
                         Meysenbug, Malwida Freiin von

                         Himmlische und irdische Liebe

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                             Malwida von Meysenbug

                         Himmlische und irdische Liebe

Es war noch im ppstlichen Rom, wo eines Abends vor dem Eingangstor eines der
alten groen Palste eine Menge miger Zuschauer stillstand, Arbeiter, Mdchen
und Frauen, die von der Arbeit heimkehrten und offenbar hier etwas Sehenswertes
zu erblicken hofften.
    Hre, Checco, sagte eine schwarzugige Dirne, die einen abgefrbten alten
Schal nachlssig um die Schultern gezogen hatte, zu einem jungen Burschen, der
neben ihr stand, da ist heute wohl wieder eine groe Versammlung da oben in der
Arkadia, etwas Besonderes?
    Das will ich meinen, Peppina, erwiderte der Gefragte; eine berhmte
Improvisatrice wird sich hren lassen, sie soll prchtige Verse machen, so
gleich frisch weg, wenn man ihr eine Aufgabe gibt. Ich habe immer gedacht, da
mte man viel studieren, um Verse zu machen, wie unser Ariosto und Tasso.
    Ach was, ich kann's auch, versetzte Peppina lachend; da hr mal: Der
Checco schwtzt dumme Sachen, die machen mich nur lachen.
    Ei, wie artig! Nicht einmal solche Lumperei htt' ich dir zugetraut,
versetzte Checco spttisch.
    Ach, du bist ein Grobian, sagte Peppina und machte ihm eine Grimasse;
aber sieh, rief sie, als ein heranrollender Wagen ihre Aufmerksamkeit erregte,
wer kommt in der prchtigen Kutsche - hm, und die goldbesetzten Livreen der
Diener, das mu was Groes sein!
    Ja, das ist was Groes und was Schnes, sagte der Bursch; das ist die
Herzogin Giulia von Santomara, die schnste Frau der Welt, das wollt ich
meinen!
    Und wer ist der schne junge Blonde neben ihr? fragte das Mdchen.
    Na, das ist ein deutscher Prinz, der den Winter hier zubringt; er wohnt im
groen Hotel auf der Piazza di Spagna, wo ich am Morgen beschftigt bin. Da seh
ich ihn oft die Treppe herunterkommen, auch seine zwei Begleiter, und mit dem
Diener spreche ich oft, das heit was man sprechen nennt, er kann kein Wort
italienisch, ich kein Wort deutsch, ich zeig's ihm aber mit den Fingern, was ich
meine, und er versteht's, und wir lachen dann zusammen. Er gibt mir auch
manchmal ein Glas guten Weines zu trinken, denn er lebt wie ein Signore und hat
Essen und Trinken die Flle.
    Inzwischen war der Wagen herangerollt und fuhr eben, dicht an den zwei
Schwatzenden vorber, in den groen Torweg des Palastes ein.
    Ach, ist die hbsch, die Blonde! Die knnte mir gefallen, sagte Checco,
indem er auf ein junges Mdchen zeigte, das in einem neu heranrollenden Wagen
neben einer lteren Frau sa.
    Der Wagen hielt einen Augenblick still, weil zwei andere Kutschen, dem Wagen
der Herzogin folgend, noch unter dem Torweg hielten, und eine Frau aus dem Volke
trat rasch hervor und reichte dem jungen Mdchen im Wagen einen schnen
Blumenstrau, indem sie einige Worte dabei sagte, die dieses mit freundlichem
Neigen des Kopfes und einem Dankeswort annahm.
    Wer ist denn die Signorina, Sora Vittoria? fragte Peppina, sich an die
Frau wendend, whrend der Wagen in den Torweg einfuhr.
    O, das ist ja die berhmte Improvisatrice, entgegnete die Gefragte; sie
wohnt oben im Haus, wo ich unten meine Bottega habe, da kommt sie fter zu mir
herein, um Gemse oder Obst zu kaufen und bleibt dann ein Weilchen, um von
diesem oder jenem zu reden, und dabei lerne ich sie kennen. O, sie ist lieb und
gut wie ein Engel aus dem Paradies.
    Und die andere, ist das ihre Mutter? fragte Peppina.
    Nein, ihre Mutter und ihr Vater sind tot; das ist eine alte Verwandte,
glaub ich, die bei ihr lebt, weil sie zu jung ist, um so allein zu reisen.
    Ist die auch so gut? fragte Checco; sie sieht garstig aus, pfui!
    Nein, die ist auch nicht gut, sie hat immer was zu zanken, besieht erst
alle Ware, wirft sie dann hin und behauptet, sie wre schlecht und ich habe doch
nichts als gute zum Verkauf, nie klagen meine anderen Kunden. Und dabei tut sie
so stolz, als ob sie etwas viel Besseres wre wie unsereiner. Aber es ist spt,
ich mu nach Haus, ich habe nur der lieben Signorina ein schnes Bukett bringen
wollen.
    Mit diesen Worten, buona sera wnschend, ging sie eilig von dannen, und
auch Peppina und Checco begaben sich, miteinander lachend und plaudernd, auf den
Heimweg.
    Unterdessen hatte sich oben in den Slen der Arkadia eine zahlreiche
Versammlung eingefunden. Viele Mitglieder der rmischen Aristokratie, vornehme
Prlaten und Kardinle, eine groe Anzahl geistlicher Herren, Gelehrte und viele
Angehrige des rmischen Brgerstandes nahmen an den Sitzungen der Akademie, zu
jener Zeit die einzige derartige literarische und wissenschaftliche gesellige
Vereinigung in Rom, teil und die elegante Damenwelt machte es sich zur Aufgabe,
die Abendunterhaltungen durch ihre Gegenwart zu verschnen, und viele hatten
damals auch feinere Bildung und wirklichen Sinn fr Poesie und Kunst. Zu diesen
letzteren gehrte vor allem die Herzogin von Santomara, die den Glanz ihrer
unvergleichlichen Schnheit durch den Zauber eines feinen, raschen Geistes und
eines warmen, treffenden Verstndnisses fr alles Schne und Groe in Poesie und
Kunst noch verdoppelte. An einen lteren, wenig liebenswerten Mann verheiratet,
der voll eitlen Stolzes auf seinen Namen, der nur ein Aushngeschild fr ein
leeres Innere war, und voll heftiger Instinkte, unter denen besonders die
Eifersucht sich zur Wut steigern konnte, hatte sie noch nicht Zeit gehabt, sich
ber dieses ihr aufgedrungene Band Rechenschaft zu geben. Sie schwamm in einem
Meere von Jugendlust und gesttigter Eitelkeit, da ganz Rom ihr huldigend zu
Fen lag, von Befriedigung aller Wnsche, die Reichtum und Luxus ihr gewhren
konnten, und in dem Rausch der unausgesetzten Folge von Festen und Vergngungen,
die sie umgaben, erschien ihr die uerlich feine, gentlemanlike scheinende,
mnnlich schne Gestalt des Gemahls wie der passende Rahmen fr das
wunderherrliche Bild, das sie selbst war. Ihr Palast war in kurzer Zeit der
Sammelplatz all dessen geworden, was Rom damals an Eleganz, Reichtum, Schnheit
und Bildung enthielt, und kein Fremder von einiger Bedeutung versumte es, sich
dort Zutritt zu verschaffen, was um so leichter war, als damals gerade mehrere
der auswrtigen Gesandtschaften durch geistig hochbedeutende Mnner ihres Volkes
vertreten waren. So hatte der junge deutsche Frstensohn, den wir neben ihr an
jenem Abend im Wagen sahen, alsbald Aufnahme bei ihr gefunden und war in kurzer
Zeit ein oft und gern gesehener Gast in ihrem Zirkel geworden.
    An seinem Arm trat sie in den Saal, wo die Arkadia ihre Sitzungen hielt, ein
und fand sich alsbald umringt von einer Menge Bekannter beiderlei Geschlechtes,
die ihr huldigend zur Begrung nahten; denn auch die Frauen konnten trotz des
Neides, den ihre siegreiche Schnheit erregte, ihr nicht ganz gram sein, weil
ihre Anmut und liebenswrdige Gte ihr auch widerstrebende Herzen gewannen.
Unter den vielen, die sich herbeidrngten, ragte besonders die hohe imponierende
Gestalt des Kardinals Lombardi hervor, bei dessen Nahen die brigen Besucher
etwas zurckwichen, ihm ehrfurchtsvoll freien Raum lassend. Mit dem Lcheln
eines vertrauten Bekannten schritt er auf die Herzogin zu und reichte ihr die
Hand entgegen, die sie, sich anmutig verneigend, mit dem schnen Mund zum Ku
auf den wrdeverleihenden Ring berhrte.
    Ich frchtete, wir wrden heute abend des Glcks beraubt sein, die schnste
Zierde unserer Akademie hier zu sehen, sagte der Kardinal, denn Don Camillo
sagte mir gestern, da ihn eine Einladung zu einer Jagdpartie heute fern von Rom
halte.
    So ist es auch, versetzte die Herzogin; aber seine Hoheit Prinz Waldemar
hatte die Gte, sich mir zum Begleiter anzubieten und ich nahm es dankbar an,
denn ich versume ungern einen dieser interessanten Abende, und gerade heute
verspreche ich mir heiteren Genu, man sagt viel Schnes von der jungen
Improvisatrice.
    In dem Augenblick trat der Prinz, der mit den zwei Herren, die mit im Wagen
gesessen hatten, seinen deutschen Begleitern, einige Worte gewechselt hatte,
herzu und begrte den Kardinal, der ihn auf das verbindlichste empfing.
    Eminenz sehen, ich habe gleich von Ihrer groen Gte, mich hier
einzufhren, Gebrauch gemacht und mir erlaubt, meine zwei Begleiter
mitzubringen, die ich die Ehre habe, Ihnen vorzustellen. Dabei winkte er die
Herren herbei und sagte, indem er auf den lteren deutete: Professor Holberg,
mein teurer Lehrer und Erzieher, dem ich das beste danke, was ich wei und bin,
und, indem er den zweiten bezeichnete, Herr von Raden, der Kammerherr meiner
Mutter, den sie aus bergroer Sorge und Zrtlichkeit fr mich mir abgetreten
hat fr diese Reise; ich bin auch berzeugt, kme der Fall, er wrde wie ein
zweiter Sankt Georg den furchtbarsten Lindwurm unfehlbar erlegen, drohte mir
Gefahr, denn er ist ein Vorbild aller ritterlichen Tugenden; nicht wahr, Raden?
Und er reichte dem Befragten lachend die Hand.
    Dieser, ein stattlicher Mann, ber die erste Jugend hinaus, aber von
angenehmem uern und feiner, eleganter Haltung, lachte auch und sagte: Schon
aus Ehrfurcht vor Ihrer erhabenen Mutter, mein Prinz, wrde ich zehn Lindwrmer
erlegen, drohte Ihnen Gefahr; aber gottlob, dergleichen ist in dieser
unvergleichlichen Stadt und unter dem Schutze hchster Idealitt, die hier
regiert, nicht zu frchten. Dabei wandte er sich mit leichter Verbeugung dem
Kardinal zu, was dieser mit wohlgeflligem Lcheln aufnahm, doch noch ehe der
etwas erwidern konnte, sagte Prinz Waldemar: Ich freue mich so sehr fr mich
und meine Freunde, da wir gleich bei unserem ersten Besuch hier Zeugen des
wunderbaren Talents des italienischen Volkes fr die Improvisation sein knnen,
eine Begabung, die in unserem Norden etwas fast Unbekanntes ist.
    Die sich aber sehr wohl erklren lt, versetzte der Professor, aus den
herrlichen Eindrcken, mit denen die Natur hier die Menschen von Kindheit auf
umgibt und die ihnen gewi unbewut Keime der Poesie in die Seele legt, die dann
ganz spontan hervorbrechen in geeigneter Form.
    O, ich bitte, Herzogin, nehmen Sie Platz, sagte der Kardinal, dem ein Herr
eben eine Meldung hinterbracht hatte; die Vorstellung soll beginnen, wie mir
unser Direktor meldet, die junge Knstlerin wird gleich erscheinen. Dabei
geleitete er die Herzogin zu einem eleganten Sessel in der vorderen Reihe der
aufgestellten Sitze, lud mit ausgesuchter Hflichkeit den Prinzen ein, neben ihr
Platz zu nehmen und lie sich selbst auf der anderen Seite der Dame nieder. Auf
der etwas erhabenen Tribne, auf der die Vortragenden in der Akademie ihren Sitz
hatten, erschien in dem Augenblick ein junges Mdchen, von einem der Herren des
Vorstandes, einem Monsignore, gefhrt, verbeugte sich einfach vor dem
zahlreichen Publikum und lie sich an dem fr sie bereiteten Tisch nieder, auf
dem eine zierliche Urne stand und eine Menge Papierstreifen lagen fr die
aufzuschreibenden Aufgaben zur Improvisation. Die ltere Dame, die wir im Wagen
schon neben dem Mdchen gesehen hatten, trat auch herein, setzte sich aber etwas
in den Hintergrund zu den Herren des Vorstandes, die dort ihre Sitze hatten.
    Sie ist anmutig, dieses junge Mdchen, sagte die Herzogin, die ihre
dunklen Glutaugen auf die eingetretene Knstlerin geheftet hatte; aber es ist
kein italienischer Typus, man knnte sie fr eine Deutsche halten.
    Sie ist auch halb deutsch, versetzte der Kardinal; ihr Vater war ein
Deutscher, wie es scheint ein gelehrter Mann, der die Tochter selbst
unterrichtete und ihre geistigen Fhigkeiten zu einem hohen Grad von Bildung
entwickelte. Die Mutter aber war eine echte Italienerin, in den Bergen bei
Pistoja heimisch, wo die Gabe der Improvisation ganz besonders ihren Sitz hat.
Und so haben wir hier das Produkt einer Mischehe, das nicht bel zu sein
scheint, setzte er mit schlauem Lcheln hinzu. Der Direktor des Vorstandes, der
die Zeit ber bei der jungen Knstlerin gestanden und mit ihr besprochen hatte,
wie sie alles wnsche, trat in dem Augenblick vor und bat das Publikum, dem
Frulein Rosa Todei, die er die Ehre habe, hier vorzustellen, Aufgaben zu geben,
an denen sie ihr wunderbares Talent bettigen knne. Zugleich kam er nun selbst
mit einer Schale, auf der die Papierstreifen und Bleistifte lagen, verbeugte
sich vor der Herzogin, vor dem Prinzen und dem Kardinal, und nachdem sie sich
versehen hatten, bergab er einem der unteren Priester das Geschft, das brige
Publikum zu versorgen und blieb bei dem Kardinal stehen, der ihn verschiedenes
fragte, dann aber wandte sich der Prinz an ihn und sagte: Ja, was schreibt man
denn fr solche Aufgaben? Ich bin ein Neuling in der Sache und wei mich noch
nicht zu benehmen; wo ist die junge Dame denn zu Hause? Es gbe doch einige
Anhaltspunkte, das zu wissen.
    Sie ist in Venedig geboren und erzogen, ihr Vater war dort sterreichischer
Beamter und sie hat eine fanatische Liebe fr das ganze Cadore, seine herrlichen
Dolomiten und die groen Knstler, deren Heimat es war, erwiderte der Direktor.
    O, danke sehr, das hilft schon, sagte der Prinz lchelnd und schrieb etwas
auf seinen Papierstreifen, den er zusammenfaltete und dem Direktor bergab, der
ihn nebst denen der Herzogin und des Kardinals entgegennahm und an den Tisch der
Improvisatrice trug, wohin inzwischen eine Menge anderer beschriebener Bltter
gebracht worden waren.
    Die junge Knstlerin, die wir fortan kurzweg mit dem Namen Rosa bezeichnen
wollen, erhob sich jetzt von dem Sessel, auf dem sie sich niedergelassen hatte
und richtete ihre Augen zum erstenmal ruhig und forschend auf das unbekannte
Publikum, gleich als wollte sie sehen, wes Geistes Kind es sei und mit wem sie
es zu tun habe. Erst nachdem sie die grere Masse berschaut hatte, streifte
ihr Blick die vordere Reihe, blieb einen Augenblick wie gefesselt auf der
Herzogin haften, deren Augen auch an ihr voller Spannung hingen und folgte
unwillkrlich der Wendung, die die Herzogin dem Prinzen zu machte, dem sie in
ihrer lebhaften italienischen Art ziemlich laut sagte: O, wirklich, sie ist
ganz reizend, diese junge Dichterin, finden Sie nicht, Prinz? Rosa hatte
offenbar die Worte gehrt, denn ein zartes Errten flog ber ihr Antlitz und
unwillkrlich fiel ihr Blick nun auch auf den Prinzen und begegnete dessen sich
nach den Worten der Herzogin zu ihr wendendem Auge, dessen freundlicher Ausdruck
sie sympathisch berhrte. Dies alles war jedoch nur der Vorgang einer Minute;
nun, ernst und voll Wrde sich zu ihrer Aufgabe wendend, stand die schlanke,
feine, jugendliche Gestalt, in einfachem weien Kleide, das sie nach damaliger
Sitte noch in schnen Falten umschlo, etwas nach vorn gebeugt und schaute auf
die Schale, gleich als ob sie das Schicksal bitten wollte, ihr eine gnstige
Aufgabe zuzufhren.
    Sie sieht aus wie eine Priesterin, wie eine Vestalin, sagte der Prinz;
gewi, ihre Seele htet noch das heilige Feuer wahrer Idealitt, so rein und
edel ist der Ausdruck ihrer sanften, liebenswrdigen Zge.
    O, Hoheit schwrmen schon vor der Leistung, was wird es nun erst nachher
sein! versetzte der Kardinal mit ironischem Lcheln.
    Ja, die Eroberung ist etwas schnell gegangen, bemerkte die Herzogin nicht
ohne einen Anflug von Gereiztheit, der ihr schnes Antlitz mit einer Wolke
berzog. Aber sehen wir, was sie uns zu hren geben wird, sie zieht eben einen
Zettel hervor.
    Die Improvisatrice hatte einen Zettel aus den vielen herausgezogen,
entfaltete ihn und las mit wohltnender Stimme laut und deutlich: Tizian!
    O, das ist meine Aufgabe, sagte der Prinz; ich dachte, das Thema wrde
ihr wie verwandte Heimatluft sein, aber da sie es gerade zuerst ziehen mute,
wie sonderbar!
    Spiel des Zufalls, Hoheit, versetzte der Kardinal immer mit seinem
ironischen Lcheln; sie hat geahnt, wen sie vor sich hatte; dabei machte er
eine kleine verbindliche Neigung des Kopfes zu dem Prinzen hin.
    Still, sie fngt an, sagte die Herzogin, ich bin voll Neugierde.
    Rosa hatte ein paar Augenblicke sinnend auf den Zettel geblickt, den sie in
der Hand hielt, dann erhob sie ihre schnen, reinen, trumerischen Augen und wie
in eine andere Welt schauend, begann sie mit derselben wohltnenden Stimme:

Wie du so launisch bist, Natur, im Schaffen!
Wo ernste Riesenhupter stolz sich heben,
Die schwarze Tanne khn gen Himmel strebt,
Und ihr zu Fen Alpenblumen blhen,
Der Schmetterling auf wrz'ger Kruter Spitzen
Sein kurzes Sein in heitrer Lust verbringt
Und alles Paradiesesfrische atmet -
Da trittst du ein in einer Htte Raum
Und lssest drin ein Kind geboren werden,
Dem flsterst du das gttliche Geheimnis
Der ew'gen Schnheit in die junge Seele,
Es schaffend einst im Bild zu offenbaren.
Zur Knigin der Stdte steigt er nieder
Und seiner Hand entblhen Wunderwerke.
Ihn grt die Welt mit staunendem Entzcken,
Im Reich der Farben Frst von Gottes Gnaden,
Und den entfall'nen Pinsel ihm zu reichen
Bckt sich der Herrscher einer halben Welt,
Du aber wandelst heimlich lchelnd weiter,
Und schreitest kalt vorbei an den Palsten
Der stolzen Stdte, an des Reichtums Prangen.
So in die Krippe legtest du Erlsung
Der Menschheit einst, um mahnend es zu knden,
Da nie von dieser Welt dein Reich gewesen.

Lebhafte Beifallsbezeigung erscholl, als sie schwieg.
    Donna Giulia erhob sich und trat auf die Improvisatrice zu, ihr mit
liebenswrdigen Worten ihre Anerkennung aussprechend. Auch der Kardinal und der
Prinz folgten ihrem Beispiel und der erstere, der sie bereits kannte, sagte,
indem er auf den Prinzen deutete: Sie haben gleich den Gedanken Seiner Hoheit
ausgefhrt; das Thema hatte er gegeben.
    Ja, es freut mich, da der Name Ihres groen Landsmannes Ihnen hat dienen
knnen, sagte der Prinz, der freundlich auf das anmutige Mdchen sah, deren
vergeistigter Ausdruck der jugendlichen Erscheinung einen besonderen Zauber
verlieh.
    Ich bin oft in dem kleinen Hause gewesen in Pieve di Cadore, wo er geboren
wurde, sagte Rosa, und man begreift es dort, wie er zum Knstler werden mute,
inmitten der wunderbaren Bilder, die die Sonne und die Wolken und die
verschiedenen Tageszeiten auf die herrliche Dolomitenwelt malen. brigens war er
nur der grte von einer Reihe von Knstlern, alle seiner Familie angehrig.
    Der Direktor der Abendunterhaltung unterbrach das Gesprch, sich gegen die
daran Beteiligten entschuldigend, indem er sagte: das Publikum verlange
sehnlichst, die Knstlerin noch einmal zu hren, wenn diese so freundlich sein
wolle, dem Wunsch zu willfahren. Mit anmutsvoller Verbeugung beurlaubte sich
Rosa von den drei vornehmen Personen, die sie umstanden und zog aufs neue einen
der beschriebenen Papierstreifen hervor. Diesmal Reime, Reime! rief man aus
der Menge.
    Rosa nickte lchelnd zustimmend. Zum Glck eignete sich das gezogene Thema
zu einer launigen Behandlung, und fast mutwillig, wie es schien, in heiterster
Stimmung, erging sich Rosa in scherzhaften Sestinen eine lange Weile und erntete
ununterbrochenen Beifall, da man sah, da es sich hier nicht um ein zuflliges
Talent, mit Worten zu spielen, handle, sondern um eine wirkliche, allseitige,
hohe dichterische Begabung, untersttzt und veredelt durch angeborne
dichterische Grazie und feinste Bildung.
    Ah, die Kleine ist entzckend! rief die Herzogin in ihrer lebhaften
italienischen Weise, eilte auf Rosa zu, als diese geendet, und lud sie ein, den
folgenden Abend bei ihr zuzubringen. Eminenz machen mir auch die Freude, das
versteht sich, sagte sie zu dem Kardinal, wo Geist und Anmut sich vereinen, da
drfen Sie nicht fehlen.
    Noch dazu, wenn solche Augen die Einladung untersttzen, versetzte der
Kardinal, indem sein Blick feurig ber das strahlende Antlitz Donna Giulias
glitt; seine Bewunderung fr sie war bekannt, dabei war er ein intimer Freund
des Herzogs und ein stets willkommener Gast dort im Palast.
    Und auch die Hoheit drfen mir nicht fehlen, sagte die Herzogin, nun sich
zum Prinzen wendend, ihn mit einem jener Glutblicke anschauend, deren Wirkung
kaum ein mnnliches Herz damals in der rmischen Gesellschaft widerstand. Es
versteht sich, auch die beiden Herren machen mir die Freude, fuhr sie fort,
indem sie sich anmutsvoll zu den Begleitern des Prinzen wandte.

Am folgenden Morgen saen der Professor Holberg und Herr von Raden zusammen beim
Kaffee, der letztere gemtlich seine Zigarre rauchend, der erstere mit dem Lesen
einer Zeitung beschftigt, aus der er Raden dann und wann Mitteilungen machte.
Endlich aber warf er sie unmutig auf den Tisch und sagte: Nein, es ist doch zu
arg, unter solch einem Gouvernement zu leben, keine ordentliche Zeitung bekommt
man hier zu lesen, alle Ereignisse sind durch geflschte Brillen angesehen oder
ganz verschwiegen. Denken Sie sich, meine Schwester hatte mir aus London
geschrieben, sie schicke mir den Punch, das englische Witzblatt, zur
Erheiterung, und ich bekam es immer nicht, erkundigte mich endlich und hre nun,
da es auf dem Index steht und gar nicht hierher darf. Und gestern frag ich in
der einzigen deutschen Buchhandlung nach Shelleys Gedichten: O, die sind erst
recht verboten. Nun bitt ich Sie, was soll aus einem Volke werden, dem man die
Hilfsmittel der Bildung und des freien Denkens so zumit, whrend man es in den
engen Kreis beschrnkter Dogmen und vernunftwidriger Vorstellungen einzwngt.
Ah, da waren die alten Rmer doch andere Leute. Die groe Toleranz, die sie
bten, was die religisen Anschauungen der besiegten Vlker betraf, und die
Elemente allseitiger Bildung, die sie den Untertanen nicht verweigerten, das
machte aus ihnen Menschen, die ein Weltreich grnden konnten. Es sind ja
Menschen unter der oberen Geistlichkeit hier, die Verstand genug haben, um die
Mngel des ganzen Regimes einzusehen, aber sie knnen sich nicht aus der engen
Kette losreien, die sie alle umschlingt und aus ihnen allerdings eine seltene
Organisation macht, wie kaum je eine dagewesen und in der auch ihre Macht und
zhe Widerstandsfhigkeit gegen alle aufklrenden Neuerungen liegt.
    Ja, sagte Raden, indem er ein Wlkchen Rauch von seiner Zigarre in die
Luft blies, es ist merkwrdig, wie klug und schlau viele sind, aber
liebenswrdig und angenehm auch und frivol dazu. Haben Sie die Blicke des
Kardinals bemerkt, die er auf Donna Giulia richtete? Ich sa hinter ihm und
konnte ihn beobachten, es hat mich den ganzen Abend unterhalten. Nun freilich,
man kann es den Herren nicht verdenken, denn sie sind auch Menschen trotz ihrer
porpora und vom Chef des Staates, von Antonelli, ist es ja bekannt, da er dem
Amor einen besonderen Kultus weiht. Aber ein Land, das solche Frauen
hervorbringt wie die Herzogin von Santomara, ist allerdings eine harte
Prfungsschule fr die Keuschheit.
    Na ja, Raden, das ist nun gleich wieder Ihre Auffassung von der Sache,
versetzte der Professor kopfschttelnd; ich aber machte eine andere
Beobachtung, die mich nher angeht, nmlich, da die Herzogin Blicke auf unseren
Waldemar warf, die freilich geeignet waren, ein junges Herz in Flammen zu
setzen. Ich habe es nicht ohne Besorgnis gesehen.
    Ah, mein lieber Professor, so sind wir doch noch imstande, die Natur
solcher Blicke zu unterscheiden, sagte Raden lachend; aber ich habe auch schon
etwas der Art bemerkt, und wenn sich von dem Feuerwerk dieser gttlichen Augen
ein kleiner Brand im Herzen unseres Prinzen entzndete, sollte es mich nicht
wundern. Er ist ja bis jetzt noch wie ein junges Mdchen, so unbefangen und
rein, dank Ihrer idealistischen Erziehung, guter Professor, aber die Stunde wird
doch auch kommen, wo sein junges Herz heier klopfen wird beim Anblick der
allerdings unglaublichen Macht weiblicher Schnheit, von der die Herzogin ein
Exemplar ist, wie die Antike sie nicht vollkommener dargestellt hat.
    Ja, ja, schon gut, versetzte Holberg; mir ist es aber zweifache Aufgabe,
ber ihn zu wachen, nicht nur um der wirklich vterlichen Zuneigung, die ich fr
ihn habe, auch um seiner edlen Mutter willen, die diesen Sohn vor allem liebt
und ihn seiner zarten Gesundheit wegen so isolieren, von den Zerstreuungen des
Hofes und der Ermdung des Soldatenlebens fernhalten konnte in jenem
wundervollen Bergschlo, wo ich jahrelang seine Erziehung geleitet habe. In das
krftigende Naturleben um ihn her und in die Welt groer Geister, in die ich ihn
fhrte, kam doch kaum je ein Ton aus der Glanzwelt der Hauptstadt; nur wenn der
ltere Bruder, der Erbprinz, kam, dann wurde erzhlt und beschrieben, aber es
weckte zum Glck noch keine Sehnsucht in Waldemars Herzen, und als wir nach
vollendeten Studien, immer durch die Mutter erlangt, uns zur italienischen Reise
rsten durften, ohne vorher im eigentlichen Strudel des Hoflebens gewesen zu
sein, in dem der Erbprinz bereits mit Wonne schwamm, da war in meines Zglings
Herzen nur freudige Ungeduld, dem Lande der Schnheit und der Kunst
entgegenzuziehen. Sie begreifen also, Raden, wie es mir schmerzlich sein wrde,
die Harmonie dieser ganz idealistischen Jugend vielleicht durch eine groe
Leidenschaft gestrt zu sehen.
    Ja, lieber Professor, das verstehe ich schon, meinte Raden; indes ist ja
bis jetzt auch gar keine Gefahr; der Prinz geniet all das Schne, das ihn
umgibt, das ist natrlich. Wenn etwas zu denken gbe, so wre es eher das
sichtbare Wohlgefallen, das die Herzogin an dem edelschnen nordischen Jngling
nimmt, was man ihr auch nicht verdenken kann, denn ihr Gemahl scheint mir ein
unsympathischer Mensch, mit seinem hochmtigen Ausdruck und dem stechenden Blick
der Augen, der vermuten lt, da er im gegebenen Fall gar nicht vor einer
Coltellata oder einem geheimen Mordbefehl zurckweichen wrde.
    Das Gesprch wurde unterbrochen durch die Rckkunft des Prinzen, der seinen
Morgenritt in die Campagna gemacht hatte und nun voll heiterer Jugendlust den
Gefhrten entzckte Beschreibungen der Schnheit des Morgens in der Campagna
machte und dann mit frhlichem Lachen komische kleine Szenen erzhlte, die er
erlebt durch das Kauderwelsch des Dieners Heinrich, der ihn stets begleitete und
der sich anmate, schon italienisch zu sprechen, was von den Bauern drauen
natrlich nicht verstanden wurde und zu den possierlichsten Miverstndnissen
Anla gab. Auch der Professor mute lachen und alle Furcht schwand beim Anblick
der unbefangenen, glcklichen Stimmung seines geliebten Zglings.

An dem Abend des Tages versammelte sich eine auserwhlte Gesellschaft in dem
alten Palast des Herzogs von Santomara. Die prunkvollen Sle strahlten von
Licht, in denen eine Anzahl der schnsten Frauen in reichem Schmuck, Kardinle
und Prlaten, auswrtige Gesandte, Knstler und Dichter durcheinanderwogten und
mit Spannung die angekndigte Abendunterhaltung erwarteten. Die damalige
aristokratische Gesellschaft war durchaus nicht so abgeschlossen, wie sie es
nachher wurde, und besonders lie es die Herzogin von Santomara sich angelegen
sein, Leute, die sich durch Geist und Bildung auszeichneten, Dichter und
Knstler, in ihren Kreis hereinzuziehen und der Geselligkeit in ihrem Hause
dadurch einen hheren Reiz zu verleihen. Sie war selbst fein gebildet und voll
geistiger Interessen, wie zu jener Zeit berhaupt viele rmische Frauen der
Aristokratie.
    Prinz Waldemar mit seinen zwei Begleitern war eben erschienen und von Donna
Giulia mit besonderer Liebenswrdigkeit, vom Herzog mit kalter Hflichkeit
empfangen worden. Erst seit kurzem in Rom, hatte er noch nicht Zeit gehabt, sich
nher mit einzelnen Persnlichkeiten der Gesellschaft zu befreunden, und seine
noch etwas schchterne, fein prfende Zurckhaltung war bis jetzt erst dem
lebhaften Entgegenkommen der schnen Herzogin gewichen. Sie war jetzt zu sehr
mit dem Empfang ihrer Gste beschftigt, um sich ihm besonders zu widmen, und so
erging er sich, den Professor im Gesprch mit rmischen Gelehrten und Raden in
Unterhaltung mit einer schnen Mailnderin, die sehr gut deutsch sprach,
zurcklassend, in den weitlufigen Prunkgemchern, in denen einzelne
Kunstgegenstnde seine Aufmerksamkeit fesselten. So kam er endlich an ein
kleineres Zimmer, das ihm bereits als das eigentliche Boudoir oder besondere
Lieblingszimmer der Donna Giulia bekannt war und in dem sich weniger Pracht als
das Geprge der feinen Bildung und des knstlerischen Sinnes der Bewohnerin
zeigte. Er wollte vorbergehen, da sah er eine schlanke weibliche Gestalt in
weiem Kleid, die in dem Dmmerlicht, das eine rosa Ampel, verbreitete, die von
der Decke des Zimmers hing und die einzige Beleuchtung dieses auserlesen
poetischen Raumes bildete, wie eine Feengestalt seiner Phantasie entstiegen
schien. Er erkannte in ihr die junge Improvisatrice, deren holde Erscheinung ihm
schon am Abend vorher einen so anmutigen Eindruck gemacht hatte. Ohne zu
berlegen, trat er ber die Schwelle des Kabinetts und begrte sie, indem er
fragte, wie es komme, da sie hier allein verweile. Zugleich bemerkte er, da
das junge Mdchen nicht allein war, sondern da eine ltere Frau da war, die
sich tief vor ihm verneigte.
    Dies ist die Signora Amadei, meine einzige lebende Verwandte und
Begleiterin, sagte Rosa und fuhr fort, whrend die andere sich fortwhrend
verbeugte und Anstalten machte, das Wort zu nehmen: Ich bin hier auf den Wunsch
der Herzogin, die dachte, es sei mir lieber, hier ruhig zu bleiben, bis die
Gesellschaft sich versammelt habe und es mglich sei, Stille und Aufmerksamkeit
zu erlangen.
    Wrde es Sie dann stren, wenn ich ein wenig hier verweile, da es mir auch
lieber ist, wenn sich dort das Gewoge ein wenig beruhigt sagte der Prinz.
    Nein, gewi nicht, erwiderte Rosa mit ihrem anmutigen Lcheln; es ist ja
nichts Vorbereitetes in mir, wenn ich improvisiere, es ist das Resultat
augenblicklicher Anregung und bedarf weiter keiner vorhergehenden Sammlung.
    Wollen Hoheit nicht Platz nehmen? fiel die Amadei ein, indem sie dem
Prinzen einen Armstuhl hinschob. Kind, du vergissest ganz, mit wem du die hohe
Ehre hast, zu reden! Seine Hoheit der Prinz von Deutschland, wenn ich nicht
irre, setzte sie hinzu, indem sie sich abermals tief verbeugte.
    Ach ja, ich wute nicht - ich sah so viele Menschen gestern abends - ich
bitte um Vergebung ... brachte Rosa verlegen hervor.
    O, seien Sie unbesorgt; ich bin hier ein einfacher Tourist, nichts anderes,
und freue mich, wenn ich, aller Etikette ledig, einfach menschlich mit Menschen
verkehren kann, sagte der Prinz lachend. Er hatte neben Rosa Platz genommen und
auch die Amadei mit freundlicher Handbewegung eingeladen, sich zu setzen. Er
fragte nun mit groem Interesse nach der Art, wie und zu welcher Zeit sie sich
ihrer groen Begabung bewut geworden sei und ob sie viele Studien gemacht habe
ber Versifikation und die verschiedenen Formen des poetischen Ausdrucks, da das
doch unmglich auch angeboren sein knne.
    Mein Vater war ein Deutscher, ein hochgebildeter Mann, den nur uerste
Armut gezwungen hatte, ein kleines, drftiges Amt in Venedig anzunehmen, wo er
sich mit meiner Mutter verheiratet hatte und wo er bereits fr die Existenz
einer Familie zu sorgen hatte, denn es waren schon zwei Kinder vor mir da, die
aber frh starben, erzhlte Rosa. Ihn freute es so, als ich schon als kleines
Mdchen bei jedem Anla meinen Ausdruck in gebundener Rede fand, kindisch,
unvollkommen, aber doch ein inneres Bedrfnis und eine Begabung verratend. Nun
fing er an, mich zu unterrichten und mir das Verstndnis fr alles zu geben, was
meine natrliche Anlage, die sonst immer unvollkommen geblieben wre,
untersttzen und veredeln konnte. Dann starb er, als ich kaum erwachsen war,
gleich nach ihm auch die Mutter. Ich blieb mittellos und allein zurck, da kam
diese Kusine meiner Mutter (auf die Amadei zeigend) und erbot sich mir zur
Beschtzerin und Begleiterin.
    O ja, ich habe Mutterstelle an der armen Waise vertreten, fiel ihr die
Amadei ins Wort, und auf den Rat mehrerer hochgestellter Mnner in Venedig
erfand ich nun, da sie ihre Existenz auf ihr Talent baue, und das gelingt ja
nun auch gottlob recht gut.
    Rosa, offenbar unangenehm von dieser Erklrung berhrt, sah zur Erde und
schwieg; der Prinz, mit zartem Verstndnis, nahm das Wort und fhrte ein
heiteres Gesprch herbei, dem Rosa sich mit Grazie und Verstand anschlo, und so
verging eine kleine Weile in freundlichem Verkehr, von beiden Seiten jugendlich
unbefangen und harmlos.
    Unterbrochen wurde das Gesprch durch die Ankunft der Herzogin, die rasch in
ihrer strahlenden Schnheit, in reicher geschmackvoller Kleidung wie eine
Knigin kam, ein friedliches Menschenidyll zu stren. Sie hielt den Ausruf des
Erstaunens nicht zurck, als sie den Prinzen erblickte: Sie hier, Hoheit! rief
sie. Ich suchte Sie berall, weil die alte Herzogin von Torla, jetzt die
tonangebende Dame der Gesellschaft, durchaus Ihre Bekanntschaft machen will. Ich
habe sogar Herrn von Raden ausgeschickt, Sie zu suchen, und nun haben Sie am
Ende sich hier privatim improvisieren lassen und uns die erste Frucht der
Begeisterung unserer Dichterin vorweg genommen.
    Es klang etwas wie Spott und wie Gereiztheit in ihrer Stimme, aber Waldemar
sagte ruhig: Nein, so unbescheiden bin ich nicht; der Zufall fhrte mich
hierher, und da ich das Frulein hier fand, leistete ich ihr etwas
Gesellschaft.
    Nun, ich komme Sie zu holen, meine Liebe, versetzte Donna Giulia, indem
Sie sich zu Rosa wendete; das Publikum ist versammelt und harrt des
Augenblicks, Sie zu hren und zu bewundern. Kommen Sie, mein Kind, und mge die
Poesie ihre goldnen Flgel entfalten und Sie ins Wunderland fhren.
    Der Prinz bot ihr den Arm, sie nahm Rosa bei der Hand, und so schritten sie
dem groen Saale zu, wo die Gesellschaft Platz genommen hatte, gefolgt von der
Amadei, die sich einen Sitz in der Menge suchte. Die Herzogin hatte mit
knstlerischem Sinn einen von herrlichen Pflanzen umgebenen Platz fr Rosa
bereitet, wo sie, in ihrem weien Kleid, wie eine Lichtfee aus einem
Blumenmrchen stand und schon bei ihrem Erscheinen, von Donna Giulia selbst zum
Platz geleitet, von einem beiflligen Gemurmel in dem glnzenden Kreis, dem sie
sich gegenber befand, empfangen wurde. Einen Augenblick lang standen die beiden
weiblichen Wesen da nebeneinander, whrend die Herzogin die silberne Schale vom
Tisch nahm, um sie dem Publikum mit zu beschreibenden Blttern zu reichen; es
war eine Gruppe, wie sie das schaffende Genie des Knstlers kaum je hat trumen
knnen: die Herzogin, das vollendete Weib, in einer Schnheit, die hinri zu
glhender, sinnbetrender Bewunderung; die andere das Bild der Jungfrau in
reinster Natrlichkeit und unschuldsvoller Anmut, anziehend und fesselnd mit
stillem Zauber.
    Die Aufgaben, die Rosa zu lsen bekam, waren der verschiedensten Art und
wurden von ihr, die in glcklichster Stimmung war, so berraschend gut gelst,
da der Beifall, der ihr gezollt wurde, kein Ende nehmen wollte und sie alsbald
zum Mittelpunkt der Gesellschaft machte. Sie wurde mit Einladungen berhuft,
die Amadei kam in Ttigkeit, um Namen und Adressen aufzuschreiben, und die
Herzogin sagte lchelnd zu Waldemar: Nun ist unsere junge Dichterin auf gutem
Wege; morgen wird man von nichts anderem sprechen als von ihrem Talent und sie
wird Mode sein. Aber sie ist ein anmutiges Geschpf und verdient es, finden Sie
nicht auch? Dabei richtete sie einen jener Blicke aus den wundervollen dunklen
Augen auf Waldemar, denen kaum ein Mann zu widerstehen vermochte und der sein
Herz in eine ihm neue, strmische Bewegung brachte. Etwas verwirrt, zum
erstenmal der feinen, ihm eigenen Gesellschaftsformen vergessend, sagte er
rasch: Sie ist wie ein freundliches Licht, das man vergit, wenn die Sonne
leuchtet, und ergriff die Hand der Herzogin, zog sie an seine Lippen und
drckte einen feurigen Ku darauf.
    Und diese Sonne mchte nur Ihnen leuchten, immer - Waldemar, flsterte
Giulia, indem ein bezauberndes Lcheln ihr Antlitz berflog. In dem Augenblick
aber nahten verschiedene Personen, die sie zu ihren Pflichten als Wirtin
zurckfhrten und sie lie den Prinzen in einem Zustand von Aufregung zurck,
die ihn selbst berraschte, und gewohnt, wie er es durch Holbergs Erziehung war,
sich selbst Rechenschaft von seinen intimen Erlebnissen zu geben, drngte es ihn
fort aus der gleichgltigen Menge; er mute allein sein, und als er Raden
gefunden hatte, eilte er nach Haus.

Am anderen Morgen, als der Prinz wie gewhnlich seinen einsamen Morgenritt
machte, kam Raden in das Zimmer des Professors, zu sehen, wie es ihm ging, da er
leichten Unwohlseins halber am Abend zuvor nicht mit in der Gesellschaft gewesen
war. Er fand ihn gemtlich im Lehnstuhl sitzend, die Brille auf der Nase und
einen Haufen Klassiker vor sich auf dem Tisch, von denen er einen in der Hand
hielt und darin las. Auf Radens Frage nach seinem Befinden erwiderte er, da es
ihm wieder gut gehe und fgte hinzu: Ich habe den Abend mit meinen Klassikern
verbracht und das hat mir wohlgetan. Ich sage Ihnen, Raden, es ist ein wahrer
Genu, den Horaz hier in Rom zu lesen; wie anders wirkt dann alles noch so an
Ort und Stelle auf demselben Boden, wo diese Gefhle gefhlt, diese Gedanken
empfangen wurden. Horaz hat recht: der Mensch als Einzelwesen bleibt immer
derselbe, was er empfand, empfinden wir noch, nur die Phasen des Zusammenlebens
erfahren die Vernderungen und bilden die Geschichte. Welch ein Abstand zwischen
dem rmischen Reich und dem heutigen Kirchenstaat! Beide wollten ein Weltreich
grnden und beherrschen, aber jenes realistisch, durch die Macht ungeheurer
Krfte und den Eroberungstrieb angehender Zivilisation, dieser durch eine
beschrnkte und beschrnkende Idee.
    Ja, wahrlich, wenn man den heutigen Kirchenstaat betrachtet, versetzte
Raden, so kann man nichts mehr von einer groen, weltbewegenden Idee entdecken.
Er ist eine Organisation einzig in ihrer Art und darin liegt noch seine Macht.
Es hat ja wohl Momente gegeben, wo ein paar gewaltige Persnlichkeiten unter den
Ppsten einen Traum von Weltherrschaft trumten, aber jetzt ist das alles ein
kleines, meskines Treiben der Politik, wie berall, geworden. Ich habe gerade
gestern abend bei der Herzogin wieder von wohlunterrichteten Leuten gehrt, wie
man hier die Politik betreibt; liberal tuend und liebugelnd am Tag mit den
Franzosen und der liberalen Partei und am Abend sarkastische Bemerkungen und
bitteres Lcheln ber dieselben im Kreise seiner reaktionren Verbndeten, der
sterreicher. Und auch was die moralische Seite der beiden geschichtlichen
Epochen betrifft, bleibt der Vorzug der heidnischen. Die Korruption im rmischen
Kaiserreich war haarstrubend, aber wenigstens ehrlich und offen, wie etwas zu
der Tagesordnung Gehriges, und die rmischen Hetren gaben den griechischen
vielleicht nur wenig nach, an deren Spitze eine Aspasia stand, die es wert war,
von Perikles geliebt und verteidigt zu werden. Aber die Moral hier unter dem
Szepter des Heiligen Vaters, mit dem ganzen Olymp der Kardinle und Prlaten als
Vorbilder, die doch eigentlich halbe Heilige sein sollten, und mit einer das
ganze Leben regelnden Kirche - nein, lieber Professor, Sie haben keine Ahnung,
was da alles vor sich geht. Und eben nicht offen und wild-natrlich wie im
rmischen Reich, sondern heuchlerisch bedeckt mit dem verfhrerischen Schein der
Zivilisation und der Schnheit und im Schutze der alleinseligmachenden Kirche.
Alle diese glnzenden, hinreiend verfhrerisch schnen Frauen haben ihren
Amante, oft auch nur nach materiellen Vorzgen, erwhlt, neben sich, und manche
beschrnken sich nicht auf den einen. Man hat mir eben gestern wieder
Geschichten erzhlt, vor denen denn doch unsere deutsche Sitte erschreckt
zurckfhrt. Unter dem entsetzlich reaktionren Pontifikat Leos XII., des
verstorbenen Papstes, der am liebsten alles in die Nacht des Mittelalters
zurckgefhrt htte, was blieb der lebensfrohen Gesellschaft anderes brig, als
sich in eitlen Festen zu vergngen? Ausgeschlossen von dem geistigen
Weltverkehr, Journale verboten, Rom aufs neue die Stadt der Pilgerscharen zu
kirchlichen Festen, weniger von Fremden besucht, hatte in der Gesellschaft das
Vergngen den Herrschersitz eingenommen. Jetzt, gottlob, nach dem Tode dieses
della Genga, ein sonderbarer Typus brigens, mischen sich wieder neue Elemente
in dies uerlich so glnzende, innerlich so verfaulte Bereich aller Schnheit,
alles Luxus, aller Verderbtheit, und man darf hoffen, da edlere Keime auch
wieder neue edlere Blten tragen werden. Was mich aber ungeheuer freut, das ist,
da unsere Herzogin von Santomara, diese Schnste der Schnen, ganz rein und
unbefleckt in all der sie umgebenden, zum Teil sehr verdorbenen Gesellschaft
dasteht. Ich habe es einstimmig von den verschiedenen Seiten versichern hren.
Zwar fgt man hinzu, da Don Camillo auch so eiferschtig sei, da er wie ein
wahrer Cerberus den Weg zu ihr bewache und im gegebenen Falle vor keinem Mittel
beleidigter Ehemnner zurckschrecken wrde, aber man gesteht auch, da Donna
Giulia ihm bis jetzt nicht den geringsten Anla zum Verdacht gegeben hat,
obgleich sich alle wundern, da sie den hochmtigen, so viel lteren, anmaend
stolzen Gatten sollte lieben knnen. Sicher ist aber, da sie bis jetzt noch
keinen Amante hat. Raden hielt einen Augenblick inne, dann fuhr er zgernd
fort: Doch scheint es fast, als ob von ihrer Seite eine Gefahr der Art drohe,
denn, denken Sie nur, gestern abend sagte mir einer der hervorragendsten unter
den vornehmen jungen Leuten hier, dem sich wohl alle Schnen huldvoll neigen
wrden - Ihr Prinz, sagte er, hat schon viele Neider; wir alle sind eiferschtig
auf ihn, denn er, ein Fremder, ein Auslnder, wird von der Herzogin von
Santomara so ausgezeichnet, wie es noch niemandem widerfahren ist. Nun habe ich
allerdings auch gestern abend bemerkt, da sie, mit aller Natrlichkeit der
sdlichen Naturen, ihr Wohlgefallen an unserem Waldemar unverhohlen zeigt; ich
beobachtete sie, als sie mit ihm in ein lngeres Zwiegesprch vertieft war; nie
habe ich ein solches Liebeswerben so wunderbarer Augen gesehen.
    Der Professor hatte bei der letzten Wendung der Rede Radens die Brille
abgenommen, seinen Horaz auf den Tisch gelegt und starrte nun mit besorgter
Miene in Radens Gesicht, ferneren Bericht erwartend.
    Nun, bis jetzt scheint mir der Prinz nur berrascht und geblendet und das
ist wahrlich kein Wunder; ein alter Praktikus wie ich verlre da die Besinnung
und nun gar ein solcher idealistischer Neuling. Aber was mich sehr freut und
beruhigt, ist, da Waldemar, als echter deutscher Jngling, sich fast mehr von
der zarten jungfrulichen Improvisatrice angezogen fhlt. Ich sah ihn mehrere
Male gestern abend auf sie zugehen und lange und freundlich mit ihr plaudern.
Sie ist aber auch ein reizendes Geschpf, so fein, so bescheiden und so voller
Poesie; ein schnes Gemisch von italienisch und deutsch, wie sie es ja auch
ihrer Geburt nach ist, und wenn der Prinz sie fter sieht, so bin ich berzeugt,
wird dieser liebliche Abendstern jener Glanzsonne das Gleichgewicht halten.
    Na, Raden, Sie sind ein Beobachter wie wenige, versetzte der Professor mit
einem Seufzer der Erleichterung, und es ist mir eine Beruhigung, Sie in dem
geselligen Treiben in seiner Nhe zu wissen; denn da hrt meine Ttigkeit auf.
Ich war auch einmal jung, lebte aber da in so bescheidenen Verhltnissen, da
das, was ich von Gesellschaft sah, etwas ganz anderes war und nicht zu
vergleichen ist mit dem glanzvollen Leben hier. Und selbst als ich daheim meinen
Platz an der Universitt errungen und dann, durch das Vertrauen der
Frstin-Mutter, zum Lehrer dieses ihres Lieblingssohnes gewhlt wurde, blieb ich
dem eigentlichen Hof- und Gesellschaftsleben fern. Ich verstehe mich nicht auf
diese Ansprache und wnsche nur das eine, da keine unntze leidenschaftliche
Erregung das schne Resultat wissenschaftlicher und knstlerischer Bildung
stre, das ich von dieser Reise fr ihn erhoffte.

Die Herzogin von Santomara hatte recht gehabt: Rosa, die Improvisatrice, war
geradezu Mode geworden. Diese vergngungsschtige rmische Gesellschaft von
damals, die aber doch den Reiz von Bildung und Poesie zu schtzen wute, wenn er
dem Vergngen zu Hilfe kam, war wie bezaubert durch die seltene Gabe des jungen
Mdchens, die durch die Grundlage einer sorgfltigen Erziehung und die Anmut der
Erscheinung noch untersttzt wurde. Es gab keine Vereinigung, zu der sie nicht
eingeladen worden wre, die geselligen Abende der Arkadia waren gar nicht mehr
denkbar ohne eine Improvisation von ihr, und die sonderbare Protektion, deren
der geistvolle Kardinal Palombi sie wrdigte, bannte auch den ganzen Kreis der
vornehmen Prlaten, die einen Hauptteil der Gesellschaft bildeten, in ihren
Zauberkreis. Eine minder edle und reine Natur wie die ihre wrde unausbleiblich
der Eitelkeit und der Koketterie anheimgefallen sein, denn es fehlte auch nicht
an blo persnlichen Huldigungen, die ihrem Liebreiz zuteil wurden, aber sie
schwebte, beinahe wie in einer hheren Atmosphre lebend, ber dem allen. Und es
war auch so, es war ein unbekanntes Etwas ber sie gekommen, das sie sich selbst
nicht erklren konnte, das sie aber mit Glck erfllte und in ihrer Poesie
ausstrmte.
    Sie hatte niemanden, der ihr nahestand, dem sie die tiefsten Erregungen
ihrer Seele htte mitteilen knnen, denn die Amadei war ihr innerlich vllig
fremd, ja sie litt oft unter der Vulgaritt dieser Natur, aber sie mute sie
dulden, denn sie konnte nach italienischer Sitte bei ihrer Jugend nicht allein
bleiben und sie berlie ihr die Besorgung ihrer materiellen Verhltnisse, der
nicht unbedeutenden Einnahmen, die ihr mit ihrem wachsenden Ruhme reichlich
zuflossen, die sie beinahe wie etwas Unedles, Beschmendes bedrckten, von der
Amadei aber mit Eifer empfangen und verwaltet wurden. Durch die Erziehung ihres
Vaters war sie an einsames Studium gewhnt und ihr wissensdurstiger Geist trieb
sie fortwhrend, fr sich zu arbeiten und ihre Bildung zu vervollstndigen,
somit auch, durch das immer vielseitiger werdende Wissen ihren Improvisationen
reicheren Inhalt zu sichern. Aber nach liebevoller Teilnahme und natrlichem
Verstndnis des Gefhlslebens hatte sie oft tiefe Sehnsucht und es war ganz
erklrlich, da sich nach und nach ein herzliches Verhltnis zwischen ihr und
einer Frau bildete, die nicht in ihren Lebenskreis gehrte, aber jenen Instinkt
des Herzens besa, der so oft in den einfachsten Naturen reichlich ersetzt, was
hhere Lebensstellung und uere Vorzge ihnen versagten. Es war dies jene
Vittoria, der wir zu Anfang dieser Erzhlung begegneten, eine einfache Frau aus
dem Volke, die einen Gemse- und Fruchtladen unten in demselben Haus, in dem
Rosa wohnte, besa, dem sie allein vorstand, da sie Witwe und kinderlos war. Ihr
Laden war, wie sie noch heute hufig sind und damals allgemein waren, ein nach
der Strae zu offener kellerartiger Raum, an dessen Eingang die Umrahmung durch
das geschmackvolle, fast knstlerische Aufhngen von Gemsen, Frchten usw.
einen beraus anmutigen Straenschmuck bildet. Rosa kaufte die kleinen
Bedrfnisse ihres Haushaltes bei der Witwe unten und diese lie es sich nicht
nehmen, die holde Dichterin mit schnen Blumen zu erfreuen. Sie hatte auch
mehrmals Rosa kleine Dienstleistungen und Geflligkeiten erwiesen und diese
hatte Gelegenheit gehabt, den ehrenwerten Charakter der Witwe und ihr allem
Schnen zugngliches Gemt kennenzulernen, so da sich nach und nach ein beinahe
freundschaftliches Verhltnis zwischen ihnen gebildet hatte, das der Amadei oft
Anla zu spttischen Bemerkungen gab. Aber Rosa, mutterlos und ohne ein Herz, an
das sie sich vertrauend htte legen knnen, fand in der einfachen Frau aus dem
Volke ein so herzliches Verstehen, wie es oft in den reinen, nicht durch
Fremdenverkehr verdorbenen Naturen des italienischen Volkes vorkommt, und so wie
schon ihr ueres, ihr echt rmischer ernster, schner Typus, sie zur
sympathischen Erscheinung machte, so war sie auch gerade fr Rosa doppelt
anziehend durch das lebendige spontane Empfinden fr Poesie, was bei dem Volk in
Italien nicht selten ist. Sie hatte mehrere Male Gelegenheit gehabt durch Rosas
Vermittlung, diese improvisieren zu hren und empfand eine Begeisterung fr das
junge Mdchen, die sie zu jedem Opfer bereit gemacht htte. Mit Stolz sah sie,
wie Rosa geehrt und gefeiert wurde und nichts schien ihr zu gut fr das
vergtterte Wesen.
    Aber ihre grte Seligkeit bestand darin, da Rosa ihr erlaubte, ein
Abendstndchen bei ihr zuzubringen, wenn sie zu Hause geblieben war, whrend die
Amadei, immer gierig nach Zerstreuungen und Vergngen haschend, allein in
irgendein vulgres Theater oder zu hnlicher Unterhaltung gegangen war, und Rosa
fhlte sich tausendmal wohler in der Gesellschaft dieser einfachen, edlen Natur,
die sie mit der hingebenden Liebe und Sorge einer Mutter umgab, als bei dem nur
seichten, oberflchlichen Dingen zugewendeten Geplauder ihrer Begleiterin.
    So saen sie auch eines Abends in Abwesenheit der Amadei zusammen und
Viktoria half der Dichterin an einem Kleide nhen, das diese, an Sparsamkeit
gewhnt und sie bedrfend, sich selbst verfertigte. Die Rede kam auf die
Herzogin von Santomara und ihre wunderbare Schnheit. Ja, und dabei ist sie
auch so liebenswrdig und klug, sagte Rosa voll inniger Bewunderung.
    Und gut, wirklich sehr gut, fgte Vittoria hinzu. Ich wei so viel von
all dem Guten, das sie in der Stille tut, denn der Herzog ist kein freigebiger
Mann und weist die Armut von der Tr; aber sie gibt gern und viel. Ich wei das
alles, weil mein Bruder Beppo amore macht mit der Marietta, der Kammerjungfer
der Herzogin. Die erzhlt ihm alles aus dem Haus, und er kommt dann, es mir zu
erzhlen.
    Ach, liebe Vittoria, sag doch nicht dies hliche far amore, sagte Rosa,
ich kann den Ausdruck in unserer sonst so poesiereichen Sprache nicht leiden.
Far amore - es ist gerade, als ob man mit dem heiligsten der Gefhle Handel
triebe, als ob die Liebe ein Produkt des Willens sei, das man beliebig
hervorbringen und wieder abtun knne, whrend sie doch - so denk ich es mir, -
die schnste, unmittelbarste Gabe des Himmels ist, ein Etwas aus unbekannten
Regionen, das pltzlich bei einem bestimmten Gegenstand erwacht und unser Herz
zu einem Tempel macht, den ein Bild in reiner Andacht ausfllt.
    Ja, so denken Sie, meine Signorina, versetzte Vittoria, indem sie voll
Rhrung auf das Mdchen sah; bei Ihnen ist alles anders, rein und schn, aber
so im gewhnlichen, bei unseren Burschen und Mdchen, da ist es fast wie ein
Geschft; im gegebenen Alter mu amore gemacht werden und wie es sich denn
gerade trifft, so macht sich's, mit dem einen oder der einen, und ist die Sache
nicht dauerhaft gewesen, wie meistenteils, so bricht man ab und fngt mit
anderen an. Das hindert nicht, da man sich deshalb unglcklich macht, sich
Coltellaten gibt, sich umbringt und aus Kummer stirbt, wenn der eine oder andere
untreu wird, denn es kommen ja auch tiefere Gefhle vor, die einen ernsteren
Charakter haben; aber im ganzen ist es ein auf die untergeordneten natrlichen
Triebe gegrndetes willkrliches Verfahren, und daher mag denn auch der Ausdruck
gekommen sein.
    Es kann sein, da du recht hast, Vittoria, versetzte Rosa nachdenklich.
Was sagt denn aber die Marietta von der Herzogin? Mir scheint, da eine so
ausgezeichnete, schne, liebenswrdige Frau den lteren, stolzen, immer kalt und
spttisch aussehenden Mann nicht lieben knne.
    Ach nein, das tut sie auch gewi nicht, erwiderte Vittoria; ganz jung ist
sie so verheiratet worden, ohne zu wissen, was es sei, und bisher hat sie so
gelebt in Reichtum und Glanz, bewundert und gefeiert, aber geliebt hat sie wohl
noch nicht; jetzt aber ... Vittoria hielt inne.
    Was denn jetzt, gute Vittoria? fragte Rosa rasch; sag mir doch alles, ich
liebe die Herzogin sehr und mchte, da sie glcklich wre.
    Nun, die Marietta meint, ihr schiene, ihre Herrin habe eine heftige Neigung
fr den fremden jungen Prinzen gefat, der so viel in den Palazzo kommt; aber
das kann auch nur dummes Geschwtz von der Marietta sein; solche Mdchen, die
immer um die Herrin sind, sind neugierig, passen auf alles auf, wissen oft mehr,
als die Dame ahnt, irren sich dann aber auch oft, weil sie die Dinge sich nach
sich selbst auslegen und die Marietta ist leichtsinnig; und was sie selbst tun
wrde, traut sie auch den anderen zu.
    Rosa erwiderte nichts, sie war betroffen und fhlte ein unerklrtes Weh, das
sie fr den Augenblick stumm machte und in sich selbst blicken lie, um die
Ursache davon zu suchen. Auch wurde die Unterhaltung abgebrochen, denn die
Amadei kam zurck und Vittoria verschwand augenblicklich.

An demselben Abend befand sich im Palast Santomara nur ein kleiner Kreis meist
lterer Herren, unter denen der Kardinal Palombi und mehrere andere Prlaten,
aber auch Prinz Waldemar mit seinen zwei Begleitern zugegen waren. Das Gesprch
hatte einen beinahe politischen Charakter bekommen, indem einige der geistlichen
Herren sehr gnstig fr sterreich, die anderen aber, besonders Kardinal
Palombi, durchaus franzsisch liberal gestimmt waren. Es waren dies die zwei
Strmungen, die die damalige rmische Gesellschaft teilten. Der Wiener Kongre
1815 hatte den von der Napoleonischen Zeit her berwiegenden franzsischen
Einflu gebrochen und Italien wieder dem finsteren Druck sterreichischer
Jesuitenherrschaft anheimgegeben. Dann, unter Papst Pius VII., hatte der edle
Kardinal Consalvi eine Reihe kultureller Reformen angefangen, die aber
abgeschnitten wurden durch die Wahl des Kardinals della Genga zum Papst unter
dem Namen Leo XII. Er war von dem strengen Geiste des mittelalterlichen
Papsttums erfllt und htte am liebsten den Kirchenstaat ein paar Jahrhunderte
zurckgefhrt und fr immer jedem Licht der Aufklrung, des freien Gedankens,
der frdernden Wissenschaft verschlossen. Sein Pontifikat dauerte zum Glck nur
fnf Jahre, doch schon zu lange fr den Zustand des rmischen Staates, in dem
nun geheim die ewig treibenden Krfte des menschlichen Werdens gewaltsame Dinge
vorbereiteten. Es war dies eine von den seltsamen Unterbrechungen des
Fortschritts, in denen sich die Geschichte von Zeit zu Zeit gefllt, gleich als
ob sie ein zu rasches Wachsen zum Vollkommeneren fr schdlich hielte oder die
Menschen an Geduld gewhnen wollte. Nach dem Tode Leos XII., der geradezu zur
Freude seines Volkes starb, das seinen finster reaktionren Tendenzen nicht
zustimmte, fingen wieder freiere Ideen an, von Frankreich herberzukommen, und
ihnen gnstige Prlaten bekannten sich offen dazu.
    So hatte sich an jenem Abend der Kardinal Palombi, der noch ein Schler
Consalvis und fr dessen Reformideen begeistert war, wieder im Lobe der
Franzosen ergangen und dabei mehr als einen malizisen Seitenblick auf einen der
anwesenden Prlaten geworfen, dessen mageres, gelbes Gesicht durch die kleinen,
stechenden schwarzen Augen und den wie in Bitterkeit fest geschlossenen Mund den
mglichst unsympathischen Eindruck machte und eher einen fanatischen Anhnger
Loyolas als einen edel humanen Nachfolger Christi vermuten lie.
    Wir haben nie einen liebenswrdigeren und geistvolleren Gesandten hier
gehabt als den Vicomte de Chateaubriand, fuhr der Kardinal in seiner Lobrede
fort. Ich erinnere mich an ihn, als er zuerst hier war und sein Entzcken ber
Rom so ausdrckte: Es ist ein schnes Ding, dies Rom, um alles zu vergessen,
alles zu verachten und um zu sterben. Er hatte es in einem Briefe geschrieben,
nachdem er in der Cappella Sistina das Miserere gehrt hatte.
    Wann war der Vicomte de Chateaubriand das letztemal hier? fragte der
Professor Holberg, der immer lebhaften Anteil an solchen Gesprchen nahm, um
sich ber Zustnde und Gesinnungen in der damaligen rmischen Welt zu
unterrichten.
    Bei dem letzten Konklave kam er als auerordentlicher Gesandter, denn er
war zurzeit Minister in Frankreich und ich erinnere mich immer mit hohem
Interesse an die ausgezeichnete Rede, die er hielt, um seine Kredenzialen bei
dem zum Konklave versammelten geistlichen Kolleg zu berreichen.
    Fanden Eminenz das eine ausgezeichnete Rede? hub jetzt der vorhin
bezeichnete Prlat an, der sichtlich nur mit Mhe bisher den rger
zurckgehalten hatte, den ihm die Lobpreisung der Franzosen verursachte. War es
eines christlichen Gesandten wrdig und war es taktvoll, um das mildeste Wort zu
sagen, den zu whlenden Papst, der natrlich einer aus der vor ihm versammelten
Menge geistlicher Wrdentrger sein mute, daran zu erinnern, da er sich nun
bald auf dem Stuhle des heiligen Petrus niederlassen wrde, unfern vom Kapitol,
ber dem Grabe jener Rmer der Republik und des Kaiserreiches, die von der
Idolatrie der Tugend zu der Idolatrie des Lasters bergingen, ber jenen
Katakomben, in denen die berreste einer anderen Art von Rmern ruhen? Wozu hat
jene versunkene, verdammte heidnische Welt noch erwhnt zu werden, wenn es sich
um die Kirche, um die katholische Religion, handelt, die sich siegend ber jenen
Trmmern einer gottlosen Gesellschaft erhob, die ber alle menschliche
Zivilisation und alle irdischen Revolutionen erhaben ist, durch die sie leiden,
aber in alle Ewigkeit nicht unterdrckt werden kann?
    Ich glaube nicht, Monsignore, da diese Anknpfung an die Vergangenheit
taktlos war, erwiderte der Kardinal, indem sein schnes Gesicht den Ausdruck
berlegener Einsicht und vornehmer Autoritt annahm; ebenso wie eine
Vergangenheit vor der Erscheinung des Christentums auf Erden da war, so mssen
die heiligen Dinge heutzutage von einem allgemeineren und hheren Standpunkt aus
angesehen werden. Denn das Christentum, das die Gestalt der menschlichen
Gesellschaft vernderte, hat dann doch auch diese, der es das Leben gab, sich
wieder umndern sehen, und es ist gerade ein Zeichen seiner Ewigkeit, da es mit
der Zivilisation wchst, mit der Zeit fortschreitet, an dem Jahrhundert
teilnimmt, ohne zu vergehen wie dieses.
    Ah, Eminenz vergessen, da es doch schon mehr als einmal ntig war,
sterreichische Waffen zur Hilfe anzurufen gegen den sogenannten Fortschritt der
Zeit auch in kirchlichen Angelegenheiten, bemerkte mit einem fast pfeifenden
gereizten Ton der Monsignore, und es knnte sich ereignen, da diese
Intervention aufs neue ntig wrde, wenn die franzsischen Liebenswrdigkeiten
ihre geheime Arbeit in der Romagna und den Marken weiter treiben.
    Nein, nein, keine Intervention, fiel ihm Don Camillo, der die ganze Zeit
schweigend dem Gesprch mit gespanntem Interesse zugehrt hatte, ins Wort, der
Knig von Frankreich hat, gottlob, erklrt, da er keine Intervention anderer
Staaten dulden wrde.
    Die Herzogin, die schon seit einer Weile mit dem Prinzen, der neben ihr sa,
geflstert hatte, erhob sich in dem Augenblick und sagte lachend: Ah, wenn es
schon so weit kommt, da wir bei der Intervention mit Waffen angelangt sind, da
ziehe ich mich zurck in schnere, friedlichere Regionen. Ich habe heute
herrliche Zeichnungen von unserem Camuccini erhalten, der doch jetzt mit Canova
die Kunstatmosphre beherrscht, und ich wnsche sie Seiner Hoheit dem Prinzen,
der ein so feines Kunstverstndnis hat, zu zeigen. Ich berlasse Sie daher eine
Weile Ihren schlimmen Diskussionen und komme wieder, um den Frieden zu
proklamieren. Mit einer schalkhaften Verbeugung gegen die Gesellschaft nahm sie
den Arm des Prinzen, den er ihr anbot, und verlie mit ihm den Saal. ber Don
Camillos Antlitz zog eine Wolke, und ein Blick des Verstndnisses flog zu dem
Kardinal hinber und wurde von diesem mit seinem feinen sarkastischen Lcheln
beantwortet.
    Donna Giulia aber durchschritt mehrere der anstoenden Sle, bis sie zu dem
schon erwhnten kleineren Raum gelangten, der ihr ganz privater und ihr
Lieblingszimmer war. Hier lie sie sich auf einem Ruhesitz nieder und lud den
Prinzen ein, neben ihr Platz zu nehmen.
    Sie ergriff einige Bltter mit Zeichnungen, die auf einem Tisch an ihrer
Seite lagen und zeigte dem Prinzen einige, indem sie mit feinem Verstndnis ber
die neue Richtung der Kunst zum Klassizismus in der Kunstsphre sprach, deren
hervorragendste Vertreter in Rom eben Canova in der Skulptur und Camuccini in
der Malerei waren.
    Der Prinz, ergriffen von der zauberischen Nhe dieser Frau, die neue, bis
dahin ungeahnte Seiten seines Wesens in ihm erweckte, brach in einen Ausruf
glhender Bewunderung ber ihr Kunstverstndnis aus, hinter dem sich seine
tiefere Gefhlserregung nur halb verbarg. Die Herzogin fhlte es sehr wohl, und
selbst noch mehr erregt als er, sagte sie seufzend: Ach, und wenn Sie ahnen
knnten, welche tiefe Leere dennoch in meinem Leben bleibt, trotz all dem, was
Reichtum, Rang, Huldigung der Welt und berdem Geist und Kunst mir geben! Mir
fehlt das eine, das Hchste: eine groe, allmchtige Liebe, ohne die das Leben
doch nur ein glnzendes Nichts ist. Ich knnte ja, wie die meisten Frauen
unserer Gesellschaft, mir ein Verhltnis schaffen mit einem zufllig Bevorzugten
der vielen, die mich umschwrmen und nur danach trachten; aber ich bin zu stolz
dazu. Allmchtig, das ganze Leben beherrschend, so mu die Liebe sein, die mein
Dasein ausfllen soll, und nur einem Hchsten, der ebenso fhlt, kann ich diese
hchste Krone reichen.
    Sie schwieg wie erschrocken von diesem Ausbruch ihrer geheimsten
Empfindungen, aber ihr Auge sandte einen Blick zu Waldemar hin, der sein Herz
erzittern machte, und in berwltigender Aufregung, unfhig, ein Wort zu sagen,
ergriff er ihre Hand und drckte einen heien Ku darauf.
    Bist du mein Freund, Waldemar? frug Giulia leise mit bebender Stimme.
    Aber noch ehe der Prinz antworten konnte, entzog sie ihm ihre Hand, erhob
sich rasch und flsterte: Mein Peiniger kommt, schon ist sein Verdacht rege,
suchen wir ihm ruhig zu begegnen.
    In der Tat hrte man nun Schritte und Stimmen, die sich dem Kabinett
nherten, und die Herzogin hatte nur eben Zeit, an den Tisch hinzutreten und die
zerstreut liegenden Zeichnungen scheinbar in Ordnung zu bringen, als Don Camillo
mit dem Professor und Raden eintrat.
    Alle unsere anderen Gste sind geschieden und lassen sich dir empfehlen,
Giulia, und nun komme ich, diesen Herren auch die Zeichnungen unseres Camuccini
zu zeigen, sagte der Herzog. Haben sie ihren Beifall, Hoheit? fragte er, sich
rasch zum Prinzen wendend und ihn mit einem durchbohrenden Blick seiner
schwarzen Augen treffend; aber schon hatte Giulia mit der Raschheit ihres
sdlichen Temperaments ihre Selbstbeherrschung vllig wiedergewonnen und
versetzte blitzschnell, scheinbar in heiterer Unbefangenheit: Hoheit sind ganz
erstaunt ber die klassische Vollendung in diesen Zeichnungen, die man hier noch
mehr bewundern kann als in seinen Gemlden. Auch wute der Prinz nicht, wie sehr
er schon anerkannt und bewundert ist, wie fremde Potentaten ihn ehren und ihm
Auftrge geben, wie Seine Heiligkeit der verstorbene Papst und unser
gegenwrtiger Heiliger Vater sich sogar rhmten, seine Freunde zu sein, und wie
sich schon eine zahlreiche Schule nach ihm gebildet hat, die dieser Kunstepoche
den Charakter des Klassizismus aufdrckt und ja auch unter den Franzosen
glnzende Namen zhlt, wie David, Vernet, de la Roche und andere. Sehen Sie,
Herr Professor, berzeugen Sie sich selbst.
    Sie hatte mit ihrem langen Sprechen, ihrer immer ruhiger werdenden Stimme
und ihrer feinen Art, die Zeichnungen vorzulegen, scheinbar das Gleichgewicht in
der Stimmung hergestellt und dem Prinzen Zeit gegeben, sich zu fassen und jetzt
mit seinen Begleitern Abschied zu nehmen und den Palast zu verlassen. Waldemar
sagte diesen, sobald sie in ihrem Hotel angekommen waren, alsbald gute Nacht,
Kopfweh vorschtzend, und begab sich in sein Zimmer. Hier aber wanderte er
ruhelos auf und ab und suchte der Aufregung Herr zu werden, die jetzt schon
beinahe vllig Besitz von ihm genommen hatte. Die unverhohlene Leidenschaft, die
ihm von der Herzogin entgegenkam mit einer seinem deutschen Empfinden
fremdartigen Offenheit, hatte sein Wesen in eine noch nie gefhlte Aufregung
gebracht, und unerfahren, wie seine so wohlbehtete Jugend gewesen war, fragte
er sich fast voll Angst, ob dies die Liebe sei, die nun endlich siegreich in
sein Herz einzog. Aber was dann? Zwar sah er mit Erstaunen in der rmischen
Gesellschaft, in der er sich befand, wie wenig das legitime Band illegitime
Verhltnisse hinderte; er aber bebte davor zurck, indem sich ihm auch
augenblicklich alles entgegenstellte, was man in der Heimat, bei seiner Stellung
am Hofe als wahrscheinlicher Thronerbe, da sein lterer Bruder sehr krnklich
war, und was besonders seine fromme, tugendhafte Mutter, die ihn so liebte, zu
solcher Verirrung, denn so wrde man es milde nennen, sagen wrde.
    Ein peinlicher Kampf entspann sich in seinem Innern, denn er konnte nicht
leugnen, da ihn der hinreiende Zauber von Giulias Schnheit und liebendem
Entgegenkommen bereits mit einem Wonnegefhl erfllte, vor dem seine klare
Einsicht und seine strengen Grundstze zu schwanken begannen. Endlich aber
forderte die Natur ihr Recht und er fiel in einen tiefen Schlaf, aus dem er erst
spt erwachte. Am Morgen brachte ihm der Diener einen Brief, der ihm, wie er
sagte, von einem jungen Burschen eingehndigt worden sei, mit der strengen
Mahnung, ihn nur in des Prinzen eigene Hnde und wenn dieser allein sei,
abzugeben. Voller Ahnung und klopfenden Herzens, ffnete er den Brief und las:
Waldemar, Du weit es jetzt, hast es gefhlt, wie sich mein Herz
unwiderstehlich zu Dir hingezogen fhlt. Du bist der erste Mann, der mir der
allmchtigen Liebe und der Hingabe des ganzen Lebens einer Frau wert scheint.
Also Dir anzugehren, ist von nun an der Zweck meines Lebens, denn ich fhle es,
da auch Du mich liebst. Im Augenblick nur mssen wir uns leider trennen. Mein
Mann kam gestern abend, als ihr fort waret, mit der Nachricht, da wir gleich
heute fort mten nach Perugia, wo die Hochzeit seiner Schwester nun endlich
festgesetzt sei und wo man uns mit Ungeduld zu all den Festen, die damit
verbunden seien, erwarte. Ich konnte nichts dagegen einwenden, wiewohl es
grausam ist, gerade wenn das selige Bekenntnis meiner Liebe Dir offenbar
geworden, Dich nicht zu sehen. Schreiben darfst Du mir nicht, denn Camillos
Eifersucht umgibt mich mit tausend Spheraugen, aber ich kann vielleicht durch
meine treue Jungfer und deren Liebhaber, einen jungen Burschen, der auch diesen
Brief besorgt, Nachricht zu Dir gelangen lassen. Denn in all den Festen, an
denen ich teilnehmen mu, wird nur ein Gedanke mich erfllen, nur ein Bild mich
umschweben, das des einzigen, dem jetzt mein Leben gehrt. Giulia.
    Aufs neue verwirrt und bestrzt, fhlte Waldemar doch eine Art von
Erleichterung bei dem Gedanken, da die Herzogin fort sei und ihm Zeit bleibe,
sich zu fassen, zu beruhigen und imstande zu sein, zu berlegen und einen
Entschlu zu fassen, ohne durch den Zauber ihrer Nhe immer machtlos zu werden.
Er vermochte es, ziemlich unbefangen bei seinen Begleitern zu erscheinen und
gleichgltig zu bleiben, als Raden von der pltzlichen Abreise der Santomara
sprach und sein Bedauern ausdrckte, da der Gesellschaft fr einige Zeit dieser
Stern fehlen werde. Der Professor lie sich durch die anscheinende Ruhe
Waldemars tuschen und atmete erleichtert auf, und selbst der erfahrene Raden
wurde zweifelnd, ob es nicht eben blo die Aufregung der unmittelbaren Gegenwart
der schnen Frau gewesen sei, die er an dem Prinzen bemerkt hatte, und nicht ein
tieferes Gefhl. Zugleich aber brachte er dem Prinzen die dringende Bitte einer
der rmischen Frstinnen, ihre Abendunterhaltung an diesem Tag nicht zu
vergessen. Ich glaube, die liebenswrdige Improvisatrice wird dort sein und ihr
Talent ausben, sagte Raden.
    Ach, es ist wahr, versetzte Waldemar; gewi werde ich hingehen und ich
freue mich auch, die junge Poetin wieder zu sehen, die ich schon einige Zeit
nicht sah.

Alles war ihm willkommen jetzt, was ihn von dem qulenden Aufruhr in seinem
Innern abziehen konnte, und am Abend begab er sich mit Raden - der Professor
hatte gebeten, zu Hause bleiben zu knnen - in die glnzenden Salons der
Frstin, wo wieder alles versammelt war, was Rom an Eleganz, Schnheit und
Reichtum besa. Inmitten des Gefunkels von goldenem Schmuck, Diamanten und
Edelsteinen aller Art erschien denn auch die Lichtgestalt Rosas, wie immer ganz
wei gekleidet und alsbald von einer Menge huldigender Verehrer umgeben,
zwischen denen sie ruhig und einfach-freundlich wie ein reines Licht
hervorschien.
    Sobald Waldemar ihrer ansichtig wurde, eilte er auf sie zu und begrte sie
mit herzlichen Worten.
    Ein sanftes Errten flog ber ihr Gesicht und sie sagte ihm, wie sie ihn
schon bei mehreren ihrer letzten Improvisationen vermit habe.
    Aber es war gut, da Sie nicht gegenwrtig waren, Prinz, setzte sie hinzu,
denn ich war gar nicht aufgelegt die letzten Male und habe, glaube ich, recht
schlecht improvisiert. Und wieder flog ein leises Errten ber ihr Antlitz,
nachdem ihr dies unschuldige Gestndnis entschlpft war. Sie vertieften sich nun
in ein anmutiges Geplauder, der Prinz hatte neben ihr Platz genommen, und so
sehr fesselte ihn die sinnvolle, feine Art der Anschauungen Rosas, ihre
treffende Kritik der sie umgebenden Welt, ohne Bosheit, aber doch scharf und
verstndig, und endlich ihr begeistertes Gefhl fr Poesie, da er vllig
verga, wo er sich befand, bis Raden herbeieilte und ihm sagte, da die Hausfrau
sowohl wie mehrere der anwesenden Damen sich empfindlich gezeigt htten, ihn so
ganz ausschlielich beschftigt zu sehen. Waldemar erhob sich, heiter lchelnd,
und sagte: Nun, so tun wir denn unsere gesellschaftliche Pflicht! Da ich aber
jetzt wei, da Sie unimprovisierte Gedichte zu Hause geschrieben haben, so
nehme ich mir die Erlaubnis, Sie morgen zu besuchen, und bringe auch meine
schwachen Versuche mit, sie Ihrer Kritik zu unterwerfen. Rosa lchelte voll
unverhohlener Freude, und Raden sah mit Befriedigung, in welch glcklicher
Stimmung der Prinz sich befand.
    Am folgenden Tag eilte sie frh zu Vittoria hinunter, um sie zu bitten, ihr
recht schne Blumen zu besorgen, denn sie wollte ihre Wohnung fr den
versprochenen Besuch nur mit dem Lieblichsten schmcken, was die Natur dort so
reichlich gibt, und verwarf all den banalen Schmuck, den die Amadei anbringen
wollte. Nicht da es sie gedemtigt htte, den Prinzen in ihrer bescheidenen
Wohnung zu empfangen, dazu war sie zu einfach und natrlich, aber sie wollte
den, der als Dichter zur Dichterin kam, nur mit dem begren, was von jeher mit
der Poesie verwandt ist. Sie hrte auch kaum auf die Ermahnungen und vulgren
Anstandsregeln, die die Amadei vorbrachte; der schwindelte der Kopf vor
Aufregung ber die Ehre, einen Prinzen zu empfangen, und allerlei Hoffnungen
ehrgeiziger und unmoralischer Art zogen durch ihr Gehirn. Aber das alles tnte
nur wie ein unharmonisches Summen an Rosas Ohr, whrend eine selige Melodie in
ihrer Seele erklang und sie mit lauter Freude erfllte. Wohl schlug ihr Herz
schneller, als die Stunde nahte, fr die der Prinz sich angemeldet hatte, aber
sie dachte nur an das Glck, ihn zu sehen, und durchaus nicht an ihre eigene
Erscheinung und die Wirkung, die diese haben konnte, whrend die Amadei jeden
Augenblick vor den Spiegel trat, um ihre falschen Locken zu ordnen und ihre
mchtige Spitzenhaube zurechtzurcken.
    Kurz vor der bestimmten Stunde kam Vittoria und brachte eine Flle schner
Blumen, die sie eben, Rosa zuliebe, frisch aus ihrem weit entlegenen Gartenland
geholt hatte. Sie half Rosa das Zimmer in sinniger Weise schmcken. Als alles
fertig war und Rosa in ihr Zimmer ging, sich anzukleiden, sagte die Amadei, die
untertnig und servil vor Hhergestellten und hochmtig mit denen, die sie unter
sich glaubte, war: So, Vittoria, nun knnen Sie gehen. Seine Hoheit wird gleich
kommen, und da drfen doch nur Leute von Rang da sein. Ich mchte, da er einen
recht guten Eindruck hier htte, denn die Kleine scheint ihm zu behagen und wer
wei, was sich fr vorteilhafte Folgen daran knpfen knnen mit Geld die Hlle
und Flle, so da man als Signora leben kann, wie es sich gehrt. Das
zweideutige Lcheln, das diese Worte begleitete, lie keinen Zweifel brig, was
damit gemeint war, und Vittorias ernste Zge wurden noch ernster und strenger
als gewhnlich, und als Rosa wieder hereintrat, reichte sie dieser die Hand und
sagte: Addio, cara Signorina, die heilige Jungfrau beschtze Sie.
    Dank, Dank fr die schnen Blumen! rief ihr Rosa frhlich nach.
    Nun fuhr der Wagen des Prinzen vor. Rosa, Rosa! schrie die Amadei, die am
Fenster darauf gewartet hatte. Rasch, nehmen Sie im Zimmer eine bescheidene
Stellung ein, wie es sich vor dem hohen Herrn gehrt, ich eile, ihn an der
Treppe zu empfangen.
    Aber sie hatte keine Zeit, all die untertnigen Redensarten, die sie sich
ausgedacht hatte, anzubringen; denn der Prinz, der ohne seine Begleiter kam,
eilte nach einer kurzen Verbeugung gegen sie auf Rosa zu, die lchelnd und
errtend in der Tr des Zimmers stand, begrte sie mit herzlichen Worten und
trat mit ihr ein. Bitter gekrnkt, hielt die Amadei es doch fr eine Pflicht des
Anstands, mit in das Zimmer zu kommen, und versuchte abermals, ihre Weltbildung
zu zeigen, indem sie eine banale Phrase vorbrachte, die entschuldigen sollte,
da sie den hohen Besuch in dem armen Zimmer empfangen mten. Aber mein Gott,
wie soll man es machen? setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu. Das arme
Kind und ich tun das Mglichste, um uns eine anstndige Existenz zu schaffen;
aber wenn wir auch eine etwas glnzendere Lage verdienten ...
    Rosa errtete vor tiefem Unwillen, und der Prinz unterbrach die Rede, indem
er rasch sagte: Beunruhigen Sie sich nicht, Madame; ich kam, um das Frulein zu
sehen, die ich hochschtze, in welcher Umgebung sie sich immer befindet.
brigens ist es ja hier wie in einem Blumengarten, setzte er, sich umsehend,
freundlich hinzu, wendete sich zu Rosa und wollte sagen: und die schnste Rose
darin, da das Mdchen wirklich wie eine eben erblhte Rose aussah, aber er
hielt aus Zartgefhl jedes gewhnliche Kompliment zurck, um die Sympathie, die
er in dem Herzen Rosas fr sich erriet, nicht zu verletzen. Ohne die
Aufforderung der Amadei abzuwarten, lie er sich auf dem Sofa nieder und lud
Rosa ein, sich zu ihm zu setzen, was diese einfach tat. Nun hielt die Amadei es
fr geraten, ihre Taktik zu ndern und die jungen Leute allein zu lassen, indem
sie berechnete, da dies vielleicht schneller zu dem von ihr gewnschten Ziele
fhren knne, und unter dem Vorwand, sehen zu wollen, ob dem drauen wartenden
Herrn Kammerdiener nichts fehle, verlie sie das Zimmer.
    Ein Lcheln der Befriedigung umspielte Waldemars Lippen und sich zu Rosa
wendend, sagte er heiter: Und nun, meine junge Muse, drfen Sie mir das
Versprochene nicht vorenthalten und mssen mir zeigen, was Sie schriftlich
dichten. Auch ich habe Wort gehalten, obgleich ich nur ein Novize am Fue des
Parna bin. Aber es ist wenigstens alles aufrichtig, in der Tiefe des Gemts
entsprungen und hat bis jetzt noch keinen Vertrauten gehabt. Sie sind die erste,
der ich es zeige, denn Sie sind lieb und gut und jung und werden es mit mir
fhlen, ohne sich an den Mngeln zu stoen und nur zu kritisieren.
    Ein leuchtender Blick Rosas dankte ihm fr seine Worte, ihr Herz war zu voll
von Glck, um etwas erwidern zu knnen. Er las ihr nur einige Gedichte vor;
Ergsse einer edlen Jnglingsseele, einer innerlich vornehmen Natur. Die Trnen
tiefer Rhrung, zrtlicher Bewunderung, die in Rosas Augen traten, sagten ihm
ein schneres Lob, als Worte es vermocht htten. Endlich aber hrte er auf und
sagte lachend: So, das ist genug fr heute, jetzt kommt die Reihe an Sie.
    Aber Rosa hatte nun einiges hervorzuheben, was ihr am meisten gefallen, sie
am tiefsten gerhrt hatte, auch allerlei zu fragen, was sie zum Verstndnis
brauchte, und so entspann sich ein vertrauliches Geplauder, als htten sie sich
jahrelang gekannt. Er erzhlte ihr aus seinem Leben und enthllte ihr dabei die
schnen Jugendtrume seiner Seele. Sie horchte versunken in eine Welt seliger
Gefhle und ihre Augen hingen unverwandt mit dem Ausdruck reinen kindlichen
Glcks an seinen Lippen, in vlliger Vergessenheit ihrer selbst und der Welt um
sich her. Endlich aber sagte er: Wir vergessen die Zeit und ich habe noch
nichts von Ihren Gedichten gesehen.
    Rosa sprang auf, ganz zutraulich wie mit einem Freunde, sagte, sie wolle das
Beste holen, was sie habe und was sie immer nachts bei sich behalte zu etwaigem
neuen Einfall und eilte in ihr Schlafzimmer. Der Prinz bltterte indes in einem
Buche, das auf dem Tische lag, und als ein Blttchen Papier herausfiel, bckte
er sich, es aufzuheben, und sah, da Verse darauf standen, und zwar ein Sonett,
das er alsbald ohne weitere berlegung las; es lautete:

So war's! So dacht' ich mir den Knigssohn,
So edel stolz, die schnste Jugendflle,
Von schnrer Seele nur die schne Hlle,
Die reine Stirne des Gedankens Thron.

Der blauen Augen seelenvoller Blick,
Der's deutlich kndet, was in dem Gemte
Von milder Liebe wohnt, von seltner Gte -
Ja - er ist auserlesen vom Geschick,

Sein hohes Amt in Wrde zu verwalten,
Verschwendrisch segnend, wie der Sonne Strahlen,
Sein Volk zu edlem Menschentum zu heben,

Sich das Gemeine ewig fernzuhalten
Und mit der Krone hchsten Werts zu zahlen
Fr jene Krone, die ihm Gott gegeben.

Darunter stand das Datum jenes Tages, wo Rosa zum erstenmal bei der Herzogin
improvisiert und mit dem Prinzen lnger gesprochen hatte. Er konnte demnach
nicht zweifeln, da die Worte ihm galten. Es rhrte ihn tief, das unschuldige
Geheimnis dieses Mdchenherzens entdeckt zu haben, und erhhte die Sympathie,
die ihn sanft und innig zu ihr hinzog. Noch ehe er sich besinnen konnte, ob er
ihr den Fund anzeigen oder verschweigen sollte, trat sie leichten Schrittes ein,
mit einer Menge beschriebener Bltter in der Hand und sagte unbefangen: Da habe
ich zusammengetan, was allenfalls wert ist, gelesen zu werden, - doch ehe sie
aussprechen konnte, fiel ihr Blick auf das Blatt, das Waldemar in der Hand
hielt, und Purpurglut berzog ihr Gesicht. Sie stand einen Augenblick
fassungslos, sah aber in ihrer Bestrzung so liebenswrdig aus, da Waldemar,
indem er ihre Hand ergriff, gerhrt sagte: Verzeihen Sie mir, meine liebe junge
Freundin, diese anscheinende Indiskretion: ich bltterte in dem Buche hier und
da fiel dieses Blatt heraus, und als ich sah, da es Verse waren, nahm ich mir
die Erlaubnis, sie zu lesen. Sie sind mir deshalb nicht bse, nicht wahr? Rosa
hob die gesenkten Augenlider, sah ihn mit einem unschuldvollen Blick an und
sagte leise: Ich verga, das Blatt aus dem Buche zu nehmen.
    Und so ward mir Gelegenheit, zu sehen, wie hoch und edel Sie von mir
denken, versetzte Waldemar, denn ich mu wohl, dem Datum nach zu urteilen, so
eitel sein, zu glauben, da Sie ein wenig an mich gedacht haben, als Sie Ihr
Ideal eines Frstensohnes schilderten. Wie gern mchte ich dem Bild gleichen!
Und glauben Sie mir, da der Wunsch danach in meiner Seele lebt, wenn ich es
auch nicht von fern erreicht habe. Mir graut oft vor der gewaltigen Aufgabe, an
der auch der edelste Wille nur zu oft scheitert. Es scheint so einfach, wenn man
groe Macht in Hnden hat, Glck und Segen zu spenden und das Wohl von Tausenden
zum Guten zu wenden, aber wieviel Hindernisse, wieviel Verwicklungen, wieviel
bser Wille stehen einem da entgegen und lhmen die Tatkraft. Ach, es ist nicht
leicht, auf dem Thron ein wahrhaft groer und guter Mensch zu sein.
    Er sprach noch lnger ber dies Thema, um Rosa Zeit zu geben, ihre
Unbefangenheit von frher wiederzugewinnen; es gelang ihm auch; der Ausdruck von
Bestrzung schwand aus ihren Zgen, ihre sanften, ernsten Augen ruhten wieder
sinnend in den seinen und das Interesse an dem, was er sagte, hatte wieder jedes
persnliche Empfinden berwogen. Sie erzhlte ihm nun auch, wie sie schon als
Kind, wo sie in den Bergen von Cadore die elenden Lebensbedingungen einer ganzen
Bevlkerung gesehen habe, sich gewnscht htte, eine Prinzessin oder Knigin zu
sein, um das Geld mit vollen Hnden auszustreuen, so da keiner mehr zu frieren
und zu hungern brauche. Und als ich lter wurde, fuhr sie fort, und selbst
erfuhr, welches Glck Unterricht und Bcher gewhren, da dachte ich, wenn ich
Knig wre, wrde ich vor allem dafr sorgen, da allen geistige Nahrung so gut
wie leibliche zuteil wrde, da alle sich freuen knnten an schnen Bchern, an
erhabenen Gedanken, an dem Edlen, was die Kunst geschaffen, so da es nicht mehr
mglich wre, rohe, gemeine und bse Menschen zu finden, und dazu dachte ich mir
immer einen Knig, der selbst das Vorbild aller Vollkommenheit wre und dem alle
sich bestreben wrden nachzuahmen.
    Endlich erinnerte sich der Prinz, da es Zeit sei, zu gehen. Er bat, die
Gedichte mitnehmen zu drfen, um sie zu Hause in Ruhe zu lesen und nahm dann
Abschied, indem er sagte, er werde sie selbst wiederbringen. So wohlttig bewegt
fhlte er sich nach diesem Besuch, da er sich sagte, welches Glck es fr ihn
sein wrde, wenn er spter in seiner Sphre einem weiblichen Wesen begegnen
knnte, das diesem zarten, tiefempfindenden, geistig hochbegabten Mdchen
hnlich wre; und als neben diesem sanften, lieblichen Bild pltzlich das der
Herzogin vor ihm auftauchte, erschrak er fast vor der Erinnerung an die
dmonische Gewalt, die ihre alles berstrahlende Schnheit ber ihn hatte und
der er in ihrer Gegenwart immer unterlag. So friedlich beglckend war ihm das
Zusammensein mit Rosa, wo keine leidenschaftliche Erregung das stille Weben
reiner Sympathie von Herz zu Herzen strte, so sehr fhlte er sich danach wieder
in die frhere Harmonie seines Wesens zurckversetzt, da es ihn beinahe jeden
Tag zu ihr fhrte. Der Austausch ihrer Gedichte gab unaufhrlichen Stoff zu
Gesprchen, die sie in alle Sphren des intellektuellen Lebens fhrten, wobei er
immer neue Seiten der auserwhlten edlen Natur der jungen Dichterin
kennenlernte. Die sanfte Freude, die ihr Antlitz verklrte, wenn er erschien,
war ihm, ohne da er es sich ganz gestand, eine unschuldige Befriedigung auch
seiner Eigenliebe, denn es fehlte ihr nicht an Huldigungen aller Art, die ihrem
Talent und ihrer Holdseligkeit in der Gesellschaft entgegenkamen, die aber
unbemerkt an ihr abglitten. Dieser Umstand stimmte ihn so heiterliebenswrdig,
da Raden sich vergngt die Hnde rieb und zu Holberg sagte: Bester Professor,
wir sind gerettet.

Auch die Signora Amadei baute tglich khnere Plne auf die Besuche des Prinzen
und sah schon in Gedanken Rosa als dessen anerkannte Mtresse in einem Palast
der deutschen Hauptstadt, von Luxus und berflu umgeben, und sich dabei als
Gesellschaftsdame in kostbaren Kleidern und Schmuck, ein ununterbrochenes
Wohlleben fhrend. Doch htete sie sich wohl, Rosa ihre ehrgeizigen Plne ahnen
zu lassen, da sie befrchten mute, da diese aus der seligen Hhe, in der ihre
reine Seele schwebte, herabgestrzt, den Verkehr mit dem Prinzen abbrechen und
fliehen wrde.
    Die einzige, die diesem hufigen, vertrauten Verkehr mit Besorgnis zusah,
war die einfache Frau aus dem Volke, Vittoria, die, wie gesagt, eine wahre
Begeisterung fr die junge Improvisatrice empfand, deren Inspirationen sie mit
Entzcken und Verstndnis erfllten, obgleich sie weder lesen noch schreiben
konnte. Aber sie hatte jene spontane Empfindung fr das Schne, die dem
italienischen Volke angeboren ist und nur durch eine falsche Zivilisation in den
Klassen der Gesellschaft, die von dieser beherrscht werden, sich in ihr vulgres
Gegenteil verkehrt. Jemehr sie aber die Dichterin verehrte und liebte, jemehr
frchtete sie fr deren Ruhe und Ruhm von den hufigen Besuchen des schnen
jungen Frsten. Sie beurteilte diesen nach der Art der jungen, vornehmen Rmer
und argwhnte, da der Umgang mit dem reizenden jungen Mdchen nur ein fr diese
gefhrlicher Zeitvertreib fr ihn sei. Rosa, jemehr sie sich von ihrer
Begleiterin abgestoen fhlte, als ihr allmhlich deren niedriger Sinn immer
mehr offenbar wurde, schlo sich auch ihrerseits immer zutraulicher der
einfachen Frau an, deren natrliches, vornehmes Gefhl ihr verwandt war. Sie
ging nie aus dem Haus, ohne wenigstens mit einem Gru bei Vittoria im Laden
vorzusprechen, und diese bentzte jeden Augenblick, wenn sie die Amadei hatte
ausgehen sehen, um hinaufzueilen und wenigstens kurze Zeit mit Rosa zu
verplaudern. Mit dem angeborenen Zartgefhl edler Naturen aber hatte sie noch
nicht gewagt, einer Warnung Ausdruck zu geben, da sie sehr wohl aus Rosas
uerungen erriet, wie stark ihr Glaube an den edlen Sinn des Prinzen sei und
daher nicht den Argwohn in ihrem reinen Herzen wecken wollte.
    Der Prinz erschrak fast, als er nach Verlauf einiger Wochen pltzlich ein
Billett von Giulia erhielt, worin sie ihm ihre Rckkehr meldete und ihn
beschwor, am Abend zu ihr zu kommen; sie sei allein, da der Herzog noch etwas in
Perugia zurckgeblieben wre. Sie fgte hinzu, er drfe ihr nicht fehlen, denn
sie sei krank vor Sehnsucht, ihn wiederzusehen. Nun hatte er aber Rosa
versprochen, an dem Abend in die Gesellschaft bei einer vornehmen Englnderin zu
kommen, wo sie improvisieren sollte. Er war in dieser Zeit stets zugegen
gewesen, wenn sie improvisierte, und das Glck, ihn unter ihren Zuhrern zu
wissen, begeisterte sie so, da sie sich mit ihren Inspirationen zu einer Hhe
erhob, die selbst die strengsten Kritiker zur Bewunderung hinri. Es wurde ihr
eine solche Flle von Huldigungen zuteil, da jede minder reine und ideale Natur
der Eitelkeit und dem bermut unabweislich anheimgefallen wre, whrend Rosa
sich nur darber freute, weil es sie gewi machte, da sie auch Waldemars
Beifall verdient habe. Er wute, es wrde sie bitter schmerzen, wenn er nicht in
die Gesellschaft kme, und es kostete ihn einen Kampf, sie zu enttuschen, aber
das Billett Giulias brachte ihm ihre bezaubernde Persnlichkeit pltzlich wieder
nahe, ihre unverhohlene Liebe entzndete seinen Wunsch, sie wiederzusehen, er
sagte sich, es wrde undankbar von ihm sein, sie warten zu lassen, und er
versprach sich aufs neue, sich nicht hinreien zu lassen und die Grenzen warmer,
ergebener Freundschaft nicht zu berschreiten. Er beauftragte Raden, die
Gesellschaft zu beehren und Rosa zu sagen, er werde sie am folgenden Tag
besuchen. Raden erschrak etwas, als der Prinz, nicht ohne einige Verlegenheit,
ihm die Rckkehr der Herzogin ankndigte und ihm sagte, da sie ihn gebeten
habe, sie am Abend zu besuchen; aber er sah ein, da sich fr den Augenblick
nichts weiter machen liee.
    Die Herzogin empfing den Prinzen in ihrem besonderen Lieblingszimmer, in dem
schon erwhnten zauberhaft geschmckten Raum, in dem exotische Gewchse einen
feinen, bestrickenden Duft ausstrmten und mit rosa Schleiern verhllte Lampen
ein magisches Licht verbreiteten. Sie war in einem berwurf von indischem
Musselin, reich mit Spitzen verziert, dessen weite rmel die schnen Arme
freilieen und dessen zarter Stoff die edlen Formen der kniglichen Gestalt in
weichen Falten umflo. Die Freude, die auf ihrem Angesicht erglnzte, als
Waldemar eintrat, die glutvolle Zrtlichkeit, mit der sie ihn empfing, die ganze
Atmosphre von Eleganz, Feinheit und vornehmer Grazie, die in dem Raum
herrschte, alles das wirkte schon wieder wie ein Zaubertrank auf ihn, der seine
Sinne gefangennahm und sein Blut heier zum Herzen strmen lie. Dennoch gewann
er es ber sich, ruhig freundlich, beinahe khl, in den Grenzen der feinsten
Umgangsformen zu bleiben, aber Giulias erfahrenes Auge erblickte hinter der
mhsamen Zurckhaltung das emporflammende Feuer, und die ihr angeborne Kunst der
Koketterie lie sie den Weg finden, der ihr zum Sieg verhelfen mute. Nach dem
unverhohlenen Ausdruck des zrtlichsten Glcks, ihn zu sehen, schien sie wie
beschmt ber ihre Hingerissenheit und wurde auch zurckhaltend und traurig, so
da Waldemar, mehr und mehr von dem berauschenden Zauber ihrer Nhe erregt,
anfing, inniger zu werden, und als sie sich seufzend abwendete und mit Trnen zu
kmpfen schien, ergriff er mit berwallendem Gefhl ihre Hand und sagte: Meine
herrliche Freundin, Sie haben mir das Recht gegeben, Sie so zu nennen, Sie sind
unglcklich, Sie haben neuen Kummer, darf ich ihn nicht teilen? Darf ich das
Recht des Freundes nicht in Anspruch nehmen? Ist nicht mein Herz da, in das Sie
Ihr Leid ausschtten knnen, damit Ihre Last leichter werde, indem ich mein Teil
davon nehme?
    Giulia erhob langsam ihren Blick zu ihm und in dem Feuer dieser wunderbaren
Augen lag eine solche Welt von Liebe, Leidenschaft und Schmerz, da abermals all
seine Vorstze wie in Duft zerflossen. Er fhrte Giulias Hand, die er noch
hielt, an seine Lippen, drckte einen heien Ku darauf und flsterte: Giulia,
reden Sie, vertrauen Sie mir ganz.
    Ach, mein Freund, erwiderte sie, was soll ich noch sagen? Erklrt sich
nicht alles aus dem einen: Gefesselt zu sein an einen ungeliebten Mann und zum
erstenmal dem zu begegnen, in dem sich unser Ideal verwirklicht, in dem sich
Jugend, Schnheit, Geist und Liebe zu einem entzckenden Traum vereinigen? Sie
lie, erschpft, ihr Haupt auf Waldemars Schulter sinken, und er, seiner nicht
mehr mchtig, umschlang sie und bedeckte ihr Antlitz mit feurigen Kssen.
    Als er spt von ihr schied, war er ein vernderter Mensch, nicht mehr der in
hohen Idealen lebende Jngling. Er war erwacht zu der Wirklichkeit des Lebens
und schien sich selbst um vieles lter geworden. Noch umflo ihn der
Wonnerausch, den er genossen, aber in seinem tiefsten Herzen war es ihm, als sei
etwas in ihm gestorben. Es rang sich ein geheimes Weh aus seiner Brust empor,
als der Kammerdiener, der ihn erwartete, meldete, der Herr Professor sei noch
auf und warte auf die Rckkehr Seiner Hoheit. Er trug dem Diener auf, dem
Professor zu sagen, er sei zu mde und knne ihn nicht mehr empfangen. Um nichts
in der Welt htte er jetzt dem redlichen Lehrer in die Augen sehen mgen. ber
das Vorgefallene zu reden, verboten ihm sein eigenes Zartgefhl und die Schonung
fr Giulia, aber des Professors treuen Augen htte der Zustand tiefer Erregung,
in dem er sich befand, doch nicht entgehen knnen, und er wnschte jetzt
berhaupt ein nheres Zusammensein zu vermeiden.
    Rosa war klopfenden Herzens und sehnsuchtsvoll in die Gesellschaft geeilt,
wo sie den Prinzen zu finden hoffte. Um so tiefer war ihre Enttuschung, als
Raden ihr dessen Auftrag ausrichtete und als sie erfuhr, wo er den Abend
zubringe. Der bittere Schmerz, den sie empfand, malte sich so deutlich auf ihrem
reinen, der Verstellung ungewohnten Antlitz, da es Raden tief rhrte und er
sich fast wie schuldig ihr gegenber fhlte, weil er sich der Hinneigung des
Prinzen fr sie gefreut hatte, um diesen vor der gefhrlicheren Nhe zu behten.
    Wie schnell ists doch geschehen, dachte er, da so ein armes junges Herz von
der uralten sen Tuschung gefangen wird und sich auf Rosenwolken in Paradiese
gehoben fhlt, um pltzlich, wenn der Schleier zerreit, in eine Nacht der
Schmerzen und der Qual zu versinken. Ja, wir Mnner sind doch grausame Egoisten!
Weil es uns ein momentaner Genu ist, dem wir gar keine Zukunft zumessen, fllt
es uns nicht ein, daran zu denken, ob in einem solchen unschuldigen, noch nie
gerhrten Herzen die Neigung tiefe Wurzeln schlagen und tiefes Weh zurcklassen
knne. Mit erfahrenen Frauen wie der Herzogin ist es anders; das sind
auflodernde Flammen, die versengen, was ihnen nahekommt, doch ohne Schaden fr
sie selbst. Da ist es der Prinz, der gerettet werden mu. Aber wird er es? Ich
frchte, eine Lehrmeisterin wie Donna Giulia lt ihren Zgling nicht los. Ich
knnte ihn beneiden, denn sie ist ein gttliches Weib und wir sind ebenbrtige
Kmpfer, aber er - er wird auch lange daran zu leiden haben, ebenso wie ein
junges, unerfahrenes Mdchen. Holberg hat ihn zu lange in einer
phantastischidealen Welt gehalten, in der Hoffnung, einst unserem Volke eine
ideale Zukunft zu bereiten mit solch einem Herrscher. Aber der gute Professor,
der selbst in einer abstrakt vollkommenen Welt lebt, hat nicht mit den Gewalten
gerechnet, die uns Sterbliche - und Frstenshne vor allem - umgeben.
Mephistopheles ist immer da, uns den Trank zu brauen, mit dem im Leibe wir bald
Helenen in jedem Weibe schauen.
    Inzwischen hatte man Rosa aufgefordert, zu improvisieren und ihr bereits
eine Menge Zettel in die dazu aufgestellte Urne geworfen.
    Sie sieht heute nicht so freudig begeistert aus wie die letzten Male,
sagte Holberg zu Raden, es mu ihr etwas Unangenehmes begegnet sein. Ich bin
gespannt, zu sehen, ob ihre Fhigkeit darunter leidet oder ob der geistige
Proze die Oberhand gewinnt und in gleicher Weise funktioniert.
    Ich frchte, hier spielt das Herz dem Genie einen Streich, versetzte
Raden.
    Wieso? Was meinen Sie? fragte Holberg. Nun, ich meine, es ist die
Abwesenheit unseres Waldemar, die sie verstimmt, erwiderte Raden.
    Ach, mein Gott, da htten wir ja ein Unglck angestiftet, indem wir
hofften, eines zu verhten, sagte der Professor ganz bekmmert.
    Nun, hoffentlich ist es nicht so schlimm, meinte Raden. Der Verkehr
zwischen den beiden war allerdings etwas zu eifrig geworden. Es ist seltsam, wie
sich der Prinz gleich hinreien lt, wenn etwas seine ideale Natur anregt; dann
erfllt's ihn gleich ausschlielich und es scheint ihm, als fnde er all seine
schnen Trume in dem Gegenstand verwirklicht, der ihn gerade anzieht, whrend
es doch nur seine eigene, alles verklrende Natur ist, die ihr Licht
ausstrahlt.
    Das ist wohl die Natur aller Idealisten, bemerkte der Professor
nachdenklich.
    Ja, darum werden sie ebenso gefhrlich - wenn nicht noch mehr - wie die
sinnlichen Don Juans, sagte Raden, denn sie wenden sich nur an edle Wesen, und
die Wunden, die sie schlagen, heilen schwerer, weil sie nicht das Vergngliche,
wie beim Sinnenrausch, sondern das Edelste, Beste, das Herz und den Geist
zugleich treffen.
    Sie sind ein tieferer Psychologe, als ich gedacht habe, Raden, versetzte
Holberg und sah den Gefhrten voll Teilnahme an.
    Ach, lieber Professor, ich habe viel beobachtet und - viel erlebt,
erwiderte Raden mit einem Seufzer; ich war wohl etwas Don Juan in meiner ersten
Jugend, aber ich glaube doch, ich habe mir keinen ernsten Vorwurf zu machen. Was
ich verlie, hat sich bald getrstet; das waren keine sentimentalen Beziehungen,
keine, bei denen auf ewige Dauer gerechnet wurde und, glauben Sie mir, Holberg,
das sind die schlechteren nicht; es ist keine geistige Erhebung dabei, aber auch
keine Treulosigkeit, kein gebrochenes Herz, weil man von beiden Seiten wei, da
es sich nicht um Dauer handelt - keine Gemeinheit - nein - Gemeinheit nicht ...
    Nun, aber fhlen Sie keine de, keine Leere im Leben? fragte der
Professor, der trotz ihrer Verschiedenheit fr Raden Sympathie empfand.
    Warum heiraten Sie nicht, um all dem Schwanken und Treiben in einer
glcklichen, befriedigten Ehe ein Ende zu machen?
    Ja, mein Bester, das ist schwer zu erklren, antwortete Raden; sehen Sie,
es ging mir, wie es den meisten jungen Leuten heutzutage geht: ohne groes
Vermgen, gut aufgenommen von der eleganten Gesellschaft, besonders von den
Frauen, geno ich, was mir mit Leichtigkeit zufiel und umgab mich dabei mit all
den Annehmlichkeiten der Eleganz und des Luxus, zu welchen meine Mittel mir, als
dem einzelnen Mann, ausreichten. Als dann das reifere Mannesalter kam, war ich
zu verwhnt, um dem allen zu entsagen und mich mit einer bescheidenen huslichen
Existenz zu begngen. Nur nach Geld zu heiraten, widerstrebte mir, und - ich
gestehe es - meine Unabhngigkeit war mir endlich zu wert geworden, denn auch
die beste Ehe ist doch schlielich noch immer eine Fessel. Meine Stellung am
Hofe legte mir ja schon ohnehin manche Fessel an. So war es auch halb
Bequemlichkeit, halb Furcht vor einer Neuerung, die mich Junggeselle bleiben
lie. Wenn mich dann in einsamen Stunden eine zu mchtige Sehnsucht nach einem
nie besessenen traulichen Familienleben ergreifen will, dann nehme ich rasch
meine Trsterin - eine Havanna - zu Hilfe, blase Sehnsucht und jedes unntze
sentimentale Bedauern mit den duftenden kleinen Wlkchen hinweg und sage mir,
da es ja auch etwas ist, a perfect gentleman zu sein und nichts Bses zu tun.
Aber um Gotteswillen, in was fr Bekenntnisse vertiefen wir uns hier in diesem
glnzenden Salon und bleiben ungerhrt, wo so viel Schnheit und Grazie sich um
uns bewegen! Und, sehen Sie nur, da schleppt man die arme Kleine hin, um sie
improvisieren zu hren! Die Sklaverei des Talents als Seitenstck der Ehe!
Kommen Sie, Holberg, wir wollen uns nahe zu ihr stellen, damit sie einen
magnetischen Strom wahrer Teilnahme fhle; ich bin berzeugt, sie hat das heute
ntig.
    Rosa war ungewhnlich ernst und bla, als sie, in Erwartung der Themata, die
man ihr aufgeben wrde, dem Publikum gegenberstand und es schien ihr wirklich
ein Trost zu sein, wie Raden es vermutet hatte, als ihr Blick auf die zwei
Herren fiel, die sich in ihre Nhe stellten, denn ein freundliches Rot berflog
ihr blasses Gesicht. Inzwischen hatte der Hausherr eine Schale mit Zetteln
gebracht und mit verbindlichem Lcheln gesagt, wie sehr er wnsche, da sie ein
Thema finde, das ihr angenehm sei. Sie griff in die Schale, zog ein
zusammengefaltetes Papier heraus und las laut: Ein Abend auf dem Lande.
    Das ist etwas trivial, bemerkte Raden zu Holberg, wie wird sie sich da
herauswinden? Rosa stand lnger als gewhnlich in Nachdenken versunken;
pltzlich zuckte es ber ihre Zge, als ginge ihr ein tiefes Erkennen auf, als
she sie etwas, was nur sie sehen konnte, und mit sichtbar ungewhnlicher
Ergriffenheit begann sie:

Auf der Hhe
Steht ein Haus,
Darin wohnen gute Menschen,
Nacht ist's nun,
Die munteren Kinder
Schlummern schon.
Vom Garten tnt
Harmloses Geplauder
lterer, verstndiger Leute.
Ich stehe allein auf der Terrasse,
Blicke ber das Tal,
Das Olivenhgel umkrnzen,
Wo der Flu silbern zum Meer hinabzieht,
Und die liebliche Stadt,
Welcher unsterbliche Geister
Erhabene Werke der Schnheit
Zum Gedchtnis gelassen,
Weithin sich breitet.
Kein Ton dringt herauf,
Nur schimmernde Lichter
Zeigen, da unten man lebt.
Ringsum schweben
Reine Dfte wrz'ger Blumen.
Strahlende Sterne
Stehen am Himmelszelt,
Und durch die Stille
Ziehn mit Demantgefunkel
Leuchtende Kfer,
Gleich glcklichen Seelen,
Die, ohne Begierde,
Der eigenen Anmut sich freuen.
Mir aber dringt aus dem Herzen
Ein wehmutvolles Gedenken
An einen,
Der unten
Im heien Kampfe der Sinne
Die edle Jugend dahingibt.
Stark und strker erfat mich
Die fromme, liebende Sorge,
Wird zum Gebet,
Das, gleichwie ein Aar,
Mit weit entfalteten Schwingen
Zur Sonne emporsteigt,
Aufwrts schwebt
Zu der waltenden Urmacht,
Die, blden Augen verborgen,
Den inbrnstigen Bitten
Reiner, liebender Seelen
Gndig sich zeigt.
Immer hher
Steigt mir die innige Empfindung:
Rettet ihn, ewige Mchte,
Rettet den Geistgebornen
Aus dem Taumel des Wahns
Zu der Schne mnnlicher Tugend!
Gebet die Ruhe des Siegs
Ins verwundete junge Herz ihm,
Lehrt ihn, da berwinden
Hher sei als Genu!

Nach einer kurzen Pause, offenbar uneingedenk, wo sie war, die Augen in
Begeisterung nach oben gewendet, fuhr Rosa fort:

Wie Sinfonien tnt es
Rings in der ncht'gen Stille,
Und von gttlichem Hoffen
Freudig im Herzen bewegt,
Schaut nun mein Auge nach oben!
Freundliche Gewohnheit,
ber sich suchen,
Was das All fllt
Und den einzelnen Busen
Gleich allmchtig bewegt!
Und - siehe da -
Zur selbigen Stunde
Kehrte unten
Siegreich der Kmpfende heim!

Sie hatte geendet. Der begeisterte Ausdruck, der whrend des Rezitierens in
immer hherem Mae ihr Angesicht verklrt hatte, so da es schien, als wchsen
ihr Flgel, sie von der Erde zu erheben, war gewichen. Erschpft sank sie auf
einen neben ihr stehenden Stuhl und bedeckte einen Augenblick das Gesicht mit
beiden Hnden, als wollte sie nicht zu schnell in die sie umgebende Wirklichkeit
zurck. Das Publikum spendete zwar Beifall, war aber verwundert und khler wie
sonst, denn es verstand nicht recht, was der Dichterin bei diesem Bild
vorgeschwebt haben mochte. Raden und der Professor sahen sich betroffen an, und
Raden sagte: Die Liebe hat sie zur Prophetin gemacht; Gott gebe, da sie recht
behalte.
    Das arme Kind! versetzte der Professor; ja, diese Eingebung konnte nur
aus einem tief bewegten Herzen kommen. Da stehen wir nun zwischen zwei Klippen,
deren eine jede gefahrbringend ist, die eine fr ihn, die andere fr dies
unschuldige, liebe Wesen. Was sollen wir tun?
    Zunchst zu ihr gehen und ihr warme Sympathie zeigen, erwiderte Raden und
schritt auf Rosa zu. Der Professor folgte ihm. Die Dame des Hauses war
inzwischen schon zu ihr gegangen, besorgt, da sie sich zu sehr angestrengt habe
und sich unwohl fhle, aber Rosa hatte sich gewaltsam gefat, versichert, sie
sei nur ein wenig mde und ziehe es vor, gleich nach Hause zu gehen, um zu
ruhen. Sie verabschiedete sich von der Dame, als Raden und Holberg zu ihr
traten. Raden bot ihr den Arm, sie hinauszufhren, und sagte: Ihre
Improvisation hat mich wunderbar ergriffen! Es war, als ob Ihnen ein besonderes
Schicksal, etwas Erlebtes, vorschwebte. Er sah sie an und bemerkte, wie es in
ihren Augen feucht wurde; sie schlug sie nieder und sagte leise, mit etwas
zitternder Stimme: Ich wei nicht mehr, was ich sagte; es geht mir ja immer so:
die Eingebung kommt und nachher ist das Bewutsein davon verschwunden. Nie kann
ich eine Improvisation aufschreiben.
    Aber Ihr reines Gebet wird gewi zum Schutze des in Versuchung Geratenen
werden, flsterte Raden und drckte die kleine Hand, die sie ihm zum Abschied
reichte, mit warmem Gefhl. Sie sah ihn an, ein zartes Errten berflog ihr
bleiches Gesicht; sie fhlte sich erraten, aber das reine Wohlwollen, das aus
Radens Zgen sprach, beruhigte sie, und ihr Blick gab ihm die stumme Antwort des
Vertrauens. Soll ich dem Prinzen einen Gru bringen? fragte er leise. Sie
neigte bejahend ihr Haupt und eilte mit ihrer Begleiterin, den Wagen zu
besteigen.
    Da bereitet sich ein Drama vor, dachte Raden, als er ihr nachsah; gebe
der Himmel, da dieses liebe Wesen nicht das Opfer sei!

Am anderen Morgen frh, noch ehe der Prinz sich entschlossen hatte, seine
Begleiter zu begren, brachte ihm der Kammerdiener einen Brief, den ein junger
Bursch gebracht habe, ohne sagen zu knnen, woher er komme, aber mit der
Weisung, ihn nur in des Prinzen eigene Hnde abzugeben. Waldemar zuckte
zusammen, als er die Aufschrift sah, dann aber, sich schnell fassend, sagte er:
Schon gut - ich wei - es ist wegen einer Untersttzung und winkte dem
Kammerdiener zu gehen.
    Allein, ffnete der Prinz hastig den Brief und las:
    Seele meiner Seele! Holdes, kaum gefundenes Glck!
    Du hattest mich eben verlassen, als der Herzog in mein Zimmer trat. Er war
unvermutet am Abend angekommen, hatte gehrt, da Du bei mir seist und befohlen,
mir seine Ankunft nicht zu melden, da er mich berraschen wolle. Noch sa ich
versunken in dem Nachgenu der erlebten Wonne, noch glhte mein Antlitz von dem
Glck Deiner Nhe, und ihn ferne whnend trumte ich von den kommenden Tagen,
die uns noch selige Stunden bringen wrden - da stand er pltzlich vor mir und
seine durchdringenden Augen fest auf mich gerichtet, fragte er, wie es komme,
da ich so spt noch auf sei. Ich war im ersten Augenblick meiner Verwirrung
nicht Herr geworden, aber als ich in seinen finsteren Zgen den Argwohn las,
erhob ich mich stolz und sagte, ich habe Besuch gehabt. Zum erstenmal in unserer
Ehe standen wir uns offen feindlich gegenber; wir fhlten beide, da die lang
verschobene Krisis in unserem Leben gekommen sei, doch noch bezwang er sich und
sagte mit jener heimtckischen Freundlichkeit, die mir verhater ist als sein
Zorn, er wnsche, da ich in seiner Abwesenheit nicht junge Mnner so spt
allein empfange, da dies ein falsches Licht auf meinen Ruf werfen knne, den
sein Name vor jedem Angriff schtzen msse. Darauf wollte er mir mit einer
Umarmung nahen, ich aber, von einem Schauder ergriffen, stie ihn zurck, eilte
in mein Zimmer und verschlo die Tr. Hier sitze ich nun und schreibe Dir, damit
es meine vertraute Zofe morgen frh durch ihren Liebhaber, einen zuverlssigen
Burschen, Dir zustellen lt. Wir drfen uns morgen bei mir nicht sehen, so
schwer es mir fllt, dem zu entsagen, aber ich mu ihm erst mit stolzer Fassung
entgegentreten, seinen Argwohn zerstreuen und dann auf Mittel sinnen, seine
Eifersucht zu tuschen. Morgen abend sehen wir uns bei der Marchesa Finora und
finden wohl Gelegenheit, uns ein Wort zuzuflstern, denn schon leb ich nicht
mehr, wenn ich Dich nicht sehe, nicht hre, nicht nahe wei. O, welch ein Leben
wre das, immer mit Dir vereint zu sein, von Deinen Lippen zugleich die Worte
berauschender Poesie und das feurige Siegel der Liebe zu empfangen! Gttlicher
Traum! Und kann er nicht wahr werden? Ist es nicht das Ziel, jedes Strebens,
jedes Opfers wert? Fhlst Du wie ich, so werden wir es erreichen. Leb wohl,
Licht meines Lebens, auf ewig Deine Giulia.
    Waldemar hielt das Blatt einen Augenblick lang in der Hand, whrend die
heftigsten, widerstreitendsten Gefhle in ihm auf- und abwogten. Er sah sich
pltzlich in eine Kette von Verwicklungen gezogen, die ihm keinen Ausweg brig
zu lassen schienen. Auf der einen Seite stand die entfachte Leidenschaft mit
ihren Sophismen und mit dem Verlangen, der bedrngten Frau ein Retter und
Beschtzer zu sein; auf der anderen Seite erhob sich die Mahnung an seine
Zukunft, an seine Stellung in der Welt, an die Pflichten, die sie ihm auferlegte
und an seine bisher so hoch gehaltenen Ideale und schlielich der Widerwille,
dem Herzog in dieser Weise als ein Schuldiger gegenberzustehen. Endlich mute
er sich aber doch, obgleich mit sich selbst uneins und von den widerstreitenden
Gefhlen bewegt, entschlieen, sich zu seinen Gefhrten zu begeben.
    Diese hatten sich das Wort gegeben, so unbefangen wie immer zu scheinen und
nur im stillen zu beobachten, um womglich Schlimmes zu verhten. Raden ergriff
sogleich das Wort in natrlichster Weise und erzhlte von dem vorigen Abend und
der Improvisation Rosas. Als er den Inhalt wiederzugeben versuchte, berflog ein
helles Rot das Angesicht des Prinzen, und er fiel schnell dem Erzhler ins Wort,
wie um seine Verlegenheit zu verbergen, und sagte: Ja, es ist eine seltsame
Begabung, dies Talent der Improvisation! Es mu doch dabei eigentlich aus dem
Nichts geschaffen werden; htte man zum Beispiel einen Abend auf dem Lande
erlebt, so wre die Situation dagewesen, und aus ihr heraus htte sich
dichterischer Inhalt entsponnen. So aber, im Augenblick auf ein bloes Wort hin
eine ganze Situation zu erschaffen und zu beleben, dazu gehrt eine
Schnelligkeit der Erfindung und eine Beherrschung der Form, die eine ganz
besondere Anlage der Verstandesfhigkeiten voraussetzt. Da wir diese Begabung
so viel mehr im Sden finden als im Norden, mag wohl seinen Grund darin haben,
da hier die Natur, wie in ihrer ueren Erscheinung, so auch im Menschen, eine
raschere Ttigkeit bekundet. Gerade wie hier alles schnell ins Leben drngt, wie
jeder Sonnenstrahl alsbald Knospen weckt, wie die erste Frhlingswrme gleich
schwellendes Leben aus jeder Steinritze hervorruft, so mag auch der geistige
Schaffenstrieb hier eine viel schnellere Bettigung besitzen; und was den
Rhythmus betrifft, so ist er im Sden gewi angeboren, wie es mir schon die
rhythmischen Tnze zu beweisen scheinen, die so ganz anders als im Norden in den
Bewegungen des ganzen Krpers die angeborene Freude am Rhythmus beweisen, dessen
Ausdruck sie sind.
    Ja, das ist gewi so, sagte der Professor, und dabei stehen ihnen so viel
mannigfaltigere Vorstellungen zu Gebote wie dem Nordlnder, was Naturszenen
betrifft, und mit ihren lyrischen Empfindungen mag es auch einen rascheren
Verlauf haben, wie es die Aufwallungen ihres feurigen Temperaments im Zorn
sowohl wie in der Liebe beweisen.
    Aber dafr kennen sie die Sehnsucht und die weicheren Gefhlstne nicht,
bemerkte Raden, und das ist eben so seltsam bei unserer Improvisatrice, da sie
die auch hat, und zwar besonders hat noch ber den anderen.
    Nun, ihr Vater war ein Deutscher, versetzte der Prinz, und dazu kommt
ihre groe Jugend und ihr reines, noch von keiner Leidenschaft berhrtes Gemt.
    Ach, mge es ihr doch so bleiben, meinte Raden; mir kommt sie vor wie
eine zarte Blte, die der Sturm der Leidenschaft knicken wrde, wenn er sie
ergriffe. brigens hofft sie bestimmt auf Ihren Besuch, Prinz; ich habe ihn ihr
verheien.
    Ja, ich werde hingehen, sagte Waldemar, dem es lieb war, seinen Gefhrten
zu entgehen und die Zeit, die er nicht bei Giulia verbringen konnte, mit etwas
auszufllen, was ihn von den qulenden Gedanken, die sich in ihm jagten,
befreien knnte.

Rosa sa traurig in ihrem Zimmer und fragte sich selbst, warum ihr pltzlich das
Leben so de und freudlos schien und was das sehnsuchtsvolle Weh sei, das an
ihrem Herzen nagte. Vergebens wollte sie sich einreden, es sei nur die Sorge um
des Prinzen Wohl, da er sich nicht in eine unheilvolle Leidenschaft verstricke,
seinen hohen Idealen untreu werde - sie mute sich endlich gestehen, es sei auch
ein persnliches Gefhl dabei, die Sehnsucht nach seiner Gegenwart sei nur die
Verkndigerin der Liebe, die in ihrem Herzen wie eine Blte der Poesie
aufgekeimt war und ihr jetzt erst an dem Weh, das sie fhlte, zur Erkenntnis
kam. Ihre Begleiterin war ausgegangen, sie hatte versucht, sich durch Arbeit zu
zerstreuen, aber unwillkrlich hatte sie wieder nach des Prinzen Gedichten
gegriffen und las ein Blatt nach dem anderen mit solch zrtlicher
Aufmerksamkeit, als htte sie sie noch nie gelesen, und doch kannte sie sie
beinahe auswendig. Da klopfte es an die Tr und in der Meinung, da es Vittoria
sei, rief sie Herein! ohne nur den Kopf zu bewegen, da sie schnell die losen
Bltter wieder in die Mappe legen wollte. Mit einem kurzen Aufschrei aber fuhr
sie empor, als sie den Prinzen neben sich erblickte. Ein ser Schreck
durchbebte ihre Gestalt und hohe Purpurrte bergo ihre Wangen.
    Ich habe Sie erschreckt, liebes Kind, sagte Waldemar freundlich und
reichte ihr die Hand, ich wollte Ihnen nur sagen, wie leid es mir getan hat,
Ihre Improvisation gestern nicht gehrt zu haben.
    Rosas Hand zitterte in der des Prinzen, aber in ihrem Herzen wurde es wieder
selig helle, denn wie er da vor ihr stand mit dem tiefen liebevollen Blick der
schnen blauen Augen und dem freundlichen Lcheln eines unschuldigen Kindes, da
wute sie wieder, er sei das Ideal alles mnnlich Edlen und der volle Glaube an
ihn kehrte siegend in ihr Gemt zurck.
    Setzen wir uns ein wenig drauen auf die Veranda, sagte er, da ist's
schn khl und liebliche Frhlingsluft, da lt sich's besser plaudern. Und
immer ihre Hand haltend, zog er sie mit sich auf die Veranda, eine Galerie, die
im Innern des Hauses, in echt altrmischer Weise, um den viereckigen Hof
herumlief und auf welche die Tren der Wohnung hinausgingen. Unten im Hof war
ein Brunnen aus einem antiken Sarkophag gebildet: aus einem marmornen Lwenkopf
rann pltschernd das Wasser und verbreitete liebliche Frische, die von dem mit
groen Quadern gepflasterten Boden des Hofes nach oben drang. Neben dem Brunnen
stand ein Orangenbaum, dessen Blten sen Duft ausstrmten. An der Veranda
zogen sich Schlingpflanzen hinauf und hingen in langen Krnzen von dem Geflecht,
das das Dach derselben bildete, hernieder. Einige Blumentpfe standen umher, in
denen rote Nelken, die vorzugsweise gepflegte Blume der rmischen Mdchen aus
dem Volke, wuchsen, und zwischen ihnen standen Sthle, die Rosa dort hingebracht
hatte, weil sie gern dort sa und arbeitete. Auch Waldemar kannte den Platz
schon gut, der ihn, seines echt rmischen Charakters und seiner primitiven,
sympathischen Einfachheit und Ruhe wegen, sehr anlockte. Allen konventionellen
Zwang hatte er lngst im Umgang mit Rosa abgelegt; er war ein liebenswrdiger,
natrlicher Mensch im Verkehr mit diesem holden, einfachen Wesen und beiden
entschwand stets, wenn sie zusammen waren, der Gedanke an die weite Kluft, die
sie in der Welt trennte. Sie setzten sich vertraulich wie immer nebeneinander
und in der Stille dieses sympathischen Raumes, die nur durch das Pltschern des
Wassers im Brunnen unterbrochen wurde, ward es ihnen beiden wieder innig wohl.
Rosa war aufs neue ganz Glaube, ganz Vertrauen. Die Welt, die ihr noch kurz
vorher so de und kalt erschienen, war nun erfllt von dem Glanz, den des
Geliebten Gegenwart ber alles verbreitete. Wer, der je geliebt hat, wte es
nicht, da die Liebe den engsten Raum zum Tempel weitet, da jede groe Liebe in
dem einen alles liebt, was atmet, lebt und leidet, da in solchen Augenblicken
keine andere Furcht mehr im Herzen ist als die um die Vergnglichkeit des
Daseins und da man zum Augenblick sagen mchte: Verweile doch, du bist so
schn.
    Die Flle der Ewigkeit ist im Herzen und der Schmerz liegt nur darin, da
die entfliehende Zeit uns mahnt, da wir im Bereich des Endlichen weilen. Sagen
Sie mir, liebe Freundin, bemerkte Waldemar endlich nach lngerem, heiterem
Geplauder, was hat Sie gestern zu der eigentmlichen Improvisation gebracht,
von der mir Raden erzhlte? Wie ist Ihnen das Bild erstanden, zu dem das
gegebene Thema doch keine direkte Veranlassung bot? Rosa schlug die Augen
nieder und sagte mit sichtbarer Bewegung: Ich wei ja nie, wie das kommt, ich
erinnere mich kaum an etwas davon, nur da mir pltzlich das Bild eines Abends
bei einem Landhaus in Florenz auftauchte, aber was sich sonst noch darein
gemischt hat ...
    Bezog sich das auf dort Erlebtes? fragte Waldemar.
    Nein, nein, sagte sie hastig und erschrak dann, da sie diesmal verraten
hatte, sich des Gesagten zu erinnern. Ich wei nicht recht, was mir da
dazwischen gekommen ist, fuhr sie fort und errtete, weil es nicht die Wahrheit
war; ich glaube aber an die Intuition, setzte sie hinzu. Ich glaube, da in
manchen Seelen, die ein sehr bewegtes inneres Leben haben, es Augenblicke gibt,
wo es ist, als ob ein Schleier zerrisse und sich etwas zeige, was in
Wirklichkeit noch gar nicht da ist, was aber unfehlbar kommt, und das wirkt dann
ebenso, als wr es schon da, regt Strme im Herzen auf oder Fluten des Mitleids,
der Sehnsucht, zu helfen, zu retten - sie hielt inne in tiefster Erregung und
Verwirrung, so viel gesagt zu haben. Angstvoll sah sie zu Waldemar auf und
fragte: Sie lcheln wohl ber mich, halten mich fr eine Schwrmerin, nennen
das Aberglauben ...
    Nein, gewi nicht, meine liebe, holde Freundin, sagte er gerhrt und
ergriff ihre Hand; auch ich glaube an diese ungeklrte Geisterwelt, in der
magnetische Strmungen Dinge mglich machen, innere Erlebnisse, die der
Rationalist in das Bereich wesenloser Trume verweist. Aber ich hoffe, Ihre
Vision wird in Erfllung gehen und Ihr Gebet wird dem in Versuchung Geratenen
den Sieg erflehen.
    Durch seine Stimme klang ein tiefer, innerlichster Ton. Rosa erhob die Augen
zu ihm und aus ihnen brach ein solches Leuchten reinster Begeisterung,
heiligsten Glaubens, da Waldemar in dem Augenblick sich jedes Opfers fhig
fhlte und ganz wieder er selbst war: der den hchsten Idealen zustrebende
Mensch.
    Wie ein schriller Miton ertnte da eben die Stimme der Signora Amadei, die,
zurckgekehrt, die Zimmer leer gefunden hatte und Rosas Namen rief. Waldemar
erhob sich rasch und sagte: Nein, jetzt keine Berhrung mit der Vulgaritt,
beugte sich zu Rosa nieder, kte sie sanft auf die Stirn und entfernte sich
raschen Schrittes, ehe die Amadei heraustrat. Rosa sa mit auf den Knien
gefalteten Hnden wie trumend da. Ihr war, als htten lichte Wolken sie
emporgetragen, als zge sie fernen Eilanden voll Seligkeit zu, in denen die
Liebe, losgebunden von irdischem Verlangen, wie ein himmlischer Tau das Herz
trnkt und zur Vollendung leitet.
    Wie von einem giftigen Schlangenbi berhrt, fuhr sie aber auf, als die
Amadei neben ihr stand und mit bedeutungsvollem Lcheln sagte: So, so, hier
find ich mein Tubchen? Wer ging denn eben weg? Was fr ein Stelldichein habe
ich da gestrt? Bedaure, mein Herzchen! Aber ich sehe, die Sache geht ihren
Gang, die Besuche werden immer vertraulicher! Schon gut, schon gut! Bravo,
Liebchen, du hast Glck! Rosa warf ihr einen Blick voll unsglichen
Widerwillens zu und ging, ohne ein Wort zu erwidern, an ihr vorber in ihr
Zimmer.

Am Abend war die von der Herzogin erwhnte Gesellschaft bei einer der vornehmen
Damen Roms, wo sich wieder alles zusammenfand, was die rmische Gesellschaft der
Epoche an Geist, Bedeutung, Liebenswrdigkeit und Grazie vereinte.
    Auch Rosa war wieder eingeladen, denn es war so sehr Mode geworden, sie
improvisieren zu hren, da sich beinahe keine gesellige Zusammenkunft mehr
denken lie, bei der sie nicht gegenwrtig gewesen wre. Der Nachklang der
seligen Morgenstunde verklrte sie am Abend mit besonderem Liebreiz, und als
Prinz Waldemar mit seinen Gefhrten eintrat und sie mit freundlich strahlendem
Blick grte, whrend die Dame des Hauses und andere Bekannte ihn in Anspruch
nahmen, da fhlte sie, wie es in ihr wogte von dichterischem Knnen und wie die
Begeisterung in ihr die Flgel schwang, um sie in das Reich der Poesie zu
tragen.
    Jetzt erschien auch die Herzogin, in Schnheit strahlend wie eine Gttin, am
Arm ihres Gemahls. Es lag ein besonderer Glanz auf ihrem Angesicht, eine stolze
berlegenheit und anscheinend tiefe Ruhe; aber wer schrfer beobachtete, konnte
sehen, wie in den dunklen Glutaugen ein mehr als gewhnliches Feuer brannte und
wie sie suchend umherschweiften, whrend sie huldvoll die Begrungen erwiderte,
die sich ihr entgegendrngten. Endlich nahte sich auch Waldemar mit erzwungener
Fassung, sie und den Herzog zu begren, der nicht von ihrer Seite wich. Ein
kurzes Aufleuchten in Giulias Blicken sagte ihm ihren wahren Gru, whrend sie
sich khl und frmlich vor ihm verbeugte.
    Der Herzog knpfte alsbald ein Gesprch mit dem Prinzen an und setzte es mit
dem grten Eifer fort, so da Waldemar gezwungen war, bei ihm zu verweilen,
wiewohl er sich in der peinlichsten Stimmung ihm gegenber befand und schon
wieder unter dem Bann der unwiderstehlichen Schnheit Giulias ungeduldig danach
verlangte, ein paar vertraute Worte mit ihr wechseln zu knnen. Sie aber vermied
ihn offenbar, entfernte sich immer weiter von dem Ort, wo er mit dem Herzog
stand, plauderte, scherzte und lachte mit anderen Bekannten und schien in der
heitersten und unbefangensten Stimmung. Die Augen des Herzogs folgten ihr,
whrend er mit dem Prinzen sprach und richteten sich dann wieder forschend auf
diesen, was dessen peinlichen Zustand noch vermehrte.
    Inzwischen hatte sich Giulia mit dem Kardinal in ein Gesprch eingelassen,
das, wie immer zwischen ihnen, in einem Kreuzfeuer mutwilliger, geistvoller
Scherze bestand. Endlich sagte die Herzogin, deren Blicke inzwischen am fernen
Ende des Saales den Herzog mit dem Prinzen auf demselben Fleck gefunden hatten:
O, Eminenz, seinen Sie so beraus gtig und erlsen Sie den unglcklichen
deutschen Prinzen aus der Gefangenschaft, in der ihn Camillo hlt. Sie wissen,
wenn der Herzog anfngt, ber Pferde, Jagd oder derlei interessante Gegenstnde
zu sprechen, ist kein Ende abzusehen. Der junge Mann steht da, wie ein armer
Snder vor dem Beichtstuhl.
    Er hatte vielleicht auch einiges an Don Camillo zu beichten und Absolution
von ihm zu erbitten, versetzte der Kardinal, indem er die schne Frau mit
bedeutungsvollem Lcheln ansah.
    Nun, dann lieber von Ihnen. Sie wrden sie ihm gewi nicht verweigern;
nicht so, Eminenz? erwiderte Donna Giulia, indem sie auch den Kardinal voll
bezaubernder Anmut, gemischt mit feinster Ironie, ansah.
    Ja, wenn das Vergehen nicht gegen das zehnte Gebot verstt, sagte der
Kardinal und schttelte mit scheinbarem Bedenken, aber innerlich voll Mutwillen,
den Kopf.
    O, Eminenz, was fr ein Gedanke! rief die Herzogin, die ein wenig errtete
und etwas rascher mit dem Fcher spielte. Nun aber wirklich, ich bitte jetzt um
Erlsung fr den armen Gefangenen.
    Ah! Dann mu ich ihn ja wohl in eine andere, freilich sere Gefangenschaft
fhren, versetzte der Kardinal, indem er wie voll Ergebung seufzte und nach
einem lchelnden Seitenblick auf die Herzogin, den diese ebenso erwiderte, sich
auf den Weg machte, um jenes Zwiegesprch zu unterbrechen.
    Inzwischen hatten die Blicke der Herzogin Rosa entdeckt, und lngst des
kleinen Anflugs von Eifersucht nicht mehr gedenkend, ging sie in der seligen
Gewiheit ihres Sieges auf diese zu und sagte voll Herzlichkeit: Sieh da, die
junge Dichterin! Ich habe Sie schon lange nicht mehr gesehen, denn ich war
abwesend von Rom. Ich hre aber, wie sehr man Sie bewundert, alle Welt ist in
Sie verliebt - in Ihre Anmut ebenso wie in Ihr Talent. Sie haben eine Legion
Anbeter, mein Kind! Nun, und Sie? Ist Ihnen die Liebe noch ein Rtsel oder hat
das kleine Herz seine Offenbarung gehabt?
    Sie sah Rosa mit ihrem reizend schelmischen Lcheln an. Diese, zuerst
hingerissen von dem Zauber, den die Schnheit und Grazie Giulias auch auf Frauen
bte, wurde bei dem direkten Angriff auf ihr heiligstes Geheimnis so betroffen,
so verletzt, da sie keine Antwort fand, zu Boden blickte, erst errtete, dann
erbleichte.
    Nun, nun, mein Kind, sagte die Herzogin lachend, erschrecken Sie nicht,
es ist ja keine Snde! Sie hatten es damals noch nicht erfahren, und wenn die
Flammensprache der Liebe Sie nun belehrt hat, so ist das ja ganz natrlich und
das Schicksal jedes Herzens. Ah, Baron von Raden! rief sie diesem, der sich
eben nahte, um sie zu begren, entgegen: Helfen Sie mir doch, von dieser
unserer holden Muse zu erfahren, ob sie noch immer derselben Ansicht ber die
Liebe ist, wie sie es vor einigen Wochen war. Sie gehren ja auch zu ihren
Anbetern; sehen Sie nur, wie hbsch sie ist!
    Wie der Abendstern neben der Sonne, versetzte Raden, indem er erst das
Mdchen liebevoll und dann die Herzogin mit feuriger Bewunderung ansah.
    O, Baron, Ihr Vergleich hinkt! rief die Herzogin in vollem Lachen; wie
kmen Abendstern und Sonne nebeneinander?
    Ja, ich gestehe, ich habe mich etwas unastronomisch ausgedrckt, erwiderte
Raden, auch lachend; aber die Schnheit wirkt solche Wunder, da sie auch die
Naturgesetze bisweilen aufhebt, fgte er hinzu, indem er sich in glhender
Bewunderung vor der Herzogin verbeugte.
    Da bringe ich den Gefangenen, sagte der Kardinal, der eben mit dem Prinzen
hinzutrat. Don Camillo war gerade dabei, ihm einen Plan zur Austrocknung
sumpfiger Strecken auf seinen Gtern zu entwickeln. Ich habe aber Seine Hoheit
aus diesem Sumpf gerettet, fgte er lachend hinzu, und nun berliefere ich sie
der schneren Hlfte Don Camillos, die die ausgetrockneten Smpfe mit Blumen
berpflanzt.
    Der Kardinal und ich haben Sie bedauert, Hoheit, sagte Giulia und richtete
die leuchtenden Augen auf ihn; mein Mann ist furchtbar, wenn er auf seine
Lieblingsthemen gert.
    O, ich lasse mich gern belehren, meinte Waldemar, obwohl er innerlich
frohlockte, der peinlichen Unterhaltung entflohen zu sein.
    Die Dame des Hauses erschien in dem Augenblick und bat die Herzogin, den
Kardinal und den Prinzen, auf drei groen, eigens fr sie bestimmten Lehnsthlen
Platz zu nehmen. Dann sich zu Rosa wendend, die stumm und ernst dem ganzen
Vorgang beigewohnt hatte, ersuchte sie diese, jetzt die Versammelten mit ihrem
Talent zu erfreuen. Rosa war so erregt und verletzt durch die Reden der
Herzogin, so schmerzlich betroffen, den Prinzen wieder in der gefhrlichen Nhe
zu sehen, da sie frchtete, nicht improvisieren zu knnen. Die Dame aber wollte
nichts davon wissen, da sie ihre Gesellschaft auf diesen Genu hin eingeladen
habe, und Rosa fgte sich mit schwerem Herzen und sagte sich mit bitterer
Empfindung, da sie nur deshalb hier sei und den Frondienst des Talents
vollziehen msse. Ein Seitenblick zeigte ihr den Prinzen an der Seite der
Herzogin sitzend, an deren anderer Seite sich der Kardinal befand. Sie sah, wie
die Herzogin, von einem Feuer erglhend, das ihre Schnheit fast berwltigend
machte, ihre Nachbarn offenbar durch ihren Zauber beherrschte, was sich bei dem
Kardinal durch sein feines, befriedigtes Lcheln ohne Ironie, bei dem Prinzen
durch eine nicht zu verkennende, alles andere vergessende Hingerissenheit
kundgab. Schmerzlich zuckte es durch Rosas herz und es war ihr, als msse sie
sterben, whrend man die Papierstreifen herumreichte, auf denen ihr Themen
aufgeschrieben werden sollten. Der Herzog hatte sich jetzt auch genhert und
neben dem Kardinal Platz genommen; scheinbar teilnehmend an der lebhaften
Unterhaltung, deren Seele seine Frau war, hatte er sich dieser ganz zugewendet,
so da er zugleich sie und den Prinzen unverwandt im Auge hatte und jede ihrer
Bewegungen beobachten konnte. Jetzt kam man, um der Gruppe Papierstreifen zum
Schreiben anzubieten. Der Herzog wies diese mit einer Handbewegung zurck; der
Kardinal wollte das gleiche tun, aber die Herzogin rief:
    Nein, Eminenz, Sie mssen etwas Schnes fr unsere kleine Muse schreiben.
Sie sind ja auf dem Parna zu Hause und wissen, was sich fr Musen pat. Und Sie
auch, Prinz, schreiben Sie, damit wir jedenfalls etwas recht Schnes zu hren
bekommen. So, fuhr sie lebhaft fort und nahm den beschriebenen Zettel aus des
Kardinals Hnden: hier ist die Aufgabe der Eminenz, nehmen Sie sie, bitte,
Prinz, und tragen Sie sie mit der Ihren zu der Improvisatrice hin; hoffentlich
zieht sie eine der beiden. Sie beugte sich bei diesen Worten etwas vor nach dem
Prinzen hin, so da ihr Gemahl weder ihre Hand, die das Papier gab, noch ihr
Gesicht sehen konnte; der Prinz aber fhlte ein doppeltes Papier in seiner Hand
und zugleich sagten ihm ihre flsternden Lippen: Fr dich.
    Waldemar erhob sich bestrzt und verwirrt, an solches Tun nicht gewhnt. Er
wute, da die durchbohrenden Augen Don Camillos jeder seiner Bewegungen
folgten, und die Papiere in der Hand zusammenpressend, ging er auf den Tisch zu,
an dem Rosa stand, um die Zettel in die Schale zu werfen. Rosa sah ihn kommen;
ihr Herz klopfte so heftig, da es ihr fast den Atem benahm und als er vor ihr
stand, sah sie ihn mit einem so traurigen, so vorwurfsvollen Blick an, da
Waldemar von einem Gefhl der Reue, der Beschmung ergriffen ward und,
augenblicklich wieder die Stimme seines besseren Selbst, die stets durch sie
erklang, hrend, ganz verga, die Papiere zu trennen, sie achtlos in die Schale
fallen lie, whrend er sich etwas zu Rosa niederbeugte und flsterte: Mein
Schutzgeist, wachen Sie ber mir.
    Ein seliges Lcheln flog ber Rosas Zge und der Ausdruck von Trauer
schwand. Rasch ergriff sie eine Blte von den Blumen, mit denen man ihren Tisch
geschmckt hatte, reichte sie ihm und flsterte ebenfalls: Ein Talisman! Er
nahm die Blte, drckte sie an seine Lippen, und eine Sekunde ruhten ihre Blicke
verloren ineinander. Das alles ging so schnell vor sich, da niemand den kleinen
Vorgang bemerkt hatte. Dann sah Waldemar Holberg und Raden, die fern von der
Herzogin nebeneinander Platz genommen hatten, und ohne sich nach der Seite, wo
Giulia sa, umzuwenden, ging er auf seine Kavaliere zu und setzte sich zu ihnen.
Rosas Herz jubelte; sie griff voll Freude in die Schale, um ein Papier zu
ziehen, entfaltete eines und las: Bleibe mir fern heut abend, der Herzog
beobachtet uns; morgen frh erhltst du Botschaft. Betroffen bis ins Herz
hinein, das sich krampfhaft in physischem Schmerz zusammenzog, starrte sie das
Blttchen an; es mute Waldemars Hand entfallen sein und es ward ihr alsbald
klar, woher es gekommen. Sie verbarg es schnell unter den Blumen, nahm das
nchstliegende und las: Der Schutzgeist. Es war Waldemars Handschrift. Was in
ihrer Seele vorging, sie htte es selbst kaum sagen knnen. Es gibt solche
Augenblicke im Leben, wo das Herz sich pltzlich mndig fhlt, wo das sanfteste
Wesen zum Heldentum erstarkt, wo eine zwingende Kraft aus den Tiefen der Seele
heraufsteigt, die unser Tun bestimmt und unser Schicksal wird. So fhlte Rosa
mit einemmal, da sie die heilige Aufgabe habe: den Jngling, in dem sich ihr
das Ideal zum erstenmal verkrperte, das ihre Seele von frh auf wie eine lichte
Ahnung in sich getragen hatte, zu retten, den Kampf um ihn aufzunehmen mit einer
gefhrlichen, ihr bis jetzt berlegenen Macht, in Wahrheit sein Schutzgeist zu
sein, nicht um ihrer selbst willen - nein, sie dachte nicht an sich - um
seinetwillen, um keinen Flecken auf dem reinen Bilde zu sehen, als das er ihr
erschien. Das alles ging mit Blitzesschnelle durch ihren Sinn, und whrend sie
es noch wenige Augenblicke vorher wie eine fast unberwindliche Pein empfunden
hatte, improvisieren zu mssen, drngten sich nun die Worte auf ihre Lippen, als
sprche sie mit ihrer eigenen Seele und als wre keiner da, sie zu hren. Er
selbst hatte ihr ja das Thema gegeben, sie dazu aufgerufen und mit einer
Energie, wie sie sie nie gefhlt, begann sie:

Ich rette dich, und wr's in Sturmeswten
Auf wildem Meer.
Richt soll mein Mut, nicht soll mein Arm ermden,
Dir Schutz und Wehr.

Ich rette dich, und hllten sich die Sterne
In grause Nacht,
Mein Herz errt es, was dir droht von ferne,
Hlt liebend Wacht.

Ich rette dich, und brg' sich unter Rosen
Die Schlange dicht,
Und ahntest du, im schmeichlerischen Kosen
Den Gifthauch nicht.

Ich rette dich, ob du dich selbst verlassen
Im dunklen Wahn,
Und noch vom Abgrund fhr' ich im Umfassen
Dich himmelan.

Als sie schwieg, rief erst der laute Beifall, den man ihr zu spenden gewohnt
war, sie zum Bewutsein der Welt, in der sie sich befand, zurck. Aber es
berhrte sie kaum; sie kam sich wie losgelst vom Leben vor, denn sie sah nur
ein ganz unpersnliches Ziel vor Augen und es war ihr, als wrde dann alles zu
Ende sein, was sie auf Erden zu tun habe.
    Sonderbare Auffassungen hat dieses junge Mdchen, sagte die Herzogin zum
Kardinal; aber sie hat Begabung und es ist ein Hauch von Begeisterung in ihr,
der mich anzieht. Auch ist sie sehr hbsch und voller Grazie; findest du nicht,
Camillo? setzte sie hinzu, sich an ihren Gemahl wendend und nachlssig mit
ihrem Fcher spielend, innerlich aber belustigt, da seine Eifersucht eine
Niederlage erlitten hatte; denn sie hielt des Prinzen Entfernung fr eine Folge
ihrer geschriebenen Worte.
    Ja, in der Tat, auffallend hbsch; mehr als das: reizend, versetzte Don
Camillo mit einem hhnischen Lcheln um die dnnen Lippen; unsere Mnnerwelt
ist ja auch ganz toll verliebt in sie, die Einheimischen und die Fremden. Unter
anderem sagt man, da Seine Durchlaucht Prinz Waldemar ihr in aller Form den Hof
macht und sie stundenlang besucht. Er streifte seine Frau mit einem flchtigen
Blick und sah, er hatte richtig getroffen. Trotz ihrer Selbstbeherrschung
konnten die Zge der Herzogin im ersten Augenblick den Eindruck nicht verbergen,
den diese Worte auf sie machten; sie fand kein Wort der Erwiderung und nur der
Busen, der sich rascher hob und senkte, verriet, wie heftig es in ihr
aufbrauste. Der Kardinal, zwischen den Gatten sitzend, verstand sehr wohl, was
die kleine Szene zu bedeuten hatte und beeilte sich, begtigend einzuschreiten.
Der Prinz ist ein Freund der Dichtkunst, sagte er, und da wird ihn wohl diese
Begabung, die auch fr einen Nordlnder eher neu sein mag, interessieren. Sonst
scheint er aber ein junger Mann von strengen Grundstzen zu sein und ist von
seiner sehr frommen Mutter in den Lehren der alleinseligmachenden Kirche
erzogen.
    Waldemar war inzwischen zu Rosa getreten, offenbar in peinlicher
Verlegenheit, und whrend diese noch sich zu den andrngenden Personen, die ihr
huldigten, wenden mute, whlte er mit der Hand in den beschriebenen
Papierstreifen in der Schale, scheinbar wie gleichgltig einen nach dem anderen
hervorziehend und lesend und wieder hinwerfend, jedoch mit groer Unruhe auf dem
Gesicht. Endlich wurde Rosa frei und sagte auf deutsch, damit keiner der
Umstehenden es verstehe: Sie suchen etwas, Prinz?
    Ja, in der Tat, erwiderte er verlegen und zgernd, ich glaube, ich habe
vorhin ein Papier hier hineinfallen lassen, das nicht hierfr bestimmt war -
eine flchtige Notiz ...
    Er vollendete nicht, sondern errtete. Rosa zog das Papier unter den Blumen
hervor, hielt es ihm hin und sagte ernst: Hier ist es; es war das erste, das
ich zog.
    Sie haben es gelesen? fragte er, und sein Auge blitzte.
    Ja, sagte sie fest, ich glaubte, es sei eine Aufgabe fr mich, fr Ihren
Schutzgeist, setzte sie leise hinzu; Sie haben mich ja dazu ernannt.
    Und Sie haben es ebenso energisch gesagt, da Sie mich retten wollen, sogar
vor mir selbst, sagte er fast spttisch, wie um seinem gereizten Gefhl vor
sich selbst recht zu geben.
    Sie sah ihn an mit jenem ernsten, tiefen Blick, der immer sein Innerstes
traf. Er reichte ihr gerhrt die Hand und sagte: Gute Nacht, Rosa; ich wei es,
Sie wrden mich retten, wenn ich in Gefahr wre, und ich wrde Sie dann rufen.
Aber ich bin es noch nicht, seien Sie unbesorgt.
    Freundlich grend, wendete er sich nach der Seite, wo die Herzogin gesessen
hatte. Sie, ihr Gemahl und der Kardinal waren verschwunden, hatten bereits die
Gesellschaft verlassen; Giulia hatte selbst den Herzog gebeten, nach Hause
zurckzukehren, indem sie vorgab, mde zu sein, und so hatte sie auch das
lngere Verweilen des Prinzen bei Rosa nicht bemerkt.

Wenn die Menschen, die in glnzenden Toiletten, in eleganten Rumen sich zu
geselligen Vergngungen zusammenfinden, immer wten, wieviele intime Dramen
sich in dieser bunten Menge abspielen, wieviel Unruhe, Neid, Leidenschaft und
Schuld, wieviel gekrnkte Liebe und enttuschtes Hoffen sich unter der Maske
geselliger Liebenswrdigkeit und heiteren Frohsinns verbergen, sie wrden
vielleicht manchmal erschrecken ber die Frivolitt dieser sogenannten groen
Welt, dieses sogenannten guten Tones, dieser mit oft unwrdigen Opfern
erstrebten Eleganz und erzwungenen Heiterkeit. So kehrten auch an jenem Abend
die Personen, mit denen wir uns beschftigen, uerlich so glnzend,
liebenswrdig, heiter, von dem Fest in der innerlich erregtesten, von den
verschiedenartigsten Empfindungen bewegten Stimmung zurck, und keine von ihnen
fand in der Nacht die Ruhe des Schlafes.
    Rosa war nicht die mindest bewegte; sie war noch so reinen Herzens, so
unerfahren in der Welt, da ihr die Beziehung der Herzogin zu dem Prinzen wie
etwas Ungeheuerliches, Unerhrtes, wie eine dunkle Gefahr, die ihm drohte,
erschien. Sie fhlte sich berufen, ihn zu retten, zu schtzen, und sie war dazu
jetzt entschlossen, wenn auch der Zweifel, wie er sich zu der Leidenschaft, die
ihm entgegengebracht wurde, verhalte, sie mit Bangen und qulender Ungewiheit
erfllte und sie oft mit Schmerz berwltigen wollte, so da sie heie Trnen in
der Stille der Nacht in ihrem Bette weinte. Dann aber erhob sie sich wieder zu
dem Ideal, das sie von ihm im Herzen trug und gelobte sich, dieses Ideal zu
retten, koste es, was es wolle. Nur wie? Sie entschlo sich endlich, sich des
Mittels zu bedienen, das ihr durch Vittorias Nachrichten gegeben war, vorerst
alle Schritte der Herzogin in Beziehung auf den Prinzen zu erkunden, indem sie
hoffte, das weitere werde sich dann ergeben.
    Frh am Morgen eilte sie zu Vittoria hinunter, die eben ihr Gewlbe mit
frischen Erzeugnissen des Feldes und Gartens gefllt hatte. Diese kam ihr mit
frohem Morgengru entgegen, blieb aber betroffen stehen, als sie auf Rosas
bleiches Antlitz sah: Liebe Signorina, was ist Ihnen? rief sie aus, haben Sie
schlecht geschlafen, sind Sie krank, oder - ist Ihnen etwas Unangenehmes
begegnet? Doch nicht gestern abend?
    Ach, liebe Vittoria, sieh, ich hab niemand als dich, zu dem ich frei reden
und alles sagen kann, was mein Herz bedrckt, sagte Rosa; du gibst mir Rat, du
hilfst mir ... Sie stockte.
    Ja, liebe, teure Signorina, alles, alles tue ich fr Sie, beteuerte die
Rmerin, was in meinen geringen Krften steht; aber was ist's, worin soll ich
helfen? setzte sie bekmmert hinzu, denn eine Ahnung sagte ihr schon, da es
sich um den Prinzen handle, der zu ihrem Kummer, wie sie lngst durchschaut
hatte, in Rosas Herzen lebte.
    Ach, Vittoria, du weit - du selbst hast es mir gesagt ... hub Rosa wieder
an und stockte aufs neue, whrend Purpurglut ihr vorher so bleiches Gesicht
berzog; ja, jene schne Frau - die Herzogin, sie wird ihn - den Prinzen meine
ich - aus seiner Bahn reien; sie redet ihn heimlich mit du an, sie sendet ihm
heimliche Botschaft, sie warnt ihn vor ihres Mannes Argwohn.
    Wie wissen Sie denn das, liebe Signorina? fragte Vittoria angstvoll, denn
sie sah an Rosas Erregtheit, wie nahe ihr die Sache ging.
    Rosa erzhlte nun den Vorgang mit dem Papierstreifen und wie der Prinz sie
gebeten habe, sein Schutzgeist zu sein. Und ich will und mu ihn retten,
setzte sie mit leidenschaftlicher Ekstase hinzu. Hilf mir, gute Vittoria! Dein
Bruder mu durch die Marietta erfahren, ob der Prinz wieder zu ihr kommt oder ob
sie ihm schreibt ...
    Nun, das wei ich schon, sagte Vittoria, die dachte, es sei am klgsten,
auf die Sache einzugehen, um Rosa vor unbedachten Schritten zu behten und sie
vielleicht auch so am ersten abzukhlen. Als der Beppo gestern abend nach Hause
kam, erzhlte er mir, die Marietta habe ihm am Morgen - er luft nmlich jeden
Tag, wenn er frh zur Arbeit geht, am Palazzo vorber, in der Hoffnung, seine
Geliebte, wenn auch nur flchtig, zu sehen - ein Briefchen gegeben, das er ganz
geheim in das Hotel, wo der Prinz wohnt, habe tragen und dem Kammerdiener
bergeben mssen, damit dieser es, wenn der Prinz allein sei, in dessen eigene
Hnde gebe. Und dann habe die Marietta erzhlt, da heftige Szenen zwischen dem
Herzog und seiner Frau gewesen seien an dem Abend, als der Herzog von der Reise
gekommen war und gehrt habe, der Prinz sei bis spt bei der Herzogin gewesen.
    Ah, Vittoria, sagte Rosa und hielt sich erbebend an einem Stuhle, dann
ist es ja wohl schon schlimm.
    Nein, nein - warum denn? Es ist ja hier so bei den vornehmen Damen, da die
Besuche spt kommen und lange bleiben, versetzte Vittoria begtigend, obgleich
sie anders dachte.
    Ja, aber Vittoria, heute morgen will sie ihm wieder Botschaft senden - wenn
wir wissen knnten - ob Beppo wieder dort gewesen - ob die Marietta ihm etwas
gesagt.
    Nun, heute abend, wenn der Beppo nach Hause kommt, da erzhlt er es mir
schon, versetzte Vittoria, die Rosa gern auf andere Gedanken gebracht htte.
    Ach, bis heute abend - das ist so schrecklich lange, seufzte Rosa, bis
dahin kann ihm Unheil drohen - ach, wenn ich wissen knnte, was sie ihm
geschrieben - doch das ist unmglich - knntest du die Marietta nicht sprechen,
gute Vittoria?
    Nein, Cara, das geht nicht; ich kenne die Marietta kaum, und sie wrde sehr
bse werden, wenn sie erfhre, da der Beppo hier erzhlt, was sie ihm
anvertraut. Wollen wir mehr wissen, mssen wir sehr vorsichtig sein.
    Ja, du hast recht, - aber knntest du nur den Beppo jetzt sprechen,
vielleicht da er etwas Wichtiges wte, wonach zu handeln nottte; ich werde
sonst den ganzen Tag in tdlicher Angst sein.
    Nun, nun, Carissima, sagte Vittoria, was tut man Ihnen nicht zuliebe? Ich
will sehen; wenn die Domenicunia hier neben etwas auf das Geschft achten will,
so lauf ich eben nach San Giuseppe hinauf, wo der Beppo arbeitet, und sehe zu,
wie ich ihn zum Sprechen kriege und ob er was wei.
    Ach, liebe, gute Vittoria! rief Rosa voll Freude und fiel der
Gemsehndlerin um den Hals. Du bist wahrhaft gut; du hilfst nicht nur mit
Worten, du handelst. Verstnd' ich nur den Handel, ich wollte gern indes dir das
Geschft besorgen.
    Ach, gute Signorina, das wr was Schnes, wenn man die gefeierte
Knstlerin, der ganz Rom huldigt, pltzlich hier Gemse verkaufen sh', sagte
Vittoria lachend, und ich glaube, meine ganze Bottega wrde in einer halben
Stunde ausverkauft, alle die schnsten Herren von Rom wrden kommen; ich wei
auch eigentlich gar nicht, warum Sie so an dem einen, dem Fremden, halten, wenn
Sie doch die Wahl haben unter den besten Rmern.
    Ach, Vittoria, ich wei es auch nicht, wie es kommt, versetzte Rosa, in
holder Scham erglhend, und schlug die Augen nieder. Siehst du, die sind mir
alle so gleichgltig, so fern, keiner wandelt durch meine Trume, weder im
Schlaf noch im Wachen; nur der eine war es fast von Anfang an, dessen Nhe mir
ein Glck im Herzen weckte, von dem ich bis dahin keine Ahnung gehabt. Ich will
dir auch sagen, ich glaube, er ist besser als alle anderen, vielleicht der beste
aller Menschen; ich kenne alle seine Gedanken, seine Jnglingstrume, habe sie
gelesen in seinen Gedichten, sie von ihm gehrt. So denken und fhlen gewi nur
wenige Menschen.
    Aber - er ist ein Prinz und wird ein Knig, sagte Vittoria nachdenklich
und dachte dabei: wohin soll diese Liebe fhren?
    Ich wei, versetzte Rosa, und eine Trne trat in ihr Auge. Zuerst dacht'
ich nicht daran; da meinte ich, da er einer von jenen Prinzen sei, wie sie in
den deutschen Mrchen vorkommen, die meine Mutter mir erzhlt hat, die so schn
und gut sind und auch ...
    Nun was? frug Vittoria.
    Ja, und auch zu ganz armen Mdchen kommen, um sie zu erlsen und sie zu
Kniginnen zu machen, erwiderte Rosa etwas verlegen; aber, liebe Vittoria, du
wolltest ja gehen und ich schwatze dir dummes Zeug vor und die Zeit vergeht;
siehst du, gerade weil er ein Knigssohn ist und eine so hohe Aufgabe im Leben
hat, will und mu ich ihn retten.
    Vittoria rief die Stellvertreterin herbei und ging fort, den Bruder
aufzusuchen. Als sie zurckkam, eilte Rosa wieder hinunter zu ihr, da sie bei
sich die Neugier der Amadei frchtete. Nun, Vittoria? fragte sie hastig.
    Diese berichtete, da die Marietta allerdings dem Bruder am Morgen wieder
ein Billett auf dieselbe Weise wie das vorige zu berbringen gegeben habe und
da man ihn jedesmal reichlich lohnte.
    Und weiter war es nichts? fragte Rosa enttuscht; sagte Marietta weiter
nichts?
    Ja, begann Vittoria zgernd.
    Ach, bitte, du weit noch etwas, sag mir alles, bat Rosa.
    Vittoria, immer in der Hoffnung, die volle Wahrheit werde die erregten
Gefhle Rosas abkhlen, sagte:
    Ja, die Marietta hat ihm rasch erzhlt, da die Herzogin am Abend nach der
Gesellschaft gleich in ihr Zimmer gegangen sei, und da habe sie sie gefragt, ob
sie auf ihre Treue rechnen knne, und als Marietta dies beteuert, habe sie
gesagt, sie wolle ihr ganz vertrauen, denn Marietta msse ihr beistehen und es
solle auch ihr Schade nicht sein. Darauf habe sie gestanden, da sie den Prinzen
glhend liebe und den Herzog hasse und nur an eines denke, wie sie sich diesem
entziehen und sich mit dem Prinzen vereinigen knne. Noch sei ihr Plan nicht
reif, aber sie werde mit dem Prinzen darber reden und werde ihn deshalb auf den
folgenden Tag in aller Frhe in die Kirche San Giovanni e Paolo bestellen, wohin
Marietta sie als wie zur Frhmesse begleiten solle. Dort sind einsame Wege
ringsherum, die in so frher Stunde niemand als etwa ein Arbeiter betritt, da
knne sie ungestrt mit dem Prinzen sprechen; der Herzog schlafe lange, und wenn
er beim Erwachen nach ihr frage, werde man ihm eine andere Kirche nennen, in die
sie zur Morgenandacht gegangen sei. Marietta msse dann Wacht halten, da kein
Unberufener sich nahe. Es ist unglaublich leichtsinnig von der Marietta, schlo
Vittoria ihren Bericht, dies alles, was doch hchstes Geheimnis sein soll, dem
Beppo zu vertrauen. Doch tut sie es in der Freude ihres Herzens, denn sie sagt:
Beppo, wenn ich meiner Herrin helfe, so wird sie es mir frstlich lohnen und
dann sind wir reich und knnen heiraten! Und so erzhlt's der Beppo mir nur,
weil ich ihm oft gesagt habe, er solle nicht amore machen mit dem Mdchen, da er
zu arm sei, um sie zu heiraten.
    Rosa war whrend der Erzhlung bald bla, bald rot geworden und hatte hufig
mit der Hand nach dem Herzen gegriffen, wie um sein heftiges Klopfen zu stillen.
Als Vittoria schwieg, rief sie pltzlich: Ich gehe auch hin.
    Aber Signorina, sagte Vittoria erschrocken, wie soll das gehen, man wird
Ihnen ausweichen!
    Ah, sei ruhig, sie sollen mich nicht sehen; ich mu ber ihm wachen, er hat
es selbst verlangt; und ist es nicht des Schutzgeistes Aufgabe, wenn der Mensch
sich in Gefahr begibt, fr ihn zu wachen und ihn zu behten? O, die Gefahr ist
ja noch grer als ich dachte, und gehandelt mu werden.
    Dann geh ich mit Ihnen. Sie knnen nicht so allein hin frh am Morgen,
versetzte Vittoria.
    Nein, nein, zu zweien kann man schon schwerer unbemerkt bleiben. Sei
unbesorgt; die Amadei schlft lange, bis die aufsteht, bin ich zurck. Es wird
mir nichts begegnen, ich habe Mut; ein solches heiliges Ziel macht uns furchtlos
und solch ein Unternehmen steht im Schutz der ewigen Mchte, die doch am Guten
mehr Gefallen haben als am Bsen.
    Vittoria fhlte sich immer von einer ehrfurchtsvollen Scheu befallen, wenn
das junge Mdchen so sprach. Sie ist dann ganz wie eine Heilige, sagte sie,
als sie ihrem Bruder einmal von der Signorina erzhlte; sie sieht dann aus, wie
wenn sie gen Himmel fahren wrde.

Waldemar hatte den Brief der Herzogin erhalten, in dem sie ihm die Zusammenkunft
in San Giovanni e Paolo bot.
    Da er hingehen msse, war ihm zweifellos, nur wute er nicht, wie es
einzurichten sei, ohne da seine Begleiter aus der ungewohnten Stunde Verdacht
schpften. Er hatte sich schon herabgelassen, seinen Kammerdiener soweit ins
Vertrauen zu ziehen, da dieser ihm die Briefe, die Beppo brachte, in sein
Schlafzimmer bringen mute, wenn er allein war, indem er vorgab, es sei wegen
eines Geheimnisses, das ihm allein anvertraut sei und von dem auch die Herren
nichts wissen drften. Der Diener hatte sich diskret glubig gezeigt, war auch
wohl, wie es die Natur solcher Leute ist, froh, zum Vertrauten da gemacht zu
werden, wo sogar der Professor es nicht war. Es kostete Waldemars reinem und
stolzem Sinne eine berwindung, zur Lge und zur Verstellung seine Zuflucht
nehmen zu mssen, aber er glaubte Giulia alles schuldig zu sein, und die
erwachte Leidenschaft zog ihn von Konzession zu Konzession den Abhang hinunter,
zu Schritten, die er noch vor kurzem als unmglich von sich gewiesen htte.
    Endlich beschlo er, den Herren am Morgen durch den Diener sagen zu lassen,
er habe schlecht geschlafen und sei, um sich zu erfrischen, zu frhem
Morgenspaziergang in die Luft gegangen. In erster Morgenfrhe, noch ehe seine
Begleiter aufgestanden waren, verlie er das Hotel, einen breitkrempigen Hut
tief ins Gesicht gedrckt und einen dunklen Mantel umgeschlagen, so da er eher
einem rmischen Landmann als einem vornehmen Kavalier glich. Er konnte brigens
auch gewi sein, da er um diese Stunde keinem Bekannten begegnen wrde. Raschen
Schrittes eilte er dem Kolosseum zu, hinter dem sich die bezeichnete Kirche
befindet, denn er wollte keinen Wagen nehmen, was schon einer mglichen
Nachforschung htte auf die Spur helfen knnen.
    Als er in die Kirche trat, schien sie ihm zuerst menschenleer; indem er aber
dem Hochaltar zuschritt, bemerkte er in dem Seitenschiff im Schatten einer Sule
eine Frau, wie es schien aus dem Volke, mit einem bunten Tuch ber dem Kopf, den
sie tief auf die gefalteten Hnde, die auf dem Betstuhl ruhten, gesenkt hielt,
anscheinend im Gebet versunken und achtlos dessen, was um sie vorging. Ein
Laienbruder des Klosters war beschftigt, eine Seitenkapelle auszukehren, sonst
war kein lebendes Wesen da und es herrschte lautlose Stille. Waldemar stand
einige Augenblicke und sah das Bild ber dem Hochaltar an, ein modernes Gemlde,
auf dem der Stifter des Ordens der Passionisten dargestellt ist, wie er in
vollem Ornat zum Himmel fliegt, wo Christus ihn mit offenen Armen empfngt.
    Ungeachtet der strmischen Gedanken, die ihn beschftigten, mute er doch
die Achseln zucken ber den plumpen Realismus der auf dem Bilde dargestellten
Himmelfahrt und sich sagen:
    Ist das nicht der Ausdruck dessen, was die Kirche geworden ist im Lauf der
Zeit? Aus der idealen Gemeinschaft von Wesen, verbunden durch brderliche Liebe,
edle Sittlichkeit und geistiges Streben, herabgesunken zu der materiellsten
Deutung hoher Probleme, zum erbitterten Streit um irdisches Gut, zu einem
Kampfplatz der Parteien. Er hatte nicht Zeit, es auszudenken, denn hinter ihm
ertnten Schritte und das Rauschen eines Frauengewandes, und als er sich rasch
umwendete, stand eine hohe Frauengestalt vor ihm, den Kopf und das Antlitz so
dicht von einem schwarzen Schleier bedeckt, da man die Zge des Angesichts
nicht unterscheiden konnte, nur das Funkeln dunkler Augensterne drang auch
selbst durch die dichte Hlle, eine Hand streckte sich ihm entgegen und eine
wohlbekannte Stimme flsterte: Waldemar.
    Giulia, sagte er und zog die dargereichte Hand an seine Lippen, wagen Sie
nicht zu viel? Wenn man uns hier trfe, ich bin voll Angst fr Sie.
    Sei unbesorgt, Geliebter, erwiderte die Herzogin; Marietta ist drauen
vor der Kirche und benachrichtigt uns, wenn etwas Gefahrbringendes naht. Komm in
das Seitenschiff, aus bergroer Vorsicht, dort knnen wir ruhig reden, ich habe
dir soviel zu sagen.
    Sie betraten das Seitenschiff, in dem die Beterin in unvernderter
Versunkenheit kniete. Sieh, da ist jemand, sagte Giulia.
    O, das ist ein armes Weib, das schon hier kniete, als ich kam, versetzte
der Prinz, die ist so versunken, ihre Gebete herzusagen, da sie uns nicht hrt
und sieht. Dort drben im anderen Seitenschiff ist der Laienbruder, der knnte
eher auf uns achten.
    Giulia schlug den Schleier zurck und in der anmutigen Umrahmung der Spitzen
erschien das schne Antlitz mit neuem Reiz begabt. Sie heftete einen langen,
feurigen Blick auf Waldemar und sagte halblaut, doch so, da ihre Worte in der
tiefen Stille ringsum von der Beterin, deren Gegenwart sie nicht mehr beachtete,
gehrt werden konnten: Waldemar, meine Liebe zu dir ist so gro, da ich ihr
alles opfere, Ehre, Namen, Stellung; ich kenne nur noch ein Glck: mit dir
vereint zu sein, dir ganz und fr immer anzugehren. Die Liebe ist das supreme
Gesetz des Lebens, vor ihr sinkt alles in Staub, ist nichtig, wertlos. Die
Eifersucht des Herzogs wird tglich grer, jemehr er fhlt, da mein Herz
unrettbar sich von ihm entfernt. Er bewacht jeden meiner Schritte und ich habe
mich heute nur entfernen knnen, weil ich ging, als er und beinah das ganze Haus
noch schlief und ich, falls er fragen sollte, beim Portier zurcklie, ich sei
zur Frhmesse nach Maria del Popolo.
    Sie waren das Seitenschiff entlanggegangen, so da die Beterin nicht mehr
verstand, was sie redeten, aber jetzt kamen sie zurck und sie vernahm wieder,
da die Herzogin sagte:
    Ich bin entschlossen, bist du es auch, Waldemar?
    Wie wre ich soviel Liebe wert, wenn ich nicht auch alles verge, um dich
aus unwrdigen Banden zu erlsen und dir das Glck der Liebe zu bereiten, das du
ersehnst, erwiderte der Prinz; ich werde auch einen harten Kampf zu kmpfen
haben; das traurige Los meines Bruders, eine Ehe aus Politik eingehen zu mssen,
stand auch mir bevor; du rettest mich davor, aber zu Hause wird man sich dagegen
auflehnen, wird mir die Staatspflichten entgegenhalten, denen man das Herz
opfern mu, wird alle Vorurteile ins Feld bringen, um mich zu bekmpfen.
    Und bin ich es nicht wert, eine Krone zu tragen? fragte die Herzogin,
indem sie den schnen Kopf stolz zurckwarf, so da ein Sonnenstrahl, der durch
das Kirchenfenster schien, sie wie eine Glorie umgab.
    Keine Krone hat je ein schneres Haupt geziert, rief Waldemar voll Feuer;
o, meine Knigin, ich folge dir, wohin es sei. Sie entfernten sich wieder, so
da der weitere Verlauf ihres Gesprches unhrbar wurde. Noch eine Weile blieben
sie im Grunde des Seitenschiffes nahe aneinandergeschmiegt und flsternd stehen,
dann ri sich die Herzogin los, verhllte das Antlitz wieder mit dem Schleier
und schritt dem Ausgang zu, an dem Marietta sich zeigte, um zu mahnen, da die
Stunde schon vorgeschritten sei und da sich schon Menschen in der Gegend
zeigten. Auf Umwegen eilten sie zur Stadt zurck, wo sie einen Wagen nahmen, um
in den Palast zurckzufahren.
    Waldemar blieb noch einige Augenblicke in der Kirche, um ihnen Zeit zu
geben, sich zu entfernen. Ein Sturm tobte in ihm, denn wenn er in Gegenwart der
Herzogin, hingerissen von ihrer Schnheit, von der Gewalt der ersten
Leidenschaft und berauscht von der Glut, mit der sie ihn umfing, alles gelobte
und alles zu wagen bereit war, so trmten sich, sobald sie schied und er zur
Besinnung kam, die Schwierigkeiten so riesengro vor ihm auf, da ihn
schwindelte und er fast bereute, so weit gegangen zu sein. Indes zurck konnte
er nicht, das htte ihm der schndlichste Verrat an Giulia geschienen, und dann
lockte ihn auch wieder ein jugendliches Wagen, fr dessen Ausgang er dem
Schicksal vertrauen wollte. Endlich schritt auch er langsam das Seitenschiff
entlang, der Kirchentr zu; da fiel ihm die Beterin auf, die noch immer
unbeweglich an ihrem Platze kniete. Es schien ihm jetzt, als hre er sie leise
schluchzen. Voll Mitleid blieb er stehen und dachte: sie hat wohl einen groen
Schmerz oder gar eine groe Schuld, die sie hier so trostlos im Gebet zu stillen
oder zu shnen sucht. Schon griff seine Hand in die Tasche, um Geld
hervorzulangen und neben sie zu legen, wenn vielleicht Mangel sie bedrckte,
doch sah er nun, da sie nicht so gar rmlich gekleidet war, wie er anfangs
gemeint hatte, und so unterlie er es; aber ohne zu berlegen, nahm er den
Veilchenstrau, den ihm Giulia gegeben hatte, legte ihn still auf das Betpult,
auf dem der Kopf der Beterin, das Gesicht in die Hnde vergraben, ruhte, und
verlie die Kirche.

Vittoria ging unruhig in ihrer Bottega hin und her, trat fter auf die Strae
hinaus und schaute aufmerksam in die Ferne, als erwarte sie jemand, und kehrte
dann immer mit dem Ausdruck der Enttuschung auf dem Gesicht in den Laden
zurck, antwortete einigen frhen Kufern, die sich mit frischer Ware versehen
wollten, ganz verkehrt, so da diese sie auslachten, und war offenbar nicht in
ihrer gewhnlichen, ruhigen Stimmung. Endlich schien sie das Ersehnte zu
ersphen, sie ging ein paar Schritte aus dem Laden der Nahenden entgegen und
sagte: Die heilige Jungfrau sei gelobt, da sind Sie.
    Ist die Amadei schon auf? Sonst komm mit in mein Zimmer, da ich dir alles
sage, dir, meiner einzigen Vertrauten, lispelte Rosa mit halberstickter Stimme,
lehnte sich erschpft an die Mauer und ri das bunte Kopftuch ab, das sie in der
Kirche unerkannt gemacht hatte. Sie hielt einen Veilchenstrau in der Hand und
prete ihn mit einer heftigen Bewegung ans Herz. Ihr Atem ging schnell und
stoweise und tdliche Blsse bedeckte ihr Gesicht.
    Ach, liebe Signorina, Sie werden sich tten, und weshalb? fr wen? Was
knnen Sie tun? Wenn die Herzogin ihn liebt und er sie, wie wollen Sie es
hindern? fragte Vittoria, indem sie liebevoll mit einem Tuch die Schweitropfen
von Rosas Stirn trocknete.
    Und haben Sie denn etwas gesehen und gehrt? fragte sie weiter, als Rosa
noch immer nicht reden konnte.
    Wohl, wohl habe ich gesehen und gehrt, sagte Rosa endlich, und mehr als
je wei ich, da ich ihn fr seine Ideale retten mu. Und wenn es nicht gelingt
und ich dabei untergehe, so ist das gut, denn ich habe dann um einen edlen Preis
gekmpft, ohne den das Leben wertlos ist. Aber komm, komm mit mir, da ich dir
alles sage.
    Vittoria rief die Nachbarin, da sie das Geschft einen Augenblick besorge,
und folgte Rosa in ihr Zimmer. Die Amadei schlief noch und ihr lautes Schnarchen
verkndete, da der Morgenschlaf noch tief sei. Rosa berichtete nun das Erlebte
und sagte zum Schlu: Sag selbst, wie soll das werden, wenn er mit ihr
entflieht, wie trostlos werden die Seinen, wird sein Land sein, die in ihm einen
idealen Herrscher erhofften? - Sie sagte: Die Liebe ist das strkste Gesetz,
neben ihr ist alles wertlos, nichtig, gilt keine Pflicht - ich glaube es nicht;
ich glaube, das ist die egoistische Liebe, die nur an sich denkt; es gibt aber
auch eine andere Liebe, die edler ist, die sich opfern kann fr den Geliebten,
fr ihn sterben kann, wenn es sein mu, ihm entsagen kann, um ihn seiner
hchsten Bestimmung zu retten, und das ist die wahre Liebe. O, Vittoria, ich war
ein unerfahrenes Kind bis hierher, jetzt bin ich gereift und das Leben ist mir
klar geworden. Ich wei es jetzt, es kommt fr einen jeden die Stunde, wo er
whlen mu zwischen dem Egoismus, der nur sich selbst als Endziel hat, und dem
Ideal, das uns mglicherweise Entsagung und das Opfer unseres Selbst auferlegt.
Und ich habe gewhlt in dieser Morgenstunde; whrend sie den Traum der
egoistischen Liebe zusammen trumten, habe ich mein Herz zum Opfer dargebracht
fr ihn.
    Vittoria verstand nur halb den ganzen Sinn der Rede, aber sie stand wieder
in andchtiger Bewunderung und Ehrfurcht vor dem jungen Mdchen, das ihr
abermals wie eine Heilige erschien, dem nur die Flgel fehlten, um sich von der
Erde, die seiner nicht wert sei, zu erheben. Sie faltete unwillkrlich die Hnde
und Trnen der Rhrung rannen ber ihre Wangen, whrend sie das liebliche
durchgeistigte Antlitz Rosas betrachtete. Als diese schwieg, schttelte sie
leise das Haupt und sagte wie fr sich: cara, cara! Und dann sich an Rosa
wendend, fragte sie ganz zaghaft: Aber was wollen Sie tun? Wenn er - der Prinz
- doch selbst einwilligt?
    Ihn an seine Ideale mahnen, sagte Rosa; auch er mu entsagen, mu opfern
lernen, auch er mu whlen, und wenn er fern von ihr ist, wird er seinen
Schutzgeist segnen, der ber ihm wachte und ihn fr seine hhere Aufgabe
rettete. Ich knnte ja seine Freunde benachrichtigen und warnen, aber das she
aus, als htte ich spioniert, und er wrde mich vielleicht verachten und an der
Reinheit meiner Motive zweifeln, und dann wr es auch nicht seine freie Wahl,
und er wrde denen zrnen, die ihn zum Aufgeben zwangen, und mit Verlangen an
das Aufgegebene zurckdenken. Aber wenn er aus sich den Sieg erringt, so wird er
im Opfer selbst seinen Lohn finden. Sorge du nur, da Beppo uns von allem
unterrichtet, was er von Marietta erfhrt, denn da sie im Vertrauen von der -
ihrer Dame ist, so wird sie es wissen, wenn ein entscheidender Schritt
geschieht.

Der Prinz war indessen mehrere Stunden umhergeirrt, einem qualvollen Zwiespalt
in sich zur Beute. Er war entschlossen, alles Weltliche fr Giulia hinzuwerfen
und zu wagen, und hierzu trieb ihn nicht nur die entfachte Leidenschaft, sondern
es schien ihm auch, als fordere es die Ehre von ihm, dieser Frau, die sich ihm
vertrauend in die Arme warf, Wort zu halten und nicht weniger gromtig zu sein
als sie, die doch auch jede weltliche Rcksicht hingab um der Liebe willen. Aber
nun, so nah vor einer endlichen Entscheidung, die seiner ganzen Jugend eine
vernderte Richtung geben mte, die sogar seine Zukunft ernstlich gefhrden
knnte, trat alles, was sich schon frher Giulias Anziehungskraft in ihm
widersetzt hatte, mit verdoppelter Strke hervor; und er fhlte sich hin- und
hergetrieben von gleichstarken Gewalten, die, welcher auch der Sieg gehren
mochte, ihm zugleich eine schmerzliche Niederlage und lange, tiefe Reue zu
hinterlassen drohten. Zunchst machte ihm auch der Gedanke an seine Begleiter
Angst und Sorge. Es fiel ihm erst jetzt ein, welche schwere Verantwortung sie
treffen wrde, wenn er entflohen sei, und welcher Schmerz es fr den alten
Lehrer sein wrde, den geliebten Zgling so gegen die von ihm gepflegten
Grundstze handeln zu sehen, obgleich Waldemar es sich durchaus nicht
eingestand, da Tadelnswertes in seinem Vorhaben sei.
    Es sind nur andere als unsere Begriffe im Norden; es ist das allmchtige
Recht der Liebe, das im Sden herrscht wie das allmchtige Recht der Sonne,
sagte er zu sich selbst; es ist die schne Freiheit der Natur, anstatt des uns
im Norden knstlich auferlegten Gesetzes pflichtgemer Beschrnkung, so sagt
Giulia, und hat sie nicht recht? Haben nicht die schnsten Bltezeiten der
Menschheit dieses Vorrecht der freien Natur gerechtfertigt, Griechenland, Rom,
ja auch die Renaissance? Lhmt nicht das traurige Entsagen die freudige
schpferische Kraft in uns, die uns erst zu ganzen Menschen macht?
    Aber trotz dieser und hnlicher Sophismen beruhigte sich sein Gemt nicht,
und jemehr er sich seinem Hotel nherte, desto langsamer wurde sein Schritt, wie
um den peinlichen Moment des Zusammentreffens mit den Begleitern
hinauszuschieben. Endlich aber mute es doch sein, und er traf sie sichtlich
beunruhigt ber sein langes Ausbleiben.
    Htte ich es nur geahnt, da Sie einen so frhen Ausgang beabsichtigten,
Prinz, ich wre ja mit tausend Freuden bereit und zu Ihrem Befehl gewesen,
sagte Raden.
    Ich wollte Sie Morpheus' Armen nicht entreien, lieber Raden; ich wei, Sie
lieben diesen Freund, namentlich morgens, versetzte der Prinz und versuchte
sich durch Scherz ein mglichst unbefangenes ueres zu geben. Des Professors
Antlitz aber heiterte sich nicht auf, sondern nachdem er sich hatte versichern
lassen, da der Prinz sich wieder ganz wohl fhle und erfrischt durch Luft und
Gehen, hub er an: Aber ich habe Ihnen leider eine betrbende Mitteilung zu
machen; ich bekam heute frh Briefe aus der Heimat und erfuhr, da Ihre
durchlauchtige Mutter erkrankt ist.
    Meine Mutter? Doch nicht bedenklich? rief Waldemar voll Schreck, indem nun
die ganze verhaltene Aufregung sich ohne Zwang auf seinem Gesicht malte.
    Leider scheint es ziemlich ernst zu sein, fuhr der Professor fort; der
Hofmarschall, der mir schreibt, meldet mir sogar, da man mglicherweise Ihre
schleunige Rckkehr wnschen knne.
    Mein Gott, mein Gott, wr's mglich! Meine Mutter - und jetzt von hier
gehen! rief Waldemar aus und erschrak ber die letzten ihm in der Angst
entschlpften Worte, da sich ihm augenblicklich Giulias Plan und sein ihr
gegebenes Wort vor die Seele stellte. Er schritt im Zimmer auf und ab, unfhig,
sich zu fassen. Raden und der Professor hatten einen raschen Blick miteinander
gewechselt; die Nachricht von der Erkrankung der Mutter war zwar wahr, aber die
Vorbereitung auf eine mgliche Zurckberufung war infolge eines Briefes Holbergs
an den Vater Waldemars erfolgt. Der Professor, der regelmig seine Berichte
ber den Verlauf der Reise und alles, was den Prinzen betraf, einschicken mute,
hatte es nach reiflicher berlegung und mit Zustimmung Radens doch fr seine
Pflicht gehalten, den alten Frsten auf die Leidenschaft des Sohnes fr eine
hochgestellte verheiratete Frau aufmerksam zu machen, deren wachsende Strke den
Augen der beiden Herren nicht entgehen knne und gegen die bereits ihr Einflu
ohnmchtig sei. Diese Verhandlung blieb natrlich Geheimnis zwischen dem
Frsten, Holberg und Raden, und deshalb erwhnte der Professor nicht, da es ein
Schreiben des Frsten selbst sei, das er empfangen habe und worin ihm dieser
auftrug, den Sohn auf eine mglichst schnelle Rckkehr in der schonendsten Weise
vorzubereiten.
    Nach einer kleinen Pause, whrend Waldemar vllig fassungslos im Zimmer auf
und ab ging und endlich am Fenster stehen blieb, den Rcken nach seinen
Gefhrten gewandt, hub der Professor wieder an: Beunruhigen Sie sich nicht zu
sehr, lieber Prinz; hoffen wir das beste; jedenfalls ist vorlufig nichts zu
tun, als die nchsten Nachrichten abzuwarten und daher alle Ausflge, zu denen
allerdings jetzt die Zeit gewesen wre, bis auf weiteres zu verschieben.
Nachrichten werden sehr bald kommen, ich habe auch bereits geschrieben und
gebeten, da man umgehend wieder schreibt.
    Ja, ich will auch gleich schreiben, versetzte Waldemar hastig und eilte in
sein Zimmer, wie erleichtert, durch irgendeine bestimmte Handlung der Qual der
Gedanken zu entgehen, die auf ihn einstrmten.
    Es ist eine radikale Kur, aber sie wird helfen, sagte Raden, als er mit
Holberg allein war; es ist wirklich, glaube ich, hchste Zeit, denn ich will
Ihnen noch etwas neues sagen, lieber Professor. Ich glaube, es geht da ein
geheimer Briefwechsel vor sich; denken Sie nur, vorhin trete ich aus dem
Lesezimmer unten auf den etwas dunklen Korridor hinaus und sehe in einer Ecke,
hinter der Tr, die in den Hof fhrt, den Kammerdiener im Gesprch mit jemand,
den ich nicht sehen konnte, weil ihn die Tr verbarg. Aus Scherz, denkend, ich
ertappe ihn da auf einem verliebten Zwiegesprch mit einer der hbschen Zofen im
Hotel, gehe ich leise hinter ihn und sage: Sie, Friedrich, was machen Sie denn
hier? Er fhrt zusammen, als htte man ihn auf einem Diebstahl ertappt, steckt
eilig einen Brief, den er in der Hand hielt, in die Tasche und sprach verlegen:
Ah, Herr Baron, ich sprach da nur ein wenig mit dem Burschen, um mich in der
italienischen Sprache zu ben. Ich sah nun, da es allerdings ein echt
italienischer, schwarzugiger Bursch war, mit dem er sprach, aber die
auffallende Verlegenheit Friedrichs und das rasche Verbergen des Briefes waren
mir etwas verdchtig, ebenso wie die abgelegene Ecke, in der die Verhandlung
gefhrt wurde; auch schien mir, was ich rasch mit einem Blick bemerkte, der
Brief zu zierlich und fein zu sein, um ihn an Friedrich gerichtet zu glauben.
Ich ging natrlich weg, um keinen Argwohn zu zeigen, und sagte nur lachend:
Whlen Sie sich doch einen helleren Ort zu Ihren Studien.
    Das wre allerdings schlimm, wenn es schon so weit gekommen wre, da
Waldemar sich herablt, mit dem Diener solche Dinge zu betreiben, sagte
Holberg und schttelte traurig den Kopf. Ich kann's nicht glauben.
    Ach, lieber Holberg, wohin bringt eine solche Sirene mit solchen Augen
nicht ein junges, zum erstenmal entflammtes Herz! versetzte Raden seufzend.
Fr mich sind es tempi passati, aber begreifen tue ich alles bei einer Frau wie
Giulia.
    Wirklich hatte auch der Prinz kaum sein Zimmer betreten, als der Diener
erschien und mit geheimnisvoller Miene wieder einen Brief berreichte, sich
natrlich wohl htend, etwas von dem Zusammentreffen mit Raden zu erwhnen, da
es ihn htte darum bringen knnen, Mitwisser eines Geheimnisses zu sein, worauf
er doch sehr stolz war. Waldemar fhlte sich stets innerlich gedemtigt, wenn er
die Briefe aus der Hand des Dieners nehmen mute, in der Aufregung aber, in der
er sich jetzt befand, war es ihm peinlicher denn je, und er empfand es fast
unmutig, da Giulia schon wieder schrieb, ihn schon wieder den Vermutungen einer
Bedientenseele aussetzte, nachdem sie doch vor wenigen Stunden zusammen
gesprochen hatten. Rasch ri er das duftende Kuvert auf; der Brief enthielt
folgendes:

Geliebter meiner Seele, die Entscheidung naht schneller, als ich dachte, und
deshalb mu ich gleich schreiben, obwohl ich noch umfangen bin vom Zauber Deiner
Gegenwart. Ich wei nicht, ob der Herzog doch Verdacht geschpft hatte wegen
meines Morgenausgangs, aber kaum war ich zurck, so trat er bei mir ein mit
jenem Ausdruck eisiger Ruhe, den er annimmt, wenn er besonders aufgeregt ist und
einen unwiderruflichen Vorsatz gefat hat. Ich kenne diesen Ausdruck, und sobald
ich ihn sehe, regt sich in mir schon der Geist des Widerspruchs, denn ich will
mich keiner despotischen Gewalt unterwerfen. Jetzt erklrte er mir, er finde
mich seit einiger Zeit so aufgeregt, schlecht aussehend, befrchte eine
Krankheit und habe deshalb aus zrtlicher Frsorge beschlossen, mich auf einige
Zeit nach Sizilien zu meiner Schwester zu fhren, die bei Palermo auf einer
herrlichen Villa mit einer zahlreichen Familie wohnt. Das werde mir gut tun,
sagte er, die Luftvernderung und der Familienkreis. Ich erwiderte, ich bedrfe
das nicht, ich fhle mich vollkommen wohl und ich wnsche zu bleiben. Nein,
sagte er, es sei schon alles vorbereitet, er habe bereits an meine Schwester
geschrieben und uns angemeldet, den Dienern schon alle Befehle gegeben, er lasse
mir den folgenden Tag, um meine Anordnungen zu machen, um Marietta packen zu
lassen, und bermorgen frh wrden wir abreisen; unwiderruflich, setzte er
hinzu, mit einem Blick, der zaghaftere Naturen als mich mit Schrecken erfllen
mte; er sei verantwortlich fr mein leibliches und geistiges Wohl, und fr
gewisse moralische Krankheiten gebe es kein sichereres Mittel als Entfernung,
Wechsel der Szenerie und der Umgebung. Mit milderem Ton sagte er dann noch, mein
Bestes sei seine teuerste Sorge und ihm ebenso teuer wie seine Ehre. Mit diesem
sehr betonten Wort, dessen versteckte Bedeutung nicht zu verkennen war, verlie
er mich. Ich schwieg stolz und verchtlich. Sein Entschlu ist unwiderruflich,
der meine auch; der Krieg ist zwischen uns erklrt, wir wollen sehen, wer Sieger
bleibt. Jetzt hoffe ich auf Dich, Geliebter, Du hltst mir Wort. bermorgen frh
will mich der Herzog fortfhren, morgen abend entfliehen wir. Du fhrst mich in
irgendeinen glckseligen Schlupfwinkel, wo wir die Welt vergessen im
berschwenglichen Glck. Ich bereite alles hier vor; morgen abend ist das groe
Fest bei den Colonna.
    Der Herzog hat fest versprochen, dort zu sein. Im letzten Augenblick erklre
ich wegen starken Kopfwehs nicht mitzuknnen, da ich am andern Morgen reisen
solle, denn ich bin scheinbar in seinen Plan ergeben. Du mut auch dort sein,
damit Deine Abwesenheit keinen Verdacht erregt. Unbemerkt verschwindest Du von
dort und lenkst mit einem Wagen in die kleine dunkle Seitengasse neben meinem
Palast, um Mitternacht, wenn die Dienerschaft zum grten Teil schon schlft.
Dort finde ich Dich. Der Herzog wird mich schlafend whnen, wenn er zurckkommt,
und mein Zimmer nicht mehr betreten, und wenn er mich am Morgen sucht, sind wir
weit. Wegen Deiner Begleiter haben wir ja schon alles besprochen und so bleibt
nichts brig, als uns dem Schutze des Gottes zu empfehlen, der Liebende
zusammenfhrt und beschtzt, denn legitim ist nur die Liebe, und was sie tut,
ist wohlgetan. Ich bin voll frohen Mutes, es wird gelingen, und mein Herz eilt
schon auf Flgeln der Hoffnung der Seligkeit entgegen, Dein zu sein auf ewig.
                                                                        Giulia.

Waldemar lie das Blatt fallen, sank in einen Sessel und bedeckte das Gesicht
mit beiden Hnden. Was in seinem Herzen vorging, grenzte an Verzweiflung und war
gewi weit von dem, was die Herzogin nach Empfang ihres Briefes von ihm erwarten
durfte, denn sie ahnte nicht, da nur in ihrer Gegenwart ihre Zauber allmchtig
waren, da aber fern von ihr alles, was gegen sie stritt, hervortrat, nun noch
vermehrt durch die Nachricht von der Erkrankung der Mutter. Endlich ging ihm
eine Mglichkeit auf, alles zu vereinen, denn der Herzogin sein Wort nicht zu
halten, schien ihm unmglich. Um mit raschem Entschlu sein Gemt zu beruhigen
und die zum Handeln ntige Kraft zu gewinnen, schrieb er einen Brief an Holberg,
den er zurcklassen wollte, der seine Flucht erklren und dessen und Radens
Verfahren bestimmen sollte. Er wollte mit Giulia in einen kleinen Ort im
Venetianischen, nahe der Grenze, flchten und dort der Nachrichten aus der
Heimat harren; die beiden Herren sollten ebenfalls gleich von Rom aufbrechen,
hier die Nachricht verbreiten, der Prinz habe eilig in die Heimat zurckgemut,
und voraneilen, um die Eltern auf das Geschehene vorzubereiten und milde zu
stimmen. Er beschwor den Lehrer, ihm nicht zu zrnen, berief sich auf die
Allgewalt der Liebe und schilderte die Leiden der Ehe Giulias und ihre
unbesiegbare Liebe zu ihm mit so glhenden Farben, da er hoffte, des Professors
Herz dadurch zu rhren, ja, er fgte hinzu, da er bereit sei, um Giulias willen
seinen Ansprchen auf den Thron zu entsagen, wenn sie sich nicht mit dieser
Liebe vereinen lieen. Er schrieb lange Zeit an diesem Brief und fhlte sich
danach etwas ruhiger, wie es immer zu gehen pflegt, wenn in verwickelten Lagen
endlich ein Entschlu gefat ist. Er dachte dann nur daran, die ntigen
Vorbereitungen im geheimen zu treffen, wobei allerdings der Diener wieder der
Vertraute sein mute, und dann zwang er sich, mit seinen Begleitern so
unbefangen als mglich den Rest des Tages hinzubringen, die seine ernste
Stimmung diesmal in vollem Vertrauen fr eine Folge der Nachrichten aus der
Heimat nahmen. So kam der Tag der Entscheidung. Waldemar hatte alle
Vorbereitungen mit Hilfe des Dieners getroffen und begab sich am Abend
anscheinend ruhig, aber innerlich in tiefer Erregung, mit den Begleitern zu dem
Fest der Frstin Colonna.
    Die herrlichen Rume des Palastes waren von einem Lichtmeer erhellt, und
durch die Fenstertren des letzten groen, zweiundachtzig Meter langen Saales,
zu denen man einige Stufen hinaufsteigt, sah man in den von bunten Lampen
magisch erleuchteten Garten, wohin man auf Brcken, die ber die Strae gehen,
gelangt. Die ganze vornehme, elegante, gebildete Gesellschaft Roms bewegte sich
in den glnzenden Gemchern und bildete mit ihnen einen Anblick von solcher
Pracht und Schnheit, da jedes unbefangene Gemt sich daran htte erfreuen
mssen. Aber Waldemar hatte in seiner Aufregung keinen Sinn fr die poetische
Pracht des Festes; seine Augen suchten unruhig nach der einen, deren Schicksal
sich in dieser Nacht noch mit dem seinen in folgenschwerem Bund vereinen sollte,
denn er besorgte, da sie ihren Plan, vom Fest fernzubleiben, nicht habe
ausfhren knnen. Mit einer nicht zu sagenden Mischung von Widerwillen, innerem
Vorwurf und voll Beschmung sah er sich daher pltzlich dem Herzog gegenber,
der mit einem an ihm ganz ungewhnlichen Lcheln auf ihn zukam und ihn auf das
hflichste begrte. Es freut mich, Hoheit, Sie hier zu finden, sagte der
Herzog; so kann ich mich hier von Ihnen verabschieden; wir reisen morgen nach
Sizilien; Donna Giulia bedarf der Erholung, wir gehen zu ihrer Schwester fr
einige Zeit.
    Die Herzogin ist hier heute abend? brachte der Prinz mhsam hervor, nicht
fhig, dem Sturm in seinem Innern zu gebieten.
    Um die Lippen des Herzogs spielte ein ironisches Zucken, doch versetzte er
mit vlliger Ruhe: Nein, sie wurde durch heftiges Kopfweh verhindert, zu
kommen, und wird es sehr bedauern, Ihnen, Prinz, nicht Lebewohl gesagt zu haben;
ich hoffe aber, wir finden Sie bei unserer Rckkehr noch hier.
    In dem Augenblick trat der Kardinal auf die beiden zu und nachdem er den
Prinzen begrt hatte, sagte er, zum Herzog gewendet: Aber, lieber Herzog, wo
ist Donna Giulia? Trotz aller Lichter hier scheint es dunkel, wenn die Sterne
ihrer Augen fehlen.
    Giulia hat recht; sie sagt immer, da Eminenz ein Dichter sind, versetzte
der Herzog lchelnd; sie war leidend heute abend und da wir morgen frh reisen,
wollte sie sich ausruhen.
    Es entstand eine Bewegung unter den Gsten, und aller Augen richteten sich
nach der Estrade im Grunde des Saales, von der aus man in den Garten gelangt und
auf der eben eine zarte Erscheinung in weiem Gewand allein hervortrat.
    Ah, sieh da, unsere Improvisatrice! rief der Kardinal; es kann ja kein
Fest mehr in Rom sein, wo das holde Geschpf fehlt. Man trgt sie frmlich auf
den Hnden. Ich sehe es noch kommen, da wir sie auf dem Kapitol werden krnen
mssen wie Corilla Olympica im vorigen Jahrhundert, obgleich sie zu mdchenhaft
zart und schchtern fr ffentliche Ehren ist.
    Ich will ihr heute ein Thema geben, sagte der Herzog; man gibt ihr immer
nur so weichliche Gefhlssachen: heute soll sie mal zeigen, ob sie grere
tragische Themen zu behandeln versteht.
    Raden kam eben, um den Prinzen von seiten der Hausherrin auf den Ehrenplatz
in der vordersten Reihe zu holen; den beiden anderen Herren wurden gleichfalls
dort Ehrenpltze angewiesen. Waldemar konnte nicht umhin, rasch zu Rosa
hinzutreten und sie zu begren. Sie erwiderte den Gru nur mit einer Neigung
des Hauptes.
    Sind Sie krank, liebe Freundin? Sie sind so bleich! sagte er besorgt. Sie
sah in der Tat geisterhaft bleich aus.
    Nein, sagte sie leise, ich bin nicht krank, aber - dabei erhob sie den
gesenkten Blick zu ihm und dieser Blick traf ihn wie ein brennender Schmerz im
Herzen. Doch sie konnte nichts hinzufgen, denn der Herzog trat auf sie zu und
sagte, sich vor ihr verneigend: Sie erlauben mir, Madamigella, Ihnen heute das
Thema zu geben; unsere gtige Wirtin hat mich autorisiert, es zu tun.
    Rosa verneigte sich stumm.
    Ich gebe Ihnen als Thema: die Erinnyen. Diese, die Ihnen nie werden nahen
knnen, werden uns durch die Allmacht Ihrer Phantasie hier erscheinen und alle
schuldbewuten Herzen in Schrecken versetzen.
    Ah, Sie werden es hoffentlich nicht zu grauenvoll machen, holde Muse,
sagte die Frstin Colonna, die eben herzutrat, lchelnd; wenn auch keine
schuldbewuten Herzen hier sind, wie ich hoffe, so mchten die unheimlichen
Gste doch den Scherz und die Freude vertreiben, die nach meinem Wunsch hier
herrschen sollen. Herzog, Herzog, warum wollen Sie uns so erschrecken? Mchten
Sie nicht noch wechseln und ein lieblicheres Thema whlen?
    Nein, ich bestehe darauf, versetzte der Herzog, ich mchte das Talent der
Dichterin gerade in dieser Probe sehen. Sie nehmen mein Thema an, Madamigella?
fragte er Rosa.
    Ja, ich bin bereit, erwiderte diese, und ihre sonst so sanften Augen
hatten einen dunklen Glanz; ich bitte um einen Augenblick Nachdenken.
    Die Frstin lud die Herren ein, zu ihren Sitzen zurckzukehren, und Rosa
stand einige Augenblicke in sich versunken; dann richtete sie sich empor; noch
tieferer Ernst wie gewhnlich lag auf ihrem Angesicht. Sie sieht aus wie der
Erzengel Michael, der kommt, Gericht zu halten, es fehlt ihr nur das Schwert,
flsterte Raden dem Prinzen zu, hinter dessen Stuhl er stand; er hatte die
Aufgabe des Herzogs gehrt. Rosa begann:

                                 Die Erinnyen.

Immer noch schreiten
Zur Nachtzeit
Jene Dunkelen
ber die Erde,
Die ein ehernes Fatum
An die Taten sterblicher Menschen
Mit rchender Vollmacht gebunden.
Aber nicht Schlangenhaar schttelnd,
Furchtbares Grausen erregend,
Wie sie des Muttermrders
Blutige Spur einst verfolgten,
Nahen sie mehr.
Traurig gesenkten Hauptes,
In graue Schleier gehllt,
Gleitet lautlos ihr Fu
ber die nchtige Welt.
Whrend droben im ther
In heiterer Klarheit
Ewige Sterne
Freundlich schimmernd glnzen
Gleich den seligen Gttern
Unbekmmert
Um das trnenvolle
Leid der Erdgebornen.
Auch die Menschen,
Die mden,
Hren die Wandelnden nicht;
Nur im Schlaf scheint es ihnen
Wie ein klagendes Rauschen,
Als wenn der Nachtwind
Durch Pinienzweige hindurchfhrt.
Aber dem Wissenden,
Der in den Nchten
Einsamen Grames
Mit Geistern verkehren gelernt hat,
Ihm ertnen deutlich vernehmbar
Die klagenden Weisen,
Die jene singen;
Mischen sich traurig
Mit Seufzern der Wehmut,
Die aus dem Herzen
Selber ihm dringen:
Wehe, so singen sie,
Weh den Betrten,
Die gtterentfremdet
In dem Vergnglichen
ngstlich sich mhn,
Von der wahrhaftigen
Ewigen Liebe
Tollkhn sich wenden,
Um im Taumel der Sinne,
Oder in weichlichen,
Unklaren Trumen
Schatten zu haschen.
Wehe dem Dasein,
Wo die heimlichen Trnen
Verwundeter Neigung
Ungesehn flieen;
Wo heilige Opfer
Vergeblich sich bringen
Und wo am Kreuze,
Nicht nur auf Golgatha,
Gromt'ge Herzen
Langsam verbluten;
Wo an eherner Kette
Tat und Folge sich halten
Und aus schuldigem Tun
Schuldige Frucht sich erzeugt.
Wehe, wehe der Welt!
Gtter starben
Vergeblich fr sie,
Ohnmchtig, sie zu erlsen;
Tempel, von der Begeistrung erschaffen,
Strzten in Trmmer;
ber zerstrte Ideale
Schritt die Zeit
Achtlos hinweg.
Rettung gibt's nimmer,
Denn der furchtbare Gott,
Der sich hier kund gibt,
Knpft an seine Erscheinung
Ewig die Schuld.
Wir aber, wir mssen es
Traurig vollenden,
Und die Qual, die das Herz nagt,
Ist unser Werk.

Sie sangen's!
Fern und ferner
Verhallte das Lied,
Verschwebten die Schatten.
Doch oben glnzten
Immer noch Sterne
In heiterer Klarheit.
Mir aber rannen
Vom Auge die Trnen
Endlosen Erbarmens,
Wenn auch der, dem ber der Menge
Gttern hnlich zu thronen bestimmt ward
Und statt vergnglichem Kranz
Erhabner Taten Strahlenkrone zu tragen -
Wenn auch der, unterliegend irdischer Schwche,
Euch, den dunkelen rchenden Schwestern
Schuldig verfiel.

Die Gesellschaft war unheimlich berhrt von dem dstern Gesang, und der Beifall,
den man der Dichterin spendete, war mehr ein Tribut fr den Ruhm, den sie sich
bereits erworben, als eine Bewunderung des eben Gehrten, und khler denn sonst.
    Sehr gut, sehr gut, sagte der Herzog und schritt auf Rosa zu, ihr seine
Anerkennung auszusprechen. Diese aber war so geisterhaft bleich geworden, da
Raden erschrocken rief: Mein Gott, das arme Kind wird ohnmchtig werden! und
vorwrtssprang, um sie zu sttzen. Auch die Frstin Colonna war aufgesprungen
und eilte auf die Estrade, aber allen zuvor erschien Waldemar neben Rosa und
indem er zu den brigen sagte: Ich bin berzeugt, sie mu in die frische Luft
hinaus, da wird sie sich erholen! wendete er sich zu der Colonna und fgte
hinzu: Sie erlauben, Frstin. Er bot Rosa den Arm, den diese annahm, und
fhrte sie ber die Brcke in den gegenberliegenden, von bunten Lampen magisch
erleuchteten Garten.
    Sie fhlen sich besser in der frischen Nachtluft, Rosa, nicht wahr? sagte
er. Ich mu Sie sprechen, fuhr er fort, Sie haben nichts dagegen, da wir uns
in einen der dunkleren Gnge des Gartens begeben, wo wir ungestrt reden
knnen?
    Nein, auch ich wnschte Sie zu sprechen, sagte sie leise und ihr Arm bebte
auf dem seinigen.
    In einem wenig erleuchteten Laubgang hinter einem Lorbeergebsch fand sich
eine Steinbank, die, ganz im Dunkel, die darauf Sitzenden den Blicken der
Vorbergehenden entzog. Dicht daneben rauschte ein Brunnen in ein marmornes
Becken, dessen Rand von Veilchen eingefat war, die einen bezaubernden Duft in
die Nacht hinaussandten.
    Hier lassen Sie uns niedersitzen, Rosa, sagte der Prinz; doch Sie sind
leicht gekleidet und drinnen war es warm, wird Ihnen die Khle nicht schaden?
    Nein, nein, sie tut mir gut, erwiderte sie, obgleich ein leichter Schauder
durch den dnnen Stoff des Kleides ihre Gestalt berflog; sie lie sich auf der
Steinbank nieder und Waldemar setzte sich neben sie und langsam, mit einer
Stimme, in der eine leidenschaftliche Erregung zitterte, sagte er:
    Rosa, Sie sind mir wert; Sie mssen es wissen, ich achte Sie hoch und an
Ihrer Meinung ist mir gelegen. Ich mte lgen, wenn ich leugnen wollte, da ich
in Ihren letzten Improvisationen eine Anspielung auf mich fhlte, freilich nur
mir verstndlich, aber mir auch deutlich genug. Diesen Abend waren Sie sogar
drohend, Sie weissagten Reue und sahen mich dem Arm der Rachegttinnen
verfallen. Wie kommen Sie zu diesen Befrchtungen? Was meinen Sie damit? Ich
verlange Offenheit, wenn ich mich nicht gekrnkt fhlen soll.
    Statt der Antwort legte Rosa etwas in seine Hand, das er nicht gleich
unterschied, aber bei dem schwachen Schimmer, der von den Lampen durch das
Gebsch drang, erkannte er, da es ein verwelkter Veilchenstrau war. Erstaunt
betrachtete er diesen einen Moment lang, ohne zu wissen, was das bedeute; dann
aber blitzte es in seinem Geist auf und betroffen sagte er: Gott, wr's
mglich? Jene Beterin in der Morgenfrhe in San Giovanni e Paolo - Rosa, Sie?
Er konnte nicht vollenden.
    War ich, sagte sie leise.
    Und Sie erkannten mich? fragte er angstvoll.
    Sie und die - die Sie dort trafen, fuhr sie leise fort; ich wei alles,
wei, da Sie am Rande eines Abgrundes stehen, da Sie zum Verrter an Ihren
Idealen werden wollen, da Sie, anstatt Ihrem Volke vorzuleuchten als ein
Beispiel hoher mnnlicher Tugend, ihm den Weg zeigen zum freien Spiel der
Willkr und der Leidenschaft, die, ber alles Gesetz und jede Schranke
hinwegschreitend, nur tut, was ihr gefllt.
    Rosa, fuhr er auf, Mdchen, wie knnen Sie so sprechen? Was wissen Sie
von der Welt, was von der Macht der Gefhle, die ebenso heilig sind, ja
vielleicht heiliger als die geschriebenen Gesetze einer verderbten
Gesellschaft!
    So dachten Sie frher nicht, fiel sie ihm ins Wort und obwohl sie leiser
sprach, wurde ihre Stimme immer fester; hier ist nicht die Rede von eitler,
konventioneller Regel, nach der gewhnliche Menschen handeln; hier ist die Rede
von einem Ideal, dem ein hoher, ein auserwhlter Mensch nachstrebt, und das war
fr Sie: makellos, vorwurfsfrei auf einen Thron zu steigen und der Menschheit
ein Vorbild reinster Gre zu sein, ein Held, nicht auf blutigen
Schlachtfeldern, sondern im Kampf mit den Dmonen, die in der eigenen Brust den
Halbgott zu zerstren trachten, der zu sein Sie berufen waren. Sie muten
siegen! Sie retteten sich und auch - jene andere!
    Rosa, spricht nicht aus Ihnen Eifersucht? sagte er gereizt.
    Rosa zuckte zusammen und schwieg eine Minute lang, dann aber sagte sie voll
Wrde: Wre das so, dann htten Sie ein Recht, mich zu verachten; aber weil dem
nicht so ist, darf ich sagen, was ich jetzt bekennen werde. Ja, vom ersten
Augenblick an, wo ich Sie sah, hat Ihnen mein Herz einen heiligen Kultus
gewidmet; ich sah mein Ideal in Ihnen verkrpert, und erst als der Schmerz der
Entsagung mir mit der Erkenntnis der Wirklichkeit klar wurde, verstand ich, da
das, was mein Herz fhlte, die Liebe sei.
    Rosa, rief der Prinz erschttert und wollte sie umfassen.
    Sie wehrte ihm sanft und fuhr fort: Nein, nicht so! Wir sehen uns heute zum
letztenmal. Nach dem, was ich gesagt habe, darf ich Sie nicht wieder sehen. Aber
um so mehr darf ich als Schutzgeist Sie umschweben, darf ich in Ihrem Leben
sein, was Sie himmelan fhrt und vor den Erinnyen bewahrt. Lassen Sie mir das
Glck, lassen Sie mich glauben, da, wenn einst tausende segnend zu Ihnen als
dem Vorbild aller Tugenden aufsehen, ein Teil dieses Segens auch im stillen auf
mein Haupt zurckfllt. Sie schwieg, von innerer Bewegung berwltigt.
    Waldemar aber rief: Ach, Rosa, Sie zerreien mir das Herz! Ich fhle es,
ich wei es: Sie haben recht: ich htte widerstehen, htte dem Zauber, der meine
Sinne gefangennahm, Einhalt tun mssen, ich war es meinen Idealen, ich war es
den tausenden schuldig, die dereinst von mir ein Beispiel fordern, aber - jetzt
bin ich den Erinnyen verfallen, ich kann nicht mehr zurck - in einer Stunde mu
ich fort mit ihr, die mir alles opfert - sie jetzt verlassen, hiee auch einen
Treubruch begehen, hiee ein Herz brechen, das sich mir ergeben, es zurckstoen
in entwrdigende Verhltnisse, es vielleicht einer grausamen Rache preisgeben -
hiee mein Wort brechen. Meine Ehre fordert, da ich es halte ...
    Nein, nein, das ist ein falscher Begriff, fiel ihm Rosa ins Wort; ich bin
jung und kenne die Welt noch wenig, aber mein Herz sagt es mir: es ist ein Wahn,
die grere Schuld auf sich nehmen, um eine kleinere von sich abzuwenden. O,
lassen Sie mich in diesem letzten heiligen Augenblick die eitle Konvenienz der
Welt von mir werfen: Waldemar ... hren Sie das Wort eines Wesens, das der
Schmerz zur Seherin gemacht hat, der pltzlich alles klar ist: Nein, Sie retten
auch jene Frau, wenn Sie ihr entsagen. Sie ist eine Verlorene in der Welt, der
sie angehrt, wenn sie mit Ihnen flieht und vielleicht wird dann die Rache eines
beleidigten Gatten sie ereilen. Kann sie um Ihretwillen, um Sie Ihrer hohen
Bestimmung zu erhalten, ihrer egoistischen Liebe nicht entsagen, dann ist sie
Ihrer nicht wert und Sie drfen sie ohne Vorwurf verlassen. Ist sie aber ein
echtes, groes Frauenherz, so wird sie auch in der letzten Stunde umkehren,
sobald sie einsieht, um was es sich handelt, und Sie freigeben. Sie behlt die
Achtung der Welt, die Achtung ihres Gatten und vor allem die Achtung vor sich
selbst. Ist das nichts? Es ist viel.
    Fr ein Herz, das glhend liebt? sagte Waldemar zweifelnd.
    Ein Herz, das so liebt, ist zu egoistisch, um zu verbluten, sagte Rosa
schmerzlich. Jetzt gehen Sie, noch ist es Zeit, noch knnen Sie alles wenden.
Wollen Sie es, Waldemar? setzte sie mit tiefer Innigkeit hinzu. Whlen Sie, o
whlen Sie und - bleiben Sie Sieger.
    Rosa, wenn es noch mglich wre - Sie sprechen wie mein besseres Selbst, -
wie mein Schutzgeist. Teure, liebe Rosa, wre ich nur Ihnen allein hier
begegnet.
    Die Zeit drngt, fiel sie ihm ins Wort. Waldemar, es ist die Stunde am
lberg, die fr jeden kommt; entscheiden Sie.
    Sie siegen, Rosa - ich will's versuchen, ob ich - sie bewegen kann, zu
entsagen - sie wird mich der Schwche zeihen - mich verachten.
    Besser das, als wenn Sie sich selbst verachten mten, erwiderte Rosa;
und ist sie edel, so wird sie sich selbst besiegen und es verstehen. Aber Heil
Ihnen, Prinz, da Sie so entschieden; nun darf ich mein Ideal in Ihnen lieben
fr ewig, und nun - leben Sie wohl! .... setzte sie mit brechender Stimme
hinzu.
    Rosa, teures Wesen, ich sehe Sie wieder, rief Waldemar und ergriff ihre
Hand.
    Nein, nein, hauchte sie kaum hrbar und entzog ihm sanft die Hand; morgen
bin ich fern von hier, eilen Sie.
    Waldemar wollte schmerzergriffen noch einmal sich ihr nhern; sie wehrte ihm
mit der Hand, ohne reden zu knnen, und er verlie sie und den Palast, ohne von
jemandem bemerkt zu werden.
    Als sie allein war, sank Rosa nieder auf die Bank und griff mit der Hand
nach dem Herzen, das in heftigen Zuckungen schmerzvoll erbebte. Wie gro die
Anstrengung gewesen war, ihre Kraft zusammenzuhalten whrend der vorhergehenden
Augenblicke, jetzt war diese zu Ende. Ein vernichtender Schmerz berflutete ihre
Seele, denn so hoch es sie beglckte, da er den Willen hatte, das Verhngnis
abzuwenden, so beschlich sie doch der grausame Zweifel, ob er die Kraft haben
wrde, zu widerstehen, wenn die Herzogin, wie sie vermutete, nicht ablassen
wrde von ihrem Sinn. Sie achtete der feuchten Nachtluft nicht, die durch die
leichte Kleidung erkltend auf sie eindrang, sie hatte den Ort vergessen, wo sie
sich befand, und die Zeit, die verstrich; die Dunkelheit und die Einsamkeit, die
sie umfingen, waren ihr willkommen; in ihrem Leben war es auch dunkel geworden
und eine ewige Nacht schien sich ber die Welt gebreitet zu haben. Pltzlich
fuhr sie empor, denn es schlugen Stimmen an ihr Ohr und dicht vor ihr, nur durch
das Lorbeergebsch getrennt, hielten zwei Personen, wie sie nach den Stimmen
vermuten mute, still. Sie vernahm Waldemars Namen und das machte sie
aufhorchen, und bald war der Inhalt des Gesprches, das zwar halblaut gefhrt
wurde, ihr aber ganz vernehmlich war, derart, da sie den Atem anhielt und keine
Bewegung machte, um ihre Gegenwart nicht zu verraten.
    Ist's mglich, so weit war es gekommen, sie wollte mit ihm fliehen? sagte
die eine Stimme, in der Rosa die des Kardinals erkannte; aber sind Sie auch
recht berichtet, Herzog? Und wie erfuhren Sie es?
    Ich hatte lngst die wachsende Leidenschaft Giulias fr den jungen Prinzen
bemerkt, die ja auch Ihnen, Eminentissimo, nicht ganz entgangen war, wie Sie mir
mitteilten, versetzte der Herzog; natrlich beobachtete ich in der Stille,
fhrte sie nach Perugia, weil ich dachte, die Entfernung werde helfen; aber sie
verlie Perugia vor mir, wohl in der Hoffnung, hier mit dem Prinzen allein zu
sein. Ich folgte ihr auf dem Fu und fand abends bei meiner Ankunft, da der
junge Mann bei ihr war und lange blieb. Nachher ging ich zu ihr und an ihrer
Aufregung, der Entrstung, mit der sie mich behandelte und mich verlie, sah
ich, da ich zu energischen Mitteln greifen msse, um das uerste zu verhten.
Ich wute, da sie vlliges Vertrauen in ihr Kammermdchen setzte, da diese
aber ein leichtfertiges Kind sei und bestechlich, auch da sie einen Liebhaber
habe und gern heiraten mchte. Nun, die gewann ich, obwohl sie erst nichts davon
wissen wollte, ihrer Herrin untreu zu werden. Als ich ihr aber eine reichliche
Aussteuer und ihrem Geliebten eine gute Anstellung auf meinen Gtern verhie,
ging sie zu mir ber und berichtete mir treulich, was vorging. So erfuhr ich,
da Briefe gewechselt wurden, und endlich, da eine Zusammenkunft stattfand am
frhen Morgen in einer einsamen Kirche, wo die Mglichkeit einer gemeinsamen
Flucht verabredet wurde; jetzt durfte ich nicht lnger zgern; ich bereitete
alles zur Reise nach Sizilien vor und ging, ihr dies in schonender Weise, ihre
Gesundheit als Vorwand nehmend, anzukndigen. Sie protestierte anfangs, schien
aber dann einzuwilligen. Doch erhielt ich Nachricht durch die Zofe, da ein
Brief eilig an den Prinzen abgeschickt sei und da der Fluchtplan diese Nacht
zur Ausfhrung kommen solle. Natrlich habe ich rasch meine Maregeln getroffen.
Wenn die Herzogin zur bestimmten Stunde den Palast verlassen will, hoffend, dies
unbemerkt durch eine Hintertr aus ihren Gemchern und eine Seitentreppe, die in
die enge Gasse neben dem Palast fhrt, tun zu knnen, so findet sie jeden
Ausgang verschlossen und zwar so, da keine Mglichkeit ist, zu ffnen. Hilfe
herbeizurufen, wird sie kaum wagen, da dies die Sache ffentlich machen wrde;
doch sollte sie es versuchen, so ist auch dafr gesorgt. Morgen in der Frh
komme ich, sie in den Wagen zu fhren, der uns fortbringt nach Neapel und von da
geht's aufs Schiff. Ich wei, welche Ausbrche der Leidenschaft, ja des Hasses
mich erwarten; ich mu das ber mich ergehen lassen; aber ich kenne Giulia; sie
ist eine heftige, leidenschaftliche, aber auch eine stolze Natur und wenn sie
erst unter dem Einflu der Schwester und der Freunde eine Zeitlang lebt, wird
sie es mir danken, ihren Ruf vor der Welt gewahrt zu haben, und da sie als
Herzogin von Santomara wieder ein erster Stern der Gesellschaft sein kann,
anstatt als Mtresse eines jungen Prinzen, bald von diesem verlassen und von der
Welt ausgestoen zu sein.
    Schn, schn, sagte der Kardinal, das ist schon alles gut eingerichtet,
aber was machen Sie mit dem Prinzen?
    Nun, eine kleine Lektion kann dem jungen Herrn nichts schaden, erwiderte
der Herzog mit einem kurzen, spttischen Auflachen; wenn er mit dem Wagen
kommt, wie ihm befohlen ist, so findet er niemanden und kann eine kleine
Nachtwache im Wagen halten; sollte er aber irgendeinen gewaltsamen Versuch
machen, so sind ein paar handfeste Leute in der Nhe, die, ohne zu wissen, wer
er ist, ihm ein kleines Gedenkzeichen geben werden, natrlich leicht heilbar, so
da das Muttershnchen in Frieden zu seinem deutschen Hof zurckkehren kann, mit
dem Vorsatz, knftig unsere schnen Frauen in Ruhe zu lassen.
    Hm! Das Ganze kann dann als ein nchtliches Straenabenteuer angesehen
werden, fr das niemand verantwortlich ist, sagte der Kardinal.
    Natrlich, und die deutschen Herren werden die ersten sein, die sich
bemhen werden, nichts davon verlauten zu lassen. Aber ich habe Eminenz jetzt
schon zu lange hier drauen aufgehalten; ich suchte nur den einsamen Ort, um
unbelauscht sprechen zu knnen. Ich eile jetzt nach Hause, alles zu berwachen
und bitte nur, da Sie, als mein altbewhrter Freund, in der Gesellschaft die
Notwendigkeit unserer pltzlichen Reise um Giulias Gesundheit willen vertreten,
damit keine andere Vermutung aufkommen knne.
    Als die beiden sich entfernt hatten, sprang Rosa auf. Eine tdliche Angst
vor der ihm drohenden Gefahr verdrngte jeden Gedanken an sich selbst und sie
fhlte nur eines: sie mute hin, ihn warnen, retten oder sein Schicksal teilen.
Sie achtete des Schauders nicht, der ihren zarten Krper durchrieselte und eilte
geflgelten Schrittes durch den Garten in den Palast zurck. Auf der Brcke, die
in diesen fhrt, stie sie auf Raden.
    Ah, gut, da ich Sie finde, Signorina! rief Raden. Wissen Sie, wo der
Prinz ist? Ich sah Sie vorhin mit ihm in den Garten gehen; nun such ich ihn und
kann ihn nicht finden!
    Fort ist er! Eilen Sie nach Haus; wenn er noch dort ist, lassen Sie ihn
nicht weg oder bleiben Sie bei ihm, ihm droht Gefahr, flsterte Rosa und wollte
vorbereilen.
    Um Gottes willen, was sagen Sie? Was ist geschehen? fragte Raden
erschreckt und ergriff ihre Hand, sie aufzuhalten. Wo ist er hin? Wo eilen Sie
hin?
    Ach, rasch, rasch, auch ich eile ihm nach, ihn zu warnen, und lief fort.
    Was bedeutet das? sagte Raden zu sich selbst und sah ihr einen Augenblick
betroffen nach.
    Hat die Liebe diesem Kind den Kopf verdreht oder droht wirklich dem Prinzen
ein Unheil? Aber wie? Woher? Wie wei sie es? Jedenfalls will ich ihr folgen und
nach Hause eilen. Der Professor ist schon zurck, um zu sehen, ob Nachrichten
aus der Heimat da sind. Das wollt' ich Waldemar gerade sagen.
    Rosa eilte indes raschen Schrittes durch die Sle dem Ausgang zu, ohne nur
an ihre Begleiterin zu denken, die sich am Bfett bei Sigkeiten und Gefrorenem
gtlich tat. Mehrere der jungen Kavaliere, die Rosa immer huldigend
umschwrmten, wollten sich ihr nahen, ihr Erfrischungen anzubieten oder
Schmeicheleien zu sagen; sie flog aber an ihnen vorber, ohne auf sie zu achten
und verschwand im Vorzimmer. Mit spttischem Lcheln sagte einer von ihnen, als
mehrere ihre Verwunderung ber dies Benehmen uerten: Nun, die kleine Diva
wird wohl eine aufregende Szene mit ihrem Anbeter, dem deutschen Prinzen, gehabt
haben; ich sah sie vorhin an seinem Arm in den Zaubergrten der Armida drauen
verschwinden. Wer wei, was sich da begeben hat? Die Bemerkung erregte
allgemeine Heiterkeit; und froh, eine Bresche in der keuschen Zurckhaltung der
jungen Dichterin zu ahnen, verlor sich die Gruppe der jungen Kavaliere wieder
unter der brigen Gesellschaft.
    Rosa indessen ergriff aufs Geratewohl einen dunklen Mantel aus den im
Vorsaal befindlichen Kleidungsstcken der Gste, warf ihn um und eilte hinaus in
die Nacht durch die schlecht erleuchteten Straen, ohne zu bedenken, was fr
Widerwrtigkeiten ihr begegnen knnten, ohne der feuchten Klte zu achten, die
ihren Krper bereits ergriffen hatte. Nur ein Gedanke beherrschte sie: den
Prinzen zu finden, ihm zu sagen, wie sein Vorhaben scheitern msse an den
Veranstaltungen des Herzogs und ihn zu retten vor einem Angriff, der leicht
gefhrlich werden konnte, selbst wenn dies nicht die Absicht des Herzogs war.
Sie schritt, so rasch sie konnte, dem Palast des letzteren zu, denn dort mute
sie den Prinzen jedenfalls finden, da es ganz nahe an Mitternacht war und er
vorher einen Versuch hatte machen wollen, die Herzogin zu sprechen, um sie zu
bewegen, vom uersten Schritt zurckzutreten. Atemlos und mit heftig pochendem
Herzen nach dem raschen Lauf kam sie bei dem Palast an, der anscheinend in
tiefer Stille und nchtlicher Ruhe dalag. Kein menschliches Wesen war bei diesem
zu sehen. Rosa betrat die enge Nebengasse, in der absolute Finsternis herrschte.
Auch hier war alles tiefe Stille, aber dessenungeachtet und trotz der
Finsternis, die sie umgab, war es Rosa, als spre sie die Nhe eines
menschlichen Wesens und es berkam sie ein schauderndes Gefhl der Furcht. Fast
wre sie zurckgeeilt, um dem unheimlichen Ort zu entfliehen, aber der Gedanke
an Waldemar lie sie beharren.
    Sie machte noch einige Schritte vorwrts und pltzlich stie sie an etwas,
das an der Mauer des Palastes lehnte und offenbar eine menschliche Gestalt war.
Es entfuhr ihr ein kleiner Ruf des Schreckens und in diesem Augenblick fragte
eine gedmpfte Stimme: Wer ist da?
    Trotz der verstellten Stimme durchzuckte es Rosa freudig und sie sagte ganz
leise: Waldemar?
    Giulia - du bist es? flsterte der Prinz. Ich suchte zu dir zu gelangen,
ich mute dich sprechen - wollte dir noch einmal alles vorstellen, was du wagst,
was du aufs Spiel setzest - noch wre es Zeit gewesen - noch knntest du ruhig
bleiben, ohne da jemand deinen Vorsatz geahnt htte ...
    Rosas Herz strmte von berflieender Wonne, dies zu hren; denn es zeigte
ihr, da er seinem Worte hatte treu bleiben wollen und sie hielt an sich, ohne
ihn zu unterbrechen. Er fuhr fort: Die Diener wiesen mich ab mit der Weisung,
du habest dich bereits niedergelegt und streng befohlen, niemanden vorzulassen.
Ich forschte nach Marietta unter dem Vorwand, nach deinem Befinden fragen zu
wollen; man sagte mir, sie sei in deinem Zimmer und man drfe sie nicht rufen,
um dich nicht zu stren. Ich konnte nicht mehr fordern, um keinen Verdacht zu
erwecken; was blieb mir brig, als hier zu warten, denn die Stunde ist da, wo
mein Diener kommen und mir das Zeichen geben mu, da der Wagen in der nchsten
Strae uns erwartet. Aber noch ist es Zeit, o Giulia, einem getrumten
berschwenglichen Glck zu entsagen um der kalten, aber der hheren Pflicht
willen. Du bleibst die anbetungswrdigste der Frauen, der hchsten Ehren wert;
ich frevle nicht an meiner Bestimmung; uns bleibt fr alle Zeit die Erinnerung
an ein seliges, zu kurzes, aber vorwurfsloses Leben und darin der Lohn fr das
bittere Entsagen. Sprich, Giulia - entscheide - was in diesem Augenblick in mir
vorgeht, du kannst es nicht ahnen - in deinen Hnden ruht mein Geschick.
    Alles dies war in Hast, flsternd hervorgestoen, mit einer Stimme, an deren
Beben man die namenlose Erregung des Redenden erriet und hatte nur wenige
Sekunden gedauert. Nun mute auch Rosa ihr Schweigen eilig brechen, denn die
Zeit drngte und ihre Angst erwachte mit doppelter Gewalt. Sie unterbrach ihn
und flsterte ebenfalls: Nicht Giulia, Rosa ist es, die hier steht, die in
diesem Augenblick im hchsten Leid das hchste Glck geniet, denn Sie wollen
siegen. Doch jetzt schleunigst fort; ich eilte her, um Sie zu retten. Ihrem
edlen Willen kommt alles zu Hilfe. Und nun erzhlte sie mit fliegendem Atem,
was sie gehrt, wie die Herzogin verhindert wurde, zu kommen, wie ihm
Enttuschung in vergeblichem Warten, Gefahr bei irgendeinem khnen Versuch
drohe; sie beschwor ihn, schleunigst zurckzukehren, damit kein Beauftragter des
Herzogs ihn hier finde. Waldemar war auer sich, sein Stolz emprte sich
dagegen, Giulia hilflos zu lassen und so von dem Herzog berlistet zu sein und
doch sah er ein, da alles, was er wagen knne, die Sache nur ffentlich machen
und die Herzogin blostellen wrde. Der Gedanke, wie sie ihn beurteilen und da
sie ihn fr treulos und verachtungswert halten wrde, wenn sie glauben mte, er
habe ihr aus Feigheit nicht Wort gehalten, blitzte ebenfalls durch seinen Sinn.
Aber kam nicht wirklich das Schicksal hier mit der rechten Entscheidung ihm zu
Hilfe und wrde nicht selbst ein so bitteres Verkennen dem Stolz der Herzogin
helfen, die gekrnkte Leidenschaft zu berwinden? Denn was er immer instinktiv
gefhlt hatte, jetzt wurde es ihm klar: Giulia liebte ihn mit der rasch
auflodernden sinnlichen Glut des Sdens und solche Glut kann erlschen vor dem
Stolz, vor dem beleidigten Selbstgefhl; aber die wahre, die selbstlose, die
reine Liebe, sie stand jetzt neben ihm in Gestalt des jungen Mdchens, das in
vlligster Entsagung um seinetwillen alles wagte. Und wie sich diese Gedanken in
ihm jagten, rief er mit berquellendem Gefhl: Rosa, Rosa, mein teurer
Schutzgeist, mu ich dir wieder folgen? Und mit Ungestm umschlang er sie und
drckte sie an sein Herz. Sie lie es diesmal geschehen und einen Augenblick
ruhten seine Lippen fest auf den ihrigen in einem langen, innigen Ku; jetzt
durfte sie diese letzte heilige Wonne von ihm, dem Sieger, empfangen als ein
Pfand fr die Ewigkeit, die in dem Augenblick wie eine Lichtvision durch ihre
Seele leuchtete.
    Da erscholl ein kurzer Pfiff und Waldemar fuhr empor. Das ist mein Diener,
sagte er, der mit dem Wagen da ist; komm, teure Rosa, ich kann dich hier nicht
allein lassen, ich will dich geleiten; Gott sei mit der armen Giulia!
    Aber eilige Schritte nahten sich und Rosa flsterte: Nein, ich geh allein,
nicht unter Menschen ...
    Friedrich, bist du es? fragte Waldemar leise.
    Der Wagen ist bereit, Hoheit, sagte der Diener; aber ich glaube, da der
Herr Baron gleich hier sein wird. Die Herren sind in grter Aufregung; der Herr
Professor hat den fr ihn zurckgelassenen Brief bereits gefunden und ich hrte
den Herrn Baron sagen: ich eile zu dem Palast Santomara; hoffentlich ist es noch
Zeit; der Prinz mu es wissen, da der Brief da ist, der ihn auf der Stelle
zurckruft an das Sterbebett der Mutter ...
    O Gott, das auch noch! rief Waldemar schmerzvoll. Ja, Rosa, doppelt und
dreifach bist du mein Schutzgeist, da du mich zurckhieltest, sonst htte ich
jetzt auch meine Sohnespflicht versumt.
    In dem Augenblick ertnten Schritte und Stimmen von der Seite der Strae
her, wo der Wagen wartete.
    Das sind die Herren! sagte der Diener.
    Leb wohl, Rosa, leb wohl! Du wirst von mir hren; ich eile zu den
Gefhrten, damit hier im Palast nichts gehrt werde. Glck und Segen ber dich!
    Mit diesen Worten eilte der Prinz seinen Begleitern entgegen und der Diener
folgte, indem er zu sich selbst sagte: Er fngt gut an, mein junger Herr! Mit
der einen wollte er fliehen, mit der anderen steht er hier in dunkler Nacht
zusammen! Na, da hat der Herr Professor auch vergeb'ne Mh' gehabt! 's ist ja
auch dummes Zeug! Warum sollte sich so ein Jngster nicht vergngen? Er hat ja
Geld genug dazu!
    Rosa hrte die Tritte und Stimmen sich entfernen und darauf das Rollen eines
Wagens und dann war wieder die tiefe Stille in der Finsternis wie vorher. Zu
Tode erschpft, wollte nun auch sie gehen und ihre Wohnung zu gewinnen suchen.
Sie machte einige Schritte vorwrts, da fhlte sie sich pltzlich von einer
starken Hand ergriffen und eine rauhe Stimme sagte: Aha, da ist auch eine von
der Bande, die im Dunkeln schleicht! Da, nimm das zum Andenken und versuchs
nicht wieder, hier Bses auszufhren.
    In dem Augenblick drang eine kalte, schneidige Spitze in ihren Arm; ein
furchtbarer Schmerz durchzuckte sie; mit einem kurzen Aufschrei sank sie zu
Boden und die Sinne entschwanden ihr.

Der Morgen graute noch kaum, ein fahles Dmmerlicht verbreitete sich in den
Straen Roms, aber in den engen Gassen war es noch ganz finster. Da kam der
junge Beppo, der Bruder Vittorias, als das erste lebende Wesen des Weges und
umschlich den Palast. Die Marietta hatte ihm gesagt, sie wrde in der ersten
Morgenfrhe mit ihrer Gebieterin und dem Herzog Rom fr einige Wochen verlassen
und er solle noch bei nchtlicher Weile herbeikommen, damit sie unbemerkt
herausspringen und Abschied von ihm nehmen knne. Er betrat die dunkle
Seitengasse, denn da war die Tr, an der Marietta zu erscheinen pflegte, um ihm
am Fue der Hintertreppe, die zu den Rumen der Dienerschaft fhrte, ihre kurzen
Stelldichein zu geben. Kaum hatte er einige Schritte gemacht, so stie sein Fu
an etwas auf dem Boden. Er bckte sich, es aufzuheben, fhlte mit Entsetzen, da
es ein menschlicher Krper war und wollte im ersten Augenblick entfliehen, um
nicht etwa in eine schlimme Angelegenheit verwickelt zu werden. Aber er warf
sich das alsbald als Unrecht vor - denn konnte hier nicht blo ein Unfall
gewesen und noch Hilfe mglich sein? Oder war es nicht auch Pflicht, ein
Verbrechen, wenn ein solches vorlag, aufzudecken?
    Er tastete an dem vor ihm liegenden Krper umher und es schien ihm, als
seien es Frauenkleider, die er fasse; er griff nach der Seite des Herzens und
fhlte dessen leises Schlagen. Nun besann er sich nicht lange; mit krftigen
Armen hob er den Krper empor und trug ihn nach vorn, wo inzwischen die Helle
soweit vorgerckt war, da er erkennen konnte, er halte ein Weib in den Armen.
Vorsichtig legte er sie hier nieder und bemerkte an dunklen Flecken auf einem
weien Gewand, da Blut vergossen worden sei. War es nun durch die Bewegung oder
durch die frischere Luft in der offenen Strae angeregt: die anscheinend Leblose
stie einen tiefen Seufzer aus und machte eine Bewegung mit der Hand, und jetzt
lie die zunehmende Helle den Burschen auch die Gesichtszge der vor ihm
Liegenden, neben der er niedergekniet war, unterscheiden.
    Jesus Maria, irre ich nicht - das ist ja die Signorina meiner Schwester,
sagte er beinahe laut; ist's mglich? - Was kann ihr widerfahren sein - wie
schrecklich - was wird Vittoria sagen! - Aber sie lebt noch, es mu rasch Hilfe
geschafft werden - unser Haus ist ja nahe - ich trage sie zu der Schwester, die
wird Rat schaffen.
    Alle diese Gedanken gingen mit Blitzesschnelle durch Beppos Kopf, und sein
gutes Herz verga des Abschieds von Marietta, um der Hilfsbedrftigen
beizustehen. Er hob sie abermals in seinen Armen auf und da er jung und krftig
war, konnte er mit seiner Brde durch die zum Glck noch vllig menschenleeren
Straen ungestrt vorwrts schreiten bis zu dem am uersten Ende einer der
rmeren Gassen gelegenen Huschen, in dem er mit der Schwester wohnte.
    Vittoria war noch im Bett, als der Bruder die Tr ihrer Kammer ffnete, mit
seiner Last auf den Armen eintrat und sie beim Namen rief. Vittoria fuhr empor
und starrte noch schlaftrunken auf die Erscheinung, die sie sich nicht gleich zu
deuten wute.
    Beppo, um aller Heiligen willen, was bringst du da? rief sie dann
entsetzt, als sie das blutbefleckte Kleid sah.
    Schnell, Schwester, steh auf, gib Raum auf deinem Bett fr diese
Verwundete, deine Signorina, sagte Beppo.
    Meine Signorina? O heilige Mutter Gottes, ist's mglich? schrie Vittoria
und sprang aus dem Bett, auf das jetzt Beppo seine Brde legte. Sie ist's,
ewige Barmherzigkeit, sie ist's! rief sie, als sie sich ber das Angesicht der
vor ihr Liegenden gebeugt hatte. O, Beppo, was ist geschehen? Wo hast du sie
gefunden?
    Ach, nachher erzhl ich dir alles; jetzt schaff nur Hilfe; sie lebt noch -
rasch - rasch, du weit ja, was man tun mu, sagte Beppo.
    Ja, du hast recht, rief Vittoria, warf sich schnell ein Tuch um und fing
an, Rosas Kleider zu lsen. Sieh, hier ist eine Wunde am Arm, daher das viele
Blut. O welche Missetat - meine holde Signorina! rief sie schmerzvoll; aber
entschlossen und verstndig, wie sie war, verlor sie keinen Augenblick mit
unntzen Klagen. Sie hie den Bruder in der frhen Stunde alles im kleinen
Haushalt bereiten und machte sich daran, die Wunde an Rosas Arm, die mit
geronnenem Blut bedeckt war, zu waschen und zu verbinden, Rosa in warme Decken
zu hllen und auf ihrem Lager sorglich zu betten. Nach einiger Zeit fing die
rckkehrende Wrme an, das todhnliche Gesicht etwas zu beleben; Rosa schlug die
Augen auf, sah matt umher, schlo sie aber gleich wieder und gab kein Zeichen
des Bewutseins.
    Der Tag war inzwischen vollends angebrochen; Vittoria schickte den Bruder,
die Signora Amadei zu benachrichtigen, andere Kleider fr Rosa herbeizuschaffen
und einen Arzt zu rufen. Sie blieb bei der Verwundeten und endlich gelang es
ihren Bemhungen, diese vollends erwachen und zum Bewutsein zurckkehren zu
sehen. Doch nur nach und nach besann sich Rosa auf das Erlebte und fand sich mit
ihren Gedanken in ihrer Umgebung zurecht. Ein matter Strahl von Freude flog ber
ihr Antlitz, als sie sich in Vittorias Hnden fand und bald genug stellte es
sich heraus, da sie dort vorerst werde bleiben mssen; denn als der Arzt
erschien, erklrte er sie fr sehr krank; das heftigste Fieber stellte sich ein,
und sie zu transportieren wre Gefahr fr sie geworden. Zudem erschien die
Signora Amadei in voller Entrstung ber die Streiche Rosas, wie sie es
nannte, in der Nacht fortzurennen, ohne sie zu benachrichtigen und wer wei was
zu beginnen, einem fremden Prinzen nachzulaufen. Sie habe es immer gesagt, da
diese Vertraulichkeit schlimm enden werde; nun sei Rosas Ruf auf immer verloren
und sie msse sich schmen, ihre Beschtzerin gewesen zu sein. Aber sie werde es
auch laut erklren, da sie sich von der leichtsinnigen Person lossage; schon
fange man an, darber zu reden, da Rosa die Geliebte des Prinzen gewesen und in
der Nacht zu ihm gelaufen sei, weil der Prinz eilig Rom habe verlassen mssen,
um in seine Heimat zurckzukehren. Alles dies schrie sie hervor in hlichstem
Zorn, vor Rosas Bett stehend, die in furchtbarer Qual die Augen schlo und ihrem
Eifer nicht wehren konnte, bis Vittoria, die aus dem Zimmer gewesen war, eintrat
und die Wtende ohne weiteres zum Zimmer hinausschob, indem sie in gerechter
Entrstung ihr Betragen tadelte. Die Amadei hhnte sie, da eine Popolana es
wage, ihr Verweise zu geben und eilte weg. Der Eindruck, den dieser Vorgang und
die Gewiheit trauriger Verleumdung auf Rosa gemacht hatten, zeigte sich bald in
erhhtem Fieber, das in Delirium ausartete und sie wochenlang zwischen Leben und
Tod erhielt. Vittorias aufopfernde Liebe wachte ber ihr mit mtterlicher
Sorgfalt; sie hatte ihr kleines Heim fr Rosa eingerichtet, so gut es gehen
wollte, sie schlief neben ihr auf der Erde, um sie auch in der Nacht keinen
Augenblick zu verlassen.

Beppo mute den Laden und das Geschft besorgen. Die Amadei war fort mit dem
grten Teil der Einnahmen, die Rosa gehrten. In Rom sprach man einige Tage
lang von nichts anderem als von der pltzlichen Abreise des Prinzen und dem
rtselhaften Verschwinden der Improvisatrice, das man damit in Verbindung
brachte. Einige behaupteten, er habe sie mitgenommen, andere sagten, sie habe
sich gettet aus Schmerz ber sein Fortgehen. Da auch die schne Herzogin
gleichzeitig mit dem Gemahl abgereist war, erregte zuerst einiges Bedenken,
wurde aber durch des Kardinals Frsorge in ganz natrlicher Weise erklrt und
weiter nicht beachtet. Bald verfiel jedoch das alles der Vergessenheit, wie es
zu gehen pflegt, und neue Vorkommnisse beschftigten die mige Neugier und das
skandalschtige Publikum.

Es war wieder Frhling in Rom. Seit jenen Ereignissen waren mehrere Jahre
verflossen. Vittoria war noch immer die schne, ernste, ttige Frau, als die wir
sie frher gekannt haben. Ja, sie hatte ihre Ttigkeit verdoppelt und ihre
Bottega wurde vom Morgen bis zum Abend nicht leer von Kaufenden, da ihre Ware
immer die frischeste und beste im ganzen Stadtviertel war. Die Nachbarn, die
hnliches feilboten, sagten oft: Die Vittoria mu bald reich sein, die bekommt
Quattrini! - Aber niemand neidete es ihr, denn sie war die rechtschaffenste
Frau ihres Gewerbes und dabei gern hilfreich und erbarmungsvoll gegen fremde
Not. Viele Mnner hatten Wohlgefallen an der stattlichen Witwe gefunden und
versucht, sich ihr zum Ersatz fr den frh verlorenen Gatten anzubieten; doch
hatte sie alle derartigen Versuche freundlich, aber bestimmt abgewiesen, und
wenn man sie fragte, warum sie es vorziehe, allein zu bleiben, und scherzend
hinzusetzte, was sie denn mit all ihren Quattrinis anfange, da antwortete sie
jedesmal, sie sei nicht allein und habe schon jemanden, fr den sie sorgen
msse. Da sie aber streng zurckhaltend in ihrem Benehmen war und nie jemanden
aufforderte, in ihre Wohnung zu kommen, so wute man nicht recht, was es damit
fr eine Bewandtnis habe, und nach und nach lie man sie in Ruhe und bekmmerte
sich nicht mehr darum.
    Sie aber, wenn sie gegen Abend ihre Bottega schlo, ging nie nach Hause
zurck, ohne irgend etwas einzukaufen, das nicht bestimmt schien, einem
Bedrfnis abzuhelfen, sondern eher als etwas berflssiges, aber Angenehmes
Freude zu machen: ein Buch oder hbsches Schreibpapier und dergleichen oder auch
nur ein Stck feine Seife, eine kleine Nscherei usw. Kam sie dann nach Hause,
so gab sie ihrem Gesicht den freundlichsten Ausdruck, obwohl ihr Sorge tief im
Herzen sa; sie trat in ihr frheres Zimmerchen ein, das sie so freundlich wie
mglich eingerichtet hatte und in dem jetzt eine Ordnung und Reinlichkeit, ja
eine einfache Anmut herrschten, die darauf deuteten, da hier nicht die
beschftigte Frau des mhsamen Erwerbes, sondern eine feineren, sthetischen
Bedrfnissen zugewandte Existenz vorwaltete. An der offenen Fenstertr, die auf
eine kleine Loggia fhrte, von der man ins Freie, auf die melancholische
Schnheit der Campagna und die in blauen Duft gehllte Linie des Gebirges sah,
sa denn auch an einem mit Papieren und Bchern bedeckten Schreibtisch eine
zarte weibliche Gestalt, wie es schien in tiefes Nachsinnen verloren, wohl ber
den Inhalt des Buches, das aufgeschlagen vor ihr lag. Sie hatte die Ellbogen auf
den Tisch gesttzt und die Stirn ruhte in ihrer feinen wachsbleichen Hand, und
so tief schien sie in Gedanken versunken, da sie Vittorias Eintreten nicht eher
bemerkte, bis diese neben ihr stand und sagte:
    Guten Abend, meine liebe Signorina, wie geht es heute, wie ist der Tag
gewesen? Haben Sie auch nicht zuviel studiert?
    Die Angeredete erhob den Kopf und ein freundliches Lcheln berflog das
bleiche, vergeistigte Gesicht, das trotz der unverkennbaren Spuren des Leidens
doch eine fast noch rhrendere Lieblichkeit zeigte als in vergangenen Tagen.
    Gute Vittoria, ich danke dir, es geht mir immer gut in dieser traulichen
Heimat, die du mir bereitest mit dem Blick auf die Campagna und die Berge, die
ich liebe, und mit meinen Freunden hier - dabei zeigte sie auf die Bcher; wie
sollte es mir nicht wohl sein in Gesellschaft der erhabensten Geister, die je
gelebt? Mit Plato, mit Dante und solchen Auserwhlten umzugehen, das ist ein
Vorgeschmack des Paradieses.
    Ach, aber so einsam, meine teure Signorina, und noch so jung, wendete
Vittoria ein.
    La doch das Signorina weg, du Gute; ich mu es dir immer wieder sagen,
nenne mich Rosa, sagte diese, sie unterbrechend. Du, die mehr wie eine Mutter
fr mich ist, meine Wohltterin, die mir das Leben erhielt, die mich ernhrt und
fr mich arbeitet. - Ach, Vittoria, es ist zuviel, was du fr mich tust; ich
kann es nicht vergelten, ich armes, hilfloses Geschpf; aber da, wo die stille,
verborgene Tugend belohnt wird, da wird dein Name heller glnzen als der der
vielen, die die Welt preist. Sie ergriff die von der Arbeit rauhe Hand
Vittorias und fhrte sie an ihre Lippen, whrend Trnen ihre Augen fllten.
    Aber meine Signo - meine Rosa, versetzte Vittoria, indem sie rasch ihre
Hand zurckzog und sich bemhte, ihre eigene Rhrung zu verbergen. Was tue ich
denn? Ihre Gegenwart macht mich glcklich; da ich es bin, die die gefeiertste
Dichterin Roms beherbergen darf; da niemand auer mir wei, da sie berhaupt
lebt, und wo - ist das nicht wert, da ich das Wenige, was ich erwerbe, mit ihr
teile?
    Ach, Liebste, sprich nicht mehr von der Dichterin, sagte Rosa und senkte
das Haupt, whrend eine Trne langsam ber ihre Wange rollte und auf das vor ihr
liegende Buch fiel; die Dichterin, die Improvisatrice, ist lange tot, nie
flieen ihr mehr melodische Bilder und Formen zu, wie einst; ja, wenn das noch
wre, dann knnte sie dir vergelten. Trnen erstickten ihre Stimme.
    Liebe, teure - Rosa, rief Vittoria und umschlang zrtlich ihren Hals, um
aller Heiligen willen, weinen Sie nicht, regen Sie sich nicht auf. Sie wissen,
wie der Doktor jede Gemtsbewegung verboten hat, die dem armen, kranken Herzen
schaden kann. Es wird schon wieder kommen, das herrliche Dichten, und was Sie da
jetzt alles schreiben, das ist gewi ebenso schn, wenn ich es auch nicht so gut
verstehe. Wenn wir es nur erst einmal gedruckt htten.
    Ja, das ist es eben, es ist nicht nach dem Geschmack der Leute und deshalb
wird es nie gedruckt werden, sagte Rosa.
    Es wird schon alles kommen, trstete Vittoria, und da habe ich
einstweilen Gedichte eines anderen mitgebracht; der Buchhndler sagt, sie seien
so schn.
    O, Leopardi, rief Rosa erfreut, als sie den Titel des Buches sah, das
Vittoria ihr reichte, den habe ich mir schon lange gewnscht; ich kenne erst
einzelne Gedichte von ihm; das ist der Snger des Schmerzes, der das Leiden und
die Hoffnungslosigkeit so verklrt, mit so ergebener Schnheit berkleidet, da
man sich schmen mu, kleinmtig und verzagt zu sein. Wie danke ich dir,
Vittoria, fr diese neue Gabe, aber - nun hast du dich wieder beraubt - dir
irgend etwas versagt ...
    Nein, nein, sagte Vittoria lachend, ich habe nichts ntig; ich bin gesund
und jemehr ich arbeite, je besser ist's mir, und tun Sie denn nicht auch etwas?
Ist etwa nicht das Haus in Ordnung und so schn rein und lieblich, wenn ich
abends nach Hause komme? Und steht nicht das Abendbrot schon zubereitet auf dem
Tisch? Ist nicht mein Leben dadurch auch viel leichter? Und dann den guten
Einflu, den Sie auf den Beppo haben! Seit er die Marietta verlie, nachdem er
erfahren hatte, auf welche Weise sie die gute Stellung und die reiche Mitgift,
die sie ihm anbot, erhalten hatte und seitdem Sie hier im Hause sind, ist der
Beppo ein ganz anderer geworden, ein braver, ernster Mensch, auf den ich stolz
bin.
    Der gute Beppo! sagte Rosa; ja, es war schn von ihm, da er seine Liebe
zur Marietta bezwang, als er hrte, da sie ihre Herrin verraten hatte, um den
doppelten Gewinn zu haben. Und - htte sie es nicht getan, wie anders wre wohl
alles gekommen! Was die Herzogin gewollt hatte, wre gelungen, und welche Folgen
...
    Ach, denken wir der Vergangenheit nicht mehr, unterbrach sie Vittoria, die
die Wirkung der Erinnerungen auf Rosa frchtete und stets, wenn sie das Gesprch
dahin wendete, etwas zu erfinden wute, was schnell davon ablenkte, denn sie
wute es nur zu wohl, da sich bei Rosa infolge der Gemtsbewegungen und der
langen heftigen Krankheit ein Herzleiden entwickelt hatte, das keine Heilung
zulie, besonders auch weil die Mittel nicht hinreichten, alles das zur Genesung
zu tun, was sie vielleicht htte herbeifhren knnen. Aber selbst wre dies
mglich gewesen, so htten doch die Folgen des Schlages, der so frh die Blten
ihres jungen Herzenslebens geknickt hatte, langsam zehrend ihr Dasein
vernichtet. Was vorzglich in der Tiefe ihrer Seele dem Schmerz um das Verlorene
immer neue Nahrung gab, obgleich sie sich darber nie aussprach, war der
Gedanke, da Waldemar nicht geschrieben, nicht Erkundigungen nach ihr eingezogen
hatte. Aber sie wute nicht, wie eifrig das in der ersten Zeit geschehen war. Da
man indes im Hause, wo Rosa gewohnt hatte, nur antwortete: die Damen seien fort
und man wisse nicht, wohin sie sich gewendet, da auch der Kardinal, an den der
Prinz selbst schrieb, berichtete, man wisse nicht, was aus der Improvisatrice
geworden, und mit feiner Ironie andeutete, man glaube allgemein, sie sei einem
Stern, den sie im Norden erblickt habe, nachgezogen, nachdem endlich auf die
Anfrage nach einer berhmten Improvisatrice in verschiedenen Stdten Italiens
keine Auskunft gekommen war, - hatten die Nachforschungen allmhlich aufgehrt.
Da es so war und da auch sie nichts mehr wute von dem, dessen Bild noch immer
wie eine fern leuchtende Sonne in ihrer Seele stand, war ein heimlich nagendes
Weh, das auch ihre grten Anstrengungen nicht zu berwinden vermochten. Doch
kam, wie gesagt, nie ein Wort ber ihre Lippen. Sie hatte es selbst gewnscht,
in der Welt fr tot zu gelten, denn nicht nur, da ihr krperliches Leiden ihr
jede Anstrengung und Aufregung unmglich und schdlich machte, es war auch seit
der schweren Krankheit die Gabe des Improvisierens absolut verschwunden.
Vittoria hatte oft den Versuch gemacht, um sie zu zerstreuen und der Schwermut
zu entreien, die sich ihrer zuweilen bemchtigte, ihr ein Thema vorzuschlagen,
wobei sie scherzend sich und den Bruder als genieendes Publikum nannte, aber
Rosa schttelte nur immer leise und wehmutsvoll den Kopf, denn die Quelle war
versiegt und keine Anstrengung vermochte sie wieder zu ffnen. Sie hatte
Vittorias liebevolles Anerbieten, bei ihr zu bleiben, angenommen, da sie keine
andere Zuflucht in der Welt besa, und der Einblick, den sie whrend ihrer
kurzen Laufbahn in der Gesellschaft in diese getan hatte, lie sie die
hingebende Liebe und Aufopferung dieser einfachen, reinen, redlichen Natur
doppelt hochschtzen. Was sie tun konnte bei ihrer krperlichen Schwche, um
Vittoria zu vergelten, tat sie, indem sie sich der Pflege des kleinen Hauswesens
annahm und in den Stunden des Zusammenseins den beiden Geschwistern aus dem
Schatze ihres Wissens und ihres fortwhrenden Studiums mitteilte, was deren Sinn
und Verstndnis zugnglich war und die angeborenen edlen Gefhle der
rechtschaffenen Menschen noch verstrkte und verfeinerte.
    Denn nicht minder als Vittoria verehrte Beppo die Signorina. Von dem
Augenblick an, als er sie in seinen Armen wie eine Leblose zur Schwester trug,
hatte er ihr einen ehrfurchtsvollen Kultus in seinem Herzen geweiht, der, seit
sie mit ihm unter einem Dache lebte und er sie tglich sah und sprach, zu einer
stillen, anbetenden Liebe geworden war, vor der das Bild der leichtsinnigen,
unedlen Marietta bis auf den Grund erlosch. Aber diese Liebe in des ehrlichen
Burschen Herz war die Liebe zu einer Heiligen, der man in Demut und Hingebung
naht und die nur der Gedanke im Gebet in den Himmelshhen erreichen kann, denen
sie zuschwebt. Immer zu ihrem Dienste bereit, verga er sogar oft die
Arbeitszeit bei seinem Meister, wenn sie gerade irgendeinen Wunsch hatte, den zu
erfllen sein hchstes Glck war. Als dann der Meister unzufrieden wurde ber
die hufige Versumnis, sagte er sich von diesem los, richtete sich eine eigene
kleine Schreinerwerkstatt in dem Hause, in dem sie wohnten, ein, wo er zugleich
immer wachsam sein konnte, da es Rosa an nichts fehle, und auer den Arbeiten,
die zum Verdienst und Beitrag zum Haushalt ntig waren, fand er noch Zeit,
manches, was zu Rosas Bequemlichkeit dienen oder ihr kleines Zimmer wohnlicher
machen konnte, anzufertigen. So lebten die zwei Geschwister in unbegrenzter
Hingebung fr ihren holden Gast und hielten sich berreich belohnt fr ihre
Treue, wenn ein stilles Lcheln Rosas Antlitz erheiterte und ein flchtiges Rot
auf den bleichen Wangen erschien. Und Rosas engelhaftes Gemt lie sie mit
zarter Sorgfalt vermeiden, was den Geschwistern Kummer machen konnte. Sie schien
ganz glcklich und heiter in dem stillen, anspruchslosen Leben, und nie erfuhren
es Bruder und Schwester, wie manche stille Trne ungesehen flo und wie tief oft
die Sehnsucht nach einer, ach zu kurz gekannten Seligkeit ihr krankes Herz
fllte.
    So verging die Zeit; da kam eines Mittags Beppo und brachte einen Strau
schner Blumen und ein deutsches Zeitungsblatt. Das hat mir ein Herr von der
deutschen Gesandtschaft gegeben, um mein Werkzeug darin einzuschlagen; ich hatte
bei ihm Reparaturen gemacht. Vielleicht freut es Sie, liebe Signorina, es zu
lesen, da Sie die deutsche Sprache so gut kennen. Ach, wie ich Sie beneide um
das viele Wissen, setzte Beppo seufzend hinzu.
    Du beneidest mich, Beppo, das htte ich nicht von dir geglaubt, sagte Rosa
scherzend und lchelte.
    O nein, so mein' ich's nicht, rief der ehrliche Bursche ganz erschrocken.
Bei der heiligen Mutter Gottes, ich wollte, der Himmel schttete alles Glck
auf Sie nieder, das er seinen Engeln gibt. Ich meine nur, es mu so herrlich
sein, soviel zu wissen, und ein groer Trost.
    Das ist es auch, guter Beppo, sagte Rosa; es ist ein Glck, mit groen
Geistern zu verkehren, aber hher noch als alles Wissen ist ein Herz wie das
Vittorias und das deine, glaub es mir, Beppo; solche Herzen kommen unmittelbar
von dem Urquell der Liebe, von Gott; das Wissen mu erst erworben werden und
fhrt erst langsam zu Gott zurck.
    Beppo hrte immer, gerade wie seine Schwester, mit gefalteten Hnden und in
andchtiger Ekstase zu, wenn seine Heilige so sprach, und wenn er sie auch
nicht immer ganz verstand, so fhlte er doch etwas in seinem Gemt vor sich
gehen, wie wenn Weihrauchwolken in einem Heiligtum nach oben steigen und vom
Altarbild eine Madonna Raffaels mit holdselig verklrtem Lcheln auf uns
niederschaut. Trnen in den Augen und in geweihter Stimmung ging er still aus
dem Zimmer, um sich an seine Arbeit zu begeben. Rosa sah ihm freundlich nach und
dachte: Ja, im Reiche Gottes werden solche Herzen Ehrenkleider tragen, whrend
der Purpur und die Kronen der Erde als Staub des Vergnglichen verweht sind.
    Da fiel ihr Blick auf die deutsche Zeitung, die Beppo ihr gebracht; halb
mechanisch nahm sie diese und warf einen Blick hinein. Bald aber fing ihre Hand
an zu zittern, ber ihr Antlitz verbreitete sich der Ausdruck unsglichen
Schmerzes und ihr Auge folgte unverwandt den verhngnisvollen Worten, die ihr
entgegenstarrten wie lauter Speere, deren ein jeder ihr Herz mit ttender
Schrfe traf. Sie las:
    Noch ist unser ganzes Land unter dem Eindruck der tiefen Bestrzung und
namenlosen Trauer, die das unerwartete, schreckliche Ende des allgemein
geliebten Kronprinzen und Thronfolgers Waldemar hervorgerufen hat. Der Eindruck
ist um so tiefer und erschtternder, als die schreckliche Katastrophe durch die
edle, gromtige Selbstaufopferung und den hochherzigen Mut dieses seltenen
Frstensohnes herbeigefhrt worden ist. Er war hingeeilt, um den durch die
furchtbaren berschwemmungen dieses Frhjahrs in tiefes Elend geratenen
Bevlkerungen Hilfe und Trost zu bringen. Da, wo die Wasser sich schon verlaufen
hatten, war sein Erscheinen wie ein erster belebender Hoffnungsschimmer fr die
Betroffenen. Aber es blieben Distrikte, wo noch alles unter Wasser stand und die
reienden Fluten unbarmherzig nicht nur die Hoffnungen des Landmannes auf den
schon bestellten Fluren, seine geringe Habe und sein Obdach vernichteten,
sondern auch schon mehrere Menschenleben zum Opfer verlangt hatten. Als Prinz
Waldemar ankam, war ein ganzes Dorf in dem tobenden Meer versunken und die
Bewohner desselben hatten mit verzweifelnder Angst ihr Hab und Gut untergehen
gesehen und nichts als das nackte Leben gerettet. Nur ein Huschen stand noch
auf einer kleinen Anhhe inmitten der Wogen, die aber bereits bis zum Fue des
schwachen Bauwerks gelangt waren und hher zu steigen drohten, um es mit in den
Strudel hinabzureien. Da erhob sich pltzlich ein lauter, einstimmiger Weheruf
der am Ufer versammelten Unglcklichen, die bisher wie erstarrt in stummer
Verzweiflung dem Werk der Vernichtung zugeschaut hatten. Auf dem Dach des
bedrohten Huschens erschien ein Weib, in jedem Arm ein kleines Kind, und mit
verzweifelnden Gebrden hilfeflehend nach den Geretteten schauend.
    Heiliger Gott, das ist die Margaret! riefen mehrere Stimmen auf einmal: sie
war drauen auf dem Feld, ihre Ziege heimzutreiben, als die Wasser ankamen, und
strzte ins Haus, um ihre Kleinen zu holen, die darin im Schlafe lagen.
Inzwischen sind die Wasser so schnell gestiegen, da sie nicht fortkonnte.
    Wer rettet, wer rettet sie? So schrie man durcheinander. Die Frauen rangen
die Hnde, die Mnner sahen sich untereinander bestrzt an, aber keiner wagte
sich hervor, sich zum Retter anzubieten.
    Prinz Waldemar trat vor und rief: Ist denn ihr Mann nicht da, der das Leben
fr sie wagt?
    Sie ist Witwe, Herr - die bravste Frau vom ganzen Dorf - die rstigste
Arbeiterin von Morgen bis Abend, um ihren Kindern Brot zu schaffen - ja - ja,
das ist wahr, so tnte es von allen Seiten.
    Wer wagt es, sie zu retten? rief der Prinz; hier ist Geld, es wird sein Lohn
sein und noch mehr! Dabei hielt er einen gefllten Beutel in die Hhe. Aber
niemand rhrte sich, keiner der Bauern hatte den Mut, sich auf das tobende
Element zu wagen.
    Ein Boot her! befahl der Prinz und als man es brachte, rief er: Wer wagt mit
mir die Fahrt?
    Ein Schauer der Ehrfurcht und Bewunderung durchlief die Menge, aber die
kleine Liebe zum Leben und die Furcht waren grer als die Bewunderung des
Heldenmutes, und keiner trat hervor. Der Begleiter des Prinzen, Baron Raden,
strzte auf ihn zu und bat und beschwor ihn, sein Leben nicht aufs Spiel zu
setzen. Der Prinz blieb unerschtterlich; schon stieg die Flut bereits bis zur
Haustr hinan. Es ist kein Augenblick zu verlieren, rief er, machte sich von dem
ihn umklammernden Kammerherrn los und sprang in das Boot.
    Mit Ihnen denn, wenn es sein mu, in den Tod! rief Raden und sprang ihm
nach.
    Nein, mit Gott, dem Allmchtigen, er wird helfen! schrie die Menge.
    Memmen, Memmen! schalten die Weiber die Mnner, die betroffen und beschmt
dastanden.
    Seht, das ist einer! Juchhe, wenn der unser Knig wird! jauchzten die
Weiber, pltzlich durch den Anblick der wunderbar schnen Heldentat des
Jnglings dem Gedanken an ihr Elend entrckt; seht, wie krftig die die Ruder
fhren, als htten sie ihr Lebtag nichts anderes getan als rudern. Schmt euch,
ihr anderen, die ihr nichts knnt, als hinter dem Pflug hergehen - seht - seht -
jetzt sind sie dem Hause nah - das Boot schwankt auf und ab von den Wellensten
- jetzt sind sie dran - sie winken der Margaret - Heiliger Gott! Sie wirft ihnen
den ltesten Buben hinunter - - sie haben ihn - sie haben ihn! Nun auch den
kleinen - ewige Barmherzigkeit! Auch der ist im Boot! Der Prinz hat ihn im Arm
gefangen und legt ihn ins Boot! Hu! wie die Wasser toben - wie das Boot
schwankt! Die Margaret zgert - winkt ihnen, fortzufahren, nun die Kinder
gerettet sind - der Prinz will nicht, befiehlt ihr, herabzuspringen - da - sie
springt - Allmchtiger! Die Erschtterung ist zu gro - das Boot ist umgekippt -
alle im Wasser ... Hu, ich mag nicht mehr hinsehen! rufen einige. Doch - doch -
seht, sie erscheinen wieder! rufen andere. Sie schwimmen - der Prinz hat ein
Kind erfat und hlt es schwimmend fest, der andere Herr auch - Gott! wie sie
kmpfen mssen mit der mchtigen Flut - die Wogen bedecken sie fast - da - da
kommt der Kammerherr wieder zum Vorschein mit dem Kind - der Prinz auch ...
    Aber was ist's denn? Was hngt so schwer an ihm, da er gar nicht weiter
kann? Gott, es ist die Margaret, die den Prinzen in ihrer Todesangst umklammert
hat ... Himmel, hilf - seht - da strzt das Haus in die Flut; ha! der Herr mit
dem Kind ist glcklich auf dem trockenen Land - gerettet - gelobt sei Gott! Aber
wo ist der andere - der Prinz? Allmchtiger! Das zu groe Gewicht der Frau hat
ihn hinabgezogen - kommt er nicht wieder zum Vorschein? Erbarmer, nein! Das
Wellengrab hat sich ber ihm geschlossen ... ... wehe ... wehe! ... Der Baron,
halb tot schon von der eigenen Anstrengung, schaut hnderingend auf die Wasser,
die sich ber dem anderen geschlossen ... Leute! herbei mit Booten, mit Stangen,
mit Stricken ... es gilt, einen Knig, den herrlichsten der Menschen zu retten,
mir nach ... ich mu ihn wiederfinden. Mit diesen Worten strzt er aufs neue in
die Wassermenge, und - auch ihn sieht man nicht wieder. Nach drei Tagen, als die
Wasser gesunken waren, fand man die Leichen des Prinzen, des Barons, der Mutter
und des Kindes. Die Sprache hat keine Worte, um den Schmerz der kniglichen
Familie und des ganzen Landes zu beschreiben, das in diesem jungen Frstensohn
die Hoffnung auf eine ideale Zukunft untergehen sieht, denn in ihm vereinigte
sich alles, was den Menschen befhigt, wie ein leuchtendes Vorbild jeder Tugend,
wrdig zu sein, eine Krone zu tragen.

Das Blatt entfiel Rosas Hand; sie sa eine Weile regungslos, trnenlos; ihr Herz
schien stillzustehen und die Welt schien ihr zu versinken in das Chaos, in die
planlose Urnacht, wo alles Empfinden, alles geistige Werden im Scho des
elementaren Lebens verschwunden ist. Erst nach und nach erwachte das Bewutsein,
und das Ungeheure, Tragische, ergriff sie mit unerschtterlicher Gewalt: Das
Tragische, das ja eben darin besteht, da das Elementare, sei es im Menschen
oder in den ueren Umstnden, sich auflehnt gegen das Ideale, Geisterzeugte und
ihm im titanischen Kampf den Untergang bereitet. Wie aber aus der Tragik selbst
der Trost hervorwchst, der uns mit dem Schmerz vershnt, indem das dem
Vergnglichen noch Untergebene, befreit von den Fesseln der Endlichkeit,
aufsteigt in eine hhere Region, wo es nun als leuchtendes Gestirn in
unsterblicher Schne glnzt und uns in Liebe nachzieht - so erhob sich fr Rosa
aus den dunkeln Wogen des Schmerzes die verklrte Gestalt des Freundes, der sein
Leben mit einer idealen Tat besiegelt hatte. Eine immer hher steigende Ekstase
erfllte sie fast mit Wonne. Mit Erstaunen sahen die Geschwister sie an, als sie
sich am Abend zusammenfanden; sie schien ihnen wie verklrt, von neuem Leben
durchdrungen, so da Vittoria ganz frhlich sagte: Oh, meine teure Rosa, Sie
sehen heute so gut aus; ich bin berzeugt, der Frhling bringt Ihnen die volle
Gesundheit wieder.
    Rosa antwortete nur mit einem sanften Lcheln. Kein Wort von dem, was sie
erfahren, kam ber ihre Lippen; es wre ihr unmglich gewesen, htte ihr wie
Entweihung geschienen, davon zu sprechen. Sie war nur noch liebevoller als
gewhnlich mit den treuen Menschen und lohnte ihnen durch Blicke und Lcheln fr
ihre hingebende Neigung. Aber ihr Herz schlug heftiger und heftiger und in ihrem
Geist bewegte sich ein Leuchten, wie sie es seit langem nicht gefhlt. Endlich
wurde es ihr zu eng im Zimmer und sie wollte auf die Loggia. Vittoria bat sie,
es nicht zu tun, denn sie scheine ihr so erregt und drauen sei es dunkel und
khl. Aber Rosa lchelte nur und sagte: Es ist ja Frhling, und ich sehne mich,
auch neu aufzuleben wie die Natur, es kann mir nichts schaden. Sie trat hinaus.
Die geschftige Vittoria rumte indes im Zimmer auf, Beppo aber stand hinter der
geffneten Tr der Loggia, denn er wagte nicht, mit hinauszutreten, um die
Gedanken, die Rosa beschftigen mochten, nicht zu stren, aber es war ihm, als
msse er wachen, da ihr nichts bles begegne. Da hrte er pltzlich ihre
Stimme, die sprach:

Dunkel ruht die Nacht;
Freudlose Stille
Liegt auf der schlummernden Erde.
Hier und da blitzen
Lichtchen herauf
Aus der feuchten Tiefe,
Wie ein ngstliches Frchten
Beschrnkter Menschen
Vor dem grausigen Dunkel.
Ich aber trete
Furchtlos hinaus,
Mde des ewigen Truges,
Den, in des Tages
Tuschender Helle,
Sinnesbetrt
Immer von neuem
Das Herz am Herzen begeht
Heilige Nacht!
Du nur bist Wahrheit;
In dir verschwindet
Der gleiende Prunk,
Den die Maja verleiht.
Frei, in unsterblicher Schne,
Schwebt die enteilende Seele
Aus der verwelkenden Hlle
In den Kreis vollendeter Freude,
Wo die heilige Liebe,
Frei von irdischer Lust,
Wie ein leuchtender rher
Still um Selige fliet.

Da aus himmlischem Dunkel
Tritt ein strahlender Stern;
Ja, Symbol nur
Ist die sichtbare Welt!
Schon verwehen die Nebel!
Schon versiegen die Schmerzen!
Auf, entfaltet euch, Schwingen,
Tragt mich hinauf in das Licht.

Vittoria, sie improvisiert wieder, sie ist gerettet, flsterte Beppo der
Schwester zu, die nun auch horchend stillstand; da hrten sie ein kurzes Ach und
sahen Rosa wanken. Vittoria sprang herzu und fing sie in ihren Armen auf. Rosas
brechendes Auge grte sie mit einem letzten Blick und ihren Mund umschwebte ein
himmlisches Lcheln. Ein Herzschlag hatte sie gettet; Vittoria legte sie auf
das Bett, wo sie wie eine zum seligsten Leben Erlste in unbeschreiblicher Anmut
ruhte. Die Geschwister, von ehrfurchtsvoller Rhrung ergriffen, die jeden lauten
Ausbruch des Schmerzes fernhielt, knieten beim Lager nieder und beteten zu ihrer
Heiligen, da sie ihnen Kraft gebe, weiterzuleben.
