
                                 Thoma, Ludwig

                                  Andreas Vst

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                                  Ludwig Thoma

                                  Andreas Vst

                                  Bauernroman

                                 Erstes Kapitel

Es war ein schner Herbsttag.
    Die Sonne war gelb wie eine Butterblume und sah freundlich auf die
abgerumten Felder herunter, als betrachte sie behaglich die Arbeit, welche sie
den Sommer ber getan hatte.
    Und die war nicht gering. Selten war eine Ernte besser geraten, und die
Sonne hatte an vielen Tagen ihre Strahlen herunterschicken mssen, bis die
schweren hren gereift waren. Und wieder hatte es Wochen gedauert, bis die Halme
am Boden lagen und bis die hochbeladenen Wagen ihre Lasten in die Scheunen
gebracht hatten.
    Nun war es geschehen, und in allen Tennen schlugen die Dreschflegel den
Takt; hier und dort trotteten geduldige Pferde an den Gpeln im Kreise herum,
und im Hofe des Hierangl fauchte und pfiff eine Dampfmaschine. berall war
fleiiges Treiben, und wenn die Sonne mit einem freundlichen Stolze darber
lachte, so hatte sie recht, denn es war ihr Werk, und es war ihr Verdienst.
    Die Dorfstrae von Erlbach lag still und verlassen; die Menschen hatten
keine Zeit zum Spazierengehen, und die Hhner liefen als kluge Tiere um die
Scheunen herum, wo sie manches Weizenkorn fanden.
    Einige Gnse saen am Weiher, streckten die Hlse und stieen laute Schreie
aus; das taten sie, weil sich die Tre eines kleinen Hauses ffnete und zwei
Mnner heraustraten.
    Der vordere trug einen Pickel auf der Schulter, der andere eine Schaufel,
und sie gingen gegen die Kirche zu, in den Friedhof.
    Die eiserne Gittertr kreischte und fiel klirrend ins Schlo. Nun konnte es
jeder wissen, da die beiden Totengrber waren, und da an diesem schnen Tage,
mitten in dem emsigen Leben, ein Mensch gestorben war.
    Die zwei blieben nicht im Friedhof, sie stiegen ber die niedrige Mauer und
fingen neben derselben in einem verwahrlosten, kleinen Grasflecke zu graben an.
    Das war ungeweihte Erde, in die man Selbstmrder und ungetaufte Kinder legt.
Es hatte sich aber kein Erlbacher selbst entleibt, sondern das neugeborene Kind
des Schullerbauern Andreas Vst war unter den Hnden der Hebamme gestorben.
    Diese Person hatte nicht die Geistesgegenwart, sogleich die Nottaufe zu
vollziehen; die Mutter war bewutlos, und sonst war niemand anwesend, denn alle
Hnde waren zur Arbeit aufgeboten.
    So geschah es, da die kleine Vst nicht in den Scho der heiligen Kirche
gelangte und als Heidin nach einem viertelstndigen Leben verstarb.
    Ich wei nicht, ob der liebe Gott den unchristlichen Zustand eines Kindleins
so hart beurteilt wie seine Geistlichen, aber das eine ist gewi, da es nicht
in geweihter Erde ruhen darf, worein nur Christen liegen; darunter manche
sonderbare.
    Also deswegen warf der Totengrber Kaspar Tristl mit seinem Sohne neben der
Kirchhofmauer die Grube auf.
    Er nahm den Hut ab; jedoch nicht aus Ehrfurcht, sondern weil es ihm warm
wurde.
    Er wischte sich mit dem Hemdrmel ber die Stirn und sagte:
    Wenn er g'scheit g'wen woar, htt er g'sagt, da er eahm selm g'schwind
d'Nottauf geben hat. - Er meinte den Schuller.
    Ja no, sagte der Sohn und schaufelte gleichmtig weiter.
    Der Alte spuckte in die Hnde und brummte:
    Eigentli is 's dumm.
    Dann arbeitete er wieder drauf los, und nach einer Weile war das Grab
fertig. Es war klein und unansehnlich. Und da die Erde nicht sorgfltig daneben
aufgeschichtet war, sondern mit Grasstcken untermengt herumlag, sah es recht
jmmerlich aus.
    Tristl dachte wohl, da es fr ein Heidenkind schn genug sei, und er stieg
bedchtig ber die Mauer zurck. Es war spt geworden; die kleinen Holzkreuze
der Armen lagen im Schatten, aber auf die hohen Grabsteine schien die
Abendsonne, und die goldenen Buchstaben glnzten schier heller als am Tage.
    Die Reichen haben es berall besser.
    Der Totengrber ging mit seinem Sohne durch den Friedhof.
    Als er drauen war, sah er einen Mann mit raschen Schritten gegen den
Pfarrhof zueilen.
    Aha! sagte er, der Schuller geht zum Pfarrer. Ds werd eahm weng helfen.
    Und er setzte hinzu: Eigentli is 's dumm, da a jeder Spitzbua drin liegen
derf, und an unschuldig's Kind net.

Der Pfarrhof von Erlbach ist ein schnes, stattliches Gebude, zwei Stockwerke
hoch, jedes mit sechs Fenstern nach der Strae hinaus. An der hellgetnchten
Mauer rankt ppige Klematis hinauf und gibt dem Hause ein freundliches Aussehen.
    Davor liegt ein Blumengarten; so bunt, wie es der Geschmack hierzulande
liebt. Rote und gelbe Georginen, blasse Malven, dazu Astern in allen Farben sind
in reichlicher Flle da.
    Die Beete sind mit Reseden eingefat, und am Zaune bemerkt man auch eine
Blume mit braunem Sammetkleide. Man heit sie die schwbische Hoffahrt.
    In der Mitte des Kiesweges, welcher zur Tre fhrt, ist ein Springbrunnen;
daraus steigt ein Wasserstrahl in die Hhe, nicht dicker als eine Stricknadel,
und fllt mit einem kaum vernehmlichen Pltschern nieder. Es ist ein Ort der
Beschaulichkeit. Und darber liegt eine Ruhe, welche dem heiligen Charakter des
Hauses angemessen ist.
    Der Pfarrer wandelt hier mit ruhigen Schritten, whrend er im Gebete
versunken ist; und der Kooperator geht so leise herum, da man das Schmatzen
seiner Lippen hrt, wenn er sein Brevier liest. Ein gottseliges Wesen ist in der
Luft und dringt durch die Fenster und Schlssellcher. Unsichtbare Englein
fliegen herum, durch keinen rauhen Lrm verscheucht.
    Alle Tren klinken leise ein, und die fleischlichen Menschen schlrfen auf
Pantoffeln durch den gewlbten Gang.
    An allen Wnden ist Frmmigkeit, nichts als Frmmigkeit.
    Hier hngt das Bild des Erlsers mit der Dornenkrone. Dicke, rotgemalte
Blutstropfen stehen auf seiner Stirne und rinnen ber den goldgestickten
Krnungsmantel herab; dort ist Maria zu erblicken, die ihr Antlitz schmerzlich
zum Himmel richtet. Aus ihren Augen flieen reichliche Trnen, und in ihre Brust
sind spitzige Schwerter eingebohrt.
    Darunter steht: Heilige Maria, Mutter des Weltheilands. Meines Herzens
sehnlichster Wunsch und Gebet ist, da mein Volk selig werde. Amen. ber einer
anderen Tr ist ein groes Herz gemalt, und wieder fallen Blutstropfen hernieder
ber die helle Wand. In groen Buchstaben liest man geschrieben: Ses Herz
Jesu, sei meine Liebe!
    Neben der Treppe ist ein kleiner Altar aufgebaut; davor leuchtet eine rote
Ampel still und feierlich in dem Frieden dieses Hauses.
    Aber heute wurde es mit einem Male laut. Jemand ri heftig an der Glocke,
da sie durch den Gang schrillte, und als die Kchin Maria Lechner beim ffnen
der Tre den Ruhestrer zurechtweisen wollte, stapfte er schon an ihr vorbei auf
genagelten Stiefeln.
    Die Schritte hallten an den Wnden wider, und bei dem ungewohnten Lrm
zitterten die Heiligenbilder in ihren Rahmen, und die Englein flchteten
erschrocken durch das geffnete Fenster.
    Auch Frulein Lechner war aus ihrem Gleichmae gebracht; whrend sie sonst,
wenn Besuch kam, die Hnde sittsam zum Gebete faltete, stemmte sie diesmal die
Arme in die Seiten und fragte mit fetter Stimme: Was ist denn das fr ein
Lmmel?
    Es war Andreas Vst, der Schullerbauer von Erlbach, und er stie jetzt an
alle Stufen an, da die alte Stiege krachte und seufzte. Denn sie war an solche
Tritte nicht gewhnt.
    Oben unterbrach der Kooperator sein Gebet und schaute entsetzt auf den Gang
hinaus. Gelobt sei Jesus Christus! sagte er; der Schuller achtete nicht darauf
und ging weiter bis zur vordersten Tre.
    Er hatte kein Empfinden fr die Heiligkeit dieses Hauses, er klopfte mit
groben Kncheln an und wartete kaum auf das Herein. Und drinnen stand er
breitbeinig vor seinem Seelsorger und sah ihn mit Blicken an, die keine Demut
verrieten.
    Herr Georg Bausttter, Pfarrer in Erlbach und Kmmerer des Kapitels
Berghofen, ging ihm entgegen und lchelte. Aber es lag Trauer in diesem Lcheln.
    Und er sagte: Ich wei, warum Ihr kommt, Vst.
    Ds is net schwaar zum derraten, erwiderte der Schullerbauer, also is 's
jetzt soweit, da ma ds kloa Kind eigrabt, als wia r' an Hund?
    Es ist die Vorschrift unserer heiligen Religion.
    So, heilig is ds?
    Werdet nicht heftig! sagte der Pfarrer und sah auf seine gefalteten Hnde
nieder, ich bin doch heute morgen bei Euch gewesen und habe Euch alles
auseinandergesetzt.
    Ja, aba i hab gmoant, es kunnt no anderst wer'n. Jetzt hat da Kaspar scho
's Loch aufgraben. Mei Knecht hat'n g'sehg'n.
    Wir drfen ber die Gesetze unserer Kirche nicht murren; wir mssen
bedenken, da sie unsere Mutter ist und unser Bestes will ...
    Und mi maten ins no bedanka ...
    Unterbrecht mich nicht! Es geht Euch wie dem Sohne, der die Strenge der
Mutter fhlt, aber nicht sieht, da sie heilsam ist.
    Also is jetzt da gar nix mehr z'macha?
    Wir wollen hoffen, da Gott dieses Kindlein in den Vorhof der Seligkeiten
gelangen lt; wir wollen darum beten, aber es steht nicht in unserer Macht,
dasselbe in geweihter Erde zu begraben.
    Aba sinscht grabt's an jeden ei, und bal oana kpft werd, nacha grabt's 'n
aa 'r ei, und bal ...
    Ihr versndigt Euch, aber ich will es verzeihen, weil Ihr schmerzlich
bewegt seid.
    I hab koan Schmerz durchaus gar net, sagte der Schuller und zog seinen
ledernen Geldbeutel aus der Tasche. I hab durchaus koan Schmerz net. Was
koscht's, bal 's Kind in Freithof a richtig's Grab kriagt?
    Es sind Worte genug geredet, Vst. Geht jetzt heim!
    Die Stimme des Pfarrers klang noch immer sanft, aber seine Augen waren
zornig.
    Der Schullerbauer achtete es nicht.
    Wos? sagte er, s mgt's mei Geld aa net? Ds mua des erscht Mal sei,
da a Bauernmensch sei Geld net o'bringt.
    Geht heim, Vst! Ich sage es zum letztenmal. Eure Gesinnung ist mir nicht
unbekannt; ich wei wohl, in welchem Hause die schlechtesten Reden gefhrt
werden, und wo der Geist der Auflehnung waltet.
    Der geistliche Hirte war heftig geworden, und er hatte alle Sanftmut
verloren. Er hielt seine Hnde nicht mehr gefaltet, sondern streckte die Rechte
gebieterisch gegen die Tre aus. Der Schuller blickte ihn an.
    Nicht ngstlich und nicht zornig. Die Ruhe kam ber ihn; gerade, als wre er
zufrieden damit, da die geistliche Milde verschwunden war.
    Und er redete ohne Aufregung.
    I geh' scho, Herr Pfarra. Sie hamm g'sagt, da S' mi kenna. I kenn Eahna 'r
aa, recht guat kenn i Eahna. Und i woa aa, warum's g'rad bei mein Kind so
hoakli is mit da Tauf.
    Er ging zur Tre und hatte schon die Klinke in der Hand. Da drehte er sich
noch einmal um.
    Ds mcht' i no sag'n, Herr Pfarra. I bin net z'wegen meiner da herganga.
Es is g'rad weg'n der Burin g'wen. Sinscht htt'n S' mi wohl net g'sehg'n.
    Und nach diesen Worten ging er. Als er auf den Gang hinaustrat, stand der
Kooperator wenige Schritte entfernt, und Frulein Lechner huschte eilig in ein
Zimmer.
    Vst merkte es nicht, weil ihm zuviel im Kopfe herumging. Und so entging ihm
leider auch die Frmmigkeit des Herrn Kooperators, welcher eifrig in seinem
Gebetbchlein las und mit halblauter Stimme den Inhalt vor sich hin sagte.
    Beschmung meiner selbst ... Unglckseliges Gedchtnis! Wie viele boshafte
Gedanken hast du zugelassen! Unglckseliger Wille! Wie viele unordentliche
Begierden hast du ausgekocht! O Snde! Wie lieblich scheinest du, da man dich
begeht! Wie bitter und abscheulich bist du, nachdem du geschehen ... Ja ... ich
schme mich ...

Den anderen Tag in aller Frhe wurde das Heidenkind begraben. Keine Glocke
lutete, und kein Priester sprach ein Gebet.
    Die Hebamme trug den kleinen Sarg; hinterdrein gingen der Schullerbauer, der
alte Wei und der Haberlschneider.
    Sonst war niemand dabei.
    Der Totengrber Kaspar legte den Sarg ohne viele Umstnde in die Grube und
warf Erde und Gras darauf.
    Koa Kreuz derf ma net hi'stecken? fragte der Schuller.
    Na, sagte der Kaspar, ds geht gar it. Was moanst denn?
    Nacha net. Jetzt is scho gleich. Geath's zua! Mi hamm da nix mehr z'toa.
V drehte sich um und ging. Die anderen, folgten ihm.
    In Erlbach redete man ohne groe Aufregung ber die Begebenheit. Die Weiber
hatten Bedauernis mit der Schullerin, weil ihr das Kind so unversehens
weggestorben war, und blo ein paar recht Fromme wuten es zu tadeln.
    Am rgsten die Bcker Ulrich Marie; aber die konnte sich nie genug tun mit
der Frmmigkeit. Sie war bei der Bruderschaft vom blauen Skapulier und beim
Verein der heiligen Kindheit, und machte jeden Montag den heldenmtigen
Liebesakt fr die armen Seelen. Da mute ihr das Heidnische weh tun.
    Die Mnner in der Gemeinde dachten nicht viel darber nach, wie es mit dem
Kinde im Jenseits bestellt sei.
    Ihnen lag das Weltliche im Sinn, und sie meinten, da es zuwider sei fr
einen achtbaren Mann, wenn eines so ohne Sang und Klang und neben hinaus
begraben wird. Mancher glaubte, der Pfarrer htte es nicht mit jedem so streng
gemacht.
    Man wute, da er eine heimliche Feindschaft gegen den Schuller hatte. Die
stammte von der Zeit her, wo der Pfarrer einen neuen Kirchturm bauen wollte. Er
hatte den alten Linnersteffel und den Hanrieder berredet, da sie etliche
tausend Mark fr den Bau ins Testament einsetzten. Aber es langte nicht, und da
wollte er die Gemeinde berreden, da sie Geld fr den Bau hergebe. Selbiges Mal
redete der Schuller dagegen; er sagte auch, dem Linnersteffel sein Sohn htte
das Geld wohl brauchen knnen, das der Alte auf dem Sterbbett herschenkte.
    Der Pfarrer wurde rot ber das ganze Gesicht und wieder schneewei. Er
sagte, da es schlecht aussehen msse in dem Herzen eines Mannes, der den
Priesterstand verunehre. Aber er wolle es verzeihen, wenn nur das gute Werk
gelinge.
    Das gelang jedoch nicht, denn durch den Einflu des Schuller fiel der Antrag
durch. Hernach probierte es der Pfarrer auf andere Weise. Er lie keine Glocke
mehr luten, und schrieb an das Bezirksamt, da er auf dem Verbot bestehen
msse, weil der alte Turm so baufllig wre. Es gab eine lange Streiterei hin
und her. Die Gemeinde blieb fest, und der Schuller fhrte das Wort. Er sagte,
bei Lebzeiten des alten Pfarrers Held, der doch erst ein Jahr vorher gestorben
sei, da habe nie etwas verlautet von der Bauflligkeit. Weil man aber einen
neuen Turm wolle und die Mittel nicht gutwillig kriege, wre der alte Turm auf
einmal wacklig geworden.
    Wenn es jedem recht traurig vorkomme, da keine Glocke mehr auf Mittag und
Abend lute, wre die Gemeinde leichter bereit, das viele Geld herzugeben. So
meinte der Herr Pfarrer, aber die Erlbacher meinten es anders. Nach langen
Schreibereien entschied das Bezirksamt, da der alte Turm keinen Schaden
aufweise und das Luten ertragen knne.
    Der Pfarrer war geschlagen und mute seine Angst berwinden. Er lie sich
den Zorn nicht ankennen, aber im geheimen hatte er sich seine Feinde gemerkt,
und dem Schuller trug er es nach und freute sich, da er Gelegenheit hatte, ihm
eines auszuwischen.

                                Zweites Kapitel


Den Sonntag vor Michaelis fand wie alle Jahre in Webling der Ball der
freiwilligen Feuerwehr statt.
    Von Erlbach gingen viele hinber; die jungen Leute schon bald nach dem
Essen, die lteren nach dem Rosenkranz.
    Der Weg zieht sich eine leichte Stunde ber einen Hgel durch das
Schneiderhlzl; man sieht schon von weitem den Weblinger Kirchturm und den
Maibaum, der vor dem Wirtshause steht. Der Weg sah heute bunt aus.
    Die Erlbacher Mdel gingen in Scharen zu vieren und mehr miteinander. Ihre
Kopftcher leuchteten lustig ber die Felder, und wenn sie beim hohen Kreuz am
Waldsaum waren, kam der Wind in die Tcher und blhte sie auf. Die Zipfel
flatterten wie Fahnen und verschwanden hinter der Hhe.
    Die Burschen hielten sich auch zusammen und marschierten an den Mdeln
vorbei. Sie fhrten laute Unterhaltung im Gehen; einer blies auf der
Mundharmonika, und andere sangen:

Dieses scheane Land,
Es st mein Heimatland,
Dieses scheane Land ...

Jackl, heunt sauf'n ma r' ins grad gnua.
    Da Peter isch Zechmoasta. Hast as Geld bei dir, des ma z'samm g'legt hamm?
    I scho. Ds g'langt berall'n hi. Bal no an Wirt 's Bier net ausgeht.
    Herrschaftseiten! Und Juhu! Jui!

Dieses scheane Land,
Es st mei Heimatland.

Toni, spiel auf!
    Wenn sie an den Mdeln vorbeigingen, rckten sie ihre Hte und schnackelten.
Die Lustigsten sprangen in die Hhe, pfiffen und schrien.
    Das Weibervolk drngte sich zusammen und lachte und stie sich mit den
Ellenbogen an.
    Hoscht an Kistler Hans g'sehg'n?
    Ah, ds is oana! Und da Christl!
    Jessas na!
    Und die Burschen freuten sich wieder, wenn sie den Eindruck sahen. So ging
es ber die Felder und durch den Wald.
    Der Lrm wurde durch den Wind fortgetragen und steckte die Scharen an, die
hinterdrein kamen.
    Einer von den Letzten war der Xaver, der Sohn vom Hieranglbauern, ein junger
Mensch, der sich mehr auf sein Geld einbildete, als gut war.
    Wenn er bei einer Unterhaltung mittat, gab er sich ein Ansehen, als mten
sich die anderen geehrt wissen. Deswegen ging er auch heute abseits und hielt
sich zurck, da niemand glauben konnte, dem Hierangl Xaver wre es um das
Tanzen zu tun.
    Holten ihn seine Kameraden ein, dann gab er ihnen den Gru zurck, und wenn
sie ihn aufforderten, mitzugehen, sagte er, da er noch frh genug nach Webling
komme. Den Mdeln rief er keine Scherzreden zu, und er gab sich keine Mhe,
ihnen zu gefallen. Als die Ursula vom Schullerbauern mit zwei anderen
vorbeiging, redete sie ihn an:
    Xaverl, geahscht it am Tanzboden?
    Vielleicht kimm i; vielleicht net aa.
    Sie drehte den Kopf nach ihm um und lachte verlegen. Er gab ihr nicht an und
blieb zurck.
    Als er zum Feldkreuz kam, stand sie auf einmal neben ihm. Sie hatte im Walde
gewartet und rckte jetzt verlegen an ihrem Kopftchel.
    Da d' gar nimmer kimmst, Xaverl? Seit guatding drei Wocha hoscht di nimma
sehg'n lassen?
    Unter der Arndt hon i koa Zeit auf ds.
    Sinscht host d'a wohl Zeit g'numma.
    Jetzt is halt net ganga.
    Sie ging schweigend ein paar Schritte neben ihm her.
    Dann fragte sie: Hoscht d'as dahoam scho g'sagt?
    Ob i was g'sagt hab?
    Frag' it a so! Hoscht nix g'sagt, da i in der Hoffnung bin?
    Ds geht do bei mir dahoam neamd was o! De wern sie nix bekmmern um ds.
    Hoscht ma's du it g'hoaen, da d' mi heiratst?
    Da is mir nix bekannt.
    So redst du jetzt? A so tatst ma's du macha? Hoscht d' ma's it g'hoaen?
Hoscht it g'sagt, du brauchst durchaus koan Angst it z' hamm? - Geh du dein
Weg und la mir mei Ruah!
    Jetzt tat'st di weglaugna, du ganz Schlechter! Aba du derfst di zahl'n grad
gnua!
    Des werd si aufweisen; da sand anderne aa no beteiligt.
    Ds ko'st du net mit Wahrheit behaupten.
    Jetzt geh mir aus'n Weg! I ho mit dir nix mehr z'reden.
    Die Ursula kam das Weinen an. Dicke Trnen liefen ihr ber die Backen, und
sie wischte sich mit den schwieligen Hnden ber das Gesicht, da es um und um
na wurde.
    Sie wollte reden, aber die Worte kamen nur ruckweise heraus. Wie'st ds
erstmal ... Wie'st ans Fenschta kemma bist ... do hoscht g'sagt, i brauch mi nix
bekmmern, hoscht g'sagt, und's Heiraten is ma g'wi ... und jetzt gangst mit
solchene Lugen um, und bei da Hollastauden hiebei, da hoscht g'sagt, i brauch mi
durchaus nix bekmmern, und jetzt brach'st d'as so fr, als wenn anderne
beteiligt g'wen war'n - -
    Ds werd sie aufweisen, sagte der Hierangl Xaver und ging weg.
    Es war ihm nicht mitleidig zumute, und er sah sich nicht um nach der Ursula,
die mit den rmeln ihre Trnen trocknete und nicht wute, sollte sie stehen
bleiben oder dem Xaver nachlaufen. Weil sie aber sah, da er schnell dahinging,
dachte sie, da ihr alles Reden nichts helfen wrde.
    Sie richtete das Kopftchel zurecht und ffnete ihren Handkorb. Auf der
Innenseite des Deckels war ein Spiegel angebracht, und Ursula betrachtete ihr
Bild darin.
    Es sah nicht vorteilhaft aus. ber das sommersprossige Gesicht waren
schwrzliche Streifen gezogen; sie kamen von den Trnen und den schmutzigen
Fingern.
    Auf zehn Schritte wre es zu sehen gewesen, da sie geflennt hatte; deswegen
spuckte sie in ihr Taschentuch und verwischte die Spuren. Und dann ging sie
langsam ihren Weg, auf den Tanzboden.

Der Weblinger Wirt hatte einen guten Tag. Saal und Stuben waren gefllt, und im
Nebenzimmer saen alle Honoratioren, auf die er gerechnet hatte.
    Die Herren Lehrer aus der Umgebung, der Frster von Pellheim, der Verwalter
von Hohenzell und der Stationskommandant Hermann. Unter der Tre erschien ein
junger Mann. Er grte freundlich und wurde von allen willkommen geheien. Bei
mir ist noch Platz, sagte der Lehrer Stegmller von Erlbach. Darf ich die
Herrschaften miteinander bekannt machen? Herr Mang, Kandidat der Theologie -
Frulein entschuldigen, jetzt hab ich den Namen vergessen ...
    Sporner, sagte das hbsche Mdchen, welches neben ihm sa.
    Frulein Sporner, die Nichte des Herrn Collega von Aufhausen. Den kennen
Sie ja schon?
    Gewi habe ich schon die Ehre gehabt. Wenn die Herrschaften erlauben, dann
bin ich so frei, sagte der Kandidat der Theologie und setzte sich mit
linkischer Bescheidenheit nieder.
    Er hatte ein hbsches Gesicht und lustige braune Augen; seine Bewegungen
verrieten Kraft und Geschmeidigkeit, aber er war nicht frei von der angelernten
Wrde, die man fr den geistlichen Beruf braucht. Dazu kam noch einige
Schchternheit im Verkehr mit Damen, und Frulein Sporner war ein schnes
Mdchen, vor dem ein junger Studiosus wohl errten konnte.
    Darum war es nicht verwunderlich, da Sylvester Mang sich einige Male durch
die Locken fuhr und keinen rechten Platz fr die Hnde fand, und da er nach
lngerem Besinnen sagte, es sei heute ein schner Herbsttag.
    Wundervoll, meinte Frulein Sporner, es ist berhaupt so hbsch hier.
    Frulein sind noch nicht lnger da? - Nein.
    Wir haben gerade von Ihnen geredet, Herr Mang, sagte der Lehrer von
Aufhausen. Am nchsten Sonntag haben wir ein Hochamt, und da knnten wir einen
guten Tenor brauchen.
    Wenn Sie wnschen, stehe ich gerne zu Diensten.
    Sie tun mir einen groen Gefallen damit.
    Sie sind Snger? fragte das Frulein.
    Ja, das heit, ein wenig. Natrlich nicht geschult.
    Der Herr Mang hat einen prachtvollen Tenor, unterbrach ihn Stegmller.
Ich sag' Ihnen, Frulein, da knnen Sie in der Stadt lang suchen, bis Sie einen
solchen Tenor finden.
    Da freue ich mich auf den Sonntag.
    Wenn Sie nur nicht zu stark enttuscht werden, Frulein. Ich habe gar keine
bung mehr.
    Er ist berhaupt ein musikalisches Genie, rhmte Stegmller. Ein Knstler
auf der Violine. Ja, wenn ich das gekonnt htte, s ich nicht als Schullehrer
in Erlbach! Eigentlich is 's schad, da Sie Geistlicher werden.
    Es ist ein idealer Beruf, sagte Sylvester.
    Und er sah bei diesen Worten nicht weniger altklug aus, wie andere junge
Leute, welche etwas Groes behaupten.
    Frulein Sporner nickte ernst und verstndnisvoll zu seinen Worten.
    Die Kunst, das wr mein Fall gewesen, seufzte Stegmller. Frei sein, wie
ein Vogel in der Luft und auf niemand Obacht geben. Und leben knnen, wo man
will.
    Treiben Sie auch Musik, Frulein? fragte er.
    Klavier habe ich gelernt, aber ich hab's nicht sehr weit gebracht.
    Sie sollten einmal den Herrn Mang begleiten.
    Da kann ich nicht genug.
    Sylvester freute sich, da ein Gesprch im Gange war, in dem er seinen Mann
zu stellen wute. Er stellte hfliche Fragen und rhmte alle Werke, welche das
Frulein hervorhob.
    Und als sie sagte, kein Lied gefalle ihr besser, als das Am Meer von
Schubert, fiel Sylvester leise ein:

Das Meer erglnzte weit hinaus ...

Auch das Gedicht ist herrlich, lobte das Mdchen.
    Von Heine, sagte er. Ich hab es einmal bei einem Maifest gesungen, am
Gymnasium. Der Rektor sagte aber, ich htt' es nicht tun sollen.
    Wenn es so schn ist!
    Er meinte, weil Heine doch ein Gottesleugner war.
    Frulein Sporner mute wieder den Ernst des jungen Mannes bewundern.
    An allen Tischen wurde die Unterhaltung lebhafter. Die Frauen hatten sich
vieles zu erzhlen; die eine hatte ihren Mann pflegen mssen, der andern war ein
Kind krank geworden. Die Fleischpreise gingen in die Hhe, Schmalz und Eier
wurden nicht billiger. Manche fhrten Klage ber die Mhen ihres Eheherrn, und
als vom Tanzsaal herunter schrille Musik und Stampfen vernehmlich wurden, sagte
die Frau Stationskommandant: Es wird doch hoffentlich nicht schon wieder eine
Rauferei geben. Mein Mann wei so nicht mehr wo aus, vor lauter Arbeit, und mit
den jungen Gendarmen, die wir jetzt haben, ist ihm nicht viel geholfen. Gelt,
Karl?
    Jawoll, sagte der Kommandant, welcher Karten spielte, und warum gehen S'
denn nicht mit Ihrem Grasober drauf? fragte er, ich hab doch Trumpf
ang'spielt; wenn Sie draufgehen, haben wir ein' Stich mehr. Das hamm Sie nicht
gut g'spielt, Herr Hilfslehrer.
    
    Jetzt kommt die Hofdam', sagte der Frster von Pellheim, und warf die
Schellena auf den Tisch. Ham S' no a Schell'n? Macht siebenundsechzig; is
schon g'wonnen.
    Sie mssen doch mit dem Grasober draufgehen und Eichel nachbringen. Ich
trumpf und bring noch den Knig heim. Was gibt's, Herr Wirt?
    Es waar guat, wenn S' a bissel raufschaueten, Herr Kommandant. Mit de
Hochazeller Burschen hat's des Recht' net.
    Gleich komm ich, sagte der Kommandant und schnallte das Seitengewehr um.
Vielleicht gehen Sie mit, Herr Verwalter, weil Sie die Burschen kennen?
    Sie hrten schon auf der Stiege schreiende Stimmen.
    Hoscht du net auf ins hertanzt?
    s habt's berhaupts koa Recht! Mir ham zahlt!
    Im Tanzsaal drngten sich die Burschen zusammen; das Licht der
Petroleumlampe glhte rtlich durch den Dunst, und der Kommandant konnte sich
nicht gleich zurechtfinden. Mitten im Knuel stand ein lang gewachsener Mensch,
der auf den Hierangl Xaver einredete.
    Bischt du vo Hochazell? Hoscht du mitzahlt?
    I tanz, bal i mag, sagte Xaver.
    G'hrscht du zu die Hochazeller? Hoscht du vielleicht an anders Recht?
    Du Hanswurscht, du Dappiger! schrie ein anderer.
    Der Lange packte den Hierangl beim Rockkragen, die Hintenstehenden drngten
vor.
    Auslassen, sog i! schrie Xaver und suchte nach der Messertasche.
    Nehmt's eahm 's Messa!
    Der Kommandant sprang dazwischen.
    Was gibt's da? Auseinander da! Lassen S' sofort los!
    Da er ma's Messa nei'rennt! schrie der Lange.
    Nach'n Messa hat a g'langt! wiederholten die Burschen.
    Das geben S' einmal sofort her, Hierangl!
    Xaver wehrte sich noch immer wtend gegen den Langen und wollte sich
losreien. Ein anderer packte seinen Arm, und der Kommandant zog ihm das Messer
aus der Tasche.
    Im Griff feststehend, sagte er; das werden wir noch kriegen. Und jetzt
stellen S' Ihnen ruhig hin, sonst verhaft ich Ihnen vom Platz weg! Was hat's
denn geben? fragte er den Langen.
    Mir Hochazella ham ins oan aufspiel'n lassen; da tanzet er mit, und glei
waar er auf mi herg'rumpelt aa no und htt mi ani g'stessen.
    Nur nicht so schreien! Das knnen Sie ja ruhiger auch sagen!
    Is ja wohr! Wia 'r i ihn g'stellt hab, htt' er glei nach'n Messa g'langt!
    Wie heien Sie denn?
    Joseph Hei, Gtlerssohn von Hochazell.
    Mi san allsamt Zeugen, schrien die Hohenzeller Burschen.
    Ich brauch' nicht so viel, sagte der Kommandant und schrieb den Hei in
sein Notizbuch.
    So, Hierangl, Sie verlassen jetzt sofort den Tanzboden und gehen ruhig
heim!
    I geh, bal i mag.
    Nicht so frech! Gelt?
    Die Ursula drngte sich durch den Haufen.
    Geh zua, Xaverl, ds hat koan Wert it!
    La ma do du mei Ruah! Mit dir will i gar nix z'toa hamm. Jetzt gehn i, aba
i kimm scho wida r'amol z'samm mit die Hochazeller.
    Is scho recht, schrie der Lange, und nimm da fei wieda a Messa mit; du
ko'scht dir gar it gnua kaffa.
    Alle lachten und hhnten hinter Xaver her, den seine Kameraden fortzogen.
    Die Musik spielte auf, die Mdel, welche sich auf Sthle und Bnke gestellt
hatten, kamen herunter, und der Tanz ging weiter.
    Die Ursula tat nicht mehr mit. Sie ging die Stiege hinunter ins Freie.
    Beim Wirtsstadel standen die Erlbacher Burschen, und sie konnte im Mondlicht
sehen, wie sich der Xaver von ihnen losmachen wollte.
    Sie hrte eine keuchende Stimme herber.
    Lat's mi aus! I mua no amal eini.
    Ds gibt's gor it. Du gehscht jetzt hoam mit ins!
    Oaner mua no hi sei, von de Hochazeller!
    Geh amol zua! Du derfst nimma z'ruck!
    Die Burschen hielten ihn fest, und er ging endlich mit ihnen.
    Zuweilen blieb er stehen und schimpfte.
    's Messa bal s' ma net g'numma htt'n, nacha wurd i eahm was zoagt hamm. In
aller Mitt' htt' i 'n vonand g'schnitten.
    Jetzt mach amal!
    Die Stimmen verloren sich in der Ferne.
    Da machte sich die Ursula auf den Weg und ging hinterdrein.

Im Nebenzimmer erhob sich der Lehrer von Aufhausen und nahm seinen Hut vom
Nagel.
    Wir haben einen Weg bis zum Feldkreuz, sagte Stegmller, da gehen der
Herr Mang und ich mit.
    Es war eine khle Nacht. Der Herbstnebel zog ber die Felder hin und sah
sich im Mondlicht an wie ein silberner Schleier.
    Vom Weblinger Holze herber wehte ein frischer Wind.
    Da zitterten die Bltter an den Bumen, als kme sie ein Frsteln an, und
die Schatten, welche sie ber die helle Strae warfen, kamen in Bewegung.
    Es ist etwas Poetisches, so eine Mondnacht, sagte Mang.
    Er kmpfte mit einem harten Entschlusse. Er wollte etwas unternehmen, was er
noch nie getan hatte; er traute sich's zu, und er verzagte wieder. Und dann gab
er sich einen festen Ruck.
    Frulein Sporner ... wenn Sie erlauben ... darf ich Ihnen meinen Arm
anbieten?
    Er hatte einen Augenblick geglaubt, da sie weglaufen und ihn beschmt
stehen lassen, oder da sie ihn streng zurechtweisen wrde. Aber sie lief nicht
weg, und sie tadelte ihn nicht. Sie sagte berhaupt nichts, sondern schob ihren
runden Arm in den seinigen.
    Und da merkte er, da es auch poetisch ist, neben einem jungen Mdchen zu
wandeln. Sie gingen schweigend miteinander. Er wollte ein Gesprch beginnen und
besann sich lange. Aber es fiel ihm nichts ein; darum sagte er wieder: Es ist
prachtvoll, so eine Mondnacht.
    Und Frulein Gertraud sagte: Wunderbar; besonders im Herbst.
    Beim Feldkreuze trennten sich ihre Wege; die beiden Alten, welche vor ihnen
gingen, blieben stehen; Mang gab den Arm des Mdchens frei und verbeugte sich
mehrmals und schttelte dem Frulein Sporner immer wieder die Hand, wenn er
vorher dem Onkel gute Nacht gesagt hatte.
    Also am Sonntag zum Hochamt, mahnte der Lehrer von Aufhausen. Gewi; Sie
knnen sich darauf verlassen.
    Und pnktlich um acht Uhr. Gute Nacht, Herr Mang.
    Recht gute Nacht, Herr Lehrer! Angenehme Ruhe, Frulein Sporner!
    Er sah den beiden nach; da fiel ihm ein, da sie ein schnes Lied gelobt
hatte; und er verga alle Bedenken, welche der Rektor von Freising dagegen
hatte. Mit wohlklingender Stimme setzte er ein:

Das Meer erglnzte weit hinaus ...

Als er schwieg, tnte von drben eine freundliche Mdchenstimme: Gute Nacht!
    Er holte mit raschen Schritten den alten Lehrer ein.
    Herr Stegmller berdachte seine Reden, die er im Wirtshaus gehalten hatte.
Es kam ihm so vor, als wr er zu stark ins Schwrmen geraten; die khle
Nachtluft ernchterte ihn.
    Und er sagte: Sie mssen nicht glauben, Herr Mang, da ich vielleicht etwas
habe gegen die Geistlichkeit. Ich redete blo so von der Kunst, weil Sie einen
schnen Tenor haben und berhaupt. Natrlich haben Sie ganz recht, mit Ihrem
Beruf. Er ist schon wirklich ideal.
    Ja, ja, erwiderte Sylvester; Herr Lehrer, wie lang bleibt eigentlich
Frulein Sporner in Aufhausen?

                                Drittes Kapitel


Die nchsten Wochen brachten viel Arbeit. Nach der Trockenheit war ein guter
Regen gekommen, und der Pflug fate wieder an.
    Auf allen Hhen sah man Menschen und Pferde sich langsam bewegen, und hinter
ihnen fraen sich dunkle Furchen in die Stoppelfelder ein.
    Vom Dorfe hinauf bis zum Walde zogen sich gerade Linien; die lustigen Farben
verschwanden, und die Gegend hatte ein ernstes Aussehen.
    Der Schuller war fleiig hinter den Knechten her und hatte selber die Hand
am Pfluge, den ganzen Tag.
    Es traf ihn viel, weil sein ltester als Soldat in Ingolstadt diente, und
wenn er des Mittags heimkam, streckte er die Fe schwerfllig unter den Tisch.
Und wenn er heimkam, war noch ein mder Mensch in der Stube; mde von einem
langen Leben, in dem es kein Ausrasten gibt.
    Das war die Mutter des Schullerbauern. Sie zhlte noch nicht siebzig Jahre,
und in der Stadt gibt es viele, die in dem Alter noch aufrecht gehen. Aber
Bauernarbeit bricht vorzeitig die Kraft.
    Die Alte sa auf der Ofenbank und schaute vor sich hin.
    Die runzligen Hnde faltete sie im Scho und fand kaum die Kraft,
zudringliche Fliegen abzuwehren.
    Was is 's denn mit da Muatta? fragte der Schuller seine Frau.
    Sie is schlecht beinand; seit gestern kummt sie arg von da Kraft,
erwiderte die Buerin.
    Die Alte nickte mde mit dem Kopfe und bewegte den zahnlosen Mund.
    Was hat sie g'sagt? fragte der Bauer.
    I ho's it verstanna. Was hoscht g'sagt, Muatta?
    Die Schullerin schaute die alte Mutter prfend an.
    Ruhig wie ein Mensch, der ber ein Sache ins reine kommen will.
    Was hoscht g'sagt, Muatta? fragte sie noch einmal.
    Die Alte begegnete ihrem Blick; in ihren glanzlosen Augen war nichts von
Angst und Sorge zu lesen. Nur Mdigkeit.
    I treib's nimmer lang, sagte sie.
    Sie moant, sie mua sterb'n, wiederholte die Schullerin mit lauter Stimme.
Der Bauer schnitt bedachtsam den Brotlaib an und brockte kleine Stcke in seine
Suppe.
    Sie is halt scho guat bei die Jahr, sagte er, wie alt bischt denn jetzt,
Muatta?
    Die Alte gab keine Antwort; sie schaute wieder vor sich hin, und ihr Kopf
sank herunter.
    An achtasechz'g Jahr' werd sie sei, und g'arbet hat sie viel, sagte der
Sohn.
    Ja, g'arbet hat sie viel, und acht Kinder hat sie bracht; des setzt oan
zua. Sie g'fallt mi aba gar net; sollt'st dennerst an Pfarra hol'n, Bauer.
    In Pfarrhof geh' i net. Ds muat's scho selm toa; oder schick umi!
    Na geh'n i selm, bal i abg'splt hab.
    Die Alte bewegte wieder die Lippen.
    Wos hascht g'sagt, Muatta?
    Die Schullerin ging zur Ofenbank und horchte aufmerksam.
    Ja, ja, Muatta! Hoscht scho recht. Sie sagt, sie is froh, bal's gar is. A
so hat's koan Wert nimma, sagt sie.
    Der Bauer legte den Lffel weg und ging in den Hof hinaus.
    Andr!
    Wos geit's?
    I nimm jetzt de zwoa Braun', und du spannst an Ochsen ei!
    Der Knecht fhrte zwei stattliche Pferde aus dem Stall; der Schuller nahm
das Leitseil und ging hinter ihnen her. Am unteren Ende des Dorfes holte er den
Geitner ein.
    ' Good, Schuller!
    ' Good!
    Wo geahscht hi?
    An Schmidlacker; Habern vorbaun.
    Wo's d'an Klee g'habt hoscht?
    Ja.
    Jetzt geht's ja leicht mit'n bau'n, weil's nimma so trucka is.
    Es tuat's.
    Beim Kramer ham s' g'sagt, da dei Muatta schlecht dro is?
    Ja, sie hat's kloa beinand. Oan Tag oder zwoa, lnger werd s' kaam mehr
leb'n.
    Wia's halt is. Die Junga knna sterb'n, und de Alt'n massen sterb'n.
    Da ko'scht nix macha.
    Hoscht du nix g'hrt, Schuller, wann de Brgermoasterwahl is?
    Na, koa Tag is no net g'setzt, wia 'r i woa. Im November werd s' halt
sei.
    Dsmal werst as du, Schuller.
    I rei mi net drum. Mir werd's liaba an anderner.
    Wer denn? Da Kloiber mag nimma.
    Vielleicht sagt er grad a so.
    Na, ds woa i g'wi. Da Kloiber steht z'ruck.
    Nacha knnt's ja an Hierangl nehma.
    I glaab it, da 's der werd. Er hat it viel Leut' auf da Seiten; blo de,
wo eahm was schuldi san.
    Aba da Pfarrer mcht'n.
    Ja, weil er moant, da er eahm helfat mit sein' Turm, und weil er
berhaupts allaweil z'sammspinnt damit. Aba 'r auf'n Pfarrer passen mir it auf.
    I sag' da's schnurgrad, Geitner, mi freut's gar it. Bal i Burgermoasta
waar, gang da Verdru nimmer aus. Garaus mit'n Pfarra. Er ko mi net schmecka,
ds woat ja. Und z' Erlbach san gnua, de wo zu eahm halt'n; nacha gab's allawei
Zwidrigkeiten. Nehmt's an Hierangl, ds is viel g'scheiter.
    Mi hamm ja no Zeit, Schuller; aba ds derfst glaab'n; bal's mir nachgeht,
werst as du. I bin auf deiner Seiten; ds derfst g'wi glaab'n.
    Is scho recht. ' Good!
    Der Schuller ging vom Weg ab zu seinem Acker; wie er die Gule am Pflug
vorspannte, sah er dem Geitner nach und sagte vor sich hin: Httst mi gern
ausg'fragt, gel, Tropf schei'heiliga? Di kenn i guat. Wiah!
    Die Gule zogen an; unter der blinkenden Pflugschar wellten sich die
Schollen.

Daheim sa die alte Mutter noch immer unbeweglich in der Ofenecke und sah der
Schwiegerin zu, welche die Stube aufrumte. Das ging flink mit rstigen Armen.
    So hatte die Alte auch einmal gearbeitet und geschaltet im Hause. Dann waren
langweilige Tage gekommen, und sie hatte gesprt, wie unntz ein Leben ohne
Arbeit ist.
    Hohes Alter ist kein Segen. Du sollst dein Brot verdienen im Schweie
deines Angesichts. Das ist fr die Bauernleute geschrieben, denen die Hnde
schwer werden beim Rasten.
    Und die Alte frchtete sich nicht vor dem Sterben; das hatte sie sich oft
gewunschen, nicht aus Verzweiflung oder aus Trbsinn, sondern weil es recht ist,
zu gehen, wenn das Bleiben keinen Wert hat.
    Der jngste Bub der Schullerin kam lrmend herein.
    Die Buerin wehrte ihm ab.
    Geh aussi, Xaverl, du hoscht do herin nix z'toa. Siegscht it, da d'
Gromuatta krank is?
    Mua sie sterb'n?
    Ja, sie mua bald sterb'n. Aba jetzt geh zua! Du gehst uns do im Weg um.
    Der Kleine sah mit neugierigen Augen nach der Alten hin, und als er die
Stube verlassen hatte, stellte er sich drauen an das Fenster und prete das
Gesicht an die Scheiben.
    Die Schullerin wollte in den Stall gehen; da kam der Kooperator ber den
Hof, und sie blieb unter der Tre stehen.
    Es ist eine kranke Person im Hause, welche des geistlichen Trostes bedarf?
    Ja, Hochwrden, d' Muatta is schlecht beinand. Seit Mittag kimmt s' ganz
von da Kraft.
    Wo ist sie?
    Bitt schn. Hochwrden, da herin.
    Der junge Herr trat in die Stube. Ein Blick auf die Alte zeigte ihm, da
hier nur mehr die Seele, nicht aber der Krper zu retten sei, und er ging
berufsfreudig an sein Werk.
    Warum habt Ihr so lange gewartet? fragte er die Schullerin. Ich frchte,
sie versteht meine Worte nicht mehr.
    Es is so schnell ganga, Hochwrden. Aba sie is no beim Vastand; sie hrt no
ganz guat, blo mad is sie halt.
    Dann lat uns jetzt allein!
    Die Buerin ging hinaus, und der junge Mann setzte sich vor die Kranke hin.
Er zog ein dickes Gebetbuch aus der Tasche und fragte mit lauter Stimme: Hrt
Ihr meine Worte?
    Zwei mde Augen schauten ihn an; es lag darin mit dem Aufbieten der letzten
Kraft der Ausdruck von Ehrerbietung, und die Alte versuchte mit zitternder Hand
das Zeichen des Kreuzes zu machen. Ein minder frommer Mensch wre gerhrt worden
durch diese schlichte Ergebung und htte sich demtig gebeugt vor der Wrde der
sterbenden Greisin. Aber Herrn Sitzberger konnte nichts Irdisches berwltigen;
er fhlte sich nicht klein in dieser Stunde, sondern es erhob ihn der Besitz der
geistlichen Gewalt ber diese Seele.
    Und er sprach wieder so laut, da ihn die Alte hren mute: Anastasia Vst,
Ihr seid nun an das Kreuz geheftet, und Ihr sehet der bitteren Todesstunde
entgegen. Ihr mt bedenken, da der liebreichste Jesus fr Euch ebenfalls
Krankheiten getragen und Schmerzen auf sich geladen hat.
    Bittet ihn, da er Euch wahre Geduld verleihe, und opfert ihm alle Glieder
Eures Leibes auf, da er sie strafen mge nach seinem gttlichen Wohlgefallen!
    Die Alte verstand nicht alle Worte, aber sie fhlte dunkel, da sie die
Trstungen der Religion bildeten, in welcher sie lange und glubig gelebt hatte.
Darum hob sie mhsam den Kopf und versuchte kurze Zeit, ihre Augen
offenzuhalten.
    Herr Sitzberger fuhr eifrig weiter.
    Ihr sollt nicht mehr an dieser Welt hngen und Euch das Scheiden von
derselben schwer fallen lassen. Ihr sollt im Gegenteil von einem innigen
Verlangen nach den Wohnungen des Himmels erfllt sein. Ihr sollt sagen, da Eure
Seele drstet und seufzt nach den Vorhfen des Herrn. Wenn auch immerhin die
Furcht vor dem Gerichte die Vorstellungskraft bengstigt und der Anblick Eurer
Snden Euren Geist in tdliche Traurigkeit versenkt.
    Die Kranke bewegte die Lippen, und der Kooperator fragte:
    Was wollet Ihr sagen?
    Sie sprach kaum vernehmbar vor sich hin:
    I hab allawei gern g'arbet. Es is mir it leicht an Arbet z'viel g'wen.
    Dabei hielt die Alte die mageren Hnde vor sich hin, als wollte sie die
Ehrenmale der Arbeit zeigen; und ein freundliches Lcheln ging ber ihr
verwelktes Gesicht. Ja, wre der liebe Gott in der Stube gesessen, dann wren
ihm vielleicht die Augen na geworden, und er htte gesagt: Das sind zwei
ehrliche Hnde, Anastasia Vst, die du aufweisen kannst, und sie erzhlen von
ntzlicher Arbeit. Die haben Gutes gewirkt im Leben, und mehr braucht es nicht
fr den Himmel.
    So htte der liebe Gott reden mssen, aber sein Stellvertreter meinte es
anders. Er zeigte Ungeduld, oder greren Eifer, und verstrkte die Stimme. Ihr
mt Eure Gedanken gnzlich vom Irdischen abwenden, indem die sinnliche Welt
Euch bald verschwunden sein wird. Und wenn Ihr in den Bedrngnissen des
Todeskampfes erseufzet, mt Ihr Gott bitten, da er diese Seufzer als Wirkungen
einer heiligen Ungeduld, zu ihm zu gelangen, aufnimmt. Versteht Ihr meine
Worte?
    Anastasia Vst verstand sie nicht, sie hielt noch immer ihre Hnde vor sich
ausgestreckt und schaute sie lchelnd an. Da stand Herr Sitzberger auf und
zuckte die Achseln.
    Er sagte zur Schullerin, welche still hereintrat: Ihr httet mich frher
rufen sollen, so lange sie noch bei vollem Verstande war. Ich frchte sehr, sie
hat meine Worte nicht mehr erfat.
    Sie fallt so schnell z'samm, da 's gar it zum glauben is, Hochwrden. Vor
an anderthalb Stunden is sie no viel frischer g'wen. Mir wer'n Zeit hamm, da ma
s' no ins Bett einitragen. Und wann i bitten durft, da Sie 's versehg'n,
Hochwrden.
    Ich werde gleich zurckkommen, mit den heiligen Sakramenten, sagte der
Kooperator und ging schnell aus dem Hause.
    Der Xaverl stand noch immer am Fenster, aber er sollte doch nicht sehen, wie
es ist, wenn ein Mensch stirbt.
    Denn die Schullerin und die Ursula trugen die Alte behutsam in ihr
Austragszimmer und schlossen die Fensterlden. Darauf zndeten sie zu Hupten
des Bettes zwei Kerzen an und begannen zu beten.
    In der Dorfgasse wurde es lebhaft; es war Feierabend. Die Leute kamen heim
vom Acker; da blieb ein Nachbar beim andern stehen und redete davon, was man
diesen Tag geschafft hatte, und was man vom nchsten erwarte.
    Beim Schmied wurde noch fleiig gehmmert; ein Gaul vom Bartlbauer brauchte
neue Eisen, und der Webrunner lie seinen Pflug schrfen. Einige Leute standen
vor der Werksttte und schauten zu; sie lobten das Pferd und sagten, der
Bartlbauer htte beim Kaufen eine glckliche Hand gehabt.
    Da kam der Mesner um das Eck herum, hinterdrein der Kooperator mit dem
Allerheiligsten. Alle zogen den Hut, und der Schmied hielt mit der Arbeit ein.
    Wer werd denn versehg'n? fragte einer.
    An Schuller sei Muatta.
    De alt Vstin? Um de is schad, sagte der Zwerger und schaute dem
Kooperator nach.
    Einige Weiber schlossen sich dem traurigen Zug an.
    Als der Priester beim Schuller angekommen war, wandte er sich um und hob den
Kelch mit der heiligen Wegzehrung in die Hhe.
    Die Leute knieten nieder und bekreuzten sich andchtig. Und die Bcker
Ulrich Marie betete mit lauter Stimme das Vaterunser vor.

                                Viertes Kapitel


Lieber Josepf!
    Ich deile Dir zum wiesen mit, das mir vor acht Dag die Muder eingraben ham.
Mir haben nichts gemeint, indem es so schnell gangen ist. Aber der Vadder ist
anderst zornig, weil die Muder ein Desdament gmacht hat und schenkt der Kirch
finfhundert March fier den neien Durm. Beim Notari is das Desdament gwest und
mir ham nichts gewud.
    Lieber Josepf, wie get es Dir? Hofendlich get es Dir gut und darfst auf
Weinachd heraus. Dem Brckl sein Fux hat umgschmiesen und eine Haksen brochen
und hat ihn stechen msen.
    Beim Elfinger und der Haslinger ham Schtraf zalen msen, weil die Schaf
reidig warn und habens nicht angezeichd. Es kost jeden dreisig March und is der
Tirarzd nicht dabei. Da kost es noch mer. Das ist fiel Geld.
    Unsere Scheck hat die voring Woch ein Kalb kriegt; es ist siebsich Fund
schwer und gesund. Der Woaz is gut hereinkomen, aber der Vadder schimbft wegen
das Desdament.
    Lieber Josepf, hofendlich get es Dir gut und schreib bald.
                                                     Es griet Dich Deine Muther

Diesen Brief erhielt der Soldat Josef Vst vom 12. Infanterieregiment, und er
konnte daraus sehen, da sich daheim Gutes und Bses begab.
    Er dachte ber beides nicht lange nach und war so wenig bekmmert wie andere
junge Leute.
    Aber seinem Vater ging es im Kopfe herum, von der Frh bis zum Abend.
    Er war alleweil gut mit der Mutter gefahren und hatte ihr kein bses Wort
gegeben. Sie war zufrieden mit dem Austrag, und wenn sie vom Sterben redete,
sagte sie oft, da ihr ausgemachtes Vermgen beim Anwesen bleibe.
    Blo etliche hundert Mark fr Seelenmessen sollten davon abgehen, und so war
es auch geschrieben im ersten Testament. Aber ein paar Monate vor ihrem Tode
machte sie den Nachtrag und verschrieb fnfhundert Mark fr die Erbauung eines
neuen Turmes.
    Das war ihm unverhofft gekommen, und er htte nicht daran gedacht.
    Jetzt freilich fiel ihm manches ein, was er zuvor nicht beachtet hatte. Da
die Mutter im Sommer nach Nubach fuhr, mitten in der Woche, als er keine Zeit
hatte zum Begleiten und die Buerin im Bett lag.
    Und da sie ihm keine rechte Antwort geben wollte, wenn er sie fragte, ob
alles in Ordnung sei. Da sein Bruder Lenz hinterher nicht halbpart verlangen
knne, weil sie ihm doch das Ganze versprochen hatte.
    Da sagte sie immer, es sei alles recht gemacht, und wie es gemacht sei, wre
es recht.
    Wie der Amtsrichter das Testament vorlas, stand am Schlusse, diese Spende
htte die Mutter wohl berlegt, und die Erben sollten fr sie beten anstatt
verfluchen und verwnschen.
    Sie hatte schon gewut, da sie Verdru damit aufhebe. Den Schuller dauerte
das schne Geld, aber das htte er leichter verschmerzt wie den peinlichen Spott
von den Leuten.
    Er war der Wortfhrer gewesen gegen den Pfarrer, und er hatte seine Meinung
durchgesetzt bei der Gemeinde.
    Derweil galt sie nichts in seinem eigenen Haus, und der Pfarrer hatte seine
Mutter gerade so gut berreden knnen wie den Linnersteffel.
    Selbigesmal hatte er gesagt, da es nicht recht sei, wenn man alte Leute zu
solchen Vermchtnissen berede, und jetzt war es bei ihm das nmliche.
    Der Pfarrer konnte lachen. Was brauchte er sich um die Gemeinde zu kmmern,
wenn er das Geld sogar von seinen Widersachern kriegte? Da mu einer fr dumm
gelten, wenn er Streit anfngt mit der Geistlichkeit, und hinterher zahlt er
selber so viel von der Zeche.
    Der Schuller versteckte seinen Zorn nicht; er sagte den Freunden, da er
gegen die Heimlichkeiten nicht anknne. Er habe ffentlich widerredet nach
seiner Pflicht; aber wenn der Pfarrer von schwachsinnigen Weibern das Geld
nehme, was ihm die Mnner verweigern, hernach sei gleich ausgestritten. Da knne
er sich was darauf einbilden, wenn der Turm auf diese Weis' zusammengebettelt
sei. Und das wre auch noch eine besondere Kunst, ein altes Leut vor dem Sterben
herumzukriegen. Solche Reden wurden weitergetragen, und der Pfarrer hrte sie
bald.
    Da sie ihn nicht freuten, darf jeder glauben, aber er schimpfte nicht, und
auch seine Vertrauten wuten nicht recht, wie er sich dazu stelle. Er hrte
aufmerksam, was man ihm erzhlte, und er seufzte, wenn es recht dick daherkam
und die Worte des Schuller ein schlechtes Geprge trugen.
    Wer das fr Sanftmut hielt, war grob im Irrtum; der hochwrdige Herr hatte
ein zorniges Gemt und verzieh keine Beleidigung. Jedoch er wute, da man dem
Feind am meisten schadet, wenn man die gnstige Stunde abwartet.
    Unter den Vertrauten des Pfarrers fhrte der Hierangl das lauteste Wort.
    Seit vielen Jahren lebte er in Feindschaft mit dem Schuller; er hatte einen
Proze gegen ihn verloren, und in der Wut darber hatte er gesagt, da der
Schuller seine Zeugen zum Meineid verleitet habe. Deswegen wurde er wegen
Beleidigung acht Tage lang eingesperrt und mute obendrein sehen, da ihm die
achtbaren Mnner in der Gemeinde nicht recht gaben. Sie whlten seinen Feind zum
Beigeordneten. Seit der Zeit trat er ihm in den Weg, wo er konnte; und wie der
Schuller gegen den Pfarrer anstritt, war der Hierangl von selber auf der
geistlichen Seite. Sein Zorn wuchs, weil er nichts ausrichten konnte, und er
lie sich ein paarmal hinreien, da er dem Beigeordneten schlechte Dinge
nachsagte. Hinterdrein mute er sie vor dem Brgermeister abbitten und froh
sein, wenn ihn der Schuller nicht wieder verklagte.
    Jetzt, meinte der Hierangl, wre die Zeit gekommen, da man die alte Schuld
heimzahlen knnte, und der Pfarrer sollte mit Gericht und Advokaten ber den
Schuller einrcken.
    Aber der hochwrdige Herr verwies ihm seine Heftigkeit und sagte, da er
mitnichten so verfahren wolle; jedoch, wenn der Schuller in seinem schlechten
Sinne beharre, werde er auf andere Weise gegen ihn einschreiten und als
Seelsorger bedacht sein, da nicht die Gemeinde zu Schaden kme.
    Da merkte der Hierangl gut, da seinem Feinde nichts geschenkt bleibe.
    Auch andere glaubten das, und der Haberlschneider warnte den Schuller mehr
als einmal.
    Du sollst di nit a so auslassen, sagte er, du kennst insern Pfarrer
z'weni. Hr'n tuat er alles, und vagessen gar nix, und bal'st as amal gar it
moanst, werst' as mit Schaden inne wer'n.
    Der ko mi gar nix macha; auf den pa' i scho lang nimma auf.
    Ja, mei Liaba, ds sagst du a so; aba du derfst it vagessen. Helfer hat er
grad' g'nua, und schlauch is er aa.
    Ds derf er scho sei. Woat, Haberlschneider, da er mi it mog, ds woa i
guat g'nua, aba i frcht eahm it, und seine Helfer scho gar it.
    Das sagte der Schuller, weil er tat, was recht war. Aber er mute bald
sehen, da man nicht Herr ist ber alles, was geschieht.
    Eines Abends, wie er daheim sa, rckte seine Buerin mit der Neuigkeit
heraus. Die Ursula sei in der Hoffnung vom Hierangl Xaver. Das erste war zuwider
genug. Eine Bauerntochter soll mehr auf sich halten wie eine Dienstmagd, aber
das zweite machte die Sache schlecht.
    Wre es ein anderer gewesen, der htte geheiratet oder gezahlt, und weil die
Ursula sonst ein arbeitsames Weibsbild war, htte sie wegen dem Kind noch einen
jeden heiraten knnen.
    Aber der Hierangl hngte ihr Schande an, das war einmal gewi. Den Jungen
hetzte der Alte auf, wenn es das noch brauchte.
    Htt'st besser aufpat! schrie der Schuller, jetzt werst' sehg'n wia's
geht. Der Tropf, der ziagt ins aa no eini ins G'red. Dem is nix z'schlecht. Da
du gor it aufpat? Fr was bischt denn du d' Muatta?
    Do ko'st leicht aufpassen, wann mi nix denkt. I woa it, wia sie so dumm
g'wen is; da, frag s' selm! sagte die Schullerin, weil die Ursula hereinkam.
    Sie blieb an der Tre stehen und schaute verlegen drein.
    Was hat mi denn d' Muatta g'sagt? fragte der Schuller; da du di mit'n
Hierangl ei'lassen host? Is dir der Schlechtest g'rad recht g'wen? Hab i net
allmal g'sagt, 's luschti sei verbiat i dir net, aba du muat wissen, bei wem d'
bist?
    So schrei do it gar a so! wehrte die Schullerin ab; du muat do auf de
Deanstbot'n an Obacht hamm!
    Htt's s z'erscht an Obacht g'habt! Jetzt is scho z'spat; de Leut wern si
bald g'nua hr'n; hast du no net g'redt mit eahm? Hast as eahm du no net
g'sagt?
    Jo. I ho's eahm scho zwissen g'macht.
    Und was sagt er nacha?
    Wegschwr'n will er si; aber ds ko er durchaus gar it.
    Ja, do werd er di frag'n, du Lall'n, du dappige. Geh in Stall aui, sinst
schlag i dir's Kreuz o, du Herrgottsakrament!
    Er hat mi 's Heirat'n g'hoaen.
    De Dumma hoat ma viel und lacht s' aus. Host'n du net kennt, den? Host du
dahoam net allawei g'hrt, was des fr Leut san?
    Wann er ihr 's Heirat'n g'hoaen hat, nacha mua er do b'steh drauf,
mischte sich die Schullerin ein. Gib's denn do gar koa G'setz?
    Host ja g'hrt, da er si wegschwr'n will. Der werd si scho was
z'sammlag'n, da sie mit Schanden dosteht. Ds htt' sie de Loas z'erscht denka
kinna. Jetzt geh aui in Stall!
    Ursula brummte vor sich hin und ging.
    Du sollst it gar a so grob sei, sagte die Schullerin, ds helft jetzt aa
nix mehr.
    Da host recht. Bal no was helfet, nacha tat i mi net so zrna.
    Es is andere Leut'n aa scho passiert, vielleicht geht's besser aui, als d'
moanst.
    s Weiberleut seid's glei trst. I ko dir's g'nau sag'n, wia's nausgeht.
Der Hierangl suacht scho lang was geg'n mi, und jetzt hat er was g'funden. Bal
si der Jung blo weglaugna tat, ds waar no gar it des rgst. Aba der Alt' freut
si, wenn's an Proze gibt; der setzt oa Lug auf de ander, und des meist geht
geg'n mi, net geg'n 's Madel.
    Red'n muat halt do mit eahm.
    Mit'n Junga scho; mit'n Alten it.
    Die Unterredung kam bald. Nach ein paar Tagen, als der Hierangl Xaver am
Jgerbergl ackerte. Der Schuller ste nicht weit von ihm Winterroggen und ging
bedchtig die Hhe hinan.
    Die blaue Schrze, in welcher die Saatkrner lagen, hielt er zusammengerafft
und warf bei jedem zweiten Schritte eine Handvoll ber die Furchen. Er gab wohl
acht, da die Wrfe nicht gegen den Wind geschahen, weil sie sonst
zusammengeschoben oder verweht werden.
    Als der Schurz geleert war, lie ihn der Schuller fallen und stieg ber die
Schollen zum Xaver hinber.
    Du, i ho mit dir was z'red'n, sagte er.
    Der Hierangl hielt an und fragte:
    Was denn nacha?
    Du woat, wia's mit der Urschula steht. Wia is denn nacha ds?
    Do werd it viel sei, sagte der Xaver.
    So?
    Na. Ds bekmmert mi gar nix.
    Du mgst di gern weglaugna, gel?
    I bekmmer' mi gar nix drum.
    Du muat it moan, da i di ums Heirat'n bitt'. Du mat erscht sehg'n, ob's
mir recht waar.
    Auf ds brauchst it wart'n, da i um a deinige Tochta kimm.
    Der Schuller wurde zornig, wie er den frechen Burschen ansah. Der getraute
sich, den gestandenen Mann zu verhhnen, und zog die Mundwinkel hinauf, als
wollte er lachen.
    Du schamst di gor it? fragte der Bauer. Du tatst di no prahl'n damit, ha?
Aber pa auf, ob's dir so nausgeht, wia's d' moanst.
    Ds wer'n mi ja sehg'n.
    Ds werst aa sehg'n, bal's zum Zahl'n kimmt.
    Ds scheuch i gor it; es teilen sie grad' gnua drei, da trifft auf an jed'n
nit viel.
    Sagst du ds? Derfst du ds sag'n?
    Der Schuller packte den Burschen an der Brust und schttelte ihn heftig.
    La aus! schrie Xaver. I la mi vo dir it beuteln.
    Du ... du Lausbua, du ganz schlechta ... derschmeien tat i di allaweil,
wann'st ma net z'weni waarst.
    La aus! sag' i.
    Da ... Rotzbua!
    Der Xaver bekam einen Sto, da er ein paar Schritte nach rckwrts
stolperte, und war wieder frei.
    Seine heimtckischen Augen funkelten vor Wut, aber er sagte blo:
    Ds werd si aufweisen, ob du mi auf insern Grund o'packen derfst.
    Er trieb seine Pferde an, und der Schuller kehrte um, ohne ihm eine Antwort
zu geben. Wie er auf seinem Acker stand und den Schurz wieder mit Saatkrnern
fllte, hrte er laut schreien.
    Der Xaver schimpfte gegen ihn herunter und drohte ihm mit der Faust.
    Er konnte die Worte nicht hren, aber er wute wohl, da sie nicht
freundlich waren.
    Jetzt schimpfst, sagte er vor sich hin, weil'st weit g'nua weg bist, du
Haderlump! Geh hoam, du pat zu dein Vatern.
    Er schritt an und ste. Aber die Krner flogen ihm weiter, als er wollte,
und zuweilen blieben sie ihm in der geballten Faust.
    Es verdro ihn, da der halbgewachsene Bursche sich so frech gegen ihn
gestellt hatte und beinah mit ihm gerauft htte. Was sich der traute gegen ihn!
Da man deutlich merkte, wie sein Ansehen nichts war gegen den Rotzlffel.
    Der Schuller ging zornig vom Felde heim und setzte sich zornig an den Tisch.
Die Ursula hatte keine schnen Tage, und sie tat gut daran, wenn sie dem Vater
aus dem Wege ging.
    Der Schullerin half es wenig, da sie beschwichtigen wollte. Es war dummes
Zeug, was sie redete.
    Du muat halt denken, jetzt is scho, wia's is, und mit dein ganzen Vadru
kannst'as nimma anderst macha, und jetz is schon vorbei.
    Es war nicht vorbei. Freilich, die Buerin sah das nicht.
    Aber der Schuller wute gut, da die Unordnung im eigenen Haus einen Mann
schdigt, der fr andere hinstehen will, und da der geringste Gegner im Vorteil
ist, wenn er einen wunden Fleck zum Angriff erwischt.
    Er bekam schon den Sonntag darauf recht mit seiner Befrchtung.
    Da predigte der Pfarrer ber das Evangelium des heiligen Matthus vom bsen
Knecht.
    In derselben Zeit trug Jesus seinen Jngern dieses Gleichnis vor. Im
Himmelreich ist es wie mit einem Knige, der mit seinen Knechten abrechnen
wollte. Da er zu rechnen anfing, brachte man ihm einen, der ihm zehntausend
Talente schuldig war. Als dieser nichts hatte, wovon er bezahlen konnte, befahl
sein Herr, ihn und sein Weib und seine Kinder und alles, was er hatte, zu
verkaufen.
    Hier knpfte der hochwrdige Herr an und sagte:
    Warum befahl der Knig, nicht nur den Schuldner, sondern auch sein Weib und
seine Kinder zu verkaufen? Ihr-Leute, das will ich euch erklren. Wo es in einem
Hause schlecht geht, hat selten eines allein die Schuld. Von den anderen wird
hufig dazu Anla gegeben durch Einwilligung, Stillschweigen, bersehung. Da
gibt es Leute, welche der Meinung sind, sie wren so gescheit, da sie berall
darein reden drfen. Sie widersprechen der weltlichen Obrigkeit und geben
Ratschlge, wie man es besser macht; ja sogar die geistliche Obrigkeit mu es
sich gefallen lassen, da so ein Siebengescheiter seinen Willen durchsetzen
will.
    Aber wie sieht es oft aus bei einem solchen in Dingen, die ihn mehr angehen?
In seiner Familie, in seinem Hause? Da merkt man nichts von der groen
Gescheitheit und vom guten Regiment. Einer, der Herr sein will ber den Staat
und die Kirche, vermag seine Dienstboten nicht in Ordnung zu halten, ja nicht
einmal seine Kinder. Wre es nicht besser, er htte seinen Willen darauf
gerichtet, da man ihn als rechtschaffenen Hausvater betrachten, kann, als da
er sich um fremde Dinge bekmmert?
    Das ist auch eine sichtbare Warnung fr alle, die einem solchen anhngen.
    Diese sollten sich fragen, ob sie dem Rate eines Mannes folgen drfen, der
in seinem eigenen Hause das Schlechte duldet oder nicht unterdrcken kann.
    Und sie mten sagen: Nein! Dieser Mann kann uns kein Beispiel sein. Denn
wie sagt Jesus zu seinen Jngern?
    Htet euch vor den falschen Propheten, und an ihren Frchten werdet ihr sie
erkennen.
    Jeder gute Baum bringt gute Frchte, aber ein schlechter Baum bringt
schlechte Frchte.
    Darum, wenn man sieht, da in dem Hauswesen eines Mannes unziemliche Dinge
vorkommen, so wissen wir, da man seinen Worten nicht folgen darf.
    Seine Frchte sind schlecht, und er selbst kann nicht als gut erfunden
werden. Amen.
    In der Kirche sa keiner, der den Pfarrer nicht verstand.
    Der Hierangl hatte berall erzhlt, da sein Sohn vom Schuller angepackt
worden war, weil er sich nicht dazu hergeben wollte, den Vater von der Ursula
ihrem Kinde zu machen.
    Eine Dienstmagd, die der Schuller davongejagt hatte, erzhlte auch, da die
Ursula in andern Umstnden sei, und so war es leicht zu sehen, wen der Pfarrer
meinte.
    Der Schuller war nicht in der Kirche, aber seine Buerin kam mit brennrotem
Kopfe heim und erzhlte ihm, was sie htte anhren mssen.
    I htt' mi am liabern vaschloffa, so hon i mi g'schamt, sagte sie.
    Do brauchst di du gor it vaschliaffen.
    Ja, was moanst denn? In de vordern Bnk' hamm sie si alle umdraht nach
meiner, und de Bcker Ulrich Marie hat d' Pratz'n vors Mu g'habt und hat recht
eini g'lacht, da 's ja alle Leut' sehg'n.
    Da brauchst du di gor it vaschliaffen, wiederholte der Schuller, de
Schand' trifft an andern, der wo so schlecht is und nimmt d' Kanzel her zu
seiner Feindschaft.
    An den Frchten werdet ihr es erkennen, wo es in einem Hause schlecht ist,
hat er g'sagt, und einem Manne drfet ihr nicht trauen, der wo die
Schlechtigkeit duldet. Mi hamm do 's Deandl mit Rechten aufzog'n, und fr ds
kinna mir's aa it derschlag'n.
    Die Schullerin weinte.
    Z'weg'n dem brauchst it trentzen, sagte der Bauer, was der red't, is gar
nix. Des sell acht i gar it.
    Warum hat er nacha nix predigt, wia'r an Schreiber sei Zenzl a Kind kriagt
hat? Da hat ma nix g'hrt von einem schlechten Haus. Grad' ins tat er de Schand'
o vor allsamt Leuten.
    Der Schuller gab ihr keine Antwort; er sah zum Fenster hinaus auf die
Strae. Schrg gegenber beim Schuhsteffel standen noch einige Kirchgngerinnen
und steckten die Kpfe zusammen.
    Hie und da drehte sich eine herum und warf einen geschwinden Blick herber.
    Da sagte der Schuller: Burin, tua mir an Rock aua. I geh' ins Wirtshaus.
    Geh, bleib dahoam! De red'n heut' do nix anders, als wia vo dera Predigt.
    Grad' desz'weg'n geh'n i. Sinscht moana d' Leut', i vasteck' mi.
    Er legte den dunkelblauen Feiertagsrock an und ging durch das Dorf.
    Die Bcker Ulrich Marie, welche sich hinter ihre Haustre stellte und ihm
lange nachsah, wunderte sich ber seine ruhige Miene und sagte zu der Zwergerin:
    Er mua 's no it wissen.
    Die Zwergerin kannte die Menschen besser. Do bist irr', sagte sie,
wenn'st moanst, der Schuller lot si was mirk'n. Der woa 's scho lang'.
    Beim Wirt saen viele Leute; man hrte ihre Unterhaltung schon im Hausgange.
    Aber wie der Schuller eintrat, war es mit einem Male still, und alle drehten
sich nach ihm um.
    Er grte kurz und setzte sich wie immer an den Ofentisch, wo die greren
Bauern saen.
    Der Haberlschneider rckte ein wenig hinein und machte ihm Platz.
    Wo kimmst denn her? fragte ihn der alte Lochmann.
    I? Von dahoam.
    I ho mir denkt, du bist z' Webling g'wen. - Na.
    Es trat wieder eine Pause ein, und der Webergtler, der ein oft gesehener
Gast im Pfarrhofe war, zahlte sein Bier und ging.
    Der Haberlschneider unterbrach die Stille und fragte:
    Bist scho bald firti mit'n bau'n, Schuller?
    No nit vlli. D' Schaffelbroat'n hab' i no, nacha is g'schehg'n.
    Was baust denn?
    An Woatz.
    Hast z'letzt an Raps dort g'habt?
    Ja.
    Er waar scho recht, da Raps, wann ma no net gar so weni lset dafr.
    Das Gesprch war in Gang gekommen, und der Schuller konnte seine
Sachkenntnis zeigen.
    Aber wie der alte Lochmann aufstand, rckte der Geitner um einen Platz
herauf. Er war als ein Mann bekannt, der gerne herumhorchte.
    Niemand traute ihm, aber da er jedem schn tat und offene Feindseligkeit
vermied, kam keiner dazu, da er ihm die Wahrheit grndlich sagte.
    Der Geitner rckte herauf und sagte pltzlich, indem er mit der Hand auf den
Tisch schlug:
    Und ds glaub' i amal net, da der Schuller a schlecht's Hauswesen fhrt.
Ds glaub' i durchaus gar net.
    Obwohl niemand widersprach, steigerte er seinen Eifer und schrie so laut,
da ihn alle Leute hren muten:
    Ds glaub' i net. Und bal's oana anderst sagt, nacha bin i scho do! Der
Schuller wirtschaft' it schlecht. Ds gibt' gor it.
    Geh, sei staad! sagte der Haberlschneider.
    Na, do bin i it staad. Ds glaub' i amal net. Siehg'st, Schuller, i woa,
da di ds verdriaen mua, was heut' ber di g'red't worn is. Aba bei mir, host
g'hrt, do find ds koan Glaub'n. Du vastehst mi scho.
    In der Stube wurde es still, und alle schauten neugierig, was der Schuller
wohl tun werde.
    Der stand langsam auf und sagte:
    I vasteh' di guat, Geitner, aba i sag' dir blo ds. Der schlechtest Mensch
is der Ehrabschneider, und wann oaner de Kircha dazua hernimmt, nacha is er
zwoamal schlecht. Und ds derfst berall verzhl'n, wo'st magst.
    I? Was glaabst denn? I steh' ja durchaus bei dir! Da gibt's gar nix.
    Der Schuller gab ihm keine Antwort und ging mit dem Haberlschneider aus der
Stube.
    Sie nahmen nicht den Weg durch das Dorf, sondern bogen hinter dem Wirtshaus
in einen Feldweg ein.
    Der Schuller fragte kurz:
    Was sagst denn du dazua?
    Da da Geitner a Tropf is.
    Und de Predigt?
    Ds hat mi gar it g'wundert, Schuller. I hab' das g'sagt, der Pfarra pat
dir an Weg ab. Hoa is er scho lang auf di, und jetzt erst recht, weil er woa,
da mir di zum Brgermoasta hamm woll'n.
    Der Schuller blieb stehen.
    Wia'st mi vor acht Tg g'fragt hast, hon i dir mit Wahrheit g'sagt, da i
net gern Brgermoasta wer. Aber jetzt, Haberlschneider, sieh'gst, jetzt mcht'
i's wer'n. Und wenn's blo desz'weg'n waar, da mi der ander it ganz veracht'n
derf.

                                Fnftes Kapitel


Es war ein frischer Herbstmorgen in Nubach.
    Aus den groen Schornsteinen der Bierbrauerei zum Stern stieg der Rauch
gerade in die Hhe, und der Gockel auf dem Kirchturme drehte den Kopf nach
Westen.
    Die eine Hlfte des Marktplatzes lag in hellem Sonnenscheine, und aus allen
Husern liefen die Hunde auf die warme Seite hinber.
    Der Buchdrucker Schchel verlie seinen dunklen Laden und ging zum Melber
Wimmer, der mit anderen Brgern in der Sonne stand. Denn um diese Jahreszeit
freuten sich Menschen und Tiere an ihren Strahlen.
    Ein offener Einspnner kam die Ingolstdter Strae herauf. Ein krftiger
Schimmel zog ihn, und die Hufeisen klapperten in langsamem Takte auf dem
Steinpflaster. Neben dem Kutscher sa ein Mann in geistlicher Tracht, und der
Wagen hing stark auf seine Seite hinber.
    Vor dem Sternbru hielt das Fuhrwerk. Der Dicke stieg schwerfllig herunter,
und die Brger grten ihn.
    Er spreizte die Beine von sich, wie einer, dem langes Sitzen sauer gefallen
ist, und schritt bedchtig den Marktplatz hinunter.
    Der Schuster Prantl sah ihn von seinem Drehstuhle aus. Er legte Nadel und
Pfriemen weg und ging auf die Strae zu seinen Mitbrgern.
    Habt's an Pfarra vo Giabing g'sehg'n? fragte er.
    Der werd halt wieder zu unsern Grokopfeten geh', sagte Wimmer.
    Und er meinte damit den kniglichen Bezirksamtmann Otteneder, welcher gerade
am Fenster stand und mrrisch heruntersah.
    Seine Untertanen gefielen ihm nicht; er warf verchtlich die Lippe auf und
sagte vor sich hin:
    Faules Pack! Steht auf der Strae herum und stiehlt dem lieben Herrgott den
Tag.
    Abneigung von oben wie von unten. Es war eine schlimme Zeit. Diese Brger
gewhrten wohl ein friedliches Bild; aber wer ihre Reden hrte, als sie spter
beim Frhschoppen saen, der gewann einen anderen Eindruck.
    Der Buchdrucker Schchel verma sich, da er in seinem Wochenblatt einen
unerbittlichen Kampf gegen Beamte und Geistlichkeit fhren wolle; und der Melber
Wimmer schlug auf den Tisch und sagte, da die Regierung mit Absicht den
Mittelstand zugrunde richte.
    Welcher Geist war in diese Leute gefahren, die sich frher als ruhige Mnner
und besorgte Familienvter gezeigt hatten?
    Es war der Geist der Auflehnung, der zuerst die Bauern ergriff, und dem sich
die Brger nicht verschlieen konnten.
    Die Kaufleute sprten, da es den Bauern an Geld fehlte, die Handwerker
klagten ber das nmliche; alle billigten eine Bewegung, von der sie Besserung
hofften.
    Treue Untertanen wurden irre an ihrer Pflicht und an ihrem Glauben.
    Die Bauern verloren zuerst den festen Halt.
    Es war auch frher vorgekommen, da einer jammerte ber schlechte Preise und
hohe Steuern.
    Aber er tat es bei den Behrden und mit ehrerbietigen Worten. Er bat nur fr
sich um einen kleinen Vorteil und war zufrieden, wenn sein Nachbar weniger
erhielt.
    Jetzt kamen die Leute mit ungestmen Forderungen und verlangten Rechenschaft
von der Obrigkeit.
    Und was das Schlimmste war, sie kehrten sich gegen ihre Priester. Man sagte,
die Geistlichkeit habe Schuld daran, weil sie zuerst den Glauben mit der Politik
vermischt habe.
    Aber die lie es nicht gelten und jammerte von den Kanzeln herunter, wie der
Glaube der Vter dahinschwinde, und wie die Kirche in Bedrngnis komme.
    Die Bauern lieen sie reden und zhlten grimmig das Geld, welches sie auf
den Schrannen lsten.
    Siebzehn Mark fr den Scheffel Korn, zweiundzwanzig fr den Weizen.
    Und sie erinnerten sich noch gut an die Zeit, wo die Frucht mehr wie das
Doppelte galt.
    Das lieen die Leute zu, denen sie ihr Vertrauen schenkten, die sie nach
Berlin in den Reichstag schickten, damit sie frei hinstnden und sagten, was den
Bauern not tue.
    Es kam eine arge Wut ber die Leute.
    In Niederbayern fing es an. Da rhrten sie sich zuerst und fanden unter sich
Mnner, die sagen konnten, was alle meinten.
    Es war grob und heftig; aber Leute, die lange den Zorn in sich
hineinfressen, hauen ber die Schnur, wenn sie das Reden anfangen.
    Und wird die Ehrfurcht locker, dann schlgt sie leicht in das Gegenteil um.
    Es fielen bse Worte, und der Kampf verschrfte sich von einem Tag zum
andern.
    Das Feuer schlug nach Oberbayern herber; es flackerte da und dort auf. Es
wurden Markgenossenschaften gegrndet, ein Waldbauernbund tat sich zusammen; der
Hutzenauer von Ruhpolding probierte das Reden, und es ging ihm gut genug. Andere
machten es ihm nach, und jeder hatte Erfolg, wenn er sagte, da der Bauer
obenauf kommen msse.
    Die bndlerischen Zeitungen fanden Eingang in die Gemeinden; berall grte
es, berall war der Boden bereitet.
    Es fehlte nur am rechten Zusammenhalten; und es fehlte an der Agitation.
    Versammlungen mssen her, sagte der Melber Wimmer, und Vertrauensmnner.
Sonst woa ma'r berhaupt net, wer zu oan steht.
    Vor allem a Versammlung, meinte Prantl, und de Versammlung mua in
Nubach sei'. De Leut' massen sehg'n, da si was rhrt.
    Das ist auch meine Ansicht sozusagen, pflichtete Schchel bei; Nubach
ist der Mittelpunkt. Sozusagen die Zentrale. Von da aus mu die Bewegung
sozusagen strahlenfrmig auseinandergehen. Also net wahr, wenn ich zum Beispiel
hier einen Kreis ziehe. Geh, Anna, bringen S' mir eine Kreiden!
    Ds braucht's net, sagte Prantl, lassen S' uns aus mit eahnern Kreis und
eahnere Strahlen!
    Ja, wenn die Herren meinen, aber das kann man doch auch mit Ruhe sagen, net
wahr? brigens ist Nubach die Zentrale, und wenn man sozusagen systematisch
vorgeht, mu die Bewegung von hier aus in die einzelnen Kanle geleitet werden.
Hier ist der Sitz der Presse, und so weiter, net wahr?
    Is scho recht, sagte Wimmer. Aber ds mit da Versammlung, Prantl, ds
mua z'sammgeh'. Je eh'nder, desto besser.
    Es braucht sei Zeit, antwortete Prantl, mir massen an bekannten Redner
hamm, mir massen in de Gemeinden Leut' hamm, und mir massen aa de Stimmung
kenna. G'rad bei der ersten Versammlung massen mir Obacht geb'n, da mir net
fallieren.
    Um d' Stimmung brauchst di net z'kmmern. I kenn' Leut' g'nua, de auf
unserer Seiten san.
    Ob sie sich aber trau'n in der ffentlichkeit?
    Warum denn net, g'rad g'nua gibt's. Da is der Kronschnabl von Bachern, und
der Stuhlberger von Giebing und der Wanninger und der Rdlmayer von Schachach:
g'nua gibt's.
    Man mte sozusagen ein Verzeichnis anlegen, sagte Schchel, auf der
einen Seite mte die Gemeinde stehen und auf der anderen der Name, net wahr?
Von dem Betreffenden. Und jeder mte sozusagen ein Unterverzeichnis haben, wo
diejenigen stehen, welche er fr unsere Sache gewinnen kann.
    Ja, ja, antwortete Prantl, so oder anderst massen mir's macha. Aba pa
auf, Wimmer, in d' Hand mua de Sach' g'numma wer'n, und a Versammlung mua's
geben, da d' Leut' schaug'n, und unser Grokopfeter dazu.
    Er meinte wieder den kniglichen Bezirksamtmann von Nubach.

Der Pfarrer von Giebing, Dekan und ppstlicher Hausprlat, Mitglied der Kammer
der Abgeordneten, sagte zu Herrn Franz Otteneder:
    Ich versichere Sie, Herr Bezirksamtmann, es ist so. Wenn nichts geschieht,
haben wir bei jeder Gemeinde den Krieg. Es mu etwas getan werden.
    Es fragt sich nur, was, Herr Dekan. Ich bin schon lngst informiert, da
die Bndler bei uns Boden gewinnen. Ich erhalte fast tglich Zuschriften von
Ihren Kollegen. Ja, das ist alles recht, aber. Otteneder zuckte die Achseln.
    Es lassen sich schon Mittel finden, Herr Bezirksamtmann.
    Zum Beispiel?
    Durch persnlichen Einflu.
    Den haben Sie mehr wie ich. Was zu mir kommt, das sind die Brgermeister.
Ich verkehre nur indirekt mit den Gemeinden; Sie sind an Ort und Stelle.
    Aber gegen uns richtet sich die ganze Bewegung. Wir sind Partei, und was
wir sagen, gilt nicht. Sie kennen ja unsere Bauern.
    Ob ich sie kenne! Deswegen sage ich, wie soll denn ich bei der hartkpfigen
Gesellschaft ankommen?
    Sie mssen aber zugeben, Herr Bezirksamtmann, da man nicht die Hnde in
den Scho legen kann. Denken wir an die Zustnde in Niederbayern! Es darf nicht
soweit kommen.
    Herr Dekan Metz beugte sich vor und versuchte, mit der Hand um seinen
ausgepolsterten Rcken herum und in die rckwrtige Tasche zu kommen.
    Nach ein paar hastigen Bewegungen gelang es ihm, und er zog sein geblmtes
Taschentuch heraus, mit dem er sich die Stirne trocknete.
    Denken Sie an Niederbayern! wiederholte er, und seine Augen drckten eine
ernstliche Besorgnis aus.
    Otteneder stand auf und ging auf und ab.
    Ich habe den besten Willen, Herr Dekan. Ich will keineswegs ruhig zusehen.
Gewi nicht. Aber man redet immer nur von der Gefahr. Wenn ich nur einmal etwas
von den Mitteln dagegen hren wrde!
    Ich dachte, es mu gehen.
    Das denkt die Regierung auch. Sehen Sie, da kriege ich immer Schreiben. Man
erwartet, da die Bewegung nicht um sich greift. Na, Sie wissen das ja!
    Ich habe vor vierzehn Tagen mit der Exzellenz darber gesprochen.
    Und?
    Der Minister meint eben auch, der persnliche Einflu.
    Tja, der persnliche Einflu. Das heit, man macht uns dafr
verantwortlich.
    Das nicht, aber ...
    Nu natrlich, Herr Dekan! Ich wei doch, wie das ist. Lt sich die
Geschichte nicht aufhalten, dann heit es, wir haben die Gefahr nicht erkannt,
oder wir haben es nicht verstanden, auf die Leute gnstig einzuwirken. Wir
mssen es ausbaden; die Herren oben natrlich nicht.
    Unter Einflu, da verstehe ich doch nicht blo berredung, Herr
Bezirksamtmann.
    Sondern.
    Sondern, ja! Da gibt es viel. Alles, was halt die Aufsichtsbehrde ... wie
soll ich sagen? Was halt die Aufsichtsbehrde sonst anwendet. Es gibt aber doch
manches.
    Otteneder setzte sich und spielte nachdenklich mit einem Lineale.
    Was meinen Sie damit, Hochwrden?
    Nichts Bestimmtes, Herr Bezirksamtmann. Aber ich denke, zum Beispiel, wenn
Versammlungen stattfinden sollen. Man liest, da hie und da eine Versammlung
verboten wird.
    Aber nicht jede. Und was hilft es dann?
    Man knnte auf die Wirte einwirken, da sie kein Lokal hergeben. Ein Wirt
ist doch immer angewiesen auf das Bezirksamt.
    Einigermaen, ja. Aber das sind Mittel, einmal helfen sie, einmal nicht.
Und bertreibt man sie, dann schreien die Leute noch rger.
    Auf alle Flle mu man jetzt vor den Gemeindewahlen etwas tun. Da uns
nicht lauter Bndler als Brgermeister hingesetzt werden.
    Ich bin der Sache schon nher getreten, Herr Dekan.
    Ich wei, mit der Umfrage. Haben Sie berall Auskunft bekommen, Herr
Bezirksamtmann?
    Von den meisten.
    Otteneder schlo den Schreibtisch auf und nahm einen umfangreichen
Aktenbndel aus der Lade.
    Sehen Sie, das sind die Antworten. Namen genug, fast zu viel.
    Ich habe unterderhand dafr gesorgt, da die Beteiligung mglichst
allgemein war, Herr Bezirksamtmann.
    Nachtrglich meinen Dank, Hochwrden. Aber nun sagen Sie einmal selber! Da
sind mir von etlichen vierzig Gemeinden vielleicht dreihundert Mnner
bezeichnet, die als Bndler gelten, und die nicht in die Ausschsse kommen
sollen. Dreihundert, Herr Dekan! Wie kann ich das verhindern?
    Nicht bei allen. Aber doch bei den Gefhrlichsten. Zum Beispiel in meiner
Pfarrei der Stuhlberger und der Meisinger! Das ist ganz ausgeschlossen, da
einer davon Brgermeister wird! Das hiee geradezu den Aufstand proklamieren,
das hiee die Stellung des Pfarrers unmglich machen. Der Meisinger tut mir seit
sechs Jahren alles an, was er nur kann. Geradezu verbrecherisch.
    Der Dekan geriet in Eifer. Er schlug mit der Hand heftig auf die Papiere,
welche den Namen Meisinger enthielten.
    Hochwrden, ich habe mir die Namen besonders notiert.
    Der Mensch hat Verleumdungen gegen mich begangen und Personen
hereingezogen. Ich will mich nicht weiter ausdrcken.
    Herr Dekan, Sie knnen sich darauf verlassen ...
    Dieser Mensch ist ein Gottesleugner, ein Kirchenschnder. Er hat die
boshaftesten Lgen ber mich in der Zeitung verbreitet. Entschuldigen Sie, wenn
ich heftig werde!
    Es sind Ihnen einmal die Fenster eingeworfen worden?
    Ja, das war der Meisinger. Und kein anderer.
    Ich notiere mir's, Herr Dekan. Das ist jetzt einer. Aber dreihundert?
    Ich blicke wirklich trbe in die Zukunft, Herr Bezirksamtmann.
    Otteneder machte eine verbindliche Bewegung.
    Ich hoffe, da die Herren selbst Einflu haben. Die Wahlen fallen
vielleicht besser aus, als wir denken.
    Ich frchte, ich frchte, es gibt berraschungen. Aber ich habe Ihre Zeit
lange in Anspruch genommen.
    
    Bitte, ich bin sehr dankbar fr Ihren Besuch. Und fr jede Untersttzung.
Ich empfehle mich Ihnen.
    Der ppstliche Hausprlat nherte sich der Tre. Unter derselben blieb er
stehen. Er hatte noch etwas vergessen.
    Herr Bezirksamtmann, pardon!
    Sie wnschen?
    Mein Amtsbruder in Erlbach schreibt mir, da er mit solchen Schwierigkeiten
zu kmpfen hat.
    So, so?
    Ich mchte ihn warm empfehlen.
    Was sich tun lt..,
    Nochmals besten Dank, Herr Bezirksamtmann.
    Die Tre schlo sich, und Otteneder war allein. Er setzte sich an den
Schreibtisch und sah zur Decke hinauf.
    Meisinger, Stuhlberger, der Pfarrer von Erlbach. Es htte noch mehr sein
knnen, sagte er.
    Und sein Gesicht nahm wieder den mrrischen Ausdruck an.
    Ungewohnte Arbeit und eine neue Verantwortlichkeit, das sind Dinge, die
einen nicht frhlich stimmen.
    Diese Neuerungen, welche berall strend eingriffen, und das Amtieren
erschwerten! Frher, ja, da war alles besser gewesen. Wer achtete frher auf die
Unzufriedenheit der Bauern?
    Sie drang nicht in die ffentlichkeit; wenn einer mit seiner Klage in das
Amt kam, sagte man ihm, es werde schon einmal besser werden, und man wolle
berlegen, wo zu helfen sei.
    Man schrieb und verordnete, und die Regierung war zufrieden, wenn auf dem
Papiere alles in Ordnung war.
    Jetzt sollte mit einem Male alles aus groen Gesichtspunkten geschehen. Und
dabei war alles im Ungewissen, nirgends eine feste Richtschnur.
    Schimpften die Bauernbndler, dann empfand man es oben sehr unangenehm;
schrien die Geistlichen in ihrer Presse, dann war es zweimal nicht recht.
    Das pendelte hin und her. Dazu eine heillose Angst vor dieser lrmenden
Bewegung, weil sie Volksschichten aufwhlte, die bisher so angenehm teilnahmslos
waren.
    In der Politik wird das Zuwenig gleich ein Zuviel, und ganz selten wird die
Mitte eingehalten.
    Solange noch etwas zu richten war, hatte man nicht auf die Bauern geachtet.
Jetzt zeigte man eine bertriebene Furcht, die von den Geistlichen sorgsam
genhrt wurde. Zum Beispiel dieser vortreffliche Erla der Regierung! Die
Vorstnde der Bezirksmter sollten ein besonderes Augenmerk darauf haben, da
die bevorstehenden Gemeindewahlen ein gutes Ergebnis lieferten, da insbesondere
nicht die Fhrer der Bewegung in Vertrauensstellungen gelangten.
    Das war richtige Stubenweisheit, und der Verfasser mochte glauben, wie klug
er mit ein paar Federstrichen ntzliche Verhaltungsmaregeln angegeben hatte.
    Freilich, der persnliche Einflu mute hier das Beste tun.
    So sagte auch der Abgeordnete, Hochwrden Herr Dekan Metz.
    Das dachten sich die Leute so.
    Franz Heinrich Otteneder, der Sohn des Landrichters gleichen Namens, und der
Enkel des Salinenadministrators Johann Otteneder, zuerst Schler eines
Gymnasiums, Student in Mnchen und spterhin durch lange Jahre Assessor in einer
frnkischen Kreisstadt, sollte seinen persnlichen Einflu geltend machen. Bei
den Dickschdeln der oberbayerischen Hochebene, deren Sprache er kaum verstand,
und die ihm so fremd waren, wie die Neger an den Strmen Afrikas.
    Aber eines war gewi.
    Er durfte den Erla seiner vorgesetzten Regierung nicht einfach beiseite
legen; er mute Eifer zeigen.
    Nach lngerer berlegung hatte er das vertrauliche Schreiben an die Pfarrer
seines Bezirkes gerichtet, betreffend Gemeindewahlen. Mit der Bitte, die Leute
namhaft zu machen, welche sich in der Agitation fr den Bauernbund hervortaten
oder von denen solches zu erwarten stand.
    Das Ergebnis war befriedigend.
    Otteneder konnte einen umfangreichen Akt anlegen, der als Beweis fr einen
bereitwilligen Flei gelten durfte.
    Nicht jeder Pfarrer schickte eine Liste. Aber der Ausfall wurde gedeckt
durch den Eifer der anderen.
    Die lngste kam aus Erlbach.
    Von 106 Gemeindebrgern mute Herr Jakob Bausttter leider 59 als
schlechtgesinnt bezeichnen.
    Sein Bericht begann mit der Erklrung, da nicht etwa seit kurzem eine
betrbende Abneigung gegen die Kirche und jegliche Autoritt zu bemerken sei.
    Diese wre bereits zutage getreten, als der hochachtungsvollst Unterfertigte
den Bau eines neuen Turmes beantragte.
    Was damals von einem kniglichen Bezirksamte vielleicht nicht so gewrdigt
worden sei.
    Natrlich in wohlmeinendster Absicht.
    Nach dieser Einleitung kam das Verzeichnis der Abtrnnigen; bei jedem Namen
eine Randbemerkung. Der Schlu lautete wrtlich:
    Einem hohen Bezirksamte kann ich nicht umhin, noch eine sehr wichtige
Mitteilung zu machen. Es verlautet, da in diesem Jahre Andreas Vst
Brgermeister werden soll. Dieses wre von den schwersten Folgen begleitet. Vst
ist die Seele des Aufruhres und ein rachschtiger Mensch. Ich mchte hinweisen,
da ich zur rechten Zeit gewarnt habe, wenn sich ein unermelicher Schaden
ergibt.
    Otteneder bersah die anmaliche Bosheit nicht, welche in diesem Satze
steckte.
    Er mute ihn ernst nehmen; nicht, weil er den Andreas Vst, sondern, weil er
den Jakob Bausttter scheute.
    Den Herrn Pfarrer von Erlbach, welcher ihm zu verstehen gab, da er die Welt
mit Lrm erfllen werde, wenn sein Wunsch kein Gehr fnde.
    Und Otteneder wute jetzt, da die Umfrage ein Fehler war.
    Indem er diese Herren um Auskunft anging, gab er ihnen ein Recht, Ratschlge
zu erteilen.
    Indem er sie um einen Dienst fr das allgemeine Wohl ersuchte, verschaffte
er ihnen Gelegenheit, ihre persnlichen Interessen hinein zu mengen.
    Er hatte sie im voraus zu Richtern ber den Ausfall der Wahl bestellt.
    Wenn er es recht berlegte, blieb ihm nur mehr ein Weg offen.
    Er mute mit dem Klerus gehen und sich den Anschein geben, als wenn er seine
Wnsche teile.
    Es geschah ihm das gleiche wie der Staatsregierung. Er wollte die
Geistlichkeit fr seine Zwecke bentzen und diente unversehens den ihrigen. Wer
Freude am Herrschen hat, unterwirft sich aber nicht gerne, und deswegen war
Franz Otteneder schlechter Laune.
    Er stand wieder auf und stellte sich an das Fenster.
    Die Brger kamen gerade aus der Brauerei.
    Prantl schttete eine Prise Tabak auf die Hand und schnupfte. Der Melber
Wimmer schaute in die Sonne und ghnte herzhaft.
    Das ist ein Volk, sagte Otteneder, das frit und sauft den ganzen Tag.

                                Sechstes Kapitel


Zu Allerseelen konnte man sehen, wer in Erlbach Geld hatte.
    Die Grber der reicheren Leute waren schn geschmckt mit Krnzen aus
Strohblumen, an denen Glasperlen hingen.
    Groe Laternen mit roten und blauen Glsern warfen ein aufflliges Licht auf
die steinernen Engel und die Kreuze und Anker.
    Es konnte keiner daran vorbeigehen, ohne zu sagen: Da liegt der Paulimann
oder der alte Hahnrieder. Es ist eine Pracht, wie sie das Grab hergerichtet
haben.
    Auch die Ruhesttte der Anastasia Vst war in gutem Stande. Ihr Name prangte
mit neuen goldenen Buchstaben unter dem des ehrengeachteten Johann Vst, welcher
zu Lebzeiten ihr Ehemann gewesen war.
    Daneben sahen die Grber der kleinen Leute noch einmal so drftig aus.
    Die hlzernen Kreuze waren verwittert und die Inschriften so unleserlich,
da unser Herrgott Mhe haben mute, wenn er die kleinen Husler und Ehehalten
nicht verwechseln wollte.
    Da waren keine knstlichen Blumen und keine Krnze mit Glasperlen, sondern
Tannenreisig und Stachellorbeer. Hier und dort war eine windschiefe Stallaterne
aufgestellt, in der ein Lichtlein brannte, so kmmerlich und unansehnlich, wie
das Leben dessen war, der hier auf die Auferstehung wartete.
    Das Seelenamt war zu Ende, und aus der Kirche kamen in feierlicher
Prozession alle Glubigen mit dem Pfarrer an der Spitze.
    Sie gingen an den Grbern entlang, und alle zwei Schritte hielten sie. Dann
tauchte der Pfarrer den Wedel in das geweihte Wasser und sprengte es nach links
und rechts.
    ber die Ruhesttten der Reichen ging ein Regen nieder; man hrte ihn auf
den Krnzen und Blumen rauschen; die Armen, welche weiter entfernt lagen,
bekamen nur ein paar Trpflein. Aber sie waren auch damit zufrieden, und die
kleinen Lichter in den Stallaternen erschauerten ehrfrchtig vor dem Segen.
    Der Kooperator schritt hinter dem Pfarrer einher und respondierte seinem
Gesange.
    Requiescat in pace!
    Er spitzte bei den lateinischen Worten den Mund und machte ihn rund und
zierlich. Er sah zum Himmel auf; demtig und doch mit stolzem Vertrauen.
    Als wollte er dem, der ber den Wolken thront, sagen, er knne vollauf
zufrieden sein mit diesem seinem Geschpfe Aloysius Sitzberger.
    Requiescat in pace!
    Der Kooperaror lie seine Augen wieder auf irdischen Dingen haften, und
pltzlich richteten sie sich stechend auf einen Punkt.
    Er beugte sich vor und flsterte dem Pfarrer einige Worte zu.
    Der hochwrdige Herr wendete das Haupt und blickte ebenfalls scharf ber die
Kirchhofmauer hinber.
    Und siehe da, er bemerkte ein Geschehnis, welches ihn so erregte, da sich
seine Stirne rtete. Er hielt inne mit seinem Gesange, und alle, die um ihn
standen, drngten sich nher heran und schauten.
    In dem grnen Rasen, unter welchem das Heidenkind verscharrt war, steckte
ein roh gezimmertes Kreuz, und daran hing ein kleiner Kranz.
    Der Pfarrer glaubte nicht, da dies etwa durch ein Wunder geschehen war, und
er hatte recht hierin.
    Denn das Kreuz war vom Knechte des Schuller in aller Eile verfertigt worden,
und die Buerin hatte es den Abend vor Allerseelen auf das Grab des kleinen
Heiden gesteckt.
    Niemand wute darum; die Schullerin hatte das Kreuz unter ihre Schrze
versteckt und war auf Umwegen in den Friedhof gegangen.
    An dem Tage, wo man aller Verstorbenen gedachte, erinnerte sie sich des
kleinen Kindes, das sie unter dem Herzen getragen und doch kaum mit Augen
gesehen hatte. Es war Fleisch von ihrem Fleische, wenn es auch abseits lag von
den katholischen Christen, und sie meinte, irgend etwas msse an sein Dasein
erinnern.
    Sie whlte das Zeichen des Kreuzes und dachte in ihrer Einfalt nicht, da
sie damit den lieben Gott beleidigte. Es erging ihr wie dem Knige Ozias, von
dem geschrieben steht, da er Weihrauch vor dem Herrn anznden wollte.
    Und die Priester zrnten ihm darum und sagten: Es ist nicht deines Amtes,
Ozias, sondern der Priester, welche geweiht sind zu diesem Dienste. Hebe dich
hinweg, denn dies wird dir nicht zur Ehre gerechnet vor Gott dem Herrn!
    Auch Pfarrer Bausttter ergrimmte, als er sah, wie man hier in sein heiliges
Amt eingegriffen hatte.
    Er eilte mit raschen Schritten hinweg, und Sitzberger folgte ihm. Wie sie
voll Eifers und Rachedurstes dahingingen, da ihre Chorrcke flogen und im Winde
flatterten, sahen sie aus wie die zrnenden Priester, welche vorzeiten den Knig
Ozias zum Tempel hinausgeworfen hatten. Sie liefen um die Mauer herum und traten
auf das Grab des Heidenkindes.
    Bausttter fate das Kreuz und ri es heraus, dann zerbrach er es ber dem
Knie und warf die Stcke weg.
    Die Menge stand Kopf an Kopf und schaute zu.
    Den Weibern ging es an die Herzen. Sie bekreuzten sich und blickten scheu zu
der Schullerin hinber, die sich keinen Rat wute und jmmerlich weinte. Von den
Mnnern fhlten wohl einige, da dieser Priester widerlich war, der sich so
aufgeregt gebrdete, und dem dabei der weibische Rock an die Waden schlug.
    Als Bausttter wieder im Friedhofe stand, entblte er sein Haupt und
sprach:
    Andchtige Christenversammlung! Ich war es denen, die in Christo dem Herrn
verstarben und welche hier unter dem Zeichen des heiligen Kreuzes ruhen,
schuldig, da ich die frevelhafte Nachbildung dieses Zeichens aus dem geweihten
Boden entfernte.
    Es ist schmerzlich, eine solche Pflicht zu erfllen, aber es ist notwendig.
Amen.
    Der Schuller stand nicht unter den Leuten, als das geistliche Gericht
erging, und seine Buerin wollte ihm nichts sagen. Aber den Frauenzimmern kann
man ein Geheimnis leicht abschauen. Sie zeigen nichts aufflliger als das, was
sie verbergen wollen. Wie die Schullerin die Stubentre ffnete und den Bauern
auf der Ofenbank sitzen sah, fuhr sie zurck und hob im Hausgange ein
verdchtiges Wispern mit ihrer Tochter an. Alle zwei flchteten in die Kche.
Der Schuller ging ihnen nach.
    Was geit's denn? fragte er.
    Nix. Was soll's denn geb'n?
    Fr was bischt denn so z'ruck'sprunga vo da Tr? - I?
    Ja! Hat's wieder was geben in da Kircha?
    Die Schullerin wurde kleinmtig und erzhlte alles. Aber ihre Angst war
berflssig.
    Der Bauer hrte sie ruhig an, und er sagte blo: Dir is g'rad recht
g'schehg'n.
    I bin do gar nix vermoant g'wen!
    Weil du nia nix denkst.
    A ganz a kloans Kreuzel, ds ko do neamd im Weg umgeh'! I ho do gar nix
g'moant.
    Geh zua!
    Da tat'st du sag'n, es g'schiecht mir g'rad recht. Es is do nix Schlecht's,
bal ma woa, da net grad a Hund dort liegt!
    Geh zua, sag i! Laaf du an Pfaffen it nach! Nacha ko er dir nix toa.
    Der Schuller drehte sich um und ging.
    Er war nicht so ruhig, wie er sich gab, aber die Buerin brauchte das nicht
zu wissen.
    Wenn er dabei gewesen wre, wie sie herumtrampelten auf dem Grabe,
vielleicht htte er den Menschen gepackt, und htt' er ihn gehabt, es wr' ihm
nicht gut gegangen. Und dann wr' er selber unglcklich geworden, vielleicht fr
sein ganzes Leben. Das war der wert!
    Geh' zua!

Einige Tage nach Allerseelen kamen die Lehrer der benachbarten Gemeinden in
Aufhausen zusammen; es war ein alter Brauch, sich in jedem Monate einmal zu
sehen, und ber Beruf und andere Dinge zu reden.
    Diesmal war es ziemlich lebhaft geworden, und Herr Stegmller hatte ber
vieles nachzudenken, als er den Weblinger Feldweg entlang schritt.
    Welche Haltung sollen wir bei den Gemeindewahlen beobachten?
    ber diese Frage hatte der Lehrer von Hilgertshofen einen Vortrag gehalten.
Der war ein systematischer Mensch, welcher alles mit erstens, zweitens und
drittens haben mute. Und da war doch wenig oder nichts zu sagen. Wer einen
politischen Kampf fhren will, mu unabhngig sein; und das waren die Lehrer
nicht. Sie konnten nicht gegen die Geistlichkeit streiten. Erstens, zweitens und
drittens, weil die Pfarrer auch Schulinspektoren sind. Die Bauern sollten ihre
Sache nur selber ausfechten; und wer wei, wenn sie die Oberhand htten? Wer
wei, ob es die Lehrer dann besser trfen? Das kann niemand sagen. berhaupt so
gescheite Reden!
    Herr Stegmller blieb stehen und schlenkerte die schweren Erdknollen weg,
die sich an seinen Stiefeln festgesetzt hatten. Wie grau und de jetzt alles
war! Das Feldkreuz sah aus wie ein Grabstein; die zwei Buchen, welche daneben
standen, lieen ihre verwelkten Bltter auf den Gekreuzigten fallen.
    Da war es, dachte Stegmller, da hat er gesungen, wie das hbsche Mdel
dabei war.
    Was ihm der Lehrer von Aufhausen erzhlte! Der Studiosus Mang komme hufig
in das Haus des Herrn Kaufmann Sporner und musiziere mit dem Frulein. Und das
Frulein habe ganz begeistert an die Frau Lehrer geschrieben ber den Herrn Mang
und seinen Tenor, und der Herr Mang hatte ihm, dem Herrn Stegmller,
geschrieben. Auch ganz begeistert ber das Familienleben beim Kaufmann Sporner.
Was war am Ende dabei? Junge Leute und die Freude an guter Musik. Denn der Mang,
der war ein Knstler, gewi und wahr.
    Aber der Lehrer von Aufhausen hatte gesagt, der Studiosus wre gar nicht so
dumm, denn der Sporner Michel mit seinen zwei Husern und dem alten Geschft
wre kein bler Schwiegervater. Was hatte Sylvester damit zu schaffen? Weggehen
vom geistlichen Berufe? Wenn er blo die Miene dazu machte, dann zog sein Vetter
die Hand von ihm ab: der Spanninger von Pasenbach, der ihn studieren lie.
    Stegmller blieb wieder stehen! Er war am Weblinger Holze und fand auf dem
Waldboden einen besseren Weg.
    Ja, die Jugend! sagte er. Das lebt so dahin und denkt nichts. Neben ihm
rauschte es heftig durch das welke Laub; ein Hase sprang weg und setzte ber das
Feld.
    Pltzlich schlug er einen Haken, und Stegmller sah, da weiter unten ein
Bauer bei seinem Dngerwagen stand.
    Es war der Schuller. Stegmller erkannte ihn und wollte nicht ohne Gru und
Rede an ihm vorbeigehen.
    Gut' Morgen, Schuller!
    Ah, der Herr Lehrer! Waren S' in Aufhausen drben?
    Freilich. Hat ein bissel lang gedauert, da bin ich gleich ber Nacht
geblieben.
    Stegmller kam nher und reichte dem Schuller die Hand hin.
    Es geht it, sagte dieser, an andersmal, Herr Lehrer. Bei dem G'schft hat
ma koane sauber'n Hnd'.
    Und er nickte mit dem Kopfe gegen den Dngerwagen hin.
    Es gilt auch so, erwiderte Stegmller. Sie sind schon wieder fleiig?
    Ja, mua scho sei.
    Freilich. Wer durch den Pflug reich werden will, mu ihn selber anfassen.
Und Arbeit hat bittere Wurzel, aber se Frucht.
    Der Schuller lchelte.
    Sie ham's allawei mit die Sprichwrter, Herr Lehrer.
    Da steckt die grte Weisheit drin, Schuller. No, Ihnen braucht man nichts
zu sagen. Es hat keiner seine Sach' in besserer Ordnung wie Sie.
    Es gibt Leut', de ffentlich was anders sag'n, Herr Lehrer.
    Ich versteh' Sie schon, aber wenn man auch nicht alles sagen darf, was man
denkt, deswegen ist man doch nicht einverstanden damit.
    Ja, und vo dem kommt's her, da de Schlechtigkeit so guat wachst.
    Von was, Schuller?
    Vo dem, da si die oan nix, und die andern alles trauen derfen.
    Stegmller wurde etwas verlegen.
    In den grauen Augen, die ihn so frei und gerade anblickten, lag ein Vorwurf.
Er gehrte auch zu denen, die sich nichts trauten und aus ngstlichkeit zu allem
schwiegen.
    Ja, Schuller, was will man machen? sagte er. Wenn ich frei wre oder
einen Hof htte wie Sie oder ...
    I hab' net grad' Eahna g'moant, Herr Lehrer, i moan berhaupts blo a so.
    Stegmller bohrte mit seinem Schirme Lcher in den Boden und schaute
nachdenklich vor sich hin.
    Schuller, sagte er pltzlich, ich hab' neulich schon mit Ihnen reden
wollen, wie die Geschichte passiert ist mit dem Grab. Sie drfen glauben, da
ich das nicht gebilligt habe, durchaus nicht.
    Ds glaab i Eahna gern.
    Es hat mir so leid getan wegen Ihnen und Ihrer Frau. Es verletzt doch das
religise Gefhl, so was.
    Ds mei nimmer, Herr Lehrer.
    Stegmller sah den Bauer verwundert an. Der breitete gleichmtig den
rauchenden Mist vor sich aus und holte wieder eine Gabel voll vom Wagen
herunter.
    Wie meinen Sie das, Schuller?
    Wia 'r i ds moan? Ds will i Eahna scho sag'n.
    Der Schuller sttzte sich auf die Gabel und stellte sich breitbeinig hin.
    I hab' nix mehr z' toa mit der Religion.
    No, no!
    Na, gar nix mehr. I mach' net blo Sprch'. Sie derfen mir's glaab'n.
    Ich wei, da Ihnen Unrecht g'schehen is, Schuller. Aber so darf ma doch
net gleich mit allem fertig sein.
    Glei? Ds is gar net so glei g'wen.
    Aber doch blo wegen den G'schichten.
    Na, net blo desweg'n, Herr Lehrer. Mir san ja dumme Bauern und hamm nix
g'lernt. Aber ma hrt do was und siecht was. Und ds hat mir g'langt.
    Es sind nicht alle gleich, Schuller, es gibt auch sehr brave Geistliche.
    Ko scho sei; i nimm eahna nix weg von der Bravheit. Brave Menschen gibt's
berall.
    Weil Ihnen jetzt der unsrige alles mgliche antut, meinen Sie, es sind die
andern auch so.
    I schaug's ganz anders o, Herr Lehrer. Sehg'n S', ds, was mir inser
Pfarrer o'tuat, ds kimmt von seiner Bosheit. Und da knna'n de andern nix
dafr. Ds vasteh i recht guat. Und ds woa i aa, es gibt bei 'r a jeden Sach'
guate und schlechte Leut'. Bei der Religion aa.
    Da haben Sie recht, Schuller.
    Ja, da hab' i recht. Aber ds is net des Schlechte, Herr Lehrer. Ds
Schlechte is, da d' Religion net dagegen is. Gegen ds, was inser Pfarrer
tuat.
    Passen Sie einmal auf. Schuller ...
    Na, na, Herr Lehrer, da is d' Religion schuld, wenn ma solchene Unterschied
macht, ob jetzt oans g'schwind tauft is, oder net. Ds vasteh' i do no, wenn i
aa blo a dummer Bauer bin.
    Das glaubt niemand, da Sie dumm sind.
    Ja no, unseroaner lernt nix; s habt's viel mehra g'lesen. Aber ds hamm S'
no nirgends g'lesen, Herr Lehrer, da d' Religion so was verbiat'n tat. Oder da
's ausdrcklich hoaen tat, es gibt blo rechtschaffene oder schlechte Leut',
und koan andern Unterschied net.
    Das ist bei jedem Glauben so, net blo bei dem unsern, Schuller. Das
verlangt eine jede Religion, da man sich zu ihr bekennt.
    Is scho recht! Da ma siecht, da oana dabei is. Net wahr? Ds is d'
Hauptsach'. Was aber oana sinscht tuat, und bal er no so schlecht is, auf ds
gehts it z'samm. Wann er no dabei is!
    Darber mu hernach ein anderer richten.
    I siech aber berall, da de Geistlichen richten. De spielen si auf, als
wann sie die Herren waar'n, ber de ander Welt aa. De reien ja a Kreuzel vom
Grab weg, weil sie ds zum Regieren hamm, was amal da drben gibt.
    Sie reden immer von dem und meinen immer das. Aber das wird jeder
verurteilen, der wirklich eine Religion hat.
    So? I htt' mir denkt, de meist Religion maten de Geistlichen hamm. Und
wenn oaner an Ausnahm' macht, warum rhren si de andern net dageg'n? De helfen
do alle z'samm.
    Leider, da nicht alles so ist, wie's sein soll! Aber den Glauben darf man
deswegen nicht verlieren.
    Net, moanen S'?
    Nein, ganz gewi nicht.
    Wia 's oana o'schaugt, Herr Lehrer! Man siecht viel, was oan it g'fallt.
Da a schlechter Mensch oft ds grt' Glck hat und a braver geht z' grund. Da
sagt ma nacha, ma woa it, was inser Herrgott in Sinn hat. Es is eine Zulassung
Gottes. Vo mir aus, i woa 's a net besser. Aba, da oana von seine Geistlichen
d' Religion ausnutzt als Mittel zu da Schlechtigkeit, des sell durft er it
zualassen, Herr Lehrer! Sinscht kunnt's amal sei, da d' Leut' allssammete irr'
wer'n.
    Stegmller merkte gut: was der da vorbrachte, war nicht das unberlegte
Geschwtz eines Zornigen. Der wute, was er wollte. Die Rede gefiel ihm nicht;
aus dem Munde eines anderen wre sie ihm leichtfertig vorgekommen. Aber es lag
etwas so Festes und Bestimmtes in dem Wesen des Schullerbauern, da er Achtung
vor ihm empfand.
    Ich wei nicht, sagte er, Ihr kommt mir ganz verndert vor.
    Sie wer'n mi fr schlecht halt'n, Herr Lehrer.
    Nein, Schuller; aber es tut mir leid, da gerade Ihr so redet.
    Nachher knden S' mir nur grad' d' Freundschaft net auf; ds tat mi
verdrieen, wo mir uns scho bald drei'g Jahr kennan.
    Das tu ich nicht. Ihr wit's recht gut. Und jetzt gut Morgen, Schuller!
    Adjes, Herr Lehrer!
    Stegmller ging seinen Weg zurck. Am Waldrande hielt er und schaute um.
    Der Schuller war schon wieder rstig bei der Arbeit, als wollte er die
versumte Zeit einholen.

                               Siebentes Kapitel


Den 16. November waren die Gemeindewahlen in Prittlbach, Aufhausen und
Zillhofen, den 17. in Giebing, Fahrenzhausen, Schachach und Webling, den 18. in
Biberbach, Edenholzhausen und Erlbach. In Zillhofen whlten sie den Blasibauern
Joseph Kaltner zum Brgermeister, der fr einen heftigen Bauernbndler galt; in
Schachach kam der Rdlmayer in den Ausschu.
    Der Meisinger von Giebing fiel durch, aber sein Gegner hatte nur eine
Mehrheit von zwei Stimmen. Und auerdem konnte sich der Herr Dekan ber diesen
Sieg nicht bermig freuen, weil der Stuhlberger Beigeordneter wurde.
    In Fahrenzhausen fielen beinahe alle Stimmen auf den Wagnerbauern Peter
Lochmann, der schon bei den letzten Landtagswahlen gegen den Pfarrer aufgetreten
war.
    Die Erlbacher gaben dem Hierangl 44 Stimmen, dem Schuller 53; damit war
dieser zum Bgermeister gewhlt.
    In allen Gemeinden sagten die Leute, da sie solche Wahlen noch nie gesehen
htten. Sonst gab man gleichmtig seine Stimme ab und kmmerte sich nicht viel
darum, wen es traf.
    Streit gab es selten; und das Politische kam nicht in Frage. Diesmal brannte
es an allen Ecken und Enden; in jedem Dorfe stand eine Partei gegen die andere.
Die Geistlichen warben offen und versteckt um Stimmen; sie sagten von den
Kanzeln herunter, da man sich einer groen Gefahr aussetze, wenn
kirchenfeindliche Menschen an das Ruder kmen.
    Das Unterste wrde zu oberst gekehrt; in weltlichen Dingen finge das Unglck
an, und wo es ende, knne nur Gott allein wissen. Sie versuchten die Mnner zu
berreden und zogen die Weiber auf ihre Seite.
    In Zillhofen ermahnte der Kooperator sogar die Schulkinder, da sie ihre
Vter in das tgliche Gebet einschlieen sollten, damit sie der liebe Gott
festhalte am katholischen Glauben.
    Die Bauernbndler schauten nicht unttig zu. Sie hatten noch nicht die
Mittel, welche zur Ausbreitung einer neuen Bewegung notwendig sind; sie hielten
keine Versammlungen ab, ja, es hatte sich noch nicht einmal ein Kern von
Vertrauensmnnern gebildet.
    Trotzdem fanden sie sich zusammen; von Haus zu Haus ging die Verabredung,
und nur verlssige Mnner wurden in das Vertrauen gezogen. Einer wute vom
andern, ob er fest standhalte und der gemeinsamen Sache dienen wolle.
    Die richtigen Mnner kannte man weitum auf Stunden, die Unsicheren waren fr
alle gezeichnet. Ohne Flugschriften und Aufrufe verstndigten sich die Leute,
warben Anhnger und trafen die Auswahl der Mnner, welche sie an die Spitze
stellen wollten. Am entscheidenden Tage gab es viel Lrm. Die Leute, welche sich
zum ersten Mal einer politischen Aufregung berlieen, hatten noch nicht
gelernt, ihre Freude am Erfolge oder ihren rger ber eine Niederlage zu
verstecken.
    Der alte Rdlmayer in Schachach gab einen offenen Stimmzettel ab und sagte,
das Versteckenspielen habe ein Ende, und wer eine Schneid' habe, der msse sie
herzeigen.
    In Giebing stellten sich die jungen Burschen vor dem Wahllokal auf und
brachten jedem Anhnger des Dekan Metz eine Katzenmusik. Der Hirner von
Aufhausen trank sich einen festen Rausch an und sagte zum Wahlkommissr, ihm
wr' es das Liebste, wenn man gleich ber den Adel und die Geistlichkeit
einrcke; er wolle schon zuhauen, da alle am Leben verzagen mten.
    In Zillhofen kam es zu einer Prgelei, und in Biberbach muten die Schwarzen
schleunig aus dem Wirtshaus flchten, weil sie sonst bel gefahren wren. Die
Erlbacher blieben ruhiger. Fast alle Stimmberechtigten erschienen; eine halbe
Stunde vor Schlu fehlten nur mehr etliche Stimmen zur Vollzhligkeit. Das
Ergebnis war im voraus nicht sicher; der Hierangl hatte viele Anhnger, und der
Pfarrer Bausttter setzte alle Hebel in Bewegung, um ihn durchzubringen. Er lie
sich von seiner Heftigkeit so hinreien, da er im Wahllokale aus und ein ging
und verschiedene Leute ansprach.
    Als zuletzt noch der alte Keimel auftauchte, der ber Jahr und Tag krank
daheim lag, wuten alle, da ihn nur der geistliche Zuspruch zu dieser
Kraftanstrengung gebracht hatte.
    Und alles half nichts; der Schullerbauer blieb Sieger mit neun Stimmen
Mehrheit.
    Zum Brgermeister ist also gewhlt Andreas Vst, konom von Erlbach ...
    Und ein Vivat hoch! schrie der Haberlschneider, koan Bessern hamm mir no
net g'habt.
    Vielleicht waarst du no der Besser' g'wen! sagte der Hierangl. Na, i net;
aba du scho gar it.
    Du derfst'n scho lob'n; du bist ja sei Spez'l.
    Geh hoam, Hierangl! Do verdeanst dir nix bei ins! Geh zum Pfarra, nacha
knnt's woana mitanand!
    Vo dir la i mir nix schaffen, du bischt mir z'weni, hast g'hrt?
    Geh hoam, du! So dumm waar i net, da i mir an Zorn a so merk'n lasset.
    Haberlschneider, der Letzt' hat no net g'schoben.
    So? Habt's no an Spitaler hinten, weil der alt' Keimel it g'langt hat?
    Alle lachten. Der Hierangl drngte sich durch die Umstehenden und ging
zornig auf die Strae.
    Der Teufel soll alles holen und den Schuller zuerst! Der ihm berall in den
Weg trat. Brgermeister oder nicht, da lag ihm nicht soviel daran. Aber da er
wieder gegen den verspielte! Und da der sich gro machen durfte!
    Was willst? fuhr er den Geitner an, der ihn bei seinem Hause erwartete.
    Nix will i, gra Gott sag' i.
    ' Good, und la ma mein Ruah!
    No, no! Jetzt fahr net glei oben aui!
    I mua dir vielleicht Dank sch sag'n, weil's den Spitzbuam zum
Burgermoasta g'macht habt's? Den ganz schlecht'n!
    Aber i net; ds woat du guat.
    Ja, du net! Und s alle net! Was is den nacha mit mein Geld. Wann gibst mir
denn ds z'ruck?
    Heut' net, weil i's net hab'; a bissel werst scho no wart'n kinna.
    Na, i mag nimma. I will mit koan Erlbacher nix mehr z'toa hamm. I will mei
Geld, und firti!
    La amal g'scheidt mit dir red'n; deine Freund sollt'st do scho kenna!
    I brauch' koan Freund.
    So muat d'as macha! Weil's dir jetzt net 'nausganga is, waar gar koana
mehr was. Wer is denn Umanandg'loffen fr di, und hat g'redt fr di?
    Koa schlechte Arbet zahl ma'r it.
    Ds is a schlechte Arbet, wenn der ander a paar Stimma mehr hat! De htt'
er net kriagt, wann jetzt net de G'schicht mit'n Bauernbund waar.
    Ds is mir wurscht! Vo mir aus is der Schuller Brgermoasta oder net. Ds
bekmmert mi durchaus gar nix mehr.
    Pa auf, der Pfarra hat zu mir g'sagt, du sollst morg'n nach der Mess' zu
eahm aufi kemma.
    I brauch nix vom Pfarra!
    I glaab, er hat was im Sinn. Mir hat er's it g'sagt.
    I la mi auf gar nix mehr ei.
    Ds braucht's ja net. Werst scho hr'n, was er sagt, und bal's dir it pat,
ko'st allaweil z'rucksteh.
    I glaab's net, da i 'naufgeh.

Der Schuller sa hemdrmelig auf der Ofenbank und rauchte. Seit langer Zeit war
ihm nicht mehr so wohl gewesen. Er hatte keinen Ehrgeiz und wollte nicht mehr
sein wie die andern. Aber diese Wahl hatte er fr eine Probe angesehen. Es mute
sich zeigen, ob er noch etwas galt, nach den Unbilden, die ihm der Pfarrer
ffentlich angetan hatte. Wer eine Beleidigung einschieben mu, verliert leicht
sein Ansehen. Die Leute fragen nicht immer nach Recht oder Unrecht und sehen
blo den Schlag, den einer kriegt.
    Aber jetzt, weil es gut hinausgegangen war, fhlte er festeren Boden unter
den Fen; auch im eigenen Hause. Es war ihm vieles nicht recht gewesen in der
letzten Zeit.
    Die Weiber redeten unntzes Zeug, wie Leute, die eine Verlegenheit redselig
macht. Und jedes Dorfgeschwtz fand Eingang in seinem Haus. Aber jetzt mute die
alte Ordnung wieder einkehren. Und das war recht und ntzlich. Er lachte still
vor sich hin. Wie das Weibervolk ist! Als er seiner Buerin die Mitteilung
machte, war ihr erstes, ob wohl die Bcker Ulrich Marie das schon wte, und wie
die sich rgern wrde! Das ist immer die Hauptsache, was die andern dazu sagen.
    Ein breiter Schatten fiel in die Stube. Der Schuller schaute auf und sah am
Fenster den Haberlschneider, der vergngt hereinlachte.
    Da sitzt er, sagte er, und i suach di berall. Was is denn, Burgermoasta,
kimmst net ins Wirtshaus und zahlst a paar Ma, weil mir so tapfer hing'standen
san fr di?
    Auf ds geht's mir net z'samm, antwortete der Schuller, a Bier zahl' i
gern, aber selber kimm i net.
    Warum nacha net? G'rad lusti mua wern.
    Desweg'n geh' i net hi, Haberlschneider. Da san heut' viel dort, de moanen,
sie maen recht ausg'lassen sei, da s' mir a Freud' machen.
    Geh weiter! Du brauchst do auf neamd aufz'passen.
    Auf wen andern net, aber auf mi. I mag mi net hergeben fr a Gaudi; du
kennst d' Leut' und woat scho, wia s' san.
    Aba sch waar's halt do, und aufdrah'n tat'n mir nobel.
    La guat sei, Haberlschneider! An anders Mal gern. I hab' a so Feind'
gnua.
    G'rad de maten si recht rgern.
    Na, i fang' net o mit'n Streiten.
    Ds bleibt nia net aus, Schuller.
    Mag leicht sei! Nacha geht's aba weg'n was andern her, und net weg'n a
Wirtshausgaudi.
    Am End' hast recht. Aber i geh' heut' so schnell net hoam, ds woa i
g'wi.
    Um den Pfarrhof war es nicht so still und friedlich wie sonst. Der Strahl
des Springbrunnens stieg nicht gerade in die Hhe und fiel nicht pltschernd in
das steinerne Becken zurck. Er lie sich vom Winde auf die Seite treiben und
spritzte das Wasser auf den Kiesweg. Auch dieser war nicht gepflegt und sauber
wie sonst. Die Kastanienbume hatten drre Bltter auf ihn geschttelt; sie
lagen unordentlich herum und wirbelten durcheinander, als wre alle Zucht und
Sitte aus diesem Garten geschwunden. Der wilde Rebstock am Hause gewhrte ein
klgliches Bild; seine dnnen Zweige krochen mhselig an der Mauer empor, die
nackt und blo ihre Schden aller Welt zeigen mute. Ein starker Regen fiel
ungestm auf das Schieferdach nieder; in der Dachrinne gurgelte das Wasser und
strzte mit ungebhrlichem Lrmen durch die enge Rhre.
    berall Unordnung und trbselige Stimmung. Aber es bedeutete nichts gegen
die Aufregung im Innern des Hauses. Da trieben gefhrliche Strme ihr
verstecktes Spiel; man sah sie nicht offen wten, und doch fhlte man ihre
Wirkung. Tren klappten auf und zu; zornige Schritte klangen ber die Dielen.
Ein ruheloser Geist trieb sein Unwesen.
    War das nicht ein Gerusch im Zimmer des hochwrdigen Herrn? Klang es
nicht, als htte man einen Stuhl umgeworfen?
    Der Kooperator horchte.
    Da! Diesmal klatschte etwas an die Wand und fiel zu Boden. Als htte man
einen Gegenstand, ein schweres Buch hingeschleudert. Die Schritte nherten sich
der Tr, und der Kooperator fuhr zurck.
    Frulein Lechner stand seufzend in der Kche und sah zur Decke hinauf.
    Die schweren Schritte da oben gingen rastlos hin und her. Dazwischen
stampfte es gegen die Decke, da der Kalk abbrckelte. Frulein Lechner fuhr mit
der Hand an das klopfende Herz, und die Bcker Ulrich Marie sagte:
    Heilige Gnadenmutter von Alttting, der Herr Pfarrer is ganz auseinander!
    Das hat er nicht verdient von den Erlbachern, erwiderte die Kchin, da
sie es ihm g'rad zum Flei tun, und whlen den Schuller. Das ist eine Schand fr
das ganze Dorf!
    Das war immer ein Kalter, solang' ich ihn kenn', Frulein Lechner. Kein'
Glauben und keine Religion haben die Leut'. Wochenlang in keine Kirch' gehn, und
jetzt lat er sich berhaupt gar nimmer seh'n.
    Und weil mein Herr seine Pflicht und Schuldigkeit tut, hat er nichts davon
wie rger und Spott. Hamm Sie's gehrt?
    Es war das Buch, welches an die Wand flog und am Boden aufschlug. Und gewi
hatte es die Bcker Ulrich Marie gehrt. Denn sie spitzte ihre Ohren und vernahm
jedes Gerusch mit gruseliger Neugierde.

                                 Achtes Kapitel


In der Rosengasse zu Mnchen liegt eingeklemmt zwischen hohen Neubauten das
Geschfts- und Wohnhaus des Herrn Michael Sporner. Es hat nur zwei Stockwerke;
trotzdem sieht es nicht rmlich aus neben den Trmen und Erkern und riesigen
Mauern seiner Umgebung. Es trgt ein schuldenfreies Wesen zur Schau und sagt
jedem, da hinter den blitzblanken Fenstern ein ehrbarer Reichtum wohnt. Zu
ebener Erde ist ein Laden, aus dem der Geruch von frisch gebranntem Kaffee auf
die Strae dringt und in jedem Spaziergnger angenehme Vorstellungen erweckt.
Sie werden verstrkt durch den Anblick eines Schildes, das neben der Ladentre
hngt. Man sieht darauf einen frhlichen Neger neben einem Kaffeesacke stehen;
sein Haupt ist mit bunten Federn geschmckt, wie der Schurz, den er um die
Lenden geschlungen hat.
    Er raucht aus einer groen Pfeife und blst Tabakwolken in die Luft. Im
Hintergrunde, am Ufer des dunkelblauen Meeres stehen zwei Indianer, und jeder
begreift, warum sie so neidisch auf den heiteren Mohren blicken. Jeder denkt an
duftenden Mokka und treffliche Zigarren und behagliche Stunden. Wer in den Laden
eintritt, erfreut sich an den flinken Bewegungen der Herren Kommis, die mit
schwungvollen Handgriffen Pakete zusammenlegen, Schnre abzwicken, die mit
staunenswerter Sicherheit den Inhalt jeder Schublade kennen und nie eine
unrechte ffnen, die das Gewicht der Waren genau erraten und die Zahlen flchtig
auf das Papier hinwerfen. Er erfreut sich an dem verbindlichen Lcheln dieser
jungen Herren, welche ihr Benehmen nach Stand und Rang der Kunden einzurichten
wissen und so verschwenderisch achtunggebietende Titel verleihen.
    Er sieht mit Bewunderung, wie Herr Michael Sporner, unbeirrt durch den Lrm,
an seinem Pulte steht, Briefe nach allen Weltteilen schreibt und dabei mit
flinken Augen seine Untergebenen berwacht. Oder wie er dienstfertig seinen
Platz verlt, wenn ein angesehener Kunde eintritt, und wie er dann an
geschickten Handgriffen und gut gewhlten Hflichkeiten sogar den ersten Kommis
bertrifft.
    Und wenn der Kufer mit seinem sauber gebundenen Pakete an die Kasse tritt,
kann er noch mit wirklicher Hochachtung auf Madame Sophie Sporner blicken,
welche sein Geld mit einer leichten Verneigung entgegennimmt und mit energischem
Ruck die amerikanische Kassette ffnet, die jeden Betrag anzeigt.
    Dies alles kann derjenige sehen, welcher seinen Bedarf an Kolonial- und
Spezereiwaren bei Sporners seligen Erben deckt. Aber wenn nach dem
arbeitsreichen Tage der Hausdiener die Rollden herunterzieht, dann schreitet
Herr Michael Sporner hndereibend durch den Raum und dreht frhlichen Gemtes
die Gasflammen ab. Er tut es stets in der gleichen Reihenfolge, und wenn die
letzte verlscht, sagt er:
    So, das htten wir wieder einmal!
    Auch heute ging er vergngt ber die Treppe zur Wohnung hinauf. Ein frisches
Mdel kam ihm entgegen und begrte ihn mit einem Kusse, um den man ihn beneiden
durfte. Denn Frulein Gertraud sah in dem Hauskleide mit der weien Schrze ber
die Maen hbsch aus; ihre Wangen waren gertet vom Kchenfeuer, die Augen
blitzten, und alles an ihr war Gesundheit.
    Guten Abend, Traudel! sagte Herr Sporner, ist schon gedeckt?
    Freilich. In einer Viertelstunde essen wir.
    Und du hast gekocht?
    Blo mit geholfen, Papa.
    Da bin ich neugierig.
    Geh nur ins Wohnzimmer. Die Mama ist schon drin.
    Papa Sporner trat ein und stellte sich vor den Ofen.
    Das ist wieder gemtlich heute! sagte er; du, Alte, da sind ja vier
Gedecke, wer kommt denn heute?
    Der Herr Mang. Es ist doch Samstag.
    Richtig, freilich! Das hab' ich jetzt ganz vergessen. Das ist fein, da
kriegen wir Musik heute.
    Hm - ja.
    Du tust beinah, als wenn du keine hren mchtest.
    Ich hr' recht gern Musik.
    Na also, kannst dir vielleicht eine bessere wnschen?
    Hm - ja, der Herr Mang spielt ganz gut.
    Was hast du denn?
    Ich? Nichts.
    Geh, hr auf. Weil ich dich net kenn'! Dir is was bers Leberl g'laufen?
    Wenn du schon fragst, ja. Ich bin nicht dafr, da der Herr Mang so oft zu
uns kommt.
    Aber warum denn net? Was hast du denn gegen den jungen Menschen?
    Nichts; im Gegenteil, ich mag ihn recht gern. Er ist brav und alles, aber
...
    No, aber?
    Aber, es pat mir wegen der Traudel nicht.
    Is s' am End' gar verliebt? Hahaha! Jetzt da schau her! Wart, da wer i's
glei ins Gebet nehmen, unser Frulein Pfarrerkchin!
    Sei so gut, gelt, und mach keine Witz' mit ihr!
    Natrlich mach' ich Spa. Du vielleicht net?
    Ich mu dich bitten, da du dir nix merken lat.
    Zu Befehl Frau Sporner. Versteh'n tu' ich dich allerdings net.
    Das is schon schwer zum Verstehen. Er is jung, und sie is jung, und er
singt recht schn. Und er is berhaupt ein sehr netter Mensch; das mu man ihm
lassen.
    Und is a Geistlicher, net wahr?
    Das is er noch gar nicht.
    Aber er wird's. Auerdem hat ihn die Traudel beim Schwager kennen g'lernt,
und der Toni hat ihn uns warm empfohlen.
    Das ist alles ganz recht. Ich denk' ja auch nichts Schlimmes dabei. Warum
htt' sie ihn nicht kennen lernen sollen? Aber da er so oft kommt, und da sie
allein musizieren, das find' ich nicht in der Ordnung.
    Is doch allaweil d' Mathild' dabei!
    No weit, dei Schwester! I tu' ihr nichts weg, aber die ist die allererst',
die ihre Bemerkungen d'rber macht; und eine alte Jungfer mit berspannten Ideen
ist g'rad auch nicht die beste Aufsicht..
    Die soll's berhaupt bei der Traudel nicht brauchen, hoff' ich.
    Da red'st du wie alle Mnner! Ich hab' unser' Tochter auch mit aufzogen und
hab' g'rad so viel Vertrauen zu ihr wie du. Gott sei Dank, da sie ein braves
Mdel is. Aber sie knnt' zuletzt selber nichts dafr, wenn sie sich verliebt.
Sie tt nichts Unrechtes, das wei ich schon, aber sie tt sich vielleicht
Hoffnungen in den Kopf setzen.
    Geh! Geh!
    Ja, oder er. Kommt dir das gar so unmglich vor, da er Feuer fangt? Und
das wr' ein Unglck fr ihn.
    Er wei doch, was er is.
    Die Vernunft hat noch keinem geholfen.
    Mir knnen ihm doch net auf einmal 's Haus verbieten.
    Das will ich gar nicht. Ich mcht' den armen Menschen um alles in der Welt
nicht verletzen.
    Was soll'n wir nachher tun?
    Das mut mich machen lassen, Papa. Ich bring' das schon in Ordnung. Die
Hauptsach' ist, da du dir nichts merken lat. Nicht gegen unser' Traudel, und
nicht gegen den Herrn Mang.
    Ich bin froh, wenn ich nix wei davon.
    Und lad ihn auch nicht ein, das mach' schon ich.
    Ihr Frauen seld's eigentli hartherzig! 
    Das is nicht hartherzig, wenn man zu rechter Zeit vorbeugt.
    No, von mir aus! Jetzt kommt er, scheint's.
    Also gelt? Herein!
    Man hrte Stimmen vor der Tre, und Sylvester trat ein. Es war leicht zu
sehen, da er nicht zum ersten Mal hier war. Er war frei von Befangenheit und
machte eine gute Verbeugung vor Madame Sporner, dann schttelte er dem Inhaber
der Firma herzhaft die Hand.
    Hamm Sie Ihr' Geigen net dabei? fragte der Alte.
    Ich hab' sie drauen gelassen, weil es hier zu warm ist.
    Da wern S' uns heut' wieder was Schn's vorspielen?
    Wir sollten eigentlich den Herrn Mang nicht immer so plagen, sagte Frau
Sporner.
    Das ist doch keine Plag' fr mich! Ich wt' gar nicht, was mir lieber
wr'. Ich freu mich den ganzen Tag darauf, und Frulein Gertraud macht solche
Fortschritte!
    Gelobt sei Jesus Christus!
    Eine schrille Stimme kam von der Tr her, und eine aufgeputzte Frauensperson
trat mit hastigen Bewegungen ein. Die lebhaften Farben des Kleides paten
schlecht zu dem alten Gesicht seiner Trgerin, und noch schlechter die groen
Ohrgehnge, welche verwegen hin und her baumelten, so oft Frulein Mathilde, die
ltere Schwester des Hausherrn, den Kopf wandte. Ihre schwarzen Haare waren
glatt gescheitelt und preten sich wie abgezirkelte Arabesken an die Stirn. Die
Augen blieben nie ruhig stehen, sie wanderten in einem fort herum, und man hatte
den Eindruck, da sie blitzschnell alles erfaten. Die ganze Erscheinung
Mathildens war nicht dazu angetan, Behagen zu erregen.
    Witze, die schon auf der Zunge schwebten, zogen sich in ihrer Gegenwart
zurck, ein frhliches Lachen brach in der Mitte ab, und Geheimnisse schoben
hastig noch einen Riegel vor.
    Sylvester hatte den katholischen Gru berhrt. Er wurde wiederholt:
    Gelobt sei Jesus Christus!
    In alle Ewigkeit. Amen! Guten Abend, Frulein Sporner!
    Gr Gott beisammen! Ihr seid ja in einem sehr eifrigen Gesprch.
    Mir hamm von der Musik g'redt, erwiderte ihr Bruder.
    Freilich von der Musik. Die Traudel geht ja jetzt ganz darin auf. Kein
Mensch hat g'wut, da sie so viel Talent hat, und eine solche Liebe dazu.
Frher hat man da gar nichts g'merkt.
    Sie hat allaweil gern Klavier g'spielt, schon als Schulmdel.
    Vielleicht is mir das nicht so aufg'fallen. Aber geweckt hat das Talent
schon der hochwrdige Herr.
    Warum heien Sie mich immer Hochwrden? Ich bin noch nicht Geistlicher.
    Wie lang' wird das noch dauern? Du lieber Gott, die paar Jahr', und dann
kommt der Freudentag!
    Und jetzt kommt das Essen. Bleibst du bei uns, Mathild'?
    Ja, wenn's euch recht is?
    Traudel, la fr die Tant' noch aufdecken, und jetzt setzen wir uns, Herr
Mang, wenn ich bitten darf.
    Bei Tische kam heute keine rechte Unterhaltung auf. Sylvester gab innerlich
dem Frulein Mathilde schuld daran, und auch Gertraud fand, da die Anwesenheit
der Tante strend wirkte. Die Alten wuten es freilich besser; aber wenn sie
sich auch Mhe gaben, die Unterhaltung in Flu zu bringen, so waren sie doch
viel zu wenig geschult, um den gewohnten heiteren Ton anzuschlagen.
    Wie lang' mssen Sie eigentlich noch studieren? fragte Herr Sporner.
    Zwei Jahre.
    No, ds is gar nimmer so lang'. Und nachher werden S' gleich Koadjutor,
net?
    Nein, zuerst is man Neomyst, sagte Frulein Mathilde.
    Neomyst, was das fr merkwrdige Namen san! Woher woat du denn ds alles?
    Das wei man doch, da die Herren nach der Primiz Neomysten heien.
    Ich hr's zum erstenmal.
    Frau Sporner fiel ihrem Mann ins Wort.
    Wie geht's Ihrer Mutter, Herr Mang? - Danke, gut.
    Schreibt sie Ihnen fters?
    Sie selber nicht, aber ich hr' so ab und zu etwas.
    Sie wird froh sein, wenn Sie einmal fertig sind.
    Da kann 's amal zu Ihnen ziehen, sagt Sporner. Und kann Ihnen den
Haushalt fhren.
    Das ist wohl der Lieblingswunsch Ihrer Mutter? fragte Madame Sophie, und
Herr Sporner versicherte wohlwollend:
    Da krieg'n Sie's amal schn, so als Landpfarrer, und b'sonders, wenn a
nette konomie dabei is.
    Sylvester schwieg.
    Warum redeten sie von der Zukunft, die er nirgends lieber verga als hier?
Er blickte ber den Tisch. Suchte er die Augen des jungen Mdchens, welches sich
errtend ber den Teller beugte? Er fand sie nicht; aber zwei andere Augen
begegneten den seinen, und in denen lag mtterlicher Ernst und Mitleid.
    Was war das heute? Eine beklemmende Angst berkam ihn. Er wollte sie
berwinden und ein Gesprch beginnen. Er fhlte, wie dieses Schweigen sich
drohend zwischen ihn und die Menschen stellte, welche er lieb gewonnen hatte.
    Und da redete wieder das alte Frulein:
    Wie mu einem zumute sein, der die erste Mess' lest! Ich glaub', das ist
das schnste, was es auf der Welt gibt.
    Ich wei es nicht, sagte Sylvester.
    Ich mein', das mu man kaum erwarten knnen; wenn man bedenkt, da ein
junger Geistlicher in dem Augenblick, wo er die erste Mess' lest, ber die Engel
gestellt wird!
    Ds werst a net schriftlich hamm, brummte der Alte.
    Jawohl haben wir's schriftlich. Das ist ausdrcklich geschrieben von einem
Kirchenvater. Nicht wahr, Herr Mang?
    Ja, es ist eigentlich ein Gleichnis.
    Der Herr Stadtprediger Reiser hat g'sagt, es is wortwrtlich so, weil die
Engel nicht die Gewalt haben wie die Priester.
    Herr Sporner schttelte ungeduldig den Kopf. Mir g'fallt's net, wenn einer
solche Geschichten erzhlt. Das mssen S' mir versprechen, Herr Mang; wenn S'
amal Pfarrer san, werden S' net hochmtig! Der Hochmut hat viel verdorben.
Frher is net so viel g'stritten worden, und die Religion war gemtlicher.
    Frau Sporner nickte lchelnd zu Sylvester hinber.
    Ich kann mir den Herrn Mang gut vorstellen als Pfarrer. Der bleibt jede
freie Stund' bei seiner lieben Musik.
    Sylvester litt unter diesen Reden. Lag eine Mahnung darin? Wollten sie ihm
bedeuten, da er kein Recht habe, sich gefhrlichen Trumereien hinzugeben? Aber
was konnten sie von Gedanken wissen, die er vor sich selbst verbarg? Nein, es
lag sicher keine Absicht in ihren Worten. Es war nur sein Unrecht, da er die
arglosen Reden schmerzlich empfand.
    Frau Sporner, sagte er, weil Sie von der Musik reden, ich habe das Largo
von Hndel bei mir. Darf ich es spielen?
    Ja, ich hab' mich schon darauf gefreut, bat Gertraud. Und es lag frohe
Erleichterung in ihrer Stimme.
    Mama Sporner hrte sie heraus, und ein Blick auf die Schwgerin zeigte ihr,
da nicht ihr allein die Wrme des Tones aufgefallen war. Ein boshaftes Lcheln
sa in den Mundwinkeln der alten Jungfer, und ihre flinken Augen schossen von
Gertraud hinber zu Sylvester. Der merkte nichts. Er freute sich an der lieben
Stimme, deren Klang er diesen langen Abend vermit hatte.
    Heute, Herr Mang, wre es mir lieber, wenn Sie nicht spielen, sagte Frau
Sporner. Ich habe schon den ganzen Tag Kopfweh.
    Wenn ich das gewut htte! antwortete Sylvester rasch, entschuldigen
Sie!
    Der Inhaber der Firma Sporners selige Erben war kein Mann fr weit
ausgreifende Plne.
    Ds hast aber doch sonst gar nie! sagte er. Und im Laden hast mir koa
Sterbenswrtel g'sagt!
    Ich hab' net mitten drin von der Kasse weggehen wollen. Und es war auch
nicht so arg. Jetzt ist's aber strker geworden.
    Ja, nachher geh' nur glei ins Bett!
    So gefhrlich ist's nicht. Blo Musik tt' ich heut lieber nicht hren.
    Es tut mir so leid, sagte Sylvester, da ich Sie gestrt habe.
    Nein, bleiben Sie nur! Es ist mir lieber, wenn Sie noch ein bichen
bleiben.
    Mathilde stand auf.
    Mich mut du entschuldigen, Sophie! Ich bin so zu lang' geblieben. Morgen
is die Frhmess' um sechs Uhr.
    Ja, wie du willst. Traudel, begleit die Tante hinunter; die Elis kann das
Tor nicht ordentlich aufsperren.
    Also gute Nacht! Und recht gute Besserung!
    Gut' Nacht, Mathild'!
    Sylvester blieb in gedrckter Stimmung zurck.
    Er horchte auf die Schritte drauen; jetzt klangen sie die Treppe hinunter,
und dann hrte er sie nicht mehr.
    Herr Mang!
    Er schrak zusammen und sah auf Frau Sporner.
    Das war wieder der ernste Blick.
    Herr Mang, ich mu eine Bitte an Sie richten. Aber Sie drfen mich nicht
falsch verstehen.
    Sylvester brachte keinen Laut ber die Lippen.
    Er wute alles. Nun kam das Gefrchtete, und sein Herz klopfte.
    Nicht wahr, Sie verstehen mich recht. Es hat Schwtzereien gegeben, und ich
darf als Mutter nicht gleichgltig bleiben.
    Aber ...
    Ich wei, was Sie sagen wollen, Herr Mang. Das braucht keine Versicherung,
aber es ist besser, auch fr Sie in Ihrer Stellung, wenn solche Reden nicht
einmal den Schein fr sich haben. Sie wissen, da wir Sie gerne bei uns sehen,
aber ich mu Sie bitten, da die Musikstunden aufhren. Wenn Sie sonst hie und
da kommen, freut es uns alle. Sie verstehen, da ich Sie gewi nicht krnken
will?
    Ich war ... ich bin ...
    Sie mssen sich an meine Stelle denken.
    Ich war so gerne bei Ihnen.
    Lieber Herr Mang, nehmen Sie das nicht schwer! Wir freuen uns ja, wenn Sie
wiederkommen, aber ich meine nur wegen der Musikstunden ...
    Ja, Frau Sporner ...
    Ich schreibe Ihnen morgen noch, ich wollte nur zuerst mit Ihnen reden.
Brieflich sieht es immer sonderbar aus ...
    Ja, Frau Sporner.
    Leichte Schritte nherten sich der Tre. Traudel kam zurck. Ein Blick
zeigte ihr, da sich etwas zugetragen hatte.
    Und es war nicht schwer, das zu sehen.
    Der Alte stand am Fenster und schaute angelegentlich auf die dunkle Strae
hinaus.
    Er htete sich, den jungen Mann anzusehen; eine solche Aussprache war nichts
fr ihn. Er rgerte sich ber seine Frau; die tat ja, als wre sie ihrer Lebtage
Hofdame gewesen. So etwas Groartiges! Er htte das nie fertig gebracht; ganz
gewi nicht.
    Es wurde ihm beim Zuhren unbehaglich zumute, und er hatte Angst, da seine
Frau sich am Ende auf ihn berufen wrde.
    Er schaute verstohlen zu ihr hinber.
    Da mute er sich doch wundern, wie sie in mtterlicher Wrde dasa und ruhig
die langen Stze redete.
    In den Frauenzimmern steckt etwas Gefhrliches. Wer htte bei seiner Sophie
diese Grausamkeit gesucht? Seit vierundzwanzig Jahren sa sie bescheiden und
still an der Kasse von Sporners seligen Erben, in vierundzwanzig Jahren hatte
sie ihm nichts genommen von der berlegenen Stellung, die ihm als Chef dieser
Firma gebhrte, und jetzt sa sie dort auf ihrem Stuhle und zeigte ein so
beherrschendes Wesen, da ihm nachtrglich der Schrecken in die Glieder fuhr.
    Er htte sich gefreut, wenn dieser junge Mensch sich vor ihrer Hoheit nicht
gebeugt htte. Aber der sa wie betubt da und brachte nichts heraus, als sein
Ja, Frau Sporner.
    Natrlich, so mute er unterliegen.
    Jetzt schwieg sie, und Traudel kam in das Zimmer.
    Papa Sporner war neugierig, ob Sylvester nicht doch noch mit diesem
Bundesgenossen einen Gegenangriff versuchen wrde.
    Das Mdel mute ihm tapfer helfen und sagen, da sie alle zusammen frhlich
waren, und da keine bse Zunge das unschuldige Vergngen stren drfe.
    Aber das war nun heute schon so. Niemand kmpfte wider die Macht der Frau
Sophie.
    Der junge Mensch sagte kein Wort, und Traudel stand verlegen mitten im
Zimmer; eine leichte Rte stieg ihr in die Schlfen, und sie machte sich am
Tische zu schaffen; sie rumte einige Teller ab und eilte mit ihnen auffallend
rasch hinaus. Nirgends war eine Spur von Mut und Entschlossenheit zu bemerken.
    Auch Sylvester erhob sich.
    Seine Stimme klang verschleiert.
    Es tut mir so leid, wenn ich Ihnen Verdru gemacht habe. Gr Gott, Frau
Sporner!
    Jetzt ging er zum Fenster hin.
    Der Alte gab ihm die Hand, und Sylvester drckte sie krftig.
    Gute Nacht, Herr Sporner, und ...
    Der Satz brach ab und wurde durch Hndeschtteln ergnzt.
    So verstndlich, da der Chef der Firma gerhrt wurde und beinahe versucht
war, den Sieg der Frau Sophie in eine Niederlage zu verwandeln.
    Aber Sylvester wartete es nicht ab; er verlie das Zimmer noch rascher als
Traudel, und erst auf der Treppe kam er in langsame Gangart.
    Diesmal ging Elise mit, obgleich man der Ansicht war, da sie das Tor nicht
ordentlich aufsperren knne.
    Sylvester bemerkte diese Ungeschicklichkeit nicht; es ging viel rascher, als
er dachte.
    Er blieb sogar noch eine Weile in dem gewlbten Hausgange, als das Tor
bereits offen stand.
    Un dann schritt er zgernd hinaus.
    Es war alles wie sonst.
    Die Strae war still und menschenleer; die Gaslaterne warf ihren Schein auf
den frhlichen Neger, der auch bei Nachtzeiten guten Knaster rauchte und sich an
den Kaffeesack lehnte.
    Und es war emprend, wie vergngt er lachte, whrend doch neben ihm ein
junger Mann sich an die Mauer lehnte und bitterlich weinte.

                                Neuntes Kapitel


Herr Bausttter sa in der gerumigen Stube, die von ihm und Frulein Lechner
Studierzimmer genannt wurde.
    Neben dem Schreibtische stand eine offene Bcherstellage, und die frommen
Gste des Pfarrers konnten auf derselben einige dicke Folianten bemerken, welche
nur von heiligen Dingen handelten.
    Die Schriften des hl. Thomas von Aquin, Die Herrlichkeiten Mari von
Alphons von Liguori, daneben mehrere Gebetbcher und Breviere und an profanen
Schriften: Die Verwaltung des katholischen Pfarramtes von Stingl, der
Sulzbacher Kalender und Pfarrer Kneipps Wasserkur.
    Das war die Bibliothek Bausttters. Auf dem Kanapee lag noch ein groes Buch
mit schwerem Einbande, die Geschichte der Heiligen, herausgegeben zu Regensburg
Anno 1672. Es war stark abgentzt, die Messingschlieen hingen herunter,
einzelne Bltter sahen hervor, und die Ecken waren verbogen.
    Fremde Besucher konnten glauben, da der Pfarrer in diesem Buche hufig
lese; Herr Kooperator Sitzberger und Frulein Lechner jedoch wuten, da die
Schden von den heftigen Wrfen kamen, mit welchen es tags zuvor gegen die Wand
geschleudert wurde.
    Sonst erinnerte nichts mehr an die strmische Szene. Auch nicht auf dem
Antlitze des hochwrdigen Herrn, welcher soeben den Hierangl empfing.
    Ich hab' Sie rufen lassen, sagte er, setzen Sie sich, denn wir mssen
lnger miteinander reden.
    Der Geitner hat ma's ausg'richt'. Weg'n der Wahl hat er g'sagt.
    Ja, auch wegen der Wahl.
    Da mcht' i Eahna scho glei sag'n, Herr Pfarrer, da i am liabern glei gar
nix mehr hr' davo.
    Hierangl, reden knnen wir ja einmal darber.
    I mag von die Erlbacher nix mehr wissen. Sollen s' an Schuller b'halten,
weil s'n gar so gern hamm. I brauch' koan Erlbacher, i bin koan was schuldi und
brauch' auf neamd aufz'passen. Na, i mag vo dera Wahl gar nix mehr hr'n.
    Bausttter hrte ruhig zu und sagte dann:
    Sie rgern sich. Das mssen Sie nicht tun.
    Sie hamm Eahna'r aa g'rgert.
    Ich? Nein, dazu hab' ich keinen Grund gehabt.
    Bal der Schuller ...
    Nein, Hierangl. Ich bin Pfarrer und hab' kein Recht, mich in die Wahlen
einzumischen.
    Nacha ko's Eahna ja ganz recht sei, da s' a so ausganga is.
    Das ist etwas anderes. Darber will ich ja mit Ihnen reden. Ich htt' es
sehr gern gesehen, wenn Sie Brgermeister geworden wren, ich htt' aber kein
Wort verloren, wenn es ein anderer geworden wr'. Nur nicht der Schuller. Da ist
es meine Pflicht, zu warnen.
    Jetzt is er's halt. Ob's oan freut oder it.
    Er ist doch nicht besttigt, und da er nicht besttigt wird, dazu knnen
Sie mithelfen.
    I? Na, i dank' sch, Herr Pfarrer. I la ma it 's Maul o'hnga vom
Haberlschneider. I la mi it schlecht macha. I brauch' koan Erlbacher durchaus
gar nimmer; i bin koan nix schuldi und brauch' auf neamd aufz'passen.
    Sie mssen helfen, da die Wahl rckgngig wird.
    Ds soll'n de andern toa! Bal i was sag', wer' i ausg'lacht, weil a jeder
woa, da i sei Feind bin.
    Das is auch nicht recht von Ihnen. - Was is it recht?
    Da Sie eine Feindschaft haben. Das soll man nicht.
    Herr Pfarrer, nehmen S' ma's net bel, aber i moan, Sie san no hoaer auf'n
Schuller.
    Da sind Sie im Irrtum. Ich tue nur meine Pflicht als Seelsorger. Aber feind
bin ich niemand.
    Der Hierangl drehte seinen Hut in der Hand und schaute gleichmtig zum
Fenster hinaus.
    Die Rede machte keinen Eindruck auf ihn, und er wartete, ob es nicht wieder
anders kommen werde.
    Ich habe schon fter bemerkt, da mich viele fr einen Feind des Schuller
halten, sagte der Pfarrer nach einer Pause.
    Ja, ds glaab'n viel Leut'.
    Da glauben die Leute etwas Unrechtes von mir. Das wrde schlecht passen zu
meinem Priesterkleid.
    Ma hrt halt a so reden davo.
    Ich wei schon, warum. Das mu jeder leiden, der seine Pflicht tut.
    Fr was san nacha Sie so dageg'n, da der Schuller Brgermoasta werd'?
    Das ist meine Pflicht, und ich darf nicht anders handeln. Der Schuller ist
nicht fhig, da er einen Ehrenposten in der Gemeinde hat. Der Hierangl wurde
aufmerksam. Er merkte, da der Pfarrer noch einen Trumpf in der Hand hatte.
    Ich habe es von meinem Vorfahren gewissermaen als ein Vermchtnis
berkommen, fuhr Bausttter weiter.
    Vom Herrn Held?
    Ja, von meinem Vorgnger Maurus Held.
    Da hat ma nia nix g'hrt, da 's da was geb'n hat.
    Ich habe auch nichts gesagt bis heute, und ich htte immer geschwiegen,
wenn der Schuller nicht gewhlt worden wre.
    Ja, was is nacha ds?
    Bausttter stand auf und holte aus dem Schreibtische ein Blatt Papier. Er
hielt es dem Hierangl hin.
    I ho mei Brill'n it bei mir, da kon' i net lesen.
    Dann will ich es Ihnen vorlesen. Erlbach, am 16. Juni 1889. Heute war zum
zweiten Male der Austragsbauer Johann Vst bei mir und klagte bitterlich ber
die Mihandlungen, welche er von seinem Sohne erdulden mute. Er zeigte mir die
abschreckenden Spuren derselben.
    Nachschrift: Ich habe Andreas Vst sein abscheuliches Unrecht vorgehalten.
Er zeigte keine Reue und antwortete mit wsten Drohungen gegen seinen Vater.
    Zweite Nachschrift: Andreas Vst ist ein Mensch, dem jeder aus dem Wege
gehen soll, und vor dem ffentlich gewarnt werden mte.
    Unterschrieben ist es: Maurus Held, Pfarrer in Erlbach.
    Was sagen Sie jetzt, Hierangl? Habe ich die Pflicht, einzuschreiten?
    Bausttter legte das Papier in den Schreibtisch; er sah den raschen Blick
nicht, mit dem ihn der Hierangl streifte.
    Der sa unbeweglich und schaute wieder zum Fenster hinaus, als sich der
Pfarrer gegen ihn wandte.
    Nun?
    Da hat mi gar nia was g'hrt. Der alt' Vst hat si nia beklagt; i glaab,
da in ganz Erlbach koaner is, der wo vom alten Vst was g'hrt hat.
    Das glaube ich schon. Es ist ganz natrlich, da er so was nicht erzhlen
mochte.
    Ja, hat er's an Herrn Held beicht?
    Was fllt Ihnen ein? Da wte ich es so wenig wie Sie.
    Ja, ja.
    Der alte Mann wird aber sein Leid geklagt haben und wird ihn gebeten haben,
da er den Sohn zur Rede stellt.
    Da ma da gar nia was g'hrt hat?
    Sie tten es auch nicht erzhlen, Hierangl. - Ja, ja.
    Aber meinen Sie, da ich ruhig zusehen soll, wenn der Schuller
Brgermeister wird? Ein gefhrlicher Mensch, heit es.
    Ja, was wollen S' nacha toa, Herr Pfarrer?
    Ich melde das dem Bezirksamt.
    An Bezirksamt? Ds werd aa nix machen kenna.
    Es kann die Besttigung verweigern. Und dann noch etwas, Hierangl. Ich habe
Sie gerade deswegen rufen lassen, weil ich will, da die Gemeinde Kenntnis
erhlt von dieser Aufschreibung.
    Sie moana, i soll ds weiter erzhl'n?
    Ja, das heit ...
    Herr Pfarrer, i will Eahna glei sag'n, auf ds kon i mi net ei'lassen.
G'rad wann's i verzhl, hamm d' Leut' an Zweifel.
    Ich will nicht, da Sie's ffentlich erzhlen. Aber ein paar Leuten, die
ohnehin gegen die Wahl sind. Vielleicht beschweren sich die.
    Wer mag der Katz' d' Schellen o'hnga? I net.
    Sie brauchen es nicht selber zu tun. Aber finden sollen Sie einige. Es ist
doch im Interesse der Gemeinde!
    Es gibt an groen Spektakel. Der Schuller hat viel Leut' auf seiner
Seiten.
    Die Leute werden doch nicht immer gegen ihren Pfarrer sein! Wenn sie
erfahren, da auch mein Vorgnger die grten Bedenken hatte, mssen sie
glauben, da etwas daran ist. Da mssen ihnen doch die Augen aufgehen!
    A paar vielleicht, aba viel it.
    Das ist sehr traurig.
    Ja no; von heut auf morg'n geht so was it. Sie wer'n sehg'n, es gibt viel
Vadru.
    Das hindert mich nicht; jetzt fechte ich diesen Kampf erst recht durch. Ich
tue es dem Andenken meines verstorbenen Amtsbruders zuliebe.
    Bausttter hatte die Stimme erhoben; aber es klang nicht wie heiliger Eifer
aus seinen Worten; es verbarg sich hinter ihnen Ha, recht irdischer Ha.
    Hierangl hrte ihn heraus und freute sich. Aber er verstand es besser, seine
Gedanken zu verbergen; seine Augen blitzten nicht wie die des Herrn Bausttter;
sie hafteten ruhig auf dem Marienbilde ber dem Schreibtische und wanderten
hinber zu der Bibliothek, wo die verstaubten Bcher lagen; der heilige Alphons
von Liguori neben dem Sulzbacher Kalender.
    Recht viel wer'n si net unterschreiben, sagte er gleichmtig, aber oan
woa i.
    Wen?
    An Geitner. Gelt'n tuat er halt it recht viel.
    Ein Name ist wie der andere. Ich hab' brigens auch schon daran gedacht.
Der Geitner wre der Mann, der die Leute aufmerksam machen knnte.
    Fr so was is er g'schickt; ds glaab i selber.
    Und wenn jemand zu Ihnen kommt, Hierangl, und redet mit Ihnen darber, dann
knnen Sie ja besttigen, da Sie die Schrift gesehen haben?
    Ds kon' i scho, Herr Pfarrer, da ko im neamd verklag'n.
    Schn! Es bleibt dabei. Gr Gott, Hierangl!
    ' Good.
    Der Hierangl schritt langsam durch den gerumigen Gang; vor dem Hausaltare
fuhr er nach seiner Gewohnheit mit dem Daumen ber das Gesicht herunter, zum
Zeichen des heiligen Kreuzes.
    Wie er den Pfarrhof verlie, sa ihm ein verstecktes Lachen in den
Mundwinkeln und er sagte halblaut vor sich hin: Sei' Feind is er it.

Der Geitner war nie ein guter Hauser und nie ein richtiger Mann gewesen.
    Er hatte sein Gtl schuldenfrei vom Vater bernommen; seine Frau, eine
Kistlertochter von Webling, brachte Bargeld in die Ehe, vielleicht viertausend
Mark.
    Und so htte er ein leichtes Machen gehabt, denn das Gtl war nicht
schlecht. Es waren zweiunddreiig Tagwerk Acker und Wiesen dabei und elf Tagwerk
Wald, darunter vier mit schlagbarem Holz.
    Aber vom ersten Tag an war es nichts mit ihm. Er hatte keine Freude an der
Arbeit und auch keinen Verstand dazu. Das Beste an ihm war sein Mundwerk. Mit
dem konnte er gut vorwrts. Er wute von jedem im Dorfe, wie er seine Sache
besser machen knne, und verwaltete alles, was ihn nicht anging.
    Zu allen Tageszeiten war er im Wirtshaus zu treffen, und kein Weg verdro
ihn, wenn in der Gegend ein Preiskegeln war oder ein scharfer Tarock.
    Mitunter kam es ber ihn, da er sein Gtl in die Hhe bringen wollte, um
den Erlbachern zu zeigen, wie man die konomie treiben msse. Dann schaffte er
die neueste Maschine an oder kaufte ein teures Ro oder probierte es mit
neumodischen Erfindungen, die in landwirtschaftlichen Bchern gepriesen werden.
    In solchen Zeiten sa er noch einmal so gerne im Wirtshaus und rhmte sich
vor Leuten, da er eine neue ra auftun wolle in Erlbach.
    Lange blieb er nicht bei dem Eifer; ber eine kurze Weile war die neueste
Maschine von ihm billig zu haben, das teure Ro dazu, der Chilesalpeter lag
unbentzt hinten in der Scheune, und der Sieg der Neuzeit wurde hinausgeschoben.
    Der Geitner warf wieder die Kegel um, sechs auf einen Sdiub, wenn es
schlecht ging, und wartete mit der Schellena auf den Zehner.
    Es war leicht zu glauben, da bei einem solchen Hantieren kein Gedeihen sein
konnte.
    Zuerst ging das Bargeld der Frau auf Reisen; hinterdrein mute, wie bei
allen schlechten Wirten, der Wald dran glauben, und als der letzte Stamm zu
Brettern geschnitten war, ging das Borgen an.
    Zu Anfang war es nicht schwierig. Die ersten zwei Hypotheken waren schnell
unter Dach, aber fr die dritte brauchte es schon Zeit und berredung. Damals
htte der Schuller Gelegenheit gehabt, einen dankbaren Schuldner zu finden. Aber
es fehlte ihm der rechte Blick fr den Vorteil; er sagte zum Geitner, blo
Narren borgen einem Spieler, und es sei zweimal eine Schande fr einen
verheirateten Mann, wenn er mit ledigen Burschen und Knechten auf der Kegelbahn
herumstehe.
    
    Der Geitner lie als ein nobler Mensch keinen Verdru ber die Abweisung
sehen; aber sie wurmte ihn, und er fate einen Groll gegen einen Mann, der ihm
kein Geld, aber gute Lehren mit heimgeben wollte.
    Er gab es wohl nicht zu erkennen und blieb angenehm nach wie vor. Denn er
mochte das laute Wesen und Zank und Streit nicht leiden.
    Im stillen aber rstete er zum Kampfe, und bei der Wahl erwies er sich als
ntzliches Werkzeug der Kirche.
    Und er verweigerte seine Dienste auch jetzt nicht, als ihm Bausttter den
neuen Auftrag erteilte.
    Wenige Tage gingen seltsame Reden ber den Schuller um.
    Niemand wute so recht, was und wie, und niemand wute, woher.
    Aber die Ungewiheit machte das Gercht nicht kleiner; es wuchs von einer
Tre zur andern, und die letzte Nachbarin bekam es grausamer aufgetischt als die
vorletzte.
    Eines wiederholte sich immer: da es der alte Pfarrer schriftlich gemacht
habe, wie schlecht der Schuller sei.
    Das Gerede blieb nicht unter den Weibern.
    Die Mnner, denen es mit der Suppe auf den Tisch gestellt und des Abends
aufgewrmt wurde, konnten es nicht beiseite schieben.
    Der Schuller selbst blieb kalt und sagte, da er nicht den Finger rhre
gegen die dummen Lgen.
    Er lie sich auch durch den Haberlschneider nicht irre machen.
    Wen soll i denn verklagen? fragte er. Vielleicht de alt'n Weiber von
Erlbach?
    Ganz guat sei lassen, ds sell ko'st aa net.
    Warum it? Ds woa do a jeder, da i mein' Vater net mihandelt hab'. Na,
ber ds G'red rger' i mi gar net, weil's z' dumm is!
    I hab' heut mit'n Blasibauern g'redt. Er sagt ds nmliche, wia'n i. Ds is
an abg'machter Handel.
    An alter Weibertratsch is', sinscht nix.
    Mir kimmt's it so vor. Wann's blo a Tratscherei waar, nacha htt'n mir
scho lnger was g'hrt.
    Ds kon aa scho lnger umgeh'.
    Na; mei Burin sagt, ds is aufganga wia Pulver. Frher hat ma koa Silben
net g'hrt davo'.
    Was moanst nacha du?
    I gang schnurg'rad in Pfarrhof und fraget, was ds is mit dem Schreiben von
Herrn Held.
    Ds woa i z'erscht, da ds nix is. - I fraget do.
    I geh' nimmer in Pfarrhof, Haberlschneider. Und berhaupts, wann i jetzt
auf oamal kam, nacha kunnt's der Pfarrer so auabringa, als wenn i a schlecht's
G'wissen htt'.
    Der Haberlschneider wollte nichts mehr dawider sagen und ging.
    Das war an einem Samstag. Schon den Tag darauf hatte die Sache ein anderes
Gesicht.
    Der Paulimann ging nach der Kirche ins Wirtshaus und trank sich einen Rausch
an. Er war sonst ein stiller, wortkarger Mensch und fleiig bei der Arbeit. Aber
wenn er ein Glas ber den Durst getrunken hatte, wurde er lebendig. Er fing dann
mit jedem Gaste Streit an und rckte allen Leuten ihre Snden vor. Obwohl er ein
angesehener Bauer war, geschah es ihm oft, da er Schlge bekam und
hinausgeworfen wurde.
    An dem Sonntag hatte er schon drei oder vier Leuten die Freude am Essen und
Trinken genommen und wollte gerade ber einen fnften herfallen, als er den
Schuhwlfl sah, einen Schwager vom Schuller.
    Er sa am Nebentisch beim Haberlschneider. Wie ihn der Paulimann sah, schrie
er hinber, ob er ihm das vierte Gebot Gottes nicht sagen knne. Er bitte gar
schn, da er ihm das vierte Gebot hersage; er knne sich nicht mehr darauf
besinnen.
    Als der Schuhwlfl keine Antwort gab, fragte er, ob es nicht so heie: Ehre
Vater und Mutter, auf da du lange lebest auf Erden.
    Pauliman, la guat sei! sagte der Haberlschneider.
    
    Warum denn? I sag' ja nix Unrecht's. I mcht' grad' wissen, ob's ds vierte
Gebot no gibt.
    An Ruah gib!
    Ehre Vater und Mutter. I glaab, so hamm's mir g'lernt, aber bei'n Schuller
hoat's anders.
    Du brauchst wieder amal Schlg', gel', Paulimann? schrie der Schuhwlfl.
    Na, jetzt no net. I wart, bis mei Bua gro gnua is, da er mi schlag'n ko.
    Der Schuhwlfl sprang auf.
    Bischt du der Tropf, der ganz ausg'schamte, der de Lug ausg'sprengt hat?
    I sag' blo, was d' Leut' sag'n.
    Und beweisen muat as du!
    Geh zu dein' Nachbar, schrie der Paulimann, der Hierangl hat's schriftli
g'sehg'n.
    So, is der aa dabei? Ds is g'scheidt, da du ds sagst. Jetzt derwisch'n
mir enk amal, du ... du ganz schlechter!
    Net so schlecht als wia'r s! Bei uns is ds net der Brauch, da ma sein
Vater'n haut.
    Woat du ds?
    Jo, woa i's.
    Nacha kennst du ds aa? schrie der Schuhwlfl und schlug dem Paulimann ins
Gesicht.
    Der sprang in die Hhe und hieb mit der Faust zurck. Es wre dem Paulimann
wieder einmal schlecht gegangen, denn der Schuhwlfl war ein starker Mensch und
nchtern. Aber da mischte sich ein anderer ein und half ihm. Und der war noch
dazu der beste Freund vom Schuller. Der Haberlschneider zog den Schuhwlfl
zurck und sagte ruhig: Mit Schlagen werd die Sach' it besser. De werd wo
anders ausg'macht.
    Der Schuhwlfl lie ab und setzte sich wieder auf seinen Platz. Aber der
Paulimann glaubte, da er einen hilfreichen Freund gefunden habe, und schpfte
neuen Mut. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie, so laut er konnte:
Und ds vierte Gebot, ds la i amal net aus. Da ko kemma, wer mag, ds is mir
ganz gleich. Ds vierte Gebot Gottes, ds mua her! Ehre Vater und Mutter, da
du lange lebest auf Erden!
    Der Schuller lie zwei Tage spter den Paulimann und den Hierangl vorladen.
    Beim Wirt im Nebenzimmer war der Shneversuch; der frhere Brgermeister
Kloiber, welcher jetzt zum Beigeordneten gewhlt war, leitete ihn, und der
Lehrer Stegmller fhrte das Protokoll.
    Die Parteien waren anwesend. Der Schuller stand hart neben dem Tische, auf
dem Stegmller schrieb. Er zeigte keine Aufregung und keinen Zorn.
    Auch der Hierangl machte ein gleichgltiges Gesicht.
    
    Man htte meinen knnen, da er blo zufllig da sei, und da ihn die
amtliche Handlung nichts anginge.
    Aber der Pauliman war unruhig. Seit er nchtern war, reute ihn die
Geschichte. Eine solche Dummheit, wie das war! Allemal nahm er sich vor, keinen
Rausch mehr zu kriegen, und allemal kam er wieder zu einem. Und jetzt eine
solche Verlegenheit! Sonst kriegte er blo Schlge im Wirtshaus, und seinen
Landler von der Buerin; hernach war es wieder gut. Aber diesmal ging es anders:
er war mitten hineingekommen in einen Streit, der ihm schon vom Anschauen
zuwider war, und mit dem er durchaus gar nichts zu tun hatte. Er mute die Suppe
auslffeln, die andere eingebrockt hatten; er sollte jetzt auf das Gericht
gehen. Lieber wren hundert Mark hin gewesen, oder noch mehr.
    Er kraute sich in den Haaren und schob unruhig einmal den rechten und einmal
den linken Fu vor.
    Also, sagte der Kloiber, s wit's ja, warum mir da z'sammkemma san. Der
Brgermoasta will enk zwoa weg'n Ehrenbeleidigung verklagen, und, also, indem's
s in der nmlichen Gemeinde seid's, is also ds G'setz a so, da z'erscht a
Shneversuch sei mua. Ds ist richtig, Herr Lehrer, net wahr?
    Ja, das ist die g'setzliche Vorschrift.
    Also, und da mua i enk frag'n, an Brgermoasta aa, ob's enk it vergleicha
wollt's und de Sach' guat sei lassen?
    I nimm all's z'ruck, sagte der Paulimann, i will koan Streit gar it.
    Is g'scheiter aa. Waar ja do z'wider, wann a solchene Feindschaft ins Dorf
kam. Was sagst denn du, Brgermoasta?
    Der Schuller legte die Hnde auf den Rcken und sagte ruhig:
    Ds woa a jeder, da i net glei da bin mit'n G'richt. Aba ds helft mir
gar nix, wann da Paulimann sagt, er nimmt's z'ruck. Es mua ffentlich erklrt
wer'n, da de G'schicht verlogen is, und ds mua aa g'sagt wer'n, woher ds
G'red kimmt. Nacha will i gar nix vom Paulimann und halt' mi an den, der a
solchene Verleumdung auf d'Welt bringt.
    I hab' halt an Rausch g'habt, sagte der Paulimann, da red't ma dumm
daher. I hab' durchaus gar nix geg'n Schuller, und i sag's ffentli, da er a
richtiger Mann is.
    Was is denn nacha mit dir, Hierangl? fragte Kloiber.
    Mit mir?
    Ja; was du sagst, ob du net aa an Erklrung macha willst?
    Was geht denn mi de ganz' G'schicht o?
    Du bist halt jetzt amal vorg'laden vom Schuller und muat di nach'n G'setz
erklr'n.
    Hab' i was g'sagt? Was geht denn ds mi o, wenn da Paulimann im Wirtshaus
auf draht? Hab' i was g'sagt?
    Jetzt woat, gar so unschuldi muat di net hi'stellen! schrie der
Paulimann, balst du zu mir nix g'sagt htt'st, nacha htt' i de Dummheit net
daher bracht im Rausch!
    Wo hab' i was g'sagt zu dir?
    Mgst du ds laugna? Bei dir dahoam, in deiner Stuben hast as g'sagt. Jetzt
mgst di auischwindeln, gel?
    Du werst dir's berlegen, ob du ds behaupten ko'st, da i schwindel.
Sinscht verklag' i di aa.
    Vo mir aus, nacha weis' i auf, da du ds g'sagt hast.
    I hab' zu dir gar nix g'sagt. Du bischt zu mir kemma und hast g'sagt, da
der Kloaweber zu dir g'sagt hat, da der Schuller sein Vater'n a so mihandelt
htt'.
    Und nacha hast du g'sagt ...
    Nix is. Nacha hast du mi g'fragt, ob ds wahr is. Und i hab' g'sagt, i woa
blo, da der Herr Pfarrer den Zettel hat, wo ds drauf steht.
    Der Schuller war nicht aus seiner Ruhe gekommen und hatte den beiden
zugehrt.
    Bei den letzten Worten des Hierangl stieg ihm die Rte in das Gesicht, und
er tat einen Schritt vor.
    Was steht auf dem Zettel? fragte er.
    Der Hierangl schaute an ihm vorbei und sagte kurzab: Mit dir red' i net.
    Du werst scho no reden massen, du Tropf, du scheinheiliger!
    Halt! sagte der Kloiber, macht's net wieder aufs neu' a Beleidigung her!
Ds hat koan Wert it!
    La'n reden! schrie der Hierangl, ds rhrt mi gar it o, was der sagt.
    Jetzt kam der Schuller in Zorn.
    Ds sell wer'n mir sehg'n, sagte er, ob di gar nix o'rhrt. In ganz
Erlbach derf koa Mensch no an Achtung hamm vor an solchen Ehrabschneider!
    So? Moanst? So? Vo dir derf koa Hund mehr an Brocken o'nehma. Hast as
g'hrt?
    Nimm di z'samm, Hierangl!
    Na, grad' net. Jetzt behaupt' i's no mal, was i zu'n Paulimann g'sagt hab'.
Der Pfarra hat mir ds Schreiben zoagt vom Herrn Held. Der hat's aufg'schrieben,
was du fr oana bischt. Jeder Christ mua dir aus 'n Weg geh! Dir!
    Halt, jetzt is g'nua! schrie der Schuller.
    No lang it. Dein Vater'n hast g'schlag'n, da er im Pfarrhof um Hilf' hat
bitten massen!
    Sauhund, hab' i di! Du und der Pfarra!
    Der Schuller fate den Hierangl an der Gurgl. Alle Besonnenheit war weg.
    Der Pfarra und du! Habt's ds g'funden, was an Menschen schlecht macht?
    Der Hierangl stemmte sich dagegen. Seine Stimme gellte, da man sie ber die
Strae hinber hrte. Auslassen! Du! Dir geht's schlecht!
    Stegmller sprang auf, der Kloiber und der Paulimann hingen sich an den
Schuller. Aber der hatte eiserne Finger und hielt fest.
    Und der Hierangl kreischte wieder: So hast as dein Vater'n g'macht, gel?
Dein alten Vater'n?
    Der Schuller lie aus.
    Noch einmal der Schimpf!
    Nein, damit machte er ihn nicht gut, da er sich an dem heimtckischen
Lgner vergriff.
    Geh zua, Lump!
    Er sagte es wieder ruhig. Eine rechte Verachtung kam ber ihn, als er die
Verleumdung noch einmal hrte.
    Wie sich der Hierangl frei fhlte, ging er an die Tre. Er richtete seinen
Kragen und die Halsbinde.
    I nimm enk allsamt als Zeug'n, sagte er, ds werd si aufweisen, ob der da
d' Leut' schlag'n derf.
    Er ging, und die anderen hrten ihn noch in der Gaststube und im Hausgange
schimpfen.
    Schuller, ds htt'st it toa soll'n, sagte der Kloiber.
    
    Soll i mir all's g'fallen lassen?
    Durch de Rauferei bist selm strafmaig, wenn er die o'zoagt.
    Soll i mi hi'steh und mi g'rad schlecht macha lassen?
    I hab' 's Recht it, da i dir was ei'red'; ds muat selm ausmacha.
    Kloiber, du muat ma'r an G'fallen toa.
    Was nacha?
    I geh' zum Pfarrer 'nauf, und du muat mir an Zeug'n macha.
    I tua's it gern, Schuller.
    Warum? I hab' g'moant, du bischt it bei dena, de si aufhetzen lassen.
    I lass' mi net aufhetzen; i hab' nix gegen di, und i hab' nix geg'n an
Pfarra.
    G'rad desweg'n mcht' i, da d' mitgehst. Du muat it moana, da du Partei
nehma sollt'st.
    I htt' am liabern mit dera Sach' nix z'toa. Ds is z'wider fr an jed'n,
der si d'rei mischt.
    I ko it alloa 'naufgeh'. I mua an Pfarra frag'n, was ds is mit dem
Zettel, und da brauch' i an Zeug'n. Den G'fallen tat i an jed'n, und bal's mei
Feind waar.
    I sag' dir's, wia's is. Schuller. I bin it dei Feind.
    I tat di net plag'n und gang zum Haberlschneider. Aba es mua oana sei, der
ds jetzt g'hrt hat vom Hierangl.
    I geh' mit, bal's dir recht is, fiel der Paulimann ein. Aba du muat de
Klag geg'n mi guat sei lassen.
    Ds hat a so koan Wert nimmer. Vo dir will i nix; jetzt mua i allawei
geg'n an Hierangl streiten.
    Nacha bleib' i bei mein Wort sieh'. Wann willst aufi zu'n Pfarra?
    Jetzt glei. I wart' koa Minuten nimma, bis i ds woa.
    Der Kloiber nahm seinen Hut. Mir san nacha firti mit dem Shneversuch, Herr
Lehrer?
    Ja.
    Werd ds it g'schrieb'n, da der Schuller nimmer klagt geg'n mi? fragte
der Paulimann.
    Ich kann es schon schreiben, antwortete Stegmller. Also der
Brgermeister und der Paulimann haben sich verglichen. Mit dem Hierangl war der
Shneversuch erfolglos.
    Der Kloiber unterschrieb.
    Dann sagte er: Du muat mi net falsch vasteh', Schuller. I hab' mi net
g'weigert, weil i was hab' geg'n di. Durchaus gar it.
    I woa scho. Pfat di Good!
    Der Schuller ging geraden Weges in den Pfarrhof, und der Paulimann hatte
Mhe, mit ihm Schritt zu halten. Diese Eile war ihm nicht lieb; denn je nher
sie an das Ziel kamen, desto strker regte sich in ihm der Zweifel, ob seine
Bereitwilligkeit nicht eine neue Dummheit gewesen sei. Der hochwrdige Herr war
leicht beleidigt und meinte immer, da man es an der ntigen Achtung fehlen
lasse. Er merkte sich alles und zahlte es heim. Deswegen war der Kloiber der
Gescheitere gewesen, wenn er dachte, was ihn nicht brenne, das blase er nicht.
    Moanst it, da mir erscht im Na'mittag aufi geh' soll'n? Wer woa, ob's d'
'n jetzt triffst.
    Na; er is g'wi dahoam.
    Sie kamen an den Gartenzaun. Da blieb der Paulimann stehen und sagte: Du
muat mir vasprechen, da d' it streit'st mit'n Herr Pfarra. Sinscht geh'n i net
mit.
    I hab' blo a Frag', und mehra net.
    Aba balst wieder zorni werst, nacha bleib' i net.
    I wer net zorni.
    Der Schuller zog an der Glocke. Da berlegte der Paulimann noch einmal, ob
er nicht umkehren solle. Aber er hatte keine Zeit mehr fr seine Zweifel; die
Tre ffnete sich vor ihnen, und sie traten ein. Heute schritt der Schuller
nicht so laut ber die Steinfliesen, wie selbigesmal, als er fr sein Heidenkind
ein ehrliches Grab wollte.
    Und die Englein flchteten nicht durch die Fenster. Sie sahen auf ihren
Feind herunter und lchelten schadenfroh. Denn sie halten es mit Pfarrer und
Kirche, wie es ihrer Stellung angemessen ist.
    Andreas Vst konnte sie und ihre Freude nicht sehen; aber er fhlte, da
durch alle Ritzen und Schlssellcher boshafte Blicke sich auf ihn richteten,
und es war ihm sonderbar zumute. Es atmetete sich schwer da herin in dem
hochgewlbten Gange.
    Nun waren sie oben; er machte den Finger krumm, um anzuklopfen.
    Da d' fei it streit'st, flsterte der Paulimann.
    Der Schuller gab keine Antwort und klopfte.
    Scharf und knapp tnte das Herein!
    Bausttter hatte die zwei schon gesehen, als sie sich dem Garten nherten.
    Es leuchtete ihm sofort ein, da heute die Sprache der Liebe nicht wohl
angebracht sei.
    Er bltterte in einem Gebetbuche, indem er der Tre den Rcken zukehrte. In
dieser Stellung blieb er, als die beiden eintraten.
    Gut' Morg'n, Herr Pfarra! sagte der Schuller.
    Der Pauliman schwieg; er wollte sich nicht gleich bemerkbar machen.
    Bausttter wandte sich um und sah den neuen Brgermeister abweisend an.
    Was wollt Ihr? fragte er kurz.
    I kimm mit a Frag'.
    So? Und Sie, Paulimann?
    I? I will gar nix. Ich bin a so mitganga, weil a ...
    I hon an Paulimann auf ds ersuacht, da er mitgeht, weil mir g'rad mit 'n
Hierangl was g'habt hamm.
    Da Kloiber htt' z'erscht mitgeh' soll'n, aba er hat it mg'n und nacha
...
    Und dann sind Sie fr ihn eingesprungen?
    Der Paulimann merkte, da er hier keinen Anklang fand.
    Bal i an Herrn Pfarra str', nacha geh'n i, sagte er, i mua it dabei
sei.
    Bleiben Sie nur; jetzt sind Sie schon einmal da. Also was wollen Sie mich
fragen, Vst?
    Da Paulimann hat vorgestern im Wirtshaus behaupt', da i mein Vatern a so
g'haut htt'.
    Ja, und ...
    Und ds G'red werd berhaupts im Dorf umanandatrag'n. Und da hab' i an
Paulimann vorladen lassen, da er b'steht, wo er de Behauptung her hat. Und an
Hierangl hab' i aa vorg'laden.
    Jetzt fiel der Paulimann ein:
    Weil da Hierangl g'sagt hat, indem da er ds g'wi woa ...
    Lassen Sie den Vst reden!
    Der Schuller rgerte sich ber seine Befangenheit.
    Er war gekommen, um in ein Lgennetz zu greifen. Sollte er auch so ngstlich
dastehen wie der Paulimann?
    
    Und er redete frischweg.
    I hab' an Hierangl vorladen lassen, weil der Paulimann g'sagt hat, da er
dahinter steckt. Und i hab's aa net anderst glaabt, als da von der Seiten de
ausg'schamte Lug kimmt.
    Die ausgeschmte Lge?
    Ja, da i mein Vater mihandelt hab'.
    Das heien Sie ...?
    A schlechte Lug, Herr Pfarra.
    Bausttter trat zurck.
    Der Mann sah ihm so schnurgerade in die Augen; Wort und Blick waren drohend.
    Was soll ich dabei? fragte er.
    Was Sie damit z' toa hamm, Herr Pfarra? Der Hierangl hat behaupt', da der
Herr Held selig ds auf an Zettel aufg'schrieben htt', und den Zettel htten
Sie an Hierangl zoagt.
    Da hat er nicht gelogen.
    Was? Ds is ja ...
    Vst, ich lasse mich nicht auf einen Streit mit Ihnen ein.
    Du hascht g'sagt, da d' it streitst, sinscht waar i net mitganga, sagte
der Paulimann.
    Sei du staad! Du brauchst koan Angst it hamm.
    Der Schuller zwang sich zur Ruhe. Herr Pfarra, streit'n kann i ber ds
net, was verlogen is.
    Wollen Sie meinen Vorgnger im Grabe beschimpfen? Das sieht Ihnen gleich.
    Na, so drah'n mir die Sach' net um. I hab' sei Lebtag koa Schlechtigkeit
g'sehg'n von Herrn Held, und i glaub' koane von eahm, weil er tot is.
    Das ist sehr gndig von Ihnen. Ich bin allerdings auch berzeugt, da der
Verstorbene die Wahrheit niedergeschrieben hat.
    Ds hat er net g'schrieben. Ds is it wahr!
    Wollen Sie mich Lgen strafen? Hier in diesem Schreibtisch ist die
Besttigung.
    Derf i's sehg'n?
    Nein; wenigstens hier nicht.
    Schuller krampfte die Fuste um den Rand seines Hutes.
    Aber die Stimme erhob er nicht; sie klang ruhig.
    Herr Pfarra, ds kann i net glaub'n, da Sie mir den Zettel it zoag'n
wollen. Wenn's der Hierangl hat lesen derfen, den wo's do gar nix o'geht, nacha
mua i's do aa z'sehg'n kriag'n. I bin do der erst' dazua.
    Das ist meine Sache.
    Na! Ds is de mei!
    Was fllt Ihnen ein? Ich habe Ihnen keine Rechenschaft zu geben. Verklagen
Sie mich, wenn Sie wollen!
    Herr Pfarra ...
    Ich habe jetzt genug. Sie werden es schon erfahren, wie Sie mein Vorgnger
geschildert hat. Aber nicht von mir, sondern vom Bezirksamt!
    Ja so! Auf ds is abg'sehg'n! Is net anderst ganga, nacha mua der
Schwindel gegen mi helfen!
    Sie meinen, ich lass' mich in meinem eigenen Haus beleidigen ...
    O na, Herr Pfarra, den G'fallen tua i Eahna net. I gib Eahna ganz recht,
da Sie de Schreiberei koan ehrlichen Menschen net aufweisen. Des is fr d'
Spitzbuam g'macht und geht blo de Spitzbuam was o. I bin jetzt firti,
Paulimann.
    Der Schuller drehte sich um und ging.
    Und so deutlich klang die ungeheuchelte Verachtung aus seinen Worten, da es
seinem Feinde erging wie jenem Taubstummen in der Gegend der zehn Stdte: Zu dem
sprach der Herr: Epheta, das ist, ffne dich! Und allsogleich wurden seine Ohren
erffnet.
    So hrte auch Bausttter einen Augenblick die Sprache der Ehrlichkeit und
wurde betroffen.
    Aber nur einen Augenblick.
    Denn wie er den Paulimann in Schrecken und Verlegenheit erblickte, wurde
seine Seele wiederum stark.
    Und er sagte vorwurfsvoll:
    Also auch Sie, Paulimann?
    I bin g'rad ...
    Sie sind hierher gekommen, um Zeuge zu sein, wie man Ihren Seelsorger
beschimpft.
    G'wi it, Herr Pfarra. Da Schuller hat's mir no versprechen massen, da er
durchaus gar it streiten will. I bin g'rad mit eahm auf a ganga, da er fragt,
ob da Hierangl it g'logen hat.
    Warum soll der Hierangl lgen?
    I behaupt's net. Aba, weil ma halt nia was anders g'hrt hat, als da der
Schuller mit sein Vater guat g'haust hat.
    Dieser Mann hat eine eiserne Stirne. Ich habe ihm selbst lange geglaubt. Da
ist es kein Wunder, da sich auch andere tuschen lassen.
    Ma hat nia was g'hrt ...
    Es ist doch so! Aber jetzt gehen Sie; ich will allein sein.
    Bausttter griff nach dem Gebetbuche, welches er auf seinen Schreibtisch
gelegt hatte, und der Paulimann zog leise die Tre hinter sich zu.

Der Schuller ging heim.
    Das drckende Gefhl hatte er los; er kannte jetzt den Hinterhalt, aus dem
der vergiftete Pfeil geflogen war.
    Konnte er ihn treffen?
    Wute nicht jeder im Dorfe, da er zu allen Zeiten ehrbar gegen seinen Vater
gehandelt hatte? Auch in schlimmen Zeiten.
    Der alte Vst hatte es nebenher mit dem Gterhandel probiert und viel Geld
verloren. Damals lebte noch der ltere Bruder vom Schuller. Der war auf der
leichten Seite und lie alle fnf gerad' sein.
    Das schne Sach' kam herunter, und er konnte nichts dawider tun. Weil er es
aber nicht lnger mit ansehen wollte, ging er selbigesmal nach Rettenbach und
nahm Dienst beim Schlobauern. Da wurde der Johann krank und starb weg ber
Nacht.
    Und der Schuller kam wieder heim und richtete das Anwesen zusammen, da alle
Leute ihn loben muten.
    Wie viel Arbeit traf ihn damals als blutjungen Menschen! Wie viele Sorgen
gingen ihn an! Er schwieg dazu, wenn der Vater die sauer verdienten Groschen in
die Handelschaft steckte, und mhte sich ab.
    Dann ging es endlich besser.
    Die Mutter brachte den Alten dazu, da er das Herumfahren mit den Schmusern
aufgab und daheim mithalf.
    Es kamen gute Jahre.
    Zu derselbigen Zeit konnte sich einer noch herausreien, denn Korn und
Weizen hatten schne Preise.
    Und wie alles wieder in Ordnung war, da durfte er, der Andreas Vst, mit
Stolz sagen, da er das beste dazu getan hatte. Etliche Jahre spter bernahm er
das Anwesen und heiratete.
    Von der ersten Stunde an gab er dem Vater, was ausgemacht war, und zog ihm
keinen Pfennig ab bis zu dem Tag, an dem sich der Alte zum Sterben hinlegte. Die
Nachbarn wuten es, und jedermann im Dorfe wute es. Nein, die Verleumdung traf
ihn nicht. Auf den Pfarrer Held wollte es der Mensch hinberschieben!
    Weil er wute, da dem sein Wort berall gegolten hatte.
    Dreiig Jahre war er Pfarrer von Erlbach gewesen; ein gutherziger Mann,
berall dabei mit Rat und Tat.
    Wer Sorgen hatte, ging zu ihm und fand allezeit ein heiteres Wort und gute
Aufmunterung.
    Der Schuller hatte es selbst erfahren. Und jetzt sollte er glauben, da der
Mann ihn hinterrcks verleumdet hatte. Es war eine dumme Lge.

                                Zehntes Kapitel


Der Buchdrucker Schchel fhlte sich in den Mittelpunkt der Ereignisse gestellt,
seitdem er sein Nubacher Wochenblatt als Organ des bayerischen Bauernbundes
bezeichnete.
    Sein Beitritt zu dieser Partei war nicht ein durchaus freiwilliger. Vor
nunmehr zwanzig Jahren hatte der evangelische Schriftsetzer Adolf Schchel die
verwitwete Besitzerin der einzigen Nubacher Zeitung geehelicht und sich in den
Scho der katholischen Kirche geflchtet. Und von diesem Tage an war es ihm gut
ergangen. Die Geistlichkeit schtzte den Eifer des Neubekehrten, und ihr
Wohlgefallen uerte sich nicht nur in Worten.
    Schchel fand tatkrftige Untersttzung und Hilfe. Man empfahl seine Zeitung
und sorgte fr ihre Verbreitung; junge Heisporne lieferten ihm streitbare
Leitartikel, und zuweilen ergriff eine wichtige Persnlichkeit das Wort im
Nubacher Wochenblatte.
    Auch im nichtpolitischen Teile kamen hufig Beitrge aus geistlichen Federn.
Dekan Metz schilderte hier seine Reise zum heiligen Hause von Loreto, Benefiziat
Scheible seine Pilgerfahrt nach Jerusalem, und was des Spannenden mehr war.
Nebenher verdiente Schchel durch den Verlag von Gebetbchern und
Erbauungsschriften ein schnes Stck Geld, bekam Heiligenbilder, Sterbeandenken
und Kirchenzettel zu drucken und wurde im Laufe von fnfzehn Jahren ein
wohlhabender Mann.
    Er fand groen Gefallen an dem behbigen Leben der Altbayern, welches sich
so angenehm von den Gepflogenheiten seiner mittelfrnkischen Heimat unterschied.
    Er setzte allmhlich Fett an und war wie alle Nubacher Brger.
    Wenigstens uerlich; denn da er sie geistig berragte, blieb ihm stets
eine trstliche berzeugung.
    Nun wre alles recht und schn gewesen, wenn nicht eines Tages Frau Johanna
Schchel pltzlich verstorben wre. Dieses Ereignis zog andere nach sich, welche
in ihrem Verlaufe der katholischen Kirche einen eifrigen Anhnger entfremdeten
und das Nubacher Wochenblatt zu einem Organ des Bauernbundes machten.
    Adolf Schchel wurde zu frhe Witwer. Er war nicht alt genug, um allen
Freuden des christlichen Ehestandes zu entsagen und Versuchungen zu widerstehen,
welche an wohlhabende Mnner herantreten.
    Nach dem Tode seiner Frau wandte er sich an seine Verwandten in Ansbach, ob
sie nicht eine geeignete Person wten, welche ihm den Haushalt fhren knnte.
Diese fanden ein passendes Mdchen, und kurze Zeit darauf zog Sophie Schnell in
das Schchelsche Haus. Sie war jung, hbsch und hatte die rundlichen Formen,
welche Witwern gefhrlich sind.
    Ein halbes Jahr spter wurde sie die Gattin des Buchdruckereibesitzers.
    Das klingt einfach und ist menschlich. Aber es war ein Umstand dabei, der
die Sache verwickelt machte.
    Sophie Schnell, jetzige Schchel, war Protestantin und verstand sich nicht
dazu, ihren Glauben zu wechseln.
    So gab es eine Mischehe.
    Und die Greuel derselben wurden vermehrt, als ein Kind zur Welt kam, welches
nach dem unbeugsamen Entschlusse der Mutter der evangelischen Kirche zufiel.
    Damit waren alle Beziehungen Schchels, seines Verlages und seiner Zeitung
zu der katholischen Geistlichkeit gelst. Die Zeiten waren vorber, in denen man
Beschreibungen frommer Wallfahrten im Nubacher Wochenblatte lesen konnte;
Heiligenbilder und Sterbeandenken kamen nicht mehr in die Akzidenzmaschine, und
die Kirchenzettel blieben aus.
    Schchel war nicht gleichgltig gegen diese Unflle; wenn es nur auf ihn
angekommen wre, htte er sich gewi gebeugt vor einer Gewalt, die geben und
nehmen kann.
    Aber an dem Willen seiner Frau scheiterte jeder Versuch, den er zum
Einlenken machte. So blieb ihm vorerst nur der Trost, da die Nubacher
Leserwelt auf seine Zeitung angewiesen war.
    Bald wurde er aus seiner Sicherheit aufgeschreckt.
    Ein unternehmender Schwabe, Simon Hefele aus Ravensburg, grndete eine neue
Zeitung, den Nubacher Anzeiger.
    Auf da die katholische Bevlkerung des Distriktes eine Presse besitze,
welche ihrer wahren Meinung Ausdruck verleiht, und nicht lnger die im
katholischen Gewande einherschleichende Irrlehre ihre giftigen Dnste verbreiten
lasse, hie es im Begrungsartikel, welcher vermutlich nicht von dem
ehemaligen Bckergehilfen Hefele, sondern von dem Verfasser der Wallfahrt nach
Loreto geschrieben war. Der Krieg war erklrt, und die Aussichten waren fr
Schchel nicht gnstig.
    Hinter ihm standen keine Truppen, und er selbst durfte nicht mit offenem
Visiere kmpfen.
    Er mute die Geistlichkeit schonen und seine Schlge so zielen, da sie den
wahren Feind nicht trafen.
    Das nahm ihm die halbe Kraft.
    Wie anders Simon Hefele.
    Der lie sein Panier lustig im Winde flattern, und mit ihm stritt der Herr
mit seinen Scharen.
    Drei Jahre dauerte der ungleiche Kampf, einer gegen viele.
    Schchel wollte fast verzagen. Er konnte sich der Hiebe kaum noch erwehren,
die auf ihn niederprasselten.
    Die ungeheuerliche Grobheit des Bckergehilfen vereinigte sich mit der
kunstfertigen Spitzfindigkeit geistlicher Hintermnner, um ihn zu verderben. Da
kam der Bauernbund und mit ihm die Rettung. Jetzt hatte Schchel ein Programm,
eine Partei und Mitarbeiter.
    Unter den Brgern, welche sich sogleich der neuen Bewegung anschlossen, war
mancher, der etwas zu sagen hatte, und der sich freute, wenn er unerkannt
Feuerbrnde umherschleudern durfte.
    Artikel erschienen jetzt im Wochenblatte, Artikel von so ungehobelter
Derbheit, da die Betroffenen am Zeitgeiste verzweifelten.
    Ja, da der schwbische Bckergehilfe nach furchtbaren Gegenanstrengungen
erklren mute, es verbiete ihm der Anstand, im gleichen Tone zu erwidern.
    Es half jedoch dem Nubacher Anzeiger nichts, da er seine Spalten jetzt nur
solchen Darstellungen einrumen wollte, welche vornehme Gesinnung atmeten.
    Seine klobigen Feinde zwangen ihn zum wenigsten jede Woche einmal, mit einem
zornigen Aufschrei ihnen auf das Gebiet politischer Gemeinheit zu folgen.
    
    Der Stadtprediger Roth wandte historische Kenntnisse und alle Knste
scharfer Dialektik auf, um die Gegner zu erdrcken.
    Er versicherte von einem zum anderen Male, da ihm die krampfhaften
Anstrengungen derselben unendlich viel Vergngen bereiteten, und da er ein
herzliches Lachen nicht unterdrcken knne, ob des unbeholfenen Stiles, in
welchen die verworrenen Gedanken eingekleidet seien.
    Aber wenn Hefele auch noch so oft hinzufgte, da sich der bewute
Artikelschreiber im Wochenblatte von dem vernichtenden Schlage kaum mehr erholen
drfte, so war er trotzdem bald darauf gezwungen, angesichts neuer Gemeinheiten
zu fragen, ob katholische Hausvorstnde es mit ihrem Gewissen vereinigen
knnten, das Nubacher Wochenblatt zu halten.
    Und im weiteren Verlaufe trat gegen den gelehrten Alban Roth ein Mann auf,
dem er nicht gewachsen war; der brgerliche Schuhmachermeister Jakob Prantl.
Ursprnglich fr den geistlichen Beruf bestimmt, studierte er sechs Jahre lang
am humanistischen Gymnasium zu Freising.
    Er kam nicht ber die vierte Lateinklasse hinaus und zeigte keinerlei
Neigung fr gelehrte Dinge.
    Erst spter entwickelte sich sein Geist, als er zum ehrsamen Handwerk
berging und wie sein Vater die Stiefel der Nubacher Menschheit schftete,
sohlte und englisierte.
    Wenn er so auf seinem Schemel sa und mit dem Pechdraht Oberleder und Rahmen
zusammennhte, oder die Sohle mit Hammerschlgen rundete, schweiften seine
Gedanken zurck in die Zeit, da er noch lateinische Stze bildete und die
seltsamen Schriftzeichen der griechischen Sprache lernte.
    Jetzt erwachte in ihm die Liebe zur Wissenchaft, und er bewahrte sorgsam die
kmmerlichen Reste, welche ihm geblieben waren. In dem Notizbuche, worin er die
Mae der Fulngen und Risthhen seiner Kunden schrieb, stand auf der ersten
Seite sein Name mit griechischen Buchstaben: Iakobos Prantl, sxoyster.
Allmhlich verwischte sich in seinem Gedchtnisse die Erinnerung daran, da er
selbst die Fortsetzung seiner Studien aufgegeben hatte, und er bestrkte sich
immer mehr in dem Glauben, da harte Schicksale oder feindliche Einflsse seiner
Laufbahn hinderlich geworden waren.
    Er zerfiel mit der Menschheit, deren Fe er bekleidete, und wurde ein
strenger Richter ber Welt und Dinge.
    Seine Gehilfen und Lehrlinge bekamen manches bedeutende Wort zu hren ber
Staat und Kirche und jegliche Obrigkeit.
    Eine tiefe Verachtung der anerkannten Autoritt sprach aus ihm, wenn er nahe
und ferne Ereignisse in den Kreis seiner Betrachtungen zog, und er war mit
Bitterkeit erfllt. Seine Gedanken wurden tzender, weil er sie meist fr sich
behalten mute.
    Darum ging er mit lebhafter Freude, mit Hingabe seiner ganzen Persnlichkeit
an die Arbeit, als sich endlich Gelegenheit fr ihn bot, im Nubacher
Wochenblatte seine Meinung zu sagen.
    Er schrieb einen seltsamen Stil. Als er in die Schule ging, hielt man noch
etwas auf die Kunst, eine Periode in die Lnge zu ziehen; man sttzte sie mit
Relativstzen, wenn sie umsinken wollte, und flte der Ermatteten durch
Bindewrter neuen Mut ein.
    Jakobos Prantl bemchtigte sich dieser Form. Sie entsprach seiner
Gewohnheit, tiefen Sinn zu verstecken und wiederum mit leichten Andeutungen zu
entblen. Und sie entsprach auch der Flle seines Wissens, die sich in der
geraden Linie nicht entwickeln konnte, sondern ihre ste nach allen Seiten hin
ausbreitete. Und so entstanden also jene merkwrdigen Aufstze ber das
verderbliche Zusammenwirken von Staat und Kirche, welche dem Stadtprediger Alban
Roth schlaflose Nchte bereiteten. Er fand hier in krausem Durcheinander alle
Behauptungen, welche von katholischen Schriftstellern in bndereichen Werken
widerlegt worden waren.
    Sie tauchten im Nubacher Wochenblatte so frisch und munter auf, als htten
sie eben das Licht der Welt erblickt und wren nicht schon vor Jahrzehnten
begraben worden. Eine qualvolle Arbeit begann fr Herrn Roth; auf die ersten
Irrtmer wies er mit spttischem Mitleide hin, die nchsten bergo er mit der
Lauge des Hohnes, aber bald wuchs ihm die Aufgabe ber den Kopf. Wie Pilze
schossen die Lgen, Verdrehungen, Entstellungen und Irrlehren aus dem Boden.
    Er wute nicht mehr, wo anfangen und wo enden. Links, rechts, vor ihm,
hinter ihm erhoben sich die unverwstlichen Giftschwmme.
    Sein Kampf war machtlos gegen einen Feind, der die erschlagenen Truppen
hinter der Front wieder aufstellte und sie lchelnd von neuem ins Treffen
fhrte.
    Und diese unerschtterliche Ruhe!
    Diese Unempfindlichkeit des geheimnisvollen Artikelschreibers, welcher in
der neuen Nummer immer da anhob, wo er in der letzten geendet hatte.
    Was htte Alban Roth darum gegeben, wenn er nie jene Aufstze beantwortet
htte, in welche ohne Zusammenhang und Sinn seltsame griechische Worte
eingestreut waren, und die stets mit dem Satze begannen: Wie schon der groe
Rmer sagt.
    Das Wochenblatt zog Vorteil aus diesem Kampfe der Geister. Es zhlte jetzt
mehr Abnehmer als in seiner ersten Glanzzeit.
    Auch drauen in den Gemeinden fanden sich Anhnger und Mitarbeiter.
    Der Lehrer von Hilgertshofen brachte Stimmungsbilder aus dem Glonntale; er
unterschrieb sich als ein stiller und khler Beobachter; der alte Bajuvare,
welcher mit Hilfe der historischen Wissenschaft den unseligen Anschlu an
Norddeutschland fr alle Schden verantwortlich machte, war der Gutspchter
Wanninger von Arnbach.
    Und in seiner Nhe fhrte der Posthalter und Landrat Scheiblhuber in Grubhof
eine scharfe Feder gegen die Volksverrter des Zentrums.
    Andere folgten.
    Was sie schrieben, zeugte nicht immer von groer Einsicht. Es waren
unbeholfene Anfnge, die ffentliche Meinung gegen die eingesessenen Machthaber
zu erregen. Aber es waren doch Anfnge, die man schon deshalb nicht
unterschtzen durfte, weil sie die Bauern zum Lesen brachten.
    Das war vordem eine Seltenheit.
    Mit Lesen und Schreiben gaben sich die meisten nach der Feiertagsschule
nicht mehr ab; sie hatten keine Zeit dafr.
    Und wer ein briges tun wollte, nahm den Monika-oder Regensburger
Marienkalender vom Nagel herunter, wenn es im Winter einen langen Feiertag gab.
    Hier und dort war wohl ein angesehener Mann im Dorfe, dem der Postbote eine
Zeitung ins Haus brachte.
    
    Das wuten dann alle in der Gegend und sahen es fr ein Besonderes an.
    Jetzt aber kmmerten sich viele um die Geschehnisse in der Welt, und wer das
Geld sparen mute, setzte sich im Wirtshaus nher an das Licht und las dreimal
die Woche, wie Jakobos Prantl unsuberlich mit der Kirche fuhr und der alte
Bajuvare dem preuischen Fuchs in den Pelz griff.
    Der erste Vorteil, den eine Partei durch die Presse erlangen kann, war
gegeben. Die Gleichgesinnten konnten sich verstndigen und zusammenschlieen.
    Der Kreis erweiterte sich.
    Wenn die Giebinger lasen, da sie in Hilgertshofen die nmliche Meinung
hatten ber die Verderbnis im Bauernstand, dann faten sie Vertrauen zueinander.
Und in allen rhrte sich die Hoffnung, es msse wohl besser werden, wenn sie
zusammenstnden.
    Dazu erfuhr man genau, wie im Niederbayerischen und im Oberland die
Bauernsache vorwrts ging.
    Einer sagte es dem anderen nach, da es an der Zeit sei, auch in Nubach
eine Versammlung abzuhalten und dem Bunde beizutreten.
    In Schachach gingen sie mit gutem Beispiel voran und grndeten eine
Markgenossenschaft.
    In Zillhofen machten sie es nach, aber was halfen die einzelnen Versuche? Es
mute sich aufweisen, ob der Boden berall umgeackert war, da eine richtige
Saat aufgehen konnte.
    Und da stand es im Wochenblatt:
    Aufruf! Liebe Standesgenossen, Bauern und Brger!
    Der Tag ist gekommen, da sich die Mitglieder des Nhrstandes um eine
gemeinsame Fahne scharen mssen und nicht lnger zusehen, wie gewisse Elemente
das Volk unterdrcken, welche von der Arbeit Ertrgnis des Land- und
Gewerbsmannes indirekt mitleben.
    Da Bauern und Gewerbe auf das regste zusammengehren, wird gewi einer mit
Menschenverstand nicht leugnen wollen, da doch die Bauern in Nubachs Umgebung
die Haupteinnahmequelle der Geschftsleute bilden und durch die Verbesserung der
landwirtschaftlichen Verhltnise auch ihren Anteil haben.
    Darum, liebe Standesgenossen, stellen wir uns zusammen und forschen nach des
bels Quelle!
    Aber wie ist dies anders mglich, als durch die Abhaltung einer Versammlung,
welche jedem Gelegenheit gibt, seine Gesinnung zu erproben, und durch
zahlreichen Besuch dem Gegner Achtung einflt?
    Kommt alle zur Vorbesprechung, welche im Saale des Sternbru stattfinden
soll, am Sonntag, den 16. Dezember, Nachmittag zwei Uhr, und woselbst das
Notwendige verabredet wird.
    Kommet alle, die ihr Zeit habt und ein Herz fr unsern Stand und unser
Bayerland! Einigkeit macht stark, wie schon der groe Rmer sagt!
    Der Aufruf fand Beifall an vielen Orten; der Stein war ins Rollen gebracht.
    Da haben wir es, sagte der Bezirksamtmann, und warf die Zeitung wtend auf
den Tisch. Jetzt kann die Hetzerei in meinem Bezirk losgehen. Aber es soll mir
nur einer kommen von den Siebengescheiten, die das ganze Land in der Tasche
haben, und nicht einmal die paar Bauern in ihren Gemeinden zur Vernunft bringen
knnen! Es soll mir nur einer Vorwrfe machen!
    Er zog heftig an der Glocke.
    Mayerhofer!
    Der Amtsdiener trat ein.
    Sagen Sie dem Herrn Offizianten, er soll zu mir kommen.
    Jawohl, Herr Bezirksamtmann!
    Otteneder legte die Hnde auf den Rcken und ging auf und ab.
    Der Offiziant Schillinger blieb an der Tre stehen.
    Herr Bezirksamtmann wnschen?
    Haben Sie den Aufruf im Wochenblatt gelesen?
    Ja.
    Ist der von unserm braven Schchel geschrieben?
    
    Wenn Herr Bezirksamtmann erlauben, vom Schchel ist er nicht.
    Von wem sonst?
    Ich wei es auch nicht bestimmt; es ist nur eine Vermutung. Aber ich habe
den Schuhmacher Prantl in Verdacht.
    So, von dem? Allerdings, von einem Schuster hat der Stil was.
    Der Prantl ist bekannt als Bauernbndler, wenn Herr Bezirksamtmann
erlauben. Und die Leitartikel, mit den griechischen und lateinischen Wrtern,
sollen auch von ihm sein.
    Der Kerl steckt bis ber die Ohren in Schulden?
    Er steht nicht gut, was man hrt. Einmal ist er schon ausgepfndet worden.
    Der hat's notwendig! Schreibt, da gewisse Elemente vom Handwerker leben.
Damit meint er natrlich die Beamten?
    Jawohl, Herr Bezirksamtmann. Er schimpft berhaupt in allen Wirtshusern
herum. Das hat er schon immer getan, so lang' ich ihn kenne.
    Das werde ich mir merken. Sagen Sie, Herr Offiziant, der Sternbru, gibt
denn der seinen Saal her zu der Versammlung?
    Gern auch noch, Herr Bezirksamtmann.
    Was will denn der Mensch? Er ist doch sehr vermgend. Wie gibt sich der mit
solchen Geschichten ab?
    Wenn mir Herr Bezirksamtmann die Bemerkung erlauben, das ist jetzt
berhaupt so. Wo man hinkommt, nichts wie Rsonnieren und Politisieren. Man kann
keine Halbe Bier mehr mit Ruh' trinken; der Melber Wimmer, der Kaufmann Kolb, da
ist einer gescheiter wie der andere. Und der Schchel geht herum, als wenn er
ein Weltblatt herausgeben tt'.
    Ich kenne meine Nubacher. Nichts arbeiten, den ganzen Tag in den
Wirtshusern hocken und dumm reden.
    Bei den Bauern merkt man's auch schon, Herr Bezirksamtmann.
    Wieso?
    Es ist nicht mehr wie frher. Wenn man sonst einem was g'sagt hat, war's
recht und fertig. Jetzt wird gleich gedroht mit der Zeitung, und so weiter.
    Das ginge mir noch ab! Wenn einer so was sagt, fhren Sie ihn nur herauf zu
mir! Das wollen wir sehen!
    Gestern erst der Pointner von Zillhofen. Wegen seinem neuen Stallgebude.
Die Plne sind noch beim Herrn Distriktstechniker, und ich habe ihm das gesagt.
Fangt er gleich das Schimpfen an. Wie lang' er noch warten msse? Im Mai htt'
er eingegeben. Ob das eine Manier sei? Im Winter knne kein Mensch bauen. Er
wolle uns schon ein Feuer anznden, wenn es noch lnger dauern tt'.
    So, so?
    Es wird immer schwieriger, Herr Bezirksamtmann.
    Na, dafr bin ich noch da. So weit sind wir noch nicht, da wir uns
einschchtern lassen.
    Herr Bezirksamtmann haben gestern gesagt, ich soll den Akt vorlegen,
betreff Brgermeisterwahl in Erlbach.
    Richtig, ja. Haben Sie ihn?
    Ich habe ihn Herrn Bezirksamtmann auf den Tisch gelegt.
    Gut. brigens, kennen Sie den ... den ... wie heit er doch gleich?
    Den Schuller von Erlbach.
    Ja, Schuller oder so hnlich, den neuen Brgermeister?
    Das ist doch der nmliche, der uns so viel Arbeit gemacht hat wegen der
Flurbereinigung, Herr Bezirksamtmann.
    Auch so ein Siebengescheiter?
    Im Wochenblatt hat es damals bei den Wahlen geheien, da er Bauernbndler
ist.
    Hm. Also, es ist recht, Schillinger. Guten Morgen.
    Otteneder stellte sich an das Fenster und sah auf den Marktplatz hinunter.
    Es war Schrannentag. Vor dem Rathause standen in langen Reihen die gefllten
Getreidescke. Die Kufer gingen von einem zum andern, schpften mit den Hnden
Krner heraus, rochen daran und prften sie sorgfltig.
    Dann redeten sie mit den Bauern, zuckten die Achseln und gingen weiter.
    Hier und da gab einer den Handschlag, und man sah, da der Kauf
abgeschlossen war.
    Der Melber Wimmer war am eifrigsten. Er traf berall gute Bekannte unter den
Bauern. Man sah es an der Art, wie er bald hier, bald dort vertraulich grte
und im Fortgehen sich lachend umwandte. Den Platz weiter hinauf standen viele
Wagen, hoch bepackt mit Krautkpfen.
    Hier waren die Nubacher Hausfrauen und feilschten und kauften.
    Der Winter stand vor der Tre; es war Zeit, das Krautfa im Keller zu
fllen. Und da war auch Gelegenheit, die rechte Zutat zu holen, Kartoffeln, die
auf den Fuhrwerken daneben lagen.
    Es war ein dichtes Gedrnge auf dem Markte. Das Summen vieler Stimmen drang
herauf; zwischenhinein lautes Quieken und Schreien, wenn ein Bauer von seinen
Spanferkeln eines herausholte und lieblos am Ringelschwanze in die Hhe hielt.
    Na also, dachte Otteneder, das Geschft geht ja! Trotz des Gejammers und
der ewigen Unzufriedenheit.
    Er sah zum Sternbru hinber.
    Da standen so ein paar Schreihlse.
    Der Schuster Prantl natrlich, und der geweste defensor ecclesiae, der
Buchdrucker Adolf Schchel.
    Was sie zu tuscheln hatten mit den Bauern?
    Das steckte die Kpfe zusammen! Das war ein Eifer, ein Reden, ein
Gebrdenspiel!
    Und eigentlich war es frech, wie diese Schwarmgeister ihr Unwesen trieben.
Auf freiem Marktplatze; unter den Augen der Behrde.
    Der Bezirksamtmann setzte sich an den Schreibtisch. Er griff nach dem
Aktenhefte, welches vor ihm lag.
    In schner Rundschrift stand auf dem blauen Deckel: Betreff Gemeindewahlen
in Erlbach.
    Otteneder ffnete ihn.
    Dann zndete er eine Zigarre an und blies den Rauch in die Luft.
    Und nun war er bereit.
    Also erstens das Wahlprotokoll. Als beauftragter Kommissr anwesend der
knigliche Bezirksamtsassessor Max Hartwig. Ergebnis der Wahlen: Brgermeister
Andreas Vst, Beigeordneter Kloiber, und so weiter.
    Folium zwei. Gesuch des Pfarrers Bausttter, es wolle der Wahl des
Brgermeisters die Besttigung versagt werden.
    Otteneder zog strker an seiner Zigarre und las einige Stze vor sich hin.
    An der Spitze einer katholischen Gemeinde ... unmglich ein solcher Mann
stehen.
    ... schweigend zu dulden, nicht vereinbar mit den Pflichten des
Seelsorgers.
    Er sah nach dem Datum. Erlbach, den 19. November. Die Wahl war am 18.
Teufel, das hat pressiert!
    Folium drei. Wiederholte dringende Vorstellung des Pfarrers Bausttter gegen
die Besttigung des Andreas Vst. Datum vom 21. November. Ich mu ganz
ergebenst eine uerst wichtige Mitteilung machen, da nmlich in den
Unterlassenen Papieren meines verstorbenen Amstsvorgngers sich eine dringende
Warnung vorfindet, ... et cetera.
    Folium vier. Protokoll des kniglichen Bezirksamtes Nubach, den 24.
November. Erscheint der Pfarrer Jakob Bausttter und gibt an, was folgt. Meine
Pflicht als Seelsorger ... und so weiter. bergibt gleichzeitig eine Urkunde,
Niederschrift des verstorbenen Pfarrers Maurus Held, und bittet um Rckgabe.
    Folium fnf. Abschrift der von usw. Bausttter bergebenen Urkunde. Das
Original auf Wunsch zurckgegeben. Erlbach, am 16. Juni 1889. Heute war zum
zweiten Male der Austragsbauer Johann Vst bei mir und klagte bitterlich ber
die Mihandlungen, welche er von seinem Sohne erdulden mute. Er zeigte mir die
abschreckenden Spuren derselben. Otteneder las diese Beschuldigung mit
Aufmerksamkeit und schttelte den Kopf.
    Klingt eigentlich sonderbar, sagte er. Warum schreibt der Mann das auf?
Wenn es die Leute wuten, war es berflssig. Wute es niemand, dann konnte der
Pfarrer nur zufrieden sein, da die Sache wenigstens kein rgernis erregte.
    Folium sechs. Ergebene Mitteilung des Pfarrers Jakob Bausttter, da sich in
der Gemeinde ernsthafte Stimmen gegen die Wahl erheben. De dato 28. November.
    Folium sieben. Dringende Beschwerden, nachtrglich erhoben von Erlbacher
Gemeindebrgern gegen die Person des Andreas Vst. Ein hohes Bezirksamt mge
die Wahl ungltig erklren, indem die Betreffenden keine Kenntnis hatten, da
etwas vorliegt. Die gehorsamst Unterfertigten sind im christkatholischen Glauben
erzogen und sehen mit Furcht und Schrecken, da ein ffentlicher Feind der
Kirche an der Spitze steht. - Hm! Der Satz kommt aus dem Pfarrhof. - Die
Unterfertigten bitten dringend, da nicht Streit und Ha in die Gemeinde kommt,
indem bereits der Andreas Vst die glubigen Christen am Halse wrgt und bedroht
und es jedenfalls noch viel rger wird.
    Folgen die Unterschriften: Sebastian Stollreiter, Hieranglbauer. Jakob Ertl.
Lorenz Deindl. Kaspar Umbricht, Heibauer. Martin Salvermoser. Georg Fent.
Johann Geitner. Lorenz Amesreiter.
    Acht Leute. Das mu dem Herrn Bausttter Arbeit gekostet haben!
    Noch etwas? Bescheinigung des Beigeordneten Kloiber. In der Angelegenheit
usw. Shneversuch abgehalten. Im Verlauf desselben geriet der Brgermeister Vst
so in Wut, da er den Hieranglbauern Sebastian Stollreiter angriff und
mihandelte.
    Hm! Endlich etwas Positives! Wenn die Sache so weit gediehen ist, da es zu
Ttlichkeiten kommt!
    Otteneder trat wieder ans Fenster.
    Da unten stand noch immer der Schuhmacher Prantl; er hielt die geballte
Faust an die Stirne. Offenbar wollte er recht berzeugend wirken.
    Und der Bezirksamtmann sagte vor sich hin: Es schadet nicht, wenn die Leute
den Zgel spren. Ich werde die Besttigung versagen.

                                 Elftes Kapitel


Sylvester Mang war ein stiller und bescheidener Mensch. Er fgte sich in den
Willen derer, welche ein Recht auf seinen Gehorsam hatten, und dachte nicht viel
ber seine eigenen Wnsche nach.
    Er hatte sich nicht gefragt, ob ihm der geistliche Beruf zusage. Er wute es
nicht anders, als da er Theologie studieren msse.
    So war es bestimmt von Anfang an; von der Stunde an, in welcher die alte
Veronika Mang ihrem Schwager, dem reichen Spanninger von Pasenbach, in die Hand
versprach, es solle der kleine Sylvester auf das geistliche Fach studieren und
dereinst die Messe lesen zu Ehren Gottes.
    Sylvester erinnerte sich oft an jenen Tag. Wie die Mutter so stolz war und
geschwind aus der Stube lief, da sie es gleich der Nachbarin sagen konnte.
    Und wie sie dann mit ihm zum Schneiderfranzl ging, der zwei Anzge anmessen
mute. Einen schwarzen dabei auf den besonderen Wunsch des Vetters, damit sich
die Sache gleich geistlich ansah. Das gab ein Staunen und Bewundern, als der
schwarze Rock fertig war!
    Er hing dem kleinen Sylvester ber die Knie herunter, die Schulternaht sa
auf halber Brusthhe, und die rmel streckten sich vor bis auf die
Fingerspitzen.
    berall war der Rock zu weit und zu lang.
    Aber der Schneiderfranzl sagte, so wre es recht, und so msse es sein. Denn
die engen Rcke shen so windig aus und paten nicht fr das studierte Wesen.
    Da lachte die Veronika Mang von Herzen vergngt und freute sich ber den
kleinen Sohn und den groen Rock. Und dann mute Sylvester seine schuldige
Aufwartung machen beim alten Pfarrer Maurus Held.
    Der lachte auch, wie er den neuen Lateiner sah, und sagte:
    Du schaust ja aus wie nochmal ein geistlicher Rat. Verlier nur den Mut
nicht! Discendo crescimus oder crescendo discimus mu es bei dir heien; im
Wachsen lernen wir. Wenn dir der Rock einmal knapp sitzt, hernach bist du schon
ein Gelehrter.
    Und er holte sein Lieblingsbuch vom Spinde herunter, Forsteneichers
Naturbilder. Das will ich dir schenken, parvule, sagte er, es ist ein
herrliches Buch. Darin sollst du lesen, wie brav es der liebe Gott meint mit
unserer Welt.
    Dann schrieb er auf die erste Seite:
    Perfer et obdura, labor hic tibi proderit olim. Halte aus und arbeite,
kleiner Sylvester, spter wird es dir ntzen. Denke zuweilen an deinen
geistlichen Lehrer Maurus Held.
    Wohl dachte er oft an den gtigen Mann, der ihn spter fragte, ob er auch
die Kraft fhle fr den geistlichen Stand.
    Es ist nicht immer leicht, auf dem einsamen Weg zu gehen. Manches Mal hlt
man den Schritt an und mchte lieber umkehren!
    Damals durfte er die Frage heiter bejahen. Er lernte gern und dachte nicht
ber die Schule hinaus.
    Oder nur so, da er sich auf die Ferien freute. Auf das Herumschlendern in
des Herrgotts grnem Wald, an der Seite des wrdigen Pfarrers Held.
    Der fragte ihn ordentlich aus, ob er Pflanzen und Tiere kenne und die
Sprache der Natur verstehen lernte aus den Schilderungen des Meisters
Forsteneicher.
    Und Sylvester bestand die Prfung mit Ehren. Denn ihm selber war das Buch,
welches so treuherzig erzhlte, lieb geworden. Und dann mute er ihm berichten,
wie das Studium vorwrts ging.
    Der Alte hrte lchelnd zu, wenn der Junge in Eifer kam und die Schnheit
des Gelernten rhmte.
    So ist es recht, parvule. Bleib nur dabei und verlier mir die Wrme nicht!
- Es wird einmal trockener kommen, sagte er ein anderes Mal, die artes
liberales werden in den Winkel gestellt, wenn es ber die Dogmatik und Homiletik
hergeht. Vergi darber nicht alles, was dich jetzt freut. Libri amici optimi;
die Alten bleiben uns gute Freunde.
    Und an einen Tag erinnerte sich Sylvester oft und gerne. Es war ein Sonntag
im August. Nach der Kirche gingen Held und er ber die Felder gegen Webling zu.
Das Korn stand in der Reife. Von Hgel zu Hgel dehnte sich der goldgelbe Segen.
ber den Wald herber kam der frische Morgenwind und rauschte in den Kronen der
Bume.
    Dann ging er liebkosend ber die Fluren. Die Halme bogen sich, und leichte
Schatten liefen ber das Gold vom Fue des Hgels bis hinauf, wo die hren in
den blauen Himmel ragten. Da nahm Maurus Held den Hut ab und sah mit leuchtenden
Augen in die schne Gotteswelt.
    So denke ich mir den Herrn Christus am liebsten, sagte er, wie er segnend
durch die Felder wandelt. Und just so mte sich das ansehen wie hier. Da es
wie ein Hauch geht ber die Halme, die sich ehrfrchtig beugen vor des Menschen
Sohn.
    Vor der Menschen Freund, parvule, der die Armut weihte und den Reichen den
Himmel verwehrte; das haben wir von ihm als besten Gewinn, da er das Leben der
Kleinen und die Arbeit verklrte.
    Die Menschen wissen es freilich nicht mehr und die am wenigsten, welche
seine Lehre den Frsten und Herren mundgerecht machen. Auch du kannst mich heute
nicht verstehen, parvule. Nein, nein! Spter einmal, wenn dir die tiefe Weisheit
klar wird, da aus dem alten Fluche ein Segen wurde. Im Schweie deines
Angesichts sollst du dein Brot essen!
    Sylvester verstand den Alten nicht, aber er dachte wohl, da es gut sei, wie
alles, was er sagte.
    Er hing mit glubiger Verehrung an dem Manne, und es war sein erster groer
Schmerz, als ihm die Mutter nach Freising schrieb, die Woche vorher sei Pfarrer
Held nach lngerem Leiden gestorben.
    Das war wenige Monate nach jenem Sonntage.
    Als Sylvester zu Ostern heimkam, war sein erster Gang in den Friedhof. Da
stand auf prunkvoller Marmortafel der Name Maurus Held. Und darunter der Satz:
Er lebte einzig seinem Gotte und fand sein Labsal nur im Gebete.
    Seine wohlhabende Schwester hatte ihm dieses Denkmal gesetzt, das jedem in
die Augen fiel.
    Sylvester war nicht zufrieden damit. Am wenigsten mit der Inschrift. Er
wute es besser als viele, da der heitere Mann seine Erholung nicht
ausschlielich im Gebetbuche suchte und fand. Er hatte von ihm oft krftige
Worte gehrt, wenn er diese Welt pries, welche nur Dummkpfe als schlecht
verschreien. Ein eifriger Kooperator hatte sogar arge Zweifel gehegt, ob Pfarrer
Held sein Brevier fleiig lese. Er steckte wohl das heilige Buch in die Tasche,
wenn er in den Garten ging, aber er nahm es selten heraus.
    Nun hatte Sylvester keine unehrerbietigen Bedenken gegen die Erwhnung des
Gebetes; er fhlte nur, da dieses bliche Lob seinem Wohltter nicht gerecht
wurde und den Nachkommen nichts erzhlte von den trefflichen Eigenschaften ihres
alten Pfarrers.
    Sie htten auf das Denkmal schreiben mssen, da er keinen Menschen hate,
in allem das Gute suchte und die Armen nach des Heilandes Vorbilde liebte.
    So wre es recht gewesen und ntzlich fr die Erlbacher.
    Sylvester bemerkte mit Unmut, da geheime Einflsse schon in den ersten
Monaten das Andenken an Maurus Held trbten.
    Seine eigene Mutter schttelte einmal bedenklich den Kopf, als er den
Verstorbenen rhmte, und sie meinte, es wre wohl alles schn, aber ob der
selige Herr so recht eifrig im Christentum gewesen sei, das wisse sie nicht.
    Er fuhr zornig auf und wollte wissen, woher sie das habe.
    Und die alte Veronika Mang hatte Mhe, ihn zu beschwichtigen. Es sei nur
ihre Meinung gewesen, und sie wolle nur ja dem guten Herrn Held nicht Unrechtes
nachsagen. Aber weil er doch selbigesmal abgeredet habe, wie dem jetzigen
Paulimann sein Vater tausend Mark hergeben wollte fr eine Mission, da die
Kapuziner in Erlbach predigen sollten. Und da habe der Herr Held gesagt, es sei
besser, wenn er das Geld dem Spital schenke. Deswegen habe sie das so gemeint.
    Da auch der neue Pfarrer hinter dem Gerede steckte, sagte sie lieber nicht.
    Aber Sylvester ahnte es und dachte, es knne nicht ohne Zusammenhang sein,
da seine Mutter sagte, was er auch sonst zu hren bekam.
    Zum ersten Mal sah er den Undank und das oberflchliche Urteil der Menschen.
Seine Begeisterung lie ihm diese Fehler grer erscheinen, und er mute die
Enttuschung strker empfinden, weil es ihm an Erfahrung fehlte.
    Traurig und verstimmt kehrte er nach Freising zurck. Auch hier blieb ihm
der Verlust fhlbar genug. Gerade in diesem letzten Halbjahre, welches er noch
auf dem Gymnasium zubrachte, mute er sich immer wieder an den vterlichen
Freund erinnern.
    Sein treuer Rat fehlte ihm, und dann sein Beifall, als er die abschlieende
Prfung bestand.
    Er wre wohl freudiger an das Berufsstudium gegangen, wenn er noch das
Beispiel Helds lebendig vor Augen gehabt htte. Wenn er sich die Aufmunterung
bei ihm htte holen knnen.
    Das war nun alles so anders geworden. Als er mit der roten Absolventenmtze
heimkam, ging er in den Pfarrhof.
    Es war ihm, als msse er neben den Rosenstauden im Garten den weihaarigen
Herrn sehen und die freundliche Stimme hren. Ei, sieh da, parvule, mit der
farbigen Mtze! Nun bist du hineingewachsen in den Rock und in die
Gelehrsamkeit. Salve confrater in litteris!
    Aber der Mund war geschlossen fr immer; die lieben Augen, in denen ein
gtiges Lachen sa, waren gebrochen.
    Zwei andere blickten Sylvester an. Zwei kalte Augen mit grnlichem
Schimmer,und eine gleichgltige, harte Stimme fragte:
    So, Sie sind der hiesige Student? Ich habe von Ihnen gehrt. Sie wollen
Geistlicher werden?
    Ja.
    Man sagt mir, da mein Amtsvorgnger Sie untersttzt hat.
    Ich verdanke ihm viel.
    Hat er Ihnen pekunir geholfen?
    Nein, das nicht.
    Ich fragte nur, weil ich bemerken wollte, da ich nicht in der Lage bin zu
so was.
    Ich danke Ihnen, Herr Pfarrer. Aber ich habe, was ich brauche.
    Ihr Vetter, der Spanninger von Pasenbach ...
    Der lt mich studieren, ja.
    Da brauchen Sie freilich keine Hilfe. Es kommt nur zu oft vor, da man uns
in Anspruch nimmt. In meiner ersten Pfarrei, in Breitenau, mute ich bei zwei
mittellosen Studenten ab und zu aushelfen. Man tut es ja gerne, wenn es
einigermaen geht. Nun, Sie bleiben in den Ferien hier?
    Ja.
    Da sehen wir uns wohl oft in der Kirche. Also guten Tag!
    Die grnlichen Augen blickten Mang whrend des Gesprches lauernd an. Sie
glitten an ihm hinauf und hinunter, und wenn er sie fest ansah, huschten sie
weg. Und dann schoben sich feuchtkalte Finger in die Hand Sylvesters und zogen
sich wieder zurck: ohne Druck, glatt, wie sie gekommen waren.
    Sylvester verabschiedete sich.
    Der ehrliche Bursche hatte nasse Augen, als er das Haus verlie. Aus allen
Ecken heraus hatten ihn Erinnerungen gegrt.
    Nun war es so ganz anders; ein bitteres Gefhl der Verlassenheit berkam
ihn.
    Und verlie ihn nicht mehr alle die folgenden Wochen. Er hrte zerstreut zu,
wenn seine Mutter von der schnen Zukunft erzhlte. Von der ersten heiligen
Messe, bei welcher Veronika Mang den glckbringenden Segen ihres Sohnes erhalten
sollte; von dem groen Pfarrhofe, in welchem Veronika Mang ihre alten Tage
beschlieen wrde, und von dem seligen Absterben, welches nunmehr der Veronika
Mang durch die Gnade des Himmels beschieden sein werde.
    Hier und da mute er lcheln, wenn die Alte ber die Jahre hinwegsprang und
sich in die Frage vertiefte, ob der knftige Pfarrer die konomie selber
betreiben oder lieber verpachten sollte.
    Aber frhlich wurde er darum nicht.
    Und dann war Sylvester allein in der groen Stadt. Von seinen Schulfreunden
blieben die meisten in Freising, und die wenigen, welche nach Mnchen kamen,
stolzierten mit farbigen Bndern herum und lfteten kaum die Mtzen, wenn ihnen
der unscheinbare Mang begegnete.
    Es wurden Versuche gemacht, den langen Sohn Erlbachs fr katholische
Verbindungen zu erwerben. Aber er hatte kein Verstndnis dafr: weder fr die
trinkfesten Knste, noch fr die politische Bedeutsamkeit dieser Gelbschnbel.
Und in ein Seminar wollte er auch nicht eintreten, trotz des lebhaften Wunsches
seiner Mutter.
    Die alte Veronika wute nichts von den pdagogischen Vorzgen dieser
Anstalten, aber die Tracht ihrer Jnger gefiel ihr ber die Maen.
    Vor Jahren herbergte der Alumnus Stephan Freutsmiedel von Webling des
fteren in Erlbach. Und wenn er mit flatterndem Gewande durch die Dorfgasse
schritt, schaute Veronika Mang ehrfrchtig durch das Fenster und malte sich im
Geiste aus, wie stattlich dereinst ihr Sohn in diesem Kleide dahingehen werde.
    Sie mute ihre Sehnsucht bezwingen, denn Sylvester strubte sich gegen den
Schmuck und sa lieber einsam und frei in seinem Kmmerlein.
    Hoch oben im vierten Stocke als Zimmerherr der kniglich bayerischen
Sekretrswitwe Kornelia Rottenfuer, welche sich oft ber den freudenarmen
Jngling wunderte. Der blieb so manchen Abend daheim und las.
    In den ersten Tagen der akademischen Freiheit hatte er, zgernd und doch von
einem unwiderstehlichen Wunsche angetrieben, Bcher gekauft, vor denen man ihn
als Schler eindringlich gewarnt hatte.
    Es waren die Werke unglubiger Dichter, welche in jungen Herzen Zweifel und
Unruhe erregen muten. Nur wer im reiferen Alter gefestigten Glauben erworben
habe, knne ihnen ungefhrdet nahen, hatte der Professor gesagt. Die Namen
Lessing, Wieland, Kleist leuchteten nicht am Freisinger Himmel, Schiller stand
nicht in hohem Ansehen; Goethe war ein Heide.
    Und nun erfreute sich Sylvester mit empfnglichen Sinnen an den Geschmhten.
    In seine Bewunderung drngte sich ein beklemmendes Gefhl. Warum hatten die
Berater seiner frhen Jugend so feindselig geurteilt?
    Er sah nichts von allem, was sie getadelt hatten, und er begriff nicht, wie
sie in der Schnheit Schlechtes suchten, noch weniger, wie sie es fanden.
    Dazu kamen andere Enttuschungen. Es lag nichts Vorlautes in seinem Wesen,
und er wetzte nicht frhreifen Verstand an den Worten der Lehrer. Aber er fhlte
sich unbefriedigt von einer Wissenschaft, die mit trockenen Schlssen an die
ewigen Geheimnisse herangeht und wieder auf halbem Wege stehen bleibt, um den
Glauben anzurufen.
    Darin lag eine harte Probe fr sein rechtschaffenes Gemt, das sich gegen
Selbsttuschung strubte.
    Und so hatte Sylvester ber vieles nachzudenken, wenn er allein in seiner
kleinen Stube sa.
    Auch darber, wie schmerzlich die Einsamkeit fr ein junges Herz ist.
    Da fhrte ihm das Schicksal einen Freund zu.
    Als er sein Zimmer gemietet hatte, fragte er bescheiden bei der
Sekretrswitwe an, ob er tglich ein wenig auf der Geige spielen drfe.
    Frau Rottenfuer sagte, ihr wre es recht, und auch der alte Revoluzzer
werde nichts dagegen haben.
    Wer das sei, der alte Revoluzzer, fragte Sylvester.
    Da zwinkerte Frau Rottenfuer mit den Augen und hielt die Hand an den Mund.
    Net so laut! Den alten Herrn mein' ich, der neben Ihnen wohnt.
    Sie schlich auf den Zehenspitzen vorwrts und bckte sich vor der nchsten
Tre zum Schlsselloche hinunter.
    Er is schon daheim und hockt wieder am Fenster mit an Buch in der Hand. Ich
frag' ihn nachher gleich wegen dem Geigenspielen.
    Ich mcht' ihn nicht stren, sagte Sylvester.
    Na, na! Er is net so arg. Blo da er net unter d'Leut geht. Wissen S',
weil er bei da Revoluzzion dabei war. Mei Schwager hat ma's erzhlt. Da san
viele dabei g'wesen, de spter de schnsten Stellen kriegt hamm. Aber der Herr
Schratt hats Maul net g'halten, wie er scho Assessor war. Natrli hamm's 'n
pensioniert und er mag nix mehr wissen von de Leut'. Aber wie g'sagt, er is gar
net so uneben, und i frag'n no heut.
    Frau Rottenfuer meldete bald, da der Revoluzzer gesagt habe, er hre gerne
Musik, besonders wenn der Herr Mang kein Anfnger sei.
    Sylvester spielte nun hufig. Von seinem Zimmernachbar hrte er lange Zeit
nichts mehr.
    Da ging er an einem Wintertage von der Universitt nach Hause. Es hatte die
Nacht vorher geregnet, und dann war Klte eingetreten, so da die Wege mit
Glatteis berzogen waren.
    Pltzlich sah Sylvester vor sich einen alten Herrn, der bei jedem Schritte
ausglitt und nun hilflos stehen blieb.
    Er sttzte ihn und fhrte ihn sorgsam ber die gefhrlichen Stellen.
    Vor dem Wohnhause Sylvesters hielt der alte Herr und sprach seinen Dank aus.
Da stellte es sich heraus, da er der Revoluzzer der Frau Kornelia Rottenfuer
war.
    Die erste Bekanntschaft war geschlossen, und wenn Sylvester nun musizierte,
kam Schratt von seinem Zimmer herber, hrte zu und gab durch seine Bemerkungen
zu erkennen, da er in der edlen Kunst wohl erfahren war. Das fhrte bald zu
regerem Verkehre.
    Schratt fand Gefallen an dem offenen Wesen Sylvesters, und dieser fhlte
sich hingezogen zu dem Alten, aus dessen Gesichte so frhliche Augen blickten.
    Der trug eine unverwstliche Jugend in sich herum, wie alle die Mnner,
welche in der politischen Sturmzeit das neue Deutschland errichten wollten. Das
grte noch unter den weien Haaren, und sie wurden ihr Leben lang keine khlen
Rechner.
    Eines Abends fragte Schratt seinen jungen Freund nach Heimat und Eltern.
    Als Sylvester Erlbach nannte, wurde er aufmerksam.
    Erlbach? Das Dorf bei Nubach?
    Ja. Waren Sie dort?
    Einmal, vor Jahren. Ich besuchte den Pfarrer Held.
    Den Herrn Maurus Held? Kannten Sie ihn?
    Ob ich ihn kannte? Der Alte lchelte und wurde wieder ernst.
    Er war mein Freund.
    Da sprang Sylvester vom Stuhle auf und schttelte ihm die Hand und sagte,
da er den verehrten Mann wie einen Vater geliebt habe.
    Es tat ihm wohl, da er von ihm erzhlen durfte.
    Und dann kam die hastige Frage:
    Er war Ihr Freund? Wo haben Sie ihn kennen gelernt?
    Das erzhle ich Ihnen ein anderes Mal, Herr Mang. Heute ist es zu spt,
aber wenn Sie morgen herberkommen, will ich einen langen Faden spinnen.
    Sylvester ging den nchsten Abend zu Schratt, dessen Wohnzimmer sich beim
Lampenlicht ungemein behaglich ansah.
    Die lange Wand neben der Tre war mit einer hohen Bcherstelle verkleidet;
zwischen den beiden Fenstern stand der umfangreiche Schreibtisch, und darber
hingen alte Stahlstiche in hellbraunen Rahmen, deren Leisten in schwarzen
Vierecken zusammenliefen.
    Einige Steindrucke in ovalen Rahmen waren dazwischen angebracht, Brustbilder
von Mnnern in altvterlichen Tachten.
    Einer schaute absonderlich verwegen von der Wand herunter, hatte die Arme
ber der Brust gekreuzt und einen breitkrempigen Hut in die Stirne gedrckt.
    Vom Hute herab wallte eine Feder mit khnem Schwunge.
    Sylvester trat nher hinzu und las die Unterschrift: Friedrich Hecker seinem
Freunde und Mitkmpfer Hans Schratt zur Erinnerung an den 20. April 1848.
    Der Hans Schratt war mein Bruder, sagte der Alte, aber nun setzen Sie
sich. Ich will sehen, da Madame Rottenfuer Tee bringt.
    Sylvester setzte sich auf das geblmte Sofa, ber welchem eine Silhouette
neben der andern hing; meist jugendliche Kpfe mit bunten Mtzen.
    Frau Rottenfuer setzte den Teekessel ber die Spiritusflamme, Schratt
stopfte seine lange Pfeife und hllte sich in duftende Wolken.
    Also, ich habe Ihnen die Erzhlung versprochen. Wie ich gut Freund wurde
mit dem Gottesgelahrten Maurus Held. Das heit, damals ist er noch nicht soweit
gewesen. Anno 1848 gesegneten Andenkens.
    Der Alte schwieg eine Weile, dann sagte er lchelnd:
    Gesegneten Andenkens, jawohl! Trotz allem, was seither gesagt und
geschrieben wurde. Die gescheiten Menschen von heute zucken die Achseln ber das
tolle Jahr. Ich sage Ihnen, junger magister in artibus, die Herzen waren hei
und der Verstand nicht immer khl damals. Aber in den Leuten war mehr Weisheit,
als in den trockenen Dienern der Ntzlichkeit, die heute die Nasen rmpfen und
sich das bichen Freiheit wegstehlen lassen, was ihre Vter errungen haben, - -
    Und jetzt nehmen Sie Tee. Er kommt aus Fukian, wie mein trefflicher Freund
Sporner versichert.
    Sylvester trank und nahm eine aufmerksame Miene an.
    Der Alte unterbrach sich oft; in den Pausen blies er den Rauch vor sich hin.
    Sechsundvierzig Jahre. Und just so lange ist es her,da ich mit dem
Studiosus Held Stuhl an Stuhl in der Kneipe sa und von der rosenroten Zukunft
redete. Er war noch lnger als Sie. Mager, derbknochig, gute Bauernrasse aus der
Tlzer Gegend. Er redete nicht viel, und ich glaube fast, da er heimlich ber
die Freunde lachte, welche die Welt verteilten.
    Na, es ist auch manches mit untergelaufen, was man nicht ernsthaft nehmen
konnte. Obenan die groe Revolution in Mnchen, die nichts anderes war als ein
bischflich genehmigtes Haberfeldtreiben.
    Die Freiheit lag damals in der Luft. So einen Vorfrhling hat die Welt nicht
mehr gesehen. Es war wie eine Ahnung in die Menschen gefahren, da diesmal mit
den Knospen noch ein anderes aufkeimen mte, und wer jung war, hielt freudig
die Nase in die Hhe.
    Man hat unsern lieben Altbayern hinterher eingeredet, da sie auch die
Flgel rhrten, als der Freiheit Hauch mchtig durch die Welt ging. Es war aber
nicht so schlimm, junger Herr Mang. Wenn Sie den Freisinger Abscheu vor den
Revolutionen haben, drfen Sie ihn nicht auf unsere braven Mitbrger ausdehnen.
Sie haben nichts gegen ihre Gewissen und ihre Gewissensrte getan. Wer damals
die Finger ins Maul steckte und seinen erhabenen Herrscher auspfiff, tat es in
honorem ecclesiae, zu Ehren der Mutter Kirche. Auch wenn er es nicht wute.
    Also, unser Maurus Held. Der hrte zu, wenn wir die groen Reden hielten,
und schwieg. Er hat die bertreibungen nicht altklug verachtet oder gar aus
Angst vermieden. Den hat nur seine Bescheidenheit von den groen Gebrden
abgehalten, und als etwas geschah, was sein rechtlicher Sinn nicht billigte, hat
er gezeigt, da er kein Hasenfu war.
    Der Alte klopfte die Pfeife aus und fllte sie wieder.
    Ja, und das war zu Anfang Februar. Ein schner, warmer Tag, nur etwas
bewegt. Die Krmer hatten ihre Lden geschlossen und trieben sich mit den
akademischen Brgern in der Ludwigstrae herum. Die Biederkeit erging sich im
Freien und wartete, ob nichts geschhe. Und es geschah auch was. Von der
Universitt herunter kamen die Alemannen. Sie wissen, das Leibkorps der Lola.
Schlechte Kerle, ganz gewi. Schon deshalb, weil sie in jungen Jahren auf
Karriere spekulierten.
    Aber warum beim Anblick dieser unreifen Pagen das Volk in Wut geriet, warum
ehrwrdige Greise ihre Hausschlssel aus den Taschen holten und so greulich
darauf pfiffen, das kann man nicht so einfach erklren. Die Guten haben vorher
und nachher den Anblick von schlimmeren Frstenknechten ertragen. Damals aber
schien es mir recht und billig. Ich schrie brav mein Pereat mit und drngte mich
heran. Ein Graf Hirschberg von den Alemannen zog seinen Dolch, als man ihm zu
nahe auf den Pelz rckte. Er wollte einmal spanisch kommen. Da erhob sich ein
Geschrei unter den Manichern, ohrenzerreiend! Sie fhrten Reden, in denen
keine Liebe zum Hause Wittelsbach atmete. Die Hispanier rissen aus, und wir
zogen weiter in den Hofgarten. Mit einem Mal erscheint mitten unter den
brllenden Hafnermeistern der Gegenstand der Volkswut. Lola Montez selber, in
eigener Person.
    Schneid hatte das Frauenzimmer und eine Verachtung gegen diese sittsamen
Spiebrger, die mir spter imponierte.
    Ich stand keine zehn Schritte von ihr entfernt und sah die blitzenden Augen.
    Links und rechts von mir bckte sich die brgerliche Ehrbarkeit bis auf den
Boden. Diesmal nicht aus Ehrfurcht, sondern um Steine und Kot aufzuraffen. Neben
mir steht ein behbiger Herr und nimmt sich eine Handvoll. Er zieht krftig aus,
damit sein Wurf ausgiebig sei, aber er warf nicht. Jemand schlug ihm den Kot aus
der Hand mit den Worten:
    Pfui Teufel! Gegen ein Frauenzimmer! Ihr schmt Euch nicht?
    Meine Hafnermeister das hren und auf den Jemand losfahren, war eines.
    Auch so ein Lolaner! Nieder mit dem Kerl!
    Aber sie merkten schnell, da ein tlzer Bauernbub' sich besser wehren kann
wie ein Frauenzimmer.
    Es ist ihm nichts geschehen, dem Maurus Held, und die Geschichte hat keine
Steigerung gegen den Schlu. Aber sie zeigt, da Ihr Freund seine brave Meinung
gegen die vielen behauptet hat.
    Und die Eigenschaft ist ihm geblieben.
    Sind Sie spter oft mit ihm zusammengekommen? fragte Sylvester.
    Oft? Nein. Ich war einige Zeit in betrbsamer Lage und htte Freunde
kompromittiert. Den Maurus htte es wohl nicht angefochten, aber ich wollte
nicht. Es war genug, da ihm mein Bruder Hans zu schaffen machte. Der da, ober
Ihnen, mit der roten Mtze. Ihm zulieb' hat Held seine Zukunft aufs Spiel
gesetzt, und es fehlte nicht viel zum Verlieren. Der Hans war einige Jahre lter
als ich und sa in Lindau als junger Arzt, wie der groe Wind wehte.
    Von Lindau ist's nicht weit nach Konstanz, und als dort Hecker im April den
Aufstand proklamierte, fuhr mein Hans ein bichen hinber. War auch dabei im
Gefecht von Kandern und half den General Gagern totschieen und floh mit den
anderen in die Schweiz.
    Ein Jahr spter krakeelte er in der Pfalz drben, bis die Preuen auf
Bestellung Ruhe schafften. Mein Bruder wurde in contumaciam zum Tode verurteilt.
Erschrecken Sie nicht, er starb erst vor zwei Jahren als wohlhabender Mann in
Genf. Aber damals htten ihn die Preuen erschossen; sie waren dazu engagiert.
    Er lie sich nicht erwischen und lebte einige Jahre in Straburg. Auf einmal
packte ihn die Sehnsucht, heimzukommen. Eine frchterliche Dummheit! Was einen
damals nach Bayern treiben konnte, ist mir rtselhaft.
    Die Polizei des Herrn von der Pfordten sprte meinen Hans in Mnchen auf;
ich wurde noch rechtzeitig gewarnt und lief mit ihm den Abend und die Nacht bis
Sachsenkamm. Im Kloster Reutberg sa unser gemeinschaftlicher Freund Held als
Kooperator und Beichtvater der Franziskanerinnen.
    Jeder andere htte sich besonnen; der Maurus berlegte keinen Augenblick. Er
gab dem Verfolgten Quartier und schickte ihn nach ein paar Tagen ber die
Grenze.
    Damit aber die Tiroler den Hans ohne Bedenken durch ihr glaubenstreues Land
pilgern lieen, hing er ihm sein geistliches Gewand um. Und der Hans ist auch
richtig mit schuldiger Ehrfurcht behandelt nach Rorschach gekommen.
    Fr seinen Retter kamen unangenehme Tage. Die Polizei erfuhr die Sache, und
Held mute Rede stehen. Er log nicht lange; sagte es frei heraus, und das war
eine Sache damals. Wenn Sie sich schon einmal gewundert haben, warum dieser
feinsinnige und gelehrte Priester bis zu seinem Ende in Erlbach blieb, so wissen
Sie jetzt den Grund. Die Herren oben vergessen nichts. Und wir wollen ihn auch
nicht vergessen, den Maurus Held. Er war ein aufrechter Mann.
    Und damit gute Nacht, Herr Sylvester!

Die beiden wurden Freunde.
    Schratt war in seiner Vereinsamung nicht grmlich geworden und hatte nichts
von der Weisheit, welche vergangene Tage lobt und die Gegenwart miachtet.
    Es machte ihm Freude, ein junges Herz unmerklich, ohne lehrhafte
Schwerflligkeit, zu bilden.
    Und hier war die Aufgabe nicht schwer. Sylvester besa klaren Verstand;
seine Anlagen setzten der umformenden Hand nicht sprden Widerstand entgegen.
    Es war ein junger Baum, der mit starker Pfahlwurzel im aufgelockerten Boden
sa. Vollsftig und entwicklungsfhig; reiche Verstung hatte er freilich nicht
angesetzt.
    Schratt lchelte oft im stillen, wenn er die Ergebnisse der klerikalen
Schule vor Augen hatte.
    Alles Befreiende war dieser Bildung genommen. Ohne Fhlung mit der
Gegenwart, schpfte sie aus der Vergangenheit keine lebendigen Krfte.
    Mit ngstlichem Bemhen waren die Schranken aufrecht gehalten, in denen von
jeher der Geist verkmmerte.
    Das zeigte sich am deutlichsten in der Art, wie Geschichte gelehrt worden
war. Hier war alles geschehen, um einer spteren Erkenntnis vorzubeugen. Die
anerzogenen Vorurteile griffen so ineinander, da jedes einzelne nur mit der
Zerstrung des ganzen Gebudes gehoben werden konnte.
    Und sie wurzelten so tief, da Sylvester seinem alten Freunde eine
ungewohnte Hartnckigkeit entgegensetzte, wenn er die Freisinger Weltgeschichte
angriff.
    Freilich beurteilte er als gutherziger Jngling die uerungen Schratts mit
Nachsicht.
    Er wute ja, da ihm Unrecht widerfahren war, und schrieb seine Heftigkeit
einem verbitterten Gemte zu.
    Diese Milde war nicht ganz frei von Hochmut.
    Mang hatte doch etwas von den Leuten angenommen, welche ihr Leben lang eine
gefestigte Meinung herumtragen und lchelnd abweisen, was sie hinzulernen
sollten.
    Schratt sah bald, wie selbstbewut sich der junge Theologe hinter
Vorurteilen verschanzte, die nicht seine eigenen waren. Er wunderte sich nicht
darber.
    Neun Jahre unter den Hnden von Lehrern, die alles in eine Form gieen; wie
sollte sich ein junger Mensch ganz frei halten von ihrem Einflusse?
    Es war viel, wenn das Wachstum nicht vllig erstickt war.
    Deshalb wurde er nicht unmutig und lockte nur den klugen Sylvester hufig
aus seiner Burg heraus auf das Blachfeld, wo er ihm standhalten mute.
    Er zeigte ihm meist in scherzhaftem Tone, da unser Wissen nicht genau da
aufhrt, wo man es in Freising abschneidet. Er nahm ihm ganz allmhlich die
Selbstzufriedenheit und lehrte ihn das Verlangen, die Wahrheit kennen zu wollen.
    Und Sylvester kam tglich mehr von dem Glauben ab, da er sein junges Wissen
mit Milde gegen den Alten auffhren msse.
    Ja, sein Mitleid verwandelte sich in begeisterte Verehrung, mit einer
Schnelligkeit, welche Jnglingen erlaubt ist.
    Er lernte einsehen, da die heitere berlegenheit Schratts, seine
Menschenkenntnis auf tiefgrndiger Liebe ruhte; das gab ihm ein Recht ber
falsche Gren zu lcheln, sein Urteil gegen alle zu stellen.
    Aber auch die Mglichkeit, im Kleinsten das Anregende, Bedeutsame zu finden.
    Er stand auf einer sicheren Hhe und durfte darum auch Torheiten behaglich
betrachten.
    Sein freier Geist konnte nicht ohne Einflu auf Sylvester bleiben.
    Der streifte unmerklich die Hrten ab, welche einseitige Bildung zeitigt.
    Die ersten Jahre auf der Universitt verflogen ihm rasch.
    Er tat seine Pflicht und besuchte fleiig die Kollegien.
    Noch war er seinem Berufe innerlich nicht vllig entfremdet.
    Aber wenn er jetzt an die Zukunft dachte, geschah es nicht mit freudiger
Zuversicht; immer strker mengte sich das Gefhl unabweisbarer Pflicht ein.
    Da ereignete sich ein Vorfall, der nachhaltig auf ihn wirkte.
    Einer seiner Lehrer hatte ein Buch herausgegeben, welches heftig angegriffen
wurde.
    Die ultramontane Presse erging sich in Schmhungen gegen ihn, der Professor
antwortete in wrdiger Weise, und das ganze Land nahm an dem Streite Anteil.
    Viele ergriffen seine Partei und lobten seine Festigkeit.
    Seine jungen Hrer traten leidenschaftlich fr ihn ein. Sie hatten kein
Urteil ber die Sache; ihnen berwog das persnliche Moment.
    Der Ruhm ihres Lehrers, sein mnnlicher Mut.
    Da erging an den Gefeierten die Aufforderung, seine ffentlich bekundete und
so ehrenhaft verteidigte berzeugung aufzugeben und Widerruf zu leisten.
    Er unterwarf sich.
    Sein Gehorsam und der laute Beifall, den die frheren Gegner ihm spendeten,
stieen Sylvester ab.
    Er fhlte sich gedemtigt, unsicher in seinem Glauben an eine Autoritt,
welche diesen Schritt verlangte, in seiner Achtung vor einer Wissenschaft,
welche ihn tat.
    Wie konnte dieser Mann eine Meinung als falsch erkennen, welche er im
eifrigen Streben errungen hatte? Und wenn er nicht berzeugt war von ihrer
Falschheit, wie konnte er sich von ihr auf Befehl lossagen?
    Sie war nichts wert von allem Anfang, sagte Schratt, es ist nicht schade
darum. Um den Mann noch weniger. Tricht ist nur diese Begeisterung der Kirche
ber den Sieg. Sie hat wenig Ursache, sich darber zu freuen, da sie keine
Kmpfer mehr heranzieht.

In dieser Zeit des Wachstums, der Zweifel und des Lernens kam das Ereignis,
welches ihm die Zukunft um so dsterer erscheinen lie, je heller ihm die
Gegenwart deuchte.
    Sylvester Mang fate eine herzliche Liebe zu dem hbschen Mdchen, dem er in
der Heimat begegnet war. Das Glck schien freundlich in sein kleines Zimmer und
verlockte ihn, die Blicke in weite Fernen zu richten. Auf einen holdseligen
Garten, in welchem die schnsten Blumen blhten, die herrlichsten Frchte
reiften fr einen, den fremder Wille zur Einsamkeit verdammt hatte.
    Und er wute, da er ohne Reue umkehren wrde.
    Jetzt baute er Luftschlsser, eines ber das andere.
    Und keines hnelte denen, welche der Veronika Mang tagsber vor Augen
standen und nachts im Traume erschienen.
    Keines sah aus wie ein Pfarrhof, mit dem gepflegten Garten nach vorne und
den groen Stallungen nach rckwrts.
    Es waren darinnen keine gewlbten Gnge mit Hausaltren, brennenden Ampeln
und heiligen Bildern, keine Zimmer, vor deren Fenstern aus man stndlich in
frommer Beschaulichkeit zur Dorfkirche hinbersehen konnte.
    Sylvesters Luftschlsser waren alle in einem Stile erbaut, lagen in engen
Gassen, und aus den Toren strmte der liebliche Duft von frisch gebranntem
Kaffee.
    Und wer sie betrachtete, der wurde traurig und wieder frhlich im Gemte. So
traurig, da er tagelang schweigend umherging, so frhlich, da er am Morgen
singend die Treppe hinunterschritt und des Mittags singend heraufkam.
    Und da er an gewissen Tagen der Woche mit dem Geigenkasten unter dem Arme
achtlos an Sekretrswitwen vorberstrmte, als htten diese urpltzlich jede
Bedeutung in der Welt verloren.
    Was hat nur grad' der Herr Mang? fragte Frau Rottenfuer.
    Gestern waren seine Augen verweint und heut' hat er wieder g'sungen. Sie
sind doch sein Freund, Herr Schratt. Sagt er denn zu Ihnen auch nix?
    Nein, Frau Sekretr, und ich frchte, er wird mich auch fernerhin nicht ins
Vertrauen ziehen. Er verbirgt sein Leiden.
    Wissen Sie, was ihm fehlt?
    Ich habe eine Vermutung, Frau Rottenfuer. Aber die ist lateinisch und
stammt von einem gewissen Horatius.

Dulce ridentem Lalagen amabo,
Dulce loquentem.

Und dann kam der Tag, an welchem Frau Sophie Sporner, als eine Freundin der
Wirklichkeit, den Bau der Luftschlsser einstellte und den holdseligen Garten
verschlo, so da die Gedanken nicht lnger darin spazieren gehen konnten.
    Und es kam der Abend, an welchem Sylvester mde und abgespannt im Zimmer
seines Freundes sa.
    Schratt klopfte ihm auf die Achsel.
    Sie wollen mir heute etwas erzhlen, nicht wahr?
    Ja.
    Ich kann Ihnen entgegengehen. Sie heit Traudchen und ist die Tochter des
wackeren Michael Sporner.
    Ich wei, da Sie ihn kennen.
    Nicht blo ihn; auch ein Mdel mit lustigen Augen, das sich in der letzten
Zeit sehr fr Musik interessierte.
    Woher wuten Sie, da ...
    Es war nicht schwer zu erraten. Sie wurden in der letzten Zeit so
sangesfreudig und hatten ihre Gedanken immer anderswo, wenn Sie mir die seltene
Ehre schenkten.
    Es kommt Ihnen recht lcherlich vor, Herr Schratt?
    Ein wahres Gefhl ist nicht lcherlich.
    Aber da ich vergessen habe, was ich bin?
    Vorerst sind Sie Student, und Ihre Zukunft liegt noch frei vor Ihnen.
    Ich kann nicht Geistlicher werden.
    Stimmungen sollen da nicht mitreden, Sylvester.
    Es ist nicht deswegen, wie Sie vielleicht meinen. Ich wei schon lange, da
ich mich nicht zwingen kann.
    Wollen Sie einen Rat von mir hren?
    Ja, ich bitt' Sie darum. Ich habe sonst niemand, den ich fragen kann.
    Sie sollen nicht sofort, Hals ber Kopf, Ihr Studium aufgeben. Bleiben Sie
noch dieses Semester dabei! So einfach ist die Sache nicht. Sie werden
Verschiedenes durchzufechten haben.
    Danach frage ich nichts.
    Nicht so schnell! Jedenfalls mssen Sie wissen, was Sie anfangen wollen.
Ich halte Sie fr so vernnftig, da Sie sich keinen Illusionen hingeben, die
auf eine junge Dame abzielen.
    Nein, Herr Schratt. Ich wei, da alles aus ist.
    Der Alte lchelte.
    Das klingt entsagungsvoll. Aber aus oder nicht aus, Sylvester, auf keinen
Fall darf das jetzt eine Rolle spielen. Sie werden nicht in die weite Welt
hinausstrmen, um Ihr krankes Herz zu heilen und so weiter. Sie mssen die
Zukunft nchtern erwgen. Und darum ist frs erste mein Rat, Sie bleiben noch
bis Ostern der candidatus theologiae.
    Mein Entschlu ist aber fest.
    Ich glaube Ihnen das. Trotzdem, folgen Sie mir! Sie haben dann fast vier
Monate zur berlegung, und der Zeitverlust kommt bei Ihrer Jugend nicht in
Betracht. Auerdem sprechen noch andere Grnde dafr. Rcksicht auf die Familie
Sporner. Wenn Sie jetzt Knall und Fall weggehen, bringt jedermann Ihren
Entschlu in einen gewissen Zusammenhang mit Ihrem Verkehr in dem Hause. - Das
sehe ich ein.
    Gut! Da wren wir also in der Hauptsache einig. Alles weitere knnen wir
noch berlegen. Ob Sie ein anderes Studium ergreifen, oder was Sie sonst tun
wollen.
    Darber wei ich gar nichts.
    Heute mssen Sie sich ja nicht entschlieen; aber eines, wenn Sie keine
bestimmte Neigung haben, nur kein Brotstudium! Alles ist besser. Zum Beispiel in
ein Geschft eintreten, in dem Sie gleich tchtig arbeiten mssen.
    Das wre mir auch das Liebste.
    Ich meine aber nicht bei Sporners seligen Erben, Sylvester!

Die beiden saen noch lange zusammen. Sylvester wurde gesprchig, als er ber
seine Verlegenheit weggekommen war.
    Und der Alte lie ihn gewhren. Er gab ihm noch manchen Rat fr die nchste
Zukunft. Als Sylvester sagte, der Gedanke bedrcke ihn, da er unter den
vernderten Umstnden die Hilfe seines Vetters in Anspruch nehmen msse,
erwiderte Schratt, dagegen knne vielleicht Rat geschaffen werden.
    Er habe einen alten Freund mit Namen John White aus Milwaukee, frher Hannes
Wei von Pirmasens. Er lebe in hiesiger Stadt und habe ihm einmal gesagt, da er
fr seinen Enkel einen Hauslehrer suche. Wre die Stelle noch frei, so knne
Sylvester sie erhalten; aber auch sonst wrde sich schon etwas finden. Darum
Kopf hoch! sagte er. Die Sorge wird Sie nicht drcken. Und tut Ihnen die
Erinnerung an glckliche Stunden weh, dann sagen Sie mit unserm Goethe:

Ich trumt' und liebte sonnenklar;
Da ich lebte, ward ich gewahr.


                                Zwlftes Kapitel

Am 6. Dezember kam ein Schreiben des Bezirksamtes zu Handen des frheren
Brgermeisters Kloiber von Erlbach. Es wurde von ihm dem Ausschusse bekannt
gegeben am Tage Maria Empfngnis, am 8. Dezember. Der Schuller war anwesend und
hrte zu, als Herr Stegmller das Schreiben vorlas. Der Wahl des Andreas Vst
wird die Besttigung versagt. Stegmller rusperte sich, als er den Satz
gelesen hatte. Und jetzt kommen die Grnde, sagte er, aber die brauch' ich
nicht vorzulesen, die gehen blo den Schuller an, wenn er sich beschweren will.
    Mi brauchen's net z'hren, meinte der Kloiber, mir hamm uns blo um ds
z' kmmern, da a neue Wahl ang'setzt wer'n mua.
    I will, da's vorg'lesen werd, sagte der Schuller.
    Stegmller sah zu ihm hinber und schttelte abmahnend den Kopf.
    Wirklich, Herr Vst, das is net notwendig, und warum sollen wir's tun?
    Warum? Weil i koa Hoamlichkeit hab'. Der Schuller trat vor; sein Gesicht
war gertet.
    Ds kam so raus, sagte er, als wenn i was zum frchten htt'. I frcht'
ds Papier net, ds Sie in der Hand hamm, Herr Lehrer.
    Das glaub' ich wohl, aber warum soll's jetzt eine Aufregung geben? Warum
soll ich das ffentlich vorlesen?
    Weil i net mit tua bei dem Versteckeng'spiel. Was oaner ber mi woa, soll
er sag'n, aber net verstohlens, wie's bei die Spitzbuab'n der Brauch is. I
ersuach Eahna, lesen S' de Schrift, Herr Lehrer.
    Wenn Sie wollen, sagte Stegmller und sah den Schuller noch einmal fragend
an. - I will's.
    Also dann kommen die Grnde. Die Besttigung wird versagt, hat es geheien:
    Das Bezirksamt findet sich als Aufsichtsbehrde zu dieser Entscheidung aus
mehrfachen Grnden veranlat. Gegen Andreas Vst sind von Seiten des
verstorbenen Pfarrers Held Anklagen erhoben worden, welche schwere Bedenken
gegen ihn wachrufen. Es wird darin behauptet, da Vst seinen gebrechlichen
Vater in abscheuerregender Weise mihandelt habe, und da der Anklger selbst
die Spuren der Verletzungen sah. Wenn nun auch diese Beschuldigungen vor
lngerer Zeit erhoben und nicht bewiesen wurden, haben sie doch erst jngst
Wirkungen hervorgerufen, welche die Aufsichtsbehrde zwingen, der Wahl die
Besttigung zu versagen.
    Das Verhalten verschiedener Gemeindebrger zeigte, da Andreas Vst bei
vielen der Achtung entbehrt, welche eine notwendige Vorbedingung jeder
Vertrauensstellung ist. Zudem besteht die offene Gefahr, da sich hieraus
Streitigkeiten ergeben, welche die Ruhe und die Ordnung in der Gemeinde
empfindlich stren mten. Diese Befrchtung ist um so mehr geboten, als es
bereits zu Beleidigungen und im Verlaufe derselben zu Raufereien gekommen ist,
bei welchen Andreas Vst unzweifelhaft der Angreifer war. Es ist anzunehmen, da
die Besttigung den Anla zu neuen Zwistigkeiten bieten wrde, welche mit dem
Ansehen eines Brgermeisters unvertrglich sind und welche seine Autoritt
erschttern mten. Aus allen diesen Grnden war die Besttigung zu verweigern.
    Stegmller legte das Papier vor sich hin.
    San S' jetzt ferti, und steht nix mehr drin? fragte der Schuller.
    Ich hab' alles vorgelesen.
    Nacha mcht' i no a paar Wort' sag'n ber ds.
    Ja, aber ...
    Du muat jetzt koa Aber net hamm, Kloiber. I frag' enk alle, wia's da
seid's, is oana dabei, der ds glaubt?
    Keiner gab Antwort.
    Wenn oana was Schlecht's g'sehg'n hat von mir, der soll's jetzt sag'n. Vor
meiner, da i's selber hr'. Und da i mi verteidig'n ko.
    Ma hat nia was g'hrt bis auf die letzt' Zeit, wo's den Streit geb'n hat,
sagte der Zwerger.
    Die andern schwiegen und zeigten auffllig, da sie die Sache nichts angehe.
Sie schauten gleichmtig vor sich hin oder sahen zum Fenster hinaus.
    Der Schuller wurde heftiger.
    Also wenn koaner was g'hrt hat, wo is' denn nacha der Abscheu, von dem da
g'schrieb'n steht? Da mat's do bekenna, da ds Schreib'n verlogen is.
    Mir hamm net zum befinden ber ds.
    Sagst du ds, Kloiber?
    Ja, ds sag' i; mir san net berechtigt, da mir da an Urteil abgeb'n, bal's
amal vom Bezirksamt g'schrieben is.
    Siehg'st it, da 's Bezirksamt ang'log'n wor'n is?
    Des sell woa i net.
    Nacha frag, balst nix woat! I hab' Nachbarn g'nua, de d' Ohren aufg'rissen
htt'n, wenn's bei mir was geb'n htt'. Da steht glei der Hamberger! Hast du
g'rad oamal g'hrt, da i mein Vata g'schimpft hab'? Oder hast'n vielleicht gar
jammern g'hrt?
    Der Hamberger drehte verlegen seinen Hut in den Hnden.
    I pass' berhaupt it auf, was bei dir drent' g'redt werd, sagte er. I
misch' mi berhaupts net in ander' Leut' Sach'.
    Du traust dir net lag'n, gel? Und d' Wahrheit magst it sag'n.
    Ds werst du net behaupten kinna, da i was g'redt hab' ber di.
    Aba koa Zeugnis gibst mir aa net! Und woat do recht guat, da d' ma's
geb'n muat, von Rechts wegen.
    I lass' mi von dir zu gar nix zwinga.
    Wer's Maul halt, wo er reden mua, is a Tropf. Und so schlecht wia der
Ehrabschneider.
    Derfst du mi schlecht hoaen?
    Di und de andern.
    Schuller! mahnte der Lehrer.
    Nix! Jetzt red' i. I hab' mir net denkt, da s glei Feuer und Flamm' sei
mat's, wenn mir was g'schiecht. I woa scho, da si a jeder selm um sei' Sach'
kmmern mua. Aba ds is net mei Sach' alloa. Ds geht all'samt was o. s habt's
mi g'whlt. Und jetzt steht's da, und koana sagt a lausig's Wrtl, und jeder
woa, da ma mi blo mit der Lug weg'bracht hat.
    Mir wissen gar nix, sagte der Kloiber, und mir san net Richter ber ds.
    Sch hoamli halt, Kloiber. So oaner bist du.
    I bin so oana, der si net um ds kmmert, was'n net o'geht. Wenn all's
verlog'n is, was in dem Schreib'n steht, hernach wer'st du scho wissen, wo'st
higeh' muat. Und mir lat mei Ruah, da da's woat.
    Er nahm seinen Hut vom Nagel und verlie das Zimmer.
    Der Hamberger folgte ihm mit vier anderen, die sich ohne Gru und Rede
hinausschlichen. Als sie drauen waren, verzog der Schuller den Mund zum Lachen;
aber er brachte es nicht fertig.
    Da schau her! sagte er, es bleiben do no a paar. s werd's Spektakel
kriag'n, wenn's der Pfarrer derfragt.
    Du woat scho, da i auf ds net aufpass', sagte der Zwerger.
    Und hast aa nix g'redt.
    Zu was htt' i red'n sollen? Ds htt' da gar koan Wert it g'habt. Jetzt
muat di du selm rhr'n.
    I rhr' mi scho. Aba bal da Pfarra so wen'g Helfer g'funden htt', wia i,
nacha waar dos Schreib'n net kemma.
    I hab' mi da a net beteiligt, und mir g'fallt's von koan, der mit to hat.
    Herr Vst, wenn Sie eine Beschwerde aufsetzen wollen, die will ich Ihnen
schon schreiben, sagte Stegmller.
    Mit'n Schreib'n is da nix g'macht. I fahr' selm ins Bezirksamt eini.
    Wie Sie meinen, aber ich htt's gern getan.
    I dank' sch, Herr Lehrer.
    Balst ins Bezirksamt eini fahrst, sagte der Zwerger, nacha nimm do den
alt'n Wei Flori mit. Der is guatding zwanz'g Jahr' Kirchenpfleger g'wen beim
Herrn Held. Vielleicht woa er was und kunnt dir was helfen.
    I frag'n amal. Vielleicht mag er gar it.
    Warum denn net? Da is do nix dabei. I gang glei mit dir eini, aber da waar
dir nix g'holfen. Weil i nix woa von dera Sach' und berhaupt net g'schickt bin
fr so was.
    I dank' dir schn fr'n guat'n Willen, Zwerger! Und jetzt pfat Good und
schaug, da der Pfarrer net inne werd, da d' ma'r an Rat geb'n hast.

Den andern Morgen spannte der Schuller seinen Braunen ein und fuhr in langsamem
Trab durch Erlbach.
    Es war noch dunkel.
    In den Stllen brannten berall Lichter; man hrte die Pferde aufstampfen
und die Kinnketten klirren.
    Es is scho Fuatterzeit, sagte der Schuller vor sich hin. Beim letzten
Hause hielt er an. Aus dem Dunkel heraus trat ein Mann und grte.
    Guat Morg'n, Schuller!
    Gut Morg'n, Flori! Sitz auf!
    Es war der alte Florian Wei, dem frher das Metzanwesen gehrte. Im Herbst
hatte er es seinem Schwiegersohn bergeben, und jetzt lebte er im Austrag. Er
stand in den Sechzigern, war aber noch frisch und gesund und stieg wie ein
Junger auf den Wagen. H! sagte der Schuller, und der Braune zog an.
    Schnell laufen konnte er nicht; die Strae war aufgeweicht, und die Rder
machten tiefe Geleise.
    Auf den Feldern lag frischer Schnee: so einer, der nicht bleibt, den der
Wind in einem Vormittag frit. Da und dort bewegte sich etwas Dunkles ber die
weie Flche.
    Kirchenleut', sagte Wei, de genga ins Engelamt.
    Der Schuller nickte und zog die Zgel an.
    A schlecht's Fahr'n heut'.
    Ja.
    Von Webling herber hrte man luten.
    Mir kriag'n Tauwetta, sagte Wei, weil ma de Glock'n so nah' hrt. Mir
hamm an Bergwind.
    Es hat heuer z'fruah g'schneit, antwortete der Schuller, da bedeut' der
ganz' Winter nix.
    Is schad'. De alt' Regel hoat: Dezember kalt mit Schnee, gibt Korn auf
jeder Hh'.
    Ja, ja.
    Sie schwiegen wieder.
    Allmhlich wurde es Tag. Im Westen zeigten sich lange, blarote Streifen am
Himmel. Wei deutete hin und sagte: Auweh, heut' regn't's no.
    Als sie den Neuriederberg hinauffuhren und der Gaul in langsamem Schritt
ging, drehte sich der Schuller zu seinem Nachbar hinber.
    Du woat, Flori, was i z' Nubach fr a G'schft hab'?
    Ja; du willst ins Bezirksamt. Weg'n deiner G'schicht'.
    Der Zwerger moant, du kunnt'st ma was helfen.
    Er hat's aa zu mir g'sagt. Aber i ko dir it helfen, Schuller.
    Warum it?
    Neamd ko dir helfen. Ds derfst ma glaub'n.
    Moanst du, da da Held ds wirkli g'schriebn hat?
    Da moan i gar nix. Ds is aa ganz wurscht: verspiel'n tuast allaweil.
    Wenn i's aba nachweis'n ko!
    Geh, Schuller, g'hrst du aa no zu dena, de wo glaab'n, da ma 'r a Recht
kriag'n ko geg'n de Beamt'n oder geg'n de Geistlichkeit? Du bist halt no jung,
balst amal so alt bist, wia 'r i, nacha verlierst den Glaub'n.
    I gib it nach, Flori.
    I - ja; du gibst scho nach, weilst nachgeb'n muat.
    Hast du was g'hrt unter der Hand?
    Von deiner Sach'? Na. Net mehra, als was halt so verzhlt werd'. Aba da
brauch' i gar nix z'wissen.
    I vasteh' di net. Sag halt, was d' moanst.
    Ds will i dir scho sag'n. Siehg'st, i hab' a Bachl dahoam;
    ds hat mir der alt' Gumposch von Webling geb'n. In dem Bachl steht alles
drin, haarscharf, wia ma's de Bauermenschen macht, und wia ma's eahna allawei
g'macht hat. De meisten Leut' wissen ds ja gar net und lassen si recht dumm
o'lag'n. Aber i woa 's, Schuller; weil i oft in dem Bachl les', und weil i
mir alles g'nau merk'.
    Es is do net bei a jed'n gleich, Flori; auf an jed'n pat net des
nmliche.
    Freili is net bei an jed'n gleich, dem oan fehlt ds, dem andern fehlt was
ander's, aba bei an jed'n geht's auf das nmliche 'naus. Da er verspielt is,
vor er o'fangt. De Geischtlichkeit und der Adel und de Beamten, de helfan
z'samm', so lang' d' Welt steht. I hab's frher aa net so verstanden, aber jetzt
is mir a Liacht aufganga. Du derfst ma's glaab'n, Schuller.
    I ko mit dir net streit'n; i kimm net viel zum Lesen.
    I hab' aa z'erst nix kennt. Frherzeiten bin i oft in d' Stadt einikemma,
und da hab' i mir allaweil denkt, wo s' no g'rad 's Geld hernehma! Oan Hausstock
nach dem andern hamm s' baut, oan schner wia den andern, und de Lden, und de
Wirtshuser, und Waglross'! Ja, mei liaba Mensch, g'rad nobl halt! I hab' d'
Aug'n aufg'rissen und bin ganz hintersinnig wor'n. Wo ds Geld allssamt
herkimmt! Selbig'smal hon i mir denkt, vielleicht g'winnen s'as in der Lotterie,
oder finden s' ds Geld unterirdisch. Aber jetzt woa i's recht guat. Von ins
hamm s'as; von de Bauernmenschen.
    Flori, des kunnt net viel sei! Garaus heut', wo's allaweil schlechter
geht.
    Ds is ja g'rad! Desweg'n geht's bei ins schlechta, weil s' ins ds meist
g'numma hamm. Du muat it so rechna, von de paar Erlbacher oder Weblinger. Ds
waar freili net viel. Aber im ganzen Bayernland, da macht's was aus.
    Vielleicht hast recht, abar vasteh' tua i di net.
    I leich dir amal ds Bachl, da steht's g'nau drin.
    Und was hat ds mit meiner Sach' z'toa?
    G'rad g'nua hat's z'toa damit. Du siehg'st as blo net. Pa auf, Schuller!
Mir Bauern san do de mehrern, weitaus. Wia kunnten denn de andern oben auf
kemma, wenn s' net so z'samm'halten taten? Verstehst'? Ds wissen de recht guat,
und deswegen helfen s' anander und lassen uns koa Recht. De Beamten helfen der
Geischtlichkeit, de Geischtlichkeit helft an Adel. Und alle mitanander verteilen
s' ds Geld. De san z'samm'g'schworen. Was willst jetzt du macha, alloa gegen de
Geischtlichkeit? Dir hilft koana. Von de Bauern net, weil de z'dumm san, da s'
z'samm'halt'n, und da Bezirksamtmann derf dir net helfen. Net amal, wann er
mcht. Ds is eahm verbot'n, vom Minischteri aus, oder no von an Hchern.
    Oans is g'wi wahr, Flori, da d'Bauern net z'samm'halt'n. Du htt'st
gestern dabei sei massen!
    I woa a so.
    Jeder hat tracht', da no blo er net nei'kimmt in de Sach'. Des werd a net
anderst, bis net da Bauernbund mehrer Boden kriagt.
    O mei, da hr ma auf! Ds geht mit'n Bauernbund, wia's no allawei ganga is.
Denk an mi, bal an etla Jahrl vorbei san. Z'erscht tean s' aso, als wenn s'
lauter Brder waar'n, und nacha kemman de andern, verstehst, mit'n Geld und
schmieren de schrfern ab und bringen an Unfrieden nei, und gar is.
    So schlecht denk' i net davo.
    Wart's ab! Du erlebst as leicht, Schuller. Mit'n Geld ko ma alles macha;
wer's Geld hat, regiert de ganz' Welt. Is ja scho alles dag'wesen. De Bauern
hamm sie scho fter g'rhrt, net g'rad jetzt. Aba sie san verrat'n wor'n, und
hamm verspielt. De Radelfhrer hat ma kpft und g'hngt und vabrennt nach de
Hundert, und de, wo mit'n Leben davo kemma san, hamm wieder brav zahl'n ma'n.
I glaab nix; de andern halten z'samm' und hamm's Geld.
    D lernt der Bauer vielleicht aa mit der Zeit, da ma z'samm'steh' mua.
    Na, Schuller, ds lernt er nia. Weil oaner dem andern net traut. Je nher,
da' s' bei'nander san, desto weniger mgen s' anand. Der Bauer glaabt oan, der
a Stund weit weg wohnt, mehra wia sein Nachbarn. Da liegt da Hund begrab'n.
    Wenn ma'r a so denkt, nacha derf ma gar koa Hoffnung nimma hamm.
    I hab' aa koane. Und du verlernst as aa no. Pa no auf, wia's mit deiner
G'schicht geht!
    I mua mei Recht finden.
    Du werst as ja sehg'n. Halt! Da massen mir an Pflasterzoll zahl'n.
    Brr!
    Der Wagen hielt.
    Sie waren am Nubacher Berge angelangt; aus dem kleinen Hause neben der
Strae hinkte eine alte Frau heraus, die einen roten Zettel in der Hand hielt.
    I hob' mir scho denkt, du fahrst vorbei.
    Da htt'st dei Zehnerl verspielt, sagte Wei.
    Na, na; i htt' enk scho kennt. Der Schuller von Erlbach, gel?
    Ja.
    Da htt's koa G'fahr it g'habt.
    Sie reichte den Zettel hinauf und nahm ein Nickelstck in Empfang.
    Guat Morg'n!
    Der Braune zog an und ging im guten Schritt den Berg hinauf. Er wute, da
Stall und Hafer in der Nhe waren.
    Die Nubacher Brgersfrauen kamen aus der Kirche. Die jungen hpften
zierlich ber die Schmutzlachen, die alten traten unbesorgt hinein, denn sie
hatten groe Filzstiefel an den Fen. Die Mnner blieben stehen und
betrachteten den Gaul, welchen Schuller mit leichtem Schnalzen antrieb.
    Der Metzgermeister Eichinger stellte sich unter die Ladentre und sagte: Es
ist der Brundl vom Hupfauer, den er vor zwoa Jahr verkaaft hat nach Webling
oder Erlbach. I kenn' an genau.
    Beim Unterbru hielt der Schuller.

Her-ein!
    Otteneder wandte sich um und blickte auf die zwei Bauern, welche eintraten.
    Der jngere, hochgewachsene Mann kam ihm bekannt vor;
    er hatte das scharfgeschnittene Gesicht schon irgendwo gesehen.
    Wer sind Sie? Was wollen Sie?
    I bin der Schuller von Erlbach. Andreas Vst schreib' i mi.
    Ach, richtig! Der zum Brgermeister gewhlt war?
    Ja. Wo Sie ds Schreiben 'nausg'schickt hamm.
    Mhm! Sie kommen vermutlich wegen der Sache?
    Desweg'n bin i da.
    So, so. Warten Sie einen Augenblick!
    Der Bezirksamtmann stand auf und zog die Klingel.
    Der Amtsdiener trat ein.
    Gehen Sie zum Herrn Offizianten hinber. Er soll Ihnen den Akt geben:
Gemeindewahl in Erlbach.
    Jawohl, Herr Bezirksamtmann.
    Otteneder setzte sich wieder und schlug das rechte Bein ber das linke.
    Er nahm ein Lineal vom Tische und spielte nachlssig damit.
    Sie wollen sich beschweren?
    Z'erscht kimm i zu Eahna selm, Herr Bezirksamtmann.
    Schn. Aber wer is denn Ihr Begleiter?
    Ds is der Florian Wei von Erlbach; frherszeit war er der Metzbauer,
jetzt lebt er im Austrag.
    Hat er mit der Sache was zu tun?
    Eigentli hab' i mit der Sach' selm nix z'toa, sagte Wei. Da Schuller hat
mi g'rad mitg'numma, weil i Kirchapfleger g'wen bi und an Pfarra Held guat kennt
hab'.
    Das ist doch nicht von Belang! Ich denke, Vst, bei dieser Unterredung
haben wir besser keinen Zeugen. In Ihrem Interesse. - Herr Bezirksamtmann, is
ds verbot'n im G'setz, da da Wei dableibt?
    Nein; fr so etwas gibt es kein Gesetz. Aber es ist unntig und vielleicht
auch fr Sie unangenehm.
    Wenn's net verboten is, nacha lassen S' an Wei da! Was i sag', derf a
jeder hr'n.
    Gut, meinetwegen. Haben Sie den Akt, Mayerhofer?
    Der Amtsdiener berreichte Otteneder ein blaues Heft.
    Dieser las die Aufschrift.
    Betreff Gemeindewahlen in Erlbach. Stimmt. Sie knnen gehen, und wenn
jemand kommt, soll er warten. Ich will nicht gestrt werden.
    Otteneder legte das Heft vor sich hin und schlug es auf.
    Also, Vst, Sie sind am 18. November zum Brgermeister gewhlt worden. Mit
neun Stimmen Mehrheit. Die Wahl ist ordnungsgem verlaufen. Das stimmt?
    Ja, Herr Bezirksamtmann.
    Dann gehen wir weiter. Sie wissen, da jede Gemeindewahl von dem
zustndigen Bezirksamte besttigt werden mu. Die Ihrige also von mir. Die Wahl
ist erst gltig, wenn ich als Vertreter der Aufsichtsbehrde die Genehmigung
erteile.
    Ds is alles so eing'richt, sagte Wei.
    Was ist eingerichtet?
    I moan blo, weil i an Schuller scho ds nmliche ausdeutscht hab' beim
Einafahr'n.
    So? Das is ja anerkennenswert, wenn Sie Bescheid wissen, aber unterbrechen
Sie mich nicht!
    Also die Gltigkeit hngt von der Besttigung ab. Es ist wohl nicht
notwendig, da ich Ihnen ausfhrlich erklre, warum die Staatsregierung sich
dieses Recht gesetzlich vorbehalten hat?
    Mir wissen's recht guat, sagte Wei.
    Das bezweifle ich. brigens habe ich es nicht mit Ihnen zu tun, sondern mit
dem Vst. Wnschen Sie eine Rechtsbelehrung? Ich verweigere sie grundstzlich
nie.
    Na, Herr Bezirksamtmann, i will ganz was anders wissen.
    Darauf kommen wir gleich. Mein Recht, einer Wahl die Besttigung zu
versagen, ist durch das Gesetz festgelegt. Und ich habe in Ihrem Falle von
diesem Rechte Gebrauch gemacht.
    Warum, Herr Bezirksamtmann?
    Das ist in meinem Beschlusse ausfhrlich begrndet. Ich will es Ihnen
vorlesen, wenn Sie darauf bestehen.
    I dank' sch. Ds hat gestern scho inser Lehrer to.
    Schn. Dann kann ich mich darauf beschrnken, auf diese Grnde hinzuweisen.
Kurz und gut, Vst, ich habe aus den Ihnen bekannten Tatsachen die berzeugung
gewonnen, da Sie sich fr diese Ehrenstelle nicht eignen.
    Also, da i a Lump bin.
    Wir wollen keinen solchen Ausdruck whlen. Das fhrt zu nichts.
    Derf i jetzt reden?
    O ja.
    Sie hamm g'sagt, kurz und guat, Herr Bezirksamtmann. Ds is aber net guat,
und ds derf net kurz sei, wenn ma'r an Menschen sei Ehr' nimmt. Sie hamm
g'sagt, wegen de bekannten Tatsachen halten Sie mi net fr den richtigen Mann.
De Tatsachen san aber net bekannt; net amal mir. Weil's berhaupts koane
Tatsachen net san, sondern auf und auf nix als wia miserable Lugen und
Verleumdungen.
    Einen Augenblick, Vst! Ich habe nichts dagegen, Sie anzuhren, aber Sie
drfen nicht in diesem Tone reden.
    Vielleicht hamm Sie schnere Wrter, als wia'r i. I bin blo a Bauer. Aber
was taten Sie dazua sag'n, wenn auf amal ber Eahna was g'sagt wurd', was recht
Gemein's? So was Gemein's, wo Sie glei merken, es is a so herg'richt, da's
Eahna recht schad'n soll? Und Sie wissen, net oa Silben is wahr, taten Sie net
aa reden von aa Lug? Oder was gibt's da fr an andern Nam'?
    Ich wrde mich nicht auf Schimpfen verlegen, sondern mit Ruhe und Anstand
das Unrecht nachweisen.
    Entschuldigen S' halt! Und erlauben S' de Frag', Herr Bezirksamtmann, was
hat Eahna zu der berzeugung bracht, da i z'schlecht bin, oder net geeignet,
wia Sie sag'n?
    Zunchst der Umstand, da Sie rgernis gegeben haben, durch die Mihandlung
Ihres Vaters.
    Und woher wissen Sie den Umstand?
    Das ist Ihnen doch bekannt! Warum fragen Sie mich? Aus der Aufschreibung
Ihres verstorbenen Pfarrers.
    Vom lebendigen Pfarrer Held htten S' des kaam g'hrt. An de Aufschreibung
glaab i net, Herr Bezirksamtmann.
    Wie knnen Sie das sagen?
    Weil i an Herrn Held kennt hab'. Ob de Aufschreibung wahr is, ds mua i do
wissen! I mua do wissen, ob i mein Vater mihandelt hab' oder net!
    Allerdings.
    Ja, allerdings. Und weil i woa, da's net wahr is, kann i sag'n, ds hat
der Herr Held net g'schrieb'n. Der war koa Lump.
    Noch einmal, Vst, fhren Sie Ihre Sache mit Ruhe, oder ich breche diese
Unterredung ab!
    Ja so! I bin scho wieder grob g'wen. Vielleicht hat's der Zorn g'macht, da
ma den Mann no als a Toter in de Sach' da rei'ziagt.
    Wer zieht ihn herein? Es handelt sich um seine eigene Aufschreibung.
    Und i glaab's net. Na, wern S' net ungeduldig, Herr Bezirksamtmann! Sie
hamm an Herrn Held vielleicht a paarmal g'sehg'n, vielleicht aa gar net. Mir hat
er von kloan auf Religionsunterricht geb'n, hat mi in der Christenlehr' g'habt.
Er hat mi und mel Burin kopuliert, is auf meiner Hochzeit als ehrengeachteter
Gast g'wen, und hat meine Kinder aus da Tauf' g'hob'n. Wo i mit eahm
z'samm'troffen bin, is er freundli g'wen zu mir, hat mi trst, wenn i's braucht
hab', und hat mir an Rat geb'n. Er hat mi g'lobt, alloa und vor Zeugen, weil er
recht guat g'wut hat, da i mi rechtschaffen hab' plag'n massen. Und ds is
allawei gleich g'wen, es hat nia aufg'hrt; no vierzehn Tag' vor sein Tod is er
bei mir g'wen, in mein Haus. Und jetzt mat i glaab'n der Mann htt' a
Verleumdung ber mi g'schrieben. Was waar denn ds?
    Darber kann ich nicht urteilen; ich wei das alles nicht.
    Was ma net selber woa, ko ma derfrag'n. Da is der Wei, der mir ds
besttig'n mua.
    Was soll er besttigen?
    Wia der Herr Held geg'n mi g'wen is.
    Das kommt jetzt nicht ...
    Wei unterbrach die von Gott gesetzte Obrigkeit mitten im Satze. Er hielt es
fr angezeigt, endlich ein richtiges Wort zu sagen.
    Nicht schnurgerade wie der Schuller, sondern so, wie es einem Manne ansteht,
der das heimliche Getriebe durchschaut und sich grndliche Kenntnisse verschafft
hat. Er stellte den rechten Fu vor und blinzelte schlau. Seine Augen sagten dem
Bezirksamtmann, da sie zwei sich wohl verstnden, wenn sie auch nicht deutlich
redeten.
    Indem da Schuller behaupt', sagte er, da i an Herrn Held g'nau kennt
hab', so is also ds durchaus richtig. Indem i zwanz'g Jahr' lang Kirchapfleger
war und oft ei'kehrt hab' im Pfarrhof, und weil i berhaupts a so bin, da i mir
d' Leut' g'nau o'schaug. Also da mua i meine Meinung dahin abgeb'n, da mir da
Herr Held ganz wohl g'fallen hat. Wenigstens nach dem, was er merken hat lassen.
Natrli, die Geischtlichkeit und der Adel, ds woa ma recht guat, hamm no a
b'sonderne Sach', de wo sie net aufweisen derfen. Da hat mi der Herr Held aa net
einischaug'n lassen. Es werd halt a Geheimnis sei, auf ds sie z'samm'g'schworen
san, und ds wo der Bauernmensch net wissen derf. Da Herr Bezirksamtmann
versteht mi scho.
    Ich verstehe Sie gar nicht. - Net?
    Wei lchelte, als wollte er sagen: Tu nur so! Du hast ganz recht, da du
nicht einem jeden deine Karten zeigst.
    Net? No i hab' blo g'moant. Es gibt so Bacher, in dena ds alles
offenbarig g'macht is, und hie und da derwischt unser oana so a Bachl. Aber was
ds betrifft, von Herrn Held, so mua i sag'n, sinscht hat er mir net bel
g'fallen.
    Der Schuller drehte sich nach ihm um.
    Du sollst sag'n, ob des mgli is, da er so was geg'n meiner g'schrieb'n
hat.
    Bal ma's a so betracht, ko ma's net glaab'n, indem da Herr Held allawei
guat vo dir g'redt hat und indem er zu mir g'sagt hat, da liabste Kirchapfleger
waarst eahm du, bal i amal z'alt wurd. So mgst it moan, da er ber di was
g'schrieben htt'; es mat g'rad sei, da eahm ds befohlen g'wesen war. Von
ob'n, verstehst.
    Hren Sie doch einmal auf mit solchem Zeug! Wer soll denn so etwas
befehlen?
    Otteneder wurde ungeduldig. Die schlichte Rede des Schullerbauern hatte ihn
nachdenklich gestimmt. Er konnte sich dem Eindruck nicht entziehen, da Wahrheit
in diesen Worten lag. Aber der Eindruck verflog, als Florian Wei zu sprechen
anhob.
    Da stand der richtige Vertreter dieser hinterlistigen Rasse vor ihm, welche
berall versteckten Widerstand leistete. Er verstand nicht alles, was er mit
seinen Anspielungen sagen wollte. Vermutlich einiges von den dummdreisten
Behauptungen, mit denen jetzt gegen die Obrigkeit gehetzt wurde.
    Nein, der Kerl verdarb alles! Franz Otteneder war nicht bsartig. Es lag ihm
ferne, einem Menschen mit berlegung Unrecht zuzufgen. Er htte den Gedanken
mit Entrstung zurckgewiesen, und wo sein Verstand nicht durch Vorurteile
beeinflut war, konnte er das Recht wohl finden.
    In seiner beruflichen Stellung nicht. Hier hrte nicht seine anstndige
Gesinnung auf, aber der klare Blick. Er prfte seine Handlungen auf ihre
Ntzlichkeit hin; eine Ntzlichkeit, die er sich selbst zurechtgelegt hatte mit
farblosen Begriffen vom Leben und der herkmmlichen Anschauung von ffentlicher
Wohlfahrt, Staatszweck, Untertanenpflicht.
    Da war nun dieser Fall Andreas Vst kontra Pfarrer Bausttter, also kontra
Kirche, Obrigkeit, Staat. Von vornherein der einzelne im Kampfe gegen notwendige
und ntzliche Institutionen. Es htten zwingende Grnde sein mssen, die
Otteneder htten veranlassen knnen, bei einem solchen Zwiespalte die Sache des
einzelnen mit Wohlwollen anzusehen. Ohne Wohlwollen aber ist Verstndnis nicht
mglich. Von diesem fhrte ihn sein Mitrauen weit ab. Er sah nicht das Unrecht,
und nicht die Tragweite seines Vorgehens. Er suchte bei einem Bauern weder
Ehrliebe noch Zartgefhl.
    Wie so viele Menschen, die in den engen Gassen der Stdte aufgewachsen sind
und einen gewissen Bildungsstolz als Erbteil mitbekommen haben, war er geneigt,
die buerliche Art fr roh und jeder Empfindung bar zu halten. Eine Bildung,
welche ihre Vollendung darin sucht, natrliche Gefhle zu verbergen, fhlt sich
recht erhaben ber das formenfremde Wesen der Bauern. Sie kommt auf seltsamen
Umwegen dazu, einem ganzen Stande tiefere Empfindung abzusprechen, weil er
inhaltlose Formen nicht kennt.
    Und weil er in solchen Anschauungen befangen war, schlug Otteneder sein
Vorgehen gegen den Schuller gering an.
    Er htte sich vielleicht schwer entschlossen, in anderen Verhltnissen das
gleiche zu tun, den Angehrigen eines anderen Standes so blozustellen. Hier
erschien es ihm nicht als groe Hrte, weil er berzeugt war, da der Erlbacher
Brgermeister nur Zorn ber die getuschte Hoffnung empfinden werde. Das wog
nicht schwer gegen die Bedenken, welche ihm eine Stellungnahme gegen den Pfarrer
erregen mute. Und seine Erziehung zwang ihn geradezu, den Angaben einer
Autoritt ohne Prfung Glauben zu schenken, wenn ihnen nichts anderes
gegenberstand als die Behauptung des Beschuldigten. Einen Augenblick verlie
ihn seine Sicherheit. Er gewann sie wieder, als Florian Wei seine Rede anhob.
Und nun beging er einen Fehler, in den alle verfallen, welche sich nicht gerne
ihr Unrecht eingestehen. Er versteifte sich darauf und wollte es damit vor
seinem eigenen Gewissen als Recht erscheinen lassen.
    Wer kann so etwas befehlen? fuhr er den Alten unwirsch an. Das sind
Verdchtigungen, die Ihr jetzt aus dummen Zeitungsartikeln herauslest.
    Er wandte sich an den Schuller. Haben Sie Ihren Landsmann deswegen
mitgenommen, da er solches Zeug daher redet?
    Na. I hab' g'moant, er kunnt mir an Zeug'n macha.
    Wei schwieg. Der Bezirksamtmann hatte ihn schon verstanden; jawohl, sonst
wr' er nicht zornig geworden. Der Schuller freilich wute nichts davon; der
glaubte immer noch, er knne mit seinem Streiten was ausrichten. Er sah nicht,
da er verspielt war, noch vor er anfing.
    Jetzt redete er schon wieder.
    I sag's no amal, Herr Bezirksamtsmann, i glaab net an ds Schreiben.
    Otteneder richtete sich auf.
    Eigentlich, Vst, ist Ihr Zweifel eine Anklage. Und zwar eine sehr schwere.
Nehmen Sie sich in acht mit Behauptungen, die Sie nicht beweisen knnen.
    I hab' in dera Sach' koa Wort g'sagt, fr ds i net ei'steh'. In acht nehma
massen si de Leut', de g'logen hamm.
    Beschuldigen Sie jemand?
    Ds mua si erst aufweisen. I hab' an Herrn Pfarra Bausttter auf da Stell
ersuacht, da er mir den Zett'l zoagt. Er hat's net to, aber an Hierangl hat
er'n lesen lassen. Zu mir hat er g'sagt, i wer's am Bezirksamt derfrag'n. Und
jetzt frag' i Eahna, ob i den Zettel seh'gn derf.
    Warum nicht?
    Otteneder bltterte in dem Akte.
    Drei, vier, Folium fnf. Abschrift der von Pfarrer Bausttter bergebenen
Urkunde. Ja, richtig! Das Original liegt nicht hier, es ist dem Herrn Pfarrer
wieder zurckgestellt worden.
    Was is z'ruckgeben wor'n?
    Das Original, der Zettel, welchen Herr Held geschrieben hat.
    Den hamm Sie net? Den hat inser Pfarrer?
    Ja.
    Jetzt woa i net, was i da denken soll.
    Die Abschrift ist beglaubigt, Vst.
    Der Pfarra sagt, Sie zoag'n an mir, und Sie sag'n, der Pfarra hat'n. Ds
kimmt mir ja schier so vor, als wann i zum Narr'n g'halten wurd'.
    Siehg'st as, Schuller? Was hab' i g'sagt? schrie Wei.
    Der Schuller hatte sich zur Ruhe gezwungen; jetzt hielt er sich nicht mehr.
    Ds is ja an aufg'legter Schwindel!
    Das sagen Sie nicht noch einmal!
    Oamal net, hundertmal! Hergottsakrament, bin i a Lausbua, den a jeder zum
Hanswurscht'n macht? Der Pfaff' lacht mir ins G'sicht! Geh nei ins Bezirksamt,
werst scho sehg'n, ob's dir was hilft! Der grt' Lump werd net verdammt, vor
ma'r eahm net an Beweis unter d' Aug'n halt. I scho; mit mir geht ma'r um, wia
ma mag.
    Vst, jetzt ist die Sache fr mich erledigt. Sie knnen Beschwerde
einlegen, ich fr meine Person verhandle nicht mehr darber.
    Is s' erledigt, de Sach'? Lang' hamm S' net dazua braucht.
    Das berlassen Sie mir!
    Freili, mi geht's ja nix o! I mua mi kuschen und 's Maul halt'n. De Leut',
de wo mi oan Tag fr den ander'n sehg'n, hamm mi zum Brgermoasta g'macht. Sie
wissen gar nix von mir und schmeien mi weg wia 'r an Haderlump, Sie verbiat'n
de Leut', da an Achtung vor mir hamm. Und i mua ds Eahna berlassen.
    Ich wiederhole, da Sie sich beschweren knnen.
    Ja, i hab's Recht, da i mi beschwer'. Und da sag'n d' Leut', da 's koa
Recht nimma gibt! Ich hab' mi bei Eahna ber'n Pfarrer beschweren derfen, und i
derf mi ber Eahna beschwer'n bei oan, der no hher is. Dersell werd nacha aa
ds blaue Heft da auf'm Tisch hamm und werd drin umananda blatt'ln und werd
d'Achsel zucken und werd mi auischmeien. Is aa ganz recht! Was is denn
unseroana? Nix!
    Ich glaube, da Sie sich nicht beklagen knnen; ich habe Sie lange genug
angehrt.
    Was hamm Sie ang'hrt vo mir? Bin i g'fragt wor'n, wia da Pfaff' da herin
g'standen is und hat oa Lug auf de ander daherbracht? San meine Leut' g'fragt
wor'n? Meine Nachbarn? G'rad oa Mensch, der mi kennt? Mei Vater is tot, da Herr
Held is tot, da war's lag'n net schwaar, und Sie hamm's eahm no leichter
g'macht. Er derf sei Bosheit ausab'n, so viel 's 'n freut. Schaug, wo'st dei
Recht find'st, wenn's koans gibt!
    Otteneder knpfte den Rock zu.
    Ich habe keine Zeit mehr, Vst, guten Tag!
    Da strich sich der Schuller die Haare aus der Stirne.
    De Sach' is erledigt. Net wahr?
    Und er ging ohne Gru mit dem Florian Wei hinaus.
    Der Bezirksamtman faltete die Hnde auf dem Rcken und blieb nachdenklich
mitten im Zimmer stehen. Dann ging er an den Schreibtisch und las mechanisch das
Blatt, welches zu oberst in dem Akte lag.
    Folium zwei. Beschwerde des Pfarrers Jakob Bausttter gegen die Wahl des
Brgermeisters. Ich versichere pflichtgem, da Andreas Vst ein
gewaltttiger, roher Mensch ist, welcher durch seine Reden und Handlungen jede
Autoritt bedroht.
    Hm, sagte Otteneder, den Eindruck hat er eigentlich nicht auf mich
gemacht. Aber der Pfarrer mu es besser wissen.

Hast it g'spannt, wia's an Bezirksamtmann g'rissen hat, wia 'r i eahm ds
g'sagt hab' von mein' Bachl? Der kennt's und hat's scho g'lesen. Ds derfst
g'wi glaab'n.
    Wei blieb auf der Treppe stehen und wollte dem Schuller klarmachen, wie
fein die Fden in dem heimlichen Gewebe gesponnen seien. Aber der Schuller war
kein aufmerksamer Zuhrer.
    La guat sei! sagte er. I bin it zum Reden aufg'legt.
    Beim Unterbru trank er hastig eine Halbe Bier und rhrte kein Essen an. Er
drngte zur Heimfahrt. Und dann sa er schweigend auf dem Wagen und achtete
nicht auf den Gaul und nicht auf den Florian Wei. Es regnete heftig.
    Da wurde auch dem Brundl trbselig zumute; er zottelte einen schlechten
Trab dahin, und wenn ein Berg kam, schlich er langsam hinauf und nickte traurig
mit dem Kopfe.
    Sie waren allein auf der Strae. Kein Fuhrwerk kam ihnen entgegen, und
keines holte sie ein. Weit und breit war nichts Lebendiges. Oder nur Raben, die
schwermtig auf den Bumen am Wegrande saen und die Federn strubten. Zuweilen
flog einer auf und schimpfte ber die Strung. So mochte der Schuller eine
Stunde gefahren sein. Immer beschftigt mit seinen zornigen Gedanken. Und
pltzlich sagte er zu seinem Nachbar:
    Du hoscht so g'spai daher g'redt im Bezirksamt. Glaabst du wirkli, da da
Pfarrer Held ds g'schrieben hamm kunnt?
    Warum it? antwortete Wei. Bals eahm o'g'schafft worn is?
    Wer htt' eahm denn was o'schaffen soll'n? Selbig'smal hat do neamd was
geg'n mi g'habt?
    Du ko'st scho lang' schwarz sei und woat nix davo. Es gibt so Bacha, wo a
jeder nei g'schrieb'n werd, dem ma'r it traut.
    Ds san so G'schichten, Flori.
    O mei, Schuller! Dir geht scho a no amal a Liacht auf! Was hab' i dir denn
g'sagt, wia ma einag'fahr'n san? Weil du allawei glaabt hoscht, du ko'st um dei
Recht streit'n. Ds werst du g'spannt hamm, wia de alle mitanand z'samm'spielen.
Und da Held werd aa koan Ausnahm' g'macht hamm. Weil er net derfen hat. Ds is
amal g'wi und wahr.
    Der Schuller gab keine Antwort.
    Und der Brundl zog grimmig an; denn er hatte einen scharfen Hieb auf seinen
breiten Rcken versprt.

                              Dreizehntes Kapitel


Aber whrend sich jetzt in Erlbach das Unrecht ausbreitete wie die Kleeseide auf
dem Felde, ging man anderwrts daran, Wucherblumen und Kletten und anderes
Unkraut zu entfernen, damit das Recht ein freieres Wachstum haben sollte.
    ber Nacht war Nubach ein Ort geworden, dem man Beachtung schenkte; ein
Ort, in welchem Ereignisse vorfielen, so bemerkenswert, da alle Zeitungen
darber schrieben. Die einen ausfhrlich, die anderen sehr kurz. Aber kein Blatt
berging sie vllig. Denn sie standen im Zeichen der hohen Politik. Waren
Symptome beginnender Aufklrung oder Symptome der umsichgreifenden
Zuchtlosigkeit. Je nachdem man sie betrachtete.
    Schchel, Wimmer, Prantl. Wer kannte diese Namen? Waren sie je in Gegenden
gedrungen, wo keine Nubacher Wegzeiger standen? Kannte sie jemand auer den
wenigen Menschen, welche zu Nubach Kaisermehl kauften oder sich neue Abstze an
die Stiefel schlagen lieen? Und jetzt las man berall, da sich eine politische
Bewegung zeige unter der Leitung eines gewissen Wimmer und eines gewissen
Prantl. Des Jakobos Prantl, welcher sich seines Ruhmes erfreute; der auch bei
khler Witterung lange Stunden auf dem Marktplatze stand und die Augenbrauen so
finster zusammenzog, als wolle er hier, just auf dem Flecke zwischen dem
Sternbru und dem Melber-Wimmerhause die neue Weltordnung aufrichten. Viele
betrachteten ihn scheu und mit einem gewissen Grauen. Denn etwas Unheimliches
haftet allen Menschen an, welche an den Grundfesten des Staates rtteln.
    In die Scheu mischte sich Ehrerbietung vor dem Manne, dessen Name in den
Zeitungen stand und der solchergestalt ber das bescheidene Ma eines Nubacher
Brgers hinausragte. Und die Gestalt des grimmigen Schusters erinnerte die
Nubacher an den Lrm, mit dem die Welt angefllt war, der nun auch in ihre
stillen Behausungen drang.
    Der Vater trug ihn mit, wenn er vom Abendtrunke heimkam; die Frauen brachten
ihn aus den Lden, und wchentlich dreimal hallte das brgerliche Zimmer wider
von Geschrei, wenn sich zwei Weltanschauungen im Wochenblatte und im Anzeiger
gegenbertraten. Und das war seit der Vorbesprechung, welche die neuen
Bauernbndler am 16. Dezember abhielten. Oder, um es genauer zu bestimmen, seit
der Woche, welche diesem Ereignisse vorausging. Denn es wurde angekndigt und
gepriesen, es wurde verlacht und verurteilt, schon vor es stattfand.
    Nie vorher hatte der Setzer des Herrn Adolf Schchel so groe Buchstaben in
den Winkelhaken gesteckt als zu dieser Zeit. Es waren Buchstaben, welche der
Bedeutung der Sache und den Worten des Jakob Prantl gerecht werden muten.
Buchstaben, welche sich fett und schwarz auf das Papier drngten und den Leser
so ungestm anschrien, da ihm jeder Widerspruch in der Kehle hngen blieb. Sie
waren von so gewaltigem Umfange, da sie den Gegner erdrcken muten, wenn er
mit bescheidenen Lettern anmarschiert kam.
    Aber Hefele sah sich vor und fhrte den Kampf fr das Christentum mit dicker
Schwabacher Schrift. Und so konnte das Nubacher Volk nicht mehr in
beschaulicher Ruhe die Neuigkeiten der Woche berblicken. Es wurde gezwungen,
seine Aufmerksamkeit von nichtigen Dingen abzuwenden, um zu erfahren, da nun
endlich die Morgenrte der Freiheit ihre bedenklichen Lichtstrahlen auf das
dunkle Treiben des Zentrums werfe.
    Doch stand dies nicht mit Sicherheit fest, weil schon den andern Tag in den
Nachrichten die Erwartung ausgesprochen wurde, da jeder halbwegs gebildete
Mensch sich durch die gemeinen Angriffe angeekelt fhle, welche nur schlecht
verborgenen fanatischen Ha gegen die Kirche zum Untergrunde htten. Auch dem
Gefhl des Ekels durfte man sich nicht ungestrt hingeben, denn die dstere
Antwort des Wochenblattes sagte, da der Schreiber jener Zeilen, welcher
offenbar den Kreisen des Zentrums entsprungen sei, im alten Rom sicherlich als
Volksfeind behandelt und vom tarpejischen Felsen hinuntergeworfen worden wre.
    Wer mag es den Nubachern verargen, da sie ngstlich auf den Sturmwind
horchten, der um ihre Huser pfiff und an ihren Fenstern rttelte?
    Und dann kam der 16. Dezember. Ein winterlicher Sonntag von freundlichem
Ansehen. Ein Sonntag wie so viele andere mit Messe, Hochamt und Predigt. Mit
Frhschoppen im Gasthaus zur Post, gesottenen und abgebrunten Wrsten, und
Weiwein dazu. Mit einer gebratenen Gans zu Hause und einem
Nachmittagsschlfchen.
    Aber von da ab vernderte sich der feiertgliche Lauf der Ereignisse. Der
Spaziergang mit Weib und Kind unterblieb, der Tarock beim Unterbru wurde nicht
gespielt. Die friedliche Erholung war verdrngt durch erbitterten Kampf. Den
Nachmittag um vier Uhr war der groe Saal im Sternbru dicht besetzt. In langen
Reihen waren Tische und Bnke aufgestellt; kein Platz war leer. Fr die
Honoratioren Nubachs waren vor der Rednerbhne einige Tische reserviert; hier
saen der Brgermeister Huber und der alte Rentamtmann Zinkel. Neben ihnen der
Amtsrichter Kroi, welcher als eifriger Anhnger der ultramontanen Partei
bekannt war. Er unterhielt sich lebhaft mit dem Abgeordneten, Dekan Metz,
welcher heute nicht fehlen durfte. Man sah auer ihm noch manchen Herrn im
geistlichen Habit; meist behbige Mnner, deren Gesichtszge mehr Gutmtigkeit
als Fanatismus verrieten.
    Von den jngeren hatte allerdings mancher die tiefliegenden Augen und
blassen Wangen eines eifrigen Streiters. Der Pfarrer von Erlbach war nicht
anwesend, und das wunderte viele. Neben Beamte und Geistliche hatten sich
angesehene Brger von Nubach gesetzt, welche damit ihre Zugehrigkeit zum guten
Publikum zeigen wollten. Weiter nach rckwrts drngten sich Mann an Mann die
Bauern aus der Umgegend.
    Die Dorfschaften hielten sich zusammen; die Giebinger, die Erlbacher, die
Weblinger, die Leute von Schachach, Fahrenzhausen, Zillhofen, Aufhausen und
Grubhof, die Prittlbacher, Arnbacher, Inzemooser und Vierkirchner. Und wie die
Gemeinden sonst heien mochten. Ein Kundiger bemerkte, da auch die politische
Meinung bei der Wahl der Pltze sich geltend gemacht hatte. Die schrfsten
Feinde der bestehenden Ordnung hielten gute Nachbarschaft und saen nher an der
Tribne.
    In den vordersten Reihen die Grubhofer und Arnbacher, mit dem Wanninger und
Scheiblhuber in ihrer Mitte. Gleich hinter ihnen sah man das verwitterte Gesicht
des alten Rdlmayer von Schachach und nebendran den breitschultrigen Stuhlberger
und den Gottesleugner Meisinger von Giebing.
    Die argen Feinde des Dekans Metz, welcher den Einwurf seiner Fenster und
andere ble Dinge nur diesen beiden zuschrieb. Unweit von ihnen sa der Hirner
von Aufhausen. Er mute durch fnf Drfer wandern, ehedenn er nach Nubach kam,
und in jedem Dorfe gab er dem Wirte die Ehre und jedem Bescheid, der ihm
zutrank. Deswegen glnzten seine Augen, und seine Stimme gellte durch den Saal,
wenn er einen Bekannten grte.
    Von den Erlbachern war der Haberlschneider anwesend, auch der Zwerger, der
Webrunner und der alte Florian Wei. In den hinteren Bnken saen die Leute,
welche aus Neugierde gekommen waren, und keine Partei nehmen wollten. Auch
wieder andere, die zu spt gekommen waren. Die meisten junge Burschen; Kopf an
Kopf standen sie in dichtem Gedrnge, und immer polterten noch andere die
hlzerne Stiege herauf und drckten sich mit groben Ellenbogen in den Saal.
    An zwei Wnden entlang lief eine hlzerne Galerie; sie war so berfllt, da
der Sternbru ngstlich wurde und einen Teil der Leute herunterweisen lie.
    Die vorne saen und die Kpfe auf das Gelnder sttzten, hatten die besten
Pltze. Darunter war einer, der seine schlauen Augen in alle Ecken schickte. Der
Geitner von Erlbach.
    Im Saale war groes Lrmen. Die Leute unterhielten sich lebhaft miteinander;
einer schrie dem andern ein lustiges Wort zu, ber drei Bnke hinber, von unten
zur Galerie hinauf und wieder herunter; viele redeten zu gleicher Zeit, und
keiner redete still. Aber durch alles Poltern und Lrmen und Schreien hindurch
klang eine Stimme, so hell und scharf und in so hohen Tnen wie eine Trompete.
Das war die Stimme des Hirner von Aufhausen.
    Auf der Rednerbhne saen der berwachende Assessor Hartwig und die
Einberufer, Schchel, Wimmer und Prantl. Neben ihnen ein Bauer in grauer
Lodenjoppe. Gesicht und Gestalt lieen sogleich erraten, da er nicht aus dem
Flachlande war. So hoch und gerade wachsen die Leute nicht, die hinter dem
Pfluge hergehen. Er war aus den Chiemgauer Bergen, ein Ruhpoldinger, mit Namen
Vachenauer.
    Seit einigen Jahren schon bekannt als rhriger Vertreter der Bauernsache,
und wie man ihm nachrhmte, ein guter Redner. Viele betrachteten ihn mit groer
Aufmerksamkeit, und der Rdlmayer sagte zu seinem Nachbarn: Ds is der sell,
ber den die Geischtlichkeit so scharf eing'ruckt is. Aber nachgeben tuat er gar
it. Er versteht's glei besser, als wia 'r a Studierter.
    
    Und der Hirner schrie ber alle Kpfe weg: Vachenauer, soll'st scho glei
leb'n aa!
    Da schaute der Ruhpoldinger in den Saal hinein und lachte vergngt. Der
Assessor hatte schon mehrmals auf die Uhr gesehen, als sich nun endlich der
Leiter der Versammlung, der Schuhmachermeister Prantl, erhob und mit einer
Handschelle lutete.
    Der Lrm ging in ein Gemurmel ber und verstummte allmhlich. Man hrte
noch, wie drauen auf dem Gange der Bierzapfen in ein Fa geschlagen wurde, und
dann war es stille.
    Prantl rusperte sich und nahm ein Blatt Papier zur Hand. Er war kein
gebter Redner, berdies lieen sich auch seine schn geformten Stze nicht gut
auswendig lernen.
    Und so las er sie ab:
    Liebe Standesgenossen, Bauern und Brger in Stadt und Land! Allgemein
herrscht das Bemhen, durch Vereinigung der gesammelten Krfte aus dem
Mittelstande der Allgemeinheit zu zeigen, da sich der Zeiten Lauf gendert hat
und nicht mehr mit Schweigen geduldet wird.
    Deshalb haben sich einige Mnner aus dem Gewerbestande entschlossen, diese
Versammlung einzuberufen, auf da wir nach des bels Quelle forschen knnen,
welches den allgemeinen Wohlstand bedroht und gerade diejenigen Kreise in seinen
Bereich zieht, welche bisher als die Sulen des Thrones in Betracht kamen. Da
Bauern und Gewerbe auf das regste zusammengehren, wird gewi einer mit
Menschenverstand nicht leugnen wollen. Geht es dem Bauern nicht gut, so wird
dies auch bald der Stdter empfinden. Es ist daher gleich, ob man vom
Bauernstand oder vom Gewerbestand spricht; beide stellen, verbunden miteinander,
den Nhrstand des Landes vor. Deshalb haben besorgte Mnner den Entschlu
gefat, gemeinsam zu operieren und zu diesem Zwecke alle einzuladen, welche sich
fr das Interesse des Mittelstandes ttig erweisen wollen. Ich erffne hiermit
die Versammlung und fordere Sie auf, einen Vorsitzenden zu whlen.
    Mir nehman an Schuasta, schrie der Hirner, und andere schrien mit:
Jawohl! Da Prantl! An Schuasta! Da trat der Einberufer Wimmer vor und sagte,
es scheine ihm, da eine groe Mehrheit den Herrn Prantl zum Vorsitzenden haben
wolle. Wer dagegen sei, mge sich von seinem Platze erheben. Niemand stand auf,
und der Amtsrichter Kroi rief laut: Das ist der passende Prsident fr diese
Versammlung!
    Jakobos Prantl erklrte, da er die ehrende Wahl annehme, und da er jetzt
das Wort dem verdienten Manne und Bauernfhrer Peter Vachenauer erteile, welcher
aus dem fernen Gebirge herbeigeeilt sei, um durch sein Wort der allgemeinen
Sache zu ntzen. Lauter Beifall erhob sich; und der alte Rdlmayer warf in der
Freude seines Herzens den Hut in die Hhe. Der Peter Vachenauer trat ein paar
Schritte vor und wartete, bis sich der Lrm gelegt hatte. Fast alle Bergbauern
verstehen es, vor der ffentlichkeit ohne Scheu aufzutreten. Sie haben
Lebhaftigkeit in der Bewegung und eine leichte Art zu reden. Rasche Auffassung
und groe Schlagfertigkeit ermglichen ihnen, mit geringen Kenntnissen Wirkungen
zu erzielen.
    Die grten naturgem vor schwerflligen Ackerbauern, die nichts seltener
besitzen, aber auch nichts hher schtzen als Rednergabe. Und die sie an
niemandem mehr bewundern als an ihresgleichen. Darum konnte der Peter Vachenauer
schon im voraus seines Erfolges sicher sein. Und er war es. Es lag viel
Selbstbewutsein in der Art, wie er vor den Leuten stand. Man sah deutlich, da
er die Wirkung jedes Satzes berechnete und sie absichtlich durch Schlichtheit
des Ausdruckes steigerte, da er Ruhe nicht nur besa, sondern sie auch recht
augenfllig zeigte, um hierdurch die Sicherheit seiner berzeugung zu
unterstreichen.
    Gra Good, Landsleut'! sagte er. I mua enk z'erscht sag'n, wer i bin.
Denn wenn ma zu oan kimmt, von dem ma was will, is ds allererst', da ma si
z'kenna gibt. Sunst hat der ander koa Vertrau'n und denkt si, mit an Fremden hat
ma koa Handelschaft. Und i will was von enk; s sollt's mir helfen, da mir a
Haus bau'n, wo alle Bauern drin Platz hamm. Ds is a groe Sach', und da mua i
enk sag'n, wer i bin und was i hab', da i enk zu so was auffordern derf, I bin
nix, als wia 'r a Bauer; und i hab' nix als an kloan Hof und aa fnf Kah im
Stall, und de paar Markln, de i mir ds ganz' Jahr z'ruckleg', trag' i in d'
Sparkassa; ds hoat, ins Rentamt. Da is ds Geld guat o'g'legt, und ma kimmt
net in Versuachung, da ma's wieda rausnimmt.
    Lautes Gelchter lief durch die Reihen. Der Hirner schrie:
    Ds is a Luada!
    Aber an arm's, sagte der Vachenauer.
    Also, was i hab', is net viel, fuhr er fort. Aber zu dem, was i von enk
will, braucht ma koa Geld, ma braucht blo a Vertrauen. Und ds Vertrauen
knnt's hamm; net auf mi selber oder auf mi alloa, sondern auf alle, de ds
nmliche wollen. Ds san viel Leut', und alle miteinander passen z'samm und
passen zu enk; denn es san Bauern, g'rad so wia s. De Leut' hamm mi
herg'schickt, da mir amal mit anand reden und schaug'n, ob mir bei enk net an
Beistand finden. I moan, des sell kunnt leicht g'schehg'n. Was uns weh tuat,
tuat enk net wohl; was uns net pat, ds mgt's s net. Hamm mir die nmliche
Krankheit, nacha mua uns do des nmliche Mittel helfen.
    Das Mittel haben natrlich Sie, rief der Amtsrichter Kroi.
    I alloa net, sagte der Vachenauer. I bin koa Dokta, i bin selber a
Patient. Und desweg'n woa i, was uns fehlt, und woa aa, da der Dokta, den ma
bis jetzt g'habt hamm, nix wert is. Der hat si blo allawei brav zahl'n lassen
und hat si net d'rum kmmert, ob mir von oan Tag auf den ndern krnker wor'n
san. Der schlechte Dokta hoat Zentrum.
    Strmischer Beifall lohnte die schlagfertige Entgegnung. Der Hirner schrie:
    Dem hoscht guat nausgeb'n. La it aus!
    De schlechte Erfahrung hat uns g'scheiter g'macht. Mir sag'n jetzt, zu was
sollen denn mir allawei andere fr uns reden lassen? Mir wollen amal selber
sag'n, was uns fehlt, und mir wollen's so laut sag'n, da ma's hrt.
    Desweg'n bin i zu enk herkemma. I will enk net helfen, wia der Herr da
g'sagt hat. So was kann i net versprechen, weil i alloa z'schwach bin dafr. Na,
i will nix anders, als enk auffordern, s sollt's enk selm helfen.
    Wia soll ds der Bauer macha? Ja, i moan halt, g'rad so, als wia de andern
Leut' a. Ds is koa neue Sach', de ma erst ausprobier'n mua.
    Mir sehg'n alle Tag', da 's de andern Stnd' recht guat geht. De Herren
Beamten, de Geistlichen. Warum is' bei dena anderst?
    Weil sie was gelernt haben, schrie der Amtsrichter.
    Ds glaab i net. Wenn blo d' G'scheitheit zahlt wer'n tat, nacha gang's
viele schlecht. Es hamm's aber alle gleich guat. Ds hat scho a andern Grund.
Weil de meisten im Landtag drin Beamte und Geistliche san, und de machen's so,
da eahna selber guat geht, und ma hoat ds: Aufbessern.
    Wo und wann sind die Geistlichen aufgebessert worden? rief Kroi, und der
Dekan Metz sagte mit seiner fetten Stimme:
    Das ist eine offenbare Lge!
    Vachenauer lie sich nicht aus der Ruhe bringen.
    Vorderhand san amal de Beamten auf'bessert wor'n: de wer'n nacha scho
helfen, da de geistlichen Herrn aa'r an Brocken kriag'n.
    Der Amtsrichter sprang auf und fuchtelte mit den Armen:
    Wo und wann sind die Geistlichen aufgebessert worden?
    Diese Heftigkeit mifiel den Leuten, am meisten dem Hirner:
    Halts Mu, du Herrgottsackerament! schrie er, und viele schrien es nach.
Mu halt'n!
    Ein junger Knecht, der auf der Galerie sa, dachte, hier knne man einmal
der Obrigkeit eines auswischen. Er steckte vier harte Finger zwischen die Zhne
und pfiff so laut er konnte. Ein paar andre machten es nach. Da lutete Prantl
und sagte, man msse nun wieder auf den Redner hren. Als es ruhiger wurde,
erhob sich im Saale ein alter Mann und meldete sich zum Worte.
    Das ginge jetzt nicht, sagte Prantl, einer nach dem andern, und vorlufig
rede der Vachenauer.
    Aber der Alte lie sich nicht abweisen.
    Er wolle blo sagen, indem der Amtsrichter gar so zornig getan habe, er
wolle blo sagen, da die Beamten und die Geischtlichkeit aus einem Sack
spielen. Und damit setzte er sich wieder. Es war nmlich der Florian Wei.
Endlich kam der Vachenauer wieder zum Reden.
    Schaug'n mir amal an Landtag o, wer sitzt da drin? Da Herr Dekan, da Herr
Stadtprediger, da Herr Kaplan. Auf oan Bauern treffen drei Pfarrer.
    bertreibung! Geschwtz! schrie Kroi.
    Da mua ma frag'n, sagte Vachenauer, gibt's denn in Bayern lauter Mesner
und Ministranten, da so viele Geistliche g'whlt wer'n? Na, Landsleut', mir
Bauern whlen de Herr'n. Und was is der Dank? Natrli, solang' ma unsere Stimma
braucht, san mir ds biedere Landvolk hinum und herum; alles, was wir wollen, is
recht, und nix ist z'viel. Wia s' aber d'rin san, im ersten Augenblick is
all'ssamt vergessen. Ds is net oamal g'schehg'n, na! Oft, und allemal wieder.
    Beim Viehhandel is der Bauer net so dumm. Da lat er si hchstens oamal ber
d' Ohren hau'n; aber wenn eahm der nmliche Hndler mit dem nmlichen Schwindel
zum zwoatenmal kimmt, nacha schmeit er'n aui.
    Aba in da Politik! Sagt's amal selber, hamm mir uns da net allawei aufs neue
zum Narren halten lassen? - Wahr is! sagte der Rdlmayer. Da Metz is scho
dreimal g'whlt wor'n.
    Und allemal hat er ins o'g'schwindelt, schrie der Stuhlberger.
    Der ppstliche Hausprlat kannte die Stimme seines Feindes und suchte ihn
mit zornigen Augen. Aber der Stuhlberger lie sich nicht einschchtern.
    Hoscht du net allemal ja g'sagt, hoscht du g'rad oanmal na g'sagt?
    Ruhe! mahnte Prantl.
    Und der Vachenauer redete weiter.
    I sag', ganz recht g'schiecht uns Bauern. Mir kunnten do so g'scheit sei
und wissen, da alles Schlechte daher kimmt, weil der Bauer net selbstndig is;
a jeder sagt, da's anderst wer'n mua. Und es ko anderst wer'n, wenn d' Leut'
z'samm helfen, und da mir z'samm helfen, z'weg'n dem is da Bauernbund da.
    Vachenauer zog aus der Tasche ein kleines Heft, dessen Einband die
blauweien Wecken des bayerischen Wappens zeigte.
    I hab' da a Bachl, sagte er. Von auen is's guat boarisch, ds knnt's
sehg'n. Und was drin steht, hat die nmliche Farb'. Der Titel hoat: Satzungen
fr den bayerischen Bauern- und Brgerbund.
    Da is alles aufg'schrieb'n, was de Partei will. I ko enk net alles vorlesen,
und es werd aa net notwendi sei, well i hoff', da si a jeder selber ds Buachl
kaaft, und den Aufnahmsschein, der wo drin is, unterschreibt. Aber ds erste
les' i enk vor, vom Zweck des Bauernbundes. Da hoat's: Der Zweck des
bayerischen Bauern- und Brgerbundes ist Einigung der in Parteien zerspaltenen
buerlichen und brgerlichen Volksklassen behufs Erhaltung des schwer bedrohten
Mittelstandes und behufs Selbstschutzes aller noch selbstndigen oder nach
Selbstndigkeit ringenden Volkselemente.
    Jetzt frag' i, ob ds was Unrecht's is, z'weg'n dem ma'r uns als gottlose
Menschen hi'stell'n derf.
    Drucken kann man alles, das Papier ist geduldig, rief der Dekan Metz.
    So, moanen S'? Sie glaab'n halt, es is berall wia beim Zentrum. Mir san
net a so!
    Das mssen Sie erst zeigen!
    Jetzt bist aber staad! Allawei plrrt er d'rei! schrie Rdlmayer.
    Mu halt'n!
    Vachenauer lie sich nicht irre machen.
    Sie sag'n, mir massen erst zoag'n, ob mir unsere Versprechunga halt'n. Is
recht. Aber nacha warten S' und schimpfen S' net vorher! (Bravo!)
    I glaab's aber schwerli, da Sie ds derleb'n. Also, Landsleut', i hab' enk
vorg'lesen, was der Bauernbund will.
    Unsere Hauptgegner san de Herren vom Zentrum. Vom erst'n Tag o hamm uns de
Geischtlichen o'g'feind't und hamm behaupt', durch den Bauernbund is die
Religion in G'fahr. Warum denn? Wenn's s des Bachl durchlest's von vorn bis
hint', steht koa Wort geg'n d' Religion drin. Und wenn ma'r an die Feiertg in
d' Kircha geht, siecht ma soviel Leut' als wia frherszeiten.
    Wo gibts an Bauern, der sein Pfarrer was in Weg legt in sein Beruf?
    Am Land macht sie neamd spttisch ber d' Religion; bei uns hat sie nix
g'ndert, wia vielleicht in andere Stnd'; mir hamm die alten Bruch' akkurat so
als wia unsere Voreltern.
    Und wenn's jetzt mehra Zwietracht gibt als frherszeiten, mir Bauern san net
schuld.
    Ds is auf Jahr und Tag, seit de Herren blo mehr Politiker san, aber koane
Priester nimmer.
    In den ersten Reihen wurde es lebendig. Die anwesenden Kleriker hatten bis
jetzt Ruhe bewahrt; dieser Angriff brachte sie in Erregung. Und zornige Stimmen
schrien zu Vachenauer hinauf.
    Frechheit! Wer sind Sie denn? Frechheit!
    Der Benefiziat Hiergeist von Irzenham tat sich besonders hervor.
    Er stammte aus dem Nubacher Bezirke, und es emprte ihn besonders, da ein
Fremder den bodenstndigen Klerus beleidigte.
    Und er war berhaupt von heftiger Gemtsart.
    Sie nehman Eahna viel Kraut 'raus! schrie er. Was erlaub'n Eahna denn
Sie? Sie zuag'roaster Holzbauer!
    Jetzt ging es im Saale los. Aus allen Ecken kam wtendes Schreien; viele
sprangen auf und schlugen in die Tische hinein.
    Schmeit's'n aui den! Derfst du schimpfen, du ganz Schlechter? Aui damit!
Aui damit!
    Von rechts und links, von unten und oben johlte, pfiff, heulte es. Der Lrm
steigerte sich, als Metz auf die Tribne stieg und die Leute beschwichtigen
wollte.
    Oba da! Du hoscht nix z'toa da drob'n! Geh'scht it oba, du
Herrgottsakrament! Aui mit dem andern!
    Der Hirner stand auf schwachen Fen; er hielt sich an der Stuhllehne mit
beiden Hnden fest und schrie eintnig weiter:
    Raus, Metz, Raus, Metz!
    Prantl schwang seine Glocke.
    Aber in dem Getse hrte sie niemand.
    Der Assessor stand auf und redete mit Vachenauer. Man sah, wie er die
Achseln in die Hhe zog.
    Da trat Vachenauer vor und hielt seine rechte Hand empor.
    Der Lrm legte sich. Nicht sofort, nur allmhlich ging er in lautes Reden
und dann in Murmeln ber.
    Als sich alle gesetzt hatten, stand der Hirner noch hinter seinem Stuhle,
und indem er seinen Oberkrper wie einen Pendel bewegte, schrie er gleichmtig
fort: Raus, Metz!
    Alle lachten, und der Menhofer von Aufhausen nahm seinen Nachbarn am Arme
und zog ihn auf seinen Platz nieder.
    Landsleut', sagte der Vachenauer, s derft's de Versammlung net stren.
Da Herr Assessor hat mir g'sagt, wenn no mal a solchener Aufstand is, schliat
er d' Versammlung. Und da htten do blo unsere Gegner a Freud'. s mat's enk
net so rgern, bal oana 'neischreit; ds bin i scho g'wohnt; ds machen s'
berall so, weil s' d' Wahrheit net vertrag'n knna.
    Beschimpfen Sie den Priesterstand nicht, dann kmmert sich niemand um Sie!
rief Kroi.
    I hab' net g'schimpft auf'n Priestastand. Des sell is net wahr. I hab'
g'sagt, seit unsere Geischtlichen si blo mehr um d' Politik kmmern, is berall
an Unfrieden. Und auerdem sag' i, de Politik hat mit da Religion nix z'toa.
    Mir Bauern wollen nix Unrecht's, mir wollen ds nmliche wie de andern
Leut'. Da ma koane G'setz' macht, de wo uns ruinieren; und weil mir den Beweis
hamm, da mir uns aufs Zentrum net verlassen knna, wollen mir's amal selber
probieren.
    Ds Recht hamm mir, wia'r anderne Staatsbrger, da mir nach'n G'setz de
Leut' whlen, auf de mir 's Vertrauen hamm. Desweg'n leben mir wia z'erscht,
gengan in d' Kircha wia z'erscht, und san Christen wia z'erscht.
    Is ds a Grund, da ma'r uns schimpft? Derf si a Geischtlicher ber ds
aufhalten, da mir unser weltliche Sach' selber in d' Ordnung bringa?
    Jetzt drah'n de Herrn an Stiel um, und jammern recht wehleidig, da mir de
Angreifer san.
    Fallt uns ja gar net ei. Mir wollen nix Schlecht's fr unserne Pfarrer; mir
wollen eahna blo d' Arbat abnehma. Sie brauchen nimma auf Mnchen fahr'n oder
auf Berlin reisen; sie knnen sch dahoambleib'n, und das Wort Gottes
verkndigen. (Bravo!)
    Mit Ihrer Erlaubnis, rief Metz.
    Ja, Hochwrden. Ds erlaub'n mir Eahna recht gern, und mir hamm no dazua an
groen Respekt, wann Sie's tean. Sie erlaub'n uns aa, da mir an Acker bau'n und
's Brot herbringa und d' Steuern und d' Abgaben zahlen.
    Da helfen Sie uns net, und Sie knnen uns gar net helfen.
    Desweg'n massen Sie uns net hindern, wenn mir woll'n, da unser Arbet was
tragt und da d' Steuern net mehra wer'n, als mir zahl'n knna.
    Ds is unser Sach'.
    Wer derf an erwachsenen Menschen hindern, da er seiner Sach' selber
vorsteht?
    Mir Bauern san mndig; mir wer'n aa sunst net als Kinder behandelt.
    Die Kinder wer'n von anderne Leut' ernhrt; uns ernhrt neamd. Im Gegenteil,
mir massen g'nua anderne ernhr'n, zum Beispiel de Herren Beamten. (Bravo!)
    Ma lest berall, Kinder zahlen die Hlfte.
    Hamm mir scho amal g'hrt, da de Bauern weniger zahlen massen?
    G'wi net.
    Da wer'n mir net fr Kinder o'g'schaut; da san mir recht erwachsene
Staatsbrger.
    Und mir san alt g'nua und g'scheit g'nua, da mir unser Sach' selber fhr'n.
Es is Zeit, da mir ds ei'sehg'n.
    Was is ds fr a Zustand, wenn jetzt der Bauer nimmer de Hlfte von dem
einnimmt, was er frherszeiten kriagt hat?
    Und was is denn dabei billiger wor'n? De Deanstboten vielleicht? Oder der
Bodenzins? Oder massen unsere Buab'n nimmer zum Militr?
    Und alles is no net g'nua; allawei gibt's wieder was Neu's, allawei kemma
neue Forderungen, fr Heer und Marine, und wer sagt ja und amen dazua? 's
Zentrum.
    Und wer mua's zahlen?
    Mir Bauern.
    Steuern zahlt jeder! schrie Kroi.
    Jawohl, Steuern zahlt jeder. Der Beamte zahlt de Steuer fr sein G'halt, da
Kapitalist fr sei Vermg'n, aber da Bauer zahlt Steuern sogar fr seine
Schulden. Wenn oana no so viel Hypotheken auf sein Hof hat, er mua g'rad so
viel zahl'n, als wenn er schuldenfrei is. (Bravo! Wahr is!)
    Frher hat 's Zentrum selber erklrt, da ds de grt' Ungerechtigkeit is.
Jetzt will's nix mehr wissen davo.
    Frher hat's erklrt, da ma de einheimische Landwirtschaft schtzen mua
gegen die Getreideeinfuhr.
    Jetzt hat's dafr g'stimmt.
    Is ds net an aufg'legter Schwindel?
    Strmische Zurufe ertnten.
    Wahr is! Lauter Schwindler san's! Metz raus! Metz! Was sagst denn jetzt?
    Prantl lutete.
    Ruhe, meine Herren! Ich bitte, den Redner nicht unterbrechen zu wollen.
    I bin glei firti, Landsleut', sagte Vachenauer.
    Mir sehg'n, da mir uns auf neamd verlassen derfen als wia auf uns selber.
Also handeln wir auch danach und stehen zusammen, damit das Volk zu seinem
Rechte komme. Helfet alle mit, da der Bauernbund erstarkt, grndet
Markgenossenschaften in allen Gemeinden, damit Leute in den Landtag gewhlt
werden, die es ehrlich meinen. Reichen wir uns brderlich die Hnde, damit es
nicht heit, Nhrstand adje! Und machen wir uns los von den Volksverrtern des
Zentrums!
    Vachenauer trat zurck und setzte sich.
    Viele hundert schwielige Hnde klatschten ihm Beifall, viele hundert
grobgenagelte Stiefel drhnten auf den Boden, da unten der Kalk von der Decke
fiel.
    Immer wieder mute Vachenauer aufstehen, und wenn er sa, schrien hundert
Kehlen seinen Namen.
    Vachenauer, vivat hooch!
    Als Ruhe eintrat, erklrte Prantl, da er das Wort dem Gutspchter Wanninger
von Arnbach erteile.
    Franz Wanninger war kein einfacher Bauer. Er sa als Pchter auf dem
grflich Hornschen Gute in Arnbach und hatte einige Bildung genossen.
    Drei Jahre besuchte er eine Lateinschule und war sodann studiosus
agriculturae in Weihenstephan, wo man die Theorie des Landbaues lehrt.
    Er sprach gerne von dieser Zeit und gab sich berall das Ansehen eines
studierten Mannes.
    In die Bauernbewegung hatte er gleich zu Anfang eingegriffen.
    Er glaubte, hier groe Dienste leisten zu knnen, weil er seine Studien ber
die Ungebildeten und seine Praxis ber die Gebildeten erhob. Als eifriger Leser
der Tageszeitungen hatte er eine Anschauung und vor allem einen groen Reichtum
an Schlagworten erworben.
    Er griff selbst zur Feder und schrieb viele Artikel fr das Nubacher
Wochenblatt. Da sich sein Leben stets im mittelsten Altbayern abgespielt hatte,
war er der natrliche Feind alles norddeutschen Wesens.
    Er hatte ein Wort gefunden, welches seine Gesinnung und Ansicht mit einem
vollstndig erklrte.
    Wie man nmlich sonst wohl vom rollenden Rubel spricht, redete Wanninger vom
rollenden Preuentaler.
    Er war berzeugt, da die berliner Kreise Tag und Nacht an der Annexion -
Einsackung hie es Wanninger -, an der Annexion Bayerns arbeiteten und kein
Mittel scheuten, um dieses erstrebenswerte Ziel zu erreichen.
    Er war so weitblickend, da er ber die nahen und nchsten Ereignisse hinweg
auf diese treibende Ursache aller deutschen Geschehnisse sah, und er mahnte
berall, da man den rollenden Preuentaler nicht aus den Augen verlieren drfe.
    Bisher hatte er im politischen Leben nur schriftlich gewirkt;
    jetzt schickte er sich an, auch als Redner aufzutreten. Er wute, da er
Bedeutenderes bieten knne und msse als der einfache Landmann, welcher vor ihm
gesprochen hatte. So stand er auf der Rednerbhne und stellte bald den rechten
und bald den linken Fu vor und rieb sich die Hnde.
    Wer ihn ansah, erblickte das Bild eines echten, wohlhbigen Altbayern.
    Der runde Kopf mit dem stark gerteten Gesichte sa auf breiten Schultern;
der vorspringende Bauch machte nicht den Eindruck des Ungesunden; er war nicht
schwammig, sondern von krnigem Fette, wie buerliche Kenner sagen.
    Der gewichtige Oberkrper ruhte auf Beinen, welche diese Last wohl zu tragen
vermochten. Kurz, Wanninger war so, wie sich die landlufige Vorstellung einen
richtigen Bayern malt, im Gegensatze zu dem windigen, ausgehungerten
Norddeutschen.
    Einige Zurufe aus der Versammlung bewiesen, da die Leute den Redner gerne
sahen.
    Und er begann.
    Hochgeehrte Versammlung! Nachdem ich kein gebter Redner bin, ich aber doch
meine Gedanken zum Ausdruck bringen mchte, so wird man mir wohl gestatten, mich
auf diese Weise verstndlich zu machen.
    Freudig mu es jedermann begren, da endlich auch in unserer Gegend der
Gedanke mit Macht zum Ausbruch kommt, da es so nicht weiter geht. Es ist jetzt
die Aufgabe eines jeden, zu erwgen, auf welche Weise wir der darniederliegenden
Landwirtschaft die so notwendige Hilfe leisten knnen.
    Nachdem die magebenden Faktoren fr die anerkannte Notlage des bayerischen
Bauern kein Herz haben, mssen sich die Bauern und Brger auf eigene Fe
stellen, wenn sie nicht in den stets offenen Sack der bekannten norddeutschen
Herren hinein geraten wollen.
    Dem genauen Beobachter mu es wehe tun, wenn er sieht, wie das arme Volk
genarrt wird von den obenstehenden, sogenannten besseren Herren.
    Der rgste Verrter am Volkswohle ist das Zentrum! (Bravo!)
    Alle Gesetze, welche gegen das bayerische Volk gemacht worden sind, hat man
mit Hilfe des Zentrums in das Trockene gebracht. Jetzt erst wieder die
Handelsvertrge, wodurch viele Millionen in die Taschen der preuischen
Herrlichkeit flieen, whrend man den Mittelstand untergrbt. Wer dies genau
beobachtet, fragt unwillkrlich, ob vielleicht bezahlte Arbeit im Spiele ist.
    Unsinn! Bldsinn! schrie der Amtsrichter Kroi.
    Man fragt unwillkrlich, ob vielleicht der preuische Taler eine
verhngnisvolle Rolle spielt.
    Sie wissen gar nicht, was Sie fr einen Bldsinn reden! schrie Kroi
wieder.
    Da wurde der alte Rdlmayer zornig. Er drohte dem Amtsrichter mit dem Finger
und sagte:
    Manndei, jetz is Zeit, da d' amal staad bischt. Sinscht tean ma di aui.
    Das will ich sehen!
    Ja, ds werd's schnell hamm. Ruhe! Mu halten! schrien viele, und der
Knecht, welcher auf der Galerie sa, steckte wieder seine Finger in den Mund und
pfiff heftig.
    Ich bitte um Ruhe! sagte Prantl.
    Mir san ja ruhig, antwortete Rdlmayer, was braucht denn der ander
schimpfen?
    Wanninger war nach dem ersten Zwischenrufe nicht gefat genug, um zu
anworten.
    Jetzt hatte er Zeit zur berlegung gefunden.
    Betreff die uerung, da ich einen Bldsinn rede, mchte ich nur bemerken,
da ich ber diese Fragen vielleicht mehr studiert habe als ein Beamter, da ich
aber nicht nach dem Gefallen rede, sondern frei von der Brust weg, wie es sich
fr einen Altbayer gehrt. (Strmischer Beifall. Bravo!)
    Die bayrischen Bauern sind immer treu zu ihrem Herrscherhause gestanden;
das beweisen die Schlachtfelder bei Sendling und Aidenbach. Wenn Not am Mann
ist, dann wissen die Herren schon, zu wem sie gehen mssen. Da heit es dann:
Bauer, hilf! Ist aber die Gefahr vorbei und der Krieg zu Ende, so vergit man
sofort auf den Dank, und der Bauer wird unterdrckt wie zuvor.
    Da wird dann Weltmachtspolitik getrieben, welche das Blut des Volkes und
ungezhlte Millionen kostet.
    Wenn man so fortfhrt, mit Hilfe des Zentrums durch fehlerhafte Gesetze den
Mittelstand zu untergraben, so wird baldigst aller Wohlstand entweichen.
    Die Erfahrung hat gelehrt, wo in einem Lande gut bemittelte Bauern leben, da
leben auch vermgliche Geschftsleute und Professionisten. Dagegen wo arme
Bauern sind, da ist es ruhig und traurig, kein Geschft, auerdem findet da der
Gerichtsvollzieher reiche Ernte.
    Dem mssen wir entgegenarbeiten, wenn wir nicht wollen, da unsere Kinder
uns den Fluch nachsenden, weil wir nicht fr sie gesorgt haben. Es ist hchste
Zeit, da der Bauer nicht lnger mehr das Lasttier ist, dem man alle Brden
auflegen kann von Seite der Bureaukratie und des Klerus.
    O Herr, verzeihe ihm! Er wei nicht, was er tut, rief der Dekan Metz.
    Ich verbitte mir diese Zwischenrufe, sagte Wanninger. Wenn Sie glauben,
da Sie mich widerlegen knnen, so knnen Sie das Wort verlangen und nach mir
besorgen.
    Sie reden ja wie Kraut und Rben daher! Das kann sich kein vernnftiger
Mensch merken, erwiderte Metz.
    Es ist lauter Bldsinn, schrie Kroi.
    (Mu halt'n da vorn! Ruhe!)
    Betreff die uerung, da ich einen Bldsinn rede, habe ich schon
erwidert, sagte Wanninger. Die Herren, welche glauben, da sie gar so gescheit
sind, sollen es einmal versuchen, ein mit Schulden belastetes Anwesen zu
bernehmen und dann rentabel wirtschaften. Da werden sie vielleicht sehen, da
dazu mehr Verstand gehrt als zur Bureaukratie. berhaupt verbitte ich mir jede
Beleidigung, auch wenn es vielleicht ein Beamter ist.
    (Recht hoscht, Wanninger! Bravo! Aui schmeien soll ma'n! Ruhe!)
    Wanninger ergriff wieder das Wort.
    Nach meiner Ansicht ist der allzu enge Anschlu an Preuen die Schuld am
Niedergange des sddeutschen Mittelstandes.
    Das Zentrum legt bereitwillig Millionen auf den Altar des preuischen
Kriegsgottes. Es fehlt nur noch, da Eisenbahn und Post eingesackt werden, dann
sind wir vollkommen preuisch.
    In den oberen Kreisen lt man sich zu sehr von dem norddeutschen Leuchtturm
blenden, da ist es also die Aufgabe des Bauernbundes, dafr zu sorgen, da
unsere wei-blauen Pfhle keinen Farbenwechsel erleiden.
    Einigkeit macht stark, heit das Sprichwort, welches sich noch immer bewhrt
hat. Die Erfahrung lehrt uns mit nur zu beredter Sprache, da Bauern und
Gewerbetreibende innig zusammenhalten mssen, um dem drohenden Abgrundrande zu
entgehen.
    Wo sind heute noch die Bauern, welche den Lohn ihrer Arbeit genieen knnen?
Sie sind nicht mehr da!
    Dafr sieht man heute die Mnner dieser Stnde in Existenzkmpfen ihre Tage
in dumpfer Resignation dahin leben. Leider haben die Bauern bis jetzt in blinder
Vertrauensduselei die Vertretung ihrer Lebensinteressen anderen Stnden
berlassen, welche nur fr das Blhen und Gedeihen der Millionrzucht und ihr
eigenes Ich sorgten, fr den Mittelstand, der alle Lasten zu tragen hat, aber
nur leeres Stroh droschen.
    Und doch haben wir, gelinde gesprochen, die gleichen Rechte.
    Das ist nicht mehr zum Aushalten! schrie Kroi.
    Na gehst aui!
    Ruhe!
    In Preuen hat man nur Sinn fr Gromannssucht, daher auch dort
Grogrundbesitz, Groindustrie und Grokapital das Ruder fhren und ihren
unheilvollen Einflu auf die Gesamtreichsgesetzgebung ausben.
    Betrachten wir nur den Militarismus mit seinen Auswchsen! Was mu Land und
Volk leisten, um das Pensionswesen zu bestreiten!
    Und was reicht man dem Nhrstand fr alle seine Opfer? Gesetze nach dem
Willen der oberen Zehntausend, Polizeistock, aber brav Hurra schreien, im
brigen 's Maul halten!
    Dagegen hilft nur eines. Das feste Zusammenhalten des bayerischen Volkes;
vom Zentrum aber mssen wir uns losreien, weil es die Einsackung Bayerns nicht
verhindern will.
    In diesem Sinne mssen wir im Bezirke Nubach eine Markgenossenschaft des
Bauernbundes grnden.
    Wanninger stieg von der Tribne herunter und ging auf seinen Platz zurck.
    Das Wochenblatt berichtete, da der Beifall ein uerst warmer gewesen sei,
und da man allen Anwesenden angesehen habe, wie ihnen der Redner aus der Seele
gesprochen hatte.
    Auch Wanninger selbst war zufrieden mit dem Erfolge, und er sagte spterhin
zu seinen Freunden, da man den Bauern groes Unrecht tue, wenn man ihnen
politisches Verstndnis abspreche. Es komme alles darauf an, da man in
populrer Manier mit ihnen rede.
    Nach ihm wurde dem ppstlichen Hausprlaten, Herrn Dekan Metz, Abgeordneten
fr Nubach und Umgebung, das Wort erteilt.
    Er sagte gleich eingangs, da sein Herz schmerzlich bewegt sei, und sein
Gesicht drckte dieses Gefhl deutlich genug aus. Allein es stand ihm nicht wohl
an; ein Mann mit Doppelkinn und Hngebacken kann nie die Trauer eines ganzen
Standes in seinen Mienen vorfhren, und wer in jeder rundlichen Form seines
Leibes den Beweis eines behaglichen Daseins vor Augen fhrt, befindet sich im
Nachteil, wenn er von Druck und Verfolgung spricht.
    Diese Einsicht fehlte dem Dekan Metz.
    Er war in Selbsttuschung befangen und glaubte, seine Nubacher zu rhren,
wenn er ihnen den Mann ihrer Wahl in schmerzlicher Verfassung zeigen wrde.
    Er sah sich lange im Saale um, wie ein Vater, der seine Familie versammelt
hat und jeden einzelnen ins Auge fat.
    Und dann begann er.
    Meine Lieben! Erlaubet mir, da ich euch noch so heie, obwohl heute
manches Wort gefallen ist, welches vom Hasse getragen war. Aber meine Gefhle
werden dadurch nicht verndert, und ich sage noch einmal: meine Lieben!
    Mein Herz ist schmerzlich bewegt, wenn ich bedenke, da ich hier an dieser
Stelle, wo ich so oft zu eurem Beifall und, ich glaube auch, zu eurem Nutzen
gesprochen habe, einen Kampf fhren mu. Einen Kampf gegen Undankbarkeit,
Auflehnung, ja einen Kampf gegen die Religionsfeindlichkeit.
    Womit habe ich das verdient?
    Weilst a Schwindler bischt, schrie der Stuhlberger von Giebing.
    Viele lachten; der Amtsrichter sprang zornig auf.
    Ein Rohling hat das gerufen!
    Wer hat mit dir g'redt? Sei du staad! Rei 's Mu net so weit auf! Du
Herrgottsackerament! tnte es durcheinander.
    Roheit! schrie Kroi.
    Metz lchelte wehmtig.
    Lasset sie nur schimpfen! Das sind die Priester von jeher gewohnt. Unser
Herrgott wurde auch vom Volke gekreuzigt; heutzutage kreuzigen die Bauernbndler
die Priester. Wir tragen es mit Geduld.
    Und werst recht foast dabei! Du Schmalzhafen!
    Das war die Stimme seines Pfarrkindes Meisinger, des Gottesleugners. Des
Frevlers, welcher ihm dereinst die neuen Spiegelscheiben eingeworfen hatte.
    Als Metz diese Stimme vernahm, verlie ihn einen Augenblick die Ergebung des
Mrtyrers, und er warf einen bitterbsen Blick nach jener Stelle hin, wo
Meisinger sa.
    Wir tragen es mit Geduld, weil wir uns ein Beispiel nehmen an unserm Herrn
und Meister, der auch schweigend gelitten hat, sagte er sodann.
    Du bringst ja d' Finger gar nimmer z'samm vor lauter Fetten, schrie
Meisinger.
    Wo hoscht denn du was leiden massen?
    Hoscht du net all'mal ja g'sagt? Hoscht du g'rad oamal na g'sagt? rief der
Stuhlberger.
    Und alle taten mit.
    Geh oba, du! Du hoscht nix z'reden daherin! Da Vachenauer soll reden!
Vachenauer! Vachenauer!
    Prantl mute wieder erklren, da die Versammlung geschlossen werde, wenn
die Ruhe nicht hergestellt wrde.
    Lat's'n reden, da sei Schwindel aufkimmt! rief Meisinger wieder.
    Und so verdankte es Metz seinem grten Feinde, da er fortfahren durfte.
    Er gedachte, jetzt eine schrfere Tonart anzuschlagen, da diese tobenden
Heiden seine Milde verachteten.
    Das Zentrum ist nicht schuld, da die Verhltnisse des Mittelstandes keine
gnstigen sind. Die Bauern verstehen es nicht, was schuld ist.
    (Aber du vastehst was! Weil's uns verrat'n habt's!)
    Ich will es euch sagen. Die neue Zeit ist schuld, die Maschinen, die
Elektrizitt. Frher haben die Bauern ruhig gelebt und haben sich nicht um die
Politik gekmmert. Jetzt auf einmal wollen sie so gescheit sein, da sie ihre
Fhrer verbessern.
    (Da werd gar nix verbessert! Aui g'schmissen wern's!)
    Jetzt will der nchstbeste mehr verstehen, als die verdienten Mnner,
welche seit zwanzig Jahren, seit fnfundzwanzig Jahren im Landtage arbeiten.
    (Was arbet's s? 's Geld schiabt's ei! s Leutbetrager!)
    Ich bin jetzt seit achtzehn Jahren im Parlament und habe meine Zeit fr das
Volk geopfert.
    (Und hoscht all'weil ja g'sagt!)
    Freilich, wenn man so einen Mann reden hrt, wie den siebengescheiten Herrn
Wanninger, da mchte einem der Verstand still stehen. Da ist alles Kraut und
Rben durcheinander, da man nicht wei, wo man berhaupt anfangen soll. Auf
solche Leute mt ihr hren, da werdet ihr schon sehen, wohin das fhrt. Geht
nur zum Bauernbund! ...
    (Ds tean mir scho! Do brauchen ma di net dazua!)
    Geht nur zum Bauernbund und schaut, wie ihr euer geistiges und leibliches
Wohl verliert. Aber weil der Herr Wanninger so tut, als htten wir Geistlichen
berhaupt kein Recht mehr, so will ich ihm schon sagen, wir Geistlichen haben
sogar die Pflicht, das Volk in Schutz zu nehmen vor dem einbrechenden Wolf. Der
Bauernbund ist nur Speck in der Falle, ein vergifteter Honig.
    Die guten Sachen haben die Bauernbndler vom Zentrum gestohlen.
    Vachenauer rief ihm zu: Was hoaen denn Sie stehlen?
    Jawohl, gestohlen. Das ganze Programm haben Sie gestohlen; das hat das
Zentrum alles schon vor dreiig Jahren gesagt.
    G'sagt, aber net g'halten. Wann's Zentrum sei Versprechen g'halten htt',
gab's koan Bauernbund.
    Die Versammlung klatschte Vachenauer Beifall zu.
    Dieser erhob sich und sagte:
    Weil Sie vom Stehlen reden, Hochwrden. Is ds net erlaubt, da ma ds
Guate, was oana amal g'sagt hat, wieder nachsagt? Hoat ma ds stehlen?
    Sie haben jetzt nicht das Wort! schrie Kroi.
    I frag' blo: Hoaen Sie ds stehlen, Hochwrden? Nacha derfen Sie ja gar
net predigen. Sie sag'n do aa blo des nach, was an anderner g'sagt hat!
    Die Wnde drhnten vom Beifall. Alle stampften und schrien.
    Vachenauer! Da Vachenauer soll reden! Metz Schlu! Geh oba, du Bluatmensch!
's Mu halt! Oba do!
    Und jedesmal, wenn Metz zu reden anfing, erhob sich der Lrm von neuem. Er
bohrte mit dem Zeigefinger in die Luft und bewegte die Lippen. Daran erkannte
man, da er sprach, aber man hrte keine Silbe in dem Lrmen.
    Die rauhen Stimmen bertnten ihn; ganze Reihen schrien im Takte die
gleichen Worte: Metz oba!
    Zwischenhinein gellten Schimpfworte und Pfiffe; viele schlugen mit Makrgen
oder Stcken auf die Tische.
    Der Amtsrichter, die geistlichen Herren gestikulierten heftig zur Tribne
hinauf, und wenn sich einer mit unwilligen Gebrden gegen die Versammlung
wandte, verdoppelte sich der Lrm.
    Der Hirner stampfte seinen Stuhl auf den Boden und schrie, da ihm die Adern
anschwollen, zwei andere hatten eine lange Bank gefat, hoben und stieen sie
nieder, wieder einer hatte den Bierschlegel gepackt und trommelte auf einem
leeren Fasse; der Knecht auf der Galerie hatte ein neues Mittel gefunden. Er
hielt die Hand vor den Mund und heulte; das gefiel den jungen Leuten, und sie
machten es nach.
    Metz blieb auf seinem Platze.
    Er lchelte und zuckte die Achseln. Seine Amtsbrder schrien zu ihm hinauf
und schttelten die Kpfe.
    Was ist zu machen mit diesem Volke?
    Es war nichts zu machen mit ihm. Das Volk zeigte, da es absolut und
durchaus gar nichts mit sich machen lassen wolle.
    Und dann erhob sich der Assessor und setzte seine Mtze auf. Die Versammlung
war geschlossen.
    Den anderen Tag erfuhr die Welt durch das Nubacher Wochenblatt, da im
Anschlusse an die Versammlung zweihundertsiebenundvierzig Leute sich als
Mitglieder des bayerischen Bauern- und Brgerbundes anmeldeten, da in sechs
Gemeinden Marktgenossenschaften gegrndet wurden, da die schweren Anklagen,
welche Vachenauer und Wanninger gegen das Zentrum erhoben, einen immerwhrenden
Stachel in den Herzen der Landbevlkerung hinterlieen, und da sich Herr Dekan
Metz schwerlich von der Niederlage erholen drfte, welche sichtlich einen so
niederschmetternden Eindruck auf ihn wie auf seine Kumpane - darunter einen
vorlauten Beamten - gemacht habe.
    Die animierte Versammlung habe den geradezu glnzenden Beweis dafr
geliefert, da auch im Nubacher Bezirk die Morgenrte angebrochen sei.
    Die Nubacher Nachrichten erzhlten ihren Lesern von einer Versammlung,
welche zu einem allerdings unbeabsichtigten Triumphe des Zentrums gefhrt habe,
indem sich die bodenlose Unwissenheit der neuen Bauernapostel im hellen Lichte
gezeigt habe und selbe auch von dem hochwrdigen Herrn Metz mit wenigen, aber
zutreffenden Worten gebrandmarkt worden sei.
    Nach Schlu der Versammlung habe man viele, und gerade die besseren Bauern
mit nachdenklichen Mienen stehen sehen, indem sie offenbar die Frage aufwarfen,
wie tricht es sei, wenn das Landvolk einer solchen Sache unter solchen Fhrern
Gefolgschaft leiste.
    Damit sei diese Bewegung schon im ersten Aufflackern klglich erstickt.
    So verschiedenartig wurden in Nubach nicht nur die Meinungen, sondern auch
die Tatsachen dargestellt.
    Man war schon mitten im politischen Getriebe.

                              Vierzehntes Kapitel


In das Haus vom Schuller war eine schlechte Stimmung eingezogen. Der Mimut war
obenauf, und die Frhlichkeit hatte nirgends mehr Platz.
    Den Tag ber war der Schuller in seinem Walde bei der Holzarbeit; wenn er
heimkam, sa er schweigsam auf der Ofenbank.
    Die Buerin wollte ihn zum Reden bringen. Sie schimpfte ber den Pfarrer und
den Hierangl, ber den Geitner und den Brgermeister Kloiber. Sie brachte neue
Geschichten heim, welche die Schlechtigkeit dieser Feinde offenbar machten, und
sie erzhlte alte Geschichten, welche das nmliche bewiesen.
    Alles, was der Schuller selber einmal getadelt hatte, brachte sie vor und
meinte, das msse ihm ein Gefallen sein.
    Aber er gab ihr nicht an oder sagte, sie solle sich um ihre Weiberleute
kmmern und das andere mit Ruhe gehen lassen.
    Dann ging die Schullerin seufzend in die Kche und beredete mit der Ursula,
wie sich der Vater herunter kmmere.
    Auch mit den Dienstboten redete sie darber; sie sagte zu den Mgden zornige
Worte ber die Nachbarn und fragte die Knechte, was sie im Wirtshaus gehrt
htten.
    Eine solche Vertraulichkeit tut nicht gut; sie ist gegen den Respekt und das
ordentliche Regiment.
    Jetzt hatten Knecht und Magd ihr heimliches Getue und wisperten sich
Neuigkeiten in die Ohren, wenn sie arbeiten sollten.
    Und wenn einer faulenzen wollte, stellte er sich in die Kche hin und
erzhlte der Schullerin, wie er es dem Knecht vom Hierangl hingerieben habe, da
sein Herr kein Pfund Lumpen tauge.
    Dafr bekam er Dank und billige Nachsicht fr seine Faulheit.
    Die Weibsleute waren zufrieden, wenn sie recht viel Bedauernis und Mitleid
sahen. Was die Schullerin davon brig lie, brauchte die Ursula fr ihren
besonderen Zustand.
    Die Dienstboten ntzten es aus und machten sich darber lustig. Wenn sie bei
den gemeinsamen Mahlzeiten saen, gaben sie sich heimliche Zeichen und stieen
sich mit den Ellenbogen an.
    Eine ble Nachrede findet bei niemandem schneller Boden als bei
Untergebenen. Wer vor ihnen etwas entschuldigen oder erklren will, ist bel
daran. Gehorsam mu Achtung haben.
    Der Schuller merkte an vielen Dingen, da in seinem Hause die Ordnung
gelockert war.
    Frher htte er sich schnell geholfen; jetzt schien es ihm nicht der Mhe
wert.
    Alle seine Gedanken waren nur auf das eine gerichtet.
    Da lag im Kirchenbuch ein Zettel, der ihm zeitlebens Schande anhing. Und
noch lnger. Wenn die Mnner von heute einmal tot waren und die Jungen ans Ruder
kamen, dann war das Papier noch da, auf dem es geschrieben stand, da er ein
schlechter Kerl war, dem jeder aus dem Wege gehen mute.
    Und dann glaubten es alle; auch die, welche hernach auf dem Schulleranwesen
hausten.
    Den Kindern von seinem ltesten Buben wurde die Lge erzhlt, noch
abscheulicher aufgetragen wie jetzt.
    Denn jeder mute denken, wenn es sogar der Pfarrer ins Kirchenbuch gesetzt
hatte, mute es das rgste gewesen sein.
    Keiner wute etwas von ihm. Da er als ehrengeachteter Mann lange Zeit den
Hof regiert hatte.
    Keiner wute etwas vom Bausttter und von seinem Hasse.
    Nur das Geschriebene galt.
    Wie htten sie spter die Wahrheit finden sollen, wenn er sie selber mit
allen Mhen nicht herstellen konnte?
    Acht Tage war er herumgelaufen von Pontius zu Pilatus und hatte gemeint, er
msse sein Recht kriegen.
    
    Er war Im Amtsgerichte und brachte seine Sache vor.
    Kroi lie ihn kaum zu Ende reden und fertigte ihn kurz ab.
    Was das fr ein Proze sei, wenn er nicht einmal wisse, gegen wen er klagen
wolle? Und was das Gericht mit dem Kirchenbuch zu tun htte? Oder mit den
Aufschreibungen eines Verstorbenen? Jetzt fuhr der Schuller nach Mnchen und
ging zum Landgericht.
    Die sagten ihm, wenn er wirklich klagen wolle, msse er's in Nubach tun;
sie htten gar nichts damit zu schaffen. Er solle doch einen Advokaten nehmen.
    Und er ging zu einem Advokaten.
    Der lchelte etwas unglubig.
    Was das wieder fr eine Geschichte war! Aber er hrte doch aufmerksam zu und
fragte dazwischen.
    Und Sie haben Ihren Vater nicht geschlagen?
    Na.
    Ist alles erfunden? Und kein Wort wahr?
    Koa Wort is wahr, Herr Dokta!
    Der Advokat lchelte wieder. Ja, ja, Bauern sind Spitzbuben. Wenn sie ihren
Advokaten anlgen, meinen sie, wie schlau sie sind.
    Und dann sagte er:
    Da wirst nicht viel machen knnen, Schuller. Der jetzige Pfarrer red't sich
auf den alten aus, den alten kannst nicht verklagen, weil er tot is. Wenn du
gegen die andern klagst, sagen sie, da sie blo gesagt haben, was geschrieben
steht. Und bringst du Zeugen, was knnen die besttigen? Hchstens, da sie nie
was gesehen haben. Deswegen ist nicht gesagt, da der Pfarrer Held oder der
jetzige gelogen hat. Ich glaub' dir ja alles, aber das Gericht is nicht so
vertrauensvoll. Die Herren sagen: Ja, der hat halt niemand zuschauen lassen.
Sehr einfach.
    Und der Advokat patschte die Handflchen ineinander.
    Dann merkte er doch, wie sein Reden dem Manne zu Herzen ging.
    Ich tt' dir gern helfen, Schuller, setzte er hinzu. Aber mit einer Klag'
is da nicht viel zu machen. Eines knnten wir probieren. Beschwer dich beim
Ordinariat! Das wr' noch ein Mittel. Da gehst du hin und erzhlst den Fall wie
mir. Die Herren verderben es jetzt nicht gern mit den Bauern. Es kann sein, da
sie euern Pfarrer zu einer friedlichen Lsung anhalten.
    Und dann ging der Schuller die Stiege hinunter und ging mit seinen
Kmmernissen und seinem Zorn ber breite Pltze und durch enge Gassen, bis er
vor der Wohnung des Domkapitulars Spth angelangt war.
    An den hatte ihn der Advokat gewiesen. Ein altes Frulein ffnete ihm und
sagte, der hochwrdigste Herr Bruder sei nicht zu Hause, aber in einer halben
Stunde komme er. Der Schuller fragte, ob er nicht warten drfe, und als es ihm
erlaubt wurde, setzte er sich auf eine kleine Bank, die im Hausgange stand.
    Eine Stunde verging, und der Herr Domkapitular kam noch immer nicht. Von
Zeit zu Zeit streckte das Frulein den Kopf zu einer Tre heraus und berzeugte
sich, da der fremde Bauersmann noch immer da war. Der sa geduldig und
regungslos auf seinem Platze. Das Warten wurde ihm nicht lang, denn er hatte
Gedanken genug, die ihn beschftigten.
    Endlich klangen Schritte die Treppe herauf und nherten sich der
Wohnungstre. Ein alter Geistlicher trat ein, und wie er den Schuller sitzen
sah, fragte er ihn nach seinem Begehren.
    Er hatte ein kluges, freundliches Gesicht, und der Schuller fing mit
grerem Vertrauen seine Erzhlung an.
    Da hie ihn der alte Herr in sein Zimmer eintreten und Platz nehmen.
    Und hrte ihn aufmerksam an.
    Der Schuller erzhlte seine Geschichte etwas weitlufig, mit vielen
Nebenschlichkeiten. Weil der Advokat ihm so wenig Hoffnung gemacht hatte,
wollte er jetzt alles recht verstndlich vorbringen und nichts weglassen.
    Der Geistliche schttelte manchmal den Kopf und sah den Mann mit prfenden
Blicken an. Aber er unterbrach ihn nicht. Er schwieg auch noch eine Weile, als
der Schuller fertig war.
    Gewi bildete er sich nicht ein festes Urteil ber die ganze Sache, aber das
eine sah er klar, da hier wieder einmal bereifer und falsche Auffassung von
priesterlicher Wrde Unheil angerichtet hatten.
    Er konnte nicht Partei nehmen fr den Mann; vielleicht hatte er sich durch
eigenes Verschulden den Unwillen seiner Pfarrer zugezogen, aber auch dann war es
tricht, wenn diese ihr persnliches Empfinden so stark geltend machten und in
ffentliche Angelegenheiten eingriffen.
    Solche Dinge waren schuld, da jetzt der buerliche Stand seinen Priestern
entfremdet wurde.
    Die verloren immer mehr die Fhigkeit, Ma zu halten und eine vershnende
Stellung einzunehmen. Das Schlimmste bei solchen Vorkommnissen war, da man sie
selten gut machen konnte.
    Diese Herren wagten sich gewhnlich so weit vor, da ein Zurckgehen das
Ansehen des Standes gefhrdete.
    Herr Doktor Spth schttelte unwillig den Kopf.
    Mein lieber Mann, sagte er, was Sie mir erzhlen, gefllt mir nicht. Aber
was soll ich dabei tun?
    Sie massen befehl'n, da der Zettel ausg'liefert werd'. Der mua ffentli,
vor alle Leut' z'rissen wer'n.
    Das kann ich nicht befehlen.
    Sie san do der Vorg'setzte von insern Pfarrer?
    In gewisser Beziehung steht er unter dem Ordinariat. Aber nicht so, wie Sie
das meinen.
    Ja, ds knnt's do s net zualassen, da an offenbare Verleumdung im
Kirchenbuach d'rin bleibt? Da seid's s allesamt schuldig!
    Wir wollen uns jetzt nicht aufregen. Im Kirchenbuch steht so etwas nie.
    Er hat den Zettel ins Kirchenbuch einig'legt. So was derft's s do it
zualassen!
    Erstens: Ich kann dem Pfarrer von Erlbach nicht anschaffen, wohin er seine
Papiere legen soll, und zweitens: Niemand kann ihm befehlen, da er einen Zettel
ausliefert, den er nicht unrechtmig erworben hat. Das mssen Sie doch
einsehen.
    Na, ds siech i net ei'. Mi derfen do aa koa falsche Urkund' net ei'trag'n.
A Burgermoasta, der so was tuat, werd ei'g'sperrt. Fr de Pfarrer werd's do aa'r
a G'setz geb'n?
    Wir verstehen uns nicht. Hren Sie mich ruhig an! Eine Urkunde ist diese
Schrift da nicht. Wenigstens keine Urkunde, wie Sie das verstehen. Das ist eine
private Aufschreibung, eine Bemerkung. Geradeso, wenn Sie zum Beispiel in Ihr
Notizbuch hineinschreiben, der Pfarrer Soundso hat gestohlen. Da kann Sie doch
kein Mensch zwingen, da Sie es herausreien.
    Wenn i 's aber ander Leuten zoag?
    Dann knnen Sie wegen Beleidigung verklagt werden. Das ist hier nicht
mglich, weil der Schreiber jenes Zettels gestorben ist.
    Herzoagt hat'n der jetzige Pfarrer.
    Ja, das hat er. Und ich wrde es nicht getan haben. Aber verurteilt kann er
deshalb nicht werden.
    Ich siech scho, es gibt koa Recht fr mi. s helft's alle z'samm. - Das
mssen Sie nicht sagen.
    Ds sag' i net alloa. Mir hat scho lang' oaner g'raten, da i nix toa soll,
weil's do fr nix is.
    Sie wollten von mir einen Rat. Also darf ich Ihnen nichts sagen, was ich
selbst nicht glaube.
    Ja, ja, i woa scho. Htt' da Bauer an Pfarrer beleidigt, nacha waar's
leicht mit'n Klag'n.
    Sehen Sie, Schuller - so heien Sie? - reden Sie sich nicht in Zorn und
Argwohn hinein. Ich will Sie nicht fortschicken, wie Sie gekommen sind. Wenn es
Ihnen recht ist, schreibe ich dem Pfarrer; vielleicht kann man die Sache noch
mit Gte beilegen. Das halte ich fr das Beste.
    Ds tean S' net! Bai i koa Recht it finden ko, is trauri; koa G'nad' mag i
net. Und mit der Gte is bei mir gar nix mehr.
    Er ist doch Ihr Seelsorger!
    Na, ds is er net. Liaba fall' i am Fleck um, als da i no mal in d' Kirch'
geh' oder da i a Sakrament nimm von dem Ehrabschneider.
    Versndigen Sie sich nicht an unserem heiligen Glauben!
    Heilig! Ja, der is heilig, der Glaub'n, der solchene Lehrer hat! San ma
staad ber ds! I bin firti damit! Adjes!
    Und der Schuller ging.
    Auf der Strae blieben die Leute stehen und schauten dem Manne nach, der so
hastig ging und mit sich selber redete. Die Lge blieb stehen.
    Jedes Wort war erfunden; so schlecht, wie nur einer was erfinden kann. Alle
muten es wissen. Mit Hnden war es zu greifen.
    Und half ihm alles nichts.
    Er mute das Unrecht leiden, wie er sich auch dagegen wehrte. Er war
machtlos, ganz machtlos.
    Herrgottsackerament!

Daheim fand er nichts, was ihm den Verdru genommen htte.
    Seine Buerin hatte nur dumme Fragen, und die Ursula ging mde und
schwerfllig im Hause herum.
    Ihr Zustand regte ihm noch mehr den Zorn auf.
    Da wrde es nun ber eine kurze Weile neuen Verdru geben. Und seine Feinde
konnten sich freuen, wenn ihm der Hierangl vor Gericht das Hauswesen schlecht
machte.
    Das mute ihm gerade jetzt geschehen. Das heimliche Lachen sehen mssen und
nichts sagen drfen. Vielleicht fragte ihn der Bezirksamtmann, ob das auch blo
eine Verleumdung sei, das mit der Ursula. Und nahm es als Beweis, da er recht
gehabt habe. Da einer nicht zum Brgermeister taugt, wenn er im Haus nicht auf
Ordnung sieht.
    Geh mir aus'n Weg, du! I mag di net sehg'n!
    Das mute die Ursula oft hren; und dann schlich sie sich in den Stall
hinaus und heulte jmmerlich.
    Die Mutter weinte mit.
    Ihr Herz war schwer bedrckt, weil der Bauer ihr gesagt hatte, da er seinen
Fu nicht mehr in die Kirche setze; sie solle ihn nie darum angehen, denn es
helfe ihr nichts. Das schien ihr das rgste von allem. Sie versuchte es mit
Bitten. Wenn er schon in Erlbach nicht gehe, so knne er ja in Webling die Messe
hren, da ihn die Leute nicht fr einen Heiden anschauen drften. Wie wolle er
denn in der Beichte bestehen, wenn er keinen Sonntag mehr Amt und Predigt
besuche?
    Das wre ihm keine Sorge, sagte der Schuller, weil er nicht mehr beichte.
    Aber wenn er die sterliche Beichte versume, sei er doch ausgestoen aus
der Kirche!
    Das kmmere niemand wie ihn, und er frage blutwenig danach. Sie solle nach
ihrem Gewissen leben, er rede ihr nichts ein. Aber in seine Sache solle sie sich
nicht mischen, und er rede nicht mehr darber.
    Da wute sie, da alles vergeblich war; sie jammerte ihm nicht mehr vor,
aber wenn sie allein in der Kche war, setzte sie sich neben den Herd und weinte
in die Schrze hinein. Ihre kleine Welt war aus den Angeln gehoben. In der gab
es neben der Arbeit nur die kirchlichen Feierlichkeiten. Sie hingen so zusammen
mit allen Ereignissen, da sie ihr notwendig schienen zum Leben. So war es doch
immer gehalten worden, bei ihr daheim und in jedem rechtschaffenen Hause, da
die Eheleute miteinander zur Kirche gingen. Und fortan sollte sie allein den Weg
machen; nie mehr wrde ihr Bauer neben ihr sein, nicht an den gebotenen
Feiertagen, nicht an den hohen Festen. Sein Platz im Kirchenstuhle mute leer
bleiben, und die Nachbarinnen sollten spttisch auf sie hinberschielen.
    Das schien ihr, als wre ihr alle Ehrbarkeit genommen. In der Schlafkammer
lag unter einem Glassturze ihr Myrtenkranz. Einmal prangte sie mit ihm, als der
Andreas Vst vor dem Altare versprach, ihr christlicher Ehemann zu sein, bis der
Tod sie scheide. Und wenn sie ihr zum zweiten Male den Kranz aufsetzten, dann
war es an dem Tage, wo sie nach einem arbeitsamen Leben die Glieder streckte.
    Aber lebte derweilen noch ihr Bauer, dann stand er nicht hinter dem
Geistlichen, der sie einsegnete, dann ging er nicht beim Gottesdienste als
Erster zum Opfern und sprengte nicht Weihwasser auf ihr Grab, wenn er des
Sonntags daran vorbei in die Kirche ging.
    So konnte sie nicht mehr ruhig sein im Leben und nicht im Sterben. Ihr
Hauswesen war fortan nicht mehr geachtet. Alle bsen Muler im Dorfe konnten es
lstern, und die richtigen Leute muten es meiden.

Zu Weihnachten ging es die Schullerin am hrtesten an. Aus allen Husern eilten
die Leute in die Christmette; in der kleinsten Htte flammte um die Mitternacht
ein Licht auf und irrte hinter den Fenstern hin und her. Wenn es erlosch,
ffnete sich die Tre, und verhllte Gestalten traten heraus. Auch die ganz
Alten blieben nicht daheim; sie wateten mhsam durch den Schnee und schleppten
sich hustend bis zur Kirche. Die Ursula war mit den Ehehalten vorangegangen; die
Schullerin wartete noch und machte sich im Hause zu schaffen.
    Sie versuchte es noch einmal, ihren Bauern umzustimmen.
    Heut' ko'st do gar it dahoam bleib'n, scho weg'n de Deanstbot'n it. Da is
ja koa Respekt nimmer im Haus!
    Geh, und la ma mei Ruah! I mag den Menschen it sehg'n.
    Du brauchst'n ja it o'schaug'n; du tuast as ja g'rad weg'n de Leut'.
    Na, sag i. I geh' net, und bal'st du no lang red'st, nacha kimmst selm z'
spat.
    Da Haberlschneider sagt's aa, du gibst an Pfarra blo a G'leg'nheit, da er
schlecht reden ko ber di.
    Wenn ds da Haberlschneider glaabt, is sei Sach'. I glaab's anderst und
bleib' dahoam.
    Und die Schullerin mute allein gehen.
    Die Nacht war klar und kalt.
    Aus der Kirche drang helles Licht und legte sich auf die Schneedecke.
    Und leuchtete weithin in die Gassen und Winkel und zu den Hgeln hinauf, von
denen eilige Menschen herunterkamen.
    Sie schritten ber die Felder dem Lichte zu, wie vor vielen hundert Jahren
die Hirten, denen die frohe Botschaft verkndet wurde.
    Heute ist euch der Erlser geboren worden. Ihr werdet ein Kindlein finden,
das in einer Krippe liegt.
    Da verlieen sie ihre Herden und eilten, um das Ereignis zu sehen.
    Es mu wohl ein armer Husler gewesen sein, bei dem der Herr Joseph
eingekehrt war.
    Blo ein Ochs und ein Esel standen hinter dem Barren; kein Ro fra von der
Raufe, keine Kuh lag auf der Streu.
    Der Stall war niedrig und eng, da er die Wrme hielt fr das wenige Vieh.
    Und weil die Hirten keinen Platz darin hatten, blieben sie an der Tre
stehen.
    Das Kindlein lag nackend, wie es zur Welt gekommen war, und die Magd des
Herrn kniete davor und faltete fromm die Hnde. Man sah ihr das Leiden an, denn
sie ist gar ein zartes Frauenzimmer gewesen und hat noch in den Wehen herumirren
mssen, bis sie endlich das Obdach fanden.
    Der Joseph ist sorgsam dabei gestanden in zwiefacher Sorge um die Mutter und
das Kind; wenn er seine schwieligen Hnde zum Beten zusammenlegte, hat er in die
Krippe geschaut, ob die Tiere das Stroh nicht unter dem Kinde wegzogen, und ob
er noch ein Bschel unterlegen msse.
    Das waren drei arme Menschen.
    Aber die Hirten sind vor ihnen niedergekniet.
    Es ist ein lichter Schein von der Krippe ausgegangen und auf sie gefallen.
Der leuchtet noch heute den Armen.
    In diesem nackten Kindlein erstand ihnen ein Streiter.
    Wie es neben der Hobelbank aufwuchs und in ehrfrchtiger Liebe an den Hnden
der Eltern die Ehrenmale der Arbeit sah, ist in ihm der heie Wunsch gro
geworden, den Menschen zu helfen.
    Und es ist der erste Kmpfer geworden gegen die Reichen und Mchtigen.
    Die leidenden Menschen wissen es kaum; in der lauten Verehrung seines Namens
ist gerade das zur Vergessenheit gekommen. Aber einmal im Jahre mssen sie daran
denken. In der stillen Winternacht, wenn man die Geburt des Kindes feiert.
    Da mgen die Armen glauben, da der Mann sein Leben lang zu ihnen gestanden
ist, der im engen Stalle auf die Welt kam.

Dichtgedrngt standen die Leute in der Kirche, und immer noch ging die Tre auf
und zu. Vorne am Altare und an den Seitenwnden brannten Kerzen; davon war die
gewlbte Decke erhellt; unten auf der Menge lag tiefes Dunkel. Aber hier und
dort flackerte ein Licht, und in seinem gelben Scheine hob sich scharf umrissen
ein ernsthaftes Gesicht ab. Eine alte Buerin, die ihren Wachsstock angezndet
hatte und im Gebetbuche las.
    Man sah die Lippen sich bewegen und den Hauch vom Munde gehen. Die Menge
stand nicht still. Viele rhrten sich, da sie die Klte nicht so empfindlich
merkten. Die Fe scharrten den Boden, unterdrcktes Husten kam aus dem Dunkel
heraus und hallte vom Gewlbe zurck.
    Mit einem Male verschlang voller Orgelton das Gerusch; Herr Stegmller
griff drei oder vier krftige Akkorde und ging zu einer Melodie ber.
    Eine dnne Frauenstimme fiel ein, und wer zum Chor hinaufblickte, sah in
schwacher Beleuchtung die Nherin, die Schallmaier Zenzi, welche auch des
Sonntags das Hochamt begleitete.
    Fr gewhnlich mute sie lateinische Worte singen; heute war es ein
deutsches Lied. Den Brauch hatte vor vielen Jahren der Pfarrer Held so
eingefhrt.

Es ist ein Ros' entsprungen
Aus einer Wurzel zart,
Wie uns die Alten sungen,
Aus Jesse kam die Art.

Und hat ein Blmlein bracht
Mitten im kalten Winter
Wohl zu der halben Nacht.

Als das Lied zu Ende war, zog der Mesner dreimal an der Sakristeiglocke; der
Pfarrer schritt im goldgestickten Kleide zum Altare hin, die Ministranten
klingelten, und einer schwang das Weihrauchfa.
    Jetzt kam wieder das Lateinische zu seinem Rechte.
    Die Schullerin war in dem Gedrnge bis zur Seitenkapelle geschoben worden.
Hier hatte der Mesner eine Krippe aufgerichtet; darstellend die Geburt des
Herrn. ber die Hlfte des Raumes nahm der Stall von Bethlehem ein; es war aber
kein Stall, wie sie vielleicht in Palstina gebaut worden sind; es war ein
richtiger, ordentlicher Stall, wie man sie hierzulande hat.
    Alles darin war genau und gut nachgemacht; Barren und Raufe, ein hlzerner
Verschlag, in dem man die Schweine unterbringt, oben die Luke, durch die man das
Heu herunterwirft; dazu Gerte und Handwerkszeug, ein Schubkarren, Trankkbel
und ein Melkstuhl waren da; Heurechen und Gabeln waren an die Wand gelehnt.
    Und hinter dem Barren stand ein Ochse; aber kein Ochse, wie man sie in
Palstina hat, sondern ein richtiger Pinzgauer, rot und wei gefleckt. Der Esel
daneben ist eher orientalisch gewesen, denn der Meister hatte ihn ohne Vorbild
geschnitzt.
    Vom Stalle weg dehnte sich eine Landschaft aus; eine richtige, deutsche
Schneelandschaft mit Hgeln und Bumen. Am dunkeln Himmel leuchteten die Sterne;
einer besonders hell. Das war der Stern, der die Weisen aus dem Morgenlande
herbeifhrte. Zu dem sahen die Hirten hinauf; sie muten aber die Augen vor
seinem Glanze bedecken.
    Andere Hirten hatten sich vor dem Stalle aufgestellt und schauten andchtig
hinein. Da sa die Jungfrau auf dem umgestlpten Schubkarren und hielt zrtlich
blickend das Kindlein im Schoe. Der Joseph stand daneben; mit der linken Hand
strich er sich den langen Bart, die rechte hielt er freudig in die Hhe, und sie
stie beinahe an der Decke des Stalles an.
    Die Schullerin schaute gar andchtig auf die Gruppe.
    Das war so, wie es im Liede gesungen wurde.

Und hat ein Blmlein bracht
Mitten im kalten Winter
Wohl zu der halben Nacht.

Da mute sie an ihr eigenes Kind denken, das sie den letzten Herbst zur Welt
gebracht hatte.
    Und das ihr der Pfarrer in ungeweihter Erde neben der Friedhofmauer
einscharren lie, weil es nicht getauft war in dem Glauben dessen, der da
drinnen in der Krippe so hilflos auf seiner Mutter Scho lag.
    Es steht aber geschrieben: Acht Tage spter wurde das Kind beschnitten und
ihm der Name Jesus gegeben.
    Eine ganze Woche spter. Wenn da ein Unglck geschehen wre, ob sie im
Morgenlande gegen die Mutter auch so grausam gehandelt htten?
    Das ihrige war keine Stunde alt geworden und durfte doch nicht liegen neben
den Eltern, um auf die Auferstehung zu warten.
    Daran mute die Schullerin denken.
    Wenn das nicht geschehen wre, htte vieles ein anderes Aussehen bekommen.
Von dem Tage an war der Verdru angegangen und hatte nicht mehr aufgehrt. Ja,
wre das nicht gewesen, dann stnde jetzt der Bauer neben ihr und fehlte nicht
am heiligsten Abend in der Kirche.
    Eine lebhafte Bewegung kam unter die Leute; am Altare sang der hochwrdige
Herr ein lateinisches Wort besonders langgedehnt und feierlich durch die Nase.
    Die Mette war zu Ende.

Die Ehehalten des Schuller verbreiteten es bald im Dorfe, da ihr Bauer den
Glauben abgeschworen habe und kein Christ mehr sein wolle.
    Aber die Erlbacher htten das auch ohne die Rederei bald gemerkt, denn bei
allen heiligen Handlungen, die in dieser Zeit schnell hintereinander folgen,
fehlte der Andreas Vst.
    Er trank nicht vom gesegneten Johanneswein; er war nicht bei der groen
Salz- und Wasserweihe, die am Abend vor dem Dreiknigstage gehalten wird, und er
ging am Lichtmetage nicht mit einer geweihten Kerze in der Prozession.
    Die Schullerin brachte freilich geweihtes Salz heim und vermengte es mit dem
Johanneswein, auf da die Mischung das ganze Jahr aufbewahrt bleibe und davon
jedem Stck Vieh gegeben wrde, welches in den Stall kme.
    Aber wie konnte es helfen und den Schaden abwehren, wenn der Hausherr den
Brauch nicht ehrte?
    Sogar den Blasiussegen verschmhte er.
    Er war nicht unter den Leuten, welche am Tage nach Lichtme vor dem Altare
knieten; er lie sich nicht die gekreuzten Kerzen an den Hals legen, da er von
Krankheit verschont bleibe. Aber wenn der Schuller glaubte, da er fr sich
allein nach eigenen Gesetzen leben knne, irrte er sich.
    An seine Feindschaft mit dem Pfarrer htten sich viele nicht gekehrt; die
gab es zu allen Zeiten, voraus jetzt, wo sich die Bauernbndler zusammentaten.
    Aber wer sich von Herkommen und Brauch losmacht, verliert den Boden unter
den Fen. Darin hatte die Schullerin mit ihrem Weiberverstande klarer gesehen
wie der Bauer.
    Das Ansehen wurde ihm gemindert, in der Gemeinde, wie im Hause.
    Denn die Sitte ist lter als die Menschen. Und sie ist strker.
    Weil sie das nchterne Leben segnet, ist sie ehrwrdig, und weil sie
ehrwrdig ist, kann sie keiner ohne Schaden verletzen.
    Sie ehrt die Arbeit, sie gibt der Frhlichheit und der Trauer Bedeutung.
    Absonderlich der Bauer hngt mit zher Treue an ihr.
    Sie begleitet ihn von dem Tage an, wo der Gd seinen Einbindtaler dem
Tufling in die Windeln steckt, bis zu der Stunde, wo ehrsame Nachbarn seinen
Sarg dreimal auf die Schwelle des Hauses niederlassen, bevor sie ihn auf die
Schultern heben.
    Da der Schuller heraustrat aus dem festgefgten Kreise, mifiel allen.
    Auch dem Haberlschneider.
    Er sagte dem Freunde offen, da er unrecht damit tue, und da ihn jeder
tadeln msse, der es gut mit ihm meine.
    Wenn jetzt der Pfarrer seinen Schmerz ber den unchristlichen Haushalt auf
der Kanzel verkndete, dachte mancher Rechtschaffene, da er damit seine Pflicht
tue.
    Und im eigenen Hause mehrte sich dem Schuller der Verdru.
    Zu Lichtme sagten ihm alle Dienstboten auf. Sie wollten einem Herrn nicht
dienen, der im Gerede stand; denn von dem Spotte fiel auch etwas auf sie.
    Die neuen, welche kamen, taugten nicht viel. Sie glaubten von Anfang, da
sie in diesem Hause das Recht zur Liederlichkeit htten. Wenn sie dann straffes
Regiment sprten, wurden sie strrisch und mimutig.
    
    Der Roknecht war das Jahr zuvor bei einem Bauern in Webling gewesen, der
alle fnf gerade sein lie und seinen Stall unreinlich hielt.
    Gerade in dem Punkte war der Schuller genauer wie andere; er hatte nicht
blo in seinem eigenen Anwesen alte Mibruche abgeschafft, sondern auch
Nachbarn und Freunde darber belehrt, da die alte Manier schdlich sei.
    Er sah streng darauf, da jede Futterzeit Dnger und Streu entfernt wurden,
damit die Pferde ein trockenes und reinliches Lager hatten.
    Dem neuen Knechte war die Arbeit zu viel. Als ein richtiger Faulenzer wute
er immer Grnde anzugeben, wenn er die Streu liegen lie.
    Der Boden sei zu hart, sagte er, und er drfe doch nicht jedesmal einen
groen Haufen ausbreiten; da sei es gescheiter, frische Streu auf die alte zu
legen.
    Der Schuller machte ihm begreiflich, da es ihm auf ein paar Strohbndel
nicht ankomme. bertreiben msse man es ja nicht;
    und ein hartes Lager sei immer noch besser, wie Schmutz oder Nsse.
    Der Hansgirgl hrte zu und sagte, er wolle in Gottes Namen jedesmal frische
Streu aufschtten; aber die alte warf er liederlich in eine Ecke des Stalles.
    Da mute ihn der Schuller wieder mahnen. Er habe ihm doch angeschafft, da
er die alte Streu auf den Misthaufen bringen solle.
    Der Hansgirgl sagte, es sei drauen zu kalt, und er habe die Stalltre nicht
aufmachen drfen, sonst wre die Luft hereingekommen.
    Der Dallhammer von Webling sei scharf darauf gewesen, da die kalte Luft
nicht in den Stall komme. Das sei eine alte Dummheit, entgegnete der Schuller.
    Bei ihm msse es anders gemacht werden. Nur auf mit der Tr, dreimal im Tag,
und den Mist hinausgefahren! Die Luft sei was Gutes fr Mensch und Vieh.
    Ein paar Wochen tat es gut.
    Bis eines Tages der Hansgirgl wieder frische Streu auf die alte warf.
Diesmal fate der Schuller schrfer an.
    Ja, hab' i dir's it g'sagt, da i ds it mag? Is mei Reden fr gar nix?
    's Ro liegt oamal z'hart, und de alt' Strah is gar it na; beim Dallhammer
hamm mir de Strah glei drei und vier Tg liegen lassen.
    Was geht denn ds mi o, was der Dallhammer tuat?
    Der sell hat aa was verstanden, und 's Ro braucht it so hart liegen.
    Bei mir g'schieht ds, was i will. Und ds mirkst dir amal guat!
    Der Hansgirgl rumte verdrossen den Mist zusammen und streute frisch auf.
Wie er mit der Arbeit fertig war, band er den Schurz ab und zog seinen Janker
an.
    Eine Viertelstunde spter sa er beim Wirt, und drei Stunden spter sa er
noch dort.
    Seinen Hut schob er von einem Ohr auf das andere, und jedesmal, wenn ihm die
Kellnerin eine frische Halbe brachte, lie er sie trinken. Er sagte, da er sich
nichts gefallen lasse. Und das msse schon eine ganz andere Herrschaft sein, von
der er sich was gefallen lasse. Er wolle die Arbeit tun, akkurat so, wie beim
Dallhammer von Webling; das Neumodische kenne er nicht und wolle er nicht, und
es reue ihn, da er vom Dallhammer weggegangen sei.
    Die Pferde daheim wurden unruhig, als zur Futterzeit niemand kam.
    Da ging der Schuller in den Stall und sah, da der Hansgirgl ausgeblieben
war. Er schttete selber vor und war zornig ber den Knecht, der nach so kurzer
Zeit schon liederlich wurde.
    Als er ihn spter durch den Hof gehen sah, trat er auf ihn zu.
    Wo kimmst denn du her? - I?
    Ja, du. Woat du it, wann Fuatterzeit is?
    I waar scho kemma.
    Du waar'st scho kemma! Massen d' Ro warten, bis du g'nua g'soffen hoscht.
Du stinkst nach'n Bier!
    I ho gar it g'soffen. Wegen dera Halbe brauch' i mi net schimpfen lassen.
    Balst ma ds nomal tuast, da d' unter der Zeit zu'n Wirt laafst, nacha
schmei' i di aui.
    So, du schmeit mi aui?
    Jawohl, schnell g'nua.
    Na, ds tuast du net! I geh' a so und schaug mir um an richtigen Deanst in
an richtigen Haus.
    Nimm di z'samm!
    I nimm mi gar it z'samm. Mi hat's a so den ersten Tag g'reut, da i zu dir
kemma bi. A jeder Mensch sagt's, da ma bei dir it bleib'n soll. Du bist ja gar
koa Christ! Du bist ja gar neamd!
    Geh in dei Kammer und pack dei Sach'! Morg'n in da Fruah machst, da d'
weiter kimmst. Dei Bachl und dein Lohn fr ds Monat schick' i dir umi. Und
sehg'n will i di nimmer!
    Der Hansgirgl zog am nchsten Morgen ab. Einige Tage spter ging auch die
Mitterdirn nach einem geringfgigen Wortwechsel mit der Buerin. Die Bcker
Ulrich Marie wute ihr einen besseren Platz, wo sie ihr Seelenheil nicht auf das
Spiel setzen mute.

                              Fnfzehntes Kapitel


Der rechte Fu setzt im Takt ein, der linke zieht einen Bogen nach rechts! Also
nochmal! Eins, zwei, drei - vier, fnf, sechs!
    Der ehemalige herzogliche Hoftnzer Merkle gab Tanzunterricht, und es waren
im Saale des Schimmelwirtes ein Dutzend Studenten und ebensoviel Brgermdchen
anwesend, welche die gesellige Kunst in sechs Lektionen erlernen wollten. Und
Merkle war der Mann dazu, sie jedem beizubringen, weil er sie ernst nahm. Er
hatte ein Buch ber die Tanzkunst geschrieben und das begann so: Der Tanz als
Kunst ist die vollendetste sthetische Formenbewegung, also das Symbol der
plastischen Schnheit. Er ist das Streben, dem Krper die hchste Schnheit zu
verleihen, ihn durch Anmut zu verklren, ihm sthetische Bedeutung zu geben; das
wenigstens ist der Standpunkt, den ich als Reprsentant der modernen Tanzkunst
einnehme.
    Und er lebte nach diesem Glauben.
    Niemals stellte er seine Beine in gewhnlicher Weise nebeneinander auf den
Boden; immer ruhte eines auf der Fuspitze, indem es sich in schnem Halbbogen
wlbte; niemals ballten sich seine Hnde zu Fusten zusammen, niemals steckten
sie in Taschen, oder hingen bedeutungslos an ihren Gelenken.
    Sie vorzglich hatten, wie Merkle sagte, die Aufgabe, durch Attitden das
Symbol der plastischen Schnheit darzustellen. Man erreicht dieses Ziel, indem
man die kleinen Finger sich von den brigen wegstrecken lt und die gerundeten
Zeigefinger an die Daumen pret.
    Aber wenn Merkle fr sich diese Vollendung erreichte, so war es ihm doch
unendlich schwer, sie anderen mitzuteilen.
    Denn unter seinen Schlern waren Menschen, deren Gliederbau nicht zierlicher
war als der von jungen Hhnerhunden; und welche erst reiflichen Nachdenkens
bedurften, wenn sie eine entferntere Extremitt in Bewegung setzen wollten; und
welche eine runde Linie herstellten, indem sie eine gerade zwei-oder dreimal
knickten.
    Es waren Menschen da, welche niemals einsahen, warum ihre Fersen nicht auch
am Vergngen teilhaben sollten, und welche wie vom Blitz getroffen umfielen,
wenn sie ihr Dasein auf die Fuspitzen verlegen wollten.
    Und dann gab es Mdchen, welche die ganze Hilflosigkeit ihres Geschlechtes
begriffen, wenn der Tanz begann. Und welche sich an die Herren klammerten, als
mten sie durch einen reienden Flu hindurchwaten, oder als wrden sie aus
einem brennenden Hause gerettet.
    Und wirklich, es war nicht leicht, sie alle so abzurichten, da ihr Tanz als
Symbol der plastischen Schnheit gelten mute. Aber Merkle war der Mann dazu.
    Er gab dem fetten Herrn am Klavier ein Zeichen. Und dieser begann wieder:

Komm herab, o Madonna Theresa!
Sieh doch, wie schn ist die Nacht!

Ein junger Mann ri eine Blondine grausam von den Freundinnen weg und begann, um
sie herumzulaufen, und stie ihr die Knie in den Leib und versuchte, ihr die
Hften abzudrehen, und schttelte sie, als wolle er ihren ganzen Inhalt
verstreuen.
    Halt!
    Das Klavier schwieg.
    Sie sind zu heftig, mein Herr! sagte Merkle. Gerade der Walzer
erleichtert den elastischen Schwung und verleiht dem Krper eine ungemein
natrliche Grazie. Sehen Sie her! So! Der rechte Fu setzt im Takt ein, der
linke Fu zieht einen Bogen nach rechts.
    Die Musik begann wieder.

Komm herab, o Madonna Theresa!
Sieh doch, wie schn ist die Nacht!

Der junge Mann versuchte aufs neue, die Hindernisse zu besiegen. Er bi die
Zhne zusammen und schaute starr auf den Boden und trat mit den Stiefeln darauf
herum, als msse er eine Menge Ungeziefer tottreten, und dann schleuderte er
wieder seine Fe von sich weg, als wolle er sie nie mehr in seinem Leben sehen,
und dann drehte er sich in einem Wirbel um sich selber herum, als wre durch
seinen Leib eine Eisenstange gezogen. Und das blonde Mdchen hpfte fr sich
allein auf und ab, da es diese ungeahnten Bewegungen nicht mitmachen konnte.
    Halt! kommandierte Merkle. Mein Herr, Sie mssen noch die Positionen der
Fe ben; in der Fhrung der Dame sind Sie nicht sicher genug. Ein anderes
Paar! Darf ich bitten?
    Ein langer Jngling trat aus der Reihe vor und hielt seine rotwangige
Tnzerin mit gestreckten Armen von sich weg.
    Nehmen Sie eine ungezwungene Haltung an! mahnte Merkle. Die Dame mu sich
anschmiegen. In natrlicher Grazie, aber nicht zrtlich! So ist es schon besser.
Eins, zwei, drei - vier, fnf, sechs! Gut! Bravo! Es geht ganz ordentlich, Herr
Mang. Sie mssen nur Zwanglosigkeit zeigen.
    Sylvester kam mit Ehren um den Saal herum, und der Tanzmeister sagte: Sie
werden eine gute Figur auf dem Krnzchen machen; ich wre sehr froh, wenn alle
Herren so vorgeschritten wren.
    Diese bungen wurden nmlich nicht abgehalten in dem Streben, dem Krper die
hchste Schnheit zu verleihen; sie hatten einen besonderen Zweck.
    Die studentische Verbindung Klio wollte ein Krnzchen veranstalten, und
ihre jungen Mitglieder muten sich darauf vorbereiten.
    Sylvester war von einem Schulfreunde eingeladen worden, an der Tanzstunde
teilzunehmen und das Krnzchen mitzumachen. Er sagte nicht sogleich zu, weil er
in seiner Lage ble Deutungen und Nachreden scheute. Aber der alte Schratt
erklrte ihm, da es zu den notwendigen Erfahrungen des Lebens gehre, ein
hbsches Mdel im Tanze herumzuschwenken, und der Schulfreund erzhlte ihm, da
die besten Familien eingeladen wren, und da sehr feine Mdchen kommen wrden,
als zum Beispiel die Tchter des Herrn Rektors, und die Tchter des
Magistratsrates Kfel, und die Tochter des Kaufmanns Sporner. Da ging Sylvester
noch einmal in sich und sagte seine Beteiligung zu.
    Er hatte mit Traudchen nie mehr gesprochen seit jenem Abend. Gesehen hatte
er sie des fteren, d.h. zweimal, wie er genau wute.
    Zuerst in der Woche vor Weihnachten, als er abends durch die Theatinerstrae
wandelte.
    Da drngten sich die Leute und bewunderten die festliche Pracht der
Auslagen.
    Pltzlich sah er vor einem Laden eine stattliche Dame stehen, neben ihr ein
schlankes Mdchen, dessen reiches Haar in einem schnen Knoten gebunden war.
    Und der Studiosus Mang versprte ganz pltzlich Herzklopfen und blieb wie
angewurzelt stehen, indem er seine Augen auf das Pelzbarett und den Haarknoten
gerichtet hielt.
    Zufllig wandte die junge Dame den Kopf, und zufllig traf ihr Blick den
langen Studenten.
    Er zog hastig den Hut, aber er war zu schchtern, um sie genau anzusehen.
    berdies stieg ihm das Blut hei in den Kopf, und auerdem hatte er
Ohrensausen.
    Das alles gab mit dem Herzklopfen bedenkliche Krankheitserscheinungen und
trbte seine Beobachtungsgabe.
    So wute er nicht, hatte sie ihm wirklich zugenickt, und hatte sie wirklich
freundlich gelchelt, und war sie wirklich rot geworden?
    Oder kam das von den bunten Glhlampen, welche hinter dem Auslagefenster
brannten?
    Sylvester dachte lange ber diese Sache nach und kam zu keinem
abschlieenden Urteile.
    Die zweite Begegnung fand einige Wochen spter statt. Den 3. Januar,
nachmittags, auf dem Maximiliansplatze.
    Sylvester ging mit dem Sohne des Hannes Wei aus Pirmasens.
    Er belehrte ihn, da der Diktator Lucius Cornelius Sulla nicht, wie John
White jun. angenomen hatte, den Cajus Julius Csar ermordete, und da man einen
solchen Verdacht schon deshalb nicht nhren knne, weil der Cornelius Sulla
ungefhr vierunddreiig Jahre vor dem ruchlosen Morde gestorben war.
    In diesem Vortrage hielt Sylvester pltzlich inne, als zwei junge Mdchen
mit frhlichem Lachen um die Ecke bogen.
    Und er zog wieder hastig seinen Hut und wute wieder nicht, ob Frulein
Traudchen Sporner seinen Gru freundlich aufgenommen hatte.
    Diesmal aber erhielt er Gewiheit. Als er seine Rede etwas zerstreut wieder
aufnahm und sich ber die persnlichen Verhltnisse des Cornelius Sulla auslie,
sagte John White jun.:
    Ich glaube, sie hat gewartet, da Sie mit ihr sprechen.
    Wer?
    Die junge Dame, welche Sie gegrt haben. Sie ist mit der anderen vor dem
Laden stehen geblieben und hat hineingesehen.
    Das wissen Sie nicht, John. Man darf eine Dame nicht anreden.
    Sylvester sagte das so bestimmt, als verknde er eine groe Wahrheit.
Innerlich machte er sich Vorwrfe ber sein Verhalten. Er malte sich umstndlich
aus, wie er sich htte benehmen sollen, und was dann gewesen wre.
    Wenn er zum Beispiel Frulein Traudchen angesprochen htte: Ich wollte mich
nur nach dem Befinden Ihrer werten Eltern erkundigen, oder: Darf ich mir die
Frage erlauben, ob Sie im Klavierspielen noch immer so groe Fortschritte
machen?
    Es war zu vermuten, da die junge Dame freundlich geantwortet htte, und
dann war die Mglichkeit geboten, noch einige detaillierte Fragen zu stellen
nach dem besonderen Befinden des Papa Sporner und dem besonderen Befinden der
Mama Sporner, ja, sogar nach den Erlebnissen der Tochter selbst.
    Sylvester nahm sich fest vor, die nchste Gelegenheit nicht wieder so
tricht zu versumen und grndlich das Gesetz zu bertreten, welches er soeben
feierlich dem John White jun. kundgegeben hatte.
    Aber das Schicksal lie ihn diesen Fehltritt nicht begehen.
    Obwohl er von nun ab fr seine belehrenden Spaziergnge immer wieder den
Maximiliansplatz whlte, unterbrachen ihn keine lachenden Mdchen mehr, und er
konnte ganz ungestrt alle Irrtmer beseitigen, welche sich in die
geschichtlichen Kenntnisse seines Schlers eingeschlichen hatten.
    Jetzt ging Sylvester in seinen khnen Plnen weiter. Er wollte mglichst oft
den Weg durch die Rosengasse nehmen und so den ersehnten Zufall mit Gewalt
herbeifhren. Er konnte doch wie andere Menschen ganz unbefangen an der Firma
Sporners selige Erben vorbergehen, auch zufllig zum dritten Fenster im ersten
Stocke hinaufsehen und zufllig einem Mitgliede der Familie begegnen.
    Solche Vorstze fate Sylvester Mang und hielt an ihnen fest, bis er an die
Ecke der Rosengasse kam. Hier kehrte er jedesmal wieder um und legte sich die
Grnde vor, welche gegen das Unternehmen sprachen.
    Doch einmal fate er sich ein Herz und bog mit unbefangener Miene in die
Gasse ein.
    Aber seine Schritte wurden langsamer, je nher er an das Haus kam.
    Er schlich hart an der Wand von Sporners seligen Erben vorbei, und als er
zur Ladentre kam, machte er mit abgewandtem Gesichte drei groe Schritte, um
den Blicken der Madame Sporner zu entgehen, welche von der Kasse aus die Strae
bersehen konnte.
    Ach, wie lieblich duftete der Kaffee! Wie freundlich glnzte der
Messinggriff an der Tre!
    Und wie lustig rauchte der Neger auf dem gemalten Schilde!

Das wrde nun so kommen, dachte Sylvester. Herr Assessor Schratt und er wrden
den Ball besuchen. Herr Assessor Schratt wrde die Familie Sporner begren, und
da mte sich eine gute Gelegenheit finden, da er sich gleichfalls dem Papa,
der Mama und dem Frulein in Erinnerung bringen konnte.
    Warum soll ich noch auf einen Ball gehen? fragte Schratt.
    Bitte, sagen Sie zu! Sie werden sich sehr gut unterhalten, bat Sylvester.
    Das wei ich nun gar nicht.
    Gewi; Sie werden sehen. Hufnagel sagt, es kommen sehr feine Familien.
    Wer ist Hufnagel?
    Der Vorstand der 'Klio'. Er studiert Philologie.
    Das verrt allerdings eine gewisse Gediegenheit des Charakters. Und er
bernimmt die Garantie, da nur feine Familien kommen?
    Ja, bekannte Brger und hhere Beamte.
    Hhere Beamte, bekannte Brger. Sagen Sie, Sylvester, wird sich unter den
bekannten Brgern auch ein gewisser Michael Sporner befinden? Mich interessiert
das, weil dieser Herr mein Tee- und Tabaklieferant ist.
    Sylvester wurde rot, und der alte Max Schratt nahm die Pfeife aus dem Munde
und lachte herzlich.
    Sie sind einmal ein Duckmuser! Seit zwei Tagen schildern Sie mir alle
Herrlichkeiten, die mich auf dem Balle erwarten, und die Hauptsache verschweigen
Sie!
    Ich dachte ...
    Sie dachten, da ich hingehen sollte, um wieder einmal hhere Beamte zu
sehen?
    Also werden Sie kommen?
    Vielleicht. Weil Sie ein guter Kerl sind.
    Ich kann Ihnen nicht sagen, wie mich das freut. Ich bin Ihnen so dankbar!
    Was versprechen Sie sich eigentlich von mir? Soll ich den Eltern Ihre
Vorzge schildern?
    Nein, wenn Sie nur dort sind! Dann traue ich mich, mit der Familie zu
reden.
    Schn! Reden Sie mit der Familie, vergessen Sie dabei aber nicht, das
hbsche Frulein Traudel zu engagieren! Ich werde mein mglichstes tun, um das
Gemt des Herrn Sporner zu erheitern. Post epulas sermones haberi solent. Nach
dem Souper gibt man sich Gesprchen hin. Ich will ihn fragen, wo der beste
Teestrauch wchst.
    Dem Sylvester Mang war eine groe Last vom Herzen genommen, als er die
Zusage seines alten Freundes hatte.
    Er sollte ihm ein Schild sein gegen die erstaunten Blicke der Madame
Sporner, ein Bote seiner aufrichtigen Verehrung fr sie, der wohlwollende
Erklrer aller Tatsachen, welche seine Teilnahme an solchen Lustbarkeiten
entschuldigen konnten.

Der Ball wurde abgehalten im Hackerbrusaale; begann des Abends acht Uhr mit
einer Polonse und endete am frhen Morgen mit einem Kotillon; begann mit
steifen Verbeugungen der jungen Mnner, scheuen Blicken der Mdchen und endete
mit frhlichem Plaudern, begann mit einem schmerzlichen Lcheln des Herrn Merkle
und endete mit der ausdrucksvollen Gebrde seiner Zufriedenheit.
    Sylvester war frhzeitig gekommen. Er wollte auf Schratt warten, aber der
schickte ihn fort.
    Ich mu mit Gemtsruhe essen, sagte er. Und ich will Ihre herzklopfende
Ungeduld nicht auf die Probe stellen. Sie wrden heimlich die Minuten zhlen und
mich fr ein gefhlloses Scheusal halten. Gehen Sie nur voran und erwarten Sie
mich auf dem Schlachtfelde!
    Dann stand Sylvester an der Saaltre bei den Jngern der Klio. Keiner zeigte
Frhlichkeit oder jugendlichen Leichtsinn. Einige zerrten an ihren Handschuhen,
andere richteten ihre Scheitel; alle blickten sorgenvoll in die Welt.
    Merkle trat unter sie und gab ihnen die letzten Verhaltungsmaregeln.
    Also ein devotes Komplimang, wenn Damen eintreten. Anweisen der Pltze
durch die Komiteemitglieder. Sieht man Bekannte, so eilt man auf sie zu, begrt
sie herzlich und ist ihnen hehilflich. Und heiter, meine Herren! Frhliche
Mienen! Damit sofort eine gehobene Stimmung Platz greift. Mit dem Engagieren
erst beginnen, wenn die Gste mglichst vollzhlig erschienen sind! Man nhert
sich hierbei der jungen Dame bis auf zwei Schritte, macht ein Komplimang, tritt
noch einen halben Schritt vor und sagt: 'Gndiges Frulein, darf ich ergebenst
um die Tanzkarte bitten?' Dann zeichnet man seinen Namen mit deutlicher Schrift
ein: die Dame tut das Gleiche. Es ist Sache der Herren, sich genau den Namen,
auch den Platz der Dame zu merken. Verwechslungen knnen zu sehr unangenehmen
Ereignissen fhren. Und jetzt noch einmal, frhliche Mienen! Man kommt. Der
Diener ffnete die Saaltre.
    Ein beleibter Herr, eine stattliche Dame, zwei Engel in rosafarbenen
Kleidern.
    Der lange Jakob Hufnagel strzte auf sie los, als wollte er einen
feindlichen Angriff gegen sie ausfhren. Die stattliche Dame wich ihm aus, und
Merkle eilte herbei, um diese erste Verwirrung zu schlichten.
    Es gelang ihm, die Familie zu beruhigen und dem beleibten Herrn zu erklren,
da sich der Prses Hufnagel lediglich die Ehre geben wolle, den Herrschaften
Pltze anzuweisen.
    Von jetzt an war die Saaltre in steter Bewegung. Duftige Gestalten
schwebten herein, geschmckte Mdchen drngten sich aneinander und flsterten
sich Geheimnisse zu, kernige Brger schritten neben ihren Gattinnen einher, und
ber die Kpfe der Eintretenden weg fiel der Blick auf leuchtende Gestalten, die
sich in der Garderobe aus ihren Mnteln schlten.
    Unaufhrlich flutete es in den Saal, vorber an den Shnen der Klio, welche
angesichts der Herrlichkeiten immer beklommener wurden.
    Sylvester lie seine Blicke suchend ber die Gste gleiten. Jetzt! dachte
er, so oft die Tre geffnet wurde. Nein. Wieder nicht. Seine Hoffnung sank.
    Vermutlich wrden sie nicht kommen. Vermutlich hatte Madame Sporner
erfahren, da Leute erscheinen wrden, welche sie schon einmal hatte
zurechtweisen mssen.
    Und da hatte Madame Sporner gewi erklrt, es sei unpassend, diese
Unterhaltung zu besuchen.
    Die tiefe Bastimme Hufnagels weckte ihn aus seinen dsteren Gedanken.
    Mang, glaubst du nicht, es wre allmhlich Zeit, mit dem Engagieren zu
beginnen?
    Sylvester blickte den Freund verstndnislos an.
    Was bedeutete diese Sache fr ihn? Was bedeutete der ganze Ball fr ihn?
    Er antwortete irgend etwas und sah nach der Tre, die sich soeben wieder
auftat. Da!
    Die majesttische Gestalt der Frau Sophie Sporner erschien. Ihr Seidengewand
rauschte so lebhaft, wie sich das ein echter und gediegener Stoff erlauben darf.
    Dann kam eine junge Dame in Wei, deren Augen ein wenig forschend im Saale
herumwanderten und lustig blitzten, als sie auf Sylvester fielen.
    Und dann kam im Bratenrocke der gutmtige Papa. Es war nicht mehr
anzuzweifeln, die Firma war anwesend.
    Sylvester berlegte. Sollte er hineilen und die Eltern begren?
    Merkle hatte dies vorgeschrieben; aber seine Lehre war fr gebte Truppen
berechnet, nicht fr Jnglinge, denen Ehrfurcht die Kehlen zuschnrt.
    Sylvester sagte sich, da er auf Schratt warten msse.
    In drei Minuten war es acht Uhr, und er hatte versprochen, pnktlich zu
sein.
    Wieder sagte die Bastimme neben Mang:
    Jetzt sollten wir zum Engagement schreiten!
    Zum Glck fr Sylvester war der zweite Vorstand des Vereines, Herr Theodor
Schmelzte, ein Jurist und erklrte, da der Wortlaut des Programmes magebend
sei. Hiernach beginne der Ball Punkt acht Uhr, das Engagieren bilde aber einen
Bestandteil des Balles, und ergo treffe auch hierfr die Zeitbestimmung zu.
    Ob das richtig war oder nicht, jedenfalls dauerte die Interpretation so
lange, da in der Zwischenzeit der ungeduldig erwartete Schratt auftauchte.
    Sylvester begrte ihn strmisch. Ich habe schon geglaubt, Sie kommen zu
spt. Das Engagieren kann nicht mehr verschoben werden!
    So? Na, einen Platz werde ich noch kriegen. Ist die angesehene
Brgersfamilie bereits anwesend?
    Ja.
    Die wollen wir aufsuchen.
    Schratt ging auf die Familie Sporner zu mit einem Mute, der Sylvester
Bewunderung einflte.
    Er fand freundlichen Willkommen. Und Frau Sporner sagte mit sichtlichem
Vergngen: Der Herr Assessor! An Sie htte ich wirklich nicht gedacht.
    Das klingt beinahe wie ein Vorwurf und tut mir in der Seele weh. Aber
erlauben Sie, da ich Ihnen einen jungen Freund vorstelle? Herr Studiosus Mang.
    Ja, der Herr Mang! Wie geht's Ihnen denn? Und warum sieht man Ihnen denn
gar nimmer?
    Papa Sporner hatte ein schlechtes Gedchtnis, und er verstand es nie, seine
Gefhle zu meistern, zu temperieren und zu dirigieren.
    Er schttelte Sylvester so herzlich die Hand, als htte man ihm niemals
angeraten, vorsichtig zu sein, und er brachte es fertig, diesen jungen Mann ganz
ehrlich zu fragen, warum er so pltzlich seine Besuche unterlassen habe.
    Vielleicht zog er sich durch dieses Benehmen gerechten Tadel zu; vorerst
aber verscheuchte er damit alle Verlegenheiten. Madame Sophie war gtig,
Traudchen war frhlich, und in Sylvester erwachte eine seltsame Khnheit.
    Als man das Zeichen zur Polonse gab, bot er dem jungen Mdchen furchtlos
seinen Arm an und fhrte es sicher und mnnlich durch die Reihen der Gste, da
sich der Kandidat Hufnagel hchlich darber wunderte.
    Denn er selbst war erst nach manchen Fhrlichkeiten von Merkle an die
fhrende Stelle gebracht worden. An seinem Arme hing der eine von den
rosafarbenen Engeln und reichte ihm kaum zum zweiten Knopfe seiner Weste.
    Anfnglich hatte das Mdchen versucht, ein Gesprch zu fhren, aber seine
Stimme drang nur schwach zu dieser Hhe hinauf. Und seine Mitteilungen klangen
wehmtig und trostlos.
    Hufnagel hrte zuerst darauf und beugte seinen Oberkrper vor, als blicke er
in einen Brunnen, aus dessen Tiefe jemand um Hilfe schrie.
    Er schickte seine Stimme hinunter zu dem armen Wesen und sagte ihm, da der
Boden glatt sei, und da man sich vor dem Fallen hten msse.
    Nach diesen Warnungen schwieg er.
    Das Mdchen konnte nicht leugnen, da sie berechtigt waren, denn als die
Polonse begann und Hufnagel mit seinen langen Beinen weite Spuren setzte und
das Mdchen atemlos neben ihm herlief und den Arm immer hher strecken mute, um
den letzten Halt nicht zu verlieren, da hatte es oftmals die Fe in der Luft
und dankte jedesmal dem lieben Gott, wenn es wieder festen Boden gewann.
    Aber was bedeutete das gegen die Schrecknisse des Walzers? Gegen die
Gefahren, als jetzt Hufnagel um die Jungfrau herumsprang?
    Als seine Beine sich gebrdeten, als wren sie ganz fr sich allein
wahnsinnig geworden, whrend der Oberkrper immer steifer wurde?
    Als seine Stiefel die wtendsten Angriffe gegen ihre kleinen Ballschuhe
machten, auf sie lostraten, wo sie sich nur blicken lieen?
    Was blieb ihr brig, als angstvoll auf den Boden zu stieren und ihre Fchen
vor diesen rasenden Ungeheuern zu retten?
    Sie konnte nicht fliehen, denn zwei derbe Hnde hielten sie fest, sie konnte
nicht schreien, denn die Musik verschlang ihre Stimme.
    Sie konnte nichts tun, als dulden und durch verzweifelte Sprnge ihre Zehen
in Sicherheit bringen. Endlich war der Tanz zu Ende. Die feindlichen Beine
machten noch einige Zuckungen und kamen langsam zur Ruhe.
    Und dann fhrte Hufnagel das zitternde Mdchen zu seiner Mutter und
verbeugte sich vor ihm und lchelte ihm zu und sagte, er wrde hoffentlich noch
einmal die Ehre haben.
    Sylvester war glcklich. Aber das Glck machte ihn nicht gesprchig; er ging
schweigend neben seiner Tnzerin und freute sich, ihre kleine Hand auf seinem
Arme zu fhlen.
    Einmal fanden sich ihre Augen, da wurden die zwei jungen Menschen rot.
    Und nach einer Weile sagte Sylvester:
    Ich habe Sie seit dem Abend nur zweimal gesehen.
    Traudchen lchelte.
    Das letztemal auf dem Maximiliansplatz.
    Ja, ich wollte mir erlauben, Sie anzusprechen und mich nach Ihrem Befinden
erkundigen.
    Warum haben Sie es nicht getan?
    Ich war nicht allein, und Sie waren in Gesellschaft.
    Meine Freundin, die Kthl Hauck. Sie ist heute auch da; Sie mssen mit ihr
tanzen.
    Gerne.
    Knnen Sie jetzt tanzen? Sie haben mir frher erzhlt, da Sie nie dazu
kamen.
    Ich habe es jetzt gelernt.
    Mama war, glaube ich, berrascht, da Sie auf dem Ball sind. - Sie auch?
    Traudchen errtete leicht, und dann lachte sie frhlich.
    Ich habe gewut, da Sie kommen.
    Wer hat es Ihnen gesagt?
    Die Kthl Hauck, und die hat es von Herrn Hufnagel gehrt oder von seiner
Schwester. Das ist das ganze Geheimnis. Aber jetzt kommt der Walzer.
    Sylvester machte sein Kompliment nach der Vorschrift des Herrn Merkle und
nahm das frische Mdel um die Mitte.
    Und schwenkte es tapfer im Reigen.
    Nach dem Tanze fhrte er Traudel zu den Eltern, plauderte mit ihnen, lie
sich dem Frulein Hauck vorstellen und benahm sich mit einer so frhlichen
Sicherheit, da der alte Schratt ihn vergngt betrachtete.
    Auch Madame Sporner sah ihn prfend an. Dieser junge Mann hatte sich
verndert; nicht zu seinem Nachteile, das mute sie gestehen, aber sein Wesen
bestrkte sie in einer Vermutung.
    Manche flchtige Bemerkung des alten Schratt war ihr aufgefallen; sie hatte
nicht blo das warme Interesse fr Sylvester herausgehrt, auch eine bestimmte
Absicht.
    Es war so, als wollte er andeuten, da ein Kandidat der Theologie nicht
immer Pfarrer werde. Die Bemerkungen waren in scherzhaftem Tone gemacht, so
nebenbei und unauffllig.
    Aber Madame Sporner hatte gute Ohren.
    Michael Sporner nicht. Michael Sporner war ahnungslos und schwor, da keine
Klatscherei von bissigen alten Jungfern ihn abhalten knne, brave musikalische
Jnglinge zu bewirten.

Und drauen im Saale ging der Ball weiter.
    Merkle sah mit Zufriedenheit, da der Ton lebhafter wurde. Die jungen Herren
suchten nicht mehr mit schmerzverzerrten Gesichtern nach Unterhaltungsstoffen;
die Mdchen zeigten nicht mehr die Mienen, welche sie fr Kondolenzbesuche
gelernt hatten; sie waren dankbar fr jedes scherzhafte Wort und belohnten es
mit hellem Gelchter. Sylvester war mitten im Strudel und holte sich von allen
Seiten Anerkennung und Lob.
    Eine Franaise lie er aus und betrachtete das hbsche Bild als Zuschauer.
Schratt suchte ihn auf.
    Na, Sie Tausendsassa! Unterhalten Sie sich gut?
    Es ist wundervoll. Wie gefllt es Ihnen?
    Geht so. Herr Sporner wird allmhlich gesprchig. Wir sind jetzt bei der
Teestaude.
    Hat er etwas von mir gesagt?
    Von Ihnen? Nein.
    Haben Sie ...?
    Ich? Auch nicht.
    Ich meine, ob Sie ...
    Ob ich Ihr Loblied gesungen habe? Das htte doch ein bichen verdchtig
ausgesehen, Verehrtester. Sie wissen, da die Absicht verstimmt, wenn man sie
merkt.
    Das habe ich nicht fragen wollen. Sondern, ob Herr Sporner es nicht
sonderbar findet, da ich hier bin?
    Er? Der Herr Michael Sporner?
    Oder seine Frau?
    Die Frage ist eher berechtigt. Ich habe brigens nicht bemerkt, da sie
Ihre Anwesenheit mibilligt. Vielleicht denkt sie, der junge Mann will die Welt
sehen, bevor er sich von ihr abkehrt.
    Hat sie darber gesprochen?
    Nein.
    Oder Andeutungen gemacht?
    Auch nicht. Sie wollen offenbar herauskriegen, was an unserem Tische
geredet wurde. Ich sage Ihnen ja, wir sind jetzt bei der Teestaude.
    Was werden sie von mir denken, wenn sie das erfahren?
    Da Sie der Gottesgelahrtheit den Rcken kehren?
    Ja. Am Ende glauben sie, da ich aus Vergngungssucht weggehe?
    Hm. Ich kann Ihnen nicht verschweigen, da Sie merkwrdig viel Talent
verraten fr das Treiben dieser Welt. Ich habe Sie beobachtet. Ich bin paff.
    Im Ernst, Herr Schratt, glauben Sie, da man mir das bel auslegen kann,
da ich den Ball besucht habe?
    Man? Wer 'man'? Ich glaube, da Frulein Traudel deshalb nicht an Ihrem
Charakter verzweifelt, auch Herr Michael Sporner scheint eine milde Auffassung
zu hegen, und Madame Sophie ...
    Die wird mich fr leichtfertig halten.
    Und Madame Sophie ist eine sehr kluge Frau; sie hat mehr Verstand als
mancher weise Mann. Das kann Ihnen einmal ntzen in ernsteren Dingen und wird
Ihnen nicht schaden, wo es sich um solche Kleinigkeiten handelt.
    Sie glauben ...?
    Heute gar nichts, Sylvester. Ich wollte nur sagen, da Frau Sophie zu den
Menschen gehrt, deren Achtung man sich durch Tchtigkeit verdienen kann. Das
liegt fr Sie in weiter Ferne, aber da es mglich ist, bedeutet auch etwas.
Jetzt wollen wir dem Tanze zusehen.
    Sylvester war nachdenklich geworden. Er blickte zerstreut in den Saal.
    Merkle kommandierte:
    La main droite! La main gauche! Balancez en ligne!
    Zu meiner Zeit hat man das noch getanzt, sagte Schratt; die jungen Leute
gehen ja nur. Wer ist denn der lange Sohn Enaks dort vorne? Wenn der nur das
Mdchen nicht tot tritt!
    Das ist der Hufnagel.
    Der Philologe? Das htte ich ahnen knnen. Die Herren haben sich seit
meiner Zeit nicht verndert.

Nach dem Kotillon erklrte Frau Sporner, da man den Heimweg antrete. Schratt
und Sylvester schlossen sich an.
    Als sie im Freien waren, erbarmte sich der alte Herr ber seinen Freund und
sagte, in dieser milden Februarnacht wolle er noch ein wenig spazieren gehen und
die Familie begleiten.
    Er rundete seinen Arm und bot ihn der Madame Sophie an; zu ihrer Rechten
ging Herr Michael.
    Traudel und Sylvester schritten voran.
    Ich werde immer an den Abend denken, sagte Sylvester.
    Ja, es war sehr hbsch.
    Das ist jetzt vorbei. Wer wei, wann ich wieder einmal ...
    Er sprach den Satz nicht aus und seufzte.
    Er hatte sich vorgenommen, dem Mdchen zu sagen, welche Plne er fr die
Zukunft gefat habe. Er wollte ihr sagen, da er nicht Geistlicher werde.
    Whrend des Kotillons wollte er dieses Gestndnis machen. Da war eine
gnstige Gelegenheit. Aber Traudel plauderte so lustig, und da wollte er nicht
mit ernsten Dingen kommen. Nach dem Tanze vielleicht.
    Es ging wieder nicht. Also auf dem Heimwege, dachte er.
    Und jetzt ging er wieder neben dem Mdchen und fand wieder nicht den Mut.
    Der Weg war sehr kurz. Wenn sie um das Eck bogen, kamen sie schon in die
Rosengasse.
    Er sah nach den Hausnummern. 38. Wenn sie bei 34 waren, wollte er reden.
    Aber da kam 34 und kam 30, und er brachte es noch nicht heraus.
    Nun merkte er, da er die ganze Zeit stumm geblieben war.
    Und da vorne kam schon das Eck.
    Frulein Gertraud ...
    Ja.
    Wenn Sie etwas von mir hren, werden Sie deswegen nichts Schlechtes von mir
denken?
    Was soll ich von Ihnen hren?
    Ich will ..., ich glaube nicht, da ich Geistlicher werde.
    Jetzt war es heraus. Sylvester atmete erleichtert auf. Er sah schchtern zu
Gertraud hinber, aber sie begegnete seinem Blicke nicht, und da ihr Kopf mit
einem Tuche verhllt war, und da es ziemlich dunkel war, konnte er nicht sehen,
da sie bis unter die Haarwurzeln errtete.
    Sylvester redete wieder; er war jetzt schon im Zuge.
    Sie werden nicht schlecht von mir denken?
    Nein. Ich denke nie schlecht von Ihnen.
    Ich habe mich nicht leicht entschlossen, aber ich kann nicht dabei
bleiben.
    Dann drfen Sie auch nicht.
    Sie sah ihn offen an; in ihren braunen Augen lag ein fester Ernst.
    Als wollte sie ihm sagen, da er die Kraft haben msse, das zu einem rechten
Ende zu fhren, was er sich vorgesetzt hatte.
    Sie sprachen nichts mehr.
    Nach wenigen Schritten standen sie vor dem Hause; Schratt kam mit den Eltern
nach, und Sylvester verabschiedete sich von ihnen. Schttelte auch dem Frulein
die Hand, und sah ihm nach und sah auf die Tre, welche langsam ins Schlo fiel.

                              Sechzehntes Kapitel


Ein warmer Mrz.
    Wenn ein Erlbacher den Pflug ber die Weblinger Hhe hinauffhrte, zog er
unterwegs den Janker aus und fuhr sich ber die Stirne.
    Dann blhten sich die Hemdrmel im Winde und hoben sich lustig vom blauen
Himmel ab.
    Die weien Birken am Waldrande streckten sich der Sonne entgegen, und alle
Wiesen waren gelb von Schlsselblumen.
    Und groe, rote Flecken waren ber die Ackerschollen verstreut.
    Wer gute Augen hatte, konnte sehen, da es die Kopftcher der Weiber waren,
welche am Boden knieten und Kartoffeln einsetzten.
    Frhlichkeit lag in der Luft.
    An der Pflugwende rastete jeder und schrie zum Nachbarn hinber und lobte
den Tag und das Wetter.
    Es mache warm von oben und unten; da msse der Samen keimen, da es eine
Freude sei.
    Auch im Dorfe waren fleiige Hnde ttig.
    In den Grten machten sich die alten Leute zu schaffen, legten Beete an und
setzten Pflanzen ein, denn eine gute Regel sagt: Sankt Benedikt macht die
Zwiebeln dick.
    Die Kloiberin weite ihre Kche aus, beim Webrunner strich der alte Vater
die Fensterlden an, und der Geitner hatte zwei Maurer eingestellt, die ihm das
Haus sauber herrichten muten.
    Denn er wollte, da eine solche Arbeit richtig gemacht werde. Wieder vor
anderen Husern hingen die Weiber Wsche auf oder putzten die Fenster.
    Die Alten, welche nicht ntzlich sein konnten, setzten sich ins Freie und
schauten blinzelnd in die Sonne.
    Auch die Kranken, die sich in der Luft krftigen wollten.
    Unter ihnen war die Veronika Mang. Ihr altes Leiden hatte sich wieder
eingestellt, und rger wie frher.
    Sonst waren ihr die Fe angeschwollen, heuer griff ihr die Krankheit ans
Herz, und sie hatte bse Atemnot.
    Die Weberin wartete ihr auf und rhmte bei allen Leuten die Geduld, mit der
die Mangin ihre Schmerzen trug.
    Sie erlaubte nicht, da man ihrem Sohne Mitteilung machte.
    Wenn's wieder besser werd, sagte sie, nacha htt' er si umasinscht
kmmert, und werd's schlechter, nacha sag' i's scho, wenn's Zeit is.
    Die Weberin meinte, es werde nicht besser, denn die Mangin htte sich ganz
verndert. Sie sei nachdenklich geworden und rede oft mit sich selber, aber ganz
still, da man die Worte nicht verstand, und ganz demtig sei sie; gar nicht
mehr resch wie frher. Das sei aber ein schlechtes Zeichen, wenn sich kranke
Leute so ndern.
    Die Bcker Ulrich Marie sagte, sie wisse gut, warum die Mangin trbsinnig
sei. Der hochwrdige Herr Kooperator habe es ihr gesagt. Nmlich, da der
Sylvester Mang das geistliche Studieren aufgeben wolle, noch vor er die Weihen
kriege.
    Sie habe sich's schon lange gedacht, sagte die Bcker Ulrich Marie, denn
gro sei der Eifer beim jungen Mang nie gewesen. Wenn er daheim war, sei er
selten unter der Woche in die Kirche gegangen, und mit dem hochwrdigen Herrn
Kooperator habe er wenig Verkehr gehabt.
    Blo beim verstorbenen Pfarrer sei er den ganzen Tag gewesen; ob er bei dem
das beste Christentum gesehen habe, mchte sie nicht behaupten.
    Und von dem Unglck sei die Mangin krank geworden. Die habe sich immer dick
gemacht mit ihrem geistlichen Herrn Sohn und habe herumgeschrien, wie schn sie
es noch einmal kriege, und habe schon getan, als wenn sie die Frau Pfarrermutter
wre. Jetzt sei alles nichts, und der Vetter in Pasenbach wrde die Hand
abziehen vom Sylvester.
    So redete die Bcker Ulrich Marie, und die Weiber schauten mitleidig ber
den Gartenzaun hinber nach der Mangin, die frstelnd in der warmen Sonne sa.
    Es ist ein Kreuz auf der Welt, sagte die Bcker Ulrich Marie. berhaupts,
wo man hinschaut.
    Ob es die Zwergerin schon gehrt habe von dem Vst seiner Ursula?
    Vorgestern habe sie das Kind gekriegt, und heute sei es noch nicht getauft.
Und der hochwrdige Herr Kooperator habe gesagt, der Vst lasse es berhaupt
nicht taufen, weil er einen abscheulichen Ha gegen das Christentum habe.
    Ein Kind von ihm liege schon hinter der Kirchhofmauer, und wer wisse es
denn, ob er nicht auch selbigesmal mit Flei die Taufe versumt habe?
    Wenn das gehe, da in Erlbach einer sein Kind als Heiden aufziehen drfe,
msse ein Strafgericht kommen.
    Die Zwergerin zeigte ein solches Entsetzen ber die Mitteilung, da andere
Weiber aufmerksam wurden und ihre Arbeit im Stiche lieen. Sie standen im Kreise
um die Bcker Ulrich Marie herum und steckten die Kpfe zusammen, und immer
kamen wieder neue hinzu. Kinder, die auf der Strae spielten, liefen heim und
sagten, da beim Bcker so viele Leute stnden. Dann kamen die Weiber aus den
Husern, hielten die Hnde vor die Augen und schauten die Strae hinauf.
    Und jede, die den dichten Knuel sah, band sich eine Schrze um und ging
darauf zu.
    Die Weberin konnte ihre Neugierde nicht mehr verhalten. Sie sagte zur
Mangin, da sie ein wenig warten solle, denn sie wre gleich wieder da.
    Wie sie zurckkam, ging die Webrunnerin mit ihr, und sie blieben alle fnf
Schritte stehen und schauten sich mit erschrockenen Augen an.
    Was habt's denn g'habt? fragte die Mangin mit schwacher Stimme.
    D' Schuller Ursula hat an Bua'm kriagt, und der Schuller will'n net taufen
lassen, da er a Heid' bleiben mua; g'rad extra, weil's an Pfarra rgert.
    Wer hat denn ds g'sagt?
    D' Bcker Ulrich Marie erzhlt's g'rad.
    De hat scho viel erzhlt, was it wahr is. Ds glaab i net.
    So was durft's ja do it sag'n, bal's it wahr is. Und sie hat's vom Herrn
Kopratta.
    I glaab's it. Ds tuat der Schuller net.
    Ja, der! Ds woa ja ganz Erlbach, da er an Glaub'n abg'schwrt hat. Er
geht in koa Kircha mehr.
    D' Leut' sollen an Schuller in Ruah lassen. Ds waar g'scheiter.
Frherszeiten hat ma nia was Schlecht's g'hrt vom Schuller.
    Aba da derf ma do it zuaschaug'n, wenn er an Heiden herzgelt!
    Die Mangin schttelte leicht den Kopf und murmelte vor sich hin.
    Sie treibt's nimmer lang, sagte die Weberin hinterher. Sie g'fallt ma gar
it. Sinscht waar sie die erst' g'wen bei'n Schimpfa, und jetzt is sie ganz
verzagt. De lebt nimmer lang.
    Das war nicht gelogen, da die Ursula ein Knblein geboren hatte. Es schrie
laut genug, da man sein Dasein merken mute.
    Die Schullerin stand ihrer Tochter in den schweren Tagen bei und lie sie
kein unrechtes Wort hren. Sie erwies ihr mehr Liebes, als zu anderen Zeiten,
denn das liegt im guten Wesen der Frauenzimmer.
    Und als die Hebamme das Kind zur Taufe in die Kirche trug, ging die
Schullerin mit, gerade so, als sollte ihr rechtmiger Enkel in die Christenheit
aufgenommen werden.
    Es zwang sie etwas dazu; sie wute selber nicht was. Vielleicht die
Erinnerung an ihr eigenes Kind, dem so unachtsam das Paradies verscherzt worden
war.
    So ging sie tapfer neben der Hebamme her in die Kirche.
    Der Pfarrer lie sie lange warten.
    Wie er kam, sagte er, da er vor der Taufe eine Erklrung abgeben msse. Er
werde diesem Knblein den Namen Simplizius beilegen.
    Wieso, fragte die Schullerin, es sei ausgemacht, da es Andreas heien
solle.
    Darauf kme gar nichts an, und er kmmere sich um kein Ausmachen und um
keinen Wunsch, sagte der Pfarrer strenge. Das Knblein sei am zweiten Mrz
geboren, und das sei der Tag des heiligen Simplizius. Er habe es so festgesetzt,
da die ledigen Kinder die Namen der Heiligen tragen mten, an deren Tagen sie
zur Welt kmen.
    Das sei aber kein rechter Name, meinte die Schullerin, kein Christenmensch
heie Simplizius, und das klinge gerade so wie Simpel, und der Bub' htte sein
Leben lang das Gesptt.
    Wenn ein frommer und verehrungswrdiger Papst den Namen fhrte, sagte der
Pfarrer, hernach knne ihn wohl auch ein Bub' tragen, der keinen Vater habe. Und
berhaupt, er lasse keinen Widerspruch zu und werde dieses Knblein auf den
Namen Simplizius taufen.
    Die Schullerin verlegte sich aufs Bitten.
    Hochwrden, tean S' ins ds net o. Es is Verdru g'nua, da ds Kind
berhaupts do is. Und da gang's wieder auf a neu's o bei ins dahoam; Sie
wissen's guat, Hochwrden, wia's bei ins dahoam ausschaugt. Da Bauer geht a so
im Haus 'rum und red't und deut' nix mehr, und d' Urschula woant an ganzen Tag,
weil's da Vater net o'schaugt. Und jetzt gang's auf a neu's o, wenn i hoamkimm,
und da Bua hat a solchen Nam'.
    Ich wei recht wohl, welcher Geist in Eurem Hause herrscht, sagte der
hochwrdige Herr Bausttter.
    Und desweng soll's it wieder auf a neu's Verdru geb'n! bat die
Schullerin. Beim Bauer is 's Feuer untern Dach, bal de G'schicht gar it
aufhrt, und bal Sie ins wieder a Schand' o'hngan.
    Reden Sie nicht so daher! Das ist keine Schande, wenn dieses Knblein den
Namen erhlt. Aber es ist eine Schande, da es unehrlich gezeugt wurde.
    Es hamm schon mehra Madeln Kinder als a lediger bracht. In Gott's Nama,
wenn oans da is, mua ma's hamm.
    Wollen Sie, da ich das Knblein taufe? fragte der Pfarrer kurz.
    Freili. I bitt' schn drum.
    Dann widersprechen Sie mir nicht! Ich werde ihm den Namen Simplizius
beilegen.
    Na, Hochwrden! Geben S' eahm an g'scheiten Nam'! Andreas mua er hoaen.
    Bausttter sah die zudringliche Frauensperson unwillig an und wandte sich
zum Gehen.
    Die Schullerin weinte.
    Warum gibt's denn g'rad bei ins solchene G'schichten? Und g'rad bei ins
geht d' Schand' it aus. Ds is ja g'rad, als wenn mir de Allerschlechtesten
waar'n. Wenn i hoam kimm, is beim Bauern ganz aus. I geh' do rechtschaffa in mei
Kirch', und 's Madel ko aa nix dafr, da Sie mit'n Bauern an Streit hamm. Tean
S' ins ds it o, Herr Pfarrer!
    Ich tue, was ich fr recht erkannt habe. Ledige Kinder werden nach den
Heiligen ihrer Geburtstage benannt. Das gilt fr alle, und bei Euch mache ich
keine Ausnahme. Wenn Sie widersprechen, taufe ich das Kind berhaupt nicht.
    I derf do it ja sag'n. I derf ja net.
    Das geht mich nichts an.
    Nacha geh' i halt hoam und sag's. Von mir aus! Nacha geht da Verdru auf a
neu's o!
    Taufen S' den Buam halt Andreas! sagte die Hebamme.
    Was geht das Sie an? Mischen Sie sich nicht hinein! Und Sie, gehen Sie nur
heim! Aber das will ich Ihnen sagen, ich bleibe auf meiner Vorschrift bestehen,
ob es dem Herrn Schuller recht ist oder nicht.
    Und heute taufe ich berhaupt nicht mehr; da mssen Sie morgen wiederkommen.
Wenn dem Knblein bis morgen etwas zustt, sind Sie verantwortlich fr sein
Seelenheil. Sie haben erfahren, was das bedeutet!
    Mit diesen Worten ging der Pfarrer.
    Die Schullerin schaute ihm nach und wischte sich mit der Schrze die Trnen
ab.
    Geh' ma halt! sagte sie.
    Wie sie durch den Friedhof schritt, blieb sie stehen und fing wieder heftig
zu weinen an.
    Wo soll i jetzt hi' geh'? Da Bauer is am Feld draud' und kimmt vor auf d'
Nacht net hoam. D' Urschula liegt im Bett, und i derf ihr's gar it sag'n, da's
Kind an Spottnama kriag'n mua. I woa gar it, wo i hi geh' soll. 's liabste
waar mir berhaupts, i waar scho g'storb'n. I kriag ja do koan Ruah nimmer, und
da htt' i do mein Ruah und wisset nix mehr!
    Gehst vielleicht zum Pfarrer von Aufhausen umi, Schullerin! sagte die
Hebamme. Der ko dir an Auskunft geb'n, ob's s den Nama leiden mat's.
    Wia ko denn i nach Aufhausen umi? De Deanstbot'n san allsammete am Feld,
und es mua do wer dahoam sei! Stallzeit is aa.
    I gang gern fr di, aba unseroana ko it viel red'n. Hoscht denn gar neamd,
der dir den G'fallen tat?
    Die Schullerin besann sich.
    Hchstens der Haberlschneider, sagte sie. Bal er dahoam is.
    Nacha gehst zu'n Haberlschneider. Der kunnt de G'schicht richti vorbringa.
    I glaab it, da's was helft. Und i plag' an Haberlschneider it gern.
    Ja no, balst sinst neamd woat. Du tatst as ja aa fr an andern.
    Probier' i's halt! sagte die Schullerin. Aba, was tuast denn du derweil?
Du ko'st it mitlaffa mit'n Kind, und hoam derfst aa net. Sinst spannt's d'
Urschula.
    Geh i halt' ins Wirtshaus und wart' auf di. Ds is sinst aa der Brauch, da
ma nach da Tauf' ins Wirtshaus geht.
    Vo mir aus. Trinkst a Halbe, i bleib' it lang' aus.
    Die Schullerin machte sich auf den Weg zum Haberlschneider, und die Hebamme
ging ins Wirtshaus.
    Es war niemand in der Stube. Bei dem schnen Wetter nahm sich kein Bauer die
Zeit zum Trinken.
    Die Hebamme legte das Kind auf einen Tisch, und die Kellnerin kam mit
verschlafenen Augen hinter dem Ofen hervor.
    D' Haasin? sagte sie. Host a Tauf' g'habt? Kemma no mehra Leut'?
    Na, i bin alloa.
    Is denn koa Pat' it dabei?
    Na. Es is ja a ledig's Kind! Von da Schuller Urschula.
    Ja so. Von da Urschula? Is's a Madel.
    Na, a Bua.
    A Bua? Da Hierangl Xaver, sagen s', mua an Vater macha. Was schaffst denn,
Haasin? A Halbe Bier?
    Ja, und an Kaas derfst mir aa bringa.
    Nach einiger Zeit kam die Kellnerin wieder und stellte das matt aussehende
Bier vor die Hebamme hin.
    Dann betrachtete sie das Kind, welches mit seinen runden Augen verwundert
zur Decke hinaufschaute.
    So, so? Von da Urschula? Hat ma da scho was g'hrt, ob da Hierangl Xaver
guatwillig zahlt?
    I woa gar nix.
    I moan allawei, da werd's an Streit geb'n. Da Xaver hat's faustdick hinter
de Ohren. Aba a nett's Kind is! Und stark.
    Ja, es is a g'sund's Kind.
    Wie hoat's denn?
    Gar it hoat's. Es is no it tauft.
    Was? Fr was schleppst d'as denn du nacha umanand?
    Ja, mir san scho in da Kircha g'wen, aba da Pfarrer will eahm an Spottnama
geb'n. Simpli oder Simpi, i woa nimmer g'nau.
    Fr was nacha ds?
    Ja, weil der Heilige auftrifft auf den Tag, wo 's Kind geboren is.
    Geh! So was hab' i aa no net g'hrt.
    Es is scho oamal so a G'schicht g'wen, sagte die Hebamme. Es is net ds
erst' Mal.
    Da hab' i no nia was vernomma.
    Du bist halt no it so lang' da z' Erlbach. Ds is vor a Jahr a drei g'wen.
D' Elfinger Marie hat a Madel bracht; im August is g'wen. Ds hat da Pfarrer
Bibiana tauft.
    Bi-bi-ana! wiederholte die Kellnerin. Was ds fr Nama san. Bi-bi-ana!
Ds is ja g'rad, als wenn ma de Henna schreit.
    Sch is der Nam' net. Aba no, da hat's it viel ausg'macht. 's Madel is a
paar Tag' danach g'storb'n. Da ist it viel g'red't wor'n davo.
    Da si d' Leut' ds g'fallen lassen massen? - Ja no!
    I lasset ma's durchaus it g'fallen, sagte die Kellnerin, ds mcht' i
sehg'n, ob i da zuaschaug'n mat.
    Selm waarst net dabei, erwiderte die Hebamme und schob das letzte Stck
Kse in den Mund; selm waarst net dabei, und bal da Pfarrer amal sagt, es is
sei Recht. Was willst macha?
    I schimpfet scho so viel, i lasset ma's durchaus it g'fallen.
    D' Schullerin war mit in da Kircha. De hat bettelt und aufbegehrt. Aba
nacha hat da Pfarrer g'sagt, er tauft 's Kind berhaupts net.
    Dem kleinen Vst wurde bnglich zumute, wie er so einsam auf der Tischplatte
lag und hoch oben ber sich die weie Decke sah. Er drehte den Kopf unruhig hin
und her und verzog sein faltiges Gesicht zum Weinen.
    Bscht! Bscht! machte die Hebamme.
    Sei no staad, Kloana! Kriagst dein Ditzel scho!
    Sie steckte ihm den Schnuller in den Mund. Da begann der kleine Vst zu
saugen und wurde still.
    Und sah wieder ernsthaft in die Hhe, als denke er reiflich darber nach, ob
er sich den heiligen Simplizius als Namenspatron gefallen lassen msse.
    Die Kellnerin zog eine Haarnadel aus ihrem Zopfe und stocherte damit in
ihren Zhnen herum.
    A nett's Kind! sagte sie. Glaabst du, da da Xaver am End' no d' Urschula
heirat?
    'S beste waar's. Sie is do a ganz a richtig's Leut'!
    I glaab it, da er's tuat. De Burschen sag'n, er will gar nix wissen von
ihr.
    Nacha mua er halt brav zahl'n.
    I glaab, ds will er aa net. Er behaupt', da mehra beteiligt san.
    Ds sagt a jeder hinterdrei. De Kerl' san ja allsammete schlecht. D' Madeln
san dumm, da sie si ei'lassen damit.
    Wahr is. Magst no a Halbe, Haasin?
    Ja, wenn'st da's g'schwind bringst.
    Die Kellnerin ging in die Schenke und brachte das Glas frisch gefllt
zurck.
    Die Hebamme schob es ihr zu.
    Trink, Zenzl! Heut' hast it viel Leut'.
    Na, bereits gar neamd. Bei dem Wetta kimmt aa koana. Hchstens no da
Geitner.
    Der hat allawei Zeit, sagte die Hebamme.
    Ja, er is viel bei uns. Du, Haasin, was fr an Nama htt' da Pfarrer dem
Buab'n geben wollen? I hab's wieder vagessen.
    Simpi oder Simpl oder so. I woa's selm net g'nau.
    Geh! Da's berhaupts solchene Nama gibt! Und Bi-bi-ana. Bi-bi! G'rad, als
wenn ma de Henna schreit!
    Du, i mua zahl'n, unterbrach sie die Hebamme, da kimmt d' Schullerin
ber d' Stra' uma. Fnfadrei'g Pfennig, gel?
    Zwoa Halbe und an Kaas und a Brot, san fnfadrei'g, ja.
    Die Kellnerin schob das Geld ein, und die Haasin nahm den kleinen Vst von
der Tischplatte weg.
    Unter der Tre stie sie auf die Schullerin.
    I bin scho firti, Burin. I halt' di net auf.
    Nacha geh' ma hoam.
    Hast an Haberlschneider troffa?
    Ja; er geht heunt no umi.
    Gel, i hab' d'as g'sagt? Und pa auf, da kriagt er scho an Auskunft.
    Vielleicht. Geh a bissel g'schwinder, da ins neamd o'red't!
    Die Schullerin ging eilig voran und sah vor sich hin auf den Boden. Ihr
Gesicht war noch rot vom Weinen und von der Aufregung. Sie wollte nicht, da es
jemand bemerkte.
    Daheim schickte sie die Hebamme zur Ursula.
    Gehst aufi dazua und sagst nix. Sie braucht's it z' wissen.
    Bal's mi aba fragt, ob s' Kind tauft is?
    Sie fragt net. De denkt do it drauf, da 's da was geb'n hat. Hchstens,
da s' fragt, warum ma so lang' aus g'wesen san. Nacha sagst halt, da da Pfarra
so lang' it in d' Kircha kemma is.
    Die Schullerin zog sich um und ging in den Stall.
    Sie stellte den Melkstuhl hinter die erste Kuh und nahm den Eimer zwischen
die Knie. Zuerst wollte sie an ihre Sorgen denken, aber die Arbeit leidet es
nicht, da man den Kopf bei anderen Dingen hat.
    Da verga sie ihren Gram und strich aufmerksam die Milch in den Eimer.

Es dmmerte stark, als der Schuller vom Felde heim kam. Er war mde und rief zur
Kche hinein, da er gleich essen und zeitig ins Bett gehen wolle.
    Heut' muat no a bissel aufbleiben, sagte die Buerin. Da Haberlschneider
kimmt no her.
    Jetzt is do koa Zeit zum Hoamgarten.
    Er mua dir was sag'n.
    Mir? Was denn?
    Ja, weil er zum Pfarrer nach Aufhausen umi is.
    Was geht denn ds mi o?
    La d'as halt verzhl'n. Z'weng'n da Urschula ihr'n Kind is er umi.
    Um ds kmmer' i mi gar nix. Ds geht mi nix o.
    Di geht's nix o? Do hoscht recht. G'rad i derf mi kmmern.
    Und der Schullerin fielen alle Unbilden ein, die sie am heutigen Tage
erfahren hatte; sie kamen ihr noch grer vor, weil sie jetzt sogar daheim Hrte
und Ungerechtigkeit sehen mute.
    Und sie weinte so heftig, da der Schuller umkehrte.
    Was hoscht nacha? fragte er.
    Ja, was hoscht! Allsammete treten auf mir 'rum, und du sagst, es geht di
nix o! Da freut oan 's Leben nimma.
    I hab' da's g'sagt, um der Urschula ihr Sach' kmmer' i mi nix.
    I ko do aa nix dafr, da sie so dumm g'wen is! Und gar so schlecht is 's
Madel aa net! Und mit Faen braucht ma'r it drauf 'rumtret'n!
    Red' halt!
    Ja, red'! Da Pfarrer hat 's Kind it tauft!
    Is der scho wieder im G'spiel? Net tauft hat er 's Kind? Warum it? Zweg'n
meiner? - Na. Lus halt zua!
    Und die Schullerin fing schluchzend ihre Erzhlung an.
    Wia ma'r in d' Kircha ganga san, is er recht lang' it kemma, und nacha hat
er g'sagt, er mua ds Kind Simpel oder so taufen, hat er g'sagt, weil's am
zwoaten Mrz gebor'n is, sagt er. Und nacha hab' i g'sagt, ds derf i net
leiden, da er an Kind an Spottnamen gibt, ds waar ja a Schand' fr uns aa, und
nacha hat er g'sagt, auf ds pat er it auf, und bal's mir net recht is, nacha
tauft er's berhaupts gar it, und ds is amal Vorschrift, da da Bua Simpi
hoaen mua.
    Was hoscht na du to?
    I hab' g'sagt, ds derf i alloa net erlaub'n, da mua i z'erscht dahoam
frag'n. Und jetzt sagest du, es geht di nix o, und du kmmerst di gar nix drum!
    Hr mit'n Woana auf! Ds is fr gar nix. Also is 's Kind it tauft wor'n?
    Freili net. Mir san wieder a so hoam.
    Und was hat da Haberlschneider dabei z'toa?
    D' Haasin hat g'moant, i soll zum Pfarra von Aufhausen umi. Der saget ma's
g'wi, ob ma de Tauf' verweigern derf. Da bin i zum Haberlschneider und ho' mir
denkt, vielleicht schickt er wen umi. Aba er hat g'sagt, er geht liaba selm,
weil er an Pfarra Gabler kennt.
    Was soll denn ds helfen?
    Ja no, da mir halt hr'n, ob ds sei' derf oder net.
    Sei' derf! Hoscht du scho g'spannt, da der aufpat, was G'setz und Recht
is? Bal er net derf, tuat er's mit Flei. Aba i schaug nimma zua. I nimma!
    Die letzten Worte schrie der Schuller mit lauter Stimme. Er nahm einen
irdenen Topf vom Herd und warf ihn auf den Boden, da die Scherben klirrten.
    Die Buerin wehrte ihm erschrocken ab.
    Schrei do net so! Hr'n di ja d' Leut' bis auf d' Straen aui!
    Vo mir aus! De hr'n no mehra. Bin i a Hund, den ma tratzt, da 's an Spa
gibt? Wenn alles erlaubt is und gar nix verbot'n, nacha probier' i's aa und
schlag' den Kerl, da er verzagt!
    Sei do staad!
    Net bin i staad. Der Herrgottsakrament, der will's it anderst! Der gibt
koan Ruah, bis mir z'viel werd, bis i'n schlag!
    Sag do so was it!
    Du werst scho sehg'n, ob i ds it tua! Und ds mirkst da, tauft werd 's
Kind net!
    Z'letzt mua halt do tauft wer'n!
    Auf den Nama net!
    Ds werd scho recht wer'n. Wart no, bis da Haberlschneider kimmt!
    Ds geht mi nix o, was der von Aufhausen sagt. Des sell g'schiecht amal
net, da ins da Pfaff an Spottnama aufhngt. Eh'nder mua d' Urschula aus'n Haus
und aus'n Dorf. Nacha ko sie ihr'n Bankert wo anderst tauf'n lassen.
    Bal i ds g'wit htt', da du so narret werst! Da waar's mir liaba, i
htt' nix g'sagt!
    Da werd's no viel zum sag'n geben! Htt' ds Weibsbild de Schand' it
herbracht! Moanst vielleicht, da nix mehr nachkimmt? Da Pfaff hat o'g'schoben,
und der Hierangl schiabt nach!
    Gra Good beinand! sagte eine tiefe Stimme, s habt's an laut'n
Diskurs.
    ' Good, Haberlschneider. Weil'st no da bist! Da Bauer is ganz ausanand.
    Ja no, ds helft aa nix. Wia geht's Schuller?
    Ds woat scho. An ganz'n Tag schinden und plag'n und auf d'Nacht an
Verdru. So geht's bei mir.
    Ds kimmt scho wieder anderst aa.
    Bei mir net. I derf ja koan Ruah hamm. Wenn's a Zeitlang staad is, fangt da
Pfaff 's Hetzen o.
    Hoscht an Aufhauser troffen? fragte die Schullerin.
    Ja, er is dahoam g'wen.
    Was sagt er? Massen mir ds leid'n?
    Da Herr Gabler sagt, inser Pfarrer hat ds Recht net, erzhlte der
Haberlschneider in seiner ruhigen Art. Er hat an Kopf beutelt, wia'r i eahm de
Sach' g'sagt hab', und nacha hat er g'moant, ds gibt's net, da inser Pfarra
ds Kind anderst hoat, als sei Muatta will.
    Allerdings, sagt er, ma soll's im Guat'n abmacha, natrli, weil ma'n an
Pfarra net mit'n Schandarm zwinga ko, da er 's Kind tauft. Ds mat 's
Ordinariat o'schaffen, und ds dauert vielleicht z'lang.
    Aha! rief der Schuller, geht's wieder a so? G'rad so hamm s' g'red't,
selbigsmal. Eigentli hat er 's Recht net, und uneigentli kann er toa, was er
mag.
    Dsmal richt'n ma's scho, erwiderte der Haberlschneider.
    I net. I geh' net von da bis ber d' Stra' umi weg'n dera Sach'.
    's Kind kriagt sein richtigen Nam', werst sehg'n! trstete die Schullerin.
    Was pass' i auf ds auf! Du muat it moan, da i mi z'weg'n dem Kind rger!
Aba da der scheinheilig' Tropf wieder o'fangt geg'n mi, und bohrt und hetzt. Da
wer i narret. Weil er moant, i mua wieder dasitzen und all's ei'schiab'n!
    Du hoscht dir ds ander aa'r a bissel z' hart ei'bild't, Schuller. I hab'
oft mit dir reden woll'n, aba du nimmst nix o und arbet'st di g'rad allawei
mehra in d' Wuat eini.
    Und du red'st di leicht, Haberlschneider. I bin net so wehleidig, ds
woat, und i bin net glei ob'n aui. Mi hat scho oft oana beleidigt, und i hab's
net g'acht und hab' mir denkt: Geh zua, desweg'n bin i do, was i bi. Aba jetzt
bin i ja nix mehr, als wia'r a Hadern, an den si jeder sei dreckate Hand
hiwischt. - La dir amal sag'n ...
    Ds Trsten hat koan Wert. Ds macht's net anderst. Probier's du und la
dir an Unrecht g'schehg'n, und du glaabst, es braucht nix, als wia d' Lug
aufdecken, und nacha mirkst, da d' nirgends aui find'st, da dir d' Hnd'
bunden san! A jed's Wort von dir is nix, und der ander schaugt dir zua, wia'st
zappelst, und lacht di brav aus! Und du muat's runterfressen, und bal'st
derstickst! Mach ds amal durch, und nacha sag' no mal, da i mir's z' hart
ei'bild'!
    I glaab da's, da 's di verdriat.
    Ja, verdriat! Seit an Vierteljahr geh' i umanand, und jed'n Tag werd's
rger. Was bin i denn? A Lausbua, der red'n derf, was er mag, und koa Mensch
pat auf. Wenn d' Arbet net g'schehg'n mat, i tat koana mehr; freu'n tuat's mi
nimma.
    So plagst di g'rad selm. Es waar g'scheiter, du tatst as amal vergessen.
    Ds lat si net o'schaffen. Wann i wirkli bei der Arbet drauf vergi,
brauch' i blo ins Dorf eina kemma und de spttischen G'sichter sehg'n.
    Es gibt Leut' g'nua, de auf deiner Seit'n san.
    Ds massens recht hoamli sei, i spann' nix davo.
    Du gehst ja nirgends hi und hrst d' Leut' net red'n.
    Is scho recht. Und was willst denn? Wann i wirkli den Brocken abi
g'schluckt htt', nacha gibt ma ja der Pfaff' an neuen z' fressen!
    Ds vo heunt werd no guat. Ds braucht di net z' kmmern.
    Net, moanst? Da er si ds berhaupts traut hat? Da er mir zoagt, er derf
si d' Stiefeln an mir o'putzen? Aba pa auf! Lang' treibt er ds nimma! Und
jetzt geh'n i ins Bett. Guat Nacht!
    Du hoscht ja no gar nix g'essen! sagte die Schullerin.
    I mag nix mehr.
    Er ging und zog die Tre hinter sich zu.
    Die Buerin seufzte.
    Er is wieder ganz aus'n Husel.
    Der Haberlschneider schaute schweigend vor sich hin.
    Nach einer Weile stand er auf und sagte:
    Ds is amal g'wi, da er an Vormunder net macha derf. Wann er da
Verhandlunga htt' mit'n Pfarra, und danach mit'n Hierangl, ds waar it guat. Da
kunnt was passier'n.
    Jessas Marand Josef! I kimm nimmer aus der Angst.
    Jetzt red'st mit eahm nix mehr d'rber, und an Vormunder mach' i. I bin
klter bei dera Sach' und ko's eh'nder richten.
    Da tuast ma'r an groen G'fallen.
    Ds sell g'schiecht gern. Morg'n schaug i wieder her zu dir, und fr heunt
guat Nacht, Burin!
    Guat Nacht und schn' Dank!
    Als die Schullerin allein war, setzte sie sich neben den Herd und schaute in
die Glut.
    Warum das alles ber sie kam?
    Jetzt ging die Kmmernis nicht mehr aus, als wenn es ihr so aufgesetzt wr'.
Sie wollte nicht viel vom Leben. Von Kind auf war es nur Arbeit, und erst recht
wieder Arbeit, wie sie Schullerin wurde und ihrem Bauern das Haus in Ordnung
hielt. Sie hatte nicht lauter Schnes gehabt und die Hnde nicht oft in den
Scho gelegt. Aber so war sie zufrieden damit, und so war es ihr recht. Es waren
Sorgen, die sich jedes gefallen lt.
    Aber das, was jetzt ber sie kam, scheuchte den Frieden aus dem Hause und
nahm ihr den Mut zur Arbeit.
    Eine weinende Kinderstimme tnte von oben herunter. Erst leise, dann immer
strker. Da war niemand bei der Ursula, der das Kind zur Ruhe bringen konnte!
    Die Schullerin seufzte noch einmal und dann ging sie mde und schwerfllig
die Stiege hinauf.

                              Siebzehntes Kapitel


Als Sylvester in Nubach ausstieg und mit langsamen Schritten den Bahnhof
verlie, sagte er sich die Rede vor, welche er seit Monaten ausgedacht hatte.
Sie sollte die Kraft haben, die alte Veronika Mang von ihren Wnschen
abzubringen. Darum war sie sehr lang, hatte eine schne Einleitung und einen
guten Schlu und war auch mit Beispielen und Beweisen ausgestattet.
    Sylvester hegte oft Vertrauen zu den wohlgefgten Stzen, und ebenso oft
verzweifelte er an ihnen.
    Ich habe dir eigentlich schreiben wollen, aber ich meinte, es lt sich
besser mndlich sagen. Ich habe einen Entschlu gefat, der fr mein Leben
entscheidend ist, und du mut das Vertrauen zu mir haben, da ich ihn gut
berlegt habe.
    Wenn er so anfing, was wrde die Mutter tun? Wahrscheinlich erschrecken ber
den feierlichen Ton und schon nach den ersten Worten den Kopf verlieren und
nichts von dem verstehen, was spter kme.
    Oder wenn er ihre Hand in der seinigen hielt und sagte: Gelt, Mutter, ich
war dir alleweil ein folgsamer Sohn, und du weit, da ich dir dankbar bin, und
daran mut du denken, wenn ich dir etwas gestehe.
    Dann wrde sie hastig sagen: Ja, ja, und um Gottes willen, ist dir was
geschehen?
    Und aus allen Worten und Beweisen wrde sie nur das eine heraus hren, da
ihre getrumte Welt der Herrlichkeiten versinke.
    Aber, wenn nur der Anfang gemacht war! dachte Sylvester. Ihre Vorwrfe
wollte er gerne hinnehmen, und er wrde sie berzeugen, da sein Glck nicht ihr
Unglck machen knne.
    So ging er in Gedanken verloren ber den Nubacher Marktplatz zum Sternbru.
Er bat den Hausknecht, da er ihm den Koffer an der Bahn abhole und mit einer
Gelegenheit nach Erlbach schicke.
    Is scho recht, sagte der Martin. Woll'n Sie net nausfahren? Der
Haberlschneider is herin; der htt' g'wi an Platz.
    Dank' schn; ich geh' lieber bei dem Wetter. Sylvester lftete den Hut und
schritt in den schnen Tag hinein. Er sah nicht rechts und nicht links und nicht
auf die Stelle, wo Jakobos Prantl stand.
    Der sah ihm mit finsterer Miene nach.
    Aha! Grt mich auch nimmer! sagte er. No, von mir aus!
    Und doch tat es ihm leid, da dieser Jngling achtlos an ihm vorberging.
    Denn er hatte eine freundschaftliche Neigung zu ihm gefat. Vor Jahren, als
der Gymnasiast Mang in seine Werksttte kam und sich das Ma zu einem Paar
Stiefel nehmen lie.
    Damals hatte er zum Erstaunen des Lehrlings lateinische Worte mit ihm
gewechselt. Er fragte ihn nach der altitudo, wie hoch er die Schfte haben
wolle, und nach der latitudo, wie breit die Abstze sein sollten.
    Als er merkte, da der junge Mensch ber so viel Gelehrsamkeit staunte,
sagte er: Ego eram discipulus. Auch ich war ein Schler.
    Und er zeigte ihm die erste Seite des Mabuches, worauf mit griechischen
Buchstaben geschrieben stand:

                           Iakobos Prantl, sxoyster.

Wenn es schn ist, in den Augen eines andern zu lesen: Du bist verkannt und
gehrst an einen besseren Platz, so geno damals Prantl diese bitterse
Freude, und er hielt sie fest bis zum Schlusse.
    Bis Sylvester mit einer hflichen Verbeugung die Tr ffnete und er ihm
nachrief: Vale, amice!
    Leben Sie wohl, mein Freund!
    Seit jenem Tage blieb Prantl dem Erlbacher Gymnasiasten ein wohlgeneigter
Gnner. Wenn dieser in die Ferien ging oder aus den Ferien kam, fhrte ihn sein
Weg durch Nubach, und da niemand durch Nubach gelangte, ohne dem gelehrten
Schuhmacher zu begegnen, so hatte Prantl oft Gelegenheit, Sylvester nach dem
Stande der Wissenschaft zu fragen.
    Und jetzt ging dieser junge Mensch ohne Gru vorbei und tat, als htte er
sich niemals treffliche Ratschlge von ihm erholt.
    Natrlich, weil er Geistlicher wurde und den Ha teilte, mit dem alle
Kleriker den Nubacher Volksmann heimsuchten.
    Aber mir is wurscht, sagte Prantl.
    Er steckte die Hnde in die Hosentaschen und schaute ber den Marktplatz.
    Aus dem Amtsgerichte kamen Leute; etliche Burschen, die sich lrmend
unterhielten.
    Einer sagte: Dem Weibsbild hon i's hing'sagt. De hat g'schaugt! De hat
g'moant, es braucht nix, wia klag'n.
    Es war der Hierangl Xaver mit seinen Freunden.
    Prantl achtete nicht auf ihn; er sah einen Bekannten, den Haberlschneider
von Erlbach.
    Der kam auch aus dem Amtsgerichte, und neben ihm ging ein junges
Frauenzimmer.
    Prantl grte.
    Du, hast net Zeit? I hab' was z' reden mit dir.
    Der Haberlschneider sagte zu dem Mdel:
    Gehst zu'n Sternbru eini, Urschula; i kimm glei nach.
    Und dann fragte er den Schuster.
    Was willst?
    Was is denn mit eurer Markgenossenschaft? Hamm sie neue Leut'
eing'schrieben?
    Net, da i woa. Jetzt is koa Zeit fr so was. Hat a jeder z' viel Arbet.
    Ja no, i hab' aa Arbet! Und da Schuller? Is er no net dabei?
    Na, mit dem is jetzt nix z' macha.
    Er is do von de Bndler zum Brgermoasta g'whlt wor'n!
    Ds is er nimmer. Du woat, was da geb'n hat.
    Warum hat er die Sach' net der Presse bergeben?
    So was hngt koana an de gro' Glocken.
    Das is eben. berhaupts is die Stimmung zu lau. Hast mein' Artikel
g'lesen?
    Welchan?
    ber die politische Gleichgltigkeit des Bauernstandes. Da darin die ganze
Macht des Klerus liegt.
    Ds hab' i net g'lesen. I les' jetzt koa Zeitung. Fr ds is der Winter
do.
    Mit solchene Ansichten soll ma was ausrichten!
    Ds muat ei'sehg'n, Prantl, bal du den ganzen Tag g'ackert htt'st, mg'st
auf d' Nacht aa nix mehr lesen.
    Was soll aber ds wer'n? Mir knna net in a paar Monat den Einflu des
Klerus bewltigen. Fr was schreib'n denn mir de Artikel?
    De andern lesen aa nix; de, wo schwarz san.
    Da Klerus braucht die Presse nicht, der hat d' Kanzel und an Beichtstuhl.
    Ja no!
    Und da da Schuller koa Vertrauen auf die Presse hat! Mir hamm do de
G'schicht mit dem Kind' sofort durchgedrckt.
    Du moanst ds weg'n da Tauf'?
    Ja. Hat der Pfarrer vielleicht net nachgeben?
    Ds hat er schon massen. De Obern wer'n's eahm g'muckt hamm.
    Und de Obern frchten eben die ffentliche Meinung.
    Vielleicht hast recht. Jetzt pfat di; i mua zu'n Sternbru eini.
    Was hast denn fr a Weibsbild dabei?
    Ds is an Schuller sei Tochter.
    Von der ds Kind is? Da sollt' i eigentli mit ihr reden. Vielleicht
schreib' i no was ins Wochenblatt!
    Na, tua ds it! Da is scho g'nua drin g'standen.
    Wenn'st net willst, lat's as bleib'n! I hab' nix davo. Hchstens d'
Arbet.
    Prantl sah dem Haberlschneider nach.
    Ds san bornierte Dickschdel! sagte er. Da hat der Klerus freili a
leicht's Spiel.

Der Haberlschneider traf die Ursula in der Gaststube. Sie sa am hintersten
Tisch und hatte ihren Korb neben sich hingestellt.
    Hast scho was o'gschafft?
    Na; i hab' ma denkt, i wart'.
    Nacha zwoa Halbe, Kellnerin! Und fr a jed's a paar Stockwrscht!
    Er setzte sich.
    Da wer'n ma no fter eina fahr'n massen, Urschula, sagte er.
    Ja.
    Der gibt it nach, bis er net verurteilt werd.
    Na.
    An Advokat'n nimmt er, hat er g'sagt.
    Ja.
    Die Kellnerin brachte Bier und Wrste.
    Ursula schnitt bedchtig eine Scheibe nach der andern ab.
    Mir wern sehg'n, was ma tean, sagte der Haberlschneider. Bal sei Advokat
recht aufdraht, nehma mir aa oan.
    Ja.
    Eine Zeitlang schwiegen alle zwei.
    Ursula trank ein paarmal und schaute nach jedem Schlucke geradeaus.
    Sie berdachte jetzt, was ihr den Vormittag geschehen war. Und wurde
redseliger.
    Wia'r a sag'n ko, da i's mit'n Zwerger Hans g'habt ho? Ds is ganz
ausg'schamt. ber de falsche Anschuldigung mua er g'straft wer'n. I hon
berhaupts mit'n Zwerger Hans nia nix g'habt.
    Und an Strixner Peter hat er aa o'geb'n, sagte der Haberlschneider.
    Mit dem bin i oamal von der Tanzmusi hoam ganga. Ds is aber scho a halb's
Jahr g'wen, vor da Xaver ans Kammerfenschta kemma is. Und berhaupts hon i mit'n
Strixner Peter gar nix sellas it g'red't. I hab' ds it denkt, da i mi ei'la
mit oan. Mit'n Xaver aa net, bal er mir's Heirat'n it g'hoaen htt'. Er is
unter mein Fenschta g'stanna und hat pfiffa, und i hab' aua g'schaugt und hab
g'fragt, wer is denn? Sei staad, hat er g'sagt, i bin's, und bal'st ma'r
aufmachst, hat er g'sagt, nacha brauchst di gar nix bekmmern, und 's Heirat'n
is da g'wi, und bei da Hollerstaud'n hat er g'sagt, i brauch' mi durchaus gar
nix bekmmern, und jetzt bracht er an Strixner Peter daher und an Zwerger Hans!
    De massen schwren, Urschula. Und da wer'n mir nacha scho sehg'n, ob da
Xaver ds behaupten derf.
    Er ko gar nix behaupt'n. Und ds hat er aa frbracht, da mi d' Webrunner
Dirn' bei der Dunkelheit g'sehg'n hat am Schneiderhlzl mit an Mannsbild. Und
sie hat g'sagt, sie hat mi kennt, an mein' roten Spenser. Ds is ganz frech. I
hab' berhaupts koan rot'n Spenser gar nia g'habt. Ds mua sie aufweisen, ob i
scho amal an roten Spenser g'habt hab'.
    Jetzt zahl' i; mir massen fahr'n, Urschula.
    Soll ma net no'mal aufs G'richt umi und ds sag'n, da i koan roten Spenser
it hab'? I htt's scho glei g'sagt, aba i hab' mi nimmer auskennt, weil da Xaver
gar so unverschmt g'log'n hat. Moanst it, mir soll'n umi geh' und ds schreib'n
lassen, da i koan roten Spenser berhaupt it hab'?
    Ds hat jetzt koan Wert it.
    Net?
    Ds ko'st bei da Verhandlung frbringa, da hoscht no Zeit g'nua.
    D' Muatta ko's aufweisen, und der Vater aa.
    Den lat aus 'n G'spiel!
    Aba er kunnt do an Zeug'n macha, ob er mi scho amal g'sehg'n hat mit an
roten Spenser.
    Moanst, der stellt si mit'n Xaver vors G'richt? Na, mei Liaba, und wann i
du waar, redet' i dahoam ganz weni von da Verhandlung.
    Bal d' Webrunner Dirn' so frech is und sagt, sie hat mi kennt an mein'
roten Spenser!
    Der Haberlschneider zahlte, und bald rasselte sein Wagen ber das Nubacher
Pflaster.
    Beim Unterbru saen Leute am Fenster. Sie wandten die Kpfe, als sie das
Fuhrwerk hrten.
    Einer ffnete das Fenster und pfiff gellend durch die Finger.
    Die anderen schrien und lachten.
    Ds is da Xaver g'wen, sagte Ursula.
    I hab'n scho g'sehg'n, erwiderte der Haberlschneider, den Lausbuab'n.
Schaug' it um, sinscht plrren s' no besser!
    Er lie seinen Schimmel einen guten Trab anschlagen und hielt fleiig
Umschau, wie die Wintersaat keime.
    Die Ursula hielt ihren Korb auf dem Schoe und dachte darber nach, wie ihr
der Xaver jetzt allen Spott antue. Und allmhlich kamen ihre Gedanken wieder auf
die Webrunner Dirn, die gar so frech log und gewi eine Absicht dabei hatte.
    Hinterhalb Pettenbach holten sie einen stdtisch gekleideten Mann ein.
    Ds is ja der Herr Mang, sagte der Haberlschneider. h, brr!
    Er wartete, bis Sylvester herankam.
    Gr Gott! Mgen S' net aufsitzen?
    Ich dank' schn, Haberlschneider, es is nimmer weit.
    Wie S' moana. Nacha adje!

Als Sylvester auf die letzte Hhe kam und Erlbach vor sich liegen sah, ging er
frischer voran.
    Beim ersten Haus grte er den Wei Flori, der im Garten arbeitete.
    Dann bog er in die Dorfgasse ein.
    Es war ihm, als htte er seit Jahren die Heimat nicht mehr gesehen.
    Alles war so, wie er es vor wenigen Monaten verlassen hatte, und doch schien
es ihm gnzlich verndert.
    Da vorne war das Schulhaus; an der Gartentre standen zwei Mnner.
    Wie er nher kam, erkannte er sie; den alten Lehrer und Herrn Sitzberger.
Jetzt sahen sie ihn. Stegmller winkte ihm; der Kooperator aber wandte sich um
und ging eilig in die Nebengasse.
    Ja, Gr Gott, Herr Sylvester! Sieht man Sie auch mal wieder?
    Gr Gott, Herr Lehrer, und wie geht's Ihnen?
    Wie's halt geht, wenn man alt ist. D' Mutter hat's auch bs g'habt, gelt?
    War sie krank?
    Hamm Sie das net g'wut?
    Nein, kein Wort.
    Sie brauchen net erschrecken, es geht ihr schon wieder besser, aber eine
Zeit war 's net gut d'ran.
    Ja, dann entschuldigen ...
    Ich darf Sie net aufhalten. Adieu und b'suchen S' mich die nchsten Tag'!
    Sylvester eilte weg.
    Die Nachricht hatte ihn bestrzt.
    Die Mutter schrieb ihm so selten, da er sich keinen Gedanken darber
machte, als in der letzten Zeit die Briefe ganz ausblieben.
    Da hatte er jetzt immer um sich gesorgt, und derweil lag seine alte Mutter
schwer krank daheim.
    Scham und Angst berkamen ihn, und sein Herz schlug rascher, als er in das
kleine Haus trat und die Stubentre aufklinkte.
    Ja, kimmst du jetzt daher?
    Die Mutter stand schwerfllig vom Stuhle auf und ging ihm entgegen.
    I hab' mir denkt, du kimmst auf'n Abend mit der Post?
    Die Stimme hatte den alten Klang nicht mehr; und wenn die Augen auch
lachten, konnte sie doch die Mdigkeit nicht verbergen.
    Mutter, warum hast du mir keine Nachricht geben?
    Wegen der Krankheit? Ach, geh! Ds is scho wieder rum. Bist z' Fua raus
ganga, weil d' Stiefel so staubig san?
    Ja. Aber setz' dich doch! Warum hast mir nicht schreiben lassen?
    Es is ja wieder gut wor'n. I bin froh, da d' net frher kemma bist; da
htt' i dir gar it recht Gr Gott sag'n kinna.
    Von fremde Leut' mu ich hren, da du krank warst!
    Es is ja nix g'wesen. Des sell hon i scho fter g'habt, da mir d' Fa
aufg'schwollen san. Heuer is halt a bissel strker g'wen. Jetzt sag amal, hast
koan Hunger?
    Nein, Mutter. Und was sagt denn der Doktor? Darfst du schon auf sein?
    Freili. Im Bett bin i berhaupts blo zwoa Wochen lang g'legen, und wenns
Wetta sch g'wen is, hab' i mi aui setzen derfen. - Du schaust aber so md'
aus.
    Ds vergeht scho. Mit sechz'g Jahr' bringt ma r'a Krankheit net so schnell
weg.
    Die Weberin trat ein.
    ' Good, Herr Sylvester, ds is recht, da S' da san. Was sagen S' zu der
Muatta?
    So schwach kommt s' mir vor.
    Ds hoat jetzt nimmer viel, aber vor drei Wocha htten S' as sehg'n
massen!
    Geh, red it a so daher! unterbrach sie die Mangin, muat du's no rger
macha? Hamm mir nix dahoam zum Essen? Er is z' Fua auaganga.
    I mat eahm halt an Schmarr'n kocha.
    Ds tuast.
    Aber ich brauch' wirklich nichts, Mutter.
    Du magst scho was. Geh zua, Weberin, und schleun' di a bissel!
    Wie sie nun wieder allein war mit ihrem Sohn, sagte die alte Veronika:
    So, Bua, jetzt setz di her zu mir! Wia geht's dir denn? Es kimmt mir g'rad
so vor, als wenn'st no g'wachsen waarst. Und so ernst bist wor'n. Es feit dir do
nix?
    Nein, Mutter, was soll mir fehlen?
    Junge Leut' knna aa krank wer'n, und studieren hast aa fleii massen. Z'
Weihnachten hast gar it hoam derfen.
    Sylvester wurde rot.
    Da meinte die Mutter, es sei ihm doch recht warm geworden beim Gehen. Und ob
er sich nicht erhitzt habe.
    So fragte sie ihn weiter, und aus jeder Frage klang die herzliche Freude,
da er nun dasa, ihr gegenber in der kleinen Stube.
    Sie legte ihre Hand auf die seine, und Sylvester sah traurig, wie sie
abgemagert war.
    Aber sie wehrte seine Fragen ab und lie es nicht gelten, da ihre Krankheit
gefhrlich war.
    Und bist no allaweil guat aufg'hoben bei da Frau Rottenfuer? Und der Herr
wohnt aa no dort, von dem's d' ma g'schrieb'n hast? Der a Freund vom Herrn Held
g'wen is?
    Wie htte Sylvester jetzt sein Gestndnis ablegen knnen? Er dachte nicht
mehr daran. ber den Sorgen um die Mutter hatte er die eigenen vergessen. Und
wie er nun allmhlich die Hoffnung schpfte, da sie wirklich auf dem Wege der
Besserung sei, berkam ihn ein rechtes Behagen an der Heimat.
    Und eines fiel ihm auf.
    Die Mutter erkundigte sich nach allem; aber was sonst ihre erste Frage war,
ob er nun bald die Weihen erhalte, und wie lange es noch dauere bis zur letzten,
die ihn zum Priester mache, die Frage stellte sie heute nicht.
    Ja, manchmal schien es ihm, als vermeide sie es absichtlich, davon zu reden.
    Er htete sich vor jedem Wort, das darauf hinfhren konnte, und freute sich
der Stunde, die ihm die Liebe seiner alten Mutter zeigte.
    Und jetzt la dir's schmeck'n, Bua, sagte sie, als die Weberin das Essen
brachte. Er griff tchtig zu. Der Marsch hatte ihm Hunger gemacht. Wie er fertig
war, lachte sie frhlich.
    No, vergelt's Gott, Bua, an guat'n Appetit hast allawei no.
    Die Weberin mahnte sie, da ihr der Doktor ein paar Stunden Schlaf fr den
Nachmittag verordnet habe, und Sylvester bat eifrig, sie msse folgen. Er wolle
im Dorf herumgehen und Bekannte gren. Am Abend knnten sie wieder miteinander
reden.
    Die Mutter gab nach, und Sylvester ging.
    Als er durch den Garten schritt, lief ihm die Weberin nach.
    Heut' is sie guat beinand, sagte sie, aber Obacht mua s' geb'n, hat der
Doktor g'sagt. 's Herz is so schwach.
    Aber er sagt, sie wird wieder?
    Ja. Bal's im Fruahjahr so weiter geht, ko sie si z'sammklaub'n, sagt er.
    Ich geh' morgen zu ihm, und frag' ihn selber.
    Und reden S' der Muatta recht zu, da s' folgt! Sie will's allawei net
glaub'n.
    Warum haben Sie mir keine Nachricht geben?
    I htt' an Herrn Stegmller bitt', da er Eahna schreibt, aber sie hat's
durchaus net erlaubt.
    Hat sie Schmerzen ausstehen mssen?
    G'sagt hat s' nix. Sie is berhaupts so dasig g'wen.
    Md' sieht sie aus.
    Gel? So verzagt! D' Bcker Ulrich Marie moant, de Nachricht, wo ihr der
Herr Sitzberger geb'n hat, htt s' so verzagt g'macht.
    Welche Nachricht?
    I bin net dabei g'wen, natrli. Aber von Eahna soll er g'red't hamm.
    Von mir?
    Ja, da Sie nimmer geistli wer'n.
    Das hat der Herr Kooperator gesagt?
    I hab's selm net g'hrt, aber er is fter im Haus g'wen und d' Bcker
Ulrich Marie sagt, sie woa's g'wi.
    Und was hat meine Mutter g'sagt?
    Zu mir nix. Sie hat blo so fr si hin g'redt, aber staad, da i nix g'hrt
hab'. Is denn ds wahr, bleib'n Sie net dabei, Herr Sylvester? Die Weberin
erhielt keine Antwort.
    Sylvester ging weg, stillschweigend und ohne Gru.
    Jetzt wute er, da seine Mutter mit Absicht die Frage vermieden hatte.
Wollte sie an der Hoffnung festhalten und sie nicht zerstren lassen? Und meinte
sie, das sei nur eine vorbergehende Laune von ihm, und wenn man nicht davon
rede, komme er selbst davon ab?
    Der Gedanke lie ihn nicht los. Ohne es zu merken, ging er zum Dorfe hinaus,
immer weiter die Weblinger Hhe hinauf.
    Da setzte er sich auf den Rasen und blickte herum.
    Hier war er vor Jahren mit seinem Freunde gestanden. An dem schnen
Sommertag.
    Er sah wieder alles lebendig vor seinen Augen. Wie sich die Halme im Winde
beugten, und wie der alte Held so frhlich auf den reichen Segen blickte.
    Und er hrte die leise Stimme neben sich.
    Heute verstehst du mich nicht, parvule. Spter einmal, wenn du weit, da
aus dem Fluche ein Segen wurde. Im Schweie deines Angesichts sollst du dein
Brot essen.
    Lag nicht Reue in seinen Worten? Hatte nicht der Alte am Abend seines Lebens
gemeint, es wre ihm besser gewesen, wenn er seine Tage in Arbeit verbracht
htte? Sylvester holte tief Atem. Ihm selber drckten die Worte eine Sehnsucht
aus, ber die er nicht mehr Herr werden konnte.
    Er wute, da er mit schaffen wollte. Da er kein Glck darin fand, wie ein
Fremder neben den Menschen zu wandeln, ber ihren Mhen und Sorgen zu stehen und
sie zu vertrsten auf eine andere Welt.
    Nicht unehrerbietig dachte er darber. Aber sein Herz schlug dem Leben
entgegen, und nichts in ihm redete von Verzichten.
    Hier, so mitten in der Heimat, stand ihm der Entschlu klar vor der Seele;
losgelst von heimlichen Gedanken.
    Nicht ungewisse Hoffnungen durften ihm die Zukunft gestalten. Er handelte
frei und tat das Notwendige.
    Und das wute er hier.
    Sylvester stand auf. Die Bangigkeit hatte er berwunden.
    Er dachte nicht mehr daran, zgernd um die Wahrheit herumzugehen, als htte
er Schlechtes im Sinne.
    Gewi mute er Rcksicht haben auf seine alte Mutter. Aber die zu allererst,
da er offen mit ihr redete.
    Er trat rstig den Heimweg an.
    Vor dem Dorfe holte er einen Mann ein, der hinter seinen Pferden herging.
    Gr Gott, Schuller! Alleweil g'sund?
    Tuat's scho.
    Wie geht's daheim?
    Mua scho toa.
    Sylvester wunderte sich ber den abweisenden Ton. Er war in frheren Zeiten
hufig beim Schuller eingekehrt.
    Die Ursula hab' ich heut' g'sehen, begann er wieder. Sie is an mir
vorbeig'fahren.
    So?
    Was haben Sie denn, Schuller?
    Nix. Derf i Eahna an Rat geb'n, Herr Mang? Gengan S' alloa und lassen S'
Eahna mit mir net sehg'n. Mir passen net zuanand.
    Ich versteh' Sie nicht.
    Sie wer'n mi scho no versteh'. I bin so oana, dem a Geischtlicher aus'n Weg
geh' mua. Und Sie g'hren do dazua.
    Er hielt die Pferde an und machte sich am Geschirr zu schaffen.
    Sylvester ging kopfschttelnd weiter.
    Die Mutter hatte ihm einmal geschrieben, da es beim Schuller Verdru
gegeben habe, und da er als Brgermeister htte abdanken mssen.
    Damals hatte er flchtig darber weg gelesen. Jetzt erinnerte er sich daran.
    Aber warum war der Schuller so unfreundlich gegen ihn? Das verstand er
nicht.

Es brannte schon Licht in der Stube, als er heimkam. Die Mutter sa am Tische
und lachte ihm freundlich zu.
    Er schaute sie ngstlich an. Beim Kerzenschein sah ihr Gesicht leidender aus
als am Tage.
    Und er fragte sie:
    Hast du gut g'schlafen?
    Ja, ganz guat. Und wo bist du derweil g'wen?
    Auf der Weblinger Hh'.
    Hast koan B'suach g'macht? Beim Lehrer?
    Nein, ich bin lieber ins Freie hinaus.
    Da hast recht g'habt. 's Wetter is ja so sch.
    Du, Mutter, ich mu dich was fragen.
    Was nacha?
    Der Kooperator hat dir was erzhlt von mir?
    Woher woat du ds?
    D' Weberin hat mir's g'sagt.
    De hat do ihre Ohr'n berall!
    Aber es ist wahr? - Ja.
    Beide schwiegen, und es war still in dem kleinen Zimmer.
    Nur die Uhr hrte man ticken.
    Nach einer Weile sagte die Mutter:
    Magst it wart'n bis nach'n Essen? Sunst kimmt d' Weberin wieder eina, und
de pat oamal z' viel auf.
    Hast du noch nicht gegessen?
    I scho. I kriag blo a Supp'n auf d' Nacht. Aber du!
    Ich kann nichts essen.
    Nacha sag's der Weberin. Sie is in der Kuchel.
    Sylvester ging hinaus. Als er zurck kam, sa die Mutter unbeweglich und
schaute nachdenklich in das Licht.
    Er hat dir erzhlt, da ich nicht mehr dabei bleiben will?
    Ds hat er g'sagt, ja. Und da du heirat'n willst, und da d' Musiker werst
und zum Theater gehst.
    Wie kann er so lgen?
    Net so laut! D' Weberin hrt ins.
    Ja, und du, Mutter?
    I hon net all's glaabt, g'rad, weil er so viel daher bracht hat.
    Nicht alles, aber das vom Weggehen?
    Ds scho. Weil i's schon lang' kennt hab', da 's di net freut.
    Du hast das g'wut?
    Ja; wia's d' im Herbst dag'wen bist, hon i's kennt. Und davor scho. Du
hoscht oft so g'spaig drei g'schaugt, wenn i g'red't hab', wia's amal werd. Und
du hoscht mir nia recht o'geb'n.
    Warum hast du nie was g'sagt?
    Ja mei'! Selbig'smal hon i's glaabt, und hon's net glaabt. I hab' mi selber
vertrst' und hab' mir denkt, du b'sinnst di vielleicht wieder anderst. Nacha
hat mir da Herr Sitzberger ds g'sagt.
    Hast d' dich in deiner Krankheit so kmmern mssen!
    Nix leicht's war's mir it, Bua! Aber je mehra, da i d'rber nachdenkt
hab', desto besser hon i's ei'g'sehg'n, da ds erst recht nix waar, wenn's d'
net gern dabei waarst. Jetzt is's no koa Snd', bal's d' weggehst. Aber danach
waar's oane, wenn's d' amal ausg'weiht waarst.
    Sylvester schwieg. Da war nun die Stunde, die er so lange gefrchtet hatte.
Und seine Mutter machte ihm keine Vorwrfe. Er hatte die Freiheit gewonnen ohne
Kampf. Und er konnte sich nicht darber freuen.
    Die schlichten Worte erschtterten ihn.
    Wie manche Nacht hatte die alte Frau keinen Schlaf gefunden, bis sie ihrem
Herzenswunsch entsagte!
    Und jetzt sagte sie nur, es sei ihr nicht leicht geworden.
    
    Sie unterbrach die Stille.
    Warum hoscht net frher was g'sagt?
    Ich hab es selber nicht gewut. Das ist so gekommen, nach und nach.
    Er griff nach ihrer Hand, und sie lie sie ihm.
    Schau, Mutter! Ich wr' dabei geblieben, dir zulieb. Aber es geht nicht.
Ich kann nicht.
    Er legte den Kopf auf den Arm und weinte.
    Sie zog sachte ihre Hand aus der seinen und strich ihm liebkosend ber das
Haar.
    Geh, Bua!
    Aber sie lie ihn gewhren und dachte, das tte ihm gut. Junge Leute weinen
sich die Sorgen und Schmerzen weg.
    Als Sylvester sich wieder aufrichtete, sagte er noch einmal: Dir zulieb'
hab' ich dabei bleiben wollen.
    Ds htt' i gar it mg'n. Wia'r i so da g'leg'n bi, hon i oft denkt, du
bleibst am End' dabei, so lang i leb', und bal i amal g'storb'n waar, gangst du
weg. Ds htt' mir koa Ruah it lassen.
    Und dann fragte sie:
    Was hoscht nacha jetzt im Sinn?
    Sylvester erzhlte ihr von seinen Plnen. Erst stockend und unsicher.
Allmhlich wurde er lebhaft. Die Freude an der ttigen Zukunft regte sich, und
er schilderte sie in rosigen Farben.
    Er komme schon bald zum Verdienst, sagte er. Der alte Schratt habe ihm eine
Stellung verschafft in einem groen Handelshause in Frankfurt. Das habe
Niederlagen in allen Lndern, und wer sich tchtig zeige, komme bald vorwrts.
    Und wie wollte er arbeiten! Keine Mhe sollte ihm zu viel sein, und je mehr
es zu schaffen gbe, desto lieber wre es ihm. Er knne die Zeit kaum mehr
erwarten, und er wolle der Mutter beweisen, da sie der Entschlu nicht reuen
drfe. In zwei, drei Jahren wre er so weit, da er sie untersttzen knne, viel
leichter, als wenn er Geistlicher wrde. Die mten warten, bis sie an die Reihe
kmen, aber in einem solchen Geschft brchte einen die Arbeit vorwrts, und
weil er das wisse, sei ihm keine Arbeit zu viel.
    Die Mutter hrte ihn aufmerksam an. Sie konnte sich nicht alles zurecht
legen und sah den Weg nicht klar vor sich, den er gehen wollte. Aber sein Eifer
berzeugte sie, und sie ging daran, sich ein neues Bild von der Zukunft
auszumalen.
    Im goldgestickten Gewande wrde ihr Sylvester nicht vor dem Altar stehen,
und in einem Pfarrhof wrde er nicht sitzen.
    Das war vorbei. Aber einen groen Kaufladen wrde er haben, einen greren
noch, als der Kramer Schiel in Nubach. Bei dem es nach der Kirche immer
gesteckt voll war, und der sich das Geld haufenweise verdiente. Und das war doch
wahr. Bis einer Pfarrer wrde, dauerte es lange, und als Kooperator hatte einer
kaum genug zum Leben und mute sich um sein Essen mit den Pfarrerkchinnen
streiten.
    Wenn man alles betrachtete, hatte ihr Sylvester eigentlich das bessere Teil
erwhlt. So gewann ihre Vorstellung allmhlich Form und Gestalt, und sie
unterbrach den Eifrigen mit Fragen. Ob der Frankfurter Kramer ihn schon bald in
ein Geschft setzen wrde? Und an einen greren Ort, vielleicht wie Nubach
oder Pfaffenhofen? Und an einem schnen Platz neben der Kirche? Weil solche
Geschfte den besten Besuch haben.
    Und zuletzt fragte sie:
    Was is nacha ds fr a Madel?
    Welches Mdel? - No ds, wo der Herr Kooperator g'sagt hat, da du
heirat'n sollst.
    Sylvester wurde rot bis ber die Ohren und lachte verlegen.
    Geh, Mutter! Was dir der g'sagt hat!
    Da Herr Stegmller hat aber aa'r amal a solchene Andeutung g'macht.
    Sylvester sah, da seine Mutter ernsthaft an diese Sache gedacht hatte, und
er meinte, sie habe es wohl verdient, da er ihr alles Vertrauen schenke.
    Und er erzhlte ihr, wie er das Mdchen kennen gelernt hatte, wie gut und
brav es sei, wer die Eltern wren, und wie er in dem Hause aufgenommen wurde.
    Aber er habe nicht ans Heiraten gedacht, sagte er; denn eine solche Hoffnung
wre ganz tricht.
    Die Mutter hrte zu und sagte nichts.
    Sie ergnzte im stillen ihr Bild.
    Und darin stand jetzt Sylvester im Kaufladen des reichen Herrn Sporner als
Schwiegersohn und als der Mann der einzigen Tochter, der einmal alles erben und
kriegen mute.
    Es wird no alles recht wer'n, Bua! sagte sie. Und jetzt gut' Nacht!

                              Achtzehntes Kapitel


Am Grndonnerstag kamen drei lustige Soldaten ins Dorf. Der Zwerger Jackl und
ein Knecht vom Lochmann und dem Schuller sein ltester.
    Sie marschierten singend die Nubacher Strae herein, und wenn ihnen ein
Mdel in den Weg kam, schrien sie ihm kecke Worte zu, wie man sie beim Militr
lernt. Beim Zwerger nahmen sie kurzen Abschied voneinander, und der Schuller
Sepp ging im Gschwindschritt heim. Als er nahe am elterlichen Hause war, dachte
er, es wre ein guter Spa, wenn er seine Leute berrasche. Er schlich um den
Stadel herum und schaute zur Kche hinein. Die Mutter stand drinnen am Herd und
frbte Ostereier, rote und gelbe. Sie nahm sie vorsichtig aus der Pfanne und
legte sie in eine Schssel.
    Da klopfte der Sepp ans Fenster, und sie fuhr erschrocken zusammen.
    Jessas, aber du hoscht mi derschreckt!
    Er lachte, da man alle Zhne sah.
    Servus! Da kumm i g'rad recht zu die Osteroar. Gib no glei a paar her,
Muatta!
    Geh no z'erscht ganz eina und sag mir Gra Gott!
    Ja, was moanst denn, wia 'r i Kohldampf schiab!
    La di amal o'schaug'n mit der Uniform! Broater bischt wor'n.
    Ds kimmt vom G'wehr schmied'n; ds treibt oan ausanander.
    Die Schullerin sah mit rechter Zufriedenheit auf ihren Sohn. Er war um ein
weniges kleiner als der Vater, aber seine Schultern waren breiter, und wie ihm
die blitzblaue Uniform prall ansa, war er ein Bild von derber Kraft. Und das
frische, kecke Wesen stand ihm gut.
    Jetzt gib ma glei a paar Osteroar, weil i's so guat troffen hab',
wiederholte er.
    Muat denn du g'farbte hamm? De g'hren zu der Weich.
    So lang' kann i net wart'n. I fri de mein ung'weicht.
    Da nimm da halt oa!
    Sie schob ihm die Schssel hin, und er holte sich etliche heraus.
    Wia lang' hast denn Urlaub, Sepp?
    Sieb'n Tag. Am Mittwoch mua i wieder ei'passier'n.
    Er kaute mit vollen Backen.
    Wo is denn der Vata? fragte er.
    Er is it dahoam.
    Was? Er werd do it arbet'n an die Kartg?
    Na, er is zum Haberlschneider umi. Da Herr Mang is do g'wen, und nacha san
s' mitanand furt.
    O mei, was da scho wieder geb'n werd! setzte sie hinzu.
    Sepp berhrte ihren Seufzer. Er klopfte ein Ei an der Tischkante auf.
    Und d' Urschula? Da dir de it hilft?
    Sie is beim Kind droben.
    Sepp tauchte das Ei ins Salz und schob es in den Mund.
    Ah so! sagte er. Da hon i jetzt gar it dro denkt. s werd's an schn'
Verdru g'habt hamm?
    Es is net der oanzige g'wen, Sepp. Bei ins is all's anderscht worn, seit
da du furt bist.
    Und sie erzhlte.
    Wie der Vater zum Brgermeister gewhlt und wieder abgesetzt wurde, wie das
Kind von der Ursula einen Spottnamen htte kriegen sollen, und wie es jetzt
einen Proze gbe mit dem Hierangl Xaver. Der Sepp hrte zu und a nachdenklich
weiter.
    Wie die Rede auf den Xaver kam, sagte er, der sei alleweil ein Tropf
gewesen, ein miserabliger, und er brauche es notwendig, da man ihm einmal das
Kreuz abschlage, und er wolle seinen Urlaub dazu hernehmen und den Xaver
umeinanderschlagen, da er am Leben verzagen msse.
    Ds lat du bleib'n! sagte die Mutter. Da d' ma du aa no eini kimmst in
de G'schicht'n!
    Es braucht it viel, meinte der Sepp und reckte sich in den Hften. I hab'
mit dem Bazi scho amal was z'toa g'habt; i hab'n beim Wirt so dumm an Of'n
hi'g'schmissen, und bal mi da Zwerger it z'ruckg'halt'n htt', waar's eahm
schlecht ganga.
    Sei froh, da 's guat naus ganga is! Und ds muat ma versprech'n, da d'
in Urlaub nix o'fangst damit. Mir waar's g'nua.
    Er gab ihr das Versprechen und sagte, er habe das nicht so gemeint, da er
auf der Stelle zum Hierangl gehen wolle, sondern er htte gemeint, blo so, wenn
es recht leicht ginge.
    Na, na! wiederholte die Mutter. Du derfst eahm gar nix toa! Magst it a
paar Nudeln? De Oar massen di ja im Mag'n drucka.
    Es werd besser sei, bal i no a Nudel i, sagte Sepp. Und an Kaffee kunnst
d' mir aa macha.
    Den ko'st hamm. Kriagst d' in da Kasern' aa'r oan?
    So a braune Brah geben s' ins in da Fruah. Ds hoaen s' an Kaffee.
    Du werst oft denk'n, da 's dahoam besser is?
    De erscht Zeit scho. Nacha g'whnt ma si an all's, und Hunger kriagt ma'r
aa beim Kasernstopseln.
    Bei was?
    Beim Exerzier'n.
    Hast d' as recht hart an ganzen Tag?
    Und bei da Nacht aa. Da hoat's Posten brenna.
    San s' recht grob mit dir?
    Na, i ko mi net beklag'n. Freili, bal si oana recht dumm stellt, nacha werd
er scho g'schimpft. Aba bei meiner Kumpanie san lauter stramme Teufeln, und bei
da Vorstellung san mir weitaus de bessern g'wen.
    Er kam ins Erzhlen.
    Ds htt'st sehg'n soll'n, wia ma da aufg'ruckt san. Und z'sammganga is,
g'rad nobl! Da Feldwebel hat ins lob'n massen, und da Hauptmann hat g'sagt, die
junge Mannschaft macht ihre Sache sehr gut, ich bin sehr zufrieden damit, und da
Feldwebel hat g'sagt, da de jungen Grasteufeln viel besser san als wia die alte
Blasen. Da hat er aa recht g'habt. Woat, beim alt'n Jahrgang, da san Leut'
dabei, ganz eiskalte. De tean g'rad, was s' mg'n, und bal s' eig'sperrt wer'n,
ds is dena ganz wurscht.
    Di hamm s' no nia eig'sperrt, Sepp?
    Na. I la mi net dawischen.
    Auf ds derfst di aba net verlassen.
    Ah was! A bissel schlau mua ma sei, nacha geht's scho. Z'nachst bin i um
elfi auf d' Nacht im Wirtshaus g'hockt und hab' koa Erlaubnis net g'habt. Auf
oamal kimmt d' Patrouill' daher. An Unteroffizier von der fnften Kumpanie. Wia
'r a vorn bei da Tr eina is, bin i hint' bei da Schenk' aui. Er nach wia da
Teufi, i aui in Hof und bern Zaun umi. G'sehg'n hat er mi, aber kennt hat er
mi net. In der Wirtschaft hat's eahm oana g'stochen, da der betreffende Soldat
vom zwlften Regiment war; blo d' Kumpanie hat er net o'geb'n knna.
    Jetzt hamm s' in da Frah bei jeder Kumpanie g'fragt, und hamm g'sagt, der
Mann soll sich melden, weil er erkannt worden ist.
    I bin aba net so dumm g'wen.
    Bal s' di aba 'rausbracht htt'n!
    De bringen nix 'raus, bal ma schlau is. De hamm g'moant, es war oana von
der alten Mannschaft. Da Feldwebel hat g'sagt: Ich wei schon, das ist die alte
Blasen, die glaubt, sie darf sich recht viel Kraut 'rausnehma. Aber wenn ich den
Betreffenden ausfindig mache, den leg' ich fnf Tag auf die Latten, den
Herrgottsakrament, hat er g'sagt.
    Der Ertl Hans hat hoam g'schrieb'n, da er si halt gar it ei'g'whna ko bei
der Militari.
    Was will denn der sag'n, z' Mnka drin? Der mat erst was spanna, wia's
bei uns is. De wissen ja gar nix in da Stadt drin, de Grasteufeln!
    Der Sepp war ein martialischer Soldat und ein treuer Anhnger des zwlften
Regiments.
    Und seine Mutter hrte ihm aufmerksam zu, whrend sie die Eier ins
sprudelnde Wasser legte.
    Da klangen rasche Schritte im Gange, und der Schuller trat ein.
    Sein Gesicht verriet eine starke Aufregung, aber keine traurige; seine Augen
blitzten, um den Mund lag ein freudiges Lachen, und die Stimme klang krftig,
wie schon lange nicht mehr, als er den Sepp begrte.
    Bist da? Ds is recht. Da Schnurrbart is dir g'wachsen. Jetzt kannst 'n
scho bald aufdrahn.
    Ja, was hoscht denn du? rief die Schullerin.
    Nix Schlechts net. D' Lumperei kimmt auf! Und er patschte krftig auf
seine Knie.
    Woat, Sepp, i hon a schlechte Zeit g'habt, aba jetzt geht's wieder
besser.
    D' Muatta hat ma's g'sagt.
    Hat s' da's g'sagt? Woat, sie htt'n mi ganz schlecht g'macht mit lauter
Lug'n, und i waar gar nix mehr g'wen. Aba jetzt is de G'schicht offenbar wor'n.
    Was hat's denn geben? Erzhl halt amal! drngte die Buerin. Und der
Schuller erzhlte.
    Sepp mute sich wundern ber den Vater. Der war immer so ernst und wortkarg
gewesen; jetzt redete er hastig, als knne er die Worte nicht schnell genug
herausbringen, und schlug mit der Faust auf die Tischplatte oder wischte sich
mit dem rmel ber die Stirne, weil es ihm hei wurde vor lauter Lebhaftigkeit.
    Er is ganz anders wie frherszeiten, dachte Sepp.

Es hatte sich aber etwas Merkwrdiges ereignet; und das war so: Den dritten oder
vierten Tag nach seiner Ankunft ging Sylvester zum Lehrer Stegmller und sagte
ihm, welchen Entschlu er mit Billigung seiner Mutter gefat habe.
    Stegmller wute das Hauptschlichste bereits aus den Prophezeiungen des
Herrn Kooperators und der Bcker Ulrich Marie; er war nur berrascht, da
Sylvester nicht zum Theater gehen wollte.
    Sitzberger hatte es feierlich versichert, und er hatte es geglaubt. Einmal
wegen der schnen Stimme, und dann wegen der Anziehungskraft der freien Kunst,
die er selbst in seiner Jugend versprt hatte.
    Nun war es ihm doch lieb, zu hren, da der junge Mang sich nicht auf den
schwanken Boden stellen wollte.
    Er lobte ihn darum und bezeigte ihm aufrichtige Anerkennung, weil er sich so
gefat und unbekmmert seine Zukunft selber aufbauen wollte.
    Wie htte sich wohl der Pfarrer Held ber seinen Schtzling gewundert! Er
htte sicherlich den Entschlu gebilligt und gesagt, jeder msse tun, was er fr
recht erkenne. Der jetzige Pfarrer urteile wohl anders.
    Und da war Stegmller in ein Gesprch geraten, das er mit groer Vorsicht,
aber doch gerne pflegte. Mit unterdrckten Seufzern und halben Andeutungen gab
er Sylvester zu verstehen, da sich vieles gendert habe, und da die Neuerung
nicht gerade eine Besserung bedeute. Und dabei kam er auch auf den Schuller zu
sprechen. Er erzhlte Sylvester, welche schlimmen Krnkungen den Mann angegangen
htten, eine nach der andern; aber freilich, die schwerste Beschuldigung stamme
von Held her. Und er beschrieb den Vorfall mit ausfhrlicher Breite.
    Sylvester sagte, das glaube er nicht. Der alte Herr htte so etwas nicht
getan.
    Stegmller zog die Achseln in die Hhe.
    Ihm sei es ja auch sonderbar vorgekommen, aber man msse es wohl glauben.
Ihm tue es leid um den Schuller.
    Und ihm noch mehr um das Andenken Helds, sagte Sylvester. Wie man ihm das
nachsagen knne! Wenn der etwas Schlechtes von einem gewut htte, dann htte er
ihm grndlich die Wahrheit gesagt, aber nicht heimlich eine Anklage geschrieben.
    Das sei frher auch seine Meinung gewesen, versicherte Stegmller. Aber ...
    Und gerade beim Schuller, unterbrach ihn Sylvester, da sei es nun ganz
unmglich. Held habe einmal gesagt, wie unrecht es sei, verchtlich von der
Hartherzigkeit und dem Eigennutz der Bauern zu reden. Wer das tue, wisse nicht,
wie viel man der zhen Art der Bauern verdanke; wie sie unser Volkstum
unverflscht von Geschlecht zu Geschlecht vererbten und aus den Trmmern immer
wieder das alte Vaterland aufgebaut htten.
    Und da habe Held den Schuller als Beispiel angefhrt. Das sei so einer, der
sich nicht beugen lasse, und der mit unverdrossenem Fleie seine kleine Welt in
Ordnung halte.
    Wie knne man dieses Lob bereinbringen mit der heimlichen Anklage? Und wer
drfe glauben, da Held den Mann schwer schdigte, dessen Tchtigkeit ihm so
viel galt?
    Das sei alles recht schn, meinte Stegmller. Aber vielleicht habe Held
seine gute Meinung spter gendert.
    Nein, sagte Sylvester, denn dieses Lob habe er in der letzten Zeit von Held
gehrt. Und wenige Monate spter sei der alte Herr gestorben.
    Dann habe er den Zettel vielleicht frher geschrieben und habe erst
nachtrglich eine bessere Meinung vom Schuller erhalten, erwiderte der
hartnckige Stegmller.
    Jedenfalls sei der Zettel da, und er mchte Sylvester nicht raten, solche
Zweifel auszusprechen. berhaupt msse man froh sein, wenn die Sache nach und
nach einschlafe. Das sei auch fr den Schuller das beste.
    Sylvester war nicht zu ngstlich auf seiner Hut, und es mochte wohl sein,
da die Weberin einiges hrte, von der es wieder die Bcker Ulrich Marie und auf
diesem Umwege der Herr Kooperator erfuhr.
    Vielleicht kam die Kunde auch auf andere Weise in den Pfarrhof; jedenfalls
lie Bausttter den Herrn Mang um seinen Besuch bitten.
    Sylvester dachte, er wolle mit ihm Rcksprache nehmen wegen seines
Abschiedes vom geistlichen Berufe, und fand sich zur festgesetzten Stunde im
Pfarrhof ein.
    Der Gang war ihm nicht lieb. Er hatte es nach jenem ersten Besuche
vermieden, mit Bausttter zusammenzutreffen. Aber er gestand dem Pfarrer das
Recht zu, in dieser Angelegenheit von ihm selbst die Wahrheit zu erfahren, und
er hielt es fr gut, wenn er mit einer bndigen Erklrung den Klatsch aus der
Welt schaffte.
    Bausttter empfing ihn wohlwollend.
    Ah, der Herr Studiosus! Wollen Sie Platz nehmen?
    Sylvester musterte mit einem raschen Blicke den Raum, der ehedem so
behaglich war, und von dessen Wnden jetzt aufdringliche Frmmigkeit auf ihn
herunterstarrte.
    Setzen Sie sich doch! wiederholte der Pfarrer.
    Ich danke, wenn Sie erlauben, stehe ich lieber.
    Wie Sie wnschen. Ich habe Sie um Ihren Besuch gebeten, Herr Mang, weil mir
Verschiedenes berichtet wurde. Sie wollen dem priesterlichen Stande entsagen?
    Ja, Hochwrden.
    Ich habe Ihnen keinen Vorwurf zu machen. Sie werden sich geprft haben,
warum Sie diesem erhabenen Stande nicht angehren wollen.
    Ich habe es lange berlegt.
    Wer nicht allem absagt, kann nicht mein Jnger sein, steht geschrieben.
Wenn Sie die weltlichen Interessen hher achteten, dann war es besser, da Sie
zurcktraten.
    Ich habe keine rechte Freude dazu. Und die mu man doch haben!
    Gewi! Man mu sich vom Weltgeiste losschlen. Nisi quis renuntiaverit
omnia. Aber haben Sie berlegt, was Sie aufgeben wegen dieser verkehrten Welt?
Wird nicht eines Tages die Stunde kommen, wo Sie den Tausch bitter bereuen?
    Ich glaube nicht, Hochwrden.
    Und ich hoffe es nicht. Wie gesagt, ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Als ich
von Ihrem Entschlusse hrte, habe ich Sie in mein Gebet eingeschlossen. Und ich
dachte, wenn ihn nur kein niedriger Beweggrund veranlat hat!
    Nein, Herr Pfarrer.
    Sylvester begegnete den Blicken Bausttters. Die waren stechend auf ihn
gerichtet. Jetzt huschten sie weg und senkten sich auf die fleischigen Hnde,
welche wie zum Gebete gefaltet waren.
    Es ist mir gesagt worden, da Sie wegen eines Mdchens auf Ihrem Wege
umkehrten.
    Wer hat das gesagt?
    Man hat es allgemein behauptet. Aber ich glaubte es nicht. Ich konnte mir
nicht denken, da ein ehrbares Mdchen seine Wnsche auf einen richtet, der sich
zum priesterlichen Berufe vorbereitet.
    Sylvester fhlte, wie ihm die heie Rte ins Gesicht stieg.
    Wieder begegnete er dem lauernden Blick. Es lag etwas Feindseliges in diesen
Augen. Sie verrieten Gedanken, die nichts zu tun hatten mit den salbungsvollen
Worten.
    Und Sie haben sich ausgeshnt mit denen, welche eigentlich ein Recht haben
auf die Vollendung Ihrer Studien?
    Es hat keine Ausshnung gebraucht. Meine Mutter wollte mich berhaupt nicht
zwingen.
    Das ist gewi vernnftig. Aber es gibt noch jemand, den Ihr Entschlu sehr
nahe angeht. Ihren Vetter.
    Ich habe ihm geschrieben.
    Und er hat Ihnen schon geantwortet?
    Nein. Ich glaube auch nicht, da er mir schreibt. Vielleicht kommt er an
den Feiertagen herber.
    Sie wissen also nicht, wie er ber die Sache denkt?
    Nein.
    Mein Kooperator war gestern zufllig in Pasenbach. Er hat mit Ihrem Herrn
Vetter gesprochen.
    Bausttter machte eine Pause. Er wollte sehen, wie diese Mitteilung wirkte.
Sie wirkte nicht stark.
    Sylvester kannte den hochwrdigen Herrn Sitzberger, und er kannte darum auch
den Zufall, der ihn nach Pasenbach gefhrt hatte.
    So, er hat meinen Vetter getroffen? fragte er gleichmtig.
    Ja, und ich mu Ihnen zu meinem Bedauern sagen, da der alte Mann sehr
unglcklich ist und sehr entrstet.
    Das tut mir leid, Herr Pfarrer. Vielleicht kann ich ihn beruhigen, wenn ich
selber mit ihm rede.
    Das glaube ich nicht. Er sagte, da er elf Jahre das Geld fr Ihre Studien
hergegeben habe, blo auf das Versprechen, da Sie Geistlicher werden. Und Sie
htten ihn getuscht. Vielmehr betrogen, sagte er. Er gebrauchte nmlich sehr
starke Ausdrcke.
    In Sylvester stieg der Zorn auf.
    Wenn mein Vetter das wirklich gesagt hat, dann wei er nicht, was er
redet.
    Sie zweifeln doch nicht daran? Wenn Sie wnschen, kann Ihnen mein
Kooperator das selbst besttigen.
    Ich danke, Herr Pfarrer. Ich meine, darber habe ich eigentlich nur mit
meinem Vetter zu verhandeln.
    Gewi. Aber Sie drfen dem alten Manne nicht zrnen. Bedenken Sie doch,
wenn er wirklich das Geld nur in dieser Hoffnung gegeben hat! Und wenn man ihm
diese Hoffnung gemacht hat!
    Solange ich Geld von ihm genommen habe, wute ich nichts anderes, als da
ich Geistlicher werde.
    Sie drfen mich nicht falsch verstehen, Herr Mang. Ich erzhlte Ihnen nur,
wie Ihr Vetter das aufnimmt. Und begreiflich ist es am Ende doch, da er sich
getuscht fhlt.
    Niemand hat ihn getuscht. Aber vielleicht ist ihm das jetzt so hingestellt
worden.
    Das ist ein harter Vorwurf gegen meinen Kooperator!
    Der Herr Sitzberger hat schon bei meiner Mutter Schwtzereien gemacht. Ich
kann mir denken, da er bei meinem Vetter noch strker aufgetragen hat. Ich
nehm' ihm das nicht bel, weil ich nichts danach frage. Ich meine blo, da es
ihn nichts angeht.
    Persnlich nicht. Aber als Priester mu er es bedauern, da Sie keine
grere Liebe zu unserem Stande zeigten.
    Deswegen braucht er keine Geschichten herumzutragen.
    
    Sagen Sie es ihm doch selbst!
    Das ist mir nicht der Mhe wert, Herr Pfarrer.
    Sie sind sehr stolz geworden. Aber eins mu ich Ihnen doch sagen. Warum
machen Sie selbst Schwtzereien, wenn Sie dieselben verdammen?
    Ich?
    Ja, Sie, Herr Mang. Und darber mu ich mit Ihnen noch reden.
    Bitte!
    Es ist mir mitgeteilt worden, da Sie fr den Schuller Partei nehmen und
berall erzhlen, es sei ihm unrecht geschehen.
    So hab' ich es nicht gesagt.
    Also haben Sie doch darber gesprochen? Was wissen Sie eigentlich von der
ganzen Sache?
    Ich wei nur, was mir erzhlt worden ist.
    Und das gengt Ihnen, mich anzugreifen? Was Sie im Vorbeigehen
aufschnappen, pat Ihnen, wenn es gegen mich geht!
    Gegen Sie habe ich kein Wort gesagt.
    Nicht? Gegen wen sonst? Das ist eine merkwrdige Verdrehung der Wahrheit!
Sie taugen allerdings nicht zu einem Priester.
    Sie werden mir keine Lge nachweisen knnen.
    Wenn Sie berall herum erzhlen, da man den Schuller verleumdet hat, gegen
wen richtet sich das? Wen greifen Sie damit an? Da wollen Sie sich ausreden, da
Sie meinen Namen nicht genannt haben? Was wissen Sie denn berhaupt von der
Sache?
    Bausttter stand mit blitzenden Augen vor Sylvester und erhob seine Stimme
zum Schreien.
    Sie kommen dahergeschneit, schnappen etwas auf und erfrechen sich ...
    Herr Pfarrer!
    Jawohl, erfrechen sich, gegen mich zu hetzen. Aber wenn Sie es noch so
heimlich machen, ich erfahre es doch! Ich wei alles.
    Sie wissen gar nichts.
    Sylvester sagte das in so barschem Tone, da Bausttter einen Augenblick
inne hielt.
    Sie wollen es leugnen? fragte er.
    Ich sage Ihnen noch einmal, ich habe nichts zu leugnen. Sie knnten sich
genauer erkundigen, bevor Sie mir Grobheiten machen.
    Ich mache Ihnen keine Grobheiten.
    Sie haben mir Frechheit vorgeworfen.
    Ich sagte nur, es wre frech, wenn Sie behaupten, da ich dem Schuller
unrecht getan habe.
    Ich habe mich gewundert, da man solche Anklagen gegen ihn erhebt, und ...
    Sie haben sich gewundert, und Sie haben es jedem gesagt oder berall
durchblicken lassen, da Sie es fr unwahr halten.
    Darf ich ausreden, Herr Pfarrer?
    Nein. Schweigen Sie! schrie Bausttter. Ohne Beweis fallen Sie ber mich
her! Natrlich, nur ich bin schuld. Ich habe Anklage erhoben gegen den braven
Schuller! Was wissen Sie davon? Wer hat ihn angeklagt? Da! Da ist der Anklger!
    Bausttter ffnete mit einer heftigen Bewegung das Pult und warf ein Blatt
Papier vor Sylvester auf den Tisch. Da ist der Anklger! Ihr verehrter Herr
Pfarrer Held! Wollen Sie den auch verdchtigen?
    Sylvester nahm das Blatt langsam auf. Er las die ersten Worte mit
Widerstreben. Dann las er die Schrift hastig durch und las sie wieder.
    Wollen Sie jetzt noch bei den Leuten herumerzhlen, da dem Schuller
unrecht geschehen ist?
    Sylvester antwortete dem Pfarrer nicht. Er fragte mit erzwungener Ruhe:
    Von wem haben Sie den Zettel?
    Im Kirchenbuch war er.
    Legen Sie ihn nicht mehr hinein, Herr Pfarrer.
    Was soll das heien?
    Der Zettel ist falsch! Die Schrift ist geflscht!
    Sie wagen, mir das vorzuwerfen?
    Das ist nicht die Schrift des Herrn Held!
    Geben Sie das Blatt her! Sofort geben Sie es mir!
    Sylvester legte es auf den Tisch, und Bausttter ri es ungestm an sich. Er
kreischte, da ihm die Stimme berschlug.
    Sie setzen Ihrer Frechheit die Krone auf! Ich will sehen, ob Sie mich einen
Flscher heien drfen!
    Das habe ich nicht getan.
    Lgen Sie nicht!
    Ich habe gesagt, da die Schrift geflscht ist. Und das kann ich beweisen.
    Sie wollen es wieder herumdrehen! Das will ich sehen!
    Sylvester nahm seinen Hut und ging ohne Gru aus dem Zimmer. Als er den
Pfarrhof verlassen hatte, regte sich erst sein Zorn ber den Auftritt. Er war
nicht zufrieden mit sich. Warum hatte er nicht schrfer geantwortet auf die
Beschimpfungen? Er htte wenigstens sagen knnen, da diese sinnlose Wut
verdchtig sei.
    Wenn der Pfarrer den Zettel wirklich gefunden habe, knne es ihm nur recht
sein, da die Flschung entdeckt wurde, da man das Unrecht wieder gutmachen
konnte. Und wie plump das geflscht war!
    Im Texte war die Schrift nicht einmal nachgemacht; nur der Namenszug war
hnlich. Daneben war das Siegel aufgedrckt, als wenn so etwas eine amtliche
Besttigung sein knnte.
    Sylvester blieb stehen. Das war ihm nicht gleich eingefallen, das Siegel war
ja ein Beweis, da der Pfarrer den Zettel geflscht hatte!
    Wer htte sonst das Amtssiegel benutzen knnen? Er ging wieder rasch
vorwrts. Was sollte er jetzt tun? Die Wahrheit mute heraus, und war es nur dem
alten Herrn zuliebe.
    Zum Lehrer gehen und ihn um Rat fragen? Der wrde nur abmahnen und den
lieben Frieden predigen. Und bitten, da man ihn aus dem Spiele lasse.
    Oder die Mutter ins Vertrauen ziehen? Sie wrde sich ngstigen.
    Das Einfachste war, es dem zu sagen, der ein Recht auf die Wahrheit hatte.
    Und ja, das wollte er tun.
    Sylvester eilte durch das Dorf und kam erhitzt in den Schullerhof. Die
Buerin stand unter der Tr.
    Ist der Schuller daheim?
    In der Stub'n hockt er. Aber sagen S' no mir an Gra Good, Herr Mang!
    Ja, ja! Ich hab' jetzt keine Zeit.
    Wo brennt's denn?
    Sie erhielt keine Antwort; Sylvester war schon in der Stube. Der Schuller
schaute ber seine Zeitung weg auf den Eintretenden.
    Was geit's? fragte er kurz.
    Ich mu Ihnen was Wichtiges sagen.
    Was nacha?
    Ich hab' den Zettel gesehen, wegen dem Sie so viel Verdru gehabt haben.
    So?
    Der Herr Pfarrer hat ihn selber hergezeigt.
    Ds is nix Sonderbar's. Der hat'n scho viel Leut' zoagt. Blo mir net.
    Der Zettel is falsch, Schuller.
    Ds woa neamd besser, wia 'r i, da ds verlog'n is.
    Verstehen Sie mich recht! Die Schrift ist geflscht.
    G'flscht?
    Jedes Wort und die Unterschrift dazu. Der Schuller fate Sylvester mit
einem derben Griffe am Arm.
    Sie, Herr Mang, i kenn' Eahna do guat und glaab net, da Sie an Spott ber
mi hamm. Was is ds, was Sie da sag'n?
    Ich sag' Ihnen, da der Herr Pfarrer Held kein Wort ber Sie geschrieben
hat. Da man seine Schrift nachgemacht hat.
    Nacha waar ja ds offenbar, da alles mit Flei derlog'n is?
    Ja, da es erfunden ist. Und da man den alten Held dazu hergenommen hat.
    Aba, ko ma ds beweisen?
    Das ist gar nicht schwer. Das sieht jeder, der die Schrift kennt.
    Und ds is g'wi und wahr, Sylvester? Sie hamm Eahna net tuscht?
    Eine Tuschung ist gar nicht mglich. Was ich Ihnen gesagt habe, vertrete
ich vorm Gericht.
    Ja, Herrgott!
    Schuller stand von der Bank auf und packte Sylvester an beiden Schultern und
schttelte ihn herzhaft.
    Ja, Herrgott! Manndei! Was sagst ma denn du? Gel, du lgst it? Manndei, was
sagst d' ma denn du?
    Er setzte sich wieder.
    Sie massen ma 's nomal g'nau sag'n. So schnell versteh' i ds net.
    Sylvester erzhlte nun ausfhrlich, wie er im Pfarrhof war, wie ihn
Bausttter zur Rede stellte, und wie alles kam.
    Der Schuller unterbrach ihn oft.
    Z'erscht recht freundli, gel? Und giftig bei da Freundlichkeit, und nacha
auf oamal in da Wuat? Ja, i kenn' an Herrn Bausttter!
    Und als Sylvester beschrieb, wie der Pfarrer den Zettel vor ihn auf den
Tisch warf, patschte sich der Schuller auf die Knie und lachte aus vollem Halse.
    Er hat g'moant, Sie verstengan nix davo. Aba Sie hamm's glei kennt?
    Gleich, wie ich's gelesen hab'.
    Es is halt do was Schn's, bal oana studiert hat. Oft hab' i mir denkt,
wenn i Eahna g'sehg'n hab', es is eigentli schad', da so a Mannsbild wia Sie a
Stubenhocker werd, aba jetzt is 's do fr was guat g'wen.
    Und dann wurde der Schuller wieder ernst.
    I bin Eahna viel Dank schuldig, Sylvester, sagte er. Aba wissen S', d'
Hauptsach' kummt erst. Ds massens S' mir auf Ehr' und G'wissen sag'n, ob Sie
fest steh' bleib'n auf dem, bal mir scharf zum Streit'n o'fanga.
    Ich steck' nicht um, Schuller. Sonst htt' ich Ihnen lieber nichts gesagt.
    Und bal i Eahna bitt'n tat, da Sie jetzt mit mir zum Haberlschneider
gengan? - Ich bin dabei.

Und nacha san mir zwoa beim Haberlschneider g'wen, erzhlte der Schuller. Und
da Sylvester hat de G'schicht akkurat a so vorbracht, wia bei mir, und da
Haberlschneider sagt, jetzt glaabt er selm, da i ds Spiel g'winn, und da 's
nimmer ausko. Jetzt werd er schaug'n, der Herr Bausttter!
    Pa auf, da dir net no mal falliert! mahnte die Buerin. Da Verdru waar
glei rger, wia beim erstenmal.
    Wia soll denn ds fallier'n? Da Sylvester steht vor, und wissen tuat er's
g'nau. Er hat a paar Brief vom Held, und a Bachl hat er, wo der alt' Pfarrer
was nei g'schrieb'n hat.
    Warum hat denn da Herr Mang den Zettel net glei b'halten?
    Ds hat er net derfen. - Aba besser waar's g'wen.
    Na, Alte. Ds vastehst du z' weni. I will mei Recht. Ds massens mir geben
vor alle Leut' beim hellicht'n Tag. Und weil i ds will, derf i selber nix toa,
was geg'n 's G'setz is.
    Bal's dir no so 'nausgeht, Andr!
    Es geht mir scho naus. I hab' de G'wiheit in da Hand, und am Samstag
kriag' i mei Recht. Da Sylvester fahrt mit eini ins Bezirksamt.
    Er streckte die Arme aus und lachte frhlich.
    Und dann unterhielt er sich noch lange mit seinem Sepp ber das
Soldatenleben. Wie es zu seiner Zeit war, und wie es jetzt anders geworden ist.

                              Neunzehntes Kapitel


Begreifen Sie das nicht? Es ist doch so einfach! sagte der Bezirksamtmann
Otteneder und richtete ungeduldige Blicke bald auf Sylvester und bald auf den
Schuller. Ist das so schwer zu begreifen? wiederholte er.
    Ja, und ich werde es nie verstehen, sagte Sylvester.
    Dann will ich es Ihnen noch einmal sagen, obwohl ich eigentlich keine Zeit
habe. Sie sagen mir, da die Angaben des Pfarrers Held geflscht sind, das
heit, da sie nicht von ihm geschrieben wurden. Also was ist jetzt? Glauben
Sie, da ich meinen Beschlu umstoen und den Vst zum Brgermeister machen
soll? Das geht nicht und ist berhaupt unmglich. Auerdem, woher wissen Sie,
da ich wegen der Beschuldigungen, die auf dem Zettel standen, die Besttigung
verweigerte?
    Das steht im Beschlu, sagte Sylvester.
    Nein; lesen Sie ihn doch genau! Es heit: Diese Beschuldigungen liegen weit
zurck und sind nicht bewiesen. Also ich habe keinen Wert darauf gelegt. Aber -
jetzt hren Sie zu! - aber der Glaube an diese Behauptungen hat gezeigt, da der
gewhlte Brgermeister der Achtung entbehrt, nicht bei allen, aber bei vielen
Gemeindemitgliedern. Und das ist nicht zulssig, denn Autoritt und Achtung
gehren zusammen.
    Wenn aber jetzt...
    Einen Augenblick! Auerdem habe ich hervorgehoben, da der Glaube an diese
Beschuldigungen bereits Auswchse gezeitigt hat, die wiederum ganz unvertrglich
sind mit der Stellung eines Brgermeisters. Es ist sogar zu Raufereien gekommen.
Sehen Sie, deshalb habe ich die Besttigung verweigert, und das steht im
Beschlusse. - Derf i jetzt amal reden? fragte der Schuller.
    Ja. Ich hab' Sie berhaupt noch immer angehrt.
    Sie sag'n, da der g'flschte Zett'l fr Eahna koa Bedeutung net g'habt
hat. Da mua i Eahna scho sag'n, Herr Bezirksamtmann, Sie reden heut' anderst,
als wia beim erstenmal. Wia'r i ds erstmal herin g'wen bi, da hab' i Eahna
g'fragt, warum Sie mi abg'setzt hamm. Und Sie hamm g'sagt, weg'n de bekannt'n
Tatsachen, weil i rgernis geb'n hab', weil i mein Vata mihandelt hab'. Ds
hamm Sie ausdrcklich g'sagt.
    Sie waren damals so erregt, da Sie mich nicht verstanden haben.
    Na, na! I hab' Eahna guat vastand'n. Weg'n de bekannt'n Tatsachen hamm Sie
g'sagt, und da Flori is dabei g'wen. Der ko's beweisen.
    Sie tun so, als ob ich etwas ableugnen wollte. Ich brauche Ihre Zeugen
nicht. Was ich gesagt habe, das vertrete ich schon.
    Sie sag'n aba jetzt, da ds koa Bedeutung g'habt htt'!
    Es war nicht magebend, sage ich. Natrlich habe ich von dieser
Beschuldigung gesprochen, weil sie beim Akt liegt.
    Ds war aba d' Hauptsach'. Sie hamm no zu mir g'sagt, i derf den Zett'l gar
it anzweifeln.
    Im Beschlusse steht ganz deutlich, warum ich Ihre Wahl umgestoen habe. Sie
mssen jetzt nicht mit Geschichten daherkommen.
    Weil's wahr is. Weg'n de bekannt'n Tatsachen, hamm Sie g'sagt, und weil i
rgernis geb'n hab'.
    Das habe ich geglaubt, und Ihre Mitbrger glaubten es auch. Sie haben die
Leute nicht ruhig widerlegt, sondern haben geschimpft und gerauft. Und wer das
tut, wird nicht Brgermeister. Punktum!
    I will ja gar koana sei; net g'schenkt.
    Was wollen Sie dann berhaupt von mir?
    Mei Ehr' will i hamm!
    Hab ich sie Ihnen genommen?
    Jawohl, ds hamm Sie!
    Sie regen sich auf, Schuller! sagte Sylvester. Das hilft nichts. Herr
Bezirksamtmann, erlauben Sie noch eine Bemerkung! Der ganze Streit ist doch
damit angegangen, da der Herr Pfarrer den Zettel hergezeigt hat!
    Ja, und?
    Und wenn jetzt bewiesen wird, da der Zettel geflscht ist, und da die
Beschuldigung erfunden ist, dann mu doch alles rckgngig gemacht werden!
    Was soll man rckgngig machen?
    Ich meine, die Verleumdung mu widerrufen werden.
    Von wem?
    Vom Herrn Pfarrer, weil er sie verbreitet hat.
    Gut! Verlangen Sie das von ihm!
    Der Schuller meint, Sie sollen es ihm amtlich befehlen.
    Wie soll ich denn das machen?
    Er hat Sie doch getuscht!
    Angenommen, er htte mir die Unwahrheit gesagt, warum soll ich ihn zum
Widerruf zwingen? Das tut doch immer der Beleidigte!
    Wenn er Ihnen amtlich eine Flschung vorgelegt hat!
    Es ist haarstrubend! sagte Otteneder. Sie reden immer, als wenn
gerichtlich eine Flschung festgestellt wre. Das ist doch blo Ihre Behauptung!
Was fange ich damit an? Wenn ich sie weiter gebe, verklagt der Pfarrer mich. Das
darf ich doch nicht!
    Ds derfen Sie net?
    Nein! Ich werde mich hten.
    Aba geg'n mi, da hamm Sie scho derfen? Da hamm Eahna Sie net g'hat!
    Schreien Sie mich nicht so an!
    Da hat's koan Beweis braucht, gel? Da hamm S' all's weiter geb'n derfen?
Jetzt is anderst, weil der Flscher koa Bauer is!
    Was erlauben Sie sich denn?
    Ja so! Sie san ja a Herr Beamter! Da mat i eigentli Respekt ham vor
Eahna! Aba da feit's weit! Und i gab' mi net her zu dem, was Sie to hamm. Gengan
S' zua, Herr Mang! Mir hamm nix mehr verlor'n da herin.
    Schuller!
    Aber der war schon zur Tre hinaus, und Sylvester stand allein vor dem
erzrnten Bezirksamtmann.
    Was haben Sie sich eigentlich hineinzumischen? herrschte ihn Otteneder an.
Sie knnten was Besseres tun, als diesen rabiaten Menschen aufreizen.
    Ich wei, da ihm Unrecht geschehen ist.
    Sie sind schnell fertig mit dem Wort! Wie Sie im Handumdrehen eine
Flschung entdecken wollen, das ist ein starkes Stck. Nehmen Sie sich in acht!
    Ich frchte mich nicht.
    Nur nicht zu heldenhaft! Sie knnten sich die Finger einmal bs
verbrennen.
    Sylvester verbeugte sich hflich und wandte sich zum Gehen.
    Da sagte der Bezirksamtmann noch:
    Richten Sie dem Vst aus, da ich ihn nicht belangen werde wegen seines
Benehmens. Ich denke mir, er war nicht zurechnungsfhig.

Im Stiegenhause wartete der Schuller.
    Ist es Ihnen recht, wenn wir ins Amtsgericht gehen? fragte Sylvester.
    Was toa?
    Sie mssen Ihr Recht suchen.
    Na, Herr Mang, ds suach' i nimmer. I fahr' hoam.
    Aber warum?
    Weil all's umsunst is. De hamm 's Recht so guat vasteckt, da 's i meiner
Lebtag' net find'. Und wenn i's g'funden htt', nehman s' ma's weg unter da
Hand.
    Sie mssen nicht gleich die Hoffnung aufgeben!
    Glei! I hab's net glei aufgeben. Sie wissen ds net. I hab' mi ei'g'spreizt
mit Hnd' und Fa', und zwinga mua i's, hab' i g'moant, und nacha - ah was!
    Er nahm den Hut ab und wischte sich mit dem rmel ber die Stirne.
    Es mu gehen, ermunterte Sylvester.
    Sie san no jung und mgen's net glaab'n, da ma mit'n Recht nachgeb'n mua.
Aba es is do a so. Mir fahr'n hoam, Herr Sylvester.

Ostersonntag.
    Man lutete mit allen Glocken, und das Hochamt war zu Ende. Die jungen
Burschen eilten zuerst aus der Kirche und standen in Gruppen beieinander.
    Es gab noch etwas zu sehen, wenn die Mdeln in hochbepackten Krben das
Geweihte heimtrugen.
    Da lagen obenauf die buntgefrbten Eier, daneben saftige Schinken, Brot,
Fleisch und Salz, und wer ein briges tun wollte, setzte auf die schmackhaften
Dinge ein schneeweies Osterlamm aus Zuckerteig. Die Burschen musterten die
Krbe und ihre Trgerinnen, und sagten jeder etwas Lustiges. Die lteren Leute
schritten langsam durch den Friedhof; die Mnner sahen ber die Mauer weg auf
die Felder, deren Saatfurchen sich in langen Reihen die Hgel hinaufzogen.
    Unter den Letzten kamen die Honoratioren von Erlbach. Der Lehrer, der
Schulgehilfe, der Postexpeditor und der Stationskommandant mit seiner Frau.
    Sie redeten von dem Verlaufe des Hochamtes, und Herr Stegmller fragte, ob
man nichts gemerkt habe, da die Schallmaier Zenzi beim Kyrie eleison viel zu
spt eingesetzt habe. Er knne ihr das nicht abgewhnen, denn sie habe
eigentlich kein gutes Musikgehr. Die Frau Kommandant sagte, sie habe es wohl
bemerkt, und sie glaube auch, da es dem Herrn Pfarrer aufgefallen sei, denn er
habe seinen Kopf umgedreht und zum Chor hinaufgeschaut.
    Und schad' sei es, sagte der Hilfslehrer, da der Herr Mang nicht
mitgesungen habe. Im vorigen Jahr' habe es so schn geklungen, das Solo beim
Agnus Dei. Er selber habe es lang' nicht so gut herausgebracht.
    Das lie die Frau Kommandant nicht gelten, und ihr Mann stimmte bei, da der
Herr Hilfslehrer ebenfalls eine ausgezeichnete Stimme habe.
    Aber warum der Herr Mang weggeblieben sei?
    Ich wei 's net, antwortete Stegmller. Gestern abend is er zu mir kommen
und hat g'sagt, er wr' net aufg'legt zum Singen.
    Geht's seiner Mutter wieder schlechter?
    Nein, die erholt sich recht gut.
    Vielleicht mag er nicht, weil er geg'n den Herrn Pfarrer was hat, meinte
die Frau Kommandant. Er war gestern mit'n Schuller in Nubach.
    Gestern? Stegmller blieb stehen. Von dem hat er mir nichts g'sagt.
    Mein Mann hat's erfahren, gelt, Karl?
    Ja; er war im Bezirksamt, von meine Leut' hat'n einer g'sehen.
    So, so?
    Es g'fallt mir eigentlich nicht, da er Partei nimmt, sagte der
Kommandant. G'rad jetzt, weil er aus'treten is, schaut's a bissel sonderbar
aus.
    Seine Frau stie ihn an.
    Du, da grt dich ein Soldat!
    Der Schuller-Sepp stand bei den Burschen und machte Front vor dem
militrischen Vorgesetzten und Rhrt euch, als dieser abwinkte. Und er machte es
so stramm, wie man's lernt beim zwlften Regiment.
    Ein ordentlicher Bursch! sagte der Kommandant. Er macht sich gut beim
Militr. Was is? Geh'n wir zum Frhschopp'n. Zu Ehren des Festes?
    Stegmller und der Hilfslehrer waren einverstanden, und die Frau Kommandant
sagte, sie gehe mit, aber sie msse gleich wieder heim zum Kochen.
    Die Wirtsstube war nicht so voll wie sonst an den Festtagen; denn Bauer und
Knecht trachteten heim, um das Geweihte zu essen. Zwei Tische waren mit Gsten
besetzt, und sie grten alle freundlich, als die Honoratioren an ihnen vorbei
ins Nebenzimmer gingen.
    Neben dem Ofen sa noch ein Mann allein.
    Er hatte die Arme verschrnkt auf den Tisch gelegt und sah nicht auf. Der
Kommandant bemerkte ihn.
    Is das net der Schuller? fragte er und schaute noch einmal aus dem
Nebenzimmer zurck.
    Ich glaub', er war's, antwortete Stegmller.
    Als die Kellnerin kam, fragte der Kommandant wieder.
    Gelt, der Schuller sitzt drauen?
    Ja, er is scho seit a paar Stund' da und red't und deut' nix.
    Er kommt sonst net oft zu Euch?
    Scho seit a paar Monat is er nimmer rei' ganga. Heut' is er unter da Kirch'
daher kemma. Und jetzt trinkt er oa Halbe nach der andern.
    Der mu was B'sonderes haben, sagte der Kommandant. Also prost, Herr
Lehrer, aufs Wohlsein!

Wo gehst denn hi, Sepp? fragte die Schullerin.
    Auf Webling umi.
    Geh, bleib do und geh zu unsern Wirt abi!-Warum nacha?
    Du tatst mir an G'fall'n. Da Vata hockt drunt scho seit in der Fruah. Ds
woa i net, so lang' ma verheirat' san.
    Wenn's d' moanst, geh'n i halt abi. Aba da du gar a so ngstli bist?
    Jetz' is fnfi auf'n Abend. Und seit in der Fruah hockt er drunt'.
    Es freut'n halt amal.
    Na, weg'n da Freud' tuat er's net. Du woat, wia 'r a gestern hoam kemma
is. Koa Wort g'redt, und heut' is er furt in aller Fruah. I hab' g'moant, er
geht vors Dorf aui und schaugt drau'd umanand. Derweil sagt ma d' Zwerger
Marie, da er beim Wirt hockt. - Und jetzt hon i gar koa Ruah nimmer.
    Desweg'n brauchst net z' woana, Muatta!
    Is ja wahr! Weil er ds no gar nia to hat! Jetzt trinkt er g'wi in d' Wuat
eini, und es kunnt eahm was g'schehg'n. Net amal zum G'weicht'n is er kemma.
    I geh jetzt abi. Bal i dabei bin, feit si nix.
    Aba g'wi! Und schaug', da er bald mit dir hoamgeht!
    Sepp machte sich auf den Weg ins Wirtshaus. Als er ins Gastzimmer eintrat,
schlug ihm dichter Tabakrauch entgegen, und er schaute sich um, ob er in dem
dichten Gedrnge nicht den Vater sehen knne.
    An jedem Tisch wurde er angehalten.
    Ah, da Sepp! Gra di Good! Hamm s' di aua lass'n auf Urlaub? Da geh her!
Trink amal!
    Suachst g'wi dein Vata? fragte der alte Wei Flori. Dort hint' hockt a
beim Ofa.
    Sepp sah hin.
    Da sa der Schuller noch am nmlichen Platze wie in der Frhe.
    Den Hut hatte er ins Genick geschoben, und er stierte mit glsernen Augen
vor sich hin.
    Es waren viele Leute an seinem Tisch. Der Kloiber, der Zwerger und andere.
Auch der Haberlschneider sa dort.
    Sepp reichte seinem Vater die Hand ber den Tisch hinber.
    Gra Good, Vata!
    Was? Ah, du bischt's! Bischt du aa do?
    Freili. I hon amal schaug'n woll'n, wia's dir geht.
    Was?
    Wia's dir geht, hon i schaug'n woll'n.
    Ja, mir geht's guat. G'rad luschtig bin i! Da, sauf aus!
Herrgottsakrament!
    Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Kellnerin! No a Halbe! Heut' geh'n i
net hoam.
    Er rckte den Hut in die Stirne und sang mit heiserer Stimme:

A frische Ma Bier
Hat an Fam', an weien,
Und heunt' geh' ma net hoam,
Bis s' uns aui schmeien.

Dann legte er sich mit verschrnkten Armen weit in den Tisch hinein.
    Der Haberlschneider gab Sepp einen Wink.
    Schaug', da d'n hoam bringst!
    Is scho recht.
    Der Schuller stierte nach der Stelle, wo Sepp gestanden hatte.
    Wo is denn da Sepp hi'kemma? Is er scho wieda furt?
    I bin scho da, Vata.
    Na, sauf' amal! Herrgottsakrament!
    Moanst it, mir gengan hoam?
    Was?
    Besser waar's, wenn mir hoam gengan.
    Mir? I geh net hoam.
    D' Muatta is in der Angst, weil's d' it beim Essen g'wen bist.
    Um mi braucht gar neamd an Angst hamm. Durchaus gar net. I verdirb no lang
it, bal's aa hoat, da i der Allerschlechter bi vo ganz Erlbach.
    Er schaute den Kloiber, der ihm gegenbersa, starr an und schrie wieder:
    Um mi braucht neamd an Angst ham. I verdirb no lang' it.
    Ds behaupt' ja koa Mensch net, beschwichtigte ihn der Haberlschneider.
    Behaupt'st du ds net? Aba, da gibt's g'rad g'nua, de ds behaupt'n. I kenn
s' alle mitanand, de Haderlump'n. Da verdirbt scho an anderner, aber i net.
    I hab' g'sagt, da d' Muatta in der Angst is, fiel Sepp ein.
    Zu was denn? De braucht aa koan Angst net hamm.
    Sie sagt, weil's d' net amal zum G'weicht'n kemma bischt.
    I mag nix, was da Bausttter weicht. Der ko berhaupt nix weicha, der mit
sein' g'flscht'n Papier!
    Schmeit's 'n halt aui, bal er b'suff'n is! schrie eine grobe Stimme vom
nchsten Tische herber.
    Es war der Hierangl. Er stand halb von seinem Platze auf und schrie wieder:
Koa B'suffener g'hrt da net rei'!
    Der Haberlschneider stellte sich vor ihn hin.
    Du bist staad, gelt? sagte er ruhig.
    Weg'n dir? Auf di pass' i gar it auf.
    Bal's d' an Streit o'fangst, hast as z'erscht mit mir z'toa!
    Der Lochmann zog den Hierangl auf seinen Stuhl zurck. La 's guat sei!
mahnte er.
    Was brauch'n denn mir den b'suffena Kerl da herin? An anderner wurd' scho
lang aui g'schmissen. Die letzten Worte knurrte der Hierangl vor sich hin;
dann war er still.
    Was geit's? fragte der Schuller. Wer will mi aui schmeiss'n?
    Es is nix g'wen, Vata.
    Bin i vielleicht oan z' schlecht zum Dableib'n?
    Ds sagt neamd.
    I bi scho da Allerschlechtest vo ganz Erlbach. A jeder derf mi veracht'n.
    Was is, Schuller? mahnte der Haberlschneider. I geh' jetzt. Kimmst d' net
mit?
    Was?
    Ob's d' it mitgehst? I htt' mit dir was z' red'n.
    Du? Mcht'st d' wieder sag'n, i soll aufs Bezirksamt eini? Aba i geh net.
Vo mir aus bringan s' lauter g'flschte Papier' daher!
    Geh mit!
    Na, sag i. Und ins Bezirksamt geh i nimma. Z'erscht mua da Pfarra ins
Zuchthaus! Und da Hierangl dazua!
    Da g'hrst scho du nei, du ganz Schlechter!
    Der Hierangl schrie es herber, und diesmal erkannte der Schuller die
Stimme.
    Er fuhr auf, da der Tisch wankte und die Glser umfielen.
    Bist du da? Du!
    Er wollte zur Bank hinaus, aber Sepp hielt ihn fest.
    La mi aus! keuchte der Schuller. Auslass'n tua mi!
    Na, Vata! Bleib!
    Auslass'!
    Hau' eahm oane nei! Er hat's sein Vater'n g'rad a so g'macht! schrie der
Hierangl.
    Herrgott! Herrgott! Auslass'n tua mi! Der Schuller rang wtend mit Sepp.
    Der Tisch fiel um, alle sprangen auf. Von den anderen Tischen strzten die
Leute heran.
    Abmahnende Rufe, gellendes Schreien und Schimpfen, ein ohrenbetubender
Lrm. Und alles bertnte die kreischende Stimme des Schuller.
    La mi aus!
    Sepp hielt ihn am rechten Arm, den andern hatte der Haberlschneider
untergefat.
    Der Wirt drngte sich durch. Ds geht net! Der mua aui!
    Tua dei Hand weg! schrie der Haberlschneider. Er geht scho selm. Sei
g'scheit, Schuller!
    Der wehrte sich schwcher und ging ein paar Schritte vorwrts.
    Da hhnte der Hierangl noch einmal.
    Gel, Lump! Geht's dir aa net besser, wia dein Vata!
    Sepp wandte sich zornig gegen ihn. Und ein Ruck, und der Schuller war frei
und packte einen Bierkrug.
    Der Hierangl wich erschrocken zurck. Es war zu spt. Hund! Da! Und da!
    So wuchtig schlug ihm der Schuller auf den ungedeckten Kopf, da der Krug in
Scherben ging.
    Der Hierangl wankte und fiel schwer zu Boden. Sepp ri seinen Vater zurck.
    Einen Augenblick war es still, dann erhob sich lautes Schreien.
    Er hat 'n umbracht! Herrgott, wia'r a bluat'! Wassa! Schnell a Wassa!
Holt's an Schandarm! Er hat 'n umbracht!
    Der Haberlschneider wehrte ab.
    Helft's an Hierangl! Und laaft oana zum Bader! Und du fhrst dein Vata
hoam, Sepp!
    Holt's an Schandarm! Net aui lass'n!
    Der Schuller schaute finster vor sich hin; die Haare hingen ihm wirr in die
Stirne herein, und sein Gesicht war verfrbt. Lat's mi geh'! murmelte er. I
brenn' net durch.
    Er war nchtern geworden. Als er ins Freie kam, blieb er stehen. An seiner
rechten Hand rieselte Blut herunter; er hatte sich an den Scherben verletzt.
    Du bluat'st ja, Vata! Hat er dir aa was to?
    Na! Und halt'n brauchst d' mi net!
    Er ging mit schwankenden Schritten vorwrts; Sepp blieb ihm dicht an der
Seite. Ein paar Buben liefen ihnen voraus und raunten den Leuten zu:
    Da Schuller hat an Hierangl umbracht!
    Und wo der Schuller an einem Hause vorberkam, versteckten sich Weiber und
Kinder hinter der Tre und sahen ihm mit scheuen Blicken nach.
    Sei Hand is no bluati davo, sagte die Webrunnerin.
    So lief das Gercht vor ihnen her, die Gasse hinunter, wie fressendes Feuer.
    Und es drang in den Schullerhof, wo die Buerin noch immer mit
angsterflltem Herzen wartete. Da hrte sie die Botschaft und eilte auf die
Strae hinaus.
    Und wie sie die zwei von weitem kommen sah, wute sie, da ein Unglck
geschehen war.
    Jess', Maria und Joseph! Was hast to?
    Der Schuller ging schweigend an ihr vorbei in seinen Hof.

Noch spt in der Nacht brannte die Lampe im Zimmer des Herrn Kommandanten
Hermann.
    Er hatte einen groen Bogen Papier vor sich und trocknete sorgfltig die
Schrift mit dem Lschblatte.
    So, der Bericht is fertig, sagte er.
    Wieviel Seiten sind's worden? fragte seine Frau, die ihm gegenber sa und
strickte.
    Sechs a halb'.
    Du hast kein' Feiertag das ganze Jahr, seufzte sie. Das war wieder ein
schnes Ostern!
    Leider, da so was vorkommen is. Da kann ma nix mach'n.
    Er hielt das Schreiben gegen die Lampe und wandte in behaglicher Anerkennung
seiner Arbeit die Bltter um.
    Die Seiten waren von oben bis unten beschrieben, und eine Zeile stand
schnurgerade unter der anderen. Wo ein neuer Abschnitt begann, war der erste
Buchstabe schwungvoller geschrieben, und die Namen der Zeugen waren mit roter
Tinte suberlich unterstrichen.
    Ich les' dir den Bericht amal vor, sagte der Kommandant. Wenn dir was
auffallt, sagst du's mir.
    Der Bericht begann mit der Schilderung der eigenen Wahrnehmung des Herrn
Hermann.
    Als ich mich nach dem Hochamte in das unweit der Kirche gelegene Gasthaus
des Johann Plckl begab, bemerkte ich dortselbst den Tter Andreas Vst allein
am Tische sitzend und anscheinend einem reichlichen Biergenusse huldigend, was
mir auch die Kellnerin mit den Worten besttigte, er, der Tter, sei bereits
mehrere Stunden anwesend und trinke eine Halbe nach der anderen. Als ich nach
einiger Zeit das Gastzimmer beim Verlassen wieder durchschritt, sa
Obengenannter noch immer an demselben Platze, ohne mich zu bemerken oder mich zu
gren, was mir sofort auffiel und mich auf den Gedanken brachte, da der Tter
sich in einer schlechten Gemtsverfassung befand.
    Du hast mir aber nix g'sagt, Karl! unterbrach ihn seine Frau.
    Was g'sagt?
    Da dir das aufg'fallen is!
    Denkt hab ich mir's. Auf den Gedanken brachte, heit's da.
    Ja so.
    Der Kommandant las weiter. Es kam in ausfhrlicher Breite die Schilderung
der folgenden Nachmittagsstunden, wie sie von den am nmlichen Tische sitzenden
konomen Zwerger und Kloiber gegeben wurde; es kam die Schilderung des
beginnenden Streites, in dessen Verlaufe der Tter, welcher die ganze Zeit einem
reichlichen Biergenusse gehuldigt hatte, durch diesen Zustand gereizt und auch
in der Erinnerung an frhere Differenzen beleidigende Worte ausstie.
    Und dann folgte die lebensvolle Darstellung der Tat, welche von den Zeugen
nicht bereinstimmend erzhlt wurde. Denn, whrend der verheiratete Gtler
Johann Geitner keinerlei beschimpfende uerungen seitens des Hierangl vernommen
hatte, behauptete der konom Haberlschneider ausdrcklich, da der Verletzte
immer wieder durch hhnische Zurufe den Tter zur Wut gebracht habe, so da
dieser sich auf ihn strzte und ihn mit einem steinernen Literkruge dergestalt
auf das linke Hinterhaupt schlug, da der letztere bewutlos zu Boden strzte
und bis jetzt nicht wieder in den Besitz seiner Geisteskrfte gelangte.
    Dies alles las der Kommandant vor, und als er fertig war, sagte seine Frau:
    Es sind beinah' sieben Seiten, und so schn geschrieben! Was das fr eine
Arbeit war!
    Mir tut es leid um den Vst, erwiderte er. Er war ein richtiger Mann, bis
die Geschichten gekommen sind.
    Meinst d', er wird lang' ei'g'sperrt?
    Das kommt d'rauf an.
    Der Kommandant steckte den Bericht achtsam in ein Kuvert.
    Das kommt d'rauf an, ob es mildernde Umstnd' gibt. Und wie's dem Hierangl
geht.
    Er ghnte laut.
    Es is Zeit zum Schlafen; zwlf Uhr hat's scho g'schlag'n.
    Sie lschte die Lampe aus, und nun brannte kein Licht mehr in Erlbach.
    Oder nur eins.
    Das flackerte unruhig in der Kammer des Hieranglbauern.

Als der Tag graute, pochte jemand beim Kommandanten an die Haustre.
    Hermann ffnete das Fenster und rief hinunter:
    Was gibt's?
    I bin's! Da Bader!
    Sie, Herr Frschl? Steht's schlechter?
    Er ist g'storben vor einer Viertelstund'.
    Sakrament!
    Er is berhaupt nimmer zum Bewutsein kommen. Der Schlag hat ihm den ganzen
Kopf z'trmmert.
    Das is a bse G'schicht!
    Ich hab' mir denkt, ich will's Ihnen gleich mitteilen. Und jetzt gut'
Morgen, Herr Kommandant!
    Gut' Morgen! Hermann schlo das Fenster und zog sich an.
    Als er eine halbe Stunde spter durch das Dorf schritt, tnte schrilles
Luten vom Turme. Dreimal setzte es ab. Es war die Sterbeglocke fr den
Hierangl.
    Der Kommandant bog in den Schullerhof ein. Der Bauer kam ihm unter der Tr
entgegen.
    I woa, was Sie woll'n, sagte er. I hab's Luten scho g'hrt. Mua i mit
Eahna geh'?
    Es ist meine Pflicht, Schuller. Ich mu Sie nach Nubach fhr'n.
    I geh' mit, wia i da steh', blo mein Huat hol' i.
    Er trat in die Stube, und gleich darauf hrte der Kommandant lautes
Schreien.
    Jessas? Andr! Muat d' furt! Jessas!
    Die Schullerin strzte heraus und fate ihn am Arme.
    Net! Net! Er ko nix dafr! Net furtfhr'n!
    Frau Vst, machen Sie's Ihrem Mann nicht schwerer!
    Na! Na! Um Gott'swill'n, net furtfhr'n! Er ko nix dafr!
    Der Schuller zog sie sanft zurck.
    Geh zua! Ds mua amal sei. An Kopf reien's mir net ab.
    Er wandte sich um und ging rasch zur Tre hinaus. Und ging ber den Hof.
    Aber wie er auch seine Schritte beschleunigte, die jammernde Stimme tnte
hinter ihm her.
    Und als er bei den letzten Husern war, hrte er sie noch.
    Andr! Gibst d' koa Antwort mehr? Andr!

                              Zwanzigstes Kapitel


In den Gerichtssaal fielen die Sonnenstrahlen und legten sich breit auf die
strengen Mienen der Richter. Die schtzten sich verdrielich gegen den lichten
Schein, und als sie ihn nicht abwehren konnten, mute ein Diener die Vorhnge
herunterlassen. Da waren die Sonnenstrahlen ausgesperrt.
    Nur einer drngte sich durch die Lcke und huschte ber die Bnke. Er fand
zwei schwielige Hnde, und die waren ihm so vertraut, da er sich liebkosend an
sie schmiegte. Die Hnde ffneten und schlossen sich wieder, als wollten sie den
zitternden Sonnenstrahl festhalten.
    Der Mann, dem die Hnde gehrten, freute sich ber ihn. Er dachte, wie die
Sonne wohl auf die Erlbacher Felder herunter scheine. Sie hatten heute gewi
gemht, und auf allen Wiesen lag duftendes Gras. Sie konnten es bei der Wrme zu
Mittag wenden und am Abend einfahren. Den Leuten drauen war die Sonne eine
freundliche Helferin.
    Ein breiter Schatten fiel ber den Boden, und der Sonnenstrahl war
verschwunden.
    Der Schuller sah auf. Da stand Bausttter mitten im Saale und verneigte sich
vor den Richtern.
    Herr Pfarrer, Sie kennen den Angeklagten?
    Ja.
    Es wird behauptet, da Sie ihm feind seien.
    Ich? Warum sollte ich ihm feind sein?
    Der Verteidiger erhob sich.
    Sie haben doch heftig gegen ihn agitiert? Und Streit mit ihm gehabt?
    Bausttter schttelte den Kopf. Er verstand den scharfen Ton nicht.
    Ich habe Bedenken gegen ihn geuert, wie es meine Pflicht war.
    Der Vorsitzende nickte ihm zu.
    Sie wollen sagen, da Sie als Seelsorger an ihm Verschiedenes auszusetzen
hatten, aber da Sie keine persnliche Feindschaft gegen ihn hegen?
    Ja, das wollte ich sagen.
    Dann schildern Sie uns, bitte, den Leumund des Angeklagten.
    Bausttter redete. Mit Ruhe und ohne Leidenschaft. Er sagte, da er allen
Pfarrkindern ein offenes Herz entgegengebracht habe, da er von jedem
ursprnglich das Beste glauben wollte. Auch von Andreas Vst. Nur mit
Widerstreben habe er an diesem vieles bemerkt, was er als Seelenhirte rgen
mute. Verste gegen die kirchlichen Vorschriften, Unsittlichkeit im Hause, und
manches, was rgernis erregte.
    Bausttter sagte, da er bessern wollte, und es half nichts, da er mit
Milde eingeschritten sei, und man habe mit Roheit geantwortet. Und er schilderte
seine schmerzlichen Erfahrungen und die Gewaltttigkeit des Vst.
    Schuller hrte ihm zu. Es war immer das nmliche. Die Lge so versteckt, so
eingemengt in die Wahrheit, da sie kein Mensch herausfinden konnte. Er hatte es
versucht, er hatte gemeint, da er das Gewebe zerreien knne. Und es hatte ihn
fester eingeschnrt, je mehr er sich wehrte.
    Jetzt war er mde. Er hrte zu, als wrde von einem andern gesprochen. Die
sanfte Stimme ertnte gleichmig weiter und erhob sich erst gegen den Schlu.
    Als Bausttter sagte, da der bravste Mann in Erlbach, der Vater von vier
Kindern, von diesem rohen Menschen gemordet worden sei.
    Es war stille im Gerichtssaal.
    Vst, haben Sie etwas zu erinnern gegen diese Aussagen?
    Der Schuller sah den Vorsitzenden an.
    Ob er etwas zu sagen hatte gegen diese Lgen? Jedes Wort war falsch, von
langer Zeit her ausgedacht, verdreht, zur Verdchtigung hergerichtet. Wie sollte
er sie alle widerlegen mit ein paar Stzen? Wo sollte er anfangen und wo enden?
Und er sagte nur:
    Der is schuld an allem.
    Die Richter sahen mibilligend auf ihn herunter.
    Es war doch wirklich klglich, mit solchen Redensarten zu kommen!
    Der Verteidiger trat vor.
    Man mu die Vorgeschichte kennen ...
    Das gehrt nicht zur Sache! sagte der Vorsitzende. Das mit der
Brgermeisterwahl, das hat mit der Ttung des Hierangl nichts zu tun!
    Der Schuller setzte sich wieder. Er wute es ja! Es war heute wie immer. Sie
hrten ihn nicht.

Der Morgen darauf versprach wieder schnes Heuwetter.
    Die Baumgipfel im Weblinger Wald waren schon vom Frhlicht beschienen. Da
eilten die Leute mit der Arbeit. Solange der Tau auf den Grsern liegt, ist gut
mhen. Trockenes Gras macht die Sensen stumpf. Und jeder schwang die Arme
schneller und griff weiter aus im Schritt. Als die Sonne ber den Hgeln stand,
war das meiste geschehen.
    Der Haberlschneider schulterte die Sense und wartete auf den Zwerger, der
den Feldweg herunterkam.
    Ds is wieder prachtvoll heunt!
    Bal 's so weitergeht, bring' i de' Woch' no mei Heu hoam.
    Bis zum Feldkreuz gingen sie miteinander. Da blieb der Zwerger stehen.
    Was sagst denn zum Schuller? Vier Jahr G'fngnis!
    
    Da er nimmer 'rauskimmt, sag' i. Den hat er g'liefert, unser Herr
Pfarrer!
    Der Haberlschneider setzte sich bei den Worten auf den Feldrain. Seine
jngste Tochter mute bald kommen und den Morgentrunk bringen.
    Den hat er g'liefert! wiederholte er.
    Und er sah nach Erlbach hinunter. Da lag das Dorf Haus neben Haus. Aus den
Schornsteinen stiegen dnne Rauchsulen in die Luft. In den Stllen brllte das
Vieh; der Wind trug den Schall herauf.
    Und jetzt klangen im gleichen Takte starke Hammerschlge, Zimmerleute bauten
an der Kirche ein hohes Gerst. Der alte Turm wurde abgebrochen und ein neuer
errichtet.
