
                                Spitteler, Carl

                                     Imago

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                                 Carl Spitteler

                                     Imago

                           Die Heimkehr des Richters

Warten mit dem Aussteigen! Warten denn, bis der Zug hlt! Dienstmann
gefllig? Dienstmann? So, das wre jetzt also die Heimat, nach welcher man sich
das Herz aus dem Leibe gesehnt hat! Dem Landjger, der dort in der Halle
lungert, wrde mans auch nicht ansehen. Ich glaube gar, er ghnt. Heimat und
Ghnen!
    Haben Sie noch Grogepck?
    Ein Bahnhofplatz wie ein anderer; starre Huser, hart und grau wie berall;
nichts von Purpurschein und Goldschimmer. Waren denn eigentlich frher die
Gassen auch so zugig und leer? Puh, diese Staubwolken! Und was fr ein eiskalter
Wind, anfangs September! Vor einem jedenfalls, Viktor, bist du in dieser
steinernen Nchternheit sicher: vor Liebesanfechtungen. O, keine Gefahr!
    Allein der tppische Dienstmann mit seinem zudringlichen Geschwtz erlaubte
keine Besinnung. Wrden Sie mir vielleicht eine groe Geflligkeit erweisen?
ersuchte ihn Viktor. Dann gehen Sie, bitte, langsam, aber ja recht langsam, um
diesen Pfeiler, und zhlen Sie genau die Schritte. - Wieviel? Sechs? Gut, ich
danke; und jetzt, wenn Sie einverstanden sind, ziehen wir weiter. Da fiel dem
Mnnlein vor Verblffung der Unterkiefer herunter, da er auf dem ganzen Wege
kein Wort mehr hervorbrachte.
    Kaum im Gasthof angekommen, verlangte Viktor das Adrebuch. Wie heit sie
doch gleich, gegenwrtig, die Treulose, mit ihrem angeheirateten Namen? Wy,
glaube ich, Frau Direktor Wy. Aber wovon Direktor? Es gibt Eisenbahn-, Bank-,
Gas-, Zement-, Gummi-, alle mglichen und unmglichen Direktoren. Nun, wir
werdens ja gleich lesen. Richtig, da steht sie; natrlich vorsichtig hinter
ihrem Manne versteckt: Dr. Treugott Wy, Professor, Direktor des stdtischen
Museums und der Kunstschule, Vorstand der kantonalen Bibliothek, Mitglied der
Waisenhauskommission, Mnstergasse 6.
    Hu, wieviel Weisheit! was fr ein Haufe voll Wrden! Eigentmlich, ein
Bankdirektor wre mir fast lieber gewesen. Zwar also jedenfalls ein
hochgebildeter Herr. Trotzdem - ich wei nicht warum, es ist nicht meine Schuld
-, ich kann mir diesen braven Ehefriedrich nicht anders als klein, unansehnlich
und ein bichen unbeholfen vorstellen, ich will nicht gerade sagen komisch.
    Also morgen vormittag Mnstergasse sechs. Gelt, schne Dame, das sagt dir
dein kleiner Finger auch nicht, da morgen dein Richter naht? Und am folgenden
Morgen zur Besuchsstunde machte er sich nach der Mnstergasse auf den Weg.
    Wie sie wohl meinen Anblick bestehen wird? Zweierlei ist mglich. Entweder
sie erbleicht und wankt aus dem Zimmer, oder sie errtet, fat sich, trotzt mir
und sieht mir dreist ins Gesicht. In diesem Falle werde ich meinen Blick mit
Erinnerung laden und sie zwingen, die Augen vor mir niederzuschlagen. Hernach
wende ich mich zu ihm, dem Friedrich: Hochgeehrter Herr, die rtselhafte
Pantomime, die wir soeben vor Ihren erstaunten Augen aufgefhrt haben, Ihre Frau
und ich, verlangt eine Erklrung. Selbstverstndlich bin ich bereit, sie Ihnen
zu geben, halte es aber fr ritterlicher, das Wort Ihrer Frau zu berlassen.
Denn ob ich schon ihr Glubiger bin, ihren Anklger will ich nicht spielen. Von
ihr also mgen Sie sich erzhlen lassen, warum und wieso ich der rechtmige
Eigentmer Ihrer Gattin bin und Sie, mein Herr, blo mein Stellvertreter und
getreuer Statthalter, dank meiner Erlaubnis. Entschlagen Sie sich indessen aller
Besorgnisse; nachdem ich Sie stillschweigend als meinen Ehestatthalter
anerkannt, bin ich mir bewut, die Anstandspflicht bernommen zu haben, Ihre
Ehe, Ihren Frieden, Ihr Glck in keiner Weise zu stren. Ihr Herd ist mir
heilig, und meine klare Aufgabe lautet, mich zu verneigen und zu verschwinden;
Sie werden an mir, Herr Direktor, die Tugend der Unsichtbarkeit schtzen lernen.
Wie ich denn auch zum ersten und zum letzten Male Ihre Schwelle bertreten habe;
und wenn ich heute erschienen bin, so geschah das blo, um einmal in meinem
Leben, ein einziges Mal und nie wieder, Ihrer geehrten Frau Gemahlin ergebenst
meinen Mangel an Hochachtung auszudrcken. Dort liegt sie, das fleischgewordene
Schuldgestndnis. Das gengt mir. Falls es Ihnen nicht gengen sollte, so wohne
ich da und da und stehe jederzeit vom Morgen bis zum Abend zu Ihrer Verfgung.
So ungefhr werde ich zu ihm sprechen. - Hausnummer vierzehn; da bin ich in
Gedanken vorbergegangen. Rckwrts denn: Nummer zwlf, zehn; jetzt kommt es
nher; acht - also das nchste Haus. Nicht bel, das Huschen; wie reinlich, wie
wohnlich mit den weien Spitzenvorhngen und dem weit ausladenden Erker; wer
wrde ihm von auen die Falschheit ansehen, die es birgt? Einen Kanarienvogel
hrt man auch; und Kinderlachen. Ein Kind? Wie kommt ein Kind da hinein? sollte
ich mich in der Hausnummer getuscht haben? Nein, es ist richtig Nummer sechs.
Nun, es knnen ja mehrere Familien in einem Hause wohnen.
    Als er an der Tr den Namen Wy las, begannen urpltzlich seine Pulse ein
Wettrennen im Galopp - Ruhig dort innen! herrschte er, Beklemmung geziemt
ihr, nicht mir, dem Richter! Zog die Klingel und eilte die Treppe hinauf, die
Stufen berspringend.
    Es tue ihr leid, fltete das Dienstmdchen mit slicher Miene, Herr und
Frau Direktor wren ausgegangen.
    Darob knirschte sein Unwille. Auf jeden Empfang war er gefat gewesen, nur
nicht auf keinen. berhaupt liebte er nicht, wenn jemand, den er besuchen
wollte, nicht zu Hause war. Ausgegangen! Die geht also am hellen, lichten Tage
mit jenem aus?! Freilich, das Recht dazu hatte sie, allein es gibt nicht blo
ein Recht, es gibt auch eine Scham. Hier meine Karte, und ich wrde um drei Uhr
nachmittag wieder vorsprechen.
    Frau Direktor werden schwerlich heute nachmittag zu Hause sein, wagte das
Dienstmdchen.
    Sie wird zu Hause sein! befahl er, kehrte sich und ging. Was fr eine
boshafte Person, dieses Dienstmdchen! Wie giftig sie das Wort Frau Direktor
betont hatte, beinahe hhnisch. Auf der Treppe begegnete ihm der Brieftrger.
Eine Postkarte fr Frau Direktor, meldete er nach oben. Der auch! feiges Volk!
Tatsachenknechte! Htte ich sie geheiratet, so wrden sie sie heute
wahrscheinlich mit meinem Namen nennen.
    Auf der Strae zog er die Uhr: Halb zwlf; reicht zur Not gerade noch zu
Frau Steinbach vor dem Mittagessen. Ein wenig weit zwar von der Mnstergasse ins
Rosental, allein wenn man ein bichen auszieht ... - und das trauliche Grtchen
mit den Astern im Herbstsonnenschein leuchtete ihm ins Gedchtnis. Rstig machte
er sich auf den Weg, glcklchelnd ob der Vorstellung, die Freundin
wiederzusehen. Und je lnger, desto rascher trieb ihn das Verlangen. Vor dem
Gartentrchen jedoch stutzte er: Natrlich wahrscheinlich ebenfalls nicht zu
Hause, denn wenn das einmal anfngt, so geht es wie eine Seuche. Doch nein,
Wunder! ein Freudenruf erscholl oben aus dem Fenster, und freundschaftstrahlend
eilte sie ihm entgegen, die Treppe herab. Wenig fehlte, so wren sie sich um den
Hals gefallen. An beiden Hnden zog sie ihn mit sich: Sind Sies auch wirklich?
- Und nun setzen Sie sich und erzhlen Sie mir! Vor allem, lieber Freund, wie
geht es Ihnen?
    Wie soll ich das wissen?
    Laut auf lachte sie vor Vergngen: Daran erkenne ich Sie wieder! Also:
reden Sie, sprechen Sie, einerlei was! Nur da man Ihre Stimme hrt! Damit man
auch ganz sicher wei, Sie sind es leibhaftig, und es ist nicht etwa blo ein
schnes Mrchen. Denn bei Ihnen, mein Herr, geht ja Phantasie und Wirklichkeit
derart durcheinander, da man sich nicht wundern wrde, wenn Sie einem pltzlich
wieder unter den Augen verschwnden.
    Ein bichen aus dem Geleise, der Gedankenzug - scherzte er - nicht ganz
tadellos gekuppelt. Befehlen Sie brigens, da ich mich rundherum drehe, um Sie
von meiner Leibhaftigkeit zu berzeugen?
    Nein, geben Sie mir lieber noch einmal die Hand. - So! Nun halte ich Sie
aber fest. - Nein, diese berraschung! Wann sind Sie denn eigentlich
angekommen?
    Gestern abend. - Aber wissen Sie auch, da Sie je lnger, je jnger und
hbscher werden? Und - natrlich, das fehlt nicht, immer mit dem erlesensten
Geschmack gekleidet!
    O lala! Schweigen Sie! Eine alte dreiunddreiigjhrige Witwe! Und Sie -
etwas krftiger und mnnlicher, scheint mir, als vor vier Jahren; wie soll ich
sagen - sicherer, mutiger!
    bermtig sogar, unternehmend, angriffslustig!
    Mge es so bleiben. Dann darf man also bald etwas Groes, Schnes von Ihnen
erwarten? Sie wissen, wie ich darauf zhle.
    Ach Gott, was das betrifft - seufzte er und sann sorgenvoll vor sich hin.
    Und wenn Sie noch so ein kummervolles Gesicht machen - lachte sie - so
habe ich doch kein Mitleid mit Ihnen, nicht das mindeste. Vollendungswehen,
Siegessorgen!
    Da summte vom Mnster drben die Mittagsglocke ihren tiefen Sang. Wissen
Sie was - schmeichelte sie, whrend er sich erhob - kommen Sie diesen
Nachmittag zu einer Tasse Tee, ganz allein unter uns.
    Schon wollte er freudig zusagen, da erinnerte er sich: Leider schon
anderswo verpflichtet, bedauerte er verstimmt.
    Ei, sieh doch! Gestern abend erst angekommen und heute schon vergeben?
Indessen, ich will mich nicht in Ihre Geheimnisse drngen.
    Ungern gestand er, doch gerade deshalb tat ers, denn er gestattete sich
keine Feigheitchen. Es ist kein Geheimnis - sagte er - fr niemand,
geschweige denn fr Sie. Ich habe mich nmlich auf drei Uhr nachmittag bei
Direktor Wy angemeldet.
    Befremdet schaute sie ihn an: Was in aller Welt haben Sie in dem
demokratischen Tugendtempel verloren? Kennen Sie denn den Herrn Direktor?
    Ihn nicht, hingegen sie.
    Jetzt verwandelte sich ihr Gesicht und nahm einen kalten Ausdruck an. Ich
wei, ich wei߫, sagte sie, sich abwendend, Sie haben sie vor vier Jahren
einmal flchtig an einem Kurorte getroffen. Ein oder zwei Tage, glaub ich.
    Flchtig! - rief er emprt - flchtig? Das sagen Sie, die Sie es doch
besser wissen? Ein oder zwei Tage?, was heit das: Tage? Mit man den Wert des
Lebens mit dem Kalender? Ich denke, es gibt Stunden, die schwerer wiegen als
dreiig Jahre der Gewhnlichkeit; Stunden, die ewig leben, so gewi wie
irgendein Kunstwerk, gewisser sogar; denn der Knstler, der sie schuf, ist der
heilige Weltgeist der Schnheit!
    Was sie leider nicht davor schtzt, zu vergehen und vergessen zu werden.
    Ich kenne kein Vergessen, ich dulde keine Vergangenheit.
    Sie mit Ihrer Phantasie nicht; dafr andere Leute; namentlich wenn die
Gegenwart alle ihre Wnsche befriedigt. Glauben Sie wirklich, da Frau Direktor
Wy Ihren Besuch erwartet oder ihn sonderlich vermissen wrde, wenn er
ausbliebe?
    Das glaube ich allerdings nicht, bezwecke auch mit meinem Besuche
keineswegs ihr Vergngen.
    Frau Steinbach schwieg eine Weile, dann redete sie wie fr sich selber, doch
laut und nachdrcklich: Die schne Theuda Neukomm ist jetzt ein abgeschnitten
Stck Brot; zufrieden in glcklicher Ehe. Ein gebildeter, angesehener und
hochachtungswerter Mann, den sie liebt und der ihre Liebe auch wert ist; ein
reizendes Kind - (ein wahrer Engel von einem Buben, sage ich Ihnen; ein kecker,
schwarzlockiger Trotzkopf wie seine Mutter; fngt sogar schon zu sprechen an. -
Ja, machen Sie nur ein Gesicht, als ob Sie mit der Achsel zuckten. Ihnen mag das
Nebensache sein, der Mutter aber nicht!) - dazu ein reicher Sippschaftssegen von
Freunden und Verwandten, in denen ihre Wonne schwimmt; allen voran ihr Bruder
Kurt, der Wundermensch, das groe Genie, ihr Abgott. Hier unterbrach sie sich
und lchelte ein wenig vor sich hin. brigens, da fllt mir eben ein, sie ist
ja diesen Nachmittag gar nicht einmal zu Hause; sie fhrt mit dem Gesangverein
ber Land.
    Verzeihen Sie, sie wird zu Hause sein!
    Ah, wenn Sie das so bestimmt wissen, so fge ich mich natrlich. Dann
pltzlich, ihn ernst anschauend: Lieber Freund, sagen Sie mir aufrichtig, was
wollen Sie von Frau Direktor Wy?
    Nichts! schnitt er unwillig ab.
    Um so besser, sonst wrden Sie einer empfindlichen Enttuschung
entgegengehen. - Also dann ein andermal. Wann immer Sie mgen. Bei mir, das
wissen Sie ja, sind Sie jeden Tag, zu jeder Stunde willkommen. - Und whrend
sie ihn hinausgeleitete, sagte sie noch einmal nachdrcklich: Die schne Theuda
ist jetzt ein abgeschnitten Stck Brot.
    Wie auffllig sie den Spruch vom abgeschnittenen Stck Brot wiederholt
hatte! Sie wird doch nicht etwa glauben -? O nein, meine Teuerste, der Brutigam
der hehren Imago ist gegen eine Frau Direktor Wy gefeit. - Also das ist jetzt
ihr neuester Sport: Buben in die Welt zu setzen? Bitte, gndige Frau, lassen Sie
sich ja nicht etwa stren. Zwillinge, Drillinge, meinetwegen Zwlflinge, tun Sie
ganz, als wenn ich nicht da wre. - Doch halt, da ich antwortete, ich wollte
nichts von ihr, war nicht genau; das mssen wir berichtigen. Und lie ungesumt
durch den Aufzugsknirps Frau Steinbach einen Zettel zustellen: Liebe Freundin,
eine Berichtigung: Nicht nichts will ich von ihr, sondern da sie die Augen vor
mir niederschlage, das will ich von ihr. Ihr getreuer Viktor.

Im Speisesaal langweilten sich die Gste lngs den Wnden auf und ab; bald zum
Fenster hinausstierend, bald zerstreuten Geistes die Bildertafeln betrachtend,
bis das Mittagessen endlich kme.
    Vor dem schwarz umrnderten Kopfbilde eines Staatsmannes (der Name war
natrlich unleserlich) blieb Viktor stehen. Ein krftiges Gesicht; mit derben,
markigen Zgen, wie nach dem Muster eines Holzschnittes geboren.
Uneigenntzigkeit und Zielbewutsein im Ausdruck, feurige berzeugungshaltung,
blicklose Vereinsaugen, nicht gewohnt, Mann gegen Mann zu trotzen, sondern
gegenstandslos ber eine Menge zu gleiten. Des Mannes Kernspruch vermochte er zu
buchstabieren: Alles durch die Volksschule! Ja, danach sah der gerade
geschrobene Herr aus. Die Welt als eine Erziehungsanstalt aufgefat; Zweck des
Lebens lernen, hernach lehren; keine Wahrheit, sie schmecke denn nach Weisheit,
und keine Weisheit, oder sie rche nach Ermahnung. Das Unheil, das der
angestiftet htte, mit seinem wandtafeligen berzeugungs-Viereck, wenn ihn das
Schicksal statt in die unschdliche Abstimmungsschachtel an das Steuer der
Weltgeschichte gestellt htte!
    Whrend er so mit dem Staatsmanne klugugelte, hatte sich ihm unvermerkt ein
Nebenmensch beigesellt, der ber seine Schulter weg ebenfalls das Bild
betrachtete. Nicht wahr, ein prchtiger Charakterkopf? urteilte der Unbekannte
bewundernd. Andere Gste sammelten sich herbei, wie die Fliegen um ein
Zuckerstck, und aus der Gruppe kam zum zweitenmal das ehrfrchtige Urteil: Ein
prchtiger Charakterkopf. Er mute wohl ein gewichtiger und volksbeliebter Herr
gewesen sein, der Charakterkopf; denn das Gesprch blieb bei ihm hangen, nachdem
man sich schon lngst zu Tisch gesetzt hatte. Beilufig verlautete auch sein
Name - Neukomm. Halt, hast du gehrt? Neukomm? So hatte ja auch sie geheien.
Vielleicht gar ein entfernter Verwandter von ihr?
    Hat er eigentlich Kinder hinterlassen? munkelte eine Frage. Zwei -
meldete die Antwort; einen Sohn und eine Tochter. Mit dem Sohne ist nicht viel,
er dichtet; die Tochter dagegen ist an den bekannten Herrn Direktor Wy
verheiratet. Ein Prachtweib, sag ich Euch; alles dreht sich auf der Strae nach
ihr um. Gro, stolz, schwarz wie eine Sdlnderin (ihre Gromutter war eine
Italienerin) und hitzig, potzteufel! brigens durch und durch brav und sittsam;
kein Mensch kann ihr das mindeste nachsagen. Und eine berzeugungseifrige
Patriotin wie ihr Vater selig. - Der Charakterkopf ihr Vater! So wach doch auf,
o meine Vernunft, und reg dich, denn daraus folgt ja eine ganze Menge wichtiger
Betrachtungen. Nachlssig bewegte sich seine Vernunft, hob ein wenig den Kopf,
dann legte sie sich gleichgltig wieder zur Ruhe, wie ein auf der Strae
lagernder Hofhund, wenn der Milchmann vorbergeht. Die Tatsache ist mir zu
dumm, erklrte sie.
    Nach dem Essen erkundigte sich Viktor beim Oberkellner: Wohin jetzt, um
Zeitungen zu lesen?
    Da gehen Sie am besten ins Caf Scherz beim Bahnhof; jedes Kind kann Sie
weisen.

Im vollen Saale fand er noch ein Tischlein am Fenster mit zwei unbesetzten
Pltzen. Leute gingen, Leute kamen, sahen sich um; doch niemand nahm ihm
gegenber Platz. Hier wie berall! Entschieden, Viktor, du hast nichts
Einladendes, du bist nicht gemtlich. - Ein frhlicher Gedanke: Wenn jetzt
mitten unter all dem Volk mein getreuer Statthalter se? warum auch nicht? Er
wird sich doch wahrscheinlich auch seine Zeitungen gnnen. Etwa so einer wie der
dort hinten, mit den flachsblonden Strhnen und der doppelten Brille im
Schafsgesicht? Ein Adonis ist er gerade nicht, das knnte man mit dem besten
Willen nicht behaupten; und mehr Geist, als zu einem Herrn Professor unbedingt
ntig ist, scheint er auch nicht zu haben. Statthalter, Statthalter, wenn ich
dir raten darf, verla dich nicht allzusehr auf deine Gelehrtheit, sonst tauft
dich eines trben Morgens deine schne Juno, auf die du dir so viel einbildest,
Doktor berdru. Eigentlich nach den Gesetzen der Schicklichkeit mte man zu
ihm hinber und ihn ein wenig hnseln. Wenn ich nur ganz sicher wre, da ers
ist! Nun, wir werdens ja bald erwhren. Zehn Minuten nach zwei Uhr; noch drei
Viertelstunden. Wie die Zeit schleicht! - Ha! was fr ein stattlicher Mann kommt
jetzt hereinspaziert! Brr! Ein Held fr Mdchentrume. Etwas zum sich ablehnen,
zum sich emporranken, eine Sttze frs Leben! Knnte ich singen, ich snge: Er,
der Herrlichste von allen! Und Jupiterlocken hat er auch! An wen erinnert mich
doch dieser minnesame Herkules? - Richtig, an den Herzknig im Kartenspiel. -
Wehe, ihr Jungfrauen, weinet! Schauet den Ehering! Sogar bereits Papa, denn so
weltzufrieden schreitet blo, wer Vatergefhle kennt. - Wie sorgsam er seinen
berrock faltet! und die feine, tadellose Wsche, die jetzt zum Vorschein kommt!
Was noch gar! Ich glaube wahrhaftig, er steuert zu mir. Willkommen, Herrlichster
von allen!
    Mit einer hflichen Verbeugung lie sich der Herzknig nieder; darauf zog er
eine Zigarrentasche hervor: Darf ich mir vielleicht erlauben? Dankend
erwiderte Viktor: Ich rauche nicht. Aber hast du die kunstvoll gestickte
Zigarrentasche gesehen? Jedenfalls von seiner Frau.
    Jetzt griff der Herzknig - Ist es gestattet? - eine illustrierte Zeitung
auf und schaute wohlwollend, fast gndig hinein, mit halber Aufmerksamkeit; -
dazu trommelte er mit den Fingern auf den Tisch. Was fr gepflegte Fingerngel!
    Dem Herzknig schien jedoch nicht sonderlich ums Lesen zu tun; eher ums
Plaudern; offenbar hatte ihm das Mittagessen geschmeckt. Sie als Fremder -
begann er mit zgernder Einleitungsstimme die Unterhaltung, als sich die
Kehllaute in ihrer Nhe krftiger vernehmen lieen, werden wohl auf unseren
etwas rauhen Dialekt nicht besonders gnstig zu sprechen sein?
    Nicht Fremder, berichtigte Viktor, kurz ablehnend, hier geboren und
aufgewachsen; blo viele Jahre in der Fremde gewohnt.
    Ah, um so besser; dann habe ich also das Vergngen, einen Landsmann in
Ihnen zu begren.
    Hiernach hllte er sich wieder hinter die Zeitschrift und begann vor sich
hin zu schmunzeln. Er lutscht an seinem Eheglck wie an einem
Lakritzenstengel, dachte Viktor.
    Als der Lakritzenstengel zu Ende war, zeigte der Herzknig auf ein
Wertherbildnis in seiner Zeitung. Was ist Ihre Ansicht, hub er nach einigem
Zaudern an, glauben Sie, da solch eine leidenschaftliche, schwrmerische Liebe
heutzutage noch vorkommen knnte?
    Natur kommt immer vor, entgegnete Viktor.
    Der Herzknig schmunzelte. Nicht bel. Es kommt eben alles darauf an, wie
eng oder wie weit man den Begriff Natur fat. Also Sie glauben allen Ernstes, in
unserem realistischen Zeitalter -
    Es gibt keine realistischen Zeitalter.
    Wenn Sie so wollen, allerdings nicht. Immerhin, es gibt doch, das werden
Sie zugeben, verschieden gestimmte Zeitalter; zum Beispiel solche, in welchen
gewisse Seelenzustnde, die frher beobachtet wurden, einfach undenkbar wren.
Oder knnten Sie sich zum Beispiel einen Johannes der Tufer, einen Franz von
Assisi oder, um bei unserem Beispiel zu bleiben, einen Werther mit einem hohen,
steifen Hemdenkragen vorstellen? - Verzeihen Sie, ich sagte das ohne die
mindeste Anzglichkeit. Nein, wirklich, ich bitte, glauben Sie mir, es war
durchaus harmlos gemeint.
    Viktor begtigte lchelnd: Ich mache keinen Anspruch auf den Titel eines
Tufers oder eines Heiligen - - ob jedoch der heilige Geist vom
Heuschreckenessen komme oder die Ekstase vom Hemdenkragen abhange, mchte ich
bezweifeln. brigens pflegte sich der Schpfer des Werther, wenn ich nicht
falsch berichtet bin, zierlich, sogar geziert zu kleiden.
    Und da nun eine lngere Pause entstand, fuhr dem Viktor von der Seite ein
Gedanke in den Kopf, den er je lnger, je weniger los wurde. Kennen Sie
vielleicht - wagte er endlich unvermittelt, mit banger Stimme - kennen Sie
vielleicht zufllig hier in der Stadt einen gewissen sogenannten Herrn Direktor
Wy? - Kaum hatte er den Satz drauen, so sprte er, da er hei errtete.
    Der Herzknig schaute berrascht auf: Gewi; warum?
    Was ist er fr eine Spielart von Mensch? ich meine: wie sieht er aus? gro
oder klein? jung oder alt? garstig oder angenehm? jedenfalls ein hochgebildeter
Herr, nicht wahr? nach seinen Titeln und mtern zu schlieen?
    Der Herzknig zog ein beraus schlaues Gesicht und lchelte belustigt vor
sich hin. Nun, er hat wie jedermann seine zahlreichen Fehler; daneben
vielleicht auch, wie ich mir wenigstens schmeichle, einige ertrgliche
Eigenschaften. - Doch erlauben Sie mir, da ich mich Ihnen vorstelle: Direktor
Wy ist mein Name.
    Das kam so anmutig, mit so liebenswrdiger Ironie heraus, da Viktor, der
nichts hher schtzte als Gefhlsfeinheit, jhlings von Sympathie erfat
aufsprang und ihm die Hand anbot, welche der andere eifrig ergriff und
schttelte. Es entstand wie ein Freundschaftsbund zwischen den beiden.
    Nachdem dann Viktor auch seinen Namen genannt hatte, rief der Direktor
hocherfreut: Da sind Sie also offenbar der Herr, der uns heute morgen die Ehre
seines Besuches zugedacht hatte. Wir bedauern aufrichtig; besonders meine Frau,
mit der Sie, glaub ich, wenn ich nicht irre, einmal in einem Meerbade
zusammengetroffen sind.
    Nicht in einem Meerbade, verbesserte Viktor verstimmt, sondern in einem
Bergkurort.
    Leider mu sie auch diesen Nachmittag auf das Vergngen verzichten, da sie
einen Ausflug mit den Damen des Gesangvereins verabredet hatte; ich komme soeben
von der Eisenbahn. Hoffentlich lassen Sie sich indessen dadurch nicht
abschrecken, und wenn Sie mirs nicht als eine Zudringlichkeit auslegen wollen,
so mchte ich Ihnen vorschlagen, in die Idealia zu kommen; es braucht keinerlei
Frmlichkeit; Sie erscheinen ganz einfach als von mir. Zudem ist ja meine Frau
Ehrenprsidentin.
    Idealia? -
    Ach so, ich verga, ich bin zerstreut - Sie knnen ja natrlich nicht
wissen -. Hiernach begann er, weit ausholend, von der Idealia zu erzhlen: Eine
Stiftung seines seligen Schwiegervaters - anspruchslose Zusammenknfte ohne
Zwang und Feierlichkeit - weder Kleiderprunk noch Schmauserei - nur zur Pflege
einer etwas gehaltvolleren Geselligkeit, wo die Erhebung Hand in Hand mit der
Erholung gehe (eines schliet ja das andere nicht aus), hauptschlich die Musik
empfehle sich zu solchem Zwecke - und dergleichen mehr, mit Aufzhlung von Namen
der Mitglieder und Daten der Zusammenknfte und wie die Runde laufe; gewhnlich
Mittwoch, Freitag und Sonntag.
    Aufmerksam hielt Viktor der Rede sein Ohr hin, mit dem Geiste dagegen
schlich er am Gehr vorbei in die Augen: Das der Statthalter! der Herzknig! der
Herrlichste von allen! Und er, der den Adonis fr den Statthalter genommen
hatte! Warum hatte er eigentlich vorausgesetzt, der Statthalter msse ein
komischer, mindestens unbeholfener Mensch sein? Oh, durchaus nicht komisch, der
Herzknig! durchaus nicht! - Und starrte ihn unverwandt verblfft, fast
erschrocken an. - Nun, so sei doch froh, Viktor! dient es doch auch deinem
Stolze, wenn dein Statthalter eine gute Figur macht. Auch das finde ich vllig
in der Ordnung, da sie ihn offenbar liebt; oder habe ich denn jemals etwas
anderes gewnscht? Bewahre; im Gegenteil; es mte mich bekmmern, wenn es nicht
so wre. - Hingegen wieder sie! Diese Herausforderung! Mit einem Gesangverein
ber Land zu trudeln, nachdem ich meinen Besuch angekndigt! Ohne Frage, der
Dame fehlt das Schamgefhl.
    Sie sind doch wahrscheinlich auch musikalisch? tnte des Statthalters
Stimme in seine Gedanken; oder lieben wenigstens die Musik?
    Ich glaube, ja; das heit, ich wei nicht recht, es kommt darauf an.
    Da schlug drben vom Kirchturm die Stunde. Drei Uhr! entsetzte sich der
Statthalter, erschrocken aufspringend - ich habe mich verplaudert, ich mu
schleunigst ins Museum. - Also, nicht wahr, ich zhle darauf, Sie in der Idealia
begren zu drfen? Reichte ihm hastig die Hand und sputete davon.

Viktor aber zog verstrt durch die Gassen. Er mochte sich noch sooft vorsagen:
Viktor, sei froh, es half nichts, er war gedrckt, niedergeschlagen,
entmutigt.
    Was war ihm denn Schlimmes widerfahren? Nicht das mindeste; und trotzdem war
er eben niedergeschlagen. Bis er sich drauen vor der Stadt mde gelaufen hatte.
Darauf, zu Hause, wie er die Glieder aufs Ruhbett streckte, wurde ihm wieder
leichter. Zur Gesundheit, wnschte ihm sein Krper.
    Danke, Konrad, erwiderte er freundlich. Er pflegte nmlich, weil er mit
ihm so gut auskam, seinen Krper kameradschaftlich Konrad zu nennen.
    Nachdem er sich sattsam gedehnt hatte, bemerkte er auf dem Tisch ein
Brieflein, welches, nach den Naturgesetzen zu schlieen, vermutlich schon
geraume Weile dort gelegen hatte. Von Frau Steinbach.
    Sie bser Mensch! Frau Direktor Wy braucht vor niemand die Augen
niederzuschlagen. Augenblicklich kommen Sie zu mir, damit ich Sie schelte.
    Gefat, in trotziger Stimmung, gehorchte er der Aufforderung.
    Ich wute gar nicht, da Sie solch ein unangenehmer Mensch sein knnen! -
berfiel sie ihn - Da! setzen Sie sich auf die Anklagebank, und lassen Sie sich
verhren. Was haben Sie Frau Direktor Wy vorzuwerfen?
    Den Ehebruch.
    Was heit das, in vernnftige Sprache bersetzt?
    Das heit in vernnftiger Sprache - eine bersetzung braucht es nicht -,
da sie die Ehe gebrochen hat.
    Jetzt aber, mein Herr, mu ich ernst und scharf mit Ihnen reden; denn es
geht um die Ehre einer unbescholtenen Frau. Ich rufe Ihre Wahrhaftigkeit an, der
ich fest vertraue, und frage Sie auf Ihr Gewissen: Hat zwischen Ihnen und Theuda
Neukomm ein Verlbnis bestanden?
    Heftig wehrte er ab: Wohin denken Sie!
    Oder dann wenigstens etwas, was einem Verlbnis gleichkam, was Sie zu der
Annahme berechtigte - ein Liebesgestndnis? ein bindendes Wort oder Zeichen? ein
Ku? was wei ich?
    Wiederum verwahrte er sich eifrig: Nein, nein, nein! Sie sind auf ganz
falscher Fhrte; es wurden nur wenige und vllig bedeutungslose Worte
gewechselt. Ich sa bei Tische neben ihr, wir taten zusammen ein paar Gnge
durch den Garten, dann hat sie mir im Saal ein Lied vorgesungen. Weiter nichts.
    Dann also Briefe?
    Warum nicht gar! Dazu war ich viel zu ehrfrchtig, auch zu gewissenhaft;
sie wiederum zu vorsichtig. Frauen vergessen sich ja nicht schriftlich, das
wissen Sie wohl.
    Ja, was denn? Bitte helfen Sie meinem armen Verstande.
    Da verwandelte sich pltzlich sein Gesicht zu fremdem, tiefernstem Ausdruck,
als ob er ein Gespenst erblickte. Eine persnliche Zusammenkunft in der fernen
Stadt - bebte seine Stimme.
    Verzeihen Sie, da ich Ihnen rund widerspreche: Ich wei das Gegenteil von
Frau Direktor, und Frau Direktor Wy lgt nicht.
    Ich ebenfalls nicht! Wenn ich daher sage: eine persnliche Zusammenkunft,
so meine ich natrlich keine krperliche.
    Unwillkrlich rckte sie mit dem Stuhle und starrte ihn an. Keine
krperliche? Sie werden doch hoffentlich nicht etwa - oder wie soll ich das
verstehn?
    Sie verstehen richtig, es handelt sich um eine Zusammenkunft von Seele zu
Seele. - Beruhigen Sie sich; ich bin bei gesundem Verstande und gewahre die
ueren Dinge so scharf wie irgendein anderer. Warum machen Sie so ein
unglubiges Gesicht? Meinen Sie vielleicht, man she aus einem mblierten Hause
minder deutlich als aus einem leeren? Wenn ich daher von einer Erscheinung rede
-
    Sie glauben an Erscheinungen? - klagte sie.
    Wie jedermann, wie zum Beispiel auch Sie. Oder ein Traum, eine Erinnerung,
der Nachglanz eines geliebten Antlitzes, das Aufleuchten einer Vision in der
Seele eines Knstlers, sind das etwa keine Erscheinungen?
    Bitte, keine sophistischen Kunststcklein! sprechen wir ernsthaft. Denn bei
einer Erinnerung, bei einer knstlerischen Offenbarung bleibt man sich eben
bewut, da es sich um ein bloes Phantasiebild handelt.
    Dessen bleibe ich mir auch bewut.
    Gottlob, Sie heilen mich; ich atme auf Sie hatten sich nmlich vorhin so
ausgedrckt, da ich einen Augenblick meinte, Sie wollten ihrer sogenannten
Erscheinung bestimmenden Einflu auf Ihr wirkliches Leben, auf Ihre Handlungen
einrumen.
    Das tue ich auch in der Tat.
    Nein, das tun Sie nicht! rief sie verbieterisch, das knnen Sie nicht
tun!
    Er verbeugte sich - Verzeihen Sie mir, da ich mir erlaube, es doch zu
tun.
    Aber das ist ja Wahnsinn! schrie sie auf.
    Er lchelte: Was soll Wahnsinn sein, bitte was? Da ich innere Erlebnisse
so hoch werte wie uere? oder vielmehr unendlich hher? Oder da ich mich von
ihnen bestimmen lasse? - Und das Gewissen? und Gott? Ist es etwa auch Wahnsinn,
wenn einer sich von seinem Gewissen oder von seinem Gott in seinen Handlungen
beeinflussen lt?
    Sie stutzte einen Augenblick, betroffen, um Antwort verlegen. Er aber fuhr
fort: Der einzige Unterschied ist der, da die andern sich mit undeutlichen
Erscheinungen begngen, whrend ich sie klar sehen mu, wie der Maler Mariens
Himmelfahrt. Finger Gottes, Auge Gottes, Stimme der Natur, Wink des Schicksals -
was tue ich mit diesem anatomischen Museum? Ich will immer das ganze Gesicht
sehen.
    Mutlos seufzte sie: Im spitzfindigen Denken sind Sie ja natrlich meinem
schwachen Weibesgehirn hundertmal berlegen; auf dieses Gebiet will ich mich
indessen gar nicht begeben. Ich kann nur noch bedauern und trauern.
    Da legte er die Hand auf ihre Schulter: Edle Freundin, nicht wahr, Sie
haben niemals begriffen, weshalb ich Ihren wohlgemeinten Wink, mir Theuda durch
ein bindendes Verlbnis zu sichern, unbeachtet lie? Gestehen Sie, Sie waren und
sind der Ansicht, ich htte mein Lebensglck albernerweise aus gemeiner
Ehefeigheit verscherzt. Sehen Sie, Sie nicken.
    Sagen wir Unentschlossenheit, milderte sie.
    Nein, sagen wir Feigheit; denn Unentschlossenheit ist auch eine Feigheit:
Willensfeigheit. Ich aber ertrage es nicht lnger, vor Ihrem Urteil in
unrichtigem Lichte dazustehen. Ich will Ihnen deshalb meine Grnde mitteilen.
Sind Sie bereit zu hren?
    Ich bin zu allem bereit, flsterte sie und senkte den Kopf, obschon ich
Ihnen nicht verhehle, da mir dieses Thema peinlich ist, und da ich nicht
einsehe, was das Aufrhren veralteter Geschichten ntzen soll. Indessen, wenn
Sie wollen -
    Nicht, wenn ich will - verbesserte er - sondern, wenn ich mu! Und mit
vernderter Stimme, in gehobenem Tone fing er an: Nein, nicht aus feiger
Unentschlossenheit, nicht aus alberner Torheit habe ich nicht zugegriffen, als
leisen Schrittes das heilige Glck mir nahte, mich mit seinen klaren Augen
anschauend und mir zuflsternd: Nimm mich!, sondern wissend, was ich tat,
wertend, was ich von mir wies, nach schwerer, reifer Wahl habe ich mit
mnnlichem Entschlu entschieden. Und nun will ich Ihnen meine
Entscheidungsstunde erzhlen.
    Nach diesen Worten machte er eine Pause, wie um Atem zu schpfen. Als jedoch
die Pause nicht enden wollte, schaute sie auf. Da stand er bebend vor ihr, von
inneren Strmen geschttelt, die Lippen gewaltsam schlieend. Ich kann es Ihnen
doch nicht erzhlen - brachte er mhsam hervor - es geht zu tief - und
stemmte sich aufs Klavier.
    Geschwind sprang sie auf, um ihn ntigenfalls zu sttzen.
    Doch er hatte sich bereits wieder aufgerichtet.
    Ich habe recht entschieden! - rief er - ich wei, ich habe recht
entschieden! Und stnde ich nochmals vor der Wahl, ich wrde nicht anders
entscheiden! Dann nahm er seinen Hut, verbeugte sich und kte ihr die Hand.
Ich werde es Ihnen aufschreiben, sagte er. Tief ergriffen begleitete sie ihn
bis zur Haustr. Gut, sagte sie, nur um etwas zu reden, und zwang ihre Stimme
zu unbefangenem Ton: Gut, schreiben Sie mirs auf. Sie wissen, da alles, was
Sie bewegt, auch mir nahegeht; und glauben Sie mir, ob ich Sie schon nicht
jederzeit verstand und auch jetzt nicht verstehe, so habe ich doch niemals, auch
nur einen Augenblick, an der Lauterkeit und Vornehmheit Ihrer Beweggrnde
gezweifelt.
    Dank! treue edle Freundin! rief er leidenschaftlich, sie mit beiden Hnden
strmisch ergreifend. Sie heilen mich; es tut so weh, so unertrglich weh, wenn
jemand an der Vornehmheit meines Charakters zweifelt.
    Wer hat das jemals getan? rief sie heftig, fast zornig.
    Er erstaunte. Jedermann, antwortete er zaudernd, das heit - eigentlich
niemand Bestimmtes.
    Unterdessen hatte sie sich ihm entwunden und flchtlings einige Stufen nach
oben zurckgezogen. Und eins noch: nicht wahr, Sie sind nicht ungerecht? Sie
tun ihr nichts zuleide?
    Er lchelte: Ich tue keinem Menschen etwas zuleide als hchstens mir
selber. Damit verlie er das Haus.
    Sind Sie ein gefhrlicher, ein unerlaubter Mensch! - seufzte sie ihm nach
und warf sich erschpft in den Lehnstuhl, um sich von der Anstrengung zu
erholen.

Er aber eilte auf sein Zimmer, das Bekenntnis niederzuschreiben, das er ihr
mndlich schuldig geblieben. Und siehe da, whrend ihn sonst das Schreiben wie
Krtengift anwiderte, versprte er jetzt, nachdem ihm durch das Verhr die
Erinnerung aufgewhlt worden war, ein gieriges Verlangen, die
Entscheidungsstunde seines Lebens einmal leslich festzubannen, damit sein
erhabenes Geheimnis auch auer ihm dastnde, unabhngig von seinem Gedchtnis,
als feste Wahrheit.
    So schrieb er denn, knirschend zwar und gegen den Zwang der nchternen
Denkgesetze schumend, aber in einem einzigen Zuge, in fieberhafter Eile:

    An Frau Martha Steinbach

    Fluch und Schmach der kahlen Prosa zuvor, denn sie entweiht! Also, ich
erzhle und entweihe:

                                  Meine Stunde

Ihr Brief mit Theudas Bild war am Morgen angekommen, jener Brief, in welchem Sie
mir andeuteten, da ein klares Wort von mir erwartet werde, da dem Wort eine
holde Antwort gewi wre, da dagegen lngeres Zaudern als Verzicht ausgelegt
wrde. Ich verstand: eine Mahnung, verstrkt durch eine Warnung, und ich
begriff: dieser Tag ist ernst; heute gilt die Entscheidung. Ich betrachtete das
Bild; tausend wonnige Werte schauten mir daraus entgegen; die Reinheit einer
auserlesenen, durch Schnheit, Tugend und Erziehung hervorragenden Jungfrau -
die Erinnerung an gemeinsam verlebte Stunden, zwar von nichtigem Ereignisgehalt,
doch von ewigem Poesiewerte (Parusie nenne ich jene Stunden fr mich) - der
innige Blick der seelenvollen Augen, die zu mir sprachen: Dein denkt meine
Hoffnung - die Verheiung einer Unsumme von Seligkeiten jenem, der sie zu
erwerben wissen werde. Unter dem Bilde stand in unsichtbarer Schrift zu lesen:
Dies ist der hchste Preis, und die Worte Ihres Briefes flsterten: Der Preis
ist dein.
    Solange des Tages Unruhe meine Sinne beschftigte, behielt ich das Bild im
verborgenen, nur flchtig daran naschend, sei es, um in die wundersamen Rtsel
der tiefsinnigen Augen zu tauchen, sei es, um die unerschpflichen Wunder der
weiblichen Schnheit zu kosten. So weidete ich im verstohlenen mein Herz an dem
lieben Bilde.
    Am spten Abend jedoch, whrend ich einsam im dunklen Zimmer sa, stellte
ich das Bild vor mich auf den Tisch, andchtig nach ihm schauend, ob ich es
schon in der Finsternis nicht sehen konnte. Durch das Schweigen der weiten
Wohnung, in welcher smtliche Tren offenstanden, tnten melodische Laute: das
weiche Gurren eines Turteltaubenpaares aus dem nachtschwarzen Speisezimmer und
drben, vom kronleuchtererhellten Saale das trumerische Trillerschwirren eines
Kanarienvogels, von jenen, welche beim knstlichen Lichte singen.
    Da sa ich nun und wog mein Schicksal. Wie zweierlei Odem aus
entgegengesetzten Weltgegenden umschauerte es mich; in der Mitte aber drohte die
Frage: Darfst du? Spriet der Gre mit dem Glck ein Vergleich? - Traurig
vernahm ich die Frage, ahnend, da die Antwort verneinend ausfallen msse, sonst
htte ja die Frage nicht verlautet. Mein Herz aber, die Gefahr sprend, begann
zu toben: Deine Gre - schrie es - der du mich opfern willst, wo ist sie?
Zeig her, beweise deine Werke! - Zukunftsgre? Ei, wer brgt dir denn, da du
sie nur erlebst, die Zukunft? Es gibt Krankheiten, es gibt einen Tod. Oder
whnst du dich etwa den Nten der Natur enthoben? Doch gesetzt, du bleibest
leben, woher beziehst du es, das Mrlein deiner knftigen Gre? Bitte, sage,
woher? Aus deinem Selbstbewutsein? O Jammer! o Fastnacht! Nimm mirs nicht bel,
la mich lachen. Nach Zehntausenden zhlt man sie, die Jnglinge, die
growichtig von ruhmwrdigen Taten trumen; mit einem Selbstbewutsein, so
riesig, da sie zur Weltkugel aufschwellen. Und was wird spter aus ihnen? Schau
hin: unntze Wichte, Nullen, mit Bitterkeit gefllt und mit Selbstkrieg
behaftet. Oder meinst du etwa, dein Selbstbewutsein wre von besserem Karat?
Weswegen? Woher? Weil es grer ist? Um so schlimmer, um so gewisser, da du ein
Tropf bist! Grenwahn, mein Teuerster! gemeiner germanischer
Schulbubengrenwahn! Nur, da die andern, weniger unbescheiden, weniger
verbohrt als du, den bbischen Blast mit dem Staatsexamen abzuwerfen pflegen.
Viktor, ich sage dir, dein sogenannter Beruf mitsamt deiner eingebildeten
knftigen Gre ist eitel Wunsch und Wind; das kstliche Geschenk dagegen, das
dir die Gunst des Schicksals heute anbietet, ist haltbare, weltwirkliche
Seligkeit. Lcherlichkeit ber dich und Reue, lebenslngliche hllische Reue,
lssest du fr ein gaukelndes Irrlicht der Eitelkeit dein Liebes-, dein
Lebensglck entgleiten. Nicht einmal Mitleid wird man dir zollen, wenn du
elendiglich verendest, sondern statt des erhofften Nachruhms wird ber deinem
Grabe der Gedenkspruch warnen: Hier platzte eine Blase.
    Da lernte ich zum ersten Male in meinem Leben den Zweifel. Unsicher
erwiderte ich: Du weit doch, oh mein Herz, da ich meinen Beruf, meinen
Glauben, mein Selbstbewutsein nicht aus mir selber beziehe, sondern - Sondern
von wem? - hhnte das Herz - gelt, du verstummst? gelt, du schmst dich vor
deinem Verstande, deine Torheit mit deutlichen Worten auszusprechen? Weil du, ob
du dirs schon nicht gestehst, in deinem Innersten sprst, da du einen
kindischen Gtzendienst zchtest, an Stelle eines anstndigen, namhaften,
weltschpferischen Gottes ein wesenloses, selbstgeschaffenes Gespenst anbetend,
ein luftiges Spiegelbild deiner eigenen Seele, das du mittels
Phantasie-Kunststcklein auer dich setzest, in der albernen Hoffnung, daran
ber dich selber emporzuklettern wie Mnchhausen an seinem Zopf. Nicht einmal
den Namen deines Gtzen wagst du ja ohne Errten zu bekennen. Was ist das, deine
geheimnisvolle Herrin deines Lebens, die Strenge Frau, der du mit fanatischer
Hingebung dienst wie ein Prophet seinem Jehova? Ich will dir sagen, wer deine
Strenge Frau ist! Jeder Student kennt sie, jeder Pfuscher, jeder
Polterabenddichter, jeder Zuckerbcker: Die Muse ist es, verjhrten Angedenkens;
die alte abgeschmackte Allegorientante, die Patin der Leblosigkeit, die
Schutzpatronin des Nichtknnens. Und solch einem verstaubten, von der Landstrae
aufgelesenen Lehrbegriff soll ich mich von dir Narren verkaufen lassen? Wegen
dieses Schulstubentrdels wagst dus und willst meine Seligkeit verschachern? Was
schumst du, was entrstest du dich? Da ich deine Strenge Frau gemeinhin eine
Muse nenne? - Wre sie nur wenigstens eine Muse! - Aber sie ist ja nicht einmal
das! Eine Muse lehrt doch einen Gymnasiasten zwei Verse wohl oder bel
zusammenleimen. Kannst du das? Und was kannst du denn sonst, du dreiigjhriger
Bube? Gar nichts kannst du, nicht einmal einen gerechten Satz auf ein Stck
Papier schreiben! Eine Null warst du, eine Null bist du, und eine Null wirst du
bleiben; ungefhr wie die brigen, nur noch um eine Nummer unbedeutender. Die
brigen aber bescheiden sich, und zum Lohne dafr drfen sie glcklich sein.
Bescheide dich, und du darfst es gleichfalls!
    In dieser Not flchtete ich zu ihr selber, der Herrin meines Lebens, der
Strengen Frau: Siehe, mein Herz versucht mich schwaches Menschenkind; mit Reue
mich bedrohend, deinen heiligen Ursprung leugnend, dich eine gemeine Muse
schmhend. Darum hre: Ich, der dir ohne Murren alle Hndlein meines Herzens
dahingegeben, damit du sie erwrgest, ich heische heute, ehe ich dir das letzte,
schwerste Opfer bringe, von dir ein Zeichen, da du kein tuschend Trugbild
bist, ein Pfand, da du Gewalt und Macht hast, tauglich, mich ans Ziel zu
geleiten. Gib mir das Pfand, gewhre mir das Zeichen, und ich gehorche. Wo
nicht, verlange nicht von einem schwachen Menschenkinde, da es sein ses,
seliges Glck fr ein Geflster ohne Unterschrift dahintausche.
    Die strenge Antwort kam: Ich gewhre weder Pfand noch Zeichen. Willst du
mir dienen, so diene mir blindglubig bis ans Ende!
    So vergnne mir wenigstens deutlichen Befehl. Befiehl entsage!, so entsage
ich. Nur befiehl deutlich und erlse mich vom Zweifel.
    Die strenge Antwort kam: Ich weigere den Befehl. Dein ist der Zweifel, dein
ist die Wahl! denn am Scheideweg des Schicksals richtig whlen, ist die
Beglaubigung der Gre; doch wg es wohl, denn whlst du falsch, lohnt dir mein
Fluch!
    Zur Linken die Reue, zur Rechten der Fluch! Bekmmert starrte mein Zweifel
auf das Znglein der schlimmen Waage. Da keimte es in den Tiefen meiner bangen
Seele, und in die Not der Gegenwart herber wuchs die Erinnerung an die
weihevolle Stunde, da ich zum ersten Male der Strengen Herrin Flsterhauch
vernahm und die inhaltschweren Bilder ihrer berirdischen Sage schaute: die
Forderung der kranken Kreatur, als Lwe durch die Felsenkluft dem Erdental
entsteigend, das Himmelsvolk erschreckend und den Schpfer aus den stolzen
Hallen seines herrlichen Palastes scheuchend - und was sich alles sonst im
Himmelreiche mit dem Lwen auerdem begeben. Diese Stunde schaute ich wieder,
und Sehnsucht strkte meinen Glauben. Wohlan, es sei! So nimm denn auch dies
letzte, grte Opfer. Ein Bettler, steh ich dann auf Erden; ist nichts mein
eigen als du und deines Odems flsternde Verheiung. Ich riefs und lud mit
gramerflltem Mut den Willen zum entsagenden Entschlu.
    Da tat mein Herz einen letzten verzweifelten Ansprung: Und sie selber, die
auf dich hofft und wartet? Willst du sie gleichfalls opfern? Darf, kann das
deine Menschlichkeit? Erlaubt das dein Gewissen? Kleinmtig spannte ich den
Willen wieder ab. Das Herz aber fuhr eifrig fort: Was wird sie fhlen? was mu
sie von dir denken? welch ein Urteil ber dich fllen, wenn du sie verschmhst?
Sie wird dich fr einen zaudernden Schwchling halten, zugleich fr einen
albernen Toren, unfhig, ihren Wert zu erkennen. Das mu sie von dir denken; und
also denkend, wird sie dich verachten.
    Unertrgliche Vorstellung! Das Opfer konnt ich leisten, nicht aber die
schimpfliche Mideutung des Opfers ertragen, nicht ihre Verachtung auf mich
laden. Nun wute ich nicht mehr aus und ein, denn erschpft versagte mein mder
Geist den schlichtenden Gedanken.
    Da geschah mir die Erscheinung. Sie selbst erschien mir, Theuda, ihre Seele.
hnlich wie sie mir einst leiblich in der Parusie erschienen war, nur reifer,
ernster, mit tiefsinnigen Augen, so wie sie aus dem neuen Bilde blickte. Aus der
Finsternis des Speisezimmers trat sie, von dorther, wo die Turteltauben gurrten,
blieb auf der Schwelle stehen und sah mich mit traurigen Augen vorwurfsvoll an:
Warum unterschtzest du mich? sprach sie.
    Ich! dich unterschtzen - schrie ich - oh, wenn du wtest!
    Doch, du unterschtzest mich - sagte sie. Indem du mir eine so kleinliche
Gesinnung zutraust, ich wre fhig, als Hindernis zwischen dich und deinen
erhabenen Beruf treten zu wollen. Ja, meinst du denn, nur du allein knnest gro
fhlen? Nur du wrest edel genug, um deines Herzens Opfer zu bringen? Glaubst
du, ich spre nicht ebensogut wie du den Odem deiner Strengen Frau? ich
vermchte nicht die stolze Auszeichnung zu wrdigen, von ihrem auserwhlten
Hauptmann zum Sinnbild erhht zu werden? ich begriffe und fehlte nicht, da es
unendlich ehrenvoller und beglckender ist, deine glubige Begleiterin auf der
khnen Bergstrae des Ruhmes zu sein, als deine geschftige Gattin und
Kinderfrau? Komm, la uns gemeinsam unsere Herzenswnsche zu den Fen der
Strengen Frau niederlegen, einen edleren Bund vor ihrem Antlitz schlieend als
den gemeinen Geschlechterbund vor dem Altar der Menschen, den Bund der Schnheit
mit der Gre! Ich will dein Glaube, deine Liebe und dein Trost sein, und du
sollst mein Stolz und mein Ruhm sein, der mich erbrmliches vergngliches
Geschpf zum Symbol verklrt, in die Unsterblichkeit hinberrettet. - So sprach
sie, und voll jubelnden Dankes grte ich den Adel ihrer Gre.
    Darauf taten wir wie beschlossen. Wir legten unsere Herzenswnsche zu unsern
Fen nieder, dann nahm ich den Brautkranz von ihrem Haupt, hernach streifte sie
den Ring von meinem Finger, und wir legten es zu dem brigen. Und als wir nun
leer und kahl dastanden, wie zwei Bume, die sich selbst entblttert hatten,
ohne einen anderen Schmuck als die Hoheit der Seele, da rief ich: Herrin meines
Lebens, du meine Strenge Frau; es ist geschehen! Schau her, das Opfer, das du
heischest, ist vollzogen.
    Ihr Odem erschien, und vor dem Schauer ihres Schattens sank meine Geliebte
auf die Knie und vergrub zagend ihr Gesicht in meinen Hnden. Wohl dir, begann
die Strenge Frau, o mein getreuer Hauptmann, da du recht entschieden; nimm
drum zum Lohne meinen Segen. Dies ist mein Segen: Mit Pathos bist du nun geprgt
und mit Gre gestempelt; ausgezeichnet vor allen, die ohne das schwarze Siegel
meiner Berufung ihre Tage dahinstmpern. Ich befehle dir ein Selbstgefhl, das
dich in Irrtum und Narrheit, in Schimpf und Miachtung nicht verlt, und ich
verbiete dir, jemals in deinem Leben unglcklich zu sein. Denn nicht du bist es,
den du fortan in dir fhlst, sondern mich fhlst du in dir; also da, wenn du
nicht hochmtig fhlst, du mich beleidigst. - Doch wer ist jene, die an deiner
Seite kniet?
    Ich antwortete: Dies ist meine edle Freundin, deine glubige Magd, die
gleich mir die Wnsche ihres Herzens zum Opfer dir gebracht. Nimm sie an, wie du
mich selber angenommen.
    Steh auf - befahl meiner Freundin die Strenge Frau - und zeige mir dein
Angesicht! Dein Angesicht ist schn und wahr; wohlan, ich nehme dich an, nicht
als meine Magd, sondern als meine Tochter. Neige dein Haupt, o meine Tochter,
damit ich dich taufe!
    Da neigte meine Freundin ihr Haupt, und meine Herrin taufte sie mit dem
Namen Imago.
    Und nun, schlo die Strenge Frau, reicht euch die Hnde, damit ich euern
Bund segne. Nachdem wir uns die Hnde gereicht, sprach sie den Segen: Im Namen
des Geistes, der da hher ist als die Ordnung der Natur, im Namen der Ewigkeit,
die heiliger ist als das vergngliche Gesetz der Menschen, erklre ich euch
hiermit als Braut und Brutigam verbunden, lebenslnglich, untrennbar, durch
Glck und Unglck, mit der Seele in steter Hochzeit beieinander wohnend. Du
sollst ihr Ruhm und ihre Herrlichkeit sein, und sie soll deine Wonne und deine
Sigkeit sein. - Nach diesen Worten verschwand die Strenge Frau, und wir waren
wieder zu zweien allein.
    Ward dir das Opfer schwer? lchelte Imago.
    Ich jauchzte: O Krnung meines Lebens, o Verschwendung der Gnade!
    Darauf grte Imago den Abschied: Du bist nun mde, und ich habe einen
weiten Weg; doch morgen kehre ich zurck, denn wir weilen ja nun in ewiger
Hochzeit tglich beisammen.
    Nach diesen Worten schieden wir in Hoheit und Seligkeit. Aber noch lange
blieb ich, dem schweren Nachhall des Ereignisses lauschend, am dunklen
Schreibtisch gebannt; denn wie ein Ozean rauschte es durch meinen Geist, und ein
feierlicher Gesang umtnte mich wie nach einem Gottesdienste.
    Und am folgenden Morgen begann in Wahrheit, wie uns verkndet worden, unser
stetes Beisammensein. Eine fliegende Hochzeit, ein jauchzendes Duett, mit
vereintem Siegesmunde gesungen. Doch ihre Stimme klang hher als die meinige, so
da ich fter innehielt, um ihrem Gesang zu lauschen. Wenn ich an ihrer Seite
ber die Hgel der Erde in das Reich meiner Strengen Frau sprengte, welches
reiner ist als das Reich der Wirklichkeit, aber wesenhafter als das Reich der
Trume, also da die Wirklichkeit sich zu ihm verhlt wie das Getier zum
Menschen, aber der Traum zu ihm sich verhlt wie der Geruch zur Blume, und
welches sich bis zu den Gefilden der Erinnerungen und Ahnungen erstreckt, da
jubelte Imago: O mein Geliebter, in was fr neue, weite Welten fhrst du mich
die Strae? mein berraschtes Auge nennt sie fremd, doch mein beglcktes Herz
begrt sie Heimat. - Und gute Vlker, freundlicher als der Menschen Vlker,
hieen an den Pforten der Tler uns brderlich willkommen.
    Wenn ich unter sorgenschwerer Arbeit, whrend welcher sie bescheiden ihre
Gegenwart verhehlte, hin und wieder rastete und seufzend aufschaute, traf mich
Imagos andchtiger Blick: Wie beglckt mich der Stolz - erwiderte ihr Blick -
mich von einem solchen geliebt zu wissen. Wenn ich nach redlich erworbenem
Ruherecht mit ihr in das Auenleben hinunterstieg, mit ihr scherzend wie mit
einer menschlichen Ehefrau, sie mit trichten Kosenamen nennend, ihr beim Essen
einen Teller und ein Besteck hinstellend, als se sie krperlich neben mir,
lachte Imago vergngt: Was sind wir Kinder! Wie aber vollbringst du Tiefer das
Wunder, da du mich so frhlich lachen lssest, wie ich nie zuvor so frhlich
lachen konnte?
    Darber wurde ich reich und freundlich, so da die Menschen verwundert zu
mir sprachen: Angenehm; wie hast du dich lieblich verwandelt. Wie ein Baum auf
freier, sonniger Wiese, der den Wipfel nach allen Seiten entfalten darf und dem
die Frchte smtlich reifen.
    Und das whrte so weiter, eine unendliche Seligkeit, jenseits von Zeit und
Raum, bis zu dem Tage, da die Schnauze des Verrates in die goldige Wonne
hereinfuhr wie ein Wildschwein durch eine Tapete. Eine gedruckte
Verlobungsanzeige mit einem Fremden; ohne ein Wort der Freundschaft, ohne ein
Zeichen der Erinnerung; nichts als die rohe Tatsache. Das Ganze eine stumme
Frechheit!
    Verchtlich warf ich den Wisch in den Winkel. Nicht der mindeste Schmerz,
blo Emprung ber den Verrat, gemischt mit Trauer ber die Offenbarung
ungeahnter Kleinheit. Etwa so, wie wenn man berauschenden Herzens ein herrliches
Klavierstck spielt und pltzlich lge vor einem an Stelle der Noten eine Krte.
Es ist also menschenmglich, da ein weibliches Geschpf, dem das Schicksal die
Gunst anbot, als Liebesgenossin eines Berufenen Ewigkeitsluft zu atmen,
vorzieht, mit dem ersten besten Brtling in den Sumpf der Familie zu waten.
Verblfft staunte ich dem wunderlichen Phnomen der Kleinheit nach, wie einst in
der Kinderzeit, als ich einen Krebs betrachtete. Wie kann man ein Krebs sein!
hatte ich damals gerufen. Heute rief ich: Wie kann jemand nicht gro sein!
    Und durch ihren schmhlichen Abfall soll jetzt meine schne Seligkeit
elendiglich verwesen? Pltzlich lachte ich laut auf Fasching und Fabel! Das
hattest du ja alles nur in sie hineingedichtet: die Schicksalsstunde der
Verlobung, ihre Hoheit, ihre Gre, ihren Seelenadel, ihre Liebe, ihre
Freundschaft. Imago lebt nicht als einzige in dir; die menschliche, leibliche
Theuda aber ist eine Verschiedene, eine Fremde, namens Ix; und zwar ein
unbedeutendes Vgelein, wie deren in jeder Stadt zu Hunderten piepsen. Ich hob
die schamlose Karte wieder auf und roch daran. Kein Zweifel, ganz deutlich, sie
roch nach Gewhnlichkeit. Genau wie die andern: war entschlossen, berhaupt zu
heiraten (vermutlich nach einer unglcklichen Liebe - der Weg zum Altar fhrt ja
bei den Frauen meistens ber das Grab des Herzens -), von einem Schwarm
verhater Bewerber bedrngt, sieht sie in mir, dem fremden Neuling, einen
Erlser, findet mich annehmbar - glaube schon - erhlt mich nicht, um so
schlimmer, so nimmt sie eben in Gottes Namen einen andern. So geht es
gewhnlich, so ging es auch mit ihr, der Gewhnlichen. Fort mit ihr! Jngferlein
Ix, dein Name lautet: nicht vorhanden! Zum Beweis dafr, schau her, was ich mit
dir mache. So mache ich mit dir! Zerri die Karte und warf die Fetzen in den
Papierkorb. Und jetzt wollen wir mit deinem hbschen Lgenlrvlein also tun.
Nahm das Bild hervor, um es gleichfalls zu zerstckeln. Zum Abschied aber mochte
ich es vorher noch einmal anschauen. Also diese tiefsinnigen schwermtigen Augen
trgen; der ganze Adel dieses Schnheitsfrhlings ist gemeiner Jugendspeck! Da
fing das Bild bitterlich an zu weinen: Nein, ich lge nicht - weinte es -
denn damals, als dieses Bild mich spiegelte, drstete meine Seele wahrhaftig
nach Hoheit; diese Augen, die dich anblicken, schauten einst nach dir; dein
dachte mein Wunsch, dein sehnte meine Hoffnung. Eine andere, sptere, mit deren
Taten ich keine Gemeinschaft habe, hat dich verraten. Jedoch nicht aus niedriger
Gesinnung, sondern eitel aus Schwche und Kleinheit. Und wer wei, vielleicht
kommt spter einmal eine Stunde, da sie sich besinnt, sich erinnert, sich ihres
Abfalls schmt und zu dir zurckkehrt, mein Angesicht entshnend, damit es nicht
mit gebrandmarkter Schnheit schmachvoll in die Welt schaue wie ein gefallener
Engel.
    Da erbarmte ich mich des Bildes und hob es andchtig auf, wie das Bild einer
Verstorbenen. Der andern aber, der Neuen, der Treulosen, erkannte ich den lieben
Namen Theuda ab und nannte sie fortan Pseuda, das heit: die Falsche.
    Jenen Abend, als ich wie gewhnlich spazieren ritt (wohlverstanden, auf
einem wirklichen, leibhaftigen Pferde), hrte ich jemand hinter mir reiten. Ich
wute, wer es war, denn ich hatte sie erwartet. Imago, mahnte ich, was
reitest du hinter mir? und kommst nicht an meine Seite?
    Sie antwortete: Weil ich jetzt deiner unwrdig bin, da ich die Gesichtszge
einer Treulosen trage.
    Ich sprach: Imago, meine Braut, du trgst nicht ihre Gesichtszge, sondern
jene trgt flschlich die deinigen. Darum komm an meine Seite, dein Antlitz sei
mir gesegnet!
    Da ritt sie an meine Seite, verbarg jedoch ihr Gesicht mit den Hnden. Ich
aber entfernte ihr sanft die Hnde vom Gesicht. Siehst du, wie du schn bist
und gro und seelenvoll! Darum schaue mich frei offen an, unbekmmert um dein
unwrdig Urbild, so wie auch ich mich nicht darum bekmmere.
    Jetzt schaute sie mich offen an, dankend mit den Augen, und wir begannen
wieder zu singen wie vordem. Und ihre Stimme klang noch schner als zuvor;
allein mit wehmtigem Ton, wie wenn ein Unschuldiger leidet; so da es einen zu
Trnen htte erbarmen mgen. Pltzlich jedoch, mitten im Singen, brach sie ab,
mit einem gurgelnden Schrei, prete die Lippen zusammen wie ein sterbender Engel
und wankte im Sattel. O wehe mir! klagte sie, es hat mir jemand einen
hlichen Sto versetzt, so da ich krank bin und die Stimme nicht mehr
schwinge. Darum la nun ab von mir, Viktor, und suche dir eine frische Imago;
eine, die da gesund und krftig ist und ein unbescholtenes Gesicht hat, damit
sie dir jauchze und singe, dir zur Sigkeit und zum verdienten Lohne.
    Ich rief. Imago, meine angelobte Braut, man lt nicht von der Freundin,
weil sie krank ist. Denn ich habe einen Bund mit dir vor dem Odem meiner
Strengen Herrin geschlossen, also, da mir dein Antlitz das Sinnbild alles Edlen
und Hohen bedeutet. Darum hre, was ich dir verknde: Dafr, da du krank und
traurig bist, dafr ist meine Liebe zu dir noch vielmal grer als ehedem, als
du in Freuden und Seligkeit an meiner Seite jauchztest.
    Sie sprach: O wehe dir, Viktor, da du nicht von mir lssest! denn ich kann
dir fortan nichts mehr bringen als Herzeleid.
    Ich erwiderte: So bring mir Herzeleid, Imago, meine edle Braut. Ich aber
lasse nicht von dir.
    Also erneuerte ich den Bund mit der kranken Imago; und war alles wie vorher,
nur da ihre Stimme verstummt war und ihre Augen schmerzlich blickten. -
    Und also ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. Und sie ist meine Braut,
und ich lasse nicht von ihr, und sie ist mir trstlicher als alle Reichtmer der
Welt, ob sie gleich stumm und krank ist. - Heida! Mut, Trotz und Freiheit! Mein
ist die Strenge Frau, mein ist Imago; jene fr mein Werk, meinen Beruf, meine
Gre, diese fr meine se Liebe; der Rest ist Unrat. Der irdischen Weiber
scherz ich; ein Trunk am Wege, genossen, verdankt und vergessen. Ich sehe ihrer
mancherlei, lichte und dunkle. O lecker die lichten, o Wollust die dunklen! doch
ihren Namen unterscheide ich nicht. Nur einen einzigen Namen habe ich mir
gemerkt: das ist Pseuda, namens Ix, die Kleine, die Abtrnnige, die mir Theuda
betrbte und Imago krnkte. Unter mir die Rache! eines blo begehr ich von ihr
zum Entgelt: sie einmal, nur ein einziges Mal wiederzusehen, um zu erfahren, wie
eine Treulose in den sauberen Tag schaut, um zu erleben, da sie die Augen vor
mir niederschlgt. Dies ist mein gutes Recht, das sei ihre verdiente Strafe.
Damit genug; wohl bekomm ihr der Sumpf, Gott segne ihre Ehe.
    Hiermit bin ich fertig, und da ich fertig bin, hre ich auf.
                        Ihr getreuer
                                                                          Viktor

Dies Bekenntnis schob er noch in der nmlichen Nacht eigenhndig in die
Brieflade. Und am folgenden Morgen schon, mit der Elfuhrpost, erhielt er der
Freundin Antwort:
    Verehrter Freund! Ich habe Ihr erstaunliches Bekenntnis, dessen Mitteilung
ich Ihnen als einen Beweis des Vertrauens verdanke, mit der gebhrenden Andacht
gelesen. Ehe ich indessen auf den Inhalt eingehe, lassen Sie mich zuerst etwas
Strendes beseitigen; es brennt mich auf der Zunge, ich will es daher gleich
erledigen: nicht wahr, es ist nicht Ihr Ernst, eine Frau durch einen Vorgang
gebunden zu glauben, von dem sie nichts wei und auch nichts wissen kann; einen
Vorgang, der einzig in Ihrer Phantasie geschah: durch ein ertrumtes Verlbnis,
mit einem Wort. Das tun Sie nicht, das knnen Sie nicht tun, weil es ebenso
unvernnftig wie unbillig wre. Den hlichen Namen Pseuda, lieber Freund,
verdient Frau Direktor Wy nicht; denn wenn es eine Frau auf Erden gibt, die
offen und wahr ist, so ist sies. Zur Gre wollten Sie sie verpflichten? Ich
wei nicht, ob Frauen berhaupt der Gre fhig sind - wir haben andere
Eigenschaften - aber gesetzt, sie wren dessen fhig, wer ist denn zur Gre
verpflichtet? Die bedauernswerte Menschheit, wenn Gre Pflicht wre! Frau
Direktor Wy ist wie jede andere, wie ich, wie wir alle, dazu erzogen worden,
einem braven Manne eine treue Gefhrtin zu sein, und diesen Beruf erfllt sie
aufs beste, sich zum Frieden, ihren Nchsten zum Glck, den brigen zur
Erbauung. Ich kenne in der ganzen Stadt keine tugendhaftere, treuere,
selbstlosere Gattin und bessere Mutter. Ich mu mich daher nochmals dagegen
verwahren, da jemand ihr zumutete, die Augen niederzuschlagen. Das braucht sie
nicht zu tun, und, beilufig bemerkt, das wird sie auch nicht tun; verlassen Sie
sich darauf. Zugegeben, da vielleicht eine andere Frau den Zauber der Parusie
mitgefhlt htte - es mte freilich eine Frau von seltenen Eigenschaften sein,
und sie mte Sie mit allen Fasern ihres Herzens geliebt haben. Allein sie hat
nun einmal die Parusie nicht gefhlt, und es war auch keineswegs ihre Pflicht,
sie zu fhlen. Dies vorausgeschickt, fange ich nochmals von vorne an.
    Ja, mit wahrer Andacht habe ich Ihr Gestndnis gelesen; ergriffen und
verwirrt, erschrocken und erhoben. Ich besitze nicht die gehrige Gabe von
nchterner Vernunft, auch nicht das ntige Ma von Verstndnislosigkeit, um mich
ber die ungeheuerliche Vermengung von Phantasie und Wirklichkeit aufzuregen.
Obschon! was sind das fr Sachen: Theuda, Pseuda, Imago (Frulein Ix will ich
Ihnen noch schenken), drei Personen mit einem einzigen Gesicht! Die eine
existiert nicht, die andere ist tot, die dritte ist nicht vorhanden, und jene,
die nicht existiert, ist krank! Wenn nur das Herz nicht Mus macht!! Mir stockt
einfach der Atem; ich wei nicht recht, ob mehr vor Furcht oder vor Ehrfurcht.
Sie sind - verzeihen Sie, ich wei, Sie hassen den Namen, aber ich kann Sie doch
nicht Rabbi nennen - Sie sind, ob Sie sich noch so sehr dagegen struben, ein
Dichter. Wenn Sie brigens lieber ein Seher oder Prophet heien wollen - Ich
habe Ihr Hohelied von Imago mit dem frohen Staunen gelesen, wie man ein Growerk
der Poesie anhrt, bin auch im Innersten davon berzeugt, der Dmon, von welchem
Sie besessen sind, mgen Sie ihn nennen, wie Sie wollen, Imago oder Strenge Frau
oder sonstwie (er wird wohl ein naher Verwandter des Genius sein), ist heiligen
Ursprungs. Denn das steht bei mir fest: etwas, dem ein erwachsener Mann, so
berlegen gescheit und verstndig wie Sie, sein Liebesglck zum Opfer bringt,
ist kein Irrwisch. Kurz, ich glaube an Ihre Strenge Frau und auch an Sie, mein
lieber Freund, an Ihr Werk, an Ihre knftige Gre, die ich bisher blo gehofft
und ahnend vermutet hatte. So sehr glaube ich daran, da mich Ihre Erzhlung mit
reinern Seelenglck erfllen wrde, wie das Erlebnis eines unsterblichen
Kunstwerkes, wenn ich nicht zugleich Ihre Freundin wre, wenn ich nicht durch
meine herzliche Teilnahme gezwungen wrde, auch an Ihr menschliches Heil oder
Unheil zu denken. Schrecken aber erfat mich bei dem Gedanken, was Sie leiden
werden, wenn Sie mit Ihrer schnen Phantasiewelt (verzeihen Sie einer Frau den
Romanausdruck) an die harte Wirklichkeit stoen (o weh, aber ich finde kein
anderes Wort); und nur eines wundert mich, da der grausame Sto nicht schon
lngst erfolgt ist. Mssen das seltene Menschen von zarter Seelenfeinheit
gewesen sein, unter denen Sie in der Fremde wohnen durften, da Ihnen vergnnt
war, sich dermaen ungehindert und ungestraft in eine Idealwelt einzutrumen,
zumal im Gewhl einer groen Stadt! Schwerlich rate ich fehl, da es eine Frau
war, und zwar eine hochsinnige Frau von auerordentlichen Eigenschaften, deren
Sorge ber Ihren Weg wachte. Ich wrde solch ein dauerndes Phantasieglck mitten
unter den Menschen berhaupt nicht fr mglich gehalten haben, wenn Ihre
Schilderung mirs nicht bezeugte.
    Ich bewundere die Willenskraft, die Treffsicherheit, mit welcher Sie unter
der Leitung der Strengen Frau Ihren Lebensweg im verworrensten Dickicht
zurechtfinden; allein, verzeihen Sie, ein Fehler luft doch mit unter. Sie sind
hier, und Sie sollten nicht hier sein. (Nicht wahr, Sie miverstehen mich nicht?
Ich denke eben nicht an mich, sondern an Sie.) Gestatten Sie mir, da ich mich
durch die Miggimaggi Ihres Herzens nicht tuschen lasse: Sie wollen Frau
Direktor Wy einfach wiedersehen. Und warum wollen Sie sie wiedersehen? Weil Sie
sie nicht vergessen knnen. Das ist bedauerlich; ich htte Ihnen gewnscht, Sie
knntens; denn das Nachsehen nach etwas, was man endgltig weggegeben hat - Sie
sehen, ich unterstreiche das Wort endgltig - bringt nur unntzes Augenweh.
Allein es ist wahrlich nicht die Rolle einer Frau, Sie deswegen zu tadeln; denn
da man seinem Herzen nicht gebieten kann, wer wte das besser als wir? Nur
mchte ich Sie eben davor bewahren, da Sie sich durch vergebliche Hoffnungen
grausame Enttuschungen zuziehen. Wollen Sie von Ihrer alten Freundin eine
wohlgemeinte Warnung annehmen? - es wird zwar nichts ntzen, allein ich mu es
trotzdem tun, weil ich mirs nicht verzeihen knnte, es nicht getan zu haben:
Sehen Sie sie nicht wieder; verlassen Sie so schnell wie mglich diesen
gefhrlichen Boden, und singen Sie Ihr herrliches Duett mit Imago weiter, aber
in sicherer Ferne. Imago wird mit der Zeit genesen und ihre Stimme wiederfinden,
darum ist mir nicht bange. Hier dagegen ist nichts fr Sie zu holen als
Unfriede. Merken Sie wohl, was ich Ihnen sage, ich, die ich Frau Direktor Wy
kenne - sie war ja sozusagen in gewissem Sinne meine Schlerin (wenn auch nur
vorbergehend) und hat mich eine Zeitlang mit ihrem Vertrauen beehrt - merken
Sie wohl, was ich Ihnen sage: smtliche Fchlein ihres Herzens sind besetzt.
Liebe suchen Sie ja nicht bei ihr, nicht wahr? Dazu sind Sie zu gewissenhaft;
Freundschaft aber werden Sie nicht erhalten, denn zur gemeinen Konzert- und
Hausfreundschaft kommen Sie zu spt, und zur hohen Seelenfreundschaft, wie Sie
sie meinen, zu frh. Dazu ist sie viel zu jung, zu ungequetscht, zu glcklich.
Und da Sie sich ja nicht etwa auf Ihre geistigen Eigenschaften verlassen! Sie
it nicht von dieser Konfitre. Wer den Hauch der Parusie nicht gesprt hat,
wird auch den Odem der Strengen Frau und den Tritt des himmelstrmenden Lwen
nicht spren. Ich sage das, ohne den Wert der Dame im mindesten herabzusetzen,
den ich wahrlich hoch genug anschlage, da ich sie zu Ihrer Frau berufen glaubte.
Allein wenn ich sie fr wrdig hielt, Ihre Frau zu werden, so halte ich sie
darum noch nicht fr fhig, Ihre Freundin zu sein. Beides verlangt ganz
verschiedene Eigenschaften. Also noch einmal: verlassen Sie diesen gefhrlichen
Boden, denn Sie sehen mir stark danach aus, groe Torheiten begehen zu wollen;
zur Belstigung anderer und zu Ihrer eigenen bitteren Enttuschung.
    So, nun habe ich meine Seele gerettet. Jetzt tun Sie, was Sie wollen, oder
vielmehr, was Sie mssen; denn das Schicksal wird schon wissen, was es mit Ihnen
vorhat. Ich schwaches Menschenkind vermag nicht mehr, als Ihnen meinen
Herzenswunsch auf den Weg mitzugeben: Sie mchten Ihr hohes Lebensziel, das Sie
ganz sicher erreichen werden, nicht mit allzu grausamen Wunden erkaufen mssen.
Also ich hoffe, Sie nicht wiederzusehen. Und gren Sie mir Ihre herrliche
Imago.
    Ihre Ihnen in Freundschaft und Ehrerbietung ergebene
                                                                Martha Steinbach

Nachschrift: Und geben Sie acht, da die irdischen Weiber nicht Ihrer scherzen!

    Nichts ntzen? wiederholte Viktor, nachdem er den Brief gelesen hatte. Warum
nichts ntzen? Dadurch unterscheidet sich doch der Mensch vom Maultier, da er
einen gescheiten Rat annimmt. Liebe Freundin, Sie haben einfach recht. Was tue
ich hier? was geht mich berhaupt das ganze verpfuschte, verheiratete Dmchen
an? Fertig! beschlossen! bleibts dabei: ich will sie meiden, ich will abreisen.
Das heit natrlich, sobald ich meinen alten Freunden und Schulgenossen den
schuldigen Gru werde abgestattet haben. Denn ob ich die Dame schon meiden will,
flchten vor ihr, angstvoll flchten wie ein christlicher Jngling vor der
Versuchung, das denn doch nicht; dazu habe ich denn doch wahrlich keine Ursache.
Sollte also vielleicht der Zufall es fgen, da ich ohne mein Zutun mit ihr
zusammentreffe, um so schlimmer fr sie.
    Und ein kleines, krummes Wnschlein wurmte zuunterst in seiner Seele, der
Zufall mchte es fgen.

                           Eine schlimme Enttuschung


Wie sie sich smtlich ein behagliches Pltzlein im Staat erarbeitet hatten,
seine alten Schulkameraden! Der eine Professor, der andere Hauptmann im
Generalstab, der dritte Gasrhrenfabrikant, wieder einer Kantonsfrster, und
hnlich weiter; die meisten berdies zur Ruhe geheiratet, rund und zufrieden;
alle ohne Ausnahme ntzlich und angesehen. Dagegen er, mit seinen vierunddreiig
Jahren! ohne Beruf und Stand, ohne Namen und Wohnsitz, ohne Verdienst und Werke,
nichts. Und die grausamen Bisse, wenn sie ihn an die verlorenen Reichtmer
seiner natrlichen Gaben erinnerten! Kannst du noch so schn zeichnen wie
damals? Und was macht denn die Musik? - Ach, seine armen Talente! verkmmert,
verschmachtet im Dienste seiner Strengen Herrin! Und wofr? Fr einen Wechsel
auf die Zukunft. Immer und immer nur Zukunft, niemals Gegenwart! Es wre bald
Zeit, dnkte ihn, da sie endlich anlangte, die Zukunft, mit vierunddreiig
Jahren!
    Erinnerst du dich noch, Viktor - fragte ihn Vital, der Polizeileutnant -
an unseren gutmtigen Deutschlehrer, den Fritzli? Aus dem machen sie jetzt eine
gewaltige Geschichte in den Zeitungen wegen seiner Bcher. Ach Gott erbarm, es
hilft ihm wenig mehr, dem Schlucker, alt und krank, wie er ist! Dem Fritzli
trug Viktor einen alten Dank nach, weil der ihn einst in der Lehrerversammlung
vor der Ausweisung aus der Schule gerettet hatte - wegen schlechten Betragens;
das wollte sagen wegen Auflehnung. Den aufzusuchen mahnte ihn das Herz.
    Er traf ihn gekrmmt im Bette liegend, ein gebrochenes, chzendes Geschpf.
    Mhsam kehrte der Kranke den Kopf nach dem Besucher, mit gleichgltigem,
leidbefangenem Blick. Allmhlich aber schaute er den Viktor aufmerksam an, in
seinen Zgen forschend, eine lange Zeit; brigens ohne Unfreundlichkeit, blo
gefesselt und erstaunt, ungefhr wie ein Naturforscher, der eine seltene Raupe
betrachtet. Whrend dann Viktor seinen Dank vorbrachte - in stammelnden Worten,
denn er war ein schlechter Sprecher - hrte der Fritzli gar nicht zu, sondern
las nur immer weiter in seinem Gesichte. Endlich hub er wehmtig an: Sie also
auch! Ich wei nicht, soll ich Ihnen Glck dazu wnschen oder Sie beklagen? Wie
sagten Sie doch gleich, da Sie heien? Den Namen wird man aussprechen lernen.
Darauf schenkte er ihm mit erhobener Stimme und nachdrcklicher Betonung einen
rtselhaften Gedenkspruch: Nicht die Alten, die glaubens nicht; nicht die
Zeitgenossen, die leidens nicht; nicht die Frauen, die folgen dem Erfolg;
sondern einzig und allein die auserlesene Mannschaft eines nachkommenden
Geschlechts. - Gehen Sie jetzt, lieber Freund, Ihr Platz ist nicht neben dem
Leichnam eines garstigen Greises, Sie haben genugsam mit eigenen Nten zu
schaffen; mge es gndig ablaufen. brigens Dank, da Sie gekommen sind, es war
mir ein groer Trost; ich sagte Ihnen ja: einzig die auserlesene Mannschaft
eines jngeren Geschlechts. Doch gehen Sie jetzt, gehen Sie, ich bitte Sie
darum. Und als Viktor seine Besuche erneuern wollte, wurde er nicht mehr
vorgelassen.

Bis jetzt war er Pseuda nirgends begegnet, und nur ein einziger Gang noch blieb
zu erledigen: Frau Regierungsrat Keller. Nachher konnte er reisen - sagen wir
Montag, sptestens Dienstag. Zweimal schon hatte er bei ihr vorgesprochen und
sie nicht zu Hause getroffen, jetzt versuchte ers zum dritten Mal und fand sie
wieder nicht daheim. Es scheint, es soll nicht sein! Gut, dann fahr ich also
Montag. Da erhielt er von ihr eine schriftliche Einladung auf nchsten
Mittwochnachmittag zum Tee. Ich habe am Mittwochnachmittag die Idealia, Sie
werden einige interessante Menschen vorfinden, und wahrscheinlich gibt es sogar
Musik. Sogar Musik - wiederholte er - Musik als Unterhaltungsgipfel!
Interessante Menschen, Idealia! - das Programm hatte nichts Verlockendes, und
sptestens Dienstag hatte er ja reisen wollen. Anderseits mochte er der
verehrten Dame, der er von frher her zu Dank verpflichtet war, keine
abschlgige Antwort erteilen. Seis darum! was habe ich schlielich zu
versumen? und sagte zu, obgleich nur halbwillig.
    Die Regierungsrtin empfing ihn mit alter Herzlichkeit, wiewohl etwas
flchtig und zerstreut. Wir erwarten den Kurt, meldete sie glckstrahlend, mit
gedmpfter Stimme, als verriete sie ihm ein Osterei.
    Kurt? wo hatte er doch den Namen schon gehrt?
    Nicht mglich - ereiferte sie sich - da er den Kurt nicht kenne! Allerdings
von jemand, der frisch aus der Fremde komme, lasse sichs entschuldigen. Und fing
an, ihm das Lob des Kurt zu preisen, wie es nur eine Frau vermag, wenn sie mit
dem Herzen urteilt. Alle erdenklichen Tugenden und Gaben; und in der Mitte der
siebenfachen Perlenschnur leuchtete eine Spange, die das Ganze zusammenheftete:
Mit einem Wort ein Genie! Und zwar ein solches Genie und so weiter. - Und
dabei von einer wahrhaft rhrenden Bescheidenheit. - Und fein! und
liebenswrdig! - Und also fort. Viktor lchelte. Noch immer die nmliche, die
Regierungsrtin, immer gleich in den hchsten Tnen, wenn sie jemand mochte.
Freilich erriet er nun auch, da er hier nur ein Stck Volk fr den Wundermann
Kurt bedeuten sollte; was ihn ein wenig verstimmte, so da ihn beinahe reute,
hergekommen zu sein.
    Mit verndertem Ton, wie wenn eine Opernsngerin in die Sprechweise
verfllt, fgte sie nachlssig hinzu: Seine Schwester ist ebenfalls da; ich
glaube, Sie haben sie schon einmal gesehen, Frau Direktor Wy.
    Ah, also jetzt! Mit einem tiefen Atemzug rstete er seine Rache. Nur ja
keine Verwechslung! halt scharf auseinander: nicht Imago, nicht einmal Theuda,
sondern blo Pseuda die Verrterin! Und da du mir nicht etwa wieder mit den
Pulsen hmmerst, du dort drinnen! Also gewappnet trat er ein.
    Richtig, wahrhaftig! Dort sa sie, die Falsche! ber ein Notenheft gebckt,
im Glanz ihrer gestohlenen Schnheit, der Schnheit Theudas, umjauchzt von der
Poesie der verratenen Erinnerungen. Aber wie sie Imago gleichsah! Kann sie denn
das? Ob diesem Anblick jagte sein Blut herum wie ein Eichhrnchen in der Drille;
und in seinen Ohren tobte ein Lrm, als ob eine vom Nachttisch gefallene
Weckeruhr auf dem Boden abschnurrte. Alle gescheiten Geister, kommt mir zu
Hilfe! betete er angstvoll. Allein, wehe, wo sind sie? Nichts Gescheites kam.
    Blindlings berstand er die Vorstellungen, erledigte er die Verbeugungen.
Wie wohl sie ihn begren wird? Siehe, jetzt streift ihn ihr Blick! Ein
gleichgltiger Blick wie gegen einen Fremden. Sie erhebt sich ein klein wenig
zur Form, dann guckt sie gelassen wieder in ihr Notenheft.
    Ist das alles? - fragte er sich, erstarrt.
    Nein, es war nicht alles. Eine Schale voll Schlagsahne stand vor ihr; die
ugelte sie mit liebevoller Zrtlichkeit an, sah sich ein paarmal scheu um, ob
niemand sie beobachte, dann gnnte sie sich davon ein verschmtes halbes
Lffelchen; endlich mit khnerem Mut volle zwei und drei.
    Solch ein Empfang! ihm! sie! Schmach und Emprung! Ingrimmig bohrte er ihr
verdammende Blicke ins Antlitz. Bis ihn der Verstand am rmel zupfte: Du,
Viktor, falls du dir etwa einbildest, da sie deine erhabenen Grimassen bemerkt,
so tuschest du dich. Da lie ers bleiben und stierte sie sinnlos an, verstrt
wie in einem Operationsstuhl, gewrtig, was wohl zweitens anreisen werde, eine
Schere oder ein Messerchen.
    Whrend er so betubt dasa, drang ohne seinen Willen das Gerusch der
Gesprche an sein Ohr; Brocken ohne Zusammenhang: Protestantische Landstraen
besser gepflegt als die katholischen. - Im dritten Akt wird der Held
unschuldig schuldig. - War der Kurt auch dabei? - Genie bricht sich immer
Bahn. - Hatte der Kurt seinen guten Tag?
    Was jedoch wohl sie zuerst fr einen Spruch tun wird? Mit dem seelenvollen
Ton ihrer trautheiligen Stimme von damals? Lange Zeit wartete er umsonst. Doch
halt, still! jetzt lauscht sie in die Unterhaltung herber. Sie runzelt die
Brauen, ihre schwarzen Augen blitzen, sie ffnet die Lippen: Ach was! rief
sie, die hflichen Menschen sind alle mehr oder weniger falsch!
    Das kam dermaen unversehens da er hellauf lachen mute.
    Da drehte sie langsam den Kopf nach seiner Richtung und schickte ihm einen
Seitenblick: Du, was dich betrifft - sagte der Blick - mit dir bin ich
fertig! Und whrend sie den Kopf wieder abwendete, gewhrte sie ihm auf
geistigem Wege noch ein paar Nachtragstze mit kleinen Buchstaben, die er
deutlicher zu lesen vermochte, als ihm lieb war. Mein Herr, was wollen Sie von
mir? warum weisen Sie mir solch eine wichtige inhaltsvolle Erinnerungsmiene?
Falls Sie etwa von frher her etwas wurmt, um so schlimmer fr Sie; klagen Sie
sich selbst an; mich aber lassen Sie geflligst in Frieden, sonst holla! Heute
gilt die Gegenwart, morgen die Zukunft; mein Mann und mein Kind sind mir alles,
und Sie sind mir gar nichts.
    Es war weder ein Messerchen noch eine Schere, es war eine frchterliche
Sge. Und Schmerz und Zorn strmten vereint wider seine mhsam verteidigte
Fassung. Sie wagt es! Mit den gemeinen Anhngseln ihrer nichtsnutzigen Ehe -
Mann, Kind und dergleichen Hausrat mehr - mchte sie das unsterbliche Gemlde
der Parusie auslschen?!
    Und wiederum tnte in seinen Ohren die Raspel der Gesprche. Von links her:
Glauben Sie wirklich, da der Kurt noch kommen wird? - Schon vier Uhr!
fertig, er kommt wieder einmal nicht! - Und ich behaupte: er kommt. - Zur
Rechten: Glatte Hflinge. Freudloses Familienleben der Grostdter.
Geistlose Unterhaltung der sogenannten vornehmen Welt. Steifes, lcherliches
Zeremoniell in den Palsten der Groen. Ihm war, er htte in zehn Jahren nicht
so viele Albernheiten gehrt wie in dieser Viertelstunde. berhaupt gesellte
sich zu seiner Beschmung mehr und mehr der Unwille. Warum kmmert sich denn
niemand um mich? Wie lange soll ich noch einsam auf meinem Stuhl sitzen wie
Robinson auf der Klippe?
    Da, mit einem Male lief eine freudige Erregung durch die Versammlung,
begleitet von Geflster und unterdrckten Jubelrufen, als nahte ein Festzug.
Whrend er sich trgen Geistes - denn was galt ihm die Umgebung? - nach der
Ursache der pltzlichen Glckseligkeit umdrehte, strzte ein Mannsbild durchs
Zimmer, ohne Gru noch Vorstellung, im Vorbeistrmen ihn, den Viktor, mit dem
rmel streifend, ohne sich zu entschuldigen; pflanzte sich ohne weiteres vors
Klavier, legte ein Notenbuch bereit - er wird doch etwa nicht? - Doch, wei
Gott, er fngt an zu singen, mitten in der Versammlung, ohne Aufforderung noch
Erlaubnis, wie ein Schnapsbruder im Wirtshaus. Eins, zwei war Viktor neben ihm,
klappte ihm das Notenbuch zu und warf es ihm auf die Knie, worauf der Einbrecher
ohne einen Mucks wieder aus dem Zimmer strzte. Das Ganze war so schnell
verlaufen, wie wenn eine Fledermaus zum Fenster hereinflattert und wieder
hinaus.
    Was war das fr ein Individuum? fragte Viktor belustigt, gegen die
Regierungsrtin gewandt, in der Meinung, ihren Dank fr die schlanke
Hinausbefrderung zu ernten.
    Doch siehe da: Verwirrung und Aufstand ringsum, Bestrzung auf allen
Gesichtern. Durchaus kein Individuum, brauste Pseuda mit zornrotem Gesicht
auf, feindliches Schnellfeuer aus ihren funkelnden Augen schieend. Die
Regierungsrtin aber, Trnen in den Augen, zischte ihm vorwurfsvoll ins Ohr:
Das war ja ihr Bruder, der Kurt!
    Jetzt verbeugte sich Viktor mit spttischer Ehrerbietung vor Pseuda:
Gndige Frau, mein aufrichtiges, tiefgefhltes Beileid!
    Es braucht kein Beileid! - herrschte sie - ich bin stolz auf meinen
Bruder und darf es sein!
    Hiermit verlie sie geruschvoll das Zimmer, und alles rstete sich zum
Aufbruch.
    Ach, mein schner musikalischer Abend! - jammerte mit trostloser Miene die
Regierungsrtin. Und als Viktor sich angelegentlich bei ihr entschuldigte,
beteuernd, wie er doch unmglich habe ahnen knnen, da ein ungezogener Mensch,
der ohne Gru noch Vorstellung durch eine Versammlung strmt und dabei die
Anwesenden mit den Ellenbogen stt - Zeremonienmeister! - unterbrach sie ihn
erbittert: Er ist eben ein Original, ein Genie - und schlich betrbt von
dannen.
    Lehmann aber, der Frster, Viktors Schulkamerad, klopfte ihm lachend auf die
Schulter: Viktor, Viktor, das war ein schlimmes Versehen!
    Entschuldige, lieber Freund, das war kein Versehen, sondern eine
Zchtigung.
    Nenne es, wie du willst, jedenfalls mit Frau Direktor Wy hast du es jetzt
auf ewige Zeiten verdorben.
    Das werden wir sehen! - trotzte Viktor furchtlos.

Drauen auf der Strae war ihm, als kme er aus einer nrrischen Posse. Das also
war der gepriesene Kurt gewesen! Fein, liebenswrdig, bescheiden! Haben denn
hier die Wrter der deutschen Sprache einen anderen Sinn als sonst auf Erden?
Der, und ein Genie?! Ja, eines von den zehntausend Werdenichts-Genies, von denen
jede Familie eins auf Lager hat; in schwesterlicher Verhimmelung verzuckert,
garniert mit einem Kranz schmachtender Basen. - berhaupt, in was fr eine Grube
war er gefallen! Was fr Gesprche! Verfaulte Gemeinpltze, die man anderswo mit
keinem Stcklein mehr anzurhren wagt, Urteilsmigeburten, wert, in Weingeist
aufbewahrt zu werden. Steifes, lcherliches Zeremoniell in den Palsten der
Groen! Die glauben offenbar, es gehe in den Palsten der Groen so feierlich zu
wie bei der Erffnung einer Zuchtstierausstellung. Glatte Hflinge! Was die sich
wohl unter einem Hfling vorstellen mochten? Vermutlich einen staatlich
geeichten Rnkeschmied, der von Morgen bis Abend den Thron umschleicht wie ein
Bhnenbsewicht den Souffleurkasten. Freudloses Familienleben der Grostdter!
Wahrscheinlich, weil sie ihre Buben nicht prgeln! Geistlose Unterhaltung der
sogenannten vornehmen Welt! Allerdings, von unschuldig schuldig redet man dort
nicht. - Freilich, was den geistigen Horizont betrifft, scheint sie selber auch
nicht gerade sonderlich - - nun, kein Wunder, in solch einer Sippschaft! Mit
einem Charakterkopf zum Vater und einem Genie zum Bruder! Die hflichen Menschen
sind alle mehr oder weniger falsch - aus was fr einem Demokratenkbel sie das
elende Sprchlein wohl aufgelesen haben mag; Aber hbsch hat sies aufgesagt;
sicher und beifallsbewut wie eine Jahreszahl im Examen. Schlacht bei Salamis?
Ich wei, triumphierend den Zeigefinger in die Hhe. Soll ich dir sagen, was sie
ist, Viktor? Ein unreifes Kind ist sie, auf der Schnellbleiche geheiratet; noch
die Puppe auf dem Arm, und wupp! ohne da sie merkt woher, ein Bblein auf dem
Scho. Dieses gilt ihr dann so fr eine Art Fortbildungspuppe. Hast du gesehen,
wie verliebt sie die Schlagsahne schleckte? Um ein weniges (schade, da sichs
fr Erwachsene nicht schickt), so htte sie sich den Magen gestreichelt wie der
Clown im Zirkus. Aber war sie schn! Fast wre man versucht, der Schpfung eine
bessere Note zu erteilen, ihretwegen; womglich noch schner als damals in der
Parusie. Nichts verloren und mehreres dazugewachsen; aufgeblht mit einem Wort,
wie die Romanschreiber sagen. Und wie tapfer sie ihren Hanswurst von Bruder
verteidigte! Pseuda, du gefllst mir. Sie schlgt zwar noch ein bichen aus wie
ein wildes Rlein; um so besser, Beweis, da sie Rasse hat; ich sehe es gar
nicht ungern, wenn sie zornig ist; im Gegenteil, das steht ihr gut, es pat zu
ihrer schwarzhaarigen Verfassung. Pseuda, wir werden noch gute Freunde werden. -
Und frhlich trllernd schritt er die Strae.
    Allein, die ganze Lustigkeit war nur Kinderball auf dem Verdeck; unten in
der Kajte sthnte ein gestochener Mann, und das war der Kapitn. Kaum im
Gasthof zurck, warf Viktor die geknstelte Frhlichkeit weg und ging tiefsinnig
in sich. Viktor, eine Wahrheit hat gesprochen, und an dem Spruch einer Wahrheit
soll man nichts abmarkten wollen. Die Wahrheit lautet: Auf Csarenmanier, nur so
erscheinen und niederschmettern, ist es nicht gegangen; dein Auftritt, dein
Blick, deine gerechte Emprung haben versagt, und zwar klglich. Was war der
Grund des Versagens, und wie steht es nach alledem zwischen dir und Pseuda? Denk
nach, hernach antworte.
    Viktor dachte nach, hierauf antwortete er: Der Grund des Versagens ist
folgender: Dieses Dmchen ist glcklich und zufrieden; sie bedarf daher nichts
und begehrt deshalb nichts, am wenigsten von mir; ich bin ihr einfach
berflssig. Die Vergangenheit aber hat sie begraben, und zwar ohne Denkmal. Das
also ist der Grund, da mein Auftreten versagt hat. Mit meinem knftigen
Verhltnis zwischen mir und ihr aber steht es so: Meine geistige berlegenheit
ntzt mir hier nicht das mindeste, denn sie vermag sie gar nicht zu ermessen.
Sie schadet mir sogar; denn durch meinen Geist gerate ich in Widerspruch zu
ihren berzeugungen, die darum nur um so strrischer sind, da sie sie aus
anderer Leute Kpfen bezieht. Mit einem Wort: sie it nicht von dieser
Konfitre, um mit Frau Steinbach zu reden. Wer einen Charakterkopf verehrt, wer
einen Kurt bewundert, wird niemals einen Viktor hochschtzen; das ist
naturunmglich; denn eines schliet das andere aus. Nun ist aber der
Charakterkopf ihr Vater, der Kurt ihr Bruder. Ich mute demnach einen Kampf
gegen ihr eignes Blut und gegen ihre schnste Tugend, die Piett, beginnen.
Folglich - hier jedoch stockte sein Gedanke, gegen die Schlufolgerungen sich
strubend.
    Statt seiner ergnzte den Satz eine leise Stimme aus dem dunkelsten Grunde
seines Gefhls: Hoffnungslos, murmelte die Stimme. Und als ob das ein
Stichwort gewesen wre, erhoben sich jetzt pltzlich von allen Seiten Hunderte
von Stimmen, die smtlich das Wort hoffnungslos hersagten, in ewiger
Wiederholung, mit scharfem Tonschritt, immer lauter und mchtiger, lawinenartig
anschwellend, wie die Zuschauer im Zwischenakt, wenn der Vorhang nicht auf will.
    Da lie Viktor den Kopf hangen, berzeugt, aber willenlos.
    Ihm tippte der Verstand auf die Schulter: Viktor, du hrst das Urteil des
Volkes, es stimmt zu dem meinigen, und im Grunde auch zu deinem eigenen. Kurz,
hier ist kein Klima fr dich.
    Also was denn?
    Aufpacken und abreisen.
    Ja, wenn du meinst, es munde meinem Selbstgefhl, mich kleinlaut
davonzuschleichen, nachdem ich als zrnender Odysseus dahergefahren, so
tuschest du dich.
    Wird es etwa deinem Selbstgefhl besser munden, dereinst gedemtigt
abzuziehen, schimpflich geschlagen, mit schwrenden Wunden, das Herz voll
bittrer Galle?
    Irgendeine Genugtuung, irgendeinen Triumph ber die Verrterin ist mir das
Schicksal doch schuldig.
    Das Schicksal ist ein schlechter Zahler. Komm, sei gescheit und renn nicht
mit dem Kopf gegen die Mauer.
    Viktor seufzte und schwieg eine Weile. Darauf versetzte er: Du magst
vielleicht recht haben; auch ist ja nicht gesagt, da ich dir nicht schlielich
nachgebe; allein ich mchte zuerst noch ein bichen die Torheit strampeln
lassen; das tut einem so wohl, und ein wenig Trost habe ich doch auch ntig.
Morgen frh gebe ich dir dann Bescheid; zunchst la mich eins darber
schlafen.

Wie er dann im linden Bette lag und, mit Vorausnahme der nahen Abreise, im
Gefhl schon halb ein Abwesender, weich und weh seinem verunglckten
Richterrachezuge nachsann, bentzte das Herz die mrbe Stimmung: Schade,
zischelte es, ich htte dir einen besseren Abschied gegnnt. Miversteh mich
nicht, ich mae mir keineswegs an, deinen Entschlu zu beeinflussen, folge nur
gehorsam dem Verstande, er ist bei weitem der Gescheiteste von uns allen - nur
ist es halt doch zu bedauern, da du so in Unfrieden von ihr wegziehen mut, das
Gedchtnis zeitlebens mit einer feindseligen Pseuda behaftet. Denn darber,
denke ich, bist du doch im klaren, da du sie zeitlebens nie mehr wiedersehen
wirst; du kannst mithin das Erinnerungsbild nicht mehr ndern; so, wie du sie
heute zuletzt geschaut hast: als eine Fremde und Erzrnte, so mut du sie fortan
ewig vor Augen haben. Ich htte dir zum Abschied etwas Vershnliches gewnscht,
einen guten Blick, ein herzliches Wort, was wei ich, kurz irgend etwas Schnes,
was man htte mitnehmen knnen und was einem in der Fremde nachgeleuchtet htte.
Dir htte es wohl getan (ich rede nicht von mir, ich bin ja, scheints, nur zum
Entbehren auf der Welt), und fr die kranke Imago wre es Arznei gewesen.
    Und so weiter in schummrigem Verfhrungsgeflster, bis er darber
einschlief.
    In der Nacht aber, gegen Morgen, trumte ihm ein Mrlein. Auf der Insel
eines Teiches erblickte er Pseuda als verwunschene Prinzessin zwischen Frschen
und Molchen sitzend, unter denen der Kurt als Froschknig mit abenteuerlichen
Stzen umherhopste. Ist denn kein Edler auf Erden, der mich von den Frschen
erlst? jammerte ihre Stimme. Und am Ufer, in einem Weidenstrauch, kauerte der
Statthalter, die Arme rhythmisch gegen seine Frau bewegend, als ob er mhte.
Hilf ihr, winkte flehentlich seine Miene, indem er die Augpfel verdrehte. Er
selber, Viktor, vermochte sich natrlich nicht zu rhren, weil es ein Traum war.
    Als er dann am Morgen aufwachte, gesund und munter, frisch im Geiste, der
Leib gestrkt mit Mut und Selbstgefhl, sprang er kriegerisch aus dem Bette:
Getrost, Pseuda, gelobte er gerhrt, ich werde dich von den Frschen
erlsen, kleidete sich an, ffnete das Fenster, schwang seine Seele ber die
Berge, blitzte mit den Augen und stampfte mit dem Fue: Wieso hoffnungslos? Wer
behauptet hoffnungslos? Sie ist ja doch inwendig nicht hohl, sondern hat eine
Seele wie jeder Mensch, und in der Seele schlummert ein Kern, und in dem Kern
trumt, ob sies schon selber vielleicht nicht wei, eine Sehnsucht, und die
Sehnsucht drstet nach etwas Hherem, Edlerem, Schnerem, als was ihre
nichtsnutzige alltgliche Umgebung ihr bieten kann. Sie ist blo verkrustet.
Wenn ich indessen in ihrer Nhe bleibe, so mu unfehlbar frher oder spter die
Magie meiner Persnlichkeit - vielmehr, besser gesagt, der glhende Blick der
erhabenen Fremdgestalten, die mich erleuchten - aus meiner Seele in ihre Seele
hinberznden, die Kruste durchbrechend, so da sie aufwacht, entblindet, meinen
Wert erkennt und meiner hohen selbstlosen Gesinnung huldigt. Seele gegen
Gewhnlichkeit, Geist gegen Trgheit, Person gegen Sippschaft, so gilt jetzt die
Fehde; Magie heit meine Waffe, und die Strenge Frau ist mein gewaltiger
Feldherr. Wollen doch wahrlich sehen, wer strker ist!
    Und denselben Morgen noch suchte er, in der mutmalichen Voraussicht, da
die magische Heilkur vielleicht lngere Zeit beanspruchen knnte, eine
Privatwohnung.
    Wohlbekomms! rief der Verstand, als er abends spt einzog. Und zwei
Gedanken strichen, eifrig miteinander flsternd, zuuerst an seinem Geiste
vorber.
    Der nhere der beiden Gedanken sagte: Auch wieder einer, der erst ein Bein
abgeschlagen haben will, ehe er Verstand annimmt.
    Der andere Gedanke aber wartete vorsichtig, bis er auer Bereich war, dann
hhnte er, zurckschauend, die freche Bemerkung: Weil er halt einfach verliebt
ist, flchtete jedoch Hals ber Kopf, da Viktor jhgrimmig mit Bengeln nach ihm
warf.
    Den Viktor aber winkte vertraulich die Phantasie beiseite: La sie
schwatzen. Komm, ich will dir etwas zeigen, und zog sachte einen Vorhang
auseinander, nur etwa drei Finger breit, gerade soviel, da man durch den Spalt
sehen konnte. Und siehe da, auf einer Bhne standen Pseuda und er selber,
Viktor. Hand in Hand standen sie und sahen einander innig an. Dann sprach sie zu
ihm: Hoher du, Guter, Selbstloser, alles, was ich dir ohne Snde gewhren darf,
ist dein, nenns Freundschaft oder nenns Liebe.
    Das war nur eine kleine Probe, um dir einen Begriff zu geben, schmunzelte
die Phantasie, indem sie den Vorhang wieder zuzog, spter zeige ich dir dann
noch viel, viel Schneres.

                         In der Hlle der Gemtlichkeit


Um der widerspenstigen Dame seine Persnlichkeit zu demonstrieren, mute er vor
allem mit ihr zusammentreffen knnen, und zwar fters, womglich regelmig,
denn persnliche Vorzge sind keine Fernwaffen. Wo? Diese Frage! was einfacher?
Bei ihr daheim natrlich! Wozu hat man denn sonst einen Statthalter? Der hatte
ihn doch eingeladen!
    Der Statthalter empfing ihn aufs herzlichste, eine lange Stunde mit ihm ber
wissenschaftliche Fragen verhandelnd; seine Frau dagegen, auf welche der Besuch
gemnzt war, blieb unsichtbar; und als er ihr beim Fortgehen begegnete, bedachte
sie ihn mit einem solchen eisigen Gru, da er begriff: sie verbat sich seine
Besuche.
    Auf diesem Wege also ging es nicht. Er mute versuchen, sie an einem dritten
Orte zu fassen. Er erkundigte sich, wo und mit wem sie zu verkehren pflege;
bereinstimmend meldeten die Nachrichten, ihr gesellschaftlicher Verkehr
beschrnke sich fast ausschlielich auf die Idealia. Aus tiefstem Herzen seufzte
Viktor: Idealia! Er hatte sie bereits gekostet, die Idealia, damals, bei Frau
Keller. - Bah, ermutigte er sich, es sind im Grunde liebenswrdige, wackere
Leute; sogar von seltener Herzenshflichkeit, trotz ihrem schulbuchdogmatischen
Blast, womit sie prahlen. Schon allein, da mich kein Mensch seine Verstimmung
ber den Vorfall mit dem Kurt fhlen lt! - Also mit einigem guten Willen -,
und andere Einladungen verschmhend, Frau Steinbach vernachlssigend, schlo er
sich den Zusammenknften der Idealia an, auf die schlimmsten Abenteuer der
Gemtlichkeit in Geduld gefat.
    Auch sie brachten ihm guten Willen entgegen, doch bald spottete die Macht
der Gegenstze des knstlichen Harmoniespiels.
    Da war vor allem seine angeborene (oder anerfahrene?) Absonderungssucht, die
ihm vor jeder Vergruppung der Menschen, heie sie, wie sie wolle, einen Schauder
einflte; und nun gar ein Verein! noch dazu mit dem Namen Idealia! Sie wiederum
setzten bei jedem Menschen zwei Haupteigenschaften voraus, die er nicht
beibrachte: nmlich einen ewigen Bildungsdurst und einen unersttlichen
Musikhunger. Ohne Musik waren diese Leute so hilflos wie Beduinen, denen die
Kamele davongelaufen. Wollen Sie uns denn nicht etwas spielen? konnten sie
einander fragen. Dieses etwas jagte ihn vom Stuhl. Sagt man auch, wollen Sie
uns etwas sprechen?
    Angesichts der Bildung lautete der Gegensatz noch klarer: sie interessierten
sich fr alles, er fr nichts. (Deshalb fr nichts, weil seine mit Gesichten und
Gedichten bis zum berlaufen volle Seele berhaupt jede Aufnahme von auen
verweigerte.)
    Die Hauptsache aber war: ihm fehlten die Vorbedingungen zu ihrem
anspruchslosen Geselligkeitsstil: der strenge Beruf mit seinen Pflichten und
Mhen, das Familienleben mit seinen Sorgen, mit einem Wort, das Erholungs- und
Erschlaffungsbedrfnis. Kurz, der altehrwrdige Lebensgegensatz zwischen dem
Geisteszigeuner und den Familienbenedikten. Auch der Umstand, da er tatenlos
auf etwas wartete (nmlich auf die Bekehrung Pseudas), mute schon fr sich
allein sein Lebensgefhl verstimmen; denn auf die Lungerlage ist der
Menschengeist nicht eingerichtet.
    So ergab sich denn statt der gehofften Anpassung beiderseitiges Unbehagen.
Er war ihnen ungemtlich, und sie wurden ihm unwohl. Freilich gab er sich
redliche Mhe, sein Unwohlsein zu verbergen, um nicht den Schwarzpeter im
Kartenspiel vorzustellen; allein versuchs: verbirgs, wenn dir bel ist! Wie
gefllt es Ihnen bei uns? haben Sie sich allmhlich ein bichen eingelebt? O
ja! sehr! versicherte er eifrig, sthnend wie ein harpunierter Walfisch.
    Da begannen sie ihn zu trsten. Auf landlufige Manier, nach dem Volkslied
Ihr eigener Fehler. Hinter jedem Trostspruch kam eine Ermahnung getrpfelt, wie
aus jenen doppelten Brheschsseln, wo aus dem obern Schnabel das Fett, aus dem
untern der Satz luft. Eine unaufhrliche Beugung seiner Person mit
Hilfszeitwrtern: Sie mssen, Sie sollten, oder, rckwrts angespannt: Sie
mssen nicht, Sie sollten nicht. La sehen, was sollte er dann eigentlich nach
ihrer Meinung? und was sollte er nicht? Er sollte nicht: sich gehen lassen, sich
einwickeln, sich einspinnen. Er sollte sich berwinden, aus sich herausgehen,
Sich aus seiner Lethargie aufrtteln (Viktor, merk dir dein Zeichen, du bist
lethargisch), allmhlich mit der Zeit vielleicht heiraten; warum denn nicht? und
zwar womglich eine etwas angriffslustige, derbe Dame, damit sie ihn aus seiner
Lethargie (entschieden, das Wort hatte es ihnen angetan) gewaltsam herausreie.
Einstweilen mge er doch die mannigfachen Gelegenheiten bentzen, die einem in
hiesiger Stadt geboten wrden; oder ob er denn fr gar nichts Hheres Sinn habe?
Am Donnerstag zum Beispiel wre ein interessanter Vortrag ber die Liebe bei den
alten Germanen, am Sonntag gebe es einen siebenjhrigen Geiger; wohlverstanden
durchaus nicht etwa blo so ein unnatrliches bedauernswrdiges Wunderkind, sie
wren vielmehr die letzten, solch eine knstliche Treibhauspflanze zu begren,
sondern diesmal ein echter, gottbegnadeter Knstler. Und ob er denn wirklich
auch gar nicht singe oder wenigstens irgendein Instrument spiele? Ein Einfall,
ein Vorschlag: am 4. Dezember, zum Stiftungsgedenktag der Idealia, wird ein
Festspiel vom Kurt aufgefhrt: Knnten Sie da nicht vielleicht eine Rolle
bernehmen, zum Beispiel als Meergreis oder als einer der Berggeister? Und
warum er sich denn nicht einfach als Mitglied der Idealia anmelde? Und ob es
nicht viel natrlicher und gemtlicher wre, wenn er sich mit den Mnnern duzte
wie die brigen?
    Oder sie versuchten ihn aufzuheitern. Gab es ein Tnzchen oder ein
Gesellschaftsspielchen, Ringsuchen, Tellerdrehen und dergleichen, so rissen sie
ihn herzhaft am Arm: Kommen Sie! ziehen Sie kein so verzweifeltes Gesicht und
helfen Sie mit! Man braucht nicht immer so feierlich zu sein. Wie dann alles
nichts helfen wollte, wie er sich je lnger, je mehr als ein Egoist entpuppte,
der F-Moll bekannte, wenn die andern Cis-Dur anstimmten, berdies als
verstockter Realist, der sich fr nichts, aber auch fr gar nichts interessieren
wollte, berdies von haarstrubender, geradezu emprender Unwissenheit (er hatte
zum Beispiel den Tasso nicht gelesen!), nahmen sie die Tonart ein bichen
schrfer, und zu den Ratschlgen, zu den Ermahnungen gesellte sich der Tadel.
Immer natrlich in aller Freundschaft; oder ist denn nicht Tadel an sich der
untrglichste Beweis von Freundschaft? Sie besserten also in der wohlmeinendsten
Absicht an ihm herum; lediglich, um ihn der Idealia anzugleichen; ungefhr so,
wie ein Familienrat vor der Reise einen Frack behandelt, damit er in den Koffer
gehe: der eine meint, man msse die rmel so falten, der andere vielmehr so; der
dritte richtet den Kragen in die Hhe, der vierte schlgt die Sche um; ihrer
zwei drcken schonend mit Fusten und Knien auf das Prparat, und das Virgineli
setzt sich darauf.
    Dabei traf es sich ungeschickt, da Viktor gerade dagegen einen
entschiedenen Widerwillen versprte, an sich herumbessern zu lassen; deshalb,
weil er dieses Geschft selber besorgte. Am ungeduldigsten ertrug er die
Nrgeleien an seiner leiblichen Erscheinung. War das ein unaufhrliches Zupfen
und Hkeln an seinem uern! Nichts erschien an ihm richtig, vom Scheitel bis
zur Zehe; weder seine Sprache noch Aussprache, weder sein Haar- noch
Bartschnitt, weder sein Kleid noch seine Schuhe; vollends ber seinen
Hemdenkragen vermochten sie sich gar nicht zu trsten. Schchterne Versuche, mit
Gegenkritik zu lohnen, fanden kein geneigtes Ohr.
    Und dann die tausenderlei kleinstdtischen belnehmereien! erwidert von
seiner unglaublichen Empfindlichkeit, der Empfindlichkeit des Phantasiemenschen
(der Rckseite der Feinfhligkeit), die durch unablssiges Whlen einen
Nadelstich zur schwrenden Wunde entzndet, eine kleine Rcksichtslosigkeit zur
tdlichen Beleidigung vergrert! So trug von beiden Seiten jedes das Seinige
bei, um jenen Qualzustand zu schaffen, den man mit dem Lindwort Miverstndnis
zu beschnigen pflegt. Nun hatten zwar nach ihrer Auffassung Miverstndnisse
wenig auf sich. Du lieber Himmel! in dieser friedlichen Idealia, wo jahraus,
jahrein immer eins mit dem andern verzankt war und an Festtagen alle mit allen,
was wollten da Miverstndnisse besagen! Nahmen einander alles bel, aber trugen
sich nichts nach. Er dagegen, mit seiner berempfindlichkeit und
Vergrerungssucht, mit seinem monstrsen Gedchtnis, welches nichts, aber auch
gar nichts in die heilsame Vergessenheit entlie, mit seinem metaphysischen
Lebensgefhl, welches das kleinste Vorkommnis mit pathetischem Nachdruck
belastete, mit seiner summarischen Phantasierechnungskunst, die immer smtlichen
ankreidete, was ihm ein einzelner angetan (es ist am einfachsten so), geriet
allmhlich in einen Zustand wie ein von Bienen berfallener Br. Gewi, gern gab
er zu, alles widerfahre ihm aus lauter Freundschaft; allein ihm kam vor, die
Freundschaft habe hierzulande eine verwnschte hnlichkeit mit einem
Zahnschmerz. Und unversehens waren die Bienen, von seiner Phantasie ausgiebig
genhrt, zu Ungetmen angewachsen, die ihn mit tckischen Blicken umlauerten.
Dadurch wurde er jetzt argwhnisch wie ein Kettenhund in der Dmmerung; berall
bse Absicht witternd, links und rechts Erluterungen heischend,
Ehrenerklrungen, Entschuldigungen fordernd, wobei er mitunter ins Kindische
fiel. Die Frau Pfarrer Wehrenfels hatte ihm die linke Hand gereicht: War das
mit Vorbedacht geschehen, um mich zu demtigen?, so da er nach einer
schlaflosen Nacht von ihr eine Erklrung verlangte, mit der Miene eines
beleidigten Offiziers. Mit Ihnen ist berhaupt nicht auszukommen, rief nach
einem hnlichen lppischen Stcklein Frau Doktor Richard rgerlich. Der Vorwurf
peinigte nun wieder seine gewissenhafte Seele, die er jeden Augenblick so blank
in Bereitschaft halten mochte wie zur Parade am jngsten Gericht, mit
kummervollern Bedenken. Wenn sie recht htte? Warum auch nicht? wohl mglich.
Allein wie abhelfen? ich kann mich bessern, aber nicht ndern. Und ganz klein
und demtig schrieb er an eine auswrtige Freundin: Aufrichtig, ohne die
mindeste Rcksicht: Ist mit mir nicht auszukommen? Die Antwort lautete: Ich
lache ber Ihre Frage. Kinderleicht, wie mit einem Kaninchen. Nur mu man Sie
halt tchtig lieb haben, wie sichs gehrt, und es Ihnen auch von Zeit zu Zeit
sagen.

Das Einfltigste war, da er jene, die er in der Idealia suchte, um deretwillen
er sich all dem Freundschaftsungemach unterzog, nur ausnahmsweise zu Gesicht
bekam. Frau Direktor Wy ist ungemein huslich, lautete die Erklrung, sie
lebt ganz allein fr ihren Mann und ihr Kind. Er ahnte indessen wohl, da dies
nicht der einzige Grund war, sondern da sie hauptschlich deshalb wegblieb, um
nicht mit ihm zusammenzutreffen. Das war aber so ziemlich das Schlimmste, was
ihm widerfahren konnte. Wenn er dann erschien und sie nicht vorfand, starrte er
geistesabwesend auf den Stuhl, auf welchem sie, wenn sie gekommen wre,
vermutlich wrde gesessen haben, redete kein Wort und hrte nicht, was man zu
ihm sagte. Zu der Unseligkeit des Wartens erhielt er hiermit noch die Beschmung
der getuschten Erwartung. Und jedesmal, den folgenden Tag nach einer solchen
Enttuschung, irrte er verstrt in der Stadt umher, wie ein Gespenst, das den
Rckweg nach dem Kirchhof verloren hat.
    In den Ausnahmsfllen wieder, wo Pseuda zugegen war, zahlte sie ihm die
Mihandlung ihres Bruders getreulich heim, aufrechten Hauptes, herzhaft und
tapfer, ihn als Trkenkopf gebrauchend, nach welchem sie widrige Bemerkungen
schleuderte, einerlei was fr? denn zur Genauigkeit fhlte sie sich nicht
verpflichtet. Kaum da er den Mund auftat, fuhr sie ihm darber. Hierbei setzte
es mitunter schwere Verwundungen seines empfindlichen Ehrgefhls. Ich liebe
nicht die Schmeichler, warf sie ihm einmal herrisch zu, als ihm der Ausruf
entschlpfte: Sind Sie schn! Ein anderes Mal, als er den Satz bestritt, der
Adel Europas wre idiotisch und verkrppelt, schalt sie ihn Snob. Das war nun
natrlich blo als weibliche Stimmungsmusik gemeint; er aber fate
jungtrichterweise das Wort wrtlich, und da er es wrtlich fate, mute ers
auch ernst und schwer nehmen. Drei Nchte wrgte er an dem vermeintlichen
Schimpf. Eine Rute, ein Feuer, einen Skorpion legte er neben sich und prfte
seine Seele in den hintersten Winkeln, um sich ntigenfalls schonungslos zu
ben; bis er endlich die trstliche Gewiheit gewann, da das schimpfliche
Merkmal ihm nicht gebhre. Nein, wer vor dem Bettler, whrend er ihm das Almosen
reicht, den Hut abnimmt, wer gleich einem evangelischen Pfarrer einem
berfhrten Dieb den Handschlag nicht verweigert, wer es wagt, am hellen Mittag
eine Dirne zu gren, ist kein Snob; und wer zeitlebens das Kunststcklein
verschmhte, die Gunst einer Frau durch Herabsetzung ihrer Feindin zu gewinnen,
ist kein Schmeichler. Also warum sagt man mirs dann! schrie seine Emprung;
und fortan sa er Pseuda mit einer Miene gegenber, als htte sie ihm ein Auge
ausgeschlagen und er htte ihrs verziehen.
    Dem konnte die Regierungsrtin nicht lnger zusehen; denn ihre friedliche
Natur ertrug keine tiefspltige Zwietracht in ihrer Umgebung. Und da sie sowohl
dem Viktor wie der Frau Direktor herzlich zugetan war, schlo sie nach der
liebenswrdigen Unlogik des Frauenherzens, welches da meint, wenn ich A und B
gern habe, so mssen sich A und B ebenfalls gern haben, auf ein bloes
Miverstndnis zwischen den beiden. Demgem unternahm sie jetzt die
Vermittlung, indem sie dem Viktor die Tugenden der Frau Direktor und dieser
wieder die Vorzge des Viktor schilderte. Groartig, gem ihrer lautern und
einfachen Natur, wo die Tugenden in krftigen Zgen wie in Fresko gemalt waren,
erklrte sich Frau Direktor willens, die Geschichte mit dem Kurt zu vergessen,
vorausgesetzt, versteht sich, da Viktor sich knftig der Vertrglichkeit
befleiige. Hingegen den Lobpreisungen ber Viktor lauschte sie mit unglubiger
Miene. Und whrend Frau Keller sich zugunsten ihres Schtzlings in eifriger Rede
abmhte, sammelte sie sachte fr sich selber ihre Eindrcke zu einem
Charakterbilde Viktors, ungern zwar, denn es widerstrebte ihr, die Gedanken mit
ihm zu beschftigen.
    Da dieser Mensch ihr zuwider war, und zwar je lnger, desto mehr (ganz
abgesehen von der Beleidigung ihres Bruders), das brauchte sie sich nicht erst
zu fragen, das sprte sie deutlich. Schon sein lockerer Lebenswandel, aus
welchem er nicht einmal ein Hehl machte! Doch seien wir nicht ungerecht; suchen
wir ihm eine gute Seite abzugewinnen. Allein sie mochte ihn drehen, wie sie
wollte, es kam nirgends eine gute Seite zum Vorschein, und sein
Eigenschaftsverzeichnis sah einem Sndenregister nicht unhnlich.
    Sein unmnnliches, bersanftes, fast sliches Auftreten, ohne Mark, ohne
Kraft, ohne Charakter, mit seiner leisen Stimme, seiner bertriebenen
Hflichkeit, seiner geckenhaften Kleidung, seiner gezierten, fremdartigen
Sprache - sein undurchsichtiges, vielgestaltiges und vieldeutiges Wesen,
verschlossen und hinterhltig, wo man nie wei, woran man mit ihm ist, jeden Tag
ein anderes Gesicht (ich liebe einfache, offene, aufrichtige Menschen) - seine
hhnische, frivole Gesinnung, die alles, selbst das Heiligste, Heimat und
Vaterland, Moral und Religion, Poesie und Kunst mit wohlfeilen Paradoxen in den
Spott zog - ohne Ernst und Tiefe, ohne Grundstze, ohne Ideale - kein Schwung,
keine Wrme, kein Gefhl (wie kann zum Beispiel jemand die Musik nicht lieben?
auer er habe kein Herz!). Gemt jedenfalls hat er keines; an wen hat er sich
denn in den drei Wochen angeschlossen? An niemand. - Und dann seine anmalichen
Absprechereien, seine albernen Taktlosigkeiten und Narrheiten, die mitunter an
Beleidigung streiften! Hatte man doch zum Beispiel die grte Mhe gehabt, ihm
abzugewhnen, da er sie Frulein nannte.
    Nein, ihr Widerwille war nicht ungerecht; was auch Frau Keller und ihr Mann
zu seinen Gunsten sagen mochten. Auch ihr Vater wrde ihn verurteilt haben; mit
einem einzigen Wort htte er ihn verdammt: Er ist nicht klar. Sie hrte den
Ton seiner ehrwrdigen Stimme, wie er das gerufen htte. Und da eben Frau Keller
Viktors Talente rhmte: Ja, wo sind sie denn, seine Talente? rief sie, bitte,
zeigen Sie mir an ihm ein Talent, ein einziges! Was kann er denn? oder was wei
er? Ich sehe berall von den Talenten nur die Abwesenheit.
    Geist wenigstens werden Sie ihm zugeben mssen, mahnte Frau Keller.
    Jetzt aber ri der Frau Direktor die Geduld: Geist? brauste sie unwillig
auf - auch ich liebe und schtze den Geist; doch es fragt sich, was fr ein
Geist. Geist nach meiner Meinung frdert etwas Rechtes zutage, Wahrheit oder
Schnheit, Taten oder Werke; Geist verehrt das Ehrwrdige, verneigt sich vor dem
Verdienst, begeistert sich fr das Hohe und Edle; Geist spricht vor allem, wo es
sich um ernste Dinge handelt, ernst. Dagegen diese windigen, witzigen
Sprachspielchen, ich gestehe, wenn das Geist sein soll, dann mache ich mir aus
dem Geist gar nichts, nicht das mindeste; diese Art Geist hasse ich. Statt Natur
zu sagen Madame Pferdekraft, was habe ich davon? Die Psychologen - die
schlechtesten aller Psychologen, was soll das heien? Wenn das Geist sein soll,
so beanspruche ich als eine Auszeichnung, fr dumm zu gelten. Der Kurt, nicht
wahr, hat doch auch Geist, aber da sieht es anders aus! Und da Frau Keller
jetzt eifrigst einstimmte, so mndete die beabsichtigte Erhebung Viktors in
einen Lobgesang auf den Kurt.
    Nachdem sie dann beide an dem Kurt ihr Herz sattsam gelabt, erklrte sich
Frau Direktor schlielich bereit - Vertrglichkeit kann niemals schaden, und sie
vergab sich ja nichts damit -, mit dem leidigen Menschen glimpflicher
umzuspringen.
    Wer sich dagegen bock und stock weigerte, die angebotene Vershnung
anzunehmen, war Viktor. Natrlich, er lie ja Pseuda, also die wirkliche,
leibhaftige Frau Direktor, gar nicht als zu Recht und Tat bestehend gelten. Ehe
sie sich bekehrt htte, also rckwrts wieder in die Seele der Jungfrau Theuda
hineingeschlpft wre, gab es fr ihn keine Verhandlung mit ihr.
    Hier abgeschlagen, suchte die Regierungsrtin den Frieden von einer anderen
Seite: den Kurt und den Viktor miteinander ausshnen. Es ist ja doch ganz
unmglich, wenn sich die beiden nur erst kennenlernen, und so weiter. Das ergab
dann eine jener verunglckten Harmonieauffhrungen, welche die Sache noch weit
schlimmer machen als vorher. Und wieder war es Viktor, der den Widerborstigen
spielte. Zwar hatte er sich mit Ach und Krach zu einer Zusammenkunft
herbeigelassen, enthielt sich auch - so viel vermochte er ber sich - eines
feindseligen Wortes; zur Entschdigung dafr behandelte er jedoch mit Blick und
Gebrden den Kurt dermaen hochfahrend, da es der schlimmsten Beleidigung
gleichkam. Diesmal aber gab es keine Entschuldigung, die beleidigende Absicht
war offenkundig. Warum nur, fragte er sich nachher selber verwundert, warum
mu ich diesen Menschen durchaus demtigen, ob er mir schon nichts zuleide
getan, ob ich schon wei, da es unklug ist, da ich mir durch ein artiges
Benehmen die Gunst Pseudas erwerben knnte? Er fand keine Antwort; es war ihm
gekommen wie dem Hund, wenn er eine Katze sieht; lt sich der vom Angriff
zurckhalten, so verschlingt er wenigstens die Katze mit den Augen.
    Naturgeschichten! meinte er ratlos, unerklrliche, aber unberwindliche
Idiosynkrasie! Er tuschte sich; es war ein Berufshandel: der Zorn des echten
Propheten gegen den falschen Propheten, die Entrstung des Erben ber den
Erbschleicher; mit einem Wort: ihn hetzte gegen dieses Talmi-Genie der heie
Atem der Strengen Frau.
    Jetzt gab die Regierungsrtin die Vermittlung auf. Mit Pseuda aber war es
nun natrlich grndlich vorbei. Zu allem obendrein noch ein boshafter Mensch,
der aus eitel Neid auf meines Bruders Genie sich an ihm zu reiben versucht. So
lautete fortan ihr Urteil ber ihn; und sie sorgte dafr, da er ber ihr Urteil
nicht im unklaren blieb. Wozu hat man denn sonst Seitenbemerkungen und
Anspielungen?
    ber diese neue Ungerechtigkeit emprte er sich dann wieder mit einer
Beimischung des Erstaunens. Was geht sie berhaupt ihr Bruder an? Der gehrt ja
gar nicht zur Handlung. Schon sein Dasein bedeutet einen Fehler im Stck. Und
da nun vollends sein Verhltnis zu Pseuda Rckschritte statt Fortschritte
machen wollte, ging doch gegen allen Sinn. Schon fters hatte er sich rgerlich
gefragt: Was zaudert sie? wann will sie endlich aufwachen? meint sie etwa, ich
htte Lust und Zeit, Jahrzehnte auf ihre Bekehrung zu warten? Und nun sollte es
gar noch rckwrts gehen?
    Eine unertrgliche Vorstellung. Allein, wie dem steuern? Er wute kein
anderes Mittel als seine Magie, dieselbe Magie, die bisher so klglich versagt
hatte. Wie ging das zu, da sie versagte? da seine strahlenden Herrschaften
nicht aus ihm hinaus in ihre Seele hinberzndeten? Eine Vermutung:
mglicherweise teilt sich der Funke blo im Zustande der Ekstase mit, so da
also die Wirkung einzig ausgeblieben wre, weil er bisher der Dame immer nur
lahmen Mutes, mit abgespannter Kraft gegenbergetreten war? Wie er daher eines
Abends nach schpferischer Phantasiearbeit seine Seele dermaen mit erleuchten
Gestalten bervlkert fhlte, da er meinte, es msse davon wie ein Dunstkreis
um ihn zu spren sein, fate er sich ein Herz und suchte sie zu Hause auf, in
der heimlich bewuten Absicht, seine Magie diesmal konzentriert auf sie wirken
zu lassen, gleichsam im Kurzschlu. Also eine Art psychologisches Experiment,
doch beileibe kein leichtfertiges, denn es handelte sich ja um sein Heil.
    Der Zufall wollte, da sie jenen Abend eine Schulfreundin bei sich hatte,
mit welcher sie, die Vergangenheit zurckspielend und ihre neubackene
Mutterwrde auf ein Stndchen abschttelnd, die harmlose Wonne ausgelassener
Kindskpfereien kostete; es tut ja so wohl, nicht wahr? einmal zur Abwechslung
wieder so recht von Herzen tricht zu sein. Da hatte denn die eine ein
Kinderhubchen, die andere einen Zylinderhut aufgestlpt, und die Seligkeit
verlangte, damit im Zimmer herum zu hpfen. Fr solch eine Null aber galt
Viktor, da sie ihn bei seinem Eintritt nicht einmal der Strung wert hielten,
den Schabernack zu unterbrechen. Da sa er nun und durfte dem Lustspiel zusehen.
Nachdem er das eine Viertelstunde getan, wute er fortan fr sein Leben, was es
mit der Seelenmagie auf sich hat! Unbeachtet, wie er gekommen, entfernte er sich
und schlich kleinmtig nach Hause.
    Jetzt zum ersten Male kam ihm seine Zuversicht abhanden. Ein Schreck
durchbebte ihn, als ob an seinem Siegeswagen die Hinterrder abgebrochen wren
und die Achse mit harten Sten auf dem Boden schleifte. Und wie er seinen Geist
nach Trost ausschickte, entdeckte er vor seinem Blick einen schwarzen Vorhang,
zwar noch aufgerollt, indessen mit unheimlichen Bewegungen, als knnte er
einesmals ungesinnt herniederfallen, ohne ein Klingelzeichen.
    Nachdem seine Magie sich als unzulnglich erwiesen, was blieb ihm dann?
Angst klemmte ihn, und in seiner Angst griff er vorzeitig zu seinem letzten
Trumpf, den er eigentlich fr spter aufgespart hatte, wenn ihr Herz bereits
erschttert worden wre: die Bekehrung durch ihr eigenes Bildnis aus frherer,
edlerer Jungfernzeit. Der Anblick ihrer einstigen jungfrulichen Erscheinung,
berechnete er, msse die Erinnerung wecken, und Theuda werde Pseuda strafen;
etwa so, wie wenn ein Verbrecher, dem man unvorbereiteterweise sein Abbild aus
seiner unverdorbenen Kinderzeit vorhlt, pltzlich in Trnen ausbricht, seine
Missetat bereut und schwrt, fortan wieder ein rechtschaffener Mensch zu werden
wie vormals. Er holte also mit bebender Hand jenes Theudabild (sein
Heiligenbild) hervor, das ihm vor drei Jahren Frau Steinbach zugeschickt hatte,
ngstlich vermeidend, es anzuschauen, weil er sich nicht die Kraft zutraute, den
Ansturm der Erinnerungen zu bestehen. Mit diesem Bilde bewaffnet, wie mit einem
geladenen Revolver, pilgerte er am nchsten Tage nochmals zu ihr, gefhrlich, so
da er beinahe Mitleidbedenken versprte, von einer so frchterlichen Waffe
Gebrauch zu machen. Das Bild stellte er dann, ehe sie eintrat, aufs Klavier und
erwartete mit klopfendem Herzen die Wirkung.
    Kaum erschien sie unter der Tr, so gewahrten ihre scharfen Augen auch schon
das Bild. Wer hat Ihnen das gegeben? heischte sie im scharfen Ton eines
Untersuchungsrichters; woher bezieht Frau Steinbach das Recht, Ihnen meine
Photographie weiterzuschenken? Darauf zuckte sie die Achseln. brigens ein
schlechtes Bild; ich habe es nie gemocht. Das war die Wirkung des
Heiligenbildes.
    Nun wurde seine Lage ernst; denn er hatte keinen Trumpf mehr in der Hand.
Noch hielt er zwar an seiner Hoffnung fest, weil er sie eben ntig hatte, allein
mit krampfhafter Faust, und der Hoffnung fehlte die vernnftige Berechtigung, da
er sich gestehen mute, da das, was er hoffte, nunmehr unwahrscheinlich
geworden war, da etwas Unvorherzusehendes ihm von auen zu Hilfe kommen msse,
damit es sich erwhre. Darob sammelte sich in den Grnden seiner Seele Trauer.
Diese kam eines Tages ins Gefhl herausgestiegen und zeugte Weh.
    Es war anllich eines Gesprchs ber Tasso. Dabei kam die Rede auf die
angebliche Anziehungskraft des Genies auf die Frauen. Mit instinktiver
Unfehlbarkeit, behauptete Pseuda, fhle sich das Herz des Weibes zu einem
wahrhaft bedeutenden, auerordentlichen Mann hingezogen. Nachdem sie das gesagt
hatte, seufzte sie sinnend vor sich hin.
    Sind Sie der Wahrheit Ihres Satzes so sicher? wagte er einzuwenden.
    Ebenso sicher, trotzte sie, wie der andern Tatsache, da wir mit
Gewiheit spren, wer jedenfalls kein bedeutender, auerordentlicher Mensch
ist. Und damit ihm ja die Anzglichkeit nicht entgehe, schenkte sie ihm einen
spttischen Nick und Blick dazu.
    Da ri ihn ein tiefes Weh; dann scho ihm die Emprung das Blut in die
Stirn. Sage, was du zu sagen hast, befahl die Stimme der Strengen Frau.
    Widerstrebend gehorchte er, denn sein Schamgefhl und seine Bescheidenheit
strubten sich gewaltig; dennoch gehorchte er. Also redete er und sagte: Wer
brgt Ihnen dafr, da ich kein auerordentlicher, bedeutender Mensch bin?
Dieser Spruch, mit seiner zaudernden Stimme in die vier Wnde des tageshellen
Zimmers herausgesgt, tnte so unertrglich hlich, da er selber sich dessen
schmte und smtliche Anwesenden vor Verlegenheit die Augen niederschlugen, als
wre eine Unanstndigkeit vorgefallen.
    Der Pfarrer Wehrenfels fand das erlsende Wort: Es knnte halt doch nicht
schaden, meinte er, mit milder Mahnung gegen Viktor gewendet, wenn einer erst
den Tasso lse, ehe er in dieser Frage mitsprche.
    Brav gegeben! jubelten aller Augen.
    In die Trauer ber seine entfliehende Hoffnung mischte sich, anscheinend
unabhngig von der Idealia, eine merkwrdige Allgemeinverstimmung, er wute
nicht ob krperlicher oder seelischer Art oder beides zusammen; ein Elendgefhl,
dessen erste Anzeichen er schon gleich nach seiner Ankunft versprt hatte und
das ihn nie mehr gnzlich loslie. Jetzt, in seiner brigen
Niedergeschlagenheit, kam die schleichende Krankheit - denn so etwas war es
wirklich - zum Ausbruch. Was mochte es nur sein? Ein abscheuliches Gefhl der
Leere, eine de, widerlich schmeckende Empfindung, als ob er eine Lehmwste
verschluckt htte. Heimweh? Ja, etwas dergleichen; indessen ein Heimweh ohne
Poesie, ohne Glanz und Farbe, eine zentrifugale Trostlosigkeit, ein Wegweh.
Eines Abends, wie er aus der Idealia durch die finstern Gassen heimkehrte,
nirgends Licht und Leben auer in den Wirtsstuben, aus welchen ihm Gejohl,
Krakeel und Alkohol entgegenschlug, erkannte er pltzlich sein Leiden: das Elend
des Grostdters, der in die Kleinstadt verschlagen worden ist. Auf einer
Kirchentreppe heulte ein verlassener Hund. Den Hund begriff er; er htte
mitheulen mgen.

Trotz alledem war sein Verhltnis zur Idealia bisher ein freundschaftliches
geblieben. Sie fanden zwar manches an ihm zu tadeln, genauer gesagt: alles, doch
betrachteten sie ihn immer als einen der Ihrigen; er wieder hielt tapfer still,
auf bessere Zeiten wartend, so da er sich wie ein frommer Dulder vorkam, selber
ganz gerhrt ber seine unglaubliche Sanftmut. Da entzndete ein einfltiges
Gesprch, das sich ganz harmlos, ja vergnglich angelassen hatte, innige
Feindschaft; nicht bei den andern, denn der Feindschaft war das gemtliche Volk
berhaupt nicht fhig, wohl aber bei ihm, dem Ideeneifrigen, Wahrheitsgrimmigen.
Das geschah durch eine groteske Szene, die er spter seine Amazonenschlacht
nannte. Bei Frau Doktor Richard nmlich traf es sich, da er als einziger Herr
einem kleinen Dutzend hbscher Damen, worunter Pseuda, gegenber sa. Durch den
lieblichen Anblick aufgemuntert, begann er die Damen zu necken, wie man das darf
und soll; allerlei kleine Bosheiten ber die Frauen, von welchen er eine
ansehnliche Zahl auf Lager hatte, zum besten gebend, aus lauter Liebe zum
weiblichen Geschlecht. Nun huldigte jedoch, was er nicht wissen konnte oder in
der Fremde vergessen hatte, die hiesige Frauenwelt dem Dogma vom Mysterium des
germanischen Weibes, so da sie, im Gegensatz zu dem intereuropischen Brauch,
zwar persnliche Grobheiten verziehen, dagegen den leisesten Zweifel an der
heiligen Geschlechtshoheit des Weibes als einen Altargreuel verdammten. Da stak
er denn bald in einem vielstimmigen Entrstungsgeschrei (Schlachtruf der
Amazonen), gegen welches er nicht aufkam. Und in der Hitze des Streites, wie er
sich unterfing, das Zigarettenrauchen der Frauen zu entschuldigen, lieen sie
sich hinreien, ber das qualvolle Ende einer russischen Studentin, welche
vorige Woche beim Zigarettenrauchen jmmerlich verbrannte, laut jubelnd zu
triumphieren. Freut mich, ist ihr recht geschehn, mge es jeder, die da
raucht, hnlich ergehen. Da schumte in ihm das Gerechtigkeitsgefhl jhlings
in wildem Zorn empor; eine frmliche Prophetenwut, da er htte Feuer und
Schwefel auf die blutdrstigen Anstandspriesterinnen herunterfluchen mgen. Er
sah nmlich deutlich vor seinen Augen die arme Studentin in brennenden Kleidern
herumtanzen, schreiend und sich windend, bald hoch aufspringend vor Schmerz,
bald sich zu Boden duckend, und um sie herum beifallklatschend die teuflisch
grinsenden Phariserinnen. Mrderinnen! schrien seine haerfllten Blicke. Und
bei diesem Anla verstand er pltzlich die tdliche Feindschaft zwischen den
Propheten und den Weibern.
    Whrend jedoch seine anmutigen Gegnerinnen, sobald sie sich von der
strmischen Sitzung erhoben hatten, den heftigen Handel hurtig hinter sich
schttelten, - eine Tasse Tee darauf, ein Schinkenbrtchen darber, und man
sprt nichts mehr davon - blieb in seinem Gedchtnis das grausige Bild der
Totentnzerin inmitten jubelnder Phariserinnen haften. Die zwlf schuldigen
Damen, die in Wirklichkeit keiner Mcke etwas zuleide zu tun vermochten (mit
Ausnahme der Motten), bekamen von seiner Phantasie ein Kainszeichen auf die
Stirn geprgt, und die gesamte Idealia, weil ja solidarisch fr jedes ihrer
Mitglieder haftbar, erschien ihm fortan erinnyenfhig, in dsterer
Atridenbeleuchtung. Ob euch schon Polizei und Gericht nicht zu fassen vermgen,
ob ihr noch so sittsam einhertrippelt und scheinheilig Schumannlieder
schmachtet, in meinen Augen seid und bleibt ihr Verbrecherinnen: Mrderinnen!
Und er versprte den finsteren Groll des Rchers. Denn die brennende Studentin
zeigte bestndig mit den verkohlten Fingern nach der Idealia, ihn mahnend wie
das Gespenst den Hamlet.
    Noch brodelte seine Feindschaft unter der Decke; sie grollte, aber blitzte
nicht; ihn gelstete ein Angriff, aber er wollte ihn noch nicht. Da erhielt er,
wenige Tage nach der Amazonenschlacht, versptet die ersten Briefe aus der
Ferne. Was fr ein anderer Atem! Gefeiert und verehrt im Kreise der lieben
Ihrigen, werden Sie hoffentlich Ihren alten fernen Freunden -. Gefeiert und
verehrt, o Ironie! die lieben Meinigen, o Jammer! Ihre hervorragenden
Eigenschaften, Ihre Kenntnisse, Ihre Herzensgte werden nicht ermangeln -. Was
fr Neuigkeiten! was fr verlernte Dinge! Er und hervorragende Eigenschaften!
Kenntnisse! Waren das schne Zeiten, wo noch jemand an ihm nichts auszusetzen,
sogar etwas zu loben gefunden hatte. Diese Briefe wirkten wie ein Wecker.
Nmlich sein Selbstgefhl, tglich von der Vielzahl mattgesetzt, war allmhlich
verbldet, und unmerklich hatte ihn ein neuer, engerer Horizont umzogen, der
hiesige, so da er nachgerade anfing, fr selbstverstndlich hinzunehmen, was
ihn zuerst aufgebracht hatte: die Voraussetzung, er wre das fehlerhafte Pferd,
an welchem jeder herumbessern drfe. Nun wachte er auf, der enge Horizont
entschwebte, sein Stolz erinnerte sich, und sein Gedanke verglich. Was fr ein
Gegensatz! und welch ein Hohn im Gegensatz! Drauen in der Fremde: offene Arme,
warme Aufnahme, gutwillige Duldung seiner Eigentmlichkeit, Nachsicht gegen
seine Fehler; hier in der Heimat: engherzige Nrgelei, Unfehlbarkeitsdnkel,
Verneinung seiner gesamten Persnlichkeit. Durch diese Vergleichung wurde alle
Bitterkeit aufgerhrt, die er seit sechs langen Wochen geschluckt hatte, und jh
wie er war, entbrannte er in heiem Kriegszorn. Nicht mehr schweigend dulden!
zum Angriff. Ich will unter euch treten, euch die Pharisermaske herunterreien,
euer heuchlerisches Prahlwrterbuch zerzausen. Haltet still und merket auf, was
ich euch sagen will, denn ich will euch zeichnen. Seid ihr bereit? Gut, dann
fange ich an. Das habe ich euch zu sagen: Eure Tugend? Ein Mundstck, um den
Nebenmenschen zu verlstern. Eure Offenheit? Ein angemates Vorrecht, dem
Nchsten Schndigkeiten anzuwerfen, ohne selber den mindesten Tadel zu ertragen.
Eure Aufrichtigkeit? Ein Erlaubnisschein, einem hinterrcks noch viel
Schlimmeres nachzusenden, als was ihr einem ins Gesicht sagt. Eure
Wahrhaftigkeit? Erkauft euch durch Wahrheitspedanterei in Nebensachen die
Erlaubnis, im entscheidenden Falle ausnahmsweise zu lgen. Wenn ich mit solch
einem Wahrheitsbold ein Geschft abzuschlieen htte, der Halunke mte mirs
schriftlich unter vier Zeugen geben! Eure Gemtlichkeit? Egoismus in
Herdenformat, schafwollene Oberhautanwrmung; wettert ein Unglck, hilft keins
dem andern. Eure Familienseligkeit, eure Verwandtenliebe? Wirf ein Erbschftlein
dazwischen und sieh dann die Liebe! Eure Musik? O ihr jauchzenden Eiszapfen!
Eure Bildung, eure Wonne ber Kunst und Literatur? Wenn man euch zur Rechten die
Tr zum Paradiese auftte und zur Linken einen Vortrag ber das Paradies
ankndigte, ihr wrdet smtlich am Paradies vorbei in den Vortrag laufen.
Interessant, interessant!
    So werde ich mit euch reden; macht euch gefat und setzt euch bereit. Leider
fiel ihm ein, da in den Empfangszimmern der Idealianer keine Kanzeln stehen,
von wo man die Leute htte insgesamt herunterstriegeln knnen wie eine
bufertige Gemeinde zur Fastenzeit. Getrost, so werde ich euch die Bescherung
einzeln auftragen. Der erste, der mir eine tugendhafte Miene gleit, bekommt die
ganze Schssel. Wem beliebts? Und wie ein Stier senkte er die Hrner, den Feind
erwartend. Allein wie er sich kampflustig umsah, war nirgends ein Feind zu
ersphen. Alle standen ihm entgegen, doch keiner; ob ihn niemand sonderlich
mochte, bot ihm niemand belwollen. Ja, wie aus absichtlicher Bosheit geschah
es, da gerade jetzt, wo er zum Kampfe gerstet war, sich alle schienen das Wort
gegeben zu haben, ihm Freundlichkeit zu bieten; womit sie ihn dann natrlich
sofort entwaffneten. Die Mglichkeit, jemand auf die Hrner zu nehmen, der einem
mit treuherzigem Gru entgegenkommt! Nun, wie geht es Ihnen? Hoffentlich haben
Sie sich bei dem unnatrlichen Wetter nicht etwa auch erkltet? Gierig, doch
umsonst ersehnte er einen Feind. Der Kurt? ein wehrloser Mensch, der die Flucht
ergriff, wenn er nur Viktors Hut im Vorzimmer erblickte; zudem hatte der Kurt,
das war nicht zu leugnen, zwei schne, gutblickende Augen; was kann man da tun?
So wute sein schnaubender Zorn nicht, wen aufspieen.
    Einstweilen, in Ermangelung eines Feindes und eines Streitfalles, offenbarte
sich sein ohnmchtiger Grimm durch eine mrderliche Laune. Sein Blick wurde
drohend, seine Miene hhnisch, der Ton seiner Stimme herausfordernd, der Spruch
seiner Behauptungen despotisch, jeden Einwand von vornherein verbietend. Ohnehin
als ernster Wahrheitsdenker den Widerspruch angelernter Weisheit ungeduldig
ertragend (ich liebe nicht, wenn man mit geliehenen Gedankengabeln gegen die
Wahrheit fuchtelt), setzte jetzt seine Stimme noch ausdrcklich die Warnung
hinzu: Untersteh dich, du Wicht, und widersprich! Es fehlte ihm blo die
Leibwache von Sldnern, um den Gegner am Kragen packen zu lassen.
    Damit erreichte er jedoch keineswegs den ersehnten Kampf; es ging ihm nur
fortan jedermann aus dem Wege, wie einem unberechenbaren und
unzurechnungsfhigen Tiere. Der Pfarrer, wenn ber Viktor gesprochen wurde,
nannte ihn jetzt einen toll gewordenen Nepomuk; der Doktor verglich ihn mit
einer stigmatisierten Nonne, der Frster mit einem sonst durch und durch
gutartigen, lammsanften, aber pltzlich aus unbekannter Ursache wild gewordenen
Elefanten. Allerdings konnte er bisweilen einen Abend lang bescheiden und stumm
dasitzen, trb und traurig vor sich hin starrend; doch war man nie sicher, was
fr ein Unwetter vielleicht noch aufziehen mochte; da aber niemand die
Verpflichtung hat, sich unliebsamen berraschungen auszusetzen, lie man ihn
eben mit seiner stillen Wut allein.
    Ein Beispiel: Der Doktor Richard hatte ein neues wissenschaftliches Werk
gepriesen; dieses Buch mssen Sie unbedingt lesen, schlo er, zu dem
teilnahmslos dasitzenden Viktor gewendet. Schumend sprang dieser in die Hhe:
Wie unterstehen Sie sich, mir Befehle zu erteilen? Und den ganzen Abend ging
es: Herr Doktor, Sie mssen unbedingt diesen Bleistift in den Mund nehmen,
Herr Doktor, Sie mssen mir unbedingt mein Schnupftuch aus dem berzieher
holen, Herr Doktor, Sie mssen jetzt unbedingt sofort nach Hause. Nein, mit
einem solchen Menschen zusammenzutreffen, dafr bedankte sich ein jeder.
    Als Direktors ein kleines Nachtessen veranstalteten, zu welchem auf des
Statthalters steifen Willen auch Viktor geladen werden mute, kamen in letzter
Stunde Absagen ber Absagen, so da der grausam enttuschten Hauswirtin zuletzt
als einziger Gast der Unhold von Viktor nachblieb, den sie nun betrachtete wie
einen Knopf im leeren Kirchenbeutel. Bah! trstete er sich, nsser als na
kann ich doch nicht werden. Frau Direktor Wy aber nannte seither den Viktor
klipp und klar einen Greuel.
    Mit dem Viktor ists nicht mehr auszuhalten, lautete das allgemeine Urteil.
Der Viktor ist krank, antwortete die einstimmige Entschuldigung.
    Die Entschuldigung sprach richtig: der Stier stand quadrato, das Blut flo
ihm ber die Nase. Mein Gott, wie sehen Sie aus, schrie Frau Steinbach
entsetzt, als sie einmal um die Straenecke auf ihn prallte. Denselben Tag noch
erhielt er eine besonders dringliche Aufforderung, sie zu besuchen. Vergebens;
denn er scheute seine Freundin wie die leibhaftige Vernunft.

                         Viktor im Zweikampf mit Pseuda


Nsser als na kann ich nicht werden, hatte er gemeint. Irrtum! Der Hauptgu
kam erst. Es begab sich nmlich eines Tages, da Frau Direktor Wy in seiner
Gegenwart gegen die Galanterie eiferte (Galanterie, das war auch so ein Uhu fr
die Idealia). Hm, hm! lchelte Viktor, Sie wrden nicht bel erbosen, Frau
Direktor, wenn Ihnen ein Mann tatschlich die Galanterie verweigerte. Und da
sie diesen Satz hochfahrend bestritt, beteuernd, weder verlange noch wnsche sie
Galanterie, vielmehr wre sie dankbar, wenn man sie damit verschone, reizte ihn
der Geist der Wahrheit, da er beschlo, ihr eine Lehre zu erteilen. Zu diesem
Zwecke stellte er sich nachher beim Abschied im Vorzimmer auffllig vor sie hin,
mit auf dem Rcken verschrnkten Armen, und lie sie ihre Pelzjacke allein vom
Haken nehmen und anziehen. Die rmel waren zu eng, so da es ein mhseliges
Freiturnen absetzte. Ergtzt spotteten seine Blicke: Merkst du jetzt, Maidlein,
wozu die Galanterie ntze ist? Doch siehe da, nicht mglich, sie merkte nichts;
Widerlegung durch Rebus, Rckbeziehung einer Handlung auf frhere Reden, diesen
Belehrungsstil verstand sie nicht; offenbar war ihr noch nie dergleichen
vorgekommen. Dagegen sprte sie natrlich gar wohl die Absichtlichkeit seiner
Hilfeversagung, weil er es ja auffllig tat und weil er berdies als
berfrmlicher Zeremonienmeister in Verruf stand. Folglich mute sie seine
Unterlassung als bswillige Beleidigung auslegen. Der Blick, den sie ihm zuwarf!
kein Auge mehr, blo ein weier Gallert, mit einem Tintenfleck darin. - Was tun?
Sie aufklren? Unntz, sie glaubte es ihm doch nicht. Sich entschuldigen? Ein
weibliches Wesen nimmt niemals eine Entschuldigung an. Legen wirs zum brigen;
ist es doch nicht die erste Ungerechtigkeit, die du erleidest. Und wer wei,
vielleicht ist es auch nicht so schlimm, wie es aussieht.
    Es war jedoch so schlimm, wie es aussah. Wo und wann sie ihn fortan
erblickte, entfuhr ihr ein Naturlaut des Hasses, etwas wie das Fauchen eines
jungen Panthers: Rha! Cha!, und mit schlankem Schwung drehte sie ihm den
Rcken.
    Das erste- und zweitemal nahm ers berlegen, fand sogar Freiheit genug, um
seine Blicke an dem gelenkigen Rckenschwung zu weiden. Allein beim drittenmal
fuhr ihm jhlings der rote Kasper in die Nase: Ach du einfltiges Affengesicht
in deinem Thusneldahschen! schrie es in ihm, wenn ich wollte! wenn ich dich
nicht schonte! Was gilts, ich mchte handkehrum dein kindisches Rha! Cha! in ein
schmachtendes Gugurr umwandeln. Jetzt mssen Sie mich selber verachten
(Seufzer), Wie kann ich fortan meinem Mann und meinem Kinde (Trnen), Aber wirst
du mir auch immer (Umarmung), und so weiter der ganze bliche Trallala. - Doch
halt! Hand davon! ob dus schon verdient httest mit deinem albernen Getu.
Ehebruch in Ehren; aber es mu wenigstens ein gesunder, gerader Ehebruch sein,
Liebe um Liebe oder Lust fr Lust; dagegen eine Frau hinterlistig mittels Kunst
und Berechnung zu berrumpeln, eine unschuldige Familie aus gemeiner gekrnkter
Manneseitelkeit zu vernichten - denn die geht ins Wasser, wenn sie gefehlt hat,
daran ist gar kein Zweifel - holla! so etwas tu ich nicht. Erstens, weil ichs
nicht tue, zweitens, weil ich fr meinen Lebensberuf eine saubere Seele ntig
habe. Und dann ihr Mann, der mein Freund ist! Darum nein und nein und nochmals
nein! Lauf hin und sag Dank, Beb! Aber wenn du mich hassen willst, so tu es
auch recht; was gilts, ich will dich mich hassen lehren, da du vor Wut die
Wnde hinaufspringst. Ich aber werde gelassen einen Rettich dazu verspeisen. Je
grndlicher du mich hassest, desto inniger solls mich freuen. Das glaubst du
nicht? Getrost! ich werde dirs sogleich beweisen.
    Und begann sie - zwar immer in den Grenzen des Erlaubten, aber hart an der
Grenze - aus Leibeskrften zu reizen und zu rgern, zu welchem Zwecke er sich
ihr rcksichtslos aufdrngte, schonungslos an ihrer Seite klebend. Je nach Laune
bediente er sie mit Spott oder mit Hohn, auf geradem Wege oder auf Umwegen.
    War seine Stimmung im Zeichen des Hohnes, so lie er schauerliche Sprche
vom Stapel, welche ihre heiligsten Gefhle rundum drehten. Ob ihr nicht schon
aufgefallen wre, da bei den Frauen oft eine erstaunliche Gemtsroheit zutage
trete? Ob sie nicht auch schon beobachtet habe, da man nirgends einen
erschrecklicheren Mangel an Gemt und Herz finde als bei den Musikbolden? Oder
er bewunderte den treffsicheren Instinkt des Frauenherzens, welches mit wahrhaft
genialer Unfehlbarkeit unter hundert Mnnern den grten Esel herausfinde, um
sich in ihn zu verlieben. Oder befrwortete den Ehebruch als ein
Erziehungsmittel fr den Ehemann, damit er sich gegen seine Frau artiger
betrage. Oder beklagte sein erbarmungswrdiges Schicksal, in diesem elenden
Neste zur Sittlichkeit verdammt zu sein. Und warum man denn ihn und
seinesgleichen Wstlinge nenne, man mte ihn vielmehr einen Schnling nennen,
da er doch von der Schnheit des Frauenkrpers angezogen werde. berhaupt, was
das fr ein verlogenes pharisisches Gekeif gegen die Lsternheit sei: Wenn ich
eine Frau unappetitlich finde, nicht wahr, so fhlt sie sich dadurch beleidigt;
folglich, wenn mich der Appetit nach ihr lstert, erweise ich ihr damit eine
Huldigung, das ist doch klar. Gelt, das schmeckt dir, wie wenn du eine
Blindschleiche verschlucken mtest? Wohl bekomms, darum la uns fortfahren.
Was ich nie habe begreifen knnen, ist das, da ein Seeruber mit einer
geraubten Jungfrau Umstnde macht. Sie kann ihn ja doch nur mit dem Gesicht
gehssig ansehen, nicht mit den Beinen; das Gesicht aber ist in solchen Fllen
Nebensache. Noch mehr in diesem Stil gefllig? nein? nun, darum also weiter.
Jeder Mann begehrt jeden Augenblick jede schne Frau; wenn einer das
abstreitet, so ist er entweder kein Mann, oder er lgt.
    Sie mochte ihm nicht die Ehre antun, mit ihm zu streiten; nur ihre Blicke
verkndeten ihm: Falls Sie etwa, mein Herr, das Unglck haben sollten, unter
einen Eisenbahnwagen zu geraten, so wrde ich das zwar aufrichtig bedauern, aber
keineswegs beklagen.
    Worauf sein frecher Blick hhnisch erwiderte: Gndige Frau, falls Sie etwa
geruhen, platzen zu wollen, so, bitte, sagen Sie mirs voraus, damit ich mir ein
auserwhltes Stck sichere.
    War er gelinder gestimmt, so begngte er sich mit der Verletzung ihrer
berzeugungen und Schulstze, gegen ihren alpenrosenfarbigen Patriotismus, ihre
hirtenselige Volksbegeisterung und dergleichen zielend.
    Sie liebte auf Spaziergngen das Volkslied zu jauchzen: Am Morgen in der
Frhe, da melken wir die Khe. Ja, knnen Sie denn berhaupt melken, Frau
Direktor? fragte er in bewunderndem Tone. - Und als sie mit einem andern Liede
loreleite: Jedem sag ich einfach du, klatschte er eifrig Beifall. Es war
schon lange mein stiller Wunsch gewesen, da wir uns duzten. - Neben ihrem
Bruder war ihr besonderer Staat ein langbeiniger Vetter namens Ludwig, der
jahraus, jahrein ruhelos Gipfel strmte; diesen strmischen Ludwig nannte er
einen Duliehu. - Und berhaupt, warum denn seine lieben Landsleute sich so
gewaltig viel auf die Alpen einbildeten? Sie haben sie ja doch nicht gemacht;
htten sie sie machen mssen, so wren sie wahrscheinlich etwas flacher
ausgefallen. Ohnehin, ganz abgesehen von den Alpen, wrde die leblose Natur
gegenwrtig unendlich berschtzt; die kleinste Zehe einer schnen Frau wre vor
dem Antlitz Gottes wertvoller als der anspruchsvollste Gletscherklotz, und er
gestehe offen, in einem tadellos sitzenden Zylinderhut mehr Seele und Geist zu
entdecken als in einem Sonnenaufgang; denn einen Sonnenaufgang kann ein Mammut
begreifen; einen Zylinderhut dagegen blo ein Kulturmensch von feinem
Geschmack. - Oder er erteilte ihr unerbetene Ratschlge. Beklagte sie die
vandalische Zerstrung der heimischen Altertmer, so riet er: Kanonen auffahren
und den hlzernen Plunder zusammenschieen! Bedauerte sie das allmhliche
Verschwinden der Trachten und der Dialekte, so empfahl er, man solle Verbrecher
zur Strafe in die Volkstracht stecken und den Dialekt auf erblich belastete
Familien beschrnken.
    In solchen Stimmungen waren Namensumtaufungen sein Lieblingsvergngen. Ihre
gemeinsame stolze Vaterstadt nannte er Muhheim; die hiesige Politik eine
periodische Aufregung darber, ob man den Franz oder den Fritz whlen solle.
Statt eine Roheit sagte er: ein Patriotismus, statt eine Grobheit: eine
Germanitt; Taktlosigkeiten nannte er Dialektfehler der Seele!
    Zuweilen rgerte er sie auf weiten Umwegen mit scheinheiliger, unschuldiger
Miene. Zum Beispiel mittels Anekdoten und Denkwrdigkeiten, die er fr den guten
Zweck schlankweg erfand. - Kennen Sie, Frau Direktor, konnte er harmlos
anheben, die Anekdote von der Grfin Stepansky, Beethoven und dem Kapellmeister
Pfuschini?
    Ich will sie gar nicht kennen - schnurrte sie, eine Bosheit witternd.
    Da haben Sie unrecht, sehr unrecht, denn sie ist ebenso lehrreich wie
ergtzlich. Als die Grfin Stepansky, welche den Beethoven und den Pfuschini
gleichzeitig zu Tisch gehabt hatte, gefragt wurde, welchen von den beiden sie
fr den Bedeutenderen halte, den Beethoven oder den Pfuschini, zog sie ein
berlegen gescheites Gesicht: Das lt sich nicht vergleichen; jeder in seiner
Art; sie ergnzen einander.
    berhaupt die Musik und die Frauen! Wollen wir einen Versuch anstellen,
gndige Frau? Lassen Sie das genialste Musikmdchen im Konservatorium ausbilden,
halten Sie nachher jede mnnliche Anregung von ihr fern, und sehen Sie nach zehn
Jahren nach: sie hat den Flgel abgeschlossen und sich eine Katze angeschafft.
Den Flgel, weil sie keine Zeit hat, die Katze, weil sie nicht wei, was mit der
vielen Zeit anfangen.
    Und als sie wieder einmal im Gesprch den berwert des Weibes vor dem Manne
behauptete: Ich wrde Ihnen mit Vergngen beipflichten - sagte er, wenn nur
nicht die Frauen selber in unbeobachteten Augenblicken den Mehrwert des Mannes
predigten.
    ?
    Nun, freilich. Denn wenn einer Mutter nach sechs weiblichen Migeburten
endlich ein Bub gelungen ist, so erhebt sie ein Siegesgegacker, als htte sie
den Messias geboren. Und alles Weibliche auf eine Quadratmeile im Umkreis eilt
freiwillig herbei, um dem wundersamen bermdchen unterwrfig zu dienen. Der
Bube, der Bubi, der Bub! als wre ein Bube ein Weltwunder. Aus dem Messias wird
dann spter ein Kantonsrat, wenns hochkommt.

Mit alledem erreichte er in der Tat mhelos, was er erwartet hatte, nmlich
ihren tiefsten, grndlichsten, herzinnigsten Abscheu. Nicht mehr Rha! Cha!
rief sie bei seinem Anblick, sondern h! Uh! wie vor einem schmierigen Lurch.
Darber frohlockte er dann, als htte er wei was fr einen Sieg ber sie
errungen. Siehst du jetzt, lachte er in sich hinein, wie gleichgltig dein
Urteil mir ist! Und belustigt zog er einen Vergleich: Von den Frschen
wolltest du sie erlsen, und nun bist du selber der Frosch.
    Viktor, jetzt fange ich an, selber zu glauben, du bist wirklich verrckt.
Ein Grund mehr, um verrckt zu tun, lachte er.
    Da hrte er eines Nachmittags, gerade wie er um eine Straenecke biegen
wollte, hinter sich mit lauter Stimme rufen: Lama! Und als er sich jhzornig
nach dem Rufer umdrehte, fuhr die Stimme fort: Du brauchst dich nicht
umzudrehen; ich bins, dein Verstand, der dich Lama nennt.
    Mit welchem Rechte nennst du mich Lama?
    Weil du mit Teufels Gewalt auf das Gegenteil von dem arbeitest, was du
bezweckst.
    Ich bezwecke ja gar nichts.
    Doch, du bezweckst etwas, und ich will dir sagen, was. Du hast im geheimen,
ohne da du dirs selber gestehst, den Plan, das unerfahrene Dmchen dermaen
konfus zu rgern, da sie den Orient verliere und dir eines Tages vor lauter
Horniszorn unversehens an den Hals fliege wie eine gewittertolle Bremse.
    Und gesetzt der Fall, wre denn die Berechnung gar so falsch? Es hat sich
schon oft Weibesha urpltzlich in Liebe verwandelt.
    Romani Romana, erwiderte der Verstand, doch mach, was du willst, ich bin
nicht deine Gouvernante!
    Viktor aber stutzte, von Zweifel berhrt. Unsicher und verwirrt kehrte er
nach Hause. Und wie er mit umsichtigem Geiste seine Stellung prfte, erschrak
er, von Schwindel ergriffen: er war auf einem falschen Wege; er hatte sich
verstiegen. Nicht zu bestreiten, der Verstand hatte recht, Pseudas Ha war nicht
von jener Art, die sich in Liebe verwandelt. Eine bse Entdeckung. Vorwrts
konnte er nun lnger nicht; denn nachdem ihm die geheime Hoffnung auf einen
pltzlichen Umschlag geraubt war, hatte es keinen Sinn mehr, Pseudas Ha zu
verstrken, das hiee ja nur, den Entfernungswinkel zwischen ihm und ihr zu
vergrern. Ja, aber was dann? Umkehren bis zum Ursprung und ganz von vorn
anfangen? Sittiglich und snftiglich zunchst ihren Ha beschwichtigen, hernach
mhsam erst ihren Abscheu berwinden, hierauf die Abneigung heilen und dann
geduldig, Schritt fr Schritt, Stufe um Stufe um ihre gndige Gunst werben?
Warum nicht gar! fllt mir nicht ein! Da mte ich ja mein ganzes
Selbstbewutsein abdanken. Habe auch gar keine Zeit dazu. So weit sind wir
brigens, Gott sei Dank, noch lange nicht! - Ja, aber wenn das nicht, was dann?
Er mochte noch so scharf rundum sphen, nirgends ein Ausweg. Pltzlich stampfte
er mit dem Fue: Wer verpflichtet mich denn, mich um sie zu kmmern? Mag sie
bekehrt oder unbekehrt sein, im Sumpf oder im Tmpel waten, wenn sie will, was
geht das mich an? Ich hin doch nicht ihr Beichtvater und Seelsorger. Oder meint
sie etwa, ich gbe Privatstunden in Psychologie? Viel zuviel Ehre, die ich ihr
antat, sie zu rgern. Aber ehe ich mich jemals wieder um sie bemhe, mte sie
mich erst angelegentlich darum bitten. Einstweilen fahr hin, ich kenne dich
nicht. Was ist das - Frau Direktor Wy? Lebt das im Wasser oder nistet es auf
den Bumen? Pickt es Krner oder frit es Insekten? Gndige Frau, haben Sie
jemals einen Floh von einem Fingernagel springen sehen? Genau so springen Sie
hiemit aus meinem Gedchtnis. Eins - zwei - drei! geschehen; nichts mehr.
Pseuda, du bist nicht.
    Sprachs, drehte sich auf dem Absatz um und schlug ein Schnippchen. Oh, wie
war ihm jetzt leicht, seit er dieses schdliche Geschpf vergessen hatte! Ein
bser Zahn, den er los war! Was nun mit der jungen Freiheit beginnen? Tausend
kstliche Mglichkeiten winkten. Wie wre es zum Beispiel, wenn wir uns zur
Abwechslung einmal in jemand verliebten? Ein guter Einfall! denn seit
unvordenklichen Zeiten hatte er diesen kleinen Sirup nicht mehr gekostet; das
ist doch unnatrlich! Und zwar womglich in ein ganz untergeordnetes,
ungebildetes Geschpf, damit, wenn sies erfhrt (und in diesem Klatschnest
erfhrt sies sicher), es sie rgert und demtigt. Also zum Beispiel in eine
Kellnerin. Zu diesem Zwecke begab er sich, seinen Widerwillen gegen den Alkohol
und dessen Huldinnen berwindend, ins nchste Wirtshaus. Pamela hie sie, die
ihn bediente. Die ntigte er neben seinen Platz und kandierte sie mit
Redezucker, indem er nach bewhrter Regel die Teile ihres Gesichtes einzeln
einmachte. Eine Weile hrte die Pamela schmunzelnd zu, sich behaglich schmiegend
wie eine Schnecke unterm lauen Mairegen. Bis sie unversehens rauchend und
zischend hinter den Ksekatheder schnurrte, wie eine Katze, der man auf den
Schwanz getreten hat. Dummkopf, alter, ungebildeter! keifte ihr Gru. Ach so,
er hatte ihre Perlenzhne gepriesen, und sie besa gar keine Zhne mehr. Er
hatte es nmlich nicht einmal ber sich vermocht, sie nur anzusehen.
    Am drittfolgenden Tage eilte ihm Frau Direktor Wy freundschaftsstrahlend
ber die Strae entgegen. Ei sieh, welch eine pltzliche Verwandlung! Was soll
das bedeuten? Man darf, scheints, Glck wnschen! heuchelte sie, auf wann die
Hochzeit mit der Pamela?
    Ach, du Verschmitzte! - so hatte ers nicht gemeint.
    Nein, mit der Liebe ging es nicht. Wie er gleich bei seiner Ankunft richtig
geahnt hatte: auf diesem Kalkboden wchst keine Liebe. Versuchen wirs mit der
Freundschaft. Ein gewisser Andreas Wixel, Archivar, war ihm hiefr besonders
empfohlen, deshalb, weil ihn Frau Direktor Wy nicht ausstehen konnte; einen
scheuledernen Andreas pflegte sie ihn zu nennen. Fr diesen Andreas versprte er
jetzt, unbekannterweise, pltzlich eine strmische Zrtlichkeit, eilte, ihn
aufzusuchen, und freundete sich ihm an, ganz gerhrt von seinem scheuledernen
Anblick. Der Wixel wiederum war gerhrt von Viktors jher Freundschaft, und um
den Freundschaftsbund einzuweihen, verabredeten die beiden auf nchsten
Sonntagnachmittag einen Ausflug auf die Guggisweid. Von dort stierten sie dann
den unendlichen, schauerlichen Sonntagnachmittag auf die Stadt hinunter,
zwischen einem kegelnden Turnverein und einer weinerlichen Blechmusik; Viktor
stockstumm, die Blicke auf die Mnstergasse geheftet, der Wixel querkpfiges
Zeug ber den Unterschied von Goethe und Schiller von sich gebend, in
unerbittlichem Klavadatsch, da es einen zum Erbrechen htte erbarmen mgen. Es
half nichts, Pseuda mochte sagen, was sie wollte, er war wirklich ein
scheulederner Andreas, der Wixel.
    Mit der Mnnerfreundschaft also war es auch nichts. Dann etwas anderes.
Theater? Puh! was fr ein Theater in dieser Stadt! berhaupt liebte er nicht das
Theater. Vielleicht ein Konzert? Gut; versuchen wirs mit einem Konzerte. Aber, o
weh, da sa sie in der zweitvordersten Reihe, und mit einem Male tnten alle
Instrumente falsch. Auch Besuche wurden ihm verleidet, dadurch, da man ihm
berall von einer gewissen sogenannten Frau Direktor Wy sprach. Wissen Sie
nichts Neues von Frau Direktor? Wann haben Sie sie das letztemal gesehen? und
hnliches. Dann suchte er mhsam an der Zimmerdecke in seiner Erinnerung: Frau
Direktor Wy? Wo habe ich doch diesen Namen schon einmal gehrt? Sogar auf der
Strae wurde er angeredet, damit er Nachricht ber das Befinden einer Frau
Direktor Wy erteile, die ja doch gar nicht vorhanden war. Nein, er wute zwar,
da es aufdringliche Weiber gibt, allein eine so unverschmt klebrige, harzige
Klette wie diese sogenannte Frau Direktor Wy htte er doch nicht fr mglich
gehalten. O, diese Kleinstadt, wo man bestndig ber die nmlichen Menschen,
oder wenn nicht ber die Menschen, doch ber ihre Namen stolpert! Wohin vor
dieser unseligen, unvermeidlichen Direktorsgattin sich retten? Man mte hinaus,
weit hinaus aufs Land flchten knnen, wo keine Ziege von ihr wei.
    Nun, warum denn nicht? Wozu ist denn die Eisenbahn da? Er erinnerte sich,
einmal aus ihrem Munde den Ausruf vernommen zu haben: Merkwrdig, ich bin in
meinem ganzen Leben noch gar nie in Lengendorf gewesen. Dieses Lengendorf war
demnach erinnerungsrein, pseudasauber. Also fuhr er mit der Eisenbahn nach
Lengendorf. Dort angekommen, gestattete er sich, um das Bewutsein ihres
Nichtvorhandenseins grndlich auszukosten, ein kleines, abgefeimtes
Lustspielchen: Kaum ausgestiegen, begab er sich zum Bahnhofsvorstand und bat ihn
mit der ausgesuchtesten Hflichkeit um die Geflligkeit einer Auskunfterteilung.
Er wre nmlich nach Lengendorf gekommen, um eine gewisse sogenannte Frau
Direktor Wy zu besuchen; ob er vielleicht die groe Liebenswrdigkeit haben
wrde, ihm den Weg nach ihrer Wohnung zu erklren. Der Stationsvorstand
erstaunte, schttelte den Kopf und rief den Kassier zu Hilfe; dieser den
Trmann, der Trmann den Knecht vom Hirschen und den Kutscher vom Storchen.
Smtlichen war der Name Frau Direktor Wy unbekannt. Der Polizeidiener, ferner
einige Herumstehende mischten sich in die Frage. In Lengendorf, lautete
einstimmig der bedauernde Bescheid, wohnt eine Frau Direktor Wy nicht; und
betrachteten den Viktor mit Beileidsmienen. Dieser aber frohlockte in seinem
Herzen: Siehst du jetzt, du anspruchsvolle, zudringliche Person, nicht einmal
das Dasein deiner Wenigkeit ist bei den Menschen bekannt; folglich, was dnkst
du dich so ber alle Maen wichtig? Diese saubern Lengendorfer, die von Frau
Direktor Wy nicht einmal den Namen kannten, taten ihms an; und mit
herzgewinnender Leutseligkeit, wie ein Frst, der inkognito abgestiegen ist,
bezauberte er alles Lebendige, was ihm ber den Weg lief, durch seine
Liebenswrdigkeit. Den ganzen Tag spielte er den Kaiser Joseph; brigens nicht
nur uerlich; nein, er hatte sie wirklich von Herzen lieb, diese guten,
wackern, hochachtbaren Lengendorfer, welche Frau Direktor Wy nicht einmal dem
Namen nach kannten. Und die entzckende Umgegend, wohin sie nie den Fu gesetzt!
Diese freundlichen Waldhgelhupter, nach welchen sie niemals einen Blick
geworfen! Man atmete ordentlich auf in dieser Luft! Sprt ihrs nicht selber? Und
pries das Lengendorfer Klima so berschwenglich, da der Wirt zum Storchen, wo
er eingekehrt war, von fremdenindustriellen Hoffnungen beschwingt, ihm mit
flsternder Stimme Preisermigung antrug, fr den Fall, da ihm etwa knftigen
Sommer eine Luftkur in Lengendorf belieben sollte. Er hatte sogar keine kleine
Mhe, seine schuldige Gebhr fr das Mittagessen entrichten zu drfen. Wie er am
Abend schied, hatte er das ganze Dorf zu Freunden, vom Doktor und Pfarrer bis
zum Hausknecht und Hofhund. Gerhrt und glckselig fuhr er heim, denn selten
hatte er so ungetrbte Stunden verlebt. Entschieden, er hatte das Landvolk
bisher weit unterschtzt.

Noch ganz vertrumt dem idyllischen Tage nachsinnend, drngte er sich bei der
Heimkunft in die Stadt durch die Menschengruppen im Bahnhof. Pfui rger; da
stand sie selber, im Gesprch mit dem Professor Pfininger, und mit der Seligkeit
ber ihr Nichtvorhandensein war es vorbei.
    Jetzt, bitte, wo sind die Naturgesetze? und was sagt denn dazu die Logik?
Wenn sie nicht existiert, so kann ich sie doch unmglich sehen; und wenn ich sie
sehe, so mu sie doch existieren; sie existiert ja aber doch nicht, wie kann ich
sie dann sehen? Da soll ein Sophist klug daraus werden! - Ich wei nur noch ein
einziges Mittel: ich schliee mich in mein Zimmer ein; durchs Schlsselloch wird
sie schwerlich den Weg finden! Schlo die Tr, schob den Riegel vor, legte sich
aufs Sofa und drehte die Daumen. Nachdem er eine Weile so gelegen hatte,
erschien im Zimmer etwas wie ein Lichtnebel; der Nebel verdichtete sich mehr und
mehr, ein menschliches Antlitz leuchtete daraus hervor, immer deutlicher und
schner, und siehe da, es war ihr Antlitz. Jetzt, Pseuda, sprach er sanft,
aber ernst, jetzt rufe ich dein Billigkeits- und Gerechtigkeitsgefhl an. Gegen
deine Abneigung, deinen Ha will ich nichts einwenden; die Straen, die Stadt,
die gesamte Auenwelt berlasse ich dir; aber den Hausfrieden achte; auf meinem
Zimmer sollst du mich nicht heimsuchen.
    Aber!! aber!! Viktor!! belehrte ihn der Verstand, sie ist ja doch nicht
selber da, sondern einzig Schwester Anastasia Phantastasia gaukelt dir etwas
vor.
    Die knnte auch etwas Gescheiteres gaukeln! meinte er rgerlich.
    Ich gaukle, was ich will, maulte die Phantasie, der Pseudakopf gefllt
mir nun einmal; wenn du anderer Ansicht bist, so brauchst du einfach nicht
hinzusehen, niemand zwingt dich dazu. Und blieb bei ihrem Spiel; so da Viktor
nun auf seinem Zimmer, mit seltenen Pausen, bestndig den Pseudakopf um sich
schweben hatte; namentlich des Abends, wenn Dmmerung das Zimmer fllte. Was war
da zu machen? Es scheint, er war nun einmal dazu verurteilt, immer und berall
diese eingebildete, aufdringliche Null vor Augen sehen zu mssen. Schlielich:
eine Strung ist noch lange kein Unheil; andere haben Mcken im Zimmer, er hatte
Pseuda; der ganze Witz besteht darin, sich nicht darber aufzuregen. Und fand
sich mit der Tatsache ihrer Allgegenwart in Weisheit ab.
    Pltzlich, wie eine Granate in ein Haus, schlug ihm die Nachricht zu Ohren,
sie wre krank. Das war abends gegen sieben Uhr; das Dienstmdchen hatte es
heimgebracht. Nachdem er sich von seiner ersten Bestrzung erholt, versprte er
eine wilde Aufregung und Verwirrung, als htte er einen Ameisenhaufen in sich
und er lge mitten darin. Wie sollte er sich nun zu dieser Tatsache stellen? Von
herzlicher Teilnahme konnte natrlich keine Rede sein; o, weit weg davon! Seine
boshafte Feindin! die Verrterin der Parusie! die Vergifterin Imagos! Anderseits
konnte er wieder nicht umhin, sie aufrichtig zu bedauern; denn sie war ja trotz
allem in diesem Augenblick ein leidendes Geschpf. Wo ist nun da die scharfe
Trennungslinie? und welches ist die genaue, richtige Mitte? Eine schwierige
Aufgabe fr das Gefhl, und noch dazu eine gefhrliche; denn wenn er Pseuda nur
ein wenig zuviel bedauerte, so she es ja danach aus, als ob sie seinem Herzen
nicht gleichgltig wre; wenn er sie aber zu wenig bedauerte, so stand er da als
ein gemtloser, hassenswrdiger Mensch. Diese Aufgabe war so schwierig, da er
sich bis Mitternacht den Kopf darber erhitzte, und um Mitternacht war er nicht
klger als am Anfang, im Gegenteil. Und wehe! eine schlimme Mglichkeit! wenn es
nun eine ernstliche Krankheit wre! wenn sie am Ende gar -! Doch nein, das wre
ja geradezu eine teuflische Bosheit vom Schicksal, ihn durch solche
niedertrchtige Kunststcke zwingen zu wollen, dieser Verrterin herzlich gut zu
sein. Und die andere Hlfte der Nacht verbrachte er in angstvollem Gebet an das
Schicksal, da sie gesund werden mge, damit er ihr nicht gut sein msse. Durch
diese heftige Gemtsarbeit war er dann am Morgen dermaen verstrt, da er
selber halb krank aus dem Bette stieg.
    Das Frhstck verschmhend, eilte er in die Mnstergasse. Statthalter, wie
geht es Ihrer Frau; hoffentlich nichts Schlimmes? rief er ihm schon vom
Hausflur angstvoll entgegen.
    Der Statthalter erstaunte; Warum? sie ist doch nicht krank; hchstens ein
wenig Zahnschmerzen. - Aber warum nennen Sie mich denn Statthalter?
    Nichts, nichts, jauchzte er und eilte erleichtert davon; das Schicksal
hatte also sein Gebet erhrt. Allein Zahnschmerzen, ob es schon nichts
Gefhrlicheres ist, das tut weh. Halt! etwas Hbsches, sehr Hbsches! Weit du
-, unbeschadet des Kriegszustandes, in welchem ich mich mit Pseuda befinde -,
zum Dank dafr, da sie mir nicht krank geworden ist, will ich ihr jetzt auch
etwas Artiges erwidern (man kann ja auch einen Krieg ritterlich fhren). Also
pa auf: whrend sie Schmerzen leidet - meinst du nicht? - will ich ebenfalls
Schmerzen leiden, und zwar genau an der nmlichen Stelle, also an den Zhnen.
Gelt, das ist fein? das ist hbsch? das ist eine hfliche Kriegfhrung? Ging hin
und klingelte beim Zahnarzt Effringer, dessen Wohnung er leider schon kannte. Er
solle ihm den und den Zahn ausziehen, begehrte er.
    Der Zahn ist ja ganz gesund! Sie meinen wahrscheinlich eher den faulen
Stockzahn daneben? Um den Kerl wre es allerdings nicht schade.
    Viktor kmpfte mit seinem Gewissen: Ist es auch anstndig, mit dem Schmerz
zugleich einen Nutzen zu verbinden? Schlielich entschied er sich doch lieber
fr den bsen Stockzahn als fr einen gesunden.
    Als dann der Effringer mit seinem Lachgas anrckte, meldete sich das
Gewissen zum zweiten Mal: Viktor, schme dich! warst gekommen, um Schmerzen mit
ihr zu leiden; und nun willst du Feiglings an den Schmerzen abmarkten.
    Wohl schmte sich Viktor. Allein in Anbetracht der unheimlichen Zange fand
er es doch fr zutrglicher, das trstliche Zeug, das er zwar nicht verlangt
hatte, nicht abzulehnen, als es freiwillig ankam. Um indessen sein Gewissen
einigermaen zu vershnen, lie er sich gleich noch einen zweiten Stockzahn
ziehen, ebenfalls einen wurmstichigen, und wieder mit Lachgas.
    Nachher auf dem Heimwege kam er nicht mit sich ins reine, ob er nun
eigentlich etwas Ansehnliches geleistet habe oder nicht. Auf der einen Seite ist
es doch nichts Alltgliches, sich zwei Zhne ziehen zu lassen, nur weil ein
anderer Mensch Zahnschmerzen hat, andererseits sind zwei faule Zhne gerade kein
so fleckenloses Opfer, und Schmerzen mit einem schmerzstillenden Mittel zu
dulden, fr dieses Martyrium htte ihn schwerlich ein Papst heilig gesprochen.
    Allein er fhlte sich pltzlich ein wenig angegriffen und schwach; so da er
sich gerne irgendwo hingesetzt htte. Als Privatmensch aber, der niemals
Wirtshuser besuchte, verfiel er nicht auf diese nchstliegende Auskunft,
sondern wute im Augenblick keinen anderen Rat, als trotz der ungebruchlichen
Stunde (- es war ein wenig mehr als neun Uhr) die Gastlichkeit eines Bekannten
in Anspruch zu nehmen. Frau Doktor Richard wohnte am Wege. Sie mchte gtigst
entschuldigen, er fhle sich nicht ganz wohl. Eifrig besorgt machte sie sich um
ihn zu schaffen; ntigte ihn aufs Sofa, zwang ihm ein Glslein Malaga auf, das
ihm wirklich gut tat, und als er sich dankend entfernen wollte, berredete sie
ihn zu bleiben. Sie sind immer noch ein bichen bla; ich versichere Ihnen, Sie
stren mich nicht im mindesten. - Als er ungefhr ein halbes Stndchen so
dagesessen hatte, trat in Hut und Mantel ein lebhaftes, mutsprudelndes Frulein
herein. Dieses hbsche Frulein, sagte Frau Richard, mu Ihnen besonders
sympathisch vorkommen - abgesehen davon, da sie ohnehin jedermann sympathisch
vorkommt - oder nicht? -, ich meine besonders sympathisch, weil ihr Frau
Direktor Wy vor Zeiten einmal das Leben gerettet hat. Darauf vorstellend:
Frulein Marie Leona Planita, die beste Klavierspielerin unserer Stadt, und
zugleich, wie Sie bemerken, das reizendste Geschpflein, das jemals den Mnnern
den Kopf verdreht hat.
    Ja, ohne Frau Direktor Wy wre ich nicht hier, besttigte Frulein
Planita mit einem auflodernden Dankesfeuer im Blick, und ich machte nicht so
viele Dummheiten im Leben und Fehler in den Oktavengngen. Ja, lachte sie,
sie hat mich aus der Taufe gehoben.
    Frau Doktor Richard gab ihm mit zwei Worten Aufschlu: Es war in der
Schulzeit gewesen; beim Baden war die Marie Leona in eine Tiefe geraten, und die
schne Theuda (wie sie schon damals allgemein genannt wurde) hatte sie
herausgezogen.
    Nur so eins, zwei in den Kleidern ins Wasser gesprungen, als wre das die
natrlichste Sache der Welt, ergnzte Frulein Planita. Ich sehe noch ihren
Blick vor mir, wie er mich traf, als ich so mit den Hnden herumpatschte und
nicht schreien konnte, weil ich den Mund voll Wasser hatte. Ich hatte noch nicht
einmal Zeit, tot zu sein, so war ich schon wieder am Leben. Aber bel war mir
nachher! bel! das kann ich Ihnen sagen! - Ja, es gibt zwar viel Schnes in der
Musik, und ich bin gewi die erste, dies mit dankbarer Bewunderung anzuerkennen,
aber alle Musik zusammen reicht doch an Schnheit nicht an den einzigen Blick
heran, der mir zurief: Getrost, Marie Leona, ich helfe dir. Ein halb Dutzend
Mdchen badeten in meiner nchsten Nhe, sie htten blo die Hand auszustrecken
gebraucht; aber nicht eine von ihnen hat etwas gemerkt; sie htten mich alle
verzappeln lassen. - Und keins von uns beiden konnte schwimmen, weder ich noch
Theuda. Wie wir da nicht beide zusammen ertrunken sind, begreife ich heute noch
nicht.
    Bei dieser Erzhlung machte Viktors Herz ein Gesicht wie der Bauer, wenn ihm
ein Meteorstein vor den Pflug fllt. Wie bringt diese boshafte Frau Direktor Wy
es fertig, einer solchen edlen Aufopferung fhig zu sein? Oder versparte sie
vielleicht ihre ganze Bosheit nur fr ihn? Warum aber gerade denn fr ihn?
Hundert Gedanken pochten ungestm an seinem Geist um Einla. Allein er vermochte
gegenwrtig keinen Gedanken anzuhren; er mute nur immer dieses frische,
lebhafte Jngferlein ansehen, welches ohne Frau Direktor Wy im Grabe modern
wrde. Und als Frulein Planita sich erhob, bot er ihr sein Geleit an, um die
mit einem Wunder Behaftete noch lnger ansehen zu knnen. Darf ich Sie
heimbegleiten, Frulein Lazarus? fragte er.
    Sie lachte. Ja, Frulein Lazarus, so kann ich fglich heien.
    O, jetzt ist mir um unsern Viktor nicht mehr bange, scherzte Frau Richard,
denn wenn der ein hbsches Frulein heimbegleiten darf, ist er augenblicklich
genesen.

Nachdem sich Viktor von Frulein Lazarus verabschiedet hatte, fuhr er in seinen
Gedanken fort: Wenn ich am Ertrinken gewesen wre, mir htte sie nicht die Hand
gereicht! O nein! mit Steinen htte sie nach meinem Kopf geworfen! Doch halt!
wer kommt dort? Fast htte ich geglaubt - wahrhaftig sie ist es: die leibhaftige
Pseuda! Anscheinend ganz gesund und frhlich, nicht einmal die bewute
Unglckswatte um die Wangen. Jetzt, das ist merkwrdig, das gibt zu denken:
hatte vielleicht das Opfer seiner beiden Zhne ihre Peiniger besnftigt?
Eigentlich Wahnsinn; immerhin doch nicht ganz unmglich. Im Bewutsein seiner
verdienstlichen Opferhandlung schritt er ihr ein wenig zuversichtlicher entgegen
als sonst. Beinahe ein kleines Wrtlein des Dankes erwartete er. Siehe, da
gaffte sie ihn fremdsachlich an, als ob sie ihn nicht erkenne, drehte sich
abseits und betrachtete aufmerksam in gebckter Haltung, bis er vorber war,
einen Hut im Fenster einer Modenhandlung.
    Gut so! fahr weiter! jetzt grt sie mich nicht einmal mehr! das fehlte
eben noch! Und mit kniglicher Verachtung den Arm ausstreckend: Da hast dus,
so sind die Menschen! Whrend du dir ihretwegen die Nchte vergllst, den Schlaf
versagst, verweigert sie dir den Gru! Und so niedrig schien ihm ihr Verhalten,
da er es mit erhabener Gleichgltigkeit aus dem Sinn warf. Aber emprend war es
doch gewesen. Und die Emprung whlte nun nachtrglich seine Seele auf, mit
jedem Schritt heftiger, unter bittern Gedanken, so da es ihm schlielich
geradezu wehe tat, als ob man in seinem Zorn ein Messer umdrehte. Entschieden,
es war so: alles Bse ihm, das Gute den andern. Immerhin, wenn mans bedenkt: es
braucht doch eine bodenlose Schlechtigkeit dazu, mit Steinen nach einem
Ertrinkenden zu werfen! Und wrgte bestndig an dem bsen Brocken. Was aber
geradezu teuflisch war: sie hatte gerade heute uerlich noch viel schner
ausgesehen als je, seit er die Geschichte mit Frulein Lazarus wute.
    Pltzlich tauchte in dem Erinnerungsbilde ein fraglicher Punkt auf: Hat sie
nicht hinter den Augen heimlistig gelchelt, als sie dich so fremdsachlich
angaffte? ihr Blick schien mir verdchtig.
    Er kam den ganzen Tag nicht zu einer bestimmten Ansicht hierber. Aber als
ihm abends im dunkeln Zimmer wie gewhnlich wieder der Pseudakopf erschien, und
zwar noch leuchtender als sonst, siehe da, kein Zweifel mehr, jetzt sah er es
mit aller Deutlichkeit: sie lchelte heimlistig hinter dem Blicke.
    Darob wallte sein Zorn: Was soll dies Lcheln? rief er drohend, Lcheln
ist eine vieldeutige Sprache; ich fordere redliche Auskunft. Pseuda, ich befehle
dir, mir zu sagen, aus welchem Grunde du hinterlistig ber mich lchelst.
    Anstatt einer Antwort erschien jetzt mitten zwischen dem hinterlistigen
Lcheln ein spttischer Punkt, der sich mehr und mehr vergrerte.
    Darob entfuhr ihm ein Wutschrei: Weib, boshaftes! spotte nicht! Genug, da
du mich mit deinem giftigen Hasse verfolgst, tglich und stndlich hinter mir
her, ohne Ruhe und Unterla, mit Steinen nach mir werfend, wenn ich ertrinke,
aber spotte nicht, verstehst du, spotte nicht, das verbiete ich dir. Allein der
spttische Punkt blieb, als ob er nichts gesagt htte; und siehe, jetzt
erschien, von unsichtbarer Hand bewegt, ein triumphierendes Siegesfhnlein ber
dem leuchtenden Spottgesichte.
    Was triumphierst du? schrie er. Was fr einen Sieg hast du denn ber mich
errungen? Ich wte nicht, welchen! Also bitte, im Namen des guten Geschmackes,
tu mir den Gefallen, la das alberne Triumphtchlein unterwegen!
    Doch es war, als ob er nichts gesagt htte. Das Siegesfhnlein blieb, und
sieh die neue Bosheit: das Spottlcheln ihrer Augen versetzte sich abwrts um
die Mundwinkel, welche sich jetzt zu frechem hhnischen Grinsen verzerrten. Und
das Grinsen nahm mehr und mehr einen hllischen Ausdruck an. Schlielich wurde
aus dem Menschengesicht eine Teufelsfratze mit Hrnern und Schnabel, so eine Art
hllischer Spottvogel, der aber doch zugleich die schnen Zge Pseudas aufwies.
    Das war denn doch Viktors klarem Geiste zu viel. Hinweg, Phantom! rief er
und schlug nach dem Phantom. Da barst das Phantom entzwei und flchtete nach
allen Seiten. Aber langsam, langsam kehrten die einzelnen Teile zurck, aus der
einen Ecke das Siegesfhnlein, aus einer andern der teuflische Spottvogel mit
Hrnern und Schnabel und aus der dritten Pseudas schnes Menschenangesicht; und
smtliche Teile blieben fortan durch einen Zwischenraum getrennt. Statt eines
einzigen Phantoms hatte er nun drei. Da berfiel ihn bleiche Angst. Viktor, was
ist jetzt das? Bist du etwa wahnsinnig? Mit scharfem Geiste prfte er seine
Gesundheit. Was ist das Merkmal des Wahnsinns? Da man Phantome nicht fr
Phantasiegebilde erkennt, sondern mit der Wirklichkeit verwechselt. Tust du
das? Fllt mir nicht ein; ich wei gar wohl, da ich blo einen Phantasiespuk
vor mir habe, nur gelingt es mir eben nicht, mit dem Willen den Spuk zu
beseitigen, weil ich eben mit einer bermchtigen Phantasie behaftet bin.
    Dann gut, la die Phantasie spuken und kmmere dich nicht darum. Und
beruhigt legte er sich schlafen.
    Den nchsten Morgen, wie er im nachtschwarzen Zimmer die Augen ffnete und
bei allmhlich erwachendem Bewutsein durch den Gedankennebel die Erinnerung
sich zu regen anfing, gewahrte er den ganzen Spuk von neuem: das triumphierende
Fhnlein, den hhnisch grinsenden Teufelsvogel, die schne menschliche Pseuda.
    Ja, soll jetzt das so fortgehen? Es ging so fort. Sein gesamter
Lebensinhalt, Sekunde fr Sekunde ward jetzt der Kampf mit seiner Phantasie, die
Berichtigung des Phantoms, die bange Sorge, nicht etwa den Spuk mit der
Wirklichkeit zu verwechseln. Eine angestrengte, frchterliche Arbeit, die fr
keinen anderen Gedanken mehr Raum lie. Und das Verzweifeltste dabei: die Arbeit
war zugleich ntig und zugleich vergeblich; ntig, damit er dem Wahnsinn
entrinne, vergeblich, weil, was die eine Stunde mit unendlicher Mhe erstritten
hatte, die nchste Stunde wieder vernichtete. Als wre nichts gewesen; vom
Morgen bis zum Abend immer das hllische Trio ihn umschwebend, erbarmungslos,
ohne einen Atemzug Pause. Und statt zu schwinden, wuchs es ins Riesige, ins
Ungeheuerliche. In der Finsternis grinste es ihn aus den Zimmerecken an, am Tage
vom Fenster, von den Dchern, von den Hgeln, von berall.
    Wahnsinnig wurde er nicht, aber rasend. Es kam vor, da er wutschreiend
durch die Wlder rannte, da er einen Menschen, der friedlich mit ihm sprach,
pltzlich wild anfletschte, weil er das hllische Phantom zwischen sich und
jenem erblickte. Und in seinem Innern flutete unaufhrlich ein schwarzer Strom,
das Bewutsein umkreisend, mit roten Flecken darin, als ob aus einer Wunde
blutige Tinte qulle.
    Eines Abends unterlag er der Mdigkeit: Ich kann einfach nicht mehr, ich
wei nicht mehr aus und ein.
    Da war ihm, als ob er einen schnen Mann neben sich erblickte, der ihm die
Hand auf die Schulter legte. Viktor, sprach der schne Mann, sonst nichts.
    Viktor schaute den schnen Mann kummervoll an, darauf senkte er die Stirn,
die er mit den Hnden sttzte. Ich will gut sein, murmelte er schlielich,
das ist das einzige, was ich noch verstehe.
    Ja, sei du gut, trstete der schne Mann, alles brige, Wahnsinn oder
nicht Wahnsinn, ist ja schlielich Nebensache.
    Nach diesen Worten versiegte der schwarze Strom mit der blutigen Tinte aus
der Wunde. Die Gespenster dagegen beharrten nach wie vor.
    Das war an einem Donnerstag. Am Samstagmorgen gewahrte er sie leibhaftig auf
der Strae, etwa einen Steinwurf entfernt vor ihm einhergehend, durch andere
Leute von ihm getrennt. Ah, hab ich dich endlich! seufzte er auf und eilte ihr
im Laufschritt wolfsgierig nach. Und da er die Augen des schnen Mannes auf sich
gerichtet sah: Keine Besorgnis! weder ein scharfes Wort noch eine unziemliche
Bemerkung; nichts als dem tckischen Feind, der mich aus dem Unsichtbaren hetzt,
in die Augen sehen.
    Als er sie eingeholt hatte, erstarrte er, sprachlos vor Verblffung. Nichts
als das? Zusammengeschrumpft in klglicher Begrenzung, lcherlich klein, das
Ganze kaum ein Meter achtzig hoch, schritt sie einher; nichts von ihr auerhalb
ihrer Haut; keine Phantome um sie herum, keine Spiegelfechterei, keine
Ungeheuerlichkeit. Und der geschmacklose Hut, den sie aufhatte! Welch eine
erbrmliche Entpuppung!

Hiermit hatte er den Talisman gegen ihre teuflischen Gaukeleien gefunden. Er
brauchte sie nur krperlich vor sich zu haben, so war es mit ihren Zauberknsten
vorbei. Offenbar - mit Hinterlist ist ja meistens Feigheit gepaart - frchtete
sie sich vor ihm. Deshalb begab er sich nun so oft als mglich zu ihr heim und
bannte sie mit seinen drohenden Blicken, vor ihrem Gesichte lauernd wie die
Katze vor dem Mauseloche. Gelt, du getraust dich nicht? und weidete sich an
ihrer Ohnmacht. Eigentlich, es nahm ihn doch wunder, htte er gerne einmal
mitangesehen, wie sie den Gespensterspuk bewerkstellige; ein Frauenkopf
pltzlich in einen Vogelkopf verwandelt, das sieht man nicht alle Tage. Zu
diesem Zwecke, also um sie beim Gesichtertausch zu berraschen, blickte er sie
zuweilen, wenn sie es am wenigsten erwartete, blitzschnell an. Doch vergebens,
sie war geschwinder als er.
    Die Phantome aber, da sie sich entlarvt sahen und inne wurden, da sie ihren
Meister gefunden hatten, gaben das Spiel auf, erschienen noch ein paar seltene
Male, doch ohne berzeugung, nur um das Gesicht zu retten; endlich blieben sie
gnzlich aus.
    Das htte noch eine unabsehbare Weile so weiter gehen knnen.
    Da ereignete es sich eines Abends, im Beisein eines anderen Gastes, aber in
Abwesenheit des Statthalters, da sie dem andern, nachdem sie verschiedene
gleichgltige, unntze Lieder vorgetragen hatte, auch jenes Lied singen wollte,
das sie einst ihm, dem Viktor, in der Parusie gesungen hatte. Sie tat das ohne
Arg, da ja fr sie jenes Lied einfach ein Musikstck wie jedes andere bedeutete.
Er aber sprte vor der bevorstehenden Entweihung seines heiligsten Besitzes
einen wahnsinnigen Schmerz toben. Das Ewigkeitsgold der Parusie durch gemeine
bermalung besudeln! Das Grab Theudas, ihrer Schwester, meiner Braut, einem
Fremden vorzeigen! fhllos, lediglich zur Kurzweil, noch dazu in meiner
Gegenwart! Ist das nun Teufelsbosheit oder Vertiertheit? Ohnehin mit Wort und
Rede klglich beschlagen, verlor er in solchen Zustnden hchster Erregung die
Stimme. Stummen Entsetzens verfolgte er, wie sie das Notenheft, jenes nmliche
Heft von damals, nur mittlerweile ein wenig an den Rndern angegilbt,
hervorkramte und gleichgltig auf dem Klavierpult ausbreitete. Als sie sich
jedoch zum Singen zurckstellte, erzwang er, vorspringend, gewaltsam die
Sprache: Dieses Lied werden Sie nicht singen! verbot er. Er hatte flehentlich
darum anhalten wollen, allein Schmerz und Emprung verwandelten ihm unterwegs
vom Herzen zur Stimme die Bitte zum schroffen Befehl.
    Heftiger Unwille rtete ihre Stirn. Ich mchte denn doch wissen, trotzte
sie, wer sich erlaubt, mir verbieten zu wollen, jene Lieder zu singen, die ich
will.
    Ich, sthnte er.
    Jetzt erst, jetzt erst recht mochte sie das Lied singen; seinem anmalichen
Verbot zum Trotz. ffnete den Mund und sang wahrhaftig das Lied der Parusie;
wahrhaftig, sie sang es, erbarmungslos, eine unendliche Zeit, von der ersten
Note bis zur letzten. Und er mute dabeisitzen und es ber sich ergehen lassen.
Er fand die Kraft, an sich zu halten und sich nicht zu bewegen. Kaum aber hatte
sie geendet, so lud er seinen Blick mit leidenschaftlicher Beleidigung, stand
auf, trat vor sie hin und warf ihr aus den Augen ins Antlitz Verachtung.
    Halt da! drohte ihr Auge zurck. Entschlpft Ihnen jemals ein einziges
unehrerbietiges Wort -
    Nein, so konnte es nicht weiter gehen; es mute sich etwas entscheiden. Und
neugierig, obschon vergeblich, befragte er seine Ahnung, was.

                               Viktor ergibt sich


Dem unverhofften Frhschnee zum Gru - man war ja fast noch im Oktober - hatte
die Idealia eine Schlittenfahrt veranstaltet, und auf dem Rckweg wurde in einem
Waldwirtshaus eingekehrt. Als nach genossenem Tee Viktor gleich den brigen
seinen frhern Schlitten wieder aufsuchte, zeigte der Kutscher, der ihn zusammen
mit Pseuda und zwei andern Herren gefhrt hatte, mit der Geiel nach vorn: Eure
Frau sitzt jetzt im vordern Schlitten. Der hatte demnach, wer wei warum, mag
sein, weil sie sich bestndig zankten, Viktor und Pseuda fr Mann und Frau
gehalten.
    Warten Sie einen Augenblick, rief Viktor leidenschaftlich, und hastig
seine Brse ziehend, drckte er ihm ein Goldstck in die Hand.
    Der Kutscher spiegelte das Geld im Laternenschein. Das ist ja ein
Goldstck, machte er verwundert, fast vorwurfsvoll.
    Wei schon. Behalten Sies nur.
    Ja wofr denn?
    Weil Sie unter vielen Tausenden der einzige vernnftige Mensch in der Stadt
sind. Nach diesen Worten setzte er sich ein und sprach auf der ganzen Heimfahrt
kein Wort mehr. Kaum jedoch zu Hause angelangt, berief er seinen Verstand:
    Ich habe dich zwar in der letzten Zeit ein wenig stark vernachlssigt. Nimm
mirs, bitte, nicht bel und hilf mir.
    Ich nehme berhaupt nie etwas bel, erwiderte der Verstand. Womit kann
ich dienen?
    Das und das ist mir in der Aufregung entschlpft. Es kommt mir ein wenig
verdchtig vor. Sag mir offen, was bedeutet das? Und erzhlte ihm den Vorfall
mit dem Goldstck.
    Ja, willst du wirklich die Wahrheit hren?
    Jedenfalls die Wahrheit. Nur nicht sich selber anlgen, nur das nicht.
    Gut, so setz dich und hr zu. Aber rechne genau nach, ob ich nicht etwa
einen Fehler mache. Also, ich fange an: Indem du dem Manne ein Goldstck
schenktest, dafr, da er Pseuda fr deine Frau hielt, wolltest du ihn dafr
belohnen, nicht wahr?
    Selbstverstndlich.
    Und wenn du ihn dafr belohnen wolltest, so beweist das, da dir sein
Irrtum lieblich tnte.
    Vielleicht.
    Nicht vielleicht, ich verlange bestimmte Antwort. Ja oder nein?
    Nun denn, meinetwegen ja.
    Nicht meinetwegen ja, sondern bndig: ja oder nein?
    Ja.
    Gut, Ich fahre fort. Wenn aber schon die bloe irrtmliche Vorstellung
eines Dritten, noch dazu eines gleichgltigen, wildfremden Menschen, eines
Kutschers, Pseuda wre deine Frau, dir armen Schlucker ein Goldstck wert war,
so verrt das, da du namenlos selig sein wrdest, wenn Pseuda in Wahrheit deine
Frau wre. Und da jetzt Viktor mit einer Verwnschung aufsprang, tollwtig
gegen den Spruch lrmend, bemerkte der Verstand gelassen: Ja, wenn du nur das
hren willst, was du hren mchtest, so kauf dir einen Lakaien. Leb wohl, ich
gehe.
    Nein, bitte, bleib, es war nicht bse gemeint. Also, du hieltest es
wirklich fr mglich? Unsinn! Man kann doch nicht lieben, wenn man gering
schtzt.
    O lala! Nichts Gewhnlicheres als das! Lieben mssen, wen man
geringschtzt, ist das Tagblatt der mnnlichen Liebe. brigens ist es ja nicht
einmal wahr, da du sie geringschtzest; du mchtest es wohl, allein es gelingt
dir nicht. Und es kann dir nicht gelingen; deswegen, weil du sie im geheimen
bewunderst; und du mut sie bewundern, weil du weder verblendet noch unbillig
genug bist, um ihre bewundernswerten Eigenschaften nicht bemerkt zu haben. Doch
wozu das Gerede? Zeig mir in meiner Rechnung irgendeinen Fehler.
    Da ward Viktor zumute wie einem, der bei gesundem Befinden ein sonderbares
Pustelchen an der Unterlippe entdeckt, und ein teuflischer Gedanke raunt ihm zu:
Doch hoffentlich nicht etwa Krebs! Ach was, warum nicht gar? Und geht lieber
gleich zum Arzt, um sich von ihm tchtig auslachen zu lassen; der aber zieht ein
rtselhaftes Gesicht: Gut, da Sie rechtzeitig gekommen sind; jetzt ist die
geringfgige Operation noch eine lcherliche Kleinigkeit.
    Trbsinnig unternahm er einen verzweifelten Versuch, die Diagnose zu
entkrften. So etwas kommt doch nicht pltzlich; da mten doch noch andre
Zeichen von frher her da sein.
    Sind auch da, versetzte der Verstand. Zum Beispiel jenen Abend bei
Doktors, als du dich wie ein Dieb ins Speisezimmer zurckschlichst, um eine
Apfelsine aufzuessen, in welche sie gebissen hatte.
    Kindereien!
    Einverstanden. Allein eben das, da du ihretwegen Kindereien begehst,
bedeutet fr mich ein Zeichen. Oder bei Direktors, als du vor ihrem offenen
Schlafzimmer stille standest - erinnerst du dich? - und das Dienstmdchen dich
fragte: Sind Sie unwohl, da Sie so seufzen? darf ich Ihnen ein Glas Wasser
holen?
    Ja, habe ich denn berhaupt geseufzt? Ich wei von nichts.
    Glaub ich gerne; die Seufzer geschehen meistens unbewut; ich denke aber,
das Dienstmdchen wird es schwerlich erfunden haben. - Und wieder damals, als du
den Kaminfeger mit Pseuda angeredet hast und er dir antwortete: Das mu eine
Verwechslung sein; ich heie nicht Pseuda, sondern August Hrlimann.
    Beweist doch nichts als Zerstreutheit.
    Beweist, da du keines andern Gedankens mehr fhig bist als Pseuda. - Und
das Taschentuch, das du ihr stahlst und nachher heuchlerisch suchen halfst,
warum trgst du das ewig in der Tasche herum? Ich will wetten, du hast es sogar
in diesem Augenblick bei dir; gelt, du errtest? - Und dann die Rubergeschichte
mit den Zahnschmerzen! - Und berhaupt, warum ist dir denn so erbrmlich zumute?
Wo ist deine Frhlichkeit hingekommen? Warum machst du ein Gesicht wie ein Fisch
an der Angel, den man auf dem Trockenen herumzerrt? Warum zankst du dich mit
jedermann und polterst ber die ganze Welt wie ein rheumatischer Major? Das
kommt davon, da dir etwas fehlt. Was dir aber fehlt, lt sich mit einem
einzigen Worte nennen: Pseuda. So, jetzt hast du die Wahrheit, nach der du
gefragt hast.
    Nach dieser Unterredung blieb Viktor stundenlang sitzen, gedankenlos,
betubt von der niederschmetternden Entdeckung. Dann pltzlich ermannte er sich.
Der stolze Ritter soll kommen, befahl er in seine Seele hinein.
    Er erschien, waffenklirrend, ein Lwe hinter ihm. Hier bin ich; was steht
zu Befehl?
    Gefahr! Ein berlufer ist unter uns; ein Elender, der, Imagos heiligen
Dienst verratend, mit einer Unwrdigen liebugelt, einem gewhnlichen
Menschenweib. Halt scharfe Wacht, und den ersten, den du darber ertappst, da
er sich unterfngt, eine gewisse sogenannte Pseuda, alias Frau Direktor Wy,
anzuliebeln, den bring mir.
    Gehrt, gehorcht, rief der stolze Ritter und entstampfte klirrend mit dem
Lwen. Gleich darauf erschien der Lwe, ein ohnmchtiges Kaninchen in der
Schnauze. Da ist der Snder, knurrte er, warf das Kaninchen auf den Boden,
kehrte sich und ging.
    Dacht ichs doch, zrnte Viktor, natrlich wieder das Herz, das alberne
Kaninchen, das mir alles Unheil anrichtet. Und das Kaninchen an den Ohren
aufhebend, hielt er ihm eine Strafpredigt: Siehst du denn nicht ein, du
einfltiges, hirnloses Geschpf, da du dir selber eine Hlle heizest? Merk auf
und lerne die fnf Paragraphen der Narrenliebe; sie sind so einfach, da ein
Regenwurm sie begreifen wrde.
    Paragraph eins: Keine Frau auf der ganzen Welt ertrgt, da man sie zuerst
liebt; sondern sie mu dich zuerst lieben, deine Gegenliebe als eine unerhrte
Gnade ersehnend. Ich kann es nicht fassen, nicht glauben, nach dieser Melodie.
Sonst qult sie dich. Sie wollen nun einmal geqult sein, und wenn du sie nicht
qulst, so qult sie dich. Sie braucht deswegen keineswegs bse zu sein, sie
kann einfach nicht anders, es ist ein Naturgesetz. Weit du, was ein Naturgesetz
ist? Etwas, das man weder mit Hrnern noch Klauen ndern kann. Hast du das
begriffen? Antworte.
    Quiek, kreischte das Kaninchen.
    Ja, quiek. Es wre gescheiter, du ttest danach. Paragraph zwei: Das Herz
einer verheirateten Frau will von unten herauf erobert werden, durch den
Ehebruch. Den mag ich aber nicht; du auch nicht. Also, was folgt daraus?
Antworte.
    Quiek, lautete die Antwort.
    Dritter Paragraph: Wenn du ein weibliches Wesen httest heiraten knnen und
hast es unterlassen, einerlei aus welchem Grunde, und stamme er aus dem
siebenten Himmel, so verachtet sie dich zeitlebens. - Viertens: In dem Herzen
einer zufriedenen Gattin und glcklichen Mutter kannst du so naturunmglich
Liebe reizen wie in einem satten Magen Hunger. Sag quiek.
    Quiek.
    Fnftens: Wenn eine Dame dich nicht ausstehen kann -
    Quiek.
    Wart doch mit deinem albernen Quiek, bis ich den Satz zu Ende gesprochen
habe.
    Da war ihm das Kaninchen aus der Hand geschlpft und purzelte angstschreiend
davon. Ach du! rief er ihm nach. Aber nimm dich wohl in acht, denn wenn du
mir nur noch ein einziges Schmchterlein schnupperst -!
    Dem hab ichs gezeigt, lachte er vergngt, das Kaninchen wird knftig
nicht mucksen.
    Um jedoch vollstndig sicher zu sein, tat er ein briges und unternahm einen
Rundgang durch die Arche Noah seiner Seele, vom obersten Stock bis in die
Kellergewlbe des Unbewuten, nach allen Seiten Ermahnungen und Weisheit
austeilend. Das edle Getier fate er beim Selbstbewutsein, indem er ihm von
knftigem Ruhm und Triumphen erzhlte, im Gegensatz zu der klglichen Rolle, die
sie als unglcklicher Liebhaber einer Frau Direktor Wy spielen wrden. Das
Kleingetier dagegen kderte er mit Sigkeiten, sie an frhere Liebesgensse
erinnernd und ihnen noch weit kstlichere in Aussicht stellend, wenn sie sich
nur noch ein kleines Weilchen wohl verhielten; endlich zum guten Schlu lie er
den Lwen die Treppe hinunterbrllen. Seid ihr nun alle berzeugt?
    Wir sind berzeugt.
    Gut, so betragt euch auch danach und gebt gegenseitig aufeinander acht.

Durch diese Musterung gewann er Ruhe. Allein es war die Ruhe der gewaltsamen
Spannung, wo ber dem mhsam errungenen Gleichgewicht die Angst flattert. Wie
ein Riese, der mit gekrampftem Rcken ein Gewlbe sttzt, aber die Pein der
Anstrengung ist so gro, da er zweifelt, ob er nicht wnschen sollte, es mchte
lieber gleich ber ihm zusammenbrechen, damit die Not ein Ende nehme.
    Darauf, nach den ersten vierundzwanzig Stunden, infolge des Wechsels von Tag
und Nacht, von Mdigkeit und Erholung, gewhnte er sich ein wenig daran; der
Spannungsschmerz verdummte, die Not wurde ertrglicher, das betubte Bewutsein
der Gefahr unempfindlicher; nur noch ein grndliches Unbehagen meldete von
drohendem Unheil, etwa so, wie wenn sich einer fragt: Bekomm ich den Typhus,
oder ist es nur so ein Gefhl?
    Die nchsten drei Tage brachten denn auch nichts Besorgliches. Im Gegenteil,
er hatte mit dem Statthalter, der ihn unterwegs abfing und ins Bierhaus
schleppte, ganz sachlich und gelassen, als ginge es ihn nichts an, ber den
Unterschied der antiken Liebe von der neuzeitlichen, empfindsamen abhandeln
knnen und ber die Ursachen dieses Unterschiedes. Nein, wer das kann, ist nicht
liebeskrank. Und lchelnd erinnerte er sich, wie dem Statthalter im Eifer des
Gesprchs der Satz entschlpft war: Tatsache ist, das kann ich Ihnen zugeben,
da mit dem Besitz, also zum Beispiel mit der Ehe, die eigentliche, echte Liebe
in poetischem Sinn ein Ende nimmt. Ei! ei! Statthalter! schon mehr ein
kostverchterischer sofasatter Pascha! Freilich hatte der, sich besinnend,
ngstlich den unbedachten Spruch zurckzuholen versucht. Das heit,
wohlverstanden, verbesserte er sich, nur die unechte Liebe; die echte, wahre
Liebe im poetischen Sinn dagegen, die bleibt in der Ehe bestehen; im Gegenteil,
sie fngt mit der Ehe erst eigentlich an. Wie ihm das brigens jetzt merkwrdig
gleichgltig war, wie, was oder wen der Statthalter liebte oder nicht liebte!
Entschieden, der Verstand hatte ihn ganz ohne Grund und Ursache geschreckt. Nur
schade, da er bei diesem Anla dem Statthalter hatte versprechen mssen, am
Freitagabend zum Nachtessen zu kommen. Allein, wie man so in der Bedrngnis
Einladungen annimmt: zu drei Vierteln gentigt und zum letzten Viertel
gezwungen.
    In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag aber, ohne da etwas Besonderes
vorgefallen wre - er hatte tagsber gearbeitet und war dann nach dem Abendessen
ein wenig ausgegangen - verriet ihn ein Traum.
    Ihm trumte, Pseuda hpfe in seinem Schlafzimmer herum, das eine Bein im
Strumpf, das andere barfu. Wo ist denn mein Strumpf? rief sie rgerlich, so
hilf mir doch suchen, Faulpelz! Ah bah! weg mit! Der Johann soll den Jakob
holen. Setzte sich auf den Fuboden, zog den Strumpf aus und warf ihn in die
Hhe. Da flgelten beide Strmpfe wirblings unter der Decke wie eine Windmhle.
Dann war es eine Zeitlang verworren. Pltzlich stand sie neben seinem Bett, in
einem kurzen Kinderhemdchen. Platz da! Dilldapp! befahl sie, stie ihn gegen
die Wand und lag neben ihm. Verwundert, mit groen Augen fragte er: Ja, bist du
denn nicht mit dem Statthalter verheiratet? Ich? mit dem Statthalter? wie
kommst du auf diesen wunderlichen Einfall? Das wre mir eine saubere Geschichte!
da mte ich mich ja zu ihm ins Bett legen! h! uh! Da tat er aus tiefstem
Herzen einen Seufzer, wie ein auf dem Wege zum Schafott Begnadigter. So wre es
mglich? du wrest wirklich, wahrhaftig meine Frau und nicht dem Statthalter
seine? O Gott, ich wage es noch immer nicht recht zu glauben. Wenn es am Ende
blo ein Traum wre? Was hast du nur heute? schalt sie unwillig. Wenn es
blo ein Traum wre, so schliefe doch nicht unser Kind dort in der Wiege,
sondern dem Statthalter seins. Das ist doch klar! O Pseuda, Pseuda, wenn du
wtest, wie unsglich, wie namenlos unglcklich ich war, als mir trumte, du
wrest dem Statthalter seine Frau! Wie kann man aber auch so einfltig
trumen! schmlte sie, und noch so unanstndig dazu! pfui, schme dich! Und
stie ihn mit dem Bein und patschte ihm mit der Hand auf den Mund.
    Wie er dann aufwachte und, mit dem Finger die Tapete betastend, erfuhr, da
alles gerade umgekehrt war: er einsam im Bette liegend und Pseuda drben beim
Statthalter, wurde er inne, wie es um ihn stand; denn dieser Traum, das sprte
er an seiner Traurigkeit, war ihm nicht von ungefhr gekommen; den hatte seiner
Seele Sehnsucht gedichtet. Nicht mehr wegzutuschen: er war liebeskrank, und
zwar durch und durch, bis in die innersten Fasern. Und wen mute er lieben! - o
Schimpf der Demtigung! eine Frau, die er von oben herab zu behandeln pflegte,
eine ihm gleichgltige Fremde, namens Ix, eine Frau, die ihn hate. Er, der
Brutigam der hehren Imago. Jetzt konnte er an sich selber keine Freude mehr
haben; am liebsten htte er berhaupt nicht mehr leben mgen. Trbsinnig drehte
er den Kopf gegen die Wand und versuchte, Gefhl und Bewutsein zu verlernen.
Und so oft ein Gedanke ihn berhrte, drckte ihn die Schmach von neuem nieder,
als ob eine mit Bausteinen geladene Wolke auf ihm lastete. Schlielich mute er
halt doch leben; und da ihm seines Krpers Ungeduld Gesundheit meldete, blieb
ihm nichts brig, als ihn aus dem Bett zu heben und auf die Beine zu stellen.
Meinetwegen; es tut denselben Dienst, sich aufrecht zu schmen als liegend.
    Da sa er nun den langen Tag, mut- und willenlos, mit stumpfem Geist seiner
Erniedrigung nachstarrend. Pltzlich, gegen Abend, berfiel ihn eine garstige
Erinnerung: Freitag ist heute; und er, der dem Statthalter versprochen hatte,
Freitagabend zum Nachtessen zu kommen! Jetzt, in diesem Zustande, dorthin! zu
ihr! Verhater Gedanke. Allein sein Versprechen stupfte ihn unablssig mit der
Schnauze wie der Metzgerhund das Kalb; es half nichts, und so zwang er sich denn
zu Direktors.
    War das ein trostloser, von allen guten Geistern verlassener Abend! Er war
gar nicht erwartet worden, das merkte er gleich bei seinem Eintritt, er strte
blo.
    Er wieder, in seiner Grabesstimmung, wre lieber berall anders gewesen als
gerade hier. Das sprten ihrerseits die andern, was ebenfalls nicht zur
Erheiterung beitrug. Zu allem mute er ihnen obendrein noch das Musikspiel
verleiden; eigentlich ganz gegen seinen Willen, denn er war heute nichts weniger
als angriffslustig; allein jetzt in seiner Schwermut irgend etwas
Aufdringliches, was irgend jemand belieben wrde, ber sich ergehen zu lassen,
nein, dazu fehlte ihm die Kraft.
    Wie er dann freilich Pseuda trostlos vor sich hin starren sah, ihrem
zerstrten Musikabend nachsinnend, so trostlos, da sie sogar verga, ihm
deswegen zu zrnen, tat ihm der Anblick weh; tief schnitt ihn das Mitleid.
Weit du, arme Pseuda, gelobte er sich im stillen, ich spare dirs auf; aber
heute, nicht wahr, das begreifst du, mut du mirs verzeihen; denn ich bin
wirklich zu traurig.
    Vorzeitig trennte man sich, enttuscht und bel zufrieden.
    Viktor hatte seinen Regenschirm vergessen und kehrte zurck, um ihn zu
holen. Warten Sie, mahnte das Dienstmdchen, nachdem es den Schirm behndigt
hatte, das Gas ist bereits ausgedreht; ich komme gleich mit dem Licht.
Unntig, wehrte er ab und war auch schon im Hausflur angelangt. Da warnte ihn
von oben Pseudas Stimme: Geben Sie acht; vor der Haustr kommen noch drei
Stufen.
    Die Warnung traf ihn, als blitzte am Himmel ein Fenster auf und ein
Sonnenstrahl flge in sein Herz, mit tausend lachenden Engeln besetzt, die
gleichzeitig links und rechts absprangen. Wie! ihn, den sie hate, und zwar mit
vollem Rechte, ihn, der sie unaufhrlich belstigte, reizte, verfolgte, ihn, der
ihr soeben noch ihren armen gastlichen Abend schnde verdorben hatte, ihn warnte
sie, damit ihm kein Leid zustoe! O Adel der Gromut, o unermeliche
Herzensgte! Und du blinder, blder Tropf, du hast es vermocht, dieses hohe Weib
gering zu achten. Wenn denn hier einer verchtlich ist, wer ist es, du oder sie?
Du bist es, Elender, denn du bist boshaft, sie aber ist gut. Geben Sie acht,
hast du gehrt? Das hat sie dir gesagt, dir, mit ihrer Stimme. Wie Harfenpsalm
und Glockenchor lutete der Spruch in seinem Herzen; trunken vor Bewunderung
strzte er von dannen, fieberisch, in taumelndem Lauf.
    Daheim, vor der Haustr, kehrte er sich um, nach der Richtung ihrer Wohnung
und breitete die Arme aus: Imago, rief er ihren Namen. Nein, mehr als Imago,
denn deine Hoheit ist mit dem Pathos der Leiblichkeit geadelt. Theuda und Imago
vereint in einer einzigen Person. Dann, in sein Zimmer strmend, versammelte er
alle Vlker seiner Seele. Kinder! eine kstliche Nachricht. Ihr drft sie
lieben; lieben ohne Bedingung noch Vorbehalt, ohne Ma und ohne Schranken, je
strker, je inniger, desto besser. Denn sie ist edel, und sie ist gut.
    Ein tosender Freudenjubel jauchzte der Erlaubnis Dank; die ganze Arche Noah
umtanzte ihn. Und immer neue Scharen, von deren Dasein er gar nichts gewut
hatte, jauchzten aus dem Hintergrunde herbei; Fackeln schwangen sie in den
Hnden, und Krnze trugen sie auf dem Scheitel. Lchelnd schaute er dem Feste
zu, selber selig ob seiner Erlaubnis; gleich einem Knig, der nach jahrelangem,
heftigem Widerstreben endlich eine Verfassung gewhrt hat und den des Volkes
ungeahnter Dank berwltigt. Da wallte durch die Menge wrdigen Schrittes eine
Gesandtschaft, angefhrt von dem stolzen Ritter im weien Friedensgewande, den
Lwen an der Leine. Gestatten Eure Majestt, Sie im Namen des gesamten
Ritterstandes zu der gndigen Gewhrung zu beglckwnschen; wir haben diese
Lsung von jeher fr notwendig und billig erachtet.
    Ja, warum hast du mir denn das nicht vorher gesagt?
    Wie sollte ich mich erdreisten, Euer Majestt strengem Befehl zu
widersprechen?
    Also die stolze Ritterschaft hatte gegen seine Liebe auch nichts
einzuwenden? Nun stand er gnzlich sicher und fest, und sein Mut genas frei und
froh. O Heil der Erlsung: lieben zu drfen, wen man lieben mu.

                                  Der Bekehrte


Mit dem Augenblicke, da sich ihm Pseuda in Imago verwandelte, mute sie ihm in
gttlichem Lichte erscheinen. Denn Imago war ja ein bersinnlich Wesen
symbolischer Abkunft: die erlauchte Tochter seiner Strengen Frau, die heilige
Sngerin der weihevollsten Stunde seines Lebens. Viktors Liebe wurde als
Religion geboren. Und, o Wunder! seine Gottheit wohnte in seiner Nhe, sichtbar
und erreichbar.
    Freilich schmhte bbisches Gelchter seinen Glauben. Wahnwitz! Albernheit!
Schande! Die gewhnliche Frau Direktor Wy, die Ehrenprsidentin der Idealia,
urpltzlich in gttlicher Beleuchtung! Lauf zum Arzte, Viktor! Bestell dir
rechtzeitig ein Bett in der Irrenanstalt! Und tausend Erfahrungen erhoben wider
ihn ein ohrbetubendes Geschrei: Halt! Obacht! warte! wir bringen unumstliche
Beweise! Allein hat sich jemals ein Glubiger durch das Geschrei der Beweise
irre machen lassen? Geben Sie acht, vor der Haustr kommen noch drei Stufen,
jauchzte sein Herz, und eine Springflut inbrnstiger Liebesandacht schwemmte all
den Pbel aus dem Bewutsein: Erfahrungen, Zweifel, Bedenken und Beweise, die
ganze hmische Rotte. Jeder Einspruch mit Hallo von dannen gejagt wie ein Hund
aus der Kirche.
    
    Ihre Nhe! Berge und Wlder, der ganze Horizont rundum verklrt durch ihren
Blick; alle Straen und Wege dieser Stadt geheiligt durch ihren Wandel, die
Umgebung durch die Mglichkeit ihres Wandels. Sein Daseinsgefhl schwebte auf
Wolken; jeder Atemzug schlrfte Offenbarungsodem; es keimte und blhte um ihn,
sein Auge vernahm farbige Arabesken, sein Ohr Orgelrauschen; das kleinste uere
Vorkommnis, der Hammer eines Schmiedes, der Ruf eines Kindes, eine Krhe auf dem
Zaun wirkte wie ein kosmisches Gedicht. So reich bevlkerte ihn die Andacht
ihrer Nhe, die Vorstellung ihres sichtbaren Vorhandenseins, da er gar nicht
einmal das Bedrfnis versprte, sie zu sehen; im Gegenteil: er zog vor, sie aus
dem Hinterhalt anzubeten, nahe, aber um die Ecke.
    Doch ein unleidlicher Gedanke durchquerte seine Andacht: ihr Urteil
verdammte ihn nach wie vor, indem sie ja von seiner Bekehrung nichts ahnen
konnte. Diesen Gedanken ertrug er lnger nicht. Zwar der krperlichen Frau
Direktor Wy seine Bekehrung mndlich oder brieflich mitzuteilen - niemals!
sonst htte er ihr ja zugleich seine Liebe gestehen mssen; dazu aber war er
viel zu stolz; auch zu klug; denn da sie ihn doch nicht liebte - oh, nichts
weniger als liebte! - htte ihn ein Liebesgestndnis in die klgliche Rolle
eines schmachtenden Liebhabers hinuntergedrckt; er aber wollte zwar ihr
andchtiger Gottesdiener, nicht jedoch ihr bemitleideten Liebhaber sein.
Glcklicherweise hatte er den Umweg der gemeinen Mitteilung auch nicht ntig; er
wute eine bessere, sowohl geradere als wrdigere Verbindung zu ihr: den Weg der
Vision von Seele zu Seele.
    Also befahl er jetzt seiner Seele: Gehe hin zu Theudas Seele, die da ist
Imago, und melde ihr: Der Nichtswrdige, mit Blindheit schmhlich Geschlagene,
welcher dich befeindete und verfolgte, ist tot; ein Neuer steht vor dir, ein
Bekehrter, welcher, demtig deine Hoheit und Gte bekennend, dich Imago grt
und dein Schnheitsantlitz als Symbol der Gottheit andchtig verehrt. Melde ihr
das, und bring mir ihren Bescheid.
    Der Bescheid kam: Ich traf ihre Seele ans Fenster gelehnt, in die Klarheit
des gestirnten Himmels emporbetend. Zurckschauend erteilte sie mir die strenge
Antwort: Ich bin ein Weib, Zucht ist mein Stolz, Reinheit meine Ehre. Hinweg,
Ruchloser, der du alle Zeit das Weib mit frechem Spott verunglimpfst; eh da ich
an deine Bekehrung glaube, tue Bue und bekenne den Wert des zchtigen Weibes.
    Auf diesen Bescheid schickte er abermals seine Seele zu ihr: Die Bue, die
du von mir forderst, ist volltan; denn ich sah in deine Augen: sie straften
mich; ich schaute die Hoheit deiner Stirn: sie verdammte mich. Vernimm mein
Bekenntnis: Ein Tempel tat sich auf, eine knigliche Priesterin trat hervor,
hinter ihr die Frauen der Erde, so die gegenwrtigen wie die dahingegangenen, so
die wirklichen wie die vom Wunsch gezeugten. Ich aber schaute, glaubte und
bekannte: Ich glaube an ein reines, keusches Weib; ihr Gedanke ist Gesang, ihre
Werke heien Hingebung und Aufopferung; auf ihrem Antlitz spielt der Abglanz der
Gottheit; auf der Spur ihrer Fe sprieen Hoheit und Adel; sie erhebt die Hand:
und das Gemeine entflieht in die Finsternis; sie bewegt sich: und die Sonne
jubelt: o Weib, wie bist du schn! Da beugte sie sich trstend ber einen
Kranken, der am Wege lag, und ich rief: Weisheit, verhlle dein Haupt; kniet
nieder, ihr Tugenden alle, denn Knigin ist das Erbarmen. Gehe hin und
berbringe ihr dies Bekenntnis.
    Ihm kam der Bescheid: Ich traf ihre Seele ber die Wiege ihres Kindes
gebckt. Aufschauend erteilte sie mir die strenge Antwort: Ich bin eine getreue
Tochter, in Lieb und Ehrfurcht den Meinigen ergeben. Hinweg, Ruchloser, der du
meinen Vater verachtest und meinen Bruder beleidigst! Eh da ich an deine
Bekehrung glaube, lerne Ehrfurcht vor meinem Vater und vershne dich mit meinem
Bruder.
    Ob diesem Bescheid begann Viktor zu seufzen und zu grollen: Ich will ihren
Vater nicht ehren, ich will mich mit ihrem Bruder nicht ausshnen; denn sie sind
Feinde des Geistes, Widersacher der Wahrheit. Ich aber throne auf meinem Rechte,
ihnen hoch berlegen. Und murrte und knurrte in seinem Groll. Da sprach zu ihm
die Vernunft: Darf ich auch etwas reden?
    Rede.
    Man ist einem Menschen erst dann hoch berlegen, wenn man ihn nach seinem
Wert einschtzt, und wie windig schon der Kurt sein mag, solange er dir etwas
verzeihen darf, setzest du ihn ber dich. Frisch! hier ist Feder, Tinte und
Papier; schreib dem Kurt ein Wort des Bedauerns, so sinkt er in die Versenkung,
und du bist einer hlichen Last ledig.
    Und das Herz schmeichelte: Er bleibt trotz allem ihr Bruder. Und der
stolze Ritter mahnte: Dem kniglichen Hauptmann der Strengen Frau tut es keinen
Abbruch, wenn er freiwillig einen Fehler eingesteht und ihn wieder gut macht.
    Ich kann nicht; ich will nicht, knirschte sein Grimm. Siehe, da erschien
im Zimmer ein himmelblauer Fleck, der Fleck vergrerte sich, Harfenrauschen
ertnte, und durch die Harfen rief eine Stimme, ihre Stimme: Geben Sie acht,
vor der Haustr kommen noch drei Stufen.
    Imago, schrie seine Liebe, du Hohe, du Gute, du Edle! ich glaube. Und
schrieb in fieberhafter Hast dem Kurt eine Entschuldigung; kurz und stolz, aber
auch redlich und aufrichtig, wie man soll; ohne sich um das gebhrende Wort zu
drcken.
    Tags darauf erhielt er eine mit Bleistift geschriebene Postkarte ohne
Unterschrift:
    Geruschvoller Hhnerflug der Begeisterung!
    Philosophen die Clowns der Universitten!!
    In die Oberste die Taube gefahren! Famos!!!
    Frau Keller, welcher er den Wisch vorzeigte, lste ihm das Rtsel: das war
die Handschrift des Kurt; die sonderbaren Stze waren Zitate aus Viktors
Kraftsprchen, die offenbar dem Kurt unbndiges Vergngen gemacht hatten; das
Ganze bedeutete eine Art Vershnungsurkunde.
    Nicht wahr, originell? genial? meinte sie begeistert.
    Siehst du jetzt, Viktor? belobte die Vernunft. Ist dir nun nicht leichter
und freier zumute? ich bitte um Antwort. Viktor antwortete: Mir ist nicht blo
freier und leichter zumute, sondern auch hher und vornehmer.
    Drum also fahre fort. Die erste Hlfte ist getan, vollbringe auch die
zweite; lerne Ehrfurcht vor ihrem Vater.
    Da sprach Viktor zu sich selber: Er war ihr Vater; die Sprache seines
Angesichtes ist demnach verwandt mit der Sprache aus Theudas Angesicht. Gut; vor
seinem Angesicht mag ich die Ehrfurcht lernen. Ging hin und kaufte sich in der
Buchhandlung das Kopfbild des Staatsmannes Neukomm, um es als Vorbild an die
Wand zu heften. Allein, wie er nun den zuversichtlichen, berzeugungsbuchenen
Charakterkopf mit dem inhaltlosen Feuerblick darin nher betrachtete, bermannte
ihn pltzlich der alte Hohn, so da er hurtig das Bild unter eine Lage Papier
versteckte, mit einem wuchtigen Briefbeschwerer darauf, damit der Charakterkopf
nicht etwa heimtckisch hervorkrieche.
    Immerhin, er bleibt halt trotz allem ihr Vater, bettelte das Herz. Er
wird schwerlich ohne Verdienste sein, da sein Denkmal in Marmor vor dem Rathaus
steht, berredete die Vernunft. Da hob er den Briefbeschwerer ab und holte den
Staatsmann in Gnaden wieder hervor, den er jetzt wirklich an die Wand heftete,
allein verkehrt, die Bildseite nach innen, gegen die Tapete, die leere Rckseite
nach auen; denn so oft er versuchte, das Blatt umzudrehen, jubelte ihm der Hohn
die Ehrfurcht von dannen.
    Ich mchte aber doch, schalt sich Viktor bekmmert, dem Gebote Theudas
gehorchen; denn Theuda ist Imago. Siehe, ihr Vater liegt im Grabe; das Grab ist
ernst; wohlan, an seinem Grabe will ich mir den Hohn abgewhnen. Und lie sich
auf dem Friedhof das Grab des Staatsmannes Neukomm zeigen. Wie er vor dem Grabe
angekommen war, grte ihn eine Stimme aus dem Boden: Wen suchst du?
    Den Geist des Staatsmannes Neukomm.
    Es gibt hier keine Staatsmnner, erwiderte die Stimme, und keine Geister
mit Namen. Ich war, als ich noch ber dem Boden wandelte, ein hilfloser Mensch
wie alle Menschen, ein machtlos Geschpf, das da geboren ward, seufzte, sorgte
und starb wie die brigen Geschpfe. Verzeihung jenen, die mir wehe taten, Heil
denen, die mich liebten. Zwei treue Menschen, meine Ebenbilder, meine beiden
Kinder, schritten weinend hinter meinem Sarge, mein Andenken mit ihrer Trauer
heiligend; Segen ber den, der ihnen wohl will. Bist du ein Mensch, in
Lebenskraft auf Erden wandelnd, so schenk mir Nachricht von meinen Kindern.
    Da sprach Viktor: Deinen Kindern ergeht es wohl; sie sind geliebt und
geachtet bei den Menschen; und der vor deinem Grabe steht, will ihnen beiden gut
Freund sein. Bei diesem Wort verwandelte sich pltzlich das Denkbild des Kurt
und wurde fein und anmutig.
    Da seufzte die Stimme: Dafr, da du mir von meinen Kindern Nachricht
gebracht, schliee ich mit dir den Bund des Dankes; und dafr, da du meinen
Kindern gut Freund sein willst, den Bund des Segens.
    Nachdem Viktor wieder zu Hause angelangt war, konnte er das Bild umdrehen. -
    Und wieder schickte Viktor seine Seele zu Theudas Seele: Dein Gebot ist
erfllt; ich habe mich mit deinem Bruder ausgeshnt, ich habe mit deinem Vater
einen Bund geschlossen. Glaubst du nun an meine Bekehrung?
    Ihm kam der Bescheid: Ich traf ihre Seele auf der Zinne ihres Hauses
stehend, die Trme und Schanzen der Stadt zhlend. Herniederschauend erteilte
sie mir die strenge Antwort: Ich bin eine brave Brgerin, meinem Volke und
meinem Vaterlande leidenschaftlich ergeben. Hinweg, Ruchloser, der du die Sitten
und Gebruche deines Vaterlandes verspottest; eh da ich an deine Bekehrung
glaube, tue Bue und lerne Eintracht mit deinem Volke.
    Ob diesem Bescheid berschumte sein Zorn in wilder Woge. Weib, schrie er,
zwar heilig bist du, aber arm an Geiste. Zur Gttin taugst du, nicht zum Gott.
Spanns nicht zu scharf! Mein Herz ist dein; nimm meine Andacht, lutre meine
Seele; doch meine berzeugung, Weibsbild, pfusch nicht an! - Geh hin, o meine
Seele, und sag ihr das.
    Ihm kam der Bescheid: So wahr ich Theuda bin, die da heit Imago: ehe du
nicht Fried und Freundschaft mit deinem Volke schlieest, gebe ich nichts auf
deine Bekehrung.
    Da begann Viktor zu toben und zu rasen und lsterte seine Gttin und
verwnschte sie und beschimpfte sie mit gefiederten und gehrnten Namen, wie der
Bandit die Madonna, wenn ihm der Postraub milang.
    Wenn du dann des Unfugs mde bist, bemerkte die Vernunft, so will ich
auch etwas reden. Nmlich, unter uns gesagt, ihr Verlangen ist durchaus gerecht;
denn du bist ein politisches Ungeheuer.
    Meinst du?
    Ich meine es nicht blo, sondern das steht zweifellos fest. Von
Kindesbeinen ein Waldmensch und nachtrglich durch deinen Auslandssitz vollends
verwildert. Pendelst durch die Straen deiner Vaterstadt wie ein Indianer auf
der Oktoberwiese, der einen freien Nachmittag bekommen hat. Ist das natrlich?
ist das ertrglich? Her mit dir! Setz dich auf den Schulschemel; etwas
Patriotismus kann dir, wei Gott, nicht schaden. - Nur keine Angst; blo das
Allernotdrftigste; es verlangt ja kein Mensch von dir, ein Schtzenfestredner
zu werden. Sprachs, ntigte den Viktor auf die Schulbank und erzhlte ihm vom
Volke, wie es fhlt, wie es arbeitet, wie es sich sorgt und kmmert, beschrieb
ihm das Rderwerk der freien Verfassung, bewies ihm deren urschlichen
Zusammenhang mit der Entwicklung der persnlichen Eigenart und des mannhaften
Charakters und lehrte ihn schlielich die Politik als eine Unterart Idealismus
begreifen; ein rebsteckendrrer Idealismus, zugegeben, immerhin ein
Idealismus.
    Fromm lauschte Viktor der Unterweisung, erst chzend, hernach
bereitwilliger. Pltzlich sprang er auf, mit leuchtenden Augen. Ich will das
Obligationenrecht studieren.
    Da haben wirs: Jetzt springst du natrlich gleich wieder in den
gegenberliegenden Stadtgraben? Es kann ja einer auch ohne das Obligationsrecht
ein braver Brger sein. Viktor aber versteifte sich halsstarr: So wahr ich ein
braver Brger bin, ich will das Obligationenrecht studieren. Lie die Vernunft
im Stich, ging hin und schaffte sich das Obligationenrecht an, entlieh von links
und rechts Verfassungsurkunden und Stadtgeschichten, je trockener, desto lieber;
bestellte das Amtsblatt, verfolgte in der Zeitung die Reden der Stadtrte
(etwas schwlstig, meine Herren! um so besser, ich nehms fr Kasteiung); schob
seine Fe durch Altertumssammlungen, pflanzte sich vor baufllige Mauern und
Dachsthle auf, um den Geist der Vter auf sich wirken zu lassen, und jedes
Buerlein, das mit einem Kalbelein zu Markte zog, nachdenklich bekmmert, wen es
bervorteile, betrachtete er mit Rhrung als seinen Mitbruder im Staate.
    Wie er aber dann selbstzufrieden zu ihr sandte, um ihr von dem
demokratischen Adam Bericht zu erstatten, erhielt er ungndigen Abschied. Aktiv
bettigen, habe sie barsch befohlen. Aktiv bettigen! wiederholte seine
Entrstung, wie grob, wie ruppig sie das gesagt hatte, beinahe wie ein
Ellbogensto. berhaupt, sie vergit, da meine Bekehrung ganz auf meinem freien
Willen beruht; ein Schulterlupf, und sie fliegt auf den Boden. Es scheint, sie
mchte mich mit der Peitsche dressieren!
    Doch die Hyne, die durch drei Reifen gesprungen ist, springt auch durch den
vierten, wenn schon zhnefletschend. Also behndigte er bei der nchsten
Wahlgelegenheit einen Zettel.
    Du, Frster, gib mir einen guten Rat. Ich mchte meiner Brgerpflicht
gengen - oder sagt man nicht so? - kenne jedoch leider auf der ganzen Welt
keine politische Seele. Wen rtst du mir, da ich whlen soll?
    Ja, da mut du mir vor allem erst sagen, ob du konservativ oder liberal
bist.
    Was ist der Unterschied?
    Das lt sich nicht so in der Geschwindigkeit erklren.
    Wer von den beiden hlt es denn mit der Kirchenlehre?
    Eher die Konservativen.
    Dann bin ich also liberal. Und whlte demgem. Doch noch immer wollte
sich Theudas Seele nicht zufriedengeben. Es komme nicht von innen, habe sie
geantwortet.
    Nicht von innen! tobte er. Ich will dir zeigen, was von innen kommt. Und
stiftete einen frchterlichen Aufruhr gegen seine Gttin, da es in seinem
Innern zuging wie in einem Bestienkfig vor der Ftterung. - Du willst die Numa
Hawa spielen? Wohlan, so ertrage, da ich ergebenst den Rachen aufsperre.
    Bis ihm eines Tages widerfuhr - er hatte es gar nicht beabsichtigt, es kam
ihm von selber, wie der Strahl aus dem kochenden Berge -, da er zwei fremden
Gigerln, die ber einen vorberziehenden Trupp Soldaten spttelten, mit
schnaubender Wut das Maul verbot. Whrend er noch ganz verblfft dastand,
unschlssig, ob er sich nun ber diesen vorweltlichen Schnarch schmen solle,
oder was eigentlich, grte ihn ihre Seele hold lchelnd ber die Schulter:
Jetzt das, jetzt das hingegen, Viktor, das freut mich. Und ein See von
azurblauem Himmel umschwebte ihn, mit unzhligen Theudakpfchen darin, die ihm
smtlich huldvoll zunickten.
    Hiermit fand seine mhsame Bue endlich Gehr und Genge.
    Also gelutert und entschuldigt, frisch und morgenfreudig im Gefhl der
krftigen Reinigung, tat Viktor seinem Herzen die Tr weit auf: Heia, mein
Herz! Ich, der da meinte, ich sei weise und du wrst ein albern Kaninchen!
Irrtum, verkehrte Welt! Ich war torenwitzig, und du bist der Gescheiteste von
uns allen. Denn nicht blo, da du einzig von Anfang begriffen hast, sie ist
Imago, dir verdanke ich auch meine Bue und Bekehrung. Deswegen sollst du fortan
nicht mehr mein verachtetes Hndlein sein, verstoen und mihandelt, sondern
unser aller Fhrer und Oberst sollst du sein. Heia, Knig Herz, befiehl, so
geschieht es; begehre, so wird dirs werden.
    Jauchzend frohlockte das Herz: O Freiheit! Siehe, man hat mir das Maul
verbunden wie einem gestohlenen Stieglitz; darum will ich jetzt zur
Entschdigung lieben, lieben, bis ich den letzten Hauch meines Atems erschpft
habe.
    Viktor billigte: Das sei dir unbenommen; doch wisse, Theuda ist Imago,
nmlich hoch und hehr. Ist deine Liebe von einem Wunsch befleckt, so wage nicht,
die Reine mit unreiner Liebe anzutasten.
    Ihm erwiderte das Herz: Hier stehe ich offen vor dir; nimm einen Leuchter
und znde in die verborgensten Gnge, damit du mich prfest.
    Und Viktor tat demnach und zndete in die verborgensten Gnge seines
Herzens; und als er die Prfung vollendet hatte, rief er: Deine Liebe ist
demtig und wunschlos. Also liebe sie denn, liebe sie, bis du den letzten Hauch
deines Atems erschpft hast.
    Da atmete sein Herz und lechzte: Ich mchte heimlich zu ihr, ungesehen bei
ihr wohnend und bestndig mit ihr lebend, was sie irgend selber lebt, jede
Stunde, jede Sekunde, vom Gr Gott des Morgens, wenn sie die Fensterlden
ffnet, bis zum Gut Nacht am spten Abend.
    Ja, tue das, erlaubte Viktor. Und das Herz tat, wie es gesagt hatte, und
lebte ungesehen mit ihr vom Morgen bis zum Abend, vom Gr Gott des Morgens,
wenn sie die Fensterlden ffnete, bis zum Gut Nacht am mden Abend. Und wenn
sie sich zum Mittagessen setzte, nickte es: I und sei frhlich, und wenn sie
sich zum Ausgehen rstete, flsterte es: Nimm nicht das Alltagskleid, sondern
das neue, das helle, das kstliche; denn du bist schn und lieb; das bedeutet:
wo du bist, waltet alle Tage Festtag.
    Und weiter atmete das Herz und lechzte: Ich mchte in ihr eigen Herz
tauchen, tief bis in den Quell ihres Gefhles, und aus ihrem Herzen alles
liebhaben, was sie selber lieb hat, angefangen von ihrem Mann und ihrem Kinde
bis zu dem Blumenstcklein vor ihrem Fenster.
    Ja, erlaubte Viktor, tue das. Und das Herz tat, wie es gesagt hatte, und
tauchte in Theudas Herz bis in den Quell ihres Gefhles, und liebte aus ihrem
Herzen alles, was sie selber liebte, und sprach zu ihrem Manne: Bruder, du hast
einen Freund, von dem du nicht weit, und einen Helfer, den du nicht vermutest;
getrost, was auch die Zukunft dir schicke, ich bin da, ich werde dir beistehen.
Und sprach zu ihrem Kinde: Deine Flein taumeln ins Ungewisse, und deine
uglein lcheln in Nebel und Ferne; ich aber wei Rat; ich will dich vor
Fehlgang und Schaden behten. Und zu dem Blumenstcklein vor dem Fenster sprach
es: Du mut fleiig sein, damit du mit deinen Farben ihr lustig leuchtest und
mit deinem Hauch ihren Mut erquickest, denn bedenke, deine Ranken ragen in ein
besonderes Stblein.
    Und wieder atmete das Herz und lechzte: Ich mchte mich in einen Segen
verwandeln und wie ein guter Geist Gottes ihre Schritte umschweben, sie
aufrichtend, wenn sie mutlos ist, und von ihr jedes Unheil abwehrend, das
nchtens ihre Schwelle umschleicht.
    Das ist recht und statthaft, erlaubte Viktor, tue das. Und das Herz tat,
wie es gesagt hatte, und verwandelte sich in einen Segen. Und beim
Morgenblalicht kte es Theudas Augen: Der Hahn ist wach; steh auf und frchte
dich nicht, denn dieser Tag ist ein frhlicher Tag. Und wenn sie betrbt war,
so sprach es: Irrtum! du darfst nicht traurig sein, denn du bist der Menschen
Lust und Wonne. Und zu dem Unheil, das nchtens ihre Schwelle umschlich, wehrte
es: Halt! Wer da? Tuschung! Dieses Haus ist gefeit, denn hier wohnt
Theuda-Imago.
    Nun wohl, mein Herz, rief Viktor, wonach deine Liebe lechzte, das hab ich
dir alles gewhrt. Hast du nun Genge? Oder begehrst du noch mehr?
    Ihm antwortete das Herz: Ich habe nimmer Genge; denn meine Liebe gebrt
Liebe; je mehr ich die Einzige liebe, desto mehr begehrt mich, sie zu lieben.
Siehe, ich habe ihre dermalige Gestalt mit meiner Andacht umwoben, nun will ich
es auch mit der vormaligen tun; mit meiner Ahnung ihre verbliebene Erscheinung
grend, so wie sie einst gewesen, ehe sie geworden, rckwrts ber ihre
Mdchenjahre bis in die Tage der Kindheit, und von ihrer Kindheit hinauf nach
ihrem Ursprung ber der Welt, wo ihre Seele keimte, ehe sie den Wandel nach
Erden antrat. Allein das vermag ich nicht aus mir; gebiete deiner Phantasie, da
sie mich in jene Hhen enttrage.
    Ja, erklrte Viktor, das soll dir werden. Und befahl seiner Phantasie:
Du loses, unntz Vgelein, das mir immerfort Unfug und Unmu stiftet, mit
Truggesichtern mich tuschend, da ich der Torheiten unzhlige begehe, auf!
erweise dich einmal ntzlich. Hast du gehrt, was mein Herz von dir heischt?
Also rste deine verwegensten Flgel und enttrage meine Ahnung ber die Welt in
die Pflanzstatt der Seelen.
    Ihm erwiderte die Phantasie, im Glanzlachen erstrahlend: Das ist es ja
eben, was ich immer ersehnte. Denn dort oben bin ich zu Hause. Sprachs und
enttrug mit verwegenem Fluge seine Ahnung hinaus ber alle Welt in die
traumumdmmerte Brutstatt der Seelen. Daselbst, mit den Fhlern der Liebe den
Pfad erratend, den einst ihre Seele nach Erden angetreten, versuchte Viktor auf
ihren Spuren ihr verwichenes Leben nachzuleben, mit dichtendem Geiste ihre
irdischen Erstlingsjahre zurckrufend, den Abglanz ihrer Mdchengestalt an den
Wldern ihrer Heimat ablesend, die Felsen grend, die ihr staunend Kinderauge
zum ersten Male mochte geschaut haben. Ob dieser Arbeit offenbarten sich ihm
Neuschpfungslandschaften mit Durchblicken auf jenseitige Welten, mit
Lichtschimmern und Wolkenzgen anderer Gattung, davor seine Seele schauerte. Die
Wirklichkeit schwand, die Zeit versenkte sich vor seinen Fen.
    Allein von der berflle der Fernwunder erschpft, versagte sein schwaches
Menschenhirn, und sein reisemder Geist ermattete. Genug! Gnade! Zuviel! Doch
zornig schttelte die Phantasie die Schwingen. Umsonst habe ich nicht diese
Hhe erschwungen; hier ist meine Lebensluft, hier will ich kreisen. Ihrer Seele
Keim wolltest du erspren, ertrage auch ihrer Seele Krnung. Und ungeachtet
seines Flehens und Strubens offenbarte sie, hher kreisend, dem Bebenden ein
Zukunftsgesicht, unerwnscht und aufgedrungen, doch unauslschlich:
    Einen Jngling schaute er neben einer Jungfrau, deren Doppelseele smtliche
Seelen der Welt aufgesogen hatte, also da auer diesem Paare nichts Lebendiges
im unendlichen Raum sich regte. Und dieser Jngling und diese Jungfrau wandelten
zusammen ber die Himmelswiese und flsterten sich zu und blickten einander ins
Auge mit einer sen Innigkeit, gegen welche die zerstckelte Einzelliebe auf
Erden blo ein nichtswrdiges Affenspiel vorstellt.
    Was habe ich mit diesem Jngling und dieser Jungfrau zu schaffen?
unterbrach Viktors Herz rgerlich. Siehe, da hatte die Allerseelenjungfrau das
Antlitz Imagos.
    So vergngte sich Viktor mit seiner neugeborenen Liebe. Sein Herz umspielte
Theudas leiblichen Wandel, seine Phantasie brachte ihm Imagos Lichtgestalt aus
der Hhe ber den Wolken. Lieben nannte er sein Geschft, Segnen seine Erholung.
Da er aber seine Liebe so rein und schn versprte, wunschlos in andchtigem
Gottesdienst, und ihm die Phantasie unablssig neue Offenbarungen zutrug,
armvoll in gehuften Garben, berquoll endlich seine Wonne, so da ihm der Atem
nicht mehr gengte, sondern da er mit der Stimme singen mute, bald in
stammelnden Jauchzern, bald leise vor sich hin trllernd, zuweilen in
langgezogenen schmelzenden Tnen. Auch mochte er etwa ein Stck Papier mit
Linien durchqueren, schrg und krumm mit ungebter Hand, und seine Jauchzer als
Notenkettchen zwischendurch schlingen. Der Worte dagegen bedurfte seine
Sangesseligkeit nicht.

Stre ich etwa? scholl des Statthalters vterliche Stimme; und nach einigen
nichtssagenden Einleitungsstzen knpfte er bald hier, bald dort ein
wissenschaftliches Gesprch an, doch unstet, mit verlegener Miene, wie wer etwas
hinter der Rede hlt. Endlich rckte er zaghaft hervor: Am vierten Dezember,
wie Sie jedenfalls lngst wissen, feiert die Idealia ihr Stiftungsfest. Fr
diesen Anla habe auch ich ebenfalls - wie soll ich sagen? man kann es einen
Prolog nennen - einige bescheidene, anspruchslose Verse (fnffige Jamben mit
je einem Anapst) in Form eines Dialoges, die alte und die neue Kultur
gegenberstellend - Ob Sie nicht da vielleicht - ich habe an Sie gedacht, weil
ich als Gegensprecher einen hochschulgebildeten Mann brauche (es kommen ja
selbstverstndlich auch griechische und lateinische Zitate vor) - ich wrde in
diesem Fall, das heit natrlich nur, wenn Sie einverstanden sind, die alte und
Sie die neue Kultur, - doch, wie gesagt, ganz nach Ihrer eignen Wahl,
vorausgesetzt, da Sie berhaupt Lust und Zeit dazu vorrtig haben -
    Und da sich Viktor gerne zu jeder beliebigen Kultur erbtig erklrte, atmete
der Statthalter erleichtert auf. Ja, und da ich das nicht vergesse: Meine Frau
ist hocherfreut ber Ihre Ausshnung mit meinem Schwager, und warum man Sie denn
nie mehr sehe?
    Richtig, jetzt erst fiel es ihm ein: er hatte ber dem Eifer seines
Gottesdienstes die Gottheit selber vllig vergessen. Das Bedrfnis nach ihrem
Anblick hatte sich eben nicht gemeldet; jetzt freilich, von ihr gemahnt, mute
er sich wohl bequemen; und da er es mute, mochte er es auch.
    Wie er dann nach einigen Tagen nach der Mnstergasse pilgerte, tat er es in
der Stimmung eines getauften Heiden, der zur ersten Kommunion schreitet; ein
Schritt furchtsam, ein Schritt gefat. Gewi, er konnte sichs nicht verhehlen,
es nisteten noch manche Motten im Hermelin seiner Gerechtigkeit, allein seine
Bekehrung war doch echt, seine Bue grndlich, seine Liebe rein; und die Gtter
sind ja gndig. Zudem hatte er ja nun den Kurt auf seiner Seite.
    Huldvoll empfing sie ihn (Wirkung des Kurt? oder las sie ihm die Andacht aus
dem Gesichte?), ohne den mindesten Nachhall der alten Feindseligkeit; groartig,
mit einem einzigen Pinselstrich die Erinnerung an die frhere Mihelligkeit
ausgelscht. Sie berichtete ihm den Todesfall einer entfernten Verwandten,
welche verwichene Nacht unvermutet verschieden wre, nur so zwischenhinein, wie
ein Nebensatz, mitten in die Vorbereitungen zum Stiftungsfest. Whrend des
Berichtes rollten ihr einige Trnen ber die Wangen. Die fing er mit unmerklich
vorgeschobener Hand auf, als wre es Weihwasser. Hernach wurde noch dies und das
gesprochen; endlich, zum Abschied, reichte sie ihm freundlich die Hand; zum
ersten Male seit der Parusie.
    Die Sorge um den Prolog (alte und neue Kultur) ntigte ihn in der Folge noch
fter zum Statthalter; und wenn das Geschftliche bereinigt war, mochte er
jeweilen noch ein Viertelstndchen im Hause sumen, wo er dann meistens
schweigend dasa, mit den feinen Augen eines Onkels, der die Familie hinterrcks
in sein Testament gesetzt hat. Dabei gestattete er seiner Liebe den Schmaus,
Theudas Bewegungen und Gebrden zu verfolgen, die dem Bekehrten jetzt wie
Neuigkeiten vorkamen. Und da er sie nunmehr in ihrem natrlichen Wesen
beobachten durfte, so wie sie gewhnlich war, whrend er sie ja vordem nie
anders als in Verteidigungsstellung gesehen hatte, entdeckte er beglckten
Herzens neben den frher bemerkten Vorzgen eine Menge von neuen. Beglckten
Herzens, weil ja jede ihrer Tugenden eine Rechtfertigung seiner abgttischen
Liebe, eine Widerlegung der lauernden Einwrfe bedeutete. Nun brauchte er nicht
mehr die Zweifel wegzuschrecken; im Gegenteil: er lud sie ein, um sich an ihrer
Beschmung zu weiden.
    So kommt doch, ihr Nrgler, sphet, so scharf ihr wollt, setzt meinetwegen
Brillen auf: Seht ihr, wie sie freundlich mit ihren Dienstboten umgeht? Habt ihr
nicht selber immer behauptet, an der Behandlung der Untergebenen knne man am
zuverlssigsten erkennen, ob eines Menschen Kern gut oder bse sei? Darum
bekennet: sie ist gut.
    Gut, allerdings, das ist sie.
    Und jetzt wieder dem Bettler, wie sie ihm das Almosen nicht etwa gndig
herablassend hinreicht, sondern von gleich zu gleich. Darum gestehet: sie ist
barmherzig.
    Barmherzig ist sie, zugestanden.
    Geduld, ihr werdet noch mehr zugestehen mssen. Habt ihr bemerkt, wie
niemals ein neidischer Zug ihr Antlitz entstellt, wenn die Schnheit einer
andern Frau gerhmt wird? wie auch keine Spur von Gefallsucht in ihrer Seele
Raum findet, so da sie die Huldigungen fremder Mnner, die meinige
eingeschlossen, gar nicht einmal wahrnimmt, oder, wenn sie sie wahrnimmt, nicht
beachtet, vielmehr eher als eine Belstigung versprt? Ist euch nicht
aufgefallen, da von smtlichen Menschen, die sie der Ehre ihres Umgangs
wrdigt, auch nicht einer ist, der nicht lauteren Charakters wre? Und ihre
Bescheidenheit, ihre Pflichttreue, ihre Huslichkeit, ihre stille Hingebung an
ihr Kind? Bitte, bestreitet mir das alles, wenn ihrs knnt.
    Niemand bestreitet ja im mindesten die Menge ihrer auerordentlichen
Vorzge, nur da du sie als eine Art Gottheit -
    Genug! kein Wort mehr! Wer jetzt noch zweifelt, verrt bsen Willen.
    Trotzdem - er mochte sich ihre Vollkommenheit noch so begeistert einreden -,
ihre krperliche Gegenwart strte ihn eher, als da sie ihn befriedigte. Nicht
ihre menschlichen Schwchen - er wute ja, da sie ein Mensch war und liebte,
da sie es sei - dagegen eine gewisse Lssigkeit in ihrer ueren Haltung, die
nicht immer zu seinen Wnschen und Bedrfnissen stimmte. Sie lie sich nmlich
zuweilen eine ausdruckslose Miene, eine unansehnliche, nicht bildgeme
Stellung, einen matten Blick zuschulden kommen, kurz, sie war nicht jede Minute
vllig sie selber, nicht von Morgen bis Abend ununterbrochen Imago, so da ihm
mitunter beinahe der Verdacht kommen wollte, sie sei sich ihrer Aufgabe, der
Phantasie Symbol zu stehen, gar nicht einmal bewut. Dazu ein Augengreuel: ihrem
Hauskleid waren schwarze Samtbndlein aufgenht, unten nahe dem Saume eine
doppelte Reihe, und wieder oben am Halse eine, rund um den Ausschnitt. Nein,
Imago in der Tracht einer Choristin im Freischtz, als wollte sie den
Jungfernkranz singen, davor entsetzte sich sein Auge, darber stolperte seine
Andacht. Dies und dergleichen erzeugte dann in seinen Gefhlen ein unruhiges Hin
und Her, dem er das Alleinsein mit ihr in seiner Phantasie vorzog.
    Dagegen suchte er angelegentlich ihre Freunde und Bekannten heim, also die
Leute der Idealia, um von ihren traulichen Gesichtern den Widerschein Theudas
abzulesen; und jedesmal, wenn beilufig ihr lieber Name verlautete, glnzte es
durch die graue Unterhaltung, als ob ein Zauberzndhlzchen aufsprhte, mit
einem farbigen Sternlein im Feuer. Aber mit seinem eigenen Mund ihren Namen
auszusprechen, wagte er nicht, weil er schon errtete, wenn er nur das Wort
Mnstergasse sagen sollte.
    Hierbei traf er auch einmal mit dem Kurt zusammen. Der eilte ihm
freudebleckend entgegen: Allerknstedirnen, welche ihre Seele mit jedem
hergelaufenen Lumpen von Meisterwerk prostituieren! Greulich, abscheulich, aber
famos! Und ein halbes Stndchen spter, als Viktor gegen die vereinigte
Moralpriesterei des Pfarrers und des Statthalters den Satz behauptete: Eine
Religion, die sich um die Moral kmmert, ist nicht wert, da ein ehrlicher
Mensch einen Gedanken daran verschwende, kam der Kurt auf ihn zu und fragte
herzlich und bescheiden: Wann knnen wir einmal miteinander allein sprechen?
Von da an, so oft der Viktor und der Kurt sich in einer Gesellschaft begegneten,
setzten sie sich zueinander.
    Es konnte nicht ausbleiben, da Viktors erbaulicher Gesinnungswechsel in der
Idealia bemerkt wurde; die Wendung war zu auffallend. Er, der einst so anmalich
auftrat, der sich gegen jedermann der Unleidlichkeit befli, der die Flucht
ergriff, sobald ein Klavierflgel nur von ferne Miene machte aufzuklappen, der
mit seinem hhnischen berlegenheitslcheln jede Unterhaltung zu Boden schwieg,
er hrte jetzt mit weit aufgesperrten Augen den lngsten Familiaden nicht blo
zu, sondern rief von Zeit zu Zeit dazwischen: Nicht mglich! was Sie sagen!
wirklich?, erkundigte sich nach den Fortschritten der Buben in der Schule,
fragte, ob die Gertrud bereits die Masern, der Mimi schon die Sucht gehabt habe,
ja, er bettelte aus freiem Antrieb, ihm doch ums Himmels willen etwas zu singen.
Kurz, er war auf einmal, wie durch ein Wunder, gemtlich geworden. Vor allem
aber seine nunmehrigen vernnftigen Ansichten ber das heilige weibliche
Geschlecht erregten freudiges Aufsehen. War das wirklich der nmliche Viktor,
der jetzt Aussprche hren lie, wie dieser: Keineswegs die leichtfertigen
Weiber sind die poetischen, sondern die zchtigen sind es; denn die Poesie des
Weibes heit Hingebung, der Name des liederlichen Weibes aber lautet
Selbstsucht. Oder: Die engherzigste Sittenteufelin wird an Lieblosigkeit noch
von der Vielmnnerfrau bertroffen. Ah! Das lass ich mir gefallen! Das tnte
jetzt anders! Leider verdarb mitunter ein bedauerlicher Nachsatz wieder die
Erbauung, die sein frommer Vers gestiftet. Nachdem er zum Beispiel das Lob des
tugendhaften Weibes mit einem Schwung gepriesen, da mans htte fr
fnfstimmigen Chor mit Orchester setzen mgen, konnte er hinzufgen: Was in
aller Welt aber, bitte, sagt mir, fange ich mit einem tugendhaften Weibe an? Es
war noch nicht ganz das; es haperte noch hier und da ein wenig mit seiner
Bekehrung. Immerhin, der bufertige Wille war unverkennbar, und alle
Vollkommenheit auf einmal, nicht wahr, darf man doch billigerweise nicht
erwarten. So da bereits die Hoffnung munkelte, er werde sich vielleicht doch
noch mit der Zeit als Tenor im Chor brauchen lassen.
    Indessen, was wollte in dieser wichtigen Zeit Viktor, was berhaupt ein
einzelner besagen! Das Stiftungsfest der Idealia rckte heran, und
Adventsstimmung bemchtigte sich der Gemter. Endlich wurde sie Gegenwart, die
groe Woche, unglaubliche, doch unleugbare Gegenwart.
    Am Vortage des Festes ergab sich, gewissermaen von selber, durch die
Unfhigkeit, sich mit etwas anderem zu beschftigen, im Verein mit der
ungewhnlich milden Witterung (elf Grad Celsius im Schatten!) eine Art Vorfeier,
indem ein Teil der Mitglieder, darunter Viktor als Gast (sonst fast lauter
Damen), verabredeten, nachmittags drauen vor der Stadt in der Waldegg
zusammenzukommen; leider ohne Frau Direktor, welche durch Zurstungen zum Fest
ferngehalten war. Nach genossenem Kuchen belustigte sich das muntere Trpplein
mit krperlichen Freispielen, im besondern mit Platzvertauschen, eins zwei drei,
husch von einem Baum zum andern; und der gezhmte Viktor sprang zwischen den
Idealianerinnen wacker mit wie der Wolf zwischen den Lmmern im Paradiese. Unter
dem zahlreichen Volk, das der sonnige Tag in die Waldegg gelockt hatte, sa auch
Frau Steinbach; die schaute dem minniglichen Ereignisse mit sonderbaren Augen
zu, als gewahrte sie ein Fastnachtwunder. Nicht wenig schmte sich Viktor vor
ihr, bestrebt, mglichst korpulente Baumstmme zwischen sich und ihren
beobachtenden Blick vorzuschtzen. Allein auf das Schmen kommt es ja
schlielich nicht an, wofern einem nur bei der Sache, worber man sich schmt,
wohl zumute ist. Und so wagte er sich denn allmhlich dreister vor, unbekmmert
um die gescheiten Augen der Freundin durch die vordersten Baumreihen springend.
    Am Haupttage dann, abends um acht Uhr im Museumssaal, wickelte sich das
umsichtig geordnete und fleiig einstudierte Programm zufriedenstellend ab.
Zunchst der Prolog zwischen dem Statthalter und dem Viktor (alte und neue
Kultur), wobei sich, wie der Pfarrer witzig bemerkte, die alte Kultur der neuen
entschieden berlegen zeigte; nmlich Viktor vermochte zeitlebens keine zehn
Verse textrichtig auswendig zu lernen. Hierauf, nach etlichen Gesangsvortrgen,
kam das gewaltige Festspiel des Kurt an die Reihe. Aber o weh! Bestrzung! Ein
Br sollte zwischen die Nymphen und Meergreise fahren; und jetzt schickte
wahrhaftig der Apotheker Rthelin im letzten Augenblick den kostbaren Brenpelz
zurck; so leid es ihm tte, allein eine pltzliche Erkrankung seines Vaters -
er msse unbedingt mit dem nchsten Zug verreisen. Allgemeine Aufregung; nur der
Kurt selber, den es doch in erster Linie anging, blieb bewunderungswrdig ruhig;
es gehe auch ohne den Bren, trstete er seine Gemeinde; wiewohl etwas
gezwungen, denn rgerlich war ihm der Ausfall doch. Da kam ihm der Viktor
lachend entgegen: Es wird wohl keine so schwierige Kunst sein, Herr Neukomm,
meinte er, ein bichen zu brummen. Falls ich also aushelfen kann - und duckte
sich, von Beifall begleitet, in den Brenpelz; brummte auch in der Tat gar nicht
schlecht, soweit es seine kraftlose Stimme erlaubte.
    Zum Schlu folgte eine rtselhafte Nummer: Als der Vorhang auseinanderwich,
sah man auf der Bhne einen Pflanzenwald mit einer mannshohen glnzenden
Schmetterlingspuppe aus Flitterpapier zwischen den Blttern. Frau Direktor Wy,
als Ehrenprsidentin der Idealia, sang drei Strophen, deren Text auf Verwandlung
deutete; dann tupfte sie mit einem Zauberstabe auf die Puppe; die Hlle fiel,
und aus der Hlle schlpfte, statt eines Schmetterlings, zwei wacklige
Fhlhrnchen in den Haaren, das mit Blumen und Krnzen lieblich geschmckte
Idealkind. Das sogenannte Idealkind war ein begabtes, hbsches Waisenmdchen,
das Frau Direktor Wy und Frau Regierungsrat Keller in ihren Schutz genommen
hatten und auf ihre Kosten erziehen lieen. Mit scherzhafter Anspielung auf die
Idealia wurde es das Idealkind getauft, machte brigens auch seinem idealen
Namen durch vortreffliche Schulzeugnisse alle Ehre. Das Idealkind nun lispelte,
die Fhlhrnchen schttelnd, einige Verse des Dankes, tat ein paar zierliche
Knickse, hierauf wurde es von der Bhne geholt, von den Damen um die Wette
abgekt und heimlich in den Winkeln mit Geschenken berhuft. Hiermit war der
feierliche Teil des Festes zu Ende; und ein unendliches Erlsungs-Tanzen hub an,
mit dem Idealkind als Lieblingsgeschpf, welches Idealgeschpf brigens,
ungeachtet ihrer lenzknospigen Jugend, nicht bel nach dem Kurt ugelte. Aber
auch Viktor erfreute sich der Bevorzugung, zum Lohn fr seine Mitwirkung und
gefllige Aushilfe. Kaum ein Paar glitt an ihm vorber (denn selber zu tanzen
fhlte er sich nicht aufgelegt), ohne ihm eine Artigkeit oder eine neckische
Anspielung auf seinen Bren oder seine Kultur zuzuwerfen, in verschiedenen
Geistesgraden, aber immer im liebenswrdigsten Tone. Ja, den Witzigsten gelang
sogar, mit einem als Lasso khn geschleuderten Gedankenfaden den Bren und die
Kultur geschickt zu verknpfen: Ich htte gemeint, der Br passe besser in die
alte Kultur als in die neue oder: Haben Sie uns am Ende mit Ihrer neuen Kultur
einen Bren aufbinden wollen?
    Ein Strom von harmlosem Wohlwollen flutete ihm entgegen, so da er sich der
schlecht verdienten Gewogenheit ordentlich schmte. Und jhlings quollen aus
seiner Beschmung Rhrung und Dank, die nun wieder aus seinem Herzen dem
gutartigen Volke zurckfluteten und endlich im dritten Rckprall ihn selber mit
einem gnzlich neuartigen, nie vorher versprten Glck erfllten, dem Glck des
Gemeingefhls. Er, der eingefleischte Sonderling, lernte heute durch die
allgemeine Gunst den Segen der Genossenschaft werten. O spttle nur, Frau
Steinbach, mit deinen gescheiten Augen! Leuchter der Weltgeschichte sind sie ja
nicht, zugegeben; allein gute, liebe Menschen sinds, und das ist die Hauptsache.
    Friede innen, Friede auen, vershnt mit sich selber und aller Welt, er
wute gar nicht, wie ihm geschah und wie er die tausendstimmige Harmonie
aushalte. Und als er nun gar am nchsten Morgen ein Brieflein - ists mglich?
von ihr!! - erhielt, das erste seines Lebens, tat ihm der berschwang der
Seligkeit ordentlich weh. Zwar eigentlich enthielt das Brieflein soviel wie
nichts, wenigstens nichts frs Gemt; sie ersuchte ihn einfach um die
Geflligkeit, im Museum nachzufragen, ob man nicht ihren Fcher aufgefunden
habe. Allein es waren doch Zeilen von ihrer Hand; und darber hatte sie gesetzt:
Hochgeehrter Herr und darunter Ihre Theuda Wy. Ob er sich schon vorsagte, das
sind leere Formeln, so erhob und berauschte es ihn trotzdem, da sie ihn einen
hochgeehrten Herrn zu betiteln nicht fr unwert erachtete. Mit der Unterschrift
aber unternahm er ein listiges Kunststcklein: er schnitt mit der Nagelschere
von den drei Worten Ihre Theuda Wy kreisum die zwei ersten suberlich aus, das
dritte unterschlagend. Siehst du jetzt: sie unterschreibt sich Ihre Theuda. Das
heit meine Theuda; sie bekennt sich demnach als mir gehrig. Und versorgte das
geflschte Bekenntnis in die Kapsel seiner Uhrenkette. Nun hab ich sie
sozusagen in meinem Besitz, jubelte sein Herz.
    Jetzt berlief ihm die Seligkeit in die Nerven, da er vor Ausgelassenheit
irgend etwas recht Nrrisches htte beginnen mgen, er wute nur nicht, was.
Einstweilen stellte er sich vor den Spiegel und schnitt Grimassen, oder er ahmte
Tierstimmen und menschliche Dialekte nach, was bei ihm den Gipfel der
Frhlichkeit bedeutete. Nein wirklich, im Ernst, er wute nicht mehr, ob es ihm
eigentlich wohl oder weh tue, so unausstehlich glcklich war er.

                                   Herzeleid


Eines Tages jedoch wute ers, ob es ihm wohl oder weh tat.
    Er hatte sie eines Vormittags, als er Frau Doktor Richard besuchte, dort
vorgetroffen, munter gestimmt und zu harmlosen Scherzen aufgelegt wie er selber;
kurz, sie verstanden sich heute. So war man denn in traulichem Geplauder sitzen
geblieben, lnger verweilend, als beabsichtigt gewesen, wie an die Stelle
gebannt durch den freundlichen Geist der Stunde.
    Vom Nachhall der bereinstimmung betrt, entschlpfte ihm unten auf der
Strae, wie sie ihm zum Abschied mit gutem Blick die Hand reichte, eine
kindische Frage: Und Sie kommen also jetzt nicht mit mir?
    Natrlich nicht, antwortete sie belustigt, hoffentlich nicht.
    Wohin denn sonst?
    Diese Frage! Heim zu meinem Mann und meinem Buben, die hungrig aufs
Mittagessen warten.
    Und ich? ich bin also ausgeschlossen?
    Ei, durchaus nicht. Kommen Sie nur mit; mein Mann wird sich freuen.
    Sie war nicht sein! Und wie eine Katze, die einen Schu bekommen hat, floh
er nach Hause. Sie war nicht sein! Und er, der gemeint hatte, seine Liebe wre
wunschlos! Als ob es menschenmglich wre, jemand zu lieben, ohne
allermindestens seine bleibende Gegenwart zu begehren. Sie war nicht sein!
Schlimmer noch: sie gehrte einem anderen, einem Fremden! Gewut hatte er ja das
freilich lngst; allein heute zum ersten Male sprte er es auch, da sie ihn
verlie, um zu einem andern zu ziehen. Und das nannte sie heimgehen!
    Die Katze, wenn sie den Schu hat, verkriecht sich; doch das Schrot nimmt
sie mit, und die Wunde, die anfnglich mehr schreckte als schmerzte, beginnt im
stillen Winkel und arbeitet. Welch ein unerhrtes Vorrecht! was fr eine
emprende Ungleichheit! Tag fr Tag, Jahr um Jahr bis ans Ende der Ende soll der
andere mit ihr wohnen drfen, er nie. Nicht einen Sommer, nicht einen Monat,
nicht einmal ausnahmsweise einen Tag. Jenem alles, ihm nichts. Und nicht blo
mit ihr wohnen, sondern - hinweg, Gedanken! Denn weil der dort ohnehin zuviel
hat, schenkt sie ihm zu ihrer Gegenwart noch Liebe und Freundschaft obendrein.
Ist jener traurig, so trstet sie ihn; ist er krank, sie hrmt sich um ihn;
stirbt er, ihre Sehnsucht folgt ihm bers Grab; gibt es eine Auferstehung, ihr
erwachender Blick sucht jenen. Was hat denn der Anmaliche fr einen
einzigartigen Wert voraus, da ihm solch ein schwindelhafter Preis zuteil wird?
Ist er etwa nicht auch ein Mensch? oder besitzt er fr sich allein mehr Vorzge
und Verdienste als die brige Menschheit zusammen?
    Und keine Hoffnung! Nichts zu ndern! weder zu erklgeln noch zu ertrotzen;
rundum nirgends eine Mglichkeit. Im Gegenteil: jede vorberziehende Stunde, so
bei Tag als Nacht, so bei Regen wie Sonnenschein, welches auch sonst ihr Inhalt
sei, eines tut ihrer jede sicherlich, die eine wie die andere: sie grbt die
Kluft zwischen ihm und ihr tiefer, schrzt das Band mit jenem enger. Die
Angewhnung, das Verstndnis, die gemeinschaftlichen Erinnerungen, die
gegenseitigem Dankverpflichtungen, das nimmt ja doch nicht ab; im Gegenteil, das
mehrt sich, das huft sich. Das Kind, das beide vereint, wird je lnger, desto
mehr ihre Sorge und Teilnahme beanspruchen, mithin die Eltern noch inniger
befreunden; es ist ja auch nicht gesagt, da es das einzige bleibe, es kann
mglicherweise ein Brderchen oder ein Schwesterchen erhalten; warum nicht? wer
wills ihnen wehren?
    Ach, hatte er sie unterschtzt, die Macht der Ehe, als er sie fr eine Art
Statthalterei betrachtete, meinend, es liee sich billig teilen: jenem, dem
Statthalter, der Leib und ihm die Seele! So scharf er auch sah, eines hatte er
bei seiner Unerfahrenheit doch bersehen, die Hauptsache: das Mysterium des
Fleisches, die tierische Gewalt des Naturtriebes, der die Mutter ntigt, Himmel
und Erde um eine Kraftbrhe fr ihr Kind herzugeben, der die Frau zwingt, das
Herz dem Leibe nachzuwerfen, mit allen Fibern dem Manne angehrend, der sie
krperlich geprgt, der sie aus der Jungfrau zur Frau und Mutter umgewandelt
hat, verurteilt, diesen einen zu lieben, auch wenn sie ihn verachtete. Puppe,
Beb und Papa, diese drei Worte erschpfen den Lebensinhalt des Weibes. O ihr
Toren, die ihr euch darum kmmert, ob euch jene liebt, die ihr zur Frau begehrt!
Herzhaft! lache ihres Abscheus, schleppe sie zum Altar; denn die Ehe ist strker
als der Ha, dauerhafter als die Liebe.
    Eine Jungfrau wankt mit dem Verhaten zur Kirche wie zum Schlachthof,
leichenfahl, den Tod im Herzen, das einem andern gehrt; frag nach zwanzig
Jahren nach: Kinder, freut euch, der Papa kommt morgen heim. Wenn nur dem
Papa kein Unglck zustt! Der andere dagegen, der einst Heigeliebte, wenn der
stirbt, so erhlt er bei der Todesnachricht ein kleines Wehmtchen, wenns hoch
kommt ein mhsam erquetschtes Trnelein; nachher heit es wieder Papa. Das ist
die Macht der Ehe.
    Nein, keine Hoffnung. Einen Naturtrieb bekmpfen? Narrheit. Gegen die
Weltgesetze streiten? Wahnsinn. Die Wahrheit sprach zu ihm: verdammt auf ewig,
und sein Gram gestand: so ist es.
    Da ward er inne, da, wer einen Menschen zu seinem Gott macht, sich einen
Fluch pflanzt. Sind sie zu beneiden, die einen berweltlichen Gott haben,
einerlei, was fr einen; wre er ein Zornbold wie Jehova, ein Ungeheuer wie
Moloch; denn kein Gott keiner Religion ist unerbittlich, keiner verstt in die
Hlle, wer ihm liebend naht, keiner spricht zum Verzweifelnden: ich kenne dich
nicht. Und wre selbst einer der Himmlischen fhllos wie Stein, eines ist er
jedenfalls nicht: er ist nicht kleinlich. Man stt auf keinen Direktor Wy
zwischen sich und ihm, man hngt nicht von der Gewogenheit eines Kurt ab, die
Madonna der Christen gebrt kein Rudel von Buben, um deretwillen sie Himmel und
Erde verge. Einen Menschen anbeten: nicht viel gescheiter als einen Wurm
anbeten. Mit hellem Geiste sah er das ein; allein Einsicht heilt keine
Entzndung. Sieh ein, da das Gift, das dein Blut zu Eiter zersetzt, nur ein
verchtliches Krnlein Schmutz ist, der Brand frit trotzdem weiter.
    Eben darum aber, weil seine Liebe Religion war, weil ihm in Theuda-Imagos
symbolischem Antlitz alles Leben der Welt mitklang wie im Mutterangesicht die
Heimat, versprte er sein Leiden am schmerzlichsten in den edelsten Teilen der
Seele. All die Andeutungen und Bedeutungen, all die Lichter, Gesichter und
Gedichter, die da ber die Brcke gewandelt kommen, welche die Wirklichkeit mit
der Geisteswelt verbindet, langten wund an, mit einem blutigen Stich; sein
gesamtes Lebensgefhl erkrankte zu einem sehnschtigen Heimweh; Heimweh nach
ihr, Heimweh nach der gemeinsamen Heimat aller Geschpfe, Heimweh nach sich
selber. Denn er war ja sie; aber - o Hllenwunder der Unmglichkeit! - sie war
nicht er.
    Und da er ein Mensch von Geist war, gezwungen, wenn er gebissen wurde,
wissen zu wollen, was fr eine Schlange ihn bi, mochte er sich mit seiner
Vernunft ber das Wunder der Lieblosigkeit unterhalten; zwecklos, wohl wissend,
da ihm die Erkenntnis nichts ntzen wrde, nur weil er als Denker nicht anders
konnte als denken. Herzeleid aber stellt nicht das Denken still, im Gegenteil,
es ntigt die Gedanken zu nagen. Bist du wach? hast du Zeit? kannst du mir das
Rtsel lsen, wie es seelenmglich ist, da ein Mensch, dem man das hchste Gut,
den einzigen Trost auf Erden, also die Liebe schenkt, einem nicht mit Gegenliebe
vergilt?
    Die Vernunft antwortete: Sammle und vergleiche: Wenn du den lieben Gott
liebst, liebt er dich wieder? Ohne Zweifel. Wenn du den Papst liebst, liebt
er dich wieder? Mig. Wenn du die Herzogin von Aragonien und Kastilien
liebst, liebt sie dich wieder? Wird ihr schwerlich einfallen. Wenn du eine
Schnecke liebst, liebt sie dich wieder? Knnte sie schon gar nicht. Nun
also, da hast dus. Je tiefer hinunter mit der Seele, desto weniger Liebe. Liebe
bedingt Seelenflle, Lieblosigkeit verrt Stumpfheit. Punktum.
    Und das alles klar zu wissen, haarscharf einzusehen, es ist nur dein
eigenes Phantasie-Ei, das dir aus dem Glslein dieses kleinen Weibleins
entgegenguckt, und trotzdem verdammt zu sein, dieses kleine Weiblein, das du
weit berschaust, berfhlst und berdenkst, wie den Heiligen Gral zu begehren,
nach ihr zu lechzen wie ein Verdurstender nach dem rettenden Quell! Wie erklrst
du das?
    Torheit, Torheit, mein Lieber! lachte die Vernunft. Doch b du nur ruhig
deine Torheiten weiter; das verspricht mir, da dereinst noch etwas Vernnftiges
aus dir wird.
    So unterhielt er sich mit der Vernunft ber seinen Fall. Deswegen wurde ihm
nicht um den geringsten Grad besser; im Gegenteil. Es ging ihm wie mit den
Zahnschmerzen: je mehr man daran denkt, desto rger wird es; und wenn man
versucht, nicht daran zu denken, so zwingt einen der Schmerz, an den Schmerz zu
denken. Wohin sollte er aber auch seine Gedanken retten, da sie nicht den
Schmerz vorfnden? Ob er jenseits des gestirnten Himmels in die Religion, ob er
in den strahlenden Schpfungsther der Poesie flchtete, immer stie er auf
seine Verdammnis, immer begegnete er diesem einen unseligen lieben
Menschengesicht, das ihn berall hin verfolgte, um ihn von berall her mit
seinem schnen kalten Blick zu vernichten.
    O ihr Gedankenlosen, die ihr ber das Leid unerwiderter Liebe lchelt!
Nehmt, eine Mutter she ihr verstorbenes Kind, ihr einziges, aus dem Grabe
steigen, lieblich und schn, von Himmelsglanz verklrt; sehnsuchtschreiend
strzte sie ihm entgegen; das Kind jedoch kehrte sich von ihr ab, fremden
Blickes, mit verchtlichem Lippenrmpfen: Was will mir die dort? Wrdet ihr da
lcheln? Genau so war ihm zumute; das teuerste Stck seiner selbst aus ihm
herausgerissen, gesondert umherwandelnd und ihn verleugnend. Und das tat so
grausam, so unleidlich weh, da er manchmal meinte, es drfe einfach nicht sein,
weil er es nicht ertragen knne.
    Allein er war kein Schwchling, vielmehr standhaft und zh. Darum rief er
seinen Verstand zu Hilfe. Da! so stehts. Leben mu ich; ertragen kann ichs
nicht. Also was?
    Ihm antwortete der Verstand: Komm, ich will dir etwas zeigen. Und fhrte
ihn vors Schlachthaus. So, jetzt, denk ich, kannst dus ertragen. Hierauf,
nachdem sie wieder zu Hause angelangt waren, fuhr er fort: Siehst du, die ganze
Kunst besteht darin, nichts Unheilvolles zu tun; tu lieber gar nichts. Bei die
Zhne zusammen, oder schrei meinetwegen, wenns nicht anders geht; nur schrei
nicht mit den Hnden. Die Stunde besiegen ist alles; wer die Stunde besiegt,
besiegt den Tag; wer den Tag besiegt, besiegt das Jahr; nur immer gerade jetzt
nichts Verderbliches begehen. Die Stunde aber besiegt ein Mann - und du bist ja
ein Mann - vorausgesetzt, da er gesund ist - und du bist ja gesund - mit
Arbeit. Darum la die Schmerzen machen, das ist ihre Sache, sie knnens allein;
du arbeite; du weit, was.
    Er wute, was. Und da die Arbeit im Dienste seiner Strengen Herrin geschah,
die da eine mchtige Gttin ist, flohen vor ihrem Odem die Qulgeister hinter
den Vorhang, von wo sie allerdings dann und wann heimtckisch hervorschossen, um
ihm einen raschen Stich zu versetzen, doch sich ebenso schnell wieder
versteckten.
    Freilich, selbst die schrfste Arbeit bringt Pausen; oder sie hrt auch
einfach auf, abends in mdem Zustande. In solchen Stunden kamen die berflle
zahlreicher und gefhrlicher. Auf der Bibliothek standen, ordentlich gereiht,
smtliche Jahrgnge einer Monatsschrift; whrend er sorglos darin bltterte,
schreckte er pltzlich zurck, wie von einer Schlange gebissen: einer der Bnde
trug nmlich die Jahreszahl der Parusie; so da er knftig jeder
Zeitschriftensammlung in weitem Bogen auswich.
    Er kam an einer Frauenkleiderhandlung vorber. Im Schaufenster prangte ein
weier Rock mit grnen Knpfen. O sengender Sonnenstich der Erinnerung! Sie
hatte in der Parusie einen weien Rock und einen weien Grtel, mit grnen und
goldenen Fden gewirkt.
    Und hnliches. Unter den scheinbar harmlosesten Gegenstnden lauerten
Skorpione. Dieser Kamm scheint doch unschuldig, nicht wahr? und dieses
Papiermesser auch? Eitel Tcke und Gleisnerei! denn diesen Kamm hatte er sich
zwei Wochen vor der Parusie gekauft! das Papiermesser das Jahr darauf whrend
der fliegenden Hochzeit. Und jedesmal schrie das getroffene Herz auf: Es kann,
es darf ja nicht sein; es ist ja ganz und gar unmglich. Tatata! mahnte der
Verstand, keine Gaukeleien! Es ist; folglich wird es wohl mglich sein. Und
schleunig duckte er die winselnde Hoffnung.
    Immerhin, von Stunde zu Stunde tapfer kmpfend, kam er ber die Tage
leidlich hinweg; meistens siegreich, zuweilen unentschieden, niemals geschlagen.
    Aber die Nchte! Wo im Traum das tagsber unterdrckte, doch keineswegs
vernichtete Heimweh seiner Seele, nun nicht mehr von Arbeit, Wille und Verstand
gebndigt, freiledig emporstieg, wie die Dampfsule aus einem siedenden Kessel,
nachdem der Deckel abgehoben worden! Keine Nacht ohne Traum, und kein Traum ohne
sie. Und unfehlbar vermhlte ihn der Traum mit ihr, behauptend: Ich bin die
Wahrheit, das Gegenteil ist Trug und Tuschung. Und nicht vereinzelt dichteten
die Trume, jeder fr sich ein besonderes Ganzes darstellend, heute dieser
Traum, morgen ein anderer; nein, der Traum der jeweiligen Nacht bezog sich
rckwrts auf die Trume der vorangegangenen Nchte wie eine Romanerzhlung auf
die frheren Kapitel; seine Trume bildeten Kette. So da er ein frmliches
Doppelleben fhrte: nachts, herzlich mit ihr vereint, von ihrem Lcheln
beleuchtet, von ihrem Liebesblick besonnt, mit ihr plaudernd und kosend, ein
Leben voll ser, goldener Seligkeit; tags ein hoffnungsloses Schmerzensdasein
in der Trbsal uferloser Verdammnis. Oh, wozu erwachen! Da doch niemals die
Enttuschung einsetzte! da der wonnige Traumwahn auch den Tag trstete!
    Wenns nur das ist, meinte die Phantasie, dem ist bald abgeholfen. Und
eins, zwei, ohne seine Einwilligung abzuwarten, hatte sie den Guckkasten
aufgerichtet und die Vorstellung begonnen: Unmglichkeiten, auf Lgenfen
stehend, immerhin denkbare Unmglichkeiten, wofern man von den Lgenfen absah.
    Eine demtige Greisin hielt auf seiner Schwelle; dahin die Schnheit,
zerstoben die Freunde und Anbeter, das erloschene Auge um ein Liebesalmosen
bettelnd. Auch du, natrlich, klagte ihr Blick, nun ich alt und hlich bin,
kennst mich nicht mehr.
    Er aber rief. Theuda, meine Braut, umsonst, da du dich bemhst, die ewige
Jugend deiner Schnheit unter der entliehenen Maske des Alters zu verhehlen;
denn sie verrt der Glanz der Parusie, der dich umstrahlt. Doch warum stehst du
demtigen Blickes auf der Schwelle? Sieh, ich beuge vor deiner Hoheit
ehrfrchtig die Knie.
    Ihm antwortete Theuda: O Wunder der Gnade! Heute, da ich alt und hlich
bin, wird mir aus einem einzigen Herzen der Liebe mehr, als mir von allen
Menschen zusammen in meinem ganzen Leben geworden.
    Gelt? lachte die Phantasie, das gefllt dir? Und fuhr fort zu spielen.
    Im Krankenbett sah er sie liegen, von Beulen entstellt, von den Nchsten
verlassen, ein Ekel den Menschen. Er aber nahte ihr andchtig wie einem Altar.
    Das ist hingegen kein schnes Bild, tadelte er die Phantasie.
    Soll auch keines sein, denn das ist ja eben das Schne daran, da deine
Liebe sogar den Ekel bermag. Doch wart, ich habe noch etwas. Und fuhr fort zu
spielen.
    Eine Lasterhafte schaute er, von der Welt verurteilt, verstoen, verspien;
dem Trunk ergeben, im Rausch auf dem Boden sich wlzend.
    Pfui! schalt Viktor entrstet, pack auf! was fr eine strfliche,
hirntolle Vorstellung! Sie, die Zchtige, die Reine, die Hohe!
    Aber wenn? zischelte die Phantasie, wenn? Sag ehrlich, was wrdest du in
diesem Falle tun? Wrdest du, wrdest du sie mit dem Fu fortstoen? wrdest du
das? Du schweigst? Schon gut, ich wei jetzt genug. brigens hab ich auch
allerlei in anderm Stil. Vielleicht ein durchsichtiges Kartenspiel gefllig?
Nicht? Schade, da hast du unrecht, es sind wunderhbsche Schelein darunter.
Dann also vermutlich lieber etwas Ernstes? Ja? im Augenblick.
    Und zeigte sie ihm als Witwe im Trauerkleide.
    Da warf er ihr in jhem Zorn den Guckkasten ber den Kopf Mute er sie
indessen wahnwitzig lieben, da seine Phantasie sich getraute, ihm solche
Unbilder zu bieten!
    Die Erinnerung, da es einst seiner Willkr anheimgestellt gewesen, statt
der gegenwrtigen Hlle den Himmel einzutauschen, da sechs lange Monate das
Glck geduldig vor seiner Tr auf- und abwandelte, seiner Erlaubnis gewrtig,
die Erwgung, da er nicht allein ihre huldreiche Gewogenheit, die ihm jetzt als
der unerreichbare Gipfel der Gnade erschien, sondern in atemstickendem Reichtum
ihre gesamte Person, Leib, Liebe und Leben mit einem einzigen Wort htte
erwerben knnen, prgte seine Qual mit tragischem Stempel. Hart an der Reue
streifte die Erinnerung vorbei, berhrte sie jedoch nicht, auch nicht einen
Augenblick. Wohl ihm! denn bereute er, so rettete ihn nichts vor Verzweiflung.
Nein, er bereute nicht, ob ihm schon die Sehnsucht das Herz wie mit Zangen
zerrte. Deshalb fhlte er sich auch beim klglichsten Geschrei seines Herzens
gar nicht einmal unglcklich. Es glnzte etwas wie Glorie um sein Weh; hnlich
der Glorie des Mrtyrers, dessen Mund zwar whrend der Folter jammert, dessen
Glieder sich gegen den Henker struben, der aber selber zur nmlichen Zeit
freudig seinen Gott bekennt. Darob erhhte sich sein Gefhl zur Passion; seine
Seele schritt auf dem Kothurn, sein Geist wogte rhythmisch; der Blick seines
Auges, dem der tragische Schmerz jede Trne verweigerte, ward ekstatisch, in
solchem Grade, da eines Tages ein Augenarzt ihn auf offener Strae anhielt, mit
dem Gesuch, die erstaunliche Merkwrdigkeit beglaubigen zu drfen.
    Allein, wo Ekstase gedeiht, wchst auch die Anfechtung. Auch ihm widerfuhr
sie, die Stunde der Anfechtung.
    Direktors feierten in diesen Tagen den Geburtstag ihres Bbleins, des
kleinen Kurt; und Viktor, ob er schon sonst zu keinem Menschen mehr zu bewegen
war (ein komischer Mensch! kaum, da man gemeint hatte, es wre alles gut,
spielt er wieder den Einsiedler!), erachtete es fr richtig, bei diesem Anla
nicht zu fehlen; aus Geschmacksgrnden. Irgendein allegorisches Anspiel, vom
andern Kurt, dem Ohm und Paten des Geburtstagkindes, ersonnen (dieser geniale
Mensch nmlich schttelte nur so aus dem rmel, wozu andere Wochen und Monate
brauchen), wurde aufgefhrt, worin der Mutter, also der Frau Direktor, die Rolle
einer Fee zukam, so da sie ihre nichtsnutzigen Verslein im weien Gewande
sprach, mit zwei mchtigen Flgeln behaftet, die schwarzen Locken aufgelst, auf
dem Scheitel ein flittergoldnes Krnlein. Schon whrend der Auffhrung,
angesichts der hehren Erscheinung im Himmelsgewande, nahm sich sein Herz
meuterische Bemerkungen heraus: Da sieh, du Tropf, du Ehefeigling, was du
verscherzt hast. Wie dann nach Beendigung des Stckes Theuda im Feenkleide
verbleiben mochte, also da Gttin und Menschenweib, Rolle und Wirklichkeit,
durcheinanderspielten und das Kind herumgereicht wurde und weihevoller Friede
von der Stirn der beglckten Mutter leuchtete, Ort und Stunde und alle
Anwesenheit mit Huld und Gte segnend, da begann sein Herz einen solchen
unsinnigen, unbndigen Aufruhr wie nie zuvor in seinem ganzen Leben:
    Und wenn alle Gtter des Himmels und alle Religionen der Erde und smtliche
Pflichten, Erhabenheiten und Weisheiten vereint auf mich einschrien, ich
behaupte ihnen ins Gesicht: es gibt im Weltall keinen Wert, der den Besitz der
Geliebten aufwge, und keinen Lohn im Himmel und auf Erden, der fr den Verlust
dieses Kleinods entschdigte. Wer diesen Preis htte haben knnen und hat ihn
verschmht, und wre es auf Gehei des allmchtigen Gottes in Person, der ist
kein Mrtyrer, kein Held, sondern er ist einfach ein Narr. Recht und billig, da
dich der Fluch der Verdammnis zermalmt.
    Da eilte er heim auf sein Zimmer und rief in seiner Not seine Strenge Frau
an, nicht anders als wie der Glubige seinen Gott.
    Hilfe! sthnte er, ich vermags nicht mehr allein. Die Freundin, die du
mir verlobtest, deine Tochter, die du mir vermhltest, mit feierlichem Spruch
uns ewiglich verbindend, Imago, meine eheliche Braut und Gattin, sie kennt mich
nicht, Imago sieht an mir vorbei. O miverstehe nicht den Schrei meines
gefolterten Herzens. Keine Reue befleckt den zuckenden Wunsch meiner blutenden
Seele. Flsse die Zeit rckwrts, zum zweiten Mal mir die Entscheidung vor die
Fe spielend, ich wrde zum zweiten Male entsagen; ja, das wrde ich. Auch will
ich ja gerne leiden und entbehren, wehmtig, doch glubig und freudig. Aber
warum denn so grlich, warum so unmenschlich? Ist es denn ein so unerhrtes
Verbrechen, gro zu sein, da ich dafr ber Menschenkraft bestraft werde? Wenn
es sein darf, so mildere den Spruch meiner Verdammnis. ffne deiner Tochter
Augen, da sie mich nicht ganz und gar verleugne; sprich ihr zu, da sie mich
ihren edlen Freund nenne, da sie mir wenigstens einen Blick der Erinnerung,
einen einzigen, gewhre. Leg ihr das ans Herz, befiehl ihr das. Darf es nicht
sein, so leihe mir deinen Beistand, damit ich nicht unterliege.
    Da war ihm, als schwebte der Schatten der Strengen Frau durch das Zimmer.
Gestrkt stand er auf und litt, was zu leiden war.

                          Konvulsionen und Illusionen


Inzwischen waren die Winterfeiertage angekommen, Weihnacht mit ihrem schnellen
Sprung, hernach der langsam daherkriechende Silvester. Selbstverstndlich hielt
er sich berall fern; denn ohnehin kein Freund von Familienrhrseligkeiten und
Kalenderhumanitten (muhen das ganze Jahr fhllos aneinander vorbei und bimmeln
in der Neujahrsnacht Bruder Lieblich), brauchte er gegenwrtig wahrlich keine
Wachskerzen, um zu wissen, was Wehmut ist.
    Dagegen die blichen Hflichkeitsbesuche am Neujahrsmorgen durfte er
anstndigerweise nicht unterlassen. So machte er denn geziemlich die Runde,
wobei er die schwierigsten Gnge, den zu Frau Steinbach und den zu Direktors,
ans Ende schob.
    Nicht wohl war ihm zumut, wie er in dem trauten Gartenhaus der Frau
Steinbach die Treppe hinaufstieg. Ohne Anzglichkeiten, mute er sich sagen,
oder zum mindesten vorwurfsvolle Mienen werde ich schwerlich abkommen. Allein
nichts von alledem; mit unbefangener Freundlichkeit, als wre er gestern hier
gewesen und nicht ein Vierteljahr weggeblieben, empfing sie ihn, hchstens etwas
zurckhaltender als frher. Ich habe in der Silvesternacht, berichtete sie
lchelnd, Ihre Zukunft ausgekundschaftet; Sie wissen, mit geschmolzenem Blei im
Wasser. Aberglaube, zugegeben; immerhin, wenn das Orakel gnstig lautet, so mag
man ihm gerne Glauben schenken. Und was das Orakel mir von Ihnen erzhlt hat,
das glaube ich wirklich. Nmlich Sie werden einmal eine liebe, treue Frau
bekommen, anspruchslos und selbstlos, jung und anmutig, die Ihnen von ganzem
Herzen zugetan ist und Ihnen das Leben zur Freude macht; dazu ein paar liebe,
gute, schnupperige, kuliche Kinder - kurz, Sie werden glcklich sein.
    Ich? glcklich sein? wiederholte er, tieftraurig.
    Ja, glcklich. Und zwar so glcklich, wie ein Mensch auf Erden nur sein
kann, ob Sie es schon vielleicht in diesem Augenblick nicht glauben; ich fhle
es, ich wei es, Sie werden glcklich sein, denn Sie haben das Talent zum Glck.
Und wissen Sie, was ich tue? Ich liebe Ihre knftige Frau schon jetzt, ohne sie
zu kennen. Ob ichs erlebe, kann ich nicht wissen; ich hoffe es, es wre meine
schnste Stunde. Sollte es nicht sein drfen, so gren Sie mir Ihre liebe Braut
herzlich von mir, und sagen Sie ihr, da ich sie innig segne fr alles Zarte und
Gute, das sie Ihnen antun wird.
    Seine Frau, seine Braut, was fr Worte, was fr Vorstellungen! Und mit
Traurigkeit getrnkt, zog er verstrt weiter, zu Direktors.
    Er traf sie im Empfangszimmer, das Kind auf dem Scho, freudig erregt von
Festtagen, Geschenken und Besuchern. Treuherzig, ein bichen nachlssig, bot sie
ihm die Hand mit dem blichen Neujahrsgru: Ich wnsche Ihnen recht viel Glck
und Gesundheit zum neuen Jahr und alles Gute.
    Das sagte sie! sie wnschte ihm Glck! Von einem jhen Schwall von
trostlosem Weh berwltigt, verlie er ohne Gegengru noch Abschied das Zimmer
(entschieden ein komischer Mensch, der Viktor), strzte durch die
Seitengassen, hernach durch die Vorstadt - o die unendliche Stadt, die zahllosen
Menschen, die neugierigen Blicke! - dem rettenden Walde zu. Doch er gelangte
nicht bis zum Walde; denn kaum da er von ferne den Saum der gastlichen Tannen
gewahrte, ri es ihn zu Boden, mitten in den Schnee, eine Beute unsinniger
Schluchzer. Da galt keine berwindung, keine Scham; so wie einer, der Arsenik im
Leibe hat, im dichtesten Menschengewhl hinstrzt und sich in Krmpfen windet,
ob er schon wei, das schickt sich nicht, so mute er die Schluchzer geschehen
lassen. Ich bin nmlich auch noch da, erwiderte sein Krper. Dem ist jemand
gestorben, hrte er eine vorbergehende Bauernfrau mitleidig sagen.
    Seit diesem Augenblick war es, als ob ein Strom einen Dammbruch entdeckt
htte und schsse fortan seine Wogen durch die Bresche. Sein ganzes Sehnsuchtweh
flutete ihm nunmehr durch die Augen, er lebte nur noch in Trnen oder in Furcht
vor den Trnen. Denn in jhen Anfllen bernahm ihn der Trnenkrampf, ohne jede
Warnung; und der mindeste Reiz gengte ihm: ein Glockenklang, ein Ton Musik, der
Anblick eines Weges, den sie einmal geschritten, der Zug einer Wolke, welche von
Kindheit und Heimat erzhlte; hnlich wie das bloe Summen einer Fliege
hinreicht, um den Starrkrampf des Tetanuskranken auszulsen. Oh, wo ist eine
Stelle, dahin ein Mensch flchtet, um unbeobachtet und ungetrstet zu weinen?
Warum umfriedigt der Staat nicht heilige Sttten fr die Traurigen, unnahbar der
Neugier? Man besitzt so viele unntze Rechte, warum nicht das Recht auf Trnen?
    In den Pausen der Anflle fhlte er sich weich gemtet wie ein Genesender;
nach guten Menschengesichtern verlangend, aber nach fremden, die ihm noch
keinerlei Leid zugefgt; dankbar fr einen Gru, fr ein gleichgltiges Wort,
dankbar schon dafr, da jemand an ihm vorberzog, ohne ihm wehe zu tun. Deshalb
mied er seine Bekannten, suchte dagegen Versammlungen, also zum Beispiel
Wirtshuser auf, denn der Anblick volkstmlicher Bewegung, die seiner nicht
achtete, das Gerusch menschlicher Reden, die ihm nicht galten, tat ihm wohl.
    Freilich verrechnete er sich dabei etwas, indem er dort, wo er Hinterdrfler
suchte, auf einen Bekannten stie. So tauchte einmal in der Bierhalle Dreher
pltzlich der Statthalter vor ihm auf, ntigte ihn neben sich und stellte ihm
einen fremden Herrn vor, Doktor Eduard Weber, Ethiker. Kaum hatte der
Statthalter das Wort Ethiker ausgesprochen, so geschah dem Viktor eine neue
Nervenberraschung: ein Lachkrampf. So gewaltsam, so unwiderstehlich berfiel er
ihn, da er vor Lachen laut aufjauchzen mute, mitten unter den vielen Leuten.
Und statt sich zu beruhigen, kamen die Ste immer heftiger. Und Eduard heit
er auch noch. Und hast du das harmonische Weltbesnftigungsgesicht gesehen?
Es blieb ihm nichts brig, als lachschreiend auf die Strae zu fliehen, whrend
auf seiner Spur alle Welt, vom Gelchter angesteckt, frhliche Gesichter zog.
Der ist aber lustig. Und als er am nchsten Tage sich reumtig aufmachte, um
dem Herrn sein aufrichtiges Bedauern auszusprechen, und bereits die Klingel
ziehen wollte, geschah ihm, nur weil ihm auf dem Namensschild wieder das
unglckliche Wort Ethiker entgegenjauchzte, der Anfall von neuem. Dreimal
flchtete er, dreimal zwang er sich ernst und entschlossen zurck; es half
nichts, das fatale Zauberwort lie ihn nicht ber die Schwelle.
    Und einmal angefangen, ging es ihm mit den Lachkrmpfen wie mit den
Trnenkrmpfen; sie hatten den Weg gefunden, darum benutzten sie ihn. Und auch
ihnen war der nichtsnutzigste Vorwand recht. Er sah ein Huhn Wasser trinken;
dabei schob dieses die untern Augenlider hinauf und warf den Kopf zurck;
Ergebnis: ein laut aufsthnendes Gelchter. Er las in einem Buche, an einem
Wirtstische wren drei Mller gewesen; darber jubelndes Lachschluchzen; man
denke doch: drei weie Mller nebeneinander!
    Ach Konrad, wie springst du mit deinem Viktor um!
    Ja, aber was hast du mir auch seit vier Monaten alles zugemutet!

Eines Morgens, es war etwas vor elf Uhr, scho ein leuchtender Gedanke vor
seinen Augen auf, steil wie eine Rakete. Da doch Gte deinem Herzen so wohl
tut, warum begibst du dich nicht einfach zu ihr, dem Quell der Gte? Der Arzt,
der dir wehe getan hat, wird dich heilen. - Tu nicht so ungebrdig! Was besorgst
du? wen frchtest du? Sie? Von guten Menschen geschieht einem nichts Bses.
Dich? Ach Gott, du bist jetzt so gering, so anspruchslos geworden! Versuchs; es
ist doch kein so gefhrliches Wagnis, einer Dame, mit welcher man befreundet
ist, einen Besuch abzustatten; du bist ja schon oft dort gewesen, ohne da sie
dir den Kopf abgebissen hat. Und warum nicht ebensogut heute als morgen? Oder
hast du einen Grund, morgen vorzuziehen?
    Das nicht. Heute oder morgen, das kme ganz auf das gleiche heraus.
    Wenn du jedoch heute gehen willst, so darfst du nicht sumen; es ist gerade
die richtige Besuchszeit.
    Du bist ein gescheiter Gedanke. Nur la mich zuerst grndlich nachsehen, ob
auch alles inwendig im Gleichgewicht ist, damit mir nicht am Ende wieder der
Konrad mit seinen Nervenknsten eine berraschung spielt.
    Er prfte sich. Rundum Ruhe, im Blut und in den Nerven; nirgends etwas
Verdchtiges. Also ging er ohne weiteres zu ihr.
    Sie sa allein im Zimmer, am Nhtisch. Kaum erblickte er sie, so funkelten
alle Gegenstnde wie durch Kristall geschaut, hierauf begannen sie zu schwanken
und sich zu drehen, immer schneller; dann wute er nichts mehr, als da er zu
ihren Fen kniete, in einer Sturmflut von Trnen, ungestm ihre Hand kssend.
Darber erschrocken, schnellte er tief beschmt empor, im Begriff
davonzustrzen.
    Sie aber erfate mit barmherziger Gte seinen Arm: Wohin eilen Sie? was
wollen Sie beginnen?
    Er sthnte: Wei ichs? Mich irgendwo in einer Waldhhle zutode schmen.
    So drfen Sie nicht fort; kommen Sie, ich will Ihnen die Augen waschen.
Und fhrte ihn ins Schlafzimmer. Ich wute von nichts, besnftigte ihre
Stimme, ich hatte keine Ahnung, wenigstens nicht, da es so tief gehe. Habe ich
mir vielleicht etwas zuschulden kommen lassen?
    Er schttelte den Kopf, der Rede nicht mchtig, und lie die Augenwaschung
willenlos wie eine Operation ber sich ergehen. Welche Schmach! sthnte er von
Zeit zu Zeit, welche Schande!
    Es ist doch keine Schande, jemand lieb zu haben! trstete sie, man kann
ja doch nichts dafr. Oder bin ich denn so schlecht, da es eine Schande wre,
wenn man mich lieb hat?
    Da bi er sich die Lippen bis aufs Blut.
    Darber war das Kind in der Wiege aufgewacht, richtete sich auf und schaute
neugierig zu. Die Mutter holte es aus dem Bette. Siehst du, sagte sie zu ihm,
da steht ein armer Mann, dem etwas furchtbar wehe tut. Allein niemand hat ihm
etwas zuleid getan, niemand will ihm etwas Bses; er tut sich nur selber weh,
weil er sich in seiner Phantasie Dinge vormalt, welche nicht da sind. - Gelt,
Sie versprechen mir, da Sie nichts bereiltes begehen? mahnte sie zum
Abschied. Falls Sie mich wirklich gern haben, so mssen Sie mir das
versprechen; ich will es, ich verlange es. Kommen Sie lieber wieder zu uns, wir
wollen Sie heilen; wenn Sie mich genauer kennenlernen, werden Sie bald genug
selber sehen, da ich durchaus nichts so Kostbares, Unersetzliches bin, wie Sie
sich einbilden.
    Ihr meine Liebe verraten! klagte er auf dem Heimwege, das heit: mich ihr
wehrlos berliefert! Summa: alles verloren! Wie ein lyrischer Apothekergehilfe,
wie ein Romanwicht habe ich mich aufgefhrt. Trnen, Handku, Kniefall, keine
Art von Lcherlichkeit hat gefehlt. Bin ich das gewesen? O Konrad! Konrad! Und
dieses Mitleid! dieses barmherzige Trsten! Was in aller Welt soll ich nun
beginnen?
    Nichts, erwiderte sein Verstand. Nur gesund bleiben, alles brige richtet
sich spter wieder ein.
    Aber die Demtigung, die Erniedrigung!!
    Wenn es keine grere Erniedrigung gbe, als der Liebe zu unterliegen!
    Der Verstand mochte schon recht haben. Auch war die Sache nun einmal
geschehen. Also lie ers laufen, wohin es dem Konrad beliebte. Hatte sie nicht
gesagt: Wir wollen Sie heilen, kommen Sie nur wieder zu uns?

Ob er ihre Aufforderung wiederzukehren befolgen solle, war fr ihn nicht
fraglich. Oder fragt sich etwa ein Kranker, der nach unertrglichen Qualen
endlich ein schmerzstillendes Mittel verabreicht erhalten hat, ob er das Mittel
wieder nehmen wolle oder nicht? Es gibt eben Grade des Schmerzes, wohin Stolz
und Scham nicht reichen, wo nur noch der einzige Gedanke gilt: Hilfe, einerlei
womit, gleichviel durch wen. Er hatte die geliebte Stimme, den guten Spruch
ihrer barmherzigen Rede gesprt. Was Stimme! was Rede! Mit ihrer eigenen Hand
hatte sie sein Antlitz berhrt, mit ihrem Arm seine Wange gestreift. Was braucht
es da der berlegung? Dort ist der Trost, das Heil und das Leben; die brige
Welt ist Kram.
    Also zog er schon am folgenden Morgen wieder hin, am bernchsten Morgen von
neuem und so weiter jedes Tages Morgen. Und jedesmal fand er sie am Nhtisch
allein, und immer durfte er ihr sagen, da er sie lieb habe. O welche
Erleichterung! Statt fern von ihr sein Leid in den kalten Tannenwald zu weinen,
es einem warmen Menschen, es ihr zu gestehen, es von ihren schnen Augen
bescheinen zu lassen, teilnehmende Worte, freundschaftliche Blicke dafr
einzutauschen! Und wie man eines Kindes Trnen durch Anblasen und nichtige
Sprchlein stillt, so brachten ihm ihre unbedeutendsten Worte durch den bloen
Ton der ersehnten Stimme Trost und Linderung, so da er schon bei seinem zweiten
Besuche der Trnennot ledig wurde; nicht anders, als ob seiner Wunde der Stachel
wre entzogen worden. Und mit jedem neuen Male nahm die Entzndung ab. Wir
wollen Sie heilen, hatte sie zu ihm gesprochen; es lie sich wirklich so an.
    Bald gelang ihm sogar - in der Tat, er hatte das Talent zum Glck - da er
aus dem Vorrecht, jeden Morgen mit ihr allein zu wohnen und ihr seine Liebe
darzubringen, Zufriedenheit und hiemit Seligkeit schpfte; denn wenn ihm nichts
unleidlich wehe tat, war er immer selig. Und warum sollte er nicht zufrieden
sein? Tglich eine Stunde ihrer Gegenwart in Freundschaft und Eintracht, eine
Art neuer Parusie auf hherer Stufe, berdies durch ein gemeinschaftliches
Geheimnis, das Geheimnis seiner Liebe, mit ihr verbunden, - wer von allen
Menschen, auer dem einzigen Statthalter, dessen Rechte zu schmlern er ja
niemals beabsichtigt hatte, besa denn so viel? Ob sie ihn nun liebe oder nicht
liebe, darum sorgte er sich nicht; ja, es interessierte ihn nicht einmal, da er,
der Frhreife, sich schon seit unvordenklichen Zeiten in die berzeugung
eingelebt hatte, da des Menschen Heil oder Unheil nicht von auen, sondern von
innen kommt, und da der Schein den nmlichen Dienst tut wie die Wahrheit, meist
sogar einen besseren. Nicht ihre Liebe bedurfte er, sondern blo ihre Gegenwart,
damit sein durstiges Herz ihren Anblick, ihre Stimme, ihre Gebrden und
Bewegungen trinke. Wie er denn von jeher mit Vergngen ihren Ha und Abscheu
angenommen htte, wenn er sie dafr htte heimnehmen, gefangenhalten und an die
Wand schlieen drfen. Zapple, schrei, schilt, verwnsch: nur bleib bei mir.
    Von dieser begehrten Gegenwart nun hatte er, ohne Gewalt zu gebrauchen, ohne
sie rauben und an die Wand schlieen zu mssen, durch ihre friedliche
Einwilligung ein kostbares gesichertes Stcklein; das sie ihm auch sorglich
aufsparte und behtete, indem sie, solange er bei ihr war, jede Strung barsch
beseitigte, jeden Eindringling kurz abfertigte; nicht einmal ihr Bruder wurde
vorgelassen. So da er sich gewissermaen ein wenig mit ihr verheiratet fhlte;
eine heimliche Ehe zwar, doch nur um so ser.
    Durch das trauliche Sonderstndchen gedieh dann allmhlich ein
kameradschaftlicher Verkehr zwischen ihnen. Seine Liebe, nunmehr als
selbstverstndlich vorausgesetzt, hatte nicht ntig, immer von neuem
ausgesprochen zu werden, sie rckte zur harmonischen Begleitung in die untere
Notenlinie hinab, zwar die Stimmung beherrschend, aber Raum fr andere Gesprche
und Unterhaltungen freilassend, die dann oben im Diskant wie durchgehende Noten
nach Laune und Belieben schalteten. Sie konnten wie Bruder und Schwester
miteinander plaudern, Kunstbltter betrachten, vierhndig Klavier spielen (ich
hatte gemeint, Sie wren unmusikalisch!); oder sie erzhlte ihm von ihren
Mdchenjahren, besprach mit ihm die Zukunft ihres Kindes, zeigte ihm die Rume
und Einrichtungen ihrer Wohnung. Sogar zu Neckereien fanden sie die
Unbefangenheit.
    Das also ist die bse Frau, die einem so grausam weh getan hat, lchelte
er.
    Huhu! drohte sie, zog eine grimmige Miene und krallte die Finger.
    La sehen, zeigen Sie, scherzte er ein andermal, schauen Sie mich, bitte,
wieder einmal so feindselig an wie einst.
    Das kann ich jetzt nicht mehr, lehnte sie ab, einfach, wahr und gut.
    Als er einmal eine Nadel, die ihr entfallen war, blitzschnell vom Boden
aufhob, nannte sie ihn Herr von Wolzogen. Frau von Stein, erwiderte er, sich
verbeugend.
    Wenn er beim Klavierspielen heimtckisch ihren kleinen Finger unabsichtlich
berhrte, patschte sie ihm auf die Hand; wenn er im Gesprch einen unliebsamen
Kraftspruch uerte, auf den Arm. Eines Morgens berfiel sie ihn mit einem
Panthersprung aus dem Hinterhalt und wrgte ihn herzhaft. Ihr Namenstag heute,
erklrte sie dem Verdutzten.
    Nur ein einziges Bedenken schaffte ihm dann und wann etwas Unbehagen: wo
bleibt denn bei alledem Freund Statthalter? warum ist der niemals sichtbar?
wieso gelingt uns Tag fr Tag das trauliche Alleinsein, obwohl zuweilen oben in
der Studierstube ein Stiefel scharrt und Tabakrauch wie ein warnendes Orakel
durch die Ritzen qualmt? Das Geheimtun, welches seinem Herzen s schmeckte,
wollte, wenn schon nichts Bses geschah, seinem Gewissen nicht recht munden.
Andererseits konnte er doch auch nicht oben an der Studierstube anklopfen und
Meldung abstatten: Herr Direktor, wissen Sie das Neueste? Ich habe nmlich die
Ehre, Ihre Frau Gemahlin ergebenst zu lieben; Sie knnen brigens ruhig auf
beiden Ohren schlafen; denn wir sind unschuldig wie zwei Osterlmmer, ein weies
und ein schwarzes. Nein, gegen eine solche Biederei emprte sich sein
Geschmack. Es gibt eben Dinge, die, obgleich sie nicht bse, vielmehr hoch und
edel sind, dennoch die Geheimhaltung verlangen; deswegen, weil sie durch die
bloe Kenntnis eines Dritten entweiht wrden. Und schlielich, das geht sie an,
nicht mich; er ist ja ihr Ehemann, nicht meiner. Also, wenn ihr Gewissen es
ertrgt -
    Nachdem das so einige Wochen zwei gedauert hatte, wurde ihr Benehmen anders,
nmlich undeutlich, wechselvoll, gegenstzlich; nie fand er sie so wieder, wie
er sie tags zuvor verlassen hatte. Zunchst berraschten ihn Rckflle in ihr
altes Mitrauen; offenbar waren Einflsterungen geschftig; vermutlich von
Freundinnen, vielleicht auch von Neidern und Eiferschtigen.
    Wenn es in Dur nicht gegangen ist, versucht mans in Moll, warf sie ihm
einmal ohne jeden Anla hin, anzglich, mit gescheitem Blick. Sie war demnach
geneigt, wenigstens in diesem Augenblick, das wahnsinnige Herzeleid, das ihn zu
ihren Fen geworfen, fr gespielt, fr einen abgefeimten Schachzug zu halten!
    Ein anderes Mal, als er von ihrer ersten Begegnung, also von der Parusie,
erzhlte, verlief folgende Rede:
    Sagen Sie mir aufrichtig, fragte er, haben Sie mich eigentlich damals
geliebt, oder haben Sie mich nicht geliebt?
    Sie schttelte den Kopf. Ich hielt Sie fr falsch.
    Wie kamen Sie auf diesen abenteuerlichen Gedanken?
    Weil Sie mir so viele bertriebene Schmeicheleien sagten.
    Ich sagte Ihnen niemals eine einzige Schmeichelei; ich sagte blo, da Sie
unbeschreiblich schn seien und da ich Sie wie ein Symbol der Gottheit
verehre.
    Nun ja eben: solcher abgeschmackter, ser Schnickschnack. Das mag bei
eitlen, inhaltlosen Modedmchen seinen Dienst tun, bei mir nicht.
    Und jetzt? lachte er, halten Sie mich etwa noch fr falsch, da ich Sie
nach wie vor unbeschreiblich schn finde und heute mehr als je als ein Symbol
der Gottheit verehre?
    Hm? zweifelte sie mit mitrauischem Blick, manchmal nein, manchmal ja.
    Er begriff und entschuldigte: Germania, der es nicht in den Kopf will, ein
Wstling knnte einer echten Liebe fhig sein. Ja, sie glaubte noch immer nicht
an die Wahrheit und Reinheit seiner Liebe; das verriet ihm mancher Zug ihres
Benehmens. So konnte sie zum Beispiel mitten im Gesprch das Kind aus der Wiege
holen, es auf den Scho setzen und wie einen schtzenden Schild vorhalten. Oder
sie stand bei seiner Ankunft abwehrend unter der Tr, mit ausgebreiteten Armen
den Zugang versperrend. Wolf, komm mir nicht in mein Hrdlein, drohten ihre
Augen. Lie ihn brigens dann doch ein.
    Andere Male wieder rhrte sich Eva in ihr. Blieb er einen Tag aus, so
forderte sie Grnde, heischte Rechtfertigung. Hatte er sich auf der Strae im
Gesprch mit einer andern Dame betreffen lassen, so hielt sie ihm das vor,
scheinbar in scherzhafter Meinung, doch mit der Stimme der Empfindlichkeit. Sie
werden sich auch verheiraten wie jeder andere, warf sie ihm etwa vor, in
bitterm, fast verchtlichem Ton, als beging er hiemit eine krnkende, niedrige
Handlung.
    Mitunter mochte ihn Eva auch plagen. Warum denn nicht? Bentz die schne
Jugendzeit; noch ein paar kurze, flchtige Jhrchen, ach Gott, und du kannst
niemand mehr plagen.
    In dieser frommen Absicht redete sie so oft wie mglich von ihrem Manne,
natrlich im harmlosesten Ton; zeigte ihm ihre neueste Photographie: Fr meinen
Mann zum Geburtstag; oder sie phantasierte von der Zukunft unseres Buben, wenn
wir beide einmal alt sein werden.
    Welche beide? fragte er.
    Nun, natrlich mein Mann und ich. Wer sonst?
    Unmerklich hatte sich jedoch ihrem Sonderbund ein Dritter zugesellt: ihr
Bblein, der kleine Kurt. War es, weil sich Viktor hin und wieder gndig mit ihm
einlie, der Mutter zuliebe? oder war es im Gegenteil, weil er das berflssige
Wesen anfnglich gar nicht beachtet hatte? Sei es, was es wolle, das kleine
Geschpflein hngte sein Herzchen an Viktor, ihm wie einem Vater
entgegenwankend, aber einem Vater ohne Erziehungstcken, der einem niemals etwas
verbietet, der nie bse wird, der immer freundlich dreinschaut. Wenn dann die
zwei miteinander spielten, Viktor und der kleine Kurt, hielt sich die Mutter
geflissentlich abseits, ber den Stickrahmen gebeugt, viertelstundenlang
stillschweigend, wie absichtlich sich in Vergessenheit hllend, schaute von Zeit
zu Zeit mit einem tiefen Atemzuge auf, und so oft sie aufschaute, glnzte ihr
Auge von innerem seelischem Lichte. Es schwebte wie Andacht ber der Gegenwart,
wie Segen ber den drei Menschen.
    Unversehens, ohne den mindesten Anla, empfing sie ihn eines Morgens
feindselig, ja geradezu brutal. Wann reisen Sie wieder ab? lautete ihr
barscher Gru.
    Warum? Wrde Ihnen etwa meine Abreise erwnscht sein?
    Ja.
    Sie tun mir weh.
    Sie mir auch.
    Ich? - Ihnen?
    Ja. Indem Sie mir Sachen sagten, die ich nicht hren darf und die Sie nicht
sagen sollen.
    Die ich auch nicht sagen wollte, aber sagen mute.
    Man mu nie, was man nicht soll.
    Die Natur kennt das Zeitwort sollen nicht; das stammt aus der
Sozialgrammatik der Menschen. brigens, wenn Sie wirklich wnschen, da ich
abreise, so geschieht es; ein Wort von Ihnen gengt. Also, bitte, wie lautet Ihr
Befehl? Wollen Sie, da ich abreise? Morgen? Oder heute noch?
    Sie sah ihn eine Weile finster an; dann wurde sie unruhig, stellte sich ans
Fenster und kehrte ihm den Rcken. Er, wie von einem Magnet angezogen, trat von
hinten neben sie und berhrte sachte einen Finger ihrer nachlssig
herabhngenden Hand, die sie bei der Berhrung nicht wegzog. Hiermit waren beide
Krper verbunden, und es lief wie eine Strmung hinber und herber, davor sie
bebte und zuckte. Gab es keine seelische Magie, so gibt es doch sicher eine
leibliche.
    Ein Gedanke strmte gegen ihn, begleitet von Fanfaren und Glockenspiel:
Jetzt, hetzte der Gedanke. Jetzt! Sonst bist du lcherlich; lcherlich auf
ewig.
    Wohlan, seien wir lcherlich, erwiderte er fest und gab ihre Hand frei.
    Da platzte in seinem Innern ein schallendes Hohngelchter: Tugendheld!
Tugendheld!
    Verchtlich ber die Achsel blickend, gab er zurck: Ehebruch-Pedanten!
    Ein gefhrlicher Boden! Und ziellose Pfade! Wohin die junge Seligkeit wohl
taumeln mag? Wird sie, kann sie berhaupt whren? Mige Fragen; seine Aufgabe
war es jedenfalls nicht, der Seligkeit ein Bein zu stellen.

                                 Ein jhes Ende


Am Morgen des Lichtmetages, wo die Menschen die ersten Knospen zu gren
pflegen, die noch nicht da sind, begab er sich wie gewhnlich zu ihr. Mein Mann
ist im Studierzimmer; wollen Sie, bis ich mit dem Aufrumen fertig hin,
einstweilen ihm Gesellschaft leisten?
    Er stutzte. Was fr eine neue Sprache! Schickt mich zu ihrem Mann! Hat sie
etwa gebeichtet? Eine Auseinandersetzung? Meinetwegen; la hren; ich bin immer
so eingerichtet, da ich jederzeit jedem Menschen ins Auge sehen darf.
    Der Eintritt in das rauchdurchqualmte Stbchen beruhigte sein Blut; so
raucht kein Richter. Aha, willkommen, Sie sinds, scholl es ihm treuherzig
entgegen. Sehen Sie, da schickt mir der Buchhndler soeben wieder so einen
Weiberfresser von Philosophen. Sie machen ja doch wahrscheinlich auch nicht mit?
Oder was ist denn nun eigentlich Ihre Meinung von den Frauen?
    Eine schwierige Frage! und ein verfngliches Thema! Immerhin, besser an dem
Fittich der Theorie gefat zu werden als persnlich, denn der ist ziemlich
unempfindlich. Die Gerichtsverhandlung ber die Frauen nahm denn auch einen
friedfertigen, wrdigen Verlauf, mit ordentlichen Gedankenschritten, gemessenen
Urteilen und willigen Zugestndnissen von beiden Seiten. Wie jedoch Viktor im
Eifer seines Frauenlobes den Satz fallen lie: Ohne die Frau mchte ich
berhaupt nicht leben, bemerkte der Statthalter trocken: Aber jeder mit seiner
eigenen Frau, nicht wahr?
    Was war das? Ein Merks?
    Einige Redereihen spter, als die Grenzen des weiblichen Horizontes
abgesteckt wurden und Viktor eben darauf hinwies, welch ein beschmendes Urteil
in der Tatsache verborgen liege, da alle Welt, auch die weibliche, es fr
selbstverstndlich erachte, die Rolle einer jungen Frau in einem Theaterstck
knne einzig eine Liebesrolle sein, ffnete Frau Direktor behutsam die Tr.
Verzeihen Sie, meine Herren, wenn ich Sie in Ihrer gelehrten Unterhaltung
stre, hauchte sie zaghaft; erschrecken Sie brigens nicht, ich verschwinde im
Augenblick. Mit diesen Worten trippelte sie zum Bcherschrank, kauerte in
anmutiger Haltung zu Boden, kramte, ab und zu die ungefgen Locken
zurckwerfend, unter den Folianten, und schnellte dann pltzlich, ein Bchlein
in der Hand, mit federndem Schwung wieder empor. So; jetzt sind Sie erlst,
trstete sie, whrend sie in ngstlichen Sprngen auf spitzen Zehen zur Tr
hinausflchtete.
    Jedenfalls ihre einzige Rolle, schmunzelte der Statthalter, spielen sie
gut; im Leben wie auf der Bhne.
    Gleich darauf ertnte ein weicher Klavieranschlag, und ihre Stimme verklrte
das Haus. Davor berquoll dem Viktor das Herz. O mein Gott, sthnte er, ist
das schn! ist das rein! ist das edel! Und unversehens strzten ihm die Trnen
ber die Wangen, so da er hastig aufsprang und sich am Bcherschrank zu
schaffen machte.
    Das kann ich nun gerade nicht finden, versetzte der Statthalter, da das
rein und schn sei, wie sie das singt; man sollte sich eben berhaupt nie an ein
Stck wagen, das man nicht kann und das einem zu hoch liegt. Darauf wollte er
das Gesprch zurcklenken. Allein Viktor war von dem unsichtbaren Gesange
dermaen gebannt, da er nichts andres sonst wahrnahm. Wenn sie doch nur
endlich aufhrte! sie singt einem ja das Herz aus dem Leibe.
    Endlich hrte sie auf, und es gelang ihm, sich in geziemender Fassung zu
verabschieden.
    Kommen Sie morgen abend zum Tee, begehrte ihre dringliche Bitte, whrend
sie ihre Hand in der seinigen ruhen lie, ganz unter uns; niemand als Sie und
mein Mann; meine Wenigkeit ungerechnet, die Sie schon mit in Kauf nehmen
mssen. Und bedeutungsvoll flsternd fgte sie hinzu: Es gibt nmlich
Schlagsahne. Das war mit einem Ton gesagt, als ob die Schlagsahne den
Hauptanziehungsgrund vorstellen sollte. Also morgen abend! wiederholte sie,
mit dem Finger drohend, ich zhle darauf.
    Jetzt was? hat er etwas gemerkt, der Statthalter, oder hat er nichts
gemerkt? Aus diesem behbigen Pascha wurde er nicht klug. brigens nur um so
besser, wenn er etwas gemerkt hat (zuviel ist nicht ntig), so war er die
leidige Geheimtuerei los und zugleich einer geschmacklosen Beichte enthoben. Nun
kommts recht; genau so hatte er sichs von jeher ausgedacht gehabt: eine
einmtige Ehe zu dreien, wo er seinem getreuen Statthalter Imagos Leib und jener
ihm zum Dank dafr Imagos Herz und Seele berlie; so tat keiner dem andern
Abbruch. Die Vormittage ihm, dem Statthalter die brige Zeit; der durfte sich
wahrlich nicht beklagen, er wre bei der Teilung zu kurz gekommen. Also morgen
abend soll der Dreibund geschlossen werden. Bei einem Teller voll Schlagsahne,
spttelte ein Gedanke. Nun, warum nicht ebensogut Schlagsahne wie Wein? Oder
hat man etwa zu einem ehrlichen Vertrage Gift ntig? Und mit innigem Glck
verglich er diese Schlagsahne mit jener andern, ber welcher er ihr einst zuerst
wiederbegegnet war, damals, vor Monaten, bei Frau Regierungsrat Keller. Eine
hbsche Strecke Weg zurckgelegt, Viktor, findest du nicht? Von der
verchtlichen Gleichgltigkeit am Anfang bis zur heutigen Herzinnigkeit! Und
noch stehen wir ja erst am Anfang. O Wonne des Ausblicks!
    Darob trendelte er vergngt durch die Straen der Stadt, leise vor sich hin
singend und mit den Hnden ein himmlisches Orchester leitend.
    Da begegnete ihm Frau Steinbach. Kommen Sie heute nachmittag zu mir,
verlangte sie kurz, im Vorbeigehen, mit fremder Stimme, ich habe mit Ihnen zu
reden.
    Verstimmt, wie von einem kalten Regenschauer berrascht, trieb er weiter;
nunmehr ohne Musikbegleitung. Ich habe mit Ihnen zu reden. Ob er schon nicht
von ferne erriet, was in aller Welt die Rede aufrhren werde, ahnte ihm doch
Verdrieliches; denn es ist selten etwas Erfreuliches, wenn jemand mit einem zu
reden hat. Meinetwegen; ich schttle es ab wie die Ente das Wasser. Einzig
Theuda-Imago bestimmt mein Heil oder Unheil; bei ihr steht ja gegenwrtig alles
aufs herrlichste.

Mein Herr, Sie machen sich lcherlich, empfing ihn Frau Steinbach streng und
kalt, ohne ihn anzublicken.
    Unwille verfinsterte sein Gesicht. Womit?
    Bitte, verstellen Sie sich nicht; Sie wissen ganz gut, was ich meine.
    Entschuldigen Sie, da ich Ihnen widerspreche. Ich verstelle mich nie und
habe keine Ahnung, was Sie meinen.
    Nun, dann werde ichs Ihnen sagen: mit Ihrem ebenso trichten wie
unverantwortlichen Benehmen bei Direktors.
    Darf ich um Belehrung bitten, was Sie dazu berechtigt, mein Benehmen
tricht und unverantwortlich zu nennen?
    Nun, wenn das etwa nicht tricht ist, eine verheiratete Frau mit
Liebesergssen zu belstigen, die Ihrer Liebe nicht bedarf, der Sie vollkommen
gleichgltig sind und wo Sie sich hchstens die Brosamen des Mitleids erbetteln
knnen? Wenn das nicht tricht sein soll! Unverantwortlich aber, oder, falls
Ihnen der Ausdruck zu stark klingt, unrecht mu ich es nennen, da Sie
versuchen, sich zwischen rechtschaffene, pflichtgetreue Eheleute
hineinzudrngen; glcklicherweise umsonst.
    Jetzt errtete er mit heftigem Blutschwall; zugleich vor Scham und Emprung.
Wie das brennt, wenn ein Dritter wei, was unter vier Augen geschah! Grimmig
entgegnete er: Darber, was ich verantworten kann oder nicht verantworten,
darber werde ich Herrn Direktor Wy Rede stehen, wenn er es wnscht, aber nur
ihm, niemand sonst. Hier hingegen, wo ich tricht und lcherlich gescholten
werde, gestatte ich mir die Bemerkung, da ich in meinem Gedchtnis Grnde
finde, die mich zu der berzeugung berechtigen, Frau Direktor Wy gewhre mir
denn doch ein wenig mehr als die Brosamen ihres Mitleides und ich sei ihr auch
nicht gar so vollkommen gleichgltig, wie Sie in so schmeichelhafter Weise
anzunehmen belieben.
    Da wandte sie ihm ihr Gesicht zu und trat einen Schritt nher: Ach, Sie
armer, junger, naiver Herr! Ja, naiv, trotz Ihrem berlegenen Geist und Ihrer
Welt- und Menschenkenntnis. Meinen Sie denn wirklich, Sie rmster, weil eine
Frau Ihre Liebesgestndnisse duldet und nicht ungerne anhrt, das beweise das
mindeste fr ihre Herzensneigung? Natrlich hrt sies gerne; selbstverstndlich!
Ist das doch ein Trimphlein fr sie. Und ein klein, klein wenig Blmleinspielen
innerhalb der Grenzen des Erlaubten wird sie sich wohl auch nicht haben entgehen
lassen; vielleicht ist sie darin ein bichen zu weit gegangen, das kann ich
nicht wissen. brigens, was heit hier zu weit gehen? was fr ein Sittengebot
verwehrt ihr denn, mit jemand, der sie in unschicklicher Weise belstigt,
umzuspringen, wie sie mag? Sie sind ihr ja doch nicht verwandt; sie hat nicht
die mindeste Verpflichtung, Sie zu schonen. Wer eine Frau in eine schiefe Lage
bringt, mu sichs eben auch gefallen lassen, wenn es ein bichen krumm zugeht;
das ist sein Fehler, nicht der ihrige. Doch gesetzt selbst den Fall, Sie htten
einigen Eindruck auf ihr Herz gemacht, und das scheint mir, aus Ihren Worten zu
schlieen, in der Tat der Fall zu sein - es wre auch nichts Verwunderliches,
Sie sind ja doch nicht der erste beste -, was haben Sie damit gewonnen? Ein
oberflchliches, flchtiges Gefhlchen, das beim ersten Ruf des Schicksals
zerstiebt. Lassen Sie morgen ihr Kind oder auch nur ihren Mann krank werden, was
sind Sie dann? wer sind Sie ihr? Eine Null, nein, weniger als eine Null, ein
Abscheu, dessen bloen Anblick sie nicht einmal ertrgt. Frau Direktor Wy, wie
ich Ihnen schon frher sagte, ist eine einfache, brave, gerade Frau, die keinen
andern Gedanken hat als ihr Kind und ihren Mann; alles, was Sie bei ihr
erreichen knnen, ist, da Sie sich blostellen und sich unglcklich machen,
mglicherweise auch, wenn das strfliche Spiel fortdauert, da Sie sie ins
Gerede bringen; sie hat ja auch Freundinnen. Jetzt handeln Sie, wie Sie wollen
und wie Sies mit Ihrem Gewissen vereinigen knnen; ich mae mir nicht an, Ihnen
Ihre Pflicht vorzuschreiben. Wie indessen ein geistig hervorragender,
selbstbewuter und zum Selbstbewutsein berechtigter Mensch wie Sie es aushlt,
von der gndigen Nachsicht ihres Mannes zu zehren, ist mir unbegreiflich;
gefallen Sie sich in dieser Rolle?
    Ja, wei ers denn? stammelte er.
    Ob ers wei? Diese Frage! Natrlich wei ers; selbstverstndlich wei ers;
selbstverstndlich hat sie ihm getreulich jedes Wort, jede Trne, jeden Kniefall
hinterbracht. Das war nicht blo ihr Recht, sondern sogar ihre Pflicht;
unterlie sie es, so htte sies mit ihrem Gewissen zu tun bekommen.
    Da bi er sich auf die Lippen und senkte die Stirn. Pltzlich gewahrte er
einen Gedanken, der schon lange unbeachtet vor ihm gestanden hatte. Und Sie,
Sie selber, gndige Frau, woher, wenn mir die Frage erlaubt ist, woher wissen
Sie das alles so genau?
    Nun, natrlich von ihr. Sie wei ja doch, da ich Ihre nchste Freundin
bin; mithin war sie sicher, mir mit der Erzhlung Ihrer Demtigung weh zu tun;
diesen Genu wird sie sich doch nicht versagen; das ist einmal unter uns Frauen
so Brauch. Und sie hat richtig gezielt! Anhren zu mssen, wie Sie Ihre Wrde,
Ihren Stolz vergessen, wie ein ernster, bedeutender Mann, an welchen man glauben
mchte, Taktlosigkeiten begeht, sich wie ein schmachtender Jngling zu
Kniefllen erniedrigt, das schmeckt bitter. Mehr als einmal war ich auf dem
Punkt, Sie zu mahnen; allein ich habe keine Lust, in andrer Leute Wohnung
einzubrechen wie eine Salutistin; wer mich geflissentlich meidet, wer mir die
Ehre seiner Besuche nicht gnnt, dem will ich mich nicht aufdrngen; auch hatte
ich immer noch eine kleine Hoffnung, Sie wrden sich schlielich von selber auf
Ihren Wert besinnen. Bis ich Ihnen dann heute zufllig begegnete.
    Also, kurz gesagt, Frau Direktor Wy in Person hat Ihnen alles und jedes,
was zwischen uns unter vier Augen geschah und gesprochen wurde, haarklein
mitgeteilt?
    Kurz gesagt: ja.
    Und alles auf einmal? oder zu wiederholten Malen? Jeweilen die neueste
Zeitung? - Sie schweigen? Dann brauche ich keine weitere Antwort.
    Ihm war, er ersaufe in Schande wie eine Maus im Nachttopf. Die Geschichte
seiner selbstlosen, andchtigen Liebe von der Geliebten kolportiert wie ein
Feuilletonroman im Stadtblatt; Tag fr Tag eine Nummer, Fortsetzung folgt! Die
Trnen, die ihm das unertrglichste Herzeleid erprete, ein heiliges Herzeleid,
das weit ber der Welt in der Heimat aller Seelen wurzelte, dem nchternen
Urteil Unbeteiligter vorgewiesen, zur verstandesmigen Prfung.
    Frau Steinbach aber, da sie ihn so kleingeschlagen sah, gedachte seine
Zerknirschung zu bentzen, um einen rettenden Willensschlu aus ihm
hervorzustrafen. Also was wollen Sie? was hoffen Sie? worauf warten Sie?
    Ich warte darauf, antwortete er feindlich, ob Sie mich nun endlich
gengsam erniedrigt zu haben glauben oder ob Sie belieben, mich noch lnger zu
mihandeln.
    Betroffen schaute sie ihn an. Er war gnzlich verndert; wie ein fremder,
finsterer Dmon starrte er ihr entgegen.
    O sehen Sie mich nicht so an, rief sie schmerzlich. Seien Sie doch nicht
ungerecht! ich meine es ja gut mit Ihnen; es geschieht, das wissen Sie doch, aus
lauter Freundschaft.
    Allein seine Augen rollten, sein Mund verzerrte sich. Pltzlich war er
aufgesprungen, erhob den Arm und rief mit lauter, bebender Stimme, als sprche
er in die Ferne:
    Wenn ich diese grliche Stunde erlebe, wenn ich schimpflich hier stehe wie
ein abgestrafter Schulbub, mit Lcherlichkeit bergossen wie ein geprellter
Liebhaber am Schlu einer Posse, ein Spielball herzloser Menschen, so erleide
ich das, weil ich meinen Fu auf den Weg zur Gre setzte. Ich htte es anders
haben knnen: Ruhm und Ehre, Ansehn und Reichtum, Glck und Liebe lagen zu
meinen Fen; ich sah es glnzen, ich brauchte es blo aufzuheben. Htte ichs
getan, htte ich als ein Wicht gehandelt, die Niederung vorziehend, ich
schwelgte heute in Wonne und Seligkeit, geliebt und umworben; niemand spottete
mein, niemand wagte mich zu schmhen, mich zu maregeln; mit scheuer
Ehrerbietung wrdet ihr mir heute nahen, die Mnner wrden sich meine
Freundschaft zur Auszeichnung anrechnen, und das unedle Gezcht der Weiber wrde
mich umbuhlen. Herzlose Menschen! stumpf und fhllos wie das Tier! Siehe da,
meine arme Seele berflutet von reiner, heiliger Liebe wie ein brandend Meer,
ich begehre zum Entgelt um das Opfer meiner Jugend, meines Lebensglckes nichts
als ein winziges, geiziges Trpflein Liebe fr mein durstiges Herz - was sage
ich Liebe, o nicht einmal Liebe; nichts als die Erlaubnis, ungestraft lieben und
leiden zu drfen. Und was gebt ihr mir dafr? Spott und Gelchter. Wohlan denn,
demtigt mich, nehmt Kbel und Kannen, strzt eimerweise ber meinen Scheitel
allen Unrat der Schande, ich werde auch das zu ertragen wissen. Das aber sage
ich euch, es wird eine Zeit kommen, wo vor meine Persnlichkeit andersartige
Menschen mit ihrem Urteil herantreten werden, Menschen, die ein Herz und Gemt
haben; die werden mir die beschmutzten Wangen mit Ruhm abwaschen, und wenn sie
meine Wunden gewahren, werden sie sprechen: Der war kein Narr, sondern er war
ein Dulder. Und meine arme, mihandelte Liebe, die mir heute zum Verbrechen
ausgelegt wird, um deretwillen ich von einer herzlosen Frau genarrt und von
einer zweiten herzlosen Frau verunglimpft werde, ich sage euch, manch eine wird
dereinst, wenn ich tot bin, in ihrem Herzen sehnlichst wnschen, so geliebt zu
werden, wie ich liebte, und jene beneiden, der ein solcher mit solcher Liebe
huldigte.
    Kaum hatte er diese Rede gerufen, so erwachte er wieder und war wie zuvor.
Verzeihen Sie mir, bat er trbe, nicht ich habe das gesagt, sondern das
berma des Schmerzes hat es geschrien. Hiermit schritt er zum Klavier und
langte nach seinem Hut.
    Aber es verspottet Sie ja kein Mensch! klagte sie. Niemand nennt Ihren
Namen anders als mit Wohlwollen und Hochachtung. Und was im besondern Frau
Direktor Wy betrifft, so ist sie Ihnen in warmer Sympathie aufrichtig zugetan
und tief betrbt darber, die unschuldige Ursache zu sein, da Sie sich
ihretwegen so viel unntzes, zweckloses Leid schaffen. - Und mir, mir
Herzlosigkeit vorzuwerfen, wie knnen Sie, lieber Freund, mir das antun! Sagen
Sie nicht herzlos, sagen Sie das mir nicht, sagen Sie das nicht mir! Es tnte
leise und klang doch wie ein Schrei.
    Doch seine Sinne waren verschlossen, seine Augen blickten abwesend. Sie
umgehend, tat er einige Schritte nach der Tr; dann, sich erinnernd, kehrte er
um und verneigte sich. Gndige Frau, hub er an, es bleibt mir noch brig,
Ihnen meinen Dank auszusprechen. Ich finde die Worte nicht; ich kann nur sagen:
edle, treue Freundin, Dank, innigen Dank fr alles. Und bewahren Sie einem
reichlich Bestraften, der wohl manches versehen mochte, aber keinem Menschen
etwas Bses wollte, ein nachsichtiges Andenken.
    Sie reisen? fragte sie tonlos.
    Er nickte. Morgen frh, so frh als mglich, so frh, als ein Zug abgeht.
    O Gott! schrie sie auf. Und wohin?
    Er zuckte die Achseln. Wei ichs? Einerlei.
    Ach mein lieber, lieber Freund, jammerte ihre Stimme. Und in dem
Augenblick, da er ihre Hand erhob, um sie zu kssen, kte sie die seinige.
    Dann ri sie das Fenster auf und sphte in die Nacht. Wie sie den Schatten
seiner Gestalt am Gartentrchen wahrnahm, rief sie ihm mit lauter Stimme nach:
Ich glaube an Sie und an Ihre Gre und Ihr Glck.

Am nchsten Morgen frh, in nebelnasser Dmmerfinsternis, wanderte er, wie
beschlossen, reisegerstet zum Bahnhof, noch nicht vllig aufgewacht, einem
Traum nachstaunend, dessen selige Farben bis in die de Wirklichkeit
hereinblhten.
    Und, o Schmach! von ihr hatte ihm wieder getrumt, trotz allem. Erst auf dem
Bahnhofplatze schaute sein verschlummerter Geist trge um sich. An diesem selben
Tage, dessen Beginn ihn jetzt umdmmerte, wird sie ihn heute abend erwarten!
Heute abend, wie das alt ist! Vergangen, ehe nur geschehen. brigens nicht das
mindeste Gefhl bei dem Gedanken an sie zu spren, berhaupt keinerlei
Abschiedsstimmung, weder Rhrung noch Groll, hchstens ein fader Geschmack von
Ekel im Gaumen; gleichgltig, wie ein Fremder, verlie er die herbe Heimat.
    Ein Schalter war erleuchtet, mit einem Beamtengesicht zwischen dem
geffneten Rahmen. Da knnen wir also gleich fort. Nachdem er ber dem Schalter
die Richtung abgelesen hatte, heischte er den Namen irgendeiner fernen Stadt im
Auslande.
    Zweiter Klasse? tnte die Frage.
    Dritter, antwortete er, einem unklaren Bedrfnis folgend; sei es, um sich
vor dem Zusammentreffen mit Bekannten zu schtzen (die Unwahrscheinlichkeit des
Zusammentreffens in dieser Morgenstunde gengte ihm nicht, er wollte gnzlich
sicher sein), sei es zum Sinnbild seiner Erniedrigung; es pate besser zu seiner
schimpflichen Flucht: dritte Klasse.
    Bei seinem Eintritt in den Wagen bemerkte er gleich auf der ersten Bank,
hart neben der Tr, ein freundliches Mnnlein von bescheidenem Aussehen. Ein
bescheidener Mensch, ein guter Mensch, sagte er sich, der sei mein Nachbar.
Wie er jedoch sein bichen Gepck unterbringen wollte, wehrte das Mnnlein
eifrig ab: Halt, halt, Herr! dort oben liegen meine Beine. Nicht gelaunt,
heute mige Splein zu entrtseln, stellte Viktor vertrglich anderswo ein und
nahm dann gleichgltig Platz, sich seitwrts schiebend, um sein Gegenber nicht
an die Knie zu streifen. Das Mnnlein aber blinzelte schlau: Herr! wegen meiner
Knie brauchen Sie nicht so viel Umstnde zu machen; die sprens nicht, wenn man
sie stt. Hiermit schlug er eine Decke auseinander, und siehe da, er hatte gar
keine Beine! Die haben sie mir im Spital abgeschnitten, erklrte er
schmunzelnd, beinahe stolz. Darauf begann er redselig seine Leidensgeschichte zu
erzhlen. Was ich ausgestanden habe, das glaubt kein Mensch, lautete der
Kehrreim. Da ging Viktor in sich: Dem hats doch noch mehr weh getan!
Brgisser ist mein Name, schlo die Erzhlung, Leonhard Brgisser von
tlingen; oder Lienert, wie man bei uns sagt; sonst ein Schreiner. Nach dieser
Auskunft schwieg er befriedigt.
    Die Maschine stampfte in regelmigen Sten, so da Viktor, der die Nacht
nicht viel geschlafen hatte, unvermerkt einnickte. Da tupfte ihn sein Nachbar
auf die Knie, da er aufschreckte. Sehen Sie doch, zischelte der Beinlose,
sehen Sie doch den mordsmigen Blumenstrau mitten im Winter, den das feine,
vornehme Frulein dort spazierenfhrt, vorn bei der zweiten Klasse! Den hat die
auch gern, fr den sie alle die kstlichen Blumen gekauft hat; sehen Sie,
bestndig hat sie mit dem Nastuch an den Augen zu schaffen. - Aber wenn er jetzt
nicht bald kommt, so kommt er zu spt; der Zug sollte sogar eigentlich schon
abgefahren sein. - Bst! still! jetzt kehrt sie um, gegen uns zu: passen Sie auf.
- Und Maienblmlein sind auch darunter; man riechts sogar von hier. - O jerum,
du armes Frauelein! sehen Sie, jetzt bei der dritten Klasse, wo sie wei, da
kein Mensch sie kennt, fngt sie an zu schluchzen.
    Viktor, nachdem er zuerst das Geschwtz ungeduldig miachtet, schaute
schlielich doch hinaus, mechanisch, wider seinen Willen. Eine schlanke und,
soviel er in der dsteren Halle zu unterscheiden vermochte, ausnehmend
wohlgestalte Dame schritt drauen mit einem Blumenstrau vorbei, das Gesicht im
Taschentuch verborgen, die Schultern vom Weinen geschttelt. Darob schnitt ihn
eine schmerzliche Vergleichung: Mir, - o weh! keine Gefahr! - mir bringt
niemand einen Blumenstrau. O nein! eher eine Handvoll Disteln, wenn sie von
meiner Abreise wten. Hiermit wandte er den Kopf ab und rckte in bittern
Gedanken vom Fenster weg.
    Einsteigen! mahnten pltzlich die Rufe der Schaffner. Endlich! scholl
aus den Fenstern die hhnische Antwort. Wagentren wurden zugeschmettert, dann
wartete ein Weilchen Stille. Fertig! Ein schriller Pfiff. - Da wurde hinter
ihm die Wagentr aufgerissen; zwischen kalten Luftstrichen hauchte Blumenduft
herein, - doch nur einen Augenblick, dann schlug die Tr wieder zu. O nein,
Frauelein, lachte der Schreiner der Verschwundenen nach, der, den du suchst,
sitzt nicht in der dritten Klasse. Aber wenn du nicht schnell abspringst, nimmt
dich der Zug mit. - Hren Sie die Schaffner, wie sie aufbegehren? Sie sind aber
auch in ihrem vollen Recht; denn wenn es einmal Fertig! geheien hat, so hat
niemand mehr die Abfahrt aufzuhalten, einerlei ob vornehm oder nicht.
    Ein nochmaliger gebieterischer Pfiff des Zugfhrers; dann rollten die Rder
schwerfllig vom Fleck. Erleichtert seufzte Viktor auf. Auf Nimmerwiedersehn!
gelobte er sich, whrend sein Blick an den Pfeilern der Bahnhofhalle gierig die
erlsende Fortbewegung ablas. - Doch halt! wart! Ist denn das nicht Frau
Steinbach, die dort ber die Schienen nach der Station zurckeilt, einen
Blumenstrau in der Hand? Ihr Schritt wre es wenigstens. Wenn sie mir nur
einmal das Gesicht zeigte! -
    Alle Fahrkarten vorweisen, alle! - Fahrkarten geflligst, forderte der
Schaffner, die Hand gegen Viktor vorstreckend. Nach Erledigung des leidigen
Geschftes war der Bahnhof entschwunden; und allerlei Straen rannten von links
und rechts dem Zug entgegen. Nun, Viktor, schenkst du uns denn kein Grlein
zum Abschied? riefen die Huser im Vorbeilaufen.
    Nein, versetzte er trotzig. Bitte, tut mir den Gefallen: nur keine
gleisnerische Schluakt-Rhrszene! Meint ihr, ich she nicht auf euren Dchern
die Hohnaffen hpfen und die Spottdrosseln von euren Bumen grinsen? Mhlich
erhellte sich das Dster; Landhuser, Grten, Baumreihen entwichen, die einen
nach hinten, die andern seitwrts; endlich sprang aus dem freien Feld der lichte
Tag in den Wagen.
    Jetzt erst erwachte vllig sein Geist. Mit ihm die Erinnerung; mit der
Erinnerung der Groll: Frohlockt! ihr habt gesiegt; ich fliehe, ein
berwundener, Schmachbedeckter. Doch berwunden von wem? Von der Gewhnlichkeit,
von der Sippschaft, von der hlzernen Stumpfherzigkeit. Zu finsterm Gewlk
sammelte sich sein Groll; das Gewlk ballte sich zum Grimm, und der Grimm kochte
den Fluch.

Da traf ihn eine Stimme, da er zusammenschrak: die Stimme der Strengen Herrin.
    Was trgst du, in der Tasche versteckt, Heimliches mit dir fort? fragte
die Stimme.
    Eine Schrift, von welcher niemand wei, als ich und du allein.
    Und von wem zeugt diese Schrift?
    Sie zeugt von dir, gestrenge Herrin.
    Und wann hast du dieses mein Zeugnis geschrieben?
    Ich habe den ersten Zug geschrieben jenen Abend, als ich diese unselige
Stadt betrat; und den letzten Zug habe ich verwichene Nacht geschrieben.
    Und was habe ich zu dir gesprochen, verwichene Nacht, nachdem du den
letzten Zug geschrieben?
    Du hast zu mir gesprochen: Ich nehme dein Zeugnis an, und weil du unbeirrt
und unbefleckt trotz Pein und Leidenschaft und Torheit getreulich Zeugnis von
mir abgelegt hast, will auch ich von dir Zeugnis ablegen: siehe, ich will dich
auf den Gipfel des Lebens erhhen und den widerspenstigen Ruhm der Menschen an
den Hrnern zu deinen Fen zwingen, so hast du zu mir gesprochen.
    Ja, so habe ich zu dir gesprochen. Und nun willst du Undankbarer die
heilige Spanne Zeit, darinnen du solches errungen hast, mit deinem Fluch
verunehren? Merk auf, was ich dir befehle: Stimme die Saiten deiner Seele und
singe und frohlocke und segne diese Stadt mit allem, was darinnen ist; und jede
Stunde, jedes Vorkommnis, jedes Leid, das dir widerfuhr; von den Menschen
angefangen, die dir weh getan, bis zu dem Hunde, der nach dir gebellt hat.
    Traurig gehorchte er; stimmte mit Mhe und Gewalt die Harfe seiner Seele und
sang und frohlockte aus seinen Wunden, und sein Gram segnete seufzend alles, was
hinter ihm lag, von den Menschen, die ihm unrecht taten, bis zu dem Hunde, der
nach ihm bellte.
    Wohl, sprach die Stimme. Empfange den Lohn deines Gehorsams; schau auf,
schau um.
    Und siehe da: drauen vor dem Fenster neben dem Wagen, im Gleichschritt mit
dem enteilenden Zuge, sprengte auf weiem Renner Imago; nicht die unechte
menschliche Imago, namens Theuda, die Frau des Statthalters, sondern die Wahre,
die Stolze, die Seine. Und von ihrer Krankheit war sie jung genesen, und ein
frhlich Siegeskrnzlein hatte sie im Haar. Ich habe auf dich gewartet, lachte
sie zum Fenster herein.
    Staunend rief er: Imago, meine Braut, wie mochte das Wunder geschehen, da
du von deiner Trauer genasest? Und zu welches Sieges Feier trgst du das
Krnlein im Haar?
    Sie gab ihm die frhliche Antwort: Ich sah deine standhafte Treue durch
Trbsal und Schmerzen: darob bin ich genesen. Ich sah dich aus den Strudeln der
Leidenschaft ohn einen Makel emportauchen: darob setzte ich mir vor Freuden ein
Krnlein ins Haar.
    Und kannst du mir auch vergeben, Imago, meine hehre Braut, da ich
nrrischer, verblendeter Mensch ein sterblich Trugbild mit deiner Hoheit
verwechselte?
    Sie lachte: Deine Trnen haben deine Narrheiten gewaschen. Nach diesen
Worten sprengte sie mit bermtigem Jauchzen voraus, den Zug berholend.

Urteile jetzt, begehrte die unsichtbare Stimme, nennst du mich noch eine
Strenge Herrin?
    Ergriffen betete seine Seele den Dank: Heilige Herrin meines Lebens, dein
Name lautet Trost und Erbarmen. Wehe mir, wenn ich dich nicht htte; wohl mir,
da ich dich habe.
