 Zur Einleitung  Die vorliegende Lebensgeschichte des Fabrikarbeiters Moritz William Theodor Bromme in Ronneburg-Friedrichshaide erscheint nicht etwa deshalb, weil die in den letzten zwei Jahren veröffentlichten Denkwürdigkeiten und Erinnerungen des Fabrikarbeiters Carl Fischer zu einer literarischen Sensation wurden, und ich nun die Hoffnung hätte, mit dieser zweiten Arbeiterbiographie einen gleichen Effekt zu erzielen. Literarische Sensationen macht man nicht, noch kann man sie im voraus berechnen. Außerdem sind sie etwas sehr schnell Vorübergehendes. Ich verfolge vielmehr mit der Herausgabe auch dieses neuen Werkes einen sehr ernsthaften Zweck, nämlich allgemeine Kenntnis des wirklichen Lebens des heutigen Proletariats, und zwar aus der Feder von Proletariern selbst, so weit und so tief wie möglich zu verbreiten. Mit der Brommeschen Schrift war es mir noch im besonderen darum zu tun, in ihr die Lebensgeschichte eines jüngeren, der heutigen Generation angehörigen, ungelernten Fabrikarbeiters derjenigen des älteren, heute im Aussterben begriffenen Schlages gegenüber zu stellen und so zwischen der Brommeschen und Fischerschen Arbeit zu nachdenklichen Vergleichungen anzuregen. Deshalb habe ich auch für den Titel des vorliegenden Werks das Wort »modern« gewählt. Ich möchte mich deshalb fast entschuldigen, da ich es selber nur ungern gebrauche. Aber bei der angegebenen Absicht des Buches war es kaum zu umgehn, wollte ich dafür nicht sozialdemokratisch sagen, was wohl[5] sinngemäß, aber bei der vielfach noch herrschenden unglaublichen Voreingenommenheit gegen die Sozialdemokratie für die Verbreitung des Buches wahrlich nicht günstig gewesen wäre. Das Gesamtergebnis eines Vergleichs des Inhalts der Fischerschen und der Brommeschen Schrift scheint mir nun ein über die Maßen niederschlagendes zu sein. Es ist mit einem Worte dies, daß alles in allem das wirtschaftliche und soziale Los des ungelernten Fabrikarbeiters der heutigen Generation in keiner Beziehung irgendwie erheblich besser erscheint als das der zwei vorhergehenden Generationen. Während sich, wie jedes Kind heute weiß, der Reichtum der Unternehmer- und Kapitalistenklasse in den letzten drei Jahrzehnten bei uns in Deutschland ins Riesige vermehrt hat, die Lage der industriellen Beamten und Meister erheblich gesicherter und wohlhabender geworden, ja auch die Lebenshaltung der gelernten Arbeiter wenigstens ein wenig gestiegen ist, sind die Einkommens- und Existenzverhältnisse bei der untersten und zugleich zahlreichsten Schicht der modernen Industriemenschen unverändert die gleich engen und elenden geblieben. Zwar bringen weder Fischer noch Bromme in ihren Werken dafür ein größeres Zahlenmaterial vor, dafür aber Milieuschilderungen ihrer eigenen Lage wie derjenigen ihrer gleichgestellten Lebens- und Leidensgefährten, die mindestens ebenso schlagend sind wie eine reichhaltige und umfassende Statistik. Dieselbe Unsicherheit der Arbeitsgelegenheiten hier wie dort, dieselbe immer neue Lohndrückerei bei beiden, das gleiche Leben von der Hand in den Mund, unter Auspressung der letzten Kräfte des Körpers wie des Geistes, ein Leben gleichsam ohne festen Halt und Boden, ein ewiger Kampf mit den Gespenstern der Krankheit und des Todes, des Hungers und der Gefahr, die gleiche schließliche Wurstigkeit bei den Einen, Verzweiflung bei den Andern, Hingabe an den niedrigsten materiellen Lebenstrott bei den Dritten und Meisten, der gleiche meist unausgesprochene und tief verhaltene, aber unausrottbare Ingrimm über ihr Los bei den Vierten und Besten. Dieselben Gestalten hier wie dort, hier wie dort mit einem sehr charakteristischen Merkmal: daß alle[6] die ungelernten Industriearbeiter, die in den Kleinfabriken der Kleinstädte stehn, einen in ihrer Gesinnung wie Lebensführung nach viel haltloseren, sozusagen derangierteren Eindruck machen, als diejenigen, die in Großbetrieben und größeren Orten arbeiten. Übrigens ein neuer, bisher kaum so zum Ausdruck gekommner Beweis der kulturellen Überlegenheit der modernen Großbetriebe über die industriellen Mittel- und Kleinbetriebe. Was im besondern den persönlichen Lebensgang der beiden Verfasser anlangt, so tritt die Enge und das Elend, zu dem ihr Leben verdammt ist, bei Bromme fast noch schärfer und niederschmetternder zutage, als es bei Fischer der Fall war, obwohl die Darstellung bei ersterem eine viel schlichtere, ich möchte sagen viel weniger pathetische ist, als bei letzterem. Das macht, daß Fischer Junggeselle geblieben ist, während Bromme ein Familienvater von sechs Kindern ist. Von dem gleichen kargen Lohne, mit dem Bromme acht Menschen beköstigen, bekleiden, beherbergen muß, brauchte Fischer nur sich selbst zu erhalten ? was Wunder, daß er immer noch eine persönlich erträglichere Existenz hatte als Bromme, wenn man nicht etwa das Junggesellentum selbst als eine besondere Form und Folge sozialer Not dagegen einschätzen will. Die Wirkung ist aber bei beiden schließlich dieselbe: vor der Zeit verbraucht, entkräftet und für die Industriearbeit nicht mehr fähig. Fischer mit etwa 58, Bromme, der Schwindsüchtige, schon mit 33 Jahren. Amazon.de Widgets Nur ein tiefgehender Unterschied findet sich inhaltlich zwischen der Fischerschen und Brommeschen Lebens- und Menschenschilderung: bei jenem tritt die Sozialdemokratie noch fast gar nicht hervor, bei diesem steht sie in immer neu beleuchtetem Vordergrund. Sozialistische Erlebnisse, Gedanken und Interessen, sozialistische Arbeit und Gesinnung durchzieht wie ein ? hier gilt also das Wort einmal buchstäblich ? roter Faden jedes neue Kapitel des Brommeschen Buches. Man sieht deutlich, welche Bedeutung die sozialistische Weltanschauung für den Verfasser, seine engeren und auch weiteren Freunde und Arbeitsgenossen gewonnen hat: sie ist die geistige Lebenslust, in der sie atmen und ihre schwere[7] Existenz überhaupt noch weiter zu führen den starken Mut haben; sie ist ihnen Allen mehr oder weniger Lebensinhalt, Stecken und Stab, Schwert und Harnisch, Ideal und Wirklichkeit. Schließlich auch das Spalier, an dem sich auch die übrigen allgemeinen Bildungs- und insbesondere schöngeistigen und literarischen Interessen Brommes und seiner nächsten Freunde emporranken. Bei Bromme selbst kann man die Einwirkung der sozialistischen Gedankenwelt von einem Entwicklungsstadium zum andern mit fast mathematischer Genauigkeit angeben: die ersten Einflüsse durch den Vater, einen offenbar geistig sehr regen und tatkräftigen Mann, mit Hülfe eines sozialistischen Bilderbuchs, sozialdemokratischer Zeitungen und Kalender, sozialistischer Unterhaltungen und Exkursionen. Sodann die Wahlzeiten, die Höhnereien von Schulkameraden, Gespräche in den Fabriken. Schließlich die Lektüre Lassallescher Schriften und ähnlicher schwerer aber grundlegender geistiger Kost. Damit ist dann bei ihm mit einem Schlage aller Theaterfexerei, Jünglingsvereinsmeierei, allen Schundromanneigungen und militärischen Schwärmereien ein Ende gemacht, der geistige Zuschnitt des künftigen Mannes gegeben, und alles weitere folgt von selbst: leidenschaftliche Anteilnahme an Versammlungen und politischer Arbeit, an Gewerkschafts- und Konsumvereinsbewegung, schließlich Mitarbeit an parteipolitischen Blättern: das elende, gedrückte Leben dieses regen Geistes hat einen tiefen, dauernden, geistigen Inhalt bekommen, Richtung, Zweck und Ziel. Und wie bei ihm, so bei seinen gleichgearteten Freunden: er wie sie sind prädestinierte Sozialdemokraten. Und wer ja noch hoffen wollte, die heutigen Arbeitermassen der Sozialdemokratie abspenstig zu machen, der sehe sich die wirtschaftliche Lage, Entwicklung und Gesinnung eines Bromme und seiner Freunde an, die die Typen des modernen Fabrikproletariers bester Qualität sind ?? um alle derartigen Hoffnungen für immer begraben zu können. Die Sozialdemokratie ist ihnen ein und alles, und darum sind auch sie wieder die festen Wurzeln, mit denen sich diese Bewegung in den Mutterboden des Volkes eingewachsen hat. Denn sie sind ihrerseits die lokalen geistigen Führer für die[8] übrige Masse, deren Glieder vielleicht weniger begabt, weniger rührig, weniger weitblickend, weniger öffentlich interessiert, weniger politisch selbständig sind, die aber gerade deshalb ganz selbstverständlich sich der Führung dieser Männer unterordnen, da sie instinktiv fühlen, daß alles, was diese tun und lassen, dichten und trachten, reden und schreiben, nicht nur in jener, sondern ebenso auch in ihrer eigenem Interesse geschieht, daß sie Fleisch von ihrem Fleische, Bein von ihrem Beine sind. Ich schreibe das alles hier, nicht um eine, in diesem Zusammenhange übrigens gänzlich zwecklose Lobrede auf meine Partei zu halten, sondern um an der Hand eines sehr schlagenden und zugleich sehr neuartigen Materials einen organischen politischen Prozeß aufzuweisen, der, eben weil er organisch, auch unaufhaltsam ist und schließlich nicht nur Arbeiter, sondern alle nicht kapitalistischen Massen ergreifen muß. Aber nicht nur der Inhalt, auch die Form der Darstellung fordert zu Vergleichen zwischen den zwei Fischerschen Bänden und dem Brommeschen Buch heraus. Während nun inhaltlich das Resultat hier wie dort fast das gleiche, und nur in einem eben dargelegten wichtigen Punkte stark verändert ist, so ist die Darstellung bei beiden eine desto verschiedenere. Es ist nicht zu leugnen, daß auf den ersten Blick und namentlich in den Anfangskapiteln das neue Werk formell von den Fischerschen Schilderungen überragt wird. Und wenn sich auch die Brommesche Biographie von Kapitel zu Kapitel an Lebhaftigkeit, Eindringlichkeit und Kraft der Schilderung steigert, so daß man auch ihr gegenüber fast die Empfindung hat, als entwickele sich vor einem ein ganz merkwürdiges, freilich sehr zurückhaltend gezeichnetes Drama, so bleibt trotzalledem als Endurteil: daß Fischer der größere Darsteller und Schilderer von beiden ist. Das macht einmal, daß dieser ein stark dichterisch, Bromme dagegen ein rein schriftstellerisch veranlagter Kopf ist. Aber es liegt andrerseits ebensosehr an den sehr verschiedenen Umständen, unter denen beide ihre Arbeit geschrieben haben. Fischer als fast Sechzigjähriger, der seine Arbeit als Fabrikarbeiter abgeschlossen, und[9] nun rückblickend sie und alle Erlebnisse in ihr als ein organisches Ganze überschauen konnte, der, bei nahen Verwandten in einer Kleinstadt freundlich und verhältnismäßig behaglich untergebracht, Jahre der Muße hatte, sein Werk, wenn auch mit geschwächten körperlichen Kräften, zu betreiben und zu vollenden. Im Gegensatz dazu Bromme, erst ein mittlerer Dreißiger, mitten im Fluß des proletarischen Lebens stehend, täglich im bittern Kampfe um die Existenz ringend, von früh bis abends in der Fabrik, mit mancherlei sozialistischen Ämtern betraut, lungenkrank, nur karg genährt, nur die Nachtstunden als Arbeitszeit für die Schriftstellerei zur Verfügung, in engster Wohnung, während die Frau noch bei ihrer erbärmlichen Hausarbeit frondete, müde und abgespannt ? so hat er wenigstens die erste größere Hälfte seiner Arbeit niederschreiben können, also nur unter Bedingungen, die die denkbar ungünstigsten waren. Und wenn er für die Abfassung der zweiten Hälfte auch die Zeit in der Lungenheilanstalt hatte, so mußte er doch auch da die Kraft dazu seiner geschwächten, so sehr der Pflege bedürftigen Gesundheit abringen. Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet ist sein Buch eine geradezu staunenswerte Leistung, die sich sehr wohl neben der Fischerschen sehen lassen kann. Dabei muß noch hervorgehoben werden, daß auch sie in ihrer Darstellung einen durchaus einheitlichen und eigenartigen Charakter aufweist. Zwar wird ganz schlicht nur Bild neben Bild, Erlebnis neben Erlebnis, Stimmung neben Stimmung gereiht, aber diese Zusammenreihung selbst ergibt als Ganzes ein Mosaikbild großen und tiefwirkenden Inhalts, von bleibender kulturgeschichtlicher, wenn auch nicht, wie zugleich bei Fischer, ästhetischer Bedeutung. Zum Schluß muß ich noch einige Bemerkungen über den Umfang der von mir ausgeführten Redaktion des ursprünglichen Brommeschen Manuskripts machen. Ich hatte seinerzeit Herrn Bromme zur Abfassung der Arbeit aufgefordert mit der ausdrücklichen Bemerkung, daß er aus seiner Erinnerung heraus alles ihm wichtig Erscheinende so niederschreiben möchte, wie es ihm in die Feder fließen würde. Die ganze Redaktion würde ich dann besorgen.[10] Zugleich hatte ich ihm ein Exemplar der Fischerschen Denkwürdigkeiten zur vorherigen Lektüre und eventuellen Beachtung zur Verfügung gestellt. Darauf erhielt ich dann ein sehr ausführliches Manuskript, schon in Kapitel und Abschnitte planmäßig eingeteilt. Von diesem Manuskript habe ich nun mit seiner Zustimmung etwa ein Drittel des Gesamtumfangs gestrichen, teils ganze Kapitel und Abschnitte, teils und noch mehr einzelne ganze, halbe und viertel Seiten. Und zwar alles das, was mir nebensächlich, unbedeutend, überflüssig und zu dem Zweck, der verfolgt wurde, nicht gehörig schien, außerdem Wiederholungen, Weitschweifigkeiten und einzelne Geschichten oder Mitteilungen, die geeignet waren, gegenwärtig noch Lebende irgendwie zu verletzen. Demzufolge habe ich z. B. aus dem Kapitel: In der Lungenheilanstalt alles beseitigt, was sich nur als eine Kritik der Anstalt herausstellte; denn einmal gehörte das kaum hierher, andrerseits war es auch vielfach zu sehr ins einzelne und kleine gehend. Ferner habe ich ein ganzes Kapitel über Konsumvereinsgründung ausgeschlossen; das kann anderswo ein mal besser verwertet werden. Sodann die Schilderungen von Spaziergängen, von allerhand alltäglichen Vorgängen im Fabrik- und Parteileben, Knabengeschichten, wie sie jeder Junge aller Stände zu erleben pflegt, und ähnliches. Gleichwohl glaube ich nichts wesentliches beseitigt oder durch diese Weglassungen das ganze Bild gefälscht oder übermalt zu haben. Kaum daß ich retuschiert habe. Jedenfalls habe ich nur das mit dem Manuskript getan, was jeder geübtere Schriftsteller an seinen Arbeiten stets selbst vornimmt. An den so entstandenen Lücken habe ich dann, natürlich nur soweit es unbedingt nötig war, einige verbindende Worte, selten einmal einen ganzen oder gar anderthalben Satz eingeschoben ? im übrigen ist der ganze Stil durchaus brommisch. Sehr zahlreich habe ich allerdings auch die Namen der in der Arbeit vorkommenden Personen geändert, um allen Kompromittierungen und Klagen aus dem Wege zu gehn. Nur die Hauptpersonen haben, da Änderungen hier zwecklos, unausführbar und verwirrend gewesen wären, ihren wirklichen Namen behalten.[11] Amazon.de Widgets Da in dem Buche auch das Geschlechtliche stellenweise mit großer Offenheit und Ehrlichkeit erörtert oder gestreift wird, so warne ich ausdrücklich davor, es Kindern ? kleinen wie großen ? in die Hand zu geben. Und endlich noch eins: auch Herr Bromme hat mir, wie Herr Fischer, versichert, daß alles, was er geschildert hat, auf lauterer Wahrheit beruhe. Berlin-Zehlendorf, am 18. Oktober 1905 Paul Göhre[12] 
 Meine Kindheit in Schmölln  [28] Schmölln mochte zu jener Zeit 6000 Einwohner gezählt haben; heute ist es noch einmal so stark bevölkert. Die Hauptindustrie daselbst ist die Steinnußknopffabrikation, welche ich den Lesern später ausführlich beschreiben werde. Seit Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ist auch die Holzschuh- und Pantoffelindustrie sehr emporgeblüht; und wie diese nach Schmölln gekommen ist, weiß ich ebenfalls genau zu berichten. Zum ersten Male wird Schmölln um das Jahr 800 n. Chr. in der Geschichte erwähnt, denn daselbst residierte zu jener Zeit Graf Bruno von Pleißen und Osterland, Herr zu Schmolen etc. etc., von dem die Legende besteht, daß er einst auf einer Eberjagd in der Gegend des heutigen Krimmitschau von seinen Begleitern abgekommen war und plötzlich vor einem riesigen Eber gestanden hat. Sein Pferd stürzte noch dazu und er kam ebenfalls zu Fall, worauf er durch den Eber schwer verletzt wurde. Er hat dabei die Worte gesagt: »Soll ich hier in Kummer und Elend verschmachten?« Aus dem Grunde ist später eine Kapelle an jenem Orte errichtet worden und heute steht das Dorf Kummer daselbst. Doch das nur nebenbei. Ich bin einmal ein Freund von solchen Geschichten und kann das nicht gut umgehen. Also es war ein neuer Wohnort und ich natürlich sehr neugierig, die noch nie gesehene nähere Umgebung kennen zu lernen, d. h. damit meine ich nur den Bahnhof und die umliegenden Straßen und den dahinter durch die Stadt fließenden Sprottenfluß, an dessen Rändern ich besonders gern weilte. Allein immer mußte ich erst der an der Nähmaschine sitzenden Mutter die Zahlen von 1 bis 100[28] laut vorsagen, dann noch un, deux, trois, quatre bis dix, und eins, zwei drei ? gings die Treppe hinunter, froh, der dumpfen Stube entrinnen und dafür in Gottes freier Natur herumtummeln zu können. Allerdings kam es dabei auch einmal vor, daß ich in meinem jugendlichen Eifer mit dem Kopfe an eine Wagendeichsel rannte; denn vor unserem Hause standen die Kohlen- und Getreidewagen immer zu Dutzenden herum. Dann gab es allemal ein groß' Geschrei über das Blut und das Loch im Kopfe, und von der Mutter und dem manchmal auch dazu kommenden Vater gab es auch als schmerzstillendes Rezept eine Extraauslage hinten drauf. Im ersten Jahre hatte ich nur eine Bekanntschaft, die Beyer Lina, ein etwa 12jähriges, großes Mädchen, das mich Sonntags öfter mit spazieren nahm, mir das große Alphabet vorschrieb, wenn sie zum Wegebesorgen bei meiner Mutter war und dann und wann auch Haus hielt, wenn meine Eltern einmal am Abend ausgingen. Ich fragte sie dann, ob sie auch beten könne und ließ mir das Vaterunser vorsagen; denn meine Mutter hatte mir nur das Gebet gelernt: »Ich bin klein, mein Herz ist rein und niemand soll drin wohnen als Jesus allein.« Ich plapperte es jeden Abend laut im Bett und dachte mit Bewunderung und Staunen an diesen Jesus, den ich nicht kannte. Im übrigen vertrieb ich mir die Zeit meist allein mit Kreiseldrehen, oder hockte bei meinem Vater in dessen Bahnwärterhäuschen, und schaute zu, wie er feste drauf los schusterte. Damals nämlich verfertigte er sämtliches Schuhwerk, was für die Familie gebraucht wurde, selbst. Das Sohlenklopfen hörte ich ganz besonders gern an, und die Leute schauten gar manchmal zum Fenster hinein, wie mein Vater mit der linken Hand (er war von Jugend auf links gewöhnt, und arbeitet heute noch alles mit der linken Hand) den Hammer auf das Leder niedersausen ließ. Durch diese Arbeiten, zu denen die Schneiderei meiner Mutter kam, wurde mancher Taler weniger ausgegeben, als es sonst der Fall gewesen sein würde. Vielfach spaßte ich auch mit meinem jüngeren Bruder Felix am Sprottenufer. Dort mündeten die städtischen Abwässer in einen großen Kanal ein. Etwa 3 bis 400 Meter entfernt war in der Mittelgasse[29] ein größeres Senkloch angebracht. Die größeren Knaben stiegen nun dort hinab, zogen uns nach und dann wurde durch den stinkenden Schlamm, die Hosen so weit als möglich aufgekrempelt, die unterirdische Wanderung angetreten, bis man den Mündungsausgang an der Sprotte erreichte. Ich atmete immer ordentlich auf, wenn ich das Tageslicht wieder sah. Viele Jahre später, als ich Viktor Hugos Roman »Die Armen und Elenden« las, dachte ich bei seinen Schilderungen der Pariser Kloaken oftmals an dies leichtsinnige Jugendvergnügen, Ich sah mich wieder in der schaurigen Finsternis, von den ekelhaften Gerüchen umgeben (stören tat es uns damals freilich nicht), ich hörte den Jubel wieder, der ausbrach, wenn wir glücklich am Ausgange angelangt waren. Nur die Ohrfeigen spürte ich nicht mehr, die es gegeben hatte, wenn der Vater hinzukam. Dann aber hielt ich mich stets tagelang nur in seiner Umgebung auf. Königlich freute ich mich und dünkte mich wer weiß was, wenn mein Vater mich mit auf die Bahnmeisterdräsine nahm und auf den Schienen losfuhr. In jenen Tagen sah ich auch den ersten Jahrmarkt in meinem Leben. Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Die Schaubuden wurden damals in der Nähe unserer Wohnung, auf dem heutigen Schillerplatze, aufgestellt, und wo heute das Kaiser Wilhelmdenkmal in die Luft ragt, war in jenen Tagen eine Menagerie aufgestellt, in der ich zum ersten Male wilde Tiere sah. Ganz besonders habe ich mir ein Krokodil eingeprägt, dem eine große mit Blech ausgeschlagene Kiste als Domizil eingerichtet worden war. Der Menageriebesitzer ließ sein Schauunternehmen photographieren. Mein Vater steht auf dem Bilde im Vordergrunde an seinem Schlagposten. Er hat die Schranken geschlossen und hält in der rechten Hand die Aufzugstange. Ich sollte nicht auf das Bild und aus dem Grunde hinter einen daneben lagernden Schwellenhaufen kriegen. Allein ich muß wohl zu langsam gewesen sein, denn auf dem Bilde sieht man neben den Schwellen ganz verschwommen ein kleines Kerlchen, meine Wenigkeit, hocken. Im Hintergrunde dagegen war die Menagerie zu sehen. Am Eingange der Besitzer nebst seiner Frau Gemahlin. Daneben noch eine kleinere Schau-Bude, vor der[30] sich eine Riesendame postiert hat. Auch mein Vater erhielt ein solches Bild, wenn ich nicht irre, ist es heute noch da, trotzdem mehr als ein Vierteljahrhundert seit jener Zeit verfloß. Schon in jener Zeit war mein Vater leicht erregbar und diese Nervosität (wie der moderne Jähzorn genannt wird), die übrigens auch auf mich übergegangen ist, hat er auch heute noch. Damals hatte er mehrere Tagelang an starken Zahnschmerzen gelitten. Da ließ er den Barbier und »Chirurg« Schick zu sich in das Wärterhäuschen kommen, um den Zahn entfernen zu lassen. Der Barbier würgte nun eine halbe Stunde lang, bevor er meinem Erzeuger den Störenfried übergeben konnte. Als dieser ihn betrachtete, sah er je doch zu seinem Entsetzen, daß der alte Schick ihn einen gesunden Zahn gezogen und den kranken stehen gelassen hatte. Mein Vater geriet darüber dermaßen in Wut, daß er dem Barbier eine Backpfeife gab, und zwar so heftig, daß dieser an die Wand taumelte. Dann stürzte er zu uns nach Hause und hätte am liebsten seinen Zorn an der Mutter ausgelassen. Aus jenen Tagen ist mir auch ein ehelicher Zwist meiner Eltern ganz besonders in Erinnerung geblieben. Ich glaube, es war eines Sonntags, die Ursache weiß ich leider nicht anzugeben, und es kam so weit, daß mein Vater sich das Leben nehmen wollte. Ich verstand zwar den Ernst der Sache noch nicht so, aber daß es verhängnisvoll werden konnte, merkte ich, als mir mein Vater mit den Worten: »Da, mein Junge, hast Du meine Uhr, behalte sie als Andenken,« seine Taschenuhr übergab. Während sich nun meine Mutter ihm an den Hals warf und ihn mit Worten: »Mein Eduard, vergib mir, tue das nicht,« mit Küssen traktierte, schleifte ich die Uhr in der Stube umher, die Uhrkette als Leine benutzend. Die Eltern saßen am Bettrand in der Kammer, küßten sich und nach einiger Zeit war der Sturm vorüber. Weihnachten desselben Jahres erhielten wir beiden Knaben jeder einen Pferdestall geschenkt und als besonderes Geschenk ein drittes Brüderchen, Viktor Oswald mit Namen. Außerdem bekam ich noch ein Bilderbuch mit wunderlichen Illustrationen, die ich mir heute noch ganz gut im Gedächtnis vorstellen kann, trotzdem das[31] Buch selber nicht lange gehalten hat. Der Titel des Buches war, wenn ich nicht irre, »König Mammon«. Der König selbst war als ein sehr dicker Mann auf einer Menge Geldstücke sitzend dargestellt. Die Krone zierte seinen Kopf, und in der Hand hielt er das Szepter und den Reichsapfel. Finster und brutal waren seine Gesichtszüge. Eine Menge Hexen mit verzerrten Gesichtszügen, lang herabhängenden welken und spitzen Brüsten, Schlangen statt Haare auf dem Kopfe, waren noch in dem Buche zu sehen. Viele schwangen brennende Fackeln und Peitschen in der Hand. Heute weiß ich, daß es das erste sozialistische Bilderbuch gewesen ist, das ich damals im Alter von 5 Jahren geschenkt bekam, und daß die Bilder symbolische und allegorische Gestalten darstellten. Ich erinnere mich aus jener Zeit auch noch an die »Neue Welt« und das »Lämplein«, erstres das Unterhaltungs-, letzteres das Witzblatt der damaligen sozialistischen Partei. Auch Reinecke Fuchs mit dem König Nobel war damals in einer besonderen Parodie, wenn ich nicht irre, als Agitationsschrift herausgegeben worden. Noch heute sehe ich den König Nobel auf dem Throne sitzen, vor ihm der angeklagte Fuchs, dahinter Braun, Hintz und Isegrimm, in der Luft das fliegende Getier. Alle diese Schriften und Zeitungen mußte ich regelmäßig zu einem Weber Namens Martin in der Bergstraße tragen, der sie dann unter die Arbeiter weiter verteilte. Heute weiß ich, was alle diese Schriften zu bedeuten gehabt haben. Mehrere Tage nach Neujahr, als wir 2 Brüder mit unseren Pferdeställen spielten, war wieder einmal der Teufel bei uns los. Im Jähzorn trat mein Vater unsere liebgewonnenen Pferdeställe kurz und klein. Wir haben sehr darüber geweint und aus Rache den »König Mammon« entzwei gerissen; das weiß ich heute noch. Einige Wochen später hatten wir uns beide eine Erkältung zugezogen und waren an Diphteritis erkrankt. Mein Vater legte uns deshalb große Speckschwarten um den Hals und schnürte fest zu. Wir mochten sie zwar nicht leiden, aber es half alles Widerstreben nichts. Wir blieben ohnmächtig gegen die fettige Umklammerung des Halses. Schließlich erlangten wir auch unsere Gesundheit wieder.[32] Dann auch kam der langersehnte Tag, an dem ich auch zum ersten Male die Schule besuchen sollte. Es war Ostern 1879. Ich trat in die 6. Klasse der Bürgerschule ein. Ein kleiner dicker Lehrer Namens Schmidt, der ungefähr 42 Jahre alt sein konnte, nahm uns freundlich in Empfang und überreichte uns nach Schulschluß große Zuckerdüten. O wie freute ich mich, als ich die Meinige in den Händen hielt. Ich wußte damals noch nicht, daß die Eltern die Düten selbst kaufen müssen und wunderte mich darüber, daß viele andere Kinder nur ganz winzig kleine Düten, im Verhältnis zu meiner bekamen. Am ersten Schultage hatten wir weiter keinen Unterricht mehr. Am zweiten ging es mit dem i los. Denn in unserer damaligen Fibel war i der erste Buchstabe. »Auf, i und Punkt«, wurde beim Schreiben buchstabiert. In dieser Weise wurde fortgefahren, bis das ganze Alphabet durch war. Mir fiel es leicht, weil ich schon alles konnte, auch das Rechnen bereitete mir keine Schwierigkeiten, da ich bis 100 auswendig zählte und mit dem Lesen kam ich auch nach dem ersten Buchstabieren gut von statten. Am meisten fesselten mich schon die Erzählungen der biblischen Geschichte; denn da wurden bunte Bilder an die Wandtafel gehängt, und ich war immer schon auf das nächste gespannt. Noch heute sehe ich den kleinen Moses im Kästchen zappeln, das ins Schilf niedergesetzt war und die badende Königstochter vor mir, die ihn dann zu sich aufnahm. Wir zogen dann in eine andre Wohnung. Es gefiel meinen Eltern nicht mehr bei dem Kohlenhändler und wir wohnten nun bei einem Hutmachermeister Haller am Markt. Er hatte einen Sohn Oskar, der mein Schulkamerad blieb bis zur Entlassung, trotzdem wir nur ein Jahr bei ihnen gewohnt haben. Er hat mir oft leid getan, wenn er von seinem Vater in den Schweinestall gesperrt wurde, was jedesmal der Fall war, wenn er nicht pariert hatte. Unsre Wohnung lag im Hintergebäude in der ersten Etage. Im Vorderhaus wohnte der Lehrer Bläsig, der aber nur Mädchen unterrichtete; wir sind mit allen diesen Leuten gut ausgekommen. Das Einzige, was mißfiel, war der Ausblick nach dem Hof. Denn mein Vater wollte Aussicht auf die Straße haben.[33] Es waren daselbst auch mehrere Hutmachergesellen in Arbeit, denen wir immer sehr gern beim Filzwalken zusahen; und die manchen Spaß mit uns Jungen gemacht haben. Einer davon Namens Emil war als Krüppel geboren, er hatte ganz schiefe Beine, die einem Sägebock auf ein Haar glichen, denn die Oberschenkel waren einwärts gerichtet und die Unterschenkel stark nach auswärts. Doch war dieser Emil ein besonders guter Mensch. Am Gründonnerstag wurden zu damaliger Zeit die sogenannten gelben Stollen, auch Zöpfchen genannt, gegessen und dieser Umstand führte an jenem Tage, es war im Jahre 1880, eine kleine Gesellschaft von uns Schulkameraden bei dem Mitschüler Klopfer zusammen. Neben diesem, mir und Haller nahm noch ein gewisser Franz Wunderlich, einer Witwe Sohn (den übrigens jetzt auch schon die grüne Erde deckt, trotzdem er bei der Gardefeldartillerie gedient hat), und Ernst Dietzmann, dessen Vater Diakonus in Schmölln war, an dem Gelage teil. Es wurden gelbe Stollen und Kaffee serviert. Der kleine dunkelblondgelockte Pastorssohn gefiel mir ganz besonders. Ich war ihm vom ersten Augenblick, da ich ihn sah, zugetan, und ahnte an jenem Tage nicht, daß wir später die treuesten Schul- und Jugendfreunde werden sollten, die es wohl je gegeben hat. Wir liebten einander, lagen Tag für Tag zusammen und waren wie Brüder. Da ich die Vorkommnisse der Reihe nach schildern will, so müssen wir jetzt von Ernst Dietzmann für einige Zeit Abschied nehmen. Er wird uns noch oft bei der Kindheitsbeschreibung begegnen und wie wird er sich freuen, wenn ihm einst diese Schilderungen in die Hand fallen sollten! Ich grüße ihn, und er kann getrost an seinen Magnus denken ? so nannten mich nämlich später die Kameraden in der Lateinschule ?, obgleich dieser ein Proletarierkind war und Proletarier geblieben ist bis auf den heutigen Tag. Das Jahr ging vorüber. Mein Vater hatte inzwischen in dem Lohgerber Schmidtschen Hause an der Sprotte in der zweiten Etage eine neue Wohnung gefunden. In dieser haben nun meine Eltern sehr viel Ungemach erdulden müssen; auch sollte es das Sterbehaus meiner Großmutter werden. Die Hausbesitzerfamilie waren nette Leute. Herr Schmidt selbst war etwas kränklich, sodaß der Gerberei[34] in der Hauptsache sein Bruder vorstehen mußte. Aber in der ersten Etage wohnte die Witwe Bäumer. Das war ein Hausdrache. Klatscherei, Schimpferei, Verleumdung und Hinterlist waren ihre Haupteigenschaften. Von was sie lebte, wußten wir nicht. Jedenfalls von der Unterstützung ihrer Söhne. Einer derselben hatte eine Glaserei, der andere ging in die Knopffabrik. Mir gefiel das Leben in diesem Hause sehr gut. Im Hofe waren die Gerbereiwerkstätten, wo ich oft zuschaute, und hinter dem Hause befand sich ein prächtiger Obstgarten und die Lohgruben. Mit einer wahren Wollust stürzte ich nach einem Regen oder Sturm in den Garten, um das gefallene Obst auflesen zu können. Namentlich die Wenefichteln, die Weizen- und Petersbirnen, sowie die Tiefblüten und Safforäpfel hatten es mir angetan. Auch gab es da die sogenannten Paradiesäpfel, eine tomatenähnliche kleine rote Frucht, die die Größe zweier Kirschen erreichte, im Innern aber keinen Stein, sondern ein Samenhaus birgt. Besonders gern weilte ich auch in der Gerberei und sah dem Abhaaren der Felle zu, trotzdem nicht gerade wohlriechende Düfte dort vorherrschten. Die starken und prächtig gebauten Gerbergesellen hantierten mit Leichtigkeit an den schweren Fellen herum. Gegenüber von unserem Hause war eine Wagenbauerei. Auch dort schaute ich gern zu. Meine Freude hatte ich hauptsächlich an den frischlackierten Wagen, die dann zum Trocknen ins Freie gestellt wurden. In jene Tage fiel auch mein siebenter Geburtstag, der mir deshalb so in Erinnerung geblieben ist, weil ich an ihm gottesjämmerliche Prügel bekam. Ursache davon war, daß ich mich bei besonders nasser Witterung den ganzen Nachmittag über in den schlammigen Straßen herumgetrieben hatte, ohne um Erlaubnis nachgesucht zu haben. Neben der Wagenbauerei lag eine Bauernwirtschaft, wo ich täglich Milch und Butter holen mußte. Auch an dieses Haus schloß sich ein prächtiger Obstgarten an. Heute jedoch wird der geschätzte Leser eine ansehnliche Knopffabrik auf diesem Grundstück finden. Die Industrie hat da, wie überall, die Landwirtschaft verdrängt; die Besitzer erhielten aber soviel dafür, daß sie ihr Leben als Rentiers fristen können.[35] Bei Schmidts nahmen meine Eltern auch einen Kostgänger, einen Bahnschreiber Namens Hauschild aus Gößnitz, ins Quartier. Später kam er nach Leipzig auf den bayrischen Bahnhof, nachdem er vorher noch die Tochter unserer Waschfrau geehelicht hatte. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an den pomadisierten Jüngling mit dem rabenschwarzen Haar und Schnurrbärtchen. Er trank allabendlich ein Glas Bayrisch in »den drei Schwanen« und hielt von dort aus scharfen Ausblick nach dem Haupteingang des vis-à-vis liegenden Amtsgerichts; worin seine Herzallerliebste bedienstet war. Besonders auffällig war er mir durch seine Leidenschaft für Käse; je älter, desto lieber war er ihm. Er machte sich auch nichts daraus, wenn er flüssig war und eine undefinierbare Farbe angenommen hatte. Auch das lebende Getier, welches diese Sorte mitbewohnt, die sogenannten Hutmacher, wurden mit verschluckt. Mich schüttelt es heute noch, wenn ich daran denke. Dann kam jene Zeit heran, von der ich Eingangs meiner Schrift erzählt habe: Der Besuch und Tod unserer Großmutter, zu welch letzterem die ganze mütterliche Verwandtschaft ins Haus kam, um an dem Begräbnis teilzunehmen. Daran schloß sich nach kaum 8 Tagen die Geburt eines Schwesterchens, das die Namen Ella Franziska Flora erhielt und bei dem sechs junge reiche Paten zu Gevatter standen, nämlich drei Damen und drei Herren, doch kein einziges Paar ist Mann und Frau geworden. Dann kamen die bereits erwähnten Erbstreitigkeiten mit den mütterlichen Geschwistern, die wir seitdem nicht mehr sahen. Nur mit Claußens in Groitzsch wurden die verwandtschaftlichen Beziehungen nicht aufgegeben, und die Tante Ernestine, meiner Mutter Schwester, hat später, als wir in Not waren, manches Gute an uns getan. Nachdem mein Vater die Erbschaftssumme meiner Mutter ausgezahlt erhalten, veranstaltete er auch ein Freudenfest, das das einzige seiner Art in meinem Leben geblieben ist. Es wurde nämlich ein Schwein geschlachtet, ? das erste und letzte Mal, daß wir den Magen so angenehm belasten konnten. Ich erinnere mich noch an die abendlichen Wurstsuppen, zu denen der alte Schmidt, des Hauswirts alter Vater, stets zugezogen wurde, und an die großen Wurstenden,[36] die wir nie wieder so reichlich zu unserem Brote erhielten. Dann kam wieder einmal Weihnachten heran. Ein Weihnachten, das mir nie aus dem Gedächtnis gekommen ist. Mein Vater hatte nämlich eine Arbeit beendet, an der er 3 Jahre lang in seinen Mußestunden im Wärterhäuschen gebastelt hatte. Es war dies ein großes festungsartig gebautes Schloß, aus starker Dosenpappe angefertigt, die er aus einer Dosenfabrik geliefert bekam. Der Mittelbau bestand aus einer Säulenhalle, einem verdeckten Erdgeschoß und einer mit roten Ziegeln bedachten Kuppel. Der linke und rechte Flügel bestand aus vier Etagen, die oben festungswallartig abgeschlossen waren. Der hintere Teil der Flügel und die Kuppel des Mittelbaues enthielten je ein Blechbassin, von denen jedes drei Eimer Wasser faßte. Vor dem Schlosse befand sich ein Platz, auf dem ein großer künstlicher Garten angelegt war. Die Rasenplätze waren durch grün gefärbte Sägespäne gebildet, die wieder mit Rondeln und Sträuchern abwechselten, welche aus Moos und Heidekraut gebildet worden waren. Kleine Lauben und Ruhebänke waren geschickt hineingruppiert und in der Mitte ein Goldfischteich angelegt, den eine Fontäne zierte. Dieser war ebenfalls durch ein Blechbassin dargestellt, in dem sich lebende Goldfische tummelten. Auf der Wasserfläche schwammen Blechenten herum. Am Ufer war ein großer, aus einer Gipsmasse gefertigter Schwan befestigt. Vor dem Schloßportal war ein Schilderhaus mit dem Wachtposten aufgestellt. In der Säulenhalle des Mittelbaues war im Vordergrunde ein Theater plaziert, d. h. Papierfiguren in schauspielerischen Posen, welche auf Pappe aufgezogen waren. Diese Figuren waren wiederum auf Hosenträgergurt befestigt, der über 2 Walzen gespannt war. Im Hintergrunde war ebenfalls eine solche Gurtwelle, auf der Papiersoldaten von den bekannten Neuruppiner Bilderbogen ebenfalls auf Pappe geklebt und kunstgerecht ausgeschnitten, in Marschstellung befestigt waren. Alles das konnte beliebig in Bewegung gesetzt werden und zwar durch die Kraft der neun Eimer Wasser, welche in den Blechbassins aufgespeichert waren. Mein Vater hatte zu diesem Zwecke einen alten Wecker gekauft, diesen[37] auseinandergenommen und ein Mühlwerk konstruiert, welches in dem Parterreraum des linken Flügels, dem Beschauer vollständig unsichtbar, aufgestellt war. Das große Mühlrad war ebenfalls aus starker Dosenpappe gefertigt und mit Mennige bestrichen worden. Das Wasser des Mittelbaues tropfte nun auf das Rad, wodurch die Figuren in der Säulenhalle, resp. die beiden Hauptwellen in Bewegung gesetzt wurden. Die Walzen waren dem Beschauer ebenfalls links und rechts unsichtbar. Der Gurt und mit ihm die Figuren liefen unter dem Erdgeschoß ebenfalls unsichtbar hin und kamen auf der anderen Seite wieder zum Vorschein. Es konnten beliebig das Theater oder die marschierenden Soldaten eingeschaltet werden. Das Wasser des linken Flügels wurde ebenfalls zum Betrieb des Mühlwerkes verwendet. Das Wasser vom Mühlrad lief dann in Bleirohren unter dem Garten ab und stieg in dem am Ufer des Goldfischteiches stehenden Schwane empor, welchem mein Vater ein schwaches Bleirohr durch den Körper gezogen hatte, das im Schnabel endete. Von dem Bleirohr merkte der Beschauer ebenfalls nichts. Das Wasser lief aus dem Schnabel des Schwans in den Goldfischteich, der ebenfalls wieder geregelten Ablauf hatte. Das Wasserbassin des rechten Flügels betrieb die Fontäne in der Mitte des Teiches. Das Gebäude hatte an den Flügeln vier Reihen Fenster aus buntem Glas. Wie ich schon erwähnte, waren die Blechkästen ca. 8 cm schmäler gelassen worden, als das Gebäude tief war. In den verbleibenden Zwischenräumen wurden Öllämpchen mit gewöhnlichen Lampendocht hinabgehängt, die extra zu diesem Zwecke angefertigt waren. Am Abend wurden die bunten Fenster mit ihnen erleuchtet, und es gab dann einen feenhaften Anblick, wenn alles in Bewegung war Die Leute kamen aus der ganzen Stadt gelaufen und staunten das Kunstwerk an. Mancher Groschen ? besser situierte Leute schoben auch ein Fünfzigpfennigstück hinein ? blieb in der aufgestellten Sparbüchse zurück. In den nächsten beiden Wohnungen konnten wir das Schloß nicht aufstellen. Es war nämlich ca. 3 m breit und 1 1/2 m tief ohne den Garten, auf den ebenfalls 1 1/2 m zu rechnen war. Mein Vater stellte es deshalb zum Verkauf aus. Es wurde von einem Knopffabrikanten[38] für 150 Mark erworben. Über 300 Mark hatte es meinem Vater gekostet. Doch zurück. Weihnachten war vorüber und das Jahr 1882 war angebrochen. An diesem Neujahrstage passierte mir ein verhängnisvolles Mißgeschick. Ich hatte nach dem Mittagsessen in des Vaters sozialistischem Kalender, der »Neuen Welt«, studiert und bat dann die Mutter, ein wenig auf die Straße gehen zu dürfen. Ich erhielt die Erlaubnis, und begab mich auf das Eis der vorbeifließenden Sprotte. Andre Kinder kamen und nahmen mich mit nach dem etwa 5 Minuten entfernten Hauswehr, wo oberhalb ein recht reges Leben und Treiben herrschte, da eine prachtvolle Spiegeleisbahn zum Schlittschuhlaufen einlud. Wie oft habe ich mir zu Weihnachten ein Paar Schlittschuhe gewünscht! Aber nie bekam ich sie. Meine Eltern waren in dieser Beziehung nicht freigebig, weil zu solchen Sachen das Geld fehlen sollte. Also ich lehne mich da oben, ziemlich am Ende des Wehrs, an einen Weidenstamm, der stark flußeinwärts neigte und schaute sehnsüchtig auf das bewegte Leben und Treiben. Vorausschicken muß ich aber, daß an meinem Standpunkte die Bahn abgegrenzt war, weil in der Nähe des Wehrs offenes Wasser war. Einige Knaben standen in meiner Nähe und bald war ein Gespräch über die Eisenbahn im Flusse. Ich vergaß, daß ich an der Weide lehnte, so fesselte mich die Unterhaltung. Ein Lokomotivenpfiff ertönte in der Ferne. »Jetzt pfeift der Zug in Nöbdenitz.« Kaum hatte ich die Worte heraus, da verlor ich die Balance, bekam Übergewicht und brach am Rande des Eises in das Wasser ein. Ich wäre unrettbar an der tiefen Stelle untergegangen, hätten mich nicht noch 2 größere Knaben an den Rockärmeln erwischt und herausgezogen. Das Resultat war natürlich eine Erkältung und zu Hause eine tüchtige Portion ungebrannter Asche. In dieser Beziehung habe ich überhaupt sehr viel Pech gehabt. So wurde ich am darauffolgenden Himmelfahrtstage nach Schloßig, einem etwa 3 Kilometer entfernten Dorfe, geschickt, um Milch zu holen. Aus dieser wollte die Mutter, die für diesen Tag im altenburgischen Ostkreise herkömmliche Speise »Semmelmilch« zubereiten. Diese »Semmelmilch« ist weiter nichts, als in abgekochter Milch geschnittene[39] Semmel. Ist die Speise ziemlich kalt geworden, wird sie auf den Tisch gebracht und mundet geradezu köstlich. Ich nahm also meinen 2 Literkrug und trottete los. Ein böses Vorzeichen erlebte ich schon am Eingange des Dorfes. Als ich nämlich den Weg nach dem ersten Gute rechts einbiegen wollte, kamen mir eine Herde Gänse in den Weg. Die männlichen Mitglieder derselben reckten ihre Hälse nach mir aus und sperrten den Schnabel laut zischend auf. Mir wurde darob nicht ganz geheuer und ich ergriff das Hasenpanier. Doch die Gänseriche im schnellsten Tempo, mehr fliegend als laufend, hinter mir her, bis noch zur rechten Zeit zwei Mägde erschienen, die die wütenden Martinsvögel vertrieben. Ich bekam nun meine Milch und machte mich wieder auf den Heimweg. Recht vorsichtig trug ich den bis an den Rand gefüllten Krug, um ja kein Tröpfchen zu verschütten. Erleichtert atmete ich auf, als ich wieder nach der Stadt einbog. Schon trennten mich nur noch wenige hundert Meter von der Wohnung, da betrachtete ich mir die Frühlingsblumen am sogenannten Blumenberge und schaute nach der Lippoldschen Maschinenbauerei hinab, die ich später auch noch einigemal erwähnen werde. Ich kann nun heute nicht mehr sagen, ob die Amboßschläge meine Aufmerksamkeit mehr gefesselt haben oder die Schneeglöckchen und Himmelschlüssel. Kurzum, mit meiner Milch beschäftigte ich mich nicht. Ein Schreck ließ mich plötzlich auffahren. Der Krug war meiner Hand entglitten, die Milch färbte den Straßenkot weiß und mir fiel das Herz in die Hosen. Wehmütig blickte ich auf die versickernde weiße Flüssigkeit. Der Krug war auch entzwei und ich fühlte schon im Geiste den Rohrstock auf meinem Rücken, der immer hinter dem Spiegel hervorragte. Falsch kalkulieren konnte ich da nicht. Ich bekam sogar eine doppelte Ration. Erst von der Mutter, dann vom Vater und zur Strafe für meine Unaufmerksamkeit am Mittag Fasten. Amazon.de Widgets Und da fällt mir auch noch eine ähnliche Episode ein, die sich einige Wochen später ereignete. Ich war nach Wißmüllers Restaurant auf dem Brückenplatz geschickt worden, Bier zu holen. Meine Mutter schärfte mir Eile ein. Sie wollte, glaube ich, zu Mittag Bierkaltschale machen, da es ein recht heißer Tag war. Mit dem gefüllten[40] Krug ging es deshalb in voller Karriere über den Brückenplatz zurück. Ich wollte auch einmal gelobt sein. Schon bog ich um die Kurve zur Sprottenbrücke. Am andern Ufer lag unsre Wohnung. Da, pardautz und krach! Ich hatte den Eckstein übersehen, schlug hin, schlug mir das Schienbein wund, lief noch ein Stück mit der Nasenspitze in dem seinen Kies und der Krug mitsamt dem Gerstensafte hatte aufgehört, zu existieren. Laut aufheulend und mit gemischten Gefühlen, ob der zu erwartenden Tracht Prügel, staunte ich den Haufen Scherben an. Es half mir aber niemand, trotzdem die von der Arbeit kommenden Leute mich umstanden und das Vorkommnis bedauerten. Ich dachte auch für mich: »Was hilft mir Euer Bedauern, helft mir lieber, 25 Pfennige genügen schließlich, mich vor dem Rohrstocke zu bewahren.« Aber es blieb ein frommer Wunsch. Ich war wohl oder übel gezwungen, in den saueren Apfel zu beißen. Selbstverständlich kam ich auch nicht ohne ihn davon. Die Lektion erhielt ich prompt. Wäre mein Bruder Felix mit gewesen, so hätte der vielleicht meinen Schmerz geteilt. Dann wurden unsere Aftermieter wieder einmal verstärkt. In der neuerbauten Villa des Knopffabrikanten Valentin Donath waren Stuckateure aus Dresden eingetroffen, welche die Rabitz-, Gips- und Stuckarbeiten darin ausführten. Das waren, mit Ausnahme eines gewissen Kahle, lauter ungeschlachte, großmäulige und eingebildete Burschen, mit denen meine Mutter nichts wie Ärger gehabt hat. Nichts konnte ihnen recht gemacht werden. Die Kost tauchte ihnen nicht. Sie wollten jeden Tag Braten und Gesottenes und Gebackenes haben. Ob des fortwährenden Haderns machte meine Mutter indes nicht viel Federlesens mit den aufdringlichen Burschen, sondern wies ihnen kaum drei Wochen später die Türe. Nur Kahle blieb bis zur Beendigung der Arbeit da. Sein Name ist mir deshalb im Gedächtnis haften geblieben, weil er mir zu dem Sommerjahrmarkt, als er mich in der Nähe meines Vaters Bahnübergang sah, einen Groschen schenkte. Das erste Geld, was ich in meinem Leben mein eigen nannte! Dann war ich wieder einmal krank geworden. Ich hatte mich auf dem Jahrmarkt erkältet. Ich hatte dort am Abend allzulange[41] auf eine alte Zuckerfrau aus Altenburg gewartet, die stets bei uns übernachtete. Eine gewisse Sabine Hillmann, die eine Muhme meiner Mutter war und sich später in das Altenburger sogenannte reiche »Hospital« einkaufte. Während ich das Zimmer hüten mußte, wurde gerade die alte Steinbrücke über die Sprotte abgebrochen und dafür eine eiserne errichtet. Da habe ich stundenlang am Fenster gesessen und den Arbeitern zugeschaut, wie sie die schweren Steine und die zum Beton nötigen Erdmassen herankarrten. Vis-à-vis von unsrer Wohnung wurde zu jener Zeit auch ein neues Haus gebaut. Die Maurer daran nahmen mein Interesse ebenfalls lebhaft in Anspruch. Namentlich das »Steinetreiben« oder »Ziegelwerfen«, wie wir Kinder sagten, hatte etwas besonders Fesselndes für mich. Ich staunte immer von neuem darüber, daß die Leute niemals einen Stein verfehlten, mochte es auf Leitern aufwärts oder in das Innere gehen. Heute ist das ja auch anders geworden. Da läßt man die Maurer, bei ihren durch die Organisation hochgebrachten Löhnen, nicht mehr mit »Steine treiben«, sondern vergibt das »Ziegelantragen« an Hilfsarbeiter im Akkord. Aber erst als die Fassaden geputzt und der Mörtel kunstgerecht aufgetragen wurden, da sah ich in jedem Maurer einen Künstler, und er ist es ja auch in der Tat. Mein Bruder Felix ist Maurer geworden. Er ist auch weit in der Welt herumgekommen, wie ich später beschreiben werde, hat viel Geld verdient und doch nichts übrig gebracht. Da staunten die Leute manchmal, wenn es hieß, in Leipzig verdient ein Maurer 55?60 Pfennige die Stunde. Mein Bruder hat 2 Jahre in Leipzig gearbeitet. Er sagt aber, daß die 55 Pfennige keinem Maurer geschenkt werden; denn 800 bis 900 Steine muß einer täglich vermauern. Da gibt es kein gemütliches Pfeifenstopfen und rauchen mehr, wie ich es damals in Schmölln so oft beobachtet habe. Doch nun will ich auch einmal von der alten Trommlern und von dem Ungemach erzählen, das meine Eltern in dem Hause zu erdulden hatten. Da war mein Vater Mitglied des Vereins »Bürgergesellschaft Union« und in jenen Tagen war wohl das 10. Stiftungsfest. Mein Vater hatte deshalb ein riesiges Transparent angefertigt,[42] daß sich mit seinen großen bunten Buchstaben prächtig ausnahm. Der Stiftungstag kam heran und unsere Eltern gingen abends zum Feste. Am andern Morgen hatte meine Mutter noch ein Stückchen Gänsekeule und auch ein Stückchen von des Vaters Hasenbraten aufgehoben und uns Kindern mitgebracht. Ob sich nun mein Vater durch kaltes Bier oder durch Zugluft seinen durch Tanz erhitzten Körper erkältet hatte ? kurz, am andern Tage wurde er schwer krank. Er litt an Blasenrose und war am ganzen Körper über und über mit großen blaßroten Bläschen bedeckt. Es dauerte wohl 8 Wochen, ehe die unheimlichen Flecken wieder verschwanden. Meine abergläubische Mutter glaubte natürlich, daß er »beschreit« sei. In früheren Jahren hieß es wohl behext. Und auf wen lenkte sich ihr Verdacht? Auf die alte Trommlern! Die Krankheit war aber das Schlimmste noch nicht. Bald zog anderes Ungemach ein. Wir hatten Läuse und zwar sowohl Kopf- als auch Kleiderläuse. Meine Mutter weinte gar manchmal darüber. Sie konnte machen, was sie wollte, das Ungeziefer breitete sich immer weiter aus. Sie mußte Betten verbrennen, aber auch das half noch nichts. Wo kam das Ungeziefer her? Meine Mutter war doch stets reinlich gewesen. Nun, was lag also näher? Die alte Trommlern züchtete das Viehzeug. Sie brachte da einige in eine Federkiele, steckte selbige in das Schlüsselloch und wartete, bis wir Kinder dort vorbeikamen. Denn ihre Stubentüre lag dicht an der Treppe. Wenn wir nun die Stelle passierten, blies sie in die Federkiele hinein und die Läuse saßen dann auf unseren Kleidern. So kombinierte meine Mutter die Ursache zusammen. Da wurde das großmütterliche Rezept befolgt. Die Läuse mußten gebannt werden, wie die Blasenrose meines Vaters gebannt worden war. Nachts um 12 Uhr wurde an einen Kreuzweg gepilgert. Vier lebende Läuseviecher waren mitgenommen worden und die Zauberformel hergesagt. Dann wurde das Zeug in die vier Winrichtungen zerstreut und so mußte auch die Plage im häuslichen Heim in alle vier Himmelsrichtungen verfliegen. Verschwinden taten sie ja schließlich auch, aber nur erst, nachdem mein Vater verschiedene Chemikalien angewendet hatte. Meine Mutter freilich meinte, die Zauberformel habe geholfen. Lachen Sie nicht, lieber[43] Leser. Aber ich werde Ihnen später noch manches abergläubische Kunststückchen meiner Mutter erzählen. Wie oft hat sie mir auch Drüsen und Zahnschmerzen versprochen. Bei letzteren mußte ich Wasser in den Mund nehmen. Dreimal und dreimal in das Waschbecken spucken, dabei die Formel sagen: »Nimm Wasser in den Mund und spei es in den Grund. Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen!« Um endlich der alten Trommlern, die mit meiner Mutter immerzu haderte und zankte, aus dem Wege zu gehen, wurde beschlossen, eine andere Wohnung zu suchen, die auch nach einigen Wochen in einem anderen Stadtteile gefunden wurde. Im Frühjahr 1882 zogen wir also wieder um. Unterdes will ich Einiges aus meinem Leben in der Schule beschreiben. Die Groitzscher Tante Ernestine soll einmal über mich zu meiner Mutter gesagt haben: »Das wird einmal ein gescheidter Junge werden, der hat eine freie Stirn.« Nun, ich selbst halte mich wahrlich nicht gerade für ein Geisteslicht, aber ganz dumm bin ich nicht, wenn ich auch manche Dummheit in meinem Leben gemacht habe. Die Schulausgaben fielen mir niemals schwer. Das Lernen ebenfalls nicht. Ich brauchte eine Sache ein bis zweimal laut und langsam durchzulesen, so konnte ich es auch schon ziemlich auswendig hersagen. Heute ist auch das anders geworden, da fällt es mir weit schwerer auswendig zu lernen. Doch damals war es ein Kinderspiel. In kurzem war ich Klassenerster oder Primus, wie es in der Lateinschule heißt. Aber aus der fünften Klasse weiß ich nichts mehr zu erzählen. Aus der vierten Klasse, wo ich wiederum bald Erster, aber anfangs Zweiter war, weiß ich mehr. Der Klassenlehrer hieß Köhler und gleich in den ersten Tagen erzählte er uns von dem deutschen Kaiser Wilhelm, der gleichzeitig König von Preußen war. Er schilderte ferner, daß das Königreich Preußen im Jahre 1701 gegründet worden ist und daß demnach 1901 das 200jährige Jubiläum stattfinden und aller Wahrscheinlichkeit nach durch glänzende Festlichkeiten in Berlin gefeiert werden würde. Wer von uns also im Jahre 1901 noch leben würde, der solle nicht versäumen, nach[44] Berlin zu reisen. Nun, das Jahr 1901 ist längst verschwunden, und ich bin nicht zum Hohenzollernjubiläum in Berlin gewesen. Ob der Herr Lehrer Köhler selbst dort gewesen ist, weiß ich auch nicht, möchte es aber auch bezweifeln. Neben mir saß ein Dorfknabe aus Bohra, der »sitzen« geblieben war. Bohra liegt eine kleine halbe Stunde von Schmölln entfernt, ist aber in die Stadt eingeschult und eingepfarrt. Dieser Knabe, Tetzner war sein Name, hatte an Gelenkrheumatismus gelitten und war auch noch nicht ganz gesund geworden. Er sollte nicht allzulange neben mir sitzen, denn bald warf ihn die Krankheit wieder nieder und etwa 4 Wochen später war er gestorben. Wir geleiteten ihn zur letzten Ruhe, und mir, als dem Klassenersten, war die Aufgabe zugefallen, den armen Eltern das Beileid seiner Mitschüler auszusprechen und den von diesen gestifteten Kranz am Sarge niederzulegen. In einem einfachen weißen Sarge wurde der arme Tetzner an einem regnerischen Sommertage der Erde übergeben. Da erhielt ich bald darauf einen neuen Banknachbar, der sofort Zweiter wurde, obwohl der Lehrer noch gar nichts von seinen Fortschritten wußte. Er kam aus Stuttgart. Sein verstorbener Vater war da selbst Münzmeister gewesen. Seine Mutter, die wahrscheinlich aus dem Altenburgischen stammte, bezog aus Württemberg eine Pension. Wir staunten den neuen Mitschüler an, als wir hörten, daß sein Vater Geld gemacht habe und glaubten, daß seine Mutter dadurch enorm reich sein müßte. Ich schmeichelte mir ordentlich, als er mich bald darauf einlud, ihn regelmäßig zu besuchen und war etwas enttäuscht, als ich die Einrichtung nicht einmal so schön fand, wie bei Pastor Waldmann. Doch gute Kameraden waren wir während unserer ganzen Schulzeit. Darauf wurde ich nach Klasse 3 versetzt. Dort bekamen wir einen gemütlichen Klassenlehrer, den alten Organisten Rudolph. Wie mußte sich der alte Greis, der ziemlich wohlbeleibt war, über uns ärgern! Denn es waren in dieser Klasse eine Anzahl Konfirmanden, so Bauer, Kutschenreuter, Pohlers, Zschömisch. Die zwei Erstgenannten und namentlich der Erste, werden uns später noch etwas länger beschäftigen. Denn Bauer hat später ziemlich 6 Jahre lang[45] bei uns als Logisbursche gewohnt; Kutschenreuter traf ich etwa 12 Jahre später in Ronneburg wieder, wo er bei einer Athletentruppe als Herkules Vorstellungen gab; während sein älterer Bruder Oskar längere Zeit als Athlet und Ringkämpfer gereist ist. Einmal kündigten sie an: Nächsten Sonntag wird Soldaten und Räuber gespielt. Bauer ist Anführer der einen Partei ? der schwarze Knolle führt die Räuber. Ich war bei den Soldaten. Wir mußten aber erst zehn Pfennige entrichten, da jeder Soldat einen Husarenhelm bekam, die von Bauer verfertigt wurden. Allein es war nur ein Pappreifen, der rot beklebt war, ein Deckel war oben nicht drauf. Doch schadete das nichts, es ging los nach dem Taupadelschen Wald. Wir mit Holzsäbeln, Bauer mit einem wirklichen Säbel und mit Revolver, Pulver war natürlich auch beschafft worden. Kaum waren wir im grünen Wald angelangt, als auch schon eine Räuberabteilung in Sicht kam. Sie stand unter dem Oberbefehl des »Vizehauptmanns« Meisel. Den Haupteffekt bildeten bei diesem Sonntagsvergnügen natürlich die Abbrennung der Lagerfeuer und die Pulverexplosion. Wäre der Flurschütz dazu gekommen, so hätten wir uns auf tüchtige Hiebe gefaßt machen können. So aber ging alles in schönster Harmonie ab, nachdem die Hauptleute die Parole ausgegeben, daß in der Schule nichts von dem Pulver gesagt werden dürfe. Wir waren unterdes längst nach unserer neuen Wohnung bei Meyers auf dem damaligen Dammplatz, heute Bismarckplatz, gezogen. Herr Meyer war ein ruhiger gutmütiger Mann, von Beruf Knopfmacher, aber nicht schlecht situiert. Seine Frau war eine Anhängerin der Baptistengemeinde. Oftmals habe ich beobachtet, daß sie den ansprechenden Handwerksburschen, anstatt einen Zehrpfennig ein frommes Traktätchen gab. Ich sah aber auch, wie die meisten »Kunden« das Papier zusammenknüllten und ungelesen wegwarfen. Wir wohnten hier im ersten Stock und hatten wieder einen Kostgänger bekommen, einen sehr ruhigen Menschen, Gotthold Dettmar Ernst mit Namen, der trotz seiner 21 Jahre schon einen mächtigen schwarzen Vollbart trug. Allgemein wurde er der Brasilianer genannt,[46] da er 1880 mit seinem Vater und Geschwistern nach dort ausgewandert war, seiner zurückgelassenen Geliebten halber aber nach 1 1/2 Jahren zurückkehrte. Er mußte jedoch die schmerzliche Enttäuschung machen, daß sich ein »Freund« inzwischen an sein Mädchen herangemacht. Diese scheint auch nicht viel auf Treue gegeben zu haben; denn sie heiratete dann doch noch einen dritten. Der zurückgekehrte Liebhaber starb aber nicht an gebrochenem Herzen, sondern heiratete 3 Jahre später ein anderes Mädchen und hat, soviel mir bekannt ist, eine ganz glückliche Ehe geschlossen. Wie er zu uns kam, brachte er einen sprechenden Papagei mit, der aus Brasilien stammen sollte, und den ich alsbald liebgewann. Meine größte Freude war jedoch, wenn Ernst von Brasilien erzählte, das Leben und Treiben dort zu Lande schilderte, die Orangenbäume mit ihren herrlichen Früchten beschrieb und mir von den »wilden« Botokuden erzählte. Die sollten gar nicht so wild sein und keinem Menschen etwas zu Leide tun, tüchtige Jäger und Bogenspanner abgeben und bei ihnen die Sitte herrschen, daß nach dem 8. Jahre jeder Knabe für sich selbst sorgen müsse. Ich sehnte mich ordentlich, einmal eine solche Orange zu essen, denn der Freund verschwieg mir wohlweislich, daß diese Früchte hierzulande gewöhnlich Apfelsinen genannt werden. Ich konnte nicht genug hören und wurde nie müde. Oftmals sagte die Mutter zu uns drei Jungen: »Geht nun zu Bette, sonst kommt der schwarze Mann und nimmt Euch mit.« Doch da erzählte der Herr Ernst, daß in Brasilien auch einmal der Fall passiert sei, daß eine Frau zu einem Manne, der gerade in dem Augenblicke kam, als ihr fünfjähriger Knabe nicht folgen wollte, gesagt habe: »Immer nehmen Sie das unartige Kind mit.« Der Mann habe das schreiende und sträubende Kind mitgenommen, aber nicht wieder gebracht. Alles Nachforschen der verzweifelten Eltern nach ihrem Liebling sei vergeblich gewesen. Nie wieder hätten sie wieder etwas von ihm gehört. Ob diese Geschichte wahr war? Ich weiß es nicht. In Joinville, Provinz San Paulo, war der neue Wohnsitz seines Vaters, und ich betrachtete ehrfurchtsvoll die Briefe, die von dort kamen. An einem Sonntage sagte die Mutter, daß Ernst Besuch durch[47] seine Kousine aus Ronneburg erhielt. Meine Mutter bot alles auf, um dieser den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Zum Abendbrot wurden zu dem rohen Beafsteak noch Sardellen geholt, und das Paar ließ es sich trefflich schmecken. Ob das aber die Kousine gewesen ist, daran zweifle ich heute. In jenem Sommer hatte mein Vater auf seinem von dem Bahnfiskus gepachteten Kartoffelfeld eine große Menge Beifuß gebaut, das bekannte Gewürzkraut, das dem Gänse- und Schweinebraten zugesetzt wird. Es war uns Kindern in jenen Jahren aber ein großer Dorn im Auge, denn wir mußten die Blätter abzupfen und kleine Bündel zusammenketten. Das war unsere Ferienarbeit; bevor wir nicht ein gewisses Quantum davon gezupft hatten, durften wir nicht auf die Straße. Wir kamen darüber manchmal so in Aufregung, daß ganze Stengel kurz und klein zerrissen wurden. Wir bedachten nicht, daß tausend andere Kinder in Schmölln vom zartesten Alter an vom frühen Morgen bis zum späten Abend Knöpfe auf Kinder Anderer angenommen und ausgebeutet wurden, denn während die Weiber vom Fabrikanten 4 Pfennige für das Groß Knöpfe die Pappkarten nähen mußten, und von gewissen Leuten noch die aufzunähen erhielten, zahlten sie den fremden Kindern 1 1/2 bis 2 Pfennige, den eigenen natürlich gar nichts. Wenn einer der Leser einmal nach Schmölln kommen sollte, so darf er nicht versäumen, einmal in einem Haushalt sich das Knöpfeaufnähen dieser armen Kinder anzusehen. Das geht bei den Geübtesten so schnell, daß man den Knopf dabei gar nicht sehen kann. Man staunt, daß die Nadel niemals die Knopflöcher verfehlt. In jenen Tagen bekam ich auch das erste Mal ein Theater zu sehen, aber man sah keine berühmten Künstler auf dieser Bühne; es war Liebhabers Figurentheater, das in der hiesigen Gegend weit und breit bekannt ist, seit den letzten 15 Jahren aber die Städte meidet und sein Dasein nur noch auf den Dörfern fristet. Als dann der Herbst herangekommen war, verbreitete sich eines Tages in der Stadt unter uns Kindern das Gerücht, heute würden Soldaten hier einquartiert; denn in dieser Gegend finde das Manöver statt. Und als der Vormittagsunterricht beendet war, zogen sie[48] gerade ein: Infanterie, 86er und 72er, die grünen Husaren aus Stendal und Aschersleben, Artillerie aus Torgau und Erfurt. Wir rissen Maul und Nase auf und konnten uns an dem glänzenden Schauspiele nicht satt sehen; denn noch niemals war uns ähnliches vor Augen gekommen. In unserem Hause lag 1 Unteroffizier und 1 Mann. Der erstere war gleichzeitig Fourier und verteilte am Nachmittage Fleisch und Erbsen an die Mannschaften. Es waren an die 100 Fleischportionen abgewogen worden, die auf einer großen Tafel im Hofraum lagen. Das alles war etwas ganz Neues für uns Kinder. Am andern Tage fiel der Schulunterricht aus. Wir jubelten darüber. Natürlich rückten wir mit aus. Vor unserem Hause sammelte sich die Korporalschaft unseres Fouriers. Letzterer schaute die Knöpfe nach, ob sie geputzt waren. Ein Soldat lachte und bekam dafür vom Unteroffizier eine schallende Ohrfeige. Ich stand dabei und wunderte mich, daß der große Mann mit dem schwarzen Schnurrbart sich das so ohne Weiteres gefallen ließ. Wir glaubten, daß er dem herumnörgelnden Fourier die Maulschelle heimzahlen würde, aber er blieb ruhig und verzog keine Miene. Allerdings wußten wir damals noch nicht, was »Disziplin« war. Dann ging es mit fort, hinaus aus der Stadt nach dem Dorfe Drogen zu. Die Unmasse Soldaten, die wir da sahen! Auf einmal ging das Knallen und Schießen los. Die Kanonen fuhren auf, wurden abgeprotzt und donnerten in die Luft. Eine Rauchwolke hüllte uns ein und mir wurde so angst, daß ich mit meinem Bruder nach Hause lief. Bald darauf zogen wir abermals um. Mein Vater hatte eine Wohnung auf dem Markte gemietet, konnte aber noch nicht einziehen. Es mußte deshalb ein Notbehelf geschafft werden und den fand er in einer kleinen Hinterwohnung bei einem Maler in der Brandgasse. Dort tat mir der Malerlehrling oftmals leid; denn der hatte ganz aufgesprungene Hände und mußte trotzdem immer Bleiweiß mahlen. Es war manchmal schon empfindlich kalt, aber der arme Kerl drehte unermüdlich seine Bleiweißmühle im Hofe. Trotz des beschränkten Raumes war Ernst bei uns geblieben. Er schlief einstweilen mit meinem Vater in einem Bett. Auf dem[49] andern Korridor im Vorderhause wohnte eine Knopfmacherfamilie. Mit deren kleinen Sohn, der ganz besonders krumme Beine hatte und etwas kurzsichtig war, spielte ich immer. Heute ist dieser ein großer Schuhwarenfabrikant in Schmölln und kennt mich selbstverständlich nicht mehr. Nach Neujahr 1883 zogen wir endlich in die neugemietete Wohnung am Markt ein. Hier nahmen wir noch 2, mitunter auch 3 Kostgänger mehr. Ja, im Laufe des Sommers bekamen wir noch einen fünften Kostgänger. Mit dem hatte es eine eigene Bewandnis; denn er war in der Lippoldschen Maschinenbauerei als Kaufmann angestellt, hatte dort aber nicht vollständig zu tun und studierte dann zu Hause in Büchern. Sehr oft hatte er die Bibel vor. Er ging Sonntags nie aus, sondern schrieb entweder oder er zeichnete zum Zeitvertreib. In letzterer Beschäftigung leistete er Erstaunliches. Wenn ich eine schwierige Vorlage aus der Zeichenstunde mit nach Hause brachte und mir schon über die Nachbildung Gedanken machte, so nahm er sie mir aus der Hand und in 10 Minuten war sie fertig. Ganz Vorzügliches aber leistete er in Karrikaturen, ob gleich ich als Knabe noch nicht viel davon verstand. Sein Name war Jentzsch und wie ich hörte, sollte sein Vater Kammerdiener beim sächsischen König sein, ihm aber wegen politischer Umtriebe die Mittel zum Studium entzogen und verstoßen haben. Später erfuhr ich dann, daß er auf Grund des Sozialistengesetzes irgendwo ausgewiesen war, und sich bei uns sozusagen nur verborgen hielt. Er ist denn auch nicht lange darauf nach Amerika ausgewandert. Ob er wieder zurückkehrte, ? ich kann es nicht sagen. Doch wird der Zeichner des »Wahren Jakob« in München kaum mit ihm identisch sein. Wäre es dennoch der Fall, so mag er mir, wenn ihm dies Buch einmal in die Hand fällt, ein Lebenszeichen zukommen lassen. Ihm habe ich es zu danken, daß mich mein Vater die Mittelschule besuchen ließ; denn wenn er nicht gewesen wäre und meinen Eltern zugeredet hätte, konnte ich niemals Latein lernen. Mit Jentzsch ging mein Vater, manchmal allein und auch manchmal mit mir, nach Krimmitschau Es wurde aber immer erst in den Abendstunden aufgebrochen. Da kam es unterwegs oft vor, daß ein Handwerksbursche[50] oder sonst jemand nach der Zeit fragte; wenn dann mein Vater seinen Mantel aufknöpfte und die blanken Knöpfe der Eisenbahnuniform zum Vorschein kamen, hieß es manchmal: »Besten Dank, Herr Wachtmeister.« Man hatte ihn also für einen Gendarmen gehalten. Nun wunderte ich mich, daß wir nur in den seltensten Fällen meine Tante besuchten, die im Vorort Leitelshain wohnte. Oftmals kamen wir nicht einmal bis Frankenhausen, dem ersten Krimmitschauer Vorort, manchmal gar nur bis Grünberg, das auf der Hälfte des Weges lag. Dann trafen wir gewöhnlich mit einem oder mehreren Männern zusammen. Mein Vater sagte ein Wort, wenn es Unbekannte waren, und erhielt dann immer ein Paket eingehändigt. Ich wußte aber niemals, um was es sich handelte. Heute weiß ich es, daß es verbotene Ware, daß es sozialistische Schriften gewesen sind, die während des Ausnahmegesetzes eingeschmuggelt worden waren. Gerade in jenem Sommer vergnügten wir Kinder uns besonders oft in dem Lohsenwald, hatten dort einen sumpfigen Ort entdeckt wo lange rohrförmige Pflanzen wuchsen, die aber saftige Stengel besaßen. Diese Stengel wurden von uns Kindern als Blasrohre verwendet. Die Munition bildeten in der Nähe wachsende, »Vogelbeeren«, die Früchte der Eberesche. Die Pflanzen aber waren eine Schirlingsart, doch haben sich keine Vergiftungserscheinungen eingestellt. Meine Eltern ärgerten sich aber jedesmal, wenn ich mit den Spielgenossen in den Wald gelaufen war und für sie keine Wege besorgen konnte. Da hat es gar manchmal Hiebe gegeben und oft mußte ich ohne Abendbrot ins Bett gehen. Doch aus letzterem machte ich mir wenig, zumal wenn Suppe auf dem Tische stand. Einmal, als ich wieder auskneifen und mit in den Wald wollte, pfiff der Vater zum Fenster herab. Als ich zurückkam, sagte er gerade zur Mutter: »Wie ein Pfeil schoß er dahin.« Es gab eine Extraauslage und das Vergnügen war auf einige Zeit vorbei. Im selben Herbste grassierte unter den Schmöllner Kindern eine Scharlachepidemie, die zahlreiche Opfer forderte. Auch mein Brüderchen Viktor und mehrere meiner Schulkameraden starben. Ich[51] selber erkrankte daran, und kam nur mit knapper Not davon. Noch heute laufe ich mit einem bittern Denkzettel herum. Ich hatte 9 Tage lang so hohes Fieber, daß ich ohne Besinnung lag. Währenddem hatte mich mein Vater einmal in seinen Pelz eingewickelt in die Stube gebracht. Plötzlich bin ich ? wie meine Mutter später erzählte ? der Umhüllung entschlüpft, aufgesprungen ? zur Türe hinaus und die Treppe hinunter ? erst in der Hausflur gelang es den nacheilenden Vater und Kostgängern mich festzunehmen. Auch am Tage des Begräbnisses meines Bruders erwachte ich einmal, und konnte wieder die Meinigen erkennen. Als dies die Mutter merkte, kam sie zu mir aus Bett und frug, ob ich mein totes Brüderchen noch einmal sehen wollte. Auf meine Bejahung wurde ich aus dem Bett gehoben und nach dem Gewölbe im Flur getragen, wo unter Blumen unser kleiner dicker Viktor aufgebahrt lag. Meine Eltern waren ganz untröstlich über den Verlust ihres geliebtesten Kindes. Am Nachmittage saß ich am Fenster, als der schwarze Wagen vorfuhr und weinte bitterlich, als die schwarzen Männer den Sarg mit der sterblichen Hülle in den Wagen schoben. Schon den nächsten Tag hörte ich, daß auch Kürschner Hoyers 100jähriger Sohn dem Scharlach zum Opfer gefallen sei und eine Woche später starb der 12jährige Barger an der Wassersucht. Ich fiel nun aus einer Krankheit in die andere. Einige Tage lang hörte ich immer Glocken läuten und Vögel singen. Das war der Anfang zu einem unheilbaren Ohrenleiden, das mir heute noch zu schaffen macht. Die Ohren eiterten und wurden mittels einer Glasspritze gereinigt. Wäre in den folgenden Jahren diese Behandlung fortgesetzt worden, so hätte ich vielleicht keine dauernden Nachteile davon gehabt. Aber das wurde vernachlässigt; allmählich stellte sich schweres Sausen ein; doch erst ein Jahr nach meiner Verheiratung erkannte ich den ganzen Ernst des Leidens; heute habe ich im linken Ohre gar kein Trommelfell mehr, im rechten nur noch ein halbes, und sogar ärztliche Autoritäten haben sich gewundert, daß ich überhaupt noch hören kann. Seit 8 Jahren spritze ich tagtäglich das linke Ohr mit einer Gummispritze aus, um die Mittelohreiterung möglichst auf seinen Herd zu beschränken. Trotzdem ist Hammer und Amboß bereits[52] verschwunden; und die Ärzte der Leipziger Klinik wollten mich operieren. Ein anderer Ohrenarzt aber meinte, daß ich bei sorgfältiger Behandlung mit dem Ohr 80 Jahre alt werden könne. Wollte Gott, daß ich dieses Alter erreichen könnte. Ich wäre glücklich; denn meine Kinder würden dann längst erwachsen sein und ich könnte mich vielleicht noch an ihnen erfreuen. Ich glaub es aber nicht. Denn noch ein anderes, ein viel schlimmeres und viel tückischeres Leiden nagt an mir, die Schwindsucht. Doch davon später. Jetzt zurück zu meiner Kinderkrankheit. Außer dem Ohrenleiden stellte sich nach dem Scharlach Speicheldrüsenentzündung ein. Meine inneren Mundpartien einschließlich der Lippen hatten nämlich anstatt rot die schwarze Farbe angenommen, als ob alles inwendig verbrannt sei. Dazu gesellte sich noch Rippenfellentzündung und die Wassersucht machte den Schluß. Das letzte war aber noch das schlimmste gewesen, denn meine Oberschenkel hatten den Umfang von ein paar Wassereimern und das Gesicht war so geschwollen, daß man sich förmlich entsetzte. Der Leib war sicherlich noch mehr aufgedunsen, als wenn man mir den im 300jährigen Kriege üblichen Schwedentrunk verabreicht hätte. Nun weiß ich nicht, war es der Kunst des Schmöllner Arztes zu danken, daß das Leiden nach etwa 6 Wochen wich oder machte es vielmehr ein Balsam, den mein Vater von einem »Königseer« oder einem »Großbreitenbacher« Arzneihändler gekauft hatte. Die Balsambüchsen zeigten auf der einen Seite einen aufgequollenen Wassersüchtigen und auf der andern einen zum Skelett abgemagerten Kerl. Jedenfalls, als Ostern vorbeigegangen, wandte sich mein Zustand endlich wieder zum Besseren. Ich hatte die sechs Krankheiten überstanden. Jetzt erfuhr ich erst, daß unser dreijähriges Schwesterchen Flora, welches schon eine Woche früher als ich erkrankt war, noch immer mit dem Tode rang und das dauerte auch noch über ein Vierteljahr. Sie war so weit fertig, daß sie jede Nahrungsaufnahme verweigerte. Mein Vater hatte deshalb beim Klempner ein hornähnliches Rohr machen lassen. Mit einem Löffelstiel brach er dem Kinde dann die festgeschlossenen Zahnreihen auseinander und zwängte das[53] Rohr dazwischen. Die Mutter schüttete dann oben Wein, Fleischbrühe oder Milch hinein, ohne indes ein Resultat zu erzielen; denn die verabreichten Getränke ? Speisen wurden überhaupt nicht angenommen ? kamen an den beiden Mundwinkeln wieder heraus. Der Vater schalt natürlich, aber sein Schelten und Schimpfen half nichts. Die Mutter träufelte dann oben erwähnte Getränke auf ein Läppchen oder ein Schwämmchen und drückte sie dem Schwesterchen in den Mund. Auf diese Weise hielt sie das zum Skelett abgemagerte Kind immer noch am Leben. Die Hauswirtin, Frau Müller, kam fast täglich und erkundigte sich nach dem Befinden des Kindes mit den Worten: »Is e denn noch nich bal tut.« Tag für Tag mußte meine Mutter diese Worte hören und jedes Mal schnitten sie ihr ins Herz. Sie fuhr mit ihrer künstlichen Ernährungsmethode fort und hatte nach 3/4jähriger Pflege doch noch die Genugtuung, das Kind wieder gesunden zu sehen. Der Arzt, der mehrere Male das Ohr und den Hinterkopf aufgeschnitten hatte, sagte damals zur Mutter: »Frau Bromme, wenn Sie nicht so überaus unermüdlich in der Pflege Ihrer kranken Kinder gewesen, wären sie alle zusammen draußen auf dem Friedhof mit dem entschlafenen Viktor vereinigt.« Dabei hatte sie auch noch die Kostgänger in der engen Wohnung zu verpflegen gehabt! Ich stand dann im Spätsommer oftmals mit dem genesenden Schwesterchen am Fenster. Sie fragte mich dann immer nach dem kleinen Viktor, und ich deutete nach dem Himmel, und sie sagte dann: »Im Himmel bei den schönen Engeln ist unser Viktor«. Dann zeigte sie mit dem Finger nach oben und schaute hinauf, als ob sie ihn dort oben am Firmament erspähen wollte. Dann traten mir jedesmal die Tränen in die Augen. Einige Wochen später hörte ich oft Vater und Mutter über etwas verhandeln, wobei die Mutter vielmals äußerte: »Ach laß Dich doch lieber versetzen, mach das nicht.« Aber stets kam der Vater oben drauf und schließlich erfuhr ich, daß der Vater ein Haus kaufen wollte und endlich auch gekauft hatte. 1100 Taler hatte er geboten und den Zuschlag erhalten. Aber wie sah das Haus aus! Es stand auf dem Kirchhofe und war sehr baufällig. Maurer, Zimmerleute,[54] Dachdecker und Klempner ? alle Bauberufe mußten bei der Renovierung in Anspruch genommen werden. Als die Maurer schon feste gearbeitet hatten, stellte es sich heraus, daß das Haus an der rechten Seite auf Sand gebaut war. Man mußte deshalb niederreißen ? stützen und erst Grundmauer einlegen. Es wurde dann an der Front neu verputzt, neue Balken eingezogen und neu eingedeckt, sodaß es am allergescheidesten gewesen wäre, wenn mein Vater gleich einen Neubau errichtet hätte. Teuer genug kam es. Er hatte dann auch beim Decken des Schuppens mit dem Teeren der Dachpappe Malheur. Der Zimmermann meinte, wir schütten den heißen Teer aus und machen ihn dann breit. Mein Vater hingegen wollte ihn auftragen, wie man z. B. Fußboden streicht. Der Zimmerer pochte auf seine »Erfahrungen« und setzte seinen Kopf auf. Was war das Ende vom Liede: als der heiße Teer ausgegossen wurde, entwickelte sich eine helle Flamme und das Dach stand in Brand. Schnell entschlossen eilte mein Vater die Leiter herab zum Aschenbehälter. Ergriff einige Eimer und konnte schließlich die Flammen mit der Asche ersticken. Mittlerweile war aber schon Feuerlärm geschlagen worden und als ich gleich darauf von der Schule kam, teilten mir die andern Kinder mit, daß unser neues Haus brenne. Als ich dort ankam, war aber auch schon der Obergendarm dort und ein Strafmandat von 20 Mk. war das Fazit von des Zimmermanns Eigenwillen, das aber nicht er, sondern mein Vater bezahlen mußte. In jenen Tagen bekam ich es wiederum mit dem Kantschu zu tun. Ich mußte fast täglich in einem kleinen Henkelkorbe Abfallholz vom Bau nach der elterlichen Wohnung tragen. An der Vorderfront des Hauses waren gerade die Fenstergesimse neu aufgeputzt worden. Ich weiß nun nicht, ob ich dieselben auf ihre Haltbarkeit probieren wollte oder nur nachsehen, ob sie bereits trocken geworden sind ? kurz und gut ? ich strich mit dem Finger darüber hin, faßte einmal mit der Hand an und hatte plötzlich ein Stück der Fassade in der Hand. Unglücklicherweise kam gerade in dem Augenblicke mein Vater von der Bahn und sah die Christbescherung. Ich nahm sofort meinen Henkelkorb und trottete mit trüben Ahnungen nach Hause Und ich hatte[55] kaum der Mutter Mitteilung von meinem Mißgeschick gemacht, als er auch schon zur Türe hereintrat. Der Kantschu war sofort zur Stelle und hageldicht fielen die Lederstreifen pfeifend auf mich herab. Er schlug mich wieder einmal windelweich, und erst als sich die Mutter wieder dazwischen geworfen, ließ er nach. Am 1. April 1884 siedelten wir in unser eigenes Heim über. Das Parterre bewohnten wir. Das linke Logis oben hatten Beyers gemietet, die schon viele Jahre beim alten Besitzer gewohnt, und in die rechte Wohnung war eine Gößnitzer Familie, Valler, gezogen, die später noch recht verhängnisvoll für meinen Vater wurde. ? Ich war umso lieber nach dem Kirchplatze gezogen, weil mich nun nur noch ein Haus von meinem Intimus Ernst Dietzmann trennte. Das nächste Haus war meine Heimat; dort brachte ich in der Folge fast mehr Zeit zu als bei den Eltern. Die Schularbeiten wurden überhaupt seitdem gemeinsam gemacht, wie wir uns denn auch stets abholten, um den Gang nach und von der Schule gemeinsam zu machen. Inzwischen war wieder Ostern herangekommen, und ich war in die 3. Klasse der Mittelschule eingetreten, um auch die Geheimnisse des Lateins kennen zu lernen. Der Klassenlehrer, Herr Deich, war mir schon aus der 3. Bürgerschulklasse gut bekannt, wo er Geschichtsunterricht gegeben hatte. Die erste Lateinstunde fiel befriedigend für mich aus. Nachdem uns die Bedeutung von Singular und Plural klar gemacht und Nominativus, Genitivus, Dativ, Accusativ, Vocativ und Ablativ eingepaukt war, wurde amicitia dekliniert. Ich glaube, es geht noch, daß ich die Freundschaft auf Lateinisch deklinieren kann: amicitia, amicitiae, amicitiae, amicitiam, amicitia. Das Französische machte mir etwas mehr Schwierigkeiten als das Lateinische. Woher das kam, weiß ich nicht, glaube aber, daß lediglich der Lehrer die Schuld trug. Herr Deich wurde von allen Schülern geliebt; der französische Unterricht wurde jedoch vom Rektor Werner erteilt, und dieser wurde von jedem Schüler gefürchtet, von manchem sogar gehaßt. Meine Lieblingsfächer blieben Geschichte und Geographie, denen sich im letzten Schuljahre noch Literaturgeschichte hinzugesellte. Für meinen[56] Vater war mein Eintritt in die Mittelschule ziemlich kostspielig gewesen, den ich hatte sofort für 36 Mark Bücher gebraucht. Am Lernen ließ ich es ja nicht fehlen. Mein Prinzip war, niemals früher auf die Straße zu gehen, bevor nicht die Schularbeiten gemacht waren. Wenn ich dann fertig war, ging ich zu Dietzmann, und wir vergnügten uns bei schlechtem Wetter auf dessen Oberboden, wo er ein Puppentheater aufgestellt hatte, oder turnten an einem Trapez, das an der Decke befestigt war. Gegen Abend leistete uns da zuweilen auch das Dienstmädchen Gesellschaft, wenn sie ihre Küchenarbeit erledigt hatte und die Frau Diakonus ausgegangen war. War diese zu Hause, durfte das Mädchen, wenn sie grade nichts auf dem Boden oder in ihrer Kammer zu suchen hatte, nicht mit den Kindern spielen. War jedoch die Luft rein, so vergnügte sich das Mädchen nach Herzenslust mit uns und schaukelte sich auch auf dem Trapez. Wir stellten uns dann unten hin und gaben ihr Schwung und freuten uns jedesmal, wenn beim Vorschwingen die Röcke hoch flatterten und die nackten Beine sichtbar wurden. Bei schönem Wetter wurde das Kasperletheater auch zuweilen auf die Kirchenstufen postiert. Dann strömten immer die Kinder der ganzen Stadt, arm und reich, zusammen und Ernst Dietzmann unterhielt die ganze Gesellschaft mit aus dem Stegreif erdachten und gespielten Theaterstücken, in denen natürlich hauptsächlich Kasperle und der Teufel die Hauptrollen hatten, und mit Schwerten und Stöcken tüchtige Prügel auf die harten Köpfe vergeben wurden. Die ärmeren Kinder freuten sich königlich darüber, während die reichen und besser gebildeten mit schlechten Witzen um sich warfen. Dann hatte Ernst von seinem Vater einen grün-weiß angestrichenen Wagen als Geburtstagsgeschenk erhalten. Mit diesem sind wir ebenfalls fast alltäglich in und außer der Stadt herumkutschiert. Dabei spielte er gewöhnlich das Pferd, und ich saß drin als Kutscher. Bei diesen Ausfahrten sprachen wir dann manchmal über die Zukunft. Dietzmann wollte Zirkusdirektor werden und ich sollte ihn als Kassierer begleiten. In Wirklichkeit ist er heute Mittelschullehrer und ich bin Fabrik-Proletarier geworden. Oftmals versammelten wir uns in den stillen Abendstunden auch[57] ohne Theater auf den Kirchstufen. Dann wurden Räuber- und Seefahrergeschichten, hin und wieder auch Märchen erzählt. Es war zu diesen Konferenzen aber immer nur eine begrenzte Anzahl zugelassen: Dietzmann, meine Wenigkeit, Wunderlich, Klopfer, Paul Hübner, Gebrüder Winkler, Hiller und höchstens noch Max Wagner. Letzterer war ein armer Waisenknabe. Seine Eltern waren im größten Elend gestorben. Es war alles voller Läuse zurückgelassen, und die Kinder später »verteilt« worden. Der Max war zu einem Bäcker gekommen, mußte am Tage tüchtig arbeiten und wurde unter dieser Korona auch heimlich geraucht. Gebrüder Hiller wurde unter dieser Korona auch heimlich geraucht. Gebrüder Hiller »klemmten« zu Hause im Laden dann eine Handvoll Zigarren, oder auch Dietzmann ging einmal über die Kiste seines Vaters. Was nicht in Rauch umgesetzt war, wurde an irgend einem abgelegenen Orte »vergraben«. Klopfer hatte sich eine kleine Pfeife zugelegt und Wunderlichs Franz verstieg sich sogar zu einem »Priem«. Bei einer solchen stillen Zusammenkunft auf den Kirchstufen fragte uns auch einmal Franz Wunderlich, der Sohn einer Witwe, der noch einen erwachsenen Bruder und eine erwachsene Schwester hatte: »Wißt Ihr denn auch eigentlich, wie die Menschen entstehen?« Allgemeines Staunen. Keine Antwort. Schüchtern wagte ich vom Klapperstorch anzufangen. Da aber lachte er mich aus. Glaubt nur nicht so etwas! Und nun erzählte er uns, wie die Menschen entstünden. Ich war sprachlos darüber; die Empfindungen der andern weiß ich nicht. Glauben tat ich es aber noch nicht, was er uns da erzählte. Da wagte sich Wagner Max hervor und sagte, daß er am Abend zuvor in der Dämmerung seinen Meister in der Kammer beobachtet hätte, wie dieser mit seiner Frau auf dem Bette gelegen habe. Nach verschiedenen Zweifelsäußerungen von der einen Seite und Zustimmungen von der andern, ging man auseinander. Ich aber schämte mich, da Wunderlich gerade meine Mutter als schwanger bezeichnet hatte. In diesen Tagen gingen bei uns recht oft verschiedene Leute aus und ein. Mein Vater war Kassierer der »Hamburger Tischler-Krankenkasse« geworden, von der soeben eine Filiale gegründet[58] worden war. Aus diesem Grunde war der Buchbinder Buchwald, der nachmalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete aus Altenburg zu ihm gekommen; Bevollmächtigter ward der Knopfmacher Heinrich Gläser, Kassierer eben mein Vater, der Bahnwärter Bromme. Da die Kasse als sozialdemokratisch galt, wirbelte die Gründung Staub auf, und der Bezirksingenieur sagte eines Tages zu meinem Vater: »Bromme, lassen Sie sich versetzen! Sie haben große Feinde hier!« Aber mein Vater entgegnete: »Ich fürchte niemand.« In demselben Sinne hatte ihm auch meine Mutter himmlische gute Worte gegeben. Er solle sich versetzen oder pensionieren lassen, denn das letztere konnte er trotz seines noch jungen Alters zu jeder Zeit tun, weil er ob seines Unglückes den Charakter eines Halbinvaliden besaß. Deshalb konnte ihm die Bahn auch niemals kündigen. Unter den großen Feinden war wohl hauptsächlich der Kommerzienrat Hermann Donath gemeint. Dieser Kommerzienrat hatte noch einen Bruder Valentin, einen gelernten Zimmerer, der dann Reisender war, und der zuerst auf die Idee gekommen ist, Steinnußknöpfe zu machen. Als er sich anläßlich einer Geschäftsreise in Hamburg aufhielt, sah er, wie die amerikanischen Schiffe ihren Ballast auswarfen, der in solchen Nüssen bestand. Er besah sich diese und dachte, daß sich da vielleicht auch Knöpfe daraus machen ließen. Sein Bruder und ein Herr Brand in Gößnitz setzten den Gedanken in die Praxis um und siehe da, infolge der Billigkeit verdrängten die Steinnußknöpfe bald alle Perlmutter- und Hornknöpfe, oder beschränkten die Produktion derselben doch mehr auf ein Minimum. Nach einiger Zeit machte sich auch Valentin Donath selbständig, und er hatte bald ebensoviel Reichtum aufgehäuft als sein Bruder Hermann. Mit diesem Valentin Donath stand mein Vater stets auf gutem Fuße. Diesem hatte auch seiner Zeit mein kleiner verstorbener Bruder Viktor, der ganz hellblonde Locken hatte, so gut gefallen, daß er wochenlang in meinen Vater gedrungen, ihm den Knaben zur Adoption zu überlassen, trotzdem er selbst Kinder besaß. Aus letzterem Grunde war mein Vater niemals auf diesen Vorschlag eingegangen. Dieser Fabrikant war es auch, der zu jener Zeit das große Pappenschloß, welches mein Vater gebaut hatte,[59] für 150 Mark erstand. Trotzdem dieser Mann auch wußte, daß mein Vater politisch sehr frei angehaucht war, verkehrte er doch im Gegensatz zu seinem Bruder, stets freundschaftlich mit ihm. Zu damaliger Zeit mußte ich zu Hause Zeitungen, Zeitschriften usw. immer laut vorlesen. Namentlich die »Thüringer Waldpost«, welche während des Sozialistengesetzes in dieser Gegend verbreitet wurde, mußte ich von Anfang bis ans Ende vorlesen. Obgleich ich noch nicht viel vom Sozialismus verstand, und wie mein Freund Dietzmann mehr mit den Freisinnigen sympathisierte, wurde ich trotz meiner Jugend doch nach und nach mit dem Parteileben bekannt. Als dann ein Jahr später einmal der Lehrer Patuschka in der Schule während des Unterrichts sagte: »Es gibt jetzt eine Sorte Menschen, die nennen sich Sozialdemokraten, die wollen die Ehe und das Familienleben zerstören, den Staat und die Könige abschaffen, alles Privateigentum aufheben, wodurch der intelligente Besitzende gewärtig sein muß, daß er an Stelle des Knechtes Dünger laden und Sand karren wird, während dieser ungebildete Mensch seine Stelle einnehmen wird«; wollte ich ihm entgegnen, daß er die Ziele der Sozialdemokraten falsch auslegte. Ich als Schüler kannte sie besser als derjenige, von dem wir unsere Lebensweisheit erwerben sollten. Die schon erwähnten Wellerschen Eheleute, welche aus Gößnitz zu uns gezogen waren und die rechte Hälfte des 1. Stockes bewohnten, waren etwas unreinlich. Der Mann mochte noch angehen. Es war ein kleiner, etwas wohlgenährt aussehender Kerl, der in der Knopffabrik arbeitete. Aber die Frau war eine Xantippe. Sie hatte eine hakenförmige Habichtsnase und einen ganz vorzüglichen, aber etwas giftigen Zungenschlag. Es waren fünf Kinder vorhanden, die ob der Reinlichkeitsliebe der Mutter auch nicht gerade appetitlich aussahen, ausgenommen die beiden größeren Knaben, die sich selbst »lecken« konnten. Bald war ein regelrechter Klatsch und das übliche »Schlechtmachen« im Gange und der Zwist war da. Zu ihnen waren noch 2 Gößnitzer, die Gebrüder Heinrich, beide Knopffärber, als Kostgänger gezogen, von denen namentlich der jüngere ein ganz besonders roher Patron war, den ich später[60] noch einmal erwähnen muß. Diese beiden wurden natürlich ebenfalls auf uns gehetzt. Eines Sonnabends Abend wurde neben einigen Krügen Bier von den Wellers noch einige Flaschen Schnaps vertilgt und etwa gegen 100 Uhr ging auf einmal in ihrer Wohnung ein Rumoren und ein Skandalieren los, dessen Ursache und Absichten vorerst nicht zu ersehen waren. Es wurden Tische und Stühle gerückt, Holz gespalten und gesägt. Das Wasser in ganzen Eimern auf den Boden gegossen und breit gemacht und getollt, getanzt und gelärmt, daß wir in unserer Schlafstube, die direkt unter der Wohnung lag, nicht nur nicht schlafen konnten, sondern auch noch naß wurden, da die Feuchtigkeit an den Wänden herunter lief. Gegen 3/4 11 Uhr stand mein Vater auf, ging halb die Treppe hinauf und gebot Ruhe. Ein Hohngelächter antwortete ihm, dazwischen das Kreischen und Schreien der Frau und der noch wachen Kinder. Mein Vater begab sich zurück und etwa 1/2 Stunde war es ziemlich ruhig. Nur machten sich anscheinend fast sämtliche Familienmitglieder auf der Treppe zu schaffen. Auf einmal gegen 1/4 12 Uhr hub das Schreien, Rumoren, Poltern und Trampeln von neuem an, daß man glaubte, die Decke stürze ein. Jetzt wurde es aber meinem hitzigen Vater zu bunt. Nur mit den Hosen und Filzpantoffeln bekleidet, begab er sich noch einmal nach oben. Aber ? wie sah die Treppe aus ? als er Licht gemacht hatte. Auf den unteren Stufen war er ausgeglitten und ein widerlicher Gestank schwängerte die Luft. Anscheinend hatte die ganze Familie ihre Notdurft auf die Treppe verrichtet, natürlich nur um meinen Vater zum Schlimmsten zu reizen. Er stürmte über die Schweinereien hinweg und riß die Türe zu Wellers Wohnung auf. Aber darauf schienen diese nur gelauert zu haben; denn sofort wurde er mit einem scharfkantigen Stuhlbeine dermaßen von der Frau ins Gesicht geschlagen, daß er zurücktaumelte. Noch einmal versuchte mein Vater vorzugehen, aber ein neuer Schlag des rasenden Weibes traf ihn an die Schläfe. Nun stürzte die ganze Bande auf ihn los und warf ihn die Treppe herein, wo er über den ganzen Unrat des Gesindels ausrutschen mußte. Jetzt waren aber unsere auf dem Boden und im rechten Parterre schlafenden Kostgänger erwacht und diese sprangen sämtlich,[61] mit Ausnahme eines Drechslers meinem Vater zur Hilfe. Daraufhin wurde Ruhe. Einer unserer Leute holte den Arzt, damit mein schwer verletzter Vater verbunden wurde. Er war schrecklich zugerichtet und mußte einige Tage hindurch kühlen. Dazu gesellte sich noch die Kopfrose, sodaß das Schlimmste zu befürchten war. Es dauerte 3 Wochen, ehe er wieder Dienst tuen konnte. Selbstverständlich wurde Anzeige erstattet und mein Vater nahm die Klage nicht zurück, trotzdem die Furie Frau Weller auf den Knieen Abbitte geleistet hatte. Er blieb unerbittlich. Die Logisleute zeugten mit Ausnahme des Drechslers, der wahrscheinlich von der Frau »liebreich« behandelt wurde, sämtlich zu Gunsten meines Vaters und das Urteil lautete, soweit ich mich noch erinnere, auf 3 Wochen Gefängnis und Tragung der Kur- und Gerichtskosten. Es war eine wahre Wohltat für meine Eltern, als diese Gesellschaft nach einem Vierteljahr auszog. An jenem Sonntage, da mein Vater nach der Schreckensnacht seine Wunden kühlen mußte, kam ein Dienstmädchen des Kaufmanns Emil Schaller und fragte an, ob wir nicht noch zwei Pantoffelmacher ins Quartier nehmen könnten. Auf unsere Zusage erschienen am Nachmittage zwei in der Mitte der zwanziger Jahre stehende Männer, die sich als Carl Schröder und Otto Borchert, beide aus Friesack (Westhavelland) vorstellten. Sie unterhielten sich einige Zeit mit meinem Vater, erkundigten sich nach der Ursache seiner Verletzung und zogen gegen ein wöchentliches Kostgeld von 9 Mark bei uns ein. Sie betonten aber, daß sie nur Wurst und Fleisch, keinen Käse, mit Ausnahme von Schweizerkäse, essen und nur weißen Kaffee trinken würden. Mit diesen 2 Logisherren ist die Holzschuh- und Pantoffelindustrie in Schmölln verknüpft, die bis dahin in unserem Orte gänzlich unbekannt war. Heute existiert die größte Fabrik dieser Branche im ganzen Deutschen Reiche in Schmölln. Die Geschichte der Begründung dieser neuen Industrie ist immerhin instruktiv genug, um erzählt zu werden. Sie vollzog sich folgendermaßen. Es hatte da etwa 14 Tage vor jenem Sonntage ein Handwerksbursche Namens Heinrich Schmidt aus Stendal in Schallers Kurzwarenladen um einen Zehrpfennig angesprochen. Er[62] sah darin Holzpantoffeln hängen und fragte, was sie für diese im Einkauf bezahlten. Auf die erhaltene Antwort hin sagte er: »Wenn Sie etwas riskieren wollen, die können Sie billiger haben. Ich selbst bin Pantoffelmacher und könnte Ihnen das Geschäft einrichten.« Auf die Frage Schallers, ob und wo er übernachten würde, nannte er die Herberge. Herr Schaller überlegte sich die Sache, sprach mit seinem Vater und ging dann zum Rentier Rauschenbach in der Bahnhofstraße, um sich dort 500 Taler zu borgen. Er suchte dann am Abend den Kunden in der »Penne« auf und wurde alsbald mit ihm handelseinig. Heinrich Schmidt ließ zunächst Pantoffelhölzer von einer Friesacker Firma schicken und verschrieb sich die beiden oben erwähnten Kollegen. Bald gesellte sich noch ein Vierter Namens Buchholz dazu, und wenige Wochen später wurde noch ein Mann für die »niedrigeren« Arbeiten angestellt. Schon nach einigen Wochen hatte die neue Firma soviel Beschäftigung, daß die Leute manchmal bis Mitternacht arbeiteten und bis 50 Mk. in der Woche verdienten. Für ein Paar Pantoffeln aufzunageln gab es damals 6 Pfennige. Da wollen also so ziemlich 900 Paar für diese Summe zusammengeklappert sein, ein Quantum, das nur in den seltensten Fällen bei gewöhnlicher Arbeitszeit in 14 Tagen geleistet werden kann. Doch die Arbeit drängte ? die Bestellungen wuchsen und Schallers mußten schon nach einem halben Jahre eine größere Fabrik und eigene Hölzerschneiderei errichten. Um Arbeiter zu gewinnen, fuhr der Chef selbst einmal nach Friesack und Fehrbellin, den bisherigen Hauptorten der Industrie und suchte dort Fühlung mit den Leuten. In ganz kurzer Zeit waren dann 60 tüchtige Fachleute beschäftigt. So wurde die Holzschuhfabrikation eingeführt, und von den Fremden mußten ganz unauffällig nach und nach Einheimische angelernt werden. Diese lernten dann wieder andre an, und nach 2?3 Jahren war man schon so weit, daß die Friesacker und Fehrbelliner ruhig wieder ihre Wege gehen konnten. Die neue Industrie war eingewurzelt, und in Brandenburg ging die Produktion infolgedessen bedeutend zurück. Beim Nageln ging das Lernen übrigens leicht genug. Mehr Schwierigkeiten bereitete das Hölzerschneiden, da konnte man nur gelernte Brandenburger gebrauchen.[63] Da aber der Hölzerbedarf immer größer wurde, entschloß man sich schon nach 2 Jahren, eine große Dampfsägerei zu erbauen, um mit der Bandsäge zuschneiden zu können. Auch das bedurfte dann keiner großen Erlernung. Zu dem Bandsägeschneiden konnte man ganz gut wieder heimische und billigere Arbeitskräfte verwenden als die Brandenburger es waren. Meine Eltern aber haben im Laufe dieser Jahre eine sehr große Anzahl solcher brandenburgischer Pantinenmacher als Aftermieter gehabt, von denen wir noch eine Anzahl kennen lernen werden. Aber nebenbei wohnten auch noch Knopfmacher, Schlosser, Stockdrechsler und Zigarrenmacher bei uns. Da war z. B. der Zigarrenmacher Traugott Große, aus Pölzig gebürtig, 3 Jahre bei uns im Quartier und er wäre noch länger dagewesen, wenn er nicht nach Meerane gezogen wäre. Dieser hat sich sehr viel mit mir abgegeben. Der war einmal auf dem Wege vom Bockbierrummel nach Hause ausgeglitten und hatte sich den Arm aus der Kugel gefallen. Erst am anderen Nachmittage kam der Arzt und richtete den Arm wieder ein. Ich habe das mit angesehen und obwohl dies schreckliche Schmerzen, nach den verzerrten Gesichtszügen zu schließen, verursachte, gab der Traugott keinen Ton von sich. Mir fielen immer seine wohlgepflegten weißen Hände auf. Ich wunderte mich darüber und habe ihn manchesmal gefragt, ob sie denn gar nicht schmutzig würden. Schon deshalb dünkte mir das Zigarrenmachen eine angenehme Beschäftigung zu sein und sie wäre es wohl auch, wenn sie nur nicht so schlecht bezahlt würde. Ich selbst mußte später auch einmal in einer Zigarrenfabrik arbeiten, infolge des miserablen Lohnes habe ich es aber nach einem Vierteljahre wieder aufgegeben. Von den andern Burschen ist »Hammerfriede« zu nennen, ein etwas beschränkter kurzsichtiger Mensch, der sehr wenig verdiente und deshalb schon gezwungen war, niemals auszugehen. Wir haben deshalb viel mit ihm gespielt. Ich muß es ihm aber nachsagen, daß er niemals über ungehörige Sachen mit uns gesprochen hat. Dann war damals ein Drechsler Holland aus Eisenach bei uns, der war vielgereist, und ich lauschte besonders gern, wenn er seine Reiseerlebnisse zum Besten gab. Namentlich die Wanderungen[64] an der Ostsee von Stralsund über Swinemünde und Kolberg nach Stolp und Danzig gefielen mir sehr gut. Von dem habe ich etwas gesehen, was ich später nie wieder gesehen habe. Er ließ sich nämlich öfters einen Hering holen, direkt aus der Lauge mußte er sein, den faßte er am Schwanz und aß ihn wie er war, mit Stumpf und Stiel auf, ohne ihn abzuwaschen, ohne auch nur eine Schuppe oder Gräte wegzuputzen. Es gehört wahrlich ein guter Appetit dazu, aber er meinte, das wäre sein Radikalmittel, wenn ihm irgend einmal nicht recht zu Mute war. Später arbeitete ich einmal mit einem gewissen Brendel zusammen, der hatte auch so ein Radikalmittel, wenn ihm nicht recht zu Mute war, oder wenn er tags zuvor 20?30 Glas Bier getrunken hatte. Der füllte eine Flasche mit Nordhäuser und Rum, schüttete für 5 Pfennige weißen Pfeffer hinein und trank das in einem Zuge leer, ohne eine Miene zu verziehen. Mich aber gruselte es da immer von neuem, denn während meiner ganzen Schulzeit habe ich höchst selten einmal einen Schluck Bier und niemals Schnaps zu kosten gekriegt, habe auch niemals Verlangen danach gehabt. Doch jetzt müssen wir wieder zu unseren familiären Verhältnissen zurückkehren. Denn es traten nun Ereignisse ein, die zu den traurigsten meines Lebens gehören und durch die sich meine liebe Mutter so gegrämt hat, daß sie sich buchstäblich die Schwindsucht an den Hals ärgerte und auch daran gestorben ist. Mein Vater kehrte fast täglich auf dem Wege von und zu der Bahn in einem Materialwarenladen ein und trank dort ein Schnäpschen oder kaufte sich eine Zigarre. Dort bediente ihn auch eine Zeitlang ein Kaufmannslehrling, der sich Unger nannte und aus Zwickau zu stammen vorgab. Er hatte sich gelegentlich meinem Vater auch als Eisenbahnerssohn vorgestellt und zwar als Sohn eines Lokomotivenführers. Seitdem unterhielt sich mein Vater fast täglich einige Minuten mit dem Jungen. Nach etwa einem halben Jahre bat der Junge meinen Vater, er sollte ihm doch einmal von einem Weißwarengeschäft Vorhemd und Kragen mitbringen, weil er seine Wäsche nicht erhalten habe; bat aber gleichzeitig, das Geld zu verlegen, da er augenblicklich nichts da habe. Mein Vater[65] wollte ihm diese Bitte nicht abschlagen und besorgte das Verlangte. Bei der Ablieferung erhielt er dafür eine oder zwei Zigarren geschenkt. Nach einiger Zeit brauchte der »Stift«, der übrigens schon eine Lehrstelle gehabt hatte, wieder etwas, hatte aber das erste noch nicht bezahlt. Mein Vater machte ihm darüber Vorhaltung und bei der nächsten Einkehr erhielt er sein Geld, das der Junge seiner Westentasche entnahm. So ging das eine ganze Weile fort, wohl über ein Jahr. Manchesmal erhielt auch mein Vater ein Schnäpschen gratis, doch dachte er sich niemals etwas dabei. Dieser Lehrling stand aber auch noch mit einer andern Person, mit einer Frau, in Verbindung. Diese beutete ihn aber mehr aus. Sie soll die Weinflaschen körbeweise fortgeschafft und auch Kaffee und derartige Sachen höchst selten bezahlt haben. Auf einmal brach die Katastrophe herein. Es kam durch einen Kommis aus Tageslicht. Die Schuld der Frau wurde, wohl wegen der kirchlichen Beamtenschaft ihres Mannes, totgeschwiegen. Mein Vater aber mußte den Sündenbock abgeben. Und er mußte bitter büßen. Zwar, der Kaufmann selbst würde auch seine Angelegenheit nicht der Öffentlichkeit übergeben haben, wenn die geheimen Wühler, in Gestalt der Ordnungsstützen, nicht gewesen wären. Hatte doch in jenem Sommer Reichstagswahl stattgefunden und der Freisinnige, ein Rektor, war gewählt worden. Der sozialdemokratische Kandidat Heine, Hutfabrikant in Halberstadt, hatte 202 Stimmen in Schmölln erhalten ? ein kleines Häuflein, das bei der letzten Wahl 1903 auf über anderthalbtausend Summen angewachsen ist. Der konservative Kandidat aber war der damalige Fabrikinspektor Wohlfahrt gewesen. Ich erinnere mich noch, daß ich und Ernst Dietzmann damals die Arbeiter, als sie Mittags von der Arbeit kamen, anriefen: »Wählt Heine!« Wurde nun auch dieser nicht gewählt, so kannte doch der Ärger der Reichstreuen keine Grenzen, weil der Freisinnige durchgekommen war. Und solche verärgerte Reichstreue schürten wohl die Flammen an; der Kaufmann mußte klagen, damit der mißliebige Beamte, der sich nicht scheute, in der Eisenbahneruniform sozialdemokratische Versammlungen zu besuchen, endlich beseitigt wurde. Jetzt paßte es einmal, wo man ihn[66] fassen und unschädlich machen konnte. Der Vater erhielt also eine Anklage wegen Hehlerei zugestellt und zwar sollte er in über 300 Fällen ein Schnäpschen oder eine Zigarre erhalten haben. Mein Vater nahm sich den Rechtsanwalt Schellenberg-Altenburg, den Bruder des Paten unserer Flora, an. Dieser sagte auch zu und mein Vater fühlte sich erleichtert. Inzwischen war das von Wellers bewohnte Logis von einem gewissen Gruhl bewohnt gewesen, und nachdem dieser selbst ein Haus gekauft, zog der Weber Meyer, ein intimer Freund und Genosse meines Vaters, ein. Sobald etwas von dem Prozesse ruchbar wurde, kam eines Tages Herr Buchwald aus Altenburg; mein Vater sollte seines Amtes als Kassierer der Krankenkasse enthoben werden. Inzwischen hatte dieser aber eingehend an den Hauptvorsitzenden Blum-Hamburg berichtet und von diesem den Bescheid erhalten, daß er sein Amt so lange behalten könnte, bis ein Urteil gefällt sei. Um sich zu beruhigen, reiste mein Vater aber auch einmal noch zu Rechtsanwalt Freytag nach Leipzig, um diesen, der ein berühmter Verteidiger und Freund der Arbeiterbewegung war, womöglich zu seiner Vertretung zu gewinnen. Herr Freytag bezeichnete jedoch die ganze Angelegenheit als Bagatelle, da mein Vater ja noch unbestraft sei, wäre die ganze Geschichte mit höchstens einem Monat Gefängnis abgetan. Er würde ca. 120 Mark Vorschuß beanspruchen und das sei die ganze Geschichte nicht wert. So kam allmählich die Zeit der Verhandlung heran. Da kam ? einem Blitz aus heiterm Himmel vergleichbar ? vom Rechtsanwalt Schellenberg die Nachricht, daß er meinen Vater nicht verteidigen könne. Er sei, wie ihm vielleicht auch bekannt sei, mit der Tochter des Knopffabrikanten Kommerzienrat Donath verlobt und habe von seinem Schwiegervater die Direktive erhalten, die Verteidigung abzulehnen. Nun war guter Rat teuer. Da lebte in Schmölln noch ein alter Advokat Thienemann, der nur noch selten praktizierte. Dieser erklärte sich schließlich bereit, die Verteidigung zu übernehmen. Der wegen Diebstahl mitangeklagte Lehrling Hunger, welcher nach einem kühnen Griff in die Ladenkasse noch flüchtig geworden und in Kassel verhaftet worden war, war ebenfalls eingetroffen. Mit schwerem Herzen begab[67] sich mein Vater am Tage der Verhandlung nach dem Amtsgericht. Er hatte wohl die Absicht gehabt, nach Österreich zu entfliehen, aber schließlich rief er sich den Ausspruch Freytags ins Gedächtnis und faßte wieder Mut. Nur eins bedrückte ihn, seine Familie; denn obendrein war meine Mutter noch schwanger. In der Verhandlung selbst trat ein nicht geahnter Wendepunkt ein, der seine Lage noch um ein bedeutendes erschwerte. Hunger suchte nämlich alle Schuld auf meinen Vater abzuwälzen. Er sagte aus, daß ihm mein Vater geraten hätte, das Geld der Ladenkasse zu entnehmen. Im Übrigen kenne ich den Gang der Verhandlung nicht weiter, da ich mit Mutter und Geschwistern in Hangen und Bangen zu Hause saß. Das schließliche Urteil aber lautete: Vier Jahre Gefängnis, 2 Wochen Hast und Tragung der Kosten. Der Angeklagte sei vorbestraft, hatte der Amtsrichter gesagt, mein Vater aber hatte diese Strafe vergessen. Er hatte nämlich 1 Tag Gefängnis abgebrummt, weil er als 13jähriger Junge nach einer Jagd einen angeschossenen Hafen gefunden und nicht abgegeben, sondern vielmehr in der elterlichen Wohnung mit den Angehörigen verspeist hatte. Das war die Vorstrafe. Am Schlusse der Urteilsbegründung soll dann der Amtsgerichtsrat noch gesagt haben: »Bromme, Sie werden nur Ihrer politischen Gesinnung halber mit einer so hohen Strafe belegt.« Wie mein Vater nach Hause gekommen ist, wird er selbst nicht wissen. Ich sehe ihn noch heute mit uns Kindern auf dem Sofa sitzen, in den Pelz eingewickelt und bitterlich weinen. »Meine armen ? armen Kinder!« Wie schnitten mir diese Worte in die Seele. Was würde für eine Zeit für uns anbrechen? Soviel wußte ich: bisher hatte ich eine sorgenlose fröhliche Kinderzeit gehabt, aber von diesem Augenblicke an würden wir erst Proletarierkinder in des Wortes wahrster Bedeutung sein. Das Erste, was nun folgte, war, daß mein Vater seine Kündigung einreichte, weil ihm von der Bahnbehörde die Mitteilung zuging, daß er bis auf Weiteres vom Dienste suspendiert sei. Er bekam dadurch seine eingezahlten Pensionsgelder zurück und hatte jeden weiteren Anspruch an die Bahn verloren. Von dem Gelde wurden noch einige Baugläubiger befriedigt, die bis auf den Malermeister Seidel wohl[68] sämtlich ihr Geld erhielten. Dann legte mein Vater auch Berufung ein und wandte sich an den Rechtsanwalt Dölitzsch, einem ehemaligen Achtundvierziger. Der aber wollte sich offenbar auch nicht mit der Bagatellsache befassen und verwies an den Rechtsanwalt Hase in Altenburg. Nach einigen Wochen fand die neue Verhandlung vor dem Landgericht Altenburg statt. Mein Vater war inzwischen verhaftet worden. Das war der härteste Schlag für ihn und uns. In jener Zeit hatte ein Zigarrenmacher Martin oft bei uns verkehrt, der in der Arbeiterbewegung agitatorisch tätig war. Da kam am Tage vor der Verhandlung, die vor dem Landgericht Altenburg stattfand, von diesem Martin, welcher noch nichts von der Verhaftung meines Vaters wußte, die Nachricht: »Urteil nicht annehmen. Vor dem Oberlandesgericht Jena den Rechtsanwalt Jäger annehmen, welcher einer der Unsrigen ist.« Wie nun diese Karte meinem Vater bringen? Da erklärte sich der Kousin meiner Mutter, der schon erwähnte Wilhelm Syrbe aus Lobstädt, der in der Lippoldschen Maschinenfabrik als Schlosser beschäftigt war, bereit, die Mission zu übernehmen. Er fuhr früh mit dem ersten Zuge nach Altenburg, kam aber zu spät. Die Verhandlung hatte schon begonnen. Das Fazit war 2 1/2 Jahre Gefängnis und Tragung der Kosten. Unser Syrbe saß während der ganzen Verhandlung wie auf Kohlen. Wie die Karte ihm zustecken? Nach der Urteilsverkündigung sprach der Verteidiger leise mit dem Angeklagten, und das schreckliche trat ein. Der Vater unterwarf sich dem Urteil. Zwar konnte ihn Syrbe nun sprechen, aber die Karte Martins erfüllte ihren Zweck nicht mehr. Wegen der hohen Schwangerschaft und nahe bevorstehenden Niederkunft meiner Mutter erhielt mein Vater die Erlaubnis, bis dahin seine Strafe in Schmölln verbüßen zu dürfen. Alltäglich besuchte ich ihn dort in seiner Zelle, durfte aber nur solange verweilen, bis er das von der Mutter geschickte Essen ausgepackt hatte, und mir den Korb zurückgab. Es waren traurige, traurige Zeiten, und die Besuche wurden mir so unsäglich schwer; trotzdem ich erst 12 Jahre zählte, verstand ich schon alles und dachte über alles nach. In dieser Zeit mußte ich auch öfter nach der Hebamme Lorenz laufen[69] und diese zu meiner Mutter bestellen. Da fiel mir Wunderlichs Belehrung wieder ein, und ich glaubte, daß er Recht behalten würde. An einem Freitag, Nachmittags 6 Uhr, kam dann meine jüngste Schwester Elsa auf die Welt. Sie allein wußte nichts von dem Elend, daß unsre Familie heimgesucht hatte. Aber sie brachte ein Gutes mit. Der Vater erhielt einen 14tägigen Urlaub. Dann mußte er wieder in seine Zelle zurück. Eines Morgens, in der darauffolgenden Woche, erschien er wieder, in Begleitung des Amtsdieners, um Abschied zu nehmen. Er umarmte die Mutter und küßte sie und uns, dabei liefen ihm in einem fort die Tränen in den Bart. Dann beugte er sich noch einmal über den Kinderkorb und küßte das kleine Schwesterchen ? dann zog ihn Bachmann am Arme hinaus. Gerade dieser Amtsdiener mußte ihn transportieren, mit dem wir lange Jahre freundschaftlich verkehrt waren, denn er war ein Schulkamerad meiner Mutter gewesen. Am andern Tage brachte er uns eine Tafel Schokolade, die mein Vater bei einem einstündigen Bahnaufenthalt in Weimar für die Wöchnerin gekauft hatte. Vielleicht war es sein letztes Geld gewesen und leer war er im Gefängnis zu Ichtershausen bei Arnstadt angekommen. Eine schwere, leidensreiche Zeit brach nun für die Mutter und uns Kinder herein. Wir mußten uns nunmehr alles gefallen lassen und nie wieder in meinem Leben habe ich so »frohe« und »sorgenfreie« Tage gesehen. Wovon sollten wir uns nähren? Das war die erste Frage, was sollte aus uns werden? die zweite. Denn die letzten 500 Mark, die die Mutter aufgehoben hatte als Grundstock, um mich Lehrer werden zu lassen, waren beim Hausbau mit zum Teufel gegangen. Von jeher war die Mutter kränklich gewesen und litt fast täglich an Magenkrämpfen, sodaß ihre Nahrungsaufnahme äußerst gering war. Sie war deshalb in ihrem Verdienst lediglich auf die Haltung von Kostgängern angewiesen. Nun kann sich wohl jeder der Leser denken, daß solche fremde jugendliche Leute vor einer alleinstehenden Frau nicht viel Respekt haben. Wieviel hat meine arme Mutter in dieser Beziehung durchmachen müssen! Wir bekamen einmal von einem Pantoffelmacher August Müller, einem ehemaligen Nagelschmied, der das Pantoffelnageln erst bei[70] Schallers von den Brandenburgern gelernt hatte, mehr als 50 Mk. rückständiges Kostgeld. Er war dann plötzlich nach einem blauen Montag entlassen worden und hatte in Gößnitz Beschäftigung angenommen. Um nun zu unserem Gelde zu kommen, mußte ich jeden Sonnabend gegen Abend bei Sturm und Wetter nach dem eine halbe Meile entfernten Gößnitz laufen und wieder zurück. Oft erhielt ich dann bloß einen Fünfziger. Aber auf diese Weise sind wir doch zu unserem Gelde gekommen. Einmal war ein Hölzerschneider Hermann Schuster bei uns im Quartier, der sonst immer regelmäßig bezahlt hatte. Es war ein Schlesier und aus Gassen gebürtig. Der machte plötzlich Feierabend, aber gerade zu dieser Zeit hatte meine Mutter 15 Mark von ihm zu bekommen. Er bot ihr als Sicherheit sein Werkzeug (4 Schneidemesser und 1 kurze Axt) an, meine Mutter, gerührt ob dieser Ehrlichkeit, vertraute ihm, und gab ihm das Werkzeug zurück. Mit dem Bemerken, daß er ihr das Geld sicher schicken würde, reiste er ab. Er hatte Stellung in Luckenau bei Weißenfels erhalten. Bald waren 4 Wochen vergangen, kein Schuster regte sich. Dann schrieb ich nach Luckenau und setzte extra den Namen des Absenders darauf, aber weder Brief noch Geld kam wieder. So hatte meine Mutter das Nachsehen. Eines Sonntagsnachmittags waren einmal eine ganze Menge Pantinenmacher bei uns versammelt, wohl an die 12 Mann. Bei uns waren 4 im Quartier. Lenz, Schröder, Ölse und Rambow. Wir hatten unsre rechte Parterrestube für sie eingerichtet. Sie trieben an diesem Tage allerhand Allotria, hatten sich Pappeninstrumente schicken lassen, und führten damit eine Höllenmusik auf. Selbstverständlich wurde dabei auch dem Glase gehörig zugesprochen. Bier und Schnaps wurde in großer Menge vertilgt und die ganze Gesellschaft wurde betrunken. Wir Kinder wurden verulkt. Mich schickte einer fort, ich sollte für 50 Pfennige gedörrten Provisor in der Apotheke holen. Natürlich brachte ich ihm für 20 Pfennige Zigarren und für mich noch für 10 Pfennige Schokoladebrocken. 20 Pfennige gab ich der Mutter. Er war es auch zufrieden. Damals hingen als Zimmerschmuck in jener Stube einige Heiligenbilder, sowie der alte Wilhelm, Moltke und Bismarck. Aber[71] auch Bebel und Liebknecht, Marx und Lassalle hingen drin. Da hätte nur so gegen 7 Uhr am Abend ein Polizist hineinkommen sollen: Die ganze Gesellschaft wäre dann wegen Majestätsbeleidigung und Gotteslästerung verhaftet worden. Sie hatten die meisten Bilder in schändlicher Weise verunreinigt. Meine Mutter war dar, über untröstlich. Aber was konnte sie gegen diese angetrunkene Gesellschaft tun? Die waren ja am Montag früh auch noch nicht nüchtern. Rambow zum Beispiel war ausgesprochener Alkoholiker. Der Mann nahm sogar eine Flasche Schnaps mit ins Bett, und das gehackte Rindfleisch, das er gewöhnlich verzehrte, untermengte er mit Eier, Salz, Pfeffer, Zwiebel und Schnaps. Allerdings hat er es so lange getrieben, bis er am Säuferwahnsinn zu Grunde gegangen ist. Gemütlicher als unter diesen vier Pantoffelmachern ging es bei uns in Wilhelm Syrbes Bekanntschaft zu. Da wurden auch oft Gelage abgehalten, aber nicht mit Schnaps, sondern mehr mit Schokolade und Zwieback, und stets waren eine Anzahl junger Mädchen mit dabei. Syrbe Wilhelm dichtete und sein Freund, Tischler Hemmann dichtete, während der dritte Freund, Schreiber Tetzner, über alles philosophische Betrachtungen anknüpfte. Diese gründeten später auch einen Stammtisch »Heiterkeit«, wo es manchmal hoch hergegangen sein muß. Das gewöhnliche Eingangslied bildete das Lied: »General Laudon rückt an.« Und dann kamen meist selbstverfaßte Sachen dran. So hatte Wilhelm Syrbe auf die Melodie des Schunkelwalzers auch ein Gedicht auf die Stadt Schmölln und ihre Knopfindustrie gemacht. Ich glaube, den ersten Vers noch zitieren zu können: Amazon.de Widgets »An der Sprotte romantisch ? zwischen bewaldeten Höh'n ? Da liegt so still und friedlich ? ein Städtchen klein und schön ? Man kennt's in allen Landen ? ob seiner Industrie ? Die längst schon hier bestanden ? im Glanze wie noch nie. Ja Steinnußknöpf' unzählig, elegant ? macht man in Schmölln an der Sprotte Strand.« Es dauerte auch nicht lange, da war Syrbe zum Schriftführer und Theaterregisseur des »älteren Turnvereins« gewählt worden und[72] hatte noch verschiedene andere Ehrenposten zu bekleiden. Hemmann aber, der den Mädchen eines Abends in unserer Stube seine Originalgedichte »Die Erfindung des Fracks« und »Die Erfindung der Krinoline« vortrug, reiste eines Tags gar als Schauspieler mit einer eben anwesenden Schmiere ab. In jenen Tagen quartierte sich auch ein ehemaliger Schulkamerad von mir, Paul Bauer, bei uns ein. Trotzdem er erst 15 Jahre zählte, war er größer als alle anderen Logisherren. Anfangs wollte meine Mutter den Burschen nicht annehmen. Erst auf unser Zureden hin ließ sie sich dazu herbei, und er blieb bis zur Militärzeit bei uns, wurde überhaupt so bei uns eingewöhnt, daß wir ihn schließlich als Bruder betrachteten. Meine Mutter hat freilich manchen Ärger mit ihm gehabt. Einige Male war er plötzlich weg, und voller Läuse kam er wieder. Sie mußte ihn dann stets reinigen. Auch als er das erste Mal einzog, brachte er solch lebendes Kopfinventar mit, und meine Mutter hatte dann auch mit uns die Schererei. Erst das persische Insektenpulver befreite uns wieder ganz von dem Ungeziefer Aber auch andere Schmerzen zogen bei uns ein. Als mein Vater nach der thüringischen Strafanstalt transportiert worden war, stellten sich die noch unbefriedigten Gläubiger auf das Haus ein und ließen uns pfänden. Glücklicherweise hatte mein Vater noch seinen guten Anzug, seinen Pelz und seine selbstverfertigten langen Stiefel rechtzeitig verkaufen können. Das Mobiliar aber gehörte meiner Mutter und mußte freigegeben werden. In solcher Not sprang der Mutter mein Bruder Felix bei. Er putzte für einen Anbohrer in einer Knopffabrik Steinnüsse ab, wofür er in der Woche eine Mark bis 1,50 Mark verdiente. Nach einigen Wochen mußte auch ich mit verdienen. Beim Flaschenbierhändler Schmidt wurde ich eingestellt. Meine Beschäftigung war sozusagen alles. Ich mußte von der Lateinstunde weg den Pferdestall reinigen, das Pferd putzen und einschirren. Den Stall mit frischen Stroh füllen. Häcksel schneiden und das Pferd füttern. Bier abziehen, Flaschen reinigen, sämtlichen Familienbedarf einholen. Kohlen anfahren. Das Flaschenbier in einem Handwagen zu den Kunden fahren. Die leeren Flaschen einholen. Hof und Straße kehren. Garten begießen usw.[73] Für alle diese Arbeiten erhielt ich die Woche 1,20 Mark reinen Verdienst und Sonnabends eine Flasche Bier mit nach Hause. Neben diesem Posten als Mädchen für Alles mußte ich aber auch meine recht reichlichen Schulausgaben erledigen; was nur Abends nach 1/2 9 Uhr geschehen konnte. Es ist wohl kein Wunder, daß ich dadurch in der 2. Mittelschulklasse beim Tagesunterricht weniger aufmerksam war, was mir auch eine schlechtere Zensur einbrachte. Jetzt wurde ich auch öfters verhöhnt und verspottet. Man nannte mich den »Sozialen«. Fast alle diese gebildeten Bourgeoissöhnchen machten es mir auf diese Weise plausibel, daß ich doch eigentlich nicht in die Bürgerschule gehörte. Nur einer blieb mir treu und ist mir heute noch treu, mein lieber Ernst Dietzmann. Das tröstete mich in meinem Unglück. Aber es wurmte mich sehr, daß ich am Tage nur noch selten mit dem treuen Freunde zusammen sein konnte. Während ich im Vorjahre noch an dem Schulausflug nach dem Rochlitzer Berg teilgenommen hatte, durfte ich in diesem Jahre nicht daran denken, mit nach Jocketa und der Voigtländischen Schweiz zu reisen. Ich habe übrigens ganz vergessen, diesen ersten Schulausflug zu beschreiben und es war doch so herrlich an diesem Tage gewesen! Früh waren wir per Bahn über Glauchau nach Rochsburg im Muldental gefahren. Hoch oben auf einer vorspringenden Felswand steht die Burg. Wir passierten eine Hängebrücke und besichtigten das Brauseloch. Lehrer und Schüler verkehrten in schönster Harmonie. Wir liefen dann etwa 2 Stunden über Lunzenau, Altschillen, Göhren nach Wechselburg. Der Weg führte immer an der Mulde entlang. Im »Sächsischen Hof« daselbst wurde das Mittagsmahl eingenommen; während aber die übrigen Kinder nicht unter 1 Mark Zehrgeld hatten, drückten sich in meiner Tasche nur 30 Pfennige herum. Ernst Dietzmann schob mir seinen »Sauerbraten« zu. Ich wollte aber nicht aufdringlich erscheinen und lehnte seine Güte ab. Im andern Moment ärgerte ich mich dann aber sehr; denn ein anderer aß nun das Verschmähte und ich hungerte. Es kostete mich Mühe, meine Dummheit nicht merken zu lassen, als ich zusah, wie der fremde Knabe den schönen saftigen Braten vertilgte. Hierauf wurde der Aufstieg nach dem[74] Berg unternommen. Unterwegs begegneten uns Kinder mit gefüllten Heidelbeerkrügen. Einige mitreisende Väter kauften deren Inhalt und wir durften uns drüber hermachen. Auf der Spitze angekommen bestiegen alle den Friedrich Augustturm, nur ich mußte unten bleiben, um den Fünfer zu sparen. Abends marschierten wir dann nach Rochlitz und fuhren von da aus per Bahn zurück. In Glauchau, wo wir 2 Stunden Aufenthalt hatten, war gerade Vogelschießen. Der Festplatz wurde besucht und die Herrlichkeiten bewundert. Aber von all dem Schwindel wurde ich nicht satt. Viel lieber betrachtete ich ein Würstchenzelt. Da kaufte mir Dietzmanns Vater, der Herr Pastor, ein Würstchen. Obgleich es gepfeffert war und stark nach Hottehü schmeckte, war es doch im Nu hinter meinem Zahngehege verschwunden. Spät Abends langten wir dann wieder bei Muttern an und es gab Gesprächsstoff für 4 Wochen. An diesen schönen Tag erinnerte ich mich nun beim Stallreinigen, währenddem die Kameraden sich im Triebtal bei Jocketa vergnügten. Als die großen Ferien kamen, erklärte ich meiner Mutter, mit der Arbeit bei Schmids Schluß zu machen. Ich wurde davon ganz blaß und matt. Oft schlief ich während des Unterrichts ein. Zur Zeit dieser Ferien wurden wir nun dafür mit einer Gießkanne oder einem Eimer in den Wald geschickt, Himbeeren zu suchen. Waren wir fleißig, so brachten wir gegen Abend das Gefäß ziemlich voll zurück. Bummelten wir jedoch und jagten gar den Schmetterlingen nach, so war am Abend die Kanne kaum bis zum Viertel gefüllt. Die Beeren wurden dann ausgemessen und an die Konditoreien verkauft. Zu den Herbstferien verdingte sich mein Bruder bei einem Bauer zum Kartoffellesen. Ich hatte einige Zeit Ruhe. Aber bald sollte noch eine viel gehaßtere Beschäftigung für uns blühen. Das heißt, erst mit der Zeit lernten wir sie hassen. Mein Schulnachbar war ein Restaurateurssohn Namens Max Kröber. Sein Vater war Besitzer der »Reichshalle«, und dieser fragte mich eines Tages, ob ich nicht gewillt sei, an den Abenden bei ihm Kegel aufzusetzen. Ich könnte dadurch jede Woche einige Groschen verdienen. Sofort[75] dachte ich an die Mutter und sagte zu. Die ersten Abende gefiel es mir, namentlich da auch mein Bruder Felix mit zugezogen worden war. Wir bekamen stets am Beginn eine »Fettbemme« und ein Glas einfaches Braunbier. Um 1/2 8 Uhr Abends mußten wir stets zur Stelle sein. Die Kegelbahn war die frequentierteste der Stadt und war jeden Abend von einem andern Klub belegt. An den Wochentagen waren meist bürgerliche Elemente vorhanden. Freitags jedoch spielte der Fabrikantenklub und nur Sonnabends und Sonntags »lagen« Arbeiter auf der Kegelbahn. Gewöhnlich gab es 30 Pfennige für den Abend. »Matschgeld«, wie das an vielen andern Orten gebräuchlich ist, bekamen wir nicht; aber Freitags, wenn der Fabrikantenklub Kegel schob, gab jeder noch ein Extratrinkgeld. Am besten zahlte da Valentin Donath und der Spinnereibesitzer Schulze. Beide gaben uns meistens 50 Pfennige pro Mann. Es waren aber auch Fabrikanten darunter, wie z. B. ein Zigarrenfabrikant, die nur 2 Pfennige gaben. Aber das eine schöne war dabei, daß diese Leute niemals über Mitternacht spielten. Gegen 11 Uhr war Schluß. Wenn wir etwas über 2 Mark an solchen Freitagen hatten, so bemogelte ich die Mutter doch um den überschüssigen Teil und sparte mir das Geld zur Anschaffung von Schulbüchern auf. Wenn wir dann in der Nacht nach Hause kamen, schütteten wir das Geld der Mutter auf das Deckbett. Wir schliefen damals in der Dachkammer. Die Parterreräume waren sämtlich an Logisleute vermietet. In dieser Dachkammer war es manchmal nicht recht geheuer, denn unter unserem Hause führte der Kanal hin und in diesem herbergten hunderte von Ratten. Die Bestien sprangen am hellen lichten Tag auf dem Kirchhof herum und nun gar erst des Nachts. In derselben Kammer hatte einmal ein solches »Vieh«, das fast einen halben Meter lang gewesen sein soll, Hammerfrieden ins Ohr gebissen und jetzt mußte meine Mutter mit ihrer Kleinen in dem Bette kampieren, nur um des lieben Brotes willen. Da kam es nicht allzu selten vor, daß wir die Nager aus der Kammer vertreiben mußten, wenn wir des Nachts vom Kegelaufsetzen heimkehrten. Meine Mutter war da gewöhnlich noch wach.[76] Unseren allergrößten Ärger hatten wir indes Sonnabends. Da kegelten die jungen Fabrikarbeiter oftmals bis früh 3 und 4 Uhr. Wer von den lieben Lesern noch niemals etwas ähnliches mitgemacht hat, weiß nicht, was das heißt »von 8 Uhr abends bis 4 Uhr früh Kegel aufzustellen«. Vorn jubeln die Spieler, wenn sie eine »Neune« geschossen haben und hinten gab uns jede »Neune« oder »Achte« einen Stich ins Herz. Felix war immer noch geduldig und setzte unermüdlich auf, trotzdem er am Tage schon seine 3 bis 5 Stunden in der Fabrik gearbeitet hatte. Ich aber war so schläfrig, daß ich eine wahre Wut auf die Kegel bekam. Nie in meinem Leben bin ich ein Kegelschieber geworden und werde auch keiner werden. Es kam soweit, daß ich meinem Bruder den Vorschlag machte, uns gegenseitig abzulösen. Wir machten da gewöhnlich 150 Kugeln aus. Während dieser Zeit legte sich der andere hinter die Matte, die als Kugelfang diente und suchte zu schlafen. Schlafen bei diesem ewigen Geräusch der einstürzenden Kegel und dem Aufschlagen der Kugeln! Wie leicht konnte auch eine Kugel in die Höhe schnellen und hinter die Matte fallen! Aber was scherten wir uns darum bei unserer Müdigkeit? Ich habe manches mal hinter der Matte gelegen und geweint. Mein Bruder biß dann vor Wut die Zähne zusammen, wenn gegen 3 Uhr Morgens die Burschen noch ein neues Spiel begannen. Oftmals hatten wir uns auf dem Heimweg verschworen, nie wieder hinauszugehen. Wenn aber der Abend kam, pilgerten wir immer wieder hinaus. Wir taten es der Mutter zu liebe. Aber von 8 Uhr Abends bis 4 Uhr Morgens 30 Pfennige für uns 2 Mann! War das nicht mehr wie Ausbeutung? In der Schule wurde ich infolge dieser Nachtarbeit immer unaufmerksamer und hatte gar keine Lust mehr an Latein und Französisch. Wo sollte die denn auch herkommen? Schließlich machten wir es doch einmal wahr. Eines Sonntags war nur mein Bruder hinausgegangen. Am andern gar keiner und des Wirts eigener Sohn mußte nun Kegel aufstellen. Nun kam ich zu einem Kolportagebuchhändler als Heftausleger und Abonnentensammler. Jung war sein Name. Tag für Tag lief ich nun mit einer schweren Tasche unterm Arm in der Stadt[77] herum. Treppauf, treppab. Alle 3 Wochen kam etwas »Neues« heraus. »Der verlorene Sohn« oder »Der Fürst des Elends« war mein erster Roman, den ich auslegte. Ich bekam darauf zirka 50 Abonnenten. Dann kamen »Der rote Hans und die Brüder der Nacht«, »Alpenrosen«, »Die Gauner von Berlin«, »Die Waldmühle an der Tschermaja«, »Zweimal gelebt«, »Madelaine, die Geliebte des Kaisers Napoleons I.«, » Der Herr der Nacht«, »Schinderhannes«, »Rinaldo Rinaldini«, »Georg Schobris Leben und Abenteuer«, »Der Sträfling«, »Amanda, die Verstoßene«, »Toni«, »Die geheimnisvolle Maske« oder »Im Zauber der Liebe« und noch andere, deren Namen mir längst entfallen sind. Für diese Arbeit bekam ich pro Woche 1 Mark. Hier war ich wenigstens immer in der frischen Luft. Eines Tages aber hatte ich die Mappe zu Hause hingelegt und war mit dem Nachbarssohne Ernst Winkler nach der Sprotte baden gegangen. Schon als ich zum Badeplatze abbog, sah ich einen Mann stehen, der öfters mit Herrn Jung verkehrte. Ich glaubte aber, daß er nur auf einem Spaziergange begriffen sei. Wir waren noch nicht lange im Wasser, als plötzlich Herr Jung in Begleitung jenes Mannes am Ufer erschien. Ich glaube, ich habe mich im Wasser verfärbt. Er rief mich und befahl mir, hinaus zu kommen. Als ich nun in Adamskostüm vor ihm stand, frug er mich nach der Mappe. Ich sagte ihm, daß diese zu Hause liege. Da schlug er etwa 5 Minuten lang mit dem Regenschirm auf mich ein und ich bekam überall braune und blaue Flecken. Also mir gönnte er nicht einmal ein Bad und er faulenzte tagtäglich und lief immerzu spazieren oder kneipen. Ich eilte schnell nach Hause und trug die Mappe nach seiner Wohnung, gab sie der Frau und sagte, daß ich nicht wieder komme; diese wunderte sich und frug mich nach dem Grunde. Ich bedeutete ihr aber nur, ihr Mann möge die Hefte selber austragen. Während dieser Zeit war auch unser Haus zur Subhastation gelangt und die Groitzscher Tante hatte es erstanden. So groß der Schmerz meiner Mutter über diesen neuen Verlust war, daß es die Tante gekauft, war ihr ein großer Trost. Es sollte aber nicht von langer Dauer sein. Einige Monate später kam nämlich ihr Mann[78] zu uns, um das Haus zu besichtigen. Mein Onkel aber nahm keinerlei Rücksicht auf Verwandtschaftsverhältnisse. Er verkaufte das Haus an Meyers unter der Bedingung, daß sie uns vorläufig wohnen ließen. Eines schönen Tages aber kündigten diese meiner Mutter. Das war der härteste Schlag für sie. Denn bisher konnte sie wenigstens eine große Zahl Aftermieter halten. Was sollte nun werden? Bisher nahm sie außer den Kostgängern zu Jahrmarktszeiten auch noch Handelsleute über Nacht ins Haus. Wir Knaben borgten uns dann einen Wagen, fuhren nach dem Bahnhof und boten uns den ankommenden Handelsleuten als Gepäckbeförderer an. An ihrem »Stand« halfen wir dann auch gleich die Bude mit zusammennageln und machten Reklame für unsere Betten. Mitunter kam es vor, daß auch Juden mit bei uns schliefen. Diese haben aber Schweinefleisch gegessen, und noch dazu rohes und gehacktes; das mußte ich denen immer einkaufen. Das alles kam nun in Wegfall, wenn wir ausziehen mußten. Sogar eine größere Zahl von Logisburschen konnte dann nicht mehr bei uns bleiben. Bisher hatten wir unsern Stamm von 5 bis 6 Mann gehabt; dann und wann waren es sogar einer oder zweie mehr gewesen. Meine Mutter hatte für sie Gurken auf das ganze Jahr eingelegt und verkaufte diese an die Leute. Dadurch verdiente sie auch etwas. Ferner mußte ich regelmäßig nach Kleintauschwitz zur Butterfrau, wie die Hökerinnen hierzulande genannt werden, gehn und Butter und Käw im Großen einkaufen, und da blieb auch immer etwas Gewinn, wenn es auch nur ein paar Pfennige waren. Allerdings für mich war es auch kein Genuß, allwöchentlich zweimal den dreistündigen Weg nach Kleintauschwitz und zurück zu machen. War aber Dietzmanns Ernst mitgegangen, was oftmals der Fall war, so wurde mir der Weg nie lang, zumal es da draußen noch etwas Interessantes extra zu sehen gab. Der Gutsbesitzer Kratzsch hatte eine große Sammlung ausgestopfter Vögel. Wir haben ihm eines Tages einen schwarzen Schwan mit tragen helfen, den er von irgendwoher sich hatte schicken lassen. Oftmals mußte ich auch unserer Gemüsefrau, der alten Heinken, bis nach Altenburg den Wagen ziehen. Denn Markttags[79] kaufte diese ihre Produkte dort ein. Das war nun jedesmal ein 5stündiger Weg. Ging es nicht gerade bergauf, sondern auf ebener Chaussee oder gar bergein, so setzte sich die Frau auch noch in den Wagen hinein und ließ sich von mir fahren. Auf diese Weise kamen wir schneller von der Stelle. Bei der alten wohlbeleibten Frau ging es sonst langsam mit dem Laufen. In Altenburg hatte sie eine verheiratete Schwester, die Frau des Architekten und Zimmermeisters Winter. Bei dieser aßen wir dann stets Mittagsbrot. Am Nachmittag gegen 2 Uhr traten wir dann den Rückweg an und für die ganze Tour bekam ich dreißig Pfennige. Dafür mußte ich mir auch stets Urlaub vom Lehrer geben lassen. Inzwischen kam die Zeit heran, da die Kündigung des neuen Hauswirts abgelaufen war. Meine Mutter hatte ihre 600 Taler Vermögen in dieses Haus stecken müssen und nach kaum 2jähriger Bewohnung mußte sie leer, ohne einen Pfennig, das Besitztum verlassen. Der Vater, dem wir von diesem neuen Unglück schrieben, konnte sich gar nicht trösten. Wir zogen in ein neues Haus Ecke Hermann- und Bergstraße, zum Materialwarenhändler Donath. Bei dem Umzug hatten wir nur den jungen Paul Bauer zur Hilfe. Einige Männer hatten sich andere Quartiere gesucht, und nur der Drechsler Holland, der Pantoffelmacher Hennig und ein Zigarrenmacher zogen mit in die neue Wohnung. Während des Ausräumens unserer alten Wohnung erschien plötzlich der neugebackene Hauswirt und hob uns die Stubentüre aus. Es ging ihm zu langsam, bis er uns hinausbekam. Wir sollten uns nicht einmal mehr erwärmen können. Da stürzte der 16jährige Paul Bauer auf den Hauswirt los, packte ihn beim Barte und verlangte die Herausgabe der Türe: »Oder ich reiße Dir Deine scheinheiligen Haare heraus,« setzte der aufgebrachte Bursche, der schon das Gardemaß hatte, hinzu. Mit dem Hünen konnte es der 40jährige Meyer nicht aufnehmen. Er gab die Türe wieder heraus. Mit Tränen in den Augen verließ meine Mutter das Haus, das wir bisher unser Eigentum genannt hatten. Beim Einzug in die neue Wohnung räumten wir 3 Fässer mit Gurken in den Keller. Dabei hatten wir beiden Knaben und Bauer uns je eine aus dem Faß herausgeholt.[80] Wir kauten noch, als wir den Keller verließen. Da stand der neue Hauswirt, ein noch lediger Mensch, der aus dem Dorfe Drogen stammte, oben im Flur und glaubte, daß wir die Gurken ihm gestohlen hätten. Er überschüttete uns sofort mit Vorwürfen und meinte: »Vor solchen Konsorten wie Euch muß man sich in Acht nehmen!« Also so weit war es mit uns gekommen, daß man uns nicht einmal mehr das ehrliche Wort glaubte. Ich kann ihm diese Worte heute noch nicht vergessen, trotzdem wir mit der Zeit ganz gut bekannt miteinander wurden. Wir hatten in dieser neuen Wohnung einmal sogar nur noch den Bauer und Hennig im Quartiere. Nun hatte Hennig seine aus Zeulenroda stammende Geliebte mit bei uns einquartiert. Sie schliefen in einer Kammer zusammen. Da kam eines Tages ein junges böhmisches Mädchen zu uns, die mit in der Spinnerei arbeitete und fragte nach Logis. Da sie einen guten Eindruck machte, nahm sie die Mutter ebenfalls auf, als ich und Bauer ihr dazu zugeredet hatten. Bald darauf kamen wieder 2 Mädchen und da wir über genügend Betten verfügten (was leider in meiner eigenen Wirtschaft nicht der Fall ist) so wurden auch sie behalten. Die Mädchen schliefen in einer Kammer zusammen. Sämtliche arbeiteten in der Spinnerei. Da aber verbreiteten sich seltsame Gerüchte über die letzten beiden Aftermieterinnen. Sie waren beide aus Bräunigswalde und hatten zuletzt in Ronneburg gearbeitet. Die eine derselben, die ältere, war vorher in Ronneburg verheiratet gewesen; sie sollte ein sogenannter Zwitter sein. Ich verstand das damals nicht, und war entsetzt. Heute ist es mir klar, daß sie der lesbischen Liebe ergeben gewesen, und mit jenem anderen Mädchen, die sehr hübsch aussah, widernatürliche Unzucht trieb. Dabei aß das Weib niemals Mittagsbrot, sondern knabberte immer Süßigkeiten. Verschiedene Male bot sie mir ein Stück an. In den meisten Fällen lehnte ich jedoch ab. Mittlerweile hatte ich mich gewöhnt, dem Hauswirt Donath die Wege zu besorgen, und hatte sein Vertrauen derartig gewonnen, daß ich im Laden schalten und walten konnte, wie ich wollte. Einmal hatte ich Maskenballbillets zu holen. In der Bauerschen Buchhandlung[81] waren sie im Vorverkauf zu haben. Ich wurde dort gefragt, ob ich solche für 80 Pfennige oder 1 Mark haben wollte. Natürlich zog ich die billigsten vor. Jedoch zu Hause angekommen, hatte ich solche nur für Damen. Herrenkarten kosteten 1 Mark. Nun mußte ich den weiten Weg nochmals zurücklegen, dabei hatten wir bis 5 Uhr Schulunterricht gehabt. Auf dem Rückwege betrat ich deshalb, um am Wege zu sparen, das Eis der Sprotte, wodurch ich mindestens 5 Minuten abringen konnte. Plötzlich brach das morsche Eis und ich stand bis an den Leib im Wasser. Nun kniete ich auf die Eisfläche und schon stand ich im Begriffe, das andere Bein nachzuziehen, als ich mitsamt der Eisfläche wieder einbrach. Dadurch wurde ich am ganzen Leibe naß. Ich suchte dann ans Ufer zu gelangen, was auch gelang. Halb steif gefroren langte ich bei der Mutter an und erzählte mein Unglück, das mir dann noch eine vierwöchentliche Krankheit einbrachte. Denn anstatt mich sofort umzuziehen, mußte ich noch verschiedenes Andere besorgen. Eines Abends lag ich auf dem Sofa und schlief, als ich plötzlich von meiner Mutter geweckt wurde. »Willi, ob Du nicht mit der Frau schlafen willst, sie kann nicht gut allein schlafen?!« Ich wunderte mich, daß mich meine Mutter nicht besser kannte. Ich, der ich überhaupt mit Mädchen keinen »Sums« machte, sollte mit dieser fremden Frau schlafen, die noch gar niemand kannte. Es war das am zweiten Tage, nachdem sie bei uns eingezogen war. Ich war erstaunt über diese unerhörte Zumutung, die sich so ganz harmlos anhörte. Später habe ich es mir genau überlegt. Wer weiß, was das Weib mit mir gemacht hätte? Denn eines Tages besuchte uns ihr früherer Mann aus Ronneburg und da erkundigte sich die Mutter nach ihr. Der meinte nun, sie sei ein Weib wie jede andere, aber mannestoll und könnte einen kräftigen Mann in ein bis zwei Jahren zu Grunde richten. Da ihr der Mann nicht genüge, so halte sie sich noch an Mädchen. Ihre Gefährtin war übrigens eine hübsche Brünette, die sie Sonntags vor dem Mittag nie aus dem Bette ließ. Sie wurde eines Tages auch mit dem Weibe uneinig, weil sie sich mit einem Burschen eingelassen hatte. Ihre Liebhaberin reiste deshalb[82] in eifersüchtiger Wut sofort ab. Nach etwa 14 Tagen stand sie aber eines Abends mit einem großen Hunde wieder vor der Haustüre. Ich hörte sie sagen: »Das Mensch steche ich tot, wenn sie sich den Kerl nicht vom Halse schafft.« Mich ekelt es heute noch, wenn ich an das alles denke. Wäre meine Mutter nicht auf jeden Pfennig angewiesen gewesen oder hätte sie sonst arbeiten können, so hätten wir uns nicht mit derartigen verabscheuungswürdigem Gesindel herumzuschlagen brauchen. Zwei Jahre später ist das Weib an der Syphilis gestorben, wie ich in Ronneburg erfahren habe. Als diese Mädchen aus dem Hause waren, zog ein Liebespaar ein, eine ehemalige Bauernmagd mit ihrem zukünftigen Mann, der bis dahin ebenfalls auf dem Dorfe als Knecht gearbeitet hatte. Beide gingen in die Spinnerei und bewohnten die von dem Pantoffelmacher Hennig, der inzwischen geheiratet hatte, innegehabte Kammer. Es waren harmlose Leute, die ich gut leiden konnte. Ich unterhielt mich fast jeden Abend mit ihnen. Immer aber war es gut, daß wir den Bauer Paul bei uns hatten. Er tat manche Arbeit und erheiterte uns mit seinem Humor. Zu Weihnachtszeiten nagelte er für die kleinen Schwestern eine Puppenstube und Puppenmöbel zusammen; stellte Modellierbogen auf, schnitt Laubsägearbeiten aus und bastelte sonst noch manches zusammen, was sonst unterblieben wäre. Ich für meine Person hatte im Gegensatz zu meinem Vater niemals Lust zu solchen Sachen. Mein Liebstes waren meine Bücher. Ein schönes Gedicht, so recht lebhaft vor mich her zu deklamieren, historische oder geographische Bücher zu lesen, das war mein Element. Zu diesem Zweck habe ich gar manches Buch von Dietzmanns Ernst bekommen, der mir trotz meines Unglückes treu blieb und mich fast alle Wochen einmal besuchte, denn zu ihm zu kommen gab es für mich keine Zeit mehr; das Blättern im Orbis pictus und sonstigen Büchern, das Spielen am Trapez und anderes im Diakonat war für mich nur noch eine Erinnerung an vergangene glückliche Zeiten. Immerhin war ich durch meine Aufwartung bei Kaufmann Donath nicht so angehängt und es blieb mir mehr Zeit zur Erledigung meiner Schulausgaben übrig, als bei allen früheren Beschäftigungen.[83] Inzwischen war ich in die 1. Mittelschulklasse eingetreten. Das letzte Schuljahr war angebrochen. Nur 14 Schüler waren wir. Ich saß jetzt als zehnter. Dietzmann mußte den letzten machen. Erster war Getreidehändler Kramers Sohn, zweiter Superintendent Wolfs Ältester. Die Väter aller dieser Kinder waren 2 Geistliche, 2 Getreidehändler, 1 Gastwirt, 1 Agent, 1 Sträfling (der meinige), 1 Gutsbesitzer, 1 Hutmacher und 4 Knopffabrikanten. Ein Schüler hatte keinen Vater mehr. Vielfach hatten wir Unterricht zusammen mit den Präparanden. An die Mittelschule schloß sich nämlich eine Präparanden- oder Vorbereitungsanstalt für das Lehrerseminar in Altenburg an. Die Schüler derselben rekrutierten sich in der Hauptsache aus Bauernsöhnen des altenburgischen Ost- und Westkreises, die nach 2jährigem Besuch in das Seminar zu Altenburg eintraten. In Latein, Französisch, Zeichnen, Geschichte, Geometrie, Geographie, Naturgeschichte, Singen und Chemie wurden wir separat unterrichtet, in den übrigen Fächern, Deutsch, Rechnen, Religion gemeinsam. Wie ich schon erwähnt habe, waren meine Lieblingsfächer Geschichte und Geographie. Da holte ich mir stets die erste Zensur. Wollte Herr Deich einmal in der Geschichte weitergehen, so wurde ich zur Rekapitulation des Gelernten aufgerufen. Dann war das schnell erledigt. Im übrigen frug er mich manchmal 2 Monate lang nicht. Er wußte schon, daß ich alles konnte. Jedes Schlachtendatum vom Altertum bis in die Neuzeit, die Regierungszeit eines jeden Kaisers oder Königs, ganz gleich ob es römische, deutsche, österreichische, französische oder englische waren, kannte ich. Am liebsten hörte ich Geschichte über Napoleon I. Herr Deich nannte ihn stets Napoleon den Großen. Diesen hatte ich mir als Lieblingshelden erkoren. Wie unpatriotisch von mir? Und mein Lieblingsdichter war und ist heute noch Heinrich Heine. Wie sündhaft das? Dem Geographieunterricht war ich ebenfalls mit Lust und Liebe ergeben. Da gibt es keinen Staat, kein Land auf der Welt, von dem ich nicht die Hauptstadt und in den meisten Fällen auch den Hauptfluß und das Gebirge kenne. Unzählige Reiseschilderungen sind von mir nicht gelesen, nein verschlungen worden. In jedem[84] Falle zeichne ich Ihnen die geographische Lage und den Grenzenumriß eines jeden Staates, liege derselbe in Europa, Asien, Amerika oder Afrika, sofort aus freier Hand nieder. Manchmal in dieser Klasse fragte mich auch der Lehrer, unser alter Patuschka, am Morgen: »Hast Du gegessen? Bei Euch ist doch Schmalhans Küchenmeister jetzt. Hier hast Du 5 Pfennige, kaufe Dir ein Brötchen bei Bäcker Heinitz.« Ich mußte dann sofort gehen und das Brötchen essen, bevor ich am Unterricht teilnehmen durfte. Ich schämte mich zwar vor meinen Mitschülern; denn Dietzmann gab mir täglich seine Frühstückssemmel, aber gegen den Lehrer durfte ich keinen Widerspruch wagen. Auch den Religionsunterricht hielt der »Alte« ab. Er war sehr fromm und wehe dem, den er am Sonntag nicht in der Kirche gesehen hatte. Er gab uns riesige Aufsätze über die Themen »Kirchgang«, »Wie bringe ich den Sonntag zu« usw. auf, wenn einer die Kirche geschwänzt hatte. Ich ging meist mit Dietzmanns Ernst und wir lasen dann immer oben in der dritten Empore allerhand Geschichten. Zschokkes »Walpurgisnacht« habe ich vollständig in der Kirche gelesen. Freilich, während der Predigt durfte man es nicht riskieren. Denn der »Alte« fragte am andern Tage über den Inhalt der Predigt jeden etwas. Amazon.de Widgets Überhaupt muß ich sagen, daß man bei Patuschka etwas lernen konnte. Er trichterte seine Sachen ordentlich ein. Niemals ging er weiter, bevor nicht das Besprochene saß. Wenn z. B. in der Anthropologie der Schüler noch nicht genau wußte, daß der menschliche Körper aus Stickstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Calcium, Schwefel, Phosphor, Kalium, Natrium, Chlor, Eisen, Fluor, Magnesium und Silicium bestand, bekam er noch nicht zu hören, daß diese Elemente Wasser, Eiweiß, Fett, Leim, Kalk, Kochsalz, Kali und Natron bildeten. Auch seine Lehrweise war drastisch und gut zu behalten. So gab er einmal beim Bruchrechnen folgenden Nachtwächterspruch als Exempel auf: »Hören Sie, Herr Schulze, und lassen Sie sich sagen ? die Glocke hat ? sie hat geschlagen, wenn Ihr die Zahl zur Hälften brecht, das Drittel und das Viertel recht dazu addiert, habt Ihr Gewinn? ? Es steckt das Ganze und soviel[85] drinn, als laut mein unverdrossener Mund verkündigen wird zur nächsten Stund!« Obwohl ich den Spruch nie wieder hörte, habe ich ihn Wort für Wort behalten. Ich nahm als Zahl 12 an, brach die Hälfte 6, zählte 3 und 4 dazu ? macht 13. Das ganze 12 steckt darin und 1. Also verkündigte der Wächter die erste Stunde. Ich hatte die Aufgabe als erster gelöst und wurde vom »Alten« dafür gelobt. Auch die Geometrie- und Physikstunden hatte ich gern, und der Lehrsatz des Pythagoras: »Das Hypetonusenquadrat ist gleich den beiden Kathedenquadraten« ist neben vielen andren unvertilgbar im Gedächtnis haften geblieben. Mit dem Latein kam ich auch ganz gut fort. Schade, daß wir nur Sexta und Quinta gelernt haben. Hingegen machte ich mir gar nichts aus der französischen Grammatik. Französische Lektüre gefiel mir wieder. Wir haben da z. B. im letzten Jahre außer vielen kleineren Aufsätzen »Die Eroberung von Jerusalem«, »Die wilden Elefanten« (Les Eléphants sauvages), »Die persischen Briefe« von Montesquieu, Paul Louis Couviers »Schreckliche Geschichte in seinem kalabrischen Nachtquartier« und Scribes Lustspiel »Le Diplomat« übersetzt. Im letzten Winter hatten wir außerdem in Mineralogie, Geologie und Geognosie einige Stunden. Haben aber da nur die hauptsächlichen Steine und die verschiedenen Zeitalter der Erde kurz besprochen, wobei mich hauptsächlich die Juraperiode mit ihren riesigen Eidechsenarten interessierte, die nach Aussagen des Lehrers sämtlich in versteinertem Zustande im Kloster Banz bei Bamberg zu sehen seien. Man hat diese Exemplare auf dem fränkischen Juragebiete ausgegraben. Vor 10 Millionen Jahren soll demnach in hiesiger Gegend die Steinkohlenformation, vor 5 Millionen Jahren das Jurameer und vor 1 Million Jahren die Braunkohlenformation vorherrschend gewesen sein. In der Nähe der Stadt Schmölln sollte aus dem Mittelalter der Erde die Juragruppe, Rotliegendes, Bunter Sandstein und aus der Neuzeit Diluvium und Aluvium vertreten sein. So kam dann langsam das Ende der Schulzeit heran. Schon nach Weihnachten, als der Konfirmandenunterricht begann, den die[86] Geistlichkeit erteilte, wurde der erste Schritt zur Schulentlassung getan. Bis dahin hatte ich mir auch noch eingebildet, daß ich einige Stipendien erhalten würde und studieren könnte, da ich schon in den letzten Jahren unentgeltlich die Mittelschule besuchte. Allein eines Tages ließ mich der »Alte« ins Direktionszimmer kommen und sagte zu mir: »Bromme, mache Dir keine Illusionen. Es wird nichts daraus. Dein Vater ist Sozialdemokrat. Aber merke Dir: Der Sohn soll nicht in die Sünden der Väter fallen!« Es war also aus mit den Luftschlössern. Am letzten Sylvesterabend hatte mir eine geschiedene Frau, die mit in unserem Hause wohnte und als Wahrsagerin bekannt war, aus einem in ein Glas Wasser zerschlagenen Ei prophezeit, daß ich nicht den Beruf ergreifen würde, dem ich anzugehören wünschte. Ich würde aber später trotzalledem noch ein tüchtiger und wohlsituierter Mann werden. Bis heute habe ich aber von jenem Wohlstand noch nicht einmal eine leise Andeutung bekommen. An jenem Sylvester des Jahres 1886 wurde überhaupt viel Übernatürliches zusammengekohlt. Da erzählte z. B. der Bauer Paul: »Wenn man einen sogenannten Wechseltaler haben will, muß man zu Sylvester Nachts 12 Uhr an die Kirchtüre gehen und dreimal anklopfen. In der Hand hält man einen Sack mit einer schwarzen Katze. Der Sack muß mit einem Bindfaden sovielmal zusammengeknotet sein, wie nur irgend möglich; denn man muß schon längst über alle Berge sein, wenn der Teufel die Knoten gelöst hat. Je einen Knoten öffnet er immer, indem er den Arm einmal auf und niederbewegt. Also: nachdem man dreimal an die Kirchentüre gepocht hat, öffnet sich diese und ein Mann, der Teufel, tritt heraus. Er fragt nach dem Wunsche, und man sagt: Ich will einen Wechseltaler für den im Sacke befindlichen Hafen. Der Mann gibt dir den Taler und du ihm den Sack. Nun mußt du aber so schnell ausreißen als du kannst. Je mehr Knoten du beim Zuschnüren des Sackes gemacht hast, desto mehr Vorsprung erhältst du. Bist du glücklich entkommen und der Taler ist in deinem Besitz, so mußt du darauf achten, daß du ihn nur bei Einkäufen bis zu 2,99 Mark verwendest. Am besten bist du daran, wenn du nur kleine Einkäufe mit ihm eintauschst; denn[87] du bekommst da überall auf den Taler das Geld ausgezahlt und wenn du dich entfernt hast, so befindet er sich trotz allen Ausgebens immer wieder unter deinem Gelde.« Ich hatte zwar sehr große Luft, solch einen Wechseltaler zu erhalten. Aber ich bin nie an der Kirchentüre gewesen und Bauer ist wohl auch nicht hingekommen. Im März dieses selben Jahres erhielten wir plötzlich eine Freudenbotschaft. Mein Vater würde noch im Laufe des Monats entlassen werden, weil er sich sehr gut geführt habe; es werde ihm seitens der Anstalt das letzte halbe Jahr geschenkt werden. Die Korrespondenz mit ihm hatte ich während seiner ganzen 2jährigen Abwesenheit allein besorgt. Nachdem ich ihm zuletzt noch eine Arbeitsbescheinigung geschickt hatte, aus der hervorging, daß er sofort Beschäftigung erhielt, wurde die Entlassung perfekt. An einem Märzabend begab ich mich mit meinem Bruder nach dem Bahnhof. Wir stellten uns in der Nähe des Perrons, und nachdem der Zug eingefahren, war der Moment des Wiedersehens gekommen. Der Vater sah fast unverändert aus und hatte für uns einen Korbstuhl mitgebracht. Im Tunnel, der unter dem Bahnhof wegführte, küßte er uns und wir waren glücklich, daß uns unser Vater wiedergegeben war. Unsere Logisleute hatten sich aus Pietätsgefühl sämtlich entfernt, aber dem Wiedersehen mit meiner Mutter konnte selbst ich nicht beiwohnen. Ich ging hinaus. Mein kleines Schwesterchen aber staunte den für sie ganz fremden Mann an. Nach etwa einer Stunde war die ganze Familie, einschließlich der Kostgänger, versammelt und am zweiten Abend nach der Rückkehr erzählte mein Vater seine Erlebnisse im Gefängnis. Ostern rückte nun immer näher heran und Ende März fanden die Schulexamen statt. Für mich die letzte Prüfung meiner Kenntnisse. Während des Examens schnitt ich in meinen Antworten gut ab. Am Schlusse kam der Superintendent Wolf auf mich zu und gab mir ein Fünfmarkstück. Im Jahre vorher hatte er mir einen Anzug aus einer Wohltätigkeitskasse verschafft. Am Sonntag nach der Schulprüfung fand dann noch das Kirchenexamen von uns Konfirmanden statt, und an Palmarum die Konfirmation selbst. Von einer Patin hatte ich 10 Mark als Geschenk erhalten. Die[88] Tante Böttger aber schickte 2 alte, auf der Auktion erstandene Gehrockanzüge und 2 runde Hüte, einen schwarzen und einen grauen. Aus den Anzügen sollte mir mein Vater den Konfirmationsanzug zurecht schneidern. Er löste denn auch seine Aufgabe in höchst befriedigender Weise. Ein paar Roßlederstiefeletten, die ebenfalls die Tante spendiert hatte, und ein wenig weiße Wäsche vervollständigten meine Konfirmationsausrüstung. Nach der Konfirmationsfeier war ich mit einer Anzahl anderen Kameraden zum Mittagsessen bei Bäcker Vierheld eingeladen. Das ist noch eine alte Schmöllner Sitte, daß zu Palmarum von den Geschäftsleuten die eben Konfirmierten, Kinder ihrer Kunden, zum Mittagsessen eingeladen werden. Es gibt Rinderbraten und Klöße. Mir schmeckte es ganz vortrefflich. Nachmittags fand noch ein Ausflug nach Zschamitz statt, den ich mit 30 Pfennigen in der Tasche mitmachte. Und abends war Familienabend im »Deutschen Kaiser«. Mit alledem aber war nun die große Lebensfrage an mich herangetreten: Was soll ich werden? Im »Leipziger Tageblatt« wurden verschiedene Lehrlinge gesucht. Eine Buchhandlung mit Antiquariat in der Halleschenstraße suchte einen Lehrling. Ich schickte meine Sachen ein, erhielt aber zur Antwort, daß ihr Lehrling auch Griechisch verstehen müsse. Die Vereins-Buchhandlung von H. G. Wallmann in der Roßstraße suchte ebenfalls einen solchen. Für Bücher hatte ich von jeher geschwärmt und so hätte ich auch am liebsten in einer Buchhandlung gelernt. Von Herrn Wallmann wurden wir auch zur Vorstellung gebeten. Um 11 Uhr wäre er im Geschäft zu treffen. Wir beschlossen daher, am Charfreitag in Gemeinschaft mit meinem Vater nach Leipzig zu reisen und hofften, die Angelegenheit würde in befriedigender Weise für mich beigelegt werden. Guten Mutes reiste ich denn auch mit dem ersten Zuge mit meinem Vater ab. Um 8 Uhr waren wir schon in Leipzig und hatten deshalb noch 3 Stunden Zeit. In der Roßstraße lag neben der Vereinsbuchhandlung ein Lehrlingsheim. Wir sprachen dort vor und ich hätte daselbst wohnen, sogar vielleicht eine Freistelle erhalten können, wenn die Sache klappen würde. Gegen 3/4 11 Uhr begaben wir uns endlich an Ort und Stelle. Mit Herzklopfen[89] sah ich dem Kommenden entgegen. Nachdem wir angemeldet waren, ließ Herr Wallmann uns zu sich bitten. Ein in den dreißiger Jahren stehender, sehr elegant gekleideter Mann, mit kurzem dunklen Vollbart und schwarzem oder goldenem Kneifer auf der Nase stand vor uns. Seine Prüfung meiner Person schien auch günstig für mich ausgefallen. Dann fragte er meinen Vater nach den Mitteln. Als er hörte, daß wir vermögenslos waren, schien ihm die Sache plötzlich ganz aussichtslos zu sein, nach seinem Mienenspiele zu schließen. Und richtig, mit einem Achselzucken entgegnete er: »Da würde ich aber leider faktisch nicht dazu raten können Geben Sie Ihren Sohn dann in ein Bankgeschäft als Schreiber. Vielleicht kann ich ihn später einmal als Schreiber beschäftigen.« Mir drohten die Sinne zu schwinden. Mein Lieblingswunsch war zu Wasser geworden. Mit betrübten Herzen fuhren wir nach Hause. Ich ging nun die Knopffabriken durch, um eine Lehrstelle als Kaufmann zu erhalten Überall wies man mich ab. Nur ein Knopfkommissionär hatte sich schließlich bereit erklärt, mich als Lehrling zu nehmen, zog aber sein Wort auch wieder zurück. Man wollte den Sohn eines Sozialdemokraten nirgends einstellen. Was aber nun? Mein Vater hatte eine Arbeitsstelle als Nußausleser in der Schreckschen Knopffabrik erhalten; da verdiente er 5 Mark pro Woche. Später durfte er Nüsse an der Kreissäge schneiden und ausbohren. Bei dieser Arbeit brachte er es auf 12 und 13 Mark. Bei diesem Lohne mich ein Handwerk lernen zu lassen, war auch undenkbar. Ich mußte also sofort selbst verdienen. Und was blieb mir da übrig? Weiter gar nichts, als Fabrikarbeit anzunehmen! In der Zeitung suchte die Firma Bechler, Schramm und Co. einige »Aufleger«. Das ist eine Beschäftigung, die meist von Mädchen und Frauen ausgeübt wird. Man hat da weiter nichts zu tun, als den ganzen Tag ungefärbte Knöpfe auf mit Sägespänen bestreute Bretter zu legen, die dann vom »Melierer« und »Spritzer« mit Farbe besprengt werden. Ich begab mich zu Herrn Schramm in die Wohnung und fragte nach solcher Stelle. Gegen einen Wochenlohn von 4,50 Mark wurde ich eingestellt.[90] 
 In Ronneburg, den neuen Heimat  [168] Mit unserer Wohnung konnten wir zufrieden sein. Eine herrliche Aussicht bis auf den Ronneburger Forst und die dahinter gelegene Reußer Windmühle, die allerdings jetzt durch die Bismarcksäule ersetzt ist, bot sich von den Fenstern aus. Nur einen Fehler gab es, der sehr unangenehm war ? ungezählte Wanzen. In Leipzig in Bauers Brauerei hatte ich auch Schwaben kennen gelernt; aber Wanzen sind doch viel ekliger. Am besten ist, man weiß von beiden nichts. Unsere Wohnung bestand aus zwei Stuben und 2 kleinen Kammern mit abgeschlossenem Korridor. Sie war also für 40 Taler Miete verhältnismäßig billig. Ich hatte die eine kleine nach dem engen Hofe zu gelegene Kammer inne, die ich mir mit allen Arten von Makulaturbildern ausgeschlagen und so freundlich als möglich ausgestaltet hatte. An den Sonntagen besuchte ich wieder an den Abenden die Jünglingsvereinsversammlungen, die dicht neben unserer Wohnung vom Diakonus Klein abgehalten wurden, während ich tagsüber entweder im Forste oder im »Bornholz«, so wird der an das Bad angrenzende Kurpark im Volksmunde genannt, spazieren ging. Ich hatte zunächst nur wenig Bekanntschaft, und ich kann nicht sagen, daß ich mich deshalb unglücklich gefühlt habe. In den Abendstunden las ich meist Bücher. Wir hatten uns auch wieder einen Quartierburschen angenommen, einen Fabrikweber Kühn aus Pausa i. V. Er las freilich einen Schundroman, den »Athanasios, den Fürsten der Berge«. Damals war der Überfall jenes türkischen Räubers bei »Tscherkeskio« erfolgt und wenige Wochen später war schon der »Roman« erschienen. Ich las in jenen Tagen die Lebensbeschreibung[168] des englischen Generals Gordon und die Kriegsgeschichte von 1870. Manchmal unterhielt ich mich auch mit dem Diakonus Klein in dessen Wohnung. Es war ein sehr jovialer und menschenfreundlicher Mann. Er freute sich über die Frömmigkeit meiner Mutter, und bot alles mögliche auf, auch mich fest und fester an den evangelischen Jünglingsverein zu ketten. So war ich eines Sonntags mit zu einem Missionsfest nach Großenstein gekommen, an dem ein aus Ostindien zurückgekhrter Tamulenmissionar seine Erlebnisse zum Besten gab. Er hatte, wenn ich nicht irre, in vier Jahren mehr als ein Dutzend zu Christen gemacht. Ich erwähne das, weil ich viele Jahre später in Partei- oder Gewerkschaftsversammlungen diesen Missionar oft als Beispiel zitierte und die Kollegen aufforderte, daß jeder in einem Jahre 3 Mitglieder für den Verband gewinnen solle. Auf jenem Missionstage war auch einer meiner Chefs mit zur Stelle, der Kaufmann Schettler. »Aber das freut mich, daß Sie auch hier sind,« sagte er zu mir, indem er mir kräftig die Hand schüttelte. Ohne daß ich's beabsichtigt hatte, wurde mir das bald darauf von einem gewissen Vorteil. Unsere Holzschuh- und Pantoffelfabrik führte die Firma: Thomas und Comp. und hatte drei Teilhaber: den erwähnten Kaufmann Schettler, den früheren alleinigen Inhaber Julius Thomas und den Zimmermeister Trömmel. Es wurden aber nicht nur Holzschuhe und Pantoffeln, sondern auch Waschbretter, Kleiderbügel, Bienenhäuser und vor allen Dingen Ratten- und Mäusefallen fabriziert. Deshalb heißt diese Fabrik heute noch die »Mausefalle« und wird so wohl auch in alle Ewigkeit heißen. Von dem eigentlichen Pantoffelgeschäft verstanden die Chefs damals wohl noch so viel wie nichts. Da war nun Wilhelm Tismer als Werkmeister Hans Dampf in allen Gassen. Er stolperte mit seinem lahmen Bein die Treppen hinauf zur Zuschneiderei, Stepperei oder zum Nagelsaal, um in der andern Minute auch schon wieder im Parterre zu sein, wo die Dampfhölzerschneiderei mit Horizontalgatter, 2 Bandsägen, der Fräs- und Schleifmaschine eingerichtet war. Die Lederlieferanten aus Weida und Neustadt donnerte er an, als ob er selbst Chef wäre. Zu einem Weidaer Herrn,[169] der recht schlecht gegerbtes Kipsleder geliefert hatte, das man ruhig im warmen Wasser liegen lassen konnte und es dennoch nicht weich brachte, sagte er gleich in Gegenwart von uns Arbeitern: »Sie packen wohl Ihre Häute gleich beim Schinder in und schicken sie uns her?« Ich sehe den Mann noch heute zusammenzucken. Aber ebensowenig scherte er sich auch um die Chefs selbst und machte sich bei diesen immer unbeliebter. Eines Tages war er von dem an den Schleifscheiben beschäftigten Arbeiter herbeigeholt worden, der ihm zeigte, wie der Antriebriemen oben an der Deckenkleidung anschliff, wodurch der Riemen bald durchgescheuert sein könnte. Die Schleiferei lag neben der Schneidemühle und empfing den Antrieb von einer Scheibe, die über dem Pappendach der Schleiferei angebracht und durch einen Kasten verdeckt war. In diesen Kasten war nun daraufhin Tismer gestiegen, obgleich das Werk im Betrieb war und zeigte von dort aus dem unten im Schleifraum stehenden Arbeiter, wo und was er mit der Baumsäge von der Deckenverkleidung absägen sollte, damit der Riemen nicht mehr scheuerte. Während dieser Anweisung war jedoch Tismer der Transmission zu nahe gekommen, und der Keil, mit dem die Riemenscheibe an dieser befestigt war, ergriff seine Bluse und wickelte diese sofort ganz zusammen. Als Tismer die Gefahr, in der er schwebte, erkannt, stemmte er sich mit aller Kraft gegen die Kastenwand und hielt sich so von der Transmission ab. Wer die Verhältnisse kannte, hielt es einfach für unmöglich, daß dieser am Bein verkrüppelte Mann eine so riesige Körperkraft hatte. Er war mit einer neuen Hamburger Lederhose, mit einem neuen Leinenhemd und mit einer neuen festen Bluse bekleidet, und alles dieses feste Zeug hat er sich durch den Keil vom Leibe wickeln und reißen lassen, ohne selbst nachzugeben. Allerdings waren auch die unter den Armen gewachsenen Haare mitsamt der Haut abgerissen worden. Splitternackt kam Tismer schließlich oben zum Kasten heraus. »'N paar Hosen, 'n paar Hosen!« war das einzige, was er her-ausbrachte. Die eben im Hofe befindlichen Töchter des Herrn Thomas sprangen entsetzt ins Haus. Frau Thomas schickte ein paar abgelegte Hosen ihres Mannes hinüber. Auf dem Dache zog[170] er die Unaussprechlichen an und humpelte dann die Leiter herunter. Im Nagelraum, oben bei uns, kühlte er darauf mit in Karbolwasser getränkter Watte die offenen Stellen unter seinen Armen, wo Haut und Haare fehlten. Dabei schleppte er sich hin und her und sang dazu: »O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter.« Man sollte ihm den Schmerz nicht anmerken. Nach etwa 3 Wochen war er wieder hergestellt. Danach verlangte er von den Herren Ersatz für den ihm verursachten Schaden. Da ließen ihn die Herren rufen, zahlten ihm 25 Mark für den Schaden und 54 Mark als 14tägigen Lohn und entließen ihn sofort. Noch am selben Abend wurde der Modellzeichner und Anreißer Karl Michaelis als Werkmeister angestellt. Und an seine Stelle wurde nun meine Wenigkeit bestimmt. Ich mußte also die gemütliche oder doch nie langweilige Nagelarbeit aufgeben und wurde hinfort in der Hölzerschneiderei beschäftigt. Im Anfange freilich noch gegen den alten Wochenlohn von nur 9 Mark. Einige Wochen später verlangte ich aber mehr und erhielt von da an 11 Mark wöchentlich. Das Anreißen war mir bald in Fleisch und Blut übergegangen und ich mußte nach einem halben Jahre schon mit Fräsen und Aushohlen eine sehr gefährliche Maschinenarbeit verrichten. Bisher hatte das Friedrich Weise, der ehemalige Weber gemacht, mit dem ich im Anfange zusammen logiert hatte. Außerdem hatten wir beide noch Pfosten abzukürzen; und auch das ist eine ziemlich schwere Arbeit. Wir mußten da die schweren Erlen- und Buchenpfosten, je nachdem wir sie in der Stärke brauchten, auf dem Holzplatze aussuchen, auf den Hof fahren und dann an der großen Kreissäge in kurze Stücke schneiden, je wieder nach der Länge der fertigzustellenden Schuh- oder Pantoffelhölzer. Als nach etwa einem Jahre Weise abging, mußte ich das alles sogar allein tun, ohne mehr zu erhalten. Das Anreißen selbst ist zwar nicht gerade schwere Arbeit (wenn man das Zufahren der abgekürzten Pfosten nicht in Betracht zieht), muß aber dafür äußerst schnell gehen und bedarf einer gewissen Intelligenz. So darf z. B. der »Kern« des Stammes niemals an der Sohle eines Holzes sein, weil er dort gewöhnlich reißt oder das Holz leicht zum Brechen[171] bringt, auch faule Äste müssen wegfallen, oder doch wenigstens an die Trittflächen des Holzes kommen, denn dann wird es wenigstens noch ein gefütterter Pantoffel, weil der darüber zu klebende Filz die Aste verdeckt; kurz, ein solcher Arbeiter kann seinen Arbeitgeber jährlich, ohne daß er es will, um hunderte von Mark schädigen, wenn er das Holz nicht auszunutzen versteht. Das Abfallholz wird zwar als Heizmaterial verkauft, aber da kostet der Korb voll 45 Pfennige, es ist zwar auch noch Geld genug, aber wenn fertige Pantoffelhölzer daraus werden können, ist der Nutzen doch größer. Ich kann mich nun rühmen, daß ich das Holz bis aufs äußerste auszunutzen verstand. Das müssen mir meine Mitarbeiter von damals alle zugeben und das haben auch die Chefs gewußt. Der Bandsägenschneider Kranzritter wird kaum wieder einen solchen »Anreißer« gefunden haben als mich. Gleichwohl hat er sich gegen mich nicht als guter Mensch erwiesen. Er hatte Mucken und betrug sich als alter verheirateter Mann mir gegenüber manchmal dümmer als ein 14jähriger Junge und schlimmer als ein altes Waschweib. »Grob und dumm, wie die Bauern sind,« habe ich ihm da manches Mal gesagt. Er spuckte und schneuzte z. B. stets auf seine neben der Säge liegenden Holzabfälle. Wie oft habe ich mich ihm gegenüber deshalb beschwert! Denn ich mußte diese Holzabfälle in einem Karren auf den im Hofe liegenden Feuerholzhaufen fahren. Wenn ich dann die Hölzer mit der Hand in die Karre warf und ich griff dann in so einen Auswurfballen hinein, so ekelte ich mich derartig, daß es mir danach noch beim Essen schlecht wurde, so oft ich daran dachte Und niemals änderte sich das, trotz aller Vorhaltungen, die ich ihm in guten und bösen Worten gemacht habe, deshalb soll es auch hier niedergeschrieben sein. Wie ekelhaft, gemein und vor allem wie gesundheitsgefährlich eine derartige Schweinerei ist, war sich dieser indifferent ländliche Arbeiter gar nicht einmal bewußt. Er wollte mich einfach ärgern, und außerdem paßte es ihm so, da brauchte er sich nicht erst umzudrehen, er konnte so geradeaus spucken. Aber auch sonst nahm er keinerlei Rücksicht auf mich. Wenn ich da solche Abfälle wegräumte, so warf er immer neue von seiner Bandsäge herunter. Ganz gleich, ob die[172] mir auf Hand oder Kopf fielen und dadurch die Sägespähne in den Nacken rutschten. Einmal warf er ein ganzes großes Stück herunter und traf mich mit aller Wucht an das linke Schienbein. Es bildete sich an der Stelle ein Grind, der nie abfiel. Fast ein Jahr später stieß ich mich an derselben Stelle auf dem Trömelschen Zimmerplatze, auf den ich damals gerade abkommandiert war, an einen eichenen Pfosten. Das schmerzte ungeheuer und verursachte nach einigen Tagen ein heftiges Kribbeln. Ich hielt es nicht mehr aus. Als ich zum Arzt kam, hob der mittels einer Lanzette den Grind ab und drückte eine braune Brühe heraus. Er meinte, es sei die höchste Zeit gewesen, daß ich zu ihm gekommen sei, die Sache sei doch schon alt. Und es wäre Knochenfraß geworden, wenn ich noch länger gezaudert hätte. Ich mußte dann noch ein volles Vierteljahr lang Tag für Tag zu diesem Arzt. Er brannte die Wunde täglich mit Höllenstein aus. Ich habe auf der Stelle heute noch eine Narbe und einen großen schwarzbraunen Fleck in der Haut. Während es mir anfangs im neuen Wohnort an Bekannten gemangelt hatte, sollte ich deren bald mehr als zu viel besitzen. Meine Kollegen Michaelis und Weise hatten mich schon mehrere Male aufgefordert, Mitglied im »Allgemeinen Turnverein« zu werden. Ich hatte immer gezögert, als sie aber erzählten, daß ein Theaterabend stattfinden würde, für den Michaelis die Regie übertragen war und an dem ich als Souffleur mitwirken müsse, meldete ich mich an einem Sonnabend Mitte November an. Was wir während der Proben verzehrten, wurde vom »Fürstenkellerwirt« angekreidet und später vom Verein bezahlt. Zur Aufführung gelangten die Einakter »Schneider Fips«, »Ein Fuchs im Taubenschlag« und »Wie man sich irren kann«, sämtlich aus dem Theaterverlag Bloch-Berlin. Es wären nun vielleicht weit weniger Proben nötig gewesen, wenn nicht ein Umstand hinzugekommen wäre, der uns in die größte Verlegenheit brachte. Es hatten 4 Damen mitzuwirken und nur 2 blieben uns treu, während wir die andern beiden dreimal wechseln mußten. Selbstverständlich gab es dann stets wieder Proben und so waren allmählich 26 Mark zusammengekommen, die der Verein für uns bei dem Wirt zu bezahlen hatte. Was[173] es da für einen Krach in der folgenden Versammlung gab, brauche ich wohl nicht zu erzählen. Da wurde sich darüber aufgehalten, daß fast nach jeder Probe von den männlichen Mitgliedern eine Portion Sülze auf Vereinskosten verzehrt wurde, dann wieder, daß sich Michaelis nach der Generalprobe Gänsefettbemmchen geleistet habe. Er hätte sein Abendbrot doch von zu Hause mitnehmen können usw. Nichtsdestoweniger wurde beschlossen, am 3. Weihnachtstag eine neue Abendunterhaltung zu veranstalten und Michaelis wurde wiederum mit der Regie betraut. Die Proberei ging also trotzdem weiter. In diesem Winter, und zwar zu Neujahr 1892, wechselten wir auch unsere Wohnung der Wanzen wegen. Mein Vater hatte in einem Hause des Baderteichdammes eine Parterrewohnung gemietet. Es war ein großer Fehler gewesen. Die neue Wohnung lag zu ebener Erde und nur sechs Meter davor begann der große Baderteich. Sie war also feucht und dumpfig. Die einzige Stube und die Kammer waren bedeutend niedriger als bei Jurascheck, und mein Kämmerchen war gar ungedielt, das Fenster war direkt über der Düngergrube, so daß ich beim Öffnen desselben ? wie ich schon erwähnte, schlafe ich des Nachts gern bei offenem Fenster ? die übelsten Gerüche einsog. Das Häuschen hatte nur noch ein Stockwerk, das ein Fabriksnachtwächter bewohnte. Dessen Frau war nun eine Xantippe im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht nur, daß sie die Leute schlecht machte und verklatschte, tat sie auch ihnen noch alles mögliche zum Hohn. Wenn z. B. meine kränkliche Mutter waschen wollte, so konnte sie darauf rechnen, daß sie den Waschkessel nicht leer vorfand. Das richtete jene schon so ein, daß sie dann auch waschen wollte. Hatte meine Mutter ihre Wäsche aufgehängt, so vergingen keine 10 Minuten, bis dieselbe mit dem Aschekasten ankam und ihre Asche recht hoch herabfallen ließ, damit soviel als möglich davon von dem Luftzug an unserer Wäsche haften blieb. Dann holte sie sich noch einen Reisigbesen und fing an, den Hof zu kehren. Das letztere ging sie eigentlich gar nichts an, denn sie war gleich uns Mieter. Die alte Hexe verstieg sich sogar soweit, meiner Mutter zuzurufen: »Krank will sie sein: Faul ist sie[174] nur!« Ihr erwachsener unehelicher Sohn unterstützte sie dabei nach Kräften. Auch mich wollte er fassen, und zwar im Turnverein, der mich als Zeugwart gewählt hatte. Aber er flog dort ab; die Vorturner nahmen alle meine Partei. Dieser Sohn war so brutal, daß er eines Mittags seinem alten Stiefvater einige Schneidezähne einschlug, so daß dieser zu uns herunter kam und sein Leid klagte. Mutter und Sohn waren einander wert. Ich selbst fühlte mich schon seit Weihnachten krank. Ich wußte auch den Anlaß: ich hatte mich im Souffleurkasten des kalten Fürstenkellersaales bei den Theaterproben erkältet. Den ganzen Monat Januar hindurch schleppte ich mich noch zur Arbeit. Aber eines Tages im Anfang Februar ging es nicht mehr. Ich hatte nur etwa 350 Meter von der Fabrik nach Hause und dazu ging der Weg auch noch bergab. Aber an dem Tage konnte ich mich nur noch Schritt für Schritt fortbewegen. Bei jedem Atemzug erhielt ich einen Stich in der Brust, so daß ich hatte laut aufschreien mögen, und doch nicht konnte. Aller zwei Schritte mußte ich stehen bleiben, und ich brachte zu dem Heimweg, den ich sonst in 3 Minuten zurücklegte, eine volle Stunde zu. Der Arzt konstatierte Lungenentzündung, und 14 Tage lang mußte ich alle 2 bis 4 Stunden kalte Brustumschläge machen. Im Anfang konnte ich nur Milch und Zitronenwasser genießen, dann aber mußte ich Eier essen und der Arzt verordnete mir auch auf Kosten der Krankenkasse eine Flasche Tarragonawein. Dank der aufopfernden Pflege meiner Mutter war ich in vier Wochen wieder hergestellt. Sie hatte mich zum letzten Male gepflegt. Während meiner Krankheit hatte ich mir das Bett ans Fenster stellen lassen; von da aus betrachtete ich mit Interesse die gesunden Jünglinge und Jungfrauen der besseren Gesellschaft, wie sie sich auf dem festgefrorenen Baderteich durch Eislaufen vergnügten. Aber noch eine andre Augenweide hatte ich in dieser Zeit die Wiedergenesung, während der ich übrigens den großen deutschen Bauernkrieg von Zimmermann und Morgans »Urgesellschaft« las. Unsere »Passionsblumen« blühten nämlich, was nur alle fünf Jahre geschah. Wir besaßen fünf Töpfe davon. Früher in Schmölln kamen, wenn sie blühten, alle Pflanzenfreunde, namentlich[175] Lehrer, gelaufen und betrachteten sich die seltenen Blüten. In Ronneburg war es noch nicht bekannt, sonst hätten wir sicher auch Besuche erhalten. Diese Blumen blühten nachts 12 Uhr auf Die Blütezeit dauerte etwa 4 Wochen. Die Blüten erreichten die Größe einer Untertasse und zeigten weiße Blätter, violett-blaue Staubfäden; der Stengel sollte das Dreieinigkeitszeichen darstellen, Ein herrlicher Geruch strömte aus den Staubfäden, und Morgans Studien über die indianischen Gens konnten mich oft nicht so fesseln, als diese Blumen. Leider sind sie von der Stiefmutter später ins Aschenloch geworfen worden Hätte ich heute nur noch einige dieser groß entwickelten Stöcke. Eines Abends Ende Februar ? ich war schon fast gesund ? kam plötzlich mein Bruder aus Leipzig nach Hause. Ein merkwürdiger Drang, dem er nicht widerstehen konnte, hatte ihn auf dem Wege zur Fortbildungsschule erfaßt, nach Hause zu fahren. Es gibt doch eigentümliche Augenblicke im menschlichen Leben, die trotz aller atheistischen Überzeugungen auf eine höhere Kraft schließen lassen Denn was veranlaßte eigentlich meinen Bruder, nach Hause zu reisen? Er selbst hatte sich das »Warum« nicht erklären können. Am andern Morgen ist er dann wieder zurückgefahren; er war aber doch noch einmal zu Hause gewesen. Er hatte die Mutter noch einmal gesehen, ohne es zu wissen, daß es das letzte Mal gewesen war. Kaum 14 Tage später erhielten wir dann von ihm eine Karte aus Halle mit der Nachricht, daß er auf die Wanderschaft gegangen sei und hier in Halle am Tage nach der Abreise über Nacht bleibe. Diese Nachricht kam uns wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Der Vater tobte, und die Mutter ärgerte sich bitterlich. Am nächsten Tage mußte sie krankheitshalber das Bett aufsuchen. Sie sollte es nur als Leiche wieder verlassen. Freilich, niemand von uns ahnte damals schon, wie schlimm es um sie stand. Sie sah ja noch gerade so aus, wie die langen Jahre vorher. Aber bisher hatte sie nie lange im Bett gelegen. Jetzt kam auch aller 14 Tage ihre Schwester, die Tante Ernestine aus Meuselwitz, einmal zu ihr, meistens, ohne daß ihr Mann davon etwas wußte. Denn der war kein Philanthrop.[176] Nach 14 Tagen erhielten wir einen Brief meines Bruders aus Röbel bei Waren, Mecklenburg-Schwerin. Er schrieb, daß ein Altersgenosse Namens Kunze aus Altenburg, der in einem Nachbarhause in Leipzig in der Sternwartenstraße ebenfalls als Arbeitsbursche beschäftigt gewesen war, ihn veranlaßt habe, mit auf die Walze zu gehen. Sie hätten verschiedene Bücher gelesen und hätten zur See gewollt. Von Halle aus seien sie nach Bitterfeld, Cöthen, Nienburg, Zerbst, Schönebeck, Magdeburg, Burg und Genthin gelaufen. Auf der Herberge der letzteren Stadt sei ihm der Pfandschein auf seine Uhr, die er im Leipziger Leihhause versetzt habe, gestohlen worden. Darüber tobte der Vater nun noch mehr; denn die Uhr stammte von ihm und hatte 28 Mark gekostet. Dann seien sie über Brandenburg, Werder, Potsdam nach Berlin gewandert. Hier sei allen beiden das Geld ausgegangen, und sie hätten die »Palme«, d. h. das Asyl in der Oranienburgerstraße benützen müssen. Dann seien sie auf einen kostenlosen Arbeitsnachweis aufmerksam gemacht worden. Diesen hätten sie benutzt und während Kunze zu einem Fischer nach Wilsnack geschickt wurde, sei mein Bruder in eine Ziegelei nach Röbel am Müritzsee im Mecklenburgischen gewiesen worden. Er habe Kontrakt bis 24. Oktober und erhalte für die ganze Sommerarbeit 60 Mark, sage und schreibe sechzig Mark, und die Kost, aber das Essen sei gut; früh gebe es Suppe und Kaffee, zum Frühstück Brot und Speck, zu Mittag Gemüse und Speck oder Fleisch, Nachmittags Brot und Honig und Abends wieder Speck. Also klagen könne er in dieser Beziehung nicht. Die Arbeit sei allerdings schwer und die Arbeitszeit lang. Im Sommer werde von früh 4 bis Abends 8 Uhr gearbeitet. Er werde mit Steinekarren beschäftigt. Im Übrigen habe er eben gefehlt und leide nun die gerechte Strafe dafür. Er hoffe aber, uns im Winter gesund wiederzusehen. An der Wirkung dieses Briefes merkte ich nun erst den schlimmen Zustand meiner Mutter. »Ach der Junge, nee der Junge!«, jammerte sie den ganzen Tag, und am Abend mußte ich ihm schreiben, daß sie schwer krank sei, er habe ihr schweren Kummer verursacht, ebenso schwer als ich damals durch mein Entlaufen aus der Kellnerstellung. Nun schrieb er wieder und bat[177] um Verzeihung und wir sollten ihm seine Wäsche schicken. Neunzig Pfennige mußte ich auf der Post für das Paket bezahlen. Es sollte dritte oder vierte Zone sein. Einige Tage später aber mußte ich auf Geheiß der Mutter nochmals schreiben, er solle doch nach Hause kommen. Sie wolle ihn noch einmal sehen. Geld könnten wir ihm freilich nicht schicken, weil wir selber keins hatten, aber da sollte er nur soweit fahren, wie sein Geld reiche und die übrige Strecke dann laufen; er solle das nur seinem Herrn sagen und könne nachher wieder zurückkommen. Am nächsten Abend rief sie dann auch mich an ihr Lager und klagte: »Du bekümmerst Dich auch gar nicht mehr um mich, mein Junge!« Aber ich konnte mich nicht bei ihr aufhalten. Mir brach ja das Herz vor Weh! Dabei ging es uns damals auch sonst nicht gut. Der vom Vater verdiente Lohn reichte weder hinten noch vorn. Das Brot kostete 1,10 Mark, nie vorher war es so teuer. Zudem mußte er oft mit Pantoffeln machen, weil nach Weihnachten Holzschuhe nicht mehr gekauft werden. Da war der Lohn dann noch weniger und die Not noch größer. Zwei oder drei Betten hatte ich damals schon nach Altenburg und Gera aufs Leihhaus bringen müssen. Deshalb mußte auch, obgleich die Mutter die gallopierende Schwindsucht hatte, mein kleines siebenjähriges Schwesterchen Elsa mit ihr in einem Bette schlafen. Ich selbst schlief damals auch mit in der Kammer, wo die Eltern lagen, und wurde manchmal Nachts munter. Da sah ich öfter, wie sich mein Vater in seinem Bett aufrichtete und nach der Mutter schaute, ob sie vielleicht seiner bedürfe. Die aber lag meist wach und merkte das sofort. Und mißtrauisch und boshaft, wie oft Schwindsüchtige sind, pflegte sie dann gewöhnlich zu sagen: »Du siehst wohl, ob ich schon tot bin?« Selbstverständlich schnitt das dem Vater ins Herz. Wenn wir in diesen Tagen nicht die Tante Ernestine gehabt hätten, wäre es ganz traurig mit uns bestellt gewesen. Was konnte bei dem tiefen seelischen Schmerz, bei den schlaflosen Nächten mein ohnehin selbst fortwährend kränkelnder Vater in der Fabrik leisten? Der Verdienst betrug oft kaum 7 oder 8 Mark. Da mußte die Tante auch noch mit Geld helfen, und sie hat es ihrer Schwester zur Liebe redlich getan. Ihr Mann durfte freilich davon[178] nichts wissen. Manchmal brachte sie eine Flasche Wein mit, aber die Kranke nahm gar nichts mehr außer der Arznei, Milch und etwas Himbeersaft. So ging es schnell dem Ende entgegen. Der erste Mai 1892 war angebrochen. Ein Sonntag war es wohl, aber kein Maien-, kein Frühlingstag! Es schneite, man mußte draußen knietief im Schnee waten. Die Mutter aber jammerte und stöhnte auf ihrem Lager. Sie war jetzt zum Skelett abgemagert. »Ach der arme Junge. Nun läuft er draußen herum, im Schnee!« Ich glaube, der Gedanke an meinen Bruder hat sie noch einige Stunden länger am Leben erhalten. Gegen Mittag hatte die kleine Elsa noch für einen Groschen Himbeersaft geholt. Sie war aber kaum zur Tür herein, als die Mutter uns alle rief. Wir sollten von ihr Abschied nehmen. Die Gefühle dabei kann ich nicht beschreiben. Und bald danach, mit durch den Schmerz schrecklich entstellten und verzerrten Gesichtszügen, unter drei schrecklich verzerrten Atemzügen hauchte sie ihr Leben aus. 38 Tage hatte sie ihren 50. Geburtstag überlebt. Wir warfen uns über ihr Bett und weinten. Dann eilte ich zum Arzt Dr. Fritsche und meldete diesem den Tod. Ich fragte ihn auch: »Nicht wahr, Herr Doktor, meine Mutter ist an Tuberkulose gestorben?« »Woher wissen Sie das,« rief mich der Arzt da an, »woher kennen Sie diesen Ausdruck?« So eine Frage! Ich war ganz perplex. Ich wußte nicht, was der eigentlich von unsereinem dachte. Vom Arzt eilte ich zu Diakonus Klein und meldete diesem den Tod. »Schade,« sagte er, »daß ich diese Woche nicht im Dienst bin. Ich hatte Ihre Mutter von Herzen gern begraben.« Am Nachmittag kam sein Kollege Bergner und sprach uns Trost zu. Der Todesfall kostete nun Geld, und mein Vater hatte keins. Er borgte sich zwar 50 Mark von seinem Schwager, aber das langte doch nicht. 32 Mark kostete das Begräbnis und 25 oder 30 Mark der Sarg. Die Mädel mußten schwarze Kleider haben. Auch sonst gab es noch eine ganze Anzahl unvorhergesehene Ausgaben. Da war es nun ein großer Segen, daß mein Vater organisiert war. Von der Schuhmachergewerkschaft erhielt er 75 M. Notfallunterstützung. Und das half ihm über das Schlimmste hinweg.[179] Mein Bruder Felix war noch nicht erschienen. Und am Dienstag erhielten wir von ihm einen Brief, in dem er uns mitteilte, daß er nicht fort könne. Er habe Kontrakt und bekäme vom Ziegler weder Urlaub noch Vorschuß. Ob es denn so schlimm stehe mit der Mutter? Sie solle es ihm nicht übel nehmen. Er wünsche baldige Besserung. Jetzt konnten auch wir sagen ? der arme Kerl. Am nächsten Tage würde die Mutter begraben und er würde es noch nicht einmal wissen. Denn meinen Brief, den ich ihm gleich nach dem Todeskampfe schrieb, würde er erst am übernächsten Tage erhalten. Zum Begräbnis waren die Geschwister, darunter Bruder Hermann, der das Gut besaß, erschienen. Auch die Reichstädter Schwester meines Vaters, die uns regelmäßig besuchte, war gekommen, und Paul Bauer hatte von seinem Hauptmann zum Begräbnis seiner Pflegemutter sofort Urlaub erhalten. Die Rede des Geistlichen war trostreich angelegt. »O Tod, wie bitter bist Du!« lautete das Thema seiner Predigt. Mein Vater war untröstlich. Die Verwandten mußten ihn stützen und halten, sonst wäre er ins Grab gefallen. Dann kehrten wir heim ins leere Haus. Eine Nachbarin, Frau Häufig, hatte unterdessen alles aufgeräumt, und ich begab mich mit den Onkels und Bauer nach dem Felsenkeller, wo wir ein Glas Bier tranken. An jedem Maifeiertag aber fällt ein bittrer Wermutstropfen in meine Festesfreude. Der erste Mai ist kein reiner Feiertag mehr für mich, seitdem er auch der Sterbetag meiner Mutter geworden ist.[180] 
 In der Lungenheilanstalt  [293] Schon im Jahre 1900 empfahl mir einmal der Arzt, den ich wegen eines Bronchialkatarrhs konsultierte, eine Luftkur, weil dies Leiden nur durch eine solche wirklich gehoben werden könnte. Leider konnte ich damals seinem Rate nicht entsprechen, weil meine Frau zu jener Zeit wieder schwanger war und 1/2 Jahr später meinem Sohne Walter das Leben gab. So verzog sich die Angelegenheit bis zum Sommer 1902. Aus dem Bronchialkatarrh hatte sich inzwischen ein Lungenspitzenkatarrh entwickelt und die Anfangserscheinungen der Tuberkulose waren deutlich zu bemerken. 15 Jahre Fabrikarbeit, das heißt 15 Jahre Staubschlucken ? es war ja kein Wunder, daß der gefürchtete Bazillus auch bei mir, der ich von Geburt an schwächlich war, das Zerstörungswerk begonnen hatte. Der Arzt riet mir dringend, mich einer Heilstättenbehandlung zu unterziehen, und ich reichte deshalb bei der Krankenkasse einen diesbezüglichen Antrag ein. Nach 14 Tagen erhielt ich von der Thüringischen Versicherungsanstalt die Nachricht, daß es erst noch einer genaueren Untersuchung bedürfe, bevor meinem Antrage auf Übernahme des Heilverfahrens stattgegeben werden könne. Ich müsse mich deshalb binnen 2 Tagen bei meinem mich behandelnden Arzte zur Untersuchung einfinden. Als ich dem nachgekommen war, mußte noch drei Tage lang die Körpertemperatur gemessen werden. Es stellte sich heraus, daß ich noch fieberfrei war. Dann wurde der Untersuchungsschein vom Arzt an die Versicherung geschickt. Die Krankenkasse hat nun nur das ordnungsgemäße Krankengeld an die Versicherungsanstalt zu leisten, dafür übernimmt diese die Verpflegung in der Heilstätte,[293] welche pro Tag auf 4 Mark festgesetzt ist; die Hälfte des Krankengeldes aber hat die Familie des Versicherten zu beanspruchen. Es vergingen ziemlich 4 Wochen, ich glaubte schon, daß ich abgewiesen sei, als ich eines Tages plötzlich einen großen gelben Schein erhielt, der in allen ähnlichen Fällen folgenden Wortlaut hat: »Wir haben beschlossen, gemäß § 18 des Invalidenversicherungsgesetzes vom 9. Juni 1902 ab Sie in der Sophienheilstätte bei Berka (Ilm) resp. Rittergut München (Thüringen) auf unsere Kosten ärztlich behandeln und verpflegen zu lassen. Sie wollen sich daher bestimmt am festgesetzten Tage zur Aufnahme in die genannte Heilanstalt begeben. Im Falle Sie zur Bestreitung der Reisekosten aus eigenen Mitteln nicht in der Lage sind, werden Ihnen dieselben von Ihrer Krankenkasse auf unsere Rechnung ausgezahlt. Mitzubringen sind die in beifolgenden Bedingungen zur Aufnahme bezeichneten Gegenstände.« Letzteres waren 6 Hemden, 2 Paar Unterhosen, 10 Taschentücher, 3 Paar Strümpfe, 1 vollständiger Anzug, 1 Paar feste Stiefel oder Schuhe, 1 Paar Gummiüberschuhe für nasse Witterung, 1 Paar Haus- oder Morgenschuhe, 1 Kleiderbürste, 1 Zahnbürste, 1 Nagelbürste, Waschlappen, Seife, Kamm, 1 Überrock je nach der Jahreszeit. Da ein Proletarier kaum je soviel sein Eigen nennt, so muß er sich das meiste davon für diesen traurigen Fall erst anschaffen. Und das ist natürlich gleich eine fast erdrückende Ausgabe, wenn er auch schließlich mit 4 Hemden, sowie ohne Überrock, ohne Überschuhe und auch ohne Nagelbürste ankommt. Denn wieviele unter hundert Proletariern verfügen über 6 Hemden? Heute habe ich sie freilich, aber damals hatte ich nur drei, davon war eins schon oft geflickt, dasselbe galt erst recht von den Überröcken. Ich habe in meinem Leben bis auf den heutigen Tag noch keinen Sommerüberzieher besessen, und jetzt, im 33. Lebensjahre, dem Durchschnittsalter der Fabriksklaven, habe ich erst den zweiten Winterüberzieher. Ich hatte auch nur 5 Taschentücher. Ferner nur ein Paar gute Unterhosen, 2 Chemisetts, davon ein defektes und 3 Kragen. Über Barmittel verfügte ich auch nicht, weil man nur von der Hand in den Mund lebte. Es blieb mir[294] also nichts weiter übrig, als mir das fehlende auf Borg zu nehmen. Ich sprach mit einem ehemaligen Konsumvereinsaufsichtsratsmitglied, der ein Schnittwarengeschäft betrieb. Er gewährte mir bereitwilligst Kredit. Ich nahm mir 4 Hemden, 1 Paar Unterhosen, 1 Leinenvorhemd, 1 Chemisett und 1 Kragen. Nun konnte ich mich wenigstens sehen lassen. Ich machte dann noch ein Gesuch an die Versicherung, daß ich meine Familie mittellos zurücklassen müsse und bat um Bewilligung des vollen Krankengeldes an sie, das 10,50 Mark wöchentlich betrug, wenig genug für eine Frau mit 6 Kindern! Wo soll bei diesen paar Hungergroschen vor allem der Mietzins herkommen? Man soll soviel als möglich in einer Heilstätte jede Aufregung vermeiden, aber was greift mehr an, als die Sorgen um die Lieben daheim? So war denn der 9. Juni herangekommen. Meine Effekten, denen ich natürlich auch einige Bücher hinzufügte, waren in zwei Hand-Reisekoffern untergebracht. Am Tage vorher war ich noch einmal mit meinen Kindern spazieren gegangen, der kleine Walter war kurz vorher gerade geimpft worden und hatte die Blattern stark. Das kleine Kerlchen dauerte mich sehr. Mit gemischten Gefühlen hatte ich mich früh von meinem Lager erhoben. Morgen würde ich fern von den Lieben, unter kranken fremden Menschen erwachen. Ach wie graute es mir davor! Ich vermied es, meine Frau anzusehen; denn bei derartigen Fällen sitzen bei mir die Tränen locker. Meist drückte ich mich in der Kammer herum, obwohl ich nichts darin zu tun hatte, nur um die Kinder und die Frau nicht immer zu sehen und die Tränen zu verbergen. Aber meine roten Augen verrieten mich doch schließlich. Mancher, der das liest, wird mich für einen weichlicher. Tropf halten. Ich konnte aber nie gegen solch sentimentale Anwandlungen ankommen. Denn ebenso war es vor meiner Abreise zur zweiten und dritten Kur, wo ich mir das ganz fest vorgenommen hatte, keine Tränen zu vergießen; und doch war es mir ebenso gedrückt ums Herz herum und doch stand beim Abschied von den drei ältesten Kindern, als sie zur Schule gingen, schon das Wasser in den Augen und bei den kleinen abermals und beim Abschied von der Frau erst recht. Mein Weib[295] ist ja härter als ich, aber beim Abschiedskuß sind auch ihr die Tränen gekommen. Wenn ich dann endlich mich losriß und tränenden Auges fortstürmte, dann bemerkte ich auch jedesmal meine Frau hinter den Gardinen, wie sie mir nachschaute, um mich noch ein letztes Mal zu sehen. Mit rotgeweinten Augen kam ich jedesmal auf dem Bahnhofe an, löste schnell meine Fahrkarte und beruhigte mich erst allmählich. Wenn sich aber dann der Zug in Bewegung gesetzt hatte und ich am Ende des Bahnhofes an der letzten Barriere durch das Fenster sah, dann standen dort stets meine Kinder bis zum jüngsten, und wenn ich ihnen da noch ein letztes Lebewohl zuwinkte, dann war mir das jedesmal herzzerreißend. Das Genesungsheim ist von der verstorbenen Großherzogin Sophie gestiftet und dem patriotischen Frauenverein Weimar in Verwaltung übergeben worden. Vorsteher desselben ist zur Zeit ein Pfarrer Ernst in Weimar. Die Anstalt ist auf dem sogenannten Emskopf nicht allzugünstig erbaut, denn sie ist gegen die Winde schlecht geschützt. Von den Patienten und dortigen Einwohnern wird sie einfach »Hustenburg« und die Insassen »Hustenburger« genannt. Im Hauptgebäude sind 100 Patientenbetten und in den Baracken deren 40 aufgestellt. Im ersteren sind Zimmer, die 2 bis 6 Betten fassen, in den letzteren Räume für 10,12 und 18 Betten vorhanden. Außerdem hat die Anstalt 10 offene Liegehallen, die je 12?18 Liegestühle fassen. Als wir in München ? der Haltestelle für die Sophienheilstätte ? ausstiegen, waren wir vier Mann geworden. Im Gasthaus München stärkten wir uns noch durch ein Glas Bier. Dann begann der Aufstieg. Nach 10 Minuten schon waren wir an Ort und Stelle, aber der Berg, »Lungenpfeifer« genannt, war uns doch ziemlich sauer geworden. Auf dem Wege tauschten wir unsere Gefühle aus. Jeder wünschte sich schon den Tag der Entlassung herbei. In dem Aufnahmeschein aber steht, daß jeder Pflegling sich für eine Kur von 10 bis 12 Wochen verpflichten muß; wenn er eigenmächtig die Kur verläßt, ist die Versicherung berechtigt, eventuell die verlegten Kurkosten zurückzuverlangen. 10 bis 12 Wochen also sollte uns dieses Gebäude aufnehmen. Bevor wir[296] eintraten, hörten wir den Zug, der uns gebracht hatte, der »Pussel« wird er von den Patienten genannt, schon vor der nächsten Station pfeifen. Ach, wenn er doch uns erst wieder zu den Lieben zurückbringen würde! Wir wurden von der Oberschwester Lisbeth, einem liebenswürdigen Fräulein, empfangen und zunächst in das Patientenverzeichnis eingetragen. Dann erhielt ein jeder die blaue Taschenspuckflasche, in der sämtlicher Auswurf aufgefangen und dann direkt in die Klosetts entleert wird. Überall, auch bei den Spaziergängen im Freien, ist diese Flasche zu benutzen, geht eine entzwei, so gibt es die Ersatzflasche gratis. Wird ein Patient dabei angetroffen, daß er die Flasche nicht benutzt, so wird er unbarmherzig entlassen, weil das der gröbste Verstoß gegen die Hausordnung ist. Außer der Spuckflasche bekommt jeder Neuangekommene einen 10 Minuten-Thermometer zur Messung der Körperwärme, der damals mit einer Mark bezahlt werden mußte. Heute wird der erste gratis auf Kosten der Versicherung verabreicht, während erst ein zweiter mit 1 Mark von dem Pflegling bezahlt werden muß. Nachdem die Schwester uns noch einige liebevolle Trostworte gespendet hatte, wies sie uns an, im Tagesraum bis zum Kaffeetrinken zu warten. Wir brauchten nicht allzulange zu warten, als 3/4 4 Uhr die sämtlichen Patienten in dem Raume, der mit den großherzoglichen Büsten geschmückt ist, erschienen. Um 4 Uhr kam dann die zweite Schwester Jenny, welche die Küche unter sich hat, und bat zum Kaffee. Der Kaffee ist süß und wird in großen Emaillekannen zum Tisch gebracht. Ferner steht auf jedem Tisch ein Körbchen mit Milchbrötchen. Von einem Wärter erhielt jeder von uns Neuen eine numerierte Steingut-Butterbüchse und dann seinen Platz an der Tafel angewiesen. Alle 4 Tage bekommt der Patient ein Stück Butter. Keiner darf früher seinen Platz verlassen, als bis der vom Arzt ernannte Tischälteste, welcher unter den Pfleglingen den schmeichelhaften Titel »Präsident« führt, durch ein »Mahlzeit« die Tafel aufgehoben erklärt. Nach dem Kaffee wurden wir vom Bademeister nach dem Baderaum beordert, wo jeder Neuangekommene ein Brausebad, jetzt Wannenbad[297] erhält. Nach dem Bad wies uns dann die Oberschwester unser Bett an, das jeden Morgen vom Patienten selbst in Ordnung gebracht werden muß. Ich kam auf Zimmer Nr. 12, das 5 Betten faßte. Im Korridor sind den Militärspinden ähnliche Schränke aufgestellt, in die man seine Effekten unterbringt. Die Koffer oder Reisekörbe werden bis zur Entlassung im Gepäckraum aufbewahrt. Auch der Schrank, ebenso der Schlüssel zu ihm, sind numeriert. Nachdem auch das Einräumen schnell besorgt war, unternahm ich mit den drei andern neuangekommenen Leidensgenossen, die sämtlich ebenfalls zum ersten Male in der Heilstätte waren, einen kurzen Spaziergang um die Anstalt herum und schrieb eine Postkarte mit der Ansicht der Heilstätte an meine Lieben. Kurz darauf wurde zum Abendbrot geläutet. Das geschieht eine halbe Stunde vor dessen eigentlichen Anfang, damit ein jeder Patient noch Zeit hat, seine Körpertemperatur zu messen. Das muß täglich dreimal geschehen: früh, vor dem Mittagstisch und vor dem Abendbrot. Zur Aufzeichnung bekommt man einen in Fächer und Zehntelgrade eingeteilten Zettel. Punkt 7 Uhr fand dann Abendbrot statt. Es gab eine Nudelsuppe als Vorspeise und Kartoffeln mit Goulasch, dazu eine Flasche Bier; wer kein Bier mag, kann solches gegen eine Flasche Limonade umtauschen. Auch Wein oder Milch wird auf besondere Verordnung des Arztes als Getränk zu den Mahlzeiten verabreicht. Jeden Abend, halb zehn Uhr, findet im Tagesraum Andacht statt, an der aber niemand gezwungen wird, teilzunehmen. Es wird dann der erste Vers von dem Choral: »Ich bete an die Macht der Liebe«, mit Klavierbegleitung, gesungen. Dann liest die Oberschwester ein kurzes Gebet, und jeder der Anwesenden drückt den beiden Schwestern die Hand, die dann jedem, als ob sie ihre Kinder wären, »Gute Nacht« wünschen. In meinem Zimmer lagen mit mir 3 junge Burschen von 15,16 und 18 Jahren und ein 23jähriger Bäcker aus Altenburg. Der 15jährige war ein Fleischerlehrling, der 16jährige ein Weber, der 18jährige ein Schlosser. Mir paßte diese junge Gesellschaft, die allerhand Allotria trieb, nicht; doch ich machte gute Miene zum[298] bösen Spiele, rieb mir Brust und Rücken kalt ab und legte mich ins Bett. Ach, was überkam mich da für eine Sehnsucht nach Frau und Kindern! Die Betten sind aus Eisen mit Stahlfedern überspannt, haben über einem Stück starken Leinen drei schwache Matratzenkissen, über die ein weißleinenes Bettuch gelegt wird, ein schwaches weißes Kopfkissen und eine weiß überzogene Steppdecke, das ist alles. Zu Häupten des Bettes befindet sich an einer Eisenstange eine Blechtafel, die den Namen des Patienten und das Datum seiner Ankunft zeigt. Hinter der Tafel ist ein Haken, an dem das Taghemd gehängt wird. Es wird streng auf dessen Wechsel am Abend gesehen. Mich fror in dem ungewohnten, dünnen Bett die ersten Nächte sehr stark, trotzdem ich mir eine wollene Bettdecke von zu Hause mitgebracht hatte, die ich über das weiße Leinentuch breitete. Ich hatte eben bisher 30 Jahre lang Sommer und Winter in Federbetten geschlafen und jetzt auf einmal nur eine dünne Steppdecke zum Zudecken. In der Mitte des Zimmers steht ein weißgestrichener Tisch mit 2 Wasserkrügen. Jeder Patient hat sein weißes Emaillewaschbecken und 1 Wasserglas zum Mundausspülen. Das geschieht über dem ebenfalls weißen Emailleeimer, in dem früh das verbrauchte Wasser hinausgetragen wird. Vor jedem Bett steht ein kleiner lackierter Holzschemel. Vor den Fenstern sind starke graue Leinen-Zuggardinen angebracht. Selbstverständlich wird bei offenen Fenstern geschlafen. Die Zimmer sind 4 Meter hoch und mit Ölfarbe gestrichen, während der Fußboden gelb gestrichen und die Korridore, Treppen, Speisesaal, Bibliothek- und Schreibzimmer und Tagesräume mit Linoleum belegt sind. Täglich wird gewischt, einmal wöchentlich mit Dustleßöl gewachst. Alles in der Heilstätte wird peinlich sauber gehalten. Ärzte und Schwestern sehen streng darauf. Es sind 4 männliche Wärter und 6?8 weibliche Dienstboten für Küche, Wischen, Putzen vorhanden. An die Anstalt schließt sich eine Dampfwäscherei an. Dann ist noch ein Stallgebäude vorhanden für Schweine, Geflügel, Perl-, Trut-, Haushühner und Enten. Die Schwestern wirtschaften. Von den Speiseresten wird jährlich eine beträchtliche Anzahl Schweine gemästet und an die Berkaer[299] Fleischer verkauft von denen dann der Fleischbedarf zurückgekauft wird. Durch das zahlreiche Hühnervolk wird eine große Anzahl Eier produziert, die, wenn auch nicht den ganzen, so doch einen ziemlichen Teil des Bedarfes decken. Zu der Anstalt gehört außerdem noch ein ansehnliches Wald- und Feldgelände, neuerdings soll Gartenbau angelegt werden, in dem die Pfleglinge in den letzten Wochen ihrer Tätigkeit einige Stunden mit Kurarbeit beschäftigt werden sollen, damit ihre Muskeln allmählich wieder an Tätigkeit gewöhnt werden. Das Alles wußte ich freilich am ersten Abend noch nicht. Ich erwachte ziemlich früh, hatte auch sehr schlecht geschlafen. Unruhige Träume von den Kindern hatten mich während der ganzen Nacht gequält. Um 6 Uhr standen wir auf, rieben uns abermals Brust und Rücken kalt ab und wechselten das Hemd. Nach dem Ankleiden machte man gleich das Bett. Ich stellte mich dazu in den ersten Tagen noch etwas ungeschickt an, lernte es aber so gut, daß mir dann später die Oberschwester, wenn sie mich zufällig zur Zeit ihrer Kontrolle im Zimmer antraf, öfter gesagt hat: »Dicker, ich freue mich allemal, wenn ich Ihr Bett sehe, das beste in der ganzen Anstalt.« Sie liebte es, wenn Decke und Kissen recht glatt und das Bettuch angezogen war. Natürlich schmeichelte mir besonders die Anrede nicht wenig. Aber bald merkte ich, daß »Dicker« fast alle Patienten von den Schwestern genannt werden, wenn auch noch keine Idee davon vorhanden ist. Nach dem Bettmachen mißt man wiederum die Körperwärme und begibt sich in den Tagesraum. Punkt 7 Uhr wird das erste Frühstück eingenommen, das im Sommer in Kaffee und Milchbrötchen, im Winterhalbjahre in Hafermehlsuppe und Milchbrötchen besteht. Dazu kann jeder aus seiner Butterbüchse die Brötchen bestreichen, von denen er soviel essen kann, wie ihm beliebt. Nach dem Kaffee findet Dusche und dann Spaziergang statt. An jenem ersten Morgen mußten wir Neulinge aber im Tagesraum warten, damit wir untersucht würden, wenn die älteren Patienten durch die Sprechstunde waren. Der Oberarzt war bei meiner ersten Untersuchung nicht anwesend, sondern ich wurde von einem jungen Assistenzarzt[300] untersucht. Er konstatierte eine Infizierung beider Lungenspitzen, die sicher wieder ausheilen würden. Er versprach mir vollständige Genesung und händigte mir dann meine Kurvorschrift ein, nach der sich ein jeder zu richten hat. Ich bat ihn dann wegen der Erhöhung des Krankengeldes an meine Familie noch einmal mit der Versicherungsanstalt zu korrespondieren. Denn ich sorgte mich unablässig. Mußte ich mir doch sagen, daß meine Frau sich selbst und 5 Kinder jetzt mit 5,25 Mark ernähren sollte, während ich täglich hinter vollen Schüsseln saß. Und ich bekam auch nicht früher Ruhe, als bis ich die Nachricht von der Bewilligung erhielt, was allerdings ziemlich 3 Wochen dauerte. Und auch das schließlich nur dadurch, daß ich sowohl an die Versicherung wie auch an die Krankenkasse in Gera schrieb, daß ich sofort die Kur unterbrechen müsse, wenn meine Familie nicht unverzüglich in den Besitz von Existenzmitteln gelange. Die Kurvorschriften sind alle gleichlautend, nur in den besonderen ärztlichen Verordnungen kommen leise Abweichungen vor. Diese lautete bei mir: »Kalte Abreibungen früh und Abends; Dusche: täglich; Brausebad: Sonnabends. Atemübungen nach Vorschrift. Vom 1. bis 2. Frühstück: Spaziergang. Vom 2. Frühstück bis gr 1 Uhr Liegekur.« Bei dieser kann man lesen, schreiben, oder sich sonstwie beschäftigen, auch Unterhaltungsspiele, Dame-, Chalma-, Salta- und Schachspiel sind gestattet; von den genannten Spielen sind eine ganze Anzahl vorhanden. Wer längere Zeit in der Anstalt war und gute Fortschritte gemacht hatte, bekam diese Liegekur gestrichen und erhält dafür entweder Spaziergang oder Kurarbeit. Um 1 Uhr ist Mittagstisch, der durch ein kurzes Gebet von der Schwester eröffnet wird. Er besteht aus einer Suppe, dann abwechselnd Braten, oder Gemüse und Fleisch. Die Fleischportionen sind so bemessen, daß zu Hause davon eine ganze Arbeiterfamilie essen würde. Bei dem Mittagsessen kann man die interessantesten Studien machen. Sowie z. B. die Fleischportionen auf den Tisch gestellt werden, verschlingt mancher seine Suppe förmlich, nur um zuerst den Fleischteller in die Hand zu bekommen und sich das schönste Stück heraussuchen zu können. Der Oberarzt hat[301] schon manchmal diesem Unfug durch Vorstellungen zu steuern versucht; jedoch alle Tage kommen neue Pfleglinge an, und die Gier läßt sich eben dem ungebildeten Proletarier schwer austreiben, solange er sich nicht zu einem höheren Bildungsniveau emporgerungen hat. Es gibt freilich nicht wenige unter den Fabrikproleten, die ohne Anstoß zu erregen, auch an einem Ministerdiner teilnehmen könnten, so kunstgerecht wird von ihnen Messer und Gabel gehandhabt. Beim Mittagstisch, wie überhaupt bei allen Mahlzeiten, muß die größte Ruhe herrschen, alles Sprechen und Klirren mit dem Eßgerät ist zu vermeiden. Und es ist in der Tat ruhig wie in einer Kirche, nur dann und wann hört man ein Hüsteln oder Räuspern. Jeder hat pünktlich zur Mahlzeit zu erscheinen, die wie alle anderen eine Viertelstunde vorher durch Glockenläuten angekündigt wird. Nach diesem Zeichen hat jeder die Liegehalle zu verlassen und sich in den Tagesraum zu begeben. Die Tafel wird ebenfalls wieder durch ein »Mahlzeit« des Tischältesten aufgehoben. Nach dem Mittagstisch bis zum Vesper resp. 3/4 4 Uhr findet die große Liegekur statt, bei der absolute Ruhe herrschen muß. Jede Unterhaltung, sowie Lesen und Spielen ist verboten. Jeder Patient soll versuchen, zu schlafen, um den Verdauungsprozeß zu fördern, oder zum mindesten still zu liegen. Das ist diejenige Kur, welche die meiste Gewichtszunahme hervorruft. Jeder Pflegling wird allwöchentlich einmal gewogen und alle 3 Wochen gründlich untersucht. Es sind Gewichtszunahmen von 1/4 bis 5 Kilo in der Woche zu verzeichnen. Das letztere Gewicht ist bisher freilich nur ein einziges Mal in der Heilstätte dagewesen. Nach dem Abendbrot findet bis 9 Uhr wiederum Liegekur statt, zu welcher Unterhaltung oder Lektüre gestattet ist; leider ist die Beleuchtung in der Liegehalle nicht sehr reichlich. Es ist nur eine einzige elektrische Glühlampe in der Mitte da. Um 9 Uhr packt man seine Decken zusammen, von denen man im Sommerhalbjahre 3?4, im Winter 5?6 erhält. Diese Decken werden in einem eigens dazu eingerichteten Raum über Nacht aufbewahrt. Um 10 Uhr muß alles zur Ruhe und alle elektrischen Lampen ausgeschaltet sein. So geht ein Tag wie der andere dahin.[302] Am einförmigsten war immer der Sonntag. Alle 14 Tage findet da im Bibliothekraum Gottesdienst statt, der gewöhnlich von Pfarrer Ernst-Weimar, dem Vorsteher der Anstalt, abgehalten wird. Es wird niemand gezwungen, daran teilzunehmen, und nur um Ruhe zu schaffen und das störende Auf- und Abgehen vor den Fenstern zu verhindern, hat der leitende Arzt verfügt, daß der, welcher dem Gottesdienst nicht beiwohnt, Liegekur zu machen hat. Ich finde das ganz in der Ordnung, trotzdem ich nur 2 Mal im ganzen teilgenommen habe. Auch sonst ist alles lärmende, laute Wesen, Pfeifen, Türenwerfen, streng untersagt, wie denn überhaupt der erste Eindruck bei der Ankunft der einer völligen Ruhe ist. Keinen Laut vernimmt man, außer dem Vogelgezwitscher im Sommer. Auch bei dem Zubettgehen ist jedes laute Wesen auf den Treppen und Korridoren zu vermeiden. Den Mittelpunkt im Anstaltsleben bilden im Grunde die Schwestern. Man wird wohl selten ein paar so liebevolle Wesen wieder finden wie sie, Lisbeth und Jenny. Schon ihr Äußeres ist anziehend, etwas zur Rundung neigend. Wenn ich sie schildern soll, so möchte ich sagen: sie waren überaus tätig, heiter, redselig, liebevoll, fest im Befehlen, aber gut und nachsichtig; religiös, aber nicht bigott. Die Einführung von Lektüre jeder Art unterliegt der Kontrolle des Arztes. Das letztere wird neuerdings nicht mehr gehandhabt, Nur schlüpfrige und unsittliche Schriften, wie überhaupt auch derartige Reden ziehen Entlassung nach sich. Bei meiner ersten Kur waren sozialdemokratische Zeitungen und Schriften verboten. Der Pfarrer Ernst hatte an einem Sonntage einmal die Post durchgesehen und darunter die »Reußische Tribüne« gefunden. Das Blatt wurde verboten. Trotzdem wurde es heimlich gelesen, ebenso die »Altenburger Volkszeitung«. Frei senden lassen konnte man die Blätter jedoch nicht mehr. Einige bestellten sie beim benachbarten Postamte Tannroda. Mir schickte sie meine Frau allwöchentlich in einem Postpaket. Es machte 5 Pfennige Mehrausgabe aus, denn Berka war glücklicherweiser noch erste Zone und kostete demnach nur 25 Pfennige Porto. Ein eventueller Brief extra hätte sonst[303] auch 10 Pfennige erfordert, in dem Falle wurde er gleich dem Paket beigegeben und was die Hauptsache war, die Geschichte war verdeckt, es konnte niemand hineinsehen. Die meisten männlichen Kranken der Thüringischen Versicherungsanstalt werden nach Berka gesandt. Eigentümlich ist, daß alle, die früher in anderen Heilstätten waren und dann nach Berka kamen, die Kost in jenen als seiner wie hier bezeichneten. Ich selbst habe gefunden, daß bei meiner zweiten und dritten Kur das Essen einfacher als bei der ersten im Jahre 1902 war. Unser Oberarzt war der ? wohlberechtigten ? Meinung, daß die Kost so einfach wie möglich sei, damit ein halbwegs gutsituierter Arbeiter sich sie zu Hause ebenso gut weiter leisten kann. Trotzdem ist das nicht möglich. Das Essen ist auch heute noch bedeutend besser und reichlicher, als es sich je ein Arbeiter leisten kann. Der Herr Doktor kennt eben die Arbeiterbudgets doch nicht so genau, sonst müßte er selbst erklären, daß bei den in Thüringen üblichen Arbeitslöhnen eine derartige Beköstigung im Proletarierheim einfach als fürstlich angesehen wird. Es ist unendlich traurig, und ein Mene tekel für die Arbeitgeber daß sich die im Schweiße ihres Angesichts Mühenden nicht einmal ausreichende Nahrung leisten können. Die Schwester wies mir einen Stuhl in Liegehalle 10, genannt »Zur Gemütlichkeit« an. Mein Nachbar zur Linken war ein Schlosser, der zur rechten ein Weber. Beides waren gemütliche Seelen und namentlich der erstere immer heiter und fidel. Allerdings, er konnte es auch sein. Er war in zwei Krankenkassen; von der Ortskrankenkasse mußte er die Hälfte bekommen und von der Metallarbeiterasse 2/3, so daß seine Frau mit einem Kinde alle Wochen 17,98 Mark als Krankenunterstützung bezog. Ein Glasschleifer aus Altenburg war sogar in 3 Kassen, extra noch in einer Zuschußkasse; dessen Frau erhielt 26 Mark. Da konnte man schon einmal ein Vierteljahr krank sein. Diese Leidensgenossen wissen gar nicht, wie es denen zu Mute ist, die nur 6,7 und 8 Mark für ihre Familien bekommen! So hatte ich nach Beendigung meiner ersten Kur einer jungen Frau in Ronneburg, die 4 Kinder hatte,[304] aber von ihrem Manne verlassen worden und auch lungenkrank war, ein Gesuch um höhere Unterstützung an die Versicherungsanstalt gemacht, als sie sich auf ein Vierteljahr nach der Heilstätte für weibliche Lungenkranke in Römhild begeben mußte. Sie stand bei einer Weberfirma in Arbeit und hatte satzungsgemäß 4,50 Mark wöchentliche Unterstützung aus deren Betriebskrankenkasse zu fordern. Die nach 818 des Gesetzes für die Familie festgesetzte Hälfte betrug bei ihr also ganze 2,25 Mark, davon sollten ihre Kinder von fremden Leuten ernährt werden! Sie wandte sich deshalb an den Bürgermeister. Aber dieser wollte nur helfen, wenn sie ihre Kinder im städtischen Hospital oder Gemeindearmenhause unterbringen würde. Dessen weigerte sich jedoch die Frau, und die Stadt gab daraufhin eben nichts. Auf mein Gesuch hin erhielt sie wenigstens das volle Krankengeld für ihre Kinder. Aber schon ein kleines Kind zu verpflegen, wird im Städtchen ortsüblich mit 4 Mark bezahlt; auf die übrigen 3 Kinder kamen dann nur noch 50 Pfennige. Was für eine Unsumme von Not, Sorge und Kummer mag diese arme Frau in der Heilstätte durchgemacht haben! Sie konnte aber kraft des Gesetzes keine höhere Unterstützung erhalten, weil das Krankengeld nicht höher war. Welcher Vergleich mit 26 Mark pro Woche? Jede Liegehalle führt ihren besonderen Namen, manchmal sogar hat sie zwei. Die Insassen schließen sich zu Gemeinden zusammen, erheben sogar Steuern, wöchentlich meistens 1?3 Pfennige, ja sie wählen sich sogar einen Bürgermeister, Wachtmeister und Gemeindediener. Von dem Steuergeld erhält jedes Gemeindemitglied bei seinem Abgange ein Bild. Es gab eine Gemeinde Westend, Gabelbach, Erholung, Zentralhalle, Waldfrieden, Hufeisen, Harmonie, Krähwinkel und Eintracht. Die Gemeinde Gabelbach wurde auch »Stehkragenhalle« genannt, weil meistens Kaufleute und zuweilen Privatpatienten darin lagen. Die ersten Tage unterhielt ich mich in der Halle fast gar nicht mit meinen Nachbarn, sondern beschäftigte mich lediglich in meinen Gedanken mit meiner Frau und den Kindern und verfaßte ein Gedicht: »Heimweh«.[305] Am zweiten Abend meines Hierseins fand aus Anlaß des Geburtstages des Großherzogs Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar eine Abendunterhaltung statt, bei der jeder Teilnehmer eine Flasche Bier erhielt. Zum Vortrag gelangten meistens Gesangsstücke und einige Deklamationen, sowie ein paar Kouplets; ein Altenburger Maurer Namens Taubert, der natürlich nicht organisiert war, tat sich besonders hervor. Als da capo gab er das Flaggenlied zum Besten, das aber von den sozialistisch angehauchten Leidensgenossen natürlich nicht gern gehört wurde. Am nächsten Tage rief denn auch alles, wo irgend eine Gruppe zusammenstand: »Zum Vortrag kommt das Flaggenlied!« Darüber hat sich dann Taubert so sehr geärgert, daß er um seine Entlassung nachsuchte, die ihm, weil er gesund, auch gewährt wurde. Am nächsten Morgen machte ich die erste Dusche mit. Wie hatten sie mich davor gruselig gemacht, als ich noch zu Hause war! Früh gleich vom Bette aus kalte Dusche ? wurde da gefaselt. Sie wird aber erst nach dem ersten Frühstück gegeben, und ist gar nicht so kalt. Im Gegenteil, wenn man sich nach einigen Tagen daran gewöhnt hat, möchte man sie gern noch weiter nehmen und wünscht sich nur dringend, sich und den Seinigen auch zu Hause eine derartige Wohltat leisten zu können. Gewöhnlich wird eine Minute von vorn genommen, dann wird vom Arzt oder Bademeister Kehrt kommandiert und das Wasser läuft den Rücken hinab. Auf das Kommando Gut tritt man weg, eilt zu seinem Kleiderhaken, nimmt das große Badetuch um und reibt sich gründlich trocken, den Rücken läßt man sich von einem Freunde abreiben, dem man den gleichen Gefallen erweist. Es gab die herrlichsten Spaziergänge nach allen Richtungen hin. Ringsum liegen ausgedehnte Waldungen. Meist sind es Kiefernwälder, in denen, für die Kurgäste von Berka natürlich, nicht für uns arme Hustenburger, die schönsten Promenadenwege angelegt sind. Leider wachte über ihnen ein Forstaufseher, der es uns kaum gönnte, wenn wir auf ihnen wandelten. Es kam öfter zu Zusammenstößen zwischen ihm und uns. Ich kehrte mich nicht daran. Wenn immer es in dem nassen Sommer möglich war,[306] machte ich immer neue Spaziergänge und Ausflüge. Immer von neuem berauschte ich mich an der schönen Natur, an dem Sonnenschein, an dem Ozonduft der Wälder. Es gab in ihnen Stellen, da ging die Lunge wie auf Sammet. Ich habe über meinen ganzen ersten Kuraufenthalt genau Tagebuch geführt, und könnte Tag für Tag meine Spaziergänge und Erlebnisse aufzählen. Doch sind die letzteren meist viel zu kleinlich dazu. Allzu einförmig war ja das Leben hier in der Anstalt. Eine für mich sehr erfreuliche Abwechselung und Bereicherung bedeutete es, als ich nach etwa 6 Wochen, nach der Abreise des bisherigen Bibliothekars, auf Wunsch der Schwester die Verwaltung der Anstaltsbibliothek bekam. So wachte ich denn eines schönen Tags, Ende Juli, als Bibliothekar auf und habe das Amt nach besten Kräften verwaltet. Der Büchervorrat umfaßt gegen 500 Bände von der verschiedensten Auswahl. Meist natürlich Unterhaltungsliteratur. Es sind religiöse Schriften vorhanden, christliche Volksbücher, von Kürschners Bücherschatz eine Anzahl Bändchen, patriotische Volkserzählungen, Wiesbadener Volksbücher (noch neu), Shakespeares, Schillers und Börnes Werke. Der letztere ist jedenfalls von den Leitern nicht erst geprüft worden, denn der große Spötter würde sonst kaum geduldet worden sein. Bei meiner zweiten Kur fand ich leider nur noch einen Band seiner Schriften vor. Außerdem sind eine Anzahl alte Gartenlauben- und Daheim-Jahrgänge, erstere aus den 50er und 60er, letztere aus den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts da. Diese sind an Inhalt den heutigen Gartenlauben, wenn auch nicht überlegen, so doch bedeutend interessanter. Auch einige Bände »Deutsche Monatshefte«, Kriegsgeschichten, vom Fels zum Meer, alte Meyer Volksbücher aus den 40er Jahren, ein 45 Jahre altes Brockhaus-Lexikon, alte Goethebändchen, sowie verschiedene andere Romane, Novellen, Reisebeschreibungen meist älteren Datums sind vorhanden. Das meiste wird von den besseren Ständen in Weimar und Berka geschenkt. Schillers Werke, verschiedene wissenschaftliche Natur- und Reisebeschreibungen, Invalidenversicherungsgesetze, Wiesbadener Volksbücher usw. sind von der Versicherungsanstalt[307] gestiftet worden. Besonders interessant waren mir 2 Jahrgänge Didaskalia. Leider fand ich auch diese nicht mehr vor, als ich die zweite Kur antrat. Alljährlich werden ja viele Bücher abgenutzt und wenn sie nicht gerade etwas wert sind, so kommen sie nicht mit zum Buchbinder, sondern werden einfach verbrannt, zumal verfallen diesem Schicksale auch alle solchen, in denen Blätter fehlen. Bei der Abreise eines jeden Bibliothekars müssen alle Bücher abgegeben werden, damit der Nachfolger konstatieren kann, ob alles noch vollzählig vorhanden ist und eventuell fehlende Sachen im Verzeichnis streichen kann. Am 25. Juli beim Nachmittagsspaziergang fand ich am Waldrande ein rotes Kindermantelett. Etwa 300 Meter weiter sah ich eine Gruppe Damen mit Kindern, die in Berka zur Kur weilten, spazieren gehen. Ich eilte ihnen nach und fragte, ob das Mantelett vielleicht ihnen gehöre. Eine Dame erkannte es als dasjenige ihrer am Bachrande tummelnden Tochter. Sie rief selbige zu sich und händigte ihr ein douceur von 30 Pfennigen für mich ein, welches ich von dem kleinen Bourgeoistöchterchen dankend in Empfang nahm. Ihre gnädige Frau Mutter glaubte vielleicht, sie würde infiziert werden, wenn sie mir das Trinkgeld eigenhändig übergeben hätte. Denselben Tag war ein neuer Leidensgenosse in unsere Liegehalle gekommen, ein gewisser Segelken aus Hannover, der in einer Gothaer Kartonnagenfabrik beschäftigt war. Da ich als Schulknabe, es war vor der Flaschenbierarbeit, ebenfalls etwa 2 Monate in einer Knopfkartonnagenfabrik in Schmölln gearbeitet hatte, ließ ich mich zunächst in ein Fachgespräch mit ihm ein. Im Anfange war er wortkarg, dann aber taute er auf und wurde ein vorzüglicher Gesellschafter, der, wenn er nicht gerade mit dem Porzellanmaler Leube aus Kahla ins Schachspiel vertieft war, die ganze Halle unterhielt. Nicht nur mit schnurrigen und humoristischen Erzählungen, in denen auch der Altenburger Schlosser Clasing etwas leistete, sondern auch in Schwarzkünstlerei, Verschwindenlassen von Geldstücken, Gedankenlesen usw. Er ließ z. B. 4 Zehnpfennigstücke auf den Brüstungsrand legen und einer von uns mußte eins derselben betasten, während er sich abwandte.[308] Dann fühlte er leise über die Geldstücke hin und gab ganz genau an, welches berührt worden war. Einmal wollte er sogar den Clasing hypnotisieren und brachte ihn auch wirklich zum Einschlafen. Unter derartigen Schnurren verging die Abendliegekur ziemlich schnell für uns. Der 27. Juli war wieder einmal ein Sonntag und zwar ein von der Mehrheit mit Spannung erwarteter, denn in der Kirche zu Tannroda fand ein Gesangskonzert von zwei berühmten Sängerinnen statt, zu dem die Heilstätteninsassen für 20 Pfennige Entree zugelassen wurden. Die Liste lag schon die ganze Woche hindurch zum Einzeichnen aus. Ich hätte ja die Dame zu gern singen gehört, allein meine Freunde hatten beschlossen, an diesem Tage den Paulinenturm auf dem Adlersberge bei Berka, der sonst in gewöhnlichen Ausgehzeiten von uns nicht erreicht werden konnte, zu besteigen, denn des Kirchenkonzerts halber gab es schon um 3 Uhr anstatt wie gewöhnlich um vier Kaffee. Ich wollte ihnen die Teilnahme nicht gern versagen, auch war die Natur mir doch lieber als die Kirche und ich gedachte des jedenfalls von einem hiesigen Patienten gedichteten Liedes, das in der Gabelbachhalle an die Wand geschlagen ist: Amazon.de Widgets »Sonntag! Sonntag! Hört, der Glocken Lieblich lockender Ton erschallt; Wie sie dich zur Kirche locken, Rufen sie mich in den Wald. So verschieden die Wege auch scheinen Einem Ziele nur führen sie zu; Denn das ewig einzig Eine Suchen wir beide ? ich und du. Zwar verschiedene Wege ? doch führen sie zu einem Ziel. Mir erscheint Gott in dem Rauschen des Waldes Dir im wogenden Kirchenspiel.« Am 29. Juli hatte ich ein Rencontre mit einem noch jungen Patienten. Ich stand mit als erster unter der Dusche, als mich plötzlich der junge Dietzel, ein Porzellanarbeiter aus dem Rhöngebirge, zur Seite schob und selbst darunter trat. Ich verbat mir[309] das natürlich, aber da wurde er noch frech und großmäulig. Da ich damals noch nervöser war als heute, regte ich mich über dessen gemeinen Redensarten so auf, daß ich es dem Doktor Litzner meldete, was sonst nicht meine Art ist und was ich auch nicht wieder getan habe. Zum Glück hat dieser dem Burschen nur eine Rüge erteilt; wenn es der Oberarzt gewesen wäre, so hätte das Früchtchen leicht fliegen können. Am Abend des 30. Juli hielt der zweite Arzt einen Vortrag über die Verhütung der Tuberkulose, über ihre Vererbung bei Kindern, ihre Behandlung und Pflege. Er verlangte die größte Reinlichkeit in jedem Arbeiterhaushalt und betonte, daß wir auch unseren Familien das Schlafen bei offenen Fenstern angewöhnen sollten. Einige Tage später hielt auch der Oberarzt einen ähnlichen Vortrag, da ihn Herr Litzner der vorgerückten Zeit halber abbrechen mußte. Der zweite Vortrag war schon instruktiver; aber seine Statistik hat mir durchaus nicht gefallen. Danach sollen von allen in Lungenheilstätten behandelten Patienten nach 10 Jahren nur noch 7 Prozent am Leben sein! Es sollte mich freuen, wenn ich mich verhört hätte; denn wenn man sich sagen muß, daß nach 10 Jahren von hundert Anwesenden nur noch 7 am Leben sind, so ist das tief niederschlagend. Natürlich schärfte uns der Arzt dringend ein, die Abreibungen, das Mundreinigen, das Baden, die ausreichende Ernährungsweise möglichst fortzusetzen, den Alkoholgenuß zu vermeiden und vor allem den Hemdwechsel weiter zu pflegen. »Sie dürfen einfach nicht einschlafen können, wenn Sie das Hemd nicht gewechselt haben,« rief er uns zu, und wahrlich, er hat durch seine Worte, die in höchster Energie gesprochen waren, auf mich einen so starken Eindruck gemacht, daß es mich seitdem, wenn ich manchmal beim Lesen oder beim Schreiben oder aus anderen Anlässen infolge von Müdigkeit vergessen hatte, das Hemd zu wechseln, nicht im Bett leidet; ich muß wieder aufstehen, und das Versäumte nachholen. Am 1. August nach dem zweiten Frühstück hörten wir in der Liegehalle eine äußerst laute Unterhaltung im Sprechzimmer des Oberarztes. Wir konnten sogar manchmal einzelne Wörter verstehen.[310] Plötzlich hieß es, der Tischler Maiwald-Gera, ein spezieller Freund von mir, sei mit dem Arzt so heftig zusammengeraten. Maiwald teilte mir dann auch sofort die ganze Auseinandersetzung mit. Der Arzt habe ihn bei seinem Eintritt gefragt: »Hören Sie, Maiwald, Sie haben doch die »Reußische Tribüne« bei der Postagentur Tannroda abonniert?« »Jawohl, Herr Doktor.« »Nun, wissen Sie nicht, daß politische Blätter hier verboten sind?« »Aber Herr Doktor, es treibt doch jedes Blatt Politik, da müßten doch die andern Blätter auch verboten werden.« »Ach, die staatserhaltenden Blätter treiben doch nur eine harmlose Politik, während Ihre Presse aufregend schreibt.« »Ich rege mich über unsere Presse nicht auf, wohl aber über die andere.« »Ach kommen Sie mir doch nicht so dumm. Wissen Sie, daß ich Sie in Ihrem Zustande überhaupt gar nicht mehr in der Anstalt zu dulden brauchte?« »So, wenn das der Fall ist, so möchte ich Herrn Doktor bitten, mich zu entlassen.« »Machen Sie, daß Sie hinauskommen und bestellen Sie sofort das Blatt in Tannroda ab. Ich werde mich auf der Post danach erkundigen.« Das hat denn Maiwald auch nolens volens tun müssen. Aber einige Zeit darauf durften alle Schriften, auch sozialdemokratische, frei befördert werden. Der Vorfall hatte also doch auch sein Gutes gewirkt. Im übrigen regnete es an dem Tage in Strömen und wir armen Sommerfrischler mußten die meiste Zeit in den Liegehallen zubringen. Ich ging trotzdem einmal bis hinunter zum Rittergut München, und dort bot sich mir ein ergreifender Anblick. Im strömenden Regen hielt ein Töpfergespann, innen und außen voll Töpfe gepfropft. Der Wagen diente aber auch gleichzeitig der ganzen Familie als Wohnstätte und 2 ganz kleine Kinder waren mit dabei, die kränklich aussahen und ebenfalls nur Wagenplandecke als einzigen Schutz gegen die Nässe hatten; sie dauerten mich ganz besonders. In jenen Tagen gab es auch bei der Abendandacht einmal eine Abwechselung, indem Schwester Jenny dieselbe abhielt. Sie las dabei ein Gedicht vor, das als Anfangs- und Endstrophe jeden Verses die Worte enthielt: »Ich möchte heim!« Damit erweckte sie[311] in aller Herzen eine solche Sehnsucht nach Hause, daß das »Ich möchte heim« uns einige Tage lang gar nicht aus dem Gedächtnis kam. Der 3. August war wieder ein mal ein Sonntag, ein für mich erfreulicher Tag. Denn da hatte ich Sprechstunde beim Arzt. Ich hatte vorher meinen Auswurf 24 Stunden lang ansammeln und zur Untersuchung abgeben müssen. Nun erfuhr ich, daß er bazillenfrei befunden worden war. Ich empfand darüber eine tiefe Freude. War nun doch Aussicht auf sichere Heilung vorhanden! Am 5. August konnten wir ein Gegenstück zu dem Töpferwagen besichtigen. Ein großes komfortables Automobil, dem ein Herr und eine elegante Dame entstiegen, mußten beim Gasthaus München Halt machen, um ihrem Chauffeur eine Reparatur an der Kilometerfreßmaschine vornehmen zu lassen. Sie nahm einige Stunden in Anspruch. Der Chauffeur teilte uns dabei mit, daß die Herrschaften aus Leipzig seien und heute noch bis Ilmenau fahren wollten, dann sollte die Ausstellung in Düsseldorf besucht und daranschließend eine Rheinreise unternommen werden, um endlich nach Tirol zu auteln und dort in einem schattigen Gebirgsneste für längere Zeit Aufenthalt zu nehmen. Vor kurzem sei er mit seinem Brotgeberpaar erst einige Wochen in Misdroy und Heringsdorf gewesen. Das ist das Los der oberen Zehntausend, von einem fashionablen Badeort zum andern zu reisen und in den Zwischenpausen noch da und dort bei bester Lebensweise Naturschönheiten mit anzusehen! Wir drei, die wir bei der Maschine standen, wären froh gewesen, wenn wir nur die Mittel gehabt hätten, um unsere Frauen einmal nach der Heilstätte kommen zu lassen, um ihnen auch einmal die Schönheit dieser Landschaft zu zeigen. Aber da sie dabei unbedingt übernachten müssen, was im Gasthaus zu München 1,25 Mark kostet, obwohl das Bett noch extra in der Kammer des Dienstmädchens steht, und da außerdem gegen 5 Mark Fahrgeld nötig sind, so mußte selbst dies unterbleiben. Selbst meine Frau wäre trotz der Kinder gar zu gern einmal hierher gekommen; aber das Geld, das Geld... Kurz vor dem zweiten Frühstück hatte ich an diesem Tage einen Zusammenstoß mit meinem Schlafkollegen, mit dem ich seit einigen[312] Wochen allein ein kleines Zimmer bewohnte. Er war Kaufmann in Jena, seine Frau war in diesen Tagen in die Wochen gekommen, und er hatte sich deshalb vom Arzt 2 Tage Urlaub geben lassen. Nun hatte ich von einem Bautechniker, der kurz vorher aus der Anstalt flog, noch ein der Lesehalle Jena gehöriges Buch, Krieg und Frieden von Tolstoj, in Händen und um das Porto zu sparen, bat ich den Kaufmann, es mitzunehmen. Er hatte sich auch dazu bereit erklärt, als wir uns plötzlich noch in ein politisches Gespräch über den neuen Zolltarif verwickelten. Hier war nun der Mann, seiner Gesinnung nach Antisemit, besonders borniert. Denn er meinte, nachdem er weidlich auf unsern alten Bebel geschimpft hatte: »Ich will doch lieber für das Pfund Brot einen Groschen oder zwölf Pfennige mehr bezahlen und will wissen, daß wir in Deutschland einen gesunden kräftigen Bauernstand haben, als wenn das nicht der Fall sein würde.« Ich fragte ihn darauf, ob er noch bei vollem Verstande sei, was ich leider bezweifeln und ihm dringend raten müsse, sich in Blankenhain im Irrenhaus einmal auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen, denn sonst könne er wirklich nicht so sprechen. Ob er nicht wisse, was das für eine achtköpfige Arbeiterfamilie, wie z. B. bei mir, zu bedeuten habe? Dann müßte ich doch mit meiner Familie einfach verhungern, denn da ich wöchentlich rund 30 Pfund Brot brauche, hätte ich den Agrariern jährlich 188 Mark allein für Brot mehr zu opfern. Wir gerieten so in die Wut, daß er mir schließlich des armen Tolstojs Krieg und Frieden vor die Füße schleuderte, so daß ich schon meinte, es ginge in tausend Fetzen; ich solle nur meinen Dreck selbst besorgen. Dann stürzte er zur Türe hinaus, mir noch einen vernichtenden Blick zuwerfend. Allein im Tagesraum fanden wir uns bald wieder; er bot mir die Hand und meinte, daß wir am besten überhaupt nicht mehr politisieren wollten, da ja keiner dem andern Recht gebe und die Parteianschauungen direkt entgegengesetzte seien. Und dann nahm er das Buch doch noch mit. Am 7. August sahen wir von der Liegehalle aus die Patienten ankommen, von denen der eine einen tüchtigen Schwips zu haben schien und wir waren richtig nach der »Absoluten« kaum in den[313] Tagesraum gekommen, als wir schon hörten, daß der Angetrunkene keinen Thermometer genommen habe. Er sei vielmehr noch der Schwester frech und unbotmäßig entgegengetreten, ferner fehlte er sowohl beim Kaffee als auch beim Abendbrot und am andern Tag früh hatte er schon wieder den Fahrschein nach Gera in der Tasche. Seine Kur hatte demnach nicht einmal einen Tag gedauert und außerdem hatte er in der Heilstätte keinen Bissen Nahrung zu sich genommen. Es ist leider traurig, daß noch solche Elemente, die kein bißchen Selbstbeherrschung mehr besitzen, unter der Arbeiterschaft vorhanden sind. Am Abend war auch der Kaufmann wieder zurückgekehrt. Er sprach wieder ganz freundlich zu mir, und erzählte mir von seiner jungen Frau und seinem Töchterchen, das ihm sehr ähnlich sehen sollte. Seine Frau habe sich gefreut über seine gesunde Farbe, seine weiße Haut, seine vollen Körperformen und seine schönen weißen Zähne, die vorher viel schlechter ausgesehen hätten. Das Tolstojbuch würde seine Frau selbst an seine Adresse besorgen, ich sollte unbekümmert darüber sein. Leider hatte ich am Sonntag darauf schon wieder eine Auseinandersetzung mit ihm, und zwar diesmal wegen der Kirche und des Glaubens. Ich zergliederte ihm die Thesen der mosaischen und der Darwinischen Schöpfungsgeschichte und meinte, daß die letztere doch wohl die richtigere sei. Allein er ließ sich auch hier nichts ausreden, und weil bei mir »jeder nach seiner Façon selig werden kann«, gab ich den weiteren Disput darüber auf. Am 8. August war wieder ein großer Tag für uns: ein Hofprediger ? sein Name ist mir leider entfallen, ich glaube aber, daß er aus Weimar war ? hatte für den Nachmittag einen Vortrag über die Palästinareise, die er mit Wilhelm II. gemacht hatte, angekündigt. Selbstverständlich freuten wir uns, einmal etwas Selbstgeschautes über das Mittelmeer und die türkische Bevölkerung und das gelobte Land, »da Milch und Honig floß«, hören zu können. Mit Spannung erwarteten wir das Ende der »absoluten« Liegezeit und rückten unmittelbar nach dem Kaffee im Speisesaal zusammen, um den Vortrag entgegenzunehmen. Der[314] Hofprediger, ein Mann von außergewöhnlich hoher breitschultriger Statur, begann, daß er uns eigentlich seinen Vortrag mit einem echten deutschen Liede, dem herrlichen »Deutschland, Deutschland über alles« habe einleiten lassen wollen, von dem er hoffe, daß wir es alle kennten; im Interesse unserer Krankheit wolle er aber darauf verzichten. Im übrigen beschränkte er sich lediglich auf die Beschreibung der heiligen Stätten und der Kirchen in Bethlehem, Jerusalem und Nazareth. Zum Schlusse richtete der Prediger einen Appell an unsere Seele. Wir sollten in uns gehen und nicht den Zweiflern und Abtrünnigen unser Ohr leihen. Wenn Menschen über solche, die zu Gott beten, lachten, so müßten sie ja auch schließlich über ihre Kinder lachen, die ihre Eltern um irgend etwas bitten. Hierzu möchte ich meinen, daß Elemente, die über ihre zu Gott betenden Mitmenschen lachen, dies nur aus Dummheit tun; ein überzeugter Atheist tut etwas derartiges sicherlich nie. Der Redner gab uns zuletzt noch auf, der Kirche treu zu bleiben und dankbar zu sein für die Wohltaten, die uns kranken Menschen in den Heilstätten geschenkt würden. Ewiger Dank gebühre vor allem noch heute dem alten Kaiser Wilhelm. Damit hatte der Vortrag sein Ende. Der Herr Hofprediger verabschiedete sich schnell von den Schwestern, durch ein Kopfnicken von uns. Seine Gemahlin wartete schon vor der Heilstätte auf ihn. Selbstverständlich wurde der Vortrag nachträglich auch kommentiert, und einige Spötter konnten sich nicht enthalten, zu äußern, daß diese Heilstätten doch größtenteils von den Beiträgen der gesamten Arbeiterschaft aufgeführt und erhalten würden. Am nächsten Tage erschien plötzlich während des zweiten Frühstücks der Oberarzt bei uns und hielt uns eine Strafpredigt. In der Nähe der »Schönen Aussicht« bei Tannroda sollten am Tage vorher drei Damen belästigt worden sein, die Beschwerde geführt haben. Der Arzt war begreiflicherweise darüber erregt und meinte, daß solche Schlote und Hallunken ihm unbedingt gemeldet werden müßten, das sei keine Denunziation. Es komme sonst schließlich noch so weit, daß für uns eine Einzäunung im Walde gemacht werden müsse, über die wir nicht hinausdürfen. Er wolle[315] unbedingt bis zum Abend die Flegel heraushaben, widrigenfalls er den Versicherungsvorsitzenden Geheimrat Elle-Weimar kommen lassen müsse. Aber wir hörten nichts mehr davon. Es kann ja auch sein, daß andere Burschen die Missetäter gewesen sind. Der Schein sprach allerdings für die Hustenburger. Am 11. August untersuchte mich Herr Dr. Koppert wieder. Er konstatierte abermals, daß meine Lunge bazillenfrei sei, die Stellen wären ausgeheilt, ich müsse aber trotzdem meine Kurzeit durchhalten. Ich habe mich an diesem Tage über meine Genesung so gefreut, daß ich mit zwei Freunden, Meister und Maiwald, im Walde in die tollste Stimmung geriet und wir schließlich gegeneinander ein richtiges Pilzbombardement, natürlich nur mit ungenießbaren, losließen. Aber der Spaziergang sollte mit einem Mißton enden. Wir saßen später gegenüber dem Martinswerk auf einer Bank und pfiffen den Gassenhauer: »Lebt denn meine Male noch,« als plötzlich der schon genannte sehr jugendliche Forstadjunkt mit seinem kleinen Dachshündchen in Sicht kam. Er blieb auf dem Waldpfade stehen und meinte: »Ich werde Sie pfeifen lernen.« Da ich bei meiner Schwerhörigkeit ihn nicht verstand, beugte ich mich über das Tischchen vor und die Hand am rechten Ohr als Schalltrichter benutzend, frug ich ihn nochmals nach seinem Begehr. Er trat darauf dicht vor den Tisch und wiederholte laut: »Ich werde Sie pfeifen lernen,« worauf Maiwald entgegnete: »Wer hat denn gepfiffen, das war'n doch die da oben.« »Was, die da oben?« entgegnete der Adjunkt, »Sie wollen mich wohl noch hier zum Narren halten, die da oben, stehen Sie auf, aber sofort bitte.« Hierauf sagte Maiwald: »Ach gehen Sie weg und belästigen Sie mich nicht mehr. Ich könnte mich sonst aufregen.« Darauf der andere: »Was, ich soll weggehen, Sie wollen mich wegweisen, mich hier in meinem Revier, in meiner Behausung? Was sind Sie denn mir gegenüber? Sie sind ja nur aus Gnade und Barmherzigkeit hier. Ihr müßt doch froh sein, daß man Euch das Leben läßt, denn ohne uns würdet Ihr verhungern.« Darauf natürlich großer und energischer Protest, indem von uns das Umgekehrte für richtig erklärt wurde. Darauf schrie der Herr: »Ich[316] brauche Sie hier in meinem Revier gar nicht zu dulden. Wenn Sie den Schnabel nicht halten, fliegen Sie raus und ich verklage Sie außerdem noch wegen Hausfriedensbruch. Sie haben meinem Befehle sofort Folge zu leisten.« Unsererseits wurde ihm nachmals bedeutet, uns in Ruhe zu lassen. Das machte ihn aber nur noch wilder. »Was sind Sie gegen mich geschulten Mann? Was glauben Sie wohl, was ich für eine Gewalt über Sie besitze? Ich werde morgen zum Arzt kommen und Sie herauswerfen lassen.« Ich bat nun meine Kollegen, doch abzulassen und ihn stehen zu lassen; allein ich predigte tauben Ohren. Der Skandal ging weiter und der Adjunkt wollte die Namen haben. Schließlich drückte ich mich seitwärts in die Büsche und ging allein nach Hause. In diesen Tagen ? es war am 23. August, einem Sonnabend ? reiste auch mein alter Politikus, der Jenenser Kaufmann, ab. Er hatte sich schließlich an den verbissenen Roten gewöhnt, dem er trotz aller Agitationskünste nichts anhaben konnte. Wir sollten uns also von nun an nicht mehr streiten. Seine Frau hatte ihm geschrieben, daß der 23. August für sie der größte Feiertag dieses Jahres sein würde. Er war froh, wie alle anderen auch, die geheilt diese Stätte verlassen, nach langer Abwesenheit die Ihrigen wiederzusehen. Ich begleitete ihn bis zur Bahn. Als seinen Nachfolger bekam ich einen intelligenten und angenehmen Zimmerkollegen in der Person eines Tischlers aus Altenburg, eines geborenen Österreichers, der bereits die zweite Kur machte. Er unterhielt mich besonders des Abends vom Bett aus lebhaft und sprach vor allem sehr viel über Opern. So erklärte er mir den »Tannhäuser«, die »Undine« sowie »Die versunkene Glocke«, welche er mehrmals im Altenburger Hoftheater gesehen hatte. Dann kam wieder ein Sonntag. Ach, wie ungern hatten wir den, wenn Ausflügler oder die Leute von Tannroda und Berka mit ihren Familien spazieren gingen, und uns an die Lieben zu Hause erinnerten. Meine Frau hatte mir gerade damals wahre Jammerbriefe geschrieben. Kein alter Hund frage nach mir, viel weniger die Genossen und Kollegen. Sie sei sich selbst überlassen mit den vielen Kindern und wachte oftmals vor Sorge und Aufregung[317] in der Nacht auf. Auch sie sei nicht gesund. Sie leide an Schwindel, chronischem Kopfschmerz, Herzdrücken und Luftmangel und wolle Gott danken, wenn ich wieder zu Hause wäre. Am Nachmittag dieses Sonntags war ich mit meinen beiden Spezialfreunden wieder einmal nach Berka spaziert. Weil es Sonntag war, verlockte es uns, in »Stadt Leipzig« ein Glas Bier zu genehmigen. Wir trafen darin einen ganzen Schwarm Hustenburger an. Da war ein Maurer, ein Schneider, der für gewöhnlich »Nieselpriem« genannt wurde und stets ein Bild des alten Liebknecht, in Perlmutter geschnitzt, an seinem Rockkragen trug. Einige Tage später, als er mit dem Assistenzarzt Dr. Litzner am Feldrande stand, hatte er wegen dieses seines Talismans mit diesem eine kleine Wechselrede. Jener frug, auf das Bild deutend, wer das sei. »Nun, kennen Sie den Mann nicht,« entgegnete ihm der Schneider, »das ist der alte Liebknecht.« »Ach, für diese Leute könnte ich mich nicht erwärmen,« antwortete der Arzt. »So? Aber Sie wären der einzige Arzt nicht, der unsern Ideen huldigte,« erwiderte der, »kommen Sie mal nach Berlin, z. B. zu Dr. Freudenberg, da hängt das ganze Sprechzimmer voll solcher Männerbildnisse.« Am 25. August untersuchten mich abermals beide Ärzte und konstatierten völlige Genesung. Meine Abreise wurde darauf auf den 3. September festgesetzt. Ach, wie schlug mir bei dieser Nachricht das Herz hoch und freudig! Endlich sollte ich meine Lieben wiedersehen. Und wie würde sich meine Familie freuen, wenn sie die frohe Botschaft empfinge? Jetzt hatte ich das Ziel der Genesung erreicht! Und mit frohem Mute erhob ich mich am folgenden Morgen von meinem Lager: in sieben Tagen war ich daheim! Freilich, ich wäre schon am 28. August gern zu Hause gewesen. Denn da war der 7. Geburtstag meiner ältesten Tochter Hedwig. Merkwürdig ? sonst dachte man kaum an die Geburtstage der Kinder. Denn, offen gesagt, vergehen in den Proletarierfamilien solche Tage, ohne daß überhaupt daran gedacht wird. Und es ist ja doch auch nur ein Tag wie jeder andere. Geschenke zu geben ist so wie so nicht möglich. Man ist froh, wenn man zu Weihnachten den Kindern etwas schenken kann; Mann und Frau müssen freilich[318] auch dann auf gegenseitige Geschenke verzichten. Ich persönlich habe zum Beispiel nie in meinem Leben etwas zum Geburtstag geschenkt erhalten, ausgenommen in der Schulzeit von meinem Freunde Ernst Dietzmann ein Buch. Aber bei dessen Geburtstag wurden wir stets eingeladen und mit Kuchen, Torte und dicker Schokolade bewirtet, in der selbst der Löffel stecken blieb. Bei uns zu Hause gabs freilich nichts dergleichen, höchstens eine Extraauslage Hiebe, und als verheirateter Mann ist es auch nicht anders geworden, d. h. Hiebe gibt es nicht, aber manchmal aus irgend einem, meist pekuniären Anlasse, Unfrieden mit der besseren Hälfte. Aber einem mußte und konnte ich wenigstens an jenem Tage eine Freude machen, und zwar dem alten Politikus, dem Kaufmann aus Jena. Nach dessen Abreise hatte ich auf dem Rückweg im Walde sein Zigarrenetui mit dem Bildnis seiner schmucken Frau gefunden, das er höchstwahrscheinlich aus der Überziehertasche verloren hatte. Und ich selbst erfuhr auch eine große Freude. Ich erhielt die Glücksbotschaft, daß mein Freund und Kollege Fuchs, der spätere Werkmeister, unter meinen Mitarbeitern 12 Mark gesammelt und meiner Frau durch den Schlosser Schaller hatte übergeben lassen. Denselben Abend war dann noch in der Liegehalle ein Gesangskonzert. Es war schon ein ganzes Repertoir heruntergeleiert worden, wie: »Sah ein Knab' ein Röslein stehn«, »Ich kenn ein Tal so wunderschön«, »Ich bin so gern, so gern daheim«. Auch Dr. Litzner klatschte Beifall, als er auf dem Wege nach seinem Abendschoppen in Tannroda vorüberkam. Allmählich wurde dann aber zu Kouplets und anrüchigeren Liedern übergegangen. Ich dirigierte gerade: »Wir sind die Sänger von Finsterwalde«, als der Oberarzt hinter mir stand. Wie ein begossener Pudel schlich ich mich nach meinem Liegestuhl. Der Arzt aber sagte: »Das ist zu toll. Ich habe schon unten in der Aussicht Ruhe geboten und hier finde ich denselben Spektakel. Ich lasse mir wohl ein harmloses Volkslied gefallen, aber solche Lieder leide ich einfach nicht. Überhaupt Leute, die starken Auswurf haben, sollten am besten gar nicht singen. Ich verbitte mir das für die Zukunft und sage das in Ihrem eigenen Interesse.«[319] Am 29. August traf ich auf einer Bank, die nebst einem Tischchen im dichtesten Unterholz angebracht und »Fröhliche Wiederkunft« getauft worden war, mit einem Chinakämpfer zusammen, der beim ostasiatischen Reiterregiment den Spaziergang nach China mitgemacht hatte. Er erzählte mir allerhand Abenteuer. Er trug einen silbernen Ring und eine Uhr, die er von einem Juwelenhändler in Poating-Fu geschenkt erhalten haben wollte, dann sagte er, daß er 24 Meter feinste Seite mitgebracht habe und einmal mit noch 2 Kameraden eine Orgie mit sieben Chinesenmädchen gefeiert habe. Ich habe auch bei meiner zweiten Kur eine ganze Anzahl solcher Vaterlandsverteidiger kennen gelernt, aber etwas Gutes habe ich von keinem gehört. Am 30. August verfaßte ich eine Begrüßungsadresse an unsern Landesparteitag, der am 31. August in Kahla zusammentrat. Die Mehrzahl der Leidensgenossen aus dem Herzogtum, welche sich hier zur Kur befanden, steuerten zum Porto bei; zugleich rüstete man an diesem Tage schon für das Sedanfest, das in der Anstalt großartig gefeiert werden sollte. Außer einem mächtigen haushohen Scheiterhaufen wurden Buden mit Würfelspiel, Lotto und Radverlosung aufgebaut. Gewinne dafür waren in Berka auf Rechnung der Heilstätte gekauft worden. Es waren sogar einige im Werte von 3?4 Mark darunter. Das Eigenartigste war der Bau des Scheiterhaufens. Er wurde auf dem Stoppelfeld des Rittergutes München, dicht am Bergabhang errichtet. Ich trug lediglich einige Stämme mit zu, die zerschnitten und gespaltet und dann abwechselnd mit einer Schicht Reisig aufgetürmt wurden. der Haufen war schließlich so hoch wie ein kleines Haus; oben auf der Spitze thronte ein Fanal, das man mit einem alten Rock und einem Hut aufgeputzt hatte. Eine riesige Menge Holz war dazu verwendet worden. Ich glaube, in meinem Familienhaushalt hätte ich mit dem Holz ein halbes Jahr und länger heizen können. Bei der Abendliegekur kam ich mit meinem Nachbar Segelken noch in ein interessantes Gespräch über den Untergang der Republik Venedig durch Napoleon Bonaparte, und schließlich kamen wir auch auf das in der Nähe von uns gelegene weimarische[320] Schloß Kranichfeld zu reden. Segelken erzählte mir, daß Napoleon dort 1806 oder 1807 im Quartier gelegen habe. Es sei ein Attentat auf ihn geplant gewesen, aber durch den Schloßkastellan Witzmann, dem Großvater des jetzigen Besitzers, verraten worden. Zum Dank dafür habe Napoleon das Schloß konfisziert und dem Kastellan zum Geschenk gemacht. Ob das wahr ist, kann ich auch heute noch nicht kontrollieren. Aber meine Neugierde nach dem Schloß war geweckt, und so wurde beschlossen, am nächsten Tage, dem letzten Sonntag meines Aufenthaltes, dem Schlosse einen Besuch abzustatten. In Gesellschaft meiner Spezialfreunde, sowie der Kollegen Leube und Segelken gings sofort nach dem Kaffee los. Die Familie des Besitzers betrieb in dem Schlosse eine Restauration. Wir waren äußerst erstaunt, an den Wänden die Bilder unserer beiden Parteiführer Bebel und Liebknecht im schmucken Rahmen hängen zu sehen. Außerdem waren 6 junge Damen, darunter einige Leipziger, zur Sommerfrische anwesend, mit denen wir uns prächtig amüsierten. Von den hochgelegenen Fenstern des rechten Balkonzimmers aus hatten wir eine herrliche Aussicht auf das Ilmtal. Im Hintergrund am Horizont stand der Kickelhahn bei Ilmenau. Allzuschnell entschwand die Zeit, ja wir hatten uns beinahe schon zu lange aufgehalten. Unglücklicherweise verliefen wir uns auch noch etwas, und so kamen wir mit einer Verspätung von 5 Minuten auf unserer Hustenburg an. Die Schwester Lisbeth stand wie zufällig vor der Türe. Sie war wenig über unser Zuspätkommen erfreut, und wollte es uns erst durchaus nicht glauben, daß wir uns verlaufen haben sollten. »Geht doch, solchte alte Kerle, die schon ein Vierteljahr da sind und verlaufen, das macht doch weiß, wem Ihr wollt!« Als ich ihr aber nachher beim Ohrenausspritzen im Laboratorium den Sachverhalt nochmals klarlegte, glaubte sie es. Die andern meinten, sie habe unser Ausbleiben schon dem Dr. Litzner gemeldet gehabt. Ich hörte aber nichts von der Sache. Am nächsten Morgen war der große Tag des Sedanfestes erschienen. Vormittags ging ich nach Berka, um für Frau und Kinder einige kleine Geschenke einzukaufen. Beim Nachmittagskaffee,[321] der diesmal um 3 Uhr gereicht wurde, erhielt jeder Mann drei Biermarken. Zum Vogelschießen kostete das Los 10 Pfennige. Ich nahm nur eins, und 50 Pfennige verspielte ich am Roulette. Dafür gewann ich nur ein Stück Seife. Ein anderer, Winkler-Sonneberg gewann dagegen Schlag auf Schlag. Er schenkte mir aus Mitleid ein Messer, von denen er mehrere gewonnen hatte. Zweimal mußte er seine Gewinne in sein Zimmer schleppen, weil er schon Taschen und Hände übervoll hatte. Im Lotto verspielte ich 20 Pfennige und gewann 2 Schüsseln und 1 Flasche Parfüm. Zum Abendbrot erhielt jeder Mann 2 Rostbratwürste. Ich aß nur eine, die zweite verteilte ich unter die zahlreich erschienenen armen Tannrodaer Kinder. Das Schönste war der Brand des Scheiterhaufens am Abend. Das gab einen grandiosen Anblick. Das Feuer muß weithin sichtbar gewesen sein. Die ganze Feier nahm sich aus, als ob wirklich da ein kleines Städtchen Schützenfest hätte. Der Oberarzt hatte dazu Weimarer Herrschaften zu Besuch empfangen. Ich glaube, sogar der Vorsitzende des Heilstättenvorstandes, Geheimer Regierungsrat Elle, war anwesend, ebenso eine Menge Damen und Herren aus den Regierungskreisen, wie ich durch andere hörte. Gegen Abend sprach ein Patient noch einen selbstverfaßten Prolog; nach Einbruch der Dunkelheit fand eine Illumination und Rotfeuer statt. Gegen 1/2 11 Uhr war alles wieder still und wir verfügten uns in die Klappe. Am 2. September war endlich mein letzter Tag in der Hustenburg angebrochen. Bei der Schlußuntersuchung konstatierten die Ärzte, daß meine Lunge vollständig gesund sei. Aber ich sollte die kalten Abreibungen weiter machen und nicht zuviel Fleisch, sondern mehr Pflanzenkost essen. Ich beruhigte den Arzt darüber, da ein Proletarier schon an und für sich nicht zuviel Fleisch zu sich nehmen kann; das verhindert schon der leere Geldbeutel. Dann packte ich mit leichtem Herzen meine Koffer und übergab die Bibliothek an meinen Schlafkollegen Wagner. Die Nacht über schlief ich sehr unruhig. Vierundzwanzig Stunden später würde ich in den Armen meiner geliebten Frau ruhen. Endlich brach der Morgen an. Ich verabschiedete mich von Ärzten, Schwestern und[322] Kameraden, lief nach Berka, wohin der Bäcker, der jeden Morgen mit Geschirr die Brötchen bringt, meine und der anderen beiden abreisenden Kollegen Gepäck mitgenommen hatte und bald führte das Dampfroß »Pussel« uns unsern heimischen Penaten entgegen. Wenn es keine Lungenheilanstalt gewesen wäre, hätte man rufen können, die schönen Tage in Aranjuez seien nun zu Ende. Das Wiedersehen zu Hause brauche ich nicht zu beschreiben, das kann sich ein jeder selbst ausmalen. Aber ich will hier noch 2 Statistiken anfügen, erstens über die Speisen während der ersten Kur und zweitens über meine Lektüre während dieser Zeit; die meisten der Bücher hatte ich mir selbst von zu Hause mitgebracht, natürlich nur solche, die ich noch nicht gelesen hatte. Aus der Speisekarte kann jeder ersehen, daß schon ein sehr reichlicher Arbeitslohn nötig wäre, wenn der Entlassene zu Hause dieselbe Kost weiter nehmen wollte.[323] Weitere Fortsetzung kann ich mir ersparen, da immer dasselbe wieder an die Reihe kam. Und nun meine Lektüre: Gorki: »Mein Reisegefährte«*, »Makar Tschudra«*, »Konowalow«*, »Tschelkasch«*, »Foma Gordjejew«*, »Sechsundzwanzig und Eine«*, »Ehepaar Orlow«*; Hildebrandt: »Reise um die Erde«*; Knopf: »Die Bekämpfung der Tuberkulose«*; Loti: »Islandfischer«*; Kleist: Werke; v. Ense: »Derfflinger«*; Weber: »Demokritos«; Telman: »Unheilbar«*; Korolenko: »Der blinde Musiker«*; Heyse: »Zwei Gefangene«; Kennan: »Sibirien«; Kleist: »Prinz von Homburg«; Bleibtreu: Dies irae; Schiller: »Über naive und sentimentale Dichtung«; Heinrich Seidel: »Erzählungen«; Kleist: »Marquise v. O.«; Tolstoj: Krieg und Frieden«; Elise Schweichel: »Dunkle Nächte«; dieselbe: »In Fesseln«; Kirchbach: »Das Leben auf der Walze«; Wasgauerzählungen; Arnold: Novellen; Bube: »Sagenkranz für Thüringen«; Wolf: Novellen; Ludwig Börne: Sämtliche Schriften; Viebig: »Das tägliche Brot«; Petöfi: Gedichte*; Lenau: »Albigenser«*; Dodel: »Moses oder Darwin«*. Ich glaube, daß dies eine ziemlich respektable Leistung ist. Etwa die Hälfte der genannten Schriften waren mein Eigentum, und zwar die mit dem Stern angemerkten. Ich habe kurz darauf auch »Jena oder Sedan«, »Die Waffen nieder« und »Jörn Uhl« gelesen und ich muß sagen, die beiden letzteren waren Ereignisse in meinem Leben. Dasselbe kann ich auch über Hegelers »Pastor Klinghammer« sagen. Nun war ich wieder zu Hause. Während meiner Schonzeit bemühte ich mich ernstlich um einem gesünderen Beruf. Alles vergeblich. Was soll man also anfangen? Kurz, das eiserne Muß, den Hunger von der Familie fern zu halten, trieb mich schließlich[325] doch wieder nach der alten Arbeitsstätte, in die Fabrik. Das Springen und Laufen früh zum Arbeiterzug nahm wieder seinen Anfang. Der Ärger über meine Widersacher in der Fabrik und die Rackerei infolge neuer Lohnreduktionen seitens des Meisters quälten mich wieder so wie vorher. Obgleich mir meine Frau himmlische gute Worte gab, meine Gewerkschafts- und Parteiämter niederzulegen, konnte ich das doch nicht mit meiner Gesinnung vereinbaren, zumal das folgende Jahr ein Wahljahr wurde. Schon bei den ersten Versammlungen, die ich wieder besuchte, wurde die kommende Reichstagswahl ? es war die von 1903 ? besprochen und wir Vorstandsmitglieder hatten nun natürlich die Hauptarbeit zu leisten. Je näher die Wahl heranrückte, desto mehr Arbeit gab es, desto öfter hatten wir Sitzungen. In den letzten Wochen immer mehr als zwei. Dabei hatte ich außerdem noch alle Korrespondenzen zu erledigen, Redner zu bestellen, Berichte und Artikel zu schreiben. Und je mehr das alles meine Zeit in Anspruch nahm, desto mehr schimpfte auch die Alte wieder. Auch hieß es, an den Sonntagen mit hinaus aufs platte Land und Flugblätter tragen. Und wieder bekam ich dabei stellenweise das fürchterlichste Elend zu sehen. Im Winter ist es stets noch größer als im Sommer. So sah ich auf einer Tour, die die Orte Reichstädt, meines Vaters Heimat, Frankenau und Hartha umfaßte, im Hirtenhause des Rittergutes Reichstädt, einer etwa 150 Jahre alten Lehmhütte mit kleinen runden Schiebfensterchen, ungedielten Räumen und Strohdach, eine Arbeiterfamilie mit 9 Kindern am frühen Morgen kurz nach 6 Uhr um den Tisch herumsitzen; die Kleinen stippten ihre trockenen Brotstücken in die Zichorienbrühe, während die Eltern stumm vor sich hinbrüteten. Dasselbe Elend traf ich in Hartha an. Auch hier saßen die kleinen Dingerchen mit trockenem Brot und dunkler Brühe am Tische beim Morgenmahl, während ihre Mutter, ein abgehärmtes, abgemagertes und abgerackertes Weib, schon mit Arbeit beschäftigt war. Da ich regelmäßig jedes Jahr im Herbst ihnen unseren Agitationskalender gratis brachte, lernten die Leute mich allmählich kennen und faßten Vertrauen zu mir. Da hat mir eines Tages auch diese Frau ihre Leidensgeschichte[326] erzählt: Schwere Arbeit, alle Jahre ein Kind, der Mann ein Säufer. Selten gab er ihr Geld von seinem kargen Lohne, gewöhnlich nur Schläge. So mußte sie allein durch Lohnarbeit bei den Bauern ? 50 bis 70 Pfennige bei 14 Astündiger Arbeitszeit ? die Kinder ernähren. So wurde sie hart, so hart, daß jede mütterliche Zärtlichkeit für ihre Kinder erstorben schien. Eines Nachts kam der Mann wieder einmal total betrunken nach Hause. Sie schimpfte, ließ ihn anfangs überhaupt nicht ein, dann nur in die Stube, damit er auf dem alten Sofa seinen Rausch ausschliefe; als sie aber früh aufstand, hing er tot an der Türklinke. Sie habe ihm keine Träne nachgeweint. Mir aber standen die Tränen in den Augen. Da war ja mein Jammerleben noch golden dagegen zu nennen. Unsereiner fand wenigstens Trost bei einem Buche, damit träumte man sich aus dem engen Dasein in eine höhere Welt hinein; aber hier war nur grenzenloses Elend, Not, Unwissenheit und Stumpfsinn. Ich war stets froh, wenn ich wieder zur Tür hinaus war; doch den ganzen Tag über kamen mir die arme Frau mit ihren Kindern nicht aus dem Sinn. Dann wieder kam man zu reichen Bauern, die im Überfluß schwelgten, wo Schinken, Würste und Fleisch frei im Hausflur herum hingen. Am letzten Sonntag vor der Wahl war die Arbeit besonders gehäuft. Vormittags besorgte ich meine Tour mit Flugblättern und Stimmzetteln und um 3 Uhr Nachmittags hatte ich in einer Volksversammlung in Gessen zu referieren. Es fanden an diesem Tage allein 6 Versammlungen in unserem Bezirk statt. Das Material zu meinem Vortrag entnahm ich zum größten Teile dem Handbuch für Reichstagswähler. Als Vorsitzender fungierte dabei ein Freund von mir, ein Klempner von Beruf, der lange Jahre in Berlin gearbeitet und dort die Arbeiterbildungsschule besucht hatte. Er war Vegetarier und Abstinenzler zugleich. Was er trotzdem am Tage der Wahl per Rad für Strapazen überstanden hat, war staunenswert. Ich konnte das am besten beurteilen, da ich gegen Abend den gesamten Aufsichts-, Kontroll- und Schlepperapparat vom Wahlbureau aus mit zu leiten hatte. Er verlor wegen seiner Beteiligung am Tage der Wahl seine Arbeit und[327] mußte wieder nach Berlin gehen, wo er heute noch lebt und sogar Mitglied der theosophischen Gesellschaft geworden ist. Meiner Ansicht nach kommt diese Wissenschaft erst einmal in Frage, wenn einst die sozialistischen Endziele verwirklicht sind, wenn ein glücklicheres, freieres Menschentum geschaffen ist, und der Dämon Kapital aufgehört hat, zu existieren. Mein Landstraßen-Philosoph Schuchardt hatte mir kurz vor dem Wahltage ein Flugblatt aus Gotha geschickt, das in einem Bilde und einem Dialog zeigte, wie ein reicher Grundbesitzer einen armen Kuhbauern zur Abgabe einer agrarischen Stimme ködern wollte. Ich schrieb sofort an unser Zentralkomitee, das Flugblatt auch bei uns auszugeben; es geschah und hat Wunder bewirkt. Unser Buchwald wurde mit 1200 Stimmen Mehrheit gewählt; nachher allerdings wurde seine Wahl wieder für ungültig erklärt, angeblich weil der Minister von Helldorf gegen die Kandidatur des Bundes der Landwirte und für einen Freikonservativen eingetreten war!! Wer lacht da nicht? Alljährlich werden von der Versicherungsanstalt am Jahresschluß Fragekarten über den augenblicklichen Zustand der Patienten versendet. Ein jeder hat die schon frankierte Karte umgehend beantwortet zurückzusenden. Schon auf meiner zweiten Fragekarte mußte ich erklären, daß sich mein Gesundheitszustand wieder verschlimmert habe. Es war ja freilich kein Wunder. Kommt man in die alten Ursachen der Krankheit, d. h. in den Fabrikstaub zurück, so treten nach längerer oder kürzerer Zeit auch die alten Wirkungen wieder ein. Etwa 14 Tage nach der Einsendung meiner Karte ? am 14. Januar 1904 ? erhielt ich ein mittels Steindruck hergestelltes Schreiben der Versicherung, welches mich direkt zu einer zweiten Kur aufforderte. Und da mein mich behandelnder Arzt mir eine solche schon im Sommer vorher geraten hatte, so stellte ich meinen Antrag auf abermalige Aufnahme in eine Lungenheilanstalt. Er wurde schnell und prompt berücksichtigt. Schon für den 10. März 1904 wurde ich abermals nach der Sophienheilstätte einberufen. Abschied und Abreise vollzogen sich ebenso programmwidrig wie das erste Mal. Auf dem Bahnhofe[328] stand diesmal zum Abschied auch mein Freund Klecha. Er kannte meine Gefühle, als er mir den Reisekorb, den ich mir diesmal von meiner Schwester geliehen, in den Salonwagen vierter Klasse tragen half. Er ist gleich mir erfüllt von glühendem Wunsche nach Bildung, auf die er ebenso wie ich verzichten mußte. Denn auch er mußte die Gymnasiumbank in Untertertia mit dem Schraubstock und Kehrbesen vertauschen. Er kann viel bessere Verse machen als ich und hat mich erst in die Geheimnisse der Metrik eingeführt. Schon am Ende meiner ersten Kur schrieb er mir einmal: »Wie wird sich Dein armer Magen und Deine arme Lunge krümmen, wenn sie wieder Proletarierkost und Proletarierluft aufnehmen müssen!« Sie haben sich gekrümmt, und schnell genug war es wieder so weit, daß ich abermals die Bazillenvernichtungsstätte aufsuchen mußte. In derselben traurigen Stimmung, wie das erste Mal fuhr ich meinem Bestimmungsorte entgegen. In den Wäldern bei Berka lag noch der Schnee. Wieder wie das erste Mal waren wir vier neue Ankömmlinge, drei Arbeiter und ein Bahninspektor, aber freilich nur von den thüringischen Nebenbahnen. Die Schwester Lisbeth empfing uns ebenso freundlich wie früher. »Sie sehen nicht schlecht aus,« meinte sie zu mir. Dann wartete ich wie einst im Tagesraum; eine halbe Stunde später ging ich wie einst zum Kaffeetrinken, wo mich mein Freund Meister begrüßte, der ebenfalls, und zwar schon seit dem 8. Februar wieder in der Heilstätte war. Zum Glück war in seiner Liegehalle eben ein Stuhl und zwar dicht neben ihm, freigeworden. Es war diesmal Liegehalle und Gemeinde Waldfrieden und Meister war ihr Bürgermeister. Als 14 Tage später ein Geraer Glaser abging, wurde ich Vizebürgermeister und später nach Meisters Abgang sogar selbst Bürgermeister. Ich kam diesmal auf Zimmer 5 zu liegen, das nur 3 Betten faßte. Meine Schlafkollegen waren ein Obermeister aus Weimar und ein Zuschneider aus Arnstadt. Der Obermeister, ein Bayer von Geburt, war ziemlich gesprächig. Er erzählte gleich am ersten Abend aus seiner früheren Stellung in einer Kasseler Waggonfabrik einen für mich interessanten Fall. Da hatte ein Tischler[329] den ersten Mai gefeiert, aber nicht durch Arbeitsruhe, sondern dadurch, daß er Morgens in Feiertagskleidern mit einem roten Schlips an seiner Hobelbank stand, um für den Weltfeiertag zu demonstrieren. Als der Chef, ein Herr Kommerzienrat, durch den Saal ging, um zu sehen, wer fehlte, erblickte er auch den Demonstranten. Er fragte ihn, ob ihm die rote Farbe gefalle, und als dieser bejahte, rief er meinen Schlafkollegen, den Meister und ordnete an, daß der Platz des Tischlers mit rotem Tuch ausgeschlagen würde. Der Befehl wurde ausgeführt, aber am Sonnabend darauf erhielt der Tischler seine Kündigung. Sancta simplicitas! Bei der Untersuchung am nächsten Tage frug mich der Oberarzt Dr. Koppert: »Nun, Bromme, sind Sie schon wieder hier? Wie lange ist denn das her, daß Sie fort sind?« Ich erwiderte: »Fast zwei Jahre, Herr Doktor.« »Was, schon 2 Jahre? Mir ist, als ob es erst vor 4 Wochen gewesen ist.« Bei der Untersuchung meinte er, daß ich meine Kurvorschrift gut befolgen solle, dann würde schon wieder Heilung eintreten. Unter meinen diesmaligen Leidensgenossen war auch mein ehemaliger Nachbar in Ronneburg, Richter, der Winkeladvokat, den ich schon bei der Schilderung des Kollex erwähnte. Ich war geradezu erschrocken, als ich eines Tages nach dem Kaffeetrinken meine Butterbüchse wegsetzte und dabei im Gedränge auf Richter stieß. Wie sah der aus! Gerade als ob man ihn eben in den Sarg legen wollte! Sein Lebenswandel hatte sich bitter an ihm gerächt. Er hatte die Nächte hindurch gezecht, war aber trotzdem Morgens um 7 Uhr bei der Arbeit, die er glänzend leistete. Er sollte nach Aussage seines Chefs ein Sortierer gewesen sein, wie man selten einen findet. Ich selbst habe das beim Genossen Reichardt gesehen, dem ehemaligen Mausefallenkompagnon, der dann die Zigarrenfabrikation betrieb und für den Richter Sonntags Vormittags sortierte. Das Sortieren ging bei ihm so schnell, daß man ihm kaum mit den Augen folgen konnte; dabei verwechselte er nie eine Farbe. Alle 5 bis 6 Schattierungen des Tabaks lagen geordnet da, als wären sie zusammen gefärbt. Aber dafür machte Richter auch[330] jeden Montag blau und manchmal auch Dienstags noch. Einen Montag Nachmittag hat er von 3 bis 8 Uhr im Bergschlößchen Restaurant zu Ronneburg 27 Glas Lagerbier getrunken! Dabei priemte er und rauchte die stärksten Mexikozigarren; schließlich war er auch noch geschlechtlich unmäßig. Neben seiner Frau hatte er immer noch 1 ?2 heimliche Liebsten. In seiner Winkeladvokatur machte er die tollsten Dinger. Einen besonders dummen Bauer brachte er um mehr als 2000 Mark; auch meinen Kollegen Fuchs, von dem er 2 Bände »Deutsches Recht« für 26 Mark gegen Ratenzahlungen kaufte, betrog er, indem er nach der ersten Rate die beiden Bände auch an jenen Bauer für 40 Mark in bar verkaufte und an Fuchs nichts weiter bezahlte, der seinerseits gegen ihn nichts machen konnte, weil er ihm das Werk auf Treu und Glauben und nicht gegen Handschrift gegeben hatte. Als Richter dann mit einer verwitweten Gutsbesitzerin eine Hypothekensache machte, bei der er die Frau abermals prellte, schlug das auch unter uns dem Fasse den Boden aus. Wenn er auch zur Maifeier den Bürgermeister, die Schutzleute und Gegner in noch so schönen satirischen Parodien verspottete, es half ihm nichts mehr. Alle Sympathien für ihn waren dahin, zumal er auch noch mehr derartige Sachen auf dem Kerbholze hatte. Es kam der Antrag, ihn aus der Partei auszuschließen und ich selbst mußte für seinen Ausschluß stimmen. Für die Hypothekensache bekam er vier Monate Gefängnis, die ihn vollends aufrieben. Dazu hatte er und seine Frau mit 2 Kindern nun bittere Not zu leiden. Als er dann wieder eine Stelle in Wintersdorf erhielt, war wieder eine Betrugsanklage eingegangen, die abermals mit vier Monaten endete. Inzwischen hatte ihm der mörderische Bazillus bereits einen Lungenflügel vernichtet, und so kam er, gebrochen an Leib und Seele, auf der Heilstätte an. Die ersten Tage konnte er nur umher schleichen. Er hatte immer Fieber, das sich oft bis auf 39 Grad steigerte. Dabei mußte er einige Tage im Bett liegen. Da dichtete er die Schwestern und die Ärzte an. Eines Vormittags frug mich Schwester Lisbeth im Waschhause, wo sie in den Vormittagsstunden tätig war, ob ich meinen Freund Richter schon besucht hatte. Ich entgegnete,[331] daß die Freundschaft meinerseits nicht so weit her sei. Er erholte sich aber bald zusehends. In der Liegehalle legte er sich natürlich neben mich. Husten und Auswurf hatte er fast nie, seine Lunge war anderswie fortgegangen. Seine Stimme klang anfangs wie aus dem Grabe; aber Schwester Jenny gab ihm täglich Vormittags und Abends ein Glas Eierkognak, eine Vergnüstigung, die vor und nach ihm kaum einer wieder gehabt haben wird. Das machte ihm die Stimme wieder klar, so daß er nach einigen Wochen seinen Tenor wieder hatte und wie eine Heidelerche sang. Er bekam belegtes Frühstück und auch sonst taten Ärzte und Schwestern alles, was sie konnten. Ich spreche von den Ärzten und möchte da bemerken, daß diesmal ein neuer Assistenzarzt Herr Dr. Landgraf da war, ein ehemaliger Marinearzt, ein sehr freundlicher, liebenswürdiger Mann und guter Arzt, den ich hochschätzen gelernt habe. Als sich Richter etwas herausgemausert und wieder Stimme und Farbe bekommen hatte, wurde er übermütig, erzählte Schrullen und Schnurren, bei denen er allerdings auch manchmal auf schlüpfrige Thematas geriet und unterhielt damit nicht nur unsere Liegehalle und seine 5 Schlafkollegen, sondern die ganze Gesellschaft. Deshalb hatte er auch immer eine ganze Korona von Anhängern um sich. Sie waren so vernarrt in ihn, daß er wie ihr Häuptling erschien. Er konnte den Tag 4 Mal ins Freie gehen, so waren auch 4 Mal seine Schuhe gewichst; damit brauchte er selber sich nicht abzugeben. Er hatte dazu seine Dummen, pardon, seine Leute. Dabei gerierte er sich stets als gewichtiger Parteigenosse, gab Agitationsabenteuer und alles Mögliche zum Besten, und wenn ich in der Nähe stand, war stets sein letzter Satz: »Is nich wahr, Willy?« Ich bestätigte seine Renommistereien gewöhnlich, obwohl ich meistens gar nicht auf die Quasselei gehört hatte, nur um ihn schnell los zu werden, indem ich gewöhnlich nickte. Aber die Kollegen riefen dann manchmal, wenn ich nicht dabei war: Is nich wahr, Willy? Das waren diejenigen, die Menschenkenntnis hatten, seine Phrasen durchschauten und ihm wegen seiner Zoten nicht gern zuhörten. Was er sich alles herausnahm, war einfach bewundernswert. Am Abend sang er im Tagesraum[332] nach Klavierbegleitung, trotzdem ihm von der Schwester das Singen verboten war. Dann hektographierte er während der »Absoluten« seine Parodien und verkaufte die Sachen für 10 Pfennige das Stück. In dem ersten dieser Liedchen lobte er die Anstalt über alle Maßen, in der zweiten verspottete er die Straßen Berkas mit ihrem sächsisch-weimarischen Schlamm und in der dritten hatte er einige heitere Vorkommnisse aus der Anstalt verewigt. So war z. B. ein armer Waisenknabe aus dem Rhöngebirge durch Vermittelung eines Geistlichen hierhergekommen. Sein Vater war ein Säufer gewesen. Der Knabe war 15 Jahre alt, etwas verwachsen, kaum 3 Käse hoch und ein bißchen beschränkt. Er lernte hier von den Patienten nicht viel Gutes. Er hatte nichts weiter zu tun, als die Schweine zu füttern, deren Stall zu reinigen, die Hühner einzutreiben, die Liegehallen auszukehren und den Hund Peter spazieren zu führen. Eines Sonnabends passierte ihm das Unglück, daß ihm acht Schweine entflohen, als er gerade beim Reinigen war. Vier wurden sofort wieder eingefangen, die übrigen jagten in den Wald. Alles machte dann mit Jagd auf die Flüchtlinge; drei konnten auch an demselben Abend noch erwischt werden; aber das vierte blieb verschwunden, bis es sich am andern Morgen von selbst wieder einstellte. Auch diese Szene hatte Richter im Verse verewigt. Er nahm für seine Dinger, in denen es Stellen gab, wo man sagt: »Reim dich, oder ich freß dich«, an die 4 Mark ein. Bei ihm zu Hause aber war bittere Not. Einer seiner Brüder, ein Tanzlehrer in Berlin, sandte zwar seiner Familie wöchentlich 6 Mark und auch ihm dann und wann etwas. Auch später hat ihn dieser Bruder erhalten, als er aus der Heilstätte mit Ach und Krach herausflog. Man hatte ihn hier vor allem deshalb gern, weil er die ganze Gesellschaft unterhielt und ihnen die Grillen verscheuchte. So hatte erz. B. für unsere Halle ein sogenanntes Ortsstatut verfaßt, nach dem er sich selbst als Gerichtsrat wählen ließ, und als welcher er dann bei Vergehen, unanständigem Betragen, Beleidigungen usw. regelrechte Gerichtsverhandlungen abhielt. Zu solchen Verhandlungen fanden sich dann vor unserer Halle eine Menge Zuschauer ein; alles[333] was Abends keine Liegekur hatte, kam und hörte dem Gaudium zu, wie Richter seine Anklagereden hielt und die Missetäter zu Geldstrafen verknackte, nachdem zwei andere hatten als Schöffen ihre Gutachten abgeben müssen. Amazon.de Widgets Aber im Mai ? es war gerade der zweite Sonntag ? nahm alle Herrlichkeit mit Richter ein schnelles Ende. Es war nicht durch Arbeiter, sondern durch Privatpatienten aus Kaufmannskreisen, von denen auch stets einige da waren, dem Oberarzt mitgeteilt worden, daß Richter sich gelegentlich in großen Reden über die Anstalt und ihren Betrieb aufgehalten hatte. Auch ich war bei der Untersuchung darüber mit als Zeuge verwickelt, habe da aber dem Arzt offen gesagt, daß es Richter sicher mehr darauf angekommen sei, sich reden zu hören, als wie zu hetzen. Ich kannte ihn doch wie meine Westentasche. Doch es half nichts. Er wurde wegen Bruchs der Disziplin entlassen. Aber wenigstens als Erwerbsunfähiger, so daß er Anspruch auf Invalidenrente hatte. Übrigens zog Richter noch einen seiner Getreuen nach sich: ein gewisser Mierig ging an dem Tage, wo Richter abreiste, kurz entschlossen zum Arzte und verlangte ebenfalls seine Entlassung, weil Richter weggemußt hätte. Der leichtsinnige Tor! Er erhielt sie auch sofort. Aber ich bin mit der Schilderung Richters den Ereignissen während meiner zweiten Kur vorausgeeilt und muß nun wieder zurückgreifen. Mich drückte es fortwährend, daß ich gerade zu einer Zeit in der Heilstätte sein mußte, wo zu Hause die Wogen der Wahlbewegungen anfingen zu rauschen. Am 15. April fand Landtagswahl statt, an der ich schon nicht teilnehmen konnte, und vierzehn Tage später wurde unsere Reichstags-Ersatzwahl vorgenommen. Sollte ich auch dabei fehlen? Mir ließ es keine Ruhe. Ich fieberte ordentlich. Ein Genosse und Freund schrieb mir zwar: »Unterbrechen Sie Ihre Kur nicht, ohne die eine Stimme geht es schließlich auch.« Aber ich teilte doch schließlich den Freunden in Ronneburg mit, daß ich versuchen würde, zu kommen, wenn mir die Partei das Fahrgeld bewilligen würde. Mein Wunsch wurde mir gewährt und mir gleichzeitig mitgeteilt, daß ich dann wieder[334] mit im »Generalstab«, d. h. Wahlkomitee, tätig sein müßte. Als meiner Absicht unter den Hustenburgern bekannt wurde, hörte man die verschiedensten Ansichten darüber. Die Einen wunderten sich über meine Begeisterung, die anderen bezeichneten es einfach als Frechheit, einen Mann wie Dr. Koppert vor ein solches Dilemma zu stellen. Zu politischem Zwecke Urlaub zu fordern, sei mehr als stark. Ich konnte aber auf niemand hören, sondern mußte meiner Überzeugung und meinem innersten Drange folgen. Eines Tages wartete ich auf den Oberarzt und brachte mein Anliegen vor. »Ja, in diesem Falle kann ich Sie nicht zurückhalten, das ist ein gesetzliches Recht, was Sie ausüben wollen.« Ich war erstaunt und erfreut über diese Konsequenz und muß dem Arzt dafür heute noch Dank und Anerkennung zollen. Als dann aber die Schwachmütigen vernahmen, daß mein Urlaub anstandslos bewilligt sei, rissen sie die Mäuler auf. So bin ich denn eines Donnerstags abgefahren und Sonnabends zurückgekehrt. Freitags fand die Wahl statt. Dieser Tag scheint jetzt der beliebteste Wahltag für die Gegner zu sein, weil er für die Arbeiter der ungünstigste sein soll. Am Wahltag hatte ich wiederum die Besetzung der einzelnen Ortschaften mit unseren Aufsichtsposten vorzunehmen. Der Apparat funktionierte auch diesmal vorzüglich; aber die Genossen meldeten bald schon, daß die Aussichten auf Sieg gegen das letzte Mal gesunken seien. Viele Wähler seien verzogen; auch würde überall gegen uns bedeutend rigoroser vorgegangen als je vorher. Meinem Schwager Tänzler z. B., der Kontrolle fuhr, wurde in Posterstein der Pneumatikreifen durchstochen, während er sich ins Wahllokal begab. Ein junger Genosse fuhr in der Stadt auf einem Handwagen eine große Kiste umher, die an allen 4 Seiten mit dem großen Plakat: »Jeder bleibe seiner vorjährigen Stimme treu!« beklebt war. Der Stadtwachtmeister konfiszierte ihm einfach diese Kiste. In einer Anzahl Ortschaften wurden unsere Genossen überhaupt nicht ins Wahllokal gelassen, weil sie sich nicht als Altenburger ausweisen konnten. In Hilbersdorf saß der Wahlvorsteher ganz allein im Wahllokal, als einer unserer Kontrollfahrer ankam. Er hatte also mit der Urne ganz nach Belieben schalten und walten[335] können. In einem andern Orte wurden unsere Genossen wie die Räuber behandelt, denn die Bauern am Tische des Wahlbureaus unterhielten sich untereinander in der unflätigsten Weise über von uns gestellte, natürlich unwillkommene Aufsichtsorgane. So sagte einer: »Gorge, hast Du auch Deine Fra eingeschlussen, daß sie nicht von den Strolchen vergewaltigt wird.« Dann ein anderer: »Die Kerle sullt mer mit 'n Dreschflegel naushaue.« Die Folge war, daß auch eine Mehrheit von 327 Stimmen für den Konservativen herauskam. Aber das nächste Mal, mit neuen Listen ? und der Kreis Sachsen-Altenburg ist wieder unser. Erst spät Nachts am Wahltage kehrte ich nach Hause zurück und am anderen Morgen, noch ehe ein genaues Telegramm über die Resultate herein war, mußte ich wieder abdampfen. Dieser Abschied war mir schon leichter. Bei meiner Ankunft in Berka wurde ich von einigen abgeholt. Sie teilten mir mit, daß sie am Abend vorher in unserer Halle zur Feier des Wahlsieges illuminiert hätten, worauf ich ihnen wehmütig erwiderte, daß sie dann höchstwahrscheinlich die Niederlage illuminiert hätten, wie es sich denn auch sehr schnell danach herausstellte. Der folgende Tag war der erste Mai und zufällig ein Sonntag. Ich hatte in meiner trüben Stimmung, aber ganz unabsichtlich einen roten Schlips angelegt. Als ich die Treppe herunterkam, begegnete mir gleich Schwester Lisbeth: »Natürlich, Dicker, zur Feier des Tages muß eine rote Schleife angelegt werden! Na, das kann aber jeder machen wie er will,« sagte sie. Ich entgegnete, daß in die Maifeier stets bei mir ein bitterer Wermutstropfen falle, daß es der Todestag meiner Mutter sei, die nunmehr 12 Jahre in der Erde liege. Da war sie still. Am Nachmittag ging ich ganz allein den Hardtwald entlang. Ich kam mir heute am Weltfeiertage ganz einsam und verlassen vor. Ich saß dann lange auf einer Bank am Felsenvorsprunge, und die Sonne spiegelte sich auf dem Wasser des schnellfließenden Ilmflusses, so daß es in hundert Lichtern schillerte und glitzerte. Dann sah ich vor mir an dem Stamm einer Kiefer einen prächtigen schwarz-weiß-rot gefiederten Buntspecht hämmern. Ich regte und rührte mich nicht und hatte[336] so den seltenen Genuß, den fröhlichen Vogelzimmermann etwa 10 Minuten lang zu beobachten, wie er hurtig an der Rinde rund um den Baum herumpickte, dann und wann ihn einmal am Boden umkreiste, um sein Handwerk immer von neuem aufzunehmen. Ich konnte es ganz deutlich sehen, wie er die Würmer und Larven aus der Borke herausholte. Manchmal wurde er auch ungeduldig und hieb einen richtigen Splitter heraus, um zu der gesuchten Beute zu gelangen. Erst als ich mich erhob, merkte er die Anwesenheit eines fremden Geschöpfes und flog davon. Es gibt hier übrigens auch große Schwarzspechte, die stets handgroße Löcher in die Tannen und Fichten graben. Am nächsten Tage hielt der Oberarzt wieder einmal eine Rede während des zweiten Frühstücks. Er machte die Pfleglinge darauf aufmerksam, daß er nur noch in den seltensten Fällen Urlaub erteilen, namentlich nie die absolute Liegekur ausfallen lassen werde. Es würde zuviel Unfug mit der freien Zeit getrieben. Die Frauen daheim würden veranlaßt, sich auf das nötigste einzuschränken, damit sie die hier weilenden Herren Gatten wenigstens etwas mit Geld versehen könnten. Das werde dann nur in den Kneipen verjuxt. Und das sei nicht nötig.1 Der schöne Wald ist manchem zu langweilig. Aber Sie sollen sich hier langweilen, um Ihre Nerven einigermaßen zu beruhigen, damit diese wieder gestählt werden für den schweren Kampf ums Dasein draußen in der Welt. Er müßte es als den schlimmsten Egoismus bezeichnen, wenn man hier unnötigerweise Geld für Speisen und Getränke ausgebe, da doch jeder ausreichend verpflegt werde. Also er würde vorläufig keinen Urlaub mehr erteilen. Auch die Besuche sollten eingeschränkt werden. Und was hätte das für Zweck, schon nach 3?4 Wochen Frau und Kinder hierher kommen zu lassen? Und gewöhnlich seien das gerade diejenigen, die vorher am meisten gebarmt hätten. Am Nachmittage gingen wir wieder an der Ilm spazieren, als wir plötzlich eine Anzahl Engländer, die in Tannroda in der Sommerfrische[337] weilten, in der Ilm herumwaten und nach Forellen angeln sahen. Mir war das etwas ganz Neues und Unfaßbares. Ich dachte an Onkel Bräsig, ich hielt es für höchst zweifelhaft, daß unter diesen Umständen die Forellen beißen würden. Die Tommys kannten das Geschäft aber besser als ich. Sie singen schon ihren Bedarf. Mit neidischen Blicken sahen wir manchmal zu, wenn sie im Garten ihres Hotels frühstückten und sich hintennach die unvermeidliche Sheckpfeise anzündeten. Sie hatten auch eine Anzahl junger Damen mit, die oftmals wie rasend und toll mit ihren Zweirädern auf der Landstraße herumsausten. So verrückt habe ich kaum jemals einen Mann radeln sehen. Sie machten dabei noch allerhand Kunststücke, legten die Beine auf die Lenkstange, fuhren ohne zu lenken und ähnliche Tricks. Im Walde sah man sie höchst selten, ihr Element war Wasser. Dafür kamen aber andere Kurgäste oftmals vor unseren Liegehallen vorbei und besichtigten die Heilstätte. Ihnen schien das freilich nicht so schrecklich, wie einst einem aus meiner Heimat ankommenden Patienten. Als der die Pfleglinge auf den Liegestühlen liegen sah, glaubte er, daß auch während der Nacht in den offenen Liegehallen geschlafen werden müßte. Er rückte deshalb noch an demselben Abend aus und kam am andern Tag nach Hause. »Nee, da draußen auch noch unter freiem Himmel schlafen, das mache ich nich mit,« hat er nur gesagt. Es ist häßlich eingerichtet, daß gerade in den von der Natur am schönsten ausgestatteten Gegenden, in den Bädern und Sommerfrischen mitunter die größte Armut herrscht, weil diese Gegenden meist nur geringe oder gar keine Industrie haben. Wir trafen manchmal alte Holzsammlerinnen in den Wäldern und wenn wir dann sagten: »Mutter, frühstücken Sie denn auch nachher,« so erhielten wir zur Antwort: »Da muß man erst etwas haben; ich habe nichts und bin froh, wenn ich mich wenigstens einmal am Tage satt essen kann.« Die Langeweile wird in der Heilstätte auf mancherlei Art vertrieben. Eine Anzahl macht aus dürren Tannen- und Fichtensprossen, aus Zapfen, Moos und künstlichen Blumen Blumenkörbchen, ein andrer Teil beschäftigt sich mit Deckenknüpfen, zu[338] denen richtige mit Nägeln beschlagene Rahmen nötig sind, wieder ein Teil fertigt Schnitzereien an, einzelne machen Papierblumen und anderes mehr. Ich habe keine Luft zu solcher Bastelei, das habe ich merkwürdigerweise von meinem Vater nicht ererbt. Aber während meiner dritten Kur beendigte ich das vorliegende Buch. Eine andre meiner Zerstreuungen waren diesmal Spaziergänge mit einem Gutsinspektor, so nannte er sich wenigstens. Denn gewöhnlich werden bei uns diese Leute, wenn sie erst, wie dieser, 26 Jahre zählen, Verwalter genannt. Er stammte aus Ospreußen, wo sein Vater eine Brauerei gehabt hätte; zwei seiner Onkels seien Domänendirektoren in hochfürstlichen Häusern. Richter hatte ihm den Namen »Mistrat« gegeben, worüber er sich weidlich ärgerte; er konnte aber nichts dagegen haben, denn seinerseits nannte erz. B. meinen Freund Meister, den offenkundigen Sozialdemokraten, immer »den Bombenschmeißer«, was sich dieser freilich nach langer Geduld einmal mit den Worten verbat: »Passen Sie auf, daß ich Ihnen nicht noch einmal eine Handbombe ins Gesicht schmeiße.« Wenn er sein Leiborgan »Die deutsche Tageszeitung« las und Richter stand gerade in der Nähe, so rief der mitunter höhnisch aus: »Knutenörtel« oder »des Dreschgrafen Nachfolger«! »Inspektor« nennt er sich und »Mistrat« ist er, hinter den Mägden auf dem Felde stehen und Wadenstudien treiben, dann und wann auch einmal von hinten handgreiflich werden, das ist die Kunst dieser modernen Fronvögte.« Gewöhnlich kehrte sich dann Kuno heftig gegen ihn und drohte dem großsprecherischen Linksanwalt. Er fragte ihn aber trotzdem selbst um Rat und ließ ihn sogar einmal einen Brief schreiben, um wieder Barmittel flüssig zu machen. Er hatte nämlich im Jahre vorher eine Stelle auf einem hinterpommerschen Gute übernommen gehabt. Bis dahin war er meist in der Provinz Posen und Westpreußen gewesen. Als er den neuen Posten antreten sollte, erbat er sich noch für die drei ersten Tage Urlaub, die ihm auch gewährt wurden. Allein, als sie abgelaufen waren, wurde ihm bedeutet, nun gar nicht erst anzutreten. Er bekam dann Stellung in Münchenbernsdorf bei Weida, und von dort aus strengte er Klage an, die aber[339] noch kein Resultat gezeitigt hatte, als Richters Brief abging. Nach 14 Tagen aber trafen 108 Mark als Entschädigung ein. Bisher war der Inspektor sehr arm dran gewesen, so daß ich ihm manchmal ein Glas Bier bezahlen mußte, wenn wir einkehrten; und obgleich ich deshalb von Richter und Meister verspottet wurde, so tat ich dies doch gern; denn ich lernte auf unsern Spaziergängen von ihm mancherlei erfahren, was ich vielleicht sonst nicht gehört hätte. Der Mann hatte ? wenigstens nach seinen Schilderungen ? schon ein Vermögen verreist, war in Argentinien und Südbrasilien gewesen, wo er die Kaffeeplantagen studiert habe. Dann sei er nach Westindien gedampft. Die Fahrt habe 440 Mark gekostet; er sei der einzige Deutsche auf dem Dampfer, und nur noch etwa 5 junge Franzosen außer ihm die einzigen europäischen Passagiere gewesen. In den Abendstunden habe er mit denen auf Deck häufig die Marseillaise gesungen und auch mir sang er den ganzen Text des feurigen Liedes: »Allons enfants de la patrie, Le jour de gloire est arrivée« vor. Ich begleitete ihn dann zuweilen. Auf Haiti habe er die Tabak- und Zuckerrohrplantagen besichtigt und natürlich auch die Liebe der Negerinnen und Mulattinnen studiert. Über den Getreidebau der nordamerikanischen Farmer meinte er, daß die lange nicht so intensiv wirtschafteten wie die Landwirte bei uns in Deutschland. Die Halme ständen dort kaum viertels so dicht als hier. Aber nicht nur fachwissenschaftliche Angelegenheiten über Getreide- und Rübenbau teilte mir Kuno mit, sondern auch allerhand diskrete Dinge aus dem Leben auf den großen ostelbischen Rittergütern erfuhr ich durch ihn. Selbstverständlich äußerte auch ich überall meine Meinung dazu. Er erzählte, daß die ostelbischen Arbeiter nur eine Passion hätten, den Schnaps. Im Dorfkruge werde überhaupt nur Fusel verschenkt. Bier gebe es nur in besseren Restaurants. Wie weit das stimmt, kann ich nicht kontrollieren. Bei den drallen Mägden habe er sich manche Freiheit erlauben können. Er habe auf einem westpreußischen Gute, wo 100 polnische Arbeiterinnen beschäftigt waren, nur 2 Schwestern abwechselnd seine Gunst geschenkt, derjenigen, welche dran gewesen war, habe er dann am Tage leichtere[340] Arbeit gegeben, die habe erst später auf das Feld zu kommen brauchen. Seitdem er Geld hatte, blieb er öfter während des Frühstücks im Gasthaus München und speiste dort. Er bezahlte dann auch für den dortigen Gutsinspektor Bier und sprach mit ihm in unserer Gegenwart über die Arbeitsverhältnisse auf dem Gut: »Sie lassen Ihre Leute hier schon um 6 Uhr ausspannen? Das ist bei uns nicht Mode, da wird bis um 8 Uhr Abends gearbeitet«, das und ähnliches äußerte er dann. Wenn er danach aber hinaufkam, waren diese Auslassungen wie ein Lauffeuer verbreitet. Dann ging es ihm schlecht, und namentlich Richter kühlte sein Mütchen an ihm. Er mußte dann viel verschlucken. Da sagte einer: »Dort schimpft er über die Arbeiter und hier mästet er sich von den Arbeitergroschen.« Es kamen auch Tage, wo er nichts erzählte, wenn wir spazieren gingen. Dann schnitt er sich oft ein beliebiges Stämmchen im Walde ab und markierte das Gerwerfen: »Hier sehen Sie, Sie roter Umstürzler, was für Kraft noch in der deutschen Landwirtschaft schlummert,« meinte er dann nach gut gelungenen Würfen zu mir. Eine Woche vor Pfingsten frug ich bei Dr. Landgraf an, ob ich nicht jetzt schon heimreisen könne. Er bat mich jedoch, auszuhalten. Die Zeit des Aufenthaltes sei der Krankheit entsprechend ohnehin noch sehr kurz bemessen. Meine Frau schrieb aber zurück, daß sie es satt habe, so allein mit den Kindern zu sitzen, die doch auch gern einmal gerade zu Pfingsten spazieren gehen möchten. Als ich dann davon sprach, daß ich, wenn irgend möglich, meinen Beruf wechseln wolle, gab er mir sogar noch 3 Wochen Schonung, anstatt wie gewöhnlich zwei. Die Abreise wurde darauf auf Freitag vor Pfingsten festgesetzt. Wir waren 5 Mann, die froh waren, wieder nach der Heimat und unter die Menschen zurückkehren zu können. In der Heilstätte ist man doch förmlich von der Welt abgeschnitten. Der einzige Verkehr mit ihr ist die Post, die aber auch nur eingeschränkt verkehrt, z. B. werden Sonntags keine Pakete bestellt, und am Karfreitag und einem Osterfeiertag wird überhaupt nicht bestellt. In Weimar hatten wir ziemlich 2 Stunden Aufenthalt, die wir gründlich benutzten. Unser[341] Ziel war der berühmte Park. Gleich hinter den Ruinen des ehemaligen Lusthauses, in dem im 18. Jahrhundert manches frohe Fest gefeiert wurde, erhebt sich das einzige Shakespearedenkmal in Deutschland. Mir war der Anblick besonders wert; so sah ich den Großen von Angesicht zu Angesicht. Vom Shakespearedenkmal aus wandten wir uns über die Ilmbrücke nach Goethes alten Gartenhaus. Wie befangen dünkte ich mich, als ich in den kleinen Räumen umherging, wo der Dichterfürst einst an seinem Faust gearbeitet hatte. Ich sah im Geiste, als ich vor dem alten Schreibtisch stand, seine Manuskripte darauf liegen, betrachtete mir das altertümliche Feldbett, die wenigen Gemälde und die Gardinen, die seine Freundin, die Freiin von Stein, eigenhändig gestickt hat. Im Erdgeschoß stand noch ein alter Regenschirm von riesigen Dimensionen. Merkwürdig, wie so ein altes Stück Zeug, weil es von einem der größten Menschen, die die Erde je getragen hat, benutzt wurde, auf unsereinen wirkt. Doch meine Zeit war gemessen. Ich mußte weg, sogar die elektrische Bahn zur Rückfahrt benutzen. Am Museum sah ich noch die herrlichen Statuen und Monumente. Ich wäre gar zu gern hineingegangen. Aber der Eintritt ist nur Sonntags frei, und um 50 Pfennige zu opfern, war Geld und erst recht Zeit doch zu knapp. Und so gings bald mit sausender Geschwindigkeit der Heimat entgegen. Mir schlug das Herz höher über das Wiedersehen zu Hause. Aber was nun? Das war wieder die große Frage. Abermals in die Fabrik, in die Wesselmannbude ? das war schließlich doch wieder das traurige Ende. Doch nur noch einen Monat hielt ich es darin aus. Dann bekam ich die Influenza. Als ich mich krank meldete, meinte der Fräsermeister Nüchtern zu mir: »Wie lange wird es dauern ? ein Jahr und Sie sind abermals auf Ihrer Hustenburg.« Leider hat er Recht behalten. Als ich nach 5 Wochen wieder gesund war, beschloß ich, nicht wieder bei Wesselmanns anzufangen. Ich erhielt Arbeit an 2 Bolzenbänken im Ronneburger Automobilwerk. Aber ich war sowohl im Lohnverhältnis als auch in sanitärer Beziehung nur aus dem Regen in die Traufe gekommen. Auch waren die Herren[342] schnell auf den angeblich gemeingefährlichen Charakter meiner Persönlichkeit aufmerksam gemacht worden. Sie wollten jedenfalls vermeiden, daß ich auch ihnen einmal den Fabrikinspektor auf den Pelz rücken ließ, und beschlossen, mich abzuschieben. Ich werde meine Erlebnisse in der Fabrik in einem der letzten Kapitel beschreiben. Die Herren schützten Mangel an Arbeit vor, trotzdem sie auf den Automobil- Ausstellungen zu Leipzig und Berlin gute Aufträge erhalten hatten. Vielleicht war ihnen auch der Lohn für mich zu hoch. Ich arbeitete in Akkord und legte soviel hin, daß sie mir nicht unter 19 Mark wöchentlich auszahlen konnten. Sie wollten 12 Mark-Leute haben. Meine Frau ließ den Kopf hängen, als ich mit der Nachricht nach Hause kam, daß ich wieder ohne Arbeit sei. Ich mußte drei Wochen Arbeitslosenunterstützung vom Verband in Anspruch nehmen. Dann versuchte ich mich als Provisionsreisender für eine erzgebirgische Manufakturwarenfirma. Aber dies unordentliche Leben war erst recht nichts für meine Gesundheit, ernährte mich obendrein auch nicht. Um das Unglück voll zu machen, erkältete ich mich noch dabei und holte mir abermals die Influenza. Drei Wochen lang mußte ich wieder das Bett hüten. Zudem hatte die ungesunde Arbeit in der Automobilbude (dicht neben meinen Maschinen war die Schmirgelschleifscheibe), meine Lunge schnell wieder so geschwächt und angegriffen, daß der Arzt meinen Zustand jetzt für höchst bedenklich erklärte und mich abermals Antrag auf Übernahme des Heilverfahrens stellen ließ. Zum dritten Male mußte ich kurz darauf meine Familie verlassen und die Lungenheilanstalt aufsuchen. Nach Wochen der Arbeitslosigkeit und Krankheit nun diese neuen Einschränkungen für die Familie! Mir brach wirklich bei diesem dritten Abschied bald das Herz. Wieder im März, am 21., mußte ich antreten. Als ich Nachmittags ankam, empfing mich Schwester Lisbeth ebenso freundlich als früher. Zu meiner großen Freude hörte ich auch, daß Dr. Landgraf noch hier sei. Als nach der »absoluten« Ruhe die Pfleglinge in den Tagesraum traten, meinten die mit mir gekommenen Neulinge, daß die alle gar nicht so krank aussähen. Mir fiel dabei[343] ein Vorfall aus meiner ersten Kurzeit ein: Da kamen an einem Sonntag einmal Ausflügler aus Weimar, blieben an den Liegehallen stehen und wunderten sich laut über unser gutes Aussehen, worauf der Schlosser Brisgen in seinem westfälischen Dialekt erklärte: »Wir sind doch auch gar nicht krank. Wir haben bloß die Schwindsucht.« Unter den Patienten traf ich wieder viele alte Bekannte, die schon das erste oder zweite Mal mit mir hier gewesen waren. Ich kam auf Zimmer 17 zu liegen, wo in den andern 3 Betten zwei Altenburger und ein Geraer Genosse meine Schlafkollegen waren. Der Geraer war mir schon von früher her bekannt, weil er eine Ronneburgerin zur Frau hatte. Am Abend überfiel mich wieder ein tiefes Heimweh. Ich saß brütend auf dem Holzschemel in meinem Zimmer und dachte sorgenvoll an Frau und Kinder zu Hause. Denn jetzt war noch ein Söhnchen mehr, der kleine Kurt, den ich im Vorjahre, vor meiner Reise zur zweiten Kur, als Andenken zu Hause gelassen hatte. Er war dann am 18. November geboren worden. Das war auch ein bittertrauriger Brief gewesen, den mir damals meine Frau schrieb, um mir die »freudige« Nachricht ihrer »guten« Hoffnung mitzuteilen. Ich lag hier in einer Lungenheilanstalt und bekam als Trost die Aussicht, daß zu Hause ein neues Familienglied auf dem Wege war! Und wie jammerte meine Frau darüber! Sie war ganz untröstlich. Nun aber ist der Kleine da und ich wünsche, daß er auch groß werden möge. Er ist mir sehr ans Herz gewachsen; nur, wenn ich wieder nach Hause komme, wird er mich nicht mehr kennen. Und er schaute doch schon alle Minuten nach mir, wenn ich daheim war, damit ich ihn hätscheln und tragen sollte. Meine Frau schimpfte freilich darüber, weil ich ihn so sehr damit verwöhne. Auch diese erste Nacht habe ich wie bei jeder Kur sehr gefroren und schlecht geschlafen. Die dünne Steppdecke hier ist nun einmal nicht so schwer wie die Federbetten zu Hause. Als sich am Abend mir die neuen Kollegen vorstellten, meinte der Schlosser Herfurth aus Altenburg: »Ich bin nun 7 Wochen da, es kommt mir aber[344] vor, als ob es 7 Monate wären. Der andere, Trommler, war Anstreicher, schon 57 Jahre alt und ebenfalls aus Altenburg. Er hatte auch schon 2 Kuren, und zwar in Sulzhayn im Harz gemacht. Mein dritter Schlafkollege war der Maurer Koch aus Gera. Er konnte sich absolut nicht in die Heilstättenverhältnisse einleben, ihm gefiel vor allem die Kost nicht, denn er war kinderlos und hatte sich stets bessere Nahrung leisten können. Auch sonst paßte ihm das ganze Leben hier nicht, und dazu sollte er auch noch 4 Wochen Verlängerung bekommen. Alle Tage mußten wir hören: »Ich kann nicht essen; es steht mir bis oben rauf; am liebsten würde ich morgen fahren.« Seine Frau schrieb auch immer: »Komme nur, ich will froh sein, wenn Du wieder zu Hause bist, es ist gar nichts so allein zu leben.« Mit 10 Wochen fuhr er denn auch glücklich nach Hause. Am zweiten Tage untersuchte mich Dr. Landgraf. Er konstatierte, daß die ungesunde Arbeit in der Automobilfabrik nicht ohne schwere Schädigung für meine Lunge gewesen sei. Diesmal dürfe ich nicht daran denken, früher zu reisen. Ich müßte meine drei Monate voll aushalten. Wegen der kaum überstandenen Influenza erhielt ich vorläufig keine Dusche, sondern wöchentlich ein Wannenbad und Sonnabends Brause. Diesmal kam ich in die Liegehalle »Gemeinde Hufeisen« und erhielt statt Decken einen Liegesack. Es ist das etwas Neues, er ist wärmer, aber unbequemer als Decken; anfangs kam er mir wie ein Dowescher Sicherheitspanzer vor. Die ersten 6 Wochen hatten wir unter der ungünstigen Witterung zu leiden. Wir haben im April an manchem Tage alle vier Jahreszeiten erlebt: Sonnenschein, Regen, Sturm und Schnee Noch am 1. Ostertage, Ende April, tobte Frau Holle nach Herzenslust, und ich hatte doch einige Tage vorher einen Artikel »Osterzauber« verfaßt! Zu alledem hatte ich damals noch an schweren Rückenkarbunkeln zu leiden. Ich wurde auch diesmal von den Kameraden wieder bestürmt, Gesuche um Sonderunterstützungen für sie zu machen. Namentlich auch von ledigen Burschen, die gehört hatten, daß ein Altenburger lediger Mann 4,50 Mark aus einer Zuschußkasse pro Woche erhielt,[345] trotzdem sein Vater einen hohen Lohn bekam. So glaubten auch sie, etwas fischen zu können, natürlich ohne Erfolg. Selbst mein verheirateter Genosse Herfurth erhielt, weil er in einer Zuschußkasse war, nur die Hälfte des satzungsmäßigen Krankengeldes. Trotzdem bekam seine Frau mit 3 Kindern immer noch 13,20 Mark, während die meinige bei 6 Kindern mit 10,50 Mark auskommen mußte. Sogar an die Bezirkskommandos mußte ich mitunter Gesuche richten, weil angeblich die Krankheit während der Militärzeit der Betreffenden entstanden sein sollte. Ich habe auch bei dieser Kur wieder erfahren müssen, was mir so oft auch schon in den Fabriken vorgekommen ist, nämlich, daß so viele gebildet sein wollende Arbeiter die Wunder der Naturwissenschaften nicht fassen können. Ihr geistiger Horizont ist noch zu engbegrenzt, als daß sie Zeiträume, wie z. B. die der Steinkohlenformation oder der Juraperiode begreifen können. Ich frug damals einen politisch und gewerkschaftlich organisierten Arbeiter ? er war freilich noch verhältnismäßig jung ? wie lange er wohl meine, daß die Steinkohlen in der Erde liegen. Er antwortete: »Na, mindestens 2?3000 Jahre.« Als ich ihm darauf erklärte, daß die indische und japanische Schöpfungsgeschichte mit Hunderttausendmillionen Jahren rechne, da erklärte er das für Blödsinn und gebrauchte die Redensart, welche von so vielen Arbeitern mir bei gleichen Anlässen wiederholt wurde: »Das Papier ist geduldig.« Ich las ihnen einmal einen Artikel über die Kraft der Sonne vor, worin die Menschheit als unverständig hingestellt wird, weil sie mit dem Sparpfennig Steinkohle so wüstete, während sie die kolossale Sonnenkraft unbenutzt verloren gehen lasse; das wurde alles als Blödsinn bezeichnet. Häufig endeten solche Gespräche mit den Worten: »Ich interessiere mich hauptsächlich nur für gewerkschaftliche und politische Fragen. Die Naturwissenschaft kann ich nicht fassen und übrigens, was geht es uns an, wenn die Sonne nicht benutzt wird? Solange wie wir leben und noch einige tausend Jahre darüber hinaus wird es noch Steinkohle geben.« An regnerischen trüben Tagen ist man natürlich genötigt, sich[346] den ganzen lieben langen Tag in der Liegehalle herumzudrücken. Da ist es dann eine große Erleichterung für alle, wenn ein sogenannter Spaßmacher mit in der Halle liegt. Zum Glück hatten wir diesmal einen kleinen Knopfmacher aus Schmölln mit in unserer Gemeinde Hufeisen, der der reinste Clown war. Er konnte Gesichter und Grimmassen schneiden wie selten einer; man mußte laut auflachen, wenn man ihn bloß anschaute. Er hatte eine Witwe geheiratet, die ihn nach Aussagen von Landsleuten an Körpergröße und Körperfülle um das doppelte überlegen war, und 2 Kinder mit in die Ehe gebracht habe. Diese hatte ihn durchaus nicht fort lassen wollen, als die Einberufung nach der Heilstätte eingetroffen war. Sie schrieb ihm dann Brief auf Brief, als er hier war, und der kleine Knirps war ganz gerührt über ihre Liebe. Erhielt er eine solche Sehnsuchtsepistel, so war er einige Zeit ganz tiefsinnig, aber länger als eine Stunde hielt das nie an. Dann brach der Humor bei ihm wieder durch. Zumal als er zum Gemeindediener gewählt worden war und ihm die Insignien, ein großes Holzschwert und ein langer Nachtwächterspieß überreicht worden waren, war er unser Mann. Da fühlte er sich ganz in seiner Rolle. Nach 14 Tagen Amtszeit wurde er deshalb sogar mit einem aus buntem Papier zusammengeklebten Orden dekoriert. Das Schönste aber war, wenn ein Neuling in die Halle einzog. Mit welch wichtiger Amtsmiene der Gemeindediener da die Vorstellung der Hallen-Behörde vollzog. »Hier der Herr Bürgermeister! da der Herr Staatsanwalt!! dort der Herr Polizeiwachtmeister!!! und hier ? meine Wenigkeit ?? Gemeindediener!!!! Dann fuchtelte er einige Male mit seinem Holzsäbel in der Luft herum, verzog das Gesicht, daß der Neuling laut auflachen mußte, warf sich in die Brust und schritt stolz erhobenen Hauptes auf seinen Platz. Aber es gab auch viele, viele Stunden in der Halle, in denen man verzweifeln konnte. Da war ein Arbeiter aus der Fahrzeugfabrik Eisenach, der hatte fast immer Fieber. Die reichliche Hälfte seiner Kurzeit hatte er schon im Bett verbracht. Er war Vater von zehn Kindern, die alle am Leben waren. Erst vierzig Jahre alt[347] aber ein harter, gefestigter Mann, zwar leicht erregbar, aber auch unendlich gutmütig. Zuletzt ging es ihm anscheinend besser. Jedoch eines Morgens, kurz vor meinem Weggange, hatte er wieder Fieber und mußte abermals ins Bett. Darob war er ganz untröstlich und klagte bitterlich: »Ich bin rein zum Pech geboren. Alles, was ich anfange und mir vornehme, schlägt fehl. Es ist am besten, ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf. Ein gutes Gewehr habe ich noch zu Hause. Anders wird es auch nicht. Aber allein gehe ich nicht. Meine Frau und die unerwachsenen Kinder nehme ich mit. Sie sollen nicht in der Welt umhergestoßen werden. Ich kann das Elend nicht länger mit ansehen.« Und dann weinte und schluchzte der starke, wetterfeste, ernste Mann. Auch mir kamen die Tränen. Mit den Worten: »Mir geht es nicht viel anders,« wandte ich mich ab, und ging aus der Halle. Mein nächster Nachbar in der Liegehalle war diesmal ein 19 Jahre alter Tischler Helmbrecht aus Göttingen, der zuletzt in der berühmten Spielwarenstadt Sonneberg in Fron gestanden. Er hatte vor seiner Unterbringung in der Heilstätte wegen Lungenblutens schon 5 Wochen im dortigen Krankenhaus gelegen und war, trotzdem er gut genährt aussah, doch sehr schlimm dran. Ich konnte im Vergleich zu ihm laufen wie ein Rebhuhn. Mit 19 Jahren war er am Rande des Grabes! Und dieser junge Mensch war ein gebildeter Kopf, organisiert und auch in Parteisachen gut bewandert. Ich bewunderte sein scharfes Gedächtnis. Er gab Episoden aus seinem kurzen Handwerksburschenleben mit solcher Schärfe wieder, daß man glaubte, sie selbst greifbar vor sich zu erleben. Las er irgend ein Buch oder einen Zeitungsartikel, so erzählte er mir den Inhalt bis auf das i-Tüpfelchen wieder. Aber alles Lesen hob ihn nicht über die Verzweiflung über sein junges verfehltes Leben hinweg. »Ich habe nicht getanzt, nicht gespielt, nicht gesoffen, nicht geliebt, keine Nachtschwärmerei getrieben, mein einziges Vergnügen war in längeren Zwischenpausen eine Theatervorstellung oder ein gutes Buch und doch nagt und kratzt in mir der heimtückische Bazillus. Was trägt die Schuld? die Lehre! Ich habe rackern müssen von früh 5 bis Abends 7 Uhr.[348] In der Mittagsstunde und Abends bis 1/2 8 Uhr mußte ich für die Meisterin Wege besorgen, Wasser holen, Holz spalten, Morgens für Mann, Frau und Kinder Stiefel wichsen Das klang während der Frühstücks-, Mittags- und Vesperpause alles so süß, wie zufällig von den Lippen der Meisterin: »Heinrich, da fällt mir ein, willst Du nicht das und das gleich mal besorgen?« Denn während der Arbeitszeit durfte sie mich nicht benutzen. So nahm sie mich eben in meinen wenigen Mußeminuten in Anspruch und tagtäglich außer Sonnabends mußte ich noch jeden Abend von 1/2 8 bis 1/2 10 Uhr zur Fortbildungsschule. Frische Luft kannte ich gar nicht mehr. Ich würde noch zufrieden gewesen sein, wenn ich wenigstens satt zu essen bekommen hätte. So aß die ganze Meisterfamilie mit ihren 3 Kindern und uns 2 Lehrlingen für sage und schreibe 10 Pfennig gehacktes Fleisch zum Abendbrot. Die Kinder bettelten dann: »Mama, gib mir.« Die Meisterin aber antwortete: »Ja doch, Ihr dummen Kerls, aber erst müssen doch die Lehrlinge ihren Teil haben.« Das klang so gerecht, und wenn wir dann noch hungriger als wir gekommen, heraus waren, dann lachten sie sich eins und aßen und ließen es sich wohl sein. Ist es da ein Wunder, wenn einem die Schwindsucht packt? In unserer Familie war noch niemand lungenkrank außer mir. Aber ich wollte die Lehre nicht verlassen; denn mein Vater hätte mich kaputt geschlagen. ? Was soll das nun für mich für ein Leben in Zukunft werden? Wenn ich bloß noch 10 Jahre älter wäre oder wenn ich mein Leben genossen hätte, dann möchte es noch sein. Und nun diese Anstalt? Was hatte ich mir darunter vorgestellt! Wie hatte ich auf sie gehofft! Jetzt bin ich sechs Wochen hier und ebenso schlecht dran als wie ich gekommen bin. Nach der geringsten Anstrengung habe ich Fieber. Immer liegen, den ganzen Tag liegen! Was soll das? Wenn es wenigstens helfen tät. Ich würde gern alles genau befolgen. Am besten ist für mich ein Revolver. Verzweifeln muß ich, verzweifeln!« Aber auch solch Klagen strengte ihn an. Er jappfte ordentlich danach Ich hatte eine Anzahl guter Bücher mit, die verschlang er alle, Oftmals blieb er bis zuletzt in der Halle liegen. Ich beobachtete ihn dann[349] manchmal einige Minuten. Er stierte wie geistesabwesend vor sich hin, mitunter standen ihm die Tränen in den Augen. Er dauerte mich sehr. Und doch, ging es mir vielleicht anders? Wie lange noch und auch ich bin an der Reihe. Sechs Waisen und eine Witwe, mein teuerstes, mein kostbarstes dann allein gelassen, dem Elend preisgegeben! Welch schrecklicher Gedanke! Und die vielen, die unzähligen, welche ebenso klagen. Welch ungeheurer Jammer in der Welt![350] 1 Amazon.de Widgets Wahrlich nicht. Ich habe das oft voll Ingrimm und Empörung erlebt. Welche Brutalität und Ausbeutung der eigenen Familie liegt darin. 
 In der Gerarer Werkzeug- und Maschinenfabrik Wesselmann Bohrer & Co.  [243] Meinen Eintritt in diese neue Fabrik habe ich bereits geschildert. Im Verhältnis zur Holzindustrie kam mir das Arbeiten in der Metallbranche etwas gemütlicher vor. Allein das sollte nur in den ersten Tagen so scheinen. Als ich danach zu gleicher Zeit die Zahnfräsmaschine bediente, dann Butzen abfeilte und zentrierte, hatte ich zu tun wie der Leipziger Rat. Bei meinem Eintritt begrüßte mich ein Dreher. Er hätte gehört, daß ich gemaßregelt gewesen, und freue sich, in mir einen organisierten Arbeiter und Genossen zu finden. Er warnte mich sofort vor einem anderen Dreher, der nicht organisiert sei und im Verdacht stehe, die Kollegen zu verklatschen. Als ich dann beim Frühstück etwas aus meiner »Volkszeitung« zum Besten geben wollte, legte er gleich die Finger auf den Mund und deutete nach dem Verdächtigen hinüber. Natürlich verstummte ich sofort. Mein Mittagsessen verzehrte ich im Restaurant »Teutonenburg«, weil dessen Besitzer, Anton Gerold, mir von jenem als Parteigenosse bezeichnet worden und deshalb wohl wert war, täglich von uns unterstützt zu werden. Als ich mein Glas Bier bekommen, erschien der Verdächtigte, verlangte für 15 Pfennige Weißwurst und setzte sich neben mich. Als ich fertig mit essen war, schrieb ich eine Karte an meinen Bruder nach Ürdingen, um ihm mitzuteilen, daß ich wieder Beschäftigung hatte und der großen Sorge Arbeitslosigkeit enthoben sei. Dabei schielte er nach der Adresse und erkundigte sich dann nach meinem Bruder. Gleichzeitig teilte er mir mit, daß er ebenfalls 5 Jahre in unmittelbarer Nähe beschäftigt gewesen sei und zwar in der großen[243] Maschinenfabrik von Schieß in Düsseldorf. Zwar sei dort alles katholisch, aber er habe doch etwas gelernt. Als er nach Düsseldorf gekommen, habe er fast gar nichts gekonnt, mit 26 Pfennigen Stundenlohn sei er eingestellt worden und nach geraumer Zeit habe er im Akkord 75 bis 90 Mark in 14 Tagen verdient. Bei seinem Weggange daselbst soll der Meister zu ihm gesagt haben, er hätte nicht geglaubt, daß er vier Wochen im Betriebe aushalten würde. Auch vom Leben während der Karnevalszeit erzählte er vieles, und noch manches andere. Kurz und gut, ich kam schnell zu der Überzeugung, daß er nicht hinterlistig sein und Kollegen denunzieren könne, wenn er auch manchmal verächtlich uns »Tagelöhner« nannte, worüber jener erstere Dreher immer besonders erbost wurde. Als ich dann an diesem ersten Nachmittag mit einem Treibriemen Mühe hatte, half mir sofort ein langer Arbeitsmann, an dessen Dialekt ich den Bayer erkannte. Er nannte sich Johann Roth und ist mir in der Folgezeit ein treuer und ehrlicher Kollege geworden. Wenn er sah, daß ein neuer Arbeiter um irgend etwas verlegen war oder sich in irgend eine Sache nicht schicken konnte, so half er stets sofort. Auch bei mir war das öfter der Fall. Er verstand die Maschine besser als der Vorarbeiter. Seine Hauptbeschäftigung war Stahl abzustechen; wenn er aber viel Vorrat hatte, dann fräste er Zapfen an. Herr Beeger stellte mich, wie schon gesagt, anfangs an eine einfache Drehbank, an der ich Spitzen andrehen mußte. Nach einiger Zeit trug er mir für diese Arbeit Akkord an, mit dem Bemerken, daß ich bei ihm noch ein Rittergut verdienen könne. Ich erlaubte mir die Bemerkung, daß darunter wohl eins mit drei Gänsen gemeint sei. Bei Beginn jenes Nachmittags, wo wir früh über meine Akkordarbeit gesprochen hatten, erschien er an meiner Drehbank. Ich mußte den Stahl schleifen und anfangen zu drehen. Er zog seine Taschenuhr und blickte gespannt auf meine Bewegungen. Ich war so einfältig, mich in jeder Weise anzustrengen. So schnell es überhaupt möglich war, leistete ich meine Arbeit, jeder Handgriff galt. Herr Beeger sagte dann: »Macht inklusive Ein- und Ausspannen soviel Minuten, mithin die Stunde so und soviel[244] Stück, für 20 Millimeter-Bohrer würde er da 1 1/2 Pfennig geben, also verdiente ich pro Woche über 20 Mark. Quarkspitzen. Das mochte wohl bei Stahl bis 25 Millimeter Durchmesser gehen, aber bei 30 Millimeter mußte ich die Maschine schon einen Gang langsamer laufen lassen und bei 35 Millimeter den langsamsten Gang nehmen. Bei 30?34 Millimeter Durchmesser gab es für die Spitze 3 Pfennige.« Der Meister hatte also den langsameren Gang nicht mit beobachtet. Erst später, als ich ihm einmal energisch auf die Bude rückte, ließ er sich herbei, das Doppelte für diese Stahldimensionen zu geben. Bis dahin mußte ich, um auf meinen in Aussicht gestellten Lohn zu kommen, immer die Stunden für Spähne rausschaffen, Bohrer trocknen usw. aufzuschreiben suchen. Zu jener Zeit war eine Skizze von mir im »Postillon« abgedruckt worden. Sie war »der Jungfernkranz« betitelt und behandelte Soldatenmißhandlungen auf einem Kriegsschiffe. Ich hatte die Skizze nach der Erzählung eines ehemaligen Obermatrosen niedergeschrieben, die dieser mir in einer Unterhaltung am Biertisch anvertraut hatte. Die Kollegen erfuhren davon und ließen aus der »Teutonenburg« den »Postillon« nach der Fabrik holen; dort zirkulierte er bis zum Meister, der mich dann nach meinem Bildungswege ausfragte. Ich sagte ihm, daß ich wohl bis Quinta Latein gelernt habe, im übrigen aber Autodidakt sei. Er lud mich darauf ein, ihn nach Arbeitsschluß einmal zu besuchen. Ich kam diesem Wunsche nach und war von der Aufnahme, die ich bei ihm fand, wirklich angenehm überrascht. Er stellte mich auch seiner jungen Frau, einer wirklichen Schönheit, vor. Dabei fügte er in humoristischem Tone hinzu, daß ich Heinrich Heine zu Füßen gesessen habe; doch machte ich mir weiter nichts aus der ironischen Schmeichelei. Auch mit den übrigen seiner Untergebenen verkehrte Herr Beeger freundlich; auf die faule Haut legen gab es trotzdem nicht. Jeder mußte bei ihm dran, wenn es galt. Das wußte auch der Direktor, Korb mit Namen, der seine Arbeiter noch etwas verdienen ließ. Meist lag indes die ganze Betriebsleitung in Beegers Händen; denn Korb reiste in Geschäften nach fast sämtlichen europäischen Staaten und warb Kunden und Vertreter. Andererseits[245] freilich verfügte Herr Korb auch kurzer Hand die Entlassung eines mir schnell liebgewonnenen Freundes, Bläsig, weil dieser unablässig für den Metallarbeiterverband tätig war. Das kam so. Ein Schlosser Marx, dessen Frau starb und dessen Kinder krank lagen, und der dafür von uns durch gemeinsame Sammlung Unterstützung erhalten hatte, brüstete sich immer, lange Jahre mit zum Verband gesteuert zu haben und jetzt noch seine Beiträge nach der Leipziger Zahlstelle einzusenden; dabei trank er stets sehr viel, namentlich Schnaps und machte öfters blau. Bläsig wollte der Sache einmal auf den Grund gehen und schrieb deshalb an die Zahlstelle Leipzig. Er erhielt zur Antwort, daß der Mann zwei Jahre vorher ohne Abmeldung nach Eisenach abgereist und mit 18 Beiträgen im Rückstande geblieben sei. Schwarz auf weiß zeigte Bläsig das Schriftstück den paar Freunden des »falschen Waldemar«; diese aber denunzierten Bläsig deshalb beim Direktor, und der beauftragte Herrn Beeger mit dessen Entlassung. So leid es diesem tat, konnte er dennoch nicht wider den Stachel löcken; er mußte dem Befehle nachkommen. Bläsig erhielt freilich wieder Arbeit in der Maschinenfabrik bei Kühn; dort brach aber bald ein Streik aus, nach dem es Bläsig glückte, bei der weltberühmten Firma Carl Zeiß in Jena Arbeit zu erhalten. Dort ist er noch heute, und wird es nie zu bereuen haben. Wohl dem, der dort unterkommt! Außer den schon Genannten arbeitete noch ein Dreher Heilmann in unserem Drehsaal, der meist Fräser für die Spiralmutter drehte. Er drehte nebenbei aber auch gern allerhand Sachen für seinen Privatgebrauch und eines Freitags, als Herr Beeger mit der Lohnberechnung zu tun hatte, drehte er sich sogar einen Satz Trommelschrauben. Er war nämlich beim Militär Tambour gewesen. Dieser und ein Fräser Schwarz liehen sich oft, wenn ihre Maschinen liefen, meine Volkszeitung und lasen. Heilmann hatte sich einmal hinter dem Hauptriemenverschlag auf eine Kiste gesetzt. Nur eine kleine Zeitungsecke sah man doch daraus hervorlugen. Da kam der Werkmeister herein, sah sie und ging auf ihn zu. Ohne weiter Worte zu machen, nahm er ihm das Blatt weg und steckte es zu[246] sich, natürlich um es erst selbst zu lesen. Dann kam er zu mir und sagte: »Altenburger Volkszeitung? Natürlich da sind Sie wieder derjenige, welcher. Sie verseuchen mir noch die ganze Bude mit Ihrem sozialdemokratischen Gift.« Dann lächelte er und ging seiner Wege. Wenn er etwas an meiner Arbeit zu tadeln hatte, sagte er es einem andern: »Zeigen Sie mal dem Bromme, wie's gemacht wird; ich will es ihm nicht selbst sagen, der wird sonst sofort nervös.« Dann hatten wir auch einen aus der Bukowina als Dreher an den Reineckerschen Wasserbänken unter uns. Er war ein lang aufgeschossener Jüngling, sehr schmal und hager, mit tiefliegenden schwarzen Augen und kohlschwarzem Haar. Er rauchte den ganzen Tag Zigaretten, die er sich meist selbst drehte. Er lernte es mir auch. Sonntags leistete er sich ein Päckchen »Herzegowina« für 50 Pfennige. Montags hatte er dann und wann noch einige davon, und wenn er damit zum Drehsaale hereintrat, so roch man den aromatischen Duft auch in der entferntesten Ecke. Sein Vater lebte nicht mehr; der war in einem großen Holzwerk Sägenleiter gewesen und zwar in der berühmten Schlesingerschen Spezialfabrik für Klavierböden, Resonanzboden genannt, die als Teile in die ganze Welt verschickt wurden. Die Fräser und Schleifer arbeiteten abgeschlossen im Parterre, so daß unser, der Drehersaal, auch in hygienischer Beziehung wirklich erträglich war. Die Aussicht von ihm fiel auf die hintere innere Seite eines Häuserviertels, und namentlich im Winter Morgens, wenn in den Schlafgemächern und Küchen noch Licht gebrannt wurde, konnte man von ihm aus interessante und gelegentlich auch pikante Beobachtungen machen. Im Parterre arbeitete als Härter ein gewisser Seliger, der ein sehr bewegtes Leben hinter sich hatte. Er war im Alter von 17 Jahren mit einem Kollegen ausgewandert und 8 Jahre im Dienste der französischen Fremdenlegion gewesen. Dort ist er im Jahre 1893 als Sergeant entlassen worden. Seinen Leichtsinn gab er aber auch darnach nicht auf. Er trank viel Bier, nicht nur während, sondern auch nach der Arbeit. Bei den nicht seltenen Überstunden durfte der Bierkrug nie fehlen und[247] beim Härten ebenfalls nicht. Allerdings in der kolossalen Hitze, die an dem glühenden Ofen herrschte, war das wenigstens zu entschuldigen. Im Sommer herrschte darin eine Durchschnittstemperatur von 46?54 Grad. Allein der Arbeitsbursche, der für 18 Pfennige Stundenlohn dabei sein mußte, mußte es auch ohne Bier aushalten. In seinem Suff machte er eines Tages Schicht, nachdem er vorher fast eine Woche lang blau gemacht hatte. Nüchtern war er auch bei diesem Vorgang nicht. Abends erwartete er uns vor dem Eingang und zeigte uns ein faustgroßes Stück Cyankali mit dem Bemerken, wenn er's satt habe, so genüge hiervon eine Wenigkeit, sich alles Leides zu entheben. Zum Härten wurde nämlich Cyankali und Salz benutzt. Er konnte also leicht in Besitz solch starker Gifte gelangen. Später hat er nochmals bei uns angefangen, aber für einen verhältnismäßig niedrigeren Lohn. Trotzdem hat er noch zwei- oder dreimal seine Familie verlassen und ist in der Welt herumgelaufen. Seine Frau ließ ihn dann aber immer ein volles Vierteljahr zappeln und als Kostgänger gehen, bevor er wieder zu ihr ziehen durfte. Man denkt, er hätte sich vor seinen vier kleinen Kindern schämen müssen. Schließlich hatte er eine Stelle als Diener am französischen Konsulat in Hamburg. Er erlitt dort durch einen Treppensturz einen Beinbruch und bezog eine kleine Unfallrente. Nun war seine Familie von neuem gut, ihn als Halbinvaliden aufzunehmen. Er war kerngesund und doch floh er die Fabrikarbeit. Unsereiner ist lungenkrank und wäre froh, wenn man sie weiter ausüben könnte. Aber von dieser Sorte gibt es noch mehr. Wir hatten auch einen Schlosser, den man schon als Original bezeichnen konnte. Er war äußerst geschickt, machte Fräser-Lehren und führte die saubersten Arbeit in sehr kurzer Zeit aus. Bei Akkord kam er auf 35 bis 45 Mark pro Woche. Montags aber war Ruhe, da trank er und auch der Gedanke an seine Frau und seine 2 bildhübschen Töchterchen hielt ihn nicht davon ab. Früher war er Seiltänzer und Jongleur gewesen. Sein Vater hatte früher ein eigenes Akrobatengeschäft, in Gestalt einer Arena mit Turmseil verbunden, besessen. Ebenso geschickt wie im Arbeiten war er[248] im Vortragen von Kouplets, im Seillaufen, Jonglieren und der Parterregymnastik. Gegen Geld und Bier konnte man alles von ihm haben. Wollte man schnell seinen abgenutzten Drehstahl ausgestreckt und frisch vorgerichtet haben, mußte man sich selbstverständlich zu einer Bierspende entschließen. Sonnabends nach dem Lohnzahlen wartete stets seine Frau mit seinen beiden Mädchen, die er, nebenbei bemerkt, zu Hause im Drahtseillaufen unterrichtete, vor dem Fabrikeingang auf ihn, um sich wenigstens ihr Wirtschaftsgeld zu sichern. Denn sonst kam ihr leichtsinniger Ehemann nicht vor dem frühen Morgen nach Hause und verjubelte bis dahin den größten Teil seines Wochenlohnes. Wenn er nüchtern war, nahm er seine Frau mit den Kindern lächelnd beim Arme und ging mit ihnen zur nächsten Kneipe, um erst einige Glas Bier zu trinken. Dann erst ging er mit nach Hause. Wenn er aber schon während der Arbeit gezecht hatte und die Frau empfing ihn am Fabriktor, dann wehe ihr! Sie zitterte dann ordentlich, denn sie mußte jeden Augenblick auf Ohrfeigen gefaßt sein. Schmeichelnd drängte sie sich ihm stets entgegen, und war froh, wenn er ihr einen Wink gab, mit zum Budiker zu gehen. Nicht selten vertilgte er dann in einer halben Stunde 6 Glas Bier. Auch die Frau bekam mit den Kindern eins. Und herzzerreißend wirkte da öfter der Anblick auf mich, wenn der Vater die beiden blondgelockten Töchterchen, die einen Abscheu vor dem vielen Biertrinken zu haben schienen, zwang, immer mehr zu trinken. Die Mutter aber blickte die Mädchen dabei auch noch aufmunternd an. Nach einem blauen Montage im Suff erhielt auch er eines Dienstags seine Entlassung. Das war aber schon, nachdem der Direktor Korb seines Amtes entsetzt war. Damals hatte sich nämlich das Gerücht verbreitet, daß Korb die neunstündige Arbeitszeit einführen und dabei, anstatt die Löhne zu kürzen, noch etwas habe zulegen wollen. Korb, wohl ein Württemberger von Geburt, hätte nämlich lange Jahre in Sheffield in England ein Stahlwerk geleitet, und es sah deshalb aus, als ob er wirklich einen weiteren Blick und ein warmfühlendes Herz für seine Arbeiter hätte. Davon wollten nun aber die[249] Aktionäre freilich nichts wissen. Sie führten zu jener Zeit einen Prozeß wegen der Fräsmaschinenpatente mit einer Debschwitzer Konkurrenzfirma, und um endlich die ganze Angelegenheit aus der Welt zu schaffen, kauften sie schließlich deren ganzen Betrieb und übernahmen die beiden Chefs als Direktoren. Das war dann willkommener Anlaß, um den alten Direktor schnell abzuschieben. Das erste, was nun die neuen Direktoren taten, war eine Kürzung der Akkordlöhne. Gleich bei den infolge der Übergabe stattfindenden Inventurarbeiten entstanden Differenzen. Bisher waren Überstunden, Durcharbeit der Härter und Nachlasser in den Mittagsstunden usw. mit 25 Prozent und Sonntagsarbeit mit 50 Prozent Zuschlag vergütet worden. Herr Beeger bestellte auch mich mit zu der an einem Sonntag im Hochsommer vorgenommenen Inventur. Und ich kam, denn 50 Prozent Zuschlag übten einen Reiz auch auf mich aus. So lief ich denn früh nach Gera und Abends zurück. Denn an den Sonntagen verkehrte unser Arbeiterzug nicht, und die Wochenkarten haben für andere Züge keine Gültigkeit. Ich mußte Bohrer zählen und gegen Abend beim Abwiegen des Stahlvorrates helfen. Die Stahlstangen waren schwarz und ölig, so daß die Kleider und Hände böse zugerichtet wurden. Am darauffolgenden Sonnabend erhielten wir nun nur unsern gewöhnlichen Stundenlohn für den geopferten Sonn- und Ruhetag. Es folgte selbstverständlich allgemeines Murren. Auch Herr Beeger bedauerte es, aber er könne nichts dagegen tun; die neue Direktion habe jeden Zuschlag abgelehnt. Und dabei blieb es. Im Herbst 1899 zog die Fabrik um. Die Firma hatte im Vorort Zwötzen ein neues Fabrikgebäude gebaut und den Betrieb für 200 Arbeiter eingerichtet. Im alten Bau hatte ich für das Spitzenandrehen noch eine Zulage für die dreißig bis fünfzig Millimeter-Dimensionen erhalten, außerdem hatte ich Stubsstahl abgestochen. Dieser wurde zu zylindrischen Bohrern von einzehntel bis 12 Millimeter Durchmesser verwendet. Er brauchte nicht gedreht zu werden, denn es war gezogener und polierter Silberstahl. Ich erhielt für das Durchstechen und Spitzenandrehen 50 Pfennige bis 2 Mark pro hundert Stück. Wenn ich mich tüchtig ins Zeug legte, so[250] brachte ich es damit auf 20?21 Mark pro Woche. Ich war Herrn Beeger überaus dankbar dafür; das war doch noch ein Lohn im Vergleich mit den 13?15 Mark in der Holzbranche zu Ronneburg. Außerdem arbeitete ich hier nur 10 Stunden, während in Ronneburg 11 Stunden geschanzt werden mußte. Kurz vor Beginn der Auszugsarbeiten nun bat ich Herrn Beeger, mir auch noch eine Zulage im Stundenlohn zu gewähren; seit einem ganzen Jahr schon arbeitete ich fortwährend im Akkord; wenn es den aber bei der neuen Verwaltung nicht gäbe, so hätte ich nur 27 Pfennige Stundenlohn wie ein Jahr vorher und das müßte mich sehr zurückwerfen. Herr Beeger wies mich aber ab mit dem Bemerken, daß es in der neuen Bude noch mehr Akkord geben würde, als bisher. Wir wurden nun mit den Arbeitern der bisherigen Konkurrenzfirma untermischt. Auf die rechte Seite des großen Saales, der unter Schettdach und mit Betonfußboden hergestellt war, kamen die Drehbänke, auf die linke Seite die Fräs- und Schleifmaschinen zu stehen. Letztere Arbeit war wegen des fortwährenden Schmirgelstaubes sehr ungesund. Der damit betraute Arbeiter verfällt unfehlbar über kurz oder lang der Tuberkulose. Auch der stärkste Organismus wird durch diesen Staub vernichtet. Wer dabei noch einen ziemlich anständigen Lohn verdient, gut ißt und trinkt, kann es allenfalls 10 Jahre aushalten, Meist aber muß er schon während dieser Zeit 2 bis 3 Mal eine Lungenheilanstalt aufsuchen, bis es aus mit ihm ist. Im hintern linken Teile des Saales standen die zum Werkzeugmaschinenbau nötigen Maschinen, wie Hobel-, Schapping-, Bohr-, Horizontalbohr-, Stoß-, Nuten- und Universalfräsmaschinen. Um den ganzen Saal herum, an den Wänden, waren die Schraubstöcke der Schlosser gruppiert. Jetzt wurden außer den Spiralbohrern noch sämtliche andre für die Metallbranche nötigen Werkzeuge wie Schneidkluppen, diverse Fräser, Bohrknarren, Rohrzangen, Richtplatten, Lehren, Handbohrmaschinen, Schneidbohrer, Windeisen, Bohrfutter fabriziert. Neben dem Hauptsaal lagen das Magazin und die Lager- und Packräume, dann folgten die Härterei und Schmiede, dann die Modelltischlerei und endlich Kontor und Direktionsräume. Im linken Flügel war[251] das Kesselhaus mit der Zwillings-Dampf maschine, der Heißluftanlage und dahinter der Speisesaal mit Kantine. Als ich in das neue Gebäude eintrat, meldete ich mich beim Drehermeister Weise. Ich kam vorläufig wieder an meine alte Maschine. Als ich aber wegen des Akkords anfragte, winkte er ab, davon sei der »Alte« kein Freund und »Akkord sei Mord«, erwiderte er mir. Wie wir später sehen werden, wurde Weise noch der eifrigste Verfechter für Akkord- und noch mehr für Mordarbeit, deshalb nahmen sich seine damaligen Worte wie purer Hohn aus. Nach vier Wochen verlangte ich Zulage; denn warum sollte ich jetzt für 27 Pfennige Stundenlohn arbeiten, wobei ich wieder nur auf 16 Mark Wochenlohn stand, während ich im ganzen letzten Jahre 20 Mark im Durchschnitt verdient hatte? Ich bekam aber für diese Arbeit nicht mehr. Zum Glück wurde der Dreher Heilmann an die Schleifmaschine gestellt und Weise beorderte mich an die Wasserbänke zum Spiralbohrerdrehen. Heilmann blieb noch zwei Tage bei mir und zeigte mir die nötigen Handgriffe; denn bei dem Bedienen einer selbsttätig ausrückenden Drehbank, wie es meine neue war, kann man, abgesehen vom Einstellen, Stahlschleifen und -messen, nur von Handgriffen sprechen; man wird selbst zur Maschine und hat nur noch eine rein mechanische Tätigkeit. Am nächsten Freitag bat ich denn auch, und zwar den Direktor selber, um Zulage. Ohne weiteres erhielt ich 2 Pfennige die Stunde mehr. Nach 6 Wochen riskierte ich es noch einmal, und er schlug mir auch diesmal eine Lohnerhöhung um 1 Pfennig nicht ab. Bei 30 Pfennigen Stundenlohn aber glaubte ich es nun aushalten zu können. Ich hatte übrigens 2 Bänke zu bedienen; wenn man große und starke Bohrer zu drehen hatte, konnte man sich auch dann noch schöne Zeit dabei lassen. Ich machte dann gewöhnlich Verse, die ich Abends in ein Diarium einschrieb. Allerdings war viel Kohl dabei, auch Stellen, wo man sagen kann: »Reime Dich oder ich fresse Dich.« Trotzalledem sind sie mir ans Herz gewachsen. Nur derjenige, der selbst im dumpfen, staubigen Fabriksaal gestanden und namentlich in den Frühlingstagen eine unbeschreibliche Sehnsucht nach der freien Gottesnatur, nach Wiesen und Wäldern gehabt[252] hat, kann sich in meine Stimmungen versetzen. Gerade in dieser Zeit, im Frühsommer, traf ich eines Sonntags Nachmittags auf dem Bahnhofe mit meinem alten Schulfreund Ernst Dietzmann unverhofft zusammen. Er erzählte mir, daß er die letzten großen Ferien in Norderney verbracht habe und in diesem Sommer die Alpen zu besuchen gedenke. Ich habe am nächsten Tage hinter meiner Maschine geweint, daß ich diese Naturschönheiten niemals genießen, niemals das Brausen des Meeres vernehmen werde. Mein Nebenkollege damals war ein Österreicher und hieß Karl Koblischke. Der frug mich nach dem Grunde meiner Verstimmtheit; denn wir hielten zusammen und vertrieben die Zeit nach Möglichkeit mit wissenschaftlichem Disput. Als er den Grund erfuhr, fing er gleich an, mir von seinem Leben und seinen Wanderungen im Gebirge zu erzählen, die mich aber natürlich nicht froher machten. Er war sehr gebildet und verfügte über ein umfangreiches Wissen, namentlich in der Elektrizität. Zu Hause hatte er nicht nur elektrische Klingel und einen mit dem Regulator verbundenen elektrischen Wecker, sondern auch ein Telephon, durch das er mit einem 2 Häuser entfernt wohnenden Freunde verbunden war. Er hätte wirklich ganz gut als Elektrotechniker oder doch als elektrischer Installateur Beschäftigung suchen können. Im übrigen war er gerade so arm wie ich. Er war auch Parteigenosse und gewerkschaftlich organisiert, schimpfte aber oft auf unsere Führer oder wenigstens auf die Verleger unserer Parteiblätter, denen es besser als ihm gehe. Er fühlte sich auch befähigt, solch ein Amt zu verwalten; und ihm ginge es so traurig. Aber wie viele andere tätige Genossen fühlen nicht dasselbe in sich. Mir geht es ja selbst nicht anders, und ich bin dazu infolge meines Lungenleidens zu einem Berufswechsel geradezu verpflichtet; allein alle meine bisherigen Bemühungen in dieser Richtung haben sich als umsonst erwiesen, obwohl ich stets in den vordersten Reihen gekämpft habe. Ich sitze eben in einer Kleinstadt; in den Großstädten aber, den politischen Zentralen, gibt es genug befähigte Genossen; außerdem geht es ohne persönliche Beziehungen auch in der sozialdemokratischen Partei nicht ganz ab. Als Koblischke gehört hatte, daß[253] ich auch schriftstellerische Arbeiten machte, machte er es mir nach. Doch ohne rechten Erfolg. Er erlahmte jedenfalls schnell wieder und wollte sich nunmehr nur noch mit Elektrizität beschäftigen. Er hat auch mich in diesem Fache in vielem aufgeklärt, wollte mir auch noch die Gabelsberger Stenographie beibringen, die er in dem Wiener Arbeiterverein gelernt hatte. Allein alle diese Studien wurden bald darauf jäh unterbrochen. Amazon.de Widgets In der Fabrik war wie alljährlich am 1. Juli Inventur, wobei der Betrieb 2 Tage ruhte. Am darauffolgenden Lohntage verlangte nun Koblischke die gefeierte Zeit mit bezahlt. Er berief sich dabei auf § 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Dieser Paragraph besagt, daß der Unternehmer stets für ausreichende Beschäftigung zu sorgen habe. Der Portier suchte ihn wie ich davon abzubringen. Vergeblich. Darauf erschien schnellstens der Direktor, musterte den dreisten Kerl vom Kopf bis zum Fuß und gab ihm sofort Feierabend. Obendrein erhielt er die 2 Tage trotzdem nicht bezahlt. Als er seine Sachen zusammenpackte, standen ihm die Tränen in den Augen. »Ich werde diesen Stundenlohn von 30 Pfennigen wohl nicht gleich wieder erhalten,« sagte er zu mir. »Mich dauerte nur meine Wohnung, die ich kaum in Zukunft bezahlen kann,« fügte er noch hinzu. Mit einem kräftigen Handschlag verabschiedete er sich von mir, dabei stand ihm aber immer noch das Wasser in den Augen. Später ist er »über den großen Teich« gegangen und hat in Chicago gearbeitet; aber wie es ihm in der neuen Welt ergangen ist, habe ich nicht erfahren können. Selbst seinem Freund Weisker, einem aus Ronneburg stammenden Weber, der trotz seiner 40 Jahre noch Junggeselle war, und von dem Koblischke stets mit Bewunderung wegen seines enormen Wissens sprach, hat er keine Nachricht mehr zukommen lassen. Dieser Weisker verdient deshalb hier Erwähnung, weil er sich selbst durch eine naturgemäße Methode von der Schwindsucht geheilt hat. Er geht das ganze Jahr hindurch barfuß im Schuhwerke. Im Freien zieht er die Stiefel aus, macht Kneipkuren, watet in Bächen herum und aller 4?5 Wochen macht er einen großen Marsch. Selbstverständlich stehen ihm nur Sonntage dazu zur Verfügung.[254] Er läuft an diesen Tagen 12?15 Stunden. Er hat auch schon, wenn er einige Mark erspart hatte, den Thüringer Wald und das Erzgebirge in 8 Tagen durchwandert. Jeden Tag nach der Arbeit geht er 2 Stunden ganz langsam spazieren und macht täglich kalte Ganzabreibungen. Er liest viel wissenschaftliche Werke, aber nie Romane und hat sogar zwei Sprachen erlernt, die lateinische und englische. Wenige Wochen nachdem Koblischke fort war, wurde ein neuer Obermeister eingestellt. Herr Beeger, der beim Direktor wegen seiner Arbeiterfreundlichkeit schlecht angeschrieben stand, hatte den Laufpaß erhalten. Der neue Obermeister brachte bald durchgreifende Änderungen in den Arbeitsverhältnissen an und zwar führte er Akkord ein. Nicht nur die Spiralbohrerdreher, sondern auch alle übrigen, Fräser, Schleifer, Schlosser, ja sogar die Härter sollten in Akkord arbeiten, auch ohne ihr Verschulden gerissene Bohrer bezahlen und Ähnliches. Der Drehermeister Weise erwies sich als sein getreuer Gehilfe. Die Folge war für alle gesteigerte Arbeitsleistung und verringerten Lohn. Ich muß, um die Gegensätze gegen die Beegerschen Löhne zu zeigen, diese genau hier anführen. Ich selbst erhielt früher gezahlt für Spiralbohrer mit konischem Schaft im Durchmesser von 5 mm 6 Pf., 6 mm 5 Pf., 7 mm 4 1/2 Pf., 8 mm 4 1/4 Pf., 9 mm 4 Pf., 10 mm 4 Pf., 11 mm 4 Pf., 12 mm 4 1/2 Pf., 13 mm 5 Pf., 14 mm 5 Pf., 15 mm 6 Pf., 16 mm 6 Pf., 17 mm 6 1/2 Pf., 18 mm 7 Pf., 19 mm 8 Pf., 20 mm 9 Pf., 21 mm 10 Pf., 22 mm 11 Pf., 23 mm 9 Pf., 24 mm 10 Pf., 25 mm 11 Pf., 26 mm 12 Pf., 27 mm 13 Pf., 28 mm 14 Pf., 29 mm 15 Pf., 30 mm 16 Pf., 31 mm 17 Pf., 32 mm 18 Pf., 33 mm 20 Pf., 34 mm 21 Pf., 35 mm 22 Pf., 36 mm 23 Pf., 37 mm 24 Pf., 38 mm 25 Pf., 39 mm 26 Pf., 40 mm 27 Pf., 41 mm 28 Pf., 42 mm 29 Pf., 43 mm 30 Pf., 44 mm 32 Pf., 45 mm 34 Pf., 46 mm 35 Pf., 47 mm 36 Pf., 48 mm 38 Pf., 49 mm 39 Pf., 50 mm 40 Pf., 51 mm 35 Pf., 52 mm 36 Pf., 53 mm 38 Pf., 54 mm 40 Pf., 55 mm 42 Pf., 56 mm 44 Pf., 57 mm 46 Pf., 58 mm 48 Pf., 59 mm 49 Pf., 60 mm 50 Pf. etc. Für zylindrische Bohrer wurden 2/3 des Betrages[255] der Konischen gezahlt. Den Lesern wird auffallen, daß bei 10 mm, 23 mm und 51 mm trotz der stärkeren Dimensionen die Löhne fallen. Es kommt das daher, weil die amerikanischen Morse-Konen I bis 12 mm, II bis 18 mm, III bis 23 mm, IV bis 32 mm, V bis 52 mm messen und infolgedessen bei diesen Stärken nicht soviel Material abzudrehen ist. Das war weise von Herrn Beeger gehandelt. Der neue Obermeister jedoch zahlte sofort nur noch bis 12 mm 6?8 Pf., 12?15 mm 5 Pf., 16?18 mm 6 Pf., 19?20 mm 7 Pf., 21 mm 8 Pf., 22?25 mm 10 Pf., 26?28 mm 11 Pf., 29?32 mm 12 Pf., 33??36 mm 15 Pf., 37?42 mm 18 Pf., 43?50 mm 24 Pf., 50?60 mm 30 Pfennige! Als im August 1901 die Krise in der Metallindustrie eintrat, wurde aber damals von diesen Löhnen und zwar gleich bis zu 50% reduziert, und bei meinem Abgange gab es nach mehrmaligen ganz willkürlichen Abzügen des Drehermeisters, von denen die Direktoren wahrscheinlich erst nach Einsicht in die Lohnbücher Kenntnis erhielten, noch bedeutend weniger und zwar bis 15 mm bis 5 Pf., 16?22 mm bis 4 Pf., 23?28 mm bis 5 Pf., 29?32 mm bis 6 Pf., 33?37 mm bis 7 Pf., 38?42 mm bis 10 Pf., 43?50 mm bis 14 Pf., 50?60 mm bis 16 Pf. Das waren also Lohnreduktionen bis schließlich zu 75 Prozent! Dazu kam ein anderes. Als wir in der neuen Fabrik den Akkord wieder beginnen mußten, mußten wir zu unseren zwei Bänken noch eine dritte nehmen und es dauerte gar nicht lange, so mußten wir selbst vier Maschinen bedienen. Ja, es gab Fräser, die sogar an sechs Maschinen arbeiteten. Doch wurde da, wenigstens unter dem Fräsermeister Nüchtern, der nebenbei Mitglied einer apostolischen Gemeinde war, wenigstens noch etwas verdient. Dessen Abzüge, die erst nach mehrmaligem energischen Druck von oben erfolgten, betrugen nur wenige Pfennige und standen mit den unsrigen in gar keinem Verhältnis. Unser »Herr« Meister jedoch reduzierte bei der geringsten Gelegenheit. Und ob er seit meinem Weggange nicht schon wieder gekürzt hat, weiß ich nicht; aber zuletzt müssen dann die Arbeiter wirklich noch Geld mitbringen, weil es nichts[256] mehr abzuziehen gibt! Ich erinnere mich noch an eine Weihnachtswoche, die nur fünf Arbeitstage ohne den 24. Dezember hatte, der für die nächste Woche zählte. Ich hatte wahnwitzig geschuftet und 18 Mark verdient. Darob war nun bei dem Meister großes Halloh. »Bromme, Sie übertreibens, Sie übertreibens, 18 Mark in 5 Tagen, das ist zu toll. Passen Se uff, nach den Feiertagen wird wieder abgezogen.« Und ich hatte es doch wirklich nur um meiner damals schon 6köpfigen Familie willen getan! Als er von mir wegging, kam ihm der Schleifermeister Fuchs in den Weg, der vorher Dreher und Werkstattkolporteur war und mit dem ich befreundet war, weil ich ihm jeden Freitag die Zeitschriften und Bücher hatte auslegen helfen. Diesem machte Weise schleunigst ebenfalls Mitteilung von meinem Verbrechen, daß ich so geschustert und in 5 Tagen 18 Mark verdient hatte, um am Weihnachtsabend meinen Kindern noch eine Freude machen zu können. Dieser aber entgegnete ihm: »Das ist ein rechter Dreck. Der Jahn bei mir hat in derselben Zeit 24 Mark verdient und das ist ein lediger Bursche.« Darauf hat Weise nichts geantwortet und ist wie ein begossener Pudel abgegangen. Fuchs, der mir das erzählt hat, war ein sehr seiner und gebildeter Mann, der einen enormen Bücherschatz sein eigen nannte, darunter ein großes Lexikon, die zehnbändige Spamersche Weltgeschichte und mehrere Bände »Moderne Kunst«, eine Geschichte Amerikas und vieles andere mehr. Er kannte das Leben und, trotzdem er keine Kinder besaß, war er wirklich menschenfreundlich. Er gehörte auch der Organisation an, wie überhaupt in der Fabrik stets und ständig für den Verband agitiert wurde. Fing ein neuer Arbeiter an, so dauerte es nicht lange, bis man Fühlung nahm. War er schon organisiert, dann gut; wenn nicht, so wurde ihm nicht eher Ruhe gelassen, bis er seinen Beitritt erklärt hatte. Sogar junge Bürschchen, die erst vom Lande hereingekommen waren und nur für Soldaten und Mädchen schwärmten, wurden im Laufe der Zeit, oft schon nach wenigen Monaten, zu ganz tüchtigen und ernsten Gesinnungsgenossen. So habe ich besonders zwei aus der nächsten Umgebung von Gera soweit in die Partei- und Gewerkschaftsgeschichte[257] eingeweiht, daß sie mir wirklich Dank dafür wußten. Wenn sie zum Militär gekommen und befördert worden sind, so kann man sagen, sie haben unsere Ideen in sich und werden danach handeln. Namentlich der eine konnte mir nicht oft genug versichern, durch mich wirklich viel gelernt zu haben, mehr, als ihm ein Schullehrer habe beibringen können. Anfangs wollte er noch allen Ernstes freiwillig bei den 18er Ulanen in Leipzig eintreten. Er ließ den Plan dann ganz von selbst fallen und zog eine ganze Anzahl anderer Burschen in den Verband nach. Am liebsten verkehrte ich auch mit dem Dreher Börner, der in Amerika einst sogar Lehrer gewesen war und sämtliche Klassiker kannte. Er war imstande, den Faust auswendig zu zitieren, was ich bisher noch von keinem Arbeiter gehört hatte. Den Anti-Syllabus, der doch ziemlich umfangreich ist, und die Schillersche Glocke habe ich ja auch auswendig deklamieren können, aber Faust, Iphigenie auf Tauris, sowie zahlreiche andere klassische Gedichte, wie sie Börner konnte, ? das war mir neu. Auch hatte er eine große literarische Kenntnis namentlich in besseren Romanen. Außerdem unterhielt ich mich gern auch mit dem Schlosser Elling, der selbst ein wenig schriftstellerte und sich als Spezialgebiet: Witze erkoren hatte. Dieser war besonders ein guter Schillerkenner, und ich habe oftmals mit ihm über den Dichter der »Räuber« und »Wilhelm Tell«, dessen meiste Werke ich selbst besaß, diskutiert. Der Elling war auch zweiter Vorsitzender der Filiale Zwötzen des deutschen Metallarbeiterverbandes und mußte einmal bei ausgebrochenen Differenzen in Aktion treten. In einer wegen der fortwährenden Akkordlohnreduktionen einberufenen Werkstattversammlung wurde er als Vorsitzender des Komitees gewählt, während Börner Vorsitzender des Arbeiterausschusses war. Am folgenden Tage wurden die Gewählten bei der Direktion vorstellig. Diese erklärte jedoch, auf den Reduktionen beharren zu müssen, weil durch die eingetretene Krise die Geschäftslage schlechter denn je und keine Aussicht auf Besserung vorhanden sei. Ihre in Petersburg, Berlin, Wien, Paris, Brüssel, Mailand, Philadelphia und London befindlichen Läger seien überfüllt. Die Aufträge würden nur unter denkbar[258] niedrigsten Preisen aufgegeben. Sie seien hauptsächlich auf das Ausland angewiesen und legten auch der Kommission diesbezügliche Bücher vor. Auf diese Antwort hin hing am Tage darauf im Abortraum ein Zettel aus, worauf abermals Werkstattversammlung einberufen wurde. Überhaupt wurde bei allen Bekanntmachungen seitens der Kommission der Abort als Aushängeort benutzt. An demselben Vormittag aber wurden Elling und der Schlosser Stumpf entlassen, d. h. also regelrecht gemaßregelt, weil sie in der ersten Werkstattversammlung die Hauptwortführer gewesen waren, was einige traurige Subjekte, wie sie stets darunter sind, denen jede ideale Gesinnung fehlt, dem Portier oder dem Meister hinterbracht hatten. Am Nachmittage wurde gemunkelt, daß auch Börner und noch einige, darunter auch ich, auf die Straße fliegen sollten. Es dauerte auch gar nicht lange, als Weise zu mir kam und sagte: »Sehen Sie mal zu, was Sie bis heute Abend noch fertig bekommen. Sie hören heute Abend auf.« Ich war wie vom Donner gerührt und frug nach der Ursache. Aber der Herr lächelte nur höhnisch und zuckte die Achseln. Dann meinte er noch, daß ich danach den Direktor fragen müsse. Ich erwiderte meinerseits, daß ich auf diese eilige Kündigung nicht eingehe, sondern erst meine angefangenen Posten fertig drehen würde. Er wisse doch, daß auch im umgekehrten Falle, wo der Arbeiter kündigt, jede angefangene Akkordarbeit erst beendigt werden müsse, bevor man gehen könnte. Nach etwa einer Stunde kam er wieder und meinte: »Lassen Sie alles stehen und liegen wie es ist. Es wird alles bezahlt.« Ich hätte dadurch sofort 23 Mark ausgezahlt erhalten, außerdem sofort die Gemaßregeltenunterstützung bekommen müssen. Aber was dann anfangen? Mit sehr begreiflichen Gefühlen packte ich mein Zeug zusammen. Ich durfte nicht einmal meine Drehbänke putzen, der Meister drängte und trieb. »Machen Sie nur, daß Sie fortkommen!« Das war sein immer neues Wort. Wie ein gehetztes Wild wurde ich so hinaus getrieben. Da, am Eingangstor prallte ich noch mit dem Direktor zusammen. Selbstverständlich stellte ich ihn sofort zur Rede. Ich forderte den Grund meiner Entlassung zu erfahren. »Das wissen Sie doch besser als[259] ich,« entgegnete er mir. Als ich energisch verneinte, verlegte er sich auf Ausflüchte. Ich gab mich aber nicht zufrieden, sondern rückte ihm auf die Nieren: »Wenn Sie gerecht sein wollen, so sagen Sie es mir; ich bin mir keines Fehls bewußt.« Jetzt blieb er stehen und meinte spitz: »Na, Sie haben doch den Zettel mit der Versammlungseinberufung heute Morgen im Abtritt aufgehängt.« Ich war sprachlos ob dieser falschen Anschuldigung. Ich wies diese Denunziation auf das Nachdrücklichste zurück. »Ich habe aber extra gesagt, sie sollen genaue Erkundigungen einziehen, damit es keinen Falschen trifft, und Sie sind uns als der Täter und als langjähriger Hetzer und roter Wühler bezeichnet worden,« erwiderte er mir darauf. »Sie sind aber falsch berichtet und haben einen Unschuldigen getroffen. Ich kann gar keiner Werkstattversammlung beiwohnen, weil unser Arbeiterzug abends 7 1/4 Uhr abgeht. Auch gehöre ich nicht dem Metall-, sondern dem Holzarbeiterverband an, da ich früher in dieser Branche tätig war und auf Grund des Frankfurter Beschlusses bei Berufswechsel die Organisation nicht gewechselt zu werden braucht.« Er hatte mich ruhig angehört und erwiderte nun, daß ich dann weiter arbeiten könne, wenn ich unschuldig sei. So kehrte ich dann leichten Herzens zu meiner Maschine zurück. Heute noch glaube ich, richtig gehandelt zu haben. So wie ich es getan, war ich es einfach meiner Familie schuldig, um meine Maßregelung mit allen Kräften rückgängig zu machen. Viele Kollegen freuten sich auch, daß ich wiederkam. Nur der Meister und zwei andere ärgerten sich schwer. Ich aber war glücklich. Meiner Frau aber habe ich gar nichts davon erzählt, um sie nicht zu beunruhigen. Einige Zeit, nachdem der Obermeister Werk angetreten war, fing eines Tages auch ein neuer Hilfsarbeiter als »Bohrmichel« an. So wird nämlich der Bohrmaschinenarbeiter im allgemeinen genannt. Man sah es ihm an, daß er von der Landstraße kam. Er hatte einen pessimistischen Gesichtsausdruck, war von mittlerer Statur und trug den Oberkörper etwas vornüber geneigt. Später erfuhr ich, daß er Ernst Schuchardt heiße, als Schuhmacher gelernt und aus Gotha gebürtig war. Im übrigen bewegte er sich flink[260] und arbeitete den ganzen Tag ohne sich umzusehen. Wenn er den Drehermeister um eine die Arbeit betreffende Auskunft bat, nahm er die Mütze vor demselben ab, worüber dieser nur geringschätzig lächelte. Das sind die richtigen Arbeiter, die so demütig dastehen, raunten sich einige einander zu. Es sollte sich aber zeigen, daß gerade diese nicht wert waren, dem Alten die Riemen von den Schuhen zu lösen. Übrigens war er gar nicht so alt, als er aussah, sondern zählte erst 35 Jahre. Am Freitag darauf, als er mich für Fuchs die Zeitschriften austeilen sah, hielt er mich für den Kolporteur und bestellte bei mir den »Wahren Jakob« für die eine Woche, für die andere den »Süddeutschen Postillon« und extra die Reklamausgabe von Goethes Faust. Ich staunte darüber. Da fragte ihn mein Nebenkollege Mutschmann auch noch, ob er wohl gar im Verband sei. Auch das bejahte er und erklärte, daß er schon seit 6 Jahren dem Metallarbeiterverband angehöre; außerdem sei er jahrelang auch Mitglied der nordbayrischen Parteiorganisation in Ansbach gewesen. Dann, an einem der folgenden Tage, die sehr warm waren, lag ich vor der Fabrik im Grase des Bahndammes der Linie Berlin-München, wie ich das täglich tat, nachdem ich mein frugales Mittagsmahl verzehrt hatte, und las in den Meyerausgaben von »Heines Harzreise« und »Florentinische Nächte«, als plötzlich der Alte gewackelt kam und sich neben mir im Grase niederließ. »Kollex« hatten ihn die Kollegen getauft und alle Welt, selbst die Lehrlinge, riefen ihn nicht anders als so. Als er sah, daß ich mich nicht stören ließ, räusperte er sich einige Male. Ich klappte für einen Moment mein Buch zu und er konnte deshalb den Titel lesen. »Was, Heines Harzreise hast Du hier? Wenn man schon 50 Jahre alt ist, bei der Lektüre derselben wird man wieder jung,« rief er aus. Dann blätterte er in dem Bande »Florentinische Nächte«, und war ganz entzückt von der trefflichen Sprache des genialen Dichters. Es zeigte sich aber auch, daß er ihn auch durch und durch kannte. Denn er zitierte sofort das Sklavenschiff, die drei Grenadiere, das Hohelied und einige Stellen aus dem Wintermärchen. Dann erzählte er mir, daß er 6 Jahre in Amerika gewesen und das westliche Gebiet der Union[261] bis St. Louis als Tramp durchwandert, ja selbst Freifahrten in Kohlenlowrys mitgemacht habe. Er sprach auch öfter während der Frühstücks- und Vesperpausen mit einem anderen, der auch »drüben« gewesen war, englisch. Es sah sich kurios an, wenn man das Gebärdenspiel des Kollex dabei beobachtete. Am 1. Pfingsttage besuchte er mich dann in Ronneburg, um mit mir und meinem Freunde Grau einen Ausflug nach dem Fuchstal bei Wünschendorf an der Elster zu unternehmen. Der Tag wird mir unvergeßlich bleiben. Er war furchtbar heiß. Als wir nach 3stündigem Marsche dort ankamen, stiegen wir nach der Teufelskanzel auf. Dort oben deklamierte Kollex aus dem Faust, namentlich die Rollen des Mephisto. Die tiefsinnigen Stellen, wie z. B. »Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft« betonte er mit besonderer Emphase. Ich deklamierte »Kotzebues Verzweiflung« und Grau Richard lachte sich eins. Als wir uns dort oben ungefähr eine Stunde lang ausgeruht hatten, stiegen wir wieder zu Tale und labten uns in dem Gartenrestaurant zur Fuchsmühle an einer Flasche Weizenbier. Dann trennten wir uns. Kollex warf seinen Rucksack über und schlug die Richtung nach Gera ein, während wir beiden andern den Weg nach Ronneburg verfolgten. Auch Grau Richard, ein einfacher Holzschuhmacher, ist ein ziemlich guter Kenner der Literatur, all seine Ersparnisse hat er in Büchern angelegt, die er ziemlich sauber hält. Er ist trotz seiner 36 Jahre noch Junggeselle und hat nur 2 Passionen: Tabakrauchen und Bücher. Er besitzt neben einem großen Lexikon sämtliche Klassiker, sodann Weltall und Menschheit, zahlreiche Geschichtswerke, fast die gesamte Parteiliteratur, die internationale Bibliothek von Dietz-Stuttgart, Gedichtsammlungen, viel philosophische, atheistische und nationalökonomische Schriften und neben guten Romanen eine enorme Menge Reisewerke! So ging der Sommer dahin. Kollex freute sich, beständige Arbeit zu besitzen, wollte aber mehr Lohn haben, 27 Pfennige genügten ihm nicht mehr. Er stellte beim Obermeister deshalb einen Antrag, wurde aber abschlägig beschieden, außer für den Fall, wenn er an den Rundschleifmaschinen arbeiten würde. Damit[262] wollte er sich jedoch nicht einverstanden erklären. Er meinte, daß er schon an Neurasthenie leide und sich nicht noch die Schwindsucht dazu holen wolle. Mit verbissenem Ingrimm schaffte er weiter und die Brocken flogen ihm nur so aus der Hand. Eines Tages kam der Vorarbeiter Jäckel zu ihm und befahl ihm, den Schleifstein abzudrehen. Da kam er aber schön an. »Was, ich soll den Schleifstein abdrehen? Ich brauche ihn nicht,« antwortete er. Der etwas eingebildete Mensch lief wegen dieser Weigerung zum Obermeister. Der kam nun her und wiederholte den Befehl. »Ich tue es nicht, ich brauche meine Lunge für mich nötiger; warum bestellen Sie nicht wie bisher Lehrlinge zu dieser Arbeit?« antwortete wiederum der Kollex. »Also, wenn Sie die Arbeit nicht ausführen wollen, so sind Sie entlassen,« entgegnete ihm kurz der Obermeister. »Na, dann is gut, dann gehen wir,« war Schuchardts Erwiderung. Er nahm herzlich Abschied von mir, begleitete mich noch am Abend bis zum Bahnhof und beteuerte mir, nie wieder in Zukunft das Geld in die Wirtschaften zu tragen. Die Gastwirte seien die eigentlichen Aussauger der Arbeiter. Er würde versuchen, Abstinenz zu üben und nie wieder sollte ihn der Alkohol in die finstere Nacht der Denkfaulheit zurückwerfen. Allerdings sei es schwierig; aber er würde es tun. Wir sprachen noch über Tolstoj und Zola. Schuchardt rühmte die »Auferstehung« des ersteren und den »Germinal« des letzteren. Ich versprach ihm, beides zu lesen. Dann mußten wir scheiden. Er seinerseits versprach, oft zu schreiben, und hat das Versprechen redlich gehalten. Die Leser werden gestatten, daß ich nur einige seiner zahlreichen Briefe nachstehend im Auszug anführe. Sie zeigen, daß auf der Landstraße mancher denkende und tief empfindende Vagabund herumläuft, der, wenn er in der Wahl seiner Eltern vorsichtiger gewesen wäre, wohl eine glänzende Stellung im Leben eingenommen hätte. Ein jeder wird, wenn er seinen Klassenstandpunkt vergißt, mir zugeben, daß in diesen Briefen Stellen vorkommen, die eine wirkliche und starke Kraft und Eigenart haben. Vorher will ich nur noch bemerken, daß wenige Wochen nach der Abreise Schuchardts auch der Obermeister flog und zwar, weil durch seine falschen Angaben eine ganze[263] Anzahl teurer Räder verfräst wurden, wodurch der Firma ein Schaden von über 500 Mark erwachsen war. Ein neuer Obermeister wurde nicht wieder eingestellt, sondern der Ingenieur versorgte diesen Posten mit, der übrigens mit 3000 Mark pro Jahr honoriert worden war. Dieser schloß sich eng an den Drehermeister an und so wurde dieser letztere in Wirklichkeit der dirigierende Meister. Wir mußten nun öfter als sonst Strafe zahlen. Ich selbst bekam einmal 20 Stück 18er Vierkantbohrer zu drehen und den Zettel dazu. Als ich sie fertig hatte, bekam ich noch 20 Stück 16er Vierkantbohrer. Plötzlich fiel mir auf, daß die kleineren 16er länger waren als die 18er. Es stellte sich heraus, daß ich das erste Mal den falschen Zettel erhalten hatte. Allein auf jedem Zettel war die Länge der Bohrer mit angegeben, und ich trug also selbst die Schuld, weil ich nicht nachgemessen hatte. Das Resultat war 75 Pfennige Strafe und keinen Lohn für die Bohrer, obgleich diese nur 10 Millimeter kürzer gestochen wurden und dann mit verbraucht wurden. Nachdem der Kollex ein Vierteljahr abgereist war, schrieb er mir einen Brief aus Ansbach, in dem er mir mitteilte, daß er als Mörtelträger bei den Maurern arbeite. Wie ich schon erzählt, hatte er bereits früher einmal längere Zeit dort gearbeitet. Als aber der Herbst ins Land gekommen war, mußte er wieder abreisen. Ich erhielt nach fast vierteljähriger Pause Ende Januar 1902 wieder ein Lebenszeichen von ihm. Er knüpfte in diesem Schreiben, das aus Oberwarmensteinach datiert war, an einen Brief an, den er im vorhergehenden Herbst an mich gerichtet hatte und in dem er mir die Bayreuther Festspiele eingehend schilderte. Er schreibt darin: »Ich sitze hier in einem süßen ultramontanen Gasthause und möchte schon bald aus Wut über die schwarze Gesellschaft nicht schreiben. Wie ich Dir schon mitteilte, war ich bei dem Eintreffen der Künstler zu den Festspielen gerade in Bayreuth anwesend. Hoffentlich ist Dir meine Schilderung noch in Erinnerung. Das letzte Jahr hat nicht soviel Gäste nach dort gebracht als die früheren, wahrscheinlich hat der Leipziger Bankkrach der noblesse obligé zu sehr in die Suppe gespuckt. In einer Beziehung freut[264] es mich; denn für uns sind solche Künstlerfeste auch nicht vorhanden, trotzalledem sollte ein größerer Teil der deutschen Arbeiterschaft mehr Verständnis für unseren großen Musikmeister Wagner haben. Er war dasselbe Genie, wie unser alter Soldat der Revolution, Liebknecht, nur mit dem Unterschied, daß Richard Wagner der größte Revolutionär der Musik wurde, mindestens ein ebenso gewaltiger als der Italiener Verdi. Lieber Freund! Du weißt, daß ich ein großer Freund von Theater und Musik bin, bloß kein Freund von allzuschwerer Dekoration und einförmigen Melodien, wie sie z. B. der »Freischütz« aufweist; da ziehe ich denn doch Verdis Troubadour vor. Die gefühlvolle Musik in diesem Stück muß alle Herzen ergreifen, es ist kein tom titt tom wie im »Freischütz«, dafür ist aber auch dessen Komponist ein trauriger Musikant gewesen. Das, was Wagner in Komposition geleistet, hat noch keiner vor ihm in Deutschland zustande gebracht und weil er mit seiner modernen revolutionären Musik das Größte geleistet hat, ist er auch lange Zeit den Kunstmameluken zuwider gewesen; die können eben bloß die Nacktheit im verschlossenen Kämmerlein vertragen.... Ich muß abbrechen, seit 8 Tagen laufe ich in total zerrissenen Schuhen in dem nassen Schneewetter umher, was ich erhalte, bekomme ich nur von armen Leuten und von unseren Genossen. Am Weihnachtsabend schenkte mir eine Pastorsfrau zwei Pfennige. Ich frug, ob sie mir nichts zu essen geben wolle, heute sei doch Christabend; da kam ich aber schön an. Da könnte jeder kommen. Dabei lagen Haufen von Kuchen und Fleisch in der Küche. Sie hatte sich ein großes Stück in den Mund gestopft und zeterte noch über meine Frechheit. Aber ein armer Arbeiter daneben gab mir zu essen und 5 Pfennige extra. Ich sage eben, wenn der Mensch fromm ist bis zur Gefühllosigkeit, so heißt es: Ich ? Ich ? und nochmals Ich. Das ist der beste Gefühlsbarometer.« Dann hörte ich einige Wochen lang wieder nichts mehr von dem armen Kerl, bis er mir ganz unverhofft eines Tages in die Bude schneite. Ich war ganz baff, als es abends gegen 10 Uhr bei mir klopfte und der Kollex eintrat. Er wollte sehen, ob er nicht wieder in meiner Nähe Arbeit bekommen könnte. Ich brachte ihn[265] zur Herberge, er war am Tage schon in Gera umschauen gewesen, hatte aber nichts gefunden. Am nächsten Tage wollte er in Ronneburg nachforschen und, wenn nichts zu machen war, weiter wandern. Schon drei Tage später schreibt er mir aus Leipzig: »Werter Freund! In Ronneburg, Schmölln, Altenburg war es wieder nichts mit Arbeit. Ich kam deshalb heute hier an. Leipzig ist für mich interessant. Die großstädtischen Bauten imponieren mir sehr und noch mehr die schönen breiten Straßen. Das alles erinnert mich an Chicago. So groß ist nun freilich Leipzig nicht. Man kann es wohl zehnmal in den Flächeninhalt Chicagos hineinsetzen. Aber mich freut es doch, wieder einmal Großstadtluft zu atmen. Das widerliche Gespenst der Existenzlosigkeit spukt leider auch hier allzusehr. Scharenweise durchströmen Arbeitslose die Stadt. Dabei herrscht eine Hundekälte, die einem das Mark in den Knochen gefrieren läßt. Es wird mir manchmal vor mir selbst übel. Wenn ich nicht meinen unverwüstlichen Galgenhumor besäße, hätte ich mich längst aufgeknüpft. Und dann weißt Du ja auch, je schlechter es dem Lumpenproletarier geht, desto zäher hält er am Leben fest. Siehst Du, alter Schwede, derjenige Mensch, der sich für schlechter hält, als er ist, besitzt Selbsterkenntnis, der kann sich immer noch bessern. Bei mir wird es auch die höchste Zeit, denn wenn ich gespart und nicht alles verbraucht hätte, brauchte ich Lump nicht fechten zu gehen... Die Arbeiter in Leipzig sind gut; die nischt haben, können nischt geben, und die noch etwas haben, geben auch etwas. Ich denke eben an das alte schöne sächsische Sprichwort: Wer nischt erheirat, wer nischt ererbt, der bleibt e armes Luder bis er sterbt! Wenn ich in drei Tagen keine Arbeit habe, verdufte ich nach Magdeburg. Gestern war mir ein seltenes Vorkommnis in Großdewitz passiert. Eine Frau gab mir statt einen Pfennig ein Zehnmarkstück. Ich gab es ihr natürlich zurück und erhielt als Dank 7 Pfennige! Wenn Du es nicht glauben willst, kann ich es nicht ändern. Noch eins, lieber Freund, die Nacht, als ich in Ronneburg schlief, hatte ich einen kuriosen Traum. Du darfst aber nicht glauben, daß ich ein Schäfer Thomas oder sonst ein Geisterseher bin, der in der fünften oder[266] sechsten Dimension lebt. Also ich träumte, Schlag 12 Uhr Nachts wäre ich in den Palast eines bekannten Geraer Multimillionärs gekommen. Mit einem Schlage war dieser aber in den Vorhof der Hölle verwandelt; es war alles glutrot und drückend heiß; auf dem Throne Belzebubs saß ein feister Teufel mit krummer Nase, ich glaube, ich war in die semitische Hölle geraten. Fünf Teufel brachten diesem Höllenfürst Bericht über den von Arbeiterhänden zusammengeschundenen Mammon. Er aber schimpfte über zu wenig Dividende von seinen Schwitzbuden: Färbereien, Webereien, Werkzeug- und Maschinenfabriken. Mit einem Höllenfluch entließ er seine Knechte; wenn nächstes Jahr nicht mehr aus den Arbeitsbienen herausgepreßt würde, würde er ihnen den Laufpaß geben und sich miserablere Teufel dazu aussuchen. Die Szene änderte sich dann. Ich machte den stillen Beobachter in einer Werkzeugfabrik. Es herrschte eine Höllentemperatur. Man schwitzte vom Zuschauen. Überall war eine fieberhafte Tätigkeit. Arbeiter bedienten 3?4 Maschinen und trotzdem trieb der Obermeister mehr an. Der technische Direktor erschien und schimpfte den Meister: die Leute müssen mehr arbeiten, wenn die Geldgeber befriedigt werden sollen. Der Meister antwortete: Gut, wir ziehen das letzte ab, die Leute müssen 5 Bänke bedienen. Es wurde gemacht. Der Versuch mißlang aber, die Arbeiter konnten nicht mehr. Die Oberteufel wurden zur Hölle geholt. Ich erwachte. Mir war ganz höllisch zu Mute. Ich war in Schweiß gebadet. Mein Gaumen brannte noch von Höllenduft. Ich erhob mich vom Lager, wusch mein Gesicht, spülte meine Eßvorrichtung aus und lief nach Schmölln. Es fror mich stark.« Schon am nächsten Tage erhielt ich wieder einen Brief aus Leipzig. In diesem zog er die Diagonale zwischen dem Trebertrocknungsprozeßurteil und dem Löbtau-Dresdner Zuchthausurteil. Dort 24 Monate Gefängnis und 26000 Mark Geldstrafe, hier 53 Jahre Zuchthaus und 8 Monate Gefängnis! In seinem Kommentar frug er: »Was haben die Arbeiter verbrochen? Sie haben einem Baumarder die Jacke ausgeklopft, aber bloß so, daß dieser Schinder[267] sich schon am dritten Tage wieder auf seinem Balkon zeigte. Ergo war er nicht totgeschlagen worden und doch dieses ungeheure Urteil. Es waren aber Arbeiter, sie hatten von ihrem Bewegungsrecht Gebrauch gemacht, nachdem sie von dem Baumarder gereizt waren durch Redensarten, die selbst die frömmste Arbeitergeduld zum Überlaufen bringen. Deswegen wurden sie verknackt. Dann als Gegensatz das Kasseler Urteil. Leute, die hunderte von Existenzen ruiniert haben, die sich geradezu von Arbeiterschweiß gemästet und an nicht bezahlter Arbeitskraft Betrug verübt haben, wurden so mild verurteilt. Das ist tieftraurig. Es ist zum katholisch werden. Wer trägt aber die Schuld? Die Arbeiter selbst! Die 10 Prozent Organisierte können nicht gegen solche Klassenurteile Front machen. Sie können nur lediglich kritisieren. Die besitzende Klasse hat beide Urteile gefällt. Mich ekelt es in Deutschland ordentlich an. Ich gebe beim Zeus 10 Jahre meines Lebens darum, könnte ich morgen früh in New York oder Chicago erwachen. Ich werde nach Halle gehen.« Er kam aber nicht nach Halle, sondern wurde plötzlich krank und lag 14 Tage lang in Leipzig. Zum Glück gehörte er der Tischler-Krankenkasse in Hamburg an. Plötzlich erschien er wiederum eines Abends in meiner Wohnung. Er hatte einige Groschen Geld von der Unterstützung erspart und wollte damit ein Geschäft begründen und zwar Drahtkleiderbügel fabrizieren, deren Verfertigung er in Leipzig zugeschaut hatte. Er kaufte sich Draht und eine Kneifzange. In seinem ehemaligen Quartier in Zwötzen begann er zu arbeiten. Allein das Projekt klappte nicht. Er hatte 2 Dutzend fertig und konnte sie nicht losschlagen. Das verbitterte ihn noch mehr. Er wurde ganz nervös und warf schließlich alles wieder an die Wand. Nun wollte er mit Ansichts-Postkarten handeln. Ich sollte für ihn an den Dietz-Verlag schreiben. Es wurde aber auch daraus nichts. Neben mir wohnte ein Parteigenosse und Zigarrensortierer Richter, der nebenbei noch eine »Auskunft in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten« betrieb, in kurzen Worten gesagt, also Winkeladvokat war und deshalb auch in Genossenkreisen der »Linksanwalt« genannt wurde. Später wurde er freilich aus der Partei[268] ausgeschlossen, weil er sich Betrügereien hatte zuschulden kommen lassen. Ich werde auf ihn im nächsten Kapitel noch näher eingehen. Für jetzt will ich nur bemerken, daß er gerade im Besitze von Geldmitteln war, weil er einen Bauer gründlich gerupft hatte. Dieser nahm den Kollex für acht Tage als Holzmacher an. Er mußte ihm einige Fuhren Reisig zusammenhacken und dafür erhielt er von Richter freie Kost, Wohnung im »Fürstenkeller« und einige Groschen Taschengeld. Niemand war froher als Kollex. Am ersten Abend gleich begaben wir uns zu dreien nach dem »Fürstenkeller«. »Höre mal Ernst, sagte Richter zum Wirt, Du wirst diesem Mann auf meine Kosten eine Woche Logis geben. Kaffee trinkt er bei mir.« »Na, das kommt auf eine Tasse Kaffee nicht an,« erwiderte darauf der Wirt und fügte hinzu: »Meine Betten sind gut, wer weiß, ob der Freund schon einmal so schön geschlafen hat.« »Was,« entgegnete Schuchardt mit lautem Lachen, »beim Baudert August in Apolda gibts die besten Betten in den ganzen vereinigten Staaten von Deutschland.« Das verschnupfte natürlich wieder den gutmütigen Wirt, aber Schuchardt hatte das in seiner Nervosität nicht bedacht. Am darauffolgenden Sonntag nahm ich ihn mit in eine Mitgliederversammlung unsres Verbandes und Abends in eine des sozialdemokratischen Vereins. Wir hatten ihn möglichst anständig herausstaffiert, er zog Richters Sommerüberzieher an und kam sich dann nach seinen eigenen Worten vor »wie ein lackierter Affe«. In beiden Versammlungen hielt er einen Vortrag über amerikanische Arbeiterverhältnisse im allgemeinen und seine eigenen Erlebnisse im besonderen. Vorher hatte ich im sozialdemokratischen Verein einen Vortrag über Christian Dietrich Grabbe gehalten, der dem Kollex sehr zusagte und ihn gleich noch zu einer Schilderung der 1886er Maibewegung in Chicago veranlaßte. Für diese Vorträge wurden für ihn an jenem Sonntag beinahe 7 Mark gesammelt. Am darauffolaenden Tage nahm er Abschied und bedauerte, daß er in unsrer Nähe keine Arbeit erhalten könnte. Doch Richter hatte ihm ein Arbeitszeugnis ausgestellt, das sich Schuchardt vom Gemeindevorstand unterstempeln ließ. Jetzt hatte er wenigstens eine »Flebbe«. Acht Tage später erhielten wir ein[269] Lebenszeichen von ihm aus Jena. Er hatte dort einige Tage in einer Holzwarenfabrik zur Aushülfe gearbeitet und ich hatte ihm ein Empfehlungsschreiben an meinen ehemaligen Kollegen Bläsig mitgegeben, der ihn mit in eine Metallarbeiterversammlung nahm und dort ein ansehnliches Geschenk erwirkte. Außerdem schenkte er ihm einen Rock, worüber sich unser Ernst noch mehr freute. Dann kam folgender Brief von ihm an mich. Erfurt, The City of Flowers and Cabage (Die Stadt der Blumen und des Krautes) Germinal 21. des Jahres 10 This ist the first Day im Spring 1902 (Das ist der 1. Tag im Frühling 1902) »Ich beginne meinen Brief mit Schiller: Gar schrecklich ist's, den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn; jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn. Den Brief von Jena habt Ihr alten Schweden jedenfalls erhalten. Leider war es nichts Dauerndes dort. Darum geht jetzt das unerträglichste Elend wieder los. Die Altenburger Bauern sind schon fromm bis zur Gefühllosigkeit, die weimarischen sind aber wirklich auf dem allerhöchsten Gipfel dieses Artikels angelangt. Wie man diesen Schlag von Bauern kennen lernt, teile ich Euch jetzt mit. Gestern früh 3 Uhr schüttelte ich den Staub der alten thüringischen Universitätsstadt von meinen Pantoffeln und richtete meinen Kurs nach der alten Kunststadt Ilm-Athen. Selbstredend hatte ich keinen Knopf mehr bei mir, und der starke Frühlingswind dörrte mir doch meinen Magen so aus! Ihr wißt, daß ich immer über einen umfangreichen Appetit verfüge. Ich machte mich also auf die Fahrt, aber soviel ich auch versuchte, bei den Bauern ein Stück Brot zu erlangen, gelang es mir nie, etwas zu erhalten. Überall hieß es: »Es gibt nischt, wir hab'n selber nischt!« Auf einem Hofe zerriß mir sogar ein weißer Spitz meine Hosen. Ich stellte die Frau über die Handlungsweise ihres Hundes zur Rede, allein sie sagte, hier hätte niemand ein Recht, das Gehöft zu betreten. Dabei schimpfte die alte Schraube wie ein Rohrsperling. Ich dachte, die hat noch mehr Haare auf den Zähnen als ein Hamburger Fischweib und die haben doch gewiß ein[270] vielgerühmtes Redeorgan; die meisten Fischweiber waren ja auch einst hübsche Mädchen, zumal als sie noch in St. Pauli wohnten und dort die Egalheit zwischen Katzenbuckel und Männerbauch studierten, bis die alte Bratpfanne keine Bratwurst mehr schmoren konnte. Endlich, bei einer Tagelöhnersfrau bekam ich eine Schmalzstulle, und Nadel und Zwirn zur Reparatur meiner Hosen; am liebsten hatte ich mir die Beine schwarz gemacht und wäre so los getippelt. Während ich meine Hosen flickte, erzählte mir die Frau, daß auch die Tagelöhner einen schweren Kampf gegen die Bauern zu führen hätten und sogar Handwerksburschen im Sommer bei 17stündiger Arbeitszeit mit einem Tagelohn von 0,80 bis 1 Mark eingestellt würden, um die 1,20 bis 1,50 Mark für hiesige Arbeiter zu sparen. Auch diese Tagelöhner leben nur nach dem Wortlaut des Sonneberger Kartoffelliedes. So eine erbärmliche Gegend wie um Weimar herum kann es im ganzen Deutschen Reiche nicht wieder geben. Jeden Abend habe ich mich sonst wenigstens einmal des Tages satt gegessen und in die Penneklappe gelegt, gestern aber nicht. Als ich Nachmittags 1 Uhr 30 Minuten in Weimar anlangte, prangte die Stadt im Flaggenschmuck. Ich frug einen Mann, auf die Fahnen und Fähnleins deutend, was für Klimbim da los sei. Ich dachte erst, die Weimaraner hätten einen Klaps bekommen und wollten zwei Tage früher den Geburtstag »vom ollen Wilhelm« feiern. Es war aber nicht an dem, sondern der Großenkel und Thronerbe stattete dem weimarischen Staatsoberhaupt einen Besuch ab. Na, Ihr lieben Freunde, das hättet Ihr sehen sollen, wie sich die weimarischen Spießer mit Orden und Ehrenzeichen in Gala geworfen und doch Kohldampf im Magen hatten, den sie vor lauter Begeisterung nicht spürten. Auch die halbe und ganze Damenwelt war vertreten. Alle, aber auch alle wollten den Kronprinzen sehen, die Polizei in Uniform und die Unsicherheitshelden im Zivil. Einfach pompös. Ich allein bin nicht stehen geblieben, Du weißt, ich bin kein Freund von solchen Herren. Wenn Schiller und Goethe jetzt diese Philister sähen, würden sie die Köpfe schütteln und sich umkehren; denn frei und nochmals frei war ihre[271] Devise. Hunger und Patriotismus sind zwei schwer zu vereinbarende Dinge. Heute früh 7 Uhr kehrte ich dem Musenheim den Rücken und heute Abend werde ich im Schwan zu Erfurt übernachten, auf Verbandskosten. Es tut mir leid, aber in dieser Hungergegend muß ich den Verband in Anspruch nehmen. Morgen gehe ich den Kanossagang. Mir wird es verteufelt schwer, mittel- und existenzlos meine Heimatstadt Gotha zu betreten. Trotzdem gehe ich und werde ihr Sonntag früh wieder Adje sagen. Was gothaische Bürger und Spießer auch über mich zetern werden, ich rufe mir das Uhligsche Lied ins Gedächtnis: »Geh deine Bahn und laß die Leute schwätzen, die Bahn ist lang, die Leute schwatzen viel! Mag Unverstand von Ort zu Ort dich hetzen, geh deine Bahn, geh dein bewußtes Ziel!« Meinen Stiefvater und die alte Mutter werde ich nicht besuchen. Die Gothaer Genossen werden es Euchlers Karl schon zutragen, daß ich dort war. Versoffen, versumpft bin ich nicht, betrogen und bestohlen habe ich auch keinen Menschen. Wer mir in Bezug auf Kleidung etwas sagen würde, dem werde ich schon antworten. Ich werde meinen alten Lehrmeister, dann den Reichstagsabgeordneten Bock, verschiedene andere Freunde und den Porzellanfabrikanten J..... S...... besuchen. Letzterer wurde in den 80er Jahren durch einen Artikel von mir in einer sächsischen Arbeiterzeitung und der »Ameise« berühmt, die dazumal noch von dem Harmonieapostel Max Hirsch redigiert wurde, 1892 aber in unsere Hände kam. Zur Vorsorge will ich mir aber vorher den Bauch mit Schmierseife einreiben, damit ich glücklich rutschen kann, wenn er mich rauswirft. Wenn er aber gut, klug und einen Funken Ehrgefühl hat, so stellt er mich wieder ein, hat er doch damals eine gute Arbeitskraft in mir gehabt. Weimar und Jena sind doch im Grunde genommen 2 schöne Städte, die mir Bewunderung abgenötigt haben, namentlich das herrliche Idyll zum Paradies in Jena ist ein schöner rechter Platz zum Philosophieren. Lache nicht, »denn heutzutage denkt das Vieh und treibt sogar Philosophie«. Hier kann man ungestört über sein[272] eigenes und anderer Menschen Elend nachdenken, und Beobachtungen in Naturschönheiten machen... In einer Jenenser Buchhandlung sah ich einen Riesenkupferstich: Waterloo. Das Bild war großartig. Napoleon saß auf seinem weißen Hengst. Seine Gesichtszüge deuteten Wut, Ärger, verletztes Ehrgefühl. Die Augen verzweiflungsvoll starr. Es war ja auch sein Todesritt, dem unmittelbar die Verbannung, das lebendige Grab, folgten. Es gibt nur einen Napoleon! Jedenfalls wäre es heute nicht schlechter, wenn dieser große Hypnotiseur der gesamten europäischen Despotie den Laufpaß geben würde. Ich habe mir auch das Goethehäuschen angesehen, es ist ja schön, aber das »Bratwurstglöckle« in Nürnberg ist doch schöner. Dort verkehrte mein Kollege Hans Sachs, ferner Albrecht Dürer und die Bauernführer Ritter Florian von Geyer und Thomas Münzer. Sie alle haben in diesem kleinen Häuschen dem edlen Bavaria-Bräu zugesprochen. Darum geht nichts über das Nürnberger »Bratwurstglöckle«: »Das Auge sieht die alten Kämpen, den Magen füllt das edle Naß!« Ich will nun schließen. Ihr werdet sagen: Hat der aber wieder einmal Mist gebaut. Es wäre auch besser, er beschäftigte sich mit Ackerbau und Viehzucht, als mit Briefschreiben. Viele Grüße an alle Genossen von Eurem Ahasver.« Nach acht Tagen, am 30. März, bekam ich wieder einen Brief aus Rotenkirchen. Er hatte keine Arbeit in seiner Heimat bekommen und war, wie aus dem nachstehenden Schreiben hervorgeht, noch verzweifelter, weil er abermals in die Welt hinaus mußte. »Früh 5 Uhr schritt ich schon im Walde. Die überwinterten Vögel stimmten ihr Morgenkonzert an. Der Tag graute. Trübe Wolken hingen am Horizont. Ein trüber Nebel lag auf der Natur, so einförmig, so tot lagen Thüringerwald und Frankenwald vor mir, daß man dachte, es sei im November, wenn nicht die gefiederten Sänger ihre Weisen hätten erschallen lassen. Arbeits- und existenzlos zu sein, ist ein schwerer Fluch! In den Blicken der Menschen begegnet einem nur Mißtrauen und Verachtung. Da fabelt sogar noch ein Teil der Menschheit von Freiheit. Ist denn der Arbeitslose frei? Nein und tausendmal nein! Das Heer der Arbeitslosen,[273] das auf der Landstraße liegt, ist nicht frei. Nur ein Bruchteil dieser Verdammten und Verfehmten bildet sich die Freiheit ein durch den Schnaps, diesem modernen Kulturteufel, der schon ganze Menschenrassen vernichtet hat. Ein Fluch dem, der reisende Arbeitslose für frei erklärt. Nein, ein Arbeitsloser gehört zur Prostitution. Ist es denn Freiheit, wenn ein Mensch durch einen anderen kontrolliert wird? Und wehe dem armen Teufel, der sein Alibi nicht nachweisen kann! Er kann dann hinter eines grauen Hauses Mauern, in einem beschränkten Raume, das Fenster mit Sicherheitsmaßregeln versehen, über individuelle Freiheit nachdenken, bis es sich herausgestellt hat, daß er wirklich unschuldig ist, oder bis er seine unverdiente Strafe verbüßt hat. So etwas nennt man göttliche Weltordnung, die von ewig satten Menschen gutgeheißen wird! Die Gedanken eines Arbeitslosen gleichen ganz genau denen des Gefängnisinsassen; dieser mag noch so still auf seiner Pritsche liegen, die Gesichtszüge mögen noch so glatt sein, hinter seiner Stirn arbeiten die Gedanken, die Gedanken der Sehnsucht, frei ? nur frei ? und nochmals frei zu sein. Und genau so ich auf der Landstraße. Ich muß betteln gehen, muß betteln wie ein Blumenmädchen: Gebt mir doch Existenzberechtigung, gebt mir ein Stückchen Brot, gebt mir die Mittel, um die Nacht nicht unter freiem Himmel zubringen zu müssen. Ist dies keine Prostitution? Und da sagen die Moralphilosophen, es gebe keine Verelendungstheorie! Nun, wenn es keine Theorie gibt, so ist es eben eine Verelendungspraxis. Wir arbeitslosen denkenden Proletarier können das am besten beurteilen. Doch was ist das? Jetzt unterbricht Glockengeläute meine revoltierenden Sinne. Ach richtig, heute ist ja Ostern, das Fest der Auferstehung Christi, des angenommenen Zimmermannssohnes. Wir täten besser, bald den Völkerfrühling zu feiern. Wir könnten alles genießen, alles teilen in Freude und Schmerz, wenn alles einig wäre. »O Volk wag es nur einen Tag, nur einen, frei zu sein,« sagt Max Kegel. Es ist ein Fluch der darbenden Menschheit, daß sie ihr Elend nicht einsehen will. Es ist ein Fluch der Enterbten, daß sie im Suff und Klimbimvereinigungen Zerstreuung suchen und zur Verbesserung ihrer Lage keine Maßregeln[274] treffen. In ihrer grenzenlosen Dummheit stoßen die Gehirnvernagelten noch die Hände von sich, die ihnen Hilfe bringen wollen! Das Volk hat nichts gelernt von der 12jährigen Drangsalsperiode! von den Klassenurteilen! von der 12000 Mart-Affäre! O Volk wage, wage es! Dann wird die allgemeine Menschenliebe herrschen und jeder sich als Mensch fühlen. Dann wird wirkliche Freiheit herrschen und dann wird man sich gegenseitig das Leben verschönern. Lieber Freund. Mir fehlt Zeit und Papier. Grüße alle guten Geister, böse brauchen wir nicht. Vielleicht faßt mich morgen schon ein Behelmter und ich werde hinter dicken Mauern Ostern verbringen. Wenn ich dann doch schmieren könnte, würde man die Isolierung nicht so fühlen. Dir und den Deinen fröhliche Ostern zu wünschen, wäre wohl purer Hohn und noch gar Ostereier dazu? Vielleicht legt Dir der Teufel ein Ei in das Nest und Deine Frau bekommt dann noch ein lebendes Kapital mehr! Bewahre Dich der gute Geist davor.« Amazon.de Widgets Nach vier Wochen schrieb er wieder aus Ansbach: »Es ist leider wahr, ich habe Arbeit in einer Kinderwagenfabrik erhalten. Ein Genosse hat mich bekehrt: Du bist ja los und ledig, kannst also ganz gut auskommen, und die 17-Pfennig-Stundenlohnperiode wird ja wieder vorüber gehen. Du kannst ja schließlich wieder in Akkord arbeiten. Darüber täusche ich mich freilich nicht, denn ich kenne die gemeine Sippschaft in der betreffenden Bude. Da ist nichts in diesen Köpfen als alle niedrigen Gedanken des hartherzigsten Egoismus von der Welt. Kannst Du Dich in meine Lage hineindenken? 17 Pfennige Stundenlohn bei 66stündiger Arbeitszeit! Ich werde auch ein Tagebuch anlegen, wie sich die Arbeiter, welche einen tieftraurigen Charakter besitzen, aufführen. Sie sind noch schlechter wie Eure indifferenten in der Holzschuhfabrik, wo Du gearbeitet hast.... Morgen soll ich im Sägeraum arbeiten. Es ist ein dumpfes Kellerloch, wo selbst am Tage elektrisches Licht den Tag ersetzen muß. Wieviele Arbeiter haben in dieser Totengruft nicht schon ihre Gliedmaßen gelassen! Im Jahre 1900 mehr als 8 Mann!.... Mir ist es gerade, als wenn ich zur Galeere verurteilt wäre. Morgen bekomme ich meine[275] Zuchthausnummer. Es fehlt bloß noch der gestreifte Anzug und die genagelten Schuhe. Na lieber Freund, es heißt eben, die Ketten tragen, aber ich mache es ihnen durch Rasseln begreiflich, daß wir wirklich arme und elende Menschen sind. Grüße an Deine Lieben und an Familie Richter. Euer Ahasver.« Einige Monate hörte ich darauf nichts mehr vom Kollex. Er teilte mir später mit, daß er seine Knochen nicht länger in Ansbach zu Markte tragen wollte und sein Glück in Nürnberg oder München versuchen wolle. Dann war er wieder krank und mußte sich in das Krankenhaus zu Schwenningen im Schwarzwald begeben. Er schilderte mir in diesem Briefe die Schönheiten des Schwarzwaldgebieges und bedauerte nur, daß er durch seine Erkrankung an den weiteren Genüssen dieser Natur verhindert worden wäre. Am 8. Oktober erhielt ich folgenden Brief aus Schwenningen: »Ich teile Dir mit, daß ich heute aus dem hiesigen Krankenhause entlassen worden bin. Hoffentlich hast Du weiter keinen Brief nach dort gerichtet. Ich will Dich aber nicht bloß über meine Wenigkeit langweilen, denn für mich sind schon 10 Pfennige ein Kapital und es gibt doch soviel Stoff, über den man jetzt schreiben könnte. Wir beide interessieren uns für große Geister und haben uns z. B. schon über Emile Zola unterhalten, über den ja in den Arbeiterblättern soviel geschrieben wird. Im Krankenhaus bin ich wieder versimpelt. Der evangelische Pfarrer wies mich an, mein Heil in Jesus Christus zu suchen, damit ich einst in den Himmel komme. Siehst Du, hier im Krankenhaus lag ich neben einem Schwindsüchtigen, der viel Blutspucken hatte, dieser war ein gläubiges Schäflein geworden. Gewissermaßen als Anerkennung hat ihm der Pfarrer eine Unterstützung von 10 Mark verschafft. Also er, der Unheilbare bekommt Barmittel, weil der Unheilbare nicht gegen des Pfarrers Idee sprechen kann und sich zusammennehmen muß! Ich sagte dann auch: Hierdurch beweist Ihr wieder einmal Euer Christentum. Gebt doch mir Arbeit, damit ich als Mensch leben kann! Ich wäre beinahe grob geworden, aber Du hast mich veredelt und ich habe Dir versprochen, niemals mehr zu sagen, als mein versimpelter Gehirnskasten verantworten kann.«[276] Also den großen französischen Naturalisten Zola haben sie jetzt begraben. Hast du »Therese Raquin«, »Den Bauch von Paris«, »Das Paradies der Damen«, »Nana« gelesen? Hast Du den »Germinal«, die »Arbeit« gelesen? Das sind Werke, die von riesiger Geisteskraft zeugen. Es tut mir wehe, daß die französischen Schriftsteller nur mit den Russen und nicht mit den Deutschen sympathisieren. Du hast doch auch den herrlichen Roman Lotis »Die Islandfische« gelesen? Wie gesagt, Wunder in der Unterhaltungslektüre. Aber dafür stehen wir Deutschen an der Spitze der Dramatik. Wo ist ein zweiter Sudermann? Wo ist noch ein Gerhart Hauptmann? Wer kann wieder ein gleiches Stück wie »Die Weber« schaffen? Ganz abgesehen von unseren Geistesriesen Schiller, Goethe, Börne, Grabbe, Lessing, Lenau und dem unvergleichlichen Heinrich Heine. Wo ist ein zweiter in der Welt? Trotzdem hege ich aufrichtige Bewunderung für den Russen Maxim Gorki. ? Schreibe nicht! Ich weiß noch nicht wohin mich mein Schifflein treiben wird.«.... Erst am Weihnachtsabend 1902 erhielt ich wieder ein Lebenszeichen des Freundes und zwar einen langen Brief in Gedichtform, betitelt:»Erlebnisse eines Vagabunden in bayrischen Gefängnissen.« Weil die Satzungen der Metrik in diesen Versmemoiren nicht eingehalten sind, will ich von einer Veröffentlichung Abstand nehmen. Dann aus Ludwigshafen vom 4. Januar 1903: »Sende Dir meinen Neujahrsgruß! Dir geht es doch sicher noch härter als mir. Du fragst in Deinem letzten Briefe, ob ich im Bruch bin. So eine Frage, wenn man seit dem 19. Juli 1902 ohne Arbeit ist! Gestern wäre ich beinahe barfuß hier angekommen, wenn ich nicht in Mundenheim ein paar ausgediente Trittchen erhalten hätte. Eine Hilfe für mich kann es überhaupt nicht mehr geben. Überall, wohin ich komme, Elend und Not. Am Sylvester war ich in Speyer, der alten Kaiserstadt, hatte eine lange Reise hinter mir über Mundenheim, Rheinzäufern, Schifferstadt und Dudenhofen. Aber auch da herrschte Elend. Ich habe den Übergang vom alten zum neuen Jahr in einer Arbeiterkneipe verlebt.[277] Den Punsch habe ich mir freilich gedacht. Nur eine Schüssel Walnüsse habe ich zerknackt, und zwei Leberknödel in meiner Penne... Hast Du im letzten »Postillon« über das Haberfeldtreiben gelesen? Da bekommt der Blechschmied Bachem wegen seiner Sünden von 92 eine runter.« Dann schrieb er mir unter dem 28, Januar 1903 aus Edenkoben in der Pfalz: »Teile Dir mit, daß ich abermals 5 Tage hinter schwedischen Gardinen wegen Bettelei verbringen mußte. Bin dem Herrn Amtsrichter sehr zu Dank verpflichtet, schon der Kälte wegen. Außerdem ist es der erste Richter, der über der Polizeigewalt stand. (?) Meine Briefe, Bücher und Karten hat die Polizei durchschnüffelt, namentlich Börnes Aphorismen über die Polizei in Deutschland hat sie arg verschnupft. Wenn diese Herren die Gewalt derer von Maikammer gehabt hätten, dann gute Nacht für meine Wenigkeit. Mit Gruß an Deine Familie.« Zwei Monate später trat Schuchardt eines Tages wieder einmal in meine Stube. Er hatte sich aus Mannheim zahlreiche Postkarten mitgebracht, mit denen er Handel treiben wollte. Als Grundkapital bekam er 100 Mark von seiner Mutter geschickt. Das Geschäft wollte aber wieder nicht gehen. Dazu kam noch, daß er sein Verbandsbuch verloren hatte Ich schrieb darum an den Metallarbeiterverband nach Stuttgart, der ihm sofort ein Ersatzbuch zusandte. »Ein neues Buch, eine neuer Mann!« rief der Kollex aus, und beschloß, ins Ausland zu gehen. Er wollte zunächst in Wien sein Glück versuchen. Ich merkte damals schon, daß er dringend einer Kur in einer Heilanstalt bedürftig wäre, allein er kam nie in diese glückliche Lage. Vierzehn Tage nach seiner Abreise, als ich ihn längst an der Donau glaubte, schrieb er mir aus seiner Heimatstadt Gotha: »Ich bin nicht nach Wien gefahren. In Eger kam ich zur Erkenntnis, daß in Wien auch riesige Arbeitslosigkeit herrscht. Habe das Riesenbeispiel in der Nacht gesehen, die ich in Eger verbrachte. Die ungeheure Masse Sachsengänger dort haben mir Licht in meinen Gehirnskasten gebracht. Es waren lauter trostlose, verzweifelte[278] Elemente, das las ich in ihren Gesichtern. Jetzt möchte ich in Gotha bleiben, werde mit Reichstagsabgeordneten Bock sprechen und ihm meine traurige Lage darlegen. Während der kommenden Wahlbewegung kann ich mich doch nützlich machen. Ich habe genug für den Kapitalsmus geschinakelt.« Sein Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen. Auch Bock konnte ihm nicht mehr helfen. Er hatte sich dann nach Magdeburg gewandt, aber Arbeit bekam er auch hier nicht und so bettelte er eben weiter. Man faßte ihn ab und er kam auf das Zwangsarbeitshaus »Großsalze« bei Schönebeck a. d. E. Ich erfuhr davon jedoch erst nach 6 Monaten, als er entlassen worden war. Vorher glaubte ich, er habe sich im Verzweiflungswahn ein Leid angetan. Er schrieb dann aus Zella St. Blasii, daß er dort Arbeit erhalten habe und schilderte mir gleichzeitig, daß er im Arbeitshaus eine unbeschreibliche seelische Qual erdulden mußte; denn alles daselbst habe sich um den Anstaltsgeistlichen gedreht. Er besuchte mich bald darauf in der Lungenheilanstalt zu Berka, von der ich dann noch schreiben werde. Ich versorgte ihn mit Hilfe der dortigen Schwestern mit Speise und sammelte einige Groschen für sein Nachtquartier ein; denn unter freiem Himmel sollte er nicht schlafen. Dann arbeitete er in Schweinfurt, wo er beinahe ein Jahr ausgehalten hat. Als ich ihn über den Antritt meiner dritten Kur in der Lungenheilstätte unterrichtete, erhielt ich noch folgendes Schreiben, mit dem ich den Bericht über seine Person schließen will. »Lieber Willy! Leider muß ich zugeben, daß ich riesig schreibfaul gewesen, doch das bringen eben die Verhältnisse so mit sich. Ich leide jetzt stark an chronischem Kopfschmerz. Es ist ja kein Wunder, bei der Massenmaschinerie in unserer Bude herrscht ein solch unbeschreibliches Getöse, daß man sich in »Dantes Hölle« versetzt fühlt und leider werde ich dadurch immer nervöser. Mir täte wirklich einmal eine Kur not. In dem Höllenlärm verkomme ich noch und diese verfluchte Akkordschinderei ist der reine Jammer. Bei Dir ging es in der Zwötzener Gift- und Schinderhütte hundertweise, während es bei mir tausendstückweise geht. Dabei habe ich eine Unmasse schiefgepreßte Deckel dabei. Ich arbeite jetzt nämlich[279] in einer Präzisions-Kugellagerfabrik, eine wirkliche Taschenausgabe Lucifers. Alles Teilarbeit. Ich drehe Schlußdeckel für Fahrräder-Vorderfreilaufnaben. Aus dem Oberteil des Drehbanksupports habe ich einen Schlitten gemacht, also ohne Leitspindel. Wird nur mit den Händen angeschoben, sonst ginge es zu langsam. Für ein Hundert zu drehen, zu bohren und zu randieren erhalte ich ? sage und schreibe ? zwanzig Pfennige. Da heißt es schuften, daß der Dampf rausfliegt. Dabei hat man enormen Ärger und Verdruß über seine nächsten Mitarbeiter. Die Schweinfurter sind reine Teufel während der Arbeitszeit. Aber das Leben dieser Kollegen wird ja nur durch Sausen und Schinakeln ausgefüllt. Vor kurzem war ich wieder acht Tage krank. Mit 8,50 Mk. Krankengeld heißt es da nun hungern. Ich wollte mir andre Arbeit suchen, es klappte aber nirgends. Also dachte ich wie Hebbel: »Der Tag ernährt seinen Menschen, aber niemals das Jahrhundert.« Ich gab darum unserem technischen Leiter ein gut Wort, leicht ist mir das nicht geworden, Du weißt, ich bin kein Freund von guten Worten. Aber vor dem Tippeln graut mir auch. Ich dachte an die Polizei und daran, wie mich strohdumme Menschen wieder anstieren würden. Für die Hungerreisen möchte ich lieber das Armenhäusel vorziehen. Da ist mir doch noch lieber, die Gänse, Enten und Hühner zu zählen, welche in die Küche des Herrn Direktors wandern. Das ist doch wenigstens eine kannibalische Rache, wenn ich dann vor dem fetten Direktorsehepaar eine Faust in der Tasche machen kann. Im Grunde genommen ist ja alles Blechmusik. Ich bin lebensmüde. Ich habe für die Partei und für die Gewerkschaft gearbeitet, und doch ist es gewissen Leuten gleich, ob ich im Rinnstein zu Grunde gehe oder daneben. Ich habe weder Frau noch Kinder. Ich muß auskommen, so ruft man mir zu. Denjenigen, welche für mich noch Sympathie haben, denen geht es ebenso erbärmlich oder noch schlechter als mir. Und doch ist jeder besser daran als ich. Anstatt, daß ich meiner Mutter einen sorgenfreien Lebensabend bereite, mache ich den Hampelmann bei geldgierigen Kapitalisten. Das ist eine Tantalusqual. Da ist es doch besser, man läßt den Karren laufen. Wie gehts Dir als lebenden Leiche?[280] Jetzt mußt Du nun abermals in diese Bazillenvernichtungsanstalt. Mir tut es weh, weil ich das Arbeiterleben von der Pike auf kenne und gründlich kennen gelernt habe. Es ist ein Jammer, so ein Leben führen zu müssen ? aber Alter, mir sagte einmal einer unserer Vertrauensmänner in Magdeburg, als ich revoltieren wollte: Höre, wie leben noch nicht im Zukunftsstaat! Mir ist dieses ganze Jammerleben ein riesiger Ekel. Arbeiten und kein Heim haben. Wahrlich lieber aufgehängt. Die Verhältnisse hier in Schweinfurt sind unter dem Hund. Man ist nur Logisbursche und weiter nichts. Man hat ein Heim und auch keins. Zur Abwechslung das Wirtschaftsleben ? Sausen ? Sausen und nochmals Saufen. Das ist alles, was man in Schweinfurt erobern kann, aber auch alles. Ich habe es satt. Morgen ist Samstag. Ich mache Schluß hier. Das ist jetzt mein fester Vorsatz. Werde nach Frankfurt oder Köln reisen, wenn früher Existenz, dann meinetwegen Offenbach, Hanau oder auch schon Aschaffenburg. Die verfluchte Akkordschinakelei hat mich total auf den Hund gebracht. Mit Gruß Ahasver. Adresse folgt später, wenn ich nicht ? ?.« Ich schließe hiermit die Briefe »eines Vagabunden von der Landstraße, der nicht arbeiten will«, Man kann vieles daraus lernen ? wenn man will. Wir kehren wieder in den Fabriksaal der Wesselmann Bohrer-Gesellschaft nach Zwötzen zurück. Eines Tages hatte ich 20 Millimeter zylindrische Bohrer zu drehen. Im Buche waren mir dafür vom Meister Weise pro Stück 2 1/2 Pfennig eingeschrieben worden, während in meiner Preisliste 3 1/2 Pfennig stand. Ich befragte den jungen Kollegen neben mir, der dieselbe Woche dasselbe Kaliber gedreht hatte: er hatte einen Pfennig mehr pro Stück als ich eingeschrieben bekommen. Das war mir denn doch zu toll. Ich stellte den Meister darüber zur Rede. Was war aber der Erfolg? Sämtliche fünf Kollegen, die Spiralbohrer drehten, mußten ihre Bücher abgeben und er zog nun allen ab und gab nur noch 2 Pfennige. Diese anderen Kollegen bekamen infolgedessen natürlich einen bittern Haß auf mich, weil ich indirekt die Reduktion herbeigeführt hatte. Das wollte aber der Meister so haben. Das kitzelte ihn und[281] einige, darunter ein gewisser Heimat und Bischof, stießen die gräßlichsten Verwünschungen aus. Ich bemühte mich natürlich, sie von meiner Unschuld und der Rücksichtslosigkeit des Meisters zu überzeugen, was mir auch bald außer bei den beiden eben Genannten gelang. Jeder machte durch einige Verwünschungen seinem Herzen Luft, mit Ausnahme natürlich der beiden, die mich besonders gefressen hatten. Mehrere Male war dieser rigorose Drehermeister im Geraer Parteiblatt, der »Reußischen Tribüne« unter der Rubrik »Aus den Fabriken« abgemalt worden. Er hatte gewöhnlich mich im Verdachte, dabei mitgewirkt zu haben, was indes niemals der Fall war. Einmal rühmte sich der ehemalige Legionär Seliger, einen solchen Artikel verfaßt zu haben. Er flog sofort. Auch sonst gab es viele Härten. Kam ein Arbeiter erst nach dem Schließen des Portierkastens, so waren 25 Pfennige Strafe gefällig. Aber auch Strafen bis zu 3 Mark für verpfuschte Arbeit waren nicht selten. Die Strafkasse wurde zu wohltätigen Zwecken verwendet. War ein Arbeiter längere Zeit krank, so wurde seine Familie mit einer Unterstützung bedacht, deren Höhe im Einverständnis mit Direktion und Arbeiterausschuß vereinbart wurde. Auch bei Sterbefällen war das der Fall. Als ich mich zum ersten Male in der Lungenheilanstalt befand, erhielt ich 30 Mark, bei der zweiten Kur 15 Mark aus der Strafkasse. Ich will der Wahrheit die Ehre geben und offen aussprechen, daß mich der Drehermeister selbst vor meiner Abreise aufforderte, nach 3 bis 4 Wochen einen diesbezüglichen Antrag an den Arbeiterausschuß zu richten, Für die Familie bedeutet die Summe natürlich eine nicht unbeträchtliche Erleichterung. Allerdings wurde sie mir von verschiedenen Mitarbeitern nichts weniger als gegönnt. Jeder Mensch hat eben Freunde und Feinde. Die letzteren werden bei derartigen Anlässen niemals die Spende gutheißen, ganz gleich, ob man es wirklich bedürftig ist. Unter den Arbeitern gibt es eben noch über die Maßen traurige Elemente, und man hört aus dem Munde der Mitarbeiter selbst nicht nur hundertmal, sondern tausendmal den Ausspruch, daß die Arbeiter oft gegeneinander wahre Teufel sind. So ist auch über meine Unterstützungen aus der Strafkasse Zeter und Mordio[282] geschrieen worden. Allerdings, in meiner Gegenwart wagte es sich keiner, desto mehr hinter dem Rücken. In einer Fabrik, in der 200 Arbeiter beschäftigt werden, hat man eben die verschiedenartigst gebildeten Leute darunter. Da war z. B. ein geschickter Fräser Walter Zippel. Der interessierte sich nur nebenbei für politische und gewerkschaftliche Fragen. Seine Hauptpassion war die Gesundheitspflege. Er war Mitglied des Naturheilvereins, lebte vegetarisch und war Abstinenzler. Ohne zu übertreiben, erschien mir sein Wissen von Krankheiten und ihrer naturgemäßen Heilung einfach enorm. Mir hat er jedenfalls damit sehr gute Dienste geleistet. Ich mochte eine Auskunft erbitten, welche ich wollte, stets erteilte er mir einen guten sachgemäßen Rat, ganz gleich, ob das Kinderkrankheiten oder Leiden Erwachsener betraf. Er verstand auch vorzüglich Schmirgel- oder Metallteilchen aus den Augen zu entfernen, wodurch er der Krankenkasse manche ärztliche Konsultation erspart hat. Er trank zum Frühstück nur Milch, aß viel Obst und nahm im Sommer täglich ein Flußbad. Seitdem die Geraer Krankenkassen Freikarten zu Flußbädern ausgaben, nahmen auch zahlreiche andre Arbeiter täglich ihr Bad. Ich selbst habe das eine Zeitlang getan, aber mit Rücksicht auf meine schwächliche Konstitution und die Neigung zur Influenza und anderen Erkältungskrankheiten schließlich wieder aufgegeben. Das Mühlgrabenwasser fließt sehr schnell und meist im Schatten und ist deshalb sehr kalt. Ich habe mich deshalb bald wieder auf Wannenbäder mit Duschen oder kalte Abreibungen zu Hause beschränkt. Ich kann mich aber auch dabei nicht genug ich Acht nehmen. So hatte ich an einem besonders heißen Sommerabende auch eine Abreibung gemacht, dann ein dünnes Netzhemd angezogen und mich vor das offene Fenster gesetzt, um zu lesen. Einige Male wurde die Stubentüre geöffnet, ein kühler Luftzug traf mich dabei und ? am andern Morgen ? hatte ich eine echte und bösartige Influenza. Ich mußte wieder einmal vier Tage im Bett und dann noch acht Tage zu Hause bleiben. Als ich dann wieder zur Arbeit kam, empfing mich der Meister mit mürrischer Miene und erklärte: »Das geht aber nicht, das viele Kranksein! Die[283] Bänke können doch nicht leer stehen; wenn das noch mehrmals vorkommt, müssen Sie etwas anders machen.« Ich erhob natürlich Einwendungen; ich könnte doch nichts dafür, wenn ich krank würde. »Das ist mir ganz egal; der Alte und der Ingenieur leiden das nicht und ich bekomme Euretwegen nur Grobheiten.« Das war die Antwort, die ich still hinnahm. So verfährt man mit den Fabrikproletariern, wenigstens solchen, die etwas selbständig auftreten. Denn auch ich war anrüchig wegen meiner Intelligenz. Es war schnell bekannt geworden, daß ich häufig für unser Parteiblatt korrespondierte und mit an der Spitze der örtlichen Parteiorganisation stand. Solche Leute sind niemals beliebt. Da arbeitete z. B. ein gewisser Fritz Rodeck mit in der Bude, der Bevollmächtigter des Metallarbeiterverbandes, Mitglied der Preßkommission der »Reußischen Tribüne« und ein zugkräftiger Redner war. Er arbeitete im Akkord, machte Rohrzangen und -Schneider und verdiente mitunter bis zu 40 Mark in der Woche. Er war aber von herkulischem Körperbau und besaß eine strotzende Gesundheit. Ich bewunderte seine Schlagfertigkeit bei Versammlungen und anderen Anlässen. Dieser war ebenfalls äußerst mißliebig. An einem ersten Mai kam er erst Mittags zur Arbeit, ? ein willkommener Anlaß, ihm sofort seine Entlassung zu geben. In Gera erhielt er danach keine Arbeit mehr, er war zu sehr bekannt. Sein Freund Leber brachte auch ihn bei der Firma Zeiß in Jena an. Dort war er für immer versorgt, meinte man und zahlreiche gehässige Kollegen mißgönnten ihm diese Anstellung, selbst der Meister. Aber im Jahre 1903 wurde er zum Geschäftsführer der Kölner Filiale des Metallarbeiterverbandes gewählt, mit 1500 Mark angestellt, erhielt für jede Versammlung im Weichbilde der Stadt Köln 3 Mark und für jede auswärts 8 Mark. Er ist inzwischen der zugkräftigste Agitator des Rheinlandes geworden. Darüber waren nun seine »Freunde« in unserer Fabrik noch empörter. Sie hätten ihn vor Neid vergiftet, wenn es in ihrer Macht gestanden hätte. Freilich, wenn ich herausfliegen würde, ich hätte keine solchen Chancen wie Rodeck gehabt. Ich mußte mich also in Acht nehmen. Ich gab mich deshalb auch niemals mit den Speichelleckern und[284] Liebedienern ab. Mein Frühstück verzehrte ich vom April bis Oktober in Gemeinschaft mit einigen guten Freunden im Freien, wenn es nicht gerade stark regnete. Mittag aß ich entweder im Speisesaale oder ganz allein hinter der Fabrik an irgend einem stillen Plätzchen. Beim Essen las ich erst meine Zeitung und nahm dann gewöhnlich ein Buch oder eine Broschüre zur Hand, die ich mir von zu Hause mitbrachte, denn je älter ich wurde, desto weniger war ich mehr imstande, noch in den Abendstunden nach der Arbeit zu lesen. Während ich in den ersten Jahren meiner Ehe manchmal bis Nachts 2 und 3 Uhr gelesen und geschrieben habe, bin ich jetzt dazu kaum bis 10 und 1/2 11 Uhr mehr fähig; dann schlafe ich dabei ein. Zumal seitdem ich auswärts arbeitete. Da kam man erst des Abends 8 Uhr nach Hause. Ehe ich mich dann gewaschen und gegessen hatte, war es 3/4 9 Uhr geworden. Gewöhnlich vergnügte ich mich dann noch ein halbes Stündchen mit einem Kinde, das noch wach war, und so kam ich erst 1/4 10 Uhr zu meinen Privatarbeiten, d. h. ich schrieb, erledigte die Arbeiten für Partei und Verband, oder ging in die Sitzungen und Versammlungen. Waren keine solchen angesetzt, nahm ich mir auch ein Buch vor. Während meiner Geraer Arbeitszeit habe ich mir viele Bücher geschafft. Weil ich, wie ich schon bemerkte, dem Werkstattkolporteur Freitags die Schriften auslegen half, bekam ich die von mir bestellten zum Selbstkostenpreis. Durch meine Privatarbeiten verdiente ich monatlich 19?20 Mark. Meiner Frau gab ich 14 Mark Wirtschaftsgeld in der Woche. 1 Mark brauchte ich zur Bahnfahrt, 2 Mark für Taschengeld und das übrige für Steuern, Schulgeld, Hauszins, Kleider und sonstige Ausgaben. Wenn ich mir also nicht noch einige Nebeneinnahmen verschafft hätte, wäre ich nicht weit gekommen, vor allem hätte ich mir keine Bücher anschaffen können. Wenn das aber geschah, so sah ich noch immer darauf, daß ich sie zum Engrospreis erhalten konnte. Und das war mir in Gera durch Handreichung bei der Kolportage in der Fabrik möglich. Amazon.de Widgets Als mein Freund Fuchs, wie ich schon erzählte, Schleifermeister wurde, wurde diese vom jüngsten Bruder des Drehermeisters[285] Weise übernommen. Meistens wurde im Anfang die »Berliner Illustrierte« und der »Reporter« von den Arbeitern gelesen. Als letzterer in Konkurs geraten war, kamen die meisten Abonnenten der ersteren zugute, während ein kleiner Teil die neugegründete »Gerichtszeitung« las, die hauptsächlich sensationelle Mordillustrationen brachte. Die jüngeren Burschen waren natürlich Konsumenten der Hintertreppenromane, die auf jeder Seite einen Mord bieten. Nur diejenigen, mit denen wir Aufgeklärten direkt in Berührung kamen, folgten unserm Rat und abonnierten die »Freien Stunden«, oder die »Französische Revolution« von Blos oder »Voigts Weltgeschichte«, Langkavels »Der Mensch und seine Rassen«, Bommelis »Geschichte der Erde«, oder »Tier- und Pflanzenwelt«. Die 19?22 jährigen gelernten Leute liebten wieder Kriegsgeschichten oder etwas Pikantes, etwas, wo möglichst viel entblößte Weiber abgebildet waren, so das »Album«, »Frauenschönheiten«, »Das kleine Witzblatt«, »Flirt«, »Satyr« und »Sekt«. Dann folgten die Lesewüteriche mit »Buch für Alle« und »Gartenlaube«. Die erwachsenen politisierenden Arbeiter hielten sich dagegen den »Wahren Jakob«, »Süddeutschen Postillon« und sonstige Parteischriften. Ein kleiner Teil Verheirateter, bei denen lediglich die Frau in Betracht kommt, abonnierten wieder auf den »Häuslichen Ratgeber« und »Das illustrierte Sonntagsblatt für Deutschlands Frauen«. Selten wurden Fachschriften wie »Die Maschinenbauschule« oder »Die elektrische Schule« gelesen. Ebenso selten gab es Konsumenten der Reklam-, Meyer- und Hendelbibliothek, zu diesen gehörte ich als ständiger Abnehmer. Auch die besseren Romane, wenn sie nicht schon in unseren Parteiblättern gestanden hatten, wurden von diesem kleinen Kreise gekauft. So Gorkis »Foma Gordjejew«, Beyerleins »Jena oder Sedan«, Hegelers »Ingenieur Horstmann« und Clara Viebigs »Das tägliche Brot«. Dann schafften wir uns auch die billigen Klassikerausgaben der Deutschen Verlagsanstalt: Goethe, Schiller, Heine, Uhland, Lessing, Lenau, Shakespeare an. Letztere waren schon längst meine Sehnsucht gewesen. Einige derselben erhielt ich von Fuchs gratis für die Vermittelung einiger Verkäufe von »Weltall und Menschheit«[286] und eines Konversations-Lexikons. Zu Grabbes 100jährigem Geburtstage kaufte ich mir auch dessen Werke. Vorher hatte ich nie etwas von diesem unglücklichen Dichter gehört, der durch seine Mißerfolge dem Trunke in die Arme getrieben und dadurch dem Tode ausgeliefert wurde. Warum haben mir meine Lehrer nichts von ihm erzählt? Die »Hermannsschlacht« und der »Napoleon« sind doch wirklich grandiose Schöpfungen. Auch Gedichte lasen wir paar eigentlichen Bücherwürmer für unser Leben gern Neben den erwähnten klassischen Dichtern wurden aus dem Meyer- und Hendelsachen, Petöfi, Henkel, Hans Sachs, Maupassant, Andersen, Sallet, Shelley und Byron, die letzteren allerdings nur in Auszügen gekauft. Ferner die von Beißwanger in Nürnberg herausgegebenen »Stimmen der Freiheit«, die eine ganze Anzahl herrlicher Dichtungen aufweisen. Durch Fuchs erhielten wir auch Kenntnis von der Firma Hachfeld in Potsdam, die alljährlich zahlreiche gute Schriften, namentlich Reisewerke, zu bedeutend herabgesetzten Preisen abgibt. Schade, daß wir nur das Wenigste davon kaufen konnten. Zwar hat auch die Vorwärts-Buchhandlung eine große Auswahl solcher Sachen, aber da unser Kolporteur seinen sämtlichen Bedarf von Otto Maier-Leipzig empfing, so erhielten wir nur selten oder gar nicht die im Vorwärtsverlag erschienenen Schriften, Was aber daher zu uns kam, kaufte ich. Ich hatte freilich schon viele Male beschlossen, nichts Neues mehr anzuschaffen; denn so oft ich damit nach Hause kam, war der erste Ausruf meiner Ehehälfte: »Schon wieder ein neues Buch! Kaufe lieber den Kindern ein Paar Schuhe dafür, an statt immer den Bücherspittel!« Ich hörte das schließlich gar nicht mehr. Viele meiner Kollegen machten mir auch Vorwürfe, weil ich dem Meisterbruder auslegen half. So ein Werkstattkolporteur hat doch immerhin seine 5-8 Mark Nebenverdienst in der Woche. Natürlich muß er jede Sendung bar bezahlen. Der Kommissionsverlag Maier-Leipzig versendet nur gegen Nachnahme und berechnet sogar das Porto. Allein im großen und ganzen war Franz Weise niemals unrecht; namentlich seinen Bruder, den Meister, nahm er nie in Schutz, sondern schimpfte im Gegenteil weidlich auf dessen[287] brutales Auftreten. Er kannte das Leben besser als jener. Während dieser in seiner Jugend 20?30 Mark verdient hatte, mußte er sich mit 9 und 10 Mark durchschleppen. Dann hatte er auch eine schlechte Militärzeit hinter sich gehabt. Er diente im 19. Husarenregiment in Grimma und ist, wie er erzählt, im ersten Jahre unmenschlich geschlagen worden. Die Soldatenmißhandlungen konnten in den Zeitungen stehen wie sie wollten, er behauptete, das sei alles nichts, er sei viel mehr drangsaliert worden. Er gehörte auch dem sozialdemokratischen Verein an, beneidete aber wie Koblischke alle Partei. und Gewerkschaftsbeamten. Im übrigen war er im Umgang zu leiden. Er hatte nach Frankenthal bei Gera geheiratet und hatte deshalb täglich drei Stunden Wegs nach und von der Arbeit zurückzulegen. Wie ich schon erwähnte, las ich die Broschüren und Bücher von kleinerem Format, wie Reklam- und Meyerbändchen in der anderthalbstündigen Mittagspause, nachdem ich mein aus einem Stück Brot, für 10 Pfennige Wurst und einer Flasche Bier bestehendes Mittagsmahl vertilgt hatte. Der Speisesaal war bei Beginn der Pause, namentlich bei unfreundlichem Wetter, voll gefüllt. Ein Drittel der Kollegen vertrieb sich die Zeit mit Kartenspiel, die jüngeren Leute tummelten sich im Freien umher. Einige begaben sich an die Ufer der Elster, legten sich dann ins Gras und lauschten dem Rauschen des Flusses. Während der warmen Jahreszeit badeten auch viele nach dem Essen. Der kleinste Teil schlief. Manchmal spazierte auch ich nach der Elster hinüber, legte mich an eine einsame Stelle, dicht neben das Wasser und las; nur höchst selten schlief ich dabei ein. Vesperpausen gab es im Betriebe nicht, doch die Kantine wurde geöffnet Es wurde während der Arbeitszeit gevespert, was hygienisch auf das schärfste zu verwerfen ist. Mit den schmutzigen, öligen Fingern war man genötigt, die Speisen anzufassen und dem Munde zuzuführen. Wieviel Bazillen und Bakterien werden da nicht mit in das menschliche Innere eingeführt? Doch was schert sich der Kapitalismus darum. Dem Herrn Direktor, der sein belegtes Brödchen mit 2 Fingern gefaßt verzehrt, wenn er den Maschinensaal kontrolliert, kümmert das[288] nicht. Ihm passiert sowas ja nicht. Namentlich wenn der Stahl roh verarbeitet und nicht geglüht wurde, war er besonders schmierig und ölig. Dann mochte man bei jedem Stück, das man anfaßte, sich die Hände mit Putzwolle abreiben, man rieb den Schmutz nur breit, und die Speisen wurden trotzdem infiziert. Aus dem Grunde aß Zippel nur, wenn er sich die Hände gewaschen hatte und solange er beim Essen war, rührte er nichts an. Ich bemerkte schon, daß Mittwoch Abend Wochenschluß ist. Donnerstag Morgens wurden die Arbeitsberechnungsbücher abgegeben und Sonnabends 6 Uhr Nachmittags erfolgt die Lohnzahlung in dem Abteil der Werkzeugschlosserei. Dort standen ein Buchhalter und der Portier, beide vor einem großen Kasten mit lauter kleinen Fächern. Jedes Fach enthielt eine Blechbüchse, auf der die Nummer eines jeden Arbeiters eingepreßt war. Nacheinander nannte jeder seine Nummer, ich z. B. Nr. 70, und dann bekam man die ebenso numerierte Büchse. Darin lag der Lohn und ein Zettel. Darauf stand: so und soviel im Akkord verdient, oder soviel Stunden zu soundsoviel Pfennigen, macht das und das, ab Invaliden- und Krankenkassenbeiträge, sowie etwaige Strafen, bleibt der und der Betrag. Mitunter kam es dann vor, daß 20 bis 30 Pfennige und noch mehr zu wenig in der Büchse lagen. Man machte da kein Aufhebens. Stimmte der Zettel mit den Angaben im Buch nicht, und es betrug 50 Pfennige oder 1 Mark und mehr, dann mußte man Montags früh den Zettel beim Meister abgeben und am folgenden Sonnabend wurde der Fehlbetrag mit ausgezahlt. Wenn aber der Zettel stimmte, und es fehlte trotzdem, so legte der Buchhalter manchmal den Betrag aus seiner Tasche darauf. Wie ich aber schon sagte, fehlte, namentlich wenn man eine gute Zahlung gemacht hatte, fast bei jedem Kollegen bis zu 30 Pfennigen, über die man kein Aufhebens machte. Nehmen wir nun an, daß das bloß mit 60 Mann der Fall war, so sind das 10 bis 12 Mark. Nach meiner Entlassung hörte ich, daß der Buchhalter 3000 Mark unterschlagen hätte und steckbrieflich verfolgt würde. Da ging mir ein Licht auf. Wie hoch muß wohl die Summe gewesen sein, um die er auf dem geschilderten Wege die[289] Arbeiter im Laufe von vier Jahren geprellt hat? Ich glaube, fast ebenso hoch. Da stand hinter mir ein junger Arbeiter Mutschmann aus Frankenthal, der später zur Marine ausgehoben wurde. Dieser mußte dem Buchhalter manchmal eine Gans oder ein paar Tauben vom Lande besorgen. Jedesmal, wenn das der Fall war, hieß es dann unter den Arbeitern: »Na, heute Abend fehlen wieder verschiedene Groschens.« Viel Ärger und Verdruß hatten wir an Sonnabenden mit dem Putzen unserer vier Drehbänke. Schlammkarren nannten wir sie, und dieser Ausdruck war auch viel zutreffender. Zunächst rieben wir sie Montags früh mit Öl und Fett ein, weil die ganze Woche hindurch Seifenwasser auf Bohrer und Drehstahl laufen mußte. Zu dem Zwecke war eigens eine Leitung angelegt, die durch eine Saugpumpe aus einem etwa 4?6 Kubikmeter haltenden Bassin gespeist wurde. An einer jeden Maschine, die zur Wasserkühlung eingerichtet ist, ging ein Schlauch herunter, der in einer am Support befestigten Gabel mündete, wodurch der Wasserstrahl ganz genau auf den kleinen Schneidzahl lief. Würde dies Wasser nicht darauf laufen, so würde der Stahl sofort ausgeglüht sein. Nur wenn ganz schwache Spähne von 1?2 Zehntel Millimeter abgedreht wurden, mußte man ohne Wasser drehen, weil sonst der Stahl gedrückt wurde und kein Material wegschnitt. Während nun die Dreher und Durchfeiler ihre eine Bank am Sonnabend nur abzukehren und ein wenig abzuwischen brauchten, mußten wir die unsrigen erst von den nassen Spähnen reinigen, dann mit Petroleum einreiben, weil das den Rost und den festgeklebten Schmutz leichter wegfrißt, dann erst konnte man mit trockener Putzwolle nachstreichen und endlich ordentlich sauber putzen. Für schlecht geputzte Bänke wurden 50 Pfennige Strafe abgezogen. Was das nun heißen will, 4 Stück solcher Bänke reinigen, kann nur ein Fachkenner ermessen. Anfangs wurde deshalb Sonnabends gleich nach dem Vesper angefangen zu putzen; später durften wir erst um 5 Uhr beginnen; als wir an 4 Maschinen schafften, schließlich, nachdem der Direktor wieder verschiedene Male Krach gemacht hatte, indem er meinte: »Es wird wohl noch viel zu viel verdient, wenn die[290] Leute um Fünfe schon anfangen mit Putzen, müssen wieder mal abziehn« ? durften wir erst 20 Minuten vor 6 Uhr, wenn das Glockenzeichen zum Putzen ertönte, beginnen. Dadurch mußten wir eine Stunde länger schuften, bis 7 Uhr, und zwar umsonst schuften, denn eher wurden wir nicht fertig. Eine Zeitlang wurde das von uns mit angesehen. Dann brachen Differenzen darüber aus, und dabei wurde die Angelegenheit so geregelt, daß wir eine Stunde Lohn ? also bei mir 31 Pfennige ? dafür vergütet bekamen. Da gab es kein Umschauen, jeder Griff mußte gelten. Ich besonders, der ich noch zur Zeit mit dem Arbeiterzug fortwollte, mußte förmlich hetzen. Dabei wirbelte zu der Zeit in dem ganzen Fabriksaal ein gewaltiger Staub. Unter jedem Arbeitsplatze wurde gekehrt. Bei 200 Plätzen will das etwas sagen! Wenn ich dann an die frische Luft trat, so überfiel mich immer ein wahres Wonnegefühl. Aber auch dem Genuß konnte man sich nicht lange hingeben. Man mußte eilen, um den Zug nicht zu versäumen. Auch dann, wenn man wirklich noch etwas mehr Zeit übrig hatte. Denn zumal an Sonnabenden hatte man gewöhnlich noch den und jenen Auftrag von der Frau, etwas mitzubringen, was in der größeren Stadt billiger ist als in unserm Neste. Wie wohl war es mir dann immer, wenn ich Sonnabend Abends zu Hause war und gerade keine Verbands- oder Parteisitzung hatte! Dann konnte man doch wenigstens physisch ruhen; denn geistig ruhen kann ich nie. Allzuschnell war dann auch der Sonntag verflogen, an dessen Abenden ich meist zu Parteiversammlungen weg sein mußte. Montags früh um 5 Uhr hieß es dann wieder: »Raus!«, denn halb sechs Uhr geht der Zug. Die in Gera oder Zwötzen und Umgegend wohnten, konnten Montags freilich eine Stunde länger schlafen, weil der Betrieb da erst um 7 Uhr begann; wir aber mußten zur selben Zeit heraus, da der Zug auch Montags wie alle Tage abging. So drückten wir uns dann eine Stunde lang in dem ungeheizten Bahnhofswartesaal herum, dusselten noch ein bißchen oder lasen. Denn der zweite Zug ging erst 1/4 8 Uhr nach Gera. Benutzten wir den, so konnten wir erst kurz vor acht in der Fabrik sein und dann war stets der Teufel los. Mir hat dann der Meister mehrmals gesagt:[291] »Wenn das über acht Tage wieder passiert, so bleiben Sie nur gleich zu Hause!« Man war gezwungen, solche Reden ruhig anzuhören und das Maul zu halten. Eine höhere Instanz gab es nicht, wenn man nicht noch mehr schikaniert sein und vielleicht die schlechteste Arbeit erhalten wollte. Ich will ja zugeben, daß man als Meister auch eine gewisse Verantwortung nach oben hin hat und selbst manche Grobheit einstecken muß, wenn ein Stück Arbeit nicht paßt oder verpfuscht ist. Aber das meiste ist und bleibt zu arg. Im Sommer 1904 erkrankte ich wieder einmal, und der Meister war darüber förmlich erbost. Meine Bänke würde ich nicht wieder bekommen, sondern sollte mich beim Ausfeilen plagen. Dabei hatte das edle Paar, Bischof und Heimat, eine solche Hetze gegen mich in Szene gesetzt, daß ich mich geradezu schämte, wieder vor meine mir wohlgesinnten Kollegen zu treten. Ich hatte auch sonst genug. Es tat mir freilich weh, meine Familie einer ungewissen Zukunft entgegen zu führen. Aber mir wurde gleichzeitig angeboten, für eine erzgebirgische Firma als Provisionsreisender tätig zu sein und hauptsächlich Konsumvereine als Kunden zu gewinnen. Meine Frau bettelte mich flehentlich an, in der bisherigen Arbeitsstelle zu bleiben. Allein mein Entschluß war gefaßt. Ich begab mich eines Tages nach dem Kontor und verlangte meine Papiere. Ohne ein Wort zu verlieren, ohne nach dem Warum zu fragen, wurden sie mir vom Buchhalter ausgehändigt, der mir auch das Zeugnis schrieb, die Direktoren gaben sich gar nicht damit ab. Ich hatte 6 Jahre lang die riesigen Gewinne für die Fabrik mit zusammenschinden helfen, hatte mir als Extrazulage die Proletarierkrankheit geholt, ? nun wurde man ohne ein Wort der Anerkennung gleichgültig entlassen. Wehmütig blickte ich mich noch einmal um, als ich zum letzten Male das Fabriktor passierte. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan, der Mohr konnte gehen.[292] 
 Meine Kellnerlaufbahn  [134] Nun kam Ostern heran, mein Bruder Felix wurde konfirmiert und er sollte nun ein Handwerk lernen, was mir zwei Jahre früher nicht vergönnt war. Nach langem Hin- und Herreden entschloß er sich, Kellner zu werden. Meine Mutter fuhr mit ihm nach Leipzig. Beim Kellnerbund in der Wintergartenstraße wird ihr »Bauers Brauerei«, Täubchenweg zugewiesen. Sie stellte den Burschen vor und er gefiel den Wirtsleuten. Allein, wir bekamen keine definitive Zusage. Der Wirt wollte meine Mutter schriftlich benachrichtigen Ostern kam näher und näher und der Bescheid von Leipzig blieb aus, sodaß mein Bruder schon nicht mehr darauf rechnete. Es hieß nun, sich schleunigst um etwas anders zu kümmern. In der Zeitung wurden Lehrlinge nach Gera gesucht. Einer für Gelbgießereien, einer für einen Gärtner in Debschwitz. Am darauffolgenden Sonntag fuhr deshalb mein Vater mit dem Jungen nach Gera. Gleich in der ersten Stelle beim Gelbgießermeister Tittelbach in der Neustadt klappte es. Und alle waren mit dem Ersatz zufrieden. Aber am Montag darauf kam ein Brief aus Leipzig an, in dem mein Bruder auch als Kellner fest angenommen wurde. Nun war guter Rat teuer. Was tun? Da, am Abend, frug mich mein Vater, ob ich nicht noch als Kellner lernen wolle? Ich überlegte nicht lange; froh, einmal aus den dumpfen Knopfbuden hinauszukommen, sagte ich Ja. Wir schrieben nun einen Brief an den Pächter des Leipziger Restaurants, daß mein Bruder geglaubt habe, weil er solange ohne Nachricht blieb, es würde nichts aus der Sache, und daß er sich deshalb schon eine andere Lehrstelle gesucht habe, daß aber noch ein älterer, jetzt 16 1/2[134] Jahre alter Knabe da sei, der eventuell an dessen Stelle zu treten gewillt wäre, wenn der Herr einverstanden sei. Wir bekamen postwendend Antwort, daß ich mich am folgenden Sonntag vorstellen solle. Mein Vater fuhr nun mit mir nach Leipzig. Gegen 10 Uhr Vormittags begaben wir uns in das Kolonnadenrestaurant und wurden daselbst vom Wirt empfangen. Seine Frau, die trotz ihrer Jugend einen riesigen Leibesumfang hatte, gesellte sich mit hinzu und mein Vater wurde bald mit den Leuten handelseinig. In Anbetracht meines Alters sollte ich nur 2 Jahre lernen, während alle anderen 3 Jahre abschrauben mußten. Wir blieben zu Mittag und bekamen jeder eine tüchtige Portion Roastbeef vorgesetzt, was ich mir munden ließ, zumal da es umsonst gegeben wurde. Es wurde noch vereinbart, daß ich als Lohn 1/2 Prozent vom Bierumsatz bekommen sollte, wovon ich indes nie etwas gesehen habe, und dann wurde der Kontrakt unterzeichnet. Am dritten Osterfeiertage Morgens 1/2 9 Uhr sollte ich antreten. Es sollten auf lange meine letzten Feiertage sein, die ich als freier Mensch genießen konnte. Ich nahm von allen, mit denen ich irgendwie befreundet oder bekannt war, Abschied. Meine Mutter kaufte etwas Wäsche und Kragen, mein Vater machte schnell ein paar Gummihalbschuhe, und der Schneider Striegnitz mußte noch eine Kellnerjacke anfertigen. Eine zweite erstand ich von unsrem Logisburschen Sehmisch, dem ehemaligen Kellnerburschen aus dem Wartburghotel. Dann baute mein Vater noch einen mit starker Leinwand überzogenen Holzkoffer, der mit Eisenreifen umkleidet wurde, vielleicht einige hundert Jahre alt wird und bei Mädler in Lindenau seine 50 Mark gekostet hätte Und nun konnte die Reise abgehen. Es fiel mir schließlich doch schwer, das Elternhaus zu verlassen. Als wenn ich in ein scharfgeschliffenes Messer springen müsse, so graute es mir, von den Meinen fortzugehen, Doch half es nichts. Ich hatte A gesagt, nun mußte ich mich auch zum B bequemen. Punkt 8 Uhr am dritten Osterfeiertag traf ich auf dem Bayrischen Bahnhof ein. Ein Dienstmann brachte mir meinen Koffer nach dem neuen Bestimmungsort. Fünfzig Pfennige mußte ich dafür abladen. Dabei sollte es noch billig gemacht sein. Die Herrschaft[135] schlief noch, als ich ankam, nur die drei Küchenseen, der Oberkellner und mein zukünftiger Kollege, der »Stift«, aus Eisleben gebürtig, nahmen mich in Empfang. Mit den Worten »Hier Hans, ein Kollege« führte mich der aus Bitterfeld stammende »Ober« dem letzteren zu. Ich muß nämlich vorausschicken, daß wir auch nicht mehr bei unserem Namen gerufen wurden. Der Oberkellner wurde Franz, jener Hans und ich von nun an Karl gerufen. Der Betrieb war sehr rege. Gleich am Mittag mußte ich bedienen, aber nur die Brauburschen aus der anstoßenden Bauerschen Brauerei, denn diese aßen zum größten Teile ihr Mittagsessen da. Das Restaurant gehörte ja auch zur Brauerei. Es war nur an meinen Herrn verpachtet. Dieser, ein Hüne von Gestalt, Westfale von Geburt, zeigte sich schnell als streng und unfreundlich gegen die Untergebenen. Er selbst war Brauer gewesen, schien sich aber in der Restaurateurslaufbahn sehr viel besser zu stehen; denn nicht nur, daß er elegant gekleidet und wohlfrisiert herumlief, wie es auch seine Pflicht als Wirt war, hatte er auch noch eine Jagd hinter Eilenburg gepachtet. Meine tägliche Beschäftigung war nun folgendermaßen eingeteilt. Morgens gegen 8 Uhr wurde aufgestanden. Zunächst harrten gegen 400 Gläser und 75 Stammseidel meiner, die gewaschen und geputzt werden mußten, was gut 2 1/2 Stunde in Anspruch nahm. Dann empfingen wir den Morgenkaffee von der Köchin und ein Brötchen. Von diesem einen Brötchen wurden wir aber nicht satt, deshalb wurde gleich früh nach dem Aufstehen, während die Mädchen die Kolonnaden und die Gaststube reinigten und die Küche unbeaufsichtigt ließen, ein Diebstahl ausgeführt, d. h. wir stahlen uns vorher bereits 2 Brötchen und einige Stück Würfelzucker, damit wir wenigstens einigermaßen gesättigt waren. Nach den Gläsern hatte ich die Bierhähne am Apparat im Büfett zu putzen, die Likörflaschen abzuwischen und das ganze Büfett mit dem Schrupper auszuscheuern. Dann wurde ein Schlauch an die Wasserleitung geschraubt und die Retirade gründlich ausgespritzt. Hierauf mußten Messer und Gabel sein geputzt werden, was ich meistens im kleinen Gesellschaftszimmer vornahm, in dem Mittags die Brauer speisten. Dann aber war auch der Mittag da. Schnell[136] wurde noch gedeckt und dann zogen wir uns zum Bedienen an. Der Kellner hatte Tischgäste in der Gaststube und den Kolonnaden, während der erste Stift Studenten zu bedienen hatte. Ich war bei den Brauer-Proleten. Wir hatten nämlich auch eine Studentenverbindung Variscia. Ein riesiges Blechschild mit dem Monogramm der Verbindung war über dem Eingange zum Restaurant befestigt, daneben noch eine kleine Porzellantafel mit der Inschrift »Verein voigtländischer Studenten«. Um 12 Uhr erhielten wir unser Frühstück, bestehend aus einer »Schmalzstulle«. Dann wurde feste bedient. Meine Gäste mußten um 1 Uhr wieder in die Arbeit treten und ich wurde deshalb zuerst fertig. Dafür hatte ich dann in der Zwischenzeit Messer und Gabel in heißem Wasser zu spülen und trocken abzuwischen. Dann mußte ich noch heißes Wasser zum Aufwaschen in der Brauerei holen, wobei ich aber jedesmal ein Maß Bier trank; denn die Brauburschen wollten mich trinkfest machen und zeigten mir jede »Pietsche«. So werden nämlich die Kannen und Krüge genannt, die hier und da in den Ecken stehen und von dem Arbeitspersonal der Brauerei »gefüllt« und »geleert« werden. Ich kannte ein jede. Manchmal begab ich mich auch nach dem Schalander, das ist der Aufenthaltsraum des Arbeitspersonals, in dem Frühstück und Vesper eingenommen wird. Dort gibt es ebenfalls stets etwas zu trinken. Allzulange durfte ich mich indes nicht in der Brauerei herumdrücken, denn sobald es der »Alte« merkte, gab es einen Mordskrach. Wenn ich mit dem Wasserholen fertig war, dann bekamen wir gegen 3 Uhr Nachmittags das Mittagessen. Aber ich muß das dem Wirt, oder vielmehr der Köchin rühmlich nachsagen, wir bekamen stets reichlich und gutes Mittagessen und nicht, wie es in anderen Lokalen vielfach üblich ist, nur die von den Gästen übrig gelassenen Fleischstücke. Nach dem Mittagessen hatte ich wieder Löffel und Messer zu putzen. Dann mußte ich die Lampen reinigen und endlich die Gesellschaftszimmer zum Abend fertig machen. Jede Gesellschaft oder Verein, und wir hatten deren jeden Abend einen anderen, war die Stellung der Tische anders gewohnt. Bei manchen wurde gedeckt, bei manchen auch nicht, wie es eben eingeführt war. Hierauf machten wir uns[137] wieder »schön«, dann empfingen wir das Abendbrot, das gewöhnlich aus einer Portion des gerade vorhandenen »Stammes« bestand. Den Oberkellner fragte die Köchin stets vorher: »Franz, was wollen Sie essen?« Mitunter fragte sie auch meinen Kollegen, den ersten Stift, der in der Körperlänge gegen mich ein Zwerg war. Er konnte ganz gut unter meinem ausgestreckten Arm stehen. Mich frug sie nie. Gegen 8 Uhr kamen dann gewöhnlich meine ersten Gäste. Ich muß nämlich noch nachholen, daß ich nur Gesellschaften bedienen durfte. Um die anderen Gäste mit Ausnahme derer im Garten, hatte ich mich nicht zu kümmern. Der erste Stift hatte nur die Studenten, und des Kellners Rayon waren eben Gaststube und Kolonnaden, die die meisten Gäste faßten. Ließ der Durst bei meinen Gästen nach und griff mehr die Unterhaltung Platz, so stellte sich immer gewöhnlich der Wirt ein und ich mußte inzwischen in der Küche die Menagen fertig machen, d. h. frischen Mostrich nachfüllen, den Rand des Glases sauber abwischen, Pfeffer und Salz nachfüllen und glatt streichen mit dem Messerrücken, dann eine kleine Sonne hineindrücken usw. Gewöhnlich waren dann auch die Studenten längst fort und die Köchin saß in der Küche und schlief, auf ihrem Schoße saß dann regelmäßig mein Kollege, der erste Stift, und nickte ebenfalls. Diese waren mir beinahe zu vertraut miteinander; obgleich der Stift 15 und die Köchin 25 Jahre zählte. Dabei war diese auch noch von einem Brauburschen, der aber nicht mehr in Leipzig, sondern auf der Brauschule in Augsburg war, schwanger. Die übrigen beiden Mädchen, die noch in der Küche beschäftigt waren, waren dann auch schon zu Bett. Wurde dann durch mein Hantieren mein Kollege auf dem Schoße der Küchenfee munter, dann nahm er sich ein Brötchen, durchschnitt und bestrich es und legte dann Kalbsbraten, Schweinsbraten, Zervelatwurst, Schweizerkäse und noch mehr darauf. Ich folgte gewöhnlich seinem Beispiele. Die Speisehüterin schlief ja, und ihr Schnarchen verriet, daß sie wirklich fest schlief. War das Menagemachen von mir getan, dann mußte ich in die Kolonnaden, um die Streichholzbehälter und Aschenbecher, welche meist aus Neusilber und Alfenide waren, sauber zu putzen. Wenn ich damit zu Ende kam, war es[138] gewöhnlich 2 Uhr Morgens. Gegen 1/2 3 Uhr konnten wir dann gewöhnlich zu Bett gehen, manchmal wurde es aber auch 1/2 4. Um 8 Uhr hieß es dann wieder heraus und die geschilderten Arbeiten waren wieder dieselben, nur mit dem Unterschiede, daß Abends stets andere Leute von mir zu bedienen waren, aber immer jede Woche ein und dieselben. So vergingen die Tage und Wochen. Aber mit jeder Woche stellte sich bei mir immer stärker eine Schwachheit ein. Ich will keine großen Umschweife machen, sondern es frei heraus sagen: ich hatte Heimweh bekommen. Alle 2 Tage schrieb ich einen Brief nach Hause, bis ich dann endlich einmal die Mitteilung erhielt, daß mich der Vater nächsten Sonntag besuchen würde. Niemand, der nicht in ähnlicher Verfassung war, kann sich eine Vorstellung machen, was für eine Freude mich überkam, daß ich nun endlich wieder einmal ein liebes Gesicht sehen sollte. Die Tage bis zu diesem Sonntag wurden sehr lang. Trotzdem mich die Herrschaft nicht gerade liebreich behandelte, wurde mein Vater, als er ankam, mit größter Zuvorkommenheit empfangen, Er bekam eine ordentliche Portion Mittagessen, und ich erhielt für den nächsten Tag Erlaubnis, ihn bis zur Abreise, die Nachmittags 4 Uhr erfolgte, zu begleiten. Am Sonntag selbst konnte ich des Geschäftes wegen nicht abkommen. Während der Nacht schlief mein Vater mit mir in einem Bett. Nie war ich glücklicher als in jener Nacht, als ich gegen 3 Uhr Morgens schlafen ging. Der Oberkellner lag längst im Bett und hatte sich mit meinem Vater unterhalten. Am nächsten Tage gingen wir spazieren, besuchten das erst vor kurzem eröffnete Café Bauer und viel zu schnell für mich kam die Zeit der Abreise heran. Ich konnte mich gar schwer trennen. Während der dann folgenden Pfingsttage besuchte mich mein Bruder Felix. Da war es dasselbe. Die Trennung auf dem Bahnhofe trieb mir Tränen in die Augen. Ich bin eben auch heute noch weichherzig und sentimental; dafür kann ich nicht. Amazon.de Widgets Am Himmelfahrtstage wurde ich des Nachmittags nach dem Delikatessengeschäfte Cäsar Pighetti auf dem Grimmaischen Steinweg geschickt, um Spargel zu holen. Mein Weg führte mich durch[139] den Brauereihof und vor dem Schalander vorbei. Da riefen mich der Obermälzer Winkler und der Braubursche Neydhold hinaus. Ich folgte auch, und die Auskunft, die sie von mir wünschten, war bald gegeben. Dafür mußte ich einige tüchtige Züge aus der »Pietsche« nehmen. Dann brachte der Kellermeister Splitthoff noch ein bis an den Rand gefülltes Litermaß, das ich ohne abzusetzen leeren mußte. Natürlich wußte ich mich groß darauf. Der Bursche Ney trank mir auch noch einmal zu, und ich bot ihm Bescheid. Dann aber merkte ich den Braten. Die wollten mich einseifen. Schnell machte ich mich aus dem Staube und holte meinen Spargel. Da hatte mir die Leute aber eingelegten gegeben. Ich bekam Schelte und mußte noch einmal fort, um frischen Spargel zur Stelle zu schaffen. Als ich dabei an der Bierstube der Brauerei durchs Tor wollte, schrie es plötzlich wieder »Karl«, diesmal rief der Bierfahrer Meydham aus dem Kutscherschalander. Dem mußte ich für 5 Pfennige Speckstein aus der Hirschapotheke mitbringen. Natürlich mußte ich auch hier erst einmal gründlich in die Kanne schauen, bevor ich ging. Auf dem Rückweg, als ich den Speckstein abgab, leuchtete ich noch einmal hinein, und fröhlich und wohlgemut lieferte ich dann meinen Spargel ab. Das konnte so gegen 6 Uhr Abends sein. Ich war wohl ein bißchen angeheitert, aber sonst fehlte mir nichts. An dem Abend hatte ich gerade keine Gesellschaft, sondern nur im Garten zu bedienen. Gegen 8 Uhr saß aber der etwas kühlen Witterung wegen auch da niemand mehr. Ich aß deshalb Abendbrot und hielt mich dann in der Küche auf, damit ich dem Alten nicht zu oft in den Weg kam, und er nicht merkte, daß ich nichts zu tun hatte. Der warme Küchendunst wirkte aber so auf mich, daß ich ganz benebelt wurde. Als die Mädels durch die Fenster mit den Brauburschen scherzten, wollte ich der Köchin, die am Herd beschäftigt war, etwas zureichen. Im Taumel greise ich dabei mit der Hand auf den halbglühenden Herd und verbrenne mich schrecklich; da war ich gleich wieder nüchtern. So ziemlich eine Stunde lang stand ich nun vor der Wasserleitung und ließ Wasser auf die verbrannte Handfläche laufen. Dabei machte ich mir die bittersten Vorwürfe, daß ich mich in der Küche herumgedrückt und[140] nicht dafür lieber in der frischen Luft des Gartens aufgehalten hatte. Nun war doch auch der Alte auf mich aufmerksam geworden, Da hagelte es ein ordentliches Donnerwetter auf mich herab. Gegen 12 Uhr schickte er mich zu Bett. So früh war ich noch nie, seit meinem Antritt, in die Federn gekommen! Aber schon um 6 Uhr Morgens stand er selber, noch im Negligé, vor meinem Bett, und mit den Worten: »Du Swein steh auf, und mache schleunigst die Menasen,« leuchtete er mich heraus. Auch sonst kannte er keine Rücksichten. Einmal hatte ich die Korridorlampe gereinigt. Um zu ihr zu gelangen, mußte man ein Faß darunter wälzen und hinaufsteigen. Als ich die Lampe wieder hinein hatte, wollte ich die Scheiben der Laterne noch etwas abputzen und holte zu diesem Zweck noch einen Lappen. Mittlerweile war der »Alte« gekommen und das Faß war ihm aus irgend einem Grunde im Wege. Ohne weiteres setzte es Hiebe. Wieder einmal vergaß ich einem Gaste, der schnell fort wollte, eine Zigarre auf dem Teller zu reichen. Ich trug sie zwischen den Fingern. Da wollte mich der Alte auch gleich auffressen. Und so ging das fort, aber ich hätte schließlich alles hingenommen, wenn nicht noch etwas andres gewesen wäre. Etwa in der zweiten Woche nach meinem Antritt hatte die »Gnädige« für ungefähr 2 Mark Biermarken auf ein Brett gezählt gehabt. Sie hatte dann vom Büfett weggemußt, und als sie wiederkam, waren die Marken verschwunden. Es war während dieser Zeit niemand anders am Büfett gewesen als der »Bitterfelder«, der Oberkellner, der dann 8 Tage später »Schicht machte«. Nur er konnte die Marken haben. Wer aber sollte der Spitzbube sein? Natürlich ich! Der Alte hat mirs nicht nur einmal gesagt: »Du bist der Spitzbube gewesen.« Mich wurmte das bitterlich. Dazu kamen die andern Schimpfereien und die ewigen Ohrfeigen. Dabei war ich bereits ziemlich 17 Jahre alt, und hatte schon sozialdemokratische Versammlungen besucht. Ich hatte die Entwickelung des Proletariats aus der römischen Sklavenzeit her in Vorträgen gehört. Ich wußte die Aussprüche der römischen Patrizier: »Wehe uns, wenn unsre Sklaven anfangen, sich zu zählen.« Ich dachte[141] immer für mich: »Hättest Du gleich etwas gelernt, wärst Du nun längst Geselle.« Mit einem Worte, ich wollte nicht die Hand küssen, die mich fortwährend schlug. Ich wollte mich nicht drangsalieren lassen. Und schließlich diese immer wiederholten Verdächtigungen, obgleich man willig und ehrlich war! Das brachte erst recht Groll in mich hinein. Eines Freitags Mittags beim Bedienen befahl mir der Bierfahrer Meydham, einmal den Wirt ins Brauerzimmer zu holen. Gesagt ? getan. Als ich mit dem »Alten« eintrat, sagte der stämmige Arbeiter: »Herr Wirt! Ich will Ihnen nur das eine sagen, wir müssen unser Essen bezahlen so gut wie andere, wenn wir auch nur Arbeiter sind, wir verlangen auch gutes Essen und nicht das, was den Studenten nicht paßt; was die stehen lassen, ist für uns auch nicht gut genug. Und wenn Ihnen das nicht gefällt, so bekommen wir auch wo anders zu essen!« Der Alte war wie vom Donner gerührt. So etwas wagte so ein niedriger Proletarier ihm zu bieten, ihm, der früher zwar auch nur Brauer gewesen, der sich aber zum Wirt und Bürger der Stadt Leipzig emporgeschwungen hatte. Er ging in die Höhe. »Das gibts bei uns nicht.« Ich mußte ihm nach bestem Wissen und Gewissen auch beistimmen. Aber Meydham blieb weg und nahm, glaube ich, auch noch ein paar meiner Tischgäste mit. Wer aber trug auch daran die Schuld? Ich mußte wieder der Sündenbock sein! An mir wurde die Wut ausgelassen. Ich mußte dem Bierfahrer gesagt haben: »Ihr bekommt das, was den Studenten nicht paßte.« Da ergrimmte ich förmlich über diese Ungerechtigkeit. Denn auch die Frau, die bisher so gut zu mir gewesen war, hackte und schimpfte jetzt auch auf mich hinein. Und alles hatte sich gegen mich verschworen. Der neue Oberkellner Böckemaier beschimpfte mich und machte mich lächerlich. Mein Kollege, der Dreikäsehoch, rümpfte die Nase über mich. Die Küchenmädel nannten mich Kilian, weil ich sonst William heiße. Der Alte blamierte mich vor den Gästen. Nur die Brauereiarbeiter waren die einzigen, die menschlich mit mir verkehrten. Da war es eines Nachts wieder nach 1/2 4 Uhr geworden, als wir zu Bett kamen und am andern Vormittag, als ich im Brauerzimmer gerade[142] beim Messerputzen war, hatte ich mich mit dem linken Arm aufgestemmt und den Kopf darauf gestützt und mit dem rechten putzte ich gerade Gabeln. Da guckte der Alte zur Tür hinein, und als er sah, daß ich es mir bequem bei der Arbeit gemacht hatte, trat er ein und sagte: »Du Swein, kannst Du nicht gerade stehen, Du Frozzel,« und hieb mir ein paar Ohrfeigen herunter. Da wurde ich wütend und schrie: »Nun ist es aber genug! Nun gehe ich.« Da sagte der Alte: »Immer mache, daß Du aus meinem Hause kommst, Dir gebe ich doch so wie so das Essen umsonst, Du Spitzbube Du!« Wäre er nicht ein Riese von Gestalt gewesen, ich hätte ihn gepackt, so aber war ich ohnmächtig gegen ihn. Ich weinte bitterlich, machte meine Arbeit und sagte am Mittag der Frau, daß ich am andern Morgen abreisen würde. Da meinte sie: »Du kannst ja bleiben, aber bessern mußt Du Dich.« Ich entgegnete jedoch: »Nein, ich habe genug. Bei mir ist es übergelaufen.« Als ich mich am Nachmittag angezogen hatte, holte ich im Delikatessengeschäft noch 3 Schock Eier. Unterwegs begegnete mir ein Dienstmann, den bestellte ich für den andern Tag früh 6 Uhr nach unserem Ding. Er sollte meinen Koffer zum Thüringer Bahnhof bringen. Ich hatte mich entschlossen, vorerst zu meinem Bruder nach Gera zu fahren. Vielleicht, dachte ich, bekäme ich in Gera eine Stelle. Als ich mich nach Feierabend gegen 2 Uhr Nachts zur Ruhe begeben wollte, rief mich die Frau: »Nun mache einmal erst Deine Arbeit für morgen, wir wollen Dir die Faulheit nicht hegen,« sagte sie. Da mußte ich noch die ganze Arbeit für den folgenden Tag machen, trotzdem ich hundemüde war. Die Frau nahm einen Mantel um, setzte sich auf einen Stuhl und sah zu, daß nichts beschädigt oder gar gestohlen wurde. Da mußte ich noch einmal sämtliche Gläser waschen und putzen, die Studentenseidel, das Büfett reinigen, Hähne putzen, die Retirade ausspritzen usw. usw. Da war es wohl so 1/2 5 Uhr, als ich zu Bett gehen konnte. Ich zog mich nun gar nicht erst aus, sondern warf mich gleich in den Kleidern aufs Bett. Auch hatte ich natürlich nicht genügend Zeit gehabt, meine Sachen ordentlich zu packen. Ich nahm mein Geld aus dem Koffer und stopfte die Sachen einfach hinein. In den wenigen Wochen meiner[143] Lehrzeit hatte ich mir immerhin einige 40 Mark an Trinkgeldern erspart. Bei alledem war es mir wahrlich nicht leicht ums Herz, und es schlug heftig, als ich auf dem Bett lag. Ich dachte an Vater und Mutter, die froh waren, mir eine bessere Existenz geschaffen zu haben. Punkt 6 Uhr trat der Dienstmann in unser Schlafzimmer. Schnell wusch ich mich und kleidete mich vollends an. Da stand der Oberkellner Böckemaier auf und ging im Hemd zur Türe hinaus, pochte draußen an des Alten Privatwohnung und legte sich wieder ins Bett. Der Dienstmann hatte meinen Koffer aufgehoben. Ich war auch fertig und entfernte mich mit einem halblauten »Adieu!«. Als wir aber zur Türe hinaus wollten, stand der Alte draußen. Er war noch in den Unterhosen und nötigte uns, den Koffer niederzustellen. »Erst will ich es sehen, was aus meinem Haus hinaus geht.« Ich mußte öffnen. »Aha,« dachte ich für mich, »jetzt soll der Spitzbube abgefaßt und womöglich noch dem Schutzmann übergeben werden.« Jedes einzelne Stück, jede Tasche in den Kleidern, jedes Briefkouvert, alles wurde durchgesehen. Da fand er eine Zigarettenschachtel, in der noch 19 einzelne Zehnpfennigstücke steckten. »Was ist denn das?« fragte er, »ach, das habe ich vergessen, herauszunehmen,« entgegnete ich und wollte ihm die Schachtel aus der Hand nehmen. Da meinte er: »Geld vergißt man nie.« In aller Ruhe zählte er die Groschens durch und ließ sie in seiner Tasche verschwinden. Auf mein Protestieren dagegen erwiderte er mir: »Ich will das gleich für das Krankengeld rechnen, daß ich für Dich Spitzbuben bezahlt habe.« Solch ein Mensch! Und ich hatte das Quittungsbuch der Ortskrankenkasse der Stadt Leipzig in Händen. Nicht ein einziger Beitrag war darin abgestempelt. Sollte er aber wirklich etwas bezahlt haben, so war es doch seine Pflicht! Und er hatte mich doch so wie so ausgebeutet genug! Außerdem hatte er mir noch die 1/2 Prozent vom Bierumsatz vorenthalten! Dennoch war ich nun erst recht froh, den Klauen dieses Habichts entronnen zu sein, als ich im Eisenbahnwagen 4. Klasse saß, der mich nach der reußischen Residenz brachte. Gegen 9 Uhr kam ich dort an und eine halbe Stunde später stand ich neben meinem Bruder Felix, der im Hofe Rotgußteile putzte. Er erschrak, als ich im Hofe erschien, deshalb[144] sagte ich alles auch nicht gleich frei heraus. Meinen Koffer hatte ich einstweilen auf dem Bahnhof stehen lassen. Ich tat zuerst, als ob ich auf einer Besuchsreise begriffen sei. Als Meister Tittelbach hörte, daß ich der Bruder von Felix sei, bekam dieser sofort frei, und wir durften miteinander spazieren gehen. Erst auf dem Wege durch Untermhaus, über den Hainberg nach dem Martinsgrund schüttete ich dem Bruder mein Herz aus und setzte ihn von allem Vorgefallenen in Kenntnis. Aber er billigte meine Entfernung nicht, weil sie ohne Einwilligung des Vaters geschehen sei. Zwei Abende blieb ich bei meinem Bruder über Nacht; seine Meistersleute hatten nichts dagegen. Sie gaben mir vielmehr noch Abendbrot. Der dritte Tag war ein Sonntag. Wir hatten beschlossen, an diesem zu den Eltern zu fahren. Hier war das Erstaunen natürlich noch größer. Der Mutter war es schmerzlich, als sie von meinem Weggange in Leipzig erfuhr. Der Vater aber war einfach wütend. Er wollte mich nicht sehen. Am andern Tage fuhr ich mit meinem Bruder wieder nach Gera zurück und suchte mir dort Arbeit in einer Pappspulenfabrik. Quartier fand ich in der großen Kirchgasse bei einer Familie Renckiwiez. Dort logierten auch zwei meiner Schulkameraden aus Schmölln, die beide in Gera als Kaufleute lernten. Im Hotel Viktoria daselbst befand sich weiter mein Schulkamerad Nagel als Oberkellner, der in Leipzig im Hotel Bavaria gelernt hatte. Es war also ein ziemlicher Bekanntenkreis vorhanden. Nagel aber war schon tief herabgesunken; er gehörte bereits zur Sorte der leichtsinnigen Kellner, die, was sie Tags verdienen, in Nachtcafés und Bordellen durchbringen. Schließlich prügelte er sich auch noch mit seinem Wirt und als Schlaginstrumente dienten dabei Billardqueue. Daraufhin hatte er die Abkehr erhalten und erst recht leichtsinnig gelebt. Das Geld vermöbelt, seine Sachen versetzt. Als er einmal Sonntags in Bad Ronneburg als Lohnkellner arbeiten konnte, pumpte er mir meine schwarzen Hosen ab. Einige Monate später traf ich ihn in Schmölln wieder; da hatte er wieder Stellung gehabt und war noch in »Kluft« hochfein, besonders die Weste, und da kannte er mich beinahe nicht mehr. Solche Lumpen gibt es leider genug.[145] Obgleich ich mich in Gera hätte so leidlich durchschlagen können, wollte ich doch noch einmal mein Glück als Kellner versuchen. In der Pappspulenfabrik war es auch nichts Genaues. Der Lohn betrug im Höchstfalle 10 Mark. Es arbeiteten dort nur junge Burschen und Mädchen. Lediglich der Werkführer war verheiratet. Die Spulen, auf die das zum Weben nötige Garn gewickelt wurde, wurden aus ganz geringem Papier aufgerollt, nachdem daraus Streifen geschnitten und diese mit Leim bestrichen waren. Ich hatte die fertig gedrehten Spulen mit Sandpapier zu glätten und mit Stärkekleister zu polieren. Also viel war nicht los. Außerdem gab es einige Wochen später auch in meines Bruders Lehrzeit einen Krach. Die Gelbgießerei war an sich äußerst ungesund; namentlich das Formen entwickelte einen fürchterlichen Staub. Zudem war der alte Meister Tittelbach immer leidend und man sprach stets von Geschäftsaufgabe. Wenn Nachts der Ofen brannte, durften mein Bruder und der andere Lehrling nicht ins Bett. Kurz, auch mein Bruder gab seine Gelbgießereilehrzeit auf, und wir beide fuhren nach Leipzig, uns etwas anderes zu suchen. Nach langem Hin- und Herlaufen und Studieren der Tageblätter erhielt mein Bruder in einer Drogerie an der Elisenstraße eine Stellung als Markthelfer. Er bewohnte da ein kleines Kämmerchen und auch sonst war es, ausgenommen der Umgang mit den Giftfarben, ganz erträglich für ihn. Ich begab mich auch zu einem modernen Sklavenhändler, einem sogenannten Vermittelungsbureau, das Gesinde für Land- und Gastwirtschaft unterbrachte. Dafür mußte dann nicht nur der Stellesuchende, sondern auch der Stellungsanbietende eine Gebühr bezahlen. Es wurden also gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Man verfuhr dabei ganz skrupellos. Es war ganz gleich, ob der Dienstsuchende am anderen Tage wieder auf der Straße lag. Ich habe da z. B. in den Bedürfnisanstalten am Bayrischen Bahnhof in großen Buchstaben an die Wände geschrieben gelesen: »Fremde Kellner, hütet Euch vor dem Stellenvermittler Schimpf. Das ist der größte Sklavenhändler, Blutsauger und Schwindler, den es gibt!« Ich war nicht bei Schimpf gewesen. Als Kellner konnte ich noch nicht nach der Vermittlungsstelle des Kellnerbundes[146] gehen, weil ich kein Lehrzeugnis hatte, obgleich ich mir sogar schon das Serviettenbrechen und alles Nötige angeeignet hatte. Mir blieb also nur eine Stelle als Kellnerbursche übrig. Freilich habe ich später auch Kellner getroffen, die auch nicht ausgelernt hatten und weiter nichts gekonnt haben, als Bierschleppen. Aber sie hatten sich auf der ersten besten Penne von einem »Flebbenfabrikanten« ein Lehrzeugnis ausstellen lassen, mit dem sie dann die besten Stellen bekommen hatten. Doch ich war noch zu ehrlich. Ein Agent beorderte mir schließlich nach Reichenbach im Voigtland. Dort wurde ich mit monatlich 15 Mark engagiert. An einem regnerischen Sommertage, gegen 6 Uhr Abends, kam ich in Reichenbach an. Man hat vom Bahnhof ein ziemliches Stück nach der Stadt zu gehen. Ich weiß nicht mehr, ob ich mir zur Beförderung meines Koffers einen Dienstmann nahm, oder ließ ich ihn von einem Geschirrführer mitnehmen. Im Hotel zum blauen Engel wurde ich vom Oberkellner, Ölsner mit Namen, einem ziemlich wohlbeleibten, etwa 40 Jahre alten Mann, empfangen, der, wie ich am nächsten Tage erfuhr, verheiratet war und als Nebenberuf in der Stadt noch ein Grünwarengeschäft betrieb. Im übrigen war er freundlich und hatte humane Umgangsformen. Ich erhielt von ihm eine Bodenkammer angewiesen, legte schnell mein Kellnerhabit an und begab mich in die Gaststube, die zwar sehr geräumig aber etwas winkelig war. Ursprünglich mußten das 3 Stuben gewesen und erst später die Verbindungswände herausgebrochen sein. Die vordere und hintere waren etwa gleichgroß, die mittlere hingegen klein. In diesem Raum standen auch 3 Stammtische, vorn bestanden die Gäste derselben aus Garnagenten und wohlsituierten Bürgern, in der Mitte aus Fabrikanten und Kapitalisten und im hintern Teile stand der sogenannte Jagdtisch, an dem Lebemänner und Kommis teilnahmen. Neben diesem war die Mittagstafel aufgestellt, denn täglich fand Table d'hote statt. Nachdem ich einige Gäste bedient hatte, bekam ich mein Abendbrot, bestehend aus drei Spiegeleiern und Kartoffeln. Gegen 9 Uhr kam auch der Besitzer nach Hause. Ich traf mit ihm an der Türe zusammen. Er war ein Mann von etwa 30 Jahren, der erst kurze Zeit verheiratet war[147] und das Hotel vom Vater übernommen hatte, der seinerseits sich auf die Bewirtschaftung der angeschlossenen Ökonomiewirtschaft beschränkte. Die Frage meines neuen Chefs, ob ich aus Leipzig komme, bejahte ich. Das war die ganze Begrüßung gewesen. Ich versah meinen Dienst weiter und war ganz verwundert, als gegen 1/2 12 Uhr Nachts der Oberkellner zu mir sagte, ich könne zu Bett gehen. Das war wenigstens human von dem Mann. Er setzte hinzu, daß ich früh 6 Uhr aufstehen müsse und vom Hausknecht geweckt würde. Er käme für gewöhnlich erst gegen 9 Uhr ins Geschäft. Morgen würde er aber zur Stelle sein, damit er mich in meinen Obliegenheiten unterweisen könne. Das war mir eine Wohltat, vor Mitternacht im Bett liegen zu können. Ich öffnete beide Flügel des Kammerfensters, sog in kräftigen Zügen die reine Nachtluft ein und legte mich dann froh, wieder in einer angenehmen Stellung zu sein, ins Bett. Am andern Morgen früh zu der angegebenen Zeit rüttelte mich einer am Kopfe. »Fritz, es ist Zeit zum Aufstehen,« rief er. Ich öffnete verwundert über die unbekannte Stimme die Augen. Ein etwa 24jähriger junger Mann stand vor mir und stellte sich als der Hausknecht vor. Schnell sprang ich aus dem Bett, schlüpfte in meine Kleider, band die zum Reinemachen nötige blaue Schürze vor und stand nun zur Verfügung des Friedrich. Dieser hatte ruhig gewartet bis ich fertig war. Er hatte es sich einstweilen auf meinem Bett bequem gemacht. Als ich zum Gehen drängte, erhob er sich und begleitete mich. An der ersten Tür links öffnete er und winkte mir mit den Worten: »Liegen die nicht da wie die Schmerlen.« Ich wußte gar nicht, was er meinen konnte, trat näher und sah 3 Betten in der Kammer stehen. Das eine war leer, in dem andern lagen noch 2 Küchenmägde. »Vorwärts raus«, donnerte Friedrich drin, gab der einen noch einen herzhaften Schlag auf den hintersten Körperteil und dann begaben wir uns an unsere Plätze. Er führte mich nur vor das Büfett und entfernte sich dann. Dort hatte er bereits eine Spülwanne mit reinem Wasser hingestellt und ich war schon in voller Tätigkeit beim Gläserwaschen, als der Oberkellner eintraf. Es waren im Verhältnis zu Leipzig eine ganz geringe[148] Zahl von Gläsern, die ich dann auch schnell geputzt hatte. Als ich nach dem Messerputzen fragte, meinte der Oberkellner: »Das ist Sache des Hausknechts.« Wieder ein Arbeit weniger, dachte ich für mich. Dann unterwies mich Herr Ölsner im Table d'hote-Decken. Und das hat er mir nur einmal zu zeigen nötig gehabt. Am andern Tage deckte ich die 10 Kuverts zu seiner vollsten Zufriedenheit ganz selbständig. Er lernte mir auch mehrere kunstvolle Serviettenbrüche, so den »Schwan« und den »Fächer«. Es war alles keine Hexerei. Wenn ich Vormittags die Tafel gedeckt hatte, erhielt ich mein Frühstück, bestehend aus einer Tasse Bouillon und 3 Semmeln. Dann deckte ich die übrigen Tische, machte die Menagen fertig, putzte Aschenbecher und Streichholzbehälter, und zog mich dann an. Ich war für den Vormittag fertig. Ich will hier beifügen, daß hier der Essig in den Menagen mit Rotwein gefärbt wurde, und daß der Oberkellner öfter über dies Essigfärben schimpfte, weil zuviel Rotwein dabei verbraucht wurde. Er wußte schon, daß sich dann immer der Hausknecht etwas bei mir zu tun machte und dabei einige Male in die Rotweinflasche schaute. Ich habe ihm aber auch nicht gesagt, daß ich selber froh war, einmal einen Schluck Wein nehmen zu können; war es doch der erste in meinem ganzen Leben! Schließlich hätte er ja auch gar nichts gesagt, wenn er nicht alles auf Rechnung gehabt hätte. Das heißt, der Wirt kümmerte sich um gar nichts. Sämtliche Getränke bekam der Oberkellner in Rechnung gestellt, dem Wirt selber konnte also niemals etwas verloren gehen. Für die Küche hatte natürlich die Frau Wirtin zu haften, welche jede Tasse Kaffee und jede Art Speise in einer Strazze eintrug. Der Herr war dadurch so unabhängig, daß er sich oft tagelang nicht zu Hause sehen ließ. Er reiste in der Welt herum und spielte den Lebemann. Mittags hatten wir außer den jeweilig anwesenden Reisenden, einige Kommis, die in den Kontoren der weltberühmten Reichenbacher Tischtuchfabriken beschäftigt waren, mit an der Tafel. Dann wohnte in Zimmer 5 ein Architekt bei uns. Dieser speiste aber à la carte. Ich habe mich gewundert, daß der Mann abseits aß; denn an der Tafel war oft noch genügend Platz und Weinzwang gab es auch nicht. Eines[149] Tages frug ich den Oberkellner, warum für den Herrn Architekten nicht mit an der Tafel serviert würde. Der meinte darauf: »Um Gottes willen, der wischt sich die Hände immer an dem Tischtuch ab, da könnten wir nicht genug Wäsche schaffen!« Der Herr hatte auch sonst noch kuriose Eigenschaften. So ging er regelmäßig gegen 4 Uhr Nachmittags spazieren, meist nach seinem zukünftigen Arbeitsfeld, dem Bauplatz für den Schlachthof. Dabei fiel es ihm aber niemals ein, sein Zimmer zu verschließen, in dem sämtliche Blanquets und Zeichnungen auf den Tischen umherlagen. Kam er vom Spaziergang zurück, so mußte ich ihm das Abendbrot, bestehend aus Bemmchen und Tee, aufs Zimmer bringen. An jedem ersten im Monat bekam er sein Honorar, von dem ich 50 Pfennig Trinkgeld erhielt. Auch von den 2 Kaufleuten, die mit an der Tafel speisten, bekam ich monatlich 50 Pfennige Trinkgeld. Doch ich will jetzt erst einmal meine Tagesarbeit fertig beschreiben. Nachdem ich die Tafel abgeräumt und die Tischgäste sich entfernt hatten, erhielt ich in der Küche mein Mittagessen. Das war gewöhnlich gegen 3 Uhr Nachmittags. Hierbei muß ich aber bemerken, daß dabei gerade umgekehrt verfahren wurde als in Leipzig. Wie oft erkannte ich auf meinem Teller Fleischreste, die die Gäste liegen gelassen und die ich 1/2 Stunde vorher erst mit dem Abräumen in die Küche gebracht hatte! Einmal war ich des Vormittags mehrere Male in der Küche gewesen und jedes Mal hatte mich ein ganz niederträchtiger Geruch fast zurückgeworfen. Schließlich ergründete ich die Ursache des Gestankes in einem Fisch, der im Ausguß der Wasserleitung lag und auf den die Köchin schon den ganzen Vormittag das Wasser hatte laufen lassen. In die Gaststube zurückgekehrt, stand auf dem Menu: »Schnitzel mit Blumenkohl, Schleie mit Butter und Kraut, Kompott und Salat, Butter und Käse.« Aha, da war das also eine Schleie gewesen, die am Mittag mit verwendet werden sollte. Guten Appetit ! ? Beim Abräumen der Table d'hote setzte ich die Speisen erst an einem Wandtischchen nieder. Dabei ließ ich ein halbes Stück Butter, je ein großes Stück Schweizer- und Roquefortkäse und einige Semmeln in die Ecke verschwinden und warf meine Serviette darauf. Ich dachte,[150] wenn Ihr mich mit meinem Mittagessen wieder auswischen wollt, so schlage ich Euch auch ein Schnippchen. Der Alte war nicht anwesend. Der Oberkellner ging von 2 bis 5 Uhr nach Hause zu seiner Familie und somit konnte niemand meine Speisekammer in der Ecke des Wandtischchens entdecken. Ich war alleiniger Chef der Gaststube. Gegen 3 Uhr, als kein Gast mehr anwesend war, erbat ich in der Küche mein Essen. »Hier, Fritz, haben Sie auch mal was Gutes,« meinte die Frau des Hoteliers und reichte mir meine Portion zu. Potztausend! Welcher Geruch! Das war also die stinkige Schleie im Ausguß. Mit einem schnellen Ruck öffnete ich das Fenster am Jagdtisch, unter dem sich die Aschengrube befand und: »Eins, zwei, drei ? da lag die Schlei ? im Aschenbrei!« Ich aber holte meine Semmeln, mein halbes Stück Butter, den herrlichen Schweizer-, Roquefort- und Schloßkäse und delektierte mich daran. Das schmeckte prachtvoll. Wenn ich meine Mahlzeit beendet hatte, begab ich mich täglich nach dem Postamt und holte die neuesten Zeitungen. »Dresdner Nachrichten«, »Leipziger Tageblatt«, »Berliner Tageblatt«, »Zwickauer Kreisblatt«, »Voigtländischer Anzeiger« und »Reichenbacher Lokalblättchen« ? Arbeiterzeitungen gab es nämlich weder in meiner Leipziger, noch in der Reichenbacher Stelle. Da war mir nun das »Berliner Tageblatt« noch das freieste und namentlich seine Beilage, den »Ulk«, verfolgte ich aufmerksam; denn ich hatte auch sämtliche Blätter in den Zeitungshalter zu spannen, und da konnte mir nichts Bemerkenswertes entgehen. Amazon.de Widgets Eines Tages wurden plötzlich unsere sämtlichen Zimmer besetzt; bisher waren außer dem Architekten nur noch ein Zigarren- und ein Weinreisender abgestiegen. Nun aber war Leben in der Bude. Denn es war »die große Woche« von Reichenbach, das Schützenfest angebrochen. Da wohnten denn bei uns der Theateragent Sigmund Kohn vom Krystallpalast in Leipzig, mit Damen und Begleitung, ferner der Hippodrombesitzer Schaale mit Tochter und Personal und auch noch einige andere Reisende. Das Personal des Hippodrombesitzers nächtigte allerdings nicht im Hotel selbst, sondern in der Kutscherstube und im Pferdestall. Es waren 2 ledige[151] Burschen und ein verheirateter »Stallmeister«, dessen leidende Frau mit 2 Kindern unter den ärmlichsten Verhältnissen eben in der Kutscherstube kampierten. Die ganze Familie schlief in einem Bett! Allerdings, wenn der Mann gegen Morgen nach Hause kam, hatte die Frau schon ausgeschlafen und stand dann gewöhnlich auf. Der Stallbursche schlief direkt zwischen den Pferden im Stall. Diesen letzteren hatte ich bald auf dem Halse; leider konnte ich nicht ein einziges Mal auf den Festplatz hinaus, um Revanche für meine Gefälligkeiten zu finden. Für Bier und Zigarren wollte der Bursche überhaupt nichts bezahlen. Er besaß ja auch in der Tat nichts, und ich gab ihm schließlich auch gern eins umsonst, denn er hatte mir gleich am ersten Tage einen großen Gefallen getan. Ich hatte nämlich am Abend vorher wie gewöhnlich an meinem Kammerfenster nach frischer Luft geschnappt und um es bequemer zu haben, mich gleich auf die Fensterbrüstung geschwungen. Dabei war mir mein Schlüsselbund aus der Tasche gefallen und bis in die Dachrinne gerutscht. Am andern Morgen machte ich mit dem Hausknecht vergebliche Versuche, das Verlorene zurückzuerlangen. Da meinte der Friedrich: »Ich werde 'mal den Hippodrommenschen heraufzitieren; vielleicht holt der die Schlüssel!« Gesagt ? getan. Als der Bursche zur Kammertüre hereintrat, war ich schon froh. Freilich, es war drei Stock hoch über der Straße und die Dachrinne war auch noch ein wenig unter dem Dachrand. Aber der Bursche sagte als ich um ihn bange wurde: »Nur keine Angst, ich bin bei Zirkus Schumann gewesen. Das ist mir gar nichts.« Dann mußten wir ihn jeder an einem Bein festhalten und er kroch auf den Händen zur Dachrinne hinab. Als er die Schlüssel ergriffen hatte, zogen wir ihn an den Füßen zurück. Natürlich mußte ich für diesen Dienst ein, »Echtes« ausgeben, Ich gab es gerne und war heils froh, daß ich meine Schlüssel wieder hatte. Der vornehmste Schützenfestgast war jedenfalls der Theateragent Kohn, der ein »Variété-Ensemble« auf dem Festplatz dirigierte. Zunächst empfing er die meisten Briefschaften und dann wurde er auch vom Herrn Hotelier selbst mit größter Zuvorkommenheit behandelt. Er schien nicht nur ein Lebemann, sondern auch ein Feinschmecker[152] zu sein. Bei seinem Eintreffen hatte er sich eine Flasche Rüdesheimer bestellt, aber nur ein Gläschen davon getrunken. Ich weiß nicht mehr, mußte ich ihm Portwein, Steinwein oder Champagner dafür bringen. Die angebrochene Flasche Rüdesheimer kam zum Abraum nach der Küche. Ich dachte aber unterwegs »komm Pauline, mich frierts«, trat einen Moment in die Kellertüre und schlürfte in vollen Zügen den Inhalt hinunter. Nun wußte ich wenigstens auch, wie Rüdesheimer schmeckt. Da hatte Herr Kohn auch eine volle Brünette in seiner Gesellschaft, die täglich mit an der Tafel speiste. Am nächsten Mittag erzählte sich die Tischgesellschaft allerlei von den europäischen Großstädten, und die erwähnte Dame führte das Wort: »Ich bin in Wien gewesen, bin in Paris gewesen, bin in Beeerlin gewesen, habe auch Petersburg gesehen, aber Beeerlin bleibt mir doch die schönste von allen.« »Was, Berlin schöner als Paris?«, warf der Wirt dazwischen. »Ja, in Beeerlin herrscht viel mehr nächtliches Leben und Treiben als in Paris. Das ist nach Mitternacht tot. In Beeerlin aber fängt dann das Leben erst an.« Ich servierte gerade junge Taube und hatte die erwähnten Sätze mit angehört, natürlich war das so einem alten Geographiefexen wie mir auch von Interesse. Ich war ganz abwesend und reichte der Dame von der rechten Seite das Tablett zu anstatt von der linken. Da sollten Sie aber einmal sehen, was die mir für einen Blick zuwarf. »Dummer Dösel,« meinte das Ding, »ich soll mir wohl meine Robe besudeln. Von der anderen Seite wird serviert.« Unterdessen stand ich aber schon längst auf der andern Seite. Das Weib durchbohrte mich aber erst noch einige Male mit ihren funkelnden Augen, und brauchte einige französische Schimpfwörter, die sie aber noch dazu falsch aussprach, bevor sie sich herbeiließ, ein Stück Taube zu nehmen. Ich dachte in meinen Gedanken, was Du bist, hast Du ja gleich in Deinen Städteansichten kundgegeben. Diejenigen Weiber, für die das Leben erst nach Mitternacht anfängt, rangieren unter die Damen der Halbwelt. Na, das Zeug hatte sie auch dazu. Sie konnte meiner Ansicht nach schon »einen Puff vertragen«. Ich hatte übrigens auch die Funktionen eines Zimmerkellners mit zu verrichten. Am kommenden Sonntag[153] hatte Herr Kohn noch 2 Herren und 3 Damen als Gäste. Zusammen also 3 Paare. Da wurde mir geklingelt. Ich mußte Paprikaschnitzel und Wein bringen. Sämtliche Gäste nebst Herrn Kohn selbst schienen mir aber sehr mangelhaft gekleidet zu sein. Ich habe mir beim Verlassen auch gedacht, eigentlich möchte ich da eine Tarnkappe besitzen und einmal den Zuschauer spielen. Da war der alte Hippodrommensch Schaale schon solider; der verlangte meist Gemüse zur Mittagskost. Er trank auch ein Fläschchen Wein, aber nur leichten. Aber diese ganze Herrlichkeit dauerte nur 8 Tage; dann war alles wieder verschwunden. Allein lange Zeit währte es nicht, da war schon wieder Jahrmarkt in Reichenbach, und da bekamen wir auf 3 Abende eine süddeutsche Singspielgesellschaft, oder wie es im Volksmunde heißt, ein »Tingeltangel«. Es waren 4 Damen und 2 Herren außer dem »Direktorehepaar«. Unter den Damen war aber nur eine verheiratet und der Schlangen- und Kautschukmensch Herr Iwolitzki war ihr Gatte. Dann war noch ein Komiker dabei. Das war auch ein Hungerleider, der bettelte mich um 1 Glas Bier an. Als wir an diesem Marktmontag abrechneten, machte ich große Augen wie noch nie. Ich hatte 21 Mark Überschuß. Das ließ ich mir gefallen, so hold war mir Fortuna noch nie gewesen. Am meisten amüsierte sich an diesem Jahrmarkt der Fabrikantenstammtisch über die »Damen«, Da wurde manches Glas Bier, manche Flasche Selters und manche Tasse Kaffee spendiert. »Fritz«, riefen die Chansonetten immer, »der Herr dort hat für mich einen Kaffee bestellt«, und so ging das fort bis zu Kaviarsemmeln. »Wenn die Abendsterrrne funkeln« sang die eine immer, und sie brachte das so trollig heraus, daß sie das Ding wohl ein dutzendmal herunterleiern mußte. Es war ein großes stämmiges Mädchen, diese Chansonette, ich erwähne das nur deshalb, weil ein gerade bei uns wohnhafter Buchreisender, der das Mossesche Reichsadreßbuch vertrieb, rein verschossen in das Weib war. Am nächsten Tage nach der Table d'hote benutzte mich dieser liebeglühende »commis voyageur« als »postillon d'amour«. Ich mußte mich nach den Zimmern der »Schönen« begeben und »die große blonde« herunterbitten. Sie kleidete sich an und erschien nach wenigen Minuten.[154] Der Herr fragte sie zunächst nach den Wünschen ihres Gaumens. Auf dem Menu stand Sauerbraten und Hähnchen. Sie wählte das letztere. Nachdem sie sich satt gegessen, mußte ich 2 Täßchen Mokka bringen; eine Flasche »Grand vin de Cabinett«, so hieß unsere Champagnermarke, beendete das Diner. Dann ging das Pärchen spazieren; vielleicht haben sie sich im grünen Wald amüsiert. Ich war nur froh, daß der Adreßbuchmensch sein Glas gar nicht berührt, sondern die ganze Flasche der Schönen überlassen hatte. So war doch wenigstens ein Gläschen für mich übriggeblieben. Und so habe ich also in meinem Leben auch einmal Champagner gekostet. Es ist niemals wieder vorgekommen. Die Tage schlichen nun wieder eintönig hin. Die einzige Abwechslung war einmal ein Krebsessen, das der Fabrikantenstammtisch veranstaltete. Da hörte ich nun die Philosophie des Krebsessens. Der eine sagte; »Ein richtiger Krebsesser der ißt den Krebs aus und legt die Scheeren beiseite; dann hat er, wenn die andern fertig sind und sich nach mehr sehnen, noch ein anständiges Quantum der besten Krebsdelikatesse zu vertilgen.« Ich dachte für mich, der Mann hat Recht. Übrigens, die Gespräche am Fabrikantentisch konnten sich drehen, um was sie wollten: mit dem »Plebs«, das heißt, mit ihren Arbeitern beschäftigten sich die Herren nie; höchstens, daß dann und wann einmal die Sozialdemokratie vernichtet und verächtlich gemacht wurde. Eines Tages hatten wir wieder einmal viele Gäste zur Tafel, und das Abräumen mußte sehr schnell gehen. Ich setzte deshalb gleich die Teller zusammen, ohne Knochen oder Speisereste daraus zu entfernen und faßte einen ca. 30 Zentimeter hohen Stoß Teller in den Arm. Bis zur Küchentüre war ich unversehrt gekommen. Als ich diese jedoch öffnen wollte, rutschte mir von oben ein Suppen- und ein Dessertteller herab, die selbstverständlich zerbrachen. Das sollte die Ursache zu meinem Weggange von Reichenbach sein. Am nächsten Tage mußte ich wie fast allwöchentlich einmal des Nachmittags mit einem Zimmermädchen nach der Wäschemangel und dort »Rolle drehen«. Diese machte mir dabei Mitteilung, daß die Frau Wirtin ihrem Gemahl über die beiden zerbrochenen Teller[155] berichtet hatte. Ich dachte schon längst nicht mehr daran, als eines Tages der Hotelier selbst auf den vereinbarten Monatslohn von 15 Mark zu sprechen kam und diesen gleich für gezahlt erklärte, indem ich doch von 2 Weingläsern die Füße abgebrochen und 2 Teller zerbrochen hätte. Die Teller seien echtes Meißner Porzellan und auch die Weingläser bestes böhmisches Fabrikat gewesen, und er büßte noch ein, wenn er sie mir für 15 Mark Monatslohn anrechne. Da machte ich wieder eine Dummheit; denn ich sagte: »Herr Wirt, ich bin jetzt 1 1/2 Monate hier, da zahlen Sie mir 8 Mark zum Fahrgeld und ich reife ab. Fünfzehn Mark haben diese zwei Teller und Gläser im ganzen Leben nicht gekostet. Im Höchstfalle 15 Groschen; das müssen Sie einem erzählen, der die Hosen mit der Beißzange anzieht.« Da willigte er ob dieser dreisten Sprechweise ein, gab mir aber nur 6 Mark. Am andern Tage schaffte mir der Friedrich meinen Koffer zur Bahn. Er hatte auch keinen Lohn und mußte nur von Trinkgeldern leben, deshalb mußte ich ihm fünfzig Pfennig geben. Nun, wo ich in der Eisenbahn saß, ärgerte ich mich über mein rasches Handeln. Wäre ich doch geblieben, schon um des Vaters willen! Ich hatte ja doch in den 6 Wochen beinahe 54 Mark an Trinkgeldern zusammengespart, brauchte also die 15 Mark des Wirtes gar nicht. Warum war ich eigentlich so halsstarrig? Warum bestand ich, wie der Jude Shylock im »Kaufmann von Venedig« auf meinen Schein? Die Hoteliers wollen nun einmal keinen Lohn zahlen. Und es war ja doch immerhin eine ganz schöne Stellung gewesen! Was nun? Ich entschied mich dahin, dem Vater vorerst gar nichts von der Sache zu sagen, den Koffer auf dem Bahnhof stehen zu lassen und zwei Tage nur »auf Besuch« nach Hause zu gehn. Dann wollte ich nach Leipzig reisen, meinen Bruder besuchen und mir um jeden Preis andere Stellung verschaffen, sei es nun, was es wolle. Auf dem Bahnhofe wurde ich von Paul Bauer empfangen und wenige Minuten später war ich wieder zu Hause. Ich kann es nicht sagen, wie ich mich innerlich schämte, eine Lüge zu machen. Allein um einer scharfen Züchtigung seitens des Vaters zu entgehen, blieb mir nichts anderes übrig. Ganz konnte ich es jedoch nicht über das[156] Herz bringen, und ich entdeckte mich der Mutter am Abend kurz vor dem Schlafengehen. Obgleich es ihr wehe tat, versprach sie, dem Vater nichts zu sagen. Ich solle nur sehen, bald etwas anderes zu erlangen. Am nächsten Morgen reiste ich ab. Um billig wegzukommen, fuhr ich 4. Klasse nach Leipzig. Da hatte ich aber den Schinken nach der Bratwurst geworfen; denn mein Koffer kostete mich beinahe 4 Mark als Passagiergut zu befördern. In den Wagen konnte ich ihn nicht mitnehmen, da war er zu groß und zu schwer. So mußte ich denn auf Freigepäck verzichten und wurde so ausgewischt. Wäre ich 3. Klasse gefahren, so hätte ich 1 Mark weniger gebraucht. In Leipzig angekommen, ließ ich vorläufig meinen Koffer stehen und begab mich zu meinem Bruder, der ganz in der Nähe wohnte. Am ersten Tage war noch nichts zu wollen. Ich hatte an mehreren im Tageblatt stehenden Stellen angefragt; es war aber schon alles besetzt. Abends blieb ich bei meinem Bruder über Nacht. Das mußte aber ganz geheim geschehen. Ich mußte mich richtig bei ihm hinein schmuggeln. Ein Gespräch im Bett durften wir nicht riskieren, außer im Flüstertone; denn nebenan schlief der Kommis. Mein Bruder wollte um keinen Preis, daß meine nächtliche Anwesenheit verraten würde. Früh 1/2 5 Uhr, wenn noch alles im tiefen Schlaf lag, begleitete er mich bis zur Straße, Dann ging ich vor irgend eine Gastwirtschaft und wartete auf die Zeitungsweiber. Die Zeitungen wurden nämlich früh 5 Uhr ausgegeben, und man traf um diese Zeit nur Bäckerjungen und Zeitungsfrauen auf der Straße. Kam dann so eine Frau, so bat ich, einmal die offenen Stellen nachsehen zu können. In den meisten Fällen wies man mich nicht ab. Nun glaubte ich, so früh ist niemand da, eilte nach der Arbeitsstelle und war enttäuscht; denn da standen gewöhnlich schon 80?100 Mann. Einmal wurde ein Arbeitsbursche bei der bekannten Papierfirma Flinsch am Augustusplatz gesucht. Um 7 Uhr war ich dort, da warteten richtig an die 60 Mann, und um 8 Uhr wurde erst geöffnet. Es war mir jedoch gelungen, mich in die ersten Reihen zu drängen. Wir mußten eine Etage hoch zur Vorstellung ins Kontor. Die ersten 7 Mann kamen alle resultatlos zurück. Jetzt war ich an der Reihe. Ein noch junger[157] Buchhalter fertigte mich ab. Ich brachte alles mögliche vor, um die Stelle zu erhalten; sagte sogar, daß ich in der Schule Latein und Französisch gelernt habe. Aber das war ein Fehler von mir; denn während der Mann sich erst zu überlegen schien, sagte er dann kurz: »Mit Latein und Französisch können wir kein Papier machen.« Ein Wink, und ich war entlassen, um eine Erfahrung reicher und eine Hoffnung ärmer. So gingen die ersten Tage hin, noch ohne Sorgen. Ich ließ es noch nicht an Essen und Trinken fehlen; als ich aber merkte, daß mein Geld zu Ende ging, wurde die Sache kritischer. Da kaufte ich mir bei einem Bäcker in der Bayrischenstraße gewöhnlich Morgens und Abends ein Fünfpfennig-Brot und des Mittags ging ich nach der Speiseanstalt auf dem Johannisplatz und aß dort für 17 Pfennige Mittagbrot. Aber schließlich mußte ich auch das aufgeben und dann bildeten die 2 Brötchen die ganze Tageskost. Manchmal blieb ich auf der Herberge zur Heimat in der Ulrichsgasse über Nacht; denn mein Bruder war sehr ängstlich geworden. Der Kommis sollte uns belauscht und dem Herrn davon erzählt haben. Deshalb konnten den Bruder manchmal die besten Worte nicht bewegen, mich mit hineinzunehmen. Nur wenn der Kommis einmal ausgegangen war, riskierte er es noch. An einem besonders heißen Tage konnte ich meinen Hunger und meinen Appetit nach einem warmen Mittagsbrot nicht mehr bezwingen. Es gab Klopsbraten auf der Herberge zur Heimat und ich legte 40 Pfg. an, um wieder einmal etwas Vernünftiges in den Magen zu bekommen. Nach dem Essen fragten mit 2 Kunden, ob ich nicht mit baden gehen wolle. Ich bejahte, und wir pilgerten die ziemlich weite Strecke nach dem Freibad hinaus. Als wir draußen angekommen waren, lagen hunderte von Knaben auf dem Gelände, die alle gebadet hatten oder baden wollten. Aber das Bad war eigentlich nicht frei, es kostete vielmehr 6 Pfennige, um eine Badehose zu leihen; ohne diese durfte man nicht hinaus ins Wasser. Die beiden Kunden hatten natürlich kein Geld und ich mußte auch noch für sie bezahlen. Am Abend sollte ich es zurückerhalten. Der Abend soll aber heute noch kommen. Auf dem Rückwege ließ ich mich zu einer weiteren Dummheit hinreißen. Ich kaufte mir für 10 Pfennige[158] Kirschen. Sie erschienen mir bei der drückenden Hundstagshitze etwas zu Köstliches. Lieber wollte ich auf ein Brötchen zum Abend verzichten. Als wir dann auf der Herberge saßen, war die Temperatur so schwül, daß ich auch noch ein Glas Bier trank. Um 1/2 10 Uhr mußten wir dann, nach der vom Herbergs-Vater gehaltenen Andacht, ins Bett. Der eine Gehilfe »biente« uns durch, und wer »rein« war, konnte passieren. Sämtliche Kleidungsstücke kamen auf einen Haken im Vorflur. Das Bett mußten wir nackend aufsuchen, Plötzlich wurde ich mitten in der Nacht munter. Obwohl Sommer, war es doch stockfinster. Wahrscheinlich waren Läden vor den Fenstern oder dunkle Zuggardinen. Eine drückende Angst umfing mich beim Erwachen. Die Kirschen, das kalte Wasser und das Bier hatten ihre Wirkung getan. Sie konnten sich in meinem Darm nicht vertragen und drängten mit aller Gewalt nach außen. Doch wohin sollte ich? Ich hatte keinerlei Kenntnis, wo sich der Raum befinden möge. Nackend mußte ich mit den Händen tastend umherirren. Mich fröstelte, denn die Temperatur war ziemlich tief gefallen. Endlich fand ich eine Türe, nachdem ich beim Tasten erst ein Gesicht befühlt hatte. Nun hinaus. An mehrere Türen klinkte ich. Sie waren verschlossen, oder es waren auch Schlafräume. Weiter tastete ich an der Wand herum. Ich war an den Kleiderhaken. Jeden Augenblick mußte eine Eruption bei mir erfolgen. Plötzlich faßte ich wieder eine Türklinke. Ein wohlbekannter Geruch, den man für gewöhnlich abscheulich findet, drang in meine Nase. Endlich gefunden! Ein weiteres Tasten ? und dann atmete ich erleichtert auf! Aber wie nun den Weg zurück ins Bett finden? Ich tastete wieder herum. Da endlich hatte ich ein Bett. Als ich mich aber hineinlegen wollte, schrie einer mich an: »Was soll denn das werden, Du bist wohl ein warmer Bruder?« Ich wußte noch nicht, was er meinte. Denn von Homosexualität hatte ich damals noch nichts gehört. Weil er mich aber festhielt, beichtete ich ihm alles; da lachte er und ließ mich los. Wer es gewesen war? Wir hatten beide keine Ahnung, denn keiner hat das Gesicht des andern gesehen. Nachdem ich noch einige Gesichter unter meinen Fingern gefühlt hatte und mehrere »Ochsen«, »Rindviecher«, »Spitzbuben«,[159] »Lauserettiche«, »Mondsüchtige« eingeheimst hatte, fand ich endlich mein leeres Bett. Ein Griff unter das Kopfkissen: Gottseidank, das Portemonnaie ist noch da. Am andern Morgen gegen 7 Uhr mußten wir raus. Niemand war froher als ich. Diese nächtliche Wanderung werde ich im Leben nicht vergessen. Am Morgen erzählten auch verschiedene, daß ein »Mondsüchtiger« die Nacht umhergelaufen sei. Ich war ruhig und verriet mich nicht. Nachdem ich meinen Kaffee getrunken, rückte ich ab, wie der auf die Suche nach Arbeit. Und ? im »Invalidendank«, so nennt sich auch ein Vermittlungsbureau, wurde ein Arbeitsbursche gesucht. Ich meldete mich sofort, mußte 1 Mark zahlen und ward zu einem Geflügelhändler geschickt. Dieser hatte seinen Geflügelhof weit draußen in Reudnitz glaube ich. Zunächst empfing mich ein Fräulein. Sie stellte sich als Tochter des Hauses vor, glaubte vielleicht, ich wolle einige Dutzend Tauben oder Hähnchen bestellen. Als sie dann mein Begehr erfahren hatte, teilte sie mir mit, daß ich wohl ankommen könne, aber vorläufig sei der alte Bursche noch da, Dasselbe bestätigte mir auch der hinzukommende Chef. Er meinte, nachdem er sich nach meinen Verhältnissen erkundigt hatte, sobald der Bursche fort sei, würde er mich brieflich benachrichtigen, ich solle nur meine Adresse hinterlassen. Vierzehn Tage würden sicher noch vergehen. Er habe ihm noch gar nicht gekündigt! Amazon.de Widgets Am Abend schlief ich wieder einmal mit meinem Bruder zusammen. Meine Kasse war bedenklich geschwunden. Nur noch 3 Mark nannte ich mein eigen. Was sollte jetzt werden? Mein Bruder riet nichts; aber wenn er an meiner Stelle gewesen wäre, so gäbe es für ihn kein Überlegen: er wäre gewandert. Ich dachte nicht daran, sondern entschloß mich vielmehr, meinen Onkel und Tante in Meuselwitz aufzusuchen und mich einige Tage bei ihnen aufzuhalten. Als Vorwand gab ich dort an, daß ich krank gewesen wäre und mich noch etwas erholen sollte. So ungefähr 8 Tage habe ich mich dort herumgedrückt, allein ewig konnte ich dort auch nicht bleiben. Das Geld war nun bis auf 20 Pfennige zusammengeschmolzen. Jetzt hieß es, ungeachtet der väterlichen Prügel, nach Hause laufen. Es waren reichlich 5 Stunden Wegs. Eines Freitags,[160] gleich nach dem Mittagessen, trat ich den Rückmarsch an. Mein Kousin Oswald gab mir bis Neuzoderschau das Geleit. Es war wieder ein heißer trockener Tag. In den Dörfern, die ich zu passieren hatte, Dielzig, Mehna, Rodameuschel, mußte ich überall meinen Durst löschen. Als ich Rodameuschel hinter mir hatte, ging auch ein ordentliches Regenwetter los. Ich war durchnäßt bis auf die Haut und um nur einige Zeit ins Trockene zu kommen, kehrte ich in Schwanditz, in einer an der Straße liegenden Restauration ein. Hier verzehrte ich das von der Tante erhaltene Brot und trank ein Glas Bier dazu. Mein letztes Geld war dahin. Als der Regenguß etwas nachgelassen hatte, lief ich weiter. Gegen 1/2 8 Uhr Abends kam ich vor Schmölln an. Ich schämte mich, hinein zu gehen und wartete die Dunkelheit ab. Zuerst ging ich dann zur Mutter in die Küche. Gegen 9 Uhr erst, als die Kostgänger zu Bett gingen, trat ich dem Vater unter die Augen. Doch den Empfang will ich lieber nicht beschreiben. Er war tief beschämend für mich, und nur soviel will ich bemerken, daß er von »handgreiflichster« Wirkung war.[161] 
 In den Steinnußkopffabriken Schmöllns  [91] Außer mir wurde nur noch ein männlicher Bursche mit dem Auflegen beschäftigt und zwar ein gewisser Horst. Der war schon ein Jahr früher aus der Schule gekommen und erhielt 5 Mark Lohn wöchentlich. Durch ihn erfuhr ich die Bezeichnung der verschiedenen Farben, wie Blauholzextrakt, Gelbholzextrakt, Schmak, Bejo usw., die außer zahllosen giftigen Anilinfarben sämtlich zum Knopffärben nötig sind. Unser gefürchteter Vorgesetzter war der Färber Heinrich. So ein Färber verdient wöchentlich 24 bis 36 Mark. Er wird deshalb so gut bezahlt weil er die Zusammensetzung der Farben kennt und seine Rezepte niemanden mitteilt. Dieser Heinrich hatte aber infolge seiner Jugend, er zahlte erst 20 Jahre, keine Erfahrungen sammeln können. Die Rezepte hatte er lediglich seinem älteren Bruder zu verdanken, der ebenfalls Knopffärber war. Horst stand bei dem Färber gut. Er mußte ihm fast allwöchentlich 1 bis 2 Mal sein hohes Fahrrad putzen. Mich hatte der Färber jedoch vom ersten Augenblick an »gefressen«, und er hat mir böse mitgespielt. Meine erste Beschäftigung war also, in Gemeinschaft mit drei 13- bis 14jährigen Mädchen und 2 verheirateten Frauen die Knöpfe, die meliert wurden, auf die Auflegebretter hübsch eng nebeneinander zu reihen War eine Anzahl fertig, so kam der Färber mit seinem Farbentopf, steckte einen Rohrbesen hinein und spritzte aus diesem die Farbe auf die Knöpfe. Sie wurden dann getrocknet und darauf in einen Bottich voll Kali gebracht, wodurch die Farbe nie wieder vom Knopfe zu entfernen war. Schwarze Knöpfe und überhaupt einfarbige, brauchten nicht aufgelegt zu werden, sondern[91] lagen erst im Wasser, wurden dann in der Farbe und schließlich im Kali gekocht und kamen dann nach der Poliererei zum Polieren, was auf zwei Arten, im Futter oder im Faß, geschieht. Das Melieren geschieht auf 3 Arten: durch die Mundspritze, durch den Besen oder im Kasten. Die ersten beiden Arten geschehen offen im Arbeitsraum. Wie es mit dem kleinen Handreißigbesen gehandhabt wird, habe ich schon geschildert. Die Mundspritze ist ebenfalls von primitivster Art. Ein kleiner Blechtopf ist mit Farbe angefüllt, oben ist eine Blechröhre quer über den Topf angelötet und von der sogenannten Schnepfe an läuft ein seines Röhrchen bis fast zum Grunde des Töpfchens. Der Melierer bläst nun in die obere Röhre hinein und bewirkt dadurch, daß die vordere Röhre als Saugheber funktioniert. Die heraufbeförderte Farbe wird aber sofort durch den Luftdruck aus dem Munde des Mannes in seinen Staub verwandelt, der sich dann auf die ausgebreiteten Knöpfe niedersetzt. Auf diese Weise werden meist Anilinfarben verarbeitet. Beim Kastenspritzen werden meistens Blauholzextrakt und derartige Farben verbraucht. Es ist da an irgend einer Ecke des Arbeitsraumes ein kastenartiger Verschlag angebracht, der circa 2?4 Quadratmeter faßt. An der eingelassenen Türe befindet sich ein kleines Schiebefensterchen. Wir Jungens stellten nun die mit Knöpfen belegten Bretter dahinein, sodaß der ganze Boden bedeckt war. Hierauf wurde an die Luftpumpe, die mit Dampf betrieben wird, ein Schlauch angeschraubt und dieser an einer, wie die Mundspritzen angefertigen Farbenspritze befestigt. Das kleine Schiebefensterchen wurde geöffnet und der Kastenspritzer hielt, während er die Luftpumpe in Bewegung gesetzt hatte, die Farbenspritze in den Kasten hinein, sie gleichmäßig nach allen Seiten bewegend. Nach etwa 15?20 Minuten schloß er den Schieber und die in Luftbläschen verwandelte Farbe setzte sich nun auf die Knöpfe herab. Ich muß noch nachbemerken, daß auf die Bretter Metallschablonen gelegt werden. Die Farbe kann nun sich nur auf solchen Stellen der Knöpfe festsetzen, die von den Schablonen nicht verdeckt sind. Selbstverständlich sind die Muster verschieden. Zu jener Zeit gab es vielleicht 3 bis 4000 Muster in den einzelnen Fabriken. Heute[92] ist die Zahl jedenfalls noch bedeutend höher. Im Kasten wurden die Auflegebretter etwa 1 Stunde stehen gelassen, dann geöffnet und die Schablonen herabgenommen. Man hatte nun die gemusterten Sachen vor sich. Sollte nun der Knopf zwei- oder dreifarbig werden, so wurden die Knöpfe, nachdem sie ordentlich trocken gemacht waren, nochmals aufgelegt und mit der Mundspritze oder dem Besen nochmals meliert. Nach diesem kamen sie wieder in den Kalibottich. Es wurde brauner und grüner Kali verwendet. Hier wurden die Farben fest und unverwischbar gemacht. Oft wurden dann die noch übrigen weißen Stellen des Knopfes schwarz oder bunt gefärbt, sodaß der Knopf dann vierfarbig aussah. Am schönsten wurden die kleinen Damenknöpfe, die als Zierde an die Ball- und Modekleider kommen, ? vom schönsten Weiß, hellrosa und himmelblau bis zum dunkelsten Grün und karmoisinrot, ? in allen Nüancen wurden sie gefärbt. Wenn diese noch nachzubearbeiten waren, dann hieß es, vorher die Hände sehr rein waschen. Ich habe später in der gleichen Fabrik gestanzt, eine Beschäftigung, wodurch auf die Knöpfe noch extra Muster eingepreßt wurden. Die Plättchen hierzu wurden, dem Muster entsprechend, graviert und gehärtet. Diese Platten wurden dann in den unteren Teil der Stanze aufgeschraubt. Dicht darunter befand sich eine Matrize, in die der Hinterteil des Knopfes genau hineinpaßte. Der Arbeiter setzt dann die Stanze in Bewegung, bei großen Herrenknöpfen muß man noch 2 schwere Kugeln an die Kurbelstange schrauben, um das Muster genügend tief in den Knopf einzupressen. Bei kleinen Damensachen hingegen braucht man nur einen kleinen Druck anzuwenden.1 Das ist so meine Arbeit in der Knopffärberei gewesen. Beim Auflegen der Knöpfe war es natürlich am gemütlichsten. Trotzdem es außerordentlich schnell gehen mußte, konnte man doch dabei erzählen und Allotria treiben. Wir Knaben mußten auch oft Nebenarbeiten verrichten, während die Frauen und Mädchen immer beim Auflegen blieben. Dabei kamen uns kaum der Schule Entwachsenen[93] bei dem Zusammenarbeiten mit älteren Leuten natürlich schon die verschiedensten Dinge zu Gehör. Der Parterreraum der Schrammschen Fabrik bestand aus drei Räumen. Zuerst kam die Spritzerei, wo ich mit beschäftigt war, dann kam die Färberei und endlich die Maschinenlöcherei, darin waren ebenfalls nur Mädchen beschäftigt. Später kam der Stanzer mit hinein. In der 1. Etage befand sich der eigentliche Fabriksaal mit dem Werkführer und im Obergeschoß die Abklopftrommel, die Hülsenausleserei und das Nußlager. Im rechten Flügel kam zuerst das Kessel- und Maschinenhaus; dann das Knopflager mit den Poliertrommeln und den Knopfausleserinnen. Im Obergeschoß befand sich Jahrs Rosetten- und Portierendrechslerei. Im Parterreraum und in der 1. Etage die Privatwohnung des Drechslereibesitzers Jahr, der im Hofraum auch eine kleine Schneidemühle betrieb. Die Inhaber der Schrammschen Knopffabrik waren die Herren Kaufmann Schramm, Chemiker Hölke, Hutmacher Haller (unser ehemaliger Hauswirt), Drechslereibesitzer Jahr und ein Rentier Fritzsche. Der zweite Herr Hölle schied später aus und an seiner Statt trat Kaufmann Örtel ein. Mein langjähriger Schulfreund Oskar Haller war als Lehrling im Kontor beschäftigt. Das war noch eine Freude für mich, daß wenigstens ein bekanntes Gesicht in meiner Nähe war. Im Fabriksaal arbeitete ein gewisser Luder als Anbohrer. Er war in Amerika gewesen und als ein auf tiefstem Bildungsniveau stehender Mensch zu bezeichnen. So aß er z. B. Ratten und Mäuse, um von sich reden zu machen. In der Fleckschen Fabrik hat er sogar einmal einer lebenden Maus den Kopf abgebissen, gegen eine Wette von drei Glas Bier. Dieser Luder war eines Montags Nachmittag unten in der Färberei und renommierte mit dem Färber Heinrich über seine Schnelläuferei. Herr Jahr, der dazu kam, beteiligte sich ebenfalls am Gespräch. Da hörte ich plötzlich Luder sagen: »In einer Stunde laufe ich nach Altenburg und zurück.« Es ist das ein Weg von reichlich 2 Stunden. Herr Jahr schüttelte ungläubig den Kopf, da wetteten sie um einen Taler, daß Luder um 4 Uhr starten, laufen und um 5 Uhr wieder eintreffen wollte. Die[94] Sache ging vor sich und als der Färber Heinrich gevespert hatte, fuhr er auf seinem hohen Zweirad nach, um den Schnelläufer zu beobachten. Er ist aber nur bis über den Stöbnitzer Berg hinaus geradelt, da hat er den Luder von weitem drüben den Berg zum Rundteil hinauf laufen sehen. Es sei 1/2 5 Uhr gewesen und da ihm unmöglich schien, daß Luder um 5 Uhr wieder in der Fabrik sein konnte, ist er zurückgefahren. Luder kam eine Viertelstunde später an. Es entspann sich nun natürlich ein Streit, der damit geschlichtet wurde, daß Herr Jahr eine Mark zahlte. Luder erzählte, daß die Bauern in Großstöbnitz geglaubt hätten, er sei verrückt, so sei er gelaufen. Er habe ihnen aber zugeschrien: »Eine Wette ? eine Wette!« In der Auflegerei arbeitete eine Witwe Namens Schmidt mit, die schon einen Sohn beim Militär hatte und in der Löcherei arbeitete an der Abschneidemaschine ein etwa 20jähriges Mädchen Namens Martig. Beide liebten einen Anbohrer Namens Krenke. Er war noch dazu Alkoholiker und wurde allgemein »Saufkrenke« genannt, trotzdem er im Höchstfalle 25 Jahre alt war. Diese beiden Weiber wetteiferten und buhlten nun gegenseitig um die Neigung des Geliebten. Die eine brachte ihm Wurst mit, die andere Käse. Die eine kaufte ihm Bier, die andere Schnaps. Zwischen den beiden Frauenzimmern kam es bei dem fortwährenden Hader einmal zu so saftiger Schlägerei, daß nicht nur die Haare, sondern auch die Fetzen flogen; der Witwe waren von der Jacke und dem Hemd sämtliche Knöpfe abgerissen, sodaß uns die Brüste sichtbar wurden. Trotzdem zog die jüngere, glaube ich, den kürzeren, obwohl sie alles Mögliche aufgeboten hatte, um als Siegerin hervorzugehen. Der Krenke lachte sich natürlich eins ins Fäustchen, anstatt für die eine oder andere Partei zu ergreifen. Darüber kam die Martig schließlich so in Wut, daß sie in der Färberei Kali trank, um sich zu vergiften. Sie kam aber wieder zu sich, weil sofort Gegenmittel angewendet wurden. Mit ihrer Liebe zu Krenke war es aber trotzdem doch aus. Sie heiratete aus Ärger einen etwa 60jährigen Gutsbesitzer Namens Heetzsch aus der Umgegend. Der war aber dermaßen liebestoll, daß er ihr Tag und Nacht keine Ruhe ließ. Es[95] beruht das auf voller Wahrheit. Ich hörte da z. B. Weiber erzählen, daß sie Butter, Käse und Gemüse bei dem alten Schürzenfreund holten, mit ihm noch »Kaffee in der Stube tranken« und dann sich mit der Ware kostenlos entfernen konnten; auch auf einen Zentner Kartoffeln kam es ihm dann und wann nicht an. Nach kaum sechs Wochen sei denn auch die junge Frau zum Bürgermeister gekommen und habe diesem erklärt, daß sie es bei dem alten Schwerenöter nicht aushalten könne. Sie ist dann auch wirklich mit dem Theatermeister einer Schmiere durchgegangen, nach Berlin gekommen und später mit einem Galan von da zurückgekehrt, hat in Ronneburg und Gera gearbeitet und am Ende auch noch den alten Heetzsch beerbt, da sie von diesem nicht geschieden worden war. Inzwischen war noch ein anderer mit mir konfirmierter Knabe bei uns in Arbeit getreten, ein gewisser Nienkampf, der aber in der Schule einer der beschränktesten Schüler war. Mit diesem mußte ich nun freundlich verkehren. Er war ein Ausbund von Schlechtigkeit oder vielmehr von Dummheit, gab andere an, beschmierte die Wände im Arbeitsraum und im Abort, bohrte dort durch die Holzverkleidung Löcher, um in den Frauenabteil sehen zu können und ähnliche Dummheiten. Ja, er und auch noch andere, waren so vertiert, daß sie beobachteten, wer von den Frauen oder Mädchen den Abort benutzte, dann nachgingen, im Männerabteil ihren Kopf durch die »Brille« steckten und sich so die Geschlechtsteile der Frauen oder Mädchen anschauten, ohne daß diese so etwas ahnten. So unglaublich diese Schweinerei von kaum der Schule entwachsenen Knaben klingt, so beruht doch alles auf reiner Wahrheit. Da passierte es einmal, daß Nienkampf ein Loch durch die Wand gebohrt hatte und ich gleich nach ihm den Abort benutzte. Auf einmal, nach kaum 2 Minuten, rüttelte es an der Türe und der Färber Heinrich rief mir zu: »Ich solle sofort aufmachen.« Als ich dem Befehle nachgekommen war, stand Heinrich mit einem meterlangen Gummischlauch da, schaute sich das neugemachte Loch, das ich übrigens noch gar nicht gesehen hatte, in der Wand an und auf dasselbe deutend schlug er mit dem langen Gummischlauch auf mich ein und[96] zwar so lange, bis ich buchstäblich wieder hinter meinem Arbeitstische saß. Das boshafte Lächeln Nienkampfs sagte mir alles. Er hatte vorn geklatscht und seine Bosheit mir zugeschoben. Heinrich, bei dem er gut und ich schlecht stand, hatte da endlich einmal Gelegenheit, sein Mütchen an mir zu kühlen; denn in der Arbeit konnte er mir nicht beikommen. Der Fabrikant Hölle kam gerade dazu, als er mich schlug. Auf dessen Fragen beschuldigte er mich ohne Weiteres des Nienkampfschen Vergehen. Dabei war Heinrich selbst ein ganz gemeiner Mensch, der namentlich die Hälfte der Arbeitszeit in rohem Gerede mit den Frauen und Mädchen zubrachte. Am besten gefiel mir eigentlich der um ein Jahr ältere Otto Horst. Dieser zeigte mir alles, und ich begriff auch sofort, sodaß ich den Heinrich nie zu fragen brauchte, und das war dessen Ärger. Mit Horst ging ich auch öfters am Sonntag aus. Er schlug nie über den Strang und nahm mich mit in den evangelischen Jünglingsverein, den der Archidiakonus Tümpel leitete. Die jeden Sonntag stattfindenden Vereinsabende wurden immer mit einem Lied eingeleitet, das ein Geistlicher oder gewöhnlich ein Lehrer auf dem Harmonium begleitete. Dann folgte ein Vortrag mit Diskussion und am Schlusse wurde wieder ein Lied gesungen. Später wurde auch ein Posaunenkorps eingerichtet und ich habe öfters mit Theater gespielt, worauf ich noch zurückkommen werde. Einmal war ich mit Horst und dessen Vater Sonntag vormittags »Kartoffel stoppeln« gegangen. Früh 7 Uhr waren wir mit einem kleinen Handwagen abgefahren. Da kamen wir bis über Untschen hinaus, das ungefähr auf der Hälfte des Wegs zwischen Ronneburg und Schmölln dicht an der Chaussee liegt. Auf einem großen Felde lagen die ausgeackerten Kartoffeln ganz frei und da es über Nacht geregnet hatte, waren sie auch besonders gut zu sehen. Ringsum schien kein menschliches Wesen in unserer Nähe zu sein. Horsts Vater befahl deshalb uns, die Säcke aufzuhalten und in Zeit von einer knappen halben Stunde waren diese, 6 Stück an der Zahl, bis an den Rand gefüllt. Als wir über dem Zubinden und Aufladen waren, kam ein Mann des Wegs und fragte Horsts Vater, wie er mit den Kartoffeln in diesem Jahre zufrieden wäre. »Nun,« meinte dieser, »ich[97] kann nicht klagen, wie Sie sehen, sie liegen so massenhaft, daß man nur immer einzuwerfen hat, um den Sack zu füllen.« Wir kehrten nun auch unterwegs noch in einem Gasthause ein, wo Herr Horst jedem ein Glas Bier bezahlte und gegen Mittag kamen wir, ohne irgendwie belästigt worden zu sein, nach Hause. Es war ein Rittergutsfeld gewesen.... Für gewöhnlich ging ich freilich des Sonntags mit Otto Pößiger, einem Kaufmannslehrling, Robert Franke und noch einigen anderen mitkonfirmierten Knaben aus der Nachbarschaft im Walde spazieren. Der Pößiger erzählte aber immerfort von Mädchen und von seiner Stiefmutter und ich konnte derartige Gespräche nicht ertragen. Am 2. Pfingstfeiertage waren wir wieder einmal im sogenannten Hain, einem Laubwäldchen unterhalb des Bellevue. Da führte Pößiger wieder das Wort. Er meinte, um mannhaft auszusehen, müsse man behaart sein. Das beste Mittel wäre der Birkensaft. Er wolle im Sommer nicht in der Sprotte baden, ohne an verschiedenen Körperteilen behaart zu sein. Aus dem Grunde wurden nun die Birken, welche gerade zahlreich in der Nähe standen, zu einem großen Teile ihrer Rinde entkleidet und die naseweisen Herrchen beschmierten nicht nur die Schnurrbartstellen, sondern auch noch andere Körperteile mit dem Birkensafte. Ich machte nicht mit und stand abseits, weil ich gar keinen Grund für den Zwang sehen konnte, auf jeden Fall behaart zu sein. Im Laufe des Sommers, es konnte auch wohl Anfang Herbst sein, gesellte ich mich zu einem andren ehemaligen Schulkameraden, einem gewissen Mäscher, der schon in der Schulzeit das Geigenspielen gelernt hatte. Es war da nämlich, schon als wir die 3. Bürgerschulklasse besuchten, ein Musikdirektor Namens Räche in Schmölln, der lernte nur Schulknaben an und gab dann auch zeitweilig Konzerte mit ihnen. Da hatte Mäscher gleich mit angefangen, das Musikmachen zu lernen. Ich sollte auch Geige spielen, mein Vater, der damals noch an der Bahn war, hat mich förmlich darum gebeten, mitzumachen. Ich hatte aber keine Luft dazu, weil mir verschiedene Knaben zu jener Zeit gesagt hatten, ich hätte kein musikalisches Gehör, deshalb lernte mein Bruder Felix an meiner[98] Stelle, die Geige zu spielen. Später habe ich mich vielmals geärgert, daß ich meines Vaters Wunsch nicht erfüllte. Da erinnere ich mich noch sehr gut an das erste Konzert der Knabenkapelle, das Herr Räche im Saale des Bellevue gab. Nachdem mehrere Vorträge stattgefunden hatten, betrat Herr Räche mit meinem Bruder Felix das Orchester. Felix zählte damals erst 8 Jahre. Er hatte in den vorhergehenden Stücken nicht mitgewirkt. Der Herr Direktor teilte dem zahlreich versammelten Publikum mit, daß sein jüngster Künstler auch etwas zum Besten geben wolle und nun spielte der Kleine »Kuckuck, Kuckuck rufts aus dem Wald«. Ein donnernder Beifall belohnte ihn und ich ärgerte mich, daß ich nicht mit von der Partie sein konnte. Also, wie gesagt, Mäscher hatte fortgeübt und spielt heute noch seine Geige. Allerdings ein Virtuose oder nur Berufsmusiker ist auch aus ihm nicht geworden, dazu fehlten auch ihm die Mittel. Er macht während der Wochentage Knöpfe und des Sonntags spielt er mit zum Tanze auf. Mit diesem Burschen kam ich zusammen und wir gingen Sonntags miteinander aus, rauchten Zigarren und Zigaretten und verjubelten so die wenigen Groschen Taschengeld meist bis auf den letzten Pfennig. Später kam allerdings meine Mutter dahinter und es gab ein schauderhaftes Halloh. Die Ursache war, weil ich durch den Einfluß Mäschers nicht mehr die Vereinsabende des Jünglingsvereins regelmäßig besuchte und meine Mutter, wie ich schon oft erwähnt, auf solch kirchliche Sachen viel Wert legte. Dafür hatte ich des Sonntags fast ein ganzes Vierteljahr hindurch das Schmierentheater besucht, das im »Gasthof zum deutschen Kaiser« gastierte. Die Operetten, Lust- und Trauerspiele waren mir zu einer wahren Leidenschaft geworden. »Der Raub der Sabinerinnen«, »Veilchenfresser«, »Mann im Monde«, »Walzerkönig«, »Zigeunerbaron«, »Bettelstudent«, »Die lustigen Weiber von Kyritz«, »Kinder des Kapitän Grant«, »Das Blitzmädel«, »Der Stabstrompeter«, »Preziosa«, »Der Glockenguß zu Breslau«, »Mein Leopold«, »Reise durch Berlin in 80 Stunden«, »Die sieben Raben«, »Marie, die Regimentstochter« usw., das waren die Theaterstücke, die mich fesselten und bezauberten. Ich[99] hatte außer dem »Rattenfänger« nie vorher etwas derartiges gesehen. Sogar die Namen der meisten Mitwirkenden sind mir zum größten Teile noch in Erinnerung: als Direktor zeichnete Herr Adolf Wagler, als Charakterkomiker Max Saod, als 1. Held und Liebhaber Ernst Kraft, als Regisseur Max Kort, dazu die Damen Käthe Wagler, Paula Wilhelmi, Martha Feist, Franziska Vestvali. Letztere gefiel mir ganz besonders und als sie in der »Preziosa« die Titelrolle spielte und den spanischen Nationaltanz, den Fandango tanzte, war ich entzückt von ihr. In den meisten Stücken wirkte auch unser Logisbursche Paul Bauer als Statist mit und gar oft schmuggelte er mich mit hinein; sodaß ich das Eintrittsgeld ersparte. Amazon.de Widgets An einem dieser Sonntage war ich auch einmal zu Mäscher gekommen, um ihn zum Theater abzuholen. Da sagte mir sein Großvater, daß er sich noch in seiner Kammer befinde. Ich ging hinaus. Da saß er auf seinem Bett und nahm eine Prozedur an sich vor, die mich entsetzte, und von der ich vorher nie etwas gehört hatte. Ich will dem Leser die Beschreibung sparen. Er ? onanierte. Auf meine Frage, was das zu bedeuten habe, entgegnete er, das müsse man machen, wenn man sich nicht mit einem Frauenzimmer abgeben und doch gesund bleiben wolle. Ich erwiderte ihm, daß mich dazu niemand bringen würde, trotzdem ein mitanwesender Hauseinwohner, ebenfalls ein noch junger Mensch, Mäschers Angaben bestätigte. Leider hat er mich später doch noch verführt, und auch ich habe einige Zeit diesem Laster gefröhnt, bis mich dann ein älterer Arbeitskollege auf die Schädlichkeit desselben aufmerksam machte, von dem er erst mir auch den Namen nannte. Ich habe ihm freilich nichts davon gesagt, daß auch ich dem Unfug ergeben gewesen war. Am 1. Weihnachtstag 1887 wurde in jenem Theater »Mein Herzensfritz« gegeben. Anstatt nun in den evangelischen Vereinsabend zu gehen, begab ich mich natürlich ins Theater, zumal Bauer wiederum mitwirkte. Diesmal hatte er sogar einige Worte zu sprechen. Um nicht aufzufallen, eilte ich nach Schluß der Vorstellung nach Hause und legte mich schleunigst ins Bett. Kaum aber[100] hatte ich die richtige Lage gefunden, als die Bettdecke plötzlich weggerissen wurde und ein Hagel von Kantschuhieben auf mich niederprasselte. Diesmal war es meine Mutter selbst, die mich züchtigte, weil ich den Jünglingsverein geschwänzt hatte. Als es mir zu bunt wurde, sprang ich auf und entwandt der Mutter die neunschwänzige Katze, worüber sie natürlich noch mehr in Extase geriet. Sie rechnete auf den Vater, doch der schlief ruhig weiter. In solchen Sachen übte er Nachsicht, denn ich war ja auf seinen Fußstapfen, wenn ich den frommen Kram ignorierte. Am andern Tage gab es zwar noch einige, für mich wenig schmeichelhafte Ausdrücke von der mütterlichen Seite und am Mittag bekam ich von dem nach langer Zeit zum ersten Male wieder gekauften Gänsebraten einen recht winzigen Bissen für mich. Für gewöhnlich haben wir jede Weihnachten einen viertel Zentner Mehl zu Kuchen und Stollen verbacken, es wurden auch manchmal nur zwei Achtel ? aber gebacken haben wir Gottseidank mit einer einzigen Ausnahme zu Weihnachten stets. Da konnten wir während der 2 Festtage essen nach Herzenslust. Bei dem Kaffeetrinken an jenem Feiertag aber bekam ich mein Stückchen Kuchen auf den Teller. Denn gewöhnlich aß nur der Vater am 2. Feiertage ein Stück Stollen. Auch am Sylvesterabend gegen Mitternacht wurde fast stets ein Grog gekocht und dazu Stollen gegessen. Das bekamen bei uns auch die Quartierleute und namentlich Paul Bauer stellte darin seinen Mann. Dafür war er aber auch beim Baumanputzen und sonstigen Arbeiten bereitwilligst mit tätig. Ich habe schon von diesem Paul Bauer oft erzählt. Seine Mutter hatte er bei der Geburt verloren und sein Vater war nach Amerika ausgewandert. Er kam deshalb zu seinem Großvater, einem Barbier in Pflege. Geboren wurde er in Langenberg bei Gera, der Heimat seines Vaters. Von seinem Leben während der Schuljahre habe ich auch schon Mitteilung gemacht. Hinzuzufügen wäre da nur, daß er vom 10. bis 14. Jahre in der Jahnschen Bürstenfabrik Zahnbürsten einzog und nach der Konfirmation zum Gärtner Graulich in die Lehre kam. Nach dem ersten Lehrjahre starb aber seine Großmutter und der Knabe, für sein Alter übernormal entwickelt, wurde in Wäsche und Kleidung vernachlässigt. Er lief deshalb[101] aus der Lehre weg und arbeitete seitdem in den Knopffabriken Schmöllns. Seine Großmutter hatte ihm etwa 200 Mark hinterlassen und bei der Obervormundschaftsbehörde in Gera lag auch noch ebensoviel hinterlassenes Vermögen der Mutter. Das Erbe der Großmutter ging ihm jedoch durch die Fahrlässigkeit seines Vormundes verloren und sein Großvater hängte sich schließlich in der roten Sandgrube zu Schmölln an einer Birke auf. In den Knopffabriken verdiente der Bursche auch nicht viel. Er polierte meist, bohrte aus und anfangs löcherte er nur, sodaß er in Schulden geriet und meiner Mutter einmal 45 Mark schuldete. Da wandten wir uns an seinen Vormund, denn zu jener Zeit befand sich mein Vater noch im Gefängnis und die Mutter brauchte das Geld sehr notwendig. Wir richteten dann unter der Zustimmung des Vormundes ein Gesuch an die Obervormundschaftsbehörde nach Gera, in dem wir um die Bezahlung der Schuld aus seinem Vermögen baten. Es wurden uns auch keine Schwierigkeiten bereitet. Bauer wurde geladen und meine Mutter bekam das Geld in seinem Beisein ausgezahlt. Er meldete sich dann freiwillig zur Marine, wurde auch für tauglich befunden, weil er aber erst 16 Jahr zählte, mußte er bis zur Vollendung seines 17. Lebensjahres warten, bevor er definitiv eingestellt werden könne. Sein Eintritt erfolgte dann nicht. Er hatte die Luft dazu wieder verloren. Auch war er inzwischen wegen Hehlerei mit 2 Tagen Hast bestraft worden. Er hatte mit seinem Jugendgenossen Bruno Pohlers die Altenburger Landesausstellung 1886 besucht. Letzterer hatte daselbst ein Stück Radiergummi im Werte von 25 Pfennigen mitgehen heißen und nach etwa 11/2 Jahre kam die Sache durch ein Gespräch ans Tageslicht, d. h. an die Ohren der Polizei. Bauer wurde als Zeuge verlangt und weil er nicht früher den Fall gemeldet hatte, wurde auch ihm der Prozeß gemacht. Er bekam 2 Tage und Pohlers 5 Tage Gefängnis. Ersterer brummte sie die Osterfeiertage 1887 ab. In Holzschuhen marschierte er zu diesem Zwecke am 1. Feiertag nach Altenburg und am 3. Feiertag wurde er wieder entlassen. Er sagte mir, daß er in der Wand der Zelle einen Spruch eingeritzt gesehen habe, der lautete: »Wir sitzen hier zwischen vier Mauern ? Und[102] klagen einander die Not ? Ach Gott, sind wir nicht zu bedauern ? Bei Wasser und bei Brot.« Im Sommer desselben Jahres reiste er mit einer Schießbude fort und besuchte die Vogelschießen und Jahrmärkte. Der Besitzer hieß Rudolf Bommann aus Leipzig. Nachdem aber die Schießen und Märkte vorüber und der Unternehmer nach Leipzig zurückgekehrt war, bekam Bauer etwa drei Wochen später von ihm seine Entlassung. Mit einem Anzuge und einem gestreiften Trikothemd kehrte er zu uns zurück. Das war sein ganzes Hab und Gut. Er arbeitete dann wieder in einer Knopffabrik und lernte hier bei der Firma Julius Pohle, einem Nachbar, bei dem auch mein Vater inzwischen als Holzschuhmacher beschäftigt wurde, das Pantoffelnageln. Durch die neue 3wöchentliche Lehrzeit hatte er wieder Schulden bei uns gemacht, die er nicht abzahlen konnte. Später ließen wir uns einen Schuldschein ausstellen, um uns wenigstens von seinem Vermögen den Betrag zu sichern. Ich habe zufällig das Original noch gefunden und füge es hier mit ein. Schmölln, den 15. Juni 1889. Schuldschein. Ich Endesunterzeichneter, bekenne hiermit, daß ich seit Oktober 1888, der Frau verehl. Pauline Bromme in Schmölln, für erhaltene Kost und Logis, infolge Arbeitslosigkeit, nach und nach die Summe von 58 M. ? sage Achtundfünfzig Mark ? Pfg. schuldig geblieben bin. Da ich jedoch setzt nicht in der Lage bin, um obige Schuldsumme bezahlen zu können, indem mein Vermögen gegenwärtig noch von der Obervormundschaft verwaltet wird, so erkläre ich hierdurch nach richtiger Überlegung und mit völlig freien Willen, daß nach Ablauf meiner Minderjährigkeit, mein noch vorhandenes Vermögen in erster Linie, zur Tilgung dieser Schuld Verwendung finden möge. Zugleich erteile ich der verehel. Pauline Bromme die Vollmacht, diese meine Willensäußerung, der wohllöblichen Obervormundschaft zu unterbreiten. Mit eigner Namensunterschrift Wilhelm, Otto, Paul Bauer.[103] Auf Bauers weiteren Lebensweg komme ich später noch einmal zu sprechen, da er bis 1892 auf das Engste mit dem meinigen verknüpft ist. Wie ich eben bemerkte, hatte mein Vater der Knopffabrik Valet gesagt und war in der Holzschuh- und Pantoffelfabrik von Julius Pohle als Holzschuhnagler eingetreten. Den ersten Schuh hat ihm der Werkführer vorgemacht, den zweiten fertigte mein Vater selbst an. Die erste Woche verdiente er 13 Mark. Höher hatte er es beim Steinnußschneiden und Knopfausbohren auch nicht bringen können. Die zweite Woche aber verdiente er schon 20 Mark, und es dauerte nicht lange, so bekam er stets den höchsten Lohn ausgezahlt. Man muß natürlich auch dabei in Betracht ziehen, daß die Schuhmacherei meinem Vater ja nicht fremd gewesen ist, namentlich das Zwicken, was die Hauptsache ist, verstand er schon aus dem »ff«. Später sagte Pohle dann jedesmal beim Lohnauszahlen, wenn mein Vater daran war: »Schickt jetzt den Wühler 'rein.« Ich weiß sogar, daß der Vater einmal vor Weihnachten, allerdings bei einer Arbeit bis 12 Uhr Nachts, 48 Mark in einer Woche verdient hatte. Vom Herbst bis Weihnachten ist nämlich in dieser Brauche die angestrengteste Arbeitszeit. Im übrigen Teil des Jahres gehen Holzschuhe selten oder gar nicht. Nun aber wieder einmal zu mir selbst zurück! Nachdem mich der Färber Heinrich bei Schramms mit dem Gummischlauch gezüchtigt hatte, war meines Bleibens daselbst nicht länger. In einer Turnstunde des »Älteren Turnvereins«, dem ich mich als Zögling angeschlossen hatte, kam ich mit dem Kollegen Robert Franke, der übrigens 1 Jahr später gestorben ist, ins Gespräch und teilte ihm das Vorgefallene mit. Dieser war als Hobler bei der Firma Naumann beschäftigt und machte mich aufmerksam, daß ich dort auf jeden Fall auch als Löcherer oder Hobler Beschäftigung finden würde. Ich forderte deshalb bei Schramms meine Entlassung, fragte bei Naumanns an und wurde auch eingestellt. Niemand war froher als ich, daß ich dem Heinrich aus den Augen kam. Ich trat ein, verdiente auch einige Mark mehr als bei Schramm. Allerdings über 7 Mark kam ich auch nicht hinaus. Denn ich mußte für die[104] erwachsenen Arbeiter allerlei zum Frühstück und Vesper einholen, wofür ich natürlich meine Arbeitszeit einbüßte. Ich bekam 3 und 4 Pfennige für ein Gros (170 Stück) Knöpfe zu löchern, und da ich von zwei Seiten einbohren mußte, ging das nicht so schnell. Wenn man die Stunde 2 1/2 Gros machen wollte, mußte man ordentlich antreten. Dazwischen mußte ich nun Wurst, Schnaps und Käse, Priemtabak und Zigarren holen, ja sogar in die Brauerei laufen und dort den sogenannten »Kofen«, eine Art Jungbier, für 5 Pfg. gab es da eine ganze Gießkanne voll, herbeischaffen. Kurz für andere Leute war ich unterwegs und meine Arbeit versäumte ich. Oft schalt mich deshalb auch der Werkführer aus, weil ich so gutmütig war. Eines Tages hieß es da einmal, der Fabrikinspektor käme. Ich wußte damals noch nicht, was der Beamte für eine Funktion hatte. Man sagte mir also: »Wenn Du gefragt wirst, wie lange Du arbeitest, so sagst Du, 10 Stunden; denn jugendliche Arbeiter dürfen nicht länger beschäftigt werden.« Die 9 bis 11jährigen Abputzjungen mußten überhaupt schleunigst den Fabriksaal verlassen und sich durch den Garten nach Hause begeben. Bei Naumann lernte ebenfalls einer meiner Mitschüler als Kaufmann. Es war der Sohn des Mehl- und Getreidehändlers Uhlig. Besonders intelligent war er nicht, vielmehr stand er in punkto Fortschritte in der Schule hintenan. Auch ein Sohn des Fabrikbesitzers Naumann selbst gehörte in der Mittelschule zu meinen Mitschülern, auch er hatte nicht gerade glänzende Zeugnisse aufzuweisen gehabt. Hätte ich Stipendien erhalten und dadurch Gymnasium und Universität besuchen können, diese alle hatte ich übertrumpft. Allerdings mit der Länge der Zeit durch die fortwährenden Familiensorgen stumpfen auch die Geisteskräfte ab. Wenn nicht immer 6 Kinder um mich herumzanken und schreien würden, könnte ich auch diese Lebensbeschreibung viel früher beendigt haben. Die Leser dürfen aber nicht glauben, daß ich meine Kinder nicht lieb hätte. Ich würde trostlos sein, wenn mir durch Krankheit oder Unfall eins wegsterben würde. Doch von meinen Familienverhältnissen erst am Ende.[105] In jenen Tagen kam ich während der Herbstferien auch wieder mit Dietzmanns Ernst einmal zusammen. Wie von ungefähr trafen wir uns eines Sonntags Nachmittag Der stets zu losen Streichen aufgelegte frische Knabe machte den Vorschlag, einmal die Pflaumen an der Landstraße nach Kummer auf ihre Reise zu prüfen. So spazierten wir denn durch die hinter der Stadt gelegenen Felder am vielgeliebten Eichberg vorbei, auf dem wir uns in der fröhlichsten Kinderzeit ungezählte Stunden herumgebalgt haben und vor der weißen Sandgrube vorüber, in der wir ebenfalls jedes Pflänzchen und Steinchen kannten. An der Straße angekommen, nahmen wir uns gleich den ersten Baum vor. Kaum aber hatten wir eine Tasche halb gefüllt, als auch schon der Pächter auf uns zugesprungen kam. Jetzt hieß es ausreißen. Wie zwei vom Teufel Besessene stürmten wir nach verschiedenen Richtungen davon. Ich stürzte wie ein Hase vorwärts, ohne nur ein einziges Mal den Blick umzuwenden. Keuchend langte ich im Stadtinnern auf dem Kirchhofe an. Wenige Sekunden später war auch Dietzmann zur Stelle. Der Pächter hatte uns nicht einholen können. Ich will hier noch bemerken, daß wir zu jener Zeit wieder nur männliche Kostgänger im Quartier hatten und zwar außer Bauer und August Müller, dem »blinden Hessen«, wie wir letzteren nannten, weil er aus Hessen-Nassau gebürtig war, noch einen Zigarrenmacher Bernhard Hühn und den Knopfmacher Friedrich Adam. Diese beiden waren ein paar alte Junggesellen. Ersterer trank gern einen, während Adam die Passion hatte, des Sonntags auf den Dörfern herumzulaufen und mit Bauernmädchen zu charmieren. An den Wochenabenden rauchte er die lange Pfeife und las in einem Roman. Natürlich waren unter der Bezeichnung »Roman« nicht etwa solche wie »Jörn Uhl«, »Das schlafende Heer«, »Jena oder Sedan«, »Pastor Klinghammer« usw. zu verstehen, sondern eben nur Schundware. Der beste, den Adam unter seinen zahlreichen Schwarten besaß, war allerdings noch »Der Graf von Monte-Christo«, der natürlich auch von mir verschlungen worden war. Seine Gesichtszüge zeigten immer ein leichtes Lächeln, was eines Mittags zu einem komischen Intermezzo führte. Bauer hatte damals[106] gerade Leipzig verlassen und war wieder zu uns zurückgekehrt, ohne dort seinen Pflichten als Steuerzahler nachzukommen. Auf 4,50 Mark belief sich die hinterlassene Schuldsumme. Da, eines Mittags, wir hatten uns gerade zum Essen niedergesetzt, erschien plötzlich der Polizeidiener auf der Bildfläche, der eine etwas komische Aussprache hatte, indem er sämtliche Vokale sehr kurz aussprach und das r so lang schnarrte, daß man unwillkürlich lachen mußte. Dieser Polizist kam, um Bauer wegen der Leipziger Steuerschuld zu pfänden. »Zeigen Sie mirrr mal Ihrrre Effekten!« donnerte er ihm entgegen, als er kein Geld bekam. »Felix,« meinte Bauer zu meinem Bruder, »hole mal mein Zeug runter.« Nun hatte er aber, wie schon erzählt, weiter nichts, als was er auf dem Leibe trug; nur ein Paar alte Hosen, aus denen die Mutter schon Flecke herausgenommen hatte, lagen noch von früher her auf dem Spitzboden. Mein Bruder wollte sich damit nicht die Finger besudeln, und hatte deshalb die lätierten Unaussprechlichen auf ein Stöckchen gehängt; so kam er behutsam zur Türe herein. Ein schallendes Gelächter ertönte sofort von der ganzen Tischrunde. Da aber wurde der Polizist wütend. »Na warten Sie, ich kenne die Parrragrrrafen, was es heißt, einen Polizeibeamten auszuspotten. Das kann man aberrr auch nurrr von den Schmöllnerrr Knopfmacherrrn erwarrrten.« Mit diesen Worten stürzte er dann zur Türe hinaus. Ich glaube, es war nur wenige Tage später, eines Sonnabends Abend, an dem Hühn gewöhnlich noch einige »Piependreher« mitbrachte, um mit unseren Leuten Wendisch oder Schafskopf zu spielen. Da hatte auch August Müller einen Kollegen mitgebracht, einen Pantoffelhölzerschneider, der aus Schleswig-Holstein gebürtig war. Müller hatte nun wie gewöhnlich an Sonnabenden 1/2 Pfund gehacktes Rindfleisch für sich mitgebracht, während der Holsteiner eine Kiste mit circa 10?15 Pöcklingen bei sich führte. Da stellten diese beiden Betrachtungen an, ob wohl das gehackte Rindfleisch oder die Pöcklinge mehr Nährstoff für den Menschen hätten. Jeder plädierte für sein Essen. Und da keiner nachgab, gerieten die beiden Kampfhähne schließlich so aneinander, daß der Holsteiner[107] seine Kiste mit den Pöcklingen den Müller an den Kopf warf und die geräucherten Meeresbewohner in unserer Stube herumflogen. Jetzt legte sich aber meine Mutter ins Mittel und der Holsteiner, der übrigens ein verständiger Mann sein sollte, denn er trug einen langen Vollbart, entfernte sich wutentbrannt. Eines Tages las ich in der Zeitung, daß die Firma Naundorf und Wagner junge Leute zum Knöpfe-Hobeln suchte, und weil beim Hobeln mehr verdient wird als beim Löchern, meldete auch ich mich, wurde angenommen und hörte sofort bei Naumann auf. Ich bekam Damenknöpfe zu hobeln, sogenannte Pilze, das sind ganz kleine pilzartig gedrehte Knöpfe. Wir waren da in dem Hobelraum 4 jugendliche Arbeiter und 1 junge, verheiratete Frau. Einer von den vier Burschen war schon einmal auf der »Walze« gewesen und hatte in Mecklenburg als Hofgänger gearbeitet. Dieser führte selbstverständlich immer das große Wort, und wir waren die meiste Zeit mehr in dessen Renommistereien, als in die Arbeit vertieft. Die Folge davon war, daß ich selbst verunglückte. Denn beim Zuhören wollte ich einmal mit der Hand den Treibriemen von der leeren auf die volle Scheibe leiten, als plötzlich mein Unterarm in das im Betrieb befindliche Gangwerk geriet. Der Hobelstahl riß mir dabei das Armfleisch in seiner ganzen Breite auf. Glücklicherweise war es nur ein Stahl zu den kleinen Pilzknöpfen. Aber seine Spuren habe ich heute noch im rechten Arm. Auf den Rat des alten Naundorf, des Vaters des einen Chefs, lief ich sofort nach dem unweit vorbeifließenden Limmitzbach, spülte die Wunde mit reinem fließenden Wasser, was am besten sei, und legte dann Heftpflaster darauf. Zum Arzt wollte ich nicht gehen, denn dieser hätte »genäht«, und davor hatte ich allen Rekord. Allerdings nahm nun auch die Heilung längere Zeit in Anspruch, als im letzteren Falle. Da waren plötzlich einmal keine »Pilze« mehr zu hobeln und ich kam mit in den Fabriksaal, Vierlochknöpfe mit Ringen zu löchern. Das war wieder ein großer Nachteil für mich, denn ich mußte nun wieder den Generalkalfaktor abgeben. Abschlagen konnte ich es den Arbeitern nicht gut und meine Bereitwilligkeit wurde wieder so ausgenutzt, daß ich jeden Tag 2 Stunden nach Zukostspeisen[108] und Getränken umher lief, ohne irgend welchen Genuß dafür zu haben. Wenn dann die Arbeit nicht klappte ? und mit den kleinen schwachen Bohrern hatte man manchen Verdruß ?, so war ich Sonnabends beim Lohnauszahlen immer am schlechtesten dran. Einmal hatte ich das Unglück, 7 solcher schwachen Bohrer abzubrechen, was lediglich auf den Umstand zurückzuführen war, daß der Werkführer Schmidt diese zu stark gehärtet hatte. Natürlich wollte er nichts davon hören, und ich erhielt meine Entlassung. Ich bekam glücklicherweise gleich wieder Arbeit in der Regulatorgehäusefabrik von Jähler, und wurde mit Grundpolieren der verschiedenen fournierten und unfournierten Bretter beschäftigt. Auch hier war meines Bleibens nicht lange. Ich erhielt nur 3,50 Mark Lohn, und das konnte nichts sein, da ich zu Hause 3,50 bis 4 Mark Kostgeld bezahlen mußte. Nach 3 Wochen »warf ich daselbst den Sack«. Aber einen kuriosen Zwischenfall muß ich aus dieser »Bude« doch noch erzählen. Es arbeiteten da einige Tischlergesellen im Vorderhause. Diese leimten nur Fourniere auf. Da war ein Österreicher Namens Wolf mit dabei, und unter den übrigen ein gewisser Hugo Schütze. Von letzteren werden wir später noch mehrmals sprechen müssen. Da bekamen eines Tages die Leute keinen Leim zu stande. Schließlich kam Schütze auf den Gedanken, daß dem ein Schabernack zu Grunde liegen müsse und zwar sollte der Österreicher, der die übrigen nicht leiden konnte, weil sie im Akkord mehr wie er verdienten, ein Stück Seife in den Leim geworfen haben. Zum Unglück war es gerade Montag, wo die Köpfe vom Sonntag her noch nicht ganz klar zu sein pflegten. So ging denn auf einmal ein toller Skandal los, daß es im ganzen Betriebe zu hören war. Schließlich kam daraus noch eine solenne Schlägerei zu stande und an dem »Wenzel« wurden mehrere Latten entzwei geschlagen. Die Folge davon war aber, daß Schütze und noch ein anderer »Feierabend erhielten«. In dieser Regulatorgehäusefabrik war übrigens der Dünkel unter den Arbeitern so stark, daß sie unsereinem überhaupt nichts zeigten, sogar die jungen Mädchen rümpften die Nase, wenn sich so ein Junge erkühnte, sie nach irgend etwas, was die Arbeit betraf, zu fragen. Nur der Werkführer[109] Brauer und ein älterer Tischlergeselle Knöbel erklärten mir die Geheimnisse der Holzpolituren genau. Als ich dort aufgehört hatte, fing ich, und zwar sofort am nächsten Tage, in der Lehmannschen Knopffabrik wieder als Aufleger beim Besenmelierer an. Die verehrlichen Leser werden nach alledem einen schlechten Eindruck von mir empfangen, weil ich gleich im Anfange meiner Laufbahn die Arbeit so häufig wechselte. Das ist aber so, wenn man keinen ständigen Beruf hat und immer nur ein Trinkgeld als Lohn erhält. Man sucht sich zu verbessern, kommt aber oftmals aus dem Regen in die Traufe. Ich habe später aber 6 und 7 Jahre hintereinander in einer und derselben Fabrik gearbeitet. Die Fabrik von Lehmann hatte außer dem Färber noch 3 Melierer, den Kastenspritzer Thomas, den Mundspritzer Junghanns und den Besenspritzer Hantschel. Jeder von den dreien hatte seine besonderen Aufleger. Ich wurde der Abteilung Hantschels zugeteilt und sollte im Akkord arbeiten. Bei Hantschel waren aber außer mir nur Mädchen als Aufleger beschäftigt und zwar meistens über 20 Jahre alte. Wenn diese auf Arbeit kamen, war es mir das Peinlichste, daß sie sich ganz ohne Scheu vor mir 15jährigen Burschen und dem etwa 30 Jahre alten, noch ledigen Spritzer auszogen, das Korsett ablegten und in die Arbeitskleidung schlüpften. Nun war aber auch ein schwangeres Mädchen darunter, die sich ebenso umkleidete. Ich schaute damals jedesmal weg und zum Fenster hinaus. Das Schlimmste aber war die Unterhaltung, denn bei der Arbeit wurde natürlich den ganzen Tag über erzählt. Ich habe einmal in einem humoristischen Blatte den Satz gelesen: 3 Gänse und 5 Weiber machen einen Jahrmarkt. Hier machten aber diese 4 im Alter von 20?25 Jahren stehenden Mädchen noch mehr als einen Jahrmarkt aus. Hundert und mehr Dinge standen da an einem Tage auf der Tagesordnung. Selbstverständlich wurden auch unsittliche Gespräche in Menge geführt. Ich bekam da Dinge zu hören, die ich nie in meinem Leben gehört hatte, trotzdem ich mich nie an der Unterhaltung beteiligte. Die Schwangere war die Schlimmste darunter. Aber dem Spritzer paßte das, trotzdem er zu[110] jener Zeit schon so kränklich war, daß er auf dem letzten Loche pfiff. Er stammte aus Böhmen und war noch dazu ausgewachsen. Mit dem war ich in der ersten Zeit übrigens ganz gut daran. Denn er war nicht ganz ungebildet. So fragte er mich eines Tages, ob mir die Lebensgeschichte des Nazareners bekannt sei. Ich bejahte natürlich, soweit es auf biblischer Grundlage beruhe. Da erzählte er mir dann von der Essayersekte, die zur Zeit der Geburt Christi in Palästina existierte und auf deren Kosten Jesus in Alexandria in Egypten und in Indien vom 12. bis zum 30. Lebensjahre studiert habe. Die Himmelfahrt sei nur eine Komödie gewesen, an diesem Tage habe starker Nebel geherrscht und Christus wäre auf der anderen Seite wieder den Berg hinunter gelaufen. Von den Essayern sei er in eine unwirtliche Gebirgsgegend am toten Meere gebracht und dort lange Jahre noch als Einsiedler am Leben erhalten worden. Es sei ferner erwiesen, daß die christliche Lehre eine Unmasse Stoff dem Buddhismus entnommen habe. Später habe ich selbst einmal in Schopenhauers »Parerga und Paralipomena« ähnliche Ausführungen gelesen. Soweit also mochte der Spritzer sympathisch erscheinen; wenn man ihm aber widersprach und die Sache besser verstehen wollte, so war er unausstehlich. Er kanzelte mich dann ab, daß es eine Art hatte. Es fehlte nur noch, daß er mir die Farbentöpfe an den Kopf warf. Wie ich schon bemerkte, hatte ich mich im »Älteren Turnverein« der Zöglingsriege angeschlossen und in dieser war der Mundspritzer Junghanns Vorturner. Ich fragte denselben während einer Turnstunde, ob ich nicht mit bei ihm auflegen könne und erzählte ihm auch gleich den Grund. An diesem Tage hatte mich Hantschel wieder einmal gehörig heruntergeputzt, weil ich den Befehl eines der Mädchen nicht ausführen wollte. Junghanns meinte da, »der Kerl sei ja verrückt. Natürlich müsse er auf seine Weibsen halten, denn die besuchen ihn ja früh Morgens in seiner Kammer, wenn er noch im Bett liegt.« Ich redete am Tage darauf mit dem Chef und konnte bei Junghanns antreten. Da verdiente ich auch bedeutend mehr als bei Hantschel. Nach einiger Zeit hatte ich einmal sogar 10 Mark in der Woche verdient. Dieser Betrag war dem[111] Unternehmer aber zu hoch, und er reduzierte den Akkordlohn. Ich hätte deshalb trotzdem dort weiter gearbeitet, wäre nicht etwas anderes dazwischen gekommen. Wir hatten nämlich in jenem Sommer auch 2 Ziegeleiarbeiter mit im Quartier. Beide stammten aus Kayna bei Zeitz und marschierten an jedem Sonnabend nach Hause. Der eine von ihnen war Ziegelstreicher, der andere Lehmmacher. Diese beredeten mich, doch mit in der Ziegelei zu arbeiten: Ich verdiene dort keine Woche unter 12 Mark. Für 12 Mark Wochenlohn garantierten sie mir; wenn ich für sie abtragen würde, könne ich sogar noch mehr verdienen. Obgleich ich nun die Ziegeleiarbeit für die niedrigste Beschäftigung hielt, stachen mir die 12 Mk. als kaum 15jährigen Burschen doch in die Augen, und ich nahm den Vorschlag an. Am ersten Tage mochte die Arbeit sein. Da mußte ich mit 2 böhmischen Mädchen Steine wenden, damit diese auch auf der Seite trocknen konnten. Am 2. Tage kam ich zum Abtragen, da war aber bald »Been ab«. Ich konnte kaum mitkommen: Um 5 Uhr früh war Arbeitsanfang. Um 8 Uhr, zum Frühstück, war ich schon müde zum Umfallen. »Da trink einmal Schnaps,« sagte der Streicher. »Wenn ich während der Arbeit einmal Schnaps trinke, so ist es mir, als trete ich neu ein,« fügte er noch hinzu. Am Mittag war ich ganz zerschlagen. Während sich die Streicher und Lehmzurichter mit den böhmischen Mädchen, gleich spielenden Hunden, im Grase herumbalgten, schlief ich ein. Wie der Nachmittag verschwunden ist, weiß ich gar nicht. Ich glaube aber keine Nacht je vorher schlief ich so fest wie die folgende. Am andern Morgen um 4 Uhr war es mir gar nicht möglich, aufzustehn. Doch erzwang ichs. Wir hatten über 1/2 Stunde nach der Ziegelei zu laufen. Mich fröstelte, als ich an diesem frühen Augustmorgen, dort angekommen, an den Streichtisch trat. Der Streicher hatte schon um 4 Uhr angefangen. Er wollte diese Woche gegen 15000 Stück liefern. Für das Tausend gab es 4,20 oder 4,30 Mark; ich kann es heute nicht mehr genau sagen. Allerdings mußte er davon noch den Lehmzurichter bezahlen. Eine ziemliche Anzahl Steine waren schon fertig. Ich sollte bis Frühstück nachkommen. Als ich die ersten aufhob, schmerzten mir alle Glieder. Doch ich bezwang mich abermals.[112] Am Mittag war ich gänzlich erschöpft. Da sagte der Streicher selbst zu mir: »Es ist am besten, Du hörst auf, Du bist zu schwach zur Ziegeleiarbeit.« Ich ging zum Ziegelmeister und verlangte meinen Lohn. Für die 2 1/2 Tage Arbeit erhielt ich 6,90 Mark, für mein damaliges Alter gewiß ein ganz annehmbarer Lohn. Aber was nutzte der, wenn ich der Arbeit nicht gewachsen war? Ohne erst nach Hause zu gehen, erhielt ich gleich in der an der Coßwitzmühle liegenden Knopffabrik »Burkhardt, Naundorf und Co.« als Aufleger Beschäftigung und fing dort sofort an. Wir waren hier nur 4 Aufleger im Ganzen, 2 ältere Mädchen und 2 Burschen. Hier kam ich eigentlich erst mit dem vorerwähnten Mäscher in ganz engen Verkehr, denn das war mein Nebenkollege. Der Färber hieß Leithäuser. Er ging stets elegant gekleidet, trug einen Kneifer und benutzte in seinen Reden sehr viel englische Brocken, um zu beweisen, daß er 2 Jahre in England gearbeitet hatte. Als Spritzer für alle 3 Arten fungierte Jakob, der aber nur 5?6 Jahre älter als wir war. Im Nebenraum befand sich eine Sandspritzerei. Dort werden die Knöpfe in Schablonen gelegt. Auf den freien Raum wird in einem Kasten, der mit Glasfenster versehen ist, durch starken Luftdruck seiner Kiessand gespritzt, wodurch die Politur entfernt wird und der Knopf ein mattes Aussehen erhält. Der Sandspritzer war ein gelernter Bäcker, der erst letzte Ostern ausgelernt hatte und von seinen drei Jahren Lehrzeit gerade soviel fertig gebracht hatte, daß er in die Knopffabrik ging. Der war nicht nur altklug, naseweis und spitzfindisch, sondern auch schlecht. Er hatte rote Haare und stellte den Kontor-, Auflege- und Auslesemädchen und-Frauen nach. So war eines Tages die Direktrice, eine erst vor kurzem verheiratete Frau aus Kleinstöbnitz, bei den Kontor- und Auslesemädchen in der Färberei. Kaum hatte das der Bäcker gemerkt, als er auch schon zur Stelle war. Er tat nun, als suche er etwas auf dem Fußboden, ließ dabei in der Nähe der Frau einen Knopf fallen, bückte sich dann, ihn aufzuheben und machte die Bewegung, als wollte er der Direktrice mit der Hand unter den Röcken hinausfahren. Diese war eine große stattliche Erscheinung von urgermanischem Typus;[113] sie fackelte nicht lange, sondern hieb ihm kurzer Hand eine runter. Damit aber noch nicht genug, nahm der Färber Leithäuser meinen Urian beim Kragen, drehte ihn um und tauchte ihn mit dem Scheitel in den Blauholzbottich. Dadurch färbte sich sofort der obere Teil des Haupthaares schwarzblau und darum herum stand noch, gewissermaßen als Einfassung, ein Kranz roter Haare. Aber obgleich er so nun ein ganzes Jahr lang herum laufen mußte, scherte das den Burschen keineswegs. Gegen seine Großmäuligkeit war auch darnach nicht aufzukommen. Allgemein nannte man ihn die »Sonne«. Seine Hauptleidenschaft waren, wie gesagt; Weiber und auch die Karten. Sonnabends saß er schon eine Stunde nach Arbeitsschluß beim »Tippen«. Oft wurde da der halbe Wochenlohn verspielt. In der Burkhardtschen Fabrik hatten die Arbeiter sehr viel Freiheit. Mit dem einen der drei Chefs hatte der »Blaukopf« auch einmal ein komisches Intermezzo, d. h. komisch war es nur für mich, als den einzigen Zuschauer. Wie gewöhnlich wurde von diesem der Lohn in der Zählkammer ausgezahlt. Wir beide erhielten ihn in lauter kleinen Zwanzigpfennigstücken. Da fehlten beim Bäcker 50 Pfennig. Auf seine Frage, wo die 50 Pfennige geblieben seien, meinte der Chef, die seien als Strafe für eine im Laufe der letzten Woche begangene Flegelei abgezogen worden. Letztere bestand darin, daß der edle Arbeitsgenosse einem andern jüngeren Arbeiter einmal geradeweg ins Gesicht gespuckt hatte. »Was? dafür 50 Pfennige Strafe? Da können Sie auch Ihren ganzen gottverdammten Dreck behalten.« Sprachs, nahm die halbe Handvoll 20 Pfennigstücke und warf sie dem Chef vor die Füße. Nun rollten die kleinen Dingerchen unter die Säcke und zwischen die Kästen und Dielenritzen. Der Herr, der von besonders gutmütiger Natur war, lachte nur über diese Unverfrorenheit und die »Sonne« las schließlich das Geld wieder zusammen. Allerdings mit dem Resultat, daß nun 5 bis 6 der kleinen Münzen fehlten, die in die Dielenritzen gekollert waren. Auch in dieser Fabrik blieb ich nicht lange. Aber ohne meine Schuld. Noch im nämlichen Herbst brach der Konkurs über die[114] Firma herein. Nun war ich wieder arbeitslos. Doch sollte auch das nicht lange wären. Ich sollte einen neuen Beruf kennen lernen. Zu jener Zeit logierten bei uns 2 Zigarrenmacher, der schon erwähnte Bernhard Hühn und ein gewisser Kutscherra. Diese verschafften mir bei ihrem Chef Arbeit und wollten mir das Wickelmachen lernen. Ich muß sagen, daß die Zigarrenbranche eine der gemütlichsten und ruhigsten Arbeitsweisen aller Industrien ist. So viel gemütliche Unterhaltung, die sich stets in anständigen Bahnen bewegte, trotzdem auch hier Männlich und Weiblich zusammen beschäftigt wird, habe ich nirgends gefunden. Aber einen Haken hat auch diese Industrie: sie ist heute eine der schlechtbezahltesten unter allen. Ich wurde zum Beispiel die ersten 14 Tage mit »Abrippen« beschäftigt und erhielt dafür ganze 3 Mark pro Woche bei 11stündiger Arbeitszeit. Später, als ich das Wickelmachen erlernte, wurde es auch nicht mehr. Gehen doch da alte, in der Branche grau gewordene Roller mit 7?9 Mark Wochenlohn nach Hause. Ich habe später in der Lungenheilanstalt allerdings auch Zigarrenmacher getroffen, die 20?24 Mark in der Woche verdient haben wollten. Solche Löhne wurden aber nicht bei Hofmann in Schmölln gefunden. Da war einer vom Lande, den das rechte Bein amputiert worden war, der hatte das Wickel- und Zigarrenmachen gelernt und war froh, wenn er auf 9?10 Mark die Woche kam. Ein Weißenfelser kam ja auch auf 15?16 Mark, aber der machte auch dafür nur die bessern Sorten, wie z. B. Brasil-, Cuba- und Habannadecker, während die übrigen nur Java- und Sumatradeckblatt zu verarbeiten kriegten. Gewöhnlich wurde bei der Arbeit gesungen. Männlich wie Weiblich, alt wie jung summte mit. »An der Saale hellem Strande«, »Schatz, mein Schatz, gehe nicht so weit von hier«, »Auf Hohenzollerns steilen Felsen, wo unverzagt die Eintracht ruht« und »Bei Sedan auf den Höhen, da stand nach blutiger Schlacht, in der letzten Abendstunde ein Sachse auf der Wacht«, »Ein Müller wollte früh aufstehn, seine Felder zu besehen« standen auf dem täglichen Repertoir. Dazwischen erzählten dann die vielgereisten »alten Kunden« ihre »Tippelei« geschichten, und obgleich diese schließlich immer auf die gleichen Erlebnisse herauskamen,[115] waren sie doch mannigfaltig, daß man nie müde wurde, zuzuhören. Wie gesagt, wenn der Lohn besser gewesen wäre, die Arbeit hätte mir gefallen. In den ersten Tagen brachte ich natürlich schöne Gurken von Wickeln fertig; die waren an einer Stelle dünn, an der anderen stark. Ich hatte das zur richtigen Verteilung nötige Gefühl noch nicht in den Fingern. Nun fehlte es so schon immer bei uns zu Hause am Gelde. Wenn ich da der ohnehin ganz abgesorgten Mutter, die sich inzwischen aus Gram und Sorge um den Verlust ihres kleinen Vermögens und die Stelle des Vaters ein Lungenleiden zugezogen hatte, jede Woche einen Fünfziger zum Taschengeld abbetteln sollte, hatte ich selber Ärger und Mißmut, denn ich aß doch mehr als für 3 Mark die Woche hindurch, mußte mich also auf anderer Leute Kosten mit durchschleppen lassen. Da suchte in jenen Tagen der Kommerzienrat Donath Maschinenlöcherer, wie ein bei uns wohnhafter junger Bursche aus dem Mülsengrund, der bei Donath arbeitete, mir mitteilte. Ich frug an, und wurde eingestellt. Niemand war froher als ich, endlich bekam ich wieder einmal ein paar Groschen Geld in die Hände. Es gab freilich nur 1 1/2 Pfennig für 170 Stück Knöpfe zu löchern, aber 8?9 Mark wurden es in der Woche doch immer. Ich arbeitete also nun in der größten von den zu damaliger Zeit bestehenden 26 Knopffabriken Schmöllns. Neben mir hatte ich einen Maurer als Nachbar, der in dem Löchern Winterarbeit gefunden hatte. Dann war noch ein gewisser Cramer in der Nähe, der mit mir konfirmiert worden war. Dieser kochte sich fast zu jedem Frühstück und Vesper Grog. Es wurde da Wasser im Kaffeekrug geholt, ein Eisen in der als Härteapparat dienenden Feldschmiede glühend gemacht und solange ins Wasser gehalten, bis es zum kochen kam, dann wurde Rum und Zucker zugegossen und in 5 Minuten war die Geschichte fertig. Eines Tages lief ich gerade dem alten Kommerzienrat in den Weg, er hielt mich an und indem er sich den Rücken im Gewände einer Durchgangstüre rieb, fragte er: »Nun, Bromme, was macht denn Dein Herr Vater jetzt?« Als ich ihm lakonisch entgegnete »Holzschuhe«, meinte er: »Na, der hat es nicht anders haben wollen.[116] Der hat wider den Stachel löken wollen und das darf nicht sein!« Ich erwiderte nichts mehr. Etwa 14 Tage später erkrankte ich so schwer, daß ich einige Wochen das Bett hüten mußte. In dieser langweiligen Zeit hatte ich keine andere Zerstreuung, als ein von Ernst Dietzmann geschenktes Buch über »Amerikanische Jagdgeschichten«, das habe ich eifrig studiert und wohl 3 oder 4 mal durchgelesen. In den Abendstunden las gewöhnlich Paul Bauer aus einem Schundroman vor. Erst kaum Rinaldini dran. Nach Rinaldo wurde die »Waldmühle an der Tschernaja« vorgenommen. Ich bekam die Schandtaten des russischen Prinzen Kasanky, wie er in seinen unterirdischen Verließen die Leibeigenen halb- und ganz tot peitschen und knuten ließ und die ewigen Kämpfe mit den Wölfen mit der Zeit satt; doch konnte ich diese Vorlesungen niemals ausrotten. Unsere Logisleute, ja sogar Vater und Mutter, hatten einmal ihren Narren daran gefressen. Allmählich ließ ich mich dann auch selbst herbei, vorzulesen, denn je länger ich in der Fabrik und je ungebildeter der Verkehr mit den Kollegen war, desto mehr vergaß ich meine gute Schulbildung. Anstatt mich weiter zu bilden, kam ich selbst zum Schundroman und las Abends vor. »Die schwarze Maske« war mein erstes Debüt. Dann kamen die »Totenfelder von Sibirien« an die Reihe. Eine wahre Schauergeschichte, in der das Haus Romanow natürlich nicht gut wegkommt, denn der Held des Romans ist Michael Bakunin, und ein deutscher Edelmann Hugo von Pahlen, der Nihilist war, weil dessen Schwester von einem Großfürsten entehrt wurde. So ging das fort, bis mir eines Tages Lassalles Reden und Schriften in die Hände fielen. Diese las ich nicht nur, nein, ich verschlang sie. Mit einem Male hatte ich den richtigen Weg für meine Lektüre gefunden. Alles andere war seitdem gewesen. Doch ich kehre wieder zu meiner Krankheit zurück. Damals war unser Hauswirt soweit fertig geworden, daß sein Konkurs vor der Türe stand. Sein Bruder übernahm das Geschäft; er selbst kaufte ein kleines Häuschen in der Nachbarschaft, das zur Subhastation stand. Wir zogen mit hinüber, konnten aber dort nur noch 3 Kostgänger behalten. Zu jener Zeit ging bei meinem Vater die Arbeit[117] schlecht. Er mußte jetzt Pantoffeln nageln, weil die Geschäfte mit Holzschuhen gar nicht gingen, und verdiente deshalb wenig. Da hatte nun meine Mutter große Not, um auszukommen. Es reichte weder hinter noch vor, und wegen des elenden Mammons kam es nun zwischen den Eltern oftmals zum erbittertsten Streit. In meiner Ehe ist es ja nicht viel anders geworden. Eines Sonntags Nachmittags, als die Logisleute mit Ausnahme Bauers ausgegangen waren, brach wieder einmal so ein ehelicher Sturm aus, wobei sich die Eltern gegenseitig die schwersten Vorwürfe machten. Die Mutter hielt dem Vater seinen Leichtsinn wegen der Geschichte mit dem Kaufmannsjungen vor. »Hätte er dem Bengel lieber ein paar Schellen gegeben, als dieser ihm mit dem verfluchten Anerbieten nahte. Außerdem hätte er sich nicht öffentlich an der Parteibewegung beteiligen sollen, auch das Amt als Krankenkassenkassierer der Hamburger Tischlerkrankenkasse sei für einen Bahnwärter nicht gerade geeignet gewesen. Kurz und gut, hätte er vorsichtiger gehandelt, wäre es nicht soweit gekommen und man stände sich besser als jetzt. Auch gegen die Hauskaufgeschichte sei meine Mutter gewesen, aber da mußte sich gleich angekauft werden. Hätte er ihr gefolgt und sich aus diesem Dreckneste versetzen lassen, so wäre er zwar in ein andres Drecknest gekommen, aber ihr Geld wäre dann noch da gewesen und der Kummer, die Not und die Sorge ihr erspart geblieben. Nie in ihren Jugendjahren sei ihr einmal der Gedanke gekommen, daß es ihr einst so gehen würde.« So machte sie einmal ihrem Herzen Luft. Aber unterdessen war die Zornesader an der Stirn des Vaters fingerdick angeschwollen. Ich entsetzte mich, als ich ihm ins Gesicht blickte. Er stand auf, stürzte auf die Mutter zu und schlug sie mit der geballten Faust ins Gesicht, daß sie in die Kniee sank. »Was, Du Schlange? Du Kröte? Du willst mir Vorwürfe machen?« Ein neuer Schlag sauste auf den anderen Backen nieder. Ich wollte dazwischen stürzen. Allein hätte ich es gewagt, so hätte mich der Vater in seinem Jähzorn zermalmt. Mein kleiner Bruder Felix wandte sich ab und weinte. Die Mutter aber war außer sich. Sie sprang auf und wollte ins Wasser. »Das sei wohl der Dank für ihr ganzes Leben, ihr jahrelanges Leiden, um meines[118] Vaters willen?« ? Aber er war noch nicht beruhigt. »Halte das Maul! Du Drachen! Du mit Deinen ewigen Nörgeleien und Quälereien, mit Deinem Räsonnieren und Quarulieren. Jetzt hab ich es einmal satt! und jetzt ist Ruhe!« Und er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß dieser in allen seinen Fugen krachte. So blieb nichts übrig: wir mußten wieder mehr Aftermieter nehmen, sollte es einigermaßen erträglich sein, 5?6 mußten es sein, sonst war es gar nichts. Ein Glück nur, daß meine Mutter einer Familie entstammte, wo es nicht an Betten fehlte. Wir haben an die 12 Betten gehabt wenn ich nicht irre. Das wußten wir aber nicht zu schätzen. Heute, wo ich 6 Kinder habe und erst seit kurzem 3 Betten, in denen also eine achtköpfige Familie schlafen muß ? heute denke ich manchesmal: Hätte doch Dein Vater mehr auf die Betten gehalten, dann könntest Du leicht noch etwas haben, denn mir fehlt jetzt noch eine Decke und dabei sind bei meines Vaters zweiter Verheiratung die Federn weggeworfen worden! Nun konnten wir aber in der damaligen Wohnung nicht mehr Leute betten, deshalb zogen wir bald in das neugebaute Haus des Bäckers Viertel. Dort hatten wir reichlich Platz. Wir hatten das halbe Parterre, in der ersten Etage eine Stube für den aus dem Rheinland zurückgekehrten Syrbe, der jetzt außer seinem Sport, Gedichte zu machen, noch das halbe Zimmer voll Topfpflanzen pfropfte, und auf dem Oberboten hatten wir auch noch 2 Bodenkammern, die »belegt« wurden. Außer Bauer, Müller, Adam und Syrbe waren noch 2 junge Burschen und zwar der ehemalige Hausknecht und der ehemalige Kellnerbursche aus dem Hotel zur Wartburg da, die beide in die Knopffabrik gingen. Denen hatte sich dann bald noch einer angeschlossen, ein Drechsler Namens Roscher aus Rumburg in Böhmen, allgemein der Galizier genannt. Dieser war nun eigentlich nicht mehr unter die Menschen zu rechnen. Ein alter Pennbruder und Alkoholiker, weiter war er nichts. Er wollte verheiratet sein und seine Frau sollte sich im Krankenhaus befinden. Arbeiten aber konnte er tüchtig. 20?23 Mark verdiente er jede Woche; aber das meiste davon wurde in Spiritus umgesetzt. Dabei hatte der Kerl fortwährend Auswurf, der immer gleich in die Stube gespuckt wurde.[119] Amazon.de Widgets »Hallo, wieder ein halber Lungenflügel,« sagten die andern Logisleute. Das rührte den aber nicht, der schmetterte fort. Er konnte besser schnattern wie ein Hökerweib. Wenn wir des Sonntags einmal spazieren gingen und, um nicht hochmütig zu sein, ihn mitnahmen, so schnorrte er auf der Straße die Leute an. »Ich bin Fremder, erst zugereist ? noch kein Schlafgeld.« Erhielt er dann etwas, so sagte er höchstens: »Entschuldigen Sie, mein Lieber.« Am ersten Pfingstfeiertage des Jahres 1888 litt mein Vater an einem Unwohlsein. Es war der Anfang einer langjährigen Krankheit, in deren Verlauf ihn die Ärzte mehrmals aufgegeben hatten, und die meiner Mutter viel Sorgen und viel Kummer verursachte. Am andern Tage wurde der Arzt geholt. Er konstatierte Gelbsucht. Woher kam diese Krankheit? Sie konnte nur vom Holzschuhnageln kommen. Die Pantoffel werden auf dem linken Schenkel genagelt, aber die Holzschuhe klemmt man zwischen die Kniee und stemmt sie gegen den Magen. So hält der Schuh fest und die Arme sind frei zum Nageln. Selbstverständlich bekommt dadurch der ganze Körper eine kauernde Stellung. Mein Vater, der sein ganzes Leben in Gottes freier Natur, in ungezwungener natürlicher Körperhaltung zugebracht hatte, hatte sich durch diese sitzende kauernde Stellung und den fortwährenden Druck auf den Magen dieses tückische Leiden geholt. Eines Abends nach etwa vierwöchentlichem Krankenlager, nahm der Arzt meine Mutter beiseite und flüsterte ihr zu: »Frau Bromme, machen Sie sich auf das schlimmste gefaßt.« Sie weinte trotz allem vorangegangenen Streit. Jetzt, nachdem er uns noch nicht einmal zwei Jahre lang wiedergegeben war, sollte er sterben. ? ? ? Der ärztliche Schluß hatte sich jedoch als falsch erwiesen. Es trat keine Krisis ein, aber die Krankheit zog sich hinaus; die Kunst des Arztes konnte nichts tun. Da lasen wir eines Tages in irgend einer Zeitung, daß ein Spezialist Dr. Mahler in Nymwegen (Holland) brieflich Gelbsucht heilte, wenn ihm die Krankheitsgeschichte eingesandt würde. Ich verfaßte selbige und sandte sie an den Herrn ab. Nach etwa 8 bis 10 Tagen bekamen wir plötzlich eine Vorladung zum Amtsgericht. Auf der Zollabteilung lagere ein Päckchen Medizin. 25 Mark mußten wir Nachnahme inkl. Zoll[120] bezahlen. Fünfundzwanzig Mark ? für unsere Verhältnisse nach etwa dreimonatlicher Krankheit meines Vaters eine schier unerschwingliche Summe. Doch was tut man nicht, um das höchste menschliche Gut, die Gesundheit wieder zu erringen? Wir mußten uns einen Teil des Betrages zur Einlösung leihen. Die Medizin bestand in Pulver, das zu einem gewissen Quantum täglich zweimal in heißes Bier geschüttet und mit Zucker aber ohne Milch genossen werden mußte. Und die Wirkung? Selbstverständlich null. Ja, im Gegenteil, das Leiden verschlimmerte sich noch. Wir waren einem Charlatan in die Hände gefallen. Inzwischen hatte ich mich bei dem vielgeliebten Kommerzienrat wieder »dünne gemacht« und als Polierer Arbeit bei Friesleben und Lange angenommen. Dort traf ich auch wieder mit der »Sonne« zusammen, ließ mich aber gar nicht mit ihm ein. Neben unseren Arbeitsbänken liefen die Löchermaschinen, die von Mädchen und Frauen bedient wurden. Hinter mir saß ein Gößnitzer. Er war 2 Jahre älter als ich und auf dem Georgen-Marienstift und Rettungshaus Schnauderhainichen bei Meuselwitz erzogen worden. Dieser rauchte den ganzen Tag von früh bis Abends Zigarren, das war in den Schmöllner Knopffabriken erlaubt. In jeder Fabrik handelten 1 oder 2 Mann mit Zigarren. Die Woche über pumpen sie den Leuten, und Sonnabends wurde bezahlt. So machten es auch die Budiker mit Wurst, Schnaps, Bier und Käse; denn vor jeder Fabrik war auch ein Kramladen anzutreffen. Damals existierte in Schmölln das »Blaumachen« in schrecklicher Weise. Montags waren die Fabriken immer halb leer, die Kneipen aber voll. Vor jeder Fabrik saß nämlich auch noch eine Kneipe. Es kam dann vor, daß der Werkführer, wenn er einem »Blaumacher« besonders mißgesinnt war, diesem den Treibriemen für seine Maschine wegnahm. Kam dann der Betreffende an seinen Arbeitsplatz, so konnte er nicht arbeiten, und mußte in den meisten Fällen überhaupt aufhören. Dabei fällt mir gleich ein recht drastischer Fall aus der Frieslebenschen Fabrik ein. Ein alter »Abschneider« Wagner machte dort Montags auch stets blau. Zum Frühstück begab er sich dann in die Langesche Restauration und kam vormittags selten wieder[121] heraus. Erst nach 12 Uhr ging er gewöhnlich wieder an seinen Platz, um wenigstens seinen Rock fürs Mittagsessen zu holen. Da hatte nun ein gewisser Kurze eine größere Kohlrübe mit in die Fabrik gebracht. In diese schnitt er ein Gesicht, packte einige Kästen und Kasten auf den Schemel Wagners, setzte die Kohlrübe darauf, und hing seinen Rock um die ganze Figur herum. Auf die Rübe wurde ein alter Hut gestülpt, die Rockärmel ausgestopft und entsprechend gelegt. Von hinten sah das Ganze aus, als ob ein Mann in voller Arbeit begriffen dort säße. Nun mußte ein Junge nach der Langeschen Restauration springen und dem Wagner ins Ohr flüstern: »Franz, Deine Bank ist besetzt.« Da konnte man dann etwas sehen. Wie ein Wütender kam der Alte angestürzt. Hinter der Figur blieb er stehen und schrie sie an: »Weg von meiner Bank.« Als aber dem Befehl keine Folge gegeben wurde, gab er der Gestalt einen Stoß in die Seite und die ganze Herrlichkeit stürzte in sich zusammen. Die ganze Fabrik aber wälzte sich vor Lachen. Allzulange war ich aber auch in dieser Fabrik nicht beschäftigt. Der Weg war zu weit, und ich bekam Arbeit gleich gegenüber unserer Wohnung angeboten, und zwar in meiner ersten Arbeitsstelle bei Schramm und Co. Allerdings nicht mehr bei dem Färber Heinrich, der war längst nicht mehr da, sondern ich mußte hobeln, polieren und rändieren. Das gefiel mir auch ganz gut. Ich hatte zwei gute Nachbarn. Der eine war Ernst Naumann, der im Herbst zur Artillerie eintreffen sollte, ein starker stämmiger Bursche, der als Bäcker gelernt hatte. Schon als Lehrling beim Mehlabladen trug er 2 volle Säcke 2 Treppen hinauf und in den Turnstunden des älteren Turnvereins warf er die schwersten Hanteln wie Spielzeug umher. Im Umgang war es eine Seele von einem Menschen. Wollte ich etwas wissen, so erklärte er mir alles. Leider ist dem armen Kerl im selben Jahre sehr schweres Unheil passiert. Es war am Sedantag, der unglücklicherweise auf einen Montag fiel. Naumann hatte mit einigen Freunden blau gemacht und Abends einen Ball in der »Wartburg« besucht. Auf dem Nachhauseweg hatte er einen vollgepropften alten Revolver in der Tasche; denn es war allgemein üblich, daß an diesem Tage mit Schlüsselbüchsen, Revolvern[122] und allem Möglichen geknallt wurde. Als der »schwarze Steg« passiert war, hatte er sich mit einem der Burschen herumgeschuppst und plötzlich ist der Revolver losgegangen und hat dem Naumann das Kinn und die Zunge gespalten. Am andern Tage hat man noch Zähne an der Unfallstelle gefunden. Ein Beweis von den starken Nerven des Burschen ist, daß er noch etwa 450 Meter weit nach Hause lief, seine Mutter herauspochte und den Arzt holen ließ. Er hat lange, wohl 2 Jahre, zugebracht und dann konnte er nicht mehr sprechen, nur murmeln. Auch mit dem Militär hatte er deshalb noch Schererei; denn weil er mit einem Mädchen bereits 3 Kinder hatte, glaubte die Militärbehörde, er habe sich durch die Verstümmelung vom Dienst befreien wollen. Doch war dieser Verdacht ganz haltlos. Er hätte wirklich gern gedient. Schließlich gab sich die Behörde auch zufrieden. Der andre Nachbar hieß Conath. Der war etwa 30 Jahre alt und schon längst verheiratet. Er redete mir stets zu, recht fleißig zu arbeiten und mich nicht um andere Leute zu kümmern. »Wer Faxen machen will, den lasse welche machen, Dich brauchen sie nicht dabei.« Dann nahm er mich auch einmal beiseite und sagte, daß er in dieser Fabrik die jungen Burschen schon mehrmals bei der Selbstbefleckung angetroffen habe. Mehrere Male habe er welche in der Bedürfnisanstalt und mehrmals auch oben hinter den Säcken oder hinter dem Kessel im Maschinenhaus beobachtet. Gewöhne Dir das ja nicht an, mein Junge, sagte er, das hindert das ganze menschliche Wachstum und wenn Ihr dann einmal 29?30 Jahre alt und verheiratet seid, so habt Ihr die Schwindsucht, müßt sterben und laßt unermeßliches Elend in Euren Witwen und Euren unschuldigen Waisen auf der Welt zurück. Ich habe später oftmals mit Dank an den Mann gedacht, und mir gesagt, wenn alle so dächten, würde es ältere und gesündere Leute auf der Welt geben. Der Werkführer Ernst Rohloff war mein nächster Vorgesetzter. Er war gewiß nicht grob und brutal, doch hatte auch er seine Mucken. Und er hat mich schließlich auch aus der Arbeit gebracht. Nach ungefähr einem viertel Jahre versetzte er mich an die Stanze. Dort arbeiten in andern Fabriken immer nur erwachsene und verheiratete[123] Männer. Hier kam nun ich an diese Arbeit, mußte dieselbe Arbeit leisten wie Erwachsene, bekam aber natürlich weniger für jedes Gros Knöpfe, als diese. Das war ja wohl auch der Zweck der Versetzung gewesen. Wo andre mit 5 Pfennigen entlohnt wurden, bekam ich nur 3 Pfennige. Ich habe trotzdem in diesem Jahre mehr verdient als wie vor- und auch lange Zeit nachher. Allerdings mußte ich dabei auch sehr oft des Sonntags bis Nachmittags 4 Uhr arbeiten, obgleich ich damals und bis auf den heutigen Tag ein Feind aller Überstunden gewesen bin. Wenn ich dann Sonntags arbeitete, war ich ganz allein in der Fabrik. Ich bekam den Schlüssel, weichte mir in der Färberei meine Knöpfe ein und arbeitete dann darauf los. Manchmal, wenn ich es satt hatte, ging ich nach Hause und holte den Paul Bauer; dann stanzte der einmal eine Stunde lang, obgleich er gar nicht in die Fabrik gehörte. Die Stanze stand wieder in der Maschinen-Löcherei. Wir waren 5 bis 6 Mädchen und Frauen und ich Bürschchen. Das jüngste Mädchen war 19 Jahre und die war auch noch schwanger. Auch diese Mädchen zogen sich ganz ungeniert vor mir aus und legten das Korsett ab. Die Schwangere stellte sich oft zu mir und schwatzte mit mir. Sie stemmte dabei gewöhnlich das eine Bein auf den Schemel, hob den Rock und machte sich das Strumpfband fest. Es war ein großes, starkes Ding, die ein paar Beine wie ein paar Wasserkannen hatte und ich wunderte mich über sie, daß sie das alles so ungeniert machte. Einmal hörte ich die andern Mädels unter sich von ihr erzählen, daß sie in der vergangenen Woche einen erst aus der Schule entlassenen Burschen mit im Bett gehabt habe. Da verachtete ich sie, wußte aber auch, warum sie immer mit mir anbandelte. Ich sollte schon oft des Abends einmal hinter den Hainanger kommen, wo sie logierte. Auch zum Vesper begab ich mich gewöhnlich nach Hause, weil wir ja gleich gegenüber wohnten. Da war eines Tages eine rheinländische Handelsfrau mit Trikotwäsche und Regenschirmen da. Diese schwatzte und quälte, ich solle doch nur etwas kaufen. Immer entgegnete ich, daß ich kein Geld hätte; da sagte sie, ich bekäme gegen eine Anzahlung von 1 Mark soviel ich wolle. Ich ließ mich[124] auch betören, nahm einen Regenschirm, bisher hatte ich noch keinen besessen, drei Normalhemden und ein Sommertrikot zum Turnen. Als ich wieder bei der Arbeit saß, war mir gar nicht wohl zu Mute. Ich hatte die ersten Schulden gemacht. Ich überlegte weiter und war überzeugt, daß ich viel zu teuer gekauft hatte. Hätte ich bares Geld gehabt, das gerade auf einen neuen Anzug drauf gegangen war, hätte ich höchstens ein Hemd gekauft; denn mit Geld bin ich immer etwas zäh gewesen. Es nutzte aber nun alles Nachdenken nichts mehr. Jetzt hieß es eben tüchtig schuften, und wenn jetzt einer kam und wollte sich mit mir unterhalten, da lag mir nichts dran. Frug er, was ich mache, so entgegnete ich: »Immer noch runde«. Als aber gar die Schwangere kam und lieb tun wollte, während ich wie toll an der Maschine loslegte, frug auch sie schließlich: »Was machste denn?«, da sagte ich: »Andere, wenn die fertig sind.« Am Sonnabend darauf bekam ich denn auch 14,96 Mark ausgezahlt. Da schmunzelte ich Bürschchen und der Chef, Herr Örtel, sagte: »Ja, da lacht der Bromme, das macht Spaß!« Und unser neuer Logismann, der Pantoffelmacher Rodewald, meinte: »Junge, da kannst Du Dir aber Speck kaufen, der fehlt Dir überhaupt. Du bist so schwach. Du mußt tüchtig Speck essen.« Mittlerweile war meines Vaters Krankheit wenigstens soweit behoben, daß er wieder anfangen konnte, zu arbeiten; aber verschwunden war sie noch lange nicht. Er hat sich auch noch Jahre lang damit schleppen und ganz diät leben müssen. Drei Jahre lang aß er nur Grahambrot und trank anstatt Schnaps oder Bier mit Wasser verdünnten Rotwein. Das hat ihn schließlich doch wieder hergestellt. Damals glich er nur noch einem Schatten seines einstigen Ichs, als er zum ersten Male wieder arbeitete; aber die Unterhaltung mit den Kollegen ? Schröder Karl und der alte Sachsen Hermann arbeiteten mit ihm zusammen ? brachte doch wieder Lebensmut in ihn hinein. Und gerade damals war zum Glück eine sehr humoristisch angelegte Kolonne in seiner Fabrik. Einmal haben sie gar ein Hundediner veranstaltet. Herr Pohle, der Chef, hatte nämlich einen schönen fetten Foxterrier. Ein zutrauliches Tier, das aber die kleinen Kinder immer beleckte. Deshalb sollte der Hund[125] fort. Eines Montags, als ich zum Frühstück von der Arbeit nach Hause kam, war die ganze Pantoffelmachergesellschaft von Pohlens bei uns im Hofe versammelt. Es war ein Gerichtssitzung arrangiert worden und der Hund wurde in aller Form vom Karl Schröder zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde sofort vollstreckt. Ich konnte es nicht mit ansehen. Der Kopf des Hundes wurde in unserem Holzschuppen auf den Hackstock gelegt. Zwei Mann hielten ihn fest und nachdem ihn ein gewisser Katsch betäubt hatte, wurde mit dem Beile der Kopf vom Rumpfe getrennt. Herr Pohle selbst wollte die Prozedur nicht in seinem Hause haben, weil der Hund allen lieb gewesen war. Meine Mutter wollte zwar auch von der ganzen Sache nichts wissen, aber es wurde ihr bezahlt und sie sollte nur die Klöße machen, den Hundebraten machten ein paar Pantoffelmacher selbst fertig. Selbstverständlich war auch ein Viertel Bier zur Stelle geschafft worden. Dieses Mittagsessen vergeß ich mein Lebtag nicht. Meine Eltern und Syrbe aßen nicht mit. Meine Geschwister aber legten tüchtig mit los; ich selbst kostete nur. Ein ansprechender Handwerksbursche bekam auch einen Teller »Schöpsbraten mit Klos«. Der wunderte sich nicht schlecht und hat den Teller fast ausgeleckt. Gegen 1 Uhr war das wunderliche Diner zu Ende. Meine Mutter aber hatte mit dem Aufwaschen noch ein großes Stück Arbeit extra. In jenem Jahre besuchte ich auch die Tanzstunde. Paul Bauer hatte mich dazu überredet. Ich allein hätte mich nicht dazu entschließen können. In der ersten Stunde wurde der Tanzstundenvorstand gewählt. Als Vorsitzender wurde Paul Bauer, als Kassierer August Keller, und als Schriftführer ein gewisser Mohlhorn bestimmt. Diese drei Personen hatten alles Nötige mit dem Tanzlehrer Müller zu bereden. Die Hälfte des Honorars, das drei Mark betrug, war sofort zu erlegen. Zuerst wurden nur die Verbeugungen gegen die Damen und Schritte geübt. Dann kamen Polka und Tyrolienne dran. Während ich diese leicht begriff, bereitete mir der Walzer Schwierigkeiten. Anfangs wurde im Saale des »Deutschen Kaisers«, am Ende in der »Wartburg« geübt. Merkwürdigerweise habe ich in dieser Tanzstunde, als deren Eleve, den ersten Streik in[126] meinem Leben mitgemacht. Wir bekamen Differenzen mit dem Tanzlehrer Müller, weil er uns nicht anständig behandelte. Namentlich wenn ein Mädchen sitzen blieb, brüllte er die Herren an: »Warum engagieren Sie sie nicht?« Er schnauzte dann alle an und entschuldigte sich kaum. Wir aber meinten auch schon, daß wir uns nicht Schafköpfe titulieren zu lassen brauchten; denn hier waren wir die, die ihn leben ließen. Hier brauchten wir uns also nicht zu ducken wie in der Fabrik, sondern konnten uns gewissermaßen in die Brust werfen und sagen: »Du lebst von uns, also wollen wir auch höflich von dir behandelt sein.« Als er sich also nicht änderte, sondern einfach die Tanzstunde beendete, wenn einer einmal nicht tanzte, erklärten wir durch den Vorstand den Streik. Schon nach einer Woche hatte der Mann auch klein beigegeben, und die Sache nahm ihren Fortgang. Der abschließende Prüfungsball wurde zu einem prächtigen Feste. An dem Abend leistete ich mir auch eine Portion Entenbraten, das einzige Mal in meinem Leben, daß ich Ente gegessen habe. Bei der Vertilgung derselben erklang plötzlich eine weibliche Stimme hinter mir: »Nun, Herr Bromme, lassen Sie es sich nur gut schmecken.« Ich blickte mich neugierig nach dem Störenfried um, und siehe da, es war meine Mutter, die ihre Stimme verstellt hatte. Seit ich denken konnte, war sie nicht zu irgend einem Vergnügen gewesen, und hier war sie, ohne mir vorher etwas gesagt zu haben, erschienen. Sie wollte jedenfalls ihren Erstgeborenen und den ihr gleichfalls wie ein Kind ans Herz gewachsenen Paul Bauer einmal tanzen sehen. Mittlerweile hatte unser Hauswirt seine Bäckerei verkauft. Ein junger, eben erst verheirateter Bäcker Namens Reisemann aus Stöbnitz hatte sie erstanden. Bei diesem arbeitete ein gewisser Lorenz, mit dem ich schon im Jünglingsverein zusammen gewesen war. Dort hatte er einmal einen Vortrag über die Schlacht von Saarbrücken gehalten. Saarbrücken war seine Heimatstadt. Auch dem Posaunenkorps des Jünglingsvereins gehörte er als Pistonbläser an. Mit diesem kam ich nun jeden Mittag und oft auch Abends zusammen. Es war ein frommer, ja schon mehr bigotter Mensch, der geradezu blind gegen alles war, was nicht mit der[127] Kirche zusammenhing. Nur eine Schwäche hatte er, die Mädchen. Da lief er einer gewissen Ring nach, der er Zuckerdüten oft für eine Mark und mehr kaufte; dennoch hielt sie ihn zum Narren. Einem Handwerksburschen aber gab er fast nie etwas, namentlich gegen »alte Kunden« war er fromm bis zur Gefühllosigkeit. Eines Sonntags Vormittags sprachen wir über die Bibel und da zitierte ich ihm das 13. Kapitel des Buches Jesus Sirach und vor allem den 5. Vers: »So lange du dem Reichen nütze bist, braucht er dich und er tut schön mit dir und lächelt dich an, aber wenn du nicht mehr kannst, läßt er dich fahren.« Und als er mir vom Himmel erzählte, daß dort eitel Freude und Wohlgefallen sein solle, da zitierte ich das Evangelium Johannis, Kapitel 3, Vers 13: »Und niemand fährt gen Himmel, denn der vom Himmel gekommen ist, nämlich des Menschen Sohn, der im Himmel ist.« Das hatte ich vom alten Schuhmacher Schlenzig gehört, der die »Arbeiterchronik«, das damalige Parteiblatt, allwöchentlich zu uns brachte. Da wandte sich Lorenz von mir ab und sagte: »Bromme, Du bist ein Sozialdemokrat, hebe Dich weg von mir.« Das war das erste Mal, daß mir ein Mensch den Sozialdemokraten aufs Gesicht zusagte. Ich zählte damals rund 16 Jahre. Fünf Minuten später blies der Bäcker einen Choral auf seinem Piston. Er wollte sich offenbar von den Worten des Zweiflers reinigen. Wie ich späwr hörte, hat er es noch weit gebracht. Er ist von der Missionsgesellschaft ausgebildet worden und entweder nach Afrika oder nach Tranckebar in Ostindien als Missionar gegangen. Seine Frömmigkeit war in meinen Augen nur schlaue Berechnung. Hoffentlich hat er wenigstens recht vielen Heiden das wahre Evangelium Christi verkündet. In jenem Sommer ? es war der von 1889 ? hatten wir auch einen Stammtisch zum »Frohsinn« gebildet. Der Namen »Lausejungenverein« hätte freilich besser gepaßt; denn er wurde rein zur Geldausbeutung für uns. Der Zweck des Vereins war, es sollte Theater gespielt werden. Dazu wurden extra Titel verliehen. Franz Öttler, der auf der Mundharmonika und der Guitarre ein wirklicher Virtuose war, bekam den Titel »erster Gesangskomiker«. Arno Göthe wurde »erster Dramatiker, Charakterspieler und Sänger«,[128] Paul Bauer »erster Liebhaber und Charakterkomiker«, W. Bromme »Regisseur und Bonivant«, O. Diener »Komiker«, Mehlhorn »Souffleur«. Erster Vorstand war Franz Öttler, zweiter Paul Bauer, Kassierer: M. Mehlhorn und Schriftführer A. Göthe. Vereinsdiener Markert. Die erste Abendunterhaltung wurde am dritten November 1889 im Restaurant »Zur grünen Aue« veranstaltet. Auf dem Programm standen 1. »Was man auch hört, was man auch sieht« vorgetragen von A. Göthe. 2. »Die Unschuld vom Lande«, Kouplet von P. Bauer. 3. »Der Jude und sein Exerziermeister« von P. Bauer und W. Bromme. 4. »Die Handwerksburschen«. 5. »Die Ruinen von Liebenstein«. Komisches Intermezzo. 6. »Der zerstreute Professor« von F. Ötller. 7. »Hirsch als Handelsmann« von Göthe. 8. »Der Schwerhörige«. Zu diesem Kohl waren auch einige alte Männer anwesend. Was die über die Jungens gedacht haben werden, ist mir indes nicht bekannt geworden. Es kostete uns schweres Geld und Montags hatten wir kaum noch 10 Pfennige im Besitz. Inzwischen war ich bei Schramm als Stanzer entlassen worden und hatte wieder als Polierer bei Valentin Donath angefangen. Der Besitzer selbst, der uns als Kegeljungen immer beschenkte, war jedoch verstorben. Hier war ich aber recht in die Traufe gekommen. Jetzt mußte ich wieder, nun noch mehr als früher, Schnaps und Bier holen, denn um mich herum arbeiteten meist 17 bis 20jährige Burschen, die alle viel Geld verdienten. Da mußte ich immer auf der Achse sein. Montags und Sonnabends namentlich kam ich selten an meine Bank. Was ich verdiente, erarbeitete ich mir immer in 4 Tagen. Das war infolgedessen auch bedeutend weniger als bei Schramms. Es schwankte zwischen 6 und 9 Mark. Bald kam der eine Montags und wollte eine saure Gurke haben, der andere für 5 Pfennige Sardinen, der dritte für 5 Pfennige rohes Sauerkraut, dann wieder einer für 7 Pfennige Nordhäuser mit Himbeer oder Nordhäuser mit Rum oder Kümmel mit Rum, auch Bier usw. Von jedem mußte ich dann einmal mittrinken. Das war eines Sonnabends so viel gewesen, daß ich einen totalen Branntweinrausch hatte, als ich nach Hause kam. An dem bin ich bald gestorben.[129] Ich habe mich den ganzen Abend und noch am andern Sonntag vor Schmerzen gekrümmt wie ein Wurm. Ich glaube, es hätte nicht viel gefehlt, so wäre diese Alkoholvergiftung tödlich verlaufen. Nun muß man bedenken, daß wir in unsrer Familie während unserer ganzen Kindheit niemals Schnaps und fast gar kein Bier zu trinken bekommen hatten, daß ich also in dieser Beziehung gar nichts gewöhnt war, und erst in dieser Spelunke wurde man, noch dazu von solchen Lausejungen, denen es zu wohl wird, förmlich vergiftet. Dann kam das Jahr 1890. Man schrieb den 17. Februar. Da ging gegen 3 Uhr Nachmittags im Fabriksaale das Gerücht um, heute Abend spreche Bebel in Meerane über die am Donnerstag stattfindende Reichstagswahl. Als das auch mir zu Ohren kam, hatte ich nichts eiligeres zu tun, als meinen Rock anzuziehen und in die Pantoffelfabrik von Pohle zu springen, wo mein Vater arbeitete. Der Leser wird sich wundern, daß man damals so ohne Weiteres die Arbeit verlassen konnte. Ich habe mich später selbst darüber gewundert, wir aber nahmen diese Freiheiten als ganz selbstverständlich in Anspruch. Halb vier Uhr war ich bei den Pantoffelmachern und kurz nach 4 Uhr erfolgte auch schon unser Abmarsch nach Meerane. Fast alle Leute von Pohle nahmen daran teil. Wir wollten Bebel reden hören. Als wir eine halbe Stunde gelaufen und bis zur Nitzschkaer Brücke gekommen war, blieb mein noch immer leidender Vater stehen und klagte über Unwohlsein. Er war zu schwach und konnte nicht mit und mußte wieder umkehren. Er hatte Bebel schon 1867 in Zwickau reden hören. Gegen 7 Uhr, als wir den letzten altenburgischen Flecken Ponitz hinter uns hatten, begegneten uns die aus Meerane heimkehrenden Arbeiter. Wir fragten nach dem Versammlungslokal und erhielten zur Antwort: »Im Kaiserhof, aber Bebel spricht nicht, er konnte nicht kommen, Auer ist dafür da.« Obwohl wir nun etwas darüber enttäuscht waren, dünkte es uns doch auch der Mühe wert, einmal Auer zu hören. Wir frugen uns nun durch die Stadt nach dem Kaiserhofe. Als wir aber dorthin kamen, standen schon die Menschen bis auf die Straße hinaus. Im Hausflur kommandierten die Ordner: »Auf[130] der Galerie ist noch Platz. Aber Leute seht Euch vor, nehmt Euch in Acht, daß kein Unglück passiert.« In dem Saal selbst ging kein Apfel mehr zur Erde, viel weniger noch ein Mensch hinein. Tisch und Stühle waren alle herausbefördert worden. So kamen wir denn auf die Galerie. Wie, weiß ich selbst nicht, wir wurden mehr getragen als daß wir liefen. Wenn man atmete, so war es, als ob man vor einem heißen Ofen stehe und in dessen offenstehende Röhre den Kopf halte. Da meinte Schröder Karl zu mir: »Siehe mal zu, daß Du ein Glas Bier bekommst.« Er gab mir 15 Pfennige, ich drängelte mich zur Gaststube und erhielt dort ein Glas Bier. Ach, hätte ich doch auch eins haben können. Aber mein Portemonnaie war leer. Ich hatte nur noch 2 Pfennige. Und wie das volle Glas hinaufbringen durch die auf der Treppe postierte Menschenmasse hindurch? Herab war ich leichter gekommen als hinaus. Da machte mich die Not oder vielmehr der Durst zum Lügner. Ich trank das Glas ziemlich bis zur Hälfte leer, dann versuchte ich den Aufstieg. Nach etwa 15 Minuten war ich oben. Schröder Karl meinte: »Na ja, bei der Menschenmasse ist das ja leicht erklärlich, daß Du das Glas nicht ganzbeinig herausbringen würdest.« Nun lauschten wir der 2 1/2stündigen Rede Auers. Ich habe nicht viel davon vernehmen können. Auf dem linken Ohr hörte ich schon damals schlecht und ich stand in den letzten Reihen der hintersten Galerie. Manches aber hatte ich trotzdem aufgefangen. Gegen 1/4 12 Uhr war er zu Ende. Seine letzten Ausführungen geißelten die Kriegs-Schwindelmanöver bei den 1887er Wahlen. Er forderte die Wähler zur Entfaltung rührigster Tätigkeit auf, und der Wahlkreis wurde denn auch damals von Auer wieder erobert. Beim Verlassen des Kaiserhofes erfuhren wir, daß aus Schmölln im Ganzen über 60 Mann da waren, aber auch aus Gößnitz, Altenburg, Glauchau und Krimmitschau waren Viele erschienen, die alle Bebel hatten hören wollen. Nun traten wir den Heimweg an. In der Schenke zu Guteborn bei Meerane, durch deren Gaststube die altenburgisch-sächsische Grenze laufen soll, wurde eingekehrt. In dieser Kneipe wurde zunächst natürlich über die Versammlung, dann über die Wahl im Allgemeinen gesprochen und endlich trug einer freie,[131] politische Lieder vor. Ich habe nur ein paar Verse gemerkt von den vielen, die der Mann sang. Ein Lied begann: »Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne, ? als man mich nahm, hat man mich nicht gefragt, ? man schleppt mich fort, hinein in die Kaserne, ? gefangen werd ich, wie ein Wild gejagt. ? Ja, von der Heimat, von des Liebchens Herzen ? mußt ich hinweg und von der Freunde Kreis, ? denk ich daran, fühl' ich der Wehmut Schmerzen, ? fühl in der Brust des Zornes Glut so heiß.« Auch der letzte Vers davon ist mir halb im Gedächtnis haften geblieben: »Ihr Brüder all' ob Deutsche, ob Franzosen, ? ob Ungarn, Dänen, Ruß- und Niederland, ?? ob grün, ob rot, ob blau ob weiß die Hosen, ? reicht Euch statt Blei zum Gruß die Bruderhand.« ? Dann wurde noch nach der Melodie von Andreas Hofer gesungen »Wer schafft das Gold zu Tage, wer hämmert Erz und Stein?« Auch dieses hörte ich hier zum ersten Male und im Kreise dieser ernsten und doch zur Heiterkeit aufgelegten Männer gefiel es mir viel besser als in dem Saufklub »Stammtisch Frohsinn«. Einer, Tismer mit Namen, gab noch extra 1/4 Tonne Bier zum besten. Auch das behagte mir, denn nun konnte ich doch endlich meinen Riesendurst löschen, der mich den ganzen Abend gequält und der sich in der rauchdurchschwängerten Gaststube noch verschärft hatte. Gegen 1/2 3 Uhr Morgens rückten wir endlich ab. In einem Gehölz wurde eine lange Stange los gemacht und mehrere rote Taschentücher daran befestigt. Wilhelm Tismer wurde von 2 Mann untergefaßt, denn er war lahm und müde auf den verkrüppelten Beinen geworden. Auf dem ganzen Wege wurden Lieder gesungen, aber das waren nicht lauter revolutionäre, denn eins war dabei, das ich nicht wieder gehört habe, das aber sehr patriotisch klang. »An der Weichsel fern im Osten, ? stand ein Ulan auf seinem Posten, ? ei sieh da kam ein schönes Mädchen, ? brachte Blumen aus dem Städtchen, ? ei sieh da kam usw. usw.« Als wir in Schmölln einzogen, war es gegen 6 Uhr. Die Arbeiter gingen wieder zur Fabrik, wir aber tranken zu Hause erst Kaffee und taten dann das gleiche. Schlafen gab es nicht! Nur zwei Tage später, am Mittwoch, hatte ich wiederum Gelegenheit,[132] eine sozialdemokratische Wählerversammlung zu besuchen. Allerdings, nur Wähler hatten Zutritt. Ich war aber mit meinen 16 1/2 Jahren doch mit darunter und es hat mich niemand angehalten. Das waren meine ersten politischen Versammlungen, an denen ich teilnahm.[133] 1 Amazon.de Widgets Vgl. meinen Artikel »Die Steinnußknopffabrikation« »Neue Welt« Jahrg. 1904. 
 Pantoffelmacher  [162] In die Knopffabrik ging ich nicht wieder, sondern nun wollte ich das Pantoffel- und Holzschuhnageln lernen. Die Lehrmeister dazu hatte ich. Das Pantoffelnageln mußte mir Paul Bauer beibringen und das Holzschuhmachen mein Vater. Als ich den zwei, ten Tag bei Bauer lernte, bekam ich eine Karte von dem Geflügelhändler in Leipzig. Ich sollte nun antreten! Meine Eltern stellten mir es frei. Ich lehnte jedoch ab. Es wäre ja doch nichts Beständiges geworden, außer ich hätte vielleicht die Tochter geheiratet und das Geschäft als Mitgift bekommen. Und ich und solches Glück? Wer lacht da nicht? Überdies hatte ich Luft zur Pantoffelschusterei. Es war da der schon oft erwähnte Karl Schröder mit an unserm Arbeitstische und ein gewisser Emil Denzin aus Nakel bei Bromberg an der Netze. Da wurde den ganzen Tag über erzählt und die Zeit verstrich wie im Fluge. Den Hauptteil der Unterhaltung trug Karl Schröder. Er war unerschöpflich im Erzählen. Bald erzählte er von seiner Jugend, wie sie in Friesack den roten Husaren nachgesetzt, oder wie sie in den Torfmooren zwischen Friesack und Fehrbellin herumgetollt seien. Dort seien von den Torfstechern ganze Männer- und Pferdeskelette ausgegraben worden, die von dort versunkenen französischen Reitern aus den napoleonischen Kriegern herrühren sollten. Dann kamen wir wieder einmal Schauergeschichten aus der Ritterzeit dran, in denen namentlich die Quitzows vorkamen, die in der Markgrafenzeit in Friesack gehaust und sich gegen den Nürnberger Burggrafen Friedrich von Hohenzollern aufs heftigste gewehrt hätten. In Friesack sollen zu jener Zeit 16 reiche Berliner Bürger in der Gefangenschaft geschmachtet[162] haben, die Dietrich von Quitzow nur gegen ein hohes Lösegeld freigab. Die daran sich anschließenden Gespenstergeschichten sind mir heute entfallen. Ein andermal baute Schröder wieder einmal Zukunftsschlösser. Seinen 4 Jahre alten Sohn nannte er stets nur Dr. Arthur, denn der sollte einmal etwas Großes werden. Und die Zeit verging dabei und zugleich die Arbeit und das war die Hauptsache. Wenn dann Schröder einmal zu Ende war mit seinem Latein, dann sagte er oft zu seinem Nachbar: »Du, gib mal meinem Jungen seinen Tod her,« so nannte er nämlich seine Schnapsflasche, und dann nahm er aus ihr einen Schluck Nordhäuser. Ich will gleich noch diese Schnapsflaschengeschichte erzählen. Sie ist traurig genug und gibt ein außergewöhnliches Bild aus dem Proletarierleben. Schröder, der ein Schmöllner Mädchen geheiratet, hatte wie dies bei Schallers üblich war, dort bald Feierabend bekommen. Er war der erste Nagler bei ihnen gewesen und hatte dann selbst verständlich gegen die reduzierten Löhne Front gemacht. Um nicht müßig zu liegen und vielmehr seine Lage zu verbessern, hatte er mit einigen Kollegen und mit seinem alten Stiefvater Schulze eine Kurtpantoffelfabrik gegründet. Im Anfange ging die auch ganz gut, aber später, als die Außenstände wuchsen und nicht beglichen wurden, kam der Krach. In Schmölln war keine Arbeit mehr für ihn, und als er erfuhr, daß in Trebnitz an der Ostbahn eine Fabrik eingerichtet würde, so schrieb er hin und wurde auch als Werkführer, glaub ich, engagiert. Einer seiner Knaben hatte in jenen Tagen gerade eine Halskrankheit. Allein, die Reise mußte angetreten werden. Natürlich konnte nur 4. Klasse gefahren werden. Was das aber für ein halskrankes Kind bedeutet, in überfülltem Waggon, wie sie auf den Linien von hier nach Leipzig, von dort nach Berlin, und von Berlin nach der Ostbahn üblich ist, das kann nur ein Lungenkranker ermessen, der in diesen Tabaksrauch geschwängerten, mit schlechter Luft angefüllten Wagen schon oft gefahren ist, und das ist bei mir der Fall. In Wittenberg war es dann wohl, wo ein Reisender dem Schröder riet, für seinen kranken Knaben eine Flasche Tokayer-Wein zu kaufen. Er befolgte den Rat und flößte seinem Kinde solchen Wein ein. Kurz vor Berlin[163] verstarb jedoch der 2 1/2jährige Junge noch im Eisenbahnwagen. Die Tokayerflasche aber hatte Schröder aufgehoben, und sie seitdem als sein Schnapsfläschchen benutzt. Und deshalb nannte er sie auch »meinem Jungen sein Tod«. Amazon.de Widgets Auch mit Emil Denzin hatten wir unsern Spaß. Das war ein Bursche von 20 Jahren. Ein großer, breitschultriger Mensch, der in wenigen Wochen bei der Fußartillerie in Ehrenbreitenstein eintreffen mußte. Es war ein Pantoffelnagler, wie ich in meinem Leben keinen wieder getroffen habe. Zwickzange gab es einfach nicht bei ihm: in seinen Fingern hatte er soviel Gewalt, daß er mit ihnen das Leder straff zog! Dann schlug er niemals zweimal auf eine Klammer. Klammern oder Krampen heißen die Drahthaken, mit denen der Draht, der das Leder an der Holzsohle festhält, befestigt wird. Denzin gab einen Schlag und die Klammer saß fest Er hätte mit Leichtigkeit an einem Tage 100 Paar Pantoffeln nageln können. Manchmal machte er sie auch, manchmal auch nicht. Mittags, er kam stets 1/2 2 Uhr, legte er sich gewöhnlich erst bis 1/2 3 Uhr auf sein Schurzfell und hielt Mittagspause. Und kein Chef sagte ihm etwas! Das war damals noch alles möglich! An den Montagen wurde damals auch nur selten gearbeitet Mein Vater blieb dann einfach zu Hause, und da ich die letzte Zeit mit ihm zusammenschaffte, konnte ich auch nichts tun. Die andern kegelten gewöhnlich, und wir machten dann manchmal im Schurzfell und Holzpantinen Streifzüge durch die Stadt. Eines Freitags hieß es plötzlich, nächsten Sonntag habe unsere ganze Branche Versammlung im Schützenhaus. Diese sei vom Schuhmacherverband arrangiert und als Redner komme ein Herr Karl Munsch aus Altenburg. Selbstverständlich war ich auch mit zur Stelle, mein Vater, Bauer und alle waren da; namentlich aber aus der großen Schallerschen Fabrik, die vor kurzem einen Neubau bezogen und jetzt zirka 300 Arbeiter beschäftigte, waren zahlreiche Arbeiter erschienen. Ich hatte bis dahin noch nichts von Gewerkschaften gehört. Der Referent legte die Bedeutung derselben klar. Er forderte die Arbeiter auf, nicht mehr dem alten Schlendrian nachzuhängen. Ganz besonders hob er hervor: »Solange der deutsche Arbeiter[164] noch ein Stückchen schlechte Wurst zu fressen hat, ist er zufrieden. Das aber dürfe nicht sein. Schon der große Organisator Ferdinand Lassalle habe gesagt: Eure schlechte Lage kommt nur von Eurer verdammten Bedürfnislosigkeit. Ihr sollt Euren Anteil am Leben fordern.« Das war eine Sprache, die eigentlich noch verlockender für die Arbeiter war, als die sozialdemokratischen Wählerversammlungen, die ich bis dahin hörte. Die Rede zeitigte unmittelbar die Gründung einer Zahlstelle des Vereins deutscher Schuhmacher, der auch ich, mein Vater und Bauer beitraten. Inzwischen hatte Herr Pohle, unser Chef, eine Vergrößerung seines Betriebes geplant und zu diesem Zwecke die Mühle in Berndorf bei Lucka gekauft. Er wollte die Wasserkraft zur Hölzerschneiderei benutzen und die Handschneiderei, welche er bisher betrieb, aufgeben. Seine Maschinen kaufte er von der Firma Richter in Leipzig. Er brauchte Bandsägen, einen Horizontalgatter, eine Holzschleif- und Tellerfräsmaschine. Wir bekamen schon Hölzer aus dem neuen Betriebe nach Schmölln. Jedoch nur Pantoffelhölzer. Aber zu der Zeit wußte der Chef kaum aus noch ein. Die Arbeit drängte und es mangelte an Schuhhölzern. Er wußte jedoch einen Ausweg. Da wurden die Schnallenstiefel ganz einfach auf solche in Berndorf hergestellte Pantoffelhölzer genagelt. Sie sind alle versandt worden. Ein Fachmann wird das zwar für unmöglich halten, aber wahr ist es doch. Der Herr hat überhaupt einen komischen Charakter. Sein erster Werkführer war ein Brandenburger Namens Menzel, der im Anfang auch gleichzeitig mit reiste. Er war dann 14 Tage auf der Tour und verkaufte da soviel, daß er dann 4 Wochen wieder als Zuschneider zu Hause arbeiten konnte. Mit diesem kam der Chef einmal in Streit und nannte ihn einen Ruinierer und Schwindler. Der Werkmeister aber nannte den Herrn einen Bauersmann. Dann spuckten sie sich gegenseitig an und nach kurzer Zeit waren sie wieder einig. Nach Weihnachten sollte die ganze Fabrik nach Berndorf übersiedeln. Mein Vater hatte aber keine Lust, mit nach jenem Dorfe zu ziehen. Er hatte gehört, daß in Ronneburg eine neue Fabrik eingerichtet würde und fuhr deshalb einmal dorthin. Er wurde auch eingestellt, denn[165] Wilhelm Tismer, den wir von der Versammlung in Meerane her kennen, fungierte als Werkmeister und Brendel war Zuschneider. Außerdem waren noch 2 ehemalige Arbeiter aus der Schallerschen Fabrik da beschäftigt. Schell und Heilmann. Auch mich versprach Tismer einstellen zu wollen. Vorläufig blieb ich aber 14 Tage zu Hause. Mein Vater jedoch fuhr von nun sofort gleich den übrigen erwähnten Kollegen Montags früh nach Ronneburg und Sonnabends zurück. Um Ostern herum sollte dann der Umzug der gesamten Familie stattfinden. Vierzehn Tage darauf fing auch ich in der Ronneburger Holzschuhfabrik von Thomas und Co. an zu arbeiten. Jetzt nagelte ich nun selbständig Pantoffel, kam aber auch nur auf höchstens 9 Mark die Woche, denn ich bekam nur kleine Nummern und die härtesten Buchenhölzer zu verarbeiten. Diese waren so hart, daß wir sie in heißes Wasser werfen mußten, und trotzdem schlug ich dann 2 bis 3 Klammern krumm, bevor ich eine hineintreiben konnte. Manchmal mußte ich alle Klammern zur Hälfte abkneifen, um sie in das Holz zu bringen; dann klebte der Draht nur so daran, und wenn die Kinder einige Male mit den Pantoffeln umgekippt sind, so ist sicher das Leder ein Stück abgegangen. Hier in Ronneburg war das Schnapstrinken noch mehr in der Mode als in Schmölln. Und die Hauptvertilger waren mehrere aus Schmölln her bekannte Arbeitskollegen. Ich als Jüngster mußte natürlich wieder den Schnaps holen, für einige von ihnen gleich in der Selterswasserflasche. Zum Dank dafür »setzten sie mir manchmal einen Stift«. Das ist eine noch heute bestehende Unsitte. Auf den niedrigen Schemel wird an einer Stelle, wo der Hosenboden Platz nimmt, ein kleiner Drahtstift geschlagen, der so kurz und so spitz als möglich abgekniffen wird. Manchmal vergißt man trotz aller Vorsicht, mit der Hand über den Schemel zu tasten, und setzt sich rasch darauf, um sofort mit einem Schmerzensschrei wie elektrisiert wieder in die Höhe zu schnellen. Während mein Vater und die andern Schmöllner bei dem Rentier Thieme in der Bergkellergasse logierten, hatte ich mich bei der Witwe Schneider einquartiert. Außer mir logierten noch ein Vizewerkmeister[166] Michaelis und der in der Hölzerschneiderei beschäftigte frühere Weber Friedrich Weise mit mir zusammen. Von dem letzteren wohnte auch noch ein Bruder mit in dem Logis, der aber noch als Weber arbeitete. Diese beiden Brüder tranken jeden Morgen Mehltrank zu ihren Semmeln, der ja auch unstreitig gesünder ist als Kaffee. Es war ganz gemütlich in dem Quartier. Nur die Bodenkammern waren verdammt kalt in jenem Winter. Michaelis legte sich immer nur mit Unterhosen, Strümpfen und der Weste bekleidet ins Bett. Dieser war auch schon verheiratet und hatte 2 Kinder. Seine Familie befand sich jedoch noch in Magdeburg, der Heimatstadt seiner Frau. An den Sonnabenden fuhren wir stets nach Hause und ich war jedesmal froh, wenn wir wieder in Schmölln waren. Denn mir war Ronneburg zuwider, trotzdem stimmte ich zu, mit hinüber zu ziehen. Es kostete ja auch immer doppeltes Geld, diese doppelte Wirtschaft. Mein Vater war dazu noch nicht richtig gesund. Er hatte immer noch mit den Nachwehen der Gelbsucht zu kämpfen und da gehörte mehr Ordnung im Leben dazu. So siedelten wir denn am 3. Osterfeiertag des Jahres 1891 nach Ronneburg über. Es war gleichwohl eine Dummheit; denn in Schmölln war doch immer noch eher Arbeitsgelegenheit vorhanden als in der Weberstadt Ronneburg. Und meiner Mutter graute es jedenfalls ebenso fort als mir. Sie meinte, sie würde nicht lange mehr in Ronneburg am Leben bleiben. In jener Zeit hatte Robert Koch den Tuberkelbazillus entdeckt und seine Lymphe erfunden. Als ich ihr das vorlas, meinte sie, nun werde ich vielleicht auch wieder gesund. Da merkte ich erst, daß sie lungenkrank war. Ich dachte bis dahin, es fehle ihr nur im Magen, denn damit hatte sie sich schon von jeher gequält. Wenn sie einmal etwas mehr aß, so übergab sie sich sofort. Deshalb aß sie so wenig, daß man gar nicht glaubte, es reiche für ein Leben aus. Es ist in der letzten Zeit viel geschrieben worden, daß Papst Leo in seinen letzten Lebensjahren täglich nur 2 Eier und ein Glas Wein zu sich genommen habe; aber meine Mutter hat noch viel weniger gegessen. Wir zogen zu dem Weber Jurascheck, der in Ronneburg als Atheist verschrieen war. Sein Sohn wurde mein Freund.[167] 
 Arbeitskollegen und Andere  [199] Als ich noch mit Pantoffelnageln beschäftigt wurde, kam fast täglich ein langer schwächlicher Bursche, der eine scharfe Brille trug und stets zu Scherzen und Dummheiten aufgelegt war, zu uns an den Arbeitstisch und half die Schnapsflaschen der Schuster mit leeren. Er gab dafür gewöhnlich einige Kunststücke zum Besten, machte Handstände auf den Schemeln, verrenkte die Glieder rückwärts oder balancierte einen Hammer oder eine Mütze oder ein Streichholz auf der Nase und Stirne. Der wurde nun vom Schell einmal bitterlich angeführt. Alle, die priemten, hatten den ausgekauten Priemtabak von einer Woche sammeln müssen und dann war Wasser darauf gegossen worden. Diese Brühe wurde dann in eine Schnapsflasche gefüllt und sah so sauber und klar wie reinster Nordhäuser aus. Als Brüger ? so hieß er ? wieder einmal kam, wurde eine Wette mit ihm eingegangen, er solle die Flasche ohne abzusetzen leeren, was er natürlich ohne Bedenken annahm. In einem Zuge ließ er das Zeug laufen, um dann schleunigst fluchend davon zu laufen, dorthin, wo auch höchste Herrschaften sich ganz allein aufzuhalten pflegen. Im übrigen war er aber ein sehr vigilanter Arbeiter. Er wickelte meistens Drahtmausefallen und runde Korbfallen. Der Draht wird dabei mit ganz seinem Wickeldraht an dem Geripp befestigt, und das machte Brüger mit einer solchen Virtuosität, daß man gar nicht so schnell sehen konnte, wie er es ausführte. Die Finger spielten dann um die Falle herum. Allein er hatte kein Sitzefleisch. Wenn er eine Stunde gearbeitet hatte, dann bummelte er wieder zwei, was ihm leicht möglich war, denn es ging alles im Akkord,[199] und ihm sagte deshalb niemand etwas; dann kam er zu uns und sagte: »Mich ekeln die Fallen ordentlich an.« Montags kam er überhaupt selten zur Arbeit. Erst Dienstag zum Frühstück trat er gewöhnlich an; dann kam er und es wurde erst beraten, was zum Frühstück gegessen wurde. »Was frißt mer nu heute?« war sein gewöhnliches Wort. Dann holte er sich gehacktes Rindfleisch, Sardellen, saure Gurken, Eier und Bier, denn Geld hatte er immer. Sonntags und Montags tippte er regelmäßig, so wurde das Dreiblattspiel, das jetzt verboten ist, benannt. Auch an den Wochentagen Abends hatte er Gelegenheit. Er wohnte neben dem Gasthaus zum Löwen, dort saß allabendlich ein Musterzeichner, der ein gutgehendes Geschäft hatte und wartete auf Kartenspieler. Gewöhnlich war es Brüger, der kam, und der in den 30er Jahren stehende verheiratete Mann tippte mit dem Burschen und ließ sich von dem manchmal gleich 20 Mark an einem Abende abnehmen. Es war dann natürlich kein Wunder, daß Brüger immer bei Kasse war, aber Schulden hatte er trotzdem und nicht zu wenig. Bei jedem Konkurs war er unter den Schuldnern. Gewöhnlich bekamen die Leute nichts. Zum Roßmarkt, der alljährlich im März in Ronneburg stattfindet, wurde früher, als das Tippen noch erlaubt war, sehr stark gekartet. Im Fürstenkeller allein standen da über 100 Spieltische, die manchmal sämtlich besetzt waren. Das Hauptkontingent stellte natürlich die Landbevölkerung. Nur hier und da saßen Städter darunter. Brüger war natürlich auch dabei und rupfte die Bauernknechte gehörig; denn er konnte Karten packen und Volte schlagen. Er hat einmal 17 Mark in 1 1/2 Stunden gewonnen. Während aber im Saal und der Gaststube für 15, 30, und höchstens 60 Pfennige Einsatz gespielt wurde, ging es in den oberen Räumlichkeiten um 1,50 und 3 Mark Stamm. Hier saßen die Gutsbesitzer und selbständigen Handwerker. Dort sah ich auch einmal »Talertippen« zu und erlebte, wie ein bekannter Lohnkellner sich an den Tisch setzte, mit »zustammte«, in 10 Minuten bei einmaligem Herumspielen 12 Taler gewann und dann wieder ? seelenvergnügt natürlich ? wegging, um die Gaste weiter zu bedienen. Das war natürlich ein besonders Schlauer, aber ebenso[200] durchtrieben war auch Brüger. Es war leider kein Vater mehr da, sein älterer Bruder stand in Posen bei der Fußartillerie, die Mutter hatte keine Macht über den Bengel und der stürmte nun in sein Leben hinein. Früh am Morgen ging er erst aus den Kneipen nach Hause. Gewöhnlich schlief er vor dem Bierglas im Wirtshause. Aber auch sonst stürmte er in seine Natur. Im Winter frühstückte er gewöhnlich in der Trockenkammer, das war ein Raum, in dem von unten bis oben hinauf ringsum an der Wand Dampfrohre herumliefen. Vor diesen Dampfrohren standen drei Regale mit vier Etagen. In diese wurden im Winter die Pantoffel-Erlenhölzer zum Trocknen gestellt. Am Anfang kam auch Buche hinein, doch hatte man da mehr Schaden davon, weil diese in der Wärme schnell reißt. Brüger legte sich nun auf die oberste Etage, mitten in diese drückende Hitze und wenn er sein Frühstück verzehtr hatte ? frönte er der Onanie, ohne sich im geringsten vor den manchmal mitanwesenden jüngeren Leuten zu verbergen. Erst geraume Zeit später kam auch er zur Einsicht von der Schädlichkeit dieser abscheulichen Unsittte. Trotzdem war er einer der besten Reckturner in der Stadt. Freilich Kraftübungen waren seine schwache Seite, aber in Schwungübungen trat er mit jedem an. Einen Saltomortale vom Reck lieferte er, wie er im Buche steht. Sogar im Zirkus Börno, der einige Male zum Schützenfest in Ronneburg war, produzierte er sich, außer der Vorstellung natürlich, indem er seinen Körper durch die Sprossen einer Treppenleiter wand. Die Artisten wollten ihn sofort als Schlangenmenschen und Jongleur ausbilden, aber er war zu kurzsichtig dazu. In der Fremde ist er auch einmal gewesen, aber nur 2 Wochen lang, und nur bis Chemnitz und zurück hat er sich durchgefochten. Wegen des Blaumachens erhielt er auch einige Male seine Entlassung aus der Fabrik, wurde aber nach einiger Zeit stets wieder eingestellt. Sonst konnte man sich eben gut mit ihm vertragen. An einem ersten Pfingsttag hatten wir einen Morgenspaziergang verabredet. Nebst mir, meinem Vater und zwei andern, wollte auch Brüger teilnehmen. Den letzteren mußten wir freilich aus dem Bett holen; denn er hatte sich erst eine halbe Stunde vorher niedergelegt. Wir[201] liefen über Paitzdorf nach dem Reußer Berge. Dort verzehrten wir jeder ein Glas Milch, 2 Flaschen Weizenbier und eine Portion Schinkenbrot, dann spielten wir vier Mann am Bergabhange Schafskopf, während Brüger, von der Sonne beschienen, fest eingeschlafen war. Nach etwa zwei Stunden brachen wir auf, um nicht zu spät zum Mittagsessen zu kommen. Wir gingen gleich hinter der Mühle einen Wiesenrain entlang, als plötzlich der Müller nachgesprungen kam. Freund Brüger hatte nicht bezahlt. Wir setzten unsern Weg fort, während er mit dem Müller zurückblieb. Als er uns nachkam, meinte er: »Verlangt das Rindvieh von Wirt bloß das Glas Milch bezahlt, das ich vergessen hätte, und von den 2 Flaschen Bier und der Portion Schinkenbrot erwähnt er nichts. Ich habe natürlich auch nichts gesagt.« So ein Bruder war das. Später hat er eine Verwandte in Dresden geheiratet. Dort soll er jetzt in einer Glashütte arbeiten, vier oder fünf Kinder haben und in recht gedrückten Verhältnissen leben. Auch er hätte es besser haben können. Ein andrer meiner Mitarbeiter und zugleich Vorgesetzter war Eduard Meinel. Der »Tulut« wurde er beim Spitznamen unter den Arbeitern genannt. Er arbeitete an der Kreissäge, an der Dikten-Hobel- und Abrichtmaschine, am Bohrbock und an der Rundierbank. Außerdem lag noch der Verkauf des Abfallholzes in seinen Händen; denn er war der Schwiegersohn des Chefs und hatte dessen älteste Tochter, eine stark untersetzte, üppige Brünette, zur Frau. Als ich ihn kennen lernte, war er 33 Jahre alt, groß und stark, sogar mit einem Ansatz zum Bäuchlein und von frischer roter Gesichtsfarbe. Vorher hatte er in Gera ein Restaurant betrieben, bei dessen Verkauf er einige tausend Mark verdient hatte, und war damit nach Ronneburg gezogen. Vom Schwiegervater erhielt er 20 Mark Lohn; dazu kamen die Zinsen, die er hatte ? was konnte er eigentlich noch mehr verlangen? Die Nagler nannten ihn auch im Anfange den Mausefalleninspektor. Früher hatte er auf dem väterlichen Gute in Raust die Landwirtschaft betrieben. Im Umgange war der »Tulut« gemütlich. Allein er kannte nur vier Unterhaltungsthemen, erstens über die Pferde,[202] zweitens über die Schweine, drittens über die Landwirtschaft im allgemeinen und viertens über die Weiber. Das letztere Thema war ihm das liebste. In meinem Leben habe ich keinen Menschen wieder getroffen, der so schweinische und unsittliche Redensarten geführt hat, als er. Dabei genierte er sich nicht im geringsten, ob das beim Holzverkauf war, wo verheiratete Frauen oder ledige Mädchen und Kinder dabei standen, oder beim Sägespäneverkauf, kurz jede Gelegenheit wurde benutzt, und bei jedem dritten Worte hatte er sein Thema. Gewöhnlich mußte ich ihm beim Holzverkauf helfen und dann war er froh; dann sprach er mit mir und nicht mit den Käufern. Seine Reden hier wiederzugeben, ist einfach unmöglich, und oftmals kam seine Frau dazu, schimpfte und fragte ihn, ob er sich nicht vor den Kindern schäme. Einmal waren wir auch am Abfallholzhaufen beschäftigt, als seine Frau, die ihre Eltern fast täglich besuchte, hinzukam. Da, mit der gleichgültigsten Miene von der Welt, fragte er mich, ob ich mal mit der schlafen möchte. Ich schämte mich natürlich und die Frau auch. Sie sagte nichts und ging weg und der »Tulut« lachte sich eins. Er berührte sie auch oft vor den jüngeren Arbeitern unsittlich, was natürlich stets einen Heidenspuk ihrerseits zur Folge hatte, aber so wollte er es haben. Seine Hauptleidenschaft indes war der »Nordhäuser«. Das war sein liebstes, sein alles, sein Element. Brüger hat ihm einmal in einem Tage für 16 Groschen davon geholt. Gleich früh, bevor die Arbeit begann, schickte er einen Burschen mit der Flasche weg. Halb acht Uhr, wenn ein Junge Frühstück holte, kam die Flasche wieder mit, die war aber um acht Uhr schon wieder leer, so daß der Junge gleich noch den Frühstückstrank holen mußte. Bestand das in einem Glas Bier, so kam aber bei ihm unbedingt auch noch eine Flasche Schnaps dazu. Ich hatte mir es ja auch angewöhnt, zum Frühstück für 5 Pfennige Schnaps und zum Vesper ein Glas einfaches Bier zu trinken. Als ich jedoch geheiratet hatte, nahm ich zum Frühstück Kaffee mit, auch nach Gera, wo ich später 6 Jahre gearbeitet habe, und der Schnaps fiel weg. Doch das Glas Bier zum Vesper habe ich während der Fabrikarbeit bis heute haben müssen, sonst fühle ich mich einfach[203] nicht wohl und bin diese letzten Arbeitsstunden nicht leistungsfähig. Der Körper hat sich daran gewöhnt, und die köstlichste Milch vermag den Appetit nach meinem Glas Bier nicht zu vertreiben. Nun war ich aber auch früher nie ein Schnapstrinker. Ich trank stets nie mehr als für 5 Pfennige Wacholder oder Kümmel mit Rum, der »Tulut« aber trank Nordhäuser blank und mit Rum. Nach dem Frühstück mußte ein Akkordarbeiter, meist Brüger, noch einen »Schluck« holen. Mittags besorgte er sich sein Quantum selbst und Nachmittags kamen gewöhnlich seine beiden Knaben, ein fünf- und ein siebenjähriger, zu ihm zu Besuch. Der fünfjährige wußte schon ganz genau Bescheid. Der nahm die Flasche, steckte sie ein, und ließ sie nie vorm Großvater oder vor einer Tante sehen. Er ließ die Flasche füllen und steckte sie im Mausefallenlager hinter eine vorher dazu bestimmte Kiste. Sein Vater ließ den Knaben dann auch einmal ordentlich trinken. Eine Stunde später erfolgte dann eine neue Mission. Manchmal war er schließlich so »fett«, daß er die Holzleisten, die er durch die Hobelmaschine laufen lassen wollte, gar nicht fassen konnte. Sobald er eine in die Hand genommen hatte, fiel sie wieder zu Boden. Dann stand manchmal der alte Schwiegervater in der Mausefallenwerkstatt vor der Türe und schaute sich durch die darin befindlichen Glasscheiben seinen besoffenen Schwiegersohn an. Dann fluchte und schimpfte er zwar mörderlich, aber im übrigen änderte er doch nichts daran; denn frei ins Gesicht konnte er dem »Tulut« seine Meinung nicht sagen. »Alte besoffene Sau, alter besoffener Hacksch« im Vorbeigehen, das war alles, höchstens setzte er noch hinzu: »Der erste Hund, der wieder für den Schnaps holt, der fliegt aus dem Betrieb naus.« Tief hinein ging das aber nicht. Eines Sonnabends als ich aus dem Kontor trat und meinen Lohn geholt hatte, stand er in der Haustürschwelle und setzte gerade die volle Flasche an. Er wollte mir zutrinken, ich lehnte indes dankend ab, da ließ er sie sich vollends in den Mund laufen. Gerade während dieses Vorganges trat seine Frau in den Fabrikhof und sah es mit an. »Gul, gul, gul, gul,« rief sie ihm zu, »Du bist ein altes sauf'ges Luder.« Der zärtliche Gatte aber gab ihr einen[204] Kuß und klopfte ihr einige Male tätschelnd an die Brust, und da waren sie wieder einig. Im Sommer 1896 wurde der »Tulut« krank, spuckte Blut und schlich nur noch ganz sachte im Hofe herum. Es wurde da gerade ein Anbau ausgeführt, da rief ihm ein Maurer zu: »Na höre mal alter Freund, halt' die Ohren steif, Du siehst gerade aus als wenn Du der Leichenfrau ausgerissen wärst.« Im Hochsommer desselben Jahres traf den alten Chef ein Herzschlag und kaum 5 Wochen später, da begruben wir auch den »Tulut«. Der Alkohol hatte in den Tuberkelbazillen gute Helfershelfer bekommen. In einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum war das Zerstörungswerk vollbracht. Amazon.de Widgets Während eines Frühstücks, als Brüger wieder einmal nicht wußte, was er essen sollte, sagte ein Arbeiter vom Lande: »Na, Du sollste meine sei, ich wullte Dich schun assen lerne, meine Kenger (Kinder) müssen alle Äppelmonke zu ihr'n Bemm' asse.« Davon hatte der Alte den Namen »Äppelmonke« bekommen und er hat ihn auch bis auf den heutigen Tag behalten, höchstens, daß er in »Monke« abgekürzt wird. Die »Monke« war nun von jeher ein vielbeschäftigter Mann. Er kürzt Pfosten mit ab, hohlt Pantoffel mit aus, schleift die dürren Hölzer ab, fräst die Nagelreifen in Schuh- und Pantoffelhölzer, hohlt an den Gummischuhhölzern die Absätze aus, verkauft, seitdem das Schuhgeschäft in andern Besitz überging, das Abfallfeuerholz, sieht die genagelten Pantoffel nach, besorgt den Versand und hat auch noch das Lager über. Ich glaube, darin wird sich in den sieben Jahren, seitdem ich aus dem dortigen Betrieb fort bin, nicht allzuviel geändert haben, er wird das meiste davon heute noch ausführen. Er war ein besonderer Freund vom Erzählen, und während des Einpackens und der Lagerarbeiten, die ich immer mit ihm besorgte, wurde von allem Möglichen erzählt. Wir politisierten nicht nur, sondern wir sprachen auch über »Wandern und Reisen«. Er hatte nämlich eine Anzahl Brüder, die viel gereist waren, und die meisten von ihnen haben sich schließlich auch in der Fremde niedergelassen. Auch seine Söhne sind diesem Beispiele gefolgt, allerdings erst später, denn damals war sein Ältester erst in die Lehre, als[205] Schneider, eingetreten. Er ist aber weit herumgekommen, hat erst in deutschen Großstädten, dann in Zürich, Genf, Nizza, Cannes gearbeitet und jetzt ist er in Paris, vor kurzem erst hat er seinen Vater nach langen Jahren zum erstenmal besucht. Dieser interessierte sich also wie gesagt für alles. Früher war er herrschaftlicher Kutscher gewesen und aus dieser Zeit holte er auch gern seinen Gesprächsstoff hervor. Mir behagte das freilich nicht so recht; ich wollte nicht wissen, wieviel dieser und jener Rittergutsbesitzer Acker Feld hat und welcher Fabrikant in Gera am reichsten sei; denn nicht nur bei feudalen Grundbesitzern, sondern auch bei dieser Bourgeoisie hat er Livree getragen und kannte die Verzweigungen ihrer Verwandtschaften ganz genau, vom Farbmillionär Hirsch an bis zum Webmillionär Färber. Als ich heiratete, warnte er mich: »Heiraten ist kein Pferdekauf«, sagte er zu mir. Ich solle mir den Schritt reiflich überlegen. Ich würde ihm dankbar gewesen sein, hatte er in meiner Angelegenheit ein Machtwort zu sprechen gehabt. Leider trieben mich andere Faktoren der Heirat und somit dem Unglück in die Arme. Denn für einen Arbeiter und eine Arbeiterin wird die Ehe fast immer zu einem Unglück. Der »Äppelmonke« muß ich aber trotzdem für ihre wohlgemeinte Warnung noch heute danken. Ein andrer hieß mit seinem Spitznamen der »Tuitam«. Und zwar deshalb, weil er jeden Tag einige Male mit einem merkwürdigen Wortspiel seinen Kollegen imponieren wollte. Er rief dann: »Sching-schagn-galt-buritoun-tui-tusche-schup-ship-psia-krew.« Namentlich wenn ein neuer Arbeiter angetreten war, krähte er diesen Spruch unzählige Male am Tage. Sinn liegt ja nicht in dem Gekohle, aber das war ja auch nicht notwendig und gar nicht seine Absicht. Es war ein kräftiger, starkknochiger Mann in den vierziger Jahren, der eine Unmasse Bier und Spirituosen vertilgen und die schwersten Zigarren rauchen konnte, ohne daß ihm jemals etwas gefehlt hätte. War es ihm danach einmal nicht so richtig um den Leib herum, so wandte er sein Universalmittel an, das in einer Flasche Rum mit einigen Lot gestoßenem weißen Pfeffer bestand; dann war er wieder hergestellt. Er rauchte, priemte, schnupfte, liebte und trank, hatte also alle Untugenden. Arbeiten[206] konnte er wie kein zweiter; da kam ihm niemand nach, dabei lieferte er auch noch gute Arbeit. Er war gelernter Schuhmacher, und schon einigemal selbständig gewesen. Solange er seine erste Frau noch hatte, war er auch einigermaßen angesehen, denn er verdiente wie gesagt den höchsten Lohn, dennoch hatte auch er Schulden en masse. Bis an die Ohren reichten sie ihm gewöhnlich. Eines Tages kam er in Streit mit dem Chef und er verlor seinen Zuschneiderposten. Bald darauf zog er nach Schmölln, bekam aber in seiner Branche keine Stellung und arbeitete deshalb einige Zeit als Anbohrer in einer Knopffabrik. Hier aber starb ihm seine 19jährige, bildhübsche Tochter, und ein halbes Jahr später auch seine Frau, letztere an einem Unterleibsleiden. Es blieb ihm nur noch eine 10jährige Tochter, die er zu seiner Schwiegermutter gab. Er selbst ergab sich dem Trunke und sank nun von Stufe zu Stufe. Schließlich ging er auf die Tippelei. In Leipzig und Dresden arbeitete er als Steineträger, dann an einem Bahnbau und in verschiedenen Ziegeleien. Zwei Jahre später im Spätherbst stand er wieder eines Tages unten vor unserer Fabrik, und frug nach Arbeit an. Er wurde als Schuhnagler eingestellt. Geld verdiente er sofort wieder und so wurde nun wieder lustig gelebt, nachdem vorher eine »Kluft« auf Abzahlung in Gera geholt worden war. In der folgenden Zeit verschlang er unheimliche Mengen von Schnaps und Bier, oft 36 Glas an einem Sonntage. Ich erinnere mich, daß einmal zum Schützenfeste, als ich über den Festplatz schlenderte, vor einem Bierzelte ein Auflauf entstand; plötzlich kam der »Tuitam« dort herausgestürzt, warf die ihm im Wege stehenden Leute links und rechts zur Seite und übergab sich mitten auf dem Platze. Gleich einer Fontäne oder vielmehr gleich einem artesischen Brunnen strömten die genossenen Getränke empor. Bald darauf ging er wieder auf Freiersfüßen und hielt sich zu diesem Zweck solid. Seine Zukünftige hatte zwar auch 2 Kinder, die schon die Schule besuchten, war aber 18 Jahre jünger und bald noch stärker als er, noch nicht verheiratet gewesen und, was die Hauptsache war, im Besitze von ungefähr tausend Talern Geld. Es wurde also geheiratet. Ich selbst fungierte dabei als Trauzeuge. Jedoch[207] Freund Friedrich hielt sich nun abermals nicht mehr; er bekam Zank mit dem Fabrikanten und machte Schicht. Bald darauf etablierte er sich wieder als Schuhmachermeister. Geld war ja da, was hatte es da noch für Not? Meistens kaufte er sein Leder in Gera ein. Er brauchte aber jedesmal beinahe soviel für seine Gurgel, als wie für die Schäfte und Sohlen. Arbeit hatte er dennoch genug. Sogar auf den benachbarten Dörfern erwarb er sich Kundschaft und lieferte wieder nur gute Arbeit. Wenn er sich ordentlich gehalten hätte und nicht getrunken und gewüstet, so wäre er wohl schön durchgekommen und hätte ein ruhiges und zufriedenes Leben führen können. Seine zweite Frau war seelensgut, sie sagte ihm nie ein unrechtes Wort, auch wenn er noch so spät des Nachts nach Hause kam. Aber gerade das war ein Fehler von ihr gewesen. Sie hatte energisch auftreten und ihm die Zügel nicht locker lassen, sondern straff anziehen müssen. Nach kaum zweieinhalbjähriger Ehe hatten sie drei Kinder, von denen das erste wieder starb, inzwischen war auch seine erste Schwiegermutter gestorben. Sein Mädchen erster Ehe wurde aber um diese Zeit konfirmiert und ging in Dienst. Er änderte sich aber nicht. Wenn er Geld hatte, so bezahlte er für andere mit. Obgleich er von schnell erregbarem Charakter war (mit meinem Vater ist er während der Arbeit unzählige Male zusammengefahren), so war er doch ebensoschnell wieder beruhigt. Beim Bierglas konnte man ihn überhaupt selten aus der Ruhe bringen. Nur bei der Arbeit in der Fabrik lief ihm manchmal schon nach zwei Worten die Laus über die Leber. Zumal wenn er kein Geld mehr hatte, sah er mürrisch und griesgrämig drein, sprach die ganze Woche kein Wort, sondern wühlte und schuftete, um eine große Lohnzahlung zu machen. Wie er als Meister zu Hause bei der Arbeit gewesen ist, kann ich freilich nicht beurteilen. Eines Tages, als er seiner zweiten Frau ihr Geld alles verwürgt hatte, war er plötzlich verschwunden und hat sich bis heute noch nicht wieder sehen lassen. Er soll wieder an Bahn- und Brückenbauten arbeiten. Mich dauerten vor allem die zwei kleinen Kinder, die er hierließ. Seine Frau mußte wie früher wieder in die Spinnerei gehen und wieder zu[208] ihrer Mutter, einer alten griesgrämigen Witwe, ziehen. Diese hatte nun die Kinder in ihrer Obhut. Nach kurzer Zeit schon starb das jüngste, später auch das andere. Auch die neue Nachkommenschaft »Tuitams« lag wieder auf dem Friedhof. Im Sommer 1894 mußte ich nach Schmölln zur Generalmusterung. Ich wurde wieder zurückgestellt. Wie es bei solchen Gelegenheiten zugeht, weiß jeder. Die Hauptsache ist Bier, Bier und nochmals Bier, vielleicht auch dann und wann etwas Saures, und einen Schnaps dazwischen hinein. Letzterer verfehlt dann selten seine Wirkung. Meistenteils wird Jungdeutschland sternhagelvoll davon. So ging es auch uns. Wir machten nach dem Mittagsessen einen Ausflug über die Berge. Ich als eingeborener Schmöllner hatte die Führung übernommen. Einige liefen trotzdem an der Tete und als wir einen Kirschberg passierten, konnten sie es nicht unterlassen, sich einige Hände voll der gerade reisen Früchte zu pflücken. Ich machte mir damals nichts aus Obst, um aber die Mode mitzumachen, streckte auch ich den Arm aus und hatte mir mit den Nägeln des Daumens und Zeigefingers zwei Kirschen abgeknipst. Kaum war das aber geschehen, als auch schon eine Stimme hinter mir donnerte: »Das kostet eine Mark.« Ich zuckte ob dieser Stentorstimme sichtlich zusammen und wandte mich um. Dort stand ein Schmöllner ehemaliger Knopfmacher Namens Rüdiger, der jedenfalls die Kirschen gepachtet hatte. Ich entgegnete dem erzürnten Manne: »Ich habe keine Mark mehr. Wir fahren mit dem nächsten Zuge bereits nach Hause und Geld im Überfluß habe ich überhaupt nicht bei mir gehabt.« »Dann lassen Sie Ihre Uhr da« »Die gehört nicht mir, die habe ich von meinem Bruder geborgt,« log ich ihm wieder vor. »Na, ich kenne Sie, Sie waren doch früher in Schmölln; hier kommen Sie nicht durch.« »Aber warum sagen Sie denn zu den andern nichts, die haben die Kirschen Händevoll abgerissen und wegen diesen 2 Stück machen Sie solches Aufhebens. Ich will Ihnen für Ihre lumpigen 2 Kirschen einen Groschen geben!« Unmittelbar nach diesen Worten warf ich ihm die 2 Kirschen vor die Füße. »Na, ich will noch einmal Gnade für Recht ergehen lassen und darauf eingehen.« ?[209] Ich suchte nun in meinen Taschen herum, fand aber keinen Groschen, mein Begleiter, der das Gespräch mit angehört, hatte auch keinen und die übrigen hatten inzwischen den Ernst-Agnes-Aussichtsturm bestiegen. Nur noch 2 Fünfzigpfennigstücke hatte ich bei mir. Ich reichte eins davon dem Kirschpächter, der gab mir zwanzig Pfennige wieder. »Aber hören Sie mal,« sagte ich darauf, »wir haben doch einen Groschen ausgemacht.« »Ach, ich könnte alles behalten und brauchte Ihnen gar nichts zurückzugeben,« erwiderte mir der Wortbrüchige. Darüber war ich empört, für so schofel hätte ich den Kerl nicht gehalten. Als dann die übrigen Kameraden vom Aussichtsturm herabgestiegen waren, erzählte ich ihnen den Vorfall. Kurz entschlossen nahm mir darauf ein Fleischer meinen Hut vom Kopfe und sagte: »Für die übrigen zwei Groschen werden Kirschen geholt.« Wir verfügten uns nach der Kirschbude, in der eine alte Frau in altenburgischer Bauerntracht als Verkäuferin fungierte. Der mit meinem Hut verlangte für 20 Pfennige Kirschen mit dem Bemerken, daß diese schon an den Pächter selbst bezahlt seien. Die alte Marche entgegnete zwar: »Ihr huttet doch 'naufgelangt.« Sie gab aber ohne Weiteres einen Liter Kirschen in den Hut hinein. Ich bekam auch nicht eine davon, die Kameraden haben sie alle gegessen. Wir begaben uns dann den Berg, »Singerhäuschen« genannt, hinab und wollten nach dem Schießhaus. Als wir hinter den ersten Häusern vorbeiliefen, hörten wir plötzlich zwei den Berg herabspringen. Nichts Gutes ahnend, wollte ich auf sie warten, aber die Kollegen drängten mich durch den nächsten Hof in ein Haus mit dem Bemerken, ich solle mich verstecken und später ins Schießhaus kommen, sie wollten schon mit den Kerlen fertig werden. Ich unterhielt mich in dem Hause etwa eine halbe Stunde lang mit einem alten Manne und schlich mich dann nach dem Schießhaus. Dort wurde ich vertröstet, sie hätten den beiden die Wahrheit gehörig gezeigt. Wir gingen dann noch in eine andere Kneipe, in der allerhand komische Vorträge gemacht wurden. Darunter markierte auch einer einen Geistlichen, hatte einen weichen Hut verkehrt auf, einen Mantel umgehängt, als Bäffchen benutzte er zwei Zeitungsstreifen, kurz,[210] er sah aus wie ein echter Jesuitenpater und hielt folgende Predigt, die ich vom Munde weg auswendig konnte: »Im Namen des Fuchses und im Namen der Weiber, mit Fruchtschippen und Schiebekarren zusammengeladen, vernehmet das Wort des Herrn, wie es geschrieben steht im Schuster blauen Montage und von der ersten Haustüre bis zum elften Dachfenster also lautet (hier schlug der Vortragende ein Buch auf): Und es begab sich zu der Zeit da die Elbe brannte und die Bauern bellten und die Hunde Stroh herbeischleppten, um das Feuer zu löschen. Es war gerade zu der Zeit, da ich wanderte und ich kam über einen Fluß, wo keine Brücke hinüberführte, in ein Dorf, wo keine Häuser standen und aus dem ersten Hause linker Hand kamen drei Jungfrauen, die erste war nackend, die zweite hatte keine Kleider an und die dritte war barfuß bis an den Hals und diejenige, welche keine Kleider anhatte, griff in ihre linke Westentasche, gab mir einen Taler und sprach: Nimm hin, denn Deine Stimme verrät, daß Du ein Besenbinder Deines Landes bist. Hierauf setzte ich mich auf einen ledernen Eckstein und fuhr davon und kam auf einen hohen Berg, auf dem eine porzellinerne Kapelle stand und ein lederner Pfaffe eine große Messe aus Schmalzkuchen vorlas. Allda wurde auch geopfert, mancher opferte einen Groschen, mancher deren zwei, wie er es eben hatte. Ich aber stahl mir einen Taler und es sah eines Hohenpriesters Knecht, welcher keinen Kopf hatte und sein Gesicht in der linken Westentasche trug und doch sah der Schelm, daß ich mir einen Taler gestohlen hatte und er zog sein Schwert aus der Scheide und stieß es mir in die Brust, daß mir das Blut weiß wie Buttermilch herausfloß. Ich aber kletterte auf einen Maulbeerbaum, riß einen Ast ab und schlug ihm so auf den Kopf, daß sein rechter Backenzahn zum linken Stiefelabsatz hinausfuhr. Hierauf setzte ich mich auf meinen ledernen Eckstein und fuhr bis ans blaue Meer, darauf schwamm ein Schiff, welches keinen Boden hatte, dahinein setzte ich mich und fuhr bis ans Ende der Welt. Amen.« Der zweifelhafte Künstler machte eine kurze andächtige Pause und fuhr dann fort: »Eine christliche Danksagung ist noch zu tun für ein altes Hökerweib, welches mit 6 Rohrstühlen und[211] einem Klapptisch glücklich zu Hause angekommen ist, ferner wird noch eine Amme gesucht, die einen Knecht von 88 Jahren stillen kann, sobald er den ersten Backenzahn bekommt, erhält sie eine wohlriechende Belohnung. Amen.« Es folgten dann noch eine Anzahl Couplets und Gassenhauer, und so war die Zeit zur Abfahrt schneller herangerückt, als man dachte. Wir begaben uns nach dem Bahnhof. Dort empfingen uns zwei Gendarmen, die fragten nach Bromme-Friedrichshaide. Ich entgegnete ihnen, der sei mit dem Rad nach Hause gefahren Das war am Freitag gewesen. Am darauffolgenden Dienstag kam der Ronneburger Gendarm Petzold zu mir in die Fabrik und frug mich, was ich in Schmölln ausgefressen habe, es sei gegen mich daselbst eine Anzeige wegen Betrugs ergangen. Ich erzählte ihm nun den Sachverhalt. Er meinte darauf, ich solle nur meine Zeugen angeben, dann müßte ich unbedingt freigesprochen werden. Überhaupt, wenn ich nicht zurückgestellt worden, wäre kaum eine Untersuchung eingeleitet worden. Ich erhielt dann auch bald darauf eine Anklageschrift zugestellt. Als Zeugen fungierten der Obstpächter selbst und die alte Marche1, seine Schwiegermutter. Ich suchte nun meine Genossen auf und wollte diese auf ihr Zeugnis aufmerksam machen. Doch da sollte ich etwas von Mannesmut zu hören bekommen Es waren fünf Mann dabei gewesen, die zur Garde ausgehoben waren. »Ach gib uns nur nicht an, wir verlieren sonst womöglich gar unsere Garde und müssen bei der Linie dienen,« jammerten und bettelten die nun. Ich altes dummes Tier ließ mich auch erweichen und fuhr, ohne Zeugen anzugeben, an einem Tage im August nach Schmölln zur Hauptverhandlung. Es war Feriengerichtszusammensetzung. Die Schöffen bildeten ein Bauer und ein alter Materialwarenhändler, bei dem ich früher als Knabe unzählige Male aus- und eingegangen war. Doch war ich mit dem Ronneburger Amtsrichter Dr. Schubert, der nach Altenburg reiste, in einem Coupé gefahren und dem hatte ich mein Herz ausgeschüttet. Er hatte darauf den Kopf geschüttelt und sich gewundert,[212] daß ich deswegen vor den Strafrichter zitiert würde. Ein Strafmandat wäre eine ausreichende Sühne für das Vergehen gewesen. In der Verhandlung wurde natürlich den Zeugen mehr geglaubt als mir. Der Obstpächter beschwor, mit mir nichts ausgemacht zu haben; daß er sich mit einem Groschen zufrieden stellen wollte, habe er nicht erklärt. Die alte Marche beschwor, daß sie nicht gesagt habe: »Ihr huttet doch nuff gelangt.« Sie gebärdete sich ganz außer dem Häuschen, als ich das Gegenteil behauptete. Ich wurde wegen Betrugs (dabei hatte nicht ich, sondern der Fleischer Risser die Kirschen von der Alten verlangt) zu einem Tag Gefängnis und Tragung der Kosten verurteilt; weil ich noch unbescholten sei, wäre auf die niedrige Strafe erkannt worden. Auf die Frage, ob ich etwas gegen das Urteil einzuwenden habe, behielt ich mir die Revision dagegen vor, und im übrigen gab ich den Ausspruch Dr. Schuberts zum Besten und wandte mich zum Gehen. Aber da kam mir ein junger Referendar nachgesprungen und frug, wer dieser Dr. Schubert sei. Ich gab ihm Bescheid. Darauf meinte er, daß ich ihm dann die Sache falsch berichtet habe. Nach meiner Rückkehr suchte ich meine Zeugen auf und teilte ihnen mit, daß sie unbedingt Zeugnis ablegen müßten. Doch da gaben sie mir wieder himmlische gute Worte, ich sollte doch die Sache auf sich beruhen lassen Ein Tag sei doch schnell vergangen und es sei doch keine Schande, mein Vergehen sei ja leichtester Art gewesen. Und so ließ ich die Berufungsfrist gedankenlos verstreichen. Im Oktober kam dann eines Nachmittags, als wir gerade auf dem Holzplatze buchene Stämme in die Schneidemühle transportierten, der »Tulut« zu mir hinter und rief mich, ich solle einmal nach vorn kommen, aber gleich einen Hebebaum mitnehmen; denn der Gerichtsvollzieher wolle mich sprechen Es gab mir einen Stich durch und durch. Er wollte die Gerichtskosten haben. Ich hatte aber kein Geld. Vorschuß wollte ich auch nicht gern nehmen und mein junger Chef meinte im Kontor zu mir: »Sind Sie doch nicht so dumm, lassen Sie sich doch ruhig auspfänden, Sie haben doch nichts Pfändbares!« Ich teilte dem blankknöpfigen Exekutor meine Mittellosigkeit mit, worauf er mich aufforderte, ihn nach meiner Wohnung[213] zu begleiten und dort meine Sachen zu zeigen. Tief beschämt und ärgerlich, anderer Leute wegen mich so erniedrigen zu müssen, folgte ich ihm. Die Kollegen aber riefen und lachten zu den Fabrikfenstern heraus. Nun nahm ich die Sache auch von der humoristischen Seite auf. Ich zeigte meinen Anzug. Der Überzieher gehörte meinem Bruder, als er danach fragte. Einen Anzug hatte ich erst vor kurzem ausnahmsweise von einem Ronneburger Kleiderhändler Unglaub auf Abzahlung genommen, ihn konnte der Vollstrecker also auch nicht mitnehmen, weil er noch dem Händler gehörte. Ich zeigte meine Stiefeletten und sagte ihm gleichzeitig, daß ich in Holzpantoffeln nicht zur Kirche gehen könne. In dem Augenblick kam auch mein Vater gestürzt, auf meinen Koffer deutend, schrie er den Gerichtsvollzieher an: »Der Koffer ist mein Eigentum.« Dieser entgegnete: »Nun, wo nichts ist, da hat der Kaiser sein Recht verloren.« Jetzt wurde ich dreist und zeigte ihm meinen 4 bis 5 Zentimeter Durchmesser haltenden Spazierstock, den ich immer zum Theaterspielen benutzte, den lehnte der Mann aber ab und auch Roberts ? meines Freundes ? Reserverock, eine Bäckermontur des 4. Armeekorps, den ich ebenfalls öfter zum Theater gebraucht hatte. Aber im November erhielt ich eines Tages die Mitteilung, bis zu einem gewissen Termin meine eintägige Gefängnisstrafe im Amtsgerichtsgefängnis Ronneburg abzusitzen. Ich beschloß, am Sonnabend vor dem Kirmesfest gleich nach Arbeitsschluß die Strafe anzutreten. Ich hatte mir Priemtabak mitgenommen, einige Zigarren in die Stiefelschäfte gesteckt, ein Stück Schinken, Wurst und Brot, und eine ganze Menge Lesestoff. Glücklicherweise wurde ich keiner Leibesvisitation unterzogen. Aber ich kann trotzdem niemanden die seelischen Qualen schildern, die mich während dieses Tages im Gefängnis heimsuchten. Jetzt war ich also in Zukunft vorbestraft, wenn ich in irgend eine Angelegenheit verwickelt werden sollte! Die Pritsche war knochenhart. Ich trank die Flasche Kümmel mit Rum und eine Flasche Bier aus, um mich zu betäuben. Alles umsonst. Ich konnte nicht einschlafen. Jede halbe Stunde, die ganze Nacht hindurch, hörte ich trotz meiner Schwerhörigkeit die Uhr vom Kirchturm schlagen. Ich dachte an[214] meine Mutter. Wenn sie das wüßte, daß ich im Gefängnis sei! Den Kopf auf die Pritsche gedrückt, weinte ich bitterlich. Zu frieren brauchte ich Gott sei dank nicht; denn die Frau des Gefangenmeisters hatte ein tüchtiges Feuer vom Korridor aus im Ofen angeschürt. Endlich nach ungezählten Minuten war es Tag. Welches Glück. Den Kaffee, den mir die Frau hereingab, trank ich und aß mein Brot und die Wurst dazu. Am Abend vorher hatte ich nichts essen können. Hierauf zündete ich mir eine Zigarre an und begann Schillers berühmte Trilogie »Wallenstein« zu lesen. Ich trank die zweite Flasche Bier und rauchte eine zweite Zigarre. Die Asche putzte ich sorgfältig in den Zimmerkübel. Immer las ich eifrig weiter. Gegen Mittag wurde mir ein Topf Kartoffelstücken mit Talggriewen angeboten. Ich ließ ihn unberührt stehen. Das Essen widerte mich an. Ich hatte auch keinen Appetit, der wurde durch Schiller gestillt. Gegen 3 1/2, Uhr, ich hatte erst vor wenigen Minuten das Buch beendet, und dachte noch über die Giftszene mit der Gräfin Terzky und über den verliehenen Fürstentitel des Octavio Piccolomini nach, rasselte plötzlich der Schlüsselbund an meiner Tür. Der Gefangenmeister rief mich auf den Korridor und nahm mein Signalement auf. »Es ist ein lumpiger Tag,« sagte er, »aber das Gesetz verlangt es nun einmal so. Sie wollen doch auch zur Kirmse gehen, sind also entlassen.« Er hatte mir noch 2 1/2, Stunden geschenkt. Ich packte meine Bücher zusammen und rückte ab, In der Tür stieß ich mit einem Freund zusammen, der brachte eine halbe Wurst und einen tüchtigen Krug Bier, den haben wir gleich in Gemeinschaft mit dem Gefangenwärter geleert, die Wurst steckte ich zu mir und fünf Minuten nach 1/2 5 Uhr schwenkte ich bereits mit meiner Emma den ersten Walzer auf dem Kirmesball. Ich hatte mir nämlich damals auch eine Braut angeschafft. Das war ganz von selber nach einem Sommervergnügen, einem Plantanz auf bloßem Waldboden, gekommen. Ich hatte mit einer ehrsamen Bürgerstochter, Anna mit Namen, viel getanzt. Nach dem Tanz waren wir in das nahegelegene Schanklokal, die Fasanerie, gegangen, und ich hatte mich da in der Gaststube zu einem[215] Spiel Schafkopf verleiten lassen, dem einzigen Kartenspiel, an dem ich mich beteiligt habe. Im Handumdrehen war es 11 Uhr geworden. Wir machten mit dem Spielen Schluß und gingen wieder ins Freie. Allein die Mehrzahl der Festteilnehmer war schon nach Hause gegangen, darunter auch mein Liebchen. Ein Friedrichshaidaer Mädchen stand noch da, und von der erfuhr ich, daß die Anna unwillig gewesen sei, weil ich gespielt habe, und darum sich von einem andern habe heimbegleiten lassen. Halb aus Ärger und halb zum Trost begleitete ich nun die Erzählerin nach Hause, und bestellte sie auch für den folgenden Donnerstag Abend zu einem Spaziergang. Aus diesem einen wurden mehrere, und bald »ging ich mit ihr«. Aber ich habe lange Zeit mit ihr nur harmlos und völlig tugendhaft verkehrt. Ich brachte es gar nicht anders fertig, und ? ich sage das ohne Übertreibung ? auch den andern Mädchen gegenüber überschritt ich die sittlichen Grenzen nie. Da sagte mir auch in jenen Tagen einmal ein Mädchen: »Du bist ganz anders wie die andern. Die stellen jedesmal gleich unsittliche Anträge. Das gefällt mir an Dir, daß Du nicht auch so bist.« Schließlich wurde auch unser Verhältnis, d. h. zwischen der Friedrichshaidaer Emma und mir, ganz selbstverständlich ein intimeres Wenn mir aber an jenem Abend, da ich sie eigentlich rein zufällig und nur als Ersatz von der Fasanerie heimbegleitete, prophezeit worden wäre, daß sie bald meine Braut sein würde, den hätte ich laut ausgelacht. So wenig dachte ich damals ans ? Heiraten. Unter jeder Herde gibt es räudige Schafe. Es ist bekannt, daß unter den Fabrikanten, die weibliche Arbeitskräfte beschäftigten, Leute vorhanden sind, die nicht nur deren Arbeitskraft, sondern auch den Leib für sich in Anspruch nehmen möchten und die neidisch auf die früheren Vorrechte der feudalen Besitzer blicken, welche sich ein jus primae noctis leisten konnten. Am liebsten wäre es ihnen, wenn auch für sie wieder ein solches Recht eingeführt werden könnte. In vielen Fällen haben sie das aber gar nicht nötig, weil sie kraft ihrer Autorität nicht auf Widerstand stoßen; es kommt aber auch sehr häufig vor, daß manche Proletarierin ein derartiges Anerbieten ganz entschieden zurückweist. So war auch einmal einer[216] meiner Chefs auf eine junge Arbeiterin wie versessen. Er war mit der Arbeiterin manchmal bei der Arbeit alleine und machte dann Spaß mit ihr. Sie verstand solchen und machte mit; als aber das Herrchen weiter gehen wollte, wehrte sie entschieden ab, und als er sich handgreifliche Zutraulichkeiten erlaubte, stieß sie ihn zurück und sagte ihm energisch ihre Meinung; als er aber sein Ziel gar mit Gewalt erreichen wollte, gab sie ihm ein paar komplette Ohrfeigen. Dafür suchte er sich nun zu rächen. Eines Tages lasen wir Filzabfälle auf dem Lager aus. Die Arbeit wurde von mir und jener Arbeiterin unter Aufsicht des jungen Chefs selbst ausgeführt. Ein riesiger Filzhaufen in der Mitte des Lagersaales zeugte davon, daß wir fleißig gewesen waren. Angeblich aus Anerkennung mußte ich dann einige Male Schnaps und Likör holen, bis mir die Absicht klar wurde. Das Herrchen wollte das Mädchen betrunken machen. Er erreichte seinen Zweck so vollkommen, daß diese sogar sinnlos betrunken wurde. Sie hatte nicht gemerkt, wo das alles hinaus wollte, oder sie war zu schwach gewesen, zu widerstehen. Ich mußte das Weib oben anfassen und der Herr nahm die Beine; dann wurde sie auf den Filzhaufen geworfen und völlig entblößt, woran ich mich aber freilich nicht beteiligte. Ich schaute nur zu. Während dieses Aktes kam eine erwachsene Schwester des jungen Chefs hinzu, die entsetzt zurückprallte. Der Bruder aber gebot ihr, zu schweigen, holte noch einen Freund hinzu und riegelte dann ab. Das Mädchen wurde nicht mißbraucht, aber sie wurde doch in der unflätigsten Weise berührt und von allen Seiten untersucht. Die jungen Herren ärgerten sich nur, daß sie keine photographischen Apparate zur Hand hatten. Schließlich wurde doch von ihr abgelassen. Sie schlief ihren Rausch aus und ging dann nach Hause, ohne zu wissen, was mit ihr vorgegangen war. Ein anderes Bild. Wir waren im April 1895 zum Fleischer Fuchs gezogen. Schon beim Einzug war mir das Dienstmädchen desselben, ein dralles, für ihre 14 Jahre äußerst stark entwickeltes »Dirndel« aufgefallen. Diese hatte offen in mir ihren Narren gefressen. In den ersten Wochen freilich fielen zwischen uns nur gleichgültige Worte. Dann aber fiel es mir auf, daß jeden Abend,[217] wenn ich von der Arbeit kam und mich in meiner Bodenkammer wusch, auch das Mädel in der ihrigen, die dicht neben der meinigen lag, das Gleiche tat. Sie hatte dabei nie die Türe verschlossen, stets stand sie sperrangelweit offen; ihr Hemd war vorn geöffnet, so daß ihr voll entwickelter Busen meinen Blicken preisgegeben war, und sie lachte mich dann nur treuherzig an. Mich aber stieß die leichtfertige Preisgabe ihrer körperlichen Reize ab und ich dachte an meine Braut, die ich damals fast allabendlich besuchte. Sie war mir viel begehrenswerter, weil sie nicht einmal die Jacke vor meinen Blicken wechselte, sondern dabei hinter die Türe trat. Als das Mädchen nun sah, daß ich auf diese kleinen Winke nicht reagierte, wurde sie zudringlich. Sie kam, nur mit Hemd und Unterrock bekleidet, in meine Kammer, legte sich ganz ungeniert auf mein Bett, schmiegte sich an mich und machte allerlei Bemerkungen. Ich fuhr sie dafür aber nur grob an und drängte sie hinaus. Sie ließ aber nicht nach Erst viel später habe ich mir genau überlegt, daß mich das Mädchen wirklich rasend geliebt haben muß. Als sie sah, daß alles Kokettieren fehl schlug, sagte sie es mir frei heraus. Jeden Abend kam sie zu mir beim Waschen und sagte und bettelte: »Gehen Sie doch heute nicht zu Ihrer Braut, bleiben Sie doch einmal bei mir, oder kommen Sie in mein Bett, wenn Sie nach Hause kommen. Ich lasse die Türe auf.« Das war jeden Abend derselbe Text. Einmal packte sie mich kurzer Hand an und wollte mich aufs Bett ziehen. Aber mich ekelte dieses Prostituieren wirklich an. Ich packte sie beim Hemdkragen und warf sie regelrecht zur Türe hinaus, ihr ein für allemal verbietend, meine Kammer wieder zu betreten. Sie hat es dann auch nur noch einmal riskiert. Was aus ihr geworden sein mag?[218] 1 Marchen werden die Weiber in Altenburgischer Bauerntracht genannt. 
 Mein Familienleben  [351] Wer dieses Kapitel über mein Familienleben durchgelesen hat, wird mit Recht der Meinung sein, daß ich weder ein Mustergatte, noch Mustervater bin, noch daß meine Ehe und mein Haushalt irgendwie ein Muster ist. Ich habe eben, wie alle nicht ganz indifferenten Menschen auch meine Eigenheiten. Man gewöhnt sich mit der Zeit vollständig an ein Leben von der Hand in den Mund, wird sozusagen zum Sanguiniker und läßt schließlich fünf gerade sein. Währenddem ich aber wenigstens immer auf ein paar Groschen Geld halte, so daß ich niemals ganz blank bin, ist bei meiner Frau das Gegenteil der Fall. Oft hat sie schon am Sonntag kaum noch 2 Mark zum Leben für die ganze Woche gehabt von den 13?14 Mark Kostgeld, die ich ihr geben kann. Bei einer 8köpfigen Familie ist dies ja auch kein Wunder. Wenn ich aber in solchem Falle trotzdem die Hände über den Kopf schlage und räsonniere, daß sie auch mit 20 Mark nicht auskommen würde, wenn ich ihr soviel geben könnte, dann läßt sie sich herbei, mir einmal etwas vorzurechnen: »Soviel habe ich für kleinere Wirtschaftsbedürfnisse ausgegeben, 2 Brote stehen draußen, 2 Stück gute Butter und 1 Stück Margarine.« Ich will nämlich hier gleich bemerken, daß ich nicht zum Margarineessen zu bewegen bin. Ich esse Kuhbutter, die Frau mit den Kindern Margarine. Manchmal hat sie mich dennoch beschummelt. Ich schmeckte es aber sofort. »Weiter 60 Pfennige für Petroleum, 1,50 Mark für Milch, 2,50 Mark hatte ich von der Mutter geborgt und mußte es zurückzahlen, dem Schuster habe ich 2 Mark bezahlt, 1 Mark dort, 1 Mark da, 1,50 Mark für Fleisch, 50 Pfennige für Wurst, 20[351] Pfennige für Käse.« Ja, dann mußte ich ihr freilich Recht geben, wenn sie mir barsch entgegnete: »Ich habe es nicht verfressen.« Meine Frau fuhr manchmal die Kinder an: »Ihr freßt uns noch die Haare vom Kopfe herunter.« Aber Kinder haben stets einen gesunden Appetit. Ich selbst ließ mir von ihr auch durchaus nicht mehr abfordern; nur in der höchsten Not gab ich noch ein oder zwei Mark von dem weggelegten Mietzins heraus. Trotzdem ich auch einmal mit einer »Schmalzstulle« oder einer »Butterbemme« zufrieden war, wollte es bei der Arbeit doch nicht so recht rutschen Solange ich aber in der Holzschuhfabrik arbeitete, konnte ich mir höchst selten einmal für einen Groschen Wurst leisten, doch bei Wesselmanns in Gera mußte mindestens ein Käse oder für 5 Pfennige Sardinen oder ein Bückling werden; zum Frühstück trank ich Kaffee, den man sich von zu Hause mitnahm, zum Vesper aber mußte ich auch noch ein Glas Bier haben und wenn man ankreiden ließ. Während manche Kollegen bei Wesselmanns für 3 Mark die Woche über »Latte machten«, waren mir schon 50 Pfennige viel. Sonnabends, wenn es Geld gab, leistete ich mir auch manchmal kulinarische Genüsse, für 20 Pfennige gekochten Schinken oder für 20 Pfennige Roquefortkäse, oder eine Büchse Ölsardinen für 38?45 Pfennige, oder ein paar Frankfurter Brühwürstchen. Einmal sogar verstieg ich mich zu einem Viertelpfund Lachs. Da hatte ich 25 Mark verdient, der höchste Lohn, den ich in meinem Leben, leider auch nur das eine Mal, erreicht habe. Allerdings, wenn einzelne der lieben Verwandten erfahren, daß man sich zu solchen Leckenbissen versteigt, so wird einem Verschwendung nachgesagt. Dann heißt es: »Die mögen erst ihre Schulden bezahlen, oder ihren Kindern ein paar ordentliche Schuhe kaufen, ehe sie solche Sachen essen.« Diese Dinge sollen eben nur für die oberen Zehntausend da sein und wahrlich, man wendet doch nie mehr als 50 Pfennige dafür an. Dann verteilt man es noch mit an die Kinder, und so kommt für jeden Kopf nur ein Brocken; denn mein Grundsatz ist der: ich mag haben was ich will, da kriegen auch die Kinder davon. Ich mache es nicht wie manche Leute, die Leckereien essen, wenn ihre Kinder zu Bette sind.[352] Wenn auch einmal ein scharfes oder grobes Schimpfwort zwischen mir und meiner Frau fällt, so liebe ich doch meine Familie unaussprechlich. Ebenso ist mir auch ein Kind so lieb als das andere, keins wird bevorzugt, leider muß ich aber zugeben, daß ich nicht streng genug gegen sie bin. So durften z. B. wir Kinder zu Hause beim Essen am Tische keinen Mucks tun, während meine Sprößlinge den Schnabel nicht halten können. Vielleicht werde ich es später einmal zu bereuen haben, Natürlich ist es nicht möglich, daß, wenn die Frau zu Hause noch durch Arbeit zum Lebensunterhalt beitragen muß, die Kinder so aufgepäppelt werden können, wie das sonst geschehen könnte. Am meisten muß sich die Mutter mit ihrer Fürsorge dem jüngsten Kinde zuwenden. An körperliche Wartung kann bei den Frühergeborenen wenig gedacht werden. Am wenigsten da, wo noch Hausarbeit verrichtet wird. Ich habe schon oft mit Groll die schweren Webstücke betrachtet, die in meiner Stube liegen und den Platz wegnehmen. Bei jedem Zuge, den meine Frau an ihnen tut, wirbelt eine Unmenge Staub auf, und so ist es kein Wunder, wenn der Organismus meiner Kinder schon frühzeitig mit Bakterien und Bazillen infiziert wird. Es ist traurig, aber was läßt sich dagegen tun? Die paar Groschen, welche die Frau damit verdient, werden so nötig zum Leben gebraucht. Selbstverständlich geht dadurch auch die ganze Wirtschaft zurück, weil sie nicht sorgfältig genug behandelt werden kann. Es verstaubt und verdreckt alles in kaum 2 Tagen und meine Frau hat dann wieder einmal bis nach Mitternacht hinein zu wischen und zu reinigen; denn sie ist ziemlich reinlich. Wo Dreck und Unordnung ist, gefällt es ihr nicht. Deshalb hat sie auch oft ihren Ärger über die Kinder, die ihre Ordnung oft in kürzester Frist wieder in Unordnung machen, wenn sie hinaus auf die Straße laufen und in 5 Minuten wiederkommen, wodurch sie natürlich Schmutz hereintragen. Dann schimpft die Mutter: »Nun hat man die halbe Nacht Schlaf geopfert und sich geplagt, rein für umsonst, jetzt könnte ich schon wieder mit Wischen und Reinemachen anfangen!« Im Anfang unserer Ehe hatten wir öfter Zwiste; damals war ich auch viel leichter erregbar als jetzt. Einen besonders heftigen[353] Strauß hatte ich im zweiten Jahre nach meiner Verheiratung, der mich seelisch so aufregte, daß ich schon einmal am Rande des Baderteiches stand. Nur um meiner Kinder willen bin ich damals nicht hineingegangen. Und dabei war die Ursache zu diesem unseligen Konflikt der reine Klatsch! Ich saß eines Sonnabends Abends im Restaurant »zum Schwan«, als sich ein Anstreicher an mich heran machte, dessen Frau mit der meinigen zusammenarbeitete. Er flüsterte mir zu, daß ich ihm dauere. Auf meine erstaunte Frage nach dem Warum meinte er, meine Frau stehe stark im Verdacht, mit dem Buchhalter der Fabrik Liebelei zu treiben. Seine Frau wolle sie vor kurzem nach Arbeitszeit mit ihm zusammen nach meiner Wohnung gehen gesehen haben. Ich stürzte wie ein Besessener nach Hause und fuhr meine Frau an, ging auf sie los und frug, wie sie mich hintergehen könne. Jetzt war natürlich das Erstaunen an ihr. Als ich ihr die Sachlage klar legte, wies sie natürlich diese Unterschiebe als grobe Verleumdung zurück. Sie leugnete nicht, daß sie mit dem Manne einmal von der Arbeit ein Stück Wegs zusammengegangen sei, aber nur eine harmlose Unterhaltung gepflogen habe. Sie sei doch kein Stock, daß sie nicht mit den Leuten reden solle. Das war mir natürlich Aufklärung genug, und seitdem ist in dieser Beziehung zwischen uns beiden Gatten auch nichts wieder vorgefallen. Im Gegenteil, wir haben, abgesehen von den vom Mammon hervorgerufenen Uneinigkeiten stets glücklich zusammen gelebt. Ich hatte auch meiner Frau solche Gemeinheit nicht zugetraut, muß aber gleich hier bemerken, daß in den Webereien solche »Eheirrungen« schon öfters vorgekommen sind, und gerade dieser Buchhalter wurde zwei Jahre später von einem hintergangenen Ehemann schwer ausgehauen ? aber nicht in Stein. Amazon.de Widgets Als mein zweites Kind angekommen, war es, wie ich früher schon erwähnte, auch mit der Fabrikarbeit meiner Frau zu Ende. Dafür fing aber natürlich zu Hause Stückenausnähen an. Ich habe manchmal geschimpft, denn es kam öfters sogar 2 Mal in der Woche vor, daß ich früh gegen 3 oder 4 Uhr aufwachte, und meine Frau saß immer noch in der Stube und nähte Faden- oder Schlußbrüche[354] in der Ware aus. Für 4?6 Mark zwei Nächte Schlaf ohne die Tagesarbeit opfern, ? das reibt doch auch die stärkste Natur auf. Und nun muß man bedenken: bei gewöhnlichstem Petroleumlampenlicht die feinen Webmaschen eine nach der anderen mit der Nadel durchziehen, ? der Laie sieht die fehlerhaften Stellen ja gar nicht, ? greift das die Augen an! Mitunter waren die Stücken so voller Fehler, daß sie die ganze Woche für 2 Mark arbeiten mußte, dann kamen auf die Stunde manchmal 2?3 Pfennige. Sie weinte manchmal darüber. Wieviele Flüche in die Stoffe von den Lippen meiner Frau mit eingenäht worden sind, ist nicht zu zählen. Wenn aber die Roben bei Herzog in Berlin oder auf Ballfesten und in Gesellschaften reden könnten, ihre Trägerinnen würden sie vor Entsetzen ausziehen müssen. Der Bissen würde ihnen an der reichbesetzten Tafel im Munde aufquellen. Wer ermißt diese Qual, am Tage und in der Nacht immer und ewig zu kratzen, zu nähen und zu sticheln, extra die häuslichen Arbeiten und die Kinder zu besorgen, um dann am Sonnabend einige Hungergroschen in die Hand gedrückt zu erhalten? Da ist es dann auch kein Wunder, wenn die Kinder manchmal zerrissene Unterkleider tragen müssen. Da ist es auch kein Wunder, wenn oft erst die Betten Abends kurz vor dem Schlafengehen gemacht werden, obwohl ich oft erregt darüber geschimpft habe. Unzählige Male habe ich angeordnet, daß die Betten gleich früh gemacht werden sollen. Und doch geschah es oft nicht, und nur wegen der geschilderten Umstände. Die Frau wurde darob mißmutig, ließ ihren Ärger und ihre Wut an den Kindern aus und stets erfolgte dann eine Kollision zwischen uns. Aber sie behielt dabei immer das Oberwasser. »Ich muß arbeiten, daß ich durchkomme, die Kinder brauchen wieder alle Kleider und Schuhe, das Bett ist noch zu bezahlen, auch der Sofatisch, auch das und jenes. Sonntags kommen die Leute gelaufen und wollen Geld haben, Du bekümmerst Dich nicht drum, die ersten Jahre mußte ich sogar noch für den Hauszins sorgen. Du läufst die Woche 3, 4 und 5 Abende in Partei-, Verbands- oder Konsumvereinssitzungen, und alles kostet Geld; mir machst Du nichts weis. Wenn ich mir da andere Männer[355] bedenke. Die helfen ihrer Frau viel mehr als Du, sehr selten bekommt man von Dir einen Eimer Wasser geholt. Da kommst Du Abends heim, redest nicht mit mir, gibst kurze grobe Antworten, schreibst, liest, bis Du einschläfst und mir dann die halbe Nacht hindurch wieder eine Kugel voll Öl verbrannt hast. Das nennst Du Ehe. Die Partei und Deine guten Freunde, denen doch meist die Falschheit aus den Augen schaut, die gehen vor. Sogar die Schuhe muß ich Dir noch putzen, wenn ich nicht haben will, daß Du ungewichst gehst. Dafür wird man kurz und grob behandelt.« Solche Gardinenpredigten (ich habe freilich gar keine Gardinen, sondern nur Vitragen) mußte ich öfters anhören. Wenn es mir dann gar zu bunt wurde, gab es Krach. Manchmal zeterte sie auch über die Kinder: »Solche miserablen Bälge hat im ganzen Orte niemand, aber sie können ja auch machen, was sie wollen, ihr Vater läßt ja alles zu,« hieß es dann. Wenn ich mich dann einmal aus Ärger an den Kindern vergriff und sie durchbläute, so fuhr die Mutter wieder dazwischen und schrie mich an: »Du willst sie wohl zuschanden schlagen und sie zum Krüppel machen?« Doch dann kochte ich vor Wut, warf ihr nicht gerade liebenswürdige Ausdrücke an den Kopf und fraß schließlich meinen Ärger in mich hinein, der mich noch nervöser machte. Einige Tage mied man sich dann, danach war wieder alles vergessen. Freilich so dumm wie ein Nachbar war ich nicht. Dieser, ein bayrischer Handarbeiter, hat mehrmals seine ganze Wirtschaft in der Wut und im Suff demoliert. Das gab es bei mir nicht, ich trank auch nie mehr als ich vertragen konnte. Auch in finanzieller Beziehung, d. h. in Schuldenmachen konnte mir meine Frau nichts nachsagen, da ich stets meine Pflichten so gut es geht erfülle. Nur einmal traf uns doch ein Schlag, an dem ich die Schuld trug. Noch in meinen ledigen Jahren hatte ich einmal von einem Ronneburger Kleiderhändler nacheinander zwei Anzüge und den ersten Winterüberzieher bezogen. Als ich diese fast ganz abgezahlt hatte, nahm ich mir noch einen Anzug für 32 Mark, auf den ich 12 Mark bezahlt hatte, als der Konkurs bei dem Manne ausbrach. Ich bekam dann die Aufforderung, an[356] den Konkursverwalter den Rest zu entrichten. Einige Mark bezahlte ich auch, dann wurde ich nachlässig. So kam der Schlußtermin heran, als plötzlich die Frau des Kleiderhändlers eines Tages bei mir erschien und erklärte, daß sie die noch außenstehenden Forderungen angekauft hätte, und mich aufforderte, an sie weiter zu bezahlen. Ich hielt das für eine Lüge, bis ich plötzlich eine Klage zugestellt bekam. Ein Freund, dem ich die Geschichte offenbarte, riet mir, nicht zu bezahlen, da der Bankrotteur genug Leute betrogen hätte. Aber ich wurde natürlich zur Zahlung verurteilt. Ich zahlte trotzdem nicht, weil ich nun verheiratet war und wenig verdiente. Auch wollte ich meiner Frau nichts davon sagen. Es sollte mich bitter gereuen und meiner Frau schweres Herzeleid bringen. Es war gerade um die Zeit der ersten Dividendenzahlung im Konsumverein, also kurz vor Weihnachten 1901. Da ließ mir die Frau die Dividende von 39 Mark mit Beschlag belegen. Ich eilte zu ihr und versprach ihr von nun an eine weitere reelle Abzahlung. Sie verweigerte das. Ich bat sie fast fußfällig, meiner Frau und meinen Kindern das Weihnachtsfest nicht zu vergällen; umsonst, sie blieb hart. Um mir nun wenigstens die Schande vor den Konsumvereins-Verwaltungsmitgliedern zu sparen, lieh ich mir von meinem Vater das Geld. Ich bezahlte außerdem noch 22 Mark Kosten zu der Forderung; und als ich die Dividende im Konsumverein abhob, trug ich sie sofort zu meinem Vater, der das Geld auch nötig brauchte. Es war ein Glück, daß ich noch 20 Mark im Sparverein gespart hatte. So konnte ich doch wenigstens den fälligen Mietzins an den Schwiegervater entrichten. Diese traurigen Weihnachten vergesse ich nicht. Meine Frau weinte bitterlich. Mir wollte das Herz darüber brechen. Jetzt war weder an Weihnachtsbraten noch an Stollenbacken zu denken. Ich mußte froh sein, daß mir die Schwiegermutter, die übrigens von der ganzen Angelegenheit nichts erfahren durfte, einen Stallkarnickel schenkte. So hatte ich wenigstens einen Braten für die Kinder. Von dem letzten Wochengeld buk meine Frau am heiligen Abend noch ein paar Kartoffelkuchen, daß es wenigstens aussah wie Weihnachten. Den Christbaum brachte mir ebenfalls der[357] Schwiegervater aus dem Forst mit. Und wenn es auch nur eine Fichte war, die Kinder freuten sich dennoch darüber. Der größte Ärger meiner Frau ist mein spätes Nachhausekommen an den Sonnabend-Abenden. Aller 14 Tage Sonnabends gehe ich nämlich aus und zwar in die Sitzungen des Holzarbeiterverbandes, dessen Kassierer ich seit der Gründung bin, und die ich also wirklich nicht versäumen darf. Aber auch darüber nörgelte manchmal die Ehehälfte: »Wenn Du wenigstens nach Versammlungsschluß nach Hause kämst, ließe ich es mir noch gefallen, aber um 2 oder 3 Uhr wird es ja sicher wieder. Da wette ich drauf.« Ich entgegne dann: »Ach Unsinn, um 1/2 12 Uhr bin ich spätestens zurück.« Aber meine Frau behält gewöhnlich Recht. Bis 1/2 12, manchmal um 12 Uhr dauern die Sitzungen, weil sie vor 1/2 10 Uhr selten beginnen. Danach wissen die Kollegen schon Themata anzuschneiden, die mich fesseln. So vergesse ich mich oft und ärgere mich dann gewaltig, wenn meine Gattin mir Vorwürfe macht, daß ich nicht gescheit würde und in meine Gesundheit hinein stürme. Oftmals nahm ich mir schon vor, diese Sonnabendskneiperei sein zu lassen und meiner Frau zu folgen, aber bald sind alle guten Vorsätze wieder vergessen. Man denkt, morgen ist ja Sonntag, da kann man ausschlafen. Wenn ich aber von meiner dritten Kur nach Hause zurückgekehrt sein werde, dann will ich gewiß vernünftig werden. Öfters, wenn ich von der Arbeit kam, traf ich meine Lebensgefährtin schon weinend an. Wenn es himmlische Mächte geben sollte, so muß sie sie kennen gelernt haben; denn sie hat ihr Brot oft schon mit Tränen gegessen und mehr als einmal in kummervollen Nächten weinend in ihrem Bette gesessen, wenn sie z. B. die liebe lange Nacht hindurch wegen Kindergeschreies nicht schlafen konnte. So ein Konzert wirkt, wenn es Nächte durch stundenlang anhält, geradezu nervenzerrüttend. Es ist deshalb nicht zu verwundern, wenn der Gummilutscher ständig als Beruhigungsmittel dient. Alles ruht auf den Schultern der Mutter: »Mama, ich muß mal trinken,« »Mama, ich muß mal raus,« so geht es weiter. Früh soll die Frau dann ausgeschlafen haben. So verzweifelt[358] sie manchmal und schreit dann die Kinder an wie ein Feldwebel die Rekruten. Aber auch wenn sie Nachts still sind, hat die Frau doch keine rechte Nachtruhe. Denn es schlafen zwar 3 Kinder in einem Bett, ein Knabe schläft mit mir, aber die zwei kleinsten mit der Mutter, selbst wenn diese hochschwanger ist. Es ist einmal nicht anders möglich. Man schafft nicht früher ein Bett an, bis die allerhöchste Not da ist. Denn bar bezahlen kann man es doch nicht. Dabei sind meine Betten nicht etwa zweischläfrige, sondern sie sind nur 90 Zentimeter breit. Und selbst das Stroh dafür ist heute ziemlich teuer geworden, denn leider habe ich es auch noch nicht zu Matratzen gebracht, obwohl durch Stroh viel mehr Schmutz und Staub entsteht. Auch meine wollene Decke, die ich in der Heilanstalt benutzte, kommt als Zudecke sehr zu statten. Im Winter kommt mein alter Überzieher noch drauf. So ist das Elend beim Schlafen besonders groß. In dem einen Bett schlafen, wie schon gesagt, die 3 Mädchen im Alter von 10, 7 und 5 Jahren. Solange ich in der Heilstätte bin, haben sie es freilich besser, da brauchen sie nur zu zweien zu schlafen. Wie oft hat es mich aufs tiefste geschmerzt, daß meine Frau stets und ständig bei den Kindern zu Hause sitzen muß und sich gar nichts bieten kann. Andere gehen Sonntags Nachmittags spazieren, sie muß in ihrem Loche bleiben. Oft schon hat sie gejammert: »Ich lebe schlechter wie ein Zuchthäusler oder wie ein alter Hund.« Wenn die Spaziergänger vorbeiziehen, dann schaut sie wehmütig durchs Fenster. »Die hat schon wieder ein neues Kleid; unsereins kann sich nicht rechtschaffen einen Rock zulegen!« Wenn ich sie auffordere, einmal mit zu irgend einer Parteiveranstaltung zu kommen, dann heißt es wieder: »Ich hab nichts anzuziehen; in der Fahne, wo ich schon 50 Mal gelaufen bin, gehe ich nicht und laß mich anklotzen, wie ein aus dem Käfig entflohenes Tier.« Tatsächlich hat sich meine Frau während den 10 Jahren unserer Ehe, abgesehen von einem Rock und 2 bis 3 Blusen, noch kein neues Kleid schaffen können. Ich selbst war natürlich auch nicht in der Lage, ihr eins zu kaufen. Bei mir ist das bequemer; wenn ich einen Anzug abgezahlt habe, was natürlich auch bald zwei Jahre dauert, dann nehme ich mir[359] einen neuen, wiederum natürlich auf Kredit. Auch mit dem Schuhwerk müssen wir uns selbstverständlich auf das Notdürftigste einschränken. Die Kinder schlachten auch davon viel nieder. Wie lange reichen ein paar Stiefelsohlen? Kaum 4 Wochen! Man hat fast allwöchentlich 2 Mark dem Schuhmacher zu bezahlen. Dann brauchen die Kinder auch wieder einmal ein Kleidchen oder einen Anzug, und trotzdem das nicht aller Vierteljahre vorkommt, so fällt es anzuschaffen doch unsäglich schwer. Dazu kommt die Miete mit 96 Mark jährlich, die Steuern, das Schulgeld. Es wird einem Angst und Bange, wenn man bei Tische die sechs Sprößlinge einhauen sieht. Und doch, bei geregeltem Verdienst mag es immer noch gehen. Man fühlt sich nach der schweren Tagesarbeit wohl und angenehm erschlafft, namentlich Sonnabends, wenn man den Wochenlohn in der Tasche trägt, ist man so wohl und frei gestimmt, daß man bei einer guten Zahlung die ganze Welt umarmen möchte. Ich habe es freilich nie gemacht wie manche Arbeiter, die nach Arbeitsschluß erst eine Kneipe aufsuchen und bis in die Nacht sitzen, sondern bin stets nach Hause gegangen; denn die Frau wartet mit Schmerzen auf ihr Wochengeld, damit sie etwas zu essen kaufen kann. Die letzten 2 Tage in der Woche ist ja stets Schmalhans Küchenmeister. Aber wehe, wenn man arbeitslos oder krank wird! Ersteres ist noch schlimmer als das letztere, wenn auch der gewerkschaftlich organisierte Arbeiter bis zu 6 Wochen eine Unterstützung von 6 bis 10 Mark bezieht. Wenn man aber nicht mal organisiert ist, dann zieht unaussprechliches Elend in die armen Familien ein. Man muß bei dem Krämer und überall pumpen, und doch sind Hunger und Not die täglichen Gäste. Verdient man daneben ein paar Pfennige durch Gelegenheitsarbeiten, dann werden sie gewöhnlich, wer nicht einen ganz festen Charakter besitzt, in Schnaps umgesetzt, um für einige Stunden das erbärmliche Dasein zu vergessen. Ich habe tieftraurige Fälle in solchen Zeiten gesehen, über die ich allein ein kleines Buch schreiben könnte. Wie glücklich ist dagegen der Proletarier, der ein Interesse für Politik, für Kunst und für Wissenschaft hat. Leider wird er von den versumpften Lumpenproletariern gewöhnlich[360] verachtet und verspottet. Deshalb ist auch eine tiefe Kluft in dem Proletariat vorhanden: auf der einen Seite steht die gebildete, nach den höchsten Gütern der Menschheit und nach der Gleichberechtigung mit den herrschenden Klassen strebende Arbeiterschaft, auf der anderen das in Schnaps, Unwissenheit, Not und Elend verkommende Lumpenproletariat, die Hefe der menschlichen Gesellschaft, die nur stumpfe, tierische Instinkte kennt und ohne jede geistige Beschäftigung dahinlebt. Am meisten dauern mich die Kinder solcher Armen. Sie müssen schon vom ersten Tage ihres Lebens an unter unsäglichen Entbehrungen leiden, obwohl auch in ihrem Innern ein Menschenherz schlägt. Schlimm aber auch, selbst für den Arbeiter, der nach dem Höchsten strebt, sind Zeiten der Krankheit. Man soll da noch besser leben wie sonst, sich stärkende Nahrungsmittel kaufen: und das Krankengeld beträgt gewöhnlich nur die Hälfte des Arbeitsverdienstes! Es kommen dann Stunden, in denen der Verstand vollständig versagt. Mir haben in solcher Lage schon manchmal Leute geraten: »Wenden Sie sich doch einmal recht innig an den lieben Gott. Er wird schon helfen, wenn sich keine menschliche Hilfe zeigt. Früher, als ich noch im Ungewissen dahinlebte, habe ich es mitunter auch versucht und recht herzlich gebetet, wenn ich Abends auf meinem armseligen Lager lag, daß er mich und die Meinen nicht mehr Not leiden lassen solle; aber geholfen hat er mir nie. Ich habe wenigstens nichts davon gespürt; ich mußte mir immer wieder selbst helfen. So habe ich mir mit der Zeit denn auch ein eignes Glaubensbekenntnis geformt. An einen Gott im Sinne der Kirche kann ich nicht glauben. Ich sehe einen Gott in der ewig zeugenden Kraft der Natur, in ihren wunderbaren, herrlichen Gebilden und Geschöpfen, in ihren landschaftlichen Schönheiten, von denen ich freilich leider so wenig bis jetzt gesehen habe. Ebensowenig glaube ich an ein Wiedersehen oder ein Weiterleben nach dem Tode. Die Unsterblichkeit des Menschen kann ich höchstens in dem Fortleben seiner Kinder und Kindeskinder erblicken. Die Seele des Menschen ist ja doch nur das Leben, und wenn dieses ausgehaucht ist, kann selbstredend auch die Seele nicht mehr sein. Diese meine[361] Überzeugung ist heute in mir ganz festgewurzelt. Aber ich beneide gleichwohl die gläubigen Christen, denen der Tod nicht so schrecklich vorkommt, weil sie an ein Weiterleben in einem erträumten Jenseits glauben, wo sie keine Sorge und keine Not mehr haben. Mich überläuft noch heute stets ein grauenhaftes Gefühl, wenn ich an den Tod denke. Und doch kann sich eigentlich auch der Atheist und der Ungläubige in dieser Beziehung beruhigen. Er zollt ja nur der Natur seinen Tribut. Während der Verwesung leben noch die auf seinem Grabe wachsenden Pflanzen von ihm. Trotzdem kommt mir das Begraben- oder Verbranntwerden so schrecklich vor. Woran das liegen mag? Im Gegensatz zu mir hat mein Vater, der auch wirklich nicht ganz ungebildet ist, oft schon geäußert: »Meinetwegen können sie mich nach meinem Tode hinwerfen oder hinschleifen, wohin sie Luft haben.« Meine Frau redet überhaupt nicht darüber. Nach Andeutungen von ihr zu schließen, betrachtet sie den Tod nur als Erlösung von ihren vielen Sorgen und Qualen. Ich aber klammere mich so fest an das bißchen Leben! Amazon.de Widgets Viel habe ich über meine Häuslichkeit nun nicht mehr zu sagen. Nun noch eins: wie in den Klassen des Mittelstandes so ist auch beim Arbeiter der Waschtag ein kritischer Tag im Hause. Meine Frau litt auch hier wieder darunter, während der Werktage diese Arbeit nicht verrichten zu können, um jede freie Minute der Erwerbsarbeit widmen zu können. Alle 14 Tage, spätestens drei Wochen wird deshalb ein Sonntag dazu benutzt. Sonnabend Abend fängt die arme Frau schon mit der Sache an und wäscht bis Mitternacht. Früh um 4 Uhr, spätestens 1/2 5 Uhr steht sie dann schon wieder am Bottich, um noch etwas fertigzubringen, bevor die Kinder erwachen. Will eins derselben trotzdem zeitig heraus, so wird die Mutter böse, weil sie dann von der Arbeit weglaufen muß. Geschieht es dennoch, so müssen sie wenigstens, nur mit dem allernotdürftigsten bekleidet, auf der Küchenbank sitzen bleiben, bis alle zur Stelle sind; dann wird schnell Kaffee getrunken, die Kinder werden gewaschen und angezogen, und nun gehts wieder über die Wäsche her. Mit einer kurzen Unterbrechung zur Bereitung[362] der Mittagsmahlzeit, ist dann meine Frau unausgesetzt bis zum Abend tätig, um endlich totmüde ihr Lager aufzusuchen. Wenn ich an solchen Sonntagen Versammlung habe, zieht gewöhnlich schlecht Wetter am ehelichen Himmel herauf, ebenso schlechtes wie bei der Erörterung von Finanzfragen. Ich will nun noch über meine Kinder berichten. Was mich am meisten schmerzt, so oft ich sie sehe, ist, daß ich die schlimmsten Befürchtungen wegen der Vererbung meiner Krankheit für sie hege. Die älteste, Hedwig, ist gegenwärtig zehn Jahre alt. Sie ist ziemlich intelligent, schreibt eine vorzügliche Handschrift, lernt sehr leicht und hat eine besondere Vorliebe für Bücher. Sie ist sehr ruhig und gesetzt. In der Schule wurde sie jedes Jahr glatt versetzt. Von ziemlich entgegengesetztem Charakter ist meine zweite Tochter Erna. Nach dem Impfen war sie schwerkrank. Für Schularbeiten zeigt sie lange nicht das Interesse wie ihre ältere Schwester. Sie tummelt sich am liebsten im Freien und bringt es während der Ferienzeit fertig, nur zu den Hauptmahlzeiten nach Hause zu kommen. Alle Ermahnungen, Bitten, Schläge nützen dagegen rein gar nicht. Sie hat auch eine ausgesprochene Vorliebe für Tändelei. So nimmt sie häufig mein zweites Söhnchen her, schleppt es in die Kammer und putzt es in kuriosester Weise an. Sie weiß aus den einfachsten, harmlosesten Kleidungs- und Wäschestücken wahrhaft kunstvolle Maskenkostüme zusammenzustellen und das kleine Brüderchen damit herauszustaffieren. In der Minute darauf steht sie dann, selbst im Winter, vor dem offenen Kammerfenster und macht ihre Schularbeiten. Kaum aber sind die Utensilien wieder in den Tornister versenkt, so tollt sie auch schon wieder auf der Straße umher. Sie klettert auf 2 Meter hohe Palisaden, schlüpft durch lebendige Zäune, um das Obst in den Gärten aufzulesen, turnt an der Bahnbarrière herum, bändelt sogar mit Schuljungen an, und wehe diesen, wenn sie ihr etwas auswischen; sie zahlt es ihnen doppelt und dreifach heim. Ich habe schon beobachtet, wie sie einige Zeit später sich ganz harmlos dem Missetäter nähert, gar nicht tut, als ob sie sich um ihn kümmere, ihm dann aber[363] plötzlich eins versetzt und mit katzenartiger Geschwindigkeit von dannen eilt. Es ist freilich nicht gut, so ein wildes Kind gewähren zu lassen; aber was laßt sich tun, zumal die Mutter mit zum Lebensunterhalt beitragen muß? Sie ist sicherlich schon streng genug gegen sie. Öfter frägt meine Frau seufzend: »Ich möchte nur wissen, nach wem die geraten wäre.« Ich entgegne natürlich: »Auf keinen Fall nach mir.« Füge ich dann hinzu: »Vielleicht nach Dir,« so wendet sie sich stets entrüstet ab. Aber von ihren Schwestern habe ich gehört, daß sie als Kind gerade so wild gewesen ist, daß sie sich auch an den im schnellsten Traben vorbeisausenden Wagen gehängt hat, ein Stück mitfuhr und mitten im schnellsten Fahren wieder absprang. Die Not und die Sorgen haben sie seit dem freilich längst sanft und kirre gemacht. Der dritte Sprößling meiner Ehe ist der älteste Sohn Ernst. Ich glaube, er ist zum Dulden geboren worden. Wie ich schon mehrmals erwähnte, hat er allein bis zum 7, Lebensjahr fünfmal die Lungenentzündung gehabt. Er spricht stark durch die Nase, hat also meinen chronischen Nasenkatarrh, der bei mir durch das Ohrenleiden entstand, auch mit geerbt. Mein Arzt riet mir, ihm die Drüsen auskratzen oder ausschneiden zu lassen, allein das kostet 25 Mark, und woher sollen die genommen werden? Überdies ist das Kerlchen jetzt schon ziemlich nervös. Meinen Hang zu Schule und Büchern scheint er nicht zu haben, er müßte sich noch ändern. Auch ihm haben wir vielleicht zu viel Willen gelassen. So hat er vor einiger Zeit aus Wut, weil ihm sein Wunsch nicht erfüllt wurde, mit der Hand eine große Fensterscheibe für 2 Mark eingeschlagen, und sich dabei erheblich an der Hand verletzt. Das Fell ist ihm darauf gründlich gegerbt worden, aber der jähzornige Charakter meines Vaters bleibt ja trotzdem vorhanden. Schon als ganz kleines Kind wälzte er sich auf den Stubendielen umher, wenn ihm sein Wille nicht erfüllt wurde. Er zog dann gewöhnlich auch noch die Strümpfe aus und warf sie von sich, lediglich um uns zu ärgern, weil wir nicht wollten, daß er bei seiner Kränklichkeit barfuß oder bloß in Strümpfen lief. Ich hatte erwartet, daß er schon im ersten Schuljahre sitzen bleiben[364] würde. Er ist aber doch versetzt worden, worüber ich mich allerdings freue. Bei ihm sind es sicher krankhafte Zustände, die sein exzentrisches Wesen hervorrufen. Könnte ich ihm eine Luftkur ermöglichen, vielleicht würde auch er noch einst zu einem gesunden Mann werden. Jetzt folgt wieder ein Mädchen, Elisabeth, kurzweg »Liesel« genannt. Auch sie ist wieder ganz anders im Wesen, noch ruhiger als die Älteste. Sie spricht sehr selten ein Wort, ist mit allem zufrieden, was ihr gereicht wird und widerspricht nie. Wenn ihr etwas nicht paßt, so weint sie. Sie kann sich mit dem primitivsten Spielzeuge, das sie sich sogar selbst herstellt, stundenlang die Zeit vertreiben. Auf der Straße hält sie sich entfernt von ihren Altersgenossinnen. Sie meidet jeden Verkehr und steht gewöhnlich abseits von den andern, diese lediglich bei ihren Spielen beobachtend; selbst tut sie nicht mit. Höchstens mit dem gleichaltrigen Mädchen meines Schwagers, der die jüngste Schwester meiner Frau geheiratet hat, gibt sie sich ab und spielt mit ihr, eventuell auch mit meinem vorletzten Sohne Walter tummelt sie sich herum, aber weiter geht sie nicht. So ruhig ist sie in jeder Beziehung. Nie ließe sie sich herbei, einen fremden Menschen ohne weiteres zu begrüßen, wie das die Erna tut, vielmehr verkriecht sie sich vor jedem in irgend eine Ecke. Selbst wenn ihr von der fremden Person ein Geschenk gereicht wird, mag es nun eine Spielsache oder Leckerei sein, ist sie höchstselten zu einem Dankeschön zu bewegen. Meine Frau wütet zwar darüber und behauptet, das muß gehen, allein es geht trotz aller Schläge nicht. »Den Himmel stürmen wir nicht,« sagt der alte Horaz. Meine Frau möchte aber die Kinder im Handumdrehen zu anderen Charakteren bilden, anstatt daß sie eine allmählich wirkende Methode anwendet, die sicher von Erfolg gekrönt sein würde. Es tut mir leid, daß man der Kindererziehung infolge des mühseligen Kampfes ums Dasein so wenig Zeit widmen kann. Wieder von viel sanfterem Charakter, im Gegensatz zu seinem älteren Bruder ist mein fünftes Kind und zweiter Sohn Walter. Er scheint endlich mir auf ein Haar zu gleichen, ist von ruhigem,[365] aber nicht zurückhaltendem Wesen und interessiert sich schon jetzt, kaum vier Jahre alt, für meine Leidenschaften: Schreiben und Bücher. Er macht schon seine ersten Versuche im Schreiben und stellt sich sehr geschickt an. Aus Spielsachen macht er sich überhaupt nichts, wenn man ihm ja einmal etwas schenken kann, so fesselt es ihn nur kürzeste Zeit, dann bittet er Mama oder Papa um einen Bleistift und Papier, womit er sich stundenlang unterhält und die kuriosesten Hieroglyphen zu Papier bringt. Manchmal bittet er sogar seine älteren Geschwister, ihm Buchstaben vorzuschreiben, die er dann so gut als möglich nachzubilden sich bemüht. Ich muß sagen, daß ich ihn und die älteste Tochter ein ganz klein wenig mehr liebe, als die andren. Um aber jedes Mißverständnis auszuschließen, muß ich auch wiederholen, daß dies nie zur Geltung kommt, und daß im Umgange mir ein Kind so lieb als das andere ist. Amazon.de Widgets Soll ich auch noch über mein Nesthäkchen, den 6 Monate alten Kurt, einige Worte sagen? Ich hätte ihm eigentlich lieber den polnischen Namen Bonislaw, d. h. Schmerzensreich geben müssen. Denn er ist zu unserem Schmerze geboren. Schon vorher war jeder neue Familienzuwachs mit »gemischten Gefühlen« begrüßt worden, wieviel mehr dieser, der offenbar wurde, als ich mich in der Lungenheilanstalt befand. Meine Frau schrieb mir damals: »Ich bin ganz untröstlich und der Verzweiflung nahe; man hat schon so in einemfort zu würgen und zu patschen, daß man das bißchen Leben hinbringt und soll noch mehr Kinder bekommen. Ich bin wirklich zum Unglück geboren. Während andere gar keine Kinder haben, oder gleich wieder durch den Tod von ihnen befreit wer. den, bin ich dazu verdammt, das Menschenmöglichste in Kummer und Sorgen zu ertragen und auf jedes harmlose Vergnügen zu verzichten. Was ich mich über die »lieben Kinder« ärgern muß, das schafft auch mir noch die Schwindsucht an den Hals.« Mich erfreuten natürlich solche Briefe nicht, sondern im Gegenteil versetzten sie mich in die gedrückteste Stimmung. Sonst war ich stets froh, daß ich ein gesundes und kräftiges Weib besaß, und nun wurde ich von ihr mit solchen Jeremiaden bedacht! Die Kinder[366] machen sie auch körperlich gar nicht elend, sonst würde sie nicht, nach sieben Geburten, noch ein Körpergewicht von 75 Kilogramm haben bei einer Länge von 168 Zentimeter! Dabei ißt sie im Verhältnis zu mir sehr wenig und nicht annähernd so gut und kräftig. Trotzdem war sie mir, was Leibesfülle anbelangt, stets bedeutend überlegen. Erst nach meinen Mastkuren in der Heilanstalt näherte ich mich zeitweise ihrem Gewicht, konnte es aber niemals ganz erreichen. In letzter Zeit freilich haben sich leider auch bei ihr krankhafte Symptome in der Herztätigkeit, wie Kopfschwindel, Haarausfall und starke Erregbarkeit gezeigt. Sie schilt, wenn ich in vielen Dingen gleichgültig bin. Ich glaube aber, damit auf dem richtigen Wege zu sein, wenn man sich nicht über jeden Klatsch, über jede Unart der Kinder, über jedes trübe Wölkchen am ehelichen Himmel und über jede trübe Aussicht auf die Zukunft lange vorher Gedanken macht. Im Gegenteil ? kommt Zeit, kommt Rat. Und wieviele Stiche ins Herz hat sie mir schon versetzt, wenn sie in der Zeitung von Kindersterben las, und dann laut ausrief: »Dem oder jenem ist das Kindchen schon wieder gestorben! Diese Menschen haben ein Glück! Die hätten nun auch sechs und so haben sie nur das eine, während unsereins im Übermaße geplagt ist. Uns stirbt kein solcher Balg weg.« Das hören nun auch meine Kinder an; ? was für Gedanken mögen die sich bei solchen Äußerungen ihrer Mutter machen? Und trotz dieser hart klingenden Worte liebt auch sie ihre Kinder wie jede Mutter. Doch ich wollte ja von meinem jüngsten Söhnchen reden. Mir ist das kleine Kerlchen unaussprechlich ans Herz gewachsen. Wie oft schaut er sich nach mir um, daß ich ihn umher tragen soll, und wieviele Male lacht er mich an. Leider hat er auch schon den Husten und zeigt den charakteristischen breiten Nasenrücken wie sein ältester Bruder. Das ist meine Familie und mein Familienleben ? dasjenige einer Proletarierfamilie im wahrsten Sinne des Wortes! Wer mit innerem Anteile das Vorstehende liest, kann manches daraus lernen. Eins noch zum Schlusse: Nie habe ich meine Frau geschlagen, obwohl ich, namentlich früher, leicht erregbar war. Nur im ersten[367] Jahre unsrer Ehe ? auch das will ich hier und ihr zuliebe beichten ? war ich einmal nahe daran. Was nun weiter aus uns, aus mir werden soll? Noch weiß ich es nicht. Gegenwärtig, im Sommer 1905, beschäftige ich mich mit der Gründung einer Produktivgenossenschaft für Holzschuh- und Pantoffelfabrikation. Ich habe mich deshalb auch mit der Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine in Hamburg in Verbindung gesetzt und diese hat mir auch bei Leistungsfähigkeit Abnahme unserer Produkte zugesagt. Zehn in der Branche großgewordene Kollegen sind als Genossenschafter zusammengetreten. Unter für uns ungeheuerlichen Mühen ist das Geld zusammengebracht, allerdings die Anteile so niedrig als irgend möglich bemessen. Und ob trotzdem die Sache klappen wird? Wer weiß das? Wer weiß, ob ich nicht abermals in einer Fabrik Arbeit suchen muß, wenn aus unserer Genossenschaft trotz aller Anstrengungen nichts wird? Wieder aber in den dumpfen, staubigen Fabriksaal hinein ? das bedeutet für mich, dem sicheren Tode entgegenzugehen. Nach 3 bis 4 Jahren wird dann gewiß der heimtückische Bazillus sein Zerstörungswerk vollendet haben, und es wird eine Witwe mit sechs Waisen mehr in der Welt geben. Ein trauriges Los, so ein Proletarierleben..... Gleichwohl betrachte ich mich durchaus nicht als einen Märtyrer besonderer Art. Ich weiß genau, daß ich hunderttausende von Leidensgenossen habe, denen es ebenso schlecht geht als mir, und das es aberhunderttausend gibt, die noch schlimmer und schwerer mit dem Dasein zu kämpfen haben als ich.[368] 
 Meine Großeltern  In den niederen Volksschichten ist es schon eine Seltenheit, wenn man etwas von seinen Urgroßeltern zu erzählen weiß. Die Meisten wissen nur von ihren Großeltern, viele aber haben auch diese kaum oder gar nicht gekannt, und zu diesen Leuten gehöre auch ich. Nur die Großmutter mütterlicherseits ist mir persönlich bekannt gewesen. Der väterliche Großvater ist 1867 58 Jahre alt, die Großmutter fünf Jahre später gestorben. Ich kann also von diesen nur das wenige erzählen, was ich von meinen in dieser Beziehung sehr wortkargen Vater gehört habe. In dem ansehnlichen altenburgischen Dorfe Reichstädt und zwar in der etwas abseits gelegenen, sich schon mehr an das Nachbardorf Frankenau lehnenden, »die Talhäuser« benannten Häusergruppe, hat die Wiege meines Vaters gestanden. Dort wurde er am 27. August 1843 als fünftes von neun Geschwistern geboren. Die »Talhäuser« sind 11 oder 12 in einer Reihe errichtete, einstöckige niedrige Arbeiterhäuser. Wie damals, so auch heute noch, arbeiten die Leute meistenteils auf dem Rittergut Reichstädt, wo die Löhne zu den niedrigsten in der Umgegend gehören. So weiß ich von dem Manne einer Kousine, der im letzten Winter dort beschäftigt war, daß er für den Tag 1,25 Mark ohne Kost erhielt. Wie sich da die Bauern noch wundern können, warum die jungen Leute mehr nach den Städten ziehen, ist einfach unverständlich. Sie sagen aber meistens: »Heitzutage will s' Gesinge blus mieh Luhn hobe, un nischt mache.« Doch das nur nebenbei. Zu jener Zeit, da mein Vater im Kindesalter gestanden hat,[1] sind die Verhältnisse viel trauriger gewesen. Seine eigenen Worte waren auf meine Frage nach seiner Jugendzeit: »Wir haben eine traurige Kindheit durchlebt, Hunger und bitterste Not war bei uns täglich zu Gaste, wir mußten sogar die Schule versäumen, um betteln zu gehen.« Ich erinnere mich, daß er oft erzählt hat, daß sie beim Krämer für zwei Pfennige Häringslake holen mußten und zu Hause die Kartoffeln hineingetunkt haben. Kartoffeln ist die ausschließliche Nahrung gewesen, und das alte Sonneberger Lied »Vater, Sohn und heil'ger Geist, Kartoffeln in der Früh', des Mittags in der Brüh', des Abends mit samt dem Kleid, Kartoffeln in alle Ewigkeit«, ist schon in jenen Jahren für die armen Leute des lieben deutschen Vaterlandes maßgebend gewesen. Brot haben die Kinder bei den Bauern betteln müssen. Meistenteils war das die Sonntagsbeschäftigung, aber wenn Not an Mann war, mußte eben die Schule versäumt und während dieser Zeit der Bettelgang getan werden. Die übrige Zeit wurde bei den Bauern gearbeitet, natürlich ziemlich umsonst. Oft sind diese Bettelkinder vom Gendarmen ertappt worden; aber zu jener Zeit waren auch diese Beamten schlecht dran, und haben wohl oder übel die allgemeine Bettelei armer Leute Kinder dulden müssen; denn Hunger tut weh und die Jahre 1846 und 1847 sind Hungerjahre in des Wortes wahrster Bedeutung gewesen. Das weiß ich von meiner Mutter und die war eine Bauerstochter, also besserer Leute Kind als mein Vater. Freilich, Schmalhans ist auch bei ihnen Küchenmeister gewesen, obgleich sie das größte Gut im Dorfe gehabt haben. Doch darauf komme ich noch, zunächst endlich etwas über die väterlichen Großeltern. Amazon.de Widgets Wie ich herausbekommen habe, war der Großvater Lohngärtner und der einzige »Selbständige« in den Talhäusern. Er trieb Handel mit einer kleinen Baumschule, veredelte den Bauern die Obstbäume, richtete ihre Gemüsegärten her, verputzte im Herbst die Weinstöcke und hatte außerdem Obst gepachtet. Sein Verdienst soll aber, nach meines Vaters Aussage, so schlecht gewesen sein, daß sie buchstäblich nur das nackte Leben hätten fristen können und in weit schlimmerer Lage gewesen seien als die Hofarbeiter. Über[2] meines Vaters Mutter weiß ich noch weniger. Sie wird mit 9 Kindern jedenfalls viel Ungemach gehabt, viel Kummer und Sorge erlebt haben. Eine alte Photographie von ihr ist mir noch dunkel in Erinnerung, daher weiß ich, daß sie eine »Marche« gewesen ist, d. h. altenburgische Bauerntracht getragen hat. Alle acht Geschwister meines Vaters habe ich nicht kennen gelernt. Das älteste Kind ist ein Mädchen Namens Jette gewesen, die später in Chemnitz verheiratet war und deren Nachkommen noch heute dort leben. Die zweite war Auguste, die einen Brunnenbauer in Crimmitschau genommen hat. An diese erinnere ich mich ganz besonders, denn sie handelte mit Obst und Gemüse, und von Schmölln aus habe ich sie als Junge oft besucht, und manche Tasche voll Früchte von ihr erhalten. Dann folgte ein Bruder, ein Maurer, der 24jährig in Chemnitz starb und mir unbekannt geblieben ist. Nun kam wieder eine Schwester, die Mine, welche ich sehr gut kennen gelernt habe. Ihr erster Mann hieß Göthe und hat eine Zeitlang in Schmölln die Herberge gehabt; später pachtete er den, namentlich den Geraer Lebemännern gut bekannten »Gasthof zum goldenen Stern« bei Thränitz, eine vielbesuchte Animierkneipe. Als erwachsener Mensch habe ich dann später erfahren, daß darin die Kellnerinnen schon seit langer Zeit ein sehr unsauberes Gewerbe ausüben. Der Onkel starb auf dem »Stern« und »Mine« heiratete einen Schneider aus Klosterlausnitz, einer in neuerer Zeit sehr bekannt gewordenen Sommerfrische im Altenburger Westkreise, wo sie noch heute lebt. Es folgte mein Vater Eduard; dann Ernestine, die heute noch als Witwe Lorenz in dem Geburtshause zu Reichstädt lebt, und endlich wieder ein Bruder Franz, der sich in Bocka bei Frohburg ein Heim gegründet hat, in den Plottendorfer Tonwerken als Heizer beschäftigt ist und von mir erst gekannt wurde, als ich 30 Jahre zählte, wo er eines Sonntags per Rad, zum ersten Male, soweit ich mich erinnern kann, meinen Vater besucht hat. Ich aber bin auch bei ihm nicht gewesen. Mein Vater trat mit 14 Jahren bei einem Schuhmacher in die Lehre. Doch weil er da keinen Pfennig Geld in die Hände bekam, hatte er es bald satt und lief nach einem halben Jahre davon,[3] um als Knecht bei den Bauern in Dienst zu treten. Wer aber meinen Vater kennt, der meint, daß er nicht nur Schuhmacher, nein auch Sattler, Schneider, Tischler, Schlosser oder sonst noch was gelernt haben muß, denn er kann einfach alles. Eine Arbeit einmal sehen ? und sofort macht er sie nach. Er ist ein sogenannter »Bastler«, wie man im Volksmunde zu sagen pflegt. Was er alles angefertigt und gebaut hat, werde ich im Laufe meiner Schilderungen später sagen. Jetzt wollen wir ihn ruhig bei den Bauern als Knecht dienen lassen und vorerst einstweilen die mütterlichen Familienverhältnisse kennen lernen. Meine Mutter war ein Jahr älter als mein Vater und 1842 als Tochter des Gutsbesitzers Michael Blüher in Breitenhain bei Lucka geboren. Der Ort ist historisch bekannt; denn auf diesen Fluren haben am 31. Mai 1307 die meißnischen Markgrafen Friedrich der Gebissene und Diezmann, das an Zahl weit überlegene Heer des Kaisers Albrecht ziemlich aufgerieben. Der Großvater ist, soviel ich weiß, gestorben, als seine Tochter Pauline 4 Jahre alt war. Die Großmutter hat dann später des Vaters Bruder geheiratet, der die vier Kinder sehr streng erzogen hat. Auf dem Anwesen sind immer drei Pferde und etwa zehn Kühe gehalten worden. Es war nächst der herzoglichen Domäne die größte Wirtschaft des Dorfes. Die Großmutter, im Jahre 1816 geboren, hatte das Besitztum von ihren Eltern geerbt. Durch einen Kauf- und Lehnschein vom Jahre 1802, der sich noch in meinen Händen befindet, ersehe ich, daß mein Urgroßvater mütterlicherseits Johann Christoph Pöhner geheißen hat. Wie ich schon bemerkt habe, hatte meine Mutter noch drei Geschwister. Das älteste Kind hieß, ebenso wie meines Vaters älteste Schwester, Jette, welche in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Gattin eines Schuhmachermeisters in Lucka gestorben ist. Dann folgte meine Mutter, hierauf die Ernestine, welche einen gegenwärtig als Agent und Villenbesitzer in L.stadt lebenden, ehemaligen Barbier Clauß heiratete, mit diesem früher in Groitzsch lebte und vor 6 Jahren in der altenburgischen Kohlenstadt Meuselwitz verstarb. Das jüngste Kind war der Bruder Hermann, späterer Besitzer des Gutes. Vor etwa fünf Jahren trat er[4] es an seinen Sohn Paul ab, der es indes bald verkaufte, um ein Mühlenunternehmen bei Altenburg zu betreiben. Von meiner Großmutter weiß ich, daß sie sehr fromm und gottesfürchtig war, viele Teearten und sonstige Heilkräuter eintrug und eine gute Krankenpflegerin war, ja sogar Krankheiten »versprechen« konnte, welche Eigenschaften sie auch auf meine Mutter übertragen hat. Außerdem war die Großmutter eine Geschichten- und Märchenerzählerin für uns Kinder, wie ich sie in meinem Leben nicht wieder angetroffen habe. Rotkäppchen, Dornröschen, Aschenbrödel, Struwelpeter, Gartenliesl, Käsemarthl, die Geschichte vom Däumling, die Robinsonaden und eine Unmenge andre, deren Titel ich inzwischen vergessen habe, hatte sie immer auf dem Repertoire, und im Erzählen wurde sie niemals müde. Wir Kinder freuten uns königlich, wenn es hieß, Großmutter kommt, oder wenn wir sie besuchten. Von ihrem Stiefvater hat mir meine Mutter nur erzählt, daß er sehr streng gewesen und immer auf Ordnung gesehen hat. Jedes Ding im Hause mußte stets an seiner bestimmten Stelle stehen. Er war einfach und mäßig, nur in Tabak gestattete er sich eine Extravaganz, aber das regelmäßige Quantum wurde auch hier eingehalten. Jede Woche ein halbes Pfund wurde der Pfeife geopfert. Sein Todesjahr kann ich nicht genau angeben, ich glaube es war 1860, werde es auch schwerlich erfahren können, denn meine Mutter ist bereits zwölf Jahre tot und von ihrem noch lebenden Bruder weiß ich jetzt nicht einmal den Aufenthalt. Amazon.de Widgets Ich erinnere mich noch oft aus den Jahren meiner frühesten Kindheit, daß wir die Großmutter in Breitenhain besucht haben. Zwar hatte damals schon der Bruder das Gut übernommen, und die Großmutter saß auf dem »Altenteil«, aber darum kümmerten wir Kinder uns ja nicht, die Hauptsache war für uns, daß es Kuchen und Obst gab. Gewöhnlich waren auch Claußens aus dem nahen Groitzsch mit ihren Kindern da, und wir tummelten uns dann im Garten und auf den Wiesen umher, daß es eine Luft war. Namentlich zum Erntefest kam gewöhnlich die ganze Freundschaft zusammen. Da gab es im Garten einen Kornapfelbaum, welche Sorte um die Ernte schon zu reisen beginnt; auf diesen hatten wir[5] es immer ganz besonders abgesehen. Der Kousin Paul schleppte dann eine Wäschestütze herbei und das Schütteln begann. Wenn dann der Onkel oder die Tante dazu kam, gab es allemal Schelte, die aber bald wieder vergessen war. So war das eine Reihe von Jahren gehalten worden bis plötzlich das gute Einvernehmen unter den Geschwistern in die Brüche gehen sollte und nie wieder ordentlich hergestellt wurde. Und das kam so. Ende Oktober 1880 kam meine Großmutter zu uns nach Schmölln auf Besuch. Während der ersten Tage ihrer Anwesenheit ist meine Schwester Flora geboren worden. Wir drei Brüder freuten uns ganz besonders über die schönen Geschichten, die uns die Großmutter in jenen Tagen erzählte und ahnten dabei nicht, daß es das letzte Mal sein würde. Kränklich war die Großmutter schon, als sie kam, es wurde auch nicht besser, sondern der Kräfteverfall nahm immer mehr zu. Sie klagte besonders über rheumatische Schmerzen und Schlaflosigkeit. An einem Novemberabend war sie besonders schlimm dran. Mein Vater sagte deshalb zu ihr: »Ich lege Dir einen Hammer auf den Tisch, wenn Du munter wirst und noch etwas verlangen willst, so pochst Du damit auf den Tisch, bis ich aufgestanden bin.« Gegen Morgen wurde ich plötzlich durch einen lauten Aufschrei der Mutter aus dem Schlummer geweckt. Ich schlief mit meinem Bruder Felix zusammen in einem Bett, bald nach dem Erwachen legte uns die Mutter den kleinen zweijährigen Bruder Viktor mit ins Bett. Ich wagte nicht, nach dem Grunde ihrer Tränen zu fragen, weil ich glaubte, daß sie sich mit dem Vater gezankt und dieser ihr eine Ohrfeige gegeben hatte, was nämlich, zu meinem Leidwesen muß ich es gestehen, dann und wann bei Anlaß eines ehelichen Zwistes vorkam. Ich wollte später, als ich so 14 bis 15 Jahre zählte, manchmal dazwischen fahren und habe mich tief über solche Auftritte gegrämt. Meine Mutter dauerte mich sehr, aber immer kam es von dem verdammten Mammon her, der nicht reichen wollte, wie das auch in meiner Ehe schon oft der Fall gewesen ist; doch geschlagen habe ich meine Frau nie. Nun zurück zu jener Nacht. Wir Kinder neckten uns gegenseitig im Bett, als ich plötzlich meine Mutter in der Stube sagen[6] hörte »Telegraphiere einfach, ? Mutter tot«. Nun wußte ich trotz meiner sieben Jahre alles. Es war also der armen Großmutter nicht vergönnt gewesen, in ihrem Heimatsdorfe zu sterben. Wie dann meine Mutter erzählte, soll sie Todesahnungen gehabt haben. Am Abend ihrer Ankunft soll sie zu meiner Mutter gesagt haben: »Meine Pauline, Du sollst mir meine Augen zudrücken, ich fühle es, daß es mit mir alle wird, den ewigen Streit mit Hermann habe ich satt; jeden Bissen muß ich ihm erst abverlangen, neulich hat er mir nasses Brennholz hinaufgeschickt. Ich habe gefroren wie ein Hund; wo sie mich ärgern können, tun sie es; aber an allem trägt seine Frau die Schuld; sie macht die Bolzen und er muß sie verschießen.« Ihr Wunsch war also in Erfüllung gegangen. Ein Herzschlag hatte ihrem Leben ein Ende gemacht. Sie starb 64 Jahre alt und liegt in Schmölln begraben. Bei der Erbschaftsregulierung brach nun die Uneinigkeit unter den Geschwistern aus. Die Großmutter hatte meinen Eltern verschiedenes gesagt und ihnen die Schlüssel ausgehändigt. Als dann diese nachsahen, waren die Sachen verschwunden. Der Mann der Schwester und der Bruder, die sollen beide die Tür aufgebrochen, Federn aus den Betten genommen und verschiedenes andere auf die Seite gebracht haben. Wenn ich nicht irre, bekam noch jedes Kind 300 Taler.[7] 
 Verheiratet  [219] Den ganzen Winter hindurch war mir meine Braut sehr verdächtig vorgekommen. Im Frühjahr schien es mir Gewißheit zu sein, daß ich ein Unglück angerichtet hatte. Ich wartete immer auf eine Erklärung, aber sie blieb stumm, bis ich eines Abends selbst darauf zu sprechen kam. Sie gab es zu, hatte mir aber vor meiner letzten Militärmusterung nichts davon sagen wollen. Wenn ich Soldat geworden wäre, meinte sie, hätte sie sich ein Leids angetan; denn nach Hause hätte sie nicht in solchem Zustande kommen dürfen. Selbstverständlich gab ich nun zur letzten Musterung jeden Fehler an und wegen meines linken Ohres, das nur noch ein stark durchlöchertes Trommelfell aufzuweisen hatte, kam ich zur Ersatzreserve der Infanterie. Meiner Verheiratung stand also nichts mehr im Wege, doch soviel steht fest, hätte ich meine Braut nicht geschwängert gehabt, ich hätte noch lange nicht geheiratet und wäre vielleicht Soldat geworden. So zogen wir denn im Juli 1895 zusammen und bewohnten das Erkerlogis in dem kleinen Häuschen des Schwiegervaters. Schon am ersten Tage kamen mir die Ausgaben für den eigenen Haushalt wie spanische Dörfer vor. Was war da eine Mark? Ich hatte mir rein gar nichts gespart, nur dem Schneider hatte ich für meinen Hochzeitsanzug den Macherlohn geben können. Von zu Hause konnte ich erst recht nichts haben, und so war es denn ein Glück, daß meine Frau wenigstens das Nötigste hatte: ein Bett, eine Kommode, und die allernötigste Wäsche. Ein Sofa kaufte sie noch in bar und einen Tisch mit 4 Stühlen bekam sie von ihren Eltern. Ich bekam einen Regulator von meinem Vater. Dann nahmen[219] wir noch 1 Sofatisch, 1 Kleiderschrank, 1 Küchenschrank, 1 Spiegel, 1 Waschtisch und eine Bettstelle auf Abzahlung vom Tischler Müller, einem guten Freunde, der aber später nach Süddeutschland gezogen ist. Am 10. August fand die Hochzeit statt, die ziemlich nett gefeiert wurde. Schon am Polterabend ging es laut her. Meine Freunde, Robert und der Tischler, machten Leben genug in die Bude. Ein Fäßchen Bier ging schon an diesem Abend drauf. Am nächsten Tage waren auch meine Eltern und drei Geschwister, die beiden Zeugen, zwei Freunde aus dem »Verein zur Wahrung der Interessen der Arbeiter«, die drei Schwestern meiner Frau, eine davon mit ihrem Zukünftigen erschienen, und da war denn die Stube voll. Es war gerade ein herrlicher Sommertag; an Essen und Trinken ? da muß ich meine Schwiegereltern loben ? hat es nicht gefehlt, und jeder hat sich in der besten Weise amüsiert. Freilich hatten die alten Weiber uns gewarnt, während der Hundstage zu heiraten. Aber wir mußten eben. Denn am 28. desselben Monats kam meine erste Tochter an, die ich Hedwig genannt habe. Frühmorgens war meine Frau noch mit mir zur Arbeit gegangen, gegen 10 Uhr mußte sie die Arbeit verlassen und als ich Mittags nach Hause kam, war alles vorüber. Mir war es sehr lieb, daß sie mich nicht hatten holen lassen. Zum Ball des Arbeitervereins am 20 Oktober machte ich Kindtaufe und als Paten hatte ich meine Freunde Wilhelm Kuhl, den Tischler Müller und Roberts Frau für meine Tochter gewonnen. Von ersterem lag auch eine hübsche Widmung, zierlich in Rundschrift geschrieben, dem Patenbriefe bei; sie soll hier Platz finden: »Als Kind des Proletariats bist Du geboren, ? Besitzlos und bedrückt nennt sich auch Dein Geschlecht, ? Drum tritt auch Du dereinst in reisen Jahren ? Ein für die Freiheit, Wahrheit und das Recht.« Auch diese erste Taufe war noch ein fröhliches echtes Familienfest. Wir hatten Freude, was bei späteren Gelegenheiten nicht der Fall war. Übrigens habe ich nur drei Taufen ausgerichtet, bei den andern dreien ist die Hebamme allein mit dem Kind zur Kirche gegangen, und die Namen der Paten sind nur eingeschrieben worden.[220] Meine Frau ging dann wieder mit auf Arbeit und das Kind behielt die Schwiegermutter, wenn ich nicht irre, für 4 Mark wöchentlich. Nun hatte aber meine Frau schon vorher ein Kind gehabt von einem Kaufmann, der in einem Geschäft als Buchhalter beschäftigt war, wo meine Frau als Dienstmädchen diente. Der Mann ist jedoch bald bei einer Gondelpartie auf der Unstrut bei Roßleben ertrunken und das Mädchen bekam weder einen Mann noch Alimente. Dieser Knabe, den meine Schwiegereltern auch behalten hatten, war kränklich, weil ihm seine erste Ziehmutter als kleines Kind immer auf die Haussteine gesetzt hatte, wo das Kind auch bei unfreundlichem Wetter oft den ganzen Tag verbringen mußte. So hatte es sich immer von neuem erkältet, und daraus war ein Nierenleiden entstanden, das in jenem Herbst besonders stark zum Ausbruch kam. Die Schwiegereltern, denen der Kleine aus Herz gewachsen war, taten alles Mögliche, um ihn kurieren zu lassen, und er hat ihnen einige hundert Mark gekostet; allein nichts wollte helfen, weder medizinische, noch naturgemäße Behandlung. Vier Jahre hat der arme kleine Kerl zugebracht, ehe ihn der Tod von seinem Leiden erlöste. Durch ihn entstanden leider auch die ersten Stürme in unserer Ehe. Denn es kam mitunter vor, daß die Schwiegereltern, die auch hart arbeiten mußten und mittellos waren, von meiner Frau für den Jungen einen Beitrag verlangten, gewöhnlich 10 Mark. Davon sagte mir meine Frau nun aber nie etwas. Sie wollte offenbar jeden Anlaß zum Zwist vermeiden. Barmittel aber waren nicht da, weil wir auf unsere Möbel usw. abzahlen mußten; ich verdiente nur 13 Mark die Woche und meine Frau 9 Mark. Sie brachte deshalb oft Abends noch ein Webstück, Cachemir oder Coating, mit nach Hause und nähte dasselbe manchmal die halbe Nacht noch »aus«. Die Schuß- und Fadenbrüche an diesen Stücken müssen nämlich mit dem gleichen Garn wieder eingenäht werden, und dadurch verdiente sie oft noch 2 bis 5 Mark mehr, aber zu Barmitteln kam man trotzdem nie. Kamen nun die Eltern und stellten Anforderungen in finanzieller Beziehung an sie, so lieh sie sich manchmal Geld, so einmal 15 Mark vom Fleischer. Sie hatte das auch schon bis auf 10 Mark wieder abgezahlt, aber[221] dann kam etwas anderes dazwischen, und der Fleischer, der nicht warten wollte, sagte es dann mir. Dadurch entstand der erste Zwist, weil sie mir keine Mitteilung davon gemacht hatte. So hatten wir zu würgen, daß wir durchkamen und wenn das Jahr um war, war man auch mit herum. Dazu war man noch jung und stellte Anforderungen an das Leben. Ich vor allem wollte meine Gesellschaft nicht ganz missen, und dadurch entstand wieder Zank. Der Schwiegervater, der harte Forstarbeit, wie Bäume fällen, ausputzen, pflanzen, Stöcke roden, gegen niedrigsten Lohn verrichtete, ginge ja auch nicht zum Vergnügen; da sollte ich mich auch einschränken. Und er verdiente viel weniger noch als ich! Das Einzige, was ein Vorteil bei seiner Arbeit war, bestand darin, daß jeder Holzmacher Abends einen Handwagen voll Abraumholz mit nach Hause nehmen konnte. Aber was gehört auch dazu für eine Schinderei, bei oft grundlosen Wegen den vollbepackten Wagen tief aus dem Forstinnern heraus und dann noch eine halbe, dreiviertel, ja selbst anderthalb Stunden nach Hause ziehn! Das ist eine Arbeit, die anstrengender nicht zu finden ist. Ich wäre Abends halbtot, müßte ich diese schwere Fron verrichten. Zu Hause mußte dann das Holz noch gesägt, gespaltet und dürr gemacht werden, ehe man es verkaufen kann; und auf eine Klafter gehört viel. Für diese gibt es dann gewöhnlich 9 Mark. Und 10 Klaftern bringt man kaum das Jahr über zusammen. Außerdem wollen sie doch auch selbst heizen; dafür werden dann noch Stöcke gekauft und ausgerodet. Dabei ist die Schinderei noch ärger. Ein ausgemergelter Fabrikproletarier kann da überhaupt nicht antreten. Der Schwiegervater aber ist ein hoher Sechziger und leistet es noch. Freilich hat er sein Lebtag nur im Freien hantiert; erst Landarbeit verrichtet, dann diese Forstfron. Im Sommer, wo im hiesigen Forst auch nichts zu tun ist, muß er noch heute bei den Bauern oder auf dem Rittergut die Ernte mitmachen. Wie gesagt, ich könnte seine Arbeit nicht leisten. Aber auch ihm vergeht dann Sonntags die Luft, auszugehen. Er ruht dann. Wenn aber unsereiner die ganze Woche hindurch im dumpfen Fabrikraum gesteckt hat, so will man Sonntags frische Luft schnappen und sich mit den[222] Kollegen unterhalten und wohl auch belustigen. Auch stellt jene alte ländliche Generation keine Ansprüche weiter an das Leben, als zu essen, zu schlafen und zu arbeiten; höchstens daß sie das Lokalblättchen noch durchsehen, ? das ist jedenfalls ihre ganze geistige Nahrung. Der moderne Arbeiter aber verlangt mehr. Er fordert wenigstens, teilzunehmen an den Genüssen des Lebens. Er will sich weiter bilden. Mir waren von der Schulzeit her die Bücher besonders lieb und wert, und ich habe heute noch fast sämtliche Bücher von den drei letzten Schuljahren. Ich wollte stets mehr wissen. Schaffte ich mir aber wieder einmal ein Buch an, so wurde geschimpft. Zum Bücherkaufen und zum Vergnügen, zum Weglaufen am Sonntag, da gibt es Geld! Das predigte dann auch die Frau mit, und als ich später in der Metallbranche in Gera arbeitete, und dort mehr Geld verdiente, mir deshalb gelegentlich auch wieder ein Buch kaufte, wurde weiter darüber geschimpft. Sie haben es aber nicht hindern können, daß im Laufe der Zeit doch eine ganz stattliche Bibliothek entstanden ist. Auch von meinem alten Schulfreund Dietzmann, von dem ich noch nachholen muß, daß er gezwungen war, vom Gymnasium abzugehen, weil sein Vater sich einer Zungenoperation unterziehen mußte und dadurch sein Predigeramt nicht mehr ausüben konnte, sondern pensioniert wurde, habe ich zahlreiche gute Bücher geschenkt erhalten. Er ist dann Lehrer geworden und in Meuselwitz angestellt. Er ist heute noch Junggeselle, und wegen seiner freundlichen Umgangsformen der beliebteste Lehrer der Stadt, wie mir meine dortigen Genossen versichert haben. Also wie gesagt, weil ich höhere Ansprüche an das Leben stellte, wurde ich von der Familie meiner Frau beredet: man solle sich lieber ducken, man solle mit seinem Lose zufrieden sein. Warum denn diese Partei- und Gewerkschaftsgeschichten? Wählen könne man ja den Sozialdemokraten, aber im übrigen solle man ruhig sein. Es müsse doch einmal Arme und Reiche geben. Ach, der geistige Horizont dieser armen, vom Lande stammenden alten Arbeitsleute reicht eben nicht weiter! Doch ich behielt meine eigene Meinung. Auch mit meiner Frau hatte ich unzählige Auseinandersetzungen darüber. Die Arbeiter geben uns doch[223] nichts, wenn die Fabrikanten nicht einmal etwas geben, so meinte sie oft. Merkwürdig! Mir hat noch niemals ein Fabrikant etwas gegeben, als meinen kärglichen Lohn; und der war immer viel weniger, als was ich eigentlich verdient hätte. Ich habe meiner Frau auch immer meine Meinung ordentlich darüber gesagt. Im Anfange wollten freilich alle Belehrungen nichts helfen, doch mit der Länge der Zeit ist auch sie gescheiter geworden. Jetzt hat sie sich sogar ohne mein Zutun organisiert, trotzdem sie nur in der Heimarbeit tätig ist. Sie ist Mitglied des Textilarbeiterverbandes geworden. In den ersten Ehejahren aber war sie noch nicht zu solcher Einsicht gelangt. Amazon.de Widgets Im März 1897 schenkte sie einem zweiten Töchterchen das Leben. Erna wurde diese genannt. Jetzt hieß es schon »Ohren steif halten!« Sollten wir nun 7 oder 8 Mark für die Pflege der beiden Kinder ausgeben? Das wäre doch Unsinn gewesen. Meine Frau mußte also nun zu Hause bleiben. Sie nähte nun zu Hause weiter aus. In der ersten Zeit ging es dabei noch mit dem Verdienst. Dann aber kam ein neuer Putzmeister, der von ihrer früheren Tätigkeit in der Fabrik nichts wußte. Sie bekam schlechtere Stücken und der Verdienst ging zurück. Jetzt hieß es, noch mehr aufpassen, denn die Kinder kosteten immer mehr Geld. Meine Frau ward manchesmal ärgerlich! In solcher Laune schlug sie auch öfters Mittags die Kleine auf die Hände, weil sie nach den Tassen griff und eine derselben umwarf. Schließlich schlug sie gleich mit dem Löffel auf die kleinen Finger. Das erste Mal hatte ich es ruhig angesehen und ihr's verboten; denn ich wußte ja, warum sie es tat: nur aus Ärger über den elenden Mammon, der nicht ausreichen wollte. Es mußte jetzt immer ein Loch aufgemacht werden und das andere zu. Sollten nun noch mehr Kinder kommen? Es wurde mir schon Angst, wenn ich daran dachte. Eines Tages brachte unser Chef Pariser Artikel mit in die Arbeitsräume, von denen ich da zum ersten Male hörte. Vorher hatte ich noch nichts über Schwangerschaftsverhütung vernommen. Der Chef schwatzte auch mir eine Dose Pessare für 1,20 Mark auf. Ich nahm später sogar noch eine zweite. In Verfolg davon unterhielten sich die verheirateten[224] Kollegen noch öfter über solche »Verhütungen«. Mitunter hörte man da Sachen, die man schriftlich nicht wiedergeben kann. Als sicherstes Mittel wurde außer der völligen Enthaltsamkeit das »Vorortsgeschäft« bezeichnet. »Coitus interruptus« ist der medizinische Ausdruck dafür. Erst später erfuhr ich, daß dies höchst schädlich für Mann und Weib ist. Trotzdem ich die Pessare und ebenfalls auch das letztgenannte Mittel anwandte, war mir ein Jahr später mein Sohn Ernst beschert. Leider ist er sehr kränklich veranlagt, sehr schwächlich und von blasser Gesichtsfarbe; ob nicht diese verwünschten Sachen die Schuld daran tragen? Die große Empfänglichkeit meiner Frau scheint übrigens in ihrer Familie zu liegen; denn alle ihre Schwestern haben sich als gleich fruchtbar erwiesen. Meine Familienverhältnisse aber wurden dadurch immer mißlicher. Ich wollte fort, mir lohnendere Beschäftigung zu suchen. In einer Harmonikafabrik im Geraer Vorort Leumnitz hatte ich Beschäftigung er halten, wo ich 17 Mark verdienen konnte. Dort sollte ich die Fabrikation von Pantoffelhölzern mit einrichten helfen, die ich mir inzwischen perfekt angeeignet hatte. Ich hatte aber wieder Schwierigkeiten mit meinen Papieren. Der Chef bestand auf 14tägiger Kündigung. Gleichzeitig bot er mir eine Mark Zulage. Meine Frau redete mir auch mehr ab als zu, wegen des Weges; jeden Tag 3 Stunden zur Arbeitsstelle zu laufen, außer der elfstündigen Arbeitszeit, das sei zu viel. Ungezählte andere müssen es aber auch tun. So blieb ich denn und arbeitete nun für 14 Mark. Was aber bedeutet eine Mark Zulage? Das ist doch nur ein Tropfen Wasser auf einen heißen Stein. Jetzt waren wir zu fünfen. Die Hedwig schlief beim Schwiegervater im Bett, von den beiden andern Kindern je eins bei Vater und Mutter. So brauchten wir wenigstens noch kein neues Bett anzuschaffen. Doch geschehen mußte auch das einmal, und so wurden die Aussichten für die Zukunft immer schwärzer, die Frau immer mißgestimmter, so daß ich die Ehe jetzt, schon nach kaum 2 Jahren, verwünschte. Dazu kam wieder eine Krankheit von mir, die durch Unfall entstanden war. Ich hatte mit einem jungen Burschen rotbuchene[225] Pfosten abgekürzt. Dieselben maßen etwa 5 Meter in der Länge und 1/2 bis 3/4 Meter in der Breite, waren also für zwei Mann beinahe zu schwer. Der Bursche faselte und quasselte eines Tages hinter mir herum, hatte keinen Gedanken auf die Arbeit und warf den Pfosten kurzer Hand weg, als wir ihn auf die große Kreissäge heben wollten. Ich konnte nicht zurückweichen, der Pfosten war blitzschnell in die Höhe geschnellt und fiel mir dann auf den linken Fuß. Ich trug Holzschuhe und dadurch war die große Zehe breit gequetscht. Der »Tuitam« trug mich auf dem Rücken nach Hause. Der Arzt kam erst am nächsten Tage und verordnete Lysolbäder. Was ich aber in der ersten Nacht für Schmerzen ausgestanden habe, kann ich niemandem erzählen. Ich habe damals die Engel wieder einmal singen hören. Ich habe aber in diesen Tagen doch einen Jahrgang »Buch für Alle« durchgeschmökert. Besonders hat mir darin der Zobeltitzsche Roman »Heilendes Gift« gefallen, in dem erzählt wird, wie durch ein javanisches Pflanzengift Epilepsie geheilt wurde. Drei Wochen lag ich zu Hause, dann schnallte ich mir eine von meinem Vater verfertigte primitive Holzsandale an und humpelte auf Arbeit. Vierzehn Tage dauerte es dann immer noch, ehe ich wieder einen Schuh anziehen konnte. Kaum war ich gesund, als meine Tochter Erna, die sich bis dahin kräftig entwickelt hatte, infolge des Impfens erkrankte. Vor dem Impfen war sie fidel, blühend und voll, nach dem Impfen wurde sie so krank, daß wir alle halben Stunden eiskalte Umschläge anwenden mußten. Dann ward sie spindeldürr, von blasser Gesichtsfarbe und still. Sie hat dann noch die Lungenentzündung zweimal gehabt, die auch der folgende Ernst in zwei Jahren allein sechsmal durchmachen mußte. Nun hieß es also auch noch, einen ziemlichen Teil des kargen Lohnes in die Apotheke schaffen! Es lag dies auch mit an den Ärzten. Der eine Doktor verordnete meist nur Umschläge und Bäder, während der andere nur Medizin gab. Mit den finanziellen Mitteln war es also nun noch schlimmer, und die Laune meiner Frau besserte sich nicht, sondern verschlechterte sich noch. Wenn ich mir so viele Gedanken hätten machen wollen, wie sie, so wäre es traurig um uns bestellt gewesen. Zur Butter langte es schon[226] gar nicht mehr, es mußte Margarine sein. Und doch, war ein Vereinsvergnügen, so machte man trotzdem einmal mit; denn meine Frau war und ist heute noch tanzlustig, wofür ich allerdings jetzt gar kein Interesse mehr habe. Dann schimpften wieder die Schwiegerleute und ihre noch ledige Tochter Selma. Dann hieß es: »Bleibt zu Hause und bezahlt erst Eure Schulden!« Darüber ärgerte sich meine Frau und ich wurde trotzig und lief noch mehr zu den Freunden. Und dann kam es manchmal zu Auftritten zwischen uns, die mir wirklich das Leben verbitterten und die mich sogar einmal mitten in der Nacht an den Baderteich trieben. Ich wollte allen Ernstes ins Nasse. Aber da fielen mir meine Kinder ein. Was sollte aus ihnen werden? Und meiner Kinder wegen nahm ich dies freudenlose Leben von neuem auf; aber die Sorge und die Not ist geblieben, wie wir später weiter sehen werden. Unsere Chefs, d. h. die späteren, hatten allmählich das Pantoffel- und Holzschuhgeschäft gut in die Höhe gebracht. Wir konnten nicht genug Hölzer schaffen, so daß noch aus der Luckaer Holzindustrie und von Stettin her solche bezogen werden mußten. Alljährlich hatten wir eine Kommission von einigen tausend Paar Holzschuhen nach Kapstadt zu liefern. Wir mußten deshalb sogar mit Überstunden arbeiten, um nur die nötigen Holzsohlen fertigzustellen. In dem engen Arbeitsraum herrschte dann erst recht ein ungeheurer Staub, der mich für meine Lunge das Schlimmste befürchten ließ. Meine Mutter war an Tuberkulose gestorben. Ich hatte deshalb immer eine geheime Angst in mir. Bei dürrem Holz, dessen Staub infolge der Leichtigkeit sich nicht zu Boden senkte, und ebenfalls, wenn ich den Schleifstein abdrehen mußte, band ich deshalb einen Respirator vor Mund und Nase, den ich von einem Apotheker in Frankenstein in Schlesien bezogen hatte. Von den ungebildeten ländlichen Arbeitern wurde ich natürlich deswegen verlacht und verspottet. Als junger Mensch will man das auch nicht immer haben und so benutzte ich eben das Dings nur in den nötigsten Fällen. Doch hatte ich schon öfter mit den Kollegen Austausch gepflogen, daß in dem Betriebe eine ordentliche Ventilationsanlage[227] sehr nötig sei Wie aber diese erlangen? Ein kleiner Flügelventilator war wohl vor den Schleifscheiben angebracht, der genügte aber in keiner Beziehung. Hier war ein Kanalisationsexhaustor am Platze, der den Staub direkt von der Maschine wegnahm. Schon 2 Jahre vorher hatte ich nun in Gemeinschaft mit Wilhelm Kahl, der zu jener Zeit schon Kartellvorsitzender in Gera war, versucht, eine Zahlstelle des Holzarbeiterverbandes zu gründen; denn unsere Schuhmacherzahlstelle war längst selig entschlummert. Ich und mein Vater waren die letzten beiden Mitglieder gewesen, Obgleich ich seitdem mehrmals den Versuch wiederholt hatte, wollte es immer nichts werden. Auf einem Stiftungsfest des Textilarbeiterverbandes kam ich dann im Sommer 1897 mit dem Tischler Rössel zusammen, und mit ihm wollte ich noch eine Kraftanstrengung machen, die Ronneburger Holzarbeiter zu organisieren. Wir gingen Haus für Haus zu den Tischlern und Korbmachern. Ich selbst agitierte, soviel ich konnte, in der Fabrik. Aber nur die Mehrzahl der Nagler, der Schneidemüller Barofski und einige Mausefaller, darunter Karl Brüger, erklärten ihren Beitritt. So konnten wir denn endlich die Gründung perfekt werden lassen. Nach einem Referat des Leipziger Holzarbeiterführers Franz Mensch traten sofort 32 Kollegen dem Verband bei. Darunter waren fast alle Tischler in Ronneburg. Leider hielten sie nur kurze Zeit aus: die Beitragsleistungen veranlaßten die Frauen der Kollegen, darüber zu schelten und zu schimpfen. Und da die weibliche Ehehälfte in Geldsachen meistenteils »die Hosen an hat«, so mußte ihrem Wunsche Folge geleistet werden. Bald waren es wieder nur noch 15?20 Mitglieder, die aber dafür fest und treu zur Organisation standen. In einer Mitgliederversammlung dieses neuen Verbandes nun, die sich mit Mißständen in den einzelnen Werkstätten befaßte, brachte ich auch meine alte Klage wegen der starken Staubentwickelung in unsrer Bude vor und forderte die unbedingte Anschaffung eines Exhaustors. Es wurde deshalb beschlossen, den altenburgischen Fabrikinspektor Gewerberat Böhnisch zu benachrichtigen, damit dieser bei einer vorzunehmenden Revision des Betriebes den Übelstand abschaffen könne.[228] An einem Donnerstag, gerade als die beiden Chefs abwesend waren, erschien der Fabrikinspektor und revidierte nicht nur den Kessel, sondern den ganzen Betrieb recht eingehend. Er frug den an einer Bandsäge beschäftigten Barofski nach allem aus und kam dann zu uns in die Schleiferei. Ich mußte die Schleifscheiben in Betrieb setzen. Er erklärte die Ventilation für durchaus ungenügend und ordnete eine Exhaustoranlage an. Am nächsten Morgen ist dann der eine Chef zu Barofski gekommen und hat diesen nach den Anordnungen des Aufsichtsbeamten gefragt. »Wo wohnt denn der Affe von Inspektor?« hatte er dabei geäußert. Er lief dann in der Stadt herum, verhörte alle Arbeiter und wollte um jeden Preis die unzufriedenen Elemente herausbringen. Die Schleiferei wurde auf seine Anordnung hin ins Hauptgebäude verlegt, der Exhaustor aber wirklich aufgestellt. In jenen Tagen des Jahres 1898 hatte auch wieder die Landtagswahl in unserem Ländchen stattgefunden. Ich hatte natürlich unaufhörlich unter den bei uns beschäftigten ländlichen Arbeitern agitiert, damit sie zur Wahl gehen sollten Ich selbst wählte zum erstenmal in meinem Leben. Ich war damals gerade 25 Jahre alt geworden. Die Wahl dauerte bis 6 Uhr und von unseren »Kaffern«, wie die Leute vom Lande gewöhnlich betitelt werden, waren nur zwei zur Wahl gegangen. Da gelang es den Bemühungen meines Vaters und mir, noch 10 Minuten nach 5 Uhr 3 Mann zu bewegen, nach Hause zu gehen und zu wählen, Sie sollten den Ausschlag geben: denn unser Genosse Schüler wurde mit nur einer Stimme Mehrheit gewählt. Selbstverständlich freuten wir uns herzlich, daß wir so »direkt« zum Siege beigetragen hatten. Zwar wollten dann die Regierungsmänner die Wahl für ungültig erklären, weil ein Wahlzettel mit Schiller beschrieben war. Allein der Landtag beschloß die Gültigkeit, weil aus dem Zettel nur die Absicht des Wählers hervorzugehen brauche, wem die Stimme gehören soll. Seitdem sind auch die Altenburger Bauern moderner geworden und lassen die Stimmzettel nicht mehr schreiben, sondern geben seit 1904 gedruckte Zettel ab, obgleich es viel Mühe gekostet hat, ehe sie dieser Wahlmethode zugestimmt[229] haben. Unter anderen Argumenten dagegen hatten sie befürchtet, daß dann die Wähler das Schreiben ganz und gar verlernen würden. Wenige Wochen nach der Landtagswahl fand auch die Reichstagswahl statt, für die ich mich wiederum bei der Agitation gehörig ins Zeug gelegt habe. Leider mußten wir dem Agrarier von Blödau das Feld räumen, der 15000 Stimmen auf sich vereinigte, während unser Buchwald es nur auf knapp 15000 brachte. Ich sehe noch heute unsere beiden Chefs lachen; sie freuten sich natürlich, daß der Geldsacksvertreter in den Reichstag einzog. Doch später haben auch wir einmal gelacht. Etwa 4 Wochen nach der Wahl, als der Exhaustor ziemlich fertig war, ließ mich der eine Chef eines Sonnabends Vormittags zu sich ins Kontor rufen. Schon vorher konnte er sich nicht mehr ungezwungen mit mir unterhalten, und als ich eines Tages mit einem andern Arbeiter eine Minute lang stand, schnauzte er uns wegen angeblicher Faulheit dermaßen an, daß es sich ausnahm, als ob wir uns in der Kaserne befänden. Vielleicht war die Wut des Herrn durch einen Zeitungsartikel entstanden. Denn in dem damaligen Parteiblatt »Der Wähler« war damals eine Notiz aus Ronneburg zu lesen, nach der ein Schuhwarenfabrikant in der Nacht den Apotheker herausgeklingelt und für 5 Pfennige Lausesalbe verlangt habe. Also, wie ich schon erwähnte, ließ mich der Unternehmer rufen und kanzelte mich ganz gehörig ab. »Nun, Bromme,« begann er, »Sie sind doch derjenige, der uns die Suppe mit dem Inspektor eingebrockt hat. Sie haben es gerade nötig, bekümmern Sie sich um Ihre Familie, anstatt um die Partei- und Verbandsgeschichten. Natürlich hören Sie in 14 Tagen auf und haben auf jeden Fall mehr Schaden als ich. Solche undankbare Leute wie Sie, dem wir Zulage gewährten und die uns dann die Aufsichtsbeamten auf den Hals hetzen, wollen wir nicht beschäftigen. Machen Sie, daß Sie 'naus kommen; in 14 Tagen ist es zu Ende. Schmieren Sie mich immer im »Wähler« herum. Ich pfeife darauf.« Also sollte ich arbeitslos werden, was seit 7 Jahren nicht der Fall gewesen war, jetzt, wo ich verheiratet und Vater von 3 Kindern[230] war. Es war mir wirklich nicht leicht ums Herz. Doch einen Trost hatte ich, den ich nun nicht genug loben konnte ? den Verband. Der Gauvorsteher Werner aus Gera, dem ich meinen Fall sofort unterbreitete, sagte mir unbedingt die Gemaßregeltenunterstützung zu; ich war ja nur durch die Verbandstätigkeit arbeitslos geworden. Jedoch riet er, noch einen Versuch zu unternehmen, die Kündigung rückgängig zu machen. Am darauffolgenden Sonntag kamen wir in unserm Verbandslokal zusammen und berieten über meine Lage. Einer schlug vor, in einem Briefe die Firma um Weiterbeschäftigung zu bitten. Er schrieb ihn nieder und forderte mich dann auf, ihn ins Reine zu schreiben, weil ich die beste Handschrift von den Anwesenden aufzuweisen hatte. Obgleich es mir widerstrebte, in eigener Angelegenheit die Feder zu ergreifen, tat ich es trotzdem, galt es doch, meiner Familie das Brot zu erhalten. In dem Schreiben wurde die Firma gebeten, die Kündigung aus folgenden Gründen zurückzunehmen: Erstens weil ich verheiratet und Vater von 3 Kindern wäre; zweitens weil ich nur zum kleinsten Teile schuldig gewesen und der wirklich Schuldige (der Bevollmächtigte Tischler Rössel) gar nicht in unserem Betriebe beschäftigt würde; drittens weil das soziale Einvernehmen zwischen Arbeitgeber und -nehmer bisher sehr gut gewesen sei und auch in Zukunft so bleiben solle; und viertens, weil bei einer eventuellen Boykotterklärung auch für die Fabrikanten wie für die übrigen Arbeiter großer Schaden erwachsen würde. Unterzeichnet wurde das Schreiben vom Kollegen Rössel, und außerdem hatte uns der sozialdemokratische Vertrauensmann, Genosse Schüler, die Erlaubnis gegeben, seinen Namen mit darunter zu setzen. Er bezog nämlich von der Firma seinen Bedarf an Holzschuhen und Pantoffeln, und glaubte deshalb, auf die Herren für die Zurücknahme der Kündigung einwirken zu können. Es sollte aber anders kommen und der Brief für uns verhängnisvoll werden. Die Herren Unternehmer fühlten sich durch ihn beleidigt und in ihrer Existenz bedroht. Nachdem sie mit einigen Referendaren und Rechtsanwälten beraten hatten, wurde gegen uns Anklage wegen versuchter Erpressung erhoben, weil durch den Brief für mich ein »Vermögensvorteil«[231] herausgeschlagen werden sollte. Natürlich bekamen wir seitens des Verbandes einen Verteidiger gestellt und die Befürchtungen meiner darüber aufgeregten unverständigen Frau, daß ich 3 bis 6 Monate hinter die schwedischen Gardinen kommen würde, waren jedenfalls verfrüht. Doch hat sie mir damals viel Schmerz zugefügt. Bei jeder Gelegenheit sagte sie da zu den Kindern: »Es dauert nicht mehr lange, dann werdet Ihr Euren »Alten« 3 bis 6 Monate nicht sehen können, weil er ins Kittchen kommt.« Oder: »Andre Leute, wie die Dorfkaffern, lachen sich eins, daß sie nun einen gesunden Arbeitssaal haben und keinen Staub mehr einzuatmen brauchen, und Du mußt brummen« Inzwischen hatte der Verbandsvorstand dem Antrage, mir die Gemaßregeltenunterstützung zu bewilligen, zugestimmt, und als wöchentlichen Unterstützungsbetrag 12 Mark festgesetzt. In Ronneburg war für mich nun keine Arbeit im Holzgewerbe zu erhalten; ich mußte mich nach Gera wenden, und dort Arbeit zu erlangen suchen. Doch es wollte nicht klappen und wollte nicht klappen. Weder in den Harmonikafabriken noch in den Bau- und Möbeltischlereien konnte ich Arbeit erhalten. Auf ein Inserat hin meldete ich mich bei einem Glasermeister in Grimma zur Bedienung der Holzbearbeitungsmaschinen. Ich sollte 18?20 Mark Lohn erhalten, aber meine Frau wollte durchaus nicht in eine so ungewisse und ferne Stellung, denn, meinte sie, möglicherweise würde ein eventueller Umzug nur von Schaden sein. Andere Arbeit hätte ich wohl sofort erhalten können, als Handlanger bei den Maurern; aber die konnte ich meines schwächlichen Körperbaues wegen auf die Dauer kaum verrichten; ich wollte zunächst, wenn irgend möglich, Beschäftigung im Holzgewerbe suchen. Als drei Wochen vergangen waren, kam eines Tages der Bevollmächtigte zu mir und meinte: »Höre, wir wollen aber nicht auf Verbandskosten herumbummeln. Du hättest doch Arbeit beim Maurermeister Lange erhalten können, warum nimmst Du sie nicht an?« Das war mir nun allerdings starker Tabak. Ich entgegnete zunächst, daß ich mich nicht organisiert habe, um als Handlanger zu rackern. Den nächsten Tag fuhr ich zum Gauvorsteher nach Gera, der für unsere nächste Mitgliederversammlung[232] sein Erscheinen zusagte. Da wurde denn ganz klar gestellt, daß niemand ein Recht hätte, mich zur Annahme jeder beliebigen Arbeit zu zwingen. In derselben Versammlung war auch so viel Licht in meine Angelegenheit gekommen, daß unser bisheriger Schriftführer als mein Denunziant gelten konnte. Er hatte an den Bandsäger Kranzritter verraten, wer der Antragsteller gewesen. Dieser hatte dem Maschinenbauer Schnabel davon erzählt, und der hatte dann natürlich nichts Eiligeres zu tun gehabt, als dem Herrn Mitteilung zu machen. Übrigens war der eine derselben in Anbetracht meiner praktischen Kenntnisse gegen meine Entlassung gewesen, aber der andere hatte ihm geantwortet: »Wenn er gestorben wäre, müßten wir auch einen andern haben.« In der Versammlung wurde der klatschsüchtige Denunziant aus dem Verband ausgeschlossen und festgesetzt, daß ich solange Unterstützung erhalten würde, bis ich Arbeit bekäme. Wenige Tage später bestellte mich der Oberwachtmeister Prager zu sich und stellte ein Verhör mit mir an. Er wollte den Briefschreiber wissen; denn Rössel und Schüler waren wohl unterschrieben, konnten aber an ihren Handschriften nicht als die Autoren festgestellt werden. Es mußte also noch ein dritter im Bunde sein. Ohne viel Federlesens gestand ich meine Mittäterschaft ein, betonte auch, daß die Kollegen mir den Brief diktiert hätten und bemerkte ferner, daß es mir zwar zuwider gewesen sei, in eigener Angelegenheit die Feder zu führen; im Interesse meines weiteren Fortkommens aber doch schließlich zum Abschreiben bereit gewesen sei. Der Obergendarm suchte mir dann noch die Partei- und Gewerkschaftstätigkeit als nutzlos hinzustellen und vertraute mir auch an, daß ihm von einem der beiden Fabrikanten erklärt worden sei, daß ich einer ihrer besten Arbeiter gewesen wäre. Die Sache schien Eile zu haben; denn es dauerte nun wiederum wenige Tage, bis wir vor den Untersuchungsrichter geladen wurden. In den Worten »eventuelle Boykotterklärung« wurde, wie schon gesagt, ein Erpressungsversuch erblickt. Schüler sagte aus, daß er das Wort gestrichen haben würde, wenn er bei Abfassung des Briefes zugegen gewesen wäre. Infolge seiner Aussage wurde das Verfahren[233] gegen ihn eingestellt und nur gegen mich und Rössel das Hauptverfahren eröffnet. Schüler wurde lediglich als Zeuge vorgesehen. Inzwischen hatte ich wieder Arbeit erhalten und zwar in der Werkzeugfabrikant Wesselmann Bohrer & Co., Aktiengesellschaft zu Gera. Damals befaßte sich diese Firma nur mit Anfertigung von den in allen Ländern patentierten Doppelspiralbohrern und den dazu gehörigen Spezialfuttern. Durch einen Freund, welcher bei dieser Firma beschäftigt war, bin ich auf sie aufmerksam geworden. In der Holzbranche paßte es mit Arbeit einmal nicht. Ich ging also zur Metallbranche über. Der Werkmeister Beeger, der mich angenommen hatte, war ein sehr freundlicher Mann von etwa 30 Jahren. Er stellte mich an eine Zapfenfräsmaschine, an der ich mich auch ganz leicht einrichtete. Nebenbei mußte ich Butzen abfeilen und zentrieren. Das letztere bedeutet das Anbohren der Stahlstücken, damit diese in den Kernspitzen der Drehbank laufen können, in der sie dann die Formen als Bohrer erhalten. Amazon.de Widgets In der ersten Zeit kam mir das Arbeiten auswärts sehr eigentümlich vor. Bisher war ich stets sogar zum Frühstück und Vesper zu Hause gewesen und jetzt bekam ich den ganzen Tag die Familie kaum zu sehen. Früh 1/2 6 Uhr fuhr der Arbeiterzug nach Gera ab, und Abends 8 Uhr kam ich erst wieder zurück. Früh schliefen die Kinder noch, und Abends, wenn ich nach Hause kam, waren sie so müde, daß ihnen die Augen während des Abendbrotes zufielen. Über dem Essen schliefen sie ein und mußten zu Bett gebracht werden. Mittags aß ich nur Brot und Wurst und trank ein Glas Bier dazu. Abends vor dem Schlafengehen bekommt das Mittagsessen nicht so wie am Mittag. Kurz und gut, die Ordnung im täglichen Leben fehlte von nun an. Im Anfange erhielt ich einen Stundenlohn von 25 Pfennigen, zu Weihnachten bekam ich zwei Pfennige Zulage. Davon ging 1 Mark für Fahrgeld ab, das der Bahnfiskus allwöchentlich für unsere Beförderung einzog. Meine Frau mußte also auch jetzt noch tapfer mitarbeiten. Sie hat oft die ganze Nacht hindurch vor dem Webstück gesessen und ausgenäht. Zwar schnitt es mir ins Herz, daß ich ihr keine frohe und sorgenfreie Existenz bieten konnte; aber was wollte man tun, wenn man[234] leben wollte? Ein Glück, daß mein Weib gesund und kräftig war. Später als ich mich mehrmals in der Lungenheilanstalt befand, gereichte mir das zum besonderen Trost. Ein starker, fester Mensch wachte in meiner guten Frau über meine Kinder. Sie ist oftmals freilich verbittert gewesen, weil ihr fast jede Erholung und Ausspannung versagt blieb. Andere Frauen, die keine Kinder hatten, konnten an jeder Festlichkeit teilnehmen und sie, die so gern auch manchmal sich die Sorgen auf wenige Stunden vom Halse getanzt hätte, mußte zu Hause sitzen und ausnähen, ausnähen, oder Kinderkleider flicken und Strümpfe stopfen. Gerade an meines Bruders Geburtstag, am 28. November fand dann die Hauptverhandlung in meiner Boykottsache vor dem Landgericht Altenburg statt. Wir hatten den Rechtsanwalt Dr. Höfer aus Altenburg als Verteidiger gewonnen, der den Herrn Gewerbeinspektor Böhnisch, der vom Gericht zugleich als Sachverständiger bestellt war, noch als Entlastungszeugen lud. Auch der Maschinenbauer Schnabel wurde von der Verteidigung geladen, um die stattgehabte Denunziation genau feststellen zu können. Ohne Schererei hatte mir Herr Beeger den Tag freigegeben. Ich machte natürlich eine Notlüge und bezeichnete mich als Zeugen, anstatt als Angeklagten. Mit klopfendem Herzen verabschiedete ich mich an dem frühen Morgen von meiner Frau, die mir eine hohe Strafe voraussagte, hatte sie doch erst wenige Tage vorher in der Zeitung gelesen, daß ein Dresdner Maurer wegen des gleichen Deliktes und unter ähnlichen Umständen zu 6 Monaten Gefängnis verdonnert worden war! Auf dem Bahnhof traf ich mit meinem Leidensgefährten Rössel zusammen und die Belastungszeugen, darunter einer meiner ehemaligen Chefs, fuhren mit dem gleichen Zuge wie wir. Schüler befand sich bereits an Ort und Stelle; denn der Landtag war gerade zu einer neuen Session zusammengetreten. Wir sprachen nach Ankunft in der Residenz noch einmal auf der Redaktion unseres Parteiblattes vor, das seit einem Monat in »Altenburger Volkszeitung« umgetauft worden war. Die Redakteure schärften uns nochmal ein, streng bei der Wahrheit zu bleiben und versprachen,[235] selbst der Verhandlung beizuwohnen. Nachdem wir noch eine Tasse Kaffee eingenommen, begaben wir uns in Justizgebäude. Dort fand eben noch eine Verhandlung statt, der Rössel und die Übrigen zuhörten. Ich war nicht fähig dazu. Mein Herz klopfte so stark, und ich war so nervös, daß ich immer im Korridor auf. und abgehen mußte. Endlich kam der Fabrikinspektor. Ich grüßte ihn. Er musterte mich und sah mir mein Angstgefühl an. Auf seine Frage, ob ich Rössel sei, berichtigte ich ihn. Dann sagte er weiter: »Sie haben wohl gar Angst?« Ich bejahte und teilte ihm mit, daß dies in meinem Naturell liege. Er beschwichtigte mich und meinte: »Sagen Sie nur alles, was Sie wissen. Die Brüder wollen wir schon kriegen. Angst dürfen Sie auf keinen Fall haben.« Allmählich kehrte dann die Ruhe wieder zurück, und ich sah gefaßt den Dingen entgegen, die da kommen sollten. »In Sachen gegen Rössel und Genossen« rief jetzt der Gerichtsdiener. Wir zwei Angeklagten wurden in die bekannte Bank geschoben. Vor uns ließ sich unser Verteidiger nieder, der uns noch ein letztes Mal einschärfte, zu erklären, daß es gar nicht in unserer Macht gestanden hätte, einen Boykott zu inszenieren. Mein Ex-Chef kam neben den Gewerbeinspektor zu sitzen, lächelte ihn an und wollte anscheinend ein Gespräch anknüpfen. Er kam aber an die falsche Adresse; denn der Beamte kehrte ihm den Rücken zu. Die Anklageschrift wurde verlesen und zunächst wir Angeklagten um unsere Gegenäußerungen befragt. Während Rössel den Hergang der Sache erläuterte, betrachtete ich mir unsere Richter. Sichtlich atmete ich auf, als ich zwei bekannte Gesichter darunter erblickte, nämlich den Stiefsohn unseres ehemaligen Verbandswirtes und den bei meinem Kirschenprozeß erwähnten Ronneburger Amtmann Dr. Schubert. Als Rössel geendet, kam ich zum Worte; viel hatte ich nicht hinzuzufügen. Hauptsächlich schilderte ich das Benehmen des Fabrikanten, nachdem der Inspektor den Betrieb revidiert hatte. Der Sachverständige Gewerberat Böhnisch wurde ganz rot und verfärbte sich, als ich erzählte, daß der Chef den Barofski, meinen Denunzianten, gefragt hatte: »Wo wohnt denn der Affe?« Ferner wie er zu Schnabel gesagt: »Wenn aber nun der Kerl von Inspektor[236] wiederkommt und schikaniert uns?« Freilich wollten die Herren sich nicht mehr erinnern können. Der Chef, der mit seiner ungeheuren Fleischmasse Heiterkeit beim Publikum erregte und dieses zu Rufen wie: »Der frißt keinen Holzstaub« veranlaßte, erklärte sogar, daß er den Inspektor für einen seinen Mann gehalten habe, mit dem sich anständig verkehren ließ. Schnabel wollte sich an gar nichts weiter erinnern, als daß er von dem Säger Kranzritter gehört habe, daß ich der Antragsteller in jener Mitgliederversammlung gewesen sei und davon dem Fabrikanten Mitteilung gegeben habe. »Nun, Herr.....,« fragte ihn der Vorsitzende darauf, »im übrigen ist aber doch wohl Bromme stets ein fleißiger und tüchtiger Arbeiter gewesen.« Der Zeuge entgegnete: »Fleißig war er nie; gegen die Tüchtigkeit will ich nichts sagen, aber er war ein großer Hetzer, der namentlich zur Zeit der Land- und Reichstagswahl nur immer mit Zeitungen zu tun gehabt hat und unter meinen Arbeitern stets und ständig für die Wahlen, für die sozialdemokratische Partei und den Verband agitierte.« Das sagte der Mann vor Gericht, und mir war vom Oberwachtmeister Prager versichert worden, daß ich als fleißiger und tüchtiger Mensch gegolten habe! Nachdem wurde Schüler aufgerufen, der nach seiner Aussage um Entlassung bat, weil er einer wichtigen Kommissionssitzung im Landtage beizuwohnen habe. »Ach, Sie sind der Landtagsabgeordnete Schüler?« äußerte sich der Präsident. Auf die Bejahung frug er Verteidiger und Sachverständigen, ob diese noch eine Frage an den Zeugen richten wollten. Als diese verneinten, wurde Schüler mit einer Verbeugung des Vorsitzenden und »Bitte sehr« entlassen. Hierauf wurde Gewerberat Böhnisch aufgefordert, seine Zeugenaussage und Sachverständigen-Gutachten abzugeben. Er führte etwas Folgendes aus: »Die Klagen dieser Arbeiter waren vollständig berechtigt. Es ist mir eine Freude gewesen, daß sie sich an mich gewendet haben. Ich selbst kann nicht überall sein. Die Arbeiter sollen deshalb zu mir kommen. Das war ihr gutes Recht. Ich habe gerade diesen Betrieb schon unter dem früheren Besitzer im Auge gehabt, aber bei diesem fehlte das Geld und wo das fehlt, muß selbst der Fabrikinspektor schweigen. Aber gerade anläßlich[237] des Firmenwechsels hatte ich es mir zum Prinzip gemacht, eine Änderung in sanitärer Beziehung herbeizuführen, das wäre auch ohne Anregung dieser Arbeiter geschehen. Ich kam bei meiner letzten Revision hinein in den Schuppen, einen wahren Stall; dort steht Maschine an Maschine, und eine ungeheure Staubentwickelung herrscht vor, so daß ganz kurze Zeit genügt, diese Arbeiter an der Schwindsucht erkranken zu lassen. Ich kann nur das Eine sagen, daß die Angeklagten in keiner Beziehung übertrieben haben. Sie sind vollständig in ihrem Rechte gewesen.« Dann kam nun unser Verteidiger mit seinem Plaidoyer an die Reihe. Er zerpflückte namentlich auf Grund der Aussagen des Sachverständigen das Material vollständig und wies nach, daß es gar nicht in unsrer Macht gestanden haben, einen Boykott zu erklären. Er forderte Freisprechung beider Angeklagter und Übernahme der Kosten auf die Staatskasse. Gespannt blickten aller Augen nun nach dem ersten Staatsanwalt. Er hielt nach seinem Plaidoyer die Merkmale der versuchten Erpressung aufrecht und beantragte gegen beide Angeklagte je 8 Tage Gefängnis und Tragung der Kosten. Der Gerichtshof zog sich zur Beratung zurück. Bange Minuten folgten. Eine halbe Stunde mochte verflossen sein und noch immer kehrten die Richter nicht zurück. Eine unheimliche Stille herrschte im Gerichtssaale. Fragend blickte ich auf die Redakteure, welche sich unter dem Publikum befanden. Dann wandte ich mich zu meinem Mitangeklagten Rössel und flüsterte ihm ins Ohr, daß wir uns wohl auf 3 Tage gefaßt machen können. Eine Viertelstunde später kam indes der Staatsanwalt zu unserem Verteidiger herüber und flüsterte leise: »Ihre Chancen steigen.« Wie unendlich lang die Zeit wurde! Die Uhrzeiger krochen wie Schnecken vorwärts ? mir fielen die Worte ein: »Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.« Was würde jetzt mein Weib zu Hause denken? Endlich nach einer Stunde und 10 Minuten erschienen die Richter wieder: »Im Namen des Herzogs.« Was würde dieser Mund uns jetzt verkünden? »Das Gericht erkennt auf Freisprechung und übernimmt die Gerichtskosten auf die Staatskosten.« Welch jubelndes[238] Gefühl in mir! Der Präsident fährt fort: »Doch konnte sich das Gericht nicht von der völligen Unschuld der Angeklagten überzeugen, deshalb müssen sie ihre eigenen, resp. die äußeren Kosten selbst tragen.« »Sie sind freigesprochen ? Sie können gehen,« rief uns der Präsident noch zu. Dann begaben wir uns ins Zeugenzimmer, wo der Chef-Zeuge bereits seinen Überrock anlegte. In dem Augenblicke erschien auch schon unser Zeitungsverleger in der Tür und rief: »Na, kommt, jetzt wollen wir mal zum Affen gehen.« Der Fabrikant verfärbte sich, sagte aber nichts. Wir verabschiedeten uns darauf herzlich vom Fabrikinspektor und unserm Verteidiger. Dann aßen wir zu Mittag und tranken mit einander noch einige Glas Bier. Gegen Abend fuhren wir nach Hause, nachdem ich schon Mittags ein Telegramm an meine Frau aufgegeben hatte: »Beide kostenlos frei.« Der Verband hat uns jeden Pfennig unserer Ausgaben und jede Stunde Arbeitsversäumnis entschädigt, sogar diejenigen während der Voruntersuchung. Nur der, der in ähnlicher Lage gewesen ist, kann sich eine Vorstellung von unserer Freude machen. Der Fabrikant war einen Zug früher als wir zurückgefahren. Er ließ, in seinem Kontor angekommen, meinen Vater rufen, der bereits durch meine Frau unterrichtet gewesen, und teilte ihm den Freispruch mit. Es hatte ihn gedauert, wenn ich verurteilt worden wäre, soll er hinzugefügt haben. Amazon.de Widgets Dann kamen wieder etwas ruhigere Zeiten. Damals kam auch mein Bruder nach langer Wanderschaft als Maurer wieder nach Hause zurück, um als Winterarbeit Pantoffeln zu nageln. Später hat er dann stets während des Sommers in Leipzig als Maurer gearbeitet, bis er sich vor einigen Jahren verheiratet hat. Seine Frau besitzt ein kleines Häuschen mit einem hübschen Obst- und Gemüsegarten als großväterliches Erbe. Er steht sich dadurch nicht schlecht und lebt glücklich, zumal er, im Gegensatz zu mir, keine Kinder besitzt. Mich dagegen beschenkte meine Frau in den letzten Tagen des letzten Jahres im alten Jahrhundert, und zwar gerade am Weihnachtsabend, abermals mit einem Töchterchen, unserm vierten Kinde, das wir Elisabeth tauften. Es waren traurige Weihnachtsfeiertage, und machen mich noch traurig, wenn ich daran[239] denke. Die drei anderen Kinder wollten besorgt sein, und die Frau lag im Wochenbette. Wenn mir meine Schwiegermutter nicht das Nötigste in der Wirtschaftsarbeit gemacht hätte, wäre ich verzweifelt. Ich schätzte mich aber dennoch nicht ganz unglücklich, denn wir konnten uns immer noch aus einem Achtel Zentner Mehl Kartoffelkuchen und Stollen backen und einen »Hafen« als Festbraten auftischen. Das heißt ein Kaninchen aus dem schwiegerväterlichen Bestande. Allerdings, Wochensuppen und ähnliche kräftige Nahrungsmittel hat meine Frau niemals bei ihren vielen Wochenbetten erhalten. Das Kräftigste, was ich ihr bieten konnte, war eine Tasse Kakao; im übrigen begnügte sie sich mit Kaffee und Semmel, und hütete sich streng vor Gebäck und Kuchen, weil diese viel Hefen enthielten und eine ihrer früheren Freundinnen nach dem Genuß von Konditoreiwaren mitten in dem Kindbett gestorben war. Stets krabbelte meine Frau schon am zweiten Tage nach ihrer Niederkunft einmal aus dem Bett, und am dritten, spätestens aber vierten Tage stand sie wieder auf und versorgte ihre Wirtschaft wie zuvor. Nach 8 Tagen nähte sie auch wieder aus. Leider war sie nach ihrem zweiten Kindbett nicht wieder einer Krankenkasse beigetreten, obgleich ich immer darauf gedrängt hatte. Erst neuerdings ist sie wieder Mitglied der Betriebskasse ihrer Fabrik geworden. Welch ein Glück, daß sie inzwischen niemals bettlägerig geworden ist, wie das bei mir desto öfter der Fall war! Denn obgleich sie viel schlechter und kärglicher lebt als ich, ist sie kräftiger und stärker als ich. Ihr Körpergewicht belief sich stets auf 75 Kilo und mehr. Dazu trug ihr sicher die totale Mäßigkeit und Enthaltsamkeit von jedem Alkoholgenuß bei; denn sogar leichtes einfaches Bier verschmäht sie. Bei den jüngsten Kindern hat sie leider stets eine schlechte Nachtruhe gehabt. Am Tage schliefen sie und in der Nacht schrieen sie stundenlang, wodurch natürlich die Mutter unwillig wird, aufgeregt und nervös, und sich dann leicht zu schlimmen Redensarten, zu Flüchen und Verwünschungen gegen die Kinder hinreißen läßt. Leider konnte sie die Kinder stets nur 6 bis 8 Wochen stillen; dann war ihre Milch zu Ende. Wie oft klagte sie mir dann ihr Leid, das ihr durch den reichen Kindersegen[240] verursacht worden sei. Mir schnitt es jedesmal tief ins Herz, wenn sie im Blatt las, daß der und jener kinderarmen Familie wieder ein kleines Kind gestorben sei, und dann ausrief: »Nee, haben diese Leute Glück, haben es die schön, jetzt ist denen das Kind schon wieder gestorben, das wäre nun das sechste, wenn sie bei denen noch alle lebten; die können alles mitmachen und unsereins ist geplagt, muß alles an die Kinder wenden und kann sich gar nichts bieten. Nicht rechtschaffen einen lumpigen Rock kann man sich auf den Leib schaffen, die Kinder reißen zuviel nieder, vorige Woche erst habe ich zwei Mark beim Schuster bezahlt, diese Woche werden der Heddel ihre Schuhe besohlt, dem Ernst seine sind auch wieder runter, die müssen gemacht werden und der Walter hat überhaupt keine anzuziehen. Dann brauchen sie alle Filzschuhe und ein Bett müssen wir so notwendig haben, lieber will ich nichts mehr essen, aber das Schlafen zu drein ist kein Schlaf.« Dazwischen Verwünschungen, harte Redensarten gegen die Kinder, Flüche und am Schlusse Tränen. Sie ist unter den Bauern aufgewachsen, unerzogen, hat mit ihrer Schwester zu Hause nur harte Worte und schmale Kost, meist Kartoffeln, Brot und Zichorienbrühe geteilt. Eine Anschauung von einem höheren geistigen Leben war ihr fremd. Sie hielt alle meine Bücher für unnütze Verschwendung. Ich vergab ihr, denn sie ist doch herzensgut und ertrug viel Leid. Ich verglich sie mit einer mater dolorosa, wenn sie auf dem Kohlenkasten saß und über unsere traurige Lage bitterlich klagte. So ging das fort, jahr ein ? jahraus. Und doch ? noch mehr Kinder kamen. Ich verdiente zwar auch etwas mehr in der Fabrik, verschaffte mir auch Nebeneinnahmen, so eine Feuerversicherungsagentur, die aber herzlich wenig abwarf. Dann korrespondierte ich für die »Chemnitzer Volksstimme«, denn die »Altenburger Volkszeitung« konnte als Kopfblatt der »Leipziger« nicht alles gebrauchen. Auch für die »Berliner Volkszeitung« lieferte ich öfters Beiträge. Durch diese Arbeiten, zu denen später noch eine Vertretung einer Thuner Firma in Manufakturwaren kam, verdiente ich wenigstens nebenbei die Miete sowie mein Taschengeld und konnte zur Befriedigung meines Geistes dann und wann auch noch ein[241] Buch, eine Zeitschrift oder sonst etwas kaufen. Auch novellistisch habe ich mich versucht, aber meist noch ohne großen Erfolg; jedoch gleich die erste Erzählung war geglückt, vom »Wahren Jakob« akzeptiert und mit 15 Mark honoriert worden. Meine Frau hatte darüber räsonniert, daß ich die halbe Nacht saß und schrieb. Als ich aber die drei blauen Fünfmarkscheine brachte, lachte auch sie. Sie war damals gerade zum ersten Male aus einem Wochenbett heraus geklettert und freute sich, daß ich ihr von dem Gelde Kakao und eine Taube verschaffen konnte. Auch der »Postillon«, der »Vorwärts« und die »Neue Welt« haben schon Beiträge von mir veröffentlicht. Diese meine Geisteskinder lassen ja alle mehr oder weniger viel zu wünschen übrig. Jedoch sie haben mir wenigstens einige Mark Nebeneinnahme gebracht. Wenn ich dann, wie es oft später der Fall war, krank zu Hause lag, wurde freilich eine Haupteinnahme aus diesen Sachen. Weitere Einkünfte gab es dann, außer den wenigen Groschen Krankengeld, nicht und Schmalhans wurde Küchenmeister zu Hause. Man geriet dadurch immer mehr in die Schulden hinein. Im Juli 1901 schenkte meine Frau wiederum einem zweiten Sohne, unserem fünften Kinde, das Leben. Meine Frau wollte ihn Walter genannt haben, natürlich erfüllte ich den Wunsch. Auch er wurde von der Hebamme allein zur Kirche getragen. Ein Kindtaufsfest wurde auch ihm nicht ausgerichtet, dazu fehlten natürlich die Moneten. Ich ließ meinen Kousin, den Ingenieur Oswald Böttger, meinen alten Jugendfreund, den Lehrer Ernst Dietzmann in Meuselwitz und einen liebgewonnenen Kollegen Richard Grau als Paten für ihn eintragen. Sie erlaubten mir das und die Geschichte war erledigt. Aber es war nun abermals ein Esser mehr in der Familie und es hieß sich noch mehr einschränken. Selbstverständlich wurde auch ich dadurch nicht fetter. Shakespeare sagt an irgend eine Stelle seiner Werke: »Die Magerkeit des Plebejers ist der Gradmesser, an dem der Patrizier sein Kapital mißt.« Unsere Arbeitgeber müssen demzufolge riesige Besitztümer einheimsen, während auf unserer Seite eine Unsumme von Not, Elend, Kummer und Sorge immer von neuem erzeugt wird.[242] 
 Ein Jahr der Unordnung  [181] Drei Tage später stellte sich der Amtsgerichtsschöppe Hornsack ein und taxierte die vorhandene Wirtschaft auf 1000 Mark Wert. Auf jedes Kind sollte ein Bett und 15 Mark in Geld entfallen, mit Ausnahme des Erstgeborenen, also meiner Wenigkeit, der sollte 30 Mark und kein Bett erhalten. Das Geld mußte an die Obervormundschaftsbehörde eingezahlt werden. Mein Vater mußte unter diesen Bedingungen die Wirtschaft übernehmen. Als Vormund wurde für alle Kinder der Arbeitsgenosse Aloys Schell eingetragen. Bis Pfingsten blieben wir noch alle zusammen; dann reisten wir gemeinschaftlich auf Besuch nach Meuselwitz, um uns von der kleinen Schwester Elsa zu trennen; denn die Tante hatte sich bereit erklärt, das Mädchen bis auf Weiteres zu behalten, und da es noch der Aufsicht und Pflege bedurfte, war das Kind auch bei der Tante Ernestine am besten aufgehoben. Bis zum Juli beaufsichtigte die Nachbarsfrau Häufig die andere elfjährige Schwester Flora, wusch sie, machte ihr die Haare und alles andere. Sie hatte zwei bayrische Fabrikmädel im Quartier. Diese wischten und scheuerten uns gewöhnlich Sonntags Vormittag die Stube und Kammer, zum Mittag kochte vorläufig der Vater selbst. So lebten wir denn nun dahin. Aber überall fehlte die sorgende Hand der Mutter, Gegewöhnlich legten wir uns ins ungemachte Bett. Die Blumenstöcke gingen ein. Alles ging rückwärts. Überall herrschte Unordnung. Am 1. Juli verließen wir bereits die ungesunde Wohnung und zogen zu einem Rentier, der in einem hübschen Obstgarten im Westen der Stadt ein freundliches Wohnhaus erbaut hatte. Da[181] aber hatten wir gar niemanden, der sich um unsere Flora bekümmerte. Mein Vater entschloß sich daher, auch sie noch fortzugeben, und zwar zum Onkel Hermann, der das Gut in Breitenhain bewirtschaftete. Die hatten 8 Kühe und 2 Pferde, also eine ganz hübsche Wirtschaft und konnten demnach ein fast 12jähriges Mädchen ganz gut gebrauchen. Allerdings wußten wir nicht, daß sie das Leben noch schlechter und ungeregelter bekommen würde als zu Hause, sonst hätte mein Vater sicher den Schritt nicht getan. Wir erfuhren das freilich erst nach einem Jahre und zwar durch meinen Bruder Felix. Vorläufig war ich nun mit meinem Vater allein und das war ein großer Fehler; denn wir machten beide nicht viel Worte und gingen jeder seinen eigenen Weg. »Meine Wege sind nicht Deine Wege und Deine Wege sind nicht meine Wege,« so hieß es bald bei uns. Ich wußte schließlich gar nicht mehr, wo er sich aufhielt, wenn er abwesend war, wie dies häufig geschah, bis ich eines Tages in der Fabrik durch Schell die Ursache erfuhr. Mein Vater aß in der Speisewirtschaft von Richter und hatte dort eine Witwe kennen gelernt, mit der er ein Verhältnis angeknüpft hatte. Das mißfiel mir damals sehr. Meine Mutter war noch nicht ein halbes Jahr tot, und schon eine andere! Er hatte aber doch im Grunde recht. Er meinte: »Ledig kann ich ja doch nicht bleiben, weil ich die Töchter noch habe; und wenn ich mein Leben hinfort allein hinbringen soll, dann nehme ich lieber einen Strick und mache ein Ende.« Und ich ging ja auch meine Wege, zu Hause gefiel es mir so allein auf die Dauer auch nicht. Ich machte deshalb in jenem Sommer 1892 das Kreisturnfest in Gera mit, welches drei Tage dauerte. Ebenso war ich um diese Zeit mit dem Turnverein nach Großenstein ausgeflogen, einem Orte in der Nähe Ronneburgs, in dem eine Festlichkeit stattfand. Beim Ball tanzte ich dann sogar eine Tour. Man war ja jung und doch einmal mitten drin. Während dieses Tanzes sah mich ein Mädchen fortwährend an und das bemerkte ich. Es war die Tochter eines Straßenwärters und ihre Mutter war mit der meinigen zusammen in die Schule gegangen. Am nächsten Sonntag kam Tante Böttger zu uns, um einmal nach[182] dem Rechten zu sehen, und da meinte sie zu mir: »Nun, Du hast wohl auch schon ausgetrauert? Man erfährt ja schöne Sachen, Du hast ja schon wiederge tanzt!« Ich antwortete gar nicht darauf. Ich trauere noch heute um meine Mutter. Und wenn ich auch damals die eine Tour getanzt habe, das ist mir keine Entheiligung gewesen. Im Turnverein hatte ich einen Freund, den Tischler Rüß. Mit dem war ich damals einig geworden, wir wollten zusammen in die Fremde gehen. Das Leben auf der Walze dünkte uns plötzlich herrlich und angenehm, und jedesmal, wenn ein Fremder zureiste und seine Reise schilderte, entstand neuer Tatendrang und neue Wanderlust in uns. Eines Tages war dann der Schlosser Adam Pfaff aus Neu-Isenburg zugereist und hatte sich in unserm Turnverein als Mitglied angemeldet. Auch er schilderte uns seine Reise, zuerst den Rhein entlang, nach Hamburg, Hannover, Braunschweig, Magdeburg und Leipzig und wußte besonders das Plattenreißen, das Fechten und das Obststehlen in den buntesten Farben zu schildern. Da mußten wir Hand ans Werk legen, ehe das bißchen Sommer noch völlig entschwand. Unser Werkmeister Michaelis hatte eine noch gut erhaltene Reisetasche, die er mir für 3 Mark abließ; ein Riemen dazu wurde auch angeschafft, die gesparten 20 Mark im Sparverein erhoben und nun sollte es fortgehen. Wäre ich doch gegangen. Aber ich blieb schließlich. Und es war erkärlich genug. Ich war eine billige Arbeitskraft. Ich hatte mich gut eingearbeitet, verstand den Hölzerkram perfekt und wußte das Holz bis auf das letzte Bißchen auszunutzen. Herr Thomas hatte gerade eine Bestellung von 3000 Paar Pantoffeln nach Holländer Façon erhalten. Die mußten schnell geliefert werden, und da wollte ich gerade fort. Das war ein Strich durch seine Rechnung. So mußte ich denn ins Kontor kommen, bekam schöne, schmeichelhafte Reden zu hören, erhielt eine Mark Zulage und wurde hoch und teuer gebeten, doch das Gewisse für das Ungewisse zu nehmen. Draußen sei es doch auch nichts. Überall stocke der Geschäftsgang, und ich hätte doch hier dauernde Beschäftigung. So ließ ich mich breit schlagen. Ich war so dumm und blieb. Als am andern[183] Morgen Rüß mit Stock und Berliner ankam, machte er große Augen. »Ja, ich darf nicht fort, ich bekomme meine Papier nicht.« Er ging nun selbst zu Thomas und gab ihm alle guten Worte, er solle mich doch gehen lassen. Alles umsonst. Er mußte allein abdampfen. Aber in drei Wochen war auch er wieder da; er war nur bis Dömitz an der Elbe gekommen und dann wieder umgekehrt. »Der Peter wollt nicht länger bleiben,« mit dem Liede wurde er bei seinem Wiedererscheinen begrüßt. Aber eine gründliche Veränderung wurde auf jeden Fall angestrebt. So war ich denn auf etwas andres, merkwürdiges verfallen. Ich war mit meinem Vorturner Hugo Reich übereingekommen, freiwillig zum Militär zu gehen. In das sächsische Schützenregiment Nr. 108 in Dresden wollten wir beide eintreten. Ich war jetzt 18 Jahre alt. Die Gesuche um Einstellungen waren bald geschrieben. Meines Vaters Einwilligungsschein war ebenfalls fertig, und auch Reichs Vormund hatte keine Einwendungen zu machen. Der Absendung lag nichts mehr im Wege. Da wurde an einem Vereinsabend im Turnverein die Angelegenheit noch einmal besprochen. Als der Schreiber Schödel, der Bruder des vorhin erwähnten Mädchens, das mich beim Tanze beobachtete, unser Vorhaben vernahm, meinte er geringschätzig: »Was, bei die Kaffeesachsen wollt Ihr Euch melden? Na laßt Euch nur nicht auslachen. Ich wollte auch erst nach Zwickau, habe mir es aber anders überlegt und mich bei den 94ern in Jena gemeldet. Nächsten Herbst trete ich ein.« Bei einem kurz darauffolgenden Vereinsball waren wieder drei Turner, die als vierjährige Freiwillige nach Rochlitz zu den Ulanen gingen. Auch mit ihnen wurde die Frage diskutiert. Sie plädierten für Sachsen. So waren wir unschlüssig und schwankten hin und her. Schließlich unterblieb die Absendung der Meldung ganz, und wir beschlossen, bis zur ordentlichen Musterung zu warten. Auch darüber habe ich mich später noch manchmal geärgert. Amazon.de Widgets Am 26. Oktober kehrte dann mein Bruder aus Mecklenburg zu uns zurück. Ich verständigte ihn von dem Vorhaben des Vaters, als er mich in der Fabrik aufsuchte; der Vater hatte ihn nur kurz[184] begrüßt und sogleich in meine Fabrik gesandt, wo er auf ihn warten sollte. Er brauchte vorläufig nicht wieder abzureisen, denn er bekam bei uns Arbeit und zwar mußte er mit anreißen, abkürzen und schleifen helfen. Nun hatte ich wenigstens zu Hause einen Gesellschafter. Ich war in dieser Zeit wieder ganz einsam geworden und Sonntags oft keinen Schritt aus dem Hause gegangen. Ich hatte nämlich eine vollständige Lebensgeschichte meines Lieblingshelden Napoleon Bonaparte und die Geschichte der französischen Revolution von Blos in die Hände bekommen; da konnte mich nichts mehr vom Lesen abbringen. Ich ging damals nicht einmal nach dem Speisehaus zum Mittagsessen. Nun hatte ich in Gestalt meines Bruders einen Gesellschafter. Denn ausgehen konnte auch er nicht, da er nur 7 Mark Lohn in der Woche bekam, die er voll dem Vater geben mußte. Der wollte heiraten und konnte dies nicht eher, als bis er die 75 Mark für uns Kinder beim Amtsgericht eingezahlt hatte. Seine Zukünftige kostete ihm auch Geld, wenn er des Sonntags mit ihr ausging. Schließlich mußte auch ich die 36 Mark, die ich im Sparverein liegen hatte und auf die ich mich schon für Weihnachten freute, hergeben. Meine Rechnung, mir ein Paar Stiefel und verschiedenes andere davon anzuschaffen, war damit vernichtet. Zwar beteuerte er uns vielmals, daß wir jeden Pfennig zurückerhalten würden. Es waren aber nur leere Versprechungen. Die Hochzeit des Vaters mit seiner neuen Versprochenen war auf Ende Januar 1893 angesetzt worden. Eingeladen waren zwei Kollegen meines Vaters und sein neuer Schwager Franz. Zwei Tage vor der Hochzeit erlitt ich einen Unfall. Ich war im Begriffe, in demselben Kasten, in dem 1 1/2 Jahre vorher der Werkmeister Tismer verunglückte, den Treibriemen zur Schleiferei mittels eines kurzen Eichenrödels aufzulegen. Beim Abziehen war aber der Rödel den Speichen der Riemenscheibe zu nahe gekommen und war mit aller Kraft empor- und mir an den Backen geschleudert worden, der alsbald wie ein gesottener Pfannkuchen auflief. Ich konnte dagegen nichts andres tun als kühlen. So habe ich denn 2 Tage lang in einem fort zu Hause vor dem Waschbecken gesessen[185] und gekühlt, und dabei tüchtig gefroren. Denn die neue Mutter ging mit auf Arbeit, und da wurde nicht geheizt. Sie arbeitete an den mechanischen Webstühlen. Am Hochzeitstage hatte sich die Beule ziemlich wieder gesetzt, so daß ich ungehindert an der Feier teilnehmen konnte. In uns beiden Brüdern kam aber keine ordentliche festliche Stimmung auf; wir dachten an die Mutter, die ja noch kein volles Jahr tot war, und an die beiden kleinen Schwestern, die in fremden Händen waren. Alle Schnurren, die der neue Schwager oder Onkel heraussteckte, konnten uns nicht heiter stimmen und erst als er von seinen Wanderfahrten erzählte, gewannen wir einiges Interesse. Wir waren schließlich froh, als sich die Gäste entfernten, und der Tag zu Ende war. Mit unserer neuen Mutter aber sind wir nie recht gut ausgekommen. Es gab vielmehr oft Hader und Zank, weil sie uns Kinder nicht verstehen konnte, sie selbst hatte nie welche gehabt. Am Anfang Februar trat plötzlich bei uns Arbeitsmangel ein. Er machte sich derartig fühlbar, daß der Chef, Herr Thomas, auch uns beiden Brüdern mitteilte, einer von beiden müsse aufhören, am liebsten wäre es ihm, wenn der »Große« gehen würde. Selbstverständlich, denn ich bekam 12 Mark und mein Bruder nur sieben. Das war der Dank für mein Bleiben im Sommer vorher! Damals ein förmliches Anbetteln, damit ich nur ja nicht wegginge und jetzt ? hatte der Mohr seine Schuldigkeit getan und konnte gehen. Aber mein Bruder war doch mein Bruder. »Nein,« sagte er, »der Große war früher hier als ich; ich will ihn nicht verdrängen; da gehe lieber ich.« Jetzt war es auch für ihn ein Glück, daß er sich gleich im Schuhmacherverband als Mitglied angemeldet hatte; nun konnte er wenigstens von dort auf Reiseunterstützung rechnen. An einem trüben Tage im Anfang Februar reiste er ab. Das ganze Königreich Sachsen bis in die Lausitz hinein hat er abgefochten und keine Arbeit erhalten. Dann ist er über Dresden, Meißen, Roßwein, Leisnig, Wurzen nach Leipzig, und von da über Zeitz, Gera, Weimar, Erfurt, Gotha, Eisenach, Fulda, Hanau, Offenbach nach Frankfurt am Main gekommen. Dort hat er drei Tage in einer Tonwarenfabrik gearbeitet. Wegen Eintritts von schlechter[186] Witterung mußte der Betrieb jedoch eingestellt werden und das »Tippeln« fing wieder von neuem an. Er wandte sich nun nach Höchst, Mainz, Wiesbaden über Homburg, Büdingen nach Gießen und Kassel. Nirgends Arbeit! Von Büdingen aus schrieb er mir einen Brief, daß er das Laufen und das Fechten satt habe, von Offenbach aus beziehe er keine Verbandsunterstützung mehr und, »die Winde« sei ihm jetzt immer näher in Aussicht gestellt. Wenn er doch bloß Arbeit hätte! Dabei sei er körperlich herabgekommen wie noch nie vorher. Unter der schrecklichen Kälte habe er sehr gelitten. Husten und Schnupfen werde er nicht los. Dabei Matsch- oder Schneewege, und keine ganzen Schuhe. Er gehe wieder nach Mecklenburg in die Ziegelei, da habe er wenigstens satt zu essen. Ich sollte seine Sachen mit dem »Berliner« postlagernd Braunschweig schicken. Ich muß hier noch nachbemerken, daß er in Gera seine Herbergsmarke für den »Berliner« verloren hatte und diese erst in Weimar im Rockfutter wiederfand. Er sandte mir die Marke im Brief und ich löste den »Berliner« in Gera auf der »Heimat« ein. Also soweit war der arme Kerl gekommen. Er wollte freiwillig wieder in die Fronarbeit nach Mecklenburg, nur weil er dort sich satt essen konnte! Vorher aber wollte er mir noch eine Karte schreiben, an welchem Tage ich das Gepäck zur Post geben sollte. Aber es kam keine. Da, am Karfreitag, saß ich Abends gegen 8 Uhr beim Abendessen. Ich aß allein für mich. Der Vater saß auf dem Kanapee und las im »Wähler« und die Mutter lag draußen in ihrer Schlafstube auf dem Bett. Sie hatte wahrscheinlich Kopfschmerzen. Plötzlich klopfte es, und auf das Herein öffnete sich die Türe und mein Bruder Felix trat ein, mit einem grauen unterwegs gefochtenen Rock bekleidet und in der Hand einen »festen« Stock haltend. Er blieb an der Türe stehen. Und der Vater ? winkte mit der Hand ab. Er schämte sich deutlich seines heimkehrenden Sohnes vor der neuen Frau. »Na, mit Euch, da kann man Ehre einlegen,« sagte er, zog sein Portemonnaie, gab dem Sohne 15 Groschen und fügte hinzu: »Hier kannst Du doch nicht bleiben, gehe auf die Herberge!« Aber warum hätte er eigentlich nicht hier bleiben können? Wohl, weil der Vater unsere[187] Betten, die entbehrt werden konnten, verkauft hatte? Auch hatte der Bruder mit mir schlafen können. Den ganzen strengen Winter hindurch war er trostlos gelaufen, nun kehrte er heim und ? durfte sich nicht einmal setzen! Das kann ich dem Vater heute noch nicht vergessen! Ich rief also Felix zu, er solle unten auf mich warten. Dann nahm ich für ihn Abendbrot mit und erst auf der Straße begrüßten wir uns eigentlich. Darauf begleitete ich ihn nach der Schuhmacherherberge zu Zimmermanns und vertraute ihn deren Obhut an. Hier sättigte er sich, und dann erzählte er mir, daß er an diesem Tage in einem fort von Jena nach hier gelaufen sei. Ein Weg von mindestens 5?6 deutschen Meilen! Und dann dieser Empfang! Hätte das die Mutter gewußt! Sie hatte sich im Grabe herumgedreht. An jedem der beiden folgenden Osterfeiertage lief dann mein Bruder früh am Morgen nach Gera, um dort zu fechten, da er doch etwas zu essen haben mußte; des Abends kehrte er nach Ronneburg zurück. Schöne Osterfeiertage! Und am 3. Ostertag fuhr der Vater mit ihm zum Onkel Hermann, zu dem alten wortkargen Bauer. Dort verdingte er ihn als Knecht. Damit hatte er ihn nun wieder versorgt! Wie freilich, das konnte ich bald aus meines Bruders Briefen sehen, die er mir schickte. Anfang Juni schrieb er mir, ich sollte dem Vater sagen, daß er ihm nicht danke für diese Stelle; wenn er das Leben gewußt und gekannt hätte, wäre er lieber nach Mecklenburg in die Ziegelei gegangen. Bei jeder Arbeit, es könne sein welche es wolle, würde er von den lieben Verwandten angeschnauzt, und Redensarten würden dabei angewandt, schlimmer als bei den Rekruten. Die Hauptsache wäre aber, daß der Vater die Flora sofort nach Hause holen solle, denn sie sei voller Läuse; der ganze Kopf gribbele und wibbele davon. Keine Arbeit mache sie der Tante recht. Sie würde den ganzen Tag gepufft und geschubbst; und vor Mittag bekäme sie selten etwas zu essen. Nüchtern müsse sie in die Schule und nach der Schule sofort wieder arbeiten. Sogar die Mägde pufften das Mädel. Schwerhörig war sie von ihrer langen Krankheit im Jahre 1883 her, dann hatte ihr einige Jahre der Hinterkopf geeitert und dann war wieder der ganze Kopf voll Grind gewesen.[188] Dadurch hatte das arme Kind ein schweres Auffassungsvermögen zurückbehalten, wofür es nun die dummen und hartherzigen Bauern auch noch straften. Mein Bruder schrieb weiter, bei jeder Gelegenheit werde der Schwester zugeschrieen: »Packe Deine Sachen und schere Dich vom Hofe.« Daraufhin mußte der Vater nun doch wohl oder übel der Sache auf den Grund gehen und seine Tochter hinholen, wohin sie gehörte, nach Hause. Mittlerweile war ich zur ersten Musterung gewesen. Wir hatten im Turnverein meinen Brustumfang ungezählte Male gemessen, denn ich wollte zu gern Soldat werden. Aber ein Vorturner meinte, wirst sehen, es wird nichts; wenn Du dort stehst, mißt Du nicht mehr wie 78 Zentimeter. Und er hatte Recht behalten. »Ein Jahr zurück«, tönte es im Handumdrehen aus dem Hintergrunde hervor. An diesem Tage ist mir noch ein wertvolles Andenken an meine Mutter weggekommen, eine Haarkette aus ihrem Haar, die sie in ihrer Jugend dem Vater hatte machen lassen. Eine bayrische Waschfrau, die meine Stiefmutter in ihren Sachen schalten und walten ließ, habe ich noch heute als Diebin in Verdacht. Am Nachmittag dieses Tages machten wir noch einen Ausflug nach Schmirhau und die sächsische Mühle. Voran zog ein aufgeputzter Rekrut, der einen Hering an seinem Tambourstab bammeln hatte; und mehrere Harmonikas spielten uns die Marschmusik. Auf der sächsischen Mühle wollte mich noch ein angetrunkener Gestellungspflichtiger allen Ernstes erstechen. Und ich hatte ihm wirklich nichts getan; ich war ja von jeher ein harmloser Mensch gewesen. Sieben Jahre später ist gerade dieser mir sehr nahe getreten. Denn er wurde Kassierer und ich Schriftführer des Sozialdemokratischen Vereins von Ronneburg. Und diese Ämter liegen noch heute in unsern Händen. In demselben Jahr 1893 fand plötzlich auch Reichstagswahl statt, die infolge Auflösung des Reichstags wegen Ablehnung der Militärvorlage anberaumt wurde. Damals wohnte in unserem Hause parterre der frühere Vertrauensmann der Partei, Schuhmacher Nikolaus. Mit ihm kam ich schon immer zusammen und was wir da zusammen sprachen, ist leicht zu erfassen. Stets bildete[189] die bevorstehende Wahl den Gegenstand unseres Gesprächs. Ob der alte Nikolaus konfessionslos war, kann ich nicht sagen, aber seine Ehe ist nicht kirchlich eingesegnet worden. Ganz natürlich kamen wir überein, daß ich mich am Tage vor der Wahl für seinen Landbezirk mit am Verteilen der Flugblätter und Stimmzettel beteiligen sollte. Als dritten Mann gewann ich noch unsern Werkmeister Michaelis. Gleich früh nach 6 Uhr rückten wir ab; denn wir hatten ein großes Feld zu belegen: Großenstein, Baldenhain, Mückern, Korbußen, Pöppeln und Staulitz. Außer Stimmzetteln und Flugblättern führten wir auch noch sogenannte Hundertmarkblüten mit, die auf der Rückseite eine Darlegung der Belastung des Volkes durch die Militärvorlage und die Aufforderung, Buchwald zu wählen, enthielten. Diese Blüten verloren wir meistens in den Bauerngütern da, wo das Gesinde auf und ab ging. Es kam häufig vor, daß ich bei der Verteilung in ein längeres Gespräch kam. So hatte ich mit dem Schuhmacher Krieg in Großenstein eine halbstündige Auseinandersetzung über die russische Kriegsgefahr. Schon damals sagte ich 20jähriger Bursche diesem doppelt so alten Schuhmachermeister, daß die russische Armee nur auf dem Papier stünde und die russischen Unteroffiziere kaum die Bildung unserer Unteroffiziere hätten. Dann kam ich in ein größeres Gut, wo der Bauer mich nur höhnisch anlächelte. Er begleitete mich wortlos bis ans Hoftor, jedenfalls sah er in mir einen Spitzbuben. Erst als wir auf der Straße angekommen waren, rief er aus der gegenüberliegenden Dorfschmiede dem Schmiedegesellen zu: »He Schmidt, namm emol dan sein Denger ab und verbrann 'se, mer trenken nochmittoge ae poor.« Aber der kannte mich schon, der hatte vorher in Ronneburg gearbeitet und wir waren Sonntags oft zusammen gewesen. Er hatte in Osterode in Ostpreußen beim 18. Infanterieregiment gedient und war ein durch und durch gediegener Junge. der in politischer Beziehung schon wußte, wo Barthel den Most holt. Er entgegnete deshalb auch dem Bauer: »Nee, nee, davor danke ich, das ist mein Freund, und der braucht diese Blätter gerade heute noch sehr notwendig.« Da mußte dann der Bauer mit langer Nase abziehen. In Baldenhain kam ich nachher[190] zu einem noch größeren Bauer. Auch da bekam ich keine Antwort. Dann kamen wir nach Mückern. Im ersten Hause hieß es gleich: »Na, endlich kimmt der richtige, uff dan hum 'mer schon gelauert. Ich wehle Buchwald'n, die Versicherung gab' ich der.« Dann kamen ich und Michaelis (wir waren zusammen, Nikolaus hatte das andere Viertel) beim Gemeindevorsteher vorbei. Bei dem traute ich mich wegen meines jugendlichen Alters noch nicht hinein. Daneben aber stand ein altes armseliges Gut aus lauter Lehmstock erbaut. Hier schien der Bauer schwer mit dem Dasein kämpfen zu müssen. Dort ging ich hinein und zum Gemeindevorsteher begab sich Michaelis. Als ich in die große und lange, aber sehr niedrige Wohnstube des Bauernhofs trat, stand ein hoher vierschrötiger Mann von ungefähr 30 Jahren im Hintergrunde neben dem Tische, und am Ofen machte sich eine junge blasse Frau zu schaffen, während ein alter Mann, anscheinend der Vater des Bauern, auf dem alten Sofa saß und im Gesangbuch studierte. Ich wünschte guten Morgen und legte meinen Zettel auf den Tisch. Schon wollte ich mich zum Gehen wenden, als der Bauer, der mich in einem fort gemustert und meinen Gruß auch nicht erwidert hatte, endlich die Sprache fand. »Vun wan sind 'sen?« schnauzte er mich an. Ich sagte: »Von Buchwald.« »Wie alt sin 'n Sie?« Ich machte eine Notlüge und erwiderte 22 Jahre. ? »Da verstehn Sie doch noch gar nischt vun der Sache.« ? »Ich werde schon etwas davon verstehn!« »Nahm Se Ihre Wische wedder mit un machen Se, daß se naus kumm.« »Nun, wenn Sie die Blätter nicht behalten wollen und darauf bestehen, dann nehme ich sie auch wieder mit.« Ich begab mich wieder an den Tisch, und während ich nach den Zetteln griff, meinte er in feindseligem Tone: »Elender roter Hund!« Als ich mich aber umgedreht hatte, gab er mir gar einen Stoß ins Kreuz, daß ich bis an die Stubentüre flog. »Na, nur sachte!« erwiderte ich, aber schon sprang er mir nach. »Ihr elende rote Gesellschaft, ihr looft 'n Leuten blus zur Last rum; nischt mache wullt ihr faule Bande. Du roter Halunke, ich dreh' Dir das Genick rum.« Da stürzte ich über den Hof nach dem Tor, und gerade als ich dort heraustrat, kamen zum Glück von links Nikolaus, von rechts[191] Michaelis heran. Denen teilte ich in kurzen Worten den Vorfall mit. Der Bauer stand noch schimpfend auf dem Hofe und brüllte: »Ihr revolutionäre Bande, Ihr Umstürzlerrasse, macht, daß Ihr aus 'n Dorfe 'naus kommt!« »Ei, ei,« rief nun der alte Nikolaus hinein, »das ist aber seine Bildung, so ein alter großer Flegel, schlägt so einen abgemagerten schwächlichen Arbeiter. Schämt Euch, wo habt Ihr denn Eure Bildung gelernt, wohl bei'n Soldaten?« Da ergriff der Bauer ein Ortscheit, wie sie an den Wagen hängen, und wollte auf uns einhauen. Aber dicht am Hause lag ein Haufen Ziegelsteine, und Michaelis ergriff einen solchen, hob ihn wie zum Wurfe und schrie dem Bauer zu: »Komm' man blos raus, es ist Dein Unglück, Du bist sofort eine Leiche.« Da wich der Sozialistenfresser zurück und begnügte sich mit Schimpfen. Wir waren dann bald ohne weiteren Zwischenfall mit dem Dorfe fertig und wandten uns nach Korbußen. Dicht hinter jenes Bauers Gut führte der Weg vorbei. Da stand der plötzlich wieder in seinem Obstgarten. Wir hatten gar nichts gemerkt und gingen unseres Weges, als plötzlich ein Stein geflogen kam. Nun bombardierte er uns also mit Steinen. Doch da wurde Michaelis wütend Am Wege war ein Steinhaufen angeschüttet, und von dem aus wurde nun der Bauer wieder beworfen. Da nahm er schleunigst Reißaus, nicht ohne noch einige Male »Mordbrenner« zu schreien. In Korbußen, wo wir unser Frühstück aßen, erkundigten wir uns nach dem Grobian. Er war noch jünger als wir dachten. 27 Jahre zählte er, hatte bei der Gardefußartillerie gedient und war überall als roh und brutal bekannt. Ich schrieb dann über dieses Vorkommnis einen Artikel in unsrer sozialdemokratischen Zeitung, dem »Wähler«. Es war das erste Mal, daß ich schriftstellerte; heute freilich ist es nicht mehr zu zählen. In Korbußen Pöppeln wurde ich noch einmal von einem Bauer abgewiesen. Er meinte, daß er schon genug Wahlakten habe; er wolle nun nichts weiter mehr wissen. Dann kam ich zum Pastor. Ein Fräulein empfing mich. »Hier bringe ich für den Herrn etwas zu lesen, die Reichstagswahl betreffend.« Sie wollte nach den fettgedruckten Namen sehen, die hatte ich aber wohlweislich mit der Hand verdeckt. Ich reichte es[192] ihr und entfernte mich. Als ich aber durch den Hof war und eben auf die Straße treten wollte, kamen mir meine Sachen wieder zum Fenster herabgeflogen. Im letzten Dorfe Naulitz wurden wir überall gut aufgenommen. Nur im Gasthofe bei meinem früheren Arbeitskollegen Wandberger hatten wir eine Auseinandersetzung. Ein Ronneburger Schneider quasselte da das Blaue vom Himmel herunter. Er meinte, Baumbach, den Nationalliberalen, könne er nicht wählen, weil der für die Militärvorlage sei und dadurch neue Steuern verursache. Den Freisinnigen wolle er nicht wählen, weil mit dem auch nichts los sei, und den Sozialdemokraten Buchwald dürfe er nicht wählen, weil er Geschäftsmann sei; also wähle er gar nicht. Solchen charakterlosen Blödsinn, wie dieser Handwerksretter zum Besten gab, habe ich seitdem kaum wieder gehört. Als wir nach Ronneburg zurückkamen, hörten wir dann noch andere Abenteuer erzählen. In Gauern habe ein Bauer einen unserer Flugblattverteiler direkt erschießen wollen. Der aber war gerade ein handfester Kerl, der dem Bauern im Handumdrehen seinen Schießprügel entrissen und in die Mistjauche spendiert hatte, da habe der Bauer sich dann nichts weiter getraut. Heute sind übrigens die Altenburger Bauern auch in dieser Beziehung sanfter geworden. Amazon.de Widgets Auch bei dieser Reichstagswahl ließ ich mir keine Versammlung entgehen. Einmal sprach da auch Edgar Steiger, der damalige Redakteur der »Neuen Welt« in Leipzig, heute wohl Kunstkritiker in München. Nach dem Vortrage saßen wir um den großen runden Tisch im »Fürstenkeller« beisammen und tauschten über dies und jenes unsere Ansichten aus. Dann kam das Gespräch auch auf die Geistlichen, und ein Arbeiter sagte: »Die glauben doch selber nicht, was sie dem Volke erzählen,« worauf Herr Steiger antwortete: »Es gibt Ausnahmen, die wirklich glauben, das weiß ich ganz genau; denn ich bin der Sohn eines solchen Mannes. Mein Vater hat in der Schweiz ein Pfarramt. Er glaubt vollständig alles, was er seiner Gemeinde predigt.« Dem stimmte einer von der Tischrunde zu, indem er behauptete, auch der Diakonus Klein, der inzwischen an die Stiftskirche nach Altenburg versetzt war, sei ein[193] wirklich gläubiger Mann gewesen. Und das konnte ich aus eigener Erfahrung bestätigen. In der letzten Woche vor der Wahl fand auch eine gegnerische Versammlung im Schützenhaus statt. Auch diese wollte ich gern besuchen. Doch allein zu gehen, war mir zu riskant, denn ich war ja noch »minderjährig«. Ich bekam aber einen Gefährten und zwar den Gehilfen meines Barbiers. Dieser ein junger Schlesier aus der Nähe von Waldenburg war voller Enthusiasmus für die Arbeiterbewegung. In der Schuhmacherherberge hielt er allabendlich bei seinem gewohnten Glase Bier wahre Agitationsreden. Emil Hofmann hieß er, und war sogar nach 2 Jahre jünger als ich. Als wir ankamen, waren schon eine ganze Anzahl Arbeiter anwesend. Der Zigarrenmacher Hötzel verlangte nach dem Vortrag das Wort. Sofort aber hieß es vom Bureau: »Diskussion findet nicht statt.« Da zogen sich die Arbeiter alle nach dem Büfett hin. Als dann die Gegner ein Hoch auf ihren Kandidaten Rittergutsbesitzer Iwan Baumbach ausbrachten, schrieen in den Zwischenpausen die Arbeiter immer laut: Buchwald, unmittelbar darauf erschallte dann: Hoch, und so nahm sich das aus, als heiße es: Buchwald hoch! Hier passierte uns als Minderjährigen nichts. Bald darauf aber sprach in der Talmühle zu Gessen der Redakteur Wilhelm Leven von der »Reußischen Tribüne« in Gera. Natürlich mußten wir auch dort dabei sein. Ich befand mich im Hintergrunde und mußte stehen. Sonst war nur noch ein freier Stuhl da, und zwar am Tische der Gendarmerie. Diesen benutzte frecherweise mein Freund, der Barbier. Am Tage darauf erschien bei ihm die Polizei und stellte seine Personalien fest; dann erhielt er vom Amtsvorsteher in Kauern ein Strafmandat von 3,50 Mark. Ich lachte ihn nun aus, hätte er sich nicht zu den Gendarmen gesetzt, so wäre er auch frei ausgegangen. In Altenburg muß man nämlich 21 Jahre alt sein, bevor man eine politische Versammlung besuchen darf. Über 2000 Stimmen gewannen wir bei dieser Wahl gegenüber derjenigen von 1890. In dieser Zeit hatte ich mir vom Konfektionär Rauh in Gera[194] einen Anzug für 40 Mark auf Abzahlung gekauft. Da kam alle 14 Tage der Kassierer und wenn ich dem eine Mark bezahlte, war er zufrieden. Ich wäre nun mit diesen 40 Mark Schulden nach einem Jahre fertig gewesen und hätte mir etwas anderes schaffen können, wenn ich dem Vater nicht mein Spargeld hätte geben müssen. Da brauchte ich notwendigerweise auch noch ein Paar neue Schuhe, denn mit meinen mußte ich mich allmählich schämen. Neue Schulden wollte ich aber nicht machen, und so verlangte ich eines Sonntags kurzer Hand 12 Mark vom Vater, mit dem Bemerken, daß ich mir dafür ein paar Stiefeletten und einen Hut kaufen wollte. Da kam ich aber schön an. »Was, Du Lump, bezahle Du mich erst,« schrie er mich an. »Was bist Du mir nicht noch alles schuldig für Deine Equipierung als Kellnerlehrling in Leipzig! Den Koffer hast Du mir auch noch nicht bezahlt und ungezähltes Andere: Hätte ich Dich Taugenichts nur 1883 sterben lassen, da wäre es besser gewesen.« Also so stand's, im Vorjahre waren wir seine besten Kinder gewesen, als wir ihm aushalfen, und jetzt waren wir Lumpen. »Kriegt denn der etwas von Dir?« mischte sich die Stiefmutter ein. »Ach wo, der mag erst mich bezahlen,« antwortete er. »Mach lieber, daß Du mir aus den Augen kommst,« brüllte er schließlich noch. Das aber ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich ging sofort und machte mir Quartier beim Schneider Hofmann aus. Ich nahm eine Kammer für mich allein und bezahlte dafür 50 Pfennige in der Woche mehr als die anderen Logisleute, 4,50 Mark für Mittagsessen und Schlafen, während Butter, Brot und Zukost extra bezahlt werden mußten. Allerdings brauchte ich nun ziemlich 2 Mark mehr, als wenn ich zu Hause gewesen wäre; doch das hätte sich alles einrichten lassen, wenn ? mir nicht gerade da ein neues Unglück bei der Arbeit zugestoßen wäre. Eines Tages brachten die Trömelschen Zimmerleute Fensterbretter an, in die auf der Fräsmaschine, auf der ich damals die Trittflächen der Pantoffel- und Schuhhölzer aushöhlte, Wasserkehlen eingefräst werden sollten. Nun war aber die Maschine zu dieser Arbeit nicht eingerichtet; auch war nicht angegeben, wo ich die Bretter hätte beim Einschneiden der Fräsmesser ansetzen können,[195] und so mußte das alles aus freier Hand geschehen. Tief sollten die Kehlen auch sein, so hieß es also, beim Einschneiden aufpassen. Dazu waren die Bretter zufällig außergewöhnlich breit und lang, sodaß ein Mann keine rechte Gewalt mehr über sie hatte. Deshalb sollte auch der Zimmergeselle mit festhalten. Aber der war plötzlich weg und spionierte in der Bude umher. So wollte ich's allein machen. Beim Ansetzen schlug nun das Brett zurück und ich streifte mit dem Finger an die weit vorstehenden Messer, die mit rasender Geschwindigkeit, sie machten 1200 Touren in der Minute, im Betrieb waren. Das vordere Glied des linken Zeigefingers hing sofort senkrecht herab. Ich mußte sofort zum Arzt, der es amputierte und die Wunde vernähte. Bei diesem Nähen habe ich wirklich die Engel im Himmel singen hören. Anders kann man den Schmerz nicht gut beschreiben. Da hatte ich mir in den paar letzten Wochen vorher nun doch einige Mark gespart, um mir ein paar Stiefeletten zu kaufen, und jetzt holte es der Teufel wieder doppelt und dreifach; denn von 6 Mark Krankengeld kann man nicht leben. 4,50 Mark brauchte ich Kostgeld; so konnte ich für Frühstück, Vesper und Abendbrot nur fünfzehn Groschen ausgeben, die ganze Woche heißt das, und diese hat sieben Tage. Also brauchte ich das Spargeld rasch wieder auf und machte auch noch Schulden dazu. Ja, wenn ich noch die Mutter gehabt hätte! Während der Krankenzeit ging ich täglich fleißig spazieren. Ich hatte mir aus der Leihbibliothek einige gute Romane geholt, außerdem hatte ich Kennans »Sibirien«, Darwins »Theorie« und Bebels »Frau« von einem Freunde geborgt; mit diesen Büchern setzte ich mich auf irgend einen Feldrain oder unter einen Busch und las eifrig. Es war ja im Juli, eine Erkältung also ausgeschlossen. Das waren dann schöne und genußreiche Tage, trotz der Nahrungssorgen. Nur eins ärgerte mich, daß ich an dem Ende Juli in Ronneburg stattfindenden Gauturnfest nicht teilnehmen sollte. Schließlich aber nahm die Heilung einen über alles Erwarten schnellen Verlauf und ich konnte wenigstens die Freiübungen mitmachen. Es nahm sich freilich wunderlich genug aus, wenn der[196] dicke Däumling, in dem mein Finger steckte, beim Ausfall oder Hochstoßen der Arme in die Luft gestreckt wurde. Das war mein letztes Fest im bürgerlichen Turnverein. In demselben Jahre 1893 entstanden, und zwar zuerst in Gera, die ersten Arbeiterturnvereine, in deren Bewegung auch ich bald eintrat. Amazon.de Widgets Vielleicht eine Woche nach dem Turnfest fand das Schützenfest statt und gerade während dieser »großen Woche« wurde mein Freund, der politische Barbierjüngling Hofmann, von seinem Meister entlassen. Er reiste nicht gleich ab, hatte aber auch kein Geld mehr. Mitleidig wie ich immer war, ließ ich ihn einige Male bei mir im Bette schlafen. Früh morgens ließ ich ihn dann heimlich zur Haustüre hinausschlüpfen. Danach konnte eine Woche vergangen sein, als meine Wirtin mich einmal beiseite nahm und mir mitteilte, daß ich »Läuse« habe. Ich war wie vom Donner gerührt. Wo sollten die herkommen? »Ja, ich habe heute morgen wieder eine in Ihrem Bett gefunden und vorige Woche war es auch schon einmal der Fall. Vielleicht haben Sie mit einem Frauenzimmer verkehrt?« So eine Zumutung. War mir im Leben noch nicht eingefallen. Aber bald wußte ich, wer mir die Viecher als Andenken hinterlassen hatte. Das Hemd, welches ich trug, warf ich gleich weg. Die Hosennähte und übrige Leibwäsche puderte ich mit Zacherlin ein und gab alle schmutzige Wäsche sofort zur Waschfrau. Damit war ich denn meine Läuse auch sofort los; wenn ich aber noch heute daran denke, juckt es mich, sogar jetzt beim Niederschreiben scheint es zu beißen. Seitdem aber, wenn ich mich bei meinen Wirtsleuten über irgend etwas beklagte, oder sonst eine unzufriedene Miene aufsteckte, hieß es sofort: »Das ist wohl der Dank für Ihre Läuse?« Das wollte ich mir nun doch nicht oftmals sagen lassen. Ich sah mich deshalb nach einem anderen Quartier um, und fand solches bei dem in der Nachbarschaft wohnenden Genossen Franz Jahn, der im Sparverein Vorstandsmitglied war und auch sonst mit an der Spitze der Arbeiterbewegung am Orte stand. Bei Jahn logierte nur noch dessen Schwager, ein Tischler, der in Schmölln gearbeitet hatte und mit im Turnverein war, den ich mithin also auch schon gut kannte.[197] So war der Sommer und der Herbst 1893 vergangen. Mir ging es auch pekuniär wieder besser, und ich schaffte mir darum damals auch meinen ersten Winterüberzieher an. Wie fühlte ich mich stolz darin! Während der Weihnachtsfeiertage kam mein Bruder Felix einmal und besuchte mich. Er schlief mit in meinem Logis, hielt sich überhaupt mehr bei mir als zu Hause auf. Bei einem Vergnügen trafen wir auch mit dem neuen Schwager des Vaters wieder zusammen. Er war nur etwa 8 Jahre älter als ich und verkehrte meist mit jüngeren Leuten. Wir suchten dann mit ihm noch ein Restaurant auf und bald war er mit Felix in ein langes Gespräch verwickelt, wobei er diesen bewog, noch als Maurer zu lernen. Er selbst war zu jener Zeit Polier und würde schon alles Weitere veranlassen. Er besorge ihm sofort einen Ausnahmelohn. Im ersten Lehrjahre freilich würde er nur 6 Mark, im zweiten aber 9 Mark und im dritten Lehrjahre schon 15 Mark pro Woche erhalten. Aber wenn er dann ausgelernt habe, könne er hinkommen, wo er hin wolle, überall würde er sein Geld verdienen. Mein Felix war einverstanden und trat zu Ostern an. Von seinem 19. Lebensjahre bis zum 22. war er also wieder Lehrling! Es ist ihm freilich schwer gefallen, sich im ersten Jahre mit 6 Mark durchzuschlagen; aber er hat es durchgehalten und hintennach nie zu bereuen gehabt. Er ist dann nach der Lehrzeit nochmals in die Fremde gegangen, und hat nun freilich anders leben können als damals in Mecklenburg; denn das Bargeld, was er dort in einem halben Jahre bekam, erwarb er nunmehr in 14 Tagen, aber gespart hat er in der Fremde trotzalledem nichts.[198] 
 Meine Eltern  [8] Bevor ich das Eheleben und die sonstigen Verhältnisse unserer Familie schildere, will ich die lieben Leser und Leserinnen bitten, mir vorerst zu gestatten, etwas aus dem Leben meines Vaters in gedrängter Kürze zu erzählen. Denn es ist zu interessant, um ohne Weiteres darüber hinwegzugehen. Ich kehre also zu meinem Vater zurück. Wir haben ihn verlassen, als er sich als Knecht unter die Bauern verdingt hatte. Die meisten Leser werden das Leben und Treiben dieser Berufskategorie kennen und auch wissen, wie ein Feld gepflügt, das Getreide gesäet und geerntet wird. Ich kann also darüber schweigen, aus eigener Erfahrung könnte ich ja auch nicht belehren, wohl aber mein jüngerer Bruder, der auch ein ziemlich bewegtes Leben hinter sich hat. Dafür will ich einige Erlebnisse meines Vaters zum Besten geben, die aus seiner Dienst- und Militärzeit datieren; es wird sich darin entweder um kuriose Vorkommnisse, Aberglauben, Frauenzimmer oder dumme Streiche handeln. Ich habe diese weggeschnappt, wenn er sich mit unseren Logisherren etwas erzählte; deren hatten wir nämlich immer während meiner Schulzeit drei bis vier in Kost und Logis. Da kauerte ich auf einem Stuhle in der Nähe und stellte mich schlafend, verwandte aber kein Ohr, damit mir ja nichts entging. Einst diente mein Vater auf dem Rittergut Sommeritz bei Schmölln. An den Wintertagen gibt es bekanntlich in der Landwirtschaft nicht viel zu tun; sodaß allerlei Nebenarbeiten vorgenommen werden können. Da mußten die Knechte eines Tages einen zum Herrenhause gehörigen alten Schuppen reinigen, in dem viel[8] altes Gerümpel mit zolldickem Staube bedeckt herumlag. Unter allerlei Allotria und Unfug wurde das alte Zeug ans Tageslicht befördert. Plötzlich entdeckte mein Vater einen alten Kürbis in einer Ecke. Er blies den Staub herunter, schüttelte und vernahm inwendig ein Rascheln. Der Kürbis schien hohl zu sein und Papiere im Innern zu bergen. Mein Vater warf ihn deshalb zu Boden und trat ihn entzwei. Es kamen richtig beschriebene Blätter zum Vorschein, die sich als Briefe entpuppten, jedoch ziemlich unleserlich waren. Nun weiß ich nicht mehr, hat sie der Pastor oder der Verwalter oder der Lehrer entziffert, aber soviel weiß ich noch, daß es Liebesbriefe vom Marschall Blücher gewesen sind, der in seiner Jugend ein Mädchen liebte, welches sich einige Zeit auf Schloß Sommeritz aufgehalten hat. Ich habe auch den Namen des Fräuleins gewußt, es ist mir aber leider entfallen. Doch die Hauptsache kommt nun erst. An jenem Abend legte sich mein Vater zu Bett, konnte aber nicht schlafen, weil sich an den Lippen ein anhaltendes Jucken bemerkbar machte, das allmählich so lästig wurde, daß er mit den Händen reiben und kratzen mußte. Doch anstatt nachzulassen, steigerte es sich bis zur Unerträglichkeit, trotz der Winterkälte sprang er schließlich aus dem Bett und eilte nur mit dem Notdürftigsten bekleidet in den Hof, wo er eine Zeitlang auf und ab lief. Das Jucken verschwand indes nicht, vielmehr fühlte er außer dem Kribbeln eine immermehr steigende Temperatur; deshalb wühlte er schließlich Mund und Nase in einen Schneehaufen. Endlich bekam er etwas Ruhe und begab sich wieder zu Bette. Am andern Morgen, als er zur Suppe kam ? bei den altenburgischen Bauern ist es nämlich heute noch üblich, daß im Sommer um 5, im Winter um 6 Uhr Milchsuppe statt Kaffee gegeben wird ? brach plötzlich die ganze Tafelrunde, Knechte wie Mägde, in ein schallendes Gelächter aus. Mein Vater stutzte und als er nach der Ursache ihrer Heiterkeit fragte, bedeutete ihm eine Magd abermals unter Gelächter, den Spiegel zu Rate zu ziehen. Mein Vater gehorchte und mußte wahrnehmen, daß seine Nase völlig in die Breite gegangen war und seine Lippen sich zu einem Rüssel, ganz einem Borstentier ähnlich, geformt hatten. Drei Tage ist er so umhergelaufen, ehe[9] sich die Geschwulst wieder setzte, und was meinen Sie, liebe Leser, was man als Ursache betrachtete? Nun, man gab dem Kürbis die Schuld, nur weil mein Vater Blüchers Briefe zu lesen versucht hätte, habe er sich die rüsselartige Anschwellung zugezogen. Ein anderes Bild des Landlebens. Mein Vater diente als Großknecht auf Rittergut Schwanditz bei Altenburg, und unterhielt ein Verhältnis mit einer Großmagd im Nachbardorfe, welche er gewöhnlich an zwei Abenden in der Woche traf. Regelmäßig begleitete er sie dann zurück und durfte auch zuweilen seiner Angebeteten beim Schlafen Gesellschaft leisten. Darob waren aber die dortigen Burschen auf ihn wütend, weil er in ihrem Revier zu jagen wagte. Sie sannen darum auf Rache und wollten ihm das Charmieren gründlich eintränken. Eines schönen Tages im Spätherbst, oder vielmehr Nachts, als der Galan der ländlichen Dulcinea wieder einmal bei ihr kampiert hatte und sich recht leise auf den Heimweg begeben wollte, ertönte plötzlich beim Betreten der obersten Treppenstufe heftiges Klirren und Poltern, das durch Kuchenbleche, die auf den Stufen plaziert waren, verursacht worden war. Gleichzeitig war der verliebte Großknecht ins Rutschen gekommen und konnte erst am unteren Ende der Treppe wieder Halt gewinnen. Zu seinem Glück, denn er traf auf ein Hindernis, das ihn in die unangenehmste Situation gebracht haben würde. Eine große Schlachtwanne, bis an den Rand mit eiskalten Wasser gefüllt, war dorthin gestellt worden. Ein weiteres Glück war, daß er nicht gleich die Türklinke fand; denn beim Tasten danach hörte er draußen ein Geräusch und leises Sprechen; es stellte sich heraus, daß da zwei Mann mit Peitschen bewaffnet ihn empfangen wollten. Er erkannte rechtzeitig die Sachlage, schlich behutsam wieder die Treppe empor und suchte bei der Geliebten Hilfe. Diese drängte ihn nach ihrem Kammerfenster, das auf der entgegengesetzten Seite des Gebäudes lag. Die Wand dort war nun glücklicherweise mit Wein bewachsen. Rasch entschlossen schwang sich nun Eduard aus dem Fenster, fußte nach dem Weinspalier und begann den Abstieg. Aber o weh ? ein abermaliges Krachen und Brechen, das morsche Spalier hatte nicht standgehalten. Wenn auch etwas unsanft, doch[10] dafür blitzschnell, gelangte mein Vater zu Boden. Langes Besinnen gab es in dieser Situation nicht, bevor die Rächer auf der Vorderseite um das Gebäude herum eilen konnten, hieß es durch den Obstgarten zu flüchten, über einen Zaun zu setzen und das freie Feld zu gewinnen, was auch wider Erwarten gut gelang. Mein Vater hörte nur noch die Flüche und Verwünschungen der Verfolger in der Ferne. Dann kam das 20. Lebensjahr heran, und mein Vater begab sich in sein Heimatsdorf Reichstädt, um daselbst an der Musterung, oder wie es damals hieß »Losung« teilzunehmen. Von 22 Militärpflichtigen war er der Einzige gewesen, der sich zu den Soldaten gelost hatte. Ostern 1863 trat er in die 4. Kompagnie des altenburgischen Kontingents ein. Von seiner Militärzeit kann ich noch mehr erzählen; auch dieses habe ich mir erst aus den Unterhaltungen, die er mit anderen Leuten gepflogen hat, gemerkt. Das altenburgische Militär trug russisch-grüne Uniformen mit rotem Einfaß, schwarzen Kragen und Gardelitzen. Da ist einmal an seinem Uniformrock die rote Einfaßschnur defekt geworden, in Ermangelung von neuer Schnur legte mein Vater einen Streifen roten Stoffes um und faßte die Montur damit kunstgerecht ein. Am andern Morgen beim Appell bemerkte sein Hauptmann von Kracht die Veränderung an der Uniform und erkundigte sich nach dem Künstler von der Nadel. Als nun mein Vater sich selbst als den Schneider bezeichnete, wurde der Feldwebel vom Kompagniechef herbeigerufen und auf den Füsilier Bromme deutend, befahl der Chef: »Dieser Mann muß in die Schneiderkommission.« Von dem Tage an war Eduard Bromme zum Kompagnieflickschneider avanciert. In der Garnison hat auch der Aberglauben eine Rolle unter den Marsjüngern gespielt. Nur ein Vorkommnis davon, das einmal Licht in eine solche Gespenstergeschichte gebracht hat. Eine Zeitlang wurden da die Wachtposten am alten Pulverturm immer um Mitternacht durch eine weiße Gestalt dermaßen erschreckt, daß ihnen die Haare zu Berge gestanden und die Kniee geschlottert haben; zu schießen aber hatte keiner gewagt. Die wohlhabenden Bürger-[11] und Bauernsöhne gaben deshalb lieber etwas aus, um von diesem Posten entbunden zu werden. Da war nun in der Kompagnie ein armer Holzländer (der altenburgische Westkreis, das sind die Bezirke Eisenberg, Roda und Kahla, wird allgemein das Holzland genannt), der seine verwitwete Mutter und seine kleinen Geschwister von der Löhnung noch unterstützte, und sich nebenbei gern einige Groschen verdiente. Für Geld und gute Worte übernahm dieser für die furchtsamen Muttersöhne die Wache am Pulverturm. Es war eine mondhelle Winternacht und gegen 12 Uhr näherte sich richtig der »Geist« wieder. Der Holzländer machte aber kein großes Federlesen, nach dreimaligen schnellen Anruf gab er Feuer und der Geist verschwand. Unmittelbar darauf kam die Ablösung, der Holzländer machte Meldung und mit dem aufführenden Gefreiten suchte er die Stelle ab. Sie sahen in dem Schnee eine große Blutlache und verfolgten die Spur, in einem großem Umwege führte diese nach der Stadt zurück und endete vor einer Mühle. Sie verlangten Einlaß und fanden einen schwer verwundeten Mühlknappen im Bette liegend vor, der die Ladung in seinen hinteren Körperteil bekommen hatte. Es war ein Berliner, der seinem Kollegen gegenüber immerge prahlt hatte, die Altenburger »Malcher« (diesen Spitznamen führt auch heute noch das in Altenburg garnisonierende preußische 153. Regiment) ordentlich zum Narren halten und ins Bockshorn jagen zu wollen. Von der Zeit an spukte es am Pulverturm nicht mehr, und der Posten wurde schließlich dort überhaupt eingezogen. Amazon.de Widgets Auch vom Manöver, oder wie damals der Ausdruck war, von der »Kantonierung« hat mein Vater früher manchmal erzählt. Sie wurden einmal in einem Dorfe einquartiert, nachdem es den ganzen Tag über geregnet hatte, was vom Himmel runter wollte. Am andern Morgen, einem Sonntage, sollte Gewehrappell stattfinden und der Lauf seiner »Knarre« zeigte inwendig zahlreiche Rostflecken. Er hatte die Reinigung bis zur letzten Minute aufgeschoben und einen Pfropfen in den Lauf gepreßt, den er nicht wieder herausbrachte, kurz entschlossen ging er nach dem Garten, schob eine Patrone ein und drückte die Zündnadel ab. Der Lauf war spiegelblank. Zwar[12] wurde nach dem Schuß geforscht, aber entdeckt wurde der Täter nicht. Mein Vater hat später im Kriege noch einen unvorsichtigen Schuß abgegeben, da war aber die Geschichte gefährlicher. Ich komme vielleicht darauf noch zurück. Im Sommer 1864 kam er nach der Leuchtenburg bei Kahla auf Wachkommando; denn zu jener Zeit wurde diese alte Burg als altenburgisches Landeszuchthaus benutzt. Heute ist sie das Ziel zahlreicher Ausflügler, mit angenehmen Restaurationsräumen und prachtvoller Rundsicht. Vor einigen Jahren bin ich selbst einmal dagewesen, und ein Grauen kam über mich, als ich die alten Burgverließe besichtigte. Auch eine Kammer wird gezeigt, die mit mittelalterlichen Folterinstrumenten und sonstigen Marterwerkzeugen angefüllt ist. Da kann man auch den 150 Meter tiefen Brunnen sehen den die Sträflinge in den Felsen gegraben haben; es muß eine äußerst schwierige und gefahrvolle Arbeit gewesen sein. Das Pumpwerk wird alle 14 Tage einmal geölt, zu welchem Zwecke ein Mann auf eingemauerten eisernen Leitern hinabsteigen muß. Bei der Besichtigung wird eine Sturmlampe auf eine kleine Förderschale gestellt und hinabgeleiert. Ist sie am Grunde angekommen und still gestellt, so sieht sie aus, als wenn ein weggeworfenes Streichholz noch weiter glimmt. Mein Vater hat mir erzählt, daß auch Revolutionäre von 1848 da geschmachtet haben. Zur Zeit seiner Anwesenheit war ein gewisser Roland, Fleischergeselle aus Altenburg, ein Hüne von Gestalt, dort interniert, welcher schon verschiedene aufsehenerregende Vergehen in seiner von 1849 bis 1851 währenden Militärzeit begangen und später den Altenburger Ratskellerwirt erschossen hatte. Dafür war er zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden. Von diesem er zählte mein Vater einmal, daß nach einem Gottesdienst, als der Pastor seine Predigt beendet und das Gebet und Amen gesprochen hatte, Roland plötzlich dem Geistlichen zurief: »Na, 's wärd Zeit, doß de mit Deiner Quatterei ufhörst, ich habs schun lange sott.« Ein anderer Gefangener Namens Grau, der sogenannte »reiche Schneider« aus Ehrenhain, pflichtete dem mit den Worten bei »Ja Freund, Du hast auch meine Meinung gesagt«.[13] Für diese Störung erhielten beide je 25 Stockhiebe zudiktiert. Roland hielt sie aus, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne einen Laut von sich zu geben. Er meinte noch nach Empfang der Lektion zum reichen Schneider: »Na, mein Freund, wenn sie Dir so gut bekommen wie mir, kannste zufrieden sein.« Der reiche Schneider aber stürzte zu Boden und starb an den Folgen der Prozedur. Um die Leuchtenburg herum führt ein schmaler Pfad. Dort sind damals die Soldaten abends spazieren gegangen und haben allerlei Unfug und Jux getrieben. Dort zeigte mir mein Vater auch eine Stelle, wo eine Steinbank und zwei Pfeiler stehen, und erzählte, daß auf diesen Pfeilern früher ein großer Mühlstein als Tisch geruht hat und einige Zeit vorher sich einige Soldaten den Spaß erlaubt hätten, diesen Stein herabzuwälzen. Der Stein sei aber ins Rollen gekommen, den steilen Berg hinab und in dem am Fuße des Berges liegenden Dorfe Seitenroda durch eine Scheune hindurchgesaust, um endlich noch die Wand eines Bauerngehöftes zu demolieren. Im Herbst 1864 ist mein Vater wieder nach Altenburg zurückgekommen. In dem benachbarten Kotteritz hatte er sich eine Geliebte angeschafft, deren Vater ein großes Bauerngut besaß und sehr reich gewesen sein soll. Ich habe meinen Vater erzählen hören, daß er von diesem Mädchen Schinken, Butter, Wurst und Geld erhalten habe, so viel er gewollt hat. Ganze Speckseiten hätten in seinem Kasernenspind gehangen. Damals ist ihm auch eine andre spaßhafte Geschichte passiert. Im »Preußischen Hof« zu Altenburg ist einmal Bauernball gewesen, den auch der Vizegefreite Eduard Bromme mit seiner angebeteten Bauerstochter besuchte. Als sie den Heimweg antraten und am Ausgang angekommen waren, bemerkte plötzlich die Geliebte, daß sie ihr Umschlagtuch vergessen hatte, sie eilte deshalb zurück, um es zu holen. Es war so finster in jener Nacht, daß man kaum die Hand vor den Augen erkennen konnte. Mein Vater wartete am Eingang und nach einigen Minuten kam seine Angebetete zurück, faßte ihn unter den Arm und flüsterte: »Na komm.« Er entgegnete darauf: »Du hast aber lange gebraucht.« Als sie nun die Stadt hinter sich hatten und er am Wege nach Kotteritz einbiegen[14] wollte, hält sie ihn plötzlich zurück und sagt: »Wo willst Du denn hin, hierüber geht es.« Beim Klang der Stimme stieg ein merkwürdiger Verdacht in dem Soldaten empor. Schnell flammte ein Streichholz auf, ein Leuchten nach dem Gesicht und richtig: es war eine Falsche. Enttäuscht und wütend hat er die Unbekannte stehen gelassen und sich fluchend nach der Kaserne begeben. Noch etwas von einem furchtsamen Soldaten. In jenem Winter nahm er einmal Urlaub nach Hause. Eisenbahn gab es noch nicht dorthin, und aus dem Grunde mußte er 3 1/2 Stunden auf Schusters Rappen reiten. Abends mußte er wieder nach der Garnison zurück. Es war sehr kalt und die Straßen hart gefroren. Er hatte u. a. auch eine halbe Stunde durch den Pröhnaer Wald zu laufen ? heute ist er freilich nicht mehr so groß, da braucht man kaum zehn Minuten ? und aus Angst vor einem etwaigen Begegnis hatte der Vaterlandsverteidiger das Seitengewehr gezogen; zudem war es auch wieder stockfinster. Plötzlich prallte er an einen Gegenstand und stürzte zu Boden ? kliiiing ? rutschte das Seitengewehr auf der Straße entlang. Zunächst wurde unser Marsjünger gewahr, daß er über einen Steinhaufen weggestolpert war. Doch das mochte ja noch gehen; aber wo war nun das herzogliche Faschinenmesser hingekommen? Eine volle Stunde hat er mit den Händen umhertasten müssen, ehe er es wieder gefunden hat. Jetzt wurde es in die Scheide geschoben. Die Furcht war vorbei. Im März 1865 kam die Zeit der Entlassung. Meinem Vater hatte jedoch das Soldatenleben gefallen, und er beschloß zuerst, »dabei zu bleiben«. Doch damals scheint es mit dem »kapitulieren« nicht so geschäftsmäßig zugegangen zu sein als heute. Als nämlich die Kameraden in die Heimat abgereist waren, gefiel es dem Bromme nicht mehr, auch hatte er seinen besonderen Ärger, weil er noch nicht zum Gefreiten befördert worden war. Er eilte darum zum Feldwebel, machte seinem Herzen diesem gegenüber Luft und forderte seine Entlassung. Die Kompagniemutter wies ihn zum Hauptmann, bedeutete ihm aber, zu eilen, weil der Herr Hauptmann denselben Tag noch einen sechswöchentlichen Urlaub nach Schleswig-Holstein antreten würde. Der Füsilier Bromme lief deswegen[15] ? nein sprang vielmehr gleich nach dem Bahnhofe, bald darauf kam auch schon der Gestrenge. Mein Vater nahm die vorschriftsmäßige Haltung ein und brachte seinen Wunsch vor, ebenfalls in Urlaub entlassen zu werden. Auf die Frage des Herrn Hauptmanns nach diesem plötzlichen Gesinnungswechsel entdeckte sich ihm der Kapitulant. Der Kompagniechef äußerte demgegenüber: »Nun, ich kann Sie doch nicht gleich zum Stabsfourier machen,« genehmigte aber im übrigen die Entlassung. Den folgenden Sommer hat dann mein Vater in einer Ziegelei gearbeitet. Im Herbst aber ging er wieder zu den Bauern und vermietete sich auf Rittergut Münsa. Er sollte jedoch hier sein Dienstjahr nicht abschrauben, denn Anfang Juni des Jahres 1866 wurde er nach erfolgter Mobilmachung zur Reserve einberufen. Nach dem Kriege, in dem mein Vater nicht viel mehr als im Manöver erlebt hat, nahm er in Kotteritz einen Dienst an und suchte seine reiche Liebste wieder auf. Doch das Dorfleben sagte ihm nicht zu, und in Zukunft mal ein Bauer zu werden, hatte er auch keine Lust. Er ließ deshalb das Mädel sein und wollte seinen schon lange gehegten Wunsch, an die Eisenbahn zu gehen, in Erfüllung bringen. Aufs Geradewohl fuhr er nach Zwickau, wo ihm auch Beschäftigung gewährt wurde, und zwar mußte er in der dortigen Staatswerkstätte Lokomotiven reinigen. Man nannte diese Arbeit Putzerei. Es wird ungefähr dieselbe Verrichtung gewesen sein, welche Karl Fischer in der Abkocherei der Osnabrücker Staatsbahnwerkstätte1 getan hat. Nur wurde zu jener Zeit die Arbeit besser bezahlt, und mein Vater hat da zwei und dreimal mehr wöchentlichen Verdienst zu verzeichnen gehabt als Fischer. Da war ein Maschinenverwalter H., ein Schwabe von Geburt, bei dem die Arbeiter viel Geld verdienten. Der fragte ganz einfach die in Frage kommenden Putzer »Wasch wolle Schie habe für die Maschine«, gewöhnlich hieß es dann »acht Taler« und die Antwort war darauf: »Ich gebe Ihne schieben.« Der Lohn wurde dann abgemacht. Die Putzer ließen dann den Schlossern einige Liter Bier anfahren, worauf es diese[16] dann mit dem Reinigen nicht so genau nahmen. Der Maschinenverwalter ist aber bald entfernt und sogar bestraft worden, weil er den Staat betrogen hat und zwar durch Unterschleife in Kohlen, mit denen er schwunghaften Großhandel betrieb. Meinem Vater gefiel trotzdem die Putzerei nicht; er wollte zum Fahrpersonal und wurde schließlich auch als Hilfsbremser eingestellt. Er fuhr aber nur Kohlenzüge, d. h. er mußte die gefüllten Steinkohlenlowrys aus den einzelnen Gruben zusammen holen, und dann fuhren sie sie nach Leipzig, Glauchau und Chemnitz. Dabei wäre er in Zwickau bald einmal zum reichen Manne geworden. Er mußte eines Tages kurz vor dem Abgang seines Trains auf dem Zwickauer Bahnhof den stillen Ort aufsuchen; als er die Türe dort öffnet, plumpst plötzlich von innen etwas Schweres dagegen. Da bemerkte mein Vater einen Riemen oben an der Türecke, er holt ihn herunter und hat eine schwere Geldtasche in den Händen. Am andern Tage prangte am Fundbrett die Inschrift »Eine Geldtasche mit 7000 Talern Inhalt, in Gold, Silber und Papier ist gefunden worden«. Sechs Wochen lang stand das am Brett, und niemand hatte sich gemeldet, da ist eines Tages ein Glauchauer Fabrikant angekommen, hat die Anzeige an der Tafel gelesen und die Tasche als sein Eigentum reklamiert. Er soll dabei gesagt haben; »Ich wollte kein Aufhebens machen, weil ich sie an dem Ort vergessen hatte und glaubte auch, den Verlust nicht wieder zu bekommen, ich hatte mich auch bereits darüber hinweggesetzt.« Die beiden Finder haben nicht einmal Schön dank als Lohn für ihre Ehrlichkeit erhalten; ob der Verlierer etwas in der Expedition zurückgelassen hat, haben sie nie in Erfahrung bringen können. In Zwickau hätte nun mein Vater lange Kohlen fahren müssen, bevor er avanciert wäre; er beschloß deshalb, auf gut Glück nach Dresden zu gehen und sich dort um eine bessere Stelle zu bewerben. Er hatte jedoch falsch gedacht, es wollte und wollte nicht klappen. Zwei Monate war er schon da und noch immer keine Aussicht, auf Anstellung rechnen zu können. Muße hatte er genug gehabt und Elbflorenz innen und außen kennen gelernt, hatte sich die sächsische Schweiz bis nach Bodenbach hinunter angesehen; Königstein, Lilienstein,[17] Schreckenstein und alle möglichen Steine bestiegen, das konnte ihn aber nicht satt machen und seine Ersparnisse zeigten bereits ganz beträchtliche Lücken; darum beschloß er endlich, nach Leipzig zu gehen und dort sein Glück zu versuchen. In Leipzig bekam er Beschäftigung, zwar auch nur als Rangierer und Hilfsbremser, aber sie war doch immerhin nicht so eintönig, wie das Kohlenfahren in Zwickau. Leider sollte ihm eines Tages ein schweres Unglück widerfahren. Es war die Weihnachtszeit des Jahres 1869. Der Schnee ballte sich an die Stiefeln und lag auf den Trittbrettern der Wagen und beim Rangieren einer Anzahl Personenwagen rutschte mein Vater ab und geriet mit dem linken Fuß unter die Räder. Man transportierte ihn ins St. Jakobshospital, in dem er fünfzehn Monate lang an den Folgen des Unfalles gelegen hat. Anfangs sollte gleich der Fuß amputiert werden, das hat aber mein Vater nicht zugegeben. Auf die Erwiderung des Arztes, daß er dann vielleicht sterben müsse, erfolgte die lakonische Antwort »Besser noch, als Krüppel zu werden«. Der Professor versuchte nun auf andere Art und Weise, den Fuß wieder gebrauchsfähig zu machen und zwar wurden die verletzten Knochen bloßgelegt, es ergab sich, daß diese zerbrochen waren. Sie wurden genau in ihre natürliche Lage gebracht und die Operationswunde vernäht. Dabei wurde zum ersten Male ein neuer englischer Verband, der sogenannte Listersche Verband angewendet. Man brachte da den Fuß in einen eigens dazu angefertigten Holzkasten, an der Sohle wurde er eingegipst, ein Glasfenster bildete die obere Seite, das konnte beliebig geöffnet werden. Der Verband bewährte sich jedoch nicht. Es bildete sich eine Art Brand oder vielmehr das Fleisch an der Operationswunde wurde faulig, sodaß täglich eine Wenigkeit weggeschnitten werden mußte; aber die Wunde wollte und wollte nicht heilen. Der Professor Thiersch motivierte es damit, daß sich keine neue Knochenhaut gebildet habe und dadurch das Fleisch nicht anwachsen konnte. Er ordnete deshalb eine neue Operation an, in welcher nunmehr die Knochen herausgebrochen werden sollten. Eines Abends wurde mein Vater vom Assistenzarzt in Kenntnis gesetzt, daß am andern Vormittag die Anordnung ausgeführt[18] werde. Er solle deshalb wegen des Chloroformierens früh nichts essen. Das Chloroformieren hatte der Assistenzarzt auszuführen. Am andern Morgen ließ sich dieser aber gar nicht sehen und 1/2 9 Uhr wurde mein Vater auf einer Tragbahre in den Operationssaal gebracht, ohne narkotisiert zu sein. Man legte ihn auf den Tisch und die Studenten umringten ihn. Die Assistenzärzte legten die Instrumente zurecht und als der Professor eintrat, ging er unverzüglich an seine Tätigkeit. Professor Thiersch hatte Eile, weil er als Generalstabsarzt der sächsischen Armee nach dem Kriegsschauplatz beordert war. Bei der Operation zeigte es sich, daß die Knochen wieder regelrecht verwachsen waren und zwar so fest, daß sie bei der Entfernung nicht einmal an der alten Bruchstelle gebrochen sind. Über die Vorgänge während der Operation habe ich noch einige Einzelheiten im Gedächtnis behalten, so hat ein Student meinem Vater ein Stück Holz in den Mund gesteckt, auf das er im Falle des Erwachens beißen sollte. Beim Brechen der Knochen wäre ihm der Schmerz nicht nur durch Mark und Bein gegangen, sondern in jedem einzelnen Haar habe er die nicht zu schildernden Schmerzensempfindungen gefühlt. Das Stück Holz sei in Atome zerbissen worden. Am andern Tage besuchte ihn Professor Thiersch noch einmal vor seiner Abreise, erkundigte sich nach dem Befinden und ob er sich übergeben habe. Letzteres verneinte mein Vater, worauf Herr Thiersch äußerte, das wundere ihn sehr, nach Chloroform breche man doch gewöhnlich. Als da nun der berühmte Chirurg hörte, daß der Kranke die Operation in völlig wachem Zustande ausgehalten, war das Erstaunen am ersteren; in seinem Amtseifer hatte er nichts davon gemerkt, daß der Mann nicht in der Narkose liegt. Die Schuld daran trug natürlich der Assistenzarzt meines Vaters. Endlich kam die Zeit der Entlassung aus dem Hospital: ein und einviertel Jahr war indessen verflossen, aber voll gebrauchsfähig war der Fuß immer noch nicht; es war noch ein Knochensplitter drin, weshalb die Eiterung gar nicht weichen wollte. Darum fand noch eine Öffnung der Wunde statt. Der Splitter wurde aber nicht gefunden. Später ist er von selbst ans Tageslicht gekommen. Die[19] Zehen waren vollständig steif geblieben und sind heute noch unbeweglich. Danach war mein Vater noch drei Monate krank in seiner früheren Wohnung. Von der Bahn erhielt er weder Unterstützung noch Beschäftigung, sodaß seine sämtlichen Ersparnisse darauf gingen, und außerdem beim Logiswirt noch 28 Taler Schulden angewachsen waren. Er ist mehrmals auf dem Bahnhof vorstellig geworden, aber stets mit den Worten »Sie haben uns genug Geld gekostet«, abgewiesen worden. Das aber durften die Beamten sagen, weil er noch nicht festangestellt war! Nun wohnte in dem Hause, wo mein Vater logiert, ein alter Rechtsanwalt Namens Müller, der aber nicht mehr praktizierte. Von diesem erbat mein Vater Rat und Beistand. Der alte Advokat meinte, daß die Bahn unbedingt verpflichtet sei, sich seiner anzunehmen. Er solle nur gleich einmal an die richtige Schmiede, das sei die Generaldirektion in Dresden, gehen, sich aber auf keinen Fall von den Bureaubeamten abspeisen lassen. Der freundliche Herr lieh zu diesem Zwecke dem Verunglückten 2 Taler und dieser fuhr, den einen Fuß mit dem Stiefel, den andern mit einem Filzschuh bekleidet, nach der sächsischen Residenz zur höchsten Bahnbehörde. Im Vorzimmer wollten ihn, wie der alte Müller ganz richtig vermutet hatte, einige Unterbeamte abfertigen. Mein Vater war aber standhaft und verlangte unbedingt, dem Generaldirektor vorgestellt zu werden. Wenige Minuten später sah er sich denn auch dem Gestrengen, einem Herrn von Nostitz-Schenkendorf gegenüber und erläuterte diesem seine Krankheitsgeschichte. Er hatte Erfolg und die Bahnverwaltung in Leipzig erhielt die Anweisung, den Bromme zu unterstützen und in geeignete Beschäftigung zu nehmen. Zunächst bezahlte die Bahn die Schulden beim Quartierwirt; die geopferten Ersparnisse aber nicht. Dann bekam er für die Woche 4 Taler, und einen Portierposten zugesichert. Da stellte sich wieder ein Hindernis ein und zwar in Gestalt eines zweijährigen Kehlkopfleidens, das aber später von selbst wieder verschwunden ist. Da war es also auch nichts mit dem Portier. Nun war er eine Zeitlang genötigt, Nachtwächterdienste zu tun, bis er eines Tages oder vielmehr in einer Nacht mit dem[20] kranken Fuß über die Schienen gestolpert ist. Am andern Tage erstattete er Meldung und blieb nun wieder zu Hause. Eines Tages war er wieder wegen Beschäftigung vorstellig geworden, da hatte der Inspektor gesagt: »Ja, was soll ich mit Ihnen machen, mit dem Portier ist es bei solcher Heiserkeit nichts, aber warten Sie mal, fahren Sie doch Personenzüge mit als Bremser, da haben Sie doch weiter nichts zu tun, das bißchen Anleiern geht allemal.« So fuhr mein Vater als Bremser auf der Linie Leipzig-Hof und zwar meist nur Schnellzüge. Er wurde bald darauf angestellt, ohne vorher untersucht zu werden, weil die Bahn in folge seiner in ihrem Dienste erlittenen Halbinvalidität zur Anstellung verpflichtet war. Amazon.de Widgets Wie mein Vater meine Mutter kennen gelernt hat, ist mir unbekannt geblieben. Im Anfang des Jahres 1872 haben sie geheiratet. Dabei will ich gleich noch das wenige vorausschicken, was mir von meiner Mutter Jugendzeit bekannt geworden ist. Trotzdem meiner Mutter die Sprache sehr geläufig war, erzählte sie höchst selten von ihrem eigenen Leben, ausgenommen abergläubische Spuk- und Drachengeschichten. Mit diesem Unsinn, von dem mir noch eine ganze Menge in Erinnerung ist, will ich indes die lieben Leser verschonen. Nur einige Beispiele sollen hier Platz finden. Die »Herrenfrau« von Prößdorf, eines kleinen Ritterguts in der Nähe Luckas, hatte nach ihrer Meinung den »Drachen«. Sie litt es niemals, daß eine Magd beim Kühemelken ihren Schemel benutzte; sie übte nämlich die Beschäftigung des Melkens selbst mit aus, weil sie Gefallen daran hatte. Nun war sie eines Tages verreist und verbot zuvor noch der Magd, ihren Schemel zum Melken zu benutzen; diese übertrat das Verbot und zur Strafe hatte sie richtig Blut gemolken. Dann war meine Mutter einmal eines Abends von ihrer Schneiderbeschäftigung aus Lucka erst gegen 1/2 12 Uhr nachts weggegangen. Als sie nun an einem Friedhof vorbeigegangen war, sei ihr plötzlich zur Rechten eine menschlichte Gestalt zu Gesicht gekommen, die auf allen Vieren kroch und erst als sie die Luckaer Flur verlassen und auf dem Terrain ihres Heimatsdorfes gelaufen, sei die Gestalt verschwunden. Später sei sie einmal bei einer Familie über Nacht geblieben. Als sie sich in der Bodenkammer zur Ruhe begeben und[21] eben erst ins Bett gelegt habe, sei plötzlich etwas in Holzpantoffeln bis vor ihr Bett gekommen und habe sich ihr auf Brust und Leib gelegt. Das sei das sogenannte »Albdrücken« gewesen. Am andern Morgen wäre eine alte Frau gekommen und habe von ihr sofort etwas genäht haben wollen. Sie habe sie aber abgewiesen, da das die Albdrückerin gewesen sei. Von dieser Zeit ab habe sie dann stets die Schuhe mit den Spitzen betteinwärts gesetzt. Das wäre nämlich das einzige Mittel, um sich vor dem Albdrücken zu schützen. Dann wieder habe manchmal meine Mutter bei einer Familie genäht, die den reichen Drachen hatte, ? der reiche Drache trägt nämlich zu und der arme schafft weg, (ich glaube, da besitze ich den armen Drachen heute noch), da habe sie eines Abends vor dem Fenster gestanden und plötzlich sei ihr vor dem Fenster ein Bock ähnliches Geschöpf mit geringelten Hörnern erschienen ? das war natürlich der Drachen. Später, im Sommer 1884, war der Sohn einer Kousine Namens Wilhelm Syrbe aus Lobstädt, der in Borna als Schlosser gelernt hatte, zu uns ins Quartier gekommen. Der paßte darin auch zu meiner Mutter. Von den beiden wußte immer eins mehr zu erzählen als das andere. Da war dessen Meistersvater, der alte Schlosser Schramm, der Ökonomie besaß, mit dem Wagen nach dem Frohburger Grund gefahren. Er hatte vergessen, eine Zeremonie vorzunehmen und war deshalb »fest gemacht« worden. Sie hätten sich mühen können, wie sie wollten, die hinteren Räder seien nicht vorwärts gegangen. Bis sie ein des Weges kommender alter Schäfer frei gemacht hatte. Dann wieder war Syrbe von Lobstädt nach Borna gelaufen. In der Nähe des Ottoschachtes ist ihm ein dreibeiniger Hase begegnet. Er hat mit dem Stock nach ihm geschlagen und 9 Tage später ? die 9 spielte stets eine große Rolle bei diesen Erzählungen ? sei sein Vater in den Schacht gestürzt und hätte den Hals gebrochen. Hätte er aber nicht nach dem dreibeinigen (Drachen) Hafen geschlagen, so lebte sein Vater heute noch. Doch ich will von meiner Mutter reden. Also ihre Hauptbeschäftigung war Damenschneiderei, oder, wie es im Altenburger Lande heißt, sie war »Nähtern«. Außerdem konnte sie ausgezeichnet kochen[22] und verstand auch mit wenigen Mitteln etwas Schmackhaftes herzustellen. Ferner war sie sehr fromm und gottesfürchtig, im Gegensatz zu meinem Vater, der eher zum Atheismus neigt. Sie verstand aber auch etwas von Krankenpflege, und in meinem Leben ist mir keine Frau wieder begegnet, die sich darin mit ihr messen konnte. Die Leser werden das später bei meiner Kindheitsgeschichte näher erfahren. Sie kannte alle einheimischen Teearten, und war Meisterin im Einmachen von Früchten und Aufsetzen von Kräutern, und Künstlerin in der Herstellung von Puddings. Bei der Schneiderei hatte sie sich in ihren Jugendjahren 600 Taler gespart. Da sie in ihrem Beruf meist bei besserer Kundschaft tätig war, so hatte sie sich auch etwas gesellschaftlichen Schliff angeeignet, wie man so zu sagen pflegt. Ja, sogar ein wenig Französisch und Englisch verstand sie, deren Kenntnis sie sich wahrscheinlich in einer Pastorenfamilie erworben hat, bei der sie einige Zeit in Stellung gewesen ist. Ich konnte darum auch bereits in französischer Sprache bis fünfzig zählen, noch ehe ich die Schule besuchte, wie ich überhaupt schon mit 5 Jahren das ganze große und kleine deutsche Alphabet schrieb. Wie ich dann noch aus ihren Erzählungen vernommen habe, hatte sogar ein Arzt um ihre Hand angehalten und einen Korb bekommen, was sie später vor unseren Ohren oftmals bereut hat. Bei ihrer Verheiratung zählte sie 30, mein Vater 29 Jahre. Am 15. Juli 1873 wurde ich in der Körnerstraße zu Leipzig geboren, aus dem Grunde bekam ich auch den Namen Theodor mit als Vornamen. Moritz William Theodor ist mein voller Name. Später bin ich oftmals gefragt worden, warum mein Vater mich nicht Wilhelm genannt hat. Ich glaube aber, daß der William von meiner Mutter gewählt worden ist. Im fünften Stock habe ich das Licht der Welt erblickt. Später hat mir meine Mutter erzählt, daß ich sehr gutartig gewesen sei, nicht viel geschrien und auch keine Gummihütchen in den kleinen Mund genommen habe, und nur durch die Leckereien meiner Tante, der jüngeren Schwester meiner Mutter etwas verwöhnt worden sei, die mir diese allwöchentlich gebracht habe. Inzwischen war meinem Vater wieder mal ein kleiner Unfall[23] passiert, an dem ein voreiliger Lokomotivenführer die Schuld trug. Da wickelte er als Bremser die Signalleine oben auf den Wagen auf, als plötzlich der Lokomotivenführer abfuhr, bevor mein Vater das Zeichen mit der Pfeife gegeben hatte. Die Schnur kam dadurch ins Rollen, mein Vater hielt aber das Ende fest, wodurch ihm der Daumen bis auf den Knochen durchschnitten wurde und abgerissen worden wäre, wenn der Vorfall nicht rechtzeitig bemerkt und der Zug zum Stehen gekommen wäre. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Kurz vor Weihnachten 1872 widerfuhr ihm ein noch größeres Unglück. Er fuhr den 4 Uhr-Morgens-Schnellzug nach Hof. Er hatte einem Kollegen, dem Schaffner Mahn, im Dienstkoupee Gesellschaft geleistet und war kurz vor Hof, etwa zehn Minuten oberhalb der Saalbrücke, im Begriffe auszusteigen und seinen Posten an der Bremse einzunehmen. Das Trittbrett war aber unglücklicherweise mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Der Vater stürzte ab und fiel die Böschung hinab in den Schnee. Erst nach Ankunft des Zuges in Hof wurde er von seinen Kollegen vermißt. Es war noch dunkel und gegen 7 Uhr Morgens. Sogleich erfolgte Befehl zur Absuchung der Strecke. Als man diesem eben nachkommen wollte, traf man auf einen Bahnwärter, welcher die Meldung brachte, daß oberhalb der Saalbrücke ein Mann im Schnee liege, es hätte nur der Pelz noch herausgesehen, also wäre es jedenfalls eine Leiche. Man fuhr infolgedessen mit einer Arbeitslowry hinaus, lud den Toten auf und fuhr ihn nach Hof. Erst nachdem ein herbeigerufener Arzt die Untersuchung beendet hatte, konstatierte dieser, daß noch Leben vorhanden sei. Es wurde ein Telegramm an die Frau abgeschickt, daß diese infolge plötzlicher Erkrankung ihres Mannes mit einer Droschke zum Bahnhof kommen solle. Jetzt war mein Vater wieder einen Monat zu Hause. Zum Glück war bei dem Sturze nur der Arm ausgekugelt, der sofort von dem Arzte in Hof eingerichtet worden war. Im übrigen war er unverletzt, also gut weggekommen. Er nahm deshalb den Dienst wieder auf, aber nur 14 Tage waren vergangen, da mußte er von neuem zu Hause bleiben. Jetzt zeigten sich erst die Folgen des Sturzes und nun war er über ein Jahr krank und konnte nie wieder Fahrdienst tun. Er[24] wurde deshalb Bahnwärter und nach Breitingen, einem kleinen sächsischen Orte zwischen Altenburg und Leipzig versetzt. Dort war es infolge des Zugverkehrs bei Tag und Nacht indes zu aufreibend für meinen Vater. Meine Mutter hat mir manchmal erzählt, daß es dort immer einen Extrahappen für sie gegeben habe, indem mein Vater des Morgens beim Tragen der Nummer zum Nachbarkollegen, was gleichbedeutend mit Absuchung der Strecke ist, sehr oft Rebhühner gefunden habe, die sich in der Dunkelheit die Köpfe an den Telegraphendrähten eingerannt hatten, außerdem habe sie einen starken Kater gehabt, der sogar manchmal Hafen angeschleppt habe. Diesen haben sie aber nicht gegessen. Meine Mutter hat überhaupt fast gar kein Fleisch gegessen, ich werde damals auch soviel wie nichts davon verspeist haben, also hat mein Vater da gut leben können. Zum Beispiel hat er einmal zu Weihnachten bei der Großmutter ein Schwein gekauft und zu Ostern ist nichts mehr davon vorhanden gewesen; also hat er dies fast allein verzehrt. Dort ist auch einem Nachbarkollegen ein schreckliches Unglück widerfahren. Dieser hatte in der Nacht geschlafen und ist beim Pfeifen der Lokomotive ganz kopflos heraus und direkt auf das Geleis vor dem Schnellzug gestürzt, der ihn sofort zermalmte. Aus diesem Grunde sind dann Barrieren vor den Bahnwärterhäuschen an gebracht und der Eingang zu diesen an der Rückseite gemacht worden. Ein Jahr später wurde mein Vater nach Zwenkau, an die Linie Meuselwitz-Gaschwitz-Leipzig versetzt. Ich mag da im dritten Jahre gestanden haben. Von dorther datieren meine ersten Erinnerungen. Die erste war, daß mir ein Brüderchen, unser Felix geboren wurde, von dem ich noch manchmal sprechen werde, und der trotz seiner Jugend ein ziemlich bewegtes Leben hinter sich hat. Aus meinem dritten Jahre stehen Eindrücke noch ganz lebendig vor mir. Eines Abends oder vielmehr eines Nachts ist unsere Mutter mit uns Kleinen nicht schlafen gegangen, sondern hat uns in der Stube behalten. Sie saß da und weinte bitterlich. Es war im Hochsommer und eine helle, warme und windstille Nacht, und konnte so gegen 4 Uhr Morgens sein. Der kleine Bruder war eingeschlafen, da nahm mich die Mutter bei der Hand und ging mit mir auf die Suche nach dem[25] Vater. Ihre Vermutung, ihn in einem Gartenrestaurant zu finden, war richtig. Er saß dort mit vier Männern in einer Laube und sie spielten beim Schein einer Lampe Karten. Es gab zunächst zwischen meinen Eltern eine Auseinandersetzung, jedenfalls weil mein Vater in kurzer Zeit schon mehrmals so lange weggeblieben war. Ich habe natürlich davon noch nichts verstanden; aber in Zukunft ist mein Vater nicht wieder so spät nach Hause gekommen. Wir wohnten bei dem Korb- und Kinderwagenfabrikanten Meier, an dessen gleichaltrigen Sohn Albert ich mich noch ganz gut erinnern kann. Ein gewisser Franz Kahl und der Sohn des Hauswirts waren meine ersten Spielkameraden, und ich habe manchmal bei ersteren, dessen Mutter eine verwitwete Waschfrau war, Semmel und Wurst bekommen und bei letzteren des Nachmittags Kaffee und Kuchen verzehrt. Auch einige Arbeiter von Meiers kann ich mir noch vorstellen. Da war z. B. ein Geselle Rudolf, der mir mein erstes Taschenmesser geschenkt hat. Meines Vaters Posten lag etwas außerhalb der Stadt auf einem kleinen Hügel. Dort habe ich mich fast täglich einige Stunden umhergetummelt und die ersten Eindrücke von der Mutter Natur bekommen. Ich weiß heute noch, wie ich staunend die Fische im Bächlein betrachtete und wie ehrfurchtsvoll ich die Blumen auf den Wiesen gepflückt habe. Auch aus der Familie ist mir aus jener Zeit noch ein Krankheitsfall in Erinnerung geblieben, der mein kleines Brüderchen Felix betraf. Es hatte sich ein Karfunkel in seiner rechten Seite gebildet, und der Arzt war Willens, ihn zu schneiden, weshalb meine Mutter in großer Angst um ihren Kleinen war. Eines Tages war sie mit ihm beschäftigt und um seine Wiege in Ordnung zu bringen, hatte sie ihn einstweilen auf ihr Bett gelegt. Sie brauchte da noch etwas, was sich in der andern Stube befand und entfernte sich einen Moment. Sie hatte indes kaum den Rücken gewendet, als sie einen Fall hörte, dem unmittelbar darauf fürchterliches Geschrei folgte. Der Felix hatte sich strampelnd auf die andere Seite gewälzt, dabei das Gleichgewicht verloren und war herunter gekollert. Meine Mutter war halbtot vor Schreck. Aber es zeigte sich ihr, daß auch dieser Fall von der Vorsehung geschickt sei; denn er hatte[26] das Gute gehabt, daß der Karfunkel aufgegangen war. Das war nun noch ein Glück für den Kleinen geworden. Der Eiter ging gut ab und als am andern Tage der Arzt sein Messer herausnahm, hatte er das Nachsehen. Zu Ende des Jahres 1877 trat wieder ein Wohnungswechsel bei uns ein. Die Linie Gaschwitz-Meuselwitz wurde in eine Sekundärbahn umgewandelt, wodurch man die Bahnwärter sparte. Jetzt wurde mein Vater nach Schmölln in Sachsen-Altenburg versetzt, an die Linie Glauchau-Gera. Im Frühjahr 1878 siedelten wir nach dort über und nahmen Wohnung bei einem Kohlenhändler am Bahnhof, der den siebziger Krieg als Markedenter mitgemacht hatte und dabei reich geworden war. Hier muß ich nun die lieben Leser etwas länger verweilen lassen, weil ich von dort vieles zu erzählen habe.[27] 1 Amazon.de Widgets Vergl. Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines Arbeiters, Band II, Eugen Diederichs Verlag, Jena. 
