 Mein Leben. (Nr. 7. S.P.E.1)  ... Von meiner Jugend will ich nicht reden, denn sie war der glücklichsten eine, die durchlebt werden können; mein stets gerechter Vater, meine herzensgute Mutter und meine braven Geschwister, sie waren Vorbilder in des Wortes edelster Bedeutung. Nach einer 7jährigen Schulzeit, die ich zum größten Teil in E. (II. Bürgerschule) und zum geringen Teil in S., dem Aufenthaltsorte meiner Eltern, verbrachte, kam ich in die Lehre. ? [158] In der Papier- und Galanteriewaren-Handlung von E.T. sollte ich mich zum Kaufmann ausbilden, nachdem ich für den Beruf eines Mechanikers, der mir anfangs mehr zusagte, von fachmännischer Seite als zu schwach bezeichnet wurde. ? Es war eine eigentümliche Lehrzeit. Ein oft grober Prinzipal und seine launische Gattin, ein verlodderter Kommis und zwei Ladnerinnen waren meine ständige Umgebung. Ihnen mußte ich auf's Wort gehorchen ? und ich tat es. Vor meinen Augen wickelten sich Dinge ab, die nicht ohne Einfluß auf mein jugendliches Gemüt bleiben konnten; ich war damals 121/2 Jahre alt. ? Der Herr Kommis benützte mich als ein Werkzeug bona fide, indem ich den Verkehr mit dem Leihhaus vermittelte, dessen Räume oft genug ein Lombard-Objekt fraglicher Herkunft aus seinen Händen empfingen; daß es unrechtmäßig erworbene Sachen waren, wurde mir später erst klar. ? ? Ich wollte meine Entdeckung dem Chef melden, aber eine mir nicht mehr erinnerliche Ursache begünstigte ein Hinausschieben dieser wichtigen Pflicht, und nachdem noch eine geraume Zeit verstrichen war, wollte ich, aus Furcht die Ursache eines großen Skandals werden zu können, meinem Herrn gegenüber mit der Enthüllung nicht mehr herausrücken. Unter diesen Verhältnissen lebte ich damals, und mein Schweigen im Geschäft und zu Hause machte mir berechtigte Sorgen. Doch sollte sich dies bald ändern. Ich machte nach und nach Bekanntschaft mit gleichaltrigen und älteren Lehrlingen, ich wollte angesehen sein, eine gewisse Rolle spielen, und um dies herbeiführen zu können, erinnerte ich mich unseres Kommis, mit anderen Worten, ich trat in seine Fußtapfen ? ? ich fing an unehrlich zu werden. Anfänglich waren es nur Kleinigkeiten, die ich entwendete, dann wurde es schlimmer. Es währte nicht allzulange. ? Eines Abends, ich hatte einen von den vielen Vorwänden gebraucht, die jungen Leuten zu Gebote stehen, um von zu Hause fortzukommen, als ich nach einem Streifzug durch den Dammgarten gegen 11 Uhr die elterliche Wohnung wieder betrat. Vater nahm mich wegen des langen Ausbleibens in ein scharfes Verhör und ich begab mich darauf zu Bett. Aber was war das! Als ich mich meiner Kleider entledigen wollte, fielen verschiedene Geldstücke zu Boden. Schnell waren meine Geschwister um mich versammelt, meine Mutter kam in voller Hast in unser Zimmer und sah noch, wie ich mich bemühte, das Geld aufzuheben. »Wo hast Du das viele Geld her?« rief sie beinahe außer sich und mein Vater, der durch die Seitentüre den Auftritt mit anhörte, kam im nächsten Augenblick herein, erkannte die Situation und nahm mich mit in sein Zimmer. [159] Unter seinem Blicke mußte ich Farbe bekennen und ihm sagen, daß ich durch Veräußerung entwendeter Geschäftsgegenstände zu diesem Gelde gekommen. Es folgten dann Schläge, wohlverdiente Schläge, deren Schmerzen mich nicht zur Ruhe kommen ließen. Am anderen Tag ging es dann zum letztenmal ins Geschäft. Mein Vater hielt es so für richtig. Ich war der Hoffnung, ein Kaufmann zu werden, beraubt. ? »Sieh' zu, wo Du Arbeit bekommst«, das waren jeweils die letzten Worte seiner nun alltäglich sich wiederholenden Strafpredigt. Wenn ich mich heute frage, durch welche Ursachen ich zu diesen verhängnisvollen Gelüsten in meiner Lehrzeit gekommen bin, so muß ich wohl sagen, daß es zuvörderst eine »schlimme Freundschaft« war, die mich auf diesen Weg brachte, andererseits finde ich die Erklärung darin, daß ich ? einmal angefangen ? zumeist nicht imstande war, meiner Leidenschaft Halt zu gebieten und wegen dieses Mangels an moralischer Willensstärke, an sittlicher Energie häufig einer strafwürdigen Äußerung der erregten Lust verfallen bin. Für meine armen Eltern und Geschwister war diese Zeit eine Zeit der Erniedrigung und Schmach; manche Mutterträne sah ich fließen, ob des unheilvollen Anfangs meiner Laufbahn. ? Eine Beschäftigung zu finden war unter den obwaltenden Umständen (obwohl die Sache nicht bekannt war) wirklich keine leichte Sache. Vergebens waren alle meine Versuche, und ich sehe mich nun in Begleitung meines Vaters nach L. fahren, wo ich beim Bezirkskommando als Unteroffizier-Schüler für die Anstalt E. (Baden) eingeschrieben werden sollte. Aber auch dies sollte nicht gelingen; es fehlten mir nämlich 1,5 cm an dem Mindestmaß für eintretende Zöglinge. Jetzt war mein Vater kurz angebunden, und schon auf dem Rückwege gab er mir zu verstehen, daß ich nun keinerlei Hoffnung mehr zu haben brauche; jede, auch die geringste Arbeit zu bekommen, bedeute noch ein Glück für mich. Ja, er hatte Recht ? und doch auch wieder Unrecht. ? Es war nämlich kein Glück, was ich in meiner folgenden Stellung fand. Die Bürstenfabrik von C. & R. in S. nahm mich als jugendlichen Fabrikarbeiter auf. ? Neugierige Leute frugen mich nach dem »Warum« meines Berufswechsels, andere verhöhnten und verspotteten den früheren »Tintenbub« und »papiernen Taglöhner«, die meisten von ihnen machten direkte und indirekte Anspielungen auf die Ursache meiner Erniedrigung. Daß mir unter solchen Leuten bezw. bei derartigen Chikanen der Mut oft sank, brauche ich wohl nicht besonders zu erwähnen. Doch ich wollte tapfer sein, ich ließ mir zu Hause nichts merken. Während von einigen Arbeitern die verschiedenartigsten Lügen über mich verbreitet wurden, während das blinde Vorurteil [160] (beinahe Haß zu nennen) tagtäglich größere Dimensionen annahm, ging in meinem Innern ein unbeschreiblicher Kampf vor, ich war nahe daran, meinem Leben selbst ein Ende zu machen. ? Doch, ich war hierzu zu feig; nicht so ? zu etwas anderem. Ich versuchte mir das Schweigen meiner Mitarbeiter zu erkaufen; ich traktierte sie mit Bier. Das kostete Geld, und als ich am Ende der Woche meinen Eltern den geschmälerten Arbeitslohn einhändigte, war ich vor die Alternative gestellt, die Wahrheit über den Verbleib des Mankos zu berichten oder zur Lüge zu greifen. Leider wählte ich letzteren Ausweg und mit einem ernsten Verweis diesmal davongekommen, traten sofort die Sorgen um das Kommende in Aktion. Man wußte in meiner Umgebung, daß mein Vater als Werkführer einer Schuhfabrik fungierte und hielt bei mir Anfrage, ob es nicht angängig sei, die Produkte dieser Fabrik durch die Vermittlung meines Vaters zu erniedrigten Preisen zu erhalten. Jetzt kam mir ein ganz verwerflicher Gedanke, der zum Urquell aller späteren Leiden wurde. Wohl setzte mich die Ausführung desselben momentan in den Stand, mir einerseits die Gunst meiner Arbeitskollegen zu erhalten, auf der anderen Seite war mir auch der Frieden mit den Eltern gesichert ? aber mein eigener Gewissensfrieden ging dabei verloren. ? ? 3 Monate und 4 Wochen Gefängnis (S.u.S.) waren das Resultat meines schändlichen Unternehmens; ich versuchte nämlich bei drei Schuhwarenhändlern unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Ware zur Auswahl zu bekommen, was mir auch in einem Falle gelang. In Z. hatte ich Zeit die Schwere meiner Schuld einzusehen; ich hatte Gelegenheit mit mir selbst zu Rate zu gehen. Und ich tat es. Nach verbüßter Strafe machte ich mich auf den Heimweg. ? Amazon.de Widgets Nie in meinem Leben vergesse ich die Stunde, als ich, vom Gefängnis kommend, wieder in den Kreis der Familie aufgenommen wurde, wie ich, dem verlorenen Sohne gleich, zwischen Eltern und Geschwistern stand. Vater und Mutter hatten mir in pietätvoller Weise das Weihnachtsbäumchen aufbewahrt, um mir damit so unendlich vieles in's Gewissen zu rufen. Damals fühlte ich, wie auch heute wieder, das große mit nichts Anderem zu vergleichende Glück treue Eltern zu besitzen, und in jener ernsten Stunde habe ich meinen verzeihenden Eltern und Geschwistern gegenüber ein Gelübde abgelegt, dessen Erfüllung nun von Stund an mir ernstlich am Herzen lag. ? Es waren keine geringen Sorgen, welche jetzt meine Eltern und mich gemeinsam beschäftigten, die Sorgen um die Begründung einer auskömmlichen, ehrlichen Existenz. Die buntesten Pläne wurden erdacht, durchgesprochen, festgehalten und wieder verworfen, bis endlich[161] der Vater ? nach diversen erfolglosen Gängen ? entschied, daß ich, wie einige meiner Schulkameraden, die Karriere eines Schiffsjungen zu der meinigen machen sollte. Ich war damit zufrieden, und es ging rasch und resolut in das neue Leben hinein. Mit einigen Geldmitteln und den nötigsten Kleidungsstücken versehen, ließ man mich ? nicht ohne wohlgemeinte Ratschläge und Warnungen ? dem neuen Ziele zustreben. Ich erinnere mich heute, daß die Wirtschaft in M. den Namen »zur Hoffnung« führte, in welcher ich meinen Schiffer kennen lernte und ich muß sagen, an Illusionen und an Luftschlössern mangelte es damals nicht. Nachdem die Ausrüstung eines Schiffsjungen angeschafft war, fuhren wir zusammen nach B.b.M., wo die »Gertrud« (d. Fa. Gebr. M., M.a. Rh.) vor Anker lag. Ich wurde noch am gleichen Tage mit meinen Pflichten vertraut gemacht; zwei Matrosen und dem Kapitän war ich unterstellt. Was ich in den 9 oder 10 Monaten meiner Tätigkeit an Bord dieses Schiffes alles erlebte, würde allein den Raum dieser Beschreibung beanspruchen, und ich kann wohl ohne jede Übertreibung sagen, gleiche Bilder sah ich nie. Im Bezug auf Sittlichkeit und gute Vorbildung im Allgemeinen war es schlecht bestellt. Ausschweifungen gemeinster Art, Orgien frivolster Sorte ? ausgeführt mit moralisch gesunkenen Frauenzimmern ? hatte ich von diesen »Vorgesetzten« anzusehen. Dabei fast keine Ruhe, dem Sturm und Regen ausgesetzt und obendrein noch eine rohe, niederträchtige Behandlung. O, lassen Sie mich hiervon schweigen! ? Gott sei gedankt, daß ich damals standhaft sein konnte! ? Nachdem ich diesen finsteren Bildern den Rücken gekehrt, hatte ich das Glück an meiner Seite. Damals, wie auch heute wieder, sagte ich mir: »Das Leben ist ein Kletterbaum, oben hängen seine Früchte. Bist Du einmal abgeglitten, so spuck Dir in die Hände und gehe nochmal los; nur nicht verzichten; nur nicht aufgeben! Lieber einige Male einen neuen Anlauf nehmen, und fällst Du dabei ebenso viele Male auf die Hosen!« ? So kam es, daß ich jetzt mit verhältnismäßig leichter Mühe die Stellung eines Hausdieners in der Lederhandlung von Js. K. in M. erlangte. ? Mein Streben, mich möglichst wieder in die kaufmännische Laufbahn hineinzubugsieren, war schon in dieser geringen Position insofern von einem nennenswerten Erfolg begleitet, als ich bereits im zweiten Monat meiner Tätigkeit mit der Erledigung von Lager- und Bureau-Arbeiten betraut wurde. Bei einem mir in Aussicht stehenden Engagement war es von nicht zu unterschätzendem Wert, mich nicht [162] als Hausdiener (wie angefangen), sondern als Bureaugehilfe ausgeben zu können. Es kam denn auch soweit, daß ich auf Grund eines guten diesbezüglichen Zeugnisses mir die Stellung eines angehenden Kommis in der Maschinen- und Armaturen-Fabrik von Gebr. R. in M. eroberte, in welcher ich indes nur 6 Monate verblieb, da mir s.Z. Gelegenheit geboten wurde, in die große Maschinenfabrik von H.L. in M. einzutreten. Freilich war diese »Gelegenheit« mit diversen Schwierigkeiten verknüpft und erkämpft, die ich an dieser Stelle nicht einzeln aufführen will. Ich versetze mich im Geiste nur in jene Stunde, wo ich gelegentlich eines scharfen Kreuzverhörs, gelegentlich meiner Vorstellung den Befähigungsnachweis für den in Frage stehenden Posten erbringen sollte und kann es heute noch nicht ganz verstehen, wie dies gelang. Das Probestenogramm, welches mir der Herr Direktor diktierte, die Beantwortung einiger kaufmännischen Fragen ? alles fiel zur Zufriedenheit aus und ich, der ich mich für dieses mündliche Examen nicht im geringsten vorbereitet hatte, war verdutzt von diesem Erfolg. ? Mit der Erlangung dieser Stellung war für mich der eigentliche Anfang einer glückverheißenden Zeit geschaffen. Mein Dasein war von nun an in eine harmonische Gleichheit gerückt, nicht leidenschaftlich gespannt, sondern freudig und hell gingen mir meine Tage in M. dahin. Vielleicht »zu guter Letzt« ein bißchen zu freudig, denn das Vereins- und Freundschaftsleben war wohl auch als ein Grund zu betrachten, der mich nach zweijähriger Wirksamkeit bei L. veranlaßte, M. zu verlassen, mein bewegtes Leben mit einem ruhigeren zu vertauschen. Von drei mir angetragenen Stellungen (Fr. K.E., Schnellpressenfabrik W. und F.B.Z.) wählte ich letztere; einesteils, weil der Antrittstermin günstig war und zweitens, weil mir Z. als ein nettes, kleines Städtchen gerühmt wurde. Die erste und zweite genannter Vakanzen schlug ich aus, da ich 3 bezw. 2 Monate beschäftigungslos geworden wäre, bis der Eintritt hätte erfolgen können. Jetzt galt es Abschied nehmen von den Eltern, die ich bisher alle 14 Tage besucht hatte; mit der Empfindung eines Scheidenden, der wenig Aussicht hat wiederzukehren, ging ich nochmals alle Erinnerungen froher Stunden, die ich in M. erleben durfte, durch und nahm dann persönlich von meinen Freunden Abschied. In S. hatte ich noch eine Auseinandersetzung mit meinem Vater zu bestehen; er war nicht dafür eingenommen, daß ich diese glückliche Stellung, die zu einer Lebensexistenz für mich werden konnte, so leichten Herzens aufgegeben. Doch meine Versicherung, daß ich auf Grund einiger Welt-Erfahrung, die ich mir jetzt zu erwerben beabsichtige, erst recht in den Stand gesetzt würde, mir eine solche zu [163] schaffen und die Erneuerung meines früheren Gelöbnisses, ließen endlich eine Sinnesänderung bei ihm eintreten. Eltern und Geschwister waren verstimmt ob des Scheidens, denn wir waren allesamt verbunden durch das Band der Liebe. Anstatt ernst und gesammelt der bevorstehenden Trennung ins Auge zu sehen und dem Schmerz darüber sein Recht zu gestatten, zwang ich mich förmlich, scheinbare Gleichgültigkeit zu erheucheln ? und sprach meinen Lieben Trost zu. Ich hörte noch die Worte meines Vaters: »Das Schild der Ehre halte rein!«, die Worte meiner Mutter: »Vergiß' Deine Eltern und Geschwister nicht!« ? Dann ging es fort! ? ? Über Thüringen, wo ich noch ca. 8 Tage mit Nichtstun zubrachte, langte ich pünktlich an meinem Bestimmungsort Z. an. ? Z. war wie geschaffen für ein ruhiges Verweilen, und meine Stellung als Nachkalkulator gefiel mir auch ganz gut. Doch ein plötzlicher ungünstiger Umschwung in der Werkzeugmaschinen-Branche machte sich bei dieser Firma so bemerkbar, daß der Inhaber der Fabrik eine große Anzahl Arbeiter, einige Techniker und zwei kaufmännische Beamte wohl oder übel entlassen mußte. Da ich noch ein Neuling im Geschäft war, ist es kein Wunder, daß auch mich das Los traf. Die Firma sorgte für anderweitige Unterkunft, und so kam es, daß ich nach dreimonatlichem Schaffen in dieser trauten Stadt meinen neuen Posten als zweiter Korrespondent bei der Aktien-Gesellschaft vorm. St. in M. bezog. Ich hatte scheinbar nicht schlecht getauscht, denn ich erhielt ein höheres Salär, aber meine so sehnsüchtig erwünschte Ruhe war verloren. Lange Arbeitszeit und ein gänzlich neuer Geschäftsgang, in welchem ich mich erst einzuarbeiten hatte, waren mir hier beschert. Kaum war ich richtig im Geleise; als mich (nach 3monatlicher Tätigkeit) eines Tages ? unverhoffterweise ? eine Depesche und ein kurz darauf folgender Eilbrief der Firma H.L. in M. vor die Frage stellte: ob ich eine in der Filiale L. offene Korrespondentenstelle anzunehmen gewillt sei; allerdings müsse der Eintritt möglichst sofort erfolgen. Überglücklich, wieder in das alte Geschäft eintreten zu können, das ich im Übermut verlassen hatte und mich aufrichtig freuend, daß ich von einem so großen Hause nicht vergessen war, suchte ich bei meinem Direktor um die Vergünstigung meines sofortigen Austritts nach, was mir indes mit dem besten Willen nicht gelingen wollte. Erst die Vermittlung der Firma L. brachte dies zustande und ich begab mich alsbald nach meinem neuen Domizil ? nach L. So glücklich dieser Schritt in mei nem Leben für mich war[164] ? so unheilvoll sollte er auch sein, und ich kann wohl sagen: »O L., hätte ich Dich nie gesehen!« Das schöne wahre Sprüchwort: »Im Glück nicht stolz sein« usw. wurde hier gründlich von mir mißachtet. Ich müßte viel, sehr viel, berichten, wenn alle meine momentanen Erinnerungen, die wie Bilder eines Kaleidoskops an meinem geistigen Auge vorüberziehen, in dieser Beschreibung Erwähnung finden sollten, ich tue dergleichen lieber auf mündlichem Wege. Was ich indes unbedingt sagen muß, das ist die Ursache der über mich hereingebrochenen Katastrophe. Meine Stellung war eine ziemlich selbstständige, auch eine ziemlich verantwortungsvolle; in Abwesenheit des Filialvorstandes (E.J.) war mir die Unterzeichnung der täglichen Post ? soweit dieselbe nicht wichtiger Natur war ? äbertragen, auch hatte ich die Kasse während der An- und Abwesenheit meines Chefs zu verwalten. In Anbetracht meiner Jugend gewiß ein großes Vertrauen. Am Ende eines jeden Monats hatte ich Rechnung abzulegen und einen Auszug aus den Büchern nach dem Stammhaus in M. zu senden; ich führte diese Geschäfte mit großem Interesse und anfänglich auch mit Gewissenhaftigkeit. Ich sage deshalb »anfänglich«, weil in der Folge das Gegenteil der Fall war. Gelegentlich einer Vereins-Festlichkeit machte ich die Bekanntschaft eines 17jährigen Mädchens, der Tochter des k. Bahnmeisters R., und die vielgerühmte sächsische Gemütlichkeit machte mich auch bald mit der ganzen Familie bekannt. Einmal im Netz, war ich so gut wie gefangen. Die Mutter, eine gute, allerdings etwas zudringliche Frau, bildete die eigentliche Triebfeder bei dem Liebesverhältnis, welches sich aus dieser Gelegenheitsbekanntschaft entwickelte. Ich gratulierte mir selbst dazu, in eine so nette Familie Eingang erhalten zu haben und rechnete es mir in meiner Freude als große Ehre an. Es folgten Einladungen über Einladungen zum Ausflug, zur Hochzeit, zum Stiftungsfest, zum Dienst-Jubiläum irgend eines Verwandten oder Bekannten, kurz ? ich kam aus dem Trubel nicht mehr heraus. Die vergnügungssüchtige Mama hatte stets etwas Neues. Mit der Beteiligung an all diesen Festlichkeiten ging ein fortwährendes Geldausgeben Hand in Hand. Zuletzt ließ ich mich sogar herbei, mein Taschengeld mit Hilfe der Geschäftskasse zu vermehren, um dann am Ende des Monats den erforderlichen Betrag zu ersetzen. Ich blinder Tor lebte mich ärger wie zuvor in den Leichtsinn hinein. Die Katastrophe blieb nicht aus! ? Vor einer längeren Reise meines Chefs wollte derselbe noch einen Einblick in die Kassenverhältnisse haben. Unvorbereitet, wie ich war, gab ich[165] Buch und Geldbestand zur Kontrolle und sah meinem Vernichtungsurteil entgegen; ich war mir nämlich eines Mankos von über 100 Mark bewußt. Im letzten Augenblicke suchte ich mich aus der Schlinge zu ziehen und sagte, daß der Eintrag der bezahlten Rechnung von N.N. noch nicht vollzogen sei, deren Höhe mit dem Defizit beinahe übereinstimmte. Ich war in eine bedenkliche Lage geraten; der Kassenbeleg (die Quittung über den Betrag) fehlte, und ich sollte ihn doch vorlegen; eine Ausrede war bereit, und ich sagte meinem Chef, daß ich diese Quittung versehentlich zu Hause gelassen habe, da ich die Rechnung selbst bezahlt hätte. Nachmittags sollte ich dieselbe mitbringen. Ich lief in Todesangst zu der Firma, welche diese Rechnung ausgestellt hatte, machte deren Inhaber mit der ganzen Tatsache vertraut und bat ihn, meinem Chef gegenüber die Begleichung fraglicher Faktura zu bestätigen; ich versicherte prompte Zahlung, obwohl sich mir vorläufig nicht der geringste Ausweg aus dieser Kalamität bot. Er ging auf meine inständigen Bitten nicht ein und wies mir die Türe. Das Unglück war fertig. ? ? Nach einem mißlungenen Selbstmordversuch stellte ich mich freiwillig der Polizei ? Mein Chef, der zwischenzeitlich von dem Geschehenen Kenntnis bekommen hatte, wollte die Angelegenheit aus der Welt schaffen; er gab sich die größte Mühe, der Gerichtsbehörde klar zu machen, daß mein Schritt nur eine Voreiligkeit wäre, daß ich kopflos gehandelt hätte ? aber ohne Erfolg. Seinem tatkräftigen Eingreifen ist es allerdings zu verdanken, daß ich am nächsten Tage wieder auf freien Fuß kam, ? aber nur vorläufig, denn eine Strafe hatte ich jedenfalls zu gewärtigen. ? ? Verlangen Sie nicht, daß ich Ihnen jetzt meine Empfindungen schildere, die ich bei diesem kläglichen Sturz von der Höhe in die Tiefe gehabt; ? ich weiß, was »Stürzen« heißt! ? Der Frau R. nebst Tochter war dieses Ereignis nicht unbekannt geblieben, und ich muß es den Leuten zum Lobe nachsagen, daß sie sich betrugen, wie es die Situation erforderte. Wenn auch bei diesen wie bei mir, die Einsicht leider zu spät kam, sie war doch wenigstens vorhanden und ich rechne es der Frau R. hoch an, daß sie sich meiner nicht schämte und vielmehr sich dazu bereit erbot, »Mutterstelle« bei mir zu vertreten, d.h. durch pekuniäre Hilfe meine Zukunft zu fördern. Sie wußte, daß ich meinen Mut und den Glauben an mein Können noch nicht ganz verloren hatte. Dieser und der Trost der Tochter taten mir wohler, als derjenige, welchen ich von meinem Chef erhielt. ? ? Nun ich wieder auf eigene Kraft angewiesen war, galt es vor allem Ernst zu machen mit meinem neuen [166] Leben und das war nicht leicht, denn schon die Losreißung vom alten erforderte einen nicht geringen Kraftaufwand. Doch wer den Kampf nicht scheut und die Mäßigkeit nicht vergißt, gelangt vorwärts. ? Ich wandte mich nach E., der Stadt meiner ersten Jugend. Hier erhielt ich ? es ist Glück zu nennen ? die Stellung eines Stadtreisenden bei der Firma F.A. Sch., wenn schon auch diese Tätigkeit keine beneidenswerte genannt werden konnte, da sie mit vielen mir bis dahin unbekannten Schwierigkeiten verknüpft war. ? An weiteren Bemühungen um Erlangung eines, wenn auch geringen Bureaupostens, hat es damals nicht gefehlt; täglich wurden 3?4, ja mitunter noch mehr Offertbriefe abgesandt. Amazon.de Widgets Meine Zeugnisse, darunter auch das L.'er waren günstig zu nennen und es hing einzig und allein vom Stammhaus M. ab, wie es sich dem Vorkommnis in L. gegenüber verhielt. ? Doch ich sollte mit dieser Eventualität nicht mehr zu rechnen haben. Ein unfaßbares Glück harrte meiner; ich bekam nämlich ein Stellungsangebot von der Lokomobil-Fabrik R.W. in M./B., der geachtesten und angesehensten Maschinenfirma dieser Stadt. Meine persönliche Vorstellung und die Vorlage meiner Zeugnisse, speziell aber eine telefonische Anfrage bei der Akt. Gesellsch. St. in M. hatten ein sofortiges Engagement zur Folge; ich mußte mich vertraglich verpflichten. ? Ein Glück, ich konnte es damals und kann es heute noch nicht begreifen. Da W. eine direkte Konkurrenz von der Firma L. ist, hatte ich von letzter Seite nichts mehr zu fürchten. Es war mir eine unsagbare Freude, diese beglückende Tatsache sofort meinen Eltern und meiner L.er Familie mitteilen zu können, hatte ich doch die sichere Gewähr, daß beide Teile sich dieses großen Glückes aus aufrichtigem Herzen mitfreuten. Der Wegzug von E. war bald vollzogen und in M. hatte ich mich bald wieder heimisch gemacht. Meine Stellung war der besten eine, die ich bisher innehatte. Die Beziehungen zu meinem L.er Chef mußte ich jetzt abbrechen, da er keinesfalls erfahren durfte, daß ich zur Konkurrenz übergetreten war. Sein letzter Brief, welcher mich noch in E. erreichte, enthielt die beruhigende Mitteilung, daß ich wohl keine Strafe zu erwarten habe, da er es nicht an den nötigen Bemühungen fehlen lasse. Diese Nachricht war es auch, welche mich dazu bewog, von einer neuerlichen Anmeldung bei der L.er Gerichtsbehörde Abstand zu nehmen; die übliche städtische Anmeldung hielt ich für genügend. In E. tat ich beides, wie vorgeschrieben, aber in M. sollte mir die Unterlassung dieser einen Meldepflicht teuer zu stehen kommen. Hier machte der [167] Übereifer der Polizei den Wert der Freiheit nicht nur illusorisch, sondern verwandelte die edle Absicht des L.er Gerichts in einen verhängnisvollen Fluch für mich; ? ich wurde verhaftet. In der Meinung, daß es sich nur um die Abgabe einer Erklärung handeln könne, erbat ich mir von mei nem Direktor eine Stunde Dispens (unter einem plausiblen Vorwand), ich dachte nicht in Entferntesten daran, daß man mich festhalten würde. Meinen verschiedenen Bitten, doch sogleich vorgeführt zu werden, schenkte man nicht das geringste Gehör; man führte mich ins Amtsgerichtsgefängnis ab. ? Am anderen Tage wurde ich dem Amtsgerichtsrat vorgestellt, und nachdem derselbe in aller Kürze erklärte, daß meine Verhaftung nur auf Grund der Nichtbeachtung der gerichtlichen Meldepflicht erfolgt sei und im Weiteren festgestellt hatte, daß ich mich in fester Position befand, gab er mich wieder frei. Ich war leicht erklärlicherweise ziemlich erregt über den Nichtigkeitsgrund meiner Verhaftung und gab dies dem Herren auch deutlich zu verstehen mit dem Hinzufügen, daß nun wohl auch meine Stellung wenn nicht verloren, so doch als erschüttert zu betrachten sei. Eine Verantwortung irgend welcher Art lehnte er strikte ab, indem er mir bedeutete, daß mir bereits am Tag zuvor das Recht zugestanden und die Möglichkeit einer sofortigen Vernehmung an die Hand gegeben wäre, wenn ich die Sache nur einigermaßen wichtig aufgefaßt und die Verwaltung damit vertraut gemacht hätte. ? ? Hatte ich mir denn nicht alle erdenkliche Mühe gegeben, hatte ich mich denn nicht auf meine Stellung und auf meine ordnungsgemäße städtische Anmeldung berufen? und hatte es etwas genützt? ? ? Ich war wieder frei, ja! ? Aber zu Hause fand ich das Pendant zu diesem Bilde, die niederschmetternde kurze Nachricht: Entlassen aus dem Geschäft! Und als ich kurz darauf meinen Bureau- und Pultschlüssel dem Geschäftsboten überreichte, sagte mir dieser Mann, daß der mich verhaftete Polizist über den Zweck und Sachverhalt meiner Inhaftierung Schwätzereien gemacht, und diese Mitteilungen dann wie ein Lauffeuer ihren Weg durch sämtliche Bureaus der Firma genommen hätten. Mein Ruin war voll! Was ich damals gefühlt, ich wills verschweigen. Geschehene Dinge lassen sich nicht ändern, und ich will durch eine Wiedergabe der damaligen Empfindungen die traurigen Denkmäler meines Sturzes nicht von Neuem heraufbeschwören. Meine Selbstberuhigung in diesen schweren Tagen ließ mich nicht in eine völlige Lethargie verfallen. Ich sagte zu mir: Verliere nicht den Glauben an Dich selbst, erhalte [168] Dir eine ungeschwächte Willensstärke und zeige, daß noch Mut und Unternehmungsgeist in Dir steckt! ? Um meinen Eltern und meinen L.er Gönnern einen abermaligen Schreck zu ersparen, begab ich mich daher, unter dem Vorwand einer Versetzung, nach B., wo eine Filiale dieser Firma existiert. Ein Post-Revers genügte, um mir alle an diese Adresse für mich einlaufenden Sendungen nach meiner Wohnung bestellen zu lassen, und während die armen Leute glücklich waren über den vermeintlichen Erfolg in meiner neuen Sphäre, irrte ich stellungslos in B. umher. Entbehrungen kannte ich dabei allerdings nicht, denn meine L.er Familie ließ es sich nicht nehmen, mir einen erklecklichen Gehaltszuschuß zukommen zu lassen, und ich ? Unglücklicher nahm ihn an in der festen Absicht, bei Erlangung einer Stellung die volle, traurige Wahrheit zu enthüllen. ? ? Vier Wochen waren verstrichen, als ich endlich durch Empfehlung eines angesehenen B.er Geschäftsmannes, der mich gelegentlich der Landw. Ausstell, in H.a.S. kennen gelernt, einen guten, einträglichen Posten als 2. Buchhalter bei der Kohlen-Engroshandlung von L.K. erlangte. Mein jetziges Glück betrachtete ich mit einem gewissen Pessimismus. ? Bei einem Besuch, den ich zu dieser Zeit in L. machte, brachte ich von Seiten meines Freundes in Erfahrung, daß meine Strafsache nicht so scharf zu nehmen sei und als ich erst das glückliche Gesicht meines lieben Mädchens und dessen Mutter sah, da brachte ich es nicht übers Herz, die Hiobspost zu verkündigen. Ich tröstete sie vielmehr mit allem Möglichen und Unmöglichen. ? Nur einige Tage lagen dazwischen, als mich mein Geschick in Gestalt einer Vorladung zu der Gerichtsverhandlung ereilte. Auf mich machte dieses Ereignis den Eindruck, als wollte der Himmel über mich hereinbrechen. Die L.er Behörde, an welche ich mich mit der Bitte um Hinausschiebung des Termins wandte, drohte mir sofortige Verhaftung an, wenn ich bei der Verhandlung nicht erscheinen sollte. ? Ich war kopflos. ? Was nun folgte war nicht der unbedeutenste Stein im Schachbrett meines Lebens, durch ihn wurde ich, was ich jetzt bin. Um mich der zu erwartenden Strafe zu entziehen, um die guten L.er Leute durch meine Verhandlung bezw. durch die Veröffentlichung derselben in ihrem Ansehen nicht zu schädigen, ließ ich mich verleiten, die mir zur Begleichung der Bahnfrachten übergebene Summe (einige Hundert Mark) zu unterschlagen. Mein Glück lag ja in Scherben, und zu einer späteren Wiederaufrichtung desselben war nicht die [169] kleinste Hoffnung vorhanden, ? so philosophierte ich damals und flüchtete nächtlicherweise aus der Unglücksstadt B. ? Wohin ich gehen wollte, das wußte ich noch nicht gewiß; es riß mich nur fort, hinaus in die Welt! Plan hatte ich mir keinen vorgezeichnet. Mein ganzes Wesen war in eine unbeschreibliche Erregung versetzt. Trotz des Grames und der Unruhe, die mich quälten, stieg die Frage immer deutlicher in mir auf: Was nun beginnen? ? Ja, was beginnen! Wohl hatte ich bei einiger Mäßigkeit auf einige Monate zu leben; doch früher, wie gedacht, ging mein Barbestand zur Neige. Eine Irrfahrt nahm ihren Anfang, deren Begleiter Sünde und Schande waren; ich will davon Abstand nehmen, an dieser Stelle die Schandflecke meiner Vergangenheit aufzuführen. Der Hausakt gibt Ihnen ja erschöpfende Auskunft hierüber. Es sei ferne von mir, meine Taten irgendwie zu beschönigen; sie waren nichts weniger als ehrlich, und die Schwere meiner Schuld tritt mir von Tag zu Tag mehr vor Augen. Die Erinnerung an sie war es auch, welche mir die Feder in die Hand zwingt, um den Gefühlen meines Herzens freien Lauf zu lassen, um mit meinem Seelsorger, dem ich so vieles zu danken habe, reinen Tisch zu machen. ? Schopenhauer sagt: »Jede Lebensgeschichte ist eine Leidensgeschichte.« ? So ganz Unrecht hat der tiefsinnige Philosoph wohl nicht. ? Doch habe ich nicht auch Glück, unbegreifliches Glück gehabt? ? Wenn ich den Zickzackkurs meiner Lebensfahrt nochmals überblicke, so komme ich zu der Erkenntnis, daß mich der liebe Gott wunderbar geführt hat. Im Anschluß hieran muß ich mich aber auch fragen: Wird es Dir nochmals gelingen, in die Höhe zu kommen? und ich kann mir gleich die Antwort darauf geben: Mit Gottes Hülfe hoffe ich dies! Ja, ich will es hoffen! Das Glück ist ja mit klaren Augen betrachtet nur ein Geschenk, das zu verlangen niemand berechtigt ist, aber meinen Posten ? und wäre es der geringste ? nach besten Kräften auszufüllen, das ist eine Pflicht, die meiner Ansicht nach Freude und ein gewisses Glück im Gefolge hat. Es geht seit einiger Zeit ein großer Gärungsprozeß in meinem Geiste vor, und jene innern Kämpfe, welche mich früher an der Zukunft beinahe verzweifeln ließen, machen einer gesunden Anschauungsweise Platz. Während mein Fühlen, Sinnen und Trachten früher eine entgegengesetzte Richtung verfolgten, während ich mir früher oft einredete, daß ich ohne ein, wenn auch kleines, Anfangskapital nicht imstande wäre, mich wieder in die Höhe zu bringen, halte ich diese Meinung jetzt für irrig, ja im gewissen Sinne für direkt schädlich. Ich habe vielmehr die Ansicht gewonnen, daß es [170] entschieden das Beste ist, wieder »klein« zu werden, mit dem geringsten Posten fürlieb zu nehmen und mich durch eifriges Streben emporzuringen. Mein vergangenes Leben in seiner mittleren Periode ist mir hier ein bedeutsamer Fingerzeig. Das eine steht fest: Lieber ein ruhiges, zufriedenes Leben, ein bescheidenes Auskommen, als ein gehetztes, überstürztes Leben im Banne einer Schuld! ? Und warum sollte dies nicht zu ermöglichen sein? Es ist ja unbestritten. Im Leben und speziell für den einmal Gefallenen ist Beharrlichkeit auf gutem ehrbaren Wege die notwendigste Eigenschaft. Manchen begünstigt bei seinem ersten Wurf das Glück. Aber wer von der Laune des Glückes gehoben wird, von dem gilt das Wort des Dichters: »Was Du Dir frühzeitig erstrebst, hast Du dann später die Fülle« ? nur dann, wenn er unverrückt und zähe seinen Zielpunkt im Auge behält. Und was langsam erreicht wird, das ist am sichersten gewonnen. Allerdings muß dem Streben nach aufwärts von vornherein ein bestimmter Zug gegeben werden, wenn derselbe dem Strebenden selbst noch nicht eigen ist; ich meine die Zufriedenheit. Was mir ferner in meinem Leben mangelte, das war der religiöse Geist. Ich sehe jetzt ein, daß der Mensch, der sich selbst segensreich regieren will, erst einmal vom Glauben regiert werden muß. Er muß eine oberste Führerin und Leiterin seiner Grundsätze haben, die da unfehlbar richtig ist, die Religion. Ohne sie kann ich mir jetzt ein geordnetes Leben nicht mehr vorstellen. Wenn ich mich in einsamer Zelle mit diesbezüglichen Gedanken beschäftige, wenn ich mir die früher gehörten leichtsinnigen Reden seitens meiner Freunde ins Gedächtnis zurückrufe, so muß ich mir sagen, es sind blöde Naturen, die den Kuchen essen, ohne jemals gefragt zu haben, wie er gebacken wird, die in echt stumpfsinniger Weise alles als selbstverständlich hinstellen. ? Nachdenkliche Menschen, ? Leute, die sich nicht durch phrasenhafte, einseitige Reden ohne Weiteres übertäuben lassen, vielmehr den sogenannten »wissenschaftlichen« Feststellungen gegenüber ein exclusives Verhalten zeigen, werden, wie auch ich jetzt in den Wunderwerken des Universums einen allmächtigen Schöpfer und Erhalter erkennen und auf ihn vertrauen. Für mich gibt es einen persönlichen Gott, einen Vater im Himmel, eine Hoffnung auf ewigen Frieden. Der Unglaube, wie ich ihn draus und hier im Hause vorgefunden, stammt meines Erachtens meist aus Gleichgültigkeit, oft auch aus purem Vorurteil ? und aus Bosheit, ist aber in keinem Falle etwas, worauf man stolz sein könnte, wie es leider hier oft gesehen werden kann. ? [171] Ich lasse von jetzt ab den satten Weltleuten ihre Philosophie und richte meine Blicke zuerst auf mich selbst. Da habe ich unendlich viel zu verbessern, zu reformieren, und ich glaube bei richtiger Anwendung des Verstandes müßte ein jeder Einzelne das Resultat erhalten beziehungsweise zu der Erkenntnis gelangen: »Eins ist not!« ?[172] 1 Amazon.de Widgets 5. H.E. Br. von S. (Preußen), ehelich geboren 1864, prot., lediger Skribent. Nicht tätowiert. Vorstrafen: 1mal wegen Landstreicherei und Bettels, dann 4mal Gefängnis wegen Unterschlagung; zuletzt 1 Jahr 6 Monate Zuchthaus wegen Diebstahls. Führung gut. Einzelhaft auf seine Bitte. Tuberkulös. Willig und folgsam. Nicht mehr rückfällig seit 1895. Starb 1900 in seiner Heimat. 
 Aus meinem Leben. (Nr. 10. G.K.1) Die Verhaftung und Untersuchung.  Es war ein herrlicher Sonntagmorgen im August des Jahres 1899, als ich noch im Bette liegend durch ein Klopfen an der Türe geweckt wurde. Verwundert über den frühen Besuch ? es hatte kaum [189] 1/26 Uhr geschlagen ? rief ich »herein«. Die unversperrte Türe öffnete sich und herein traten zwei Herren, die sich zu meinem nicht geringen Schrecken als zwei Polizeiwachtmeister entpuppten. In der höflichsten Weise stellten sich die Herren namentlich vor und fragten ebenso höflich nach meinen Personalien. Nachdem auch ich ihnen meinen Namen genannt hatte, forderten sie mich auf, das Bett zu verlassen und mich anzukleiden. Während der eine Herr mich sehr scharf bei jeder Bewegung beobachtete, ja mich sogar auf den Abort begleitete, durchsuchte der andere aufmerksam meine Kleider, Schränke, Kommoden, Koffer und das Bett, steckte die vorhandenen Wertsachen und Briefe zu sich und verharrte dann ebenfalls in wartender Stellung. Unterdessen hatte ich mich vollständig angekleidet und gewaschen. Ich wurde nun noch gefragt, ob alles in Ordnung sei, veranlaßt, meine Sachen sorgfältig zusammenzupacken und meine Hausfrau zu verständigen, daß ich auf längere Zeit verreise. Ich tat dies alles, trank noch meinen Kaffee und stellte mich den Herren zur Verfügung. Sie kündigten mir jetzt formgemäß meine Verhaftung an, baten mich, in meinem eigenen Interesse von einem etwaigen Fluchtversuch abzusehen, und verließen mit mir das Haus. Von ihren Handfesseln machten sie keinen Gebrauch, wie überhaupt die ganze Verhaftung den Charakter eines privaten Spaziergangs trug. Unterwegs bat ich meine Begleiter, mir einige Brote und Wurst kaufen zu lassen, und wurde mir auch diese Bitte in der bereitwilligsten Weise gewährt. So kamen wir endlich auf der Polizeihauptwache an. Dortselbst mußte ich alles, was ich bei mir trug, abgeben; noch einmal wurden meine Personalien aufgenommen und ich dann in den Polizeiarrest gesperrt. Bei meinem Eintritt dortselbst erhoben sich zwei Gestalten von der Holzpritsche und fragten mich nach dem Grunde meines Hierseins. Ich hatte jedoch keine Lust zu einer Unterhaltung, sondern sah mich neugierig in dem Raume um. Vier kahle Wände, ein einziges sehr stark vergittertes Fenster, umschlossen mich. In der einen Ecke befand sich der Abort, während eine Holzpritsche die eine Längsseite des Arrestlokals einnahm. Der einzige Zierrat des mit einer schrecklichen Atmosphäre angefüllten Raumes war ein Wasserkrug. Eine drückende Angst befiel mich, die ganze Schwere des begangenen Verbrechens trat vor meine Seele und zauberte mir die schrecklichsten Bilder vor. Ein schauerlicher Abgrund gähnte mir entgegen, zitternd und bebend zog ich mich in die eine Ecke zurück. Mein Gehirn arbeitete mit rasender Geschwindigkeit, meine Pulse flogen, mein Blut kochte, dazu noch der Hohn und der Spott meiner [190] Zellengenossen, ich geriet in eine fürchterliche Wut. Tobend sprang ich die Zelle auf und ab, mich und andere verwünschend, lächerliche Anklagen und Drohungen ausstoßend, so daß selbst der Schutzmann, welcher das Mittagessen brachte, mir einige Trostworte sagen zu müssen glaubte. Meinerseits blieb das Mittagessen unberührt, dafür ließen es sich die andern gut schmecken. Nach und nach ward ich ruhiger; ich überdachte meine Lage. Jetzt trat in meiner Seelenstimmung das Gegenteil ein. Der kolossalen Aufregung folgte eine unheimliche Ruhe. Hatte ich Stunden vorher die ganze Welt angeklagt, so war ich jetzt die personifizierte Wurstigkeit. Heute, da ich dies niederschreibe, erschrecke ich noch vor dem Gleichmut, der mich damals beherrschte. Hätte ich damals beten können, wie viele schwere Stunden wären mir erspart geblieben! ? Wie quälte ich mich ab mit Selbstvorwürfen, aber nicht mit solchen über das begangene Verbrechen, sondern mit solchen, daß ich nicht vorsichtig genug war. Bevor es nun Abend wurde, hatten wir schon die Zahl 8 erreicht. Einer war bei einem Taschendiebstahl überrascht, die andern alle beim Betteln verhaftet worden. Wir bekamen nun große schwere Säcke zugeteilt, die halb mit Kleie angefüllt waren. Diese mußten wir breit treten, damit die Kleie sich überall verteilte, dann erst konnten wir sie als Unterlage benützen. Zwei Decken vervollständigten das Bett. In später Nacht kamen noch etliche Personen, so daß bis zum Montag früh 12 Mann in dem Loche waren. Es war eine schreckliche Nacht, die ich durchlebte. Inmitten von Menschen, da einer den andern an Rohheit und Gemeinheit überbot, die sich über mich, weil ich so namenlos unglücklich war, auch noch lustig machten und mich als die Zielscheibe ihres Spottes betrachteten, allein mit meinen schauerlichen Gedanken und geplagt vom Ungeziefer, erwartete ich den Morgen. Endlich kam dieser und mit ihm die Zeit meiner Fortschaffung. Die Säcke wurden zusammengelegt, die Decken darauf und alles an seinen Platz zurückbefördert. Dann wuschen wir uns alle aus dem Kruge in den Abort und, da keine Handtücher vorhanden waren, trockneten wir uns mit unseren Taschentüchern. Das Frühstück, Wassersuppe, wurde gebracht, und um 9 Uhr führte man mich vor den Kommissär. Dieser protokollierte kurz meinen Fall; dann wurde ich wieder in den Arrest zurückgeschickt. Alle wurden der Reihe nach verhört, bis schließlich um 11 Uhr die Vorführung zum Untersuchungsrichter befohlen wurde. Ich gab auf alle mir vorgelegten Fragen wahrheitsgetreue Antworten, wie ich überhaupt aller mir zur Last gelegten Verbrechen geständig war. Amazon.de Widgets [191] Der Untersuchungsrichter ordnete die Fortdauer der Untersuchungshaft an; ich wurde in die Frohnfeste, das Untersuchungsgefängnis abgeliefert. Wiederum mußte ich dortselbst meine Personalien genau angeben; die Körpergröße ward gemessen, mein Äußeres genau beschrieben, besondere Kennzeichen sorgfältig notiert und nachdem ich selbst noch einer genauen Visitation unterzogen war, meine Leibwäsche untersucht. Zu meinem größten Erstaunen fand der kontrollierende Aufseher in meinem Hemde Läuse, das sichtbare Ergebnis eines im Polizeiarrest verlebten Tages. Es wurde mir nun gesagt, daß meine Leibwäsche und meine Kleider ausgeschwefelt werden müßten, was so gründlich geschah, daß das weiße Hemd für alle Zeiten rot, die Kleider aber halb zu Charpie wurden. Mich führte man in die Waschküche, woselbst ich in einer Wanne baden mußte; dann gab man mir ein Hemd, eine weiße Montur und ein Handtuch, Strümpfe und Taschentuch blieben meinem Eigentum vorbehalten; und führte mich in eine Zelle. Vier Untersuchungsgefangene begrüßten mich mit den vertrauenerweckenden Worten: »Was hast denn Du gefressen?« Die brüderliche Anrede machte mich einen Augenblick stutzig, doch ließ man mir nicht lange Zeit zum Nachdenken, sondern klärte mich auf, daß ich jetzt zu den Insassen der Zelle halten müsse und mich ja nicht von dem Untersuchungsrichter übertölpeln lassen solle. »Die bringen einen Dreck heraus, wenn Du nichts sagst; leugnen ist das beste Mittel« so rieten mir meine neuen Bekannten. Ich sagte ihnen nun auch, daß ich bereits alles eingestanden und ihre Ratschläge nicht mehr befolgen könne; aber da kam ich schön an. Das halbe Brehm's Tierleben warf man mir an den Kopf und wahrlich, ich bereute im Stillen, daß ich die Wahrheit dem Untersuchungsrichter gegenüber gesprochen hatte. Ich kam mir so recht klein vor gegenüber der Weisheit meiner Mitgefangenen, ich war verblendet genug, in der Lüge ein Mittel zu sehen, womit ich eine Bestrafung verhindern könnte, und machte mir nun Vorwürfe, mein »Glück« verdummt zu haben. Allerdings machte ich große Augen, als die vier Propheten samt ihrer Weisheit und ihrem Leugnen alle mit hohen Zuchthausstrafen belegt wurden; es waren falsche Propheten. Bei Tage beschäftigten wir uns mit Nachtlichterstecken, welche Arbeit durch die Erzählungen aus dem Leben der Einzelnen gewürzt wurde. Welche schauerlichen Schilderungen bekam ich da zu hören! Die ganze Unterhaltung drehte sich speziell um verbrecherische Handlungen. Jeder wußte am besten, wie man am leichtesten durch [192] Betrug oder Diebstahl zu Geld kommt; als ich aber fragte, wo sie ihr Geld haben, oder ob sie ein solches besitzen, da mußte ich wahrnehmen, daß keiner mehr eine Mark aufzuweisen hatte. Alles war, wie sie erzählten, mit den Dirnen verjubelt worden. Da war einer wegen schweren Einbruchs da, der bei einem Bauern seines Heimatdorfes eingebrochen hatte. Dessen Erzählung erregte jedesmal Heiterkeit. Er hatte sich nachts in das Schlafzimmer des Bauern eingeschlichen und diesem die Hosen unter dem Kopfkissen vorgezogen; dann nahm er die Schlüssel aus denselben, sperrte in einem andern Zimmer den Schrank auf und entwendete 480 Mark. Zur Vorsorge aber hatte er um das ganze Bett des Bauern und der Bäuerin Schuhnägel aufgestellt, so daß bei einem allenfallsigen Erwachen ein Nachspringen unmöglich wäre. Der Bauer wurde auch wirklich wach und sprang aus dem Bett, mit den Füßen in die Nägel; der Schmerz ließ den Mann zusammensinken, und so setzte er sich auch noch in die spitzen Schuhnägel. Sechs Jahre Zuchthaus waren der Lohn für diese Tat. Ein anderer hatte seine eigene Tochter genotzüchtigt. Anfangs zwar schämte er sich seines Verbrechens und sagte immer, er sei wegen Wechselfälschung hier. Als aber die Sache ruchbar und durch die Hausknechte bekannt wurde, da konnte er stundenlang von seiner Schandtat erzählen ... Hier folgt ein intimer Bericht, den wir wegen seiner allzugroßen Eindeutigkeit und pornographischen Substanzialität in diesem Buche glauben ausschalten zu müssen. Er ist abgedruckt im »Archiv für Kriminal Anthropologie und Kriminalistik« Band XXI. S. 3 f. Scheitlin sagt einmal: es ist alles Tier im Menschen, aber es ist nicht aller Mensch im Tier. Von der Richtigkeit des Vordersatzes dieses Diktums gibt die menschliche Scheusäligkeit, von der die unterdrückte Stelle berichtet, einen schlagenden Beweis; die Richtigkeit des Nachsatzes aber möchte man mit einem nicht im Sinne des Spruches liegenden ?Gott sei Dank!? bekräftigen. Denn nur ein menschlicher Verstand, der sich völlig von einer höheren Bestimmung entfernt und in das Perverse verkehrt hat, kann in einen solchen Zynismus, in eine solche abgrundlose Gemeinheit verfallen, die den Menschen weit unter das Tier stellt; dieses, das seinen natürlichen Instinkten folgt, erhebt sich zwar nicht zur Höhe edler Menschen, aber es sinkt auch nicht zur Tiefe der den Ebenbildern Gottes erreichbaren sogenannten Bestialität, die vielmehr eine Unterbestialität ist. Dasselbe gilt auch, mutatis mutandis, von einem 19jährigen Burschen, von dem der Berichterstatter zu erzählen weiß. Hier ist es das Laster der Selbstbefleckung, das mit gleichem Zynismus betrieben wird und sich nicht einmal auf die Schändung des eigenen Leibes beschränkt, sondern sogar gleiches an anderen versucht. Auch am Erzähler; aber »eine gehörige Ohrfeige meinerseits brachte den Mann zur Einsicht, daß er an der falschen Adresse sich befinde. Sämtliche Mitgefangenen erwachten, und als ich ihnen den Vorgang mitteilte, nahmen alle Partei für ? den Burschen, während ich von nun an verachtet wurde«. Wer noch irgend einen Kommentar zum Segen der Gemeinschaftshaft bedarf, der beachte diese Stelle. Denn sie berichtet durchaus nichts Anormales, außer der Reihe der täglichen Beobachtungen Fallendes. Wo Schlechtes und Gutes, dieses aber eben falls schon nicht mehr ganz rein und der Pflege, Freiheit und Stütze beraubt, zusammenkommt, da siegt allemal das ganz Schlechte. [193] Endlich folgt noch ein Abschnitt, in dem auch das weibliche Element zu seinem Rechte kommt. »Eine weitere Abwechslung in der Eintönigkeit der Untersuchungshaft waren die Liebesbriefe. Täglich wurde durch die Hausknechte mit den Dirnen und weiblichen Untersuchungsgefangenen korrespondiert. Und in welcher Weise ...« Daß der Mann tief fallen, das Weib ihn aber immer noch um eine Stufe nach abwärts überbieten kann, ist eine gemeine Redensart. Hier ist der vollen Entfaltung weiblicher Niedrigkeit zwar ein Riegel vorgeschoben, da die Geschlechter glücklicherweise räumlich getrennt sind. Aber was innerhalb dieser Schranken an schmutzigem Geist sich offenbaren kann, das verleugnet sich nicht. Und dann: »Sage nur nichts, ich lasse Dich auch nicht fallen«, schließt eine gewisse Babette ihren keuschen Liebesbrief. Wir dürfen die höchsten Erwartungen für den Moment hegen, wo diese beiden edlen Seelen sich wieder zusammenfinden. Trotz alledem heißt es aber auch hier gerecht sein und sich vor zwei Fehlern hüten. Der eine Fehler ist der, daß man die Gemeinheit, die völlige sittliche Minderwertigkeit einzelner verbrecherischer Individuen dem ganzen Verbrechertum zur erdrückenden Last aufbürdet. Wir hoffen, daß der aufmerksame Leser aus den Lebensbeschreibungen und Selbstbekenntnissen, die hier gesammelt sind, ein freieres und richtigeres Bild sich zu eigen machen wird. Immer wieder drängt sich, auch bei dem scheinbar gänzlich verwahrlosten gewerbsmäßigen Verbrecher, die Sehnsucht nach einer höheren und idealeren Lebenshaltung hervor. Und wenn er trotzdem immer und immer wieder in das alte, ihn selbst nicht befriedigende Lasterleben zurücksinkt, so müssen wir auch darin billig denken und offen zugeben, daß wir nicht wenig schuld an diesem moralischen Untergang so vieler Mitmenschen sind. Statt ihnen zu helfen, stoßen wir sie durch die gesellschaftliche Ächtung, die wir über sie verhängen, absichtlich zurück und machen ihnen die Verwirklichung der guten Vorsätze, die sie gefaßt haben, oft unmöglich, immer aber äußerst schwer, obgleich wir doch wissen, daß wir es mit schwachen Menschen zu tun haben. Wir handeln töricht wie die Bauern von Schilda, welche die schwachen Pferde vor die schwersten Lastwagen spannten, um ?ihre Kräfte auszubilden?. Die Pferde brachen zusammen, und wir lachen die Schildaer aus; wenn aber die Verbrecher zusammenbrechen, so lachen wir nicht über uns selbst, sondern verurteilen sie pharisäisch in Bausch und Bogen als Leute, mit denen eben ?absolut nichts anzufangen ist?. Der andere Fehler ist, daß wir geneigt sind, derartige sittliche Entartung als ein Spezifikum des Verbrechertums anzusehen. Hieran trägt nicht wenig die Lombrososche Schule Schuld, die mit Eifer alle unflätigen Ergüsse der Verbrecher zusammensuchte, um ihr Dogma vom erblichen und angeborenen Verbrechertum zu stützen. Jeder aber, der in der Gesellschaft lebend, nicht von blindem Klassengeist erfüllt ist und das, was er beim gewöhnlichen Manne verdammt, bei denen, die auf höherer und höchster Rangstufe stehen, entschuldigt, weiß recht gut, daß in mancher sog. ?feinen Gesellschaft? die Unsittlichkeit ebensowohl zu Hause und sogar im Raffinement ihrer Lüsternheit der ?gemeinen Plebs? vielfach überlegen ist. Wir lassen nun den Schluß des Berichtes von G.K. wörtlich folgen. Amazon.de Widgets In dieser schauerlichen Umgebung und unter solch schrecklichen Einflüssen verbrachte ich vier Wochen. Mir war es in dieser Zeit fast unmöglich, meine eigene Lage zu überdenken. Nur in stillen, durchwachten Nächten kam es mir zum Bewußtsein, wie tief ich gesunken, und gar oft zitterte ich vor der Zukunft. Endlich kam der Tag der Verhandlung. Ich ward verurteilt zu 18 Monaten Zuchthaus. Zwei meiner Mitgefangenen, welche ebenfalls an dem Tage verhandelt wurden, verkauften schnell noch die guten Kleidungsstücke und nahmen schlechtere Kleidung und einige Pfennige dafür, um auf dem Transport Bier trinken zu können. Wenige Tage nach der [194] Verhandlung wurden wir nach Bamberg geschubt. Schrecklich war es, durch die belebten Straßen meiner Vaterstadt mit gefesselten Händen geführt zu werden. Wir kamen in Bamberg an und mußten wieder gefesselt und zu Fuß die ganze Stadt durchqueren. Zwei Tage später kam die letzte Reise, die Fahrt im Schubwagen nach Ebrach. Zwei für zwei zusammengeschlossen fuhren wir acht Mann stark dahin. Unaufhörlich kreiste die Schnupftabaksdose, als ob das Seelenheil davon abhinge. Unter Lachen und albernen Scherzen kamen wir dem Ziele, unserem neuen Aufenthaltsort, näher. Noch einmal wurde Halt gemacht in Burgebrach, wir kamen in das Amtsgerichtsgefängnis dortselbst und durften uns nun Bier, Wurst und Brot kaufen. Als dies verzehrt war, begann ein sonderbares Treiben. Einige Gefangene kneteten Schnupftabak in einer Schweinsblase und machten eine lange, daumendicke Wurst; andere fabrizierten eine solche aus Kautabak und umwickelten sie mit Staniol. Dann zogen sich zwei Gefangene aus, und nun wurde geschoben und gedrückt, bis die zwei Schnupftabak- und Kautabakrollen in den Aftern der beiden verschwunden waren. Nachdem noch gegenseitiges Stillschweigen gelobt war, ging die Fahrt weiter. Die zwei Gefangenen, die den Tabak im Mastdarm hatten, erduldeten Höllenqualen, und gerne hätte der eine sich entleert, wenn der enge Raum im Wagen und die Fesseln es gestattet hätten. Doch auch diese Fahrt nahm ein Ende; wir fuhren in Ebrach ein; der Wagen hielt; wir stiegen klopfenden Herzens aus. Ein letzter Blick in die goldene Freiheit, ein letzter Gedanke an die Heimat vor dem Zuchthause, das Tor öffnet sich, vorbei ist die eigene Meinung, vorbei das »ich«, die Nummer tritt an alle Stellen. ?[195] 1 4. S.J. von A., ehelich geboren 1874 prot., lediger Kaufmann. Nicht tätowiert. Vorstrafen seit 1892: einmal Haft und 7mal Gefängnis (in mehreren Anstalten) wegen Betrugs, Diebstahls, Erpressungsversuche, Beleidigung. Zuletzt wegen Zuhälterei 3 Jahre 9 Monate Gefängnis und Arbeitshaus. Buchmacher bei Rennen. Bewegte Vergangenhelt, Spieler und Zuhälter. Als Schreiber wiederholt beschäftigt in der Gefangenenbibliothek. Nierenleidend. Gute Führung. Wollte wieder in die Höhe kommen. Gute Volksschulbildung und ein paar Jahre bessere Bürgerschule. Kriminalschutzmann. 
 Mein wahrer Gemütszustand in der Zeit von dem entworfenen Plan bis nach vollendeter Ausführung des unter meiner Mitwissenschaft und Mithilfe begangenen Verbrechens des Diebstahls. (Nr. 5. H.E. Br.1)  Seit kurzer Zeit war ich beschäftigt beim Rechtsanwalt Dr. S. in L. und hatte, da meine Stellung nur probeweise war, vorläufig in der dortigen »Heimat« Wohnung genommen. Hier lernte ich einige Tage vor dem verübten Verbrechen einen Mann im Alter von 30 Jahren, J.H., kennen, der stutzermäßig gekleidet ging und auch sehr wertvolle Effekten, darunter eine goldene Uhr im Werte von 200 Mk., an sich trug. Auch dem Verwalter der »Heimat« war er bekannt, da er schon einmal längere Zeit in L. konditioniert hatte. Sein Auftreten war ein derartiges, daß auch der beste Menschenkenner in ihm niemals hätte einen Bäcker und Konditor vermuten können. Am Abend des 26. Oktober 1892 wurde ich nach dem Abendessen mit dem J.H. näher bekannt; er war höchst unterhaltend, und da ich während dieser Unterhaltung auch erfuhr, daß er baares Geld nicht besitze, so ließ ich es an dem Entgegenkommen meinerseits nicht fehlen, obwohl ich selbst nur einige Pfennige über 8 Mk. verfügbar hatte. H. verstand mich zu fesseln, daß wir, nachdem alle Gäste bereits aufgebrochen waren, uns nun erst recht festsetzten und ich den H. wie noch einen stellenlosen Bautechniker B. aus K. zechfrei hielt. Daß wir uns alle drei in einem wohl etwas stark angeregten Zustande befunden haben müssen, geht daraus hervor, daß ich volle 5 Mk. bezahlt habe, obwohl doch nur Bier getrunken worden ist. So im Laufe der Unterhaltung muß mich H. denn doch über vieles ausgeforscht haben, über meine Stellung sowohl, als auch über meine Besoldung. Denn als er das wahre Verhältnis erfuhr, äußerte er ? halb im Scherz, halb im Ernst: »Und um solch einen Preis arbeiten Sie? Da greifen Sie Ihrem Alten doch lieber einmal in die Kasse!« Ich habe jedes einzelne Wort dieser Äußerung gut im Gedächtnis behalten; denn gerade diese machte mich stutzig; aber H. fuhr unermüdlich fort zu erzählen und zu fragen, und je mehr sich die Wirkungen des übermäßigen Biergenusses in mir bemerkbar machten, desto mehr plauderte auch ich, und so mag er denn wohl schon an diesem Abend mehr erfahren haben, als für ihn sowohl wie für mich gut sein sollte. Auch muß ich dem H. mitgeteilt haben, [132] daß im Bureau meines Chefs ein Kassenbestand von einigen Tausend Mark aufbewahrt würde; denn als er dies wußte ? ich vermute dies nur ? ließ er mich nicht mehr los, und mag dies den Gedanken des Stehlens in ihm wachgerufen haben. Bei gutem, ruhigem Gewissen kann ich behaupten und versichern, daß ich kurz nach 12 Uhr, da ich zu Bette ging, auch noch keine Ahnung von den Plänen des H. hatte, die dessen Kopf schon längst durchkreuzten. Daß der Gedanke, das Geld sein nennen zu können, unwiderstehlich und wie ein elektrischer Funke auf H. eingewirkt haben muß, aber nicht etwa in aufregender, verblendender, sondern in ganz raffinierter Weise eines an solche Geschäfte gewöhnten Fachmannes, das wird das Folgende lehren. Als ich schon einige Zeit zu Bette war, kam H. zu mir ins Zimmer, setzte sich vertraulich auf den Rand meines Bettes und machte mir nun in wirklich ganz einfacher, aber doch überzeugender Weise den Vorschlag, sich des Geldes, wenn ich den Mut dazu nicht haben sollte, zu bemächtigen, dasselbe mit mir zu teilen und dann in die nicht allzuferne franz. Schweiz zu entweichen. Die ganze Geschichte wollte er so gefahrlos wie nur möglich erledigen, selbst für die nötigen Legitimationspapiere wollte er sorgen, und ich? ? ich erbat mir bis zum nächsten Morgen Bedenkzeit! Amazon.de Widgets Die Bedenkzeit wäre ausreichend genug gewesen, um mich von der Gemeinheit unseres Vorhabens überzeugen zu können und mich zu wappnen mit dem nötigen Zeug, um allen weiteren Versuchungen entschieden abweisend gegenüberzustehen; aber in der Nacht selbst kam ich zu keinem Überlegen, denn mein Kopf war schwer, und so schlief ich denn auch, wiewohl unruhig, bis zum frühen Morgen, wo H. erschien, um sich seinen Bescheid zu holen. Statt ihm eine abweisende Antwort zu geben, kleidete ich mich an und ging mit ihm, da ich bis zu meiner Bureauzeit noch eine Stunde übrig hatte, in eine bekannte Wirtschaft, um hier nun wieder in die rechte Lage zu kommen, wie H. meinte, einen guten Tropfen darauf zu setzen. Ich trank auch hier wirklich einige sehr starke Schnäpse sowie ein Glas Bier und erzählte nun in aller Kürze dem H., wo mittags die Bureauschlüssel hingen, wo und wie das Geld aufbewahrt sei und ging nun ins Bureau. Wie ich es fertig gebracht habe, an diesem Vormittag wirklich tüchtig und viel zu arbeiten, kann ich heute noch nicht begreifen, jedenfalls um nicht so oft aufsehen zu brauchen. Nur in der ersten und letzten halben Stunde haben mir die Hände gezittert, sonst habe ich an nichts gedacht, an keine Folgen, nichts. Nach Schluß ging ich mit meinem Arbeitskollegen gemeinschaftlich [133] aus dem Hause, schloß die Türe und ging zu Tisch. Obwohl mir unterwegs das Herz klopfte, daß ich die furchtbaren Schläge nicht nur fühlte, sondern auch zu hören meinte, glaubte ich immer noch, H. würde den Diebstahl aus Furcht vor dem Tageslicht oder aus irgend einem anderen Grunde nicht ausführen; leider aber sollte ich wenige Minuten darauf eines Anderen inne werden. Bei meinem Eintritt in das Eßzimmer kam mir der Bautechniker entgegen und teilte mir mit, daß H. fortgegangen sei, doch für mich hinterlassen habe, daß er bald wieder kommen würde. Jetzt hatte ich Gewißheit, daß geschehen würde, was ich doch immer noch nicht recht glauben konnte und wollte; ich vermochte keinen Bissen zu essen trotz aller Nötigungen seitens des Verwalters wie allen Zuredens meiner Tischnachbarn; ich ließ mir ein Bier geben und wollte eine Zigarre rauchen, aber ich vermochte kein Feuer zu bekommen; mir zitterten die Hände so fürchterlich, daß ich, um nicht auffallend zu erscheinen, den Bautechniker bitten mußte, mir Feuer zu geben. Ich war so aufgeregt, daß ich am liebsten jedes Glied an meinem Körper beschäftigt hätte, nur, um sie nicht so ganz den Beobachtungen anderer auszusetzen. Alle meine Muskeln zuckten, namentlich meine Gesichtsmuskeln, und mein Herz drohte mir auseinanderzubersten. Lügen strafen müßte ich mich, wenn ich sagen wollte, der böse Gedanke an das Geld allein hätte mich beherrscht, nein, im Gegenteil, mein Inneres, das Wahre und das Gute hat einen schweren Kampf gekämpft, es hat mich gerade in der Zeit, wo ich die Gewißheit bekommen, daß H. den Diebstahl ausführe, erinnert an die schrecklichen Folgen, ermahnt zur Umkehr, indem es rief: »Geh, noch ists Zeit! Verhindere die Ausführung! Dein Name ist fort, Du darfst ihn nicht mehr führen, Deine Angehörigen werden Dich jetzt verstoßen!« Alles Mögliche hat das gute Herz getan, aber ich habe nicht folgen wollen. Wenn ich wirklich mich aufmachen wollte, um nach dem Bureau zu eilen, rief eine andere Stimme: »Es ist zu spät, bleib hier!« Und dieser Teufelsstimme bin ich gefolgt. Nach ungefähr einer halben Stunde ? mir erschien diese Zeit als eine Ewigkeit ? erschien endlich H.; keine Miene verriet, was er begangen. Er ging direkt auf mich zu: »So, das wäre besorgt; geh hinunter, dort und dort liegt ein Paket für Dich, zieh Dich schnell um und erwarte mich jenseits des Sees an dem Bahndamm!« Das Paket enthielt eine dunkle Hose und einen dunkelblauen Winterüberzieher, um mein Äußeres fürs erste umzugestalten. Er glaubte mich in meinem bisherigen Anzug etwaigen sofortigen Nachforschungen gegenüber nicht sicher genug. Es hatte dies H. sein Vorsichtsgefühl [134] eingegeben; denn unter uns war die Rede davon nicht gewesen. Hier am Bahndamm erschien er denn in Begleitung dieses B., so will ich den Bautechnik er kurzweg bezeichnen. Entweder hatte er diesen ohne mein Wissen von allem unterrichtet, oder dieser hatte es an den bisherigen Vorgängen, namentlich an meiner Aufgeregtheit so bemerkt. Auf Umwegen erreichten wir die Bregenzer Straße, und es mochte wohl 21/2 Uhr sein, als wir dort antrafen. Wir besorgten hier noch einige Einkäufe, namentlich aber einen vollständigen Anzug für B., mieteten einen Fiaker und fuhren ? es mochte 1/24 Uhr sein ? fort nach Rohrschach, in schweizerisches Gebiet. Erwähnen muß ich, daß ich in Bregenz in ganz kurzer Zeit, in kaum einer halben Stunde, zwei volle Liter schweren Rotwein getrunken habe, nur um meinen fieberhaften Zustand zu beruhigen, während H. so kaltblütig war, daß er unterwegs im Wagen äußerte: »Solche Geschäfte mache ich gern, und wenn es alle Tage sein müßte!« Während unserer Fahrt, die 2?3 Stunden gedauert haben mag, bis sie auf so jähe Weise unterbrochen wurde, hat mich die Angst und das böse Gewissen nicht ruhen lassen; mir war, als hätte ich eine Vorahnung von meinem bevorstehenden großen Unglück. Ich habe auch zu wiederholten Malen meine Befürchtung geäußert, aber H. wollte nichts davon hören; er glaubte sich schon sicher, und ich sah die Landjäger und Polizeimannschaften um mich. In einem österreichischen Orte nahe der Grenze machten wir Halt, um, wie H. sich äußerte, meine Angst durch einen guten Tropfen Wein zu vertreiben. Darin habe ich aber auch an diesem Tage Fürchterliches geleistet. Nach dieser Stärkung gings weiter über die Schweizer Grenze. An der Grenzstation wurde oberflächlich visitiert, dann gings fort nach St. Margareth. Unterwegs erfolgte Zählung und Teilung des gestohlenen Gutes. Während die zwei zählten, sollte ich schreiben und rechnen; das Geld bestand nämlich aus deutschen, schweizerischen und österreichischen Sorten in Papier, Gold und Silber; aber ich vermochte trotz des bisherigen übermäßigen Weingenusses keine leserliche Zahl hinzustellen. H. war auch so schlau gewesen ? und zwar noch in den Räumen, wo er das Geld gestohlen, ? erst zu zählen und 1000 Mk. für sein Konto verschwinden zu lassen; er wollte, wie er mir später versicherte, diese Summe nur in zwei Teile aufgehen lassen, nämlich die eine Hälfte für sich, die andere für mich, was wohl niemals zur Ausführung gekommen wäre, auch dann nicht, wenn uns der Arm der Gerechtigkeit nicht so schnell oder auch gar nicht ereilt hätte. Wußte doch weder ich noch B. von der Höhe der gestohlenen [135] Summe; ich hatte nur von meinem Kollegen hie und da so ein Wort fallen hören, daß es einige Tausend Mark seien. Später erst, im Laufe der Untersuchung, hat sich herausgestellt, daß genau 3074 Mk. entwendet waren und jedenfalls wird das richtig sein. Ich habe so gegen 700 Mk. erhalten, die ich in St. Gallen bis auf die wenigen Mark, die ich ausgegeben, auch sofort bei meiner ersten Vernehmung dem Dr. S. wieder zur Verfügung stellte. Amazon.de Widgets In St. Margareth abends bei regnerischen Wetter und starker Dunkelheit angekommen, kehrten wir abermals ein, bestellten ein Abendessen und Wein und unterhielten uns während der Wartezeit über gleichgültige Dinge, um ja dem Kutscher gegenüber als das Gegenteil zu erscheinen von dem, was wir in Wirklichkeit waren. Alles aß mit bestem Appetit, aber ich brachte keinen Bissen über meine Lippen; ich rauchte und trank, und trotzdem ich beides in vollem Maße tat, vermochte ich dennoch das auch jeden Augenblick mich beherrschende Vorgefühl eines nahen Unglücks nicht zu betäuben. Es hatte mich gepackt und hielt mich fest. Wir brachen bald wieder auf, um nicht allzuspät in Rohrschach einzutreffen. Vielleicht einige Tausend Meter von St. Margareth entfernt wendet sich plötzlich die Chaussee nach links, während die Verlängerung der bisherigen Chausseerichtung ein Feldweg bildet, der schließlich an dem Ufer des Bodensees ? eigentlich ist dies der Rhein, der hier an der äußersten Seite des Sees sein Bett hat ? entlang führt. Bei der starken Dunkelheit fehlte der Kutscher die chaussierte Straße und ließ den Pferden die Zügel frei. Infolge dessen geriet unser Gefährt auf diesen Feldweg. Wie auf einen Ruck standen plötzlich die Pferde; wir wurden auf die rechte Seite des Wagens gedrängt und merkten daß dieser eine ganz erheblich, ja gefährlich schiefe Lage hatte. H., welcher die Gefahr zuerst erkannte, riß den Wagenschlag auf, und wir sprangen heraus, aber in dem selben Augenblick geriet der Wagen auch schon ins Rollen; er hing mit seinen rechten Rädern an der Böschung des Rheinufers nur vielleicht einen Meter über dem Wasserspiegel, und gerade im äußersten Augenblick der Gefahr gelang es dem Kutscher, noch vom Bock herunterzuspringen, denn kaum hatte er Boden unter den Füßen gewonnen, als auch schon die Pferde mitfortgerissen wurden in den Strom hinein, in ein nasses kaltes Grab. O, es war schrecklich mit anzuhören, wie die jungen mutigen Tiere mit dem Tode kämpften, wie sie schnauften und prusteten, und der arme Kutscher sein Hab und Gut, seine und seiner Familie Versorger und Ernährer auf immer verloren gehen sah, in die schrecklichsten Jammertöne ausbrach und doch nicht zu helfen vermochte. Bei der Steilheit [136] der Böschung und der reißenden Strömung des Rheins war eine Rettung überhaupt unmöglich, selbst wenn augenblicklich Hilfsmittel zur Hand gewesen wären. Die Pferde hielten sich lange Zeit mit dem Wagen auf dem Wasser, als aber der letztere angefüllt mit Wasser selbst sank, wurden auch die Pferde, welche immer noch mutig mit den Wogen kämpften; hinunter gezogen in die gurgelnde Tiefe. Meine Empfindungen vermag ich gar nicht recht zu beschreiben. Dieses so jähe Herausgerissenwerden aus den Träumen erheuchelten Glücks hatte eine furchtbare Wirkung auf mich ausgeübt. Wir suchten und tasteten nun umher und gewahrten auch endlich in einiger Entfernung ein Licht. Alle Hindernisse wurden überwunden, die Bewohner des erleuchteten Hauses herausgeklopft, und mit ihnen gingen wir ins nahe Dorf, eine Bahnstation. Hier nun wurde Leben gemacht, und alle im Wirtshaus zusammengekommenen Bewohner der Gemeinde versprachen auch, dem armen Kutscher bei Hebung seines Wagens und seiner Pferde am nächsten Morgen nach Kräften beizustehen. Wir haben die Stelle, an welcher Pferde und Wagen gesunken, kenntlich gemacht, und hoffentlich hat er sie gefunden, die Leichen seiner treuen Renner, um die er so bitterlich geweint. Er fuhr denselben Abend noch nach Hause, um seine Familie vor unnötigen Sorgen um sein Ausbleiben zu sichern; am nächsten Morgen wollte er wieder eintreffen. Und wir drei dem Tode Entronnenen fuhren nach St. Gallen, wo wir uns trennten. H. und B. blieben im Bären und ich in Metropol. Wenige Stunden nach dieser Katastrophe tat ich jenen verhängnisvollen Sprung aus dem Fenster auf den gepflasterten Hof hinab, auf dem ich mit gebrochenen Beinen liegen blieb, bis ich ins Spital gebracht wurde. Dieser Sturz, welcher sehr nachteilige Folgen für mich gehabt hat, hat mich durch dieselben in Verbindung mit dem Eindruck jenes schauerlichen Vorfalles am Ufer des Bodensees, bezw. des Rheins zur Besinnung gebracht; ich brauche wohl darüber erst keine Worte zu verlieren; denn das menschliche Herz, das bei so sichtbaren Fingerzeigen Gottes kalt bliebe, könnte nicht aus Fleisch und Blut, sondern müßte aus Stein bestehen und denen der entmenschten Bösewichte gleichen! ?[137] 1 Amazon.de Widgets 5. H.E. Br. von S. (Preußen), ehelich geboren 1864, prot., lediger Skribent. Nicht tätowiert. Vorstrafen: 1mal wegen Landstreicherei und Bettels, dann 4mal Gefängnis wegen Unterschlagung; zuletzt 1 Jahr 6 Monate Zuchthaus wegen Diebstahls. Führung gut. Einzelhaft auf seine Bitte. Tuberkulös. Willig und folgsam. Nicht mehr rückfällig seit 1895. Starb 1900 in seiner Heimat. 
 Mein Leben. (Nr. 5. H.E. Br.1)  [124] Am 9. September 1864 wurde ich als der Sohn der Ackerbürgersleute N.N. zu S. geboren. Von meinem 5.?14. Lebensjahre besuchte ich die heimatliche Volksschule, welche ich bei meiner Michaelis 1878 erfolgten Konfirmation verließ. Meine Lehrer, denen ich ein dankbares Andenken bewahre, suchten meinen Vater zu überreden, mich zum Lehrer ausbilden zu lassen. Aber jedes Wort war umsonst; mein Vater war einer von dem alten Schlage jener, die ihre Kinder gerne das werden lassen, was sie selber sind. Dagegen wurde nun arg protestiert, sowohl seitens meiner Lehrer, wie auch von meiner eigenen, und von der Mutter Seite aus. Eines schönen Tages wanderte ich aber mit meiner Mutter zum Kgl. Rentamte, wo mein Herr Lehrer das Nötige schon vorbereitet hatte. Herr Rentmeister [123] E. hatte die gute Absicht, mir eine tüchtige Ausbildung angedeihen zu lassen, und mit einer solchen versehen, hatte ich dann die Aussicht, bei der Kgl. Regierung als Zivil-Supernumerar eine schöne Karrière einschlagen zu können. Aber der Mensch denkt, so wie ich es tat, und mein Vater lenkte, nur nicht auf die Straße des vorgesteckten Zieles, sondern auf eine andere. Als mein Vorgänger im Sommer 1880 als Supernumerar einberufen wurde, trat nun auch an mich die Frage der Entscheidung heran, welche, um mich notieren zu lassen, auch beantwortet werden mußte. Mein Vater aber erklärte sich auch hier nicht einverstanden, wie auch unter keinen Umständen bereit, die Versicherung abzugeben, auf volle 3 Jahre für meinen standesgemäßen Unterhalt in F. aufkommen zu wollen. Ohne solch ein Attest aber war alle meine Mühe vergeblich, und da dieses trotz allen Bittens und Drängens vom Vater nicht zu erhalten war, so blieb mir nichts anderes übrig, als meine gebauten Luftschlösser wieder niederzureißen. Ein bestimmtes Ziel fehlte mir nun, und der Gedanke, so das ganze Leben hindurch ein armseliger Bogenschreiber bleiben zu müssen, war mir trotz meiner Jugend ? ich war 17 Jahre alt ? ein Greuel. So versuchte ich nun beim Vater, mir wenigstens zum zweiten Male nicht hinderlich zu sein und mich doch Förster werden zu lassen. Herr Oberförster P. in L. begnügte sich sogar mit Rücksicht auf meine mir bisher angeeigneten Fähigkeiten mit einjähriger Lehrzeit, und ich hatte Aussicht, nach Beendigung derselben in Königl. oder in Privatdienst zu treten. Aber leider bildete auch hier wiederum das einzige Hindernis die Hartnäckigkeit meines Vaters. Ich verdiente ihm schon zu viel Geld ? 36 Mk. monatlich waren ja für mein Alter ein Kapi talverdienst! ? und da mochte er mich nicht noch einmal in ein Lehrverhältnis treten lassen. Mein Vorhaben wurde zwar von allen Seiten unterstützt, aber mein Vater wollte nun einmal nicht. Heute schaue auch ich die Sache mit anderen Augen an; er hatte nicht so ganz Unrecht, meine Geschwister hatten schon Geld genug gekostet, und ich selbst ja auch; ich hätte mich ruhig in meine Lage fügen, meine Kenntnisse erweitern und mich in meinem Fach mehr vervollkommnen sollen; dann hätte ich immer noch einmal im Kommunaldienst eine Anstellung bekommen können. Aber dies tat ich nicht, und nun beginnt ein folgenschwerer Entschluß sich in mir zu entwickeln. Mein Vater war mir in allen meinen Wünschen entgegengetreten, jetzt suchte ich mich seiner Gewalt zu entziehen: ich beschloß Soldat zu werden. Dies sollte ich aber auch nicht tun. Die hierzu nötige väterliche Erlaubnis verschaffte ich mir auf unerlaubte Weise; ich selbst ahmte die Unterschrift [124] meines Vaters nach, versicherte der Behörde die Echtheit derselben und erhielt den zum freiwilligen Eintritt erforderlichen Meldeschein. Keiner war froher denn ich; heimlich meldete ich mich bei der Kaiserl. 1. Matrosen-Division in Kiel, wurde untersucht, für tauglich befunden und erhielt Ende September 1881 meine Ordre zum Eintritt für den 1. November. Als dies mein Vater erfuhr, brach der Sturm los, und nur dem energischen Einschreiten meines Bruders Gustav, welcher in K. als Regimentsschreiber in Garnison stand, habe ich es zu danken, daß mein Vater nicht alles rückgängig machte. So fuhr ich denn ab, und der Abschied wäre mir auch gar nicht schwer gefallen, wenn nicht meine gute Mutter gewesen wäre. Und dennoch kann ich sie nie recht geliebt haben, sonst hätte ich kein so schlechter Mensch werden können. Der Wahn ist kurz, die Reue lang! Ich wurde auch hier für tauglich befunden und der IV. Abteilung der I. Matrosen-Division zugeteilt, am dritten Tage aber auch schon wieder entlassen. Bei der Visitation der Rekruten durch den Generalarzt wurde an mir ein Brustfehler konstatiert, und ich als felddienstunfähig erklärt. Mit zerknirschtem Herzen mußte ich nun wieder nach Hause; ich bekam auch sofort wieder Stellung beim Kgl. Amtsgericht als Kanzlist, aber es benagte mir einmal nicht mehr. Der Satan begann sein Werk an mir und fand mich bereit. Ehe ich jedoch von meinem ferneren Leben zu berichten weiterfahre, muß ich der glücklichen Stunden gedenken, die ich bis zu diesem Wendepunkte im Elternhause verlebt habe. Mein Leben war bis hierher ein völlig ungetrübtes zu nennen. Öffentliche Lustbarkeiten besuchte ich nicht; nur wenn der Gesangverein »Liedertafel« oder der »Gemischte Chor« (Kirchenchor), in welchem ich Mitglied war, irgend ein Vergnügen oder Fest hatte oder Theater-Aufführungen zu mildtätigen Zwecken veranstaltete. Daneben bin ich selbst ein wenig musikalisch, hatte meine Geige und schöne Noten, liebte namentlich aber den Gesang, und hiermit füllte ich die Abendstunden im frohen Familienkreise aus. Mein ältester Bruder war verheiratet, jedoch harmonierten beide Familien sehr gut miteinander. Schönere Stunden kann ich mir auf Erden nicht zurückwünschen, und doch war ich es nur ganz allein, der dieselben sich und den Seinigen entzog. Auch mein Vater liebte solche Abende, denn er hatte trotz seiner bisweiligen Härte doch auch ein empfindendes Herz. Ja, ich muß heute sagen, ich kann es ihm gar nicht mehr verargen, wenn er meinen Wünschen seine Zustimmung nicht gab. Was hatte er von seinen vielen Kindern bisher gehabt? Wenn sie ihr Geschäft gelernt, sind sie in die Welt hinaus. Daß er da mich, den Jüngsten, zu Hause [125] behalten wollte, war nicht mehr als billig. Meine Wünsche waren ja zum Teil sehr gerecht, und die Kurzsichtigkeit meines Vaters in solchen Dingen lag einfach in seiner Unkenntnis von der Bedeutung und dem Vorteil einer staatlichen Anstellung. Bis zum Herbst 1882 verblieb ich zu Hause. Aber nun hielt es mich nicht länger; ich glaubte nur immer, wo anders müsse es besser sein. Am 1. Dezember desselben Jahres nahm ich eine Stelle als Kanzlist beim Kgl. Amtsgericht S. an. Hier nun frei von allem Einfluß mütterlicher Liebe und Sorgfalt wie väterlicher Gewalt lebte ich so recht in den Tag hin, suchte Zerstreuung in Gesellschaften, war alle Abende in Kneipen und ward leichtsinnig und liederlich. In allem unterstützte mich noch die Unzufriedenheit meiner neuen Stellung. Denn mit meinem Sekretär, der als Geizhalz allgemein bekannt und nirgends beliebt war, lebte auch ich auf sehr gespanntem Fuße, so daß ich ihm an einem schönen Apriltage die Arbeit vor die Füße zu werfen für gut fand und nach Hause fuhr. Als wenn man schon auf mich wartete, so schön ? oder so abscheulich schlecht ? paßte mein Kommen. Gerichtsvollzieher M. brauchte mich, da dessen bisheriger Gehilfe selbst Gerichtsvollzieher geworden war. Hier kam ich aber vom Regen in die Traufe und begann zu sinken, und zwar so tief, daß es mich schaudert, wenn ich daran denke, und das Wort Mutter ist für mich ein Messerstich geworden. Mag das bisher Gesagte auch ein wenig entschuldigend klingen, mir kommt es so vor, es ist bittere Wahrheit. Dieses Bureau war eine Hölle für mein bereits angestecktes junges Leben, er selber dem Trunke zeitweise bis zur Gemeinheit ergeben, ein Übertreter des sechsten Gebotes in einer jeder Beschreibung spottenden Weise und dabei Vater von erwachsenen Kindern ? sein ältester Sohn hatte bereits sein Abiturientenexamen bestanden. Dieser Mann war mein Chef. Die stets gefüllte Flasche, sowie Cigarren standen mir den ganzen Tag über zur Verfügung, und dabei war im Bureau selbst eine Geschäftsunordnung, daß ich Wochen nötig hatte, nur einige Klarheit und Übersicht zu schaffen. M. war oftmals morgens 8 Uhr, wenn die Post kam, schon so sehr betrunken, daß er nicht imstande war, seinen Namen zu schreiben und ich dies auf sein Geheiß tun mußte. Hier in diesem Bureau habe ich begraben, was mich immer noch an das Elternhaus fesseln mußte: Liebe und Ehre! Amazon.de Widgets Zu Johanni 1883 fand, wie alle 2 Jahre, die Investur des Johanniter-Ordens statt. Meine Heimat ist der Sitz dieses Ordens, und dieses Fest ist für die Stadt etwas Großartiges. An dem Jahre war die Freude eine um so größere, als Seine Kgl. Hoheit Kronprinz Fr.[126] Wilhelm ? der verstorbene Kaiser Friedrich ? erschien, um den neuernannten Herrenmeister des Ordens, Seine Kgl. Hoheit den Prinzen Albrecht von Preußen ? jetzt Prinzregent von Braunschweig ? in Vertretung Seiner Majestät des Kaisers einzuführen. Dieses Ordensfest ist auch wirklich etwas Schönes und lockt Tausende von nah und fern; aber mein Sinn war in der kurzen Zeit meiner Tätigkeit bei Gerichtsvollzieher M. vom Schönen und Guten abgelenkt. Nicht einmal mehr beim Kirchenchor wirkte ich mit, obwohl ich darum gebeten worden war, sondern gab mich dem Genuß hin, zu dem mich meine sinnlichen Begierden hinzogen, vertat Geld über Geld, indem ich ehemalige Schulkameraden zechfrei hielt, die mich allerdings dafür mit großen Augen ansahen. Auf welche Weise ich aber zu dem Gelde kam, das ich so leichtsinnig verschwendete, das wird sich im folgenden bald aufklären. Im Sommer 1881 oder 1882 ? ich weiß es nicht mehr genau, obwohl ich den Akt selbst geschrieben ? übergab mein Vater Haus und Hof meinem ältesten Bruder Karl, dagegen übernahm derselbe sämtliche darauf lastende Hypotheken und Abgaben, sicherte meinen Eltern ein Ausgeding und mußte ferner jedem seiner 6 Geschwister 300 Mk. hypothekarisch eintragen lassen. Über diese Eintragung erteilte das Gericht nun selbstverständlich jedem Gläubiger eine Klausel als Ausweis. Obwohl dieses Geld erst nach erreichter Großjährigkeit oder bei Gründung eines eigenen Hausstandes zahlbar war, genügte mir dieser Ausweis immerhin als Mittel zum Zweck, zum Geldleihen. Hierauf bauend nahm ich einige Tage vor dem Ordensfeste 50 Mk. aus der M.schen Kasse, bewilligte einem Schuldner, der gerade gezahlt und seines Restes wegen um Stundung gebeten, diese erbetene Frist ? 14 Tage ? und verjubelte nun dieses Geld auf die gedankenloseste, leichtsinnigste Weise von der Welt. Mit dem Gedanken, vor Ablauf dieser 14 tägigen Frist Geld aufzunehmen, tröstete ich mich und ging meiner Arbeit in gewohnter Weise nach; jedoch nach kaum einer Woche kam der Schuldner und zahlte den Rest. Im Begriff, mit dem allgemeinen Dienstregister zum Gericht zu gehen, sehe ich den Bauersmann eintreten; ich faßte mich jedoch ziemlich schnell, gab M. die Akten und verschwand mit einem Gefühl im Herzen, das ich gar nicht gut in Worte kleiden kann. Jetzt war es geschehen, ich war ein Betrüger, entehrt und verachtungswürdig. Hätte ich im Augenblick der Gefahr nur den Mut gehabt, offen zu bekennen oder mir, wie ich es zu tun vorhatte, Geld zu verschaffen gewußt, nie wäre meine Untreue an den Tag gekommen, aber eben dieser Mut fehlte mir. Ich stürzte nach Hause, nahm meinen Meldeschein, dieses [127] Legitimationspapier zum freiwilligen Eintritt beim Militär, das ich noch besaß und stürzte fort aus der Stadt. Ich floh, das Gewissen ließ mir keine Zeit, Gedanken zu fassen und zu sammeln, und fuhr nach Berlin. Hier wartete ich bei meinem Bruder einige Tage, bis ein Brief eintraf, welchen ich abfing und welcher alles mitteilte. Auch hier hätte ich noch Zeit zur Umkehr gehabt; der Brief teilte mit, daß die entwendete Summe sofort gedeckt und Verschwiegenheit anbefohlen, aber auch das Schlimmste, nämlich daß meine gute Mutter zum Tode erkrankt sei. Dies nahm mir nun vollends den Verstand, ich blieb nicht in Berlin, irrte umher, ruhelos, zerknirscht, schließlich hungernd und dürstend, denn betteln konnte ich nicht, bis man mich in Chemnitz verhaftete und nach Hause transportierte. Hier angekommen ? die Hände an die Seite geschlossen; denn ich habe zweimal einen Entweichungsversuch unternommen! ? war dennoch Mutterliebe das Erste, was mich tröstete; sie schickte meinen Bruder; es wurde die Erlaubnis erwirkt, mir Kohl und Zusatz von Haus ausbringen zu dürfen; denn ich war in den 6 Wochen meines Umherirrens furchtbar heruntergekommen. Eine Anzeige ist von niemand erstattet worden; die Behörde ? das Gericht ? hatte von meinem plötzlichen Verschwinden Kenntnis erhalten und bei M. unvermutet eine Revision vorgenommen. Dies war ein Glück für M. zu nennen, daß ich entwichen war; konnte er doch etwaige Mängel mir in die Schuhe schieben; denn seine Stellung war eine recht unsichere. Vom Landgerichte F. wurde ich zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt, die ich auch im Landgerichtsgefängnis verbüßte. Am 28. Dezember 1883 wurde ich aus dem Gefängnis entlassen. In derselbigen Nacht zu Hause angekommen, erfuhr ich nun erst die furchtbaren Folgen meiner Tat an dem hoffnungslosen Zustand meiner armen Mutter, und doch ? wie hat sie sich gefreut, daß sie mich noch einmal an ihr treues Herz drücken konnte, wenn ich diese Liebe auch nicht mehr wert war. Ich hätte gar zu gerne in meinem Leben irgend welche Entschuldigung gelten lassen, die mein Schuldbewußtsein hätten erleichtern können, aber es gab keine und gibt heute noch keine, und der Arzt hat es mir auch ins Gesicht gesagt, daß ich und nur ich ganz allein die Ursache an dem Tode meiner guten Mutter sei, die mich mehr wie ihr Leben geliebt hat. Auch sagte er mir, daß mit dem Beginn des Frühlings das Mutterherz aufhören werde zu schlagen. Und das ist leider eingetroffen. Es ist aber und bleibt mein schmerzlichstes Bekenntnis: Ich habe meiner guten Mutter den Todesstoß gegeben, Gott weiß es, wie viele Jahre ihr Leben verkürzt! Laß mich, lieber Gott, bei diesem Gedanken nur nicht noch einmal in [128] wahnsinnige Verzweiflung geraten! Denn einmal war ich schon nahe daran in Nacht und Dunkel zu versinken! Am 2. oder 3. Januar 1884 fuhr ich nach Berlin, bekam auch mit Hilfe des Bureaubeamtenvereins sogleich Stellung und lebte nun auch ruhig und bescheiden dahin. Am 28. April darauf starb, wie der Arzt angegeben, meine gute Mutter, und am 1. Mai habe ich sie mit meinen anderen Geschwistern und dem gebeugten Vater zur Ruhe geleitet. Jedoch nach Berlin zurückgekehrt, wurde ich ruhig; bald versiegte im Strudel der Großstadt, leider gar zu bald, der anfänglich große Schmerz über den Verlust meiner guten Mutter. Die einmal zu tief Wurzel gefaßte leichtsinnige Art kam bald wieder an die Oberfläche. Nachdem ich einen Kursus in Korrespondenz und Buchführung durchgemacht, nahm ich Stellung in einer größeren Schokolade-Fabrik. Es ging auch anfangs alles gut, aber nur solange, als mich der Satan noch nicht ganz sein wiedergewonnenes Spielzeug nennen konnte. Hiezu hatte er mich jedoch bald wieder gebracht. Ich wurde im Jahre 1885 zum anderen Male vor die Schranken des Gerichts gestellt und, wiederum wegen Unterschlagung, mit 3 Monaten 14 Tagen Gefängnis bestraft. Nach Verbüßung dieser wohlverdienten Strafe arbeitete ich noch bei einem Anwalt bis zum Sommer 1886, dann wandte ich der Weltstadt den Rücken. Ich bekam in Weißenfels a.S. eine ganz angenehme Stellung als Expedient beim Rechtsanwalt B., in welcher ich bis zum Mai 1887 verblieb. Hier habe ich auch wieder Bekannte und Freunde gewonnen und hätte mich vielleicht dauernd seßhaft machen können, wenn nicht ein Aber dazwischen gekommen wäre. Ich hatte mich um eine Verwaltungsbeamtenstelle gemeldet, und die Wahl wäre ? allem Anschein nach ? auf mich gefallen, wenn man sich vor definitiver Entscheidung nicht nach meinem Leumund erkundigt hätte. Jetzt mußte ich wieder fort; denn so eine Neuigkeit bleibt ja trotz allen Amtsgeheimnissen nicht verschwiegen, und so ging ich weg und wanderte nun ziellos in der Welt umher. Im Beschäftigungfinden hatte ich aber wieder Glück, um das mich manch' braver junge Mann beneidet haben würde, hätte er mein Vorleben, meine Vergangenheit gekannt. Nach kurzer Zeit kaum einige Wochen danach, fand ich wieder Stellung bei der Stadtverwaltung H., wo man mich auch wieder definitiv angestellt hätte, wenn der nach einigen Monaten eingezogene Leumund mir nicht wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Nun ging es wieder fort. In Köln ging mir meine Barschaft aus, und da ich nicht betteln konnte, verkaufte ich alles, was ich besaß, Kleider, Wäsche, ja zuletzt auch noch das, was ich auf dem Körper trug, [129] wogegen ich Geld und alte Kleider herausbekam. Dies Geld war aber auch bald verlebt, und nun bekam ich in der bittersten Not Arbeit am Bollwerkbau, indem ich mich als Erdarbeiter ausgab. Wie schwer mir diese harte Arbeit gefallen ist, kann ich gar nicht sagen; in der ersten Zeit ist mir das Blut während des Arbeitens von den Händen gelaufen. Aber ich überwand allen Schmerz; wußte ich doch, daß ich in diesem Zustande nie wieder daran denken durfte, Stellung zu finden, und so hielt ich denn aus bis zum Frühjahr 1888. Nachdem ich mich äußerlich wieder hergerichtet, fuhr ich nach Düsseldorf, besuchte dann den Westen Deutschlands und hierauf den Norden. Von Lübeck ging ich an der Ostseeküste entlang durch Mecklenburg und fand in Rostock Arbeit untergeordneter Natur bei einem Advokaten. Aber auch hier währte die Freude, wieder in geordnete Verhältnisse gekommen zu sein, nicht lange; denn es nahten die unheilvollen Gerichtsferien, und so wanderte ich, da auch der Norden mir keine bleibende Stätte zu bieten vermochte, wieder südwärts, arbeitete aushilfsweise einige Zeit in Leipzig und fand im Herbst Stellung in St. i. Th. in einer Glasinstrumentenfabrik als Buchhalter; jedoch auch hier mußte ich bald wieder fort ? im April 1889 ? infolge des Todes des ältesten Sohnes meines Chefs, der dieserhalb das Geschäft nur noch in ganz geringem Umfange betrieb. Von hier kam ich nach N., wo ich in einem Speditionsgeschäft als Kontorist Stellung fand. Aber was geschah? Ich mißbrauchte das Vertrauen meines Prinzipals und wurde im September 1889 wiederum wegen Unterschlagung mit 6 Monaten 14 Tagen Gefängnis bestraft, welche Strafe ich in Ichtershausen verbüßte. Im höchsten Grade wunderbar kommt es mir bei meiner grenzenlosen Leichtsinnigkeit dennoch vor, daß ich kein vagabundierender, bettelnder Stromer geworden bin. Aber nein, ein kleiner Rest sittlichen Urteils und Gefühls ist mir geblieben, und ich habe stets Entsetzen empfunden, wenn ich solch versumpften, heruntergerissenen, verkommenen, schamlosen Menschen begegnet bin. Im Herbst 1890 bekam ich wieder einmal eine einigermaßen zusagende Stelle in einer Schuhfabrik in P., in welcher ich bis Sommer 1891 verblieb. Weshalb ich diese Stelle wieder aufgab, kann ich heute noch nicht begreifen. Darauf bereiste ich, wieder mit dem nötigen Zehrpfennig versehen, Baden und Württemberg und nahm, als meine Mittel auf die Neige gegangen waren, Arbeit als Bergmann in H. Hier arbeitete ich in der Grube bis Frühjahr 1892, wo man mich aus diesem Verhältnis fort und in das kaufmännische Bureau nahm, in welchem jedoch meine definitive Anstellung wieder deshalb nicht erfolgen konnte, weil ich die von den Herren Aufsichtsräten [130] verlangte Unbescholtenheitserklärung nicht zu erbringen vermochte. Kurze Zeit habe ich dann noch in Tübingen gearbeitet, von wo aus ich dann nach L. kam, wo die letzte Tat des Bösen in mir das schlafende Gewissen wachgerufen hat, wo ich erkannt, daß ein Fortgehen auf der bisherigen leichtsinnigen und lastervollen Bahn die unberechenbarsten Folgen, ja das ewige Elend und die Verdammnis nach sich ziehen muß. Es zeigt sich in meinem Leben so recht deutlich, daß der Mensch allein und aus sich selbst heraus, wenn er erst einmal schlechte Bahnen gegangen, nicht wieder gut zu werden vermag. Ist es nicht der lebendige Gott selbst, der ihm seinen aufgehobenen Finger zeigt und ihm zuruft: »Bis hieher und nicht weiter!« dann sind es mindestens solche Menschen, die auf das schlummernde Gemüt und Gewissen des Verirrten einen bleibenden Eindruck hervorzurufen imstande sind. Ich will mit offenem, reuigem Herzen bekennen, daß ich ohne Gottes Zutun wohl schwerlich eine ernstliche Umkehr zuwege gebracht hätte. Ich habe es gelobt vor Gott und gelobe es auch hiermit, daß ich ein anderer Mensch werden will, daß meine zukünftigen Lebenspfade nur in gesitteten, christlichen Bahnen sich bewegen sollen, daß ich mich aber auch selbst voll und ganz, ja in meiner grenzenlosen Verworfenheit erkannt habe und daß ich nun nicht mehr erschrecke, wenn man mir die volle Wahrheit über mein bisheriges Leben ins Gesicht sagt. Hätte mich Gott nicht auf das selbst verschuldete Krankenlager geworfen, auf dem ich in der Einsamkeit meine Vergangenheit so recht im Geiste an mir vorüberziehen lassen konnte und hierbei die Zwecklosigkeit meines bisherigen Lebens erkennen mußte und erkannte, dann wäre ich auf dieser leichtsinnigen, unglückseligen Bahn fort und fortgetaumelt, bis ich schließlich ein durch und durch verstockter, zu allem fähiger Bösewicht geworden wäre. Davor hat mich der liebe Gott bewahren wollen. Soweit hat er es mit mir nicht kommen lassen wollen; sonst hätte er mich ja bei meinem Sturze aus dem Hotel sterben und in meinen Sünden ewiglich verderben lassen können. Verdient habe ich seine Schonung nicht, aber so manches Mal denke ich, das Gebet meiner guten Mutter könnte mir ein Segen, eine Hilfe in der größten Gefahr geworden sein. Ich schließe. Dies mein Bekenntnis ist getreu der Wahrheit entsprechend. Möge mir der liebe Gott in der Freiheit Gelegenheit geben, zu beweisen durch treuen christlichen Wandel, durch Fleiß und Sparsamkeit, durch Ehrlichkeit und Mäßigkeit, was ich während [131] meiner Krankheit und der letzten Strafhaft im Zuchthause gelobt habe! ?[132] 1 Amazon.de Widgets 5. H.E. Br. von S. (Preußen), ehelich geboren 1864, prot., lediger Skribent. Nicht tätowiert. Vorstrafen: 1mal wegen Landstreicherei und Bettels, dann 4mal Gefängnis wegen Unterschlagung; zuletzt 1 Jahr 6 Monate Zuchthaus wegen Diebstahls. Führung gut. Einzelhaft auf seine Bitte. Tuberkulös. Willig und folgsam. Nicht mehr rückfällig seit 1895. Starb 1900 in seiner Heimat. 
 Aus meinem Leben.1 (Nr. 6. E.K.2)  Eine vollständige Biographie zu schreiben, ist mir bei der kurzen Zeit von einer Stunde nicht möglich. Darum will ich das Wenige, [137] das ich schnell mitteilen kann, dazu benützen, einen Einblick in mein Leben zu gestatten. Für meine erste Pflicht halte ich es, meiner Darstellung eine Bemerkung vorauszuschicken. Es könnten nämlich die Herren, die diese Zeilen zu lesen haben, auch bei mir denken, wie bei manch anderen, wo es berechtigt ist: »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!« Da möchte ich nun sagen: »Keine Regel ohne Ausnahme!« Der Apfel fiel in meinem Falle sehr weit vom Stamme! Mit anderen Worten: Meine Eltern haben an meiner schlechten, lasterhaften Lebensweise keine Schuld. Mein seliger Vater war ein deutscher, frommer Mann, wie es heutzutage nur noch wenige gibt, und meine Mutter war die idealste, beste Mutter, die es nur geben kann. Woher nun aber ? wird man mit Recht fragen ? diese Entartung? Sie rührt daher, daß ich seit meiner Kindheit das Gebot stets übertrat, das Verheißung hat, und darum traf mich der Fluch, der den Übertretern des 4. Gebotes angedroht ist. So sank ich von Stufe zu Stufe, so tief, wie ein Mensch überhaupt nur sinken kann. Ich verließ das Elternhaus nach des Vaters Tod, um ungestörter meinen Lüsten und Begierden nachleben zu können. Hierzu brauchte ich aber Geld. Arbeiten mochte ich nicht, wie ich gekonnt hatte, und zu betteln schämte ich mich; so log, betrog und stahl ich! Wiederholt bat mich die gute Mutter, nach Hause zu kommen, wiederholt folgte ich. Sie verschaffte mir jedesmal wieder eine angenehme Stellung und gab mir immer wieder die nötige Kleidung und was ich gerade bedurfte. Aber ich hielt immer nur einige Wochen aus. Dann begann wieder das alte leichtsinnige, liederliche Leben, und ich entfernte mich abermals. So tat ich seit dem Tode meines Vaters (1887) bis 1892 viermal. Während dieser Zeit erlitt ich auch mehrere kleine Gefängnisstrafen, wovon aber meine Mutter nichts erfuhr, ausgenommen eine, die ich in meiner Vaterstadt E. selbst abbüßte ? 2 Monate! Endlich, am 14. Juli 1892 verließ ich wieder das Haus meiner Mutter und ging mit einer Dirne nach Straßburg, lebte dort mit derselben, besuchte die Schweiz und Tirol in ihrer Begleitung. In Innsbruck wurde ich am 8. September 1892 verhaftet und erhielt wegen Betrugs eine Strafe von 15 Monaten, die ich in Garsten bei Steyer in Oberösterreich verbüßte. Auch dort trat ich wieder in Verbindung mit meiner Mutter und zwar durch Vermittlung des evangelischen Anstaltsgeistlichen und ? meine Mutter gewährte mir, daß ich wieder nach Hause kommen durfte. Ja, sie hatte im Verein mit einem Geistlichen meiner Vaterstadt für mich [138] eine Stelle ermittelt und sandte mir reichlich Geld zur direkten Heimreise. Ich wurde am 9. Februar 1894 in Garsten entlassen, und ? ist's möglich? ? am 18. Februar 1894 saß ich in Aschaffenburg schon wieder in Untersuchung. Ja, es war möglich! Weil ich in Garsten kein anderer Mensch geworden bin. Ich hatte es zu gut in dieser Strafanstalt und empfand nicht die geringste Reue über mein verfehltes, bisheriges Leben, die eine Petrusreue, und nicht eine Judasreue gewesen wäre. Judasreue ergriff mich oft. In solchen Anwandlungen schrieb ich auch meine Briefe an die Mutter mit dem heiligsten Versprechen, mich zu bessern. Mit dieser Judasreue verbüßte ich die 15 Monate Gefängnis. Und als ich aus der Strafanstalt entlassen wurde, brachen sofort wieder die alten Leidenschaften und Laster hervor und rissen mich aufs neue zu geschlechtlichen Ausschweifungen. In Augsburg unterbrach ich meine Heimreise und suchte die Lasterhöhlen und Dirnen auf. In wenigen Tagen war ich wieder der alte schlechte Mensch. Wenige Mark waren noch in meinem Besitze. Ich kaufte mir ein Billet bis Aschaffenburg, um wenigstens über Bayern hinaus zu kommen. Weiter reichten meine Mittel nicht mehr. In Aschaffenburg beging ich ein Verbrechen, um mir Mittel zur Weiterreise zu verschaffen. Aber mein Versuch mißlang, und ich wurde verhaftet. In der Isolierhaft traten mir wieder die vielen Guttaten meiner lieben Mutter vor die Seele, und ich gedachte der Schmach und der Schande, die ich meiner Familie aufs neue antat, meiner Wortbrüchigkeit gegenüber der Mutter. Das Schauerliche und Schändliche, das Verwerfliche und Gemeine meines neuen Verbrechens stand im grellsten Lichte vor meinen Augen! Was ich in den 2 Monaten meiner Untersuchungshaft seelisch durchmachte, welche Seelenkämpfe in meiner Einsamkeit von mir durchgekämpft wurden, weiß der liebe Gott. Dazu meine in erschreckender Weise zunehmenden epileptischen Anfälle. Ich litt entsetzlich während dieser Zeit. Das Urteil, das über mich gefällt wurde, betrübte mich nicht so sehr, obwohl es auf 3 Jahre Zuchthaus lautete; denn ich war bereits in meiner Erkenntnis so weit, daß ich mir sagte: Du hast 10 Jahre verdient. Aber Ruhe und Frieden fand ich nicht, noch immer nicht! Zweimal schrieb ich, Verzeihung bittend, nach Hause an meine vor Sorgen schier vergehende Mutter ? ohne eine Antwort zu erhalten. In meiner Verzweiflung betete ich; dann verfluchte ich mich und die ganze Welt. Ich war dem Wahnsinn nahe. ? In diesem Zustand kam ich in die hiesige Strafanstalt. Nun ging ? während ich im Spital krank lag ? etwas in mir vor. Ich hörte in der Kirche Worte, die ich seit meiner Kindheit [139] nicht mehr gehört hatte. Der Aufenthalt im Spital unter zum Teil schwer leidenden, an Schwindsucht dahinsiechenden Mitgefangenen, das Hören des göttlichen Wortes in einer ganz eigenartigen Weise, in gesetzlicher Drohung und evangelischer Verheißung, mit strafenden und werbenden Worten, und meine epileptischen Anfälle, die anfänglich jeden Tag 3?4mal sich einstellten und in mir ein großes Angstgefühl erzeugten ? alles dies zusammen bewirkte in mir eine ganz eigene Wandlung. Ich wurde aus einem total leichtsinnigen Namenchristen, aus einem modernen gleichgültigen, atheistisch gesinnten Materialisten ein recht armer, hilfsbedürftiger Mensch, der nun anfing, auf dem gezeigten Wege Gottes Gnade in Christo Jesu und Vergebung der Sünden zu suchen. Mit jedem Tage lernte ich mich selber mehr erkennen, meine Unwürdigkeit ganz verstehen. Mein Schandleben wurde oft vom Prediger beleuchtet, wenn er mich besuchte, und ich erkenne heute: Ich bin wirklich nicht mehr wert, auf Gottes Erde zu leben! Nun bin ich in der Einzelhaft. Ich habe Zeit genug, über meine Vergangenheit nachzudenken, die Gegenwart religiös-sittlich recht zu benützen und für die Zukunft recht zu überlegen. Nie vergesse ich den Blick, den mir der Herr Geistliche bei seinem ersten Zellenbesuche zuwarf. Ich war vorher bei einem epileptischen Anfalle zu Boden gestürzt und hatte mich dabei im Gesicht und am Kopfe aufgeschlagen. Das sah der Herr Geistliche. Wie milde, treuherzig, aber auch wie ernst hat er mich angeblickt! Dieser mitleidige Blick hat mein Herz getroffen, daß ich mir sagte: der meint's gut mit dir, dem folge, von dem laß dich leiten! Das will ich tun. Ich will lernen in Kirche und Schule, ich will alle böse Gedanken vertreiben durchs Gebet, ich will gewissenhaft die Bestimmungen der Haus- und Zellenordnung beobachten. Ich will an mir arbeiten lassen und selber an mir innerlich arbeiten in gewisser Selbstzucht. Dazu wolle mir der liebe Gott helfen! ?[140] 1 4. S.J. von A., ehelich geboren 1874 prot., lediger Kaufmann. Nicht tätowiert. Vorstrafen seit 1892: einmal Haft und 7mal Gefängnis (in mehreren Anstalten) wegen Betrugs, Diebstahls, Erpressungsversuche, Beleidigung. Zuletzt wegen Zuhälterei 3 Jahre 9 Monate Gefängnis und Arbeitshaus. Buchmacher bei Rennen. Bewegte Vergangenhelt, Spieler und Zuhälter. Als Schreiber wiederholt beschäftigt in der Gefangenenbibliothek. Nierenleidend. Gute Führung. Wollte wieder in die Höhe kommen. Gute Volksschulbildung und ein paar Jahre bessere Bürgerschule. Kriminalschutzmann. 2 Kriminalschutzmann. 
 Mein Lebenslauf. (Von Nr. 1, E.G.1)  Ich will mich bemühen, eine genaue Schilderung meines elenden, jammervollen Lebens zu schreiben. Ich wurde als Kind armer Eltern zu Mainz am 14. August 1851. geboren. Wirkliche Kindesjugend habe ich nicht erlebt, dagegen [14] vom zartesten Kindesalter an schon die rohesten Mißhandlungen eines unmenschlichen Vaters zu erdulden gehabt. Ich schwebte infolgedessen oft in Lebensgefahr wegen geringfügiger Kleinigkeiten. Es würde kein Ende nehmen, wollte ich alles aufzählen. Meine arme Mutter hatte noch viel mehr von der Roheit des entmenschten Vaters zu leiden. Den allerschändlichsten Akt spielte er mit ihr, als sie mit meiner noch lebenden jüngsten Schwester in gesegneten Umständen war. Ich stand damals im 7. Lebensjahre. Am Tage ihrer Entbindung konnte die Mutter morgens das Bett nicht mehr verlassen; deswegen konnte sie auch für Mittag nichts kochen. Als nun der Wüterich nach Hause kam und sich statt eines Mittagessens mit einem Glas Bier, Wurst und Brot begnügen sollte, da fing er in der Wut an, die im Bette liegende Mutter mit allerhand ganz gemeinen, nicht wieder zu gebenden Ausdrücken zu schimpfen, und sagte zuletzt, er wäre sein Leben so müde und satt, wie wenn er es mit dem Löffel gefressen hätte. Natürlich verdroß das meine Mutter, und sie entgegnete dem zornigen Vater: »Na, wenn Du Dein Leben so satt hast, dann nimm Dir's halt!« Da packte er die Mutter und warf sie über Hals und Kopf aus dem Bette, und ich mußte Leute herbeirufen, die der armen Mutter wieder ins Bett halfen. Unsere ganze Nachbarschaft prophezeite meiner Mutter eine unglückliche Entbindung; aber ein Wunder war es, daß diese Weissagung nicht eintraf. Als meine Schwester zur Welt geboren war, war meine Mutter drei Jahre ganz kontrakt und konnte sich nur auf zwei Stöcke gestützt fortbewegen. Da war ich denn so mit Arbeit überladen, daß ich des Nachts schlief wie tot. Trotzdem daß die Mutter so daran war, mußte sie vom Morgen bis Abend täglich arbeiten. Weil der schlechte Vater fast seinen ganzen Lohn versoff, so hätten wir Hunger leiden müssen, wenn wir uns nicht selber geholfen hätten. Ich holte aus der Lederfabrik Wolle zum Zupfen und Ziegenfelle zum Nähen. Um seinem Suff so recht frönen zu können, übernahm der Vater von ein paar Metzgereien Beile und Messer zum Schleifen, wobei ich und meine Mutter drehen mußten, als diese soweit wieder hergestellt war. Daß ich deswegen oft in die Schule kam und meine Aufgabe nicht gemacht hatte, das genierte den Vater ganz und gar nicht. Und so ging das fort bis zu meinem dreizehnten Lebensjahre, wo ich in den Konfirmandenunterricht mußte. Da befahl er mir eines Tages wieder, den Schleifstein zu drehen. Meine Mutter meinte, sie wolle schon drehen, ich solle nur meinen Katechismus lernen. Aber der Vater brüllte: »Nein, der dreht!« Das empörte mich, und ich sagte im Zorn: »Jetzt drehe ich gerade nicht!« Hätte ich überlegt, was ich [15] gesagt hatte, dann hätte ich meiner armen Mutter zu Liebe schweigen müssen. Aber es war gesagt. Mein Vater kam in solche Wut, daß er nach einem Beile griff. Ich sah dies gerade noch und sprang zum Tor hinaus; aber der Wütende warf mir das Beil nach. Hätte er mich getroffen, dann hätte er mir sicherlich ein Bein abgeworfen, denn das schwere Beil blieb in der Torschwelle stecken. Amazon.de Widgets Vier Tage lang getraute ich nicht nach Hause zu gehen, bis mich meine Mutter halb erfroren und verhungert am Rhein fand. Darauf wurde ich neun Wochen schwer krank. Hernach kam die Geschichte mit dem Holz, das wir acht Knaben sollten gestohlen haben. Glücklicherweise erfuhr mein Vater nichts davon, bis mir die Schmach in der Kirche angetan wurde und ich vom Konfirmationsaltar ganz ohne Grund hinweggejagt wurde. Das erfuhr der Vater, der an meinem ganzen Unglück schuld ist, und jagte mich aus dem Hause. Ich ahnte damals schon, daß ich für das ganze Leben verloren war. Und so ist es auch gekommen. Ich hatte das Unglück, auf einen Platz zu kommen, wo mehrere nichtswürdige Schufte beisammen waren. Meine Verhältnisse wurden ihnen bald bekannt, und sie warfen alle schlechten Streiche, in die sie mich Unerfahrenen verwickelten, auf mich ab. Als Knabe war ich nicht besser und auch nicht schlechter als andere Knaben auch. Vor gemeinen Streichen hatten mich die vielen Ermahnungen meiner braven Mutter bewahrt. Aber jetzt diesen Mahnungen entzogen und unter solcher Gesellschaft wurde ich schlecht. Es wollte mir nur selten gelingen, Beschäftigung zu finden. Und so war es nur immer der Hunger, der mich zu Schlechtigkeiten trieb. Ich mußte es erfahren, daß dasselbe Gericht, das uns Kinder wegen Diebstahls bestrafte, wo wir nichts gestohlen hatten, mich mit 17 Jahren wegen meiner Jugend frei sprach. Dreimal wurde ich unschuldig bestraft ? ohne andere Beweise, als den, daß man mich für fähig hielt. So kam ich in das Alter, wo ich mich vor dem, der mein Vater hätte sein sollen, nicht mehr fürchtete, und kehrte nun wieder ins Elternhaus zurück, um meine Mutter vor dem Tyrannen zu schützen; denn dieser schauerliche Unmensch ließ die arme Frau, die damals an der Waschbütte außerhalb des Hauses von morgens früh bis abends spät arbeitete, des Nachts nicht schlafen, indem er die halbe Nacht in seiner schamlosen Besoffenheit immerzu schimpfte und tobte. Bei einem solchen Vorkommnis erhielt ich einmal 3 Tage Haft, da mein Vater auf die Polizei ging und mich anzeigte, ich hätte mich an ihm vergriffen; und ich habe weiter nichts getan, als daß ich [16] ihn ins Bett zwang. Hätte ich diesen Wüterich, den ich haßte, doch windelweich durchgehauen, wie er es verdiente! Nicht lange darnach wurde mein Vater nervenkrank, und meine Mutter erkrankte ebenfalls infolge Überanstrengung und zu geringer Nahrung. So schlimm wurde es mit der Mutter, daß sie glaubte, sterben zu müssen. Und das war zu einer Zeit, wo ich selber keine Arbeit hatte. Da mußte ich die traurige Erfahrung machen, wie parteiisch es mit dem evangelischen Hilfsverein steht. Ich sah mich genötigt, mich an Herrn Pfarrer St., der an der Spitze dieses Vereins stand, um eine Unterstützung zu wenden. Als ich bei ihm eintrat, fertigte er mich mit barschen Worten ab; ich sollte mich in 14 Tagen melden, weil erst am vorhergehenden Tage Sitzung gewesen wäre. Auf meine Entgegnung, daß die Hilfe sofort nötig sei, wenn meine Eltern nicht verhungern sollten, sagte der Herr Pfarrer: »Nun, so will ich mich morgen erkundigen; kommen Sie übermorgen wieder!« Als ich wieder auf der Straße war ? heraus aus dem düsteren Studierzimmer des Pfarrers, begegnete mir ein Schmiedemeister, der mich kannte, und gab mir den Auftrag, das Holz von einem abgebrochenen Bau zu verkaufen; was mir begreiflicherweise sehr gelegen kam. Ich verkaufte das Holz zu einem Spottpreise, um es schnell an den Mann zu bringen und Geld zu bekommen zur Linderung der ärgsten Not. Hätte ich gewußt, daß ein anderer Pfarrer, den ich auf Wunsch meiner Mutter bestellt hatte, der Schwerkranken 20 Mark gespendet, so hätte ich natürlich den unehrlichen Holzverkauf unterlassen; nun war es aber zu spät. 15 Monate Gefängnis waren die Folgen dieser von bitterer Not diktierten Unehrlichkeit. Daß es auf diese Weise mit meiner Existenz immer schlechter wurde, ist wohl begreiflich. Auch trug die Polizei redlich bei zu meinem Untergang, indem sie meine ohnehin schon traurige Lage noch dadurch verschlimmerte, daß sie die Leute, bei denen ich noch Arbeit fand, vor mir warnte. Und doch habe ich, wenn ich Arbeit hatte, nie etwas Schlechtes begangen. So mußte ich denn ein Stromer werden, weil ich es in meiner Vaterstadt nicht mehr aushalten konnte. Obschon ich ? das kann ich hoch und teuer versichern ? nur zu arbeiten wünschte, so wollte es mir doch nur selten gelingen, Arbeit zu finden. Vorübergehende Beschäftigung gegen geringen Lohn fand ich wohl hin und wieder, aber ich mußte, da ich keine guten Papiere und Zeugnisse hatte, oft zur Lüge die Zuflucht nehmen, indem ich sagte, ich wollte die verlangten Zeugnisse in etlichen Tagen schon herbeischaffen. Länger als 14 Tage konnte ich nirgends bleiben, denn meine erlogenen Zeugnisse [17] kamen nicht, und ich mußte wieder wandern, ohne ein Arbeitsattest zu erhalten. Nach meiner Entlassung aus der Anstalt in Bruchsal ging ich wieder nach Hause, weil ich sicher gedachte, Arbeit bei der Stadt zu finden; denn so hatte mir der Strafanstaltsgeistliche geraten. Ich habe den Herrn Oberbürgermeister zweimal schriftlich und zweimal mündlich fast kniefällig gebeten, mir Arbeit zu geben; aber es war umsonst. Darauf ging ich zum Herrn Provinzialdirektor und bat diesen um Vermittlung. Er meinte: »Die Stadt muß doch die entlassenen Sträflinge beschäftigen«, und verwendete sich für mich schriftlich. Und was war die Folge? Der Herr Oberbürgermeister schickte mir einen Schutzmann auf den Hals, der einen Zettel überbrachte, auf welchem geschrieben stand, daß ich nie von der Stadt Arbeit zu erhoffen hätte. Jedenfalls eine schlechte Fürsorge. Und so wird mein Elend kein Ende nehmen, und ich werde im Zuchthause sterben müssen. In meiner Heimat kann ich mich nicht aufhalten, darum muß ich wieder wandern und zwar den Rhein hinunter an die Ruhr; vielleicht daß ich dort Beschäftigung finde. So werde ich heimatlos in der Welt umher gehetzt. Noch einmal in eine Strafanstalt ? nein, lieber sterben![18] 1 Amazon.de Widgets 1. E.G. von M., ehelich geboren 1847, lediger Schleifer und Taglöhner. Vorstrafen: 9mal Haft wegen Bettels und Landstreicherei; 7mal Gefängnis wegen Diebstahls und Betrugs, 3mal Zuchthaus wegen Diebstahls, 2mal Arbeitshaus (6 und 9 Monate). Schlechte Erziehung. Qualvolle Jugend. Ein bedauernswerter Mann, der sich sehr gut führte und äußerst fleißig war. Hat keine Heimat mehr und findet nirgends dauernde Arbeit und Unterkunft sowie die rechte Hilfe und Fürsorge. 
 Mein Lebenslauf. (Nr. 3. J.J.R.1)  Ich, Josef Ludolf J., bin geboren am 19. Januar 1860 zu F. in Niederösterreich. Meiner Militärpflicht genügte ich im 74ten österr. Infanterie-Regiment »Graf Nobili«. Im Jahre 1881 wurde ich von dort als Invalide entlassen. Mein Vater war Werkführer bei der k. Franz-Josefs-Nord-Bahn. Ich habe noch sieben Geschwister, von denen 3 Stiefgeschwister. Nach Beendigung meiner Schulzeit erlernte ich das Malerhandwerk, außerdem übte ich mich auch in der Musik ein. Nach Entlassung vom Militär begab ich mich wieder in meine Heimat, woselbst ich bei einem Maler S. Arbeit erhielt. Ende Juli 1881 verheiratete ich mich mit einem Mädchen aus Tirol und fing gleichzeitig ein selbständiges Geschäft an. An Arbeit fehlte es mir nicht. In meiner freien Zeit wirkte ich bei der M.'schen Musikkapelle mit, und so lebte ich glücklich und zufrieden mit Gattin, Eltern und Geschwistern. Wir kannten keine Not, keinen Kummer und keine Sorgen. An einem schönen Sonntagabende gaben wir, d.h. die M.'sche Musikkapelle, in einer Wirtschaft an der alten Donau ein Gartenkonzert. Kurz nach 11 Uhr nachts begab ich mich mit meinem Vater und dem Kapellmeister nachhause. Als ich die Haustüre öffnen wollte, sprangen 4 Polizisten herbei, welche mir die Verhaftung ankündigten. Ich war zwar sehr überrascht, faßte mich aber schnell, denn ich war mir keiner Schuld bewußt und ging also mit zur Polizei. (Ich hatte vordem mit der Polizei nicht in geringster Berührung gestanden.) Als ich auf der Polizeiwache ankam, wurde mir alles, was ich bei mir trug, abgenommen, ohne daß eine Frage an mich gerichtet wurde. Hierauf wurde ich in eine Zelle verbracht und am andern Morgen ins Polizeigefängnis nach W. geschubt. Am Abend selbigen Tags aber transportierte man mich ins Bezirksgericht K. Drei Tage war ich dortselbst, bis ich verhört wurde. Von meiner Verhaftung bis zu meinem Verhör war mir das Sprechen aufs strengste untersagt. Beim Verhör wurden mir Fragen gestellt, von denen ich keine einzige beantworten konnte, weil ich von nichts wußte. So war ich volle 6 Wochen in Untersuchung. Zu meiner Verhandlung waren 29 Belastungszeugen geladen, von welchen aber [65] nicht einer etwas zu meinen Ungunsten vorbrigen konnte. Ich war nämlich bei der Polizei beschuldigt worden, ich sei bei einem geheimen Bund aktives Mitglied, war aber weder bei einem Arbeiterverein, noch bei einem Bund. Das war allerdings wahr, daß ich hier und da bei einer Arbeiterversammlung als Zuhörer anwohnte und mit Arbeitern viel verkehrte, weshalb ich auch bei der Polizei schlecht angeschrieben ? ich stand als Meister mit dem Arbeitervolk auf gutem Fuße ? und es bedurfte nur einer Denunzierung, um mich zu verhaften. Weder meine Eltern noch Geschwister, noch ich waren noch mit der Polizei in Berührung gekommen. Ich wußte mir nicht zu helfen; aber dem Arbeiterverein war bekannt, daß ich das Opfer einer Denunzierung sei, und so schickte mir dieser Verein einen guten Verteidiger auf seine Kosten. Bei der Verhandlung wurde mir zur Last gelegt, Flugschriften in meiner Wohnung verborgen zu haben. Man hat solche dort gefunden, und ich sagte auch die Wahrheit, als ich angab, daß diese mir eines Abends ein Arbeiter zum Durchlesen gegeben habe. Den Namen des betreffenden Arbeiters konnte ich nicht angeben, da er mir persönlich nicht bekannt war. Nachdem mein Verteidiger, Herr Dr. Mittler eine längere Rede gehalten, zog sich der k.k. Gerichtshof zur Beratung zurück. Das Urteil lautete auf Freisprechung. »Sie können, wenn Sie wollen, gegen Ihren Denunzianten Klage stellen«, wurde mir von den Richtern bedeutet. Ich bedankte mich hierauf bei meinem Verteidiger und verließ den Saal. Dann fuhr ich mit meiner Frau und den Zeugen nach Hause. Am heimatlichen Bahnhofe erwarteten mich viele meiner Freunde und begrüßten mich mit »Hoch«! Es war gerade 6 Uhr abends, als ich ankam, weshalb viele Arbeiter zum Bahnhof kamen. Ich mußte ihnen alles erzählen, und sie waren gegen den Denunzianten so sehr aufgebracht, daß ich sie bitten mußte, ihm nichts zu tun. Sie ließen sich damit beruhigen, daß ich ihnen versprach, gegen ihn wegen Verleumdung Klage zu führen. Dieses Vorhaben konnte ich jedoch nicht ausführen, da mir meine Eltern abrieten. Ich ging nun wieder meinem Geschäfte nach und hatte auch wieder sehr viel Arbeit. Nach etwa 14 Tagen wurde ein Polizei-Konzipist von einem Unbekannten erschossen, weshalb mehrere Arbeiter verhaftet wurden, und auch ich wurde nachts 11 Uhr zur Polizei geführt. Zum Glück war ich am kritischen Abend zu Hause, da ich Besuch meiner Schwägerin hatte, weshalb ich wieder freigelassen wurde. Mehrere Tage darnach wurde ich zum Polizeirat St. geladen. Dort wurden mir wieder verschiedene Fragen gestellt. Ich sollte mehrere kennen, welche Flugblätter ausgeteilt haben, wenn ich sie angebe, würde ich [66] eine Belohnung oder Anstellung bekommen. Da ich von dergleichen nichts wußte, konnte ich auch nichts angeben. So wurde ich mehrmals vorgeladen, man stellte mir immer wieder die gleichen Fragen, endlich drohte man mir sogar mit Ausweisung, wenn ich nichts angeben werde. Mehrere Tage darauf wurde abermals und zwar am hellen Tage, ein Detektiv erschossen. Der Täter, ein Stellmacher aus Deutschland, wurde verhaftet. Auch wegen dieser Sache wurde ich zur Polizei geführt. Da der Täter einen falschen Namen angegeben, wurde ich befragt, ob mir derselbe bekannt sei. Ich mußte dies verneinen, ebenso die übrigen Vorgeführten. Ein Schuhmachermeister aus Berlin erkannte ihn endlich. Zu dieser Zeit wurden viele Verhaftungen vorgenommen; es genügte hierzu der kleinste Verdacht, der sozialdemokratischen Partei anzugehören, oder einer schriftlichen Denunziation. Man wurde verhaftet, zwei, drei Tage behalten, bis sich die Schuldlosigkeit herausgestellt; viele mußten sogar Wochen und Monate wegen eines solchen Verdachtes in der Untersuchungshaft schmachten. Man konnte nicht einmal gegen solche Unbill Beschwerde führen, wenigstens nicht mit Erfolg, denn man wurde stets abgewiesen. Als im Jahre 1882 das Ausnahmegesetz in Kraft trat, wurde jeder, auf den der besagte Verdacht fiel, schonungslos ausgewiesen. Dies harte Los traf auch mich. Auf der Polizei wurde mir bekannt gegeben, daß sie, die Polizei, mich als ein Vertrauensmitglied der Sozialdemokraten halte, da ich keine Aussagen gemacht und sie daher gezwungen sei, mich aus Niederösterreich auszuweisen. Eine dagegen eingelegte Beschwerde wurde verworfen, und so blieb mir nichts anderes übrig, als meiner Frau zu schreiben, sie solle alles verkaufen, das noch ausständige Geld einkassieren und mir nach L. folgen. In L. bekam ich Arbeit bei einem der ersten Malermeister als erster Gehilfe. Meine Frau kam denn auch und brachte einige Möbel mit. Wir mieteten uns in L. eine billige Wohnung und waren ganz zufrieden, auch mein Meister war mit mir zufrieden. Eines Tages sagte mein Meister zu mir, ich solle mittags in seine Wohnung kommen. Dort eröffnete er mir, daß ein Polizeikommissär bei ihm gewesen, sich nach mir erkundigt und verlangt habe, der Meister solle mich entlassen, da ich von W. wegen sozialdemokratischer Umtriebe ausgewiesen sei. Ich erzählte ihm hierauf den wahren Sachverhalt. Er bedauerte mich und sagte, es tue ihm leid, allein er könne nichts machen, ich solle warten, bis der Rummel vorüber sei, und dann wieder zu ihm kommen, er würde mich dann gerne wieder in Arbeit nehmen. Nachdem mir der Meister Lohn und Zeugnis gegeben, ging ich nach Hause, wo ich eine Vorladung der Polizei für [67] Montag früh 9 Uhr vorfand. Auf der Polizei wurde mir bekannt gemacht, daß von der k.k. Polizeidirektion W. ein Bericht eingelaufen, wonach die L.'er Polizei gezwungen sei, mich ebenfalls auszuweisen. Darauf wurde mir ein Schriftstück diesbezüglichen Inhalts vorgelegt, das ich unterschreiben sollte, was ich aber nicht tat, sondern ich ging zu einem Rechtsanwalt, erzählte ihm die Sache und bat ihn um Rat. Dieser meinte, ich solle Beschwerde einlegen, was ich auch tat. Ich mußte hohe Stempel- und Schreibgebühren entrichten, aber es war umsonst. Meine Beschwerde wurde verworfen, und ich mußte ? binnen 24 Stunden, lautete der Befehl ? die Stadt verlassen. Ich war daher gezwungen, meine Möbel, sowie verschiedenes Andere zu Spottpreisen zu verkaufen. Von L. begab ich mich hierauf nach G., wo ich bei einem Malermeister in der H ... straße Beschäftigung fand. Da meine Beschäftigung mich nach P. rief, so hielt ich mich in G. nur einen Tag auf und fuhr mit Frau und fünf anderen Gehilfen nach P. Wir wohnten dort anfangs in einem Gasthause; nachdem uns dies aber zu teuer kam, nahmen wir uns eine kleine Wohnung in der Nähe von P. Die Arbeit in P. währte bis August 1882. Die anderen Gehilfen gingen alsdann wieder nach G. zurück, während ich mich nach Kl. wandte, da in G. Arbeiterunruhen ausgebrochen und ich befürchtete, es könnte mir dort ergehen wie in W. und L. Ich erhielt auch in K. wieder Arbeit, doch nur auf kurze Zeit. Daselbst wurde ich mit einem Herrn aus T. bekannt, der mich in T. in einer Eisenmöbelfabrik als Maler bezw. Lackierer unterzubringen versprach. Ich bekam auch von demselben einen Brief, worin ich aufgefordert wurde, nach T. zu reisen, da eine Stelle für mich frei sei. Ich ging deshalb zu meinem Meister und bat ihn um Entlassung, er ließ mich aber nicht fort, da 14tägige Kündigung vereinbart war. Von K. ging ich mit meiner Frau über Laibach zu Fuß nach T.; wir wollten das Fahrgeld sparen. Als wir in T. ankamen war die Stelle schon besetzt, und es wurde mir dort gesagt, ich solle in einigen Wochen wieder nachfragen. Ich suchte nun anderweitig Arbeit, konnte aber keine finden. Da erfuhr ich, in F. werde ein großes Theater gebaut und man könnte in 3 Tagen zu Fuß hinkommen. Ich ging deshalb mit meiner Frau nach F. Wir hatten während unseres Marsches stets schlechtes Wetter und waren daher unsere Kleider, als wir in F. ankamen, sehr mitgenommen, weshalb wir uns neue kaufen mußten. Ich begab mich in F. sofort zu dem Malermeister, dem die Malerarbeiten für das neue Theater übertragen waren. Er nahm meine Zeugnisse mit den Worten: »Sie können Arbeit haben, [68] aber Sie müssen noch 7 bis 14 Tage warten.« So suchte ich auf diese Zeit anderweitig Arbeit, meine Frau tat dasselbe, beide aber ohne Erfolg. Eine Wohnung konnten wir vorerst nicht mieten, da wir nicht wußten, wie lange es dauern wird, bis ich Arbeit bekomme. Wir logierten nun in einem billigen Gasthause, aber es kam für uns doch teuer. So vergingen denn 14 Tage und als ich wieder nachfragte, hieß es, noch 8 Tage warten, weil die Baukommission noch nicht besichtigt habe. Ich wußte nicht, was tun. Der Winter war vor der Tür, das Geld zu Ende und noch 8 Tage ohne Arbeit aushalten! Wir waren daher genötigt, Schmucksachen und Uhr zu verkaufen, und lebten sehr schmal; an manchem Tagen hatten wir nur etwas Speck und ein Stück Brot zu essen. Endlich kam der Tag, an dem ich wieder nachfragen sollte. Diesen Tag werde ich nie vergessen! Es war der 10. November 1882. Als ich wegen der zugesagten Arbeit vorsprach, war der Meister abwesend, seine Frau aber sagte mir, daß es in diesem Jahre mit der Arbeit nichts mehr sei, da die Baukommission am inneren Bau etwas beanstandet habe, das umgeändert werden müsse, so könne die Malerarbeit erst im Frühjahr beginnen und ich solle im Frühjahr wiederkommen, worauf sie mir meine Zeugnisse wiedergab. Ich ging nun zu meiner Frau und erzählte ihr alles. Wir waren nur notdürftig gekleidet, hatten kein Geld und hatten Hunger! In meiner Not verkaufte ich meinen Winterrock, der mich 35 fl. gekostet, und erhielt, obwohl ich ihn erst einmal getragen, ? 10 Gulden. Wir gingen nun nach T. zurück. In T. war wieder, keine Arbeit aufzutreiben. Da wurde mir von einem Herrn gesagt, ich solle nach P. ins Arsenal gehen, dort hätte ich, da ich Militärinvalide, Anspruch auf Arbeit. Wir wendeten uns daher nach P. Wir mußten auf unserem Marsche viele Strapazen durchmachen. Ich wollte nicht betteln, lieber wäre ich gestorben. Am vierten Tage unseres Marsches kamen wir in P. an. Ich ging sofort zum Inspektor des Arsenals, dem ich meine Papiere übergeben mußte und welcher mir in einigen Tagen wiederzukommen befahl. In dem Gasthause, in dem wir logierten, bekam ich für einige Tage Beschäftigung. Ich mußte ein Schild und mehrere Bilder ausbessern und nun konnten wir wieder einige Tage aushalten. Als ich mich im Arsenal nach Arbeit erkundigte, gab mir der Inspektor meine Zeugnisse mit den Worten zurück: »Sie sind wegen sozialdemokratischer Umtriebe aus Niederösterreich ausgewiesen, und da können wir Sie leider nicht annehmen.« Ich erzählte ihm den ganzen Hergang der Sache, er bedauerte mich und gab mir 2 fl., so konnte ich wieder gehen. Nun suchte ich Arbeit bei den Schiffen zum Ein- [69] und Ausladen, aber auch hier vergebens. Wir gingen nun wieder nach F. zurück und ich gab meiner Frau den Rat, sie solle dort einen Dienst suchen und ich wollte in die Welt wandern, um irgendwo Arbeit für Sommer und Winter zu finden, sie solle dann nachkommen. Aber sie wollte nichts davon wissen. Sie sagte: »Ich gehe dahin, wo Du hingehst, und will mit Dir Leid und Freude teilen.« Da machten wir uns also wieder auf den Weg. Zwei Tage und eine Nacht hindurch gingen wir. Unser Weg führte uns über K. nach A. in Kroatien. Die zweite Nacht verbrachten wir in einem Bauernhofe. In K. angekommen, waren wir natürlich wieder recht hungrig. Ich suchte Arbeit und fand solche bei einem Meister namens M. Es war gerade Sonntag und er hieß mich also am Montag mit der Arbeit zu beginnen. Wir waren ganz ohne Geld, ich wagte aber nicht, Vorschuß zu verlangen und wir verkauften daher noch einen Teil unserer Wäsche für 2 fl. 1 fl. 50 kr. betrug das Schlafgeld für uns beide, 50 kr. bezahlten wir für ein Abendessen, es hatte gerade gereicht. Anderntags erzählte ich meinem Meister meine mißliche Lage, er gab mir Frühstück und 5 fl. und riet mir, mich gleich nach einer Wohnung umzusehen, da es im Gasthause sehr teuer sei. Am Dienstag begann ich zu arbeiten, der Meister war recht zufrieden mit meiner Arbeit, denn ich arbeitete für zwei und mit Lust und er gab mir auch guten Lohn. So erholten wir uns langsam wieder. Die Arbeit dauerte bis November, alsdann konnte der Meister eine solche für mich nicht mehr aufbringen. Er wollte mich zwar behalten und mir Vorschuß geben, den ich dann im Sommer vom Verdienst wieder abtragen solle, doch konnte ich mich hiezu nicht entschließen, weil ich wußte, wie schwer es ist, aus Schulden herauszukommen. Hätte meine Frau Beschäftigung gefunden, so wäre es noch gegangen. Nun blieb meine Frau noch in K. während ich nach A. ging. Ich hoffte dort Beschäftigung zu bekommen und im Frühjahr zurückzukehren. Ich fand indes dort keine Arbeit, und ich kehrte daher nach Steiermark zurück, in jedem Dorf, in jeder Stadt, überall wo ich hinkam, nach Arbeit fragend, doch überall umsonst. Endlich wurde mir solche in Gl. in einer Fabrik als Taglöhner. Ich blieb dort längere Zeit, bis ich am gleichen Orte bei einem Maler Stellung fand. Ich mußte dort während des Winters Schilder malen und während des Sommers Dekorationsmalerei in Villen und Häusern ausführen. Nun schrieb ich meiner Frau, und diese kam. Wir mieteten uns eine kleine Wohnung und beschafften uns Möbel gegen Abzahlung. Eines Tages kam der Gemeindediener mit einem Herrn in die Werkstatt und fragten nach mir. Ich fragte [70] sie dagegen, was sie wollen, worauf sie mich baten, mit ihnen zum Bürgermeister zu gehen. Letzterer meinte, ob ich denn Erlaubnis hätte, mich in Niederösterreich aufhalten zu dürfen. Ich mußte verneinen. Da entgegnete mir der Bürgermeister, daß ich Gl. verlassen müsse. Ich wußte nämlich nicht, daß Gl. zu Niederösterreich gehört. Mein Meister sowohl als ich baten den Bürgermeister, ein Gesuch einreichen zu wollen, damit ich die Erlaubnis erhalte, in Gl. bleiben zu dürfen. Nachdem ich bis zur endgiltigen Verbescheidung Gl. nicht zu verlassen, kehrte ich wieder an meine Arbeit zurück. Nach einigen Tagen wurde ich wieder zum B. gerufen, welcher mir die Abweisung meiner Bitte bekannt gab. Es hieß u.a. in derselben, daß, solange ich keine Aussage über die Sozialdemokraten von Fl. mache, dulde mich die Polizei in Niederösterreich nicht und daß ich nach meinem Zuständigkeitsorte zu verschuben sei. Sogleich in Haft behalten, wurde ich von einer Schubstation zur andern transportiert, bis ich nach vollen 14 Tagen in Mok .... ankam, woselbst ich meine Papiere wiederbekam und gehen konnte. Unzählige Leiden hatte ich während des Transportes zu erdulden, meine Kleider waren vollständig defekt und voll Ungeziefer. Meiner Frau wurden die Möbel in Gl. abgenommen, ohne etwas von den Abzahlungen zurückzubekommen, und sie folgte mir nach Mok ... Nachdem ich dort entlassen, ging ich in einen Wald, wo ich, soweit es möglich war, Toilette machte und mich vom Ungeziefer reinigte. Nun ging ich mit meiner Frau durch Böhmen, Mähren nach Oberösterreich. Wir mußten viele Strapazen bestehen, und der Hunger war unser täglicher Gast. Meist übernachteten wir bei Bauern in Stallungen auf Stroh, auch bekam ich bei dem einen oder anderen etwas Arbeit, so daß wir doch wieder einiges Geld hatten. Endlich kamen wir nach Ku ... Dort erhielt ich bei dem Maler T. Arbeit auf einige Wochen. Da las ich eines Tages in der Zeitung ein Inserat: »Ein selbständiger Dekorationsmaler für Landschaftsmalerei wird nach Ro.. gesucht.« Ich bewarb mich um diese Stelle und bekam sie. Dort war ich volle zwei Jahre. Die Arbeit ging zuletzt sehr schlecht, so daß ich öfters dieselbe aussetzen mußte. Hierauf kam ich nach T., woselbst ich bei Malermeister Z. einige Wochen arbeitete. Als auch diese Arbeit beendet, begab ich mich nach M. und fand dort Stellung bei Malermeister M. in der Luisenstraße. Kaum einige Tage in Arbeit, kam der Bezirkskommissär zu Herrn M. und erkundigte sich nach mir, wobei er ihn von der niederösterreichischen Ausweisung in Kenntnis setzte. Mein Meister ließ mich rufen und fragte mich ob es war sei, daß ich wegen sozialdemokratischer Umtriebe [71] ausgewiesen worden sei. Ich sagte ja und konnte wieder weiter arbeiten, aber ich sah es dem Meister an, daß es ihm nicht recht war. In der Arbeit tat ich meine Schuldigkeit, und zu einem Arbeiterverein trat ich auch nicht bei; so hielt ich es also 11/2 Jahr bei M. aus. Dann kam ich zum Maler V. in der Auenstraße, dort war ich wiederum 1 Jahr, hernach aushilfsweise zu Hofmaler Bl., woselbst ich den ganzen Sommer über beschäftigt war. Später trat ich bei Br. & R. in Arbeit. Während des Sommers arbeitete ich dort in der bisherigen Weise, im Winter dagegen reiste ich für diese Firma in Plafondmuster. Ich bezog hierbei per Tag 2 Mk. und 10% Provision Zuerst bereiste ich Tirol, dann Oberösterreich, das Geschäft ging aber sehr schlecht. Unter dieser Zeit trat das Ausnahmegesetz in Niederösterreich außer Kraft. Es war dies am 30. Juni 1889. Keine Frau war unterdessen zu meiner Mutter nach W. gegangen, um dort zu warten, bis ich zurückkommen werde. Mein Vater ist schon im Jahre 1885 gestorben, es war mir von der Polizei nicht einmal gestattet worden, bei seinem Hinscheiden Abschied zu nehmen, denn nach Fl. durfte ich nicht kommen. ? Da sich das Geschäft mit Plafondmuster nicht rentierte, so gaben es die Herren Br. & R. auf und schrieben mir, zurückzukommen und im Frühjahr wieder in Arbeit zu treten. Ich begab mich aber nicht wieder nach M., sondern fuhr nach W. zu meiner Mutter und meinen Geschwistern, denn ich wollte mich in W. oder Umgebung niederlassen. Aber dort erwartete mich eine große Überraschung. Meine Mutter wohnte mit meinem jüngsten Bruder im II. Bezirk. Als ich nach meiner Frau fragte, sagte mir meine Mutter, daß meine Frau wohl einige Zeit bei ihr gewohnt habe, sie sei aber öfters fortgegangen und sehr spät nach Hause gekommen, worüber sie mein Bruder zur Rede gestellt habe; sie sei dann nach Fl. gefahren, wo sie jetzt mit einem Bekannten in wilder Ehe lebe. Wie mir damals ums Herz war, ich kann es heute nicht beschreiben. Tag und Nacht überlegte ich, was ich tun solle. Da bat ich meine Mutter, zu ihr zu fahren und ihr zu sagen, ich hätte ihr alles verziehen, sie solle ihre Sachen packen und wieder zu mir kommen. Leider kam meine Mutter mit der Antwort meiner Frau zurück: »Ich kann nicht kommen, es tut nicht gut mehr!« Selbst zu ihr gehen wollte ich nicht, da ich mit ihrem Zuhälter nicht zusammenkommen wollte. Ich schickte deshalb noch einmal zu ihr, und mein Bruder kam auch mit der gleichen Antwort zurück. Zwar hätte ich sie zwingen können, zurückzukehren, doch wollte ich dies nicht und so ergab ich mich denn in mein Schicksal. Ganze neun Jahre lebte ich mit meiner Frau zusammen, wir hatten nie miteinander Streit, darum[72] schmerzte es mich so sehr, daß sie so ohne weiteres von mir gehen konnte. ? Wegen eines Fußleidens war ich dann einige Wochen im Spital, und als ich dies im Februar 1890 verlassen, wollte ich wieder Arbeit suchen, wurde aber verhaftet und zur Polizei geführt. Dort befragt, ob ich Erlaubnis habe, mich in W. aufhalten zu dürfen, antwortete ich: »Ich brauchte keine mehr, denn ich war ja nur solange ausgewiesen, als das Ausnahmegesetz in Kraft gewesen, und dieses ist am 30. Juni erloschen.« Da wurde mir gesagt, daß nur diejenigen das Recht hätten, zurückzukehren, welche von der Polizei Erlaubnis hierzu erwirkten. So bat ich um Einreichung eines diesbezüglichen Gesuches, was auch genehmigt wurde, doch wurde auch dieses Gesuch verworfen, und ich wurde an die ungarische Grenze geschubt. Ich war der Verzweiflung nahe. Glücklicherweise fand ich in Pr. Beschäftigung, allein der Lohn war schlecht und ich ging daher wieder nach M., woselbst ich am 15. Mai ankam. Damals begab ich mich zum ersten Male in das Vereinslokal des Malervereins. Dort erhielt ich eine Unterstützung, auch wurde mir Arbeit bei Malermeister G. in P .... g (bei M.) angewiesen. In P .... g arbeitete ich bis September, worauf mir vom Baumeister K. die Maler-und Anstreicherarbeiten zweier Neubauten in der Giselastraße übertragen wurden, welche ich mit noch einem Gehilfen Ende Dezember zur vollsten Zufriedenheit des Herrn K. fertigstellte. Während dieser Zeit wohnte ich in der Schellingstraße, zum Essen ging ich ins Gasthaus. Da gab mir meine Hausfrau den Rat, ein braves Mädchen, das sie kenne und dessen Mutter erst gestorben sei, zur Führung des Haushalts zu nehmen; sie sagte, daß das Mädchen Näherin sei, ich könnte mir dadurch vieles ersparen, wenn ich wollte, auch könnte ich das kleine Zimmer neben dem meinigen haben, wo das Mädchen wohnen würde. Ich war damit einverstanden, das Mädchen kam und führte meinen Haushalt. Sonst brachte ich die Abende in Gasthäusern zu, da ich zu Hause keine Zerstreuung hatte, nun blieb ich abends zu Hause, denn ich hatte daheim Unterhaltung und so gewöhnte ich mir das Wirtshausgehen ganz ab. Von Tag zu Tag gewannen wir mehr Vertrauen zu einander. Im März 1901 bekam ich von Herrn Malermeister K. in Kl. einen Brief, worin er mir mitteilte, daß ich bei ihm als erster Gehilfe eintreten könnte und Sommer wie Winter Arbeit hätte. Ich schrieb sogleich, daß ich im April kom men werde, ordnete meine Sachen, schickte sie nach Kl. ab. Am 16. April fuhr ich dann mit dem Mädchen nach Kl. Dort logierten wir in einem Gasthause, da wir uns erst nach einer passenden Wohnung umsehen wollten. Eines Tages brauchte ich eine Zeichnung und ging nachmittags gegen 3 Uhr nach [73] Hause. Daselbst sah ich, daß verschiedene Sachen von mir fort waren, und ich dachte, das Mädchen habe eine passende Wohnung gefunden und dorthin die Sachen verbracht. Ich nahm meine Zeichnung und ging wieder an die Arbeit. Als ich aber abends heim kam, merkte ich, daß fast alle meine Sachen verschwunden waren, darunter ein Anzug, ein Überzieher, mehrere Wäschestücke und eine Uhr. Jetzt fragte ich die Wirtsleute, was denn da sei, und diese sagten mir, daß öfters, während ich bei der Arbeit war, ein junger Mensch bei dem Mädchen war und auch heute wieder mit einem Dienstmann, welcher einen Koffer und mehrere Sachen fortgetragen habe, es sei ihnen dies schon lange verdächtig vorgekommen, sie hätten mir aber keine Unannehmlichkeiten machen wollen, und da ich nachmittags daheim gewesen, hätten sie gemeint, wir hätten eine passende Wohnung gefunden. Ich ließ mir den Dienstmann beschreiben, und als ich diesen traf und ihn nach den beiden Verschwundenen fragte, sagte er mir, diese seien nach Salzburg gefahren. Sofort fuhr ich dorthin. Heute sehe ich zwar ein, daß ich dies hätte nicht tun sollen, damals hatte ich aber das Vertrauen zur Polizei verloren. In S. suchte ich alle Gasthäuser nach den Beiden ab, konnte sie aber nicht auffinden. Da begegnete mir in der Nähe des Bahnhofes ein bekannter Bildhauer aus M. und fragte mich, ob ich denn nicht mehr in Kl. sei und wo ich denn herkomme. Ich erzählte ihm hierauf die Veranlassung zu meiner Reise, und da sagte er: »So habe ich mich doch nicht getäuscht, Ihre Liebe sah ich nämlich in Begleitung eines jungen Mannes am Bahnhof in München, als ich abfuhr.« Ich fuhr also nach München in der Hoffnung, sie hier zu finden, und ich suchte eine ganze Woche hindurch, doch vergebens. Nun mußte ich Arbeit suchen. Solche fand ich bei einem Maler in der Schillerstraße, jedoch nur für kürzere Zeit. Nach Arbeitsschluß machte ich mich tagtäglich auf die Suche nach dem Paar. Da erfuhr ich von einem Bekannten, daß das Frauenzimmer früher ein Freimädchen gewesen. Ich suchte nun auch in den Wirtschaften, in welchen sich solches Gesindel aufzuhalten pflegt. Bei dieser Gelegenheit wurde ich mit einem gewissen A. bekannt. Dieser schloß sich mir an, wir suchten nun beide, konnten sie aber nicht ausfindig machen. Später mußte ich das Suchen einstellen, da ich öfters die Arbeit auf einige Tage unterbrechen mußte. Endlich bekam ich bei dem Meister in der S.-straße noch eine längere Arbeit; es war dies eine Wohnungsmalerei in der Landwehrstraße. Dann kam öfters A. zu mir, er war stets ohne Geld, ich mußte ihm welches borgen; ich dachte mir, er würde es mir wieder zurückgeben. Von meiner Jugend bis zum Jahre 1891 habe ich mir weder [74] Diebstahl noch sonst eine Veruntreuung zu Schulden kommen lassen, obwohl ich öfters dazu Gelegenheit gehabt hätte, selbst in meiner großen Notlage, Hunger und Kälte aushaltend, fiel mir niemals der Gedanke ein, eine Unredlichkeit zu begehen. A. war mein Verführer. Er brachte mich vom rechten Wege ab und dem Abgrunde zu. Als ich kein Geld mehr hatte, meinte er, er könne mir und sich helfen, wenn ich nur wolle. Ich glaube, als ich damals auf den Plan A.s einwilligte, unzurechnungsfähig gewesen zu sein. Mein Gedanke war nur: Hilfe, dann fort über alle Berge. Der erste Einbruch, den ich mit A. unternahm, war nicht zu unserer Zufriedenheit ausgefallen, einen zweiten und dritten Diebstahl führte ich allein aus, da ich den A. nicht getroffen hatte. Damals war ich stark berauscht, und als ich verhaftet wurde, konnte ich gar nicht einmal angeben, wie ich den Einbruch vollführte, ich leugnete ihn daher. Als aber A. verhaftet war und er Aussagen bezüglich der Diebstähle machte, gab ich auch den dritten Diebstahl zu. Ich wurde zu 2 Jahren Zuchthaus verurteilt, welche Strafe ich gegenwärtig in E. verbüße. Gegen Reiche sowie Polizei hatte ich in letzterer Zeit den größten Haß. Als ich aber an einem Dienstag eine Rede des Herrn Pfarrers hörte, welche er uns in der Schule hielt, und die mir zu Herzen ging, da faßte ich den Vorsatz, wieder ein ordentlicher Mensch zu werden. Die Worte des Herrn Pfarrers haben mir wieder den rechten Weg gewiesen, und mit Gottes Hilfe werde ich wieder auf den rechten Weg kommen und bleiben. Überall, wo ich in Arbeit stand, hat mich jeder Meister geehrt und geachtet und war mit meinen Arbeiten zufrieden. Dies beweisen meine Zeugnisse. Ich kann arbeiten und will auch wieder arbeiten und mich beherrschen. Auch bin ich überzeugt, daß ich bei meinen ehemaligen Meistern, wenn ich wiederkomme, auch wieder bei ihnen aufgenommen werde. ?[75] 1 1. E.G. von M., ehelich geboren 1847, lediger Schleifer und Taglöhner. Vorstrafen: 9mal Haft wegen Bettels und Landstreicherei; 7mal Gefängnis wegen Diebstahls und Betrugs, 3mal Zuchthaus wegen Diebstahls, 2mal Arbeitshaus (6 und 9 Monate). Schlechte Erziehung. Qualvolle Jugend. Ein bedauernswerter Mann, der sich sehr gut führte und äußerst fleißig war. Hat keine Heimat mehr und findet nirgends dauernde Arbeit und Unterkunft sowie die rechte Hilfe und Fürsorge. 
 Mein bisheriges Leben.1 (Nr. 6 E.K.2)  Sollte der Mann, der das Wort: »Einmal ist keinmal!« zu einem geflügelten machte, alle die Schuld und die Last derer tragen, die sich, als sie am Scheidewege des Guten und Bösen standen, zum Bösen wandten und ihr sie warnendes Gewissen oberflächlich beruhigten [140] mit diesem Worte, er würde ohnmächtig zusammenbrechen unter dieser Last. Das genannte Sprichwort lebt im Volksmund, aber weil es zweideutig ist, ist es verwerflich. »Einmal ist keinmal« sagte ich, als ich in frühester Jugend schon meiner Mutter Zucker stahl. »Einmal ist keinmal« sagte ich, da ich als 10jähriger Knabe den Tokayer der kranken Mutter verstohlen trank und die Flasche mit Wasser anfüllte, um nicht entdeckt zu werden. »Einmal ist keinmal« war die Beschwichtigung meines mahnenden Gewissens, wenn ich meines Vaters Geldbörse und später seine Zigarrenkiste zum Teil leerte. »Einmal ist keinmal« sagte ich, als ich mit 13 Jahren zum ersten Mal das sechste Gebot übertrat und der Onanie verfiel. Aus diesem einmal wurden aber unzählige Male. Es reihte sich an das erste Glied der Sündenkette, deren Last ich jetzt tragen muß, Glied an Glied bis zum letzten Ring, dessen Malzeichen ich hier zu tragen habe. Dies war der Fluch der ersten bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses mußt gebären, weil ich es ? wollte! Doch nun zu meinem Lebenslauf. Ich wurde am 29. Dezember 1866 zu E.a.d.R. als Sohn des Werkmeisters der Kr. Gußstahlfabrik daselbst, H.E.K. und seiner Ehefrau W., einer geborenen S., geboren. Aus meiner frühesten Jugend kann ich wenig berichten. Mit 6 Jahren kam ich in die Schule, und zwar in die Vorschule einer Realschule. Hier muß ich nun gleich bemerken, daß ich absolut keine Neigung zum Lernen zeigte. Meine Lehrer hatten mit mir die größte Mühe, und nur infolge von Privatunterricht, den ich erhielt, konnte ich vorrücken, bis ich schließlich mit knapper Not im 12. Lebensjahre in Quinta saß. Da erkrankte ich schwer, und nach überstandener Krankheit wurde ich, nachdem mein Vater mittlerweile meine schlechten Eigenschaften näher kennen gelernt hatte, einem Institute anvertraut, in welchem heranwachsende Knaben, die drohen, entarten zu wollen, mit der äußersten Strenge erzogen werden. Mit schwerem Herzen hatte mein Vater im Einverständnis mit meiner Mutter diesen Schritt getan. Das Institut befindet sich in D. am Rhein. Wenn ich nicht irre, war damals der Redakteur und Herausgeber des »Rheinisch-Westfälischen Sonntagsblattes«, Dr. E., Direktor dieser Anstalt. Alles war schon bereit, die Koffer schon abgeschickt, da ? legte der Arzt sein Veto dagegen ein. Er behauptete, bei meinem schwächlichen Körper hieße mich dieser Zucht anvertrauen soviel, als »den Knaben langsam aber sicher töten«. Meine Mutter, die ohnehin im Grunde genommen nur mit Widerstreben in [141] den Plan gewilligt hatte, hielt sich freudigst an den Ausspruch unseres Arztes und ich ? blieb zu Hause. Mein Vater setzte es nun durch, daß ich vorerst ganz von der Schule dispensiert wurde. Ich erhielt von verschiedenen Lehrern Privatunterricht im Hause. Aber ich war faul, wirklich faul. Dabei hatte ich ein träumerisches, melancholisches Wesen. Am liebsten war ich ganz allein, las verbotene Bücher, die ich mir zu verschaffen wußte. Von einem älteren Bekannten, der alle möglichen Bücher hatte, erhielt ich in dieser Zeit eine Schrift, die Anweisungen enthielt über »Viel oder wenig Kindersegen«, darauf das »6. und 7. Buch Mosis«, ferner ein Buch mit 50 Illustrationen aus dem intimen Eheleben, so, glaube ich, hieß der Titel. Es ist kein Wunder, daß ich schon sobald das 6. Gebot übertrat; denn ich sage heute: jeder, der in der Jugend solche Schriften liest, leidet Schaden an seiner Seele und an ? seinem Körper. Die Wirkung dieser ganz ungeeigneten Lektüre ruinierte mich psychisch und physisch. Ob davon meine Eltern nichts merkten? Ich hatte für mich ein kleines Zimmer. In demselben erteilten mir Lehrer Privatunterricht. Mein Vater besuchte mich täglich dreimal: morgens, mittags und abends. An Ausflügen nahm ich nie teil; denn ich war schwächlich und nicht imstande, einen größeren Spaziergang mitzumachen. War schönes Wetter, dann war ich einige Stunden täglich im Garten. Von meinen Geschwistern schloß ich mich vollständig ab. Meine Mutter? Hier tut mir mein Herz weh! Meine gute, liebe, treue Mutter, die ja viel um mich war, war zu unschuldig, zu naiv, zu fromm, um solche Auswüchse an dem ? schwächlichen, kränklichen Knaben sehen zu können. Das Gleiche muß ich von meinen älteren Schwestern sagen. Man sah in mir immer das schwache, kranke Kind, dem man auf jede mögliche Weise sein Leiden erleichtern zu müssen glaubte; den furchtbaren Abgrund, der zu meinen Füßen gähnte, ahnte niemand in meiner Familie. Auch nicht der Arzt? Auch er blieb lange im Unklaren, bis endlich bei einer Visitation meines Zimmers, der eine genaue Untersuchung meiner Leibwäsche folgte, ihm und meinen armen Eltern ein Licht aufging. Aber was wollten meine Eltern mit dem »kranken Menschenkinde« machen. Mein Vater war ein Mann, ein deutscher Mann in jeder Beziehung. Seine Familie war sein Alles. Soll ich mir das Ideal eines braven deutschen Mannes vor stellen, wie er sein soll: keusch, bieder, fromm, so brauche ich bloß an meinen Vater zu denken. Nächst seiner Familie lebte er seinem Berufe, in dem er sich tatsächlich verzehrte. Noch auf dem Krankenbette stand er in telephonischem Verkehr mit dem Kontor. Jeden Sonntag ging er und meine Geschwister ? ich[142] auch, wenn es mein Gesundheitszustand erlaubte ? zur Kirche. Gegen meine Mutter war er wie ein Kind; er hing mit großer Liebe an ihr, und sie liebte und verehrte ihn von ganzem Herzen. Nun zur Mutter. Lieber Leser, stelle dir ein Bauernmädchen vor, das mangelhaftes Kopfwissen, aber ein ausgezeichnet frommes Herz besitzt. Dieses Mädchen heiratet sehr frühzeitig ? mit 17 Jahren ? und kommt durch ihre Verehelichung in Kreise, die ihr völlig fremd sind. Sie lebt nur ihrem Manne und ihren Kindern, die sie mit Liebe und Aufopferung großzieht. Das ist meine gute Mutter, der ich leider schon soviel Herzeleid bereitet habe. Eine Frau von solcher Naivität, wie sie meine liebe Mutter besitzt, zu finden, dürfte heute schwer sein. An zwei Beispielen möchte ich zeigen, welcher Ton in meinem Elternhause herrschte. Mein Zimmer und die meiner Geschwister ? die Schwestern hatten ein gemeinsames Zimmer ? befanden sich in der letzten Etage. Es waren Mansardenräume. Punkt 7 Uhr abends mußten wir zu Bette gehen. Unter meinem und meiner Schwestern Zimmer befand sich unser Fremdenzimmer und in demselben unser Pianino. Hier saß der Vater und spielte einen Choral, der bis oben hinauf tönte, und die Mutter und wir Kinder sangen mit. Dann betete meine liebe Mutter und gab uns den Gutnachtkuß. Ähnlich war es des Morgens, bloß daß da mit Rücksicht auf die frühe Stunde und »böse Nachbarn« die Klavierbegleitung unterblieb. Dies ist heute noch so in meinem elterlichen Hause. Seit ich allerdings zwanzigjährig einmal erst früh morgens heimkam, erhielt ich keinen Gutnachtkuß mehr: ich hatte mich desselben unwert gemacht. Dies das eine Beispiel. Nun zum anderen. Wir hatten zu Hause ein ausgezeichnetes Pianino. Mit Ausnahme meiner Wenigkeit ? wegen meiner krüppelhaften Hand ? und meiner Mutter, die nicht einmal Noten lesen kann, spielten alle meine Geschwister. Einen Monat vor Weihnachten ging mein Vater einmal in eine Instrumentenhandlung und lieh auf sechs Wochen ein Harmonium; denn er meinte, wahrhaft gefühlvoll könne man Kirchenlieder, speziell unsere schönen Weihnachtslieder, auf einem Pianino nicht spielen. Soll ich den Verlauf des Weihnachtsfestes schildern? Ich meine, es wird nicht nötig sein. Ich will nur sagen: die schönsten Erinnerungen ans Elternhaus sind mit den gefeierten Weihnachtsfesten verknüpft. Doch ? ich bin abgeschweift ? welche Maßregeln wurden nun seitens meiner Eltern ergriffen, um mich von meinem Laster abzubringen? Zunächst bekam ich von jetzt ab jeden Tag eine Unterrichtsstunde von einem Geistlichen, der mich vorbereiten sollte zur[143] Konfirmation. Dann mußte ich mein Zimmer mit meinem jüngeren Bruder teilen, der das direkte Gegenteil von mir war. Derselbe absolvierte mit nicht ganz 17 Jahren das Gymnasium, erhielt stets die besten Noten und Preisbücher, studierte Chemie, war Einjährig-Freiwilliger und hat eine sehr gute Stelle inne ? gerade das Gegenteil von mir, dem älteren Bruder. Man sollte nun meinen, alle diese Maßregeln, sowie der Fleiß und die Tüchtigkeit meines Zimmergenossen hätten jetzt eine recht günstige Wirkung bei mir erzielt. Leider gerade das Gegenteil! Der Unterricht des Pfarrers J. ging bei mir nicht tief. Und meines jüngeren Bruders Einfluß? Anfänglich versuchte ich ihn für meine Schandtaten zu gewinnen; dann als alle derartigen Versuche scheiterten, als mein Bruder sogar hinging und alles dem Vater entdeckte, da wurden wir bittere Feinde. Auch meinem Vater, der mich jetzt oft, weil ich körperlich wieder erstarkte, züchtigte, wurde ich gram und feind, so feind, daß er es nur mit Aufbietung seiner ganzen Autorität dahin bringen konnte, daß ich ihn nicht ignorierte, d.h. ihm noch die Tageszeit im Gruße bot und ihm Antwort gab. In diese Zeit fällt auch ein Fluchtversuch, den ich unternahm, nach dem ich meinem Vater 400 Mk. und meiner Mutter die goldene Uhr nebst Kette und andere Schmucksachen entwendet hatte. Ich kam aber blos bis zum Bahnhof. Dem Billetteur dort fiel es auf, daß ein 13jähriger Knabe ein Billet nach Antwerpen forderte und einen Hundertmarkschein als Zahlung hinlegte; er teilte seine Bedenken dem Herrn Bahnhofs-Inspektor mit, derselbe kannte meinen Vater und ließ mich nach Hause bringen, wo ich eine ordentliche Tracht Prügel bekam. So kam dann schließlich das Jahr 1880, wo ich zu Ostern konfirmiert wurde. Und nun? Mein Vater hatte beschlossen, da ich zu nichts besondere Lust zeigte, mich zum Ingenieur heranzubilden. Ich sollte abwechselnd praktisch und theoretisch unter seiner speziellen Aufsicht arbeiten. Im November sollte ich dann als Modellschreinerlehrling eintreten und vormittags in der Schreinerei und nachmittags auf dem Zeichenbureau des Vaters tätig sein, hierauf abwechselnd je einen Monat in der Gießerei, Dreherei, Schlosserei u.s.w. arbeiten. Dies sollte ich 3 Jahre so treiben und dann nach B. bei Hamburg gehen, um die dortige technische Schule zu besuchen. Mein Vater hoffte, wie mir meine Mutter später einmal erzählte, daß diese reiche Abwechslung in der Beschäftigung einen wohltuenden Einfluß auf mich ausüben würde. Amazon.de Widgets Um vom April bis zum November nicht müssig zu sein, sollte ich bei einem Vetter meines Vaters, der Sekretär eines Rechtsanwalts in meiner Vaterstadt war, als Schreibgehülfe eintreten ? nur damit [144] ich nicht faulenzen müßte. Mit großer Befriedigung arbeitete ich als Schreiber; was mir aber ganz besonders angenehm war, das war der Umstand, daß ich mir jetzt ohne leidige Kontrolle wieder Bücher nach meinem Geschmack leihen konnte, die meinen geschlechtlichen Ausschweifungen immer neue Nahrung, immer gefährlichere Reize boten. Es ist in meiner Heimat Sitte, daß einige Wochen nach erfolgter Konfirmation der Konfirmand sich zu seinem Seelsorger begibt und sich seinen Einsegnungs- oder Denkspruch holt, bei welcher Gelegenheit der Herr Pfarrer gewöhnlich noch einige ernste Worte dem Betreffenden ans Herz legt. Die Eltern geben da den Kindern je nach Vermögen eine Gabe für den Geistlichen mit als Zeichen ihrer besonderen Dankbarkeit. Nun hatte ich meine Mutter schon wiederholt gebeten, mir doch meinen Denkspruch zu holen, und der Herr Pfarrer hatte mich einmal auf dem Wege angesprochen in nicht mißzuverstehender Weise. Aber ich wich stets aus; denn ich fürchtete aus gutem Grunde eine ernstliche Moralpredigt. Entschlossen wandte ich mich aber doch endlich eines Tages zur Wohnung des Pfarrers. Die Mutter hatte mir in Papier eingewickelt einen Zwanzigmarkschein mitgegeben, den ich, wie sie mir sagte, beim Lebewohlsagen dem Herrn Pfarrer in die Hand gleiten lassen sollte. Was aber tat ich? Ich wechselte den Schein und gab meinem guten, alten Seelsorger die Hälfte! Zehn Mark behielt ich für mich. Niemand hat dies erfahren; heute kommt's zum ersten Male aus meinem Herzen. Wie mein Denkspruch lautete? Er war, wie ich heute sagen muß, sehr passend für mich gewählt. Wollte Gott, ich hätte ihn immer beachtet, mich immer nach ihm gerichtet. Es waren die ersten zwei Verse des 1. Psalms. Du wirst, lieber Leser, fragen: Ja unglücklicher Mensch, was hast du denn gedacht, empfunden bei deiner Konfirmation, bei Ablegung deines Gelübdes und bei der darauffolgenden Einsegnung? Nichts! Rein gar nichts! Ich betrachtete diesen Akt nur als den notwendigen Durchgangspunkt vom Schulknaben zum »Erwachsenen«, der jetzt jeglicher Erziehung entbehren kann; denn Selbsterziehung war für mich ein unfaßbarer Begriff. Was fing ich aber mit den 10 Mark an, um die ich den Seelsorger und die Eltern betrog? Bei einer Dirne, die ich schon kannte, ließ ich 6 davon, und die übrigen 4 verwandte ich zum Erwerben von schmutzigen Büchern. Ich war kein Spieler und kein Trinker und rauchte nur mäßig. Auch Schnaps habe ich nur selten getrunken. Ich war in meinen jungen Jahren nicht ein einziges Mal berauscht, nicht einmal angeheitert. Warum ich dies betone? [145] Meine heutige Erkenntnis, mit der ich mein vergangenes Schandleben betrachte, sagt mir, daß ich durch diese Konstatierung meine Vergehen und Verbrechen nur in grellerem Lichte zeige, da ich ja alles tat mit vollständig klarer Überlegung, d.h. soweit bei einem Menschen, der auf der tiefsten Stufe der Gemeinheit angelangt, noch die Rede sein kann von normaler Überlegung. Aber, so fragst du vielleicht lieber Leser, haben denn deine tiefreligiöse Mutter, deine strengsittlichen Geschwister, dein biederer Vater und deine ganze Familie mit dem in ihr herrschenden religiösen Sinn und Geist gar keinen Eindruck gehabt auf dein so schmutziges Herz? Und wenn ja ? wie äußerte sich dieser Eindruck? Freudlicher Leser, merke dir: ein Mensch, der wie ich nur seine Befriedigung fand in unsittlichem Lebenswandel, in geschlechtlichen Ausschweifungen schändlichster Art, der ist jeglichen besseren Gefühles bar, absolut bar! Ein Trinker oder ein Spieler kann nicht so verkommen, so tief sinken, wie der Unzüchtige. In meinen Augen war das andere Geschlecht nur dazu da, dem stärkeren zur Befriedigung seiner Lüste zu dienen. Eine reine Liebe kannte ich nicht, mit dem Worte Liebe bezeichnete ich meine schmutzigen Beziehungen zu Dirnen. Als ich Schreiber ward, glaubten meine Eltern, es ginge besser mit mir; denn äußerlich betrug ich mich sehr anständig, und es ist Tatsache, meinen Geschwistern und näheren Bekannten gegenüber ließ ich es am sog. Takt nicht fehlen. Aber ? warum? Etwa aus Liebe zum Edlen, Guten? Nein! Sondern um meiner Umgebung Sand in die Augen zu streuen, damit ich desto ungestörter meinen Ausschweifungen mich hingeben konnte. Endlich kam der November 1880, wo ich in dem Kr. Werk eintreten sollte. Dies geschah auch, und ich blieb dort bis zum Mai 1883. Meine Leidenschaften wurden aber während dieser Zeit nicht gemindert, im Gegenteil. Ich eignete mir jetzt alle möglichen Finessen an, um ja meinem Vater, unter dessen spezieller Aufsicht ich stand, nichts merken zu lassen. Geld hatte ich jetzt reichlich. Teils machte ich Schulden, die die gute Mutter immer wieder mit blutendem Herzen bezahlte, oder ich nahm aus dem Kontor echte chinesische Zeichenfarben im Werte von 8?12 Mark das Stück mit, die ich um 2?3 Mark das Stück verschleuderte. Die Bureaubeamten, die begreiflicherweise die Diebstähle bemerkten, sahen mir als dem Sohn ihres Vorgesetzten durch die Finger. Das war ein folgenschwerer Fehler. Ich wurde immer dreister. Die Beamten meinten, mein Vater könnte sich gekränkt fühlen, wenn sie seinen Sohn bei ihm verklagten; ich bin [146] aber der festen Überzeugung, der Vater wäre ihnen gewiß sehr dankbar gewesen. So kam also der Mai 1883 und mit ihm trat eine Wendung in meinem Leben ein, die für mich so verhängnisvoll werden sollte. Ich hatte einen »Genossen«, den ich meinen Freund nannte. Sein Vater war Stadtsekretär in E. Er war damals 20 Jahre alt, also 3 Jahre älter als ich. Bei einem Tanzkurse hatte ich ihn kennen gelernt. Dieser mein Freund kannte ein Frauenzimmer namens W. St. ? ich erwähne den Namen darum ausdrücklich, weil derselbe noch eine große Rolle spielt in diesen Blättern. Diese St. war eine heimliche Prostituierte. Bei ihr verbrachten wir unsere freie Zeit, sie »versilberte« die Sachen, die ich und mein Freund aus dem Elternhause beiderseits stahlen, sie war unser alles. Ihre Mutter war noch viel schlechter als dieses Mädchen. Die Gemeinheiten, die ich hier gehört, gelernt und getrieben, spotten jeder Beschreibung. Ich kann sie nicht aufzeichnen, sie waren zu schmutzig. Eines Tages komme ich eben aus dem Geschäfte. Mein Freund und »unser Minchen« erwarteten mich. Nach gegenseitiger Begrüßung entspann sich folgendes Gespräch: »Du, gehst du mit nach Amerika?« ? Ich: »Mensch, du bist wahnsinnig!« ? »Nein, ich war noch nie so klar bei Verstand als jetzt. Ich habe meinem Vater 2000 Mark gestohlen, weil ich die ewigen Züchtigungen satt habe, und gehe nun nach Amerika. Minchen geht selbstverständlich auch mit.« ? Ich: »Minchen, gehst du mit?« ? Minchen: »Jawohl, solche Frage!« ? Ich: »Abgemacht! Ich bin in eurem Bunde der Dritte. Doch halt! Papiere? Legitimationen?« ? Mein Freund: »Brauchen wir keine; übrigens bin ich vorgesehen. Ich habe für uns alle genug. Bei meines Vaters Stellung war es mir leicht, Stempel, richtige Stempel zu erlangen. Vorwärts!« 24 Stunden später waren wir schon in Hamburg und lebten herrlich und in Freuden. Meinen Eltern hatte ich einen Brief geschrieben, in welchem ich als Grund meines Entweichens die Furcht vor Entdeckung großer Schulden angab, die ich in letzter Zeit gemacht hatte. Den Schmerz meiner Mutter ? ich kann ihn nicht schildern. Vier Tage dauerte unser lustiges Leben. Dann war mein Freund spurlos verschwunden. Wohin? Wie ich später erfuhr, ist er damals tatsächliche nach Amerika gekommen, nach Sankt Franzisko. Von dort erhielt ich einen Brief von ihm, aus dem ich seine infame Gesinnung kennen lernte. Er schalt mich einen Esel, der sich so dumm hätte ums Licht führen lassen und bat zum Schluß, ich sollte ihm sein »Minchen« gut verwahren für den Fall, daß er wieder herüber käme und [147] nicht Bekanntschaft machen müßte mit dem Strick. Mich ärgerte diese Ironie sehr, doch ? konnte ich von dem Men schen etwas anderes erwarten? ? Nun stand ich in Hamburg mit der St. und noch 70 Mark in der Tasche. Was nun tun? Ich tat damals das Klügste, was ich wohl tun konnte, ich fuhr mit der St. nach Hause. Der Empfang? Meines Vaters Langmut war zu Ende. Ich durfte ihm unter keiner Bedingung unter die Augen treten. Die arme gute Mutter weinte sich schier zu Tode. Nach und nach siegte aber die mütterliche Liebe über den herben Schmerz, und sie fuhr mit mir nach Dortmund zu meiner verheirateten Schwester und bat, mich auf einige Zeit da zu behalten, bis sich der Zorn des Vaters gelegt. Auch nahm sie mir das Versprechen ab, alle Beziehungen zu der St. zu lösen und nie mehr mit derselben in Verbindung zu kommen. Ich versprach momentan alles und hielt es auch ? vorläufig. So lebte ich etliche Wochen in Dortmund, ging jeden Tag mit meiner Schwester oder mit meinem Schwager und einer Kousine, die auch gerade auf Besuch da war, spazieren und merkte bald, daß dieser Aufenthalt einen wohltuenden Einfluß auf mich ausübte, besonders da ich gerade in diesen Wochen jenen ironischen Brief von meinem Freunde aus Amerika erhielt, den dieser an meine »Freundin« d.h. an deren Mutter geschickt hatte. Diese erfuhr meinen Aufenthalt, denn sie wußte, daß ich öfters mit ihrer Tochter in Dortmund früher gewesen war und daß dort mein Schwager wohne. Zorn und Ärger über den treulosen Freund, über Minchen und deren Mutter halfen mir aber vorläufig meiner Mutter das gegebene Versprechen zu halten. Auf einem bei Dortmund liegenden Gute eines Adeligen lernte ich gelegentlich eines Ausflugs einen jungen Verwalter kennen, der ein wirklich feiner und liebenswürdiger Mann war. Immer hatte ich schon Neigung gehabt zur Ökonomie. Der Umgang mit diesem Gutsverwalter veranlaßte mich, dem Gedanken näher zu treten, ob es nicht für meine Zukunft besser wäre, wenn ich Landwirt würde. Ich sprach mit meiner Schwester über diesen Plan. Sie war ganz derselben Meinung wie ich und erbot sich, bei den Eltern dahin wirken zu wollen, daß dieselben ihre Erlaubnis gäben. Sofort fuhr sie nach Hause, bat, weinte, flehte den Vater an, doch meinem Plan nichts in den Weg zu legen und ? der Vater gab nach, kam mit der tiefgebeugten Mutter nach Dortmund, wo die Aussöhnung mit mir stattfand, deren Endergebnis war, ich sollte jetzt Landwirt werden, d.h. drei Jahre eine landwirtschaftliche Schule besuchen, die ihre Zöglinge theoretisch und praktisch unterrichtet und ihnen nach drei Jahren den Befähigungsnachweis ausstellt, einen Posten als Verwalter[148] annehmen zu können, wie ihn mein neuer Freund inne hatte. Die Schule, die ich nun besuchen sollte heißt H.F. und liegt bei W. an der Ruhr in Westfalen, Reg.- Bezirks A. Rasch wurden die nötigen Sachen in den Stand gesetzt, und mein Vater fuhr nach N., das ist die Station, von der aus man in kurzer Zeit die landwirtschaftliche Schule erreichte, sprach mit dem Direktor dieser Anstalt und ordnete alles zu meinem sofortigen Eintritt. Am 16. Oktober 1883 begab ich mich nach H.F.; obwohl das Schuljahr schon am 1. Oktober begonnen hatte, nahm man mich doch auf. Einiges hatte ich ja doch auch schon gelernt. Auf dieser Schule war ich mir so ziemlich selbst überlassen. Je drei Zöglinge bewohnten ein Zimmer. Diese Zimmer waren aber nicht durch Türen abgeschlossen. Die Zahl der Zöglinge war damals 42, alle im Alter von 16?19 Jahren. Das Lehrpersonal bestand aus drei Lehrern, 1 Inspektor, 1 Verwalter und dem Herrn Direktor, der den Unterricht in der Chemie erteilte. Nun hätte wieder alles gut werden können. Ich hätte mir gar keine bessere Gelegenheit wünschen können für meine Besserung. Was ich nun werden wollte, entsprach ja ganz meiner Neigung. Aber die ? böse Lust! Bis Weihnachten ging alles ganz gut. Zu den Ferien fuhr ich nach Hause. Ich war ordentlich stolz auf meine grüne Kleidung, eine Art Uniform der dortigen Zöglinge. Doch der Hochmut kommt ja vor dem Falle. Ich lernte daheim wieder ein Mädchen kennen. Es war ein sehr braves ordentliches Wesen. Ich knüpfte Beziehungen mit ihr an. Mein Verkehr mit ihr kostete aber Geld. Ich wollte doch prunken! Mein Vater hatte mir pro Woche 1,50 Mk. Taschengeld bewilligt, das mir der Herr Direktor jeden Sonntag vor dem Kirchgang aushändigte, wie er es auch bei den übrigen Zöglingen, von denen manche bis zu 2 Mk. wöchentlich hatten, zu halten pflegte. Hatte ein Zögling anderweitig Geld, so war dieser dem Direktor Rechenschaft darüber schuldig. Da ich nun mehr Geld brauchte, als ich zur Verfügung hatte, machte ich bei meinen Mitschülern und anderwärts Schulden. So kam ich in eine sehr mißliche finanzielle Lage. In der Not ? stahl ich! Ja, Gott seis geklagt, ich stahl wieder und zwar meinem Mitschüler und Zimmerkollegen eine Geldbörse mit 18 Mk. Inhalt. Die Sache kam ans Licht, und der Herr Direktor sperrte mich in den Karzer und telegraphierte die Geschichte meinem Vater. In 12 Stunden war die Sache erledigt. Mein Vater weinte bittere Tränen über mich beim Herrn Direktor, und ich verstockter Mensch wurde nicht gerührt. Der Direktor beschloß mit Rücksicht auf meinen schwergebeugten Vater, auf meine ganze Familie Gnade für Recht ergehen zu lassen [149] und die Sache auf folgende Weise zu schlichten. Er ließ Schüler und Lehrpersonal versammeln und hielt eine Ansprache an die Schüler, in der er meine natürlich bekannt gewordene schändliche Tat als einen Ausfluß jugendlichen, aber gefährlichen Leichtsinns bezeichnete und an die Schüler die Frage richtete, ob sie gewillt seien, über eine ehrliche Familie Schande zu bringen, wenn die Sache ihren rechtmäßigen Verlauf nähme. Alle antworteten mit Nein. Hierauf mußte ich jedem die Hand geben, und die Sache war geschlichtet. Dieser Vorfall war aber ein Nagel zum Sarge meines Vaters. Und die Mutter? Ich muß schweigen, mir wird so weh im Herzen, wenn ich daran denke. Statt nun in mich zu gehen, litt es mich nicht mehr unter meinen Kameraden. Zu ihrer Ehre aber sei es gesagt: keiner derselben hat mich je beleidigt. Aber der Wurm in meinem Innern nagte fort und schließlich faßte ich den Entschluß, zu fliehen. Wohin? Das wußte ich noch nicht. Da kam der Böse, faßte mich höhnisch grinsend wie Mephistopheles in Goethes Faust, da er über das arme Gretchen lacht, und sagte mir, wohin ich fliehen sollte. Ich tat seinen Willen und floh zu meiner früheren Geliebten, der St. Schnell waren meine sämtlichen Effekten gepackt, ein Knecht für meine Absichten gewonnen, der meine Sachen zwei Tage vor meiner Flucht auf die Bahn schaffte und sie dort als Frachtgut an die Adresse meiner »Freundin«, der W. St., aufgab. Am Sonntag, beim Kirchgang entfernte ich mich und fuhr heim. Ich ging zu Minchens Mutter, aber ? o Entsetzen ? meine Koffer sind nicht da. Die Leute behalten mich zwei Nächte zu Hause und dann ? weisen sie mir die Türe. Und meine Eltern, die ich wiederum betrogen? Auf die Nachricht des Herrn Direktors fuhr Vater sofort zu diesem, löste den eingegangenen Schulkontrakt, bezahlte meine Schulden, regelte, was noch zu regeln war, und fuhr ganz gebrochen nach Hause, nach Trost sich sehnend ob des verkommenen Sohnes; er versuchte ? selbst ohne Trost ? das Mutterherz, das bisher immer wieder gehofft hatte, aber jetzt ganz verzagte, zu trösten. Was nun? Wies mir der Vater die Türe? Nein! Er ignnorierte mich. Er hoffte, wie ich später aus dem Munde meiner Schwester hörte, ich würde ihn um Verzeihung bitten, angespornt durch seine Milde! Nichts von dem tat ich! Endlich bekam ich auf vieles Bitten und Drängen von der Schwester Geld und die Erlaubnis, wieder zu ihr nach Dortmund kommen zu dürfen. Ich reiste. Mein Vater hatte nun dieses Gesindel, Frau und Tochter St., zur Anzeige gebracht wegen Unterschlagung meiner Koffer. In der 2 Monate darauf erfolgten Verhandlung fungierten als Zeugen der [150] Direktor der landwirtschaftlichen Schule mit 2 Lehrern und 3 Schülern, sowie der Knecht, der meine Sachen seiner Zeit zur Bahn gebracht hatte. Von sachverständiger Seite wurde alles Entwendete und Unterschlagene auf 316 Mark taxiert. Mutter und Tochter St. erhielten je 6 Monate Gefängnis. Was sollte ich nun aber anfangen? Ich wollte nach Amerika. Der Vater gab seine Einwilligung, und ich erhielt die nötigen Papiere und eine Anweisung, mit der ich in New-York auf einer bestimmten Bank 150 Mark erheben konnte. Die Überfahrt zahlte der Vater mir selbst aus, d.h. ein Billet, das ich in Antwerpen einlösen mußte, und 25 Mark Taschengeld für die Dauer der Überfahrt. War es recht vom Vater, seinen 18jährigen Sohn so ganz dem Schicksal preiszugeben? Ich will darauf keine Antwort geben. Verdient habe ich freilich eine solche Behandlungsweise seitens meines Vaters! Ich will aus einem Briefe des Vaters, den er zu jener Zeit an meinen Schwager in Köln schrieb ein Bruchstück möglichst getreu aus dem Gedächtnis mitteilen. »... Gott weiß es, was ich leide. Ich spreche mit Luther: lieber einen toten, denn einen ungeratenen Sohn. Nun sende ich ihn ins Ausland im festen Vertrauen auf Gott, der ihm vielleicht durch des Schicksals rauhe Hand noch den Weg zum Frieden zeigt. Wollte doch der liebe Gott mein gutes, treues Weib trösten, ich, selbst so trostbedürftig ? vermag es nicht. Denke ich an meinen Sohn ? dies ist und bleibt er ja doch immer ? so glaube ich sterben zu müssen vor Weh ...« ? Ich fuhr also nach Antwerpen und kam nach ? Amerika? O nein! Ich blieb in Antwerpen, verkaufte meine Anweisung und kehrte nach 3 Wochen wieder in die Heimat zurück! Dem Vater durfte ich nun nicht mehr vors Gesicht kommen. Die Mutter konnte mir nicht helfen, und die Schwestern wollten von mir nichts mehr wissen. Da war ein frommer Mann in E., ein Freund unseres Hauses; der gab der Mutter den Rat, mich nach Wilhelmsdorf auf die Arbeiterkolonie zu schicken, damit ich Beschäftigung bekäme. Die Mutter schrack erst zusammen über diesem Plan, schließlich aber gab sie, weil ein anderer Ausweg nicht vorhanden war, ihre Zustimmung, und ich fuhr im Juli 1884 nach Wilhelmsdorf auf die Arbeiterkolonie ? ohne jegliche Empfehlung. Die Verhältnisse dort kannte ich aber ziemlich genau aus Zeitschriften. Gleich nach meiner Ankunft meldete ich mich beim Hausvater. Ich wurde aufgenommen. In dieser Anstalt habe ich mich ? ich darf es ohne Eigenlob sagen ? gut geführt und bald in die bestehenden [151] Verhältnisse fügen gelernt. Von hier aus suchte ich die Versöhnung mit meinem Vater anzubahnen, und sie ? gelang, gelang noch einmal! Im November schrieb er mir selbst, daß ich nach Hause kommen könnte und daß er mir bereits eine Stelle verschafft hätte bei einem seiner Freunde auf den Kr. Werken. Ich kehrte heim und trat als ? Mechaniker meine Stelle bei dem Freunde des Vaters an. Obwohl ich nur wenig verstand, eigentlich fast nichts, erhielt ich doch denselben Lohn wie andere tüchtige Arbeiter. Dies hätte mich allerdings veranlassen sollen zum Aufpassen und Lernen und, eine gute Führung zu pflegen, vor allem aber, meinem Vater herzlich zu danken für seine liebende Fürsorge. Bis März 1885 hielt ich in dieser Stellung aus. Vorher hatte ich leider wieder Liebschaften angefangen und riesige Schulden gemacht. Als ich keinen anderen Ausweg mehr sah, aus geradezu unhaltbaren Verhältnissen wieder herauszukommen, entfloh ich nach Hannover zu einem Bruder meines Schwagers. Dieser wollte aber nichts von mir wissen, steckte mir 25 Mark Geld in die Hand und zeigte mir in nicht mißzuverstehender Weise die Türe. Ich ging ohne Plan und Ziel nach Harzburg, Goslar, Braunschweig, wieder zurück nach Harzburg und traf dort zufällig einen 3 Jahre älteren Schulkameraden, der hier Prokurist war an einer kleinen Eisenhütte. Derselbe nahm mich freundlich auf; als ich ihm meine Verhältnisse annähernd schilderte, schüttelte er mir die Hand mit dem Ausrufe: »Ich helfe Ihnen!« Er führte mich zu einer ihm befreundeten kinderlosen Gutsbesitzersfamilie, sprach für mich, stellte sich als Bürgen und bewirkte meine sofortige Einstellung. Der Gutsbesitzer nahm mich als Eleve in seinen Dienst. Nun hatte ich aber keine Kleider außer denen, die ich am Leibe trag! Was tat dieser menschenfreudliche Schulkamerad? Er fuhr selbst nach E., sprach mit meinem Vater und brachte es dahin, daß derselbe mit nach Harzburg fuhr, mir dort Wäsche und Kleider kaufte und mit dem betreffenden Gutsbesitzer Verbindlichkeiten einging, laut welchen ich 2 Jahre bei diesem verbleiben sollte. Für alles sorgte der Vater, nur Beköstigung bekam ich von dem Gutsbesitzer. ? Was war in diesem Falle größer, die unerschöpfliche Liebe und Güte meines Vaters oder der Edelsinn meines Schulkameraden oder die unaussprechliche Langmut Gottes? Amazon.de Widgets Hier führte ich mich ziemlich gut. Ich hatte es aber auch sehr gut; denn der Gutsbesitzer behandelte mich wie einen Sohn. Mein Schulkamerad pflanzte manches gute Korn in mein Herz. Alle 3 Monate kam der Vater, auch hin und wieder die Mutter zu Besuch. [152] Da kam eine Versuchung an mich heran, der ich aber nicht erlag dank meinem Schulkameraden, der die Gefahr für mich rechtzeitig bemerkt hatte. Es kam mir hart an, hier nicht zu unterliegen; doch es gelang, der Sieg war unser! Mein Gutsherr war ein Mann von 30 Jahren. Seine Gemahlin eine vollendete Schönheit von 24 Jahren, und ich 19jähriger, unsittlicher Tölpel glaubte sie zu lieben! Und sie selbst? Man sagt, in den Augen liegt das Herz. Die feurige Augensprache, die sie redete, verstand ich vollkommen, besonders seitdem ich bemerkt hatte, daß zwischen Gatten und Gattin eine mir ganz unbegreifliche Disharmonie herrschte. Mein Freund, der dieses Augenspiel beobachtete, stellte mich zur Rede und bat und beschwor mich einzuhalten, denn er ? liebe sie auch! ? Lieber Leser, staune! Ja, er liebte sie, aber er wäre lieber für sie gestorben, ehe er sie zum Bösen verleitet hätte. In dieser Stunde war er ihr rettender Engel. In mir aber regte sich die Dankbarkeit gegen den Gutsherrn, der mich ja wie einen Sohn liebte, in mir regte sich die Dankbarkeit gegen meinen ehemaligen Schulkameraden, der weinend mir gegenüber saß, mich beschwörend, doch ja nicht schlecht zu handeln. Ich entsagte. Nach einer Verständigung mit meinem Chef, der von alledem nichts ahnte, trat ich aus dessen Dienst. Meine Eltern waren begreiflicherweise sehr bestürzt und erklärten sich einverstanden mit dem Vorschlag meines Freundes, mich in sein Bureau als Schreiber aufzunehmen. Das war im November 1886. Aber ich hatte keine Ruhe. Sollte nicht der unter der Asche glimmende Funken zum hellen Brand auflodern, so mußte ich H. verlassen. Ich wendete mich mit einer diesbezüglichen Bitte an den Vater, und ? o welche Liebe! ? er hieß mich nach Hause kommen und nahm mich auf sein Comptoir. Alles ging seinen gewohnten Gang. Ich bemühte mich auch ernstlich, ein anderer Mensch zu werden. Doch der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach! Grobe Fehler ließ ich mir längere Zeit hindurch nicht zu schulden kommen, bis Ostern 1887 wieder die Versuchung mir entgegentrat. Was nun von mir geschah, war die indirekte Ursache, die letzte indirekte Ursache meines späteren Strafanstaltlebens. Ich lernte ein Mädchen mit Namen Adele H. kennen. Ihre Eltern waren blutarme Leute. Der Vater war Dreher bei K. mit einem Tagelohn von zirka 4 Mk., aber er hatte außer dem Mädchen A. noch 9 lebende Kinder und seine Frau mit seinem Verdienst zu ernähren. Das war keine Kleinigkeit. Adele war 16 Jahre alt und Nähmädchen, aber durchaus sittenrein bis zu der Zeit, da ich sie kennen lernte. Mein Vater war damals krank. Trotzdem erfuhr er [153] von meinen Beziehungen zu diesem unverdorbenen Mädchen. Was ihn veranlaßte, hauptsächliah veranlaßte, mich vor Adele zu warnen, war die Tatsache, daß sie unehelicher Geburt sei. Ich will über die Eltern des Mädchens weiter nichts sagen, als daß sie sich »recht und schlecht« durchschlugen und von der Hand in den Mund lebten. Am 14. Dezember 1887 war ich mit Adele nach Mühlheim gefahren. Als wir abends wieder nach Hause gekommen waren, blieb ich ? wie dies schon zur Gewohnheit geworden war ? bei ihr. Sie wohnte allein und hatte ein möbliertes Zimmer, das ich ihr bezahlte. Bis früh um 1 Uhr blieb ich bei ihr; dann ging ich nach Hause. Als ich meine elterliche Wohnung betrat, hatte ich ? keinen Vater mehr. Er war wenige Stunden vorher verschieden. Seine letzten Worte waren nach den Mitteilungen meiner Mutter: »Mimi, Mimi« ? ein Kosenamen für Wilhelmine ? »achte auf Karl!« Also der sterbende Vater gedachte noch seines ungeratenen Sohnes in der schwersten Stunde, und dieser ruhte sorglos, bodenlos leichtsinnig in den Armen seiner Geliebten! Vorerst war ich ganz betäubt, als ich erfuhr: »Der Vater ist tot!« Dann faßte ich mich. Es gab ja unendlich viel zu tun und der Mutter an die Hand zu gehen. Der Vater war Mitglied von 9 Vereinen gewesen. Da mußten überall die Todesanzeigen hingeschickt werden; ferner an alle Bekannte und Verwandte. Ich konnte vor lauter Erledigungen, die in diesen Tagen meiner harrten, gar keinen klaren Gedanken fassen, um richtig zu überlegen, was ich an diesem Vater verloren habe. Der Tag der Beerdigung kam. Ich sah den unermeßlichen Leichenzug, hörte die Trauermusik der Vereine, die mit ihren Fahnen erschienen waren, sah die 12 Arbeiter, die ihm, dem guten, braven Vater einen Riesenkranz nachtrugen: da mußte ich bitterlich weinen, da ergriff mich ein namenloser Schmerz. Das Eis meines Herzens fing an zu schmelzen. Nach der Leichenfeier fuhr ich, ohne mich um meine Verwandten zu bekümmern, die sich alle an mich herandrängten, um mich als den ältesten Sohn des Hauses mit zeremoniellen Höflichkeitsphrasen zu überhäufen, nach Hause zur trauernden, still vor sich hinklagenden Mutter. Acht Tage lang habe ich das Haus nicht verlassen. Wir bedurften alle, mit unserem Schmerz allein zu sein. Dann ging ich wieder ins Geschäft, und alles ging seinen gewohnten Gang. Ich sank wieder zurück in meinen nur jäh eine Zeit lang unterbrochenen Leichtsinn und kam kaum je vor 2 Uhr morgens ins elterliche Haus. So fesselte mich die Sünde an das Mädchen, die durch mich verführt und schlecht wurde. In dieser Zeit ? es war gegen Mitte Januar 1886 ? bekam [154] ich zum ersten Male einen epileptischen Anfall im Beisein Adeles, die furchtbar darüber erschrack. Ich achtete nicht viel darauf in der Meinung, es sei lediglich ein ganz gewöhnlicher Ohnmachtsanfall infolge der allzugroßen Anstrengungen und Aufregungen nach dem Tode des Vaters. Aber zwei Monate später erfolgte ein weiterer Anfall. Jetzt hätte ich zum Arzt gehen sollen; aber ich genierte mich, denn ich ahnte den Ursprung der auftretenden Epilepsie. Da ich die Anfälle nur nachts bekam und ein Zimmer allein bewohnte, merkte die Mutter lange nichts davon. Aber eines Nachts hörte sie einmal mein Schreien und Stöhnen, nachdem das Dienstmädchen sie auf Laute, die aus meinem Zimmer herausdrangen, aufmerksam gemacht hatte. Sie kam sofort in mein Zimmer und sah mich. Mich hat es späterhin gewundert, daß diese schwächliche Frau den Anblick ertrug. Sie war eben nicht so schwächlich, als ich meinte; das sollte ich bald erfahren. Zunächst erzählte sie, was sie gesehen, unserem Hausarzte. Dieser setzte ihr in klaren nackten Worten auseinander, was nach seiner Ansicht die Ursache dieser schrecklichen Krankheit sei. Und was tat meine Mutter, diese schwache Frau? Sie ließ mich augenblicklich rufen, wiederholte mir die Worte des Arztes und fügte die bitterernste Bemerkung bei, daß, wenn ich nicht sofort mein Verhältnis mit Adele H. aufgäbe, ich nicht mehr ihr Sohn sei. Folgte ich ihr? Nein! Das Gegenteil war der Fall. Ich mietete mir ein möbliertes Zimmer, und nun war, wie der Volksmund sagt, der Teufel ganz los. Ja, er war los. Jeden Abend lud ich meine Freunde und Freundinnen ? und welche Freundinnen! ? in meine Wohnung ein. Eine Orgie folgte der anderen; von einem Taumel fiel ich in den anderen, bis endlich die Mutter, die von meinem schändlichen Treiben durch anderer Leute Mund erfahren hatte, zu meinem Vorgesetzten ging und denselben dringend ersuchte, mir einmal gehörig ins Gewissen zu reden. Er tats. Und ich? Ich wurde grob und unverschämt und ging voll Zorn nach Hause. Mein Zimmer hatte ich noch mit einem anderen sogenannten Freund in Gemeinschaft. Ich wollte nun fort. Da ich aber nicht hinreichend Geld ? höchstens nur 15 Mk. hatte, nahm ich dieses Freundes Geld, das offen im Nachttischchen lag, im Ganzen 45 Mk., und fuhr, ohne mich noch um irgend etwas zu kümmern, nach Hamburg. Hätte sich dieser Freund, als er den Diebstahl entdeckte, an meine Mutter gewendet, diese hätte sicher nicht gesäumt, ihm die weggenommenen 45 Mk. zu ersetzen. Aber nein, das tat er nicht, der Mensch, der erst mit Hilfe meines Geldes trank und Unzucht trieb, er zeigte mich an, und ich wurde gerichtlich verfolgt, ohne davon eine Ahnung zu [155] haben. Ich trieb mich überall in Norddeutschland umher, stets mit Frauenzimmern verkehrend, bis ich endlich in Diepholz wegen eines neuen Diebstahls verhaftet wurde. Das Urteil war milde: ich erhielt wegen Diebstahls 1 Monat Gefängnis. Zu meiner großen Bestürzung empfing ich da Kunde davon, daß ich seitens meiner Heimatsbehörde gerichtlich verfolgt wurde. Nach Verbüßung dieser einmonatlichen Strafe wurde ich nach Hause geschubt, wieder vor Gericht gestellt und wegen des Diebstahls zum Schaden meines Zimmergenossen mit 2 Monaten Gefängnis bestraft. Jetzt nahm sich der Gefängnisgeistliche Pastor H. meiner an. Er trat mit meiner Mutter in Korrespondenz, verschaffte mir eine Arbeitsstelle auf einem Kohlenbergwerke der Umgegend, die ich sofort nach meiner Entlassung antreten konnte. Man wollte mich auf dem Bureau als Schreiber beschäftigen. Aber! Aber! Bei meiner Entlassung an 2. Oktober 1888 wartete meine frühere Geliebte schon auf mich, und in ihren Armen vergaß ich alle guten Vorsätze und das Versprechen, das ich dem Gefängnisgeistlichen gegeben. Zwar ging ich nach Hause, gab auch der mich mit Tränen empfangenden Mutter das Versprechen, nicht mehr mit Adele H. zu verkehren, überhaupt von jetzt ab sittenrein zu leben; aber bald hatte der Satan mein Herz wieder völlig in seiner Gewalt. Ich fiel wieder ins alte Laster in das gewohnte schmutzige Leben zurück. So kam der Mai 1889. In diesem Monat kam es zu einem Zusammenstoß zwischen mir und meiner Mutter. Ich hatte ihr die Bitte vorgetragen, sie solle mir doch gestatten, die Adele H. zu heiraten. Und was entgegnete sie mir darauf? »Wenn du glaubst, partout heiraten zu müssen, nun, so heirate! Aber willst du meinen Segen haben und meine finanzielle Unterstützung, woran dir doch, wie ich meine, am meisten liegt, so muß deine zukünftige Frau eine tadellose Vergangenheit aufweisen können und sich stets eines durchaus reinen Lebenswandels beflissen haben, und sollte sie auch so arm sein, daß ich ihr selbst die Brautkleider kaufen müßte. Nur fromm, keusch und absolut anständig und rein muß sie sein. Adele H. kann deine Frau nicht werden, und warum? Erstens ist sie außerehelich geboren. Zweitens können Eltern niemals wahrhaft gut ihre Kinder erziehen, die schon vor Einsegung ihrer Ehe durch ein uneheliches Kind beweisen, auf welch niedriger Stufe sie beide stehen. Daraus folgt zum Dritten, daß es bei Adele in der Erziehung gefehlt haben mußte. Den Beweis hat sie dir und mir deutlich genug geliefert. Antworte mir 'mal ehrlich und offen: Hält ein sittenreines Mädchen ihren Geliebten halbe Nächte zu Haus?« [156] Was wollte ich zu diesen klaren Vernunftschlüssen sagen. Ich sagte gar nichts! Im Herzen gab ich wohl der Mutter recht. Aber ich hatte nicht den Mut, es ihr einzugestehen, ihren Rat zu befolgen. Auch hatte ich keine Ruhe in mir. Und so zog ich abermals hinaus in die Welt ? planlos, ziellos! In Köln hatte ich eine Bekannte. Mit dieser zog ich überall umher; ich lebte von ihrem Verdienste. Dann hatte ich mir eine Menge falscher Legitimationspapiere verschafft. Hiermit ging ich dann zu besseren Kaufleuten, zu Bauunternehmern u.s.w. und bat um Stellung. Vorher erkundigte ich mich in jedem Falle, ob der, bei dem ich vorsprach, niemanden braucht ? Arbeit suchte ich da nicht ?, dann ging ich hin und gab zu verstehen, daß ich mich in finanzieller Verlegenheit befände, und ich kann sagen: unter 2 Mk. hat mir noch kein besserer Geschäftsmann angeboten. Also eine vornehme, einträgliche Bettelei. Dies betrieb ich täglich bei 5?7 verschiedenen größeren Gewerbetreibenden, konnte also auf diese Weise anständig, sehr anständig leben. Für meine Begleiterin, die ich gleichzeitig als Spionin benutzte, brauchte ich nicht zu sorgen. Sie verdiente reichlich Mittel zu Nahrung und Kleidung und zur Bestreitung der jeweiligen Logisgelder ? wir wohnten immer in besseren Gasthäusern. Heute war ich hier, morgen da; heute hieß ich Mayer, morgen Schulze und übermorgen womöglich Schneider, wenn zu viel Müller herumliefen. In dieser ganzen Zeit ? vom Mai 1889 bis Dezember 1890 ? lebte ich so gemein, so ausschweifend, daß es jeder Beschreibung spottet. Es ging auch nicht ohne Strafen ab. Einmal wurde ich in Hamburg wegen Diebstahls mit 1 Tag Gefängnis, dann in Altona wegen Hausfriedensbruchs mit 4 Wochen Gefängnis und in Heidelberg wieder wegen Diebstahls mit 14 Tagen Gefängnis bestraft. Alles war mir gleichgültig. Ich steckte zu dieser Zeit so im Sumpfe, daß ich gar nicht mehr fühlte, was Schmutz ist. Im Dezember 1890 ereilte mich in Hamburg die Nemesis auf längere Zeit; ich erhielt wegen Verbrechens des Diebstahls 1 Jahr Gefängnis. Im Strafhause kam ich wieder zur Besinnung. Ich gedachte wieder meiner Mutter in der Heimat und wagte es noch einmal um ihre Verzeihung zu bitten, und sie ? verzieh dem verlornen Sohne. Ja, sie erlaubte mir sogar, wieder nach Hause zu kommen. Meine Strafzeit nahm ein Ende, und ich kam im Januar 1892 wieder nach E., wo ich von meiner gealterten Mutter freundlich aufgenommen wurde. Meine Geliebte, von der ich glaubte nicht lassen zu können, Adele H. war eine ? Witwe! Ja, sie war eine Wittwe! Sie hatte [157] während meiner zweijährigen Abwesenheit geheiratet und ihr Mann war in seinem Berufe als Maschinist verunglückt. Sie hieß jetzt A.F. Was sollte ich aber in E. anfangen? Die gute Mutter hatte gesorgt. Sie hatte mir durch eine ihrer Freundinnen, durch die Frau des Direktors der städtischen Gasfabrik, zu einer Stellung verholfen als ? Kontrolleur. Ich mußte in den Häusern Gas- und Wasseruhren kontrollieren. Das war wirklich eine schöne Stellung nach meinen schändlichen Irrfahrten. Aber ? verflucht sei meine Leidenschaft! Ich kam wieder ins alte Geleise hinein, sank wieder hinab in den Schmutz. Was war Schuld? Wer trat mir als Versucher entgegen? Ach, ich fing wieder mit Adele H., der verwitweten Adele F., ein Verhältnis an! Schrecklich, aber wahr! Meine arme Mutter erfuhr davon, ich zankte mit ihr und verließ am 14. Juni 1892 meine schöne Stellung und das Elternhaus. Wieder planlos und ziellos trieb ich mich mit einem schlechten Frauenzimmer herum und wurde am 8. September 1892 in Innsbruck verhaftet. Die mir zuerkannte Strafe verbüßte ich in Garsten. Der Grund, warum ich, von Garsten entlassen, 10 Tage später schon wieder in Untersuchung saß, war der, daß ich bei meiner Entlassung der lange mühsam unterdrückten Leidenschaft die Zügel schießen ließ und mein ganzes von der Mutter geschenktes Geld sowie meine Kleider in Augsburg verhurte. Mit dem Reste des Geldes konnte ich bloß bis Aschaffenburg kommen. Um die Mittel zur Heimreise zu bekommen, machte ich in Aschaffenburg einen Einbruchsversuch, der mißlang und mir die Zuchthausstrafe einbrachte, die ich eben verbüße. Was wird die Zukunft bringen? Werde ich jemals noch in die Höhe kommen und auf der Höhe bleiben? Ich bin im Abgrund zur Besinnung gekommen; ich erkenne die Situation und täusche mich nicht mehr. Wird mir die bessere Erkenntnis nützen? Wird es nicht mehr dunkel um mich werden? Ach Gott, laß mich lieber sterben, als nochmals fallen! ?[158] 1 Amazon.de Widgets Zwei Jahre nach der vorhergehenden kürzeren Biographie ins Heft geschrieben. 6. E.K. von E., ehelich geboren 1866, prot., lediger Skribent. Vorstrafen: 7mal Gefängnis und 2mal Zuchthaus. Zuletzt 3 Jahre Zuchthaus ? wegen Betrugs, Diebstahls, Unterschlagung. Aus gutem Hause. Nicht tätowiert. Epileptiker. Gute Führung. Fand zuletzt wegen seines Leidens nirgends Arbeit. Groß und kräftig. Nach Verbüßung seiner Strafe nach Bethel entlassen. 2 6. E.K. von E., ehelich geboren 1866, prot., lediger Skribent. Vorstrafen: 7mal Gefängnis und 2mal Zuchthaus. Zuletzt 3 Jahre Zuchthaus ? wegen Betrugs, Diebstahls, Unterschlagung. Aus gutem Hause. Nicht tätowiert. Epileptiker. Gute Führung. Fand zuletzt wegen seines Leidens nirgends Arbeit. Groß und kräftig. Nach Verbüßung seiner Strafe nach Bethel entlassen. 
 Mein Lebenslauf. (Von Nr. 2, K.F.1)  Wenn ein Mensch sich an die Schilderung seines Lebenslaufes macht, so tut er dies wohl meist, um dem gerechten Verlangen seiner Mitmenschen, von ihm, der ihnen allen lieb und wert ist, Genaues über seine Herkunft, seinen Bildungsgang, seine Lebenserfahrungen zu wissen, Genüge zu leisten. Hin und her findet sich ja auch wohl ein Schwachkopf, der seiner Eitelkeit zuliebe »Memoiren« schreibt, oder richtiger lügt. Beide Gründe treiben mich nicht. Mich zwingt vielmehr die Liebe eines von mir hochverehrten Mannes zu dieser offenen Darstellung meines Lebens, einmal, weil ich mich des Vertrauens, welches er mir immer mehr erzeigt, nicht würdig halte, zum andern, weil ich in hoffentlich verzeihlicher Selbstsucht wünsche, ihm den klarsten Einblick in mein Leben zu geben, damit er mir desto besser helfen kann, alles Schädliche, Unnütze und Unkluge meiner Vergangenheit recht zu erkennen und in Zukunft zu meiden. Soweit es meiner Natur möglich ist, werde ich mich vor allen kritischen Beleuchtungen und Folgerungen hüten, vielmehr rein objektiv [18] zu schildern bemüht sein. Wo dabei meine lieben Eltern, ins besondere meine liebe Mutter in ein schiefes, wenn auch durchaus wahres Licht geraten, bitte ich, sie mit übergroßer Liebe zu entschuldigen. Wenn ich mir auch heute bewußt bin, daß meine lieben Eltern an mir ? gewiß aber unbewußt! ? gefehlt haben, so weiß ich auch, wieviel Dank ich ihnen schulde, und daß ich sie bis an mein Ende stets innigst lieben und kindlich ehren werde. * * * Während sich mein Vater im Gefolge Seiner Majestät des hochseligen Kaisers Wilhelm I. im Feldzuge gegen Frankreich befand, wurde ich am 19. August 1870 zu B. geboren. Mein Vater ist der Sohn eines Schullehrers in K. in der Mark, meine Mutter die Tochter eines Fischers in Königsw. Über die Jugend meiner Eltern weiß ich wenig, da ich keinen meiner Großväter gekannt habe. In Überfluß sind sie jedenfalls beide nicht aufgewachsen, denn um den Tisch des Lehrers in K. drängten sich sechs Kinder, vier Knaben und 2 Mädchen, im Fischerhause in Königsw. waren zwar nur vier Mädchen vorhanden, neben meiner Mutter als dem ältesten deren Zwillingsschwester, ein jüngeres, wenig intelligentes und das jüngste, etwas stark beschränkte. Meiner Mutter Vater muß nach dem wenigen, das ich gehört habe, ein roher Mensch gewesen sein, der unter anderm gelegentlich einer wirklichen oder eingebildeten Ungezogenheit eines seiner Kinder stets alle vier bis aufs Blut züchtigte und sie zwang, ihm für solche Rohheit zu danken, ja ihnen auch Hacke, Beil oder dergl. nachwarf. Er muß jung gestorben sein; denn ich kannte meine Großmutter mutterseits nur als Witwe ihres zweiten Mannes. Sie starb 63 Jahre alt etwa 1878. Meine Mutter ist von wendischer Abstammung, daher hochgradig abergläubig und auf ihre Art fromm. Meine Großmutter vaterseits war eine herzensgute, vornehme, kindlichfromme Frau, die ich leider auch nur als Witwe gekannt habe. Sie lebte seit dem Tode meines Großvaters im Predigerwitwenhause in P., wo sie im Sommer 1883 im Alter von 74 Jahren nach jahrelang geduldig ertragenen Gichtleiden starb. Mein Vater wurde seinerzeit zu einem B.?er Bäcker in die Lehre getan, schüttelte aber bereits nach 14 Tagen den Mehlstaub von den Füßen und trat bei einem Milchgroßhändler in den Dienst. 1859 wurde er Soldat, verheiratete sich, trotz energischen Protestes seiner Angehösigen im März 1863 mit meiner Mutter, die damals als Hausmädchen in B. diente, kaufte [19] ein kleines Milchgeschäft, das meine Eltern aber nach der Rückkehr meines Vaters aus dem 66er Kriege bald aufgaben, da mein Vater im königlichen Dienst angestellt wurde. Zwischen seinen Angehörigen und mei ner Mutter hatte sich auch Versöhnung gefunden, da meine Mutter sich als gute Wirtschafterin zeigte. Ich bin das jüngste Kind meiner Eltern. Vor mir waren ihrer fünf (drei Knaben, zwei Mädchen) geboren worden, von denen nur meine älteste Schwester lebt. Die andern starben im frühester Alter. Meine erste Wärterin war ein altes abergläubiges, gespensterseherisches Mütterlein, der mindestens ebenso furchtsame, dumme Dienstboten folgten. Nach der Rückkehr meines Vaters aus Frankreich bezogen meine Eltern eine Dienstwohnung in dem alten Schlosse M., meiner Kindheit Paradies. Am Eingangstor die Wache, sechs lange, stramme Gardegrenadiere mit einem Gefreiten oder Unteroffizier und einem Spielmann! Dann der herrliche große Park mit seinen alten Linden, Rüstern, Kastanien, Platanen, Ahorn- und Nußbäumen, seinen Gebüschen aus Goldregen, Flieder, Hollunder, Schneeball, Ginster, Akazie, seinen Wiesen, seinem Bretterzaun, seiner niedrigen Schutzmauer an der Spree, seiner großen Kunstgärtnerei. Inmitten des Parks das langgestreckte Schloß mit dem herrlichen Hohenzollernmuseum, der Nachbildung des Charlottenburger Mausoleums mit den Gipsmodellen zu Rauchs herrlichen Denkmalen der Königin Luise und des Königs Friedrich Wilhelm III. Über dem Museum die Rumpelböden, auf denen jedes Stück ehemaligen königlichen Hausrats und ehemaliger Spielzeuge, aber auch mächtige mit blauem, rotem, violettem oder schwarzem Samt überzogene Paradesärge (Hu!) aufbewahrt wurde. Da gibt es kein Winkelchen, das nicht mit erhabener Leugnung jeder Furchtsamkeit durchforscht worden wäre, oft genug oder meistens ohne Wissen der Eltern oder der Diener. Mit mir wuchsen dort zwei Söhne des Gartendirektors auf. Im Sommer waren die alten hohen Bäume willkommene Turnapparate, d.h. sie wurden bis in die Spitzen beklettert, wobei dann manchmal Hosen und Jacken böse Wunden davontrugen, oder die Leiter ausbessernder Dacharbeiter bot Gelegenheit, auf den Zinkdächern des Schlosses stundenlange Exkursionen zu unternehmen. Im Winter waren Schlittenfahrten, möglichst unter Benutzung der unberechtigt angespannten Wachhunde, eine bevorzugte Beschäftigung, die leider auch zu oft mit zerfetzten Kleidern und blutigen Händen endete, da die Hunde leidenschaftliche Katzenfeinde waren und solchen, wo sie sich sehen ließen, durch dick und dünn nachsetzten, bis endlich im dichtesten Gebüsch die Stränge rissen. Ja, als im Sommer 1875 oder [20] 76 die Spree den Park etwa 50 m breit überschwemmte, wußten wir uns Zuber und Waschfässer zu verschaffen und gondelten vergnügt auf der überschwemmten Wiese herum. Daß alle solche Vergnügen in der Regel mit Knalleffekt in Gestalt von Ohrfeigen oder Hieben schlossen, für die ich mich auf Befehl meiner Mutter unter dem Versprechen »es nie wieder zu tun!« bedanken mußte!!, ist wohl selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich fanden wir es aber auch, neue »Vergnügen« zu entdecken oder gegebenen Falles die alten zu wiederholen. Im Frühjahr 1874 ? ich war also noch nicht 4 Jahre alt ? ließ meine Mutter mich und meine Schwester photographieren, um meinem Vater mit dem Bilde ein Geburtstagsgeschenk zu machen. Auf dem Heimwege schärfte sie uns und mir besonders ein, dem Vater auf seine Frage, wo wir gewesen, nicht zu sagen, daß wir beim Photographen waren, sondern, daß wir da und dort gewesen seien! Natürlich rapportierte ich meinem Vater: »Wir waren nicht beim Photographen!«, wofür ich in seiner Abwesenheit von der Mutter Prügel bekam. Daraus entnahm ich denn die Lehre: Lügen ist erlaubt; wie mir auch meine Mutter schon damals oder auch später sagte, daß »Notlügen« erlaubt seien! Erinnerte ich sie je an ein mir gemachtes Versprechen, das nicht gehalten worden war, so bekam ich zur Antwort: »Versprechen und Nichthalten ziemt Jungen und Alten.«!! Gewohnheitsgemäß gingen wir drei Buben auch am Neujahrstage 1876 bei den übrigen Schloßbewohnern »gratulieren«, wobei wir uns nicht nur an dem überall gebotenen Kuchen den Magen verdarben, sondern auch noch 1 Mk. und 20 Pfg., die man uns unvernünftigerweise geschenkt, sofort beim Konditor in Leckereien umsetzten. In den Magen ging nichts mehr, also in die Taschen mit dem Zuckerzeug. Nach Hause gekommen, wurde von den Eltern in dem verzuckerten Anzug natürlich der Kram gefunden, und nun gab's Prügel. Nicht aber wegen des Geldnehmens, sondern wegen des »Vernaschens«. Ostern 1876 kam ich in die Schule, zunächst in eine Gemeinde-(Volks-)Schule, wo ich bald den ersten Platz erhielt. Im zweiten Schuljahre ließ ich mir einmal irgend eine Ungehörigkeit zu schulden kommen und bekam ? nach damaliger Übung ? von dem Lehrer ein paar Hiebe, die aber heftig schmerzten, weil sie die Striemen anderer, die ich tags zuvor vom Vater bekommen hatte, trafen. Klagend kam ich nach Hause, meine Mutter untersuchte mich und zog dann mit mir zum Rektor der Schule, über die grobe Züchtigung des [21] Lehrers Beschwerde führend, nachdem sie mir zuvor eingeschärft hatte, nichts von den väterlichen Prügeln zu sagen!! Ostern 1879 kam ich in die Kgl. Seminarschule, da ich, wie die Eltern sagten, »Lehrer werden sollte«. Die Vorschule wurde mir erlassen, ich trat also in die Sexta ein. Auch hier rutschte ich bald in die erste Reihe, im 3. Quartal wurde ich Primus, kam als solcher in die Quinta, gab aber nach weiteren zwei Quartalen die Würde auf, da ich als Primus die Ordnung in der Klasse während der Pausen zu überwachen und Missetäter dem Ordinarius zu melden hatte. Nun lebte ich aber schon damals jederzeit gern mit jedermann in Fried und Freundschaft, konnte also keinem wehe tun, dann durfte ich ja auch als Primus keine Dummheiten machen, und das ging mir ganz und gar gegen den Strich. So wurde ich Dritter und konnte doch nun mehr Schwung in die Klasse bringen. Es ist merkwürdig, meine Klasse erfreute sich stets des Rufes »wissenschaftlich« sehr gut, sonst aber ruppig zu sein. Auf eine spätere Anfrage nach meinem Fortschritte bekam mein Vater zur Antwort: »F. ist ein guter Schüler«. Und in puncto Betragen: »Nun, der Erste ist er bei dummen Streichen nicht, der Letzte aber gewiß nicht.« Als neubackener Quartaner ließ ich mir im Geschichtsunterricht, gelegentlich des Vortrages des »Lehrers« über die Spiele der Griechen und die den Siegern gebotene festliche Bewirtung zu der meinem Nebenmann zugeflüsterten Glosse: »mit Kartoffeln und Hering« hinreißen. Aus Gelerntem und Gelesenen wußte ich, daß die Griechen sowenig das eine als das andere kannten, glaubte also einen guten Witz gemacht zu haben. Erfolg? Eintragung in das Klassenbuch wegen Störung des Unterrichts und am Samstag darauf durch den als »Knutosius« funktionierenden Konrektor H. vor versammelter Klasse zwei Schläge mit dem Rohrstock über die Hand. Nun war's herum mit meinem Fleiß. Zu meinem Unglück saß ich auch noch in halber Freistelle, was mir H. bei der nächsten Zeugnisverteilung wieder coram publico vorhielt. So wurde aus dem eifrigen Schüler ein dickfelliger Tunichtgut, der es einzig seiner natürlichen guten Auffassungsgabe zu danken hatte, daß er nie sitzen blieb. Wie ich lernte? ? Garnicht! ? Was mir nicht sofort beim Vortrage des Lehrers oder bei »auswendig« zu Lernendem während der vorhergehenden Besprechung im Gedächtnis blieb, mochte lernen wer will, ich nicht. So komme ich nun auf die häusliche Lehr- und Bildungshilfe selbst zu sprechen. In den ersten sechs Schuljahren stützte mich meine Schwester, [22] die eine höhere Töchterschule besuchte, dann verheiratete sie sich und ich blieb ganz auf mich selbst angewiesen, da weder mein Vater noch meine Mutter je soviel gelernt hatten, als ich schon als Quartaner lernte. Meines Vaters Pädagogik erschöpfte sich damit, daß er zuerst 8, dann 14tägig, schließlich alle Monat einmal meine sämtlichen Schulbücher durchsah, sich eventuelle »Eselsohren«, Kleckse usw. notierte und über deren Unrichtigkeit auf meiner Reversseite mit je einem Jagdhieb quittierte. Einen guten Erfolg hatte das aber doch: Peinlichste Ordnung und Sauberkeit in allen äußeren Dingen, so daß ich auch heute keinen Klecks, keinen Fleck oder Eselsohr fertigbringe. Meiner Mutter Unterstützung belief sich darauf, daß sie mir auf Fragen falsche Antworten gab, und wenn ich nach der Schule berichtete, daß sie mir Falsches gesagt, sich darauf berief, daß sie daheim beim Herrn Kantor, alias »beim Kanter« immer die Erste gewesen sei, daß sie sogar eine Zeit lang die »kleine Klasse« habe müssen lesen und rechnen lassen, daß die Dummen immer haben auf Erbsen knieen und zur Züchtigung dem »Kanter« die zusammengehaltenen Fingerspitzen haben darbieten müssen, auf welche der gute Mann dann mit dem Kantel losdrasch. Das waren nun allerdings Bildungsmomente, gegen die nichts aufzubringen war. Mein Vater war dienstlich zuviel vom Hause abwesend, als daß ich ihn hätte fragen können, und so gewöhnte ich mir denn das Fragen ab und gewann die Überzeugung, daß meine Eltern zu wenig wüßten, um mir zu helfen. Hand in Hand damit ging aber auch die Ansicht, daß meine Eltern auch in jeder anderen Beziehung außerhalb der modernen Anschauungen ständen, ihre Ermahnungen also wenig oder keiner Beachtung wert wären. Mit meinem zehnten Jahre verstand ich bereits, mir durch »Ausreden« und »Notlügen« ? die ja erlaubt waren ?, manchen Verdruß in Haus und Schu le zu ersparen; mit 12 Jahren log ich bei jedem möglichen Anlaß, und mit 14 Jahren war ich der Lüge so ganz verfallen, daß nichts, was ich sprach, der Wahrheit entsprach, und wenn es der harmloseste Vorgang gewesen wäre. Oft hielt mir zwar meine Mutter vor: »Ein junger Lügner ? ein alter Dieb! Ihr Kinder haltet die Wahrheit lieb!« Dabei verstand ich denn nur nicht, warum nur die Kinder die Wahrheit lieb halten, die Alten aber, wie ich oft genug an der Mutter sah, lügen dürften! Nach einem unangenehmen Vorfall in der Quarta erklärte ich meinen Eltern, daß ich nicht Lehrer werden könnte, und bat sie, mich doch auf ein Realgymnasium zu schicken, damit ich mehr lernen und studieren könne. Mein Vater erklärte mir darauf kategorisch, wenn ich nicht Lehrer werden wolle, käme ich in die Gemeindeschule [23] zurück und könnte dann seinetwegen Schuster werden. Nach wochenlangem Kampf ließ ich mir dann meine Überzeugung, daß in mir kein Zeug zum Lehrer stecke, durch das Geschenk einer kleinen Modelldampfmaschine abkaufen!!! Das hielt aber nur ein halbes Jahr vor. Erneut bat ich um Umschulung in die Gewerbeschule, damit ich, wenn die Eltern mich nicht könnten studieren lassen, doch wenigstens Mechaniker oder Elektrotechniker werden könne. ? Damals starb meines Vaters Mutter. Nach ihrem Begräbnis fand Familienrat statt, auf dem mein Vater auch meine Abneigung gegen den Lehrerstand zur Sprache brachte. Meines Vaters drei Brüder, von denen der eine selbst Lehrer ist, enthielten sich eines direkten Urteils, dafür boten aber die beiden Schwestern ihren ganzen Entrüstungsvorrat gegen mich auf. Ihren Argumenten, die Großmutter würde sich im Grabe umdrehen, wenn ich nicht Lehrer würde, und ? ich sei der einzige unter allen ihren Enkeln, der ohne Schwierigkeiten in bezug auf leichtes Lernen und Mittel es zum Lehrer bringen könne, dazu unendliche Tränenfluten als Erweichungsmedium ? mußte sich da meine 13jährige Energie nicht beugen? Also weiter im alten Gleis. Meine durch die Schule nicht befriedigte Wißbegier suchte ich dadurch zu erweitern, daß ich mir jetzt schon die Lehrbücher der Oberklassen verschaffte, mit Hilfe von »Schmuhgroschen« aus Antiquariaten Bücher meist technischer Wissenschaften in meinen Besitz brachte und dergleichen mehr. »Schmuhgroschen« fielen mir leicht zu. Seit meinem 8. Jahre erhielt ich Musikunterricht. Die nötigen Noten ? auch meine Schulbücher ? mußte ich stets selbst einkaufen. Als Schüler des Sophien-Konservatoriums erhielt ich bei einigen bestimmten Musikalienhandlungen 10?30% Rabatt, den ich bald in meine eigene Tasche fließen zu lassen lernte. Von meinem 12. Jahre ab erhielt ich auch ein kleines Taschengeld, über das ich nicht Buch zu führen brauchte ? führt doch meine Mutter heutigen Tags trotz unzähliger Anläufe dazu kein Wirtschaftsbuch! Nach der Konfirmation, Ostern 1885, stellte ich meinen Eltern erneut vor, daß gar nicht daran zu denken sei, daß ich Lehrer werde, weil das Denken eines Lehrers streng eingegrenzt sei und die Beschäftigung mit dummen und halsstarrigen Kindern eine Geduld fordere, die ich nie lernen würde. Wieder bat ich, mich Mechaniker, oder wenn ihnen dies zu wenig, Musiker werden zu lassen. In letzterer Beziehung wandte sich der Konservatoriumsdirektor, Professor R., persönlich an meinen Vater, ihm versichernd, daß in mir das Zeug zu einem vortrefflichen Musiker stecke, so daß ich nach meiner Militärzeit [24] sicher in der höheren Karriere vorwärtskäme. Für freien Hochschulbesuch wolle er sorgen. Nein! der Junge wird Lehrer! Ostern 1886 bestand ich als 8. von 12 Primanern die Schlußprüfung und mußte in die 3. Prapärandenklasse eintreten! Meine Mitschüler ? ca. 40 ? waren meist ehemalige Volksschüler. Und nun die neue Geistesnahrung! Wie in der 3. Vorschulklasse wurde Lesen, Rechnen, Schreiben usw. gelehrt. Ein grasjunger Herr, 2 Jahre vom Seminar, gab u.a. Unterricht in Deutsch, Rechnen, Klavierspiel. Bei letzterem kam dann endlich einmal das volle Faß meines Ekels und Zorns zum Überlaufen. Es war etwa 4 Wochen vor Weihnachten. Herr Fr. übte der Klasse eine Clementische Sonate ? die bekannte Triolensonatine ? ein, die ich sechs Jahre früher bereits schlagend spielen konnte. Als die Reihe an mich kam, nahm ich vor dem Flügel Platz und sagte Herrn Fr., daß ich das Stück bereits könne. »Nun, das wollen wir erst sehen.« Ich begann im vorgeschriebenen Tempo Presto, kam aber nicht weit, da Herr Fr. Halt! gebot. »Erstens spielen Sie 'mal langsam, und dann spielen Sie die Triolen nicht richtig.« Ich bat um nähere Erläuterung, da ich die Triolen genau schulgerecht gespielt hatte. Was nun herauskam, war einfach Musikvergewaltigung. Ich weigerte mich, in solcher Weise zu spielen, worauf mir Herr Fr. ? ? ? Ohrfeigen anbot. Das war zuviel. Wäre ich nicht durch das Vorangegangene im höchsten Grade gereizt gewesen, hätte ich zweifellos einen anderen Ausweg gefunden. So sprang ich auf und ? Gott verzeih' mir's ? applizierte dem Lehrer eine wuchtige Schelle. ? Aschfahl vor Zorn wollte er mit den Worten: »Ich werde Sie dem Herrn Direktor melden!« aus dem Musiksaal stürmen, ich schloß mich ihm aber an: »Ich komme sofort mit!« Auf dem Flur gebot er mir: »Gehen Sie sofort in die Klasse!« ? Ich ging. ? Zur nächsten Stunde war Herr Fr. wieder da und ignorierte mich einfach. Anderntags wollte ich ihm vor versammelter Klasse Abbitte leisten, diese wies er mit den Worten ab: »Die Osterkonferenz wird Ihnen antworten!« Am letzten Tage der Weihnachtsferien erklärte ich endlich meinen Eltern, daß ich unter keinen Umständen noch einmal einen Fuß in die Präparandenanstalt setzen würde. Auf meinen früher immer gescheiterten Wunsch, Mechaniker werden zu dürfen, kam ich nicht mehr zurück, da ich inzwischen bei einer uns befreundeten Familie den Sohn eines Berliner Stadtrats T. kennen gelernt hatte, der bei seinem Bruder das Bankfach erlernte und mich für dasselbe zu gewinnen wußte. ? Er sollte das Mittel zu meiner Schande werden. ? Nachdem ich von Herrn Direktor Schulrat Dr. S. ein recht gutes [25] Entlassungszeugnis erhalten, trat ich Mitte Januar 1897 bei dem Bankhause J.T.G. in B. als Lehrling ein. Unter etwa 80 Mann Gesamtpersonal waren wir nur 12 Lehrlinge ? im Prozentsatz zu dem übrigen Personal 10 Juden, 2 Christen! ? Eine gesetzliche Arbeitszeit, Sonntagsruhe usw. gab's damals noch nicht. So arbeitete ich denn von 8 ? 12 und von 2 bis zum Schluß, der offiziell wieder 8 Uhr war, de facto aber nie vor 9, oft erst um 10, während der unter den 4 jüngsten Lehrlingen wechselnden Abenddepeschenwoche um 1/211 oder 11 Uhr, an den medio- (14.?16.) und ultimo-(28.?2., 3.) Tagen um 12 oder gar erst 1 Uhr stattfand. Sonntags von 1/29 früh bis 3/412 und von 1/22?41/2, 5 Uhr! Im ersten Halbjahr erhielt ich 15 Mk., im zweiten 20 Mk., im 2. Jahre 25 Mk. und im letzten Halbjahr 30 Mk. monatliche Vergütung, außerdem am ersten Weihnachten 60, am zweiten 120 Mk. Gratifikation. Dazu kamen noch monatlich 10?20 Mk. an ersparten Droschkengeldern. All das Geld durfte ich ohne Kontrolle seitens meiner Eltern ausgeben. Um Handels-und handelspolitische Zeitungen zu studieren mußte ich hie und da auch Restaurants und Kaffees aufsuchen, und da nach des Tages Last und Arbeit die Anregung im Trubel der Öffentlichkeit angenehmer war, als daheim zu Nacht zu essen und dann ins Bett zu gehen, so wurden die Abende damit noch tiefer in die Nacht ausgedehnt. Die Eltern glaubten natürlich, ich müsse immer so lange arbeiten! ? Wie schon oben ausgeführt, konnte die Schule wenigstens bis zum 12. Jahre zur Charaktererziehung nichts beitragen; dann begann Herr Seminarlehrer H. seine Pädagogik, die darin bestand, Unterwürfigkeit, absolute Verleugnung der Individualität zu erzwingen, jede Regung von berechtigtem Stolz und Ehrgefühl oder gar einer persönlichen Eigenheit mit allen Mitteln zu unterdrücken. Dafür war er selbst lauter Hochmut. Nie hat ihn jemand lachen oder auch nur lächeln sehen, nie hat jemand ein Wort der Anerkennung oder des Lobes von ihm gehört, immer nur schelten und tadeln in den schärfsten, das feinere Gefühl verletzenden Ausdrücken. Seine Lehrmethode war das »Auswendiglernen«. Er war der einzige im ganzen Lehrerkollegium, der ohne Unterlaß mein Feind war, der aber als Konrektor die Macht hatte, mir (und vielen anderen) das Leben so sauer wie möglich zu machen. Deswegen drückte ich mich in den Oberklassen, wo ich konnte, von seinen Stunden, natürlich oftmals unter Zuhilfenahme einer »Ausrede«, alias Lüge. Das trug mir denn auch eines Tages ? wieder coram publico ? die Warnung ein: »Wenn Sie so weiter machen, werden Sie im Zuchthaus enden!« Und was half [26] das? Zu meiner Schande muß ich gestehen, es rührte mich nicht! Aber verfolgt hat mich dieses Wort auf Schritt und Tritt und hat mich volle 17 Jahre wie eine Suggestion verhindert, meine Energie gegen mich selbst zu richten. Gott weiß es: Ich habe nie jemand ein Leid oder irgend ein Unrecht zu tun die Absicht gehabt, aber es ist doch geschehen, weil das Beste in mir durch jenes Fluchwort gelähmt war. So wenig nun in der Schule Ehrgefühl erweckt wurde, so wenig geschah es daheim. Meiner Mutter wendische Abstammung ließ sie nichts Falsches darin finden, wenn sie kriecherisch irgend einen Vorteil erreichen konnte, so daß ich ihr schon als Kind das Sprichwort: »Krieche nicht, denn du hast gesunde Füße« vorhielt, dafür aber nur ein paar Maulschellen erntete. Mein Vater dagegen war schon durch seine dienstliche Stellung nicht in der Lage, seine Aufmerksamkeit auf meine günstige Charakterentwicklung zu lenken. Hier muß ich etwas erwähnen, das zu berichten mir zwar peinlichen Schmerz verursacht, der Wahrheit wegen aber und als Mittel der Erklärung meines Verkommens nicht umgangen werden darf. Meinem Vater fallen in seiner Stellung, solange er direkt Dienst tut, die bei der »Präparation« der Braten für die Tafel sich ergebenden Abschnitte zu. Außer diesen fand sich aber stets eine Menge anderer Konsumtibilien, als Hühner, Eier, Butter, Bratenstücke, süße Speisen usw. vor, so daß wahrlich Schmalhans bei uns nie Küchenmeister war, obgleich es meine Mutter so nannte, wenn der Vater dienstfrei war und eine tüchtige Hausmannskost auf unseren Tisch kam. Wenngleich die »Extrahappen« nur als »Brosamen, die von des Herrn Tisch fielen«, angesehen werden dürfen, so ? das habe ich allerdings erst jetzt erkennen gelernt ? mußten sie (oder besser ihre Aneignung) doch notwendigerweise das subtilere Rechtsgefühl abstumpfen! Dadurch konnte ich zweierlei nicht lernen: Mit wenigem auskommen und Mein und Dein scharf unterscheiden! ? Im übrigen ist mein Vater der rechtlichste, gutherzigste und offenste Mensch, den man sich denken kann. Unfähig, einen Katzenbuckel zu machen, sein Recht aber unbeugsam verteidigend. Des lieben Friedens willen geht er nie abends aus und überläßt der Mutter alle häuslichen Dispositionen. Theater und Konzerte besuchten die Eltern nie, hielten darum auch meinen Wunsch in dieser Richtung für unberechtigt. Um aber meine Freude an der Musik trotzdem genießen zu können, fand ich andere Wege. Es hätte nur einer Bitte meines Vaters an die Kgl. Generalintendanz der Schauspiele bedurft, und wir hätten so gut wie [27] die übrige persönliche Dienerschaft wöchentlich 2 Billets zu Oper oder Schauspiel bekommen. Aber mein Vater kann nicht bitten. So stand ich denn während der letzten zwei Schuljahre wöchentlich mehrere Male als Statist auf der Opernbühne. Diese Statisten sollen zwar mit 60 Pfg. pro Abend bezahlt werden, aber keiner denkt daran sie sich auszahlen zu lassen; andernfalls wäre er wohl das letzte Mal Opernstatist gewesen. Die 60 Pfg. fallen in des Statistenführers Tasche. Und oft sind es 50, 100 und mehr mal 60 Pfg.! ? So lernte ich nicht nur eine große Zahl von Opern genau kennen, sondern auch das Leben und Treiben hinter den Kulissen, Theatertechnik und anderes, was nicht gerade das Theater als Bildungsfaktor erscheinen ließ. Eine begangene Unaufmerksamkeit ? ich behielt als Baldachinträger beim Maifest in Neßlers »Trompeter von Säckingen« horribile dictu den Zwicker auf der Nase ? endigte diese Art meiner Fortbildung. Amazon.de Widgets Die Freundschaft mit T. äußerte sich zunächst darin, daß wir fast jeden Sonntag Abend beisammen waren, dann gewannen wir durch kleine Börsenspekulationen, die er vermittelte, hin und wieder einiges. Damit protzte ich denn einmal einer Kousine meines Vaters gegenüber, die nur dem Gelde lebte. Wenige Tage darauf brachte sie mir 1200 Mk. mit dem Auftrage, damit zu ihrem Besten zu spekulieren. Das wäre ja nun alles schön und gut gewesen, hätte ich nicht durch einen ehemaligen Mitschüler die Bekanntschaft eines neugegründeten Rudervereins gemacht. Ohne Wissen der Eltern trat ich diesem im Mai 1888 bei. Der Verein besaß nur 1 Vierriemsboot, brauchte aber notwendig noch ein solches. Die Mitglieder ? lauter junge Leute aus dem Handwerkerstande, unter denen mein Bekannter als angehender Beamter des Reichsschiffsvermessungsamtes und ich als angehender »Bankier« bald die erste Rolle spielten ? waren nicht in der Lage, die erforderlichen 480 Mk. sofort aufzubringen. Da sagte ich mir: Der Tante kann es ja gleich sein, wie ich ihre 1200 Mk. zinsbar mache, und bot dem Verein großmütig meine Unterstützung an, die natürlich angenommen wurde. Dabei blieb es aber nicht; so pumpte mich denn bald der, bald jener um 10, 20 Mk. an. Wenn mich aber einer um meinen Mantel gebeten hätte, hätte er Anzug und Hut auch noch bekommen. ? Im August sollte eine Regatta unter mehreren ähnlichen Vereinen stattfinden, wozu auch ich trainierte. Eines Sonntags morgens badeten wir nach beendigter Übung. Ich stand hoch oben auf dem Sprungbrett, da ertönte vom Wasser herauf der Schrei eines Kameraden, und ich sah einen anderen untersinken. Heftig erschrocken sprang ich hinab und konnte mit Hilfe einiger anderer den vom Krampf befallenen auch noch rechtzeitig herausholen. [28] Gegen Mittag ging ich heim, es war drückend heiß. ? Drei Wochen später durfte ich als Rekonvaleszent zum ersten Male das Bett verlassen, auf das mich eine schwere Gehirnhautentzündung geworfen hatte. So kam auch meine Mitgliedschaft bei qu. Verein zur Kenntnis meiner Eltern. Die Ärzte verlangten Aussetzung jeder geistigen Arbeit bis zum nächsten Frühjahr. Die letzten Tage des August und fast den ganzen September verbrachte ich in Potsdam, bis ein Brief meiner Firma an meinen Vater gelangte, des Inhalts, daß ich entweder bis zum 1. Oktober meine Tätigkeit wieder aufzunehmen habe oder entlassen wäre. Trotzdem unser Hausarzt auf die Notwendigkeit meiner vollkommenen Schonung hinwies, mußte ich wieder an die Arbeit. Ob sie mir wirklich geschadet hat, weiß ich nicht. ? An den Ruderverein dachte ich zunächst nicht mehr. Zinsen zahlte ich der Tante aus meiner Tasche, in der sich allerdings auch ihr Geld befand. Als ich endlich wieder einmal den Verein aufsuchte, namentlich, um mir Schuldscheine für die ihm und verschiedenen Mitgliedern geliehenen Summen ? insgesamt über 900 Mk. ? geben zu lassen, was bis dahin einfach nicht geschehen war, denn das hätte ja wie Mißtrauen ausgesehen!, war infolge unglücklichen Verlaufs der Regatta eine vollständige Umwälzung im Vorstand und in der Mitgliedschaft vor sich gegangen. Schuldscheine bekam ich nicht. Meinem Vater mochte ich nichts sagen, einem Rechtsanwalt erst recht nicht, denn ich hätte mich ja lächerlich gemacht, versuchte also alles mögliche, um wenigstens einen Teil des Geldes wiederzuerlangen, gewann auch einmal mit T. in einer neuen Spekulation über 400 Mk., die aber auf T.'s Anregung hin von uns beiden in einer Nacht versoffen wurden, das heißt, T. hielt im »Concert de noblesse«, einem erstklassigen Tingeltangel, ein paar Chansonetten frei. Ich war schon, bevor wir dahin gelangten, bis zum Ekel voll, denn seit meiner Krankheit genügten 4 Glas dazu. Mein Mahnen: laß doch die Weiber gehen, 's hat ja doch keinen Zweck, begegnete er mit der Versicherung, daß die eine sich bereits mit ihm für den Heimweg verabredet habe. Der Schluß war natürlich, daß T. die gesamten 400 Mk. los wurde, sich von mir an Stelle der »verschwundenen« Dame heimführen ließ und mich am anderen Morgen bat, ihm doch sofort 100 Mk. zu schicken, da er sonst seinem Bruder gegenüber in Verlegenheit käme. Von der stinkenden Sünde habe ich mich auf die Dauer auch nicht fernhalten können, was in B. von einem jungen Mann ja auch kaum zu verlangen ist. B. hat seit 1863 keine Lasterkasernen mehr, desto mehr streunende Dirnen, die allerdings meist den Anschein »feiner [29] Damen« erwecken. Damals gab es für sie auch noch nicht das Verbot des Ansprechens oder des Gehens zu zweit. In manchen Gegenden, besonders im quartier latin, in das die Straße, in der sich mein Geschäft und die Wohnung meiner Eltern befand ? mündet, tummeln sich diese Damen von Dunkelwerden an in so dichter Folge, daß man tatsächlich auf 100 Schritt zehnen begegnet und an fünfen vorbeigeht. Kommt man nun spät abends, womöglich auch nicht ganz nüchtern, in diesen Ameisenhaufen, da muß man anders erzogen sein als ich, um ungerupft durchzuschlüpfen. Kurz, als im Juni 1889 die Tante große Ernte meiner Spekulationserfolge haben wollte, waren die 1200 M. alle. Meine Versuche, von T. oder sonstwem diese Summe zu entlehnen, waren vergeblich. Meinem Vater gegenüber verschwieg ich immer noch die Hingabe des Geldes an den Ruderverein. Endlich drohte die Tante, sich bei meinen Chefs nach meinen für sie ausgeführten Geschäften zu erkundigen. Da tat ich das Dümmste, was möglich war, reiste eines Abends zu einem uns verwandten Gutsbesitzer, wo ich schon als Schüler immer die Sommerferien verbracht hatte. Die Tante lief zu meinen Chefs, diese machten der Polizei Anzeige und acht Tage nach meiner Flucht holte mich mein Vater zurück. Bei meinem Verhör versuchte zwar der Kriminalkommissär meinem Vater einzureden, daß eigentlich er mir das Geld ? durch Vermittlung seiner Kousine ? gegeben habe. Er war aber dazu zu rechtschaffen, wußte auch so wenig als ich, daß ich damit frei gewesen wäre. So wurde ich denn im Juli 1889 wegen Unterschlagung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, die ich von Oktober 1889 bis Januar 1890 in Pl. verbüßte. Gleich nachdem mich der Vater im Juni 1889 nach B. zurückgeholt hatte, fand ich Stellung bei der D.-L-Gesellschaft als Buchhalter. Unter dem Vorwande des Erkranktseins eines Vetters von mir in W., der dort ein Geschäft habe, wurde ich dann während der Verbüßung der Strafe von der D.-L.-G. zwecks Vertretung meines Vetters dispensiert. Irgend eine direkte Einwirkung auf mein Seelenleben wurde während der Strafzeit nicht angestrebt. Ich machte in der Zelle künstliche Blätter, unterhielt mich während des täglichen Spazierganges mit einem gleichaltrigen jüdischen Manne, der mir zur Lektüre »Shakespearesche Dramen« lieh, und als der »arme Junge« entlassen wurde, wartete am Bahnhof Charlottenburg die Mutter seiner, futterte ihn exquisit und gab ihm das Geld zur Reise nach W., damit ich die Gegend, in der ich ein Vierteljahr zugebracht haben sollte, kennen lernte. Mein Vetter hielt mir zwar eine gediegene Standpauke, deren [30] Wirkung leider durch den Wiederempfang daheim und die Art, wie besonders meine Mutter »den armen Jungen« verhätschelte, verloren ging. Ab April 1890 bezog ich bei der D.-L.-G. bereits 150 M. Monatsgehalt, die bis auf 30 M., die ich den Eltern »für Kost und Logis« zahlte ? aber am Ende vom Monat meist schon wieder bekommen hatte ? behalten durfte. Inzwischen hatte der Ruderverein seine Schuld eingestanden und zahlte meinem Vater, der seiner Kousine die 1200 M. ersetzt hat, nach und nach wenigstens ca. 700 M. zurück. Ich war wieder obenauf! Ein Kollege von mir war eifriger Radler. Ich wär's auch gerne gewesen, allein schon seit 2 Jahren war ich mit meinem Bitten bei den Eltern immer auf Widerstand gestoßen. Solchen »Galgen« brauchst Du nicht! ? Ja, ich mußte ihn aber doch haben! Der genannte Kollege sagte gut für mich, und der Vertreter einer ersten englischen Firma verkaufte mir um 450 M. ein Rad gegen Anzahlung von 50 M. und Restzahlung am 1. August. Bis dahin hoffte ich meinen Vater noch »herumzukriegen«. Selbstverständlich brachte ich das Rad nicht nach Hause, sondern stellte es beim Portier der D.-L.-G. ein. Mein Vater blieb aber fest. Da ging ich denn zu einem Menschenfreund, der in der Zeitung »Personalkredit« offerierte. Nun war ich ja aus aller Not. Der Mann konnte zwar nicht selbst das Geld hergeben, stand aber als illegitimer Sohn des Prinzen A. mit hochgestellten, reichen Leuten in Verbindung, die mir mit Vergnügen die lumpigen 400 M. gegen Wechsel leihen würden. Für einzuziehende Auskünfte hatte ich nur 10 M. im voraus zu zahlen, und nachdem einschließlich der dem Agenten »freiwillig« zugesicherten Vergütung von 60 M. und dem zu erwartenden Diskont eine Wechselsumme von 500 M. festgesetzt war und ich akzeptiert hatte, wäre die Sache erledigt gewesen. Aber ... Nach 3 Tagen kam ich wieder zu V. ? so hieß der Agent ?, der mir nun erzählte, daß ich ja zwar 150 M. monatlich verdiente, im Interesse der glatten Abwicklung meines Wechselgeschäftes aber besser täte, sofort als Buchhalter bei ihm einzutreten, da er mir 250 M. zahlen konnte und allein nicht mehr imstande wäre, seine Geschäfte zu bewältigen. Zum Beweise zeigte er mir sein Kassenbuch und artige Massen von erledigten und neuen Aufträgen. Mein Versuch abzulehnen war wohl recht schwach, denn V. brauchte mich nur vor die Alternative stellen, »entweder Sie übernehmen den Posten, oder Sie bekommen kein Geld,« und ich sagte zu. Meine Verbindlichkeit mit der D.-L.-G. versprach er mit Hilfe eines befreundeten Arztes zu regeln, nur dürfte ich keinen Schritt mehr in das Bureau der D.-L.-G. tun. Nach 2 Tagen[31] ? während der ich mit Nachtragen ungebuchter Posten zu tun hatte ? brachte er mir 50 M. als Anteil meines Gehaltes pro Juli von der D.-L.-G., 50 M. habe er dem Arzt gezahlt und 50 M. beanspruche er als Provision. Über das »Wie« seines Benehmens gegenüber der D.-L.-G. verweigerte er jede Auskunft. Am anderen Tage berichtete er mir, daß gegen meine Unterschrift allein der Wechsel nicht zu verwerten sei; ich möchte ihn doch von einem gutsituierten Bekannten akzeptieren lassen. »Ja, lieber V., dann dürfte ich mir ja bloß von solchem auch das Geld geben lassen.« Er lächelte ? nein, grinste ?: »Die Unterschrift braucht ja nur auf dem Wechsel stehn, Sie lösen ihn ja doch selbst ein.« Ich Esel ging auf den Leim! V. erhielt einen Wechsel mit Ts. Akzept! Nachts darauf drückte mich aber doch die Geschichte, ich ging also frühmorgens zu T., der auf der Bank des B.-er Kassenvereins angestellt war, erzählte ihm die Sache und bat ihn, bei Nachfrage die Unterschrift als die seine anzuerkennen »Schön, das will ich tun, aber wenn's dazu kommt, daß ich die 500 M. bezahlen soll, tue ichs nicht!« Darüber konnte ich ihn beruhigen. Als ich zu V. kam, hatte die Kriminalpolizei seine Bücher und Papiere »zu den üblichen Revisionen« abgeholt, auch meinen Wechsel. V.s Rat folgend, ersuchte ich die Polizei gegen Einsendung einer Quittung, wonach T. mir die schuldigen 500 M. bezahlt, den Wechsel also wieder eingelöst hätte, diesen an T. auszuliefern. Gleichzeitig übergab ich V. einen neuen Wechsel. Die »Revision« dauerte nach V.s Angabe immer 3?4 Tage; während dieser Zeit mußte ich einige verfallene Wechsel kassieren. Dabei ging mir erst ein Licht, das heißt ein elektrisches Bogenlicht von mindestens 2000 Kerzen Stärke auf: Ich war einem ausgefeimten Wucherergesellen in die Hände gefallen. Sein Geldmann ? der sich selbst natürlich nur als Vermittler eines Kapitalisten bezeichnete ? war ein Herr R., der am anderen Ende von B. wohnte. Also zu ihm: »Geben Sie mir, bitte, meinen Wechsel wieder.« »Tut mir leid, habe ihn bereits meinem Auftraggeber zugesandt. Morgen bekommen Sie Ihr Geld!« Das Morgen kam. Gegen Abend ? V. war ausgegangen ? treten dieser, R. und ein dritter Mann ins Bureau, schießen die Tür hinter sich ab und mit furchtbarer Entrüstung donnert mich R. an: »Der Wechsel ist gefälscht. Wir haben den Bankier T. als Zeugen.« Ich berief mich auf V.s Anstiftung, kam aber damit an die Unrechten. Kurz, nachdem ich mich durch Hergabe meiner Uhr mit Kette, meines Geldes und eines Ringes von der angedrohten Anzeige und Verhaftung losgekauft hatte, stand ich auf der Straße: Fertig! Hätte ich Geld gehabt, hätte ich mir einen Revolver gekauft. So ging ich, halb von Sinnen, in den [32] Tiergarten hinaus, stierte, ohne einen Gedanken fassen zu können, auf einer Bank sitzend vor mich hin, hoffend, ein Blitz solle mich erschlagen. Schließlich schlich ich mich heim. Meine armen Eltern glaubten, mich nur tot wieder zu sehen, denn der Bankier T. war sofort, nachdem die Bande bei ihm gewesen und er den Wechsel vor ihren Augen zerrissen hatte ? nur die Fetzen gab er ihnen wieder ? zu meinen Eltern gefahren und hatte ihnen Mitteilung gemacht. Was nun? Am gleichen Tage vormittags hatte die Inhaberin eines Posamentiergeschäftes meine Mutter mit der sie bekannt war, gefragt, ob ich nicht Lust hätte, in Buffalo in Nordamerika Stellung zu nehmen. Ein Verwandter habe dort eine bedeutende Zigarrenfabrik und schriftlich gebeten, man möge ihm doch einen tüchtigen, großen, kräftigen jungen Kaufmann hinüberschicken, der zunächst als Gehilfe arbeiten, später aber sein Schwiegersohn und Teilhaber werden könne. Das war Rettung. Allein, mein Vater war zu erbost über meine Schandtat, meine Mutter und ich selbst viel zu aufgeregt, um die Sache in Ruhe zu besprechen. Andern Tags vormittags besorgte ich mir einen Paß, abends 12 Uhr dampfte ich nach H. ab, ausgerüstet mit 100 M. Geld und einem Handkoffer voll Sachen. Über meines Vaters Freigebigkeit war ich zwar verblüfft, denn ich meinte, in H. ohne weiteres als Kohlentrimmer auf einem Postdampfer angenommen und so kostenlos nach New-York mitgeführt zu werden, mußte aber bald erkennen, daß die 100 M. zu nichts anderem dienen konnten, als mir einige Zeit Nahrung und Wohnung zu verschaffen, während 30 M. mehr genügt hätten, mich im Zwischendeck nach N.-Y. einzuschiffen. Nach zweitätigem fruchtlosen Suchen nach einer billigen Überfahrtsgelegenheit reiste ich über Osn.-W. nach Rotterdam und weiter nach Amsterdam. Bei netten rheinländischen Leuten bezog ich ein billiges Zimmer, erfuhr aber auch hier, daß an kostenfreie Fahrt nach Amerika, etwa als Schiffsarbeiter nicht zu denken sei. So tat ich mich denn nach einer Buchhalterstelle um, die mir auch nach einer Woche wurde. Eine Rohtabaksgroßfirma stellte mich mit 60 fl. monatlich ein. 60 fl. sind 100 M. und bei etwas starker Einschränkung reichte es. Auf Ersparung der von hier aus nur 80 Mark betragenden Passagekosten nach N.-Y. war wenig Aussicht. Nun war ich auch nicht der Mann dazu, dauernde Einschränkung zu ertragen, und verlangte bereits am 1. Oktober Gehaltserhöhung. Darüber kam es zwischen meinen jüdischen Chefs und mir zum Streit, und am Ende des Liedes brach ich kurz das Verhältnis. Leider verließ mich aber auch mein Glück im Stellungfinden. Ich bummelte den ganzen Monat, Vater mußte wieder um Geld gebeten werden; er beharrte aber darauf, daß ich[33] mich nach Amerika »hinüberarbeite«. Das sollte von England aus eher möglich sein. Über Rotterdam-Harwich kam ich Ende Oktober nach London, tappte in Unkenntnis der Verhältnisse und auch wohl infolge nervöser Aufregung durch eine fürchterliche Überfahrt ins Great-Eeastern-Hotel! Bei dem ersten Gang durch die Straßen kam mir mächtig die Lust an, in London zu bleiben. Mit dem Sohne eines der ersten Bankiers war ich befreundet. ? Er war seinerzeit Volontär bei G. in B. Ihm schrieb ich um Vermittlung einer Stellung bei seinem Vater bittend, bekam aber keine Antwort, denn er war verreist. Bewerbungen bei anderen mir als Kundschaft meiner Lehrfirma bekannten Bankhäusern hatten auch keinen Erfolg. Also weiter. Mein Geld war wieder alle. Für einige Kleider erhielt ich 14 oder 15 sh. Den Rest meiner von Amsterdam aus mitgenommenen Effekten packte ich in eine Touristentasche und schnallte sie auf den Rücken. Samstags mittags fuhr ich dann einige Stationen weit nach Süden und nahm um 1/23 Uhr die Landstraße unter die Füße, in der Absicht, nach Southampton zu marschieren. Gegen 7 Uhr restaurierte ich mich in einem Dorfwirtshause etwas und marschierte dann weiter, in der Annahme, um 10 Uhr in einer kleinen Stadt (deren Name mir entfallen ist) Nachtquartier beziehen zu können. Es mochte etwa 9 Uhr sein, als ich an eine Weggabelung kam. Die Inschrift des Weisers war wegen der dichten Finsternis nicht zu entziffern, Zündhölzchen wurden vom Wind gelöscht. Nun, der rechte Weg schien mir zu stark westlich zu führen, ich ging also auf dem mehr südlichen, linken weiter. ? Ja, nun muß es aber doch längst 10 Uhr sein? Doch ein Städtchen läßt sich nicht sehen; nicht 'mal ein Dorf, ja sogar kein Haus! Nur weiter. Endlich, in weiter Ferne Lichtpünktchen. Sie werden 'mählich größer. Aus ihrer Ordnung ist zu erkennen, daß sie einen Bahnkörper begleiten. Nun, wo eine solche Beleuchtung ist, kann auch eine Station nicht weit sein! Als ich endlich eine über die Bahnlinie führende Brücke betrat, schlug von der anderen Seite her eine Uhr. 1 ? 2 ? 3 ? ? ? 10 ? 11 ? 12! So, so! Da dürftest Du Dich doch wohl richtig auf dem falschen Wege befinden. ? Eine kurze Strecke weiter stand rechter Hand ein Gasthaus, freilich geschlossen. Ein Parterrefenster war noch beleuchtet. Also geschellt! Das Fenster öffnet sich, ich wünsche Nachtlogis. ? Ja gern, doch ist es bereits 12 Uhr vorbei, es darf niemand mehr eingelassen werden. In der Stadt wäre aber sicher noch ein Gasthof offen. Ein paar hundert Schritte weiter: links ein Bahnhofsgebäude, so für eine Stadt von 8?10000 Einwohner. Leider kein einladender, beleuchteter, offener Wartesaal. Weiter ? Der [34] Bahnhof scheint ziemlich weit vor der Stadt zu liegen; Straßenbeleuchtung ist nicht. Schließlich stolperte ich. Ein entflammtes Zündholz zeigte mir, daß ich mitten auf einem ? Kirchhof stand. Ringsum lauter Grabhügel! ? Bis dahin war ich ? wie wohl die meisten Menschen mit nie reinem Gewissen ? immer »graulich« gewesen; nun ich wirklich einmal in einer Lage war, die auch einem Beherzten auf die Nerven gegangen wäre, war alle Furcht verschwunden. Der Ausgang war gleich wiedergefunden. Da sah ich halblinks vor mir in Entfernung von einigen hundert Schritten eine brennende Laterne, ging darauf zu, und bald wurde wieder ein Stück weiter eine zweite sichtbar. Ehe ich jedoch die erste erreichte, verlosch sie, bald auch die andere. Stehenbleibend hörte ich verhallende Schritte, wahrscheinlich den Laternenverlöscher. Ein weiteres Licht leuchtete mir in dieser Nacht nicht mehr. Bald stand ich wieder dem Bahnhof gegenüber. Ich war müde; also kurz entschlossen trat ich in die kleine von 3 oder 4 Säulen getragene Vorhalle des Bahnhofs, nahm mein Ränzel vom Rücken, zog den Überzieher an und versuchte dann in einer windgeschützten Ecke kauernd zu schlafen. Das glückte auch. Doch schon lange vor 5 Uhr weckte mich der Frost. Ich zitterte am ganzen Leibe. Jetzt eine Tasse heißen Kaffee! Jawohl! Aber woher nehmen? Alles ist noch gerade so dunkel wie beim »Zubettgehen«. Also weiter! Als die Sonne aufging, sah ich meine Besorgnis, auf falschem Wege zu sein, bestätigt, denn mein Weg führte mich südöstlich. Da war nun nichts mehr zu machen, und irgendwohin mußte ja auch er führen. Stundenlang war ich schon wieder marschiert, ehe ich das erste Dorf erreichte. Im Wirtshause frühstückte ich meinem Geldbeutel zuliebe so knapp als möglich. Der freundliche Wirt bestätigte mir auf meine Frage, daß ich am Abend vorher an jenem Kreuzwege mich hätte nach rechts wenden müssen, tröstete mich aber damit, daß der Weg, auf welchem ich mich jetzt befinde, nach Brighton führe und wegen seiner Schönheit oft Fußtouristen von London sähe. Und der Weg war in der Tat herrlich. Noch Vormittag erreichte ich die Wales-Gebirge, ein charakteristisches Hügelgelände von großer Schönheit. Leider stillte letztere meinen immer fühlbarer werdenden Hunger nicht. Ein kleines Dorf, das ich in den ersten Nachmittagsstunden erreichte, bot keine Gelegenheit einkehren zu können, und an der Tür eines Privathauses zu klopfen, vermochte ich nicht. Die Sonne neigte sich schon stark dem Horizonte zu, als ich, immer noch marschierend, an einem Felde mit Kohlrüben vorbeikam. Mein Magen gebot mir, so eine Rübe zu holen; aber zu stehlen war mir unmöglich. Dem Hunger gesellten [35] sich bald noch Müdigkeit und heftige Schmerzen an den Füßen hinzu; da endlich ? es mochte wohl schon 6 Uhr sein ? tauchte vor meinen Blicken ein Kirchturm und bald auch das dazugehörige Dorf auf ? Shoreham. Ehe ich ein Wirtsschild erreichte, war es fast dunkel. Auf mein Läuten wurde mir geöffnet, die Besitzerin bedauerte aber ? vielleicht nur wegen meines wenig salonmäßigen Anzuges ? kein freies Zimmer zu haben und wies mich an ein anderes Gasthaus, wo ich freundlichst aufgenommen wurde. ? ? Meine Füße waren so wund, daß ich am liebsten hätte schreien mögen. Die Marschleistung war aber auch danach. Von Samstag 1/2 3 Uhr nachmittags bis 12 Uhr und am Sonntag von 5 Uhr früh bis 6 Uhr abends, zusammen abzüglich der Pausen 19 Stunden mit 106 Kilometern! Anderntags schrieb ich wieder einen Brandbrief nach Hause und widmete mich im übrigen meinen kranken »Läufen«. Sobald das erbetene Geld ankam, sollten aber meine Versuche, mich nach Amerika zu arbeiten, zu Ende sein; dann wird ein Billet nach Southampton gelöst und weiter Zwischendeckpassage genommen. Die nächsten Tage verkürzte mir eine wunderbar konstruierte Gitterbrücke, die in der Nähe des Ortes einen Fluß überspannte, und das Musizieren mit zwei Töchtern meiner Wirtin, die beide nette Singstimmen hatten und von denen die eine annehmbar Geige spielte. Endlich nach einer vollen Woche brachte der Postbote ein Avis über ? ? 2 £! In dem begleitenden Brief schrieb mir der Vater begreiflicherweise keine Schmeicheleien, mich daran erinnernd, daß ich nun schon nahezu 300 Mark von ihm bekommen hätte, womit ich doch schon zweimal in Amerika sein könnte. Sehr richtig! Aber doch falsch, wenn man bedenkt, daß ich in Wirklichkeit niemals soviel Geld in Händen hatte, um die Passage bezahlen zu können. ? Was fange ich nun wieder mit 40 Mark an? Zahle ich die Zeche nicht, sitzt mir die Polizei im Nacken, ehe ich nach Southampton komme, ganz zu schweigen davon, daß mir die Wirtin viel zu wert geworden war, um sie zu betrügen. Am nächsten Morgen holte ich mir die 2 L von der Post, setzte mich auf die Pferdebahn, um in dem 3 Meilen entfernten Brighton den deutschen Konsul ratfragend aufzusuchen. Ehe ich zu ihm ging, ließ ich mich verschönern. An der Kasse des Friseurs fiel mir dabei eine Ankündigung in die Augen: London ? Paris 40 Francs! (Brigthon ? Paris 25 Francs). Das war wieder eine Falle für mich. In Paris kannte ich ja an 20 Bankfirmen, eine davon wird doch wohl einen Platz für mich haben, dann kann ich ja, wenn auch vielleicht nur in Raten, der lieben Shornhamer Wirtin die schuldige Zeche zahlen! [36] Ich ging also nicht zum Konsul, sondern bummelte in der Stadt herum bis abends 10 Uhr, um welche Zeit der Zug abging, der mich nach Bridgeport-Newhavn bringen sollte, von wo aus der Dampfer nach Dieppe abging. Die planmäßige Zeit der Ankunft in B. war erreicht; der Zug rollte aber in gleicher Geschwindigkeit weiter. Da fragte ich den gerade den Wagen passierenden Schaffner wegen der Ankunft in B. »Ja, da hätten Sie auf der vorigen Station umsteigen müssen!« Das war ja nett. Der Mann musterte mich und meinte dann, wenn ich nicht ängstlich wäre, ließe sich vielleicht zu Fuß der Hafen noch rechtzeitig erreichen. Er nahm mich auf die Plattform mit hinaus, zeigte mir in einiger Entfernung einen hellen Streifen unmittelbar neben dem Geleise. »Das ist ein Übergang; da lassen Sie sich ruhig von dem Tritt herunterfallen, wie von einem fahrenden Trambahnwagen, nur weiter hintenüberlegen!« Und ich riskierte es, und es gelang. Wohl wurde ich noch einige Schritte weit mitgeschleudert, stolperte aber glücklicherweise nicht. Newhavn war durch hochmastige Bogenlampen beleuchtet, und eine gute halbe Stunde später betrat ich, eben noch rechtzeitig, das Schiff. Früh 4 Uhr kam dasselbe nach ruhiger Fahrt in Dieppe an, um 8 Uhr war ich in Paris. Möblierte Zimmer bei Privatleuten sind dort unbekannt, man wohnt in Hôtels garnis. So ein grausliches Unterkommen fand ich in der rue de Londres, unmittelbar am Bahnhof St. Lazare. Die Miete mußte ich für eine Woche im voraus zahlen. Dann schrieb ich nach Amsterdam um einen Teil meiner Sachen und nach Hause um ? Geld, ferner an alle mir erinnerlichen Bankhäuser um Beschäftigung. Von letzteren erhielt ich aber weiter nichts als sehr hübsch stilisierte Ablehnungen. ? Ich muß mich jetzt auf die Aufzählung der wesentlichsten ferneren Ereignisse in meinem Leben beschränken, sonst würde ich in Wochen nicht fertig mit dieser Arbeit. Meine Sachen kamen an. Nach Einlösung derselben besaß ich noch etwa 1 Frank! Von daheim kam weder Geld noch Brief. Der Vater war mit S.M. auf Jagdreisen und kam erst nach 3 Wochen in Besitz meines Briefes. 3 Tage lebte ich schon von nichts weiter als Wasser und gerösteten Kastanien, da verlangte die Zimmervermieterin weitere Zahlung; denn außer der 1. Woche waren nun schon weitere 4 Tage vergangen, ohne daß ich zahlen konnte. In meiner Angst sprach ich einen Polizisten um Rat an. Dieser führte mich auf das Bureau, und dort kam man mir zuvorkommend entgegen. Ich bezog ein hübsches Zimmer in der Invalidenkaserne, meine Mahlzeiten wurden mir in der Unteroffizierskantine angewiesen. Dort [37] stand auch ein Klavier, an das ich mich aus Langeweile setzte und spielte, was eine Einladung einiger Unteroffiziere für den nächsten Vormittag zur Folge hatte. Sie malten mir in blendendsten Farben aus, welche Karriere ich machen könnte, wenn ich als Musiker zur Fremdenlegion ginge, fanden aber damit bei mir keine Gegenliebe. Nun, das Frühstück am nächsten Tage war recht animiert und ? als ich mich gegen Abend auf meinem Bett liegend, fand, betraten drei camérades mein Zimmer und beglückwünschten mich. Wozu? Zum »freiwilligen« Engagement zur Legion. Unter einem acte d'engagement stand richtig meine, mir von diesen Edlen im Rausch abgegaunerte Unterschrift. Meine Proteste verhallten im Wind. Am nächsten Mittag dampfte ich, mit einer feuille de route und etlichen Franken Geld versehen, nach Marseille ab. Am 6. Dezember 1890 traf ich mit 11 Leidensgenossen beim 1. Fremdenregiment in Sidi-Bel-Abbes ein. Ein älterer Mann, der sich mir schon in Lyon angeschlossen und bereits einmal 5 Jahre in der Legion gedient hatte, stand wir während der ganzen Reise oder richtiger des ganzen Transportes zur Seite. Ihm vertraute ich eine schöne Zigarrentasche nebst goldenen Manschetten- und Vorhemdknöpfen, eine wertvolle Busennadel (lauter Konfirmationsgeschenke) und verschiedenes Anderes zur Aufbewahrung an, da ich wegen einer Hautkrankheit, die ich mir wahrscheinlich in dem Marseiller Fort zugezogen hatte, sofortige Aufnahme in die infirmerie erwarten mußte. Schuhmacher ? so hieß der gute Kamerad ? hatte sich aber während seiner früheren Dienstzeit naturalisieren lassen und wurde, da Franzosen in der Legion nicht dienen dürfen, mit 15 Tagen prison bestraft und dann hinausgeworfen. Damit meine Sachen nicht verloren gingen, nahm er sie mit. Das erfuhr ich aber alles erst im Januar, nach meiner Genesung. Gleich bei der Ankunft hatte ich mich zur Musik gemeldet und wurde infolgedessen während meiner Krankheit oft von Musikern ? lauter netten Menschen ? besucht. Am Sylvester ? ich war schon Bekonvaleszent ? holte mich ein junger Lazarettgehilfe ? infirmier ? aus meinem Zimmer mit der Frage: »Magst' einen Wein?« »Selbstredend; wenn er nichts kostet!« Er zog mich dann die Treppe hinunter in den Baderaum, wo er aus einer Ecke eine Kanne mit gut 5 Litern famosen Rotwein hervorholte. Die Qualität war die gleiche, wie diejenige des uns täglich verabreichten 1/4 Liter Wein. Den ersten Becher tranken wir auf gegenseitige Gesundheit, dann begann Weber: »Du bist doch auch nicht freiwillig hiehergekommen?« Ich erzählte darauf mein Schicksal, und er fuhr fort: »Paß' mal hübsch auf, was ich Dir jetzt sage. Aber Du darfst keinem je davon ein Wort sagen!« [38] Ich gelobte Schweigen. ? »Ich heiße weder Weber, noch bin ich geborener Elsässer und 21 Jahre alt. Ich bin Luxemburger, mein Name ist ..... und habe vor 33/4 Jahren in Nancy unter Nennung eines falschen Signalements Engagement genommen, da ich damals noch nicht 16 Jahre alt war. Von Hause bin ich wegen eines schlechten Schulzeugnisses durchgebrannt. Also, die Papiere, die ich Ende März 1892 hier bei der Entlassung bekomme, sind für mich wertlos; aber Dir können sie davonhelfen. Schlag' Dir zunächst alle Desertiergedanken aus dem Kopf, denn ins Blaue hinein ist nicht durchzukommen. Bei der Musik hast Du es nicht schlecht, und die 5/4 Jahre vergehen schnell. Natürlich mußt Du Dir rechtzeitig Geld besorgen. Verlaß Dich auf mich; ich halte Wort!« Ich war baff! glaubte ihm aber. Dann feierten wir bei Brot und Wein Sylvester, bis der letzte Tropfen aus der Kanne war. W. brachte mich ins Bett, und am Neujahrstage früh war alles verschlafen. Anfang Januar wurde ich aus der infirmerie entlassen und sofort bei der Musik logiert. Die Kapelle des 1. Fremdenregiments war zu jener Zeit als die beste Militärkapelle Frankreichs ? ausgenommen die der Garde républicaine ? bekannt, stand unter Leitung des Mr. P., eines Bruders unseres elsässischen Reichstagsabgeordneten P., bestand aus 52 Mann, wovon 34 Deutsche, 5 Belgier, 3 Italiener, 2 Österreicher, je 1 Amerikaner, Schweizer und 5 Franzosen waren. Die Deutschen waren mit geringen Ausnahmen Deserteure und ehemalige Militärmusiker; darunter einer, der 1873 von der Okkupationsarmee in Dijon zurückgeblieben war, also bereits 19 Jahre diente. Er blies Klarinette, bratschte, soff und flog alle Monat 8?15 Tage ins Loch. Ihm zur Seite stand ein ehemaliger Metzer Dragonertrompeter, der es wegen seiner seltenen Nüchternheit in 3 Jahren auf 399 Tage prison brachte, er diente im 8. Jahre. Unter den Belgiern waren unsere beiden Korpsfriseure, 2 Leute, die bei 5 tägiger Löhnung von 35 centimes und ihren Einnahmen aus der Figarokunst »Ersparnisse« machten. Sie tranken nur als Gäste, fanden aber stets Gastgeber. Von den Italienern taten sich 2 als élégants und Bordelldirnenliebhaber hervor. Einer von ihnen pflegte, wenn er betrunken heimkam, aus seinen Sachen das Bild seiner Mutter hervorzusuchen, fing dann untröstlich zu weinen an, schalt sich in den galligsten Ausdrücken, bis er wieder nüchtern war. Von den Österreichern war einer ehemaliger Stabstambour bei den Deutschmeistern, bei uns Tambour petit und gelegentlich Koch, d.h. wenn Miauhasen oder gar eine stattliche Viper oder auch ein wirklicher Hammeljüngling einem kleineren Kreise ein Extradiner verschafften. Der Spanier (de O.) war ehemaliger [39] Karlisten-Major und als Hautboisbläser, wie diese alle, etwas spleenig. Unter den Franzosen waren die beiden Kantiniers des Regiments. Der eine besitzt seit 1895 eines der ersten Hotels in der Stadt Algier! Dann 2 Musikstudierende, die aber nicht das geringste vor anderen voraus hatten, und ein Unikum: M., der 1870 als Zuave bei Weißenburg kühn die Flinte ? weggeworfen und mit den Händen ? ? um Pardon gefleht, dann einige Zeit in Mainz und Küstrin ? die schönste Zeit seines Lebens ? als Kriegsgefangener zugebracht hatte und seitdem »Mädchen für alles« bei der Musik des 1. Fr.-Rgts. war, d.h. er trug bei seiner stattlichen Größe von ca. 1,5 m den Schellenbaum ? eine Liliputausgabe der in Preußen üblichen ?, oder schlug auf Märschen die Cimbals, blies alle möglichen Nebeninstrumente, bratschte annehmbar und trank nicht! Nach wenigen Tagen fand ich mir zusagende Kameraden in unserem großen Trommelschläger J. ? Bruder der Schriftstellerin Sophie J. und ehemaliger Premierleutnant bei den 56ern in W. ? und einem Heidelberger, der von Mannheim desertiert war. Sie blieben meine Gesellschaft bis zum letzten Tage. Der Dienst war weder umfangreich noch schwer, ließ also Zeit genug zum Beobachten aller Militär- und Zivilvorgänge. Die Verpflegung war nicht schlecht, die Besoldung miserabel. Meinen Eltern hatte ich bereits von Marseille geschrieben, daß ich »Stellung nach Algier« genommen hätte. Von der Legion schrieb ich nichts, da ich den Lauf der Dinge weder ändern, noch meinen Eltern zumuten konnte, sich mit meiner Lage zu befreunden. In Bel-Abbes angekommen, schrieb ich ihnen wieder und erhielt nun monatlich von Hause 10 Mark. Wein kostet dort 20 cts. per Liter, die Tasse arabischer Kaffee 10 cts. Monatlich einmal »dinierten« wir in einem Hotel für 2 Franken pro Gedeck einschließl. Wein und Brot à discretion. Das war immer ein Fest, denn man fühlte sich Mensch. So lebte ich, so gut und so schlecht es die Sehnsucht, aus dieser Sklaverei herauszukommen, zuließ, Monat für Monat dahin. Im Sommer 91 wurde ich Bibliothekar und bald darnach etatsmäßiger Musiker. Mr. P. hatte uns drei sehr gern, zeigte überhaupt den Deutschen große Sympathie. Aber so schön auch manche Stunde war ? das Mitwirken in solchem Orchester ist allein schon ein hoher Genuß ?, so schmiedete ich doch allerlei Pläne für eine Flucht, obgleich die Veröffentlichung der kriegsgerichtlichen Urteile (15?20 Jahre travaux publics, bezw. 10?15 Jahre travaux forcés für Desertion) einem den Mut zu nehmen geeignet war. Die Klügeren unter den zur Verurteilung gelangenden erwirkten sich durch irgend eine grobe [40] Beleidigung des Gerichts oder der Republik den Tod durch 12 Kugeln. Nach Weihnachten 91 schickte mir mein Vater 300 Mark Geld und Kleidung mit der Weisung, sobald als möglich via Marseille oder Genua nach Amerika zu dampfen, da der Buffaloer Herr, dem ich avisiert war, nochmals dringend um mich gebeten habe. Ja, vor 5/4 Jahren wären die 300 Mark angebracht gewesen, aber jetzt? Keiner all der ausgeklügelten Fluchtpläne versprach sichern Erfolg, und blindlings dem »Glück« vertrauen mochte ich nicht. So deponierte ich denn Geld und Kleider bei unserem Stammwirt, einem Spanier, trank nach wie vor nach dem Mittagessen um 5 Uhr meinen café maur, ging ein wenig promenieren, spielte dann meinen Skat und torkelte um 9 Uhr in die Kaserne. Zu meiner Schande sei es gesagt, es verging kein Abend, an dem ich oder richtiger wir nicht vollständig betrunken gewesen wären, wozu allerdings schon 1 Liter des schweren Weines genügte. Am Karfreitag 1892 saß ich, so recht bis ins Innerste traurig, nachmittags um 5 Uhr bei meinem Stockfischgericht, als ein aus der Stadt kommender Kamerad mir mitteilte, daß der infirmier Weber auf mich warte. ? W. war seit einem Jahre strafweise nach Ain-Sefra ? letzte Station an der Nordgrenze der Sahara ? versetzt worden und meinem Gedächtnis fast ganz entschwunden. Um so stärker wirkte jetzt diese Nachricht auf mich. Ich ließ Essen Essen sein und stürmte hinaus. Mit herzlichem »Grüß Dich Gott!« steckte er mir einiges zusammengelegtes Papier in die Hand: »Steck's weg!« Fragend schaute ich ihn an. Statt aller Antwort nahm er meinen Arm mit den Worten: »Laß uns einen Kaffee trinken gehen!« Er wählte den Weg durch unbelebte Nebenstraßen. In einer solchen fragte er: »Hast Du Geld und Kleider bei der Hand?« Ich bejahte. »Schön! Du mußt morgen früh um 8 Uhr als der liberé Weber nach Oran fahren, meldest Dich auf dem Fort St. Jean beim Kommandanten und erzählst ihm, Du habest in Ste. Barbe du Thelat heutigen Nachmittag den von der Grenze kommenden Zug verlassen, um Deine Zivilsachen von Bel-Abbes zu holen. Bei den Papieren findest Du ein Briefchen an ......, einen Elsässer, dem ich die erfolgende Metamorphose schon mitgeteilt habe. Wir waren im ganzen 7 Mann von Ain-Sefra, mit denen mußt Du also ganz Kamerad sein. ? Ich dampfe noch heute Abend nach Tunis, wo mein Bruder seit einiger Zeit eine Apotheke besitzt, und tauche dort unter meinem wirklichen Namen auf. Du mußt mir dazu allerdings einen Anzug verschaffen. Pack es nur mutig an, laß Dich durch nichts verblüffen und es wird mit Gottes Hilfe gelingen.« ? Meine Sachen hatte ich [41] nach und nach in die Kaserne geschafft, einen Holzkoffer gekauft, und darin verpackt die Kleider und eine Menge Tonkin souvenirs bei dem Regimentsschuster eingestellt. ? Mit dem ersten Schritt begannen aber schon die Schwierigkeiten. Es war streng verboten, irgendwelche Packete in die oder aus der Kaserne zu tragen. Als Bibliothekar der Musik war ich freilich schon oft mit Notenballen zum Chef gegangen oder von ihm gekommen, immerhin hatte der sergeant de garde die Pflicht, meine Packete zu revidieren, was freilich selten geschah. In die Kaserne zurückgekehrt ? Weber saß in unserer Stammecke ? zog ich J. ins Vertrauen, der zwar alles aufbot, um mich von dem »Selbstmord« zurückzuhalten, natürlich vergeblich. Einen leichten Anzug, Vorhemd, Kragen usw. schnürte ich zu einem kleinen Packet zusammen, das J. nehmen mußte, die übrigen Kleider, Wäsche, Schuhe usw. vereinigte ich in einem Ballen, dem ein aufgetrennter Hafersack einen ärarialischen Anstrich gab. Der Koffer mit all den teils wertvollen Tonkingegenständen ? Tigerklauen, großen und kleinen Rahmen und anderen Schnitzereien aus Eisenholz, einen Yatagan u.v.a. ? mußte zurückbleiben. Es war stockdunkel, als wir die Kaserne verließen, dazu wurde der Wachthabende durch einen betrunkenen Soldaten in der Wachtstube beschäftigt, der Posten nahm seine Instruktion betr. Packete nicht genau; ergo: wir kamen unangefochten hinaus. W. bekam das kleine Packet, die ihm weiter angebotenen 50 Franken lehnte er bis auf das Allernotwendigste für das Billet nach Tunis und zum Ankauf einer Kopfbedeckung ab. Wir trennten uns mit kurzem Abschied, und bis heute habe ich ihm noch nicht für seine vorbildliche Freundschaft danken können, da sein wahrer Name meinem Gedächtnis entfallen ist. Wollte Gott, daß ich ihm einmal begegnete! ? Das große Packet gab ich unserem Wirt mit der Angabe, ich würde es am anderen Morgen abholen und dem abreisenden W. an den Bahnhof tragen. Gleichzeitig ließ ich mir von ihm den Rest meines Geldes geben. Der Skat kam an diesem Abend nicht zur Übung, und zum ersten Male seit langer Zeit kehrten wir nüchtern in die Kaserne zurück, simulierten sicherheitshalber aber die übliche Angetrunkenheit. J. versuchte immer wieder mich zurückzuhalten, sagte mir, als er einsah, daß nichts meinen Willen zu ändern imstande wäre, weinend Lebewohl und versprach mir, auf meine Meldung von der Ankunft auf neutralem Boden, eine mir schuldige Summe von 40 Franken sofort nachzusenden. Um 5 Uhr war Reveille, um 6 Uhr begann die Übungsstunde. Gleich nach dem Aufstehen sagte ich dem als sergeant de semaine fungierenden M., daß ich am vergangenen Abend [42] im Rausch in einer Buvette verschiedenes zusammengeschlagen hätte und um der Anzeige zu begegnen, sofort zu dem Wirt gehen wolle, den angerichteten Schaden zu ersetzen. Wenn etwa der sous-chef meine Abwesenheit merken sollte, wisse er nur, daß ich zu Mr. P. gegangen sei. Zu diesen Gängen zum Chef hatte ich ein für allemal das Recht, zu jeder Tageszeit die Kaserne ohne Seitengewehr verlassen zu dürfen. Unser Wirt schlief noch. Ich wartete in einem nahen Hausgange etwa eine Stunde, endlich öffnete sich die gastliche Pforte. Zur Ermutigung nahm ich einen Kognak, dann den Ballen unter den Arm und trollte mich. An die Bahn zu gehen war noch viel zu früh; in der Stadt sich sehen lassen gefährlich. So schlich ich denn durch ein Nebentor in die Arabervorstadt, die aus großen Gärten und einem an diese grenzenden entsetzlich schmutzigen Dorfe besteht. Zwischen den Gärten entfernte ich von den Ärmeln meiner capotte die Musikerabzeichen ? rote, goldumrandete Lyren. ? Um 1/4 nach 7 Uhr langte ich in einer Spaniolenwirtschaft gegenüber der Einfahrt des weit vor der Stadt gelegenen Bahnhofes an, ließ mir Kaffee und Kognak geben und beobachtete scharf alles, was am Bahnhof vorging. Um 1/4 vor 8 Uhr kam ein Gefährt herangerollt: Mr. P.'s Phaeton! Donner und Doria! 's ist ja richtig: Der Chef geht ja zu einem an den Ostertagen in Algier stattfindenden Musikwettstreit als Preisrichter! Lieber Gott, hilf! Als ich den Bahnhof betrat, läuft mir gerade sein Kutscher in die Hände: »Ha, wo willst Du hin?« »Halt's Maul! Je ferrai la noce! Hier hast einen Fünfer!« Bassigaluppi sah nur noch die 5 Franken und dachte an die Genüsse, die er sich dafür verschaffen konnte, an mich nicht mehr. Ins Vestibül tretend, sah ich Mr. P. am Billetschalter stehen, und ehe ich mich noch unsichtbar machen konnte, kam er auf mich zu: »Qu'est-ce que vous faites là?« ? Ohne besondere Erlaubnis darf kein Soldat den Bahnhof betreten! ? »Ah, Monsieur, ein Kamerad, der infirmier Weber, ist heute liberabel; ihm trage ich dies Packet an den Zug.« ? »C'est bon.« ? »Gute Reise Mr.!« ? Er hatte das Fehlen meiner Abzeichen nicht bemerkt und verschwand im Wartesaal. Nun löste ich unter Vorlage des W.'schen Passes mein Billet nach Oran. Der Zug brauste heran. Mr. P. stieg in einen der ersten Wagen, hinter seinem Rücken bestieg ich den Zug. Die Wagentür öffnend, erkenne ich in demselben einen Bel-Abbeser Polizisten, von dem ich als Uniformträger natürlich nicht vorbeigehe, sondern kameradschaftlich neben ihm Platz nehme. Auf meine Frage erfuhr ich, daß die beiden Kinder, welche ihm gegenüber saßen, von ihm von Tlemcen abgeholt und in das Waisenhaus nach Oran kämen. Dann meinte [43] er, wie es denn käme, daß ich reise und überdies ohne meine Musikerabzeichen und ohne Seitengewehr. Ich sah ihn verständnislos an: Wie soll ich als infirmier denn zu Lyren kommen, und sintemal endlich die 5 Jahre herum wären, sei ich lieberabel, gestern von Ain-Sefra gekommen, um meine Sachen zu holen, und im Begriff, mich nach St. Jean zu begeben. Nun fuhr er schweres Geschütz auf: »Sie sind doch der Musiker K. und erst seit höchstens 2 Jahren im Dienst!« Ich lachte: »Auch Du mein Sohn Brutus? Hat man mir doch schon in Ain-Sefra gesagt, daß zurzeit bei der Musik ein Doppelgänger von mir sei; aber Sie sollten mich doch wahrlich besser kennen, wie ich 4 Jahre lang unter médecin-major Martin in Bel-Abbes zugebracht habe; mein Name ist W.« Nach und nach fand er denn auch allerhand Anhaltspunkte, wodurch ich mich von dem K. unterschied. Ich gab dagegen zu, daß man in der Wüste sich eben schnell verändere und zumal in meinem Alter. Eine Friedenszigarre räumte schließlich die letzten Bedenken hinweg, und als es mir gelang, die wieder weinenden Kinder zu beruhigen, war er entzückt, denn er verstand wohl einen betrunkenen Spaniolen von der Straße zu boxen, aber mit Kindern umzugehen verstand er nicht. Wir näherten uns Ste. Barbre du Flelat, wo wir umsteigen mußten. Mein Anerbieten, die Kinder in den anderen Zug zu schaffen, wenn er mein Packet nehmen wolle, nahm der Polizist gern an. Bei strömendem Regen erreichten wir die Station. Schnell überflog ich die Situation, nahm das Mädel auf den linken Arm, damit seine Gestalt mein Gesicht gegen etwaige Blicke Mr. P.'s decke, den Buben an die rechte Hand und nun furchtlos hopp, hopp über 2 Geleise fort in den nach Oran gehenden Zug. Der Polizist kaufte in meinem Auftrage Orangen, eine Flasche Wein und Gebäck und fort ging's. Bevor wir Oran erreichten, dankte er mir bestens für meine Hilfe, wir lachten noch über meinen Musikerstand und schieden als gute Francais! Nach der Ankunft in Oran eilte ich den Bahnhof zu verlassen, als mich ein sehr energisches »Halte là, légionair!« stellte. Der Haltgebietende war ein bärtiger Spahisunteroffizier, Führer der Bahnhofspatrouille. Mir wollte das Herz hinunterrutschen! »Wo wollen Sie hin?« ? »Aufs Fort St. Jean. Hier meine Papiere.« ? »Ich muß Sie auf die Hauptwache führen!« ? »O, sergeant, dann komme ich vielleicht zu spät.« Schließlich brachte mich denn einer seiner Leute aufs Fort. Der kommandierende Offizier war natürlich nicht vorhanden; wer hätte auch sonst den Spielball seiner Maitresse ? ohne die der französische Offizier ganz undenkbar ist ? abgeben sollen? Also nahm mich ein sergeant fourrier in Empfang. Aber wie! Ich[44] ließ ihn sich erst von seinem dienstlichen Zorn freireden und entgegnete dann bescheiden, daß die Sachen, welche ich von B.-A. geholt habe, mein ganzes Eigentum wären, und ich ihn bäte, mich doch damit zu entschuldigen. Da kam ich schön an. »Ihr feuille de route ist mir mehr wert als alle Ihre Sachen. Allez vous en!« Schnell wollte ich den Aufenthaltsraum der übrigen liberés aufsuchen, öffnete auch schon dessen Tür, als mich der Sergeant zurückrief: »O nein, mein Lieber, Sie werden erst am nächsten Mittwoch abgehen und so lange das prison beziehen!« Ich wollte noch bitten, unterdrückte es aber, als ich in sein puterrotes Gesicht sah. Ein Korporal steckte mich in den Kasten. Es war etwa 12 Uhr. Jetzt war die Stunde da, wo mein ganzes verlorenes Leben an meinem geistigen Auge vorüberzog. Wie würde es enden? Wohl kümmert sich 5 Tage in B.-A. kein Mensch um Dich; für so langes Ausbleiben gibt's nur 30 Tage prison. Aber Mr. P. wird am Mittwoch früh in die Probe kommen und nach Meldung meines angeblichen noce-Machens, an meine auffällige Anwesenheit auf dem Bahnhof denken und natürlich meine Verfolgung veranlassen. Und selbst wenn dies nicht geschah, so müßten die jeden Mittwoch von B.-A. nach Oran kommenden liberés mich zweifellos erkennen und verraten. Da konnte nur Einer helfen! Einer, den ich wohl nie vergessen hatte, mit dem zu verkehren aber immer so sehr wenig Zeit war! Ich kniete nieder und schüttete ihm mein ganzes Herz aus; je weiter ich aber kam, desto größer wurde der Ekel vor mir selbst. Konnte sich denn der gerechte Gott meiner überhaupt noch annehmen? Nein! Tausendmal nein! So schrie ich denn zu ihm um Erbarmung um meiner Eltern willen, um Gnade, um Vergebung. ? ? ? Da drehte der Schlüssel in der Tür. Der Korporal machte mir ein Zeichen zu schweigen, reichte mir stumm meine Papiere und verschwand wieder. Was ist's. ? Weiter beten! Da tönt draußen das Kommando: Abreisende Legionäre antreten! Jetzt folgte die Namenverlesung. ? ? ? O Herr, erbarme Dich meiner! ? ? ? 10, 12, 15 waren schon aufgerufen, da klirrt der Riegel meiner Tür, ein Wink und ich stand neben meinem Packen, der bereits am linken Flügel der kleinen Kolonne lag. »Weber«. ? »Présent!« Doch während der Sergeant den Namen las, polterte es rückwärts in seinem Zimmer gewaltig und eine große Katze schoß wie ein Pfeil heraus. Der Sergeant wendete sich schleunigst seinem Zimmer zu und sah nicht die 6 verdutzten Gesichter, die sich auf mein »présent« mir zuwandten. »Par le flanc à droit! marche!« Trapp, trapp, trapp, trapp ging's aus dem Fort! ? Ob Gott wohl heute noch Wunder tut? Ich frage es nicht mehr. Ich weiß: Ja![45] ? 20 Minuten später war der Hafen erreicht. Aber o weh! An dem Bootssteg steht eine ganze Kette von Militär- und Polizeiposten. Ich schrumpfte zusammen, denn mein Paß besagte: 1,68 m groß, während ich 1 m 77,5 cm messe! Jetzt setzte ich als Letzter den Fuß auf den Steg; niemand hindert mich! O diese Schufte: Sie wollen erst abwarten, bis sich auf meinem Gesicht ein Lächeln ob des Gelingens meines Streiches zeigt, um dann um so höhnischer Hand an mich legen zu können. Nichts dergleichen geschah! Von hausierenden Arabern und Spaniolen wurden noch Orangen, Feigen, Tabak erstanden, wobei ich mich immer möglichst abseits hielt, und nach einigen Minuten ? 4 Uhr ? gellte die Bootsmannspfeife über das Deck, die Brücke wurde abgeworfen und rasselnd fuhr der Anker aus der Tiefe empor; die Schraube begann zu arbeiten. Nun waren wir aus dem Hafen. Eigene Gefühle kamen über mich, während ich dem afrikanischen Boden Lebewohl winkte. Da legt sich mir eine Hand auf den Arm: »Gieb Acht, die anderen merken was!« Es war der Elsässer, dem ich W.'s Briefchen hätte geben sollen, der so sprach und fortfuhr: »Gelt, Du bist der K.?« Ich bejahte und versprach zugleich, daß mit der gemeinsamen Mahlzeit, zu der eben die Glocke rief, das »Merken« der anderen verschwinden solle. Damit lief ich der Kombüse zu, um den Wein für uns 16 in Empfang zu nehmen. Die Soldatenverpflegung an Bord dieser der Cie. maritime gehörigen Schiffe ist zwar sehr patriarchalisch ? je acht Mann löffeln aus einem Kessel ? aber sonst ausgezeichnet. Dazu bekommt der Mann zum Frühstück (10 Uhr) und zu Mittag (1/25 Uhr) je 1/2 l Wein. Die bidous für letztere fassen 10 l und wurden immer voll verabreicht. Eines solchen Bidous wurde ich in der Kombüse habhaft und ging damit zu den um die Speisekessel gelagerten Kameraden, mich lachend als maître des boissons vorstellend, jedem seinen Becher füllend. Dabei rutschte von ungefähr jedem der 6 Ain-Sefraer ein 5 Frs.-Stück in denselben. Das löste den Bann. Weitere 10 l Wein, die ich mit ganzen 4 Frs. zu bezahlen hatte, erwarben mir denn auch die Sympathie der 9 Kameraden vom 2. Regiment. Am 2. Ostertage nachmittags gegen 4 Uhr sollten wir in Marseille eintreffen, indessen kam gegen Morgen des Osterfestes ? an das ich in der tollen Aufregung mit keinem Gedanken dachte! ? eine so steife Brise auf, daß es bald hieß: »In die Kabinen. Deck klar. Luken dicht!« Nun konnte ich infirmiers-Dienste leisten, wozu mich die als Musiker genossene Ausbildung als Krankenwärter wenigstens etwas befähigte. Unsere »Charette« stampfte und rollte ganz entsetzlich. Das Sturmwetter ließ nicht nach. Am anderen Tage [46] Nachmittag hörten wir, daß wir vor dem nächsten Abend nicht in Marseille eintreffen würden. Mir wurde bunt vor den Augen. An verschwiegenem Orte schnitt ich aus meinen Kleidern die Erkennungsnummer heraus, zog auch den Elsässer zu Rat, um eventuell mich auf die Kameraden berufen zu können, denen ich mich so erkenntlich wie möglich zeigte. Der Dienstag Abend kam, und wir waren immer noch auf hoher See! Endlich gegen 3 Uhr nachts näherten wir uns Marseille. Ausschiffung morgens 6 Uhr. Das Boot konnte nicht am Quai anlegen, also Ausbootung! Jawohl, oben auf dem Quai standen sie schon und erwarteten mich. Douaniers, Polizisten, Militärpatrouillen. Mit dem ersten Boot hinaus! »Halt! Zollpflichtiges?« »Nein!« ? »Passez.« ? Ja, was war denn das? ? Die Patrouillen kamen lediglich, um uns in das als Depot dienende Fort zu begleiten. In der wohlassortierten Kantine lebte nun die ganze Kameradschaft auf meine Kosten, und der Kantinier war in bezug auf Preise einfach ein Filou! ? Es hieß, um 11 Uhr könnten wir weiterreisen. Um 8 Uhr mußten wir antreten. Ein sergeant-major verkündete: »Wegen eines Zwischenfalles könnte die Abreise erst später erfolgen.« Aha, da spielt schon der Telegraph! ? Um 10 Uhr erneutes Antreten. »Alles da?« »Ja.« »Weber!« »Présent!« ? O, wie hämmerte das Herz, als ich die Treppe zu der Galerie erstieg, von der der Ruf kam! »Vous partez pour?« ? ? Ja, hörte ich denn recht? ? ? ? »Nancy.« »Prenez, 17 Frs. 60 Cts.! Abreise wird noch bekannt gemacht.« Am liebsten hätte ich laut gejubelt. Das durfte nicht sein. Und konnte nicht jede Minute eine andere Entscheidung bringen? ? Die Aufregung, die stürmische Seereise, die letzte, kalte Nacht, alles wirkte zusammen, um mich in das Logis flüchten und Schlaf suchen zu lassen. Nach und nach kamen die Kameraden auch, und zu ihnen gesellte sich ein Legionär, der einige Zeit als Fieberrekonvaleszent in Frankreich zugebracht hatte und nun hier auf die nächste Überfahrtsgelegenheit wartete. Nach mancherlei Hin und Her hörte ich ihn fragen: wann der infirmier Weber liberabel wäre; seines Wissens sollte das doch vor Ostern sein? »Weber, der ist bei uns«, nahm einer vom 2. Regiment das Wort! Es gelang mir, aus dem halbdunklen Raum ungesehen hinauszuschlüpfen und mich in den Geschützpositionen zu verbergen. Um 1/25 Uhr ging ich ruhig in die Kantine. Die Ordonnanzfütterung geschah in der bei den Logis gelegenen Küche. Dort aßen alle, die kein Geld hatten. Vor dem »Freunde« war ich also um diese Zeit und später in der Kantine sicher, da nach 5 Uhr nur noch die Abgehenden und die Fortbesatzung diese frequentieren durften. Um 6 Uhr [47] wurde wieder angetreten und uns bekannt gemacht, daß die Abreise um 10 Uhr erfolge. Nun konnte ich nicht mehr an mich halten, und lustig krachten die Propfen in der Kantine. Kein Champagner, nur biederer Cidersekt. Endlich ging's auf 10! Geführt von einem Sergeanten und begleitet von einem Korporal, setzte sich der kleine Trupp nach dem Nordbahnhofe in Bewegung. Unterwegs kam ich mit dem Führer in das gesuchte Gespräch und konnte ihn unauffällig am Bahnhof zu einem bock einladen. Seine Reisezielliste gab er darum dem Korporal, der statt seiner die richtige Billetlösung überwachte, während wir dem kühlen bock zusprachen. Kurz vor Abgang des Zuges sagte ich dem Pflichteifrigen Adieu, löste ein Billet nach ? ? Belfort und geriet zufällig mit dem ebenfalls nach B. fahrenden Elsässer in ein leeres Kupee. Über Lyon, Dijon trafen wir am Freitag früh 6 Uhr in B. ein, wo ich bei einem deutschen Wirt Toilettenwechsel vornahm. Nun hätte ich die nahe deutsche Grenze überschreiten können, wollte aber in dem militärisch berüchtigten Mülhüse nicht dienen und beschloß deshalb durch die Schweiz weiterzureisen. Nächster Zug nach Delle 12 Uhr, Ankunft dort 1 Uhr, Weg 30 km. Aber was konnte alles bis Mittag passieren! Kurz entschlossen wanderte ich nach herzlichem Abschied und Behändigung eines Danklohnes für den hilfreichen Elsässer davon. Mehr laufend als gehend erreichte ich Schlag 12 Uhr die Grenze. Welcher Stein fiel mir vom Herzen, als ich den trikoloren Pfahl hinter mir hatte. Der schweizerische Zöllner hielt mich zwar, als er in meinem Packen die französische Uniform sah, für einen Deserteur. Der Paß beruhigte ihn. Am anderen Ende des Dorfes, gegenüber der Post, trat ich in eine kleine Wirtschaft und frühstückte. Dann schrieb ich J. und bat um sofortige Absendung der 40 Frs., denn meine Barschaft war arg zusammengeschmolzen. Schon öffnete ich den Mund, um der netten Wirtin, mit der ich ganz allein war, meine gelungene Flucht zu erzählen, da sah ich auf der Straße zwei französische Unteroffiziere kommen, die einen jungen Mann eskortierten. Auf meine erstaunte Frage, was denn diese französischen Soldaten in der Schweiz zu suchen hätten, sagte die Wirtin, daß der junge Mann wahrscheinlich ein Deserteur sei. Solche liefere die Schweiz zwar nicht an Frankreich aus, wenn aber die französischen Behörden den Aufenthaltsort eines Deserteurs wüßten, könnten sie ihn sich holen. ? Holla, da hättest Du Dich ja beinahe schön in die Tinte gesetzt! ? Ob Gott heute noch Wunder tut? ? Amazon.de Widgets Nachmittags schrieb ich meinen Eltern die Wahrheit über meine Stellung in Algier und teilte ihnen gleichzeitig meinen Entschluß mit, [48] nach Deutschland zurückzukehren und mich, um allen Weiterungen wegen meines überschrittenen Auslandsurlaubes aus dem Wege zu gehen, sofort freiwillig zur Ableistung meiner Dienstzeit zu melden. ? Auf die enorme Anspannung der letzten Tage folgte aber nun die Reaktion. Ich bedurfte dringend der Erholung. Darum blieb ich bis zum folgenden Mittwoch in Delle und reiste dann über Basel nach Zürich weiter. Dort kehrte ich in der Herberge zur »Heimat« ein und fand Gelegenheit, schauderhafte Beobachtungen in bezug auf »Wanderburschen« zu machen. Heute ist's freilich auch dort anders und Gottlob! besser. Der deutsche Generalkonsul in Zürich riet mir, mich am 24. April in Waldshut bei der stattfindenden Musterung zu melden. Das tat ich. Der Bezirkskommandeur hatte an meiner Erzählung das größte Vergnügen und hieß mir, mich ihm in der französischen Uniform zu präsentieren, um wieder einmal den Anblick eines Piou-piou zu haben. ? Meiner sofortigen Einstellung hätte gar nichts entgegengestanden, wenn ich mich hätte legitimieren können. Da dies nicht der Fall war, der Herr Oberstleutnant ? wie er sich ausdrückte ? mir auch keinen Posten vors Hotel stellen könnte, so mußte ich bis zum Eintreffen meiner Identifizierung im Waldshuter Amtsgerichtsgefängnis allerdings mit sonstiger völliger Freiheit einquartiert werden. Der Herr Bezirksamtmann versicherte mir, daß die Antwort telegraphisch vom B.er Polizeipräsidium erbeten, meine Beschränkung, also jedenfalls eine nur ganz kurze sei. Nach 5 Tagen ließ ich fragen, ob ich denn vergessen sei. Nein, nur die Recherche sei nicht genügend beantwortet, weshalb weitere Information erbeten sei. Nun bekam ich Angst, ob doch nicht etwa von der Wechselgeschichte etwas an die große Glocke gekommen sei. Die Angst war wieder unnütz. Neun Tage brachte ich so in Waldshut zu, dann entließ mich der Herr Bezirksamtmann unter Bedauernsversicherungen nach Donaueschingen, dem Sitz des Bezirkskommandos. In liebenswerter Weise stellte mir der Kommandeur die Wahl der Garnison frei. Ich entschied mich für K. Am 6. Mai 1892 bei schönstem Schneetreiben traf ich beim Regiment ein und wurde der x. Kompanie zugeteilt. Der Feldwebel war als ehemaliger Gymnasialabiturient (!) ein prächtiger Mann. Unnachsichtig streng, unbestechlich, gerecht selbst dann, wenn er dem Kampagniechef entgegentreten mußte. Telegraphisch meldete ich mich bei meinen Eltern, und zwei Tage darauf trafen reichliche Mittel zu meiner Ausstattung ein. Am 7. Mai früh wurde ich meinem Hauptmann G. vorgestellt, der mich als »Menschen, der sich der Dienstpflicht entziehen [49] wollte,« apostrophierte. Ich verwahrte mich entschieden dagegen und versprach, den Herrn Hauptmann in Kurzem eine bessere Meinung von mir fassen zu machen. »Wir werden ja sehen!« ? Na, schön war der Empfang nicht. ? Nach 11 tägiger Spezialdrillung durfte ich aber doch schon in die Front eintreten und das Bataillonsexerzieren mitmachen. Vier Tage später ward ich Flügelmann der Kompagnie, 5 cm größer als mein Nebenmann! Nach dem ersten Manöver wurde ich Gefreiter, nach 11 Monaten Unteroffizier, holte mir eine Schießauszeichnung und war mit einem Wort enfant gaté des gestrengen Herrn Hauptmanns. Auf Zureden des Zahlmeisters meines Bataillons kapitulierte ich, um eventuell selbst Zahlmeister zu werden. Nach dem zweiten Manöver wurde ich vom Bataillon zur Anlernung und vorläufigen Stellvertretung des Bataillonsschreibers ? zum großen Verdruß meines Hauptmanns, der »Tintenlecker« nicht leiden mochte ? kommandiert. Im November 1893 trat mein Feldwebel in den Zivildienst, und ich wäre auf des Hauptmanns Wunsch in seine Stelle gerückt, wozu aber meine 18 monatige Dienstzeit doch gar zu kurz war. Heftig fuhr mich der Chef an: »Warum haben Sie auch noch keine zwei Jahre hinter sich! Aber natürlich, Ihr Tintenlecker könnt weiter nichts, als einem das Leben schwer machen!« Seit dieser Stunde ward mein bisheriger Protektor mein bitterster Feind. Zur Zahlmeisterei ging ich nicht, denn meine erste Information, die ich quasi privatim von dem Herrn Zahlmeister erbat, gipfelte in seiner Erklärung: »Ja, das ist Vorschrift!« Nee, danke! Schablonenmensch mag werden wer kann, ich nicht! Im Februar 1894 wurde ich etatsmäßiger Bataillonsschreiber, und in kurzer Zeit stand ich in Bezug auf Arbeitserledigung als Muster vor den Kameraden und war gleich angesehen bei meinem Bataillons- und dem Regimentskommandeur. ? Zum Unglück erzielte ich dann im Sommer beim Unteroffizierspreisschießen als drittbester Schütze im Regiment wieder einen Vorrang, was mir seitens meines gerechten Hauptmanns die Anerkennung: »Das ganze Jahr sieht man so'nen Kerl nicht im Dienst, und dann kommt er und schießt einem die Preise weg. Der T ..... soll den Tintenlecker holen!« und einen echten Haß zutrug, dem Ausdruck zu geben, sich später Gelegenheit fand. An Stelle des zur Kriegsakademie kommandierten Bataillonsadjutanten trat ein sehr junger, sehr wohlhabender Herr, der ein Jahr lang à la suite des Regiments gestanden und während dessen eine Bummeltour durch Mexiko gemacht hatte. Seine Dienstkenntnis belief sich auf süperbes Reiten, tadellose Umgangsformen (mit Gleichgestellten) und in puncto Erledigung schriftlicher Arbeiten erhebliche Begriffsstützigkeit! Zum großen Gaudium des Herrn Regimentsadjutanten [50] kam daher Herr Leutnant Cl. mit seinem K. niemals aus. Eines Tages hielt er mir eine wohlgefügte Standrede, die mit dem Urteil schloß: »Sie müssen immer bedenken, daß Sie nur ein ganz gewöhnlicher Unteroffizier, also ein ungebildeter Mensch sind!« »Verzeihung, Herr Leutnant! Abgesehen vom Standesunterschiede glaube ich, daß der Unterschied zwischen uns beiden nur der ist, daß ich mir die gleiche Bildung wie Sie nur ein paar Jahre früher erworben habe!« Das war frech, aber nur dem Grade meiner Gereiztheit entsprechend, und Leutnant Cl. unterließ es, dem Herrn Major den Vorfall zu melden. Aber die Rache schläft nicht! Am drittletzten Tage des 94er Manövers ging beim Bataillon ein Schreiben ein, daß am nächsten Morgen früh 8 Uhr beim III. Bataillon eintreffen sollte. Mittags schickte ich unter anderen dieses Zirkular ins Quartier des Herrn Adjutanten zur Unterschrift. Der Herr Leutnant geruhten aber zu ruhen, und endlich abends 6 Uhr konnte ich das Schreiben expedieren. Das III. Bataillon lag in einem von unserem Quartier etwa 9 km entfernten Orte, weswegen ich unseren Postagenten selbst aufsuchte und fragte, ob das Schreiben bis zum nächsten Morgen 8 Uhr dem III. Bataillon zugestellt würde. »Jawohl, schon vorher.« Als ich am letzten Manövertage nachmittag mit dem Stabswagen in unserer Einbarkierungsstation einrückte, wurde ich sofort zum Regimentsadjutanten geholt. Das Schreiben war bis zur Stunde noch nicht an das III. Bataillon gelangt! Ich gab den Sachverhalt an, der Regimentsadjutant schimpfte auf die Postschlamperei. Mit der ersten Post, die am folgenden Tage in der Garnison empfangen wurde, bekam auch das III. Bataillon sein Schreiben. Rückfrage bei der Post ergab, daß qu. Postagentur nicht über die Behandlung der Poststücke informiert sei, daher auch nicht wußte, daß alle von dem Postwagen gesammelten Sendungen der zuständigen Direktion zugeführt und von dieser erst verteilt wurden. Mittags abgeliefert, wäre die Bestellung am nächsten Morgen erfolgt. Der Herr Adjutant gab an, das Zirkular erst nachmittags bekommen zu haben, und mutete mir zu, daß ich der Versicherung des Postagenten nicht hätte glauben, sondern die Radfahrerordonanz in sinkender Nacht auf bergiger Schwarzwaldstraße mit dem Schreiben hätte absenden sollen. Mein Bataillonskommandeur war beurlaubt, sein Stellvertreter, überzähliger Major und Intimus meines Hauptmanns, verdonnerte mich ungehört nach Mitteilung an meinen Hauptmann zu 8 Tagen Kasernarrest! Vom Kompagniechef erhielt ich dazu Urlaubsverweigerung auf drei Monate. Ich hatte berechtigten Grund zur Beschwerde. Aber wie sie anbringen? Um mich über den Hauptmann zu beschweren, hätte ich des Bataillonskommandeurs [51] bedurft, der ja mit jenem im Einverständnis stand. Um mich über den Major zu beschweren, des Hauptmanns; ich drehte mich also im Kreise. Nun blieb mir freilich noch ein Weg: der Kompagniefeldwebel mußte meine Beschwerde über beide Herren dem Regiment vorlegen. Dieser war aber ein rückgratloser, wegen seiner Unfähigkeit sehr wacklig stehender Untergebener des Chefs, der nicht wagte, den von mir erbetenen Schritt zu tun. Neben meinem Bataillonsschreibergeschäft war ich noch Menagebuchführer und kam infolgedessen abends selten vor 8 Uhr aus der Kaserne. Ja blieb mir denn für den Besuch im Hause meiner späteren Schwiegereltern und für die »Merhensja« ? Stammtischvereinigung verschiedener Staatsbeamter und Kaufleute ? doch gar zu wenig Zeit. Da kam mir eine Dienstvorschrift zu statten: »In Behinderung des Kompagniechefs kann der Bataillonsadjutant als direkter Vorgesetzter des Bataillonsschreibers diesem Urlaub bewilligen!« Leutnant Cl., der längst bereute, mit mir nicht immer Frieden gehalten zu haben, signierte anstandslos meine Pässe. Aber ? der Krug geht eben nur solange zu Wasser, bis er bricht! Ende November mußte der Herr Adjutant einige Tage »Schmücke Dein Heim!« machen. Die zu expedierenden Schriftstücke schickte ich ihm durch die Ordonnanz, in derselben Mappe auch einen eventuellen Urlaubspaß. Da kam eines Tages der Herr Major etwas früher ins Bureau, nahm der zurückkommenden Ordonnanz die Unterschriftsmappe ab, auf deren letzter Seite wieder ein Urlaubspaß für mich lag. Zwar glaubte ich die vorgenommene Eskamotage gelungen, doch die Augen des Herrn Kommandeurs hatten doch recht gesehen. Auf seine Frage gab ich ihm wahrheitsgemäß Antwort. Der Herr Major bedeutete mir, daß solche Hintertüren nicht nach seinem Wunsche wären, daß er aber mit Hauptmann G. wegen Zurücknahme seiner rigorosen Urlaubseinschränkung mir gegenüber sprechen wolle. Das geschah während der Paroleausgabe, wo die Bataillonsadjutanten, -Schreiber und sämtliche Feldwebel um den Regimentsadjutanten geschart und immer viel Offiziere zugegen sind. Ich hörte, wie der Herr Major meinem Hauptmann ruhig meinen Winkelzug mitteilte und wegen der überflüssigen Urlaubsbeschränkung anfaßte. »Entschuldigen, Herr Major! ... Feldwebel! Nehmen Sie dem Unteroffizier K. sein Seitengewehr ab und führen Sie ihn sofort auf fünf Tage in Arrest!« Sein Haß hatte endlich das Ziel gefunden. Im Oktober hatte ich mich mit meiner jetzigen Frau verlobt und plante, nach Ablauf der Kapitulation (1. Oktober 1898) beim Oberhofmarschallamt Sr. Maj. des K.s einzutreten, wozu mir meines Vaters Stellung verholfen hätte. ? Heute wäre ich Hofrat anstatt [52] Sträfling! ? Das war durch diese Arreststrafe vorbei. Die Strafe selbst war ja berechtigt; die Art meiner Verhaftung aber so schimpflich, daß ich sann und sann: wie kommst du von diesem G. los? Gleich nach beendeter Parole kam der Feldwebel wieder zu mir und teilte mir mit, daß ich auf Verlangen des Hauptmanns nach verbüßter Strafe in die Front zu treten habe. ? ? Das fehlte noch. ? ? An Desertion dachte ich, verwarf aber sofort den aufsteigenden Gedanken; eidbrüchig wollte ich nicht werden. Schließlich fiel mir etwas ein, das mußte glücken. Daß ich dabei übersah, welches moralische Zeugnis ich mir selbst damit ausstellte, beweist nur zu gut, wie verkommen das echte Ehrgefühl in mir war. Ich hatte einige Monate vertretungsweise auch die Kantinenbuchführung usw. besorgt, u.a. einem reisenden Zirkus aus der Kantinenkasse 18 Mk. und etliche Pfennige gezahlt, den Betrag richtig verbucht, aber versehentlich die Quittung nicht zu den Belegen genommen. Als ich sie nach längst erfolgter Übergabe des Kantinengeschäftes in einer Rocktasche fand, zerriß ich sie einfach. Dieser Umstand mußte mir dienen. Nach Ablauf der fünf Tage sollte ich als Stubenältester und Korporalschaftsführer eine Mannschaftsstube beziehen und nachmittags schon Dienst tun. Statt dessen steckte ich mich in den Ordonnanzanzug, ging zum Bataillonsadjutanten als untersuchungsführenden Offizier und bezichtigte mich der Unterschlagung obiger 18 Mk. Der sah mich an und sagte, das solle ich einem anderen weiß machen. Ich drang aber in ihn, er ging sofort ins Kasino und benachrichtigte den dort befindlichen Major. Frh. R. von C. kam: »Sie, K., wollen 18 Mk. unterschlagen haben.« »Jawohl, Herr Major!« ? »Machen Sie doch keine Flausen. Sie haben monatlich regelmäßig ihren Zuschuß von Hause bekommen, haben mit den Nebeneinkünften an 50 Mk. Sold und machen doch keine Spünge. Also was ist's?« »Herr Major, ich habe nicht als Frontunteroffizier kapituliert und gehe bei Herrn Hauptmann G. anders einem Höllenleben entgegen. Ich muß die sofortige Aufhebung meiner Kapitulation erzwingen und bitte deshalb, meine Beschuldigung gelten zu lassen!« Das Fehlen des Belegs in den Kassepapieren wurde festgestellt. Trotzdem wollte der Herr Major nichts von einer Untersuchung gegen mich wissen. Ich war aber so verrannt in meine Freiheitsidee, daß ich nicht nachgab, bis ich mich als Untersuchungshäftling beim Arrestaufseher melden durfte. Bei der ersten Vernehmung durch den Adjutanten des III. Bataillons ? der des meinigen hatte sich als »befangen« erklärt ? gab ich dann auch, wenngleich wahrheitsgemäß, so doch überflüssig an, daß ich vorbestraft sei. Die notwendigen, schließlich doch zu meinem Erstaunen negativ endenden [53] Recherchen zogen die Untersuchung bis zum Jahresschlüsse hin. Am 31. Dezember 1894 wurde ich zu 3 Wochen Mittelarrest, Degradation, und da ich »angeblich« vorbestraft sei, mit Versetzung in die 2. Klasse des Soldatenstandes bestraft. Letzteres hatte ich nicht vor ausgesehen; es traf mich bitter. Durch Allerhöchste Kabinettsordre vom 18. Januar 1900 ward ich rehabilitiert. Am 12. Januar 1895 wurde ich entlassen. Sechs Monate später traten in K. die Gläubiger des Hauptmanns G. zusammen und verlangten Begleichung seiner ? allerdings von seiner englischen Frau kontrahierten ? Schulden in Höhe von einigen 60000 Mark! Bald darauf »wurde er abgegangen«. Als ich diese Nachricht bekam, verzieh ich dem Manne alles; denn wer solche Last auf seinem Nacken hat, kann unmöglich gegen andere gerecht sein. Sein Pollux, Major A., erhielt am 1. Oktober 1895 einen »Ruheposten« als Schießplatzverwalter in H., Els. Er wütete zwar, mußte aber gehen. Jahr und Tag blieb ich noch in K. und betrieb erst Jalousieen- und Rollläden-, später (nach fachmännischer Ausbildung in Dresden) Gasglühlichtinstallation. Damit verdiente ich zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig, und als Auer seinen Apparatpreis plötzlich von 9 auf 5 Mark herabsetzte, verlor ich alles, was ich hatte. Nun wandte ich mich wieder an die D.L.-Gesellschaft nach B., wurde sofort engagiert und reiste Ende Januar 1896 in Begleitung meiner Braut, die bei meinen Eltern norddeutsche Haushaltung lernen sollte, nach B. Am 1. Februar trat ich bei der D.L.G. an, Mitte März wurde ich vor die Kriminalpolizei zitiert und wegen der Wechselfälschung von 1890 verhaftet. T., auf den ich mich als Entlastungszeugen berief, war damals in Budapest. Er wurde dort kommissarisch vernommen und sagte ? in der Meinung, es handle sich um Bezahlung der 500 Mark ? aus, er wisse von nichts. Am 15. Juli 1896 wurde ich zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt, die ich als Schreiber der Weiberabteilung im Untersuchungsgefängnis Moabit verbüßte. V., der später wegen Verleitung vor Gericht stand, wurde als unzurechnungsfähig erklärt. T. wegen seines falschen Zeugnisses zur Bestrafung ziehen, kann ich mangels Zeugen und auch wegen der Nutzlosigkeit für mich nicht. Wie furchtbar ich während der Strafzeit litt, ist denkbar, wenn ich sage, daß ich fürchtete, meine Braut würde sich von mir wenden. Es geschah Gott sei Dank nicht. Am 15. Januar 1897 kam ich zur Entlassung. Am 1. Februar trat ich bei einem Tapetengeschäft als Geschäftsführer ein, mit der Absicht, das Geschäft später in Gemeinschaft mit einem Fachmann zu erwerben. Als ich Ende April Einblick in die Bücher verlangte ? das Geschäft ging wenig vertrauenerweckend[54] ? und dieser mir verweigert wurde, kam es zum Bruch. Im nächsten Monat fallierte der Inhaber. So stand ich in meiner jungen Ehe, die am 29. März 1897 geschlossen wurde, zum ersten Male stellungslos da. Am 25. Mai wurde ich jedoch schon wie der engagiert und zwar als Buchhalter bei den Stahlbahnwerken Fr. u. Comp. Während meiner 5wöchigen Probezeit sollte ich nur 125 Mk. per Monat bekommen, doch schon nach 14 Tagen wurden mir 140 Mk. zugebilligt. Ab 1. Januar 1898 bekam ich 150 Mk. monatlich. Am 11. Januar wurde unser erstes Kind geboren. Um die größeren Anforderungen decken zu können, betrieb ich mit Erlaubnis meiner Chefs nebenher Gasglühlichtinstallation. ? Im Laufe des Jahres rückte ich zum 1. Buchhalter vor, machte die gesamten Buchungsarbeiten für die gegen Ende des Jahres vorgenommene Umwandlung der Kollektivfirma in eine Aktiengesellschaft, wobei ich mir manche Nacht »um die Ohren schlagen« mußte. Am 1. Januar 1899 ward die Aktiengesellschaft aktiv und ich zum Chef der Gesamtbuchhaltung mit 200 Mk. Monatsgehalt ernannt. Ein aus früheren Zeiten noch nicht aufgeklärter Bilanzfehler über 3700 Mk. sollte nun mit Gewalt entdeckt werden. Ihm wandte ich jede freie Stunde und viele Abende zu. Da niemals von einer Entschädigung die Rede war, ging ich eines Tages zum Direktor Fr., diesen Punkt zu ventilieren. Wir kamen überein, daß mir 1/2% vom Reingewinn der A.-G. pro 1899 werden sollte. Im Sommer wurde ich stark neurasthenisch, sollte einige Zeit ausspannen, doch verweigerte mir Direktor Fr. jeden Urlaub. ? Der Fehler fand sich nicht. Da mir Fr. eines Tages in der Konferenz höhnisch sagte: »Wir werden einfach einen gerichtlichen Bücherrevisor kommen lassen, der wird Ihnen den Fehler in einer Stunde zeigen«, ließ ich telephonisch den renommiertesten dieser Herren zu einer Revision bitten. Er sagte für denselben Abend zu. Davon machte ich Direktor Fr. Mitteilung, der zwar ein dummes Gesicht machte, schließlich aber versprach, er werde sich ebenfalls einfinden. Der Revisor kam, fragte mich nach Sachverhalt und den bereits getanen Schritten. Auf meine Antwort lachte er: »Was soll ich denn da noch?« Zugleich trat Direktor Fr. in mein Zimmer. Ich stellte den Revisor vor, der dann sofort Fr. sagte, daß alles, was meinerseits geschehen sei, der einzig mögliche Weg zur Findung des Fehlers sei. Fr. meinte: »Na, ich meine, Sie haben doch Routine im Fehlerfinden.« »Schön, Herr Direktor, ich werde mein Heil versuchen.« Direktor Fr. verschwand. Der Revisor arbeitete fast zwei Stunden und sagte schließlich: »Das ist ja höherer Selbstmord. Setzt die Geschichte doch einfach ins Reservekonto.« Das war mein Wille [55] längst, aber nicht nach Frs. Geschmack, der dann ja viel eicht ein paar hundert Mark weniger Dividende eingestrichen hätte! Nun, der Spaß mit dem Revisor kostete 40 Mk. und Fr. ließ mir zunächst meine Ruhe. Dann suchte er mich einmal in stiller Stunde auf, klapperte widerwärtiger Gewohnheit gemäß mit dem Geld in seiner Tasche und sagte: »Na, ich meine, der Fehler ist doch zu finden. Ich meine, es soll mir ja nicht darauf ankommen, Ihnen ein paar hundert Mark extra zu zahlen ......« »Herr Fr., ich glaube Ihnen bewiesen zu haben, daß ich mir meiner Pflicht durchaus bewußt bin. Ihr Geld imponiert mir nicht, und ich kann daher auch die Entdeckung des Fehlers weder beschleunigen noch gar etwa herbeiführen!« Nun meinte er des Langen und Breiten, was ihn zur Gründung der Aktien-Gesellschaft veranlaßt habe, wie er sich allmählich von seinem Aktienbesitz befreien werde usw. Ich staunte. Was war denn dem? Tags darauf ließ mich der Direktor unserer Finanzierungsbank zu sich bitten und befragte mich über die Fehlergeschichte. Der Schluß war, der Posten sollte als auf altes Reservekonto gehörig von den früheren Inhabern der Firma gedeckt werden. ? Darauf wurde ich von der Direktion mit dem Auftrage überrascht, bis 1. Januar 1900 für Süddeutschland eine neue Filiale der Aktiengesellschaft mit dem Sitze M. zu errichten und deren Leitung zu übernehmen. Bedingungen: Fixum wie bisher, 71/2% Tantieme vom Reingewinn, Jahresvertrag. Direktor Fr. schloß: »Na, ich meine, vorläufig werden ja nicht mehr wie 6000 Mk. jährlich für Sie herauskommen, aber Sie wissen ja, was die anderen Filialleiter haben!« Und ich nahm an. Hatten doch z.B. die Herren in Leipzig und Köln pro 1899 allein an Tantiemen 17000 bezw. 28000 Mk. eingestrichen! ? Jawohl, aber die Glanzperiode ging leider mit Riesenschritten zu Ende! Mit Rücksicht auf die glänzende Zukunft bewilligte die Direktion nur Tragung der halben Übersiedlungskosten. Am 27. Dezember 1899 kam ich definitiv in M. an; Frau und Kind fuhren bis nach Eintreffen der Wohnungseinrichtung nach K. An den Verkauf meines immer noch nebenher geführten Installationsgeschäftes war wegen Kürze der Zeit nicht zu denken, zudem hatte das Sprichwort von den »zwei Herren« Recht behalten, und ich zog nach M. mit mehr als 1000 Mk. geschäftlichen und ca. 400 Mk. Privatschulden. Dazu traten nun noch fast 200 Mk. als mein Anteil an den Übersiedlungskosten und im April nach Beziehen der vorher nicht frei gewordenen Bureau- und Wohnräume für deren nötige Ergänzungsausstattung ca. 600 Mk. Privatvermögen hatten wir längst nicht mehr, aber das Geschäft ließ sich gut an, und die 1899er Tantieme betrug [56] nach der Bilanz über 1400 Mk. Ich zahlte also meine Schulden bis auf 400 Mk. und rechnete im übrigen mit der 1900er Tantieme. Als ich aber die 1899er Tantieme forderte, machte Direktor Fr. erst Ausflüchte, schließlich bestritt er sie mir ganz. Freilich, ich hatte einem schlechten Menschen auf sein Wort vertraut. Das darf man nicht!! Im zweiten Quartal verlor ich durch Bummelei der Berliner Zentrale meinen besten bayerischen und den besten württembergischen Kunden, dazu schwollen die Selbstkostenpreise, die B. mir berechnete, derart an, daß ich gegenüber der Konkurrenz glatt auf dem Trocknen saß. Diesbezügliche Vorstellungen trugen mir die gröbsten Vorwürfe ein. Richtig wäre gewesen, wenn ich der Direktion die Filiale vor die Füße geworfen hätte; aber ich war ja durch die vorentnommenen Gelder geknebelt! Die unglaublich ? wenigstens für den an B.er Verhältnisse gewöhnten ? hohen Lebensmittelpreise, die endlosen Festtage, die Gewohnheit des Wirtshauslebens taten auch das Ihrige, um das in die Kasse gerissene Loch immer größer zu machen. Als Repräsentant einer der bedeutendsten Firmen der Branche durfte ich weisungsgemäß nur in ersten Hotels wohnen, mußte dementsprechend gekleidet gehen. Dabei gingen durchschnittlich wieder mehr als die von B. bewilligten Reisespesen von 10 Mk. pro Tag auf, und die halbe Zeit brachte ich sicher auf Reisen zu. Reichte ich meinen monatlichen Kassenauszug ein, so gab's seitenlange Nörgeleien. Schließlich nahm ich erfolglose Reisen und ähnliche Ausgaben vorläufig auf meine Kasse, um bei besserem Geschäftsgang Nachrechnung zu machen. ? Gegen Schluß des Jahres fielen plötzlich die Materialpreise derart, daß ich an meinem lumpigen Lager im Erwerbswerte von ca. 140000 Mk. volle 18000 Mk. abschreiben mußte. Adieu Geschäftsgewinn; adieu Tantieme! Nun hieß es, immer das alte Loch mit dem Gelde aus einem neuen stopfen; dabei bröckelt aber bekanntlich immer mehr ab. Als ich im März 1901 einmal den Mut fand, an eine Zusammenstellung zu gehen und eine Summe von fast 8000 Mk. fand, erschrak ich aber doch gewaltig. Wohl hatte ich täglich, ja stündlich zu Gott dem HErrn gebetet, Er wolle alles zum guten Ende führen, doch hatte ich auch täglich, ja stündlich nur immer getan, was mir gerade gefiel. Meine Frau hatte von allen meinen Sorgen keine Ahnung. Sie ließ ich mit dem Kinde am 25. März zum Geburtstag meines Vaters und zur Taufe des ersten Sprößlings meines Freundes nach B. fahren. Am Charfreitag wollte ich zum hl. Abendmahl gehen und wäre am liebsten vorher zum Herrn Pfarrer Br. in eine Privatbeichte gegangen, doch die falsche Scham hielt mich zurück. So ging ich denn am [57] Charfreitag früh in der Meinung, daß vor dem hl. Abendmahl Beichte und Absolution stattfände, wie ich's von B. her gewöhnt war, in die Matthäuskirche. Bald erkannte ich, daß die Beichte wohl schon am Vorabend erfolgt war, genierte mich aber, die einmal betretene Kirche unverrichteter Dinge zu verlassen und empfing zur Krönung meiner Schlechtigkeit das hl. Abendmahl wohl reuigen und bußfertigen Herzens, wohl mit der Absicht gründlicher Besserung, aber doch ohne empfangene Absolution! So mußte es kommen! Anders gäbe es ja keinen gerechten Gott mehr! Am 24. April war uns ein Knabe geboren worden, den uns der liebe Gott jedoch schon am 26. Mai nach Tags vorher empfangener Nottaufe wieder nahm. Er starb an Rotlauf. An seinem kleinen Sarge gelobte ich im Stillen, mein Leben so zu bessern, daß ich die mich damals schon drückenden Sorgen abwerfen könne. Gelobt habe ich alles; gehalten nichts! Mußte da Gott nicht mit eiserner Rute dreinfahren? Die Osterfeiertage wollte ich benutzen, um einen mir befreundeten Ingenieur in K. wegen eines Darlehens in Höhe der meiner Kasse fehlenden Summe anzugehen, fuhr auch hin, fand aber nicht den Mut, meine Bitte vorzubringen. Und es war gut so. Meine Abwesenheit hatte ein mir von B. mitgegebener junger Mann ? C. ?, der genau in meine Lage eingeweiht war, da er fast ständig mit mir und in meinem Hause verkehrte, benutzt, um seine Befürchtung, ich möchte schließlich noch tiefer in Verlegenheit kommen, nach B. zu melden. Am Osterdienstag früh rief mich B. telephonisch an. Der Syndikus fragte nach dem wahren Stande der Kasse. Ich gestand das Defizit. Das war am 9. April. Nun war ich fertig. Wohl hatte ich der Aktien-Gesellschaft im Versicherungswege 15000 Mk. Kaution gestellt; aber würde man nicht sagen, weil ich mich dadurch gedeckt glaubte, hätte ich mich an der Kasse bereichern wollen? Ich ging in meine Wohnung, nahm Herrn C. mit, dem ich einen Brief an meine Frau geben wollte, um mit mir sodann durch Erschießen ein Ende zu machen. Der junge Mensch durchschaute mich wohl, denn in rührender Anhänglichkeit, die mir übrigens sowohl das Bureau- als auch das Lagerplatz- und Werkstättenpersonal bewies, ermahnte er mich, an Gott und meine Pflichten gegenüber meiner Familie zu denken und nicht etwa Hand an mich selber zu legen. »Was haben Sie denn getan?«, so schloß er, »haben nicht H. in C., H. in L., K. in H. (Filialleiter wie ich) früher dasselbe getan, aus späteren Einkünften die bona fide entnommenen Summen [58] gedeckt und sind heute noch in Amt und Würden? Ja, das weiß Gott; bona fide, durch ordnungsmäßige Berechnung zu gelegnerer Zeit die für das Geschäft verbrauchten Summen und durch Rückstellung meiner Tantiemen die privatim gebrauchten Gelder ersetzen zu wollen und zu können, hatte ich die Last auf mich genommen.« Am 10. April traf der Syndikus, ehemaliger kaiserlicher Amtsrichter F. in M. ein, nahm unter der Versicherung, daß die Gesellschaft keine strafrechtliche Verfolgung beabsichtige, mit mir ein Protokoll auf, wonach ich die ganze Summe als veruntreut gelten ließ und mich jeder Ansprüche an die Gesellschaft bar erklärte. Was blieb mir übrig als zu unterschreiben? Streit und Staatsanwalt oder Ruhe und die größere Schuldenlast. Der Vertreter der Versicherung wurde ebenfalls herbeigeholt, dessen unverschämte Äußerungen, wie »lukrative Gaunerei« u. dgl. er sich nicht nur von mir, sondern auch von dem Syndikus zurückgewiesen zu sehen, gefallen lassen mußte. Meine telegraphisch zurückgerufene Frau kam am 11. April abends an. O wie war mir das Herz schwer, ihr alles sagen zu müssen! Was antwortete sie mir? »Gott sei Dank, daß es so gekommen ist. Du schindest und plagst Dich für andere halb tot, läßt Holz auf Dir hacken, und die freuen sich, daß sie einen Dummen haben, der nur einen Lohn bekommt und für dreie arbeitet!« Am 15. April bezogen wir eine andere Wohnung mit der Absicht, vorläufig zwei Zimmer zu vermieten, bis unsere Lage wieder gebessert sei. Ich suchte lange vergeblich nach einer Stellung, endlich Mitte Mai boten sich mir zwei zugleich. Am Samstag, den 17. Mai, fuhr ich wegen einer ganz annehmbaren Stelle nach Pl., einem M.er Vorort, wurde angenommen und sollte am 20. antreten. Heimkehrend fand ich einen Brief der Stahlbahnwerke, in welchem ich aufgefordert wurde, binnen 8 Tagen 1500 Mk. für beiseite geschaffte Lagermaterialien an die Direktion zu zahlen, andernfalls die ganze Sache der Staatsanwaltschaft übergeben werde. Da ich jedoch keine einzige Schraube zu meinem Vorteil vom Lager genommen hatte, sah ich darin lediglich einen Erpressungsversuch und sagte meiner Frau, auf solche Art würde der gemeine Fr. uns schließlich verfolgen, solange wir auch nur noch einen Knopf besäßen. So beschlossen wir denn, unsere Wohnungseinrichtung en bloc zu verkaufen und nach Zürich zu gehen. Wir wurden notgedrungen mit einer Aufkäuferin über die Summe von 1700 Mk. ? für unsere über 4000 Mk. bewertete Einrichtung! ? einig unter der Bedingung, daß ein Bekannter von uns ihr das Mobiliar sofort gegen Ratenzahlung abnähme, der uns seinerseits noch 300 Mk. zahlen sollte. Um uns ein Unterkommen [59] in Zürich zu beschaffen, reiste ich am 21. Mai abends ab meine Frau ließ sich von der betrügerischen Aufkäuferin, die sich jedenfalls hinter unsern Bekannten gesteckt hatte, übertölpeln, der Bekannte machte unter dem Vorwande der Bedenklichkeit sein Versprechen rückgängig und meinem armen Weibe nahm die Bande um 1700 Mk. nicht nur das Mobiliar, sondern auch um mindestens 600 Mk. von uns vorbehaltene Sachen ab. 2 Kisten mit Wäsche usw. behielt unser Bekannter in Bewahrung. Als wir uns diese später nach Z. schicken ließen, fehlte auch davon ein beträchlicher Teil! In Zürich richtete sich meine Frau ein kleines Weißwarengeschäft ein, während ich als Stundenbuchhalter und mit Klavierspielen einiges verdiente. Am 22. Oktober eröffnete ich für einen Zigarrenimporteur ein feines Detailgeschäft, das sich, trotzdem ich noch nie serviert, noch nie ein Schaufenster dekoriert hatte, recht gut anließ. Nur war meine Nationalität den Freunden des Herrn Spr. ein Dorn im Auge. Ich erbot mich daher, meinen Platz zu räumen, doch hielt mich Spr. fest, da ihm meine Rohtabakskenntnisse ? Reminiscenzen an Amsterdam ? und die ganze Art meiner Geschäftsführung imponierten. Im November schaffte er eine amerikanische Kontrollkasse an. Unser persönlicher Verkehr war ein direkt freundschaftlicher. Um so erstaunter war ich, als Herr Spr. am Abend des 28. Dezember einen guten Kunden von mir, einen Dr. juris, mit dem ich privatim verkehrte, anhielt und ihn fragte, wann er zum letzten Male ? der Herr ließ immer einige Zeit anstehen ? seine Rechnung und mit welchem Betrage bezahlt habe. Der verwies Spr. an mich und verließ den Laden. Ich gab die Auskunft; Spr. sagte, es sei doch wunderbar, daß die Kontrollkasse von dieser Einnahme von ca. 23 Frcs. nichts wisse. Meine Entgegnung, da müsse sich Herr Spr. wohl irren, oder ob er etwa meine, ich hätte mich an seinem Eigentum vergriffen, beantwortete er mit den Worten: »Sie werden staunen, was Ihnen die Kasse noch alles beweist!« Sp. trat vor die Tür, winkte und ? es erschienen 3 Kriminalbeamte, mich unter dem Vorwande ich habe mittelst Nachschüssel die Registrierungen der Kasse verhindert, bezw. nach Belieben verändert, verhaftend. Ich war betäubt! Ich erbot mich, da mein Gewissen durchaus rein war, man möge mich sofort körperlich und meine ? gerade an diesem Tage gewechselte ? Wohnung durchsuchen. Es geschah, natürlich erfolglos. Unter den Briefschaften, die ich bei mir trug, fand sich auch ein Schreiben jener Kautionsversicherungsgesellschaft, in welchem sie mich um Mitteilung meiner Lage, unter dem Rubrum »Schaden K« ersuchte. Während der Nacht wurde ich ins Polizeigefängnis gebracht. Der nächste Tag [60] war Sonntag. Am Montag wurde ich von einem Kommissär vernommen und mußte auch eine Erklärung über »Schaden K« geben. Am Dienstag wurde ich in das Untersuchungsgefängnis gebracht, wo mich meine Frau schon erwartete. Sie war unerschüttert, hatte aber die eben erst bezogene neue Wohnung wieder geräumt und war im Begriff, nach K. zu ihrer Mutter zu gehen. Nach kurzer Vernehmung durch den Bezirksanwalt wurde ich dann in eine Zelle gesperrt. Solange ich verhaftet war, hatte ich weder gegessen noch getrunken, hatte auch gar kein Bedürfnis danach. Am 2. Januar 1902 wurde ich erneut vor den Untersuchungsrichter geführt, um der Vernehmung des Herrn Spr. beizuwohnen. Auf meinen Antrag mußte die Kasse herbeigeschafft werden. 12 Belastungszeugen bot Spr. auf, die nacheinander am 2. und 3. vernommen wurden. Alle ohne Ausnahme sagten aber zu meinen Gunsten aus. Nach langem Hinziehen brachte Spr. dann auch die Kontrollstreifen zur Kasse; die durch Unentschlossenheit des Dr. jur. in zwei Teilen vereinnahmten 23 Frcs. ? welches Umstandes ich schon im 1. Verhör erwähnt hatte ? wurden nachgewiesen. Darauf fertigte der Untersuchungsrichter Herrn Spr. ziemlich barsch ab. Nun suchte dieser immer nach neuen Behauptungen, bis er schließlich soweit war, daß ich eben Nachschlüssel für sämtliche 6 Vorrichtungen der Kasse haben müsse. Auf mein Verlangen mußte Spr. schließlich eine Inventur aufnehmen und lieferte diese, mit einem Fehlbetrag von 230 Frcs. schließend, am 6. mittags ab. Ein Blick in diese Inventur genügte mir, um zu sehen, daß Spr. von der korrekten Anfertigung einer solchen keine Ahnung habe. Das erkannte nach kurzer Erläuterung auch der Untersuchungsrichter. Er telephonierte Spr. sofort vor ihm zu erscheinen, widrigenfalls er mich, da nicht der geringste Schein einer Unrechtmäßigkeit gegen mich vorläge, entlassen müßte. Spr. kam nicht. Abends 6 Uhr war ich frei, nachdem ich mich aus freien Stücken erboten hatte, am nächsten Tage die von Spr. gemachte Inventur, unter Annahme richtiger Vorräteaufnahme, nachzurechnen. Dabei stellte ich einen Fehlbetrag von über 500 Frcs. fest. In dem auf Befehl des Untersuchungsrichters angefertigten Resumee bewies ich 1. Sp.s Unfähigkeit zur einwandfreien Bilanzaufstellung und verlangte 2., daß in meiner und eines Gerichtsbeamten Gegenwart eine Neuaufnahme zu erfolgen habe, und 3. Spr. sofort die Erklärung abgeben solle, nach dem 28. Dezember 1901 keine Vorräte ohne Berechnung aus dem Laden entfernt zu haben. Spr. bekam entsprechende Weisung vom Gericht, der Termin für die Inventuraufnahme wurde auf Sonntag, den 19. Januar festgesetzt. Ich kam dazu von K. aus pünktlich vor Spr.s Laden an, ebenso ein [61] beauftragter Kriminalkommissar, nur Spr. kam nicht! Am Montag machte ich dem Untersuchungsrichter davon Meldung und wurde von ihm mit der Versicherung entlassen, in Bälde von der Staatsanwaltschaft offizielle Benachrichtigung bezw. Bestätigung meiner Schuldlosigkeit zu erhalten. Eine Entschädigung von gerichtswegen konnte mir wegen meiner Vorstrafen nicht zugesprochen werden, doch würde mir im Zivilwege eine solche sicher zuteil werden. So schwebt mein Anspruch gegen Spr. noch heute; denn erst am 25. März 1902 ging mir qu. Bestätigung von der Züricher Staatsanwaltschaft zu, und am 27. wurde ich eingezogen. Bis zum 11. März schrieb ich 298 Bewerbungsbriefe. Bis Ende Januar von K., dann von B. aus, während Frau und Kind noch in K. blieben. An etwa 60 Stellen mußte ich mich vorstellen. Da war ich dem einen zu alt, dem andern zu jung, da zu wenig branchekundig, dort zu schade usw. Ein Zeugnis über meine fast 4jährige Tätigkeit bei Fr. stellte mir der Syndikus aus. Bei dieser Gelegenheit sagte er mir, daß Direktor Fr. auf des Syndikus bezügliche Mitteilung an die Finanzbank über die »Mache« bei der Gründung 400000 Mk. Aktien habe zurückgeben müssen, daß Fr. den Filialen willkürlich hohe Selbstkostenpreise berechnet habe und mich seinerzeit nur aus B. entfernte, um einen gefügigeren Buchhaltungschef zu gewinnen. Dieser »Direktor« gehört ins Zuchthaus. Endlich landete ich bei der Verkaufsstelle der Deutschen K.-Gesellschaft als Bureauchef. Zunächst bis 1. April zur Probe mit 5 Mk. täglicher Entschädigung engagiert ? erhöhte der Chef bereits am 23. März meine Vergütung pro März auf 200 Mk. Ab 1. April sollte ich mit 250 Mk. monatlichem Gehalt angestellt und dieses bei weiterer Entwicklung am 1. Oktober auf 300 Mk. erhöht werden. Die Aussicht war schön; doch innerlich kam ich nicht zur Ruhe, obgleich mir Anfang Januar die Versicherungsgesellschaft schrieb, daß sie weder willens noch in der Lage sei, mir einen Stein in den Weg zu legen. Meine Familie kam nach B., wir mieteten ab 1. April eine sehr bescheidene Wohnung, die mit Hilfe meiner Eltern möbliert werden sollte, und dankten Gott, aus »dem Dicksten« heraus zu sein. Am Gründonnerstag mittags nach dem Essen ? wir logierten bei meinen Eltern ? sagte mir meine Frau, ich sei durch einen Boten zu einer kurzen Vernehmung auf das Polizeirevierbureau gefordert Mein Vater habe von dem Polizeileutnant nicht erfragen können, was meine Vernehmung bedinge. Ich ging hin, wurde in das Zimmer der Kriminalabteilung gewiesen und dort von einem mir privatim gut bekannten Beamten mit einem von der M.er Staatsanwaltschaft [62] in Sachen Fr. gegen mich erlassenen Haftbefehl bekannt gemacht. Er sagte mir, ein solcher Befehl sei schon vor 14 Tagen dagewesen, jedoch, da nur wegen eines Vergehens erlassen, meine Verhaftung abgelehnt worden. Nun lag er wieder vor mit der Beschuldigung eines Verbrechens der Urkundenfälschung! ? Hochachtung vor solchen niedrigen Mitteln! ? Entlassen konnte ich nicht wieder werden, doch wurden bereitwilligst meine Frau und mein Vater gerufen, um ihnen Lebewohl sagen zu können. Abends wurde ich dem Polizeipräsidium zugeführt, wo mich ? wenn ich mich nicht grob getäuscht habe ? der Bruder eines früheren Fr.schen Kollegen von mir als Polizeiassessor nochmals mit dem Inhalte des Haftbefehls bekannt machte, der die Überführung nach M. »im Wege der gewöhnlichen Gendarmerieeskorte« verlangte. »Selbstverständlich werden Sie von uns in unauffälligster Weise durch besonderen Ziviltransporteur befördert.« ? Hiermit schließe ich; denn sobald die bayrische Grenze erreicht war, verhütete nur meine Wohlanständigkeit, daß man mich nicht knebelte; im übrigen wurde ich behandelt wie irgend ein Strolch, auch anstandslos im Untersuchungsgefängnis in M. zunächst mit solchen zusammengesperrt. Wollte ich weiter erzählen, so müßte ich, um wahr zu bleiben, bittere Dinge über die Justiz in B. vorbringen. Am Schlusse dieser Darstellung meines schändlichen Lebenslaufes sei es mir gestattet, ein Fazit zu ziehen. Aus tiefstem Herzensgrunde danke ich dem allmächtigen Gott, daß Er mich noch der Rute wertgehalten und mir damit gezeigt hat, daß Er mich noch immer lieb hat. Mein ganzes Leben ist eine Kette von Beweisen, daß Gott der HErr mich nie verlassen, ja oft geradezu wunderbar beschützt hat, daß dagegen ich im Vertrauen auf meinen Christenstand meiner Christenpflicht stets vergaß. Ihr genügte ich ebenso wie Tausend andere es auch tun, und wie ich es ? wenigstens seit 1890 ? daheim sah: Morgens ein kurzes Gebet sprechen, mittags ebenso, abends hier und da desgleichen und alle 3?4 Wochen einen Kirchgang, dabei natürlich leben ad libitum mit dem Gedanken: der liebe Gott wird schon alles zu Deinem Besten lenken. Das hat Er auch getan, freilich anders, als ich's mir wünschte. Was habe ich Schlechtes getan? ? Gegen Gottes Gebote ohne Ausnahme aufs schwerste gesündigt. Nicht mit Absicht; wie ich auch in den von menschlichen Richtern verurteilten Fällen nie mit einem Gedanken die Absicht hatte, irgend jemand auch nur um einen Pfennig zu schädigen; aber leichtfertig, ehrvergessen. Was habe ich Gutes getan? ? Bewußt nichts weiter, als daß ich stets fleißig, unermüdlich, ja in meiner Gutmütigkeit über [63] meine Kraft gearbeitet und an meiner Fortbildung in den Wissenschaften, so gut ich es verstand, gearbeitet habe. Mein Leben als verpfuschtes zu bezeichnen, wäre grundfalsch. Verpfuscht ist nur, was nicht mehr in Ordnung zu bringen ist. Aber verfahren ist es. Im Sumpfe steckt mein Lebenskarren. Wie komme ich wieder auf gute Straße? ? Als Wegweiser soll mir Gottes Wille dienen, als Vorbild das Gebet, als Licht die Wahrhaftigkeit. Wie erreiche ich mein Ziel? ? In Deutschland nie! Einschließlich Gerichtskosten lasten auf mir nahezu 7000 Mk. Schulden, die ich gern bei Heller und Pfennig bezahlen will. Dazu bedarf ich aber der Ruhe zur Arbeit und der Vermeidung größerer persönlicher Ausgaben. Beides ist in Deutschland unmöglich! Um in gehöriger Ruhe arbeiten zu können, brauche ich nach meiner Gemütsveranlagung: Liebe, Achtung, Anerkennung. Das Fehlen einer dieser drei Faktoren legt meine Kraft vollständig lahm. Ich kann nicht als Geduldeter leben oder meine Arbeitsleistung wegen meiner Vergangenheit für ein Butterbrot verkaufen! Die besten Bedingungen finde ich noch in B. Dort stellen aber Wohnung, Kleidung, Lebensweise Anforderungen an den Verdienst, daß an eine Schuldentilgung überhaupt nicht, an die Aufbringung der Zinsen kaum zu denken wäre. Darum werde ich einen Weg einschlagen, auf den ich während meiner Tätigkeit bei der D.K. Gesellschaft einen Blick werfen durfte: Auswanderung in eine der deutschen Kolonien Südbrasiliens! Nicht etwa, um dort als Kaufmann ein Unterkommen zu suchen, sondern um mit Axt, Hacke und Schaufel zunächst als Bauer und, so Gott will, später auch industriell mir und den Meinen eine neue Existenz zu gründen. An physischer und psychischer Kraft und an technischem Wissen gebricht es mir nicht; meine Frau hat bewiesen, daß ihr Mut schließlich auch dafür ausreicht, und allein brauchten wir auch nicht gehen, da außer den Schwestern meiner Frau sich uns ohne Zweifel noch ein Vetter und ein Bekannter von mir ? beide von tadellosem Ruf ? anschließen würden. Dort wird es mir mit Gottes Hilfe gelingen, zu beweisen, daß Seine Gnade nicht vergeblich an mir war, und nach und nach so viel zu erwerben, daß ich ungedrängt meine Schuldenlast abtragen kann. Wie will ich Gott dem HErrn danken? ? Zunächst dadurch, daß ich meinem Hause ein rechter Hausvater im Sinne Dr. Martin Luthers werde, dann dadurch, daß ich anderen durch meinen [64] Wandel vorbildlich zu werden mich bemühe, und drittens dadurch, daß ich derer gedenke, die Gott in die gleiche Schule gibt, in der mir die Augen aufgegangen sind. ?[65] 1 Amazon.de Widgets 1. E.G. von M., ehelich geboren 1847, lediger Schleifer und Taglöhner. Vorstrafen: 9mal Haft wegen Bettels und Landstreicherei; 7mal Gefängnis wegen Diebstahls und Betrugs, 3mal Zuchthaus wegen Diebstahls, 2mal Arbeitshaus (6 und 9 Monate). Schlechte Erziehung. Qualvolle Jugend. Ein bedauernswerter Mann, der sich sehr gut führte und äußerst fleißig war. Hat keine Heimat mehr und findet nirgends dauernde Arbeit und Unterkunft sowie die rechte Hilfe und Fürsorge. 
 Mein Lebenslauf. (Nr. 8. K.Z.1)  Es möge mir gestattet sein, in Kürze hier meinen verfehlten Lebensweg zu Papier zu bringen. Ich Kilian Z., geboren am 10. Dezember 1877 zu W., als Sohn der Hausmeisterseheleute Kilian Z. und Rosina, geb. R., katl., lediger Kaufmann, nicht im Militärverbande, besuchte bis zu meinem 9. Lebensjahre die Volksschule in W. und trat dann in die kgl. Kreisrealschule meiner Vaterstadt über. Nach einem 5jährigen Aufenthalte dortselbst verließ ich diese Anstalt und wurde hierauf für das Bureau des kgl. Gerichtsvollziehers H. engagiert. Mit Antritt dieser meiner ersten Stelle war auch der erste Schritt auf der Bahn des Schlechten und des Verbrechens getan. Unsere Kanzlei war nicht ein Ort der Lehre des Guten und Nützlichen, was sie für mich hätte sein sollen, sondern eine Brutstätte des Lasters, der Entsittlichung und des Verbrechens, sie war ein Tummel- und Geschäftsplatz der sogenannten Freudenmädchen. Ich mußte die Stelle eines Postillon d'amour versehen, und leider war ich mit dem 16. Jahre meines Lebens im schändlichen Fache der Prostitution so gut bekannt, wie es ein Mann mit seinen gereiften 40 Jahren nicht besser sein kann. Aber wo dem Laster der Leidenschaft gefrönt wird, ist Geld erste Bedingung. Der Sohn meines Prinzipals, »Jakob«, unterrichtete mich, resp. verwickelte mich anfangs auf die schlaueste Art und Weise in sein gewerbsmäßiges Vergehen des Betrugs zum Nachteile seines Vaters und unserer Klienten; unter seiner und unseres ersten Gehilfen Leitung ward ich zum Verbrecher am Eigentum meines Nächsten. Aber auch hier ging der Krug solange zum Brunnen, bis er brach. Eines Tages wurde ein Vergehen im Amte, welches wir uns zum Nachteile unseres Prinzipals gemeinschaftlich hatten zu Schulden kommen lassen, bekannt, nun sollte ich für alle herhalten, wogegen ich mich entschieden verwahrte. Nach kurzem Hin- und Herstreiten wurde mein Dienstverhältnis durch meine Kündigung gelöst. Ich hatte Dank der liebenden Fürsorge meiner Eltern die Handelsschule in W. besucht und mich mit den kaufmännischen Kenntnissen soweit vertraut gemacht, daß ich nun eine Buchhalterstelle bei [172] Herrn Rechtsanwalt F. versehen konnte. Ungefähr 3/4 Jahre arbeitete ich zur Zufriedenheit meines Chefs, aber nun trat die Versuchung in Form der Genußsucht an mich heran. Als Folge meiner Lebensweise in meinen 3 letzten Jahren fehlte mir die gute moralische Grundlage; mein Gehalt reichte nicht hin, um meinen eingewurzelten Leidenschaften zu huldigen ? ich griff in die Kasse meines Prinzipals, ? mein erstes Verbrechen auf eigenem Fuße war begangen. Hierfür zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt, verbüßte ich diese Strafe in N. Aber nach Entlassung aus dem Gefängnisse sah ich erst, wie tief ich mir ins Fleisch geschnitten. Meinem Versprechen wurde kein Glauben geschenkt, dem entlassenen Verbrecher traute niemand mehr, eine Stelle zu erhalten war mir unmöglich. Ich reichte ein Gesuch an den Fonds des Gefängnis-Vereins für Unterfranken und Aschaffenburg betr. Hilfeleistung zur Erhaltung einer Stelle ein ? nicht um Gewährung einer pekuniären Unterstützung bat ich, aber mein Petitum wurde ohne jede Begründung abschlägig beschieden. Meinen Eltern wollte ich nicht zur Last fallen, darum entfernte ich mich von zu Hause; aber auch in der Fremde verfolgte mich das Unglück ? oder die Sühne für meine Verbrechen wider das 6. Gebot. Meine Strafliste gewann immer mehr an Einträgen, und ich ward, was ich heute bin, ein Verbrecher, ein Schuft an der Ehre unseres Familiennamens. Den Glauben an einen gerechten Gott im Himmel habe ich verloren, denn würde ein solches Wesen existieren ? gewiß wäre ich nicht so tief gesunken. (!) Nur einen Wunsch habe ich noch auf dem Herzen, nämlich den, meine übrigen 5 Geschwister mögen durch einen guten Lebenswandel meine Eltern, die tief betrübt sind, hinreichend entschädigen für das, was ich ihnen bereitet. Für meine Verführer habe ich als Lohn für ihr Werk nur den gräßlichsten Fluch, der je über eines Menschen Lippe gekommen. Vertrauen auf mich selbst habe ich keines mehr. Dies in Kürze mein verfehlter Lebensweg.[173] 1 Amazon.de Widgets 1. E.G. von M., ehelich geboren 1847, lediger Schleifer und Taglöhner. Vorstrafen: 9mal Haft wegen Bettels und Landstreicherei; 7mal Gefängnis wegen Diebstahls und Betrugs, 3mal Zuchthaus wegen Diebstahls, 2mal Arbeitshaus (6 und 9 Monate). Schlechte Erziehung. Qualvolle Jugend. Ein bedauernswerter Mann, der sich sehr gut führte und äußerst fleißig war. Hat keine Heimat mehr und findet nirgends dauernde Arbeit und Unterkunft sowie die rechte Hilfe und Fürsorge. 
 Erinnerungen und Bekenntnisse eines zum Tode Verurteilten. (Von Nr. 12. V.A.1)  Im Jahre 1871. wurde ich ? erst zweiundzwanzigjährig ? des Mordes überführt, vom Schwurgerichtshofe zum Tode verurteilt, zu lebenslänglichem Zuchthause begnadigt und nachdem ich fünfundzwanzig lange Jahre nur eine Nummer und keinen Namen getragen, fünfundzwanzig Jahre lang mit »Du« angeredet worden, durch die Güte des Landesherren der Freiheit wiedergegeben, weil ich mich in der Strafanstalt vorzüglich geführt und meine unselige, durch wahnsinnige Eifersucht verursachte Tat ? ich lauerte meinem Nebenbuhler auf und schoß ihn kalten Blutes nieder ? den Geistlichen gegenüber lebhaft bereut hatte. Daß ich mit allen zum Tode Verurteilten ein gewisses Mitleid empfinde, ist bei einem Manne erklärlich, der vom Tage der Verurteilung an bis zu seiner Begnadigung Tag und Nacht nur die eine Frage ans Schicksal stellte: »Wird dir der Scharfrichter den Kopf abschlagen?« ? Mit größtem Interesse habe ich das gelesen, was in letzter Zeit gegen die Todesstrafe geschrieben wurde, und ich gestehe offen, der Staat ist viel grausamer gegen den Mörder, als dieser gegen sein Opfer. Stafforst und Groß, deren Tat himmelweit von der meinen verschieden ist und ihr nur insofern gleicht, als auch sie mit ruhiger Überlegung gehandelt, schlugen den unglücklichen Lichtenstein einfach nieder, sie bereiteten ihm kaum nennenswerte körperliche Qualen, während beide jetzt eine furchtbare seelische Folter erdulden müssen. Können Sie sich einen Begriff davon machen, was das heißt, in der Zwangsjacke stecken, keinerlei geistige oder körperliche Beschäftigung haben, stets das Schaffot vor sich sehen, bei jedem Schließen der Türe zitternd auffahren, und jeden Schlag der Anstaltsuhr wochenlang bei Tag und Nacht einzeln vernehmen? Bringt man es wirklich fertig, in Schlummer zu verfallen, auf einige Minuten das drohende Schicksal zu vergessen, so fährt man bald in Schweiß gebadet wieder auf. Hat nicht das Schloß geknarrt, ist nicht der Anstaltsdirektor eingetreten, um dir zu verkünden, daß morgen um 6 Uhr deine Hinrichtung stattfinde, da der Landesherr [197] von dem Rechte der Gnade nicht Gebrauch gemacht habe? ? ? Nein! ? Es war nur ein wüster Traum. Du darfst dein Leben noch fristen, der höchste Gerichtshof hat ja noch nicht gesprochen, noch sitzt dein Kopf fest. Aber wie lange noch? Noch acht Tage, und das Appellationsgericht, welches über deine Berufung zu entscheiden hat, fällt sein Urteil. Es ist ja kein Zweifel, daß es zu deinen Ungunsten ausfällt, du hast ja nur appelliert, um die Sonne noch ein paar Wochen länger zu sehen ? ? und dies Urteil ist sofort rechtskräftig. Aber die Gnade des Landesherrn! Unsicherer Faktor! Damit kann man nicht rechnen! Der Landesherr begnadigt nur, wenn der Staatsanwalt dich seiner Gnade empfiehlt. Wird er das tun? Amazon.de Widgets Wie oft habe ich die Frage an meinen Wärter gerichtet: »Meinen Sie, daß ich auf Gnade zu rechnen habe?« Und wie regelmäßig hat er mir, um mich zu trösten, gegen seine eigene Überzeugung erwidert: »Sicherlich!« Ich fühlte es, daß er selbst nicht daran glaubte. Ich hatte meinem Opfer stundenlang aufgelauert, es niedergeschossen, wie ein Stück Vieh, also, wie der Staatsanwalt in seinem Plaidoyer sagte, »mit geradezu zynischer Überlegung gehandelt!« Und doch hatte ich das Gefühl, daß ich kein Mörder sei, daß ich nicht verdiene, auf den Richtblock geschnallt und mit dem Beile vom Leben zum Tode gebracht zu werden. Mit Überlegung hatte ich gehandelt. Gewiß! Warum hatte ich meinen Nebenbuhler nicht auf Pistolen gefordert, ihn niedergeknallt? Ich wäre dann nicht zum Tode verurteilt, zu einigen Jahren Festung kondemniert und in die Reihe der »Kavaliere« aufgenommen worden. Vielleicht wäre mein Name sogar mit Ehren in jenen Zeitungen genannt worden, die mich einen infamen Mörder schimpften. Auf dem Lande duelliert man sich nicht, dort herrscht das abgekürzte Verfahren: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dem Appellationsgerichtstermin zitterte und bebte ich entgegen. Es war die letzte Station vor dem Richtplatze. Jede Minute danach konnte der Direktor eintreten und mir mitteilen, daß ich nichts mehr zu hoffen habe, aber einen letzten Wunsch äußern dürfe, der mir ? falls es im Bereich der Möglichkeit liege ? gewährt würde. Ich war kein Mensch mehr, nur noch ein Stück Angst und Unglück. Das Essen berührte ich nicht, ich war ein Skelett, das sich kaum aufrecht hielt. Wenn mich die Wut über die zugefügten Folterqualen übermannte, erklärte ich meinem Wärter, daß mich der Staat nur speise und tränke und dafür sorge, daß ich mir kein Leid zuzufügen vermöge, damit ich bei der »Vorstellung«, die ohne mich hätte abgesagt[198] werden müssen, nicht fehle. Man füttere mich ganz wie im Altertum für den Zirkus. Als meine Appellation verworfen worden war, ließ die ungeheure Nervenspannung nach. Ich hatte Tränen. Sie wirkten kalmierend. Es machte sich ein Zustand so ungeheurer »Wurstigkeit« bei mir geltend, daß ich sogar einige Stunden zu schlafen vermochte. Fortgesetzt beschäftigte ich mich jetzt mit dem Jenseits. Mein Wärter, ein Freidenker, erklärte mir, nach dem Tode sei alles, alles aus: »Machen Sie sich darüber keine Sorgen! Hoffentlich sind Sie nicht so dumm, an eine Hölle zu glauben!« Schlimmer als die körperliche und geistige Hölle, in der ich mich jetzt befand, konnte diese Hölle der Bibel nicht sein. Wie lange sollte sie noch dauern? Wie lange mästete mich der Staat zugunsten der Abschreckungstheorie noch für den Zirkus? Mein Rechtsanwalt kam und sprach mir Trost zu. Es war mir, als glaube auch er nicht an die Wirkung meines Gnadengesuches, und ich schloß ? um mit dem Präsidenten des Schwurgerichtshofes, der Stafforst und Groß zum Tode verurteilt, zu reden ? meine Rechnung auf Erden ab. Meine Angst und Zaghaftigkeit begannen sich zu verlieren, ich wurde trotzig und ärgerte den Anstaltsgeistlichen durch meinen Hohn über die Humanität des 19. Jahrhunderts, mit meinen Bemerkungen über die Gesellschaft von Dahomey, die mich mäste, um mich zu verspeisen. Manchmal befiel mich wieder der ganze Schrecken meiner Situation, und ich fluche der Menschheit, die mich tausendfach hinrichtete, während ich mein Opfer durch einen wohlgezielten Schuß von der Erde nahm. Die sechs Wochen nach der ersten Verurteilung hatten ? das fühlte ich mit elementarer Gewalt ? das Verbrechen gesühnt; wer das erduldet hatte, was ich erduldete, dem mußte selbst der barmherzige Gott der Christen vergeben. Wieder einmal war es acht Uhr abends geworden. Der fromme Gesang der Sträflinge war verstummt, und ich suchte mein Schmerzenslager auf. Gerade fing ich an, in den Schlaf hinüberzudämmern, als sich der Schlüssel im Schloß drehte, der Gefängnisdirektor eintrat und hinter ihm zwei Beamte. ? ? Ich fühlte, daß ich aschfahl im Gesichte wurde. Ein Zittern überlief meinen Körper. Endlich! Morgen früh um sechs. ? ? »Bleiben Sie nur liegen,« sagte der Direktor, »ich will Sie nicht unnötig lang auf die Folter spannen, Seine Majestät, unser allergnädigster König, hat Ihnen das Leben geschenkt. Sie sind zu lebenslänglichem Zuchthause begnadigt!« Ich war unfähig ein Wort herauszubringen. [199] »Versprechen Sie mir,« fuhr der gutmütige Mann fort, »daß Sie sich kein Leid zufügen, dann lasse ich Ihnen die Fesseln abnehmen, und Sie dürfen mit dem Beamten noch eine halbe Stunde im Hofe spazieren gehen. Die Zelle wird Ihnen jetzt zu enge sein.« Ich gelobte feierlich, daß ich nicht Selbstmord begehen werde, schlüpfte in meine Kleider, küßte dem Direktor die Hand und ging mit dem Beamten ins Freie. Ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß ich mir wie neugeboren vorkam. Meine Strafe verbüßte ich in verschiedenen Zuchthäusern. 1885 saß ich in Welheiden, just zu der Zeit, als dort Julius Lieske aus Zossen hin gerichtet wurde. Ich hörte das Schaffort zimmern, ich hätte, wenn ich auf den Tisch stieg, die Hinrichtung mit ansehen können, aber ich vermochte es nicht. Meine eigene Leidenszeit haftete mir zu fest und furchtbar im Gedächtnis. Sie mir vergegenwärtigend, fragte ich, was wird von Stafforst und Groß Menschliches noch übrig sein, wenn sie ihre Zellen verlassen und den letzten Gang antreten? Zwei lebendige Leichen, zwei gebrochene Menschen, an denen die Humanität des 20. Jahrhunderts ihren Kulturfortschritt öffentlich dokumentieren will. Als mir im Jahre .... die Gnade des Enkels jenes Kaisers, der mir das Leben schenkte, die Freiheit wiedergab, machte diese Güte zwar einen tiefen Eindruck auf mich, aber er war doch nicht nachhaltig genug, um der Zivilisation des 19. Jahrhunderts, die mich sechs Wochen zwischen Leben und Tod zittern ließ, zu verzeihen. Die Todesstrafe ist eine Brutalität, eine zwecklose Marter; denn sie wird Verbrechen wider das menschliche Leben nie verhindern können. ?[200] 1 Amazon.de Widgets 12. V.A. von W., ehelich geboren 1864, prot., lediger Kaufmann. Vorstrafen: 2mal Gefängnis (3 und 7 Tage) wegen Unfugs und Beleidigung. Wegen Mords zum Tode verurteilt, durch allerhöchste Gnade zur lebenslänglichen Zuchthausstrafe begnadigt und nach 25jähriger Strafzeit im Gnadenwege entlassen. Führung sehr gut. Nicht tätowiert. 
 Aus meinem Leben. (Nr. 9. F.H.1)  Ich F.H. bin am 22. Juni 1861. als Sohn eines Magistratsbeamten in Y. geboren. Meine Kinderjahre verlebte ich glücklich im Hause meiner Eltern. Mit 6 Jahren kam ich in die Volksschule, in der ich drei Jahre verblieb. Dann schickten mich meine Eltern ins humanistische Gymnasium, in welchem ich drei Klassen absolvierte, um darauf ins Realgymnasium überzutreten. [173] Noch als 16jähriger Gymnasiast hatte ich die damals 20jährige Lehrerin K.E. kennen gelernt und mit derselben ein Verhältnis angeknüpft. Ich war kaum 17 Jahre alt geworden, als sich Folgen dieses Verhältnisses zu zeigen begannen. In dem Drange, mich und das Mädchen den infolge der nahenden Geburt zu erwartenden familiären Zwistigkeiten aus dem Wege zu bringen, vergriff ich mich, um zu den Mitteln zu einer geplanten Flucht nach Paris zu gelangen, an dem Eigentum einer in meinem elterlichen Hause lebenden Verwandten, wurde jedoch noch am gleichen Tage sistiert. Das war der Anfangspunkt meiner abschüssigen Lebensbahn, auf die ich ohne meine Frühreife und ohne jenes so ganz vorzeitige Verhältnis wohl kaum gelangt sein dürfte, zudem meine Lehrer und Professoren mir stets das Zeugnis eines talentierten und dabei strebsamen Menschen ausgestellt hatten. Nach Verbüßung dieser meiner ersten Freiheitsstrafe in der Dauer von 1 Jahr und 3 Monaten ? wovon mir 3 Monate erlassen worden waren, nach Y. zurückgekehrt, glaubte ich mich von dem oben besagten Mädchen, das mir inzwischen einen Sohn geboren und damit ihre Stellung als Lehrerin verloren hatte, nicht abwenden zu dürfen. Das Verhältnis dauerte fort. Ich studierte privatim, um mir eine Stellung als Techniker oder auf einem Baubureau zu erwerben. Es entsprossen dem Verhältnis in der Folge noch zwei weitere außereheliche Kinder (Söhne). Ich stand bei noch allzugroßer Jugend Pflichten gegenüber, denen ich nicht gewachsen war; und so verfehlte ich mich, durch momentane Notlage hierzu veranlaßt, ein zweites Mal und wurde wegen Urkundenfälschung und Betrugs zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt. Im Mai des Jahres 1881. entlassen, heiratete ich schon im September desselben Jahres, obwohl ich kein gutes Ende ahnte, die Mutter meiner Kinder, die ich eben durch die Verehelichung legitim machen wollte. Meine Ehe war ebenso kurz als unglücklich. In Anbetracht des Umstandes, daß meine Frau vom Hauswesen nicht das Geringste verstand, von Häuslichkeit keine Ahnung hatte und dabei auch noch eine Magd halten wollte, ist es wohl leicht erklärlich, daß bald Differenzen eintraten, herbeigeführt durch immer fühlbarer werdende Notlage. Ich war damals zeichnerisch tätig und verdiente Honorargelder für Reporter-Artikel. Nachdem mir wiederholt per Post eingegangene Honorare von meiner Frau unterschlagen worden waren, und die häuslichen Zwistigkeiten kein Ende mehr nahmen, glaubte ich mich dazu »berechtigt«, das, was ich am häuslichen Herde finden sollte und nicht fand, anderweitig suchen zu müssen, und ich, dessen eheliche Treue im Kreise meiner Bekannten [174] mir den Spitznamen »Kuno, der Pantoffelritter« eingetragen, ward zum Ehebrecher. Nun war ich auf eine ganz glatte und abschüssige Bahn gelangt, auf der es, obwohl ich trotz alledem noch immer nach dem Besten strebte, rasch abwärts ging, zumal meine Frau, von der ich mich ? allerdings mit ihrem eigenen Einverständnis ? getrennt hatte und von der ich später gerichtlich geschieden wurde, in blinder Rachsucht und Eifersucht das Ihrige beitrug, mich brotlos zu machen. Teils mein grenzenloser Leichtsinn, teils meine damals momentan wirklich große Notlage veranlaßten mich zu weiteren Verfehlungen gegen das Gesetz, was mir eine Gefängnisstrafe von 5 Monaten eintrug. Auf freiem Fuße verhandelt und verurteilt ? erhielt ich Strafaufschub und hatte gerade in dieser Periode das Glück, einen ausgezeichneten Posten in einem Y.er Baubureau einer auswärtigen Firma zu erhalten. Hier, wo ich mir nach nachheriger eigener Aussage meines Chefs durch einen einzigen Federzug und ohne fürchten zu müssen, so schnell betreten zu werden, hätte 20?30000 Mark auf unehrlichem Wege erwerben können, errang ich mir durch Treue und Fleiß die Zufriedenheit meines direkten Vorgesetzten in solchem Maße, daß derselbe, als mich ein plötzlich und unerwartet eintreffender Strafantrittsbefehl zur Flucht ins Ausland veranlaßte, sich gegen meine Angehörigen äußerte: »Er hinterließ alles in schönster Ordnung, und ich habe mich noch auf niemand so verlassen können, wie auf ihn; hätte er mir reinen Wein eingeschenkt, seine Strafe ruhig verbüßt, statt zu fliehen, ich hätte ihn wieder auf seinen Posten genommen!« Amazon.de Widgets Ich war also ins Ausland geflohen. Die Flucht hatte ich mit meiner Konkubine F.G. angetreten. Auch diese brachte mir zwei Kinder zur Welt, für die ich nun draußen in der Fremde zu sorgen hatte. Wir hielten uns durch mehr als 3 Jahre in Wien, Budapest, Zürich u.s.w. auf. In Zürich fristete ich mein Leben dadurch, daß ich gemeinschaftlich mit meiner Konkubine stickte. Dadurch sogar zu einigen Ersparnissen gelangt ? annoncierte ich mich in der Zeitung als Privatlehrer und hatte bald einige Lektionen in Zeichnen, Latein, Englisch und Deutsch. Letzteres lehrte ich einem reichen Japaner, der bei guter Honorierung täglich eine Lektion nahm. Schließlich gelangte ich zum Posten eines ständigen und gut bezahlten Reporters einer Züricher Zeitung, deren Besitzer mir in Jahresfrist 3000 Francs Vorschuß gab. ? Ich vergaß zu bemerken, daß ich mich unter verändertem Namen im Auslande aufhielt. Ein böser Zufall brachte dies eines verhängnisvollen Tages ans Licht, und ich sah mich gezwungen, Existenz und alles dahinten zu lassen und mit »Weib« und mit sechswöchigem Kinde nach Österreich, nach Wien, [175] zu flüchten. Dort wendete ich mich zwar wieder an die Schweizer Zeitung und durfte für dieselbe auch von Wien und Pest aus fortarbeiten, doch waren die infolge des erhaltenen Vorschusses von 3000 Francs eintretenden Abzüge so groß, daß oft Not und Mangel bei uns herrschte. Dann hatte ich aber auch wieder sehr gute Gelegenheiten, Geld zu verdienen; aber ich konnte trotz der besten Zeugnisse von Redakteuren und Zeitungsverlegern nirgends dauernden Halt gewinnen; denn der böse Zufall und der »Fluch der bösen Tat, der fortzeugend Böses muß gebären«, brachte immer wieder ans Tageslicht, wer ich sei, daß ich und warum ich aus meiner Heimat geflohen. Es würde mich zu weit führen, all die leider selbstverschuldeten Unbilden aufzuzählen, die ich erlitten, ich resümiere: Ich führte ein Leben wie Ahasverus, wie Kain ? unstet und flüchtig; und dabei war ich nicht allein; meine Kinder ? von denen eines dann in Wien monatelang schwer krank lag und starb ? schrieen nach Brot; ich, der ich in bodenlosem Leichtsinn sie in diese Welt gesetzt, mußte wohl auch für dieses Brot sorgen. Mein Leben war ein Gemisch von redlichem Streben und leichtsinnigem Fehlen. Als ich mich schließlich gar nicht mehr hinaussah, suchte ich Zuflucht ? zu Hause, in der Heimat! Mir ward diese Zuflucht im ? Zuchthause! Der ursprünglichen Gefängnisstrafe von 5 Monaten war ich aus dem Wege gegangen; das brachte mir eine Zuchthausstrafe von 2 Jahren und 6 Monaten ein. Dasselbe Zuchthaus, in dem ich diese Strafe verbüßte, hat mich auch jetzt wieder für ein Jahr aufgenommen! Und warum? ? Man erlasse mir das Weitere. Ich kann nur sagen: »Maxima mea culpa est!« Und mag meine derzeitige Strafe im Verhältnis zu meinem Vergehen auch wohl ein wenig hoch bemessen sein ich habe sie doch verdient mit meinem Leichtsinn, durch den ich alte betagte Eltern und ein junges, ahnungsloses Mädchen, das ich seit wenigen Monden »Braut« nannte, namenlos unglücklich machte. Meine frühere Konkubine war in Wien geblieben und nach dem Tode der beiden Kinder wieder in Stellung gegangen. ?[176] 1 4. S.J. von A., ehelich geboren 1874 prot., lediger Kaufmann. Nicht tätowiert. Vorstrafen seit 1892: einmal Haft und 7mal Gefängnis (in mehreren Anstalten) wegen Betrugs, Diebstahls, Erpressungsversuche, Beleidigung. Zuletzt wegen Zuhälterei 3 Jahre 9 Monate Gefängnis und Arbeitshaus. Buchmacher bei Rennen. Bewegte Vergangenhelt, Spieler und Zuhälter. Als Schreiber wiederholt beschäftigt in der Gefangenenbibliothek. Nierenleidend. Gute Führung. Wollte wieder in die Höhe kommen. Gute Volksschulbildung und ein paar Jahre bessere Bürgerschule. Kriminalschutzmann. 
 Ein tiefer Fall. Skizze aus meinem Leben. (Nr. 10. G.K.1) I.  Die Uhr auf dem kleinen Turme des Stadtparks zu Nürnberg schlug eben die vierte Nachmittagsstunde. Im gleichen Moment begann die Kapelle des 14. Infanterieregiments mit einem flotten Marsch [176] ihr Nachmittagskonzert. Innerhalb des Restaurationsplatzes herrschte das bunteste Treiben; eine auserlesene Gesellschaft aus den Repräsentantenkreisen der Stadt hatte sich hier zusammengefunden, um für Geist und Gemüt, den Leib natürlich nicht zu vergessen, neue Anregung zu finden. Prachtvolle Damentoiletten fesselten das Auge der reichen Müßiggänger und entfachten, indem sie das Äußere ihrer Besitzerinnen vorteilhaft den Blicken darboten, die Leidenschaften der Abenteuer suchenden Don Juans. Jugendlust, ja Übermut, wohl auch Koketterie sprühte von den Lippen und machte sich an den Geberden sichtbar, alles schien in rosigster Laune, keine Not schien zu existieren. Außerhalb des Restaurationsgartens befindet sich der eigentliche Stadtpark zur freien Benützung des allgemeinen Publikums. Freiwillige und unfreiwillige Müßiggänger, Kranke und Rekonvaleszenten, Frauen mit irgend einer Handarbeit, Kindermädchen mit ihren Pflegebefohlenen etc. sind die Frequentanten dieses von der Stadt geschaffenen und erhaltenen, kunstvoll gärtnerisch veranlagten Parkes mit seinen jahrhundertealten Bäumen. Es ist ein schroffer Gegensatz zwischen der Geldaristokratie innerhalb und dem Publikum außerhalb des Restaurationsgartens. Man darf sich aber durchaus nicht sorgengebeugte Gestalten mit kummervollen Gesichtszügen vorstellen; so schlimm ist es lange nicht. Einzelnen hat die Sorge wohl ihren Stempel aufgedrückt, und mit solchen wollen wir uns hier beschäftigen. Karl L., ein Schlossergehilfe aus M., einem benachbarten Orte Nürnbergs, arbeitete bis vor sechs Wochen in der Schuckert'schen Fabrik. Eine eingetretene Krise veranlaßte eine Geschäftsstockung, und die Folge war: Entlassung von Arbeitern. Vierhundert Mann mußten ausgestellt werden, darunter war auch der achtzehnjährige Karl L. Unermüdlich war er tätig, eine neue Arbeitsstelle ausfindig zu machen, vergebens. Seine wenigen Ersparnisse waren aufgezehrt, und jetzt stand er seit zwei Tagen voll ständig mittel- und obdachlos auf der Straße. Die warme Jahreszeit machte ihm den Aufenthalt auch zur Nachtzeit im Freien möglich; aber der Magen verlangte nach Sättigung, nach Nahrung. Kleider, Wäsche und Uhr waren schon zum Pfandleiher gewandert, nichts mehr war vorhanden, was ein Mittel zur Weiterfristung bot. Heute hatte es Karl mit »Betteln« versucht. Aber schon nach einigen Versuchen gab er dieses Vorhaben auf; denn unwirsch abgewiesen zu werden unter dem Hinweis auf die Jugend und die Jahreszeit, das beleidigte, das schmerzte ihn. Ratlos war er dahingeirrt, bis ihn endlich die allgemeine[177] Strömung mit in den Stadtpark hineinzog. Da saß er nun auf einer Bank am Rande des Teiches; an sein Ohr schlugen die herrlichen Töne der Militärmusik, sein Auge weidete sich an dem kunstvoll angelegten Blumenteppich und an dem Schwanenspiel im Wasser, aber nichts machte Eindruck auf sein Gemüt, denn in seinen Eingeweiden brannte das Feuer des Hungers. Welche Gedanken mochten den Unglücklichen beseelen? Vielleicht dachte er an seine Jugend, an seine verstorbenen Eltern und malte sich aus, wie es wohl sein könnte, wenn seine Eltern noch lebten. Plötzlich wird er aus seinen Träumen aufgerissen, eine Hand hatte sich auf seine Schulter gelegt. Er blickte auf und sah in das Gesicht eines Mädchens. Es war ein Kindermädchen, wie ihre Kleidung und der Wagen mit seinen zwei kleinen Insassen verriet. »Wie kommt es, Karl, daß ich dich Dienstag nachmittag, wo andere Leute bei der Arbeit sind, hier im Stadtpark finde? Bist du krank gewesen?« Der Angeredete war durch das unerwartete Ansprechen ganz außer Fassung geraten; erst jetzt, da er in der Fragenden seine Schulfreundin Frieda St. erkannte, löste sich der Bann, und er erzählte seine Erlebnisse ohne Umschweife und schloß mit den Worten: »Frieda, das hätte ich nicht geglaubt, daß ich noch einmal vor fremder Leute Türe mein Brot betteln, daß ich im Freien nächtigen müßte. Sollte ich deswegen einen ordentlichen Beruf gelernt haben, um wie ein Hund auf der Straße zugrunde zu gehen? Sollte ich ...« »Aber Karl,« sagte Frieda, ganz ängstlich geworden, durch das Ungestüm des sonst so ruhigen Mannes, »aber Karl, was sind das für Worte? Seit ich dich das letzte Mal gesehen, es sind jetzt zwei Jahre, an deiner Mutter Grab, hast du dich arg verändert. Wie warst du früher so freundlich und gut, und jetzt, diese häßlichen Worte. Das macht die Fabrik.« Karl wollte aufbrausen und schimpfte über die dummen Frauenzimmer, er schimpfte auf Gott und die Welt, aber an der überlegten Frieda prallte alles ab. Das Mädchen, ebenfalls durch den frühen Tod der Eltern alleinstehend, hatte schon manche für ihr Alter so ernste Erfahrung gesammelt und hatte darum einen so praktischen Sinn für alles. So ließ sie auch Karl austoben, und nachdem dies geschehen, sprach sie ihm Mut zu und streckte ihm einige Mark vor. Mit dem Versprechen, sich am anderen Tag wieder hier zu treffen, wenn Karl bis dahin nicht Arbeit gefunden, schieden sie. Karl brannte das Geld in der Hand; von einem Mädchen Geld annehmen, das dünkte ihm eine Schande. Aber das Verlangen in ihm nach Sättigung besiegte alle aufsteigenden Gedanken, und er [178] wandte sich dem Restaurant »Löbleinsgarten« zu, seinen inneren Menschen zu befriedigen. Kaum hatte er dort Platz genommen, da näherte sich ihm ein ungefähr im gleichen Alter stehender Bursche. Ohne weitere Einleitung sagte er zu Karl, daß er dessen Leidensgeschichte mitangehört habe, daß er in gleicher Lage sich befinde und daß er hoffe, gemeinsam strebend sicher ein Ziel zu erreichen. Karl, dem das Mitleid eines in gleicher Lage sich befindlichen Fachkollegen wohltat und der nun seinerseits an dem Geschick des unglücklichen Gefährten regen Anteil nahm, ergriff die Gelegenheit dankbar. Ein Wort gab das andere, und die beiden Arbeitslosen schlossen ein Freundschaftsbündnis. Sie ließen sich eine Speise vorsetzen, bei der es mehr auf Quantität als auf Qualität ankam, tranken einige Glas Bier und brachen auf. Der neue Freund Karls war aber nicht, wie er angab, ein Schlosser, sondern ein verkommenes, gemeines Individuum, das als Zuhälter sein Wesen trieb, dessen Dirne aber wegen Überschreitung der Unzuchtsbefugnis eine sechswöchentliche Haftstrafe im Gefängnis verbüßte. Infolgedessen war seine Einnahmequelle versiegt und er suchte sich, da er ein geschworener Feind jeglicher Arbeit war, durch Betrug zu unterhalten, bis seine »Nährmutter« wieder auf freiem Fuß sei. Ohne Arg vertraute sich ihm Karl an. Es war acht Uhr geworden. In Karl erwachte das Bedürfnis, wieder einmal in einem ordentlichen Bette zu schlafen, und er teilte dem Freunde mit, daß er sich nach Ruhe sehne. Auch dieser war sofort mit einverstanden, daß man sich für die Nacht ein geeignetes Lager suchen solle. Da er kein Geld besaß, wollte Karl für ihn bezahlen; davon aber wollte Fritz Schlecht, wie er hieß, nichts wissen. Er redete Karl ein, daß es eine große Notwendigkeit sei, mit den paar Pfennigen zu sparen und daß die Jahreszeit zu verlockend sei, im Freien zu kampieren. Karl gab dem Wunsche des Verführers nach und begab sich mit ihm in das Wäldchen am Forsthofer Schießhaus, das Fritz empfahl. Dieses Wäldchen ist eine Anpflanzung junger Fichten- und Föhrenbäumchen in der Höhe eines großen Mannes. Die Dichtigkeit machte ein Durchblicken von der Straße aus unmöglich, Wege führten nicht hindurch; es war ein schützendes Heim, von der Natur geboten. Amazon.de Widgets Die beiden jungen Männer forschten und spähten nach allen Richtungen, ob kein unberufenes Auge sie beobachte, dann ein Sprung über den Chausseegraben und verschwunden waren sie. Sie mochten etwa hundertfünfzig Schritte vorwärts gedrungen sein, als sich dem erstaunten Karl ein eigentümliches Schauspiel darbot. Hier saßen und lagen ein halbes Dutzend Burschen und ebensoviel Mädchen [179] auf ausgebreiteten Decken, gebildet von auseinandergetrennten Hopfensäcken. Etliche Stücke Leinwand und noch zusammengerollte Decken, sowie ein Haufe zusammengetragener Waldstreu deuteten darauf hin, daß hier eine regelrechte Herberge sei. Die Mädchen hatten sich ihrer Oberkleider entledigt, wahrscheinlich aus schonenden Gründen, und bildeten mit ihrem schmutzigen Untergewande ein würdiges Pendant zu den ebenfalls nicht sehr reinlich aussehenden Burschen. Die beiden Neuhinzugekommenen wurden freudig begrüßt. Schlecht war ja dieser Gesellschaft ein alter Bekannter, und man dachte, daß Karl eine »Wurze«, das heißt ein dummer Kerl, welcher Geld besitzt, sei. Nach einigen erklärenden Worten des Schlecht aber, daß sein Freund nicht einer sei, der Geld habe zur Zeit, hinter dem Rücken aber nickte er mit dem Kopfe bedeutungsvoll, hieß man Karl auch so willkommen, bot ihm von den vorhandenen Speisen und Flaschenbier an, und ehe er sich's versah, befand er sich an der Seite eines der Mädchen. Bier hatte Karl schon einige Wochen nicht getrunken, und so ließ er sich's hier wieder gut schmecken; aber sein durch Entbehrung geschwächter Magen konnte nicht so viel vertragen, und der Alkohol wirkte mächtig. Obschon halbbetrunken, ekelten ihn doch die Liebkosungen der Dirnen an. Ihre offen zur Schau getragenen üppigen Reize übten gar keine Anziehungskraft auf ihn aus, er hatte kein Verlangen nach Lust, denn die Sorge um die Zukunft lastete zu schwer auf ihm. Mit der Zeit aber, und mit der zunehmenden Trunkenheit unterlag seine moralische Festigkeit, er nahm teil an der allgemeinen Orgie und schlief schließlich ermattet im Schoße seiner Nachbarin ein. In welche Gesellschaft war Karl geraten? Es war lauter arbeitsscheues Gesindel, das sich vom Stehlen und der körperlichen Preisgabe der Mädchen nährte. Sie hatten in der vorhergehenden Nacht einen Raubzug veranstaltet, dessen Resultat eine reiche Beute Eßwaren gewesen, und dies war auch der Grund, warum sie sich heute schon so früh zusammengefunden. Dieser Waldplatz hier war der ständige Wohnort dieser Menschen. Im Wirtshaus oder privat durften sie nicht wohnen, weil die Polizei ihnen sonst auf die Spur gekommen wäre. Nun sollte man aber denken, daß diese flüchtigen Menschen von einem Zuwachs nicht sehr erbaut sein sollten; aber gefehlt. Bringt der Neuhinzutretende nicht gleich Geld mit, so weiß er wenigstens, wo solches zu »holen«, und das ist gleichviel. Außerdem hatte Sch. mit Karl L. anders kalkuliert. Sch. rechnete so: hat L. in der Frieda St. jemand gefunden, der ihn unterstützte, so hat auch er, Sch., wenn er jetzt eine teilnehmende Rolle spielt, etwas daran. Mittel und Wege finden sich schon, aus dem Mädchen ziemlich [180] viel herauszupressen, und ist diese Quelle erschöpft, so ist vielleicht bei ihrer Herrschaft ein kleiner Einbruch zu machen. Karl L. hatte natürlich keine Gedanken davon, was diese Gesellschaft mit ihm vorhatte, ja, in welcher gefährlichen Umgebung er sich befand. Als er am andern Morgen erwachte, machte er gleich den anderen Schlafgenossen Toilette, indem der nahegelegene Dutzendteich als Waschbecken benutzt wurde. Dann nahmen sie das gemeinschaftliche Frühstück, bestehend in den Speiseresten von gestern, ein und zerstreuten sich, nachdem sie noch die Decken in Gruben und unter Spreu wohl verwahrt hatten. Sch. und L. gingen zur Stadt, fragten bei einigen Schlossermeistern um Arbeit und als ihre Mühe, glücklicherweise, für Sch. ohne Erfolg blieb, setzten sie sich in eine Anlage zu beraten. Alle Beredtsamkeit bot nun Sch. auf, Karl zu bestimmen, er solle sich von Frieda St. fünfzig Mark geben lassen, dann wollten sie Südfrüchte kaufen und diese verhausieren. Karl hatte in der Nacht von seinen Schlafgenossen ähnliches gehört und er freute sich, durch einen redlichen Erwerb sein Leben fortfristen zu können. In den herrlichsten Farben malte Sch. ihm den Handel aus, und Karl ging auf den Vorschlag ein, nur wollte er sich vergewissern, ob dieses Tun auch gestattet, ja überhaupt möglich sei. Auch hier wußte Sch. Rat. Man ging zu einem Südfrüchtehändler, und Sch. trug diesem das gemeinsame Anliegen vor. Der Händler gab mit jener Bereitwilligkeit Auskunft, die einem etwas besseren Beobachter, als der naive Karl war, aufgefallen sein würde. Aber Karl in seiner Redlichkeit hegte gegen keinen Menschen Mißtrauen. Es wurde verabredet, daß man am nächsten Tage kommen wolle, wenn das nötige Geld vorhanden sei, und man trennte sich von dem Geschäftsinhaber. Fritz Sch. geleitete nun den arglosen Karl in das Gasthaus »zu den fünf goldenen Türmen«, um, wie er sagte, einen Liter auf das gute Gelingen des neuen Planes zu trinken. Im Wirtslokale befand sich eine bunte Gesellschaft, darunter auch die nächtlichen Gesellen Karls. Burschen und Mädchen, deren Äußeres verriet, daß sie gleichen Kalibers wie die oben geschilderten waren, saßen um die Tische. Etwas aber fiel Karl sofort auf. Denn, während in anderen Gasthäusern die Gäste angewiesen sind, sich wenigstens Getränke vorsetzen zu lassen, war es anders hier. Ganze Tische voll Leute saßen da, ohne etwas zu genießen, spielten Karten oder sangen. Hie und da wurde ein Liter bestellt; diesen brachte der Kellner und ließ sich sofort bezahlen, kannte er doch als selbst aus diesen Kreisen hervorgegangen seine Kundschaft zu genau. War der Krug leer, so wurde er weggenommen, manchmal verhinderten es die Gäste dadurch, daß sie ihn mit [181] Wasser füllten. Warum duldete der Wirt solche Gäste? Es war Berechnung des schlauen Gastgebers. Jetzt war zwar noch kein Geld vorhanden, denn die Mädchen konnten bei Tage nicht ins, »Geschäft« gehen, aber abends, wenn »verdient« war, dann begann ein Zechen, das den Verlust der Tageseinnahme vollständig aufwog. Geborgt wurde zwar nichts, aber Unterschlupf für den Tag fanden diese seltsamen Menschen doch hier. Karl wurde auch hier freundlich aufgenommen, es wurde auf seinen Namen sofort Bier bestellt und ihm zugetrunken. Wahrscheinlich würde man ihm den letzten Pfennig abgejagt haben, wenn nicht Sch., allerdings aus egoistischen Gründen, sich dazwischen gedrängt hätte. ? Am Nachmittag finden wir Karl wieder am bezeichneten Platz im Stadtpark. Auch Frieda hatte sich mit den Kindern eingefunden, und Karl unterbreitete ihr seinen Plan. Er verschwieg wohlweislich seine Erlebnisse seit gestern, Sch. hatte ihm dies geraten, und erzählte nur das, was günstig auf die Gewährung seiner Bitte wirken konnte. Frieda St., froh daß Karl wieder neuen Mut gefaßt hatte, fand zwar fünfzig Mark etwas hoch, aber als Karl mit großer Wärme für den Erfolg seines Vorhabens eintrat, versprach sie ihm das Geld zu geben. Sie hatte, wie viele Dienstboten, das Geld auf der Sparkasse und mußte es erst holen. Karl erbot sich, dies zu besorgen und Frieda willigte ein. Sie fuhren mit den Kindern nach der Wohnung von Friedas Herrschaft, Frieda holte das Sparkassenbuch, und Karl ging zur Kasse. Sch. der sich immer in der Nähe hielt, folgte ihm und war schon bei dem Laufertore an seiner Seite. Sie betrachteten zusammen das glückverheißende Büchlein, es waren sechshundert Mark darinnen verzeichnet. Sch. war durch diese Summe geblendet, und er sann darauf, wie er in den Besitz des Geldes gelangen könnte. Hievon aber wollte Karl nichts wissen. Auf der Sparkasse wurden ihm die fünfzig Mark ausgehändigt, mehr konnte er nicht erheben. Jetzt aber, wo Karl das langentbehrte Geld in den Händen fühlte, und die Stimme des Verführers Sch. ihm immerfort in die Ohren tönte, wurde er vom Teufel der Habgier gepackt, und er beschloß im stillen, das Sparkassenbuch zu behalten. Gegen seinen Freund jedoch sagte er, daß er das Buch wieder abliefere; Sch. schalt ihn einen Esel. Da Sch.s Bemühungen einen Erfolg nicht sehen ließen, stimmte er scheinbar dem Vorschlag Karls zu, das Buch seiner Eigentümerin wieder zuzustellen. Insgeheim hatte er aber einen anderen Plan. Er forderte Karl auf, schnell einen Liter zu bezahlen und ging mit ihm in eine sehr berüchtigte Wirtschaft gleichen Kalibers wie die obengenannte. Dort teilte Sch. einigen Dirnen geheim mit, daß Geld vorhanden, und daß Karl auch [182] im Besitz eines Sparkassenbüchleins sei. Die Dirnen nahmen Karl in die Mitte, schenkten ihm tapfer ein und ließen sich tapfer einschenken und nahmen ihm, unter Herzen und Küssen, unter Liebkosung, ohne daß er es merkte, das Büchlein aus der Tasche. Dann mahnte Sch. zum Aufbruch. Karl bezahlte die gemachte Zeche und ging mit fort. Auf der Straße redete Sch. mit großem Eifer auf ihn ein, und als sie ein Stück Weg zurückgelegt hatten, forderte er noch einmal das Büchlein zu sehen. Karl griff in die Brusttasche und erbleichte. Ohne ein Wort zu sagen, stürmte er in die verlassene Wirtschaft, zurück, aber er fand die beiden Dirnen nicht mehr vor, die, wie er sogleich richtig vermutete, ihm das Büchlein entwendet hatten. Dann eilte er zu Frieda, ihr das Schreckliche mitzuteilen. Frieda meldete es ihrer Dienstherrschaft und diese machte sofort telephonisch Anzeige bei der Polizei. Karl ging schwer bedrückt von Frieda weg, ihm tat es leid, schuld zu sein an dem bösen Vorkommnis. Das Mädchen hatte ihn zwar getröstet, daß ja nichts verloren sei, aber doch war aus ihren Worten nicht mehr jene Herzlichkeit zu fühlen. Fritz Sch. war, als Karl ihn auf der Straße gelassen, nicht diesem gefolgt, sondern hatte einen andern Weg eingeschlagen, der ihn mit den Dirnen wieder zusammenführte. Das Sparkassenbüchlein wanderte in die Hand eines Wirtes, der fünfzig Mark darauf hergab. Als aber der Wirt das Geld kündigen wollte, wurde ihm das Büchlein abgenommen und nicht mehr ausgehändigt. Da er die Überbringer desselben nicht nennen wollte, angeblich weil sie ihm unbekannt, gingen diese straffrei aus, und der Wirt mußte den Schaden allein tragen. Hätte er sie genannt, so wäre er eben auch wegen langjähriger Hehlerei ins Zuchthaus gewandert. ? In den »fünf Türmen« war nun Polen offen. Es wurde gegessen und getrunken, als ob dieser Tag der letzte des Lebens sei. Man lachte und scherzte in der ausgelassensten Weise, Sch. war Hahn im Korbe. So oft die Türe aufging und ein neuer Gast, natürlich ein Mitglied der »Lage« erschien, ertönte freudiger Zuruf, und der Ankömmling mußte an dem Gelage aktiven Anteil nehmen. Auf einmal ging die Türe auf und herein trat ? Karl. Anfangs waren Sch. und die am Diebstahl beteiligten Genossinnen etwas verblüfft; aber nur wenige Minuten, dann sprang Sch. auf Karl zu und überhäufte ihn mit Vorwürfen, daß er ihn auf der Straße stehen gelassen. Dann erzählte er, daß hier einer der Anwesenden Geburtstag feiere und lud Karl ein, teilzunehmen. Karl war einer solchen Frechheit gegenüber sprachlos. Sch. aber bearbeitete ihn, und als Karl sagte, daß diese Dirnen ihm das Büchlein gestohlen und das Geld wahrscheinlich der [183] Erlös aus demselben sei, verschwor sich Sch. hoch und teuer, dies sei alles ein Irrtum, von den Anwesenden sei es keiner gewesen. Als auch noch die anderen, die den wahren Sachverhalt nicht kannten, aber doch für das Freibier sich erkenntlich zeigen wollten, eine drohende Haltung gegen Karl annahmen, gab dieser sich endlich zufrieden und nahm Platz. Spät in der Nacht ging es dem »Bivouak« zu. Eine gerade aus dem Korrektionshause Bayreuth entlassene Dirne hing sich mit klettenartiger Festigkeit an Karl und bat ihn, es doch mit ihr zu halten. Er brauche nichts mehr zu arbeiten, sie wolle schon für beide sorgen. Karl, der sittenstrenge Karl, unterlag der Versuchung und wurde Zuhälter. Zwar trennte er sich des Nachts von seinen bisherigen Genossen und bezog mit seiner Liebe eine eigene »Burg«, d.h. eine Wohnung; aber bei Tag war er mitten unter ihnen. Die fünfzig Mark wurden zur Anschaffung von einigen Kleidungsstücken und Wäsche verwendet, das weitere Leben aber von dem Sündengelde des Mädchens bestritten. So sank Karl, ein Kind ordentlicher Eltern, mit einer sorgfältigen Erziehung, mit der vielseitigsten Kenntnis seines lohnenden Berufes, von Stufe zu Stufe. Während er sonst sparsam jeden übrigen Groschen zurücklegte, saß er jetzt, während sein »Schatz« ins »Geschäft« ging, spielend und trinkend im Gasthause, ohne Sorge für den künftigen Tag, ohne Sorge für die Zukunft. Hatte er sich sonst geschämt, anderes als selbsterworbenes Geld anzunehmen, wartete er jetzt habgierig auf die Ankunft des Mädchens, um ihr den klingenden Lohn ihres unzüchtigen Gewerbes abzunehmen, ja er ging so weit, daß er sie nach dem letzten »Geschäftsgang« vollständig entkleiden ließ, die Nähte der einzelnen Kleidungsstücke durchsuchte, das Haar durchforschte, ob sie nichts verborgen oder zurückgehalten. Tief, tief sank Karl in dieser Umgebung; er warf alles menschliche Wesen von sich und ließ sich, dem Tiere gleich, vollständig von seinen Trieben beherrschen. II. Es war vier Monate später. Frieda St. hatte ihre bisherige Herrschaft verlassen und war als Kindermädchen in der Villa St. in der Maxvorstadt neu in den Dienst getreten. Sie hatte sich wenig verändert. Ihr Lohn betrug bei Herrn Kommerzienrat St. bedeutend mehr, als bei der bisherigen Herrschaft; die Behandlung war den Verhältnissen des reichen Handelsrats würdig und angemessen. Die Villa stand beinahe am Ende der Maxvorstadt, vor der Stadtgärtnerei. Sie war von einem herrlichen Garten umrahmt, sonst einsam stehend, [184] nur mit einer Breitseite an die Baumschule der Stadtgärtnerei angrenzend. Es war abends 10 Uhr. Die Kinder waren schon seit geraumer Zeit zur Ruhe gebracht; die Herrschaften hatten Besuch und saßen beim fröhlichen Mahle im Gartensalon. Einige gemietete Musiker sorgten für den musikalischen Teil des festlichen Schmauses. Frieda hatte eine Zeitlang am Fenster gesessen und gelesen; seit einer halben Stunde aber war die Dunkelheit so stark geworden, daß sie das Buch weglegte. Schon zur Ruhe zu gehen schien ihr noch zu frühe; die herrlichen Töne, Wagnersche Musik, klangen verführerisch aus dem Salon, und so beschloß das Mädchen, noch etwas in den Garten zu gehen. In der Gartenlaube machte sie es sich bequem und lauschte entzückt den Vorträgen im Salon; sie konnte jedes Wort hören und man sah es ihr an, daß sie sich mitfreute, wenn ein Gast mit beredten Worten ihre so gütige und angesehene Dienstherrschaft pries. Auf einmal aber wurde ihre Aufmerksamkeit von den Vorgängen im Salon abgelenkt. Auf der Straße, die von der Stadt her- und an den Privathäusern der Nachbarschaft vorbeiführte, war es ungemein lebendig geworden. Im schnellsten Laufe jagten Menschen vorüber, Drohungen und Verwünschungen ausstoßend. Frieda lugte aus der Laube und sah im nächtlichen Dunkel schattenhafte Gestalten hin- und herhuschen, von denen sie einzelne ganz genau als bewaffnet unterscheiden konnte. Und wirklich, sie hatte recht; es waren Schutzleute. Eben gingen zwei so nahe an ihrer Laube vorbei, daß sie dieselben nicht nur genau sehen, sondern auch, was sie sprachen, hören konnte. Aus den Worten der Schutzleute entnahm sie, daß diese einen Verbrecher, der ihnen entwischt war, wieder einzufangen versuchten. Sie hörte, wie die Männer des Gesetzes die Vermutung aussprachen, daß der Verbrecher sehr wahrscheinlich die Umzäunung der Stadtgärtnerei übersprungen habe, um durch dieselbe nach Schoppershof zu freies Feld zu gewinnen. Da beide Männer die gleiche Ansicht hatten, setzten sie sich sofort nach der bezeichneten Richtung in Bewegung, um dem Flüchtling vielleicht doch den Weg abzuschneiden. Kaum hatten die Schutzleute sich entfernt, tauchte in der nächsten Nähe der Laube ein Mann auf und ging im herrschaftlichen Garten mit eiligen Schritten auf dieselbe zu. Das sonst so tapfere Mädchen erschrak bis ins innerste Herz, und bis sie soviel Fassung erlangte, um nach Hilfe zu rufen, hatte sie auch der Flüchtling bemerkt. »Fräulein, oder wer Sie auch sind, schonen Sie mich, rufen Sie nicht,« sprach er mit gedämpfter Stimme, aber doch so laut, daß er [185] verstanden werden mußte. Dabei trat er so nahe an das Mädchen, daß dieses schon vor Furcht jeden Ausruf unterließ. Auge in Auge standen sich jetzt die beiden Menschen gegenüber, hier das Verbrechen, dort die Unschuld. Da erkannte Frieda in dem vor ihr stehenden Mann ? Karl L., denselben, der auch sie so schwer betrogen und ihre Hilfe und ihr Vertrauen so schnöde gedankt und mißbraucht hatte. Aber auch L., hatte das Mädchen erkannt, und der Kampf, welcher sich in seinem Angesichte abspielte, legte Zeugnis ab von den Höllenqualen seines Gewissens. Er hätte am liebsten in die Erde sinken mögen, doch diese tat sich nicht auf. Den Rückzug getraute er sich aus Furcht, in die Hände seiner Häscher zu fallen, nicht anzutreten, und so blieb er denn wortlos und zitternd stehen. Wieder war es Frieda, welche zuerst den Bann brach. Sie nahm Karl bei der Hand und zog ihn zu sich auf die Bank in der Laube. Dann verlangte sie einen genauen Bericht über die Vorkommnisse dieses Abends und versprach, ihm nur dann Schonung angedeihen zu lassen, wenn er aufrichtig sei. Karl beichtete von dem Tage an, wo er Frieda um das Geld betrogen hatte. Er erzählte, wie er als Beschützer lasterhafter Dirnen dahinlebte, wie er von Tag zu Tag nicht wußte, wo er wohne und von was er lebe. Nun seien seine Mädchen alle in Haft und er habe, von der äußersten Not getrieben, stehlen wollen. In einem Hause der Maxfeldstraße wußte er bei zwei einzelnen Damen Geld; dieses wollte er sich heute Nacht aneignen. Eben hatte er die Türe des Vorplatzes geöffnet, als einige Herren von einem Abendspaziergang zurückkehrten und ihn überraschten. Er war entflohen, die Verfolger, denen sich die Patrouille der Schutzleute anschloß, dicht hinter seinen Fersen. Schon hatten ihn die Kräfte verlassen wollen, als er sich mit der letzten Kraftaufbietung über den Gartenzaun schwang und so seinen Häschern entging. Frieda hörte diesen Bericht ruhig an, dann erfaßte sie so viel Abscheu vor ihrem Schulkameraden, daß sie nicht wußte, was sie tun solle. Aber doch überwog das weibliche Mitgefühl den Abscheu und statt Verachtung ließ sie dem Armen noch einmal Hilfe zu teil werden. Sie gab ihm eine Mark mit der Weisung, in einem anständigen Gasthaus zu übernachten und sich morgen früh wieder hier einzufinden. Mit Dankesworten und Dankestränen schied Karl von Frieda. In seinem Herzen war ein Sturm losgebrochen, der ihn erbeben machte. Alle seine Taten glitten an seinem geistigen Auge vorüber, und er gelobte mit heiligem Ernste in der Stille der Nacht ein neues Leben zu beginnen. Mit dem ernsten Vorsatz, ein andrer Mensch zu werden, ging er zur Ruhe und erwachte am nächsten Morgen mit [186] von schönen Hoffnungen geschwelltem Herzen. Frieda hatte auch ihr Kämmerlein aufgesucht, aber nicht ruhig schlief sie ein, sondern unter Weinen zermarterte sie ihr Gehirn die halbe Nacht, wie dem Unglücklichen zu helfen sei. Geld, das war ihr klar, durfte man ihm nicht geben. Aber was sonst? Inbrünstiger wie je betete sie ihr Nachtgebet, Gott ganz besonders um Erleuchtung in dieser schwierigen Lage anflehend. Dann siegte der Schlaf und sie schlummerte einem bedeutungsvollen Morgen entgegen. Am nächsten Tage, als die Frau Kommerzienrat St. in der Kinderstube erschien, um sich nach ihren Lieblingen umzusehen und beim Baden anwesend zu sein, fielen ihr sofort die rotgeweinten Augen Friedas auf. Frau St. war noch eine Frau, der das Geschick ihrer Dienerschaft so stark am Herzen lag, als das Wohl der eigenen Familie. Auch die Dienerschaft wußte das Vertrauen der Herrschaft zu würdigen, und so verging nur eine kurze Zeit, bis die Kommerzienrätin alle Einzelheiten wußte. Auf die Versicherung des goldherzigen Kindermädchens hin, daß Karl L. noch gerettet werden könne, beschloß sie tatkräftig einzugreifen und ihren Gemahl in Kenntnis zu setzen. Dem Entschluß folgte die Tat auf dem Fuße. Der Kommerzienrat, ein Mann mit positiven Grundsätzen, zog die Stirne bei den Mitteilungen und Zumutungen seiner Gemahlin in Falten; aber doch willfahrte er ihrem Wunsch, den jungen Mann wenigstens einmal persönlich zu sehen und zu hören. ? Um zehn Uhr kam Karl an die Villa und ging vor derselben unschlüssig auf und ab, wußte er ja nicht, ob ihm der Zutritt gestattet. Die Köchin des Hauses bemerkte ihn und fragte Frieda, ob vielleicht dies der Erwartete sei. Frieda rief Karl herein und teilte ihm mit kurzen Worten mit, daß sie ihrer Herrschaft alles erzählt habe. Daraufhin wollte Karl verzweiflungsvoll das Haus verlassen, aber Frieda befahl ihm zu bleiben unter dem Hinweis, daß der Kommerzienrat ihn unterstützen werde in seinem Vorhaben. Karl blieb, und Frieda meldete es ihrer Gebieterin. Karl durfte eintreten zur Frau Kommerzienrat, es wurde ihm eine Erfrischung vorgesetzt, und nach einer Viertelstunde rief ihn Herr St. zu sich. In zwar strafendem, aber doch wohlwollendem Tone hielt der Kommerzienrat dem jungen Manne sein bisheriges leichtsinniges Leben vor und malte mit den schrecklichsten Farben die Zukunft aus, wenn er nicht umkehre. Mit zuckenden Lippen beteuerte Karl seinen ernsten Vorsatz, wieder ein ordentlicher Mensch zu werden und bat den menschenfreundlichen Handelsrat um seine Beihilfe. St. hatte einen geübten Blick und eine große Menschenkenntnis. Er erkannte sofort, daß die [187] rechte Hilfe hier noch etwas auszuführen vermag. Aus diesem Grunde beschloß er, L. in seinem in nächster Nähe gelegenen Sägewerk als Reparaturschlosser zu beschäftigen. Mit vor Tränen erstickten Dankesworten nahm Karl das freundliche Anerbieten an und mit beflügelten Schritten eilte er zu Frieda, ihr sein Glück, die neue Pforte zu neuem Leben, zu verkünden. Doch wie erstaunte er, als Frieda nicht auch ihrer Freude Ausdruck gab, sondern ihn mit beinahe rauhen Worten ermahnte, das Vertrauen zu rechtfertigen und seine Pflicht stets ganz und voll zu tun. Mit einem Vorschuß des Herrn Kommerzienrats in der Tasche mietete er sich nun ein Zimmer in der Nähe des Sägewerks, kaufte sich etwas notwendige Wäsche und trat Mittag seinen neuen Posten an. Frieda hatte ihn rauh entlassen, hätte er aber einige Minuten später gesehen, wie sie ihrer Herrschaft für den neuen Beweis der Güte und des Wohlwollens dankte, er würde sich glücklich gepriesen haben, einen solchen Schutzengel zu besitzen. Angestrengt arbeitete Karl in seiner neuen Stellung; überall wo etwas zerbrochen oder reparaturbedürftig gewesen, war er ungerufen zur Hand. Er machte nicht nur die vorgeschriebenen Arbeiten, sondern suchte an den Holzbearbeitungsmaschinen verschiedene Verbesserungen anzubringen. Der Kommerzienrat war voll des Lobes über den brauchbaren Arbeiter. Frieda war erfreut, wenn sie die Lobsprüche zu hören bekam, oder wenn Karl bei den gelegentlichen Besuchen feurig von seinem Streben erzählte; Karl gegenüber aber trug sie eine auffallende Kälte zur Schau. Zwar waren es immer freundliche und ermunternde Worte, welche sie zu ihm sprach, aber Karl war unzufrieden, ihm kam es vor, als wehte ein eisiger Hauch hindurch. Eines Tages erbat sich Karl eine Unterredung mit seinem Chef. Er war jetzt neun Monate im Sägewerk tätig und hatte sich beinahe unentbehrlich gemacht. Nichts wurde unternommen, ohne daß auch er zur Beratung gezogen wurde. Die Unterredung ward gerne gewährt, und erstaunt war Frieda, als am Nachmittag Karl L. ein Zimmer in der Villa bezog. Wie wuchs aber ihr Erstaunen, als er nicht im Arbeitskittel in die Betriebswerkstätte, sondern in Feiertagskleidung ins Bureau des Kommerzienrats ging. Doch sie bekämpfte die weibliche Neugierde und wartete, bis Karl ihr diese Veränderung selbst mitteilte. Aber dieser schien für seine Umgebung keine übrige Viertelstunde mehr zu haben. In den frühesten Morgenstunden ging er in das Bureau, in später Nacht verließ er es, nur die nötigsten Essenspausen sich gönnend. Der Kommerzienrat hatte zwar einmal versucht, diese Überarbeitung zu verhindern, aber Karl bestand so fest [188] auf seinem Willen, daß er keinen Einwand mehr machte. Nicht einmal Sonntags war Karl zu sehen. Endlich nach vier Wochen ward das Geheimnis preisgegeben, als der Kommerzienrat bekannt machte, Karl habe auf dem Gebiete der Holzbearbeitung eine ganz bedeutende Erfindung gemacht, die in den berufenen Fachkreisen das höchste Aufsehen erregt. Nun schmolz auch die vermeintliche Eisrinde um das Herz Friedas, und sie versicherte Karl unter den herzlichsten Glückwünschen zu seinem Erfolge, daß sie jetzt fest überzeugt sei, daß er nun den alten Menschen abgelegt und wieder ebenbürtig allen Menschen auf festem Boden stehe. Der Kommerzienrat bestand nun darauf, daß Karl eine Fachschule besuche und sich ausbilde. Voll herzlicher Dankbarkeit gegen seine Wohltäter schied er und bezog das Technikum Mittweida in Sachsen. Nach zwei Jahren kehrte er mit den besten Zeugnissen zurück und trat als technischer Betriebsleiter an die Spitze des Dampfsägewerks. Unumschränkt konnte und durfte jetzt Karl schalten und walten, und wahrlich, St. hat sein Vertrauen schön belohnt gefunden. Aus dem bescheidenen Sägewerk entstand ein Betrieb mit dreihundert Arbeitern. Nun dachte auch Karl L. daran, sich einen eigenen Hausstand zu gründen. Der Prinzipal billigte den Entschluß umsomehr, als er erfuhr, wer die Erwählte sein sollte. Karl bat den Kommerzienrat, seinen Freiwerber zu machen, da er einen Korb befürchtete. Gerne kam der edle Mann dem Wunsche seines treuen Technikers nach, und die Braut, Frieda St., von der Herrschaft mit einer reichen Aussteuer bedacht, ward gewonnen. In glücklicher, harmonischer Ehe lebten die beiden Eheleute Karl und Frieda dahin, ein Vorbild ihren Kindern, aber auch ein Vorbild ihrer Umgebung. In engste Verbindung traten der Kommerzienrat St. und sein Techniker L., indem er diesen nach einigen Jahren als Kompagnon ins Geschäft eintreten ließ. Die Firma aber errang sich einen Weltruf und heute noch hat »St. & Komp.« einen guten Klang in der Welt, der Holzbearbeitung. ?[189] 1 Amazon.de Widgets 10. G.K. von N., unehelich geboren 1867, prot., lediger Maschinenschlosser. Vorstrafen: 5mal Gefängnis wegen Betrugs und Diebstahls, 4mal Zuchthaus wegen Diebstahls, Urkundenfälschung und Betrugs. Tätowiert am rechten Arm (Schlange, Herz, Anker, K.G. 1888), am linken Arm (M.S., zwei schnäbelnde Tauben) und auf der Brust (eine Krone, darunter L. II. und ein Band mit der Devise: »In Treue fest!«). Sehr gute Führung. Aufmerksam und lernbegierig. Hat außer der Volksschule noch eine Fachschule besucht und sich tüchtig fortgebildet. Sehr gewandter Zeichner. Auf die Frage, warum er schon wiederholt rückfällig geworden, hat er die stereotype Antwort: »Die Weiber sind mein Unglück!« Wegen Heiratsschwindels vorbestraft. ? Tuberkulös, öfters operiert. Geschwüre an den Gelenken. Rippenresektionen. Häufig im Spital, wo er sich sehr gesetzt und anständig benahm. Kein Heuchler. Willensschwach. 
 Aus meinem Leben. Eigene Schuld und fremde Schuld. (Nr. 4. S.J.1)  Der Verbrecher und das Verbrechen! Seine Ursachen und Bekämpfung! In der Kammer, auf Kongressen und an Biertischen, überall wird dieses Thema besprochen; aber immer gehen die verschiedenen Meinungen auseinander. Alljährlich werden viele gelehrte Bücher und Abhandlungen geschrieben über dieses Thema, aber wie [75] einseitig sind diese Berichte, wie falsch die vielfach aufgestellten Hypothesen, und wie ungerecht werden in der Regel die unglücklichen Insassen der Strafanstalten verdammt. »Gehenkt ohne Verhör«, wie der Frankfurter sagt, denn sie sind bürgerlich tot. Die Wissenschaft behauptet: »Der Verbrecher wird geboren«, also er folgt lediglich ohne jede Willensfreiheit dem angebornen Triebe. Wenn nun auch diese widersinnigen Lehren Lombrosos in den kriminalanthropologischen Kreisen unseres Vaterlandes so gut als abgetan gelten, so habe ich doch oft die Erfahrung machen müssen, daß wir gerade dort, wo wir Hilfe erwarteten, am schärfsten verurteilt wurden, nämlich in den gebildeten Kreisen des Mittelstandes. In den Salons der Bourgeoisie, die doch zuerst uns die Hand zur Rettung reichen sollte, sobald ein Gefangener mit ernsten ehrlichen Absichten zur Besserung die Anstalt verläßt, wird über uns der Stab gebrochen; von dort aus gehen die Fußtritte, die uns zum zweiten Male zu Fall bringen. Es ist für mich unzweifelhaft, daß hier die Lombrososchen Lehren mitgewirkt und die bestehenden Gegensätze noch verschärft und völlig unausgleichbar gemacht haben. Andere, vor allem die Gefängnisgeistlichen, behaupten, daß das Verbrechen lediglich ein Produkt der Sünde, der Nichtachtung der Religion und der heiligen zehn Gebote Gottes sei, entstanden auf dem ureigensten Boden jedes einzelnen Individuums nach der Bibelstelle: »Aus dem Herzen heraus kommen arge Gedanken, Mord, Hurerei, Dieberei, falsches Zeugnis.« Sie beantworten die Frage nach den Ursachen des Verbrechens einfach und kurz: »Die Sünde ist der Leute Verderben!« Wieder andere stellen die Behauptung auf, daß das Verbrechen nicht im Herzen des Menschen, sondern in der Organisation der modernen Gesellschaft zu suchen sei, und verlangen, die Strafgesetzbücher sollten die Tatsachen, welche sie zu Verbrechen stempeln, nach ihren Motiven, nicht nach den Resultaten beurteilen. Nun ist man aber imstande, die traurige Tatsache festzustellen, daß in Deutschland 85% aller Gefangenen rückfällig werden! Wie kommt das?! Sind diese 85% ohne Ausnahme unverbesserliche, immer wieder in Verbrechen zurückfallende, aus Lust zum Bösen frevelnde Menschen, bei denen selbst die strengsten Strafen keinen bessernden Einfluß hervorrufen? Oder hat man hier nach anderen Faktoren zu suchen? Über alle diese Dinge habe ich oft in der Einsamkeit der Gefängniszelle nachgedacht, habe mich selbst als Objekt genommen, [76] bin in stillen einsamen Stunden hinabgetaucht in die Fluten meines Innern, um zu sehen, was da unten zu finden ist, ob Perlen oder giftiges Getier; habe mein ganzes bisheriges Leben noch einmal in Gedanken an mir vorüberziehen lassen, habe auch von den Tausenden meiner Mitgefangenen, die ich im Gefängnis an verschiedenen Orten Deutschlands kennen lernte, jeden Einzelnen, soweit ich das vermochte, unter die Lupe genommen und bin zu dem Resultat gekommen, daß nur derjenige obige Fragen richtig beantworten kann, der sich in die Verhältnisse des Rechtsbrechers hineinzudenken vermag, der sich in die Lage desselben hineinversetzt und nun von seinem Standpunkte aus obige Fragen beurteilt. Ich will nun den freundlichen Leser in die Lage versetzen, über diese Fragen selbst ein Urteil abgeben zu können, indem ich die wahren Tatsachen ? Geschichten aus meinem Leben ? hier niederschreibe, die meine Ausstoßung aus der Gesellschaft zur Folge hatten. Diese Tatsachen können als typisch angesehen werden, insofern als Tausende gleich mir nur deshalb und trotz aller guten Vorsätze, ins Gefängnis zurückkehrten, weil sie von der Gesellschaft mit Verachtung, Spott und Hohn behandelt wurden und trotz aller Mühe keine Arbeit finden konnten, schließlich wieder in schlechte Gesellschaft gerieten und nun statt aufwärts ? abwärts gerissen wurden. Ein altes Sprichwort wird hier immer wieder zur Wahrheit: »Müßiggang ist aller Laster Anfang!« ? Ich bin in Norddeutschland, in einer kleinen Provinzialstadt von kaum 6000 Einwohnern geboren. Mein Vater starb, nachdem ich kaum 10 Jahre alt geworden war, viel zu früh für uns Kinder, speziell für mich. Aber ich hatte eine fromme Mutter, deren ganzes Leben ein Gebet war, denn sie sorgte und arbeitete unablässig Tag und Nacht, um mich und meine Geschwister zu anständigen Menschen, zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen. Doch entging es ihren wachsamen Augen, daß ich halbe Tage über Büchern, Produkten der modernen Schandliteratur und Hintertreppen-Romanen, saß, die mein Inneres vergifteten und meine Gedanken verwirrten. Ich war ein frühreifer Junge, voller Energie und Unternehmungsgeist, mein ganzes Sehnen war auf die Großstadt gerichtet, wo ich ein wohlhabender Mann zu werden hoffte, um meiner guten Mutter all' ihre Liebe vergelten zu können. Kaum 17 Jahre alt, schnürte ich mein Bündel: einige Anzüge, etwas Wäsche und einige Jugenderinnerungen, das war alles; so mit leichtem Gepäck, aber mit frohem Sinn und guten kaufmännischen Kenntnissen ausgestattet, zog ich hinaus in die weite Welt. Schmerzlich [77] war der Abschied von meiner guten Mutter; es war, als ahne sie, daß sie mich nie mehr sehen würde. Manche gute, ernste Lehre gab sie mir mit auf den Weg, dann reichte sie mir zum letzten Male die Hand, senkte ihre guten treuen Augen tief in die meinen und sprach so ernst und feierlich, daß es mir war, als sei ich in einer Kirche: »Mein Sohn, habe stets Gott vor Augen und im Herzen und hüte Dich, daß Du in keine Sünde willigest noch tust wider Gottes Gebot!« Zehn Minuten später saß ich in der Eisenbahn und fuhr hinein in die schöne Gotteswelt, frisch und frei, die Brust geschwellt von Hoffnungen und kühnen Träumen. Seitdem sind 15 Jahre vergangen, und ich habe sie nicht wieder gesehen ? mein geliebte Heimat und mein liebes, altes Mütterlein. Nachmittags traf ich in B., meinem Reiseziele, ein, und nachdem ich den Reisestaub abgeschüttelt, begab ich mich sofort nach der Wallstraße, um mich meinem neuen Chef vorzustellen. Dieser, eine wahrhaft hünenhafte, imposante Gestalt, unterzog mich einer scharfen Musterung, doch ich mußte ihm wohl gefallen haben, war ich doch ein großer starker Kerl, sogar mit einem Anflug von Schnurbart und machte den Eindruck eines Zwanzigjährigen, denn er reichte mir wohlwollend die Hand und bot mir einen Stuhl. »Sie sind noch ein sehr junger Mann«, redete er mich an, »jedoch Sie sind mir empfohlen worden und haben in meinem Geschäft Gelegenheit, sich in allen Zweigen gründlich zu vervollkommnen, also machen Sie ihrer Empfehlung Ehre und ? vor allem Pünktlichkeit, dann werden wir gut miteinander auskommen.« ? Am andern Morgen trat ich meinen Posten an. Der erste Buchhalter machte mich mit meinen Obliegenheiten bekannt und stellte mich auch den, gleich mir im Geschäft angestellten jungen Leuten, ungefähr zehn an der Zahl, vor; es waren dies lauter liebenswürdige junge Leute, mit denen ich bald bekannt wurde. Die ersten Monate gingen vorüber wie im Fluge, was gab es da alles zu sehen: diese Prachtbauten, Theater, Panoptikum und andere Sehenswürdigkeiten, von denen ich bisher keine Ahnung hatte! Doch eine größere Freude war es für mich, als ich die erste kleine Geldsendung nach Hause schicken konnte; im Geiste sah ich mein Mütterlein, wie sie vor Freude weinend, ihren einzigen Jungen segnete. Streng hatte sie immer darauf gehalten, daß ich Sonntags zur Kirche ging, und da sie selbst so selten gehen konnte, so mußte ich nach Tisch ihr immer das Sonntagsevangelium vorlesen und die Predigt des Geistlichen, so gut es ging, wiederholen. Da konnte ich [78] sie denn ordentlich erzürnen, wenn mich einmal mein Gedächtnis im Stich ließ, d.h. wenn ich unaufmerksam gewesen war. Auch in B. ging ich Sonntags zur Kirche, es war mir ein Bedürfnis, meinem Schöpfer zu danken. Mit meinen Kollegen hatte ich eigentlich außergeschäftlich sehr wenig Verkehr, da ich erstens kein übriges Geld hatte und auch wohl in Anbetracht meiner Jugend von ihnen noch nicht »für voll« angesehen wurde, zweitens aber, weil ich abends zu Hause blieb und mich mit Latein, Französisch und Englisch beschäftigte. Es mochten ungefähr 6 Monate vergangen sein, als ich eines Sonntags, auf dem Kirchgang begriffen, einigen meiner Kollegen begegnete, welche zum Frühschoppen gehen wollten und mich so ungestüm drängten mitzugehen, daß ich schließlich nachgab, zumal ich noch fast eine Stunde Zeit hatte bis zum Beginn der Kirche. Es war mir zwar, als sei es nicht recht, vor der Kirche in's Wirtshaus zu gehen, doch mochte ich auch kein Spielverderber sein und so folgte ich denn meinen Kollegen in eine kleine Seitengasse, wo sich eine Weinstube befand. Hier waren schon fünf junge Leute aus unserm Geschäft, elegante Gestalten in Lackstiefel und Zylinder, in sehr animierter Stimmung versammelt und empfingen uns mit lautem Hallo! »Na Kinder! das ist recht, daß ihr kommt,« rief Kurt W., der Sohn eines Düsseldorfer Bankiers, »Ah! sieh' da, auch unsern Einsiedler haben sie mitgebracht!« dabei reichte er mir die Hand und zog mich neben sich auf das Sofa. »Aber Mensch, haben Sie denn nun endlich eingesehen, daß Sie Sonntags hierher in unsere Gesellschaft gehören, und nicht auf die Bude hocken wie ein Gichtbrüchiger?!« »Lieber Kollege«, antwortete ich, »Sie befinden sich im Irrtum, wenn Sie annehmen, daß ich zu Hause hocke, ? ich gehe Sonntags in den schönen grünen Bürgerpark oder sehe mir die Sehenswürdigkeiten der Stadt an. Vormittags allerdings bin ich bis 91/2 Uhr zu Hause, dann gehe ich zur Kirche, vorher ?« »Was? Wohin?« wurde ich unterbrochen, »zur Kir?« ein homerisches Gelächter übertönte die letzte Silbe. »Aber lieber Kollege,« meinte ein anderer, »was machen Sie denn in der Kirche? sind Sie etwa unter die Halleluja-Brüder geraten? Also deshalb sind Sie immer unsichtbar: ich glaube, Sie beten zu Hause auch den ganzen Tag!« Ich war empört und fühlte, daß ich rot wurde, fragte aber trotzdem ganz naiv: »Aber meine Herren, gehen denn Sie nie zur Kirche? oder halten sie es nicht für notwendig, daß ?« »Ach was,« wurde ich wieder unterbrochen, »lassen Sie sich [79] doch nichts vormachen von den Pfaffen, ? ist alles Schwindel! Am ehrlichsten war noch Luther, denn er singt: ?Wer nicht liebt Weib, Wein und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang!?« Der ganze Chorus brüllte nun diesen Kantus. »Prosit Kollege! Prosit!« erschallte es von allen Seiten, »Trink Mensch, der Wein erfreut des Menschen Herz; laß die Grillen fahren komm sei lustig!« »Möchte wetten, unser Musterknabe denkt jetzt an das Sprichwort: ?Wenn Dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht!?« höhnte Kurt W. »Ja!« meinte ein anderer, »das Sprichwort ist sehr gut, doch heißt es: ?Wenn Dich die bösen Buben locken, so ziehe Dir die Stiefel aus und folge ihnen auf Socken.? Das ?folge ihnen nicht,? haben erst die Pfaffen aufgebracht.« Erneutes Gelächter! Mir war zu Mute wie einem Indianer, der zum ersten Male in eine große Ansiedlung der Weißen kommt. Ich hatte sehr rasch einige Gläser Wein getrunken, welche mir zu Kopfe stiegen, da ich nicht ge wohnt war, Wein zu trinken, und dachte in diesem Augenblicke daran, was wohl meine Mutter sagen würde, wenn sie mich hier so sehen würde. »Habe stets Gott vor Augen und im Herzen,« tönte es mir in den Ohren, und ich sprang auf, zahlte, riß mich gewaltsam los! ? »Entschuldigen Sie, meine Herren, ein anderes Mal wieder!« und draußen war ich. Es war der erste Sonntag, wo ich nicht zur Kirche ging, es war mir unmöglich, ich mußte allein sein, und der »Musterknabe,« der »Einsiedler,« der unter die »Halleluja-Brüder« Geratene, ging zu Hause und ? weinte. ? Es wurde Weihnachten, und ich wäre gerne zu Hause gefahren, aber das viele Reisegeld ? es war doch besser, ich verzichtete auf das Vergnügen und schickte das Reisegeld der Mutter. Im Geschäft hatte ich mich schnell eingearbeitet und die Zufriedenheit meines Chefs erworben, es wurde mir auch eine Gehaltserhöhung in Aussicht gestellt. So verging der Winter, welcher mir auch verschiedene Vergnügungen brachte, zu denen ich eingeladen wurde, und so oft es mir meine kleinen Ersparnisse erlaubten, besuchte ich das Theater. Von meinen Kollegen wurde die Geschichte in der Weinstube mit keiner Silbe erwähnt, es schien, als sei Alles vergessen worden. An Fastnacht besuchte ich mit ihnen einen Maskenball, hatte ich doch noch nie so etwas gesehen, viel weniger mitgemacht. Meine Kollegen, meist Söhne sehr wohlhabender Eltern, trieben die tollsten [80] Dinge, der Champagner floß in Strömen und ich, der noch nie derartige Weine getrunken, war bald einer der Lustigsten. »Trinken Sie, Sennor!« sagte Kurt W., der Bankiersohn, der als spanischer Grande stolz an meiner Seite saß, »heute sind Sie mein Gast! Caramba! seien Sie wenigstens heute kein Duckmäuser. Prosit! Es lebe das Leben!« »Nun, wie gefällt es Ihnen?« fragte Mynherr van E., ein junger Holländer, der bei uns als Volontär angestellt war, hauptsächlich um Deutsch zu lernen, »lauter lustige Bengel, unsere Kollegen, jeden Tag etwas anderes: Kneipen, Tingeltangel, Konzert, Weinstuben mit Damen. Famos! Schöner wie in Rotterdam. Nur nehmen alle es Ihnen übel, daß Sie sich überall ausschließen.« »Lieber Kollege, ich will ehrlich mit Ihnen sein, sehen Sie, ich habe nicht die Mittel, um derartige Vergnügen mitzumachen, und es ist mir peinlich, mich von andern freihalten zu lassen.« »Unsinn, Kollege! Unter uns ist doch ganz egal, wer zahlt. Kellner! Zwei Flaschen Heidsik! Aber etwas schleunigst!« ? Früh am Morgen brachte man mich nach Hause, besinnungslos betrunken, ? der erste Rausch in meinem Leben. Am Nachmittag kamen die Freunde und weckten mich aus dem todähnlichen Schlafe, sie hatten sogar ein Katerfrühstück mitgebracht; dieses und ein kaltes Kopfbad brachten mich wieder auf die Beine. »Nur weiter!« drängte Kurt W., »wollen den Kater schon vertreiben ? den richtigen Trunk, und alles ist wieder gut!« Ich wagte nicht zu widersprechen, und es gab in einer Weinstube eine Fortsetzung vom Abend vorher. Verschiedene Male wollte ich aufbrechen, aber ich wurde gehänselt und verspottet; und das falsche Ehrgefühl war stärker als die Stimme des Gewissens, ich blieb und ? lange nach Mitternacht taumelten wir nach Hause. Einige Wochen später wurde ein Ausflug verabredet, der an einem Sonntag stattfinden sollte; ich ließ mich nicht lange bitten, denn ich hatte ja Zeit am Sonntag; zur Kirche war ich seit jenem Maskenball nicht mehr gewesen. Es war ein amüsanter fröhlicher Tag, nur den Damen gegenüber war ich befangen und konnte einer gewissen Schüchternheit nicht Herr werden. Am Abend waren die Herren allein und hielten in dem Hinterzimmer einer Weinstube Nachfeier. Hier wurde Karten gespielt und zwar sehr hoch. Kurt W. machte den Bankhalter, und der Holländer setzte Summen bis zu 50 Mark auf eine Karte. Ich kannte das Spiel nicht; kannte überhaupt kein Kartenspiel, denn meine Mutter litt keine Karten im Hause, sie war eine große Gegnerin jeglichen Kartenspiels und litt nur harmlose [81] Unterhaltungsspiele wie Domino etc. Solche durften wir Kinder an langen Winterabenden ab und zu um ? Pfeffernüsse spielen. Alle Herren beteiligten sich am Spiel und sprachen tüchtig dem Weine zu. Ein junger Buchhalter erklärte mir das Spiel und sagte, man könne eine beliebige Summe auf irgend eine Karte setzen; der Bankier schlägt zwei Karten auf, liegt nun die besetzte Karte links, zieht der Bankier den Betrag ein, liegt sie aber rechts, zahlt er den Betrag, der gesetzt wurde, aus. Dies Spiel heißt »Tempeln« erklärte er weiter, oder man sagt auch: »Meine Tante, Deine Tante.« »Na, mein lieber S.!« rief der Bankhalter zu mir herüber, »sind Sie der einzigste, der nicht spielt? Oder haben Sie Angst zu verlieren? Fortes fortuna adjuvat! lehrte man mich in meiner Jugend, lernten Sie nie derartiges?« »Aber, lieber Herr, wie kann ich etwas spielen, was ich nicht verstehe? Außerdem halte ich es nicht für erlaubt, mich durch das Spiel zu bereichern!« erwiderte ich. »O sancta simplicitas!« lachte Kurt W., »Sie werden nie ein guter Kaufmann werden; oder glauben Sie, daß unser Chef seinen Reichtum erworben hat, ohne sein Vermögen xmal auf das Spiel gesetzt zu haben? Glauben Sie, daß unsere berühmte Börse etwas anderes ist, wie ein Hazardspielhaus? ? Aber ich wollte Sie durchaus nicht animieren,« fügte er hinzu, »Sie werden noch früh genug Vergnügen an solch' unschuldigem Spielchen finden.« Vierzehn Tage später saßen wir am selben Orte. Es war der Erste gewesen, und ich war gerade auf dem Wege zur Post, um für mein Mütterlein 20 Mark abzusenden, mehr konnte ich nicht erübrigen, da ich für anständige Kleidung viel Geld gebrauchte und wohl auch in letzter Zeit einige unnütze Ausgaben gemacht hatte. Leider fand ich die Post schon geschlossen, dafür traf ich die Freunde, welche mich denn auch richtig mitlotsten. Diesmal hatte der Holländer die Bank und alle Anwesenden beteiligten sich eifrig am Spiel. »Nichts für ungut,« flüsterte mir Kurt W. zu. »Sie kennen doch die Geschichte jedenfalls auch, von ?dem Bauern, der die dicksten Kartoffeln hatte?; nun ich wette, wenn Sie jetzt 5 Mark auf die Dame setzen, gewinnen Sie todsicher! ? Sie wollen nicht? Hier, bitte, setzen Sie für mich schnell diese 10 Mark auf die Dame, ich habe heute kein Glück!« Dabei drückte er mir 10 Mark in die Hand. Ich setzte das Geld auf die Dame, die Dame fiel rechts, also gewonnen. »Jetzt schnell auf die Sieben!« wieder gewonnen. »Jetzt die 40 Mark auf den Buben!« flüsterte Kurt, ? nach zwei Abzügen gewonnen. [82] »Nun setzen Sie die 80 Mark hin, wohin Sie wollen, möchte doch einmal sehen, ob es wahr ist mit die dicken Kartoffeln.« Ich setzte das Geld auf die Zehn ? und wahrhaftig, im Zuge gewann die Zehn. Ich nahm die 160 Mark an mich und übergab sie an Kurt. »Hier!« sagte er, »10% sind 16 Mark, das ist so Usus. Nun versuchen Sie Ihr Glück auf eigene Rechnung!« Ich wollte ablehnen, doch er sagte kurz: »Sie dürfen nie etwas zurückweisen, was Ihnen gehört! Ich hätte das Geld auf den König gesetzt, und da wäre es futsch gewesen.« Nun flüsterte mir der Versucher ins Ohr: Mit 10 Mark in einigen Minuten 150 Mark gewinnen! Sei kein Narr, mach es auch so! Da könntest Du Dir die Lackstiefel bestellen und den Seidenzylinder und noch mehr schöne Sachen. Das Leben ist ja so schön, genieße es doch! Sei kein ? »Na los!« rief Kurt W. herüber, meine Gedanken unterbrechend, »man muß dem Glücke die Hand reichen! Frisch gewagt ist halb gewonnen!« »Tu's nicht!« tönte es in meinem Innern, »denke an Deine Mutter, und wo bleiben Deine Grundsätze? ? Habe stets Gott vor Augen und im Herzen, und ?« »Ach Unsinn!« die andere Stimme, »gerade darum mußt Du Geld gewinnen, damit Du Deine Mutter erst recht unterstützen kannst, und denk an die Lackstiefel und ?« »Silentium! Meine Herren, unser Kollege S. hat seine ersten 10 Mark auf die Dame gesetzt; wollen sehen, ob sie ihm Glück bringt!« rief Kurt W. ? »Natürlich! es ist wahr mit den dicken Kartoffeln, ? hat schon gewonnen!« Die Leidenschaft hatte mich gepackt, vergessen waren die Grundsätze, vergessen die Mutter, vergessen alles! Ich gewann, wo ich hinsetzte, floß mir das Geld zu; in kurzer Zeit hatte ich mindestens 400 Mark vor mir liegen. Es lagen nur mehr 150 Mark in der Bank. Kurt W. gab mir einen Stoß: »Machen Sie Schluß! Machen Sie den Bankier kaput!« Nun meinetwegen: »Va banque auf die Dame!« Die Dame fiel rechts, die Bank war gesprengt. Ich hatte 550 Mark gewonnen und fühlte mich als Millionär, so viel Geld hatte ich noch nicht besessen; das Spiel wurde abgebrochen, dafür aber in einem Nachtcafé noch 10 Flaschen Heidsik getrunken, wofür ich 150 Mark bezahlte. [83] Mit dem Versprechen auf Revanche für den nächsten Abend, trennten wir uns; ich rief eine Nachtdroschke an, und 10 Minuten später war ich zu Hause. Aber in welchem Zustande: zerschlagen am ganzen Körper, Kopfschmerzen, daß ich glaubte, man wolle mir den Kopf auseinandermeißeln. Die ganze Nacht träumte ich vom Spiel: ich setzte Tausende immer auf die Dame und gewann, bis ich an den Hals in Tausendmarkscheinen steckte, und zählte und zählte und konnte doch nicht zu Ende kommen. Erst gegen Morgen fiel ich in einen ruhigen Schlaf. Gerade noch rechtzeitig kam ich ins Geschäft, war aber zur Arbeit nicht zu gebrauchen; erst gegen Abend ward mir wohler. Das Gewissen regte sich noch einmal mächtig: »Kehre um, noch ist es nicht zu spät!« tönte es mir in den Ohren, und ich nahm mir vor, am Abend nicht zu spielen, sondern frühzeitig schlafen zu gehen. Aber ich hatte die Rechnung ohne meine Freunde gemacht. Sie erklärten mir, es sei nicht anständig, nicht gentlemanlike, wenn ich mich zurückziehen würde, und dürfe unter keinen Umständen mein am vorigen Abend gegebenes Versprechen brechen. Was sollte ich machen? Die Herren waren alle um 4?6 Jahre älter als ich ? also mit! Das Spiel nahm seinen Anfang, einige Glas Wein hatten mich munter gemacht; mit 300 Mark hatte ich die Bank übernommen, und nach sechs bis sieben Taillen war das Geld fort. Ich war sehr erregt, jeder Nerv zuckte, der Schweiß stand mir auf der Stirne, hastig trank ich mehrere Glas Wein und wandte mich wieder dem Spiele zu, denn ein Anderer hatte eine Bank eröffnet. Ich setzte 20 Mark auf die Dame ? die Dame fiel links! 20 Mark auf die Achte ? links! 50 Mark auf die Achte ? wieder verloren! Jetzt raffte ich mein ganzes Vermögen zusammen, und da drei Damen verloren hatten, setzte ich alles auf die vierte Dame. Es waren qualvolle Minuten! Endlich kam sie ? links! Mit einem tiefen Seufzer ließ ich den Kopf hängen. »Ist eine launische Dame, das Glück!« meinte Kurt W. »Ist alles fort?« Ich nickte nur. »Donnerwetter!« rief der Bankhalter, »für den habe ich Angst, der pointiert ja wie ein Wahnsinniger; hätte er ein paar Mal gewonnen, so wäre die Bank futsch gewesen!« »Das ist richtig!« antwortete Kurt W., »mit 50 Pfg. oder 1 Mark konnte er sein Geld nicht wiedergewinnen,« und zu mir gewendet: »Bin zwar auch im Verlust, aber 50 Mark kann ich Ihnen geben, wenn Sie wollen!« [84] Hastig griff ich nach dem Gelde, setzte klein, gewann einige Male, verlor dann wieder und so ging es immer hin und her. Wieder fielen drei Damen links, und wieder setzte ich alles auf die 4. Dame ? zwei Züge, ? ich hatte wieder verloren! Nun stellte sich auch wieder die Reue ein! Was hatte ich nur getan? Die gewonnenen 400 Mk. verloren, mein ganzes Taschengeld für den Monat verloren und ? und die 20 Mk., die der Mutter gehörten; und außerdem noch 50 Mk. Schulden! Die Atmosphäre kam mir plötzlich drückend heiß vor, der Wein, der Zigarrendunst, das grelle Licht, mir war, als müsse ich ersticken. Wie elektrisiert sprang ich auf, ergriff Hut und Überrock und stürmte hinaus wie ein Wahnsinniger; die halbe Nacht irrte ich in den Anlagen umher, und erst gegen Morgen suchte ich meine Wohnung auf. Ich fühlte es, ich war nicht mehr derselbe, ich war ein anderer geworden und schloß mich immer mehr an meine Freunde an, vor allem an Kurt W. und den Holländer, diese waren die beiden Leichtsinnigsten; mit ihnen besuchte ich auch Kneipen, wo leichtfertige Dirnen als Kellnerinnen fungierten, und sonstige verrufene Häuser. Kaum ein Jahr von Hause fort, und meine Unschuld war schon dahin! Ich war ja auch so ganz allein, hatte keinen ehrlichen Freund, keinen ehrlichen Berater; meine Briefe nach Hause wurden immer seltener, ? ich hatte aufgehört, meiner Mutter eine Stütze zu sein. So war es wieder Hochsommer geworden, als wie ein Blitz aus heiterem Himmel uns die Nachricht traf, daß unser Chef ganz plötzlich am Gehirnschlage gestorben sei. Einige Tage später hatten wir unsere Kündigung in der Tasche; die Firma sollte eingehen. Es war schwer, wieder eine gute Stellung zu erhalten, doch gelang es mir durch eine besondere Empfehlung unseres alten Prokuristen, als Hotelbuchhalter unterzukommen. Drei Monate arbeitete ich mit allem Fleiß, um meine Schulden los zu werden, da wurde ich durch den Neffen meines Prinzipals, der in einer andern Großstadt Dummheiten gemacht hatte und nun unter der Aufsicht seines Onkels sich bessern sollte, aus meiner Stelle verdrängt. Nun hatte ich zwar meine Schulden getilgt, war aber auch ohne Erwerb, und alle meine Bemühungen, wieder festen Fuß zu fassen, waren vergebens. Amazon.de Widgets Nach drei Wochen waren meine Mittel bis auf 10 Mk. zusammengeschrumpft, und ich hatte immer noch keine Stellung und auch keine Hoffnung, eine solche zu erhalten. Ich packte meine Sachen und fuhr mit dem letzten Gelde nach [85] Bremerhaven, aber auch hier gelang es mir nicht unterzukommen, und nach einigen Tagen stand ich völlig mittellos da! Zuerst wurde nun Uhr und Kette versetzt, um die Einschreibegebühr auf dem Nachweisbureau zahlen zu können, dann folgte ein Kleidungsstück nach dem andern, bis ich nichts mehr hatte, als was ich auf dem Leibe trug. Der geringe Betrag, den ich für meine Sachen erhalten, konnte mich nur kurze Zeit vor Not schützen, dann brach es unaufhaltsam über mich hinein: ich irrte hungernd und frierend, obdachlos durch die Straßen von Bremerhaven. In dieser meiner großen Not traf ich einen Kellner, der in B. mit mir in demselben Hotel beschäftigt gewesen war. Ich erzählte ihm meine Not und erfuhr, daß er selber auch stellenlos sei, jedoch sich auf dem in fünf Tagen in See gehenden Dampfer »Saale« als Steward anmustern lassen wolle. Er nahm mich mit in seine Wohnung und gab mir den Rat, mich ebenfalls als Steward anmustern zu lassen. Meine Einwendungen wußte er geschickt zu widerlegen, denn er meinte: »Wenn Sie auch kein Kellner sind, so haben Sie doch in den 3 Monaten im Hotel soviel gesehen, daß Sie das bischen Servieren schon können; im Decken werde ich Ihnen aber einige Stunden Unterricht geben, und ihnen dann einige Zeugnisse als Kellner schreiben, so schön, als wenn sie der Chef selber abgestempelt hätte. Habe das gelernt,« meinte er gutmütig, »war auch auf Wanderschaft und weiß, wie's manchmal in der Fremde geht!« Am andern Morgen begaben wir uns zum »Heuerbaas«, wo sich viele Matrosen und Stewards versammelt hatten, die alle angemustert sein wollten. Mir klopfte doch mächtig das Herz mit meinen falschen Papieren, aber der Kellner, welcher schon öfter Seereisen gemacht hatte, machte mir guten Mut und meinte, es könne gar nichts passieren. Zwanzig Minuten später war ich im Besitze eines Seefahrtsbuches, wonach ich für die Reise von Bremerhaven nach New-York und zurück als Steward, mit einem Gehalt von 30 Mk. angemustert war. Nun hatten wir noch zwei Tage Zeit, bis wir an Bord zu gehen brauchten, aber es gab auch noch viel Arbeit. »Seh'n Sie,« meinte mein nunmehriger Kollege, »jetzt sind wir Stewards und wollen, wenn es Ihnen recht ist, ?Du? zu einander sagen.« Ich hatte nichts dagegen und drückte ihm treuherzig die Hand; war ich ihm doch Dank schuldig, da er mich mit durchfütterte, als sei ich sein Bruder. »Der Posten ist noch nicht der schlechteste,« erzählte er weiter, [86] »in drei Wochen sind wir wieder zurück, dann haben wir unsere 30 Mk. verdient, außerdem rechne ich für Dich auf 30?40 Mk., und für mich, da ich als Passagier-Steward angemustert bin, auf 80?100 Mk. Trinkgeld. Dann haben wir an Bord eine ausgezeichnete Verpflegung und können während der Fahrt nichts ausgeben. Doch nun komm, wir müssen einkaufen gehen!« »Einkaufen? ich hab' ja keinen Pfennig Geld!« »Komm nur! und steck' Dein Seefahrtsbuch ein!« Nun führte er mich zum Kleiderhändler. Hier wurden zunächst Uniformen verpaßt, denn die Stewards des Norddeutschen Lloyd tragen die kleidsame blaue Uniform mit vergoldeten Anker-Knöpfen, ähnlich wie die Seekadetten. »Oho! ein Kerl wie ein Hochbootsmann!« meinte der Händler, denn mir waren alle Hosen zu kurz, endlich war alles passend; nun wurden noch Matratzen ausgesucht, ? denn jeder muß seine Matraze mit an Bord bringen ? und das Kaufgeschäft war abgeschlossen. Ich hatte 45 Mk. zu bezahlen, leistete eine Anzahlung von 10 Mk., denn ich hatte inzwischen die Hälfte meines Gehalts ausbezahlt erhalten, und blieb 35 Mk. Rest, welche der Händler mir bis zur Rückkehr nach Bremerhaven kreditieren mußte. »Das kennt der Alte nicht anders!« sagte mein neuer Freund, »wenn die Saale wieder im hiesigen Hafen einläuft, ist er der erste an Bord und holt sein Geld.« Abends um 9 Uhr begaben wir uns an Bord, und am andern Morgen lichtete die Saale die Anker. Ich machte 3 Reisen mit der Saale hin und zurück und war dann gezwungen abzumustern, denn ich war gefallen und hatte den Fuß verstaucht, welcher bedenklich angeschwollen war. Einesteils war es mir auch recht, daß es so gekommen war, denn die Stewards führten ein recht ausschweifendes Leben, wie die meisten Seeleute; an Bord wurde heimlich gespielt, und an Land wurde das Geld mit vollen Händen hinausgeworfen. Wer da nicht mitmacht, ist ein Duckmäuser, oder wird, wenn er nicht ein paar kräftige Fäuste hat, als Prügelknabe benutzt. Ich hatte 150 Mk. erspart und hoffte, wieder eine Stellung als Kaufmann zu erhalten. Vierzehn Tage verbrachte ich im Krankenhause und fuhr dann nach Hannover. Nachdem ich meine Sachen einigermaßen in Stand gesetzt und an verschiedene Bureaux die üblichen 5 Mk. Einschreibegebühr bezahlt hatte, wartete ich von Tag zu Tag auf Beschäftigung. Alle Tage wurden eine Menge Zeitungen studiert und eine Menge Offerten[87] geschrieben, doch alles vergebens! Meine Ausgaben hatte ich auf das geringste beschränkt, denn ich sah in der Ferne schon wieder das drohende Gespenst des Hungers vor mir aufsteigen. Mit den ewigen Offerten würde ich nicht zum Ziele kommen, das sah' ich ein; also mußte es auf andere Weise versucht werden. Am andern Morgen las ich: W. & Co. suchen einen jungen Buchhalter. Sofort machte ich mich auf den Weg und stand zehn Minuten später vor Herrn W. Ich stellte mich sehr höflich vor und bat um die vakante Stelle. »Weiter wollen Sie nichts?!« frag er, indem er sich schnell wieder niedersetzte, »das ist doch keine Art, persönlich zu kommen, sowas macht man doch schriftlich! ? Übrigens die Stelle ist schon besetzt.« An einer anderen Stelle hörte mich der Chef ruhig an, dann schrie er los: »Bitte mich in Zukunft mit derartigen versteckten Betteleien zu verschonen! ? Hier!« dabei hielt er mir ein Zweimarkstück hin. »Danke!« erwiderte ich eisig, »ich bin gekommen, um Arbeit zu erbitten, nicht um zu betteln!« »Habe keine Arbeit für Sie ? packen Sie sich!« Gallenbitter drängte sich's mir von der Brust herauf und legte sich's auf meine Zunge. Da stand ich nun mit meinen Kenntnissen und konnte sie nicht verwerten und das in einem geordneten modernen Kulturstaat. Mit meinem Vermögen ging es rasch zu Ende, ich konnte bereits mit mathematischer Genauigkeit feststellen, wann der Hunger wieder seinen Einzug halten würde. Und wieder war es ein Kellner, welcher das Gespenst des Hungers verscheuchte. Diesmal war es ein ehemaliger Steward von der Saale, den ich zufällig traf und der keine Ahnung hatte, daß ich eigentlich kein Kellner, sondern Kaufmann sei, deshalb frug er auch verwundert, ob ich denn Sonntags nicht zur Aushilfe arbeite. »Ich,« berichtete er, »arbeite jeden Sonntag in einem Sommer-Vergnügungsetablissement und verdiene dann soviel, daß man sich in der Woche so leidlich durchschlägt. Aber nächste Woche, da ist in Celle ein großes Fest, nämlich das 500jährige Bestehen der Stadt. Da gibt es bei den achttagelang währenden Festlichkeiten etwas zu verdienen. Wie ist's, fährst Du mit?« »Ich möchte schon,« antwortete ich, »aber ich habe keinen Frack, und ohne den wird's wohl nicht gehen!« »O, das macht nichts,« meinte er, »ich habe einen übrigen Frack, [88] der könnte Dir gerade passen! Wenn Du mitkommst in meine Wohnung, kannst Du ihn gleich anprobieren.« Ich war's zufrieden, und am Samstag fuhren wir nach Celle. Es kam mir vor, als hätten sich hier die Kellner von halb Deutschland ein Rendezvous gegeben: von Hamburg, Bremen und Hannover waren sie herbei geeilt, in der Hoffnung, hier Arbeit zu finden. Natürlich fand nur die Hälfte Beschäftigung. Ich wohnte in einem kleinen Gasthause, dessen Besitzer für mäßige Bezahlung für unsere Bedürfnisse sorgte. In dem Bruder desselben, einem Ober-Steward des Norddeutschen Lloyd, welcher zum Besuch zu Hause weilte, lernte ich einen lieben Kollegen kennen, welcher mir auch, wenigstens für einen Tag, Arbeit verschaffte; durch ihn lernte ich auch einen jungen Mann kennen, welcher in einem der ersten Hotels der Stadt angestellt war, und mit welchem ich mich bald innigst befreundete. Nach acht Tagen war das Fest zu Ende, aber mehrere Kellner, die keine Arbeit bekommen hatten, saßen nun da und hatten kein Geld zur Heimfahrt! Unter ihnen war auch ich. Da hörte ich, daß ein Vermittler eine Kellnerstelle im Ratskeller zu vergeben habe, aber eine Gebühr von 12 Mark beanspruche. Spornstreichs eilte ich zu dem Freunde im Hotel und bat, er möge mir 12 Mark leihen, damit ich die Stelle antreten könne. Dieser gab mir ein Zwanzigmarkstück mit dem Bemerken, ihm die übrigen 8 Mark zurückzubringen. Ich traf den Vermittler nicht zu Hause, eilte ihm jedoch nach und traf ihn im Ratskeller in dem Augenblick, wo einer meiner Kollegen den Vertrag unterschrieb. Ich war wütend! Mir vor der Nase den Posten wegzunehmen! Aber durfte ich zürnen, daß er, der gelernte Kellner, mir zuvorgekommen war? ? Nein! ? Aber was nun? Hier in dieser kleinen Stadt ohne jede Mittel?! Da gab mir der Teufel den Rat: »Du hast ja 20 Mk., fahre schnell fort! Du kannst ja später das Geld zurückschicken, wenn Du in bessere Verhältnisse kommst.« Und ohne besonders auf meinen Weg zu achten, war ich am Bahnhof angekommen, löste ein Billet und fuhr nach Hannover. Auch ein paar Manschettenknöpfe im Werte von 1 Mark, welche mir der Ober-Steward geliehen hatte, vergaß ich zurückzugeben. Während der Fahrt schlug mir aber doch das Gewissen. »Du bist ein Lump!« rief es mir zu. »Du hast den Freund betrogen, der harmlos Dir vertraute!« Ich suchte zwar meine Notlage [89] als Entschuldigung geltend zu machen, es wollte mir aber nicht recht gelingen; doch fest nahm ich mir vor, jede Arbeit anzunehmen, um das Geld zurückzuzahlen. Acht Tage später hatte ich eine gut bezahlte kaufmännische Stellung, wieder in B. Aber es gibt eine Vergeltung! Schon hier auf Erden folgt die Strafe der Sünde auf dem Fuße. Kaum zwei Wochen in B., wurde ich plötzlich in meiner Wohnung verhaftet. Bei der Vernehmung wurde mir eröffnet daß ich wegen Diebstahls, Vorspiegelung falscher Tatsachen und Unterschlagung steckbrieflich verfolgt und verhaftet sei. Ein Schuhmacher in Celle, der in der Gastwirtschaft, wo ich s. Zt. gewohnt hatte, Stammgast war, hatte mich aus Rache zur Anzeige gebracht, weil er von mir z. Zt. der Festlichkeiten, als er im angetrunkenen Zustande einen Streit zu provozieren suchte, hinausgeworfen worden war. Er hatte nun in der Wirtschaft von der Sache gehört und da die Beteiligten auf Anzeige verzichteten, hatte er das Gehörte dazu benutzt, um seine Rache zu befriedigen. An dem Diebstahl war ich unschuldig, denn erstens hatte ich die Manschettenknöpfe geliehen erhalten und zweitens dieselben von Hannover aus zurückgeschickt. Auch war es eine Frage, ob die Vorspiegelung falscher Tatsachen aufrecht erhalten werden konnte, da ich doch tatsächlich die Stelle in Aussicht hatte, ? aber die Unterschlagung! Die 8 Mark hätte ich zurückbringen sollen; die Unterschlagung lag klar zu Tage. Nun saß ich in der engen Haftzelle und weinte ? weinte bitterlich! Eine Angst hatte mich erfaßt, eine unerklärliche fürchterliche Angst! Die Angst vor dem Gefängnis. Im Kopfe kreisten tausend Gedanken durcheinander, die Brust war mir wie zusammengeschnürt, ganz ratlos und verzweifelt dachte ich daran, meinem Dasein ein Ende zu machen. Wohin war es mit mir gekommen! ? Wie schön waren meine Knabenjahre! Wie hoffnungsvoll gestaltete sich alles in meiner Lehrzeit! Wohl war ich berechtigt zu den schönsten Hoffnungen. Alles war mir gut, alles ging nach meinen Wünschen. Da ? später ? da kam eine Zeit, o ich mag nicht an sie denken, und doch der Gedanke an sie will nicht weichen ? es ist zum Rasendwerden! Von da an ist Unschuld, Freude, Leben ? dahin, alles dahin; es verwandelt sich in Sünde, Qual und Schande! ? Rauh wurde ich in meinem Sinnen aufgeschreckt, die Tür flog auf und ein Gerichtsdiener forderte mich auf, ihm zu folgen. Es ging durch einige Straßen bis zu einem düsteren Gebäude, dem Untersuchungsgefängnis. [90] Hier wurde ich mit einem Bankerotteur und einem Hochstabler in einer kleinen Zelle untergebracht; in einer großen irdenen Schüssel brachte man eine Suppe und drei hölzerne Löffel; doch ich hatte keinen Hunger, auch graute es mir, mit diesen Menschen aus einer Schüssel zu essen. Nach 14 Tagen wurde ich nach Celle überführt und wieder 14 Tage später vom Schöffengerichte zu 13 Wochen Gefängnis verurteilt. Und zwar wurde ich nicht nur wegen Unterschlagung, sondern auch wegen Diebstahls der Manschettenknöpfe bestraft. Der Amtsrichter, ein düsterblickender, strenger Mann, glaubte mir gar nichts, nicht einmal, daß ich Kaufmann sei ? in der Anzeige stand »der Kellner«, und so war ich eben Kellner. In Betreff des Diebstahls hätte nun der Ober-Steward meine Unschuld bezeugen können, doch dieser befand sich auf einer Reise nach Australien; ich hätte nun zwar, in Anbetracht der hohen Strafe, Berufung einlegen können, aber hatte durchaus keine Lust, eventuell 2?3 Monate in Untersuchungshaft zuzubringen, denn solange hätte es mindestens gedauert, bis der Zeuge zur Stelle gewesen, oder Zeugschaft abgelegt hätte. Ich verbüßte also meine Strafe, nachdem ich zuerst 6 Wochen lang mit Betrügern, Sittlichkeitsverbrechern und Einbrechern in Gemeinschaftshaft verbracht hatte, in der Strafanstalt Hameln in Einzelhaft. Die Einsamkeit tat mir wohl, denn war ich auch selbst ein Entgleister, so hatte mich doch der moralische Schmutz, den ich in der Untersuchungshaft vorgefunden hatte, angeekelt. Hier in der Einsamkeit, hier söhnte ich mich aus mit meinem Gott, hier lernte ich wieder beten und froh in die Zukunft schauen. Oft dachte ich an meinen Lehrherrn, der mir vor Jahren beim Abschied die Hand gereicht und gesagt: »Bete und arbeite! laß Deine Devise sein, und es wird Dir immer gut gehen.« Aber erst in der Einsamkeit der Gefängniszelle lernte ich den inneren Zusammenhang kennen zwischen Arbeit und Gebet; hier erst lernte ich begreifen, daß ohne Arbeit kein richtiges Gebet und ohne Gebet keine richtige Arbeit möglich ist. Luther sagte einmal: Fleißig gebetet, ist halb studiert. Aber auch das Umgekehrte ist richtig; denn der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein, dann bringt Arbeit Segen, dann ist Arbeit Gebet, sagte einst Alfred Krupp. Wenn aber ein Sträfling die Scharte auswetzen, wieder ein anständiger Mensch werden will, so muß sein Wahlspruch heißen: Fleißig gebetet und fleißig gearbeitet! ? Ora et labora! ? Alles in dieser Welt ist vergänglich, und so vergingen auch diese [91] drei traurigen Monate; vom Pfarrer, Direktor und noch einigen Beamten ernstlich ermahnt, stand ich eines Tages im Januar wieder außerhalb der düstern Kerkermauern. Es war bitter kalt, um ich fror entsetzlich, trug ich doch nur einen leichten Anzug, ohne Überzieher, ohne die warme Unterwäsche. Ich wurde an die Bahn begleitet, erhielt hier ungefähr 2,50 Mk. Arbeitsbelohnung und fuhr nach B. Hier angekommen, begab ich mich zu der Zimmervermieterin, bei der ich meine Effekten zurückgelassen hatte, und erfuhr hier zu meinem größten Schrecken, daß meine Sachen schon vor 2 Monaten durch einen Dienstmann, der einen Brief von mir vorgezeigt hatte, abgeholt worden seien. In dem Brief hatte gestanden, man möge Überbringer die Sachen übergeben, da ich mich schäme, persönlich zu kommen. Ich war starr! Nun stand ich da mit einem Anzug, den ich während der fünf Wochen Untersuchungshaft getragen und sehr beschmutzt hatte ? und keine Wäsche, rein nichts! Ärmer wie ein Handwerksbursche. Wer hatte mir das getan? Ratlos, in der niedergedrücktesten Stimmung, irrte ich planlos durch die Straßen; auf einmal, ich weiß nicht wie, stand ich vor der Weinstube, wo ich so oft halbe Nächte mit meinen Freunden durchgezecht hatte. Ich beschloß, da es schon dunkel geworden war, zu warten, mich Kurt W., von dem ich bestimmt wußte, daß er noch in B. konditionierte, anzuvertrauen und ihn um Hülfe zu bitten. Es dauerte lange, ? endlich schlug es sieben, und mehrere bekannte Herren kamen die Straße herunter, um ihr Abendbrot in der mehrfach erwähnten Weinstube einzunehmen. Ich bat Kurt W., mir einen Augenblick Gehör zu schenken, und erzählte kurz meine Leidensgeschichte. Hochmütig zog er die Brauen in die Höhe und erwiederte: »Tut mir leid! Habe gestern Abend viel Geld verloren und muß mich diesen Monat selbst einschränken. Übrigens, warum kommen Sie denn gerade zu mir? und ? wenn man soweit sinkt, verdient man kein Mitleid.« »Ich würde mich lieber aufhängen, als mit diesem Makel auf der Stirn ehemaligen Kollegen unter die Augen zu treten,« meinte ein junger Mann, den ich nicht kannte. »Kommen Sie, meine Herren!« Ich stand allein! Unsagbares Weh' erfüllte mein Herz. Am Himmelszelt funkelten der Sterne ungezählte Legionen. Konnte denn der Allmächtige, der all' diese Himmelskörper mit wunderbarer Ordnung regiert, konnte er nicht auch mir schwachen Menschen Beistand und Hülfe gewähren? »Rufe mich an in der Not, ich will Dich erretten,« [92] ertönte es wie ein leiser Weckruf in meiner Brust, und ich folgte der Stimme. ? Tief in Gedanken versunken und Pläne brütend, war ich bis zum Stadttheater gekommen, wo ich mich für einige Augenblicke auf eine Bank setzte, um auszuruhen. Ein anständig gekleideter Herr in mittleren Jahren ging einige Male an mir vorüber, mich jedesmal scharf fixierend und setzte sich schließlich neben mich, bot mir eine Zigarre an und erkundigte sich, ob ich denn die Kälte nicht spüre, ohne Überzieher. Ich erklärte ihm meine Lage, verschwieg jedoch, daß ich aus dem Gefängnis komme. »So was ist bedauerlich,« sagte er teilnehmend, »im Winter ohne Stellung und mittellos! aber vielleicht kann Ihnen geholfen werden; einen noch gut erhaltenen Überzieher können Sie von mir haben, und eine Schreiberstelle oder dergleichen wird ja auch wohl zu finden sein.« »O, lieber Herr, ich würde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie mir in irgend einer Weise zu meinem Fortkommen behilflich sein könnten,« erwiderte ich. »Na ja! ich sehe schon, Sie sind ein Mann, mit dem man etwas machen kann! Haben Sie sich denn schon nach einem Nachtquartier umgesehen? ? Und zu Abend haben Sie jedenfalls auch noch nicht gegessen! Kommen Sie!« An ein Unterkommen für die Nacht hatte ich freilich nicht gedacht, aber der Hunger machte sich schon wieder bemerkbar und so dankte ich Gott, daß ich einen Menschen gefunden hatte, der sich uneigennützig, aus Nächstenliebe meiner annehmen wollte. Er führte mich in ein kleines Hotel zweiten Ranges, wo wir im Restaurant uns niederließen und Abendbrot bestellten, auch eine Flasche Wein ließ er kommen. Es fiel weiter nicht auf, daß ich keinen Überzieher hatte, denn Hemd, Kragen und Krawatte waren sauber, ebenso Stiefel und Kopfbedeckung so gut wie neu; auch hatte ich mir am Mittag die Haare schneiden und mich rasieren lassen; man sah mir also den entlassenen Sträfling weiter nicht an. Der Wein brachte mein Blut in Wallung, und ein wohltuendes Gefühl durchrieselte meinen Körper. Mein Wohltäter war ein sehr angenehmer Gesellschafter, nur wollte es mir nicht gefallen, daß er sich sehr eingehend erkundigte, ob ich viel mit jungen Mädchen zu tun hätte, und dabei sah er mich zuweilen so komisch, mit großen Augen an. Doch ich hatte keine Zeit, darüber weiter nachzudenken, denn [93] er frug den Wirt, ob wir ein Zimmer mit zwei Betten haben könnten, und als der Wirt dies bejahte, wendete er sich zu mir: »Ich muß nun heute mit Ihnen zusammen im Hotel schlafen, denn ich habe mich sehr verspätet, habe einen langen Weg und das ist bei der Kälte kein Vergnügen; dabei klopfte er mir vertraulich auf die Schenkel.« Kurz darauf ließen wir uns ein Zimmer anweisen, um zur Ruhe zu gehen. Doch kaum hatte ich mich des Rockes entledigt, als mir der Fremde um den Hals fiel und mich stürmisch küßte; dabei hatten seine Augen einen Glanz angenommen, der mich erschreckte, sie funkelten wie die eines sich auf seine Beute stürzenden Raubtieres. Ich gab ihm einen Stoß, daß er taumelte! War dieser Mann betrunken? oder war er einer jener Verbrecher, die ? Mir blieb keine Zeit, diesen Gedanken weiter zu spinnen, denn der Fremde entnahm seiner Börse 50 Mk. in Gold, hielt sie mir hin und verlangte von mir solche scheußliche Gemeinheiten, daß ich entsetzt zurückfuhr! Abermals trat er näher an mich heran und machte mich in den freundlichsten Worten mit den Vorteilen bekannt, die ich hätte, falls ich mich seinen Wünschen fügen wolle. Ich hätte diesen Hallunken am liebsten weidlich durchgeprügelt, aber ich war so entsetzt, so empört, daß mir zugemutet wurde mich zu erniedrigen, tiefer wie das niedrigste Tier, daß ich dem Elenden voll Abscheu ins Gesicht spie und drohte, den Wirt herbeizurufen, wenn er sich auch nur erlaube, mich anzurühren. »Sie sind ein dummer Mensch, dem nicht zu helfen ist!« sagte er, reinigte sein Gesicht und verließ das Zimmer. Ich schlief bis tief in den Tag hinein, suchte dann vergebens nach einer Arbeit und mußte mir dann sagen, daß es wohl schwer halten dürfe, in B. wieder eine Stellung zu erhalten. »Aber was anfangen? Nichts sein Eigen nennen, als was man auf dem Leibe trägt! Wo gibt es einen Rettungshafen? Wo liebende Menschen, die mir die Hand zur Rettung reichen!« Solchen Gedanken nachhängend, stand ich plötzlich vor einem großen Hause, aus dem Menschen herauskamen, welchen auch die Not aus den Augen schaute; ich blickte empor und las: »Herberge zur Heimat!« Schüchtern trat ich ein. Ein großer düsterer Raum mit nackten Wänden; an vier langen Tischen hockten in den verschiedensten Stellungen ungefähr 30 blasse, teils in Fetzen gehüllte Gestalten, welche schliefen, sangen, schimpften und Karten spielten. Links am Fenster saßen drei junge Leute, von denen zwei anständiger [94] gekleidet waren wie die anderen; ich setzte mich zu ihnen und holte mir für 20 Pf. einen Napf Essen. ? Erbsen mit Kartoffeln. ? Doch kaum hatte ich mich wieder niedergelassen, als einer der mit mir am Tische Sitzenden seinem Nachbar einen Stoß gab und rief, indem er auf die Straße zeigte: »Sieh', da geht der Scharf vorbei, dem scheint's wieder gut zu gehen!« »Scharf« hatte auch der Hochstabler geheißen, der s. Zt. mit mir in Untersuchungshaft gesessen und sich sehr eingehend nach meinen Verhältnissen erkundigt hatte. Ich blicke auf! Ja, da ging er vorüber und ? wahrhaftig, meinen Überzieher hatte er an. Wie von der Sehne geschnellt sprang ich auf und stand im nächsten Augenblick auf der Straße; aber merkwürdig, als hätte die Erde ihn verschlungen! Es war nichts mehr von ihm zu sehen. Ich wartete noch einige Minuten und kehrte dann mißmutig zurück. »Na Kunde!« wurde ich am Tische empfangen, »Du hast woll 'ne Knarre, rennst los, als wär' 'n Fauler2 hinter Dir, und läßt die Klappe sperrweit uff, denkst de denn, det wir hier Mangel an frische Luft haben?« Ich entschuldigte mich und erzählte von dem Betrüger, der mich um meine Effekten gebracht. »Ja siehst de, Kunde,« hörte ich den Vorigen, »die Welt is schlecht, und die jrösten Spitzbuben haben det merschte Jlück; ick könnte och mit'n Übermann3 rumlofen, wenn ick beim dalfen4 'nen Zottelberger5 machen mechte! Du scheinst mir übrigens noch neu uff de Fahrt zu sind, aber det sag' ick Dir, kriegst de keene Arbeet, solange Du in Kluft6 bist und willst sonst ehrlich bleiben, so wirst de noch traurige Erfahrungen machen. Übrigens, nichts für ungut: ick hatte mächtigen Kohlendampf,7 und habe Deinen Piktus verdrückt, ? wäre doch kalt jeworden,« fügte er treuherzig hinzu. Erst jetzt bemerkte ich, daß mein Essen fort war. Die anderen zwei erzählten, sie seien auch Kaufleute, während der Berliner Schriftsetzer war, und hätten die Absicht, in einigen Tagen weiter zu wandern und zwar nach Hannover, da hier an ein Unterkommen nicht zu denken sei. Ich beschloß, dasselbe zu tun, denn was sollte ich in B.? Vielleicht waren die Aussichten in Hannover besser. Die neuen Bekannten ließen sich meine Begleitung gefallen, und so wanderten wir zwei Tage später zum Stadttore hinaus. [95] Nach Verlauf einer Woche trafen wir ? ich mit wunden Füßen und an Leib und Seele gebrochen ? in Hannover ein. In diesen acht Tagen habe ich unsäglich gelitten. Hände und Füße waren voller Frostbeulen, und die einst eleganten Stiefel hingen mir in Fetzen an den Beinen. Hemd und Kragen starrten von Dreck. Was aber das Schlimmste war: der Hunger wühlte in meinen Eingeweiden, daß mir die Sinne zu schwinden drohten, denn es war mir unmöglich, zu betteln; so oft ich auch den Versuch machte, an der Haustür kehrte ich wieder um, und dann die Gesellschaft in den Pennen und Verpflegungsstationen, welche wir unterwegs berührten, und wo wir übernachteten: immer zwei zusammen in einem Bette, vollständig nackt! Bewunderung flößte mir die Opferfreudigkeit meiner, mir doch so fremden Begleiter ein, mit der sie ihr erbetteltes Brot mit mir teilten; sogar das Schlafgeld in einer Penne, in der wir übernachteten, weil wir die vorgeschriebene Richtung der Verpflegungsstationen nicht eingehalten hatten, wurde von dem Berliner bezahlt. In Hannover lief ich mir die Füße wund nach Arbeit, ich bewarb mich um Stellen als Auslaufer, Hausknecht etc. aber alles vergebens! Ein Kaufmann schenkte mir 3 Mk., die ich mit heißem Dank annahm; nun konnte ich mich wenigstens einmal satt essen und für einige Nächte ein Unterkommen schaffen. Einer meiner Reisegefährten war verhaftet worden, weil er gebettelt, und da er schon zwei Mal mit je einem Tag Haft wegen »Arbeitsscheu« bestraft war, erhielt er jetzt 3 Wochen Haft und Arbeitshaus. »Siehst de, Jungeken,« sagte am Abend der Berliner, »so jehts, wenn man ehrlich ist; der Aujust looft sich seit sechs Wochen die Beene ab nach Arbeet, und weil er keene jefunden und vor lauter Kohlendampf jebettelt hat, dafür haben se ihm 3 Wochen Kittchen8 und 6 Monate Zwangswinde9 uffjebrummt. Wäre er weniger ehrlich jewesen und hätte 'nen gediegenen Zottelberger jemacht, hätte er, im Fall die Faulen ihm geklappt10 hätten, höchstens 4?6 Wochen Gefängnis jekriegt. ? Und dann, wenn ick wejen 'nen Zottelberger in's Kittchen komme, habe ick wenigstens die Strafe verdient, aber wejen Arbeitsscheu! det is 'ne Jemeinheit. Siehst de, ick tät Steene kloppen, wenn ick nur welche hätte und dafür bezahlt würde; bin jetzt 7 Monat ohne Stelle und wenn ick Kopp steh' ? ick finde keene Arbeet nich! [96] In Berlin habe ick 5 Nächte in de Palme11 jeschlummert und bin beim ersten Mal verwarnt worden, als ick aber zum 6. Mal kam, weil ick in den 5 Tagen keene Arbeet und keen Unterkommen jefunden, aber ooch keen Schlummerkies12 hatte, um anderswo pennen zu können, da wurde ick einfach injespunt und wegen ?Arbeitsscheu? zu 3 Tage Haft verknaxt. Nu sage Du mir, wo bleibt da die Jerechtigkeit! Ick habe det ewige Tippeln13 und Dalfen satt, uff ehrliche Art kann ick zu nischt kommen ? helf er sich, nu versuche ick et uff andere Weise.« »Ja,« erwiderte ich, »Du hast Recht. Mir wäre auch jede Arbeit willkommen, wenn ich nur welche hätte.« »Ich bin ganz verzweifelt und weiß nicht, was werden soll. Das Leben ist doch grausam, fürchterlich grausam.« »Das Leben ist immer grausam,« antwortete er nachdenkend; »sieh' hin, wohin Du willst! Unerbittlich, Zoll für Zoll treiben die Ereignisse den Menschen dahin, wo sie ihn haben wollen. Und wenn er widerstandslos und gebrochen daliegt am Boden, dann kommen die Menschen und sagen achselzuckend: ?Er verschulde es selbst!? von wo ihm aber die Eigenschaften gekommen, denen folgend oder widerstrebend er seinem Schicksal anheimfiel ? danach fragt niemand ? es ist ganz gleich, der Arme unterlag.« ? Hungernd und frierend habe ich die Straßen der Stadt durchquert, in der Hoffnung: Arbeit zu finden; oder auch bei schlechter Witterung in zweifelhaften Kneipen die Zeit totgeschlagen, die Nächte aber in noch zweifelhafteren Cafés zugebracht, wo alle die Unglücklichen, die Verlorenen die Nacht durchjubelten und dem Morgen entgegen lachten, weinten oder schliefen. Eine Wohnung hatte ich nicht, darum schlug ich auch hier, meistens um Mitternacht, in einer verschwiegenen Ecke mein Nachtlager auf; ein Bekannter aus der Strafanstalt, welcher hier die Nächte durchspielte, hatte mich eingeführt, und es waren immer »Damen« und »Herren« genug da, die mit Freuden eine kleine Zeche bezahlten. Hier lernte ich eines Tages, oder vielmehr eines Nachts einen jungen Kaufmann kennen; er war der Sohn wohlhabender Eltern, stand aber moralisch auf derselben Stufe, wie der Cafetier nebst seinen Gästen, welche sämtlich die Nacht liebten und den Tag und die Polizei haßten. Mein Bekannter gab mir 50 Pf. mit der Weisung, in einem mir bezeichneten Gasthof schlafen zu gehen, da ich das Aussehen einer [97] wandelnden Leiche hätte und einmal ordentlich ausschlafen müsse. Nun schloß sich der Kaufmann mir an und meinte, ich solle ihn mitnehmen, denn er wäre doch fremd in der Stadt und wolle morgen weiterfahren, nach Leipzig; er hoffe auch ein Unterkommen in dem Gasthof zu finden. Wir erhielten ein Zimmer mit 2 Betten und gingen zur Ruhe. Aber ich konnte nicht einschlafen. Erstens wurde ich vom Ungeziefer furchtbar gequält, und zweitens hielt mich der Versucher wach. Nämlich ich hatte gesehen, daß der Fremde viel Gold in seiner Börse, und wohl nur aus Geiz in einer solchen Penne logierte, wo er nur 50 Pf. zu bezahlen hatte. Stundenlang wälzte ich mich auf meinem Lager, während der Andere schnarchte, und dachte an das Traurige, Deprimierende der letzten Monate, dachte an den Sumpf vor mir, aus dem ich nicht heraus konnte, dachte an das Geld des Fremden, durch welches ich gerettet werden könnte. Aber mit keinem Gedanken dachte ich an die etwaigen Folgen eines Diebstahls, oder an das siebente Gebot. Das Gewissen, das sich sonst immer gleich regte, schwieg; wohl hatte ich mit aller Inbrunst gebetet, d.h. bis zum Augenblick der Affaire im Hotel mit dem Päderasten, dann aber des Beten verlernt, und nun in der Stunde der Versuchung fehlte mir die Kraft, die Energie, der Versuchung standhaft entgegen zu treten. Der Morgen dämmerte, es war 5 Uhr und ich hatte noch kein Auge geschlossen, jetzt stand ich auf, nahm dem Schlafenden sein Geld, 280 Mk. in Gold, und verließ den Gasthof. Seine Wertsachen, Uhr und Ringe, sowie ungefähr 20 Mk. in Silber ließ ich ihm zurück. Mit dem Frühzuge fuhr ich nach Berlin, kaufte sofort Wäsche, Anzug, Stiefel etc. und ging baden; und erst jetzt, wo ich gesättigt in einem anständigen Restaurant saß und die Ereignisse der letzten Monate und vor allem der letzten Woche an mir vorüberziehen ließ, da ? da regte sich auch wieder das Gewissen. »Was hast Du getan!« schrie es mir zu, »Du hast gestohlen!« »Du bist ein verlorner Mensch!« Ruhelos durchschlenderte ich die Straßen, ich glaubte, jeder Schutzmann müsse es mir ansehen, daß ich ein Dieb sei; nur eine Nacht brachte ich schlaflos in einem Hotel zu, dann trieb es mich weiter. Ich fuhr nach Frankfurt a.M. Mir Stellung zu suchen, daran dachte ich nicht, denn ich war fest überzeugt, man würde mich sofort verhaften, wenn ich meinen Namen nennen würde. Durch Zufall lernte ich in einem Café einen Glücksritter kennen und zwar einen Freund des vom »Klub der Harmlosen« bekannten [98] Spielers Wolf. Dieser lernte mir nicht nur sämtliche Kartenspiele, sondern auch sämtliche Vorteile, Finessen und Kunstgriffe, die man anwenden kann, ohne direkt Falschspieler zu sein. Sein Haupttrik bestand darin, daß er, als ehemaliger Lithograph, nur einen Blick auf die Rückseite jeder Karte zu werfen brauchte, um diese zu erkennen. Nämlich die meisten Kartenspiele sind auf der Rückseite karriert und nach Farben geschnitten, d.h. die Eckstriche laufen verschieden aus; also die 4 Damen laufen in den Ecken anders aus, als die 4 Achter oder Buben etc. Um dies jedoch erkennen zu können, muß man die Sache lange sehr sorgfältig studiert haben und einen scharfen Blick besitzen. Also mit diesem »Künstler« fuhr ich von einer Stadt zur andern, durch ganz Rheinland und Süddeutschland, bis wir schließlich nach 3/4 Jahren in München uns niederließen. An Geld war kein Mangel; ich hatte nun alles, wonach ich mich früher so oft gesehnt hatte: schöne Kleider, goldene Uhr und Kette, wertvolle Ringe etc., ein freies, fröhliches Leben, bis tief in die Nacht hinein, aber ? mir fehlte doch etwas, und die ewige Unruhe, die sich nicht abschütteln ließ, sagte mir zu deutlich, was mir fehlte: der Friede! der echte, rechte Gottes- und Seelenfrieden, die richtige Herzensruhe, ohne die kein Glück möglich ist. Wie gerne hätte ich jetzt das gestohlene Geld zurückgegeben, hätte ich die Tat damit ungeschehen machen können. In München, wo wir uns bereits 8 Wochen aufhielten, hatte ich einen jungen, sehr bescheidenen Menschen kennen gelernt, der aber ein sehr enragierter Hazardspieler und als Pechvogel immer in Geldverlegenheit war. Er stammte aus guter Familie und hatte mich derselben auch gelegentlich vorgestellt. Dieser Mensch sollte für mich der Stein werden, worüber ich abermals stolperte. Im Hause seiner Eltern hatte er mir ein Fahrrad gezeigt mit dem Bemerken, wenn ich 'mal eine Radtour machen wollte, stände mir die Karre zur Verfügung. Ungefähr 8 Tage später bat ich ihn, er möge mir auf einige Stunden sein Rad leihen, da ich mit einigen Bekannten eine Tour verabredet habe; sofort dazu bereit, gab er mir die Weisung, ihm das Fahrrad am Nachmittag im Café, wo er verkehrte, wieder abzuliefern. Hier stellte er mir den Antrag, ihm das Rad abzukaufen. Ich lehnte ab, da ich auf der Reise kein Rad gebrauchen könne; nun bat er mich, da er seinen hellen Anzug schonen wolle, ihm die Karre nach der X-straße zu fahren, er wolle sie dort verkaufen, denn er brauche unbedingt Geld. Ich fuhr nun langsam, da er nebenher lief, nach der mir angegebenen [99] Straße, wo sich ein Privatpfandhaus nebst Tandlerei befand; nun bat er mich weiter, da er leider nicht seine Legitimation bei sich führe, doch für ihn das Rad zu versetzen, falls ich 50 Mark erhalten würde, andernfalls zu verkaufen, jedoch nicht unter 90 Mark. Nun war mir zwar dieser heikle Auftrag nicht sehr angenehm, aber ich war ihm zu Dank verpflichtet und dann ? ich bin trotz allem eben ein gutmütiger Kerl, der im Schauspielhaus weint, mit jedem Menschen Mitleid hat und in manchen Fällen statt zu mißtrauen, impulsiv handelt! Kurz und gut, ich verkaufte das Rad für 90 Mk. und händigte meinem Auftraggeber das Geld ein, welcher es noch am selben Abend verspielte. ? Zwei Wochen später wurde ich in Frankfurt verhaftet! Ein Weltuntergang hätte mich nicht so erschüttern können, wie meine Festnahme. Zwei lange Monate saß ich in Untersuchung, dann erst fand die mündliche Verhandlung statt. Es wurde festgestellt, daß das Rad Eigentum des Bruders meines Bekannten war; ich hatte selbst das Fahrrad aus dem Zimmer geholt und die Stiege hinabgetragen, während mein Bekannter, nachdem er mir das Zimmer geöffnet, in die Küche gegangen war, angeblich um schnell eine Flasche Bier zu trinken, in Wirklichkeit aber, um die Aufmerksamkeit seiner Mutter von der Flurtür abzulenken und so mir einen Diebstahl zu erleichtern, den ich gar nicht im Sinn hatte. Von seinen Eltern hart zugesetzt, wälzte er alle Schuld auf mich und log, er hätte mir einen Teil der Verkaufssumme abgegeben; er glaubte jedoch, ich sei in der Schweiz, und vor Unannehmlichkeiten sicher, wie er mir später schrieb. Sein Bruder hatte nun Strafantrag gestellt, nicht gegen ihn sondern nur gegen mich. Der Präsident hob hervor: daß nicht ich, sondern der treulose Bruder des Bestohlenen, ins Gefängnis gehöre, welcher, obwohl nicht vereidigt, fest dabei blieb: er habe mir 30 Mk. abgegeben. Und da ich wegen Diebstahls vorbestraft und mir hätte auch wohl sagen müssen, daß es zum mindesten auffällig sei, so ohne weiteres sein Rad zu verkaufen für einen verhältnismäßig geringen Preis, so wurde ich, obwohl dem schurkischen Zeugen nichts geglaubt wurde, zu 4 Monaten Gefängnis, bei Abrechnung von 2 Monaten Untersuchungshaft, verurteilt. Nach Verbüßung dieser Strafe wurde ich von Hannover reklamiert und dort wegen des Diebstahls der 280 Mk ebenfalls zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt und zur Verbüßung nach Verden in ein kleines Landgerichtsgefängnis geschickt. Hier lernte ich so recht den demoralisierenden Einfluß der Gemeinschaftshaft kennen; in München sowohl wie hier in Verden war [100] es mir, als seien die Schlechtesten unter den Schlechten zusammengekommen, um sich gegenseitig Konkurrenz zu machen. Hier tritt die Gemeinheit, der moralische Schmutz noch auffälliger zu Tage, als in den wilden Pennen, die ich kennen gelernt; und was das Schlimmste ist: man wird mit hineingerissen, ob man will oder nicht. Zuerst sträubt man sich mit aller Macht dagegen, sofern man noch ein Atom von moralischer Scham im Leibe hat, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran, dann lacht man über die schmutzigen Anekdoten und schließlich fühlt man ein wirkliches Interesse für die gemeinen Streiche der physisch und moralisch Verkommenen. Und niemand hielt es der Mühe wert, wenigstens den Versuch zu machen, diesem verderbenden Einfluß zu steuern; hatte ich in München wenigstens einige Male einen jungen Vikar gesehen, welcher eine Bibelstunde hielt, so sah ich hier in den ganzen 4 Monaten keinen Geistlichen, keinen Gefängnisvorstand, keinen höheren Beamten, sondern nur das Aufsichtspersonal, das sich um das sittliche Wohl der Büßenden nicht bekümmerte. So ist es in den kleinen Anstalten überall, wo nur 60?100 Gefangene untergebracht sind. Gebessert wird in diesen Häusern keiner, erbittert und den Haß im Herzen verlassen sie die Anstalt, um über kurz oder lang zurückzukehren. Auch ich stand eines Tages wieder diesseits der Gefängnismauer! Ach hätte ich doch einen einzigen Menschen, einen Freund gehabt, der mir die Hand gereicht hätte zur Rettung; aber ich stand allein ? allein in einem Lande von über 50 Millionen Einwohnern, von denen nicht Einer es der Mühe wert hielt, ein Menschenleben zu retten, das nach Hülfe schrie! Aber solche Gedanken darf ein entlassener Sträfling nicht haben, denn seine eigenen Blutsverwandten, die Ehrlichen, die Makellosen, haben längst jede Beziehung mit ihm abgebrochen und wollen ihn nicht mehr kennen. Ich fuhr nach Hannover zurück, wo ich einen Mann traf, den ich in Baden-Baden zur Zeit der Rennwoche kennen gelernt hatte und der im Begriff stand, nach Genf zu fahren, um den Winter dort zuzubringen. Er erkundigte sich sehr eingehend nach dem Woher und Wohin, und da ich keine Veranlassung hatte, ihm die Unwahrheit zu sagen, erzählte ich ihm, woher ich komme und daß ich mir in Hannover eine Stelle suchen wolle. Lächelnd sah er mich an, klopfte mir auf die Schulter und sagte! »Lieber Freund! ich bin 15 Jahre älter wie Du und auch um [101] 15 Jahre erfahrener; auch ich habe zweimal Bekanntschaft mit der Strafanstalt gemacht, und habe dieselbe jedesmal mit der ehrlichen Absicht verlassen, ein arbeitsamer, anständiger Mensch zu werden; ich wollte mit aller Gewalt meinen Namen wieder zu Ehren bringen. Glaubst Du, die Menge, welche sich die Gesellschaft nennt, hätte mich herausgelassen aus dem Schlamm? Nein! immer wieder haben sie mich hineingestoßen, wenn ich den Kopf erhob! Sie sahen nicht die Sühne, nicht meine Qualen, meine Verzweiflung, für sie war ich der Strolch, der Schuft, der im Gefängnis gesessen, und der mit kalter Verachtung, mit allen Mitteln beseitigt werden müsse. Christen nennen sie sich und lehren die Liebe ? aber fühlen sie nicht. Liebe im Munde, aber nicht in der Tat! Oder glaubst Du noch an eine alles versöhnende Liebe in der christlichen Gesellschaft? Ich nicht! denn der, welcher langsam und sicher zu Tode gedrückt wird, kann nicht glauben, daß die Religion dessen, der ihn tötet, eine Religion der Liebe ist.« Er hielt einen Augenblick inne, denn er hatte sich warm geredet ich hatte ihn mit keiner Silbe unterbrochen, denn was er sagte, das hatte ich alles ? alles selbst empfunden. Nun strich er sich die Haare aus der Stirn und fuhr fort: »Niemals kann derjenige, den die Gesellschaft einmal ausgestoßen und gebrandmarkt hat, sich wieder einen Weg zur Rückkehr öffnen, er wird immer wieder zur Hölle, die ihn einmal erfaßt, hinabgestoßen, und ? so wird es auch Dir ergehen. Für uns gibt es nur ein ?Vorwärts!? ein Rückwärts ist für uns gleichbedeutend mit Untergang und Tod! Ich bin der Sohn eines reichen Fuhrherrn, der mich verstoßen; weißt Du, wer mich vom Verhungern auf offener Straße gerettet hat? eines jener Mädchen, auf welche man mit so großer Verachtung herabblickt, reichte mir Nahrung, als ich in einer Ecke zusammenbrach, ? sie teilte ihre Barschaft mit mir und entfloh meinem Dank! Meine Reue, mein fester Wille der Besserung war verworfen, die Lehre der Liebe und Verzeihung, die ich in den Kirchen so oft predigen hörte, waren eine Lüge, ? also blieb mir nur der Krieg gegen die Gesellschaft, die kein Erbarmen kennt.« Er hielt erschöpft inne, und ich schwieg auch. Wo waren meine Hoffnungen, wo mein Glaube an die Liebe, an die allgewaltige?! Hatte der Mann nicht Recht? Hatte ich mir dasselbe nicht schon tausendmal selbst gesagt? Aber ein gewisses Etwas in mir sträubte sich, trotz meiner Erfahrungen, immer wieder gegen diesen Glauben! [102] »Und wie bist Du das geworden, was Du heute bist?« fragte ich, nur um etwas zu sagen. »Das ist kurz gesagt,« erwiderte er, »einige Monate lernte ich das ganze Elend des Verbrecherdaseins in seinen untersten Schichten kennen, dann gewann ich eines Nachts im Spiel 500 Mk. ? 100 Mk. verwendete ich auf anständige Garderobe und mit dem Rest besuchte ich die Rennbahnen Deutschlands als Buchmacher. Anfänglich auf den untersten Plätzen jede, auch die kleinste Wette annehmend arbeitete ich mich bald empor und fuhr einige Jahre später auch auf ausländische Rennplätze. Das sind nun 8 Jahe her; ich hatte Glück auf der Bahn und im Spiel und habe heute ein Vermögen von 35000 Mk. Zwar ist in Deutschland das gewerbsmäßige Buchmachen verboten, doch man läßt die Leute an den meisten Plätzen gewähren; liegt doch der Wettmarkt in den Händen der Buchmacher. Und dann ? mag man mich schließlich einen Abenteurer, einen Glücksritter nennen, ein Verbrecher bin ich doch nicht. In Frankreich und England sind die Buchmacher sehr angesehene Leute und arbeiten so frank und frei, wie bei uns der Totalisator. ? Und was ich jetzt bin ? bin ich durch mich selbst, und habe niemand zu danken!« Er zahlte die Zeche und wir verließen das Kaffeehaus. Unterwegs erzählte er mir noch, daß sein Kompagnon verheiratet und sich etabliert habe und er nun allein stehe, da ich ihm aber äußerst sympathisch sei und aus verschiedenen Gründen die Buchmacher immer zu zweit arbeiten, wolle er, falls ich Lust habe, mich mitnehmen. »Die Rennsaison ist zwar in Deutschland zu Ende,« sagte er, »aber die paar Wintermonate werden schnell vorübergehen und da Du ja, wie ich weiß, im Spiel über verschiedene sehr schätzenswerte Vorteile verfügst, so wirst Du mehr verdienen, wie Du brauchst. Werde Dich schon einführen, wo Du Deine Vorteile verwenden kannst.« Was sollte ich sagen? Sollte ich die Hand von mir weisen, um wieder dem unbekannten Nichts gegenüber zu stehen? Nein! Ich glaubte selbst, mir sei der Weg zur Rückkehr in die Gesellschaft verschlossen. Zwei Tage später reisten wir ab, nach Straßburg. Mein neuer Freund war überall bekannt, hatte überall Eintritt in den Spielerkreisen. War ich früher der geborene Pechvogel, wenn es sich darum handelte, ehrliche Arbeit zu suchen, so war hier Fortuna mir hold: ich gewann gleich am ersten Abend 800 Mk. [103] Nun hatte ich reichlich Reisegeld und wir fuhren nicht, wie anfangs geplant, nach Genf, sondern nach Brüssel. Eine einzige Nacht in Brüssel ? das Eldorado der Hochstapler für den Winter ? brachte mir 7000 Frcs. ein. Nun begann ein Leben, wie es eben unter diesen Leuten Mode ist. Wie gewonnen, so zerronnen! Man kennt den Wert des Geldes nicht; hier 500 Frcs. für 1/2 Dutzend Anzüge, dort 1000 Frcs. für einen Brillantring nebst Busennadel, hier 200 Mk. für einen Reitkursus, dort 300 Frcs. für eine mit einer leichtfertigen Chansonette durchtrollten Nacht usw., usw. Man ist direkt darauf versessen, recht viel Geld zu gewinnen und ? es bald wieder los zu werden; und hat man im ersteren Glück, so kommt man gar nicht mehr zur Besinnung, bis man den Becher der Lust bis zur Neige geleert hat und einen nun der Eckel packt, der uns für kurze Zeit wieder zur Besinnung kommen läßt. Der Winter war vergangen, es war Frühling geworden; wir hatten schon längst die neuen Rennkalender in der Tasche und rüsteten uns, um ein Tourné durch halb Europa anzutreten. Längst kannte ich sämtliche Namen der Pferde, welche dieses Jahr in Deutschland, England und Frankreich starten sollten; kannte ihr Pedigree, welches bei manchem bis nach Arabien führt; kannte aber auch ihre Eigenschaften, ob Stecher oder Flieger etc. und ihre Erfolge in den letzten Jahren. Nachdem ich mir so alles angeeignet, was mit dem Rennsport in Verbindung steht, fuhren wir endlich nach Paris, um dem ersten Rennen in Auteuil beizuwohnen. Für den Buchmacher ist so ein Renntag ein anstrengender Tag. Schon morgens in aller Frühe reitet oder fährt er zur Rennbahn, um hier an der Quelle von allen eventuellen Zwischenfällen Kenntnis zu nehmen, auch der Vormittag läßt ihn nicht zur Ruhe kommen, kaum Zeit zum Essen, muß er einer der er sten auf der Bahn sein; steht er bei den Wettenden in gutem Ruf und Ansehen, so könnte er oft vier Hände gebrauchen, um alles Geld in Empfang nehmen zu können, welches die ungeduldige Menge ihm entgegen hält. Hat er Glück und ist er ein gewiegter Sportsmann, so wird seine Arbeit reichlich belohnt, im anderen Falle kann ein einziges Rennen ihn um einige Tausend ärmer machen. Schließlich verbringt er noch die halbe Nacht am Spieltisch und fährt am Morgen, ohne geschlafen zu haben, nach einer anderen Stadt oder gar in ein anderes Land, wo der grüne Rasen winkt, um auch ihm einen Sieg oder eine Niederlage zu bereiten. [104] Eine Woche nach dem Rennen Paris-Auteuil ging es weiter nach Nizza, wo mehrere Rennen stattfanden und ? wer könnte wohl in Nizza gewesen sein, zumal wenn man gewerbsmäßiger Glücksspieler und Glücksritter ist, um nicht sehnsüchtig hinüber zu schielen nach dem alten Raubneste ? Monaco! Mein Freund hielt sich jedes Jahr 8?14 Tage in Monaco auf, kannte die Verhältnisse dort aus dem ff. und erklärte mir dieselben. Gewonnen hatte er zwar noch nie! Seine Verluste waren aber auch nicht groß, denn er konnte zur Roulette kein Vertrauen fassen. Also wir fuhren ? trotz der in Nizza erscheinenden Broschüre »Les misères de Monaco« mit dem an einem Baum hängenden Selbstmörder auf dem Titelbilde und der Unterschrift: »Ce que l'on y gagne« ? eines schönen Tages nach Monaco und fanden in La Condamine ein gutes Unterkommen. Welch eine Pracht und Herrlichkeit durfte ich hier schauen, ich glaubte mich in den Garten Eden versetzt! Vor uns das Meer mit seinen zahllosen Fahrzeugen, rechts schweift der Blick nach Italien; Frankreich breitet seine wunderbarsten Landschaften aus, und selbst Corsika mit seinen zerrissenen schneebedeckten Höhen wird sichtbar. Und dann die reiche, südliche Vegetation, die herrlichen Orte der Umgegend: Mentone und das romantisch gelegene Roccabruna. Die ? doch wohin gerate ich? will da Geschichten aus meinem Leben erzählen und langweile den freundlichen Leser mit einer Landschaftsbeschreibung. Am Nachmittag begaben wir uns ins Kasino und betraten, nachdem wir unsere Karten empfangen, den Spielsaal. Fast eine Stunde verfolgte ich aufmerksam das Spiel, um alle Kombinationen desselben kennen zu lernen, und hatte bald die Überzeugung, daß die Bedingungen zum Gewinnen dieselben sind, wie bei jedem anderen Hazardspiel: entweder schnell arm oder schnell reich! seine Ruhe bewahren und zur rechten Zeit aufhören! Wer kleine Summen setzt und stundenlang spielt, muß sich verbluten, zumal er immer hitziger und leidenschaftlicher wird. Amazon.de Widgets Nun ließ ich auch einen Blick über die Gesellschaft gleiten: lauter Menschen comme il faut gekleidet; man weiß eigentlich nie recht, mit wem man es zu tun hat und doch diese Gegensätze! Ein Fürst neben einem ehemaligen Zuchthäusler und eine adelsstolze Gräfin neben der Halbweltlerin. Wer fragt aber hier danach? Hier sind sie alle gleich, hier funkeln alle Augen vor Begierde: Gold! ? Gold wollen sie haben! Alles will gewinnen! Merkwürdig, ich blieb ganz kalt, und erst, nachdem ich eine Serie mit Interesse verfolgt hatte: 7mal war eine Nummer im schwarzen Fach herausgekommen, [105] und alles setzte auf Rot, nahm ich 100 Frcs. und setzte auf Schwarz, und richtig ? Schwarz hatte zum achten Male gewonnen. Auf meinen Einsatz flog, in elegantem Bogen, ein großes Goldstück, ich nahm es und sah mir das Ding an: 100 Frcs. in Gold, auf der einen Seite das Bildnis des Fürsten und auf der Reversseite zwei Mönche, ein Wappen tragend, mit der Inschrift: »Deo Juvante«. Ich konnte mich eines Lächelns nicht erwehren: diese Gesellschaft hier, und dann »Alles mit Gottes gnädigem Beistand«! Ich ging an einen andern Tisch. Hier spielte ein Engländer seit einer viertel Stunde Maximum und gewann große Summen. Mit dem allergrößten Interesse verfolgte ich sein Spiel; plötzlich stand er auf, als ob er gehen wolle, aber trotzdem er alle Taschen voll Papiergeld hatte, mußte er wohl noch nicht zufrieden sein, denn er setzte sich wieder und spielte weiter. Aber er hatte die Sicherheit verloren, er wurde unruhig. Er setzte auf eine Nummer ? en plein ? und zwar das Maximum auf zèro, nahm aber das Geld wieder fort, schob es jedoch nochmals auf zèro und nahm es wieder fort, um mit 6000 Frcs. impair zu besetzen. Schnell nahm ich nun 9 Louis ? das Maximum auf eine Nummer ? und besetzte zèro. Ich kam gerade noch zurecht, denn schon rollte die Kugel langsamer und der Croupier rief: »Rien ne va plus!« Die Kugel stand einen Augenblick still und fiel dann in zèro; mein Mumm war also richtig gewesen, oder vielmehr der des Engländers, der seine Ruhe verloren hatte. Ein Haufen Papiergeld flatterte auf meinen Satz, 35 facher Gewinn, also 6300 Frcs.; ich spielte jetzt mit Glück wohl eine viertel Stunde lang, indem ich noir und rouge, manque und pair besetzte. Auf einmal wurde auch ich unruhig, ich hatte Bekannte aus Nizza gesehen, setzte aber doch 1000 Frcs. auf douze premiers, verschob den Satz auf douze milieu, verschob nochmals aufpasse ? und verlor. Jetzt hatte ich das Gefühl, als müßte ich alles verlieren, und entfernte mich; nahm am Büffet eine Erfrischung, suchte meinen Freund und verließ mit diesem das Kasino. Ich hatte 18000 Frcs. gewonnen! Aber ich war nicht zufrieden, mich hatte das Goldfieber gepackt; ich verwünschte die Bekannten, die mich aus dem Konzept gebracht, und verwünschte mich selbst, daß ich nicht an einem andern Tisch weiter gespielt, statt davon zu laufen. Dabei malte ich mir die Zukunft in den rosigsten Farben, wenn es mir gelingen würde, mit 50?60000 oder gar mit 100000 Mark nach Deutschland zurückzukehren. [106] »Dann kannst Du ein Geschäft anfangen,« erzählte ich mir selbst, »wieder ein anständiges, achtbares Mitglied der Gesellschaft werden! Denn bist Du jetzt auch kein Verbrecher, so gehörst Du doch zu den problematischen Existenzen!« ? Am andern Mittag war ich einer der ersten im Spielsaal, und eine Stunde später saß ich in einer Ecke und wischte mir den Schweiß von der Stirne: ich hatte den gestrigen Gewinnst und noch 500 Frcs. verloren. Ganz in der Nähe saß der Maximumspieler von gestern; der Engländer hatte 300000 Frcs. verloren. Mein Freund hatte ausnahmsweise auch 'mal 3000 Frcs. gewonnen und war damit zufrieden, er spielte nicht mehr. Unsere Zeit war abgelaufen, und so verließen wir dies herrliche Stückchen Erde, welches ich in meiner Wut mit allen möglichen Schmeichelnamen wie: olles Raubnest etc. belegte. Die Eisenbahn führte uns nach Mailand und von dort via Chiasso nach Luzern; wir machten auf zwei Tage einen Abstecher nach dem herrlichen Jnterlaken und dann ging's nach Zürich, wo ich in einem Klub, dessen Mitglieder durchweg ausländische Studenten waren, 2600 Frcs. im Baccarat gewann. Einige Tage später waren wir wieder in Deutschland, heute hier, morgen dort. Der Rennterminskalender diente als Wegweiser, im Fluge ging es nach all den Orten, wo die größeren Rennen stattfinden: Mannheim, Frankfurt a.M., Köln, Hamburg, Berlin-Hoppegarten, Dresden, Hannover, Harzburg, Doberan, Travemünde, Baden-Baden, Stuttgart. In den Zwischenzeiten auf einige Tage zum Rennen nach Ostende, Baden b. Wien, Paris und zum großen Derby nach London. Es ist unglaublich, welche Summen hier in Wetten angelegt werden. An diesem Tage befinden sich alle Einwohner der Riesenstadt zu Pferd, zu Wagen und zu Fuß auf dem Rennplatze; jede Schneidermamsell, jeder Laufbursche, kurz jedermann hat sich ein Sümmchen gespart, um es beim Derby zu verwetten, oder auch, es zu verdoppeln, zu verzehnfachen. ? ? Wieder war die Rennsaison zu Ende und wieder war ich in Hannover. Wie ein Magnet zog es mich immer dorthin, lebten doch hier Personen, die meinem Herzen nahe standen, und obwohl diese nichts von mir wissen wollten, zog es mich doch immer wieder in ihre Nähe. Ich hatte nun alles was so viele Menschen glauben nötig zu haben, um glücklich sein zu können: Elegante Wohnung, Wäsche und Garderobe nach der neuesten Mode, wertvolle Pretiosen etc., hatte [107] die Welt bereist, mit Grafen und Baronen an einer Tafel gespeist, und verkehrte in den vornehmsten Restaurants. Aber war ich glücklich? Nein! Mir fehlte etwas ? für die Achtung, die ein braver Handwerker in der Gesellschaft genießt, hätte ich den ganzen Plunder hingegeben, und dann ? ich hatte keinen Gott! Zwar galt es in den vornehmen Kreisen, wie ich sie in Ostende, Nizza, Baden-Baden etc. kennen gelernt hatte, zum guten Ton, an nichts zu glauben, aber es war mir doch nicht möglich, den Gottesfunken in mir ganz zu ersticken. Es gab Minuten, da klang das Abschiedswort meiner Mutter, die mich als verschollen oder gar als tot betrauerte, mir gellend in den Ohren, und dann riß es mich gewaltsam fort, um in den Armen der Demimonde oder beim schäumenden Champagner Lethe zu trinken. Wohl gab es auch Minuten, wo die Vernunft mir sagte: »Kehre um!« Aber gab es für mich denn eine Rückkehr in die Gesellschaft? Ja, so lange ich unter falscher Flagge segelte, und mit frechem Aplomb meinen Platz behauptete, so lange war alles gut, war ich doch erst neulich auf einer Wiesbadener Reunion einer der beliebtesten Tänzer gewesen. Aber so was kann nur in Weltbildern passieren, wo man es nicht so genau nimmt und Bekanntschaften ebenso schnell löst, wie man sie schließt. Sollten sie aber, wieder in ihre vier Wände zurückgekehrt, die Wahrheit erfahren, so würden sie sich voll Abscheu von dem Gebrandmarkten, dem Paria wenden, sie würden es als einen Affront betrachten, einen Strafentlassenen mit ehrlichen Absichten aufzunehmen. So mit meinen Gefühlen in Widerstreit geratend, war ich auf dem besten Wege vollständig zu versumpfen. Da lernte ich in einem Variété den Komiker H. kennen, welcher mir so viel Angenehmes und Lustiges über das Artistenleben zu sagen wußte, daß ich auf seinen Rat nach Berlin reiste und mich mit einem Direktor einer Artistentruppe in Verbindung setzte. Diese Truppe war eine der ersten in ihrem Genre, und ihre Burlesk-Pantomime ist in ganz Deutschland mit Erfolg aufgeführt worden. Der Direktor suchte einen jungen Mann von gutem Wuchs, höflichen Manieren und der nötigen Dosis Frechheit, der in besagter Pantomime eine Nebenrolle zu spielen hatte; dazu war nun wohl ich ganz der Mann, hatte ich doch schon früher bei Vereinsfestlichkeiten als Humorist reüssiert und mir ein wenig Bühnenroutine angeeignet. Zwei Tage später hatte ich einen Kontrakt in der Tasche, wonach ich mich auf zwei Jahre verpflichtet hatte für eine monatliche Gage von 200 Mk. nebst freier Reise; das war nun zwar im Vergleich zu den Summen [108] die ich im verflossenen Jahre verbraucht hatte, ein bischen wenig, aber ich hoffte doch, dieser Schritt würde mir wieder einen Platz in der Gesellschaft anweisen, dessen ich mich nicht zu schämen brauche. Und wer weiß ? ich nannte ja ein ganz hübsches Sümmchen mein eigen, vielleicht konnte ich später einmal mir selbst eine Truppe zusammenstellen. In 14 Tagen war ich ausgebildet, und nachdem einige Engagements in Deutschland erfolgreich absolviert waren, ging die Gesellschaft auf Tournè nach Amerika. Wir waren in New-York in dem bekannten Variété von K. & B. engagiert, und in einigen Tagen sollte es weiter gehen, um andere Verpflichtungen zu erfüllen, als meine Artistenlaufbahn plötzlich ein jähes Ende finden sollte. Im genannten Variété war auch ein junger Argentinier aus Buenos-Ayres engagiert, ein streitsüchtiger Mensch, der öfter auf Kosten seiner deutschen Kollegen Witze machte, als er aber eines Abends beleidigend wurde, bekam er von mir eine Ohrfeige, worauf er seinen Revolver zog, auf meine Brust richtete und drohte: »Mensch, ich schieße Sie zusammen wie einen Hund, wenn Sie nicht augenblicklich ?« Was ich augenblicklich sollte, erfuhr ich nicht mehr, denn ein Schuß krachte, ich erhielt einen Schlag gegen die Brust und fühlte gleich darauf einen heftigen Schmerz in der rechten Schulter. Der unglückliche Revolvermann hatte den Finger zu lose am Abzug gehabt, wenigstens schwor er hoch und heilig, es sei nicht seine Absicht gewesen zu schießen, der Schuß sei gegen seinen Willen losgegangen. Nun lag ich im Bett und hatte das Wundfieber. An ein Auftreten war vorerst nicht zu denken und mein Direktor war froh, daß er gleich am andern Morgen einen Ersatz für mich fand; mein Kontrakt wurde gelöst, und als ich nach einigen Wochen wieder völlig hergestellt war, war meine Truppe längst in einer anderen amerikanischen Stadt und ich war, wenn auch nicht mittellos, so doch arbeitslos. »Es hat so sein sollen,« dachte ich, »wenn Du hier deine kaufmännischen Kenntnisse verwerten könntest!« kalkulierte ich weiter, »vielleicht findest Du hier das, was die Heimat Dir versagte. Also frisch ans Werk, sehen wir, wie die kaufmännischen Aktien hier stehen.« Ich zog verschiedene Erkundigungen ein und lernte dabei einen jungen Mann kennen, der sich mir als Disponent einer angesehenen [109] Firma vorstellte. Dieser erzählte mir im Laufe des Gesprächs, daß es durchaus nicht so leicht sei, bei einer guten Firma unterzukommen, hier müsse man eben zugreifen, was sich biete; vielleicht als Bar-keeper oder gar als Hausknecht oder Stiefelputzer müsse man hier anfangen. »Sie scheinen mir aber nicht mittellos zu sein,« erzählte er weiter, »und da würde ich raten, weiter ins Land zu gehen, vielleicht nach St. Louis, Memphis oder New-Orleans, da stehen die Chancen für Sie bedeutend besser, zumal in dieser Jahreszeit. Sollte ich Ihnen dienen können,« so schloß er, »so bitte, ganz über mich verfügen zu wollen.« Ich bin im Auslande stets vorsichtig gewesen beim Schließen von Bekanntschaften, denn ich habe in meinem Leben viel erfahren. Ich habe den Verbrecherplebs im Vaterlande, das ganze Elend dieser Unglücklichen, im Gefängnis sowohl wie in ihren Schlupfwinkeln, aus eigener Anschauung kennen gelernt, aber was sind dies für arme, ich möchte beinahe sagen, harmlose Menschen gegen die Verbrecheraristokraten, die jahraus, jahrein vom Raube leben, als hätten sie das Einkommen eines Finanzministers, dabei nirgends zu Hause, heute hier, morgen da. In den Orient-Expreßzügen I. Klasse, auf der Rennbahn am Sattelplatz, in den Kurgärten der Weltbäder, in den American-Bars und in den ersten Wiener Café's, kurz überall, wo die feine Lebewelt zu finden ist, da habe ich auch diese Gauner getroffen, die vor den Spitzbuben in den Verbrecherkaschemmen nichts voraus haben, als daß sie Fin de Siècle sind und vor der Polizei keine Furcht zu haben brauchen, weil diese nicht auf der Höhe ist. Ich kenne den Verbrecher, abgesehen von verschiedenen Individualitäten, die sich bei gewissen Spezies überall finden, am Blick, aber trotzdem war ich im Ausland stets sehr vorsichtig, besonders in London und Paris; so rauchte ich z.B. nie eine von einem Fremden angebotene Cigarre oder Cigarette, denn ich kann dem präparierten Cannabis indica, der event. darin enthalten sein könnte, keinen Geschmack abgewinnen, denn wie mancher hat schon im Orient-Expreß oder anderswo eine solche Cigarette mit seiner ganzen Barschaft und seinen Wertsachen bezahlen müssen. So war ich nun auch mißtrauisch, als sich mir Mr. Hill so uneigennützig zur Verfügung stellte. Wir waren in eine Bar getreten, um einen Sherry-Cobler zu trinken, und ich betrachtete mir noch 'mal aufmerksam meinen neuen Bekannten. Aber ich konnte an diesem Gentlemann nichts finden, was irgend einen Verdacht rechtfertigte. Dieser schlaue Schurke war mir aber doch überlegen, ? [110] ich hatte eben noch nicht ausgelernt ? er täuschte mich vollständig, am meisten dadurch, daß er sich nicht an mich festbiß, d.h. mich nicht festzuhalten suchte, sondern mir Glück wünschend sich von mir verabschiedete, ohne meine Adresse zu haben, oder mir die seinige zu hinterlassen. Da ich aber glaubte, dieser Gentlemann könne mir event. nützlich sein, so bat ich ihn um ein Wiedersehen am Abend. Er erwiderte, daß es ihm angenehm sei, meine Gesellschaft zu genießen, er habe sich aber mit einem Freunde, dessen Eltern Deutsche und mit seiner Mutter, welche ebenfalls eine Deutsche sei, aus einer Stadt stammten, schon verabredet, am Abend einen Klub zu besuchen; er würde sich aber freuen, wenn er mich dort, wo ich auch viele deutsche Kaufleute treffen würde, einführen dürfe. Am Abend stellte er mir einen jungen, sehr schüchternen Menschen als Mr. Uting vor, und wir besuchten dann zunächst eines der fashionablen Restaurants am unteren Broadway; nachdem wir hier vorzüglich soupiert hatten, bestellte Mr. Hill, als wir schon gezahlt und zum Aufbruch fertig waren, während ich für einen Augenblick vom Tische abwesend war, noch 3 Liköre, welche wir stehend tranken und gingen. Draußen aber wurde ich plötzlich so matt und schläfrig, als hätte ich zwei Nächte am Spieltisch gesessen; ich schrieb dies aber den schweren Speisen und Getränken zu; wir stiegen in ein Cab und rollten davon. In der nächsten Viertelstunde kämpfte ich mit aller Macht gegen den rätselhaften Schlaf, meine Glieder wurden bleischwer, der Kopf glühte und sank zurück in das Polster ? man hatte mich betäubt. Am andern Morgen wurde ich durch einen kernigen Fluch aus meinen Träumen aufgeschreckt, ich blickte verwundert auf: ich lag auf einigen Holzbohlen unter freiem Himmel im Hof eines mir unbekannten Hauses, und um mich herum standen zwei fremde Männer, welche deutsch sprachen. Der eine sagte gerade: »Wenn er nicht so elegant gekleidet wäre, könnte man meinen, ein Pennbruder hätte sich bei uns eingeladen,« und zu mir gewendet: »Na endlich wachen Sie auf?! Mensch, haben Sie einen Schlaf!« Ich erhob mich sehr langsam, mir schmerzten alle Glieder und mein Kopf, mein armer Kopf; wie kam ich denn hierher? Aber soviel ich auch dachte, ich konnte keine Antwort darauf geben. Da fiel mein Blick auf meine Weste: Uhr und Kette waren verschwunden, ich blickte auf die Hände: auch die Ringe fehlten. Wie ein Blitz kam mir die Erleuchtung, ungestüm riß ich die Weste auf, ? Gott sei Dank, die Brieftasche war da; hastig öffnete ich die Fächer: sie[111] waren leer! Nur meine Börse hatte man mir, nachdem man das Gold herausgenommen, mit einer winzigen Summe gelassen. Ich stand wie betäubt; ich, der ich die Verbrecher kannte und stets so vorsichtig war, hatte mich von schlauen Schurken betäuben und berauben lassen. Um 5 Tausendmarkscheine, 8 Hundertmarkscheine, ungefähr 50 Dollars in Gold und Wertsachen im Werte von 1500 Mk. hatten diese »Gentlemans« mich erleichtert, bevor sie mich auf einem Grundstück der Greenwich-Street absetzten. Ich habe nie wieder von ihnen gehört, sie waren selbst der Polizei zu schlau. Um meinen Verpflichtungen im Boarding-House nachzukommen, mußte ich einige Anzüge und sonstige Sachen veräußern und stand sehr bald auf derselben Stufe, auf welcher ich in Deutschland so böse Erfahrungen gemacht hatte. Doch nein, die Verhältnisse lagen hier doch anders, denn hier bekommt jeder Arbeit, der arbeiten will; das ist aber in Deutschland nicht der Fall. Also ich suchte Arbeit und fand auch scließlich solche, ? nämlich als Lastträger am Hafen fand ich Beschäftigung. Aber ich hatte meine Kräfte doch überschätzt, zwar hatte ich den festen Willen zu arbeiten, und sei es auf der untersten Stufe, doch auf die Dauer kann die Geisteskraft die Körperkraft nicht ersetzen, ich konnte die Lasten nicht mehr heben, brach eines Tages zusammen und war wieder ? arbeitslos. Doch Hunger tut weh und betteln habe ich nie lernen können, so verheuerte ich mich als Kohlenzieher auf einem Dampfer der Red Star Line für die Strecke New-York-Rotterdam. Was ich auf dieser Fahrt erduldet habe, diese Qualen sind unbeschreiblich und doch hatte ich nicht den Mut, wie schon so mancher vor mir, über Bord zu springen, sondern war nur darauf bedacht, meinen verweichlichten Körper mit seinen entnervten Muskeln glücklich wieder in die Heimat zu bringen. In Rotterdam ging ich an Land und kehrte nicht mehr an Bord zurück. Von einem deutschen Restaurateur, den ich kannte, borgte ich 10 Gulden und fuhr nach Köln und von hier nach Hannover. In dieser Stadt giebt es viele kleine Verbindungen, in denen Hazard gespielt wird, und ich hoffte, mich hier von den Strapazen der letzten Monate zu erholen, aber es sollte anders kommen. Kaum 8 Tage in Hannover, traf ich einen Bekannten von der Rennbahn und zwar einen Mann, der unter dem Spitznamen »Bereiter-Joseph« auf verschiedenen Rennplätzen bekannt war, wo er, bekannt mit den Stallgeheimnissen, Tips verkaufte. Es war Ende Oktober, und so wunderte ich mich nicht, daß dieser Mann sich hier aufhielt, war [112] doch die Saison beendet. Wir traten in ein altdeutsches Bierhaus und mein Begleiter bat mich, da er eine ganz miserable Handschrift habe, doch für ihn einen Brief zu schreiben, dessen Konzept er mir reichte. Ich las seinen Wisch und sah, daß es ein Bettelbrief an einen Offizier war, der gebeten wurde, weil Schreiber sich in großer Verlegenheit befinde, eine angegebene Summe unter einer gleichfalls angegebenen Chiffre poste restante zu deponieren. Nun werden täglich soviel Tausende von Bettelbriefen geschrieben, speziell auch solche an Homosexuelle, daß ich mir nicht den geringsten Vorwurf daraus machte, zumal für einen andern, einen solchen Brief zu schreiben oder eigentlich nur abzuschreiben; natürlich ziehe ich eine strenge Grenze zwischen einem Bettel- und einem Erpressungsbrief. Der »Bereiter-Joseph« ? seinen richtigen Namen kannte ich nicht ? sagte mir noch, daß er auf zwei Tage in Celle zu tun habe und bei seiner Rückkehr das Geld vorzufinden hoffe, und da es mir anscheinend auch nicht sehr gut gehe, sich erkenntlich zeigen werde. Zwei Tage später am Nachmittag erfuhr ich von einem Bekannten, daß ein großer Spielabend verabredet sei, wo sich etwas verdienen lasse; ich hatte aber nur einige wenige Mark im Vermögen, und so gab mir der Teufel ein: »Gehe zur Post und schaue, ob der Bereiter schon sein Geld abgeholt hat, ist es noch da, dann nimm es, und da Du sicher gewinnen wirst, kannst Du es ihm morgen zurückgeben!« Ich ging zur Post und ? wurde verhaftet! Der Offizier hatte den Brief der Polizei übergeben. Sechs Wochen Untersuchung, dann Hauptverhandlung und ich erhielt wegen Erpressungsversuchs: 6 Monate Gefängnis und 5 Jahre Ehrverlust. Das Gericht sah in einem Passus des fraglichen Briefes, welcher ungefähr lautete: »Bitte, mich nicht abzuweisen, denn Sie sind mir zum Dank verpflichtet, da ich Ihnen Leute vom Halse gehalten habe, die den Weg zum Regiment nicht gescheut haben würden!« ? eine indirekte Erpressung, und da der Bereiter-Joseph nicht aufzufinden war, hielt man ihn für den großen Unbekannten und verurteilte mich, obwohl der Offizier behaupten konnte, mich nie gesehen zu haben, und obwohl ich beteuerte, daß ich den Brief nur abgeschrieben und den fraglichen Passus nicht als eine Drohung angesehen habe. Aber niemand glaubt ja einem entlassenen Sträfling, einem Ausgestoßenen, einem Paria etwas, warum sollte nun gerade ein Gerichtshof ihm Glauben beimessen?! Man schickte mich zur Strafverbüßung in ein kleines Land [113] gerichtsgefängnis und zwar nach Göttingen, wo ich mich zur Außenarbeit meldete, um mich an harte Arbeit zu gewöhnen und wohl auch, um mich selbst zu strafen für meine Gutmütigkeit oder Leichtsinn; ich war mir selbst nicht klar darüber, wie ich meine Handlungsweise zu nennen habe. Bei harter, mühevoller Arbeit vergingen die Tage, schneckenartig folgte ein Monat auf den andern; morgens in aller Frühe ging es zum Arbeitsplatz und abends kehrten wir totmüde und hungrig ins Gefängnis zurück, dabei fühlte ich mich totunglücklich in der rohen und gemeinen Umgebung. Nirgends fand ich Mitgefühl. Niemand spendete mir einen Trost, oder versuchte es, mich aufzurichten, wenn die Verzweiflung mich packte. In sechs langen Monaten sah ich weder einen Gefängnisvorstand noch einen Geistlichen; einen Gottesdienst gab es hier nicht, kein freundliches Wort wurde mir zu teil; die einzige Vorlesung, die uns gehalten wurde, war die des Oberaufsehers, daß der Aufseher nach Paragraph so und so berechtigt sei, uns bei einem etwaigen Fluchtversuch oder sonstiger Ungehörigkeit über den Haufen zu schießen. Diese Vorlesung wurde so oft gehalten, daß sie jeder auswendig kannte. Doch alles geht vorüber, und eines schönen Tages im Rosenmonat Juni saß ich in der Eisenbahn, um die kleine Strecke von Göttingen nach Hannover zurück zu fahren; ich suchte nun sofort Arbeit, aber ich mußte abermals erkennen, wie schwer es ist für einen ehrlichen, gebesserten Strafentlassenen, Arbeit zu finden. So vergingen drei Wochen, endlich hatten meine Bemühungen Erfolg; ich erhielt durch Empfehlung eines Fabrikanten, der von meiner Bestrafung nichts wußte, einen Posten als Geschäftsführer in einem großen Vergnügungs-Etablissement. Meine schwieligen Hände und mein sonnenverbranntes Gesicht gaben mir ein gutes Zeugnis, denn ich erzählte, ich hätte einen Bruder, der Landwirt sei, in seiner Arbeit einige Wochen unterstützt. Es gelang mir, durch Pünktlichkeit, Aufmerksamkeit und Pflichttreue in kurzer Zeit das vollständige Vertrauen meines Chefs zu erwerben; ich bekleidete einen Vertrauensposten und hatte ein Einkommen von monatlich 250?300 Mk. Ausschließlich widmete ich mich meinen Pflichten, keine Karte berührte meine Hand, es war mir vollständig toute même chose, ob Flunkermichel oder Tokio das deutsche Derby gewinnen würde, mein Denken und Dichten war nur darauf gerichtet, die eroberte Position zu befestigen und zu behalten. Ich war glücklich, daß ich arbeiten konnte. So vergingen 3/4 Jahre, als eines Tages ein Kriminalschutzmann [114] meinem Chef die Frage vorlegte: »Nun Herr F. wie macht sich denn der S.?« und auf die erstaunte Gegenfrage meines Chefs, wie er dazu komme, sich nach mir zu erkundigen, entgegnete er: »Ei! Sie wissen wohl gar nicht, daß der S. schon verschiedene Male im Gefängnis war und jetzt noch 5 Jahre Ehrverlust hat?!« ? Meine Stellung war erschüttert, ich mußte gehen, mein Chef zwar ließ mich ungern fort, aber einer der Hausdiener war Zeuge des Gesprächs gewesen, und nach 10 Minuten kannte das ganze Personal meine Vergangenheit. Der Kriminalschutzmann, ein Mensch, der sich ungemein wichtig zu machen suchte, war einmal in einem der Gesellschaftssäle, wo er übrigens nichts zu suchen hatte, von mir darauf aufmerksam gemacht worden, daß man den Hut abzunehmen habe, falls man nicht als unhöflich gelten wolle, worauf er meinte, er sei Kriminalschutzmann und habe das nicht nötig. Da nun der Präsident des Vereins, welcher seine Festlichkeit in diesem Saal abhielt, sich über die Störung des Schutzmanns beschwerte, die Festlichkeit aber polizeilich angemeldet war und der betr. Schutzmann keinen speziellen Befehl hatte, den Verein zu überwachen, so forderte ich denselben auf, das Lokal verlassen zu wollen. Um sich für die erhaltene Lehre zu rächen, machte er meinem Chef obige Mitteilung. Später verlor dieses Muster von Polizeibeamten wegen verschiedener Machinationen seinen Dienst und führte dann selbst eine sehr zweifelhafte Existenz. Vielleicht hat auch ihn die Nemesis erreicht. Ich fuhr nach Hamburg und bemühte mich vergebens 3 Monate lang eine Stellung zu erhalten; mir fehlten eben die glänzenden Empfehlungen, ohne die heutzutage niemand einen jungen Mann anstellt. Einmal bewarb ich mich mit gefälschten Zeugnissen um einen Posten, entging aber nur mit knapper Not der Verhaftung, da die Firma Erkundigungen eingezogen hatte. Meine Ersparnisse schrumpften immer mehr zusammen und mißmutig, in deprimierter Stimmung fuhr ich nach Berlin. Aber hier wiederholten sich nur meine alten Erfahrungen: ich suchte Arbeit ? Stellen als Schreiber, Diener, Kellner ? alles vergebens. ? Bei Bekannten, bei denen ich früher etwas gegolten, erzählte ich wahr und aufrichtig mein Schicksal, meine Schuld und meine Vorsätze, überall wies man mich zurück mit kalten Ermahnungen oder mit schnöder, verletzender Härte. Mein Geld war aufgezehrt ? eine kurze Zeit lebte ich noch von dem Erlös meiner Kleider, und dann stand ich eines Tages, Ende August 1897, mittellos und obdachlos auf der Straße. [115] Wie viele Tausende, die von dem glänzenden Äußeren der Großstadt angelockt, gehen hier jährlich zugrunde! Hier werden sie arbeitslos, heimatlos, obdachlos und gottlos! Pastor Statle sagt in seinem Buche »Gefängnisbilder«: »Die Kaufleute, Schreiber, kleine Beamte etc., sind, wenn eine Gefängnishaft über sie hinweggehen mußte, bei ihrer Entlassung so gut wie vogelfrei, sie finden überall, wo sie anklopfen, verschlossene Türen.« Er hat den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er auch den ganzen Jammer, das ganze Elend nicht kennt. Nun irrte ich hungernd durch die Friedrichstraße und da stieg in mir der Gedanke auf: »Ach wäre ich doch fort, weit fort, an einem Ort, wo ich Ruhe und ? satt zu essen hätte!« Wahrhaftig! ? ich schämte mich des Gedankens, aber ich hatte ans Gefängnis, gedacht! Wie ich so die Straße 'runterschlenderte, traf ich bei Café Bauer einen Menschen, einen Verbrecher aus Hamburg; dieser erzählte mir seine Erlebnisse: er komme aus Danzig, habe dort einen Homosexuellen um 1000 Mk. geprellt und für weitere 500 Mk. dessen wertvolle goldene Uhr in Pfand erhalten; habe aber diese Uhr, da er sein Geld mit vollen Händen fortgeworfen habe, für 50 Mk. versetzt bei einem Uhrmacher F. ? Er wollte nun seinen Brillantring versetzen und ich solle mit ihm nach Danzig fahren und von dem Päderasten eine größere Summe erpressen helfen. Dies »Geschäft« schien mir aber zu gefährlich und ich beschloß, nicht mitzufahren, sagte aber nichts, sondern versetzte den Ring auf meinen Namen und verabredete mich mit ihm auf den andern Tag. Er war im Kaiserhof abgestiegen und wurde dort verhaftet, aber dies erfuhr ich erst später, vorläufig glaubte ich, er sei zu der Überzeugung gekommen, daß das Geschäft für ihn allein einträglicher sei und sei allein abgereist, nun beschloß ich, auf eigene Faust ein weniger gefährliches Geschäft zu arrangieren: ich schrieb an den Päderasten in Danzig, daß der Erpresser bei mir seine Uhr für 150 Mark versetzt habe und bat um Nachricht, ob er geneigt sei, dieselbe auszulösen. Dies war lediglich ein Geschäft, zwar ein schmutziges, aber immerhin ein Geschäft, wobei ich 100 Mk. verdiente, wenn es einschlug. Da jedoch nicht umgehend Antwort erfolgte, schrieb ich in meiner kritischen Lage und Aufregung ? ich hatte die Nacht in einem der zweifelhaftesten Nacht-Café's zugebracht, da ich in eine Penne nicht gehen wollte, einen Gasthof aber nicht bezahlen konnte ? einen zweiten Brief, worin der Passus vorkam: »Wenn ich nicht umgehend Antwort erhalte, sehe ich mich veranlaßt, die [116] Uhr Ihrer Frau anzubieten, vielleicht komme ich dann schneller zu meinem Gelde!« Dies war eine Drohung, aber man bedenke meine Lage, mir blieb ja nichts übrig, als zu verhungern oder ein Verbrechen zu begehen; und war dieser Päderast ein nicht viel größerer Verbrecher als ich? Ich hatte mit einem fingierten Namen unterzeichnet und als Adresse ein Restaurant angegeben; statt einer Antwort kamen aber 2 Kriminalschutzleute, um mich zu verhaften. Ich saß im Restaurant, da sie mich aber nicht kannten, blieb ich ruhig sitzen. Drei volle Stunden warteten die Herren auf mich; der Wirt, der Kellner, die Gäste ? alle wußten, wen sie haben wollten, aber die Solidarität unter den Gästen dieses Restaurants war zu groß, als daß auch nur einer eine Andeutung gemacht hätte. Schließlich entfernten sie sich, beim Wirt die Nachricht hinterlassend: ich solle am Nachmittag um 4 Uhr ans Aquarium kommen, die Sache würde erledigt werden. Kaum waren sie fort, da brach ein homerisches Gelächter los! ? O, heilige Hermandad, Du bist nicht auf der Höhe! ? Wenn ein Sträfling mit den besten Vorsätzen die Anstalt verläßt und nun einsieht, daß er dieselben nicht betätigen kann, weil ihm Niemand die Hand reichen will, dann sucht er, sobald er in Not und Elend gerät, die Verbrecherkneipen auf. Hunger tut weh' und hier unter den »Brüdern« bekommt er zu essen und trinken; daran denkt er gewöhnlich nicht, daß ein Überschreiten der Schwelle der Verbrecherbeize (Kaschemme) seinen Rückfall bedingt, sondern er fühlt nur den Hunger und weiß, daß er hier Menschen findet, welche mit ihm ihr Letztes teilen, wenn er sagt, daß er aus Strafhaft kommt. Und ? es ist ja so schwer, ehrlich und brav zu bleiben, wenn der Hunger in den Eingeweiden wühlt und man vor Müdigkeit und Ermattung dem Umfallen nahe ist; bei anständigen Menschen aber nur Verachtung findet. So ging es auch mir, ich hatte in einer Kaschemme in der Markgrafenstraße einen Bekannten aus Frankfurt getroffen, welcher für mich in der freigebigsten Weise Alles bezahlte und mir seine Erlebnisse erzählte. Er war von Dresden aus zum Markt nach Görlitz gefahren, hatte dort einen reichen Mühlenbesitzer kennen gelernt, der sich in unsittlicher Weise an ihm vergriffen hatte, und an diesem nun eine Erpressung verübt. Da der Müller aber wenig Geld bei sich gehabt, hatte er ihm die Uhr genommen, in dessen innerem Deckel die vollständige Adresse des Besitzers eingraviert war. Von Dresden aus hatte er nun einen groben Erpressungsbrief geschrieben, wonach [117] der Mühlenbesitzer bis zu einem bestimmten Tage 50 Mk. unter einer angegebenen Andresse ? Berlin ? postlagernd Zimmerstraße zu senden habe. Der Mühlenbesitzer hatte solche Angst gezeigt, daß er unbedingt das Geld schicken würde, anders lag aber der Fall, wenn der Brief in fremde Hände, vielleicht in die der Frau, geraten sei, dann konnte der Briefschreiber böse Unannehmlichkeiten haben, darum bat er mich, auf der Post nachzufragen, ob der Brief eingetroffen sei. Wir waren nun wohl beide fest überzeugt, daß das keine strafbare Handlung sei, wenn Jemand für einen andern einen Brief von der Post abholt, selbst wenn es sich um die Antwort auf einen Erpressungsversuch handelt. Es war kein Brief da; wir wurden aber, als wir die Zimmerstraße entlang schlenderten, von 2 Kriminalschutzleuten festgenommen. Ich war der festen Meinung, ich müsse sofort wieder entlassen werden, da ich ja an der Straftat weiter nicht beteiligt war, wurde jedoch ebenfalls nach Görlitz geliefert und vom Schwurgericht zu 1 Jahr Gefängnis verurteilt, während der Frankfurter 5 Jahre Zuchthaus erhielt. Die Wegnahme der Uhr, welche in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt erfolgt war, wurde als Raub angesehen. Ich dagegen erhielt ein Jahr Gefängnis, wegen Erpressungsversuchs, trotzdem ich von dem Briefe nicht das Geringste wußte, nur auf Grund meiner Vorstrafen. Der Mitangeklagte gestand seine Tat unumwunden ein, nur glaubte man ihm nicht, dem man den Päderasten auf 10 Schritt Entfernung ansah, eine unsittliche Handlung begangen zu haben, hielt es vielmehr für möglich, daß ein Mensch sich an einem Markttag, wo tausend Menschen in der Nähe sind, sich seine Uhr abnehmen läßt, ohne Hülfe herbei zu rufen oder den Verbrecher zu verfolgen. »Kein Mensch kann Sie bestrafen!« meinte Herr Rechtsanwalt D. vor der Verhandlung und mein Mitangeklagter bat, man möge mich freisprechen, da ich nur aus Gefälligkeit für ihn zur Post gegangen sei, ? vergeblich! ? In dem Wiederaufnahmeverfahren wurden meine Anträge mit der Begründung verworfen, daß nicht ersichtlich sei, was die Geschworenen zu meiner Verurteilung veranlaßt habe! ? Ich hatte bereits 6 Monate verbüßt, als man endlich in Danzig auch so weit war, einzusehen, daß derjenige, der den Ring versetzt und dessen Name auf dem Pfandschein stand, eventuell der Schreiber der beiden Briefe sein könne, um deretwillen ich früher schon in Berlin gesucht wurde. Hier lag ja nun die Erpressung näher, denn ich hatte im Eifer gedroht, der Frau des Adressaten Mitteilung zu [118] machen. Mein Leugnen erschwerte die Sache, und ich erhielt auch hier 1 Jahr Gefängnis und hatte nun eine Gesamtstrafe von 2 Jahren Gefängnis und wiederum 5 Jahre Ehrverlust. Auch hier wurde der Urheber des ganzen Verbrechens nicht zur Rechenschaft gezogen. Dieser Mensch, der einem Gauner 1000 Mk., seine Uhr und Trauring gab, beschwor, keine unsittliche Handlung mit dem jungen Manne vorgenommen zu haben, er habe lediglich das Geld aus Angst, er könne unschuldig kompromottiert werden, hergegeben. Der Erpresser erhielt auch hier 5 Jahre Zuchthaus. Auch in Danzig wurde ich wieder verschickt, und zwar kam ich zur Strafverbüßung nach einem kleinen Kreisstädtchen in der Kassubei. Ein kleines Gefängnis mit einem Bretterzaum umgeben, welches im Durchschnitt etwa 70 Gefangene beherbergte, wurde nun meine Heimat; ich wurde hier 18 Monate lang mit schriftlichen Arbeiten beschäftigt, genoß das Vertrauen sämtlicher Beamten, wurde zeitweise auf dem, am Gefängnis angrenzenden, Amtsgerichte beschäftigt und führte eine Zeitlang sogar sämtliche Gefängnisbücher; erhielt dann auch vom Herrn Amtsrichter B. das Kompliment, ich habe mich zu einen tüchtigen Verwaltungsbeamten herausgearbeitet. Aber was nützen mir alle Kenntnisse, wenn nicht draußen die Menschen von meiner Vortrefflichkeit überzeugt sind und an meine guten Vorsätze glauben? wenn sie mir nicht die Hand reichen zur Rettung?! Ich erfuhr denn auch sehr bald, noch vor meiner Entlassung, daß viele Menschen glauben, man müsse die Rechtsbrecher wie wilde Bestien behandeln. Solch ein Mensch war der Anstaltsarzt, der nebenbei gesagt, für das sehr anständige Honorar von 4 Mk. pro Kopf und Jahr, nur das Gefängnis betrat, wenn einer krank geworden war und er extra geholt wurde; dies geschah aber alle 2?3 Monate 'mal. Diesen Herrn, der wegen seiner Barschheit und Inhumanität bei der Bevölkerung in sehr schlechtem Ansehen stand, bat ich nun einmal, er möge mir doch, mit Rücksicht auf meine lange Strafzeit und weiter, mit Rücksicht darauf, daß ich die schwere Kost schlecht vertrage und jeden Abend bis 10 Uhr arbeiten müsse, während die anderen Gefangenen um 7 Uhr schlafen gehen durften, täglich 1/2 Liter Milch verordnen. Er war nun anscheinend empört, daß ich ihn wegen solcher Kleinigkeit hatte rufen lassen und sagte: »Sie bekommen keine Milch! Sie sind ganz gesund!« [119] »Aber verehrter Herr Doktor« entgegnete ich, »Sie können doch dies unmöglich konstatieren, ohne mich untersucht zu haben!« »Ich bin Kreisphysikus! verstehen Sie! Kreisphysikus! Sie bekommen nichts!« »Verzeihung, Herr ?Kreisphysikus?! mein Verlangen ist ?« »Sie haben garnichts zu verlangen, Sie sind wegen Betrugs bestraft, haben 5 Jahre Ehrverlust!« ? »Herr Kreisphysikus! erstens bin ich nicht wegen Betrugs bestraft und zweitens bin ich doch deshalb noch ein Mensch, der ?« »Garnichts sind Sie! vor allem sind Sie nicht hier, um gemästet zu werden, sondern um langsam abzusterben!« »Das sind sehr löbliche Ansichten, mein Herr Doktor, ich begreife nur nicht, wie Sie mit solchen Anschauungen das Physikum bestanden haben.« Nun brüllte er vor Wut, erstattete Anzeige wegen Beleidigung, und ich erhielt 14 Tage Gefängnis. Bei meiner Entlassung sagte mir der Gefängnisvorsteher, ich solle die Sache ja nicht weiter verfolgen, sonst ginge es mir schlecht; empfing noch einige Verwarnungen in anderer Beziehung, dann noch einige Trostsprüche und ich durfte die herrliche Gegend verlassen, wo unter 100 Menschen, die man höflich anspricht ? 60 ein Gesicht machen, als hätten sie Galle getrunken, schließlich eine »nie rezumie Pan« murmeln und weiter trollen, 25% aller Dorfbewohner Analphabeten sind und wo die Rechtsbrecher eingesperrt werden, um langsam abzusterben. Ich wandte mich wieder nach Berlin und erhielt schon in den ersten 8 Tagen eine Stelle als Kellner, wurde aber nach 4 Wochen wieder entlassen, da mein durch die lange Haft ausgemergelter Körper nicht widerstandsfähig genug war, von Morgens 9 Uhr bis Nachts 1 Uhr in Tätigkeit zu sein. Nachdem ich mich von meiner Krankheit erholt, wurde ich eine Zeitlang Krankenwärter in einer Klinik für Hautkranke, fuhr dann nach Hannover, wo ich 9 Monate Teilhaber einer kleinen Zigarettenfabrik war; der Besitzer hatte abgewirtschaftet, weil er ein ganz guter Zigarettenmacher aber kein Geschäftsmann war, es gelang mir nun zwar uns über Wasser zu halten, aber ohne jegliches Kapital leistungsfähig zu sein, ist unmöglich. Nach 3/4 Jahren mußte die Firma eingehen. Im Sommer 1900 sollte ich durch Vermittelung eines angesehenen Kaufmanns eine sehr einträgliche Stelle als Reisender erhalten und begab mich zuerst zum Kriminalinspektor H., der meine Vergangenheit[120] kannte, ich bat ihn, nachdem ich von meinen guten Vorsätzen gesprochen, mir doch zu helfen, damit ich einen Paß bekäme. Er gab mir auch einen Kriminalbeamten mit, welcher dem Beamten am Paßbureau meldete, daß gegen mich nichts vorläge. Ich gab dem Beamten die Bescheinigung des Fabrikanten und erhielt in 10 Minuten den Bescheid, daß ich einen Reisepaß nicht erhalten könne, da ich 5 Jahre Ehrverlust habe und überhaupt 5 Jahre unbescholten sein müsse. Nun hätte ich beichten müssen und der Fabrikant hätte mich wahrscheinlich hinausgeworfen, und wenn auch nicht ? ohne Paß läßt kein Fabrikant für sich arbeiten, da er nicht Lust hat, sich eventl. seine Muster beschlagnahmen zu lassen. O, diese Polizeivorschriften, welche einen Strafentlassenen am Arbeiten verhindern! ? Und doch kenne ich Hunderte von Hochstaplern und Gaunern, welche alle im Besitze von Reisepässen sind, nur weil sie schlau genug waren, der Polizei mindestens 5 Jahre lang ein Schnippchen zu schlagen; diese Herren gebrauchen den Reisepaß lediglich als Waffe gegen die Polizei, denn ein solcher Paß ist die vortrefflichste Legitimation, womit schon mancher Schutzmann irre geführt wurde. ? Ich fuhr dann nach Frankfurt a.M., wo ich als selbständiger Agent für verschiedene Firmen tätig war; ich habe mich ungefähr 3 Jahre lang von allem fern gehalten, was mich mit dem Strafgesetz in Konflikt bringen konnte, und doch sitze ich jetzt wieder in der Einzelzelle und schreibe diese meine Lebensgeschichte, dessen Schluß, d.h. alles was mit meiner jetzigen Bestrafung in Verbindung steht, nicht in den Rahmen dieser Abhandlung gehört, sondern ein Bild für sich bildet, welches ich später schreiben werde. Diese meine lange Lebensgeschichte, welche mich allein schon als einen Unglücklichen dokumentiert, falls das englische Sprichwort: »Happy the man, whose life ? story is brief« auf Wahrheit beruht, schrieb ich nur, um eine der Hauptursachen aufzudecken, welche einen bestraften Menschen geradezu zum Rückfall zwingen. Zwar muß ich zugeben: es gibt Hunderte von Verbrechern (der Abschaum der Menschheit), die gefühl-und herzlos, tiefer stehen als das niedrigste Tier, welche immer wieder die Freiheit erhalten, d.h. losgelassen werden wie wilde Tiere gegen alle, die Menschen sind, und alles, was menschlich heißt, anstatt sie durch Deportation vor die Alternative zu stellen: entweder sich bessern und ein arbeitsamer, gebesserter Mensch werden oder fern von allen ehrlichen Menschen sein Leben in Schande und bei harter Arbeit zu beschließen. [121] Aber auch Hunderte gehen jährlich durch die Gleichgültigkeit und Hartherzigkeit der Gesellschaft gegen die Gefallenen ? gegen solche, die gerettet sein wollen, zugrunde. Ich habe diese Unglücklichen kennen gelernt, welche, da sie mehrere Male mit dem Strafgesetz in Konflikt gerieten, in den Akten und Statistiken als unverbesserlich hingestellt wurden, doch nur den einen Wunsch hatten, wieder anständige Menschen zu werden; aber ihnen fehlte, wie so manchem einem schimpflichen Untergange geweihten Menschen, die richtige Leitung und eine passende Verwendung Man sollte solche Unglücklichen, welche gute Zeugnisse aus der Anstalt vorzeigen können, mit Liebe behandeln, ein wenig Vertrauen zu ihnen fassen, denn wer die Menschen wahrhaft kennt, der wird zwar auf niemanden unbedingt bauen, aber auch niemanden ganz und vollständig aufgeben. Man darf den Menschen nicht nach dem beurteilen, was er ist, sondern darnach, wie er es geworden ist, dann wird sich auch manche Härte in Milde verwandeln. Auch darf man denjenigen, der eine Sünde, ein Verbrechen begeht, nicht ohne weiteres für den allein Schuldigen halten. Man forsche nach der Vorgeschichte jeder solchen Tat. Welche Mengen von Sünden und Verbrechen hat die millionenköpfige Hydra, welche wir Gesellschaft nennen, auf dem Gewissen! Aber grade diese Gesellschaft sitzt mit wahrer Wonne zu Gerichte, wenn die Eiterbeule an einem einzelnen ihrer Glieder platzt! Mit welchem pharisäischen Gebahren, mit welchem abweisenden Nasenrümpfen, mit welcher Angst vor fernerer Berührung zieht man sich da von dem Unglücklichen zurück, der das Unglück hatte, daß die allgemeine Blutentmischung grad an seinem Leibe zum Ausbruch kam. ? Einen kranken Mann macht man doch nicht tot, sondern man macht ihn gesund, denn er hat ein ebenso heiliges Recht, zu leben, wie jeder andere. Man entziehe seinem Körper die Krankheitsstoffe, welche ihm schädlich sind und reiche ihm dagegen das Mittel, welches ihn heilt und wieder zu einem leistungsfähigen Menschen macht. Aber der Staat, die Gesellschaft kümmert sich nicht um den Arbeitlosen, so lange dieser das Gesetz nicht übertritt. Dann aber bekommt er Alles: Wohnung, Kleidung, Kost, Arbeit, Arzt und Bibliothek etc., aber damit ist ihm auch das Brandmal der Schande unauslöschlich aufgedrückt. Der Makel der Bestrafung verfolgt den Unglücklichen von Ort zu Ort, durchs ganze Leben. Das Verbrechen bewältigen, heißt aber nicht, wie der Instinkt in der ersten Aufwallung über irgend eine böse Tat glauben machen möchte, sämtliche Verbrecher vernichten, d.h. zum primitiven jus talionis zurückkehren. [122] Das Verbrechen überwinden, heißt vielmehr, es verstehn, auf seine Motive zurückführen und die Quellen, aus denen diese Motive fließen, so weit es überhaupt möglich, verstopfen. Die Gesellschaft, sollte sich endlich bequemen, endgültig mit den bestehenden Vorurteilen zu brechen und eine den wirklichen Sachverhältnissen Rechnung tragende Stellung einnehmen. Man muß sich überzeugen von der Tatsache, daß der Verbrecher kein Subjekt ist, das man mit allen Mitteln beseitigen muß, sondern daß man in ihm ein schwaches, schutzbedürftiges und schutzberechtigtes Wesen vor sich hat. Eine solche Anschauung aber legt den Starken die Verpflichtung auf, ihn mit allen Mitteln zu unterstützen, ihm die Hand zur Rettung zu reichen. Nicht durch Almosen, Geld, Kleidung, nein! eine solche äußerliche Hülfe genügt nicht. Man muß den Strafentlassenen vor Rückfall schützen, indem man ihm innerlich hilft, d.h. ihn nicht verachten, ihn nicht verletzend abweisen, sondern ihm Arbeit geben. Arbeit! dies ist die einzige Stütze, an der sich der Gefallene wieder aufrichten kann; durch die Arbeit lernt er sich wieder selbst achten, die Arbeit schützt ihn vor neuen Gefahren. Aber so lange das Gros der Bevölkerung in dem entlassenen Sträfling nur den Gefallenen, den Gebrandmarkten sieht und an dem Irrtum festhält, man müsse den Verbrecher unschädlich machen, indem man ihn eliminiert und nicht aufhört, einem Menschen, der sich bessern will, Schwierigkeiten in den Weg zu legen, anstatt ihm darüber wegzuhelfen ? solange wird es heißen: In Deutschland werden 85% aller Strafanstaltsinsassen rückfällig! ? ? ?[123] 1 Amazon.de Widgets 4. S.J. von A., ehelich geboren 1874 prot., lediger Kaufmann. Nicht tätowiert. Vorstrafen seit 1892: einmal Haft und 7mal Gefängnis (in mehreren Anstalten) wegen Betrugs, Diebstahls, Erpressungsversuche, Beleidigung. Zuletzt wegen Zuhälterei 3 Jahre 9 Monate Gefängnis und Arbeitshaus. Buchmacher bei Rennen. Bewegte Vergangenhelt, Spieler und Zuhälter. Als Schreiber wiederholt beschäftigt in der Gefangenenbibliothek. Nierenleidend. Gute Führung. Wollte wieder in die Höhe kommen. Gute Volksschulbildung und ein paar Jahre bessere Bürgerschule. Kriminalschutzmann. 2 Kriminalschutzmann. 3 Überzieher. 4 betteln. 5 Diebstahl. 6 Garderobe. 7 Hunger. 8 Gefängnis. 9 Zwangsarbeitshaus. 10 verhaftet. 11 Asyl in der Fröbelstraße. 12 Schlafgeld. 13 Wandern. 
 Fragment aus dem Leben eines »Rückfälligen«. (Von Nr. 11. K.G.1)  Begreifen die meisten Menschen nicht, wie Leute, welche das Zuchthaus jahrelang durchgekostet haben, diesen Ort, dessen Namen schon Schauder erregt ? wieder rückfällig werden mögen, die goldene Freiheit, dieses köstliche Gut, um schnöden Mammons willen wieder aufs Spiel setzen können, so begriff ich nach meiner erstmaligen Entlassung aus dem Zuchthaus noch viel weniger die Meinung der Leute, nichts sei einfacher und leichter, als wiederum ein ordentlicher Mensch zu werden. Das gerade Gegenteil dieser Ansicht mußte ich schon im Zuchthaus erfahren. Als »Erstmaliger« hatte [195] ich nach § 23 des R. St. G.B. das Recht, bei guter Führung nach erstandener 3/4-Zeit meine vorläufige Entlassung beantragen zu können. Meine Führung war tadellos; es fehlte also nur noch die Erfüllung der Vorbedingung zur Entlassung: ein mich auf die Dauer von sechs Monaten ? soviel betrug das Viertel meiner Strafzeit ? beschäftigender Arbeitgeber. Die Aufbringung desselben schien mir gewiß, war ich doch noch ein ganz junger Mensch, und mit dessen erstem Fehler wird man doch nicht so strenge »ins Gericht gehen«, kalkulierte ich; meine Vaterstadt hatte Arbeitgeber genug. Der Arbeitgeber sollte aufgebracht werden, ich und meine Anverwandten bemühten uns eifrig ? ohne Erfolg! In der ganzen Stadt fand sich keiner, auch nicht unter Leuten, deren Bildungsgrad ihnen unbedingt sagen mußte, was für den jungen Züchtling hierbei auf dem Spiele stand. Die Bitterkeit übermannt mich heute nach vielen Jahren noch, wenn ich an diese Engherzigkeit der Heimatsgemeinde denke, dank welcher ich zum unverbesserlichen Verbrecher wurde. Ich mußte meine ganze Strafzeit verbüßen; ? »ein ordentlicher Spitzbub macht seine ganze Zeit«, sagten, bezw. »trösteten« mich die »Alten« damals. In der Heimat wurde mir nicht das geringste Vertrauen entgegengebracht, und so war ich gezwungen, sie mit der Fremde zu vertauschen. Ich kam auf die Landstraße. Was dieser einfache Satz eigentlich für eine Bedeutung hat, wissen nicht viele Menschen. Mit Stromern und Landstreichern in Herbergen und Spelunken in innigste Berührung kommend, war ich bald dasselbe laut Satz, daß jede Umgebung eine Ursache ist, deren Einwirkung auf uns in genauem Verhältnis zu unserer Beziehung mit ihr steht. Ich war entlassener Züchtling, als ich die Landstraße betrat, aber ich war verhältnismäßig noch ein Ehrenmann gegen das physisch und moralisch total verkommene Geschmeiß der Landstraße, diese Schmarotzer am Körper der Allgemeinheit, und die Engherzigkeit der K.-Spießbürger war eigentlich schuld, daß auch ich solch' Schmarotzer wurde. Das Leben dieser Art ekelte mich schließlich doch an; ich schwang mich aus dem tiefsten Sumpf moralischer Verkommenheit wieder eine Stufe höher, d.h., ich betrat wiederum die Verbrecherlaufbahn. Dieser Wechsel geht nun schon seit einer Reihe von Jahren seinen regelmäßigen Gang: Verbrecher, Strolch, Verbrecher, Strolch ? dank jener Engherzigkeit des Spießbürgergeistes. Hätte irgend eine Art Rettungsverein sich damals des reumütigen jungen Burschen angenommen, so wäre jetzt nicht ein ganzes Menschenleben verfehlt! Warum ich selbst mich nicht gänzlich aus dem Sumpfe heraushebe? [196] Weil ich alles verloren, was den Menschen zum Menschen erhebt, und mir infolge dessen die Art meines Daseins gleichgültig geworden ist. Eine traurige Philosophie ? nicht? Ja, aber noch trauriger, wenn ich dieselbe nicht hätte und dann verzweifeln müßte. ?[197] 1 Amazon.de Widgets 11. K.G. aus K., ehelich geboren 1863, kathol., lediger Fabrikarbeiter. Seine Eltern waren arme Eisenbahnarbeiterleute. Er genoß Volksschulbildung und besuchte die erste Lateinklasse seiner Vaterstadt durch einige Monate; sonst erhielt er keinen Unterricht. Er hat Deutschland, England, Holland, Belgien, Frankreich, die Schweiz und einen Teil Nordamerikas bereist, sprach englisch und französisch vollkommen, holländisch etwas. Sein Strafbogen enthält 31 Eintragungen ob Diebstahls, Bettels, Landstreicherei, Betrugs, Legitimationspapierfälschung usw. (zusammen 5 Jahre Zuchthaus, 3 Jahre Gefängnis, 1 Jahr 4 Monate Arbeitshaus). Er verstarb an Tuberkulose im Jahre 1902. Führung gut. ? 
