 9. Der Voigtsberg.  [92] Vom Zechenhäuschen ersteigen wir noch einmal den Hügel des Huthauses und tief bewegt halte ich Umschau. Die schnarrenden Töne des Signalglöckchens, die in kurzen Pausen einander folgen, haben noch denselben seltsamen Klang, wie einst in meinen Jugendtagen. Es fehlt mir nichts in dem Bilde, alles ist da ? und doch ist der Eindruck, den ich heute empfange, ein so ganz anderer, wie damals. Heute sind in der Natur noch die Tage der Rosen. Die kleinste Hütte, das ärmlichste Gärtchen liegt wie verklärt im goldigen Sonnenschein.[92] Als ich einst hier stand, da war dasselbe Bild in dichte, feuchte Herbstnebel gehüllt, so daß alle Umrisse verschwommen und unklar vor mir lagen. Regen, Sturm und Schnee führten hier das Regiment. Und unklar, wie die Landschaft, so lag damals mein Leben vor mir. Auch mit mir trieb der Sturm sein Spiel, grade wie mit den dürren Blättern zu meinen Füßen. Es waren schwere Zeiten über uns hereingebrochen. Der Vater kam bei allem Fleiß und größter Genügsamkeit nicht vorwärts. Die Sammlungen wurden je länger desto schwerer verkäuflich. Es hing wohl damit zusammen, daß sich eine neue Richtung in der Naturwissenschaft anbahnte. Man schob das System beiseite und betonte mehr das Leben der Pflanze. Dem Vater fehlten die nötigen Bücher und Instrumente, auch der Austausch mit gleichgesinnten Männern, um sich in das Neue zu finden. Er wurde bitter, sprach von einem verfehlten Leben und überraschte uns eines Tages durch die Mitteilung, daß er eine Hauslehrerstelle beim Herrn von Schönberg in Herzogswalde angenommen hätte. »Und unsere kostbaren Sammlungen?« fragte meine Mutter erschrocken. »Freilich kostbar!« sagte er, »es stecken Tausende darin, aber hier würde mir kaum jemand ein Dreierbrötchen dafür geben. Verwertet müssen sie werden, du verstehst ja das Reisen, reife du!« In diese schwere Zeit fiel meine Konfirmation. Ich fürchte, ich könnte überschwenglich werden, wollte ich versuchen, den Eindruck zu schildern, den die Vorbereitungsstunden auf mich machten. Die äußeren Stützen wankten. War mir doch zumute, als wiche der Boden unter meinen Füßen. Da war es ein unbeschreiblicher Segen, daß mir gerade zu der Zeit der Weg zu einem Glück gezeigt wurde, dem nachzujagen[93] jedem möglich ist, auch einem so armen Kinde wie mir. Zugleich mit diesem Glück entstand eine schmerzliche Sehnsucht nach klaren, festen Verhältnissen, nach innigem, geistigem Anschluß, wo die jungen Keime dieses neu erweckten Lebens gepflegt werden möchten. Wie gern hätte ich mir diesen Höhepunkt der Begeisterung erhalten mögen, und statt dessen mußte ich wieder zu fremden Leuten, die nur darauf bedacht waren, aus dem schwächlichen Kinde möglichst viel Nutzen zu ziehen. Wir trennten uns. Jeder von uns zog seine Straße. So glatt ging es nicht ab, es gab sorgenvolle Beratungen und Auseinandersetzungen, die bei mir einen tiefschmerzlichen Eindruck hinterließen. Meine Mutter mag in den schweren Wirren nichts Besseres haben finden können, sie gab mich zu jungen Handwerksleuten, die ein kleines Kind hatten. Sie bat die Frau eindringlich, Rücksicht auf meine Jugend und auf meinen schwächlichen Körper zu nehmen, ich sollte wohl der Frau zur Hand gehen, aber nicht überanstrengt werden. Zu mir sagte die Mutter, die Trennung solle nur für kurze Zeit sein, es sei wirklich nur ein vorläufiges Unterkommen, ich solle mich darauf verlassen, sie würde, so bald sie irgend könne, anderweitig für mich sorgen. Mein vereinsamtes, liebebedürftiges Herz schmachtete vergeblich nach einem freundlichen Wort oder Blick. Da fühlte ich dankbar, wie viel ich dem treuen Pastor schuldete, der dem suchenden Blick eine höhere Richtung gegeben hatte, der mir den Weg gezeigt hatte zu den Bergen, von denen uns Hilfe kommt. Von der Zeit her erschien mir der Beruf eines Pastors als der höchste und herrlichste, den es geben konnte. Wie herzlich verlangte mich nach der Gemeinschaft mit Menschen, die diesem Ziele nachstrebten![94] Amazon.de Widgets Vorläufig wurde ich aber in sehr entgegengesetzte Kreise geschleudert. Wir blieben nicht lange im Städtchen. Es kam häufig ein alter Mann mit Papieren und Dokumenten. Man verhandelte und unterschrieb, und eines Tages wurden die Sachen auf einen Leiterwagen geladen, das Kind in den Kinderwagen gepackt, und so wanderten wir bei strömendem Regen in dieses Dorf. Eine Kirche sah ich nicht, da sank mir der Mut noch mehr. Als wir auf dem Hofplatz bei dem schiefergedeckten Häuschen ankamen, wurde uns ein seltsamer Empfang zu teil. An dem Abhange, der zum tiefer liegenden Grasgarten führte, stand eine kleine, alte Frau, die sich in einem heftigen Kampfe mit einer Schar schnatternder Gänse befand. Über ihrem Kopfe schwang sie einen kurzen Besenstumpf. Sie traktierte ihre schnatternden Feinde mit einer Flut gemeiner Schimpfworte, die sie ihnen in rauhem Gebirgsdialekt zuschrie. Ihre nassen Röcke hatte sie mit einem dicken Strick in die Höhe gerafft, so daß ihre Beine, die in derben Männerstiefeln saßen, bis zum Knie sichtbar waren. Die formlose Taille umschloß ein schmutziger Schafspelz. Das Bild war wie aus einem Märchen. Als sie uns sah, schleuderte sie ihre Waffe kurzerhand unter die schnatternde Schar und wandte uns ein gelbliches, runzliges Gesicht zu, über das in feuchtem Gelock das ergraute Haar fiel. Drinnen war der Hausrat soeben abgeladen, Stroh und Papier lagen auf der Diele, das Kind weinte, der Hund fuhr knurrend auf uns los. Die Alte öffnete die Tür, gab dem Hund einen Tritt, daß er jaulend das Weite suchte. »Na, Haubelden,« sagte sie mit grimmigem Lachen, »macht's Eich kommode. Stellt Eich Eiern Krempel nor[95] balde zerechte, denn hinte (heute abend) wern de Bergleite kummen, um sich de neien Kramerschielte anzusehen. Fer de Dreierbrotchen und de Heringe is gesorgt.« ? Dann fiel ihr unruhiges Auge auf mich: »Wem is 'n die?!« fragte sie, und tippte mich an, »is das de Mad?« »Nee, aber sie gehört zu uns,« brummte die Frau. »Sulche feine werd Eich ooch viel helfen!« Sie spuckte verächtlich aus und sagte höhnisch: »Jechen noch emal, Stiefelettchen haste an? Un su e Fähnchen? Marsch, zieh d'r en derben Kittel un ene Jäcke an, un Bandusseln an de Füße, du mußt doch 's Vieh beschicken. Gehste? Ich will d'r weisen, wie d's Schweinefutter zerechte machen mußt. De hast zwee Schweine, ene Ziege, 6 Gänse und 's Hühnervolk. Geh, wenn de wieder kommst, mußte Wasser holen, selte oben, bei dem kleenen Heischen mit den blauen Balken, da steht der Trog.« Sie zeigte durchs Fenster auf die Dorfstraße hinaus. Ich hatte mich schon zum Gehen gewandt, da fragte sie: »Wie heeste denn?« »Charitas.« Sie lachte laut auf und sagte halb gönnerhaft: »Ah! Mach mer doch nischt weis. Su heeßen doch keene Madeln! Karekas war doch e beriehmter Reiberhauptmann. Mei Gottlieb hat mersch vorgelesen. Hei! das war ener! Ich hab' sei Bild gesahn, e scheenes, buntes Bild war derbei. Nee, nee, hier herum heeßen mer Male, Gustel, Christel, Moarie. Sul'n mer'sche Moarie heeßen?« Die junge Frau, die schon mit dem Zurechtstellen der Sachen beschäftigt war, nickte gleichgültig. So hatte mir die Alte ohne Umstände alles abgestreift,[96] was mich mit der Vergangenheit verband. Ich kam mir selbst vor wie ein Wechselbalg. Die Alten blieben einige Wochen in der Krämerei. Sie bewohnten die Oberstuben. Der Alte erfreute sich einer gewissen Berühmtheit im Branntweinbrennen. Der junge Nachfolger sollte die Kunst beim Alten lernen. Ich stand unter der besonderen Zucht der Alten. Sobald früh 5 Uhr das Glöckchen vom Huthause zur Schicht rief, war es mit meiner Ruhe vorbei. Eben daß ich mir ein Röckchen überstreifen konnte, dann stand sie schon scheltend hinter mir und machte es mir ein für allemal zur Pflicht, noch ehe ich angezogen sei, die Asche hinauszutragen, Feuer anzuzünden, damit nur ja das liebe Vieh bald beschickt würde. Ich hörte kein freundliches, teilnehmendes Wort; wenn ich nicht flink genug war, so half die Alte durch einen Puff nach. Hatte ich gehofft, mir wenigstens die Liebe des Kindes zu erwerben, so wurde ich auch darin getäuscht, das welke, kränkliche Jungchen durfte ich höchstens Sonntags zur Erholung warten, sonst gab es so viel harte, schwere Arbeit für mich, daß ich nur am Abend zu einer ruhigen Beschäftigung in die Stube kam. In der großen, dunklen Küche wurde Branntwein gebrannt. Es wäre etwas zur Darstellung für einen holländischen Maler gewesen, wenn er uns gesehen hätte. Die Holzscheite loderten und beleuchteten grell den nächsten Raum beim Herde. Beim Schein dieser düsterroten Glut hantierten wir eifrig mit großen Steinkrügen und hohen Filzbeuteln. Der Alte hatte einen schottischen, vertragenen Schlafrock an, der ihm eigentlich recht im Wege war. Er sprach mit heiserer Stimme und gab mit großer Überlegenheit seine Anordnungen. Wenn der widerliche Dunst die Küche erfüllte, so erschien sie mir ganz wie eine Hexenküche.[97] Ein Handwagen wurde angeschafft, ich wurde davor gespannt und mußte täglich, ausgenommen Sonntags, mit einem Tönnchen Branntwein nach Siebenlehn zu den verschiedenen Kaufleuten fahren. Für den Rückweg wurde mir der Wagen mit Krämerwaren und Dreierbrötchen gefüllt. Wie ich seelisch und körperlich litt, können Worte nicht ausdrücken. Die Wege waren bei Regen und Schnee äußerst beschwerlich, die Kräfte reichten nicht aus. Mein äußerer Mensch machte bald einen sehr heruntergekommenen Eindruck, denn ich bekam weder Zeit noch die mindeste Anleitung, mir etwas in Ordnung zu bringen, zudem schwollen die Hände von Frost und harter, ungewohnter Arbeit. Es kam eine heiße Angst über mich, daß ich verdummen und versumpfen würde, grade diese Angst aber hielt mich wach, und schließlich erhielten Phantasie und Gemüt reichliche Nahrung, und zwar durch die Bergleute. Abends gingen die Alten hinauf, und dann entfaltete sich in der großen Wohnstube ein ganz eigenartiges Leben. Amazon.de Widgets Wären alltägliche Menschen gekommen und hätten sich über gewöhnliche Tagesereignisse unterhalten, dann wäre ich sicher nach den Strapazen des Tages eingeschlafen, so aber ermunterte ich mich mit Gewalt, um doch ja kein Wort von dem zu verlieren, was hier geredet wurde. Beim spärlichen Schein einer altmodischen, hochbeinigen Blechlampe, die noch in einfachster Weise mit Öl gespeist wurde, da man Petroleum noch nicht kannte, stand ich hinter dem Ofen, in Sachsen die »Hölle« genannt, und wusch auf. Oder ich saß, mit Dütenpappen oder Kaffeeverlesen beschäftigt, mit am Tisch. Nach und nach füllte sich die Stube mit Bergleuten. Ich wollte, es gelänge mir, den Eindruck wiederzugeben, den dieses intelligente, eigenartige Völkchen auf[98] mich machte, das hier nach den Mühseligkeiten des Tages in bescheidenster Weise seine Erholung suchte. Eine eigenartige Welt voll Poesie brachten diese bleichen Gestalten mit sich, ich kannte das Wort damals wohl kaum, aber ich fühlte seine Wirkung. Fromm, treuherzig und abergläubisch und klug in ihrem Fach, belebten sie mit ihren zum Teil schauerlichen Geschichten die nüchterne Stube der Dorfkrämerei. Es wurde von ihnen ein Dreierbrötchen und ein marinierter Hering gefordert, dazu gehörte nach ihrer Ansicht ein herzhaftes Schlückchen, das sie aus kleinen Zinngefäßen tranken. Dabei wurde die Kunst des Alten gerühmt. Üble Wirkungen habe ich nie verspürt. Ich meine, 20 Pfennig hat die Zeche des einzelnen wohl nicht überschritten. Es war für mich eine Zauber- und Märchenwelt, in der sich ihre Reden bewegten, ich war aufs äußerste erregt, am Abend war es, als ob gleichsam meine Seele aufwachte. Ich konnte nicht unterscheiden, wo die Wirklichkeit und die Dichtung ihre Grenzen hatten. Der Aufenthalt hier war so durchaus verschieden von dem in anderen Dörfern, da hatte man über Wetter, Viehpreise, Ernte und Lustbarkeiten gesprochen. Das waren Dinge, die sich unter uns allen abspielten, die Reden waren aus dem Leben gegriffen, das uns umgab. Ganz anders hier! Die Bergleute erzählten von schlagenden Wettern, von versoffenen Gruben, von stehendem und hängendem Gestein, von Teufen und Gezeugstrecken. Sie erzählten aber mit gleichem Ernst von schlohweißen Frauen, von Koboldchen und wunderbaren Berggeistern, die ihnen in der Grube in der verschiedensten Gestalt erschienen. Da waren es zwergenhafte Bergmännchen mit langem Bart, oder weiße, nebelhafte Greisengestalten, die sie geängstigt und erschreckt hatten. Auch in allerlei Tiergestalt erschien der[99] Kobold, als riesenhafter, schwarzer Kater mit glühenden Augen, als Vogel, oder als Mäuschen. Sie zeigten meist einen guten Anbruch, stellten für ihre Dienste nur geringe Forderungen, eine Hauptbedingung war aber die Verschwiegenheit. Diese Forderung schien über die Kraft der Bergleute zu gehen, entweder äußerten sie ihre Freude oder Verwunderung, oder sie plauderten das Geheimnis aus, und damit war es vorbei mit der Güte und Freigebigkeit des Koboldchens, giftiger Odem wehte den Schwätzer an, und der Tod war sein Los. Alle Geschichten endeten tragisch und ich war innerlich empört über diese Schwäche. Wenn mir nur ein Koboldchen einen Schatz schenken wollte, ich würde gewiß den Mund halten. Sie erzählten aber auch von tatsächlichen Funden, die sie ohne Beihilfe von Geistern gemacht hatten. Sie schilderten die Silberadern des rotgüldigen Erzes, sie brachten zackige Kristallformen mit, die ich mit Augen sehen und mit Händen greifen konnte. Amazon.de Widgets Der Steiger breitete sogar eine Karte aus, auf der man die innern Gänge des Schachtes verfolgen konnte. Mit dicken roten und blauen Linien waren da Haupt- und Nebengänge bezeichnet, die wie Straßen in einer Stadt sich durchkreuzten und durchquerten. Diese Gänge bezeichneten sie mit fremdartig klingenden Namen. Sie sprachen vom Einigkeiter Morgengange, von dem in Christi Hilfe stehenden, vom Peter- und Andreasgange. Ja, wie wurde an diesen Abenden meine Phantasie erregt! Wie brennend wünschte ich die silber- und kristallfunkelnde, geheimnisvolle Stadt mit der wunderbaren Bevölkerung der Erdgeister zu sehen, die zwischen den hämmernden Bergleuten ihr verderbliches Tun trieben. War es ein Wunder, daß nach solchen Abenden,[100] an denen die Bergleute besonders eifrig er zählt hatten, die Nächte für mich sehr unruhig waren? Die Spukgeschichten verwebten sich in meine Träume, und wenn mich um 5 Uhr das Glöckchen vom Huthause weckte, so erfuhren meine Träume gleichsam eine Fortsetzung, wenn ich beim Hinaustreten im nächtlichen Dunkel die Bergleute von nah und fern herbeieilen sah. Wie schwirrende Glühwürmchen leuchteten auf den Höhen und in den Tälern die Blenden. Vom nahen Hutha as klang der fromme Gesang durch das Dunkel des winterlichen Morgens. 
 11. Wie ich von Voigtsberg weg kam.  [106] Weihnachten war vorüber. Ein trauriges, freudloses Fest war es für mich gewesen. Es hatte mir vermehrte Arbeit gebracht, aber nicht einmal die Möglichkeit zu einem festlichen Kirchgange, worüber ich bitter weinte. Meine Seele dürstete nach diesem Trost. Von den Eltern war kein Brief, kein Liebeszeichen gekommen, ich fühlte mich durchaus vergessen. Eines Tages wurde in der dunklen, geschwärzten Küche wieder Branntwein gebrannt, und ich schleppte[106] mühsam die großen Holzscheite aus der Scheune herbei. Ich zitterte vor Kälte, denn ein heftiges Schneegestöber fegte über den Hof. Das dünne Röckchen flog mir über den Kopf, als sei es aus Papier gemacht. Bei dem Bemühen, dem Sturm den Rücken zu kehren, sah ich einen Mann in den Hof einbiegen. Er hatte eine große Pelzmütze mit stattlichen Ohrenklappen auf, und seine Hände staken in mächtigen Fausthandschuhen. Was mochte der bei dem Unwetter hier wollen? Ich kannte ihn gut, es war ein Siebenlehner. Ich nickte ihm flüchtig zu, er blieb stehen und winkte heftig mit beiden Händen, so daß ich wohl zu ihm mußte. Er schrie mir etwas zu, der Sturm trug aber seine Worte ungehört davon. Da er mir scheinbar etwas zu sagen hatte, so deutete ich auf die Scheune. Was konnte der Mann nur von mir wollen?! Ich packte die Scheite in den Korb und sagte: »Was wollt Ihr doch bei dem Wetter in Voigtsberg?« »Ja,« sagte er pustend und schnaubend, »setz dich mal da auf das Bund Stroh, so schnell kann ich nicht damit zurecht kommen.« Er zog umständlich die Handschuhe aus, knöpfte den dick gefütterten Überrock auf, langte in eine der Innentaschen und klapperte mit Geld. Gespannt, sprachlos sah ich seinem Tun zu. Die Hand kam gefüllt aus der Tasche zurück, und nun legte er umständlich einen, noch einen ? bis sechs zählte ich, ja sechs harte Taler in meinen Schoß. »Wo kommt denn das schrecklich viele Geld her?!« stotterte ich. »Wart doch,« sagte er, und holte aus einer anderen Tasche ein zierliches Päckchen. Als ich das Seidenpapier entfaltete, lag ein funkelnagelneues Portemonnaie neben den sechs harten Talern.[107] »Noch mehr?« sagte ich, als er wieder mit der Hand unbeholfen in die Tiefe einer Tasche fuhr. »Ja, noch mehr,« sagte er lachend, »hier ist der Brief dazu. Das war wohl eigentlich zu Weihnachten gemeint, aber da hatte ich grade so viel zu tun, da konnte ich nicht gut fort. Eine schöne Bescherung, was? Ein bißchen kalt und zugig hier, geh doch hin über in die Wärme. Und ja, wart doch noch ein Augenblickchen, das ist noch nicht alles. Deine Mutter schreibt, du sollst sofort dei ne Sachen packen und zu ihr nach Hamburg kommen. ? Aber gleich, sonst geht sie weiter nach Holland, ich soll dir ein bißchen mit allem zurecht helfen, sie hat uns auch einige Kleinigkeiten geschickt. Hier ist auch noch ein Brief für Haubolds.« Amazon.de Widgets War mir doch, als müsse mir das Herz springen vor Aufregung. Fort sollte ich, ? und zwar gleich ? sofort! Ich öffnete mit zitternden Händen den Brief, seufzte tief auf, als ich sah, wie lang er war, steckte alles in die Tasche, nahm meinen Korb und forderte den Mann auf, mit mir zu Haubolds zu gehen. Haubold stand vor dem Herd und schaute eifrig in den großen Kessel. Er sah verwundert auf, als der Mann mit mir eintrat. »Wo bleibst du so lange? Wir haben keine Zeit, am Vormittag Besuch anzunehmen!« Mir traten die Tränen in die Augen, ich hätte gern gestanden: »Ich habe in der Scheune Weihnachten gefeiert,« aber so sagte ich nur: »Hier ist ein Brief von meiner Mutter, ich soll gleich nach Hamburg kommen. Rüdiger Heinrich soll mir helfen. Darf ich gleich fort?« Es war nicht nur der Feuerschein, der jetzt das Gesicht von Haubold so rot erglühen ließ. »Ihr habt mich wohl verstanden!« sagte er mit einer deutlichen Handgebärde nach der Tür.[108] Der Mann stotterte verlegen: »Bedenkt, sie ist doch noch ein Kind, man muß ihr doch zurecht helfen, ? es ist eine weite Reise, wenn sie auch nicht viel hat, aber sie soll ihr bißchen Kram doch mit haben!« Haubold knüllte den Brief, den er während der Rede des Mannes gelesen hatte, wütend zu einem Ballen zusammen und warf ihn in die Flammen. »Schert euch fort! Das Mädel bleibt, wo sie ist! Die Mutter hat sie uns übergeben. Wenn sie sie haben will, da mag sie sie selber holen! ? Nach Hamburg! ? Na, das ist was Schönes! ? Das könnt' ich ja vor Gott nicht verantworten, da geht sie zugrunde! Hier bleibt sie!« Ich brachte das viele Geld weinend in meine Kammer. Der Mann stand bei meiner Rückkehr noch immer in der Küche. »Hol Wasser!« befahl Haubold. Der Mann folgte mir. Ich war in höchster Aufregung, ich hätte den Mann schütteln können. »Steht mir doch bei, Rüdiger Heinrich!« bat ich weinend. »Was kann ich dabei tun, wenn die Leute nicht wollen! Pack deine Sachen zusammen und reise.« »Als ob ich das könnte! Das wage ich doch gar nicht!« »Na, siehst du, ich auch nicht!« Damit bog er nach der einen, ich nach der anderen Seite. Ich stellte meine Kanne unter den Strahl, eilte zu meinen Freunden, legte den Brief auf den Tisch und sagte erregt: »Lest den Brief und helft mir! Ich muß zu meiner Mutter! Wenn ich nicht bald komme, treffe ich sie gar nicht mehr. Wenn ich hier länger bleibe, gehe ich zugrunde!« Sie trösteten und versprachen mir ihren Beistand. Bei Haubolds wurde der Sache mit keinem Wort Erwähnung getan. Das vermehrte meine Erregung. Mit[109] niemandem konnte ich sprechen, und doch war mir, als müsse ich ersticken vor Aufregung. Freude, Hoffnung, Zweifel, alles gärte in mir. In der Dämmerung kam Fritz. Ich meinte, mir müsse das Herz still stehen. Hatte er wirklich den Mut, für mich zu kämpfen? Als er mich sah, schob er mich in die Küche, schloß die Tür und ging in die Stube. Ich hörte, wie er mit erzwungener Ruhe fragte, ob ich reisen dürfe. Mann und Frau antworteten erregt und wiesen ihm die Tür. »Gut,« sagte er, »nun werde ich andere Wege einschlagen! Ich dachte, es wäre im Guten und in Ruhe gegangen! ? Ein kleines, schwächliches Kind so auszunutzen, weil sie niemanden hat, der nach ihr sieht, das ist Sünde, und jetzt geh' ich erst 'mal zum Schulzen, und dann werde ich es allen im Dorfe erzählen. Ich prophezeie euch, ihr seid bald eure Kundschaft los!« Er ging. Haubolds schalten, ich weinte, und doch fühlte ich Hoffnung und Freudigkeit, daß jemand für mich eingetreten war. Am nächsten Tage kam ein Bergmann, gab mir meinen Brief und sagte: »Der ist beim Schulzen gewesen. Heb ihn gut auf! Ich soll dir sagen, niemand darf dich zurückhalten. Wir sind alle auf deiner Seite!« Dann ging er hinein und sprach mit Haubolds. Wie waren die Stunden lang und qualvoll! ? Am Brunnen sah ich Gustel. »Hab nur Mut und sei nicht aufgeregt. Es wird alles gut, sollst mal sehen! Wir sind Dorfeingesessene, Haubolds sind die Fremden. Über dich ist schon viel im Dorf gesprochen. Alle finden sie, so darf das nicht weiter gehen. Sie lassen dich schon von alleine gehen, wenn sie sehen, daß niemand mehr zu ihnen kommt. Wenn du weißt, daß du frei kommst, da häng dein rotes Tuch ins Fenster. Dann wissen[110] wir doch, daß wir dich bald erwarten können! Das wird 'ne Freude, wenn du kommst!« Es kamen wirklich keine Bergleute mehr. Da sagte Haubold an einem der nächsten Tage: »Heute abend reif, wohin du willst. Du wirst schon in dein Verderben rennen!« ? Das war ein böses Wort! Als ich das Haus, in dem ich so schwere, einsame Monate verlebt hatte, hinter mir wußte, kam ein großes Glücksgefühl über mich. Frei! ? Das stürmische Wetter war vorbei. ? Über dem festgefrorenen Schnee flutete das sanfte Licht des Mondes. Als ob mir die Welt gehörte, so glücklichen Herzens ging ich in das Häuschen am Brunnen. An der Tür stand Mutter Lehmann: »Ich hab' Erbernbackchen (Kartoffelkeulchen) in der Pfanne und schönen, weißen Kaffee!« Da tafelten wir großartig! »Was wird aus dir?« Diese Frage stand bei uns allen im Mittelpunkt. »Laß nur,« sagte Mutter Leh. mann, »es wird sich schon alles zum Guten wenden, wenn sie nur erst ihre Mutter wieder hat!« Vater Lehmann meinte: »Das viele, viele Geld! Wenn du doch nur gut acht auf dein Geld geben willst! Du bist doch noch ein Kind, wie leicht kann's dir gestohlen werden, oder du kannst es verlieren!« Amazon.de Widgets »Ach,« sagte Mutter Lehmann, »das Geld ist doch nicht die Hauptsache! Ich würde sagen: paß auf, daß du deine Seele draußen in der weiten Welt nicht verlierst, die ist doch mehr wert wie die 6 Taler!« Und wie dachte ich mir die Zukunft?! ? O, ich würde endlich immer, immer bei der Mutter bleiben, mit ihr reisen, und wenn es uns besser ginge, würden wir wieder alle drei beisammen sein und bis[111] ans Ende unserer Tage glücklich und zufrieden sein! Ich habe ihnen viel vorphantasiert, und sie hörten mir, wie sonst auch, geduldig zu. Dann bat ich, daß wir noch einmal die schönen Bergmannslieder miteinander singen möchten. Als wir an das Lied kamen: »Lacht nach bangen Kummertagen Dir ein freundliches Geschick, Darf das Herz mit Jubel sagen: Sei willkommen, Silberblick!« Da jubelte ich die Worte mit tiefster Überzeugung in das kleine Stübchen hinein, als ob ich mir die Brust frei singen müßte von all der überstandenen Pein. Einen Tag mußte ich noch bleiben. Ich mußte mir den Paß besorgen, ich kaufte mir einen großen Tragkorb für die wenigen Sachen, und ? was mir sehr wichtig war, ich nahm Abschied von meinem treuen Seelsorger. Dann nahm ich Abschied von dem stillen Dörfchen, von den guten, treuherzigen Bergleuten, die mir unbewußt so gute Lehrmeister gewesen waren. Ich nahm Abschied von dem ganzen herrlichen Sachsenlande, von seinen bewaldeten Bergen, von den rot glühenden Felsen, den Schlössern und Ruinen ? um auf lange Jahre hinaus nur noch in meinen Träumen in die heimischen Gefilde zurückzukehren. ? Euch aber, ihr lieben, frommen Bergleute, ? die ihr einst eintratet für ein geringes, verlassenes Kind, ? euch rufe ich heute beim Wiedersehn ein dankbares »Glückauf« zu.[112] 
 5. Das Königschießen  [44] Wir saßen während der Abenddämmerung in dem prächtigen alten Steinbruch, dicht beim »Romanus«. Von drei Seiten eingeschlossen, macht er den Eindruck einer Riesenbühne. Die felsige, rote, steil in die Höhe steigende Hinterwand ist malerisch mit Brombeergestrüpp und jungen Birken bewachsen. Die Seitenwände, die sich nach dem Eingang zu schräg absenken, sind mit Tannen bepflanzt. Durch das Grün leuchten mit magischer Schönheit Tausende von Glühwürmchen. Über dieser Naturbühne wölbt sich der dunkle Abendhimmel mit dem Sternenzelt. Es ist noch eben hell genug, daß wir den schlanken Turm vom nahen Städtchen sehen können. Nur das Murmeln des Baches ist hörbar. In diese Ruhe tönt plötzlich laute Musik vom Städtchen her. Musik?! Was ist denn los? Sollte das etwa der Zapfenstreich für das kommende Königschießen sein? Das könnte mit der Zeit wohl stimmen. Königschießen! Welchen Zauber übte einst dies Wort auf mein Kindesherz! Mit großen, steifen Buchstaben schrieben wir in unser Schultagebuch: »Freitag und Sonnabend frei, Königschießen!« Mit Beginn des Zapfenstreiches war für meine Vorstellung alle Regel und Ordnung, nicht nur in meinem persönlichen Leben, sondern für alle Stadtbewohner, auf den Kopf gestellt. Nur meine Eltern, so schien mir, machten eine Ausnahme von der allgemeinen Regel. Überall wurde vorher geputzt, gescheuert, die Häuser geweißt, gewaschen und gebacken; konnte doch jeder während der Festtage Besuch von auswärts erwarten. Wohin man sah, war freudige Aufregung. So viel ich auch sonst dem Vater helfen mußte, diese Tage gehörten mir unverkürzt. Nur zu den Mahlzeiten stellte ich mich ein, sonst war ich den[44] lieben langen Tag beständig auf den Beinen, immer in Aufregung, immer hinter der Musik her, die auf uns wirkte, wie weiland die Wunderpfeife des Rattenfängers zu Hameln. Entzückt staunten wir die frisch geweißten Häuser und die bunten Guirlanden an. Freitag war der Auszug des alten Königs, das konnte man noch mit frischen Kräften genießen. Da war das gestärkte Kattunkleidchen noch sauber, da war der Mammon, ? die drei Pfennige ? noch friedlich im heißen, fest geschlossenen Händchen beisammen, man konnte noch wunder was für Pläne schmieden, auf welche Weise das Kapital am besten zu verwenden sei. Der Lockungen und Versuchungen für ein schwaches Kinderherz waren nur allzu viele! Mochte man rechnen, wie man wollte, mit drei Pfennigen für drei Tage konnte man nicht viel anfangen, man mußte sich weise beschränken. Karussel, Kuchen, Kirschen, Würfel- und Tierbuden! Die Verkäufer brauchten gar nicht so freundlich einzuladen, die Luft zu allem war ohnehin groß genug. War man leichtsinnig, gab's für die kommenden Tage Entbehrung und Reue. Ach, daß selbst ein Königschießen Leid und quälende Gewissensbisse bringen kann, diese Erfahrung mußte ich leider machen, und ich habe sie nicht vergessen. Mein Vater hatte mir wohlwollend die drei Pfennige ins Händchen gesteckt, meine Mutter nahm mich zärtlich in die Arme und warnte mit freundlichem Ernst: »Na, nun halt nur gut Haus! Soll ich auch lieber zwei Pfennige für die kommenden Tage zurückbehalten?« Ich sah sie bittend an, und mein Vater sagte: »Laß es ihr, sie muß selbst lernen, mit Geld umzugehen. Erfahrungen muß jeder für sich selbst machen.« »Na ja,« sagte meine Mutter, während sie mir den[45] Abschiedskuß gab, »du wirst ja wohl keine Dummheiten machen. Sei recht vergnügt!« Amazon.de Widgets So glücklich, im Vollgefühl innerlichen Geeintseins mit den Eltern stürmte ich fort, ? aber ach ? wie anders kam ich wieder! Zuerst drängte ich mich mit dem Kinderschwarm nach des Königs Haus, das sich vor den übrigen durch eine prächtige Ehrenpforte auszeichnete. Nichts wurde von uns Kindern versäumt oder übersehen. Der Zug ordnete sich. Allen voran schritt die Musik. Hier nahm unsere Teilnahme besonders der Halbmond mit dem Glöckchenspiel in Anspruch. Wie glänzte er in der Sonne! Wie wehten die stattlichen Roßschweife, und wie fuhren uns die rauschenden Töne in die Glieder, wenn der Klempner Klaus sich nach dem Takte mit voller Wucht den Stab des Instrumentes gegen den Leib stieß. »Tschintera-ta-ta!« machten wir es nach, und suchten während des Marsches möglichst in der Nähe der Musik zu bleiben. Aber was dicht hinter der Musik kam, war nicht minder sehenswert. Das waren unsere weiß gekleideten Schulgefährtinnen, die an dem Tage die Ehre hatten, als Blumenstreumädchen dem König voranzugehen. Wie beneidenswert erschienen sie mir, wenn sie in ihren abstehenden Kleidern gespreizt und geziert einher schritten. Das von Pomade glänzende Haar trugen sie in breiten, flachen Zöpfen bogenförmig um den Kopf gesteckt. Aus zierlichen Körbchen streuten sie Blumen auf den Weg. Wer kein Körbchen hatte, trug einen langen weißen Lilienstengel. Ach wie ich sie schön fand! Mir ist aber nie das Glück zuteil geworden, je ein Blumenstreumädchen zu werden. Und nun kam der König! Der Schuster Rost war es in diesem Jahre. Mit dem großen Stern und der breiten blauseidenen Schärpe sah er gar stattlich aus[46] zwischen seinen beiden Begleitern. Und geladene Begleiter folgten ihm. Dann erst kam der Zug der Schützen in ihren wunderlichen Uniformen. Wie zitterte der alte Schlosser Rößner unter der schweren Fahne! Wie blitzten die Knöpfe an den langschößigen steifen blauen Fracks, wie schillerten die grünen Federbüsche von den großen Dreimastern. Die schmetternde Musik noch übertönend erklingt die Stimme des kommandierenden Majors. Es ist der kleine dicke Bäcker Röding, der, stolz und barsch, im Schweiße seines Angesichts seiner Garde zuruft und mit mächtigen Gebärden den Kommandostab mit dem silbernen Knopf schwingt. Wir Kinder suchen in der befremdlichen Kleidung unsere guten Bekannten, wir wagen einen schüchternen Gruß, aber ernst und würdig durchschreiten die Biedermänner das Städtchen. Die Sonne brennt heiß, und wo das Pflaster aufhört, bewegen wir uns in einer Staubwolke ? aber schön ist's doch! Auf dem Festplatz löst sich der Zug, und ein buntes, vergnügtes Durcheinander wogt summend den gebotenen Genüssen entgegen. Dürstend und heiß stand an der Pumpe eine Gruppe Blumenstreumädchen, belagert von ihren neugierigen, weniger begünstigten Gefährtinnen. Während eine von den Weißgekleideten gierig und vorsichtig ihren Mund an die Röhre legt, pumpt eine von uns anderen und bestürmt die Erquickte mit lebhaften Fragen. »Was hat's denn bei Königs gegeben?« sagt sie wichtig, während sie sich die Hände mit dem Taschentuch trocknet: »Bemmchen mit Cervelatwurst belegt, und für uns Mädchen zum Trinken Limonade!« Wir horchten gespannt, und ich bewunderte, wie geläufig diese ungewöhnlichen Worte der anderen von den Lippen flossen. Was in aller Welt mochte das für ein wunderbarer Trank sein, der einen so einschmeichelnden[47] Wohllaut hatte! Li?mo?na?de! Ich wiederholte das Wort sinnend bei mir selber. Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter, und als ich mich erschrocken umdrehe, sehe ich in das bärtige Gesicht des guten Förster Lantsch. Er war ein Freund meiner Eltern und brachte häufig, sorgsam in Moos verpackt, irgend eine Seltenheit mit aus dem Walde. Dieser freundliche, gute Mann stand jetzt vor mir und zog aus seiner Tasche eine grünseidene Geldbörse. »Sieh mal her, mein kleiner Spiritus, die Waldgeisterchen schicken dir einen kleinen Beitrag fürs Fest. Kauf dir recht was Schönes, und sei froh mit deinen Freundinnen!« Der gute Herr Lantsch war in der Menge verschwunden, ich aber sah überrascht in meine Hand. Da lag ein funkelnder Neugroschen und ein winziges Fünfpfennigstück daneben. Fünfzehn Pfennige! Ganz verwirrt schaute ich diesen Reichtum an. Ich öffnete die andere Hand und legte die drei Pfennige von Hause dazu. Es war kein Traum, da lagen 18 Pfennige! Dieser Reichtum! Schnell zur Mutter! Was würden sie zu Hause sagen? Ich schlug schon die Richtung nach dem Forsthof ein, als mich jemand am Kleid zupfte. »Setz dich in den Keller, daß du so frisch bleibst bis zu Ende!« Es war Nagelschmieds Lene, die mich so anredete. Sie war zwei Jahre älter als ich und so klug und sicher in allem. Ich fühlte mich ganz geschmeichelt durch ihre Vertraulichkeit, obgleich meine Mutter nicht gern sah, wenn sie sich mit mir abgab. Sie schob jetzt ihren Arm in den meinen, beugte ihr Gesicht zu mir herunter, so daß ich ihr gerade in die lachenden schwarzen Augen sah: »Du willst doch[48] nich heem? Jetzt, wo gerade der Hauptspaß los geht! Was willste denn derheeme?« »Laß nur,« sagte ich, »ich muß den Eltern was zeigen!« »Ach tu dich doch nich! Meenste, ich hätte nich gesehen, daß d'r der Lantsch was zum Königschießen gegeben hat? Zeig mal her, wie viel 's is.« Ich öffnete schweigend die Hand. »Siehste!« sagte sie gönnerhaft, »wie du reich bist, aber wirste heem gehn! Das kommt noch früh genug, wenn der Spaß aus is. Wenn du jetzt heem gehst, da setzt dei Vater dich hinter enen von den großen, grünen Tischen, und da mußt de Pflanzen einlegen, und deine Mutter steckt die fufzehn Pfennige in den Spartopf. Wirste e Narr sein! Das Geld is deine, das geht niemanden was an, du brauchst's in deinem Leben niemandem zu sagen, uf mich kannste dich verlassen, ich verrat dich nich. Aber nu komm, wir wollen uns mal umsehen, was es heite gibt.« Es gesellten sich bald mehrere Freundinnen dazu, und wir brauchten längst nicht den ganzen Nachmittag, um achtzehn Pfennige durchzubringen. Ich war plötzlich der Mittelpunkt, die »Freundinnen« drängten sich an mich, und ich hörte wiederholt mit dem Brustton tiefster Überzeugung: »Ach, was du aber für 'ne gute Charedas bist!« Ich glaubte alles und genoß meine Beliebtheit in vollen Zügen. Und doch fühlte ich durch all die laute Freude hindurch die Stimme des Gewissens, es war mir nicht unbedingt wohl, trotz Kirschen und Pfefferkuchen und den Schmeicheleien der Gefährtinnen. Flüchtig tauchte das Gesicht meiner Mutter in meinem Innern auf, aber die Erinnerung an sie war mir keine Freude, ich fühlte mich im tiefsten Grunde beunruhigt, und das[49] wurde geradezu zur Pein, als das Geld alle war und meine Freundinnen ganz allmählich in der Menge verschwanden, gerade so von ungefähr, wie sie sich vorher eingefunden hatten. Je später es wurde, desto einsamer und elender fühlte ich mich. Die Karusselmusik machte mich traurig. Ich schlich mich aus der lauten Menge in eine entlegene Ecke des großen Gartens. Hier waren Baumstämme in mäßiger Höhe aufgeschichtet, darauf setzte ich mich, sah mich scheu nach allen Seiten um, und als ich mich überzeugt hatte, daß sich hierher wohl niemand verlieren würde, stützte ich meinen Kopf in die aufgestemmten Hände und weinte, weinte herzbrechend. O, wie einsam fühlte ich mich! Wie schlecht und wie von Gott und aller Welt verlassen! Ich hatte das dunkle Gefühl, daß kein Platz auf der Erde mehr sei, wohin mich verlangte. Amazon.de Widgets Die Abendglocke läutete zwischen all dem lauten Lärm. Ich erschrak. Das war das Zeichen für uns Kinder, nach Hause zu gehen. Wie konnte ich denn nach Hause! Was sollte ich zu Hause? Was würden die Eltern sagen, daß ich so entsetzlich viel Geld durchgebracht hatte? Hinter ihrem Rücken! Und nun kamen die Gedanken, die sich untereinander verklagten und entschuldigten. Ob das wohl möglich war, daß ich es verschwieg? Lene hatte mit großer Bestimmtheit gesagt: »Das Geld ist deine, damit kannst du machen, was du willst.« Ja, es war doch auch mein, ich hatte es doch geschenkt bekommen. Aber wenn nichts Böses dabei war, dann konnte ich es ja auch zu Hause sagen. Hatte meine Mutter nicht immer gesagt: »Wenn du dich freust, freuen wir uns mit.« Nun gut, dann wollte ich bekennen, heute abend, wenn die Mutter zum Abendgebet in die Kammer kam. Schweren Schrittes, wie das verkörperte böse Gewissen, schlich ich den Hügel zum Forsthof[50] hinan, den ich so leichten Herzens vor wenigen Stunden hinabgesprungen war. »Kommst du auch mal wieder nach Hause!« sagte mein Vater mit gerunzelter Stirn. Meine Augen suchten das Gesicht meiner Mutter. Als sie sich endlich zu mir wandte, sah sie mich kalt und fremd an. O, wie elend fühlte ich mich, und ich wußte mir gar nicht zu helfen! »Ich möchte wissen,« sagte meine Mutter mit fremder Stimme, »woher du das viele Geld hast, womit du heute nachmittag deine Freundinnen traktiert hast?« Sie wußte es schon! Wie konnte sie es denn wissen? Ich zitterte so, daß ich keinen Ton hervorbringen konnte. »Oder,« fuhr meine Mutter in demselben kalten, fremden Tone fort, »oder hat Nagelschmieds Lene die Unwahrheit gesagt?« »Nagelschmieds Lene!« rief ich erstaunt. Nein, das konnte nicht sein! Hatte denn nicht sie gerade mir den Rat gegeben, nichts zu sagen? Und nun? »Ja,« sagte meine Mutter, »als du nach dem Läuten nicht gleich kamst, ging ich unten ans Pförtchen, um nach dir auszusehen. Da kam Lene und erzählte mir, du habest schrecklich viel gekauft, habest sie alle freigehalten. Ist das wahr, und woher hast du das Geld?« »Ach, Vater, Mutter, es ist alles wahr! Seid doch nicht böse, der Lantsch hat mir fünfzehn Pfennige geschenkt.« »Und das hast du alles durchgebracht?« Ich nickte stumm. »Und die drei Pfennige von uns?« »Ja, die auch noch,« sagte ich schluchzend.[51] »Na,« meinte mein Vater scharf, »aus dir kann was werden!« »Du hast uns heute nachmittag nicht gebraucht, als du fröhlich warst, jetzt brauchen wir auch dich nicht. Da liegt dein Brot, geh und iß es draußen,« so sagte meine Mutter. Schluchzend und reuevoll würgte ich mein Brot hinunter. Später kam zu meiner Erlösung doch noch meine Mutter an mein Bett und sprach ernst und eindringlich mit mir, aber mir wurde verziehen. *** Heute wie vor 40 Jahren, so dachte ich, wird es Kinder geben, die sinnend überlegen, wie sie ihre paar Pfennige am besten verwenden. Ich will auf den Festplatz gehen, und will mir hauptsächlich die Kinder ansehen, ich weiß, törichtes Sehnen wird auch in ihren Herzen wuchern. Wie gern würde ich manchem Kinde die Pfennige verdoppeln, aber vielleicht treibe ich es mit allem guten Willen nur in Reue und Gewissensqual. Lächelnd beobachte ich, wie Scharen geputzter, fröhlicher Menschen am »Romanus« vorüber dem Städtchen zueilen. Mit einem Gefühl von Verlegenheit mische ich mich unter sie. Ich befinde mich bald vor des Königs Haus. Alles ist in Aufregung! Das kleine Haus ist voller Menschen. Oben am Fenster zeigt sich die Frau Königin im braunseidnen Kleid. Die schwarz gekleideten Königsbegleiter drängen sich im engen Stübchen, und in der dunklen Hausflur warten die weiß gekleideten Kinder auf das Ordnen des Festzugs. Eine geschäftige Kochfrau drängt sich eilig und erhitzt hinaus, sie späht nach den Schützen. Und: »Sie kommen! Sie kommen!« ruft die[52] angesammelte Straßenjugend, die allgemeine Spannung löst sich, alles verläuft planmäßig. Amazon.de Widgets Die Zeit hat aber doch auch hier Veränderungen und Neuerungen gebracht. Die Schützen sehen modern in ihren grauen Joppen mit grünen Aufschlägen aus. Kein wehender Federbusch, kein Dreimaster mehr. »Ach, eine neue Fahne!« rufe ich unwillkürlich. »So,« sagt eine neben mir stehende Frau, »kennen Sie die noch nicht? Ihre Majestät, die Frau Königin in Dresden, hat sie gestickt und uns geschenkt. Sie ist doch schön, nicht wahr?« Jawohl, aber ich hätte so gern die alte rote wieder gesehen. Auch die Blumenstreumädchen hatten sich verändert. Sie trugen ihr Haar lose, hatten ein zierliches Kränzchen auf dem Kopf und benahmen sich viel natürlicher und einfacher. Aber hier kam der Halbmond! Das war noch das gute, bekannte alte Glöckchenspiel. Der Träger, ein blasser Mann mit großen, blauen Augen, war sich seiner Würde voll bewußt. Er war in höchster Spannung, daß er nur ja zur rechten Zeit einfiel. Die ungewohnte Arbeit und die Hitze trieben ihm den Schweiß ins Gesicht, aber er sah trotz der Anstrengung überaus glücklich aus. Ich trat zu ihm und sagte teilnehmend: »Das ist wohl saure Arbeit!« »Na, na,« lächelte er, »ich tu's gar gern, 's ist 'ne große Ehr!« Noch mehr als der Mann selbst erregte meine Teilnahme ein kleines Mädchen in einem verwaschenen, aber steif gestärkten Kleidchen. Sie hielt sich immer dicht an den Halbmond, der Träger war augenscheinlich ihr Vater. Wäre er Kaiser gewesen, der Ausdruck ihres Gesichtchens hätte nicht stolzer, nicht strahlender sein können. Sie hatte noch keine Aufgabe zu[53] erfüllen wie der verantwortungsvolle Vater, sie durfte nur glücklich sein an der Seite eines solchen Vaters! Schauten und horchten ihre Spielgefährten nicht alle nach dem klingenden Spiel? Kein noch so großes Gedränge konnte das Kind von der Seite des Vaters drängen, über das schlechte Pflaster, durch die dicke Staubwolke erkämpfte sie sich nach kurzer Trennung wieder ihren Platz. Auf dem Festplatz suchte ich sie, da war sie aber in der Menge verschwunden. Mit Illumination und unter bengalischer Beleuchtung wurde Sonntagabend der neue König durchs Städtchen geleitet. 
 1. Leuben.  »Sie müssen in Elsterwerda aussteigen und da zwei Stunden warten, bis der Riesaer Zug kommt,« sagte der Schaffner, indem er uns unsere Fahrkarten zurückgab. Wir waren nicht sonderlich erbaut von diesem Bescheid und betraten widerwillig das dumpfe, sonnendurchglühte Wartezimmer. Unzählige zudringliche Fliegen umsummten uns, und hinter dem Büffet stand die Schenkmamsell und gähnte. Wir legten unser Gepäck hin und versuchten es draußen. Hier fanden wir rechts Kartoffelfelder und links einen breiten Wassergraben mit alten Weidenstümpfen an der Seite. Das gefiel uns auch nicht, und wir schlenderten wieder ins Wartezimmer zurück. Hier war unterdessen doch eine Veränderung vor sich gegangen. Ein Herr saß vor einer Tasse Kaffee. Der Angekommene musterte unsere Bündel, musterte uns, und fragte endlich: »Sie reisen wohl in die Sommerfrische?« »Ja, wir reisen in die Sommerfrische.« »Und darf ich vielleicht fragen, was Sie sich ausgesucht haben?« »Sie werden den Ort schwerlich kennen, wir wollen nach Siebenlehn.« »Nach Siebenlehn?« fragt der Herr gedehnt. »Ja,« sage ich, »ist Ihnen der Ort bekannt?«[1] Er lächelt so eigentümlich und sagt überlegen: »Freilich kenne ich Siebenlehn. Ich reise so viel, ich kenne ganz Sachsen wie meine eigene Tasche, und manches Land noch außerdem, aber Siebenlehn wäre sicher der letzte Ort, den ich mir für die Sommerfrische gewählt hätte. Schade, daß wir einander nicht früher gekannt haben. Ich hätte Ihnen dort, ganz in der Nähe von Siebenlehn, viel Schöneres ausgesucht.« ? Ich mußte lächeln und dachte bei mir selbst: »Jawohl, mein Herr, ich kenne auch die nächste Umgebung und rechne sie mit zu meiner Heimat.« »Gehen Sie doch nach Nossen!« fuhr der Herr lebhaft fort. »Von dem romantisch gelegenen Schloß hat man eine wunderbare Aussicht, und wissen Sie, dicht dabei, im Muldental liegen die interessanten Klosterruinen von Alt-Zella. Haben Sie noch nie von Alt-Zella gehört? Ist seinerzeit eines der berühmtesten Klöster gewesen! Versäumen Sie nur ja nicht, einen Abstecher dorthin zu machen!« Elsterwerda bekam plötzlich, trotz Fliegen und Hitze, ein andres Aussehen, es wurde mir ganz interessant durch die genaue Ortskenntnis, die der Weitgereiste von meiner Heimat hatte. Wie sonderbar kam mir die Frage vor, ob ich Alt-Zella kennte! Wie oft war ich sowohl mit den Eltern, wie auch allein dagewesen, um in dem alten, großen Garten alles mögliche zu sammeln. Wuchsen da doch Bäume, die man sonst nirgends fand! Da war der interessante Tulpenbaum, seltene Edeltannen, die Korneliuskirsche, jahrhundertealter, blühender Efeu und außerdem Moose und Flechten in großer Zahl. Der umfangreichen Klostermauer war die Gärtnerwohnung eingefügt. In der Wohnstube mit den dicken alten Mauern saß im großen Lehnstuhl der 90jährige, erblindete Großvater, um dessen Leben sich ein ganzer Sagenkreis wob. Mit[2] dessen Enkeln, ein paar munteren Jungen, spielte ich Versteck in den Resten des einstigen Refektoriums, oder wir tappten uns gruselnd durch die einstigen Klosterkeller. Auf den breiten Fenstersimsen, deren edler Stil die einstige Pracht ahnen ließ, da hatte ich mit meiner Mutter gesessen und mit atemloser Spannung den Erzählungen gelauscht von der längst vergangenen Macht und Bedeutung dieses alten Klosters. Daß die Mönche diesen herrlichen Fleck Erde ihr »Paradiesgärtlein« genannt hatten, das war mir ganz selbstverständlich. Was würden sie sagen, wenn sie sehen könnten, daß nach Jahrhunderten muntere Kinderfüße ihr Heiligtum durchjagten? Die Knaben zeigten mir kleine Zellen mit einem verwitterten Steinsitz und erzählten mit geheimnisvollen Mienen von eingemauerten Mönchen, von unterirdischen Gängen und von versenkten Klosterschätzen. Welche unerschöpfliche Quelle von Vorstellungen und Eindrücken erhielt mein lebhaftes, phantasievolles Kindergemüt innerhalb dieser umfangreichen Klostermauern! Amazon.de Widgets Da unterbrach der Herr meinen Gedankengang und sagte: »Wissen Sie, von Siebenlehn kann ich Ihnen nichts andres sagen, als daß es jetzt Schusterresidenz ist. Haha! Wahrhaftig, in jedem Haus zwei Schuster, und die heißen Rost. Den Küchenzettel kann ich Ihnen auch schon verraten: Wassersuppe und Kartoffeln. Letztere im günstigsten Falle nach der bekannten Variation: Morgens rund, Mittags gestampft, Abends in Scheiben, Dabei soll's bleiben, Es ist gesund!« Der Herr trank lachend den Rest seines Kaffees aus, stand auf, schwang grüßend seinen Hut und sagte mit einer Beimischung von gutmütigem Spott: »Wünsche den[3] Damen Glück zu ihrer Wahl, viel Vergnügen und gute Erholung!« »Na,« sagte meine Tochter lachend, »der macht uns ja gute Aussichten. Wer nun wohl recht hat!« Unsere Zeit war um, der Riesaer Zug stand bereit, und wir richteten uns mit unseren Eckplätzen ein. Still saß ich und ließ den Blick über die vorüberfliegende Gegend schweifen. Mir kam ein Vers nicht aus dem Sinn, den ich einmal irgendwo gelesen hatte: »In meine Heimat kam ich wieder, Es war die alte Heimat noch, Derselbe Duft, dieselben Lieder, Und alles war ein andres doch!« Je mehr sich der Tag zu Ende neigte, desto lebendiger und erregter wurde ich. Die Gegend weckte Erinnerungen. Das mußte die Lommatzscher Pflege sein. Ich stehe auf und schaue hinaus. Sollte der Zug wohl gar durch Leuben fahren? Geht denn jetzt eine Bahn hierher?! Freilich, vierzig Jahre sind eine lange Zeit, und ich kann nicht erwarten, daß ich alles so wiederfinde, wie ich es einst verlassen habe. Zumal die Menschen! Viele werden überhaupt nicht mehr da sein, und die, welche ich noch am Leben finde, die werden die alte Zeit und erst recht mich selbst vergessen haben. Aber sieh! Da liegt die Leubener Mühle! Bewegt muß ich der Gestalten und der Namen gedenken, die beim Anblick des Hauses auftauchen. ? Aber weiter geht der Zug, und neue Bilder nehmen die Seele gefangen. Mögen die zuerst zu ihrem Recht kommen! Wie lauschig liegen die stattlichen Bauernhäuser hinter den fruchtbaren Obstbäumen versteckt, und: »Ein Bächlein fließet das Tal entlang.« Aus den grünen Hügeln schaut hie und da ein nacktes, rötliches Felsstück hervor. Oben auf dem Berge steht die Dorfkirche. Den Weg hinauf bezeichnet eine Pappelallee. Die großen, kräftig entwickelten[4] Bäume ragen wie Zypressen gen Himmel empor und verleihen der Landschaft einen feierlich ernsten Charakter. Am anderen Ende des Dorfes steht das Schulhaus. Im Fluge sehe ich die Pumpe vor der weißgetünchten Wand, die von dem grünen Gerank des Spalierobstes ganz überzogen ist. Daß an diesem Spalier die denkbar süßesten Reineclauden wachsen, das weiß ich ganz bestimmt, denn ich habe oft davon gegessen. ? Nun ist alles vorüber, und die letzten Abendstrahlen vergolden die fruchtbare Gegend. Sinnend setze ich mich in die Ecke. Das eben Geschaute hat eine Flut von Erinnerungen in mir geweckt. Gestalten aus ferner Vergangenheit tauchen auf, sie reden auf mich ein, mit fast körperlicher Deutlichkeit höre ich ihre verschiedenen Stimmen. ? Ich schiebe die Ereignisse von mehr als vierzig Jahren beiseite und sehe mich als kleines Mädchen von 8?9 Jahren auf dem Forsthof zu Siebenlehn. Das alte Haus mit dem grauen Brettergiebel lag abgesondert von den anderen Häusern auf einem Hügel, dicht dahinter dehnte sich der große Zellaer Wald. Der war im Sommer fast noch mehr unsere Heimat wie die Stuben. Hier auf dem Forsthof hatten wir Platz für unsere vielen Sammlungen. Die vordere Stube, wo wir uns gewöhnlich aufhalten, ist zum Ersticken voll gepackt mit Herbarien. Unzertrennlich davon ist der Apothekengeruch, der den stark riechenden Kräutern anhaftet. Bis hinauf an die Decke reichen die Gestelle. Vor den dickbauchigen Paketen stecken die Etiketten mit den lateinischen Namen. An der Fensterwand stehen große, grüne Arbeitstische. Keine Gardine dämpft das einströmende Licht. »Wir brauchen jeden Lichtstrahl,« sagt mein Vater. ? Die Tür zur angrenzenden Stube steht im Sommer weit offen. Auch hier sind Sammlungen, nur Sammlungen,[5] oder Gegenstände, die damit in Beziehung stehen. Eine Anzahl Netze, kurz und langstielig, dicht und lustig. Die kurzen dichten werden für Wassertiere, die lustigen für den Schmetterlingsfang gebraucht. Da stehen große und kleine Pflanzenpressen, Botanisierkapseln hängen im Winkel. An den Wänden stehen die grün angestrichenen Schränke mit den Steinen, Käfern, Schmetterlingen, Samen und Harzen. Auf dem Gestell in der Mitte der Stube sind die Glashäfen mit den Schlangen und Eidechsen. In der vorderen Stube, am ersten der Tische, sitzt mein Vater und schreibt. Er sitzt nicht lange still, zwischendurch geht er eiligen Schrittes in die Nebenstube, wo er sich an den verschiedenen Schränken zu schaffen macht. Sein seines blasses Gesicht zeigt eine nervöse Unruhe, er ist immer fleißig, hat immer Eile, er ist immer voller Sorge, es könnten ihm Pflanzen verblühen, bevor er sie gesammelt hat. Meine Mutter nimmt die kleinste der Botanisierkapseln und hängt sie mir über die Schulter. »Na,« sagt sie freundlich und setzt mir noch das Strohhütchen auf, »du wirst dich doch nicht verlaufen? Wenn du mal unsicher bist, dann frag nur! Sammle die Pflanzen nicht zu früh, sie werden sonst so welk, und du weißt am besten, wie schwer sie sich dann einlegen lassen. Der gute Herr Kantor wird dir gewiß helfen, er weiß, wo sie stehen. Drei Tage darfst du bleiben. Sag nur, im Winter, wenn Helleborus niger blüht, dann komme ich selbst, dann kann ich eher abkommen. In der Kapsel sind Schuhe und Strümpfe. Ehe du ins Dorf gehst, wäscht du dir die Füße im Bach und ziehst dann beides an. Die Sonne wird dir die Füße trocknen. Sei hübsch ordentlich unterwegs! Wenn du Leute triffst, gib Red und Antwort, sei freundlich und gefällig! Wo[6] du jemandem helfen kannst, da greif zu! Hier ist eine Bemme, die iß unterwegs! Nun grüß sie alle, und komm gesund wieder!« Sie küßte mich, und ich klammerte mich an sie. Nun dreht mein Vater sich um und sagt vorwurfsvoll: »An das Spiritusglas für die Käfer hast du wieder nicht gedacht! Das Schmetterlingsnetz mußt du auch mitnehmen! Hier ist auch eine Schachtel für Raupen! Achte auf alles! Die Steine an den Wegrändern drehe um, oft sitzen Käfer darunter, die steck ins Glas! Mancherlei kannst du an alten Weiden finden. Moos und Flechten nimmst du natürlich nur mit Früchten. Lockere den alten Bäumen die Rinde, prachtvolle Bock- und Rüsselkäfer, aber auch die Weidenbohrerraupe kannst du da finden. Achte auf das Kleinste und scheinbar Geringste! Hier habe ich dir die Dörfer aufgeschrieben, durch die du kommst. Frag den Herrn Kantor, ob er vielleicht etwas Neues, Interessantes hat, und bitt ihn, daß er mal herkommt.« So ausgerüstet, das Schmetterlingsnetz als Wanderstab benutzend, zog ich fröhlichen Sinnes über Land. Der Weg war weit, ich machte ihn durch mein häufiges Verweilen leicht doppelt so lang wie nötig. So bequem wie heute mit der Eisenbahn kam ich nicht vorwärts, aber ich hätte auch längst nicht so viel erlebt. Ich hätte dann keine Zeit gehabt, die Steine umzuwenden, ich hätte dann aber auch nicht beobachten können, welch ein stilles, verborgenes Leben die kleinen Käfer bei den bleichen, plattgedrückten Grashalmen führen. Nicht nur auf die kleine stille Welt erstreckte sich meine Beobachtung, ich lernte auch das Tun und die verschiedenen Anschauungen der Menschen kennen, mit denen ich auf diesen einsamen Wanderungen zusammentraf. Einsamkeit oder Langeweile empfand ich nie. Die Menschen interessierten[7] mich doch am meisten. Kam von ungefähr ein Handelsmann, der mühselig seinen Handwagen einen Berg herauf zog, so stellte ich mich heimlich hinten dran und schob nach Leibeskräften, und groß war mein Spaß, wenn der Ziehende sich erstaunt umschaute und mir freundlich dankbar zunickte. Es kamen auch hochgeschürzte Mägde, die an Korb und Krug schwer trugen, eine Hand hatte ich noch immer frei, die ich in ihren Dienst stellen konnte!« »Wenigstens sollst du doch mal dafür trinken!« hieß es, und das ließ ich mir gern gefallen. Ich erinnere mich nicht, von meinen Eltern je gewarnt zu sein. Wenn es sich um Menschen handelte, hieß es: »Hilf wo du kannst! Sei höflich und nicht maulfaul!« Wenn es Tiere betraf, so hieß es: »Sei nicht bange, saß zu, tu ihnen unnötig kein Leid an. Wenn wir sie aber brauchen, so steck sie ein!« So kam es, daß ich Tiere, vor denen sich sonst die Menschen scheuen, ohne Grauen anfaßte. Amazon.de Widgets Wenn ich etwa die Hälfte der Wanderung hinter mir hatte, führte mich mein Weg an stattlichen Bauerngütern vorüber. Selbst mir fiel es auf, wie viel üppiger hier alles war, als in meiner gebirgigen Heimat. Hier pflegte ich mir eine Ruhepause zu gönnen. Von früheren Wanderungen her war ich den Bauern schon bekannt. »Nu so was!« rief die Bauernfrau erstaunt, »das is ja das kleene Kreitermädel aus Siebeln! Kinder, kommt, hier is Gesellschaft für eich. Seht emal, die sucht egal Tee, und so weit muß se dernach loofen! Wächst denn das Kreit'ch ni bei eich?« Die Kinder musterten mich zuerst staunend und schweigend. Ganz sachte kamen sie näher und befühlten die Kapsel, versuchten neugierig, sie zu öffnen, und faßten das Netz an. »Ach ja!« sagte die Frau mitleidig, »die hat ni[8] so gut wie ihr, die muß ganz alleene weit im Lande rum ziehen und muß Kreiter und giftige Tiere suchen.« ? »Ja,« fuhr sie redselig fort, »ihr Vater is e Zauberer, der kocht Tränkchen, dadrmit kuriert er die Leite. Ach, was der alles kann! Zaubersprüche kann er, die versteht kee Mensch. Na, bleib nur, mir essen gleich, da ißt de en Löffel Semmelmilch mit.« Und ich ging mit in die Gesindestube, aß mit einem runden Blechlöffel mit Herrschaft und Gesinde aus einer Schüssel, nachdem die Großmagd das Tischgebet gesprochen hatte. Inzwischen hatten die Kinder ihre Blödigkeit überwunden und führten mich nach dem Essen in Haus und Garten umher. Beim Beerenessen kam auch der Bauer und die Frau hinzu, und dann hatte ich ein Kreuzfeuer von Fragen zu bestehen. Von dem Tun meiner Eltern hatten sie die abenteuerlichsten Vorstellungen. Wenn ich sie lachend berichtigen wollte, taten sie sehr überlegen und sagten, ich brauche mir weiter keine Mühe zu geben, sie wüßten es besser. Den Kindern machte es Spaß, mir Stuben und Kammern und vieles von ihren Vorräten zu zeigen. Bergehoch waren die Betten aufgetürmt. In den Truhen mit den bemalten Herzen und den verschlungenen Namenszügen waren Stoffe und Wäsche aufgespeichert, und mir schien, hier müßten die Bauern wohnen, von denen der Vers handelte, den die Hirten im Herbst sangen, wenn sie das Vieh heimtrieben: »Horei! Horei! Treib ei, Treib ei! In das große Tor hinein, Wo die reichen Bauern sitzen, Mit den roten Zippelmützen, Die den Quark mit Löffeln essen, Und das Geld mit Scheffeln messen.«[9] Beim Abschied pflückten mir die Kinder ein Krausemünzsträuschen und vertrauten mir geheimnisvoll an: »Wenn mer groß sein, gehn mer ooch fort, da kommn mer na Meißen uf de Benehme.« In Leuben kam ich an, wenn die Kinder den Schlußvers sangen: »Unsern Ausgang segne Gott, unsern Eingang gleichermaßen usw.« Ich lauschte am Treppengeländer, und es tat mir gut, mit solchem Segen empfangen zu werden. Ehe aber die losgelassene Herde herausstürzte, eilte ich schnell hinauf. Welch freundliches Ende fand nun meine Wanderung! Der der Tür gegenüber hängende Spiegel zeigte mir ein rundes, glücklich strahlendes Kindergesicht. Das schwarze Haar hing etwas wirr ins Gesicht, der helle Strohhut war in den Nacken gerutscht. ? Die liebe, freundliche Frau Kantor kam von ihrem Nähtisch auf mich zu, und hieß mich mit warmen, mütterlichen Worten so herzlich willkommen, daß ich mich wohl und heimisch fühlte. Wie tat mir auch das Lob wohl, wenn sie bewundernd sagte: »Du bist ja ein kleiner Held! Den weiten Weg machst du ganz allein! Und wie sauber hast du dir die Füße gehalten!« Amazon.de Widgets Hut, Kapsel und Netz wurden mir abgenommen. »Nun bleibst du ein paar Tage bei uns, nicht wahr? Und wie werden sich die Kinder freuen! Horch ? ich hör' sie schon!« Und dann ging die Tür auf, und der blasse, müde Herr Kantor trat ein, und hinter ihm kam die Kinderschar, der große Paul und der kleine Berndel, das blondhaarige Liesel und Hedel und die kleine Dicke! Zwischen all den lieben, wohl erzogenen Kindern fand der fremde Gast seinen Platz, und jeder wetteiferte, mir ein reichlich Teil von dem Milchkaffee und dem Honigbrot zukommen zu lassen. Hier hätte ich immer sein mögen! Was nur[10] ein Kinderherz erfreuen konnte, das fand ich hier. So viel Kinder, Puppen, Wagen, Bücher, unten war ein Blumen- und ein Obstgarten. Der letztere bildete einen Abhang, da purzelten wir mit heiterem Lachen hinunter, bis dicht an den Bach. Zunächst war mir nach meinem langen Marsch die Ruhe willkommen. Ich setzte mich ans niedrige Kindertischchen, nachdem ich mir eine von Horns »Spinnstuben« geholt hatte. Mit welchem Behagen ließ ich mir vom Schmiede-Jakob die harmlosen Dorfgeschichten erzählen. Ja, ich las gern, und was ich gelesen hatte, erzählte ich am liebsten gleich wieder. ? Ich schlief mit Hedel und Liesel im Stübchen mit der hellen Tapete. Das leise Gefühl des Fremdseins erhöhte nur den Reiz und die Feierlichkeit. »Nun erzähl uns was!« sagten die Mädchen, und ich erzählte kraus durcheinander, Gelesenes und Selbsterlebtes, bis mir endlich die Müdigkeit die Lippen schloß. Durch das nächtliche Schweigen hörte ich den fremden Klang der Kirchenglocke, das Tuten und den Gesang des Nachtwächters, dann noch ein fernes Hundegebell, und ich träumte in meinem Kindheitsparadies von kommenden schönen Tagen. Schon lange ruht der gute »Herr Kantor« zwischen Paul und Hedel auf dem Hügel, nach dem die Pappelallee den Weg zeigt. Dankbar meines Kindheitsparadieses gedenkend, rufe ich ihnen bewegt nach: »Segne uns mit sel'gem Sterben, Und mach uns zu Himmelserben!«[11] 
 12. Ich ziehe in die weite, weite Welt.  [113] Nun blieb uns noch das Beste, was ich mir, wie Kinder den besten Bissen, bis zuletzt aufbewahrt hatte. Dieses Beste aber war das Häuschen am Brunnen. Seit ich an jenem Januarmorgen vor vierzig Jahren aus diesem Hause gegangen war, waren auch hier allerlei Veränderungen eingetreten. Tod und Leben hatten hier ihren Einzug gehalten. Meine guten, alten Lehmanns fand ich leider nicht mehr vor, sie hatten ihren Platz an Christels Seite gefunden. Gustel war schon seit langen Jahren verheiratet und zeigte mir mit mütterlichem Stolz das Bild ihres erwachsenen Sohnes. Sie selbst ist eine hübsche, stattliche Blondine. Ich forsche in ihren Gesichtszügen, sie ist frischer und jugendlicher, als die Mutter im gleichen Alter war, aber ich finde zu meiner Freude denselben Ausdruck von Sanftmut und Herzensgüte, der mir an der Mutter so lieb gewesen war. Auf meine Frage nach dem Fritz, höre ich, daß der schon seit langen Jahren nach Amerika ausgewandert ist. »Erquickt euch,« sagt sie, »es ist warm draußen,« und dabei setzt sie uns schäumendes Zuckerbier vor; dann verschwindet sie auf kurze Zeit. Als sie wieder kommt, legt sie lächelnd ein dünnes Päckchen Briefe vor mich hin. »Die sind von dir!« sagt sie mit einem Anflug von Vorwurf im Ton. »Ja,« fährt sie fort, »sieh sie dir nur mal an, und dann sag mir, ob du mir wirklich nichts mehr über dein weiteres Leben zu sagen hattest, als dies. Weshalb schriebst du uns denn nicht öfter und mehr? Die Eltern waren gar nicht zufrieden mit den spärlichen Nachrichten.« »Ich hab's wohl damals nicht besser verstanden,« sage ich und schaue sinnend auf die wenigen Blätter. Es sind kleine ausgezackte, rosae Bogen, mit einer bunten[113] Oblate in der Ecke. Zwischen doppelt gezogenen Bleistiftlinien marschieren die Buchstaben steif und artig hintereinander her. »Ach, diese kleinen Bogen,« sage ich tief bewegt, »die erinnern mich an den ersten Tag in Hamburg, da bekam ich sie mit mancherlei anderen Kleinigkeiten von freundlichen Kindern geschenkt. Menschen sterben hin, ganze Häuser verschwinden vom Erdboden, aber solche Kleinigkeiten bleiben erhalten und zaubern uns eine Welt voll Erinnerungen vor die Seele!« »Da hast du recht,« sagte Gustel, »diese Erinnerungen sollst du mir aber nun heute endlich erzählen! Du bist sie mir schuldig, wir haben ja Zeit, nun sang nur an und bleib hübsch in der Reihenfolge!« »Was denkst du denn?« sagte ich lachend, »der längste Sommertag würde nicht ausreichen, wollte ich dir alles erzählen, was ich seitdem erlebt, erlitten und genossen habe. Und zudem, ein Sommertag eignet sich nicht zum Erzählen. Im Winter, wenn das Feuer im Ofen knistert, dann hole ich nach, was ich damals versäumte, und schreibe es dir auf. Bist du damit einverstanden?« »Das muß ich wohl. Fang aber von da an, als du unser Haus verließest! Wie oft haben wir von dir gesprochen! Mit welcher Sorge haben die Eltern oft gefragt, wie du wohl die weite Reise mögest überstanden haben. Wir haben uns dann zum Troste gesagt, daß du ein beherztes Kind wärest. Dachtest du dir doch nichts dabei, hier im ganzen Lande herum zu reisen. Unsereiner hätte sich gefürchtet.« »Unsereiner hat sich auch gefürchtet!« sagte ich. »Es gehörte mehr dazu, nach Hamburg zu reisen, als hier im Vaterlande zu Fuß herumzuwandern.«[114] Für Gustel. Amazon.de Widgets Weißt du es noch, Gustel? Du und der Fritz habt mich bei nächtlichem Dunkel ganz bis Nossen begleitet. Der Weg dauerte zwei Stunden. Der Fritz hat den großen Korb getragen, und in der Neugasse gingen wir zu Stöber, da nahmen wir Abschied voneinander. Aber ihr gingt nicht, ihr wolltet mich abfahren sehen, und noch lange standet ihr und winktet, bis der schwerfällige Tagwagen den Schloßberg hinunterrummelte. Lang und kalt war die Fahrt, und als ich spät am Nachmittag in Dresden ankam, war ich vom langen Sitzen in der Kälte ganz verklammt. Die Nacht blieb ich bei Bekannten. Mein Brief sagte mir, ich solle morgens um acht Uhr von Dresden nach Berlin fahren. Um acht Uhr im Winter? Das paßt den Bekannten nicht. Warum nicht am Nachmittag fahren, da geht auch noch ein Zug nach Berlin, und das ist viel gemütlicher, dann kann man mich an die Bahn bringen. Gewiß geht das, aber anstatt bei Tage, komme ich am Abend an. ? Der Brief meiner Mutter sagt: »In Berlin, das Dir fremd ist, da nimmst Du Dir eine Droschke und fährst zu Professor Garke, Potsdamerstraße 135. Sie wissen da von Deiner Ankunft und erwarten Dich in diesen Tagen.« Hei, das ging flott! Im Handumdrehen stand ich mit meinem Tragkorb vor der Tür. Eilig will ich ins Haus, ? es ist jedoch verschlossen! ? Aber wie kann das angehen? Es ist doch noch nicht spät! Können die Leute denn schon zu Bett sein? Ich trete von dem Hause zurück und sehe zu meiner Beruhigung, daß noch in verschiedenen Fenstern Licht ist. Wie kann ich mich nur bemerkbar machen? Unruhig halte ich Umschau. Zu beiden Seiten sind Vordergärtchen, hier sehe ich zu meiner[115] Freude erleuchtete Fenster, sie liegen so tief, zu ebener Erde, da kann ich mich ja leicht in Verbindung setzen, ich muß nur über das niedrige Eisengitter, das macht ja keine Schwierigkeiten. Den Korb lasse ich vor der Tür, und klettere hinüber. Die Fenster sind verhängt. Ich wate durch den Schnee und klopfe bescheiden an. Aber was höre ich? Von innen schlägt eine starke Faust gegen die Scheiben, und eine erzürnte Stimme sagt: »Zur Polizei gehe ich, die wird dich beim Kragen nehmen und ins Loch stecken.« Gesehen hatte ich niemanden, denn die Gardine wehrte mir den Einblick, aber gehört hatte ich alles sehr deutlich, und zitternd vor Schreck, Kälte und Aufregung kletterte ich eilig wieder zurück. Ich kauerte mich dicht an meinen Korb, weinte und bat Gott, er möge mir doch in der großen, fremden Stadt beistehen. ? Vereinzelte Fußgänger gehen vorüber, sie achten nicht auf das leise Weinen des Kindes. ? ? Es wird später und später, und die Angst überkommt mich, die Leute könnten zu Bett gehen. Endlich tritt eine Frau heran und fragt, was mir fehlt. Sie erfährt bald die Ursache meines Kummers. »Na,« sagt sie, »das trifft sich gut! Da komm nur mit mir, zufälligerweise kenne ich den Herrn Professor, der ist aber in diesen Tagen umgezogen, er wohnt in der Köpenickerstraße, ich will dich zu ihm bringen, nimm deinen Korb!« Ich hockte meinen Korb auf und folgte der freundlichen, redseligen Frau, ? aber doch nicht lange. Ich fühlte unwillkürlich in meine Tasche, da war der Brief der Mutter, und als ob eine Stimme lebendig würde, so redete der Brief eindringlich auf mich ein. Deutlich und meinem Herzen ganz vernehmlich hörte ich die Stimme der Mutter, sah im Brief die Schriftzeichen: »Potsdamerstraße[116] 135!« »Ich muß zurück!« sagte ich kurz entschlossen, und machte eilig Kehrt, trotz der lebhaften Gegenversicherung der Frau. Ich fand das Haus bald wieder, und die kalten, verschneiten Stufen erschienen mir jetzt wie eine Art Zufluchtsstätte. Dunkel ahnte ich, daß die Frau es nicht gut mit mir meinte. Ich suchte mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, hier den Morgen erwarten zu müssen. Nach einer Weile kam ein vorübergehender Herr, er trat auf mich zu, und als er hörte, um was es sich handle, da machte er sich stillschweigend an der Seite der Haustür zu schaffen. Ich hörte, wie im Innern des Hauses ein schrilles Klingeln ertönte, der Herr hörte auch danach hin. Als er es vernahm, entfernte er sich schleunig. Bald danach hörte ich Tritte von innen, die Tür wurde geöffnet, ich schlüpfte ins Haus und sah mich zwei Frauen gegenüber, die sich in der Eile nur notdürftig bekleidet hatten. Beide hatten ein Licht in der Hand und beleuchteten mich. Der Empfang war nicht sonderlich freundlich. Die korpulente, ältliche Frau bekannte sich widerwillig zu mir und machte mir berechtigte Vorwürfe, daß ich die Leute nach Mitternacht aus den Betten jage. Ich schämte mich sehr und stammelte viele Entschuldigungen. In der kleinen Küche war über dem Herd eine wunderbare Einrichtung, eine Art Zwischenboden, ? ich hörte später, daß man diese Einrichtung Hängeboden nennt. ? Die Frau rief da hinauf, und von einer Art Hühnersteige kletterte nun ein halbwüchsiges Mädchen herunter und war der alten Dame behilflich, mir im Zimmer ein Lager auf dem Sofa herzurichten. Ich fragte, wann ich am nächsten Morgen fort müßte, da meinte sie: ich würde fortkommen, wenn es ihr passe. So früh ständen sie im Winter nicht auf, und da ich mich in der großen Stadt nicht allein zurechtfinden könnte, so müßte ich warten, bis das[117] Mädchen zu Mittag gegessen und ihre Arbeit getan habe. Ich sah ein, daß die Frau recht hatte, aber ich hatte auch große Angst, daß für mich daraus neue Wirren entstehen könnten. Am nächsten Morgen sah ich auch den Herrn Professor. Er nannte die alte Dame »Tante«, und es war ihm augenscheinlich unangenehm, daß ich so hart verklagt wurde. Er nahm mich mit in sein Zimmer, gab mir Bilderbücher, es waren lauter Abbildungen von einheimischen und ausländischen Pflanzen. Er forderte mich freundlich auf, die vorbeimarschierenden Soldaten zu sehen. Ich hatte den Eindruck, er müsse ein guter, freundlicher Herr sein. Nun nahm mich aber die »Tante« vor. Ich mußte in die Küche kommen und ihr zeigen, was ich im Korbe hatte. Sie schlug entsetzt die Hände zusammen und sagte: »Für das bißchen Kram nimmst du eine solche Allerweltsklepe? Damit gehst du nicht nach Hamburg! Die geht dir ja bis über die Kniekehlen! Die Hamburger Straßenjungens verfolgen dich ja, wenn du in solchem Aufzug da ankommst! Du scheinst mir doch ein recht dummes, kleines Ding zu sein! Wie soll dir das wohl gehen im Leben! Pack aus! Den ganzen Kram schnüren wir in ein Bündel, den Korb läßt du hier!« Daß ich ein dummes, kleines Ding war, das glaubte ich ihr aufs Wort, daß ich aber beim Einkauf des Korbes mir doch meine Gedanken gemacht hatte, das mochte ich ihr nicht sagen, sie hätte es nicht gelten lassen. Ich hatte doch die Absicht, ich wollte der Mutter eine rechte Stütze sein, wenn sie sich nun noch mehr Sammlungen vom Vater kommen ließ, dann konnte ich doch tragen helfen. Die Mutter sollte sich nun nicht mehr so plagen, dazu kam ich ja nach Hamburg, daß ich ihr half. Mich dauerte auch der schöne, neue Korb. Endlich war das Mädchen fertig. Wir stiegen in[118] einen Omnibus und fuhren zum Bahnhof. »Nach Hamburg? Eben abgefahren!« Zitternd fragte ich, wann wieder ein Zug dahin gehe? »Um sechs Uhr!« Jetzt war's drei Uhr. Das große Wartezimmer war ziemlich leer. Ich suchte mir einen gesicherten Platz und las mit Entsetzen: »Vor Taschendieben wird gewarnt!« Mit Mißtrauen betrachtete ich jeden Ankommenden und hielt Brief und Geld krampfhaft in der Hand, während meine Augen sorgsam das Bündel hüteten. Endlich »Richtung Hamburg!« Ich kletterte in ein Coupé vierter Klasse und malte mir aus, was die Mutter sagen würde heute abend. Wie lange ich gefahren war, weiß ich nicht, aber der Zug hielt, die Türen wurden geöffnet, und der Schaffner rief: »Wittenberge! Alle aussteigen!« Ich fragte, wo der Zug nach Hamburg stehe. »Heute geht kein Zug mehr nach Hamburg!« ? Ich wollte es nicht glauben! ? Wann ging dann der nächste Zug nach Hamburg? »Morgen früh um sechs Uhr.« ? Ich mußte mich also in Berlin verhört haben. Ich stand mit meinem Bündel ratlos auf verschneitem Felde. Es war dunkel, nur die Lichter auf dem Bahnkörper warfen einen Schein auf die nächste Umgebung. Ich sah weder einen Ort noch einen Bahnhof. Wittenberge?! Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen! Der Ort war doch gar nicht erwähnt im Briefe der Mutter! ? Die Leute verliefen sich, und ich stand ratlos, unschlüssig mit meinem großen Bündel im Arm. Durch die Dunkelheit kam ein Mann auf mich zu, er fragte mich, wohin ich wolle. Ja, das wußte ich nicht. »Hast du denn Geld?« fragte er. »Vor Taschendieben wird gewarnt!« dachte ich und hielt krampfhaft meine Barschaft fest. »Wenn du Geld hast,« fuhr der Mann fort, »dann komm mit mir, dann kannst du die Nacht bei mir bleiben.«[119] »Ach ? ich ? weiß ? nicht! Wer sind Sie denn?« »Hab' keine Angst, gib mir dein Bündel, so, und nun gib mir die Hand, ? hier sind all die Wagengeleise, du könntest leicht fallen. Jetzt gehen wir hinein nach Wittenberge, und morgen fährst du weiter.« Amazon.de Widgets »Aber ich weiß doch gar nicht, wer Sie sind?« »Ich bin Gastwirt. Komm nur mit mir! ?« Was sollte ich anders tun? Ich wanderte allerdings mit einem Gefühl der Unsicherheit und des Zagens mit dem fremden Manne vorwärts bis in sein Haus. In dem dunstigen, qualmigen Zimmer, das wir betraten, hielten sich eine Anzahl rauchender Männer in blauen Fuhrmannskitteln auf. Hinter dem Schenktisch stand eine Frau, die einen heißen Grog anrührte. »Na, was bringst du denn da?« fragte sie erstaunt und schaute prüfend an mir herunter. »Da war sonst niemand, als dies Kind,« antwortete mein Begleiter. »Weiter nichts? Na, das ist auch was recht's. ? Woher kommst du? ? Wohin willst du? ? Hast du auch einen Paß?« All diesen robusten Männergestalten gegenüber kam ich mir selbst besonders klein und dürftig vor. Ich legte mein Bündel auf die Ofenbank und zog den Paß aus der Tasche. Die Frau entfaltete das riesige Dokument und las halblaut mein Signalement: Alter 14 Jahr. Figur klein und schmächtig. Augen grau-blau. Haar schwarz, kraus. Nase stumpf. Besondere Merkmale: Keine. Bei jedem Absatz hatte sie prüfend verglichen. Sie faltete jetzt das Schriftstück zusammen, gab es mir lächelnd zurück und sagte: »Es stimmt. Willst du auch etwas zu Abend essen?« Hunger hatte ich freilich, aber meine sechs Taler waren doch schon sehr zusammengeschrumpft. Ich machte[120] im stillen einen Überschlag über mein Vermögen und ? verzichtete. Mir konnten ja noch wer weiß was für Dummheiten passieren, und was sollte ich dann anfangen? »Wir machen nachher hier eine Streu, willst du mit hier schlafen, oder möchtest du ein Zimmer mit einem Bett haben?« fragte die Frau weiter. Ich erschrak, ? freilich, da kam ja schon eine ganz unvorhergesehene Ausgabe. Ich zögerte mit der Antwort, rechnete wieder im stillen, fragte nach dem Preis ? und riskierte es mit der Stube. Schließlich, ? das Essen konnte ich eher sparen. Die große Angst, ich könnte wieder zu spät kommen, ließ mich trotz der Müdigkeit nicht zur Ruhe kommen. Ich kleidete mich im Dunkeln an, tastete mich vorsichtig an die Treppen, ? fand das Gastzimmer, setzte mich auf die Ofenbank und sah beim Schein eines trüben Nachtlämpchens hinab auf die schlafenden Männer im Stroh. Die Uhr schlug vier. Nach einer Stunde wurde es lebendig im Haus. Die Männer erhoben sich, sie bekamen Frühstück, während das Stroh weggeräumt wurde. Die Frau fragte, ob ich denn noch immer keinen Hunger hätte? Ich fragte, ob ich mich auch ganz gewiß nicht wieder irren könne, ob ich wirklich bald nach Hamburg käme. Als sie mich darüber beruhigte, ließ ich mir Kaffee und ein Brötchen geben. Diesmal kam ich nicht zu spät! Als es Tag wurde, sah ich mir die Gegend an. Ich fand sie flach und einförmig. Die hie und da verstreuten Bauernhäuser waren niedrige, langgestreckte Backsteinbauten, deren verschneite Strohdächer tief herabhingen. Ich vermißte das freundliche, individuelle Gepräge unserer sächsischen Dörfer und Bauernhäuser. Hatte ich gefürchtet, ich würde Hamburg nie erreichen,[121] so war ich schließlich ganz überrascht, als der Zug in der düstern Halle des Berliner Bahnhofes hielt und die Schaffner die Wagentüren aufrissen und mit lauter Stimme riefen: »Hamburg! ? Hamburg! Alle aussteigen!« 
 6. Christrosen.  [54] Wie merkwürdig, dachte ich, daß ich jetzt nach vierzig Jahren mit Fleiß das Haus aufsuche, das ich während meiner Kindheit jahrelang gemieden hatte wie meinen Feind. Hatte mich mein Weg in die Gegend geführt, so hatte ich jedesmal einen weiten Umweg gemacht. Wurde ich aber gar des Besitzers ansichtig, so machte ich eiligst Kehrt und lief, als würde ich verfolgt. Heute suchte ich das Haus und den Mann! Auf dem Wege dahin durchschritt ich im Geiste alle Räume des Hauses, ja, alle, auch den kleinen, engen Hof und besonders den Ziegenstall. Ich seufzte tief auf und wischte mir die Augen. Dem Manne wollte ich die Hand reichen ? ja, das sollte heute geschehen ?, und ich dachte darüber nach, was ich ihm sagen wollte. Da ? als ich an der Stelle war ? kein Haus! Auch kein anderes Haus, ? ein leerer Platz![54] Ich hatte ganz in aller Stille hingehen wollen, ? jetzt mußte ich doch nach den einstigen Bewohnern fragen, und da erfuhr ich, der Mann sei tot und die Frau wohne an der Nossener Straße. Als ich das dürftige Stübchen betrete, schlägt mir ein beißender Qualm entgegen, so als ob man nasses Holz verbrenne. Durch den Qualm hindurch entdecke ich am Fenster ein altes Weiblein, das mir bei meinem Eintritt erstaunt das Gesicht zuwendet. »Guten Tag, Frau Triebel!« sage ich hustend und reiche ihr die Hand, »Sie erlauben wohl, daß ich hier ein Fenster öffne. Draußen ist's so wonnig warm, und hier haben Sie noch eingeheizt!« Auf dem Gesicht der Frau malt sich maßloses Staunen, daß ich so eigenmächtig über ihren Rauch verfüge. »Nu,« sagt sie, als sich der Rauch verzieht, »Se haben eegentlich recht, ? ? su is ooch besser. 's Holz muß ni recht trocken sin, ich hab' mer'sch erscht heite aus 'm Zellwald geholt.« »Aber weshalb heizen Sie denn bei der Hitze noch ein?« »Nu,« sagt sie etwas gereizt, »wie soll ich denn sunst mei bissel Wassersuppe kriegen? Mieze, geh runter da, und laß die Dame sitzen.« Sie nimmt das alte Kleidungsstück, auf dem die Katze gesessen, fort und deutet auf den Stuhl sich gegenüber. Wir sehen einander forschend ins Gesicht, und keine von uns findet auch nur im entferntesten Spuren einstiger Bekanntschaft. Endlich sagt die Frau: »Ich kann mich gar ni besinnen, daß ich Ihnen schon gesehen hab'! Wem sein Sie denn und was wollen Se denn bei mir? Se sein wohl im Errtum und sin verkehrt geraten.« »Nein, Frau Triebel, ich bin nicht im Irrtum, wir[55] haben einander allerdings sehr lange nicht gesehen, aber wenn ich Ihnen meinen Namen nenne, wird es Ihnen wohl einfallen, daß wir einander gekannt haben.« Die Alte schüttelte zweifelnd den Kopf, sie prüft verstohlen mit den Fingern den Stoff meines Kleides, forscht wieder in meinen Zügen und sagt nach einer Pause: »Nee, ? ich ? kann mich ni besinnen.« »Erinnern Sie sich wohl, daß Sie vor langen Jahren einmal ein Kind vom Forsthof bei sich hatten?« Die Alte sieht mich starr an, dann sagt sie langsam: »Nu freilich ? besinn' ich mich, ? das war doch de kleene Cha?re?das?!« »Ganz recht! ? Nun, das bin ich.« ? »A! Is wahr?! Sie wär'n de kleene Charedas?!« Ich nickte ernst. Die Alte seufzte tief, ließ den Kopf auf die Brust sinken, schloß die Augen und sagte leise: »Weihnachten! Ach, das Weihnachten! Ja, er war garscht'g zu dir, sehr garscht'g! Und der David war's doch gewest.« »Der David?!« rief ich lebhaft. »So ist es also doch noch heraus gekommen? Und das höre ich heute, nach mehr als vierzig Jahren!?« »Ich hab'n zum Geständnis gebracht! Wie hab' ich meinen Mann gebeten, er möchte doch uf dem Forschthof gehn und dir Abbitte tun, aber er hat gelacht und gesagt: ?en Kinde tut man doch keene Abbitte!? Ich hab's gar ni recht verwinden können, viele Weihnachten nachher hab' ich egal an dich denken müssen.« ? *** Was war es denn, was der alten Frau unruhige Weihnachten verschafft hatte? Während ich nach einer herzlichen Aussprache in der Dämmerung gedankenvoll[56] den Rückweg antrat, zogen Erinnerungen tief trauriger Natur an meiner Seele vorüber. *** Ich war acht Jahr alt, da hörte ich, wie meine Eltern wieder eine Reise planten, sie wollten durch die Lausitz über Böhmen, Schlesien nach Krakau, um ihre botanischen Sammlungen zu verkaufen. Ich saß in der Vorderstube auf einem Fußbänkchen und weinte leidenschaftlich. Neben mir auf dem Stuhl saß die Mutter und redete mir zu, aber es gelang ihr nicht, mich zu trösten. »Kind,« sagte sie, »mach mir das Herz nicht so schwer! Ich hoffe, daß wir Weihnachten wieder hier sind. Hör mal zu!« »Wollen wir denn ein Bäumchen anputzen? Sollen wir dir etwas mitbringen? Warte, ? ich stricke dir ein paar Müffchen! Mit hübscher bunter Wolle! Du sollst selbst sagen, wie du sie haben willst. Na, nun sag mir mal, wie sie sein sollen!« Amazon.de Widgets »Laß nur,« sagte ich weinend, »ich will gar nichts, gar ? gar ? gar nichts! Nur euch will ich haben. ? Bleibt doch bei mir! Warum müßt ihr immer reisen?« Der Vater richtete sich von seinem Käferkasten in die Höhe und sagte: »Das verstehst du noch nicht!« In diesem Augenblick klopfte es, und herein trat ein langer, schmalbrüstiger Mann, dessen bartloses Gesicht zwei rote, abgezirkelte Flecken zeigte. Das war der Sattler Triebel, der zur bevorstehenden Reise noch eine Arbeit ablieferte. Die Mutter bot ihm einen Stuhl, während der Vater das Geld auf den Tisch zählte. »Und morgen soll's losgehen?« sagte der Mann mit hoher Stimme. Die Mutter nickte.[57] »Es hat wohl Haue gegeben,« sagte er, auf mich deutend. »Mädchen schlägt man doch nicht gern, die müssen aufs Wort gehorchen lernen. Sie weint, weil sie nicht von uns will.« »Wo kommt sie denn hin?« »Zur früheren Madame Hänel. Ich geb' sie nicht gern hin, weil diese sie nur im Notfall haben will, da sie jetzt die Stiefkinder hat.« »Wieviel geben Sie denn für das Kind?« Die Mutter zuckte zusammen und sagte kurz: »Wieso?« »Na, wenn Sie gut zahlen, dann finden sich auch noch andere Leute wie Madame Hänel.« Der Vater sagte kalt: »Das ist doch kein Geschäft! Wir können nicht viel geben, sie soll aber nur zu Leuten, wo sie es ordentlich hat, die Verständnis für ein Kind haben.« Der Mann lachte, aber er verharrte bei der Sache. Es wurde erregt hin und her gesprochen, und das Ende war, daß er mich haben wollte. »Täschen!« sagte die Mutter bittend, »willst du wohl zu dem Manne gehen? Er hat gar keine Kinder und möchte jetzt eins haben. Willst du?« Ich schüttelte entschieden den Kopf und blieb dabei: »Ich will zu keinen fremden Leuten!« »Du!« sagte er, und rückte näher zu mir heran, »magst du wohl fahren?« »Ja,« sagte ich lebhaft, »gewiß, sehr gern.« »Soll ich dich mal auf dem Schiebbock in die Niederstadt fahren?« Ich lachte, und die Mutter sagte scherzend: Dann fährt mein Kind im Saus Ganz bis vors Triebelhaus!«[58] Mit so einem kindlichen Reimchen machte mir die Mutter jedesmal einen großen Spaß. Der Sattler hatte mich! Während Triebel die Schiebkarre holte, suchte die Mutter meine Sachen zusammen, und ich half ihr geschäftig. Hier in der Kammer war die Mutter ganz ernst, sie drückte mich heftig an sich und sagte: »Nicht wahr, du bleibst recht brav und artig? Sei doch recht fröhlich! Wenn du aber Not hast, dann klag sie dem lieben Gott, Er sieht und weiß alle Dinge, Er sieht auch deine kleinen Leiden, und wenn du ihn bittest, hilft er dir! Hüte dich nur, daß du niemandem weh tust!« Mittlerweile war das Gefährt angekommen. Halb lachend, halb weinend nahm ich Abschied von den Eltern. Der Vater setzte mich fürsorglich auf das Bettbündel, und so fuhr ich den Forsthofberg hinunter. Die Eltern winkten, solange sie mich sehen konnten. Wirklich im Saus ging es den Niederstadtberg hinunter, und ich hielt einen verhältnismäßig vergnügten Einzug. Aber das Lachen hielt nicht lange vor. Sie waren der Meinung, ein Kind wisse sein Maß nicht, es müsse recht knapp gehalten werden, sonst verderbe es sich den Magen. Zumal der Mann und seine Mutter waren nach der Seite hin sehr auf meine Gesundheit bedacht. Zum Haushalt gehörten noch die Frau und der Lehrjunge. Die Werkstelle, wo ich schlief, war ein niedriger, dumpfer Raum, wo Berge von verfilzten Haaren, Pferdekummete, Leder und allerlei Schrumpel herum lag. Meine Tagesarbeit bestand darin, die Haarpolster, die in alten Möbeln gewesen waren, auseinander zu zupfen. Die Arbeit ging nicht über meine Kräfte, aber sie war durch den Staub, der damit verbunden war, sehr widerlich. Schlimmer wurde die Sache abends für mich. Da mußte ich dem Meister und dem Lehrjungen[59] bei der Arbeit leuchten. Wenn sie an den schweren, großen Kummeten arbeiteten, mußte der Lichtschein bald von dieser, bald von jener Seite auf die Arbeit fallen. Der Lehrjunge sollte auch möglichst berücksichtigt werden, und da sie in arbeitsreicher Zeit manchmal bis nach Mitternacht arbeiteten, so wußte ich oft nicht, wie ich es vor Überanstrengung aushalten sollte. Ich tat wie die Störche, bald stellte ich mich auf das eine, bald auf das andere Bein. Ich stützte den müden Arm mit dem anderen, ich schlief im Stehen ein und wurde dann durch einen Schlag an meine Pflicht erinnert. Triebel war sehr aufgeregt und jähzornig, ich muß zu seiner Entschuldigung annehmen, daß er krank war, und daß er Nahrungssorgen hatte. Viele Worte machte er nicht, er schlug zu. David bekam sein reichlich Teil, ich ging aber auch keineswegs leer aus. Meine Erholung war die Schule, obgleich ich in der Zeit gewiß die schlechteste Schülerin war. Zu meinem Glück hatten wir gerade damals einen ganz prächtigen Lehrer. Er war ein großer Kinderfreund und hatte ein ganz besonderes Verständnis und großes Erbarmen mit der Not armer Kinder. Er kam gerade vom Seminar, unterrichtete mit Eifer und Begeisterung, um so bewundernswerter war es, daß er für eine so schlaffe, weinerliche Schülerin so viel Nachsicht und Geduld hatte. Ich konnte mich oft beim besten Willen nicht wach halten, mein müder Kopf fiel auf den Tisch, und ich schlief ein. »Laßt sie,« sagte er dann, wenn die anderen mich aufrütteln wollten, »sie kann nicht, aber ihr könnt, ihr seid bei euren Eltern. Wenn die erst wieder zu Hause ist, dann sollt ihr mal sehen, dann wird's wieder besser. Mache keine von euch ihr das Leben schwer! Macht, daß sie gern herkommt, daß sie uns alle lieb hat!« Und seine guten Worte blieben nicht ohne Wirkung. Man[60] ging mit mir um, wie etwa mit einer Kranken. Viele wetteiferten, mir Gutes zu tun, und sie entwickelten ordentlich ein Zartgefühl beim Geben. »Komm!« sagten sie, »probier mal unsere Grievenbemme,« oder: »Hast du schon mal solche Apfel gegessen?« Besonders empfänglich für die Worte: »Wohlzutun und mitzuteilen«, wurden alle durch die Vorbereitung auf das nahende Weihnachtsfest. »Bereit' das Herz zur Andacht sein!« Das wurde uns ernst mahnend zugerufen. »Vergeßt über der äußeren Vorbereitung nicht die innere. Richtet eure Wünsche nicht auf sichtbare Gaben, trachtet vielmehr danach, wie ihr den würdig empfangt, der auf Erd' ist kommen arm, daß er unser sich erbarm'! Auch das ärmste Kind hat Teil an der ewigen Freude! Es ist aber auch niemand so arm, daß er nicht Weihnachtsfreude verbreiten könnte. Wer nicht Geld und Gut hat, kann durch den guten Willen, durch Fleiß und Freundlichkeit doch beitragen zu dem Wohlgefallen, wovon in der Engelbotschaft die Rede ist.« So sprach Herr Dietze zu uns, und unsere kindlichen Herzen entzündeten sich an den guten Worten. Es entfaltete sich eine Geschäftigkeit, ein Flüstern und Planen wurde hörbar, so daß man fühlte, es liege etwas Ungewöhnliches in der Luft, man warte auf etwas Besonderes. Auch mein Kindesherz wurde von dem Wunsche beseelt, an dem allgemeinen Wohlgefallen zu bauen. Aber was konnte ich tun? Nun, ich konnte dem Sattler die Lampe mit besonderer Geduld und Aufmerksamkeit halten, so daß er nicht zum Zorn gereizt wurde. Das war freilich gar keine sichtbare Gabe, aber es war das, was ein armes Kind geben konnte. So deutete ich mir wenigstens die Worte des Lehrers. Aber ich hatte die Sehnsucht nach der Seligkeit des tatsächlichen Gebens. Dem verehrten Lehrer hätte ich so sehr gern etwas Sicht- und[61] Greifbares geschenkt. Fiel mir denn gar nichts ein? Sollte es mir wohl möglich sein, einen Reim? ? Vers? ? Gedicht? ? zusammen zu bringen? Das war freilich ein Unternehmen! Aber wenn ich es nun so gern wollte? Natürlich konnte ich das nur abends im Bett, wenn es um mich herum ganz still war, wenn nichts mich störte. Wenn ich nun aber darüber einschlief? Oder wenn ich den Reim am Morgen wieder vergessen hatte? Ja, das waren so meine Weihnachtspläne und Weihnachtssorgen! Am letzten Schultag vor dem Fest, sagte mir Wenzel-Emilchen aus Breitenbach, ich möge am ersten Weihnachtstag doch zu ihr hinaus zum Mittagessen kommen. Am Nachmittag gingen sie aus, aber essen könne ich da. Das war ja viel, worauf ich mich freuen konnte! Im Sattlerhause wurde gescheuert, die Ziege war geschlachtet, und Kuchen und Stollen wurden gebacken. Es war der Vormittag vom 24. Dezember. Die alte Frau Triebel hatte mir gesagt, ich möge oben ihr Kämmerchen fegen. Das tat ich, und beim Fegen kam mir ein freudiger Gedanke. Wie, wenn ich außer dem Reim vielleicht noch eine Zeichnung machte für meinen lieben Lehrer? Am liebsten hätte ich ja ein Bild von der Weihnachtsgeschichte gemacht, aber ach! ? das überstieg bei weitem meine Kräfte! Das konnte ich wohl mit meiner Seele schauen, aber selbst bilden?! Kein Gedanke! Was konnte es denn sonst sein? Beim Vater hatte ich Sonntags nachmittags zeichnen müssen. Er legte mir dann von unseren gepreßten Pflanzen eine vor, und ich mußte sie nachzeichnen. Also nur eine Blume konnte es werden. ? Aber welche? Halt! ? Ich hab's! Helleborus niger, die Christrose! Jetzt schnell hinunter in die warme Stube! Ein Blatt aus dem Heft und ein spitziger Bleistift das ist[62] alles, was ich brauche. Mit klopfendem Herzen und glühendem Gesicht gehe ich an die Aufgabe. Daß mich nur niemand stört! Nein, alle sind bei ihrer Arbeit. Die Frau ist am Backofen, die alte Frau Triebel ist auf ihrem Auszugsstübchen oben, und Meister und Lehrling arbeiten in der Werkstatt. Ach! ? Nun habe ich keine Vorlage, und nun, da ich bei den Blättern angekommen bin, möchte ich doch gern mal nachsehen! So? ? Ist's nicht doch so? Ich halte das Papier in Armeslänge von mir und stelle mir vor, was wohl der Vater dazu sagen würde: »Na ? na!?« höre ich ihn fragen und will eben einige Verbesserungen anbringen, als plötzlich die Tür aufgeht. Es ist die alte Frau Triebel! Schnell in die Tasche mit der Zeichnung! »So?« ruft sie zornig, »hier sind' ich dich, du kleiner Spitzbube! Wer heißt dich an meine Mutsche gehen und mir den schönsten Prinzapfel stehlen?« Mir wird schwarz vor den Augen, die Stube dreht sich mit mir, ich kann nichts sagen. Da stürzt Triebel mit einem Riemen herein. »Zeig deine Tasche!« ruft er. »Du denkst doch nicht, daß du den noch findest? Den hat sie doch aufgegessen!« sagte die Alte. Ganz mechanisch ziehe ich meine Zeichnung hervor und kehre die Tasche um. Er wirst einen flüchtigen Blick auf das zerknitterte Papier, öffnet die Ofentür, und ich sehe, wie sich mein Werk in eine rotglühende Fläche verwandelt. Amazon.de Widgets »Nicht einen Augenblick darf man sie allein lassen,« schilt Triebel und nimmt mich mit festem Griff beim Handgelenk. Er schleppt mich über den verschneiten Hof in den leeren Ziegenstall und züchtigt mich in so erbarmungsloser Weise, daß endlich auf mein lautes Weinen die Frau hereinstürzt. Sie fällt dem zornigen Mann in den Arm und ruft: »Leberecht! ? Laß das! ? Hau[63] sie nicht zu Schanden! ? Es ist ein fremdes Kind! Denk an die Mutter! ? Leberecht! ? Es ist Weihnachten!!« Dann gingen beide. Der Mann machte den Pflock vor die Tür. Wimmernd vor Schmerz lag ich auf der Streu. ? Was hatte ich denn getan? Dieb?! Ich ein Dieb?! Und wenn nun das der Lehrer hörte? Ob der es wohl glaubte? Ob die Kinder es glaubten? Ob sie mich nun alle verachteten? Ich weinte schmerzlich. Was würde die Mutter sagen? Die würde mir glauben, die hatte das beste Zutrauen zu mir. Dunkel und kalt um mich her. Dunkel und kalt in mir! Wann würde der Pflock von der Tür genommen? Und selbst wenn er weg war, ? was dann weiter? Du Gott siehst und weißt ja alle Dinge! Du weißt, daß ich kein Dieb bin! Wie lange ich in Schmerzen und quälenden Gedanken da gelegen hatte, wußte ich nicht, aber ich hörte, daß leise der Pflock gezogen wurde. Es wird Frau Triebel gewesen sein. Verweint und zerschlagen kam ich ans Tageslicht. Drinnen sah ich, daß sie zu Mittag gegessen hatten. Als zum Kaffee aufgedeckt wurde, sagte Triebel: »Spitzbuben kriegen in meinem Hause nichts zu essen. Stell dich dahin, und sieh zu, wie uns der Kuchen schmeckt.« Nein, ich bekam an dem Tage nichts zu essen. Ich stellte mir vor, wie in der Dämmerung in anderen Häusern die Weihnachtsbäume angezündet wurden. Die Glocken läuteten zum Abendgottesdienst. Die Christenheit feierte überall Weihnachten! ***[64] Trotzdem ich mich am nächsten Tage noch krank an Leib und Seele fühlte, ging ich doch zum Wenzel-Emilchen nach Breitenbach. Als ich da still und traurig ankam, sagte die gute Bauerfrau: »Du bist ja so blaß? Bist du krank?« »Du bist ja so still?« sagte Emilchen. »Was hat dir denn das Christkind gebracht? Du mußt ja auch meine Sachen sehen.« Da kamen sie wieder hoch, die Tränen! Ich würgte daran. Um sie zu verbergen, drehte ich das Gesicht dem Fenster zu. Noch die Tränen in den Augen und in der Stimme, rief ich plötzlich lebhaft und streckte den Finger nach dem Garten: »O, da habt ihr ja Christrosen im Garten!« »Meinst du die weißen Blumen da drüben? Findest du sie denn hübsch? Sie sind ja nicht bunt, sie sehen fast aus wie der Schnee, so weiß.« »Ach, Frau Wenzel, bitte, schenken Sie mir doch eine!« bat ich. »Ei freilich! Die kannst du gerne kriegen! Ich muß mich nur wundern, wie du so hinter den Blumen her sein kannst! Na, das liegt dir ja wohl so im Blut, von Vater und Mutter her.« Emilchen und ich gingen hinaus. Da, mitten in Eis und Schnee stand ein ganzer Büschel Christrosen. »O, Helleborus niger!« rief ich beglückt und breitete gleichsam liebkosend die Hände darüber. Dann schob ich den Schnee etwas zur Seite. War es nicht, als ob die bleichen Blumen gefrorene Tränen an den Bäckchen hätten? Die noch nicht erblühten ließen wie träumend das Köpfchen hängen. An einigen der Blüten zeigte sich eine ganz zarte Andeutung von Rot. O, etwas Zarteres, Lieblicheres konnte man sich kaum denken![65] Und so unbeachtet, so halb vergraben im kalten Schnee entfalteten sie ihre Schönheit. Mit vor Freude zitternden Händen bog ich die kräftigen Blätter, die die Blumen gleichsam schützend umstanden, ein wenig zur Seite und löste sie vorsichtig von der Wurzel. Eins der grünen kräftigen Blätter nahm ich mit. Drinnen band ich sie mit einem Faden zusammen. Frau Wenzel sah mir lächelnd, kopfschüttelnd zu. Endlich sagte sie: »Du bist wohl ganz hin in deine Blumen, siehst wohl gar nicht die Puppe, die ich hier für dich hergelegt habe?« Eine Puppe? Für mich?! Ich war also nicht von der Weihnachtsfreude ausgeschlossen!? Eine liebe, liebe Puppe! Ein Kind, für das ich sorgen mußte, das ich lieb haben durfte, dem ich alles, alles erzählen durfte! Wieder kamen mir die Tränen hoch, aber diesmal waren es Freudentränen. Als ich der Frau und dem Emilchen einen Dank aussprach, sagte ich zu letzterer: »Wenn die Eltern wieder kommen, schenk' ich dir auch was recht Schönes!« »Du?! Was denn?« sagte die Frau lachend und verwundert. »Du kannst dir nur wünschen!« sagte ich großmütig, »wir haben so viel! Eine schöne Muschel, einen Käfer, einen bunten Schmetterling oder einen schönen Stein! Du kannst nur kommen, ich bitte Vater, daß er dich aussuchen läßt!« »Das laß nur,« sagte die Frau lachend. Wieviel hatte ich! Die Puppe für mich, die Blumen?! Das war mein Geheimnis! Als ich das Sträußchen sinnend betrachtete, fiel mir meine Zeichnung ein. Ich mußte wehmütig lächeln und mich fast freuen, daß die Flammen mein Machwerk verzehrt hatten. Wie unaussprechlich gut hatte es Gott mit mir im Sinn, er[66] gab mir statt der stümperhaften, ausdruckslosen Zeichnung seine eigenen holden Blumen! Amazon.de Widgets Nun hatte ich noch ein schweres, wichtiges Stück Arbeit vor, ich mußte meinen Vers niederschreiben, und dazu hatte ich vor innerer Erregung kaum die Ruhe. Freundlich entlassen, begab ich mich nun auf die Wanderschaft. Breitenbach liegt dicht an Siebenlehn, aber mir kam der Weg durch den Schnee, trotzdem ich in Gesellschaft der Puppe war, recht lang vor. Ich lief in weiten Zickzacklinien so drauf los, wie mir's das Herz eingab. Die Zeit war mein, und ich tat genau damit, was ich wollte; es kümmerte sich auch niemand darum, was ich damit anfing, wenn ich nur am Abend wieder zur Stelle war. »Sieh,« sagte ich zur Puppe, »nun gehen wir zuerst nach dem Forsthof, da ist ?Daheim?, ? und da laß ich dich! ? Ich nehm dich nicht mit zum Sattler. Warum nicht? ? Ach! ? Laß nur! ? Das verstehst du noch nicht!« Auf dem Forsthof ging ich mit angehaltenem Atem hinauf vor unsere Stubentür. Ich klinkte am Türdrücker, dann legte ich das Ohr an die Tür, endlich hob ich mich auf die Fußspitzen und guckte durchs Schlüsselloch ? lange ? lange ? immer noch einmal! »So, jetzt darfst du!« sagte ich schluchzend. »Siehst du was? Nein? Doch ? du siehst etwas! Sieh mal ordentlich hin, da steht doch auf dem Tisch die Streichholzbüchse und das Lämpchen!« Weinend brachte ich die Puppe zur Wirtin. Ich drückte ihr kaltes Köpfchen an mein Gesicht und küßte sie heftig. »Nicht für lange!« sagte ich tröstend, »dann trennen wir uns nie wieder!« ? »Frau Claus,« wandte ich mich an die Wirtin, »ich muß aber wissen, wo Sie sie hinlegen!«[67] »Ja doch, ja! Komm mit an die Lade, sieh, hier leg' ich sie zwischen die Wäsche, du kannst sie dir da selbst wieder weg holen.« Nun wanderte ich weiter. Bis ich zur Schule kam, war es dämmerig geworden. Auf mein Klopfen erfolgte ein deutliches »Herein!« Nun, da der lang ersehnte, bis ins einzelne ausgemalte Augenblick da war, verlor ich fast die Fassung. Was mir so wichtig und so groß erschienen war, das schrumpfte plötzlich in ein Nichts zusammen. Ach, wenn er nur nicht lachte! Nein, nicht lachen! ? Nicht lachen! Da wurde die Tür geöffnet, der volle Lampenschein fiel auf meine dürftige Gestalt, als ich dastand und stumm, mit bittendem Blick, das Sträußchen mit dem Vers hinhielt. »Ei! ? Christrosen! ?« rief der Lehrer freundlich. »Komm doch herein, hier setz dich! Wie geht es dir denn? Und du machst mir solche Freude!« Da war's, als sollte mir das Herz brechen vor innerer Erregung. »Diese Blumen,« fuhr Herr Dietze fort, »gehören mit zu meinen Lieblingsblumen. Es ist eine kleine tapfere standhafte Blume! Wir wollen sie gleich in Wasser setzen, da hält sie sich lange, die ist abgehärtet! Deine freundlichen Worte dazu aber will ich mir aufbewahren. Warte, ich zünde die Spiritusflamme an. Eh' wir's uns versehen, haben wir eine Tasse Kaffee, und in dieser Kiste ist ein schöner Rosinenstollen, den schneiden wir an, und bis das Wasser kocht, singen wir eins von unseren schönen Weihnachtsliedern.« Er holte die Geige von der Wand und stimmte mit seiner kräftigen, jugendlichen Stimme an, und ich fiel mit meiner schwachen schüchtern ein. Wir sangen:[68] »Es ist ein Ros' entsprungen Aus einer Wurzel zart, Als uns die Alten sungen, Von Jesse kam die Art, Und hat ein Blümlein bracht Mitten im kalten Winter, Wohl zu der halben Nacht.« 
 20. Wie mir die »Nachfolge Christi« in die Hände kam.  [178] Wie lange vorher hatte ich mich vor dem 15. Mai gefürchtet. Es war der Tag, an dem das Godeffroysche Segelschiff, »La Rochelle«, in See stach, und mir die Mutter nahm. ? Nun war auch dies überstanden. ? Ein Abschied auf zehn Jahre, ? das schien mir damals gleichbedeutend mit: »Für immer!« Solchen Tag durchlebt man, ? darüber sprechen kann man nicht. ? Die Tage, die dem Abschied vorangingen, waren voller Unruhe, da die Mutter vollauf mit ihrer Ausrüstung zu tun hatte. Höchstens abends kam sie noch auf ein Stündchen, ließ sich von mir erzählen oder gab mir Rat und Vermahnungen für die Zukunft. Sie wohnte diesmal in Dovenfleet, da die gute Madame Piepenbrink nach auswärts verzogen war, was auch mich sehr schmerzlich berührte, da ich schon lange gehofft hatte, durch die Mutter meine Bekantschaft mit der gutherzigen Frau fortsetzen zu können. Es erleichterte und beruhigte die Mutter, als ich ihr erzählte, daß nun alles schon klarer und übersichtlicher für mich würde und daß ich dankbar und glücklich in den neuen Verhältnissen sei. »Nun,« sagte sie ernst, »so hat sich ja dann alles Verworrene ziemlich geordnet, und ich kann wenigstens deinetwegen leichten Herzens an die neue Aufgabe gehen.« Tiefer Ernst und kühne Entschlossenheit prägten sich in ihrem Gesicht aus. Ich, die ich sie so genau kannte, sah und fühlte, wie sie am Tage des Abschiedes kämpfte[178] und litt, wie sie aber trotz alledem ihre Festigkeit bewahrte, um mir bis zur letzten Minute den Halt zu bieten, dessen ich bedurfte, um diese schweren Stunden zu überstehen. ? ? *** Der Aufenthalt an der Alster hatte leider sehr bald danach für mich sein Ende erreicht. Frau Doktor sagte mir, in einigen Monaten wollten sie für die Sommermonate verreisen, da sei es ebenso gut, ich käme so bald wie möglich an meinen neuen Bestimmungsort. Äußerlich war aufs beste für mich gesorgt. Das Haus lag weit vor der Stadt in einem herrlichen Garten. Die weiten Wege zur Schule waren mir lieb. ? Aber ich konnte mich nur schwer in die Menschen finden. Die eine der Damen war die, die mir die Sprachstunden gab. ? Wie ich auch war und was ich auch tat, so erregte ich Mißfallen und rief Tadel und Schelte hervor. Ich war aber innerlich wund und trostbedürftig. Ich wollte in meinem verlassenen Zustand so gern in die Kirche gehen, das wurde mir verwehrt. Da lerne man nur heucheln, wurde mir auf meine Bitte geantwortet, ich sei schon vermuckert genug. Ich möge mich endlich von der Vergangenheit losreißen, die Anschauungen aus einem abergläubischen Bergmannsdorf paßten nicht in die aufgeklärte Großstadt. ? Da weinte ich in den stillen Nächten und bat Gott, daß er mir doch einen Trost in dieses Dunkel senden möge. Hatte ich denn nicht schon genug hergeben müssen? Wollte man mir auch noch das aus dem Herzen reißen, was meine Haupthilfe in der Not gewesen war. Als ich in Voigtsberg hilfesuchend meine Hände ausgestreckt hatte, hatte Er sich da nicht als treu erwiesen? »Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen«.[179] Hatte sich dieser Spruch denn nicht buchstäblich an mir bewahrheitet, so bewahrheitet, daß ich es vor Staunen nicht fassen konnte. Wie bald und wie sichtbar hatte Er mein Rufen ge- und erhört, und nun sollte ich das Preisen unterlassen? Amazon.de Widgets »Halt mich doch weiter in Deiner Hand,« so bat ich, »laß mich bei Dir bleiben, auch wenn ich darum kämpfen soll.« Ach, ich hatte einen großen Herzenswunsch. Als ich in Nossen von meinem Pastor Abschied nahm, hatte der unter anderem gesagt: »Solltest du dich in der großen Stadt einsam und verlassen fühlen, so such Pastor Meinel auf.« ? Er schrieb mir den Namen auf ein schmales Zettelchen, und ich steckte dasselbe ins Portemonnaie, da lag es noch. So vereinsamt hatte ich mich bis jetzt noch nicht hier gefühlt, das Bedürfnis nach diesem Beistand war noch nicht so lebhaft geworden. An der Alster durfte ich zur Kirche gehen. Jetzt aber, da man mir in meiner gänzlichen Vereinsamung auch diesen Trost entzog, da man mich um dieses Bedürfnisses willen höhnte und verspottete, da wuchs die Sehnsucht nach religiösem Anschluß und Verständnis allgewaltig in meinem Herzen. Wie oft nahm ich das Zettelchen hervor, las den Namen, machte mir eine Vorstellung von dem Manne, er mußte natürlich ebenso eifrig um eine Seele bemüht sein, wie mein Nossener Pastor, und welch ein Glück müßte es sein, mit einem solchen zu verkehren. Ob ich mir doch ein Herz faßte und einmal fragte? Freilich, ich wußte nicht, wo er wohnte, das würde in der großen Stadt so leicht niemand wissen, aber wenn ich nur die Erlaubnis bekäme, so wollte ich mich wohl bemühen. Da waren ja so viele Kinder in der Schule, eins davon würde doch vielleicht wissen, wo Pastor Meinel zu finden sei. ? Gott weiß es, ? dachte ich schließlich, er kann ja auch in Kleinigkeiten helfen, er[180] kann mich ihn finden lassen, wenn ich nur hin darf. ? Nun, versuchen wollte ich es doch mit einer Frage, ? aber, wie ich es eigentlich nicht anders erwartet hatte, ich wurde auf das bestimmteste abgewiesen. »Da sieht man doch wieder, wie durchaus unkindlich und krankhaft alles an dir ist! Welches Kind in deinem Alter denkt wohl daran, sich mit einem Pastor in Verbindung zu setzen! Furchtbar unnatürlich! Wenn Frau Doktor wiederkommt, werde ich es ihr alles erzählen. Weißt du, was du bist? Orthodox bist du!« Ich erschrak heftig. Was das wohl war, »orthodox«? Das X am Ende gab dem Wort einen so ganz eigenen Beigeschmack. Es mußte wohl etwas Schlimmes sein, aber ich verstand es wieder einmal nicht! ? Eines Tages hatte ich den Auftrag, Besorgungen in der Stadt zu machen. Seelisch müde und gleichgültig wanderte ich durch die Straßen. Plötzlich stockt mein Fuß. ? Mein Blick bleibt an einer Tür haften. ? Und doch ist an der Tür nichts anderes zu sehen als ein einfaches, kleines Porzellanschild, darauf steht: Pastor Meinel. Wie eine Erscheinung sah ich das Schild an. Ich war so aufgeregt, daß ich heftig zitterte. Auf mein Gemüt wirkte dieses einfache Erlebnis wie ein großes Wunder. ? Ich ging eilig die Straße zurück und sah nach dem Straßennamen, dann wieder vor die Tür, und nun prägte ich mir ein: Brandsende 13. Ich suchte in meinem Portemonnaie den Papierstreifen, er war so mürbe, daß er in sich selbst zerfiel. ? Was tat's, ich brauchte jetzt den Streifen nicht mehr, ich hatte ja den Mann selbst. Das war eine Nacht! ? denn gleich ging ich nicht hin, das mußte erst nach allen Seiten hin erwogen werden, und ich mußte die beiden Stimmen, die nun einen[181] gewaltigen Kampf gegeneinander führten, zu Worte kommen lassen. ? Hans hatte so korrekt gesagt: »Papa und Mama sagen, man darf keine Heimlichkeiten haben«. Frau Doktor hatte ausdrücklich verboten: »Ohne unsere Erlaubnis gehst du zu keinem, den wir nicht kennen«. Dann sah ich mich wieder im Nossener Schloß bei meinem Pastor, und so mühte ich mich stundenlang mit dem »für und wieder« ab. Das Ende des Kampfes war der Entschluß, sobald ich wieder in die Stadt geschickt würde, nach Brandsende 13 zu gehen. ? Die Gelegenheit kam. ? Auf mein Klingeln öffnete mir eine Dame selbst die Tür und fragte nach meinem Begehr. ? Stotternd bestellte ich die Grüße aus Sachsen. Ich wurde mit in die Stube genommen, wo der Pastor war. ? Wer ihn gekannt hat, vergißt diese Erscheinung so leicht nicht wieder. Eine große, hoheitsvolle, würdige Erscheinung. Unter dem schwarzen Sammetkäppchen war das leicht gekräuselte, weiße Haar sichtbar. Aber das Schönste waren die großen, durchdringenden blauen Augen, die sich jetzt fragend auf meine kleine Gestalt richteten. Das war gar kein so leichter Augenblick für mich! Ich suchte Trost, wie konnten sie das wissen, wenn ich ihnen nicht zuvor einen Begriff von meiner verlassenen Lage gab. ? Dann kam ich ja aber ins Klagen, und mir wurde täglich gesagt, ich müsse dankbar sein. Ja, ich sah das selbst ein, daß Ursache genug zum Danken sei, aber über dem allen stand nun doch als Tatsache fest, daß ich mich tot-unglücklich fühlte und daß ich gern aus diesem Zustand heraus möchte. Ich wurde hin und her gefragt. Der Boden brannte mir unter den Füßen, ich war ruckweise mitteilsam, und zurückhaltend. Natürlich! Dem Pastor kam wohl allerlei unter die Hände, vielleicht auch welche von der Sorte, wie ich eine war. Endlich sagte er: »Wir wollen gern, ? wie dein lieber[182] Pastor in Sachsen es wünscht, ? dir ratend zur Seite stehen, du kannst uns nächsten Sonntag um drei Uhr besuchen.« Nein, das konnte ich ja eben nicht! Nun mußte ich bekennen, wie die Sache war. Eine Weile schwiegen Pastors und sahen einander an. Dann sagte der Pastor: »Raff doch deinen Mut zusammen und bitte und frage, ob du nicht bei uns verkehren darfst?« Ich schüttelte betrübt den Kopf und sagte, daß ich bereits gefragt hätte, daß es mir aber entschieden abgeschlagen sei. »Im Augenblick können wir dir keinen Rat geben, komm gelegentlich noch wieder vor und hole dir unsere Meinung. ? Kannst du singen?« fragte der Pastor. Ich sah überrascht auf. Singen! Ei und ob ich singen konnte! Hatte uns nicht der liebe Pastor in Nossen allwöchentlich einmal bei sich versammelt, und hatte uns schöne Lieder singen lassen? Diese Stunden hatten mir doch zur Erhebung und Erbauung gedient. Ja, ich konnte singen, behauptete ich freudig. Amazon.de Widgets Der Pastor schlug ein Liederbuch auf, zeigte auf die Stelle und setzte sich ans Klavier. Sie stimmten an: »Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh«. Aber nur Pastors Stimmen wurden hörbar, mich überwältigten die Worte und die Töne derart, daß ich Ströme von Tränen vergoß. Als ich mich einigermaßen beruhigt hatte, wurde ich freundlich entlassen. ? ? Nach einiger Zeit waren die Damen zu Tisch eingeladen. Ich benutzte dies und ging wieder zu Pastors. ? Heute hatte ich mehr Ruhe und Zeit. Den Pastor traf ich nicht zu Hause, nur die Frau Pastorin. ? Sie empfing mich freundlich aber ernst. »Wir haben uns deine Lage überlegt,« sagte sie, »da du nur heimlich herkommen kannst, muß ich dir sagen, daß du erst dann wieder zu uns kommen darfst,[183] wenn dir die freie Selbstbestimmung über deine Person zusteht. Jetzt machst du dich des Ungehorsams und der Täuschung schuldig, und das wäre ein schlechter Anfang zur Nachfolge Christi! Du weißt, der war gehorsam bis zum Tode, und zum Tode am Kreuze, darum hat ihn auch Gott erhöhet, und hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist! ? Nein, du darfst nur unter der Bedingung zu uns kommen, daß du niemanden hintergehst, und daß du denen, die deine Erziehung leiten, gehorsam bist! Sie mögen sein, wie sie wollen, sie sind dir jetzt als Herren gesetzt und ein Spruch lautet: ?Ihr Knechte, seid gehorsam Euren Herren, auch den wunderlichen?.« ? Wir saßen einander gegenüber, und hatten zwischen uns nur das kleine Nähtischchen. Ab und an ergriff die Frau Pastorin eine meiner Hände und drückte und streichelte sie. »Dieses allgewaltige Heimweh, diese Leere und Sehnsucht, das sind Gefühle, die sollst du haben! Es ist eine Krankheit, die zur Gesundung führt, wenn du nur aufrichtig Gott suchst. Erst wenn du Gottes Hand ganz fest ergriffen hast, wenn die Leere, die du jetzt fühlst, ausgefüllt ist mit ihm, erst dann wirst du Frieden finden: ?Meine Seele ist geschaffen zu Dir, o Gott?. ? Sollte dir die Vereinsamung aber unerträglich werden, dann komm ganz zu uns, dann wird sich auch durch uns ein Weg finden lassen, auf dem dein Fuß gehen kann. Du könntest ja Diakonissin werden.? ? Von der Gegenwart wollen wir lieber nicht sprechen, da sie dir nicht gefällt. Erzähl mir mal von dem Leben und den Verhältnissen, ehe du hierher kamst.« Nun erzählte ich von Voigtsberg, vom Leben der Bergleute und vom Bergbau. ? Die Frau Pastorin hörte aufmerksam zu, wie ich ihr mit lebendigen Farben[184] ein Bild entwarf, wie ich es geschaut hatte. »Siehst du,« sagte sie, als ich inne hielt, »da hast du gleich ein Bild und ein Gleichnis. Die Wasser der Trübsal und die Hitze des Schmelzofens gehören dazu, um aus all den Schlacken und erdigen Bestandteilen das Edelmetall auszuscheiden. Es ist Gottes Erziehungsplan, daß wir leiden sollen. Das Leiden ist der Schmelzofen, wodurch die Seele geläutert wird. Ertrag's, liebes Kind, und bleib treu, vergiß es doch nicht, was er dir Gutes getan. ? ? Und nun sieh mal,« fuhr die Frau Pastorin fort, und nahm ein kleines unscheinbares Büchlein in die Hand, »dieses Buch ist sehr handlich, du kannst es in die Tasche stecken. Ich möchte es dir leihen, nicht schenken. Mache es zu deinem Freund und wenn einst die Zeit kommt, daß du die freie Selbstbestimmung über deine Person hast, dann komm wieder zu uns, und bring mir mein Eigentum wieder, ich werde mir vorbehalten, ob ich es dir dann schenken will. Zieht es dich dann noch ebenso zu uns wie jetzt, so werden wir dir nicht wieder den Zutritt in unser Haus verbieten. Hoffentlich auf Wiedersehen!« Amazon.de Widgets Es war das Büchlein von der Nachfolge Christi von Thomas a Kempis, was sie mir in die Hand legte. 
 14. Ein Blick auf den Hasen.  [127] Eigentlich wäre es doch viel gemütlicher gewesen, wenn wir heute nicht mehr ausgegangen wären. Ich hatte die letzte Nacht fast nicht geschlafen, hatte mich seit vielen Tagen abgesorgt, mich viel geängstigt, ich hatte mich freilich auch gefreut, aber jedenfalls hatte ich große seelische Erregungen durchgemacht, die es vielleicht rechtfertigten, daß ich mich nun nach dem Hafen der Ruhe sehnte. Ich sagte das auch der Mutter, als wir durch die schmutzigen Straßen wanderten. »So etwas begreife ich gar nicht!« sagte die Mutter mit starker Mißbilligung, »ausruhen möchtest du dich? Du bist doch mit der Bahn gefahren, das hat dich doch unmöglich angestrengt! Wenn ich viele Meilen gegangen[127] bin, und habe schwere Lasten getragen, so habe ich mir in einer fremden Stadt doch nur kurze Rast gegönnt, um mir dann alles Schöne und Gute anzusehen, was die Stadt bietet. Sei doch keine solche Schlafmütze!« »Hat Hamburg viel Schönes und Gutes?« fragte ich. Ich mußte daran denken, wie ich bei meiner Abreise doch so vielfach gewarnt worden war. »Ja,« sagte die Mutter mit einer Beimischung von Strenge im Ton: »es kommt freilich viel darauf an, inwieweit sich der Mensch selbst in Zucht hat. Wenn du deine Augen, Ohren und Füße nicht hütest, so kannst du auch leicht in einer solchen Stadt ins Verderben geraten! ? Jetzt gehen wir an den Hafen. Wenn ich auf dem Wege dahin an den Schenken stehen bleiben wollte, um mir die Lieder anzuhören, die den angetrunkenen Matrosen vorgesungen werden, oder wenn ich mir in den Schaufenstern die häßlichen Bilder oder die verzerrten Masken ansehen wollte, da würde ich der Seele ja nicht das vorführen, was sie erhebt oder fördert. Denke, der Mensch ist Gott verantwortlich dafür, was er sieht und hört! Wende den äußeren und inneren Blick immer dahin, wo das Ergebnis tüchtigen Schaffens und Strebens liegt! Du hast nur noch kein Verständnis dafür, aber du würdest staunen über das, was hier geleistet wird! Hier wird jeder Kraft, jeder Begabung freie Bahn bereitet! Du kannst dir nicht vorstellen, wie das Herz aufjubelt, wenn einem das Feld angewiesen wird, auf dem man sich schaffensfreudig betätigen kann. Die Seele weitet sich gleichsam, es ist als ob ihr Schwingen verliehen würden! Ja, wohl dem, dem eine große Aufgabe zuerteilt wird! Heißes Ringen und Kämpfen stählt Leib und Seele; es hebt über persönliches Leid hinaus und bringt uns Gott näher. Gott schafft ja auch ununterbrochen! ? Aber siehst du, hier sind wir!«[128] Wir waren zuletzt während der Reden der Mutter durch stille Anlagen gegangen, jetzt standen wir plötzlich auf einer Anhöhe. Welch ein Anblick! ? Wir schauten hinunter auf den breiten Elbstrom. In einen Mastenwald blickten wir, der von tätigen Menschen seltsam belebt war. Mit Staunen sah ich, wie Neger katzenartig an schwankenden Strickleitern emporkletterten. Große und kleine Schiffe drängten sich bunt durcheinander. Laute Zurufe begleiteten das Ein- und Ausladen von Waren. Riesige eiserne Arme holten die schweren Säcke und beförderten sie ächzend ans Land. Die Mutter deutete auf ein besonders großes Schiff und sagte, das sei ein Auswandererschiff, gelegentlich wolle sie einmal mit mir darauf gehen und mir die Einrichtung zeigen. Pfiffe ertönten, schwarze Rauchwolken stiegen in die Luft, große braune und kleine weiße Segel blähten sich. Nicht fassen konnte das äußere und innere Auge die wunderbare Welt, die sich da unten entfaltete. Sinnend, leicht aufseufzend schaute die Mutter weg über die Schiffe, weit hinaus, ? da hinaus, wo die Elbe breiter und breiter wird. Amazon.de Widgets »Sieh,« sagte sie, »da geht's aus der Enge in die Weite, in die fernen unbekannten Erdteile!« 
 4. Siebenlehn.  [37] Ist denn nicht die Erde, die unser Fuß betritt, überall die gleiche? Weshalb denn zittern mir die Knie, als ich den kurzen Weg nach dem Städtchen einschlage? Warum klopft mir das Herz, wie einem Kinde, das vor der Weihnachtsstube steht und das Bekanntes und Neues zu finden erwartet? Hat heimische Erde einen besonderen Zauber an sich? Zögernd, mit einem Gefühl, gemischt aus Neugier und Erinnerung, betrete ich die Niederstadt. Vieles ist anders und besser, und doch berührt mich das Neue nicht angenehm. Das aber ist geblieben: Die Schusterfrauen sitzen noch wie vor vierzig Jahren auf ihren dreibeinigen Schusterschemein vor ihren Türen, und ziehen fleißig den Pechdraht durch die Schäfte der Stiefel. Freilich, andere saßen damals hier! Bei meinem Gruß schauen sie neugierig auf, und sehen mir nach. Ich blieb suchend stehen. Hier hatte doch das Häuschen der Großeltern gestanden!? Das neue, das seine Stelle einnahm, hatte kein Interesse für mich. Seufzend ging ich weiter, langsam stieg ich den Berg hinan, der zum Marktplatz führt. Fremdes, Neues und alt Bekanntes mischte sich auch hier. Das Haus des Schmiedebäckers[37] war verschwunden. Der Platz, wo früher im Sommer durch all die Kindheitsjahre hindurch das Laudel-Rieckchen mit ihrem Obstkorb saß und pfennigweise ihr Obst an die naschhafte Jugend verkaufte, der war leer! Ein bestimmtes Ziel hatte ich nicht. Ich suchte Genossen meiner Kindheit, ich suche bekannte Häuser. Wie still war der Marktplatz und wie klein! War das denn immer so gewesen? Wer mochte wohl der alte Mann sein, der sich mir langsam näherte? Ich rede ihn an, ich frage ihn nach der Nendel-Lore. Er sieht mich scharf an und sagt zögernd: »Die? Dio ist schon lange mit dem Schuster Putzger verheiratet. Sie wohnt da drüben.« »Sie sehen,« sage ich entschuldigend, »daß ich nicht mehr recht Bescheid weiß, ich bin lange weg gewesen, nun möchte ich doch auch gern wissen, wie Sie heißen, vielleicht treffe ich in Ihnen einen alten Bekannten.« »Ich heiße Petzold,« sagt der Mann. »Ach ja,« rufe ich lebhaft, »Sie wohnen der Apotheke gegenüber, Sie sind Lohgerber, Sie waren einmal Schützenkönig, als ich Kind war!« Der Mann lächelt: »Das war mein Vater!« Ich sehe ihn sinnend an, und sage mir, daß ich bei jedem Wiedersehen daran denken muß: »Es liegen vierzig Jahre dazwischen.« »Nun,« sage ich, »dann sind wir wohl Schulgefährten gewesen, ich bin die Charitas vom Forsthof. Sie können sich gewiß nicht besinnen.« Amazon.de Widgets »Ei freilich,« sagt er erfreut und ladet mich ein, im Vorbeigehen doch mal bei ihm vorzusprechen. Er bleibt stehen und schaut mir nach, er steht noch auf demselben Fleck, als ich in das bezeichnete Haus trete. ?[38] Als ich die Tür öffne, steht ein kleines verwelktes Figürchen mit ergrautem Haar in der Küche und mustert mich erstaunt. Ich nenne meinen jetzigen Namen. Sie schüttelt sinnend den Kopf, während ihre dunklen Augen forschend auf mir ruhen. »Nun,« sage ich lachend, »laß den Namen, kannst du dich denn noch auf die Charitas besinnen?« »Charedas!« ruft sie erstaunt, »ja, wenn du schon die Charedas bist, dann geh' nur rein, ich komme gleich, ich will nur meinen Mann rufen.« Ich brauchte nicht lange zu warten, da kam sie wieder. Sie war nun ganz Verwunderung und Teilnahme. »Daß du doch noch mal wieder kommst!« sagte sie aufgeregt. »Wie ist das lange her, seit wir miteinander gespielt haben! Wie oft bin ich mit dir gelaufen, wenn du Kräuter suchtest, und wie viel kamst du zu uns! Und dann warst du mit einemmal weg, so weit weg! Ich hab' mich recht nach dir gebangt, hab' erst noch gehofft, du würdest mir schreiben. Es blieb mir aber nichts von dir, als die kleine Puppenkommode ? du weißt wohl? ? Und das Leibbändchen!« Ich sah sie fragend an. »Na, ich hol's gleich,« sagte sie lachend und verschwand in der Kammer. Richtig! Da war ja das längst vergessene Spielzeug. Auf rotem Grunde gelbe Tulpen. Und dreibeinig war sie immer gewesen, das war sie noch. »Ja,« sagte Lore, als sie meinem Blick folgte, »der Vater hat ihr ein viertes Bein machen wollen, ich hab's aber nicht gelitten. Ganz so soll sie bleiben, wie sie mir die Charedas gegeben hat. Ich war doch immer deine beste Freundin, nicht wahr?« Mir wurden die Augen feucht. »Und was ist es mit dem Leibbändchen?« fragte ich lächelnd.[39] Lore öffnete eine der winzigen Schiebladen und reichte mir einen länglichen Zeugstreifen. »Weißt du das denn gar nicht mehr? Wenn du zum Spielen kamst, brachtest du oft hübsche bunte Flicken mit, und damit hattest du dann große Pläne, was alles du deiner Puppe daraus machen wolltest: Kleider, Mäntel, Hüte und Hauben. Jede von uns wirtschaftete von dem ihrigen ganz für sich, und wenn wir dann nachsahen, was jede von uns vollbracht hatte, da sagtest du kleinlaut: »Lorchen! S' is doch nur wieder e Leibbändchen geworden!« Ich schalt dich dann, daß du aus all den bunten Flicken nichts weiter als ein Leibbändchen bekommen hattest. Was soll denn eine Puppe mit einem so schmalen Streifen? Aber du wußtest dir dann zu helfen: »Wir wickeln sie in ein Kissen,« sagtest du, »dann sieht niemand, daß sie nichts anhat.« Die Mutter nahm dich in Schutz und sagte: »Hilf ihr nur zurecht, die lernt so was ihr Lebtag nicht, die muß doch egal dem närrischen Vater helfen.« »Ja, ja,« sagte ich wehmütig lächelnd, »was gestalten wir aus all dem, was uns fürs Leben mitgegeben wird!? Jedenfalls hast du unsere Kindheitserinnerungen treuer gehütet wie ich. Nur was das Herz faßte, konnte ich bewahren. Ein Reisekoffer ist kein Ort, in dem man sichtbare Erinnerungen herumschleppt.« ? Nun kam der Mann, unsere Unterhaltung wandte sich mehr dem Allgemeinen zu. Als wir uns endlich trennten, mußte ich versprechen, noch oft vorzukommen. *** Am nächsten Tage nahm ich meine Wanderung wieder auf. Hier, vor diesem stattlichen Hause mit dem großen,[40] blauen Schilde und den glänzenden, goldenen Buchstaben hatte ich stets einen großen Respekt gehabt. In dem wohlhabenden Kaufmannshause hatten wir auf dem geräumigen Boden Theater gespielt. Das Donauweibchen! Es war sogar eine Wohltätigkeitsvorstellung gewesen. Einer alten Frau im Armenhause kauften wir für die eingenommenen Pfennige Dreierbrötchen. Als wir sie ihr brachten, knurrte sie uns an: »So viel Brotchen uf eemal! Die wer'n doch altbacken!« Ja, was für rosige, lustige Spielgefährtinnen waren das gewesen, mit denen ich hier gespielt hatte! Was war aus ihnen geworden? Auf meine Frage nach dem Hausherrn wurde ich in den bekannten Garten gewiesen. Auf der Anhöhe, unter herrlichen, alten Bäumen, saß ein weißhaariger Greis mit zwei schwarz gekleideten Damen zusammen. Er sah kopfschüttelnd auf die Visitenkarte in seiner Hand. Ich trat näher und erklärte. Eine lebhafte, freudige Begrüßung folgte. Ich war fremd und doch bekannt! Die beiden Damen waren meine einstigen Spielgefährtinnen, jetzt die verwitwete Frau Pastor und die verwitwete Frau Apotheker. Die Rosen auf den Wangen waren etwas gebleicht, der kindliche Übermut hatte einem tiefen Ernst Platz gemacht. Die Jahre hatten uns allen Leid gebracht. Als wir aber auf die Erlebnisse unserer Kinderzeit zu sprechen kamen, da röteten sich unsere Wangen, unser herzliches Lachen stimmte zu dem goldenen Sonnenschein, der breit und behaglich auf dem üppigen Rasen erglänzte. Tief bewegt nahm ich nach einer reich und glücklich durchlebten Stunde Abschied. Beim Weggehen gab mir die Frau Pastor ein in Pergament gebundenes Buch und meinte, da ich solche Teilnahme für meine Vaterstadt habe, sei es mir vielleicht lieb, in einer ruhigen Stunde einmal darin zu lesen. Es war eine alte Chronik, geschrieben[41] von den Mönchen in Alt-Zelle. Unter anderem fand ich folgendes: Siebenlehn. Amazon.de Widgets Das Lager dieses Städtleins belangend, ist selbiges von seinem ehemaligen Regierungsplatze, dem Kloster Zelle, wie auch heutigem königlich und kurfürstlich-sächsischem Schlosse und Amtshause Nossen, von jedem nur eine halbe Meile abgelegen: Von seiner Kreys- und Berghauptstadt Freyberg aber 1 1/2 Meile, nächst bei der Straße, so durch dessen Feld-Flur von Nossen her nach Freyberg gehet, gelegen. Mehrere Distantien (Entfernungen) benachbarter Städte anzuführen, wird nicht nötig sein, weil man von Siebenlehn aus nordwärts durch Nossen, südwärts auf der Freybergischen Straße und westlicher Seite durch den Zellwald ins ganze Land herumkommen kann. Den Ursprung und Anbau betreffend, rührt selbiger unstreitig von seinen uralten und weyland wohlschüttenden Bergwerken, die unter die ältesten des Landes zählen. Denn als man in Freyberg zu schürfen anfing, waren die Siebelschen Bergwerke in vollem Flor und hießen damals schon was Altes. Weil nun die Bergleute gerne zehren des Brotes, Fleisches, Bieres, des Unschlitts zu Schmeer und zu Grubenlichtern; auch des Leders und Eisenwerkes nicht lange entraten können, noch weit danach laufen wollen, haben sich bald etliche Handwerker zu ihnen gesellet und damit denen Bergleuten rechte Luft, das Werk mit Freuden anzugreifen, gemacht. Dieses achte also vor den ersten Anbau des damals noch ganz öden Platzes und Rodelandes, welchem man folgends den Namen Siebenlehn gegeben hat. Nämlich, da einer zur selben Zeit eine neue Fundgrube ausgeschürfet und eidlich hat bezeugen können, daß er der erste Fünder[42] derselben gewesen, hat ihm der Bergmeister mit einer Schnur so viel vermessen, daß er sieben Lehen bekommen, welche er alle durch besondere Gruben oder Pingen hat bewältigen müssen. Die sieben Gruben aber hießen: 1. Der Zimmermannsschacht; 2. Der Romanus Erbstollen; 3. Der kleine Roland; 4. Der Markus Erbstollen; 5. Der: »Gott allein die Ehre Erbstollen«; 6. Zur neuen Versorgung Gottes; 7. Neue Siebenlehner Fundgrube in Siebenlehn. Ob nun wohl sothaner reiche Bergsegen nach und nach geringer geworden, und mit der Zeit fast hat gar verschwinden wollen, so haben doch die Nachkommen deßwegen nicht dürfen Hunger leiden, oder ihre altväterlichen Sitze ledig stehen lassen, sondern zu ihrer Nahrung und Handtierung bald andere Gewerbe gefunden, haben sich auch bis dato damit sowohl fortgebracht und in Kunde gesetzt, daß man von Siebenlehn in und außer Landes fast mehr zu reden weiß, als von mancher großen und volkreichen Land-Stadt. Dann haben die Siebenlehner auch für ein sonderbares Glück und Ehre zu achten, daß obgedachtermaßen unterschiedlich hier geborene und erzogene qualifizierte Stadt-Kinder der Kirchen Gottes und gemeinem Wesen zu Dienst in- und außer Landes nützliche Leute worden, und zum Teil in vornehmen Bestallungen gelebt, damit sie diesen ihren Landsleuten mit Rat und Tat auch beförderlich und verträglich sein können.[43] 
 13. Bei Madame Piepenbrink.  [122] Bangen Herzens folgte ich dem Menschenstrom. Unwillkürlich sah ich mich um, ob ich zwischen all denen, die wartend in der Halle standen, nicht das vertraute Gesicht der Mutter finden würde. Aber nein! Erwarten konnte ich es ja auch nicht. Unsicher, schüchtern ging ich über den freien Platz. Endlich wagte ich die Frage nach, »Stubbenhuk«. Ich erwartete halb, daß die Leute lachen würden, aber ganz ernst wiesen sie mir die Richtung. Hamburg lag in dichtem Nebel. Der Schnee wurde unter den Tritten der Fußgänger zu einer schwarzen dicklichen Suppe. Die Straßen, durch die ich kam, waren eng und düster. Die hohen, rauchgeschwärzten Häuser hatten ihre Giebelseite der Straße zugekehrt. Wie verschiedenartig waren diese Giebel! Da waren hohe, spitze, steife, aber auch kunstvoll geschweifte. Die düsteren Häuser, so dicht, gleichsam engbrüstig aneinander gedrängt, waren zum Teil mit altertümlichem Schnitzwerk und hübschen Verzierungen versehen. Ich ging über kurze Brücken und schaute in stille, trübe, uferlose Wasserstraßen, auf denen lautlos und schwerfällig Boote dahinglitten. Hier sah man die Rückseite der Häuser. Ernst, schwermütig sah hier alles aus. In buntem Wechsel lösten sich die Bilder ab. Hatte ich mich staunend in den Anblick der stillen[122] Wasserstraße vertieft, so bog ich bald darauf wieder auf einen Platz oder in eine Straße, wo lebhaftester Verkehr alle Sinne anspannte. Hastig rannten die Menschen aneinander vorüber, so fremd erschienen sie mir in ihrem ganzen Gebaren, in ihrer Tracht, in ihrer Art, wie sie ihre Waren feilboten. Schwerfällige Frauen schrien mit schriller Stimme, weit vernehmbar: »Fri ? ? i ? sche F ? i ? i ? sch! La ? ben ? di ? ge Scho ? llen!« Da, an der Straßenecke war ein dichter, schwarzer Menschenknäuel, weithin schallte die heisere Stimme eines Mannes. Er schrie in höchster Aufregung: »R?r?rreine Seide! Rrrei?ne Seide! Söß Schilling dat Stück! Ramsch! Ramsch! Kuddelmuddel! Söß Schilling!« Ich schaute in Torwege hinein und sah mit Staunen, daß da, dicht ineinander geschoben, förmlich eingeklemmt, wieder hohe Häuser enge Straßen bildeten, wo unordentliche Frauen und schreiende zerlumpte Kinder hausten. Über all dem unaussprechlichen Gewirr ragte in erhabener Ruhe hie und da ein grüner Kirchturm gen Himmel. Endlich, endlich war ich am Ziel! Ich hatte Straße und Nummer. Vor dem Hause stand eine große, robuste Frau und scheuerte die steinernen Stufen. »Wissen Sie vielleicht,« fragte ich schüchtern, »ob in diesem Hause eine Frau Dietrich aus Sachsen wohnt?« Die Frau goß das Wasser in den Rinnstein, stemmte die Arme in die Seiten, betrachtete mich prüfend von Kopf zu Fuß und rief dann lebhaft: »Kann't wull angahn!! Du büst woll de lütt Charitas ut Sachsen?! Wi töwt all lang op di!« Sie nahm Eimer und Scheuertuch und sagte freundlich: »Kumm, min söten Engel, wi will't sehn, ob Mutter to Hus is!« Ich folgte ihr erregt durch einen engen dunklen Hausflur. Am Ende des Ganges war eine Treppe, die Frau rief hinauf: »Fru[123] Dietrich, sind Se to Hus? Kamen Se man gau mal dal, lütt Charitas is da!« Amazon.de Widgets Oben hörte ich einen Stuhl rücken, einen lauten Freudenruf, ? und nun kam auch schon die Mutter die Treppe herunter geeilt. Mein Bündel warf ich zur Erde, damit auch allen Kummer, alle Angst der Seele, die mich seit langem beschwert hatten, und mit dem Ausruf: »Ach, Mutter! ? Liebe Mutter! ? Endlich!« flog ich meiner Mutter in die Arme. Die Mutter drückte mich fest an sich, küßte mich und sagte zärtlich: »Du armes, gutes Kind! Hast du denn das ferne große Hamburg gefunden?« »Ach, Mutter,« sagte ich, »jetzt gehe ich aber nie, nie wieder von dir! nicht wahr? Nun bleibe ich immer bei dir?« Als mich die Mutter los ließ, nahm mich die große Frau in die Arme, hob mich hoch in die Höhe und gab mir einen schallenden Kuß, stellte mich sanft auf die Diele und sagte, indem sie sich mit dem Rücken der Hand die Augen wischte: »Ja, ja, min ol lütt Göhr, nu hewt wi di jo endlich!« Fast als ob ihr die Rührung zu lange dauerte, sagte sie zur Mutter in munterem Ton: »Hüt giwt dat witte Bohnen. Mag de Lütt ok witte Bohnen?« »Wie mögen Sie nur fragen, Madame Piepenbrink! Sie kochen ja so ausgezeichnet!« Zu mir sagte die Mutter: »Geh mal mit Madame Piepenbrink in die Küche und wasch dich ordentlich nach der langen Reise, dann komm mit herauf und mach dich oben noch zurecht bei mir.« Oben war ein geräumiger, düsterer Vorplatz, da hatte die Mutter Tische aufgestellt, die sie alle mit Pflanzen belegt hatte. Ach, wie mich das anheimelte! Unsere Pflanzen vom Forsthof, die ich zum Teil mit gesammelt[124] hatte. Merkwürdig wollte es mir scheinen, daß die lieblichen Blumen des Zellwaldes und die aus dem Muldental hier in Hamburg in einem düsterem Stadthause lagen. »Unsere Pflanzen!« rief ich zärtlich, »Mutter, wie gut, daß ich dir nun helfen kann!« Ich erzählte mein Mißgeschick mit dem Tragkorb, während wir in das kleine dürftige Stübchen der Mutter traten. »Der schöne, neue Korb!« sagte die Mutter bedauernd, »der hat doch viel Geld gekostet!« Während die Mutter an mir herumputzte und bürstete, erzählte ich ihr von Voigtsberg und von der Reise. »Laß nur!« sagte sie in bezug auf Voigtsberg, »die Hauptsache ist, daß man keinen Schaden an der Seele nimmt! Augenblicklich kannst du noch nicht einsehen, daß du in einer guten Lebensschule gewesen bist. ?Wohl dem, der sein Joch trägt in der Jugend!? Es wird dir nach diesen Erfahrungen doch nie in den Sinn kommen, die Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Du wirst Respekt und Mitgefühl für die haben, die des Lebens Last tragen. ? So, da ruft Madame Piepenbrink zu at Essen, das ist gut, denn nach dem Essen gehen wir aus.« Das niedergesessene Roßhaarsofa in Madame Piepenbrinks Stübchen war schon recht schadhaft, hie und da guckte die Polsterung hindurch, es war aber trotzdem ein sehr gemütliches, altes Möbel und gewährte uns allen dreien Platz. »Du sitzst ja zwischen uns, wie das Dotter im Ei!« sagte meine Mutter lachend. Ja, das war ein Mittagessen in dem halbdunkelen Stübchen! Ich wurde von beiden Seiten gestreichelt und bekam auf platt- und auf hochdeutsch alle nur erdenklichen Kosenamen. Alle drei waren wir schwer geprüft, hatten die Pein der Einsamkeit durchkostet und hungerten nach Liebe und Verständnis! ? ? Nach den weißen Bohnen spendierte Madame[125] Piepenbrink jedem eine Apfelsine. Die Mutter schüttelte mißbilligend den Kopf über diesen Übermut. »Ik will Se wat seggen, Fru Dietrich,« sagte Madame Piepenbrink, während sie mir die geschälten Apfelsinenscheiben auf den Teller legte und Zucker darüber streute: »dat duert doch ni so lang, denn wüllt Se wedder reisen, denn laten S' man dat lütt Göhr bi mi bliwen. Dacht hew ik dar all lang an, wenn Se mi von ehr vertellt har'n, abersten ik wull ehr doch irst sehen, ehr ik dorvun snakken wull. Na, ik mag ehr wull liden, un ik will ehr gern behol'n. Se schall hol'n warn as min eegen Kind! Mehr kann keen Minsch vun mi verlangen. Se sünd mi jo all wegstorben, de to mi hürt hebn. Ik stah so alleen. Wenn de Lütt sik god schickt, denn schall dat ehr Schaden nich sin. Wenn uns Herrgott mi mal to sik röpt, na ? denn kriegt se min ganzen Kram! ? Willst bi mi bliwen?!« Ich sah fragend, ängstlich zur Mutter. Madame Piepenbrink war so gut, ich wollte sie so ungern kränken, ? aber natürlich wollte ich doch am liebsten bei der Mutter bleiben! Die Mutter gab Madame Piepenbrink die Hand und dankte ihr gerührt, aber sie sagte, über meine Zukunft könnte sie noch nicht entscheiden. Über diesen Bescheid war ich unbeschreiblich glücklich, mir war so leicht und froh zumute, ich hätte die ganze Welt ans Herz drücken mögen. Nun erhoben wir uns. Die Mutter band mir mein rotes Kopftüchelchen um den Kopf, hing mir das kurze, graue Mäntelchen mit dem schottischen Besatz um und wollte mit mir fort. »Wat!« rief Madame Piepenbrink, »utgahn willt Se?! Is 'ne Sünd' un Schand'! Nich mal Kaffee drinken!? ? Un ick hew so schöne, söte Kokens köft! ? Ik meen, wenn die Lütt glücklich hier ankam, denn wullt[126] wi noch naträglich Wihnachten un Nijohr fiern! Un dat lütt Göhr is doch mäud von de Reis! Na, ? nu kann ik mi wull alleen hersetten bi min Kaffee un Koken!« Sie band sich eine weiße Schürze vor und gab uns ein Stück das Geleit. Draußen nahmen die beiden mich bei der Hand, und an der Straßenecke nahm mich Madame Piepenbrink in die Arme, küßte mich und vermahnte uns, ja bald wieder zu kommen, damit wir noch etwas vom Abend hätten. Auf diese wohlgemeinten Ratschläge meinte die Mutter, Madame Piepenbrink möge ja nicht mit dem Abendessen warten, denn sie könne nicht wissen, ob sie nicht Verhinderung hätte. So schieden wir. Ich sah mich noch einige Male um, da stand noch immer Madame Piepenbrink trotz des regen Verkehrs an der Straßenecke und winkte mit dem Taschentuch. 
 10. Ein Begräbnis.  [101] Dicht am Brunnen, wie mir die Alte schon gesagt hatte, stand ein Häuschen, weiß gekalkt, mit hellblauen Balken. Während der fadendünne Wasserstrahl in die Kanne lief, spähten meine Blicke nach den kleinen Fenstern. Zwischen den Blumenstöcken zeigte sich häufig ein Gesicht, bald war es ein junges, bald ein altes. Wie ruhig und friedlich sah das Häuschen von draußen aus, unwillkürlich beschäftigten sich meine Gedanken mit den Bewohnern. Eines Tages stand ich wieder und spähte hinter die Blumenstöcke, da tauchte diesmal das alte Gesicht auf. Ich nickte der ältlichen Frau einen Gruß zu, sie hatte es gesehen, ihr Gesicht kam dicht an die Scheiben, sie winkte. Schnell wechselte ich die Kannen und trat befangen und zaghaft in das Häuschen. Die Alte hielt die Stubentür offen und reichte mir freundlich die Hand. Wie warm, sauber und friedlich war es in dem kleinen[101] dämmerigen Stübchen! Das verschrumpelte, runde Kindergesichtchen sah aus wie ein rotbackiges, welkes Äpfelchen. Die blonden, dünnen Scheitel waren schon leicht ergraut. Alles war leise und gedämpft, nicht nur die Stimme und der Tritt, sondern auch die Farben. Sie ging leise auf Filzschuhen, der faltige, kurze Rock und die weite Jacke, waren aus haarigem, dunklem Stoff verfertigt. Trotzdem die Hände krumm und rauh von der Arbeit waren, so war die Berührung, als sie mir sanft über den Scheitel strich, doch lind und zart, es war etwas echt Mütterliches in ihrer ganzen Art. Mir kamen die Tränen in die Augen, wie lange war es her, daß jemand mich freundlich angesehen hatte! »Du bist ja wohl mit den neuen Kramerschleuten gekommen. Heeßt du nich Moarie?« Sie wußte schon von mir, das wunderte mich. Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Nein, Charitas.« »Nu so was! Das is ja e närrscher Name, aber du läßt dich doch am liebsten so rufen, wie de getooft bist. Mir woll'n dich hier so nennen, wenn de bei uns kimmst.« Sie sprach denselben Dialekt wie die andern auch, und doch wie gemütvoll und herzlich klang er aus ihrem Munde! Wie zartfühlend zeigte sie sich schon gleich in den ersten Minuten! »Warum siehste denn egal so traurig aus?« fuhr sie fort, »dich friert's wohl, geh ran an'n Ofen und wärm d'r de Hände! Haste Heemweh?« Ich nickte. Die Frau seufzte, nickte mir ernst zu, und sagte mit verhaltener Stimme: »Ach ja, das Heemweh! Das kann de Menschen reene umbringen! Oben liegt eene, die hatte ooch egal Heemweh, nu wurd' se noch krank derzu, mir dachten aber, se müßt's iberwinden, weil se so e weeches Gemiet hatte. Nu hat se iberwunden, aber andersch, wie mir es dachten. Kumm mal[102] mit nuf, du sollst se doch sehen, s'is 'r doch ooch wie dir gegangen.« Befangen und unsicher folgte ich ihr die kleine Treppe hinan. Amazon.de Widgets Die Kammertür stand offen, und auf sauberem Strohlager ruhte eine Gestalt, die nur wenig älter sein mochte, wie ich selbst. »Siehste, das is unsre Christel!« sagte die Frau und streichelte zärtlich die starren, wachsbleichen Hände, die zwischen den gefalteten Fingern ein Zweiglein Buchsbaum hielten. »Nu haste kee Heemweh mehr, nich wahr, Christel? Gott reicht dir selbst die Palmen in deine rechte Hand, und du singst Freudenpsalmen, dem, der dein Leid gewandt!« Die Frau trat etwas vom Lager zurück und weinte still vor sich hin, sie zog mich sanft nach sich und sagte: »Komm, komm! Laßt ja keene Träne uf die Tote fallen, sunst hat se im Grabe keene Ruhe. Mir derfen uns ooch nich uflehnen, unser Herr Pfarrer sagt: Er nimmt und gibt. Weil Er uns liebt. Laßt uns in Demut schweigen, Und vor dem Herrn uns beugen! Ich weinte heftig. Die unerwartete Nähe des Todes, die ärmliche Feierlichkeit, die fromme Ergebung der Frau, meine eigne verlassene Lage, das alles erschütterte meine Seele mächtig. So jung konnte man sterben! Unser Los war ja ein ähnliches gewesen. Freilich, sie hätte es besser haben können, sie hatte ein Heim, und all die Ihren waren beieinander. Sie riß eine Lücke, sie wurde schmerzlich vermißt. Warum hatte Gott sie und nicht mich gerufen? Ich war ja so überflüssig, keiner brauchte mich. Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken, und seine Wege sind nicht unsere Wege. Möchte ich wirklich hier an Christels Stelle liegen?! »Ja, in Freiberg, in der großen, lauten Stadt is[103] se gestorben,« unterbrach die Frau meinen Gedankengang. »Mir wußten ni, wie schlimm es mit ihr stand. Freili, den Nachmittag, wie se starb, hat mich's geahnt. Ich hatte so en häßlichen Drom. Mir wurde unter großen Schmerzen e Zahn ausgezogen. Da wußte ich glei, daß was mit der Christel passiert war, noch dazu, wie nu ooch de Uhr stehen blieb. Ja, ja, 's hat Anzeechen gegeben! Das is su, wenn ener sterbt. Sonntag wull'n mer se in Scherme (Großschirma) begraben. Du tust ihr doch de letzte Ehre an? Komm nur, da lernst de ooch de Gustel und den Fritz kennen. Komm aber ooch sunst zu uns, etwa am Sonntag, wenn de deine Sache gemacht hast. Hier kannst de von derheeme erzählen. Ich denk, dich hat de Christel geschickt. Warte mal, habe ich denn nischt, womit ich der 'ne kleene Freide machen kann?« Sie kramte in einer Schublade und sagte: »Der Vater hat neilich der Christel das rote Kopftüchel gekooft, das sollst du erben, von uns kann's doch jetzt keener tragen. Sie händigte mir ein leuchtendes Kopftuch aus, mein Erbe von Christel, die ich nur im Tode kennen lernte. Als ich nach Hause ging, dachte ich an die Worte meiner Mutter: »Gott erweckt dir Nothelfer in guten Menschen.« Am folgenden Sonntag kam das Begräbnis, woran, wie mir schien, die ganze Gemeinde teilnahm. Die Bergknappen in ihrer schwarzen, kleidsamen Tracht trugen den Sarg. Der Lehrer kam mit seinen Schülern. Um das Kruzifix wehte der Trauerflor, und die jugendlichen Stimmen sangen: »Nach einer Prüfung kurzer Tage Erwartet uns die Ewigkeit, Dort, dort verwandelt sich die Klage In göttliche Zufriedenheit. Hier übt die Tugend ihren Fleiß, Und jene Welt reicht ihr den Preis.«[104] Ich saß in der Oberstube, zwischen vielen fremden Gestalten, vor uns stand der schlichte Sarg, an den Sargenden brannten dünne Wachslichter. Schweigend tranken wir Kaffee unter den Klängen des bekannten Sterbeliedes. Die Dämmerung brach schon fast herein, als sich der traurige Zug in Bewegung setzte. Sehr lang kam mir der Weg vor, denn wir kamen nur langsam vorwärts, da die Träger öfters still hielten und einander ablösten. In dicken Flocken fiel vom dämmernden Himmel der Schnee hernieder, er legte sich weich auf das schwarze Bahrtuch, er legte sich auf die schwarzen Bergmannskittel, und frisch und flockig lag er auch in dem Grabe, wo hinein man jetzt mit Gesang, Grabrede und Gebet die so früh geknickte Menschenblüte bettete. Leb wohl, leb wohl, du Bergmannskind! Du hast vollbracht den Lauf. Treu warest du und gut gesinnt, Drum rufen wir: Glück auf! Doch schloß sich auch dein Auge hier, Dort tut sich's wieder auf. Wir alle, alle folgen dir Und grüßen dich: Glück auf!« Im Dunkeln traten wir den Heimweg an. Hand in Hand gingen Gustel und ich. Die trauernden Geschwister erzählten mir mit Liebe von der Heimgegangenen. Mir war der Gang zwischen den vielen dunklen Gestalten auf dem unbekannten Wege, verbunden mit der Erzählung über jemand, den ich nicht gekannt und nie kennen würde, etwas so Traumhaftes und Sonderbares, daß ich den Gang nie vergessen habe. Gustel war ein eben konfirmiertes Kind, wie ich auch. Sie hatte ein frisches, rotbackiges Kindergesicht, über welches jetzt die Trauer eine sanfte Wehmut breitete. Beim Scheiden[105] luden mich Bruder und Schwester freundlich zum öfteren Besuch ein. Amazon.de Widgets Nach vollbrachter Arbeit durfte ich von nun an wohl ab und zu einen Sonntagabend bei meinen neuen Freunden verleben. Gustels Vater war königlicher Erzwagenbegleiter, ein Titel, der mir sehr imponierte. Die kleine, dämmerige Bergmannsstube wurde eine Zufluchtsstätte für mich, wo ich mir Mut für die kommende Woche holte. Etwas Schöneres konnte es in meinem freudlosen Leben nicht geben, als daß alle mich mit lauter Freude begrüßten, daß wir zusammen die schönen Bergmannslieder sangen, oder daß ich ihnen Geschichten erzählte; je gespannter sie zuhörten, desto begeisterter erzählte ich, ich weiß, daß ich oft so lebhaft wurde, daß ich aufsprang und ihnen die Sache vormachte, so wie ich sie mir vorstellte. Mehr als einmal fragten sie erstaunt: »Bist de denn derbei gewest, daß de uns alles so vormachen kannst?« 
 2. Der Romanus.  [12] Mit der Sekundärbahn fuhren wir am nächsten Morgen bei goldigem Sonnenschein hinein in das lieblich gelegene Muldental. Nach vorhergegangenem Regen war die Natur köstlich erfrischt, und mit Entzücken feierten meine alten Augen ein wortloses Wiedersehen. Wie anmutig windet sich das silberne Band der Mulde durch die tannenbewachsenen Berge, deren ernstes Grün in reizvollem Wechsel durch leuchtend gelbe Steinbrüche oder rötlich schimmernde Porphyrfelsen unterbrochen wird. Hie und da tritt der Wald bescheiden zurück und läßt einer blumigen Wiese den Vortritt. Ach diese frischen Farben! Diese Ruhe! Das Auge, das so lange den Dunst und Nebel der Großstadt ertragen hat, saugt gierig die reinen, frischen Farben auf. Sattes, dunkles Grün, ein tiefblauer Himmel und zwischen beiden ein leuchtender goldgelber Streifen, das sind die reisenden Kornfelder, die über den Tannen, auf der Hochebene liegen. Da, das »Bähnchen« hält mitten im bewaldeten Tal, dicht bei der romantisch gelegenen Beiermühle. Station »Siebenlehn!« Meine Tochter sieht mich fragend erstaunt an. Hier sieht's doch nicht aus, als ob wir in der Nähe einer Stadt wären! Jetzt muß ich mich aber doch besinnen und Umschau halten, denn vierzig Jahre sind selbst für ein gutes Heimatsgedächtnis eine lange Zeit. Wir übergeben dem einzigen Mann in dem einfachen Bretterhäuschen unsere Sachen, um sie gelegentlich mit in den »Romanus« zu nehmen. Dieser breite Fahrweg führt hinauf ins Städtchen; vor dem Städtchen liegt unser Hotel.[12] Rechts haben wir die spärlich bewachsenen Felswände, links plaudert über blanke Kiesel und grünes Farnkraut das zu Tal hüpfende Bächlein, bald dunkel überschattet von den Wipfeln der Waldbäume, bald wieder freudig aufblitzend im hellen Sonnenschein. »Was Neues hat es nicht gelernt,« es murmelt dieselbe harmlose Weise, wie zu meiner Kinderzeit. Meine Tochter wundert sich über den Namen unseres Hotels. »Warte mal!« sage ich nachdenkend, »das ist zu meiner Zeit auch kein Hotel gewesen.« Als ich Kind war, stand auf kahler Steinhalde ein mäßig großes Haus, das Steigerhaus des »Romanus«. Das Haus stand leer, und der Berg lag brach. Als ich meine Mutter danach fragte, erzählte die mir, daß vor etwa 700 Jahren Italiener hierher gekommen seien, die haben an der Stelle, wo die Halde ist, geschürft und entdeckt, daß hier viel Edelmetall zu finden war. Sie errichteten auf dem Gipfel des Berges eine Gewerkschaft und gaben der Grube den Namen »Romanus«. Man sprach weit und breit von der Grube, als von einer, »die da Silber spendete und Gold«. Der Romanus ist vielen Wechselfällen unterworfen gewesen. Man liest in alten Schriften, daß Krieg, Wassersnot und Pestilenz oft auf lange hinaus den Betrieb unterbrochen und gestört haben. Mit bewundernswerter Zähigkeit und Ausdauer nahmen aber die Siebenlehner Bergleute den verlorenen Posten immer wieder auf und verhalfen dem Romanus nach einer Zeit des Niederganges wieder zum Aufschwung. Siegesfreudig erklangen dann die frommen Bergmannslieder wieder aus dem Betsaal des Steigerhäuschens. Dann kam eine Zeit, da ging das Gerücht durchs Städtchen, die Grube sei erschöpft, sie werde nächstens den Betrieb einstellen. Wir trauerten, waren wir[13] doch stolz auf unsere sieben Gruben, ihnen verdankte unser Städtchen sein Dasein. Das Gerücht behielt leider recht. Der Gesang der Bergleute wurde immer schwächer, schließlich fuhr, allerdings nur kurze Zeit, nur ein Bergmann noch hinunter. Das war der Häuer Schramm. Man sagte, er könne sich nicht von der Grube trennen, trotzdem er beim Sprengen ein Auge eingebüßt hatte. Schließlich mußte aber auch er sich andere Arbeit suchen. Die leichteren Baulichkeiten wurden abgebrochen, die Einrichtungen und Maschinen überließ man ihrem Schicksal, das Loch zur Einfahrt wölbte man zu, und das Steigerhäuschen ließ man stehen. Amazon.de Widgets So etwa hatte mir meine Mutter erzählt. »Ob wir wohl in dem Steigerhäuschen wohnen?« fragte meine Tochter. »Wer weiß, die Zeit bringt manche Umwandlung,« sagte ich. Wir machten eine scharfe Wegbiegung und befanden uns vor einem stattlichen Neubau, über dessen Tür eine frische Guirlande und in großen Lettern »Hotel zum Romanus«, prangte. Nach der freundlichen Begrüßung lud uns die Wirtin ein, uns doch in den Garten zu setzen, sie werde das Frühstück sofort bringen. Mit herzlicher Teilnahme und Befriedigung ließ ich meine Blicke auf der hübschen Waldidylle ruhen. »So hat mich mein Gedächtnis doch betrogen,« sagte ich zur Wirtin, »ich meinte, eine kahle Halde zu finden, und finde mich zu meiner Überraschung mitten im Walde.« Die Wirtin sah mich sinnend an und sagte: »Das muß lange her sein! In den fünfziger Jahren mag es hier so gewesen sein.« Ich nickte eifrig. »Sehen Sie!« sagte sie lächelnd. »Nun,« fuhr sie fort, »dann kam der Kirbach und kaufte den Kram. Haben Sie ihn vielleicht noch gekannt?«[14] »Ich entsinne mich seiner nur dunkel.« »Das war ein kurioser Mann! Er hatte den Kopf immer voller Pläne. Mit wahrhaftem Kummer trug er daran, daß der einst berühmte Romanus dem gänzlichen Verfall und der Vergessenheit anheimfallen sollte. ?Er soll in Ehren bestehen bleiben! Kann er uns nichts mehr von seinem Innern geben, so wollen wir's mal mit seiner Außenseite versuchen?, so sagte er. Wir lachten ihn aus. Wie kann wohl auf nackten Steinen etwas wachsen!? Er nahm den Tragkorb und schleppte gute Erde und Dünger heraus. Er schleppte unermüdlich, bis es genug war, und dann pflanzte er. Seine Sinne waren immer tätig, er hatte seine Augen überall. Zu all den hübschen Grotten, die Sie hier ringsherum sehen, hat er die Steine herbeigeschleppt, und dann hat er's auf seine Weise geordnet. Im Winter schnitzte er die Bergmänner, sehen Sie, dort stehen sie. Wo er einen hübschen Spruch fand, verwandte er ihn, er malte sie auf Steine, gab sie den Bergmännchen in die Hand. Er hat erreicht, was er erstrebt, alles wächst und gedeiht! Zum Andenken an den alten Kirbach haben wir auch das Steigerhaus stehen lassen. Wenn Sie da unten um die Ecke gehen, liegt es vor Ihnen. Es ist noch ganz so, wie's zur Zeit des Bergbaues war, unten ist der Betsaal, oben sind einige Kammern, jetzt schlafen unsere Mädchen da.« Richtig, da stand das alte Haus! Ich hob mich auf die Zehen und blickte in den alten Betsaal. Ich ging um das Hans herum, und je länger ich es besah, desto vertrauter wurde es mir. Vor dem Hause lag ein Gemüsegärtchen, eine Jasminlaube stand darin, ich setzte mich auf die Bank und betrachtete sinnend eine alte Frau, die vor uns in einem der Beete lag und jätete.[15] Ich forschte in ihren Zügen. Sollte ich dieses faltige, pockennarbige Gesicht wohl früher gekannt haben? Die Alte schob das bunte Kattuntuch nach hinten, so daß die Ohren frei wurden. Ein paar lange Ohrbummeln, mit bunten Steinchen ausgelegt, glitzerten in der Sonne. Aber diese Ohrbummeln kannte ich doch? Die gehörten doch der Christel, der Magd von der Madame Hänel! War das Christel?! Die Christel, die ich jung und rotbackig so gut gekannt hatte? Gewiß, das mußte stimmen. Die hatte Pockennarben. Mit der mußte ich mir doch einen Spaß machen! »Christel!« sagte ich leise. Die Alte hatte im Eifer der Arbeit nichts gehört, obgleich uns ab und zu ein halb neugieriger, halb gleichgültiger Blick traf. »Christel,« sagte ich nun etwas lauter, »wollen Sie mich morgen besuchen, mit mir Kaffee trinken, und wollen wir mal wieder Kuchen zusammen essen, ? wissen Sie, wie dazumal beim Menden-Jakob, als der seinen Geburtstag feierte?« Eine jähe Röte fuhr über das Gesicht der Alten. Sie sah unsicher in die Laube und stotterte endlich: »Was!? Menden-Jakob? ? Gott bewahre ?! wer red't denn noch von dem verrückten Kerl? Der is doch lange tot!?« »Ach ja,« sag' ich, »das weiß ich, aber ich erinnere mich seiner ganz deutlich. Morgen wollen wir mal über alte Zeiten plaudern, nicht wahr?« Christel stand jetzt auf, schüttelte die Erde von ihrer grauen Sackschürze und trat mit einem Ausdruck von Furcht und Neugier in die Laube. »Nu ? aber ? wem sein Sie denn?« fragte sie in echt siebelnschem Dialekt.[16] »Nun raten Sie mal. Ich will den Hut absetzen. Nehmen Sie eine tüchtige Handvoll Jahre. Denken Sie an die Zeit, da der Menden-Jakob noch lebte. ? ? Wer war dabei, als er seinen Geburtstag feierte und die schönen Kuchen gebacken hatte, die Madame Hänel nicht essen wollte und sie unterm Tisch Ihnen und mir zusteckte?« Ich machte Platz auf der Bank, aber die Alte sah mich mit offenem Munde an und rührte sich nicht. ? »Sie sein ? doch ? nicht? Warten Sie mal, ? die Kleene vom Forschthof?« »Ja freilich, Christel, die bin ich.« »Nu so was! Und das is Ihre Tochter? Und ich soll morgen zum Kaffee kommen? Hm, was wird denn de Frau Wirtin sagen?« »Sie müssen mir morgen von allen erzählen. Ihre Madame?« ? »Die is lange tot, ? sonst wär' ich ni hier. Sie wissen wohl gar ni, daß ich mei 50jähriges Jubiläum gefeiert hab'. Schade, daß Sie nich derbei waren. Da gab's ooch Kuchen, aber den steckte niemand erscht untern Tisch.« Amazon.de Widgets »Und Huldinchen?« »Ooch tot. Die finden Sie alle beieinander uf'm Gottesacker.« »Wer hat denn den schönen Strauß, den damals das Huldinchen aus Dresden mitbrachte?« »Das wissen Sie noch alles! Ach, den hab' ich, der steht bei mir im Glasschrank, noch fast ebenso schön, wie vor einigen vierzig Jahren. Ich hab' aber ooch immer e Stückchen Flor drüber. Ach, das war die scheenste Zeit meines Lebens, damals, wie die Madame Witwe war, und wie das Huldinchen noch jung und glücklich war. Na, Sie wissen's ja! 's war so hübsch still im Hause, und[17] ich galt ooch noch etwas. Nachher war's ni mehr hübsch, Unruhe und Sorge kam für uns alle, und nun sein se alle weg und haben mich alleene zurückgelassen.« Ich drückte der guten Alten die Hand und ging nachdenklich auf mein Zimmer. Auf die Frage meiner Tochter, wer die Alte sei, erzählte ich ihr folgendes. 
 16. An der Alster 24 [134] a.  Als wir aus der Apotheke auf die Straße traten, waren bereits die Gaslaternen angezündet. Ein elegant gekleideter Herr begegnete uns und grüßte ehrerbietig. »Mutter,« sagte ich erstaunt, »hat er dich gegrüßt? Kennst du ihn denn? Wer ist es denn? Ist er Apotheker?« Die Mutter lachte und sagte: »Er denkt nicht dran![134] ? Willst du dich mal nicht umsehen! Das schickt sich nicht!« »Aber sag mir doch, wer der seine Herr ist?« »Ich weiß nur seinen Vornamen, und der kann dich wohl nicht interessieren!« Ich wunderte mich nun erst recht und hätte gern noch mehr gefragt, wir traten aber aus der Straße heraus, und was ich da vor mir sah, ließ mich den geheimnisvollen Herrn mit seinem Vornamen vergessen. Vor uns lag eine breite Wasserfläche. »Sieh dich um,« sagte die Mutter, »wir sind hier auf dem Jungfernstieg, das Wasser vor dir ist die Alster. Die Brücke da hinten, mit der Windmühle darauf, das ist die Lombardsbrücke.« Ich stand und staunte. ? Die Gaslaternen, von denen die Alster eingefaßt ist, warfen einen märchenhaften Schein auf die breite, leicht bewegte Fläche. Gleich zitternden Feuersäulen wirst sich dieser Schein in bodenlose Tiefe. Wie ein Riesensaal erscheint mir der Raum da unten, wie ein Aufenthalt für spielende Nixen und bärtige Meergreise. Das Auge kann sich nicht losreißen. Wie gebannt weilt der Blick in der Tiefe. Wie das zieht und lockt! Wie geschäftig die Phantasie den Raum noch ausschmückt und mit stummen, seltenen Tieren bevölkert. Jungfernstieg und Alster scheinen alle Herrlichkeit der Welt zusammenzuhäufen. Diese Lichtfülle! Dieser Glanz und diese Pracht in den Läden! In kleinem, dichtgedrängtem Raume blühen mitten im Winter Blumen von märchenhafter Schönheit. Weiterhin blitzen funkelnde Juwelen, neben einem Laden mit Südfrüchten, deren Namen ich nicht kenne. Der Mutter macht mein Entzücken Spaß, aber sie mahnt endlich zum Weitergehen. »Hier ist das Ferdinandstor,« erklärt sie, »wir müssen aufpassen, daß wir vor zehn Uhr zurückkommen, sonst[135] ist es geschlossen, und man muß einen Schilling bezahlen, wenn man wieder in die Stadt will.« Ich lachte. Es war ja noch so zeitig, für uns war doch keine Gefahr, wir hatten nun doch auch alles gesehen. Hier draußen waren ja keine Läden mehr, nur links die zauberhaft schöne Alster, und rechts die ruhigen, vornehmen Häuser, die hinter sorgsam gepflegten Anlagen zurücktraten. Zielbewußt durchschritt jetzt die Mutter diese Anlagen und steuerte auf eins der Häuser zu. Vor erleuchteten Fenstern, die zum Teil unter uns lagen, gerade wie in Berlin, wo ich in meiner Angst angeklopft hatte, blieben wir stehen. Keine Gardine wehrte uns hier den Einblick, und die Mutter meinte, ich möge mir das Treiben da unten mal ansehen. Ich aber hatte meine Erfahrungen gemacht, ich zupfte die Mutter ängstlich am Rock und sagte: »Laß uns das ja nicht tun, wenn sie uns sehen, schicken sie zur Polizei, und stecken uns ins Loch!« Amazon.de Widgets Die Mutter lachte und sagte: »Warum nicht gar! Was sind denn das für Räubergeschichten! Schau du nur da hinunter, ich geb' dir mein Wort, es geschieht dir nichts. Nur sei ein bißchen leise, sie brauchen uns ja nicht gerade zu sehen!« Ich kauerte mich ganz dicht ans Fenster, die Mutter stand daneben und erklärte in lautem Flüsterton: »Das ist eine Hamburger Küche in einem vornehmen Hause. Der weiße Fußboden ist aus Marmorfliesen. Die leuchtenden, weißen Wände sind aus Kacheln hergestellt. Sieh das blitzende Kupfergeschirr! Die ältere der beiden weiblichen Gestalten ist die Köchin. Ja, hübsch ist die weiße Mütze mit den bunten Seidenbändern. Die andere im hellen Kattunkleid ist das Kleinmädchen.« »Aber sie ist doch nicht klein,« flüsterte ich. »Sie heißt wohl Kleinmädchen, weil sie so hunderterlei[136] verschiedene kleine Arbeiten im Hause verrichten muß,« antwortete die Mutter. »Und der seine Herr vor dem großen silbernen Teebrett, der so schön die Fruchtschale schmückt?« fragte ich und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf einen schwarz gekleideten Herrn, dessen Gesicht vom Fenster abgekehrt war. Die Mutter gab mir einen Klaps und sagte: »Wer zeigt denn mit Fingern auf die Leute!« Jetzt drehte sich der Herr um ? und ? ? fast hätte ich laut aufgeschrien vor Überraschung. »Mutter!« sagte ich aufgeregt, »siehst du es? Da ist der hübsche Herr, der dich vorhin grüßte.« »Na,« sagte die Mutter, »dann hast du ja alles gesehen, nun komm nur, wir wollen weiter.« Zu meinem Erstaunen erstieg die Mutter die Stufen, die zu dem Hause führten. Verwundert sah ich mich in der Halle um. Lebensgroße, weiße Figuren standen in Nischen und wurden von einer bunten Ampel magisch beleuchtet. An der großen Glastür klingelte die Mutter, und noch ehe ich alle Einzelheiten betrachtet hatte, stand der hübsche Herr aus der Küche, in Frack und weißer Halsbinde, vor uns, das silberne Teebrett mit der Fruchtschale balancierte er geschickt auf der einen Hand, während er uns mit der anderen die Tür öffnete. Ich war ganz Ergebenheit und Ehrfurcht, und knixte und dienerte. Daß ein so vornehmer Herr das nicht beachtete, wunderte mich nicht. »Die Herrschaften sind noch bei Tisch, aber ich bringe schon den Nachtisch heraus. Wollen Sie nur, bitte, so lange in der Bibliothek Platz nehmen!« Er öffnete eine Tür, wir traten in einen matt erleuchteten Raum, und der Herr verschwand. Die matte Beleuchtung dämpfte unwillkürlich unsere Stimmen. Wir setzten uns, und ich fragte beklommen: »Wo sind wir denn?«[137] »An der Alster 24 a,« flüsterte die Mutter. Ich sah mich staunend um. Ein geräumiges, hohes Zimmer, in der Mitte ein großer, mit grünem Tuch bezogener Tisch, an der Wand rechts riesige Glasschränke, die bis an die Decke reichten, angefüllt mit Büchern. Vor uns am Fenster ein großer Globus, links mehrere Türen und an der Wand ein Ölgemälde. Aus breitem Goldrahmen schauten ernst aber gütig ein paar große, braune Augen auf uns, der Blick war so lebendig, daß ich fast verlegen wurde. Ich wollte gerade fragen, wer der Herr sei, als ich hörte, daß oben eine Tür geöffnet wurde. Dann vernahm ich heiteres Lachen und Plaudern. Die Tür wurde auseinandergeschoben, und im Rahmen derselben erschien ein bildschönes Paar. Da war ja auch unser bekannter Herr! ? Er schraubte an der Lampe, und zu meinem Schreck war der Raum plötzlich taghell erleuchtet. Gut, daß ich so weit im Hintergrunde saß! Jetzt trat das Paar näher und sah sich suchend um. Die Mutter stand auf und begrüßte die beiden als: »Herr und Frau Doktor«. Ich hörte zu meinem Staunen, wie die Dame fragte: »Aber liebe Frau Dietrich, haben Sie denn noch immer keine Nachricht von Ihrer Tochter?« »Sie ist hier, Frau Doktor. Kind komm her,« sagte sie zu mir, »und sag Herrn und Frau Doktor guten Tag!« Ach, ich sollte herzu, und ich hätte mich am liebsten hinter der Mutter versteckt. In Reichtum, Schönheit und Jugend erstrahlte das Paar, das da vor mir stand. Geblendet, im Gefühl gänzlicher Nichtigkeit stand ich vor den beiden. Freundlich reichten sie mir die Hand, und die Dame fragte nach meinem Namen. »Das ist ein schöner Name!« sagte sie gütig, »jetzt setz dich mal ein Weilchen in dieses Zimmer.« Sie deutete nach dem angrenzenden Raum, ich zögerte,[138] ? ohne die Mutter? Da war ich doch sehr unsicher. Die Mutter nickte mir schweigend zu, daß ich gehorchen sollte, sie sandte mir noch einen langen, ernsten Blick nach. Kaum hatte ich das bezeichnete Zimmer betreten, als hinter mir die breite Tür mit einem eigentümlichen Geräusch zusammenrollte. Ich befand mich in einem nicht großen, aber sehr prächtigen Raume, wo es hell und warm war. Ich wagte nicht, mich zu rühren. Ich schaute und staunte. Ein warmes sattes Blau umgab mich. Blau war die dicke Decke, auf der ich stand, blau waren alle Möbel und die schweren Vorhänge an der Tür neben mir. Ein Fenster war hier nicht, statt dessen führte eine breite, offene Glastür in einen märchenhaften kleinen Palmengarten. Seltene Schlingpflanzen bezogen die Glaswände, unter den Palmen grünten anmutige Farrenkräuter. Eine bunte Laterne verlieh den herrlichen Gewächsen einen zauberhaften Schein. In einem goldglänzenden Käfig schaukelte sich ein ausländischer Vogel. An den Wänden in der Stube hingen große Bilder, deren Sinn ich mir nicht deuten konnte. Ich hatte reichlich Zeit, mir das alles in Ruhe zu betrachten. Endlich wieder der rollende Laut hinter mir, ? Herr und Frau Doktor traten ein und schlossen die Tür hinter sich. Warum ließen sie denn die Mutter nicht mit herein? Meine Blicke hafteten fragend an der Tür. Oder durfte ich jetzt zu ihr hinein? »Du stehst noch?« sagte Frau Doktor, »nimm dir einen Stuhl und setze dich an den Tisch!« Ich tat, was mir geheißen war. Beide fragten mich nach meiner Reise. Nur unsicher und stockend antwortete ich. Diese Kluft zwischen uns in jeder Beziehung! Und nicht die Mutter neben mir, um diesen Abstand zu vermitteln![139] »Siehst du den weißen Knopf an der Wand? Zieh ihn heraus!« sagte Frau Doktor. Kaum saß ich wieder, so erschien der Herr im Frack und der weißen Krawatte. »Bitte, Johann,« sagte die Dame, »bringen Sie dem Kinde ein gestrichenes Rundstück und eine Tasse Tee.« Amazon.de Widgets Ja, war ich denn krank? »Ich bin nicht krank,« sagte ich in bezug auf den Tee. Alle drei lachten, selbst der Herr Johann. Jetzt wußte ich also seinen Vornamen! Als ich fertig war mit Essen und Trinken, erhob ich mich und sagte voller Unruhe: »Ich darf nun wohl zu meiner Mutter, sie wird warten.« »Deine Mutter ist nicht mehr hier.« Die Mutter nicht mehr hier? Wo war sie denn? Weshalb war sie allein gegangen? Meine Blicke waren unentschlossen auf die Tür gerichtet, hinter der ich bis dahin die Mutter vermutet hatte. »Ja, was nun?« sagte Frau Doktor lächelnd. »Ich muß fragen,« sagte ich beklommen, »aber vielleicht ist das Ferdinandstor geschlossen, dann muß ich einen Schilling bezahlen, und ich habe kein Geld mehr.« »Dann mußt du wohl lieber bei uns bleiben. Komm!« Nein, wie konnte ich wohl! ? Frau Doktor trat mit mir auf die Vordiele und rief: »Fräulein Elise!« ? Ein Fräulein erschien, und Frau Doktor sagte: »Bitte, liebes Fräulein, bringen Sie dieses Kind zu Bett!« Sprachlos stand ich am Fuß der Treppe. Frau Doktor war ins blaue Zimmer zurückgekehrt, und die junge Da me wartete, daß ich ihr die Treppe hinauf folgen sollte. »Ich kann doch nicht hier bleiben,« sagte ich, »meine Mutter und Madame Piepenbrink warten auf mich!«[140] »Komm nur, die warten nicht. Deine Mutter weiß, daß du hier bleibst. Dein Bett ist zurecht.« »Aber ? wo bin ich denn hier?« »An der Alster 24 a!« sagte das Fräulein lächelnd. Wie im Traum stieg ich die mit Teppichen belegten Treppen hinauf, ? drei zählte ich. In einem einfachen Zimmer, das mir aber sehr schön erschien, stand ein weiß bezogenes Bett und ein kleines Sofa mit einem Tisch davor, darauf stellte das Fräulein ihr Licht, gab mir freundlich die Hand und verließ mich. Sobald Fräulein Elise hinaus war, löschte ich das Licht. Es war doch schade um die schöne Kerze, und ich war gewohnt, im Dunkeln zu Bett zu gehen. Sinnend setzte ich mich noch ein Weilchen aufs Fensterbrett. Da, tief unter mir liegt eine neue, unbekannte Welt, da liegt die breite, schöne Wasserfläche. Über mir aber wölbt sich derselbe Himmel, blinken dieselben Sterne, wie über der sächsischen Heimat, wenn auch der Nebel sie verhüllt. Über Bekanntem und Unbekanntem regiert derselbe Gott, dessen treue Vatergüte des einsamen Kindes nicht vergessen hat. »Ich will dich nicht verlassen noch versäumen,« die Zuverlässigkeit dieser Verheißung hat er bewiesen. Er hat mich aus dem stillen Dörfchen sicher in die große Weltstadt geleitet, ? sollte Er nicht weiter helfen? Amazon.de Widgets Im Bett führen Müdigkeit und Aufregung noch einen harten Kampf miteinander. So viele Rätsel drängen nach Lösung. Noch nach dem Abendgebet wogen die verschiedensten Bilder kaleidoskopartig an der Seele vorüber. Schon halb im Traum sehe ich mich in einer qualmigen Stube auf der Ofenbank sitzen. Aber das ist doch schon lange, lange her! Laß sehen! ? Gestern abend erst? ? Und dann heute die gute, gute Madame Piepenbrink! »En söte Deern, wenn se bi mi bliwt, schall se[141] dat beten Kram kregen!« Ob es wohl noch einmal wieder so schön wird, wie heute mittag? Das Herz so leicht ? und so viel Liebe ? auf plattdeutsch und auf hochdeutsch! Das kommt wohl nicht wieder, ? etwas so ganz, ganz Schönes, das dauert immer nur sehr kurze Zeit, dafür habe ich längst die Erfahrung! Oder ? sollte ? morgen? Sobald wie möglich will ich morgen zur Mutter! Ach, und so viel schöne Sachen habe ich bekommen! Mutter, ? du wolltest mir an diesem ersten Tag in Hamburg keinen Kummer machen, ? aber ? aber ? du hast mir nicht einmal gute Nacht gesagt! Gute Nacht, liebe, liebe Mutter! ? 
 15. In der Elefantenapotheke.  [129] Als wir dem Hamburger Hafen den Rücken kehrten, meinte ich natürlich, daß wir nun zu unserer guten Madame Piepenbrink zurückkehren würden. Auf eine Bemerkung meinerseits sagte die Mutter: »Laß nur! Heute widme ich mich nur dir, da arbeite ich mal nicht. Das hatte ich mir vorgenommen, wenn du kämest, sollte der[129] erste Tag nur dir gehören. Heute denken wir nicht an die Zukunft, ich mach' dir heute keinen Kummer, hoffentlich nur Freude.« Ich sah die Mutter etwas befremdet, beunruhigt an. Kummer konnte sie mir doch nicht machen? Nach einigem Wandern kamen wir in eine Apotheke. »Na, da ist sie!« sagte die Mutter, als wir eintraten. Die jungen Herren sahen flüchtig von ihrer Arbeit auf und lächelten. Dann trat ein älterer Herr auf uns zu, gab uns freundlich die Hand und nahm uns mit in ein Zimmer, dessen breite Flügeltüren weit offen standen und den Blick in ein anderes Zimmer gestatteten, wo eine Schar munterer Kinder fröhlich spielte. Die schlanke, blasse Dame, die auf dem roten Plüschsofa saß, schenkte uns Kaffee ein und rief die Kinder herein. Sie gab jedem Kind einen Kuchen und sagte: »Wenn die kleine Charitas fertig ist, nehmt sie mit da hinein!« Ein Mädchen in meinem Alter band mir mein Kopftuch ab, hakte mir den Mantel auf und führte mich freundlich ins Nebenzimmer. Fünf Kinder! ? und so viele schöne Spielsachen! Sie sagten mir nach und nach ihre Namen und redeten lebhaft und freundlich auf mich ein. Wie flott waren sie gekleidet! Die hübschen bunten Kleidchen waren kurz, sie ließen Hals und Arme frei, seine Spitzen lenkten meinen Blick noch ganz besonders auf die schlanken, weißen Hälschen. Alle waren sie so beweglich, sie plauderten so lebhaft, ihre Bewegungen waren so anmutig, die Händchen so sein und weiß! Wie plump und unbeholfen fühlte ich mich neben ihnen! Mein schönes, schwarzes Konfirmationskleid mit dem breiten Aufsäumer und der langen Schneppe kamen mir plötzlich kaum so prächtig vor, wie bis dahin, und die roten geschwollenen Hände, die so viele Frostbeulen zeigten, ? wo ließ ich sie nur?[130] Bald aber vergaß ich das Vergleichen. Die Mädchen führten mich an allerliebste Glasschränkchen, sie öffneten Schiebladen, und je mehr ich staunte und bewunderte, desto mehr zeigten sie mir. Jedes der Kinder wetteiferte, mir etwas zu schenken. »Sieh mal!« rief Meta eifrig, »magst du diese Papeterie mit den niedlichen rosa Bogen leiden? Ach, du mußt sie nehmen, ich schenk' sie dir so gern! Bitte, bitte!« Und Lulu rief mich und schenkte mir Oblaten, und als ich einen Apfel aus Glas bewunderte, den man öffnen konnte, da lachten sie belustigt und riefen: »Ach, wenn du den magst, dann behalte ihn doch ja, es ist nur eine leere Pomadendose: und magst du diese bunten Kotillonorden leiden? Hier hast du, ? und hier, ? das mußt du auch noch nehmen, wir haben es auf der letzten Kindergesellschaft gewonnen. Magst du gern in Kindergesellschaft gehen? Ist es in Sachsen wohl ebenso wie hier? Erzähl uns doch davon! Tanzt ihr da auch? Bekommt ihr auch Kotillonorden?« Amazon.de Widgets Ich dachte ein wenig nach. Die Ausdrucksweise kam mir hier so fremdartig vor. Ob ich gern Kindergesellschaften mochte? »Kotillonorden?« sagte ich mit ungefüger Zunge, »kenne ich nicht, ? nicht einmal dem Namen nach. Aber Kindergesellschaft mag ich auch sehr gern.« In meiner Erinnerung stieg das Bild eines freundlichen Dörfchens empor. Ja, aus meinem Kindheitsparadies mußte ich erzählen. Von den freundlichen, liebevollen Kantorsleuten, von Hedel und Liesel, und von dem Kinderfest, das wir in Gemeinschaft sämtlicher Dorfkinder auf der großen Wiese gefeiert haben. Ich sah im Geiste, wie der breite Sonnenschein auf der Wiese lag und wie wir Kinder in unserem besten Staat uns fröhlich tummelten. ? Davon erzählte ich ausführlich, und ich fühlte, wie mir beim Erzählen das Herz klopfte, wie es mir feucht in die Augen stieg ? weil mir das[131] alles in unerreichbare Ferne gerückt war. Welch weiter Raum lag zwischen Leuben und Hamburg! Und welch eine unendlich lange Zeit! ? Das war doch damals gewesen, als ich noch jung war, ? als ich noch so fröhlich lachen konnte. ? Nun bin ich ja schon so lange aus der Schule, bin erwachsen, wie man mir täglich in der Voigtsberger Krämerei sagte. ? Ich habe seitdem so viel geweint, so viel mit Gott gerungen, daß er mich nicht verlassen oder vergessen möge. So viel Sehnsucht hat mein Herz gefüllt, ? so angefüllt, daß es oft zu zerspringen drohte. Von all dem erzähl' ich diesen fröhlichen Kindern nicht, ? es ist aber da, mir innerlich ganz gegenwärtig, und unwillkürlich fühle ich eine innere Angst und Unruhe. Verstohlen muß ich mich umsehen, ? sagt denn niemand: »Bis doch kee so faules Mädel! Mach doch forsch weiter! Bist nu groß, ? bist konfirmiert, mußt egal arbeiten!« ? »Forsch« war ich gar nicht. Den großen Strohwisch, womit ich scheuern sollte, konnten die Hände nicht umspannen, die Wäschestücke, die ich waschen sollte, konnte ich nicht bewältigen. Daß die dummen Hände auch immer gleich bluten mußten, wenn sie in scharfes Sodawasser kamen! Das kam davon, daß die Hände so ganz besonders geschont waren, zu Hause. Die gefiederten Blättchen, die seinen Moose, die wurden immer mir zur Behandlung übergeben, weil ich die kleinsten, feinsten Finger hatte. »Schone ja deine Hände,« hatte der Vater gesagt, »damit du das seine Gefühl behältst!« Aber alles ist mir fern gerückt ? und doch nicht alles, ? denn da drinnen höre ich die lebhafte, muntere Stimme der Mutter. Ich nicke ihr mit glücklichem Lächeln zu, sie sieht mich weich und liebevoll an. Ja, die Mutter bleibt mir, nur nie, nie wieder von ihr fort! ? Wie freundlich ist heute alles, trotz des verdrießlichen Nebels[132] draußen. So viel Schönes habe ich bekommen! Der ganze Sitz des Stuhles ist mit den blitzenden, bunten Sächelchen bedeckt. Ob ich das wirklich alles mitnehmen darf? Ob es mir nicht geht, wie den Bergleuten in der Grube? Ob nicht ein feindseliges Koboldchen mir den Besitz streitig macht? Ich frage die Kinder, ob die Mama auch erlaubt, daß sie so viel verschenken dürfen? Die lachen belustigt, und sagen: »Da kennst du unsere Mama aber schlecht! Die freut sich doch, wenn wir gern abgeben. Gibst du denn nicht auch gern ab?« Ich sehe sie sinnend an, ? ehe ich antworten kann, fragen sie schon weiter: »Du kommst doch bald wieder zum Spielen, und dann erzählst du uns noch mehr aus Sachsen. ? Es muß ja herrlich da sein!« »Ob ich wieder kommen kann? Das glaube ich nicht, ich bin ja nun erwachsen und muß arbeiten.« »Du wärest groß?!« rufen sie lachend, »ach das bilde dir doch ja nicht ein! Du bist viel kleiner wie Meta und Lulu, und die denken doch noch gar nicht daran, erwachsen zu sein! Komm, miß dich mal mit Meta! Siehst du wohl? ? Du bist viel, viel kleiner. Aber deine Mama muß dir ein anderes Kleid anziehen. Dies sieht aus, als hättest du's von deiner Großmutter geerbt. Ist das in Sachsen so Mode? Aber das rote Tuch, das du um den Kopf trägst, das ist gediegen! So eines binde ich meiner Puppe um, es sieht süß aus!« Was?! ? mein schwarzes Konfirmationskleid fanden sie nicht hübsch? Das war doch mein wertvollstes Besitztum! Gerade, weil es von der guten Großmutter Nelle aus der Niederstadt stammte, hatte es ja doppelten Wert! Als die Mutter es der Schneiderin zum Andern gegeben hatte, da hatte sie es so wehmütig angesehen, ihre Finger hatten so zärtlich den Stoff gestreichelt, und[133] sie hatte mir feuchten Auges erzählt, wie ihre gute Mutter vor sechzehn Jahren selbst nach Roßwein zur Bierasten gegangen war, um diesen guten Tibet zu kaufen. Sie hatte der Mutter den guten Stoff zum Hochzeitskleide geschenkt, und sie hatte nicht gespart, denn, ? so hatte sie gemeint ? die Mutter könne es bis an ihr Ende als Abendmahlskleid tragen. »Nun,« hatte die Mutter gesagt, als sie es mir am Konfirmationstage zuhakte, »es ist recht auf Zuwachs gemacht, hübsch lang, und ein handbreiter Aussäumer ist auch drin.« Nun kamen die beiden Mütter herein, die meine mahnte zum Aufbruch, als ich aber meine geschenkten Sachen einheimsen wollte, da sagte die Mutter, ich solle sie vorläufig nur noch hierlassen, da wir noch weiter wollten. ? Also hatte doch das tückische Koboldchen seine Hand im Spiel? Meta hing mir das Mäntelchen über, band mir das rote Tuch um den Kopf und nahm dabei mein Gesicht zwischen ihre Hände, gab mir einen zärtlichen Kuß und sagte: »Adjüs, du süßes Rotkäppchen! Komm doch recht bald wieder und erzähl uns aus Sachsen! Du,« ? flüsterte sie noch, »wenn ich konfirmiert werde, lade ich dich ein, dann mußt du den ganzen Tag bei mir sein!« 
 21. Wanderjahre und Landung im Hafen.  [185] Das Haus an der Alster war mit dem Beginn der kälteren Jahreszeit wieder bewohnt, aber nur selten und flüchtig hatte ich Beziehungen mit dessen Bewohnern. Wieder kam Ostern heran, und in der Schule erhielt ich meine letzten Arbeiten zurück. Das Heft steckte ich nicht in den Ranzen, ich hatte beim flüchtigen Umblättern gesehen, daß ein langer, roter Satz unter den[185] Aufsätzen stand. Konnte mir der Professor wohl etwas sehr Schlimmes unter meine Arbeit geschrieben haben, da er mich doch so freundlich, und mit so vielen guten Wünschen entließ? ? An der nächsten Straßenecke stand ich still und las klopfenden Herzens: »Auch diese beiden Arbeiten beweisen den Fleiß und die guten Fortschritte, die du gemacht, zwar war der Stil von Anfang an sehr ausgebildet, aber er hat doch wohl noch gewonnen. Sehr schnell aber sind die vielen orthographischen Fehler, die zuerst die Arbeiten verunzierten, verschwunden. Es wäre sehr wünschenswert, wenn du die mit so gutem Erfolg betriebenen Übungen nicht liegen ließest. Cellarius.« Das hatte ich doch nicht erwartet, das beschämte mich tief. Nun aber mit dem Heft an die Alster! ? Lisette erschien am Küchenfenster und nickte mir freundlich zu. »Gutes Zeugnis!« rief ich. »Komm doch und zeig!« »Nein, erst soll Frau Doktor es sehen.« Frau Doktor saß an ihrem Schreibtisch, bei meinem Eintritt sah sie mich fremd und kalt an, so daß mein Fuß unwillkürlich stockte, dann sagte sie langsam: »Ich muß dich wohl zu deiner Mutter schicken, ich höre gar nichts Gutes von dir.« Schweigend legte ich mein Heft auf den Schreibtisch, Frau Doktor las länger, als der Satz es erforderte. Sie bot mir dann einen Stuhl an und fragte allerlei, dann schrieb sie, faltete den Brief zusammen und sagte: »Diesen Brief gib den Damen. Dieser Aufenthalt war vielleicht ein Irrtum meinerseits. Morgen werden deine Sachen geholt, du kommst um zwölf her, so daß du zum Frühstück hier bist. Auf Wiedersehen, morgen!« O, ein Irrtum von ihr? Das sagte sie zu mir? Sie sah mir wohl meine Freude und mein Glück an, sie[186] lächelte mir freundlich zu, da faßte ich mir ein Herz und fragte: »Darf ich nun wieder für immer hier bleiben?« »Nein,« sagte sie, »nur vorübergehend. Du wirst bald erfahren, wohin ich dich schicke, und das wird dann hoffentlich kein Irrtum!« Zur bestimmten Zeit kam ich mit meinem Bücherranzen, und schon von weitem sah ich zwischen Palmen und Blattpflanzen das schöne Gesicht von Frau Doktor. Sie lächelte, nickte und winkte. Ich brauchte nicht zu klingeln, sie kam selbst heraus, öffnete die Tür, nahm mich in die Arme und küßte mich. Wer war glücklicher als ich! Ich war in einem Fieberrausch von Schwärmerei, und ich sehnte mich nach großen Heldentaten, um Frau Doktor zu beweisen, was ich alles für sie tun könnte. ? Es wurde aber gar nichts Außergewöhnliches von mir erwartet, ich half an meiner Ausrüstung nähen. Amazon.de Widgets Einige Wochen danach stand Frau Doktor vor einem Reisekoffer. Sie sah heute ganz hausmütterlich aus in ihrer weißen Schürze. Sie packte eigenhändig meinen Koffer, und besonders gerührt war ich, als sie einen Sonnenschirm hineinlegte, wobei sie mir erzählte, den hätte ihr einst ihr Vater in Paris gekauft. ? Dann gab sie mir lächelnd ein Papier: »Ich hab's diesmal noch gnädig gemacht mit dem Stundenplan, du wirst dich in diesem Jahr noch nicht zu Tode arbeiten. Denke aber an deine schwache Seite: die Sprachen! Wenn du deine Pflicht getan hast, lauf nur in Berg und Wald herum, das ist dir jetzt ebenso notwendig wie das Lernen. Grüß mir meine liebe Wartburg und mach mir Freude!« Als mir Lisette auf der Treppe begegnete, sagte sie: »Du kommst doch noch mal herunter und nimmst Abschied von uns?«[187] Natürlich tat ich das, aber wie verwundert war ich, als mich Lisette vor ein kleines Tischchen führte, wo ganz feierlich einiges aufgebaut war. »Katalischen, das ist mein Bild,« und Lisette fuhr gerührt mit der Hand über die Augen, »du vergißt mich doch nicht?!« »I, Lisette, wie könnte ich Sie je vergessen?« Marie schenkte mir Briefbogen, und Johann ?? ein Stammbuch! Es lag ein Zettel darauf: Zur Erinnerung an Johann Knickrehm! ? ? Das mußte ich Frau Doktor zeigen! Sie lachte herzlich, und meinte: »Na, jedenfalls müssen sie dich unten recht gern gehabt haben!« ? ? Andern Tags fuhr eine Droschke vor, Johann setzte sich auf den Bock, Hans kam zu mir in den Wagen, und Lisette kam noch im letzten Augenblick, und schob einen Korb hinein. »Für unterwegs!« sagte sie weinend, und streichelte mir zärtlich die Hände. Die Droschke brachte mich an die Petrikirche. Da stand der Omnibus, der mich dann mit der Fähre nach Harburg hinüber brachte. Johann öffnete die Tür des Omnibus, sah sich unter den verschiedenen Leuten um, dann wandte er sich an einen jungen Mann und fragte: »Sie sind doch Gehrts von der Fabrik?« Der Mann lüftete seinen Hut und nickte. »Sehen Sie mal, Gehrts, dies ist das junge Mädchen, das Sie nach Harburg begleiten sollen. Der Herr läßt Ihnen sagen, Sie möchten ihr ihre Sachen gut durch den Zoll besorgen, ein Billet nach Eisenach nehmen, ihr im Coupé einen guten Platz aussuchen und warten, bis der Zug abgefahren ist.« »Soll alles pünktlich besorgt werden,« sagte der junge Mann. Hans und Johann drückten mir herzlich die Hand,[188] Johann vermahnte mich, kein Heimweh zu kriegen und rief mir schließlich noch nach: »Nicht vergessen! in Kassel umsteigen! Nachts um drei kommst du in Eisenach an, aber sei man nicht bange, du wirst sicher abgeholt.« Fort rummelte der Omnibus! Ich hörte, wie eine Frau zur andern sagte: »Ja, ja, so ein verhätscheltes Ding aus reichem Hause! Ein Diener vorn und einer hinten!« Punkt drei lief der Zug in Eisenach ein, ich wurde von der Dame selbst und einigen jungen Mädchen, deren eine eine große Stallaterne trug, in freundlichster Weise abgeholt. Diesmal war es kein Irrtum! ? *** Vor Ablauf eines Jahres kam ein Brief von Frau Doktor, darin hieß es: »Ich verstehe recht gut, daß Du gern noch länger in Eisenach bliebest, und es freut mich, daß dies ein so glückliches und fröhliches Jahr für Dich war. Aber Du bist jetzt in dem Alter, wo man Dir schon tüchtige Arbeit zumuten kann. Ostern packe Deinen Koffer und reife nach Wolfenbüttel. Du bist da angemeldet. Ich mache Dich darauf aufmerksam, daß Du jetzt auf Jahre hinaus Glied einer großen Gemeinschaft wirst. Benutze die Gelegenheit und lerne tüchtig. Es sind viele Ausländerinnen im Institut, übe Dich in den fremden Sprachen! Achte in jeder Beziehung auf Dich, auch was Deinen äußeren Menschen anbetrifft, damit Du Dir eine geachtete Stellung unter Deinen Genossinnen erwirbst. ?« Vier Jahre war ich in Wolfenbüttel, drei als Schülerin und eins als Lehrerin. Hier traf mich die Nachricht vom Tode meines Vaters. *** Nach Verlauf dieser Jahre kam wieder ein Brief: »Ich habe Dir heute zwei Vorschläge zu machen: »Willst[189] Du eine Stelle in Hamburg? Für den Fall hättest Du Anschluß an uns. Oder möchtest Du nach London ??« Nach einigem hin und her, wählte ich London, und ich habe es nicht zu bereuen gehabt. Ich war sehr gern in England und habe nach allen Seiten hin nur gute Erfahrungen gemacht. ? Frau Doktor rief mich zurück in die deutsche Heimat, sie stellte mir eine lehrende Tätigkeit an den Kieler Krankenhäusern in Aussicht. ? Ja, das Haus an der Alster war verkauft; Doktors bewohnten in Kiel ein Haus vor der Stadt. Die Kieler nannten es bewundernd: »Das Schloß am Meer«. Hier war der Garten nicht durch hohe Planken eingeengt, nein, müde konnte man sich laufen, ehe man den großen Park durchwanderte. Für diesen Fall waren Ausruhpunkte und Lusthäuschen zu finden, so: das Schweizerhäuschen und die Fischerhütte, unten am Ostseestrande. Bei meiner Rückkehr öffnete Johann den Wagenschlag, ich reichte meinem alten Bekannten die Hand, und er sagte: »Na, Fräulein, ist man gut, daß Sie wieder zu Hause sind. Hier haben wir inzwischen die Franzosen besiegt, ? aber das wissen Sie ja.« Das war eine herzliche Begrüßung nach langer Trennung. ? Ich hatte die höchste Eile mich noch zu Tisch zurecht zu machen, als ich im Eßsaal erschien, waren da allerlei fremde Gesichter. Ein junger, bärtiger Offizier, mit dem Arm in der Binde und ein junger Kandidat, ein stattlicher, blonder Herr, wurden mir vorgestellt, und da war noch ein junger Mensch, der mich lächelnd betrachtete. Amazon.de Widgets »Du kennst wohl Hans gar nicht mehr?« sagte Herr Doktor lachend. Nein, Hans war groß und hübsch geworden, und der Herr Kandidat war sein Hauslehrer gewesen, und war jetzt wochenlang zum Besuch da. ? Meine neue Tätigkeit befriedigte mich, ließ mir aber[190] immerhin noch Zeit genug, das weiter zu pflegen, was nun ein Genuß und eine Freude für mich war. ? Eines Tages hatte ich mich in ein englisches Buch vertieft. Die Fischerhütte lag so still und abgelegen, man hörte nur das Zwitschern der Vögel und den leisen Schlag der Wellen. ? Da wurde der Eingang plötzlich verdunkelt, der Herr Kandidat kam, er setzte sich nach kurzer Begrüßung auf die andere Bank. Wir lasen nicht immer, wir hatten uns schon öfter über Erziehung unterhalten und unsere gegenseitigen Meinungen ausgetauscht. Unter anderem fragte ich ihn, was er da für ein Buch habe, was ihn so interessiere. Er sagte: »Es ist der Katechismus.« »Ich dachte,« sagte ich, »den müßten Sie als angehender Pastor längst auswendig kennen.« Er reichte mir lächelnd das Buch, erstaunt sah ich hinein und fragte: »Was ist denn das für eine Sprache? Deutsche Buchstaben, und doch verstehe ich kein Wort?« »Das ist Dänisch,« sagte er lächelnd. »Lernt man denn das auch noch?« fragte ich erstaunt. »Wie sie sehen,« sagte er. »Haben Sie Luft? Ich will Ihnen gern Unterricht darin geben.« »Nie-mals!« sagte ich entrüstet, »das würde ich nie in den Kopf kriegen.« »Ich wette, daß Sie es noch lernen,« sagte er übermütig, »passen Sie mal auf, daß ich recht behalte!« Es ist schrecklich, daß die Männer immer recht behalten! ? Als er mir kurze Zeit danach Liebe, Heimat und Namen anbot, da lernte ich wahrhaftig noch Dänisch![191] Im März nächsten Jahres wanderte ich in Begleitung von Metas Vater am Hamburger Hafen entlang. Wir hielten Ausschau nach der »Susanne Godeffroy«. Endlich kommt sie. ? Alle verlassen nach und nach das Schiff, jeder der vorübergehenden Frauen habe ich gespannt entgegen gesehen. Nun gehen wir aufs Schiff. Der Kapitän kommt auf uns zu, und als er hört wer wir sind, bietet er mir feierlich den Arm und sagt: »Ihre Mutter ist in großer Aufregung, sie sitzt unten in der Kajüte. Ich werde dafür sorgen, daß dieses Wiedersehen nicht gestört wird, da gehört kein Dritter dazu.« ? *** Später komme ich wieder einmal nach Hamburg. Das Adreßbuch (heute überlasse ich mich nicht dem Zufall) zeigt mich nach der Rosenstraße. Amazon.de Widgets Eine rundliche Dame öffnet auf mein Klingeln. »Kennen Sie mich?« frage ich, und lege einen eingewickelten Gegenstand in ihre Hände. »Nur zum Ansehen,« sage ich bittend, »denn ich hoffe sehr, Sie machen mir dieses Buch zum Geschenk!« Die Dame sieht mich lange prüfend an, wickelt das Büchlein aus dem Seidenpapier und sagt zweifelnd: »Doch ? nicht? ?!« »Ja, ja,« sage ich, »sagen Sie es nur, es stimmt schon.« ? Da gab's viel zu erzählen! Ich bat die Frau Pastorin, mich doch wieder »Du« zu nennen. »Nun gut,« sagte sie, »aber dann soll es gegenseitig sein. ? Und nun hast du also endlich eine irdische Heimat gefunden! Aber nicht wahr: Die Heimat der Seele ist droben im Licht!« 
 3. Was ich bei Madame Hänel erlebte.  [18] Ich war sieben Jahre alt, da rüsten meine Eltern zu einer Reise nach Wien. Die Tische liegen voll Pflanzen. Mein Vater klebt Etiketten, schreibt, steigt die Leiter hinauf und murmelt halblaut, mit gerunzelter Stirn, lateinische Namen, und holt immer mehr Pflanzen aus den dickbäuchigen Paketen. Meine Mutter sieht gedrückt aus, sie sucht meine paar Sachen zusammen, wickelt sie in ein Bündel und fordert mich auf, Abschied vom Vater zu nehmen. Dann gehen wir. Ich ziehe ein sehr simples Puppenwäglein hinter mir her. Mir ist zumute, als müßte ich weinen, ich habe ein Gefühl von Angst und Unruhe und möchte auf dem kurzen Wege bis zum Marktplatz noch tausenderlei fragen. Obenan steht die Frage: wann die Eltern wiederkommen? Die Mutter weicht meinen Fragen aus, eine bestimmte Antwort hätte auch nichts genützt, denn ich habe noch keinen rechten Begriff von Zeitdauer. Ich schaue die Bäume an und sehe, daß sie gelbes Laub tragen: »Kommt nun bald der Winter?« frage ich, »und kommt ihr Weihnachten wieder?«[18] Meine Mutter weiß nichts, und wir betreten den Laden von Madame Hänel. Hinter dem Ladentisch steht eine kleine korpulente Frau mit einem rotbackigen, runden Gesicht. Unter den dichten, scharf geschnittenen Brauen schauen ein paar dunkle Augen prüfend auf mich und mein Spielzeug, das ich am Bindfaden wichtig hinter mir her ziehe. Ich übersehe ihre ganze Gestalt und bewundere die schöne, dunkelgrüne Sammetjacke, die ihr lang über den Rock fällt. In meiner Vorstellung ist Madame Hänel der Inbegriff großen Reichtums! Hat sie in ihrem Laden nicht alle Schätze der Welt? Heringe tonnenweise! Und die vielen Bonbons, Rosinen und Zucker! Ein unbeschreiblich glückliches Dasein muß sie führen! Ich fürchte mich vor ihr, sie ist wortkarg und streng. Sie bedient gleichmütig ihre Kunden, zwischen durch nickt sie meiner Mutter zu, die geduldig auf ihre Anrede wartet. »Bringen Sie das bißchen Kram gleich hinauf in Christels Kammer! Wir haben Huldinchens Bett hineingestellt, da wird sie schlafen. Tritt dir die Füße gut ab, bring mir ja keinen Schmutz ins Haus!« Dann zeigt uns Christel die Kammer, die auf dem Boden liegt. Als Christel hinaus ist, stellt mich meine Mutter auf den Stuhl am Fenster und drückt mich heftig an sich. »Jetzt hör mal genau zu, was ich dir sage,« vermahnt meine Mutter. »Sag Madame Hänel immer die Wahrheit! Tu, was dir geheißen wird, und rühr ja nichts an, was dir nicht gehört! Hörst du? Hier im Hause ist viel Gutes und Schönes, auch viel Süßes, rühre es nicht an! Wenn dich niemand sieht, Gott sieht dich, Er wird sehr traurig, wenn du ein Dieb wirst. Versprich mir, daß du keine Rosine, keine Mandel in den Mund steckst, wenn Madame Hänel sie dir nicht gegeben[19] hat. Wenn du es doch tust, wirst du ganz unglücklich, du kannst nicht mehr froh sein, kannst niemandem ins Gesicht sehen und betrübst Gott und deine Eltern.« Ich schluchzte heftig und versprach von ganzem Herzen zu tun, was meine Mutter wünschte. Dann kam der schwere Abschied. Aufgeregt und unglücklich stand ich danach in dem großen, stillen, aufgeräumten Wohnzimmer. Am Eckfenster saß Christel und nähte Säcke. Selbst mein Puppenwagen konnte mich nicht trösten. Ich wälzte verzweifelte Fluchtpläne im Herzen herum. Nur durch zwei Türen, dann war ich im Freien, und noch waren die Eltern auf dem Forsthof, ? bis morgen. Warum war ich schon heute fortgebracht? Aber da saß Christel, und im Laden war Madame Hänel. Ich mußte wohl bleiben, und ich blieb. Nun kam Madame Hänel herein und sah prüfend an mir herunter. Dann fragte sie: »Kannst du stricken und nähen?« Ich schüttelte beschämt den Kopf. »Was hast du getan, wenn du aus der Schule kamst?« »Ich habe Pflanzen eingelegt. In der Dämmerung hat mich meine Mutter zum Spielen hinuntergeschickt.« Madame Hänel wandte sich an Christel und sagte: »Die sind doch alle verrückt mit ihren Blümchen. Wer hat je solchen Unsinn gehört! Ist das eine Erziehung! Auf die Gasse schicken sie das Kind! Bei mir kommst du nicht auf die Gasse. Christel, richt ihr ein Strick- und ein Nähzeug ein! Aus dem karierten Bezug nimmst du die besten Stücke, davon mag sie sich Schnupftücher säumen. Jung gewohnt, alt getan! Christel, laß sie dir ordentlich überall helfen, es ist vielleicht das einzige Mal im Leben, daß ihr die Gelegenheit geboten wird. ? Was denkst du wohl, was du bei Straßenkindern lernst? Jugend hat keine Tugend! Ich will dich übrigens[20] auch in der Dämmerung wegschicken. Kannst zum Nachbar, dem Menden-Jakob, gehen, der hat weder Kind noch Kegel, da kannst du dich nützlich machen.« Es fiel mir bald auf, daß sie bei jeder Gelegenheit Sprichwörter und Redensarten anwandte. Auf meine Gewohnheiten sah sie mit Verachtung herab und sprach sich in meinem Beisein stets sehr abfällig über meine bisherige Erziehung aus. Ich wollte es recht gut machen und küßte ihr am ersten Morgen die Hand, das hatte mir meine Tante in Bukarest beigebracht. Madame Hänel zog entrüstet die Hand zurück und sagte unwillig: »Laß doch den Unsinn! Als ob wir Zeit zu solchen Faxen hätten!« Nach den Schulstunden wollte ich ihr die biblischen Geschichten erzählen, aber sie sagte: »Das habe ich mir ja längst an den Schuhsohlen abgelaufen!« Manchmal verstand ich gar nicht, was sie meinte, aber je mehr ich von meiner Umgebung mit meinem Liebebedürfnis zurückgewiesen wurde, desto lebhafter und phantasievoller gestaltete sich mein Innenleben. Mir war das Herz so voll, ich war so lebhaft, ich war es von meiner Mutter her so sehr gewohnt, viel, alles zu erzählen, was mich bewegte, aber ich hörte auch gern, und niemand konnte so gut erzählen wie Vater und Mutter. Und nun wurde ich zur Erholung zum Meden-Jakob geschickt. War das nicht ein sonderbarer Umgang für ein siebenjähriges Mädchen? Jakob war seines Zeichens Lohgerber. Er war ein hagerer, baumlanger, etwa 50jähriger Junggeselle, der außer seiner Lohgerberei noch eine kleine Ackerwirtschaft betrieb. In seinem Hauswesen arbeitete er wie eine Magd; er molk Kühe, butterte, kochte und wusch, und als wir uns erst aneinander gewöhnt hatten, konnte ich[21] ihm manche Handreichung tun, die ihm lieb war. Ich wurde, besonders nachdem er mir das »Du« angeboten hatte, ganz zutraulich zu ihm. Aus seinem lustigen Schuppen schleppte ich ihm die getrockneten Lohkuchen heran für den großen Kachelofen. Besonders lieb war es ihm, wenn ich mit ihm in den Keller ging und beim Abrahmen der Milchschüsseln leuchtete. Mit welcher Teilnahme beobachtete ich sein faltiges, bartloses Gesicht mit den kleinen, blauen Augen. Mit seinem großen, von der Gerberlohe dunkel gefärbten Zeigefinger machte er eine kühne Rundung in der Milchschüssel und schöpfte dann mit sichtlicher Befriedigung den gelblichen Rahm von der bläulichen Milch. Amazon.de Widgets »Wenn du aber butterst, wartest du, bis ich komme, ich will dir helfen,« sagte ich. »Da soll ich mich wohl gerade nach dir richten?« fuhr er mich barsch an. »Wenn du mich nicht buttern läßt, leuchte ich dir auch nicht.« Er gab dann klein bei und sagte: »Na, meinetwegen, da buttern wir eben zusammen.« Er selbst und alles, was mit ihm zusammenhing, machte den Eindruck von etwas Riesenhaftem. Sein langes, dünnes Messer, an dem auch der Griff von Stahl war, kam mir immer vor, als müsse es das Messer des Menschenfressers aus dem Märchen vom kleinen Däumling sein. Die Bewegungen seiner langen, nackten braunen Arme waren wunderlich immer aufs Große gerichtet. Mit einem Hieb durchschnitt er einen Schwarzbrotlaib, mit einem Strich schmierte er das weiche Schmalz darüber. Ich bekam eine ebenso große Bemme, wie er sie sich selber nahm, und dann standen wir, fürwahr ein ungleiches Pärchen, am Ofen und schmausten. Eines Tages kam er zu uns, ganz feierlich, in[22] einem kaffeebraunen altfränkischen Tuchrock, und drehte verlegen an seiner Sonntagsmütze. Endlich kam er ziemlich ungelenk mit einer Einladung heraus. Am nächsten Tage sei sein Geburtstag, wir sollten ihn mitfeiern, er habe Kuchen gebacken. Wir sollten nur alle drei morgen in der Dämmerung kommen. Als er fort war, lachte Madame Hänel und sagte zu Christel und mir: »Jetzt hört zu: ich setze mich zwischen euch und reiche euch abwechselnd meinen Kuchen unter den Tisch! Laßt euch nichts merken, und eßt ihn auf!« »Hm, da würd' ich lieber gar nicht hingehen,« brummte Christel. »Nicht hingehen? Ach warum nicht? ?Gute Freunde getreue Nachbarn?, bezeichnet schon Luther als zum täglichen Brot gehörig.« »Jakob denkt aber an was anderes.« »Das ist seine Sache. Du weißt, wie ich darüber denke, er hat kein Benehmen, und wenn er noch so reich wäre. Ich bleibe dabei: ?Gleich und gleich gesellt sich gern?.« »Freilich, so e seiner wie der Porzellanmaler is er nich ? aber ?!« »So geht's, wenn man mit dir und deinesgleichen zu gut ist. Ihr könnt es nicht vertragen, nehmt euch gleich zuviel heraus, wie darfst du dich unterstehen!« ? Madame Hänel ging in den Laden und schlug die Tür hart hinter sich zu. »Christel,« sagte ich unsicher, »ist Madame Hänel böse? Gehen wir nun nicht zu Jakob? Was muß ich morgen tun?« ? »Kuchen mußte essen!« sagte sie kurz. In der Dämmerung lief ich zu Jakob. Ich fand ihn inmitten großer Vorbereitungen. In der Wohnung roch es nach frisch gebackenem Kuchen, und in der Stube stand Jakob mit den nackten braunen Armen und[23] scheuerte auf seine geniale Weise die Mitte des Fußbodens. Die Ecken und Winkel ließ er unbeachtet. Ich stand erst schweigend und sah mir die Sache an, dann sagte ich belehrend: »Du mußt doch auch die Ecken mitnehmen! Unterm Kanapee fliegen ja die Wolken. Und dann kommt morgen Madame Hänel mit uns zu dir! Die sieht das gleich!« Jakob schob sich die schmutzige Mütze aufs andere Ohr, strich sich mit der Hand das glatte Kinn und sah mich hilflos an. Ich war bei Madame Hänel in einer guten Schule und fühlte mich in diesen Stücken Jakob sehr überlegen. »Warte,« sagte ich wichtig, und dann lief ich eilig zu uns hinüber. Neugierig guckte Jakob in das von mir geholte Holzgefäß. ? »Was haste denn da?« fragte er endlich. »Sieh mal, das sind Sägespäne, die drücken wir aus und werfen sie in die Ecken. Paß auf, ich verreibe sie, dann kommt gar kein Staub, wenn wir fegen.« Und nun wurden wir beide sehr heiter, als wir die Bälle nach allen Richtungen hinschleuderten. »Wollen wir mal David und Goliath spielen?« rief ich übermütig und zielte mit einem Ball nach Jakobs Rücken. Er lachte, schüttelte sich die Sägespäne ab und meinte, nun würde es auch wohl mal Zeit, daß wir ernsthaft an die Arbeit gingen. So rutschte ich unter den Möbeln und in den Ecken herum und freute mich, als Menden-Jakob leise mit seiner großen Hand über mein Haar strich. Ich sah mich prüfend um und sagte: »Wir haben drüben so schöne Bilder an den Wänden, warum hast du denn gar keine?« »Hm!« sagte er zögernd, »eingerahmte hab' ich[24] nicht, aber ich hab' welche, hier in der Schieblade liegen sie.« »Ach ja,« sagte ich eifrig, »du machst es gerade so wie ich. Zu Hause habe ich auch ein Päckchen Bilder, manche bunt mit Gold, wunderhübsch! Hast du auch solche, dann zeig sie mir doch mal!« Jakob lachte, griff in die Tasche und holte einen Schlüssel, schloß auf und langte ein Päckchen Papierzettel von verschiedener Farbe heraus. Ich sah in der Ecke einen nackten Engel, der ein Band mit Zahlen hielt. Jakob hielt mir einen von den Zetteln hin und sagte hastig: »Da, ich schenk' ihn dir, du bist ein kleines, gutes Mädel! Heb ihn gut auf!« Ich aber schaute sehr enttäuscht auf das Papier, schob Jakobs Hand zurück und sagte vorwurfsvoll: »Das ist doch kein Bild? Das sind Kassenscheine, mein Vater bekommt solche Zettel, wenn er Sammlungen weggeschickt hat, er hat mir gesagt, das sei kein Spielzeug. Hast du denn gar kein ordentliches Bild für mich, von dem man eine Geschichte erzählen kann?« »Na, denn nich!« sagte Jakob ärgerlich und legte den Zettel zu den anderen, »aber das merk dir, ein zweites Mal biete ich dir das nicht wieder. Bist du dumm! Egal nur Geschichten erzählen! Ja, erzähl du nur, du wirst mal sehen, wie weit du's damit bringst! Nun geh nur heim! Nimm deine Gelte mit, und kommt morgen nicht so spät.« Ich erzählte die Sache mit dem Bilde Christel, die sah mich sehr ungläubig an und sagte: »Der hat nur seinen Spaß mit dir gehabt. Der reiche Geizhals wird Kassenscheine verschenken!« Am nächsten Tage war ich von uns dreien das gewiß dankbarste Publikum. Ich war ganz ausgelassen vor dem Glücksgefühl, daß Madame Hänel an dem Abend[25] gar nichts an mir auszusetzen fand, und daß sie mir immer Kuchen unterm Tisch zuschob. Ich blinzelte Christel fragend zu, ob sie auch welchen bekäme. Die nickte so energisch, daß ihre großen Ohrbummeln schwerfällig baumelten. Eines Tages ruft mich Madame Hänel in ein Vorratsstübchen, das sonst immer unter Schloß und Riegel gehalten wurde. Hier stand ein Tisch und ein Stuhl, und auf dem Tische lag ein mächtiger Haufen Rosinen. »Setz dich her, und verlies die Rosinen!« sagte sie. Sie ging, und ich machte mich an die Arbeit. Es dauerte lange, aber endlich war ich fertig, und da die Stube hinter mir abgeschlossen war, mußte ich wohl oder übel warten, bis es Madame Hänel gefiel, mich wieder zu befreien. Ich kletterte von meinem Stuhl herunter und besah mir das Zimmer. Welche Schätze! Daß es so etwas in der Welt gab! Ganze Säcke voll Kaffee! Und meine Mutter sagte an besonderen Tagen: »Heute gibt's auch ein paar Bohnen im Kaffee.« Ich sah dann, wie sie sorgfältig einige wenige von einer kleinen Portion abzählte. ? Hier war gebrannter und ungebrannter, ach so viel! Und Zucker, gelber und weißer, ganze Kisten voll, und so schön gefärbte und geformte Bonbons, in Stangen, in Kügelchen, glatt und rauh, es war wie im Märchen. Ich ging ans Fenster und sah auf den Hof, aber das langweilte mich. Da gewahrte ich beim Umherschauen oben in der Tür ein kleines Guckfensterchen, gerade groß genug für ein Auge. Ich schob meinen Stuhl an die Tür und legte mein Auge an das winzige Glasfensterchen. Aber was war das?! Fest gebannt hing mein Blick an dem Guckloch. Ich zitterte heftig. Ich hatte einen Blick in den Nebenraum werfen wollen, da war, wie ich wußte, das Essiggewölbe. Aber kein Raum war[26] sichtbar, ? mein Auge schaute in ein anderes Auge! Das wirkte so unheimlich! Ich trat ein wenig zurück, ? aber das Auge blieb! Gruselnd kletterte ich hinunter, immer den entsetzten Blick auf das dunkle Auge geheftet. Dann kehrte ich zitternd der Tür den Rücken und grübelte, bis ich zu einem erlösenden Selbstgespräch kam. Was war denn das da über mir? Ein Mensch war es ja nicht, ? es war nur ein Auge! Aber wessen Auge? Ach! ? jetzt hatte ich es! Hatte meine Mutter nicht oft von dem Auge Gottes gesprochen, das uns allen überall hin folgte. Ja, das war es natürlich, das nur konnte es sein! So redete ich mich selber zur Ruhe, und war schließlich ganz getröstet, und fühlte mich in geweihter Stimmung. ? Endlich kam Madame Hänel, sie sah mich scharf an und sagte kurz: »Du denkst: ?Ehrlich währt am längsten?. Nun geh hin aus.« Von da an mußte ich oft im Laden aufpassen, wenn Madame Hänel anderweitig beschäftigt war, und als Christel brummend fragte, ob das auch ginge, antwortete sie nur: »Es geht.« *** Überall, zumal in den Schulpausen, hörte ich, daß bald Weihnachten sei, und daß dann artige Kinder ihre Wünsche erfüllt bekommen. Da wünschte ich sehnsüchtig, meine Eltern möchten kommen, damit ich mit ihnen das Fest feiern könnte. ? In Madame Hänels Haus wurde alles auf den Kopf gestellt, es wurde gewaschen, gescheuert und viele schöne Christstollen gebacken. Ich mußte tüchtig helfen, Mandeln hacken, Succade schneiden und die Stollen mit zum Bäcker tragen. Madame Hänel befand sich in ganz ungewohnter Aufregung, sie erwartete ihre Weihnachtsfreude. Mein Kinderherz wurde von der[27] erhöhten Stimmung angesteckt, ich freute mich mit, ich wartete mit auf eine ungewöhnliche Freude. Am Nachmittag standen Madame Hänel, Meisel der Hund und ich trotz der Winterkälte an der offenen Ladentür und horchten gespannt auf das Schmettern des Posthorns. In Madame Hänels Zügen lag eine milde Freundlichkeit, als sie ihre dunklen Augen auf die gelbe Postkutsche richtete, die schwerfällig über den verschneiten Marktplatz rummelte. »Nun lauft!« sagte sie erregt. Ich drückte eilig mein Gesicht an die weiche Sammetjacke, ich sehnte mich ? wonach? Wenn?! Wenn nun meine Eltern mit in der Postkutsche säßen? Mein Hoffen war vergeblich, und doch zog Freude in mein Herz, als die hübsche schlanke Mädchengestalt lachend und uns lebhaft begrüßend dem Innern des Postwagens entstieg. Wie freundlich gab sie Christel und mir die Hand! Während ich half die Schachteln und Pakete nach Hause zu schleppen, eilte sie leichtfüßig in die Arme ihrer Mutter. Sie war größer als die Mutter, mußte sie sich doch herabbeugen, als sie sie umarmte und küßte. Nie vorher hatte ich Madame Hänels Stimme so weich gefunden. ? Mit feuchtem Glanz ruhten die dunklen Augen auf der schlanken Gestalt. Mit sanfter Hand strich sie der Tochter das krause, dunkle Haar aus dem Gesicht, und wie behutsam nahm sie das rosaseidene Hütchen und den Mantel ab. Ja, Huldinchen brachte den Sonnenschein ins Haus. Immer war sie hinter der Mutter her, sie ging mit in den Laden, und ich lauschte auf ihr fröhliches Lachen und Geplauder, wenn sie mit den Kunden sprach. Auf dem Klavier spielte sie und sang dazu: »Wenn die Blümlein draußen zittern«. Während der Dämmerung setzte sie sich zur Mutter aufs Sofa. Meisel lag neben ihr, und wie beneidete ich[28] ihn, wenn ich von meinem Fenstertritt aus sah, wie ihre Hand liebkosend über sein braunes Fell strich. Dann kam der Weihnachtsabend. Ich wurde ins Essiggewölbe geschickt, und als ich endlich gerufen wurde, stand ich überrascht still. Auf dem Tische brannten zwei Wachskerzen, und viele schöne Dinge standen und lagen umher. Vor dem Klavier aber saß Huldinchen und spielte und sang: »Stille Nacht, heilige Nacht«. Sie erschien mir wie ein Engel, und ich stand mit gefalteten Händen ganz versunken in ihren Anblick. Dann zog sie mich an den Tisch, da lag ein Wickelkind, ein Schokoladenmännchen, eine Schürze und ein kariertes Schnupftuch, und das alles gehörte mir! Das Spielzeug hatte mir Huldinchen aus Dresden mitgebracht. Aber auch, was ich sonst sah, nahm mein Interesse lebhaft in Anspruch. Sehr verwundert war ich, daß Christel außer einem bunten Flanellrock auch eine Puppe bekam. Huldinchen lachte und neckte sich mit Christel, und da kam es endlich heraus: die Puppe barg in ihrem Unterrocke fünf Taler. Was aber ganz besonders prächtig war, das war der Blumenstrauß! Madame Hänel bekam ihn vom Huldinchen. »Das hast du aber hübsch gemacht!« sagte mit überglücklichem Lächeln die Mutter. Ja, was war denn das? Konnte Huldinchen denn Blumen machen? Das konnte doch nur Gott! Aber wirklich, diesen schönen, bunten Strauß hatte Huldinchen in Dresden gemacht! Und als ich mich bewundernd näher drängte, da hielt sie ihn mir lachend vor die Nase und sagte: »Ja, riech nur! Er riecht auch, und das hab' ich auch selbst gemacht.« Amazon.de Widgets Meine Verehrung wuchs zu schwärmerischer Ehrfurcht. Huldinchen war auf Jahre hinaus mein Ideal,[29] sie kann später von ihren eigenen Kindern nicht zärtlicher geliebt worden sein, als damals von dem einsamen Kinde. *** Während Huldinchen noch bei uns in den Ferien war, kam in unsere stille Häuslichkeit ein rotbackiger Herr, mit einem schneidigen, schwarzen Schnurrbart. Das war der Bruder von Madame Hänel, der Onkel Julius. Er saß lange am Sekretär und sah Madame Hänels Bücher nach, dann wurde viel geplant, und ich hörte zum erstenmal den Ort: »Leuben« nennen. Huldinchen wurde vom Onkel aufgefordert, mit ihm zu kommen, sie wollte aber lieber während der kurzen Ferienzeit bei der Mutter bleiben. Da blieb der Rotbackige plötzlich vorm Fenstertritt stehen, auf dem ich mit meiner Fibel saß, und meinte: dann könne er ja mich mit nach Leuben nehmen. Es waren aufregende Minuten für mich, bis die Frage entschieden war. Ich sollte eine Reise machen?! Madame Hänel verhielt sich bei den Beratungen ziemlich ablehnend, der Onkel und das Huldinchen setzten es aber durch, daß meine Reise beschlossen wurde. Werde ich wohl die Aufregung vergessen! Und die Vorbereitungen! Das gute Huldinchen meinte mitleidig, es würde bei dem Frost eine kalte Fahrt, und sie ging mit mir hinauf, schloß die Putzstube auf und führte mich an eine alte große Lade mit blanken Messingbeschlägen. Bebend vor Freude schaute ich in ihre Tiefe. Ach, was gab es da alles zu sehen! Eine Puppe, fast so groß wie ich selbst, schaute mich aus großen, blauen Augen starr an. Ein Guckkasten! Wenn man ihn auseinander zog und durch das kleine Loch schaute, konnte man eine ganze Straße mit Bäumen und Menschen sehen! Aber[30] das war nur so nebenbei. Die Hauptsache war ein kunterbunter Mantel und ein rotes Wollmützchen, das mir Huldinchen vor dem großen Spiegel anprobierte. Der Mantel schleppte, aber Huldinchen meinte, das sei einerlei, da ich doch im Wagen sitzen würde. Als sie mir auch das rote Mützchen umgebunden hatte, faßte sie mich bei beiden Händen, tanzte mit mir in der Stube herum und sagte: »Nun bist du Rotkäppchen.« Am nächsten Tage fuhr ein schwerfälliger Frachtwagen, mit einer grauen Plane überspannt, vors Haus. Christel und der Onkel trugen Säcke, Fässer und Kisten hinein, schließlich mehrere Bund Stroh, damit wir weich und warm saßen, und dann ging die Reise vor sich. Der Onkel saß neben mir im Stroh. Die Pferde hatten Schellen am Kummet. Das eintönige, ruckweise Geklingel, das Krächzen der aufgescheuchten Saatkrähen, oder das Zwitschern aufflatternder Spatzen war fast der einzige Laut, der auf den einsamen Wegen unser träumerisches Hindämmern unterbrach. Einmal hielt der Wagen, das war bei demselben Bauer, bei dem ich später auf meinen Wanderungen einkehrte. Fuhrmann Merker stampfte sich die Füße warm, der Onkel und ich bekamen Kaffee und Weihnachtsstollen. Beides löste mir die Zunge, so daß ich auf dem letzten Rest des Weges dem Onkel Märchen erzählte. Er zeigte sich sehr teilnehmend, denn er lachte zuweilen, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Plötzlich hielt wieder der Wagen, und aus dem stattlichen Haus kam eilig eine kleine, rundliche Frau. Sie warf einen Blick ins Innere des Wagens und rief lebhaft: »Is die Möglichkeit! Da haben wir ja den Bruder Julius?! Und wen hast du denn bei dir? Das sieht ja aus, als wär's das gute Huldinchen, wie die noch klein war.«[31] »Nun komm mal her, Kleine, ich will dich hineintragen.« Sie setzte mich auf einen Stuhl, öffnete die Tür und rief mit munterer Stimme: »Kinder! ? Kommt mal schnell herein ? Korinna! Guido! Aurel! Valeska! Irene! Kommt, der heilige Christ hat euch noch nachträglich was beschert! Der Onkel aus Gertitzsch ist da, und er hat euch aus Siebeln ein kleines Mädchen mitgebracht!« Dann wandte sie sich lachend an den Bruder und sagte: »Mach dir's gemütlich, mein Mann wird gleich kommen! Ach, was man doch immer für einen Drasch hat mit den vielen Kindern und dem großen Hauswesen! Überall möchte man seine Hände und seine Gedanken haben!« Dabei sah sie aber so glücklich aus, daß man ihr das Stöhnen nicht glaubte, und dann kam eine muntere Kinderschar hereingestürmt, die freudig jauchzend auf den Onkel losstürzte. »Geht!« sagte die Mutter, »laßt den Onkel in Ruh, und seht euch mal da das kleine Mädchen an, fragt sie, wie sie heißt und nehmt ihr ihre Sachen ab, zeigt ihr eure Spielsachen!« Die Kinder drängten sich neugierig, zunächst etwas verlegen, an meinen Stuhl heran. Einer der kleinen Jungen fragte: »Wem sein bist du?« Die kleine Valeska stieß den Bruder an und sagte: »Die kommt aus Siebeln von der Tante Malchen!« Die große Korinna nahm mir behutsam mein Zeug ab und sagte belehrend: »Das ist nicht Tante Malchens Kind, die hat nur das Huldinchen, und das ist unsere Cousine. Aber ihr seid ja auch noch nie in Siebeln gewesen, ihr wißt nichts davon. Ich war vorigen Sommer mit den Eltern da.« »Was ist Siebeln?« fragte der Kleine wieder.[32] Die anderen lachten ihn aus, aber Korinna sagte: »Siebeln ist eine Stadt! Eine große, schöne Stadt! Nicht wahr?« Ich bejahte eifrig und erzählte eingehend, wie schön es bei uns sei und was für vornehme Leute in Siebeln wohnten. Korinna nickte ernsthaft, dann forderten sie mich auf, mit zu ihren Spielsachen zu kommen. Ich blieb aber an meinem Stuhl stehen, sah mich ängstlich um und wagte keinen Schritt vorwärts. »Fehlt dir etwas?« fragte Korinna. »Ach,« sagte ich zaghaft, »ich weiß nicht, ? aber ? ich ? ich bin bange, das Haus fällt ein. Hört ihr denn nicht, wie es rummelt? Der ganze Fußboden zittert und bebt so!« Aus war's mit aller Glorie! Vorher hatten sie mich mit Teilnahme betrachtet, ich kam von weit her und war aus der Stadt, ? aber nun?! Alle lachten unbändig und fühlten sich mir sehr überlegen. »Bange? Du bist bange? Wir gar nicht! Das ist hier doch egal so. Bist du denn noch nie in einer Mühle gewesen? ? Mutter, die fürchtet sich!« riefen sie verächtlich. Als ich sah, daß sie sich alle ganz sicher auf dem schwankenden Fußboden bewegten, bekämpfte ich meine Furcht und wurde froh mit ihnen. Hier stand noch der Weihnachtsbaum, und als es dunkel wurde, zündete der Müller ihn an, und die vergoldeten Pfefferkuchenmänner mit den grell bemalten Gesichtern erstrahlten in wunderbarem Glanze. Die schöne warme Milchsuppe kam viel zu früh, denn gleich nach dem Essen mußten wir alle zu Bett. Ich schlief mit den vielen Kindern in einer Stube, und zuerst ging es in den Betten noch ziemlich laut her, jedes der Kinder[33] stellte mir für den nächsten Tag wunderbare Genüsse in Aussicht. All das, wonach sie mich fragten, das kannte ich noch nicht. Dann schlief eins nach dem anderen ein, ich war aber hell wach. Das Stoßen und Klappern regte mich sehr auf, ich saß lange aufrecht im Bett und horchte auf ein Tosen und Rauschen, dessen Grund ich mir nicht erklären konnte. Die Tür nach der Wohnstube stand halb offen, ich hörte das halblaute Gespräch der Müllersleute mit dem Onkel Julius, einzelne Worte trafen mein Ohr, die mich interessierten. Jakob Mende ? Malchen ? Huldinchen ? Porzellanmaler! ? Ach, wie weit weg war ich von ihnen allen! Amazon.de Widgets Der nächste Tag war ein sonniger, klarer Wintertag. Die Kinder sorgten für die Erweiterung meines Gesichtskreises, sie fanden mich furchtbar dumm. Zunächst nahmen sie mich mit in den Raum, wo gemahlen wurde. Sie zeigten und erklärten, alle Aufklärung diente aber nur dazu, mir den Kopf vollständig zu verwirren. In dem sinnverwirrenden Lärm sah ich wie durch Nebel weiß bestäubte, schweigende Männer hantieren. Ich war froh, als ich wieder draußen war, als alle Gegenstände wieder ihre klaren Umrisse hatten. Dagegen konnte ich mich nicht von dem Mühlgraben trennen. Schwer und träge floß das anscheinend tiefe Wasser, bis es an das Wehr kam. Hier veränderte es plötzlich seine Natur, ? mit wütendem Ungestüm stürzte es sich auf das riesige Mühlrad ? ?und nun da unten in der Tiefe ? das war ja grausig ?? und doch konnte ich mich nicht trennen. Wie es kochte ? und schäumte ? und toste! Hier führte das Wasser das Wort, ? und es führte eine gewaltige Sprache, so daß unsere Kinderstimmen unverstanden verhallten bei seinem mächtigen Rauschen. Gewaltig, ? unfaßbar groß erschien mir hier alles.[34] Stundenlang hätte ich stehen können, um dieser Stimme zu lauschen. Ich selbst war so klein, ein Nichts. Am Nachmittag spannte Fuhrmann Merker an, ich wurde eingebündelt, aufs Stroh gesetzt und heimwärts ging's, ohne Onkel Julius. Wieviel hatte ich gesehen und erlebt! Hinter Merkers breitem Rücken durchlebte ich alles noch einmal in Ruhe. *** Wochen waren seit meiner Reise nach Leuben vergangen. Huldinchen hatte uns wieder verlassen, und das Leben in dem einsamen Hause ging wieder seinen einförmigen Gang. Da kam für mich eine Abwechselung. ? ich wurde krank. Oben lag ich in Christels Kammer. Als die schlimmsten Tage vorüber waren, achtete ich darauf, ob ein Schritt die Treppe hinauskäme. Am Vormittag kam Madame Hänel selbst, und später brachte mir Christel meinen Napf Wassersuppe. Wie lange ich so da oben gelegen hatte, weiß ich nicht, ich erinnere mich nur, daß ich mich sehr einsam fühlte und manchmal weinte. Da hörte ich eines Tages zu ganz ungewöhnlicher Zeit eilige Schritte die Treppe herauf haften. Mein Blick heftete sich mit Spannung auf die Tür, ? da sah ich, wie dieselbe leise und vorsichtig geöffnet wurde, ein Kopf mit dunklem Kraushaar wurde sichtbar, ? ich schrie laut auf und lag in der nächsten Minute laut schluchzend vor Aufregung und Freude in den Armen meiner Mutter. Meine Mutter weinte mit mir. »Und nun bist du krank!« sagte sie bedauernd, »und ich hatte mich so auf mein liebes Mädel gefreut.« »Es ist nicht mehr schlimm,« versicherte ich, »packst mich gut ein und trägst mich nach Hause!«[35] Und so kam ich wieder auf den Forsthof. War das ein Tag! Auf dem einen der Tische war eine ganze Bescherung! Eine Spielzeugschachtel hatten die Eltern mitgebracht, und die bunt bemalten Häuschen und Bäume hatten sie hübsch aufgestellt. Vorn davor lag ein vergoldeter Pfefferkuchenstern. Ich wurde in Kissen gepackt und durfte spielen. Meine Mutter kam oft zu mir, strich mir über das Haar, küßte mich, spielte mit mir, und zwischendurch erzählte ich mit großer Wichtigkeit von all meinen Erlebnissen und neuen Bekanntschaften, die ich gemacht hatte. Nun kam eine kurze schöne Zeit des Zusammenlebens, bis die Eltern, gezwungen durch ihren Beruf, wieder eine Reise machten. Für mich brach damit jedesmal eine Zeit schmerzlichster Sehnsucht und Entbehrung an. Aber ich erweiterte den Kreis meiner Menschenkenntnis und meiner Erfahrungen. Madame Hänel blieb ich treu. Ich besuchte sie auch noch, als sie den hübschen Porzellanmaler geheiratet hatte. Ich befreundete mich mit seinen Kindern. Stille und Einförmigkeit waren damit aus dem Hause gewichen. Ob das immer nach Madame Hänels und Christels Geschmack war? Auch Menden-Jakob besuchte ich noch zuweilen. Geholfen habe ich ihm aber nicht viel, es zog mich doch mehr zwischen die spielende Kinderschar. Menden-Jakob war auch ganz anders geworden, er war mürrisch und finster, und als er kurze Zeit danach starb, sagten die Leute, er sei an gebrochenem Herzen gestorben. ? Und wen und was fand ich nach den langen Jahren der Trennung wieder? Das Haus stand nicht mehr ? ein neues, fremdes erhob sich an seiner Stätte. Die derbe[36] Christel und der duftende Blumenstrauß waren aus der Zeit das einzige, was ich wiedersah. Von all den anderen fand ich nach manchem Umhersuchen die Gräber auf dem Gottesacker! Friede sei mit ihnen! 
 17. Zwei verschiedene Kinder.  [142] Ein lang gezogener, schriller Pfiff weckt mich. Der Morgen dämmert, erschrocken fahre ich in die Höhe. ? Ach, ich habe sicher die Zeit verschlafen, das kommt von den verworrenen Träumen! Auf dem Huthause muß das Glöckchen schon lange zur Schicht gerufen haben. ? Aber, ? wo bin ich denn? ?! Ja so! Schnell das kurze, rot und gelb gestreifte Flanellröckchen über. Ich sehe mich prüfend und ratlos um. Nichts anderes habe ich bei mir, als meine besten Sachen. Es wäre doch Übermut, gleich in aller Frühe, an einem gewöhnlichen Werktag, die weißen Strümpfe und das Konfirmationskleid anzuziehen. Erst arbeiten! Aber was? Ich schaue prüfend auf die Diele, sie erstrahlt in bräunlich mattem Glanze, und es steigen Zweifel in mir auf, ob die mit dem Strohwisch und Sand bearbeitet werden darf, sie hat auch keine Bearbeitung nötig, denn kein Stäubchen[142] ist zu entdecken. Ich mache mein Bett und sehe mir mit scheuer Bewunderung den eleganten Tisch mit der Marmorplatte und dem schönen Porzellangeschirr an. Damasttücher liegen dabei, die glänzen wie Seide. Ansehen darf ich wohl alles, ? nur nichts anfassen! Hier ist der weiße Kachelofen, ich öffne die Ofentür, da hat Feuer gebrannt, da liegen Schlacken, da ist Asche, ? damit weiß ich umzugehen. Ich ziehe die Schieblade heraus und packe sie mit beiden Händen hübsch voll. Das krause Haar fällt mir im Eifer der Arbeit ins Gesicht, ich streiche es mit den schwarzen Kohlenhänden zurück. Nun aber, ? wohin mit der Asche?! Ich öffne mit unsicherer Hand die Tür, das Treppenhaus ist noch ganz dunkel, ? gut, daß Zündhölzer und Licht da sind. Ich nehme Licht und Asche und begebe mich auf Entdeckungsreisen. Hinunter, ? immer hinunter, bis dahin, wo die weißschimmernde Küche ist. Hier unten war doch gestern abend so viel Leben und Bewegung, da muß doch die Köchin sein, und die wird auch Arbeit für mich haben. Ach, aber alles ist so fremd, so dunkel und still. Eine Angst überkommt mich, als ich die leere Küche betrete. Im unsicheren Morgengrauen hat der Raum ein ganz anderes Aussehen. In einem der dunklen Gänge wird vorsichtig eine Tür geöffnet, die alte Köchin kommt, aber ohne die weiße Mütze mit den bunten Seidenbändern. Ich halte ihr höflich bittend den Aschkasten entgegen, aber wie erschrecke ich, als sie entsetzt die Hände zusammenschlägt und scheltend ruft: »Na, ? nun habe ich doch in meinem ganzen Leben nie dergleichen gesehen! Bist du ganz verrückt? ? ! ? Fast nur das Hemdchen hast du an! ? Barfuß läufst du auf den Marmorfliesen herum! Den Tod wirst da dir holen! ? Und wie du aussiehst! Alle Asche hast du dir ins Gesicht geschmiert! Was willst du? ? Wo du dich[143] waschen sollst? Kannst du den Waschtisch und die Handtücher etwa nicht sehen? ? Helfen willst du? Ach du meine Güte! ? Kannst ja mit dir selber nicht fertig werden. ? Die Schieblade willst du wieder mit haben? Darauf warte nur nicht, ? mach schnell, daß du wieder hinauf kommst, nimm dich aber in acht, daß dir nicht etwa Johann begegnet, ? das wäre eine schöne Geschichte!« Aufgeregt, klopfenden Herzens husche ich ängstlich die Treppen hinauf. Als ich den zweiten Absatz erreiche, höre ich zitternd, wie leise eine Tür geöffnet wird, und o Schrecken! vor mir steht eine Gestalt in schneeweißem, langem Gewande. Sprachlos starre ich die Erscheinung an, das Licht zittert in meiner Hand, Gespenster gehören etwa in die Voitgsberger Gruben, so fährt es mir blitzschnell durch den Kopf. Aber dieses Gespenst hat eine Stimme, es nennt mich bei Namen! Ein Paar große, gute Augen gleiten staunend über meine dürftig bekleidete Gestalt, und die Stimme sagt ernst: »Aber Charitas! ? Wie siehst du denn aus? ? Du hast ja fast nichts an. Geh sofort auf dein Zimmer, und kleide dich ganz sorgfältig an, in einer halben Stunde komme ich zu dir.« In meiner ersten Angst hatte ich nicht erkannt, daß es das Gesicht von Fräulein Elise war, das da aus der langen, weißen Gewandung mit demselben maßlosen Staunen meine dürftig bekleidete Gestalt überflog, wie ich die ihre. Mit welch anderen Augen hätte ich sie angeschaut, wenn damals der Schleier für die Zukunft ein wenig gelüstet worden wäre! Dann hätte ich gewußt, daß sie kein schreckbares Gespenst, sondern der gute Geist eines jeden war, der mit ihr in Berührung kam. Je länger, desto gewisser lernte ich ihr segensreiches, stilles Wirken[144] hochschätzen, sie gehörte in die Klasse der »verborgen Blühenden«. ? Das wußte ich aber an jenem Morgen nicht, ich konnte wohl einer Pflanze nach Linné ihren richtigen Klassenplatz anweisen, aber Menschen? Dazu bedarf es langer Lebenserfahrung! Amazon.de Widgets Jetzt mußte ich gehorchen und trotz des Werktages schon in aller Frühe meinen besten Staat anziehen. Bis Fräulein Elise mit dem Frühstück kommt, setze ich mich ans Fenster und schaue mir die Alster bei Tagesgrauen an. Schwäne gleiten stolz über die mattglänzende, bleigraue Fläche. Unter mir rollen Wagen vorüber, Leute, von dieser Höhe aus anzusehen wie Puppen, haften in fliegender Eile in buntem Wechsel daher. Hier oben fühle ich mich allem entrückt, was wirklich ist. Fremd, ? fern ?, wie ein märchenhafter Traum ziehen die neuen Eindrücke an der Seele vorüber. Kaffee und Butterbrot, aufgedeckt durch Fräulein Elise, sind Wirklichkeiten, die mich wieder zum Bewußtsein meiner selbst bringen, ich fühle, ich habe auf mich zu achten, ich werde ängstlich und befangen. Nach dem Kaffee gehen wir eine Treppe tiefer in ein helles, großes Zimmer. »Dies ist das Zimmer von Hans, setze dich hierher, Hans wird bald selbst kommen.« Ich schaue mich verwundert um, ? wer mochte »Hans« sein? Wahrscheinlich ein gelehrter junger Herr, ein Student vielleicht, denn an der Decke war ein gewaltiger Sternenhimmel, und an den Wänden hingen Landkarten und Papptafeln aller Art, die bildlich die verschiedenen Teile des menschlichen Körpers darstellten. Da war das Herz, der Blutumlauf, Lunge, Leber und dergleichen mehr. Er wird wohl Arzt sein, dachte ich bei mir selbst und schaute mit einer Art Grauen auf die deutlichen Darstellungen. Da öffnet sich die Tür, Frau Doktor ? ach wie war sie doch jung, schön und[145] vornehm, ? tritt herein, sie führt an der Hand einen siebenjährigen hübschen Knaben. ? War das etwa Hans? Hans, dem dieses gelehrt aussehende Zimmer gehörte? Richtig! Frau Doktor reicht mir freundlich die Hand, während ihr prüfender Blick meine Gestalt überfliegt. »Hans,« sagt sie, »dies ist Charitas. Zeig ihr mal deine Sachen, und nachher gib ihr eins deiner Hefte und eine Feder; wenn Herr Krus kommt, mag sie unter seiner Aufsicht schreiben. Ich erwarte, daß du dich durch Charitas nicht beim Unterricht stören läßt.« Ich faßte mir ein Herz und fragte, ob ich nun nicht zur Mutter dürfe. Frau Doktor sagte: »Ich fürchte, die wirst du kaum zu Hause treffen; wenn sie Zeit hat, wird sie dich wohl besuchen.« Als Frau Doktor gegangen war, schloß Hans seine Schränke auf. ? Wie ich staunte! Wie war es nur möglich, daß ein Kind so viele und so schöne Bücher hatte. Alle waren sie so schön gebunden und so gut erhalten, ? ach und Bilder waren darin! Wie mußte es köstlich sein, darin nach Herzenslust lesen zu dürfen! Ich vertiefte mich sofort in eins der Bücher, Hans lachte, nahm es mir aus der Hand und sagte: »Gib her! Das muß alles wieder hübsch in Reih und Glied. Es ist häßlich, wenn eine Lücke entsteht. ? Hast du auch viele Bücher?« »Mein Vater hat einen ganzen Schrank voll, aber darin kann ich nicht lesen, es sind meist botanische Werke.« »So, ? aber du selbst, ? hast du viele Bücher?« »Ich? ? Ach nein! Ich habe drei Bücher, die Bibel, das Gesangbuch und ein Buch, da sind lauter Gedichte über Joseph drin.« Hans schüttelte den Kopf und fragte: »Joseph? Was für ein Joseph denn?« »Ach, du kennst doch die Geschichte von Joseph, weißt du, der[146] von seinen Brüdern in die Grube geworfen wurde und der nachher ein so großer und angesehener Mann wurde!« Hans schüttelte den Kopf und fragte: »Sind Bilder drin?« »Nur eins, wie Joseph dem Pharao die Träume deutet.« »Zeige es mir doch!« »Es ist bei Madame Piepenbrink. Wenn du mal mit dahin gehst, will ich es dir gern zeigen, aber das Buch selbst ist lose im Einband, es ist auch sehr fleckig und schmutzig.« »Pfui,« sagte Hans, »wie magst du so ein Buch haben! Papa und Mama würden sehr böse, wenn ich meine Bücher fleckig und kaput machte.« Ich seufzte und sah mich im Geiste bei Schnee und Regen auf dem Wege zwischen Voigtsberg und Siebenlehn. Da bei den jungen Kirschbäumchen, oben am Berge, da hatte ich immer Rast gehalten, und da hatte ich meine verschmachtende Seele gestärkt mit dem Inhalt dieses Buches. »Ich hab' gern täglich etwas daraus auswendig gelernt,« sagte ich sinnend. »Wer gab es dir auf, und wer überhörte dich?« »Ich gab es mir selbst auf, und niemand überhörte mich, niemand wußte davon, es war meine tägliche, heimliche Freude.« »Papa und Mama sagen, man darf keine Heimlichkeiten haben.« Hans sieht mich mißtrauisch, mißbilligend an. Unwillkürlich schweifen meine Blicke durch den schönen Raum. Wie klar, wie geordnet ist hier alles, wie kampflos ist das Leben dieses schönen Kindes! Er hat wohl nur Freude, genießt nur Liebe und treue Fürsorge. Für ihn ist's wohl keine Kunst, alles fleckenlos zu erhalten. Wir schauen einander sinnend an, da sagt[147] er: »Erzähl mir doch etwas aus deinem Buch, oder kannst du das nicht, weil du es nicht bei dir hast?« »Freilich!« sage ich, lebhaft erfreut, daß ich von dem sprechen darf, was mir in meiner Verlassenheit Trost und Halt gewesen ist, das meiner Seele Schwingen verliehen hat, das mich hinweg trug aus meinem elenden Leben, hin in sonnige Gefilde, zurück in längst entschwundene Zeiten. »Soll ich dir die Vorrede erzählen? Hör nur mal, ich meine immer, die müsse ich selbst geschrieben haben, o, ich mag sie so gern!« »Lernt man denn auch die Vorrede? Da muß ich doch Herrn Krus mal fragen, ich lese sie nicht einmal.« »O hör nur! Wird dir denn nicht so, als ob du alles vor dir sähest, als ob du die Freundin, an die sie gerichtet ist, kennen müßtest: An Philippine! Gewiß erinnerst du, liebes Herz, dich noch ebenso gern wie ich, der fröhlichen Kinderzeit, da wir zusammentrafen in dem schiefergedeckten Schulhause am kleinen Hügel. Es war ein freundlicher Punkt in unserem schönen Tal, grüne Rasen und duftender Thymian deckten seinen sanften Rücken ? ? ?.« »Ach,« rief Hans lebhaft, »hör doch nur auf, steht nicht anderes in dem Buch, dann will ich nichts weiter hören, davon krieg ich Leibweh! Da mag ich das, was ich lerne, tausendmal lieber,« und er schmetterte mit lauter Stimme: »Es blasen die Trompeten, Husaren heraus! Es reitet der Feldmarschall in fliegendem Saus! Kannst du eigentlich weben?« unterbrach er seinen Gesang. »Weben?« sage ich erstaunt, »nein, weben kann ich nicht.« »Aber ich,« sagt Hans und setzt sich tatsächlich an einen allerliebsten, kleinen Webstuhl, wirst das Schiffchen[148] gewandt von einer Seite zur anderen und hat schon ein großes Stück von einem breiten, bunten Bande. »Den hat mein Papa selbst für Kinder erfunden,« sagt er stolz, »oben,« so fährt er fort, »habe ich auch eine Hobelbank, und ich kann auch pappen!« Alles kann der kleine Hans! und er ist sieben Jahr! Nichts kann ich, und ich bin vierzehn. Aber da kommt Herr Krus, und die Stunde beginnt. Ich soll ja mit schreiben. Hans ist durchaus korrekt, er sitzt so gerade, hält seine Feder tadellos, und die Buchstaben gestalten sich unter seinen Händen sauber und regelmäßig. Und die meinen? ? Ach! ? Mein Gesicht glüht vor Scham, ich erwarte heftige Schelte. Jämmerlich purzelt ein Buchstabe über den andern, und wie mißgestaltet sind sie alle ? dick und plump, ? schief und krumm ? stolpern sie unsicher auf der blauen Linie einher. Ich mag das Zeug nicht sehen, lege die Feder hin, verberge den Kopf in die Hände und fange an zu schluchzen. Dann ist mir, als müßte ich sie aufrichten, und ich fahre mit den nassen Händen über die noch feuchten Buchstaben. So! Nun wird's erst hübsch! ? Herr Krus bleibt ganz ruhig und sagt trocken: »Das mußt du lieber lassen, denn wenn Frau Doktor nachher das Heft sieht, so wird es ihr wohl nicht gefallen!« Frau Doktor sollte das Heft sehen? ?! ? »Reg dich deshalb nicht auf,« sagt Herr Krus, »deine Hände sind geschwollen und kaput, wenn die in Ordnung sind, wird's wohl besser.« Neue Rätsel! Würde ich denn weiter Schreibübungen machen dürfen? Dann geht's zu Tisch. Frau Doktor, Fräulein Elise, Hans und ich. Johann bedient. ? Es macht mir einige Mühe, die schweren silbernen Gabeln zu regieren.[149] Amazon.de Widgets Später frage ich Hans, weshalb sein Papa nicht mit ißt? »Papa und Mama essen um 7 Uhr zu Mittag. Dies ist Mamas zweites Frühstück.« Fürwahr, Hamburg ist eine wunderliche Welt. Am Nachmittag holt mich Fräulein Elise ins Ankleidezimmer von Frau Doktor. Hier liegen allerhand Kleidungsstücke, die mir anprobiert werden. Passen tut nichts, und als ich mit dem langen Mantel und dem flotten Hütchen in den Spiegel sehe, schaut mir da eine ganz fremde Person entgegen, die aber meine Züge trägt. In Voigtsberg zog man mir alles aus, und hier werde ich wieder ausgetauscht! Die Sache war aber diesmal spaßig, und wir lachten alle drei. Frau Doktor ging an die Wand, öffnete eine kleine Porzellanplatte und rief hinein: »Bitte, Johann, einen Wagen!« Ich fand alles so wunderbar und staunenswert, daß ich erwartungsvoll auf das kleine Loch in der Wand schaute. Würde der Herr Johann wohl in ganzer Lebensgröße da heraus spazieren? Es geschahen in diesem Hause ja so wunderbare Dinge, daß ich auf alles gefaßt war! Das geschah nicht, wohl aber rollte unten eine Kutsche vors Haus. »Komm!« sagte Frau Doktor. Das sagte sie so gleichmütig, als sei gar nichts besonderes dabei, und doch empfand ich es als ein bedeutsames Ereignis. In Voigtsberg war ich ja freilich täglich ausgefahren, aber ein bißchen anders herum. Während der Fahrt mußte ich an die ganze zauberhafte Art denken, in der alles in diesem Hause geschah. Man sagte: »Bitte!« und die gewünschte Sache war ohne Mühe und Anstrengung da! Wenn ich mich nun auch dieses Zauberwörtchens bedienen wollte? Ob es, aus meinem Munde hervorgegangen, wohl dieselbe Wirkung haben würde? Was würde ich[150] mir wünschen? Ach, Liebe! viele Liebe! ? Aber ich hatte sie ja, die Liebe. Die Mutter war doch in Hamburg. Ich würde wieder zu ihr kommen, und sie liebte mich! Nun hielt der Wagen. Frau Doktor zeigte auf eine kolossale, dunkle Masse und sagte: »Sieh, da wird eine wunderschöne Kirche gebaut, wenn sie fertig ist, wird sie eine der schönsten Kirchen in ganz Deutschland sein.« Es war die Nikolaikirche. Wir stiegen eine Treppe hinaus. Frau Doktor sagte: »Nun hör gut zu, ich frage dich nachher, und werde sehen, ob du gut aufgepaßt hast!« Was nun wohl vor sich ging? Wir traten in einen erleuchteten Saal, wo an einem langen Tische viele erwachsene junge Mädchen saßen. Alle erhoben sich bei unserem Eintritt und begrüßten Frau Doktor mit größter Ehrerbietung. Ich durfte mich dicht zu ihr setzen. Mir gegenüber, an der Wand, stand eine Büste, sie stellte einen alten Mann dar, sein Haar war lang und in der Mitte gescheitelt. Unter der Büste las ich die Worte: »Kommt, laßt uns unsern Kindern leben!« Wie wunderbar war es hier! Die vielen fremden Gesichter, deren aller Blicke mit gespanntester Aufmerksamkeit an Frau Doktors Lippen hingen. Und das war das, was ich am besten verstehen konnte. Auch meine ganze Seele war völlig in ihrem Bann! Wie schön sie war! Das schwarze Tuchkleid saß ihr wie angegossen, es hob ihre frischen Farben und fügte ihrer Beweglichkeit eine Würde, eine Hoheit bei, die sie mir von einer ganz neuen Seite zeigten. So ganz einverstanden war ich nun freilich doch nicht mit ihr. Sie hatte kein Gold und keine blitzenden Diamanten an sich, und die gehörten doch notwendig zu ihr. Für wen waren denn[151] alle die Juwelen und die bunten Sammet- und Seidenstoffe am Jungfernstieg, wenn nicht für sie? Im Geiste kleidete ich sie an. Ob ihr roter oder blauer Sammet wohl am besten stand? In das dunkle Haar gehörte ein Diadem von Brillanten, so hatte ich es gelesen, wenn es sich um den Anzug von Fürstinnen handelte. Und an diesen schlanken, weißen Fingern war nur der schlichte Goldreif zu sehen, da mußten ja noch blitzende Ringe daran. Grade als ich am besten Herausputzen war, traf mich ein langer Blick der braunen Augen. Ich schrak heftig zusammen. Ich sollte doch aufpassen. Wenn sie meine Gedanken hätte lesen können! ? Sie sprach so klares, schönes Deutsch, und doch verstand ich nichts von dem, was sie da sagte. »Haben Sie Ihre Faltschulen mit? fragte sie jetzt grade. Ich sah mich unwillkürlich hastig um, denn nun war doch sicher wieder etwas ganz Wunderbares in Sicht. Unter einer »Schule« konnte ich mir nur viele Kinder vorstellen, und so schaute ich jetzt mit Spannung nach der Tür, durch welche sie alle kommen mußten. Aber nichts dergleichen! Die jungen Mädchen öffneten große Mappen, die sie vor sich hinlegten. Amazon.de Widgets »Fräulein Lühring, können Sie mir die drei Punkte wiederholen, die ich Ihnen das letztemal über das Falten gesagt habe?« Mein äußeres Ohr hörte die Worte, aber ich konnte durchaus keinen Sinn damit verbinden. Frau Doktor stand auf und sah sich die Mappen an. Ich schaute in die Mappe meiner Nachbarin, konnte aber aus den viereckigen, weißen Papierdingern, die auf blaues, steifes Papier geklebt waren, nicht klug werden. »Aber,« hörte ich jetzt Frau Doktor sagen, »soll das vielleicht eine Schönheitsform sein? Durchaus nicht sauber und akkurat gearbeitet! ? Sehen Sie,« sagte sie zu einer[152] anderen, »es fehlt wieder an der guten Grundform! Merken Sie sich doch endlich, das findet auch auf die Erziehung im allgemeinen seine Anwendung: wenn Sie nicht schon bei den frühesten Anfängen einen guten Grund legen, so werden Sie mit ihren Zöglingen nichts erreichen!« Sie bog korrigierend an verschiedenen Blättchen herum, dann wurden die Mappen geschlossen, und Frau Doktor sprach nun in zusammenhängender Rede sehr eindringlich auf die jungen Mädchen ein. Gewisse Ausdrücke kehrten im Lauf der Rede wie der. Ich merkte, daß darauf besonderes Gewicht gelegt wurde. Ab und zu kam auch ein Schimmer des Verständnisses, während meine Gedanken aber dabei verweilten, ging Frau Doktor schon wieder zu anderen Fragen über, die mich gänzlich verwirrten. »Schon von seinem ersten Erscheinen an muß das Kind erzogen werden. Das Haupterziehungsmittel ist die Liebe. Die Erziehung muß lückenlos vorwärts schreiten. Nur ja keine unvermittelten Sprünge! Stets bei der Erziehung die Vermittelung der Gegensätze im Auge behalten! Jeder denke bei sich selbst nach, ob nicht die Liebe das treibende Element zu allem Guten gewesen sei?« ? Ja, das verstand ich. Aber: »die Vermittelung der Gegensätze« machte mir viel zu schaffen! Ich wußte gar nicht, was ich damit anfangen sollte. Ich hatte das vernichtende Gefühl großer Unwissenheit. »Nun?« sagte Frau Doktor, als wir wieder im Wagen saßen, »hast du wohl etwas behalten von dem, was du gehört hast?« »Vermittelung ? der ? Gegensätze!« stotterte ich verlegen. Frau Doktor sah mich lange sinnend an, dann sagte sie: »Weißt du wohl, wessen Büste es war, die du da sahest?« Ich verneinte.[153] »Die Büste stellt Fröbel dar. Er war der Begründer von Kindergärten. Weißt du was ein Kindergarten ist?« »Ein Garten, worin Kinder sind.« »Ganz so ist es nicht. Du sollst in nächster Zeit einen sehen, und dann magst du dir einmal überlegen, ob du wohl so eine werden möchtest, die Kinder erzieht.« Ehe ich antworten konnte, hielt der Wagen, Johann öffnete den Schlag und sprach zu Frau Doktor, darauf wandte sie sich zu mir und sagte: »Nun lauf aber schnell mal auf dein Zimmer, es ist Besuch für dich da!« Das verstand ich, das konnte nur die Mutter sein! Nun ade, Fröbel ? Grundformen, Schönheitsformen und Vermittelungen der Gegensätze! Nun mußten sich viele Rätsel lösen! Atemlos kam ich oben an. 
 19. Buschwindröschen.  [173] Wie werde ich wohl je dieses Ostern, das ich zum erstenmal in Hamburg verlebte, vergessen! Früh läuteten alle Glocken so feierlich zur Kirche. Da ging ich mit Marie, dem Kleinmädchen, in St. Georg in den Gottesdienst. ? Ich muß gestehen, es hat lange gedauert, ehe ich mich an die Predigtweise der Hamburger Pastoren gewöhnen konnte. Was sie sagten, war mir zu schwer und zu hoch, sie waren räumlich so weit von mir geschieden, und in der Predigt berührten sie so allgemeine Zustände, für die ich noch keine Erfahrung haben konnte. Heute war dies anders. Es war eine Osterpredigt, die hatte ich daheim in ähnlicher Auffassung gehört, und ich konnte innerlich anknüpfen. Daß ich heute einmal eine Beziehung zwischen der Kirche und mir gefunden hatte, das hob mich, und gab mir eine gewisse Befriedigung. Ich kam innerlich dankbar und froh nach Hause. Als ich unten Hut und Mantel ablegte, erstaunte ich nicht wenig, als plötzlich über mir eine muntere Stimme rief: »Du! ? guck mal ? wer hier ist?! ?« Ja, wer war denn da? Das war doch Meta aus der Elephantenapotheke! »Aber,« sagte ich halb erschrocken, halb erfreut, »wie kommst denn du hierher, Meta?!« Lachend, mir freundlich zunickend, plaudernd kam sie mir entgegen, umfaßte mich zärtlich und ging mit auf mein Zimmer. »Meta!« sagte ich, mich scheu umsehend, »sei lieber nicht so laut, es könnte dich jemand hören.« »Nun, was tut's denn, wenn mich jemand hört! Du bist ja komisch in deiner Angst! Wenn mich nun jemand hört, ? ich sage doch nichts Böses!«[173] »Nein,« sagte ich, »aber ich weiß nicht, ob ich Besuch haben darf.« »Aber ich weiß es,« rief sie triumphierend, »du darfst mich heute haben, denn ich bin expreß eingeladen!« »Du ? wärest ? eingeladen?! ?« fragte ich erstaunt. ? »Glaubst du, meine Mama würde mich sonst her lassen? O, da kennst du uns schlecht!« »Ich begreife nur gar nicht! Bist du denn für mich eingeladen?« »Für wen wohl sonst?« »Wer kann es denn getan haben! ? Das ist ja, ? das ist ja ganz unbegreiflich gütig! ? Frau Doktor weiß aber doch gar nichts von dir!« »Ach, bist du eine kleine, schwerfällige Person! Du kannst doch auch sonst jemandem von mir erzählt haben! Hast du das getan?« »Ja, Lissette!« »Na, siehst du! Das Fräulein hat in Frau Doktor Namen eingeladen.« Dabei gab Meta mir einen Kuß und sagte: »So, jetzt klingelt's, nun gehen wir zu Tisch.« Amazon.de Widgets Heute, zur Feier des Tages aßen Herr und Frau Doktor mit uns. ? Wie froh und leicht fühlte ich mich. ? Nach Tisch sagte Frau Doktor: »So Kinder, jetzt zieht euch zum Ausgehen recht nett an.« Vor der Tür hielt ein Zweispänner, Herr und Frau Doktor setzten sich auf den Vordersitz, Hans kletterte auf den Bock zum Kutscher, und Meta und ich setzten uns Doktors gegenüber. »Zum Borsteler Jäger!« rief Herr Doktor, und fort ging's in dem schönen Gefährt. ? Mein Herz war voller Dank und Staunen, ich hatte aber nicht den Mut, mein[174] Gefühle zu äußern. ? Welch' buntes Leben! Ganz Hamburg schien auf den Beinen zu sein. Und so geputzt und so lebenslustig sahen sie alle aus. ? Meta und ich drückten einander vor Wonne die Hände, daß sie schmerzten. ? Und endlich waren wir da! Ja, hier war's schön! Kein Großstadtdunst, ? kein Nebel, ? dagegen eine milde Sonne, ein blauer Himmel, und überall knospendes Leben: »Die ersten Blumen tauchen Aus grünem Wiesenplan, Und schaun mit Kindesaugen Uns frühlingsgläubig an. Im maiengrünen Kleide, Mit Blüten reich gestickt, Hat sich zur Osterfreude Ein jeder Baum geschmückt.« (Horn.) Dazu sangen die Vögel ihre süßen Weisen, grade wie sie es daheim im Muldental auch getan hatten. Ihre Lieder klangen nach Lust, Liebe und Leben. Tief atmeten wir die reine Luft ein, und dann fielen wir jubelnd über die Blumen her. So viele waren hier! Wir pflückten dicke Sträuße, Buschwindröschen und Himmelsschlüssel. Meta hatte ihren Mantel in den Wagen gelegt, sie war so eifrig im Pflücken, daß es aussah, als nicke sie jedem Blümchen einzeln zu. Ich stand still und sah zu. Ja, Meta und die Buschwindröschen hatten entschieden große Ähnlichkeit miteinander. Die kleine bleiche Blumenkrone sitzt grade so beweglich und anmutig auf dem dünnen Stiel, wie Metas hübscher Kopf auf dem schlanken, weißen Hals. Die weißen Blättchen zeigen auch einen leisen Anflug von Rot. Und bei jedem leisen Windhauch nicken sie auch, grade wie Meta. Zittert ihr denn, ihr kleinen Blümchen? Wollt ihr nicht gepflückt sein?« ?[175] »Was siehst du mich denn so an?« fragt Meta mich. Ich erschrecke, sage aber nichts, ich pflücke jetzt auch. ? »So, Kinder!« Es ist Herrn Doktors Stimme, die durch das Wäldchen schallt, »nun seht 'mal zu, wo der Osterhase Eier gelegt hat!« Hans und Meta brauchten keine Erklärung, ich aber stand und sah fragend auf die anderen, ich hatte keine Erfahrungen für dergleichen Freuden und Scherze. Ich beneidete Meta, wie schnell und selbstverständlich sie sich in Menschen und Verhältnisse fand, ihr Liebreiz, ihre Anmut eroberten ihr sofort aller Herzen. Wie stocksteif war ich daneben! »Meta,« sagte Herr Doktor jetzt, »was kriegt der wohl, der die meisten Eier findet?« »O, natürlich, das schönste und größte Zuckerei!« sagte sie schlagfertig. »Sieh mal an!« sagte Herr Doktor und lachte, »du möchtest es wohl gern haben?« »Hm!« sagte sie, »wenn ich es auf ehrliche Weise erringen kann? ? Aber du,« sagt sie jetzt zu mir, »da stehst du wie ein Pfahl, wenn du so faul bist, muß ich ja den Preis bekommen. ? Bitte, Frau Doktor,« wandte sie sich an diese, »nicht französisch sprechen, ich verstehe die Hauptsache, und dann ist's doch nicht gültig, wenn ich weiß, wo die Eier versteckt sind.« »Was?« sagt Frau Doktor erstaunt, »bist du schon so weit im Französisch?« »Ich bin doch schon im großen, Plötz',« sagt Meta mit komischem Stolz, und Doktors lachen belustigt, und ich sehe ihnen an, wie sie sich über Meta freuen. Nun wird eifrig gesucht und richtig: Meta zieht mit dem Preis ab. Sie bekommt ein Riesenei, und die Freude färbt die bleichen Wangen mit zartem Rot. Oben[176] ist das Ei mit Blumen bemalt, aber ich sehe mit Staunen, daß man es öffnen kann und drinnen! Nein, ist das eine Pracht, da ist im Vordergrund eine winzige Landschaft von richtigem Moos und Blumen, und dahinter leuchtet eine rotgoldene Sonne! Wir betrachten die hübsche Spielerei höchst erstaunt, da sagt Meta, und legt sinnend ihr Köpfchen auf die Seite: »Herr Doktor, soll das nun die aufgehende oder die untergehende Sonne vorstellen?« »Kind, das halte, wie du willst,« sagt Herr Doktor gütig. Da fällt mir die Predigt von heute früh ein, und ich flüstere stockend: »Meta, ? es ist die aufgehende Sonne! Weißt du nicht? ? Es ist doch heute Ostern, ? Ostern ist doch das Fest der Auferstehung!« »Ja natürlich«, ? du hast recht.« Meta sieht mich mit ihren hübschen blauen Augen groß und fragend an. »Ja, ja!« sagt sie leise, »Ostern! ? Schön! ? nicht wahr?« Amazon.de Widgets Die Freude an meinem lieben Buschwindröschen war nur kurz, und doch hatte ich sie so lieb, war sie neben Madame Piepenbrink doch mit die erste gewesen, die mich in der Fremde so ohne Stolz und Dünkel aufgenommen hatte; mein ganzes Herz schlug ihr in Liebe entgegen, für ihre warmherzige, kindliche Freundlichkeit. Ich hatte schon oft die Erfahrung gemacht, daß schon Kinder recht grausam und unkindlich zueinander sein können, weil sie, ? ohne ihr Zutun ? ein besseres Gewand anhaben. Nun kam einer, der pflückte sich einen Strauß, er nahm auch Frühlingsblumen, solche wie Buschwindröschen und Himmelsschlüssel. Seine Hand war aber kalt, so daß die Blumen die Köpfchen hängen ließen. Aber[177] getrost! ? Haben wir nicht ein Ostern? ? Es ist doch die aufgehende Sonne! ? Siehst du sie? ?« 
 18. Neue Ziele.  [154] Atemlos, ? in höchster Aufregung betrat ich das Stübchen, in dem ich letzte Nacht geschlafen hatte. Die Mutter stand mit ausgebreiteten Armen an der Tür, sie drückte mich leidenschaftlich an sich, dann hielt sie mich in Armeslänge von sich, betrachtete mich ernst, als sei ich ihr ganz neu und fremd, dann wischte sie sich die Augen und seufzte tief. Ich legte den Staat auf einen Stuhl und wir setzten uns. »Mutter!« rief ich, »was bedeutet dies alles? ? Wo bin ich? ? Niemand sagt mir das, was ich eigentlich frage. ? Bei wem bin ich denn hier? ? Weshalb schlief[154] ich hier und nicht mit dir bei der guten Madame Piepenbrinck? ? Weshalb gingst du denn so heimlich fort? ? Immer horchte ich und sah auf die Tür, und wunderte mich, daß Herr und Frau Doktor dich da ganz allein ließen ? und derweilen bist du längst fort! ? Weshalb kamst du denn nicht in die blaue Stube? Kennst du sie denn? O, sie ist wunder-, wunderschön! Mir ist hier so sonderbar feierlich zumute, ich meine immer, ich träume das alles und ich werde plötzlich in Voigtsberg wieder aufwachen. Es ist ja ganz wie im Märchen, auch die Fee fehlt nicht. Daß es so etwas in Wirklichkeit gibt, das hätte ich nicht geglaubt.« »Nicht wahr?« sagte die Mutter lebhaft, »in dieser Umgebung und mit diesen Menschen ist man in einer andern Welt. Ich verstehe, wie es dich erregt, geht es mir doch selbst nicht anders. Vermutet man wohl, in einem so abgeschlossenen, vornehmen Hause, so viel Teilnahme und Verständnis für Not und Kampf zu finden? Man meint, daß Menschen, die so leben, sich doch keine Vorstellung machen können, wie es unsereinem zumute ist.« Gewiß, das alles versetzte auch mich in Staunen und Verwunderung. »Ja, ja,« fuhr die Mutter fort, »diese Häuser haben eben auch ihre Geschichte. Hast du unten das große Ölbild gesehen? Es stellt den Vater von Herrn Doktor vor, siehst du, der ist in seiner Jugend auch arm gewesen, er hat sich auch hindurchringen müssen. Der Sohn hat Verständnis für den Kampf mit der Not des Lebens, er hat es sich förmlich zur Aufgabe gemacht, arbeitswilligen Menschen freie Bahn zu schaffen. ? Ich bin doch viel in der Welt herumgekommen, habe viel Kränkungen und Mißverständnisse erfahren, zwischendurch allerdings freilich ? und das erkenne ich dankbar an ? habe ich auch Liebe und Teilnahme gefunden. Beides[155] hast du ja mit erlebt, denk mal an Herrn Richter in der Salomonsapotheke. Nichts aber kommt dem gleich, was ich in diesem Hause erlebt habe! Zunächst fand ich das, was ich allerdings vermutete, ? ein lebhaftes Interesse für die Naturwissenschaft, die Botanik hat uns zusammengeführt. Dabei blieben sie aber nicht stehen. Ihre Teilnahme wandte sich bald meiner Person zu, und beide wetteiferten darin, mir Güte und Freundlichkeit zu erweisen. Sie hatten bald mein volles Vertrauen, wer könnte ihnen widerstehen? Die Herzen müssen ihnen zufliegen! Die Gegensätze können nicht größer sein, sie überbrückten sie, es sprach der Mensch zum Menschen. Solche Erfahrungen gehören zu den Höhenpunkten im Leben. Ich war und bin begeistert! Sie ließen es nicht bei Worten bewenden, ich kam wieder und wieder, und in dem stillen, blauen Zimmer wurden neue Lebenspläne geschmiedet. So ganz glatt ging es nicht ab, jetzt aber ist alles geordnet und nun bitte ich Gott täglich, er möge mir Gesundheit und Kraft verleihen, damit ich das Vertrauen rechtfertige, das jetzt in mich gesetzt wird!« Die großen, blauen Augen der Mutter schimmerten feucht, sie hatte in heller Begeisterung gesprochen, und ich betrachtete sie staunend und verständnislos, sie kam mir anders ? größer vor. Was bedeuteten ihre Reden? ? Von Aufgaben sprach sie?! Ich wurde unruhig und ängstlich. War nicht mein eignes Leben mit dem der Mutter aufs engste verknüpft? Was war denn geordnet? ? Mit Spannung sah ich der Mutter in das erregte Gesicht. Sie reichte mir schweigend ein großes, zusammengefaltetes Dokument. Meine Hände zitterten, verständnislos irrte der Blick über die Schrift. Ich sah nur, daß am Ende der Schrift zwei Namen standen. Der zu oberst stehende, in kühn geschwungenen Zügen geschriebene, war für mich unleserlich, desto[156] bekannter war der zweite, denn das war in eckiger, altmodischer Handschrift der Name der Mutter. »Was ist das?« fragte ich beklommen, und legte das Papier neben die übrigen Schriften. »Es ist der Kontrakt zwischen dem Kaufhaus Cäsar Godeffroy und mir, wonach ich mich verpflichte, auf zehn Jahre als Botanikerin nach Australien zu gehen.« Weit riß ich die Augen auf, während es mir war, als griff eine kalte Hand nach meinem Herzen. »Du?« rief ich, »und nimmst du mich mit?« »Nein, ich nehme dich nicht mit!« Als die Mutter sah, daß ich sprechen wollte, streckte sie, Schweigen gebietend, die Hand aus: »Laß!« sagte sie, »davon verstehst du nichts! Jede Reise hast du mir durch dein Jammern extra schwer gemacht! Glaubst du etwa, daß nur du leidest? ? Du bist ja noch zu jung, als daß du einen Begriff haben könntest, von Kämpfen, die mir auferlegt sind. ? Es war mir nicht beschieden, im Heim und bei dir zu bleiben, und das besonders Schwere dabei war, daß ich trotz der Trennung bis dahin nichts für deine Erziehung tun konnte. Das ist von nun an anders! Ich bin fest angestellt, habe eine bestimmte Einnahme, and das kommt in erster Linie jetzt dir zugute. ? Du hast immer den Wunsch gehabt, etwas zu lernen, ich biete dir jetzt die Möglichkeit! Leichter wäre es mir, dich mitzunehmen, richtiger aber ist es auf alle Fälle, daß du hier bleibst. Das kannst du ja heute noch nicht einsehen, ich verlange es auch nicht. Einst wird die Zeit kommen, da du das Opfer, das ich dir mit dieser Trennung bringe, verstehen wirst. ? Hier ist ein Brief vom Vater, er billigt alles, was geschieht. ? Weine dich später aus, jetzt verdirb uns nicht die kostbaren Stunden kurzen Beisammenseins!« »Und wo bleibe ich?« »Vorläufig hier. Auch dein Geschick ist hier reiflich[157] beraten. Ehe Doktors dich nicht gesehen hatten, sollte ich dir nichts von den Plänen verraten. Jetzt wirst du auf kurze Zeit hier bleiben, damit sie dich kennen lernen, dann wollen sie mir die Sorge abnehmen, und bestimmen, wohin du zu deiner Ausbildung kommen sollst. Wenn du danach bist, wirst du hier immer dein Heim und an ihnen beiden treue Führer und Ratgeber finden. Siehst du das nicht als ein großes Glück an? ? Wenn du etwas gelernt hast, wirst du deine Kenntnisse als Erzieherin verwerten. ? Na, das sollte mir jemand geboten haben! Wir setzen jetzt die Leiter an, klettern mußt du selbst!« »Wenn ich es nun nicht kann?« »Was?« »Mich hier hineinfinden, ich fühle mich doch so allein, so fremd. Und das Lernen! ? Ich habe die Schule so unregelmäßig besucht. Ich bin sehr zurück!« »Du bist kleinlich und feige!« sagte die Mutter streng. »Schrecke doch nicht vor Schwierigkeiten zurück! Diese tausenderlei albernen Bedenken! Dir sowohl wie mir wird ein Ziel gezeigt, dem wir nachstreben sollen, dürfen! Richte den Blick auf das Ziel! Scheue nicht die Dornen, die auf dem Wege liegen, sie sind vermischt mit Rosen, du mußt sie nur zu finden wissen! Aufgaben haben wir beide zu erfüllen! Auch ich habe noch viel zu lernen. Meine Tätigkeit erweitert sich. Mit der Botanik ist's nicht mehr allein getan. Was die Natur bietet, soll ich sammeln. Aber siehst du, große Aufgaben entwickeln die Kräfte, da wächst der Mut, und Freudigkeit durchströmt das Herz, wenn wir siegreich die Hindernisse überwinden. Werde nicht mutlos, wenn ich auch von dir gehe, suche Trost und Halt bei Gott! Ohne Leiden wird er dich nicht lassen, die gehören zur Erziehung, laß sie dir aber zur Stärkung und Abhärtung dienen! ? Vor der großen Reise sehen wir uns einander noch wieder. Ich reise erst nach[158] Sachsen, nehme Abschied vom Vater. Ich hoffe, er kommt nach, wenn er hört, daß Aussicht auf ein Fortkommen ist. Also unverzagt vorwärts! ? Immer aufwärts! Einem großen Ziel entgegen.« Übergangsstadien. Amazon.de Widgets »Wenn du dich danach hältst, darfst du vorläufig hier bleiben,« so hatte die Mutter gesagt, ehe sie nach Sachsen gereist war. Daß ich sie nun grade in diesen ganz neuen Verhältnissen nicht bei mir hatte, um sie nach jedem, was mich in Zweifel und Unruhe versetzte, zu fragen, das kam mir sehr schwer an. Ich ging unsicher und zagend durch das schöne, große Haus. Es war kein Verbot an mich ergangen, aber ich fühlte, da waren Räume, die durfte ich überhaupt nicht betreten, und die unteren Zimmer, wo Herr und Frau Doktor sich aufhielten, die sah ich nur abends, wenn Hans und ich »gute Nacht« sagten. Das Haus, und alle Dinge darin, und nicht zum wenigsten die Menschen, erhielten einen geheimnisvollen Reiz für mich. Meine Phantasie hatte unbegrenzten Spielraum, und trieb wunderbare Auswüchse. Im ersten Stockwerk ging ich stets an Türen vorüber, von denen ich nie sah, daß sie je geöffnet wurden. Atemlos lauschend stand ich zuweilen davor, aber ich hörte keinen Laut. Ich hätte sie fürs Leben gern ein klein wenig geöffnet, aber wer weiß! ? Pastors Hermine in Siebenlehn hatte uns einmal eine grausige Geschichte vom Ritter Blaubart erzählt, da war solch fürwitziges Öffnen schrecklich bestraft. ? Fräulein Elise stand so hoch über mir, ich hätte sie gern manchmal gefragt, aber ich wagte es nicht, hörte ich doch, wie sie zuweilen zu Hans sagte: »Nun laß doch dein ewiges Fragen sein!« Haus war in dieser Beziehung die ungefährlichste[159] Zuflucht, und an ihn wandte ich mich auch wegen der verschlossenen Türen. »Das,« sagte Hans, »sind Gesellschaftsräume. Paß mal auf, wenn Papa und Mama Gesellschaft geben, dann ist da eine Pracht, hm! ? dann brennen die Kronleuchter, das blitzt und funkelt alles, und Mama hat ein Sammetkleid an, ? sie sieht dann aus wie eine Königin!« Ja, das konnte ich mir vorstellen, so schilderten ja die Märchen ihre Heldinnen. Dann plauderte Hans weiter: »Aber auf Flighty sieht Mama auch famos aus! Hast du Fligthy schon gesehen?« Ich schüttelte verständnislos den Kopf. Daß ich auch die Menschen hier immer nicht verstand, und sie sprachen doch ein so reines, schönes Deutsch. »Flighty,« fuhr Hans herablassend fort, ist Mamas neues Reitpferd. Papa hat es ihr zum Geburtstag geschenkt, es sieht prachtvoll aus, wenn Papa und Mama ausreiten, ? schneidig! ? Mama im langen Reitkleid, ? Zylinder auf dem Kopf, ? die kleine Reitpeitsche in der Hand!« ? Das nächste Mal, als Doktors ausritten, sahen wir ihnen oben vom Fenster aus nach. Wie vielgestaltig, wie verwandlungsfähig war die Persönlichkeit von Frau Doktor! Wenn ich meinte, nun hätte ich ein festes Bild, eine bestimmte Vorstellung von ihr, da trat sie wieder in ganz neuer, reizvoller Erscheinung vor mein Auge. Räumlich war ich durch drei Treppen von Doktors geschieden, innerlich, so schien es mir, waren wir durch Welten getrennt. Ob mir all das Unverständliche in meinem neuen Leben wohl jemals klar werden würde? Es kam mir in meinem hochgelegenen Stübchen vor, als sei ich auf einen fernen, hohen Berg gezaubert, wo[160] mich nichts Irdisches mehr berühre. Wenn noch wirkliches Leben in der Welt war, dann spielte es sich in unerreichbarer Ferne ab. Zum größten Teil führte meine Seele ein staunendes Traumleben. Selbst wenn ich herunterstieg und wir mit Fräulein Elise spazieren gingen, hatte ich der wirklichen Welt gegenüber dies Gefühl des Ferngerücktseins. Ruhig, ohne Ringen und Kämpfen, ohne ermüdet zu werden, ging man weiter, aber man trat unterwegs auch zu keinem Menschen in Beziehung, alle gingen sie kalt, grußlos aneinander vorüber. Wenn ich forschend an den hohen Fenstern hinauf schaute, so nickte niemand, es winkte auch keine Hand, Teilnahme in Freud und Leid von uns heischend. Hätte man mich in diesen Tagen gefragt, ob ich glücklich sei, dann hätte ich geantwortet: »Ja, natürlich!« Es fehlte mir doch an nichts, und niemand tat mir etwas, und doch war ein Hungern und Sehnen in mir, wofür ich mir selbst keine Erklärung geben konnte. Was suchte ich denn? Es war der innere Anschluß, die Lebensgemeinschaft, das Weiterspinnen der früheren Beziehungen, was mir fehlte. Von dem Alten war ich abgeschnitten, und in das Neue noch nicht hereingewachsen. Zunächst nahm ich mit teil an Hans' Unterricht bei Herrn Krus. Die Aufgaben dafür machte ich allein in meinem Stübchen. Die Bücher waren vorläufig noch meine kleinen Widersacher, mit denen ich einen stillen Kampf focht: Lehrbuch der deutschen Sprache, Rechenaufgaben, Schönschreiben! Der reine Hohn! Meine Schrift Schönschreiben zu nennen! Manchmal schob ich die Bücher verzweifelt seufzend beiseite und schlich mich leise hinunter auf die nächste Treppe. Ich wollte hören, ob in dem großen Hause Menschen seien. Gedämpft, ganz in der Ferne, höre ich klingeln, ? jetzt kommt Johann, ? ich stecke den Kopf durchs[161] Treppengeländer, ? da ? nun kommt Frau Doktor heraus, ? herzliche Begrüßung eines Besuches, ? da ganz unten umarmen und küssen sie einander. Auf der Straße so kalt und fremd, im Hause aber viel mehr Liebe und Zärtlichkeit wie in Sachsen. ? Nun wird Klavier gespielt, ? jemand singt wunderschön! ? Horch!? »Herr, den ich tief im Herzen trage, sei du mit mir!« Ich wische mir tiefbewegt die Augen und lausche gespannt nach unten. ? Da öffnet sich eine Tür, Fräulein Elises Blick treibt mir die Schamröte ins Gesicht: »Bist du denn schon mit den Arbeiten fertig? Geh auf dein Zimmer, wer setzt sich denn auf die Treppe?!« Sie ist nicht unfreundlich, nur ein leises, vorwurfsvolles Staunen liegt im Ton ihrer Stimme. Ich gehe beschämt zurück an mein Schönschreiben. Ein anderes Mal kommt Fräulein Elise mit einer sein gekleideten Dame in mein Zimmer. Welch ein Ereignis! Ich lasse mich sehr gern stören und warte mit Spannung, was die Dame wohl bei mir will. Sie legt schweigend Hut, Schleier und Mantel ab. Sie sieht sehr stattlich aus in der großen Krinoline, und wird mir besonders interessant durch das große Medaillon, das sie am Sammetband um den Hals trägt. »Komm, Charitas,« sagt Fräulein Elise, »Madame Freudental wird dir Maß nehmen.« Ich lasse schweigend an mir geschehen, was geschehen soll, und kann nun ganz deutlich sehen, daß das eingerahmte Bildnis einen hübschen, bärtigen Herrn darstellt. Meine Phantasie spinnt geschäftig eine Geschichte um Madame Freudental. Wie gern unterhielte ich mich mit ihr! Sie ist sehr blaß »das macht die große Stadt, es ist auch wohl sein, blaß zu sein. Kurz danach forderte mich Fräulein Elise auf, mit ihr zu kommen. Wir verließen bald die schönen, breiten[162] Straßen. Die Gegend wurde häßlich und schmutzig, die Gänge eng und dunkel, die Häuser hoch und schwarz von Rauch, und an den Häusern, in schwindelnder Höhe, hingen schlaff im Nebel Wäschestücke von zweifelhafter Reine. Fräulein Elise öffnete eine Haustür, da standen wir unmittelbar vor einer steilen, schmalen Treppe. Hier stiegen wir hinaus. An der Tür oben war ein Porzellanschild, darauf stand: Fernando Freudental, Dekorateur. Darunter auf einer kleinen Visitenkarte: Wendula Freudental, Damenkonfektion. ? Auf Fräulein Elises Klopfen wurde die Tür geöffnet, und eine Frau in dürftigster Kleidung stand vor uns. Gesicht und Stimme gehörten Frau Freudental, sonst erinnerte nichts an die Dame in der Krinoline von neulich. Die Umgebung war trostlos; ? das beste Stück in der Stube war eine neue Nähmaschine. Madame Freudental hatte rote, verweinte Augen, aber ein freudiges Lächeln glitt jetzt über ihr Gesicht, wie wenn die Sonne durch Regenwolken bricht. Sie freute sich, daß sie Fräulein Elise sah, sie sprach vom Gerichtsvollzieher, vom Manne, der nicht an die Arbeit zu kriegen sei; sie dankte tief gerührt, daß Fräulein Elise ein gutes Wort zu ihren Gunsten eingelegt hätte. Da sie nun die schönen Sachen von Frau Doktor habe, könne sie doch zu ihrer Kundschaft gehen. Und nun gar das schöne Weihnachtsgeschenk, die Nähmaschine! ? Sie bat Fräulein Elise, Herrn und Frau Doktor doch noch tausend Dank zu sagen. Das war Madame Wendula Freudental, von der ich mir ganz was anderes gedacht hatte! Tröstlich war es, daß sich Fäden von der Alster nach dem elenden Gange zogen.[163] Und nun hatte ich zwei kurze, schottische Kleidchen mit weißen Spitzen am Hals und Ärmeln, grade wie Meta und Lulu in der Apotheke. ? Eines Tages sagte Fräulein Elise, wir möchten unsere Bälle nehmen und in den Garten gehen, sie sei heute verhindert, mit uns spazieren zu gehen. Der kleine Garten mit den entlaubten Sträuchern und seinen hohen, schwarzgeteerten Planken, die jeden freien Ausblick wehrten, gefiel mir wenig. Es wollte keine rechte Spielstimmung in uns aufkommen und nach kurzer Zeit warf Hans seinen Ball auf den kleinen Rasenplatz und kletterte plötzlich an der schwarzen Planke hinaus. An dem dicken Pfosten, der der Planke zur Stütze diente, fand er Anhaltspunkte, und oben angelangt, hielt er sich mit dem einen Händchen fest, während er mit dem andern in die Tasche seines Überziehers fuhr. Zu meinem Staunen sah ich, wie er seine Apfelsine, die er sich vom Mittagessen aufbewahrt hatte, hinüber warf. Mir war, als hörte ich ein vielfüßiges Getrampel und verworrene Laute von drüben. »Aber Hans, was machst du denn da?« fragte ich, »war deine Apfelsine nicht gut, daß du sie wegwirfst?« Er bog seinen Kopf ein wenig herunter zu mir und sagte: »Hier sind viele, viele Kinder! Ich werfe ihnen manchmal eine Apfelsine hinüber, das macht ihnen viel Spaß.« »Kinder?!« ? sagte ich erregt, »Kinder sind da? Ich will auch da hinauf, ich möchte sie auch sehen! Wie schade, daß wir gar nicht zu ihnen können! Komme du herunter und laß mich nun mal hinaus.« »Das darfst du doch nicht. Mädchen dürfen nicht klettern, und du hast dein neues Kleid an, hier sind Nägel, ich weiß Bescheid damit ? aber du! ? du würdest dir Löcher in das neue Kleid reißen, und was würde dann Fräulein Elise sagen!«[164] »Das überzeugte mich, aber ich bat Hans, er möge mir von ihnen erzählen. Er sagte: »Sie sind alle taubstumm, sie haben einen Lehrer bei sich, und jetzt turnen viele von ihnen, andere gehen durch den Garten; täglich um diese Zeit sind sie draußen; von meinem Zimmer aus kannst du sie sehen. Viele Kinder ? aber alle taubstumm!« Hans kam wieder herunter, wir waren aber beide sehr still und gedrückt. Was war es nur, was mir das Herz so beklommen machte? Die bleiche Wintersonne kämpfte mit dem Dunst und Nebel der Großstadt, es war ein milder Tag, der schon etwas von Frühlingsahnen an sich hatte. Weshalb waren wir eigentlich auf diesem eingeschlossenen Erdenfleckchen? Weshalb waren wir nicht an der anderen Seite des Hauses, da wo die schöne Alster, wo die Freiheit war? ? »Komm,« sagte ich freiheitsdurstig, »komm, laß uns doch nur hier heraus! Nur durch diesen kleinen Gang, an der Küche vorüber, und draußen sind wir!« »Wohin willst du denn?« »Ja, wohin wollen wir mal? Weißt du was? ? wir gehen an den Hafen!« »Nachher könnten wir ja Herrn Krus bitten, daß der uns heute frei gibt und mit uns geht.« »Nein, bewahre! Das dauert zu lange, bis dahin können wir ja wieder hier sein! Und Herrn Krus brauchen wir gar nicht dazu, es ist ja viel schöner, wenn wir allein gehen, da kann man doch auch einmal stehen bleiben und das besehen, was einem gefällt!« sagte ich überredend. »Junge noch mal! Wollen wir wirklich? Famos! Ja, laß uns! Spaß!« Hans' hübsche, braune Augen funkelten vor Unternehmungslust,[165] und ? hast du nicht gesehen! Draußen waren wir, in der Freiheit! »Aber wenn wir uns nun verlaufen? Wenn wir den Hafen gar nicht finden?« meinte Hans etwas besorgt. ? In wortreicher Rede setzte ich ihm nun auseinander, daß ich in Sachsen überallhin allein herumgewandert sei, wenn ich für den Vater Pflanzen gesammelt habe. Ich sei wohl nicht grade zu der beabsichtigten Zeit angekommen, aber darauf komme es ja auch weiter nicht an, wenn man nur endlich ans Ziel komme. Er solle doch bedenken, daß ich mich ganz von Sachsen nach Hamburg gefunden habe, ein bißchen lange habe es freilich gedauert; aber er möge ganz ruhig sein, wir kämen an den Hafen, man müßte nur immer fragen. ? So, da lag das ganze große Hamburg unbegrenzt vor uns, niemand hinderte uns oder beschränkte uns in unsern Wünschen! Wie köstlich, wie berauschend war dieses Gefühl der Freiheit! Schade, daß so viel Leute auf der Straße waren, sonst hätte man seinem Herzen mal Luft gemacht durch einen herzhaften Freudenschrei. ? Ich hatte nicht zu viel versprochen, wir kamen durch allerlei Fragen an den Hafen. Die Sonne hatte sich in einen blutroten Ball verwandelt. Diesem herrlichen Schauspiel widmeten wir aber nur flüchtiges Interesse, uns fesselten die Schiffe und das lebhafte Treiben der Matrosen. Erst als Hans über kalte Füße klagte, traten wir den Rückweg an. Meine Unternehmungslust war aber noch keineswegs zu Ende, ich war mir nur nicht sicher, wohin mein Herz mich am meisten zog. Sollten wir nach Stubbenhuk zu der guten Madame Piepenbrink, oder zu den liebenswürdigen Kindern in der Elephantenapotheke! Ich hätte doch gar zu gern Madame Piepenbrink den kleinen, hübschen Hans gezeigt. Na, wie sie den wohl erst abküssen würde! Die Kinder und die zurückgelassenen[166] Schätze lockten aber doch am stärksten. Zu Madame Piepenbrink konnte ich ja auch noch ein andermal gehen. Also auf nach der Elephantenapotheke! Amazon.de Widgets Heller Kinderjubel empfing uns. »Denk nur,« sagten sie, »Mama ist eben einen kleinen Weg ausgegangen, aber wie schön, daß du wiederkommst! Was hast du denn da für einen kleinen, süßen Bengel bei dir? An der Alster bist du jetzt? Du, darfst du denn so ohne Hut und Handschuhe in die Stadt? Wundervoll bist du? Willst du deine Sachen mit haben? Ja? Warte, Papa gibt uns eine große, starke Düte dafür. Laß uns nur ja deine Adresse hier, wir besuchen dich mal, du kannst uns nur mal einladen, sonst läßt uns die Mama nicht fort. ? So, hier ist die große Düte. ? Nun macht aber, daß ihr nach Hause kommt, sonst wird's dunkel, und ihr bekommt Schelte!« Von allen fünf Kindern wurden wir unter lebhaftem Plaudern, Küssen und Umarmungen bis vor die Haustür gebracht, und nun ging's im Sturmschritt nach Hause. »Wir gehen wieder unten durch,« entschied ich. ? Aber ? aber! Als wir an der Küchentür vorüber wollten, wurde dieselbe heftig geöffnet, und wie es zuging, wurde mir gar nicht klar, aber jemand schob uns in die Küche, die mir einen merkwürdig ungewohnten Anblick bot. Hier standen, außer dem Küchenpersonal noch Frau Doktor, Herr Krus und Fräulein Elise. Alle Gesichter zeigten große Erregung, die sich ausschließlich auf mich entlud: »Da seid ihr endlich! Wo waret ihr? Wie darfst du es wagen, ohne Erlaubnis das Haus zu verlassen? Was denkst du dir denn, wie es in einer großen Stadt zugeht? Ihr konntet doch verloren gehen!? Man konnte euch ein Leid antun! Wie habt ihr euch dahin gefunden? ? Gefragt? ? Du darfst nicht mit fremden Leuten anbinden! Was hast du in der großen Düte? Wie? Was?[167] Aus der Apotheke? Was habt ihr denn in der Apotheke zu suchen? Pack mal aus!« Ich kramte schluchzend meine Schätze auf einen Stuhl. Banges Schweigen ? endlich das herzliche Lachen von Fräulein Elise. Frau Doktor sagte zwischen Ärger und Lachen: »Ein solcher Plünnenmajor! Die schleppt mir einen schönen Kram ins Haus! Jetzt merke dir, niemals darfst du Leute aufsuchen, die wir nicht kennen und wozu wir dir nicht die Erlaubnis geben. Nie ? niemals! Vergiß das nicht, und tu das nie wieder. Dieses Zeug gehört wohl eigentlich in den Ascheimer!« Sie nahmen Hans zwischen sich und ließen mich mit meinen Sachen und meinen Tränen allein. ? Nein, ganz allein doch nicht, denn am Herde stand Lisette, die Köchin, die fürchtete ich, ich hatte die Schelte vom ersten Morgen noch nicht vergessen. »Kinder, das is n' Schilling wert!« hörte ich sie sagen, und wunderte mich, daß sie mit sich selber sprach. Ich sah mich scheu nach ihr um, und wollte grade hinausgehen, da geschah etwas ganz unbegreifliches. Lisette vertrat mir den Weg, aber anstatt zu schelten, wie ich erwartet hatte, streichelte sie ganz sanft meine Backen und sagte weich: »Du armes, dummes Katalischen mußt ja furchtbar hungrig sein! Ihr habt um eins zu Mittag gegessen, seid sonstwo herumgeströmert und keiner hat euch wohl was angeboten. Komm mit in mein Stübchen, da setz dich an den Tisch, ich bring dir gleich 'ne Kumme Kaffee, en süßen Kringel und n' bißchen Reispudding mit Fruchtsauce.« Als sie die verheißenen Dinge auf den Tisch gestellt hatte, fiel ich ihr laut weinend um den Hals und küßte und streichelte das gute, alte Gesicht. »Ja, ja, mein klein Katalischen, das ist gut, daß[168] wir einander lieb haben, aber laß es man nicht Johann sehen, er könnte es den Herrschaften sagen und dann darfst du nicht.« So blieb unser Liebesverhältnis eine beglückende Heimlichkeit für uns beide, beglückend wenigstens für mich! *** »Laß sehen, ob du ganz ordentlich bist, bürste dir dein Haar noch einmal über, wasch dir die Hände, räum deine Bücher fort und dann geh hinunter in die blaue Stube!« So sagte Fräulein Elise eines Abends. »Jetzt schon?« rief ich verwundert, »es ist doch noch nicht Bettgehzeit? »I bewahre, du hast ja noch nicht zu Abend gegessen.« »Was soll ich denn unten?« fragte ich gespannt. »Na geh nur, das wirst du ja bald sehen.« Was konnte es sein? Meine Mutter würde es sein, natürlich, die mußte es sein! O, die Freude! Erregt öffnete ich die Tür, schnell überflog mein Blick das Zimmer, aber wie maßlos erstaunt war ich, als anstatt meiner Mutter ein kleiner Herr mir mit gewandter Liebenswürdigkeit entgegentrat und mir zum Gruß die Hand reichte. »Nun, Herr Professor, das ist Charitas!« sagte Herr Doktor. Der Herr schob ritterlich einen Stuhl neben sich an den Tisch, und ließ einen scharfen, prüfenden Blick durch seine goldberänderte Brille über meine Gestalt gleiten. ? Also nicht die Mutter! ? Wer war dieser bewegliche, elegante Herr mit den schwarzen Glacéhandschuhen an den Händen? Jedes Wort kam so gewichtig, so klar und so rein heraus. Es machte den Eindruck, als spräche er zu einer großen Versammlung und doch wandte er sich[169] vorläufig nur an mich. ? Er mochte mir meine große Befangenheit, meine Unsicherheit und Angst ansehen, denn er legte beschwichtigend seine Hand auf meinen Arm und sagte gütig: »Liebes Kind, sei doch nicht so ängstlich, es geschieht dir kein Leid, ich möchte nur einige Fragen an dich ruhten, und die wirst du mir ja gern und bereitwillig beantworten, nicht wahr?« Ich lauschte dem Ton seiner Stimme, sie war so melodiös, er legte soviel Ausdruck in jedes Wort, meine Spannung steigerte sich womöglich nur noch mehr. »Ich setze den Fall,« sagte er jetzt, »du wolltest nach Amerika, wie würdest du das anfangen? ? was würdest du tun? ? wohin würdest du dich wenden? ? Nun? ? Besinne dich!« Was? ? Nach Amerika? ? Sollte ? ! ?wollte ich denn nach Amerika?! Davon war doch nie die Rede gewesen. Die Mutter wollte nach Australien, das war grade schlimm genug. Was plante man denn mit mir? Ich wußte nichts ? mir verging überhaupt das Denken. Die Lampe bekam einen so bunten Dunstkreis, und die blauen Möbel tanzten vor meinen Augen. Ich blickte hilfesuchend zu Doktors hinüber, aber deren Blicke ruhten erwartungsvoll an meinem Munde. Sollte ich wohl hier wieder weg?! Da wurde der Herr Professor dringender. »Wohin mußt du denn, wenn du nach Amerika willst?« »Ich will doch lieber nicht nach Amerika,« sagte ich ganz leise. Amazon.de Widgets »Nun, wenn du aber wolltest? Wohin müßtest du?« »Ins Meer!« sagte ich schaudernd. »Na, ? aber bestimmter, bitte, bestimmter! Wie würdest du das Meer denn näher bezeichnen?« »Das Schwarze,« sagte ich tonlos.[170] Der Herr fuhr ganz entsetzt zurück, war der Blick, der mich jetzt traf, bedauernd oder strafend? Ich schaute verstohlen zu Doktors, mir schien, es lag Verachtung in den Mienen. ? Lange, peinliche Pause. ? ? Endlich räuspert sich der Herr und fragt: »Wie heißt die Stadt, in der du landen würdest?« War es nicht Neuyork? Aber alle sehen so entsetzt aus, das ich lieber schweigen will. Ich mache im Geiste meine Irrfahrten auf dem Schwarzen Meer, da fängt mein Quälgeist wieder an: »Du kannst mir doch gewiß sagen,« meint er freundlich überredend, »wieviel anderthalb mal anderthalb, dividiert durch drittehalb ist? Keine Ahnung! Ich mache gar nicht erst den Versuch, denn ich weiß, es nützt doch nichts. Da höre ich, wie scheinbar aus der Ferne eine Stimme in strengem Ton sagt: »Sofort nimm dich zusammen und antworte Herrn Professor!« Es ist Frau Doktor, die gesprochen hat. Ach liebe Frau Doktor! Sie konnten freilich nicht wissen, mit welcher Täuschung das Kind da vor Ihnen zu kämpfen hat, daß seine ganze Seele sich in äußerster Spannung befindet, in einer großen Angst, ? ob es wieder hinaus mußte in eine unbestimmte Zukunft! Jetzt kamen Fragen in Naturgeschichte. Der Kopf wird klarer, die Fragen interessieren mich, ? ich finde Freude am Antworten, ich möchte, daß ich noch viel gefragt würde, ich weiß die Pflanzen gut in Klassen und Ordnungen unterzubringen, ich kenne auch ihre lateinischen Namen. Nun kommt Religion, ? das geht auch gut. Wie weit ich in Französisch und Englisch bin? ? Da legen sich Doktors ins Mittel; eine Dame wird mich täglich darin unterrichten, so höre ich. Nun schüttelt mir der[171] Herr Professor freundlich die Hand, öffnet mir ritterlich die Tür, ? ich bin entlassen. Oben empfängt mich Fräulein Elise mit warmer Teilnahme. Viel Gutes kann ich ihr leider nicht berichten. Sie küßt mich liebevoll und sagt tröstend: »Hab nur Mut zu einem ernsten Streben! Wenn Kinder das Gehen lernen, so kommen sie durch viel Fallen und Aufstehen zum Ziel!« An einem der nächsten Tage bekam ich einen Schulranzen mit allem Zubehör, und Fräulein Elise ging mit mir über die Lombardsbrücke, ein Stück den Jungfernstieg entlang, bog in ein paar Straßen, und ermahnte mich, ja gut auf den Weg zu achten, da ich ihn täglich zur Schule machen müsse. ? Ja, ich ging bei Herrn Professor Cellarius in die Schule! Es dauerte nicht lange, bis ich mich zwischen den freundlichen, guterzogenen Kindern wohl fühlte. Ganz begeistert war ich von den Stunden, die der Herr Professor selbst gab. Die Bücher wurden meine Freunde. Große Not machten mir dagegen die Sprachstunden, und oft mußte ich hören: »Welche entsetzliche Aussprache! Ich glaube im Leben nicht, daß du je fremde Sprachen lernst!« Ja, das war sehr niederdrückend. »Mit Fallen und Aufstehen lernen die Kinder gehen,« so hatte Fräulein Elise gesagt. Wenn sie nun aber nicht wieder aufstehen konnten? Wenn sie nun am Boden liegen blieben? Sollte das mein Schicksal werden? Nein, Gott würde mich nicht am Boden liegen lassen! War es nicht, als ob seine gütige Vaterstimme zu mir spräche: »Schwer durchlebte Kinderjahre vergüte ich dir! Komm, sei unter Kindern wieder Kind! Hab' Geduld! Das was du ersehnst, kommt auch noch einmal, aber es will alles seine Zeit zur Entwicklung haben.«[172] 
 7. Eine Reise in die sächsische Schweiz.  [69] Ausnahmsweise waren die Eltern einen Winter zu Hause. Da ich nichts von Reisevorbereitungen hörte, meinte ich, sie würden in diesem Jahr überhaupt nicht reisen. So kam Weihnachten heran. Auf meinem Teller, zwischen Äpfeln und Nüssen, lag ein Zettel, darauf stand in der zierlichen Handschrift des Vaters: »Eine Reise in die sächsische Schweiz!« Wie denn? Ich sollte in die sächsische Schweiz?! Auf meine aufgeregten Fragen antwortete der Vater, bald nach dem Fest, noch vor Neujahr, dürfe ich mit der Mutter reisen. Ich hatte es mit meinen Reisevorbereitungen nicht minder wichtig wie die Eltern. Alle Freundinnen wurden sofort davon in Kenntnis gesetzt. Ich ging zum Schulzen-Karl, er sollte, während wir weg waren, dem Vater den Hausstand führen. Schulzen-Karl, war ein armer, verwachsener Bursche von etwa 16 Jahren, den eine rührende Begeisterung für den Vater und dessen Tun zu uns getrieben hatte. Er half uns im Sommer, begleitete vorwiegend gern den Vater auf seinen botanischen Ausflügen, und half uns auch sonst, wo und wie er konnte.[69] Schulzen-Karl kam und wurde von der Mutter über seine Pflichten belehrt. Dann ging's ans Packen. Hoch aufgetürmt wurden die Pflanzenpakete im Tragkorb der Mutter. Eine unserer größten Botanisierkapseln wurde für mich gepackt. Der Riemen wurde kurz geschnallt, eine Scheidewand aus Pappe teilte die Kapsel in Speisekammer und Toiletteraum. In die eine Abteilung kam ein mäßiggroßes Brot, ein Töpfchen mit Schmalz, Salz und Messer. In den übrigen Raum kamen Strümpfe zum Wechseln und allerlei, was sonst der anspruchslose Mensch braucht. Wenn ich in meiner Freude übermütig wurde, dann machte die Mutter ein bedenkliches Gesicht und meinte: »Hoffentlich wird es nicht zu anstrengend für dich!« Anstrengend?! Wie konnte eine Reise mit der Mutter wohl anstrengend werden! Diese Aussicht, sie für so lange Zeit ganz für mich allein zu haben, bedeutete unverkürztes Glück! Es war noch stockdunkel, als wir aufbrachen. Die Mutter hatte mir ein großes, wollenes Tuch umgebunden, das Kopf und Oberkörper ganz bedeckte. Die dicken, groben Fausthandschuhe hatte sie an ein langes Band genäht: »Damit du sie nicht verlierst!« sagte sie, während sie sie mir umhing. Dann nahm jede ihre Bürde, und mutig traten wir unsere Wanderung durch den Schnee an. Wir schlugen die Richtung nach Tharandt ein. »Ist der Weg lang?« »Na, ? so ein fünf bis sechs Stunden werden wir immerhin brauchen,« meinte die Mutter. Wunderbar erschien mir das Marschieren im Dunkeln, ? aber hier war noch der Weg bekannt, die Kräfte frisch, alle Sinne gespannt und aufnahmebedürftig. Wie interessant war uns jedes kleine Ereignis, das die Einförmigkeit[70] unterbrach! Als wir durch das nächste Dorf kamen, spähten wir, ob die Leute schon Licht hatten, ob der Rauch schon aus den Schornsteinen stieg. Wir horchten, wenn ein schwerer Schritt über den gepflasterten Hof ging, wenn die Pumpe gerührt wurde, oder wenn ein Hund bellte. Und nun hörten wir gar, wie schwerfällig ein Gefährt hinter uns her kam. Es war ein leerer Möbelwagen. Der Fuhrmann fing ein Gespräch an und lud uns schließlich ein, in seinem Gefährt Platz zu nehmen: »Platz genug!« sagte er lachend. Für uns lehnte die Mutter die Fahrt ab, aber wenn er den Korb mitnehmen wollte? Freilich, das wollte er. Im weißen Hirsch absetzen? Gut! »Das lasse ich mir gefallen!« sagte die Mutter lachend zu mir: »Gib her,« damit hing sie sich die Kapsel über die Schulter. »Sieh einer an, wie wir den Kopf jetzt aufrecht tragen können, als wären wir wunder was! So ist das Wandern eine Lust, nicht, Täschen?« Schwach rötete sich im Osten der Himmel, die Sonne brach sich Bahn, zuerst blutrot, dann erbleichte sie, aber sie war doch da und lockte die Vögel herbei, wenn es auch nur Saatkrähen und Spatzen waren, die uns in ihrer Mundart den Morgengruß boten. Die Mutter stellte sofort einen Vergleich an, machte mich auf ihren Flug, ihre Gangart und ihre Stimme aufmerksam und erzählte mir von ihrer Lebensweise. Ihrem scharfen Auge entging nichts, und der geringfügigsten Erscheinung verlieh sie Inhalt und Bedeutung. »Hast du wohl schon beachtet, wie verschieden sich die Baumstämme uns darstellen?« fragte sie. »Es gibt so glatte Stämme, wie etwa die Buche, sie sehen aus wie mit grauem Metall überzogen, auch der weiße Stamm der Birke ist glatt. Alle die kleinen bescheidenen Pflänzchen bleiben solchen glatten Herren fern,[71] aber nun sieh dir mal hier die rauhe, durchfurchte Rinde an, und staune, was alles Platz und Herberge bei ihr findet. Sieh, gelbe und graue Flechten und verschiedenes grünes Moos, und wenn du es untersuchst, siehst du, daß es sich vollständig entwickelt, jedes trägt Frucht. Der Baum gedeiht trotz alledem. Ist er uns nicht das Bild eines gütigen begüterten Menschen, der den verschiedensten Bedürftigen Schutz, Obdach und Gaben gewährt, ohne selbst darunter Mangel zu leiden! Wir betrachteten genau die Moose und Flechten, die Mutter nannte mir ihre Namen. Dann richtete sie ihren Blick in die Höhe und rief entrüstet: »Ach so! ? Du bist auch da? ? Warte nur! ? Brauchen kann ich dich. Wenn wir erst wieder zurück sind, bist du vor mir nicht sicher, ? dann hol' ich dich! ?« Ich schaute jetzt auch zu dem Baume empor und sah ein grünes, gabelförmiges Gerank da oben. »Die da,« fuhr die Mutter fort, »ist ein schlechtes, heimtückisches Geschöpf, und frech, ? so frech ?! Sie setzt sich gleich in des Baumes Krone. Hier breitet sie sich aus, saugt ihrem armen Wirte Saft und Mark aus, er kann sich ihrer nicht erwehren, er geht durch diese schlechte Person elend zugrunde. Sieh' sie dir genau an! Siehst du ihre durchsichtigen Beeren? Ist uns dies nicht auch ein Bild des Lebens? Das ist die Mistel, merk' sie dir! Im Auslande, drüben in England, da genießt sie die Ehre und wird zum Weihnachtsschmuck herangezogen. Verdient hat sie's nicht. Aber so geht's oft im Menschenleben auch. Wenn du älter bist, wirst du das besser verstehen.« Die ganze stumme Pflanzenwelt wurde durch den Umgang mit der Mutter für mich stimmbegabt. Das alles wurden für mich Wesen, mit Charaktereigenschaften ausgerüstet, die einander bekämpften oder nützten.[72] Amazon.de Widgets »Daß du das alles so genau weißt!« sagte ich staunend. Wußte ich doch, daß die Mutter aus dem kleinen Häuschen in der Niederstadt stammte, wo der Großvater Beutler gewesen war, und hatte mir die Mutter doch gelegentlich selbst erzählt, daß sie in der Schule nur notdürftig lesen und schreiben gelernt hatte. »Das habe ich alles dem Vater zu verdanken,« sagte sie jetzt auf meine Bemerkung. Freilich, der Vater! Er war so ganz anders wie alle anderen Leute. Er mied die Menschen. Wenn ihn sein Weg an die andere Seite des Städtchens führte, so machte er einen weiten Bogen, um die Häuser zu vermeiden. Er nahm an keiner allgemeinen Freude teil. Die Zeit war ihm immer zu knapp, er saß bis spät in die Nacht und schrieb, und tagsüber arbeitete er rastlos an seinen Sammlungen, und er verlangte von jedem, der um ihn war, dieselbe Arbeitsfähigkeit. Dem Sohne des Apothekers gab er lateinische Stunden, und wenn Leute kamen, die die Sammlungen sehen wollten, dann wurde er beredt und sprach mit Begeisterung von allem, was er zeigte. Besuch, wie andere Leute ihn bekamen, hatten wir nie, auch zu meiner Mutter kamen keine Bekannten, um etwa Persönliches zu erörtern oder Stadtgespräche zu führen. Das gab's bei uns nicht. Alles drehte sich um das eine Interesse und um Reisen. Kinder, die mich besuchen wollten, hatten nur unter der Bedingung Zutritt, daß sie beim Pflanzen-Ein- und -Umlegen helfen wollten. Diese Hilfe aber war im Sommer, wenn die Eltern gerade vom Sammeln heimgekommen waren, oft sehr erwünscht. Das war die Zeit, wo ich meine Gunst walten und Einladungen ergehen ließ. Merkwürdig, ? die Kinder drängten sich zu diesen Einladungen, trotzdem ihnen keine Spur von Vergnügen geboten wurde, nicht einmal plaudern durften sie! Der[73] Vater war für alle, die um ihn waren, solche Respektsperson, daß jeder ganz gehorsam und selbstverständlich das tat, was er verlangte. Er teilte dann jedem seine Arbeit zu, gab Papier, Pflanzen und die nötige Anleitung. Wenn alle schweigend in ihre Arbeit vertieft waren, dann fing er an, zu erzählen, ? wunderschön, ? Märchen aus dem Naturleben. Die Pflanzen und die Insekten waren die Helden. Wir Kinder saßen und lauschten, während unsere Hände emsig die Blättchen nach Vorschrift ausbreiteten. Die Bewirtung bestand in einer Sirups- oder Fettbemme. Die Freundinnen zeigten eine rührende Geduld und Ausdauer dabei, und hätten gern auch nach der Zeit den Verkehr fortgesetzt, sie brachten dann wohl zu dieser Einführung einen Nachtfalter, eine Raupe oder dergleichen. Dafür bekamen sie eine Kleinigkeit und ? waren entlassen. War es das Erzählen, was die Kinder anlockte? Oder war es doch ein gewisser Zauber, den des Vaters eigentümliches Wesen auf andere ausübte, daß man es als eine Gunst ansah, wenn man für nichts und wieder nichts stundenlang helfen durfte? ? Nach leichtem, mühelosem Wandern erreichten wir Tharandt. Wir gingen noch, nachdem wir gegessen und geruht, zu Professor Willkomm, wo wir herzliche Aufnahme fanden. Die andere Professorenfamilie wurde dazu geladen. Die Mutter zeigte, was sie mit hatte, aber auch wir bekamen allerhand Interessantes zu sehen. Die Mutter zog mich mit heran, ich durfte auch durchs Mikroskop sehen, und sie flüsterte mir zu, ich möge ja aufmerken, wenn die Herren sprächen, ich könne viel daran lernen. Am nächsten Tag sahen die jungen Herren von der Forstakademie die Sammlungen und kauften oder machten Bestellungen. Als die Mutter hier fertig war, wanderten wir nach[74] Dresden. Hier wurden zunächst alle Apotheken aufgesucht. Meist lief ich mit und half beim Tragen der Pakete. War ich aber müde vom vielen Herumlaufen, so ging ich in die Salomonisapotheke, wo ich freundliche Aufnahme und schöne Bilderbücher fand. Als die Mutter mit dem Geschäftlichen fertig war, nahm sie mich mit in die Bildergalerie. Hier setzte sie sich still mit mir vor die sixtinische Madonna und ließ mich lange in die himmlisch überirdischen Augen des Heilandkindes und seiner Mutter schauen. Dann ging's eines Morgens wieder vorwärts. Unser nächstes Ziel war Stolpen. Auf meine Frage nach der Länge des Wegs meinte die Mutter, es könne wohl wieder fünf Stunden dauern. Als wir Dresden im Rücken hatten, merkten wir erst, wie kalt und eisig der Ostwind über die frei gelegene Chaussee fegte. Er schnitt uns scharf ins Gesicht und trieb uns seine Eissplitter von den Bäumen entgegen. Dicht zog ich das Tuch übers Gesicht und verschränkte die Arme, um die Wärme festzuhalten. Da stellte sich die Mutter in den Schutz einer Scheunenmauer und wartete mein Kommen ab, dann zog sie ihr Beutelchen, löste das Band und sagte: »Kind, das ist ein böses Wetter heute! In der Stadt hat man's nicht so gemerkt. Weißt du, es ist wohl am besten, du gehst nach Hause! Ich geb' dir ein paar Groschen, damit du dir unterwegs mal was Warmes kaufen kannst. Den Weg wirst du schon finden. Du fragst in der Stadt, wo es nach Wilsdruff geht. Hast du nur erst die Chaussee, dann gehst du immer geradeaus. Ich denke, in etwa sieben Stunden kannst du zu Hause sein. Du gehst nach einer anderen Richtung, da bläst der Wind wohl nicht so scharf. Es kann ja noch schlimm werden, da ist's besser, du gehst heim.« Davon wollte ich aber durchaus nichts wissen. Ich[75] schob die Hand mit dem Gelde zurück und bat, wir möchten nur weiter gehen. »Nun gut!« sagte die Mutter und setzte ihr energisches Gesicht auf, »daß du nun aber nicht hinterher hängst oder mir etwas vorklagst. Du hast mit dir selbst fertig zu werden. Ich hab' den schweren Korb und kann mich nicht mit Trösten abgeben! Komm!« Ich nahm einen guten Anlauf, aber es dauerte nicht lange, so entstand zwischen der Mutter und mir ein Zwischenraum, und der wurde zu meinem Schrecken immer größer und größer! Das kam wohl vom Rückwärtslaufen, ich wollte mich vorm Wind schützen, kam aber dann nicht so schnell vorwärts. Da kam mir ein Einspänner nachgefahren. Der Mann hielt dicht bei mir und fragte, wohin ich wolle. »Komm, steig auf!« sagte er, »dahin will ich auch.« Ich kletterte hinauf und fuhr vornehm an meine Mutter heran. »Ich kann nur die Kleine mitnehmen,« sagte der Mann, »wo soll ich sie denn absetzen?« »In Fischbach. Du gehst so lange in den Gasthof und wartest auf mich. Vergiß nicht, dem Manne zu danken!« Sie nickte lachend, ich winkte fröhlich, und vorwärts ging's. Der Wind ließ keine zusammenhängende Unterhaltung zustande kommen, aber ich war dem fremden Manne dankbar, als er fürsorglich eine Pferdedecke über meine Knie breitete. Nach Verabredung holte mich die Mutter ab, und wir wanderten nach Stolpen. Am Marktplatz war der einfache Gasthof. Die Mutter ging ohne mich in die Apotheke. Ich saß auf dem Fensterbrett, drückte das Gesicht gegen die Scheiben und schaute träumerisch unverwandt auf den kleinen, eingeschlossenen, steil ansteigenden Marktplatz, auf dem ich niemanden sah. Weiche, große Flocken senkten sich mit der Dämmerung auf den[76] stillen Platz, ich spähte vergebens nach Menschen und war froh, als ich die Mutter endlich kommen sah. Am nächsten Morgen gingen wir nach Hohnstein. Das Wetter war nicht mehr so bös, Sturm und Kälte belästigte uns nicht, da hatte ich wieder viel von der Mutter. Draußen vorm Städtchen zeigte sie auf Schloß Stolpen. Sie machte mich auf die wunderbar schönen Basaltsäulen aufmerksam, auf denen sich das Schloß erhebt, und beim Weiterschreiten erzählte sie mir die ganze Geschichte des Schlosses. So war es bis Hohnstein ein fröhliches Wandern. Auch hier gingen wir in die Apotheke. Der Apotheker geleitete uns vor die Tür und zeigte uns die Richtung nach Königstein. »Aber,« sagte er draußen, »ich würde mit dem Kinde lieber hier bleiben bis morgen. Die Tage sind kurz, ich fürchte, Sie kommen nicht weit.« Wir wanderten aber nach der kurzen Ruhe mutig zum Städtchen hinaus, machten eine mäßige Steigung und erreichten endlich eine Ebene, deren Begrenzung wir bei der herannahenden Dämmerung nicht mehr erspähen konnten. Auf dieser einsamen, verschneiten Flur konnten wir auch kein Haus entdecken. So war es uns zur Linken. Aber rechts von uns? Was war das? Ein Grauen packte mich, so daß ich mich furchtsam an die Mutter schmiegte, denn groß, finster und drohend erhob sich eine schwarze, nackte Wand gen Himmel. Wir standen still und fühlten uns der schweigenden Natur gegenüber verzagt. Die Mutter sah ängstlich nach allen Seiten, der Weg war nicht mehr zu erkennen, nur Schnee. Weiß war es unter uns, und grau über uns. Die hereinbrechende Dämmerung dämpfte unwillkürlich unsere Stimmen, ich hatte das Gefühl, wir dürften den toten Riesen zur Rechten nicht stören. »Das ist der Lilienstein!« flüsterte die Mutter. So standen wir unschlüssig,[77] ratlos und spähten ängstlich nach allen Seiten. Dabei wurde es unaufhaltsam dunkler. Kein menschliches Wesen! ? Da, ? horch! Kinderstimmen! Sie singen: »Seht, wie die Sonne dort sinket Hinter dem nächtlichen Wald, Glöcklein zur Ruhe uns winket, Hört nur, wie lieblich es schallt. Trauliches Glöcklein, du läutest so schön. Läute, ach läute nur zu, Läute zur süßen Ruh.« Wie das auf mich wirkte in dieser winterlichen Einsamkeit! Wir meinten, wo Kinder wären, müsse auch eine menschliche Wohnung sein. Die Dunkelheit nahm in beängstigender Weise zu. Wir stapften ohne Weg und Steg durch den Schnee, immer der Stätte zu, von wo wir den Gesang gehört hatten, und wirklich kamen wir vor ein einsam gelegenes Gehöft. Die geräumige Hausdiele, die wir zögernd betraten, wurde von einem prasselnden Herdfeuer behaglich erleuchtet. Die Bauerfrau saß mit Knecht und Magd vor einem Haufen Runkelrüben, die sie in Stücke schnitten. Soeben mochten auch die kleinen Sänger angekommen sein, sie standen kleinlaut seitwärts, die Stiefel mit Schnee bedeckt. Die Bauerfrau schalt sie aus und sagte ihnen, sie möchten schnell helfen. Durch unseren Eintritt wurde sie unterbrochen, sie hielt erstaunt in ihrer Arbeit inne. Die Mutter erzählte kurz, daß wir den Weg verloren hätten, und bat, ob wir nicht die Nacht hier bleiben könnten, wir seien durchaus fremd hier, und sie wage sich bei der hereinbrechenden Dunkelheit nicht weiter. Wir wollten gern mit einem Plätzchen auf der Ofenbank fürlieb nehmen. Die Frau wies uns aber kalt und entschieden die Tür, hier sei kein Wirtshaus, sagte sie. Der Blick der Mutter fiel mitleidig auf mich: »Das Kind!« sagte sie, »das Kind! Ihre Kinder sangen so verheißungsvoll von einer[78] süßen Ruh! Sollten die Töne keine gute Vorbedeutung für uns gehabt haben?« »Nein,« sagte die Frau, »was kann ich dafür, was die Kinder singen! Wo wollen sie hin?« »Nach Königstein.« »So weit kommen Sie nicht heute abend, aber Sie können bis zur Ebent, da mögen Sie versuchen, ob man Sie aufnimmt. ? Ich werde mit hinausgehen und Ihnen den Weg beschreiben.« Sie schüttelte ihre Schürze ab und trat mit uns auf das weite Schneefeld. »Dahin müssen Sie,« sagte sie und streckte den Arm nach dem schwarzen Ungeheuer aus. »Sie haben nur aufzupassen, daß Sie den Lilienstein rechter Hand behalten, immer dicht am Felsen entlang, wenn Sie darauf achten, können Sie nicht fehlgehen. Der Weg führt Sie nach der oberen Ebent. Weg war sie. Die Tür wurde geschlossen, die Fenster warfen einen hellen Schein auf die Schneefläche. Wir wanderten weiter. »Komm, gib mir dein Händchen,« sagte die Mutter, »und nimm dich in acht, daß du nicht in einen Graben oder in ein Wasserloch fällst. Es ist ja noch nicht spät, wir haben also keine Eile, ? laß uns recht vorsichtig gehen! Ich muß mich wundern,« fuhr die Mutter fort, »wie durchaus entgegengesetzt der Eindruck ist, den ein und dieselbe Gegend auf uns macht, ob wir sie im Sommer, im goldigen Sonnenglanze, oder im Winter bei Nacht und Nebel sehen. Derselbe Felsen, der dir jetzt Furcht und Grauen einflößt, der ist in der schönen Sommerzeit das Entzücken der Menschen, man macht weite Reisen, um die Gegend hier zu sehen, und man bewundert diesen Berg. Ich selbst habe mich nicht satt sehen können, wenn die Sonne Licht und Schatten auf die zerklüfteten Wände wirst, sie bekommen dann geradezu Leben, sie sehen aus wie ein altes, durchfurchtes Gesicht, in das die Jahrtausende tiefe Falten gegraben haben.«[79] So hatten wir uns an der Wand weiter bewegt, bis sie plötzlich eine scharfe Biegung machte, und damit traten wir in einen Wald. Nun leuchtete uns nicht einmal der Schnee mehr, undurchdringliche Finsternis umgab uns, aber wir fühlten zur Rechten die Wand, wenn wir sie zur Rechten behielten, so würden wir an menschliche Wohnungen kommen. Wir hatten nun den Eindruck, als ob links, vielleicht tiefer unter uns, ein Wasser fließe, wir hörten sein Rauschen, aber von nichts anderem konnten wir uns eine Vorstellung machen, als von der dunklen Felsenwand. Die Mutter versuchte auszufinden, wie breit wohl der Weg sei, sie meinte, er sei nur schmal. Amazon.de Widgets »Halt dich nur ja ganz dicht am Felsen! ? Geh vor mir her! ? So, ? nun ganz vorsichtig vorwärts, damit du nicht links in den Abgrund stürzest.« Ach, welch ein unsicheres Gehen! Der Weg kam mir unendlich vor. Mein ängstlich lauschendes Ohr vernahm das Rauschen des Wassers, es hörte hoch oben den Flug eines aufgeschreckten Vogels und den schweren Fall der Tropfen vom Felsen. Nur so habe ich den Lilienstein kennen gelernt! Dann und wann kam ein tröstender oder mahnender Zuruf von der Mutter: »Heb doch die Füße hoch! ? Du stolperst ja beständig! ? Du wirst noch auf die Nase fallen! ? Na, verzage nur nicht, ich bin ja bei dir, ? auch das dunkelste Tal wird endlich einen lichten Ausblick haben!« Ich verhalte mich während dieser unheimlichen Wanderung ganz still, aber es ist mir ein Trost, wenn ich hinter mir die Stimme der Mutter höre. Sehnsüchtig durchspähen die Augen das Dunkel. Der Wald ist endlich zu Ende, wir machen wieder eine Biegung an der Felswand entlang, aber es ist jetzt freier, wir können merken, daß wir keinen Abgrund mehr an der Seite[80] haben, nur noch rechts die Wand ? und ? o die Freude! ? in der Ferne Lichtschein aus einem Fenster. Wir kommen wieder unter Menschen! Ist mir diese Wanderung durch das dunkle Tal nicht oft zum Bild und Gleichnis geworden, wenn im späteren Leben die Seele durch Trübsal hindurch mußte? Wie lang erscheint auch dann der Weg, wie unsicher stolpert der Fuß vorwärts. Wie tastet die Seele nach einem Halt, damit sie nicht links im Abgrunde versinkt. Aber getrost! Wenn sie sich nicht in Mutwillen oder Leichtsinn losreißt, so wird auch sie von unsichtbaren Händen gehalten, und wenn sie überhaupt ein Verhältnis zu Gott hat, so wird sie auch seinen tröstlichen Zuruf hören, bald ermutigend, bald warnend. Wir sind dem Hause nahe, so nahe, daß wir deutlich hören können, wie jugendliche Stimmen drinnen singen: In der Heimat ist es schön, Auf der Berge lichten Höhn, Auf den schroffen Felsenpfaden, Auf den Fluren grüner Saaten, Wo die Herden weidend gehn, In der Heimat ist es schön!« Atemlos lauschen wir. O den Vers kenne ich! Die Töne greifen warm ans Herz, ist mir doch, als höre ich die Stimme eines Bekannten. Wir betreten das Haus, niemand hört unser Klopfen, da muß die Mutter schon öffnen. Neugierig schiebe ich meinen Kopf an der Mutter vorbei und betrachte staunend das Bild vor mir. Burschen und junge Mädchen sitzen in weitem Kreis in der großen Stube und singen. Die letzteren haben Spinnrocken, geschmückt mit bunten Bändern, vor sich stehen und drehen mit anmutigen Bewegungen die Spindel. In der Mitte steht eine Art[81] Riesenleuchter, daran ist festgeklemmt ein brennender Kienspan, der einen unruhigen düsteren Schein auf die Versammlung wirst. Beim Ofen liegen mehr Kienspäne. Das Bild da vor mir, so kurz ich es auch nur schaute, hat einen unauslöschlichen Eindruck bei mir hinterlassen. Noch nie hatte ich weder eine derartige Beleuchtung, noch je eine Spinnstube gesehen. Als wir nun so in der offenen Tür stehen, verstummt der Gesang, und aller Blicke richten sich erstaunt auf uns. Hinter dem Kachelofen tritt eine Frau hervor und fragt nach unserem Begehr. Dringlicher wie zuvor bringt die Mutter die Bitte nach Unterkunft vor, aber auch hier findet sie kein Gehör. »Gehen Sie doch,« sagt die Frau, »hier ist kein Wirtshaus. Ich habe geladene Gäste, ungebetene will ich nicht.« Sie sagt etwas von Herumstreichern, und daß die Stube kalt wird. Die Mutter tritt mit mir herein und schließt die Tür. »Ja, ja,« sagt sie als Antwort auf das enttäuschte Gesicht der Frau: »ich habe Sie ganz gut verstanden! Aber wir sind Menschen!« Hier richtet sich die Mutter trotz des Korbes aufrecht in die Höhe, und wirst der Frau einen gebietenden Blick zu: »Ich kann wohl auf eine höfliche Frage eine anständige Antwort erwarten! Wenn Sie uns hinausweisen, so sagen Sie uns wenigstens, wo wir ein Unterkommen finden, wir sind fremd und kennen den Weg nicht. Gehen Sie mal vor die Tür und sehen Sie selbst, wie dunkel es ist!« Die Hände der jungen Mädchen ruhten bei der Rede der Mutter, sie horchten und schauten auf die kleine Frau, die eine so entschiedene Sprache führte. »Sie müssen nach der unteren Ebent,« sagte die Frau ganz zahm und schaute prüfend an uns herunter. »Und wie komme ich dahin?«[82] »O, da führen viele, viele Stufen hinunter.« Die Mutter überlegte, dann sagte sie: »Bitte, beschreiben Sie uns den Weg, und borgen Sie uns eine Laterne, unten im Gasthof kann sie ja abgeholt werden.« »Warten Sie, ich lasse die Magd mitgehen.« Dafür war die Mutter sehr dankbar. Ich trennte mich nur ungern von dem lebensfrischen Bilde. Im unsicheren Schein, den die große Stallaterne auf die verschneiten Stufen warf, kletterte ich an der Hand der Mutter die vielen Stufen hinunter. Unten im Gasthof fanden wir endlich die ersehnte Ruhe und eine warme Suppe. *** Am kommenden Morgen wurden wir in einem Kahn nach dem Städtchen Königstein übergesetzt. Hier erstiegen wir eine steile Anhöhe, wo ein kleines, dürftiges Häuschen stand, da gingen wir hinein. Den Hauptraum in dem ärmlichen Stübchen nahm ein Webstuhl ein, hinter dem ein blasses, kleines Männchen saß, das bei unserem Eintritt mit einem Ausruf lebhafter Verwunderung herunter kletterte und der Mutter die Hand zum Willkomm bot. Die Frau stand vom Spulrad auf und nahm der Mutter den Korb ab. Ein Kind mit ungekämmtem Haar stand scheu am Ofen, der nur spärliche Wärme abgab, denn die kleinen Scheiben waren mit den schönsten Eisblumen bedeckt. Der Mann rieb sich lebhaft die Hände und sagte: »Das ist auch eine Zeit, in die sächsische Schweiz zu reisen! Sie wollen sich wohl ein Herbarium von diesen anlegen?« ? und er zeigte lachend auf die Eisblumen. Amazon.de Widgets Die Mutter zuckte die Achseln, nahm ein Paket aus dem Korbe, ging damit an den Tisch, löste die Bänder der Mappe und legte einige Bogen heraus. »Herr[83] Poppe,« sagte sie, »sehen Sie sich mal diese Pflanze genau an, es ist eine Distel. Haben Sie sie schon auf Ihren Bergen beobachtet?« Der Mann sah sie an und las stockend die Unterschrift : »Car ? li ? na acau ? lis!« »Gewiß!« sagte die Mutter, »acaulis heißt stengellos. Diese wunderschöne Blume« ? dabei fuhr die Mutter mit der Handfläche gleichsam liebkosend, ganz zart und leise über die Blume hin, ? »die wächst nicht bei uns, wohl aber hier. Es ist wunderbar, wie sie auf dürrem, steinigem Boden doch eine solche Schönheit entfalten kann. Niedrig, ganz bescheiden sitzt sie dicht an der Erde. Ist sie nicht wie aus mattem Silber gewoben! Dieser Glanz, den die Blumenkrone entfaltet, wie sie da zwischen den sein geformten, grünen Blättchen prangt! Sie ist genügsam. Damit sie sich aber auf dem mageren Boden entfalten kann, muß sie ihre Wurzel tief in das Erdreich senken. Nicht wahr, Herr Poppe, wir beide verstehen, was dürrer Boden ist! Diese schöne Blume hält mir eine ganze Predigt. Ihnen auch? Ich komme zu Ihnen, um Sie zu bitten, mir eine Schachtel voll zu sammeln. Ich schreibe Ihnen noch die Blütezeit und die vermutlichen Fundorte auf. Was diese Blätter enthalten, das kennen Sie von früher her, diese Zwergwinde, und hier einiges ? damit wissen Sie schon ?Bescheid?.« Poppe ging lebhaft auf alles ein und versprach, den Auftrag gut auszuführen, dann gingen wir. Im Städtchen hielten wir uns nicht auf. Draußen vor der Stadt sahen wir über uns in schwindelnder Höhe die Festung Königstein. Die Mutter war oben gewesen, sie erzählte mir eingehend davon. Während des Plauderns waren wir in ein bewaldetes Tal gekommen und standen plötzlich vor einer verschneiten Waldmühle. Eine Frau saß am Fenster, sie hatte unser Kommen bemerkt,[84] öffnete weit die Tür, aber noch weiter die Arme und rief mit freudig erregter Stimme: »Sieh! Meine gute Frau Dietrich?! Bei der Kälte! Und Ihr Mädelchen haben Sie mit?!« Sie hatte der Mutter den Korb abgenommen und drückte sie nun in einen großen, weichen Stuhl. Der Mutter kullerten ein paar Tränen über die Backen, während sie lachend rief: »Na, nun kommen wir aber in Abrahams Schoß! Bind dein Tuch ab und setz dich da auf die Hitsche.« »Nun, und was macht denn der gute Friedel? Sammelt er denn noch tüchtig?« fragte die Mutter. »Ach,« sagte die Müllersfrau betrübt und streichelte die Hände der Mutter, »wir sind in großer Sorge um ihn. Denken Sie ? wenn?! Er ist unser Einziger! ? Wir hoffen auf den Frühling. ? Aber, Sie werden sehen, er sieht schlecht aus ? so blaß und so zart, wie ein bleichsüchtiges Mädel! Ich laß ihn auch noch nicht wieder aufs Seminar, ? wer weiß, ob er überhaupt wieder hin kommt.« »Darauf war ich ja gar nicht vorbereitet, ich dachte, wir wollten uns recht mit Botanik beschäftigen, wenn wir jetzt auch nicht sammeln können, so habe ich doch vieles bei mir, und er wird ja auch allerhand herbeigeschleppt haben.« »Hat er auch! Hat er auch! Und seinetwegen bin ich ja so besonders froh, daß Sie gekommen sind. Auch mein Mann wird sich freuen. Sie haben doch ein paar Tage Zeit? Ja? Sagen Sie ja!« »Na, gut,« sagte die Mutter, »ich kann mich wohl ein paar Tage ihm widmen. Während er ruht, geh ich noch mal in die Stadt, ich bin noch gar nicht in der Apotheke gewesen, möchte auch mal im Winter auf den Königstein, das muß ja auch jetzt ein herrlicher Ausblick[85] sein. Und nun noch eins« ? fuhr die Mutter bittend fort, »ich möchte dem Friedel noch ein verspätetes Weihnachtsgeschenk machen, lassen Sie ihn von meinen Sammlungen aussuchen, was ihm Freude macht.« Das nahm die Müllersfrau mit lebhaftem Dank an, dann holte sie Mann und Sohn. Ich sah, wie die Mutter erschrak, als sie den blassen Friedel sah, sie wußte ihn aber sofort zu interessieren und zu beschäftigen. »Geh,« sagte sie zu mir, »hilf dem jungen Herrn mal alles herunter tragen, was er gesammelt hat. Haben Sie denn auch Steine und Insekten?« »Ja,« sagte der junge Mensch erfreut, »Sie müssen mir bei allem helfen. Ich habe auch so schöne Lebermoose gefunden!« Als wir den Tisch ganz voll gepackt hatten, sagte die Mutter: »Setz dich mit hin und paß auf!« Wir drei! Das war ein Spaß! Wie eine kleine Schule, die Mutter die Lehrerin. Sie examinierte, erklärte und belehrte, und wir, ihre Schüler, waren voll freudiger Begeisterung. Es paßte uns kaum, als der Tisch zum Essen abgeräumt wurde und die freundliche Müllersfrau die Plinzen auf den Tisch setzte. Wenn der Friedel oben war und die Mutter in der Stadt zu tun hatte, dann ging ich der Müllersfrau zur Hand, sie gab mir die zärtlichsten Kosenamen, vorwiegend nannte sie mich ihr »Goldtöchterchen«, was mir gar gut gefiel, und der Müller meinte, jetzt müsse er mich mit zu seinen Bekannten nehmen, die müßten doch mal sehen, wie er Staat mache mit einem Mädel, wenn es auch nur ein geborgtes sei. Nach dem mühsamen Herumwandern taten uns ein paar Tage friedlicher Ruhe sehr wohl. Wir gingen von hier nach Pirna, von Pirna nach Dresden, und nun nach Hause.[86] Ob mein Weihnachtsgeschenk, wenn ich es im Sommer genossen hätte, wohl einen ebenso tiefen Eindruck hinterlassen haben würde, wie jetzt? Mit verschieden gearteten Menschen, mit den entgegengesetztesten Verhältnissen war ich in Berührung gekommen. Schaden an Leib und Seele hatte ich trotz aller Fährlichkeit nicht genommen. 
 8. Die Anfahrt.  [87] Wir wünschten ein Bergwerk in vollem Betrieb zu sehen. In Siebenlehn war das nicht mehr möglich, weil da kein Bergbau mehr getrieben wird. Deshalb wählte ich zu diesem Zwecke ein mir bekanntes Dorf. Ich hatte noch meine besonderen Gründe: ich wünschte Erinnerungen aufzufrischen. Unser Weg führte uns durch das liebliche Muldental, vorbei an dem entzückend gelegenen Hammerwerk. Wir bogen in einen Hohlweg. Oben auf den hügeligen Abhängen stehen die verstreuten Häuschen der Bergleute. Weiterhin liegen die mächtigen Steinhaufen, Halden genannt. Der hohe Schornstein ist von den Gewerkschaftsgebäuden umgeben, in einiger Entfernung liegt das Pulverhaus. Aus der Bergschmiede dringt munterer Hammerschlag, und hier auf dem Hügel, im Mittelpunkt des Dorfes, liegt das Huthaus. In Gottes Hut begibt sich der fromme Bergmann, ehe er seine gefährliche Anfahrt beginnt.[87] Es ist gerade drei Uhr, die Glocke läutet zur Schicht, von allen Seiten kommen die Bergleute herbeigeströmt, ganz so wie vor langen Jahren. Wir schließen uns ihnen an und nehmen hinter der schlichten Orgel Platz. Ja, das schöne Lied kenne ich noch, ich lausche, ich bin zu bewegt, als daß ich mitsingen könnte. »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Ein Grubenkleid ? ein Totenkleid. Drum falt ich betend meine Hände Und flehe um Barmherzigkeit. O Herr, du meine Zuversicht: Verlaß, verlaß den Bergmann nicht! Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Ein Grubenschacht ? des Todes Schacht. Wohin ich meine Augen wende, Nur schweres Graun, nur tiefe Nacht. Mein Heil, mein Licht, Immanuel, Komm, mache du mein Dunkel hell! Wer weiß, wie nahe mir mein Ende! Ein Grubenlicht ? mein Lebenslicht. Ein Tropfen löscht es gar behende, Amazon.de Widgets Wie bald verweht's der Zugwind nicht! Herr Gott, in Not und in Gefahr, Nimm meines Lebens gnädig wahr! Gib mir, o Herr, zum sel'gen Ende Ein wachend und ein betend Herz. Dein Wort als Leuchte in die Hände Zur Fahrt hinauf und niederwärts. Kommt dann die allerletzte Schicht, Dann zag ich nicht, dann klag ich nicht! Still leg ich dann am sel'gen Ende Das schwarze Kleid der Grube ab; Man legt die ausgelöschte Blende Und mein Gezähe mir aufs Grab; Mir reicht der Herr das weiße Kleid Der himmlischen Gerechtigkeit.[88] Einst fahr ich dann am sel'gen Ende Herauf aus meines Grabes Schacht; Hell leuchten alle Bergeswände, Des Himmels Glanz durchbricht die Nacht, Es steigt die Gnadensonne auf, Und alles jauchzt: Glück auf! Glück auf!« Wir haben von der Berghauptmannschaft aus Freiberg Erlaubnisscheine zur Anfahrt erhalten. Im Zechenhaus müssen wir unser Zeug mit der Bergmannstracht vertauschen. Jetzt stehen wir erwartungsvoll an dem gähnenden Schacht. Ich schaue schaudernd in die Tiefe. Weit unten bewegt sich ein einziges Lichtlein. Auf meinen fragenden Blick sagt mir mein Begleiter: »Das ist der Bergzimmermann, der die Sprossen untersucht.« Und nun beginnt unsere Anfahrt. Es ist mir durchaus nicht geheuer, als wir aufgefordert werden, einige Meter auf der senkrechten Leiter hinabzusteigen. Ich zittere heftig. Ein Blick in die bodenlose Tiefe läßt mich zaudern. Die ungewohnte Kleidung, der Schein der Blende an den dunklen Felswänden macht mich ängstlich. Aber siehe da! Jede Bewegung meinerseits wird von meinem fürsorglichen Begleiter beobachtet und überwacht, bis wir da ankommen, wo die Fahrstühle sind. Jedem Fahrstuhl wird ein Bergmann beigegeben. Als wir untergebracht sind, gebietet unser Führer mit freundlichem Ernst absolute Ruhe. Er ermahnt uns, auch unsern Körper durch aus still zu halten. Und nun beginnt die gleichmäßige Fahrt in die Tiefe! Keinen menschlichen Laut vernehmen wir, aber dicht neben uns rasseln schwerfällig eiserne Ketten. Waggons, gefüllt mit Steinen, ziehen an uns vorüber. Ich wage kaum den Kopf zu drehen und habe vor mir nur die schräge, rötliche Wand. In kurzen Unterbrechungen sehen wir nur die Angabe der Meterzahl, die wir zurückgelegt haben. Endlich ein Ruck! Die[89] Fahrstühle halten, und sofort sind unsere freundlichen Erdgeisterchen bei der Hand und stellen sich in unseren Dienst. Wir hören, daß wir 550 Meter tief sind. Hier sind die Gänge, die ich als Kind auf der Karte gesehen habe. ? Hatte ich mir damals eine Vorstellung von hellglänzenden Bergeswänden gemacht, so war das ein Phantasiegebild gewesen. Auch das gemeinschaftliche, fröhliche Arbeiten von vielen Bergleuten war eine irrige Vorstellung gewesen. Wir waren hier in einem Gang, der die Bezeichnung führte: »In Christi Hilfe stehender«. Hier war's einsam, dunkel, kalt und feucht. Auf einem schlüpfrigen Brett tappten wir vorsichtig weiter. Wir kamen an Seiten- und Nebengänge. Wenn man sich nun hier verirrt? Ist man dann nicht verloren? Mein Führer zeigt lächelnd auf seinen Kompaß. Wo ist das Silber und Edelmetall? Der Bergmann erhebt seine Blende und zeigt auf die rote Wand, diese matt glänzenden Streifen im Gestein enthalten Silber, aber sie sind vermengt und vermischt mit viel taubem Gestein. Vieles wird schon gleich als untauglich auf die Halde geworfen. Das erzhaltige Gestein muß viel Scheidungs- und Läuterungsprozeduren durchmachen, ehe es seinen Weg in die Münze macht. ? ? Vor einer fast senkrechten, dicht an das Gestein angebrachten, sehr unbequemen Leiter, machten wir halt und wurden nun aufgefordert, recht vorsichtig da hinauf zu klettern. Unser Führer ging voran und öffnete oben eine niedere Tür. Wir krochen durch die Öffnung und befanden uns in einer Art Höhle, etwa von der Größe einer geräumigen Stube. Es fiel uns, die wir aus der Dunkelheit kamen, zunächst auf, daß es hier so hell war. Kein Wunder, ? all unsere Blenden vereinigten sich, um den Raum zu erleuchten. Hier waren wir »vor Ort«, und zwei Bergleute begrüßten uns mit freundlichem Lächeln.[90] Sie beobachteten uns interessiert, aber ohne zudringliche Neugierde. Unser Führer belehrte uns über die neue Art des Hauens, das aus den italienischen Bergwerken übernommen ist. Der gestreckte Arm führt mit kräftigem Schwunge den Hammer von unten nach oben, gegen die Stange, die in das Gestein hineingetrieben wird. Die beiden tätigen Bergleute zeigten uns ihre Arbeit. Eine etwa 50 cm lange, nicht sehr starke, vorn zugespitzte Eisenstange wird durch kräftige Schläge in den Stein hineingetrieben. Eintönig, ? taktmäßig fallen die Schläge. Bei dieser Arbeit pflegen sich die Bergleute durch Singen ? vorwiegend geistlicher Lieder ? gegenseitig zu ermuntern. ? Der Steiger maß nach und fand, daß die Öffnung so weit gediehen sei, daß eine Sprengung stattfinden könne. Wir mußten diesen Raum verlassen. Die Holztür wurde geschlossen, und bald darauf hörten wir einen dumpfen Knall, der unheimlich in den Bergen widerhallte. Die Bergleute hatten vorher die Öffnung mit Sprengstoff gefüllt und die Schwefelfäden angezündet. Es ist sehr schwer, den Eindruck zu schildern, den wir von dem Ganzen hatten. Das Fremdartige überwältigte uns. Ein wahrhaft feierliches Gefühl bemächtigte sich unser. Als ich zunächst das Gewölbe betrat, kam es mir vor, als ob wir uns in einem schauerlichen Gefängnis befänden; als ich mir aber die zufriedenen, in Gott vergnügten Menschen ansah, da schien mir eher, daß sie im Vergleich zu uns die Freien wären. Sind sie in ihrer abgeschlossenen Grube nicht unabhängig von Sommer und Winter, von Tag und Nacht? An den Schätzen, die sie graben, haben sie keinen Teil. Sie bleiben arm, ob sie guten Anbruch haben oder nicht. Singen sie doch bei ihrer unterirdischen Arbeit:[91] »Laß Herr, genügsam und zufrieden Auch eines kleinen Glücks mich freun; Was deine Hand mir hat beschieden, Kein unrecht Gut soll es entweihn! Ein Scherf, auf dem dein Segen ruht, Amazon.de Widgets Gilt mehr als großes Sündengut!« Möchte doch das Silber auf seinen späteren, wechselvollen Wanderungen etwas behalten von der Poesie und dem Zauber, den die Art der Gewinnung auf uns ausübte. ? Uns aber, die wir keine Bergleute sind, leidet es nicht allzulange in der abgeschlossenen Tiefe. Unter der fürsorglichen Hut unserer Führer erreichen wir nach zwei Stunden wieder das Tageslicht. »Glück auf, du holdes Sonnenlicht, Sei innig mir gegrüßt! Der achtet deiner Strahlen nicht, Der täglich dich genießt.« 
