist wohl Selle? ... Selle! ... nun? was ist denn
los? Einhart antwortete noch immer nicht. Einige riefen: Er ist krank.
Andere: Er hat furchtbare Schmerzen.
    Selle! sagte der scharfe, schneidende Ton in einiger Weichheit mahnend.
Hast du mich gehrt, Selle? was ist dir denn nun? du kannst doch so nicht
sitzen, sagte der gestrenge Herr fast schnarrend. Entweder du bist fhig, dich
aufrecht zu halten, oder du mut einfach dich scheren. Einhart versuchte
gehorsam, sich eine Weile emporzurichten. Aber dann begannen wie feine
Schmerzlaute neu anzuheben aus ihm. Es schien wirklich schlimm.
    Wenn du derartige Gesichtsschmerzen hast, gehe nach Hause! Das ist ja nicht
auszuhalten, sagte der Ordinarius unwillig. Aber wie dann Selle aufrecht stand,
die Sachen packte und zur Tre ging, sah der Lehrer auch, wie bleich und
verzehrt Einhart war.
    Nun, da wnsche ich dir nur, da du die Schmerzen bald los wirst! Ich kenne
das ... sagte er in einer mitleidigen Anwandlung. Das ist ja wirklich nicht
sehr angenehm. Und Einhart war drauen.

                                       6


Einhart war eilig ber den Platz vor der Schule gelaufen, wo einige
Droschkenkutscher an der Ecke hielten, die ihm nachsahen, weil er noch immer den
Kranken spielte. Er hatte den Tornister unter den Arm gekniffen und drckte ein
zerknlltes, rotes Tuch an die Backe, so da die bleichgraue Miene seines
Gesichtes noch aufflliger wurde. Es lag Sonne im Wege. Es war nach elf Uhr, und
die hohen Huser warfen nur kurze Schatten. Einhart war innerlich belustigt, wie
noch nie im Leben. Wie er so dahineilte, berlegte er nur, wohin sich am besten
gleich wenden? Er hastete, da er ungleiche Schritte nahm, und man einige
Augenblicke immer denken konnte, er hinke. Aber das innere Leben war wie auer
Rand und Band sozusagen. Als er um das groe Modenmagazin herum war, sah er sich
noch einmal um, wie um zu prfen. Er war ein schmchtiger, schlanker Bursche.
Die braune Jacke, die er trug, sah anstndiger aus, als gewhnlich, und der
Haarstrhn war jetzt doch unter dem flachen, schwarzen Htchen verborgen, das
schief auf dem Schlichthaar sa. Wer ihn jetzt sah, als er der Schule auer
Sicht entronnen, htte ber die Augen und ber den Mund und die feine Nase
lachen mssen. Als wenn er bles gewittert und hinter sich gelassen, lief er
jetzt. Das Taschentuch war lngst zu einer roten Fahne in der Hand geworden, die
er nun vorwrts schwang. Seine Augen konnten vor Lust gar nicht gerade sehen.
Nach allen Seiten auf und um gingen sie und hatten eine Pfiffigkeit im Blicken.
Der Mund hatte Eile, sich Hoffnungen vorzumurmeln, und er stie mitten auf dem
Exerzierplatz, ber den er mit springenden Schritten hupfte, einen grellen Pfiff
aus, ehe er in die Promenade einbog. Er dachte gar nicht zurck. Oder wenn er
zurckdachte mit zrtlicher Laune. O du einziger, guter, dummer,
scharfsichtiger Herr Oberlehrer, du dummes, einfltiges Vieh! sagte er und
lachte er. Der junge Herr Selle sollte mir schon kommen! du ... ach, da du
auch gar nicht merktest, was diesem Herrn jetzt durch den Kopf ging! Und nun
stand er wieder. Dieser verfluchte Ranzen! sagte er vor sich hin. Er nahm
seinen flachen Rundhut ab und warf den Ranzen samt dem Hute auf die Erde. Dann
berlegte er und sah sich die ganze Welt ringsum und oben an. Eine Linde stand
neben ihm, an der er nur bis zur Krone sah, und an deren Stamme Ameisen krochen.
Das machte einen Augenblick ganz sich vergessen. Weit du nur, warum die Leute
noch sitzen und in die Bnke sich zwngen? - Du nettes Tierdel! da ... komm ...
nur ... einmal ... und bleibe bei mir , sagte er zu einer Ameise und versuchte
sie auf der Hand zu halten, die er drehte. Aber die Ameise merkte den
Raubtierhauch der Menschenhand und warf sich kopfber in einen Abgrund unter
ihr, und Einharts Gedanken flogen sofort auch weiter. Da ... ist ein Versteck
fr dich, sprach er den Ranzen an, den er schon aufgenommen, indem er auch
sogleich weitersprang.
    Am Wassergraben wute er von der Eisbahn her ein Loch in der Mauer, das
immer leer war. Dort hing eine volle Weide ber, die sich jetzt wunderklar im
Wasser spiegelte. Es lockte ihn, da er auch hier ber das eiserne Gitter lange
sich bog, als wenn es ein Spiel fr ihn gewesen wre. Er sah auf den
dunkelklaren Schattenspiegel und verfolgte, als wie ein Kfer, der an jedem
stchen emporkriecht, die ganze, dunkle Verzweigung. Dann warf er erst Blttchen
um Blttchen hinein, die immer in Kreisen spannen und das klare, scharfruhende,
stumme Baumgest wie einen Augenblick in ein trbes, feines, rinnendes Bewegen
lsten.
    Einhart! mein lieber Tagedieb! was staunst du und kannst nun alles andere
vergessen! Ein Blttchen nach dem andern fiel. Und Einharts Gesicht spannte und
lchelte. Dann sprang er ber die Eisengitter und schob rasch seinen Tornister
in das Erdloch, sprang zurck und lief nun leicht in der Richtung nach dem See.
    Trumen ist eine Seligkeit und kann auch eine Krankheit sein. Trumen kann
mit ewigem Enttuschen kommen, wenn immer wieder eine graue Megre Wirklichkeit
Ohren findet, die es hren und glauben, da wir ja nicht trumen drfen, sondern
leben mssen. Aber es kann auch ein Harnisch sein gegen all die leeren, grauen
Gedanken von dem Leben, als wre es in Stcke gerissen, dort ein Deckel, und
hier die Dose. Dann ist der Ritter eines mit seinem Harnisch, und kein schales
Meinen kann ihm diese seine Welt zertrmmern, die nicht leben hier und trumen
dort, die auch nur Eines ist, was immer heimlich oder offen aus der Seele sich
hebt und lebt wie ein einiger Brunnen, Kraft und Klarheit so ins Dasein, Sinn
und Gestalt schaffend. Aber das wollten die Lehrer nicht anerkennen. Deshalb
eilte jetzt Einhart hin.
    Dem Herrn Geheimrat htte er jetzt auch nicht begegnen drfen. Dieser
geliebte, steife Herr Vater, wie Einharts Augen ihn flchtig lchelnd sahen.
Wenn Herr Selle jetzt leibhaftig erschienen wre, wre Einhart eine Ratlosigkeit
angekommen. Nicht aus Furcht. Eine vollkommene Demutsmiene ging in dem
gelbgrauen Schmalgesichte des Jungen auf, als auch nur von ferne solcher Gedanke
sich regte. Durchaus nicht aus Furcht. Aus hellem Verzweifeln. Da htte er
wirklich das Leben, das er jetzt innig in Einem lebte, pltzlich wieder
zersprungen gesehen, dort in farblos fahles Gesetzesbestimmen und hier in seinen
entfliehenden Glanz, dort nur mrrisch grau, strenggeteilt wie ein Rbenbeet,
fr jeden Tag gerade nur immer eine erdige Wurzel. Und hier noch die Sonne, die
ber die ersten, seidigen Keime ihr Gold und ihr warmes Flimmern gegeben, und
die sich nun forthebt, wie von einer kalten Husche staubigen Fegewindes verjagt.
Aber Herr Selle kam nicht auf dem Wege. Er sa im Bureau und schrieb und
verfgte. Und die Herren Lehrer blickten streng in die Bcher vor sich, da nur
noch Einharts Mitschler eine ferne Ahnung besaen von lockenden Dingen drauen,
die Einhart hinausgerufen.
    brigens hatte Einhart eine ernstere Haltung angenommen. Eine Anwandlung von
Wrde schien ihn jetzt zu beherrschen. Nun er lose hintrieb, frei von der Last
der Erinnerung, schien er ein sicheres, mnnliches Wesen sein zu wollen. Als er
um die Strae beim Postgebude hinschritt, sah er Mutter und die beiden ltesten
Schwestern ahnungslos vornehm heranschreiten. Er konnte von einer
unbegreiflichen Torheit sein. Die augenblickliche Lust machte ihn derart sorglos
zuerst, da er noch immer ruhig auf sie zuschritt. Wie er der Ameise am Baume
oder auf seiner Hand nachgesonnen. Wie er seinen tastenden Blick von dem Gest
im Wasser fhren lie und nicht anders konnte, als bis er in jeden Zweig
hineingeglitten und in jedem Blattbschel gesessen und extra seinen Traum
getrumt, wie ein Vogel oder eine Biene, so schritt er jetzt auf Mutter zu und
sah und staunte innig vergngt Johannas und Katharinas gemessenes Schreiten an,
sich lchelnd in ihre Sittsamkeit eintrumend. Feine Damen, dachte er nur.
Das sind feine Damen und sind deine Damen, lachte er vor sich hin. Er hatte
oft einen Zwang derart, da er Dummes reimte. Diese Damen sind in Hlsen
eingeschnrt, und ich werde einfach an ihnen vorberschreiten dachte er nur.
So wie ich bin, werden sie mich gar nicht erkennen. Ich bin ja jetzt nur ein
Zigeuner, dachte er so hin. Ein toller Zigeuner entpuppt sich nicht. Und wenn
ihn Damen auch ansehen, als kennten sie ihn. Pah! Das ganze, braune Gesindel
wird um die hellen, feinen Damen herumschreien, und keine wird eine Ahnung
haben, da darunter auch einer Einhart heit. Rabe wird er heien, Habicht und
dergleichen. Wie kmen solche feinen Damen in Schleier- und Federhten, so gro
wie Bltter vom Riesenlattig auch zu einem Zigeuner. Unter solchem trichten
Spiel von Gedanken in Einhart waren Frau Selle und die beiden groen Mdchen
nher und nher herangekommen.
    Aber die drei Damen gehrten jetzt auch wirklich nicht zu einem Zigeuner.
Sie gingen vornehm, ohne sich umzusehen. Hchstens noch warf Johanna einen
flchtigen Blick einmal in eine Spiegelscheibe. Jeden Sonnenstrich auf der
heien Strae berschritten sie ngstlich, nicht mit Freude, und eher wie eine
Pftze, in die man nicht hineintritt. Und hielten die Schirme steif aufrecht und
die Blicke streng in die Ferne, ohne untereinander ein Wort zu sprechen.
    Da scho es in Einhart neu auf wie ein richtiger Koboldsprung. Feierliche,
dumme Puten, dachte er nur verchtlich. Wie auf Stelzen! Und nur Rosa hat Mut.
Und auch Rosa ist feige heimgelaufen. Auch sie wrde jetzt nicht mehr Kraft
haben. So bog er entschlossen in ein erstes, bestes Haus ein, noch ehe die
Mutter und die beiden lichtgewandeten Frulein sich recht ermannt und ihre von
der heien Junimittagsonne geblendeten Augen zu ihm aufgehoben. Und er lief
dann, wie sie schweigend und rauschend an dem schmalen Trspalt, hinter dem er
lauerte, vorber waren, was er konnte dem Plane am See zu.

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Die Mittagssonne brannte auf den Plan. Ein paar hohe Pappeln gaben scharfe
Schattenstmpfe gegen das Wasser. Der Seespiegel lag trge und schwl. Die
ltere, kirschenugige Zigeunermutter hantierte im Wagen. Die junge Frau noch
mit demselben blauen Leinenkittel hing in der beschatteten Wagenkelle und
schlief ber dem Kinde, den Brustknopf offen, da das Fleisch heraussah. Die
beiden braunen, lumpigen Dirnen lagen an der Bschung unter Weidenschatten und
hatten sich umschlungen. Einhart sah sich nach den Mnnern um. Sie waren nicht
sichtbar. Dann, wie er nher trat und scheu ugte, fast nun auf Zehen tretend,
um die schwle Ruhe nicht zu stren, sah er, da einer im zweiten Wagen ber
Lumpen ausgestreckt sich dehnte, den Blick aufwrts in die Wagenplane. Ein paar
kleinere Kinder regten sich daneben. Die Pferde schliefen und die angepflckten
Ziegen schliefen. Dann sah er drauen im Weizenfelde ber den im Lichte
schwimmenden Sonnenhalmen den dunklen Kopf Pavos heraufragen. Den Hutrand im
Nacken mute Pavo dort etwas tun, wie die Katze vor einem Mauseloch. Er starrte
unverwandt auf die Erde nieder und rhrte sich nicht.
    Einhart war es ein wenig unangenehm. Die Lage der Dinge war am Abend vorher
eine ganz andere gewesen. Es schien ihm jetzt eine unglaubliche Verwandlung. Als
wenn auch hier niemand mehr den andern kennte und sich an nichts aus jenem
vorigen Leben erinnerte. Es war eine ganz andere Welt. Er mute an sich
herabblicken und frchtete fast, da man vor ihm erschrecken wrde. Er lief,
nachdem er erst von ferne noch eine Weile zugesehen, jetzt doch wie absichtslos
vorwrts. Ich komme einfach zufllig hier an den See, dachte er vor sich hin.
So ging er zwischen den Wgen hindurch. Aber erschrecken tat niemand. Die alte
Zigeunermutter sah sich nicht mit einem Blicke um. Der Zigeuner im Wagen erhob
mit lssiger Bewegung nur ein wenig seinen Kopf, ohne mehr als die beiden Hnde
dann in den Nacken zu legen und gleich zurckzusinken mit geschlossenen,
schweren Augen.
    Einhart hatte den Hut in der Hand. Er hatte zu gren versucht. Aber keiner
der Menschen hier, dem es eingefallen, seinen Gru zu erwidern. Als wenn auch
hier wieder alles gebunden wre von der Sonne und der Ruhe, und nur noch die
Insekten auf dem Wasserspiegel ewig wippten und tanzten.
    brigens lie auch eine der Dirnen jetzt ihr eines Bein eine Weile sich in
die Luft stellen und dann neu nieder fallen unter den Weidenbusch. Sie lag auf
dem Bauche. Die andre Dirne hatte noch in deren Schatten sich gestreckt und ihr
den ungekmmten Haarschwall ganz ber den Rcken geworfen. Einhart konnte ein
kaltes Staunen gar nicht loswerden. Wie er vom Wasserrande, von wo er immer nur
wieder zu ihnen hingesehen, endlich nher an den Weidenhang trat, sah ihn auch
die Dirne mit blinzelnden Augen an, die sich nur einen feinen Spalt ffneten.
Ein verchtliches Lachen ging durch der Jungen achtlose Zge. Ob sie mich denn
nicht erkennen? dachte Einhart. Freche Dirnen die, was soll das heien?
dachte er. Aber Lisa und Franziska dachten nicht daran, da ein Abend gewesen,
wo sie im Tanze mit Einhart gekreischt hatten und im Wirbel hingeflogen. Dachten
nicht daran, da es einen neuen Abend gbe, wenn die Sonne erst in die ferne
Welt hinabsank, einen neuen Abend und neue oder einstige Gefhle, als die der
sen Traumschwere und des glhenden, schwebenden, flimmernden, unentrinnbaren
Junimittagssonnennichts unter schattenkhlen Weiden. Pa-a-a-a, sagte Franziska
nur wie gehssig, als Einhart nher gekommen. Und Einhart sah nur immer, wie das
nackte Bein, eins ums andre sich in die Luft hob und fiel in lssigem Takte, und
hrte, wie wenn ein Lied in dem ganzen lumpenarmen, schlanken Leibe verchtlich
hinsummte.
    Er hatte ewig gestanden. Er hatte es um sich wie ein Gewebe von feinen Fden
allmhlich, die ihn einwoben. Wie er so hintrumte, da eine Spinne eine Fliege
einfange, um sie zu tten. Er mute jetzt lchelnd auch an den grausigen Laokoon
denken, der daheim unter mancherlei Kleinkram irgendwo auf einem Schranke stand,
und der ihm immer ein wenig mifallen, weil er sich so laut und aufdringlich, so
klagend nur im Kampfe mit den Schlangen gebrdet. So etwas kann man nicht mit
Klage und Mundverziehen lsen, mute er jetzt wieder flchtig denken. Wie er
sich einen Sprung weiter ebenfalls unter ein Weidengebsch niederlie, weil die
beiden Zigeunerdirnen die verchtlichen Augen lngst vollends geschlossen
hatten, ohne ihn noch gro anzusehen, gingen die Schlangenbilder wieder nur in
der sanften Gebundenheit unter.
    Es waren wirklich schwle Zwnge, langsam. Wie eine Fliege im Netz duchte
es neu. Das kam auch, weil seine blinzelnden Augen, die immer noch einmal
sehnschtig ber die grnen Grashalme hin nach den jungen Krpern und den
wippenden Beinen sahen, ber tausend blinke Fden nun wirklich blickten, die
auch im Blattwerk und unter den sten des Weidenbusches hingen und berall
zitterten. Die rauhe, junge Stimme der einen Dirne sang und summte ohn Unterla
verchtlich vor sich hin. Man hrte keine Worte, lange. Nur das dumpfe Gesumm.
Ein Fisch schnalzte im Wasser. Einhart sah, da am Ufer die Wellen sich in
feinen Linien belebten. Ein groer Karpfen versuchte ein paarmal ins Licht zu
springen. Und von unter Wasser her schienen die Rckenflossen in Phalanx
geordnet und vorwrts ziehend sich in die Oberflche des Spiegels sanft
einzuritzen. Goldene Stubchen und Flitter rieselten und rannen in seltsamen
Kreisen und Garben unaufhrlich lautlos hin. Die leiseste Bewegung gab ein
ewiges Erzittern. Wer begreift das schweigende Lichtleben, der es geblendet so
hintrumt. Es war nur Wonne und Frieden. Die trgen Dirnen lagen und schliefen.
Immer klang nur die feine, schwermtige, rauhe Weise, die hinpsalmodierte. Worte
waren es nicht. Einhart hatte die Augen geschlossen. Zuerst geblendet, dann im
Einsinken. Aber er lauschte tief auf den Sinn. Er hrte jetzt noch feiner. Er
lag gar nicht mehr er, nur eine mde, se, schlaftrunkene, rauhe Weise. Auch
die Flsterlaute vom See waren ganz scharf hrbar geworden. Die Wellen schienen
sich zuzulcheln. Die Fische begannen in Einharts Augen zu spielen und einen
Zirkus zu machen im Sommerwasser. Der groe Karpfen, der Akrobat, hatte eine
Korona von Fischaugen um sich. Alle sahen ihm zu. Er war einfach viele Meter in
die Luft gesprungen. Und wie sie alle, die Fische, mit ihren Leibern aneinander
schnellten und schlugen und lachten wie von metallenen Becken! Und immer klang
auch der rauhe, trge Sang, und immer fiel jetzt das nackte Bein nieder,
eintnig genau, in die weichen Grser. Auch die Worte formten sich jetzt:

Die Sonne blinkt.
Die Stille klingt.
Was geht's mich an?
Die Sonne blinkt,
und mein totes Herz
kaum trumen kann - -
kaum trumen kann.
Geh fort, du Tor!
Ein Bienlein zuckt.
Was Hab ich dir getan?
Die Sonne blinkt.
Mein Herz ist tot - oder schlft's?
Was geht's mich an?

    Franziska hatte die Worte wirklich gesungen. Und Einhart war fest und immer
fester eingeschlafen. Und er erwachte nicht. Erst am Abend hatte er ein lautes
Gepltscher in seinem Traum gehrt und wie ein freches Hohnlachen. Aber er hatte
es lange nicht erklren knnen. Er hatte im Traume vor seinem Vater gestanden.
Und sah, wie er die Augen endlich auftat, noch immer nicht die Welt, nur das
Wasser im Abendglhlicht und den glhen Himmel. Aber dann erkannte er doch
gleich, da er allein war und der Plan vllig leer.

                                       8


Einhart lag noch immer an der Bschung am See neben ein paar Weidenbschen, die
jetzt blendend durchglht waren, da sie in rtselhafter Krperlichkeit
aufragten. Er begriff nicht, wie er alles hatte verschlafen knnen. Der Plan war
tatschlich leer. Das Lachen, das ihn geweckt hatte, mute drauen vom See
gekommen sein. Ein Kahn in samtschwarzer Silhouette schwamm in dem
Funkelgewsser, in den blutroten Tinten und dsteren Schattenflecken oft fast
unkenntlich aufgelst, da der Blick ihn eine Weile geblendet nicht ausfand.
    Die Zigeuner waren fort.
    Einhart war in einer seltsam schmerzlichen Erregung, die ihn wie im Bann an
der Erde hielt. Bis er endlich auf die Beine gesprungen. Er sah sich nach allen
Seiten um. Der Plan war tieferglhend, wie von innen, auch alle die alten Reste
Stroh und Lumpen, die noch herumlagen. Aber es war totenstill. Einhart hatte
seinen Hut im Schlafe vom Kopfe gestoen, und er sah ihn jetzt nur ein wenig
tiefer am Ufer liegen. Mein Gott, sagte er vor sich in. Er war zuerst richtig
kummervoll. Alles, was er ertrumt hatte, ging ihm noch einmal im Auge vorber
wie ein ganzer, langer Festzug. Er hatte den Hut aufgenommen, in dem Ameisen
herumkrochen, und begann ihn, den Blick in die Weite gerichtet und in sich
sinnend, achtlos auszustbern. Dann fhlte er auch, da er sein Frhstcksbrot
noch in der Jackentasche mit sich trug. Nun also konnte er ins Unbestimmte
vorwrtsgehen. Da er eine Heimat und Eltern hatte, kam ihm jetzt nicht mehr in
den Sinn. Da hinaus! dachte er nur, indem er der Chaussee zulief.
    Er hatte gleich wie eine Witterung. Das Frhstcksbrot vom Morgen hatte er
aufgeklappt und flchtig gesehen, da ein Stck Kse dazwischen lag. Aber er
nahm sich nicht die Zeit, zu essen. Ein alter Bauersmann im Rundhut kam die
Strae her, als Einhart versuchte, im Erlengestruch am Wege einen Wanderstecken
abzureien. Ach, entschuldigen Sie! rief er dem Bauern zu. Wissen Sie
vielleicht? Aber der Bauer hielt sich gar nicht daran. Er lief weiter, als wenn
kein Laut an sein Ohr gedrungen. Dann sah Einhart deutlich die Spuren, wohin vom
Plan aus die Wagen der Zigeuner sich gewandt hatten. So lief er.
    In Einhart war mit dem Hantieren schon in den Erlenbschen ein frhliches
Erregen aufgewacht.
    Vielleicht wird die Horde berhaupt noch nicht lange wieder auf dem
Wanderwege sein, dachte er nur.
    Sie sind sicherlich erst in der Abendkhle aufgebrochen, dachte er bei
sich und nahm immer bestimmtere Schritte.
    Einharts Schreiten war wie das jedes Menschen eine Besonderheit. Wer viel
trumt, lebt viel in sich tief geborgen und abgekehrt. Die Beine gewhnen sich
dann so lssig und gerade nur zum Halte hinzupendeln. Auch wenn da einmal
Sehnsucht und brennender Vorwrtsdrang aufflammt und sie zu treiben beginnt.
Wnsche und Triebe, die alle hinaus sich wenden, verlieren nicht lange doch
wieder in neuen Visionen alle Macht, und die Beine beginnen bald ihr altes
Spiel. So war es auch hier, da Einhart durchaus nicht schnell und eilig
vorwrtskam. Auerdem lagen die Felder fast im Dmmergold, weil der Abend
erblichen. Die roten Mohnblumen glhten noch fr sich heraus wie heie Flammen,
und der Frieden der Welt summte in Mcken und allerlei grauem Getier um seine
Wege.
    So wiegte und schwankte er nur lssig unter den niedrigen Kirschensten hin,
ohne da gro mehr als eine drollige Wibegierde aus Sinn und Augen in die
Dunkel der Ferne dann und wann voraussprang, und eine Freiheit und unerkanntes
Erschauern ihn im Blute erfllte. Aber er kam doch vorwrts. Die niedrigen Birn-
und Kirschbume an der Chaussee begannen ihren glhenden Schein an Stamm und
Blattwerk ganz zu vergessen und khl auszusehen. Es gingen wie leise Geflster
hindurch und strichen wie weiche Genien die fernen Felder. So von Schemen
umhaucht und hingezogen im friedsamen Dmmerluftkreis, gingen die Stunden wie
Minuten ungehrt und wie in vollem Traume.
    Da es lngst Nacht geworden. Da er endlich in der tiefen, einsamen
Nachtstille fern den Dunkelwald sah, der unter einem bleichenden
Mitternachtschein ragte.
    Da er Feuer am Waldsaum aufflammen sah und Gestalten im Schattenkreise sich
bewegen.
    Einhart weckte fast pltzlich ein Schreckgefhl. Er begriff einen Augenblick
jetzt seine ganze Lage. Er war erst jetzt einmal wieder noch ganz der Einhart
Selle, des Herrn Geheimrat Selle Sohn. Auerdem dachte er flchtig liebend an
die Mutter und an Rosa. Er war stehengeblieben und zgerte, indem er jetzt auch
in die Welt oben sah und mit dem Blick in den Sternen hing. Ach, diese Welt!
dachte er und staunte er, und ging ihm trstend durch den Sinn, flchtig froh,
so da Vater und Mutter und Rosa gleich auch wieder mit versunken waren. Da er
dann sich sehr ruhig am Chausseegraben niederlie, jetzt sein Brot gelassen aus
der Tasche nahm und hineinbi. Seine Gedanken sprangen jetzt an allen
Helligkeiten der Nachtwelt um wie belebt. Schon wie diese Kornfelder bis zum
Walde hin bleich aussahen, wogende, blagoldne Vliee. Stets hatte er in seinen
Trumen auch immer wie ein Skizzenbuch vor sich. Jetzt in der Nacht konnte man
natrlich nichts aufzeichnen, dachte er. Dann hatte er ja auch gar nichts bei
sich dergleichen. Er mute geradezu laut auflachen. Ich wrde sonst nicht zu
ihnen finden, mich einfach vertrumen, wie dort verschlafen! so ein Dummkopf wie
ich! dachte er vor sich hin.
    Dann hrte er eine Stimme vom Walde her. Noch einmal. Der Frieden der Nacht
trug sie herber. Das machte ihn heiter auffahren, da er groe Bissen a,
unterdessen er schon dem Walde zulief. Die Feuer waren nahe, wie gelbe
Wunderblumen in dem blauen Tiefdunkel der nchtigen Waldschatten. Als wenn groe
Bltenbltter, nur aus Schein gewoben, hastig eilten und flsterten, dann und
wann goldne Funken himmelan wehend.
    Einhart schlich am Waldsaume im Grase hin. Leise kam es von den trumenden
Nachtwipfeln wie Atemzge und fernes Verrauschen. Dann stand er ganz nahe und
konnte den jungen, schnen Zigeuner betrachten, der gestern im Taumel der rgste
war. Hingelmmelt, in einem Strauchschatten halb geborgen und das Gesicht von
Lichttupfen sanft berflackert, schien er vor sich zu trumen. Oder er hatte die
Augen ganz zugetan?
    Einhart traute sich nicht heran. Alle schienen zu schlafen. Ein schwarzer
Topf hing ber dem Feuer. Die Kinder waren wohl in den Wagen geblieben. Oder
nein! - Einhart schlich, da der Waldgrund kaum knisterte, nher. Man lag wie
Dunkelflecken herum. Um die Ecke am zweiten Feuer lagen zwei Mnner, die im
Scheine mit Karten schlugen und nicht sprachen, nur dann und wann murrten. Das
Feuer brannte ihnen helle Farben an, da die Kpfe aus der Dunkelnacht glh
herausragten, sinngebunden und achtlos.
    Die beiden Zigeunerdirnen schritten behutsam aus einer Schattenecke. Oh! es
war nur Franziska, die ltere, und ihr Luftbild, das vom Feuerschein geweckt in
den nchtigen Wiesennebeln mitging. Du! sagte sie ganz leise und zrtlich,
ach, du! - Nein - nein - nein! sagte sie ganz verhalten, offenbar von dem
Wunsche getrieben, dem rtselhaften Nachtgetmmel der Trume um Stamm und in den
Kronen, in den Silberflchen der weiten Nachtfluren und Felder, in dem
bleichblauen Sternengrund und dem schlafenden Lager rings nichts zu rauben. Und
sie drngte Einhart ohne Hast, ganz kindlich gelaunt, tiefer in den Wald hinein.
    Einhart begann das Herz lauter zu schlagen. Er hatte noch nie ein fremdes
Mdchen so nahe gefhlt.
    Da mut du nur nicht dich rhren! sagte sie. Ganz nur stille sein, du
kleiner Herr! sagte sie eilfertig und mute lachen.
    Aber niemand im weiten Walde hrte ihr Lachen, als nur der Silberschein, der
ihnen zu Fen in das Nachtgras glitt.
    Einhart sah das dunkle Mdchengesicht, das jetzt auch ganz silbern umflossen
war, nahe vor sich. Er fhlte den weichen, schmiegsamen Leib ganz nahe, da ihm
das Herz bis zum Springen schlug, rtselhaft und froh. Die lachende Dirne hing
an seinem Halse und prete ihn. Sie kte ihn leise auf den Mund. Sie atmete
nicht. Wie zu einem unbegreiflichen Zauber sog sie sich lieblich und zrtlich
nur immer fester und fester an seine Lippen. Einhart hatte nie begriffen, was
kssen ist. Niemals htte er seine Schwestern kssen mgen. Da htte er einfach
lachen gemut. Er hatte hchstens einmal die Backe drollig hingehalten, wie wenn
er rasiert werden sollte, da dann Frau Selle der Backe einen Klaps und einen
Ku zusammen darauf gab. Nun erregte es ihn unglaublich froh, wie sich die
kleine Lacherin inniger und inniger ansog. Es schmeckte wie Walderde und Harz.
Und wie er stumm lchelte, sog auch er.
    Da er den Atem nicht atmete. Da er das Leben nicht lebte. Da die Stunden
der Nacht ungehrt und unbegreiflich gingen.
    Ein Geschrei strte sie. Einhart war, als die Lippen auseinander sich
lsten, eine kleine Bschung erschreckt hinabgeglitten, gerade als der Schrei
sich neu wiederholte. Das Mdchen sprang fort. Die Alte hatte nach ihr gerufen.
    Dann lag Einhart einsam die Nacht in einem Leben und in einem Lieben ohne
Ende, und flog in Trumen, und sah, wenn er die Augen rtselhaft auftat, die
Sterne im Rume schweben und hrte nicht Menschenlaut rings, nur die
Tannenkronen ziehen und leise raunen, und eine fremde Nachtstimme schrillen,
gleich neu aufgesogen, weil ein Sturmsto in den Wipfeln sich verfangen und wer
wei welchen Vogel geweckt hatte, der sich aufhob.
    Am Waldrande verglhten die Feuer kaum noch in der Asche. Die Pferde lagen
hingestreckt. Die Menschen lagen hingestreckt. Alles schlief.

                                       9


Einhart war nicht zur Salzsule bestimmt. Zurckblicken war gar nicht seine
Sache. Er war wie ein Kind vor reichen Tafeln. So lange er Augen und Sinne
reichlich voll hatte all der schnen Dinge, wenn braune Zigeunermnner
verchtlich und hart aus den Wagenkellen und unter den halberhobenen Planen der
Wagen schreiend sich streiten, und die kleinen bissigen Pferde nach Fliegen oder
sonst um sich schlagen, die halbnackten, verwahrlosten Weiber gleichgltig
geschftig und die lumpigen Dirnen sanft ohne Ma neben einem schlendern mit
Ziegen am Stricke, da war Einhart heimlich zum Jauchzen sogar, zum in die Lfte
springen zu Mute, und er gab seiner Laune auch durch allerlei Drolligkeiten
Ausdruck. Schon da er noch viel toller wahrsagen konnte, wie die Dirnen, nicht
nur aus den schwieligen, dnnen Hnden, aus den Wrzchen am Halse, aus den
knisternden Haarstrhnen, in denen Strohhalme hingen, und aus den langen Zehen
von Lisa, die ihm wie feine Finger schienen, und aus dem Finken- und Starenflug
ber den Ebereschkronen der staubigen Landstrae, auf der sie Stunden schon
hingezogen, das amsierte die Zigeunerkinder und scharte sie um ihn.
    Und Einhart konnte nicht satt werden, sich umzublicken in die Lande, wo die
reifenden Felder in Sonne gebreitet lagen, die fernen Kirchdrfer mit roten
Dchern und Trmen und Kreuzen darauf im Baumwerk glnzten und leuchteten.
Konnte nicht satt werden, dienstwillig einher zu eilen, wenn man am Straenrande
im Baumschatten ruhte, und es galt die struppigen Pferde zu trnken, Wasser
herbeizuholen oder sonst Handreichungen zu tun.
    Man hatte an einer Windmhle auf einsamer Hhe Rast gemacht. Der Wind hier
oben hatte das Gefhl der Schwle, das Einhart ein paarmal unterwegs wie
flchtig den Atem genommen, trotzdem sein Gesicht frisch und feucht und vergngt
immer vor sich hin gelchelt, lngst genommen. Und es konnte fr ihn jetzt nach
getaner Arbeit nichts Schneres geben, als so unter Glockenblumen und Schierling
und allerlei gelbem Blhwerk hingestreckt liegen, whrend Kfer und Spinnen an
Halmen herumkrochen, und die Sonnenstrahlen sich unter das kleine Grasgerume
stahlen, so alles nacheinander gespannt anzustaunen, auch den blablendenden
Himmel oben, und das faule, braunugige Dirnenvolk mit seinen losen
Heimlichkeiten daneben, die sich achtlos enthllten.
    Wie im Himmel kam sich Einhart vor. So hatte er sich das Leben gedacht, so
und nicht anders. Durchaus nicht faul. Mde wurde man. Zu tun gab es genug unter
dem Wandervolke. Auch Kinder und Dirnen hatten genug zu tun gehabt, ehe sie dem
alten, weien, geizigen Griesgram von Mller den Eimer Mehl abgebettelt, der
jetzt von den Mttern zu Brei zusammengerhrt und mit Krutern verspeist werden
sollte. Hier gab es doch wirklich einmal ein seliges, Einsaugen der Welt. Hier
lag man einmal ohne allen Anspruch. Hier stampften die Pferdehufe eintnig in
die tiefe Sommerstille, und auch die Mnner, die aus den halberhobenen Planen
den ganzen Weg hinausgeschrieen und sich zugelrmt, waren hier still und trge
hingelagert. Und man geno wirklich, wie wenn man die Welt unter den Fen in
erhabener Hhe lebte.
    Einhart dachte jetzt auch, als er so dalag, da das Geschrei und die
Stimmen, die hart und unbarmherzig in die Lfte gehallt, nur aus Gewohnheit
kmen, weil sie immer das Gerassel der Wagen bertnen mten. Er liebte die
Leute. Freilich hatte er sich schon am Vormittag ein wenig erschrocken mit
einfltigem Lachen im Gesicht, weil der eine alte Zigeuner, der ihn brigens,
wie die Mnner alle, wie Luft behandelt, frech und rcksichtslos unter die
Dirnen mit der Peitsche hineingeschlagen, immer wieder neu, bis sie sich trotz
deren anfnglicher Bosheit und Strrigkeit aus Einharts Nhe eine Weile
zurckgezogen. Es hatte ein Aufheulen der Kinder und ein Gekreisch unter den
Mttern gegeben. Franziska hatte einen Hieb mitten ber die Backe unversehens
aufgefangen. Und das Gesicht war sogleich blau angeschwollen. Ein Vieh! hatte
Einhart pltzlich auch in diesem Augenblicke ausgestoen. Nichts sonst. Denn
beim Weiterfahren in das nchste Dorf hinein hatte man davon schon nichts mehr
gewut. Da war es nur hurtig weiter gegangen, alles nur mgliche in die Wagen
geborgen, Vieh und Menschen. Da waren die Wagen hart den Berg hinabgerasselt,
die kleinen, grauen, schwitzigen Falbratten davor galoppierten, und man sa
untereinander und lachte und trieb tausend Kurzweil im Dehnen und sich lssig
Gedanken machen.
    Nie htte Einhart jetzt daran denken knnen, da der seltsame Traum, den er
so hinlebte, einmal knnte ein Ende nehmen. Er stand schon wieder und khlte am
Wassertroge im Hofe des Dorfkretschams, wo man untergekommen, Franziska die
blaue Schwiele, als ihn ein Gendarm unsanft am Arme ri und ihn auch gleich ohne
rechtes Besinnen seinerseits mit fortgenommen.
    Und damit war Einhart ebenso unversehens bald wieder daheim. Denn es hatte
gar keine Reden gegeben, auf die der Gendarm nicht mit aller Strenge und
hhnisch herabgesehen. Und etwa zu leugnen, da er Einhart Selle war, war
Einhart bei dieser berrumpelung gar nicht richtig in den Sinn gekommen. Man
hatte ihn anfangs sogar gebunden. Aber Einhart hatte dem Gendarm einfach
erklrt, da er durchaus nicht entweichen und ruhig mitkommen wrde. Er fhlte
sein Gewissen ganz rein und fand es sogar in seiner Art nicht ohne Reiz, einmal
die Welt auf diesem Rckwege der Enttuschung anzusehen. Her als Freier, hin
als Gefangener, so phantasierte und lchelte er vor sich hin und belustigte
sich heimlich noch gar ber den grnen Laubfrosch von Gendarm, der in ganzer
Wrde neben ihm schritt. Nicht gro Rckschauen gab es und nicht gro Vorschau.
Daran nur einstweilen ganz noch ins Unbestimmte beteiligt. Er mute an Rosa
denken, der er alles erzhlen wollte, und vor allem der Mutter. Das machte sogar
eine flchtige Neugier, wie ihn die daheim ansehen wrden. Wenn Herr Selle graue
Miene machte, war das nichts Neues. Da da etwas sonst geschehen knnte, ahnte
Einhart mit keiner Silbe.
    Aber die Sache war als Wirklichkeit doch sehr unangenehm. Erstens einmal war
eine ganz fremde Klte schon in den Schwestern, die zufllig im Korridor
standen, als man ihn heimbrachte. Keine hatte gewagt, ihn zu begren. Nur mit
Kopfnicken von ferne, nur ganz steif, und als wenn jede ganz beschmt wre. Er
hatte ihnen zugelchelt, da er ja doch noch immer derselbe Einhart war. Aber da
hatten ihn Johanna und Katharina und Emma noch seltsamer und steifer angesehen,
ohne zu erwidern.
    Rosa war nicht dabei. Frau Selle war auch nicht daheim.
    Und drinnen erst bei Herrn Geheimrat Selle war die Sache dann bald zum
Entscheid gekommen. Einhart hatte beim Eintreten jetzt wirklich gesehen, da er
dem Vater ein Unheil zugefgt. Herr Selle war geradezu gealtert. Das sah Einhart
gleich, als ihn der Gendarm hineinbrachte. Einhart war auch in seiner Gte
entsetzlich unvermittelt. Wie er sah, was hier geschehen, htte er sich am
liebsten gleich dem Alten, den er heimlich liebte, vor die Fe geworfen. Aber
Herr Selle hatte zuerst seiner gar nicht geachtet, nur mit dem Gendarm lange
noch im Flsterton gesprochen, ehe er auf Einhart zukam. Aber wie Einhart neu
das vergrmte, alte, graubrtige Gesicht ansah, und es ihm wieder ankam, wie auf
die Knie zu fallen, gleich, und den lieben, strengen Herrn tausendmal anzuflehen
in Gte und Liebe, hatte ihn der Vater auch schon ins Gesicht geschlagen. Denn
Einhart hatte auch dabei ein Lcheln trotzdem im Gesicht gehabt, was durchaus
nur Liebe und Gte war, und was Herr Selle jetzt nur miverstand.
    Dann hatte er, der alte Herr, Frau Selle, die in ratloser Aufregung
hereinstrmen gewollt, nur streng hinausgewiesen, sie mit Bestimmtheit und Hrte
dann einfach selber hinausgefhrt, und seine Erklrungen, nachdem er die Tr
hinter ihr verschlossen, hart abgegeben.
    Mach dich sauber, Saukerl! Bade dich, Strolch! Deines Bleibens ist nicht
weiter unter einer anstndigen Familie. Du besudelst die Ehre deiner Eltern und
Geschwister. Morgen frh zeitig wird dich jemand nach K. bringen. Wohin hrte
Einhart gar nicht, dem nur die Backe rechts und links brannte, und die Seele in
Asche sank. Und es war auch gar kein Versuch Einharts geglckt, sich trotz des
Schmachgefhls neu liebend zu nahen, immer wieder in einfltiger Demut. Herr
Selle blieb hart, wie ein Stein. Einhart hrte gar nicht, was der Vater alles
redete.
    Du zeichnest ja gern, hatte Herr Selle dazwischen endlich auch gesagt. Das
war wohl der einzige mildere Ton.
    Ja, ja - gewi, geliebter Vater, ich zeichne gern, das tue ich ja furchtbar
gern, hatte Einhart fast in Ekstase gerufen.
    Aber ein Blick voll Verachtung ber diesen Laut, der Herrn Selle wie
Frechheit klang, drngte Einhart zur Ruhe. Und dann war er mit harter Gebrde
hinausgewiesen, hatte im Zimmer zu bleiben, niemand durfte zu ihm, er bekam
Wasser und Brot zu essen, wie ein Strfling, und hatte nur seine Sachen zu
packen.
    Aber Rosa kam trotz des Vaters Rede und Zorn. Auch Mutter hatte gar nichts
zu reden gewagt, als sie ihm beim Packen doch helfen mute. Sie hatte Einhart
nur mit schmerzvoller Liebe angesehen, und Rosa ausdrcklich vor Vater gewarnt.
Aber Rosa war khn. Du, das vergessen die alle bald, sagte sie zrtlich zu
Einhart. Mach dir nichts draus. Es ist ja Unsinn, so ein Wesen zu machen. Was
ist denn passiert? Du, das mu furchtbar interessant gewesen sein! sagte sie
lachend. Da lachte Einhart auch. Nu ob! sagte er drollig. Und dann mute sie
ihm erzhlen, was sie wute, wohin er kme? und was man eigentlich mit ihm
vorhtte? Und am andern Tage befand sich Einhart schon bei einem
Steindruckmeister in der Lehre, einige Stunden Bahnfahrt entfernt in einer
kleinen Stadt.


                                  Zweites Buch

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Es ist eine Gefahr, wenn Menschen ein Leben vertun mit Dingen, die ihnen und
ihren Erinnerungen ewig entweichen, und die nichts zurcklassen, als mde Arme
und ein mdes Entsagen. Und die so in den Abgrund ihrer eigenen Zeit, der ihres
Sehnens einziges Gef sein kann - den vollen Lebenstrank einzubrauen, nur
Nieten um Nieten werfen, und auf ihrem Herzen beim letzten Atemhauche gellt es
aus der tiefen Leere eines weggeworfenen Lebens nach. Da kommt es wohl auch
schon mitten in der Zeit, da der Verarmte, der nicht mehr seine Arme oder auch
seine Sinne regen kann, nach Troste greift und hingeht in Trunk und Taumel,
seine Leere auszulschen, und vollends zu vergessen, was er an Wnschen und
Begehrungen emporblhen gesehen, einmal als noch das natrliche Drngen mit
Jugendgefhlen ihn hinaustrug ins Leben zu Tat und Traum.
    Es ist weit und breit ein solches des Land. Ein Groes, Ganzes, Gewaltiges
in der Zeit, und doch nur ein Zusammenklingen aus zerpflckten, zerstckten
Sehnsuchten des Menschen, gebaut wie aus heiligen Steinen. Und die daran
schufen, gehen seelenlos einher, das groe, steingeschaffene Bauwerk
anzustaunen, aber offen oder heimlich mchten sie sich in den Staub werfen und
weinen nach ihrer verlorenen Seele. Aus solchen tiefen Erkennungen gehen schon
Kinder und Jnglinge in freie Wildnisse, wenn sie die de wittern, und suchen
sich mit Leidenschaft und Inbrunst anzuklammern an die Verheiungen, die in
eigenen Trumen leben. Wie sie immer sein mgen, solche, die mit Inbrunst und
wie heilig wandeln, zrtliche Schwrmer mit Augen, wie fromme Engel, oder
solche, die die Einfalt ewig lcheln macht, sanft und voll ppigen Vergngens,
ber die Torheiten, mit denen sich die Welt von Anbeginn betrog.
    So war es auch mit Einhart.
    Seitdem er in der kleinen Bergstadt lebte, hatte er die Einfalt zum Schutze
und das Lcheln zum Troste.
    Die Steindruckerei lag in einer engen Strae mitten in der Stadt. Die
Arbeitsrume dehnten sich nach hinten aus, und die groen Fenster gingen auf den
Hofweg und auf Schuppen. Er stand nun hier und griff zu und sah Lehrlinge gleich
ihm in blauen Schrzen, und Gesellen vor der groen Steintafel hantieren und
hrte auf die sorglichen Worte des Meisters.
    Der Geist des ganzen Hauses ging von der Meisterin aus. Sie war aus einer
pietistischen Familie vom Rhein, und schon ihr Aussehen, wenn sie ging mit ihrem
Rundhut und immer in dunklen Farben der grau in grauen Welt der Mhsal, obwohl
sie jung und drall und die Augen frisch und fast zu sicher schienen, und der
Kindersegen nicht gering war, zeigte einen ganz eigenen Schlag Verzicht auf
ueres Tun und Glnzen.
    Die Frau war, was man zu sagen pflegt, ein frommer Dmon. Sie hatte alles im
Banne. Sie sah wie ein Habicht und hrte, wie ein scheues Wild. Es entging ihr
keine Untchtigkeit. Sie sah keine verstohlene Miene und heimliche Glosse, die
sie nicht dann hinter Schlo und Riegel vor dem Meister allein erwhnte und zur
Abstellung empfahl. Wenn sie ins Werk hinein flchtig vorbeigehend zusah, konnte
man denken, da sie allen nur zulcheln wollte. Der Meister selber, der von
unerhrter Umstndlichkeit zu jedem Worte ein Besinnen und zu jedem Besinnen
soviel Minuten Zeit, wie zur Tat brauchte, also da man in Geduld harren mute,
bis eine Meisterweisheit endlich von seinem Herzen sich gelst und salbend aus
dem rot-bebrteten Munde und sanft aus den grnen Augen ausgegangen, der Meister
selber bekam fast Eile, wenn Frau Kallinich gerade durch die Werkstatt schritt
und dort ihre frischen, grauen Augen herumwarf.
    Einhart hatte es gut. Der Meister war nicht nur fromm. Ein Geheimrat, das
hatte ihn gleich niedergeschlagen. Die Gesellen waren frech. Die lieen Einhart
springen, wie die andern blauschrzigen Jungen. Aber der Meister sah in Einhart
etwas Besonderes. Einhart konnte da anfangs nicht klagen.
    Klagen war Einharts Sache berhaupt nicht. Nach auen gab er jetzt nichts.
In gewissem Sinne amsierte ihn die Arbeit. Weil er auch noch viel zusah. Und
man sah auf den Tafeln allerhand Dinge aus der Welt. Nicht nur ewig Buchstaben.
Auch Bilder. Manches davon bewegte Einhart. Das alte Kloster am Sinai war das
erste, was er im Bilde in Steindruck sah. Der Geselle, der es bearbeitete,
kmmerte sich nicht weiter darum. Aber Einhart fragte und fragte. Und weil der
Geselle ihn angefahren: halts Maul! fragte er geradehin den Meister, der ihn
belehrte.
    Der Meister kannte alles, besonders was um die heilige Geschichte herum war.
Er erzhlte also gleich umstndlich und mit viel Aufmachen der Augen, gro und
weit, ehe auch nur immer wieder ein Wort voll Tiefklang kam, von der Sttte des
Mosesbrunnens, wo jetzt zum Andenken eine Platte reinen Silbers gebreitet wre,
und die Tropfen ewig flssen seit Jahrtausenden. Er erzhlte auch, da sein
schnster Wunsch gewesen, einmal nur einen Trunk aus jener heiligen Quelle zu
tun, in demselben Tonfall wehmtigen Sich-besinnens, wie Einhart sich erinnerte,
da Herr Geheimrat Selle immer von den lauteren Quellen der deutschen Altertmer
gesprochen hatte, nach denen er eine ungestillte Sehnsucht trge. Herr Kallinich
rhmte dann auch laut Einharts Wibegierde. Obwohl die Gesellen heimlich emprt
waren, und sobald er ihnen den Rcken gekehrt, untereinander ausfielen, da sie
viel zu tun htten, wenn sie auf all den heiligen Zimt eingehen sollten.
Stumm und dumm , sagte der Kurzbrtige, mu der Geist sein, wenn man zu Gelde
kommen will.
    Natrlich hielt sich Einhart nur an die Meisterleute.
    Und es dnkte ihm auch gut, mitzutun, wie es im Hause ging. Der Herr
Geheimrat hatte ausdrcklich Familienaufsieht verlangt. Einhart mute deshalb in
der Familie wohnen. Die brigen Lehrlinge wohnten neben der Werkstatt. Einharts
kleine Stube lag gegenber der Wohnstube, neben der Kche. So konnte er auch oft
fromme Gesnge hren, und morgens und abends mute er es mitmachen.
    Der Meister sang dabei selber vor, sa mit Wrde und hatte ein richtiges
Lehr- und Lesepult vor sich, darauf Bibel und Gesangbuch ruhte. Sein groer Mund
ffnete sich weit, da Einhart jedesmal heimlich auf den Moment spannte und dann
ber die Weite des Mundes heimlich lachen mute. Aber noch mehr ber die
gesenkten Mienen der Frau Meisterin, die nur dann und wann seitlichen Blickes im
Kreise herum und auf ihre beiden Tchter sah.
    Eine war noch klein, etwa vier. Die andere ging eben ins Fnfzehnte und sah
frisch und frech aus, wie die stlpnasige Mutter. Fromm waren alle. Die Mnder
aller standen dann im Gesange offen, und es klangen feierliche, laute
Betgesnge.
    Einhart fand es ganz angenehm, so den Tag einzuleiten und auch zu beenden.
Er hatte es an sich gern zu summen und zu singen mit vergngten Augen, und
manchmal in die Augen der frechen, jungen Dirne hinein. Im Grunde war er den
Ereignissen immer ziemlich fern. Aber was kann das Mhlrad tun, als sich
umzudrehen? Man konnte zunchst nichts weiter erwarten. Ganz allmhlich erst
begann die junge Seele wieder hinein zu trachten irgendwo in Dinge, die sein
wrden, wie sie es sich trumte. Ganz allmhlich bekam alles das, was da aus der
Vergangenheit heilig erstarrend heraufkam, fr Einhart einen grauen Hauch
drollig trostloser Wrde. Ganz allmhlich konnte Einhart den Meister und die
Frau Meisterin gar nicht anders mehr sehen, als wren sie rckgewendet und
htten ihr Gesicht eigentlich hinten. Er litt manchmal heimlich geradezu wie an
einem Narrenzwange und mute sich richtig besinnen, da er sich solche
Tollheiten nur eingebildet. Aber alles, was der Meister so hinstellte, als mte
man nicht leben, sondern erst sterben, um es zu erlangen, machte ihn rundweg
bermtig.
    So standen sich hier zwei Welten stumm und fern gegenber. So einfltig die
Kohlenaugen Einharts noch immer auch herausblickten auf den frommen Meister und
die nuharte Frau Meisterin hin, so kindlich auch und mit Begehren die kleine
Berta Einhart zulachte und die erwachsenere Helene schon mit kecker Lockung.
    Helene war in Einhart gleich verliebt gewesen. Sie kam hufig in seine
Stube, vornehmlich Sonntags, und hockte sich zusehend nahe, wenn er dann dasa
und fr sich etwas zu zeichnen oder zu malen versuchte. Einhart fand sie immer
nur sehr albern. Schon weil sie ein Gesicht hatte, das nie ein Lcheln richtig
sanft zeigen konnte und gleich nur wie ein Altes ausbrach. Wobei ihm immer wie
Lieblichkeit durchs Trumen das Lcheln ging, mit dem Zigeunerdirnen aus stummen
Glutaugen lcheln, wie wenn Blumen oder Birkenbsche lachen und flstern im
Winde, dachte dann Einhart so hin. Diese Helene war jung und derb entwickelt,
blond ohne goldnen Schein, blauugig und doch nichts vom Himmel drin. Wie ein
blauer, kalter Kattun war das Auge, leer nur und lstern. Wenn sie ihn prete
oder seine Hnde in die ihren nahm: Nichts tat er, gleichgltig lchelnd war er.
Er knipste sie mit dem Finger an die Nase. Er dachte und trumte wahrhaftig
andere Dinge, als nur so graues Handwerksleben. Er lebte die Woche mit sich und
lief dann irgendwo hinaus, am Sonntagnachmittage, und lag ber der Stadt hoch
oben am Walde.

                                       2


Es waren mehr als dreiviertel Jahre vergangen, seit Einhart beim Meister
Kallinich eingezogen war. Die daheim hatten immer gute Nachrichten erhalten. Der
Meister selber rhmte Einharts Anlagen fr den Beruf und vor allem, da er
ausgezeichnete Entwrfe lieferte, Ideen selbstndiger Art und viel Lust zu
derlei reger Phantasiearbeit htte. Meister Kallinich gab sich alle Mhe, sich
Herrn Geheimrat gegenber mit vollendeter Sachkenntnis auszudrcken. Herr Selle
war es jedesmal sehr zufrieden. Aber Einhart hatte auch geschrieben an Mutter
und an Rosa. Wie Einhart war. An Vater wohl nur einmal gleich im Anfang und noch
unter dem Gefhl der Schuld, die er an ihm begangen. Dann immer nur allerlei
drollige Dinge an Rosa hauptschlich.
    Weie Ziegen weiden hier nicht an dem See. Aber schwarze Bergleute laufen
Tausende auf der Strae. Und dann, was das Weiden anlangt, das tun hier so recht
sanft und fromm nur die hellen Augen der Frau Meisterin, die jede Ungehrigkeit
von Lehrling und Gesellen ffentlich gleich mit Strunk und Stiel abbeit, und
jede Ungehrigkeit des frommen Meisters heimlich. Ich selber wei von
solcherlei, was nicht pat, schon kein Wort mehr, und wenn ihr mich sehen
wrdet, dchtet ihr einfach, ich wre Einhart Kallinich, so renne ich herum
zwischen Presse und Tisch und zu allen Kunden und blicke auf, wie ein richtiger
Apportierhund. Ich glaube, ich habe auch so helle Augen bekommen, wie die feste
Helene, der frommen Meisterin freches Ebenbild. Ach woher nur, eben sehe ich in
den Spiegel, und erkenne, da ich das nur mu getrumt haben. So leicht verfrbt
man sich nicht. Aber lachen kann ich garnicht mehr. Eben versuche ich es im
Spiegel. Die Augen glotzen mich an, dunkel wie Rosas sanfte, schwarze
Kirschenblicke, aber lachen - nichts davon. Es gibt hier nichts zu lachen. Zum
Lachen mu ich Sonntags allein auf den Berg gehen. Es ist ein Eichengehlz. Da
liege ich manchmal, und auch jetzt im Frhling, wenn die Sonne noch durch das
lose, lustige Knospenwerk fllt und nicht vollen Schatten, nur feine
Schattennetze auf den Boden wirft. Da merke ich berhaupt immer erst wieder, da
die Welt den Himmel, nicht die niedrige Stubendecke ber sich hat, und man nicht
nur Steindrucktafeln machen braucht zum Zeitvertreib, auch aus den Stubenwnden
hinausfliehen und die ferne, weite Welt ringsum anstaunen kann und Leben
fhlen.
    Der Brief war, wie ihn nur Einhart schreiben konnte. Er ging aus dem
Hundertsten ins Tausendste und nahm kein Ende. Und hatte am Eingang ausgelassene
Neckereien und am Ende Einflle. Und ein Denken an daheim kam nur noch wie eine
leere Formel nachgehinkt. Denn Einhart war gesunden Blutes. Da die daheim krank
seien, da es ihnen nicht wohl sein knnte, daran dachte er mit keiner Silbe.
Und da er Gre wirklich anfgte, hatten nur die Lehrer verschuldet. Und
Einhart tat es mit dem Gefhle, da er sich am Schlusse des Briefes doch auch
einmal vor Vater verneigen mte, wenn der Vater den Brief oder einiges daraus
zufllig zu hren wnschte.
    Aber Herr Selle bekam dann auch pltzlich wieder einen Brief von Einhart,
der zunchst einige Aufregung ins Haus trug. Man hatte erwartet, man knnte nun
Jahre ruhig sein, und Einhart wrde so, ein gutmtiger Lehrling, allmhlich zum
Gesellen erwachsen und ein ehrlich-frommer Steindruckmeister werden. Wenn Rosa
alle Briefe gezeigt, htte von solchen Erwartungen nicht die Rede sein knnen.
In einem hatte gestanden: nein, nicht im Briefe - in einem Zettel, der
danebensteckte, und auf den er geschrieben:
    Ich schreibe das nur auf das Zettelchen, denn das darfst Du einstweilen
niemand sagen, auch der geliebten Mutter nicht, die sich nur ngstigt. Da hatte
er geschrieben:
    In die Welt gehen mu man, und wenn einem Vter und Gensdarme nachstellen.
Das mit den Zigeunern war nur dumm angefangen. Auerdem nur so wandern, das
ginge auch nicht. Sowas ist nur ein Kindertraum. Man mu was ausfindig machen.
Es mu sich lohnen und einen Sinn haben. Den Mittelpunkt der Welt finden, oder
eine schne Prinzessin, oder den Zauberwald, wo in der Dunkelnacht alle Bltter
zu Golde werden. Alle Felsen staune ich hier auf meinem Berge an und denke mir
dahinter Sle und Gnge voll bunter Edelsteine. Und einmal finde ich doch noch
einen richtigen Schatz!
    Das war alles nur Lust zu fabulieren. Er htte nicht gewut, wie und wo?
Aber in seinem Briefe an Vater war der Ton ganz anders. Denn da wute er
zunchst ganz deutlich, da er es bei Meister Kallinich nicht zu finden dachte.
    Geliebter Vater! schrieb er, ich mu Dir ein Gestndnis machen, da es
mir immer noch sehr auf dem Herzen liegt, da ich Dir viel Kummer gemacht habe.
Ich bin aber jetzt ein Anderer geworden. Und habe viel ber mich nachdenken und
so zur Besinnung mich bringen knnen. Vielleicht hat Dir Herr Kallinich
geschrieben. Er ist immer mit mir zufrieden. Die Kunstarbeit hat mir immer
Freude gemacht. Wirst Du nicht bse sein? Es kommt mir vor, als ob ich es weiter
bringen knnte, als nur solche Steindruckerei. Erlaube mir doch, da ich mich
zum Maler ausbilden darf. Vielleicht glaubst Du mir. Ich will mich gewi
zusammennehmen und nicht abirren.
    Dieser Brief machte daheim Aufregung. Herr Selle traute nicht und war
unwillig. Er ist kaum in Ruhe gekommen, nun fangen die Treibereien neu an. Er
bleibt in der Lehre. Aber Frau Selle wute auf die drolligen Talente
hinzuweisen. Sie brachte die kleine Katzenfamilie aus dem Glasschrank, die
Einhart aus Wachs geknetet, eine ganz erstaunliche Leistung voll beobachteten,
spielerischen Lebens. Die Schwestern redeten zu. Rosa sagte unverhohlen: Wenn
er Maler wre, Papa, das wre doch ganz was anderes! Woraus Herrn Selle ein
eigenes Gefhl der Beschmung durch seine Seele huschte, da sein einziger Sohn
es nur gerade bis zu einem Handwerksgesellen oder Handwerksmeister bringen
sollte.
    Das alles kam zusammen, da Einhart sein Plan gelang, und grndlich gelang.
Grndlich, wie Herr Selle in solchen Dingen war, und doch mit einem Zuge noch,
da man diesem Menschen durchaus die Wege nicht zu sehr ebnen und dem eignen
Sichzusammenraffen und Weiterhelfen und Sichbesinnen nicht mit trichter
Sorglichkeit vorgreifen drfte. Er hatte erst Rcksprache mit dem Lehrerfreunde
genommen, der Einhart kannte. Der Direktor riet ganz und garnicht ab. Dem
Direktor fiel sogar eine Last von der Seele, da nun Einhart sich zu Besserem
durchzufinden angefangen.
    Er wute, da Herr Selle in der ganzen Zeit wegen Einhart noch immer
heimlich litt. Nun sagte er sogar: Ja - das habe ich mir immer schon gewnscht,
da er solche Wendung nehmen mchte. Ich bin sicher, so kann er noch ein ganz
tchtiger Mensch werden. Nun gut! sagte Herr Selle einigermaen zufrieden.
Ich will ihn nicht stren. Mag er den Schritt versuchen.
    Man setzte ihm ein kleines Monatsgeld sicher aus und erlaubte ihm, nach der
Akademiestadt zu fahren, nachdem noch mit Meister Kallinich in aller
Zufriedenheit die Dinge alle geordnet wren. Meister Kallinich setzte den
Erwgungen des Herrn Selle die Krone auf, indem er in seiner frommen
Bescheidenheit schrieb, da er es schon vorher, gleich wie er die Talente
Einharts gesehen, gewut htte, da Einhart durchaus zu etwas Hherem berufen
wre. Und man ging in die Neuordnung der Lage in ganzer Harmonie.

                                       3


Einhart war zum ersten Male in der groen Stadt. Er kam an mit einer ganz
einzigen Spannung in den gelbgrauen Mienen und ging vom Bahnhof gleich in die
Hauptstrae, um sich in der Menge umzusehen. Wer ihn so sah in seinem braunen
Rckel und dem dunklen Rundhut, wute nicht, ob er einen drftigen Photographen
oder einen von einer fliegenden Theatertruppe vor sich hatte. Man konnte auch an
einen Gaukler denken, der auf dem Seile tanzen, oder mit goldnen Kugeln vor den
Augen seiner Zuschauer spielen und sie in die Luft werfen knnte, da dann
gleich, wie im Mrchen die schne Quellfrau es tat, die goldnen Blle wieder mit
Donner und Blitz herniederfhren unter die strmende Menge. Einhart hatte eine
ganz besondere Art, sich hin zu bewegen, mit einer spitzen Miene manches zu
umgehen, da er recht auch aussah, als wre er auf Diebeswegen, beschliche
etwas, und tte heimliche Erwgungen, wie an Menschen und Dinge und
Schauauslagen geschicklich heranzukommen.
    Er war am Nachmittag angekommen. Auch an die Akademie ging er. Er sah das
Gebude lange an. Es kamen einige Jnglinge mit Mappen heraus, auch ein wenig
wie er, weil sie gleich ihm die Strhne der Haare unter dem Hute hatten
hervorquellen lassen. Nur gleichgltig jetzt und gewohnt an die Anblicke des
treibenden Lebens, an den breiten Strom voll Sonne unten tief an dem Mauerwerk,
und an die ragenden Gebude und blhenden Grten, die sich jenseits des glatten,
quirlenden Stromwassers, das um die Brckenpfeiler sich staute, angesiedelt.
    Und dann war des Besinnens nicht lange gewesen. Einhart wute immer zu
finden, wenn es ihn selber vorwrts trieb. Er hatte die Nacht in einem kleinen
Gasthause zugebracht. Und am folgenden Tage hatte er es nicht erwarten knnen,
seinen Platz in dem Atelier des Meisters Teodor zu erobern, seine Handwerkszeuge
zusammenzukaufen und dann sich in einer kleinen Bude hoch oben in einem
Mietshause im vierten Stock einzurichten.
    Schon am dritten Tage war Einhart unter denen, die morgens in die Akademie
eingingen. Und man kann sagen, er ging mit einem wahren Hunger ein. Er dachte an
Wunderdinge. Er dachte, nun mte sich eine ganze Welt auftun. Hier war einer
der berhmten Mnner, die es besaen, wonach sich viele Jnger zeitlebens
sehnten.
    Das Atelier Meister Teodors war hoch und hell. Ein Tisch stand neben der
Wendeltreppe, die einen aus dem Meisteratelier emporfhrte. Eine groe
Chaiselongue stand mitten, davor ein Eisbrfell mit offnem Rachen sich gelagert,
whrend Kopf und Rachen eines andern ber das Keilende des Lagers herunterhing.
Die Skizzen an den Wnden waren reichlich. Ein paar Staffeleien standen herum.
Der Meister war ein Mann voll heiterer Miene, dabei sehr geradezu. Einhart kam,
wie er seine Farbskizzen kritisierte, nicht aus dem Lachen heraus. Zu sagen, was
nicht stimmte, wute Meister Teodor. Er hatte einen Knebelbart und einen
Schnurrbart, die er abwechselnd zupfte, wenn er Witze machte. Und er machte
immer Witze. Auch wenn er sein Modell zu nderungen seiner Stellung mit dem
Malstabe anrhrte, oder wenn seine groen, grauen Augen noch weiter wurden, und
er zurckgelehnt scharf eine Linie des nackten Leibes beugte, sie scharf
gesehen hinzubringen.
    Der Meister malte ewig Frauen in allerhand idyllischen Lagen. Im Atelier
standen mehrere groe Bilder. Eines stellte die Hoffnung dar. Ein nacktes
Mdchen im Walde, mit Augen, die ebenso gro, wie leer schienen, und
hoffnungslos in die Ferne blickten. Einhart sah die Tafel lange stumm an. Es
fiel ihm jetzt ein, da er unter Hoffnung sich eigentlich niemals etwas Rechtes
gedacht. Die Sache war ihm neu. Er wute garnicht, ob es ihm gefiele. Er hatte
einstweilen nur auch ein groes Staunen, wie das alles sicher gemacht schien.
    Einhart mute mit dem Einfachsten beginnen. In der oberen Klasse saen die
Schler zusammen, von Portrtbsten abzuzeichnen. Der Zeichnenlehrer tadelte
gleich seine Bltter und rhmte nur anfangs einmal etwas wie Stilisierung. Aber
Stilisierung, mein Lieber! Sie fangen die Kirche mit dem Turm an, sagte der
alte, graubrtige Murrkopf in sehr bekannter Wendung, die Einhart doch originell
dnkte. Erst mssen Sie was knnen, dann knnen Sie stilisieren. Das alles
duchte jetzt Einhart zuerst durchaus richtig.
    Auch in den kommenden Monaten noch war er eingeschchtert. Er begann erst
allmhlich ein Gefhl zurck zu gewinnen, was aus ihm selber kam.
    Die Jungen in der Schule waren sehr verschiedenen Gelichters. Einige waren
unsglich peinlich. Das Zeichnen zeigte es: unglaublich geordnet und sicher und
reinlich - und die Dinge recht, wie sie Gevatter Akademiediener oder der Barbier
sah, der zum Direktor durch das Treppenhaus ging. Man wute im voraus, was sich
Groes enthllen wrde.
    Dann waren einige, die immer nur auf die Bltter der andern sahen, Glossen
machten und selber nichts konnten. Die machten freche Bemerkungen an allen Ecken
ber Dinge und Lehrer und freche Witze ber die Reize der Modelle, die Einhart
tatschlich unangenehm waren, so da ihm einmal ber die gefhllose Art, wie man
ein junges, halbwchsiges Mdchen sich hatte entkleiden lassen, ein Ekel
angekommen.
    Und Einhart war garnicht gesprchig. Er lie alle reden. Und je mehr er
schwieg, desto mehr buhlte alles allmhlich nach seiner Teilnahme. Allen
erschien Einhart rtselhaft. Seine Augen sahen beim Arbeiten herrisch aus, so
einfltig und gutmtig er sonst auch schien.
    Und Einhart zeichnete sonderbar. Garnicht, wie man es sich dachte.
Lcherlich, sagte der Direktor, der herzukam und durchging. Was zeichnet der
Mensch? Haben Sie denn so etwas hier schon gesehen? Wollen Sie denn nicht sich
daran halten, welche Aufgabe gestellt ist! Und er wies auf die Tafel des
Nebenmannes, die den Leib der Jungen trocken und nahe wiedergab. Einhart hielt
sich auch dabei ganz verschlossen.
    Die Mitschler sahen sich dann alle die Tafel an, die der Direktor miliebig
angesehen. Und das ging so weiter. Denn auch der berhmte Meister Teodor sagte:
Was uns dieser Herr Selle alles an Kunst vormacht! Und er mute rundweg
lachen, wie ein voller Bauch lacht, da es ganz bis zu den Beinen geht, und der
Kopf sich beugen, und die Kniee knicken mssen.
    Einhart dachte dann nicht daran, ernst zu sein. Er lachte mit.
    So ging es bald, da man Einhart in der Akademie kannte. Schon weil man ber
seine Zeichnungen und Malereien jetzt immer lachen mute, die Meister mit den
Schlern, und weil ein jeder die Werke Einharts kannte, als gingen sie mit einem
jeden.
    Niemand trug heim, was der Meister selber auf die Tafel gebracht. Das schien
allen eine rechte Arbeit. Und wer nur so auf die Dinge hinblickt, wie ein Mher
auf die Blumen, dem es auf das Gras ankommt, der konnte wohl ber die sogenannte
Natrlichkeit staunen. Aber einen Witz hatte man nicht im Ohr, eine einzige
Weise nicht in der Seele, eine seltsame Fgung und einen Anklang eigenen
Schicksals durchaus nicht. Das schien aus Einharts Zeichnungen heraus, und wie
er mit der Malerei erst begonnen, gar aus seinen Entwrfen.
    Toll sahen sie aus. Dnn gemalt. Er liebte nichts Rohes. Das dicke Gepatze
lie ihn lachen. Er nannte es mauern. Pfui Teufel, sagte er. Fein wie ein
Ton! So malte er. Aber tolle Tne manchmal, wie schrilles Geigen. Meister
Teodor hielt sich Augen und Ohren zu. Nicht Waldidylle mit Blumen,
Vergimeinnicht und allerlei Kraut, wie bei einem Botaniker, bei Einhart sollte
man Studien machen, wie in einer Schemen- und Lichtwelt, die nicht im grob
Krperlichen, die nur in feinen Traumvisionen ihre Zauber spinnt. So etwas regte
alle auf. Und Einhart war an der Akademie bald bekannt wie ein bses Gewissen
oder wie ein verkappter Narr.

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Professor Soukoup lehrte an der Akademie Kunstgeschichte. Ein finsterer,
abwehrender Mensch, der einen weichen Glanz erst dann in sein groes, ernstes
Grauauge bekam, wenn er vor einem Kunstwerke stand und die Reize der einzelnen
Gestaltung vor den harrenden Jngern nachlebte. Dann konnte man ihm anmerken,
da er es ganz ereignismig empfand, wie da im Werke der gestaltende Mensch
sich aus eigenen, unbekannten Tiefen genuggetan und Feingefhle und Erkennungen
der Dinge ans Licht gebracht, die man nur vergeblich noch anders als in der
Einheit seiner geistigen Schpfung selbst greifen kann. Professor Soukoup stand
dann mit wahrer Andacht. In solchen Momenten war er eine volle Hingabe. Die
junge Kunstschar hrte dann aus Bild oder Stein Sinn und Harmonie heraus. Und
niemals, da nicht Einhart in solcher Stunde innig aufgewhlt die Flle und
Tiefe erma, die ihm dann ein wahrer Abgrund Leben schien, aus der allezeit
Kunst der Menschenseele entstrmte.
    Einhart konnte Professor Soukoup nicht ohne Bewegung ansehen. Wenn er ihn
auf der Strae zufllig traf, war er in seinen Anblick meist schon von ferne so
versunken, da er eine lange Weile seinen Hut in der Hand hielt, weit ehe der
Professor heran war.
    Professor Soukoup hatte einmal in seiner Vorlesung dargelegt: Wir sind zu
indisch, zu duldsam, zu vershnlich. Es gibt fr uns nur noch leidende, nicht
mehr verschuldete Menschenkinder, womglich nur noch von der Not um den Pfennig
Geplagte. Die sozialen Leiden haben es uns angetan. Das gibt keine ehernen
Schicksale. Das gibt keine wahre Tragdie. - Meine jungen Freunde: Wir alle
tragen zuerst die Last des Erdenkrpers und die heien Geschenke seiner Triebe
und seiner Freiheit. Wir sind nicht zuerst soziale, sondern kosmische Wesen. Wir
alle tragen, verkettet wie wir sind in diese Triebe und in diese Freiheit, unsre
Verantwortung vor uns selber, und also nicht nur Leiden, sondern Snden. Das
groe Lied der Kunst ist nie den Leiden eines drftigen Gesellschaftslebens, es
ist den ewigen, tiefen Gebresten der Menschenseele, ihrer tragischen
Naturveranlagung und Schicksalsverkettung gesungen. Vielleicht nur zu flchtiger
Stillung, vielleicht auch zu einer fernen Verheiung. Ermessen Sie die ganze
Kraft der Antike, die in ihrer Mythe Orpheus um Euridike, um die Unschuld der
Menschenseele, im Lande der grausen Schatten so s und verheiend spielen lie,
nicht, da der sehr allgemeine, vom Gesellschaftsleben zersorgte und geplagte
Mensch erheitert oder beruhigt werde, sondern da der ewig Schicksalsgebundene
einen Augenblick wirklich Erlsung spre von seinen ehernen Zwngen, da Jxions
Rad, daran er aus seinen Lsten heraus angeschmiedet liegt, wirklich einen
Augenblick stille stehe, da Tantalus, von seiner heien Gier abgelenkt, eine
Weile lausche, da die aus ihren Taten heraus verfluchten belischen Jungfrauen
aufhorchen, und die steinernen Schicksalsfhrerinnen selber aus ihrer ewigen
Erstarrung einen Augenblick wirklich erweichen und ihre ersten Trnen
vergieen.
    Nun, wenn Einhart solche Verkndigung seiner Mission hrte, konnte er gar
nirgends bleiben. Er konnte auch unmglich darnach reden mit jemand. Er hatte
solche Dinge nie gehrt. Weder daheim, wenn er seine Skizzen gemalt, noch
irgendwo sonst hatte er derartige Blcke gewlzt. Er begriff es auch durchaus
nicht voll. Er ahnte es nur. Aber er ahnte es so drngend und so tief, jetzt,
wenn er hastig durch die Menge lief, straauf, straab, da ihm das Herz
aufschwoll und er nicht wute, wo er in seiner inneren Erglhung eigentlich
gelaufen war.
    Einhart sah jetzt wieder ziemlich verwahrlost aus. Er vernachlssigte sich,
je strker ihm die Flle der Gesichte anwuchs. Er lebte auch in diesen Zeiten
ein sehr unregelmiges und zerrttendes Leben. Nach einem Tage bei Professor
Soukoup konnte er schon ganz und gar nicht Ruhe finden. Dann sa er bleich und
mager und vergraben am spten Nachmittage jetzt in den Wintertagen in der Ecke
des Sofas in der kleinen Konditorei, wo sich auch andere Malschler und
Bildhauer um tausend Methoden des Bildens im allgemeinen grob und hart zankten,
sah verhrmt und scharf vor sich hin und rauchte und trank, bis der Abend kam
und die Nacht.
    Er lie sich auf nichts ein zuerst. Er wies alle Meinungen einfach als
Verrcktheiten schroff von sich, empfand nur die Flucht seiner Ahnungen wie ein
Meer und stammelte dann in der Betrunkenheit schlielich die tollsten Projekte,
malte im Geiste die ganze Unterwelt der modernen Menschenseele in grausigen
Schicksalsgestalten hin vor die Augen seiner staunenden Kameraden, hhnte ber
Professor Teodor, der lieber ein modernes Caf oder einen Prunksaal niedriger
Schwelger ausmale, als wirkliche, groe, stillende, ewig junge Knste erhrme.
Dieses groen Meisters Seele ist mit billigen Nacktheiten vollgehangen, stie
er dann hart und hohnlachend hervor. Und der andere groe Mann ld die Krppel
und Lahmen herein, schrie er, weil zu der Hochzeit die Erlesenen sich nicht
finden wollen. Jmmerlinge, denen besser mit Gelde aufgeholfen als mit einem
Leben auf der Leinwand! Aber Schicksale - Mchte! - - schrie er dann, die
ewigen Mchte in uns und in unserem Menschengeschft! - - Ihr Schuster und
Schneider! stammelte er erregt unter die Kameraden. Ein Genie blickt nicht aus
euern Augen heraus, ihr Handwerker und Sklaven, die ihr nur an der Erde
hinkriecht wie Krten, anstatt euch hochzuheben und eure Schnheit zu gebieten!
- - Solche Schpse! lchelte er dann vor sich hin, wenn er in die Sofaecke
zurckgefallen und hastig ein Glas nach dem andern hinuntergetrunken. Statt
Genies Schpse! schrie er neu. Da es ein furchtbares Geznk gab am Ende und
ein niedriges Durcheinander. Da der Kellner kam und um Ruhe bat. Und da
Einhart wie eine Katze pltzlich dem Kellner an den Hals sprang und ihn wrgte.
So ein Hausknecht will Heilbringer belehren! schrie Einhart dann rasend. Wir
bringen euch das Heil, ihr armes Erdengesindel! Wir werden uns nicht
einschchtern lassen, weder von Meister Teodors zahmen Idyllen, noch von einem
Schwalbenschwanze von Kellnertroddel! Genies sind hier! brllte er durch den
Raum, da man es bis auf die Strae hrte, und das Gesthn des gewrgten
Kellners einen Augenblick darnach unheimlich im Raume schwoll. Da andere
zuspringen muten, und da schlielich die betrunkenen Jnger aus St. Lukas'
Gilde alle unerwartet von der Faust des Wirtes und Hausdieners und einiger Gste
gepackt auf der nchtlich stillen Strae lagen oder saen.

                                       5


Es war erstaunlich, wie schnell Einhart jetzt, wo er in Freiheit vor innere
Bestimmungen gestellt war, das Jungenhafte und stark Unreife, was er daheim
immer besessen, abstreifte und zu groer Selbstndigkeit und Sonderlichkeit
gleich erwuchs. Ganz und gar mit vlliger Beibehaltung seiner unglaublichen
Vielgestaltigkeit noch immer, und der seltsam vertrumten, finsteren Einfalt
seiner Art nach auen.
    Denn auch nach den tollen Auftritten in den nchtlichen Gelagen, nach harten
Znken mit Grottfu, dem einzigen Malschler, dem Einhart auer sich Genie
zutraute, und der dem Meister Teodor und dem Meister Zeichner und noch manchem
mit derselben Nichtachtung und stummem Lcheln begegnete wie er, kam Einhart
immer nur wieder demtig und narrenhaft drftig unter die Kameraden und ins
Meisteratelier zurck. Geradezu einfltig konnte er noch wieder scheinen, wie
vor Mutter und Rosa einst, und so recht wie der Fuchs, den der Br auf dem
Rcken trgt. Deshalb konnten auch die Professoren bei solchem Eindruck gtigen
Lchelns seines schwarzblitzenden Funkenauges noch immer nicht begreifen, wie
gerade dieser junge, bleichgraue, hagere Mensch eine ewige Revolution unter den
Schlern konnte lebendig halten?
    Aber man empfand schlielich allenthalben groe Unzufriedenheit. Es war
nicht blo allmhlich an den Tag gekommen, da Einhart in der Trunkenheit
Tollheiten beging. Auch seine Meinungen ber die Kunst der ersten und
magebenden Meister der Zeit kamen in allerlei hochmtigen Wendungen an den Tag
und wurden in den Ateliers laut oder heimlich unter den Schlern, viel
berstrzter noch, wie er sie geuert, herumgeredet. Vor allem die
qulerischen, verrckten Versuche, nach alten oder ersonnenen Stilweisen seine
Bilder hervorzubringen, waren es, die Einhart ewig zum Gegenstande einer
prickelnden Spannung unter den Schlern machten. Da viele seine Art und
Sondertmer mit Lachen oder Neid glossierten, und die meisten sie heimlich doch
nachahmten. So da die Lehrer sich nicht genug tun konnten, darber kritisch und
verchtlich zu spotten und davor zu warnen. Nun gar die groen Worte, die
Einhart in der Trunkenheit oder sonst hingezrnt, und die alle nur eigentlich
Flammen waren, wozu ihm Professor Soukoup die mchtigen Scheite aufgeschichtet,
gingen in den Schlern von Mund zu Mund und von Blut zu Blut, und unter den
Lehrern gingen sie um zu Trotz und Hohn.
    Besonders der Direktor der Anstalt war hchst ungehalten ber Einhart. Der
Direktor war ein friedlicher, alter Herr, der gar nicht nach Genies sich sehnte.
Sanft, wie er aussah, mit einem Christusbarte in Grau, der ehemals blond
gewesen, das Auge hell, kannte er alle Dinge bei Namen. Er war mit Tchtigem,
Hausbackenem zufrieden. Er bedurfte nicht der Nebel, noch Visionen. Er zog oft
Goethe heran: Dem Tchtigen ist diese Welt nicht stumm! Er malte Ziegen und
Schweine auf Wiesen. Wie man sie so findet. Es ist ein altes Hirtenlied. Man
begegnet ihm in jeder Ausstellung wieder und kennt seinen Klang.
    Der Direktor, wie gesagt, mute endlich wider Einhart einschreiten. Er mute
Einhart zitieren. Einhart hatte Schaden angerichtet. Erst hatte er in der
Konditorei wst Geld verschwendet. Dann weiter geliehen. Dann nach Unfug und
Geschrei allerhand Geschirr zerschmissen, was er nicht bezahlen gewollt. Der
Direktor lie Einhart also kommen. Aber Einhart war eingeschchtert und gab ihm
gegenber sogleich alles zu, da es keinen Auftritt weiter gab. Der Direktor
hatte nur an Herrn Selle appellieren brauchen. Da war Einhart sofort gerhrt und
berwltigt gewesen, hatte an daheim gedacht, sein Gewissen belastet gefhlt und
hatte am Monatsbeginn alles sofort klar gemacht.
    Aber bald fanden sich allerhand neue, frechere Ausbndereien. Was ihm
Meister Teodor schon einmal sehr belgenommen, war, da Einhart auch ihn direkt
offen zu glossieren gewagt. Nun kam gar, da er in seiner Malklasse vor allen
Schlern pltzlich eine Korrektur sich verbat. Wie es angefangen, ist nicht
recht erfindlich. Einhart war in der Klasse sonst immer tief versunken. Er hatte
eine Tanzende auf seiner Leinwand. Seltsam dnn gemalt und der fliegende
Schleier wie feine, graue Seidenspitzen auf rotem Grunde. Meister Teodor war mit
seinem Pinsel rcksichtslos darbergefahren und hatte eine schwere Kontur um die
fliegenden Gewebe gemacht, weil er behauptete, man mte die Sache krperlicher
sehen. Einhart mute in Gedanken sich vergessen haben, da er pltzlich auffuhr
und den Meister Teodor anschrie: La dein Geschmier!
    Die smtlichen Malschler waren wie erstarrt. Meister Teodor war blagrau
geworden. Einhart war an sich schon so. Aber in demselben Moment mute er
erwacht sein. Vielleicht war er noch ein wenig benommen gewesen. Die Gewohnheit,
Schnaps zu trinken, benahm manchem Schler dieser Periode auf Zeiten die Sinne.
Wer nichts mehr zu essen und kein Geld mehr hatte, hielt sich mit Schnaps und
Rauchen aufrecht. So mochte es gekommen sein, da auch Einhart nicht ganz bei
sich war. Er hatte die Hand des Meister Teodor einfach fortgestoen. Meister
Teodor war der Atem weggewesen. Dann sagte er nur: Nun, mein Lieber, damit hat
Ihr Gang wohl ein Ende hier! - - Und nach einer Weile: Man wird dir dein
Handwerk legen. Er duzte ihn pltzlich in seiner Verachtung.
    Einhart war gleich im Kampfe mit sich. Es war ihm sehr unangenehm. Der
Meister Teodor hatte seinen Malkittel sofort abgelegt und die Stunde geschlossen
erklrt. Er begann sich offenbar fr den Gang zum Direktor herzurichten. Einhart
berlegte noch immer einfltig lchelnd, aber fr sich. Auch drauen noch,
nachdem er gar nicht Adieu gesagt. Er begriff natrlich, da in Meister Teodor
diese Beleidigung unvershnlich arbeiten mte. Die Mitschler waren langsam
auseinandergegangen. Grottfu blieb bei ihm. Du bringst es noch so weit, da
sie dich wimmeln, hatte Grottfu gesagt. Einhart konnte trotz Lchelns sehr
bekmmert aussehen. Was knnte man denn tun? sagte er zu Grottfu, der ein
blonder, schmaler, ruhiger Mensch war. Soll ich zu Meister Teodor gehn und ihn
bitten? sagte er.
    Nicht Ahnung! Gehe gleich zu Soukoup.
    Grottfu' Vorschlag war es, der die Sache noch einmal ins Geleis brachte.
Einhart ging zu Professor Soukoup in die Wohnung. Er fand den finsteren,
versunkenen Mann vor einigen Blttern sitzen und mit der Lupe das Linienwerk
feiner Federzeichnungen betrachten.
    Sehen Sie, lieber Selle ... eine wunderbare Kunst! sagte er ohne viel
Umschauen bei Einharts Eintritt. Kennen Sie Beardsley? Eine vllig eigene
Weise! Eine ganz auermaen innige Linienwelt. Alles so kstlich und so klar
scheint's! Und ist doch krank, vom Uebel heimlich angefressen jedes Ding und
jede Gestalt! Allenthalben Wundheit, heimlich Schwelendes! Nicht? Man kann nicht
froh werden trotz der Schnheit, trotz dieser einzigen Kristallisationen. Ja -
es ist immer eine Melodie: das heie Uebel der niederen Triebe - - mit den
allerfeinsten Sinnen ausgesprt. So etwas gibt es in der Welt. Das liegt
irgendwo im Grunde unseres Blutes. Dagegen mu Orpheus immer wieder Euridike aus
der Schattenwelt herauflocken ... unsere Unschuld im Blute - unsere
Morgenahnungen! Verstehen Sie, Selle?
    Einhart verga ganz in Ehrfurcht, was er eigentlich wollte. Er sah nur
gespannt und entzckt hin.
    Aber dann sah ihn Soukoup fragend an. Nun, ich freue mich, lieber Selle,
sagte er, unvermittelt auf ihn eingehend, da Sie einmal kommen! Immer noch
wieder gemeinsamen Blicks bei den Beardsleys. Man rgert sich oft ber Sie!
    Ach verzeihen Sie nur, Herr Professor!
    Nun, weswegen kommen Sie?
    Es ist entsetzlich unangenehm.
    Oh, oh, oh, lieber Selle, Sie sollten auf der Hut sein!
    Und Professor Soukoup sah den dunklen, gelbgrauen, schmchtigen Menschen,
der in seiner Hautfarbe und mit dem fettglnzenden Haarstrhn ber der
Knabenstirn und mit seinen bekmmerten, verzehrten Blicken ihn sehr fesselte,
genau an und lchelte ihm zu.
    Nun erzhlen Sie mir erst! sagte er bestimmt.
    So erzhlte Einhart ganz offen alles.
    Ja, ja, ja, ja, sann jetzt Professor Soukoup fr sich. Meister Teodor ist
Ihr Freund ohnehin nicht! Sehen Sie! Und der Direktor wei auch schon, da Sie
zu leichtsinnig in den Tag leben. Mchten Sie nicht doch am besten - -? Jh! -
gleich jetzt gehen Sie hin! Ich habe dann guten Grund, wenn ich fr Sie rede.
Hren Sie einmal, lieber Selle! Ich hoffe, Sie nehmen es mit dem Leben in der
Kunst so ernst wie mit dem Leichtsinn! Wie? Selle? Mein Lieber? Ich kann mir
schon denken, sagte er dann mit zutraulichem Blick, da Sie jetzt noch
trumen, andere Himmel zu malen, als Meister Teodors Tafeln sie Ihnen vorfhren.
Pah, pah, pah! was trumt man nicht alles, wenn man jung ist! sagte er
versunken. Und ein Schler, der weiter blicken mchte, der sich auch nur weiter
sehnt, wie der Meister, das gibt keine Freundschaft, mein Lieber!
    Oder denken Sie anders? fragte er Einhart mit eindringlichem Blick. Wie,
Selle?
    Worauf Einhart doch nur stumm blieb, da auch Professor Soukoup eine Weile
ganz fr sich erschien.
    Der rechte Harm ist in der Tat Meister Teodors Sache nicht! sagte er dann
nur in seiner finsteren Art ganz gefangen.
    Vor jedem andern htte Einhart in diesem Moment zugestimmt. Aber hier
vermied er es, weil er fhlte, da er auch nur stumm zu Boden blicken mte. Und
er lie sich auch gleich von Professor Soukoup wie ein sanfter, gelehriger
Schler bestimmen, hinzugehen zu beiden, zum Direktor und zu Meister Teodor, und
beiden die Erklrung abzugeben, die ihm Professor Soukoup sorglich
vorgesprochen.
    Ich will mir alle Mhe geben, meine Kollegen umzustimmen, lieber Selle!
hatte Soukoup am Ende gesagt. Vielleicht gelingt es noch einmal! Sagen Sie auch
nur ja, was Sie so durchaus plausibel erzhlten, legte er Einhart noch
besonders in den Mund, da Ihnen das Wort gar nicht zum Meister, nur zu einem
Kameraden entfahren ist. Sie wren so versunken gewesen! Verstehen Sie mich!
    Wissen Sie, da mir das wirklich passierte? Ich habe einmal eine Exzellenz
mit Du angeredet bei einer Demonstration im Institut, weil ich, versunken in den
Gegenstand, immerfort nur auf den groen Hut der Dame gesehen hatte, und dieser
Hut dem Hute meiner Frau auf ein Haar glich. Dieselbe Feder an derselben Stelle,
da ich in die Idee gekommen war, ich htte meine Frau vor mir, sagte er
freundlich und verschmitzt ein wenig.
    Es ging noch einmal alles gut vorber. Professor Soukoup hatte in der Tat
zum Frieden geraten. Der Direktor nahm das verzehrte Gesicht Einharts als
Ausdruck der Reue, und das einfltige Lcheln, das durchaus weder vor Meister
Teodor, noch vor dem Direktor ohne Erbitterung gewesen war, tat beruhigende
Wirkung.

                                       6


Einhart war in den Monaten jetzt, wo wieder der Winter kam, viel daheim. Er gab
sich ehrlich Mhe, kein rgernis zu erregen und vermied auch mit Meister Teodor
jede Mihelligkeit. In die Meisterateliers kam er auf Stunden, aber er gab vor,
in der Galerie zu kopieren, und malte und zeichnete in seiner kleinen
Giebelstube.
    Wenn er so an dem Fenster des einsamen Dachgelasses sa, konnte er ewig
unttig nur hinbertrumen ber die tausend Dcher, die sich unter seinen
Blicken dehnten und die tausend Kanle von Straen mit ihren Menschenscharen in
drngendem Strome. Seine Gedanken hatten jetzt oft nicht Halt. Es kamen
sonderbare Gefhle von Unstetheit in Einhart auf, die ihn hintreiben lieen und
suchen und nicht haften.
    Woher drngt die Menge neu und neu hervor? - mit ihren hastigen
Begehrungen? und wohin will der Geist uns lehren einzuziehen?
    Es kam jetzt oft eine lcherliche Entwertung des Lebens in Einhart auf. Er
dachte an daheim. Mutter kam ihm ins Auge, die mit ihren Demutsblicken auch noch
immer nur so in die Ferne sah wie er, noch immer so schaute und schaute.
    Nun also, dachte Einhart so hin. Wohin denn mit alle denen, die sich
narren lassen, hinzueilen, und sich mhen? dachte er dann.
    Es war jetzt Weihnachtsmarkt in der Stadt. Alles ist ein Jahrmarkt. Wer
viel in der Tasche hat, kann viel kaufen. Und wer viel in der Seele hat, kann
viel hinausgeben.
    Ich werde einfach auch nur ein Jahrmarktsschreier. Ich mu meine Illusionen
auf Leinwand bringen, wie der Bnkelsnger seine Geschichten.
    Es ist alles nur Jahrmarktsvolk, Jmmerlinge, die amsiert sein wollen, zu
Haufen, und dazu einige Bajazzi! Nun also: ich bin Bajazzo!
    Grottfu war auer sich ber solche Reden. Der nahm sich sehr ernst und
wichtig. Wenn er, und andere auch, kamen - denn um Einhart war jetzt immer ein
kleines Gedrnge, dann hrten sie seine Auslassungen mit Lachen oder Entrstung.
    Ach, was braucht es zur heutigen Kunst noch eines Menschen von Fleisch und
Blut, mit Sehnsuchten noch Erlsung und berraschung? Das alles wei man, das
kennt man! rief Einhart dann verchtlich, diese ganze akademische Kunst!
Original, das heit, aus dem Ursprnglichen, Drngenden, Schauenden neugeboren.
Alles andere ist Handlangerei. Diese modernen Knstler sind Modeherren, die
aus allen Weltgegenden den Wind fangen mchten, rief er dann.
    Natrlich knnen sie malen. Man wei es seit Alters, wie man Eisen weich
macht, oder Farben reibt. Ich werfe den Krempel hin. Ich finde es, was mir
selber wirklich hei macht, ein neues Lied, eine neue Weise, eine neue
Offenbarung - aus meiner eigenen Tragikomdie! Ich finde es selber, was mich
hlt, und was sich lohnt, da ich es tue. Oder ich werfe es hin - alles! das
Leben vielleicht!
    Professor Soukoup, der einzige, der einen hohen Begriff hat von Kunst,
sagte er viele Male, wei es nicht zu tun. Und die es tun, haben keinen
Begriff, als nur die ungeoffenbarte Offenbarung des ewig Offenbaren, hhnte er.
    Er begann sich jetzt alles hochmtig zu verleiden, versuchte zu Hause
Malereien mit allerhand sonderbaren Mischungen, die den Bildern neue
Helligkeiten und Kontraste geben sollten, und vor allem, er malte sich, nur
immer sich, in tausenderlei Grimassen und den drolligsten Auffassungen. Als
Mrder mit dem Dolch. Als Grandseigneur im schwarzen Wrdenkleide. Als
Verchter. Als Gehssigen mit einem Klumpfu. Als allerhand. Auch einmal als
einen Teufel mit Glhaugen, aus dessen Herzstelle ein Feuerherd heimlich
hindurchsah, aus dem allerlei Gestalten, wie Zunder verbrannt, emporloderten und
durch die Augen gewissermaen wie letzte, verzehrte Reste hinausglhten. Er war
in ewiger Unruhe, war gleichgltig gegen alles und hatte, wenn er seinen
Lebensgroll im Trunke begraben, in der Ecke der Konditorei den Morgen erreicht
hatte und das Sichvergessen, wider Willen eine Miene, die scharf lchelte.
    Einhart begann wirklich einen ganz eigenen Harm zu empfinden. Das trichte
Geschwtz allenthalben begann er zu hassen. Er wollte groe Gefhle, neue Wege,
mutige Darstellung. Er hohnlachte nur noch, wenn die Kameraden sich stritten, ob
Meister Teodor oder Meister Zeichner grer wre. Ein tausendstel Millimeter,
sagte er, man kann es nur mit einem ganz feinen Instrumente messen und kann
auch dann nicht sagen, welchen der beiden dieses Flhchen noch beit. So
ungefhr.
    Gre kann man nur unter Leuten bemerken, schrie er dann herrisch mitten
hinein, die ihre Kpfe aufragen lassen - aus dem Erdenstaub und der eklen Masse
in die freien Himmel, meine Herren Kameraden, wozu wir alle berufen, aber nur
sehr wenige von uns auserwhlt sind.
    Die Gre! Ihr versteht doch! Das ist eine Fhigkeit, sich zu erheben, da
ein jeder, der daneben steht, den andern wirklich oben sieht.
    Viele rgerten sich. Manche fanden es groartig.
    In solcher Laune warf Einhart auch alles weg und sprach selbst von seinem
Vater mit Hohn. Mich wollten sie auf eine Ehrenstelle bringen, sagte er dann.
Lieber in Lumpen gehen, ehe ich meine Feuer verlschen lasse auf meinem
Herzflecke! versteht ihr! Solcher Herzbrand frit Kleider und Ehren, lachte er
dann.
    Mein Alter, konnte er ganz despektierlich sagen, hat an seinem Herzfleck
nur kalte Asche. Und wenn man es nicht bestimmt wte, da er einmal im Leben
einen Traum gehabt, frher, dann knnte man denken, es wre ein steinerner
Gast.
    So ungefhr ging es dann aus ihm, da alle Kameraden fr oder widerredeten
durcheinander - aber ein jeder auch einen Hauch davon gewann, da Einhart suchte
und sehnte, da er das Bestehende und das billig Erworbene und nur Gekonnte
einfach verachtete. In dem Kleinsten ging dann heimlich ein drngender Brand aus
den Funken aus Einhart. Und heimlich hatten die Lehrer so eine ganze Herde
Zwerge um sich. In der Seele eines jeden, auch des willfhrigsten Schlers sa
heimlich ein solcher kleiner Dmon von Einharts Gnaden, der sich nach dem
verheienen, wahren Eigentum zu sehnen angefangen, und der nur widerwillig noch
dem mhsamen Erwerbe des wirklichen Knnens sich hingab.

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brigens war Einhart jetzt merkwrdig abgeschieden von aller Natur und von allem
Leben. Es war wie eine Revolution nur aus ihm. Es war, als wenn in dieser Zeit
die heie Glutflssigkeit seines heimlichen Wesens hervorgebrochen, und die
Lavamassen mten erst einen Krater emporwerfen, und den Glutkreis abgrenzen.
Dem Zeitvertreiben der andern Jnglinge, das sie mit den kleinen Modells und vor
allem in den niederen Frauenkneipen fanden, hatte er nur achtlos gegenber
gestanden. Die Erinnerung an die kleinen Zigeunermdchen war wohl aufgekommen
nicht anders, wie eine flchtige Neckerei. Die feuchten Mnder konnten ihm im
Traume aufwachen und verwandelten sich jedesmal in sonderbare Spe. Das war,
weil der junge, schne, geigende Zigeuner und dessen trger Hochmut Einhart vor
allem wirklich begeistert hatte. Auch jetzt war ihm noch immer nicht zu Mute
gewesen, als wenn er eine feuchte Lippe begehrte.
    Auerdem war, was er an Frauen so um sich hatte, grob und gemein. Die
Mdchen in der Konditorei waren frech. Einer sah man gleich das gewohnte
Verkehren mit Mnnern an. Sie lie alles zu, was der Dreisteste ihr antat,
lachte geschftig und stie ihn mit halblauten, einvernehmlichen Worten weg.
Dann war eine, die eine harte, heisere Stimme hatte. Und der einer der
lssigsten Schler der Akademie immer auf den Fersen sa. Alles das langweilte
Einhart. Er sah es mit Unacht. Am meisten zuwider waren ihm die hochgetrmten
Frauenzimmer, die ihn auf der Strae ansprachen und ihn fangen wollten mit
geilem Geflster. So sa der zernagte Mensch meist in der Sofaecke der
Konditorei, sogar von den bedienenden Mdchen als etwas Besonderes angestaunt,
weil er sich um sie nicht kmmerte.
    Aber der Zufall wollte es, da er ber einem Bilde brtete, und da er
verwunderliche Vorstellungen gewann. Der junge Zigeuner seines ersten Ausflugs
ins Freie, wie er jetzt seine Zigeunerepisode nannte, war ihm im Sinn gelegen,
und er sah ihn als Geigenspieler in jener Wundernacht voll Rausch. Er sah ihn
deutlicher wieder vor sich auf einem Kissen sitzen, wie deren in den Wagen
gelegen, den heien Glutblick inbrnstig sehnend und verzehrend in die Weite.
Einhart hatte viele Male eine Frage in sich, wohin das Rabenauge jenes
Verchters und Trumers gerichtet wre? In solcher Stimmung, verdrossen und
verchtlich, immer die Sehnsucht des Zigeuners, die ungestillt war, selber im
Herzen, und unzufrieden mit den Kameraden, und recht gelangweilt, kam er von
Grottfu gefhrt in ein kleines Restaurant, wo er noch nie gewesen.
    Es war Nachtzeit, gegen elf, im Winter. Man hatte sich von den brigen
Kunstschlern getrennt, weil Einhart die Gesprche und Streite um die groen
Kartoffeln des Knigs Nebukadnezar, wie er sich ausdrckte, unmglich weiter
anhren konnte, und er ohne ein Wort des Abschieds aufgebrochen war.
    Grottfu war gleich auch aufgestanden und hatte wenigstens die Fingerspitzen
einigen Kameraden hingehalten, und Selma, die Kellnerin, in den Arm gekniffen
zum Abschied. So waren die beiden mit den hochgekrempten Kragen verschneit in
das Bierhaus eingetreten.
    Es war ein rauchiges Lokal, und nur die einzige Ecke in der Nhe des Bffets
hatte einen freien, kleinen Rundtisch zum Plaudern. Da war Einhart pltzlich ein
Gesicht aufgegangen. Der Zigeuner in seinem Innern voll Sehnsucht sah aus ihm
heraus. In dem Lokal eilte eine Bedienende geschftig hin und her - ein
engellichtes, goldhaariges Mdchen, jung wie der Frhling und sanft von Mienen
und scheu von Art. Sie war zu den beiden sofort herangetreten. Nun brachte sie
ihnen die hellen, vollen Glser.
    Einhart war ganz stumm gleich. Grottfu wollte reden. Aber Einhart sah nur
in sein Glas und hundertmal hinber. Grottfu wollte das Mdchen rhmen. Auch er
war von dem Jugendglanz betroffen, und fand es gemein, ein solches Bild von
Reine hier im Rauche.
    
    Ach was, sagte Einhart, vielleicht ist es gut so. Vielleicht ist es eine
Bestimmung. Eigentlich hatte es nicht recht Sinn, was Einhart so redete. Oder
es war sein Gefhl nicht klar zum Ausdruck gekommen. Jedenfalls lie er nicht ab
hinzublicken, und die Wege der goldblonden Jungen im Lokal hin und her zu
verfolgen.
    Er redete an dem Abend gar nichts weiter. Er verriet mit keiner Silbe seine
Bewegung. Einem jungen, schnurrbrtigen Herrn, offenbar einem Referendar, der es
plump versuchte, dem Mdchen nher zu kommen und sie anzurhren, entwich sie
sanft mit klingendem Lachen.
    Drauen und drinnen ist nmlich immer dasselbe, sagte Einhart einmal
unvermittelt. Das war auch so eine Philosophie, wie er sie jetzt gebildet hatte.
    Gott sei Dank, da da und dort noch immer eine Macht ist, sagte er wie fr
sich, als er sah, da den Mnnern im Rauch der Bierstube eine Ahnung von Weihe
gegen das Kind im Blute sa.
    Einhart war einmal pltzlich aufgestanden, und kmpfte lange, ob er gehen
oder bleiben sollte? Grottfu blieb stumm sitzen und rhrte sich nicht. Er war
auf die Akademie zu sprechen gekommen. Einhart stand und paffte den Rauch seiner
Zigarette und strich den Aschenknopf auf den Bierdeckel. Seine Augen hatten
etwas Versunkenes, Hartes, Begehrliches. Er htte in diesem Augenblick denen zu
Hause wie ein ganz Fremder geschienen. Er war schon jetzt in den richtigen
Kmpfen um ein Leben. Er ging mit Hunger und Durst anzueignen, was aufbaut.
    So drngen Keime in der Erde mit Hunger und Durst, sich und ihre Triebe
aufzuheben, und die junge Pflanze mit Hunger und Durst, wenn erst der Licht-und
Luftkreis erreicht ist, aus Visionen und Atem es zu ersinnen, was zur Blte, und
was zur Frucht fhrt.
    Einhart sog jetzt ein, sozusagen. Grottfu konnte es ahnen. Er sah an
Einhart heimlich auf. In ihm war eine Abhngigkeit von Einhart. In Einhart war
keinerlei Abhngigkeit, auer von den Dingen, nach denen er Hunger und Durst
empfand.
    Aber Einhart blieb dann doch noch wieder sitzen. Er hatte lange gestanden.
Nun entschied er sich zu einem neuen Glase. Er klopfte auf den Tisch und redete
sanft zu der Blonden, seltsam gespreizt jetzt. Was trgt so eine Goldhaarige
fr einen Namen? sagte er einfltig lchelnd pltzlich zum ersten Male.
    Ach Gott, eine Goldhaarige nennen Sie mich. Nun ja! Und wie ich heie,
wollen Sie wissen? Das knnen Sie wissen! Dorothea! sagte sie ganz sanften
Tones, ganz rot werdend. Da Einhart und Grottfu ein Staunen nicht los wurden,
wie flaumig die Haut der Jungen schien, wie mit den sanftesten Farben das Blut
in Milchweie einfuhr, das Gesicht so zart wie Blumenfleisch. Sanft auermaen
klang der Jungen Ton. Einhart gegenber gar nicht weiter scheu, mehr so lieb
hin, wie das Lcheln und die Rte verraten hatte.
    Einhart war vollends fr sich geworden, als er den Ton im Ohr und das Bild
im Auge dasa. Er sah ganz kindlich aus - - - unerwartet. Grottfu sah ihn ein
paarmal von der Seite an.
    Ja - also na ... Dorothea .. Dorothea ...! also - -, lchelte Einhart nur
vor sich hin.
    So saen sie noch ewig.
    Einhart kam nun jeden Abend hier in die Ecke, und hatte noch am dritten
Abend nichts weiter mit Dorothea geredet. Nur daheim hatte er versucht, seine
Vision auf die Leinwand zu bringen.

                                       8


In einer kleinen Wohnung unter Dach, Einhart gegenber wohnte ein altes Frulein
mit einem Kropf vorn am Halse, der welk und runzelig ein wenig aus der
schwarzseidenen Mantille heraussah. Einhart mute oft an dem Frulein vorbei,
wenn er aus seinem Stbel trat, um die Treppen hinabzusteigen, und machte sich
dabei jedesmal eigene Gedanken. Er wohnte in seiner Dachwohnung jetzt schon fast
zwei Jahre. Und es war an die hundertmal gewesen, da er aus dem bleichen,
langnasigen, grozgigen Parzengesicht der hutzeligen Dame eine sonderliche
Frage halb achtlos mit fortgenommen.
    Frulein Reseda hatte sie Einhart fr sich genannt, weil sie stets einen
ganz feinen Geruch von Blumen um sich ausbreitete, und aus dem Geruch ihm Bilder
von einem altertmlich eingefriedeten Garten hinter hohem Heckenzaune, darin
groe Herbstblumen mit verlockenden, welken Aromen im Abendschein blhten,
aufgestiegen. Das kam Einhart und entschwand kaum geachtet, jedesmal dann,
sobald er im Gewhle der Menschen seinen Weg in die Bierstube genommen, wo
Dorothea bediente.
    Wie der Frhling kam, lebte Einhart ein sehr zerfahrenes Leben, blieb die
Nchte auer Hause und kam gewhnlich erst heim, wenn durch sein Dachfenster die
blaue Stunde schien. Weder Hunger noch Durst achtete er recht. Die alte Wirtin,
wenn sie sah, da der hagere, zigeunerische Mensch den ganzen Tag, schlafend
oder arbeitend, so zwischendurch ein jedes, daheim zubrachte, begriff durchaus
nicht, wovon solcher Sonderling lebte. Die Dachwohnungsnachbarn erfuhren das
heimlich. So wie es auch nicht verborgen geblieben, da in Einharts Zimmer
Skizzen und Bilder von nackten Frauen reichlich herumlagen und standen.
    Da fand Einhart von einer Zeit an in seinem Zimmer zunchst stets, wenn er
im Morgengrauen heimkehrte, ebare Dinge. Einen Topf Milch und ein paar Semmeln.
Oder Frchte mit einigen Kuchenstcken. Auch einmal eine ganze Wurst und ein
neues Brot. Wenn Einhart, vernagt und besinnungslos von seinen Nachtsitzungen
heimkam, dachte er mit keinem Wort an jemand, der so etwas ihm knnte bereitet
haben. Er a und trank, dankte ins Ungewisse, schlief und begann den Tag spt,
wenn die Sonne schon im hellsten Mittag schwamm, sich mit seinen Visionen neu
abzuplagen.
    Freund Grottfu war der Sohn einer einsam lebenden, alten Tnzerin, und eine
ganz seltsame, feine, helle Person. Sein sehr scharfes, schmales Gesicht hatte
immer einen sanften Ernst. Im Lachen konnte das Gesicht altmodisch steif
aussehen, weil die Gesichtshaut um die Mundwinkel und Nasenflgel sich dabei zu
spannen schien, und kaum eine rechte Verziehung zu Stande kam. Etwas Verhaltenes
nur, da man an ihm in solchen Momenten fhlte, wie spitz die Seelenbewegung ihn
durchfuhr. Wozu man die Augen sehen mute, die blau waren, und dann gro
glnzten, obwohl nur die Flle Glanz sie so scheinen machte, die Augenlider wie
bei allem Lachen sich sanft zusammenschoben.
    Wenn Grottfu, auch verchtlich gestimmt, und meist sehr gergert, weil
Einhart alle seine Leinwanden hinter Bettstatt und Vorhang vergraben, sobald er
Grottfu' Tritte auf der Bodenstiege erhrt hatte, bei Einhart sa, kamen sie
jetzt gewhnlich auf Naturnachahmung zu reden.
    Natur, sagte dann Grottfu in allerlei Wiederholungen, ich begreife
nicht, wohin solches Nachahmen fhren soll? Natur! Jede beliebige Beigabe ist
immer noch besser, als die natrliche Langeweile! Man sieht es ja. Sie mchten
auch alle die Beigabe! Man regt Symbole. Man hllt ins Mrchenhafte ein.
Oder macht einen Hinblick auf das Leben. Aber Mitleiden, Herr Jesus! Kunst
und so ein Hinweis! sagte er dann gewichtig: als ob nicht Kunst immer eine
Festfreude aus der groen Seele sein mte! sagte er wie ein Knner.
    Einhart war dieses Gerede jetzt durchaus zuwider. Und weil es sein innerstes
Evangelium war, was der andere rein als Wort und Phrase jeden Augenblick neu
vortrug, nannte er Grottfu ins Blaue hinein einen verrckten Menschen. Ich
wrde durchaus zufrieden sein, sagte dann Einhart lchelnd, auch nur die Nase
eines Menschen so malen zu knnen, wie sie Seelenhaftes zum Ausdruck bringt. Er
dachte an Dorothea. Er hatte auch Dorotheas Nase genannt und geschildert, wie
ihre feinen, pfirsichweichen Nasenflgel bebten und zuckten, und da man allein
aus diesem Leben der Nasenflgel ohne Symbolik und Mrchen und Mitleiden sein
Wunder sehen und malen knnte.
    Deine ganze Kunsttheorie ist einfach Verliebtheit, rief dann Grottfu
gewhnlich, und du wirst auch deinen anmalichen Traum auf der Erde endigen,
wie wir alle. Weil Grottfu wie Einhart in Dorothea verliebt war.
    Auch im Restaurant saen sie so und stritten sich. Und manchmal schon hatte
Grottfu oder Einhart, wer dann zuerst den Augenblick fr gekommen hielt, das
Lokal im Hohn oder stummen Widerstreit verlassen. Aber wenn Einhart es gewesen,
kam er gewhnlich nach zwei Minuten wieder. Und in einer Nacht, als er Grottfu
nicht mehr vorfand, war er allein an seinem Tische sitzen geblieben, bis sich
das Restaurant vllig leerte. Da hatte er Dorotheas Arm ergriffen, und die
beiden waren durch die Nachtstraen lustig in seine Wohnung geschwenkt.
    Seltsam erregtes Ereignis in Einhart zum ersten Male. Leise schlieend war
er mit Dorothea ins dunkle Haus eingetreten, worein nur der Lichtschein durchs
Stirnfenster der Haustr fiel. Einhart war zum ersten Male heimlich gestochen
von der Glut. Er konnte vor Erregung nicht reden. Dorothea war stumm und
hingebend. Er hatte ein Wachslicht zum Brennen gebracht. Man sah die grauen
Stufen, die man hinaufschlich. Und war bald unter seine Leinwanden und zwischen
Bettstatt und Sofa und Staffelei eingetreten.
    Dorothea hatte sich gleich zurecht gefunden, als Einhart die kleine Lampe
entzndete. Liebliche, blonde, flaumige Junge noch immer, sa sie im Scheine auf
seinem Sofa, indem sie sich lchelnd umsah, immer Einhart ins Auge sehend, indes
sie ihn streichelte, und seinen Kopf herzuzog. Aber sie stand auch wieder auf
und besah sich die Skizzen an der Wand, trug die Lampe selber herzu und hielt
den Schein auf die Bilder.
    Solche unanstndige Sachen machst du, kleiner Verliebter, sagte sie
pltzlich lstern und pfiffig.
    Einhart sah sie an, wie sie herumging, gleichgltig ihr aufgebundenes
Goldhaar hinter sich fallen lie, und dann die Knpfe des Kleides aufzunesteln
versuchte. Er sah jetzt auch, da Dorothea mit bermdeten Augen auf die Bilder
blinzelte, welk und herzlos.
    O du! Solche tolle Sachen machst du. Also du bist wirklich Maler! rief sie
dazwischen. Ich habe immer gedacht, du httest mich beschwindelt, klang es
ziemlich ordinr pltzlich in Einharts Ohren.
    Einhart mute furchtbar lachen.
    Du dachtest wohl, ich wre ein Bierbrauer oder so, sagte er, auch aus der
Rolle gefallen.
    La das Bild stehen! rief er ein wenig gereizt.
    Aber Dorothea gab ihm einen Klaps ins Gesicht, zog sich Anderes hervor,
indem sie sich ganz achtlos weiter entkleidete und lachte.
    Ist das nur verrckt, mein Junge! wie? so sollte ich aussehen? sagte sie
jetzt frech, indem sie nun dem Zigeunerbild aufs neugierigste naheging. Erstens
einmal habe ich einen ganz anderen Blick, eine ganz reine Haut und dann - - sie
hatte ihre weie Bluse vollends beiseite geworfen und zeigte ihm ihr weies,
volles Busenfleisch ganz leichthin, hielt die Flle mit Behagen in ihren
kindlichen Hnden fest und sagte: Da sieh! solchen Busen wie meiner - - und der
da! - - nicht?!
    Einhart starrte wie ein ngstlicher auf seine Leinwand, wo eine keusche,
zarte, blonde Frau voll zrtlicher Inbrunst zum Geliebten sah, und sein Lachen,
als es jetzt neu ausbrach, war noch sinnloser geworden, da Dorothea empfindlich
wurde. Worber lachst du denn so frech? fragte sie.
    Nicht doch! sagte Einhart, zur Besinnung kommend.
    Ach Schatz! redete Dorothea schmollend. Aber sie begann sich an ihn
anzupressen.
    Einhart war die ganze Lage seltsam unangenehm. Er war ziemlich ernst
geworden. Er sah sich das Mdchen jetzt nur scharf an. Seine Augen waren
unentschlossen und spitz.
    Was soll denn nun werden? mich friert! sagte Dorothea unzufrieden, weil
sie halb nackt dastand.
    Kleinchen! sagte sie und bettelte ihn, schlug ihre nackten Arme um ihn und
wollte ihn zu sich ziehen.
    Aber Einhart war vllig erkaltet. Da er sie jetzt bestimmt zurckhielt. Und
dann stand er auf und ging mit sich im Widerstreite hin und her.
    I nur! sagte er ablenkend und schob Dorothea zwei Apfelsinen und den
Kuchen ber den Tisch hin, die unerwartet wieder dagestanden. Dorothea lachte
hhnisch. Dann begann sie zu essen.
    Einhart kam sich richtig lcherlich vor. Er begann pltzlich in seinen
Taschen alles Geld zusammenzusuchen, was er bei sich trug. Es war ihm unsglich
drckend zu Mute.
    Du bist ein guter Kerl! sagte Dorothea fein, als er ihr reichlich Geld
hinhielt, das sie sogleich geschftig in die Tasche ihres Rockes barg, der noch
ber die Sofakante herunterhing. Dann begann sich Dorothea zgernd anzukleiden.
    Also ein Knstler bist du? Ich knnte dir doch wenigstens einmal Modell
stehen - richtig! sagte sie ernst, ein wenig kleinmtig. So feine Sachen wie
du malst! - - aber ein andermal! - - du! - nicht? - Was hat dich denn
verdrossen, Liebchen? fragte sie zrtlich. Ich begreife dich gar nicht. Ein
Sonderling bist du! sagte sie ein wenig beleidigt. Ein richtiger Sonderling
bist du! wiederholte sie dann ein paar Mal, als wenn ihr der Einfall sehr
gefiele. Nmlich am Tage, mut du wissen, bin ich doch immer im Dienst
gebunden. Aber nachts mu ich ein bissel verliebt sein! - - Ach du, Schatz! -
nein! indem sie sich noch einmal an ihn zu drngen versuchte. Ein richtiger
Sonderling bist du wirklich!
    Gewi, Thea! sagte Einhart. Dann hatte Einhart die junge Blonde mit einem
kleinen Lichtstumpf die vier Stiegen stumm hinunter begleitet und sie in den
grauen Morgen hinaus verschwinden sehen.

                                       9


An der Akademie ging das Leben seinen Gang. Der Frhling hatte neue Werke
hervorgebracht. Drauen auf der Wiese die Anemonen und Schneeglckchen zuerst,
und die Wiesenschaumkruter, die Bche und Raine sumten, und den goldgelben
Schmirgel, der aus blauen Sumpfwassern kroch, und manches, das im Luftkreise
Se hauchte.
    Und drinnen, in den Meisterateliers, auch allerlei. Das war alles in den
Frhlingssalon gewandert, wo es an der Wand hing, und von dem Ruhm und Knnen
der Meister Zeugnis schuf. Wie neuer Schmirgel und neues Vergimeinnicht.
    Aber eine Wunderblume ist nicht darunter, meinte Einhart trocken, als er
auf die Stufen vor die groe Ausstellung wieder herausgetreten. Einhart sagte
nur das. Grottfu lehnte sich an den Gedanken an und ereiferte sich noch immer,
da die Leute zu sklavisch wren, und da es nur gelingen knnte, wirklich zu
berraschen, wenn man auf eine neuerfundene Weise etwas sagte, und das heit,
stilisierte. Einhart fand all das Gerede lcherlich. Er hatte sein Wort gesagt
und sagte nichts weiter. Vor den Kunstwerken in den weiten Ausstellungsrumen
hatte er gar nichts geredet. Nein nichts. Grottfu war es, der sich ber
tausenderlei aufregte. Die Malweise ist roh, hatte Einhart bei einem Bilde
gedacht, ins Schauen und Suchen versunken, und war weiter gegangen.
    Seit er Dorothea in seinem Dachzimmer gehabt und seinen Zigeuner mit der
Geige daneben gesehen, den Traum neben dem Leben, war ein Ri in ihm, wie eine
Wunde. Wie Einhart, den ganzen, groen Kreis von Bildern hinter sich, mit
Grottfu wieder auf die Strae getreten, war er gleich vorwrtsgegangen, als
wenn er allein wre. Grottfu, ber diesen Hochmut heimlich emprt, war auch
abgebogen, ohne mehr als seinen Knopfstock mit dem blauen Lasurstein ein wenig
von der Schulter gegen Einhart zu neigen.
    So waren sie auseinandergegangen.
    Einhart war unsglich ermattet und unzufrieden. Rein in der Idee. Rein nur
im Sohintrumen von etwas, das er nicht kannte. Er war wie ein rechter Zigeuner
jetzt wieder. Auch recht verwahrlost uerlich, kann man sagen. Wenn auch seine
runde Wirtin, die dick war wie ein Fa, und die immer weinte ber allerlei
Eigenes und Fremdes, dafr sorgte, da wenigstens der Rock gebrstet und die
niedergetretenen Stiefel geputzt waren. Hnde und Gesicht konnte sie doch dem
zwanzigjhrigen, dunkelstrhnigen Menschen nicht mehr waschen. Die Haut blieb
grau und die Ngel schmutzig und alles hing achtlos an ihm, wie die fetten,
glnzenden Strhne um seine Stirn.
    Einhart lief jetzt allein und sehr aufgewhlt. Er war es zufrieden,
Grottfu, der ewig theoretisierte, los zu sein. Er lief nach Hause, und nachdem
er eine Leinwand nach der andern hervorgeholt und genau betrachtet, berkam ihn
ein langes Sichvergessen.
    Was in ihm hinging, ist nicht leicht zu sagen.
    Er hatte ein sehr liebendes Anschauen in allem. Worte und Namen standen
nicht zwischen ihm und seiner Welt. Es war gegen ein Uhr gewesen, als er sich so
noch im Hut, und den Krckstock in der Linken, auf einen Stuhl am Bette
niedergelassen. Nun sa er die Augen manchmal geschlossen. Was ihm vorberging,
war eine lange, graue Reihe von Menschen und Dingen, wie in einer Stadtstrae.
Auch die von daheim - und schwle Nchte. Ein eigentmlicher Reigen von
Gefhlen, darin kein Drang ihn weckte, aufzustehen, und sich zu rhren. Er hatte
wie ein hartes Leid auch. Irgendwo mute es zu finden sein. Er htte nicht
gewut, wie sich hinbewegen? Eine Angst war es, ein einziger, physischer Druck,
da die Adern an seiner Stirn manchmal heftig pulsten. Auch an die Landstrae
hatte er denken mssen, wo er einmal hinausgewandert in der seligen Ahnung nach
Wunderdingen.
    Seltsame Verschlafenheit fast, in der alles Begehren untergesunken, wie auch
Hunger jetzt und Durst.
    Er hatte da allerhand gemalt, das er starr ansah: Geigenspieler, nacktes
Gesindel mit bronzenen Leibern, sehnschtigen Blickes. Aber auch das alles hatte
jetzt Klang und Glanz verloren. Da er es verabscheute, wie die graue Leere. Er
fhlte sich ganz hoffnungslos. Er begriff nicht, wie das alles so schnell schal
geworden. Er nahm eine Schere und stie eine Leinwand nach der andern durch und
schnitt ein Bild nach dem andern aus dem Rahmen, ohne aus seinem Sinnen
aufzuwachen. Alles war glanzlos und sinnlos und nchtern, dnkte es ihm, wie
einem, der pltzlich nicht mehr Musik - nur noch den Lrm daraus im Ohr behlt.
Er konnte nichts finden, das ihn jetzt htte halten knnen. Nicht er selber,
noch irgend ein Heilbringer. Auch Herr Soukoup nicht, mit seinen groen
Kunstforderungen, noch gar Meister Teodor mit seinen Idyllen. Alles war grau in
grau, kleinlich-wirklich, nichtig, bekannt, gut und tchtig und sonst nicht
viel, ein rechtes Herkommen der Seele von langeher, immer wieder wie Blumen
kommen -: nur keine Wunderblume darunter!
    In diesem Augenblick trat jemand ein. Die Wahrheit zu sagen, Einhart sah
heut durch die Wnde. Wie er so getrumt mit offenen Augen, es muten Stunden
vergangen sein, es war gegen vier Uhr jetzt, und er war noch von frh an
ungegessen und ungetrunken, hatte er ein Spren in allen Fasern. So hatte er
feine Tritte schleichen hren, und hatte schon am Anklopfen gemerkt, da hinter
der Tr Frulein Reseda Einla begehrte. Es ist ein wahres Wunder, da sie
gerade an seiner Tr pochte, wo er, ein rechter, vogelfreier Zigeuner,
vielleicht schon morgen diese ganze Welt voll Herkommen wrde verlassen haben,
vielleicht schon heute, vielleicht schon im nchsten Augenblick, weil ihn der
Drang nach etwas Wunderbarem von neuem angepackt und hingenommen. Aber jetzt
stand Frulein Reseda in aller Sanftheit vor ihm.
    Einhart war nicht einmal aufgestanden, so erstaunt war er. Er sah sehr
verlassen aus und lchelte. Frulein Reseda erkannte an seinen Augen, da er
erst allmhlich in diese wirkliche Welt sich nach Hause fand. Seine Augen sahen
herum, wie einer, der von etwas zu viel Licht geblendet sieht. Frulein Reseda
ging freundlich nher.
    Werden Sie bse sein, wenn ich einmal zu Ihnen eintrete? sagte sie sehr
fein.
    Einhart sah, da es ein vornehmes Frulein war. Obwohl der Kropf leicht aus
der Mantille heraussah, hatte sie eine ganz erwhlte, stille Rede, die Hnde
fein und schmal voll blauen Aderwerkes. Einhart konnte wirklich jetzt nur
lcheln. Schon weil auch Frulein Reseda aus Gte lchelte.
    Oh oh, was Sie da haben! sagte sie wie mit flchtigem Blick in leichtem
Vorwurf, auf die bunten Leinwandfetzen am Boden weisend, halb verlegen. brigens
war, wie Einhart jetzt noch genauer sah, Frulein Reseda bucklig. Aber ihr Auge
war tief und braun, ihr Gesicht bla und schmal, mit einem behaarten Wrzchen am
Unterkinn, und ihre Bewegung in allem fast fromm und verhalten.
    Ich wollte schon immer einmal kommen, sagte sie weil ich dachte, da ich
Ihnen etwas ntzen knnte. Sie leben allein und sind gewi noch jung und
unerfahren, sagte sie.
    Einhart war in solchem Falle recht wie ein Mann, der gar keine Acht hat, auf
keine Forderung und Hflichkeit. Nur ganz voll Zutrauen. Ach Gott - sagte er,
allein - ja - allein - lebe ich - oder auch nicht allein. Wie man es nimmt. In
Gesellschaft genug! Ich komme eben aus dem Ausstellungstrubel, da war die ganze
Stadt - sagte er.
    Wissen Sie, weswegen ich komme? fragte Frulein Reseda. Aber erst
erlauben Sie mir zu sitzen, sagte sie gleich darnach, ich habe immerfort
Wsche gelegt. Sehen Sie! Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie mich nicht auch
einmal besuchen wollen? Sie leben so sehr unregelmig und gewi nicht immer in
der besten Gesellschaft!
    Einhart fand diese Rede wunderlich. In der besten Gesellschaft?
wiederholte er und ging zum ersten Male auf und ab, als wenn nun jemand gekommen
wre, der ihn zur Rede stellen und mit Mahnungen versehen wollte. Er mute an
die Nacht mit Dorothea zurckdenken. Nein, Sie haben durchaus recht, sagte
Einhart dann zustimmend. Begreifen Sie doch: man wei eigentlich berhaupt
nicht recht. Die Eltern schicken einen an so eine Akademie und sagen nur: Tue
Gutes! Nun mht man sich. Und greift ins Unbestimmte. Ich habe Sie doch nie
gestrt mit meinem Wohnen hier? Oder doch? Wollen Sie mir etwa deshalb die
Leviten lesen? - sagte er verlegen lchelnd.
    I Gott! lieber Herr Selle! Ich werde - - - nein nein - - - Glauben Sie doch
das nicht! Nichts dergleichen. Nur ganz allgemein: nmlich - ich wollte Ihnen
immer sagen: ich glaube, die Knste hat der Teufel erfunden, stie Frulein
Reseda dann hervor. Das ist nichts Gutes! Da wird alles veruerlicht. Und
uere Mae sind nicht immer die inneren! O Gott!
    Beide waren eine Weile verlegen lchelnd still fr sich.
    Und nicht nur das, sagte Frulein Reseda hastig weiter, als Einhart dann
lebendiger sie anzusehen angefangen. Die jungen Knstler leben ein gottloses
Leben. Sie taumeln herum, wie die Schmetterlinge auf allen Blumen, wo sie etwas
Ses finden. Und haben nicht Halt. Und ehe sich Einhart besann, brachte sie
vor, da sie manchmal bei sich junge Leute htte, Leute in Einharts Alter, gute,
strebsame, fromme Jnglinge. Und wenn er sie besuchen und so manchmal auch bei
ihr ein Mahl mit denen einnehmen wollte, mchte er kommen. Nicht um
meinetwillen komme ich, sagte Frulein Reseda am Ende ausdrcklich. Ich dachte
mir, da ein Leben gewonnen wre, wenn der Geist der Jnglinge nur rechtzeitig
auf die wahren Gter und Halte gerichtet wrde.
    Frulein Reseda sprach sanfte Ideen, da Einhart sein Lcheln gar nicht
wieder los wurde. Als er sein Hin- und Herwandeln einstellte, worin er jetzt
ganz dem alten Herrn Selle glich, war er froh, da eine Stimme aus einer ganz
anderen Welt pltzlich zu rufen angefangen.
    Gewi werde ich kommen. Warum denn nicht? sagte er bestimmt. Einmal
schon, weil ein Knstler allerlei Menschen kennen lernen mu, und sich aus
tausend Zgen etwas erlesen. Und dann, weil Sie mich gewi nicht einladen, um
mich drben zu vergiften, sagte er drollig, weil ich Ihnen nicht mitraue.
Frulein Reseda lachte hell auf. Ihr Lachen war ein feiner, geflliger Klang.
Einhart mute dabei unwillkrlich an etwas Schnes und Freies denken. Aus dem
Lachen kam ein Hauch voller Hoffnung wie aus einer fernen Jugend.
    Wie dann Frulein Reseda hinaus war, war Einhart noch immer erregt, wie wenn
er etwas erlebt htte. Eine Wunderblume ist nicht darunter, hatte er auf den
Stufen vor der Ausstellung gesagt, als er am Morgen mit Grottfu heraustrat. Ob
denn hier im heimlichen Bodengela etwas Wunderbares blht? dachte er jetzt. Er
hatte alle Drnge vergessen, hinauszuwandern, seine Mattigkeit und sein
Widerstreben gegen sich selber, seine Begierde, die Gegenwart hinter sich zu
lassen. Frulein Reseda hatte gleichsam, wie eine Schale noch in lauter Hllen,
ihr seltsam gtiges Leben vor ihn getragen. Einhart begann neu erfat,
aufzulachen. Man mu solcher Menschenliebe mit Kropf und Buckel nachspren,
sagte er vor sich hin.

                                       10


Frulein Reseda hatte ihre Wohnung im vierten Stockwerk, wie Einhart seine
Giebelstube. Und Einhart war wirklich zum ersten Male im Leben entzckt, wie es
in einer menschlichen Wohnung aussehen konnte.
    Einhart kannte jetzt manche Wohnsttte von Menschen. Nicht nur die
Behausung, in der Herr Geheimrat Selle nebst Frau und den Tchtern sa. Man
lebte darin noch immer so recht ein Leben der Gewohnheit. Und alle Mbelstcke
und die Blume auf dem Teppich schienen eine steife Wrde fr sich zu tragen, so
etwa, als wenn jedes fr sich sagen wollte, gedungen und ausgentzt stehe ich
und diene hier einem gleichmigen, eintnigen Leben. Das Sofa mit den groen
Lehnen und der Tisch mit dem Silberteller voller Karten mit noblen Namen und
Wrden, ein jedes vergriffene Stck schien heimlich zu sthnen und zu raunen,
da es sich wie verschlafen und steif fhle und wie hoffnungslos eingeschlossen,
als ein freudeleeres Glied in dieser nichtgeachteten, verschlafenen Runde. Da
gab es nur ein eintniges, heimliches Widereinanderklingen wie in den Seelen.
Und der Herr Geheimrat tat der blauen Blume im gelben Spiegelfelde sogar jetzt
noch fter die Ehre an, einmal mit Sammetschuhen gergert darberhinzugehen und
ringsum weder den Sklaven Tisch, noch den willigen Sekretr oder den Diener
Schreibtisch gro zu achten.
    Das war so Dienervolk.
    Das stand da oben in der Wohnung des Geheimrats wie unten im Hause in der
Wohnung des Herrn Ipsilon und wo nicht noch alles! Und allenthalben hatte man da
an den Wnden auch Bilder und Stiche angebracht, ohne gro zu achten, welche
Seelen hier ihr Lied gesungen, oder aus welchem Grunde man da und dort in Ecken
und Winkeln Einladungen zum Sitzen in Holz und Kissen hingepflanzt. Das war
Dienervolk, Tische und Sthle, Bilder und Schrnke, was man aus Herkommen und
Notdurft zusammengedungen auf Markt und Gassen, und was man schlecht und recht
eine brgerliche Wohnung nannte.
    Dann hatte Einhart auch eine Wohnung gesehen, die ihn seltsam genug dnkte.
Als er zum ersten Male bei Professor Soukoup eingetreten. Tische und Sthle
darin waren alle aus feinen Hlzern, funkelnagelneu, alles feine Prunkstcke,
ein jedes wie ein Muster einer feinen Idee, die sich darin ausprgte, ganz rein
und in einfachsten Linien, wie Professor Soukoup ausdrcklich erklrt hatte. Es
sa sich wirklich sehr bequem auf den groen Sthlen. Keinerlei fremde Zierrate.
Die Ornamente der Teppiche mit denen der Gardinen eingestimmt. Wenn das eine
Zimmer einen blau empfing, sah man weiter in gelbe Rume. Allenthalben klangen
die Farben der Wnde mit den groen Dunkelornamenten der Vorhnge und
Mbelflchen zusammen. Es war wie ein extraarrangiertes Orchester, das jedem,
der hereinkam, sofort ein Lied oder einen Siegesgesang oder ein sanftes Adagio
aufspielen konnte, wozu dann der Dirigent viele Male auf den Eintretenden die
Augen richtete und zu sagen schien: Nun, ist das nicht eine feine Musik? wohne
ich nicht unter reinen Harmonien?
    Einhart wute es gar nicht, da man solche Orchester allenthalben jetzt in
reichen Husern spielen lie. Da, wenn der reiche Herr Ysop sich von den
Wandflchen und Teppichen und aus Mbel und Gef so eine stumme Musik von einem
Knstler ersinnen lie, auch die Mbelstcke und Bowlen und Teller des Herrn
Ypsilanti nicht ganz tonlos bleiben durften. Da man eigentlich jetzt sozusagen
in allen vermgenden Hausern denselben Musikanten begegnete.
    Aber Frulein Resedas Wohnung, der begegnete man nirgends. Man kann ohne
weiteres sagen, da Einhart einfach verga, da Frulein Reseda einen Buckel
hatte, sofort, als er eingetreten. Da Frulein Reseda einen Kropf hatte, der
aus der Mantille heraussah. Er sah nur noch das lange, hagere, feine Gesicht mit
der Nase, die ihm nicht mehr lang, nur sehr ausdrucksvoll sanft auf alles zu
weisen schien, was die schnen Dunkelaugen sprachen. Gewi war die Haut von
Frulein Reseda welk. Aber das Gesicht hatte einen Rahmen schwarzer, voller
Scheitel unter dem Chenillenetz, und das schlichte, fromme Kleid, das sie trug,
erinnerte ihn an ein altes Stammbuchblatt, das Frau Selle einmal frher, als sie
in alten Sachen kramte, von der Gromutter gefunden und sogleich zerrissen
hatte, weil sie damals gemeint, das wren auch solche Dummheiten gewesen, die
man frher betrieben.
    Nun, zu allernchst mu von der Wohnung geredet werden. Da sie im vierten
Stock lag, hatte der Seele der Wohnung gar nichts anzuhaben vermocht. Um so
wunderbarer kam es jedem vor, der aus dem dunklen Bodenraum hineintrat. Man
htte hier gedacht, nicht einmal niederen Dienern, stumm und devot und
unzugehrig, geschweige gut bezahlten Stadtmusikanten zu begegnen, nur etwa
mdem, abgenutzten Gesindel, wie es in Einharts Stube drftig zusammengelesen.
Und nun sah man es gleich, da darin nur wirkliche, stille, liebe, alte
Vertraute zusammenstanden, wirklich Vertraute, mit langen, tiefen Schicksalen.
    Allein die eine Wand gegen die beiden Fenster war schon rein wie ein Altar
der Liebe, so duchte es Einhart, wie er eintrat. Da stand ein bauchiger Schub
mit goldnen Griffen und einer Decke von Mutterhnden mit Blumen durchwirkt,
bunte, farbighelle Sterne, einer anders als alle, und in stillen Stunden, wenn
Frulein Reseda in der Dmmerung noch ohne Licht sa, begannen diese
Blumensterne sich zu einem Bilde voll liebenden Lebens zu ergnzen, erwachten
auch die Hnde mit der dnnen Haut und den blauen Adern - und den groen Nadeln
und die Augen voll Blue und die ganze, liebe, haubenumrahmte Muttergestalt neu.
Und Frulein Reseda konnte allein aus dieser Decke eine ganze, lange Geschichte
voll beseligender Erinnerung, wie die Biene aus einer Blume Honig ziehen.
    Und auf der bunten Blumendecke stand eine Uhr, das seltsamste Stck, aus
schwarzem Holze, mit einem groen Auge von Zifferblatt mitten wie eine Sonne in
einem Tempelgiebel, der von Sulen getragen war. Und der Perpendikel schwang
dazwischen und pendelte auch noch in einem prismatischen Spiegel, da er zur
rechten und linken Seite immer sich auch noch einmal entgegenkam. Das alles wre
nur fesselnd gewesen. Auch, da diese Uhr sauber mit Goldblumen besetzt war und
berhaupt ebenso gut in einem Schlo auf einem marmornen Kamin wie in dieser
stillen Heimsttte einer frommen Menschenfreundin htte ihr Stundenlied pendeln
und pinken knnen. Wenn nicht auch hier noch auerdem eine alte
Schicksalsmelodie daneben geklungen.
    Diese Uhr gefllt Ihnen? hatte Frulein Reseda gleich, auf den erstaunten
Einhart blickend, gesagt. Ja, das ist nmlich ein kleines Wunder. Soll ich
Ihnen die Geschichte erzhlen?
    Erzhlen Sie gleich, hatte Einhart nur neugierig erwidert.
    Mein guter Vater htte alles in der Welt, nur dieses Stck nicht
hergegeben, sagte da Frulein Reseda. Was daran wahr ist, wei ich nicht.
Dergleichen Sagen gibt es ja wohl manche in alten Familien. Sie sind nur ein
Phantasiespiel der Liebe um unser Herkommen, um unsere Vergangenheit sozusagen,
erklrte sie. Aber es ging die Sage, da ein Elf meiner Urmutter, die eine alte
Adelsherrin auf einem Herrschaftssitz war, diese Uhr, eine Kette und einen
Becher zutrug. Und nun hatte sie ausfhrlich alles erzhlen mssen, was Einhart
unsglich berckend schien, und ohne Farbentafel ein eitel vorberwehendes,
beglckendes Traumbild.
    Erzhlen Sie mir alles, hatte er sie mit verzehrtem Blicke angesehen mit
seinen Glutaugen und mit einem Lcheln tiefster Erregung, gar nicht einfltig,
obwohl in ganz innigversunkener Hingabe, wie sie ihm in dieser ganzen
Akademiezeit nie aus Seele und Auge aufgeblitzt. Denn hier auf einmal begannen
sich Sehnsuchten zu stillen. Hier duftete etwas gar nicht nur wie Reseda. Hier
schien wirklich von lange her ein einsames Glcksland.
    Also einen Becher und diese Uhr und eine Kette brachte der Elf? Einhart
war ganz im Wunder.
    Meine Urgromutter hatte nmlich gerade einen Knaben geboren und lag im
schweren Himmelbett im Schlosse in den Wochen, erzhlte Frulein Reseda. Innig
verpflegt, brachte sie ihre Zeit in Halbtrumen zu. Und manchmal, wenn sie die
Augen auftat, schien in dem Dmmerraum eine kleine, feine Flamme von einem
llmpchen her, das auf einem Ecktische stand.
    Und in einer Nacht hatte sie eine Erscheinung. Ein kleiner, brtiger,
wetterfester Kerl, der kaum zum Bett aufragte, steht gegen den Schein. Zuerst
hatte sie ihn fr einen Kleiderzipfel gehalten, der vom Bettstuhl ragte. Dann
erkennt sie ihn, weil er ganz dienstwillig sein Zipfelhtchen lupfte und sie
flsternd anspricht: Du birgst ein Kind hier im Schutz. Und das ist gut. Aber
mein Weib hat auch ein Kindlein geboren und sie kann es nicht schtzen vor
deinem le, sagte der kleine Mann ganz voll Kummer. Htten wir hier nicht rasten
gemut, weil zu gleicher Zeit wie deine auch meines Weibes Stunde kam, wir wren
nicht hier. Oh, Herrin, sieh nur hin! Deine llampe sickert Tropfen um Tropfen
durch die Tischspalte, und die Tropfen fallen gerade auf mein Weib und Kind.
Gebiete doch, da man die Lampe auf einen anderen Platz stelle.
    Am Morgen dachte meine Urmutter hin und her ber den Traum. - Aber der
Traum wiederholte sich die folgenden Nchte. Und endlich nach dem dritten Male
befahl die bleiche Wchnerin, die llampe auf einen andern Platz zu tragen.
    Und was geschah? fragte Einhart eifrig, dem der feine Mund im graubleichen
Gesicht offen blieb, da man seine gelben Zhne sah.
    Ja, nun raten Sie einmal! sagte Frulein Reseda drollig gewichtig.
    Um aller Welt Wunder willen, wer kann solche Entzckungen aus der Luft
greifen? gab Einhart ganz ernst zurck und schwieg.
    Da lud ihn Frulein Reseda vor einen glsernen Schrank, der von vier Mohren
gehalten dastand, und ffnete lange nicht, weil sie selber ins Trumen geraten,
nur lchelte. So da nun beide von dem kleinen llmpchen trumten, und wie
Tropfen um Tropfen auf das winzige Elfenbett niederfiel als wie der Schlag der
Stunde.
    Oh die Sache lste sich wunderbar, rief dann Frulein Reseda. Denn in der
vierten Nacht erschien das Mnnlein wieder und sagte, indem er einige schwere
Dinge heranschleppte: Ihr habt mein Prinzelein gerettet. Mein Weib ist schwach
und bleich noch wie Ihr, aber sie sieht mit leisem Lachen auf das Kind. Die
Tropfen fallen nicht mehr, sie zu bekmmern. Habt Dank und nehmt, was ich Euch
bringe! Solange Euch die Uhr schlgt, wird Euer Haus eine glckliche Wohnsttte
sein! Solange Ihr aus dem Becher trinkt, werdet Ihr se Trume haben! Solange
die Kette am Halse der Schlofrau blinkt, werdet Ihr in Menschenliebe wandeln!
    Frulein Reseda ffnete jetzt und zeigte Einhart alles, den Becher aus einem
Stck Bergkristall, die feine Kette aus grnen Steinen, die sie gleich unter
ihrem Halskruschen hervorzog. Man mu seine wahren Gter heimlich tragen, weil
sie mehr wert sein mssen, als nur zu prunken, sagte sie neckisch, als sie sie
vom Halse abzog und ihm hinhielt.
    Nun, wei Gott, Einhart war das alles, da ihm die Augen weiter wurden.
    Die Geschichte hatte Frulein Reseda nur so anspruchslos hinerzhlt. So kam
und ging es aber an allen Enden, vor Bildern seltsamer Ahnfrauen und vor Tischen
und Schben. Aus jeder Ecke ragte eine Geschichte, eine Flle von Ereignissen,
wovon in dem Glasschrank voller kleiner Spielgeschmeide schon allein an die
Tausende saen. Nicht etwa aufbewahrt, damit es andere hren oder sehen sollten.
Ganz und gar nur zur Liebe fr die Eine, wie berhaupt die ganze, feine, duftige
Wohnsttte des einen, einsamen Frulein Reseda.
    Sogar an den Fenstern besah Einhart lange Zeit versunken weie, schattende
Lichtbilder aus einer alten Zeit, wie Schferspiele holde Dinge. Und Einhart
achtete gar nicht, da er vor dem Nhtisch des Frulein Reseda versunken sa,
vor den drolligen Gesichtern der elfenbeinernen Stopfkugeln im bunten Nhkorbe
und den Nuknackern, die Nadelhalter darstellten. Alles hier atmete und hauchte
feinen Sinn und liebes Leben. Er wute gar nicht, da er tatschlich neugierig
wie ein Dieb herumschlich und dann ohne Erlaubnis den Nhschub aufgetan, um
tausenderlei Ringwerk, feine, bunte Kinderkettchen auch, lustiges Schnitzwerk
und metallnes Knpfelzeug, und dem Auge insgesamt so recht lsterne Dinge
auszukramen.
    Alles das gehrte zu Frulein Resedas ganzem Leben. Und es duchte ihm, da
er jetzt Frulein Reseda gut kannte. Und es duchte ihm auch, als ob er schon
einmal im Traume auch vor diesem Nhtisch gesessen, mit den bunten
Blinkeflittern gespielt, die Lichtbilder gegen die abendgerteten Fenster in
Vision gesehen, den ganzen, vielgestaltigen, winzigen Nippkram des Glasschrankes
angestaunt, den feinen, spitzen, fremden, khlen Ton der Tempeluhr htte pinken
hren, fast wohl gar in einer andern Welt.
    Und wie dann Frulein Reseda, als Einhart noch immer versunken gesessen in
allerlei Traumspielereien, gar ihr ein wenig glsern klingendes Klavier geffnet
und weich anschlagend fromme Tne voll fremden Wohlklangs hineinschlang in die
Stille, war Einhart zum ersten Male ganz und gar in einem neuen Wunder.

                                       11


Wie Einhart nun einmal war, Sinn und Leben begann eine andere Richtung zu
nehmen, seitdem er den steinkristallenen Zauberbecher und die Tempeluhr in
Frulein Resedas Wohnung angestaunt, und seitdem er wute, da das grne
Steinkettlein heimlich unter dem weien Spitzenkruschen an Frulein Resedas
Halse verborgen blinkte. Seit der Zeit wute er eigentlich gar nicht, da ihn
etwas wie eine Akademie noch mit tausend Forderungen drckte, und da es in der
Stadt ein Haus gab, wo die sieben Sachen der Kunst des Jahres aufgestapelt bunt
herumhingen. Er fhrte jetzt ein richtiges Miggngerleben.
    Wenn Grottfu kam, fand er meistens Einhart noch schlafen. Die kleine Lampe
war heruntergebrannt. Malutensilien und Skizzen lagen seit Wochen schon
umhergestreut. Gewhnlich lag auch das Buch, worin Einhart gelesen, auf der
Diele, weil er es beim Einschlafen hatte fallen lassen, und seine dnnen Decken
hingen aus dem Bett heraus.
    Einhart schlief in dieser Zeit sehr unruhig, weil er die seltsamsten Trume
hatte. Nie im Leben hatte man sich um sein Seelenheil bekmmert. Dieses Wort
gefiel ihm auermaen. Gerade so empfand er jetzt die Seele und Art von Frulein
Reseda. Gerade so empfand er es, als wenn er von irgendeinem Zwange ein
Lebenlang umsponnen, pltzlich genesen wre. Er begriff es gar nicht. Er hielt
sich nur fest, mit allen Sinnen und Wnschen ganz versunken.
    Sobald Grottfu ihn geweckt hatte, begann er zu erzhlen. Er hatte
gewhnlich den Abend mit Frulein Reseda zusammen zugebracht. Oft war sie mit
ihm vor der Stadt gewesen, irgendwo im Grnen, irgendwo auf einer weiten Wiese
wieder unter hohen Eichen, die mchtig im Abendsonnengold umflossen geragt. Sie
hatte einen Strau Frhlingsblumen in Hnden gehabt, und er war neben ihr
gegangen, ganz beglckt im Sinnen und Staunen, aber nicht nur so im
Allerweltswesen der Dinge, gar nicht - - fest umschlossen von den feinen
Gefhlen dieser kleinen, vornehmen Person, die in jedem Worte etwas herzutrug
von lange her gesammelt und gesichtet, und die jeder Blume sogar mit ihrem Namen
eine kleine, se Sage umband wie eine weie, durchbrochene Halskrause.
    Tatschlich sa Einhart den ganzen Tag womglich jetzt drben bei Frulein
Reseda, die natrlich einen ganz anderen Namen hatte, obwohl der se Duft immer
um sie schwebte, und auch ihre ganze Wohnung immer nach Blumen roch.
    Grottfu ging einmal mit Einhart hinber. Frulein Reseda hatte es
gewnscht, Einharts Freund kennen zu lernen. Aber Grottfu war sehr ernchtert.
Schon weil er eine junge, blonde Sngerin zufllig kennen gelernt hatte, in die
er verliebt war. Er nannte es mit Rcksicht auf dieses junge, blonde, verliebte
Ding von Elevin, die an einer Musikschule studierte, und die er nun seinerseits
besuchte, so oft er konnte, im Grunde lcherlich, mit dieser alten, buckligen,
moralischen Person sich abzugeben. Hauptschlich aber, weil sich Grottfu bei
Frulein Reseda ganz aus dem steifen, theoretischen Gleichgewicht gebracht sah.
    Aber Einhart war um so lieber bei Frulein Reseda. Sie hatte ihm zum ersten
Male allerle, Ideen entschleiert. Sie besa eine Flle Bcher. Er las alles nur
Erdenkliche. Man kann sagen, Dinge, die er nie gehrt, Philosophen und Dichter
und Kunstbcher und Kunstlehren aus alter Zeit. Immer so, da er gar nicht zu
sagen wute, was er alles gelesen, so versunken in die Dinge war er gewesen. Er
hatte eine umstndliche Art und Weise, zu lesen. Er mute sich alles genau
ansehen, wie wenn hinter jedem Worte ein Gleichnis stnde, und das Wort nur ein
Wink wre, anzusehen, was irgendwo wirklich war. Nicht immer fand er es gleich
aus, wo und was? So sah er die wunderbarsten Sachen und merkte gar nicht das
Leben um sich, und kam aus der Lektre, wie man aus Trumen erwacht, die dann
entschwinden und vielleicht einmal von ferne wiederkommen.
    Und in allem war er jetzt vertraulich mit Frulein Reseda. Sie kmmerte sich
um ihn wie eine Mutter. Auch die Jnglinge lernte er kennen, die Frulein Reseda
aus dem Seminar zu sich lud, sehr eingeschchterte Jungen, ein wenig
zurckgeblieben in ihrem Fortkommen in der Schule, wie ehedem Einhart selber.
Aber gar keine Trumer. Die sich bei Frulein Reseda nur satt aen. Die sie auch
allerlei abhrte. Es war Einhart allmhlich ganz aufgegangen, da das Kettchen
an ihrem Halse es wahr gemacht, da das alte Frulein wirklich in Menschenliebe
wandelte.
    Die kleine, alte Dame fhlte sich am Tische unter den Burschen wie eine gute
Mutter und gab unter Lachen nicht nur gute, gesunde, reichliche Kost, auch ihre
guten, feinen, sinnigen Worte banden manche Gefhle zusammen im Geiste jedes,
da er nun, ohne recht zu wissen, sicherer vorwrts lief.
    Aber Einhart fand die gedrillte Devotion sich ein wenig zuwider. Er wute
mit diesen Jnglingen nichts Rechtes zu machen. Da er, wenn er genug gegessen
und getrunken hatte, zumeist aus dem Lcheln nicht herauskam, sobald die
Seminaristen fade Spe von den Lehrern zu erzhlen und ein wenig einfltig zu
werden begannen.
    Er gestand es Frulein Reseda auch ruhig ein, da er mit diesen Menschen
ohne Trume nichts anfangen knnte. Frulein Reseda nannte ihn dann hochmtig,
sagte, man mte die Menschen nehmen, wie sie Gott geschaffen, da ein jeder
eine unsterbliche Seele htte, da die Seelen vor Gott alle gleich wren und
manches freundliche Wort ausgleichender Gerechtigkeit. Worber Einhart, indes er
sich schon etwa in Sakuntala versenkte, nur nebenbei einmal hell auflachte,
unter verzeihendem Zulachen von Frulein Reseda, die den Seminaristen nichts
dergleichen zugelassen, aber Einhart all das eigene, selbstndige und freie
Wesen nachsah.
    So war es einige Monate hingegangen.
    Einhart hatte Akademie und Malen einfach in der ganzen Zeit vergessen, hatte
sozusagen sich an Hab und Gut von Frulein Reseda, an Seele und Sinn und alle
die Ideen und Schtze und Bcher von Frulein Reseda angesogen, als er erfuhr,
da seine Mutter ernstlich daheim erkrankt wre und er kommen sollte.

                                       12


Im Hause von Herrn Selle ging man auf Zehen. Die Kranke war so erregbar und
schmerzempfindlich, da die leiseste Erschtterung sie aus Wachtrumen weckte
und jammern machte. Geheimrat Selle sah aus wie Kreide so fahl. Die groen
Mdchen waren bleich und berwacht, weil sie halbe Nchte, auch wer nicht an der
Reihe war, halbausgezogen aufsaen, mit den Hnden oft stillgestellt beim
Knpfen oder Nesteln, oder in sonstigen, achtlosen Hantierungen, wenn sie dem
Sthnen im Krankenzimmer lauschten.
    Rosa ging kindlich zart um, sehr gtig, sehr ttig. Nur Emma war garnicht
still zu machen mit ihren dringlichen Fragen, weil sie immerwhrend die Angst
fhlte, und bei jedem, der da war, eine Zuflucht oder einen Trost suchte.
    Frau Selle war unerwartet erkrankt. Man hatte es zuerst, als die
empfindlichen Darmschmerzen kamen, nicht recht beachtet. Bis schlimmere Symptome
sichtbar geworden. Dann hatte man als letztes Mittel einen operativen Eingriff
noch gewagt.
    Einhart war am Nachmittag angekommen. Niemand aus der Familie erschien in
der Bahnhofshalle, ihn abzuholen. Obgleich es zum ersten Male war, da er die
Heimat nach Jahren wiedersah. Er lief gleich auf den Bahnhofsplatz, wo einige
ihm bekannte, zerschlterte Droschken mit eingedeckten, mden Pferden harrten.
Als er sich allenthalben hier wieder umsah, ging es in Einhart hin, wie wenn
wahrlich Lieder klngen. Nun kam es wieder, was er vergessen. Er ging ganz
heiteren, erhobenen Hauptes. Der Eindruck der alten Heimat, die ihm jetzt neu
wirklich schien, da er wie einen einstigen Einhart um alle Ecken mit
Knabentollheiten in der pfiffigen Seele antreiben und heranstieben sah, war so
stark, da er ganz sonst verga, da keine Schwester ihm auf seinem Wege
entgegenkam. Und da keine Menschenseele ihn hier mehr kannte.
    Der weie Schnauzbart des Klassenlehrers leuchtete ihm entgegen, als er um
die Ecke bei der Promenade einbog. Einhart, pltzlich erschreckt, hatte seinen
Hut ehrerbietig aufgehoben und glitt vom Brgersteige unversehens herab.
    Aber der Klassenlehrer grte gleichgltig. Er sah sich nicht weiter um.
    Und Einhart trieb, die Augen wie immer, wenn ihn Erstaunliches lockte, ganz
weit und unerwecklich aufgemacht, vorwrts, um die Promenaden rund herum, ohne
noch einstweilen an zu Hause zu denken.
    Kein Wunder. Einhart hatte im Leben nie Krankheit gefhlt. Er hatte
hchstens eine dicke Backe bei Rosa oder Mutter drollig angesehen und das
vermummende, weie Battisttuch darber. Oder so unbestimmt gehrt, da Vater an
Gichtschmerzen litte. Nichts wie wirkliche Krankheit war ihm bisher achtsam
vorgekommen. Nun gar der Tod! Einmal im Bilde ging er von ferne an ihm vorber.
Er sah jetzt nur die alte, graue Stadtmauer wieder, die alten Bastionen, den
gelben Strom, Dom und Kirchen, die er frher nicht einmal bis zum Kapitl der
Torsulen oder dem Giebelfelde sich angesehen, da er jetzt erstaunt war, wie
schattig und hoch das alles schon damals mute gewesen sein. Er schritt auch der
Brcke entgegen, dort, wo er seinen Tornister manch liebes Mal heimlich
geborgen, und an den Lieblingspltzen seiner jungenhaften, vertrumten Spiele.
Bis zu Geheimrat Selles war er noch garnicht durchgedrungen.
    Aber dann stand Einhart doch in der bekannten, engen Strae davor, vor dem
alten, gelben Hause, und hatte pltzlich wie eine Schwche im Blute rinnen. Als
wenn er die Treppen mhsam nur ersteigen knnte. Garnicht etwa ein Gefhl von
Ahnung, da ihn da etwas Furchtbares anfassen wrde. Garnicht eine Vorbedeutung
von erschrecklichen Dingen. Nur als wenn dieses ganze, groe, dreistckige Haus
hart durchsetzt wre von der steifen, strengen Vatergestalt, an der er nun wie
gelhmt aufstieg. Denn das war es, da er jetzt fhlte, dem Herrn Geheimrat
Selle bald gegenberzustehen, und weil er recht eigentlich pltzlich hart
empfand, da er jetzt noch weniger etwas gelten knnte wie je. Nicht vom Gendarm
wie ehedem, von einem heimlichen Einsiedler gefhrt, wurde hier Einer
heimgebracht, der erwachsen war. Zur Besinnung und zur Sehnsucht nach sich und
seinem Werte war er durchgedrungen. Nicht so zur Wegeerkennung, wie ein anderer,
als ein richtiger Traumgnger aus ihm je hervorgehen sollte?
    Einhart war mit solchen Empfindungen die zwei Stiegen langsam
emporgeklettert und war in einer Erregung, die ihm fast den Atem nahm. Da er
noch immer nicht zu klingeln wagte und lange stand.
    Da merkte er, da an der Tr sich ein Schild befand, worauf Herr Selle mit
eigner, groer Handschrift das Klingeln durchaus verbat.
    Das machte ihn entschlossen, da er klopfte.
    Johanna kam, versorgt, ganz leise. Katharina auch, die schn und gro
geworden. Alle bleich und ganz leise, ihn nebenher kssend, und ihn wie trstend
gleich. Und Emma kam, die vllig verstrt aussah und verngstigt. Die ganz
verga, guten Tag zu sagen. Die ihn gleich flehentlich bat, da Mutter nicht
sterben sollte! Und Rosa zuletzt, sorgend, gtig und schn in ihrer Tatkraft,
nur einen Schluchzer pltzlich herausweinend, dann wieder sanft die leise
flieenden Trnen nicht achtend, als sie klar zu Einhart redete: Mutter ist so
unendlich schwach, sagte sie.
    Wrst Du doch einen Tag frher gekommen!
    Ach mein Gott im Himmel! sagte sie und klagte sie.
    Sie hat sich gesehnt nach dir! Nun wird es zu spt sein! Nun wird es zu
spt sein! begann sie jetzt zu weinen.
    Einhart sah das Leid und die grauen Mienen. Aber da es zu spt wre? Was
ist zu spt? sagte er verzehrt, als Herr Selle selber kam, um Einhart stumm die
Hand zu reichen. Einhart nahm Vaters Hand und kte sie inbrnstig. Vater? Um
Gotteswillen? Was ist zu spt? Was ist zu spt? sagte er in Leidenschaft und
lief, was er nur konnte hin, wo die Mutter im Bette lag.
    Aber da richtete sich Einhart auf, als wenn er ein Raubtier zum Sprunge
wre, lang machte er sich. Denn es lag da eine weie Gestalt. Es lag da etwas in
den Kissen, was er nicht mehr kannte. rzte standen daneben, ganz unbeweglich.
Die lebten. Aber die weie, fremde Gestalt war wie eine Marmorgestalt, steinern.
Die Mutter konnte es unmglich sein? Einhart schlich ganz nahe. Er streckte auch
gleich seine Arme nach dem Bette aus. Er bebte bis zu den Fen. Die Trnen
sprangen aus seinen Augen heraus. Whrend Vater und die vier Schwestern ihn
halten wollten. Weil er zum ersten Male im Leben jetzt einen furchtbaren Schrei
pltzlich ausstie, flehend nach der bleichen, entfremdeten Muttergestalt die
Arme reckend in zerreiender Sehnsucht - und ebenso pltzlich auch schon in
Ohnmacht hingesunken war.
    Der Tod hatte im Raume gestanden.
    Einhart hatte den Tod noch nicht mit Augen gesehen.


                                  Drittes Buch

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Oben im Gebirge wehte der Sdwind ber Felsen und Knieholz nieder ins Tal, und
der Himmel war wie eine helle, blaue Glocke, rein in seinem Glanze. In den
Talgelnden, die sich bis zum Waldgrtel erstreckten, lagen Kirche und Haus und
Htte in friedsamer Stille, und es schwammen Krhenscharen von der letzten
Wiesenflche oben auf und zogen mit Gekreisch ferner und ferner. Man hatte
Grummet eingebracht in mchtigen Hocken. Vater Sender, der alte Bauer, und seine
groe Tochter, waren beide vielemale Schritt um Schritt gegangen, so breit und
hoch war die Last, die sie immer neu auf den Rcken genommen, und der einsame
Feldweg bis zum Gehft an der Lehne lag voll Heu, weil der Windsto mit
unsichtbaren Hnden den Tragelasten Bschel entri und sie hinwarf und umtrieb
und verwehte.
    Vater Sender war ein gebeugter Mann. Sein Rcken hatte das Leben lang Lasten
getragen, Schritt um Schritt, aber ohne zu wanken, auch wenn es Zentnerlasten
gewesen. Sein Gesicht war lang und glatt rasiert, da man nur die groen Furchen
sah, die Sorge und Sinnen eingegraben. Sein Grauauge sanft und innerlich, und
sein groer Schdel blank, wenn er die vergilbte Mtze einmal in die groe
Schwielenhand nahm, um sich den Schwei mit der andern Hand zu wischen.
    Vater Sender war ein Trumer, so in seiner Weise. Als er heute mit seiner
groen Tochter zusammen, die Ella hie, sich am Grashange unter dem
Wildrosenbusch sorglich niedergelassen, um seine Brotstcke mhsam
hinunterzukauen, whrend Ellas junger Mund hineinbi wie eine Schlange, die
gleich ganze Bissen einfach glatt hinunterschlingt, hatte ihn bald eine tiefe
Mdigkeit ergriffen, da der alte Blankschdel, mit den weien Haarfransen
unregelmig im Nacken, in dem Schattengemuster des Rosenbusches hingestreckt
wundersam friedlich lange dagelegen, wie ein Toter, still und ergeben. Und wie
er dann von neuem sich erhoben, um mit leichtem Geseufz und sehr fr sich, wie
immer, mit Ella zusammen zu rechen, und Schritt um Schritt mit seiner markigen
Kummergestalt die Gurten fr die neuen Hocken auszubreiten, da mute er es Ella
doch erzhlen, da er wieder die liebe, heilige Jungfrau gesehen, leibhaftiger
als je im Leben. Des alten Sender Augen waren gro und grau und demtig und
schchtern, wie die eines Knaben, der von der ersten Liebe einen Glanz verbirgt,
wenn er davon redete. Diese Trume gehrten zu ihm und beseligten ihn manchmal.
    Gesehen - so wie ich dich sehe - Tochter, sagte der alte Mann. Und wie
gesehen, sagte er nach langer Weile sinnend. Frher habe ich die heilige
Jungfrau manchmal mit Augen gesehen. Als ganz alte Frau einmal, alt wie unsere
Mutter. Nur ganz und gar nicht geschftig, wie die, die sich gar nicht Ruhe
gnnt. Und das zu Geschftige ist auch nicht immer das einzige, fgte er
sorglich hinzu, als er wieder nur zugesehen, wie Ella sich mit dem Rcken in den
gehuften Schober warf, bis er ihr selbst die Gurte ber die Schultern legte,
und sie den Packen zusammenri.
    Ja - so wird es gut sein, sagte er dann nur und griff die berhngenden
Bschel Heu heraus und warf sie auf die Wiese zurck.
    Ella war so verloren in ihre Ttigkeit, whrend ihr das Bunttchel um Kinn
und Nacken flatterte, da sie gar nicht weiter fragte, noch sonst sprach. Der
Vater konnte erzhlen oder innehalten, gleichviel.
    Also die heilige Jungfrau wars heute wieder, sagte er jetzt mehr fr sich.
Aber ganz jung diesmal. Und viel Kinder waren um sie. Man htte denken mgen,
da es unsere Schulkinder waren, weil sie geradezu Lrm machten. Was mich
ordentlich rgerte, fgte er lssig hinzu.
    Als Ella mit der Heulast lngst fern den Hang hinab sich mhte, mute der
Alte aus irgendeinem Grunde ber sich oder ber das Bild innen lachen. Und er
lachte dann noch ein paarmal so einsam in die lose Sommerluft, als er die Wiese
hher hinauf die breiten Schwaden, die jetzt gegen den Abend getrocknet waren,
zusammenwarf. Er murmelte und murrte, nahm die Mtze ab und sah vor sich hin.
    Oben vom Walde her kam Einhart. Er sah drftig aus wie immer, braungebrannt
und dunklen, losen Blickes. Das kurze Jackett abgeschabt. Er wohnte jetzt in den
Bergen. Nach der Mutter Tode hatte er nicht lange daheim ausgehalten. Und in die
Stadt zurck war Einhart pltzlich ein Ekel gekommen. Der Kummer Tod stand in
diesen ganzen Zeiten heimlich vor seinem Auge, wie eine schwarze Rtselwolke.
    Wer Einhart jetzt sah, und es war schon ein Winter vergangen, den Frau Selle
unter Schnee gebettet gelegen, der sah eine seltsame Verwandlung. Aus ihrem
Grabe waren lngst neue Blumen aufgesprossen, und der Junimond hatte seine
hellste Sternenweise licht und weich ber ihr Grab geleuchtet.
    Wer Einhart jetzt sah, mute an dem Dunkelstrahl seiner Augen erkennen, da
er die Welt neu und neu inniger ansah, saugender, verzehrender, so wie die
Mutter einst. Sein Blick htte noch traurig gelten knnen, wenn nicht der Schein
Gte darumgeschwebt, wie kindliches, lchelndes Staunen jetzt in diese Heumahd
und zu dem alten Grauschdel hinber.
    Der alte Sender kannte Einhart gut. Einhart hatte im Giebel des Senderschen
Hauses sein Bett und seine wenigen Malgerte und sonstigen Bedrftigkeiten.
Allerlei Skizzen waren lose an die getnchten Brettwnde angezweckt. Beim
Lichtspan in der dmpfigen, groen Wohnstube des Huslers unten hatten sie
beieinander gesessen, der alte Bauer ewig mit der Pfeife im Munde und Einhart
nicht weniger wie er, in die Dmpfe des Kartoffeltopfes vom Herde her, den die
alte, krumme Mutter geschftig versah, seinen Tabaksqualm hinzublasend.
    Nun lie sich der alte Sender auch nicht ein Jota stren. Nicht ein Mal sah
er hinber aus seiner Hantierung. Bis Einhart zwischen den Schwaden schreitend
und die Bschel Heu Fu um Fu vor sich werfend, heran war. Aber auch, wie
Einhart jetzt schon am Raine stand, ganz nahe, lachte Vater Sender nur zu ihm
hin, und Einhart lie sich ins Gras nieder und sah lange stumm zu.
    Einhart hatte weder Stock noch Malkasten. Ein kleines Bibelbuch hatte er aus
der Tasche gezogen, das er ins Gras warf, streckte sich auf den Rcken und hielt
das goldne Bchel gen Himmel dann.
    Es war wundersam, da Einhart jetzt immer die Bibel las. Das war seit Frau
Selles Tod gekommen. Ich mu es ergrnden, sprach es damals pltzlich in ihm.
So hatte er seither tatschlich eine wahre Lust und Neugier gewonnen. Und
Weisheit viele, sagte er immer, und nicht Ruhe. Jetzt gingen tausend Bilder
der fernen Frhzeit des Hebrervolkes in der Wste mit ihm. Und die groen
Gewaltmenschen auch, die Propheten, die zu dem sicher verderbenden Jahvevolke
die Sprache von Vulkanen und Feuerherzen redeten, es zu mahnen. Er hatte eine
ganze Ruhmeshalle solcher unerschrockener Menschenmahner in sich aufgerichtet.
Es schauerte ihn, wenn er ihre Worte hrte. Und er hrte sie mit dem
leibhaftigen Stimmton, den nicht Bcher, den nur Menschen selber haben.
    Das war schon den Winter ber gewesen, da er die Propheten las und las.
    Jetzt wandelte er die Friedenswege vom sanften, bleichen Jesusmanne und
seinen gtigen Wundern, und war nur herangekommen, weil ihm die inneren Gesichte
nicht oben bei den Waldwipfeln Ruhe gelassen. Weil ihn das Rauschen erregt. Weil
er in dem Frieden am freien Sonnenhange nun besser den blauen, heiligen See vor
sich sehen und den in seinen weien Mantel gehllten Heiland, von Kindern
umringt, erkennen konnte. Er begriff und umfate mit Inbrunst, was da stand in
ewigen Zeichen: Selig sind, die geistig arm sind. Er las auf dem Rcken
liegend neu und neu diese lachenden Seligpreisungen.
    Der alte Bauer ragte neben ihm ins Licht. Sein Schatten lag lang ber die
Wiese, von Einhart ungesehen.
    Na, schn guten Abend, Herr Selle! sagte endlich der Bauer, als er einmal
ruhte.
    Gott! Guten Abend, Vater Sender! ermannte sich Einhart.
    Man mu Sie preisen, sagte der Alte, mit dem Rechen Heu herzustreichend
und hielt dann wieder inne. Sie raffen Weisheit zusammen, immer und immer, und
ich Heu. Aber Menschen und Tiere mssen leben.
    Wit Ihr, Vater Sender, was ich eben gelesen? sagte Einhart lchelnd.
    Woher nur das wissen? Nicht einmal gesehen hab' ich, ob die Wolken gingen
und Krhen flogen. Wo soll ich her wissen, was Sie in Ihren Gedanken hatten?
    Da wollte ihm Einhart das Goldbchel hinhalten. Aber Vater Sender konnte
ohne Brille nicht lesen.
    Nein nein, ich werde es Euch lesen, sagte Einhart gleich und las laut, da
die lauen Abendhuschen Heubschel und Worte gleichzeitig den Hang hinabtrieben,
eindringlich die Seligpreisungen.
    Vater Sender sann lange vor sich hin, wiederholte die Worte und begriff sie
kaum: Selig sind, die geistig arm sind, denn sie werden das Himmelreich
gewinnen.
    Danach war es lange still zwischen ihnen, da Einhart neu weiterlas, und der
Bauer wieder geschftig fortrechte und zusammentrug.
    Dann kam Ella. Sie war ein blondes, groes Mdchen, lange Dunkelwimpern im
hellen Gesicht. Sie hatte den Traum des alten Sender nicht loswerden knnen, da
ihm neu die heilige Jungfrau erschienen. Sie begann jetzt davon Einhart in
heiterem, unheiligen Tone zu erzhlen.
    So ging der Gottessohn und die junge Gottesmutter mit ber die Heuwiese.
    Aus dem kleinen goldenen Buche war der Gottessohn herausgekommen, und aus
dem Blute des Alten die holdselige Maria.
    Da dann, als der alte Sender mit dem Rechen ber der Schulter und Ella noch
mit einer vollen Hocke Heu auf dem Rcken, trotzdem hoch aufgerichtet, und
Einhart, den Hut in der Hand, ein Zigeuner, so dunkel und so schmchtig noch
immer, mit dem fetten Haarstrhn ber der Stirn und den langen, drren Fingern,
die das Bibelbuch umspannten, als alle die drei heimschritten im Abendglast und
umflogen von Fliegen und Mcken, ein jeder mit schnen Geistern ferner Zeiten in
seiner Seele, aus seinen Augen ein Lachen hatte.

                                       2


Man kann nicht denken, wie Einhart seit der Mutter Tode wieder versunken und
achtlos leben konnte. Nichts drauen, als nur die Dinge, die ber seiner inneren
Augen Helle gingen und sein eigenes Licht gewannen, sah er jetzt. Nichts konnte
ihn kmmern, weder Nacht noch Sonne. Nichts konnte ihm klingen, als was er
selber aus der Ferne hervorgerufen im eignen Ersehnen oder Hinaustrumen. Er a
wie ein Derwisch das Brot, das man ihm reichte, und trank wie ein dunkler
Landstreicher die klare Quelle, die irgendwo am Wege rann.
    Das Einzige, was Einhart aus den Bergen mit fortnahm, war ein richtiger
Tatmut aus neuer Ahnung und ein kleines, sonderliches Buch voll an sich
geringer, aber bezeichnender Notizen.

                                   Das Bchel

    Gleich im Eingang, vor anderthalb Jahren geschrieben, stand:

        Berge und Sonne! Da so etwas ragt und so etwas leuchtet! - - - und da
        meine Mutter zu kaltem Marmor wurde, zu Erde!??
    Dann stand:
        Die Stille hier unter der Linde, wo die Knospen jetzt golden
        gesprungen, und die Schattennetze im Grase tndeln, ist unerhrt. Wer
        begreift, da es andere Wrden gibt, als diese ferne, einsame Seligkeit,
        man selber zu sein, ganz nur man selber zu sein!
    Dann:
        Johanna ist eine Dame mit schwarzem Ausschnitt und feinen Spitzen am
        vollen Halse und einem Seidenhut mit groer, schwarzer Feder. Als ich
        neben ihr ging, fielen meine kurzen Hosen zu sehr auf, und ich duchte
        mir berhaupt wie von wo anders her. Katharina ist eine Dame mit einem
        nicht geringeren Hutumfange. Ich werde kaum noch solcher Damen Wege
        kreuzen. Rosa ist wie eine Lilie sanft. Voll Schwermut in ihrem
        sammetnen Dunkel. Sie merkt noch, da etwas verloren ist. Sie denkt viel
        an Mutter und weint. Ich kann ber Tote nicht weinen. Ich gehe jetzt mit
        den Jngern Jesu. Aber ernst wie sie nicht! ausgelassen! ausgelassen!
        Das ist auch lange her, da sie ber Steine wandelten und an Steinen
        sich stieen. Und ein richtiger Fehler dieser Begleiter des Liebe
        strahlenden Menschenfreundes war es, da sie nie lachten. Das machte,
        da Christus sich nie recht erholen konnte von seiner Herkulesmission.
    Dann:
        Hatte Jesus nie Augenblicke, wo er lachte! Wie wre es anders mglich
        bei einem Menschen von so viel Schau und Wrme. Wenn er sonst nicht
        lachte, dann heimlich. Jede Wrde wird lcherlich, ber die nicht der
        Gewrdigte lachen kann. Nun gar ein Prophet! Oh! Ich mte mich heimlich
        halb tot lachen, weil ich doch die Menschen kenne und den ganzen, ewigen
        Hllenbreugel von Neid und Dnkel und tausend Schten.
    Dann:
        Wie Christus sich entschlo, auf den Markt in die Grostadt zu ziehen,
        mute er sicherlich noch einmal tchtig lachen erst. Er wute sehr
        genau, da jetzt das Theater begann. Wie er sich Palmen wedeln lie, wie
        er groartig unter Jauchzen und Geschrei des Volkes auf einer Eselin in
        Jerusalems Tore einritt, da war das Theater fertig. Noch heute reiten
        die Kunstreiter auf Pferden mit ihren groen Trommeln auf die Straen
        und Mrkte und locken das Volk zusammen. Da mute dieser ganz
        Innerliche, der sein Herz vom Himmelreich der Gte und Menschenliebe
        bervoll auf den Markt unter den Pbel trug, heimlich blutig lachen.
    Dann:
                                                                Sommer. Heumahd.

        Heute kommt Ella und blickt mich lange an, unten hinter dem Heuschober
        in der Sonne, umarmt mich, und wirft mich in die weichen Schwaden. Ein
        krftiges, schlankes, schmiegsames Ding. Ich habe mit Entzcken ihre
        weichen Brste gefhlt und habe sie auch gekt, weil sie nicht locker
        lie. Eigentlich sind ihre Augen wie lustige Blumen, so blau, und so
        nichts, wie Spa und Leichtsinn. Sie wird nun denken, das mte immer so
        gehen, wenn niemand uns sieht. Eigentlich ist sie doch nur ein dummes,
        einfltiges Ding!
    Dann:
        Die Buerin fragte ich einmal, wie sie sich Christus denke?
        Christus - ach mein Gott! ein Gottessohn, ich hab wohl Zeit, mir zu
        denken, wie er war? Wie er ausgesehen hat, meinte ich?
        Ja, wie er ausgesehen hat? sagte die Buerin.
        Wie ein Gottessohn aussieht! Und sie wies mich auf das Bild hin, das
        an der Wand hing. Man hat nicht viel Zeit, ber so was zu sinnen. So
        wird er wohl ausgesehen haben, sagte sie noch einmal, unterdes ich mir
        das Bild ansah. Es ist ein Holzschnitt: Christus in Gethsemane von
        Drer. Man kann da nur sehen, da er ein Volksmann und in einer
        Verzweiflung ist. Nebenhin gab die Buerin einen Wink, da man zum Essen
        riefe, hatte Christus vergessen und sprach mit Ella ber das
        Schweinefutter.
    Dann:
        Der Bauer trumt allerlei fromme Dinge, aber nur die Jungfrau Maria ist
        seine Gttin. Von Gotte wei er den Namen, und von Christus die
        Geschichte von der Hochzeit zu Kana. Da liebt er nmlich sehr zu denken,
        da man das viele Wasser, das immerwhrend von den Bergen her in seinen
        Trog perlt und plaudert, einmal knnte in Wein verwandeln. Wenn er so
        neben dem Steintrog steht und dies Wunder erwgt, mchte er wohl gern,
        da einmal zu diesem Zwecke Christus auf seiner Schwelle erschiene. Aber
        von der Jungfrau trumt er leibhaftig vielerlei klare Bilder und erzhlt
        davon selig versunken.
    Dann:
        Wenn man nicht die Phariser immer in kalter Spannung und gehobener
        Wrde fhlte, wre es nicht ein solches wahres Vergngen, die
        Menschlichkeit im natrlichen Leben Christi zu fhlen. Besser noch, als
        nur immer seine unerschpfliche Mildigkeit, der Schalksnarr und
        Verchter wre einmal aus ihm herausgesprungen, all das Wrdengesindel
        mit der Narrenpritsche auf die Kpfe zu schlagen.
        Wird es Christus je gelingen, das Menschenvolk in wahre Menschlichkeit
        hinein zu treiben?
    Dann:
        Ella ist ein tolles Ding. Ich knnte sie malen, wenn sie nur nicht
        immer nachts kme. Sie kommt im Hemde auf den Boden geschlichen, und ist
        schlank wie ein Blumenstengel, wenn sie ihre letzten Hllen im Mondlicht
        abwirft. Unsagbar, so ein Licht auf dem frischen Fleisch, und die
        Silhouette in scharfen Schatten auf der Diele. Sie erwrgt mich halb im
        Spiel ihrer nackten Glieder. Da ist sie nicht einfltig und auch gar
        nicht jung, dnkt mich. Da ist sie wie ein heier Dmon, hart fordernd,
        ohne ein Wort. Das ist Leib und Leben, die es machen. Ihre Augen
        blitzen, und ihre Augen schwrmen, und ihre Rufe sind wie Vogelrufe oder
        wie Raubtierrufe. Man begreift ein Unbegreifliches, was uns alle narrt
        dann und zusammen zwingt. Ich mute sie schlielich hinaustreiben. Sonst
        vergit sie Bauer und Buerin, und da der alte Bauer sie mit der
        Peitsche schlge, wenn er es wte.
    Dann:
        Nun merken die Alten, da ich kein Geld mehr bekomme. Sie schimpfen
        heimlich. Und Du bist nur ein Miggnger, schreibt mein Vater.
    Dann:
        Ella findet immer noch den Weg zu mir, auch wenn der Alte hinterdrein
        ist. Ein paar Skizzen hab ich von ihr doch gemalt. Aber ich hab sie
        wieder zerrissen.
    Dann:
        Die Alten reden kein Wort weiter, und Ella hastet und wirft Kessel und
        Wanne, und zankt ewig mit der Mutter. Es ist nicht gut sein mehr. Zumal
        wirklich nicht Geld kommt. Auch das verfngt nicht, wenn ich versuche,
        von der Bibel zu reden. Geld mte ich bringen. Wo soll ich es aber
        hernehmen?
    Dann:
        Meine Skizzen von Christus am See Genezareth, da lachen die Bauern. Sie
        sehen gar nicht, da da See, Menschen und Kinder gemalt sein sollen.
        Auerdem sind es wirklich nur Versuche. Der Lehrer am Orte sieht mich
        auch nur verlegen an, wenn er von meinen Leinwanden wegsieht. Und mir
        ist das nun eine Malerei! Wie kommt es, da ich mir das einbilde, wenn
        die andern es nicht sehen?
    Dann:
        brigens ist es wild und lustig, wie Ella nie Ruhe lt und immer die
        Nchte in den dnnen Hllen kommt, sobald die Alten schlafen. Derb und
        toll wie ein Wirbel! Jetzt erscheint sie mir auch am Tage ganz anders,
        nun ich sehe, da die Arbeitshast nur einen Vulkan Sinnenlust verbirgt.
        Es blhen keine Blumen unter ihren Fen. Es ist alles hart. Am Tage
        lacht sie jetzt viel, und wirft mir Blicke, da ich mich bis zur Nacht
        trsten soll. Ist das nicht ein tolles Spiel?
    Dann:
        Ab nach Constanza! es mu ein ander Leben gelebt sein! Nicht zum
        Vergangenen und nicht zu dem stracken Mdchen! Zu mir zurck! Auerdem
        mu ich Vater zeigen, da ich kein Miggnger bin! Auerdem reie ich
        aus. Der Bauer mag sich an Vater wenden, wegen der geringen Schulden um
        die Notdurft. Also: nun, meine traumlose Schne, ist das Spiel am Ende!
        Nun knnen deine Trume beginnen nach mir! Da kannst du auch einmal eine
        Trne weinen. Da werden deine Begierden Augen und Ohren gewinnen und
        ausblicken und aushorchen lernen -: einmal in die ferne Welt. Adieu!

                                       3


An einem breiten, dmmernden Hause unten dicht an der Landstrae blinkte ein
groer Steintrog voll klaren Wassers, und der Strahl, der unaufhrlich
hineingurgelte, glnzte silbern. Es war eine Mondnacht. Einhart war auf seiner
Wanderung hier angekommen. Denn Einhart war den ganzen Tag schon auf
Wanderschaft.
    Er war jetzt noch gerade so wach, wie ihn seine Notlage gestern Nacht auf
einmal gemacht hatte. Er hatte auch diesen ganzen Wandertag nicht Trume noch
Visionen. Weder mit den Propheten, noch mit Jesus und seinen Wundertaten waren
ihm Augen und Seele voll gewesen, nur mit dem staubigen, steinigen Wege, mit den
glhendroten Ebereschtrauben manchmal gegen den hellen Himmel, und mit zurck
springen in Gedanken zu allerlei Fragen und Zweifeln und Ermessen.
    Es war Einhart durchaus nicht leicht angekommen, als es Mittag gewesen, der
Weg mde gemacht, und die Sonne reichlich brannte, in das Haus eines Dorfarztes
am Wege einzubiegen, und ein Stck Brot fr seinen Hunger einfach zu erbetteln.
Man hatte nur einen Spalt geffnet, als man gesehen, da ein Vagabond
davorstand, und hatte ihm dann eine harte Semmel und ein Stck alten Kse
herausgereicht.
    Einhart hatte vor der Glastr gestanden, den Hut in der Hand, sich selber so
recht zum Gelchter.
    Der Name des Arztes glnzte im Leben unverwischlich in goldnen Lettern auf
weier Tafel vor Einharts Augen, wie er ihn dort abwartend und heimlich gefat,
Schimpfworte zu hren, lange hatte anstarren mssen. Es verbanden sich noch spt
mit diesem Namen sonderliche Frohgefhle von einem im Staube ziellos
hinstreichenden Landfahrer, der abgehetzt und zernagt, wie Einhart jetzt war,
innen und auen, pltzlich eine darreichende Menschenhand sich hatte zu seiner
Stillung ausrecken sehen.
    Ein rechter Unwrdiger am hellen Tage vor sich selber war jetzt Einhart, und
ein recht Bedrftiger. Der junge Arzt, auf den Einhart stie, als er das Haus
wieder verlassen wollte und noch auf den Treppenstufen stand, hatte ihn zuerst
nur streng angeredet, da ihm Einhart gleich ganz menschlich erklrte, welche
Bewandtnis es um sein Vagantentum htte.
    Ein junger Kunstmaler bin ich, der sich vertrumt und nicht ans Leben
gedacht. Ich mu infolgedessen einmal wie Bettelleute vorwrts finden, wenn
nicht durchs Leben, so doch bis zur nchsten Grostadt, hatte Einhart lustig
verlegen gesagt. Denn das stand Einhart vor Augen, zur Stadt und zur Arbeit
zurck. Da hatte ihm der junge Arzt Zehrung gegeben und ihn auch mit Abnehmen
des Hutes freundlich verabschiedet.
    Einhart gingen jetzt tausend Lebensgefhle um. Er verleugnete nie seine Art,
Drangsal zu empfinden mit der Neugier und mit dem Behagen des Suchenden. Wie es
Hllenfahrten gibt und selige Leiden der Gesteinigten. Auch eine wahre, hastige
Besinnung auf sein Leben war lebendig, ihn in einen ttigen Zustand endlich
zurckzutreiben.
    So stand Einhart jetzt im Mondenschein am Wassertroge der Dorfschenke, sah
die perlenden Silbertropfen und bedachte sich lange, nachdem er sich an dem
hellen Glanzstrahle satt getrunken.
    Die groen Fenster warfen warmen Schein auf die Dorfstrae. Es war lautes
Leben drinnen. Einige Blicke streiften Einhart, als er den Hut in der Hand mit
dem Stabe zusammen, ganz und gar nicht scheu eintrat. Man hielt gerade eine
Sitzung. In der Ecke des Zimmers um einen langen, kahlen Tisch sa ein Kreis
wrdiger Bauersleute mit dem Ortsgeistlichen zusammen, einem kleinen,
kahlkpfigen Herrn, der soeben die Gemeindearmenpflege umstndlich besprach.
    Armut, meine Herren, sagte er gerade, als Einhart eingetreten, ist meist
verdorbenes Blut. Armut ist meist Snde der Vter bis ins vierte oder zehnte
oder bis ins tausendste Glied. Man mu die Armut nicht pflegen. Man mu sie
bekmpfen, wie einen Feind. Es gibt solche, die nur immer mitleidig sind. Das
ist eitel Schwche. Das frdert nur das bel, dem wir steuern sollen. berlassen
Sie ein jeder der Zentralstelle - usw.
    Aller Augen hatten auf den Geistlichen gesehen. Aber sie richteten sich auch
schon heimlich dann und wann auf Einhart. Denn Einharts Dunkelblicke begannen
sich jetzt zu fllen mit seiner Art Hoffart. Da er, wie er in der andern Ecke
der weiten Gaststube unter der Hngelampe Platz genommen, die nebenbei fragenden
Blicke der Grobauern und des Pastors streng erwiderte.
    Der Wirt kam gleich zu Einhart heran, ein Gewaltmensch, der eine Posaune des
jngsten Gerichtes htte laut blasen knnen. Der Wirt sah Einhart jetzt ziemlich
umstndlich und unerschrocken an. Auch er hatte Zweifel an Einhart. Drftig und
zerfetzt wie Einhart jetzt aussah, und dunkel und gelbgebrannt wie immer. Aber
wie der Wirt Einhart genauer in die Augen gesehen und seinen sanften Tonfall
gehrt, bediente er ihn doch in allen Ehren.
    Und die Sitzung ging eine lange Weile ruhig weiter. Einhart achtete nicht
gro weder auf Wort noch Widerwort. Er war sehr hungrig. Als er Brot und Wurst
und Bier vor sich hatte, begann er eifrig zu schmecken und zu kauen und mute
nur in Summa ein einziges Mal noch pltzlich hinauslachen ber den Berg Hochmut
gegen das Tal Armut so ins Gesamt.
    Aber wie Einhart sich dann gestrkt fhlte, kam ihm auch gleich eine leise
Tollheit an, sich noch vollends als Schalk zu stellen.
    Die Gemeindekirchensitzung war zu Ende. Der Geistliche hatte sie in aller
Form geschlossen erklrt.
    Da sa Einhart noch immer, sah in sein Glas, berlegte und begann dann wie
ein Einfltiger zu lcheln.
    Ich werde Ihnen ein Rtsel aufgeben, meine Herren, rief er ber den Tisch,
mit einer gewandten Geste der Hand, recht wie ein Zauberknstler. Erlauben Sie
es, ehrwrdiger Herr Geistlicher?
    Einhart war so unerfahren, da er tatschlich nicht die gewhnlichen
Titulaturen wute. Aber man kann sagen, da Bauern und Pastor sich durch die
Anrede ohne alles Herkommen besonders betroffen fhlten. Es brachte unter alle
ein richtiges Verwundern, weil Einhart jetzt auch die Bauern Ackerer nannte mit
sonderlicher Absicht. Aller Blicke in der Gaststube betrachteten Einhart
gespannt, als er an den Wrdentisch nher herantrat.
    Es ist ein Ringelreigen und kommt nie zu Ende, sagte Einhart bedchtig.
    Ihr wollt Euch einen Spa machen mit uns. Rtselraten ist nicht jedermanns
Sache, sagte der Geistliche sehr ablehnend. Aber die Bauern lachten sich an.
Ein jeder wre gern der Kluge gewesen. Einer versuchte auch.
    Na! Das wr' doch! sagte er, ein junger Bauer mit vollen, roten Lippen und
einem unbekmmerten Lachen um die blauen Augen sehr nachdenklich. Ich errate
manchmal was.
    Aber weil alle andern schwiegen, tat auch er nur, wie wenn er es aus seines
Nachbars Augen lesen knnte, und sah dann unverrichteter Sache auf Einhart.
    Aber meine Herren Ackerer, rief Einhart recht mit Aufwand, ob wir arm
oder reich sind, ein jeder mu mittanzen. Keiner bleibt auf seiner Stelle. Und
keiner auch wei, wohin er in dem Reigen noch hingeraten wird.
    Aber Einhart lie jetzt nicht lange Zeit sich zu besinnen. Was ist das?
rief er vergngt lachend: wenn's oben ist, fllt es, wenn es unten ist, steigt
es.
    Es war noch immer groe Zurckhaltung. Die Bauern begannen gedmpft zu
reden, einer zum andern. Es machte ihnen Spa zu denken, wenn es auch nicht zum
Ziele fhrte. Keiner wagte sich mit einer Meinung hervor.
    Ein jedes Ding ist so in der Welt. Und ein jedes Ding sind wir selber.
Alles Geheime macht sich offenbar in uns. Nach oben steigen wir, nach unten
fallen wir, wie das Wasser und der Stein. Es ist der alte Ringelreigen, von oben
nach unten, von unten nach oben, und immer und berall. Es wird es keiner anders
erleben, als da er herumkreist. Ich glaube nicht, da einmal einer stille
steht.
    Der Pastor wurde immer ernster und schweigsamer am Tische. Die Bauern auch.
Einhart wute nicht, ob er nicht nur eitel Torheit geredet. Er war lange ganz
still. Und er lchelte jetzt in sein Glas hinein, weil er sich auch einstweilen
auf nichts weiter besann.
    Es steht ein Alter hinter einem Jungen und reit ihn am Ohre. Und ein
Uralter reit ihn am Herzen. Nur da man die Hnde beider nicht sieht und die
Stelle nicht kennt, wo sie angreifen. Was ist das?
    Aber auch das konnte niemand raten.
    Da sagte Einhart ganz berlegen: Mein Gott, Euch allen geht es so. Die Not
lt euch sen mit rastlosen Hnden, und ihr mchtet doch von Herzen gern das
Himmelreich ernten, seit Ewigkeit. Fragt doch den Herrn, der euch zur
Sonntagsfeier zuredet, ob euch nicht alle die Not am Ohre reit und das Gesicht
vom Himmelreich abwendet?
    So ging es weiter. Da die Bauern gemtlich wurden und fragten, wer es wre?
Auch Einhart dann direkt fragten. Aber Einhart blieb dabei, da er nur ewig
umgeackert htte wie sie, und da sein Acker nichts trge. Die Krner, die er
sete, wren von Golde, aber nur im Traume - und gingen vor ihm nur als
Nebelschemen auf. Er htte keine Macht sie zu greifen. Da kam in alle wieder die
Stummheit. Alle waren neu ins Nachdenken versunken.
    Und dann erhoben sich alle endlich, weil der groe Seeger Mitternacht
schnarrte und schlug. Der Wirt ghnte noch einmal flchtig, ehe er sich rckte,
um die Zeche bezahlt zu nehmen.
    Nur der Pastor blieb dann doch allein im Hause zurck, als die Bauern auf
die nchtige Dorfstrae hinausgetreten. Ihm kam eine heimliche Erregung an. Er
wollte mit dem seltsamen Gesellen noch Auge in Auge zusammen sein. Er nahm die
Sache sehr ernst. Er dachte an einen richtigen Leugner und Antichrist. Auch der
Satan war ein schwarzer Engel und hat Weisheit genug, uns zu lehren, dachte er
fr sich.
    Einhart konnte in solcher Trbsalslaune, wie er war, wirklich in allen
Farben schillern.
    So kam der Geistliche in die Wirtsstube zurck gerade, als Einhart sich
rhrte, in das enge Nebengela, wo er schlafen sollte, einzutreten.
    Wir mssen noch einiges besprechen. Denn Sie scheinen ein sonderbarer
Mensch, sagte der Geistliche ganz freundlich noch, aber voller Wrde.
    Ach Gott! Herr Pastor! sagte Einhart sanft. Sonderbar! nun ja! wie man es
so nimmt, wenn man zwischen Himmel und Erde pendelt.
    Aber der Pastor wollte jetzt allerlei heilige Fragen gleich mit Einhart
lsen, um ihn in die Enge zu bringen. Denn da da ein Heide vor ihnen sa, war
gleich allen, auch den Bauern und dem Wirte, geschweige dem Kenner des
Evangeliums, von Anfang an klar gewesen.
    Wir haben vier Fragen, die wir uns bestimmt beantworten mssen, sagte der
Geistliche sehr hingenommen von der Sache. Die Menschenseele - - -?
    Ja, die Menschenseele! - ist wie eine Luftblase, an die ein Leichnam
gebunden ist. Die Luftblase zergeht, und der Leichnam fllt zu Boden. Oh mein
Gott! gut, wenn man noch wandern kann! sagte Einhart heiter lchelnd.
    Die Menschenseele ist unsterblich, sagte der Geistliche mit Ruhe und sah
Einhart durchdringend an.
    Nun gewi! sagte Einhart, alles, was der Mensch sich trumt, stimmt!
    Und die Seele ist auch frei! sagte der Geistliche.
    So lange sie sich nicht ausreckt und in den Obstkorb der Hkerin auf dem
Markte langfingerig hineingreift, Herr Pastor. Denn sonst kommt der Gendarm,
lachte Einhart bermtig.
    Aber der Pastor blieb ernst und voll Wrde und war heimlich im Zorn.
    Und Gott - - -?
    Einer, der einen Kopf hat, wie Sonne, Mond und Sterne zusammen, wie eine
blaue Glaskuppel, oder eine mitternchtige Himmelsgrube, wer kann noch sagen,
wohin der sieht mit seinen Augen, und wie er heien soll? Der Glieder hat, wie
groe Weltenkrper, aus eitel Fels gefgt, der erglnzt in alle Weiten mit
schnellem Strahle, schneller wie Wind, schneller wie das Schnellste, wohin hat
der Mhe endlich zu dringen? und wie kann man seine Ziele wissen?
    Gott ist unser Vater! sagte der Geistliche.
    Auch unsere Vter knnen zum Rtsel werden, Herr Geistlicher, sagte
Einhart.
    Und Ihr glaubt auch nicht an Jesus, seinen eingeborenen Sohn! rief der
Geistliche erregt.
    Da kam Einhart lange kein Wort. Da stand das Jesusland pltzlich klar und
nahe vor seinen Augen. Einen Jesus kannte er in sich. Einen, der in
Menschenliebe an einem schnen See aufrecht sa, und Liebe sein Wort und Liebe
seine Tat, sanft Erkennen und Gewhrenlassen und sich dargeben ohne Groll
Kindern und Sndern.
    Wenn ich an nichts glaube, an den glaube ich, sagte Einhart leise fast.
Da es dann stumm blieb unter den Beiden. Da dann endlich der Geistliche
zufrieden war. Da endlich der Geistliche aufsprang und rief: Glck auf den
Weg! Da Einhart sagte: Ich bin ein Knstler, Herr Pastor. Er sagte es sogar
heiter wieder. Er sagte auch: Ich werde Euch einmal einen Jesus malen! ach
Gott!
    Segne der Himmel Ihren Entschlu! sagte der Geistliche, als er ihm die
Hand reichte und ging.

                                       4


Einhart kam mit Vorstzen in die Stadt zurck. Er hatte gleich den Weg nach der
kleinen Konditorei gemacht und war mit einer heimlichen Neugier mit der Klinke
in der Hand noch eine Weile erst unschlssig dagestanden. Er zgerte, weil er
sehr verwahrlost aussah. Aber er besann sich auch gleich auf seine besseren
Trume und mute lachen, was und wen er hier alles noch finden wrde?
    Alles war hier beim Alten. Schon in den Straen fuhren hin und her die
Tramwaywagen und dieselben Karren und Omnibusse. An den Ecken standen wie immer
die blaukitteligen Mnner und warteten auf Auftrge, die sie von irgend wem
zufllig erhalten knnten.
    Die Akademie ragte noch. Der Portier hatte vor der Tr gestanden und Einhart
gro angesehen. Meister Teodors lachendes Gesicht hatte gerade aus einer
Fensterung ber den Vorhang hinweg nach der Strae geblickt. Schler kamen ber
die Treppe herab.
    In Summa alles wirbelte und drngte hervor ganz in Trott und Melodie, die er
kannte. Soda das heimliche Verlangen, Neues zu hren, wozu man durchgedrungen,
ihn jetzt noch mehr aufregte, als die Tage, die er einsam mit sich in Luft und
Raum, im Bltterwirbel der Landstrae, seinen Weg herangekommen.
    Einhart war wirklich bewegt, wie er endlich die Tr der alten Konditorei
aufgetan. Der alte Lampenputzerstab lehnte noch immer in der Ecke im Vorzimmer.
In der Mitte des Hauptzimmers an einem Rundtisch sa noch immer ein junger,
vornehmer Krppel mit verbildeten Hnden und Fen und starrte unverwandt, die
wulstigen, glhen Lippen hngend, auf die Beinfiguren des Brettes. Einhart hatte
diesen Menschen in seiner Akademiezeit Tag um Tag so beim Schachspiel gesehen.
Wie die Punschtorte, die je und je tglich neu, von welchen Hnden immer, an die
alte Stelle geschoben wurde, so humpelte dieses junge Dreibein stets zur
bestimmten Stunde an seine Statt.
    Auch derselbe Alte war es noch, der ihm gegenber vertieft auf das
gefelderte Brett herniedersah.
    In der Knstlerstube waren einige fremde Gesichter. Alle sahen Einhart mit
Rckhaltung an. Einmal schon, weil er selber jetzt heimlich Fragen tat fr sich
um all des seltsamen Eines mit frher, und um dessen, was hier sich damals zum
Hheren verwandeln gewollt. Kam er denn noch als Einhart Selle? Als einer dieser
jungen Prahlhnse, die jetzt wieder im Kreise um ihn saen? Kam er denn noch, um
es mit Worten zu erstreiten? Kam er denn noch um den hellen Tag mhselig vor
irgend einem Modell in der Obhut Meister Teodors zu sitzen? Oder sich Professor
Soukoups Kunstabsichten zur vermeintlichen Erlsung der ganzen Menschheit
anzuhren zum hundertsten und wieder hundertsten Male? Kam er denn berhaupt
noch als einer, der sich um irgend etwas drauen, um etwas Fremdes und
Herzugetragenes an Kunst mhen wollte, um dann im Cafee und auf der Strae oder
im engen Stubenschlitze zu lumpen und zu leben, was man so leben nennt? War er
nicht erfllt jetzt neu von verheienden, beglckenden Bildern? War er nicht
gekommen gerade nur, um jetzt zu versuchen mit aller Strenge, endlich ein Bild
d.h. ein Abbild zu malen dessen, was sein Sinnen und Leben gewesen, und was
nicht anders volle Gestalt gewann, als indem er es vor aller Leute Blicke
hinschreiben wrde mit ganzer leibhaftiger Allgewalt?
    Fragwrdig sah er aus? Nun gewi. Die Stiefel waren vom Wege mehr als
abgetreten. Das alles fhlte er wohl in achtloser Empfindung.
    Er war sehr freundwillig in den Kreis an den Rundtisch herangetreten, sanft
grend und mit verlegener Scheu. Neue Gesichter machten ihn immer schchtern.
Obwohl ihm alle die Hand hin streckten.
    Auch die Fremden kannten ihn lngst.
    Man hatte bei seinem Eintreten gleich heimlich Selles Namen herumgegeben.
Alle sahen mit innerem Prfen das eigengeartete Zigeunerwesen Einharts und sein
jetzt wirklich ob all des neuen Alten einfltiges, zurckhaltendes Lcheln.
    Einhart war auch geradezu berwltigt. Er hatte eine unglaublich fein
ausschwingende Seele. Nicht nur sehr matt hatte ihn das lange Wandern gemacht,
da er erschpft in den Lehnstuhl sank, den man ihm instinktiv frei gemacht,
gerade ein Unbekannter, der garnicht gewut, da Einhart dort immer zu thronen
gepflegt. Einhart war durchkreuzt von Erinnerungen und garnicht fhig, etwas zu
sagen. Es war also richtig eine Stille entstanden.
    Natrlich besann man sich allmhlich und redete in dem Abgebrochenen zgernd
weiter. Da hrte Einhart, wie auch der alte Geist von einst noch immer umging.
Es kamen dieselben Worte aus dem Blute auf, wie ehedem. Ganz als ob in diesem
engen Halbdunkel mit der dumpfen Luft, die mit Vanillense und Staub und
Rauchgeruch geschwngert, derselbe unsichtbare Geist eingesperrt se, jede
Lippe neu zu bewegen in derselben Melodie. Und der Kampf um Topf und Teller der
Kunst begann zu Einharts Staunen wie einst scharf zu werden, ohne da die
erhitzten Grosprecher je merkten, was Einhart jetzt wute, da noch immer der
Braten vergessen oder manchem auch unversehens heruntergefallen.
    Einhart lachte dann nicht mehr. Er sagte nur, da er weit her kme und zu
Fu. Die fremden Gesichter behielten ihn immer heimlich im Auge. Erst wie
Grottfu kam, in vollendeter Vornehmheit mit Gamaschen ber den Stiefeln, mit
einem Zylinder auf dem blonden Haupte, mit knstlicher Achtlosigkeit im Blick,
gab es ein lautes Lrmen und ein freies Grotun der Freundschaft aus ihm, da
die andern stummer und stummer wurden, je mehr Grottfu mit Einhart vertraulich
redete.
    Grottfu sah stets sehr geistig und fein aus, gegen Einharts alte, dunkle
Verwahrlosung wirklich recht abstechend. Auerdem war Grottfu schon mit
Erfolgen ttig gewesen. Er hatte einige Bilder verkauft und wute, da er im
Frhling sich wrde an einer Wand der Ausstellung breitmachen knnen. Er hatte
eine reiche Familie gefunden, deren eine halbreife Tochter sich in ihn verliebt
hatte, die er malte und in Ton bildete. Er war ganz von oben ein sehr gewandter
Mann geworden.
    In der Konditorei behandelte man ihn mit mehr als gewhnlicher Achtung. Wie
er hrte, da Einhart mittellos ankme, gab er ihm gleich ein Goldstck aus der
Westentasche. Er tat kaum, als wenn er es gro bemerkte. Er erzhlte dabei auch,
weil sie jetzt ganz allein beieinander saen, da er der glcklichste Mensch von
der Welt wre. Er htte sich mit Margit verlobt, sagte er.
    Verlobt, das klang Einhart unglaublich unbekannt. Er hatte immer nur so
unbestimmt gedacht, da seine Mutter sich einst verlobt htte mit Herrn
Geheimrat. Und da wohl auch die Geheimratstchter sich verloben wrden.
Gewissermaen, als wenn man ein Zensurbuch da erst unterbreiten oder ein
Dokument, das man abgab, vorher mte stempeln lassen.
    Da ein Knstler sich je an so etwas entzcken knnte, war ihm bisher nicht
in den Sinn gekommen.
    Auerdem war Einhart wie ein sprder Stein noch immer zu den Feingefhlen
der Liebe. Es war noch immer, wie wenn er ergriffe, ohne zu begehren. Die Dirnen
liefen ihm zu. Gewhnlich mehr amsiert und belustigt war er, als in jher
Erregung. Das mute sein Blut sein.
    Aber Grottfu war in hellem Enthusiasmus. Margit hie sie also. ffentlich
sollte es erst werden. Ein ganz feines, blondes Mdchen. Er brachte
Photographien. Und allerlei, was er von ihr bei sich trug, zeigte er. Einen
breiten Ring trug er von ihr. Er war gleich in einer sinnlosen Anpreisung all
ihrer Tugenden und Schnheiten.
    Du hast sie also schon einmal gemalt? sagte Einhart.
    Natrlich, in allen Faons, sagte Grottfu.
    Ich brauche auch ein nacktes Weib, die ich gern als Snderin malte gegen
Christus, sagte Einhart.
    Nein, bitte, Selle! sagte Grottfu ganz piquiert, bitte, werde nicht
zynisch! entweihe mir nicht meine heiligsten Gefhle! sagte Grottfu mit
Vollklang, der das profane Modellsitzen mit Einharts Ernst und Drange
verwechselte.
    Einhart tat es gleich leid, da Grottfu gekrnkt war, weil Grottfu ihm
dann auch Nachtquartier anbot in seinem Atelier und ihm berhaupt fr das erste
in allem wollte behilflich sein.
    So ging der Abend hin, in einer gewissen Neugier heimlich in Einhart, und
offen in einer recht freien Hingabe vonseiten Grottfues, der immer nur wieder
auf das Glck zurcklenkte, das er in der Liebe gefunden. Bis sie betrunken
heimschwankten in Halbgedanken und lustigen Bildern.
    Einhart hatte sich vllig bernommen. Er hatte ewig sein Glas Sekt erhoben,
auf die blonde Braut zu trinken. Er hatte den allertollsten Philosophien
Ausdruck gegeben, mit seinen spitzen Augen blitzend, wo der Mund schon kaum
reden konnte, und mit Weisetun und Einfltigaussehen. Arm in Arm mit Grottfu
ging Einhart durch die Straen und stie seine Worte heraus.
    Nmlich die Kunst - - nmlich die Kunst - - Grottfu! komm einmal her!
bleib einmal stille stehn im Lichte dieser Laterne! sagte er, sich gewichtig
zusammenraffend, ich werde jetzt eine tiefe Weisheit reden: nmlich die Kunst,
sagte Einhart, ist nichts, als die Liebe des Menschen. Und du hast sie
gefunden. Aber ich hab sie auch gefunden. Wir beide haben das Kleinod gefunden,
Grottfu! Aber du wirst zeitig genug damit fertig werden. Und ich werde euch
allen erst zeigen, wie und was Kunst ist! - Grottfu! - - Grottfu! rief er
immer von neuem: Ich werde deine Braut als Snderin malen vor Christus!
    Einhart lag in Grottfu' Atelier einsam im Dunkel halbentkleidet auf einem
Liegesofa und murrte es immer noch vor sich hin. Grottfu war lngst
heimgeschwankt in die Wohnung der Mutter, wo er jetzt noch wohnte.

                                       5


Das Leben in der Stadt begann wieder, aber doch mit ganz anderer Art und
Aussicht, als es frher gewesen. Schon weil Einhart jetzt die Akademiekneipe
fast ganz mied. Es war ihm einfach zuwider, sich leeres Geschwtz anzuhren,
jenen verdnnten Widerhall der weisen Akademielehren, die ihm noch dazu in der
Erinnerung mit dem faden Geruch alter Sigkeiten gemischt erschienen.
    Einhart dachte auch gar nicht daran einen seiner alten Lehrer zu besuchen.
Auch Professor Soukoup nicht. Gelehrtes, nur mit Worten ergreifendes Wissen und
Wesen der Kunst lag ganz hinter ihm. Er war darber klar geworden, da die
Hochmomente des wirklichen Erlebens sich anfangs wie kleine, feine Sterne vor
die Schau und Sinne stellen, genau und genauer besehen Keime Licht, die zu
einigen Bildern und vollen Gleichnissen des eigenen Ganges und Schicksals
aufwachsen. Da es schlielich in Klngen oder Farben oder Ideen dann und wann
etwas gibt, was wie ein Glck, wie ein Geschenk aus der Seele springt, geeint
wie ein geschliffener Stein, unmittelbar und klar dem schauenden Wesen, ein
Unvergeliches an Gestalt und Gehalt.
    Wer knnte es greifen, als der Trumer, der ganz dem Wachstum jener
heimlichen Funken ergeben hin starrt und hinstaunt? und wer knnte es weiter
geben, als nur der in Klang oder Farbe die Weise findet, die dann drauen
klingt, was innen und ungeboren und verhllt war.
    Einhart war den Jahren nach jetzt ein junger Mann. Er war gegen
vierundzwanzig Jahr und machte sich jetzt ziemlich bestimmte Verheiung dessen,
was er aus seiner Seele als der einzigen Lebensquelle schpfen wollte.
    Am ersten Morgen, als Einhart in Grottfu' Atelier aufgewacht war, hatte er
sich nicht lange umgeblickt. Er htte am liebsten gleich das Tintenfa vom
Tische genommen, um es nach diesem ganzen Unvermgen auszuspritzen. Grottfu war
offenbar vllig bergab gegangen. Er hatte allerlei kopiert. Aber wo er
versuchte, einen eigenen Fischzug aus dem Meere des noch Ungedeuteten selber zu
tun, geriet es ins Meister Teodorische, wurden es blde Zusammenstellungen von
sehr bekannten Dingen in sehr bekanntem Singen.
    Einhart war gleich an dem Tage neben Grottfu hergegangen wie ein heimlich
Anfragender. Einen Witz hatte Einhart gemacht, wie Grottfu eintrat, aber ins
Ungewisse nur. Er hatte sonst nichts geredet weiter. Er glaubte im Punkte der
ersehnten Lebensverkndigung aus Grottfu etwas wie einen spttischen Wehmutston
von Verzicht gleich heraus zu hren.
    Nun bin ich nur begierig, hatte Grottfu gesagt, wohin du geraten bist?
ob du zum blhen bringst, was du uns immer verheien? lachte er ein wenig
sonderlich.
    Was? fragte Einhart.
    Ja, mein lieber Freund Selle, in den Jahren damals machten wir alle groe
Worte. Du suchtest immer nach der Wunderblume.
    Ja, du! Ich habe seit lange mit niemand gro davon reden knnen und hab
also keinen Namen fr die Sache mehr gebraucht. Aber den Drang, den kenne ich
noch besser, wie damals. Mir ist berhaupt ganz klar geworden, worauf es
ankommt. Da es nur darauf ankommt, etwas zu malen, was nur ich malen kann, was
meine eigenen, persnlichsten Sehnsuchten stillt. Freilich mu man eigene,
hchst eigene Sehnsuchten wirklich haben. Ich habe sie. Ich bin jetzt dahinter
gekommen, sagte Einhart mit aller Strenge.
    Einhart war dahinter. Das sah Grottfu bald, als er Einhart vor seinen
Leinwanden sah. Die Malweisen allein regten Grottfu auf. Die ganze Zeit, die er
bei Einhart stand, grbelte er. Was hatte Einhart nicht alles entworfen gleich
in den ersten Tagen: Tnzerinnen, eine Hochzeit zu Kana, Jesus im Tempel, die
Ehebrecherin. Und alles sonderlich. Einstweilen nur gezeichnet, aber streng auf
Wesen und Ereignis drngend. Wenn auch Einhart dann mit der Farbe und seinem
Experimentieren in Leim und allerhand manchmal nicht weiter kam, und es mit
manchem dieser Entwrfe eines Tages zu hapern anfing.
    Jedesmal wenn Grottfu bei Einhart gewesen, ging er mit zernagter Miene von
dannen, weil er aus Einharts Arbeitsraum den Atem von etwas mit forttrug, das
wie Blumen oder Bume mit starkem Eigensinn aus sich aufwuchs.
    Denn wo Einhart ging und stand, sann er sich jetzt in die Typen der Menschen
hinein. An Ecken und Enden der Straen und Pltze und in den Lokalen kannte er
Mienen und Geberden und all die Stimmungen und Ereignisse. Sein Blick war
fremdartig und sicher, weil er etwas darin jetzt besa, was wie Hrte von
Steinen stach. Er hatte etwas Blinzelndes und Souvernes, wenn er so innerlich
suchte. Er sah jeden Menschen darauf an, ob er ihm zu einem Bilde dienen knnte,
zu einem Jnger aus Emmaus oder zu einem Fischer am See oder zu Jairi
Tchterlein oder gar zu dem bleichen, sanften Gottessohne selber?
    Und Einhart sa jetzt wieder bald wirklich fest und zeichnete und malte. Er
brachte dazu eine Achtlosigkeit des Lebens, da man einfach nicht begriff, wie
es mglich war so auszukommen. Er rhrte sich buchstblich Tage und Wochen nicht
aus seinen Wnden. Er a ein Stck Brotrinde und trank Kaffee tagelang. Er mhte
sich. Er zeichnete mit peinlicher Sorgfalt seine Entwrfe und begann dann mit
neuartigen Grundierungen, versuchte allerlei Mittel der Alten und rang zu dem
leuchtensten Ausdruck in Farben durchzudringen.

                                       6


In einer Vorstadt unter alten, mchtigen Kastanien, die jetzt kahl standen, und
die der Westwind mit nassen Flocken bestrich, lag eine Villa wie ein groer,
marmorner Wrfel mit weien Fchertreppen in den Garten nieder und mit weien
Statuen oben an den Zinnen gegen den Himmel. Rings schlief ein fein gepflegter
Garten, der im Sommer wie ein erlesenes Bukett erblhte, in dessen
Schattengngen dann eine melancholische, sehnschtige, bleiche Dame wandelte,
oder zwei Kinder von etwa zehn Jahren, ein blonder Knabe und ein rotbraunes
Mdchen sich jagten, oder wo Frulein Margit, die lteste Tochter des Hauses, in
einer Laube, von blauen Glycinen umsponnen, manchmal sa und schrieb.
    An dem hohen, eisenblumigen Gittertor, das jetzt von Naschnee triefte und
einsam lag, las man in goldnen Buchstaben den Namen: Rehorst.
    Herr Rehorst war einer der grten Fabrikanten der Stadt. Sein Vermgen galt
als ungeheuer und war in diesen Jahren derart im Wachsen, da er nichts scheute,
was den Trumen seiner leidenschaftlichen und tiefsinnigen Frau irgend konnte zu
Licht und Leben verhelfen.
    Frau Rehorst kannte in dieser Welt keinerlei Dinge mehr, an die sich ihr Fu
htte stoen knnen. Nichts, was je ihr Auge beleidigte oder ihren Sinn
verletzte, oder von dem sie auch nur von Ferne erwogen, da es unerfllbare
Wnsche wren.
    Wenn man eintrat, auch jetzt in der nakalten Zeit, duftete die warme,
teppichweiche Vorhalle nach fremden, wunderbaren Blumen. In die Dmmerung des
Raumes, der von oben seitlich ringsum Licht erhielt, fielen bunte Scheine durch
die blauen Lnetten der Wlbung, und die Wandflchen hielten in khlen, blauen
Tnen schimmernde Gemlde. Die Innenrume waren weit wie Sle, tief einsilbig,
da und dort in Nische oder Erker mit einer Statue versehen. Der Hauptton von dem
einzigen, groen Meistergemlde der Mittelwand gleich im ersten Zimmer stimmte
ein in die blaorangenen Seidenbezge der Wandflchen, und gegen ein mchtiges
Mittelfenster stand eine reiche, helle Marmorgruppe als wundersames
Schattenspiel.
    Man wandelte hin in Duft und Stille. Man sah auf Ecktischen einsame
Blumenkelche in Vasen, und in der Ferne durch hohe Tren leuchteten von den
Wnden neue Farbenakkorde mit stillen Seen in Buschwerk, wo Liebende wandeln.
Alles lud wie eine Traumsttte ein, weil aus halberschlossenen Rumen ohne
rechte Begrenzung Trume einen grten.
    Hier ging Frau Rehorst um, eine schlanke, schne Frau, still und verhrmt,
mit tausend Trumen zur Beglckung der vielen, die Gott nicht beglcken konnte,
und sie war oft achtlos gegen Margit und gegen ihre beiden jngeren Kinder.
    Alle drei Kinder hingen an der Mutter auermaen. Alle sahen sie mit
Entzcken in ihren wallenden, langen Falbelkleidern herschweben in Hoheit. Alle
hrten mit Hingabe den weichen Schattenklang ihrer Rede. Alle wuten, da sie
der Geist des Hauses war mit ihrer ungestillten Sehnsucht nach hohen Dingen.
    Sie war groen, dunklen Gesichts, voll feiner Schmle, langsam und sicher in
ihrer beseelten Bewegung, heftig, aber ganz verhalten. Immer beschftigt, den
Wohlfahrtseinrichtungen der groen Rehorstschen Unternehmungen einen edlen Sinn
und eine wahrhaft menschliche Belebung zu geben, kamen die Kinder ihr nicht
immer zu passe, vornehmlich, weil in einem jeden auch der Vatergeist mit ttiger
Achtlosigkeit lebte, der im Tun ganz Freude sah, ohne immer gleich nach der Hhe
und nach letzten Zielen zu fragen.
    Nun in Margit ganz und gar. Margit war sehr nach dem Vater.
    Deshalb hatte es Frau Rehorst auch gern gesehen, da Grottfu sich Margit
gewhlt. Denn auer ihren inbrnstig ausfllenden, sozialen Pflichten kannte
Frau Rehorst nichts Lieberes, als die Knste. Mit sehnschtig feiner Sammlung
trat sie meist allein unter die neuen Bilder der Frhlingsausstellung und sann
sich in die Seele einer Landschaft, wie in eigene, dumpfe, oder lachende
Akkorde, und erma aufs Kennerischste Tongebung und Pinselstrich, verhaltenes
Hoffen und Drngen oder rohe, kalte Erkenntnis der Dinge, die aus Farben zu ihr
sprechen konnte. Sie war es gewesen, die an einem Grottfuschen Bilde, das im
Frhling mit zur Schau kam, ein besonderes Gefallen gefunden, und die Grottfu
deshalb persnlich zu sehen und zu sprechen gewnscht.
    Einhart war nun auch in den Bannkreis von Frau Rehorst eingetreten. Grottfu
hatte es veranlat. Margit hatte ihn ausdrcklich aufgefordert. Ein paarmal
uerst launig und lustig, wie sie es konnte. Und Einhart war in der schlichten
rmlichkeit gekommen, die er selber kaum beachtete. Es war ihm alles ein sehr
neuer Eindruck. Schon das Eintreten ins Haus machte ihn zgern und um sich
blicken. Er erinnerte sich dunkel ein solches Gefhl der Stille und
Abgeschiedenheit einmal empfunden zu haben, als er in eine leere Kirche
hineingesprungen, die gerade offen war, um jemandes Blicken auszuweichen. Den
Diener, der das Eisentor geffnet hatte, hatte Einhart feierlich mit Hutabnehmen
gegrt und war schchtern, wie ein Knabe.
    Und wie dann ein ganzer Kreis Menschen unter den vielen Kronen aus Glitzern
und Flammen schwankte, und Margit ihn zu Frau Rehorst gefhrt, hatte Einhart in
vollendeter Einfalt gelchelt.
    Es war eine richtige, groe Gesellschaft. Grottfu benahm sich wie ein Herr.
Grottfu hatte sich wie ein Weltmann in Smoking geworfen und ging im Hause
herum, als wenn er der Gastgeber wre. Frau Rehorst behandelte ihn mit aller
Bestimmtheit als einen der Ihren. Aber sie war mit ihren sanften, traurigen
Augen auch so lieb und gtig gleich zu Einhart, da Einhart lange bei ihr stehen
blieb, obwohl er gar nichts zu sagen wute. Er wute in diesem Augenblick
wirklich nicht sich zu bewegen. Frau Rehorst mute es ihm sehr zutraulich selber
erst angeben, da er den jungen Leuten eine Freude machen wrde, zu ihnen
zurckzutreten.
    Einhart tat in einiger Verlegenheit, was sie ihm geheien. Er hatte den Ton
dieser dumpfen Stimme im Ohr und lchelte zu Frulein Margit hinber.
    War das ihre Mutter? sagte er ganz im Banne und behielt dann Frau Rehorst
immerwhrend in seinen Augen.
    Ach Gott, meine gute Mutter, sagte Margit mit einem Ton Resignation.
    Oh! sagte Einhart nur und lchelte wieder hin.
    Einhart war so einfltig und scheu, wie er seit Jahren nicht gewesen. Und so
bekam er auch eine ganz eigene Empfindsamkeit. Als wenn er auf den heimlichen
Zusammenklang aller derer, die allmhlich hier versammelt waren, hren knnte,
und es erhren knnte zu Eins. Allenthalben schwebten und schwirrten die jungen
Gesichter. Es waren Freundinnen von Margit geladen. Die heiteren Kpfe der
Mdchen regten sich lustig schwatzend und abwehrend im Geplauder hin und her.
Die Gestalten fein in Spitzen und Seiden und Mousselinen und zartem Fleisch und
vollen Haarzierden leuchtend, die schlanken, jungen Arme in langen Handschuhen.
    Alles erschien Einhart durchaus merkenswert. Die jungen Mnner waren meist
im Frack. Sie schwnzten sehr dienstfertig herum, noch ehe getanzt wurde.
Einhart kannte einige.
    Auch Professor Soukoup und Meister Theodor kamen. Beides war Einhart sehr
unangenehm pltzlich. Er glaubte schlielich gar, er htte etwas versehen. Ein
jeder wrde sich mit Leidenschaft an frher erinnern. Von Meister Teodor war das
anzunehmen. Besuchen konnte Einhart den in keinem Falle. Aber da er Professor
Soukoup nicht besucht hatte, fiel ihm jetzt auf die Seele.
    Wie ein Freund ist er zu mir gewesen, dachte Einhart, und es ist
unverantwortlich von mir ...
    Aber wie er dann neben Professor Soukoup zu stehen kam, da der ihn sehen
mute, und neben Meister Teodor, war es ein gleichgltiges, fliehendes Erkennen,
und nichts. Als wenn er den Herren verhallt wre, wie sie ihm, dachte er und
lachte er.
    Einhart begriff zum ersten Male, was ihm beim Gru seines Klassenlehrers bei
seiner ersten Heimkehr schon htte in den Sinn kommen mssen, da es eine
Zutraulichkeit gibt, die die Seele zu jedem Dinge hat, also da sie der
persnlichen Seele, die sie sich gern zugute schriebe, gar nicht gegolten.
Solche Zutraulichkeit hat keine Erinnerung. Die persnliche Seele, die gern nach
der alten Sttte fragt, findet dort keine Spur. In Einhart ging solch stilles
Sinnen vorber, wie ein heiteres Gefhl.
    Und er fand in diesem Gefhle einen Halt, da er sich ein wenig freier unter
den Anwesenden zu bewegen begann.
    Man machte eine Zeitlang Musik. Eine junge Frau sang Lieder. Ein alter,
beweglicher Herr mit weiem, vollen Haarschopf und mehreren Orden spielte einige
verwickelte Klavierstcke. Einhart, der sich von den Tnen ganz umspinnen
gelassen, hatte sich in eine Ecke gesetzt und kam sich in dem Trubel der Tne
wirklich lange wie ertrunken vor. Er erwachte rein neu, als wenn er in eine
sonderbare Art gegenstandslosen Kampfes hineingefallen, darin gebannt und
gerttelt worden und nun wieder zu sich kme.
    Alles war ihm neu.
    Die groartigen Darbietungen rhmte er in bertriebenen Worten zu Margit.
Und zu Grottfu, der ihm gegenber bei allem immer so tat, als wenn er diesen
ganzen Hochton in den Darbietungen eitel selber hervorgebracht.
    Grottfu stand den ganzen Abend mit selbstsicherer Geste. Margit war
kindlich beglckt, sinnlich und lustig. Sie wendete sich oft zu Einhart. Auch
die anderen Freundinnen versuchten mit Einhart zu sprechen. Auch einige der
geladenen Knstler. Alle hatten schlielich nach ihm gefragt. Er, der wie ein
drftiger Jngling, so alt er nun schon war, in der Ecke sich hielt, und den
fetten Haarstrhn in der spteren Stunde lngst in der Stirn hatte, wie ein
richtiger Zigeuner.
    Und dessen Augen nun noch schrferblickend und suchend geworden, wenn ihn
nicht eine Anrede zu einfltiger Freundlichkeit zurckrief.
    Die Erscheinung von Frau Rehorst begann Einhart zu qulen und nicht
loszulassen. Er berraschte sich selber viele Male am Abend, wie seine Augen
ganz in der schlanken, still und bestimmt belebenden Rtselgestalt dieser Herrin
ruhten und suchten.
    Er hatte auch Herrn Rehorst gesehen. Herr Rehorst war fast so scheu, wie er.
Ein kleiner Mann mit einfacher Rede. Ein ganz schlichter Mensch, der in die
Rume voll Bilder, Duft, Statuen, Mdchen- und Knstlerkpfen, in den Rausch und
Zusammenklang der Knste schchtern eintrat und sich zurckhaltend bewegte. Von
ihm hrte er keinen Grundton ausgehen. Dieser Herr wird drauen in seinen
lrmenden Werken unter seinen tausend Arbeitsmnnern ein sicherer Brot- und
Ordnunggeber sein, und hier wei er nichts zu tun, als sich nicht zu fhlen, so
dachte es Einhart.
    Aber wie ein starker, voller Akkord klang ihm allmhlig durch alles durch
diese seltsame, melancholisch bleiche, dunkle, hoheitsvolle Frau, die in dem
Durchfluten und Durchbluten der Rume und der Menschen mit Zutraulichkeit
zueinander den Sinn und Atem zu geben schien, also da es Einhart fast jetzt mit
Zwange dnkte, als wenn heimlich nur von ihr das Leben, Lachen, Bewegen und
Umwirbeln, aber auch ein geheimes Wehen von Nichtigem und von Trauer und vom
Verhall und Verfall und Nichtsein der Dinge in aller Augenglanz ausginge.
    Einhart war jetzt angefllt mit fast schmerzhafter Gier, nur Frau Rehorst
zuzusehen und zuzuhorchen, ganz nur von ferne, und ohne da es jemand bemerken
konnte, weil er jedem Zuspruch immer mit kindlichem Lcheln begegnete.
    Wie Einhart auf dem Heimwege mit Grottfu ging, und der immer nur in die
Sterne schwrmte nach Margit, weil er auch genug Bowle hinuntergegossen, redete
Einhart dunkles Gerede von Schicksalsfrauen, die ein Leben geben und Lebensfden
in Paradiese spinnen, und die auch Lebensfden abschneiden.

                                       7


Der Wind blies eine Husche Schnee eiskalt zum Fenster herein, als Einhart in
sein Atelier trat, wo hinter einem Wandschirm sein Bett stand. Die Aufwrterin
hatte es aus Vergelichkeit offen gelassen. Obwohl Einhart es im Unwillen zuwarf
und die Gardinenlumpen noch zu Seiten einklemmte, war die Luft nicht zu atmen,
und der Dampf ging aus seinem Munde wie den Stieren des Jason der Feueratem.
    Einhart war in einer ihm fremden Erregung. Der ganze Abend bei Rehorsts ging
ihm im Blute um. Die Lieder, die er gehrt, kamen in Fetzen wieder und leierten
sich ab. Er ertappte sich immer auf einer Melodie, die er sich dann erinnerte,
ewig im Geiste gesummt zu haben. Und fortwhrend sah er Gesichter huschen. Wen
nicht alles? Er hatte sich eine Zigarette angebrannt und das kleine
Kerzenflmmchen flackerte im einsamen Dunkelraume und beleuchtete schemenhaft
einige Lackflaschen und die Dachsparren und den Fensterschlitz. Einhart hatte
sich in Hut und Mantel, wie er war, in einen Stuhl geworfen und sann dem Abend
bei Rehorsts nach, indessen in neckischen Prozessionen bald das, bald jenes,
bunt oder wie aussetzende Weisen, deren Takt allein brig bleibt, in ihm
hineilten. Es war ein Spiel der inneren Traumgeberden, mde und bermig
erregt, wie ihn die guten Speisen und der feine Wein, und zum Schlu viele
Tassen des in kleinen Schalen prsentierten Kaffees zurckgelassen.
    Einhart war bleich im Gesicht, und die Augen lagen glnzend und gro und wie
geisterhaft erfllt in den mageren, fast geschwundenen Zgen. Die Klte des
Dachraumes war so arg, da die Balken knackten und Einharts Sinnen ein paarmal
zerrissen.
    Aber Einhart konnte nicht von der Stelle. Er mochte keine Hand rhren. Er
war wie gelhmt. Das war ganz Einhart. Er trug seine ganze Seele und sein
lcherliches Sein und Wesen jetzt wie auf einer heimlichen Tafel vor sich hin.
    Da kamen Einhart Selle und Grottfu gerade ins Haus. Diese beiden komischen
Knaben, dachte Einhart und sah sie eben im Hausflur bei Rehorsts vom Diener
bedient. Und er hrte gar nicht auf zu knicksen, dieser ergebene Herr Einhart,
der sogar vor einem Diener fortwhrend seinen Hut bis auf die Erde ri ... wie
ein Hampelmann.
    Wie ein Narrenspiel taumelte und hpfte er vor sich selber.
    Er lachte in sich so heftig, bis fast zum Weinen, und konnte sich gar nicht
zur Ruhe bringen. Er htte am liebsten vor Unbehagen pltzlich um sich
geschlagen. Da besann er sich, weil eine unerhrte Stille im Raume herrschte,
und seine Gedanken bekamen eine andere Richtung.
    Eine heie Welle ging in ihm vom Herzen aus. Sein Gesicht begann zu glhen.
Er sa mit geschlossenen Augen jetzt. Er hatte die ganze Welt um sich vergessen,
obwohl er wach war, und neue Erinnerungen in seinem Kopfe ihr Wesen trieben.
Das, was ihn jetzt anwandelte, gewann fr ihn selbst keine Klarheit. Es war eine
hohe Dame zu ihm getreten. Er mute ewig hinlauschen. Der Mund dieser Dame war
feinbogig mit einem kleinen Spitzchen, und die Oberlippe war wie ein Flaum.
Dieser Mund duchte ihm zart, wie ein Blatt. Auf diesen Mund mute er
fortwhrend hinstarren. Es gingen Worte und ging sanftes Zutrauen aus diesem
Munde. Aber es kamen gar keine Tne. Er hungerte fast. Es qulte ihn. Der ganze,
schne, volle Kopf schwamm allein wie in einer fernen Welt. Der Kopf sah traurig
aus. Er hatte etwas Erhabenes. Dunkle Scheitel umhingen ihn. Dunkle Agraffen
lagen auf den Scheiteln. Es hingen Perlen ber den Agraffen und blitzende
Tropfen. Und auch die Augen schienen Trnen zu weinen, die blinkten. Ganze
Kettchen Trnen oder Perlen hingen irgendwo. Der Kopf war ihm, wie das Gesicht
auf dem Schweitchlein der heiligen Veronika. Die Augen sahen ihn mit einer
Frage an. Wie ein Dolchsto ein Strahl daraus.
    Und Einharts Seele lag offen wie in Blut und Flammen. Er empfand ein
seltsames Gefhl, als wenn seine Pulse jagten und jagten. Der Kopf im Raume
ragte immer kleiner und immer ferner. Wie eine ferne, se Weise schien er
hinzuschweben. Wie eine nie erhrte Sehnsucht schien er zu rufen. Und Einharts
Herz lag wie ein Blutschwall, den er empfand, als wre er von einem Dolche
getroffen, und das Leben ginge aus.
    Einhart fhlte jetzt deutlicher, da das Herz ihm in sinnloser Unruhe pochte
bis in Hals und Hirn.
    Aber er konnte sich gar nicht ermannen.
    Es geriet immer sinnloser. Die Traumgrimassen spielten toller und toller.
Wie im Jagen kamen ganze Reihen Mnner und Weiber. Grottfu im Frack und mit dem
Zylinder im Nacken im Ringelreigen mit Margit. Die Sche flogen. Die Hnde
verschlangen sich. Alle nickten und warfen die Beine wie eine Bachantenschar,
Frau Rehorst umrasend, die wie ratlos in der Mitte stand: in langen, flieenden
Gewndern priesterlich opfernd.
    Und Flammen schlugen empor und schlugen empor, immer hher und immer
rasender umtollt. Meister Teodor lachte und schrie in die Welt mit groem,
offenen Munde. Und Meister Soukoup schrie in die Welt. Die Mnder waren Hhlen
geworden. Die Flammen erfllten alles. Die Menschen waren in Rauch und Flammen.
In der Ferne schwand, wie eine Seele hinter Flammen und lohenden Brnden, die
weie, stille Priesterin und lchelte zu Einhart und lchelte und regte die
sanfte Hand mit zrtlicher Geberde. Und ging dann hin in Rauch und Nebel,
sausend, stumm - leise - schwebend - einzig-fern - ahnend - wie Flammen singen -
schmerzlich - zerwehend die Jagd und den Wirbel, der gegenstandslos wurde. Da
nur eine qulende, nagende Empfindung wie ein brennender Durst Einhart endlich
aus seinen Trumen auftrieb.
    Er nahm die Lippen zusammen. Er nahm die Mantelfalten zusammen. Er ffnete
endlich die Augen. Er sah, da der Morgen zum Fenster hereinschien, blaudunkel
und kalt. Da der Himmel sich gelichtet. Da besann er sich, trank Wasser aus dem
Waschkrug, der halbvoll am Boden stand und suchte nach Holzspnen, um Feuer im
Eisenofen anzuznden. Dann brannte es und krachte es bald. Die Nacht war mit
ihrem sinnlosen Gespensterreigen im Nchternen ertrunken. Einhart ging ohne sich
zu besinnen an seine Arbeit.

                                       8


Einhart hatte sich tagelang eingeschlossen und allen Versuchen, an seiner Tr zu
rtteln und Einla zu gewinnen, hatte er ein unaufweckbares Schweigen
entgegengesetzt, da es ihm gelungen war, leidenschaftlich in die Arbeit zu
versinken. Auch Grottfu hatte vor Einharts Tr gestanden. Aber gerade Grottfu
wre er am wenigsten geneigt gewesen, Einla zu gewhren. Auch wenn er mit
Margit gekommen. Einhart hatte sich hinter seiner Tr nicht geregt. Er hatte
nicht daran gedacht, zu ffnen. Grottfu hatte schlielich mit ein paar sinnlos
derben Schlgen an die Tfelung der Tr geschlagen und war mit Flchen die
Treppe hinuntergegangen, im Zorn die Beine nicht hebend und recht achtlos
hinabpolternd.
    Einhart stand und malte. Er hatte die Tafeln zur heiligen Geschichte einfach
an dem Morgen nach der Gesellschaft bei Rehorsts beiseite geschoben. Ihn
beherrschten jetzt andere Dinge. Der Abend hatte ihn in einer unbestimmten
Aufregung zurckgelassen. Die Aufregung war noch nach Tagen nicht gewichen. Er
hatte gleich am Morgen Skizzen zu einem groen Bilde zu machen versucht.
    Wie in allem bei Einhart, lief Traum und Wirklichkeit zusammen im Werke. Und
seltsam auch, da sich die Trume, die sich in langen Verwebungen immer um
irgendein Frauenbild gesponnen gleich in der ersten Nacht, sich in den Nchten
nach der Arbeit in allerlei sinnlosen Varianten wiederholten. Es war Einhart
klar geworden, da es immer Frau Rehorst war. Etwas wie die freie, schwermtige,
edle Hterin im Reigen stand berall auch in seinen Skizzen auf. Wachen und
Traum ging durchaus ineinander.
    In Einhart waren auch allerlei Gefhle wie Peinigungen aufgewacht. Das war,
weil er nie im Leben bisher in solche festliche Schnheit eingetreten, wie sie
ihn bei Rehorsts umgeben. Auch nie unter eine solche Flle eigentmlicher
Unterschiede und Gegenstze der Menschen. Er mute aus der widerstreitenden,
chaotischen Menge, die man eine Gesellschaft hie, den Faden finden, um endlich
wieder zu sich zu kommen. So malte er.
    Und er hatte nach seinen Skizzen eine groe Tafel gleich begonnen. Es wre
ihm einfach wie der Tod seiner Ideen erschienen, wenn jetzt ein profanes Auge
Aufklrung ber das verlangt, was auf seine Leinwand kam. Der Gedanke, da er
auch nur einem dieser Kpfe sollte ein Etikette ankleben, war ihm wie ein
Schmerz. Aber seltsamer noch, wie Einhart beim Malen erst sozusagen hinter das
Leben kam, was sich dort im reichen Hause und unter all den gleichgltigen oder
jungheiteren Menschen abgespielt.
    Da begriff er immer neu, da man ber das Leben viel trumen msse, um es
ganz zu umfassen und aufzusaugen. Da ging es wie eine Ahnung in ihm, da Trume
oft das Licht der Tiefe sind, das sich sanft scheinend ber Dinge und Taten
breitet, wie Deutungen, wenn die Anspannungen und Vergewaltigungen der Notdurft
und der Oberflche schweigen, die wie ein irrer Wind nur zu leicht die Leuchte
wahrer Erkennung verlschen.
    Da kamen auf die Tafel nun aller Augen mit einem Sonderglanze aus dieser
Erkennung. Jedem Kopfe wute er seine Laune und heimliche Leidenschaft
einzuhauchen, die ihn in dieser buntbeflitterten Festmenge gebunden hielt. Auf
jeder Lippe schwebte wie ein Lssiges oder Verchtliches oder ein Neidwort oder
ein Wort der Sehnsucht. Auf jeder Gebrde lag eine Mdigkeit oder ein
Sichhinwegheben. Oder man erkannte auch unter den Jungen, wie sie einander
heimlich mit ihren Armen suchten, als wenn sie sich entgegenwchsen in
jugendlichen Begehrungen.
    Und manche auch, die zuhrten, ohne da das Fest ihre Seele erhellte, nur
dabei wie von der Strae geladen, Leute, die kein festlich Gewand der Seele
kannten. Und solche, die Feste nicht begreifen, als nur von ferne, wie einen
schnen Vorklang, der einmal ein wahres Fest einleiten knnte. Weshalb sie jetzt
den einsamen Klang nur voller erlauschen mchten mit unglubigen Augen.
    Inmitten all dieser standen ihre Augen und stand ihre Sehnsucht und Trauer.
    Ihre Augen waren wie eine groe, einzige Melodie ber den
durcheinanderirrenden Gestalten und Launen, die rings im Festkleide hinwallten.
Diese einzige Melodie einte das ganze groe Bild, das nun von Einharts
Pinselstrichen aufwachte.
    Und aus der Menge dieser Gestalten und Launen blickte er selber, Einhart
Selle, hin nach jener, die seine Tage und Nchte jetzt in eine heie
Kunstbegierde erweckte, da er nicht Ruhe fand.
    Er hatte Tage gemalt und hatte weder recht gegessen, noch getrunken. Auer
Kaffee, und was er an Resten noch in seinem Schube gefunden. Er sah bleich und
von heiterer Hast verzehrt aus mitten in solcher Leidenschaft des Tuns und der
gnzlichen Versunkenheit.
    Eines Tages wurden Tritte drauen auf der Treppe hrbar, die ihm unbekannt
schienen. Was er sonst nie tat, da er den Pinsel beiseite legte, und wie in
einer unbestimmten Empfindung von Klarheit lauschend an die Tr trat, das tat er
jetzt. Drauen stand jemand, der sich nicht bekannt hier zu fhlen schien. Die
Bewegungen drauen schienen unentschlossen. Jemand las erst die Karten, die an
einigen Tren der Bodenrume prangten, ehe er an Einharts Tr sich regte.
    Einhart erwachte gleich.
    Es kam ihm jetzt auch gleich so vor, als wenn er diese ganzen Tage nur
darauf gewartet. Der wahnwitzigste Gedanke. Es kam ihm so vor, als wenn er
berhaupt nur um dieses Besuches willen seine Bilder gemalt. Er lauschte. Er
hrte jetzt bestimmt, da Frauenkleider rauschten und an seiner Tr strichen. Er
dachte auch gar nicht daran, irgendetwas von seinen Malereien und Skizzen
beiseite zu bringen. Auch nicht daran, etwa ewig hinter der Tr zu stehen, zu
schweigen und sich zu verleugnen. Eine wahre Freude, wie in einem Kinde, ging in
Einhart. Es kam ihm pltzlich wie eine Erfllung vor. Als wenn ihm irgendwo ein
Weihnachtsglck angezndet. Die Augen Einharts hatten hinter der Tr schon sein
zrtlichstes Lcheln. Weil er jetzt auch die Stimme noch hrte. Also! gut!
sagte er vor sich hin, als er gar nicht Zeit lie, um nur gleich weit aufzutun.
So da Frau Rehorst endlich vor ihm stand.
    Wer Einhart kannte, mute wissen, da er jetzt wie ein sanftes Kind sein
wrde. Er nahm Frau Rehorst richtig an der Hand und fhrte sie in seinen
Arbeitsraum. Frau Rehorst sagte nicht viel mehr, als einen Gru mit Lcheln und
mit hastigem Atem noch, weil Einhart hoch wohnte. Sie sah wie eine groe Dame
aus. Das Gesicht hatte dieselbe welke Trauer, die unter dem Lcheln sehr
lieblich dnkte. Der groe Hut war hnlich denen, wie er sie von den Schwestern
daheim noch im Sinne hatte. Aber er machte sich jetzt gar nicht lustig.
    Ich habe hier einmal ein Gruppenbild versucht, sagte er hastig.
    Oh ja, sagte Frau Rehorst und lie sich auf den einzigen Stuhl nieder, der
im rmlichen Raume stand.
    Es ist eine Tollheit, die mir durch den Sinn fuhr. Sonst malte ich immer
nur jetzt aus der heiligen Geschichte. Aber mich dnkt aus dem Fllhorn der Zeit
- - - sagte er etwas gedunsen.
    Frau Rehorst sah alles sehr genau.
    Ich wollte Sie einmal wieder sehen, und sehen, wie es in Ihrem Herzen
aussieht, sagte Frau Rehorst, mit den Augen auf dem Bilde.
    Aber sie war dann doch ein wenig still. Da beide lange auf die Tafel sahen.
    Frau Rehorst trug einen grauen, vollen Pelz in schlanker Faon. Sie sa auf
dem Stuhle in der Mitte des Ateliers, dem groen Bilde gegenber. Sie hatte
ihren Hut abgelegt und sa mit den vollen Scheiteln und dem sanften, langen Oval
ihrer bleichen Zge. Ihre Augen schwammen.
    Einhart geriet derart ins Bodenlose, als er sie im Spiegel angesehen, da er
fast nicht fhlte, wie Minuten hinrasten. Auch Frau Rehorst war in einer
seltsamen Dmmerempfindung.
    Sie mssen nicht denken, da ich erschrecke, sagte sie nur.
    Sie war durch den Anblick nicht ruhiger geworden. Sie erkannte sich sehr
genau und sah in dem Bilde eine ganz eigentmliche Erklrung, wie aus einem
tieferen Leben genommen. Und eine rechte Verklrung. Einhart versuchte einiges
dazu zu sagen. Alles geriet nur wenig. Aber Frau Rehorst begann sich
aufzurichten, warf ihre Stummheit ab, sah Einhart lange bestimmt und freundlich
an und sagte: Es ist zu viel Hoheit drin. In mir sieht ein wenig anders aus,
was Ihnen so scheinen mag, sagte sie.
    Es kommt mir so vor, als wenn Sie mir vielerlei Dinge zu sagen htten.
Vielerlei Dinge aus meiner Welt und aus Ihrer.
    Dnkt es Sie so? sagte Einhart beglckt lchelnd.
    Ja, nmlich lachen Sie nur nicht! Aber alle Dinge sind so stumm, und nur
ein Deuter kann sie zum Reden zwingen, sagte Frau Rehorst, in den Anblick des
Bildes neu versunken.
    Dann kann es manchmal eine wundervolle Melodie sein, das Leben, sagte
Einhart, indes er Frau Rehorst verstohlen von der Seite ansah.
    Und es gibt Menschen, die brauchen nur da zu sein, da sieht man mit ihren
Augen und hrt mit ihren Ohren, sagte Frau Rehorst und sah Einhart mit ein
wenig Schwermut an, vollendete nicht und sah auf die Skizzen, die Einhart aus
Ecken und Winkeln nun vor sie trug, und dann und wann immer wieder auf das groe
Bild zurck.
    So waren sie lange stumm, Zeichnungen und Entwrfe betrachtend, dann und
wann einmal mit dem Finger hinweisend und dazu lchelnd, oder, wie es Frau
Rehorst tat, ein flchtiges Urteilswort hinmurmelnd.
    Seit Sie bei uns waren, sagte sie endlich. Aber sie vollendete wieder
nicht. Sie lachte Einhart jetzt nur freundlich an. Danach nahm sie ihren Hut,
den sie sich sorgfltig vor dem Spiegel auf ihr volles Scheitelhaar steckte, und
sagte dabei in ganz anderem Tone:
    Ja, ja! darber knnen wir dann reden, wenn wir einmal vertrauter geworden
sind und uns die Worte, die ein jeder redet, noch deutlicher und persnlicher
auf uns selber hinweisen. Einstweilen gengt, da Sie es wissen.
    Was wissen? fragte Einhart, meine verehrte Frau Rehorst? Einhart war
fast wie eingeschchtert vor ihr.
    Nun nichts, als da ich Sie oft bei uns erwarte.
    Einhart machte ein glckliches Gesicht.
    Kommen Sie in der Dmmerung, wenn Sie nicht malen knnen. Kommen Sie, wenn
es Ihnen pat, Herr Selle! - - - Herr Einhart Selle! - - - Herr Einhart
Selle sagte sie noch einmal vor sich hin, als wenn sie den Namen schmecken
wollte.
    Ich habe eben erst Ihren Vornamen gelesen. Also mu ich ihn mir zweimal
sagen, redete sie launig.
    Was fr eine sehr, sehr feine Anschauung, und ist doch gar nicht unrichtig
gesehen. Also aus unsrer Gesellschaft brachten Sie das mit heim? sagte sie noch
einmal sinnend auf das Bild gewandt. Und hatten also eine Erinnerung. Wie schn
mir das ducht! sagte sie hastig. Also Sie kommen, Herr Einhart Selle! nicht?
    Einhart war ganz mde pltzlich, wie sie drauen seine Hand genommen in ihre
weiche, weie Hand, die noch ohne Handschuh war, und er dann diese zarte Hand
hei in der seinen gefhlt und sie gekt hatte, was er noch nie im Leben getan.

                                       9


Frau Rehorst lebte ein Leben voll Entsagung. Das kam, weil sie eine Jugend
voller Trume in groem Reichtum genossen, und nun die Dinge um und um, ber die
sie Macht hatte, sich nicht tiefer enthllen wollten, als bis zu ihren
herkmmlichen Zwecken.
    Und dann kam es daher, da sie jung war, und da ihre Kinder, insonderheit
Margit, sie vor sich selber alt machten, weil sie mit vllig eigenen Begehrungen
herangewachsen waren, und das Gefhl ihrer Mtterlichkeit immer mehr zu Wrde
und Brde erhoben.
    Aber noch mehr: Frau Rehorst hatte lange im Leben nur so hingelebt,
Erfllungen hingenommen, und Preise des Lebens genossen, und nirgends war doch
bisher ein Sieg und ein Erringen aus der Flle und Tiefe gewesen, nirgend auch
aus der eigenen Seele die Feuerflut der wahren Beglckung hervorgebrochen.
Nirgend. Denn weder als Jungkind, noch wie sie ihres Mannes Geliebte gewesen,
hatten sich die Wunder des Lebens ihrem Auge aufgetan. Liebe war ein Rtsel
geblieben. Die Kinder, die diesem Rtsel entreiften, sah sie mit der pflegenden
Sucht der fast leidenden Mutter zu Menschen werden oder in Margit schon
geworden, die von der Mutter Lebenstrumen gar nichts wuten.
    Alles umgab sie, da ihr Fu sich nie an einen Stein stoe.
    Herr Rehorst war Gte und Rcksicht und liebte die rastlosen Taten ihrer
Frsorge. Er empfand, als wenn sein Reichtum erst in ihr einen Sinn gewonnen.
Als wenn die groen Werke seiner Unternehmungen erst gewissermaen unter ihren
Hnden die einzige, wahre Blte trieben, jene groe, menschliche Wohlttigkeit,
die die Unzahl Menschenseelen liebend und pflegend einte, deren Leiber man in
dem rastlosen Tun der Maschinen nicht ruhen lie. Herr Rehorst konnte nicht die
schlanke Erscheinung Frau Rehorsts und ihre sanfte, schwermutsvolle Stimme oder
ihren versunkenen Trauerblick bemerken, ohne nicht heimlich wie eine Weihe zu
fhlen ber sein Tun. Und er ging durch seine Arbeiterhuser und die
Badeanstalten und Unterhaltungs- und Leserume nicht anders, als da er den
Genius der Liebe pries, der hier zu inniger Menschlichkeit zusammenband, was die
Industrie ohne Acht auf das hohe Gesetz des persnlichen Lebens in tausend
kleinliche Erniedrigungen zerri.
    Herr Rehorst war in dem Sinne geradezu ein Schler dieser Frau.
    Er sagte viele Male, da, wenn die Industrie auch unsglich unbarmherzig
vorwrts ginge, sie eben nur mit solcher Grausamkeit ihr Werk erzwnge, da in
den Wohlfahrtseinrichtungen die ersten Knospenkeime sozialer Menschlichkeit
aufblhten. Diese Einrichtungen fr den Menschen im Arbeiter wren der ganze
Sinn.
    Frau Rehorst hatte das gleich gesagt, wie sie in die Ehe getreten. Und hatte
Mittel genug gefunden, darnach zu tun. Mitleiden und Gte kann auch die Trauer
ausstrmen. Frau Rehorst hatte sie ausgestrmt nach allen Seiten. In den
Fabrikhfen sah man in ihr eine Trsterin des Leidens. Sie kam, wo auf der
rmlichen Schwelle nur noch Engel helfen konnten. Aber die sanfte Anbetung und
der Ku auf den Saum ihres Kleides machte sie fr sich manchmal nach den
heimlichen Geschenken des eigenen Lebens weinen. In den langen Jahren rastlosen
Tuns war das nicht seltener geworden. Und Herr Rehorst hatte nicht trsten
knnen, als nur mit mehr Darreichungen zu neuem Liebeswerk. Und die Kinder
lebten und lachten, und wuten nicht gro, warum in Mutters Gesicht sich ein
stiller, hoheitsvoller Gram zeichnete.
    Im Grunde war jetzt Frau Rehorst vllig ruhelos. Auch die Knste hatte sie
immer gesucht. Aber recht eigentlich knnen auch Knste nur der Seele eine wahre
Lebensflamme sein, deren eigene, heie Flamme sie lodern machen. Die Knste sind
auch nur ein Ding drauen, das seinen Zauber in der eigenen Tiefe erweisen mu.
Und niemand hatte noch zu hoher, heller Flamme die Brnde dieser einsamen,
verschlossenen, ttigen Frau angeschlagen. Das war es auch, warum Frau Rehorst
in ihren weiten, durchdufteten, der stummen Schnheit geweihten Rumen immer
stand, wie eine, die es sehnschtig erlauschen mchte, die eigentliche Herrin
der reichen, ueren Dinge, die ihr dienten, und die sie nur achtlos wie tote
Dinge empfand.
    Das war es, da sie in dem Rehorstschen Hause ber der heiteren Lust der
Jungen wie eine stille Hoheit thronte ohne Absicht, wie ein Rtsel, wie eine
ewige Erwartung, wie eine weite, grenzenlose Seele, in der alles gesellige,
volle Treiben in eine heimliche Klage und einen wesenlosen Ruf verhallte.
    Aber auch die Seele, die krank an der uerlichkeit des Lebens, sich das
Wesenhafte aller Dinge, auch des Dinges, das sie selber ist, erhren und
erschauen will, hat eine heimliche Macht. Wer knnte das Mysterium begreifen,
worum auch Einhart jetzt seine Trume gesponnen?
    Frau Rehorst fand zum ersten Male in Einharts Augen und Bilde ein Lied ihrer
Seele. Wer Frau Rehorst htte sehen knnen, als sie aus Einharts Atelier und
dann aus dem Hause auf die Strae trat, htte am Gange und an der Haltung allein
erkennen mssen, da sie dieses Lied zum ersten Male im Ohre hatte. Sie summte
eine glckliche Melodie auf ihren feinen Lippen. Ihre Augen unter
schwermutsvollen, langen Lidern mit dem reichen Dunkelsaume lagen lachend, ohne
da sie es wute. Sie hatte den Kutscher sofort angewiesen, heimzufahren, weil
sie Lust hatte, allein in den Straen zu wandern, und war dann auf Umwegen erst
heimgelaufen.
    Und es war eine groe Freude in Rehorsts Hause gewesen. Tage noch immer tat
Frau Rehorst alle ihre Arbeiten und Verfgungen mit einer ihr fremden
Heiterkeit, als wenn eine Last von ihr genommen. Sie lie ihre Schneiderin
kommen, und ordnete seltsame Jugendlichkeiten an ihren neuen Kostmen an.
    Wir werden einen Fastnachtsball im Hause arrangieren, sagte sie schon vor
Weihnacht lachend zu Margit, die ber Mutter wahrhaft ausgelassen war.
    Nun, einer Braut zu Liebe mu ich wohl eine festliche Seele haben, sagte
Frau Rehorst.
    Herr Rehorst lachte immer, wenn Frau Rehorst es tun konnte. Wie er gleich
ernst war, und heimlich die Kinder mahnte, wenn Mama in stillen Schmerzen sa.
Jetzt kam er und prete die Hand seines Weibes mit lachender Inbrunst. Eine
volle Verwandlung war im Hause, ohne da es jemand htte sagen knnen, in
welcher Region Leben da pltzlich ein neuer Quell ergraben.
    Und Grottfu geno es mit. Ihm lag Lebenslust. Den Harm spottete er schon
frher weg. Es lohnt sich nicht, sagte er damals. Jetzt hatte er keinen Grund
mehr dazu, weil es ihm nur zu wohl ging. Jetzt war er ein noch vornehmerer Herr
geworden, und wute alles im voraus, was sonst der Harm erhrmen will. Und
Margit war in dem Alter der frischen Sinne und hatte die nchternen Triebe des
Vaters geerbt, jung und voll Anmut, wie sie war. Sie geno jetzt das Glck der
heimlichen, brnstigen Ksse, und duchte sich ewig mit einem Blumenkranze
geschmckt und als das Sonntagskind im Hause, das die reine Lust hereingetragen.
    Alles war in der Tat im schnen Marmorhause, das sonst unter Frau Rehorsts
Wesen, wie eine Frhlingswiese unter einer Regenwolke stand, heller geworden.
Und Frau Rehorst konnte manchmal jetzt in ihrem Wintergarten heimlich in einen
Blumenkelch hineinstarren und glcklich lachen.

                                       10


Einhart war unglaublich neugierig auf seine Zustnde, auch wenn es Schmerzen
waren, oder er sie sich nicht gleich zu deuten wute. Und er ging allem, was ihn
angriff, mit Leidenschaft nach. Zumal wenn, wie es oft war, seine Malweisen ihn
ins Stocken brachten, weil er in gewissen Stadien zu experimentieren begann und
dann seinen Wnschen von Duft und Vision nicht endgltig nahe kam.
    Einhart ging jetzt oft zu Frau Rehorst und war im Hause bald so vertraut,
wie Grottfu. Er mute jedesmal lachen, wenn er die Diener nun schon mit ganzer
Gleichgltigkeit grte, ein wenig von oben. Und wenn er Frau Rehorst die Hand
kte, genau wie ein Kavalier. Auch darber, da er jetzt in einem Gehrock ging,
den er sich einfach aus Zwang hatte anschaffen mssen, weil Grottfu
ausdrcklich dazu ihm einiges Geld gegeben hatte. Auch hatte ihm Frau Rehorst
eins seiner Bilder abgekauft.
    Und Einhart kam sich manchmal garnicht, wie er selber vor, wenn er in
lssiger Lmmelei auf einem Lehnstuhl in Frau Rehorsts Boudoir sa, wohin man
ihn jedesmal fhrte, auch wenn Frau Rehorst zufllig noch nicht daheim war.
    Frau Rehorst war in Einharts Gesellschaft jetzt ganz ruhig. Dieser eigene,
dunkle Zigeuner, wie er war - ein rechter Jungmann geworden, mit sanftem
Haarflaum auf der feinen Lippe, das gelbgraue, schmale Gesicht geistig erfllt
im Sinnen, mit den schmchtigen, aber sanft bewegten Gliedern - brachte Frau
Rehorst wie in eine Stillung, solange sie ihn auch nur in ihrem Hause und in
ihrem Zimmer wute.
    Und wenn sie daheim war, konnte sie jetzt scheinbar ganz achtlos mit ihm
lachen und plaudern.
    Einharts Meinungen gingen in sie ein wie Gleichnisse, die mancherlei Dingen
einen eigenen Sinn verliehen. Einhart nannte sie ihn immer, wenn sie allein
waren, mit lachender Zrtlichkeit. Und Herr Einhart Selle war es, wenn es sich
um Menschen sonst handelte, die mit dabei waren.
    Frau Rehorst tat bald fast nichts mehr, wenn es nicht Einhart gut geheien.
Sie konnte fast gar nichts mehr denken, wenn sie sich nicht Einharts scharfe
Dunkelblicke dazu gedacht. Und sein Lcheln ber rgernisse brachte sie sofort
ber jeden Groll.
    Wenn sie allein beieinander am Kaminfeuer saen und plauderten, sahen sie
sich oft in die Augen. Und Frau Rehorst war in seiner kindlichen Ausdrucksweise
wie gefangen, ging dann auf und ab mit Einhart, indem sie achtlos die Fugen der
Diele mit ihren Schritten einhielten, beide, und so eine Art Parade machten,
unterdessen das Lachen ber die frheren Zustnde, in denen Einhart zum ersten
Male jetzt sich vor ihr besann, gelebt zu haben, sie innerlich voll erfllte.
    Einhart hatte dann eine heitere Sicherheit, viel mnnliches Rckblicken ging
aus ihm. In der Nhe dieser hohen, losen, jetzt ebenso kindlich gestillten Frau
begannen sich in ihm Meinungen und berzeugungen zu kristallisieren, ber die er
selbst sich wunderte. Da in ihm das Gefhl aufwuchs, eine Kraft zu gewinnen und
seinem Verlangen einen klaren und starken Ausdruck. Nie noch hatte er im Leben
mit jemand so heiter und so berlegen, so ins Groe vorgewendet in Laune, und so
ohne Acht der Unterschiede geredet.
    Es ging auch manches Schalkswort in Frau Rehorst ber, wie ein Funke. Es war
eine richtige Ausgelassenheit. Einhart hatte wie eine Haut der Schchternheit
noch vollends abgestreift und war in diesen Stunden ein krftig Lachender
geworden, der sich hoch hielt. Frau Rehorst hing mit groen Blicken an ihm und
an dem Erdigwarhaftigen seiner ganzen Erschauung, das nirgend mit aalglatten
Worten kam, das nur Sachen und Erlebnisse stammelte, stammelte mit der ganzen
echten Sinnenkraft, die beglcken kann aus jedem Dinge.
    Einhart hatte Frau Rehorst die Hand gekt jedesmal, wenn er gegangen. Aber
er zog die Hand jetzt zu sich empor, so sanft gab sie sie ihm und streckte sie
seinen Lippen entgegen. Und je fter sich die Abende wiederholten, desto inniger
war eine Kameradschaft zwischen Einhart und Frau Rehorst erwachsen.

                                       11


Es war um die Weihnachtszeit. Und Einhart hatte sich oben in seinem Atelier im
Bodenraum lange abgemht. Denn seine Ideen waren jetzt ins Groe gewachsen. Und
seine Zerfahrenheit infolge aller mglichen Vergngungen und Inanspruchnahmen
auch. Er hatte sich nun zum vierten Male entschlossen, das groe Bild, was er
Reigen nennen wollte, beiseite zu stellen, und noch einmal vllig neu, wie aus
ganz freiem, neuem Schauen einzusetzen.
    Im Atelier kroch die Dmmerung aus der Vorhangsfalte, und drauen lag ein
grauschmutziger Luftton ber viel Weihnachtsgefunkel in den Straen. Einhart war
ziemlich mde vom Abend vorher in Rehorsts Hause. Er war lange in allerlei
flchtigem, zerrissenem Treiben seiner inneren Gesichte gefangen auf dem
Bettrand sitzen geblieben, unterdessen das Feuer im Eisenofen auf die in Dunkel
einsinkende Stube ein lebendiges Farbenzucken malte und vernehmlich dazu seine
Deutungen hinplauderte.
    Da war ihm auf einmal, als wenn sein Zimmer in hellen Flammen stnde und er
von einem tollen Spiel zngelnder Lohe umgeben dase, oder auch schon schwebte
wie in Flammen und Feuergarben. Und als wenn er in ganz ungebundener
Uebertreibung diese Gewalten aus sich selber herausgerufen, war er dem Himmelan
dieses geistwehen Treibens mit versunkener Haltung derart hingegeben, da er
selber an Haaren und Fingern und an allen Kleidern Flammenzungen mit sich
emportrug.
    Es war nur ein Augenblick.
    Er erwachte gleich. Er sah, da in der Tat auf dem Stuhle neben ihm ein Tuch
lichterloh brannte. Und er sprang auch sofort auf, um den Brand noch rechtzeitig
zu lschen. Sein Herz schlug ihm. Er war sehr erschrocken. Und er untersuchte
noch einmal aufs genaueste alles, ehe er sich zum Ausgehen pltzlich entschlo.
    Aber auch wie er drauen auf der Strae, im Zuge der vielen Menschen, im
Scheine der Weihnachtserstrahlungen in den Straen ging, war er nicht ruhig
geworden. Es war durchaus seine Weise, da er sich noch immer wie an Ecken und
Enden entzndet vorkam und ein paarmal in sich zurckkehrte mit dem Gefhl des
Wunderbaren dieses Emporbrennens der Dinge.
    Dann schien ihm das Feuer nur noch ein Spiel zu geben.
    Das Feuer brannte aus seinen Erinnerungen auf.
    Er dachte an manches Feuer, das er mit irgend einem ergebenen Helfer aus der
Schule einst in der Haide gemacht. Er dachte auch an die Zigeunerfeuer.
Flchtige Schatten flogen in seinem Auge hin, wie sonderliche Gesichte, die er
kaum noch zu nennen wute.
    Einhart war heut durchaus nicht auf dieser Welt. Auch jetzt nicht, wo er, in
seinen langen Mantel gehllt, in den Straen die Schnarrteufel hrte, die Kinder
an ihn herantrugen, um sie zu verkaufen. Auch ganz und gar nicht, als er nun
unter die hellen Lampen am Markte kam, wo das Menschengetmmel sich staute und
der Lrm wie ein Meer voll Unruhe ebbte und wogte.
    Einhart lebte schon lange lauschend und staunend ein ganz eigenes, neues
Leben voll neugieriger Erwartungen, und kindlicher Wrme, und Abgekehrtheit
gegen Menschen und Dinge. Wie es immer Menschen leben, die wie Bienen den Duft
des Lebens trachten zu sem Honig zu gewinnen.
    Und Einharts Blut geriet an dem Abend in immer tiefere Begehrungen. Er kam
sich durchaus jetzt so vor, als ob er um jeden Preis irgendeine Seele brauchte,
der er von einem groen Glcke erzhlen knnte. Er fhlte sich pltzlich sehr
allein. Wie er an einer der Wrstelbuden stehen blieb, erinnerte er sich, da er
sich fr einen Besuch gar nicht angetan. Er trat heran, sich Abendbrot zu
kaufen, und begann sofort in der Winternacht auf der Strae aus der Hand zu
essen. Sein Blick suchte am Nachthimmel noch immer einen Feuerschein. Gerusche,
die wie ein Ruf klangen, weckten ihn jedesmal wie ein Hilferuf. Es war Einhart
durchaus nicht unangenehm. Das war nur so neben dem irdischen Tun sein
ungeberdiges Sinnenspiel.
    Das rastlose Treiben um und um fhrte ihn dann auf einem unbestimmten Wege
heim zu sich. Dort drngte es ihn, gleich an Rosa zu schreiben. Er sa wieder
oben in seinem Dachraume, der von einem winzigen Lampenscheine rtlich erhellt
war. Da die Gegenstnde an den Wnden wie ferne Scheine glnzten. Er schrieb
und trumte:

                          Meine geliebte Schwester!

        Was ist nicht alles, was einem Trumer durch den Sinn geht, wenn er
        einsam lebt. Zum Beispiel, da alles Ding um uns und wir selber im Feuer
        verbrennen knnen, und gar nichts bleibt als eine Hand voll Staub.
        Und dann, da doch auch Licht in der Weihnachtsnacht gar nicht wie Feuer
        ist, sondern wie eitel Sternenglanz in Tiefdunkel, nach dem die Menschen
        sich ewig emporsehnen. Ich habe heute so etwas empfunden. Jedesmal hat
        mir das Herz heftiger geschlagen.
        Du mut nmlich wissen, da ich in sehr seltsamen Wegen hingehe. Das
        Sehnen hrt in keinem Blute auf, wenn es mit rechten Dingen zugeht. In
        meinem nun schon gar nicht. Und gar noch, wenn man Menschen nahe kommt
        wie nie zuvor, und man doch wieder die tiefen Abgrnde sieht, die uns
        alle voneinander trennen.
        Wenn Du hier wrst!
        Ich wrde Dir in manchen Stunden doch zu sagen vermgen, was in mir
        hintreibt und nicht halten will in Entzckungen.
        Und was mich ganz schwach zurcklt.
        Wirklich: ich habe niemals solche eigene Trauer empfunden. Trauer, das
        ist dasselbe wie die Nacht. Wenn dann die Sonne wieder nahe ist, jauchzt
        die Seele. Und ich nehme die Trauer gar nicht etwa mit traurigem
        Gesicht. Das sind eitel Schpfe, die nur Tag wollen oder nur immer groe
        Feste.
        Und auf jedes Fest mu man sich vorbereiten und hineinwallen sozusagen
        mit erfllter Seele.
        Aber was ich nie gekonnt habe, kann ich jetzt. Kannst Du Dir denken, da
        ich jetzt eine ganze Woge Trauer in mir habe, und ich habe doch nicht
        einmal je das Meer gesehen. Ich fhle nur, was ein Meer voll Trauer ist.
        Ich trauere manchmal auch ber Euch zu Hause.
        Um Mutter nicht. Die geliebte Mutter hatte Glutaugen, und jetzt bilde
        ich mir immer ein, da sie mir in dem hellen Sterne zublinkt, der am
        Abend vom Balkon aus durch die kahlen Baumste blinkt, als wre er ein
        Demant auf dem Baume.
        Ach Du weit ja gar nicht, wo der Balkon ist! Du - ein Haus aus Marmor
        und darin eine hohe, liebliche Frau! Meine neue Mutter. Oder vielleicht
        ist es das garnicht ...? Eine so schne, strenge und traurige Frau. Die
        doch lacht, wenn ich mit ihr plaudere. Und das alles ist ein Lied in
        meiner Seele, das ich nie aussingen kann. Auch Dir nicht. Niemandem. Das
        sich die Seele so hinsummt in ihrer Einsamkeit, so an ihren stillen
        Nachtgewssern in der Tiefe, darinnen Menschen und Dinge in kristallner
        Stillung sich spiegeln.
        Ach Du, mein Lieb, Du, die mir allein noch daheim ein Andenken bewahrt.
        Wir alle sind Toren, wenn wir nicht wider die Engel streiten die
        Paradiese bewachen.
        Und der arme Mann verfllt, der nicht sich die Trnen der Reue mit
        mitleidiger Hand selber aus den Augen wischt und hingeht und lieber
        einen Weihnachtsteufel in seinen Hnden schnarren macht.
        Siehst Du, aller Rede kurzer Sinn: ich lache jetzt meine ganzen, dummen
        Todgedanken weg, kaufe mir einen Weihnachtsteufel, schnarre den ganzen
        Weg bis hin in die Marmorvilla und schnarre treppauf und vor den scheuen
        Augen der hoheitsvollen Frau drinnen. Und wenn sie auch mit gengstigten
        Blicken zu mir sagt: Einhart, - ach nicht doch!
        Dann werde ich wenigstens noch die Schnarre im Ohre haben eine Woche
        lang, um mich ganz wie ein Ausgelassener zu geberden, mich
        herumzulmmeln in Seidensesseln und zu tun, als wenn mir die ganze Welt
        ein Rauch wre, wie nichts.
        Lebe wohl, kleine, sanfte Blickerin! Hast Du noch die Augen wie frische
        Kirschen im Julimonat? Denkst Du noch manchmal, da es einen Einhart
        Selle gibt, der aus den stillen Nachtseen die Dinge und Menschen fischen
        will, die doch nur Trume sind? Denkst Du Dir auch manchmal, da ich
        Leiden fhle? Und da ich doch immer und immer nur lache und lache. Und
        wenn sie mich ans Kreuz nageln, die gesunden Esser und Trinker, und
        alle, die es mit der harten Erde tun?
        Wenn ich bei Dir wre!
        Du wrst eine, der ich auch noch die Hand kte, mein Liebchen. Dir und
        keiner sonst auer Frau Rehorst, meiner Gttin, vor der ich mich ewig im
        Staube fhle.
        Und nun: den Blick in den Weihnachtsglanz, mein Liebchen, und wo es
        etwas Verheiendes gibt!
                                                                   Dein Einhart.

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Das war kurz vor Weihnacht gewesen. Weihnacht war im Hause von Rehorsts ein
glnzendes Leuchten auf Treppen und in den weiten Rumen. Frau Rehorst war in
einer unsagbaren Flle bunter Dinge allzeit jetzt mitten inne. Rings lagen
Schachteln und standen Spielsachen, und Stoffe lagen herum, kleine kstliche
Etuis standen halboffen, einiges auf ihrem Tisch und auf den Borduren.
Allenthalben lag das Glitzerwerk der Weihnachtsbume, die sie selber mit Margit
und den beiden Kleinen und Grottfu geputzt hatte. Zwei Bume, die fast bis zur
Decke reichten, hatte man aufgerichtet. Es war ein Herzutragen und Kommen und
Gehen allenthalben.
    Am Morgen waren schon die Armen erschienen. An mehr als hundert hatte Frau
Rehorst selber, wie eine Mutter Anna, auf der Kchentreppe ausgeteilt. Dann war
Frau Rehorst sanften Ganges durch den Fabrikhof zu ein paar kranken Frauen ans
Bett getreten, bewegt selber heimlich zu Trnen von dem Dank aus den scheuen
Augen der Armseligkeit. Unterdessen einer nach dem andern von den Geladenen in
dem erleuchteten Hause die breiten Treppen emporstieg und in die von Tannenduft
erfllten Rume eingetreten.
    Unter allen im Hause war es wie eine Art Opferfest. Das Gefhl wute Frau
Rehorst mit einem leidenschaftlichen Sinne zu wecken. Sie hatte dafr eine reine
Inbrunst. Sie selber ging stumm und wie beschwrend mit einer silbernen
Schaufel, die sie fr diesen Zweck sich extra hatte von Einhart zeichnen und
bilden lassen, einsam am Nachmittag ein paarmal durch die Rume und trug das
heilige Rucherwerk hindurch, sich dnkend wie eine alte Prophetenfrau, die dem
Feste ihre Seelenflammen einhauchte.
    Stark fhlte sie sich, frei noch immer, sie selber aus ihrer Atemflle,
eine, die garnicht trauerte. Weil sie jetzt alles aus einem unausgesprochenen,
unbekannten Glcke tat, das ihre Seele sich niemals eingestand. Sie selber in
der wahrsten Festfreude, so in sich wartend und alles auch rings noch einmal
prfend, ob es Einharts Augen sehen und mit feinem Anfhlen der heimlichen
Begehrung ebenso als eine Sprache und Rede zu sich empfinden wrde.
    Alles hatte sie hergerichtet, wie er es geheien. Er hatte eine ganz
erlesene Art, eine Festweihe zu ersinnen und einzuteilen. Er hatte ausdrcklich
gewnscht, da es mit einem vollen, schnen Hochklange aus aller Mndern mte
begonnen sein.
    Das Feierliche lag im allgemeinen Herrn Rehorst nicht. Und die Kinder
drngten gewhnlich gleich ins Licht und sahen nur die Geschenke. Das
kritisierte Einhart in der Idee, obwohl er garnicht je gesehen, da es hier oft
so gewesen. Frau Rehorst hatte sich stets sanft darein gefgt. Sie hatte dann
nur heimlich fr sich eine Viertelstunde versunkner Besinnung ins Heilige
gefunden. Jetzt hatte es Einhart bestimmt gesagt: die Mnder mten sich alle
einmal auftun, das Licht zu loben. Und ich sage Ihnen, hatte er ausfhrlich
erklrt, nur wenn es eine Weile in den Atemstrom sich sammeln mu, einig zum
Hinaustnen, wenn der Atemstrom so aus der Brust ein preisender Ton wird, und
der Mund sich dann ffnet, die innige Sammlung hinauszugeben, dann ist der
Mensch einen Augenblick eingefangen in seine Tempel und geht dann darnach lange
einher mit froher Seele und frohen Augen. So redete Einhart. Er war schon ein
rechter Kenner. Und Frau Rehorst hatte alles angeordnet, wie es Einhart
geheien.
    Jetzt begannen sich also die Gste allmhlich zu sammeln. Grottfu war schon
am Nachmittag gekommen. Er sa, weil die Damen helle Toiletten antaten, in
feierlicher Salonkleidung in einem Winkel des Mittelzimmers unter einer
glhenden Glasblume und las die Zeitung. Einige Beamte der Fabrik waren die
Ersten. Dann kam ein junges Paar, ein Musiker mit seiner sehr musikalischen,
jungen, runden Frau. Beide sahen sich lachend um, als sie Grottfu kurz begrt
hatten. Der Duft und die Stille der hellen Rume machten sie stumm. Dann kam als
hauptschlich erwartet ein junger, blonder Doktor, mit seiner ebenso
rtselhaften, sprden, schnen, dunklen Frau.
    Alles wartete.
    Alle schienen festlich zu lcheln. Alles war in kstlichen Roben. Auch Frau
Rehorst und Margit. Wie in Wolken von weiem Glanze schwebten sie herein.
    Und es begann auch gleich ein Leben. Es begann drauen eine Glocke zu rufen.
Auch der Hausherr erschien sanft und fast mit leisen Worten einen jeden Gast
noch einmal willkommen heiend. Man begann einen regen, wenn auch noch
gedmpften Ton anzuschlagen. Man stand beieinander.
    Frau Rehorst hatte sich hastig gleich im Nebenzimmer umgesehen. Sie konnte
es nicht begreifen. Sie lief noch einmal in ihr Boudoir zurck.
    Ach Gott nein, sagte sie geschftig zu Margit gewandt, wir mchten doch
noch eine Weile warten. Es sind gewi noch nicht alle beisammen.
    Wer fehlt denn noch, Mutter? sagte Margit arglos. Sie hatte es garnicht
bemerkt, da Einhart noch nicht unter den Anwesenden war.
    Aber schlielich begann die Glocke wieder zu rufen, weil Herr Rehorst jetzt
bestimmt Anordnung gegeben, um einer Bescherung seiner Beamten willen. Die Tren
taten sich weit auf. Man ging in das geffnete Weihnachtszimmer, wo die Tische
mit Geschenken in Flle, wie die herrlichsten, bunten Auslagen hingebreitet,
unter der blendenden Lichterflle sich huften.
    Frau Rehorst war auer sich heimlich. Sie war ohne Acht in die Zimmer
zurckgelaufen noch einmal. Herr Rehorst und Margit kamen Mutter entgegen, weil
sie sie beide bei der Bescherung pltzlich gesucht hatten.
    Nein, nein, sagte Frau Rehorst, die nun so tat, als wenn sie nur nach dem
Programm gesucht, was sie jetzt auch wie eine gewichtige Verfgung in der Hand
hielt. Nein, das ist wider die Verabredung, sagte sie bestimmt auf den Zettel
blickend. Erst wollen wir jetzt doch das Weihnachtslied singen.
    Man sang stehend, in dem hellerlichten Raum um die Weihnachtsbume geschart,
das alte, frohe Kinderlied: Oh du selige - oh du frhliche.. gnadenbringende
Weihnachtszeit!..
    Es klang im Chore. Frau Rehorst weinte gleich dabei. Aller Augen waren in
Lachen sonst.
    Frau Rehorst war auer sich. Auch wie das Lied verklungen, war niemand
weiter eingetreten. Sie hatte sich wieder umgesehen. Und war dann innerlich
beschftigt pflichtmig unter die Gaben getreten. Herr Rehorst hatte sie gtig
am Arme an den schnsten Tisch gefhrt, den er ihr im letzten Augenblick selbst
bereitet.
    Oh mein Gott ... nein.. nur solche Sachen nicht! sagte sie fast hart. Aber
kte dann Herrn Rehorst mit Liebe. Einen herrlichen Schmuck brachte er.
Seltsame, persische Opale mit schwarzen Brillanten. Etwas ganz Fernes, Seltenes.
Und seidene Stoffe und echte Gewebe aus dem Orient, Handwirkerarbeit. Es war
auch fr Frau Rehorst zum Entzcken. Sie sah es an noch mit der Trne im Auge.
    Dann kamen die Kinder, beglckt die schnsten Dinge ihrer Weihnacht
hinhaltend und der Mama die Hand und das Kleid kssend. Wie es besonders der
liebebedrftige Junge tat. Margit kam und reckte sich auf und kte der Mutter
die Stirn viele, viele Male und lange. Und Grottfu kte ihr die Hand. Alles
war ein Durcheinanderwogen von Licht und Duft und Lachen und frohen Gesichtern
und Plaudern in die Luft hinein. Man bewegte sich durcheinander. Es war, wie
wenn in allen ein Gesang der Freude noch ginge, eine Sucht sich immer wieder
hinauszuwenden zu jedem ersten, der seine Augen hergewandt. Frau Rehorst war
dann wieder, wie nun ein wenig beruhigt, hinausgeeilt. Fast unsicher jetzt. Sie
war hinausgeeilt, weil sie noch einiges in der Kche anzuordnen vorgab. In
Wahrheit lief sie doch, wie sie war, in einem ersten, besten Mantel, den sie
ergriffen, auf die Strae und hatte nichts Trichteres tun wollen, als zu
Einhart hinzuhasten. Drauen begriff sie die ganze Lage und kehrte zurck. Sie
hatte sich in ihr Zimmer aufs Sofa geworfen, um pltzlich in ein hastiges,
unstillbares Weinen auszubrechen. Herr Rehorst kam sie dort suchen, und Margit
kam und kte die Mutter.
    Ach liebes Kind ... lieber Rehorst, sagte sie gleich ganz ermannt, sei
nur nicht besorgt. Es kamen mir Gedanken, die mich ein wenig erregen. Das macht
die viele Unruhe der letzten Tage. Ja, Geliebte, sagte Herr Rehorst ganz
bekmmert und kte ihre Hnde. Ich habe es dir ja voraus gesagt, da diese
ganze Arbeit um all die Menschen fr dich zuviel sein mute. Aber hrst du denn,
Kind? Willst du niemals hren? Sei nicht bse, wenn ich so schelte. Aber ich
wute es ja doch! Es mute ja so kommen!
    Frau Rehorst ermannte sich vollends und war an dem Abend dann heiter, da
alle dachten, sie lachte auch zu dem Weihnachtsfeste. Auch wie man an der langen
Tafel sa, war sie wie mitten hineingehoben in den Festtrubel, ragte hoch, sah
sich achtlos und sicher um und machte alle Trauer vergessen.

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Einhart wute jetzt genug in der Flle seiner einsamen Aufwallungen, als da er
nicht htte allmhlich mit sich in Uneinigkeit kommen und in den Tagen vor
Weihnacht sollen unentschlossen und unter mahnenden Stimmen innen an dem groen
Gittertor des Rehorstschen Parkes stehen, ohne doch einzutreten.
    Auch am Weihnachtsabend war es nicht anders gewesen.
    Schon am Tage war er von der ruhelosen Geschftigkeit, die in dem Mietshause
bis in die Dachkammern herrschte, in sich tiefer als sonst aufgejagt, und hatte
vergeblich versucht zu malen und dann zu lesen. brigens kannte er lngst die
Evangelien gut, und dachte, da es ihm eine rechte Stimmung wecken knnte und
ihn versinken machen, sich unter die schlafenden Hirten auf dem finsteren
Nachtfelde neben den Herden zu mischen und den Stern im Tiefdunkel anzustarren,
der ber der Htte mit dem heilbringenden Kinde schwebte. Aber was unter den
Bauersleuten das Jahr vorher seine Seele in eine freie Weihnachtsfreude
emporgehoben, das zerflo jetzt in der Unrast seiner Begierden, die ihn schon am
Nachmittag des heiligen Abends zu plagen angefangen. Angesichts des
gescheitelten Grottfu, der ihn am Nachmittag schon ins Rehorstsche Haus hatte
mitnehmen wollen, und der sich jetzt nur im Vollgefhl der prunkenden Absichten
fhlte, die man dort fr den Abend hegte, und inmitten der Einigkeit der Menge,
die er unten auf den Straen, mit frohen Gesichtern eilen sah, fate ihn ein
solches Gefhl von Fremde und eigener Einsamkeit und flgelfreier Sehnsucht
hinauszuziehen, da er in der Menge gestoen und gehalten hin und her irrte,
ziellos keine Sttte fand, und vllig ermdet um die eigentliche
Bescherungsstunde bei Rehorsts sich, statt dort hin, nur wieder bis an seines
Hauses Eingang zurckgefunden.
    Es ist eine Rtselwelt, dachte er, wie er aufstieg Stufe um Stufe,
unentschlossen und nicht aufgelegt.
    Um Christ geht's, sagte er, und sie machen einen groen Markt. Und
drauen gar werden sich die Damen in Roben von Seidentll und mit flaumigem
Halse zeigen - ganz wie Joseph und Maria in dem Eselstalle.
    Meine Bodenklause ist mir heute gut genug, dachte er fast trotzig. Er
wute selbst dann nicht, wie lange er in dem Arbeitsraume im tiefen Dunkel
versunken gesessen. Also da nur die Sterne aus der Hhe darber leuchteten,
wohin er den Blick ewig hinausgewandt. Da er noch immer sich nicht zu sich
fand, von dem Zauber des Silberlichtes sanft getroffen, und von dem Gefhle, in
einer tiefen, undeutbaren Enge und Kluft der Menschenwelt eingeschlossen, selbst
nichts zu sein, als ein sehendes Auge, das sich emporhob bis in die weiten,
schweigenden, reinen Gewlbe der hellen Nacht.
    Aber dann ermannte er sich. Der Nachtschein hatte eine Helle auch auf seinen
Tisch geworfen, und hatte dort etwas enthllt, was seine Neugier erregte. In
seiner Abwesenheit war ein Packet gekommen. Er machte sogleich Licht und sah,
da es von Rosas Hand adressiert war. Die Schwestern sandten allerhand Dinge,
Sorgliches zum Anziehen, und Sigkeiten auch, und Gre lagen von allen
drinnen. Auch mit schner Handschrift ein Festgru des Herrn Geheimrat, und vor
allem ein Brief von Rosa. Aber er kam nicht dazu, die Briefe genauer anzusehen.
Die Weihnachtsglocken begannen drauen ber die Dcher der Stadt zu drhnen, und
Erinnerungen waren heute genug wach, da sich Einhart nach mehr Aufwhlen nicht
sehnte. Etwas wie Unruhe ging gleich aus dem Glockengewoge neu in ihn ein, da
er wie in Unzufriedenheit aufsprang.
    Im Grunde waren es jetzt nur Gedanken und Bilder von Frau Rehorst, die er
verscheuchen wollte, vor denen er floh, und die er suchte, wenn er geflohen war,
und die ihm sich in seltsamen Spielen verwoben zu grotesker Belachung seiner
Sehnsuchten und sich zusammenfanden zu den zrtlichsten Friedensbildern von
Liebenden in der einsamen Weihnachtsnacht. Er war wie gefangen. Langsam
verdrhnten die Glockentne wieder ber der sternenbeschienenen Weihnachtstadt,
als er seinen Blick durchs Fenster noch einmal hinauswandte, und sich entschlo,
doch zu Rehorsts noch versptet hinzugehen. Er warf seinen Mantel um und lief in
den Straen, was er konnte. Aber in der Nhe des marmornen Wrfels kam ihm eine
harte Lust an, in die Hlle zu fahren, statt in die geschmckten Prunksle eines
reichen Hauses.
    Mgen sie mich erwarten, dachte er ... Ich werde zu den Zllnern und
Sndern gehen. Ich werde gerade heute in einer Spelunke essen, nahm er sich vor
mit einer spitzen Anwandlung. Und meine neue Mutter wird den guten Sohn
vergeblich unter den Ihren suchen. Ich werde einmal ein Fest fr mich feiern,
statt mit Fabrikbeamten und Dichtern und Musikern und Schwtzern und schnen
Frauen. Unterwegs hatte sich ein junges, lchelndes Ding von Dirne an ihn
gedrngt.
    Bist du auch so allein, wie ich?
    Das gefiel Einhart. Solche Frage kam gerade recht.
    Komm nur mit, sagte er, wir werden zwei sein. So nahm sie seinen Arm,
und Einhart lief mit ihr in das Kellerlokal, aus dem immer ein verstimmtes
Orchestrion herausklang, wenn er am frhen Abend manchmal vorbeikam.
    Ich werde dich einmal alles fragen, was ich wissen will! sagte Einhart
lchelnd zu ihr.
    Frage nur zu, Herr, sagte das Mdchen.
    So saen sie bald in einem Winkel des kleinen Lokals, in dem etwa sechs
Frauen in seidenen Ballroben mit entblten Busen um einen Christbaum lachten.
    berall ist heute Weihnacht. Auch diese Weiber narrt der Stern aus
Bethlehem, sagte Einharrt trocken.
    Aber er sah, da das Mdchen vor ihm sanfte, helle Augen hatte und beglckt
in den brennenden Schein sich verlor.
    Es ist schn, sagte sie nur.
    Also du bist es doch zufrieden auf der Welt, fragte Einhart lachend.
    Nun, es ist ja entzckend hier, sagte die kleine blonde Person, und wenn
die Damen uns Weihnachtslieder singen, und du uns was Gutes zu essen geben
lt!
    Einhart sah sich mit vollkommenem Feuer um.
    Ja, also die Damen aus der Hlle singen uns Weihnachtslieder, und wir
wollen wirklich etwas Gutes essen!
    Ich habe meine Schlafstelle bei Frau Kern, erzhlte die Blonde einfach,
aber die ist heute Aufwartung im Rehorstschen Hause. Da kommt sie erst spt,
und es ist alles dunkel oben.
    Und Eltern und Geschwister und sonst Leute, die sich um dich kmmern?
redete Einhart.
    Hab ich nicht.
    Nun gut, sagte Einhart, wir beide werden jetzt in der Hlle sitzen, wo
die Teufel selbst Weihnachtslieder singen, und werden uns Eins fhlen. Auch die
Teufel sind alles nur Engel, die fielen. Das ist mir ein richtiges
Weihnachtsfest. Weit du, so sind wir recht, wie wir sein mssen, ganz ohne
Namen in dieser Welt, ohne Erinnerung und ohne Vorschau.
    Einhart strich der Blonden die goldnen Haare aus der Stirn und sah, da sie
leuchtende Augen gewann. Und sie aen und lachten miteinander und plauderten und
tranken. Unterdessen das Leben der losen, frechen Weiber am Tische in der Ecke
mit Weihnachtsliedern, lautem Geschwtz und schrillem Gelchter unter dem
Lichterbaume fortging.
    Einhart versank immer mehr in Stummheit.
    Er begann das Mdchen neben sich, die arglos alles wie ein Fest hinnahm,
anzusehen und anzulcheln. Und er verga, wie er mit der Jungen in seinen
Bodenraum zrtlich heimgekommen, und sie ihn im Halblicht seiner kleinen Lampe
gekt und gestreichelt hatte, bald in der Wrme ihrer weichen Umarmungen den
Sinn aller Feierstunden und aller ihrer herkmmlichen Deutung.

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Frau Rehorsts Traum war in ganz jher Weise im Herzen ausgetrumt. Als Tag und
Stunde kam, wo Einhart sie in der Dmmerung gewhnlich besuchen kam, sah sie
bleich und erschpft aus, weil sie einen Kampf gekmpft und alles heie, heftige
Drngen ihres Blutes in einem bestimmten Entschlu zur Ruhe gebracht.
    Der Feiertagsfrieden lag im Hause. Das rhrige Fest des Bescherungsabends
war verklungen.
    Frau Rehorst hatte ausdrcklich gewnscht, da der eigentliche Feiertag zu
einer stillen Freude der Zurckgezogenheit werden mchte, und zu einem
Sichbesinnen oder auch Sichverlieren in fernen, fremden, schnen Dingen. In Frau
Rehorsts Zimmer lagen tausenderlei Kunstmappen und neue Literatur jetzt herum.
Sie las mit groer Leidenschaft noch, und hatte auch Herrn Rehorst und den
Kindern heute ausdrcklich gesagt, da sie nach all der Einkaufshast und den
Beschenkungsunruhen endlich wieder einmal in die Gefilde der Trume eingehen
wollte, ungestrt.
    Herr Rehorst ngstigte sich im geheimen noch ein wenig. Die melancholische
Erregung von Frau Rehorst am Weihnachtsabend hatte ihn erschreckt, zumal in der
Familie von Frau Rehorst einige an derartigen Anwandlungen nervser
Gebrechlichkeit krankten. So hatte er Frau Rehorst nur am Nachmittag auf die
Stirn gekt, und ehe er sich selber in seine Arbeitsrume zurckzog, den
Kindern leise und ausdrcklich gesagt, da im Hause jeder Laut vermieden werden
mte. Die Kinder waren im Schlitten aufs Land gefahren. So sa Frau Rehorst
bleich und in der eigentmlichen Schwche, in der groe Herzensentschlieungen
das Gemt zurcklassen, und versuchte vergeblich in einem der Eindrcke zu
haften, die sie dem Auge jetzt darbot.
    Es ist wunderlich, dachte sie, da wir nur Strke und Ruhe gewinnen, wenn
wir entsagen. Dann gewinnen wir uns selbst wieder. Sonst verbrennen wir unsre
Kerze und verzehren unsre Hoffnung.
    Sie hatte allerhand Bcher, kstliche, in Pergamentbnden mit goldnen
Leisten und Blumen aufgeschlagen, und in jedes mit uerem Blick hineingelesen.
Und nichts hatte sie wirklich auch nur mit einem Hauche in ihre verzehrte Seele
genommen. Alles trieb nur ein leeres Spiel drauen in den Vorhfen des Lebens,
wo die Eindrcke noch nicht wiedergeboren sind, keine Seele haben und keine
Sprache reden.
    Auch Bilder besah sie.
    Den Millet'schen Reiter im fliegenden Mantel am einsamen, sturmumschrieenen
Heideteiche hatte sie angesehen und flchtig eine Trstung empfunden und eine
selige Ausschau, da da auch einer nun Heimat und das Geliebte verlassen in
eigener Bestimmung und mit sicheren Blicken, von Gewalten umheult und umrissen
neu ins Ungewisse sich verlierend. So war auch ihr jetzt zu Mute. Sie sa bleich
und verloren lange in ihrem Lehnsessel zurckgebogen und lauschte heimlich in
die tiefe Feiertagsstille, die drauen und drinnen herrschte.
    Dann beschlo sie an dem Tage niemand mehr bei sich einzulassen.
    Wer auch kommen mge. Ich bin nicht zu Haus, sagte sie dem Diener, der auf
ihr Klingeln eingetreten.
    Sie hatte sich am Schreibtisch niedergelassen und begann jetzt in ein
Tagebuch einige Notizen zu machen. Sie hatte sich ein dunkles, glattflieendes
Sammetkleid angetan, das in weichem Schwunge um sie lag, und trug einen breiten
Silberschmuck mit feinen Gehngen um die Spitzen am Halse. Ihre Arme lagen wei
in dem Dunkel der Seidenbehnge, die durchbrochen waren. Sie sann. Sie versuchte
einiges aufzuschreiben, von dem, was vorgegangen und noch vorging.
    Rehorst ist die Himmelsgte selber. Und ein Mensch ohne Mitrauen. Wie war
er geduldig! Und wie sinnlos kann mein Herz sich gebrden! schrieb sie. Dann
horchte sie. Es schienen durch den Garten Schritte zu stapfen. Sie war gleich
aufgesprungen und hatte hinausgesehen. Aber es war auf dem Trottoir drben
auerhalb der Gitter. Soda sich Frau Rehorst zurck zum Schreibtisch
niedersetzte. Das Bild ihres Vaters, der auch ein reicher Fabrikant gewesen,
stand vor ihr in einer feinen Miniature, und das Bild ihrer Mutter, das sie
lange anstarrte. Sie dachte an ihre Mdchenzeit.
    Ach ja, schrieb sie dann, es gibt Menschen, die sehr, sehr lange
herumirren und immer mit heiterem Gesicht, und die erst finden mit Leiden. Ich
mute lngst eine Mutter sein, ehe ich begreifen lernte - und verstehen - und
hei begehren und verschweigen und verstummen und weinen und doch leben.
    Sie weinte eine helle Trne, erhob sich, berwand sich, schlo das Buch in
ein Geheimfach zurck und sah in den Silberspiegel, um sich die Trne zu nehmen
und sorglich mit der feinen Spitze Khlung ins Auge zu wehen.
    Aber sie lief dann wie hochgerichtet sogleich an die Tr. Jetzt war Einhart
drauen. Ein Ton hatte sie erreicht, unbegreiflich, durch alle mglichen Rume.
Sie klingelte. Sie ri die Tr ein wenig hastig auf und rief hinaus:
    Nein ... nein nein nein! nicht etwa wegschicken! rief sie hinaus. Da man
Einhart zurckrief, den man schon abgewiesen, und da er im nchsten Augenblick
auch schon in der Tr erschien.
    Frau Rehorst hatte sich in ihrem Lehnsessel zurckgeworfen, und ehe er in
ihr Zimmer eintrat, die Arme ausgereckt und den Kopf krampfhaft nach hinten
geworfen, nur um noch einmal sich zu fhlen und sich zu erraffen.
    Einhart war es ziemlich unangenehm. Er kam in groem Zwiespalt. Er sah in
dem Augenblick, als er eintrat, durchaus wie jemand aus, der sich nach allen
mglichen Gefahren umsieht, die ihn hier umdrohten, und dem die tiefe Ruhe rings
wie Unheil verkndete. Er wagte auch garnicht laut zu reden. Er versuchte Guten
Abend zu sagen. Aber das Wort war ganz in der Kehle sitzen geblieben, da es
nur wie ein heiseres Gerusch klang.
    Frau Rehorst sa ewig und hatte sich nur jetzt die Augen mit den Hnden
bedeckt, ohne zu erwidern.
    Und Einhart stand noch immer im Trrahmen.
    Aber er schlo dann leise die Tr hinter sich.
    Es war eine dumpfe Stille, in die eine kleine, feine Uhr leise ein Schnarren
trug und dann ein scharfes, verhallendes Pinken.
    Frau Rehorst mute einfach hinauslachen.
    Einhart kam sich unglaublich dumm vor. Er fhlte, da sich etwas in seinem
Blute zusammenkrampfte, was mit diesem Raum, mit dieser Stille, mit dieser Frau
in ihn hineinwuchs. Er sah so demtig aus, da er an sich halten mute, um nicht
Frau Rehorst vor die Fe zu knieen, und ihr Ungeheuerliches an Worten und
Preisungen einfach leidenschaftlich jetzt erregt zuzuflstern.
    Es war eine solche heie Luft um ihn, wie in einem Brande.
    Er sah diese sanfte, hoheitsvolle, brtende Schwermut aus den tiefen
Frageaugen sich zu ihm stehlen, und begriff nicht, da er noch stand und stand,
wie gebunden und in unsagbarer Erniedrigung. Er hatte alles vergessen, was sonst
und gestern und ehegestern gewesen. Das Lachen von Frau Rehorst hatte ihn
geschlagen, wie eine Peitsche. Das Lachen schien ihm ein Weinen zu sein.
    Nicht doch, sagte er zu ihr mit fast stechenden Augen und ging wie ein
Schlafwandler nher.
    Nein, nein, nein, nein! bleiben Sie, Einhart! bleiben Sie, Einhart! Fast
in Angst geschrieen von Frau Rehorst, fast in furchtbarer Angstwallung.
    Einhart war innerlich durch diese Abwehr und den Schrei so matt, er fhlte
sich so zusammenbrechend, da er an sich halten mute, um nicht einfach
zusammenzusinken.
    Aber Frau Rehorst war in ihrer Haltung geblieben. Sie sa im Lehnstuhl und
hielt die Hnde wieder vor die Augen.
    Da berkam es Einhart wie ein Wahnsinn. Da er nicht mehr an sich hielt. Und
Schwche und Leidenschaft in gleichem Sinne rissen ihn nieder zu Frau Rehorsts
Fen, Schwche und Leidenschaft griffen bittend nach ihren schnen, weien
Hnden. Schwche barg sich mit seinen schwarzen Haarstrhnen in ihrem Scho, und
machte ihre Hnde in seinen Haaren whlen. Und Einhart zog ihre Arme nieder und
ihren Mund an seine Lippen und redete nicht und versank in ewiges stummes
Leuchten und Blicken von Auge zu Auge. Zwei Augenpaare voll scheuen, seligen
Feuers in sanftschwarzen Lichtern glommen, unausgesungenen Glanzes. Die Stunde
war stumm. Ihr Sinn war unendlich. Die Lippen brannten aufeinander und sprachen
die stumme Sprache unerhrter Wonnen, die auch Einhart jetzt zum ersten Male
eintrank, lngst begreifend, lngst lchelnd, und nach keinem Sinne begehrend.
    Es war ruhig geblieben. Es war der Feiertagsfriede im Hause.
    Als die Kinder mit Grottfu heimkamen und ber Einhart herfielen, wegen
gestern, tat er wie ein Einfltiger und gab lchelnd Erklrungen, ohne
zurckzudenken. Er sah nur Frau Rehorst manchmal sorglich an.
    Und Frau Rehorst war seltsam fern und fremd mit den Ihrigen, als man sich
zum Abendbrot zusammenfand. Wie wenn sie erhaben aufgerichtet wre in strenger
Bleiche, tonlos und wortlos, und im Raume fr sich, und immer erst sich besinnen
mte, da Herr Rehorst, ihr Mann, und die Kinder und Grottfu um sie wren.
    Einhart sa in seinem Festrocke. Er fand sich zu einem blitzenden Blicke
manchmal nur zufllig.
    Grottfu hatte sich mit den Kindern und Margit im Schnee drauen in der
Heide vergngt. Die Kinder beschrieben mit eiliger Aufregung ihrer Atemgnge das
groe Schneeballen, das sie drauen getrieben. So verging der Abend, indem
Margit heimlich verliebte Blicke auf Grottfu warf und die Stelle am Busen
fhlte, wo seine Hand lange bei der Fahrt gelegen, und Einhart und alle, auch
Herr Rehorst sahen manchmal heimlich auf Frau Rehorst, die wie eine Knigin
dasa, bleich und von der Gewiheit gezeichnet.

                                       15


Frau Rehorst lebte nun ein vllig verwandeltes Leben. Sie empfand sich und war
erfllt und konnte die Stunden nicht erwarten, die Einhart kam, oder die nicht,
die sie in die enge Dachwohnung eintreten und in Betrachtung von Kunst und Leben
versunken in Einharts liebender Hingabe verleben wrde. Sie liebte Einhart bis
zum Wahnsinn. Die Welt um sie war ihr zu einer gnzlich anderen geworden. Alles,
was sie bisher umgeben hatte mit Liebe, begann schnell alle Kraft zu verlieren,
derart, da sie viele Male wie ratlos nach den einstigen Schtzen suchte, die
sich in drre Bltter verwandelt, die sie allein noch in der Hand hielt. Ihre
Familie konnte gar nicht mehr an ihr Herz. Sie war sehr verschlossen und
frmlich. Herr Rehorst, der ihre seltsamen Schwankungen von frher kannte, trug
es in sanftem Gewhrenlassen. Auch da sie alle ihre Wohlfahrtsstiftungen auf
einmal gnzlich beiseite lie. Sie dachte in Wochen und Monaten nicht mehr
daran, sich persnlich um derlei noch zu kmmern. Alles war versunken vor dem
einen seligen Gefhl, von diesem dunklen, fremdartig rcksichtslosen, schlanken,
jungen, lchelnden Trumer und Knstler geliebt zu sein, der sie auch heimlich
nicht aus Herz und Auge lie.
    Ja noch mehr: was fr Frau Rehorst wie eine selige Insel schien voller
verjngender Quellbrunnen, aus denen sie die Jugend und das Vergessen schpfte
und schpfte mit berauschenden Blicken, also da sie einstweilen nichts wute
von einem einstigen Leben, rckkehrend zu dem alten, den Strande, an dem sie
weinend gesessen, und nach den fernen Wundern ausgeschaut, das war fr Einhart
ein lichterloh flammender Feuerberg, so alle Sehnsucht und Aussicht beschattend,
da seine wunderliche Neugier, aller Eindrcke Herr zu bleiben, sich ganz verlor
und er allenthalben nur als Beglckter sich fhlte.
    Das waren rechte Trume voll seliger Berauschung. In diese Trume klang ein
schriller Weckruf.
    Der Frhling war langsam im Herzug. Frau Rehorst hatte noch gegen Fastnacht
einen Ball veranstaltet. Eine eigentmliche Gehobenheit hatte darber gelegen,
wie ein Rauch ber einer goldnen Morgenfrhe. In den hellen Rumen bei Frau
Rehorst hatte sich die Jugend in bunten Prunklumpen zusammengefunden. Frau
Rehorst hatte die Parole ausgegeben, einen orientalischen Bazar darzustellen. So
war Jung und Alt gekommen in tausenderlei leuchtenden Gewanden der
Aufgangslnder. Die lockenden Houries hinter ihren Seidenschleiern lachten mit
funkelnden Augen hervor, und alte, mantelumhllte, breite Patriarchen wandelten
in den eingestimmten Rumen.
    Frau Rehorst war als Zigeunerin erschienen. Sie sah wunderlich und
unglaublich prchtig aus. Das machte auch, da sie gleich wie losgebunden war.
Eine wahre Verzehrung erfllte an dem Abend ihre Blicke. Es war ein Auf- und
Abwogen in den eigenartigsten Maskierungen. Auch Einhart kam, ein Zigeuner durch
und durch. Er hatte eine Geige, die er strich. Ein paar Liedchen mit dem
gleichen, schmelzenden Singeton. Frau Rehorst hing an ihm, wie eine junge Mutter
an ihrem Kinde. Ihre Blicke versengten ihn.
    Alle Hoheit war aus Frau Rehorst gewichen an dem Abend. Nur wie ein volles
Leiden der Liebe. Es ging wie ein Fieber in ihr, und wie ein brennendes Fieber
kam aus ihr in alle. Es war, als wenn mit allen diesen buntgekleideten, zahmen
Menschen ein Dmon allmhlich sein Wesen triebe. Auch die jungen Knstler, die
da waren, merkten nicht, wie sie ergriffen wurden, und die jungen Fruleins, die
lngst schon mit Lockungen herumgingen, die sie sonst nicht gekannt htten. Es
war bald wie auer Rand und Band alles. Man tanzte in tollen Gebahrungen. Man
lachte schrill und trieb Kurzweil mit Kssen und Umarmungen und sich herumjagen
und widerstreben.
    In diese Taumel drang ein jher Schrei. Alles das Treiben war pltzlich
verstummt. Man hatte Frau Rehorst in ihrem Hinrasen im wilden Zigeunertanze mit
Einhart noch gesehen eben, wie sie sich an ihn krampfte bis zum Sterben, und
pltzlich ihn loslie, und mit jhem Aufschrei das Haus erfllte. Man mute sie
auch sogleich im Arme hinaustragen. Sie hrte erst eine lange Weile nicht auf zu
schreien. Das Schreien klang, wie ein Reh klagt, allmhlich. Wie ein
entsetzlicher Herzensjammer, wie zu Tode getroffen.
    Es war eine frchterliche berspannung, die zerri.
    Die Gesellschaft stand herum, wie wenn Gift pltzlich in aller Blut
geflossen. Man kann sagen, die Mienen dieser smtlichen Orientalen waren einfach
wie im Grausen. Einige hatten geholfen. Man war stumm, wie wenn man eine Tote
hinaustrge aus den hellen Freudenslen. Herr Rehorst hatte mit einem anwesenden
Arzte zugegriffen. Margit sa in einer Sofaecke zusammengebrochen vor Schreck
und zitterte.
    Dann harrte ein jeder wie gebannt, zu hren, da die erste Nachricht der
Beruhigung kme.
    Alles blieb ewig starr.
    Weder der Arzt noch Herr Rehorst erschien. Es war eine entsetzliche, lautlos
bebende Erregung, als wenn man die Pulse aller hrte im Lichterglanze. Die bunte
Schar stand, als wie eine Herde nach der Richtung scheu aufgerichtet, wo der
Wolf oder das Raubtier Leid sich pltzlich zum Angriff herangeschlichen.
    Und Einhart war lngst hinausgeeilt mit verzerrtem Lachen. Denn der Schrei
ging in ihm wie eine wehe, unbegreifliche Zerklftung. Es schrie in ihm noch
immer mit derselben Stimme, mit der Frau Rehorst sich in seinem Arm aufgerichtet
hatte und zusammengesunken und ohne Macht nur dem Dmon hingegeben gewesen war.
    Er lief in die kalte, graue Morgenluft. Er hatte sich einen Mantel um die
Schultern zu werfen vergessen. Er merkte drauen im Dmmer, da er in seinem
fremden Kostm ohne Mtze einherlief. Er war auch bis in seine Dachwohnung
heimgekommen.
    Was er trumte und ansah, zerrann in Schemen, als er daheim in seinem
Bodenraum im Morgengrauen auf der Erde lag und sich nicht zu sich fand in
Schreck und Schauer und zerbrochener Sehnsucht und jachem Verfluchen alles
Lebensatems. In der Sucht seiner unentrinnbaren Zwnge Gewalt von sich zu
werfen, seiner Zwnge Gewalt und jener Frau eiserne Gebundenheit, die eben noch
wie eine beflgelte Jugend in losem Erraffen der seligen Stunde hingeeilt war in
seinen Armen.
    Die Bilder und Prunklichter in rasender, drngender Flle fhrten in seinen
Augen einen Reigen, wie tote Narren im Leichenhemde, die in starrem
Klappergebein hintollten. Aus allen Gesichtern ertnte der Tod wie eine schrille
Tanzweise. Alle die Rhythmen des Abends klangen wie ein toller Lrm aus
grinsendem Grabgelichter, ewig neu aufgeweckt, und ewig ihn neu sthnen machend
und sthnen, und sich nicht finden knnen, weder zu sich, noch zu dem, was ihn
sonst im Leben in Ordnung umgeben hatte. Einhart war dann, als der Morgen kam,
in seiner Zigeunertracht, wie er war, an der kalten Erde tiefverzehrten Blickes
eingeschlafen.

                                       16


In Einharts Leben war damit etwas verklungen, jh und schaurig, und hatte ihn
ganz verhrmt und stumm und scheu zurckgelassen. Es war eine Zeit, in der er
sich kaum anders noch blicken lie, als da er ungesehen in einer kleinen
Spelunke sa, wo Arbeitsleute aen und weder Knstler, noch Menschen der guten
Gesellschaft ihn ansprechen konnten.
    Frau Rehorst hatte zwischen Tod und Leben Tage und Wochen hingebracht. Man
hatte vllig eine Weile verzweifelt, da man sie knnte zurckgewinnen. Die
schne, stille Frau, die sie gewesen, war in weien Spitzenkissen eingebettet,
von Visionen und Verngstigungen geplagt, in wilden Fiebertrumen hingejagt. Und
hatte ein Leben von Tagen wie in Hlle und Fegefeuer gelebt. Um dann in das
Nichts unergrndlicher Erschpfung eine Weile einzusinken, aus dem sie mit
ebensolcher Flugkraft wieder in die Abgrnde ihrer sinnlosen Peinigungen
hinflog.
    Endlich erschienen Anzeichen der Besserung. Und man kam an einem Tage zu der
bestimmten Hoffnung, da Frau Rehorst die schwere Krankheit doch berstehen
wrde.
    Einhart war zu Herrn Rehorst hingegangen und hatte es aus seinem Munde
selber gehrt, der es in einem heimlichen Beben und Zittern der Freude
ausgesprochen.
    Sie wird uns wiedergegeben, hatte Herr Rehorst nur gesagt und war dann
verstummt, und war leise zurckgegangen, wie Einhart ebenfalls zum Gehen sich
anschickte.
    Sie wird uns wiedergegeben, das begriff Einhart gar nicht. Er wute es ja
wohl, ohne es sich vorzuhalten, da das wirklich eine Wahrheit war. Aber seinem
Gemte war es ein tiefes Rtsel. Er konnte nicht einmal darber sinnen, weil er
merkte, da er dann ins Grenzenlose und ganz Unhaltbare fortgetrieben wurde. So
lief er nur in Halbgedanken, von denen er keine Aengste und Enttuschung zu
befrchten brauchte, und malte und zeichnete dann daheim, so gut er eben konnte
in der dunklen Trauer seiner Seele, als Vorhang um Vorhang sich um die Gefilde
einer erlebten Traumseligkeit zog, und die einsame, schne Insel Liebe in
Tiefdunkel und Gram immer tiefer einsank.
    Einhart kannte das Menschengemt. Es gibt Kinder und Junge, die Weise sind.
Das Blut ist von lange her und fliet wie ein ewiger, roter Strom mit allen
Geheimnissen und ihrem Sinn beladen durch die Lebensgefilde. Es braucht nicht
erst von Auge und Ohr ins Blut. Das Blut enthllt es aus der Tiefe hinaus ins
Leben. So werden allein auch Weisheitsbringer und Schnheitsbringer, wenn sie
aus der Ewigkeit jenes roten Stromes schpfen, und die dunklen Blumen des
Schicksals brechen, die an dessen Ufern blhen.
    Einhart wute, was jener Schrei der Frau Rehorst gewesen, ein Hilferuf der
armen Seele, die, aus ihrem engen Kfig vertrieben, nun in der grenzenlosen Oede
und Wildnis der Seele sich nicht mehr ausfand. Er wute, da die groen Dmonen
jetzt gewichen. Da der sanfte Vatergeist sie wie eine weie, verflogene Taube
in seine warme Hand nun gebettet. Und da, wenn sie aus den Fieberschrecken des
Leidenschaftenkampfes genesen sich wiederfinden und sich mit ihrem eigenen Namen
neu nennen wrde, ihre Augen schamhaft lcheln wrden ber die verhallten
Lrmschrecken der Seele. Sie sich erkennen wrde mit sanfter, allzu schwacher
Gebrde nur geborgen in ihren Kissen, von Liebe und kindlichen, gestillten
Sehnsuchten umgeben, und nichts mehr wissen wrde, als nur wie ein fernes,
fremdes Gelut, dessen Melodie das Herz vergeblich sucht noch zu finden, und das
einmal wie eine Freiheit und eine Erlsung geklungen.
    Einhart gewann Kraft in solchen Versunkenheiten. Da er im Leide allmhlich
zu schaffen vermochte, das war sein Glck. Er tat allerhand Arbeit in Skizzen
und Malweisen. Sein Atelier gewann ein buntes Aussehen. Er lie niemand ein. Er
war mit seinen Gesichten allein, die immer mehr leibhaftig wurden. Das hielt ihn
immer neu aufrecht, wenn die Anfechtungen der Sehnsucht in ihm aufschrien. Da
er schlielich vor dem entstehenden Bilderwerk zu lcheln vermochte. Und ihn nur
manchmal noch der Gedanke hin und her peinigte, wann er wohl endlich einmal das
Glck haben wrde, Frau Rehorst wieder zu sehen?
    Denn ihr malte er jetzt in diesen Frhlingsmonaten, wo er wute, da sie
genas. Ihr - auch wenn sie hingestorben wre, htte er es getan. Ihr, auch wenn
sie ihn nicht erkennen wrde jetzt - wenn sie ihn nur ansehen sollte, rein und
unschuldig geworden wieder, wie ein schner Engel, und von allen Dmonen rein
geworden durch ihre schwere Zeit.
    Aber allen diesen Gefhlen kam dann auch an einem schnen, warmen,
bltenduftigen Frhlingstage eine letzte Erlsung. Einhart war gerade im Begriff
gewesen, in Herrn Rehorsts Vorhalle zu fragen. Da bergab man ihm einen Brief,
der mit feinen, zrtlichen Zeichen geschrieben war. Frau Rehorst war jetzt zum
ersten Male im Lichte des Tages und in den Duft des Flieders hingebettet
gewesen. Da hatte sie den Brief geschrieben. Eine einzige Trne war still aus
ihrem Auge geronnen - und ganz sanft schrieb sie dann, wie wenn sie Dinge und
Ereignisse nicht mehr einstweilen fhlen knnte, nur noch ahnen:

        Mein lieber Einhart! Genesen! Ja ...! Es war eine unsgliche Zeit. Eine
        unsglich-unbegreifliche Leidenszeit! Aber der Hall im Ohre mu erst
        ganz verstummt sein. Ich werde immer mich trsten, da Sie ein Knstler
        sind, und ich werde mit Stolz Ihren Namen hren, und Ihr Name wird mir
        immer klingen wie die unbegreiflichste Weise eines unbegreiflichen
        Liedes. Die Krankheit hat mich schwach zurckgelassen. Ich mu das Lied
        und seine Melodie ganz vergessen. Feiern Sie die Gefhle, weil sie Feuer
        sind, wie aus Vulkanen, und das Licht der Sonne. Ich kann Sie nicht mehr
        sehen. Ich will ganz gesunden.

    Als Einhart den Brief bekam, entschlo er sich gleich, die Stadt zu
verlassen.


                                  Zweiter Band

                                  Viertes Buch

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Drauen fern schwammen Krhen im Sommerhimmel unter weien Lmmerwolken. Das
Auge des Schlfers hatte sich blinzelnd ein wenig aufgetan und sah in den
blendenden Raum. Die blhende Heide rings glnzte Blttchen an Blttchen, und
der zerschlitzte Schatten der dunklen Eichenkrone fiel um Einen, der noch immer
trumen wollte.
    Im Auge mu unser Glck wohnen, wenn wir malen, unser ganzes Lebenswunder.
    Das schauende Auge des Schlfers ffnete sich nun ganz im tndelnden
Eichenschatten auf der weiten Heide. Drben hinter dem hohen Korn stand ein
rotglhendes, schlankes Mdchen und stach Torfziegel um Torfziegel.
Weileuchtend in der groen, hellen Sonnenkiepe, die das junge Gesicht bis zur
Nasenspitze in Schatten legte, ragte es auf und sah nicht herber.
    Im Auge mu unser Glck wohnen, wenn wir malen, unser ganzes Lebenswunder.
    Das schauende Auge des Trumers sah ber die goldnen Weizenhalme ins goldene
Licht, staunte in die fernen, stillen, schlanken Bewegungen der blendenden
Gestalt, sah und staunte und begriff nicht die Welt. Das schauende Auge sah hoch
die blauen Rume und fern, fern niedertauchen die schneereine Herde der
Wolkenflocken, denen es ins Unbegrenzte nachsann, sah dicht am Raine die
schwebenden Halme der tausend Zittergrser und rote Kpfe Klee, Glockenblumen
und die weien Sonnen der Kamille.
    Und im Ohre klang dazu ein wunderbares Summen und Singen. Bienen tauchten
von Blume zu Blume. Die schlanken Blumenstengel bogen sich. Es gab einen Hall
aus vielen Seelen. Der Trumende hatte die Augen neu zugetan. Er lauschte innig
diesem eigenen Surren und Hallen, das ihm ein Erntesang duchte, sich in einen
feinen, fernen Chor zerlsend, und breiter und voller einherrauschend, neu tiefe
Brummtne zugemischt, die der Wind in Eile herbertrieb. Der Wind selber sang
verloren fr sich in Heidekraut und Grsern und Blumen. Er sang oben freiziehend
im Luftgerume. Im Bltterbusche der Eiche rieselte er, rauschte seine Stimme
eilig. Und die ferne Lerche schluchzte heiter nherkommend eine vertrumte
Sonnenjubelweise.
    Der Schlfer schlief nicht. Er lauschte in sich und erlauschte die Welt.
Jetzt, wo er hier lag im Eichenschatten, war er sich zurckgegeben, ganz nur er,
mit einer Seele ohne Verlangen.
    Es waren Jahre vergangen, da er ohne Halt und Sinn gesessen oder gewandert
oder sich ganz vergessen hatte.
    Er hatte damals gelchelt, als der Brief von Frau Rehorst ihm alle Seligkeit
gleich auf einmal ausgeblasen. So ist die Welt und geht der Frhling vorber. Er
war es schon ein paarmal jetzt gewahr geworden, da die Seligkeiten im Blute
hinrinnen, wie Lieder mit Anfang und Ende.
    Jedes Ding hat eine lebendige Grenze. Und jedes Glck. So ist es, sagte
er. Er hatte nur gelchelt, als es ihn damals hinausgetrieben, und er vom Malen
nicht hatte mehr seelensatt werden knnen.
    Aber Einhart war es noch immer. Nur hatte er einen Blick, der wie ein
sicherer Dolch aufblitzte jetzt, wo er sich erhob. Er war ein schlanker,
stattlicher Mann geworden. Er ging in Jahren auf die Dreiig. Er hatte noch
immer ein zhes gelbgraues Gesicht, schmal, glattrasiert, mit schwarzhaariger
Umrahmung des dunklen Augenglanzes, der noch tiefer schien, und sein Fetthaar
hing noch in Strhnen. Aber alles war streng an ihm. Die Linie um die Nase bis
zum Mundwinkel furchte sich. Die Stirnfalten zitterten, wenn er die Dinge ansah.
Der seine Mund lag fast immer fest geschlossen. Und er hatte ein versunkenes,
eigensinniges Leben in allen seinen Bewegungen.
    Einhart war heut einsam in die Heide gewandert. Drauen und drinnen die eine
Welt, die ihn trug, und die er war. Wie er seinen Sommerhut von der Heide
aufnahm, sah er noch einmal zu Leidchen hinber. Dann zeichnete er einige Linien
in sein winziges Skizzenbuch, klappte es zu und schlug mit dem Stocke frei und
trotzig in die Lfte.
    Wenn jetzt Grottfu gekommen wre, wre er irre geworden, einen zu finden,
den er kannte. Einhart war jetzt nicht imstande, an alle Lebensgnge sich gro
noch zu erinnern. Einhart war gewi augenblicklich ganz unbekannt, da es so
etwas wie eine Akademiestadt und einen Herrn Grottfu wirklich gab, der seit
Jahren die Knste seines Landes und aller Lnder der Erde bema. Einhart wute
jetzt davon so wenig, wie etwa, da er Nase und Ohren hatte und nicht ganz nur
jener se Heideruch und die weite, summende Halmensonnenwelt und Himmelsblue
selber war.
    Fern lag alles.
    Die Zerrttungen des stummen Herzens waren ber Einhart weggegangen. Sturm
geht ber die Weizenflur. Die Halme beugen sich hin und her, schwanken und
tauchen auf. Die Zerrttungen zeichneten Strenge und Vergessen in seine dunklen
Zge, Nicht-sich-rckwenden, Lcheln und Einsamkeit, und Schauen und Hinhorchen,
was in dieser Welt des Wesens innen und auen sich jeden Augenblick neu begeben
will. Es begab sich dieser einzig-artige Traum, der einer Seele eigene Welt
zusammenfgte, und wo noch immer der Turm des Baues sich nicht aufreckt, nur
erst hohe Mauern und Zinnen sich erheben, die den neugierigen Blick abweisen.
    Einhart war noch immer ein Zigeuner. Den Sinn fr die offnen Erdenrume, fr
Wlder und Heiden, hatte er nicht verloren. Ob er auch, in seiner Strenge
begehrt, lngst selbst in Schlssern und Burgen an Frstentafeln seine Speisen
gegessen und sich als Knstler hatte rhmen lassen.
    Nach einer sinnlosen, ziellosen Wanderschaft hatte er von neuem Menschen
gemalt. In einer der letzten groen Ausstellungen war Begehr nach seinen Werken
gewesen, und ein Mcen hatte das meiste davon aufgekauft. An Mitteln fehlte es
ihm nicht. Aber auch an Gleichgltigkeit dagegen hatte er nicht abgenommen. Er
fragte noch immer Krhen und Grser, Wolken und Bume um ihre Freuden, und wute
nicht recht, ob er nicht lieber ein Baum sein mchte und harren und es sich
begeben lassen, als es mit Erjagen erraffen und nicht finden. Wenn man das
Enttuschung nennt, mag man auch ihn enttuscht nennen.
    Reich leben ist eine Sache fr sich, sagte er oft mit Lcheln und nannte
dann das Geheimnis mit drolligem Namen.
    Damals, als er aufgewhlt in die Beglckungen des Blutes sich ganz
einsenkte, waren die inneren Fluten ein Meer ohne Grenzen, und der Beseligung
keine Zweifel. Hart und voll Wunder alles. Die Glutfeuer der Tiefe gaben Wrme
und die Farben des Schicksals wie glhe Rosen. Das war nicht mhsam
Zusammentreiben, was nicht kommen will. Das war ganz Geschenk und Flle, Leid
und Licht, Zerrissenheit und eins in allem.
    Jetzt schmerzte nichts in Einharts Blute, wo er ein ruhiger, selbstsicherer
Knstler nun am Heideraine hinging und die Welt von ferne trumte, wie eine
Baumkrone trumt, hin und her, hin und her, tndelnd mit Licht, spielend mit
Schatten.
    Das sind die Zeiten des stillen Erntewartens auch im Geiste, die nichts von
Leiden und Leidenschaften, vom Erjagen und Ersehnen wissen.

                                       2


Unten im Moore hing ein altes, moosbegrntes Dach nieder fast ins Gras und in
Nessel- und Schierlingstauden, tief im Eichenschatten verborgen. Gnse gackerten
unter den Sulen der Stmme, und ein Schwein machte drollige Sprnge und quiekte
ungehalten, wenn jemand in den Frieden der verfallenen Umhrdung, in die
verwunschene, verwachsene, nesselumwucherte Herrlichkeit eindrang. Einhart mute
hier oft seinen Weg hindurchnehmen weiter in die Weiden hinaus.
    Wie Einhart jetzt war, hatte er gern den Blick in die Ferne gerichtet.
Unstet war noch immer sein Name. Er nherte sich, in dem Grase am Wege
schreitend, dem kleinen, engen Hausfenster, legte seine Stirn an die Scheiben
und sah hinein in die dunkle Stube.
    Hier wohnte Klaus Otten, der Moorbauer, und seine magere, strenge Frau mit
der schreiigen Stimme, mit den groen Holzschuhen an den Fen und der drftigen
Haube, und Henny, deren Tochter, die seit einem Frhling krank in den Kissen
sa, und die sich nun eine Welt trumte, jemehr sich ihr die Hoffnung und der
Blick verschlo.
    Henny war eine blonde, junge, sanfte Seele, ein wenig neckisch immer im
Leben, und wo sie Arbeit tat, froh und wohlgemut singend frher. Und sie hatte
allerlei Arbeit getan. Vor allem drauen in dem Mooracker hatte sie Scholle um
Scholle mit Vater zusammen umgelegt und hingeschoben und der Sonne gebreitet,
und geschichtet dann, und in den Kahn geborgen endlich, wenn es zum Trocknen
gekommen war. Sie war auch dann mit dem wundersamen, eintnigen Ruderstoe,
einer und einer und immer wieder derselbe, im sonnenweiten Wiesenglanze mit
Vater und der schwarzen, erdigen Sommerernte zur Stadt gefahren.
    Nun war damit nichts mehr.
    Es blhten ihr jetzt die glhen Todesrosen im schmalen, kindlichen
Angesicht, und sie trumte viel und konnte wundersam aufmerken auf alle Dinge im
Himmel und auf Erden.
    Einhart hatte gleich im Beginn seines sommerlichen Aufenthaltes einmal
zufllig hier Rast gehalten und in diese graublauen, jungen Augen gesehen und
mit Staunen den seltsam glcklichen Glanz des Entsagens und Entschwebens fort in
alle Weiten.
    Und Henny hing jetzt an der Stunde, wo Einhart oft den Abend durch die
Stauden und Schatten und die goldnen Tupfen des Sonnenscheidens hindurchstapfte.
Heute hatte sich Henny schon am Nachmittag zeitig in Kissen hinausbetten lassen.
Um sie glhten allerlei Taube-Nesseln, Camillen und Glockenblumen. Sie horchte
in die helle Sommerluft, wo Finken ihr kleines Lied sorglos pfiffen, und Spinnen
sich auf die Bltter niederlieen oder auf ihre Hand und erschrocken sich dann
am eigenen Gespinste eilig in die Lfte emporzogen.
    Henny war auermaen fein von Sinnen. So eine Spinne mit ihrem Fleckenkleide
sah sie staunend an wie eine Dame in reicher Gewandung. Die kleine Spinnenarbeit
duchte ihr voll ein Wunder. So ins Schauen versunken, konnte Henny stundenlang
zusehen, wenn das winzige Drrbein mhsam die Fden seines Netzes zusammenrollte
wie ein Seiler seine Knuel, dort wo das Netz ldiert und undicht geworden, um
mit feinem Bisse die kleinen Packen Spinnenseide zu lsen und in die Lfte
verchtlich hinauszuwerfen, wie eine Dienstmagd den Kehricht. Fein war der
Knuel. Henny fing ihn in der Hand. Sie zerdrckte ihn zu einem kaum sichtbaren
Flecken Silberstaub. Es war schier ein Wunder, ihr, die angebunden an Leib und
Seele, nur noch Auge und Traum hinaussprang aus ihrem kranken und schwachen
Gehuse. Und deren Hoffnung nur noch in den Lften hinwehte ohne Halte, wie der
Wind.
    Und wenn Einhart nicht kam, war es nur ein Tag ohne solches Wehen.
    Aber auch Einhart kam nur zu gern. Er sah zum ersten Male hier in dieser
Bleiche der Zge solch ein Leben ohne irdische Bestimmung. Er sah in diese
einzig-artige Se der Zge, die engelgleich sich in den Luftkreis um und um
einsaugten und mit jeder Spinne und jedem Blatte und jedem Vogel und jedem
Lufthauch aufwehten ins Ungewisse, und war erschttert heimlich von der
unerhrten Leichtigkeit solcher Seele, von der Frohheit und dem Leide, die
gleichsam in Einem aus den jungen Augen lachten.
    Nun, Henny? liebe Henny! sagte Einhart gewhnlich, wenn er aus den hohen
Nessel- und Schierlingstauden zu ihr trat. Liebe Henny! das klang ihrem
verwehenden Leben wie Sonne.
    Guten Tag, Herr Selle! sagte dann Henny mit dem Gesicht halb in den Kissen
und die Augen allein nach ihm gewandt. Aber die Hand, die einmal eine harte
Arbeitshand gewesen, zu ihm hingestreckt, da er sie in seinen langen, feinen
Fingern hielt.
    Na also! es geht ja! ich sehe es an den Fingerspitzen, lachte dann Einhart
und sah drollig die Hand an, die jetzt kindlich und bleich und weich war wie ein
Federflaum.
    Er brachte wohl auch einen Strau von Blten, die er drauen in der Heide
zusammengebunden. Feine, silberne Wollgrasbschel liebte Henny. Damit strich er
ihr gar erst einmal ber die seine, bleiche, magere Nase. Das machte Henny
lachen, wie eine flchtige Drossel auflacht, klingend, ganz ohne Erde und
Schwere, nur eine verfliegende Lust in die Luft.
    Einhart konnte dann dieses entrckte, schne Mdchen anstaunen heimlich. Er
konnte ihre Hnde ewig sprachlos in den seinen halten, jede blaue Linie des
zarten Aderwerkes verfolgen, und jeden Hauch rosigen Glanzes, der darber
huschte, wenn das junge Herz Hennys sich dann heimlich auch froh erregte, in den
dunklen Zigeuner, der ja ein freier, sicherer Mann war, sich zu verlieren.
    Sie sprachen nie viel. Es war nur meist eine stumme, lange Frohheit. Hennys
Hnde lagen oft lange in Einharts Hand. Und Einhart sah auch Hennys Mund dabei
lange an, der allein noch wie frisches, zartes Fleisch glnzte.
    Ich war heute faul, sagte wohl Einhart. Oder auch: heute habe ich meine
Tagesernte doch gemht. Dabei zeigte er Henny einige Bltter Leinwand hin.
    Oh! sagte sie dann. Das ist unten an der Brcke der dunkle Wassergrund
und der schwarze Geisterkahn.
    Ist es wahr, sagte Henny einmal, weil sie irgendwo so etwas gelesen hatte,
da man in die Seligkeit eingeht ber einen dunklen Flu, von einem stummen,
dsteren Fhrmann gefahren, auf einem solchen Kahne?
    I wo! sagte Einhart. Du, Henny, gehst mit Flgeln ein! sagte er lachend.
Und ich auch. Mit Khnen, das wre zu mhselig. Gar noch auf solcher alten
Schute!
    In Henny und Einhart war ein heimliches Miteinander. Henny wute schon
vorher halbe Stunden, wenn Einhart kommen wrde. Sie merkte es an der Luft, am
Vogelgesang, an dem Gackern der Gnse, an dem Zittern der Spinnenfden, an
tausend unsagbaren Dingen, da er kme. Und er kam immer, wenn es ihr alle diese
seinen Dinge um sie schon erzhlt hatten.
    Und Einhart hatte ein solches Rtselleben noch niemals angesehen. So
gebunden und bleich und die Rte der Todnacht auf den Wangen erglhend, und der
Mund noch feucht und voll Liebe, und so fein und leise alles erhrend ihr
kleines, blutloses Ohr.
    Henny, sagte Einhart manchmal, was trumtest du eben in die Eichenkrone
ber dir und den hellen Himmel?
    Dann erzhlte sie ihm wohl einmal einen flchtigen Traum.
    Oder sie lchelte ohne Ton.
    Was ich trumte, werde ich Ihnen nicht sagen, sagte sie dann. Da sagte sie
es ihm lange nicht, so oft er kam.
    Aber eines Tages begann sie auch selber zu erzhlen.
    Ich trumte, sagte sie versunken, ich lge wie ein feiner Sommernebel
ber meinem Bette ausgebreitet, und mir war nichts mehr schwer. Ich konnte sein,
wo ich wollte, oben, und unten, unter den Blumen, oder in den Baumwipfeln, alles
war nur rein ein seliges, freies Dasein.
    Und eines Tages auch kam Einhart, wollte es wieder von ihr wissen, weil
Hennys Gesicht etwas von Schnheit und Verklrung hatte, wie er es so noch nie
gesehen. Da drang er in sie und sah, da ihr gleich eine schwache Blutwelle ins
Schlfenwei aufscho und ihr Gesicht in Purpurglut legte und ihren Atem fast
erdrckte. Und er mute sie ewig qulen. Er bat. Er nahm ihre weie, sanfte Hand
in die seine, und sah sie mit bittenden Augen lange an, fragte und bat wieder.
Da begann sie zitternd und flsternd und zgernd noch immer endlich doch zu
sprechen.
    Einmal im Himmel, sagte sie.
    Was? - - was? - - weiter!
    Einmal im Himmel werde ich, kicherte sie leise.
    Einmal im Himmel - - werde - - ich - - dich.
    Werde ich dich? sagte Einhart wiederholend, aber jetzt in Einfalt
lchelnd.
    Werde ich dich kssen, sagte Henny hastig. Denn hier auf Erden bin ich
nur ein elender Mensch, zu bleich und zu schwach und zu krank, und arm und ein
Nichts! - - - Aber im Himmel, lagte sie dann fest und arglos froh, ist besser
seben.
    Und Einhart fhlte es, da ihre Seele der seinen sehr nahe kam, fast wie
wenn sie als Windeshauch seine Wange strich. Und man konnte in Einharts Auge
sehen, da er Henny mit einer unbegreiflichen Frage ansah, in der Trauer und
Staunen und reiner Glanz der Liebe von ferne gingen und nicht Halt fanden.
    Oh, es gingen noch immer nicht die Glutfarben aus Henny. Immer neu mute sie
schchtern Glck und Lachen ganz leise berwinden.

                                       3


Im Moore feierte man ein Volksfest. Es waren helle Zelte gebaut nahe einem
Kiefernhgel, der gegen den blauen Aethergrund der weiten Nacht ragte. Und der
erstrahlende, irrlichtelierende Freudentaumel der Karussells schwang sich unter
drhnender Musik um. Die Lampen und Lichter glitzerten in bunten Scheinen und
schwirrten vorber inmitten der drngenden Menge erheiterter junger Gesichter.
Alt und jung strmte um Wurst- und Kuchenbuden und hin in das von grnen Reisern
durchduftete Zelt, worin die jungen Paare tanzten. Leute aus den jetzt unter der
Sternennacht schlafenden, weiten Mooren saen an den Tischen, zum Teil wie sie
sind, ernst und ungesprchig, auch ein wenig feierlich erstaunt von dem
Lichterglanze und der Musik die Frauen, und die Mnner dann und wann geradehin,
flchtig von Witz und ohne gro Anmut.
    Um einen Tisch saen junge Maler. Einige freie, geistige Mdchengesichter
glnzten in Rte, die mitten durch Staub und Wirbel sich mit schwebender Frische
in die schwerfllige, walzende Menge mischten. Die jungen Malerkpfe waren voll
Leben. Die Augen aller sahen voll Spannung in die bunte Welt des nchtlichen
Reigens. Heiter und unbedacht streifte der trumende Blick dieser staunenden
Jungwelt den Duft der Dinge dieser Festnacht und schwang sich lachend inmitten
des buerlichen Gestampfes immer wieder neu hinein, nicht nur zu schauen, auch
dabei zu sein.
    Einhart war spt in das Tanzzelt getreten, hatte ein paar seiner Kameraden
mit flchtigem Nicken angesehen und war unschlssig unter die Gruppe Bauern am
Eingang zurckgegangen. Man kannte ihn auch hier allenthalben, weil er noch
immer fremdartig genug aussah. Nicht mehr verwahrlost, sehr schlank und mager.
Aber die Augenbrauen immer mehr wie breite Bnder, die Augen aus Tiefdunkel
blinzelnd oder auch mit der Gte und Einfalt und dem verlorenen Lcheln eines
Kindes, oder pltzlich der Blick mit Funken wie der eines harten, andalusischen
Rubers. So war er allen, auch den Bauern, immer ein wenig ungeheuer. Die jungen
Malerinnen waren halb moquant, halb hingezogen, obwohl Einhart in dieser Zeit
fr niemand recht zu gebrauchen war.
    Auch an diesem Abend war Einhart sehr gleichgltig. Es sich von Festen und
bunten Aeuerlichkeiten ablesen, hatte er vllig verlernt.
    Die Natur meiner Augen und Sinne hat es so schn eingerichtet, da die Welt
ohne Mhe hineinspringt. Und was hineinspringt, ist mir sicher, sagte er. Wenn
sich meine Stunde nach etwas sehnt, was verloren ist, kommt es aus der
Brunnentiefe aufgestiegen wie der Nix im Mrchen und lacht oder weint mit mir.
    So lebte er die Dinge ohne Anspruch. Auch alle die leuchtenden oder
beschatteten Gesichter rings. Aber er sah manchen Bauern doch scharf an, und
manches blonde Mdchen, das vorbeihuschte, ihn zu gren, und den derben
Burschen, der Hut oder Mtze vor ihm lupfte. Er hatte immer etwas Prfendes im
Blick. Es war gar nicht Methode. Es war gewohntes Leben jetzt.
    Und Einhart mischte sich dann doch unter die Tanzenden, tanzte mit einer
wunderlichen Schnheit, die vom Moore in bunten Damenflittern gekommen war,
nachdem sie Jahre jenseits des Meeres gewesen und rechtes Geld mit heimgebracht.
Alle Moorleute staunten die berlegen Prunkende an, die sie frher als einfaches
Heidekind gekannt, wie sie mit ihren Seidenbehngen und der Schleppe jetzt im
Arme Einharts hinflog, mit sicherer Grazie alles flatternde Lose ihres Gewandes
zusammenhaltend und umschwingend, wie es keine der derben, gesunden Moortchter
in ihrer behaglich runden Umdrehung vermochte.
    Aber wie auch alle die lustigen, jungen Blicke rings, je mehr die Zeit
hinging, lockten und bedrngten, wie auch Einhart dann noch einmal lange stumm
am Tische unter den Malern gesessen, in die flackernde Regsamkeit des halbhellen
Tanztaumels hineinstarrend, wie er auch dann unentschlossen einem blonden
Mdchenkopfe sich nachgestohlen, der ihm ein paarmal mit heimlichen Blicken
zugeblinkt, wie ihn auch dann die lustige, schmiegsame Heide, jung und derb und
verliebt, mit heien Erhitzungen jetzt in der Festnacht hinausgelockt in die
Waldschatten und sich an ihn gehangen mit weichen Armen, die aus den offenen
Aermeln wie Nixenarme im Sternenschein glnzten, Einhart konnte in dieser Nacht
nirgend Ruhe finden. Er hatte es noch immer aus dem Wandervolke, die treibenden
Schte, die wie Krankheiten ihn manchmal pltzlich berfielen und versehrten.
    So geschah es auch heute, da in die drngenden Flstertne dieser Nacht, in
das Gesumme und Gerusche in den Baumwipfeln oben und das Silberlicht der
Sterne, unter die scharfen Schatten im Waldgrunde und in die stammelnde
Sehnsucht des blinkenden Mdchenmundes ein Bild pltzlich tiefer Erschrockenheit
hineinsprang. Da Einhart seinen Namen aus den Weiten der Nacht herhalten hrte,
und hinstarrte - und hinlauschte - gierig. Und es zum andern und zum dritten
Male vernehmlich einsog: Einhart! - Einhart! - Einhart! von einer leiblichen
Stimme silberhell durch die Nacht gerufen. Da ihm die brige Welt rings darnach
wie in Totenruhe verstummt erschien.
    Einhart hatte Heide sofort losgelassen. Er sprang aus den Waldschatten ins
Licht ganz hinein. Er machte eine Bewegung mit dem Munde, wie um zu rufen. Aber
es kam noch kein Ton. Er rief jetzt wirklich. Ich komme! rief er laut. Weil es
ihn auch gleich dnkte, da er den Ruf verstanden. Und er lief - und lief, wie
getrieben, was er konnte, hin ins Moor, wo Henny in der umwachsenen Htte krank
lag.
    Das Haus lag im Schlitzschattenwerk der alten Eichen ganz verborgen und
dunkel. Ein kleines Fenster gab einen rotgoldenen Schein, warm wie eine Seele
und stumm. Die Schierlingsstauden und die Nesseln standen wie bleiche
Spitzensume unter dem Fensterschein und flsterten und zitterten.
    Einhart schlug sein Herz wie ein Hammer in der Brust. Er drckte leise, wie
oft, sein Gesicht an die Scheibe.
    Alles lag still, wie in Ewigkeit gebunden.
    Er suchte jetzt einen Halt zu gewinnen. Das Unbegreifliche hatte ihn
bedrohlich angefat. Er trat noch einmal vom Fenster zurck. Und er sah auf in
die Nacht.
    ber den Schatten des Hauses hingen in den Baumwipfeln die blanken Sterne,
als wren Diamanten in die Zweige gest. Drinnen im Hause regte sich nichts.
    Dann schlich Einhart neu nahe, sah lange durch die Scheibe in den Dmmerraum
und merkte endlich, da drinnen der Tod selber am Tische sa und schlief.
    Es war eine von den wunderlichen Visionen Einharts. In dieser Nacht ging es
in Einhart wie Irresein schon seit Anbeginn. Da konnte er die Welt noch weniger
sehen vor seinen eigenen Bildern.
    Er drckte ewig die Stirn an die Scheibe, um drinnen - den Tod schlafen zu
sehen.
    Ein alter, mder, starrer Mann, grau wie eine Fledermaus, in einem langen
Gewnde wie gefaltete Flgel, dessen Kopf unsinnig, und wie zu arg geknickt,
unkenntlich auf den Tisch hing.
    Ganz allmhlich erkannte Einhart, da es der alte Otten selber war. Der
Schein des kleinen Lichtes traf seinen grauen Schdel. Auch die alte, strenge,
magere Frau Otten sa im groen Lehnstuhle und schlief, das Gesangbuch auf ihren
Knien in der Hand haltend, worber ein Lichtstreif spielte. Das Bett neben dem
Tische schien wie eine Bahre mit einem Totenlaken zugedeckt.
    Wie Einhart lange hingestarrt, erwachte Frau Otten, da ihre Haubenbnder
einen vertrackten Schatten an die Wand warfen. Und der alte Graumann regte sich
auch.
    Die Beiden hielten stumme Totenwacht. Denn Henny hatte eben den langen
Schlaf des Todes begonnen.
    Einhart sah jetzt auch deren Zge genau. Das Fenster war nahe. Das junge,
entrckte Totengesicht hob sich langsam aus den weien Tchern heraus. Es schien
zu lcheln. Einhart wute es jetzt. Hennys Stimme hatte ihn zrtlich noch einmal
gerufen. Er regte sich nicht. Er trat nicht hinein. Er stand nur ewig und ging
dann wie ein Schlafwandler ohne Laut in die Nacht der Moore zurck, Schierling
und Nesselstauden durchschreitend, dieselben, in denen Henny noch am Tage in
Kissen gebettet gesessen.
    Die Nachtwelt begann in Unruhe aufzuschauern. Die Blumen und Bume
flsterten. Einhart lief ins Unbestimmte Schritt um Schritt. Tausend Fragen tat
er in die Sterne. Allenthalben duchten wie zarte Gewande ber den Heiden
aufzusteigen. Er war tief in Rtsel verstrickt in dieser weiten, einzigen Nacht.
    Als Einhart am Morgen in sein Quartier kam, sah er aus wie ein Kind, so
sanft berhrt von den fernsten, geheimsten Weisen aus den Grnden, die ewiges
Vergehen und ewiges Leben halten.

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Das Leben auch dieses Sommers ging bald hin. Einzeln verfrbten sich die Bltter
der schiefhngenden Birken an der langen, schnurgeraden Chaussee, die hinwies in
die Ferne.
    Einhart hatte die Herbstabende oft einsam in den Weiden gestanden, neckisch
umschnaubt von den Mulern der Mutterstuten und Fllen und hatte in den
sinkenden Sonnenglast hineingesehen. Oder er war an den tintenschwarzen Tiefen
der Moorgewsser entlang gelaufen, darin Htte und Strauchwerk und hoher
Hngebaum sich dster fremd und kalt spiegeln, und ber die Heidehgel hin,
hatte den Schrei des Brachvogels ber sich klagen hren in die Dmmerluft und
war schlielich mit seinen Gesichten und Trumen dann auch selber ins Weite
gezogen.
    In jedem Leben gibt es Zeiten, wo die Seele, berreich an Gehalt und
Drngen, nicht recht rasten kann. Wo nicht das Erschauen neuer, fremder Dinge
und Wunder hinaustreibt und forttreibt von Ort zu Ort. Nur die unbestimmte
Sehnsucht, endlich die schne Schale der Gtter zu finden, sie mit der eigenen
Seligkeit und dem Reichtum aus der eigenen Tiefe zu erfllen.
    Denn die Welt des Wurmes und meine Welt ist allenthalben dieselbe. Aber in
meinen Augen blitzt diese Welt und glnzt im See Menschenliebe wieder, sagte
Einhart jetzt oft. So war seine Welt nicht die Welt, die drauen war, nur die
drinnen jetzt umhtet mit ihm ging.
    Einhart war noch immer einsam, wie er gekommen war. Er verstand es gar nicht
mehr, sich anzuschlieen. Keiner der jungen, tchtigen Maler, die er in der
Heide gefunden, und mit denen er beim Mittagsmahle oder nach Feierabend manchmal
noch in der kahlen Dorfschenke des Moordorfes zusammen gesessen, kam ihm recht
nahe. Das war wohl hauptschlich, weil ein jeder fr sich genug erfllt war, auf
seine Weise die Welt der Beglckung aus Wolken und Lften, Wasser und Weiden zu
greifen.
    Aber man traute sich auch nicht. Zumal wenn Einhart seine undeutbare
Doppeltheit mit sich trug, achtlos spitz und abwehrend im Gesprche seine Blicke
funkeln lie, die dunklen Schalksaugen drollig-einfltige Begleitung zu
sonderlichen Worten und Weisheiten spielten, wenn er sich gar manchmal in den
Mantel tiefsinniger Verrcktheit hllte, wie ein indischer Heiliger ewig
lchelnd dasa, aus einem Punkte der Weltbetrachtung sen Wahnes Netze
spinnend.
    Da waren die um ihn unschlssig, wie ihn erkennen. Keiner, der eines solchen
Einsamen, eines solchen Schalkes und Gauklers Herz recht gefunden glaubte, weil
auch die Flamme der unsteten Sucht nach tiefem Leben ewig dabei zuckte und die
Flamme der harten Verachtung alles kleinen Getriebes nach Ehren. Da waren die um
ihn doch noch immer im Vergleich angebunden an tausend engere Wnsche und
Weisen, bauten ihr Haus und priesen Heimat und Scholle, verherrlichten den
Frieden der Ackerdienste und Feierstunden, und lieen die weite Welt sich im
kleinen Moorgraben spiegeln mit den moosigen Baumsten zusammen, und mit dem
ziegenhtenden Weidekind.
    Einhart hatte auch diese Welt gesehen, die alle sahen um ihn, auch der
Wurm, wie er sagte. Aber er trumte von keiner Heimat. - Er trumte nur von dem
Wundersee seiner eigenen Ausschau, darin diese ganze Welt sich in Menschlichkeit
spiegelt.
    Kein Mensch kann je seine Trume leibhaftig trumen, wie die Welt, die wir
wachend um uns Welt nennen. Kein Mensch, auer in flchtigen Augenblicken, wo
der Spiegel der eigenen Seele rein liegt wie im Tode, da die zarten
Luftgespinste Traum ihn kristallrein durchhauchen und uns ein volles Whnen
geben von den verborgenen Gestalten unserer fernsten Sehnsucht. Nur einen
Augenblick. Wenn die wahre Welt der Dinge uns weckt, zerrinnen die Trume, und
nicht einmal ein Erinnern kann noch den Saum ihres Gewandes fassen. Das mag wohl
eine tiefe Weisheit bedeuten in unserm Leben. Denn wenn je ein Mensch in sich
den Himmel seiner fernsten Sehnsuchten wirklich dauernd wlben knnte vor seinen
Augen, so wrde ihm das Bild der wachen Welt verblassen. Da wrde er eine Seele
sein, deren irdisches Auge erblindete, um nie mehr aus ihrem Traumlande
zurckzuschauen. Der Leib dieses Menschen mte hinsiechen. Denn selbst die
kstlichsten irdischen Speisen wrden nichts sein, als Ekel gegen die sen,
duftigen Frchte, die er im Garten seiner Sehnsuchten brechen knnte. Solche
Wahnsinne gibt es. Es gibt manchen Irren, dessen unheimlich entlegener Weg jenes
Wunder erreichte. Dessen Auge im irren, entirdischten Lcheln voll Wehmut seine
grauen Pfleger zur eigenen Beglckung bemeistern mchte. Manchen Irren, der
selig fr sich wandelt, und der nicht irdischen Trank noch Speise mehr nehmen
mag.
    Wahn und Kraft kommt aus derselben Quelle, die alle Wunder birgt. Aus der
Quelle, die im Grunde eine ewige Quelle ist. Ein Brunnen voller Schtze. Auch
ein Meer, unermelich und unergrndlich. Darin Schau und Wahnsinn eines sind.
Daraus der Mut des Trumerlebens Schatz um Schatz aus der Tiefe hebt, um es im
Gleichnis der Welt zu geben, selbstvergessen es vorweglebend im schauenden und
schaffenden Ereignis, dem irdischen Bilde aller Erdenzwnge zum Trotze.
    Mein ist es, sagte dann Einhart, mein einziges, potentatisches Leben, das
was ich mit mir herumtrage, in welcher Heimat immer. Und wenn ich wirklich ein
Wahnsinniger bin, es ist der gttliche Wahnsinn, der alles Feste und Starre
zunichte macht, Hoffnungen gibt, Aussichten. Und ohne so etwas lohnt sich
nichts.
    Einhart war ein Sonderling. Er war auch hart. Er mochte mit niemand auch nur
familir sein. Er duzte sich mit keinem Menschen. Mit Grottfu. Aber den sah er
nicht mehr. Der wute jetzt auch schon alles in voraus, was die Knste sollen.
Sollen! Ha Ha Ha! Sie sollen mir den Buckel kratzen! sagte Einhart lachend,
wenn er an Grottfu dachte. Und wenn er von den herrschenden Modepreisern
gebrandmarkt wurde, das tat ihm nur wohl.
    Auch mit daheim waren die Beziehungen jetzt ganz kalt und frmlich. Er
dachte mit Liebe zurck. Aber hin ging er fast nie. Einmal im letzten Winter war
er doch daheim gewesen! Gott! man hatte sich auch gar nichts zu sagen! Rein
nichts. Als wenn man jetzt eine ganz fremde Sprache redete. Was gingen den alten
Geheimrat diese Knste an? Und berhaupt so das Erleben dieser Welt. Der
wrdige, steife Herr ging zum Skat in einen vornehmen Beamtenklub. Und gar die
Mdchen! Die waren verheiratet, hatten ihre Kinder und sagten: lieber Einhart!
Weil Einhart jetzt in sehr anstndiger Kleidung gekommen war. Rosa fuhr ihm wohl
einmal noch wie in alter Zeit ber die graugelbe Wange und versuchte sich
zurckzuerinnern. Sie kte ihn auch in Aufwallung. Aber sonst war sie
unerfahrenen Geistes und dem Erringen des Lebens zu sich, dem ttigen Gewinnen
eines wirklichen Anteils Welt in sich, war sie fern wie eine Kuhmagd. Die
fleischliche Enge gab Sinn und Ende. Nichts galt wirklich, als das wahrhaft
Erdene des Augenblicks.
    Da war Einhart sich also daheim sehr schnell ein wenig lcherlich
vorgekommen, und er war nach wenigen Tagen mit freundlicher Einfalt und Gte im
Gesicht abgesegelt.
    Nun ging es am Sommerende aus dem Moordorfe auch einsam und unstet in die
Kunststadt zurck. Und er fand sich in allerhand wehmtige Trume noch einmal
ganz verstrickt, als goldene Birke um goldene Birke zurckwich in die silbernen
Morgennebel, und er in dem rattelnden, schwarzverblichenen Omnibuskasten mit den
plumpen Ackergulen davor die schnurgerade Chaussee hintetterte. Unterdessen
zwei runde Bauerweiber, die volle Packen auf Boden und Sitze des Wagens
ausgebreitet, den Lrm der klirrenden Fenster und des Rderrollens zu
berschreien suchten mit ihren scharfen, aufgebrachten Worten ber
Wetterschaden, ber Henny Ottens Tod, und Aussichten der Obsternte und derart
tausenderlei Sachen.

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Jahre gehen hin und kommen nicht wieder. Einhart war reich genug, sie nicht
zurckzubegehren. Auch die, die jetzt kamen und nicht sichtbare Merkzeichen
einritzten, die scheinbar ungehrt verhallten. Es waren Jahre innerlicher
Raffung zu sich selber. Denn der Mensch ist lange ein Kind, und dann ein
Schler, und auch wenn ihn die Menschen entlassen aus ihrer Meisterschaft, liegt
er noch immer mit der Welt im Streite, ehe sie ihn gewhren lt, aus sich zu
sehen, zu sammeln, zu sichten, zu reden und zu malen.
    Und es kommt in jedes Menschen Leben eine Zeit, wo er mit leidenschaftlicher
Sehnsucht nach Stimmen und Gestalten greift, die aus selbsteigener Gnade
hineingerufen und hineingebildet in die Zeit. Einmal mit denen Zwiesprach zu
halten, die in ihrer Zeiten Drange nach dem persnlichen Gute rangen, und nach
der Kraft die eigenen Laute und Gesichte in die Lfte ber der Menge Hupter
hinzuschreiben zu dauernder Verlockung.
    Einhart versank in ernste Studien. Er las jetzt mit wirklicher Begier
Philosophie. Da war er nur gerade schlecht beraten zuerst. Er griff da einen
langen Zopf, der dem Chinesen im Westen hinten hngt. Man nennt es Geschichte
der Philosophie. Ein uraltes Bild, was man so die Philosophie der Alten nennt.
Tausend Stmper haben es bermalt. Es versuchte so mancher zu bessern und zu
streichen, was originale Menschen aus innerstem, eigenem Lebens- und
Schauensbedrngnis zur Klarheit gestaltet.
    Es ist ziemlich unkenntlich, alles daran. Und von dem Ursprung nicht mehr
viel Spur.
    Das merkte Einhart.
    Er kam mit wahrem Verlangen. Er hatte gar nichts gelernt. Oder besser, er
kam mit dem natrlichen Drange, eine Welt, die sich ihm reich und hei darbot,
zu ergreifen mit Sinn und Seele allenthalben.
    Das nennt ihr also Philosophie? sagte er zuerst ganz erstaunt, als er die
Berge des gelehrten Wissens ansah.
    Gibt es nicht Mnner, in denen sich wirklich die Welt in ihren wahren
Mchten spiegelte? Gibt es nur solche zerstckelte Weisheit? Hirngespinste von
tausend Begriffen, in denen sich nicht einmal Fliegen fangen? Gibt es nicht
Mnner, die die Welt klar anschauen, also da man in sie einsehen kann wie in
einen kristallenen Wassergrund, auf enger Scheibe das ganze, weite Eine?
    So suchte er immer wieder nach Menschen.
    Und es kam auch, wie er durch den Vorhof, die geilen Reminiszenzensammlungen
und Retouchieranstalten, durch allerlei Kommentare von Kreti und Pleti, durch
die Sttten der unpersnlichen Fruchtbarkeit flchtig hindurchgegangen, da ein
paar Heilige selber ihm endlich wirklich begegneten.
    Einhart stand pltzlich vor Spinoza. Der dunkle, bleiche, wortkarge,
jdische Mann entzckte ihn. Er hatte Mhe, sich in seine Strenge einzufinden.
Er sah ihn bestndig versunken ber seine mhsame Arbeit gebeugt. Mitten in das
Lesen der Worte dieses Vertieften hrte er manchmal pltzlich das Surren des
Schleifrdchens, das er mit seinem Blicke verfolgte. Denn der irdische, uere
Mensch dieses Juden sa angebunden an die irdische Leistung, indes sein Geist
selbstvergessen den Zwngen der Menschenseelen tief nachsann.
    So persnlich das Werk, so ganz selbstvergessen der Mensch zugleich.
    Zum ersten Male begriff Einhart mit dem in sich gewissen Blick dieses
Erkenners die Zwnge von Launen, Lieben und Leidenschaften der Menschen, die,
wie Wolken- und Weiterspiele den hinausgeworfenen Erdball, so die einsame,
hinausgestoene Menschenseele umdrngen.
    Die entsagende Weisheit solchen Betrachters, der ohne eigenen Anspruch, ohne
auch nur leises Erzittern des eigenen Spiegels, Leiden und Leidenschaften des
Menschen, ohne Hauch eigener Leidenschaften, bema, erregte ihn frmlich. Die
erhabene Ruhe und durchdringende Macht, mit der dieser kranke, jdische
Glasschleifer den unentrinnbaren Verkettungen in den Seelen nachtrachtete, ohne
je Wunsch und Plan eines engen, eigenen Lebenskreises anmalich und trbend
seiner eisklaren Schau zuzumischen, dnkte Einhart das unverlierbare Gleichnis
der reinsten Hingabe des Menschen an seine Quellen.
    Dann las Einhart in sonderbarem Zufallsspiel Schopenhauer. Das griff ihm
sehr ans Herz. Aber weil er sich auch immer wieder die Welt mit Sinnen besah,
konnte er das grausige Urgespenst des Willens vor tausend schnen Ordnungen der
Dinge und den liebenden Sehnsuchten nach deren reicher Gestaltung nicht immer
entdecken.
    Und seltsam vor allem, da er nach dem stillen Frieden in Spinozas
Schleiferzelle nie ganz verga, da er nun einen unwirschen Griesgram vor sich
hatte, dem er zwar mit schuldiger Devotion vor dem hohen Flug und dem weiten
Umblick manchmal fein zulchelte, weil auch er Hohn und Verachtung gut kannte,
aber auch oft mit sicherem, klaren Worte entgegentrat.
    Einhart begriff nicht, da es ein Weltleid gbe, weil er meinte, da nur der
Einzelne immer wirklich leide. Das wirkliche Leiden schien ihm begrenzt in dem
engen Becher der Vereinzeltheit. Und das Ma dieses persnlichen Leidens duchte
ihm nicht um ein Jota vermehrbar, wenn er die einzelnen Personen zusammenreihte.
Leid und Freude dnkten Einhart gleich nur eine schwankende, leise Begleitung in
der weiten Ordnung dieser Welt und dem weiten Meer der Seele darin.
    Gewi, sagte Einhart, die Welt der Hanswurste und Affen. Aber auch der
Weisheit mit vielen Gesichtern. Wie ich sie nehme, ist meine eigene Sache.
Ich werde nicht weinen, weil ich malen will. Die Augen mssen weit und des
Lichtes viel sein. Aber es gibt auch Licht genug.
    Ich liebe meine Welt, sagte er dann drollig lachend, und nur die eine
Welt.
    Spter geriet er ber die Legenden des heiligen Franziskus von Assisi.
    Man kann die Exstasen weit treiben, sagte er zuerst.
    Das Lustigste bleibt doch Bruder Ginepro, der Schalk und Hanswurst unter
den Heiligen, der den verstiegenen Menschen durch alle Frmmigkeit
hindurchscheinen lt, da die dummen, nackten Selbstschte sichtbar werden wie
die Knochen im Rntgenbilde. Und dann Bruder Egidio, der selbstsichere, achtlose
Arbeitsmann, der zeigt, da man tun kann mit Hnden und Fen und doch reine
Absichten und frommes Schauen der Welt mit sich tragen.
    Ich werde immer ein Schalk und Arbeitsmann bleiben: groe Liebe und klare
Schau! und lachen ber den Staub meines Kleides, und immer tun, und im Tun mich
vergessen! Und von Zeit zu Zeit zwei Fu mich ber die Erde erheben, sagte er
lachend, aber nicht weiter!
    Alles in allem ging Einharts Winter und Sommer und noch ein Winter und
Sommer so hin. Er las viel und hatte tausend Erfllungen. Und verwarf dann alles
in Summa, weil nichts kommen wollte frs Werk aus allen solchen
Betriebsamkeiten. Er lebte in diesen Zeiten ganz abgeschieden.
    Er hatte auch dazwischen allerlei Studien gemalt und Entwrfe. Aber er trat
auf allen bald herum. Pappen und Leinwanden lagen auf dem Erdboden ohne da er
sie achtete. Er kam nicht dazu, etwas fertig zu machen. Er war manchmal dann in
heller Verzweiflung pltzlich, verfluchte die dummen Bcher und ging einen Tag
in Unruhe unter die Leute auf den Straen, sah Werke in den Galerien an oder
zeigte sich unversehens einmal in einer Gesellschaft. Es war ihm in solcher Art
des Tuns schlielich auch ganz klar geworden, da ein Kunstwerk immer nur aus
Dunkel nach den heimlichen Drngen der Fruchtbildung zusammenschiet und
aufsteigt, wie die Blte mit der eigenen, jungen Gestalt aus dem Ackergrunde.
Werk um Werk. Erfllung um Erfllung. Ein wahres Rckschauen auf die eigene
Zeit, wenn also Werke wirklich Erfllung gegeben.
    So begann Einhart nach zweierlei sich jetzt neu zu sehnen, nach
selbsteigenem Tun und nach selbsteigenen Menschen unter den Lebendigen. Er
fragte sich oft jetzt nach Einem, den er mit sich trge, wie sich selber, dem er
trotzig begegnen mchte, wie dem griesgrmigen Verchter Schopenhauer, oder zu
dem er leise eintreten mchte wie in Spinozas einsame Schleiferzelle.
    Am Ende brachte ihm der Zufall noch Platons Welt in die Seele.
    Da haben wir den Seher, den ich gesucht, rief er vielemale im Lesen. Und
er sa unter den schnen, jungen Griechen selber bekrnzten Hauptes in Rausch
und frhlichem Widerstreit, da er sogar die ueren Augen weit aufri.
    Diese Welt ist ergriffen mit Auge und Ohr, mit Geruch und Geschmack, ist
wahrhaft angeschaut, rief er entzckt. Und die Ideen sind wie Arome, die der
leibhaftigen Blte entsteigen.
    Seht doch unsre Duftmacher, die uns Arome eintrnken wollen und haben nie
die Blten gesehen.
    Jeden Schritt hin und her auf den Fliesen im Hofe hrte Einhart hallen, das
Poltern der Berauschten an den Lden machte ihn lachen, jede Geste und jeden
Geist griff er in wahrem, sinnlichen Gewande. Damit kam er ganz zum Leben
zurck.
    Ich will Menschen finden, sagte er streng, nicht Werker! - Menschen! Das
war ein Wendepunkt nach einigen Jahren. Weil er auf einmal jetzt auch gefhlt
hatte, da in den Werken der Vergangenheit sich klar Menschen und Werker
unterscheiden: Menschen, die die Welt spiegeln, ihre eigene und die ewige
zugleich, kristallklar in ihrem einen Wesensblick, und Werker, die im Dienste
der Gesellschaftsmchte zusammenhuften, redeten, kommentierten, alles zu wissen
meinten, nicht schauten mit eigenen Sinnen, nichts lebten aus Blut und Atem, als
einen Widerschein fremder Welten, fremder Gefhle und fremder Entschlieungen.

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Die fremdartige Erscheinung Einharts, die fahle Strenge seiner Zge, seine
weichen Glutaugen, die pltzlich Ha und Feuer geben konnten, dazu die
ungewhnliche Ruhe seiner Bewegungen, seine schmalen, dnnen Zigeunerfinger in
der straffen, braunen Hand, sein leicht rauhes Organ, das immer sanft verhalten
klang, sein Lachen voller in sich gekehrten, kindlichen Uebermutes, wenn es
wirklich einmal Lachen gab, verursachte ein sonderliches Aufmerken nach ihm hin.
Wenn Einhart jetzt einmal in Gesellschaft kam, sahen ihn viele heimlich an.
    Einharts Augen waren jetzt immer sehr wach. Er war jetzt auf dem
Menschenfang, wie er es nannte. So begegnete er in einem vornehmen Hause der
Stadt einmal einem Gelehrten, der so dunkel und verschlossen war wie er selbst.
    Beider Augen hatten sich erst wie zufllig nur begegnet.
    Dann am Kamin waren sie zueinander gekommen. Sie sprachen dabei nichts.
    Doktor Poncet war von herrischer, wegwerfender Gebrde und dachte nicht
daran, jeden gleich anzusprechen. Und Einhart lchelte nur ein wenig.
    Aber die Dame des Hauses, eine bucklige, hliche Frau mit Negerlippen und
ebenso gelbbrauner Gesichtshaut, wie Einhart gelbgrau, eine sehr vornehme,
hochgeartete und geistesanmutige Frau, die den Winter in ihrem Stadthause
Knstler und Mnner von Welt bei sich versammelte, eine Grfin Schleh, freute
sich heimlich, wie sie endlich einmal Einhart bei Poncet stehen sah.
    Es gab durchaus gar keine laute Bewegung. Die beiden starrten nur in das
Loderfeuer des Kamins. Nichts weiter zuerst lange. Doktor Poncet sah dann, immer
mit untersttzten Armen sich haltend, seiner Zigarre Glhende an, desgleichen
Einhart auf den Glhfleck seiner Zigarette sah. Das Feuer flammte und die
Scheite knackten.
    Feuer ist schwer zu malen, sagte Poncet endlich, weil er sich jetzt
erinnerte, da Einhart Maler war.
    Gott ja, sagte Einhart. Dann standen sie wieder, ehe sie sich auch einmal
flchtig in die Augen sahen.
    So begannen sie langsam zu fhlen, da sie sich viel zu erzhlen gewut. Um
so hartnckiger schwiegen sie.
    Manchmal ist es mit Menschen so, da ihnen beieinander pltzlich eine neue
Frohheit und Freiheit kommt. Es drngt etwas auf aus jedem in jeden, gibt ein
sanftes Gebundensein und zugleich eine seltsame Ruhe.
    Die Gesellschaft war ziemlich gro, die weiten Rume dehnten sich. In dem
hintersten Eckzimmer spielten einige alte Herren an grnen Tischen. Im
Mittelsaale schwatzte die Jugend durcheinander. Es war alles hellerleuchtet.
Junge Frauen in erlesenen, bunten Seiden und Sammeten waren im Lichte blendend
sichtbar. Hundert Gesichter schoben sich durcheinander, wenn man wie Einhart
jetzt oder Poncet aus dem Halbdunkel des verlassenen Kaminzimmers durch die
umhangenen Tren in die bewegte Menge hineinsah.
    Man sang jetzt im Musikzimmer ein Lied. Der Klang kam gedampft zu Einhart
und zu Poncet. Die beiden sprachen noch immer kein Wort weiter. Der Klang tnte
wie eine Vogelstimme. Die Melodie war ein wenig feierlich. Das Flackern und
Zucken der Flammen im Kamin schien sich den Klngen anzuschmiegen. Einhart
beobachtete unaufhrlich gespannt in das Feuer.
    Sehen Sie einmal, sagte er dann zu Poncet, die Flammen scheinen
mitzutun.
    Poncet war solches Gefhl bis jetzt unbekannt. Wie wenn er nun pltzlich
seine Fden der Dinge, mit denen sie sich halten, blinken she. Er lchelte ein
wenig, als er nun auch gespannt wie Einhart in das Feuer sah. So standen sie und
standen.
    Im Raume waren gedmpfte Lichter. Bleiche Bilder in goldnen Rahmen hingen an
Schnren dmmernd an den Damastwnden. Man ging auf weichen Teppichen. Es war
ein seines Duften aus Blumen und Parfums allenthalben. Einharts Sinne waren
davon wie umnebelt. Er sah nur dann und wann wie aus einem Traum von den
Dsterflammen in die lichten, fernen Gesichter, die in dem Glanz der Nebenrume
sich bewegten. Auch Poncet erwachte ein paarmal richtig.
    Sie sind ein Gelehrter? sagte Einhart dann zu Poncet.
    Wissen Sie, da das eine Tragik ist? sagte Poncet. Einhart setzte sich
dabei lchelnd nieder. Auch Poncet. So blieben sie neu beieinander sitzen.
    Eine Tragik! wiederholte Einhart. Die Vorstellung ging in ihn ein wie ein
stiller Akkord, den er jetzt summen und summen hrte.
    Sie lcheln, sagte Poncet.
    Aus Kummer! sagte Einhart. Denn nicht wahr? Wenn ich Sie richtig
verstand, mssen Sie sich immer fliehen. Und Sie mchten sich finden.
    Ja, so ist es, sagte Poncet.
    Dann fhlten beide neu die Flammen zucken und springen, als wenn sie
mitsprchen in das heimliche Leben der Stunde von ihrem eigenen, heien
Erlebnis. Auch die Blicke der beiden Hineinstarrenden schienen von innen zu
brennen.
    Endlich erhoben sie sich. Sie gingen gleichzeitig lssig in den Glanz der
Gesellschaft zurck. Sie kamen sich wie geblendet vor und zgerten noch immer.
Jedem schien es, als htten sie von tiefen Dingen und Schicksalen Zwiesprach
gehalten. Als htte es einen heimlichen Zusammenklang gegeben, nicht blo von
Seele zu Seele, auch zu allerhand Wesen ringsumher. Zu Flammen und Stimmen und
Lichtern im Raume. Und es kam einem jeden jetzt auch so vor, als wenn sie viel
voneinander wten und sich einig fhlten ber das ganze, rtselhafte Leben.

                                       7


Alles, was Einhart so entgegenkam, erregte ihn lange und tief. Aber es machte
ihn nicht zufrieden. Einen Menschen hatte er in Doktor Poncet gefunden. Das war
an und fr sich ein Ereignis. Zumal Poncet in seinem Fache tchtig genug war, um
zu glnzen, wenn er nur mit Wissen sich zufriedengegeben.
    Aber der Wahn ist unserer Fe Schemel, sagte Einhart. Und das dachte auch
Poncet. So gab es gutes Miteinandersein. Und sie kamen auch voll berein, da
sie die Welt von verschiedenen Seiten, aber die eine Welt angefat.
    Poncet war seines Faches ein Mann, der nach den Gesetzen des Lebens der
Vielen suchte. Und Einhart sehnte sich und suchte die Trume und Gesichte zu
erschauen, die ihm sein eigenes Blut als Glck und Stillung verraten wollte.
    Es sind nicht weniger Gesetze des tiefsten Lebens, sagte Einhart zu
Poncet, als sie sich ein jeder ein wenig an die Sprachweise des andern gewhnt
hatten.
    Sie waren jetzt oft beieinander.
    Als sie einmal in einer Schneenacht die Strae entlangspazierten, weil
Poncet gekommen war, um Einhart aus seiner Arbeit herauszulocken, hatte Einhart
noch immer seine Tafel vor Augen, und das Zwiegesprch der beiden war also arm
und stumm nach auen, wie damals vor dem Kaminfeuer. Da hatte es eine flchtige
Beglnzung aus einer der schneebekappten Laternen mitten im Flockenfall so weise
gefgt, da Einhart in ein Paar der wunderlichsten Augen hineingesehen, die je
unter einem Kapottehtchen zu ihm aufgeblitzt. Einhart war wie gefangen gleich.
Er ging mit Poncet Arm in Arm. Denn Poncet liebte Einhart, und Einhart Poncet.
Ein jeder, wie es kam, hatte bald, wenn sie so gingen, den Arm in den des andern
vertraulich eingelegt. Nun eben war es, da Einhart in der sonderlichsten Laune
Poncet pltzlich loslie. Es schneite weich und die Flocken tanzten.
    Nein, sagte er nur, hier werde ich mich nicht gro besinnen und einfach
zurck die alte Fhrte gehn!
    Poncet war auch ein Frauenkenner. Aber mit Einhart jetzt oft in seiner alten
Versunkenheit. Und ehe er also ganz begriff, hatte Einhart nur noch
zurckgerufen, da sie sich in dem Kaffeehause gegen die Nachtzeit wiederfnden.
    Einhart lief, was er konnte. Das Mdchen war wieder in seiner Nhe. Sie war
schlank und hatte einen eiligen Schritt. Offenbar ging sie mit einem Ziele.
Einhart war kindlich erregt, neugierig und lustig. Er kannte auch gar keine
Scheu und Rcksicht. Ihre Augen hatten wie sammetene Bltter geschienen. Dunkel
und grougig hatten sie ihn angeblickt, wie Eulenaugen. So tief, wie wenn es
Weisheit gewesen, die ihn angesehen. So lief er jetzt nur schnell vorber und
blickte sich nach den Augen wieder um.
    Nein, um keinen Preis drfen Sie mir jetzt entwischen, sagte er hastig.
    Wie? sagte das junge Frulein nur, als wenn sie ganz arglos wre und gar
nicht weiter auf ihn geachtet.
    Da stand auch Einhart in seinen langen Mantel gehllt schon vor ihr mit
seinen lchelnden Augen voll kindlicher Freude, sah ihr prfend drollig ins
Gesicht und machte sie so im Laternenscheine und Flockenspiele lachen.
    Lachen Sie nur, mein sehr gutes Frulein! Aber ich mu um jeden Preis noch
einmal Ihre Augen sehen, ehe ich es glaube! sagte er bestimmt.
    Was glaube? sagte das Frulein, das eine sanfte, bleiche Miene hatte und
dessen Augen in Wahrheit gro schienen wie Dunkelflecken.
    Der Schneefall trieb und tanzte um sie.
    Ach, nein, nein! so etwas Wunderbares! sagte Einhart ganz inbrnstig. Ich
mu Sie um jeden Preis wiedersehen.
    Wenn Sie meinen! sagte das Frulein, kindlich wie er. Denn Einhart gewann
durch Ton und Glck seines Erstaunens gleich einen Eingang in ihre Seele.
    Wenn es nur meine Augen sind! sagte sie sanftmtig und brach dann
pltzlich richtig in Kichern aus.
    Da gingen sie schon miteinander.
    Das Mdchen war eine kleine Putzmacherin. Sie trug noch ein Paketchen zu
Kunden aus. Sie hie Johanna und war voll bermutes.
    Sie sind wirklich ein Ungestm! sagte sie zu Einhart. Maler sind Sie?
fragte sie ihn noch einmal, als er ihr erzhlt hatte, da er eben zu einem Bilde
ein Paar besonderer Augen schon ewig in seinen Trumen und auf allen irdischen
Wegen gesucht und nicht gefunden htte.
    Ich brauche irgendeinen Ton aus der Seele, eine glckliche Tiefe. Und renne
schon immer herum, wie ein Raubtier ugend, mhte er sich jetzt, von seiner
Arbeitsnot einen Begriff zu geben.
    So wollen Sie mich also verspeisen! sagte Johanna.
    So liefen sie lange miteinander und plauderten allerlei Loses, worber sie
immer wieder beide lachen muten.
    Ich wohne bei einer Wscherin, wo ich mein Stbchen habe, sagte Johanna.
Sonntags bin ich immer frei.
    Es stellte sich heraus, da Johanna erst vor wenigen Monaten in die Stadt
gekommen und noch scheu und ngstlich war. Einhart war an dem Abend wie
losgebunden. Er hatte so viel Dummheiten im Kopfe, da Johanna aus dem Lachen
nicht herauskam, so beschneit, wie sie schlielich aussah. Er hatte ihr lngst
das Paketchen abgenommen und ging die ganze Strecke neben ihr ordentlich
wippend. Ihr war es lngst auch recht.
    Ich bin ein bisset tricht richtig in der Stadt, sagte sie. Das pat sich
doch gewi nicht, wenn ich zu Ihnen kme.
    Ih, mein Frulein, sagte Einhart. Was nicht pat, mu passend gemacht
werden, wie Ihre Hte! Darauf verstehen wir uns doch. Und auerdem, redete er
weiter, dienen wir beide einem Hheren!
    Oh, Sie sind aber sehr eingebildet! sagte Johanna. Was wre denn das?
    Die Kunst! die Kunst! sagte Einhart uerst gewichtig.
    Das ist eine Ausrede! sagte Johanna.
    Beide lachten wieder um der Rede willen. Aber beider Augen lachten auch
jetzt, wenn sie eine Weile nur stumm die Flocken an Mund und Nase sprten, die
ein wenig kitzelten.
    So waren sie bis ans Ende der Strae gekommen, wo ein groer Platz im
dmmernden, nchtlichen Schneetreiben lag. Johanna erledigte ihre Mission.
Einhart mute eine Weile, vergngt die Schultern in die Hhe stoend und
trappend, weil es kalt war, hin und her gehen, ehe er wieder ihre weiche
Plauderstimme aus dem Dmmer vernahm.
    Auf dem Heimwege plauderten sie schon allerhand Zutrauliches. So da Einhart
jetzt dnkte, als ob er diesen Laut seit Ewigkeit gehrt.
    So ist alles innerlich Nahe und Verwandte, wenn es auch zum ersten Male
unser Ohr und Auge trifft, uns gleich vertraut und will uns erscheinen wie in
uns selber, wie ein Stck erweckten Eigenwesens. Es gibt eine wunderbare Ruhe
und Freude, ihm zu begegnen.
    Johanna erzhlte, da sie, eines kleinen Beamten Tochter, von Hause
gegangen, weil eine zweite Mutter ihr das Leben verbittert. Nicht sehr viel
davon. Einhart hatte auf Rckblicken jetzt gar nicht die Gedanken. Ihm war mit
der Gegenwart genug. Er hielt Johannas Arm mit Scheu und sah nur oft in die
groen, dunklen Eulenaugen, und war sanft entzckt, da ihm die Augen zulachten,
und auch da die Hnde, die einmal aus dem dicken Wollhandschuh herausfuhren,
sanfte, kleine Frauenhnde waren.
    Ich werde Ihnen die Hnde reiben. Kommen Sie! sagte Einhart.
    Johanna gab ihm die Hnde. Es waren ziemlich viel Vergnglichkeiten in ihren
Blicken dabei, weil auch sie in seinen Augen das Funkeln und die Gte gern sah,
und alles sanft und zrtlich war, was er sagte und tat.
    Schlielich wollte Johanna doch nicht mit ihm kommen, so sehr Einhart auch
bat und qulte und sie am Arme hielt und lachte, wobei auch sie lachte.
    Schon wegen der Schmutzerei, meinte sie, auf ihre Beschneitheit weisend.
Sie hatten beide Schneelasten auf Hut und Mnteln. Aber auch so! das schickt
sich nicht. Ich werde Sie erst einmal am Tage besuchen. Wenn Sie mir dann noch
so gefallen wie jetzt, sagte sie ganz bestimmt, dann knnen wir weiter Freunde
sein. So hatten sie sich getrennt.
    An dem Abend war es Einhart, als ob er pltzlich eine ganz eigene Art und
Leichtigkeit gewnne. Es kamen ihm allerhand Tollheiten in den Sinn. Er konnte
gar nicht zum Entschlu kommen, ob er zu Poncet noch in die Ecke ins Kaffeehaus
gehen sollte. Dann ging er doch.
    Poncet, der verheiratet war und daheim zwei Kinder hatte, sa vor sich
hinbrtend wie oft. Einhart war an dem Abend voller Leben. Aber er sagte nicht
warum. Er lie sich zweimal hintereinander Kaffee geben. Und glomm Zigarette um
Zigarette und war sehr gesprchig.
    Ja, malen! sagte er. Ach Gott, das liebe Malen! Wenn man nicht einmal
fnde, was einen im Alter noch anmutet mit dem Glck eines gefundenen Schatzes.
Man mu dahinter sein. Das groe Bild wird etwas. Ganz neuartig. Ganz meine
eigenen Harmonien. Das ist sicher. Der Einfall und der Zufall! Ich will nur
malen, was mich selber berrascht! Den glcklichsten Einfall und den seligsten
Zufall. Er hrte nicht auf, so hinzuplaudern, da Poncet nur zuhrte.
    Ein Blick gibt es manchmal, sagte er.
    Poncet sa versunken in sich. Aber er lchelte auch manchmal, weil Einhart
lchelte.
    Einflle und Zuflle machen es bei euch, sagte Poncet dann einmal. Bei
uns ist alles System, System, System! Das ganze Leben System! Schrecklich!
schrecklich! schrecklich!
    Sie liefen erst in tiefer Nacht nach Hause. Einhart war noch immer nicht
still. Sie standen erst lange vor Poncets Hause, ehe sie sich bis zum andern
Tage Lebewohl sagten.

                                       8


Johannas Hnde waren fein und klein, weiche Frauenhnde, die Finger schlank.
Wenn sie hantierte, gab es ein lustiges Spiel. Wenn sie mit einem Finger drohte,
mute Einhart lachen. Und nun hantierte sie erst noch eine Weile, einige Monate,
bis ber die Weihnacht im Putzladen, da die weien, lieblichen Frauenhnde in
bunte Seidenbnder und in allerlei fremde Blumen und Federn sich ewig
einwhlten, und garnicht, duchte es, daraus endlich ganz ans Tageslicht kommen
knnten. Die etwas gebogene, schmale Nase war ewig noch den Tag gesenkt. Die
groen, schwarzen Eulenaugen hatten durchaus gar kein Lachen, nur eine sichere
Sittsamkeit und Spannung. Sie umprften um und um die breiten Krempen oder hohen
Trme der sonderlichsten Frauenhte, ehe endlich wieder einer, rings umziert,
aus der Schpferin liebender Hand ins Schaufenster oder auf den Ladentisch
wanderte.
    Einhart stand jetzt oft vor dem Laden, schon am Tage. Aber die groen
Eulenaugen drinnen sahen und zwinkten nur heraus. Erst am Abend waren dann die
lustigen Blicke und der junge Mund und die sanften Hnde in Einigkeit mit
Einharts. Bis Einhart sich ganz und garnicht trennen gewollt, gleich zu Neujahr,
und Johanna ruhig lachend eingestimmt hatte und eine kleine, zierliche
Hausmutter bei Einhart geworden war.
    Und Einhart war jetzt pltzlich ganz auf sich selber gekommen.
    Ich male nur dich und mich, das ganze Leben lang, sagte er stolz. Denn im
Grunde genommen sind wir zusammen alles. Du bist eine hohe und eine niedere
Frau, und ich lebe auch das ganze volle Leben. Alle Tugenden und alle Laster
sind in einem jeden. Besser, man lockt sie auf die Leinwand, als ins Leben.
    Es war das drolligste Spiel zwischen den beiden. Johanna war wie ein Kind,
so dienstwillig und hingegeben. Und hatte einen Zauber schon im Lachen. Das
klang rein, als wenn Lachtauben ihre weichen Laute sanft hinhauchen und ein
wenig dazu schluchzen. Und Johanna war voller Grazie. Fast noch mehr als frher.
Sie hatte gleich begriffen, da sie mit Anmut die Seele Einharts ganz und gar
umspinnen konnte.
    Wenn sie auch nur mit der Kaffeemhle dasa, die sie hockend zwischen den
Knieen hielt, so gab das schon fr Einhart eine Malerfreude, rein nur, wie sie
dann die Schultern aufnahm und den Kopf halbgesenkt, halb ihm zugewandt ihre
groen Dunkelblicke geschftig spielen lie. Oder wenn sie sich einmal flchtig
dabei zum Kusse hergab, launiges Lachen in die Lfte schluchzend. Oder gar, wenn
sie in feierlichen Gesten, den schlanken, kindhaften Jungleib in irgend ein
kstliches Tuch leicht eingehllt, eine griechische Krugtrgerin hinschritt.
    Nun: Einhart konnte pltzlich ein Gefhl nicht loswerden, als wenn er jetzt
erst ganz die eigene Kunst gefunden. Er sah rein nichts sonst. Er fhlte nur,
als wenn jetzt der letzte Zwang pltzlich gewichen und er frei geworden wre zur
eigensten Betriebsamkeit.
    Dazu kam, da Johanna einen echt mtterlichen Zug hatte. Sie begann fr
Einhart zu sorgen, um den sich all die Jahre nur hchstens einmal eine
gutgelaunte Wirtin zufllig umgesehen. Jetzt sa Johanna stundenlang bei ihm am
Tage und versah allmhlich alles.
    Es war garnicht gut fr Einhart. In der ersten Zeit kam deshalb Einhart
wochenlang nicht mehr auf die Strae. Und bald hatte sich Einhart an Johannas
Anwesenheit derartig gewhnt, da er rein nichts zu tun vermochte, wenn nicht
die ein wenig dumpfe, kindliche Plauderstimme um ihn und in seine Arbeit
hineinflo.
    Doktor Poncet kannte Johanna jetzt auch lngst. Er hatte sie auch gleich
gern gehabt. Ihm war unsglich wohl nur schon deshalb, weil ihm in den beiden
Rumen, von denen der Atelierraum gro und gerumig war, nichts als eine arglose
Menschlichkeit und ein rechtes Lebensvergngen entgegenkam. Daheim bei ihm war
das anders. Er sa oft lange in seinen weiten Mantel gehllt auf irgend einem
Kasten voll Skizzen und sah, wie Einhart, gespannt ugend und sein und spitz
lchelnd, die Farben auf die Leinwanden hinbrachte, und sah Johanna an, wie sie
unterdessen um den kleinen Eisenofen herumhantierte oder das Teetablett oder
sonst etwas herzutrug.
    Einhart hatte jetzt einigermaen auskmmlich zu leben. Obwohl das auch noch
schwankte, was ihn garnicht weiter anfocht. Denn jetzt, wo er mit Johanna lebte,
war er schnell in eine wahre Arbeitsleidenschaft hineingerissen. Da Bild um
Bild aus dieser Erhitzung aufging.
    Und auf allen Bildern erschien jetzt Einhart und Johanna. Einhart malte
jetzt sich in allen mglichen Schicksalen und Gefhlen, und immer Johanna dazu,
als eine se, selige Begleitung, als die eigentliche Melodie des Lebens, um die
es sich allein lohnte, solcher Musik zuzuhren. Er malte Johanna als schwebende
Vision gegen den lichten Himmel, oder in paradiesischer Nacktheit selig und
schn unter Blumen, oder mit Kindern ein neckisches Spiel auf freien Wiesen
treibend, immer in hellen Tnen sie, immer ihre groen Kindsaugen mit den
erstaunten Blicken, immer auch mit der ganzen Drolligkeit ihrer entzckenden
Anmut. Und allenthalben auf den Bildern stand er irgendwo in der Nhe Johannas,
wie ein trutziger Ritter, dem man das Frhlingsglck der holden Frau nicht mit
einem Augenzucken nur trben durfte.
    Der Ausdruck des strengen Wchters ber seiner Liebe ging durch alle Bilder
hindurch. Der sanfte, arbeitversunkene, spitzlchelnde Einhart wute es gar
nicht, da einer immer jetzt sich so fehdehaft und kampfsicher aus ihm
hinausgab. Doktor Poncet stand oft heimlich erstaunt ber die Flle und Kraft
solchen Ausdrucks, und ber die schwebende Seligkeit, die durch solche Kontraste
sich ins Blut schrieb aus den durchaus stummen Malerspielen.
    Alle Dinge haben eine Sprache. Jede Sprache schlgt nur die Tasten der Seele
an. Immer sind wir es, in denen die Erkennung aufwacht. Alle Dinge knnen jenes
heimliche Leben wecken, da es in uns von ihnen redet, wenn sich die Seele ihnen
nur innig genug dargeboten. Die Sprache der Rede ist nur eine unter tausend.
    Deshalb sa jetzt auch Poncet oft stumm und sann und horchte in die
Leinwanden Einharts. Er fhlte genau, welche Ketten und Bande bald sich zwischen
Einhart und Johanna gewoben. Er fhlte vor allem, da an solcher wesenhaften,
innigen Verstrickung niemand htte rtteln drfen, es wre denn um Einharts
Einfalt getan gewesen. Ein heier, niedertrchtiger, hassender, zher Zigeuner
womglich wre aus ihm herausgesprungen, wie der, den er mit einem Dolche unter
der Glutrose und mit dem blitzenden Glutblick schon gemalt hatte.
    Und Johanna sah jetzt um sich wie einen Garten aus allerlei Pracht. Aus
jeder Umhegung lchelte sie. In jeder Laube sa sie als Glck. Allenthalben
wandelte sie als Selige hin. Sie war umklungen und umsungen von ihrem eigenen
Scheine und Glnzen. Ein jeder Hauch im Rume sagte es ihr stumm, da Einhart
wie ein Toller und Ausbund war, der nichts anderes sonst denken konnte, als
ihrer Liebe Lied in alle Himmel zu singen, sie zu Preisen in den Hymnen seiner
Farben und Bilder und nichts sonst. Und sie lchelte heimlich, wenn es aus den
Bildern redete, da er zum Mrder oder Ruber werden knnte gegen jeden, der es
wagte, auch nur wie eine Wespe oder Motte sich in den Glanz seines Glckes zu
verfliegen.
    Aber Einhart war jetzt recht eigentlich wieder ganz Kind. Er liebte, wie
Kinder lieben mit spielender, strahlender Verklrung. Denn wahrhaftig, er fand
nach auen gar keinen Anla gegen jemand sich zu verwahren. Es strte ihn
niemand. Er lebte ganz einsam mit Johanna. Und sie war tglich liebend um ihn
und zrtlich dienend in allem.
    Doktor Poncet, der einzige, der kam, war ein ganz anderer Mensch als
Einhart. Poncet hatte die Liebe in der Welt reichlich genossen. Er staunte in
das kindliche Spiel, das sich in Einharts Werkstatt darbot. Er war mde der
Liebe, kann man sagen. Hei, wie er gewesen, hatte er die Leidensfeuer lngst in
Asche gelegt. Er fand kein Gengen mehr im Rausche. Er lchelte nur manchmal ein
wenig tzend, wenn er Einhart und Johanna plaudern hrte.
    Aber Einhart war in seinem ttigsten Behagen, da man ihm zum ersten Male
seit jenen Tagen, wo er einst nach Zigeunern ausgezogen, den Lchler wieder ganz
ansah. Johannas Nhe hatte ihn richtig zu einem kecken Jungen gemacht. Und als
wenn er nun die ganze Welt nur so hinmalen knnte, die ganze, weite, selige
Welt, die keines Kommentars und keiner Mhe und Arbeit bedurfte, um ganz und gar
erkannt und geliebt zu sein.
    Die ganze selige Welt: Johanna und Einhart.

                                       9


Daheim in Poncets Hause war keine Einigkeit. Frau Poncet, die eine feine Seele
war, war ihrem Manne ganz unvertraulich. Ihre Liebe schien langst grau in grau
und wenig anderes noch, als hassende Erinnerungen. Die beiden Kinder, ein Knabe
und ein Mdchen, waren lieb zu ihm. Aber sonst fehlte die stille Flamme hben
und drben.
    Es gibt Mnner, die vorzeitig nach allerhand Frauen greifen,
gattungsgebunden und unpersnlich in verfrhten Schten. Das zrtlich scheue,
kindlich sehnende Berhren fehlte, das schon Platon als den sen Beginn aller
Liebe geschildert. So will sich aus jungem Drngen in solchen Naturen nie der
harte, klare, blinkende Rubin zusammenfinden. Wie der Uhrmacher, so mu der
Menschenkenner bei jedem fragen, auf wieviel Steinen die Seele geht, und ob es
heimlich im Grunde einen Halt gibt? Und ob es heimlich funkelt? In Poncet war
kein klarer Stein kristallisiert. Das Leben seiner Liebe war in Asche zerfallen.
Kein inneres Funkeln in allen Strahlenwundern, nur Brnde zuerst und Asche dann.
So auch mit Frau Poncet.
    Aber wenn jetzt Poncet zu Einhart kam, begann sich ihm eine neue Welt
aufzutun. All die kleinen Handreichungen des Lebens, die er nie geachtet,
gewannen einen tiefen Glckseligkeitssinn auch fr ihn.
    Das Leben ist gar keine Idealitt. Es ist immer nur das einfache Leben,
sagte Einhart. Er wute es nicht, da er damit den tiefsten Lebenssinn gegen all
die groen Worte in Wissenschaft und Religion verteidigte.
    Das Leben ist immer nur diese kleine, einfache Verrichtung mit Hand und
Fu, immer nur auf dieser steinigen Erde, die wir mit Auge und Sinnen erfassen
und anstaunen, sagte Einhart. Immer nur dieses: eine liebende Stimme hren, in
liebende Augen sehen oder in hassende. Ist immer nur Wandel in Regen oder in
Sturm. Oder in weicher Nacht, wenn Sterne und der Mond blinken. Oder wenn es
stockbrandfinster ist mit dem kleinen Scheine unsres Laternenlichts in der
eigenen Stunde. Ist sich kalt fhlen, sich in seinen Mantel warm hllen, oder
eintreten an ein warmes Kaminfeuer und unter gute Blicke, die uns zulachen und
uns willkommen heien. Ist diese steinige, weite Erde, deren Wege der Frhling
umblht und umsonnt. Oder auch wenn uns Kmmernisse um Liebe und Geliebte das
Herz bedrohen. Diese eine sonnenfrohe oder nchtigeisige, hinausgestoene Erde.
Ist aufatmen, jung hinaus und in die hchsten Hoffnungen sich heben mit Flgeln
so scheint's. Oder mit blinden Augen schreiten, gefhrt und ngstlich und mit
der sen Ahnung dessen, was ewiger Schlaf dem Menschengemte an letzten Lasten
aufhebt. Es ist das eine kleine Leben, mit Hand und Fu, mit Auge und Seele, mit
der einen kleinen, einsamen Seele, die einzeln sitzt in jedes Gehuse, und die
ihren Traum doch laut hinaustrumt von dem Verein der Seelen, auf den Millionen
verlangend lauschen. Das war, wie es Einhart jetzt und immer lebhaft
verkndigte.
    Doktor Poncet kam oft. Er war daheim, seitdem er zum ersten Male das gute,
einige, zitternde, irdische Seelenspiel Einharts und Johannas angesehen, noch
mehr losgetrennt. Er begann einzusehen, da er durch alle sogenannte Idealitt
durchmte zu der kleinen, groen, einsamen Seele. Er begann beglckt zu sein
von ferne.
    Man mu es mit den Sinnen greifen. Nur mit den Sinnen hlt der Mensch sich
fest in der Welt, wie der Baum mit den Wurzeln in der Erde.
    Einhart sagte es nicht. Aber Poncet sagte es jetzt, weil es Einhart lebte.
Poncet begann allmhlich kindlich zu lachen wie Einhart. Wenn er kam, sa er
stundenlang. Johanna fand ihn angenehm. Ihre Eulenaugen sahen zu ihm hinber.
Ihre Augen waren immer zrtlich im Blick. Poncet begann sie oft anzusehen.
Einhart fhlte, da Poncet sich heimlich neu zu sehnen angefangen.
    Die kleinen Handreichungen des Lebens sind es, sagte er einmal vor sich
hin. Er sah Johanna oft nicht mit bloer Achtlosigkeit an.
    Und einmal war es gekommen, gegen das Frhjahr, wie Einhart zufllig nicht
daheim war. Da hatte Poncet lange nur stumm dagesessen und hatte Johanna dadurch
geradezu verlegen gemacht. Wie es kam? Wer wei. Die Augen Johannas waren
mitleidig. Sie wollte auch gleich noch wegspringen erst, um unten in dem kleinen
Gemse- und Butterladen einzuholen. Dann war sie doch geblieben. Es war in ihrem
Gesicht gleich eine groe Rte.
    Auerdem sind die brennenden Blicke dunkler Augen, wie die sehnschtigen
Poncets eine wundersame Sprache des Preisens. Das Herz der Frau wird neugierig.
Die Eulenaugen Johannas baten gegen Poncet, wie er so immer noch stumm als
Schatten auf der Skizzenkiste unter dem groen Atelierfenster sa. Aber sie
versuchten Poncet auch um so mehr.
    Die Neugier Johannas war so hart in ihr geworden, da sie einfach nicht mehr
hinaus konnte. So blieb sie und hantierte lange vor Poncet. Eine Weile dachte
sie noch immer, da Einhart kommen mte. Aber je mehr sie hoffte, desto
bestimmter sprachen ihre Blicke Sanftheit hin in den stummen, in sich verzehrten
Poncet.
    O Gott Gott! hatte er schon manchmal vor sich hin gesagt. Jetzt rang er
heimlich sich zu berwinden. Aber Mnner, die die Leidenschaft zu frh blind
gemacht, stehen unter einem unentrinnbaren Zwange.
    O Gott! nein! da Einhart nicht kommt! stie nun auch Johanna heraus,
gleichsam seine Angst vor sich aufnehmend, und weil auch schon die Dmmerung in
den Raum spann. Dann griff sie endlich eine leichte Hlle, einen bunten,
leichten Seidenschal, um doch noch jetzt hinauszufliehen. Da waren Poncets
Schte pltzlich hart aufgebrannt, da er sie atem-und lautlos von der Tr
zurck und an sich gerissen und sie sinnlos hastig und hei brnstig gekt
hatte. Johanna in ihrer Kindlichkeit hatte sich lange kssen lassen, mit
hastigem, aber nicht starkem Widerstreben und hatte dann erst noch eine Weile
drollig zrtlich gelacht, ehe sie unversehens ebenso hart aufgeschluchzt.
    Wie? Was? Pfui! Pfui! o! Nein nein! nein aber, wie Sie nur knnen! hatte
sie noch herausgestoen, als Einhart auf der Treppe drauen hrbar wurde.
    In demselben Augenblick hatte Johanna gleich mit ihren Eulenaugen zrtlich
zu Poncet hin gebeten, reckte sich aufrecht, sich gleich einfindend in eine
gleichgltige Hantierung. Und als Einhart mit einem Strau Maiglckchen eintrat,
ganz beglckt nur von der Absicht sprechend, bald in eine lndliche Einsamkeit,
ins Gebirge oder ans Meer zu gehen, sa Poncet wieder als Schatten gegen das
Dmmerlicht. Einhart war ganz achtlos und arglos. Er streichelte Johanna und
begrte Poncet mit krftigem Handdruck. Er achtete gar nicht, da er fast ins
Dunkel kam, worin die beiden gesessen.

                                       10


Als der Frhling den vereinzelten Obstbaum im Hofe des Stadthauses, wo Einhart
oben unter Dach sein Atelier besa, blhen machte, drngte Johanna selber, aus
der Stadt zu gehen. Es war wenige Wochen nach der Annherung, die Doktor Poncet
versucht hatte.
    Johanna war eine Drollige. Der Gedanke daran machte sie jetzt heimlich
lachen mit ihrem lieblichsten Lachen. Und so oft Doktor Poncet auch gekommen
war, er hatte in dem sanften, frhlichen Leben von Johanna nur eine Hingabe an
Einhart, aus den funkelnden Augen und erheiterten Worten ganz nur ein
Mit-ihm-sein und -leben wollen spren mssen.
    Gar nichts hatte ihn an eigene Vertraulichkeiten auch nur von ferne
erinnert. Wenn ihn nicht gar eine herbe und strenge Miene, sobald Johannas
groe, feuchte Dunkelaugen ihm begegnen muten, heimlich geradezu wie ein
Vorwurf manchmal getroffen htte.
    Johanna war nur innig zufrieden, da Einhart arglos und voll frohen
Arbeitssinnes ungestrt vorwrts lebte. Um so mehr wnschte sie also jetzt ins
Freie hinaus, ins Landleben. Meinetwegen ins Gebirge, noch besser an die See!
    So waren Einhart und Johanna bald mit Packen und Malwerkzeugen nach dem
Norden zu abgereist und hatten auch einsam und gut, nach dem Rate Poncets, eine
friedsame Sommerherrlichkeit ausgefunden.
    Das Huschen, worin sie Wohnung nahmen, lag mit seinem breiten Strohdach
nahe einem alten Eichenwalde, ein kleines, gemchliches Fischerhaus mit vier
ungewhnlich groen und hohen Fenstern nach vorn. Um die Haustr und um das
hlzerne, hohe Gartentor hingen Rosenranken, die eben ergrnten. Ringsherum
dehnten sich Wiesen, von Sauerampfer blhend und glhend, deren schlanke,
zitternde Pracht sich reichlich zwischen roten Nelken, Glockenblumen und
Kamillen in die flsternden Lfte aufhob. In der Ferne strich der Wind das
junge, grne Korn der weiten Felder, wenn Johanna am Morgen die Fenster frei
auftat. Dorther blinkten hinter Hecken und maigrnem Buschlaub die Silberflecken
der spiegelnden Scheiben eines vornehmen Landsitzes mit Gutsgebuden zu beiden
Seiten.
    Dorther kam tglich nun den ganzen Sommer lang auch Johannas Freude.
    Johanna war jetzt losgebunden wie ein Vogel, ohne Pflicht, so recht
hineingestellt in die lichte, freie, blhende und reisende Welt. Wenn die Herde
Mutterschafe und die Lmmchen sich aus dem Tor der entfernten Gehfte ergo und
in einer Wolke Staub naher und naher herankam, stand sie, alles vergessend, und
harrte mit einem wahren Jubellachen, das Einhart viele Male heimlich entzckte.
    Johanna hielt dann schon ewig Bschel Blumen in ihren Hnden, der Herde
entgegen laufend, um sie den Lmmchen zum schrobenden Frae anzubieten.
    Der alte Hirte, der einen verschmutzten Pelzflausch trug, war gegen Johanna
uerst scharmant. Er htte ihr den ganzen Tag Geschichten vom guten Lmmchen
erzhlen wollen. Er wute Schmeicheleien von ihrer Lieblichkeit und von ihren
groen Augen, die wie schwarze Stiefmutterblumen im Schlogarten wren, wohl
anzubringen.
    Und Johanna stand ganze Morgen lang auf der weiten Blumenwiese unter den
blkenden, grauen Mutterschafen und den wolligen Lmmern im Licht, hob sich die
kleinen Schreihlse zrtlich auf den Scho, oder vergngte sich, ein zutunliches
Lieblingslmmchen im Arme zu halten und an ihrer Brust zu wrmen. Wie eine frohe
Heilige im Garten Gottes, verloren fr sich in die Lfte lachend.
    Der weie, zottige Spitz rsonnierte von Zeit zu Zeit und scho um die
lssigen Wolltiere. Unterdessen Schfer und Lfte und Dfte, die Wolken im
blauen Himmel und die Augen der Lmmer und der Schafe, und auch Johannas Blicke
arglos und wohlig und eintnig verwehend ber die Weide tndelten. Das waren
Johannas Feierstunden jetzt am Morgen.
    Aber Einhart war in dieser Zeit leidenschaftliche Arbeit an Ecken und Enden.
Einhart war dann gewhnlich gleich nach dem Frhstck einsam gegen den Strand
hin gegangen. Er besah sich jetzt die Erde neu von allen Seiten. Schon durch den
Streifen Eichwald, der die Blumenwiesen vom Meere trennte, wanderte er mit
wahrer Spannung. Er geno entzckt den lautlosen Eintritt in die hohen, einsamen
Wipfelwlbungen, um deren Tragesulen Schmetterlinge taumelten, und Hummeln
eilig vorberbrummten. Er sah an jedem Stamme empor, wo eine Eichkatze die Rinde
reiend hinaufhuschte, oder ein schmelzender Vogel unsichtbar seine
Liebesmelodie tirilierte. Er horchte dem Spechtpochen und verfolgte den
seltsamen Schwung seines Fluges, wenn er ihn absichtslos verscheucht hatte. Und
sah ihn noch lange rstig hintauchen zwischen den Schatten der Wlbung. Er
begegnete Hirsch und Hinde. Der Hirsch, mit dem Blick eines Ernsten, Erstaunten,
der pltzlich aus dem Dickicht herausbrechend, in gereckter Gestalt vor ihm
stand, lange unerschttert ugend, zwei Tiere und ein Junges scheu zur Seite
hinter sich.
    Da auch Einhart gleich vllig erstarrte.
    Da die Blicke beider, Einharts und des reich gehrnten, mchtigen
Waldknigs sich fest ansahen und immer noch hielten. Bis das erstaunte Tier,
seine Gabelung vehement in den Nacken werfend, um seine Flanken zu schtzen,
ebenso pltzlich mit kniglichem Sprunge gegen die Waldwirrnis sprang und den
Seinen mit dem Geweih wie mit einer Pflugschar durch Ast und Dorne den Weg
fegend' unter erstaunlich flchtigem Zerkrachen und Zerbrechen von Buschwerk
verschwand.
    Einharts Leben war jetzt ganz innerlich und froh erfllt, wie das Leben des
Vogels im Schattenwipfel oder das Leben der Woge im Meer. Der Strand breitete
sich hellblendend, wenn Einhart die letzte Eiche des Waldgrtels zurckgelassen.
Er stapfte tief im Sande auf den hellen Dnenhgel. Auf dessen leichter Hhe
zitterten die Strandgrser. Dort lag vor ihm das weite, schumende Meer
ausgebreitet. Im Sande halbvergraben lag ein verfallenes Boot. Weit und breit
war keine Menschenspur sichtbar. Hoch im Sonnenraum hing oder kreiste ein
Seeadler einsame Runden, dann und wann einen kreischenden Wecklaut
herniedergebend. Die glasigen Wogen hatten Schume weit hinaus. Aus Nordosten
flatterte der Meerwind. Und am Strande schlrften die Fluten breit heran, sich
leise berstrzend immer und zurcksaugend, rieselnd und zerschumend und neu
zusammenrinnend. Immer wieder. Immer wieder. So weit der Blick Einharts an dem
weiten Bogen des flachen Seestrandes sich verlor.
    Wenn die Mittagsonne warm schien, hockte Einhart gewhnlich auf einem
Waldfelsen ber dem Strande, auf den er vom Meere aus zurckgegangen. Einhart
liebte den Ausblick von oben, den frohhebenden Eindruck der Wogenwelt aus der
Hhe. Von dort aus konnte er Johanna kommen sehen. Das galt Einhart eine
Heiterkeit ohne Ende, wenn die verabredete Stunde heran war. Er hatte den Morgen
lang beobachtet, skizziert, oder auch Malarbeit in Studien getan. Durch die
silbernen Stmme von einigen Buchen dmmerte schon Johannas flatternde, lichte
Gestalt. Sie ging in losen Ballisten und hielt einen Schal um die Schultern, der
im Laufthauch winkte und wehte. Sie lachte von ferne, wie ein Specht lacht
zwischen den Stmmen. Hren htte es Einhart kaum knnen. Meerrauschen fllte
mit ewigem berstrzen und Branden, mit genug Lrm die sonnenlichte
Strandeinsamkeit.
    Aber Einhart sah es klingen in Johannas Augen. Johannas Augen sahen gro aus
Dunkel her. Ihre sanfte, schlanke Lieblichkeit, so eilfertig heranstrebend,
schien nicht anders, als zuzugehren zu dieser blendenden Dnenwelt zwischen
Meerflutschumen und Waldeswehen. Auch Einharts Blutwelle pulsierte dann
singend, als wre er die Seele dieser einsamen Welt von Dnen, von Wald, Felsen
und Wogen.
    Dann waren die Flatterwinde still. Die leichten Kleider warfen sie in den
weien Meersand. Johannas lieblicher, rosiger Leib enthob sich den letzten
Hllen. Sie sprang mit anmutigem Gezeter alsogleich in die heranstrzenden
Wogenschume. Sie kreischte lieblich. Sie fiel von der Kraft der Wasserstrze
gestoen und tauchte nieder unter die Flut. Da konnte auch Einhart aufjauchzen
derart, als htte er pltzlich die Stimme eines alten Tritonen, so voll. Da
konnte er in die hohlen Hnde trompeten, als ob er in eine Muschel dumpf tutend
hineinblies. Da konnte er hinter der ngstlich kreischenden Johanna drein in den
flachen Wellen schaumsprhend springen, mit vollen Hnden Diamanten in Sonne und
Lfte und ber Johanna unbarmherzig schpfend und sprhend. Da der Seeadler neu
aus der Ferne heranstrich, fhlbar erregt hoch ber ihnen seine Kreise ziehend,
und dann und wann wie im Zorn niederstoend. Als wenn er jetzt dchte, da
weie, groe Meerwesen aus ihren Wasserpalsten in der Tiefe aufgetaucht, die
sich dreimal selig vergngten im strahlenden Licht.
    Dann lagen die beiden lange noch im heien Sande. Einhart war auf die Idee
gekommen, Johanna tiefer und tiefer einzugraben. Sie sah allmhlich aus wie eine
neckische Sphinx. Kopf und Schultern und Brust hatte er freigelassen. Es waren
lauter trichte Spiele, die ihnen wohl Appetit machten, da sie dann endlich
durch den Wald eilig zurckgingen, Hand in Hand und lachend wie Kinder.
    Und auch beim Mittagsmahle konnten sie nicht genug immer wieder alles sich
erzhlen, was ein jeder doch wute, weil er es eben erst erlebt hatte.
    Aber so ist ein Schatz auch das Erzhlen von glcklichen Dingen. Es gibt
einen Hauch wieder, wenn das Glck verloren ist, und das Glck hier erneuerte
sich jeden Tag und jeden Tag den ganzen Sommer lang.
    Nie war Johanna freier gewesen im ganzen Leben. Ihre Seele war wie eine
Blumenwiese so reich bestellt und wie eine Meereswelle eilig. An Poncet dachte
sie nie. Oder geradezu mit rger jetzt, wo sie Einhart so in bermut um sich
hatte und in wahrer, freier Sommerfreude.
    Und Einhart hing leidenschaftlich an der wachsenden Ernte seiner
Sommerarbeit, aber jetzt auch voll an dem Taumel, Johannas Schnheit
allenthalben in Wald oder Wellen anzustaunen und sein zu fhlen.

                                       11


Einhart hatte ein paarmal an Doktor Poncet geschrieben, er mchte kommen. Aber
Johanna war es sehr recht, da trotz Poncets Zusagen den ganzen Sommer nichts
daraus geworden war. Wie der Herbst kam, waren sie also in die Stadt
zurckgegangen und kamen braungebrannt, robust auch ordentlich Johanna, in die
alten Verhltnisse zurck. Das Leben am Meer hatte Johanna vollkommen in die
einige Sicherheit zu Einhart eingewhnt. Da auch der Winter nur weiter ein
ttiges, ruhiges, launiges Leben, und nichts anderes, hinging.
    Poncet kam oft. Aber wenn Johanna jetzt eine Empfindung fr ihn hatte, so
war es die, ihn vor sich selber schtzen zu wollen. Weil sie selbst sich in
dieser ersten Zeit durchaus nicht mehr bedroht dnkte. Auerdem war Poncets
Leben offenbar auch heiterer geworden. Poncet hatte eine groe Herbstreise nach
Amerika und Spanien gemacht. Er war danach auch in allerlei Arbeiten
leidenschaftlich hineingeraten. Man hatte also allerseits die Hnde voll zu tun,
und Kopf und Herz, den ganzen Winter lang. Da die nchste Frhlingsausstellung
herankam, so schien es, als htten die Werke einfach die Zeit eingesogen.
    Die Ausstellung enthielt ein paar groe Phantasiestcke von Einhart.
    Als Einhart in den Ausstellungsslen zum ersten Male herumging, Johanna mit
einem blumigen Frhlingshut eigenster, freier Erfindung neben ihm, sahen ihn,
den Zigeuner-Grandseigneur in Zylinder, und sie, diese kleine, wippende Dame mit
hoher Krempe und viel Schleier, wie eine Herzogin von Goya so zierlich und so
schnippisch, die vornehmen Besucher der Erffnungsfeier alle mit sonderlicher
Neugier und mit absichtlosem, heimlich lauschenden Umprfen und Umwandeln an.
Weil sie wohl von ferne ahnten, da die lustige, launige Windsbraut von Seele
hinter dem feinen, duftigen Stoff- und Schleierwerke, das sie jetzt licht und
lose hllte, einmal hllenlos in die Bilder an den Wnden, die von Einhart
irgendwo hingen, so recht eine kichernde Eva hineingesprungen.
    Auch Doktor Poncet war oft dabei, wenn sie in der Ausstellung herumgingen.
Poncet im beginnenden Frhling schon wieder heimlich geqult immer um Johanna.
    Aber Johanna hielt sich nur an Einhart. Johanna war das anmutig liebende
Leben selber, so dienstwillig und zutunlich, wenn es um Einhart ging. Und Poncet
desgleichen. Poncet war ganz und gar nur zu Einhart der liebende Freund, der den
andern voll gewhren lt.
    Und Einhart war ein Narr, wie schon als Junge, wie immer bis ans Ende
vielleicht, eingesponnen in allerhand eigene Schau und in die Froheit seiner
Gesichte. Er ahnte ganz und gar nichts, da mit dem neuen Sommer auch neu leise
Unruhen in Johanna aufzutauchen begannen. Er ahnte ganz und gar nichts, da
Johannas sanftes Blicken nur erst wie zufllig noch, aber nicht gleichgltig
mehr, ber die wachsenden Versunkenheiten des verachtenden, bleichen Poncet
hinglitten.
    Einhart war unter der kindlichen Freiheit Johannas noch vollends wieder zum
Traumnarren geworden. Er hatte jetzt gar keine Leidenschaft ans Leben, als die
Ergreifung dessen, was sich als Gehalt und Gestalt aus ihm gebar. Das
Hinauswachsen im Werk galt ihm alles. Das sonstige Leben nahm er lachend als
Zier und Laune, die sich um seine Kunstarbeit froh herumrankte.
    Bei Doktor Poncet verhielt sich das ganz anders. Poncets Leben war auch
durchaus nur ringende Arbeit.
    Aber was kommt dabei heraus fr mich? sagte er oft verbittert.
    Es war kein Verklren und Finden von sich selber, und von dem, was ihm die
Stunde je gewesen. Poncet hatte allerlei hinausgegeben. Aber der Wind hatte die
Frchte noch immer fortgefhrt auf Nimmerwiedersehen. Er lag ewig im Streite mit
sich und im Harme um sich. Er sehnte sich bestndig, etwas vom eigenen Leben zu
greifen, gelutert, wie die Kunst es zu dauerndem Gensse darbringt.
    Und Poncet sah das Glck und den Glanz, die Einhart um sich und Johanna wob.
Und wahrhaftig, Johanna wuchs jetzt noch mehr zu einem Wunder der Verklrung
auch vor seinen Augen. Poncet konnte in diesen ganzen Frhlingsmonaten nur noch
nagen und sinnen, wie er aus einem leidenschaftlichen, schwelenden Zwange nach
ihr zur Ruhe kme?
    Aber Johanna war innerlich bestimmt dawider gewesen, da man ein gemeinsames
Ziel fr den Sommeraufenthalt fnde. Und Einhart und Johanna hatten also, wie
das Jahr vorher, mit genug ausfllender Arbeit und frohen Launen allein oben am
Meere gesessen.
    In den letzten Augusttagen kam dann doch Poncet nach. Es war eine sehr warme
Zeit. Das Wasser des Meeres lag fast immer spiegelblank, wie eine weite,
silberne Scheibe, ber die die feinen Unruhen des Lichtes und des Windhauchs in
lieblichem Wellengekrusel hinstrichen.
    Johanna war ein wenig erschrocken gleich, als Poncet kam. Es hatte ihn von
daheim fortgetrieben. Es hatte Zerwrfnisse gegeben. Aber Einhart freute sich.
Poncet war unerwartet gekommen. Er kam sanft und entschuldigend, fast ein wenig
demtig gegen Einhart.
    Und die ersten Abende sa man gemeinsam auf dem verbleichenden Dnenhgel am
Strande. Man sah zu, wie die Dmmerungen ber die leuchtenden Wellen
hereinsanken, wie durchsichtige Flre. Man sah, ohne in Minuten Worte zu
wechseln, verloren in den nachtlichtenden Nordschein.
    Und wenn Einhart am Tage malen ging und erhaschen der Welt auf seine Weise,
blieb Poncet in gelehrter Arbeit in der Stube im Fischerhause zurck. Da war
Johanna in kleinen Betriebsamkeiten oder in dem launigen Leben in Wald und auf
den Wiesen dann fr sich festgehalten.
    Johanna mied es noch immer, mit Poncet allein zusammen zu sein.
    Aber das Kindstum von frher war in ihr jetzt doch heimlich ganz
eingeschlafen. Wenn sie mit dem Hirten unter den Schafen plaudernd stand, sah
sie viele Male neugierig nach der Richtung aus, woher Poncet kommen konnte.
Poncets berlegene, verachtende Mnnlichkeit lockte sie sehr. Poncet, der auch
Ruhm hatte. Mehr wie Einhart. Der jetzt einer der Ersten zu gelten begonnen. Wo
Einhart noch immer den Massen nichts bedeutete, die ber seine Bilder nach wie
vor Glossen machten. Auch die meisten Kritiker noch, die an das
Durchschnittliche gewhnt, nie die leidenschaftliche Inbrunst der Seele nach dem
eigensten, erlesenen Glcke erfahren haben. So geschah es, da bald in dem
Zusammensein der beiden mit Poncet allerlei Verstecken aufkam.
    Poncet stand schlielich mit Johanna schon manchmal am Morgen im Lichte auf
der Kleestoppel unter den Schafen, aber nur neckisch und kindlich scherzend noch
immer.
    Dann war doch einmal ein Abend gekommen, der ganz anders war.
    Schon der Tag war schwl gewesen. Gegen Abend war in druendem Zuge vom
Lande her ein Gewitter, Sturmvgel kreischend voran, mit grellen Blitzen und
wildem Erdrhnen ins Meer hinausgezogen. Dann lag der Himmel, als die Nacht
begann, wieder wundersam reingefegt und glnzte aus Mitternacht her blutrot
nach.
    Es war gegen acht.
    Einhart hatte gleich versucht, von den auserlesenen Farbenspielen der sich
enthllenden Nachtwelt und ihren langsam erglhenden, perlmutternen, finsteren
Tinten einiges auf Studienbltter einzufangen. Er war deshalb auf der Hhe, nahe
dem bekannten Felsen, sitzen geblieben.
    Johanna, die mit Einhart allein am Meeresstrande gewandert war, lockte es
heimlich zum Meere zurck. Deshalb war sie von dem Felsen lautlos die Schlucht
im Sande, ein wenig tastend, hinabgeglitten und stapfte staunend und geblendet
in der unerhrten, aus sich leuchtenden Dsterpracht von Himmel und Meer und
Dnenstrand.
    Der Dnenhgel, ber den sie schritt, ragte krperlich gro und schaurig
vereinsamt im fahlen Nachtdmmer.
    Das Meer in der Ferne wogte blutrot in grellem Himmelswiederschein.
    Der Himmel darber dunkel gewlbt, ganz doch therklar.
    Johanna hatte lange ohne Hut und mit nackten Fen, weil sie bei Einhart Hut
und Schuhe und Strmpfe hatte liegen lassen, einsam auf dem Hgel gestanden und
trat nur zgernd Schritt um Schritt, in einem unbestimmten, hungernden
Verlangen, den Schaumspielen am Strande nher und nher.
    Aber wie sie so einsam erstarrt aufragte dicht am Wasser aus dem Meersand,
das brennende Auge weit hinausgebannt, schienen die strzenden, spielenden,
schumenden Purpurfluten immer dsterer und dsterer heranzudrngen.
    Das lebendige, treibende Meer duchte sich immer gewaltiger aufzutrmen.
    Unermessene Krpermacht gewinnend, wuchs es dster empor, wie ein grausig
sich nahendes Ungetm.
    Zwischen den glhen Purpurflecken gebaren sich, ewig neu dem Blicke,
hllische, blaue Dunkelheiten, wie schaurige Grnde, die sie bedrohten.
    Drauen in der fernen Dmmerwelt wlzten sich tausend Gewalten in wildem
Begehren. Und tausend Gewalten schienen aus Dsternis herzudrngen vom fernsten
Meersaum in rasender Eile.
    Aufrauschend sich hebend und in Schumen zerberstend, spielten die Wogen wie
bleiche Geister um einen Felsblock, der nher aus den Fluten sich hob.
    Und in Johanna brachen ganz langsam die Halte zusammen. Als wenn sich in
ihrem Herzen Sttzen zerlsten und in dem finsteren Reichtum der drohend
lebendigen Meernacht versnken.
    Die Wogen zu ihren Fen schlrften und schlpften schon um sie, wie wenn
tastende Wesen nach ihr griffen.
    Die Wogen jagten und schumten heran. Aber sie rannen unversehens noch
einmal zurck, die Angst entlastend und wieder noch eine Minute Zeit gewhrend.
    In Johanna zuckte die Bedrohung in jeder Fiber. Das Spiel war um sie
hllischer und hllischer geworden. Es hatte sie ein Frostschauer pltzlich
durchrieselt. In dieser menschenfernen, erstorbenen, purpurglhenden Einsamkeit
stand sie allein. In dieser menschenfernen, erstorbenen, purpurblendenden
Einsamkeit duchten jetzt unzhlige Blutzungen pltzlich sinnbetrend nach ihrem
Kleidsaume zu lecken.
    Mit grausiger Gewalt fing es an zngelnd und lechzend nahe zu wachsen. Die
Blutzungen rings um sie leckten und schlrften und schlpften schon nach ihren
nackten Fen, furchtbar begehrlich. Als wenn ein gewaltiger, unerbittlicher
Riese nach ihr sich mit unentrinnbarer Sehnsucht zu sehnen begonnen.
    Da hatte Johanna sich endlich nach Hilfe umgesehen. Da hatte sie sich noch
einmal mit aller Gewalt gehalten, weil der Himmel darber mit seiner sanften
Rosenrte noch einmal flchtig Trost gegeben. Da ging auch schon ein heiserer
Schrei aus ihr aus in die nchtliche Meerwelt, wie Mven schrill und flchtig
rufen. Da hatte sie auch schon jemand von rckwrts schtzend angerhrt. Da
hielt sie lngst jemand sicher in seinen Armen. Da prete jemand sie an sich,
und prete seinen heien Mund auf ihre bebenden, zuckenden Lippen.
    Johanna log sich vor, da es Einhart wre. Sie gab sich ganz hin.
Leidenschaftlich. Sie wute es lngst, da sie es nun voll geno. Sie wehrte
sich nicht. Der Schrecken hatte ihre Seele ohnmchtig gemacht und innig brnstig
nach einer Kraft, die sie hielte. Und die Kraft war gekommen. Die Kraft hielt
sie jetzt ehern gebannt, da Minute um Minute lautlos zerrann.
    Einhart sa noch immer auf dem Felsen, um die farbige Dsterwelt
einzusaugen. Er kam erst spt zum Strande, als alle Farben verblichen waren. Das
Meer lag jetzt graudunkel unter einem bleichblauen Nachtschein.
    Da kamen ihm Poncet und Johanna laut sprechend entgegen.
    Oh, das httest du sehen sollen, rief sie neckend, schon von ferne. Einen
furchtbaren Schrecken habe ich ausgestanden, sagte sie richtig im bermut. Und
wenn Poncet nicht kam, erzhlte sie dann in allem Ernste, htte ich eine
Ohnmacht bekommen, wie in dieser Nacht das Meer furchtbar aussah!
    Poncet erzhlte sehr gewichtig, da das Gefhl Johannas, in solchem
nchtigen Glutdunkel dem Wogenspiel und dem Himmel mutterseelenallein gegenber
zu stehen, die Seele vllig erschttern kann, und da es sich dabei wohl um das
gehandelt haben mchte, was die Alten einen panischen Schrecken nannten.
    Pan lechzte und zngelte mit tausend Blutzungen nach mir, als wenn die
ganze Nachtwelt ein gruliches Gespenst wre, sagte Johanna ganz eingesponnen
neu in den Schreck.
    Ich habe genau den Eindruck auch aufgefat, sagte Einhart zufrieden
lchelnd, und werde das einmal malen.
    Denkt ihr denn, ich wre umsonst so lange dort oben sitzen geblieben und
htte wie ein Felsen so starr in die seltsamen Verwandlungen hineingeblickt,
wenn es mir nicht darum zu tun gewesen? sagte er noch arglos.

                                       12


Sonderbare Menschen, die in den jungen Tagen im eigenen, summenden Blute es aus
tausend Seligkeiten erhren, aber sobald das Leben mit seinen Erfllungen
begonnen, Schritt um Schritt scheu zurckweichen. Und die dann ewig stehen, den
Blick in die Ferne, gar nicht mehr bereit, das Leben und seine Erfllungen
hinzunehmen, anders, als mit bitterer Verachtung. Und die immer neu zum Leben in
pltzlichem Lustflackern sich hinwenden, immer tiefer enttuscht und immer
herrischer erregt gegen den Trug aller Trge.
    Solche Menschen sind wie heie Glutsttten, in denen innige Brnde doch nur
schwelen, solange keine leichte, frohe Hand ihre Feuer beschwrt und ihre Asche
lockert. Und aus denen es, wenn eine hohe, liebende, sanfte Frau zur Opfersttte
solchen heimlichen Erharrens getreten, emporbrennt wie ein Blhen. Der Harm ist
zerstoben, wie noch ein wenig Rauch unter Flammen und Funken. Eine neue Jugend,
scheint es, blht. Eine kstliche Flle reiner, stolzer, lodernder Feuertriebe
whnt sich das kranke Herz dem weihenden Blicke offen.
    In solcher Menschen Tiefgrund klingt ewig die Mythe von der Erlsung durch
die Liebe. In jede neue Phase ihrer Weltverachtung nehmen sie diese einzige,
sichere Verheiung mit, trumen immer neu den groen Traum, erharren und
erhoffen neue Entfaltung. Denn jedes Menschengemt auch, wie der Rosenstock und
die Feuersglut entzckt sich im Entfalten und sich Darbieten. Und nie sind
grere, letzte Erfllungen, als sich weit und frei auftun und sich hingeben
drfen von Seele zu Seele.
    Aber vielleicht ist das im Truge Leben der letzte, tiefste Trug! sagte oft
Poncet.
    Mit solchem Zweifel in der Seele ist es nicht gut, einem andern Freund sein.
Flchtig sind die goldenen Fden, in denen Baum und Frchte am Sommerende
eingesponnen. Sie zerreien leicht vom leisen Windhauch. Die goldenen Bltter,
vom Lebenszweifel unversehens gelockert, wehen hin. Es gibt kahles Land und
astkahle Bume, vom Winde zerweht, und kahle Seelen von der Verachtung verarmt.
Und immer ferner verklingt solchen Seelen das sanfte, heilende Wunder.
    Auch das Weib ist nur eine Verheiung, die sich selbst zum Truge geboren,
sagte Doktor Poncet. Und unter jeder Herzflamme, von Himmelsbrnden voll,
lauert der leere, finstere Abgrund, lauert die Zeit, und lauert das
Sich-selbst-entfhrt-werden, wie Blatt um Blatt der Baumkrone im Winde.
    Doktor Poncet war immer zernagt nach dem Weibe. Er war als Jngling ein
Menschenschtiger gewesen. Er hatte berall hin mit Schwrmerblick neue
Glckslehren gebracht. Er hatte auch, wie alle groen Schwrmer eine Zeit
whnen, es einmal ganz gefunden geglaubt. Er hatte das Leben nur zu sehr
geliebt, wie er es noch trumte. Und Schritt um Schritt hatte das Wirkliche
gegen ihn gestritten.
    Wenn man ihn genauer htte einsehen knnen, das heie, heimliche Erlebnis
seiner Seele seit Jugendbeginn, so htte man einen weiten Traumgarten gesehen,
worin der Wolf Wirklichkeit immer neu alle Blumen geknickt und alle Bume
umgebrochen.
    Die Leidenschaft war immer hei gewesen. Ein Weib berhren, galt schon dem
Jngling als verzehrendes Leiden. Allmhlich hatte er die Liebe und alles Ding
in der Welt kuflich und zur Gewohnheit und Notdurft erniedrigt gesehen. Er
hatte sich immer wieder in unbegreiflichem Zwange hingeworfen. Die Gewohnheit
Ehe, die Gewohnheit Kinderliebe, die allzu reiche Flle Wiederkehr auf allen
Wegen, da auch die Leidenschaft, die sich ein hchstes Wunder whnte, sich an
Ecken und Enden profan gebrdete, da das entzckteste Preisen der Seele nur
Worte, nicht Wahrheit, nur Flucht, keine Dauer darstellte, das hatte er lngst
in sich genommen und trug mit solchem entweihenden Grundakkorde sein armes
Leben.
    Und immer wieder war fr ihn doch neu die Rtselblume des Hungers nach dem
Weibe vor sein Auge emporgesprot. Er mute jetzt Johanna zu sich locken. Er
mute neu an die Erfllungen glauben. Er fhlte es wieder wie eine Erlsung. Es
duchte ein ehernes Gesetz. Unentrinnbar. Er mute.
    Und Doktor Poncet war ein zersetzender Liebhaber. Als der Winter in der
Stadt dahinflo, fhlte sich Johanna ganz verstrickt.
    Einhart liebte Johanna mit sanfter Gte. Er hing an allen ihren
Handreichungen. Er liebte ihre junge, frohe Gestalt. Er hatte jeden Zug ihres
Wesens in seinen Bildern licht gemacht. In ihm ruhte sozusagen und wuchs das
Bild, das sie sich selber geworden war.
    Der Mensch selber wei so wenig, was er an sich darbietet. Und unversehens
kommt einer herzu, der ein Lied zur Dauer aus ihm anspinnt. Da hrt sich die
Seele pltzlich klingen und will es kaum glauben, da so das Lied des eigenen
Lebens hallt.
    Johanna ging wirklich ganz im Wundergewande, das Einharts Reichtum ihr wie
einen Zaubermantel umgewoben. Aber um so mehr lockte sie jetzt der verzehrte
Glutblick des armen Heinrich.
    So geschah es, da Johanna das Blut glhen fhlte, wenn sie den arglosen
Einhart mit Poncet zusammen sah. Poncet kam jetzt auch, wenn Einhart nicht
daheim war. Man besprach sich heimlich und traf sich heimlich. Poncets Liebe war
hart. Seine Illusionen waren flchtig. Es griff das Gerippe des matten
Unglaubens gar zu hart durch das weiche Fleisch seiner Begehrung. Er hatte es
oft in den Fingern zucken wie herrische, bse Laune, sobald die Phantasmagorie,
die sein Begehren geweckt, in der Erfllung untergesunken. Aber je jher die
Hrte seines Wesens und seiner Enttuschung aufquoll, desto jher und schtiger
wurde ihm Johannas Wesen Untertan.
    Die Liebe Einharts war eine zrtliche, sanfte, frische Weise. Grade in
Einharts Wesen lag Liebe und Begehren wie Heiterkeit. Auch im Rausche der Sinne
spielten die Genien um das Lager zweier Liebenden. Jetzt in den Wintermonaten in
den heimlichen Beziehungen zu Poncet gewann Johanna einen Zug fremder
Schicksalshrte in ihren Blick.
    Einhart begann ihre Seele langsam durch zu schauen. Zuerst hatte er Johanna
noch in arglosem Scherz mit einem Satan im Hintergrunde gemalt. Und auch, da er
sie als eine junge Hexe im Morgengrauen fortgefhrt, hatte seine Seele noch ganz
ohne Wissen, gleichsam im Traumspiel vorweg getan.
    Johanna verwahrte sich gleich dagegen. Sie fand die Bilder abscheulich. Sie
hing sich an ihn und weinte einmal, und mochte gar nicht sprechen. Sie war sich
heimlich wie erraten vorgekommen. Obwohl Einhart ganz und gar nichts wissen
konnte. Denn alles war noch immer vllig geheim gewesen, was Poncet betraf. Aber
diese feinen, schauenden Wesen, die das Denken gar nicht brauchen, um die
treibenden, Mchte auszuspren!
    Einharts beginnende Wissenschaft scheute gleich vor allem offenen Ausdruck
zurck. Wie er zu erkennen begann, bekam er auch nur seltsame Linien der
Vernichtung in seine gelbgrauen, hageren Backen. Und der Blick seines Auges
glomm in Erstaunen.
    Johanna kam immer zu ihm mit Demut wie Liebe. Sie schien ihm manchmal, wie
etwas abzubitten. Aber er htte zuerst und noch lange seinem Mitrauen keinen
Raum in sich, nun gar Worte geben mgen. Auch zu Poncet blieb er immer gleich
freundlich. Da der ganze Winter ungestrt hinging.
    Erst einmal gegen den Frhling kam es zu einem wirklichen Erschrecken. Da
die Gewiheit Einhart gleich wie eine Kralle anfate. Johanna war schon in
sonderlicher, verschleiernder, erregter Demut und in nicht weniger flatternder
Frhlingspracht mit irgend einer sehr plausiblen Absicht, Einkufe oder
dergleichen zu tun, ausgegangen. Sie war, den Hut frischer Springen von goldenen
Stbchen gehalten ber breiten Dunkelscheiteln, zu Einhart getreten mit
zrtlichem Auge, das nur ein wenig noch unsicher nebenher sich zu schaffen
gemacht, und hatte dann in einer innigen Anwandlung Einhart pltzlich
leidenschaftlich auf den Mund gekt, was sie aus freien Stcken noch nie getan.
    Einhart durchfuhr es gleich sonderbar. Aber er hatte, versunken in die
Pinselstriche fr die groe Tafel, die er fr das Speisezimmer der Grfin Schleh
eben vollendete, die Sache doch noch einmal vergessen.
    Da war der Abend herangekommen, wo sich Johanna noch immer nicht einfand.
Und auch Poncet, der um diese Zeit gewhnlich kam, war ausgeblieben.
    Einhart lebte es pltzlich sicher und mit dem ganzen Wesen, was sich jetzt
im Grunde der Seelen zugetragen. Jetzt zum ersten Male scho auch Entschlu und
Wille auf.
    Er hatte sich im Dmmer in seinen Gesellschaftsrock geworfen und hatte die
klare Absicht, in eine fremde Gesellschaft zu gehen. Da kam Poncet, bleich,
offensichtlich verlegen, erregt die Treppe empor und trat ein. Einhart war stumm
und scheu. Poncet redete zuerst auch nicht. Er wagte auch nicht, nach Johanna zu
fragen. Wie er es doch tat, nachdem er sich das groe Bild Einharts lange stumm
angesehen, gab Einhart eine harte Antwort.
    Du wirst es besser wissen, als ich! sagte er nur, whrend er sich an dem
einsamen Lichte seine Zigarette anglomm, ehe er das Licht rcksichtslos lschte.
Es war eine sehr peinliche Pause, die Einhart und Poncet, beiden gleich, einen
heien Schmerz im Blute zum Aufbrennen brachte.
    Sie waren dann schweigend die Treppe hinuntergegangen, weil Einhart
gewissermaen sich ganz ohne Anwesenheit Poncets zu fhlen schien und seinem
Vorhaben wie allein nachging.
    Einhart wollte um keinen Preis, da jetzt noch gar Johanna dazu sich fnde.
    So schritten sie stumm nebeneinander einige Straen lang, bis Einhart mit
flchtigem Gru in das Treppenhaus der Grfin Schleh verschwand. Er wnschte
jetzt durchaus nur mit dem Rauch einer feinen Zigarette und dem sanften
Geplauder der alten, feinsinnigen, gtigen Frau am Kaminfeuer eine Stunde lang
sich aus den Trmmern seiner zerbrochenen Zutraulichkeit zu sich zu finden.
    Wie er dann heimkam um Mitternacht, lag Johanna schon im Bett. Sie wagte
nicht, ihre Augen aufzutun. Tat nur, als wenn sie fest eingeschlafen und sah
scheu und zrtlich durch die blinzelnden Lider zu Einhart hin, der, die kleine
Kerze in der Hand haltend, im Zimmer sich noch eine Weile zu tun machte.
    Einhart schien ein wenig eingesunken fast. Demtig ging dann und wann ein
Lcheln aus seinen beglnzten Blicken.
    Einhart konnte noch immer lcheln, wenn er nagende Schmerzen hatte. Und auch
wenn er sich recht aus der Tiefe selber sonderbar dnkte.

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Johanna erwachte spt. Einhart stand bereits vor der Staffelei und malte
versunken und mit einem Blick voll demtiger Tiefe. Johanna erkannte an allem,
da seit gestern eine vllige Verwandlung mit ihm vorgegangen. Sie hatte das
Feingefhl, was aus der stummen Geste der Dinge mehr erhrt, wie aus Worten. Wie
es manche Frauen haben und auch manche Tiere. Sie wissen ohne weiteres und
unmittelbar, was die Glocke geschlagen hat. Johanna begriff also pltzlich mehr,
als ihr lieb war. Sie war ein sehr zartes Geschpf voll sanfter Anmut. Die
Eulenaugen waren noch immer gro und voll gtigen Staunens. Das kleine,
schluchzende Lachen konnte nie aus der Rolle fallen.
    Als Johanna die Augen aufgetan, hatte sie gleich gespannt zu Einhart
hinbergeblickt. Und sie betrachtete ihn lange, ohne da er es merkte. Seine
Verlorenheit in die Arbeit fiel lautlos wie ein Schicksal ber sie her.
    Frher, wenn sie erwachte, hatte Einhart manchmal wohl, wenn es Frhling
war, mit Scherz und Spen vor ihrem Lager gestanden. Oft hatte er sich dann
schon eine Weile damit vertrieben, ihre schlafenden Mienen belustigt anzusehen.
Oder bunte Blumen auf dem Kopfkissen um ihren dunklen Kopf auszubreiten und
aufzubauen. Einmal hatte er sich ein Vergngen daraus gemacht, ihren
geschlossenen Augen einen groen Spiegel vorzuhalten, da, wie sie die Augen
auftat, sie sich selber zu eigener Verwirrung vor sich sah und einen Augenblick
nicht recht ihre Lage begriff.
    Das waren so Einharts Neckereien gewesen.
    Einhart hatte so auch die drolligsten Skizzen von Johanna als Schlafende
gemacht, Zeichnungen und in Farbe. Sie sah darauf ganz wunderlich aus. Die
vollen Wimperkrnze auf dem unteren Augenrand gaben ein solches Gefhl von
Schattendunkel in die jungen, schmalen, im Schlafe eigenwilligen Zge, da man
eine wahre Spannung empfand, diese weichen Lider und schweren Wimpern sich heben
zu sehen und die Seele sich auftun. Wie vor eine Knospe voll unbekannten
Blumenlebens gestellt, die bald springen und das heilige Lebensgeheimnis
verraten will.
    Jetzt stand Einhart ganz vertieft vor seiner Arbeit und hatte keine drollige
Miene zu ihr gewendet. Sie sah an der Art seiner Haltung, da in ihm nicht
Freude, da eine Last in seiner Seele war.
    Johanna qulte ein furchtbares Gefhl. Sie lag und rhrte sich nicht. Und
weil auch Einhart seine Stellung in nichts nderte, lie sie die Augen neu sich
schlieen und sank in Halbtrume.
    Es kam ihr pltzlich ein harter Schrecken an. Es duchte ihr, doch noch
wach, als wenn sie eine volle, reife hre aufragte, goldhell in den Sommerhimmel
und voll Glanz. Aber der Himmel wurde eine drohende Finsternis. Und ein
Fegewind, der heranbrauste, ri und zauste sie hin und her und vertrieb
unbarmherzig Korn um Korn. Da sie sich im Treiben der bedrohlichen Mchte
dnner und dnner schien, ein rmlicher Stab und endlich ein drres Nichts.
    Johanna hatte die Augen jetzt wieder fest geschlossen und war in das Nichts
ganz hineingeschlafen.
    Einhart trat zu ihrem Lager, von ihrem Sorgenatem angeweht und aus seiner
Versunkenheit geweckt. Johanna hatte im Schlafe aufgeseufzt. Aber wie er sie
jetzt lange zrtlich ansah, erwachte sie nicht, nur immer tiefer in Trume
gebannt, die ihr vieles sagten, was die Seele sich nicht frei eingesteht.
    Da trumte ihr ein Traum, der wie eine Erstarrung ber ihr stand. Es trumte
ihr, da man ihr das Gewand, die runden, vollen Flechten ums Haupt, ihr ganzes,
reiches Schwarzhaar und ihre Jugendflle und knospende Gestalt, da man ihr
alles genommen. Und da sie irgendwo auf einem einsamen Hgel bar und blo lge,
mitten in einem einsamen Steingerll. Nichts um sie, rein nichts. Nur ein
unendlicher Horizont. Es war offenbar um sie ein Meer. Aber in einer ganz
trostlosen Stummheit. Es war tief lautlos zum Hilferufen. Und Johanna wollte
auch Hilfe rufen. Sie hatte schon gerufen, verhallend. Sie rief wieder, weil der
Ruf erstickte. Und der Ruf hielt sich doch auch gleichsam in der Luft. Der
Schrei war der Schrei der Stille selber geworden, der nun ewig in der Luft hing.
Da begann sie die Angst immer mehr zu pressen. Denn auch die Wellen des Meeres
schienen ganz starr.
    Die lebendige Blutwelle der Schlafenden raste in Johannas Herzen so arg, da
sie sich umwlzte und neu zu sthnen angefangen. Da Einhart wieder mit seiner
ganzen Teilnahme an Menschen und Dingen zu ihr herantrat und sie ansah.
    Aber Johanna erwachte nicht. Der Bann hielt sie wie mit Krallen. Sie war
verdet. Es waren die Blumen und Trume von ihr genommen. So lebte sie es jetzt.
Die schnen Kleider, in denen sie Einhart vor sich hingestellt, die
Gtterzeichen seiner Liebe und seiner Visionen, die waren lngst abgefallen,
weil sie verurteilt war. Es war noch immer niemand um sie. Es war noch auf
demselben den Dnenhgel. Sie war weit fort verschlagen. Sie war es gar nicht.
Es war kein Leben. Nur lebloses Erstarrtsein. Nur bleiches Land. Nur vertrackte
Gebilde von weien Kieseln im bleichen, glhen Sonnenbrande. Brtende
Launenspiele von einem ewigen Gestorbensein. Wie nur Knochen und bleiches
Totengebein lag sie unter allerhand grinsenden Schdeln mitten auf dem Hgel.
Das sengende Licht erstarrt. Die jagende Woge erstarrt. Der Schrei hing erstarrt
in den Lften, bleichend und ganz ohne Hoffnung.
    Ach! - - ach! - - ach!
    Johanna hatte die Augen jetzt wirklich aufgetan und sah in Einharts Blick
und hing sich auch gleich mit ihren nackten Armen an ihn. Denn Einhart hatte
nicht mehr von der Stelle gekonnt, in seinem Verlangen, die Schlafende zu
ergrnden.
    Ach, mein Geliebter! flsterte Johannas erschrockene Stimme, traumbenommen
und sanft flehend, und sie hing sich an ihn, verworrenen Haares, aus der Bleiche
ihres gengstigten Lebens so inbrnstig aufweinend, als wenn Einhart jetzt
gekommen wre, ihr die Zauber, die er um ihr kleines, lustiges Leben gewoben,
wirklich herunterzureien.
    In Einhart war ein Kampf. Eine widerwillige Blutwelle ging in ihm, die
seinen Blick zu ihr starr und weh machte.
    Sinne nicht! schluchzte Johanna hastig. Und sie hatte sogleich seinen Kopf
an sich und an ihre weiche Brust gepret, indem sie Einhart mit aller Gewalt
festhielt.
    Sinne nicht! flsterte sie leidenschaftlich. Es kann besser werden! La
uns bald fortgehen! redete sie in berstrzung von allerhand Bekenntnissen.
Auch du hast es mit verschuldet, selber, sagte sie weinend. Du hast mir
zuerst den Satan gezeigt, und meine Neugier geweckt. Und hast mich nie
zurckgehalten! Mir graust vor den harten Lsten! weinte sie klglich.
Geliebter, ruf mich noch einmal zurck! hilf mir, hilf mir! bat sie und rang
sie. Ich will wieder werden, was ich durch dich geworden war. Ich will meine
Schnheit wieder haben! ich will meine Schnheit wieder haben!
    Einhart war so einfachen und schlichten Anschauens, da er nie dachte, da
die verklrende Liebe der Seele des Andern wirklich eine Elle zusetzt und sie
erhht ber alle, die von dem Geheimnis nichts wissen. Deshalb, wie Johannas
Selbstanklage so ber ihn herfiel, konnte er nichts als verlegene Gte sein. Er
war sanft, wie Moses vor Gott. Er sah durchaus nicht heiter aus, obwohl er doch
lchelte. Er wute es jetzt, was es hie, diese Verzweiflung. Auch in ihm
blutete es. Auch in ihm wollte eine Stimme furchtbar aufschreien, wie der
reiende Sturm, der ste und Bltter tummelt. Es war nichts Ruhiges in ihm. Und
doch streichelte seine Hand die weien Hnde und die weie Stirn Johannas.
    Einhart wute: die Frhlinge der Seele kommen selten. Und wer kann sie
halten? Er wute, da Johanna jetzt eine nackte Berin sich wand nach einem
ewig Verlorenen. Und er begann sanft und treu in sie hineinzutrsten mit leisen
Worten und sie in seine Arme sanft einzustricken. Er begehrte auch nichts zu
wissen weiter. Er redete nur ganz zum Besinnen. Er war so weit gekommen, in
alles einzuwilligen.
    Wir gehen fort, sagte er. Wir gehen ans Meer.
    Er war, wie sie dann schon ruhiger erwogen und besprachen, in seiner Art und
Sachlichkeit so tricht, gar den alten, lieben Ort neu in Aussicht zu nehmen.
    Nein, nein! um nichts in der Welt dahin zurck, brach Johanna, noch einmal
ganz in die Erschtterung zurcksinkend, aus, wo alles begonnen. Dort wird mich
jeder Stein und jeder Ast treffen und schlagen. Alles wird mich erinnern und
zermartern. Ich werde nicht mehr am Meere stehen knnen, wo der Bann mich blutig
gegriffen. Der Gedanke daran brachte Johanna geradezu in einen Zornesausbruch
und eine wahre, reiende Inbrunst, da sie Einhart noch leidensvoller wieder
beschwor, ihr zu vergeben, so da ihre Versicherungen der Liebe kein Ende
fanden.

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Eigentlich mten wir uns nach guter Mannesart schieen, mein lieber Poncet!
sagte Einhart lchelnd. Aber Leidenschaften mu der Knstler wohl oder bel
doch einmal anerkennen. Schlielich mu er davon leben, lachte er, wenn sie
einen unter Umstnden auch verbrennen oder zerbrechen.
    Einhart und Poncet besprachen sich mit Offenheit, erwogen das Sinnlose des
Hasses oder auch nur Vorwurfs in ihrer Lage, und da darin die Entscheidung
Johannas allein der Sinn wre, um den es sich handelte.
    Johanna hat sich entschieden, sagte Einhart zu Poncet, als er zuerst bei
Poncet eintrat. Und er sagte es noch ein paarmal dann. Und als die beiden von
Poncet begleitet am Bahnhofe eine Weile noch vor dem Kupee standen, wuten und
fhlten es alle drei.
    Johanna hat sich entschieden.
    So hatte auch Poncet in Gegenwart Einharts Johanna, die mit blassem, scheuem
Gesicht vor ihm stand, die Hand zum Abschied gereicht.
    Der Sommer am Meer verging wie ein hegericher Tag, den milchige Dnste
trben. Man sah nie das volle Licht. Trotzdem lebte man freundlich, ja froh,
kann man sagen. Hoffnungen schwammen nicht wie weie Schfchen am Himmel. Die
Heidehgel erinnerten an viel ernste Dinge. Aber die schliefen im Blute jetzt.
Die Arbeit brachte Ruhe. Johanna war unglaublich sorglich fr Einhart. Einhart
empfand ihre Gte, und da sie den Gram wollte vergessen machen.
    Man hatte sich bei einem alten Kapitnspaar eingemietet. Vor dem Hausgarten
ragte wieder ein verwittertes Holztor im Bogen. Darber blhten auch hier
Heckenrosen. Johanna konnte jetzt stundenlang einsam sitzen, einen Rosenzweig in
Hnden, auf den sie bestndig niedersah. Ihr Dunkelblick schien weich und
kindlich. Vieles war hingegangen. Sie wollte nicht zurckdenken. Man badete
jetzt nicht mehr wie im Paradiese. Einhart trieb Kurzweil und versuchte aus dem
Ernst manchmal herauszukommen. Keiner gestand es sich ein, da etwas in dieser
Zeit wie verweht schien.
    Einhart war eifriger wie je. Er unterhielt sich oft mit dem Kapitn. Er
sprte Seemannszauber und allerhand Meersagen nach. Der Alte wute mancherlei.
Er erzhlte von Meerfrauen, und da manche von ihnen in Meervgel verzaubert
wren. Er sagte auch, da alle Meervgel eine ewig sehnschtige Seele besen,
und da immer ihre Rufe sehnschtig klngen.
    Ja, was ist Sehnsucht?! sagte dann Einhart, sehr ins Nachsinnen verloren,
den des Alten Weisheit innig entzckte.
    Ja, mein lieber Herr Malersmann, erwiderte dann der weibrtige,
breitbeinigstehende Kapitn, wie soll ich Ihnen das wohl erklren? Sehen Sie,
wenn ein Mensch nicht Sehnsucht hat, ist er eben ein langweiliger Schmeerbauch,
sagte der Alte listig und zog dabei seine gelbe Weste straff, um seine zhe
Leibesgestalt zu zeigen. Ich bin immer hbsch mager geblieben. Und hatte immer
brennende Sehnsucht nach tausend Dingen drauen. Nun gar, wo ich nicht mehr zur
See fahre. Brennende Sehnsucht! Was Sehnsucht ist, wollen Sie von mir wissen?
Sehnsucht, das ist berhaupt der Lebenstrieb sozusagen. Sehnsucht - - ja - - das
ist berhaupt die Begierde nach dem wahren Leben. Sehnsucht, das ist das einzige
Zeichen, da man noch nicht erstarrte, sozusagen! Na berhaupt, wer wohl sagen
knnte, was Sehnsucht ist? sagte der alte Jens mit Nachdruck.
    Aber Einhart begriff trotzdem, was Sehnsucht ist. Johanna begriff es auch.
So standen sie oft unter dem Holzbogen und den hngenden Rosen, die den ganzen
Juli und August blhten.
    Und wenn sie mit dem alten Kapitn im Segelboote gegen Abend auf die
spiegelnde See hinausfuhren, fhlten es beide heimlich noch mehr. Es war ein
wahres Entzcken fr Johanna und Einhart, so hinzuschieen ber das drngende
Wogenspiel in die hereinsinkende Sternennacht. Man hatte die Augen weit in die
Ferne und hoch in die Nacht gewandt. Man sah nach rckwrts die silbernen
Flutgarben rieseln. Man lehnte sich im Teerkittel an die Bootsplanke zurck,
weil das Fahrzeug jenseits fast ins Wasser strich. Man sprach kein Wort. Man
hrte die Wellen rauschen und gluckern und zerbersten. Und manche Woge kam
unschuldig drngend heran, ehe sie mit Gewalt an Einhart und Johanna
heransprang. Da man das kleine, schluchzende Lachen Johannas mitten in das
Wasserschumen hrte.
    Einhart hatte dann wohl einen Schmerz heimlich dabei, weil das Lachen noch
immer klang wie frher. Nur da es jher abbrach, wie sich ebenfalls an etwas
Vergangenes erinnernd. Es war eine Zeit, die halbgefhlt forteilte. Und die
Sehnsucht ging und kam ungesehen.
    Dann kam es auch, da Johanna am Ende dieser Zeit zu krnkeln begann. Sie
war ohnehin immer sehr zart. Und die allzu krftige Luft am Nordmeere hatte ihr
zuerst schon den Schlaf geraubt. Einhart war sehr bse immer, da sie nicht
gleich alles tat, um zu Schlaf zu kommen. Aber sie war darin unverstndig wie
alle Frauen. Und sie hatte also die kleinen Mittel, die er manchmal anwandte, um
zu groe Regsamkeit einzuschlfern, immer noch bittend ausgeschlagen. Bis auch
groe Appetitlosigkeit und eine nicht ganz natrliche Sanftheit kam.
    Johanna war gegen das Augustende wirklich in einem Zustande von Schwche.
Auch ein leichter Husten plagte sie. Einhart versuchte jetzt alles mgliche. Er
lie Frchte und Leckeres kommen. Auch Frau Kapitn Jens, die an einige
Heilmittel felsenfest glaubte, versuchte zu helfen. Sie hatte sogar einen alten
Fischersmann mit einer mchtigen Hakennase und Lederbacken voll harter Stoppeln
und harten, langen, schwieligen Hnden zum Besprechen der Krankheit einmal
heimlich und sehr feierlich an Johannas Bett treten lassen. Nichts hatte
geholfen. Der Sommeraufenthalt endete schlimm. Man konnte mit knapper Not in die
Stadt zurckfahren.
    Der Brief Einharts an Poncet, worin er ihr Kommen ankndigte, klang schon
sehr sonderbar. Einhart schrieb, da er nicht wte, was denken? Da Johanna
einfach nichts mehr wre, ganz und gar nicht mehr Johanna, nur ein Schemen von
Johanna, nur ein bleiches, liebliches Schemen.
    Nun, wie sie dann ankamen, Johanna in viel Kissen gebettet, da sah auch
Poncet, da es die einstige Johanna nicht mehr war. Sie lchelte ihm sehr
freundlich zu. Sie reichte ihm die kleine, welke Hand wie einem guten Freunde.
Poncet war ganz nur Gte und Erschrockenheit, und seine Art jetzt hatte
Wahrhaftigkeit genug. Das sah Einhart.
    Und Einhart war kein Mensch, der sich dnkte, Snden vorwerfen oder vergeben
zu knnen.
    Wir alle begehen sie, ein jeder auf seine Weise. Und vergeben tut sie der
Tod und das dahinter, sagte er.
    Eine Schuld gegen mich, lieber Poncet! sagte Einhart, wie Poncet sich noch
einmal wieder vor ihm allein seiner langen Heimlichkeit wegen anklagte. Das
Aufrichtigsein! - - ja, ja! - - wenn das immer so einfach wre, und die Seelen
nicht doch manchmal wie harte Mauern. Aufrichtigkeit! natrlich - sehr schn! es
ist immer eine hohe Forderung. Eben weil sie oft gegen manche mchtigeren
Umstnde vergeblich streitet.
    So hatte Einhart tatschlich alles Vergangene noch vollends gegen Poncet in
Vergessenheit gebracht. Und Poncet und Einhart waren wieder Freunde, und wie
Freunde um Johanna. Und Johanna sa bleich und abgemagert in ihren Betten, hatte
ihre Eulenaugen jetzt wie eine kleine Hungrige aufgetan und konnte beide
manchmal aus einem langen, lautlosen Insichsein pltzlich seltsam anlcheln.

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Einhart schaute die Seele der Dinge. Und er kannte keine Gebote und keine
Verschuldungen. Er sagte es immer wieder, da die Seele der Dinge alles
Geheimnis einschlsse, unbegrenzt und frei. Und da nichts weit und grenzenlos
bliebe, auch im Menschen, wenn nicht seine Seele.
    Das ist ein groer Geist, konnte er von dem oder jenem sagen, der sich in
der Kunst ausgesprochen, und eine kleine Seele.
    Der Geist ist immer Sklave, sagte er. Die Seele ist das Ungebundene in
uns und berall.
    Er sagte auch: Dein Geist und deine Entschlsse und dein Wille und was wei
ich? flattern wie Mven ngstlich, und halb eigen, halb von irdischen Winden
getrieben, ber das groe, freie, unbegrenzte, wogende Meer Seele.
    Und er lchelte auch immer und sagte: Wo wir Schauenden und Schaffenden es
schpfen sollen? Dort, wo die groen Ahnungen anwogen und unsere Ufer bedrngen.
Und wer knnte wohl sagen, welche treibende Woge?
    Seele schaute er. Die Welt ist Seele, sagte Einhart. Er philosophierte
aus seiner Herzschau.
    Die Welt ist Seele. Nicht, wie die Alten gesagt: die Welt ist Vernunft.
    Gar nicht Vernunft ist sie, sagte Einhart. Nun gar das, was wir mit dem
Gran Rechensinn, dem Verstande, knnen und erkennen. Diese Triebe sind die
schlimmsten Flchtigen, die begrenzter noch wie Mven und kleine Seeschwalben
flattern, nur hinschieen auf den Bissen und dann verjagt sind, morgen schon
andere.
    Nichts dergleichen! sagte er, nur Seele! das weite, tiefe, wogende Meer.
Die groe, grenzenlose Flut. Auch in uns ist Seele allein die Kraft und allein
die Erneuerung. Wenn wir von unseren Erstarrungen uns wieder jung waschen
wollen, wohin sollen wir tauchen? In unsere Seele.
    Einhart erschaute sich immer mehr das mchtige, reiche Unbekannte in sich
und der Welt, aus dem alle Frhlinge wie eine flchtige Phantasmagorie
auftauchen, und alle Schnheit in Leib und Auge, und alle Liebe ins Blut.
    Und Einhart schaute Seele und war Seele.
    Das konnte man in der Zeit erleben, wo Johanna in dem Winter daheim sich
ganz und gar nicht erholen konnte. Auch Poncet htte es jetzt voll begriffen,
wenn er es nicht schon gewut htte. Poncets Organ war gemeinhin immer das
Wissen, womit er sich viele Menschen und Dinge scheinbar nahe brachte, und das
Einhart tatschlich nicht kannte. Aber Poncet liebte jetzt die Weise, wie
Einhart mit der Seele der Dinge und der Menschen umging. Poncet hatte lngst
auch angefangen, sich zu sehnen, ins Meer der groen Ahnungen einzutauchen und
aus aller engen, irdischen Notdurft heraus dem ursprnglichen Quelleben sich zu
nahen.
    Einharts Wesen war in diesen Wintertagen voller gttlichen Frohsinns. Er
htte knnen auch traurig sein, ergriffen von dem Anblick Johannas. Johanna war
bleich wie ein zarter Engel. Sie hustete viel. Ihre Hnde waren wie weie Hnde
einer Heiligen. Ihr Lcheln war ein wundersames Aufflattern, krperlich schwach
und gebunden, wie ein verschlafener Falter im Winter, der, vom Sonnenstrahl
aufgeweckt, hastig flattert, nicht um zu fliegen. Aber Einhart war nicht
traurig.
    Johannas Bett stand im Atelier fast mitten. Sie sa in feinen Kissen, wei
in feine Spitzenleinen gehllt. Ihre Eulenaugen waren im bleichen Gesicht noch
tiefdunkler und sehr gro. Und man fhlte, da ihre Seele viel ruhelos
schweifte. Eine groe, unbegrenzte Frage sprach aus ihrem Augenglanz. Die Wangen
waren abgezehrt. Der Mund rosig und blank. Wie Perlen die kleinen, jungen Zhne.
Und das Lachen oft nur abgerissen, jh. Wenn auch die Seele aus den Augen noch
fr sich lange wie verlegen zu lcheln schien.
    Einhart lachte zrtlich um das Bett herum. Er mute seine Staffelei so
stellen, da Johanna alles sah, wenn sie neu aus ihrem Hindmmern die
neugierigen Blicke auf der Leinwand ruhen lie. Das war durchaus ihr Wunsch.
Einhart malte jetzt allerlei Schalksgeschichten voll bunten Lebens.
    Und wenn Poncet hinzukam, stand er oft lange neben Einhart stumm. Als wenn
er es erhren knnte jetzt, so duchte es ihm, wie in Johanna die Mven und
Seeschwalben der Wnsche und des Wollens immer noch hinflogen ber eine weite
Wogenwelt, nur jetzt rein geworden, wie aus der Gttin Hnden aufgeflogen.
    Einhart war immer arglos heiter auch vor Poncet. Nur wenn der Arzt kam,
begannen sich in den fragenden Augen Einharts tiefe ngste zu erheben. Aus
seinem Dunkelblick konnte es auch wie Trotz manchmal aufspringen, wenn Johanna
schlief, und er mit Poncet allein einen Augenblick die Zukunft erma. Da war
Hrte und Anklage in jhem Aufwallen und Verwnschung um eine hinschwindende
Seligkeit in ihm flchtig lebendig, mit ngstlichem Sorgenblick nach der
Schlafenden hin.
    Poncet war in solchen Zeiten der Trstende. Er log dann sogar. Er meinte
noch immer, da der Frhling es bringen knnte, was der Winter versagte. Poncet
erwies sich in der Zeit als Freund. Er, in dem immer noch nicht die Schuld ganz
getilgt war, da sie manchmal in ihm heimlich aufbrannte und sein Wesen in eine
fremde Sanftheit in dem leise durchatmeten Raume wandelte.
    Einhart sagte oft zu Poncet heimlich: Ist Johann nicht schon wie eine
Vergessende? Rein und grenzenlos? Ihr Lachen klingt mir manchmal, als wenn es
von jenseits des Meeres noch zu mir drnge. Ich knnte weinen und lachen
zugleich, wenn ich es hre. Ich knnte bestndig sitzen und harren auf diesen
berwindenden Laut.
    So war es. Johanna zog schon hinaus. Sie zog schon mit hohen Masten auf dem
weiten Meere und konnte ferne sehen und tief hinein ins eherne Klare. Sie war
nicht zurckzuhalten. Es konnte wie ein Prunken hart aus ihren Worten die
Wahrheit gehen. Und wie ein Festzug aus ihrem Gefhl ihre Losgebundenheit von
allem. Obwohl sie immer leise und lieblich sprach, nicht laut. Solche seltsame
Gehaltenheit drang aus ihr auf. Aus ihren Trumen manchmal, auch aus bloen
Trumereien oft, die Einhart und Poncet gleich unbarmherzig anrhrten wie eisige
Geschenke.

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Und solche sonderbare Zeichen kamen immer mehr. Johanna war gegen den Frhling
viel wach mit weiten Augen. Sie redete viele Dinge ohne alle Scheu. Das war fr
Einhart allmhlich noch eine rechte Prfung.
    Wenn Johanna Einharts Hnde manchmal in ihre schlanken, bleichen, kaum noch
schweren Hnde nahm, sann sie allerlei Geheimnis nach, besonders dem Laufe ihres
eigenen Lebens. Sie war in solchen Momenten eigentmlich streng. Sie fragte
dabei nach niemand, der hinter ihren Erkennungen zurckblieb.
    Einhart hatte jedesmal, wenn in Johanna solche Anwandlungen aufkamen, ein
Gefhl, wie wenn eine ganz Unbekannte und Fremde vor ihm lge. Ihre Hnde
hielten sich bleich und hei in seiner Hand, und die Pulse hmmerten sichtlich
in den feinen, weien Schlfen.
    Einmal hatte sie zu erzhlen begonnen und hin und her zu sprechen von
Poncet.
    Am Meere hat es begonnen, sagte sie ganz hart.
    Einhart hatte nur gedacht, da sie die Krankheit meinte.
    Wie sie es an Einhart merkte, weil sie jetzt auerordentlich schwach war,
da er die Worte nur gleichgltig hingenommen, versuchte sie lauter und
deutlicher zu sein.
    Nicht doch! sagte sie ein wenig unwillig. Ich meine das Jahr vorher! Die
Nacht! Ich meine doch die Nacht, wo du mich einsam am Meere gelassen. Wo du auf
den Felsen stiegst, um zu malen. Wo ich mutterseelenallein auf dem Dnenhgel
stand und dann ans Meer ganz nahe herantrat, wo die tausend Blutzungen nach mir
leckten. - - Hu! sagte sie noch, wie sie eine Weile geschwiegen.
    Einhart wute noch immer nicht recht.
    Du kannst es mir glauben, da es erst damals begonnen! sagte Johanna jetzt
ganz eindringlich.
    Ja, ja, an den Abend erinnere ich mich, sagte Einhart beteiligt. Ich wei
schon. Wo ich die Skizze in Purpurfarben malte und dann zu dir ans Meer kam.
    Nein, nein, du kamst nicht. Du kamst ewig nicht. Das war es. Das dstere
Meer war unsglich in seiner Pracht. Unsglich in seiner herandrngenden
Begehrlichkeit!
    In einer grlichen, blutigen Begehrlichkeit, sagte sie in sich hinein
frstelnd. Alles war blutig und eintnig herandrngend und eindringend. Ich
wre schlielich doch zu dir geflohen, wenn mich nicht jemand im letzten
Aufschrei der Seele gegriffen und meine Lippen lebendig gekt htte, bis ich
wieder eine Menschenseele ganz fhlen konnte. O!
    Einhart war ganz stumm geworden.
    Einhart, sagte Johanna, wutest du das?
    Nein, sagte Einhart.
    Sei mir nicht bse, Einhart! sagte Johanna zrtlich.
    Damals war ich noch gesund, sagte sie in demselben Tone.
    Du dachtest nie an solche Not, redete Johanna dann lchelnd weiter. Du
warst immer nur aufs Verklren aus. Auf die Arbeit. Auf die Kunst. Poncet stand
hinter mir.
    Ja, wer kann sagen, warum es mir so s dnkte, dich zu betrgen mit seiner
Liebe? sagte sie flchtig hin.
    Ach, Johanna! sagte Einhart.
    Weit du. Betrgen ist ein dummes Wort, sagte Johanna heiter. Nein, nein,
das kann ich dir mit aller Bestimmtheit sagen, da ich Poncet bestndig ersehnt
und begehrt hatte. Meine Seele hatte ihn an dem Abend ohne Namen tausendmal
gerufen. Er hatte gar keine Schuld. Nicht die geringste. Ich hatte ihn gerufen.
Wie ich diese wundersamen Dsternisse anstaunte, die mich blendeten und grlich
schreckten, hatte ich nach Einem gerufen, der wie ein Ruber furchtlos sein,
mich stark anfassen und mich sicher forttragen wrde durch die tausend
zngelnden Hllenfeuer. Mich! Mich! Mich!
    Johanna schwieg lange, ehe sie leise lachte.
    Ha, ha, ha, ha, damals war ich noch gesund, sagte sie vor sich hin.
    Poncet mute mich gehrt haben. Mute es gehrt haben, da ich bestndig so
gerufen hatte. Er stand zu rechter Zeit hinter mir und prete seine heie Glut
auf meinen verbleichenden Mund und hllte seine Seele wie einen Mantel um meine
Seele.
    Ja, Einhart! sagte Johanna leise.
    Dann redete Johanna noch leise Worte.
    Deshalb war ich immer heimlich an Poncet gebunden in allen ngsten. Du hast
mich damals nicht gehrt, Einhart. Du kamst viel spter, sagte sie ganz
zrtlich, und als wenn sie nichts gesprochen htte als arglose Dinge. Sie lie
auch Einharts Hnde nicht los. Sie zog die Hnde an ihre weiche, fast vergangene
Brust. Einhart sah heimlich erschttert ins Auge dieser wunderlichen Erzhlerin,
die unter ihren Lebensgeheimnissen hinwandelte und alle verhangenen Bilder in
den Slen ihrer Erinnerung wie gleichgltig enthllte.
    O, du, sagte Johanna einmal ganz pltzlich, glaube mir, Einhart, du und
Poncet seid aus zwei verschiedenen Himmelsstrichen. Du konntest mir nie zu Hilfe
kommen. Aber einmal wird sich dein Kreis auch vollenden, sagte sie seherisch.
Wer wei, auf welche Art?
    Zu Poncet war Johanna immer gleich sanft. Aber sie redete jetzt, wo ihre
Krfte mehr und mehr abnahmen, zu ihm nichts Sonderliches. Und ihre Krfte
nahmen wirklich sehr ab. Rapide sogar nach den Aprilwettern.
    O! Einhart! Einhart! Einhart! rief sie einmal pltzlich klagend und
starrte vor sich hin, mit einem Blick, der kaum zu erwecken war.
    Was ist dir, Geliebte? hatte Einhart ihr zuspringend gerufen, den der
Klang tief erschrocken hatte.
    Aber Einhart kannte jetzt das Geheimnis. Denn alle Dinge sind in dem
Schauenden, wenn ihm ihre Seele auch nur einen Hauch gab. Aus solchem Hauche
wachsen sie auf in ihm zu klarem, vollem Bilde und Leben. Er sah jetzt alles,
wie es immer zwischen Johanna und Poncet gewesen war. -
    Eines Tages stand Einhart, Johanna beobachtend, stumm am Bette, wo auch
Poncet sa. Der Puls Johannas war schwach und klein. Johanna hatte garnichts
mehr gesagt. Den ganzen Tag war sie zu schwach gewesen. Nur als Poncet ins
Zimmer gekommen, hatte sich Johannas Auge ein wenig aufgetan und dann lange nach
ihm hingewandt. Der Husten hatte sie noch geplagt, aber verhltnismig gering
gegen sonst. Und sie schien danach eine Weile auch wieder ganz ruhig und wie im
Traume Zrtliches mit einer murmelnden Lippenbewegung auszudrcken.
    Dann hatte sie mit groen Augen pltzlich aufgeblickt.
    Da, wie Einhart so in die bleiche, ersterbende, aufstarrende Johanna
hineinsah, erhob sie sich immer hher und mit dem weit aufgetanen Auge, wie wenn
eine Nachtwandlerin aufstnde, allein dem Monde noch zugewandt und ganz dahin
gerichtet, woher ihre Seele jetzt noch Licht gesehen. - Und jetzt tastete sie
mit zitternder Inbrunst nach Poncet, seinen Namen mit letzter Seele flsternd,
suchte und suchte sich an ihn zu drngen, seine Lippen hei und verzehrt zu
erreichen und mit dem letzten Atem der Sterbenden sanft anzurhren. -
    Dann lag Johanna zurckgesunken, nur noch ein Hauch, nachdem sie darnach
einen langen, tiefen Atemzug getan, der nicht zu enden schien. Sie hustete nicht
mehr. Alle Unruhe und Krankheit schien von ihr genommen. Die Augen abgewandt,
doch leicht aufgetan. Nach niemand hatte sie mehr gerufen. Nichts mehr begehrt.
Man hatte ihr die trockenen Lippen ein paarmal mit Wein genetzt. Die Hnde lagen
still wie Blumen. Nach niemandem mehr hatte sie sie ausgestreckt.
    Poncet und Einhart, die beide wie erstorben aussahen und frstelten, merkten
bald, da sie vor einer Toten standen. Johanna hatte Leid erfahren, Snde gelebt
und Glck. Die Tote begann lchelnd auszusehen und wie frei schwebend. Einhart
bebte. Poncet staunte in die Augen, die noch immer offen standen und doch jetzt
leer schienen.
    Drcke ihr die Lider zu! sagte Einhart bestimmt, aber verhalten. Nach dir
hatte ihre Seele immer verlangt.
    Die Freunde umarmten sich und standen dann noch lange stumm versunken vor
Johannas Totenbett.


                                  Fnftes Buch

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Es ist lange her.
    Die Zeit steht nicht still, und der die weichen Flgelschlge ihres Wehens
nicht achtet, auch nicht.
    Und es gibt tief im Menschen Einsamkeiten, wie ferne den, darin der Mensch
ziellos umirrt. Und die drauen sehen ihn, und nennen ihn doch noch immer mit
demselben Namen. Es gibt tief in ihm eine Welt der Trauer, wie in
Schemengewndern gehen darin Rtsel um, ewig ist der Blick gebannt in dem Kommen
und Verwehen derselben Dsterwesen, und nach auen blicken noch immer dieselben
Augen mit einem Lcheln voll Gte und Einfalt, das wie bekannt deucht, und doch
nur wie eine Maske eine ganze Welt Verwstung und Trmmer verhllt, wo kein
goldenes Gtterbild ragt, die Sulen zerborsten, die Tempelstufen umwuchert
sind, und das Dach von Geiern umkreischt und den Strmen aus den Tiefen der
Sehnsucht offen.
    Auch in Einhart war es so, da die Geschehnisse und Dinge der weiten Erde
lange nicht den schrillen Laut eigener, einsamer Stille, das Wehen und Jagen der
Rtselgesichte, bertnen konnten.
    Daheim war Einhart trotz allem immer ein ses Wort. Auch daheim war jetzt
verhallt, wie eine Saite, die gesprungen.
    Herr Geheimrat Selle war nicht mehr. Die Schwestern hatten geschrieben. Aber
ehe Einhart herzukommen konnte, war es mit dem letzten Atemhauche des Herrn
Selle am Ende gewesen.
    Nun hatte Einhart nur erst unter einigen Verwandten gestanden, die ihn ganz
fremd dnkten: Mnner der Praxis, einer ein Richter und einer ein Fabrikant, und
einer ein Arzt, und einer ein Geistlicher. Und wie wunderlich! alle auch
untereinander fremd. Keiner dem andern als nur mit feinem Wort und gewohnter
Hflichkeit eine flchtige Minute durch Blick und Geberde verbunden.
    Nur die Frauen dieser Mnner erkannte Einhart wieder. Sie waren alle Mtter
geworden.
    Die Mnner alle sahen Einhart mit Bevorzugung an.
    Auch Rosa, die auermaen sanft war, rund und behaglich schien, streichelte
Einhart.
    Alle waren fr sich und doch auch angesichts der Trauer liebevoll und mit
leisen Tnen.
    Einhart war in einer sonderlichen Entartung aller Gewohnheit. Der Kreis
Mnner und Frauen in dem Trauerhause, darin auch seine Jugendgefhle einst
umgegangen, erschtterte sein Lebensgefhl, wie selten etwas. Einhart konnte so
scheinen, als wenn unter all den trauergeschftigen Menschen, Mttern und Vtern
und den Kleinen, die lngst jetzt unter ihnen heranwuchsen, und die alle in
Dunkelkleidern herumstanden und huschten, er allein ragte, wie ein dunkler,
stummer Schmerz, der aus fremden Augen lchelte. Gar nicht anders war Einhart.
So erlesen und schlank und gehalten. Und wenn er einen ansah, so scharf fassend
mit Blick und Sinn er auch dastand.
    Einhart war innerlich dem unruhigen Treiben um ihn vllig abgewendet.
    Als der Tag der Beerdigung herangekommen, war Einhart nicht zum Weinen und
Wehklagen, weder im Vaterhause am Sarge, noch am Grabe erschienen.
    Der Mann Katharinas, der Geistlicher war, hatte eine tnende, klagende Feier
in dem Sterbezimmer begonnen. Katharina, die streng und fromm geworden, hatte
Gesnge des Leides selbst zusammengesucht. Das Haus widerhallte von
Wehmutsliedern. Die Trnen aller rannen. Und einer jeden dieser zerrissenen
Seelen war unterdessen unbegreiflich geworden, da Einhart nicht unter sie
getreten war.
    Auch dann nicht, wie man den Sarg aus dem Hause und weiter in den
Grbergarten hineingetragen.
    Es war Herbst. Die braunen Bltter trieben sanft um die schwarzen Kleider
und wehenden Flre. Goldene Fden fingen sich berall. Die behaglichen
Muttergestalten Katharinas, Emmas, Rosas und Johannas, eine jede sah sich voll
Schmerz und doch heimlicher Verwunderung auch whrend der tnenden Worte, die
schrill in die milchige Dunstluft des Herbstes und in die dunkelgrnen Zypressen
am Grabe klangen, nach Einhart um.
    Einhart war nicht zu entdecken, so da man, wie man dann ohne den Toten
heimgekommen war, ganz irdisch, mit kaum noch freundlichem Vergeben, ein wenig
ungehalten redete.
    Man wartete dann auch am spten Nachmittag unter den schwarzgekleideten
Verwandten vergeblich auf den einsam fremdartigen Einhart.
    Einhart stand noch immer jetzt drauen in Friedhofsnhe, als die Sonne schon
tief hinabsank.
    Die Luft schwamm in sanften Rubinfarben. Die Zypressen ragten lngst seltsam
schwarz.
    Einhart hatte alle Schuld neu gefhlt, die der Einsame an denen begeht, die
sich nach ihm sehnen. Etwas von dem Sondergefhl heier Begierde, noch einmal zu
der Seele des Toten zu kommen, hatte er empfunden, als er in seines Vaters
Totengesicht gesehen. Etwas von der ganzen Klarheit, da darin ihm, dem einzigen
Sohne, viel Liebe ewig verborgen gewohnt, hatte ihn angefat mit unbegreiflicher
Kraft.
    Da war es gewesen, da er pltzlich ungesehen hinausgewandert aus dem
Trauergetmmel, und da er in dem fernen Eichwalde gestanden, und nicht recht
aus Netzen und Schleiern, die der Tote um ihn gesponnen, mit denen ihn der Tote
mit sich zog, herausgekommen.
    Und wie nun die Erde eine weite Herbsteinde mit blanken Goldgespinsten ber
den Stoppeln dalag, darin mitten der Garten der ewigen Schlfer rosig umflossen
dunkel ragte, da hatte Einhart sich endlich wie in sinnlosem Triebe
herangemacht, eilig zur Grube, die jetzt ein Totengrber mit magerem, grauem
Stoppelgesicht zuscharrte, hatte ihm, dem lchelnden Alten, selber ein wenig mit
scharfem Augenglanz lchelnd, das Grabscheit aus der Hand genommen, sagend, da
er der Sohn des Toten wre, hatte den Alten geheien und mit einem Geldstcke
bewegt, ferne zu gehen, und hatte mit eigener Hand Schaufel um Schaufel auf den
Sarg zu werfen angefangen. Und als wenn er allein dem Toten der rckbleibende
Hter und Sorger wre, ihn sanft und klar in die tiefe Sandhhle zu betten,
worein nicht Sonne noch Mond mehr scheint, hatte er die Erde ber dem Sarge
wachsen gesehen, und den Erdhgel ins Abendlicht getrmt.
    Einhart stand dann lange. Die Schweitropfen rannen ihm ums Auge. Keine
Trne fiel. Die Stirn war glhend hei. Der Blick eilig und innerlich. Einhart
war kein feiner Herr jetzt. Er hatte den schwarzen Rock an den Zaun gehangen und
stand in Hemdrmeln, wie ein Arbeitsmann auf das Grabscheit sich sttzend.
    Es war ganz einsam in dem Grbergarten.
    Auch der alte Grbermann traute sich nicht heran.
    Als Einhart endlich wieder die Khle des Abends wehen gefhlt, war er in
innerem Schauen achtlos fortgehastet ber die verbleichenden Felder, gleich hin
zum Bahnhof und zurck an seinen Ort.
    Es gab eine Aufregung unter den Schwestern. Wie man Einhart gar nicht wieder
gesehen, war man einig geworden, da man es mit einem unheilbaren Sonderling zu
tun htte. Man war gelinde gesagt durchaus enttuscht.
    Die wenigen Male mit uns! und bei einem solchen Anla! hie es, und er
benimmt sich so!
    Einhart fhlte dann zu Hause in seiner Arbeitssttte wieder auch etwas
Liebloses in seinem Handeln. Deshalb schrieb er an Rosa:
    Ich bin ein Einsiedler, geliebte Rosa. Und auerdem bin ich ein Mensch, der
ber gewisse Dinge im Leben nie hinwegkommt. Ich sehne mich immer nach dem
innersten Sinn. Der Sinn ist ein Geschenk, der uns wird aus jeder Trauer, wie
aus jeder Freude. Aber den Sinn hrt nur der, der ganz einig lebt und hinhorcht.
Was mir vorgesprochen wird, tnt mir nur im Ohre, und ist mir wie ein Lrm, der
mich strt im Erfassen.
    Seid nicht bse! Ich hatte an Vater viel abzutragen. Wie wre das noch
mglich jetzt? Aber mit Trnen vor den Leuten erst gar nicht. Ich konnte nur
einsam noch einmal fhlen, da dort unter der Erde einer ruht, der ich selber
bin, und fr den ich sorgen mute, selber mit eigener Hand, soweit hier unter
uns noch fr ihn zu tun mglich war.
    Ihr seid auch desselben Blutes. Deshalb werde ich euch immer lieben mssen.
Es ist ein uraltes Geheimnis, alt wie die Hgel, alt wie Steine. Ich glaube, das
Blut liebt sich selbst. Wer kann sagen, wie alles zusammenhngt?
    Ich fhlte unter euch, da uns das Leben ganz und gar ferne gebracht. Nichts
von dem Trachten eurer Seelen, das nicht bei mir verhallte und von mir bei euch.
Und doch liebe ich euch, als wret ihr ein Bilderbuch meines Lebens, und Mutters
und Vaters. Ich liebe euch sehr. Ich liebe euch wie ein Kind. Und ich werde
euch, wenn ich ein ganz Alter bin, noch lieben, als wre ich ein Kind.
    Das war jetzt Einharts Art und Einsamkeit. Und er arbeitete daheim auch in
den Jahren in derselben Art, wie er an der Grabhhle seines toten Vaters
Schaufel um Schaufel warf, versunken in den Sinn seines Tuns. Und er atmete und
schaute und lie die Zeit ungehrt gehen Jahre um Jahre.

                                       2


Einhart war jetzt ein Mann von einigen vierzig Jahren. Er stand ganz allein,
mehr wie je. Ein feiner Herr ging er einher, bekannt unter Freund und Feind
wegen der Fremdheit und Eigensinnigkeit seiner Bildwerke und wegen seines
vereinsamten, eigensinnigen Lebens.
    Eines Winters kam es ihm inmitten seiner Farbentrume, inmitten auch der
Regsamkeit in den Klubs und Koterien der Stadt, in denen er sich manchmal
beobachtend und herumprfend blicken lie, pltzlich an wie einem Wandervogel,
alles Bekannte zurckzulassen und fortzuziehen. Es waren neu allerhand
Zerrissenheiten in ihm aufgebrochen und vieles von seinen Erfllungen zum
Zweifel geworden. Die Menschen um ihn deuchten ihm zu bekannt in ihren Stimmen
und Bewegungen. Und er selber dnkte sich durch sein eigenes, langes Herkommen
eingeschnrt und ermdet. Er verlangte den freien Horizont des Lebens zu sehen,
wie es den Wandervogel fortreit in den Hhenwind. Er wollte weit ausblicken und
aus der Hhe hinab, einmal zu sehen, wo er eine Erfllung fnde, eine Feier,
einen Festtag in die Reihe der eintnigen, einsamen Wandertage, die sein Leben
jetzt lange hingegangen.
    So war Einhart nach Antwerpen gekommen, und wohnte dort am Platz der Grne.
    Hinter den Hausern des Platzes ragt der Dom. Er berwchst mit seinem
breiten Steinleib alle die kleinen Huser rings.
    Der Regen fiel an dem Morgen, als Einhart vor die Tr seines kleinen Hotels
hinaustrat. Der Turm ragte dunkelgrau in die graue Mrzluft.
    Als Einhart eintrat, war es drinnen still, wie im Grabe. Die Dsternisse der
Nischen breiteten sich in Schattendunkel. Die Bilder um den Hochaltar hatten
kaum Farben. Eine kaum merkbare Erhellung ging aus den Fenstern, die gen Morgen
lagen, und schwebte streifig ber den grauen Steinfliesen des Mittelschiffs.
    Einhart war lange dem einsamen Dmmerklang seines Schrittes unter den
Wlbungen hingegeben. Die graue Schattenweite der kalten Raumtiefen umspann ihn,
wie wenn die Stille darin eine Schnheit wre fr alle Sinne. Die marmornen
Altargestalten schienen ihm lebendige Leiber, ragend, um zu antworten, was seine
Seele zu fragen begann.
    Ein Dom! Ein grauer Steinleib mit Zacken und Dach, Zinken und Trmen. In
dessen Hhle sich Menschen drngen mit Gebeten, mit Gesngen, mit Wehklagen, mit
Hymnen zum Lobe. Und den jetzt die ewige Ruhe ausfllte wie mit dem Schlafe
aller erhabenen Herrlichkeiten.
    Hoch oben begannen sich die bunten Lunetten der Fenster am Hochaltar zu
belichten mit blauen und goldenen Scheinen. Die Sulen sprangen aus dem Dmmer
lebendiger fhlbar in die Runde. Die Stimmen vereinsamter Beter gaben ein fernes
Raunen, ohne da Einhart seinen Blick aus der Hhe zurcknahm.
    Ein Dom! Und wahrhaftig in Stein getrmt von Menschenhand! Und wahrhaftig
erst einmal im Traum gesehen von Menschenaugen! Das da steht, wlbt sich wie
Berge, und gibt ewige, stumme Kunde.
    Und es kam Einhart so vor, als ob er aus den Wlbungen und Sulen und
ragenden Gestalten in Stein, und hinaus in Dach und Zinnen und Trme einen Ruf,
eine Anbetung, eine gewaltige Sturmwelle aus Menschenstimmen, eine unerhrte
Macht der Seele lautlos vernhme. Hier schien ihm ein Leib gebaut, dessen Seele
mehr deuchte, als seine Seele, dessen Stimme bandenloser aufklang, als seine
Stimme. Dessen Gewalt ewig stumm und manchmal mit ehernem Munde rufend, sich
belebte, in Strme und Wolken zu hallen, und sich in das groe Rufen der Gebirge
und der Wsten einzumischen.
    Graue, kanadische Schifferknechte traten durch eine Seitentr unter dem
holzgetfelten Chore, darber die Silberflten der gewaltigen Orgel, von Engeln
umflogen, schwiegen, und trappten langsam und verschchtert in die tiefe
Stummheit. Das Angesicht dem lichtdurchstrahlten Dunkelraume des Hochaltars
kindlich staunend entgegen gewandt, warfen sie sich auf die grauen Steine
nieder, bald auch die Hupter tief dem Boden zugeneigt.
    Kanadische Schifferknechte, die im Hafen gelandet waren, harte, rauhe
Mnner. Und doch scheu wie das Wild, auch vor dem Erhabenen nur heimlich
gengstigt, weil immer und immer bedroht nicht von bestimmten Dingen. Sie
beteten in sich eingesunken auf Knieen die kleinen Gebete um ihr enges Leben.
Umhergeworfen in harter Frohn, wie Wellen im Meere, hrten sie nie das groe
Rauschen ber den Wassern, darein ihr graues Leben verschumte. Sie baten:
    Hilf uns! Rette uns! Bewahre uns! Bewahre uns ewig fr uns! La uns nicht
aufgehen!
    Der Glanz vom Hochaltar her fiel eine Weile auch auf sie. Es waren rauhe
Seelen, die oft fluchten im Sturmstreit. Sie waren in Furcht niedergesunken.
    Ein Dom! Wer hrt die Symphonien seiner Einsamkeit? Wer hrt die stumme
Sprache der Steine, aus der weiten, ewigen Seele gespeist, die einig ist ber
unzhligen Menschenhuptern und Menschenwnschen.
    Ein Dom! Kein Kirchenlied! Der steingewordene Ruf des groen Christ. Auch
wenn alle Erinnerung verginge, wird ihn der Steinleib bestndig rufen. Es ist
ein stummer Ruf durch die Zeiten, den die Kanadier noch nicht hren konnten in
ihrer Enge.
    Sie werden die Religion der Furcht abstreifen, wie eine tote Haut. Dann
wird die Religion der Liebe beginnen, die jetzt nur aus den Steinen redet,
dachte Einhart.

                                     * * *

    Dann waren drauen Glocken verklungen, drinnen kaum wie ein dumpfes Klagen
und Surren vernehmbar. Einhart war neu auf die Strae hinaus gekommen. Er stand
in seiner dunklen Art mit geschrftem Schwarzauge um sich blickend. Aus den
Husern und in den Straen begannen Maskeraden zu drngen. Der Regen fiel neu.
Es drhnten ferne Pauken. Es schmetterten Trompeten von einer Ecke des Platzes.
Eine bunte Bande Musikanten strmte trappend daher, hinter der sich ein
unabsehbarer Schwarm in Narrenflittern und Ritterharnischen ergo.
    Einhart hatte die Stille des Domes noch im Ohre wie eine nieausgesungene
Feier. Seine blitzenden Augen sahen jetzt in die bunten Lumpen hinein, in das
Getmmel, in Geschrei und Gelchter.
    Der Tag hatte von nun an keine Ruhe mehr. Zu tollem Schwalle drngten sich
allmhlich die bunten Scharen. Die Menge wuchs und wuchs. Die Hupter schoben
sich wie Wellen im Meer. Die Menge trieb um, wie um Pfeiler an Brcken, Kopf an
Kopf, die Mnder lachend geffnet, in bestndigem Johlen.
    Der Dom ragte still. Die Musikbanden marschierten am Dom vorbei. Die Masken
dahinter durchpatschten die Pftzen. Keiner achtete weiter.
    Sie feiern ein Fest, dachte Einhart vielemale und empfand eine Frage.
    Die hereinsinkende Nacht sah die Stadt in enger, fahler Lampenhelle. Der
Regen rann. Aus Pflastersteinen und Huserwnden nahe und fern schienen Laute
und Lrm, Lachen und wirre Musik ewig zu dringen. Die halblichten Straen und
blendenden Pltze, die unter finsterer Graunacht lagen, die Cafs und die
Wirtschaften waren durchstrmt von belustigten Lrmern. Reihen buntumflitterter
Weiber gingen in tollen Sprngen vorwrts, wie in Prozession. Da ihre Schatten
und Bilder in den Pftzen zuckten, und hinter jedem Weibe sein Schatten
nachsprang wie der eigene Tod. Tumultuarische Gesnge quollen aus aller Mndern
so hart und dumpf, als wenn auch die Schatten traurig hallten. Irgendwoher
grollte fortwhrend wie sinnloses Pochen dumpfer Paukenschlag durch die Nacht.
    Einhart war mit dem Zuge rasender Weiber vorwrts gegangen, die als
grnweie Bajazzi ber die blinkenden Pftzen einhersprangen, dem tollsten Paare
nach, das den Reigen fhrte.
    Aber dann blieb er in einer Nebenstrae stehen, bis der Lrm sich
vereinzelte und dann vllig verebbte.
    Nur zwei junge Frauenzimmer, wie blaue Schwalben gekleidet, tanzten und
rasten im einsamen Halblicht ruhelos umeinander, den matten Laut ferner Musik
noch erhaschend, der irgend woher in dem grauen Straenschlund sich verlor.
    Sie feiern ein Fest, dachte Einhart vielemale und empfand eine Frage, als
er in dem matten Laternenlicht weiterlief.
    Aus einer kleinen Schenke drhnte hart und schrill eine Orgel wie von
Maschinen getrieben. Der Raum war eng, in den Einhart hinein sah. Die Kpfe
drinnen standen wie hren im Felde. Matrosen, Schifferknechte und lachende,
junge Weiber. Man konnte sich nicht umeinander drehen. Inmitten auf kleinstem
Raume vor dem schmutzigen Schanktisch schwang sich ein schwitzendes Paar in Wut
und Lust.
    Einhart war in die Nhe des Domes zurckgegangen.
    Er witterte empor, sah auf, erlste seine Bedrckung inmitten des treibenden
Getmmels durch einen Blick in die graue Nacht.
    Die finstere Nacht hing tropfend ber der Erde, engte die bleichlichten
Menschenwege und gab jedem Dinge und jedem Menschen ihr Schattenzeichen. Der Dom
lag dunkel aufragend. Die Fenster spiegelten mit blankem Schein wie von Feuer
oder wie Silberplatten. Der graue Turm verlor sich in die Nacht. Und aus der
grauen Finsternis nieder hallten ber die bleichlichten Menschentaumel und das
wirre Tosen dumpf und schwer die Stundenschlge.

                                     * * *

    Einhart kam spter auch nach Paris. Welche kniglichen Pltze und Straen!
Da die Menschheit in bekrnztem Reigen durch Triumphbgen und Sulen
hineinziehe in die Grten des Lebens. Da sah er ein Idol hochaufgerichtet ber
der Stadt. Der Mann mit dem Dreisttz und mit untergeschlagenen Armen, in Bronze
ragend, auf einsamer Sule hoch ber die Dcher in einsamer Luft. Einhart wute,
da das der Kaiser der Franzosen war. Der einzige Kaiser. Der heimliche Kaiser
noch immer. Der jedem drunten in der hastenden Menge heimlich diese Worte
zuflstert:
    Mensch! Du! Bist ein Kaiser! Sei khn! Habe Mut! Befiehl! Blicke wie ein
Tiger! Alle um dich sind Gengstigte! Sie liegen vor jedem Idole im Staube! Mach
dich zum Idol! Vergi es nie! So tat ich! Nun stehe ich ber allen! Das ewige
Gleichnis vom khnen Menschenverchter, vor dem ein ganzes Volk in den Staub
sank.
    Und Einhart stand auch an dem Sarkophage aus rotem Porphyr, darin die
Gebeine des groen Triumphators modern. Er sah die zerschossenen Fahnen seiner
menschenmordenden Siege, all die Blutzeichen um ihn aufgestellt. Und die zwlf
groen, weien Engel, die das modernde Gebein bewachen. Und er hrte den
Heersoldaten in stumpfem Brten dort die Reveille trommeln: Rataplan! Mensch!
Sei khn! Habe Mut! Befiehl! Alle um dich sind Gengstigte! Rage auf! Du!
Kaiser! Einziger! Du selber!
    Und Einhart sah dann auf Straen und Pltzen in jedes Auge hinein und hrte
in jeder Seele nur diese eine Stimme.
    Und er stieg auch auf die Trme von Notre-Dame und war wirklich in tausend
Zweifeln.
    Die Dome ragen, dachte er, aber die Chimren treiben ein wirres Spiel um
ihre Trme. Und aus der Tiefe rufen uns starke Stimmen.

                                     * * *

    In Paris war es, wo er zum Schlu seines Aufenthaltes in ein stilles, weies
Haus drauen ber der Seine eingetreten war. Es liegt hoch ber dem grnen Flu
an einem grnenden Hange. Ein Rundbau aus Glas. Licht quillt viel herein. Ein
Garten voll Blumen umschliet seine Stille. Dort innen stehen in glsernen
Schrnken oder auf hlzernen Postamenten tausenderlei Gestalten aus Ton und
Stein. Auf Simsen, offen oder verhllt, ragt dort der Mensch und sein ringendes,
rtselgebundenes Leben als ewiges Gleichnis. Dort sah er Schicksal und letzte
Begierden in Steinen stumme Sprache sprechen. Dort flstert der Traum im
bervollen Flgelmantel der Schlafenden sein nie erschautes Geheimnis. Und die
versunkene, herrliche Athena wirft sich von der Sehnsucht nach einst erfat und
mit Trnen aufgescheucht ber die Trmmer. Dort ragt der stolze Brger, von der
Macht des Triumphators gebeugt. Und das lieblichste Frauenbildnis voll
verborgenen Lebens klingt wie ein sanftes Lied zwischen den harten
Schicksalsvisionen, die aus andern Steinen sprechen. Dort schlafen Paolo und
Franceska wie Lurche im Schlamme der Erde den sinngebundenen Schlaf, aus uraltem
Bluttriebe wie mit Polypenarmen nach einander begehrlich tastend in der
Dsternis des Grundes. Dort - inmitten dieser Welt aus Steingestalten, darin im
Stein ber das einzelne Leben hinaus sich ewige, letzte Verschwisterungen der
Schicksale offenbarten, also da Blcke und Steine rings um ihn Ideen duften wie
Blumen ihre Arome, steht ein einzelner Mensch. Keine zerschossenen Fahnen, keine
Blutzeichen um sich. Seine - einsame - Schau, seine - groen - Deutungen, dem
Erdenklose eingehaucht zum schauenden Erfllen der Stunde, zum Erhren, zum
Erkennen, zum Mitleben aus der Tiefe ins klare Licht, zur Erhhung des
Lebendigen um und um. Ein Einzelner. Kein Triumphator. Kein Bezwinger der
Leiber. Ein Sinnenmchtiger. Auguste Rodin. Ein Sinngebrer. Ein
Seelenbezwinger.
    Auch den Dom hat erst einmal im Traum ein solches Menschenauge geboren.

                                     * * *

    Einhart hatte viel gesehen. Er reiste auch durch Italien. Er sah Rom und
Florenz. Er sah vielerlei Einzigkeiten. Er sah Naturen in heier Sonne, achtete
auf die fremden Blumen und geno die Schatten fremder Bume. Er sah auch die
Schneegebirge ragen. Und Menschen in allerlei Kostmen kreuzten seine Wege. Da
war es, da er sich heimzukehren entschlo, weil er nach der eigenen Welt sich
noch brnstiger sehnte.
    Du erjagst es nicht. Du erjagst nur dich selbst! sagte er.

                                       3


Ein Abend voll sanfter Farbe. Der See weit spiegelnd. Die Grten und Parks am
Uferrande in prachtvoller Flle und Frische, von weichen Milchtnen umsponnen.
So zog der einsame Kahn mit Einhart und einem alten, graubrtigen Schiffersmanne
hinaus in die Nacht. Die Wellen gingen rieselnd und gluckend immer um die
Planken, und der gleichmige Ruderschlag schrob polternd nach, weil die Stangen
sich eintnig in ihren Halten am Kahne rieben.
    Einhart hatte sich in das Boot zurckgelehnt und sah das kleine Fahrzeug mit
dem stummen Alten tiefer und tiefer in Dmmer gleiten. Er sah hinein in die
mchtigen Berggebilde, die aus dem Dmmer des Sees sich in Abendglut hoben und
dann langsam zu khlem Nachtglanz erblichen.
    Der Schiffer sah Einhart oft an, ein alter Italiener. Einhart bat, auf
umstndliche Weise einiges radebrechend, er mchte ein Lied singen. So fuhren
die beiden in der langsam dunkelnden Flut. Die rauhe Stimme klang melancholisch.
Ein Lied voll Glck und Vergehen mute es sein. Der Alte sang das Lied mit
versunkenem Lcheln. Dem Alten war es lange nicht auf die Lippen gekommen. Lange
hatte das Leben kein Lied aus seiner Seele gefordert, nur harte Arbeit und
Sichvergessen. Nun deuchte es ihm gut, da, wenn die Nacht die Schlfte und
Grnde erfllte, wo die Seewasser tief zwischen den Gipfeln und Rcken im
Mittnachtslicht bleichen und dmmern, er aus rauher Kehle seine Tne in das
Glucken und Murmeln und Gerusche der Flut mischte.
    Einhart war auf dem Wege heim.
    Man sah am Mittnachtshimmel schwarze Fahnen wehen. Wetter voll Drohung zogen
ber den Gebirgen. Die kleine Laterne, die man am Kiele des Bootes endlich
erleuchtet hatte, warf einen spitzen Bootsschatten. Und Einhart, der in die
Fahrt hineinsah, mute es scheinen, als wenn zwei helle Flgel sie ber die
Dunkelgewsser trgen.
    Der alte Schiffer kannte die Fahrt. Man mute den weiten See berfahren. Am
anderen Ende, an einem engen Arm, den Gebirgswnde fast preten und erdrckten,
lag ein einsames Gasthaus.
    Aber die Donner aus der Nacht und den Zackengestalten der Berge gegen den
fahlen Himmel fingen zu rollen an. Man hrte ein Herandruen des rauschenden
Regens. Er zerstob bald ber die beiden im Boote. Blitze begannen ferne zu
zucken. Das Wogenspiel erhob sich. Es machte das Boot hastig, wiegte es, belebte
den Gang und warf es auf und nieder.
    Da war das Lied des Schiffers verstummt.
    Die Blitze zckten nher. Die Finsternis ward tiefdunkel. Die Donner
drhnten aus den Schlnden zwischen den Bergen wieder. Es war tiefe Nacht
geworden. Das kleine Licht am Kielende wogte auf und nieder, und die Schatten
des Bootes sanken und stiegen und machten die Wasser voll Dsternis und fremder
Gestalten. Die Lichtflgel zerrissen in Unruh. Schume drngten am Plankenwerke
auf. Manchmal schlugen Wellen in den Innenraum.
    Einhart sah auf das Gesicht, das er vor sich hatte. Furcht fuhr nicht in dem
Boote mit. Der alte Graubart sa als finstere Silhouette gegen das
Laternenlicht, da Einhart kaum noch seine Zge ahnte. Aber es deuchte ihm, da
der Alte noch immer lachte. Sie hielten trotz hohem Wogendrang die Richtung gut.
    Alles Bleichgrau aus Himmelshh war jh verschwunden. Die fernen Lichter der
Ufer waren in Finsternis untergesunken. Es brach weies Feuer aus der samtnen
Schwrze, zngelte wie Schlangen, flo nieder, zerbrach, wie Zersplittern von
Bumen und dumpfes Bellen und Zerkrachen, grollte aufwachend und zerbarst neu in
dumpfe, lautlose Erwartung. Rege und jach krochen die bleichglhen Fden
pfeilschnell in der Finsternis hin, fern und hoch, oder nahe. Manchmal ganz nahe
jetzt, da Einhart sich schreckhaft duckte. Das nchtliche Chaos der jagenden
Wogen und Wolken auferstand ewig in hllischem Schein, den das Sammetdunkel eben
so immer wieder jh verschluckte. Als wenn die Himmel zerbrchen, barsten die
Donner und brandeten und schmetterten unaufhrlich jetzt.
    Bis dann der Regen hart wirbelnd und trommelnd in die tiefdunkle Nachtflut
fiel. Wie Perlen, in Menge ausgeschttet, tanzten und klirrten die Tropfen auf
der finsteren Woge um die Bootsplanken. Und die monotone Weise der jankenden
Ruderstangen hrte man mitten hinein in die tausend Rtselgerusche der Wetter.
    Noch immer in rabenschwarzer Dsternis Blitz um Blitz, wie glhende
Peitschen von Gttern geschwungen. Und wilder, rastloser Wogendrang. Und Grollen
und Rollen in den Schlften, Branden und Verhallen.
    Einhart war Seele und Auge. Und wenn er sich in Wunder verstrickt fhlte,
wurden es Seligkeiten aus Farben. Er sah das Geringste in den Spielen des
Lichtes und der Dunkelheiten jetzt.
    Die Wetter erstarben in tausend rtselhaften Geruschen. Versickernd.
Drhnend in Hhe und Nhe, rieselnd und ungewi.
    Das Boot scho vorwrts.
    Die Blitze schwiegen, nur matte Scheine noch. Die Ruhe nach dem Regenfall
blieb tief. Die Wolken jagten wie schwarze Riesenvgel in Scharen hoch und
lieen ein Stck Nachtther frei, gro, wie ein See, darin zwei Sterne blinkten.
    Da besann sich der Schiffermann wieder auf sein Lied.
    Der Gang des Bootes war noch voll Unruh. Das Lied klang jetzt hell und froh.
    Lichter am Ufer begannen von ferne zu blinken. Eins. Man kam nahe. Noch eins
und noch eins. Man glitt jetzt dem Strande nahe vorber.
    In der Haustr einer kleinen Strandhtte stand ein Weib und warf einen
langen Schatten in die Nacht. Man glitt hrbar. Man sah wieder die Bewegung. Es
ging in Eile. Der Alte sang mit rauher, zitternder Stimme, und beflgelte damit
seine Ruderschlge. Man war Stunden gefahren.
    Einhart war ganz in sein altes, lchelndes Staunen verloren.
    Was war ich, dachte er, so in die Wetternacht eingesunken? Komme ich je
ans Licht zurck?
    Es gingen undeutbare Gefhle in ihm hin, indessen sein Auge frei den Wolken
folgte, die in wechselnder Gestalt gegen grnlichen Nachtther hinjagten.
    Ich? Wer bin ich? So gar nicht bekannt weder dem alten, singenden Manne vor
mir, noch mir selber, noch den Wasserfluten, noch den Wesen im Dmmerkreise,
noch gar jenen Gebirgsgipfeln und Bergzacken, die sich jetzt neu aus den Wolken
lsen?
    Er war heiter, wie jetzt fast immer. Und die Welt und er selber kamen ihm
jede Stunde nahe, wie neue Enthllung. Und er erstaunte neu, wie er dann endlich
unter Menschen trat. Als das nchtige Ufer eine lichte Flche von
silberblinkenden Steinen, sich dehnte. Als Leute mit Laternen sich nahten. Als
sie das Boot und den Graubart und auch den eigenen Menschen Einhart aus der
Nacht herauslichteten. Als er endlich auf den Beinen einherging und sich
leibhaftig wiedersah.
    Es war ein kleines, italienisches Gasthaus am Strande. Aber es ging darin
laut zu. Man spielte in der erleuchteten, offenen Schenkstube und schrie.
Einhart fragte nach einem Hotel hher oben, worein bessere Fremde kehrten. Dort
saen zwei junge Frauen einsam an der Hoteltafel, als Einhart eintrat. Die
gleich aufmerksam nach ihm herber blickten.
    Er war von schier verzehrter Tiefe in dem sicheren Blick seiner Glutaugen,
und ganz sanft und sehr fr sich die ganze Reise. Er mute mit dieser Welt, die
um ihn in Neuheiten aufstieg, Tag und Nacht fertig werden. Das rauhe, zitternde
Lied des Schiffers klang ihm noch in der Seele wider.
    Schon am andern Tage ging Einhart eine freie, sonnige Bergstrae einsam nach
Norden zu.

                                       4


Heimweh ist eine verborgene Urmacht. Wer wei, aus welchem Paradiese der Mensch
ausgetrieben? Eine groe Fremde ist die Welt.
    Und es ist ein anderes, sich in dieser Fremde wissend heimisch machen, also
da man darin seine Wege findet. Ein anderes, aus eigener Schpferfreude dieser
Welt Gestalt und Glanz verleihen, in gttlichem Spiele dem ewigen Heimweh
Ahnungen von Stillung und Erfllung zuzutragen.
    Ist es wahr, da der Knstler aus seinem zutraulichen Hange zu den Wesen und
Dingen dieser einen, weiten Sonnenerdenwelt - er allein - die Fremde der
Erdentage vergessen machte, das starre Staunen und Ergrausen vor den Mchten in
zartes Mitfhlen und Entgegendrngen verwandelte?
    Der Erkenner findet sich zurecht in dieser groen Fremde.
    Aber der Knstler bildete je und je den Trost, verklrte die ewigen Irrtmer
alles Lebendigen in Leidensstufen des Aufgangs, machte aus den Snden der Seele
den groen Preis des Lebens, verriet uns und verrt uns immer neu die innige
Bruderschaft zu Stein und Quelle, da wir in Einden und Felsengebirgen nicht
mehr erzittern, gab den Vgeln unter dem Himmel und den Fischen im Meer Namen
und Sprache und schuf Hoffnungen, da wir mit Augen Paradiese whnen.
    So ungefhr war es Einhart im Blute immer lebendig gewesen.
    Einhart hatte daheim eine richtige Auferstehung gefeiert. Die Zeit der
Wanderschaft, die er ein Jahr mit leidenschaftlichem Sinn betrieben, lag jetzt
lngst hinter ihm. Er war durch die Reichtmer fremder Lnder, durch die Flle
wirklichen Weltschauens mit offenem Verlangen hindurch gewandert und hatte Herz
und Sinne voller Drnge mit heimgebracht. Und Ahnungen genug.
    Und sein Blick wurde reich. Seine Freiheit zu bilden, war gewachsen. Auch
seine Andacht vor dem Geheimnis allenthalben war gro geworden, und seine
mitleidigen Gefhle fr die bermenge derer, die in den Vorhfen ihrer
Sehnsuchten grau in grau wie die zerlumpten Bettelleute vor den Tren der
blumengeschmckten Osterkirchen hoffnungslos harren.
    Alle Dinge weichen zurck in der Zeit. Man wei zuletzt nicht, ob sie einmal
wirklich gewesen? So ist alles Geschehene nur wie ein Bild, das kleiner und
blasser hintreibt und eines Tages nicht ist. Seit Johanna starb, war ein
Jahrzehnt und manches Jahr noch vergangen. In solchem Zeitraum bleichen viele
Dinge. Und die Luft um manche Seele wird khl wie Herbstluft.
    
    Einhart war nicht Kind noch Jngling mehr. Seine Stirn hatte Falten, die aus
der grabenden Verinnerlichung seines Prfens sich lngst tief eingezeichnet.
Seine feinen Lippen lagen streng. Eine tiefe Furche zog sich zwischen der
mageren Nase und den herben Mundwinkeln hin, die seinem Gesicht einen Hauch von
Gram aufprgte, eine unbestimmte Schicksalsbegleitung, die nie ganz stille
wurde, auch wenn seine Augen mit Feuerfunken gtig blickten, und sein Lcheln
von sanfter Einfalt ber die gelbgrauen Zge huschte. Er war ein wenig
grauhaarig geworden. Als er es zufllig entdeckt hatte, hatte er gelacht.
    Einhart hatte Menschen und Dingen gegenber eine vllige Ruhe gewonnen. Er
hatte sich jetzt ein Lebenlang gewhnt, Wesen und Ereignisse zu betrachten, wie
ein berlegener Zuschauer das Getmmel auf einer Stadtstrae ansieht. Oder fter
noch, wie ein leidenschaftlicher Sammler den schnen, blauen Libellen mit Netz
und Nadel nachtrachtet, um sie fr seine Schauksten einzufangen, mag auch
solcher Schnheit eigene Seele dabei verhauchen.
    Einhart war wirklich ein Meister geworden. Wenn Meisterschaft der Name ist
nicht fr ein rundes, sicheres Knnen, sondern fr das zhe Vorwrtsringen zum
eigensten Eigentum, fr die ewig ringende Mhewaltung, also da die Blcke, die
er aus dem Steinbruch brach, manchmal nur halb behauen niederfielen, immer
eigenartig genug, aber oft halb begreiflich zuerst, nicht gleich bekannt und
geliebt und glatt, da sie dem herkmmlichen Gefhl oft trotzten.
    Einharts Meisterschaft lag auch in der Kraft seines Standpunktes. Nie htte
er sich zum herkmmlichen und durchschnittlichen Formwerke je aus seiner Hhe
zurck gewandt, den eigenen Blick voll innigster Verwhnung aussendend, so da
ein Jugendzug in seinen Mienen geblieben, etwas wie Demut, etwas, das wie im
Kinde selber immer noch glubig und traulich das Letzte erwartet.
    Das kleine, weie Haus mit den grnen Jalousien, das Einhart gemietet hatte,
lag vor der Stadt. Sein groer Atelierraum war jetzt mit mancherlei kstlichen
Dingen behangen, feinen, gestickten Seiden und blafarbigen Teppichen. Auch zwei
antike Grabreliefs hingen da. Bequeme Liegesthle standen auf weichen Tierfellen
herum. Und eine Menge gerahmter und ungerahmter Leinwanden waren gegen die Wnde
gestellt oder ragten auf Staffeleien. Ein kleiner Diener, ein wenig zu kurz
geraten in einem sehr langen, blauen Arbeitskittel, Schwenkfeld genannt, der
auerdem sechs Finger statt fnf an jeder Hand besa, ging dienstwillig in Hof
und Werkstatt um. Und eine weihaarige, bebrillte Konditorswitwe versah als
Wrterin Kche und Wohnsttte.
    Und Einhart sah jetzt die Flle getaner Arbeit mit Zufriedenheit an. Er war
verwundert, wie es mglich gewesen, so die Zeit ungehrt hingehen zu sehen und
nicht zu achten. Es dnkte ihn, da er in den neuen Werken sich endlich rein
gewaschen von aller Absicht. Ganz nur der gttliche Zufall hatte gewaltet. Und
der selige Einfall hatte die Gesichte herzugetragen. Er wute lngst, da es
sich nicht erjagen lt. Da die Schnheit auch im schaffenden Leben kommen mu,
einem selber zum Erschauern, wie die geheimnisvollen, kristallenen Spiegelungen
im Wassergrunde hintreiben, indes der Blick verloren in den Waldsee eintaucht.
Es war jetzt wirklich nur in freiem Reigen heran gekommen die ganze Zeit.
    Er hatte allen Ernst vllig abgeschttelt und lebte neu und neu eine Zeit
unmittelbaren Frohgefhles an den Dingen. Die Jahre, die er mit einer
vergrabenen Sucht nach dem Sinn gelebt, deuchten ihm berwunden. Die Bilder, die
er augenblicklich zu einer Sonderausstellung das erste Mal vereinigen wollte,
wrden es zeigen, welchen Weg er genommen. Die Frische seiner Pinselstriche war
berraschend.
    Und Einharts Losgebundenheit von aller berlieferung hatte das ganze Jahr
angehalten. Festliche Gefhle, eine Welt der sonderlichsten Einfachheit, schne
Leiber in freien Bewegungen, einfltige, beglckende Landschaften, darin man
leben mochte wie auf Paradieswiesen, inniges Menschentum in Ausdruck und
Gebrden. Auch manche heimlichen Triebe der Menschenseele offenbarte Einhart in
seinen Tafeln mit seltsam herbem Formgefhl. Er sagte viele Male, da er zu
einer reinen Kindsleidenschaft zurckgekehrt wre. Da er sich von aller Tiefe,
aller Bedeutung, aller Richtung frei gemacht htte zum einfachen Lieben der
Dinge, zu lebendiger Schnheit, zum echten, sonnenhellen Spiele der Kunst.
    So hatte Einhart nach seiner Heimkehr Sommer und Winter lang einsam gelebt
und gearbeitet. Nun begann wieder Frhling zu werden. Als er im Malkittel in
seinen Garten trat, darin, wie er einzog, Rosen geblht hatten, zog ihn jetzt
ein Ruch von jungen Veilchen frhlich an. Er bckte sich und whlte unter
feuchtem, altem Laube kleine, weiche, blaue Blumen, die Lieblinge des
Menschenherzens, ganz ans Licht.
    Einhart stand ewig. Er hielt die Veilchenkpfchen sorglich aufgerichtet ber
der braunen Erde, ohne sie zu brechen. Er ging am Beete entlang Schritt fr
Schritt, allen kleinen, blauen Blumen, die ans Licht drngten, die Last des
alten Laubes fortzurumen. Er sah auch lange in die Ferne hinaus. Freie Felder
lagen nach einer Seite um sein Haus. Der blaukittelige Schwenkfeld stand am
Fenster des Ateliers und lachte verstohlen hinter dem blagrnen Vorhang hervor,
weil er den Meister lcheln gesehen. Die ferne Birkenallee hatte einen Duft von
Dunkelrte gegen den milchigblauen Morgenhimmel. Die braunen Knospen drngten.
    Einhart war noch immer stehen geblieben. Auch als man schon einige Kisten
fr die Frhlingsausstellung auf den schweren Speditionswagen aufgepackt, und
das Gefhrt mit den plumpen Rappen und dem vierschrtigen Kutscher lngst
drhnend um die Straenbiegung verschwunden war.
    Einharts Stirn schien jetzt im Lichte des Vorfrhlings bleich und frei. Er
strich sich einen Strhn seiner Dunkelhaare aus der Stirn.
    Ach du Gott im Himmel! sagte er. Ich vermale das ganze Leben und die
schnste Stunde!
    Schwenkfeld hatte an dem Morgen lange vergeblich gewartet, da der Meister
irgend eine Arbeit vornehmen wrde.
    Einhart sa dann zurckgelehnt in einem Lehnstuhl und rauchte eilig. Und
lief wieder hinaus und sah in die Ferne. Es hatte ihn fast erschrocken, wie er
merkte, da der neue Frhling sich schon zu regen begann. Weil er pltzlich
keinen Ausweg zum Leben offen sah.
    Wie Einhart dann ausging gegen die Stadt zu, wollte er an verschiedenen
Tren pochen. An Poncets. Aber er zgerte. Er wute nicht, wie bei Poncet
finden, was er in dem Frhling suchen ging. An dem Portale der Grfin Schleh.
Aber er zgerte auch hier, weil er wute, da drinnen seine Ahnungen vielleicht
still wrden ber tausend Dingen des vornehmen Behagens.
    So war er zurckgegangen, lief weiter hinaus die Chaussee und dann einen
Feldweg hin, bis wo voll frischen Grns eine schmale Wiese leuchtend dalag,
feucht umweht, hinter einem kleinen Saumhgel voll Jungwald, der auch im Lichte
stand.
    Einige Weidenknorren reckten sich mit Bltenrupchen ber den Bach. Die
Wellen, klar und khl, schumten und gurgelten. In kleinen Gruppen lebten
schlohweie Schneeglckchen auf im grnen Grase.
    Meister Einhart war ein rechter, loser Zigeuner. Hut und Stock hatte er
irgendwo hingeworfen. Er pflckte die khlen, frischen Blumen in seine braunen
Hnde. Er war voll tiefen Erstaunens. Er trug die weien, reinen, kleinen Kelche
wie neue, verschlafene Wunder sorglich in den Hnden vor sich und verga sich
ganz in deren Anschauen.

                                       5


Der Sommer war fr Einhart berreich an Arbeit hingegangen. Nachdem ihn erst die
Frhlingsfeier eine flchtige Weile unttig eingesponnen, und nachdem ihm dann
die Ausstellung seiner neuen Bilder zum ersten Male eine erlesene Auszeichnung
eingetragen, war er mit viel selbstvergessener Laune und Heiterkeit aufs
Radieren verfallen, da buchstblich gar nicht fr ihn daran zu denken gewesen,
aufs Land oder an die See zu gehen.
    Im Herbst noch zu rechter Zeit weckte ihn ein Brief der Grfin Schleh zum
Leben. Sie schrieb:

        Lieber Meister! Kommen Sie! Sie finden liebe Gste. Auch teilnehmende
        Menschen in der Nachbarschaft. Traurige und Frhliche! Und Vlker von
        Rebhhnern sitzen im hohen Mais und streichen rauschend von dannen, wenn
        Sie nahe gehen. Frchte hngen im Obstgarten an den Bumen. Feigen an
        den Spalieren. Und Jung und Alt hat den Glanz des Herbstes in den Augen,
        und goldene Fden um Stirn und Wange oder in den Kleidern. Kommen Sie,
        lieber Meister Selle!

    Der Brief hatte Einhart lachen gemacht. Er hatte dann Finis unter das Blatt
geschrieben, das er vor sich hatte, hatte auch noch um das Wort allerlei
spielende Kinder und lachende Gesichter gezeichnet. Und dann befand er sich bald
auf dem weien Schlosse der Grfin.
    Die alte Dame empfing ihn in einem gewlbten Zimmer zu ebener Erde, darin
die Wnde einfach wei getncht und die behaglichen Mbelstcke mit dunklem
Leder berzogen waren. Auch einige alte, bunte Stiche, Szenen aus dem
Schferleben darstellend, in dunklen Rahmen, erhhten das Bild alteingesessener,
friedsamer Beschaulichkeit.
    Die alte, leicht verwachsene, sonngebrunte Grfin war voller Gte. Sie sa
in einem blaseidenen, weiten Reifrock und griff nach einem Stabe, als sie sich
von dem schweren Ledersessel aufhob.
    Ein gelbfleckiger, mchtiger Bernhardiner stand oder ging gutmtig neben
ihr.
    Die vornehme Frau sprach zu Einhart mit ihrer liebenswrdigsten Teilnahme,
da ihre kleinen, ausdrucksvollen Augen lachten und ihre feuchten, vollen Lippen
lachten. Sie zeigte ihm auch gleich nur ganz nebenbei eine Sammlung edler
Steine, die zufllig noch dastand, das Vermchtnis eines unverheirateten
Sonderlings, kstliche, juwelische Dinge von hohem Werte, ein ganzer Kasten
voll, in Seidenlager eingebettet ein jedes Stck, noch ungefate, seltene
Kleinodien aus aller Herren Lndern. Man trat auch gleich einen Augenblick auf
die Terrasse hinaus, um in den Park und in die alten Silberkuppeln
hundertjhriger Pappelbume hineinzusehen.
    Dann fhrte ihn die heitere Herrin, immer geschftig plaudernd, durch das
lichte, weite Treppenhaus, worin einige Diener herumstanden. Und an den
eisengetriebenen Gelndern hinauf in die oberen Zimmer und Sle. Auch durch den
weiten Rundbau der groen Bibliothek fhrte sie ihn, zeigte und erklrte ihm
dort zwei goldene, indische Gtzenaltre, die einander gegenber an der Wand
standen und die den heimlichen Ton einer tiefen, leidenschaftlichen Andacht
hineinzutragen schienen in die Stille und unter die berflle kostbarer, alter
Bcherreihen an den hohen Wnden. Auch auf einzelne silberne Plaketten, die an
dem blanken, braunen Eichengetfel zwischen den mchtigen Pergamentrcken alter
Handschriften angebracht waren, wies ihn die alte Dame sorglich hin.
    Alles war fr Einhart nur ein erster Hauch von einem eigenen, selbstsicheren
Leben in Macht und Schnheit.
    Man war dabei schon wieder auf den steinernen Altan hinausgelangt, um den
Blick ber purpurrote Beetornamente hinber auf eine weite Wiesenflche des
Parkes zu tun.
    Bei Tafel sa man in einem lichten, gerumigen Saale, dessen Deckengewlbe
und Wnde nur ebenfalls ganz in Wei mit leicht erhabenen, freien Blumengewinden
verziert waren. Einhart hatte seinen Platz neben der Herrin des Schlosses. Sie
zeichnete ihn aus, wo sie konnte. Einige junge Komtessen, die in helle Seiden
gekleidet, warfen dann und wann prfende Blicke auf den neu angekommenen,
zigeunerischen Meister Einhart, der an dem ersten Tage nur zu den schelmischen
Worten seiner lustigen, graugescheitelten Nachbarin und oft auch zu den
Bemerkungen einer alten, gebrechlichen Exzellenz, eines Grundherrn der
Nachbarschaft, der hier zu Besuch war, herzlich lchelte.
    Sonst bequemte sich Einhart gar nicht, aus seiner Stille herauszugehen. Graf
Karol, ein junger Abgeordneter, einer der khnsten Fahrer und Reiter im Lande,
wie die alte Grfin Einhart zugeflstert, hatte es ein paarmal versucht, Einhart
aus seiner Stummheit herauszulocken. Auch Komtesse Helena, eine sehr muntere,
junge Verwandte der Grfin Schleh, die sehr groe und sehr blaue Augen hatte,
und eine leichtwogende Stimme, die auch unsglich melodis kicherte, hatte die
Rede, die Graf Karol ber die Kunst begonnen, fortzusetzen versucht.
    Nichts war gelungen. Einhart war nun einmal unerwecklich geblieben, erfllt
von der kstlichen Reine und Khle des Raumes. Er schmeckte und fhlte heimlich
die atemlose Stille, mit der die reiche Dienerschaft in bunter Livree lautlos
ttig um die Tafelnden umging. Sein lchelnder Blick ging zuweilen achtlos um
den oder jenen, der am Tische sa. Einhart fhlte den Sonnenschein durch die
hohen Bogenfenster ber die vollen Purpurblumen hereingleiten, die in ppiger
Silberschale mitten auf dem weien Tafeltuch ragten, sah das se Licht ber
kstliche Spitzen und Seiden und Federflaume, ber junge, heitere Kpfe und
zarte Schultern flieen und in den Kelchen und Schalen glutrot und weingolden
funkeln und blinken.
    Das alles war Meister Einhart einstweilen Ereignis genug, erfllt und stumm
zu sein.
    Das Gesprch an der Tafel war schlielich ber Einhart hinweggegangen. Man
hatte von dem Bau einer Eisenbahn geredet, die fr die Landschaft in Aussicht
genommen. Und Graf Karol errterte dann mit dem alten Burgherrn hin und her
Vermutungen, die sie ber die Besetzung einiger freigewordener, hoher
Regierungsstellen wechselseitig hegten.
    Nur einmal war pltzlich tiefe Ruhe eingetreten.
    Das war, als die Diener das Wildgeflgel hereintrugen, und der alte,
gebrechliche Burgherr, die Exzellenz, dazu ausdrcklich bemerkt hatte, da ein
alter Mann immer beim Essen sehr sorgfltig verfahren, aber da er beilufig
beim Wildgeflgel um jeden Preis schweigen msse. Es war darnach wirklich eine
tiefe Schweigsamkeit eingebrochen. Da man die sorglichen Tritte der Diener
leise gehrt und dann ebenso schnell allgemein in ein herzliches Gelchter
ausgebrochen war.
    Und ein jeder an der Tafel hatte dann und wann und auch dabei den Meister
Einhart flchtig und verstohlen angesehen.
    Als man nach Tisch auf den Terrassenvorsprung hinausgetreten, waren alle
voll Gte gegen Einhart. Einhart trug ein volles Festgefhl in sich.
    Man stand an eines Marmorschlosses besonnter, weier Terrasse. Frische,
bunte Blumengewinde hingen um die steinerne Brstung und von den Pfeilern
nieder. Die jungen, lieblichen Mdchen reichten in kstlichen Schalen den Tee.
Komtesse Helena bediente Einhart, trug ihm selbst die silbernen Tabletten mit
feinen Gebcken zu und lchelte ihm zu mit Anmut.
    Weithin in Sonne lag das Grn der Wiesen, ragten die uralten Pappelwipfel
und warfen Riesenschatten in die Runde. Man sa bald unter den groen Schirmen,
indes man den Tee einsog, die Sonne warm und stumm glhte, und der blaue
Zigarettenduft sich trge in die Sonnenluft einspann.
    Dann rollten Wagen auf dem schattigen Parkwege her. Es gab eine verhaltene
Bewegung unter denen, die am Tische saen. Dann ein sanftes Begren in die
Ferne.
    Die Jungen alle hatten sich erhoben und liefen vor die Schlofront. Einhart
mit der alten Grfin und die gebrechliche Exzellenz, die sich im Lehnstuhl
zurckbog und sich nicht rhrte, waren allein sitzengeblieben.
    Meine geliebte Nichte, erklrte gleich die alte Grfin. Sie wohnen in
unserer nchsten Nachbarschaft. Komtesse Josepha Renauld, des alten
Landmarschalls Renauld einzige Tochter, sagte sie. Dann nahm sie vollends eine
sanfte Kummermiene an.
    Oh, Meister Selle! Sie bringt eine sehr liebe, sehr traurige Frau mit.
Verena von der Trau. Denken Sie! Diese junge Frau ist kaum dreiundzwanzig Jahre
alt und trgt schon an der sonderbarsten Schickung. Sie hat auf unbegreifliche
Weise ihren Mann verloren. Mitten aus der glcklichsten Ehe. Was sage ich? Sie
lebten wie Kinder. Denken Sie! Durch Selbstmord! Man wird es nie erklren
knnen. Verena ist aus ihrem Erstaunen gar nicht mehr aufzuwecken. Sie sang
frher wunderbar. Reich und fromm klang die Stimme. Sie hatte immer etwas
Seliges im Laut. Und doch auch herb wieder wie der erste Frhlingswind. Oh, sie
denkt gar nicht mehr an dergleichen. Sie lebt schon mehr als zwei Jahre nur so
hin in Meditationen. Meine geliebte Nichte mht sich sehr um sie. Und es gelingt
ihr auch. Es gelingt ihr, Verena wenigstens in der lndlichen Stille
zurckzuhalten.
    So erzhlte die alte Grfin.
    Es ist gar nicht zu sagen, spann sie ihre Erzhlung weiter, welche stille
Schnheit in ihr brannte in ihrer Mdchenzeit. Und welche Erstarrung ber sie
gekommen ist.
    Aber Einhart hatte sich dann erhoben, weil die alte Dame ihre Handarbeit
neben die Teetasse hinschob, um den Ankommenden jetzt auch entgegenzugehen. Und
weil er sich von der Neuheit seiner Eindrcke etwas zu erholen wnschte, bat er,
da man ihm erlauben mge, eine einsame Streiferei in den Park und die nchste
Umgebung zu tun, um, wie er launig zu der Grfin sagte, erst einmal deutlich mit
Augen anzusehen, wo er sich denn eigentlich befnde?

                                       6


Verena war eine jungfruliche Frau, eine schlanke, schwebende Junge in schwarzen
Flren. Komtesse Josepha ging mit sorgendem Blick zrtlich htend um sie. Und
die Gesellschaftsdame, eine alte Baronin, die auermaen verbindlich und steif
und blinzelnd etwas hinterdrein kam, sowie die jungen Herrschaften, die mit den
Ankommenden jetzt auf die Terrasse hinausgetreten, alle schienen in ihren
gemessenen Gebrden anzudeuten, da ein unbegreifliches Schicksal nun in ihrer
Mitte stand.
    Allenthalben hatte die schwebende, schlanke, verschleierte Verena den
Vortritt.
    Auch die alte Exzellenz erhob sich wie erschreckt, als sie Verena vor sich
sah, und kte der Trauernden die Hand, ohne etwas zu sagen. Es schien in diesem
Augenblicke, als wenn eine Heilige mit einer Trauerbotschaft hereingetreten, und
als wenn alle erstarrt wren.
    Um Verena wehte es wie Mrzluft. Sie schien von der Fahrt ein wenig gertet.
Aber gar nicht sonst erweckt aus ihrer tiefen Stille.
    Man hatte bei der Begrung nur flchtig leise Worte gewechselt. Jetzt war
man lange stumm. Alle, auch die Jungen, lauschten sozusagen auf ein erlsendes
Wort, das aus den leichtgereckten, flaumigen Lippen von Verena kommen wrde, die
wie eine Rtseltrgerin aufgerichtet dastand.
    Verena hatte ihren Schleier zurckgeschlagen. Da enthllte sich ein Gesicht,
rosig und streng, wie ein Engel von Fra Angelico, mit einem lieblichen, scheuen,
graudunklen Auge. Es lchelte verloren zur alten Grfin Schleh hinber, als man
sich endlich in die Runde niedergelassen hatte, und die Diener den Ankmmlingen
den Tee zu reichen begannen.
    Dann waren die graudunklen Augen Verenas lange ber die durchschatteten
Parkwiesen hingewandert, wie ziellos, und doch heimlich suchend, und wie wenn es
aus dem warm besonnten Dufte der Aue aufsteigen knnte.
    Ein goldener Tag fing an zu vergehen. Die sinkende Sonne glnzte in Blatt
und Zweigen. Strahlengarben schossen zwischen den Baumwipfeln hindurch. Und
allenthalben in Blattwerk und den hohen Blumenstauden schwebten und zitterten in
der Luft goldene Gespinste.
    Die alte Schloherrin sah oft mit Zrtlichkeit zu Verena.
    Man plauderte allmhlich wirklich. Verena pries den Abendfrieden. Man begann
von fernen, schnen Dingen zu reden. Von den seltsamen Reizen der Tage, darber
die Jahreszeiten Blten oder Frchte, goldene Bltter oder weiche Flocken
verstreuen. Von dem Leben einer Seele hinter allen Dingen und Schicksalen. Von
dem Geheimnis der hier auf Erden unerfllten Schicksalslufe. Und wohin die
Seelen wohl eingingen, die hier ihren Lauf noch nicht vollendet? Von der Liebe,
die wie das Licht wre, nie strbe, nur erlschte, da es wer wei welche
heimliche Macht immer neu erwecken knnte. Verena schien in solchen Meditationen
ber sich und die Welt zu leben.
    Die alte Grfin Schleh hatte fortwhrend einen verklrten, ngstlichen
Ausdruck voll Gte, sah Verena oft von der Seite an, wie gehalten und streng sie
dasa, und war heimlich wie ergeben in den vibrierenden, leisen Stimmton der
Trauernden.
    Verena war dann lange brennend solchen Rtselbetrachtungen hingegeben. Es
lie sie nicht los. Sie beherrschte sanftredend oder auch eine Weile tiefstumm
den ganzen Kreis. Sie sah in jedes der Gesichter um sie manchmal fragend und
grabend hinein, auch wohl unversehens mit einer unsglich jungen Zrtlichkeit,
die wie warme Sonne aufleuchtete.
    Keiner der Anwesenden htte sich auch nur eine Weile von dem Spiel ihrer
stillen Mienen weggewendet. Jeder, auch die jungen Komtessen und die alte
Exzellenz, blickten liebend auf den feinen, roten Mund und in das
blasommersprossige, schmale Frauengesicht. Und alle erstaunten heimlich ber
die Kraft und den Frieden, womit die graudunklen Augen Verenas Harm aussen
konnten und ein hoffnungsloses Ergraben.
    Die Linie ihres Kinnes und Halses, wenn sie den Dunkelschleier noch mehr
zurckstrich und beim sanften Reden den Kopf ein wenig reckte, nahm eine einzige
Schnheit an. Sie ragte dann in ihren schlichten, aschblonden Scheiteln im Raume
gleichsam wie eine heilige Bildung fr sich.
    Als Einhart wieder auf der Terrasse erschien, neigte sich die Sonne tief dem
Horizonte zu. Man hatte sich unter dem Eindruck der Dsternis, die aus Verena
ausgegangen, neu ganz stumm dem Anblick der verquellenden Sonnenfeuer
hingegeben. Man sah die Sonnenscheibe langsam einsinken, starrte der blitzenden,
zckenden Erstrahlung nach und hatte dabei lange geschwiegen.
    Aber Einhart kam ganz achtlos.. Er hatte den Sommerhut in der Rechten und
brachte eine lose Freude in seinen lchelnden, graugelben Zgen. Er grte schon
von ferne heiter und verbindlich. Er hatte zum ersten Male ber die weiten
Ebenen hinausgestaunt, die sich dicht hinter den Gutsgebuden und dem Parke
dehnten. Er hatte in diesem Augenblicke etwas an sich wie von einem fremdartigen
Wanderleben.
    Als ihn die alte Schloherrin vorstellte, sah er mit Funkelglanz seiner
Augen in jedes Auge hinein. Ohne doch zu sehen. So war er erfllt.
    Er begann die Landschaft frhlich zu rhmen und rhmte das seltene Glck
solchen Aufenthaltes. Nicht mit lauten Worten. Mit einer Art, die sich launig
und leise nur hinausgab, vorsichtig die Eindrcke ertastend, aber mit einem
Gefhl der sicheren Frische jetzt aus einer Welt, die ihm deutlich im Auge
stand.
    Erst lange nach seinen Worten hatte er die junge Frau in dunklen Flren neu
angesehen. Da erst begann er zu merken, da er in eine weihevolle Ruhe mit
seiner Freude hineingesprochen. Er sah sich die neu Angekommenen jetzt noch
einmal wie absichtslos behutsam an. Indes er nun auch stumm der gleichgltig
gewichtigen Rede lauschte, womit die alte Baronin die entstandene Pause der
Unterhaltung, ganz in fernliegenden, selbstgeflligen Erinnerungen aus ihrer
Mdchenzeit befangen, auszufllen sich bemhte.
    Und Einhart verga sich dabei ganz in dem Anblick Verenas. Es duchte ihn,
da er noch nie eine solch erschrockene Scheu, eine solche rosige, stille
Heilige mit Augen gesehen. Und da er noch nie ein solches erzitterndes Glck
aus einer Menschenstimme je hallen gehrt, als Verena mit leisem Worte zum
Aufbruch mahnte.
    Er war gleich vllig betroffen.
    Und er ging zurckhaltend und in Gedanken mit bis zum Schloportal, wo die
Wagen standen und warteten.
    Die alte Grfin Schleh schritt auf dem abendbeglhten Kieswege neben Verena.
Man sah, da sie zutraulich zu der jungfrulichen Trauerfrau redete. Die Grfin
sprach von Einharts Kunst. Sie machte Rhmens. Verena erinnerte sich ferne
manches aus des Meisters Werkstatt, das sie frher angesehen. Sie erinnerte sich
wohl auch seines ausgezeichneten Namens. Sie stieg nicht gleich in den Wagen
ein, den der Diener eine Weile geffnet hielt. Man legte ihr einen weichen,
langen Pelzmantel um, wobei auch Komtesse Josepha Verena liebend behilflich war.
    Verena sah erstaunt zu Einhart hinber, der zurckstand. Und weil ihn die
jugendliche Hoheit ihrer Schwermut gleichermaen wie der andchtige Rtselton
ihrer Stimme und ihr blasses, kstliches Haar unversehens hingerissen, fehlte
nicht viel, da er sich ihr pltzlich leidenschaftlich genhert. Aber er stand
doch nur ernst und aufgerichtet und grte nur mit einer fast kindlichen, tiefen
Verbeugung.

                                       7


Einharts Art zu erleben war in diesen ersten Tagen wie immer hei und sonderbar.
Die erste Nacht im Schlosse konnte er lange keine Ruhe finden. Es war eine
stille, ziemlich dunkle Reifnacht, darin die Zweige von der Klte knickten und
fielen. Er hatte lange am Fenster gestanden und in die unbestimmten Dmmer auf
den grauen Wiesen hineingesehen. Die Sterne waren spitz und klein und gaben nur
wenig Schein auf die Erde.
    Und Einharts treibende Erinnerungen kamen in ihm auf und trieben hin mit
zerflieenden Sumen leicht wie Nebelfrauen. Er sehnte sich. Er begann
unbestimmt nach etwas zu trachten und dachte an dies und das, was vergangen war
mit Sturmeseile und zerschellt, wie ein bekrnztes Boot an einer Nebelklippe.
    Das Schlo lag in tiefer Stummheit. Da, hinter den hohen Bumen, die wie
Schattenkuppeln hoch ragten, dehnte sich ins Ungewisse die lautlose Steppe, von
seinem Auge jetzt ungesehen. Und doch seinem Lauschen ganz nahe. Da sie in
seinem Blute wie der ewige Ton einer Muschel sang und summte von der Freiheit,
die dort gebreitet lag.
    Und in Einharts Auge, das sich halbschlieend ein Spiel machte, zu trumen,
stiegen die Dunkelheiten in Gestalt auf und schwanden langsam vorber.
    Einhart stand am offenen Fenster, darein der Nachthauch quoll und wie ein
Ruch von verwelkendem Laube.
    Er fhlte auch, da er ein wenig frstelte.
    Aber die dunkle Nacht, in die er ganz fr sich sengend hineinsah, hatte
tausend Gesichter. Da kamen viele, die gestorben waren und verweht. Warum kamen
sie in dieser Stunde? Da kam allerlei springendes Volk, und verhuschend schienen
die Glanzlichter kindlicher Blicke vorberzuziehen.
    Seiner Mutter heies Augenfeuer begann lange wie ein Stern im Dunkel vor ihm
zu brennen.
    Einhart hatte wohl nie im Leben geweint. Er htte jetzt vielleicht zum
ersten Mal eine Trne gehabt, wenn nicht sein Auge sich gleich dem wirklichen
Nachtbilde drauen noch weiter aufgetan.
    Drauen fielen im Scheine des Lichtes, das von hinter ihm in die hohen
Kronen der Weymutskiefern blassen Glanz warf, einige blinkende Zweige nieder,
und es klang wie zerbrochen. Der knickende Laut weckte ihn einen Augenblick aus
seiner tiefen, traumumfangenen Erstarrung.
    Warum er nur so unruhvoll umfangen war von Vergangenem?
    Er hatte sich mit einem wahren Herzenshunger zu sehnen angefangen.
    Es waren alles Ungewiheiten, wie oft bei Einhart. Es waren Trume, die
leibhaftig aufwuchsen. Es waren Visionen, die ihn jetzt pltzlich zu zerreien
begannen.
    Alles Vergangene lebt wer wei wo in einem fernen Reiche immer lebendig und
kann wohl in Stunden der Qual oder der Ahnung wie ein Reigen uns umtanzen und
uns bedrngen.
    Einhart sann nach. Da standen auch aufrecht manche Menschen, die er nie
gekannt. Deutliche, klare Gesichter unter denen, die ihm einmal nahe gewesen.
Das Gesicht eines alten Schiffermannes hob sich vor ihm aus der Dmmerung so
hell im Nachtgewirr, da er wie gebannt dem groen, klaren Auge wie in den Grund
sah.
    Einhart konnte gar nicht der Gedankenspiele Herr werden. Er kannte das
Gesicht nicht, das vor ihm gestanden und das jetzt vergangen war mit
Blitzesschnelle. Als wenn man es pltzlich wie ein Licht ausgelscht. Dann
besann er sich, weil er immer noch den Mund sprechen hrte von Sehnsucht.
    Etwas war jetzt in ihm nur brennende Sehnsucht.
    Er dachte zurck an Johanna. Etwas war damals Erfllung gewesen, redete es
in ihm, und war doch nicht erlst worden.
    Johannas Wesen wehte wie eine treibende Minne mit langen Flren um ihn. Wie
ein dunkler, unheimlicher Nachtvogel, wie eine grenzenlose Schwermut. Da
Einharts Herz sich wie im Krampfe zerprete, und er unversehens wie gescheucht
vom Fenster zurcksprang, von dem schwarzen Flgelaste der Weymutskiefer
angerhrt, der zufllig gegen das Fenster griff.
    Oh! Da er jetzt wute, warum sich seine Seele in der dunklen Nacht ganz
vereinsamt und tief versunken zu hrmen begonnen.
    Jene Frau in Flren war nicht Johanna. Johanna war eine Sanfte, eine
zrtliche Blte, eine Ahnungslose, eine kleine, liebende Seele, eine, in der im
Wunder des eigenen Daseins die Goldsume der Liebe flchtig um die Dinge
gegangen. Die nichts gewollt, als eine andere Seele suchen und finden, und
nichts begehrte aus ihrer eigenen Brunnentiefe. Johanna war wie ein kleiner
Lerchenvogel ins Blaue emporgeschnellt, hatte beglckt auf einem Himmelsflecke
stillgestanden, in jedem Morgen neu die Welt lieblich besingend. Und doch auch
mit der heimlichen Wunde, die wer wei welche Sehnsucht der Seele eingebrannt.
    Aber das Bild Johannas stand gar nicht vor Einharts Augen. Verena hie die
Frau in schwarzen Flren. Verena zog in der Nacht ber die Baumhupter. Zog in
der Reifklte wie eine dunkle Trauer hin. Zog jetzt in tiefer Stummheit in ihren
weiten Mantel gehllt. Trug eine Seele hin. Trug und herzte sie, wie eine Mutter
ein Kindlein herzt. Trug eines Mannes enttuschte Seele klagend empor an ihrer
Brust.
    Einhart war von der Vision vllig erregt und erschttert.
    Jetzt begann er zu fhlen, da sein Herz eines weichen Mantels bedurfte,
darein man es hlle, damit es noch einmal rtselgebunden und selig gleichermaen
emporschwebe. Damit es noch einmal ganz aus der Tiefe neu zu leben beginne.
    Einhart war so hingenommen von dem aufquellenden Verlangen nach dieser
Vision, da er die Augen wie im Fieber weit aufgerissen, da er wie im
Traumschrecken beinahe laut gerufen htte, da er sich sehnte, wie ein
Wahnwitziger, wie ein Hungernder, und in einem wahren Herztumulte dastand.
    Er war dann ganz erwacht. Er war langsam zu sich gekommen und lchelte. Es
waren alles nur Gnge der eigenen Traumerregung, die mit dem wunderlichen
Tiefklang kamen und gingen.
    Drauen lag die Nacht noch immer stumm. Es lockte ihn sich zu khlen. Er
ging durch die matterleuchteten Korridore und lie sich von einem wachenden
Diener das groe Schloportal auftun, um in den blassen Nachtschein zu treten.
    So ging er hin.
    Im Teiche tanzte ein Stern in den Kruselungen, die ein kaum sprbarer Hauch
auftrieb. Die Schwne wie kaum sichtbare, graue Schemen strichen heran und
quiekten leise klagend.
    Einhart hatte die Dsternis von sich getan. Er ging sichern Schrittes und
hrte seine knirschenden Tritte. Und lief im weiten Bogen des grauen Kiesweges
hin, bis wo noch im Abendschein Verena gesessen.
    Auf der Terrasse stand noch der Stuhl, und lag ein dunkles Spitzentuch ber
seiner Lehne. Offenbar hatte es Verena vergessen. Es duftete wie ein Hauch von
ihrem Leben. Und wie eine fremde Blume schien ihren Atem in die Nacht zu geben.
    Einhart hatte sich in einer leidenschaftlichen Vertiefung in den Stuhl
niedergesetzt, worauf er am Nachmittage Verena gegenber gesessen. Nun sa er
und sa.
    Er kmpfte vergeblich gegen seine Gesichte. Kmpfte vergeblich gegen die
wache Inbrunst seiner Trume ...
    Ein Wchter, der im Morgengrauen an der Terrasse beobachtend vorberging,
fand dann Einhart dort in dem groen Korbstuhl ganz erstarrt eingeschlafen.
    Wie ein Hund seinem Herrn auf der Spur folgt und auf seinem Grabe sich zu
Tode verzehrt nach seiner Seele und verhungert, so war es ber Einhart gekommen.
Da er erst im Morgenlichte alles ganz verga, als er sich endlich in seinem
Bette befand, einige Stunden ruhig eingeschlafen und von weiten Ebenen trumend,
darin er mit irgend einer fremden Frau hinschritt.

                                       8


Einhart war am andern Tage ganz frei und froh. Er war heiter und bereit zur
Wanderung im Parke und zu Fahrten in die Meierhfe. Und war ein bevorzugter Gast
im Schlosse. Da er Nachtgespenster gesehen, das hatte sein Blut im Lichte noch
vollends vergessen.
    Er war am Morgen vom Kammerdiener rechtzeitig geweckt worden. Und man
vergngte sich erst eine Weile im Anschauen einiger Kunstbltter in der
Bibliothek, ehe man in ein kleines Gehlz hinausgefahren, wo auch schlielich
die Diener auf weien Tchern am Waldboden das Frhstck aufgestellt, und wo man
im Kreise darumgesessen, viel geplaudert und gelacht hatte.
    Und Tage gingen dann in solchem Behagen hin und in der Flle Freiheit, die
unter allen Menschen hier herrschte.
    Das Schlo der Grfin Schleh lag ein wenig entfernt von den zahlreichen
Gutsgebuden auf einem kleinen Hgel mitten in dem uralten Parke. Die blaue
Flagge Derer von Schleh wehte hoch vom Turme in die Lande. Um den Park dehnten
sich nach einer Seite die Weiden.
    Einhart durchschritt oft einsam die stillen Schattengnge des Parkes,
durchbrach Bsche und herbstbunte Dickichte und Dornen, die den Park am
uersten Ende eingrenzten, sprang ber Hrde und Graben und stand dann
unversehens in der weiten, schweigenden Flur.
    Hier war es, wo er zum ersten Male in die Ferne sah. Hier war es, da er
pltzlich wie nie im Leben seines Blutes uralte Triebe in einer schier
grenzenlosen, verhallenden Einsamkeit in der Stille der Steppe vernahm, wie
einer ganzen, weiten, unermessenen Grasflur tiefste Sehnsucht selber. Hier stand
er und fhlte seinen Atem aus tiefster Brust, wie aus seinem innersten Leben
drngend. Da er erschrocken stand. Da er ewig lauschte. Da es ihm deuchte,
als wenn in den reinen Lften, die im Weidenstumpfe knarrten, und in den fernen,
freien Tieren dasselbe seit Anbeginn lebendig wre wie in ihm. Ungebunden und
mit freiem Fluge, die Seele voll Licht und den Weg voll blumigen Grases
hinauszuspringen, ohne Band, ohne Ziel, weil allenthalben das Ziel der Stunde,
die Rast, der Aufenthalt, die Strkung unter Fu oder Huf gebreitet daliegt, von
der Sonne geweckt, vom wehenden Luftzuge erzitternd.
    Hier quollen Gefhle der Freiheit auf. Und er whnte so hin in seinen wachen
Trumen, als wenn er hineingestellt wre, ein alter Zigeuner, in die weite
Steppe und htte irgendwo da sein Wanderzelt aufgeschlagen.
    Als wre er nicht geboren in einer fremden, gebundenen Gesellschaft, sondern
aus dem Boden aufgesprungen, wie eines jener schlanken, schnen Schwertgrser,
die mit ihren toten hren jetzt am Wassergraben entlang sich stolz wiegten.
    Hier verga Einhart, da noch eine andere Welt lebte, darin er als
ehrgeiziger Knstler umgegangen. Und sein einstiges Treiben und Trachten schien
erstorben zu einem fernen, leeren Gemurmel.
    Hier hockte Einhart stundenlang auf einer Hrde und sah hinaus. Sein dunkles
Gesicht war jetzt noch vollends richtig bronzen gebrannt. Seine Hnde waren fein
und drr wie braune Zigeunerhnde. Hier begann in ihm zum ersten Male eine
Stimme leidenschaftlich zu rufen nach einem freien, eigenen, aus sich bestimmten
Leben.
    Nie hatte er gewut, da es im Blute einen Laut gibt, so unaufhaltsam, so
unstillbar tief, so ewig alle Stimmen der Zeit und der Welt berrufend, da
nichts bleibt als diese eine Stimme. Unter den Tieren wanderte er manchmal weit
hinaus, ohne Hut, ohne Stab, ganz nur er, einsam und achtlos, da man ihn
schlielich ngstlich ein paarmal suchen kam und ihn an die Ordnung im Schlosse
gtig zu mahnen.
    Er konnte hier alles vergessen. Er starrte einem Blatte nach, das frei im
Winde lebte. Und einem Fllen, das nach seiner Mutter Laut die Ohren neckisch
vorwarf.
    Er sah auch immer darin eine Weibesgestalt bewegungslos stehen, streng in
sich selber und von zrtlicher Gte, wie nur die Schnsten sie haben. Mit der
Se der Zge einer Geliebten und auch eines ein wenig ngstlichen, lieblichen
Kindes.
    Fern kam es. Fern ging es. Diese Bilder von Verena tauchten von ferne in die
Flle Gefhl, die ihn in der Steppe zum Leben aufrief.
    Und wenn dann Einhart heimgekommen, waren seine Augen von dem Glanz, der in
jedem Grase gefunkelt, noch tiefer und frhlicher, noch ahnungsvoller und
leidenschaftlicher zugleich. Es ging dann aus seinen Augen und aus seinen
Worten, wenn er sich so vollgesogen mit der khnen, hinauslockenden Freiheit des
Weidetieres und des ziehenden Vogels, eine solche sthlerne Festfreude aus, da
mancher an der besonnten Schlotafel, verstohlen auf Einhart blickend, nicht
begriff, wie mit diesem schlanken, jetzt in gewhlter Salontracht dasitzenden,
leicht ergrauten Manne, dessen Mienen und Gebrden sanft und gtig waren, sich
ein solcher Hauch freien Wandertums und losen Abenteuers, eine solche
rcksichtslose Ungebundenheit und Lust am namenlosen Leben auf der weiten Erde
je zusammengefunden.
    Einhart sa an der Tafel sanft geneigt. Die Grfin Schleh sah ihn wie
beglckt an. Aller Blicke suchten ihn manchmal. Er konnte mit lustiger Laune
auch nur von dem springenden Blatte erzhlen, dessen Spiel ber die Ebene hin er
mit spannenden Augen aufgesogen. Oder das Zwiegesprch von ein paar rauhaarigen
Fllen, das er, als sie miteinander weideten, vorgab selber erlauscht zu haben.
Innige Wahrheit barg sich immer hinter seinen lustigen Lgen. Man sah alles, was
Einhart sich so aus den blauen Lften eingebildet. Denn Einhart hatte wie ein
Raubvogel so sicher die kleinsten Seelendinge angesehen, die in Luft und Steppe
hinstrichen. Das alles hatte er erspht. Das alles lebte in seinen Worten. Da
ein Pferdewiehern wie ein Lachen der Freiheit und das Auseinanderbrausen einer
jungen Hengsteschar wie der letzte Ton einer ganzen Geschichte der Leidenschaft
ausklang.
    Man liebte Einhart. Alle liebten ihn.

                                       9


Tage nachher war man beim Landmarschall, dem Grafen Renauld, zur Tafel.
    Einhart sah hier Verena wieder, die heute in lichten Gewndern kam.
    Hier ging von Anfang an eine frhliche Laune durch die hohen, reichen Rume.
    Der alte, zausbrtige Schloherr, ein frischer, leidenschaftlicher Mensch,
der jeden Eintretenden eine Weile mit zutunlichen Worten in Beschlag nahm, hatte
besonders Einhart laut hofierend angesprochen. Und er war dann auch nicht mehr
von seiner Seite gegangen, hatte ihn heiter plaudernd und lachend einige Sle im
Schlosse weitergefhrt, und hatte ihm dort herrliche Sammlungen von japanischen
Altertmern, persische antike Porzellane und die kostbarsten Mbelstcke alt
orientalischer, eingelegter Arbeit, wahrhaft knigliche Besitztmer, einzeln
vors Auge gehalten und erklrt.
    Aber auch bei Tisch waren alle voll Laune. Auch Verena, die in ihren hellen,
blagrnen Falbeln und mit der dunklen Perle mitten auf der Stirn, die an einem
Goldkettchen hing, wie eine liebliche Heilige von Perugino dasa. Es schien, als
wenn auch sie nur eine arglose Teilnehmerin zu erscheinen wnschte. Sie sprach,
ein wenig scheu, einige Male freundlich ber den Tisch herber. Was Komtesse
Josefa unabsichtlich flchtig lcheln machte, weil Verena dabei in richtiger,
weltlicher Teilnahme redete.
    Man sprach whrend der Tafel viel von den Knsten. Der alte, graubrtige
Schloherr hatte Einhart dazu ausdrcklich angeregt. Und weil Einhart gleich mit
heimlicher Entzckung die Nhe der lichten Verena gefhlt, redete er froh mit
versunkener, zgernder Frische, lchelte dann und wann mit seinen funklen Augen
den oder jenen absichtslos an und sah oft wie zufllig zu Verena hinber, die
mit mildem Eifer seinen Worten zuhrte.
    Einhart redete mit viel Wrme kluge Worte.
    Jeder Knstler, nein, ein jeder von uns, sagte er lebhaft, sollte
eigentlich immer noch ein Kind sein.
    Wohl dem, der ein Kind bleibt sein Lebelang, sagte er danach, weil sich
sein Blick in Verenas jungfrulicher Schmle eine Weile wie verfangen.
    Davon ganz abgesehen! verbesserte er sich dann schnell, wie er es merkte,
da er in die Irre ging. Vor einer hheren Macht sind wir ja alle immer
Kinder, sagte er lachend. Ich wollte nur sagen: zuerst kommt die Meisterschaft
des Meisters, der den Schler vorwrts fhrt. Mag der Meister nun ein Mensch
oder die Natur selber sein.
    Aber von dem Meister mu der sich befreien, sagte er nachdrcklich, der
ein Meister werden will. Von der Natur sich befreien! Die Natur zum Eigentum
seiner selbst berwinden! Ja! Das taten alle Groen. Da redet erst das Innerste,
was in uns selber redet. Dem mssen wir ganz untertan werden. Es zur Sprache
bringen, das ist die Meistersprache.
    Mit dieser Sprache verstehen sich die Groen aller Zeiten, redete er
sanftmtig zu Verena hinber. Sie reden aus einem heimlichen Reiche, daraus wir
wohl alle ausgetrieben sind. Eine Art Heimat.
    Das ist dann Heimatkunst, sagte er lachend.
    So kommt es mir wenigstens manchmal vor, gab er noch ein wenig kleinlauter
hinzu, weil er die Augen Verenas zrtlich auf sich gerichtet gesehen ohne
Absicht. Er wute nicht sonst gro, was er geredet. Er redete mit
schwrmerischem Tone. Sein Auge konnte dabei aufblitzen. Und an der Tafel
herumwandern von dem zu jenem. Manchmal ging es wie das Auge eines gtigen
Vaters ber die aschblonde Junge hin, immer sie wie im Zwange fast demtig
bittend um ihre Frhlichkeit. Und Verena sa allmhlich ganz frohmtig, indes
Einhart erzhlte und sich heimlich verzehrte nach ihrem Anblick, wenn ihm auch
nur der volle Strau groer, gelber und rosa Chrysanthemen, der mitten im Licht
der Tafel ragte, ihren Anblick fr Augenblicke entzog.
    Verena lie dann ihren Hut in der Vorhalle des Schlosses liegen und lief,
wie die jungen Komtessen, mit hinaus auf die Pferdeweiden. Sie hatte eine
scheue, kindliche Heiterkeit. Einhart suchte wie absichtslos ihre Nhe und
behandelte sie mit sanfter, fast zrtlicher Achtung.
    Verena verga sich ganz. Auch in die andern war ihre Heiterkeit eingegangen.
Man begann sich zu haschen. Beinahe wre Verena mitgesprungen. Sie besann sich
zu rechter Zeit und war dann ein wenig verlegen.
    Wie sie alle froh sind! sagte sie nur zur alten Grfin Schleh gewandt, die
neben ihr auf dem Parkwege hinschritt.
    Man schritt ber welke Wiesen. Verena brach einige versptete Blumen und
lachte frhlich fr sich.
    Einhart ging der alten Grfin zur Linken. Ihm gingen beim Schreiten heimlich
Melodien mit. Es schritt sich herrlich in den losen Herbstschatten und weiter
hinaus.
    Man wanderte ber die Weiden.
    Ein alter, struppbrtiger Hirte kam herangesprengt und zog seinen vergilbten
Filzhut nieder, den er vor die Brust hielt, da die roten Bnder daran
flatterten.
    Der Hirte gab weise Antworten auf drolliges Fragen.
    Die Tiere kamen heran, junge, scheue Stuten, die um die Trnke standen und
ugten.
    Ein paar graue Wollkter spannten auf den Hirten, den strengen Herrn der
Steppe, der auf dem flattermhnigen, heien, braunen Hengsttiere
herangestrichen. Der jetzt das lose, unbndige Tier noch immer fest in Stricken
hielt. Bis er ihm dann pltzlich neu die Freiheit gab, um selber ein ganzes
Rudel Fllen um die vornehmen Ankmmlinge heranzutreiben.
    Sonne! Sonne! Steppenerde! Himmel klar und tief! Lose Tiere auf weicher
Grasflur weit in die Ferne! Vgel, die hinziehen im Grenzenlosen!
    Man schritt ohne Rcksicht.
    Die jungen Komtessen hatten sich unter die Fllen verstreut mit einigen der
jungen Herren zusammen. Man schlug in die Hnde. Man lockte mit Grasbscheln,
die man abgerissen, bis eines oder das andere der Tiere laut schnaubend langsam
herangekommen.
    Die alte Grfin Schleh wandelte achtlos mit dem zausbrtigen Schloherrn in
tiefer Zwiesprache.
    Verena stand einsam neben Einhart. Schlank aufgerichtet. Ihr lichter Kopf
wie in silbernen Schimmern gegen die Ferne. Ihre Augen lchelten. Einhart sah
hinaus, als wenn er es sehnschtig ersphen mte und keine Grenzen she.
    Einhart stand lange so stumm. Etwas in seinem Blute begann sich zu regen,
da er tiefer atmen mute, um sich dagegen zu betren.
    Er fhlte jetzt Verena neben sich schreiten und neben sich ragen in der
Freiheit. Es war jetzt wie eine jhe Gewalt aufgekommen. Er begann Seltsamkeiten
zu reden mit einem zitternden Tone, als wenn er snge. Er sprach von den weiten
Toren, die hier hinausfhrten aus aller Trauer und allem Herkommen. Von den
kleinlichen, engen Bestimmungen und Zwecken, die die Menschenseele ewig
verkmmerten. Er pries ein Leben ohne Ziel, wie jene losen Lfte es lebten, die
mit goldenen Halmen vor ihnen hintndelten. Er sah dem reitenden Hirten nach und
der scheuen, sonnengebrunten Hirtin, die ferne hinschritt. Er pries ein Leben
ohne Namen und ohne Grenzen, so auf Pferdes Rcken hin, frei und im Gefhle der
Kraft, stolz das Weib seiner Liebe zu behten und am Herzen des Weibes im Zelte
auszuruhen.
    Seine Worte klangen wie helle Rufe, und als wenn er am liebsten sich
hingeworfen, den Boden der Steppe mit der Stirn zu berhren in Inbrunst.
    Verena stand neben Einhart. Sie war kindlich erstaunt in ihrer scheuen
Frhlichkeit. Weil sie die Glut in Einhart lohen sah. Die verzckten Worte
seiner Rede hatten sie noch mehr aufgeweckt.
    Als sie dann beide wieder unter die brige Gesellschaft traten, und man dem
Schlosse langsam zuwandelte, war Einhart ganz fr sich neben ihr.

                                       10


Wer wohl begriff, was in Verena so zrtlich aufquoll, als die alte Grfin Schleh
mit Einhart und dem brigen Besuche durch die hohe Allee des Schlogartens
hinausgefahren. Als nur die alte Baronin mit dem blinzelnden Auge und die
liebende Komtesse Josepha noch um sie waren. Verena sah auf und lachte in die
Abendluft, weil oben hoch ein Rttelfalke mit zitternden Flgeln im ther stand,
nach Beute sphend. Verena sah lange hinauf ins Abendlicht, bis ihre Augen
geblendet kleiner wurden, und war kindlich erschreckt, als das flchtige Tier
pltzlich in die Baumkronen niederscho, und nur ein schrilles Gekreisch hrbar
blieb.
    Das Schlo lag in roter Glut. Die Fenster umrankte glhes Blattwerk. Verena
schritt neben Komtesse Josepha und hing den Arm in den ihren.
    Verena begann jetzt auch einige schwebende Tne zum ersten Male zu singen.
    Oh Verena! sagte die junge Grfin zu ihr. Wie es klingt! Herrlich! Siehst
du, du kannst es! sagte sie nur. Sie wute, wie oft Verena jeden Versuch, sie
aus ihrer Trauer zu Tnen zu locken, immer noch bestimmt abgewehrt.
    Meinst du, da ich es wieder knnen werde? sagte Verena nur, und sah in
die weite Wiese hinein, wohinter in der Ferne ein weier Tempel an einem
Schilfwasser ragte, davor mitten eine groe, weie Vase sich aus der Flut erhob.
    Und Verena sang gleich noch eine kleine Kadenz, lachte in die Luft und hatte
den Abendglanz in ihren tiefen, grauen Augen leuchten.
    Oh Verena! wie du wunderbar aussiehst, wenn du so aufblickst, sagte die
junge Grfin, als sie jetzt merkte, da Verena eine zrtliche Heiterkeit kaum
bemeisterte.
    Man schritt einen Augenblick stumm.
    Die alte Baronin achtete nicht gro auf die unsichtbaren Geister, die im
Abendglhen rings und in Auge und Seele der neben ihr schreitenden
jungfrulichen Frauen umgingen. Sie war an einem Asternbeet stehen geblieben,
besah umstndlich die bunten Blumen, nur um etwas auch dabei mitzutun, und brach
eine blaue Aster, die sie Verena reichte.
    Aber Verena sah sich die Blume lange erst kindlich an, stand still und
redete dann zu der Blume, als wenn niemand um sie wre.
    Ach, du bist es, Liebe! sagte sie. Solche dstere Blume pat wohl nicht
mehr an mein Herz, sagte sie dann bestimmt. Und dann redete sie ganz ernst und
sich sichtlich besinnend.
    Nur blaue Astern schmckten meines Vaters Sterbezimmer, sagte sie dann.
Er hatte nie sonst im Leben Blumen angesehen. Nur erst als man ihn in seiner
letzten Krankheit in Kissen in den Park gebettet und er so lange still fr sich
dasa. Da hatte er zum ersten Male im Leben Blumen geachtet. Diese da. Er hatte
sie zu lieben begonnen. Deshalb befahl Mutter, da man ihn im Tode damit
schmcken sollte.
    Die alte Baronin war richtig erschrocken, da sie so fehlgegriffen und
wartete lange, ehe die frohe Laune, die sie verscheucht, in das lssige, stille
Abendwandeln zurckkehrte.
    Dann war die Baronin im voraus ins Schlo zurckgekehrt.
    Im Schlogarten, dort wo man von der Landstrae in den Park hineinsah, hatte
die junge Grfin ein eichenes Kruzifix fr die Wanderer, die vorbeigingen,
errichten lassen. Jeden Tag des Jahres kniete sie zu Ave dort und legte der
Jungfrau einen Strau Blumen nieder. Jetzt knieten Verena und Josepha im
Abendlichte vor dem kleinen Holzbilde und schauten vertrumt zur Jungfrau empor
und beteten ein kindliches Gebet, eine jener sen Weisen, die nichts wollen,
als sich nach goldenen Frchten recken, oder gar glubig selig nach Mond und
Sternen, sprechend: Gieb mir den Mond! Gieb mir die Sterne! Gieb mir das
Reinste! Indes Baum und Strauch um sie in der Runde flsterten.

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Es waren Tage vergangen. Und es war ein lieblicher Tag gekommen nach Sturm und
Regen. Die Bume waren noch vollends astkahl geworden, und das Laub hufte sich
in den Gartenwegen. Einige Astern blhten noch in den Beeten, die ziemlich
gezaust aussahen. Die Sonnengespinste in der Luft hatten goldene Wrme.
    Die Renaulds mit Verena waren wieder zu Besuch auf dem Schlosse der alten
Grfin. Verena sah rosig und reizend aus. Sie trug ein Barrett und einen ganz
schlichten Sammetpelz, den sie wie einen Husarenmantel leicht auf die Schulter
hing, als man im Parke spazierte.
    An diesem Abend war man in den Musiksaal des Schlosses gegangen, weil einige
der jungen Mdchen gewnscht hatten, Musik zu hren. Ein weiter Raum mit freier
Wlbung, also da die Tne des Klaviers darin voll Wohlklang sangen und wie aus
einer tiefen Seele kamen.
    Alle hatten sich gleich an die Wnde verteilt und saen in Ecken und Winkel
gelehnt und versunken. Weil Verena sich unerwartet ans Klavier gesetzt hatte, wo
ihre mattgraue Robe allein noch rieselte.
    Sie begann einige Batne anzuschlagen, die im Raume tief surrten. Alle
horchten wie erstaunt und beglckt.
    Aber sie war unentschlossen. Dann begann sie ein Kinderlied.
    Einhart horchte. Der Klang der Stimme allein sang ihm schon ein Schicksal
vor. Es klang nicht zerbrochen. Es hallte wie eine berwindung. Der Ton war
anfangs ngstlich und zgernd im Vorwrtsgange. Aber Verena sang durch die
leisen Kmmernisse, die sie zurckhalten wollten, sich ganz und gar zu einer
freien Feier.
    Einhart sa gleich und zerri sich den Sinn nach diesem Klange, der ihn
umspann, wie aus Harfenlauten und Vogelstimmen gemischt. Ein jeder Hall beladen
mit einem frommen Geheimnis, das leise hinschwebt. Ein jeder auch ein
Zauberstab, dem Auge Grten voll Blumen zu wecken und seiner tiefsten Begehrung
letztes Gefhl. Es duchte auch Einhart, als kmen die Tne wie Friedenstauben,
hinausgeflogen, zu suchen, wo sie in den weiten Wassern eine Sttte fnden.
    Wer Einhart kannte, mute wissen, da er allmhlich dasa, als wenn es seine
Seele selber wre, die den Raum mit tausend dunklen und hellen Gewalten
ausfllte. Manchmal schienen die Tne, wie wenn Sturmvgel ihr Lied schrieen im
Gewitter. Manchmal schien der Raum sich tief zu verdunkeln vor Einharts Augen,
da er sich ermannen mute.
    Groe Rtselkelche graufleckiger Lilien ragten im Dmmer von einem blanken
Marmortische, verbreiteten einen betubenden Duft im Saale und schienen mit zu
leben ein stummes, nieverratenes Lebensgeheimnis.
    Verena sang und sang mit einer zrtlichen, stillen, selbstvergessenen
Leidenschaft. Sie sang Lied um Lied. Sie sah aus wie ein musizierender Engel,
von Meisterhand hingebildet, aber mit einer Seele, die sich wirklich regte und
mit einem roten Munde, der selber Musik war.
    Und Verena sang und sang. Und jemehr sie sang, desto reicher gewannen ihre
Augen und Mienen den Ausdruck einer lichten, reifen Kraft, einer tiefen
Zuneigung zu den Visionen ihrer Tongestalten. Da sie allmhlich vllig verga,
wer um sie war. Da nur ihr Blick manchmal noch den gtigen Blick Einharts
berhrte, wie wenn sie sein reiches Leben mit ihrer Seele flchtig gren
wollte, und auch wecken, und nicht binden.
    Ihre leisen Tne hauchten im Raume wie verwehende Gespinste. Ihre Tiefen
klangen wie harte Sprche der Parze manchmal. Oder wie ein Echo in Grnden. Ihre
schluchzenden Melodiengnge waren Nachtigallen im sdlichen Morgengest.
    Wie alle versunken waren und nicht erwachten!
    Auch Verena erwachte nicht aus dem Fest der Seele. Zart ist das Zarte dieser
Welt. S und kstlich. Es mu immer schweben. Es ist nie auf der Erde. Hat
nicht Fu und hat nur Halt in der eigenen Wonne.
    Verena hatte dann nach Santuzzas Liebesklage pltzlich geschwiegen.
    Sie stand da und sah sich scheu um. Sie lchelte zur alten Grfin hinber,
die mit einer Trne im Auge zu ihr trat und ihr leise die heie Wange strich.
    Verena sah in den Dmmerraum wie geblendet. Und sie errtete, weil alle noch
wie im Banne gehalten sich nicht rhrten. Und weil auch Einhart dasa, die Hand
auf die Augen gepret, und nicht zu erreichen war.
    An diesem Abend wagte Einhart nicht mehr, Verena sich zu nahen.

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Wer die Steppe kennt, liebt sie wie das Meer. Das Meer -: ehern anrauschend,
gewaltig wogend und schumend, ewig in seiner Unruhe. Oder auch gebreitet wie
ein seliger Garten fr schne Meerfrauen, wenn die Fluten im Sonnenglanze sich
wrmen und mit den goldbraunen Tangen ihrer Leiber Glanz scherzend umsplen. So
breitet sich der gewaltige Mantel der Wasserwogen in rastloser Unruh und macht
das Menschenauge voll Schrecken oder voll Lachen.
    Aber die lautlose Schweigsamkeit ist der Steppe Geschenk, ewig quellend aus
der niegestrten Stille grenzenloser Fluren. Wer nur am Berghange den
Abendfrieden erhrt, der mit sanften Glutfarben die Tler vergoldet, kennt nicht
den Hymnus, den die Steppe schweigt aus unerwecklicher, ewiger Schweigsamkeit.
Wer blo Stummheit kennt, erhrt noch keinen Ton jener ehernen Erdenruhe, darin
der Ruf des Vogels untersinkt wie ein Ring in die Flut, kaum gehrt, schon
verloren.
    Siehe die Ruhe des lieblichen, roten Mundes, wenn Verena schweigt und kaum
nickt, ob zwar schon aus ihrer Seele ein Wunsch aufsteigt, gegen die Ruhe der
Schlafenden, deren Mienen in tiefer Verlorenheit schlummern und von milder
Erquickung sprechen.
    Die Ruhe der Schlafenden ist tief.
    Aber die Schlafende wird die feinen Lippen regen und wird erwachen.
    Die Ruhe des tiefsten Schlummers ist lebendigstes Leben gegen die Ruhe des
Toten, dessen Wesen vor unsern irdischen Augen erhaben eingesunken in die groe
Stillung, die sich ihm pltzlich weit und entbindend aufgetan.
    Trachten und Tun ist Schlummers Ruhe gegen die Totenruhe. Ein rastloses
Zielsuchen gegen ein ewiges Gefunden. Ein Drngen und Tasten gegen eine nie
ausgetrumte Vollendung.
    Und so summt die Steppe die letzte Stillung. So tut sich der ewige Abgrund
Schweigen auf vor deinen Ohren. So kannst du lauschen und lauschen und erhrst
dir das Lied, das in alle jache Unrast der Zeit zum Troste gesungen dem Ringen,
dem Trotzen, dem letzten Sehnen der Liebe.
    Einhart pries es so. Einhart floh jetzt lngst hier hinaus in das Schweigen.
Einhart floh durch Busch und Dickicht und konnte nicht mehr Halt finden. Es war
eine richtige Narrheit gekommen. Narrheit nannte er es, weil er jetzt zum ersten
Male seine grauen Haare fhlte.
    Es geschah, da er mit seinem Skizzenbuche ausging, weil er um jeden Preis
allein sein mute. Es war nur reine Vorgabe. Er zeichnete oder malte gar nichts.
Er hatte lngst vergessen, wer er war. Ein Meister nun schon gar nicht. Das
merkte er bald an der Not, in die er sich einspann. Darin mit Malen oder
Federstrichen durchaus nicht zu helfen war.
    Einhart war derart unttig und vertrumt, da er wie der Hirte drauen
stundenlang auf der Viehtrnkrinne hocken und mit einem Grashalme spielen konnte
von Mittag bis Abend. Er hatte dann auch wirklich gar nichts gedacht. Oder alles
war nur flchtig hingegangen vor seinen Augen. Manchmal auch ein Hohnlachen ber
sich selber, wenn er an Verenas fromme, blonde Jugend dachte und nicht wute, ob
sie ihn je mit ihren klaren, grauen Augen angesehen. Er trumte wahrhaftig jetzt
nicht, wie der Knstler trumte, schnell nur hin zu laufen und die Trume in
Farben einzufangen. Er trumte fortwhrend die einzige, wirkliche Welt der
Einsamkeit vor sich, die Ruhe darin in der Weite der Grasflur, die eine lautlose
Welt, und sein Leben darin mit Verena.
    Denn Einhart sah Verena Tag und Nacht. Er sah sie fortwhrend mit Augen vor
sich. Er sah sie in lichter, flieender Schlankheit mit der verspteten Blume in
Hnden. Wie eine Liebende sah er sie. Wie eine Ttige sah er sie. Und seine
Augen und Sinne schufen sich ewig eine lange Geschichte Lebens und Wanderns mit
ihr. Dann lachten seine Augen und sein Mund hell in die Lfte, ehe sie zu sich
kamen, wenn er Verena gegen die tiefen, reinen Luftrume der Steppe mit einem
Kinde im Arm hatte aufragen sehen.
    Unbegreifliche, jhe Kraft der Einbildung, die Einhart im Leben immer gebt.
Jetzt kam diese Kraft zum ersten Male mit eisernem Zwange und wollte das eigene
Leben aus sich erfllen und bemeistern.
    Er lchelte gtig, wenn er merkte, da er einen ganzen Tag so hingebracht.
Und da auch im Dunkel seines nchtigen Zimmers im Schlosse, wenn er nur einmal
aus Trumen von Verena die Augen aufschlagen wrde, ihr Lichtbild, ihr schmales,
strenges Oval khl und sanft im Dmmer schweben wrde.
    Und Einhart erschrak buchstblich, wenn die Zeit ihm wie einem verliebten
Jngling verstrichen war. Also, da die weiten Herden sich in der Ferne lngst
umeinander gedrngt hatten, und er die Welt noch kaum grau in grau verschwinden
sah.
    Aber er sa und sa doch weiter auf der Hrde, fhlte den therhimmel wie
eine wasserklare Wlbung hoch ber sich, und den Streifen Erde darunter ohne Ma
und Grenzen. Fhlte sich hoffnungslos khl umfchelt und umflstert in der
stillen Grasflur, darin noch Verenas dmmernde Gestalt wehte, die seine Seele
ewig in die Einsamkeit schuf. Und versank neu ratlos in die tiefste
Erstorbenheit der Steppennacht.
    An einem solchen Tage, den er nicht heimgekommen, war es, da er erst spt
zernagt erwachte und sich mit Leide besann. Die Grfin Schleh hatte ihn
ausdrcklich herzlich gebeten, zu kommen, weil sie noch einmal ein kleines Fest
im Schlosse veranstaltet und Gste aus der Nachbarschaft, auch Renaulds und
Verena gebeten htte. Aber wie er nun war. Er ging nicht. Er ermannte sich
nicht. Er sa auf der Trnkrinne, von den Mulern lngst verlassen, die vor
einer Stunde und mehr um ihn geschnobert, und dachte nur, da sie im Schlosse
mit ihrem Feste allein fertig werden mten.
    Und er gab sich um so inniger der khlhereinbrechenden Stummheit hin, weil
er sein heies Begehren noch einmal wie ferne klagen hrte mit dem schrillen
Schreie des Brachvogels, und untersinken nur noch wie Schatten der Dinge, die
allmhlich im Raume zerflossen.
    So war die Nacht hereingebrochen.
    Der alte, in einen umgekehrten Schafpelz gehllte Hirte war zu ihm getreten
und wies in die Ferne, wo ein bleicher Schein blinkte, und die schwarzen
Silhouetten einzelner Tiere sich gegen ein kleines Feuer erhoben.
    Da hrte auch Einhart, da frhliche Musik herklang, Zigeunermusik,
schluchzende Weisen, weit herbergetragen. Denn sie waren dem Dorfe und Parke
fern. Die Weisen verklangen ber die graue Ebene unter dem blagoldenen
Nachtschein.
    Es war eine Sehnsucht in den Lften. Es ging eine Sehnsucht in den Grsern.
Es ging jetzt eine nagende Sehnsucht aus Einhart.
    Er lauschte. Er machte lautlose Schritte. Er ging in der grauen Dmmernacht
hin, nachdem er dem Graubart mit tiefen, sicheren Blicken Lebewohl gesagt.
Schritt getrieben von den Tnen, die vom Schlosse kamen. Eilte. Hrte die
Geigenklnge. Hrte das Cymbal durch Baum und Bsche herber singen. Sah die
gotischen, hohen Fenster des Saales durch die Bume herberleuchten. Und trat
ber Stufen hastig dem Fenster nahe.
    Man tanzte. Man war heiter. Alle waren festlich und heiter. Auch Verena. Die
Zigeuner, die in einer Nebentr des Saales um den Tisch mit dem Cymbal postiert
waren, spielten neu. Verena schwebte mit dem Grafen Karol, allen voran, in die
Runde der Frohen.

                                       13


Am andern Tage hatte sich Einhart entschlossen abzureisen. Als er es der alten
Grfin mitteilte, war sie gtig und machte Versuche, ihn zurckzuhalten.
    Niemand ahnte, was in Einhart diese Tage vorgegangen. Man hatte seine weiten
Wanderungen durchaus nur hingenommen aus dem natrlichen Wunsche, die fremde
Landschaft und die fremden Leute darin genauer auszusphen, und hatte nicht im
entferntesten eine Vermutung, da Einharts Gemt in einem richtigen Zerwrfnis
mit sich hingelebt.
    Und Einhart hielt sich fast streng und vermied auch nur das leiseste Wort,
das man auf eine solche Wandlung der Dinge htte beziehen knnen.
    Die alte Grfin, die am Morgen im Kaminzimmer vor den brennenden Scheiten
sa, obwohl drauen die Herbstsonne lau schien und zu den hohen Bogenfenstern
hereinfiel, starrte sehr vertrumt und doch eifrig in die Flammen, so den Abend
der vergangenen Frhlichkeit noch ferne im Blick vor sich sehend, und hatte
dabei Einhart immer wieder zu erzhlen begonnen, wie schmerzlich ein jeder
Einzelne unter ihren frohen Gsten seine Abwesenheit gefhlt htte.
    Aber Einhart blieb dabei, da er heim mte, und man beredete nur dann, da
er den Morgen bentzen mchte, um sich auf dem Nachbarschlosse zu verabschieden.
    Seine Gefhle waren brennend genug. Er wnschte heimlichen, jhen Verlangens
Verena zu sehen. Er mute um alles in der Welt die verzehrende Ungewiheit
seiner Seele ertten, die einen hohen Grad krankhafter Kmmernis angenommen. Und
er hatte es wohl erwogen, da, wenn er in den Morgenstunden kme, es gelingen
wrde, mit Verena allein zu sprechen. Aus ihren Augen, aus ihren Hnden, aus
ihren Worten oder aus ihrer Stummheit, aus irgend einem Zeichen es zu lesen, was
ihn auch nur beim fernen Ahnen mit ruheloser Zerrissenheit neu erfllte.
    Gegen elf Uhr fuhr der grfliche Wagen vor das Schlo, um Einhart dann zu
Renaulds hinber zu fahren. Einhart stieg in den Wagen mit sehr vornehmer Ruhe.
Er hatte sein ganzes Weltmannstum wie seinen dunklen, vollen Mantel um sich
geworfen und schritt hochaufgerichtet. Schon die Stufen herab kam er wie ein
Grandseigneur und lie sich vom Diener die groe Pelzdecke sorgfltig um die
Fe hllen.
    Aber wie es bei Einhart manchmal geschah: Im Wagen, in der inbrnstigen
Bewegung seiner Ideen, hatte er alle Rcksicht auf Besuch und Abschied bald
hinter sich gelassen. Es war in ihm nur der eine Gedanke noch herrschend
geblieben, wie er die zarte, junge Verena sehen wrde. Die Neugierde seines
Herzens und seiner Augen war so hitzig und erregt geworden, da er nur noch
wnschte, so schnell wie mglich in die graudunklen Augen zu sehen, in den Grund
dieser Augen, in Verenas Seele, und aus der leisen Stimme eine Entscheidung ber
sein Leben einzusaugen.
    So war er beim Ankommen nur eilig die Stufen im Treppenhause
hinaufgestiegen, und hatte hastig gewnscht, da man ihn Frau von der Trau
melden mchte.
    Es gab auch gar kein Staunen der Diener weiter, die in ihren bunten Livreen
in dem lichten Treppenhause herumstanden. Auch gar kein Besinnen in Einhart.
Sein Auge brannte so bestimmt und herrisch von seinem Verlangen, er hatte eine
so befehlende Sicherheit, als er emporschritt, da niemand an etwas Sonderliches
in seiner Absicht sich zu denken verma.
    Verena empfing ihn fast zrtlich. Wie Einen, den sie mit viel Ahnung von
Gutem zutraulich ansah. Ihre grauen Augen hatten eine sanfte Zurckhaltung, die
vom frhen Morgen herrhrte. Als wenn sie sich noch nicht ganz zu sich und der
Welt eingefunden. Sie sah uerst lieblich aus. Die aschblonden Scheitel hingen
noch weicher und loser um die kleinen Ohren und gaben ihr eine sehr wohlige
Jugend.
    Ihre Augen gewannen gleich eine leuchtende Wrme, als sie Einhart angesehen.
    Sie trug in schlanker Gestalt eine glatte, goldgelbe, flieende
Sammetgewandung und hatte auer der Perle auf ihrer klaren Stirn nichts von
Schmuck angetan.
    Einhart war wie erstarrt in ihren Anblick. Es erstarb in ihm alle Hast. Er
besann sich dann und fing an Worte zu machen.
    Aber Verena lchelte ihn so ahnungslos gtig und zerstreut an, bat ihn so
arglos auf das kleine, zierliche Sofa mit den goldenen Lehnen und den groen
Silberblumen im rosa Felde, das mitten im Zimmer stand, hockte sich so sanft und
froh ber seinen Besuch vor ihn in einen der blumigen Fauteuils, da in Einhart
alles wie pltzlich in eine richtige, tiefe Zrtlichkeit einsank.
    Oh mein Gott, lieber Meister! sagte sie. Es wird uns allen ganz bange,
wenn Sie jetzt wirklich wieder von uns gehen.
    In allen lassen Sie Ihr Herz zurck, sagte sie so ahnungslos und klar, als
wenn sie von etwas ganz Fernem sprche.
    Und dann begann sie ganz zutraulich und redselig zu erzhlen, wie seine
reiche Art die Welt zu sehen, ihr Trauer und Trbsal von der Seele genommen und
sie zu einem froheren Leben neu wachgerufen.
    Meine sehr liebe Frau Verena, sagte Einhart und versuchte, sich aus seiner
besonderen Lage aufzurichten, ohne noch gro an seine inneren Erwartungen sich
zu erinnern.
    Aber Verena lchelte kindlich zrtlich.
    Sie nennen mich mit dem Vornamen, sagte sie ganz frhlich. Oh Meister
Einhart, sagte sie. Sie haben mir viel Gutes getan. Wissen Sie das?
    Einhart staunte Verena mit groen, funklen Blicken an und erwartete jetzt
jedes ihrer Worte.
    Ich will es Ihnen nur offen sagen, da Sie mir lieb geworden sind, wie ein
Vater, sagte sie. Sie haben mich herausgelockt. Ihre Worte klangen mir wie ein
Sturmwind, der mir in die Seele fuhr, und allerhand welkes Laub verjagte. Nun
lebe ich wieder neu. Nun lebe ich wieder und singe ich wieder. Und beginne mich
einzufinden in diese Welt.
    Einhart hrte die Stimme und sah diese ahnungslose Zrtlichkeit ihm
zugewandt, sah die fromme, jungfruliche Jugend plaudern wie ein Kind voll
Zutrauen zu ihm, wie zu einem sicheren Hter ber den Tlern. Und er sah mit
einfltigen Augen ewig auf den flaumigen, roten Mund, der mit der Gte eines
schwesterlichen Vergngens jetzt auch Erinnerungen hinsprach und wie von fernem
Schicksal neu angerhrt allmhlich sich strenger zusammenzog.
    Ich habe viel verloren trotz meiner Jugend, sagte Verena. Ich habe mein
hchstes Gut verloren, Meister. Ich habe lange geweint, wie ich endlich weinen
konnte. Und bin dann wieder hingegangen in Erstaunen. Ich habe das Schnste
verloren, was das Herz kannte. Was sind Namen? Das Kstlichste auch zur
Entfaltung des eigenen Lebens. Ich dachte, ich knnte es nicht ertragen. Ich
wollte, wie der Tod im Hause stand, um jeden Preis mit dem Geliebten ins Grab
gehen. Ich htte mich auf den Scheiterhaufen gestellt und htte Feuer und
Flammen nicht gefhlt. Jetzt ist die Zeit der Wehmut gekommen. Da ich jetzt
wieder neu zur Erinnerung meiner Liebe leben kann. Zu seiner Erinnerung kann ich
jetzt wieder ttig sein. Das danke ich Ihnen. Ihrer freien Art, die Welt zu
sehen.
    Wissen Sie, Meister, wie Sie so sprachen auf der Weide? Es kam wie ein
Gesang in meine Seele, da es auch in mir wieder den Gesang weckte.
    Und alles, was ich jetzt tue, tue ich wieder gern, sagte Verena mit frohem
Tone. Was ist es? Der geliebte Freund lebt. Er ist irgendwo. Er macht eine
Reise. Er lebt irgendwo fern. Ich tue alles zu seinem Gedchtnis. Das kann ich
jetzt wieder. Ich kann wieder ein ttiger, liebender Mensch sein.
    So plauderte Verena gtig und zutraulich.
    Einhart hatte ein paarmal nur unwillkrlich tief Atem geholt und als wenn er
seufzte. Er staunte Verena versunken an. Sie pries ihre Liebe. Sie war
glcklich, weil sie an den Geliebten dachte. Einhart hatte ganz vergessen, wo er
war. Es quoll in ihm etwas auf, was wie Lachen und Schluchzen kam. Er kte ihre
beiden Hnde, als sie vor ihm stand, und die weien, weichen, frommen Hnde ihm
zutraulich, wie ein Kind dem Vater hinhielt. Er beugte sich und kte auch den
Saum ihres Kleides in einer fast hndischen Demut, weil sie wie eine Heilige vor
ihm schien, die ihre innerste Seelenliebe htete, wie eine Vestalin das reine
Feuer. Er war so zernagt und beglckt und erhoben von der reinen Seligkeit ihrer
Erinnerungen und ihrem kindlichen, neuen Leben, da er Verena noch einmal mit
Leidenschaft angesehen, ihr ganzes, stilles, reines Bild eingesogen und dann
hinaus war, als wenn er die heilige Jungfrau in Person gesehen und ihre
Berhrung gefhlt htte.
    So war Einhart. Die Kraft seiner Gesichte hatte ihn im Leben noch immer
bewltigt. Ihn ganz ausgefllt und ihm die Besinnung genommen. Und eine hhere
Besinnung ins Blut einverleibt als innerstes Ereignis.
    So hatte er von dem Traum Verena Abschied genommen.

                                       14


Einhart hatte sich von allen Gsten im Schlosse und von der alten, gtigen
Grfin Schleh verabschiedet. Er wollte in der Nacht gegen die Morgenfrhe
abreisen, um auf einer entfernteren Station der weiten, grflichen Herrschaft
den Eilzug rechtzeitig zu erreichen.
    Die alte Grfin hatte Einhart einen eigentmlichen, fremden Gram in seinem
sammetdunklen Auge wohl angefhlt. Und sie war noch gtiger und gewinnender
gewesen, mtterlich und sanft.
    Als er alles mit dem Kammerdiener zusammen in seine Koffer eingeordnet
hatte, lief er spt noch einmal in die Weiden hinaus.
    Es war schon Nacht. Die Lfte strichen in Einharts Gesicht mit leisem
Berhren. Dann und wann hatten ste im Park geknackt. Und die Sterne hingen wie
Diamanten in den kahlen Bumen.
    Als Einhart auf der Ebene stand, hrte er einen Vogelruf verhallen. Ein
Feuer brannte fern, dessen Flammen leicht aufflogen und vergingen. Sprliche
Worte erstarben ber die tote Grasflur her. Die Gesichter einiger ferner Hirten
waren warm beschienen.
    Einhart war langsam auf das Feuer zugegangen. Seine Erinnerungen verhallten
hier ins Ungewisse. Man war ehrerbietig, erhob sich und schwieg, hielt die Hte
in den Hnden und lchelte.
    Auch Einhart lchelte.
    Schwarzbrtige Hirten, eine kleine Schar, auch Alte mit Wollhaar und in
graue Pelze gehllt. Man hatte einen rauchigen Kessel ber dem Feuer hngen. Man
sog an der Pfeife und blies Rauch aus. Irgendwoher rief und rief ein junger
Hengst mit Wiehern. Die Fluten der Nachtluft strichen lau ber die Steppe her
und wehten sanft um.
    Einhart hatte sich lngst niedergeworfen an dem Feuerkreis und den Hirten
geheien, ein Gleiches zu tun. Es war eine Verlassenheit der beglhten Hupter
ohnegleichen und eine Verlassenheit des lohenden, knisternden Feuerbrandes.
    Ein alter, grauhuptiger Hirte, der seinen Hut fortwhrend im Schoe drehte,
erzhlte lssig vom gespenstigen Steppenreiter. Wild wie der Wind treibt er um.
Zerzauster Mhne, zerzausten Schweifes kommt er gejagt. Ist da. Sein Mantel
flattert. Sein Haar flattert. Eine Miene wie graue Steine. Augen hat er starr
und sehnschtig in Hhlen liegen. Manchmal ruft er. Dstere Rufe. Er pfeift
unsichtbaren Gesellen. Er pfeift einer unsichtbaren Meute, die um ihn her heult.
Schaurig geht es um ihn. Seine Augen knnen glimmen wie verzehrende Feuer.
    Auch Einhart sa jetzt in der Wildnis so recht heimatlos umgetrieben. Da
alle die Jungen und alten Hupter rings ihn scheu und ehrerbietig heimlich
betrachteten. In allen ging dumpfe, stumme Sehnsucht um.
    Der volle Mond stieg wie ein stumpfes Rosenfeuer in den Dmmerdunst der
Nacht. Fern und gro hob sich die glhe Scheibe lautlos und ohne Strahlen ber
den Rand der Erde. Tief war die Stummheit. Die rauhe Stimme des alten Erzhlers
erstarb unter den starren Blicken im Feuerschein.
    Ein Tier in der Ferne jagte hin. Ein junger Hengst, der unruhig eine Strecke
aufgescheucht.
    Wie ein dunkles Monument, so dnkte es Einhart, weil das Tier nher kam. Wie
einer weiten mchtigen Freiheit Gttersohn schien es.
    Der wilde Hengst wieherte. Es antwortete wiehernd in der Runde.
    Der Mond begann hher und hher in die graue Nacht emporzuziehen und
Strahlen zu spenden in die tiefe Schweigsamkeit.
    Einhart hatte vergessen, da er schon in der nchsten Stunde zurckkehren
msse in eine andere Welt.


                                    Ausklang

Einhart hatte graue Haare, die allmhlich wei wurden.
    In seinem Hause vor der Stadt, das in einem alten Garten lag, war die
Vorhalle wei getncht, und es standen wenige Marmorbildungen in Nischen. Und
seine Rume waren hoch und still, darin nur einige Bedienstete umgingen und eine
alte Schaffnerin.
    Einhart war ein Meister geworden, der in hohem Werte stand. Toren, die
Glossen machten ber manche seiner Weisen, gab es wie immer mehr wie Kenner.
Aber sehr viele sprten auch jetzt lngst das Glck heraus, dem Einharts Seele
sehnschtig nachgetrachtet, je mehr er die eigenen Brunnen ergraben.
    Einhart war in spteren Jahren noch vollends ein Einsiedler geworden, ein
Eremit ohne Kutte, und ein rechter Sinnierer. Nicht etwa, wie Einer, der mit
Begriffen sinnt, also, da in der Seele nur Namen schwirren, da das innere Auge
nichts sieht als Grau in Grau, und das Ohr hrt Worte hallen. Er hatte immer
heitere Gesichte seines inneren Auges und hrte die Dinge aus sich tnen.
    So konnte Einhart in seiner vereinsamten Schau sitzen, wie ein Derwisch vor
einem Blumenkeim, bis aus der schwarzen Erde die Blume selber aufstieg, die er
heiter erwartete.
    Einhart war selten mit Menschen zusammen.
    Auer mit Poncet.
    Viele waren auch gestorben.
    Aber die Kinder seiner Nachbarschaft kannten ihn alle. Er lchelte jedes an
und spate mit ihm. Erzhlte lustige Sperlingsschwnke und deutete ihnen in
gtigem Geplauder Strucher und Sterne. Das Auge jedes, auch des kleinsten
Jungen leuchtete und erwartete eine Freude, wenn Meister Einhart noch immer mit
dem heiteren Funkelblick die Strae kam, noch immer schlank und gehalten und von
einem paar gelber, zottiger, schlanker Schferhunde begleitet, die ihm die
Grfin Schleh noch geschenkt hatte.
    Und Poncet war immer noch sein Freund.
    Der war auch grau geworden und auch weise. Wenn die beiden am Winterabend im
Atelier Einharts vor einem hohen Kaminfeuer saen und nur dann und wann der eine
oder andere in die Stille hinein plauderte, erinnerten sie sich an viel
vergangenes Leben. Auch an manche Zerwrfnisse, als wre es jetzt ein Gut.
    Man mu doch sagen, da das Leben Weisheit hat, mindestens wie ein guter
Tonsetzer, sagte Einhart. Wenn man es nur aufzuspren versteht.
    Mir scheinen jetzt auch viele Schmerzen in der Rckschau sonnenklar
aufgelst, sagte dann Poncet.

                                     * * *

    Spter, als Einhart schon auf die Siebenzig zuging, begann er eine
leidenschaftliche Erinnerung neu zu fhlen. So da er wochenlang nicht ans Licht
kam. Er sa und radierte allerhand Szenen aus dem Steppenleben, einen ganzen
Reigen phantastischer Bltter, darin allenthalben ein gespenstiger Reiter und
eine heilige Frau mit Verenas Zgen umging.
    In solcher Vertiefung in die eigene Schau einer weiten Welt, die an ihm
vorbergegangen, also da er gebeugt dasa, wie ein lchelnder Hieronymus im
Gehuse, schwanden ihm seine Jahre hin. Indes ihn die Welt von ferne als Meister
pries.
    Kein Uneingeweihter fand Zutritt in Einharts Werkstatt. Nur da noch lange
Jahre daraus reiche, satte Schpfungen gingen, die vor seinem Auge zum eigenen
Staunen aufgewachsen, wie auf einem gepflgten Acker einsame, seltene
Blumenkelche.

                                     * * *

    Ich war einer, der aus der grau in grauen Welt Helligkeit auffing, Licht,
Sonne, weil ich einmal als Kind die Sonne gesehen in blonde Mdchenhaare fallen
und sie beglnzen. Seitdem liebte ich das Fest der Mhsal, den Glanz der
irdischen Dinge, sagte er oft.
    Oder er sagte auch: Ich hatte manche Enttuschung. Die Dinge und wir selber
narren uns oft. Es ist viel Torheit in unseren Geschften. Und manchmal ist das
Blut herrschschtig, wie ein Tyrann. Aber es gibt auch viel Trost.
    Einmal sagte er:
    Zwanzig Jahre und mehr hatte ich als Knstler gelebt und nicht begriffen,
da unser tiefstes Leben nur leben will ohne Rest und ohne Spiegel.
    Johanna starb und hinterlie mir diese Wahrheit.
    Aber ich begriff sie noch lange nicht.
    Das Leben will nicht Belehrung sein, nicht Zwecke haben, nicht Gabe werden,
nicht bestimmt sein von tausend Blicken hier hin und dort hin. Adam und Eva noch
immer in der weiten, einsamen Steppe, hungrig nacheinander, sehnschtig nach
Mitfreude, sehnschtig nach MitLeiden, hungrig nach Hoffnung, hungrig nach
Zukunft. Weil ber alle Drnge der Seele auf Erden der Tod sein Zeichen schrieb.
Das ist es.
    Und er sagte dann auch: Verena heit diese Weisheit. Verena, die vor mir
vorberging ohne Acht, da sie mir fr immer die alte Ursehnsucht zurcklie.

                                     * * *

    Als Einhart Selle im Sarge lag, nachdem er an einem Morgen nicht mehr aus
tiefem Schlafe die Augen aufgetan, sah er aus wie einer, der das Leben lchelnd
ansieht von hoch auf der Kommandobrcke. Wie ein Kapitn sicheren Blickes. Oder
ein Lotse, der durch tiefe Gewsser fhrt. Er war wie jung geworden. Er sah
schn aus. Die abgrundtiefe Ruhe lag in seinen bleichgrauen Zgen. Weil ja die
Augen fest geschlossen waren.
    Und doch lag in seinen Augen auch das ganze, freie, sieghafte Lcheln, womit
er ber den Huptern in die fernsten Fernen sah, dahin er fortzog.
    So ist er allen erschienen, ehe man den Sarg ber ihm schlo.
    Man begrub ihn. Viel neugieriges Volk und viele Freunde seiner Kunst standen
dabei. Einige redeten trauernde Worte in die Luft ber seinem Grabe und rhmten
einen Einsamen.
    Einhart wollte nicht verbrannt, er wollte begraben sein. Er hatte oft
gelacht:
    Nachdem meine Feuer Flammen geworden, die sich auf die Lippen des
unbekannten Gottes setzten, mag meine Erde wieder zu Erde werden.
    Und er hatte auch oft in den letzten Jahren das Volkslied schalkisch
lchelnd im Munde gehabt:

Wohl unter den Rslein, wohl unter dem Klee,
darunter verderb ich nimmermeh'!

    Man warf ihm Krnze und Erde nach, die auf seinem Sarge polterten. Und aller
Augen starrten wie klare Steine vor sich hin. Alle wuten, da seine Grabschrift
also lauten sollte:

Denn jede Trne, die dem Auge entquillt,
macht, da mein Sarg mit Blute sich fllt.
Doch jedesmal, wenn du frhlich bist,
mein Sarg voll duftender Rosen ist.

