
                                   May, Karl

                             Und Friede auf Erden!

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                    Karl May

                             Und Friede auf Erden!

                                 Erstes Kapitel

                                        

                                  Ein Eiferer

Ich bin Sejjid Omar!
    Wie stolz das klang, und wie beweiseskrftig die Gebrde war, mit welcher er
diese Worte zu begleiten pflegte! Ich bin Sejjid Omar, das sollte sagen: Ich,
Herr Omar, bin ein studierter, schriftkundiger Abkmmling des Propheten, welcher
der Liebling Allahs ist. Mein Name wurde mit allen meinen persnlichen Vorzgen
in die heilige Stammrolle zu Mekka eingetragen; darum habe ich das Recht, ein
grnes Oberkleid und einen grnen Turban zu tragen. Wenn ich sterbe, wird die
Kuppel meines Grabmals grn angestrichen und mir die Tr des obersten der Himmel
gleich geffnet sein. Respekt also vor mir!
    Was aber war dieser Sejjid Omar? Ein Eselsjunge! Er hatte seinen Stand an
der Esbekije in Kairo, dem Hotel Kontinental, in welchem ich wohnte, gegenber.
Ein schn und krftig gebauter, junger Mann von wenig ber zwanzig Jahren, war
er mir durch seinen steten Ernst und die angeborne Wrde seiner Bewegungen
aufgefallen. Ich beobachtete ihn gern von meinem Balkon aus, und wenn ich unten
auf dem prchtigen Vorplatze des Hotels meinen Kaffee trank, konnte ich ihn
sprechen hren. Sein Gesicht zeigte zwar auch den Zug von Verschlagenheit, der
allen Eseltreibern eigen ist, aber er war nicht aufdringlich und lag seinem
Geschfte in einer Weise ob, als werde Jedem, der sich seines Esels bediente,
eine ganz besondere Gunst erwiesen. Er gab sich so wenig wie mglich mit
Berufsgenossen ab, und wenn sie ihn fr diese Zurckhaltung mit spttischen
Redensarten zu rgern versuchten, bekamen sie nichts als ein verchtliches Ich
bin Sejjid Omar zu hren. Wollte ein Fremder mit ihm feilschen, oder wurde ihm
irgend Etwas gesagt oder zugemutet, was er fr gegen seine Ehre hielt, so
wendete er sich mit einem geringschtzenden Ich bin Sejjid Omar ab und war
dann fr den Betreffenden nicht mehr zu sprechen.
    Die Folge war, da ich ihm ein ganz besonderes Interesse schenkte, obgleich
sich mir keine Gelegenheit bot, ihm dies in Beziehung auf sein Geschft zu
beweisen. Aber Blicke ziehen einander bekanntlich an. Ich bemerkte, da auch er
sehr oft zu mir herbersah. Er schien unruhig zu werden, wenn ich nach dem
Mittag- und dem Abendessen mich nicht sofort auf der Terrasse sehen lie, und so
oft ich beim Ausgehen an ihm vorberkam, trat er, obgleich ich ihn gar nicht zu
beachten schien, einen Schritt zurck und legte, still grend, die Hnde auf
die Brust.
    In dem erwhnten Hotel gibt es zu Seiten des Speisesaales zwischen den
Sulen kleinere Tische fr Gste, welche es nicht lieben, an der Tafel
enggepfercht zu sitzen. Ich hatte mir einen dieser Tische fr mich allein
reservieren lassen. Der links davon war nicht besetzt; an dem zu meiner rechten
Hand gab es seit gestern zwei Fremde, welche nicht nur die allgemeine
Aufmerksamkeit, sondern auch die meinige auf sich zogen, obgleich ich mir das
nicht so wie die Andern merken lie. Sie waren Chinesen, und zwar Vater und
Sohn. Ich erriet das zunchst aus ihrer Aehnlichkeit und hrte es dann aus ihrem
Gesprch, denn ihr Tisch stand dem meinen so nahe, da ich jedes ihrer Worte
verstehen konnte. Sie waren nicht in heimische Tracht gekleidet, sondern trugen
weie Reiseanzge nach franzsischem Schnitte. Ihre Zpfe wurden von den
Tropenhelmen verborgen, die sie nur whrend der Tafel abzunehmen pflegten.
Gleich als sie gestern den Speisesaal betraten, war mir die ebenso tiefe wie
herzlich aufrichtige Ehrerbietung aufgefallen, welche der Sohn dem Vater
entgegenbrachte. Das war eine geradezu rhrende Aufmerksamkeit und
Dienstfertigkeit, welche sogar dem servierenden Kellner jede Handreichung und
jeden Griff abzunehmen strebte, um dem Vater Kindesdank und Kindesliebe zu
erweisen. Und man sah deutlich, da dies nichts Gemachtes, nichts Aeuerliches
war, sondern als etwas frei und gern Gegebenes aus dem Innern kam. Der Vater
trug Augenglser in schwer goldenem Gestell; der Sohn hatte keine Brille. Sie
speisten genau nach unserer Art und taten dies so gelufig und so fehlerlos, so
unhrbar und unauffllig, da manche der brigen Gste sich an ihnen htten ein
Beispiel nehmen knnen. Der mich bedienende Garon flsterte mir in Hoffnung auf
ein dafr gebotenes Extratrinkgeld zu:
    Monsieur Fu und Monsieur Tsi aus China. Kommen aus Paris. Sind
wahrscheinlich verwandt miteinander.
    Haben sie sich selbst so eingetragen? erkundigte ich mich.
    Nein, aber dem Portier so gesagt.
    Er sprach die beiden Worte nicht in der richtigen Weise aus; aber es war
klar, da Fu Vater und Tsi Sohn bedeutete. Im Chinesischen hat dasselbe Wort oft
sehr verschiedenen Sinn. Die beiden Gste hatten ihre Namen nicht genannt und
sich einfach als Vater und Sohn bezeichnet. Da hier im Hause Niemand ihrer
Sprache mchtig war, so hatte man sie als Monsieur Vater und Monsieur Sohn
in das Fremdenbuch eingetragen und glaubte noch besonders pfiffig zu sein, indem
man sie fr Verwandte hielt. Sie aber lieen es sich lchelnd gefallen, da ihr
Verwandtschaftsgrad als Namen ausgesprochen wurde. Dem Personale gegenber
sprachen sie franzsisch, und zwar so vorzglich, da eine langjhrige Uebung
mit Gewiheit anzunehmen war.
    Was ihre Gesichter betrifft, so trat der mongolische Schnitt derselben nur
wenig hervor. Bei dem Sohne mochte diese Milderung eine Folge der Jugend sein;
bei dem Vater aber war es ganz entschieden der Wirkung geistiger Ttigkeit
zuzuschreiben, da ihn fast nur der echt chinesisch gepflegte Bart als einen
Sohn der Mitte verriet. Man brauchte kein Menschenkenner zu sein, um diesem
Manne anzusehen, da sein Arbeitsfeld wohl kaum jemals ein materielles gewesen
sei.
    Nach Tische wurde drauen im Flur whrend des allgemeinen Speech die
Tatsache festgestellt, da die beiden Chinesen erstens aus Canton, zweitens
Onkel und Neffe und drittens in Paris gewesen seien, um dort ein Geschft fr
Chinawaren einzurichten, dessen Leitung der Neffe bernehmen werde. Er habe den
Onkel nur nach Aegypten zurckbegleitet, um die Trennung zu verzgern, werde
aber hier von ihm Abschied nehmen und dann, direkt nach Paris zurckkehren. Es
war mir gleichgltig wer diese Entdeckung gemacht hatte. Ich konnte mir nicht
denken, da dieser so eigenartig, ich mchte sagen, geheimnisvoll geistreich
aussehende Monsieur Fu ein Kaufmann sei, dessen Bestreben darin bestehe,
billige chinesische Fcher und Vasen in Paris teuer an den Mann zu bringen.
    Der Zufall war so gtig, mich schon am nchsten Morgen einen heimlichen
Blick in diese Verborgenheit tun zu lassen. Ich logierte, um mglichst viel Luft
und Licht zu haben, zwei Treppen hoch und sa, mit Briefen beschftigt, auf dem
Balkon, als ich die Chinesen aus dem Hotel treten und hinber zu Sejjid Omar
gehen sah. Dieser besorgte ihnen zu seinem noch einen zweiten Esel, worauf er
mit ihnen davontrabte. Dann hrte ich unter mir klopfen und brsten. Das strte
mich und wollte kein Ende nehmen. Ich bog mich ber die Brstung vor und schaute
hinab. Es war nicht, wie ich vermutet hatte, das Zimmermdchen, sondern ein
chinesischer Diener, welcher einen Koffer geffnet hatte, um den Inhalt
desselben einer Besichtigung resp. Suberung zu unterwerfen. Die Chinesen
wohnten also eine Treppe hoch grad unter mir. Ich lie den Mann weiter klopfen
und brsten, ohne den Attentter, was ich eigentlich beabsichtigt hatte, zur
Ruhe zu verweisen.
    Dann wurde es still unter mir, doch verriet mir wiederholtes Ruspern, da
der Diener noch da sei. Ich schaute wieder hinab. Er war jetzt mit einem andern,
kleinen Koffer beschftigt, den er geffnet hatte. Er ordnete da verschiedene
Gegenstnde mit einer Behutsamkeit, die auf ungewhnlichen Wert schlieen lie,
und versicherte sich von Zeit zu Zeit durch einen Blick nach den benachbarten
Balkonen, da er nicht beobachtet werde. Der Inhalt dieses Koffers schien also
Dinge zu enthalten, von denen nicht Jedermann wissen durfte. Eben jetzt hatte er
einen Grtel in der Hand, an welchem eine goldene, mit Rubinen besetzte Schnalle
glnzte. Diese Art von Schnallen drfen nur Mandarinen ersten und zweiten Ranges
tragen! Dann sah ich ein Putsu1 erscheinen, dessen Stickerei einen Storch
vorstellte. Nach einer Kugelkette, einer Pfauenfeder und verschiedenen anderen
Gegenstnden, welche ich wegen ihrer Kleinheit nicht deutlich erkennen konnte,
kam einer jener Beamtenhte zum Vorschein, welche nur im Sommer getragen und
darum warme Hte genannt werden. Er hatte einen glatten, roten, ungeblmten
Korallenknopf. Kugelketten drfen nur von Mandarinen ersten bis fnften Grades
um den Hals getragen werden. Pfauenfedern sind besondere Auszeichnungen; aber
der Korallenknopf ist nur den Mandarinen ersten Ranges erlaubt. Diese sind
entweder Zivil- oder Kriegsmandarinen. Die ersteren haben ein Putsu mit Storch,
die letzteren ein dergleichen Schild mit dem Bilde des Einhorns zu tragen. Die
Zivilbeamten werden mehr als die militrischen geehrt. Ich hatte also erfahren,
da Monsieur Fu, denn nur auf ihn konnten sich diese Auszeichnungen beziehen,
ein Zivilmandarin allerhchsten Ranges war, und nahm mir selbstverstndlich vor,
dies keinem Menschen mitzuteilen. Mehr zu sehen, wurde mir durch meinen
Bleistift unmglich gemacht. Ich hatte ihn hinter das Ohr gesteckt; er verlor
dadurch, da ich den Kopf vor und nach unten gebeugt hatte, den Halt, fiel hinab
und traf grad vor dem Diener auf das Balkongelnder auf. Der Chinese stie einen
Ruf des Schreckens aus, raffte Alles schnell zusammen und war im nchsten
Augenblicke verschwunden. Auch dieser sein Schreck war ein Beweis, da seine
beiden Herren ihren Stand nicht zu verraten wnschten.
    Wir befanden uns im Vorsommer, also in der Zeit, in welcher der Khamsin
jhrlich gegen fnfzig Tage lang der hchst ungern gesehene Gast Aegyptens ist.
Dieser heie, trockene Sdwestwind, welcher den feinen Staub der Wste mit sich
fhrt, kann, wenn er stark auftritt, so erschlaffend wirken, da sowohl der
Einheimische als auch der Fremde Alles meidet, was mit einer krperlicher
Anstrengung verbunden ist. Am Tage nach der soeben erzhlten Entdeckung wehte er
ganz besonders entkrftend von Gizeh und Aryahn herber. Man mied die Straen,
und die sonst so gern besuchten Pltze vor den Kaffeehusern waren noch um die
Zeit des Asr, des tglichen Nachmittagsgebetes, unbesetzt. Dies veranlate mich,
nach dem Dschebel Mokattam zu reiten. Ich war den Khamsin lngst gewohnt; er
konnte mich nicht belstigen und hielt im Gegenteile andere Leute ab, mich da
oben in dem mir lieb gewordenen Genu zu stren. Der Blick vom Mokattam und dem
Dschebel Giyuschi ist unbeschreiblich schn, mir aber doppelt wert, wenn beim
Sonnenuntergange die Beleuchtung der Stadt und ihrer Umgegend durch den in der
Luft schwebenden Khamsinstaub zu einer, fast mchte ich sagen, mrchenhaften
wird. Es sind dann alle Hrten und Schrfen des Bildes abgemildert, und es liegt
ein so undefinierbarer Farbenton rings ausgegossen, da man meinen mchte, von
einer jenseitigen Hhe auf eine ganz andere, un- oder berirdische Welt
herabzuschauen.
    Eben als ich mich aufmachte, brachte der Kommissioner des Hotels einige
Wagen voller Reisende, welche mit dem Zuge angekommen waren. Ich hatte keinen
Grund, sie zu beachten, doch fiel mir im Vorbergehen eine junge, blau
verschleierte Dame auf, welche einfach in Grau und praktisch knchelfrei
gekleidet war und zu einem mit ihr ausgestiegenen Herrn einige englische Worte
sprach. Ich hatte nur selten eine so tiefe, wohlklingende und sympathische
Altstimme gehrt.
    Dann sa ich oben auf dem Berge, in stiller, zunchst ununterbrochener
Einsamkeit. Mein Lieblingsplatz war ein Felsensitz in der Nhe der alten,
verfallenen Giyuschi-Moschee. Die Sonne hielt sich hinter einem flimmernden,
orangefarbenen Dufte halb verborgen. Wie ein im Einschlummern unvollendet
gebliebenes Gebet lagen die Mamelukengrber tief zu meinen Fen. Von der
Alabastermoschee bis nach Kasr el Ain hinber und von der ahnenhaften Amr Ibn el
As bis zur frheren ez Zahir hinunter klangen die in Stein gedichteten tausend
Strophen der Minarehs zu Allahs Thron empor. Durch Masr el Atika, das einstige
Fostat, dampfte, einer Entheiligung gleich, ein Zug hinauf nach Heluan, und
hinter den Lebbachbumen der Dakrurstrae und dem Grn der Kanalfelder lagen am
Wstenrande die Pyramiden - - aus Angst vor der Ewigkeit erstarrte Todesgedanken
der Pharaonen. Tod und Leben, Vergangenheit und Gegenwart um und in sich
vereinigend, vom Wstenwinde berweht und doch so jugendschn und jugendwarm, so
breitete sie sich vor meinen Augen aus, el Kahira, die Siegreiche, die mir nebst
Bagdad und Damaskus so lieb geworden ist wie keine andere Stadt des Orientes.
    Es kamen von da unten herauf, von den Knigsgrbern da drben und dem Sinai
im Osten hinter mir Gedanken ber mich, welche ich nicht verloren gehen lassen
wollte; darum zog ich Papier und Blei hervor. Ich begann damals, an meinen
Himmelsgedanken zu dichten, deren erster Band inzwischen erschienen ist.
Dieses Buch war auch einer der Grnde, welche mich zur gegenwrtigen Reise
veranlat hatten. Wer Gedichte ber und fr die Menschheitsseele schreiben und
den Vlkern gerecht werden will, denen diese Seele ihre Jugendbegeisterung
widmete, der darf nicht meinen, da er die Gedanken dazu im kalten,
selbstschtigen Abendlande finden werde, sondern er mu dorthin gehen, wo einst
Gott selbst zur Erde kam und seine Engel sich den Menschen zeigen durften, ohne,
wie es allerdings ein einziges Mal, und zwar zu Sodom und Gomorrhas Verderben
geschah, fr ihre Himmelsliebe schlimmen Erdendank zu ernten.
    Da, wo die nackt gewordenen Steine Palstinas wieder zu Brot zu werden
haben, wo Memnons Kolosse nicht nur leise erklingen, sondern deutlich sprechen
sollen, wo zwischen Pison, Gihon, Phrat und Hidekel noch heut die beseligende
Idee des Paradieses wieder auszugraben ist, da mu man sein, da mu man sehen
und lauschen, uerlich und innerlich, und dann, wenn in stiller Mondesnacht aus
den Wogen des Niles ganz dieselbe Offenbarung wie aus den Fluten des Tigris
steigt und um die Minarehs dasselbe linde Suseln klingt, welches Elias einst
auf dem Karmel hrte, dann wird es der Menschenseele klar, da auch ganz
dieselben Strophen wieder zu ertnen haben, welche der Orient einst zu dichten
begonnen, der Occident aber als Hoheslied der Gottes- und der Nchstenliebe zu
vollenden hat.
    Es war mir eine Lust, diese und hnliche Gedanken in Worte zu kleiden; aber
ich brachte es zu keinem Schlusse, denn ich wurde unterbrochen. Vom Felsenwege
her erklang das lebhafte Getrappel kleiner Eselshufe. Mich umschauend, sah ich
die erwhnte, grau gekleidete Dame und den Herrn kommen, mit welchem sie
gesprochen hatte. Als dritten Reiter bemerkte ich einen jener christlichen oder
jdischen Levantiner, welche jedes von ihnen gehrte, wenn auch gnzlich
unverstandene, fremdsprachige Wort in dem Mehlwrmertopfe ihres Gedchtnisses
sorgfltig aufbewahren, um sich dann, wenn sie mit diesen Wrmern nicht mehr
allein fertig werden knnen, fr Dolmetscher auszugeben und sie gegen mglichst
hohe Vergtung an den Mann zu bringen. Diese Dragomans sind eine Plage, welcher
sich zu erwehren der gewhnliche Tourist weder genug Erfahrung noch die ntigen
Kenntnisse besitzt. Wenn sie sich einmal festgesogen haben, so lassen sie nur
selten wieder los, und der von ihnen, den ich hier kommen sah, war eine Klette
von der allerschlimmsten Sorte. Er hatte sich vor einigen Tagen auch an mich zu
machen versucht, war aber, als nichts Anderes half, durch einen Wink mit der
Reitpeitsche dann fr immer abgewiesen worden. Diese Levantiner werden von dem
ehrlichen, charaktervollen Araber verachtet, und da sie meist Christen sind und
er durch sein eigenes Leben belehrt wird, welchen groen Einflu der Glaube auf
den moralischen Wert des Menschen ausbt, so ist er leicht geneigt, nicht bei
der Person stehen zu bleiben, sondern seine Geringschtzung ber die ganze
Christenheit auszudehnen.
    Die vierte Person war - - - Sejjid Omar, der Eseltreiber, welcher so
gravittisch, als ob er die Hauptperson der ganzen Truppe sei, neben den Dreien
hergeschritten kam.
    Als der Dolmetscher mich erblickte, kam er grad auf mich zugeritten, stieg
bei mir ab und breitete eine mitgebrachte Decke neben mir aus. Er hatte, als er
sich mir anbot, franzsisch mit mir gesprochen; warum, das wute ich nicht,
sollte es jetzt nun aber erfahren, denn er rief, sich umdrehend, Sejjid Omar zu:
    Dieser Kerl sitzt gerad an der besten Stelle! Er ist ein Franzose, denn er
hat ein Brtchen an der Unterlippe. Komm her, und jag ihn fort!
    Nimm dich in Acht! warnte der Eseltreiber. Wenn er arabisch sprechen
kann, versteht er deine Worte!
    Der? Arabisch sprechen? Siehst du denn nicht, da ihm die Dummheit aus den
Augen blickt? Der spricht nicht einmal seine Muttersprache richtig. Ich wei das
ganz genau, denn ich habe franzsisch mit ihm geredet. Er wollte mich als
Dolmetscher haben; ich bin aber nicht darauf eingegangen, weil ich ihm sofort
angesehen habe, da er ein armer Schlucker und auerdem ein Geizhals ist. Jage
ihn fort! Wir brauchen diesen Platz fr unsere Leute!
    Da machte der Sejjid eine seiner unnachahmlichen, sprechenden Handbewegungen
und antwortete:
    Ich bin nicht dein Diener, und Allah und mein Geschft verbieten mir,
unhflich zu sein. Wenn du als Christ und Grieche grob sein darfst, so geht mich
das nichts an. Ich heie Sejjid Omar; das merke dir!
    Der Levantiner htte es vielleicht gewagt, aus Rachsucht mit Hilfe des
Eseltreibers mit mir anzubinden; aber es ohne diese Untersttzung zu tun, dazu
war er, wie die meisten seinesgleichen, zu feig. Er hatte, nur um mich zu
rgern, die Fremden grad her zu mir gefhrt, obgleich ich vor ihnen der einzige
Mensch war, der sich auf dem weiten Plateau des Dschebel Giyuschi befand, auf
welchem Platz fr ungezhlte Tausende gewesen wre. Ich aber tat, als ob mir
diese Flegelhaftigkeit vollstndig gleichgltig sei.
    Der Hammahr2 half den Reisenden beim Absteigen. Dann setzten sie sich auf
die ausgebreitete Decke, ohne mich zu gren oder auch nur mit einem Blicke zu
beachten. Das beleidigte mich nicht. Ich kannte ja diese besonders jenseits des
Kanales und des Atlantischen Meeres gepflogene Weise, nach welcher fremde
Menschen als vollstndig abwesend betrachtet werden. Selbstverstndlich waren
sie nun auch fr mich nicht vorhanden, und ich rauchte die Zigarre, welche ich
mir angebrannt hatte, ruhig weiter, obgleich ich sah, da der Wind der Dame den
Rauch zuweilen in das Gesicht trieb. Sie sa mir so nahe, da ich sie mit der
ausgestreckten Hand erreichen konnte.
    Nun stellte sich der Dolmetscher in Positur und begann, den Fremden das vor
ihnen liegende Panorama zu erklren. Er tat dies in einem Englisch, mit welchem
ein Bauer, ohne die Hacke ntig zu haben, die strksten Rben htte aus dem
Felde ziehen knnen, und es war den beiden Zuhrern auch mehr als deutlich
anzusehen, da sie sich von dem, was sie anhren muten, nichts weniger als
erbaut fhlten. Eine Weile lieen sie es sich gefallen, dann aber gebot die Dame
dem poliglott-schrecklichen Griechen, still zu sein, zog ein rotgebundenes Buch
aus der Tasche und sagte zu dem Herrn, zu meiner Ueberraschung in deutscher
Sprache:
    Verstehst du ihn, Vater? Ich nicht! Nehmen wir den Baedeker her! Die Karte
wird uns mehr sagen, als wir von diesem Araber erfahren knnen. Und reden wir
deutsch, denn das versteht er nicht!
    Der fr einen Araber Gehaltene zog sich beleidigt zurck. Gerade diese
unwissenden Menschen sind auerordentlich empfindlich, wenn man ihren
vermeintlichen Kenntnissen nicht die erwartete Bewunderung zollt. Sejjid Osmar
stand, mit dem Ellbogen auf seinen Esel gesttzt, unbeweglich wie eine Bildsule
seitwrts hinter uns. Der lange, weite Mantel, den er trug, war nicht imstande,
die schne Plastik seiner Figur ganz unbemerkbar zu machen.
    Ich hatte also erfahren, da die Fremden Vater und Tochter seien. Ich erfuhr
noch mehr. Ob sie mir die Kenntnis der deutschen Sprache nicht zutrauten, oder
ob ihnen meine Anwesenheit wirklich vollstndig gleichgltig war, sie sprachen
so ungeniert miteinander, als ob an meiner Stelle nichts als Luft vorhanden sei.
    Der Vater war ein ziemlich langer, hagerer Herr mit einem glattrasierten,
etwas mehr als ntig in die Lnge gezogen Gesicht. Der Stehkragen seines Rockes
pate zu der salbungsvollen, dabei aber harten und schnellen Weise, in welcher
er sprach. Er hatte einen seiner Handschuhe ausgezogen, was mir Gelegenheit gab,
seine auch sehr lange, doch weie und sichtbar wohlgepflegte Hand zu sehen.
Nicht angenehm berhrte der rcksichtslose, schnarrende Ton, in welchen er fiel,
so oft es seine Absicht war, eine bestimmte Meinung auszusprechen. Ich pflege
ber andere Menschen nicht vorschnell zu urteilen, doch war ich, obgleich ich
diesen Mann heut zum ersten Male sah und ihn also noch gar nicht kannte, zu der
Behauptung geneigt, da er von einer einmal gefaten, wenn auch noch so falschen
Ansicht nicht leicht abzubringen sei. Vielleicht war er sonst ein ganz
vorzglicher Mann, aber er machte den Eindruck auf mich, als ob er sich fr
unfehlbar halte, und mit solchen Leuten ist schwer umzugehen.
    Die Tochter wurde von ihm Mary genannt. Sie hatte, um besser Umschau halten
zu knnen, den Schleier zurckgeschlagen. Ich htete mich natrlich, meine
Beobachtungen merken zu lassen, doch gengte ein kurzer Blick, mich ein liebes,
rosig angehauchtes Gesicht sehen zu lassen, in welchem ein Paar helle, klare,
sehr verstndige Augen glnzten. Ihre tiefe, schne Altstimme habe ich schon
erwhnt. Wenn sie sprach, so war ihr anzuhren, da sie es nicht mit dem Munde,
sondern mit der Seele tat. Es klang ganz so, als ob ber diese Lippen nie ein
liebloses Wort gekommen sei oder kommen knne. Vom Vater hatte sie das nicht
geerbt; es konnte nur die Gabe einer vortrefflichen, an Herzensbildung reichen
Mutter sein.
    Der Vater war Amerikaner, und zwar Missionar, nach China bestimmt, wohin die
Tochter ihn begleitete; die Mutter war tot, eine Deutsche gewesen, wie es
schien. Sie waren ber London, Kln, Wien und Triest nach Aegypten gekommen, um
einige Zeit hier zu bleiben und sich dann zunchst Indien anzusehen. Groe Eile
schienen sie nicht zu haben.
    Sie kannten die Wirkung des Khamsin noch nicht und waren trotz desselben
gleich nach ihrer Ankunft hier herauf geritten, weil Mary gewnscht hatte,
zunchst das Gesamtbild von Kairo vor sich zu sehen. Und der Eindruck desselben
war, wenigstens bei der Tochter, ein so tiefer, da der ermattende Wind auf sie
ohne sichtbare Wirkung blieb.
    Sie hatte die entfaltete Karte auf ihrem Schoe liegen, ohne aber zunchst
nach speziellen Punkten zu suchen. Es schien ihr vor allen Dingen um den
Totaleindruck zu tun zu sein. Dabei machte sie dann und wann eine Bemerkung, die
mich aufhorchen lie. In diesem Mdchen schien ein seltsames, ungewhnlich
reiches Seelenleben zu pulsieren! Einmal htte ich beinahe verraten, da ich ihr
aufmerksam zuhrte. Sie nannte nmlich meinen Namen.
    Weit du, Vater, an wen ich jetzt denke? sagte sie. An Karl May. Ich habe
seine drei Bnde Im Lande des Mahdi gelesen, und - - -
    Lies nicht das dumme Zeug von diesem May! unterbrach er sie rasch und
schnarrend. Dieser Schriftsteller hat nichts als Phantasie, und du weit, da
mir seine weichliche Frmmigkeit widerwrtig ist! Wie kommst du dazu, grad jetzt
an ihn zu denken?
    Er nennt Kairo Bauwaabe el bilad esch schark, das Tor des Orientes, und
sagt, dieses Tor sei altersschwach geworden und knne dem Einflusse des
Abendlandes kaum mehr widerstehen. Es wird mir schwer, das zu glauben. Ich habe
den Orient noch nicht gesehen, aber ich liebe ihn und wnsche, da er sich
strker erweisen mge, als zum Beispiel du, Vater, mit so vielen Anderen denkst.
Er ist fr mich ein schlafender Prinz im stehengeblieben Saale einer
eingefallenen, morgenlndischen Knigsburg. Seine Bestimmung ist, von einer
abendlndischen Jungfrau aufgeweckt zu werden. Wenn dann durch Beide der Osten
mit dem Westen in selbstloser Liebe vereinigt ist, werden alle Vlker der Erde
glcklich sein.
    Du bist eine Trumerin, ganz wie deine Mutter war! Die Wirklichkeit aber
sieht ganz anders aus als so ein Mrchentraum. Das Morgenland hat uns um das
Paradies gebracht; es hat den Erlser gekreuzigt und bis auf den heutigen Tag
niemals erkennen wollen, was zu seinem Frieden dient. Nun kommen wir, die
Himmelsboten, ihm diesen Frieden zu bringen. Nimmt es ihn an, so soll es ihn
haben; stt es ihn aber von sich, so wird es trotz aller unserer Mhe nicht zu
retten sein. Schau doch hinab, und sieh, was zu deinen Fen liegt! Alles, was
da noch orientalischen Ursprungs ist, steht im Begriff, im Schmutze zu
versinken. Alles Neue, Praktische und Gute aber hat diese Stadt vom Abendlande
bekommen. Dein Karl May, von dem ich sonst nichts wissen will, hat also in
diesem einen Falle ausnahmsweise einmal das Richtige gesagt. Ist der Orient der
Mrchenprinz, von dem du sprachst, so ist es nur uns Sendboten mglich, ihn aus
dem Schlafe aufzuwecken. Nur wir allein knnen ihn erlsen; wir fuen in und auf
der Wirklichkeit; deine abendlndische Jungfrau aber gehrt ins Reich der
Phantasie.
    Phantasie! Das ist vielleicht das richtige Wort, lchelte sie. Es gibt
Leute, welche behaupten, da die Phantasie hellere und schrfere Augen habe als
der alterssichtig gewordene Verstand.
    Willst du mich belehren?
    Nein. Dazu bist du mir ja viel, viel zu gelehrt. Aber weit du, wir klopfen
heut beide an das Tor des Orientes, und wenn man irgendwo anklopft, soll man
sich nicht nur fragen Was willst du hier? sondern auch Was bringst du mit? Denn
ob man das, was man will, erreichen wird, das ist wahrscheinlich sehr von dem
abhngig, was man mitbringt. Und mitbringen mu und wird Jeder Etwas, und wenn
es nichts weiter als seine Persnlichkeit wre. Fragen wir uns also heut, indem
wir an diese Pforte klopfen, was wir fr die, welche hinter ihr wohnen,
mitbringen!
    Well, mein Kind! Ich bringe ihnen meinen Glauben. Das ist mehr als genug!
    Und ich bringe ihnen meine Liebe, meine ganze, ganze, volle Liebe! Ob das
genug ist, wei ich nicht; aber ich besitze ja nichts weiter, was ich geben
kann. Und diese Liebe gebe ich so gern, so unendlich gern. Was habe ich
gewnscht! Wie habe ich getrumt, gehofft, geschwrmt! Mein Herz ist mir nach
hier vorausgeflogen. Es ist mir, als sei mein bisheriges Leben eine Weissagung
gewesen, welche von heute an beginne, in Erfllung zu gehen. Der Orient ist die
Heimat des Menschengeschlechtes. Fhlst du nicht auch, was es heit, am Tore
unserer Heimat zu stehen? Im Osten geht der Welt die Sonne auf. Ist es nur dein
Glaube, welcher ihr entgegen geht? Bringst du ihr gar, gar nichts anderes mit?
    Schwrmereien! antwortete er berlegen. Das sind nun die Folgen meiner
Schwche, deine Lektre nicht strenger zu berwachen. Die Gestalten aus Tausend
und eine Nacht und anderen Bchern spuken in dir; du bist noch ein Kind; ich
aber bin ein Mann; ich darf nicht schwrmen wie du, denn ich habe ernste
Pflichten zu erfllen. Denke an meine Wette mit Reverend Burton in London, im
Laufe des ersten Jahres fnfzig erwachsene Chinesen zu bekehren und ihm die
Beweise darber vorzulegen!
    Was diese Wette betrifft, Vater, so wnschte ich, du wrst sie nicht
eingegangen. Ich habe das Gefhl, da es eine Entheiligung ist, die Seligkeit
Anderer zum Gegenstande einer Wette zu machen.
    Nicht ber diese Seligkeit, sondern ber meinen Erfolg haben wir gewettet,
Kind! Und ich werde gewinnen, weil mir die Gabe der berzeugenden Rede verliehen
ist. Ich begreife nicht, wie ein Mensch einen anderen Glauben haben kann als den
meinigen, welcher doch der einzig richtige, der einzig wahre ist. Schau dir da
den Eselsjungen an! Sein Allah ist ein falscher Gott und sein Muhammed ein
Lgner. So viele Trme da unten ragen, in so viele Moscheen mchte ich treten,
um laut auszurufen, da es kein anderes Heil als das unsere gibt. Warum werden
so wenig Heiden bekehrt? Weil uns der Mut fehlt. Ich werde in China keinen
Tempel betreten, ohne mich offen hinzustellen und den Unglubigen zu sagen, da
sie Heiden sind, denen die ewige Verdammnis sicher ist, wenn sie sich nicht
bekehren. Ich werde - - - doch, sieh hin! Was tut dieser Mensch?
    Er hatte sich mitten in der Rede unterbrochen und zeigte auf Sejjid Omar,
welcher jetzt Etwas tat, was die Aufmerksamkeit des Amerikaners auf sich zog,
weil er es noch nie gesehen hatte. Der Eseltreiber schickte sich nmlich an,
sein muhammedanisches Gebet zu verrichten.
    Es war zwar jetzt nicht eigentlich Betenszeit, denn das Asr war schon
vorber, und das Moghreb soll erst beim Untergang der Sonne gebetet werden; da
aber die Zeit des einen Gebetes bis zum Beginn des nchsten reicht, so kann man
die vorgeschriebene Pflicht, wenn man an ihrer Erfllung verhindert wurde, bis
zum Anfang der nchsten Periode nachholen. Sejjid Omar hatte aus irgend einem
Grunde das Asr nicht beten knnen, und da sich ihm hier oben die Gelegenheit
bot, seinen religisen Verpflichtungen vllig ungestrt nachzukommen, so tat er
dies, ohne sich um den Glauben und die Meinung der Anwesenden zu kmmern.
    Er nahm seinen Zeuggrtel ab, faltete ihn auseinander und breitete ihn als
Gebetsteppich auf die Erde aus. Nachdem er sich gegen Osten, mit dem Gesicht
nach Mekka, gerichtet hatte, hob er die offenen Hnde zu beiden Seiten des
Gesichts empor, berhrte mit den Spitzen der Daumen die Ohrlppchen und sagte:
    Allahu akbar - Gott ist sehr gro!
    Dieser Ruf war es, welcher die Aufmerksamkeit des Amerikaners auf ihn
gelenkt hatte. Hierauf lie er die Hnde sinken, legte die linke in die rechte,
richtete den Blick auf die Stelle des Teppichs, wo sein Kopf beim spteren
Niederwerfen ihn berhren sollte und fuhr fort: Lob und Preis sei Gott, dem
Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage des Gerichts. Dir wollen
wir dienen, und zu dir wollen wir flehen, auf da du uns fhrest den rechten
Weg, den Weg derer, die deiner Gnade sich erfreuen, nicht aber den derer, ber
welche du zrnest, und nicht den Weg der Irrenden.
    Das war die heilige Fatcha, das erste Kapitel des Korans, welches jedem
Gebete vorauszugehen hat. Dann folgte das kurze 112. Kapitel, welches lautet:
    Sprich: Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht
erzeugt, und kein Wesen ist ihm gleich!
    Hierauf legte er die Hnde auf die Kniee, neigte den Kopf, verbeugte sich
dreimal und sagte:
    Allahu akbar! Ich preise die Vollkommenheit meines Herrn, des Groen. Gott
erhre den, der zu ihm betete. Preis sei dir, o Herr!
    Nachdem er Kopf und Krper wieder aufgerichtet hatte, kniete er langsam
nieder, legte seine Hnde vor den Knieen auf den Boden und berhrte mit Nase und
Stirn die zwischen den Hnden liegende Stelle. Dann hob er den Krper wieder
empor, wobei aber die Knie sich nicht vom Boden trennten, sank rckwrts auf die
Fersen und legte die Hnde auf die Schenkel. Whrend dieser streng und genau
vorgeschriebenen Bewegungen betete er:
    Allahu akbar! Ich preise die Vollkommenheiten meines Herrn, welcher der
Allerhchste ist. Gott ist sehr gro.
    Nun erhob er sich ganz, um stehend fortzufahren, kam aber nicht dazu, denn
der Amerikaner sprang jetzt auf und zu ihm hin, zog ihn beim Arme vom Teppich
zurck und rief dem Dolmetscher fragend zu:
    Dieser Mensch betet wohl?
    Ja, antwortete der Gefragte.
    Muhammedanisch?
    Ja.
    Sagen Sie ihm, da ich das nicht dulde! Sagen Sie ihm, da ich ein Christ
bin, ein Missionar, welcher zu den Heiden geht, um sie zu bekehren. Ich kann und
darf nicht dulden, da in meiner Gegenwart anders als christlich gebetet wird.
Er hat sofort aufzuhren, sofort!
    Es gilt bei den Muhammedanern schon fr eine Snde, an einem Betenden nahe
vorber zu gehen. Ihn mit Worten zu unterbrechen, ist gar nicht denkbar. Ihn
aber in der Weise zu stren, wie der Yankee es tat, das wrde man nur einem
Wahnsinnigen oder einem Todfeinde zutrauen, welcher eine Beleidigung plant, die
nur mit Blut abzuwischen ist. Dabei ist es ganz gleich, wes Standes der Betende
ist. Beim Besuche der Moschee und auch whrend der Gebete auerhalb derselben
wird der niedrigste dem hchsten und umgekehrt dieser jenem vollstndig gleich
geachtet. Sejjid Omar war zunchst starr vor Erstaunen, doch seine Augen
blitzten. Dann fragte er den Dolmetscher, was der Fremde ihm gesagt habe. Der
Levantiner berichtete es ihm mit hmischer Genauigkeit. Da hob Omar die Arme, um
den Beleidiger anzufassen, beherrschte sich aber schnell, lie sie wieder
sinken, trat einen Schritt zurck, ma den Amerikaner mit einem
unaussprechlichen, halb verchtlichen, halb mitleidigen Blick, warf die Hand
leer in die Luft, was ein Zeichen der grten Geringschtzung ist, und richtete
an den Dolmetscher die Worte:
    Ich wollte ihn hier vom Felsen hinunterwerfen, und sein Widerstand wre
gegen die Kraft meiner Arme nichts gewesen; aber ich bin Sejjid Omar und will
mich nicht durch die Berhrung mit einem so groen Schmutz besudeln. Jeder Heide
hat mehr Verstand als dieser Nasrani3; sage ihm das. Wehe Jedem, der zu dem
Glauben und zu den Sitten eines so rcksichtslosen Verchters und Strers des
Gebetes bertritt! Ich habe nichts mehr mit ihm zu schaffen. Das Geld fr meinen
Esel schenke ich ihm. Ich mag es nicht berhren!
    Er hob den Teppichgrtel auf, schwang sich auf sein Grautier und ritt im
Trabe davon, indem er den Grtel in vielsagender Weise hinter sich her
ausschttelte. Dem Levantiner war es ein Vergngen, die Worte Omars in einer
Weise zu bersetzen, welche an Deutlichkeit nichts zu wnschen brig lie. Als
die Tochter, welche von ihrem Platze aufgestanden war, das hrte, rief sie dem
Vater vorwurfsvoll zu:
    Was hast du getan! Ich wollte dich zurckhalten; du warst mir aber zu
schnell. Dieser Araber gefiel mir so sehr! Er war so ernst, so still und so
bescheiden. Sein Gebet rhrte mich. Hieltest du dich wirklich fr verpflichtet,
es zu unterbrechen?
    Natrlich! antwortete er. Du sollst keine andern Gtter haben neben mir,
gebietet die heilige Schrift. Elias hat die Pfaffen Baals geschlachtet. Sein
Eifer soll ein Vorbild sein fr jeden, der als Glaubensbote zu den Heiden geht!
    Meinst du nicht, da unser Gott und Allah ganz derselbe sei?
    Wer einen anderen Glauben hat, hat auch einen andern Gott! Und andere
Gtter zu haben, ist verboten; das hast du ja gehrt!
    Aber die Liebe, von welcher ihr predigen sollt, macht es euch doch - - -
    Sei still mit dieser Liebe, von der du nichts verstehst! unterbrach er sie
schnarrend. Erst glaube ich; dann liebe ich. Wir haben hinaus in alle Welt zu
gehen und alle Vlker zu belehren. Von dem Worte aber, welches wir verknden,
sagt die Bibel, da es ein Hammer sei, der Felsen zerschmettert. Nur dadurch,
da wir diese Macht des Wortes zeigen, knnen wir den Heiden imponieren. Und
dann, wenn sie die Unseren geworden sind, werden wir ihnen unsere Liebe
schenken. Wir haben endlich eingesehen, wie weit man mit der Liebe allein kommt.
Es ist erwiesen, da in neuerer Zeit der Islam mehr Fortschritte macht als das
Christentum. Das Heidentum wird dem gehren, der es zum Gehorsam zwingt!
    Das klang so entschieden und so hart, da sie es vorzog, still zu sein. Sie
setzte sich wieder nieder, schien sich aber vergeblich zu bemhen, die frhere
Stimmung zurckzurufen. Das, was sie vorher begeistert hatte, war ihr
gleichgltig geworden, und da der Vater sich bel gelaunt und wortkarg zeigte,
so bat sie ihn schlielich, aufzubrechen.
    Sehr gern! stimmte er ihr bei. Es ist eine drckende Hitze hier oben, und
wie du es neben der qualmenden Zigarre dieses ungebildeten, rcksichtslosen
Menschen aushalten konntest, habe ich mir nicht erklren knnen.
    Es ist freilich nichts so widerwrtig wie der Tabaksgeruch; fr ihn aber
scheint es ein Genu zu sein; ich habe nicht darauf geachtet.
    Dieser Ausdruck der Herzensgte und Selbstberwindung lie es mich bereuen,
da ich mich nicht so verhalten hatte, wie ich nun wnschte, es getan zu haben.
Spter fand ich eine erfreuliche Veranlassung, mich an diese ihre jetzigen Worte
lebhaft zu erinnern.
    Sie ritten fort, wie sie gekommen waren: ohne mir irgend eine Beachtung zu
schenken. Der Levantiner mute laufen, da nun nur noch die beiden Esel da waren,
die er besorgt hatte. Es tat mir um der Dame willen leid, da sie nicht lnger
blieben, denn die Sonne stand bereits dem Horizonte nahe, und ich htte den
Anblick ihres heutigen Unterganges dem lieben, freundlichen Wesen herzlich gern
gegnnt.
    Ich war seinetwegen hierher gekommen, hatte mich auf ihn gefreut und machte
aber dann, als er eintrat, die Bemerkung, da ich heut nicht fhig sei, ihn so,
wie frher stets, auf mich wirken zu lassen. Die hliche Szene, deren Zuschauer
ich gewesen war, hatte mein Inneres auch berschattet. Das Vorgefallene machte
es mir unmglich, mich dem Eindrucke des herrlichen Naturschauspieles frei und
gnzlich hinzugeben. Der Amerikaner hatte einige Aeuerungen getan, welche
geistig unterzubringen oder zu berwinden ich mir erfolglos Mhe gab.
    So oft ich mich hier auf dieser Hhe befand, sah ich zwei Welten vor mir
liegen, die aber in ihrem Zusammenhange doch nur eine einzige waren, und ebenso
sah ich zwei Zeiten, welche durch Jahrtausende getrennt zu sein scheinen, im
jetzigen Augenblicke zu einer wunderbaren, ergreifenden Vereinigung
zusammenflieen. Die Gegenwart ist unsere Vergangenheit gewesen und wird auch
unsere Zukunft sein. Wer das begreift, der hat nicht ntig, das Innere der
Pyramiden zu durchforschen, und braucht auch nicht vor den Rtseln der Sphinx zu
bangen, deren Lsung er klar und deutlich in seinem Herzen trgt. Die Menschheit
gleicht der Zeit. Beide schreiten unaufhaltsam vorwrts, und wie keiner
einzelnen Stunde ein besonderer Vorzug gegeben worden ist, so kann auch kein
Mensch, kein Stand, kein Volk sich rhmen, von Gott mit irgend einer speziellen
Auszeichnung begnadet worden zu sein. Eine hervorragende Periode ist nur das
Produkt vorangegangener Zeiten, und es gibt in der Entwicklung des
Menschengeschlechtes keine Geistesrichtung oder Geistestat, welche aus sich
selbst heraus entstanden wre und der Vergangenheit nicht Dank zu zollen htte.
Die Weltgeschichte, welche wir ja das Weltgericht nennen, hat bisher noch jedes
Kapitel der Selbstberhebung mit einem bestrafenden Schlu versehen und diesen
Akt der Gerechtigkeit zur Warnung fr sptere Generationen in der ernsten,
eindringlichen Sprache der Ruinen aufbewahrt. Und diese sprechenden, ja
predigenden Ruinen haben uns die Lehre zu erteilen, da, was im Oriente fr uns
gestorben ist, im Abendlande fr ihn wieder auferstehen soll.
    Das war ganz derselbe Gedanke, dem die Tochter des Amerikaners nur einen
andern Ausdruck gegeben hatte, als sie von dem schlafenden Prinzen sprach,
welchen eine abendlndische Jungfrau aufzuwecken habe. Und wie einverstanden war
ich mit ihrer Frage: Was bringe ich mit? Wollen wir ehrlich sein, so mssen
wir zugestehen: Wer nach dem Morgenlande kommt, der will ihm nicht etwa dankbar
sein, sondern noch mehr, immer mehr von ihm haben, als er schon von ihm bekommen
hat. Der Osten hat gegeben, so lange und so viel er geben konnte. Wir haben uns
an ihm bereichert fort und fort; er ist der Vater, der fr und an uns arm
geworden ist. Denken wir doch endlich nun an unsere Pflicht!
    Wir ahnen gar nicht, welche geistigen Summen wir ihm schuldig sind. Wir
werden sie ihm, und zwar mit Zinsen, zurckzahlen mssen, gleichviel, ob wir
wollen oder nicht. Die Vorsehung ist gerecht. Sie gibt Kredit, doch nicht fr
ungezhlte Generationen oder gar fr Ewigkeiten, und wird weder die
Backschischgaben zudringlicher Touristenstrme noch die Kurspapiere europischer
Geldgeschfte, am allerwenigsten aber die aus unseren sogenannten
Interessensphren erhofften materiellen Werte als gltige Zahlung anerkennen.
    Was haben wir dem Orient bis heute gebracht? Was fr Schtze glauben wir
berhaupt ihm bringen zu knnen? Ich bringe ihm meine Liebe, meine ganze,
ganze, volle Liebe, hatte die Amerikanerin gesagt, ohne sich dabei bewut zu
sein, da nur und grad diese Liebe die erlsende Jungfrau ist, welche den
schlafenden Prinzen zu neuem Leben zu erwecken hat. - -
    Die Sonne war untergegangen; es drohte, schnell dunkel zu werden, und der
Weg nach dem Bab el Karafe hinab ist kein angenehmer zu nennen. Darum trat ich
nun auch den Heimweg an, der mich durch die Scharia Mohammed Ali und die
Tahir-Strae nach dem Hotel fhrte.
    Die ffentlichen Laternen brannten; die Hitze begann, sich zu mildern, und
so hatten die Straen sich belebt. Auf dem Platze Ibrahim Pascha erklang
schrille, arabische Musik. Von der Wallfahrt nach Mekka zurckgekehrte Pilger
hielten einen Umzug durch die Stadt. Je weiter entfernt von Kairo die Heimat
dieser Leute ist, desto lieber geht man ihnen aus dem Weg. Sie haben sich, oder
werden auch, in eine fanatische Erregung hineingearbeitet, durch welche sie fr
Andersglubige gefhrlich werden knnen. Ich htete mich also, mich quer durch
diesen Zug zu drngen, und wartete lieber, bis er vorber war. Spter am Abende
war zu hren, da am Meidan Abdin einige nicht so vorsichtige Europer von
diesen Leuten halb totgeschlagen worden seien. Ich erwhne das, weil ich noch
Weiteres von ihnen zu berichten habe.
    Als der Gong die Gste des Hotels zum Abendessen rief, fand ich den bisher
leer stehenden Tisch zu meiner linken Hand besetzt. Der Amerikaner hatte mit
seiner Tochter daran Platz genommen. Als ich mich setzte, hrte ich ihn in
deutscher Sprache sagen:
    Da ist der unangenehme Mensch ja wieder! Glcklicherweise darf hier nicht
geraucht werden!
    Aber, Vater, ist es nicht mglich, da er deutsch versteht? warnte Mary.
    Das fllt ihm gar nicht ein. Der Dolmetscher sagte doch, als wir vom
Mokkatam herunterritten, da der Fremde, der da oben sa, ein Franzose sei, und
einem Franzosen kommt es bekanntlich gar nicht in den Sinn, deutsch zu lernen.
    Ich wrde mich aber doch lieber bei dem Kellner erkundigen. Du weit ja,
wie wenig man sich auf das, was dieser Dolmetscher sagt, verlassen kann. Ich
mchte nicht, da der Fremde von uns beleidigt wird.
    Hast du eine Schwachheit fr ihn?
    Nein; aber man hat berhaupt mit jedem Menschen mglichst gut zu sein, und
dieser hier im besonderen hat ein so - so - so - ich finde den passenden
Ausdruck nicht und will daher sagen, er hat ein so loyales Aussehen, da es mir
leid tun wrde, wenn er sich durch uns gekrnkt fhlen sollte.
    Ich finde, da du heut ungewhnlich zart und ngstlich bist. Daran ist
vielleicht der Khamsin schuld, auf den wir leider zu spt aufmerksam geworden
sind. Doch, da ist die Suppe!
    Es wurde ihnen serviert und dann auch mir. Whrend ich das Menu studierte
und also auf die Karte sah, hrte ich, da der Missionar einen Ausruf des
Erstaunens ausstie:
    Heavens! Ein Chinese! Noch einer! Zwei Chinesen, zwei chte, wirkliche
Chinesen, hier in Kairo, in Aegypten! Wer htte das gedacht! Wo werden sie Platz
nehmen?
    Monsieur Fu und Monsieur Tsi kamen langsam durch den Saal gegangen und
schritten ihrem Tische zu. Zwei Kellner eilten herbei, um ihnen die Sthle
bequem zu rcken; der eine von ihnen ging dann nach dem Tische der Amerikaner,
um dort die leer gewordenen Suppenteller wegzunehmen. Das benutzte der Missionar
zu der Erkundigung:
    Sind das dort Chinesen oder vielleicht nur Japaner?
    Chinesen, lautete die Antwort.
    Woher?
    Aus China.
    Das ist nicht sehr geistreich von Ihnen. Ich meine natrlich, aus welcher
Stadt.
    Aus Canton.
    Sind Ihnen vielleicht die Namen bekannt?
    Monsieur Fu und Monsieur Tsi.
    Fu heit Mann, auch Mensch, auch Vater. Tsi ist Abkmmling, auch die Folge
von Etwas. Sonderbar! Kennen Sie den Stand?
    Kaufleute. Onkel und Neffe. Sind in Paris gewesen. Machen in Chinawaren.
    Es ist dort Platz fr vier Personen. Wir werden uns zu ihnen hinbersetzen.
Hier ist meine Karte, die Sie ihnen hinbertragen!
    Hm! Ich wei nicht, ob ich darf!
    Darf? Warum nicht?
    Sie wollen allein sein, ganz ungestrt speisen.
    Das geht mich nichts an! Ich bin Missionar, gehe nach China und werde die
Gelegenheit natrlich sofort ergreifen, diese fr mich hochinteressante
Bekanntschaft zu machen. Also ich bitte, geben Sie meine Karte ab!
    Der Kellner bewegte den Kopf bedenklich hin und her, berlegte ein Weilchen
und entschied dann:
    Ich kann das nicht auf mich nehmen und werde Ihnen also den Herrn Direktor
schicken.
    Als er sich entfernt hatte, hrte ich, da die Tochter im Tone der Besorgnis
fragte:
    Aber, Vater, ist das nicht vielleicht ein gesellschaftlicher faux-pas von
dir?
    Wieso faux-pas? erwiderte er. Ist es ein Fehler, Jemand kennen lernen zu
wollen?
    Aber auf diese ungewhnliche Weise! Das ist schon bei uns und in Europa
verboten, und in China soll man in Beziehung auf neue Bekanntschaften noch viel
strenger sein!
    Du vergissest, da wir nicht in China, sondern in Kairo sind. Hier gelten
die Regeln aller und also eigentlich keiner Welt. Ferner bin ich Missionar, und
sie sind Heiden. Ich denke an meine Wette mit Reverend Burton. Welch ein Erfolg,
ihm schon von hier aus berichten zu knnen, da ich zwei Chinesen bekehrt habe,
noch ehe ich in China angekommen bin!
    Aber, wir sitzen hier so gut, so allein, so ungestrt. Ich bitte dich!
    Die Unterhaltung mit ihnen steht mir hher als unser Alleinsein!
    Aber ich, was werde ich sagen, die ich kaum hundert Worte chinesisch
kenne?
    Du wirst schweigen, was fr euch Damen bekanntlich das Allerbeste ist.
    Ich befrchte doch, da wir zudringlich sind!
    Zudringlich? Pshaw! Sie sind Kaufleute, handeln mit Chinawaren. Es ist also
eine Ehre fr sie, wenn wir uns zu ihnen setzen.
    Der Direktor kam. Das Verlangen des Amerikaners schien auch ihm ungelegen zu
kommen, doch nahm er schlielich die Karte, um sie dem lteren Chinesen zu
geben. Dieser las den Namen, hrte das, was der Direktor ihm sagte, an, ohne
eine Miene zu verziehen, und gab dann seine Einwilligung durch ein kurzes Neigen
seines Kopfes zu erkennen. Das hatte ich nicht erwartet. Doch als er hierauf
seine beiden kleinen, seinen Hnde an den tief herabhngenden Spitzen seines
Bartes herniedergleiten lie, leuchtete aus seinen Augen ein kurzer, fast
unbemerkbarer Blick zu seinem Sohne hinber, den dieser mit einer leisen,
zitternden Bewegung seines Fchers erwiderte. Ostasien kam dem Wunsch der
Vereinigten Staaten jovial entgegen.
    
    Der Direktor berbrachte die Antwort. Mary erhob sich, wie sie nicht
verbergen konnte, nur hchst ungern von ihrem Platze; ihr Vater aber schritt
einem Sieger gleich mit ihr an meinem Tisch vorber, den Chinesen zu, welche
langsam und feierlich aufstanden und ohne irgend eine Bewegung der Hflichkeit
ihnen stumm entgegenblickten. Der Missionar verbeugte sich vor ihnen und redete
sie in einer Sprache an, welche er wahrscheinlich fr gutes Chinesisch hielt. So
sehr ich aufpate, so verstand ich nur den Namen Waller, welcher jedenfalls der
seinige war, und dann noch das Wort tschui, welches sich an Jemand anschlieen
bedeutet. Als er geendet hatte, schienen die Chinesen grad auch so viel oder so
wenig verstanden zu haben, denn sie gaben zunchst keine Antwort, sondern Fu
deutete an Stelle derselben auf die beiden Sthle, welche Vater und Tochter
einnehmen sollten. Sie setzten sich, Mary in auerordentlicher Verlegenheit. Da
die Chinesen beharrlich schwiegen und unbeweglich wie Statuen saen, so begann
der Missionar, eine zweite Rede zu halten, deren Wirkung keine andere als die
der ersten war, denn als er mit ihr zu Ende war, fragte Fu in einem weit
besseren als dem gewhnlichen Canton-Englisch:
    Bitte, mir zu sagen, in welcher Sprache Sie soeben zu uns gesprochen
haben!
    Es ist ja chinesisch! antwortete der Gefragte, ganz erstaunt ber diesen
unvermuteten Erfolg seiner Sprachfertigkeit. Ich habe gehrt, da Sie Chinesen
sind, und hoffe sehr, da man mich nicht falsch berichtet hat!
    Ja, wir sind aus China; aber dieses Land ist ungeheuer gro. Wir haben es
noch nicht in allen seinen Teilen bereist und sind also wohl noch nicht in der
Gegend gewesen, wo man den Dialekt spricht, den Sie sich angeeignet haben. Darf
ich fragen, in welchem Teile des Landes diese Gegend liegt?
    Im ersten Teile dieser Rede war Fu so rcksichtsvoll gewesen, fr die
Unkenntnis des Amerikaners nach einem Grunde der Entschuldigung zu suchen. Aus
seiner letzten Frage aber sprach der Schalk. Ohne dies zu bemerken, antwortete
der Missionar:
    Ich bin noch nicht in China gewesen und reise jetzt zum ersten Male hin.
    So haben Sie sich diesen Dialekt auf einer Universitt der Vereinigten
Staaten angeeignet?
    Nein, sondern auf eine viel leichtere und bequemere Art. Sie wissen
wahrscheinlich wohl, da wir Amerikaner praktisch sind, und es ist Ihnen auch
nicht unbekannt, da sehr viele Chinesen, fast mehr, als uns lieb ist, in
unseren Staaten wohnen. In meinem Hause waren zwei beschftigt, der eine als
Wscher und der andere als Barbier. Der Wscher stammte aus Nord- und der
Barbier aus Sdchina, und da ich nicht wnschte, in Beziehung auf die Sprache
einseitig ausgebildet zu sein, habe ich von Beiden Unterricht genommen.
    Hierauf trat eine momentane Stille, ja, eine Muschenstille ein. Die
Gesichtszge der Chinesen blieben vollstndig unbewegt; aber Mary errtete bis
an die Stirn hinauf. Sie ahnte wohl, wie unsterblich sich ihr Vater soeben
blamiert hatte; dieser aber wendete sich ganz heiter und unbefangen dem Kellner
zu, welcher ihm jetzt den nach der Suppe folgenden Gang servierte.
    Sie sind also Missionar, wie ich auf Ihrer Karte gelesen habe? fragte Fu
nach einer Weile.
    Allerdings, antwortete der Gefragte. Ich hoffe, da Sie wissen, was das
heit!
    Das heit, Sie kommen zu uns, um unsere Religion zu studieren und sie dann
in den Vereinigten Staaten zu verbreiten?
    Da legte Waller - denn dies war allerdings der Name der Missionars - schnell
das Messer und die Gabel weg, warf einen Blick der Ueberraschung auf den
Sprecher und antwortete:
    Ich gestehe, da ich noch nie in meinem Leben eine so unbegreifliche Frage
gehrt habe! Ich bin ein Christ und habe also denjenigen Glauben, welcher der
einzig wahre und richtige ist. Sie aber, der Sie sehr wahrscheinlich Confucianer
sind, sollten dem Ihrigen, der ein falscher ist, entsagen und sich entschlieen,
ein Christ zu werden!
    Ich bin ja Christ, antwortete der Chinese, indem ber sein Gesicht ein
ungemein hfliches, ja verbindliches Lcheln glitt.
    Sie - - sind - - - Christ - - -?! wiederholte der Amerikaner die Worte des
Andern mit dem Ausdrucke des Erstaunens. So sind Sie also schon bekehrt?
    Bekehrt? O nein! Wozu das? Eine Aenderung des Glaubens wrde vollstndig
berflssig sein. Wer etwas tut, was gar nicht ntig ist, der verdient, ein Tor
genannt zu werden.
    Ich verstehe Sie nicht. Sie sind nicht bekehrt, also noch Confucianer, und
behaupten doch, ein Christ zu sein. Wollen Sie mir dieses Rtsel lsen!
    Es ist kein Rtsel, sondern eine Sache, welche in China Jedermann schon
lngst begriffen hat. Ich bitte Sie, mir die Summe des christlichen Glaubens zu
nennen!
    Mr. Waller setzte sich auf seinem Stuhle zurecht und begann zunchst, vom
Sndenfalle zu sprechen. Whrend dessen brachte der Kellner den Chinesen die
Suppe. Fu wies sie mit der kurzen Bemerkung zurck, da er mit seinem Begleiter
spter oben im Zimmer speisen wrde. Dann wendete er seine Aufmerksamkeit dem
Yankee wieder zu. Er lie ihn eine lange, lange Zeit sprechen, ohne ihn zu
unterbrechen, und erst dann, als sich nach der Verheiung Abrahams eine Pause
einstellte, sagte er:
    Ich bat Sie nicht um eine ausfhrliche Geschichte, sondern um die kurze
Summierung Ihres Glaubens!
    Aber Sie kennen doch unseren Glauben nicht; Sie wrden mich also nicht
verstehen, wenn ich Ihnen anstatt seiner ganzen Entwicklung nur eine kurze
Aphorisme brchte!
    O bitte! Was deutlich ist, kann vielleicht auch wohl von einem Chinesen
begriffen werden. Christus ist der Grnder Ihres Glaubens, und Petrus wurde mir
als derjenige Apostel bezeichnet, welchem die grte Macht des Christentums, das
Amt der Schlssel, bergeben wurde; Sie werden also das, was diese Beiden sagen,
anerkennen. Christus gibt uns die Summe im Evangelium Johannes, wo er sagt, da
das ganze Gesetz und die Propheten in dem Gebote enthalten seien: Liebe Gott,
und liebe deinen Nchsten! Und Petrus befiehlt in seinem ersten Briefe: Frchtet
Gott; habt die Brder lieb, und ehret alle Menschen! Das ist es, was ich von
Ihnen hren wollte.
    Es war interessant, jetzt das Gesicht Wallers zu sehen. Das Erstaunen ber
die unerwartete Belesenheit des Chinesen lag nicht nur in seinen Zgen, sondern
auch in seiner ganzen Haltung deutlich ausgedrckt. Er ffnete zwar den Mund,
antwortete aber nicht. Fu tat, als ob er diesen Eindruck seiner Worte gar nicht
bemerke, und fuhr fort:
    Das war also die Summe Ihres Glaubens nach den Worten Christi und seines
obersten Apostels. Die Summe unseres Glaubens aber lautet: Die wahre
Glckseligkeit kommt uns vom Himmel hernieder, und die Menschen sollen sie
neidlos und friedlich unter sich verteilen. Das ist doch genau dasselbe. Ihr
Glaube und unser Glaube sind einander also gleich. Wenn ich dem meinigen
gehorche, handle ich, wie ein Christ zu handeln hat, und wenn Sie tun, was der
Ihrige gebietet, so sind Sie das, was Sie vorhin einen Confucianer genannt
haben.
    Diese Art der Auffassung brachte dem Amerikaner die Sprache wieder.
    Bitte sehr! rief er aus. Ich, ein Confucianer! Welch eine Logik! Zwar
scheint Ihnen unsere Bibel nicht unbekannt zu sein, aber Sie knnen unmglich
eine Ahnung von den zahllosen Verschiedenheiten haben, welche zwischen Ihrem
Glauben und dem christlichen vorhanden sind!
    Das tut nichts! lchelte Fu. Diese Verschiedenheiten mssen vorhanden
sein, weil die Menschen verschieden sind. Ihr Christen liegt ja untereinander
selbst im Streit! Es kommt nur auf den Ertrag, auf das Ende, auf den Abschlu,
auf die Summe an. Wenn zwei Rechnungen genau dieselbe Summe ergeben, so ist das
ein Beweis, da beide richtig sind. Vielleicht sind einzelne Posten anders
benannt, einige hier zusammengezogen, dort aber auseinander gehalten worden; die
eine ist mit lateinischer Schrift, die andere in chinesischen Zeichen
geschrieben; man hat die eine von links nach rechts, die andere aber umgekehrt
zu lesen. Das ist Alles, Alles zwar nicht gleichgltig, aber doch nur
Nebensache. Die Hauptsache ist, da die Summen stimmen. Und wenn sie gleich
sind, so ist die eine Rechnung genau so viel wie die andere wert, und keiner von
Denen, die sie geschrieben haben und dem Himmel prsentieren, darf behaupten,
da die Buchfhrung des Anderen eine falsche sei. Sie haben gesehen, da unsere
Religionen ganz genau dieselbe Summe ergeben. Da die einzelnen Posten
geschichtliche oder nationale Verschiedenheiten zeigen, gibt der Berechnung
Leben und Interesse, und es darf nicht auer Acht gelassen werden, da die
Richtigkeit der einen Rechnung gar nicht ohne die Richtigkeit der anderen zu
beweisen wre. Indem Ihr Glaube ganz dieselben Frchte wie der unsere bringt,
beweisen Sie uns, da er auf keinem Irrtume beruht, und wir wrden ebenso
unhflich wie unklug handeln, wenn wir behaupteten, da es fr Sie notwendig
sei, ihm zu entsagen und sich zu dem unsern zu bekehren.
    Der Missionar war den Worten des Chinesen mit einer Aufmerksamkeit gefolgt,
welche sich nach und nach immer mehr in Verwunderung verwandelte. Er hatte nicht
fr mglich gehalten, da der Spie auf eine solche Weise herumgedreht werden
knne, und da es ihm an Gedanken und also auch an Worten zu einer Entgegnung
fehlte, so wandte er sich in seiner Verlegenheit an seine Tochter:
    Hast du es gehrt, Mary? Man ist so hflich und so klug, mich nicht
bekehren zu wollen! Diese Summe der Religionen kommt mir ungemein verdchtig
vor. Man hat darber nachzudenken!
    Das knnen Sie sich ersparen, bemerkte der Chinese. Christus sagt im
Matthus zweimal kurz hintereinander: An ihren Frchten werdet ihr sie erkennen!
Die Frchte aber ergeben doch die Summe von des Baumes Ttigkeit und Wert. Sie
hren, da ich als Christ zu Ihnen spreche!
    Aber woher kommt Ihnen denn diese Kenntnis unserer heiligen Schrift?
    Aus dem Gehorsam gegen unsere heiligen Schriften, welche es mir zur Pflicht
machen, alle Wege kennen zu lernen, die zum Heile fhren. Ueberall, wo ein
Tempel oder eine Kirche steht, ist ein solcher Weg geffnet. Der Eine geht ihn
von dem Tempel, der Andere von der Kirche aus; Beide aber wandern nach derselben
Stelle, wo die Ernte abzuliefern und die Rechnung vorzulegen ist.
    Sie meinen den Tod? Aber das ewige Leben nach demselben? Die Seligkeit? Was
wissen Sie von dieser?
    Wir wissen, da unsere Ahnen sich dort befinden, und wir verehren sie. Sie
glauben, da Ihre Seligen, Ihre Heiligen dort wohnen, und senden ihnen Ihre
Gebete zu. Ist das nicht ganz dasselbe?
    Was das betrifft, so werden Sie auf diese Ihre Ahnen wohl verzichten
mssen, denn - - -
    Mssen? Mssen? fiel ihm da Fu schnell in die Rede.
    Er sah aus, als ob er zornig aufspringen wolle. Es war gewi, da der
Amerikaner gar nicht ahnte, wie viele Fehler er gemacht hatte. Waren ihm denn
die Sitten der Chinesen wirklich so unbekannt, wie man aus seinem Verhalten
schlieen mute? Dann htte er zu Hause bleiben sollen! Oder fhlte er sich von
seinem Berufe in der Weise begeistert, da es auer seinen Bekehrungswnschen
keine anderen Rcksichten fr ihn gab? Oder gehrte er zu der gar nicht seltenen
Sorte von Kaukasiern, welche meinen, da die Angehrigen anderer Rassen nicht
nur gegen krperliche, sondern auch gegen seelische Mihandlungen weniger
empfindlich sind als wir? Da er in dieser Weise ber die Ahnen sprach, war eine
Rcksichtslosigkeit, die gar nicht grer sein konnte, und ich war berzeugt,
da die Chinesen entweder ihn von ihrem Tische weisen oder sich selbst entfernen
wrden, zumal sie von ihm infolge ihrer Gebruche gezwungen worden waren, auf
das Essen zu verzichten, was er aber gar nicht beachtet zu haben schien. Doch
geschah nicht, was ich vermutet hatte. Fu beherrschte sich. Er fuhr in demselben
freundlichen Tone, in welchem er frher gesprochen hatte, fort:
    Wer auf seine Verstorbenen verzichtet, der ist nicht wert, da sie fr ihn
gelebt haben. Er wrde ja dadurch auf sich selbst verzichten, weil er sein
Dasein nur dem ihrigen verdankt.
    Da traf ihn ein warmer Blick aus Marys Augen. Es war ihr wahrscheinlich
nicht entgangen, da es ihm Ueberwindung gekostet hatte, ruhig zu bleiben, und
es drngte sie, ihm ein zustimmendes Wort zu sagen:
    Wer knnte einen solchen Verzicht verlangen! Wie wre es mir mglich, der
verstorbenen Mutter zu vergessen, deren Liebe mir eine ganze Welt gegeben hat!
Ich kann sie mir nicht tot denken. Ich wei, sie ist noch heut bei mir, wie sie
stets bei mir gewesen ist. Der Unterschied ist nur, da ich sie frher sah,
jetzt aber nicht mehr sehen kann. Aber ich fhle sie. Seit ihrem Scheiden wohnt
und wirkt in mir Etwas, was vorher nicht vorhanden war. Die, welche der
Sprachgebrauch so flschlich Tote nennt, haben vielleicht grere Macht ber
uns, als wir uns denken knnen.
    Mary, du sprichst sehr sonderbar! antwortete ihr Vater in verweisendem
Tone.
    Tsi, welcher aus Hochachtung vor seinem Vater bisher noch kein Wort
gesprochen hatte, hielt die Augenlider halb gesenkt und den Kopf ihr leise
zugeneigt, als ob er wnsche, da sie weitersprechen mge. War es nur der tiefe
Wohllaut ihrer Stimme oder auch der Inhalt ihrer Worte, der dies bewirkte? Fu,
welcher sie nur einmal mit einem flchtigen Blick gestreift, dann aber nicht
mehr beachtet hatte, wendete ihr jetzt sein Gesicht voll zu, betrachtete das
ihrige mit offenem Interesse und sagte dann in einer Weise, mit welcher er wohl
noch kein chinesisches Mdchen ausgezeichnet hatte:
    Ich danke Ihnen, Mi Waller! Nichts kann so falsch sein, wie die
Vorstellungen, welche man sich bei Ihnen ber unsern Ahnenkultus macht, der aber
gar kein Kultus ist. Man legt dabei die aberglubischen Gepflogenheiten unserer
untersten Volksklasse zu Grunde, doch ist das grad und genau so falsch, als wenn
wir Ihre Seligen und Heiligen mit den Augen des Gespensterglaubens betrachten
wollten, der in den niederen Kreisen Ihrer Bevlkerung vorhanden ist. Es kann
uns nicht einfallen, an Sie die Forderung zu stellen, auf den Himmel dieser
Seligen zu verzichten; aber ebensowenig wird uns eine Macht der Erde dazu
bringen, der beglckenden Ueberzeugung abtrnnig zu werden, da auch unsere
Abgeschiedenen nicht gestorben sind. Was Sie von ihrer Mutter sagen, das klingt
in meinem Herzen freudig wieder. Auch wir Chinesen haben Mtter, die in unserer
Liebe noch nach dem Tode weiterleben, und ein Volk, welches seine Mtter, seine
Vter, seine Ahnen nicht vergit, wie der Europer sie vergit, der oft die
Vornamen des Grovaters seines Vaters oder seiner Mutter nicht mehr kennt, ein
solches Volk schlgt seine Wurzeln so tief in die Vergangenheit, aus der es
Kraft und Nahrung zieht, da es um seine Zukunft nicht zu bangen braucht. Nur
der, welcher den geistigen Boden nicht kennt, auf dem wir leben, kann von der
Greisenhaftigkeit des gelben Mannes sprechen. Sie sehen, der Ruf, in dem wir
stehen, ist mir nicht unbekannt. Aber wer die Vergangenheit nicht achtet, der
hat fr die Zukunft keinen Wert. Die Stammbume auch Ihrer alten Geschlechter
sind nicht nur von genealogischer Bedeutung, sondern es steigt ein sich stets
verjngendes Leben in ihren Zellen auf und nieder, und in ihrem Schatten knnen
sich alle Jene sammeln, welche ihren inneren Zusammenhang mit der Nation
verloren haben, weil sie ihre Zugehrigkeit zum Stamm nicht pflegten und nun nur
verwehte Bltter lngst entlaubter Bume sind, Vlkerhumus, in welchem das
Gedchtnis so manches edlen Geistes und so mancher schnen Tat den
Erstickungstod gefunden hat. Eines solchen Todes haben wir Chinesen das Andenken
Derer, von denen wir stammen und deren geistige Hinterlassenschaft wir zu
pflegen und zu wahren haben, nicht sterben lassen. Wir sind uns des
Zusammenhanges mit ihnen bewut; wir gedenken ihrer; wir feiern ihre
Erinnerungstage, und wenn dies von dem gewhnlichen Manne, der fr geistige
Opfer und Liebesgaben kein Verstndnis hat, in mehr materieller Weise geschieht,
als es eigentlich im Sinne dieser Ehrung der Vorfahren liegt, so wird doch nur
Jemand, dem es an Einsicht fehlt, behaupten knnen, da es sich um eine
aberglubische Verirrung oder gar um eine Abgtterei handele, durch welche
unsere Intelligenz sich bis auf unter Null herabgesunken zeige. Sie sind eine
Dame, Mi Waller, und halten das Andenken Ihrer Mutter heilig; ich bin ein Mann
und sage, wir bleiben dem Gedchtnisse unserer Vter treu. Ist das nicht ganz
dasselbe? Wollten Sie mich verurteilen, so mte ich auch Ihnen Unrecht geben,
und ich denke doch, da weder Sie noch ich eine Ursache haben, uns in dieser
Weise wehe zu tun!
    Er hielt ihr seine Hand hin, und sie legte, froh ber diese Vertraulichkeit
errtend, die ihrige hinein. Ich mu gestehen, da der Chinese mich, so zu
sagen, gefangen genommen hatte. Nicht nur Alles, was er tat und was er sagte,
sondern auch wie er es tat und wie er es sagte, war so aristokratisch, so
vornehm, ohne jedoch geknstelt oder berhaupt gemacht zu sein. Er hatte jene
seltene Art, zu sprechen, welche bei dem Zuhrer die Ueberzeugung erweckt, da
es gar nicht anders und besser gesagt werden kann, als es gesagt worden ist. Ich
stand nicht an, ihn fr einen Mann zu halten, welcher im stande war, das, was er
beabsichtigte, mit khlster Ueberlegung zu berechnen, und doch hatte er auch
einen so warmen, so aufrichtigen Herzenston, da mir es gar nicht als schwer
erschien, ihm Liebe und Vertrauen zu schenken. Er war Krystall. Ich finde kein
Wort, den Eindruck, den er auf mich machte, deutlicher zu bezeichnen. Und was
fr Kenntnisse mute dieser Mann besitzen! Wenn ich jemals einen Menschen
getroffen hatte, welcher genau wute, was er wollte, und auch des Zeug dazu
hatte, es zu wollen, so war es dieser Chinese hier, der sich so einfach Fu
nennen lie!
    Als er der Dame seine Hand gereicht hatte, erhob er sich, um den Speisesaal
zu verlassen. Sein Sohn folgte dem Beispiele des Vaters, der Mi seine Rechte
hinzustrecken.
    Ich danke Ihnen auch, sagte er. Halten Sie uns nicht fr gelber und fr
sonderbarer, als wir wirklich sind!
    Vor ihrem Vater verbeugten sie sich nur; dann gingen sie fort. Er sah ihnen
nach, bis sie verschwanden; dann meinte er, mit der Hand ber das Tischtuch
streichend:
    Weg! Aufgeblasenheit und Mangel an Einsicht! So, genau so sind die Vlker
kurz vor ihrem Untergange! Wie soll man solche Leute fassen? Wenn der Heide
behauptet, ein Christ zu sein, ist jedem Versuche, ihn zu bekehren, die Kraft
genommen!
    Ich frchte, Vater, da Fu nicht der einzige Chinese sein wird, von dem du
diesen Einwand hrst, bemerkte die Tochter.
    Pshaw! La uns nur erst in China sein! Ich werde von Tempel zu Tempel
ziehen und meine Stimme erschallen lassen, da die Gtzen, die rings an den
Wnden stehen, zittern! Du weit ja, da mir die Macht des Wortes gegeben ist,
welches Felsen zerschmettert! Man wirft uns Amerikanern in neuerer Zeit den
Csarismus vor. Nun wohl, wir bekennen uns zu ihm. Und wie auf uerem Gebiete,
so wollen wir auch auf dem Gebiete des Glaubens Herrscher sein! Schau in die
Weltgeschichte der neuen Zeit! Ueberall, wo eine Eroberung gemacht worden ist,
sind ihr die Boten des Christentums vorangegangen. Wir sind die khnen Pioniere
der geistlichen und infolgedessen auch der weltlichen Macht. Die Diplomatie der
Vereinigten Staaten richtet schon seit einiger Zeit ihren Blick ber den Stillen
Ozean. Wir haben uns auf Inseln festgesetzt; es gilt, nun auch in China besser
Position zu nehmen, als es bisher geschehen ist. Ich werde an dieser Aufgabe
arbeiten und glaube, nicht der unrichtige Mann dazu zu sein!
    Aber, Vater, Liebe, bitte, mehr Liebe mut du zeigen!
    Bemhe dich nicht, klger zu sein als dein Vater ist! Es haben die Tempel
der Heiden in aller Welt zu fallen. Ihre Sulen mssen zerstrt und ihre Mauern
eingestrzt werden. Es darf keinen Allah und keinen Muhamed, keinen Zoroaster,
keinen Brahma, keinen Confucius und Mencius mehr geben!
    Er sprach erregt, erregter, als der ffentliche Ort, an dem er sich befand,
es eigentlich erlaubte. Sie legte ihm begtigend die Hand auf den Arm und bat:
    Sprich leiser! Du bist so unruhig jetzt, gar nicht so still und heiter, so
berlegend und bedchtig, wie du warst, so lange die Mutter lebte. Ich hoffte,
da die Reise dich zerstreuen werde; aber die Heidentempel kommen dir fast gar
nicht mehr aus dem Sinn.
    Sie sprach so eindringlich und so ernst, und ihr Auge hatte dabei einen so
tiefen, dunklen Blick. Sie schien noch besorgter zu sein, als sie sich merken
lassen wollte. Die Wirkung ihrer Worte war keine nachhaltige. Ein Weilchen war
er still oder sprach wenigstens in so gedmpftem Tone, da ich ihn nicht
verstehen konnte. Aber bald war er wieder so deutlich wie vorher geworden. Und,
sonderbar, die Heidentempel bildeten das Thema, auf welches er so oft wie
mglich zurckzukommen strebte, obgleich Mary sich Mhe gab, ihn immer wieder
davon abzubringen. War dies nichts Anderes zu nennen, als nur ein bevorzugter
Gesprchsgegenstand? Lie es sich einfach nur aus seinem Beruf als Missionar
erklren, da dieses Wort sich in seinem Ideenkreise so fest eingenistet hatte?
Oder sollte - -? Nein! Den Gedanken an eine geistige Strung mute ich in
Rcksicht auf eben diesen Beruf von mir weisen. Wer nach China geht, um Heiden
zu bekehren, bei dem ist doch wohl eine vollstndig gesunde Psyche
vorauszusetzen. Jedenfalls aber war im Verlaufe dieses Abendessens mein
Interesse nicht nur fr die beiden Chinesen, sondern auch fr den Amerikaner und
seine Tochter um ein Bedeutendes gesteigert worden.
    Nach Tische lie ich mir den Kaffee, wie gewhnlich, hinaus auf den
elektrisch beleuchteten Vorplatz bringen und sa noch kaum einige Minuten da,
als Waller und Mary das Hotel verlieen, um einen Spaziergang zu machen. Sie
kamen nahe an mir vorber und - ob ich mich irrte, wei ich nicht, aber es war
mir, als ob er schon wieder ber irgend einen Tempel mit ihr spreche.
    Sejjid Omar, der Eselsjunge, stand drben auf seinem Platze. Nach einiger
Zeit band er seinen Esel an und kam herber bis an die breiten Aufgangsstufen,
welche Dienstpersonen, die nicht in das Hotel gehren, nicht ohne Erlaubnis
betreten drfen. Als er den dort befindlichen zweiten Portier um diese Erlaubnis
bat, sah ich, da er nach mir herberzeigte. Sie wurde ihm gewhrt, und dann kam
er auf mich zugeschritten, langsam und wrdevoll wie ein Ambassadeur des
Padischah von Stambul. Vor mir stehen bleibend, kreuzte er die Hnde auf der
Brust, verbeugte sich und grte:
    Guttakk!
    Ich sah ihn fragend an und antwortete nicht.
    Guttakk! wiederholte er, und als ich auch dann noch nichts sagte, besann
er sich eines Besseren und fgte noch eine Silbe hinzu: Guttertakk!
    Er hatte Guten Tag! gemeint.
    Jis'id masak! antwortete ich, ihm dadurch andeutend, da er arabisch
sprechen solle, weil meine Sprachkenntnisse fr sein Deutsch nicht ganz
ausreichend seien. Da er hrte, da ich seiner Muttersprache mchtig war, holte
er erleichtert Atem und erkundigte sich:
    Ich bin Sejjid Omar. Welchen Titel soll ich dir geben, wenn ich mit dir
spreche?
    Man hat mich stets Sihdi4 genannt, antwortete ich.
    Nun wohl, Sihdi; ich hrte von dem Kellner, der dich auf deinem Zimmer
bedient, da du eine sehr lange und sehr weite Reise machen willst und einen
arabischen Diener brauchst, der dich begleiten soll. Es haben sich schon Viele
gemeldet, doch Keiner hat dir gefallen. Wenn Allah will und du stimmst bei, so
gehe ich mit dir.
    Es war so, wie er sagte. Ich wollte zunchst nach dem Sudan hinauf, und
deshalb mute der Betreffende arabisch sprechen knnen.
    Wie kommst denn du dazu, dich mir anzubieten? fragte ich. Bringt dir dein
Esel zu wenig Geld ein? Gefllt es dir nicht mehr in Kairo?
    Ich habe mein gutes Auskommen und bin mit dieser meiner Vaterstadt
zufrieden. Ich wre nie von hier fortgegangen, aber mit dir mchte ich gern
reisen, weil ich dich liebgewonnen habe.
    Liebgewonnen? Weshalb?
    Aus vielen Grnden. Ich sah, da du mich beobachtetest, und erkundigte mich
nach dir. Einer kannte dich. Du bist nicht zum ersten Male hier und nennst dich
im Hotel ganz anders, als du heiest, weil du Bcher schreibst, die von den
Leuten gelesen werden, welche dann zu dir gelaufen kommen und dich stren. Das
willst du nicht. Ich soll den, der mir das sagte, nicht verraten; er reitet oft
auf meinem Esel und hat gemeint, du seist zwar ein Christ, mssest aber ein
besonderer Liebling Allahs sein; er wisse das genau, denn er habe alle deine
Karten gelesen; die Briefe drfen leider nicht geffnet werden.
    Ach! Es ist der alte Ibrahim Effendi auf der Post, der mich freilich schon
seit langer Zeit kennt.
    Maschallah5! Wie kannst du das erraten?
    Du hast von Karten und Briefen gesprochen; er pflegt sie mir gern selbst zu
bringen. Was deinen Wunsch betrifft, so komm morgen frh um acht Uhr auf mein
Zimmer. Ich werde dir Bescheid sagen. Jetzt kannst du gehen.
    Er verbeugte sich, grte und ging, kehrte aber nach einigen Schritten
wieder um und sagte:
    Sihdi, ich will dir meine Bedingungen lieber gleich jetzt sagen!
    So? Du hast Bedingungen?
    Ja. Ich werde dir ein treuer, zuverlssiger Diener und du wirst mir ein
strenger, aber guter Herr sein. Ich wei das ganz genau, denn ich will dir
gestehen, da Ibrahim Effendi mir mehr von dir erzhlt hat, als du denkst. Du
zahlst mir, was du willst; ich bin zufrieden. Du kannst von mir verlangen, was
du willst, ich werde es tun. Aber verlange nichts, was gegen meinen Glauben ist;
la mich keines meiner Gebete je versumen, und sprich nie von deiner Religion!
Ich liebe dich, aber ich liebe nicht das Christentum. Leletak sa'ide - deine
Nacht sei gesegnet!
    Nach diesen Worten drehte er sich um und entfernte sich. Man denke ja nicht,
da ich die Pflicht gehabt htte, ihm wegen der an mich gestellten Wnsche zu
zrnen. Sie waren nicht so unbegrndet, wie man vielleicht denken mag. Um dies
einzusehen, mu man wissen, von welcher Art die Christen sind, auf die sich
Omars Worte bezogen.
    Da sind zunchst die Touristen. Man gehe einmal durch die Scharia Bab el
Hadid nach dem Bahnhofe, um diese Leute bei ihrer Ankunft aussteigen zu sehen.
Sie kommen eigentlich nicht, sondern sie werden gebracht; sie steigen nicht aus,
sondern sie werden ausgestiegen. Sie bilden Cook- oder Stangen-Herden, welche
sich jeder Selbstndigkeit begeben und ihren Hirten zu parieren haben. Sie sind
nicht mehr Personen oder gar Individualitten, sondern einfach Gegenstnde des
betreffenden Reisebureaus. Im Bahnhofe aus- und vor den Hotels wieder abgeladen,
haben sie die Zimmer zu nehmen, die man fr sie bestimmt, zur vorgeschriebenen
Zeit zu essen und zu schlafen, um zwischen diesen Zeiten truppweise auf die
touristische Weide getrieben zu werden. Sie machen den Eindruck der Unwissenheit
und der Hilflosigkeit, und jeder Eingeborene, dessen Dienste sie in Anspruch
nehmen mssen, hlt es fr sein gutes Recht, ihre Unkenntnis mglichst
auszubeuten. Sie mgen sich nun gegen ihn verhalten, wie sie wollen, hflich
oder grob, freigebig oder nicht, auf alle Flle betrachtet er sie als Personen,
die sich mit ihm nicht messen knnen und deren Heimat eine so traurige ist, da
sie weite und kostspielige Reisen machen mssen, um einmal etwas Schneres und
Besseres zu sehen. Er sieht und hrt ihre laute Bewunderung fr Alles, was fr
ihn zu den Alltglichkeiten gehrt; er wird von ihnen als halbes Wunder
photographiert; er steht dabei, wenn sie bei ihren Einkufen fr Dinge, welche
aus Deutschland kommen und dort eine Mark kosten, vielleicht den zehnfachen
Preis bezahlen; kurz, was sie ihm einflen, ist nichts weniger als das Gefhl
der Hochachtung, und wenn sie von Jedermann mit den Worten Bakschisch
angerufen und verfolgt werden, so drfen sie sich nicht etwa denken, da man
unter dieser Gabe ein unverdientes Almosen versteht, sondern sie als einen
Tribut betrachtet, welchen der Einheimische zu fordern berechtigt und der Fremde
aber zu geben verpflichtet ist. Ich habe noch keinen Wirt, Hndler, Fhrer,
Dolmetscher und Eselsjungen gesehen, der nicht berzeugt gewesen ist, diesen
ihrem Erklrer immer hilflos nachlaufenden Christen weit, weit berlegen zu
sein. Und dieses Urteil ist stets ein verallgemeinerndes. Der Orientale braucht
nur einen einzigen Punkt zu bemerken, in Beziehung auf welchen er dem
Abendlnder ber ist, so steht sofort in ihm die Ueberzeugung fest, da dieser
Vorzug auch in jeder anderen Hinsicht vorhanden sei. Natrlich wird diese
falsche Annahme vor allen Dingen auch auf den Glauben ausgedehnt. Der Tourist,
besonders der sogenannte Herdentourist, hat seine Individualitt daheim
gelassen und bringt nichts als nur seine Neugierde und seinen Geldbeutel mit; er
ist ein personifiziertes Bakschisch, welches das Abendland dem Morgenlande
bringt. Dieses Bakschisch zieht dort den Betrug, die Habsucht und die Lge gro,
fliet meist in die Kassen nicht einheimischer Geschftsleute und bringt dem
eigentlichen Oriente wohl keinen, am allerwenigsten aber einen geistigen Nutzen.
Seine Seele aber bleibt nicht unberhrt.
    Das Struben Sejjid Omars war nichts, als eine Aeuerung dieser Seele,
welche sich dagegen emprt, ihre Heiligtmer der fremden Neugierde gegen ein
Trinkgeld von einigen Halbpiastern preiszugeben. Und es fand seine mehr als
gengende Begrndung in dem moralischen Werte oder Unwerte desjenigen
Christentums, welches er kennen gelernt hatte.
    Wer ein scharfes, offenes Auge besitzt, der wird von Alexandrien und Port
Said oder Suez an bis nach Assuan hinauf in unzhligen Fllen die Behauptung
besttigt finden, da berall, wo von einem Gewinn um jeden Preis die Rede ist,
ein Christ die Hand im Spiele hat. Zwar handelt es sich da meist nur um
griechische, levantinische oder berhaupt morgenlndische Christen, aber dem
Mohammedaner ist dieser Unterschied nicht gelufig; Christ gilt als Christ bei
ihm, und der abendlndische hat es sich zunchst gefallen zu lassen, da er
genau so wie der orientalische beurteilt wird. Sejjid Omar war kein dummer
Mensch; er hatte sogar, wie ich spter erfuhr und was bei den dortigen
Verhltnissen selbst fr Eselsjungen mglich ist, einige Jahre lang in der
Azharmoschee Theologie studiert, doch mangelte auch ihm die ntige Einsicht,
Christ von Christ zu unterscheiden. Lernte er in einem Christen zugleich auch
einen guten Menschen kennen, so lag die einzige Lsung dieses Rtsels fr ihn in
der Annahme: Er mu, obgleich ein Christ, ein Liebling Allahs sein, denn Allahs
Sonne scheint ja auf die, die sich von ihm gewendet haben. Die Bedingungen,
welche er mir gestellt hatte, konnten mich keineswegs abhalten, ihn zu
engagieren; sie bildeten vielmehr eine Empfehlung fr ihn. Wer das, was ihm
heilig sein soll, nicht achtet, wird hchst wahrscheinlich kein treuer,
zuverlssiger Diener sein. Ich nahm mir vor, zunchst seine Sattelfestigkeit auf
dem Pferde zu prfen und zu diesem Zweck morgen mit ihm nach Gizeh und dann nach
Sakkara zu reiten. Mancher Eselsjunge, welcher wahre Kunstreiterstckchen
ausfhrt, ist aber, so lange er lebt, nicht auf ein Pferd gekommen und mit der
Behandlung desselben vollstndig unbekannt. Ich brauchte einen Diener, der sich
vor monatelangem Reiten auf jeder Art von Pferden nicht zu frchten hat.
    Kurz nachdem Omar bei mir gewesen war, ging ich auf mein Zimmer, um noch ein
Stndchen zu arbeiten, brachte aber nichts fertig, denn die vier Personen an
meinen Nachbartischen kamen mir nicht aus dem Sinne. Meine Gedanken kehrten
immer wieder zu ihnen und ihrem Gesprch zurck, und besonders war es der
Missionar, der mich in Anspruch nahm, weil ich mir das unerlaubt selbstbewute
Gebaren eines Mannes nicht erklren konnte, dessen Beruf ihn das Wort des
Jesaias htte beherzigen lassen sollen, da die Schritte der Boten, welche auf
den Bergen Gottes den Frieden predigen und das Heil verkndigen wollen, leise
und lieblich zu klingen haben. Ich lie also Papier, Tinte und Feder sein und
legte mich schlafen.
    Ich schlief auch bald ein; aber die Gedanken waren nicht auch eingeschlafen;
sie beschftigten mich im Traume fort. Ich sah diesen Mr. Waller die
verschiedensten und unglaublichsten Arbeiten verrichten, die aber alle
zerstrend waren. Er ri Huser ein, strzte Pfeiler um, schlug Bume nieder und
hatte stets und stets eine Axt, ein Brecheisen oder sonst ein derartiges
Werkzeug in der Hand. Ich sah Kruzifixe stehen, Kapellen, Kirchen, griechische,
indische, assyrische Tempel, Moscheen, Statuen von heidnischen Gttern und
christlichen Heiligen; er schlug sie alle, alle nieder, ohne das Christliche zu
schonen. Er arbeitete wie ein Verrckter, im Schweie seines Angesichts, bis
eine Stimme donnernd rief: Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich! Da brach
er zusammen, und ich erwachte.
    Der Mond schien so hell, da alle Gegenstnde, auch die kleinsten, zu
unterscheiden waren, zur offenen Balkontr herein, und ich war so froh, da ich
nur getrumt und nicht etwas Wirkliches gesehen hatte. Dennoch dachte ich
darber nach. Der Saulusruf pate nicht fr einen christlichen Missionar, aber
wer kann von einem Traume die Ueberlegung verlangen, ob das, was er bringt, auch
passend sei! Ich hoffte, bald wieder einzuschlafen, und schlo die Augen wieder
zu, mute aber gleich wieder an den Traum und seine zertrmmerten Tempel und
Kirchen denken. Da stieg ein warnendes Wort und noch eins in mir auf; beide
gestalteten sich zum Verse, dem sich ein zweiter, dritter und dann auch vierter
zugesellte; sie fgten sich zur gereimten, vierzeiligen Strophe zusammen, und
ich stand auf, um sie niederzuschreiben. Ich hielt diese Strophe fr geeignet,
den Anfang eines Gedichtes zu bilden, welches spter in meine Himmelsgedanken
aufgenommen werden konnte. Als ich im Mondscheine die Zeilen auf das Papier
geworfen hatte, legte ich mich wieder nieder. Die Nachtluft war nach dem Khamsin
des vorigen Tages so erquickend khl, ein Hochgenu, den man im Schlaf nicht
mehr bewut genieen kann, und so nahm ich mir vor, zu der aufgezeichneten
Strophe noch eine zweite, dritte und vierte zu schreiben. Ich zerlegte den
Hauptgedanken in seine Teile und sann ber die Verbindung zwischen ihnen nach,
um zu einer festen, logisch klaren Disposition zu kommen; aber der
unverwstliche, alte und wohlbekannte Papa Morpheus schien sich aus den
Tempeltrmmern meines Traumes heraus- und ber mich hergemacht zu haben, und er
wurde mit mir eher fertig, als ich mit meiner Disposition. Und er gab mich fr
dieses Mal nicht eher frei, als bis ein lautes Klopfen an meiner Tr ihn zwang,
von mir hinweg und nach Griechenland zu eilen, wo im hohen Olymp noch einige
unbeschdigte Tempel stehen sollen, welche die Nachwelt als Auszglerwohnungen
oder Altenteil der einst dort Thronenden zu respektieren hat.
    Ich sah nach der Uhr. Punkt acht! O wehe! Wahrscheinlich stand Sejjid Omar
schon drauen!
    Istan'ni schubai'je - warte ein wenig! rief ich so laut, da er es hren
konnte, und machte mich schnell fertig, ihn hereinzulassen.
    Obgleich ich mich im Zimmer befand, bemerkte ich, da der Khamsin heut noch
schrfer wehte als gestern, wenn auch jetzt am Vormittage noch nicht mit der
erst spter zu erwartenden Hitze. Als ich das Zeichen gab, da der Wartende
kommen knne, trat er ein. Ja, es war Sejjid Omar. Er hatte sein bestes Gewand
angelegt und den Turban aufgesetzt, whrend er fr gewhnlich den roten Tarbusch
6 trug. Das geschah in der Absicht, mir zu zeigen, da die zu besprechende
Angelegenheit fr ihn eine ungewhnlich wichtige sei. Nach Art der Araber,
welchen bei dem hiesigen Klima ein Verschlieen der Wohnrume nicht gelufig
ist, lie er, als er hereingekommen war, die Tr weit offen stehen. Drauen auf
dem Korridore stand wahrscheinlich ein Fenster auf, und da meine Balkontr auch
offen war, so entstand ein Luftzug, dessen pltzlicher Sto so stark war, da er
die auf dem Tisch liegenden Papiere emporhob und eines derselben hinaus auf den
Balkon fhrte, wo es zwar zunchst liegen blieb, aber so lebhaft bewegt wurde
da es jeden Augenblick weiter fliegen konnte. Omar sprang sofort dienstfertig
hinaus. Er hob es auf, betrachtete es und warf es dann in die Luft, die es
wirbelnd mit sich nahm.
    Es stand wohl nichts darauf? fragte ich.
    O ja, es war beschrieben, antwortete er.
    Aber, warum hast du es da nicht hereingebracht, sondern weggeworfen?
    Es war ja nicht arabisch!
    Er sagte das im Tone der unendlichsten Selbstverstndlichkeit, da alles
nicht arabisch Geschriebene fr das ganze Reich der Schpfung vollstndig
gleichgltig und wertlos sei. Dabei lag auf seinem Gesichte eine solche
Befriedigung, als ob es fr mich gar keine Mglichkeit gebe, hierber anders als
er zu denken.
    Hre, Omar, belehrte ich ihn, ich schreibe deutsch, aber trotzdem ist
Alles, was ich geschrieben habe, mehr wert, als wenn zum Beispiel du es arabisch
geschrieben httest. Auch das Papier kostet Geld, und dieses Blatt gehrte mir,
aber nicht dir. Wie kommst du dazu, es wegzuwerfen? Wenn ein Franzose dich mit
einem goldenen Napoleon bezahlt, wirfst du diesen auch weg, nur weil die darauf
zu lesende Schrift nicht arabisch ist?
    Er errtete, was seinem Gesichte bei dessen dunklem Teint eine eigentmliche
Frbung gab, lie die Arme wie ganz kraftlos sinken und hielt den Blick zu Boden
gerichtet. Er besa ein sehr stark entwickeltes Ehrgefhl, und mein Verweis
wirkte bei ihm tiefer, als er bei einem Andern gewirkt htte.
    Sihdi, was soll ich sagen! stie er hervor. Es ist der Wunsch meines
Herzens, dein Diener werden zu drfen, und jetzt, wo ich es noch gar nicht bin
und dich noch nicht einmal begrt habe, mache ich mich schon eines solchen
Fehlers schuldig! Kannst du denn deine Bcher nicht arabisch schreiben, damit
ich, wenn ich die Bltter liegen sehe, gleich lesen kann, ob sie wichtige sind
oder ob ich sie wegwerfen darf?
    Du hast in Zukunft nichts, gar nichts wegzuwerfen, sondern grad die von mir
beschriebenen Bltter mit der grten Sorgfalt zu behandeln! Sie sind mehr Geld
wert, als du denkst!
    Maschallah! So habe ich Geld weggeworfen?
    Wahrscheinlich. Ich werde dann nachsehen, was mir fehlt.
    So verzeihe mir, Sihdi! Oder, ich werde auch etwas auf ein Blatt schreiben;
das wirfst du weg, und dann sind wir quitt!
    Das war im vollsten Ernst gesagt. Ich konnte natrlich gar nicht anders, ich
mute herzlich lachen. Das gab ihm wieder Mut. Er hob die Arme und den Blick
wieder empor und fragte:
    Was hast du ber meinen Wunsch, mit dir zu gehen, beschlossen?
    Kannst du reiten?
    Ja.
    Auch zu Pferde?
    Ja; prfe mich! Ich wei vom alten Ibrahim Effendi, was fr Ritte du schon
hast machen mssen. Du wirst mich brauchbar finden.
    So komm am Nachmittag um drei Uhr wieder. Ich werde Pferde besorgen. Wir
reiten nach Gizeh und morgen nach Sakkara, Bedraschehn und vielleicht auch nach
Heluan. Aber denke nicht, da wir uns auf Touristenwegen halten werden! Wie du
reitest, und wie bald oder spt du ermdest, davon wird es abhngen, ob dein
Wunsch erfllt wird oder nicht.
    Da holte er tief Atem und versicherte in frohem Tone:
    Hamdulillah!7. Ich werde dein Diener sein; ich wei es ganz gewi! Hast du
jetzt noch einen Befehl fr mich?
    Nein. Du kannst gehen.
    Allah jesallimak - Gott segne dich!
    Er griff nach meiner Hand, beugte sich zu ihr nieder und drckte sie an
seine Lippen. Das geschah in einer Weise, der man es ansah, da ihm diese
herzliche Art der Ehrenerweisung ganz und gar nicht gelufig sei. Ich war
geneigt, sie ihm hoch anzurechnen. Wenn ein Araber, der so wie dieser Sejjid
Omar um die Erfllung seiner religisen Pflichten besorgt ist, einem Christen
die Hand kt, so ist ganz gewi sein Herz dabei im Spiele. Da Omar ein
gewhnlicher Eseltreiber war, kann nichts an dieser Sache ndern; da gibt es
keinen Unterschied, sondern da handelt der Niedrigste genau so wie der Hchste.
Aber wie kam gerad ich, der ich doch vor gestern abend nie mit ihm gesprochen
hatte, zu dieser ganz besonderen Zuneigung? Der alte Ibrahim Effendi kannte mich
ziemlich genau und mochte viel von mir erzhlt haben; aber auch das war fr mich
noch kein hinreichender Grund. Wahrscheinlich lag dieser in irgend einem
Umstande, den ich gar nicht beachtet und also wohl vergessen hatte.
    Als er fort war, sah ich nach den Papieren auf dem Tische. Zunchst glaubte
ich, da kein beschriebenes fehle; dann aber dachte ich an die vier Zeilen,
welche ich heute Nacht geschrieben hatte, und bemerkte nun, da diese fehlten.
Das war mir fatal, denn ich konnte nun nachdenken, so viel ich wollte, so war es
mir unmglich, mich der Strophe so, wie sie gewesen war, genau zu entsinnen. Ich
erinnerte mich zwar des Hauptgedankens, da es dem Christen nicht zieme, Tempel
zu entweihen, da selbst auch dem heidnischen Gtterdienste eine von der Erde
emporhebende Idee zu Grunde liege, welche zu achten sei und nicht entheiligt
werden drfe; aber dieser Sinn wollte absolut nicht so leicht, ungezwungen und
rein in die Reime flieen, wie er es in den verloren gegangenen Zeilen getan
hatte.
    Ich trat also hinaus auf den Balkon, von welchem man den ganzen, groen
Vorplatz bersehen konnte; aber es war leider nirgends ein Papier zu sehen. Der
krftige Wind hatte es wohl in die Scharia Kahmel oder hinber nach dem Platze
Ibrahim Pascha getrieben.
    Nun ging ich hinunter, um das Frhstck einzunehmen. Im Bureau lie ich nach
dem Menahouse-Hotel in Gizeh um das Zimmer telephonieren, welches ich zu
bekommen trachte, so oft ich drauen bin. Es fhrt aus demselben eine gut
verschliebare Tre direkt ins Freie, so da man zu jeder Tages- und auch
anderer Zeit nach den Pyramiden gehen kann, ohne von den anderen Gsten beachtet
zu werden, oder den Schlieer belstigen zu mssen. Es wurde mir zugesagt.
    Im Speisesaale angekommen, sah ich, da die Chinesen schon gefrhstckt
haben muten. Sie waren nicht da, aber das gebrauchte Geschirr stand noch auf
ihrem Tische. An dem zu meiner andern Hand sa Mr. Waller ganz allein. Er hatte
die leere Tasse vor sich, sah hchst gelangweilt aus und schien auf seine
Tochter zu warten. Als der Kellner mich bediente und dabei an ihm vorberging,
fragte er ihn nach Monsieur Fu und Monsieur Tsi.
    Stehen eben im Begriff, abzufahren, lautete die Antwort.
    Was? Sie reisen ab?
    Nein. Sie bleiben noch fr lngere Zeit hier, um die Umgebung Kairos ebenso
genau wie die Stadt selbst kennen zu lernen. Heut wollen sie nach Gizeh. Sie
schlafen in Menahouse und gehen morgen nach den Pyramiden von Sakkara.
    Das interessierte nicht nur den Missionar, sondern auch mich. Ich hatte also
Gelegenheit, sie heut und morgen an den angegebenen Orten zu sehen, und nahm mir
vor, einer etwaigen Gelegenheit, mit ihnen dort zu verkehren, nicht aus dem Wege
zu gehen.
    Nach einiger Zeit kam Mary, und ihr Vater lie servieren. Ich erfuhr, ohne
die Absicht zu hegen, sie zu belauschen, da die Mi von einem Ausgange
zurckkehrte. Sie hatte einige kleine Einkufe gemacht. Als die Gegenstnde
betrachtet worden waren, teilte ihr der Vater mit, da die Chinesen nach den
Pyramiden seien, und fragte sie, ob sie nicht Lust habe, heut auch
hinauszufahren. Sie schien nicht sehr dafr gestimmt zu sein, vermutlich aus
Rcksicht auf Fu und Tsi, auf welche es ihr Vater wahrscheinlich wieder
abgesehen hatte; aber sie war gewhnt, sich seinen Wnschen zu fgen, und so
beschlossen sie, seinen Gedanken auszufhren und gleich nach Tisch und trotz der
dann groen Hitze hinauszufahren.
    Die ble Laune Mr. Wallers schien durch diese Fgsamkeit der Tochter gehoben
worden zu sein. Er begann, gesprchiger zu werden, und nun, wo ich meine
Aufmerksamkeit nicht zu teilen brauchte, wie gestern, fiel mir an ihm ein
eigentmliches, nervses, ich mchte fast sagen ngstliches Springen von einer
Idee auf eine andere, ihr vllig fremde, auf. Es war, als ob sich seine Psyche
auf der Flucht vor einer anderen, aber auch in ihm lebenden, befinde. Das war
ein ruheloses Haschen und Jagen von einem Gegenstande zum andern. Er erwhnte
seine verstorbene Frau, die er sehr lieb gehabt zu haben schien, auffllig oft
und unterlie es natrlich nicht, auch von seiner zuknftigen Missionsttigkeit
zu sprechen. Als ihn das mit unfehlbarer Sicherheit auf die einzustrzenden
Sulen und Tempel brachte, fiel ihm die Tochter in die Rede. Sie griff in die
Tasche, zog ein zusammengefaltetes Papier heraus und sagte:
    Ich habe dir etwas mitzuteilen, was hierauf Bezug hat, lieber Vater. Du
sagst, da Alles, was an eine andere Verehrung als unseres christlichen Gottes
erinnere, fallen msse, und magst vielleicht Recht haben. Mir ist, wie du weit,
dieser Gedanke als zu streng erschienen, denn ich halte diesen Dienst fr das
ganz natrliche und noch unbewute Lallen der Menschheit in ihrem frhesten
Kindesalter. Nun habe ich hier einige Zeilen, die sich in ganz eigener Art und
Weise mit dieser unserer Streitfrage beschftigen.
    Wer hat sie geschrieben?
    Das wei ich nicht.
    Also wohl gedruckt? Ein Blatt aus einem Buche?
    Nein. Es ist geschrieben; eine vierzeilige Strophe, welche ich fr den
Anfang eines Gedichtes halte.
    Du mut doch wissen, von wem du sie hast!
    Vom Winde! lachte sie mit ihrer lieben, tiefen Stimme, indem sie das Blatt
hoch emporhob und die Bewegungen nachahmte, mit denen ihr das Papier zugeflogen
war. Als ich vorhin fortging, brachte er es mir zugetrieben und legte es mir
fast gerad vor die Fe hin. Ich hob es auf, da es so rein und sauber war, und
las die Zeilen, welche darauf stehen. Denke dir meine Verwunderung, als ich sah,
da sie sich gerad mit deinem Hauptthema beschftigen. Willst du sie hren?
    Er nickte und sie las:

Tragt Euer Evangelium hinaus,
Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden,
Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus,
So stehe es fr Euch im Vlkerfrieden!

    Sie hatte langsam und so gelesen, da man hrte, ihr Herz stimme diesen
Worten bei. Dann blickte sie ihren Vater fragend an. Wenn ich der Ansicht
gewesen war, da er aufbrausen werde, so hatte ich mich geirrt. Er sa still,
ganz still da und sagte zunchst kein Wort. Dann legte er die Hnde auf der
Kante des Tisches zusammen und forderte sie in beinahe bittendem Tone auf:
    Lies noch einmal, Mary!
    Sie folgte seiner Aufforderung:

Tragt Euer Evangelium hinaus,
Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden,
Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus,
So stehe es fr Euch im Vlkerfrieden!

    Und wieder wurde es still. Mary sah, da diese ihr vom Winde zugewehten
Zeilen auf ihren Vater eine Wirkung ausbten, die sie wohl nicht erwartet hatte,
und htete sich, diese Wirkung zu unterbrechen. Und er sa mit gefalteten Hnden
da, ohne sich zu bewegen. Seine Augen sahen geradeaus, wie in eine weite, nur
ihm bekannte Ferne. Im Saale ging und kam man hin und her; Tassen und Teller
klirrten, Messer und Lffel klapperten; es wurde viel und laut gesprochen, doch
das Alles schien ihn nicht zu stren. Er beachtete nicht, da das Frhstck noch
fast unberhrt vor ihm stand, denn er hatte bisher weit mehr gesprochen als
gegessen oder getrunken. Er hrte es auch gar nicht, da der Kellner, an ihm
vorberstreichend, ihn nach etwaigen Wnschen fragte. Er schien, mit einem
bezeichnenden Worte gesagt, geistig vollstndig abwesend zu sein.
    War ich berrascht gewesen, das verloren gegangene Blatt in Marys Hand zu
sehen, so war ich es nun fast noch mehr ber den Eindruck, den es gerad auf den
Mann machte, welcher die eigentliche Ursache war, da ich es beschrieben hatte.
Es war ganz selbstverstndlich, da ich schweigen, am allerwenigsten aber es
zurckverlangen wrde. Ich hatte ja nun seinen Inhalt wieder, den ich mir nicht
einmal zu notieren brauchte, denn das zweimalige Vorlesen war mehr als
hinreichend, ihn mir so einzuprgen, da ich ihn nicht wieder vergessen konnte.
    Da endlich regte sich der Amerikaner wieder. Er sah sich im Saale um, als
msse er sich besinnen, wo er sei; dann fragte er in einem fr ihn gewi
ungewhnlich weichen Tone:
    Und dies hat dir der Wind gebracht, wirklich nur der Wind?
    Ja, mein lieber, lieber Vater!
    Ich sah, da ihre Augen feucht zu werden begannen.
    Ich denke, fuhr er fort, an den hundertunddritten Psalm und an das erste
Kapitel des Buches an die Hebrer; es kann auch der hundertundvierte Psalm sein;
ich wei es nicht genau. Dort steht geschrieben: Er macht seine Engel zu Winden
und seine Diener zu Feuerflammen. Steht kein Name auf dem Blatte? Keine
Seitenzahl? Gar nichts, woraus man schlieen knnte, wem oder wohin es gehrt?
    Gar nichts, Vater.
    So drfen wir es also als unser Eigentum betrachten und wollen es aufheben
fr - - fr sptere Zeit, wo wir es vielleicht brauchen.
    Willst du es haben?
    Nein; behalte es! Und wenn - - wenn - - - wenn ich wieder einmal lieblos
von denen spreche, die ich Heiden nenne, so sage mir die beiden letzten Zeilen:
Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus, so stehe es fr Euch im Vlkerfrieden. Ich
denke, das wird gut fr Etwas sein, was in mir ist, was siegen will und doch
nicht siegen kann.
    Es trat wieder eine Pause ein, nach welcher Mary die Vermutung aussprach:
    Der Verfasser ist wahrscheinlich ein Deutscher. Und weil ich das Blatt
innerhalb der Vorstufen zum Hotel fand, so nahm ich an, da er hier wohnt und es
im Kommen oder Gehen drauen verloren hat. Ich erkundigte mich darum vorhin bei
meiner Rckkehr im Bureau, ob vielleicht ein deutscher Dichter hier logiere, und
habe eine verneinende Antwort erhalten.
    Mag der, welcher es geschrieben hat, sein, wer und was er sei, er wird den
kleinen Verlust entweder aus dem Konzepte oder aus dem Gedchtnisse leicht
wieder ersetzen knnen. Er bekommt das Blatt nicht wieder, und selbst wenn er
mir bekannt wre, wrde ich ihn bitten, es behalten zu drfen. Ob die Zeilen als
Gedicht gut sind, das wei ich nicht; ich bin kein Kritiker; aber der Inhalt ist
fr mich von Wert, und im Ausdruck liegt Etwas, dem ich nicht widerstehen kann.
Ich bin so alt geworden und habe doch nie und nicht gewut, wie sich ein
schnes, liebes, reines, klares Wort so schnell und tief ins Herz
hinunterheimeln kann! Und Eins noch ists, was ich dir sagen mu, mein Kind.
    Aber er sagte es noch nicht, sondern er legte, das Gesicht seiner Tochter
zugewendet, den Ellbogen auf den Tisch, den Kopf in die Hand, sah sie liebevoll
prfend an, machte dann die Augen zu, als ob er sich etwas zu vergegenwrtigen
habe, und sprach erst hierauf weiter:
    Du bist deiner Mutter so beraus hnlich, uerlich und innerlich, und das
hat mich ber ihren Verlust, wenn auch nicht beruhigt, aber doch getrstet. Sie
ist mein Engel gewesen, und du glaubst ja, da sie heut ebenso wie frher bei
uns weilt. Ich wei, da ich ein streitbarer Theologe bin, vielleicht
streitbarer, als die Bibel will, und es ist stets das Hauptbestreben der Toten
gewesen, dieses mein aggressives Wesen zu mildern. Sie warnte mich vor China,
und als ich trotzdem meine Absicht, dorthin zu gehen, nicht aufgab, trbte sich
die Zeit, welche, fr uns so schrecklich unerwartet, die letzte ihres Lebens
sein sollte. Als ich an ihrem Todestage zum letzten Male mit ihr allein war, -
du hattest drauen mit dem Arzt zu sprechen - mute ich ihr die Erfllung ihres
Abschiedswunsches geloben. Ich tat es, indem ich ihre Hand in die meine nahm,
und dann sprach sie ihn aus: Sei stets ein echter Christ, und halte Frieden! Und
nun trgt heut der Wind dir fast genau dieselben Worte zu! Deine Stimme gleicht
der ihrigen, und als du vorhin diese Zeilen lasest, da tauchte pltzlich ihr
Sterbezimmer vor mir auf und - - -
    Weiter hrte ich nichts, oder vielmehr weiter wollte ich nichts hren. Die
anderen Gste saen drin im eigentlichen Saale und wir, durch Sulen von diesem
getrennt, allein im Seitenraum; sie brauchte er also nicht zu beachten. Aber
mein Tisch stand dem seinen so nahe, da ich seine Worte hren mute, wenn ich
auch nicht wollte. Mochte er mich nun wirklich fr einen Franzosen halten, der
nicht deutsch verstand, oder galt ich als Fremder faktisch fr ihn als gar nicht
vorhanden, jetzt durfte mir das nicht mehr gleichgltig sein. Er berhrte eine
Angelegenheit von solcher Diskretion, da es mir meine Pflicht verbot, noch
lnger zuzuhren. Ich stand also auf und ging, wobei ich zu meiner Genugtuung
bemerkte, da er nicht die mindeste Notiz davon nahm.
    Hatte ich gestern gemeint, da er vielleicht ein ganz guter Mensch sei, so
war mir dieses Vielleicht jetzt zur Gewiheit geworden. Nur wohnte und wirkte
leider ein Dmon in ihm, der ihn selbst um den Frieden brachte, den er Andern
doch so gern geben wollte; er hatte ihn ganz richtig als Agressivitt
bezeichnet. Dieser Teufel ist es, der Menschen, Korporationen und Vlker immer
vorwrts drngt, um neuen Raum zu gewinnen, dabei aber auf dem alten,
wohlerworbenen keinen Frieden und keinen Segen aufkommen lt!
    Whrend des Mittagessens wurde es mir nicht schwer gemacht, diskret zu sein,
denn meine Nachbarn sprachen auerordentlich wenig. Spter bemerkte ich von
meinem Fenster aus, da sie einen Hotelwagen bestiegen, um den beabsichtigten
Ausflug zu unternehmen.
    Punkt drei Uhr klopfte Sejjid Omar an meine Tr. Die Pferde wurden schon
bereit gehalten; wir konnten aufbrechen. Natrlich beobachtete ich ihn schon
beim Aufsteigen. Das ging so leicht und glatt von statten, als ob es seine
tgliche Gewohnheit sei. Auch hielt er sich eine volle Pferdelnge hinter mir,
was ich dadurch belohnte, da ich ihn aufforderte, an meine linke Seite
heranzukommen. Ich konnte ihn doch nicht beobachten, wenn ich ihm vorausritt. Er
hielt sich nun still und ruhig neben mir, ohne, was ein Anderer wahrscheinlich
versucht htte, mir zeigen zu wollen, da er sein Pferd zu beherrschen verstand.
Doch wurde, als wir uns dem Kasr en Nil nherten, der Straenverkehr trotz der
Hitze ein so lebhafter, da ich leicht Gelegenheit fand, ihn, ohne da er es
bemerkte, auf die Probe zu stellen. Die uns begegnenden Wagen, Reiter, Kamele
und Fugnger bildeten mir willkommene Hindernisse, und ich wich ihnen in einer
Weise aus, welche es einem mittelmigen oder gar schlechten Reiter sehr schwer
gemacht htte, nicht von mir abzukommen; er aber berwand diese Schwierigkeiten,
ohne da er sie zu bemerken schien.
    Nachdem wir die Nilbrcke passiert hatten, ging es im Trab. Er sa wie
angegossen. Jenseits des Museums, als wir das bekannte Eckcaf hinter uns
hatten, muten wir wieder langsam reiten, denn es begegneten sich da zwei Reihen
aneinander gebundener Lastkamele, zwischen denen, gerad als ein Doppelwagen der
Tramway von Gizeh kam, sich eine Schar schwatzender Fellachenfrauen befand,
welche Krbe auf ihren Kpfen trugen. Das gab wahrscheinlich einen kritischen
Augenblick.
    Wie gedacht, so geschehen! Die Tramway erschreckte die Kamele; sie blieben
stehen; das eine zerrte nach rechts, das andere nach links; dieses stand lang
und jenes quer, und da sie zusammengebunden waren, so entstand fr einige Zeit
ein straenbreites Hindernis von blkenden Kamelen und schreienden Weibern, in
deren Mitte wir steckten.
    Komm, Omar!
    Mit diesem Rufe drngte ich mein Pferd zwischen zwei Frauen hindurch, hinter
denen zwei Kamele so standen, da sie eine schmale Lcke bildeten, welche durch
den sie verbindenden Strick geschlossen war. Ich nahm mein Pferd hoch und kam
glcklich ber den Strick hinweg. Die Frauen kreischten; die Kameltreiber
schimpften; Omar aber lachte frhlich auf und nahm das Hindernis ganz in
derselben Weise. Das war fr dieses Mal genug, und es handelte sich nur noch
darum, seine Ausdauer kennen zu lernen.
    Auf der Strae von Kairo nach den Pyramiden kommt man an zwei
Fellachendrfern vorber, welche links liegen. Rechts dehnen sich grne Flchen
aus, welche von Kanlen bewssert werden. Die Pyramiden hat man gerade vor sich
liegen. Sie erscheinen von Weitem als dreieckige Flchen, treten aber, je mehr
man sich ihnen nhert, um so plastischer hervor. Das Menahouse-Hotel liegt am
Fue derselben. Es fhrt von ihm aus ein ziemlich breiter, auch fahrbarer Weg
hinauf, welcher, um nicht vom Sande verschttet zu werden, zu beiden Seiten mit
Mauern versehen ist. Er gleicht einem Hohlwege, weil der Sand die Hhe der
Mauern erreicht. Auf dieser Hhe gibt es keinen eigentlichen Weg, doch fhrte
aus dem von mir bestellten Zimmer eine Tr heraus auf sie, und man konnte da,
allerdings nur ber ungebahntes Gerll, direkt nach den Pyramiden kommen, ohne
unterwegs von den in dem Hohlwege befindlichen Passanten gesehen zu werden. Es
ist nicht ohne Absicht, da ich diesen Umstand besonders in Erwhnung bringe.
    Am stlichen Fue der Pyramiden liegt das arabische Dorf el Kafr, dessen
Bewohner, von den Touristen vollstndig verdorben, in rcksichts- und
charakterloser Aufdringlichkeit das Menschenmglichste leisten. Sie halten,
vereinzelt aufgestellt, schon in weiter Entfernung von den Pyramiden auf der
Strae Wache, um ber die aus der Stadt kommenden Fremden herzufallen und, wenn
sie auch nicht engagiert werden, doch wenigstens ihre falschen Mnzen, geschickt
nachgemachten Skaraben und andere wertlose Imitationen an den Mann zu bringen.
    Heut sah ich keinen einzigen von ihnen auf der Lauer stehen. Es mute irgend
ein Grund vorhanden sein, der sie abhielt, ihrer eintrglichen Herumlungerei
jetzt obzuliegen. Ich erfuhr ihn sogleich, als ich das Hotel erreichte. Die
gestern auf dem Platze Ibrahim Pascha beobachteten fremden Pilger waren heut
heraus nach den Pyramiden gezogen, um ihnen, die fr den Wstenbewohner noch
grere Wunderwerke als fr uns zivilisierte Menschen sind, einen Besuch
abzustatten. Sie hatten in das Hotel eindringen wollen, waren aber abgewiesen
worden, was freilich mit der allergrten Vorsicht hatte geschehen mssen, um
ihre Rachgier nicht herauszufordern. Der mich nach meinem Zimmer fhrende
Kellner teilte mir lachend mit, da man mit einigen wie zufllig
vorbergetragenen, gerucherten Wrsten und Schweineschinken diesen Zweck sehr
schnell und ohne alle blen Folgen erreicht habe. Die ber diesen Anblick ganz
entsetzten Mohammedaner waren schreiend davongelaufen und hatten es nun ganz
gewi aufgegeben, das fr sie jetzt fr verpestet geltende Haus zu betreten. Sie
hatten dann zunchst el Kafr einen Besuch gemacht, um sich Nahrungsmittel zu
erbetteln, und waren dann nach dem Granittempel gestiegen, um an der Sphinx
vorber nach der Cheopspyramide zu kommen und diese zu besteigen. Natrlich
hatte sich Alles, was in Kafr wohnte und laufen konnte, diesen Pilgern
angeschlossen, welche im Bahr bela Ma8 zwischen Setrah und dem Dschebel Burgheh
zu Hause waren.
    Es verstand sich nun eigentlich ganz von selbst, da es keinem der Bewohner
oder Gste des Hotels einfallen konnte, nach den Pyramiden zu gehen, solange
sich diese fanatischen Menschen oben befanden, doch als ich mich nach den beiden
Chinesen erkundigte, erfuhr ich, da sie hinauf gegangen seien, und Mr. Waller
war ihnen mit seiner Tochter spter nachgefolgt.
    Welch eine Unvorsichtigkeit! Freilich nur von dem Amerikaner, denn als die
Chinesen aufgebrochen waren, hatten sich die Pilger noch nicht eingestellt
gehabt; Waller aber war erst nach deren Ankunft weggegangen und durch keine
Warnung von diesem Wagnisse abzuhalten gewesen. Es war mir ganz, als ob ich
ihnen folgen msse, doch konnte ich dadurch leicht den Anschein erwecken, als ob
ich fr sie ein greres Interesse besitze, als sie mir erlauben wollten, und so
unterlie ich es. Ich ffnete die erwhnte Tr meines Zimmers; nahm einen Stuhl
mit hinaus und sa nun oben auf dem hoch aufgewehten Sande. Der tief in
demselben eingeschnittene Weg nach den Pyramiden lag so weit von mir entfernt,
da ich seinen Grund nur an derjenigen Stelle sehen konnte, wo er einer Krmmung
nach links herber folgte.
    Der eigentliche Krper der Pyramiden wurde in Stufenform aufgebaut und dann
mit einer platten Bekleidung belegt, unter welcher die Stufenform verschwand.
Von dieser Bekleidung ist jetzt nur noch an der Spitze der zweiten, derjenigen
des Chefren, ein Rest zu sehen, whrend von der Cheopspyramide die Spitze ganz
verschwunden ist, wodurch sich oben eine vielleicht zehn Quadratmeter groe
Flche gebildet hat, zu welcher man von der nordstlichen Kante aufsteigen kann,
weil dort die vielleicht einen Meter hohen Stufen am gangbarsten sind. Der
Aufstieg geschieht gewhnlich mit Hilfe dreier Beduinen, von denen zwei stets
voran sind, um zu ziehen, whrend der Dritte schiebend hinterher zu folgen hat.
    Ist man oben angelangt, so hat man, in umgekehrter Richtung der Aussicht vom
Dschebel Mokattam, nach Osten zu das Grn des kanalisierten Landes in der Nhe,
die Stadt aber in ziemlich weiter Ferne liegen. Nach Nordwest, West und Sd
dehnt sich die Wste mit ihren braungelben Sandflchen, aus denen hungernd und
drstend nackte Klippen ragen. Nach Sdwest steigen die andern Pyramiden auf;
tief unten aber schaut die Sphinx nach Osten, doch kann sie den Aufgang der
Sonne nicht mehr sehen, weil der Sand von Jahrhunderten rund um sie her so hoch
gewachsen ist, da es fr sie einen Morgen nicht mehr gibt.
    Der Name Sphinx ist fr die gyptischen Steingebilde falsch angewendet; er
ist griechisch, und sie aber hatten mit der thebaischen Tochter des Typhon und
der Schlange Echidna nichts zu tun. Sie hieen bei den Aegyptern Neb, d.i.
Herr. Ihre aus dem Felsen herausgewachsene, fr unzerstrbar gehaltene und in
majesttischer Einfachheit und Gre vor den Tempeln ruhende Vereinigung der
Tier- mit der Menschenform sprach wohl auch ein tiefes, schweres Rtsel aus,
fgte aber, sie durch sich selbst verratend, sogleich die Lsung hinzu, da nur
die aus dem Geist geborene Kraft die Welt regiere. Materialisten also waren die
alten Aegypter nicht, und gerade darum gelang es ihnen, den Stoff selbst in
seiner gewaltigsten Schwere mit Hilfe der einfachsten Gesetze zu beherrschen.
    Wo Sejjid Omar jetzt war und was er tat, das wute ich nicht. Er hatte mich
bei unserer Ankunft gefragt, was er nun vornehmen solle, und von mir den
Bescheid erhalten, da er die Pferde gut zu versorgen und sich erst am Abend
wieder bei mir zu melden habe. Jetzt brauchte ich ihn ja nicht; heut Abend aber
sollte er mich begleiten; ich wollte beim Mondschein einen lngeren Spaziergang
nach den Pyramiden unternehmen.
    Da standen sie vor mir, so nahe und doch so fern.
    Nur drei Minuten trennten mich von der mir nchsten, der groen, und doch
waren es eigentlich nicht drei Minuten, sondern viertausend und neunhundert
Jahre. Die Gestalten der Araber, welche ich deutlich an ihr auf- und
niederklettern sah, so pygmisch, so ameisenwinzig, sie gehrten diesen drei
Minuten an. Was bleibt nach ihrem Tode von ihnen brig?! Aber das Andenken
derer, welche diese Quadern aufeinander trmten, es ist nach fast fnftausend
Jahren noch nicht vergessen. Ihr Leben ist nicht spurlos an der Welt und an den
Tafeln der Geschichte vorbergegangen. Und doch sind diese fnftausend Jahre im
Verhltnis zu der Ewigkeit auch nichts Anderes als diese drei Minuten, und wenn
die groe Frage kommt, welche ein Jeder einst zu beantworten hat, wird Cheops
wahrscheinlich um keinen Zoll grer sein als einer der Beduinen, welche die
Perspektive mir jetzt so zwerghaft erscheinen lie.
    Indem ich zu ihnen hinaufschaute, glitt mein Auge auch ber die Stelle des
Weges, welche, wie schon bemerkt, die einzige war, die ich sehen konnte. Da kam
Jemand sehr eilig herabgelaufen. Obgleich ich ihn nur einen Moment sehen konnte,
erkannte ich doch Sejjid Omar in ihm. Er lief so schnell, da sein langes Gewand
hinter ihm her wehte. Es mute etwas fr ihn sehr Wichtiges sein, was ihn, der
in allen seinen Bewegungen so gern die ihm eigene Wrde zeigte, jetzt
veranlate, es so auerordentlich eilig zu haben. Nur wenige Schritte nach links
von mir ging die Sandhhe, auf welcher ich mich befand, in das platte Dach eines
zum Hotel gehrigen Nebengebudes ber. Von diesem aus konnte ich Omar aus dem
tief eingeschnittenen Wege herauskommen sehen. Ich ging hin und schaute hinab.
Auf dem Vorplatze saen und standen viele Herren und Damen, welche diesen
Aufenthalt den schwlen, dumpfen Zimmern vorgezogen hatten. Omar hemmte seine
Schritte nicht, sondern rannte zwischen ihnen hindurch, ohne daran zu denken,
da ihm seine direkte Abstammung vom Propheten bei dieser Art von Schritten
hchst wahrscheinlich nicht angesehen werden knne. Ich ging nach meinem Zimmer
und hatte es kaum erreicht, so hrte ich ihn auch schon klopfen. Er wartete
meine Antwort gar nicht ab, sondern trat ein, lie die Tr ganz
selbstverstndlich offen stehen und sagte, indem er mit dem Atem rang:
    Sihdi, es wird ber sie Gericht gehalten. Du mut sofort kommen und ihren
Fakih9 machen!
    Von wem redest du? fragte ich.
    Von den Chinesen. Sie sind gute Menschen und wohnen in demselben Hotel mit
dir. Ich hoffe, da dies genug Grnde fr dich sind, ihnen beizustehen!
    Ich bin kein Fakih. Wer klagt sie an? Was haben sie getan?
    Sie haben den Amerikaner in Schutz genommen, dem es wahrscheinlich an das
Leben gehen wird. Das geschieht ihm recht! Du hast es ja gesehen, wie er mein
Gebet unterbrochen hat!
    Weshalb soll es ihm an das Leben gehen?
    Das erzhle ich dir unterwegs; komm nur schnell, sonst wird es vielleicht
zu spt, dich der Chinesen anzunehmen!
    Er fate mich am Arm, um mich mit sich fortzuziehen. Ich wehrte ihn ab und
sagte:
    Beherrsche dich! Man kann durch zgerndes Ueberlegen weiter kommen als
durch bermige Eile. Erzhle, wenn auch kurz, aber Alles, was geschehen ist.
    Er versuchte, seinen fliegenden Atem zu beruhigen, und folgte meiner
Aufforderung:
    Als ich die Pferde in den Stall geschafft und ihnen Futter gegeben hatte,
ging ich hinauf nach den Pyramiden. Ich wollte die fremden Mekkapilger sehen,
vor denen ich mich nicht zu scheuen brauche, weil ich weder Christ noch Jude,
sondern nicht nur Moslem, sondern sogar Sejjid Omar bin. Ihre Gewnder sind zwar
whrend der weiten Reisen zerrissen und sehr, sehr schmutzig geworden, aber das
hindert nicht, da diese Beduinen vom Bahr bela Ma sehr fromme Mnner sind,
welche Mekka gesehen haben und viel von ihm erzhlen knnen. Als ich kam, waren
sie dabei, die groe Pyramide zu besteigen. Da aber auf der Hhe derselben nur
gegen dreiig Personen stehen knnen, mute dies in Abteilungen geschehen. Es
dauerte sehr lange, ehe die erste wieder herunterkam. Mit dieser ging ich nach
der Sphinx hinunter, denn sie sollte auch bestiegen werden. Du weit, da man da
am Granittempel vorberkommt. Indem wir dies taten, hrte ich Stimmen in dem
Treppengang desselben, achtete ihrer aber nicht. Htte ich gewut, wer es war,
so wre ich hineingegangen, um sie zu warnen.
    Wer war es denn? unterbrach ich ihn.
    Die beiden Chinesen, der Amerikaner und seine Tochter. Wir stiegen alle auf
den Rcken des Sphinx, von wo aus einige der jungen Leute von el Kafr gegen ein
Bakschisch auch noch auf den Kopf zu klettern pflegen, was so gefhrlich ist,
da ich nicht versuchen mchte, es nachzumachen. Einer von ihnen fhrte dieses
Kunststck aus, und der Schech der fremden Pilger behauptete, es ihm nachmachen
zu knnen. Man glaubte es ihm nicht; es wurde hin und her gestritten und ihm
schlielich eine Wette angeboten, auf welche er einging. Er zog seinen Mantel
aus und nahm auch sein Hamal vom Halse, weil es whrend des Kletterns leicht
beschdigt werden konnte. Die Schnur, an welcher es hing, war zu eng, sie ber
den Kopf zu bringen. Er zog zu sehr; sie zerri, und da er sie nicht festhielt,
flog das Hamal seitwrts auf den Boden nieder, wo sich der Fels nach unten
rundet. Es glitt weiter und fiel in die Tiefe hinab.
    Das hat nichts zu sagen. Die Hamals werden in Futteralen getragen, und
unten gibt es lockeren Sand; das Buch wird also nicht beschdigt worden sein.
    Das ist richtig; aber hre, was gleich weiter geschah! Der Schech kmmerte
sich jetzt nicht um sein Hamal, welches er sich dann ja holen konnte; er dachte
nur an seine Wette. Es war ausgemacht worden, da noch einmal Jemand von el Kafr
hinaufzuklettern habe, damit der Fremde sich die Stellen merken knne, wo die
Finger und die Zehen einzusetzen sind. Diese Bedingung wurde auch erfllt. Es
gab also bis zum Austrag der Wette ein zweimaliges Hinauf- und wieder
Herunterklettern. Das dauerte natrlich lange, weil jede Bewegung uerst
vorsichtig unternommen werden mute, und whrend dieser Zeit geschah unten
Etwas, was wir nicht beachteten, weil unsere ganze Aufmerksamkeit nach oben
gerichtet war.
    Ah, ich errate! Der Amerikaner und das Hamal!
    Ja, so ist es, Sihdi! Die vier Personen hatten den Granittempel verlassen
und waren dann auch nach der Sphinx gegangen, obgleich sie sahen, da deren
Krper von Beduinen geradezu wimmelte. Doch hatte dieser Umstand sie wenigstens
abgehalten, sie auch zu besteigen; sie waren vielmehr den schmalen Pfad, welcher
von ihrem westlichen Teile nach dem stlichen fhrt, hinabgegangen und hatten
dort bei dem Vorderfue das Hamal liegen sehen. Anstatt es nun gar nicht
anzurhren, weil sie doch keine Muhammedaner waren, und sich auch gewi denken
konnten, da es einem oben auf der Sphinx befindlichen Pilger gehren werde,
hatten sie es sogar aus dem Futterale gezogen, geffnet und durchblttert.
Inzwischen hatte der fremde Schech, der ein sehr khner Kletterer ist, seine
Wette gewonnen, und wir stiegen von der Sphinx herunter, was, wie du weit, an
ihrem Hinterkrper geschieht. Dort trafen wir mit dem wieder nach hier
gekommenen Amerikaner zusammen. Als der Schech sein Hamal in den Hnden dieses
Mannes sah, war er zunchst so erschrocken, da er kaum sprechen konnte; bald
aber verwandelte sich der Schreck in Zorn. Er ri es ihm aus der Hand und
fragte, ob er im Menahouse wohne, wo man Wurst und Schinken esse. Als der
Gefragte mit einem Ja antwortete, mute die Heiligkeit des Hamal fr vernichtet
gelten. Du kannst dir nun die Wut des Schechs denken, welcher den Amerikaner am
liebsten vernichtet htte. Dieser war aber nicht etwa so klug, zu schweigen,
sondern er verteidigte sich und nannte das Hamal ein Lgenbuch.
    Er kann aber doch nicht arabisch sprechen!
    Der Dolmetscher war bei ihm, den du auf dem Dschebel Mokkatam mit ihm und
mir gesehen hast. Er ist vom Hotel weg zu ihm gefahren, um ihn abzuholen und
mitzunehmen.
    Und dieser Mensch war so unvorsichtig, das Wort Lgenbuch zu bersetzen,
ohne ein anderes, weniger beleidigendes an seine Stelle zu nehmen?
    O, er hat noch ganz Anderes bersetzt! Ich kann dir nicht Alles so
ausfhrlich erzhlen, wie es geschehen ist, denn ich habe schon jetzt zu viel
Zeit versumt und will dir nur noch sagen, da der Amerikaner es in seinem Zorne
gewagt hat, dem Schech das Hamal wieder zu entreien und unter schlimmen
Ausdrcken, welche auch bersetzt worden sind, ihm vor die Fe zu werfen.
    Unmglich!
    Es ist wahr. Ich stand dabei und habe es selbst auch gesehen. Der Schech
ri das Messer heraus, um ihn zu erstechen; die Tochter wollte sich dazwischen
werfen; der junge Chinese ri sie zurck und hat den Stich in den Arm bekommen.
Der fremde Schech wollte wieder stechen, und seine Leute griffen auch nach ihren
Messern. Es wren wenigstens drei Menschenleben zu Grunde gegangen, wenn nicht
der Schech el Beled10 von el Kafr eingeschritten wre. Diesem ist von der
Regierung die Aufsicht ber das Gebiet der Pyramiden bertragen worden, und er
mute sich sagen, da die Ermordung von Christen, die berdies noch Auslnder
sind, fr ihn und die Bewohner seines Dorfes von sehr schlimmen Folgen sein
werde. Aber es kostete ihm sehr viel Ueberredung, bis die Fremden ihre Messer
wieder einsteckten, doch verlangten sie Shne, und zwar blutige Shne, weil eine
solche Behandlung eines Hamal ein greres Verbrechen ist, als selbst ein
zehnfacher Mord sein wrde. Diese Shne soll auch sofort und ohne Zeitverlust
gegeben werden, und darum drangen sie auf das Zusammentreten einer Dschemma11,
welche den Fall ohne Zgern zu besprechen und das Urteil zu fllen habe.
    Sind die Beisitzer dieser Dschemma bereits gewhlt?
    Nein. Es werden lauter Fremde sein, und von den Hiesigen darf ihr nur der
Schech el Beled beitreten. Dieser hat einen seiner Leute heimlich nach Kairo um
Hilfe geschickt. Bis diese kommt, will er versuchen, die Verhandlung
hinauszuziehen; aber ich glaube nicht, da ihm dies gelingen wird.
    Ich auch nicht. Die Fremden scheinen den Fall nach dem Gesetz der Wste
behandeln und von der hiesigen Polizei nichts wissen zu wollen. Ja, es kann
zwischen dieser und ihnen sehr leicht zum Kampfe und Blutvergieen kommen!
    Daran dachte ich auch, und darum bin ich zu dir geeilt, um dich zu holen.
Du wirst diese Sache auf gutem Wege zu enden wissen!
    Ich? Wie kommst du zu dieser Idee?
    Ich habe dir ja schon gesagt, da mir der alte Ibrahim Effendi mehr von dir
erzhlt hat, als du denkst. Ich bitte dich um Hilfe. Wirst du sie den Chinesen
verweigern?
    Du sprichst nur von ihnen, obgleich ihnen direkt keine Gefahr droht. Fr
den Amerikaner bittest du nicht?
    Nein! Er mag bekommen was er verdient hat! Ich habe ihn auf dem Mokattam
verschont; hier aber darf er keine Schonung finden!
    Da legte ich ihm die Hand auf die Schulter, sah ihm ernst in die Augen und
sagte langsam, indem ich jedes Wort betonte:
    Du bist Sejjid Omar, aber du bist kein guter Mensch! Und wer kein guter
Mensch ist, der kann auch kein guter Anhnger des Propheten sein! Ich wollte
dich jetzt mitnehmen, weil du mir helfen solltest, dem Amerikaner beizustehen.
Du kannst aber hier bleiben!
    Ich tat, als ob ich gehen wolle; da rief er aus:
    Sihdi, nimm mich mit! Ich will dir beweisen, da die Gte eines Moslem
grer sein kann als sein Wunsch nach Rache. Brauchen wir Waffen?
    Nein, sondern nur Klugheit und Entschlossenheit. Unsere Pferde sind nicht
mehr gesattelt?
    Nein. Reiten wir denn?
    Ja, doch haben wir keine Zeit, vorher zu satteln. Ich kenne die Gesetze der
Wste sehr genau. Diese fremden Beduinen werden sich von dem Schech el Beled
nichts vormachen lassen. Sie sind auf den Zusammentritt der Dschemma blo
deshalb eingegangen, weil sie derartige Szenen lieben; das Urteil aber wird auf
den Tod des Amerikaners lauten, und sie werden es ausfhren, ohne sich um die
Meinung irgend eines anderen Menschen, sei es auch der Khedive von Aegypten, zu
bekmmern. Wo wird diese Versammlung abgehalten?
    Ein wenig oberhalb der Sphinx.
    So wird der Missionar diese Stelle nicht lebend verlassen, wenn wir ihn
nicht herausholen. Da er zu Fu nicht entkommen kann, sondern von ihnen
eingeholt wrde, reiten wir. Merke dir diese Tr, welche hinaus in das Freie
fhrt! Sie ist von Wichtigkeit. Ich lasse sie um eine Lcke offen, und der
Schlssel bleibt von innen stecken.
    Warum, Sihdi?
    Das erfhrst du unterwegs. Jetzt komm!
    Ich mu bemerken, da wir sehr schnell sprachen und da diese Unterredung
also nicht halb so lange whrte, als wenn man sie vom Papiere liest. Ein Hamal
ist ein in der Stadt Mekka geschriebener und unter gewissen Feierlichkeiten
erworbener Kuran, der nur an solche Pilger verkauft wird, welche nachweislich
allen Verpflichtungen getreulich nachgekommen sind. Er gilt als das kstlichste
Andenken an die Pilgerschaft, wird fr heilig gehalten und darf nie mit irgend
Etwas in Berhrung kommen, was dieser Heiligkeit nicht angemessen ist. Mr.
Waller hatte nach den Begriffen derer, in deren Hnden er sich befand, unbedingt
ein todeswrdiges Verbrechen begangen. Wenn man hierzu die unter diesen Leuten
gewhnliche Christenverachtung und die durch die Pilgerfahrt bis zur Brutalitt
gesteigerte religise Aufregung rechnet, so kann man sich die Gefahr wohl
denken, in welcher der Genannte gegenwrtig schwebte. Eine Dschemma ber einen
Christen, nebst dem an ihm vollstreckten Todesurteil, ein besserer Schlu konnte
nach Ansicht dieser Fanatiker ihrer Reise nach Mekka ja gar nicht gegeben
werden!
    Wir eilten nach dem Stall hinber, zogen die Pferde heraus, stiegen auf und
ritten den Hohlweg nach den Pyramiden hinauf. Ich hielt es nicht fr geraten, im
Hotel zu sagen, warum wir diesen Ritt unternahmen. Je weniger Aufsehen erregt
wurde, desto grer war fr mich die Hoffnung des Gelingens.
    Als wir oben bei der Cheops-Pyramide ankamen, war dort kein Mensch zu sehen,
denn Jedermann war nach der Sphinx geeilt, um bei der Dschemma anwesend zu sein.
Das war mir lieb, weil ich nun, ohne gesehen zu werden und Verdacht zu erregen,
Omar unterweisen konnte, was er zu tun hatte.
    Hier trennen wir uns, sagte ich. Wenn der Amerikaner reiten kann, ist er
zu retten, sonst wahrscheinlich nicht. Ich reite hier links an den kleinen
Pyramiden nach der Sphinx hinunter, drnge mich an die Dschemma heran und suche,
mit dem Pferde mglichst nahe an den Amerikaner heranzukommen. Dann steige ich
ab und spreche mit den Beduinen.
    Aber du wagst dein Leben! fiel Omar ein.
    Nein. Da ich heut nicht den Hut, sondern den Tarbusch trage, wird man mich
fr einen Effendi halten, und ich werde nichts sagen, wodurch ich mich als
Christ bezeichne. Whrend ich die Aufmerksamkeit der Dschemma ganz auf mich
ziehe, steigt er schnell auf das Pferd und reitet fort.
    Sie werden ihm nachreiten!
    Ich meine, da sich keine anderen Tiere dort befinden werden, als die
kleinen Esel und die langsamen Kamele der Leute von el Kafr?
    Das ist richtig!
    Man kann ihn also nicht einholen, aber man wird auf den klugen Gedanken
kommen, ihn nicht nach dem Hotel zurckzulassen. Man wird also diesen Hohlweg
hier besetzen und ihm die Annherung auch von den anderen Seiten unmglich
machen. Aber an die Tr zu meinem Zimmer wird Niemand denken.
    Maschallah! Ich beginne, zu begreifen, Sihdi. Ich soll ihn nach dieser Tr
bringen?
    Ja.
    Aber wo und wie treffe ich ihn?
    Du reitest hier an der groen Pyramide entlang, genau nach West, halb ber
das hinter ihr liegende Totenfeld, und wendest dich dann links nach der Pyramide
des Chefren hinber, an deren Sdwestecke du wartest, bis der Amerikaner kommt.
    Wird er wissen, da ich dort bin?
    Ja; ich sage es ihm. Wenn er zu dir gestoen ist, reitet ihr zurck, quer
ber das Totenfeld, aber ja nicht her zur groen Pyramide, sondern stets nach
Nord, von der Hhe nach der Niederung herab, bis ihr in gleicher Linie mit dem
Hotel seid. Es gibt dort keinen Weg; der Sand ist tief; man wird den Flchtling
dort gewilich nicht vermuten. Dennoch sage ich, da ihr Begegnungen mglichst
zu vermeiden habt, bis das Hotel zu sehen ist. Dann reitet ihr, ganz gleich, ob
ihr gesehen werdet oder nicht, schnell auf dasselbe zu, biegt aber ja nach
keinem Wege ein, sondern eilt oben auf der Dne bis hin an meine Zimmertr,
welche ich offen gelassen habe. Seid ihr drin und habt den Schlssel umgedreht,
so ist nichts mehr zu befrchten. Die Pferde mssen freilich drauen stehen
bleiben. Ich hoffe brigens, da ich dort bin, wenn ihr kommt. Beeilt euch aber,
denn es wird bald dunkel werden!
    Und was geschieht mit der Tochter des Amerikaners und mit den Chinesen,
Sihdi?
    Das la meine Sorge sein! Ich rechne auf die ganz gewi entstehende
Aufregung und Verwirrung, welche ich mglichst gut benutzen werde.
    Aber du selbst, Sihdi! Du begiebst dich wirklich in Gefahr!
    Das hat nur den Anschein so. Ich werde die Fremden durch eine so groe
Dreistigkeit verblffen, da sie gar nicht daran denken, Etwas gegen mich zu
tun.
    Was wirst du zu ihnen sagen?
    Das wei ich noch nicht. Ich habe mich nach den Umstnden zu richten,
welche ich vorfinde. Wie aber steht es mit der Verwundung des Chinesen?
    Sie ist nur leicht. Ich sah wohl Blut, doch aber nicht viel. Sein Vater
verband ihn eben, als ich ging, mit seinem Taschentuche.
    So habe ich von ihm keine Strung zu befrchten. Jetzt wird es Zeit, da
wir uns trennen. Mach deine Sache gut!
    Von dem Augenblicke an, wo er bei mir ist, wird ihm nichts geschehen,
darauf kannst du dich verlassen, Sihdi. Du hast von mir verlangt, ein guter
Mensch zu sein, und nun macht es mir Freude, ihm seine Beleidigung durch Liebe
zu vergelten!
    Nach diesen Worten ritt er in der ihm von mir angegebenen Richtung davon;
ich aber nahm meinen Weg zwischen der groen und den ihr gegenberliegenden
kleinen Pyramiden hindurch, welche fr Angehrige des Cheops bestimmt gewesen
sein sollen. Hinter der letzten von ihnen teilt sich der Weg. Links fhrt er
nach der Sphinx hinab, fast geradeaus nach Campbells Grab hinber. Ich zog es
vor, nach diesem Grabe zu reiten, denn ich hatte von dort aus einen besseren
Ueberblick, und ich konnte mir den Anschein geben, als ob ich von dem
Vorgefallenen gar nichts wisse und nicht etwa vom Hotel her, sondern von der
zweiten oder gar dritten Pyramide komme. Ich wich also nach Westen zu von den
durch den Sand fhrenden Stapfen ab und hielt mich so lange in den Einsenkungen
des Terrains, bis ich die unterhalb der Chefren-Pyramide liegenden Tempelreste
vor mir hatte. Hierauf wendete ich mich nach links, trieb das Pferd eine steile
Schuttbschung hinauf und sah den Ort, den ich erreichen wollte, in nicht allzu
groer Entfernung vor mir liegen.
    Es gengte ein Blick, die Szene zu erfassen. Die fr die Dschemma
Ausgewhlten saen an der Erde, einige Schritte davon Mary und die Chinesen. Der
Amerikaner stand, und neben ihm der Dolmetscher, welcher mit den Hnden
gestikulierte, also zu sprechen schien. Hren konnte ich es nicht. Die Stelle,
an welcher ich mich befand, lag hher als diejenige, an welcher die Beduinen
ihre Beratung hielten. Die Zuhrer hatten die Dschemma nicht ganz
eingeschlossen, sondern sie bildeten, was mir auerordentlich lieb war, des
abfallenden Terrains wegen nur einen Halbkreis, welcher nach mir zu offen stand;
das machte es mir mglich, sofort ganz an die Beratenden heranzutreten.
    Man wurde auf mich aufmerksam. Als ich nher kam, hrte ich den verwunderten
Ruf: Ein Reiter ohne Sattel! Diejenigen, welche von mir abgewendet saen,
drehten sich nach mir um. Man zeigte Neugierde, doch fiel es Keinem ein, seinen
Platz zu verlassen.
    Die Angelegenheit stand genau so, wie ich vermutet hatte, denn den Schech el
Beled von el Kafr ausgenommen, hatten alle Beisitzer der Dschemma ihre Messer
vor sich bis an die Hefte in die Erde gesteckt, ein fr den Kenner sicheres
Zeichen, da es sich um das Leben des Angeschuldigten handelte. Ich tat, als ob
er mir sehr gleichgltig sei, ritt aber fast bis ganz zu ihm heran, sprang ab,
legte die Hnde, doch nur fr einen kurzen Augenblick, um nicht als gewhnlicher
Mann zu gelten, auf die Brust und grte die am Boden sitzenden Personen.
    Es war leicht zu erraten, welcher von ihnen der fremde Schech war, denn er
hatte das Hamal, um welches es sich handelte, vor sich liegen. Sein Anzug
befand sich, wie auch diejenigen aller seiner Leute, in einem Zustande, den Omar
sehr richtig als schmutzig und zerrissen bezeichnet hatte, doch war seinem
ernsten, sonnverbrannten Gesichte die Gewohnheit des Befehlens deutlich
aufgeprgt. Er nickte stolz mit dem Kopfe und lie nur ein kurzes Sallam! als
Antwort hren. Wenn ich mir diesen Mangel an Hflichkeit gefallen lie, so hatte
ich von vornherein verspielt. Er mute mich fr einen Mann halten, der sich das
nicht bieten zu lassen brauchte, darum sagte ich in strengem Tone:
    Du bleibst sitzen, indem du mit mir sprichst, und siehst doch, da ich
stehe? Ich vermute, da ihr in Mekka gewesen seid, ber welchem das Andenken des
Propheten glnzt. Hast du etwa dort deine Hflichkeit im Sand von Chandamah
vergraben?
    Wo liegt Chandamah? fragte er schnell und erstaunt.
    Geh zwischen dem Suq el Lel und dem Schib el Maulid, wo das Geburtshaus des
Propheten steht, vor die Stadt hinaus, so siehst du es zur linken Seite des
Dschebel Qubehs liegen.
    Da stand er auf, und alle Andern mit ihm, kreuzte die Hnde auf der Brust,
verbeugte sich tief und sagte:
    Verzeih! Ich wute nicht, da du ein Kenner der Heiligtmer bist. Du wirst
mir erlauben, deinen Namen zu erfahren!
    Allerdings, doch nicht eher, als bis ich dich nach dem deinigen gefragt
habe. Vorher aber will ich das Wichtigere wissen. Sind wir bei den Pyramiden von
Gizeh, oder befinden wir uns im Wadi Fatimeh, wo das Gesetz der Wste gilt? Ich
sehe eine Dschemma versammelt und Messer in der Erde stecken. Wer hat hier zu
richten, und wer soll gerichtet werden?
    Ich sah ihm so scharf und fest ins Auge, da mir sein Blick nicht ausweichen
konnte. Die Erwhnung von Oertlichkeiten, welche nur dem Kenner von Mekka
gelufig sind, tat das Ihrige. Er antwortete in nicht ganz sicherem Tone:
    Es ist eine Beleidigung geschehen, welche nur mit Blut geshnt werden kann.
Ich will es dir erzhlen.
    Nichts konnte mir willkommener sein als diese seine Bereitwilligkeit, denn
sie sagte mir, da ich ihm imponiert hatte. Er berichtete mir, natrlich in
seiner mohammedanisch gefrbten Weise, was geschehen war. Als er geendet hatte,
sagte ich:
    Der Kuran ist dir jedenfalls bekannt. Nach ihm und der Sunna mu Recht
gesprochen werden. Aber weit du auch, was Khalil Ibn Ishak, der berhmte
Erklrer derselben, ber die Pflichten der Dschemma sagt?
    Nein; das wei ich nicht, sah er sich gezwungen, einzugestehen.
    Nicht? Aber ihr habt bedacht, da dieser Fremde die Heiligkeit des Hamal
nicht kennt und dich vielleicht gar nicht hat beleidigen wollen? Habt ihr ihm
erlaubt, sich zu verteidigen?
    Er hat es durch den Mund seines Dragoman12 getan.
    Ist dieser Dragoman gerecht und vorsichtig gewesen? Ich werde das sogleich
erfahren.
    Der Dolmetscher stand hchst verlegen da. Er hrte mich arabisch sprechen
und wute nun also, da ich Alles verstanden hatte, was auf dem Dschebel
Mokattan von ihm ber mich geuert worden war. Ob er mich wohl auch jetzt noch
fr einen Franzosen hielt?
    Imschi, ia Budala - Pack dich, Dummkopf! fuhr ich ihn an, denn ich wollte
ihn nicht hren lassen, was ich dem Amerikaner zu sagen hatte.
    Er zog sich erschrocken bis unter die Zuschauer zurck, und nun wendete ich
mich an Waller, und zwar in deutscher Sprache:
    Sagen Sie schnell: Knnen Sie reiten?
    Ja, antwortete er, indem er mich verwundert ansah.
    Galopp und ohne Sattel, so da Sie ja nicht etwa herabfallen?
    Ich sitze fest. Sie reden deutsch? Good lack! Warum fragen Sie?
    Es handelt sich um Ihr Leben. Die Situation ist ernster, als Sie meinen,
und nur die Flucht kann Sie retten. Wenn Sie das vielleicht bezweifeln, so fehlt
mir die Zeit, es Ihnen zu erklren.
    Ich glaube es, versicherte er. Das sind ja ganz desparate Menschen hier!
    So passen Sie auf, was ich Ihnen sage! Ich werde jetzt zu diesen Leuten
weitersprechen. Sobald Sie sehen, da ihre Aufmerksamkeit ganz auf mich
gerichtet ist, springen Sie auf mein Pferd und reiten so schnell, wie Sie
knnen, fort - - -
    Man wird mich verfolgen, fiel er ein.
    Allerdings; aber die paar Esel und Kamele, welche hier stehen, haben Sie
nicht zu frchten. Da oben steht die zweite Pyramide. An ihrer linken, hinteren
Ecke treffen Sie auf meinen Diener. Er erwartet Sie dort und wird Sie so fhren,
da, wenn Sie ihn nur erst erreicht haben, die Gefahr fr Sie vorber ist.
Werden Sie tun, was ich Ihnen vorgeschlagen habe?
    Natrlich! Aber ich habe nicht nur an mich, sondern auch an meine Tochter
zu denken. Was soll -
    Ihr wird nichts geschehen, unterbrach ich ihn; ich gebe Ihnen mein Wort.
Also, tun Sie, was ich gesagt habe, aber pltzlich, schnell, und ohne da Sie es
etwa durch Blicke oder Bewegungen vorher verraten!
    Ich hatte whrend dieser kurzen Unterweisung den fremden Schech im Auge
behalten und bemerkte zu meiner Beruhigung an ihm kein Zeichen des Mitrauens.
Als ich mich ihm jetzt wieder zuwendete, sagte er:
    Es ist ganz berflssig, da du diesen Christen fragst, denn er kann dir
nichts Anderes erzhlen, als was ich dir schon gesagt habe. Der Schech el Beled
will nicht, da er gettet werde, aber wir sind freie Beduinen, die sich um die
Gesetze des Beherrschers von Aegypten und um die Ansichten fremder Konsuln nicht
zu kmmern brauchen, und werden also nur nach den Vorschriften handeln, welche
jeder Bekenner des Islam zu befolgen hat. Du hast unsere Beratung unterbrochen;
wir setzen sie jetzt fort und werden schnell ein Ende machen. Habe die Gte,
dich zu setzen, damit auch wir uns wieder setzen knnen!
    Diese Aufforderung hatte ich nicht erwartet. Sie bewies mir, da er mich
nicht nur unbedingt fr einen Mohammedaner, sondern auch fr eine Person hielt,
nach deren Stand und Namen er nicht wieder fragen knne, ohne gegen die ihr
schuldige Achtung zu verstoen.
    Der Araber setzt sich in Gegenwart eines Fremden nicht so kurz und einfach
nieder, wie wir es tun, sondern es geschieht mit einer Umstndlichkeit, welche
um so grer ist und um so mehr Zeit in Anspruch nimmt, je mehr er diesen
Fremden ehren und sich selbst als wohlerzogenen Mann betrachtet sehen will. Da
vorhin alle seine an der Dschemma beteiligten Stammesgenossen mit ihm
aufgestanden waren und nun auch wieder mit ihm Platz zu nehmen hatten, so gab es
eine Menge von Verbeugungen, welche ich zu wiederholen hatte, worauf abermals
Verneigungen folgten, welche jeder gegen seine Nachbarn richtete und mit einigen
hflichen Worten begleitete. Das lenkte die Augen von dem Amerikaner in der
Weise ab, da er schon jetzt den richtigen Augenblick fr gekommen hielt, den
ihm gegebenen Rat zu befolgen.
    Ich kehrte ihm den Rcken zu und htete mich, mich nach ihm umzudrehen, als
mir ein pltzliches Stampfen der Pferdehufe sagte, was geschah; aber der Schech
sprang wieder auf und mit ihm Alle, welche sich vorher unter so viel Umstnden
in die Stellung niedergelassen hatten, welche der Orientale das Ruhen der
Glieder nennt. Waller war auf das Pferd gesprungen, welches sich nur einige
Augenblicke strubte, seiner Fhrung zu gehorchen, und dann mit ihm davonscho,
nach aufwrts, der zweiten Pyramide zu. Nun stand ich natrlich auch rasch auf
und sah zu meiner Genugtuung, da er allerdings kein schlechter Reiter war.
    Zunchst gab es eine allgemeine Anstrengung, so laut zu schreien, wie es
Jedem mglich war; dann folgte der Gedanke, dem Fliehenden nachzueilen. Man ri
sich um die vorhandenen Esel und Kamele; die ersteren lieen sich sofort lenken;
die letzteren aber wurden durch den vielstimmigen Lrm strrisch gemacht; sie
waren nicht von der Stelle zu bringen. Wer einen Esel erwischt hatte, trabte
schleunigst fort; den Kamelen versuchte man, durch Schlge Gehorsam
beizubringen. Das gab eine Szene, welche nicht weniger lebhaft war, als ich
erwartet hatte. Der Schech war am schnellsten gewesen und als Erster dem
Amerikaner auf einem Esel nachgeritten; er zeigte sich auch als der Umsichtigste
von allen, denn er kehrte schon nach kurzer Zeit wieder um, kam zurck und rief
seinen Leuten zu:
    Seid still, und gebt euch keine Mhe! Das sind keine Kamele, wie man sie
braucht, um ein Pferd einzuholen. Dieser Hund ist uns entschlpft, aber nur
einstweilen! Sein Ziel ist das Hotel; aber wir lassen es ihn nicht erreichen. Es
war eine Torheit von ihm, nicht direkt dorthin zu reiten. Der Bogen, den er
macht, ist so gro, da wir ihm zuvorkommen werden. Vorwrts Alle! Wir laufen!
    Er schwang sich von seinem Esel, lie ihn stehen und rannte fort, seine
Leute alle hinter ihm her. Die meisten der Fellachen von el Kafr folgten; die
Besitzer der zurckgebliebenen Tiere wollten diese besteigen und auch fort; ich
hinderte sie daran, weil ich nicht wnschte, da die beiden Chinesen und Mary
laufen sollten, und sie waren gegen die gewhnliche Bezahlung und ein
Extrabakschisch damit einverstanden.
    
    Ich hatte den drei Genannten bis jetzt natrlich keine besondere
Aufmerksamkeit schenken knnen; nun war es mir mglich, mich auch ihrer
anzunehmen. Da sie nicht arabisch verstanden und sie, als ich mit Waller redete,
nicht so nahe gewesen waren, um meine Worte deutlich hren zu knnen, so
befanden sie sich ber den Zusammenhang zwischen meinem Erscheinen und seiner
Flucht im Unklaren. Mary war leichenbla. Sie hatte unbeschreibliche Angst um
ihren Vater ausgestanden und war auch jetzt noch nicht befreit von ihr. Ich
versuchte, sie zu beruhigen:
    Haben Sie keine Sorge! Wir reiten jetzt nach dem Hotel. Ihr Vater wird,
wenn wir dort ankommen, entweder schon da sein oder sehr bald eintreffen.
    Wissen Sie denn, wohin er ist? fragte sie.
    Ja. Ich habe ihm das Pferd gebracht, damit er fliehen knne, und Sejjid
Omar hat an der zweiten Pyramide auf ihn gewartet, um ihn sicher nach dem
Menahouse zu bringen.
    Sejjid Omar, der Eseltreiber, den er so schwer beleidigt hat?
    Sie sah mich an, als ob sie sich dies gar nicht denken knne. Dann fgte
sie, indem ihre Blsse einer tiefen Rte wich, hinzu: Und Sie, Sie sprechen
deutsch! Sie haben also gehrt und verstanden, was - - was - -
    Ich habe, unterbrach ich sie, nichts verstanden und nichts gehrt als nur
das Eine, da Mr. Waller in Gefahr sei und aus derselben herausgeholt werden
msse. Er befindet sich jetzt vollstndig in Sicherheit, whrend aber wir daran
zu denken haben, da wir nicht hier bleiben drfen, wenn der Zorn der
Mekkapilger sich nicht nun auch gegen uns richten soll. Bitte, steigen Sie auf!
Wir mssen uns beeilen, heim zu kommen; dann werden Sie Alles erfahren, was Sie
jetzt noch nicht wissen.
    Sie folgte dieser Aufforderung. Die Chinesen hatten schon zwei Kamele in
Beschlag genommen. Sie sprachen nicht, doch sah ich ihnen an, da ich fr sie
nicht mehr blo der fremde, gleichgltige Tischnachbar war.
    Wir schlugen den geraden Weg nach den kleinen Pyramiden ein. Als wir uns
ihnen nherten, kam der Schech el Beled von da, wo links die Grber der fnften
Dynastie liegen, herbeigeritten. Er hatte sich den Verfolgern beigesellt gehabt,
um ntigenfalls Unheil zu verhten, und erkundigte sich bei den uns begleitenden
Treibern, wo der fremde Schech sei. Sie unterrichteten ihn ber die Absicht
dieses Mannes, die ihn wieder mit Besorgnis zu erfllen schien. Er kam an meine
Seite, sah mir aus halb zugekniffenen Augen in das Gesicht und fragte, indem er
leise lchelte:
    Du bist ein Christ?
    Ja, antwortete ich ruhig. Der Wohlstand seines Dorfes hing von den
Besuchern der Pyramiden ab, und von Fanatismus konnte bei ihm keine Rede sein.
Ich brauchte also nicht heimlich gegen ihn zu tun.
    Und du bist schon fters hier gewesen? erkundigte er sich weiter.
    Ja.
    Ich kannte dein Gesicht, hielt dich aber doch fr einen Moslem, fr einen
vornehmen Effendi. Nun aber habe ich es mir berlegt. Du bist mit Absicht zu
Pferde gekommen? Du hast gewollt, da der Angeklagte auf ihm fliehen soll?
    Ich leugne es nicht.
    Da reichte er mir seine Hand und sprach:
    So habe ich dir zu danken! Diese Flucht hat mich von einer schweren Sorge
befreit. Man htte den Amerikaner gegen meinen Willen gettet, von der Behrde
in Kairo aber wre die ganze Verantwortung auf mich geworfen worden. Du scheinst
ein kluger Mann zu sein, und so darf ich vielleicht deine Einsicht bitten, mir
einen Wunsch zu erfllen?
    Sprich!
    Verschweig in der Stadt, was hier geschehen ist und was vielleicht noch
geschehen wird! Auch die Leute des Hotels werden nicht davon sprechen, weil das
Gercht, da die Besucher der Pyramiden ihres Lebens nicht sicher seien, die
Zahl der Gste sehr vermindern wrde. Dieser zornige Schech aus dem Bahr bela Ma
wird sich zwar nicht ganz bis zum Menahouse wagen, aber seine Leute doch von
Weitem so aufstellen, da der Amerikaner ihm in die Hnde fallen mu. Das macht
mir schwere Sorge. Konntest du ihm denn nicht sagen, da er direkt nach dem
Hotel fliehen solle?
    Nein. Als ich mit ihm sprach, hatte ich schon eine andere, bessere
Vorbereitung getroffen, welche der Angelegenheit ein ruhiges, unbemerktes Ende
geben wird. Ich wollte verhten, da dieser Vorfall in den Mund der Leute
gebracht werde. Denke dir aber im Gegenteile, welches Aufsehen es erregt htte,
wenn der Flchtling von seinen Verfolgern gerad nach dem Hotel gejagt worden
wre!
    Du hast Recht! Schau! Da stehen schon Zwei, welche aufzupassen haben!
    Wir waren an der Cheops-Pyramide vorbeigekommen und lenkten in den nach dem
Menahouse fhrenden Hohlweg ein. Da waren zwei von den Pilgern postiert. Ihr
Schech hatte also wirklich seine Absicht ausgefhrt und das Hotel, wenn auch nur
aus der Ferne, vollstndig eingeschlossen. Die beiden Mnner sahen uns finster
an, sagten aber nichts, als wir an ihnen vorberkamen. Wir erreichten
unbelstigt das Haus, stiegen ab, und ich zahlte den Treibern, was ich ihnen
versprochen hatte. Als ich das getan hatte, trat der ltere Chinese zu mir,
verbeugte sich sehr hflich und sagte, zu meinem Erstaunen deutsch:
    Mein Herr, ich ahne, da wir Ihnen Etwas zu verdanken haben, was uns noch
nicht ganz bekannt geworden ist. Wir wnschen natrlich, es zu erfahren, und
bitten um die Erlaubnis, Ihnen unsern Besuch machen zu drfen. Kann das
geschehen, ohne da wir unsere heimatlichen Namen zu nennen haben? Ich mchte
nicht eine Unwahrheit sagen und wnsche doch nicht, die Namen aussprechen zu
mssen. Ich werde hier Fu und mein Sohn wird Tsi genannt.
    Das war hflich und ehrlich zugleich. Es widerstrebte ihm, einen Mann zu
tuschen, dem er Dank zu schulden glaubte. Eine echt und wahrhaft vornehme
Gesinnung, die mich nach meinen bisherigen Beobachtungen freilich nicht
berraschen konnte! Ich sagte ihm, da er und sein Sohn mir nach dem Abendessen
willkommen seien, da grad die Umstnde, von denen er gesprochen habe, mich
verhinderten, sie eher zu empfangen. Dann trennten sie sich von mir, nachdem ich
auf mein Befragen die Versicherung erhalten hatte, da die Verwundung des Sohnes
eine ganz leichte sei und zu keiner Besorgnis Veranlassung gebe.
    Die Tochter des Missionars bat ich, mich nach meinem Zimmer zu begleiten,
obgleich diese Aufforderung unter anderen Umstnden fast so viel wie eine
Beleidigung fr eine Dame sei; ich wollte ihr aber die Freude machen, die Erste
zu sein, von der ihr Vater bei seiner glcklichen Ankunft empfangen werde. Sie
zgerte nicht, mir diesen Wunsch zu erfllen.
    Als wir hinaufkamen, stand die Tr genau so weit offen, wie ich sie offen
gelassen hatte; es war also noch Niemand von drauen in das Zimmer getreten. Der
Stuhl, auf welchem ich gesessen hatte, stand noch im Freien; ich nahm einen
zweiten mit hinaus, und wir setzten uns nieder. Die Sonne nahte dem Untergange;
es war nur noch kurze Zeit bis zum Eintritt der Dunkelheit, und ich nahm an, da
Omar sein Mglichstes tun werde, mit seinem Begleiter noch vor derselben das
Hotel zu erreichen. Es handelte sich dabei auch um die Gefhrlichkeit der
Bodenverhltnisse in der Nhe der Pyramiden, wo es so viele eingestrzte oder
nur schlecht wieder zugeschttete Grber und unterirdische Gnge gibt, da nach
Sonnenuntergang ein Ritt fr den, der solche Stellen nicht ganz genau kennt,
tunlichst zu vermeiden ist.
    Wir saen fast ganz still neben einander. Mi Mary war verlegen, und ich
befand mich nicht in der Stimmung, die Zeit mit einem Gesprch ber irgend einen
gleichgltigen Gegenstand auszufllen. Ich sagte ihr kurz, da ich von Sejjid
Omar die Bedrngnis ihres Vaters erfahren und was ich ihm hierauf fr eine
Weisung gegeben hatte. Sie tat, als ob sie durch diese Mitteilungen beruhigt
worden sei, war es aber wahrscheinlich nicht, wenigstens nicht ganz, wie mir ja
gerad durch ihre Wortkargheit bewiesen wurde.
    Wir mochten wohl ber eine Viertelstunde, nur zuweilen ein kurzes Wort
sprechend, nebeneinander gesessen haben, als wir aus der Richtung, aus welcher
die beiden Reiter zu erwarten waren, einen Fugnger kommen sahen. Er war genau
wie Omar gekleidet, war aber Omar nicht, welcher einen gravittischeren Gang und
eine geradere Haltung als dieser Ankmmling hatte. Was hatte er hier oben auf
dieser unwegsamen Dne zu suchen, welche zum Hotel gehrte und von den Fellachen
nicht betreten werden durfte? Es gab hier gar nichts Anderes; sein Ziel konnte
nur die Auentre meines Zimmers sein!
    Die Augen der Kindesliebe waren schrfer als die meinen. Mary sprang auf.
    Mein Vater, ja, mein Vater ists!
    Mit diesem Ausrufe eilte sie von mir fort und ihm entgegen. Er blieb stehen,
und als sie ihn erreichte, sah ich, da er sie mit einer Umarmung empfing und
sie kte. Ich htte mich so gern entfernt, mute aber bleiben, weil sie
gezwungen waren, durch meine Wohnung zu gehen. Auch mute ich doch erfahren, wo
Omar mit den Pferden steckte, fr welche ich um so mehr verantwortlich war, als
man sie mir nicht gegen Bezahlung, sondern aus Geflligkeit geliehen hatte.
    Ich sah, da die Tochter mir den Vater schnell zufhren wollte; aber er
hatte zu fragen; sie mute antworten, und so dauerte es einige Zeit, bis sie zu
mir kamen, sie leicht und schnell, mit frohem Lcheln im Gesicht, er langsamer,
zgernd und in sich wohl ungewi darber, wie er sich gegen mich verhalten
solle. Da aber packte ihn seine eigentliche bessere Natur: Er tat einige rasche
Schritte auf mich zu, streckte mir beide Hnde entgegen und sagte in einem Tone,
den ich nicht anders als aufrichtig herzlich nennen kann:
    Ich bitte um Verzeihung! Von Dank will ich nicht sprechen; den brauchen Sie
ja nicht. Aber die andere Schuld, in der ich Ihnen gegenber stehe, die mssen
Sie mir abnehmen, wenn Sie mit mir nicht auf halbem Wege stehen bleiben wollen!
    Ich erwiderte den Druck seiner Hand und antwortete, sehr froh ber diese
liebe, gute Aufwallung seines Innern:
    Sprechen wir jetzt nur von der Gegenwart, zunchst von diesem Tarbusch und
von diesem Mantel! Ich vermute, da beide meinem Sejjid Omar gehren?
    Ja, sie sind von ihm. Ich habe natrlich kein Wort von ihm verstehen
knnen, aber was ist dieser Eseltreiber doch fr ein braver, prachtvoller Kerl!
    Bitte, kommen Sie mit in das Zimmer, damit man Sie nicht von unten aus in
diesem Anzuge stehen sieht!
    Sie folgten beide dieser Aufforderung, und dann erzhlte der Amerikaner von
seinem Ritte:
    Ich lasse alles Vorhergehende weg; wir sprechen spter darber; aber es ist
mir klar geworden, da dieses Abenteuer ohne Sie ein schlimmes Ende fr mich
genommen htte. Dieser aufgeregte Muhammedaner stach ja sofort mit dem Messer
zu! Und da seine Leute die Messer vor sich in die Erde steckten, das hatte Blut
zu bedeuten. Ich erinnere mich, darber gelesen zu haben. Da kamen so pltzlich
Sie und fragten mich, ob ich reiten knne. Glcklicherweise habe ich es gelernt.
Ich sitze ziemlich fest, auch ohne Sattel. Als ich die zweite Pyramide
erreichte, sah ich Sejjid Omar dort halten. Er sagte Etwas, was ich nicht
verstand, und deutete mir durch Gesten an, da ich ihm folgen solle. Es ging
nach West; links lag die dritte der groen Pyramiden. Dann wendete er sich mehr
nach Norden. Wir kamen an alten, zerstrten Felsengrbern vorber. Es gab keinen
Weg; das Terrain war ungemein schlecht zum Reiten. Er suchte die besten Stellen
aus, aber es ging trotzdem nur langsam vorwrts. Gut, da wir keine Verfolger
hinter uns sahen! Dann folgte tiefer, tiefer Sand, in dem wir abwrts ritten.
Ich bemerkte, da Omar einen weiten Bogen nach dem Hotel beabsichtigte. Wir
sahen es einige Male liegen, aber immer wieder kehrte er um; ich wute nicht
warum. Als ich ihn fragte, verstand er zwar nicht meine Worte, dafr aber meine
Gesten, und als er mir antwortete, brachte ich ihm ganz dasselbe Unverstndnis
fr das, was er sagte, und aber auch dieselbe Einsicht fr die sprechenden
Bewegungen seiner Arme und Finger entgegen. Er sagte mir durch diese Zeichen,
da das Hotel ringsum eingeschlossen sei, weil ich von den nach meinem Blute
drstenden Pilgern abgefangen werden solle.
    Sie haben ihn richtig verstanden, bemerkte ich, als er eine Pause machte.
Diese Leute stehen berall, woher Sie kommen knnten, und werden wohl die ganze
Nacht hindurch stehen bleiben, wenn sie nicht durch einen Zufall erfahren, da
Sie entschlpft sind.
    Was dieses Entschlpfen betrifft, so war es gar nicht leicht, fuhr er
fort. Ich wei nicht, was fr eine Weisung Sie Omar gegeben hatten, aber er
schien mich nicht nur berhaupt sondern auch ganz unbemerkt durch die Reihe
dieser Posten bringen zu wollen. Einmal, als wir wieder hinter einer Erhhung
hervorlugten und mehrere Wachen stehen sahen, schien ihm ein guter Gedanke zu
kommen. Er sprach lange und eindringlich auf mich ein und nahm dabei alle
Fremdwrter zu Rate, deren er in seinem Gedchtnisse habhaft werden konnte. Als
ich trotzdem so unwissend blieb, wie ich war, stieg er ab und forderte mich auf,
dasselbe zu tun. Dann deutete er nach der Gegend, in welcher das Hotel lag, und
machte eine Zeichnung in den Sand. Auf einen Punkt dieser Zeichnung deutend,
wiederholte er mehrere Male die beiden Worte Bab und Chambre. Da Chambre das
franzsische Wort fr Zimmer ist, wei Jedermann, und aus dem Plan von Kairo ist
mir zufllig bekannt, da Bab soviel wie Tr oder Tor bedeutet. Der Sejjid
sprach also von einer Zimmertr, aber von welcher denn? Wie es ihm gelungen ist,
mich endlich klug zu machen, das wei ich nicht, aber es kam doch der
Augenblick, an welchem ich ihn mit Hilfe seiner Zeichnung begriff: Ich hatte den
Haupteingang zu vermeiden und mich oben nach der von der Cheops-Pyramide
abfallenden Sanddne zu wenden, auf welcher das erste Stockwerk des Hotels auf
dieser Seite ein Paterre bildet. Dort gibt es eine offenstehende Tr, nach
welcher ich zu gehen hatte. Als ich ihm unter fleiiger Anwendung von Bab und
Chambre klar gemacht hatte, da er verstanden worden sei, strahlte sein Gesicht
vor Freude. Er zog seinen Mantel aus, unter welchem er ein langes, hellbraunes,
hemdartiges Gewand trgt, und gab ihn mir um. Dann ballte er meinen neuen Hut
zusammen, schob ihn in seine weite Hosentasche und setzte mir dafr seinen
Tarbusch auf, an dessen Stelle er sich mein Taschentuch um den Kopf wickelte.
Dann stieg er auf sein Pferd, nahm das meinige am Zgel und ritt davon,
absichtlich so, da ihn die Posten bald bemerkten. Sie rannten auf ihn zu,
wodurch sie mir den Weg freigaben. Er lie sie nicht an sich herankommen. Sie
schrien ihm zu und verdoppelten ihre Eile, mit ihm zu reden. Dadurch lockte er
sie immer weiter fort, und ich ging langsamen Schrittes nach der mir
vorgeschriebenen Gegend. Sie sahen mich von Weitem, achteten aber nicht auf
mich, weil sie mich infolge des Tarbusch und des Mantels fr einen Araber
hielten. Ich erreichte die Dne, ging ihr entlang und kam an die bewute Tr,
welche, was ich freilich nicht geahnt hatte, die Tr der Wohnung meines Retters
ist.
    Nun hielt der Erzhler inne. Er hatte in einem heiteren Ernste gesprochen,
der ihm weit besser zu Gesichte stand als der selbstbewute, schnarrende Ton,
der ihm sonst so eigen war. Er kam mir jetzt ganz anders vor, gar nicht so
ungesund fromm und salbungsvoll, wie ich ihn bisher gesehen hatte. Welchen viel,
viel bessern Eindruck macht doch der Mensch, wenn in ihm die gute Natur ber das
knstlich Gemachte siegt!
    Und nun aber der Dank! erinnerte seine Tochter. Oder war es wirklich dein
Ernst, nicht von ihm sprechen zu wollen?
    Ich wehrte mit der schnellen Bitte ab, dies Wort weder jetzt noch spter zu
erwhnen. Da klopfte es an, und als ich ein lautes Fut!13 gerufen hatte, kam
der Sejjid herein, welcher meldete, da er glcklich angekommen sei und die
Pferde nach dem Stalle geschafft habe. Ich wute, wie man Orientalen seines
Standes und seiner Art zu nehmen hat, reichte ihm meine Hand, was an und fr
sich schon eine Auszeichnung war, und sagte:
    Du hast deine Sache gut gemacht, Omar. Ich engagiere dich; du wirst mein
Diener sein und mich begleiten drfen. Stnde Mohammed, dein Prophet, an meiner
Stelle, so wrde er dir ganz dasselbe sagen, was ich dir schon gesagt habe: Du
sollst vor allen Dingen ein guter Mensch sein, und du bist es heut gewesen.
Bleibe stets und immer so, wie du an diesem Tage warst!
    Mr. Waller gab ihm den Mantel und den Tarbusch wieder, wofr er sein
Taschentuch und den freilich sehr zusammengedrckten Hut zurckbekam, und bat
mich, dem Sejjid die Worte zu bersetzen, die er ihm zu sagen habe. Sie
lauteten:
    Ich habe dich um Verzeihung zu bitten. Gieb mir deine Hand!
    Omar befand sich infolge meiner Rede in gehobener Stimmung. Die Bitte des
Amerikaners aber schien ihm noch tiefer zu gehen. Seine Augen bekamen einen
feuchten Glanz. Er streckte ihm die Hand in bescheiden zgernder Weise hin und
antwortete:
    Ich habe dir meine Hand, wenn auch nur die unsichtbare, schon drauen an
der Pyramide gegeben, als du geritten kamst, um dich von mir fhren zu lassen.
Und ich habe dir dann noch mehr gegeben, indem ich dir meine Kleider gab, welche
ich wieder anlegen werde, ohne sie reinigen zu lassen, obgleich ein Christ sie
getragen hat. Wenn Allahs Hand an die Gte eines Menschen klopft, soll dieser
nicht nach dem Glauben seiner Brder fragen. Das ist es, was ich heut gelernt
habe. Und da ich es gelernt habe, das macht mich so froh, wie ich noch nie
gewesen bin!
    Er ging.
    Waller sah mich, als ich ihm diese Worte bersetzt hatte, erstaunt an und
sagte:
    Der spricht ja genau wie ein Christ! Sollte man das fr mglich halten?
Uebrigens ein prchtiger Mensch, den man lieb haben mu!
    Ich htete mich, zu seinen Worten irgend eine Bemerkung zu machen. Es hatte
ihn in diesem Augenblicke die Hand eines lieben, von allem Erdenstaube reinen
Engels berhrt, und solche Momente lassen nur dann die Spur der Engelshand
zurck, wenn sie durch keine Strung unterbrochen werden. Er schien von einem
Gefhle hierfr geleitet zu werden, indem er aus dem Zimmer hinaus in das Freie
trat.
    Bitte, stren wir ihn nicht! bat seine Tochter. Ich mchte, da dieses
Erlebnis in dem friedlichen Tone ausklinge, in welchem das - - -
    Sie sprach den Satz nicht aus, sah mir halb verlegen, halb erwartungsvoll in
das Gesicht und fragte dann:
    Sie haben wohl Vieles oder gar Alles gehrt, was an unserm Tisch gesprochen
worden ist?
    Das Meiste, gab ich aufrichtig zu.
    Auch die Strophe, welche ich gefunden habe?
    Auch diese.
    Nun wohl: So wie diese mchte der heutige Tag fr Vater ausklingen! Sie
wissen nicht, warum ich mich nicht scheue, Ihnen das zu sagen, und ich wei es
auch nicht. Es ist Etwas in mir, was Sie schon frher gesehen hat. Bitte,
lcheln Sie nicht! Ich bin keine Phantastin; aber es ist mir, als ob ich Sie
schon irgendwann und irgendwo getroffen und da so recht in vollem Vertrauen mit
Ihnen gesprochen htte. Nehmen Sie dies offene Wort aber ja als eine Seltenheit
von mir, als, wenn Sie es nicht abweisen, eine kleine Vergeltung fr das, was
Sie heut fr uns gewagt und getan haben!
    Da kam ihr Vater wieder herein und machte die Bemerkung, da es ihre Pflicht
und nun wohl auch an der Zeit sei, sich nach dem Befinden des verwundeten
Chinesen zu erkundigen. Dann lud er mich ein, das Abendessen nicht so allein,
wie in Kairo, sondern an seinem Tische einzunehmen, und ich sagte zu.
    Als ich mich dann unten im Speisesaale einstellte, waren die Chinesen nicht
da; sie speisten in ihrem Zimmer. Es sprach sich durch die Bedienung von Tisch
zu Tisch herum, da mit der Tramway ein Leutnant mit Soldaten aus Kairo
angekommen sei, um die fremden Mekkapilger noch am Abend von hier fortzubringen.
Das war jedenfalls die Folge davon, da der Schech el Beled von el Kafr einen
Boten in die Stadt geschickt hatte. Die eigentliche Ursache dieser Maregel
schien man noch nicht zu kennen, und wir hatten keinen Grund, gegen Andere von
ihr zu sprechen.
    Waller verhielt sich berhaupt sehr schweigsam, und das Gesprch wurde nur
von Mary und mir in der Weise wach erhalten, da es nicht ganz zum Einschlafen
kam. Doch als ich erwhnte, da Monsieur Fu und Monsieur Tsi zu mir kommen
wrden, bat er mich, ihn, wenn sie bei mir seien, zu benachrichtigen, ob auch er
sich einstellen knne, ohne uns zu stren.
    Als wir nach dem Essen in den Flur kamen, sa der erwhnte Leutnant da. Man
machte sich an ihn, um Nheres zu erfahren, doch sagte er weiter nichts, als da
er die Pilger heut hinein nach Bulak zu bringen habe, worauf sie dann morgen
frh per Bahn nach Wasta abgeschoben wrden. Das war mir lieb, zu hren, weil
nun die Tour nach Sakkara unternommen werden konnte, ohne da Waller eine
Fortsetzung der heutigen Fhrlichkeit zu befrchten hatte.
    Was meinen Besuch betraf, so sollte er nicht im kleinen, dumpfen Zimmer
sitzen. Ich lie einen Tisch mit Sthlen hinaus vor die Tr bringen, um die
Genugtuung zu haben, ihnen das Beste zu bieten, was Gizeh demjenigen Besucher
bieten kann, welcher das geistige Auge und die seelische Empfnglichkeit dafr
besitzt: den von den anderen Gsten nicht gestrten Anblick der Pyramiden beim
Mondesschein.
    Als die beiden Erwarteten kamen, fhrte ich sie hinaus, und sie waren
herzlich gern damit einverstanden. Der Mond war eben erschienen, und die ernste,
schwere Poesie des gyptischen Altertums stand aus den Grbern auf, um bleich,
doch nchtlich schn von den Riesenbauten vergangener Jahrtausende auf uns, die
winzigen Gste der Gegenwart, herabzuschauen.
    Die Chinesen hatten wohl nur einen kurzen Hflichkeitsbesuch beabsichtigt,
aber der Eindruck, dem sie sich nicht entziehen konnten, war so gewaltig und so
fesselnd, da sie garnicht daran dachten, diesen besten Platz, den das
Menahouse-Hotel besitzt, so bald wieder zu verlassen. Und mir wurde auerdem die
Freude, da sie, als ich ihnen den Wunsch des Amerikaners mitteilte, mir die
Erlaubnis gaben, nicht nur ihn, sondern auch seine Tochter zum Kommen
aufzufordern.
    Dann saen wir wohl bis ber Mitternacht beisammen, China, die Vereinigten
Staaten und Deutschland, oder Asien, Amerika und Europa, in Eintracht und
Frieden auf afrikanischem Boden, von allem Guten, Edlen, Schnen und Erhabenen
sprechend, aber nicht vom Unterschiede der Religionen, von den Gegenstzen der
Volksinteressen und von dem Vortrittsrechte besonderer Nationalitten. Es war
ein Abend, den ich nie vergessen werde, und als wir uns trennten, taten wir es
in dem Bewutsein, da alle Menschen so zusammengehren, wie wir in diesen
unvergleichlichen Stunden sowohl uerlich wie auch innerlich vereint gewesen
waren.
    Dem Amerikaner drckte ich ganz besonders warm die Hand. Er war so
rcksichtsvoll, so mild, so weich gewesen und nicht ein einziges Mal in seinen
schnarrenden Ton gefallen.
    Es klingt so aus, wie ich es wnschte, flsterte mir seine Tochter zu.
Ich segne die, die heut durch diese Steine so gewaltig und doch so lieb, so
wunderbar zu uns gesprochen haben. Jawohl, es ist gewi und sicher so: Der Tote
ist nur dann und darum tot, wenn und auch weil er Niemand hat, zu dem er
sprechen kann!
    Am anderen Morgen waren die Pilger fort, und der Ritt nach Sakkara wurde ein
ganz anderer, als ich ihn geplant hatte. Wir Fnf schlossen uns zusammen; ein
Dolmetscher wurde nicht mehr gebraucht, und mein Sejjid Omar war ganz stolz
darauf, der Einzige zu sein, der uns bediente.
    So wurde es auch nach unserer Rcklehr nach Kairo gehalten. Wir machten alle
Ausflge gemeinsam, bis ich mich als der Erste gezwungen sah, zu scheiden. Meine
Vorbereitungen waren getroffen; es zog mich nilaufwrts, dem Sudan zu.
    Als ich den festen Entschlu kundgab, bermorgen abzureisen, machte Fu den
Vorschlag, den letzten Abend wieder bei den Pyramiden zuzubringen, und wir
Andern stimmten alle bei. Das Hotel war nicht sehr besetzt, und so bekamen wir
leicht dieselben Zimmer, welche wir bei unserer vorigen Anwesenheit gehabt
hatten. Das Abendbrot nahmen wir auf der hohen Dne vor meiner Wohnung ein.
    Der Mond schien dieses Mal nicht; aber das magische Licht der Sterne zeigte
uns die Flchen und Konturen der Pyramiden in jener Schrfe, in welcher grad das
irdisch Groe vom Himmel abzustechen pflegt, und lie sie also in einer ganz
andern, ernsteren Sprache zu uns reden, als diejenige war, in welcher sie jngst
zu uns gepredigt hatten.
    Es war keineswegs meine Absicht, in die Geheimnisse der beiden ebenso
hochgebildeten wie liebenswrdigen Chinesen einzudringen, aber eine Aeuerung
Fu's gab mir Veranlassung, anzunehmen, da er Diplomat sei. Und Tsi sprach,
wenigstens zu uns, ganz aufrichtig davon, da er lngere Zeit erst in Berlin und
dann auch in Paris studiert habe, um die Anschauung des Westens mit derjenigen
des Ostens vergleichen und ber das Verhltnis beider zu einander zu einem
klaren Resultate kommen zu knnen. Er hatte sich besonders, wie auch daheim, mit
der Heilkunde beschftigt; sein Lieblingsfach aber war Psychologie.
    Wie kam es wohl, da Waller, seit er mit uns verkehrte, sein Lieblingsthema
fast gar nicht mehr berhrte? Er schien vollstndig vergessen zu haben, da es
Heidentempel gebe, welche zu zerstren seien. Lag der Grund hiervon nur in ihm
allein oder auch in uns? Fu und Tsi waren Personen, in deren Gegenwart es sich
ganz von selbst verbot, gehssig zu sprechen. Es fiel von Seite des Amerikaners
nichts Peinliches mehr vor. Mary war rhrend glcklich hierber. Und als wir am
Schlusse dieses friedlich schnen Abends Abschied von einander nahmen, taten wir
es alle mit dem Wunsche, uns irgendwann und irgendwo einmal wieder treffen zu
drfen. Es soll aber Menschen geben, bei denen der Wunsch der Vater der
Erfllung ist! - - -

                                Zweites Kapitel

                                        

                                 Civilisatoren


Mein Sejjid Omar hatte sich bewhrt. Er lie zwar jede Tr, durch welche er
ging, mit absoluter Sicherheit offenstehen, war aber ehrlich, wahrheitsliebend,
treu, scharfsinnig, zuverlssig und - was ich gar nicht hatte vermuten knnen -
zu Alledem ein wahres Sprachgenie. Im Sudan, in Arabien und so lange wir durch
Gegenden gekommen waren, in denen arabisch gesprochen wird, hatte ich von dieser
seiner Begabung freilich nichts bemerkt; ja, ich war sogar in Beziehung auf
seine sptere Brauchbarkeit bedenklich geworden, weil er nur seine heimische
Mundart fr richtig hielt und bei jedem anderen Dialekte mit einer wegwerfenden
Handbewegung zu sagen pflegte:
    Die halten das fr echtes Arabisch! Die knnen ja gar nicht arabisch
sprechen! Das wahre hhchchhh! und das wirkliche hhkghhh! bringt keiner von ihnen
fertig! Nur wer in Kairo geboren ist, kann reden; eine andere, richtige Sprache
gibt es berhaupt gar nicht!
    Aber als dann nach ausgedehnten monatelangen Wanderungen jenseits von
Bagdad, an der indischen Grenze, das englische Sprachgebiet begann, schien bei
ihm, so was man sagt, der Knoten zu reien. Schon in Kuratschi, wo wir einige
Tage ruhten, wunderte ich mich darber, da er sich fast gar nicht um mich
bekmmerte. Er lie sich nur fr Augenblicke sehen, und als ich ihn darber zur
Rede stellte, erklrte er mir:
    Sihdi, ich habe vorgestern, gestern und heute mit englischen Matrosen
zusammengesteckt und mir ihre ganze Sprache aufgeschrieben. Ich mu doch nun
englisch reden knnen, sonst kannst du mich ja nicht mehr brauchen. Ich habe
sogar in der Nacht studiert; es ist ganz leicht; nur das hhsssshhh und das
thhhsssshhh bringe ich noch nicht heraus, denn die Englnder knnen eben auch
noch nicht richtig reden. Hier hast du ihre Sprache!
    Er zog ein Paket von mehr als zwanzig vollgeschriebenen Papierbogen aus dem
Kaftan und gab es mir. Es enthielt englische Worte und Redensarten mit der
arabischen Uebersetzung, natrlich in arabischer Schrift geschrieben, fr mein
Auge ein wahrer Gallimatthias, in dem ich mich nicht zurechtfinden konnte. Da
ich aber dem guten Omar ansah, da er ein anerkennendes Wort erwartete, so sagte
ich:
    Du bist da sehr fleiig gewesen. Kannst du denn diese englischen Worte alle
aussprechen?
    Er nickte.
    Und du kennst auch ihren Sinn?
    Er nickte wieder, wobei sein Gesicht vor innerer und uerer Zufriedenheit
frmlich glnzte.
    Wenn dies der Fall ist, so bist du ja ein ganz tchtiger Kerl!
    Da rief er aus:
    Probiere mich, Sihdi! Darf ich dir sagen, wie du das zu machen hast?
    Ja. Nun, also!
    Du bist ein englischer Laden, in welchem Cigarren verkauft werden. Ich bin
der englische Sejjid Omar aus Livverbuhl und kaufe fr meinen deutschen Sihdi
Cigarren ein, weil er nicht englisch reden kann. Bist du einverstanden, und soll
ich das so machen?
    Ja, gut! Ich bin der englische Cigarrenladen, und du bist aus Liverpool. Es
kann losgehen!
    Da ging er hinaus, machte die Tr hinter sich zu und klopfte an.
    Come in! antwortete ich.
    Er trat ein, nahm seinen Tarbusch hflich ab und wollte sprechen; ich aber
kam ihm zuvor:
    Mach die Tr zu, ehe du sprichst! Ein Englnder lt keine Tr offen
stehen!
    Er war sofort Herr der Situation, zog die Tr zu und sagte:
    Ei bekk juh parrrrd'n, Mister Miehlord owww Tabbakk nd Smooking-Sihgrr!
Ei wischsch dhho prrrtschh Sihgrr! Giww Sihgrr! Lahrtsch bikk Sihgrr, long
Sihgrr, thick Sihgrr, gudd Sihgrr, fein nnd tschihhhhp Sihgrr! Wott hww ei
dhho peehh, Mister Miehlord owww inglischhh Smooking-Mnn?
    Man denke sich meinen ernsten, gravittischen Sejjid Omar, und man denke
sich dazu, da, whrend er diese Rede wie aus einem halb verstopften
Wursttrichter hervorquellen lie, sein Gesicht genau die Zge der unerlaubten
Orthographie annahm, deren ich mich in diesen Zeilen bediene! Ich konnte nicht
anders, ich mute laut lachen, mehr ber sein Gesicht als ber seine Worte. Das
entzckte ihn. Er sagte:
    Sihdi, ich sehe, wie sehr du dich freust. Ich habe in diesen drei Tagen und
zwei Nchten die ganze englische Sprache auswendig gelernt. Ob du diese Sprache
auch verstehst, das ist nun ganz egal. Ich werde fr dich reden!
    Das war so seine selbstbewute, selbstvertrauende Weise. Mir machte die
Sache in der ersten Zeit Spa; aber je lnger, desto mehr erstaunte ich. Er
machte Fortschritte, die ich nicht fr mglich gehalten htte. Wo er eines
Englnders habhaft werden konnte, der nicht allzu hoch ber ihm stand, den hielt
er fest, um sprachlich von ihm zu profitieren, und als ich ihm seine Bitte
erfllte, mglichst nur englisch mit ihm zu sprechen, fand ich tglich
Gelegenheit, sein unvergleichliches Wortgedchtnis zu bewundern. Nebenbei merkte
er sich jedes Wort jeder anderen Sprache, welches ihm vor die Ohren kam. Er sa
stundenlang an einer Stelle still, immerfort die Lippen bewegend und sich
unausgesetzt bend, um das, was er sich einmal angeeignet hatte, ja nicht wieder
zu vergessen. Wenn ich an Hauptorten mit Europern zusammentraf und in deren
Sprache mit ihnen verkehrte, so machte er sich sicher in unsere Nhe, um einige
Worte aufzufangen und mich dann ber die Bedeutung derselben auszufragen. Und
was er so erfuhr, verga er nie.
    Ganz eigenartig war seine Geschicklichkeit, seinen immer wachsenden
Sprachschatz in Anwendung zu bringen. Es geschah das ohne jedes Gesetz und jede
Regel, aber in einer Weise, welche mich oft heimlich staunen lie. Mit
Etymologie und Syntax freilich durfte ich ihm nicht kommen. Wenn ich von der
Abstammung eines Wortes oder von den Teilen eines Satzes sprach, wehrte er mit
beiden Hnden ab und sagte:
    Ich esse nicht zwei Datteln auf einmal, sondern eine nach der anderen. So
spreche ich auch nicht zwei Worte auf einmal, sondern eines nach dem anderen. So
ist es bei uns in der arabischen Sprache, auer welcher es keine richtige gibt,
und also darfst du nicht von mir verlangen, da ich bei einem Worte gleich an
mehrere andere denken soll. Sie kommen alle ganz von selbst, und du brauchst
keine Angst zu haben, da ich eines vergesse!
    Seine Liebe zu mir war der Grund, da fr ihn meine Muttersprache gleich
nach der seinigen rangierte, und so war seine Freude gro, als ich ihm fr einen
mir geleisteten Extradienst die belohnende Mitteilung machte, da ich ihn von
jetzt an tglich eine Stunde in der deutschen Sprache unterrichten wrde. Die
Folge zeigte, da ich mir keinen besseren Schler wnschen konnte. Er gab sich
die grte Mhe, nach seiner Rckkehr mit den deutschen Touristen deutsch
sprechen zu knnen. Freilich ging er auch hier in einer so regellosen Weise mit
den Redeteilen um, da Wort-und Satzbildungen zum Vorschein kamen, welche um so
lcherlicher waren, je grere Wichtigkeit er der ernsten Wrde gab, mit welcher
sie ausgesprochen wurden.
    Seine in Kairo, ehe ich ihn engagierte, in Beziehung auf die Religion
ausgesprochenen Wnsche hatte ich respektiert. Ich sprach kein Wort vom
Christentum zu ihm, und wenn er einmal, was ja unvermeidlich war, eine sich auf
seinen Islam beziehende Bemerkung machte, so ging ich schweigend ber sie
hinweg. Dies kam in seinen Augen einer Miachtung seiner Religion gleich und
wurde von ihm nach und nach immer mehr als eine Strafe empfunden, welche er
verstndigerweise als eine unausbleibliche Folge seiner damaligen Bitte zu
betrachten schien. Es war mir oft, als ob er in dieser Hinsicht etwas auf dem
Herzen habe, und er setzte auch zuweilen an, es mir zu sagen, kam aber nicht
dazu, weil ihm solche Gelegenheiten von mir aus guten Grnden stets kurz
abgebrochen wurden. Das Zusammenleben mit mir hatte bei ihm die unausbleiblichen
Wirkungen hervorgebracht, denn es war ganz selbstverstndlich, da gewisse
Anschauungen von mir auf ihn bergehen muten. Ich lie das geschehen, ohne ihn
darauf aufmerksam zu machen. Es kam immer mehr vor, da er eines der
vorgeschriebenen Gebete ausfallen lie, weil ihn etwas hinderte, was er frher
auf keinen Fall als Hindernis betrachtet htte. Er unterlie es, die Vorzge
seines Glaubens in der ehemaligen Weise zu betonen, und die Masbacha14, welche
er frher in miger Zeit stets in den Hnden gehabt hatte, war jetzt nur sehr
selten noch zu sehen. Ich nahm diese Zeichen nicht etwa als Beweise vermindeter
Frmmigkeit; o nein; das Herz Omars war noch ganz dasselbe wie vorher; aber er
hatte zwischen innerlich und uerlich unterscheiden gelernt und dabei
eingesehen, auf welcher von diesen beiden Seiten man die wahre, echte
Religiositt zu suchen hat. - -
    Wir kamen jetzt per Dampfer von Bombay und waren froh, den Gefahren dieser
von der Pest vollstndig verseuchten Stadt glcklich entgangen zu sein. Kap
Komorin war dubliert, und wir flogen auf einer wunderbaren See dem herrlichen
Ceylon zu. Ich bin gern bereit, bei einer Personifikation der Meere zu einer
Schnheitskonkurrenz den ersten Preis dem Roten Meere zuzuerkennen, denn ich
habe es, so oft ich es durchfuhr, so schn wie kein anderes gefunden, doch heut
wurde von dem glnzendsten Tag des Orientes die Vermhlung der
arabisch-persischen See mit dem indischen Ozean gefeiert, und der Himmel hatte
seine sanftesten Lfte gesandt und sein reinstes, strahlendstes Licht ber diese
friedliche Vereinigung ausgegossen.
    Blau und wonnig, wie das aus dem Herzen gestiegene Glck in einem selig
lchelnden Menschenauge, so sah uns jede, die Wangen unsers Dampfers kssende
Woge an, um nach diesem Kusse an die Brust der See zurckzusinken. Ein aus
regelmigen Maschen bestehendes Brautgewand bildend, zogen diamantene Fden
sich, so weit der Blick nur reichen konnte, ber die schwellenden Wasser, welche
wie von den leisen Atemzgen eines friedlich Schlafenden sich hoben und sich
wieder senkten. Der Morgen war schon angebrochen, und nun ging auch die Sonne
auf, nicht langsam, wie hinter Bergen empor, nicht mit Nebeln und irdischen
Dnsten kmpfend, sondern pltzlich, mit einem Male, wie einer der Engel des
Lichtes, welcher die Tr des Himmels ffnet und in voller, majesttischer
Gestalt hervortritt, um der Schpfung seines Herrn und Meisters den gttlichen
Segen zu erteilen. Und da flo er herbei, dieser Segen vom ewig jung bleibenden
Osten her, eine unendliche, berwltigende Flle des Lichtes, eine
unerschpfliche Flut von Strahlen, dem Tage als Erhrung des Gebets der Nacht
gesandt! Vom Sonnenpunkt am Horizont beginnend und nach Nord und Sd immer
breiter werdend, war fr uns eine aus flssigen Brillanten gegossene, funkelnde
Bahn gezeichnet, auf deren Mitte wir der Spenderin dieser Pracht und
Herrlichkeit gerad entgegenfuhren. Hatten wir die Erde verlassen, und war Ceylon
jene oft besungene und doch so vergeblich ersehnte Insel der Seligen fr uns?
Wie habe ich dich lieb, so unendlich lieb, du See, du Meer, du Ozean! Du ziehst
in deine Tiefen, damit ich frei von ihm werde, was an mir schwer und irdisch
ist, und trgst mich nach der anderen Welt, nach jenem aus dem Gottvertrauen
emporragenden Ufer, wo zwischen den Bergen des Glaubens der Weg empor nach
meiner Heimat steigt!
    Man bezeichne solche Gefhle ja nicht als berschwnglich! Wer die See nicht
kennt, der ahnt nicht, wie mchtig sie auf jeden Menschen wirkt, der seiner
Seele noch nicht verboten hat, mit ihr zu sprechen. Und wer da meint, whrend
einer kurzen Fahrt nach Kopenhagen oder Helgoland das Meer kennen gelernt zu
haben, der irrt sich sehr. Ich kenne Seekapitne, welche den Atlantischen nach
ihrem eigenen Ausdrucke wie ihr Waschbecken kannten und mit voller Wonne fr
ihn schwrmten, dann aber bei ihrer ersten Fahrt von Suez nach China oder
Australien begeistert eingestanden, da der bisher geliebte alte Heringsteich
im Vergleich mit jenen sdlichen Meeren eben nur als Heringsteich bezeichnet
werden knne. Die Wassermasse an sich tut es freilich nicht. Es ist der Sd; es
ist der Ost, und es ist die Nhe des Aequators. Auch wirken noch andere
Ursachen, denen auf die Spur zu kommen, man sich wohl vergeblich bemhen wrde.
Aber sie kommt; sie ist da, diese Wirkung, und ich bin so glcklich darber, da
es mir wiederholt beschieden gewesen ist, mich ihr von ganzem Herzen hingeben zu
knnen.
    Ich war nach dem Vorderdeck gegangen, wo die Passagiere dritter Klasse
logierten, und hatte mich an das Spriet gelehnt, um den Anblick dieses einzig
schnen Sonnenaufganges voll genieen zu knnen. Als er dann vorber war und ich
mich umdrehte, um nach meinem Deck zurckzukehren, sah ich, da Sejjid Omar
unweit von mir an der Regeling stand und auch bewundernd ostwrts schaute. Als
er bemerkte, da es mich nun nicht mehr stre, erkundigte er sich, wann wir in
Colombo ankommen wrden. Als ich ihm die Auskunft erteilt hatte, sagte er:
    Das sind alles Dummkpfe oder Lgner! Ich fragte gestern Abend den Kapitn,
und er sagte, um zehn Uhr. Dann fragte ich den ersten Offizier, und er sagte, um
zwlf Uhr. Hierauf fragte ich den zweiten Offizier, und er sagte, um elf Uhr. Du
aber, Sihdi, hast gesagt, halb zehn Uhr, und das ist richtig! Es ist aber immer
so und wird auch so bleiben: du weit Alles richtig, und Andere Leute wissen
Alles falsch; manchmal wissen sie es auch gar nicht!
    Der gute Omar hatte nmlich die Eigenheit, mich fr allwissend zu halten.
Das kam daher, da ich niemals etwas zu ihm sagte, wofr ich nicht einstehen
konnte. Sein Vertrauen zu meinem Worte war geradezu rhrend. Er stand jeden
Augenblick bereit, auf mich zu schwren. Seine eigene Wahrheitsliebe hatte mich
verpflichtet, gegen ihn, selbst im Scherz, auch nur wahr zu sein. Das stach
freilich so sehr gegen die orientalische Weise ab, da er mich verehrte, wie
wohl noch Niemand von ihm verehrt worden war. Ich bemerkte oft, wenn ich mich
pltzlich nach ihm umdrehte, da sein stiller Blick mit Liebe auf mir geruht
hatte; er fhlte sich dann ertappt und errtete wie ein kleines Mdchen. Andere
Herren sagten mir aufrichtig, da sie mich um die Anhnglichkeit dieses Dieners
beneideten. Auf diesem Wege erfuhr ich auch, wie er mich gegen Andere zu nennen
pflegte: Unser Herr! Waren wir auf einem Schiffe, so war ich in seinem Auge
der vornehmste Herr an Bord, und er nannte mich selbst gegen den Kapitn nicht
anders als unser Herr. Im Hotel mute es sich der Wirt gefallen lassen, da
Omar nicht ihn, sondern mich als unsern Herrn bezeichnete. Und selbst wenn ich
Gast des Vizeknigs von Indien gewesen wre, so htte dieser hren mssen, da
ich unser Herr sei, nicht aber er. So kam es, da ich berall, wohin wir
kamen, sehr bald von aller Welt, natrlich hinter meinem Rcken und in
scherzhafter Weise als unser Herr angegeben, verkndigt und erlutert wurde.
Ich hatte ihm zwar zu verstehen gegeben, da ich nur sein, nicht aber auch der
Herr aller anderen Leute sei, doch vergeblich; er blieb bei seiner Verehrung und
also auch bei unserm Herrn. Und wie er keinem Andern als nur mir vertraute, so
stand es auch jetzt ganz unerschtterlich bei ihm fest, da wir trotz der
Aussagen des Kapitns und seiner beiden Offiziere und trotz aller ihrer
nautischen Berechnungen halb zehn Uhr in Colombo eintreffen wrden, und zwar
allein nur deshalb, weil ich es gesagt hatte.
    Er sah mich forschend an, um zu ergrnden, ob er weitersprechen drfe, und
da ich nicht abmahnend dreinschaute, fuhr er fort:
    Sihdi, ist Ceylon die groe, schne Insel, welche arabisch Quelb esch
Schark15 genannt wird?
    Ja. Sie ist sehr schn, und du wirst viele Orte von ihr kennen lernen.
    Was fr Menschen wohnen da?
    Singhalesen, Tamilen, eingewanderte Araber, Malayen und Mischlinge. Die
Leute, welche hier auf diesem Deck sitzen, sind meist Singhalesen.
    Er schnippste abwehrend mit den Fingern und sagte:
    Ich habe sie beobachtet. Sie sind ja Abadet el Assnam16, die man nicht
berhren darf, wenn man sich nicht verunreinigen will. Es wird mir keiner zu
nahe kommen, und tut er es, so wehre ich ihn mit dem Stocke von mir ab!
    Da legte ich ihm die Hand wie damals auf die Schulter, sah ihn ernst an und
warnte:
    Du bist Sejjid Omar, aber noch immer nicht ein guter Mensch. Wer kein guter
Mensch ist, der kann auch kein guter Moslem sein. Wir sind alle Brder. Wohnt
der Glaubensirrtum etwa im Krper? Wie kann dich die Berhrung des Leibes, der
mit dem Glauben gar nichts zu tun hat, verunreinigen?!
    Ich drehte mich um und ging. Ich mute zwischen den Singhalesen hindurch. Es
saen da mehrere Familien beisammen, liebe, freundliche, saubere Menschen, die
Vter, die Mtter und die Kinder. Ein kleiner, fast splitternackter Junge war
dabei, dunkelugig, bausbckig, vollbuchig, mit quatscheligen Hnden und Fen.
Ich hob ihn zu mir empor, kte ihn auf die Stirn, setzte ihn wieder hin,
drckte ihm ein kleines Silberstck in die Miniaturpatschen und ging.
    O Sahib! Sahib is good! Sahib have thank! rief es hinter mir her.
    Diese Leute sprechen immer einige Brocken englisch. Nach Omar sah ich mich
nicht um. Er hatte seine Lehre und seine Strafe weg!
    Es war fr mich gar nicht schwer gewesen, zu bestimmen, wann wir ankommen
wrden. Man wei ja ganz genau, wieviel Seemeilen zu machen sind, und man
erfhrt, so oft man will, wieviel das Schiff zurckgelegt hat und wieviel Knoten
es in der Stunde macht. Aber gewhnlichen Fragern steht ein Offizier natrlich
nicht gern Rede. Er sagt irgend eine Zahl, und damit ist es gut.
    Das dunkle, satte Grn der Sdwestkste Ceylons tauchte vor uns auf. Wir
machten eine Schwenkung. Zur linken Hand erschien die Mutwal-Spitze, rechts der
Damm; Masten und hohe Dampferessen ragten auf - - da kam Sejjid Omar gelaufen,
hielt mir die Uhr hin, welche ich ihm als Untersttzung seiner Pnktlichkeit
geschenkt hatte, und rief:
    Sihdi, du hast wieder Recht: Es fehlen sogar noch vier Minuten an halb
zehn! Wirst du als Gast bei Jemand wohnen oder im Hotel?
    Grand Oriental-Hotel. Zwei Minuten vom Landeplatz. Nenne meinen Namen
nicht!
    Mehr brauchte ich nicht zu sagen. Er war gewohnt, Alles ganz allein und auf
das Beste zu besorgen. Ich hatte nur auszusteigen und nach dem Hotel zu gehen,
was der Krze des Weges wegen erlaubt war. Sonst aber wird ein Europer, der in
Colombo zu Fu geht, Jeden, mit dem er verkehrt, blamieren.
    Es gab, wie in jedem orientalischen Hafen, einen unbeschreiblichen Lrm,
doch vollzieht sich hier die Ausschiffung in langen, bequemen Bten und einer
anderorts sehr wnschenswerten Bedachtsamkeit. Mit Pa- und Zollformalitten
hatte ich nichts zu tun. Unter dem Regendach der Landestelle sitzen
Geldwechsler, bei denen man alle mglichen Mnzen des Ostens haben kann. Ich
verweilte mich bei einem von ihnen, um mich mit landlufigem Silber zu versehen,
und schlenderte dann dem Hotel zu. Es ist, beilufig gesagt, das teuerste,
welches ich im Orient gefunden habe. Dennoch ging ich, ohne ein anderes zu
whlen, jetzt wieder hin, weil ich gern wieder in demselben Zimmer wohnen wollte
wie frher. Ich bin in dieser Beziehung ein sonderbarer Kauz. Erinnerungen sind
und bleiben mir stets heilig.
    Noch ehe ich die zur Tr fhrenden Stufen betrat, hrte ich die zankende
Stimme meines vorangeeilten Sejjid Omar, welche aus dem rechts im Flur liegenden
Bureau ertnte. Er sprach sein eigenmchtiges Englisch und war, wie es schien,
in Wut. Als er mich kommen sah, klagte er mir seine Not arabisch:
    Denke dir, Sihdi, man will dir kein groes, schnes, sauberes, fein
mbliertes, billiges Zimmer geben, eine Treppe hoch und mit der Aussicht in das
Freie! Man sagt, es sei Alles besetzt. Wie kann Alles besetzt sein, wenn mein
Sihdi kommt! Und wenn Einer drin ist, oder wenn Zehn drin sind oder Fnfzig oder
Hundert, so mssen sie alle raus, alle, alle! Sodann soll ich deinen Namen
sagen! Habe ich etwa diesen Portier schon nach dem seinigen gefragt? Was tut der
Name? Der Glaubensirrtum steckt nicht in dem Krper und mein Sihdi nicht in
seinem Namen! Ich habe einfach gesagt, da du keinen brauchst und also auch
keinen hast. Ist das nicht deutlich genug? Willst du einen haben, so kannst du
jeden nehmen, den es gibt; du bist der Mann dazu! Und endlich mir, mir will man
nicht einmal eine Wohnung geben, weil ich ein Araber bin; denke dir, dieser
Portier, dem Allah nicht einmal einen Bart hat wachsen lassen, hat mir gesagt,
da nur eingeborene und andere Dienerschaft hier wohnen drfe, arabische aber
nicht, weil man da wegen Schmutz und Ungeziefer schlechte Erfahrungen gemacht
habe. Ich, Sejjid Omar und Schmutz! Ich, Sejjid Omar und Ungeziefer! Dieser
Portier spricht auch arabisch, aber so, wie es hier gesprochen wird. Das ist
doch keine Sprache! Und dieser Mann, der nicht einmal reden kann, wie man mit
Sejjid Omar reden mu, sagt, da hier berhaupt kein Moslem wohnen drfe! Er
meint, wir machten mit unsern Glaubensgebruchen nur Strung und seien keine
reinlichen Menschen; die Singhalesen aber, diese Gtzendiener, seien gerad so
sauber wie die Christen! Ist das nicht unerhrt? Wenn ein echter und wahrer
Bekenner des Propheten hier wegen Ungeziefer nicht wohnen darf, so frage ich
diesen Portier, warum dann er keins hat! Doch nur, weil er nichts zum Beien hat
und so unappetitlich ist, da alles, was zu den Debaib17 gehrt, bei seinem
Anblicke hier zur Tr hinaus und auf die Strae springt! Komm, Sihdi; wir danken
fr ein solches Hotel und suchen uns ein anderes!
    Er wollte fort. Ich gebot ihm mit einer Handbewegung, zu bleiben, und
wendete mich an den Portier. Dieser war ein ganz hflicher Mann. Ein Zimmer, wie
Omar verlangt hatte, war nicht frei; aber ich wollte auch kein solches, sondern
gern mein frheres, und dieses war noch unbesetzt. Der Sejjid konnte allerdings
keinen Raum zum Schlafen bekommen, doch durfte er sich am Tage zu meiner
Bedienung beliebig im Hause aufhalten. Die Verwaltung hatte infolge der
erwhnten Erfahrung ganz berechtigter Weise verboten, arabische Diener fr die
Nacht zu behalten, und meinem islamstolzen Omar konnte es nach seinem
verchtlichen Urteile ber die Gtzenanbeter gar nichts schaden, wenn er hier
die Beobachtung machte, da diese Buddhisten erfahrungsgem den Muhammedanern
vorzuziehen seien. Ich erklrte also, da ich hier bleiben und das Zimmer nehmen
werde. Omar konnte in dem Pettah genannten Eingeborenenviertel wohnen, wo ein
mir bekannter Deutscher ein Hotel niedrigeren Ranges besa. Dort gab es fr ihn
brigens auch mehr Gelegenheit zu den ihm so am Herzen liegenden Sprachstudien
als hier im Grand Oriental-Hotel. Der Portier erhielt fr das, was er von des
Sejjid Strafpredigt verstanden hatte, als Entschdigung ein Trinkgeld, welches
er mit einer Miene zu sich steckte, die mir deutlich sagte, da er mich von
diesem Augenblicke an trotz des arabischen Dieners fr einen Gentleman halte.
    Mein Raum lag auch hier zwei Treppen hoch, nicht nach der See oder nach der
Strae, sondern nach dem Hofe zu, bei dessen Anblick mich das Gefhl berkam,
da ich nach langer Zeit nun wieder einmal zu Hause sei. In diesem Hofe kannte
ich jeden, auch den kleinsten und verborgensten Winkel, obgleich ich ihn nie
betreten hatte. Er war der Bereich der interessantesten ethnographischen Studien
gewesen, welche ich von meinem hochgelegenen Sller aus hatte machen knnen,
denn er wurde teils vom Hotel, teils von Geschftshusern eingeschlossen und
stand mittelst breiter Durchgnge mit den Straen in Verbindung. Es gab ein
immerwhrendes Kommen von Gestalten aller Farben und aller Sorten. Am
interessantesten war mir ein Tamile gewesen, dessen linkes Bein im Beginne der
Elephantiasis gestanden hatte und - - - siehe da, kaum war ich jetzt in das
Zimmer getreten und warf nach so langer Zeit den ersten Blick hinab in den Hof,
da kam dieser Tamile aus dem hinteren Winkel herbeigehumpelt, lter als damals,
doch ganz dasselbe verdrossene Gesicht und ganz derselbe trockene Husten, den er
frher schon hatte. Aber die Geschwulst hatte jetzt das ganze Bein bis herauf an
den Leib ergriffen und war so stark geworden, da man sich keiner Uebertreibung
schuldig machte, wenn man sagte, da dieser arme Teufel ein Menschen- und ein
Elefantenbein besitze.
    Im Zimmer stand derselbe hohe Tisch und dasselbe Bett mit Messinggestell und
Fliegennetz, daneben die zwei niedrigen Serviertische, an denen man den Kaffee
oder Tee einnimmt. Drauen auf dem Sller gab es noch denselben langen,
bequemen, indischen Ausstreckestuhl, welcher vorn zwei verschiebbare Leisten
hat, auf denen die Fe hochgehalten werden. Ueber den Sller selbst mu ich aus
triftigen Grnden noch eine Bemerkung machen.
    Er war aus durchbrochenem Holz gebaut und reichte ber die ganze hintere
Seite des Gebudes. Dieses enthielt in jedem Stockwerke eine lange Flucht von
Zimmern, von denen aus man auf den Sller treten konnte. Um nun zu vermeiden,
da ein Gast den anderen stre, war der Sller teils durch dnne Holzwnde,
teils auch durch grobe Stoffvorhnge in so viele Teile geschieden, wie Zimmer
vorhanden waren. Es konnte also Jedermann auf seinem Balkon oder Sllerteile
sitzen, ohne eigentlich von den Nachbarn gesehen zu werden; aber die Vorhnge
hatten mit der Zeit Lcher bekommen und die Zwischenwnde waren so schadhaft
geworden, da man oft weit mehr zu sehen bekam, als man eigentlich sehen wollte
und auch sehen durfte. Man brauchte sich auch gar nicht anzustrengen, um die
trennende Wand so zu beseitigen, da eine persnliche Ueberraschung des Nachbars
mglich war.
    Auf alle Flle aber hatte man die Trennung nur fr das Auge, nicht aber fr
das Gehr berechnet, denn da bei der dortigen Hitze es keinem Menschen einfiel,
seine Sllertr zu schlieen, so konnte man fast jedes Wort verstehen, welches
in den beiden Zimmern rechts und links nebenan gesprochen wurde. Dergleichen
Situationen sind im Oriente leider allzu hufig. Oft sind nicht nur die Zimmer,
sondern auch die Schrnke, Kommoden u.s.w. halb ffentlich eingerichtet, weil
entweder gar keine Schlssel oder nur solche von ganz derselben Nummer vorhanden
sind, so da Jedermann mit seinem Schlssel die Mbel aller Gastzimmer ffnen
kann.
    Um summarisch zu verfahren, will ich hier gleich Einiges ber Colombo im
allgemeinen erwhnen. Ich beabsichtige dabei nicht etwa eine Beschreibung der
Stadt, sondern es soll nur gesagt werden, was zum Verstndnisse des spter
Folgenden notwendig ist.
    Ihren Namen hat die Stadt von dem hier in die See mndenden Kalani-Ganga
erhalten; sie wurde Kalanbua genannt; die Portugiesen haben Colombo daraus
gemacht. Ihre Lage ist eine durchaus ebene, und so brauchte in den von den
Europern bewohnten Teilen kein Areal gespart zu werden. Die Bungalows18 der
Weien sind von herrlichen Grten und Parks umgeben, in denen die indische
Vegetation zur vollsten, herrlichsten Geltung kommt. Die Dattelpalme kennt man
hier nicht; sie will Sand und Wstennhe haben. An ihre Stelle ist die
Kokospalme getreten, welche ein krftigeres, saftigeres Grn als die erstere
zeigt und den Eindruck eines wohlgenhrteren, besser situierten Pflanzenwesens
macht.
    Die von den Eingeborenen bewohnten Stadtteile haben schmale Straen; die
Huser und Huschen stehen eng beisammen. Man sieht Laden an Laden, und wer sich
vor gewissen Gerchen scheut, der tut wohl, sich in eine der stets und berall
vorhandenen Rickschahs zu setzen und dahin zu fahren, wo es nicht mehr riecht.
    Der Name dieser aus Japan eingefhrten Fahrzeuge lautet eigentlich
Jinrickschah, doch pflegt Jedermann kurz nur Rickschah zu sagen. Man denke sich
eine sehr leicht und fr die Zugkraft nicht eines Pferdes, sondern eines
Menschen gebaute, zweirderige Kalesche mit vorzuschlagendem Regendach und einer
Doppeldeichsel, so wei man ungefhr, wie eine Rickschah aussieht. Der
Singhalese, welcher sie zieht, trgt die leichteste Kleidung, die auf der Strae
erlaubt ist, oft nur eine Hose, welche vom Grtel bis zur Hlfte der
Oberschenkel reicht. Aber sein langes, seidenweiches Haar ist wohlfrisiert,
zurckgekmmt und hinten in einen Knoten geschlungen, der von einem Kamme
zusammengehalten wird. Das gibt dem Manne ein weiches, weibliches Aussehen.
Dieser Kamm ist aber ein Zeichen der Mnnlichkeit; Frauen tragen ihn nicht, und
Knaben erst dann, wenn bei ihnen der Bart zu wachsen beginnt.
    Also auer mit diesem Kamme und der bescheidenen Hose ist der Rickschahmann
vollstndig unbekleidet. Warum? Man steige ein! Sobald man sitzt und er erfahren
hat, wohin man will, beginnt er zu laufen. Die Luft ist schwl; die Sonne
brennt; er luft! Es geht nicht im Schritt, nicht im Trab, nicht im Galopp,
sondern er luft, aber wie! Es hat den Anschein, als ob er wie ein
Torpedobootjger sechsundzwanzig Knoten in der Stunde machen msse. Man hat ihn
Etwas zu fragen; er antwortet so kurz wie mglich, und er luft! Die nackten
Beine werden nicht mde; die nackte Brust scheint keine Lunge zu bergen; der
Atem geht ruhig und regelmig, und doch wrde ihn eine Droschke erster Gte
nicht einholen, denn - - er luft! Da, da - - man schaue hin! Es beginnt noch
Etwas zu laufen! Nmlich unter dem Zopfe quillt ein kleines, einziges Trpflein
hervor, bleibt, wie verschmt darber, da es sich so ffentlich zeigen mu,
einige Augenblicke im Schatten des Kammes stehen und bewegt sich dann, erst
langsam, hierauf sprungweise und hernach schneller und immer schneller ber den
Hals und den Rcken herab, bis es unter dem oberen Rande der Hose verschwindet.
Ein zweiter Tropfen kommt. Dieselbe anfngliche Verschmtheit, dasselbe Zgern,
dann dieselben Sprnge und dasselbe vorlufige Ziel. Ein dritter, fnfter,
zehnter, zwanzigster, hundertster Tropfen erscheint. Sie folgen sich schneller
und schneller, bis sie ein Bchlein bilden, welches von dem Zopfe nach der Hose
strebt. Das Bchlein luft ununterbrochen, aber - - der Mann luft auch! Der
Passagier sitzt hinter ihm, sieht beide laufen und wei nicht, worber er sich
mehr wundern soll, ob ber die Ausdauer seines unermdlichen Zweibeiners oder
darber, da aus einem Zopfe eine so unerhrte Menge von Wasser laufen kann.
Aber auf der rechten Schulter bildet sich auch ein Tropfen, auf der linken
ebenso, beide rinnen herab, dem Rckgrate zu, um sich dort mit dem Bache zu
vereinigen. Sie bekommen Nachfolger. Es entsteht hben und drben ein zweiter
und dritter Bach, nach deren Einmndung der mittlere zu einem Flchen wird.
Bald treten auch an anderen Stellen Wasserperlen hervor, aus denen Bche werden,
an den Oberarmen, der Brust, den Seiten, und alle eilen der Hose zu, welche na
und immer nsser wird, bis sie die allgemeine Ueberschwemmung nicht mehr fassen
kann und in Gestalt von zwei Missisippis an den beiden Beinen niederlaufen lt.
So luft das Wasser endlich am ganzen Krper, und - - der Mann luft auch! Der
Fahrgast sieht das mit Staunen und wundert sich schlielich darber, da er so
ruhig sitzen bleibt und nicht von der Rickschah herunterspringt, um - - - auch
zu laufen! Es ist ein wahres Glck, da man dem Kuli gesagt hat, wohin man
fahren will, denn wenn man das vergessen htte, so wrde er laufen, laufen und
immer weiter laufen und gewi nicht eher aufhren, als bis er sich ganz in
Wasser aufgelst htte und zwischen den Deichselarmen der nun stehen gebliebenen
Rickschah nur noch die Hose und der Kamm zu sehen wren.
    Und wenn das Ziel erreicht ist und er sich mit der freigewordenen Hand ber
das badende Gesicht streicht, so geht sein Atem so ruhig wie im Augenblicke des
Einsteigens; sein Auge blickt so sanft wie eine dunkelsammetne Pensee; er
fordert nach deutschem Gelde nur eine Mark fr die Stunde, und wenn man ihm noch
einige Pfennige zu dem geliebten Siribissen extra gibt, so mchte er nun vor
lauter Dankbarkeit so, wie vorher vor lauter Wasser, auseinanderflieen. Das ist
die Rickschah und das ist der Rickschahmann!
    Mein Sejjid Omar konnte es nicht gut verwinden, da ich gegen seinen
Vorschlag im Grand Oriental-Hotel blieb. Er kmpfte mit sich, ob er schmollen
solle oder nicht; ich lie das unbeachtet. Er mute meine Effekten nach dem
Zimmer bringen und ihnen dort die mir gewohnte Ordnung geben. In Indien spart
man nicht mit der Dienerschaft. So standen auch an meiner geffneten Tr zwei
Singhalesen, welche mich eigentlich zu bedienen hatten und dem Sejjid helfen
wollten. Das pate ihm aber, zumal in seiner jetzigen Stimmung, nicht. Er fate
sie Beide, den Einen mit der rechten, den Anderen mit der linken Hand, schob
sie, ohne ein Wort zu sagen, weit auf den Korridor hinaus und zog dann die Tr
hinter sich zu. Hierauf hielt er mir seine Hnde hin, sah mich lchelnd an und
fragte:
    Sihdi, das waren Gtzendiener? Nicht?
    Du nennst sie so, antwortete ich.
    Und ich habe sie angegriffen?
    Allerdings.
    Nun sieh, was ich tue!
    Er kte seine beiden Handflchen und fuhr dann fort:
    Das ist ganz dasselbe, als ob ich diese Singhalesen gekt htte, so wie du
den Knaben ktest. Ich werde mir weder die Hnde noch den Mund waschen, weil
ich mich nicht verunreinigt habe, denn alle Menschen sind ja Brder! Bist du nun
mit mir zufrieden? Hat die Gte meines Islam jetzt nicht ebenso gesiegt, wie sie
siegte, als ich den Amerikaner, welcher mich beleidigt hatte, nach dem Menahouse
fhrte?
    Nein!
    Warum? fragte er erstaunt.
    Weil beide Male etwas Anderes gesiegt hat.
    Was?
    Das darf ich dir nicht sagen, weil du es mir verboten hast.
    Maschallah! Ich dir Etwas verboten? Dir? Das ist doch mehr, als zehn
Unmglichkeiten sind!
    Du hast mir die Bedingung gestellt, nie von meinem Christentum zu
sprechen.
    Was hat das mit meinem Sieg zu tun?
    Nicht dein Islam hat gesiegt, sondern mein Christentum.
    Er sah mich so verwundert an, da ich erklrend fortfuhr:
    Wer hat damals und auch heute zu dir gesagt, da du zwar Sejjid Omar seist,
aber kein guter Mensch? Wer hat dich im Menahouse aufgefordert, den Amerikaner
zu holen? Und wer hat dir heute durch einen Kindesku gezeigt, wie die Gte zu
handeln hat, von welcher du soeben sprachst?
    Er senkte die Augen und lie auch die Arme sinken, bei ihm das sichere
Zeichen, da er sich in Verlegenheit befand. Aber er wurde fr diesen Augenblick
der Antwort enthoben. Man brachte mir das Fremdenbuch, in welches ich mich
einzuschreiben hatte. Ich berflog die Namen der vor mir gekommenen und noch
nicht ausgestrichenen Fremden. Es waren mehrere Deutsche und Oesterreicher
dabei. Von einem Schiffsarzte wute ich, da er mich kannte, und da ich mich an
Niemand binden lassen und also gar nicht genannt sein wollte, so schrieb ich
meinen Vornamen als Familiennamen ein und sagte dem Sejjid, als wir wieder
allein waren, wie er mich hier, falls er gefragt werde, zu nennen habe.
    Und weit du aber auch, Sihdi, wie du mich zu nennen hast? sagte er
kleinlaut.
    Nun, wie?
    Omar el Gahil19. Ich sehe ein, was du gewi schon lngst bemerkt hast,
nmlich, da ich so dumm gewesen bin, deine Liebe fr meine Gte und dein
Christentum fr meinen Islam zu halten. Willst du mir eine Bitte erfllen?
    Wenn ich kann, ja, gern.
    Sprich immerhin vom Christentum mit mir, und erlaube mir, auch von ihm
sprechen zu drfen, wenn ich dich nach ihm zu fragen habe! Ich war in der
letzten Zeit gar nicht zufrieden mit mir, da ich damals im Kontinetalhotel
diese Bedingung gestellt habe. Es raubt den Schlaf, wenn man gern Etwas wissen
will und doch nicht davon sprechen darf.
    Gut; wir wollen diese Bedingung also fallen lassen. Jetzt werden wir zwei
Rickschahs nehmen und nach dem Gasthause fahren, wo du wohnen sollst.
    Da hob er die gesenkten Augen wieder empor und lie ein frohes Lcheln
sehen. Er fhlte, da ich ihn nur deshalb nicht zu Fue gehen lie und sogar
selbst mit fuhr, um ihm zu zeigen, da ich nun wieder mit ihm zufrieden sei. Er
ahnte gar nicht, da er nur noch mit einem Fue in der Moschee, mit dem andern
aber schon auf dem Wege zur Kirche stand.
    Als wir dann hinunter kamen und der Trsteher fragte, ob er nach Wagen oder
Rickschah rufen solle, antwortete Omar in zwar hchst fraglichem Englisch, aber
mit der ganzen, niederschmetternden Hoheit, die ihm mglich war:
    Wir brauchen nur zu winken. Von Euch bervorteilen lassen wir uns nicht!
    Er vermutete ganz richtig, da jeder von den Hotelbediensteten besorgte
Wagen hher zu bezahlen sei als einer, den man sich selbst besorgt. Ich hatte
fr dieses Mal gegen seine Eigenmchtigkeit nichts einzuwenden. Er hob zwei
Finger in die Hhe, worauf zwei Rickschahmnner herbeigeeilt kamen. Ich stieg
ein; er wartete, bis ich sa; dann nahm er auf der zweiten Platz, und zwar in
einer Haltung und mit einer Miene, als ob er soeben das Grand Oriental-Hotel
gekauft, bar bezahlt und an den ersten besten Bettler sofort wieder verschenkt
habe.
    Wir fuhren nach dem Pettah, die Strae, welche nach der Markthalle fhrt.
Sie ist erst breit und licht, wird aber spter eng. Kurz vor Mittag ist dieses
sogenannte schwarze Stadtviertel sehr belebt. Es gab Stellen, wo man sich
drngte; trotzdem fiel es unsern Rickschahleuten nicht ein, ihre Schnelligkeit
zu mindern. Sie haben ein bewundernswertes Geschick, sich berall glcklich
durchzuwinden. Aber als wir einen kleinen buddhistischen Pilgerzug erreichten,
fielen sie in langsamen Schritt, um nicht zu stren, weil sie die Heiligkeit der
Religion achteten, obgleich sie nicht Buddhisten, sondern Christen waren.
    Diese Pilger kehrten vom indischen Festlande zurck, wo sie die
altehrwrdigen Tempel von Thana, Garapori, Pandsch-Pandu und Adschanta besucht
hatten, um Gott in ihrer Weise zu verehren, und zogen nun nach ihrem heimischen
Tempel, weil sie es fr eine Pflicht hielten, dem, an den sie glaubten, fr
seinen Schutz whrend dieser Reise zu danken. Sie taten das in der stillsten,
unaufdringlichsten Weise. Ruhige bescheidene Menschen, die nicht das geringste
Aufsehen mit ihrer Frmmigkeit erregen wollten! Als sie uns hinter sich
bemerkten, wichen sie unaufgefordert nach der Straenseite hinber, um uns
bereitwillig Platz zu machen. Also wurden wir an ihnen vorbergefahren, wobei
ich nach meiner Gewohnheit freundlich grte. Ihre sauberen, teils sogar aus
Seide gefertigten Anzge bewiesen, da sie keineswegs zur sogenannten Hefe des
Volkes gehrten. Von einem Europer gegrt zu werden, schien fr sie beinahe
ein Wunder zu sein. Sie staunten ber diese ihnen so ungewohnte Hflichkeit und
erwiderten meinen Gru dann aber mit um so grerer Herzlichkeit und Freude.
    Wir nherten uns einer Straenkreuzung. Von jenseits kamen uns Rickschahs,
Zebuwagen und dichtgedrngte Fugnger entgegen; von links und rechts her
flutete ein hnlicher Verkehr, und hinter uns hrten wir pltzlich
galoppierenden Hufschlag und ngstlich schreiende Menschenstimmen. Ich sah mich
um. Es kam eine Schar Europer geritten, Gentlemen, und auch einige Ladies
dabei, mit wehenden Schleiern an den Tropenhelmen und Hten. Sie ritten trotz
des Gewhles beinahe Karriere, und zwar straenbreit. Ich kannte die Art dieser
von der Zivilisation bevorzugten Kaukasier, die sich um nichts Anderes als um
sich selbst, am allerwenigsten aber um die gesunden Glieder tief unter ihnen
stehender Vlkerschaften kmmern. Da war weiter nichts zu tun, als sich zu
salvieren. Wehe Dem, dem es nicht gelang, sich rechtzeitig seitwrts zu retten!
Ich lie schnell halten, stieg ab und sprang nach dem nchsten Hause, um mich an
die Mauer desselben zu drcken. Der Sejjid folgte meinem Beispiele. Die beiden
Rickschahmnner aber duckten sich hinter ihre Fahrzeuge nieder.
    Es war die hchste Zeit gewesen, denn die Gentlemen und Ladies hatten den
Pilgerzug erreicht, jagten ihn vor sich her und ritten lachend zu Boden, was
nicht entfliehen konnte. In demselben Augenblicke bog eine Rickschah um die
Ecke, auf uns zu, in unverminderter Schnelligkeit. Der Passagier schien Eile zu
haben, und der vorgespannte Mann, ein Tamile, hatte von der Seitengasse aus die
Reiter und Reiterinnen nicht sehen knnen. Er prallte mit ihnen zusammen und
wurde niedergerissen und schwer verletzt; seine Rickschah strzte um und brach
ein Rad; die Herrschaften aber setzten ihren Weg unter lautem Gelchter fort.
Der Passagier war unter das Fahrzeug geraten, arbeitete sich aber sehr schnell
hervor und sah sich um. Ueberall an die Huser gedrngte Menschen! Zwischen
ihnen auf der Strae eine Menge gequetschter, getretener und beschdigter
Personen, die sich unter Schmerzen wieder aufzurichten versuchten. Aber
sonderbar! Man war so still dabei! Ich hrte keine einzige rsonierende Stimme!
War das Ehrerbietung oder Vorsicht? Achtung oder Verachtung? Gleichgltigkeit
gegen Schmerzen oder zum Schweigen gezwungene Verbitterung? Ich war mit Omar zu
unsern Rickschahs zurckgekehrt. Der Passagier erkannte mich an der Kleidung als
einen Europer, kam zu mir herber und sagte in englischer Sprache:
    Das ist eine geradezu unverzeihliche Rcksichtslosigkeit, die ich unbedingt
bestrafen lassen werde! Ich mu diesen Menschen nach, um wenigstens einige von
ihren Namen zu erfahren, weil die Anzeige sonst nutzlos sein wrde. Wem gehren
diese beiden Rickschahs?
    Mir und meinem Diener, antwortete ich.
    Wollen Sie mir die Ihres Dieners abtreten? Es ist keine andere in der
Nhe.
    Gern.
    Komm nachher ins Hotel befahl er dem Tamilen. Du mut entschdigt
werden.
    Er bestieg Omars Rickschah und eilte den Uebelttern nach. Den Eindruck, den
er auf mich gemacht hatte, war der eines sehr energischen Herrn. Er trug einen,
nun allerdings beschmutzten, Anzug vom feinsten, weien, indischen Stoffe. Fast
ebenso wei war auch der Vollbart, welcher sein Gesicht umrahmte. Die Zge
dieses Gesichtes hatten nichts, was auf seine Nationalitt schlieen lie. Da
er einen nicht billigen und mit einem grauen Schleier umwundenen Panamahut trug,
war noch kein Grund, ihn fr einen Amerikaner zu halten.
    Was nun tun? Wir waren zwei Personen zu nur einer Rickschah, und es war
augenblicklich keine zweite, freie zu sehen. Ich wies Omar an, hier an dieser
Stelle zu warten, da ich vorausfahren und ihn dann durch die meinige von dieser
Stelle wegholen lassen wrde. Dann stieg ich auf. Inzwischen hatten sich die
Pilger wieder zusammengefunden. Die Unverletzten nahmen die Verletzten zwischen
sich und gingen langsam an mir vorber. Einer von den Beschdigten schien ein
Bein gebrochen zu haben; er mute getragen werden. Im Vorbeipassieren rief er
mir zu:
    Sahib20, du bist auch ein Christ, wie diese waren; aber du reitest trotzdem
keinen deiner Mitmenschen nieder. Unser Gott ist auch Euer Gott. Er segne dich!
    Als sie vorber waren, fuhr ich nach dem Gasthofe, dessen Wirt mich zwar
wieder erkannte, aber meinen Namen vergessen hatte, was mir nicht unlieb war,
weil jetzt nur der Vorname gltig sein sollte. Er hatte Platz mehr als genug und
nahm Omar, der sich auch bald einstellte, sehr gern bei sich auf.
    Da ich heut eine Menge Briefe zu schreiben hatte und darum nicht ausgehen
wollte, so gab ich dem Sejjid bis zum Abend frei; dann sollte er nach dem Hotel
kommen und nachfragen, ob es vielleicht Etwas fr ihn zu tun gebe. Bis dahin
sollte er im Pettah nach alten Mnzen und Merkwrdigkeiten, besonders aber nach
Bchern suchen und mir dann sagen, wo so Etwas zu sehen und vielleicht zu kaufen
sei. Er verstand zwar nichts davon, hatte mir aber schon fters seine ungemeine
Findigkeit fr dergleichen Sachen bewiesen.
    Hierauf kehrte ich nach dem Grand Oriental-Hotel zurck, speiste auf meinem
Zimmer und machte mich dann ber die angegebene Arbeit her. Dabei ging ich
fters hinaus auf den Sller, um die Raben zu fttern, welche ich von frher her
kannte. Sie bevlkerten die Dcher und Bume in Scharen und waren so zahm, da
sie sogar in das Zimmer kamen. Ihr beliebtester Trick war, die Butter, welche in
Ceylon selten ist und aus Europa bezogen wird, so schn sauber vom Brote zu
fressen, als habe ein Kind sie abgeleckt.
    Am Nachmittage ging ein echt ceylonesischer Regen nieder: jetzt blauer,
vollstndig wolkenloser Himmel; pltzlich verdstert er sich, doch ohne da man
massige Wolkenbildungen bemerkt. Das Wasser strzt frmlich wie ein
ausgeschtteter See hernieder. Dann wieder ebenso pltzlich heiterer Himmel.
Diese Regenszene spielt sich oft innerhalb einer halben Stunde ab.
    Als es dunkel wurde, was hier regelmig kurz nach sechs Uhr geschieht, kam
Omar. Ich lie ihn einige kleine Einkufe fr mich machen, dann konnte er wieder
gehen. Er hatte auch schon die Tr in der Hand, als er wieder umkehrte, indem er
sagte:
    Bald htte ich vergessen, Sihdi, dich zu fragen, ob du heut vielleicht ein
kleines Buch verloren hast.
    Wo?
    Da, wo wir standen, als die Soldaten kamen.
    Ich habe kein Buch bei mir gehabt.
    So mu ich es dem Baja21 wiedergeben.
    Welchem Hndler? Du hast es mit?
    Ja. Als du mit deiner Rickschah allein fortgefahren warst und ich warten
mute, sah ich den Baja aus seinem Laden kommen und ein kleines Buch aufheben,
welches im Schmutz der Strae lag, ganz nahe an der Stelle, wo die zerbrochene
Rickschah umgestrzt war. Der Hndler hatte dich und mich stehen sehen und
fragte mich, ob das Buch vielleicht dir oder mir gehre, und ich sagte nein,
weil ich ja Alles kenne, was du hast. Er mute es also behalten. Als ich nun
vorhin zu dir ging, mute ich an seiner Tr vorber. Er sah mich kommen und
fragte mich, ob ich lesen knne, was in dem Buche stehe. Ich sagte wieder nein,
weil es nicht arabisch war. Aber ich kam auf den Gedanken, es dir mitzunehmen,
denn es war doch nicht ganz und gar unmglich, da es dein Eigentum sei. Oder
wenn nicht, so steht vielleicht ein Name darin, der uns sagt, wem man es zu
geben hat. Der Baja mchte wahrscheinlich gern einen Finderlohn haben. Darf ich
es dir zeigen?
    Natrlich!
    Es war ein in blaue Seide gebundenes, sichtlich vielgebrauchtes
Damennotizbuch, auf dessen Vorderseite ich die beiden goldenen Buchstaben M.W.
las. Das Gold war freilich fast verblichen. Beim oberflchlichen Durchblttern
sah ich, da es teils englisch und teils deutsch geschrieben war und Notizen
ber weibliche und husliche Angelegenheiten enthielt, denen ich das, was ich
wissen wollte, nicht entnehmen konnte. Am hintern Deckel des Einbandes war, wie
in solchen kleinen Bchern fast immer, ein Tschchen angebracht. Es enthielt
eine Photographie in Visitenkartenformat. Als ich sie herauszog, kam mir zuerst
die hintere Seite vor die Augen. Da sah ich in weicher, schner, regelmiger
Frauenhandschrift und deutscher Sprache die Zeilen geschrieben:
    Zwei Geister streiten sich um Dich, ein guter und ein bser, der eine nur
angeblich, der andre wirklich fromm. Heut bist Du wie der eine und morgen wie
der andere. Gott gebe Dir und mir ein frohes Resultat!
    Die andere Seite enthielt das Bild der Schreiberin. Eine schne, vielleicht
vierzig Jahre zhlende Frau, die mir bekannt vorkam, um so bekannter, je lnger
ich die Photographie betrachtete. Wo hatte ich diese warmen Seelenaugen
geschaut, deren Blick unablssig um irgend Etwas zu bitten schien? Vielleicht
bestand diese Bitte in den letzten der umstehenden Worte: Gott gebe Dir und mir
ein frohes Resultat!
    Als ich das Bild wieder in das Tschchen zurcksteckte, sah ich in der
letzteren noch ein zusammengefaltetes Papier, augenscheinlich oft gebraucht. Ich
nahm es heraus und faltete es auseinander. Man denke sich die Gre meines
Erstaunens, als mein Blick auf die vier Zeilen fiel, welche der Wind der Tochter
des Missionars in Kairo zugeweht hatte, nicht etwa in Abschrift, sondern das
Original, von meiner Hand geschrieben!
    Nun wute ich auf einmal, da die beiden Buchstaben den Namen Mary Waller zu
bedeuten hatten. War sie etwa mit ihrem Vater hier in Colombo? Die Mglichkeit
lag vor, weil sie die Absicht gehabt hatten, sich lngere Zeit in Indien zu
verweilen. Mochte das nun sein, wie es wollte, das Notizbuch war Marys Eigentum,
und sie mute es wiederbekommen. Hier im Hotel wohnten Wallers nicht; ich hatte
ja das Fremdenbuch gelesen. Sie waren nun entweder im Galle Face-Hotel oder ganz
drauen im Hotel Lavinia zu suchen, beide Huser ersten Ranges: in einem anderen
wohnten sie gewi nicht. Ich beschlo also, das Buch zu behalten und morgen
Erkundigung einzuziehen. Darum gab ich Omar fr den Baja eine Rupie Finderlohn,
fgte aber keine weitere Auskunft hinzu.
    Als er gegangen war, mute ich an jenes Erlebnis in Kairo und an den
Pyramiden denken. Wir hatten uns im freundschaftlichsten Wohlwollen von einander
getrennt, aber es war inzwischen eine ganze Reihe von Monaten vergangen; ich
hatte viel, sehr viel erlebt und durfte annehmen, da auch meine damaligen
Gefhrten neue Bilder in sich aufgenommen hatten, von denen die alten vielleicht
verdrngt worden waren. Auch ist es eine alte, wohlbewhrte Regel der Klugheit,
Reisebekanntschaften wenn mglich nur als Episoden zu betrachten. Pflegt man sie
spter fort, wenn die Wanderpoesie verflogen und verklungen ist, so geschieht es
nur zu oft, da man es zu bereuen hat. Ich war zwar berzeugt, da Waller und
seine Tochter sich freuen wrden, mich wiederzusehen, aber dieses Wiedersehen
mute ihn an frhere Schwchen erinnern, und das konnte ich ihm ersparen.
Uebrigens, wenn ich sie fand, so war ich gezwungen, mich ihnen zu widmen, und es
erschien mir sowohl fr sie als auch fr mich vorteilhafter, auf die persnliche
Freiheit nicht so ohne zwingenden Grund zu verzichten.
    Diese Betrachtungen brachten mich zu dem Entschlusse, Wallers, wenn sie hier
sein sollten, nicht aufzusuchen, sondern ihnen das Buch auf einem anderen,
unaufflligen Wege zuzustellen. Wie es auf die Strae im Pettah gekommen war,
das brauchte nicht ein Rtsel zu sein, welches gerad ich zu lsen hatte.
    Aber in Beziehung auf das Gedicht fhlte ich, da mir die Finger nach der
Feder zuckten. Der Wind hatte es Mary zugeweht. Wie wrde sie sich wundern, wenn
sie jetzt bei dem Anfange eine Fortsetzung von derselben Hand erblickte! Wie
wrde sie sinnen und nachdenken, auf welche Weise sich das zugetragen habe!
Vielleicht ffnete sie nicht jetzt, sondern erst spter, nach Monaten, nach
langer, langer Zeit das Blatt; wie gro erst dann das Staunen!
    Leider hatte ich damals das Gedicht nicht fertiggeschrieben, weil mir die
Disposition nicht ganz klar erschienen war. Ich hatte das Sujet in vier
Vierzeiler fassen wollen, war aber zu der Ansicht gekommen, da die Fassung in
zwei Achtzeiler sinnentsprechender sei. Der erste war fertig geworden, der
zweite aber nicht, weil ich Anderes und Notwendigeres zu tun gehabt hatte. Aber
das war ja vollstndig hinreichend zu dem jetzigen Zwecke, die junge Freundin
durch dieselbe Handschrift von demselben Verfasser zu berraschen. Ich glttete
also die Falten des Papieres mglichst aus, probierte die hiesige Tinte, ob sie
von derselben Schwrze sei, und fgte dann vier neue Zeilen hinzu, so da die
Strophe nun folgendermaen lautete:

Tragt Euer Evangelium hinaus,
Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden,
Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus,
So stehe es fr Euch im Vlkerfrieden.
Gebt, was Ihr bringt, doch bringt nur Liebe mit,
Das Andre alles sei daheim geblieben.
Grad weil sie einst fr Euch den Tod erlitt,
Will sie durch Euch nun ewig weiter lieben.

    Eben war ich mit diesen Zeilen fertig, als sich im Nebenzimmer rechter Hand
ein Gerusch vernehmen lie. Es war bisher zu beiden Seiten so still gewesen,
da ich geglaubt hatte, die zwei benachbarten Rume seien unbesetzt; dies schien
nun aber, wenigstens in Beziehung auf den einen, nicht der Fall zu sein.
    Ich unterschied zunchst zwei Stimmen, welche sprachen. Es wurden Sthle
gerckt und heraus auf den Sller geschafft. Da klangen die Worte natrlich
deutlicher. Ich hrte Jemand sagen, und zwar in englischer Sprache:
    Also mein letzter Abend in Indien, speziell auf Ceylon! Wie freue ich mich,
da ich diese lange und gefhrliche Arbeit zum Abschlusse gebracht habe und nun
die Heimat wiedersehen darf!
    Wenn ich mich nicht irrte, so kannte ich diese Stimme. Ich hielt sie fr
diejenige des graubrtigen Herrn, welcher unter die Rickschah des Tamilen
geraten war. Er hatte zwar nur wenige Worte mit mir gesprochen, aber ja erst
heut, also vor so kurzer Zeit, da mir der Klang seines Organes noch nicht
wieder verloren gegangen war.
    Und dieser letzte Tag auch nicht ganz ohne Gefahr, bemerkte der Andere.
Unter die Hufe der Pferde zu geraten, das htte schlimmer enden knnen, als es
glcklicherweise ausgefallen ist!
    Das ist nicht zu bestreiten, obgleich ich nur unter die Rickschah, nicht
aber unter die Hufe der Pferde geraten bin wie die Eingeborenen, die ich
verletzt auf der Strae liegen sah. Soll es etwa so weit kommen, da schlielich
der ganze Orient unter den Hufen des Occidentes liegt? Fast scheint es so?
Ueberall, wohin ich hier gekommen bin, habe ich zwei dunkle, unheilvolle Mchte
an der Arbeit gesehen, diese nichts weniger als christliche Aufgabe zu
vollenden, nmlich die religise Ueberhebung und den nationalen Hochmut. Wer da
behauptet, Gott sei so haarspaltend und pedantisch, da er nur die weie
Hautfarbe liebe und auf einer ganz bestimmten Art und Weise des Hndefaltens
bestehe, der lstert ihn, denn er setzt ihn tief unter den gewhnlichen
Durchschnittsmenschen herab. Solche Snder gegen die Vlker- und Menschenrechte
gehren eigentlich unter Gewahrsam, weil sie gemeingefhrlich sind, und darum
freut es mich, da es mir gelungen ist, die Namen der sogenannten zivilisierten
Herren und Damen zu erfahren, welche sich ein Vergngen daraus machten, der
anderen Rasse zu zeigen, was eigentlich Rasse ist. Ich habe ihre Bestrafung
gefordert, und der Gouverneur versprach sie mir. Hoffentlich lt er sich durch
meine Abreise nicht verleiten, die Untersuchung einschlafen zu lassen! - Setzen
wir uns! Wir haben noch Zeit bis zum Diner, und ich liebe es nicht, der Erste an
der Tafel zu sein.
    Die Sthle drauen knackten; es trat eine Redepause ein. Also meine
Vermutung bewahrheitete sich; es war der graubrtige Herr, welcher, wie seine
Aufforderung zum Setzen erraten lie, der jetzige Besitzer des Nebenzimmers und
also mein Nachbar war.
    Diese lstigen Abschiedsbesuche, seufzte er. Immer und immer in full
dress, sogar beim Essen! Ungesund und zeitraubend!
    Diese Worte waren fr mich scheinbar nebenschlich aber auch nur scheinbar.
Da der heutige Abend sein letzter hier auf Ceylon war, so reiste er also morgen
ab, und ich folgerte: Er war den Reitern nachgeeilt und dann, whrend ich mich
noch im Pettah befand, in das Hotel gegangen, um fr den Gang zum Gouverneur den
Gesellschaftsanzug anzulegen. Spter hatte er Abschiedsvisiten gemacht und sa
nun mit irgend einem Bekannten drben in seinem Zimmer, um die Zeit bis zum
Abendessen zu verplaudern.
    Das Gesprch, welches ich nun zu hren bekam, handelte von den Erlebnissen
und Erfahrungen, welche er in Indien gemacht hatte. Er schien Gelehrter,
speziellen Berufes, wahrscheinlich Arzt, zu sein und war von Amerika nach dem
Oriente gekommen, um die Krankheiten, besonders die Pest, zu studieren. Sein
Aufenthalt im Morgenlande hatte fast zwei Jahre in Anspruch genommen, und das,
was ich hrte, berzeugte mich, da seine Studien sich nicht nur auf die
materiellen, sondern auf die geistigen Verhltnisse der betreffenden Vlker
erstreckt hatte. Er war ein sehr scharfsinniger, kluger Mann und dabei ein
vorurteilsloser, edel denkender Menschenfreund. Er sprach zuweilen Worte, fr
welche ich ihm htte die Hand herzlich drcken mgen.
    Es ist fr den Westen gefhrlich, sich den Osten als abgetan zu denken und
seine Vlker als untergehende Nationen zu bezeichnen, sagte er. Die Bibel
erzhlt, da der Garten Eden im Morgenlande gelegen habe. Die Flsse dieses
Paradieses sind nicht nur fr die sogenannten Auserwhlten Gottes, sondern fr
alle Welt geflossen; aber der Mensch, welcher in das Eden gesetzt wurde, es zu
pflegen, zu bebauen und seinen Nachkommen zu erhalten, verga nur allzu bald,
da dies eine Aufgabe sei, die ihn zwar zum Pfleger, aber nicht zum Herrn des
Paradieses machen sollte. Er wollte sein wie Gott! sagt die heilige Schrift; das
heit, er wollte bestimmen, ohne nach den gttlichen Gesetzen zu fragen. Der
Herr warnte ihn, warnte ihn in seiner Gte nur durch das kleine Verbot eines
Apfels, welchen stehen zu lassen bei der unendlichen Frchteflle des Gartens so
leicht war und gar keine Selbstberwindung kostete. Aber der allbegehrliche
Mensch wollte nun gerade diesen, und - - - er hat ihn genommen. Doch diese
Habsucht, welche in ihrer Grenzenlosigkeit trotz ihres unendlichen Reichtums
nicht auf einen einzigen, kleinen Apfel verzichten, sondern den rechtmigen
Herrn um Alles bringen wollte, hat sich durch ihre ungehorsame Begehrlichkeit
selbst um Alles gebracht; sie bezahlte den einen Apfel mit dem ganzen Paradiese.
Das ist die Geschichte des Sndenfalles in Beziehung auf das ganze
Menschengeschlecht, auf die Nationen und auf jeden einzelnen Menschen.
    Er hielt inne; der Andere sagte nichts. Es schien mir, als habe der Schlu
der Rede nicht das gebracht, was der Anfang versprochen hatte; da aber fuhr der
Sprecher fort:
    Jedes Volk hat nicht nur das Recht, sondern auch die volle Kraft, sich
auszuleben. Und jedes Volk hat die heilige Pflicht, andere Vlker sich ausleben
zu lassen. Aber der Teufel der Hab- und Selbstsucht, welcher sich in das
Paradies eingeschlichen hatte, um den Menschen aus dem Glcke desselben heraus
in das von ihm selbst beherrschte Elend zu locken, hat nicht blo diesem einen
Kain gegen diesen einen Abel die Keule in die Hand gedrckt, sondern ist, zum
Brudermorde reizend, an den Thronen und in den Htten aller Zeiten und aller
Vlker ein finsterer Gast gewesen und schleicht sich auch durch unsere
Gegenwart. Und wie es das Heiligste auf Erden, die Verehrung Gottes war, aus
welcher damals die egoistische, liebeleere Faust des Mrders den scheinbaren
Grund zu dem Verbrechen zog, so hat von Anfang an bis auf den heutigen Tag jeder
Opfernde seinen Altar fr den einzigen gehalten, der Gott gefallen msse. Wo
sind die Sttten, deren wohlgeflliger Opferduft geradeauf zum Herrn gestiegen
ist? Und wer zhlt die angeblichen heiligen Orte, deren schwerer, dunkler Rauch
nicht zum Himmel steigen konnte, sondern verderbenbringend weithin auf die
Lnder fiel? So lange die Erde steht, hat das Heilige dem Unheiligen, die
Menschenliebe der Eigensucht, die Zivilisation der Rcksichtslosigkeit als
Vorwand gedient, und ich suche vergeblich nach einem sanften, frommen Abel unter
den Vlkern, den nicht irgend ein Kain gehindert htte, sich auszuleben. Wer
kann die materiellen Summen und die geistigen Reichtmer berechnen, welche fr
die Menschheit ungehoben blieben, weil Kulturformen von der Erde verschwunden
sind, welche nicht nur trotz, sondern gerade wegen ihrer Eigenart fr die
Allgemeinheit gewi unermelich viel geleistet htten, wenn es ihnen erlaubt
worden wre, sich bis zur Vollendung ihrer Aufgabe zu entwickeln!
    Er machte jetzt wieder eine Pause, welche der Andere nicht schweigend
vorbergehen lie, denn er sagte, und zwar in einem Ton, dem ich es anhrte, da
er dabei lchelte:
    Ihr Lieblingsthema, lieber Professor! Aber mehr fr zartfhlende Frauen als
fr uns Mnner, die wir mitten im rcksichtslosen Leben stehen, welches uns
zwingt, uns zu wehren, weil wir eben auch den Wunsch haben, uns ausleben zu
drfen. Wenn Sie in dieser Weise sprechen, ist es mir, als ob ich Mi Mary,
Ihren Liebling, vor Ihnen sitzen she, um Ihrem Vlkerevangelium gerade ebenso
zu lauschen, wie einst eine andere Mary zu den Fen eines anderen und, wenn Sie
gestatten, greren Meisters sa, um ihm zuzuhren.
    Ja. Fgen Sie aber auch hinzu, da dieser Meister, Christus, zu der
Schwester dieser Mary sagte: Mary hat den besten Teil erwhlt; der wird nicht
von ihr genommen werden! Mary Waller ist krperlich die Tochter ihres Vaters,
seelisch das Kind ihrer Mutter, geistig aber das meinige, und ich bin stolz
darauf, da sie das ist. Wollen Sie mir entschlpfen, indem Sie von ihr
sprechen?
    O nein. Sie wissen ja, da auch ich zuweilen ber solche Dinge nachdenke,
wenn ich dabei auch nicht zu denselben Schlssen komme wie Sie. Fr mich sind,
wie auch jeder einzelne Mensch, die Vlker abgetan, sobald sie nichts mehr
leisten.
    Der einzelne Mensch auch?
    Ja.
    Darf Ihr Arbeiter schlafen?
    Welche Frage! Natrlich, ja!
    Aber er leistet doch nichts, whrend er schlft!
    Er wird, wenn er heut Abend schlafen geht, dann morgen um so mehr leisten,
je besser er geschlafen hat. Er holt sich vom Schlafe neue Krfte.
    Well! Auch Vlker schlafen. Ihr Schlaf whrt freilich lnger als nur eine
Nacht, und wer die Notwendigkeit dieses Schlafes nicht begreift, der kann leicht
versucht sein, ihn fr den Tod und sie fr abgetan zu halten. Aber diese
schlafenden Vlker wachen wieder auf, wenn ihnen der Atem nicht genommen wird.
Sie haben whrend der Ruhe neue Kraft gesammelt, und wenn ihr Morgen kommt, dann
wehe dem, der sie fr tot gehalten und sich als lachender Erbe in ihren Rechten
eingenistet hat! Ich meine, da man besonders hier im Oriente vorsichtig zu sein
habe. Es gibt da schlafende Riesen, welche man, wenn auch nicht fr schon tot,
ober doch fr sterbend hlt. Wenn ein Schlafender zuweilen eines seiner Glieder
bewegt, soll man das nicht fr Todeszuckung halten. Ein solcher Riese ist der
Islam. Er schlft, und darum sehen wir an ihm nur das, was wir positives,
unwillkrliches Leben nennen. Wir drfen ihn berhren, seinem Kopfe, seinem
Arme, seiner Hand vorsichtig eine andere Lage geben. Wenn wir keine Mrder sind,
wird er erwachen, unbedingt erwachen, und es steht bei uns, ob dieses Erwachen
ein freundliches, friedliches sein wird oder nicht. Die Seele kehrt am Morgen in
den Krper zurck, mit ihr das Leben aller seiner Glieder, das Selbstbewutsein
und der Wille mit dem Tatendrang. Der Islam ist das Medium der Seelen aller
Vlkerschaften, die sich zu ihm bekennen. Die Glieder dieses Riesenleibes ruhen
jetzt; sie verhalten sich passiv. Wer hat Mut, ihn durch irgend eine Gewalttat
aufzuwecken?
    Ich nicht! scherzte der Andere. Lassen wir ihn schlafen, bis er von
selbst erwacht. Er wird sich dann freilich sehr verwundert die Augen reiben,
wenn er bemerkt, da er, die Majestt von Muhammeds Gnaden, inzwischen Christ
geworden ist. Halten Sie Buddha, Tao, Lao und Konfucius vielleicht auch fr
solche Schlfer?
    Nein, denn in keiner der von ihnen gelehrten Anbetungsformen liegt die
Aggressivitt, welche dem Christentum und dem Islam eigen ist. Hier liegt die
Gefahr fr uns nicht auf dem eigentlich religisen Gebiete. Es handelt sich um
den friedlichen Ausgleich zweier ganz verschiedener, in vielen Beziehungen
heterogen entwickelter Menschenrassen, der weien und der gelben. Die rote haben
wir glcklich hingemordet, denn was von ihr noch brig ist, das sind nur noch
die letzten, ersterbenden Hauche einer vierhundert Jahre langen,
ununterbrochenen Todesklage. Aber fr die gelbe Rasse wird uns die
Weltgeschichte keinen Kortez und keinen Pizarro liefern, und das ist ein Glck
fr uns, denn diese Weltgeschichte ist zwar langmtig aber auch unerbittlich
gerecht, und das Land, in welchem einst die Sonne nicht unterging, ist durch den
Fluch, der auf den Taten seiner einstigen Konquistadoren ruht, und trotz aller
seiner berhmten Silberschiffe so klein und arm geworden, da es weder Raum noch
trockenes Brot und Wasser fr die wenigen noch lebenden Indianer haben wrde.
Ein gewaltig ernstes Menetekel fr uns, die wir uns eben unterfangen, den Besitz
der gelben Rasse unter uns aufzuteilen! Es steht im Buche des Schicksals
geschrieben, da wer China erobern will, der mu Chinese werden. Es gibt in
dieser Rasse ein Ferment, dem keine Rasse widerstehen kann. Sie wird jeden Feind
assimilieren, und wer mit ihr verkehren, dabei aber dieser Aufsaugung entgehen
will, der mu beherzigen, da es nur ein einziges Mittel gibt, nmlich Freund
anstatt Feind zu sein!
    Welch ein Glck fr unsern Freund Waller! erklang es wieder scherzend. Er
wird nicht assimiliert, denn er kommt ja doch als Freund!
    Irren Sie nicht! Der Chinese schtzt seinen Glauben nicht niedriger ein als
wir den unserigen; ja, in Beziehung auf seine mehrtausendjhrigen Sitten und
Anschauungen wird er uns trotz aller sonstigen Ueberlegenheit doch nicht anders
als nur Barbaren nennen. Er wird Jeden, der zu ihm kommt, um ihm fr seine
Religion eine andere anzubieten, fr einen Dummkopf halten, und wenn dieser
Ignorant bei seinem Vorsatze bleibt, so ist bis zur Feindschaft nur ein kleiner
Schritt. Dazu kommt leider Wallers krankhafte Eigenart. Er ist erblich
belastet.
    Ihre alte Meinung, lieber Professor! Ich aber halte ihn zwar fr
auerordentlich nervs, doch nicht fr geisteskrank.
    Das habe ich auch nicht gemeint. Erblich belastet kann man auch in anderer
als nur rztlicher Beziehung sein. Erblich belastet ist fr uns der Chinese in
Hinsicht auf seinen Ahnenkultus, den er von den Vorfahren geerbt hat. Erblich
belastet fr den Chinesen ist Waller bezglich seiner religisen Unduldsamkeit,
welche jedem Gliede seiner Familie seit Generationen anerzogen worden ist. Hlt
er doch sogar jeden Christen, der nur im Geringsten anders denkt oder glaubt als
er, fr ewig verdammt und verloren! Auf religise Kontroversen sich mit ihm
einzulassen, ist geradezu unmglich, weil er jede andere Meinung als Beleidigung
behandelt. Und dabei gehrt sein Christentum nicht einmal einem gewissen
kirchlich abgegrenzten Bekenntnisse an, sondern es beruht auf den Lehrstzen,
welche sich in seiner Famile nach und nach herausgebildet haben und von den
Eltern auf die Kinder vererbt worden sind. Dazu kommt, da er seinem Vater hat
versprechen mssen, Missionar zu werden, um durch die Verbreitung dieser
religisen Familientraditionen mglichst viele Heiden zu bekehren und dadurch
fr sich und seine Vorfahren bei Gott ein Verdienst zu erwerben, welches ihnen
im Jenseits angerechnet werden mu.
    Vorfahren? Das grenzt ja an den chinesischen Ahnenglauben!
    Natrlich! Und doch wettert er so gegen ihn! Seine verstorbene Frau, eine
wahre Engelsseele, milderte, so viel sie konnte. Sie htte ihn, wenn sie am
Leben geblieben wre, wohl nicht nach China gehen lassen. Es ist ihm gelungen,
durch Verbreitung jener religisen Traditionen so eine Art von Sekte um sich zu
bilden, zu welcher sehr reiche Leute gehren. Diese haben es fr ein Gott
wohlgeflliges Verdienst gehalten, ihn nach dem Tode seiner Frau mit den ntigen
Mitteln zum Beginnen seines Missionswerkes auszustatten. Diese Mittel sind so
ansehnlich, da sie ihm sogar erlaubt haben, vorher eine Rekognoszierung durch
den Orient vorzunehmen. Als mir seine Tochter das schrieb, war ich auch schon
hier im Morgenlande. Spter teilte sie mir ihre Abreise mit, und wir bestimmten
ein Rendezvous in Cambay, wo wir uns auch glcklich trafen. Sie ist in die
Fustapfen ihrer Mutter getreten, mit der ich, der Nachbar und entfernt
Verwandte, sie erzogen und unterrichtet habe, und ich hoffe fr ihn gute Wirkung
davon, da er sie mitgenommen hat. Uebrigens scheint er in neuerer Zeit einen
Ansto erhalten zu haben, seine Lehrstze nicht so, wie frher, fr absolut
unfehlbar zu halten. Mary sprach aus Rcksicht auf den Vater nicht davon, und so
unterlie ich es, mich zu erkundigen; aber sie unterhielten sich oft von einem
Deutschen, mit dem sie in Kairo zusammengetroffen sind. Mit ihm und zwei
Chinesen haben sie wiederholt Ausflge gemacht, und ich glaube, aus ihren
Bemerkungen schlieen zu drfen, da es diesem Germanen gelungen ist,
wahrscheinlich aber ohne da er es beabsichtigt hat, den Vater zu vermgen, ber
seine religise Starrheit nachzudenken. Er kann zwar grad noch so aufbrausend
und absprechend wie frher sein und genau noch so gegen heidnische Tempel und
Sulen wettern, aber pltzlich wird er still, sinnt nach, und dann kommt eine
weiche, friedliche, menschenfreundliche Bemerkung, die aus diesem Munde frher
eine Unmglichkeit gewesen wre. Ich habe mein Mglichstes getan, diese
Augenblicke zu bentzen, ihn fr solche gute Stimmungen empfnglicher zu machen,
glaube aber nicht, viel gewirkt zu haben, da wir uns so bald wieder trennen
muten.
    Sind sie dann direkt nach China? hrte ich den Zweiten fragen.
    O nein. Er ist ja Herr seiner selbst und Missionar aus eigener
Machtvollkommenheit. Darum kann er reisen, wann, wie und wohin er will. Sein
nchster Zweck war, Indien kennen zu lernen und quer durch das Land nach
Kalkutta zu gehen. Dort angekommen, hat er mir geschrieben. Der Brief wurde mir
nachgeschickt; ich habe ihn heut erhalten. Er wird noch einige Touren an der
Ostkste unternehmen und bittet mich, ihm meine Antwort nach Penang zu senden.
Ich hatte heut nicht Zeit, zu schreiben, mu es aber dann nach dem Diner gleich
tun, denn ich habe Mary ihr Notizbuch zu schicken, welches - - ach, ja, ich habe
es nicht hier in diesem vertrackten Salonanzuge, sondern dort in der Brusttasche
des Jacketts. Als sie mich zum letzten Male besuchte, notierte sie sich Etwas
und verga dann, es mitzunehmen; ich fand es zwar spter, doch waren sie schon
abgereist. Horch! Klang da nicht das Gong?
    Ja. Man giebt das Zeichen zum Essen.
    Wir knnen noch warten!
    Sie verweilten sich noch einige Zeit, doch kam das durch den Tamtam
unterbrochene Gesprch nicht wieder auf denselben Gegenstand. Und das war mir
sehr lieb, denn wenn Mary Waller wieder erwhnt wurde und dieser Professor
abermals an das Notizbuch dachte, so konnte er auf den Gedanken kommen, es aus
dem Jakett zu nehmen, in welchem es ja nicht mehr steckte.
    Es war ein ganz eigentmliches Zusammentreffen von Umstnden, welche sich so
miteinander verbanden, als ob ein bestimmter Wille sie gerade so gelenkt htte
und nicht anders htte lenken wollen. Man pflegt das Zufall zu nennen; fr mich
aber ist diese Verlegenheitserklrung nicht vorhanden. Der Mensch glaubt, zu
schieben, und er wird geschoben. Tritt ihm ein Ereignis nahe, welches er nicht
selbstgefllig auf seine eigene Rechnung setzen kann, obwohl sich spter zeigt,
da es von groem Einflu auf sein Leben ist, so geniert es ihn, einzugestehen,
da hoch ber ihm eine weise, mchtige Fhrung waltet, welche ihn nicht um die
Erlaubnis fragt, mit ihm tun zu drfen, was sie fr richtig hlt, und so hat er
das vollstndig nichtssagende und inhaltslose Wort Zufall erfunden, mit welchem
er zwar seine Ohnmacht eingesteht, weil er nicht anders kann, aber auch keine
ihn beherrschende und bewut handelnde Potenz anerkennt. Mein Leben ist sehr
reich an solchen sogenannten Zufllen, welche sich spter als fr mich
auerordentlich wichtig erwiesen, und wenn ich dann auf sie zurckblickte, so
entdeckte ich, da sie mit einer logischen Folgerichtigkeit an mich
herangetreten waren, die mich als denkenden Menschen zwang, sie nicht einem
willenlosen, blinden Ungefhr, sondern einer auerhalb mir und jenseits dieser
Tatsachen existierenden, unendlichen Gte zuzuschreiben. Darum war auch das
Ineinandergreifen der gegenwrtigen Umstnde kein Zufall fr mich, sondern ich
nahm diese Tatsachen mit der Ueberzeugung hin, da sie sich ganz gewi als
jetzige Ursachen spterer Folgen erweisen wrden.
    Das, was der Professor ber Waller gesagt hatte, erklrte mir Alles, was mir
an dem Letzteren bisher unverstndlich gewesen war. Der Missionar besa nicht
das wahre, echte, allgemeine, sondern ein ganz besonderes persnliches
Christentum, welchem gerade deshalb, weil es ein individuelles, durch scharfe,
psychologische Konturen eng begrenztes war, die Hauptsache, nmlich die
Nchstenliebe fehlte, ohne die es ja gerade das nicht geben kann, was das
Christentum der Menschheit bringen soll, nmlich die Erlsung. Waller hatte die
Vokation zum Glaubensboten sich selbst erteilt, ohne dazu berufen und geeignet
zu sein, und die Lehren Christi ebenso wenig begriffen wie die Unklugheit der
Forderung, da jeder Andersdenkende weiter nichts zu sagen habe als: Vergieb
mir nur, du einzig Auserwhlter, da ich auch vorhanden bin! Wer sich in dieser
Weise mit einer so hohen Mauer umgibt, da er sie selbst nicht bersteigen kann,
der darf nicht erwarten, da Andere sich die Mhe machen werden, ber sie hinweg
zu ihm zu kommen. Wer sich mit solcher Ostentation abschliet, wird
abgeschlossen bleiben!
    Nun wute ich, wie das Notizbuch auf die Strae des Pettah gekommen war. Es
hatte in der Brusttasche gesteckt und war whrend seines Sturzes von der
Rickschah herausgerutscht. Wie bequem fr mich, da er gerade neben mir wohnte!
Ich konnte es ihm unbemerkt wieder in die Tasche stecken und hatte gar nicht
ntig, zu diesem Zwecke zu versuchen, ber den Sller in sein Zimmer zu
gelangen. Die Dienerschaft pflegte nmlich, sobald ein Gast seinen Raum
verlassen hatte, die Korridortr desselben mit Hilfe einer besondern Vorrichtung
so halboffen einzuhaken, da die Luft hindurchstrich und das Zimmer khlte. Auf
diesen Umstand rechnete ich. Ich wartete, bis er mit seinem Besuche zum Essen
hinuntergegangen war; dann klingelte ich, um mir das Diner heraufbringen zu
lassen. Meine Singhalesen rannten alle beide fort, um fr gleichen Dienst dann
gleiches Trinkgeld zu bekommen, und ich war also nun unbeobachtet. Ich trat
hinaus auf den Korridor, auf dem sich jetzt Niemand befand, hakte die Nachbartr
aus und sah beim Scheine des in dem Hotel gebruchlichen, im Zimmer brennenden
Windlichtes das weie Jackett am Nagel hngen. Es gengten drei Schritte; ich
steckte das Notizbuch in die Brusttasche, eilte hinaus, hakte die Tr wieder ein
und kehrte in meine Stube zurck. Niemand hatte Etwas gesehen.
    Als der Professor nach Tische wieder heraufkam, war er allein. Er ging
einige Male hin und her; dann wurde es still. Er schrieb wahrscheinlich. Ich
vermied jedes Gerusch, damit er glauben mge, da er unbeobachtet sei. Am
nchsten Vormittage hrte ich ihn abreisen. Ich lie mir die Zimmerliste geben
und las: Garden, Professor, Amerika. Es war so eigentmlich, fast als sei ein
lieber Bekannter von mir fortgegangen. Seine Ansichten waren zwar nicht ganz die
meinigen gewesen, ihnen aber doch sehr nahe verwandt, und geistige oder
seelische Verwandtschaft ist ein Band, welches nie zerreit, auch wenn man es
nicht pflegt.
    In den nchsten Tagen unternahm ich Ausflge zu Land und zu Wasser, teils um
Erinnerungen aufzufrischen, teils auch um neue hinzuzufgen. Sie waren alle
hochinteressant; hier aber habe ich nur einen von ihnen zu erwhnen: Ich fuhr
mit Sejjid Omar mit der Bahn nach Point de Galle, dem mir unvergelichen
Schauplatze einer meiner frheren Reiseerzhlungen, in welcher ich auch das
dortige Hotel Madras erwhne.
    Die Bahn geht lngs des Meeres, oft auf einem im Wasser liegenden Damme hin,
welcher durch Korallenklippen vor Ueberflutung und Zerstrung geschtzt wird.
Rechts hinaus liegt die entweder blau trumende oder beweglich funkelnde See,
die ich hier nie in Erregung gesehen habe, und links die Kste mit dem tiefen
Grn ihrer herrlichen Vegetation, aus welcher einzelne Huser oder
zusammenhngende Dorfschaften mit fremdblickenden, verwunderten Augen auf den
vorberrollenden Zug schauen. Die Pflanzenwelt prangt hier in fast noch grerer
Ueppigkeit, als drben auf dem ostindischen Festlande. Bambusgruppen, Jack- und
Brotfruchtbume, riesige Bananen und volltragende Feigen, gelblich leuchtende
Pisonien, Borassus-, Caryota-, Corypha-, Calamus- und Arecapalmen bilden die
Unterbrechung von Kokospflanzungen, welche kein Ende nehmen. Die dazwischen
liegenden Huser der Wohlhabenden sind mit blumengeschmckten Veranden versehen;
der Aermere lebt in einfachen Ziegel- oder Lehmhusern, deren Dcher meist aus
Palmblttern bestehen. Auch diese Wohnungen sind von Grten umgeben und machen
den Eindruck der Sauberkeit, welcher fr Jeden, der aus mit Arabern bevlkerten
Gegenden kommt, doppelt angenehme Wirkung hat.
    Die Eingeborenenstadt von Point de Galle liegt im Niveau der See; die
Europerstadt zieht sich ber die hohe, luftige Klippe nach dem wieder tiefer
stehenden Leuchtturm hin. Von dem noch oberhalb der Kirche liegenden Hotel aus
konnte ich den ganzen Hafen mit den hier ankernden Schiffen fast aller
seefahrenden Nationen berblicken. Ich habe Point de Galle und seinen Hafen
schon wiederholt beschrieben und will hier nur sagen, da sich eine Fahrt von
Colombo nach diesem Ort und Matara fast berreich belohnt.
    Mein diesmaliger Aufenthalt whrte nicht lnger als von heute frh bis
morgen abend, also nur eine Nacht, und diese Nacht war keine angenehme. Da ich
gern hoch, frei und licht wohne, whlte ich ein Zimmer in der zweiten Etage,
whrend ich Sejjid Omar in der ersten unterbringen lie. Die Rume hier oben
hatten die Eigentmlichkeit, da ihnen die Decken fehlten; das Hausdach, welches
noch hoch ber sie emporstieg, schtzte sie gemeinschaftlich vor dem Regen, und
da die Zwischenwnde diesem Dach nicht folgten, sondern in etwas ber Manneshhe
aufhrten, so konnten sich die Bewohner dieser Etage zwar nicht sehen, aber
Alles, was in dem einen Zimmer gesprochen wurde und ebenso jedes Gerusch und
jeder andere Schall fiel von dem hohen Dache mit verdoppelter Strke in die
andern Rume zurck, so da es fast nicht mglich war, ein lautes Wort zu sagen
oder irgend etwas Hrbares zu tun, was Niemand wissen sollte. Man wohnte da,
wenigstens in Beziehung auf das Ohr, in vollster Oeffentlichkeit.
    Ich a auch hier, wie fast stets im Hotel, auf meinem Zimmer, bekmmerte
mich um Niemand und wute also nicht, was fr Gste noch vorhanden waren. Doch
erfuhr ich von Omar, da eine Anzahl von Europern per Segelschiff von
Pondichery angekommen seien, welche mit der Bahn nach Colombo wollten.
    Das sind keine hflichen Leute, urteilte er. Ich habe sie gegrt, aber
sie dankten nicht, sondern lachten mich aus. Muhammed hat den Gru geboten, und
so gre ich alle Menschen, auch die, welche nicht Muhammedaner sind, denn
gerade weil ich einer bin, mu ich zeigen, da wir hflich sind. Wenn diesen
Leuten ihr Christentum befiehlt, mich auszulachen, anstatt mir zu danken, so
sollten sie daheimbleiben und nicht dahin gehen, wo der Gru geachtet wird.
    Ich sagte nichts dazu, denn er liebte gewisse Leute nicht, und ich fhlte
mich nicht berufen, ber diese seine Abneigung mit ihm zu streiten.
    Sihdi, was heit im Englischen tail? fuhr er fort.
    Schwanz und auch Zopf.
    Ape und monkey?
    Affe.
    So haben sie einem Chinesen nachgerufen, welcher hier wohnt und auch
hflich grte, als er an ihnen vorber und nach seinem Tische ging. Wenn sie
mich oder einen Andern beleidigen, so bin ich still, weil ich eben Sejjid Omar
bin; aber htten sie das dir getan, so drften meine Fuste wohl gute Arbeit
bekommen haben!
    Was diese seine Fuste betraf, so mute man Respekt haben. Er war nichts
weniger als ein Losschlger, aber ein riesenstarker Kerl und kannte keine
Furcht. Wo es Krakehl gab, da entfernte er sich stolz; aber es war auch
vorgekommen, da man ihn nicht gehen lie, und da hatte er sich, ohne die Gegner
zu zhlen, mit einigen guten Hieben prchtig Luft gemacht.
    Es mu ein Mann hier wohnen, welcher Kun-Yen22 heit, sprach er weiter.
Auch ein gewisser Tuan23 und ein Anderer, dessen Name Yung-lu24 ist. Es ist
eine groe Prgelei, welche beginnen soll. Sie sprechen davon; sie lachen; sie
freuen sich und trinken Wein und Schnaps dazu. Es geht mich nichts an, gar
nichts; aber meinst du nicht, Sihdi, da ich diesen Kun-Yen aufsuchen und warnen
soll?
    Er wohnt nicht hier. Du hast diese Leute nicht richtig verstanden. Gehe
ihnen aus dem Wege! Das ist das Beste, was du tun kannst, belehrte ich ihn
lchelnd.
    Da ich frh einen Ritt nach Paragoda machen wollte, so legte ich mich zeitig
schlafen. Aber ich hatte kaum die Augen geschlossen, so kam es die Treppe herauf
gepoltert und gebrllt, als ob die Stiegen lauter Tamtams wren. Es hatte den
Leuten unten nicht mehr gefallen; sie kamen herauf in meine Etage, wo sie
zusammen zwei Zimmer mit je drei Betten hatten. In dem, welches neben dem
meinigen lag, setzten sie sich fest. Sie feierten irgend ein Ereignis, ber
welches sie in Wonne geraten waren. Der Wirt mute Champagner und Cognac bringen
und sie selbst bedienen, denn sie seien Gentlemen, fr welche die
singhalesischen oder tamilischen Kellner nicht hoch genug stnden; aus solchen
Hnden knne man nichts genieen.
    Ich wei gar wohl, da die sogenannten Pioneers der Civilisation nicht
immer zur Elite der Gesellschaft gehren, und da man besonders in den
Hafenstdten des Orients nicht erwarten darf, nur auf geistige Nachkommen von
Knigge zu stoen; es flegelt sich sogar in den Salons und auf den
Promenadendecks erster Klasse unserer Lloyddampfer so mancher Passagier herum,
der seinem rcksichtslosen Benehmen nach eigentlich auf das Zwischendeck gehrt,
und es kann vorkommen, da, whrend ich ein vorberrauschendes Schiff betrachte,
eine Dame sich gerade so und in der Weise vor mich hinstellt, da sie mich auf
beide Fe tritt, obgleich mehr als genug Platz zu beiden Seiten ist; auch wei
ich gar wohl, da die meisten dieser gesellschaftlichen oder
ungesellschaftlichen Gepflogenheiten aus einer ganz bestimmten Gegend stammen
und dort grogezogen werden; aber es kann mir doch nicht einfallen, aus dem
Grunde, da einzelne Personen sich fr Uebermenschen halten, deren ganzes Volk
als Uebernation zu betrachten, sondern ich wei, da sie wie jede andere und
auch die unserige ein Recht auf Nachsicht und Verzeihung hat, und pflege diese
Milde besonders gern an ihren Uebermenschen auszuben, weil sie ihrer am
bedrftigsten sind. Darum war ich auch jetzt entschlossen, den Lrm im
Nebenzimmer, welcher immer mehr in Radau ausartete, ohne Gegenwehr ber mich
ergehen zu lassen.
    Aber es wurde mir auerordentlich schwer gemacht, diesem Vorsatze treu zu
bleiben. Der Wein heizte, und der Kognak brannte. Die Hilfsgeister eines
falschen Patriotismus wuchsen riesengro; das laute Sprechen, welches vom Dache
ber uns mit doppelter Strke zurck und in alle Zimmer geworfen wurde,
steigerte sich zum Lrm und drohte zum Skandal zu werden. Man schrie, man
schimpfte, man lachte, man sang Trutzlieder; man grhlte und johlte; man warf
Flaschen und Glser an die Wand, und zwar zu Ehren dieses oder jenes Ministers
oder Diplomaten. Da stand ich denn doch auf, zog mich an und ging hinaus, um mir
von dem Wirte ein anderes Zimmer geben zu lassen. Er stand in der ersten Etage
und sprach mit Sejjid Omar, welcher wegen des wsten Gebrlls sehr besorgt um
mich war und ihn interpelliert hatte. Es gab kein anderes Zimmer. Ein vor kurzem
eingelaufener Dampfer hatte neue Gste gebracht, welche nur mit Mhe
unterzubringen gewesen waren. Man fhlte sich im ganzen Hause ber das Benehmen
dieser Menschen emprt, und als ich ihm drohte, nach einem andern Hotel zu
gehen, welchem Beispiele wohl auch die andern Gste folgen wrden, entschlo er
sich endlich, um Ruhe zu bitten. Er war einer der vielen orientalischen Wirte,
auf welche das Wort Gentleman von faszinierender Wirkung ist.
    Wir gingen hinauf, Sejjid Omar mit. Er wollte sich persnlich berzeugen, ob
sein geliebter Sihdi auch wirklich nun die erwnschte Ruhe finden werde.
    Der Lrm schwieg soeben. Es war nur eine einzelne Stimme zu hren, und der
welcher sprach, war kein Europer, denn er bediente sich des in Sdchina und
besonders in der Gegend von Kanton gebruchlichen Pitchenenglisch.
    Der Chinese, welcher auf der andern Seite neben ihnen wohnt, erklrte mir
der Wirt.
    Ich hrte, da dieser Chinese in sehr hflichen Ausdrcken bat, doch nun
endlich ruhig zu sein, da es auer ihnen auch noch andere Gste im Hause gebe
und die Zeit zum Schlafen jetzt, nach Mitternacht, ja wohl gekommen sei. Ein
schallendes Gelchter war die Antwort; man trommelte mit Fusten auf den Tisch
und an seine Zwischenwand und brllte ihm die beleidigendsten Titel zu. Da ging
der Wirt hinein und bat, den Wunsch des Chinesen zu erfllen.
    Erfllen? schrie einer. Wir, die wir jetzt nach China gehen, um diese
Zopfaffen zu zivilisieren, um ihnen Bildung und Klugheit zu bringen, wir sollen
hier diesem Kerle Gehorsam leisten? Das ist stark! Das ist beleidigend! Das
lassen wir uns nicht gefallen!
    Das ist stark! Das ist beleidigend! Das lassen wir uns nicht gefallen!
stimmten ihm die Andern drohend bei.
    Und hier nebenan wohnt ein Deutscher, der auch schon Beschwerde gefhrt
hat! fuhr der Wirt fort.
    Ein Deutscher? Ah der hat vielleicht verstanden, was wir von den Deutschen
gesagt haben! Er mag nur warten, denn er wird noch mehr, viel mehr zu hren
bekommen! Wenn dieser Mensch schlafen will, so mag er - - -
    Halt! Der Chinese! schrie ein Anderer dazwischen. Holt ihn herein! Er mu
Kognak trinken und uns Abbitte tun!
    Der sich ebenso wie ich vergeblich nach Ruhe sehnende Sohn der Mitte war
nmlich jetzt auch aus seinem Zimmer getreten. Als er uns sah, kam er auf uns
zu. Er mute da an der Tr der Leute vorber. Der Wirt hatte sie offenstehen
lassen, und so kam es, da der Chinese bemerkt worden war. Die Gentlemen
jubelten ber den Vorschlag; sie kamen heraus und umringten ihn, um ihn in das
Zimmer zu schaffen. Er war ein kleiner, schmchtiger Mann von wahrscheinlich
geringer Krperkraft, und sein weites, chinesisches Gewand hinderte ihn, selbst
diese ganz in Anwendung zu bringen. Zwei faten ihn am Zopfe, um zu ziehen; die
Andern schoben. Das konnte ich nicht mit ansehen, nicht geschehen lassen! Der
Wirt lie kein weiteres Wort hren; er frchtete sich; darum sagte ich in
ernstem, doch nicht unhflichem Tone, da es wahrscheinlich eines Gentlemen
wrdiger sei, den Chinesen nicht seiner personlichen Freiheit zu berauben.
    Wer ist dieser freche Mensch? fragte der, welcher vorhin den Vorschlag
gemacht hatte, den Wirt.
    Der Deutsche, antwortete der Gefragte.
    Mu auch mit herein, um Abbitte zu tun!
    Er fate mich am Arme. Ich hatte es keineswegs mit Betrunkenen, sondern nur
mit Aufgeregten zu tun; es ist fast unglaublich, welche Mengen von Alkohol dazu
gehren, derartige Menschen wirklich betrunken zu machen.
    Nicht anrhren! warnte ich. Lat mich los, Sir!
    Da packte mich ein zweiter am Halse. Wir standen unweit der Treppe, welche
eine gebrochene war und also nicht in gerader Linie aufwrts, beziehendlich
abwrts fhrte. Ich stie ihm die Faust in die Magengegend, da er von mir weg
und an die Wand flog, und ri mich von dem, der mich am Arme hielt, los. Da
brllten die anderen Vier, denn es waren ihrer sechs, wtend auf und drangen auf
mich ein. Ich versuchte, sie mit den Fusten von mir abzuhalten. Da ertnte
hinter mir Sejjid Omars Stimme arabisch:
    Soll ich, Sihdi? Erlaubst du es?
    Ja, antwortete ich. Wir werfen sie die Treppe hinunter, alle Sechs. Dann
wird hier oben Ruhe!
    Indem ich das sagte, unterlief ich den mir am nchsten Gekommenen. Er hatte
das nicht erwartet, und ehe er daran denken konnte, sich von meinem Griffe, mit
dem ich ihn ber den Hften packte und emporhob, loszumachen, flog er die Treppe
hinab. Und nun war es eine Lust, meinen Sejjid arbeiten zu sehen! Er sprang um
die Kerle herum, so da sie zwischen ihn und die Treppe zu stehen kamen, und
packte den ersten Besten am Schenkel und an der Brust. Ein Ruck, ein Schwung,
und der Mann flog dem von mir Expedierten nach. Ihm folgte sofort eine zweite
Lieferung aus meiner und eine ebensolche aus Omars Hand. Die zwei noch brigen
Gentlemen schlugen auf uns ein. Wir wurden von einigen unschdlichen Fausthieben
getroffen, auf die wir gar nicht achteten; dann ging es mit den Beiden ebenso
treppab wie mit den andern Vier vorher.
    Das war die Arbeit, von welcher ich heut Abend gesprochen habe, lachte
Sejjid Omar. Du bist fertig, Sihdi; du sollst sie gar nicht mehr anzufassen
haben, denn ich nehme sie auf mich. Ich stelle mich hier an die Treppe, und wehe
dem von ihnen, der es wagt, zurckzukehren!
    Sonderbarerweise fiel es ihnen gar nicht ein, auch nur den Versuch dazu zu
machen. War das eine Besttigung der alten Erfahrung, da Menschen, welche gerne
rodomontieren, keinen eigentlichen Mut besitzen, oder hatte die ihnen von uns so
krftig erteilte Lehre in ihnen die Ueberzeugung geweckt, da es klger sei,
sich fortzuschleichen, als noch einmal mit zwei solchen Desperados, wie wir
waren, anzubinden? Wir hrten, da sie unten auf der ersten Etage noch mit
einigen groen, drohenden Worten um sich warfen; dann gingen sie hinab nach dem
Salon, wo sie sich auf die Mbel legten, um ihre Niederlage zu beschlafen. Diese
Zivilisatoren Chinas waren also abgetan!
    Deutsche Fuste und arabische Fuste, denen soll einmal so Einer
widerstehen! meinte mein Sejjid Omar, dessen ganzes Gesicht ein einziges
Freudenlcheln war.
    Der Wirt hatte still und staunend dagestanden.
    Wie schnell Ihr das fertig gebracht habt! Und was habt Ihr gewagt! sagte
er. Frchtet Ihr denn nicht, da die Gentlemen Euch persnlich oder gerichtlich
belangen werden?
    Hoffentlich tun sie das! antwortete ich. Ich bin herzlich gern bereit,
sie sowohl persnlich als auch gerichtlich zu belehren, da kein anstndiger
Mann jemals so handeln wrde, wie sie gehandelt haben. Der wirkliche, echte
Gentleman ist ein ganz anderer Mann, und Ihr beleidigt ihn, wenn Ihr solchen
Radaubrdern dieselbe Achtung zollt, auf welche nur er allein berechtigten
Anspruch hat!
    Der Chinese stand von fern und winkte meinen Diener zu sich heran, um ihm
Etwas zu sagen. Dann verneigte er sich sehr zeremoniell und sehr tief vor mir
und kehrte in sein Zimmer zurck.
    Er lt dich um die Erlaubnis bitten, dir morgen frh seine Karte schicken
zu drfen, erklrte mir Omar. Mehr konnte ich nicht verstehen, weil seine
englische Sprache gar keine Sprache ist. Es gibt berhaupt nur zwei Sprachen,
welche wahre und wirkliche Sprachen sind, nmlich die arabische und die
deutsche. Die andern sind nur Redensarten, die man wohl sprechen lernen, aber
nicht liebgewinnen kann! Was tun wir jetzt?
    Schlafen, antwortete ich.
    Gut! Und wenn die lrmenden Kerle wiederkommen sollten, so komme ich auch
wieder, und wir werfen sie abermals die Treppe hinunter. Leletak sa'ide - deine
Nacht sei gesegnet!
    Er ging, und ich war doppelt zufrieden mit ihm, einmal, weil er seine Fuste
so wacker gebraucht hatte, das andere Mal, weil es fr ihn jetzt zwei wahre und
wirkliche Sprachen gab und nicht wie frher nur eine, die arabische. Er wute
freilich nicht, was Alles in diesem seinem Gestndnisse lag.
    Nun, da der Chinese mir frh seine Karte schicken wollte, konnte ich
freilich den beabsichtigten Ritt nach Paragoda nicht machen, denn es stand nach
dem Geschehenen zu erwarten, da er heut lnger als gewhnlich schlafen und sein
Besuch also erst spt erfolgen wrde. Ich hingegen war schon zeitig wieder
munter und machte einen Spaziergang nach dem Leuchtturme. Es fhrt dort eine
Treppe zu den von der Brandung umrauschten Trmmern des Kstenfelsens hinab,
zwischen denen allerlei interessante Muscheln, Korallen und andere Frchte des
Meeres zu finden sind. Von da zurckgekehrt, erfuhr ich vom Wirte, da die
sechs Europer ihre Zeche bezahlt und das Hotel ohne Sang und Klang verlassen
hatten, um nach dem Bahnhofe zu gehen und dort den Zug nach Colombo zu erwarten.
Die Zeit bis dahin an dem Orte ihrer Heldentaten zu bleiben, hatten sie also
keine Lust gehabt. Es ist ja auch der Fanfaron nicht ohne Ehrgefhl.
    Whrend ich den Kaffee trank, den ich selbst in Indien dem Tee vorziehe,
obgleich er dort durchschnittlich sehr schlecht zubereitet wird, schrieb ich
Postkarten nach Deutschland. Nach einiger Zeit brachte Sejjid Omar die
Visitenkarte des Chinesen, einen langen, schmalen Streifen scharlachroten
Papieres, auf welchem mittelst Stempel der Name Fang angebracht war. Es war eine
uralte, berhmte Familie, welcher der Besitzer dieses Namens angehrte.
Wahrscheinlich existierte sie schon zur Zeit des Kaisers Huang-ti, welcher vor
nun fast viertausendsechshundert Jahren die Familiennamen in China einfhrte.
Unter diesem Stempel standen die brigen Personalien, welche mit Tusche und
Pinsel geschrieben waren. Er hatte sich mit dem Titel Tschin Schi25 die hchste
literarische Wrde erworben, und aus der Beifgung Tschuan Yan26 ersah ich, da
er von sechstausend Examinanden und dreihundertfnfzig Graduierten die Prfung
am besten bestanden hatte. Auerdem la ich, da er Beamter des Han Lin Yan27
war, aus welchem der Kaiser die Beamten fr die verantwortlichsten Stellen
whlt. Hierzu fhrte er noch den Titel eines Beisitzers im Kuoh Tse Kien, der
chinesischen Nationalakademie der Gelehrsamkeit. Und diesen gewi hervorragenden
Mann hatten die Gentlemen am Zopfe maltraitiert!
    Diese Worte waren alle mit chinesischen Zeichen geschrieben. Hierunter stand
in englischer Schrift, doch chinesischer Hflichkeit:
    Der von der Sonne erleuchtete, hoch erhabene und vor Gte strahlende
Beschtzer aus dem deutschen Lande der edelsten Bewohner mge gndigst
gestatten, da Fang, der rmste, geringste und unwrdigste der Chinesen, zu ihm
komme, um ihm seinen Dank zu sagen. Es wird dem schon vor zehntausend Jahren in
seinen Ahnen lebenden Herrn nicht zugemutet, dem niedrigen Bittsteller eine
Karte zu schreiben. Das Wort des Dieners ist gengend.
    Ich beauftragte Omar, mir schnell zwei Tassen Tee zu holen und dann dem
Chinesen zu sagen, da er sofort kommen solle. Die Herren Fu und Tsi in Kairo
hatten nach abendlndischer Weise gelebt und kein Eingehen auf ihre heimatlichen
Gewohnheiten erwartet; hier aber war mir eine Karte geschickt worden, und so
wnschte ich nicht, ganz und gar als westlicher Barbar zu gelten. Der Tee
wurde von der Etikette vorgeschrieben. Man pflegt ihn zwar nicht zu trinken,
aber sobald der Besuchte oder der Besucher die Tasse an den Mund fhrt, ist dies
das Zeichen, da er die Visite zu beenden wnscht.
    Der Tee wurde gebracht, aber der Chinese kam nicht. Wollte er mich etwa
probieren? Ich schickte ihm Omar noch einmal, und als er auch dann noch nicht
kam, so mute der Sejjid zum dritten Male hin, und ich ging selbst mit, doch nur
die Hlfte des Weges. Dort blieb ich stehen, um meinen Besuch zu erwarten. Nun
trat er endlich aus dem Zimmer und nherte sich mir mit fortgesetzten, tiefen
Verbeugungen. Ich verneigte mich ebenso und fhrte ihn nach meiner Tr, an
welcher ich mich so stellte, da er auf ihrer linken Seite, der Seite der
Hflichkeit, eintreten mute. Dann folgten wiederholte Verbeugungen, ehe ich
ihn dazu brachte, sich eher als ich niederzusetzen, worauf dann auch ich Platz
nahm, und zwar zu seiner rechten Hand, denn in China ist links der Ehrenplatz.
Omar stellte die Tassen vor uns hin und ging dann hinaus.
    Bisher war kein Wort gesprochen worden, und ich verhielt mich auch jetzt
noch still, weil der Hherstehende das Gesprch zu beginnen hat. Es gab nun
einen schweigsamen Wortstreit zwischen der morgen-und der abendlndischen
Hflichkeit, und ich war fest entschlossen, Sieger zu sein. Es vergingen drei,
vier, fnf Minuten, welche unter anderen Verhltnissen hchst peinlich gewesen
wren; hier aber machten sie mir Spa. Er schien ebenso wie ich sich fest
vorgenommen zu haben, der Hflichere zu bleiben, und so knnten wir als
charakterstarke Mnner noch heute miteinander dort in Point de Galle sitzen,
ohne den Mund aufgetan zu haben, wenn ich nicht unwillkrlich mit der Hand nach
der vor mir stehenden Tasse gegriffen htte. Das geschah, wie gesagt, ganz ohne
Absicht, nur um irgend Etwas zu tun. Aber er sah mich an, ob ich wohl trinken
wrde. Als ich das nicht tat, legte er die Hand auch an seine Tasse und trank
aber auch nicht. Da kam mir ein kstlicher Gedanke. Wer den Andern sprechen lt
und selbst aber schweigt, ist der Hflichere. Wie nun, wenn ich diese Visite
beendete, ohne berhaupt gesprochen zu haben?! Aber da mute ich trinken, um den
Besuch zu beenden, und das war doch wohl nicht hflich! Jedoch, er hatte auch
schon die Hand an seiner Tasse. Wollte etwa er der Unhfliche sein? Jedenfalls
nicht. Oder aber hatte er etwa meine Bewegung nachgemacht, um mit mir zu
gleicher Zeit zu trinken? Wenn er das beabsichtigte, so ging diese Visite ohne
irgend ein Wort zu Ende, und da Keiner das Zeichen des Aufbruches allein gegeben
hatte, so war jeder von uns Beiden ein wahrer Ausbund der allergrten
chinesischen Hflichkeit! Ich versuchte es, indem ich die Tasse ein Wenig hob;
er tat sogleich dasselbe. Ich fhrte sie zum Mund, er auch. Ich trank, er
ebenso, mit mir zu gleicher Zeit. Dann stand ich auf, und er in demselben Tempo
mit mir. Dann verneigten wir uns gegenseitig so lange, bis er, der sich nach
rckwrts dienerte, das Zimmer verlassen hatte.
    Ich bekam ihn dann whrend des Vormittages nicht wieder zu sehen. Am
Nachmittage kam er mir da, wo die breite Hauptstrae der Eingeborenenstadt sich
in zwei schmlere spaltet, in einer Rickschah entgegen. Als er mich sah, lie er
halten, stieg aus und verneigte sich, indem ich an ihm vorberfuhr, so tief, da
ihm sein kleines, schwarzes Kppchen vom Kopfe fiel. Hier, auerhalb der Heimat,
trug er weder Hut noch Mandarinenknopf. Ein Glck fr sein gesellschaftliches
Gewissen, da ich kein Chinese war, weil sonst in dieser, wenn auch
unverschuldeten Entblung seines Hauptes eine schier unverzeihliche Beleidigung
fr mich gelegen htte!
    Warum aber diese Hflichkeit gegen mich, die nach europischen Begriffen
fast als bertrieben bezeichnet werden konnte? Warum vor mir extra aus dem Wagen
steigen? Der Aufschlu hierber sollte mir spter werden.
    Es war ihm und mir ein schnelleres Wiedersehen bestimmt, als er wohl ebenso
wie ich gedacht hatte. Nmlich als ich dann am Abend in Colombo auf mein Zimmer
kam, lagen die inzwischen eingegangenen Briefe da, unter ihnen einer, dessen
Inhalt mich bestimmte, die von mir geplante Reiseroute dadurch zu verlngern,
da ich ihr die Strecke Ceylon-Sumatra einfgte, und diese Fahrt mute mglichst
sofort, mit dem nchsten Schiffe, unternommen werden. Auf Befragen erfuhr ich,
da heute ein deutscher Lloyddampfer nach Singapore abgegangen, bermorgen aber
ein Oesterreicher fllig sei, welcher auch in Penang anlege. Ich beschlo, auf
diesem Passage zu nehmen.
    Am nchsten Tage teilte ich meinem Sejjid Omar diesen Entschlu mit, sagte
ihm, wie weit Sumatra von Ceylon liege und um welche Zeit unsere Reise
verlngert werde, und fragte ihn, ob er mitfahren wolle; wenn nicht, so knne er
heimkehren; die Seereise nach Suez wrde ich ihm natrlich bezahlen und auch das
Gehalt fr die Zeit bis zu seiner Ankunft in Kairo. Da antwortete er:
    Sihdi, tue mir das nicht an, da ich dich verlassen soll! Ich gehe mit dir
durch die ganze Welt! Nur bitte ich dich um fnf Pfund, die ich meinem Vater
schicken will.
    Ja, weit du denn, wieviel ich dir schuldig bin?
    Nichts bist du mir schuldig, gar nichts. Ich merke mir auch nichts, denn du
bist kein falscher, sondern ein richtiger Christ und wirst mich nicht betrgen.
    Ich mu nmlich bemerken, da er nur dann einmal Geld von mir forderte, wenn
er welches nach Hause schicken wollte. Ich hatte schon fters mit ihm
abgerechnet und ihm seinen Lohn vorgezhlt; aber sobald er die vielen Goldstcke
liegen sah, bekam er Angst und bat mich, sie ihm aufzuheben. Er bekam pro Tag
fnf Mark, und da ich kein Pfennigfuchser bin, so brauchte er fast gar nichts
fr sich auszugeben und konnte den ganzen Lohn sparen. War ich ja einmal mit ihm
unzufrieden, so konnte ich ihn nicht hrter strafen als dadurch, da ich ihm
sein Geld hinlegte. Der Angstschwei trat ihm sofort auf die Stirn, und ich
werde nie vergessen, mit welcher Miene er bei unserer Trennung ber zweitausend
Frank in Goldstcken in sein Taschentuch einknotete.
    O Sihdi, sagte er. Nimm es wieder; ich schenke es dir; aber la mich bei
dir bleiben!
    Diese Liebe war ja spter durch unser langes Beisammensein erklrlich; aber
er hatte sie mir gleich vom ersten Augenblicke an gezeigt, ohne da ich den
Grund entdecken konnte. Hier in Colombo erfuhr ich ihn endlich. Nmlich die
Postanweisung an seinen Vater mute englisch geschrieben werden, und da er das
nicht konnte, so tat ich es fr ihn. Dann gab ich ihm die fnf Pfund und machte
ihm die Bemerkung, da seine Frsorge fr den Vater mich stets sehr gefreut
habe. Da drckte und drckte es in ihm so lange, bis es herauskam:
    Sihdi, ich mu dir Etwas von ihm sagen. Er kennt dich; ja, er kennt dich
ganz genau, obleich er dich nie gesehen hat.
    Wie soll er mich da kennen?
    Das ist es eben, was ich dir sagen will. In Kairo gibt es zahllose Blinde.
Sei aufrichtig: bist du einmal an einem von ihnen vorbergegangen, ohne ihm
Etwas zu schenken?
    Nein; das ist meine Eigenheit.
    Aber eine Eigenheit, fr welche unser Islam sehr gute Augen und ein
dankbares Herz hat. Sein Hauptgebot ist, Almosen geben, und wenn ein Christ so
oft und so gern gibt wie du, ohne sich darum zu kmmern, da der Empfnger
andern Glaubens ist, so wird er in der krzesten Zeit bekannt, obgleich er das
nicht bemerkt. Schon einige Tage nach deiner Ankunst im Hotel Continental warst
du von der Scharia el Faggala bis zum Medan Abdin und vom Kantaret el Bulak bis
zum Derb el Gamamis nur der Almani, der allen Blinden gibt. Darum schaute ich
stets zu dir hinber, wenn du im Freien deinen Kaffee trankst, und als es hinter
dem Bab el Ghoraib die jhrliche Dschemija el Imjahn28 gab, da wurde von dir
gesprochen und erzhlt, und da wurde auch fr dich zu Allah gebetet, laut und
gern gebetet, obgleich Jeder wute, da du ein Christ seiest. Die Liebe macht ja
alle Menschen gleich! Da wollte mein Vater dich kennen lernen; er wnschte, dich
wenigstens einmal sprechen zu hren. Darum kam er zu mir und sa halbe Tage lang
an meinem Stand, denn er dachte, du wrdest einmal kommen und meinen Esel nehmen
und dabei einige Worte reden. Aber du gingst stets vorber, und da habe ich dich
auch stets gegrt.
    Ja, hflich warst du immer, Sejjid Omar. Doch einmal bin ich nicht
vorbergegangen. Du hast es nicht gesehen, denn du warst nicht da.
    Ja, aber der Blinde hat es mir erzhlt!
    Er sa in der Nhe deines Standes, am Gitterzaun der Ezbekije, ein alter,
sauber gekleideter Mann mit grauem Bart. Ich gab ihm Etwas, und er wollte es
nicht nehmen, weil er kein Bettler sei. Ich nahm es wieder zurck und so kamen
wir ins Gesprch.
    Ja, gerade da du es wiedergenommen hast, das hat ihn so gefreut. Es war
ein groes Silberstck. Und noch grere Freude hat er ber deine Worte gehabt:
Ich gab es dir, da war es dein; nun gibst du es mir, und ich danke dir, denn ich
habe dich und du hast mich beschenkt! Dann bist du nicht gegangen, sondern du
hast dich neben ihn auf den hohen Gitterstein gesetzt und mit ihm gesprochen. Du
hast von der Blindheit geredet, die noch schlimmer als die krperliche ist, und
von dem Auge der Seele, welches grad bei den Blinden schrfer und heller blickt
als bei den Sehenden. Du hast ihm von einem Himmel und von Sternen erzhlt, von
denen er bisher keine Ahnung hatte, denn sie wohnten in seinem Herzen, und er
wute es nicht. Und als du dann nach wohl einer Stunde ihm die Hand gedrckt und
dich entfernt hast, hat er deinen Schritten gelauscht, bis sie verklungen waren,
und ihm ist gewesen, als sei er sehend geworden, denn der Himmel und die Sterne,
von denen du sprachst, sind in ihm aufgegangen, und er sieht noch heutigen Tages
ihre Herrlichkeit, obgleich es auerhalb seiner Augen dunkel ist!
    Der gute Sejjid war ja ganz poetisch geworden. Er schien sich fr diesen
Blinden besonders zu interessieren. Darum machte ich die Bemerkung:
    Ich habe ihn dann leider nicht mehr gesehen; er sa nie wieder an dieser
Stelle.
    Er kam nicht wieder, weil nun sein Herzenswunsch erfllt war, dich einmal
sprechen zu hren, oder - - dieser Blinde sagt immer, sprechen zu sehen.
    Ich denke, diesen Wunsch hat ein Anderer gehabt, nmlich dein Vater; du
sagtest es ja!
    Ganz richtig! Aber mein Vater war eben dieser Blinde! Als er erfuhr, da du
einen Diener suchtest, befahl er mir, mich zu melden. Es bedurfte gar nicht
eines Befehles, denn ich tat es selbst so gern! Und wie glcklich war er, als
ich ihm nach unserer Rckkehr von den Pyramiden sagte, da unser Wunsch erfllt
sei! Du glaubtest, ich bemerke es nicht, aber ich habe es wohl gesehen, wie du
mich wegen des Reitens auf die Probe stelltest. Mein lterer Bruder, der nun
gestorben ist, war Sas29 beim Khedive; ich durfte wochenlang drauen bei ihm
sein und auf den schnen Pferden sitzen. Da habe ich das Reiten gelernt. Nun
schreibe ich von berall, wohin ich mit dir komme, einen Brief an den Vater,
welcher ihm vorgelesen wird. Da ist er froh, wenn ich ihm von dir erzhle und
ihm sage, da du mit mir zufrieden bist. O, Sihdi, wenn du ihm doch auch einmal
eine Zeile senden wolltest; welch eine Freude wre das fr ihn!
    So trag das Geld jetzt noch nicht zur Post, sondern warte! Ich werde gleich
jetzt einen ganzen Brief, nicht blo eine Zeile, an ihn schreiben. Die Adresse
sagst du mir dann.
    Da ergriff er, wie damals in Kairo, meine Hand und kte sie, ehe ich es
verhindern konnte. Wie leicht ist es doch, gut und freundlich zu sein; wie
schwer fllt das manchen Menschen, und wie noch mehr andere haben kein Geschick
dazu! Und wie belohnt sich so ein Bichen Gte und Menschenliebe! Ich hatte
einem Blinden eine Gabe angeboten, die von ihm nicht einmal angenommen worden
war. Und der Lohn? Ein Diener, wie ich ihn mir treuer, aufopfernder und besser
gar nicht wnschen konnte. Aber so reicher Lohn kommt nur dann, wenn man an
keine Belohnung denkt! - - -
    Der sterreichische Dampfer kam ohne Versptung; er hatte wenig Fracht und
wenig Passagiere und sich also nicht durch aufhaltende Hafenarbeiten verspten
knnen. Alle Welt fhrt lieber mit dem Norddeutschen als mit dem Triester Lloyd.
Mir war es sehr lieb, da es so viel Platz gab, denn ich gehe gern ungestrt
spazieren, auch auf - - der See.
    Aber eine Anzahl Passagiere kam doch mit an Bord, nmlich Fang, der Chinese,
die sechs Gentlemen, welche wir in Point de Galle zur Treppe herabgeworfen
hatten, und auch mehrere von den Europern, von denen in Colombo die
Eingeborenen niedergeritten worden waren. Sie dampften der Gegend zu, welche mit
Sehnsucht erwartete, von ihnen zivilisiert zu werden. Warum sie es vorgezogen
hatten, nicht mit einem deutschen Schiffe zu fahren, konnte ich mir denken.
Leider sah ich mich gezwungen, an derselben Tafel mit ihnen zu speisen.
    Wie es schien, hatten sie sofort, als sie mich als Mitpassagier erkannten,
beschlossen, sich an uns zu rchen. Sie begannen nicht mit mir, sondern mit
Omar. Dieser nmlich war, wie sich ganz von selbst versteht, nicht Passagier
erster, sondern dritter Klasse, hielt sich aber zu meiner Bedienung viel auf dem
Deck und in den Rumen der ersten Klasse auf. Hierber hatten sie sich beim
Kapitn beschwert und ihm sehr energisch zu verstehen gegeben, da sie einen
Passagier dritter Klasse nicht in der ersten dulden wrden. Es war ihnen der
Bescheid geworden, da sie da gar nichts machen knnten. Es sei auf allen, auch
auf den englischen Linien, so eingefhrt, da die reisenden Herrschaften des
Tages ber ihre Dienerschaft bei sich haben knnten, dafr aber fr sie ein
erhhtes Passagegeld zahlen mten. Das htte ich auch getan, und also sei mein
Araber in vollem Rechte, zu mir zu kommen, so oft es mir und ihm beliebe. Omar,
der sich an die meist italienisch sprechende Schiffsbemannung angevettert hatte,
um sprachlich so viel wie mglich zu profitieren, war von dieser Beschwerde
unterrichtet worden und teilte mir es mit.
    Diese Leute sind ganz unerfahrene Knaben, sagte er, die noch nicht einmal
wissen, was auf einem Schiffe gebruchlich ist. Sie halten sich fr bessere
Menschen als wir Araber sind; frher htte mich das gergert; aber jetzt bin ich
Sejjid Omar und bedaure sie!
    Damit war die Sache fr uns abgemacht.
    Mit Fang kam ich nicht zusammen. Er lag seekrank in seiner Kabine und lie
sich nicht sehen. Auch mochte die Scheu vor den Gentlemen das Ihrige dazu
beitragen, da er so beharrlich unten blieb. Diese Vermutung war nicht falsch;
ich erfuhr es in der letzten Nacht. Was mich betrifft, so ergingen sich diese
Herren in unzhligen Sticheleien und legten mir alles Mgliche in den Weg; ich
achtete aber nicht darauf.
    Unser Dampfer brauchte fnf Tage, um von Colombo nach Penang zu kommen.
Sonnabend waren wir abgefahren; Donnerstag kamen wir an. In der letzten Nacht
ging ich nicht schlafen, sondern blieb an Deck und schrieb. Der Kapitn hatte
meinetwegen den Befehl gegeben, das Licht nicht auszudrehen. Er war ein groer
Vogelfreund und hatte neben seiner Kajte eine Anzahl heimischer Vgel in
hbschen Kfigen untergebracht. So oft es seine Pflicht erlaubte, lie er sich
einen Tisch zu diesen Kfigen stellen, um unter seinen Lieblingen zu sitzen und
sich mit ihnen zu beschftigen. Auch ich liebe die geflgelte Welt. Er bemerkte
das sehr schnell, und so kam es, da er bald nicht mehr allein am Tische sa.
Daher auch die Geflligkeit, mich whrend der letzten Nacht mit Licht zum
Schreiben zu versehen.
    Es war eine wunderschne, sdliche Meeresnacht. Man mu so Etwas erlebt
haben. Beschreiben kann man es nicht. Und wenn man es knnte, so htte es doch
keinen Zweck, weil eine Beschreibung nie so wirken kann, wie das, was man
beschreibt. Der sdliche Himmel hat weniger sichtbare Sterne als der nrdliche,
aber sie scheinen grer und darum der Erde und mit ihr dem Menschen nher zu
sein; die See erstrahlt in hellerem astralischen Glanze, und die Rtsel der
Nacht, die man daheim nicht lsen konnte, treten hier viel deutlicher mit der
Bitte an den Menschen heran, gelst zu werden. Aber all sein stolzes Wissen und
all sein scharfes Denken ist diesen Geheimnissen gegenber ein Nichts; er kann
nur ahnen und hoffen, und wenn der Engel des Glaubens zu ihm tritt und ihm
zuflstert, da dieses Ahnen zur Wahrheit und dieses Hoffen sich erfllen werde,
so soll diese Stimme ihm ebenso heilig sein, als ob Gott selbst zu ihm
gesprochen htte.
    Es war schon nach Mitternacht, als ich ein Ruspern hinter mir hrte. Ich
schaute mich um und sah Fang, welcher leise die nach den Kabinen fhrende Treppe
heraufgekommen war. Er verbeugte sich und wartete dann, ob ich ihn anreden
werde. Ich grte ihn in englischer Sprache. Er verbeugte sich noch einmal und
antwortete:
    Da Sie diese Sprache whlen, ist fr mich ein Fingerzeig. Strt es Sie,
wenn ich hier oben bin und mir Bewegung mache?
    Nein.
    Er verneigte sich zum dritten Male und wendete sich ab, um leise auf dem
Decke hin und her zu spazieren. Das tat er wohl eine Stunde lang, dann schien er
wieder hinuntergehen zu wollen. Er mute an mir vorber und tat das mit so
zgerndem Schritte, als ob er mir gern Etwas sagen mchte. Ich legte also die
Feder weg und sah ihn fragend an. Da erkundigte er sich:
    Sie arbeiten, und ich stre. Nicht wahr?
    Ich stand also auf und antwortete:
    Ja, ich arbeite allerdings, aber eine Unterbrechung durch Sie wrde mir
eine Erholung anstatt eine Strung sein.
    Das ist hflich gesagt, aber dennoch wahr; ich hre es Ihnen an. Wir
erreichen frh den Hafen, und mein Herz gebietet mir, Ihnen vor der Trennung zu
sagen, da Sie mich abgehalten haben, in den Bchern, die ich daheim schreiben
werde, ein doch vielleicht falsches Urteil ber die Vlker des Abendlandes und
ihre internationalen Umgangsformen zu fllen. Was ich bisher erlebte,
beobachtete und erfuhr, war keineswegs geeignet, mich fr sie sympathisieren zu
lassen; Ihr Auftreten in Point de Galle aber hat mir gezeigt, da es bei dem
hier bei uns berflieenden, europischen Schaume auch klare, reine Tropfen
gibt, die auf Besseres schlieen lassen, als ich dachte.
    Diese Einleitung lie ein lngeres Gesprch vermuten. Darum fhrte ich ihn
nach einer Bank, welche an der Deckbrstung stand, nicht im grellen elektrischen
Lichte, sondern im milden Scheine der Sterne. Indem wir uns da beide ohne alles
Zeremoriell niedersetzten, erwiderte ich:
    Die Geschichte Ihres Landes ist allerdings nicht imstande, Ihnen Liebe fr
uns zu predigen. Aber Sie drfen berzeugt sein, da nicht alle Abendlnder
Runners, Loafers und Rowdies sind, welche den Osten nur zu dem einzigen Zwecke
aufsuchen, ihn fr sich auszubeuten. Hier im Morgenlande wurde einst unsere
christliche Liebe geboren. Es kommt gar manch ein Abendlnder nach dem Osten, um
ihren Stapfen nachzuforschen. Und wer das tut, der achtet vor allen Dingen jedes
Menschenrecht und ist ehrlich und gewissenhaft selbst gegen seinen allerfernsten
Bruder. Ich glaube, nicht zu lgen, wenn ich sage, da ich zu diesen Letzteren
gehre. Ich liebe Ihre Nation. Ich liebe sie nicht weniger als jede andere
Rasse. Auch mein Beruf ist, Bcher zu schreiben, ganz so, wie der Ihrige. Und
ich versichere Ihnen, da ich niemals imstande sein werde, ohne vorherige,
genaue Prfung mein eigenes Volk auf Kosten anderer Vlker herauszustreichen!
    Sie lieben meine Nation! wiederholte er meine Worte. Ist es denn wirklich
wahr, da Jemand, der kein Chinese ist, dies gesprochen hat? Jede, jede, aber
auch jede Nation erfreut sich irgend einer Sympathie, nur die chinesische nicht!
Womit haben wir das verdient? Was haben wir den andern Vlkern zu leid getan?
Die Kaukasier schlachten heut einander ab und kssen sich morgen freundlich die
gestern noch zrnenden Lippen. Haben jemals wir ihr Blut vergossen? Haben wir
sie jemals beleidigt, befeindet, bervorteilt und betrogen, wie sie es
untereinander tun? Nie! Befehden wir ihren Glauben? Verlachen wir ihre
Voreltern? Spotten wir ber ihre Geschichte? Nein! Trachten wir nach den
Schtzen ihrer Bergwerke, nach den Frchten ihrer Felder, nach den Ertrgnissen
ihrer Industrie? Nein! Brauchen wir berhaupt Etwas von ihnen? Nein und wieder
nein und dreimal nein! Also frage ich: woher nehmen sie das Recht, wie Bazillen
durch alle leiblichen und geistigen Poren in den Krper und in die Seele unserer
Nation einzudringen und an dem sogenannten gelben Manne denselben Rassenmord zu
verben, an welchem der rote auch schon zugrunde gegangen ist?
    Er hatte ruhig, kalt, langsam und halblaut gesprochen, wie zu sich selbst.
War es in seinem Innern auch so kalt und ruhig? Da ich nicht antwortete, fuhr er
fort:
    Ich wei, was Sie sagen werden: die Vlker haben mit einander zu verkehren!
Das ist ein groes, wahres Wort. Aber der rmste und niedrigste Mann besitzt bei
Ihnen sein sogenanntes Hausrecht. Das Gesetz schtzt ihn gegen Jeden, der ohne
seine Erlaubnis bei ihm eindringen will. Dieses Recht hat jeder Mensch, jedes
Dorf, jede Stadt, jedes Land, jeder Verein, jede Gemeinde, jedes Volk. Haben wir
es etwa nicht auch? Ja, wir haben es! Und es ist eine geschichtliche Lge, zu
behaupten, da wir dieses Recht mibraucht htten. Wir haben asiatische
Vlkerschaften bei uns aufgenommen, welche noch heut bei uns wohnen, obgleich
sie anderen Glaubens sind. Wir haben auch mit den Christen den Versuch gemacht.
Sie wurden willkommen geheien und mit hohen Wrden und Aemtern bekleidet. Wie
aber dankten sie uns? Heut hatten wir sie bei uns aufgenommen, und schon morgen
griffen sie gierig in unsere Herzen, um sich nicht nur in unserm Lande und in
unsern Stdten sondern auch in unserm Himmel einzunisten. Sie, die wenigen
Fremden, die sich daheim ihres Glaubens wegen selbst bitterlich hassen und
bekmpfen; sie die ihre gepriesene Zivilisation seit Anbeginn bis auf den
heutigen Tag mit dem Blute ihrer eigenen Brder dngten; sie, deren angebetete
Weltweisheit nicht weitergekommen ist, als nur zu der Behauptung, da kein Gott
die Welt regiere; sie, deren so laut ausposaunte Humanitt nichts als nur der
verkappte Egoismus ist; sie, deren staatliche Konstitutionen so vom Anarchismus,
Nihilismus, Sozialdemokratismus und anderen Krankheiten, von denen wir uns frei
gehalten haben, zerfressen sind, da sie sich ihrer kaum erwehren knnen: sie
kommen zu uns, die wir Hunderte von Millionen zhlen und eine fnftausendjhrige
Geschichte und Kultur besitzen, und wollen uns zwingen, unsere Religion ihren
haerfllten Konfessionen zu opfern; sie legen mit ihren Kanonen unsere Trme,
Mauern und Huser in Trmmer, um uns ihre bessere Bildung und Gesittung
beizubringen; sie verlangen von uns, an Stelle unserer bewhrten Philosophie die
ihrige zu setzen, welche, ohne zum selbstndigen Manne zu werden, noch
gegenwrtig an den vertrockneten Brsten heidnischer Ammen saugt; sie muten uns
die strfliche Befangenheit zu, ihrer Versicherung zu glauben, da sie es mit
der Erfindung ihrer Interessensphren und offenen Tr nur auf unser Heil
abgesehen haben; sie tragen uns den Ungehorsam der Untertanen gegen ihre
Vorgesetzten und die auflehnende Verachtung altehrwrdiger, heilig gewordener
Gebruche zu; sie nennen uns Heiden, ohne zu bedenken, da unser Recht, auch sie
als solche zu bezeichnen, viel grer als das ihrige ist, denn ganz abgesehen
davon, da sie nicht nach Christi Liebe und Lehre gegen uns handeln, haben sie
das unerforschliche, unbegreiflich allgtige Wesen, welches der Urgrund alles
Daseins ist, durch irdische Gestaltung und menschliche Ausstattung aus der
Unantastbarkeit seines Himmels gerissen und zum Gtterbilde gemacht, whrend wir
es so verehren und fr so rein und ber uns erhaben denken, da wir nicht einmal
unserer Sprache erlaubt haben, uns ein Wort zu geben, welches wir als seinen
Namen nennen! Aber gerade weil wir keinen Namen haben, ist dieses Wort als Geist
bei uns, und wenn die irdische Form, in welche wir diesen Geist nicht zu fassen
und zu zwingen wagen, einst auch fr uns in Staub zerfllt, so haben wir einen
Schritt zu ihm empor getan und nehmen die Ehrfurcht und die Liebe derer mit,
welche uns nie vergessen drfen, weil sie uns nachzufolgen haben. Und wenn die
Christen dieses zum Himmel hebende Verlangen, die Vorangestiegenen nicht aus den
Augen zu verlieren, weil uns mit ihnen auch der Weg zum Himmel verloren sein
wrde, als sndhaften, gtzendienerischen Ahnenkultus bezeichnen, so beweist
dies nur, da sie in den Geist unserer Religion nicht eingedrungen sind und
nicht eindringen konnten, weil sie den Geist der ihrigen noch nicht begriffen
haben. Er kann sich nur der Liebe offenbaren, und diese, die besitzen sie noch
nicht!
    Hier hielt er wieder inne. Erwartete er eine Antwort von mir, ein Eingehen
auf diesen fr mich so heiklen Gesprchsgegenstand? Ich rusperte mich,
unschlssig, ob ich sprechen solle oder nicht. Da sagte er schnell:
    Bitte, schweigen Sie! Ich erwarte keine Antwort. Ich habe die Religion und
die Kultur der Christen studiert. Ich wei also, da Sie sich jetzt in der
hchst fatalen Lage befinden, als wahrer Christ die Scheinchristen verteidigen
zu sollen und doch nicht zu knnen, weil es gerade der Wahrheit unmglich ist,
den Schein als Wahrheit hinzustellen. Werden wir uns klar! Die Strmung, welche
jetzt gegen die Kste Chinas brandet, ist eine doppelte, nmlich eine religise
und eine politische, und beide werden uns von einem und demselben Winde
zugefhrt, dem Egoismus. Fallen Sie mir nicht mit Kulturaufgaben,
zivilisatorischen Pflichten und Sendboten des Christentums in die Rede! Das sind
Fiktionen, mit denen ein Kenner der Verhltnisse nicht irre zu machen ist! Wer
von seiner Religion und von seiner Kulturform behauptet, da sie die allein
seligmachende und er also ein Auserwhlter Gottes sei, der ist eben ein Egoist
in der hchsten Potenz, und Religion und Politik sind fr ihn nur die Mittel,
seine Selbstzwecke zu erreichen. Als Christ will er den ganzen Himmel und als
Kaukasier die ganze Erde nur fr sich allein haben. Sprechen wir nicht von der
Beglckung der Chinesen! Das ist Dekorationsmalerei, die nur in die Ferne wirkt,
in der Nhe aber die Pinselarbeit um so hlicher zeigt! Die chinesische Frage
ist eine religise und eine Rassenfrage. Um von der religisen zuerst zu
sprechen, so ist sie fr uns abgetan. Ich sagte bereits, da die Christen,
welche wir gestern bei uns willkommen hieen, schon heut die Torheit begingen,
uns in Beziehung auf unsere Religion gute Lehren geben zu wollen. Sie waren so
unwissend, da sie gar nicht ahnten, was eine solche Beleidigung der
Gastfreundschaft einem Volke gegenber, dem die Hflichkeit der Umgangsformen
ber Alles geht, zu bedeuten hat. Und sie sind auch heut noch so unwissend,
nicht zu erkennen, da ihre Mission trotz jahrhundertelanger Arbeit bei uns so
viel wie nichts gewirkt haben, weil der Chinese die Behauptung, das Christentum
sei die einzig seligmachende Religion, als eine krasse Unhflichkeit, als
persnliche Beleidigung auffat. Ueber dreihundert Millionen Menschen sollen mit
allen ihren Ahnen viertausend Jahre zurck nichts als Dummkpfe gewesen sein!
Und diese Beleidigung wird uns von Leuten in das Gesicht gesagt, welche ihren
eigenen christlichen Brdern wegen einer anderen Auslegung eines Bibelwortes im
Leben die Kirchen- und dann selbst noch im Tode sogar die Gottesackertr
verschlieen! Welch eine Ungeheuerlichkeit! Haben sie es denn wirklich nicht
gewut, da wir, das Volk der hchstentwickelten Umgangsform und Rcksichtnahme,
die Mission zunchst und vor allen Dingen von diesem Standpunkte aus auffassen?
Ein unhflicher Mensch wird bei uns nie etwas erreichen, und der Missionar
begeht gegen uns und unsere Ahnen die allergrte und unverzeihlichste
Unhflichkeit, die sich ein Chinese denken kann! Und dabei wei er nicht einmal,
da er nur oder meist aus diesem Grunde keine Erfolge hat! Er will uns belehren
und ist doch selbst nicht ber unsere Art, zu denken und zu fhlen, belehrt! Ja,
es hat einige verstndliche christliche Sendboten gegeben, welche uns studierten
und kennen lernten und dann einsahen, da der Chinese zwar Christ, wenn man
seine Eigenart gelten lt, aber niemals Europer werden knne. Sie handelten
darnach, wurden von unserm Kaiser hoch geehrt und konnten ber die Frchte ihrer
Arbeit glcklich heimberichten. Da aber verbot man ihnen diese Rcksichtnahme,
und die Frchte blieben liegen und verfaulten. Meint man etwa, die bald hier und
bald da emporlodernde Emprung gegen die Missionare richte sich gegen ihren
Glauben? O nein! Selbst der ungebildetste Chinese hat wenigstens den einen
Vorzug, in Beziehung auf die Religion tolerant zu sein. Diese Ausbrche des
angesammelten Zornes werden vielmehr durch die Art und Weise hervorgerufen, in
der man diesen Glauben hoch ber den unsern stellt und mit rcksichtslosen
Sohlen unsere heiligsten Sitten und Gefhle niedertritt. Ich behauptete: und
wenn zehntausend Missionare so lange lebten, da sie zehntausend Jahre lang ihre
Religion bei uns verknden knnten, so wrde doch keiner von ihnen mehr
erreichen, als was der einzelne bisher erreicht hat, wenn sie nicht ihr jetziges
Verhalten ndern und uns als Menschen gelten lassen, die ihre eigenartige
Entwicklung und also auch ihre eigene Art, zu denken und zu fhlen haben. Ich
gebe zu: es ist keineswegs ausgeschlossen, da der Chinese ein Christ wird, aber
er wird es nur dann, wenn er dabei Chinese bleiben kann!
    Er hob bei diesen Worten die Hand wie zum Schwur empor. Ich hrte ihm an,
wie ernst ihm Alles, was er sagte, war. Zeit zu einem Einwurfe oder einer
Bemerkung fand ich nicht; er wartete nicht darauf, sondern sprach weiter:
    Und nun die Rassenfrage, die ich eigentlich schon damit erledigt habe, da
ich sagte, der Chinese will Chinese bleiben. Ein gelehrter Christ, den man
geistreich nennt, hat krzlich China besucht und ein Buch ber uns geschrieben.
In diesem steht zu lesen: Ein Dichter oder Knstler soll auf dem Hhenpunkte
seines Schaffens sterben. Tut er das nicht, so geht es mit ihm bergab, und der
Schatten seiner spteren Jahre verdunkelt seine Werke. So steht es auch mit den
Nationen, und der Chinese hat vergessen, zu sterben, als die geeignete Zeit dazu
gekommen war! Das mag fr europische Ohren geistreich klingen; es ist aber das
grundfalsche Urteil eines Mannes, welcher glaubt, uns in zwei Worten ebenso
abtun zu knnen, wie er in zwei Monaten das Studium unsers Landes und Volks
vollstndig abgetan zu haben glaubt. Wenn sich der Dichter beranstrengt hat, so
soll er nicht sterben, sondern tchtig essen und dann so lange wie mglich
schlafen, um neue Kraft zu gewinnen. Tut er das, so wird er nach seinem Erwachen
im neuen Vollgefhle seiner selbst frisch weiterschaffen knnen. Der Chinese ist
so klug gewesen, nicht zu sterben, sondern sich schlafen zu legen. Die Zeit, in
welcher er erwacht, kann gestern gewesen sein, kann heut oder morgen kommen. Ich
meine nun, fr die weie Rasse sei auch die Zeit nun da, sich von ihren
zivilisatorischen Anstrengungen auszuruhen, denn es mehren sich die Zeichen, da
sie des Nachdenkens und der Sammlung bedarf. Ihr Krper hat gelitten; die
einzelnen Glieder versagen ihr den Dienst; ihre Gedanken verwirren sich; ihre
Empfindungen werden hart; ihr Auge hat sich getrbt, und ihr Ohr vernimmt nicht
mehr die Stimmen, die es frher gern und willig hrte. Sie sollte ihre
Aufmerksamkeit nicht so sehr nach auen, sondern mehr nach innen richten, um die
Schden zu heilen und die Schwchen zu beseitigen, welche die Folge der Ermdung
sind. Wenn es im Westen Nacht geworden ist, wird es im Osten Tag. Dort steht der
Mensch jetzt vor dem mden Abend; hier aber bricht der frische Morgen an. Wenn
die ruhebedrftige Rasse die Gereiztheit ihrer angestrengten Nerven fr Strke
und den Schlaf der andern Rasse fr ein Zeichen der Schwche hlt, so ist es fr
sie ein Wagnis, die Schlferin gewaltsam aufzuwecken. Man gnne ihr doch ein
friedliches Erwachen. Schon graut der Tag. Wir, die wir dazu verpflichtet sind,
wir forschen und suchen, und wer mit Liebe und mit Eifer sucht, der mu die
Wahrheit finden. Wir gehen zu den westlichen Vlkern, um sie und ihre Krfte und
Absichten kennen zu lernen. Ein Jeder von uns hat sein besonderes Land und
seinen besonderen Zweck. Der meine ist erreicht. Erreichen die Andern den ihren
in derselben Weise, so werden vielleicht, ja wahrscheinlich die niedrigen Wolken
des Morgens blutig erglnzen, aber dann, wenn sie verschwunden sind, wird Friede
sein auf Erden, wenigstens bei uns! Beherzigt dann der Christ, was ihm von
seinem Herrn befohlen ward, so wird er uns als gleichbegabt und gleichberechtigt
anerkennen und unser Bruder sein. Dann mag er zu uns kommen, um bei uns zu
wohnen und zu lehren. Den Glauben und die Liebe eines Bruders weist man nicht
zurck!
    Jetzt stand er von seinem Sitze auf und wartete eine kleine Weile, ehe er
hinzufgte:
    So bin ich also bei Ihrem eigenen Worte angekommen, bei der Liebe. Der
Kaukasier lehre uns, ihn zu lieben, ehe er uns belehre, nach seiner Art zu
beten! Das ist die Antwort, welche wir ihm auf seine chinesische Frage geben,
die wir bei uns gar nicht kennen! Ich bin fertig mit dieser Frage und hoffe zu
seinem eigenen Besten, da er in derselben Weise mit ihr zu Ende kommen werde.
Er mge einsehen, da eine friedliche Wechselwirkung zwischen unsern
beiderseitigen Kulturformen in seinem eigenen Interesse liege. Dazu gehrt aber,
da er aufhrt, sich als den alleinigen Spender und uns als die alleinigen
Almosenempfnger zu betrachten. Wir wissen, da wir nicht rmer sind, als er.
Betrachtet er sich aber auch fernerhin als den reichen Mann und den Chinesen als
den armen Lazarus, so kann es kommen, da dieses Gleichnis sich an ihm und uns
in der Weise zu Ende lebt, wie Christus es einst erzhlte. Und selbst wenn es
ihm gelnge, aus dem von ihm gegen uns herbeigefhrten Kampfe als Sieger
hervorzugehen, wrden ihn die Folgen sehr bald ber die uralte Wahrheit
belehren, da die Seele eines in einem Eroberungskampfe siegenden Volkes niemals
die Siegerin, sondern stets und immer die Ueberwundene ist!
    Er trat einige Schritte von mir zurck und bat, indem er sich tief
verneigte:
    Verzeihen Sie mir, da ich den Wunsch hatte, Ihnen zu sagen, was und wie
ein Chinese ber diese Religions- und Rasseangelegenheiten denkt und spricht!
Grad Sie sollten die nackte, unverflschte Meinung meines Volkes kennen lernen,
weil es mir ist, als ob uns nach der Landung und Trennung in Penang ein
Wiedersehen beschieden sei, und weil ich ahne, da Ihr deutsches Volk uns
schneller und besser verstehen lernen werde als diejenigen Vlker, deren Seelen
anders als die deutsche fhlen. Wenn ich Sie nicht zu Worte kommen lie, so tat
ich das nicht aus Unhflichkeit. Was Sie als Christ und Abendlnder mir
entgegnen wrden, das wei ich ebenso genau, wie Sie es wissen, und wollte Ihnen
eine Rechtfertigung ersparen, welche zwar volltnend beginnt, aber schlielich
doch nur zur Entschuldigung wird. Der Kaukasier befindet sich in einem doppelten
Irrtum: er glaubt, uns zu kennen, und er denkt, da wir ihn nicht kennen. Aber
China und die Chinesen sind ihm trotz der europisch gefrbten Bcher, nach
denen er uns beurteilt, fast ebenso unbekannt geblieben, wie sie es waren, als
er sie zum ersten Male sah. Er hat die Eigenart des Geistes nicht begriffen, der
treu und schtzend, wie der Drache alter Sagen, ber unseren Lndern und
Gewssern schwebt. Da haben Sie die Bedeutung unseres Nationalsymboles! In Ihren
Augen eine Hlichkeit, ist dieser Drache fr uns ein Hter tief vergrabener
Schtze, dessen wahre Gestalt, jetzt noch unter seltsamer Form verborgen, sich
nur dem Auge desjenigen Fremden zeigen wird, welcher nicht kommt, diese Schtze
fr sich allein zu stehlen, sondern sie mit liebe- und verstndnisvoller Hand
zum Segen Aller an das Tageslicht zu ziehen. Dann, aber auch erst dann wird man
beginnen, China kennen zu lernen. Uns aber ist Ihr Westen lngst kein Rtsel
mehr. Wir haben Augen hingesandt, unerbittlich scharf und unbefangen blickende
Augen, und diesen Augen ist nichts entgangen, was sie sehen muten, um die uns
drohende Gefahr in ihrem ganzen Umfange zu erkennen, aber auch die Schwchen
derer, die uns meistern wollen, alle zu durchschauen. Und wer bei gleicher Kraft
im Kampf den Andern besser kennt, der braucht sich nicht zu frchten!
    Ich war natrlich auch von der Bank aufgestanden. Schon hob ich die Hand, um
sie ihn zum Abschiede zu reichen; er nahm sie aber noch nicht, sondern fuhr
fort:
    Sie wollen mich in europisch-herzlicher Weise entlassen. Wissen Sie, da
Sie das schon einmal noch viel herzlicher, und zwar chinesisch getan haben? Das
war bei meinem Morgenbesuche in Point de Galle. Sie ahnten wahrscheinlich gar
nicht, wie hoch Sie mich durch Ihr Schweigen stellten. Hoch ber jede Klage, und
ebenso hoch ber jeden Dank! Wie kam es, da Sie es taten? Etwa weil Sie es
wuten, oder weil Sie es wollten? O nein. Die Menschenliebe ists, die immer
vornehm handeln lt, selbst in den unbekanntesten Verhltnissen! Ja, geben Sie
mir Ihre Hand. Ich will sie Ihnen in deutscher Freundesweise drcken!
    Als er gegangen war, nahm ich meine Arbeit wieder auf, die mich bis zum
Morgen beschftigte. Da sah ich, da wir uns in der Strae von Malakka befanden.
Am sdlichen Horizonte trat die Diamantspitze von Sumatra hervor; wir nherten
uns Penang.
    Die Passagiere kamen alle an Deck, wie es ja immer ist, wenn man sich einem
Hafen nhert. Sejjid Omar brachte schon unser Gepck getragen; er liebte es,
stets als der Erste bereit zu sein, und es gehrte bei ihm zu den
Unmglichkeiten, irgend einen Aufbruch oder eine Abfahrt zu versumen.
    Was wohnen fr Leute in Penang, Sihdi? fragte er mich, indem er ein
pfiffiges Gesicht zog. Er schien Etwas im Hinterhalte zu haben.
    Europer, aber sehr wenig, ferner Hindu, Parsen, Chinesen, von diesen sehr
viel, und Malaien.
    Also wirklich Malaien?
    Ja. Interessiert dich das? Du kannst ja nicht mit ihnen sprechen!
    Ich? Nicht sprechen? rief er aus. Darf ich als Malaie kommen und bei dir
anklopfen?
    Ja.
    Gut! Du bist ein Schneider und heiest Kadaja. Pa auf!
    Er machte die Bewegung des Anklopfens und Hereinkommens und sagte dann:
    Salamat paga tuwan! Apa kowa ada tukang mendjahit namanja Kadaja - guten
Morgen, Herr! Sind Sie der Schneider Kadaja?
    Saja tuwan - ja, antwortete ich.
    Apa kowe bisa mendjahit satu tjelana - knnen Sie mir eine Hose machen?
    Saja tuwan - ja.
    Brapa kowe minta terri satu tjelana - wieviel verlangen Sie fr eine Hose?
    Tiga ratus rupiajah wolanda - dreihundert Gulden hollndisch, antwortete
ich, indem ich das Lachen verbi.
    Da sagte er zunchst nichts, sann sehr ernst nach, legte die Zeigefinger
zhlend auf einander, murmelte halblaut die Zahlen dazu, dann lachte er
pltzlich laut und rief aus, indem er aus dem Malaischen in das Arabische fiel:
    Nein, Sihdi, das kannst du nicht von mir verlangen. Fr eine Hose gebe ich
dir nicht dreihundert Gulden. Das ist mir doch zu viel!
    Gut, also mache ich dir keine! Wo hast du denn diese malaischen Worte her?
    Von zwei Schneidern, welche Malaien waren und in Colombo neben meinem
Gasthause wohnten und flickten. Ich habe viel mit ihnen gesprochen. Aber die
malaische Sprache hat auch nur Redensarten, die man auswendig lernen mu, wenn
man sie sprechen will. Und diese Leute gefallen mir nicht; sie zanken sich so
gern!
    In diesem Augenblicke ertnte von der anderen Seite unsers Deckes her ein
Schrei.
    Mann ber Bord! brllte ein Matrose drben.
    Wir eilten hinber und erfuhren, da es sich um einen der sechs Gentlemen
handelte. Diese waren aus ihren Kojen auch herausgekommen und hatten verlangt,
da man die Sonnengardinen niederlasse. Jedes diese sdlichen Meere befahrende
Schiff ist nmlich nicht nur mit einem Sonnendache, sondern auch mit Back- und
Steuerbordleinwand versehen, welche man auf der Seite, wo die Sonne steht,
niederlt, um Schatten zu haben. Nun war es aber heute noch so frh am Tage,
von Hitze keine Rede, und auerdem hatten wir bis nach Penang nur noch eine
Stunde; es wre also schade um die Arbeit gewesen, ganz abgesehen davon, da die
Matrosen jetzt, so kurz vor dem Hafen, mehr zu tun hatten, als des berflssigen
Wunsches launenhafter Passagiere wegen auf der Reling herumzuklettern. Die
Leinwand ist des Windes wegen natrlich sehr fest angeknotet, und es erfordert
Zeit, sie loszubekommen. Aber die Zivilisatoren hatten sich nun einmal in den
Kopf gesetzt, da sie heruntergelassen werden msse, und da ihnen kein Matrose
gehorchte, so setzten sie ihren Willen eigenmchtig durch, indem sie, was
brigens den Passagieren verboten war, auf die Regeling stiegen, um die Leinwand
loszubinden. Der Lauteste von ihnen, derselbe, welcher in Point de Galle den
Vorschlag gemacht hatte, den Chinesen in ihr Zimmer zu zerren, hatte dabei die
Balance verloren und war in die See gestrzt. Auf den Schrei, der hierauf
erfolgte, war der Quarterdienst sofort nach dem Bug geeilt, um den dort
hngenden Rettungsring hinabzuwerfen, und der Offizier vom Dienst erteilte
ebenso schnell den Maschinisten die ntigen Befehle. Das Schiff hat an die
Unglcksstelle zurckzukehren, was dadurch geschieht, da es einen Bogen
steuert. Aber die Kraft der Beharrung ist nicht pltzlich zu berwinden, und man
hat selbst im allergnstigsten Falle zwei bis drei Minuten zu rechnen, ehe es
den betreffenden Punkt wieder erreicht. Inzwischen wird der ber Bord Gestrzte,
wenn er kein guter Schwimmer ist und die Rettungsboje nicht ergriffen hat,
ertrunken sein. Es gilt aber, zu bedenken, da das Schiff von dem Augenblicke
des Unfalles an, bis diese Boje geworfen wird, einen so bedeutenden Weg
zurcklegt, da der Verunglckte sich weit hinter dieser Boje im Wasser befindet
und sie, falls er nicht Schwimmer ist, auch nicht erreichen wird.
    Dieser Fall lag hier vor. Gerade als wir hinberkamen, flog der Korkring
ber Bord, aber der in die See Gestrzte tauchte weit, weit hinter ihm aus dem
Wasser auf, warf die Arme in die Luft und verschwand dann wieder.
    Er kann nicht schwimmen? rief ich seinen Gefhrten zu.
    Nein. Er ist verloren! antworteten sie alle.
    Da warf ich meinen Hut weg, ri den Rock herunter und - -
    Nein, du nicht, sondern ich, Sihdi! Soll Einer von uns ertrinken, dann
lieber ich als du!
    Indem Sejjid Omar dies sagte, schleuderte er die Pantoffel von den Fen,
warf den Kaftan ab und schwang sich auf die Regeling.
    Kannst du denn schw - - -
    Ja! rief er, noch ehe ich die Frage ganz ausgesprochen hatte.
    Nimm dich vor den Haifischen in Acht! konnte ich ihn noch warnen. Gerade
jene Kstenwsser sind dieser gefrigen Tiere wegen berchtigt.
    Labbehk, Allah, labbehk - hier bin ich, o Gott, hier bin ich!
    So rufen die muhammedanischen Pilger, wenn sie Mekka vor sich liegen sehen;
so ruft der Moslem, wenn er eine Gefahr, ein Wagnis auf sich nimmt; so rief auch
mein Sejjid Omar; dann strzte er sich hinunter in die Flut. Ein Schwung brachte
nun auch mich auf die Regeling. Ich war entschlossen, nachzuspringen, falls sich
nicht herausstelle, da er ein ganz vorzglicher Schwimmer sei.
    Das Gewicht des Sprunges hatte ihn natrlich unter Wasser gebracht; jetzt
tauchte er wieder auf. Er gab sich eine Viertelwendung und schwamm auf der
rechten Seite, weit und sicher ausgreifend, krftig und ruhig nachstoend. Ich
sah, da ich keine Angst um ihn zu haben brauchte. Die Wendung ermglichte es
ihm, mich stehen zu sehen.
    Bleib oben, Sihdi! erscholl seine Stimme. Allah ist bei mir!
    Schau auf das weie Tuch, und schwimm so, wie ich es dir zeige! Das konnte
ich ihm noch zurufen, dann kam er auer Hrweite.
    Ich sprang wieder herab, hin zu den Vgeln, wo der Tisch des Kapitns stand.
Es lag auf ihm ein weies Tafeltuch. Ich nahm es und eilte wieder an die
Brstung. Der Sejjid war klug; er schwamm ganz genau im Sog, dem Wasserstreifen,
den die Bewegung der Rder oder der Schiffsschraube hinter sich zurcklt. Es
schwimmt sich da zwar schwerer als auf ruhigem Wasser, aber dieser Streifen bot
Omar die einzige Mglichkeit, sich zu orientieren und nach der betreffenden
Stelle zurckzufinden.
    Jetzt hatte er den Rettungsring erreicht und zog ihn an sich. Aber den
Gentleman konnte er nicht sehen. Selbst wenn dieser htte schwimmen knnen, wre
es Beiden unmglich gewesen, einander zu erblicken. Auch ich sah ihn nicht.
Hatte die Tiefe ihn schon hinabgezogen?
    Der zweite Offizier stand neben mir, das Glas in der Hand. Ich nahm es ihm,
ohne mir Zeit zur Bitte zu lassen, weg und sprang nach den Mittelwanten, das
Tuch natrlich mitnehmend. Schnell hinauf nach dem Ausguck, der sich von den
Herren Landratten Mastkorb nennen lassen mu! Da oben stand ich nun hoch
genug. Ich sah Omar, und er mute auch mich, wenigstens mein weies Tuch sehen.
Sein heller Kopfbund stach von dem dunkeln Wasser ab. Nun richtete ich suchend
das Glas weiter auf das Sog hinaus, welches sich dort zu beruhigen und zu
verbreitern begann. Da sah ich einen Gegenstand, welcher mehr bewegt wurde, als
da er sich selbst bewegte. Hoffentlich war das der Verunglckte! Ich wehte mit
dem Tuche nach der Richtung, in welcher sich dieser Gegenstand von dem Sejjid
befand, und sah, da ich von ihm verstanden wurde; er folgte dieser Richtung;
zwar wich er, da die Wasserflche seinem Blicke keinen Anhalt bot, einige Male
von ihr ab, verbesserte aber diese Irrtmer infolge meiner Winke, und so gelang
es ihm, den Krper zu erreichen, der sich in grter Gefahr befand, denn er
verschwand so oft unter Wasser, da jedes Wiederuntertauchen das letzte sein
konnte.
    Nun darf man nicht meinen, da wir whrend dieser Zeit Omar und den Andern
immer hinter uns hatten. Der Dampfer war ja umgekehrt und machte einen Bogen;
daher kam es, da wir auf dem letzten Teile dieses Bogens gerade auf sie
zuhielten. Inzwischen war das auszulegende Boot in den Daviden klar geworden,
und der Dampfer stoppte, um es niederzulassen. Omar hatte den Kopf durch die
Leine des Rettungsringes gesteckt, so da er diesen unter dem Rcken hatte und
mit dem Gesicht nach oben schwamm - ein lobenswert pfiffiger Gedanke! Der
Gentleman lag quer ber ihm, vollstndig bewegungslos. So kam der Brave auf uns
zugeschwommen. Man nahm Beide in das Boot auf, welches wieder emporgewunden
wurde, ohne einen Ruderschlag getan zu haben. Es htte also auch das Fallreep
gengt. Das Schiff nahm die unterbrochene Fahrt wieder auf.
    Natrlich stand Alles, was auf dem ersten Platze Zutritt hatte, da, um den
aktiven und passiven Helden dieses Vorkomnisses zu empfangen. Der passive,
welcher tot zu sein schien, wurde unter Aussicht des Schiffsarztes sofort
heruntergeschafft; um den Sejjid aber entstand ein bewunderndes Gedrnge, dem er
sich jedoch schnell entzog. Er holte seinen Kaftan und seine Pantoffel und
verschwand nach dem Vorderdeck, um ein trockenes Unterkleid anzulegen. Dann
kehrte er zurck. Der Kapitn und die Offiziere drckten ihm die Hnde. Fang,
der Chinese, eilte herbei, um dasselbe zu tun. Die Matrosen nickten ihm mit
vertraulichem Lcheln ihre Bewunderung zu; aber die fnf Gentlemen, denen der
Arzt verwehrt hatte, ihren Genossen hinabzubegleiten, standen ganz ebenso wie
die brigen Zivilisatoren von fern und schienen gar nicht zu begreifen, da
man sich mit einer so tiefstehenden Persnlichkeit in dieser Weise beschftigen
knne.
    Nun, Sihdi, kann ich schwimmen? fragte mich der Sejjid, als er endlich
Zeit fand, auch zu mir zu kommen.
    Vortrefflich, Omar, vortrefflich! antwortete ich. Du hast es im Nil
gelernt?
    Ja. Aber so oft ich nach Port Sad kam, bin ich im Meere weit ber den
Franzosen hinausgeschwommen. Es ist so schn, zu wissen, da man nicht
untergeht!
    Mit diesem Franzosen meinte er das ber lebensgroe Standbild, welches man
Lesseps, dem Schpfer des Suezkanals, dort mitten in brandenden Wogen errichtet
hat.
    Aber gefressen kann man werden! Nimm dich spter in Port Sad in Acht! Mir
selbst ist es mitten im Hafen zweimal passiert, da ein Haifisch an meinem Boote
vorberschwamm.
    O, Sihdi, wenn Allah nicht will, so darf sogar der Haifisch nicht! Der
Islam glaubt an zwei Engel, die stets bei jedem Menschen sind. Dieser sieht sie
zwar nicht, aber sie schtzen ihn in jeder Not und Gefahr, und ihr Schutz hat
nur dann keine Kraft, wenn der Mensch aufgehrt hat, gut zu sein. Weit du,
Sihdi, ich denke, diese beiden Engel sind es, die den Gentleman aus dem Wasser
geholt haben; nicht ich bin es gewesen. Sie haben es durch meine Hand getan,
weil ich schwimmen kann. Ob er gerettet ist, wei ich nicht. Als ich ihn
erreichte, war kein Leben mehr in ihm; er wurde vom Wasser wie ein Stck Holz
hin und her geworfen. Aber ich wrde mich sehr freuen, wenn er erwachte!
    Unser Feind! warf ich ein.
    Das ist er nicht mehr. Wir haben ihn die Treppe hinuntergeworfen; das war
die Strafe. Und wenn die Strafe vorber ist, so ist auch die Tat vorber; man
darf nicht mehr an sie denken. Wozu wre denn die Strafe, wenn die Tat noch
bliebe? So denke ich, Sihdi! Denkt ihr Christen etwa anders? Werft ihr einem
Manne, welcher bestraft worden ist, die Strafe und die Tat spter noch vor? Und
nun ich diesem Fremden nachgeschwommen bin, um ihn zu retten, ist es mir, als ob
das Andenken an seine Ungezogenheit da drauen im Wasser ertrunken sei. Kann man
einem Menschen Gutes erweisen und dann noch bs ber ihn denken?
    Ich gestehe offen: als er das sagte, schmte sich etwas in mir, dem Europer
und Christen, vor ihm, dem Araber und Muhammedaner. Und dieser so richtig
fhlende und edel denkende Afrikaner war - - - ein Eselsjunge!
    Der Arzt kam nicht eher wieder herauf, als bis wir im Hafen von Penang Anker
warfen. Es waren eine ganze Stunde lang knstliche Bewegungen notwendig gewesen,
um den Atem wieder zu beleben, doch nun erfuhren wir, da der Patient gerettet
sei.
    Jetzt schlft er und wird in einigen Stunden an das Land gehen knnen,
meinte der Doktor. Aber es steht auer allem Zweifel, da er sein Leben Ihrem
Araber verdankt. Das habe ich ihm gesagt, als er fr kurze Zeit erwachte. Omar
hat ihn solange ber Wasser gehalten, bis wir kamen; htte er das nicht getan,
so wren wir eben - - - zu spt gekommen.
    Als der Sejjid mich fragte, wo wir wohnen wrden, zeigte ich ihm das East
and Oriental Hotel, welches wir im Schatten hoch- und vollwipfeliger Bume von
unserm Ankerplatze aus am nahen Strande liegen sahen. Aber trotz dieser Nhe
muten wir nach der Landung per Rickschah einen weiten Umweg durch einen groen
Teil der Stadt machen, um nach diesem Hause zu gelangen.
    Mein Abschied vom Kapitn war herzlich. Es ist nun einmal so, ich habe ein
Faible fr jeden Oesterreicher, und wer das fr einen Fehler hlt, der mag ihn
mir verzeihen! Freilich, wenn man mich fragte, fr welche Nationalitt ich kein
Faible habe, so kme ich wohl in Verlegenheit, denn ich bin ihnen allen, allen
gut. Und das soll man ja wohl auch!
    Ich hatte gedacht, Sejjid Omar wrde wohl nicht gern eher vom Schiffe gehen,
als bis sich der Englnder sehen lie. Einen Dank hatte er verdient, und es wre
ganz menschlich gewesen, solange an Bord zu bleiben, bis er ihn bekommen wrde -
- ein freundliches, anerkennendes Wort, nichts weiter. Aber er schien gar nicht
daran zu denken und war von allen Passagieren der erste, welcher nach einem der
vielen eigenartig gebauten, bunt bemalten Landungsboote rief. Da er dies
malaisch tat, versteht sich ganz von selbst; er hatte die dazu ntigen Worte
auswendig gelernt.
    
    Hier waren unsere Rickschahmnner nicht Singhalesen oder Tamilen, sondern
Indochinesen, die er mit einem krftigen Tsching tsching30, was er aber Tsing
tsing htte aussprechen sollen, begrte. Es waren echte, krftige untersetzte
Kuligestalten mit riesigen Hten auf den Kpfen, doch hatten sie beileibe keine
kompliziertere Toilette als unsere Rickschahleute ceylonischen Angedenkens. Nur
darf ich nicht vergessen, zu erwhnen, da dort in Colombo der Zopf sehr elegant
mit einem Kamme auf den Kopf befestigt war, whrend er hier in Penang in Gestalt
eines von den Motten verheerten Meerkatzenschwanzes hin- und herpendelte.
    Das East and Oriental Hotel besteht aus zwei Abteilungen, einer
einheimischen und einer europischen. Die letztere habe ich, den Speisesaal
ausgenommen, gar nicht betreten, denn ich lasse mich nicht gern zwingen, jeden
Tag volle vierundzwanzig Stunden lang nur immer Lord und gar nichts Anderes zu
sein. Die andere Abteilung, eine sehr in Ruhe gelassene Dependence, liegt
seitwrts, lang gestreckt an einem schmalen Garten hin, den herrlich bewipfelte
Bume einfassen. Gleich hinter diesen Schattenspendern rauscht Tag und Nacht die
See am Strand empor, und es ist so wunderbar, so wenige Schritte von ihr im
Wachen und im Traume unausgesetzt das mchtige Recitativ Ihn preisen alle
Meere aus dem von Gottesengeln komponierten Oratorium Das Halleluja der
Schpfung erklingen zu hren. Die Natur spricht nicht in artikulierten Worten
zu uns, weil ihre Sprache nicht fr das Ohr, sondern fr das Herz berechnet ist;
ihre Laute sollen in die Tiefe dringen, weil sie aus der Hhe kommen; wer ihnen
aber die Tiefen seines Innern verschliet, fr den werden jene Hhen, aus denen
sie erschallen, nicht vorhanden sein!
    Die Dependence war so wenig besetzt, da es mir freistand, unter den
vorhandenen Wohnungen nach meinem Belieben die Wahl zu treffen. Jedes einzelne
Logis nimmt einen Querschnitt durch das ganze Gebude ein und besteht aus
mehreren Rumen. Vorn liegt der Garten, von dem aus man in das orientalisch
ausgestattete Vorzimmer tritt; dann folgt das gerumige, immer khle Wohngemach,
aus welchem man nach hinten in einen Flur kommt, der auf der einen Seite nach
der Badestube und auf der andern nach den Toilettenrumen fhrt. Hieran schliet
sich ein wohlgepflegter Blumengarten, innerhalb dessen Einfassung sich die
lieblichen oder auch stolz-schnen Vertreterinnen der hinterindischen Flora
durch die Augen in die Herzen schmeicheln. Das Alles steht jedem einzelnen, fr
sich wohnenden Gaste zur Verfgung. Man sieht, es wird mit den Quadratmetern
nicht gespart, und wem das zu splendid erscheint, den kann ich durch die
gewichtige Versicherung beruhigen, da spter durch die Rechnung Alles
ausgeglichen wird. Es steht im Buche der Gesunden Vernunft geschrieben, da
kein Hotelbesitzer mehr liefert, als er sich bezahlen lt.
    Dieses Nebengebude hat ein Stockwerk mit ganz ebenso angeordneten
Rumlichkeiten. Es stand vollstndig leer, und da ich unten keine Nachbarn neben
mir hatte, so wohnte ich so still und ungestrt, wie ich nur wnschen konnte.
Fr Sejjid Omar brauchte ich keinen besonderen Raum, denn er erklrte, in meinem
Vorzimmer schlafen zu wollen. Er tat dies aus Anhnglichkeit zu mir; die Leitung
des Hotels aber hatte das, wie ich spter bemerkte, als eine nach ihrer Ansicht
bel angebrachte Sparsamkeit aufgefat, infolge deren sie nun nicht recht wute,
woran sie mit mir war. Mit einem eigenen arabischen Diener kann doch wohl nur
ein wohlhabender Mann reisen; aber wenn fr das Logis dieses Dieners nichts
ausgegeben wird und nur so wenig Gepck vorhanden ist, wie ich besa, so hat man
in einem englisch dirigierten Hotel allerersten Ranges Veranlassung, dem
betreffenden Gaste ja nicht zu viele Verbeugungen zu machen. Mir aber war das
eben recht. Es ist mir niemals eingefallen, nur um im Gasthause zu imponieren,
eine Menge berflssigen Gepckes mit mir herumzuschleppen.
    Der erste Beweis, da ich nicht als erstklassig galt, wurde mir zu Mittag
geliefert. Man unterlie es, mir zu melden, da zur Tafel gegangen werde. Das
Zeichen, welches mit dem Gong gegeben wird, war wegen der Entfernung nicht zu
hren. Omar aber war eben in dem Hauptgebude gewesen und benachrichtigte mich.
    Die Herren sind alle unten schwarz und oben wei, mit einer Spitze hinten,
sagte er, und die Damen haben ihre Koffer leer gemacht und Alles an sich
aufgehngt.
    Man geht nmlich in Indien gern in schwarzer Hose und kurzer, weileinener
Jacke, deren scheloser Rand eng an der Taille liegt und hinten eine Schneppe
hat, zum Frhstckstische. So knabenhaft das aussieht, es wird von den Touristen
nachgemacht. Man gibt auf solche Aeuerlichkeiten sehr viel, und wer sich von
ihnen ausschliet, der darf nicht erwarten, als fair behandelt zu werden; es
wird ber ihn hinweggesehen wie ber eine leere Stelle, an welcher sich Niemand
befindet.
    Es gab keine langen Tafeln, sondern nur einzeln stehende Tische im
Speisesaale; das my house is my castle wird gerade von Denen, welche keine
anderen als nur ihre Koffer-Schlsser besitzen, am augenflligsten zur Schau
gelegt. Jeder Tisch wurde von zwei Eingeborenen bedient, welche in lange, weie
Gewnder gekleidet waren und rote Shawls um die Hften gewunden hatten. Das sah
sehr sauber und auerdem sehr vornehm aus. Es war mir nicht eingefallen, meinen
bequemen, weien Reiseanzug abzulegen; man beachtete mich also nicht, und das
war mir eben recht. Ich ging dorthin, wo es zwei leere Tische gab, und setzte
mich an einem derselben nieder.
    Eben als ich mit dem Essen begonnen hatte, traten vier Personen in den Saal,
die sich dem neben mir stehenden Tische nherten, um an demselben Platz zu
nehmen. Es waren zwei Herren und zwei Damen. Der eine der Herren war der Kapitn
des Schiffes, welches uns gelandet hatte. Er trug Paradeuniform, wahrscheinlich
wegen der Herrschaften, bei denen er sich befand. Diese waren jedenfalls Vater,
Mutter und Tochter, der Erstere alt, doch militrisch gerade und stramm, sehr
einfach gekleidet, aber jeder Zoll an ihm den vornehmen Mann verratend. Man
kannte ihn im Hotel; die Dienerschaft flog herbei und zeigte eine Ehrerbietung,
die man nur hochgestellten Personen zu widmen pflegt. Der Kapitn trat zu mir
heran, gab mir die Hand und flsterte mir eilig zu:
    Ist General - - ich hatte ihm geheime Papiere zu bringen - - persnlich - -
lud mich ein, mit ihm zu speisen - - mute also meinen Aufenthalt hier um einige
Stunden verlngern.
    Dann ging er wieder zum andern Tisch hinber. Da er mich gegrt hatte,
wurde mir auch von den andern Drei eine hfliche Verbeugung, ehe sie sich
setzten. Dann unterhielten sie sich in jenem ungezwungenen aber gedmpften Tone,
welcher die Worte zwar nicht hren, doch deutlich ahnen lt.
    Nicht lange hierauf wurde die Tr von auen drhnend aufgerissen, und wer
kam mit berlauter Rcksichtslosigkeit hereingestrmt? Die lieben Zivilisatoren
und Gentlemen, welche also demselben Hotel die Ehre gegeben hatten, sich den
Trgern der abendlndischen Kultur ffnen zu drfen. Sie hatten mehrere
zusammengeschobene Tische fr sich bestellt und strzten sich nach ihren
Pltzen, als ob sie es gar nicht erwarten knnten, ihren Tropenkoller auch an
dieser Stelle auszulassen. Der von meinem Omar Gerettete war auch mit dabei. Er
hie Dilke und schien sich vollstndig wieder erholt zu haben, denn er gab sich
die grte Mhe, der Lebhafteste von ihnen zu sein, und forderte sie in
bermtiger Weise auf, die heutige, gloriose Schwimmpartie auf seine Rechnung
mit ihm zu feiern und zunchst mit einem ebenso gloriosen, steifen Grog zu
beginnen.
    Als die Kellner das Getrnk brachten, wurde es sofort hinuntergestrzt und
in zweiter Auflage gleich nochmals bestellt. Dann lie man verschiedene Rums,
Arraks und Kognaks kommen, um den Appitit zu strken, worauf man bei der
erscheinenden Suppe zum schweren Weine berging. Das geschah Alles so laut, so
unmanierlich, als ob die andern Gste der Beachtung gar nicht wrdig seien. Ich
sah, da man allgemein emprt hierber war. Die Elite des Occidentes schien dies
aber gar nicht zu bemerken. Sie hatte nur Augen fr sich, fr ihre Flaschen und
Glser, bis der Blick Eines von ihnen so gtig war, ber den Saal hinber auf
mich zu fallen und mich zu erkennen. Er teilte den Andern mit, wen er gesehen
hatte. Da gab es zunchst ein kurzes, heimliches Flstern, dann erfolgte das,
was mir auf dem Schiffe gelungen war, zu verhten - der Angriff gegen mich. Man
fragte laut, ob es einem Deutschen erlaubt sei, hier in Penang mitten unter
Gentlemen zu wohnen und zu speisen. Es sei Einer da, der nicht einmal die
vorgeschriebene Toilette gemacht habe. Das msse man als eine Beleidigung der
ffentlichen Sitte, der ganzen, hier anwesenden Gesellschaft auffassen. Hierauf
wagte man es sogar, von mir auf Deutschland berzugehen. Man sprach von meinem
Vaterlande in Ausdrcken, welche mich zu dem Entschlusse brachten, jetzt zwar
noch zu schweigen, nach Tisch aber diese Leute coram populo vorzunehmen. Doch
sollte es hierzu nicht kommen, denn es trat ein Anderer fr mich ein, der
General.
    Er sa so, da er sie alle genau beobachten konnte. Sein Gesicht hatte sich
vor Zorn gertet. Ich sah, da er mit dem Kapitn von ihnen sprach. Dieser
antwortete in langer zusammenhngender Rede. Wahrscheinlich erzhlte er, wie
sich diese Herren schon auf dem Schiffe betragen hatten und was es mit der
heutigen, gloriosen Schwimmpartie eigentlich fr eine Bewandtnis habe. Jetzt
fingen sie sogar von meinem Araber an. Ich sei mit diesem Kerl so sehr
verbrdert, da man gar nicht wisse, wen man als den Herrn und wen man als den
Diener zu behandeln habe. Es sei aber eben Deutschlands einzige, und noch dazu
nur eingebildete Gre, da es mit jeder Rasse pokuliere, um ihr den Floh der
Menschenwrde in das Ohr und den Ungehorsam gegen andere, hhere Nationen in den
Kopf zu setzen. Ich htte mich mit meinem ungezogenen Araber sogar der frech
gewordenen Chinesen angenommen, und wenn man sich das nicht gefallen lassen
wolle, so sei Germania sofort mit rohen Fusten da, um mit Prgel darzulegen,
was es auf andere, gebildete Art niemals beweisen knne.
    Die Mannschaften und Offiziere des Schiffes, also wohl auch der Kapitn,
hatten von Omar erfahren, da die sechs Gentlemen von uns die Treppe
hinabgeworfen worden waren. Der General hatte es nun auch gehrt. Er sagte so
laut, da ich es deutlich verstand:
    Sie hatten noch viel Schlimmeres verdient, als diese gloriose
Treppenpartie. Wenn sie nicht augenblicklich tun, was ich ihnen befehlen werde,
strzen sie dieses Mal noch tiefer!
    Er stand auf und ging zu ihnen hin, langsamen Schrittes, hoch aufgerichtet.
Jedermann sah, da diese vornehme, gebieterische Gestalt sehr wahrscheinlich mit
einer Katastrophe nahte. Dennoch rief einer der Gentlemen spottend aus:
    Wer kommt denn da? Im armseligen Straenrock! Also auch ein Deutscher, der
kein Geld zur weien Frhstcksjacke hat! Will mit uns reden, wie es scheint!
Steht auf! Erhebt Euch von den Sitzen! Achtung, dem Achtung gebhrt!
    Sie sprangen alle empor und sahen dem General laut lachend entgegen. Dieser
kam heran, blieb vor ihnen stehen, griff in die Tasche und sagte:
    Hier meine Karte!
    Er warf sie auf den Tisch. Einer nahm sie weg, las sie und gab sie seinem
Nachbar. Und wie sie nun von Hand zu Hand weiterging, so wurde die Szene eine
ganz andere. Die Gesichter zeigten sehr deutlich den Schreck, der Jeden beim
Lesen des Namens ergriff. Die erst ironische Achtung war pltzlich ernst, sehr
ernst geworden. Da fuhr der General fort, indem er sich halb wendete und auf
mich zeigte:
    Ihr habt dort den deutschen Gentleman und sein Vaterland verhhnt. Jetzt
marschiert Ihr hin zu ihm und bittet um Verzeihung, alle, ohne Ausnahme! Wer
nicht gehorcht, den schicke ich mit dem nchsten Schiffe heim! Wir brauchen
allerdings Gentlemen, aber keine Renommisten! Vorwrts - - marsch!
    Keiner wagte ein Wort der Entgegnung. Er hielt den Arm noch ausgestreckt,
und sie setzten sich in Bewegung, um zu gehorchen. Da stand ich auf und sagte:
    Ich danke Ihnen, General! Die Beleidigten verzichten auf die Abbitte und
erklren sich fr befriedigt!
    Er nickte mir halb verwundert zu und antwortete:
    Dann haben nicht Sie mir zu danken, sondern ich Ihnen im Namen dieser
unvorsichtigen Leute. Gestatten Sie, da Ihr Diener hieher zu Tisch geladen
wird?
    Ja, sagte ich, indem ich mich wieder niedersetzte.
    Er drehte sich den Blamierten wieder zu und fragte:
    Welcher von Euch heit Dilke?
    Ich, antwortete der Betreffende.
    Ihr schickt jetzt auf der Stelle nach Sejjid Omar, und wenn er kommt, so
bittet Ihr ihn, mit Euch zu speisen! Ihr behandelt ihn mit der Hochachtung und
Dankbarkeit, die ihm als Sejjid und als Lebensretter gebhrt! Das ist mein
Befehl, und ich bin gewohnt, da man mir gehorche!
    Nach diesen Worten kehrte er an seinen Platz zurck. Als er sah, da ich
abermals aufstand, um mich anerkennend zu verbeugen, kam er bis zu mir heran,
gab mir die Hand und sprach:
    Bitte, keinen Dank! Ich tat nur meine Schuldigkeit. Sie wissen, es gibt in
jedem Volke derartige Bestandteile, mit denen ohne Kandare nicht auszukommen
ist.
    Er hatte das so laut gesagt, da man es im ganzen, jetzt still gewordenem
Saale hrte; dann ging er nach seinem Platze. Man kann sich denken, mit welcher
allgemeinen Spannung dem Erscheinen Omars entgegengesehen wurde. Er befand sich
drben in meiner Wohnung; aber es dauerte doch einige Zeit, ehe er kam. Der
Grund dieser Verzgerung lag darin, da er sich von dem nach ihm geschickten
Kellner hatte erzhlen lassen, um was es sich eigentlich handle. Wie ich ihn
kannte, war ich berzeugt, da sich die Gentlemen nun auf eine zweite Niederlage
gefat zu machen hatten. Er kannte in Punkto Ehre keinen Spa!
    Endlich stellte er sich ein, in seinem besten arabischen Gewande, mit dem
seidenen Unterkleide, nicht den Tarbusch, sondern den Turban auf dem Kopfe.
Dilke rief ihm zu:
    Komm her zu uns, und setze dich! Du sollst mit uns speisen.
    Also keine hfliche Einladung, sondern viel eher ein Befehl! Noch dazu per
Du! Da hatte er sich in Omar freilich verrechnet! Dieser nahm seine wrdevollste
Haltung an, ging nur bis zur Hlfte zu ihm hin, blieb dann stehen und fragte
englisch:
    Was hast du gesagt? Ich soll mit Euch speisen? Ich soll? Weit du, ich bin
Sejjid Omar, der niemals soll, sondern nur das tut, was er will!
    Es ist aber befohlen worden! versuchte Dilke, sich aus der Verlegenheit zu
reien.
    Befohlen? Wem? Jedenfalls nur Euch! Denn Ihr tut das, was sich schickt und
was sich gehrt, nur auf Befehl. Ich aber tue es freiwillig und weil ich es
liebe. Guten Menschen befiehlt selbst Allah nicht, sondern er bittet blo. Mit
solchen aber, die nicht gut sind, esse ich weder freiwillig und noch viel
weniger gezwungen. Ich danke fr deinen Befehl!
    Er drehte sich um und wollte wieder gehen. Da sprang der General auf und
rief ihm zu:
    Sejjid Omar, das haben Sie gut gesagt. Ich achte Sie! Darum bitte ich Sie,
hierher zu kommen und mit mir zu speisen. Meine Frau, die Generalin, wird Sie
gern an ihrer Seite sehen. Wollen Sie?
    Da kreuzte Omar seine Arme auf der Brust, verbeugte sich und antwortete:
    Mein Sihdi hat mich gelehrt, Old England lieb zu haben, und wen ich liebe,
dem schlage ich keinen Wunsch ab, den ich erfllen kann.
    So kommen Sie! Den Leuten dort aber habe ich heut noch zu lehren, hflich
zu sein, zumal wenn es sich um meine Befehle handelt!
    Die beiden Damen nahmen den Sejjid zwischen sich. Ihre lieben Gesichter
glnzten vor Freude ber den sonderbaren, aber ganz gewi herzlich willkommenen
Gast, der sich in so hflicher und fehlerloser Weise zu ihnen setzte und schon
bei den ersten Griffen nach Messer und Gabel verriet, da sie sich seiner
sicherlich nicht zu schmen brauchten. Uebrigens mu ich sagen, da Omar zwar am
liebsten auf arabische Weise, also mit den zehn Fingern, a; aber seit er bei
mir war, hatte er gelernt, auch mit dem Besteck in der Weise umzugehen, als ob
er das von Jugend auf nicht anders gewohnt sei. Die tiefe, ernste Feierlichkeit,
welche dann jede seiner Handbewegungen charakterisierte, war fr jeden Andern
einfach unerreichbar. So auch hier! Er sa in einer Haltung zwischen den
Herrschaften, als ob nicht sie ihn, sondern er sie zu Gaste geladen habe, und
benahm sich zwar sehr freundlich, aber dabei so gesetzt und wrdevoll, da es
ihnen gewi nicht einfallen konnte, ihn als den Beschenkten zu betrachten. Dem
unverdorbenen Orientalen ist jene ungeknstelte Unnahbarkeit eigen, welche auch
sein Land, nicht aber der Occident besitzt.
    Nur ich allein, der ich ihn genau kannte, konnte bemerken, da es doch Etwas
gab, was ihn genierte, und das war meine Anwesenheit. Darum beeilte ich mich,
mit meinem Menu zu Ende zu kommen, und stand dann auf, um den Saal zu verlassen.
Da erhob man sich auch an dem andern Tische. Der Kapitn und der General gaben
mir die Hnde, und ich gestehe aufrichtig, da ich gerhrt war, als mir die
beiden Damen dann auch die ihrigen reichten. Die Menschen sind allberall gut,
wenn sie sich damit begngen, nichts weiter sein zu wollen als eben nur - - -
gute Menschen! - - -

                                Drittes Kapitel

                                        

                                   Die Shen


Dem mit dem Dampfer nach dem Osten kommenden Reisenden treten hier in Penang zum
ersten Male chinesische Gestalten, Formen und Gebruche in der Weise entgegen,
da sein Auge von ihnen gefesselt wird. Er findet das, was er sieht, so beraus
fremdartig, seinem gewohnten Fhlen und Denken so fern liegend, da er sich
unwillkrlich fragt, ob es ihm mglich sein werde, unter diesen neuen Eindrcken
der Alte zu bleiben. Und er hat ein Recht, einen schwerwiegenden Grund zu dieser
Frage, weil allen diesen Erscheinungen eine Lebensflle, eine strotzende Kraft,
eine berzeugende Selbstverstndlichkeit innewohnt, durch welche die Ansicht,
da es sich um altersschwache, kranke Zustnde handle, schon in den ersten
Stunden arg erschttert wird.
    Freilich, wer ein so gro, dick und fett gepflegtes Vorurteil mit sich
bringt, da sein klares, unparteiisches Urteil von diesem gefrigen Behemoth
vollstndig verschlungen worden ist, der wird hier, an der Auenpforte der
chinesischen Welt, nichts als den oberflchlichen Eindruck verspren, da er
jetzt den ersten Schritt in das Land der Bizarritten getan habe.
    Von den ersten Kinderschuhen an hat man durch alle Klassen der Volks- und
hheren und hchsten Schulen ber die Chinesen nichts Anderes gehrt, als da
sie wunderlich gewordene, verschrobene Menschen seien, ber welche die
Weltgeschichte schon lngst den Fluch der Lcherlichkeit ausgesprochen habe. In
unzhligen Bchern, Zeitungen und sonstigen Verffentlichungen wird dieses
billige Urteil breiter und immer breiter getreten; man atmet es ein; man
schluckt es hinunter; es wird mit in Chymus und Chylus verwandelt; es geht auf
die Knochen, in Fleisch und in Blut ber und bildet ein so unausrottbares
Bestandteil unserer geistigen Existenz, da wir gar nicht auf den Gedanken
kommen, zu fragen, ob es ein wahres und also berechtigtes sei. Ich erlaube mir,
meinem Gedankengange durch die Bemerkung vorauszugreifen, da es den Chinesen
ganz in derselben Weise auch mit uns ergeht; sie bekommen von den Kinderjahren
an bis in das Greisenalter ber uns nur immer die eine, einzige Lehre
wiederholt, da wir wunderliche Narren seien, mit denen die Weltgeschichte
nichts mehr anzufangen wisse, weil wir an sie die unerhrte Forderung stellen,
uns fr ihre Lieblinge zu erklren und die anderen Nationen vollstndig fallen
zu lassen. Mit andern Worten, die Chinesen halten uns fr ganz dieselben Toren,
die sie in unsern Augen sind.
    Wer mit einer solchen, frmlich in das Wesen bergegangenen Ansicht nach dem
Osten kommt, von dem ist nicht anzunehmen, da er so bald andern Sinnes zu
machen sei. Er kann sich jahrelang in China aufhalten und wird nicht nur ganz
der Alte bleiben, sondern vielleicht gar noch schroffer als frher denken, wenn
seine Voraussetzungen, da er mit seinen Ideen das weite, fremde Land im Sturm
erobern knne, nicht in Erfllung gehen. Es gibt keiner von Beiden nach, und so
bleiben Beide, wie sie sind. Nur Eins ist nicht geblieben: die Erbitterung ist
grer geworden! Das ist die einfache Erklrung der sonst unbegreiflichen
Tatsache, da Leute welche ein halbes, ja gar ein ganzes Menschenalter in China
zugebracht haben und also wohl mit Recht behaupten, Land und Leute genau zu
kennen, dieses Land und diese Leute genau noch ebenso falsch beurteilen wie
Einer, der niemals dort gewesen ist. Ihre Kenntnis ist - - - Photographie! Ihr
ganzes, vielleicht auerordentlich reiches Wissen besteht aus leb- und
seelenlosen Kamerabildern, welche in den aus Europa mitgebrachten Apparaten
entstanden sind. Aus dem Vorurteile der kaukasischen Rasse werden die Films
geschnitten, denen man die Unmglichkeit zumutet, uns die chinesische Volksseele
in allen, auch ihren tiefsten und geheimnisvollsten Regungen, treu, wahr und
aufrichtig darzustellen. Ist es fr den Menschen denn gar so schwer, dem Bruder
auch eine berechtigte Eigenart, eine gleichwertige Individualitt zuzutrauen?
Mu denn Jeder, der sich erlaubt, anders zu sein, darum gleich als inferior
gedacht werden? Man beobachte den Europer, wie er aus hochmtigen Augen im
fremden Lande um sich schaut! Der Schiffsjunge, welcher jetzt wegen unheilbarer
Dummheit vom Maate mit dem Tau verhauen wird, geht eine Viertelstunde spter mit
dem erhebenden Bewutsein an das Land, da alle Malaien und Chinesen Penangs
nicht wert seien, ihm die ochsenledernen Stiefel zu schmieren, und zwar nur
deshalb, weil er ein Kaukasier aus Dorf Klapperschnalle ist! Ich hatte eine
liebe, alte, gute Gromutter, die sagte mir, als ich bereit stand, in die Welt
zu gehen: Bilde dir ja nie ein, da du besser seist als andere Leute! Hinter
jedem Menschen, mit dem du sprichst, steht sein Engel. Du kannst ihn nicht
sehen; aber er ist da; er sieht alle deine Gedanken, und wenn sie miwollend
sind, so krnkst du ihn. Und bedenke, da der Engel des Negers genau so licht,
so rein und so dankbar wie der deine ist! - -
    Solche und hnliche Gedanken beschftigten mich, als ich nach Tische einen
Gang durch Penang machte. In den Straen und Gassen stie ein Laden an den
andern. Viele hatten gar keine Tr, weil die Vorderwand des Hauses fehlte und es
an ihrer Stelle nur Tragpfosten gab. Und vor diesen Lden zogen sich zu beiden
Seiten lange Reihen von feilhaltenden Frucht- und andern Hndlern hin. Ich sah
weder Polizei noch Militr, und doch herrschte berall eine Ordnung, welche
einen erfreulichen Eindruck machte. Von dem Vlkerbilde sage ich nichts. Es gab
dasselbe Kunterbunt der Nationalitten wie in jeder stlichen Hafenstadt, nur
da hier Indochina vorherrschend war.
    Es war auerordentlich hei. Pltzlich verdsterte sich der Himmel; es
drohte einer jener pltzlich hereinbrechenden Platzregen, welche der
Aequatorgegend eigen sind. Ich blieb stehen und schaute mich nach einem Orte um,
der mir und meinem Anzuge Rettung bot. Ein Hotel war nicht in der Nhe. Das sah
ein an mir vorbergehender Kuli. Er blieb stehen, deutete die Gasse hinab und
sagte:
    Sablah kirri, Pilsen Birr!
    Sablah kiri heit so viel wie links. Also links in dieser Strae gab es
Pilsener Bier. Der Mann hatte mich ganz richtig abgeschtzt. Ich drckte ihm vor
Freude ein Trinkgeld in die Hand und eilte dann die Gasse hinab. Ja, da stand
linker Hand ein europisch aussehendes, nettes Haus, dessen Paterre eine
Restauration enthielt. Die breite Tr hatte keine Flgel, sondern leinene
Vorhnge, und das Fenster war bis oben hinauf mit Flaschen besetzt. Da konnte
man auch, und zwar in deutscher Sprache, lesen: Echt Hamburger Pilsener Bier.
Ich hatte keine Zeit, stundenlang ber diese sonderbare Echtheit nachzudenken,
denn soeben prasselte der Regen in der Weise los, als ob an Stelle des Himmels
ein sehr weitmaschiges Sieb vorhanden sei. Ich tat einen schnellen Sprung
zwischen die Vorhnge hinein und entging dadurch zwar vorn, leider aber nicht
auch hinten dem drohenden Bade. Es traf, wie der biedere Erzgebirgler sich
auszudrcken pflegt, der erste Schwabb des Regens meinen Rcken noch
dergestalt, als ob mir eine Giekanne voll Wasser nachgeschttet worden sei. An
der Vorderhand vollstndig trocken, fhlte ich mich an der Hinterhand bis
auf die Haut durchnt und wurde von dem herzlichen Lachen zweier weiblicher
Stimmen empfangen, in welches ich sofort einstimmte. Die Beiden saen am
Fenster; die Eine, welche die Mutter war, hkelte an einer weien Spitze; die
Andere, natrlich die Tochter, putzte sich eine Feder auf den Hut. Ihre
Gesichtszge und besonders ihr Lachen paten so genau in die Gegend, wo man gern
so unbefangen lustig ist, da ich, anstatt zu gren, die Frage aussprach:
    Sie sind Oesterreicherinnen?
    Ja, antwortete die Mutter. Kennen Sie uns?
    Nein.
    Woher wissen Sie da, da wir Oesterreicherinnen sind?
    Weil Sie ausschauen wie Ihre Majestt die Kaiserin Maria Theresia und ein
so liebes, cisleithanisches Lachen haben.
    Cis - - - cis - - cis - -! Wie ist das? Wer lacht cis? fragte die Tochter.
    Lassen Sie das Cis, und geben Sie mir ein Pilsener! Ist es echt?
    Ja, aus Hamburg. Das aus Pilsen hlt sich nicht bei uns.
    Ich kannte das. Man trinkt dieses echte Pilsener aus Hamburg im ganzen
Osten; die Flasche wird mit zwei, oft auch mit drei Mark bezahlt. Die Frau war
Witwe. Sie erzhlte mir ihre Lebensgeschichte, die aber nicht hierher gehrt.
Beide waren sehr musikalisch. In der Stube stand eine Pianino. Bald sa ich am
Instrumente und spielte. Die Damen sangen heimatliche Lieder dazu. Der Regen
ging vorber; wir musizierten aber weiter. Pltzlich schwiegen sie mitten in
einer Strophe.
    Herr Tsi! rief die Mutter.
    Welch ein Name! Ich schaute nach der Tr, welche in das Innere des Hauses
fhrte. Es konnte jeder andere Chinese so heien, aber er war es, war es
wirklich! Er tat, als er mich sah, einige schnelle, fast wrdelose Schritte,
beinahe waren es Sprnge, auf mich zu und begrte mich in einer Weise, welche
nicht den geringsten Zweifel brig lie, da er sich aufrichtig ber dieses
unvorhergesehene Zusammentreffen freute. Die Damen waren aufgestanden und
setzten sich nicht wieder nieder. Es sprach aus der Art und Weise, wie sie uns
stehend beobachteten, eine Hochachtung, welche Weie, und besonders wenn sie
Frauen sind, einem Angehrigen der gelben Rasse nicht zu erweisen pflegen. Als
er einige kurze Worte an sie richtete, war er hflich, weiter nichts; dann bat
er mich, ihm zu folgen.
    Er fhrte mich aus dem Gastzimmer durch einen schmalen Hausgang in eine Art
von Blumenholz, in welchem ein kleineres Gebude als Einzelwohnung stand. Die zu
ihr gehrigen kleineren Nebenrume sah ich nicht. Das Wohnzimmer war
verhltnismig gro und halb europisch, halb indisch eingerichtet. Auffllig
waren die vielen Sessel, die es gab. Es sah ganz so aus, als ob Tsi sehr oft
Besuch habe. Auf einem Tische stand das Teegeschirr. Wasser brodelte ber einem
so groen Spiritusbehlter, da anzunehmen war, es werde den ganzen Tag im
Kochen erhalten. Ich nahm Platz. Er bereitete zwei Tassen Tee und sagte dabei:
    Hier wohne ich. Merken Sie auf, lieber Freund, was ich Ihnen sage! Es ist
nicht viel, aber fr mich auerordentlich wichtig. Mein Vater ist in die Heimat
gereist; ich hatte noch an verschiedenen Orten, jetzt auch hier zu tun. Was das
ist, bitte, fragen Sie mich nicht! Ich darf es nicht sagen und mchte doch
gerade Sie nicht tuschen. Ich gelte als Arzt, bin es eigentlich auch. Wenn Sie
mich als solchen bezeichnen, laden Sie keine Unwahrheit auf Ihr Gewissen, denn
ich habe in Montpellier cum laude bestanden. Ich habe viel Besuch zu empfangen
und deshalb grad diese Wohnung gewhlt, weil sie verborgen liegt und die zu mir
kommenden Personen von etwaigen Beobachtern fr Gste der Restauration gehalten
werden. Wer sich darber hinaus zu legitimieren htte, der knnte sagen, er
htte meine rztliche Hilfe in Anspruch genommen. Ich lasse mich aus
Ntzlichkeitsrcksichten auch hier so nennen, wie man mich in Kairo
miverstndlich genannt hat - - Tsi. Ich bin ganz glcklich, Sie wiederzusehen,
und bitte Sie, es zu ermglichen, da wir uns nicht so bald wieder trennen. Aber
heute und morgen habe ich keine Zeit fr Sie. Von bermorgen an stehe ich Ihnen
von und mit ganzem Herzen zur Verfgung. Sie sehen, ich bin aufrichtig. Wie ich
Sie kenne, entnehmen Sie gerade aus dieser eigentlich rcksichtslosen
Mitteilung, da meine Freundschaft fr Sie keine Hflichkeit sondern Wahrheit
ist. Werden Sie mir verzeihen?
    Aber ganz natrlich! Leider werden wir uns doch bald trennen mssen. Morgen
kommt der Dampfer Coen der Koninklijke Paketvaart Maatschappij, Kommandant
Wilkens, der mein Freund ist, von Padang, um nach Singapore zu gehen. Wenn er
zurckkommt, wird er mich fr Uleh-leh aufnehmen.
    Sie wollen hinber nach Sumatra? fragte er schnell.
    Ja.
    Und gerade nach Uleh-leh, also Atjeh? Nehmen Sie sich in acht! Man bereitet
dort Dinge vor, welche jedem Europer, der den Kreis der Stadt verlt,
gefhrlich werden knnen. Ich wei das ganz genau! Doch davon sprechen wir
spter. Jetzt trinken Sie Ihren Tee und sagen mir, wie es Ihnen gegangen ist und
wo Sie nach Kairo berall gewesen sind!
    Wollen wir nicht auch das fr spter aufheben? Sie haben keine Zeit, und
meine Erlebnisse sind nicht in der Absicht geschehen, Sie hier mit Erzhlungen
zu stren. Ich komme ja bermorgen wieder, oder suchen Sie mich im East and
Oriental Hotel auf, wo ich mit Sejjid Omar wohne.
    Was? Dieser ist noch bei Ihnen?
    Ja. Er hat sich brav bewhrt und wird sich auerordentlich freuen, Sie zu
sehen. Er hielt ja schon in Kairo groe Stcke auf Sie und Ihren Vater, wie Sie
ja wissen. Jetzt gehe ich, doch nicht, ohne da ich eine Frage nach unserm
Freunde Waller ausgesprochen habe. Wissen Sie, da er die Absicht hatte, jetzt
hier in Penang zu sein?
    Nein, antwortete er schnell und indem sein Gesicht den Ausdruck freudiger
Ueberraschung annahm. Ist er etwa hier?
    Ich wei es nicht. In meinem Hotel befindet er sich nicht, sonst htte ich
ihn heut an der Tafel gesehen.
    Dann vielleicht in einem andern. Man mu schleunigst nachfragen!
    Er sagte das auerordentlich eilig und dringend.
    Allerdings, antwortete ich. Ich werde mich gleich jetzt im Crag Hotel,
Sea View Hotel und Hotel de l'Europe erkundigen.
    Und mir sofort, sofort Auskunft bringen oder wenigstens senden?
    Gern!
    Wollte Mi Mary mitkommen?
    Ja.
    Wissen Sie das genau?
    Ganz genau. Sie wird ihn ja auf dieser Reise nie verlassen. Sie sind in
Indien gewesen und kommen von der Ostkste herber nach Penang.
    Bitte, wer hat Ihnen das gesagt?
    Der liebe, junge Mann war ganz begeistert. Ich erwiderte ihm:
    Gestatten Sie mir, da ich einstweilen auch ein Geheimnis vor Ihnen habe!
Was Sie wissen wollen, erfuhr ich auf eine Weise, von welcher ich jetzt noch
nicht sprechen kann. Erweisen Sie mir den Gefallen, zu schweigen, falls wir
Vater und Tochter hier treffen sollten. Sie drfen nicht erfahren, da ich von
ihrer Absicht, hierher zu kommen, gewut habe.
    Aber wenn Sie sie entdecken, geben Sie mir augenblicklich Nachricht?
    Sofort!
    Ich danke Ihnen! Und nun gehen Sie! Ich will Sie nicht abhalten,
nachzuforschen, zumal ich gerade jetzt einen sehr wichtigen Besuch erwarte.
Also, ich bin Doktor Tsi, der Arzt, weiter nichts!
    Wir drckten einander die Hnde, und ich ging.
    Als ich wieder in das Gastzimmer kam, sa da ein lterer Chinese bei einer
Tasse Tee. Er war durchweg in kostbaren Ghilam31 gekleidet, doch ohne alle Rang-
oder Standesabzeichen; aber es schien mir, als ob er auf seinem Hute eigentlich
einen Knopf zu tragen habe. Kaum war ich eingetreten, so bezahlte er, ohne
auszutrinken, und ging den Weg, den ich soeben gekommen war. Tsi wartete auf
ihn.
    Was ich von diesem erfahren hatte, das klang so geheimnisvoll. Jedenfalls
handelte es sich um wichtige Angelegenheiten. Ich hatte nichts darnach zu fragen
und begngte mich mit der Freude, meinen jungen Freund Tsi hier so unverhofft
wieder getroffen zu haben.
    Nun nahm ich eine Rickschah und fuhr nach den genannten drei Hotels. Es
hatte in keinem derselben ein Missionar Waller nebst Tochter logiert. Aber als
ich nach Hause kam und im Bureau nachfragte, erfuhr ich, da sie allerdings hier
gewohnt hatten, doch bereits wieder abgereist seien. Waller war krank gewesen,
so krank, da er zwei Aerzte zu Rate gezogen hatte, und von diesen war ihm
dringend geraten worden, so schnell wie mglich die niedere Kstengegend zu
verlassen und Bergland aufzusuchen. Das von hier aus nchste Hhengebiet hatte
man an der Nordspitze von Sumatra zu suchen, und so war er mit der Tochter und
all seinem Gepck nach Uleh-leh gegangen, von wo aus die Berge schneller und
leichter als von einem Orte der Ostkste aus zu erreichen sind. Das war vor nun
fast zwei Wochen gewesen; eine Nachricht hatte man whrend dieser Zeit nicht
bekommen.
    Es kam indessen ein Brief aus Ceylon an, fuhr der Bureauschreiber fort,
welcher mir Auskunft gab. Wir haben ihn mit dem nchsten Schiffe nachgesandt.
    Das war jedenfalls der Brief des Professors Garden aus Amerika.
    Nach welcher Stelle haben Sie ihn geschickt? erkundigte ich mich.
    Hotel Rosenberg in Kota Radscha, der Hauptstadt von Atjeh; Uleh-leh ist nur
der Hafenort.
    Das wei ich. Der Atjeh-Flu fhrt nach Kota-Radscha, und auerdem ist eine
Eisenbahn vorhanden. Doch, Hotel Rosenberg? Das kann nicht der richtige Name
sein. Ich kenne Rosenberg persnlich. Er ist ein sehr unternehmender Kaufmann
und hat lange Zeit einem in Kota Radscha von ihm selbst gegrndeten Geschft
vorgestanden; aber die Rcksicht auf die Gesundheit von Frau und Kind zwang ihn,
es spter aufzugeben. Er lebt jetzt in Wien.
    Das stimmt. Aber er kehrt zuweilen wieder und pflegt dann bei uns zu
logieren. Jetzt steht ein Schwager von ihm an der Spitze des Geschftes, welches
mit einem Hotel verbunden ist. Wir nennen es jetzt noch immer nach dem Namen des
Grnders Hotel Rosenberg.
    Nun erkundigte ich mich nach der Art der Krankheit des Missionars, konnte
aber nur erfahren, da er auerordentlich hinfllig gewesen sei. Der Name eines
der beiden Aerzte wurde mir gesagt. Ich suchte ihn per Rickschah auf und fand
ihn daheim. Er teilte mir mit, da es sich um einen besorgniserregenden Fall von
Dysenterie gehandelt habe. Als Spezifikum war Ipecacuanha gegeben worden, als
Dit nur Reiswasser und Marantaaufgu, durch Rizinus eingeleitet. Das waren
genau dieselben Mittel, mit denen man auch in den Nillndern dieser gefhrlichen
Krankheit entgegentritt. Man sagt, da Ipecacuanha gegen die Dysenterie ebenso
sicher wirke wie Chinin gegen das Fieber; aber einen schon durch die Krankheit
so auerordentlich geschwchten Krper durch Rizinusl, Reiswasser und Aufgu
von Arrowroot, denn Maranta ist nichts anderes als Arrowroot, aufhelfen zu
wollen, das konnte ich mit meinen Erfahrungen nicht vereinigen. Ich begann, um
Waller besorgt zu werden, und ging mit mir zu Rate, was zu machen sei. Sollte
ich Tsi benachrichtigen? Ich hatte es ihm versprochen, und er war ja, wie er mir
mitgeteilt hatte, Arzt. Aber wer dem Missionar helfen wollte, mute ihn in Atjeh
aufsuchen, und vor Kapitn Wilkens gab es Niemand, der dorthin ging. Man hatte
also auf alle Flle zu warten, und da eine ausfhrliche Mitteilung an Tsi ihn
ganz unntzer Weise aufgeregt htte, so gab ich ihm durch einige Zeilen nur die
kurze Nachricht, da meine Erkundigungen nach Wallers nicht ganz erfolglos
gewesen seien, ich aber bis bermorgen noch Ausfhrlicheres zu erfahren hoffe.
    Mein Sejjid Omar befand sich in sehr gehobener Stimmung; er sagte zunchst
nichts, aber ich sah es ihm deutlich an. Er pflegte ber solche Dinge nicht eher
zu sprechen, als bis er glaubte, sie geistig richtig untergebracht zu haben. Ich
konnte berzeugt sein, da er dann nicht versumen werde, mir seine Mitteilungen
in der ihm eigenen drolligen Wichtigkeit zu machen. Und wie gedacht, so geschah
es auch!
    Am Abend sa ich im offenen Vorzimmer. Die nahe Brandung predigte zu mir
herber; ein khler Hauch bewegte die Wipfel der Bume, zwischen denen die
aufgegangenen Sterne zu mir niederfunkelten. Die Fee des Sdens stieg aus den
Wogen, um in den Grten Penangs nach offen trumenden Blumen suchen zu gehen. Da
gab es nun aber Einen, der die Brandung nicht hrte, die Bume nicht beachtete,
die Sterne nicht sah und von der Fee erst recht keine Ahnung hatte. Dieser Eine
war Omar, der siegreiche Held der heutigen Tiffinstunde.32 Das, womit er
gegenwrtig beschftigt war, hatte freilich mit diesem seinem Heldentume nichts
zu tun. Er hatte ein Licht herausgeholt und sich nicht weit von mir auf den
Rasen niedergekauert, um meine hellen Schnrstiefel blank zu machen. Er tat dies
in ganz ungewhnlich liebevoller und eingehender Weise. Der Lappen flog nur so,
und das Leder sthnte frmlich. So oft ich glaubte, da er fertig sei, griff er
immer wieder zu der Bchse mit der gelben Salbe, um von Neuem zu beginnen. Dabei
war auf seinem Gesichte deutlich zu lesen, da ihn dieses abwechselnde Schmieren
und Reiben, Reiben und Schmieren unendlich glcklich mache. Ein Moslem, der
einem Christen mit Wonne die Stiefel schmiert. Man denke!
    Ist es noch nicht gut, Omar? fragte ich, als er das glnzende Werk zum
sechsten oder achten Male wieder zerstren wollte.
    Nein, antwortete er sehr energisch.
    Aber du reibst die Salbe durch; dann werden meine Strmpfe fett und gelb!
    So ziehst du andere Strmpfe an, und ich wasche dir die gelben! Heut mu
das ganze, ganze Fett hinein!
    Oho!
    Jawohl! Und du bist selbst schuld daran, Sihdi! Weit du, was du getan
hast? Wie einen Gentleman hast du mich behandelt, als du mir stillschweigend
erlaubtest, mit den Englndern zu speisen. Weit du, was das heit? Als Diener
habe ich dir die Stiefel nur einmal zu salben; als Gentleman aber salbe ich sie
dir so lange, bis ich kein Fett mehr habe. Oder meinst du etwa, da ein
Gentleman undankbar sein darf? Wenn ich dich nicht htte, so wre ich noch der
alte Sejjid Omar, der ich frher war, und wenn ich dieser wre, so htte mich
kein General heut eingeladen, mit ihm und seinem Harem zu speisen. Das habe ich
doch nur dir, nicht mir zu verdanken!
    Hoffentlich hast du keinen allzugroen Fehler gemacht!
    Fehler? Ich gewi nicht, denn ich wei, da ich nur ein armer Eselsjunge
bin; aber der Harem des Generales hat sie gemacht.
    Wieso?
    Er wollte mich als Diener haben und hat mir mehr geboten, als du mir gibst.
Da habe ich geantwortet, wenn man das noch einmal sage, so msse ich aufstehen
und fortgehen, denn es habe noch niemals einen Diener gegeben, der einen solchen
Herrn gehabt hat, wie du bist, Sihdi. Ich sagte ihnen, da ich dir nicht blo
diene, sondern dich auch liebe; ich bin dir also nicht blo aus Pflicht, sondern
auch aus Liebe treu und werde dich fr alles Geld der Erde nicht verlassen. Da
drckte mir der General die Hand und forderte mich auf, dir zu sagen, da er
sehr bedaure, da du kein Englnder seist. Am meisten hat ihm gefallen, da mir
sein Harem gefallen hat. Ich habe ihm das ganz aufrichtig gesagt. Bei den
Christen sind die Frauen klger als bei uns, und ich glaube, das ist der Grund,
da dort auch die Mnner mehr wissen, als die unserigen wissen.
    So meinst du, da die Mnner von den Frauen lernen knnen? fragte ich.
Das wre ja ein Gedanke, der bei einem Moslem ganz unmglich ist!
    Ich habe jetzt nicht als Moslem, sondern als Sejjid Omar gesprochen. Ich
bin zwar Beides, aber ich kann doch auch einmal nur das Eine oder das Andere
sein! Bei uns sind die Frauen so unwissend, da die Kinder nichts von ihnen
lernen knnen, auch die Knaben nicht, und wenn sie ihre Klugheit nicht von der
Mutter bekommen knnen, so kann der Vater sie ihnen auch nicht geben, denn wer
sich einen Harem anschafft, der keine Seele hat, der hat selbst so wenig
Verstand, da er fr seine Kinder keinen brig hat. Du hast einmal in Colombo
mit dem deutschen Wirte gesprochen, bei dem ich wohnte, und dabei auch das Wort
Mutterwitz gesagt. Ich verstand es nicht; aber ich habe darber nachgedacht. Ein
witziger Mann ist doch wohl ein gescheiter Mann, und wenn diese Gescheitheit
Mutterwitz genannt wird, so ist sie ihm hchst wahrscheinlich von der Mutter
angeboren worden. Warum aber haben wir kein arabisches Wort fr Mutterwitz? Weil
wir keine klugen Frauen und Mtter haben! Aber, weit du, zuweilen gibt es Eine,
doch nur zuweilen. Ich kenne nur eine einzige, und die ist meine Mutter! Ich
denke oftmals: Wenn ich ein guter Mensch bin, so habe ich das von ihr geerbt;
der Vater hat es nur unter seinen Schutz genommen. Ist das dumm von mir?
    Nein, lieber Omar, ganz und gar nicht dumm. Du ahnst Etwas, was selbst bei
uns viele groe und gelehrte Mnner noch nicht wissen. Du bist fast zu beneiden,
da du, was wir vergeblich suchen, schon so von weitem liegen siehst!
    Ich werde es wegnehmen, wenn ich vollends hin komme. Meine Gedanken werden
nicht abirren, sondern auf diesem Wege bleiben. - - - So, jetzt sind die Stiefel
fertig, denn die Salbe ist alle. Hoffentlich gibt es in Penang hier einen Laden,
wo ich morgen wieder welche bekommen kann.
    Er hatte seinem lieben, guten Herzen Luft gemacht, trug die Schuhe in das
Zimmer und ging dann, eine Wasserpfeife zu rauchen. Das und eine kleine
arabische Tasse Kaffee dazu, zusammen fr ihn kaum mehr als zehn Pfennige
kostend, war die einzige Luxusausgabe, welche er sich gestattete. Wie kommt es
wohl, da nur unkultivierte Menschen so bescheiden und zufrieden sind?!
    Am nchsten Frhmorgen wurde ein Spazierritt unternommen, von welchem wir
erst gegen Mittag heimkehrten. Nach dem Tiffin ging ich nicht aus, sondern blieb
daheim. Ich bin ein eigentmlicher Mensch. Ich kann mich einem Gedanken, welcher
mich beschftigt, niemals eigenmchtig entziehen, sondern ich bin so lange sein
Eigentum, bis ich ihn vollstndig erledigt habe. Es ist, als stehe ein
unsichtbares Wesen bei mir, welches auf diese Erledigung warte und, wenn sie
erfolgt ist, mich mit einem Gefhle der Befriedigung belohnt, welches mich mehr
als Trank und Speise strkt. Ich fhle mich dann, selbst nach langer
anstrengender Arbeit, whrend welcher ich nichts geniee, nicht nur geistig,
sondern auch krperlich so befriedigt, da ich kein Bedrfnis nach materieller
Nahrung habe. Ist es blo der Magen, der den Menschen ernhrt? Oder findet das,
was wir Stoffwechsel nennen, auch noch auf eine andere, geheimnisvolle Weise
statt? Ich kann, wenn ich geistig beschftigt bin, recht gut mehrere Tage ohne
Essen und auch Trinken sein, ohne Hunger oder Durst zu spren. Man sollte diese
Erfahrung aufmerksam verfolgen; vielleicht kme man dadurch auf eine ganz
unerwartete Erklrung des Bibelwortes, da der Mensch nicht allein vom Brote
lebe; denn, offen gestanden, mache ich die erwhnte Beobachtung meist dann, wenn
ich von religisen Fragen beschftigt werde. Man wird wahrscheinlich ber mich
lcheln; ich aber wrde mich freuen, wenn ich von anderer Seite erfhre, da ich
nicht der Einzige bin, der daran zweifelt, da der Mensch seine krperliche und
geistige Entwickelung nur allein dem Verdauungskanale zu verdanken habe.
    Die gestrige Beschftigung mit dem Aufenthalte und der Krankheit des
amerikanischen Missionars hatte Alles, was in meinem Innern zu ihm in Beziehung
stand, wieder in den Vordergrund gezogen, und da stellte es sich denn heraus,
da ich diesem Gegenstande die Erledigung eines Gedankens schuldig geblieben
war. Dieser Gedanke war freilich kein sehr wichtiger, und so hatte es kommen
knnen, da er einstweilen auf die Seite geschoben werden konnte; jetzt aber
machte er sich wieder geltend, und jenes unsichtbare Wesen stand hinter mir und
mahnte mich unaufhrlich, diese Lcke auszufllen. Ich hatte diese Mahnung schon
gestern abend in mir gesprt, war whrend der Nacht einige Male von ihr
aufgeweckt worden, und whrend des heutigen Rittes hatte sie mich hin- und
zurckbegleitet, um mich nun daheim festzuhalten, damit ich daran gehen mge,
mich von ihr zu befreien oder, was wahrscheinlich richtiger ist, sie endlich
wieder freizugeben. Es handelte sich, wie gesagt, um nichts Groes, sondern nur
um das Gedicht Tragt Euer Evangelium hinaus, und wer nicht wei, was im
Seelenleben ein unvollendeter Gedanke zu bedeuten hat, der wird es nicht
begreifen, da man sich von so Etwas beunruhigen lassen kann. Wer aber gewhnt
ist, seinen geistigen Himmel immer rein, klar und licht zu sehen, dem wird jeder
nur halb fertig gedachte Gedanke zu einer Wolke, welche ihn nicht nur direkt
strt, sondern auch auf alle seine anderen Gedanken ihren Schatten wirft. Wenn
wir von einem Lichte der innern Welt des Menschen sprechen, so meinen wir damit
jene Alles durchdringende und das Einzelne zum Ganzen fgende Logik, welche den
Geist von der Materie zu scheiden und ihn sich anzueignen hat. Diese Logik
duldet nichts Unfertiges, nichts Halbvollbrachtes, weil sie nur aus dem
Klargewordenen zu neuer Klarheit schreiten kann. Da gibt es nichts Unwichtiges,
nichts Nebenschliches, was man im Dunkel, ohne da es schadet, liegen lassen
darf. Freilich, wer in der Weise nur fr das Aeuere lebt, da er fr diese
innere Welt keine Zeit und kein Verstndnis hat, oder wer gar ein so grasser
Materialist ist, da er nicht ansteht, eine unendlich reiche Schpfung, die er
in sich trgt, zu leugnen, dem kann keine Wolke seinen Himmel stren, weil er
eben keinen Himmel hat.
    Es war mir, als ob dieses Gedicht ein notwendiger Teil meines Verhltnisses
zu Wallers sei, als ob ich es unbedingt vollenden msse, wenn dieses Verhltnis
so, wie sein Anfang es versprochen hatte, sich ausgestalten sollte, und so nahm
ich mir vor, heute Nachmittag der fertigen ersten Strophe die noch fehlende
zweite hinzuzufgen. Aber ob es mir gelingen werde, das wute ich freilich
nicht, denn ich verstehe unter Dichten nicht das, was tausend Andere damit
meinen.
    Aber, sonderbar, kaum hatte ich das Papier vor mich hingelegt, so war es
mir, als ob jenes unsichtbare Wesen mir die ntigen Worte zuflstere. Ich
brauchte die erste Strophe gar nicht erst wieder zu zergliedern, um ihr die
zweite logisch folgen zu lassen, und es dauerte wohl kaum zehn Minuten, so hatte
ich geschrieben:

Tragt Euer Evangelium hinaus,
Indem Ihrs lebt und lehrt an jedem Orte,
Und alle Welt sei Euer Gotteshaus,
In welchem Ihr erklingt als Engelsworte.
Gebt Liebe nur, gebt Liebe nur allein;
Lat ihren Puls durch alle Lnder flieen;
Dann wird die Erde Christi Kirche sein
Und wieder eins von Gottes Paradiesen!

    Nicht lange hierauf lief die Coen in den Hafen. Ich lie mich an Bord
bringen, um Kommandant Wilkens die Hand zu drcken. Er war ein tchtiger, viel
befahrener Seemann, ein lang und stark gebauter, sehr aristokratisch
erscheinender und auch wirklich vornehm denkender Mijnheer und last not least,
ein seelensguter Mensch, der fr seine Passagiere und Untergebenen wie ein Vater
sorgte. Er freute sich, als ich mich fr die Rckfahrt nach Uleh-leh anmeldete,
und bat mich, doch lieber gleich mit nach Java zu gehen. Es sollte aber anders
kommen, als ich dachte. Die Einleitung dazu kam, ohne da ich es ahnte, soeben
auf der Route von Laknawa herbeigedampft.
    Ich war hinunter in den Speisesaal gegangen, um wieder einmal auf der
dortstehenden, prchtigen Orgel zu spielen, welche Wilkens sich aus Amerika
hatte kommen lassen. Da unterbrach er mich, indem er durch das geffnete
Oberlicht herunterrief:
    Wenn Sie etwas Schnes sehen wollen, so kommen Sie herauf! Es ist geradezu
ein nautisches Ereignis, ein Unikum!
    Ich eilte hinauf. Er stand auf dem Hinterdeck und beobachtete mit
bewundernden Blicken ein Fahrzeug, welches leicht und schnell, als ob das Wasser
ihm gar keinen Widerstand biete, herbeigeflogen kam. Es war eine Dampfjacht, so
scharf und khn auf den Kiel gesetzt, wie nur die Amerikaner es fertig bringen
oder - - brachten, denn wir Deutsche verstehen das jetzt auch! Die Konturen
waren zum Erstaunen schn und rein. Die Decklinie stieg vorn und hinten in die
Hhe, denn sonderbarerweise war sowohl der Vorder-wie auch der Quarterplatz nach
Dschunkenart erhoben, was dem Schiffe etwas Fremdartiges, fast mchte ich sagen,
Mrchenhaftes gab. Der nach Klipperart schneidig gezogene Bug wurde von einem
wunderbar schnen Frauenkopf aus weiem, reinstem Marmor gekrnt, unter welchem
auf dunklem Schleier in groen goldenen Buchstaben der Name Yin zu lesen war.
Hinten wehte die chinesische Flagge mit dem gelben Sonnenball auf rotem Grunde.
    Wahrhaftig ein Unikum! rief Wilkens begeistert aus. Macht wenigstens
zwanzig Knoten die Stunde! Habe so Etwas noch nicht gesehen! Eine Vermhlung des
Leichtesten und des Unbeholfensten, der Schoner-und Dschonkenform, und doch
nichts als Linien, welche eiligst vorwrts drngen. Diese Dampfjacht ist ein
Meisterstck! Aber da sie einem Chinesen gehrt, ist mir unbegreiflich! Was
bedeutet das Wort Yin?
    Es heit so viel wie Gte, antwortete ich; das wird wohl der Name des
schnen Wesens sein, dessen Marmorbild vom Bug getragen wird. Es sind
chinesische Gesichtszge, und doch auch wieder nicht. Diese Jacht ist ein
Rtsel, und ich wollte, da ich es lsen drfte!
    Es war mir beschieden, da ich es gar nicht zu lsen brauchte, weil es sich
mir freiwillig offenbarte.
    Schade, da das Deck mit der Sonnenleinwand verhangen war! Man sah keinen
Menschen, als nur den hochstehenden Kommandierenden, und dieser hatte einen so
breitkrmpigen, chinesischen Hut auf dem Kopfe, da die Gesichtszge nicht zu
erkennen waren, zumal die Jacht in ziemlicher Entfernung an der Coen
vorberging. Sie tat das so zierlich, so anmutig und doch so kraftgewi, da nur
eine vollstndig ausgewachsene Landratte nicht darber in Entzcken geraten
wre. Man konnte getrost darauf schwren, da alle Augen, die es hier im und am
Hafen gab, jetzt ausschlielich nur auf die unvergleichliche Yin gerichtet
seien!
    Sie schien gar nicht vor Anker gehen zu wollen, sondern sie drehte nur bei
und gab ein Boot mit einem Manne und zwei Ruderern ab, welches Richtung nach dem
Lande nahm. Dann dampfte sie wieder mit fast unhrbarer Maschine und vollstndig
rauchlos atmend, zum Hafen hinaus.
    Wie viele Millionen dieser Chinese wohl besitzen mag! seufzte Wilkens. Er
selbst aber kommandiert die Jacht jedenfalls nicht! So eine spielende Kurve bei
so einer gedankenschnellen Trennung des Bootes, und dann so rund wieder herum
und mit Vollkraft hinaus, das bringt kein Chinese fertig; das kann nur Jemand,
dem ich die Hand dafr drcken mchte, da ich es habe ansehen drfen. Die Jacht
kam, gab dem Hafen mit dem Boote einen Ku und ging dann wieder fort. So ist es,
nicht anders. Morgen werde ich denken, da ich diese Marmor-Yin nicht gesehen,
sondern nur getrumt habe!
    Der Aufenthalt der Coen whrte nur kurze Zeit. Ihr Kapitn hatte an Land
zu tun und bat mich, fr diese Zeit bei ihm zu bleiben. Daher mute ich
unterlassen, was ich sonst wohl getan htte, nmlich mich, um ber die Yin
Etwas zu erfahren, nach dem von ihr ausgesetzten Boote zu erkundigen. Als er
seine geschftlichen Angelegenheiten erledigt hatte, war von seinem Dampfer aus
das erste Zeichen fr die Abfahrt schon gegeben worden; er mute sich beeilen;
darum begleitete ich ihn nicht wieder an Bord, sondern nur bis an das Wasser.
Der Abschied von ihm war nur fr einige Tage, darum kurz und ohne berflssige
Worte; dann lie ich mich in einer Rickschah nach dem Hotel fahren. Dort
angekommen, erfuhr ich von Omar eine Neuigkeit, welche er mir in sehr
mibilligender Weise mitteilte:
    Sihdi, ich bin zornig; ja, ich bin sogar wtend! Man hat keine Rcksicht
auf dich genommen! Du willst ruhig und ungestrt hier wohnen; aber man hat
gerade die Zimmer, welche ber uns liegen, an zwei Inglis abgegeben, die vor
einer halben Stunde hier eingetroffen sind. Man hrt hier unten jeden Schritt,
den sie oben machen, und sie sprechen so laut, als ob sie ganz allein auf der
Erde wren. Soll ich hinaufgehen und ihnen sagen, wie sie sich zu verhalten
haben?
    Nein. Jeder hat das Recht, zu wohnen, wo er will. Wenn ich mich von ihnen
belstigt fhle, werde ich ein anderes Zimmer nehmen; es sind ja mehr als genug
Wohnungen da. Der Mensch hat nicht stets das zu wollen, was gerade ihm beliebt,
denn Jeder ist auf Andere angewiesen. Man mu sich nach der Decke strecken!
    Decke - - - Decke - - -! wiederholte er. Das war ein ihm ganz fremdes
Gleichnis. Er ging langsamen Schrittes in den Garten hinber und lehnte sich
dort an einen Baum. Seine Lippen bewegten sich. Er lernte die sieben Worte von
der Decke auswendig und dachte ber ihre Bedeutung nach. Das war so seine
Weise. Dann pflegte er spter nach einer Gelegenheit zu suchen, das Resultat
seines Nachdenkens anzubringen.
    Als ich in meine Wohnung getreten war, hrte ich allerdings sofort, da
Jemand ber mir wohnte. Man ging mit starken, ungenierten Schritten hin und her;
Tisch und Sthle wurden gerckt; es fiel etwas Schweres mit lautem Krache um.
Ich sah Kellner an meiner offenen Tr vorber eilen, welche mit Kchengeschirr
an der nach oben fhrenden Treppe verschwanden. Die beiden neu angekommenen
Englnder schienen speisen zu wollen. Sie traten jetzt, um der Bedienung Raum zu
geben, auf den freien Vorraum heraus, und ich konnte hren, was sie sprachen.
Sie sahen den Sejjid stehen.
    Ein prchtiger Kerl dort! sagte der Eine. Schaut, Sir, was fr ein
Krperbau, und was fr charakteristische Zge! Kein Bildhauer knnte sich ein
besseres Modell wnschen. Jedenfalls ein Muhammedaner vom Himalaja!
    No! erklang die Antwort des Andern sehr kurz und sehr bestimmt.
    Nicht? Ich glaube doch, Indien und seine Bevlkerung zu kennen! Nur in den
Bergen knnen solche Prachtgestalten wachsen.
    No!
    Bei diesem zweiten No wurde ich aufmerksam. Der Klang dieses so unendlich
bestimmt ausgesprochenen Wortes hatte etwas Bekanntes fr mich.
    Nur immer Widerspruch! tadelte der erste Sprecher. Woher soll der Mann
sonst sein?
    Aus Aegypten!
    Kennt Ihr ihn etwa, Sir?
    No. Habe ihn noch nie gesehen.
    So habt Ihr Unrecht! Was htte ein gyptischer Fellache hier in der
Malakkastrae zu tun?
    Wollen wir wetten?
    Wieviel?
    Fnf Pfund, zehn Pfund, hundert Pfund! Mir ganz gleich!
    Jetzt, da gewettet wurde, war ich meiner Sache sicher. Ja, dieser Englnder,
der so kurz und so bestimmt sprach und dem hundert Pfund ebenso gleichgltig wie
fnf Pfund waren, wenn er nur wetten konnte, dieser Mann hatte nicht nur fnf-
und nicht nur zehn- und nicht nur hundertmal mit mir wetten wollen, mich aber
nie zu einem Einsatz gebracht. Er war nicht nur ein Bekannter, sondern sogar ein
lieber, lieber Freund von mir! Auch die Stimme seines Gefhrten mute ich schon
irgendwann und irgendwo gehrt haben.
    Lassen wir es bei fnf Pfund, meinte der Letztere. Ich wei, da ich
gewinnen werde, und mu also bescheiden sein.
    Setzen! wurde er aufgefordert.
    Das war so hochinteressant, da ich weiter vortrat, um mir kein Wort
entgehen zu lassen. Ich hrte Godstcke klingen; dann wurde Omar von oben herab
in arabischer Sprache angerufen:
    Chod minni, ia Ibn 'arab! Schu beledak - hre, Araber, wo bist du her?
    Omar sah erstaunt zu dem Frager hinauf und antwortete: Aus Kairo in
Aegypten.
    Well! Komm her! Bis ganz heran, gerade unter mir!
    Der Sejjid folgte dieser Anforderung.
    Heb den Saum deines Gewandes auf! Ich will dir Etwas hinabwerfen!
    Omar tat, wie ihm geheien worden war. Er fing fnf Goldstcke auf.
    So! Dieses Geld ist dein, weil du aus Aegypten bist!
    Hierauf folgte ein zweistimmiges Lachen, welches jedenfalls der
unbeschreiblichen Verwunderung galt, mit welcher der Sejjid emporschaute. Er
stand ganz starr, das Gesicht nach oben gerichtet und den aufgerafften Saum
unbeweglich festhaltend. Dann, als man oben von der Brstung zurckgetreten war,
bewegte er sich langsam auf mich zu, hielt mir die Falten, aus denen die
Goldstcke flimmerten, hin und sagte:
    Hast du es gehrt, Sihdi? Fnf englische Pfund! Das sind fast tausend
gyptische Piaster! Mir geschenkt, weil ich aus Kairo bin! Rechts macht mich das
stolz; links aber rgert es mich! Diesem Inglis da oben ist Aegypten wert; das
freut mich; aber er hlt mich nicht fr einen wohlhabenden Diener meines Sihdi,
sondern fr einen armen Teufel, welcher das Gewand aufhebt, um sich Piaster
schenken zu lassen. Ich werde hinaufgehen, um ihm das Geld wiederzugeben.
    Ja, du wirst hinaufgehen, aber das Geld behalten, Omar. Dieser Inglis ist
unendlich reich, und er hat dir die fnf Pfund nicht gegeben, um dich zu
beleidigen. Er hat dich gesehen und dann gewettet, da du ein Aegypter seist.
Und weil du einer bist, hat er das Geld gewonnen und es dir geschenkt.
    Maschallah! So bin also ich es, der diese Wette gewonnen hat, nicht er!
Denn wenn ich nicht Sejjid Omar aus Kairo wre, so htte er sie verloren! Und
was ich gewonnen habe, das ist mein; ich werde mich also hten, es ihm
wiederzugeben! Aber du sagtest, da ich hinaufgehen soll?
    Ja. Sie werden jetzt speisen. Du teilst ihnen sehr hflich mit, da ich mit
ihnen essen will, sagst aber auf keinen Fall meinen richtigen Namen, auch nicht,
da ich ein Deutscher bin, der Bcher schreibt!
    Gut! Das werde ich schon machen. Du weit ja, da du dich auf mich
verlassen kannst! Aber diese fnf Pfund mag ich nicht einstecken. Hebe du sie
mir auf, denn bei dir ist mir das Geld lieber als bei mir!
    Er gab mir die Mnzen und ging. Es dauerte gar nicht lange, so kam er
wieder, und zwar mit einem bitterbsen Gesicht.
    Nun, was hat man gesagt? fragte ich.
    Ausgelacht hat man mich, und beinahe hinausgeworfen, zrnte er. Ich
knnte diese Inglis gleich mit beiden Fusten prgeln, aber du weit ja, Sihdi,
da man sich nach der Decke strecken mu!
    Ich gab mir Mhe, bei dieser so schnell eingetroffenen Nutzanwendung nicht
laut aufzulachen. Er fuhr fort:
    Ich sagte deinen Namen nicht, sondern den, welchen du immer in das
Fremdenbuch zu setzen pflegst. Ich sagte nicht, da du ein Deutscher, sondern
da du mein Sihdi seist; das ist doch mehr, als alle Vlker zusammengenommen.
Ich sagte nicht, da du Bcher schreibst, sondern da du Gedichte machst. Das
ist keine Lge und fhrt, wie ich von unsern arabischen Dichtern wei, den
Menschen zur Unsterblichkeit. Und endlich sagte ich, da dieser unsterbliche
Sihdi ihnen sagen lasse, da er heraufkommen werde, um mit ihnen zu essen.
    Er machte eine Pause. Die Sache gab mir heimlich Spa; er aber fgte in
seinem grimmigsten Tone hinzu:
    Da lachten sie ber mich; das will ich ihnen verzeihen. Aber sie lachten
auch ber dich, und das kann ich ihnen nicht verzeihen! Der Eine, welcher viel
lter als der Andere ist, sagte, wer unsterblich sei, der brauche nicht zu
essen, weil der Hunger ihm ja nichts schaden knne. Und der Jngere befahl mir,
dir zu sagen, da er in der Kche ein Essen fr dich bestellen und es dir
schicken lassen werde. Das beleidigte mich so, da ich vor Aerger verga, mich
nach der Decke zu strecken. Ich wurde auch grob und sagte ihnen, da ich ihnen
ihre fnf Pfund wiederbringen werde. Da gaben sie den Kellnern den Befehl, mich
hinauszuschaffen; ich bin aber natrlich selbst gegangen. Gib mir die Goldstcke
Sihdi; ich trage sie hinauf!
    Nein. Du wirst sie behalten und dennoch noch einmal hinaufgehen.
    Das fllt mir schwer, Sihdi; aber wenn du es willst, so werde ich es tun.
Was soll ich sagen?
    Merke dir die Worte genau! Du sagst folgendermaen: Mein Sihdi lt Sir
John Raffley und die liebe Chair-and-umbrella-pipe gren! Hast du das
verstanden?
    Ja: Mein Sihdi lt Sir John Raffley und die liebe Chair-and-umbrella-pipe
gren!
    Und wenn man dich fragt, woher ich ihn und sie kenne, so antwortest du:
Mein Sihdi war dabei, als sie auf Ceylon verloren ging und auf dem chinesischen
Schiffe dann wiedergefunden wurde. Kannst du dir das merken?
    Er wiederholte die beiden Stze einige Male, bis er sie sich eingeprgt
hatte. Dann fragte er in bedenklichem Tone:
    Was tue ich aber, wenn ich wieder ausgelacht oder gar hinausgeworfen
werde?
    Das wird nicht geschehen, denn du wirst ganz im Gegenteile groe Freude
anrichten. Die Hauptsache ist, da du auch wirklich hinein zu ihnen kommst, um
deinen Auftrag auszufhren. Am besten ist es, du lssest dich gar nicht
anmelden, sondern gehst stracks hinein, ohne dich vorher mit den Kellnern
abzugeben.
    Hierauf ging er fort. Ich sah ihm nicht nach, war aber berzeugt, da er
unterwegs einige Male stehen bleiben wrde, um das, was er zu sagen hatte, fr
sich zu wiederholen.
    Um mein Verhalten begreiflich zu machen, mu ich auf die schon erwhnte
Reiseerzhlung zurckkommen, welche in Band XI meiner gesammelten Werke unter
dem Titel Der Girl-Robber zu finden ist. Ich erzhle da von einem Erlebnisse
mit Raffley, welches sich auf Ceylon und seinem Kstengewsser abwickelte, und
sage von diesem Englishman ohne Furcht und Tadel folgendes:
    Neben mir lehnte Sir John Raffley. Er bemerkte von all den Herrlichkeiten,
welche ich sah, nicht das Geringste. Die kstlichen Tinten, in denen der Himmel
flimmerte und glhte, das strahlendurchblitzte Kristall der See, der erquickende
Balsam der sich abkhlenden Lfte und die bunte, interessante Bewegung auf dem
vor uns liegenden Fleckchen der herrlichen Gotteswelt, sie gingen ihm verloren;
sie waren ihm im hchsten Grade gleichgltig; sie durften es nicht wagen, seine
Sinne auch nur einen Augenblick lang in Anspruch zu nehmen. Und warum?
Wunderbare und ganz berflssige Frage! Was war denn eigentlich dieses Ceylon in
seinen Augen? Ein Eiland, eine Insel mit einigen Menschen, einigen Tieren und
einigen Pflanzen darauf und rundum von Wasser umgeben, welches nicht einmal zum
Waschen oder zur Bereitung einer Tasse Tee geeignet ist. Was ist das weiter!
Etwas Sehenswertes oder gar Erstaunliches gewi nicht! Was ist Point de Galle
gegen Hull, Plymouth, Portsmouth, Southampton oder gar London; was ist der
Governor zu Colombo, obgleich sein Verwandter, gegen die Knigin Viktoria von
Altengland, Irland und Schottland; was ist Ceylon gegen Grobritannien und seine
Kolonien; was ist berhaupt die ganze Welt gegen Raffley-Castle, wo Sir John
geboren worden ist?!
    Der gute, ehrenwerte Sir John war ein Englnder im Superlativ. Besitzer
eines unermelichen Vermgens, hatte er noch nie daran gedacht, sich zu
verehelichen, und war einer jener zugeknpften, schweigsamen Englishmen, welche
alle Winkel der Erde durchstbern, selbst die entferntesten Lnder unsicher
machen, die grten Gefahren und gewagtesten Abendteuer mit unendlichem
Gleichmute bestehen und endlich mde und bersttigt die Heimat wieder
aufsuchen, um als Mitglied irgend eines berhmten Reiseklubs einsilbige
Bemerkungen ber die gehabten Erlebnisse machen zu drfen. Er hatte den Spleen
in der Weise, da seine lange, knochige Gestalt nur in seltenen Augenblicken
einen kleinen Anflug von Geniebarkeit zeigte, besa aber doch ein
auerordentlich gutes Herz, welches stets bereit war, die groen und kleinen
Seltsamkeiten, in denen er sich zu gefallen pflegte, wieder auszugleichen. Eine
innere Erregung schien bei ihm gar nicht denkbar, und er zeigte nur dann eine
lebhaftere Beweglichkeit, wenn er auf eine Gelegenheit stie, eine Wette
einzugehen. Die Wettsucht nmlich war seine einzige Leidenschaft, wenn bei ihm
berhaupt von Leidenschaft die Rede sein konnte, und es wre wirklich geradezu
ein Wunder gewesen, htte er eine solche Gelegenheit versumt.
    Nachdem er aller Herren Lnder kennen gelernt hatte, war er zuletzt nach
Indien gekommen, dessen General-Gouverneur ebenso wie der Gouverneur von Ceylon
ein Verwandter von ihm war, hatte es in den verschiedensten Richtungen
durchstreift, war auch schon einige Male auf Ceylon gewesen und im Auftrage des
General-Gouverneurs jetzt wieder hergekommen, um sich wichtiger Botschaften an
den Statthalter zu entledigen. Wir hatten uns im Hotel Madras kennen gelernt und
uns nach und nach geistig zusammengefunden, und obgleich er mich niemals auch
nur zur kleinsten Wette vermocht hatte, war ich ihm doch so befreundet und lieb
geworden, da er trotz seiner sonstigen Unnahbarkeit eine wahrhaft brderliche
Zuneigung fr mich an den Tag legte.
    Also jetzt lehnte er, vllig unberhrt von den uns umgebenden Naturreizen,
in denen ich sozusagen schwelgte, neben mir und beschielte den goldenen Klemmer,
welcher ihm vorn auf der uersten Nasenspitze sa, mit einer Beharrlichkeit,
als wolle er an dem Sehinstrumente irgend eine welterschtternde Entdeckung
machen. Neben ihm lehnte sein Regen-und Sonnenschirm, welcher so kunstvoll
zusammengesetzt war, da er ihn als Stock, Degen, Sessel, Tabakspfeife und
Fernrohr benutzen konnte. Dieses Meisterstck war ihm von dem Travellerklub,
Nearstreet, London, als Souvenir verehrt worden; er trennte sich niemals, weder
bei Tag noch bei Nacht, von demselben und htte es um alle Schtze der Welt
nicht von sich gegeben. Diese Chair-and-umbrella-pipe, wie er es nannte, war ihm
beinahe ebenso lieb wie seine prachtvoll eingerichtete Dampfjacht, welche unten
im Hafen vor Anker lag und die er sich fr seinen persnlichen Gebrauch auf
einer der Werfte von Greenock am Clyde, den in aller Welt berhmten
Schiffsbauwerksttten, hatte bauen lassen, weil er auch auf der See stets mit
eigenen Fen auf eigenem Grund und Boden stehen wollte. - -
    So schrieb ich vor Jahren ber ihn. Wir waren Freunde, ohne Freundschaft
geschlossen zu haben; wir hatten einander lieb, ohne von dieser Liebe zu
sprechen; wir waren gegenseitig zu jedem Opfer bereit, ohne aber das, was wir
fr einander taten, fr ein Opfer zu halten. Das lag so in seiner wie auch in
meiner Weise. Nach der letzten Trennung schrieben wir uns einige Male, und als
dann ich keinen Brief mehr von ihm und er auch keinen mehr von mir bekam, fiel
es Keinem von uns Beiden ein, zu denken, da er vergessen worden sei, oder
dieses Schweigen gar fr eine negative Absage der Freundschaft zu halten. Die
Treue ist etwas Geistiges, oder noch richtiger, etwas Seelisches, und wer sie
nach der Zahl der Briefbogen mit, der traut sich selber nicht. Wer meiner
Freundschaft zumutet, ihm in ganz bestimmten Zeitintervallen eine ganz bestimmte
Zahl von Zeilen zu schreiben, der zwingt das Heiligste ins Briefcouvert und kann
nur wenig Freunde haben. Schreibselige Menschen begeben sich sehr leicht in die
Gefahr, lstig zu werden, und nur der Backfischfreundschaft ist es erlaubt, von
dem hohen Werte der Zeit noch nichts zu wissen.
    Nun hatte ich meinen John Raffley vorhin sofort an der Stimme erkannt, und
jetzt wute ich auch, wer der Andere war, nmlich sein Verwandter, welcher
damals die Stelle des Governors von Ceylon bekleidet hatte. Wie kamen sie
hierher? Die Coen war das einzige Schiff, welches heute Passagiere abgegeben
hatte, und ich wute ja, da sie mit dieser nicht gekommen waren. Zwar fiel mir
da die Yin ein, und wie ich Raffley kannte, so war gerade ihm der Besitz einer
solchen Jacht wohl zuzutrauen; aber sie trug chinesisches Gewand, whrend er,
wie ich mich sehr wohl erinnerte, nichts weniger als ein Bewunderer chinesischer
Verhltnisse gewesen war.
    Da hrte ich eilige Schritte drauen von der Treppe her kommen, und eine
sehr prestierte Stimme rief:
    Wo denn, wo? Welche Nummer?
    Zweiunddreiig!
    Das war Omar, der von Weitem antwortete.
    Zweiunddreiig? Well! Also links, hier, gleich da! Wonderful!
    Noch zwei Schritte, einen Sprung auf die Holzlage meines Vorzimmers, und da
stand er, vom schnellen Laufen rasch atmend, in Hemdrmeln, barhuptig und wie
frher auch schon immer, den goldenen Klemmer auf der Nase, den er so virtuos
bis auf ihre Spitze herunter reiten zu lassen verstand.
    Charley! rief er aus.
    So pflegte er meinen Vornamen auszusprechen. Er stand zunchst ganz still
vor mir und betrachtete mich mit Augen, aus denen nichts als Liebe und nichts
als Freude strahlte. Seine Lippen zitterten erregt. Dann folgte jenes mir
bekannte Spiel der Gesichtsmuskeln, mit welchen er, ohne ihn zu berhren, den
Klemmer zwang, langsam bis an das Ende der Nase vorzurutschen und dort so
verwegen sitzen zu bleiben wie ein Clown, der auf der uersten Croupe seines
Pferdes hngt. Dann schttelte er die an der Schnur hngenden Glser vollends
ab, breitete die Arme aus, zog mich an sich und hielt mich, ohne ein Wort zu
sagen, fest umschlungen. Hierauf schob er mich von sich ab, betrachtete mich
noch einmal von dem Kopfe bis zu den Fen herab genau und rief dabei aus:
    Ja, ja, er ist's; er ist's in Wirklichkeit! Ein Sihdi, der mit mir essen
will! Ein Mensch, welcher Gedichte macht! Stimmt! Da ich das nicht gleich
gedacht und gewut habe! Charley, wollen wir wetten?
    Worber?
    Da Ihr nicht ahnt, wen ich bei mir habe!
    Ich wette nicht, niemals! Das wit Ihr doch!
    Also noch immer nicht? Miserabel! Ihr seid ein ganzer Kerl, ja, ein famoser
Kerl, in allen Stteln fest und praktisch auf dem Land und auf dem Wasser, aber
das Eine, das Eine, was Euch fehlt, das will noch immer nicht werden: Ihr wettet
nicht, und so lange Ihr das nicht tut, ist es nicht mglich, Euch einen
vollkommenen Gentleman zu nennen!
    Das war seine alte und einzige Klage ber mich, die ich damals unzhlige
Male hatte hren mssen.
    Ist es ehrlich, zu wetten, wenn man wei, da man gewinnen mu? fragte
ich.
    Nein! Aber ich wette ja mit Euch, da Ihr nicht gewinnen werdet!
    Ich gewinne! Euer Verwandter, der Governor, ist bei Euch!
    Da trat er zwei Schritte zurck, setzte den Klemmer wieder auf, sah mich
erstaunt an und sagte:
    Unbegreiflich! Dieser deutsche Sihdi, welcher Gedichte macht, konnte fnf
und auch noch mehr Pfund von mir gewinnen und hat nicht mitgetan! Aber - - was
sehe ich! Er streckte beide Arme nach vorn und sah die Hemdrmel ganz betroffen
an. Wie bin ich gekommen? Wie stehe ich da?! Schrecklicher Mensch, der ich bin!
Aber es war so schwl und nur der Governor da! Ist auch in Hemdrmeln! Mu ihn
warnen! Kommt herauf, Charley, aber schnell, schnell! Habe vor Freude ganz den
Rock vergessen! Ich reie aus! Pardon!
    Er war wirklich im Gesichte rot geworden, der liebe, gute Mensch! Nun lief
er so schnell fort, wie er gekommen war. Der Sejjid hatte drauen gestanden und
gewartet, jetzt kam er herein und sagte:
    Dieser Inglis hat mich aber doch hinausgeworfen!
    Was? Hinausgeworfen?
    Ja, aber nicht aus Zorn, sondern vor Freude.
    Wieso?
    Als ich das von der Chair-and-umbrella-pipe sagte, fragte er mich wirklich
ganz so, wie du dachtest, woher du sie kennst. Als er dann erfuhr, da du auf
Ceylon und auf dem chinesischen Schiffe dabeigewesen seist, da sprang er auf und
rief: Das kann nur mein alter, lieber Charley sein! Dann packte er mich an, warf
mich zur Tre hinaus, sich selber aber auch mit, und rannte nach der Treppe. Der
andere Inglis rief ihm nach, er solle doch erst den Rock anziehen, aber er hrte
gar nicht darauf. O, Sihdi, diese Inglis mssen sehr gute Menschen sein, weil
sie dich so lieb haben! Ich bin nur froh, da ich ihnen die fnf Pfund nicht
wiedergegeben habe; das htte sie denn doch vielleicht gekrnkt!
    Es sind zwei Englnder vom hchsten Adel, Omar. Sei also hflich, sehr
hflich mit ihnen!
    Du brauchst keine Sorge zu haben, Sihdi! Mein Adel ist von Muhammed, also
weit ber tausend Jahre alt, und adelig sein, das kann man bei uns nicht, ohne
auch hflich zu sein! Ich wei nicht, wie das bei den andern Vlkern ist!
    Als ich hinaufkam, standen wohl sieben oder acht Kellner da. Meine beiden
Gastfreunde waren also im Hotel hoch abgeschtzt. Ich wurde mit einer so
aufrichtigen Freude und einer so wohltuenden Gte empfangen, da ich mich sofort
wie bei Verwandten fhlte, bei denen man zu Hause ist. Man strzte nicht mit
Fragen ber mich her; es wurde sogleich gegessen. Es lag berhaupt nicht in der
Art dieser beiden Mnner, viel Worte zu machen. Was man ihnen nicht ungefragt
sagte, das gab es fr sie nicht. Natrlich erkundigte ich mich nach dem Schiffe,
mit welchem sie gekommen seien.
    Schiff? antwortete Raffley. Ach, das wei dieser Charley noch gar nicht.
Kommt schnell heraus nach dem vordern Raume! Da seht Ihr es liegen.
    Er zog mich hinaus, wo man zwischen den Baumkronen hindurch den Hafen sehen
konnte, was unten bei mir nicht der Fall war. Er deutete mit der Hand in die
betreffende Richtung, und da sah ich, weit entfernt von der Stelle, an welcher
der Platz der Coen gewesen war - - die Yin vor Anker liegen.
    Also doch, doch, doch, die Yin! rief ich voller Freude aus. Ich habe es
mir gedacht und konnte es doch fast nicht glauben!
    Ihr kennt den Namen?
    Ja. Ich sah sie in den Hafen kommen, hell und leicht und schn wie eine
Nymphe! Ein Fahrzeug, wie ich noch keins gesehen habe!
    Freut mich, freut mich, Charley! Ist ganz nach meinen eigenen Angaben
entworfen und gebaut!
    Aber es wurde doch nur ein Mann im Boote abgegeben; dann gingt ihr wieder
fort!
    Weil ich den Ankerplatz nicht kannte. Mute mich erst erkundigen, an
welcher Stelle ich die Kette fahren lassen konnte, und bin inzwischen wieder
hinausgedampft und dann zurckgekehrt. Kommt wieder herein! Mssen auf diese
meine Yin ein Glas leeren!
    Wir gingen zu dem Governor zurck und stieen mit ihm auf die Jacht an; er
tat bereitwillig Bescheid. Raffley fllte die Glser wieder und sagte:
    Und nun auf das Wohl einer andern Yin, die mir noch tausend-, tausendmal
teurer als diese ist! Ich bitte, bis auf den letzten Tropfen leer!
    Ich folgte natrlich dieser Aufforderung; der Governor aber warf Raffley
einen verweisenden Blick zu und rhrte das Glas nicht an.
    Well! Ganz, wie Ihr wollt! meinte dieser entschuldigend und begtigend.
Ich werde meine Wette aber doch gewinnen!
    Was war das fr eine andere Yin? Und was war das fr eine Wette? Es gab da
einen Punkt, in welchem Beide nicht bereinstimmten. Und es mute sich um mehr,
um viel mehr als um eine bloe Wette handeln. Wer, wie der Governor, einer
solchen Aufforderung nicht Folge leistet, der macht sich einer Beleidigung
schuldig, welche nach den Gesetzen der Kreise, denen diese Beiden angehrten,
sonst nur einen blutigen Ausgang nehmen kann. Wie kam es, da Raffley, der in
Bezug auf Ehrensachen so auerordentlich empfindliche Edelmann, sie in so
ruhiger, ja sogar in begtigender Weise hingenommen hatte? War er sich
vielleicht einer Schuld bewut? Ganz gewi nicht! Dieser Mann trug trotz aller
seiner Eigenheiten nicht eine Spur der Mglichkeit in sich, irgend Etwas zu tun,
was im Codex der guten Gesellschaft als unerlaubt bezeichnet wird. Es konnte
sich hier nicht um ein Vergehen, sondern nur um eine Verschiedenheit der Ansicht
handeln, zumal der Governor, sobald das Quiproquo vorber war, sich ganz so
unbefangen wie vorher zu ihm verhielt.
    Und doch konnte es dem scharfen Beobachter nicht entgehen, da ein
unsichtbares Fragezeichen zwischen dem Einen und dem Andern schwebte, und dieses
Fragezeichen schien ein chinesisches zu sein. Es verstand sich ganz von selbst,
da wir, die wir uns hier am Tore von China befanden, dieses Land auch im
Gesprche wiederholt berhrten; dann wurde der Governor jedesmal still; man
merkte deutlich, da er sich Reserve auferlegte. Und Raffley war es anzuhren,
da er sich bemhte, seine Aeuerungen abzumessen. Ich selbst befand mich da in
einer ziemlich unbequemen Lage. Der Governor war kein Freund der mongolischen
Rasse; das stand fest. Raffley war es frher auch nicht gewesen, schien aber
seine Ansicht gendert zu haben; jedenfalls gab es fr ihn einen Grund, sich
nicht so zu uern, wie er es zu drfen wnschte. Und ich mute mich, um nicht
anzustoen, mit oberflchlichen Bemerkungen behelfen, obgleich es in meiner
Natur liegt, jeder Sache gern auf den Grund zu gehen. Darum traten zuweilen
Pausen ein, welche selbst durch Liebenswrdigkeiten nicht unbemerkbar gemacht
werden konnten.
    Ich mu sagen, da Raffley mir jetzt anders vorkam, als er frher gewesen
war. Schon krperlich hatte er sich verndert. Seine hagere, knochige Gestalt
war voller geworden; die scharfen Linien seines Gesichtes hatten sich gemildert.
Die Nase trat nicht mehr so hervor; es zeigte sich alles runder, sanfter,
ansprechender als vorher. Er war, um mich so ausdrcken zu drfen, jetzt
bedeutend hbscher als vorher. Seine Physiognomie war frher die eines
scharfen Denkers, eines sehr willenskrftigen Mannes gewesen, der mit
selbstbewuter Rcksichtslosigkeit seine eigenen Wege geht; nun aber schien der
Geist sich mit der Seele vermhlt zu haben, und das, das freute mich so sehr.
Der Spleen war vollstndig verschwunden und mit ihm die unendliche
Gleichgltigkeit fr Alles, was nicht Old England und den Sport betrifft. Er
zeigte ein lebhaftes Interesse fr alles Reinmenschliche, und der starre,
rechthaberische Dogmenglaube von frher hatte auch ein anderes, freundlicheres
Gesicht bekommen. Damals war er nichts weiter als ein Englnder im Superlativ,
ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle; jetzt aber war er mehr, viel mehr,
nmlich ein harmonisch denkender Mensch und ein zwar nicht sehr schner, aber
dafr bedeutender Mann.
    Indem ich das Alles beobachtete, fragte ich mich, durch welche Ursache diese
Vernderung wohl hervorgebracht worden sei. Ich htte wohl recht gern das ewig
Weibliche zur Beantwortung herbeigezogen, zumal ich an mir selbst erfahren
habe, welchen segensreichen Einflu diese grte Macht der Erde auf unsere
sogenannten mnnlichen Schwchen und Hrten hat; aber er war stets so unnahbar
maskulin gewesen, da ich diesen Gedanken fallen lie, zumal wir jetzt bis zum
spten Abend beisammen blieben, ohne da auch nur ein einziges Wort gefallen
wre, welches mir erlaubt htte, zu vermuten, da er jetzt verheiratet sei. Ich
stand da vor einem psychologischen Rtsel, dessen Lsung ich nicht meinem
Scharfsinn, sondern der Zukunft berlassen mute.
    Und diese Zukunft, wenigstens die naheliegende, unmittelbare, schien durch
dieses heutige Zusammentreffen eine Direktion zu bekommen, an welche ich bis zum
Erscheinen Raffleys in meiner Wohnung nicht htte denken knnen. Ich sagte ihm
nmlich, da ich seine Yin von der Coen aus gesehen htte, und erwhnte
dabei meine Absicht, auf dieser letzteren Passage zu nehmen.
    Passage? fragte er. Auf einem Schiffe, welches Coen genannt wird? Fllt
Euch gar nicht ein, Charley! Ihr nehmt natrlich Passage auf meiner Yin. Basta!
    Herzlichen Dank, Sir! antwortete ich. Aber ich mu mit der Coen nach
Uleh-leh.
    Das ist der Hafenort von Atjeh. Was wollt Ihr dort?
    Eine Geschfts- oder vielmehr Geldangelegenheit ordnen. Es betrifft nicht
eine eigene Sache; ein Freund hat mich darum gebeten.
    Ist es notwendig?
    Sogar eilig. Es handelt sich zwar um kein groes Kapital; fr den
Betreffenden aber wrde der Verlust gro genug sein, ihn zu ruinieren.
    So mt Ihr freilich hin, wenn Ihr's versprochen habt. Aber warum mit
dieser Coen? Meine Yin kann auch hinber, und zwar, sobald Ihr wollt! Nur aber
mt Ihr mir versprechen, dann bei uns zu bleiben.
    Kann ich etwas versprechen, ohne Euer Ziel zu wissen, Sir?
    Unser Ziel? Hm! Nun, wir gehen nach China.
    Bis wohin? Wie weit?
    Hrt, Charley, betrachtet Ihr Euch als meinen Freund?
    Ich bin es von ganzem Herzen!
    Well, so fragt einmal jetzt nicht! Ihr wit, da ich Herr meiner Zeit bin
und da ich meinen Kurs an jedem Tag ndern kann, wie ich Euch jetzt mit
Uleh-leh bewiesen habe. Wenn Ihr es so eilig habt, knnen wir schon in dieser
Nacht in See gehen. Ihr sagt, es handle sich um Geld. Was das betrifft, so wei
ich, da Ihr ein sehr verstndiger Mann seid; aber ich bin doch wohl noch
verstndiger, denn wer mehr Geld hat, der hat auch mehr Verstand. Ihr seid der
Sihdi, welcher Gedichte macht, und dieser mein Verstand sagt mir, da der Mammon
und die Seele eines Dichters zwei Dinge sind, die man als Freund so weit wie
mglich auseinander halten soll. Es wrde mir eine Freude sein, dies tun zu
knnen. Um was handelt es sich denn eigentlich?
    Um die Sicherstellung eines Kapitales, welches ein Deutscher drben in
Atjeh stehen hat. Ich habe die briefliche Bitte nebst Einlagen in Colombo
bekommen.
    Und wo steckt jetzt diese briefliche Bitte? Darf ich sie einmal lesen?
    Ich kannte meinen Raffley zu genau; da war nichts zu verweigern, wenn es
sich nicht um geradezu persnliche Geheimnisse handelte. Ich mute hinuntergehen
und das Schreiben holen. Er las es durch, auch die beiliegende Vollmacht,
steckte Beides in die Tasche und sagte lchelnd:
    Dachte es mir! Ich habe den greren Verstand! Wir dampfen nicht nach
Uleh-leh, sondern gehen morgen frh miteinander hier auf die Bank, sagen wir
Hongkong and Shanghai Banking Corporation. Da kennt man John Raffley ganz genau,
und in zehn Minuten ist die Sache abgemacht. Basta! Bitte, kein Wort mehr
verlieren. Ihr wit, wenn ich meinen Willen haben will, so habe ich ihn! Und nun
hier meine Hand: Schlagt ein, da Ihr mit uns auf meiner Yin nach China geht!
    Er hielt mir die Hand hin. Das war ja der reine Sturm! Es kam so unerwartet!
Sein Wunsch war nicht nur ehrlich gemeint, sondern mir auch auerordentlich
sympathisch, aber ich hatte doch vorher Wichtiges zu bedenken und - - - da
fhlte ich unter dem Tische eine Berhrung; der Governor hatte mich mit dem Fue
gestoen und nickte mir, als ich ihn ansah, heimlich bittend zu. Auf seinem
jetzt von Raffley nicht beachteten Gesichte stand der dringende Wunsch
geschrieben, da ich ja sagen mge. Da lie ich denn alle Bedenken fallen und
legte meine Hand in die dargereichte des Freundes, indem ich, halb scherzend und
halb ernst, bemerkte:
    Aber, Sir, ich bin nicht allein. Hat die Yin auch Platz fr meinen Diener?
    Fr diesen Prachtmenschen, der, wie ich gar wohl bemerkt habe, fr seinen
Sihdi, welcher Gedichte macht, durch Wasser und durch Feuer geht? Welche Frage!
Natrlich habe ich Platz, denn treuer wie er kann selbst mein alter Tom und auch
der Bill nicht sein.
    Leben Beide noch? Sind sie hier?
    Jawohl! Seit ich die neue Jacht besitze, sind sie avanciert. Ich nenne Tom
nicht mehr Steuermann, sondern Kapitn, worauf er ungeheuer stolz ist, und Bill
ist Steuerer geworden. Es wird Euch auf der Yin gefallen. Ich habe die
Photographien ihrer Rume hier; die werde ich Euch zeigen. Ich hole sie.
    Er verlie das Zimmer. Dies benutzte der Governor, mir seine Hand ber den
Tisch herber zu reichen, wobei er in herzlichem Tone sagte:
    Ich danke Euch, Sir, da Ihr eingewilligt habt! Zwischen mir und John steht
ein Gespenst, welches denselben Namen wie die Jacht fhrt, nmlich Yin. Wir
vermeiden, von ihm zu sprechen, und dadurch entsteht zwischen uns eine leere,
schmerzende Lcke, welche durch Eure Gegenwart weniger empfindlich wird. John
gibt viel, sehr viel auf Euch; das wei ich, obgleich Ihr Euch so lange Zeit
nicht gesehen habt. Ich hoffe, da Eure Gegenwart mich untersttzen wird, unsere
groe Wette, von deren Gegenstand wir aber, seit wir sie eingegangen sind, nicht
sprechen, zu gewinnen.
    Wieder die Wette! Es schien eine ganz eigene und jedenfalls sehr wichtige
Bewandtnis mit ihr zu haben!
    Raffley brachte die Bilder. Er sprach mit heller Begeisterung von seiner
Yin, und der Governor stimmte, so lange sich dieser Name nur auf die Jacht
bezog, in dieses Lob mit ein. Da kam auch die Photographie des Marmorkopfes zum
Vorscheine. Raffleys Augen bekamen doppelten Glanz; es war ein Blick der
innigsten, der rhrendsten Liebe, mit welchem er sie betrachtete. Ich hatte noch
nie solche weibliche Zge gesehen. Waren sie kaukasisch oder mongolisch? Waren
das mandelfrmige oder geschlitzte Augen? Jeder einzelne Teil dieses ganz
eigenartig schnen Gesichtes war eine Frage, welche kein Pinsel und kein Meiel
zu beantworten vermochte, und trotzdem oder wohl grad darum kamen mir die Worte
ber die Lippen:
    Ist das Portrt oder Phantasie?
    Da sah der Governor mich bedeutungsvoll an, und ich las von seinen sich
lautlos bewegenden Lippen:
    Das ist das Gespenst!
    Raffley sah diese Mitteilung seines Verwandten nicht; er schien seinen Blick
nicht von dem Bilde trennen zu knnen, schob es dann aber doch zu den andern hin
und sagte; indem er die Hnde wie in ihn pltzlich berkommender Andacht
zusammenlegte:
    Es ist Yin, die Gte! Wit Ihr, Charley, was Gte ist? Nein. Niemand wei
es. Oder seid Ihr wissend genug, mir nicht eine kalte Definition des Begriffes
zu liefern, sondern mir Eure ganze Persnlichkeit als Offenbarung dieser Gte
aufzuopfern?
    Er sah mich, indem er hoch aufgerichtet vor mir stand, an. Dann richtete
sein Blick sich zur offenen Tr hinaus in das Freie, wo die Sterne leuchteten
und auf den Wogen silberne Lichter fluteten und fgte langsam hinzu:
    Und so eine Offenbarung ist mir geworden! Mein Gott, ich danke dir!
    Der Governor zog die Spitzen seines dichten, grauen Schnurrbartes nervs
durch die Finger. Diese Wendung war ihm unangenehm. Vielleicht hatte er ein
abermaliges, zurechtweisendes Wort auf den Lippen; aber es wurde nicht
ausgesprochen, denn die Kellner kamen und baten um die Erlaubnis, abdecken zu
drfen. Wir hatten eine Stunde auf das Essen verwendet und waren dann noch fast
dreimal so lange am Tische sitzen geblieben. Ich hielt es also fr an der Zeit,
mich zu verabschieden. Der Governor begleitete mich hflich bis an die Treppe;
Raffley aber ging mit bis in den Garten hinab.
    Noch einen Augenblick, Charley, sagte er, mich zu einer Bank fhrend.
Setzen wir uns!
    Ich nahm an, da er mir noch eine besondere Mitteilung zu machen habe; er
sa aber lngere Zeit schweigend da, ehe er begann:
    Ihr habt Fragen auf dem Herzen. Nicht?
    Aufrichtig geantwortet: Nein!
    Well! Ihr seid eben so, wie man sich einen Freund wnschen mu. Nicht wahr,
Charley, Ihr habt frher gebetet und betet heut auch noch?
    Ja.
    Auch fr Andere?
    Wer nicht fr Andere beten kann, der soll lieber gar nicht beten.
    Richtig! So bitte ich Euch, tragt dem Herrgott auch fr mich ein gutes Wort
hinauf! Zweifelt nicht daran, da ich es ntig habe! Ich mchte unsere Wette so
gern, so gern gewinnen. Es ist wohl kein Wortbruch, wenn ich Euch im Vertrauen
sage, da ich Raffley-Castle mit Allem, was zu diesem Schlosse und zu diesem
Namen gehrt, an diese Wette gewagt habe.
    Unmglich!
    Nicht unmglich, sondern wirklich!
    Aber, Sir, ich kann es doch nicht glauben! Ich wei, wie gern Ihr wettet.
Bei Eurem ungeheuren Vermgen ist dies unter gewhnlichen Verhltnissen auch mit
keiner Bedenklichkeit - - -
    Pshaw! unterbrach er mich. Daran denke ich nicht. Ich habe ja grad dieses
ungeheure Vermgen auf eine einzige Karte gesetzt. Wenn ich verliere, bin ich in
Beziehung auf das Geld ein armer Mann, aber in anderer Beziehung vielleicht noch
reicher als vorher. Aber um Anderer willen will und mu ich gewinnen. Darum
betet fr mich, Charley! Euer Gebet soll nicht meinem Vermgen gelten, sondern
etwas ganz Anderem und viel Hherem. Werdet Ihr?
    Ja, Sir John.
    Ich danke Euch! Glaubt nicht, da etwas Schlimmes zwischen mir und dem
Governor liegt! Es ist eine einfache Familienangelegenheit, ber die er anders
denkt, als ich gedacht habe. Und wenn Ihr mich jetzt vielleicht etwas anders
findet, als ich frher gewesen bin, so seid berzeugt, da ich dadurch nicht
verloren, sondern gewonnen habe. So, das ist es, was ich Euch sagen wollte.
Mgen der ersten guten Nacht, die wir uns jetzt nach dem heutigen Wiedersehen
wnschen, die guten Tage folgen, in denen der jetzige John Raffley als Mensch
das nachholt, was der frhere als Englishman versumt hat!
    Er drckte mir die Hand und ging. Ich sah ihn so langsam, als ob er an
Gedanken schwer zu tragen habe, die Treppe hinaufsteigen.
    Wie hatte er so recht, als er meinte, da er anders geworden sei! Ihn so
lange und so zusammenhngend sprechen zu hren, wie jetzt, das war mir frher
nie passiert Er hatte grad durch seine Wortkargheit und Krze imponiert. Und wie
anders hatte er nicht blo sprechen, sondern auch fhlen gelernt! Es war Etwas
erwacht, was frher in ihm geschlafen hatte. Wohl der Hand, die es aus dem
Schlafe erweckt hatte!
    Am andern Morgen kam er mit seinem Verwandten zu mir herunter, um den Kaffee
bei mir einzunehmen. Welchen Grades diese Verwandtschaft eigentlich war, das
wute ich nicht und war auch nicht zudringlich genug, darnach zu fragen. Sie
nannten sich nicht thou, sondern you, sprachen sich mit Sir an, und wenn der Ton
einmal intimer wurde, so war ein dear uncle oder dear nephew beliebt. Whrend
wir bei mir saen, kam Tom, der Kapitn, um zu melden, da auf der Yin Alles
all right sei; das war sein Lieblingswort. Er war lang und hager, hatte die
ganze Haltung und den schleppenden Gang, der dieser Art von Leuten eigen zu sein
pflegt, und besa zwei wunderbar kluge, kleine Aeuglein, welche hchst scharf
und selbstbewut ber die groe, scharfgeschnittene Nase hinwegblickten. Raffley
hatte ihn gewhnt, nie anders als nur in den krzesten Worten zu sprechen. Er
erkannte mich sofort, und als er erfuhr, da ich mitfahren werde, schlug er mit
der rechten Faust in die linke Hand und rief dabei aus: Das ist ein Wort! Macht
mir Freude! Das war sein ganzer Herzensergu, dafr aber umso aufrichtiger
gemeint.
    Nach dem Kaffee suchten wir das Bureau der Hongkong and Shanghai Banking
Corporation auf. Als Raffley seinen Namen nannte, konnte ich den Eindruck wohl
bemerken, den dieser auf alle Anwesenden machte. Er trat auf, als ob er der Chef
dieser Filiale sei, und es erfllte sich, was er gestern Abend vorhergesagt
hatte: in zehn Minuten war die Sache abgemacht. Mein Auftraggeber konnte
zufrieden sein!
    Eben wollten wir gehen, da trat eine Dame ein, deren Anblick mich zu einem
Ausrufe freudigster Ueberraschung zwang - - - Mary Waller. Sie war
auerordentlich bleich, sah sehr abgespannt aus und schien sich in einer nicht
gewhnlichen Lage zu befinden, denn ihr Anzug zeigte die Spuren einer
Vernachlssigung, welche ihr sonst nicht eigen war, jetzt aber von ihr gar nicht
beachtet wurde. Sie war so mit sich selbst beschftigt, da sie meinen Ausruf
gar nicht auf sich bezog, mich berhaupt nicht sah, sondern mit schnellen
Schritten auf den Disponenten zuging und ihm die kurze, hastige Frage vorlegte:
    Kennen Sie mich noch?
    Er sah sie an. Ihr zwar seidener, aber sehr zerknitterter und mit einigen
Rissen versehener Mantel wollte ihm nicht gefallen; aber Mary war eine
Persnlichkeit, welche man nicht leicht vergessen konnte. Er besann sich und
antwortete hflich:
    Ja, ich kenne Sie. Sie sind Amerikanerin und haben vor einiger Zeit
zweitausend Gulden bei uns entnommen. Ich glaube, Ihr Herr Vater war dabei.
    Richtig! Heute brauche ich etwas ber fnfzigtausend.
    Gern. Darf ich bitten!
    Selbstverstndlich erwartete er, da sie ihm irgend ein Kreditpapier
vorlegen werde, und hielt ihr die Hand entgegen. Sie aber stie, halb verlegen
und halb zornig ber ihre gegenwrtige Situation, die Worte hervor:
    Ich bitte, mir diese Summe auf mein Wort und meine Ehrlichkeit zu geben.
Ich habe keine Anweisung!
    Tut mir leid; ist prinzipiell unmglich!
    Mein Himmel! Ich mu und mu es haben! Mein Vater befindet sich in der
Gefangenschaft der Malaien von Atjeh, drben auf Sumatra. Sie haben uns
berfallen und Alles abgenommen, auch die Kreditpapiere. Sie verlangen
fnfzigtausend Gulden Lsegeld und haben mich in dieser Nacht in einer Praue33
herbergebracht, um diese Summe zu holen. Die Papiere aber verweigerten sie
mir!
    Sie hatte diese Worte stoweise, in wachsender Angst hervorgebracht. Der
Disponent schttelte den Kopf und erwiderte, zwar teilnehmend aber mit
geschftlicher Bestimmtheit.
    Ohne Unterlage wird Ihr Wunsch bei jeder Bank vergeblich sein. Das Unglck,
welches Sie betroffen - - -
    Er wurde unterbrochen, denn Raffley, welcher keine Ahnung davon hatte, da
ich die Bittstellerin kannte, stellte sich mit einigen schnellen Schritten an
ihre Seite und erklrte:
    Ich erffne dieser Dame hiermit bei Ihnen einen Kredit ber sechzigtausend
hollndische Gulden, und bin berzeugt, da ich sie wiederbekomme. Zahlen Sie
sofort aus, was sie verlangt!
    Und sich vor ihr verbeugend, nannte er seinen Namen und fgte in seiner,
sobald er wollte, herzgewinnenden Weise hinzu:
    Mylady, Sie schreiben Ihren Namen auf irgend einen Zettel, den man Ihnen
geben wird, und knnen ihn wiederbekommen, so bald oder so spt es Ihnen
gefllt.
    Sie wendete sich ihm zu und sah ihm stumm in das gtig lchelnde Angesicht.
In ihrem glcklichen Erstaunen fand sie keine Worte. Nun sie der Stelle, an der
ich mich befand, den Rcken nicht mehr zukehrte, sah sie auch mich. Sie erkannte
mich natrlich sofort, doch war die Wirkung eine ganz andere, als ich wohl htte
vermuten drfen. Der pltzliche Uebergang von der schwersten Sorge zu der
Erkenntnis, da sie nun geborgen sei, hob die bermige Anspannung ihrer Nerven
aus; die Krfte verlieen sie. Sie lie einen lauten Schrei erklingen, schlo
die Augen, streckte die Arme aus, um nach einem Halt zu suchen, und wre
hingestrzt, wenn Raffley sie nicht gesttzt htte. Ich sprang hinzu. Sie war
ohnmchtig geworden.
    Da eilte der Disponent hinaus und kam nach noch nicht einer Minute mit
einigen Malajinnen zurck, welche Mary auf eine leichte Bambusbank betteten und
diese mit ihr hinaustrugen.
    Kannte Euch die Dame, Charley? fragte mich Raffley, ohne sich um die
Aufregung zu bekmmern, in welcher sich smtliche Bankbeamten befanden. Fast
schien es so!
    Ja, wir kennen uns, antwortete ich. Kommt her; ich mu Euch das
erklren!
    Ich fhrte ihn in das nebenan liegende Wartezimmer, in welchem sich grad
jetzt Niemand befand, und klrte ihn so auf, wie die uns nur kurz zugemessene
Zeit es mir erlaubte. Ich sagte ihm natrlich auch, da ich Wallers unter einem
andern Namen bekannt geworden sei, und bat ihn, mich ja nicht bei dem richtigen
zu nennen.
    Well! Das verleiht Euch einen Anflug von Romantik, den ich Euch nicht
rauben werde, lchelte er. Ihr seid ja, ein Sihdi welcher Gedichte macht, und
solche Leute soll man - - -
    Halt! unterbrach ich ihn. Grad da ich mich auch mit Gedichten befasse,
drfen Wallers am wenigsten erraten. Ich bitte also, besonders auch hierber zu
schweigen! Den Grund dazu werde ich Euch mitteilen, sobald wir Zeit dazu haben.
Ich glaube, man verlangt jetzt nach uns.
    Ich sah eine der Malajinnen kommen, welche uns mitteilte, da die fremde
Njonja34 wieder zu sich gekommen sei und bitte, mit uns sprechen zu drfen. Sie
fhrte uns nach einer gegen den Hof liegenden Veranda, wo Mary, auf einem bequem
ausgezogenen Sessel ruhend, uns erwartete.
    Ich darf mir wohl erlauben, ber die erste Viertelstunde dieses
Zusammenseins hinwegzugehen. Sie war der Freude des Wiedersehens und unseren
Bemhungen gewidmet, Mary zu beruhigen und sie zu berzeugen, da fr sie und
ihren Vater alles nur denkbar Mgliche geschehen werde. Hierauf hielt sie es fr
Pflicht, zu erzhlen, was mit ihr und ihm geschehen war. Raffley aber bat sie in
seiner mir so wohl bekannten, rcksichtsvollen Weise, sich zu schonen und uns
einstweilen nur zu sagen, wo ihre Wohnung sei. Sie nannte unser eigenes Hotel,
worauf er ihr, als sie sich stark genug dazu erklrte, einen Wagen bringen lie
und sie bat, uns nach meinem Zimmer melden zu lassen, wann sie sich ausgeruht
habe.
    Als sie fortgefahren war, lie er sich die von ihr gewnschte Summe
auszahlen, worauf wir ihr per Rickschahs nachfolgten. Im Hotel angekommen,
teilte ich dem Sejjid mit, da Mi Mary Waller hier sei; er mge sich
unauffllig nach ihrem Zimmer erkundigen.
    Die Mi aus Amerika? fragte er erfreut. Die liebe ich! Ich werde das sehr
schnell erfahren.
    Es dauerte allerdings nicht lange, bis er wiederkam. Sein Bericht lautete:
    Sie ist heut in der Nacht zu Fu und ganz allein vom Hafen hergekommen und
hat sehr lange luten mssen, ehe man ihr geffnet hat. Sie ist sehr schwach und
elend gewesen, hat weder gegessen noch getrunken, sondern sich gleich auf das
Bett geworfen und vor Mdigkeit bis vor einer Stunde geschlafen. Dann ist sie in
die Stadt gegangen und vor einigen Minuten in einem Wagen zurckgekehrt. Sie
wohnt drben im groen Hause und hat nach einem Arzte geschickt. An ihrer
Zimmertr steht die Nummer Zwanzig.
    Gut! Geh hin, und warte, bis der Arzt bei ihr gewesen ist; dann bringst du
ihn zu mir. Aber sie soll nichts davon wissen.
    Ich vermutete, da dieser Arzt einer von den beiden sei, welche ihren Vater
behandelt und nach Atjeh geschickt hatten, und ich hatte Recht, denn als er kam,
war er derselbe, den ich besucht hatte, um mich nach Wallers Krankheit zu
erkundigen. Er war von Mary gerufen worden, um ber den Zustand ihres Vaters,
welcher sich in Atjeh verschlimmert hatte, gefragt zu werden, und wir wollten
mit ihm sprechen, um, ohne die Tochter damit belstigen zu mssen, etwas ber
die gegenwrtige Lage des Vaters zu erfahren.
    Er konnte uns natrlich nur sagen, was er von ihr gehrt hatte, und das war
nichts Zusammenhngendes, nichts Ausfhrliches gewesen. Wallers waren zunchst
nach Uleh-leh und von da hinauf nach Kota Radscha gefahren, wo ihnen der
Gouverneur infolge eines Empfehlungsschreibens eine Wohnung im Kratong, der
frheren Zitadelle der Eingeborenen, gegeben hatte. Da dort aber die
militrische Besatzung der Hollnder liegt, so hatte der Kranke dort die ihm so
notwendige Stille und Ruhe vermit. Aus diesem Grund, und weil Kota Radscha
immer noch zu nahe an der fieberschwangeren Kstenniederung liegt, hatte er sich
durch keine Vorstellung und keine Warnung abhalten lassen, noch hher
hinaufzugehen, und war mit seiner Tochter und einigen Trgern nach den wilden
Hhen des Barissangebirges aufgebrochen. Was nun Alles unterwegs und dann auch
oben unter den fr unbotmig gehaltenen Bergmalajen geschehen war, das hatte
Mary nicht erzhlt, wahrscheinlich um nicht sagen zu mssen, wie falsch ihr
Vater sich zu diesen Leuten verhalten hatte, welche die Weien als die Ruber
ihres Landes und die Unterdrcker ihres Glaubens betrachten und darum eine
unvershnliche Feindschaft gegen sie hegen. Aber Schlimmes, sehr Schlimmes
muten sie erlebt haben, bis es schlielich zu der Katastrophe gekommen war,
deren Folge in der Gefangennahme Wallers und seiner Tochter bestand. Er hatte
gettet werden sollen, doch war es ihr gelungen, durch unausgesetzte Bitten und
Trnen die Bitjara35 zu dem Versprechen zu vermgen, ihn gegen ein Lsegeld von
fnfzigtausend Gulden freizugeben. Sie hatte den Auftrag bekommen, dieses Geld
zu holen, und war zu diesem Zwecke quer durch das ganze Bergland bis hinunter
zur Ostkste geschleppt worden, von wo aus man sie quer ber die Malakkastrae
gebracht hatte, und zwar in einem malajischen Fahrzeuge, dessen Beschaffenheit
und Besatzung ihr geradezu zur Hlle geworden war. Bei der nchtlichen Landung
hatte sie noch einmal versprechen mssen, keinen Namen zu verraten, weil man das
mit dem Tode ihres Vaters rchen werde.
    Er ist aber trotzdem verloren, fgte der Arzt hinzu, denn ich vermute,
da sie ihn trotz des Lsegeldes umbringen werden, wenn sie es nur erst haben.
Diese Malaien sind schon zu gewhnlicher Zeit ganz treu- und gewissenlose
Menschen, und jetzt, wo wir wissen, da sich unter ihnen eine blutige Emprung
gegen alle Europer vorbereitet, werden sie erst recht keinen Pardon erteilen.
Und selbst wenn sie ehrlich handelten, was aber ganz ausgeschlossen ist, so
knnte man das Leben Wallers nicht mehr retten; er wird der Krankheit und den
Anstrengungen und Entbehrungen erliegen, die er so unvorsichtiger Weise auf sich
genommen hat.
    Sie selbst haben ihn aber ja hinbergeschickt! warf ich ihm, der die
Malaien hate, ein.
    Ich habe vom Bergland gesprochen, aber nicht von den einsamen Hhen und
Schluchten des Barissangebirges, wo keiner der feindseligen Malaien ihn
aufnimmt, um ihn gesund zu pflegen! antwortete der Arzt. Er war so schwach,
da er getragen werden mute. Denken Sie sich eine solche Tour durch wildes
Gebirge! Keine Bequemlichkeit, keine Nahrung, keine Ruhe, kein Trost! Wenn er
heute noch lebt, ist es ein Wunder zu nennen! Dieser Herr hat einen
frchterlichen Eigenwillen und scheint von der Gefhrlichkeit der Dysenterie
nicht eine Spur von Ahnung zu besitzen!
    Er ging. Kurze Zeit spter lie Mary fragen, ob sie zu mir kommen knne, und
folgte dem Boten auf dem Fue. Raffley ergriff ihre Hand, fhrte sie zu einem
Sitze und nahm ihr, ehe sie zu sprechen begann, das Wort aus dem Munde:
    Mylady, schonen Sie sich! Wir brauchen nur sehr wenig zu wissen, und ich
bitte um die Erlaubnis, Sie fragen zu drfen. Es wurde ihnen von den Malaien
eine Zeit gesetzt?
    Ja, antwortete sie. Ich habe sptestens mit der Coen, Kommandant Wilkens,
mglichst aber noch eher nach Uleh-leh zurckzukehren.
    Well! Sie werden eher zurckkehren! Wohin sollen Sie das Geld bringen?
    Man sagte mir, da man mich beobachten werde, sobald ich im Hafen
angekommen sei. Es werde ein Eingeborener zu mir treten, um mir die Hlfte einer
zackig zerschnittenen Betel-Nu zu geben, deren andere Hlfte ich bekommen und
hier in meiner Tasche habe. Wenn ich sehe, da die beiden Hlften genau
zusammenpassen, sollte ich ihm das Geld geben und dabei sagen, wohin man meinen
Vater bringen solle. Aber ich mge ja ehrlich sein und keine Hinterlist planen,
weil der Huptling, dem mein Vater bergeben worden sei, sein Wort auch halten
werde.
    Das gengt fr jetzt, Mylady. Mehr brauchen wir nicht zu wissen. Ich habe
nmlich eine allerliebste, kleine, hbsche Jacht, und auf ihr eine ebenso
allerliebste Wohnung fr eine Dame. Ich dampfe von jetzt an in vier Stunden nach
Uleh-leh. Unser Freund hier geht auch mit, und zwar mit Sejjid Omar, seinem
Diener.
    Wie herrlich! rief sie aus, fr den Augenblick trotz ihrer Lage ganz
entzckt.
    In diesen zwei Worten liegt ihre Zustimmung, da Sie sich uns anschlieen
wollen, lchelte er befriedigt. Diese vier Stunden bieten Ihnen hoffentlich
hinreichend Zeit zur Ergnzung Ihrer Toilette. Ich eile, meinen Befehl zur Jacht
zu senden und einen Verwandten zu holen, den ich Ihnen vorstellen mu, weil er
auch mitfhrt.
    Er entfernte sich. Sie sah mich verlegen fragend an. Ich erriet, was sie
wollte. Sie war vollstndig mittellos, und er hatte von der allerdings sehr
gebotenen Ergnzung ihrer Toilette gesprochen.
    Haben Sie keine Sorge, Mi Mary! bat ich sie. Dieser Gentleman wei
immer, was er sagt. Und das, was er tut, stimmt stets und ganz genau mit dem
zusammen, was er sagt. Das Lsegeld hat er bereit, und was sonst noch ntig ist,
wird Ihnen werden, ehe Sie es brauchen.
    Welch ein Mann! Als er in der Bank so pltzlich entscheidend zu mir trat,
war es mir, als habe Gott ihn mir gesandt!
    Nur durch solche Menschen wirken Engel, weil sie auf Bse niemals wirken
knnen.
    Hierauf benutzte ich dieses kurze Alleinsein mit ihr, ber Raffley
einstweilen so viel mitzuteilen, wie fr sie und die ersten Tage ntig war. Er
kam sehr bald zurck und brachte den Governor mit, welcher gegen sie die ganze
Liebenswrdigkeit entfaltete, die einem gewesenen Governor von Ceylon nur
mglich ist. Wie ich spter erfuhr, hatte Raffley trotz seiner kurzen
Abwesenheit doch Zeit gefunden, eine Summe in Papiergeld in ein Kouvert
einzuschlieen und auf den Tisch ihres Zimmers legen zu lassen. Sie ahnte das
nicht, und als sie sich erhob, um fortzugehen, tat sie das vielleicht mit
schwerem Herzen, weil er kein Wort von dem gesagt hatte, worber man gegen Damen
keine Worte macht, obgleich es doch so wichtig und so ntig ist.
    Kaum hatte sie sich entfernt, Raffley und der Governor waren noch bei mir,
so kam Omar, um den Chinesen Tsi anzumelden. Er war heut nun frei, und da ich
ihn noch nicht aufgesucht hatte, so war er so klug gewesen, sich auf den Weg zu
mir zu machen. Zuflligerweise hatte ich den beiden Englndern gestern Abend bei
Tische von ihm und seinem Vater erzhlt. Sie kannten mein Zusammentreffen mit
ihm und seinem Vater in Kairo, und so wurde er, als er kam, wenigstens von
Raffley als halber Bekannter behandelt. Der dear uncle aber verhielt sich
reserviert. Chinesen waren eben in seinen Augen kein gleichwertiges
Menschenmaterial.
    Ich lie den jungen Mann nicht lange im Unklaren ber Wallers, sondern
teilte ihm die Verhltnisse, so weit wir sie kannten, aufrichtig mit. Er
erschrak.
    Dysenterie! rief er aus. Schon so lange Zeit! Vielleicht gar schon in
Indien! Und da oben auf Sumatra keine Kost, die ihn strkt, statt dessen aber
leibliche und seelische Anstrengung im hchsten Grade! Meine Herren, ich mu
mit!
    Mu! Mu? fragte der Governor tadelnd.
    Ja! Dieses Wort mag nicht wie eine Bitte, nicht hflich klingen; aber ich
bin erregt. Wenn Sie Waller retten wollen, so mssen Sie mich mitnehmen! Nur ich
allein kann ihn retten!
    Sie allein? Wieso?
    Weil nur ich allein ein sicheres, untrgliches Mittel gegen den Wrgengel
Dysenterie kenne. Wissen Sie, was Ko-su ist?
    Nein, antwortete der Governor.
    Oder Sie, Mylord?
    Er richtete die Frage an Raffley.
    Nein, antwortete dieser.
    Oder Sie? fragte er mich.
    Ko-su ist Brucea sumatrana, allerdings das Spezifikum gegen Dysenterie,
sagte ich.
    Aber wissen Sie, wie dieses Mittel in so schweren Fllen zu geben ist?
    Nein.
    Kennen Sie die Pflanze berhaupt? Haben Sie sie gesehen?
    Nein.
    Sie wchst da drben in Atjeh, stellenweise sogar massenhaft; aber Sie
werden Sie niedertreten, ohne zu ahnen, da Sie das Leben Ihres Freundes mit ihr
retten knnten! Ich bitte also, mich mitzunehmen! Tun Sie es nicht, so werde ich
mir einen Extradampfer mieten, denn auch ein Chinese kann opferbereit sein. Aber
Ihre Jacht ist schneller als jedes Schiff, welches ich bekommen knnte, und wenn
Sie mich nur an Bord zu sich lassen, so will ich mit dem uersten Winkel
frlieb nehmen, und Sie werden mich nicht eher wieder zu sehen bekommen, als bis
in Uleh-leh an das Land gegangen wird. Wo es sich um ein Menschenleben handelt,
sollte man doch nicht an Rassenfragen denken!
    Er stand hoch aufgerichtet vor dem Governor, der ihn beleidigt hatte. Seine
Augen funkelten.
    Na, so nimm ihn mit! sagte dieser in einem Tone zu Raffley, als ob es ihm
schwer werde, diese Einwilligung zu erteilen.
    Aber ganz selbstverstndlich! rief dieser aus. Sie sind mir sehr
willkommen, Mr. Tsi. In drei Stunden dampfen wir ab. Ist das Zeit genug fr Ihre
Vorbereitungen?
    Wenn es einen Freund zu retten gilt, habe ich keine Vorbereitungen zu
treffen. Ich wrde mitfahren jetzt, gleich, so wie ich hierstehe! Ich danke
Ihnen, Mylord!
    Er machte ihm eine tiefe Verbeugung. Mir reichte er die Hand. Dann drehte er
sich nach dem Governor um. Er lie den Oberkrper langsam, steif und frmlich
niedersinken, aber nur bis zu einem halben rechten Winkel; das tat er dreimal,
ohne ein Wort zu sagen; dann entfernte er sich.
    Fataler, gelber Kerl! meinte der Uncle. Gebrdet sich wie eine
Frstlichkeit!
    Die war er vielleicht auch, wenigstens sein Vater; nur durfte ich es nicht
sagen! Da lie Raffley seinen Klemmer auf der Schrfe der Nase herunterreiten,
stie ein kurzes, heiteres Lachen aus und fragte ihn:
    Wollen wir wetten?
    Worber? Etwa ber diesen Chinamann?
    Yes. Ich behaupte, da Ihr dicke Freunde werdet!
    Nie!
    Well! So wetten wir?
    Einverstanden!
    Um wieviel Pfund?
    Zwanzig. Aber eine Zeit setzen!
    Schn! Ehe er endgltig unsere Jacht verlt.
    Das soll ein Wort sein! Ich werde unbedingt gewinnen!
    Gut, so setze ich noch zwanzig Pfund, da du nicht gewinnen wirst!
    Nein! Doppelwetten sind verboten. Du wrst sonst im Stande, deine Einstze
in die Unendlichkeit hinein zu machen. Zwanzig Pfund und damit basta!
    Man kann sich denken, da ich hchst neugierig auf die Jacht war. Ist es fr
den Kenner schon eine Freude, ein solches Fahrzeug zu sehen, wie gro mu diese
Freude erst dann sein, wenn er mit ihm fahren kann, weil es das Eigentum eines
Freundes ist! Schon Swallow, die frhere Jacht Raffleys, war ein Muster von
Eleganz gewesen, und so war es erklrlich, da ich mir nun von der Yin
bedeutende Vorstellungen in Beziehung auf ihre Ausstattung machte; aber Alles,
was ich gedacht hatte, wurde von der Wirklichkeit weit, weit bertroffen.
    Als wir an Bord kamen, stand die Mannschaft unter Tom, dem Kapitn, in
Reih und Glied und hie uns mit einem dreimaligen Hip, hip, hurra! willkommen.
Raffley wies mir meinen Raum selbst an. Dieser lag hinten am Stern, war hoch,
gerumig, luftig und mit allem Komfort der Neuzeit versehen. Elektrisches Licht
verstand sich ganz von selbst; die Maschine lieferte es.
    Dann zeigte er mir seine eigene Wohnung, welche mittschiffs unter der
Kommandobrcke lag. Sie war einfacher ausgestattet. Man sah ihr an, da ihr
Bewohner das Raffinement nicht liebe und diesen Raum nur der Arbeit und der zu
ihr erforderlichen Ruhe gewidmet habe. Es gab keine teuern Mbel hier, aber eine
kostbare Bibliothek fllte die Wnde aus; ein schwer beladener Stnder hatte die
besten Karten aller Lnder und aller Meere zu tragen, und auf einer Tafel lagen
und standen alle erforderlichen nautischen Instrumente wohl geordnet. Der
einzige Schmuck, den es hier gab, war ein Gemlde, aber ein wunderbar schnes,
ein Meisterwerk allerersten Ranges, schn in Betreff des Sujets, meisterhaft in
Beziehung auf die Ausfhrung.
    Es war ein Brustbild jener Yin, deren Marmorkopf den Bug des Schiffes
zierte. Was der Marmor dort plastisch ahnen lie, das wurde hier in diesem
Farbengedicht entzckend ausgesprochen. Man redet so entschieden von morgen- und
abendlndischen, von italienischen, englischen, franzsischen, spanischen,
polnischen, deutschen, nordischen, amerikanischen Schnheiten, von Schnheiten
aller Lnder. Dieses junge Weib hier war unbedingt eine Schnheit und ebenso
unbedingt eine Chinesin. Wie kam es doch aber, da es mir unmglich war, zu
behaupten, da sie eine chinesische Schnheit sei? Lag der Grund in den Zgen
des Originales selbst, oder lag er in der Art und Weise, wie der Knstler diese
Zge aufgefat und wiedergegeben hatte? War dieser Knstler ein Chinese oder ein
Europer? Beides nicht, und Beides doch! Ein Talent auf jeden Fall, vielleicht
noch mehr! Der Rahmen war einfach, aus schmucklosem Holze, und verschwand fast
ganz unter der Menge natrlicher, lebender Rosen, Blumen und Blten, welche ihn
bedeckten. Ich sah spter den Schiffsraum, in welchem diese Kinder Floras
gezogen wurden, um jahraus, jahrein als Schmuck fr Yin zu dienen.
    Das Bild fesselte mich in ganz ungewhnlicher Weise. Ich stand lange vor
ihm, in Anschauen versunken, und sagte nichts. Ich hatte das Gefhl, da man
Worte hier zu vermeiden habe. Als ich mich endlich abwendete, fiel mein Blick
auf Raffleys Augen, welche mit einem unbeschreiblich glcklichen Ausdrucke auf
das Portrt gerichtet waren. Nun sah er mich an - - und ich ihn. Beide schwiegen
wir; dann nickte er mir zu; er hatte mich verstanden.
    Als wir wieder auf das Deck traten, legte eben das Boot an, welches Mary
Waller geholt hatte. Raffley empfing sie in seiner wohltuenden, dankerweckenden
Weise und geleitete sie nach dem fr sie bestimmten Logis, welches die ganze
Breite des erhhten Vorderplatzes einnahm. Sie hatte ihre Toilette
vervollstndigt; eine englisch sprechende Chinesin, welche fr diesen Zweck
vorhanden zu sein schien, sonst aber in der Kche beschftigt war, wurde ihr als
Dienerin beigegeben.
    Der Governor hatte es sich auf einem Liegestuhl bequem gemacht. Er rauchte
eine kurze Pfeife von der Art, welche in englischen Traveller-Kreisen jetzt so
beliebt ist, und schien dieser Beschftigung seine ganze Aufmerksamkeit zu
widmen.
    Tsi war schon vor uns an Bord gekommen. Ich kam an der Kabine, welche ihm
von Tom angewiesen worden war, vorber und sah ihn hinter dem
halbzurckgeschlagenen Vorhang sitzen. Da trat er heraus und fragte mich, wann
der Anker gelichtet werde. Soeben zog die Maschine die Kette an; ich brauchte
also nicht zu antworten, hielt es aber fr geboten, ihm aus einem anderen Grunde
eine Bemerkung zu machen.
    Sie meiden das Deck, wie es scheint, sagte ich. Sie haben keine
Veranlassung, auf freie Bewegung zu verzichten.
    Ich will den Governor nicht stren, antwortete er.
    Bitte! Dem fllt es gar nicht ein, sich von irgend einem Menschen stren zu
lassen! Seien Sie aufrichtig: er strt Sie! Und das lassen Sie sich einfach
nicht gefallen! Habe ich Recht?
    Es kmpfte sich ein halb verlegenes Lcheln auf seine Lippen, und ehrlich,
wie er immer war, gab er zu:
    Ja; es ist richtig, was Sie sagen. Ich habe ihm sein Verhalten
belgenommen, und also nicht so edel gedacht, wie unsere Religion es von uns
fordert. Verzeihen Sie! Wie kann ich es dem Einzelnen entgelten lassen, da er
nicht anders denkt, als seine Allgemeinheit denkt! Ich werde ihm Abbitte
leisten.
    Abbitte? Das halte ich denn doch nicht - - -
    Natrlich nicht so, wie Sie es auffassen wollen, unterbrach er mich. Der
Wunsch nach Verzeihung braucht nicht grad ber die Lippen zu gehen, um sich
verstndlich zu machen. Darf ich fragen, als wen und was mich die beiden
Gentlemen kennen? Selbstverstndlich sind Sie nach mir gefragt worden.
    Sie sind Dr. med. Tsi, der in Deutschland und Frankreich studiert hat. Ihr
Vater hat Sie dort abgeholt und ist Ihnen, weil Ihr Beruf Sie veranlate, hier
zu bleiben, nach China vorausgereist. Ich habe Sie und ihn in Kairo kennen
gelernt. Hoffentlich stimmen Sie dieser Auskunft, welche ich gegeben habe, bei?
    Es ist die mir liebste, welche Sie geben konnten. Ein junger Arzt ist ein
Mann, mit dem man sich nur dann abgibt, wenn man ihn braucht; ich werde hier
also zurckgezogen leben knnen, und das ist mir lieb. Ich sah Mary Waller an
Bord kommen. Wei sie, da ich auch mit hier bin?
    Nein.
    Sie - - Sie - - - Sie haben ihr nichts, gar nichts davon gesagt? stotterte
er beinahe.
    Kein Wort.
    Aber, ich bitte Sie! Was soll sie denken, wenn sie sieht, da ich - - da -
- - da - - -
    Er sprach den angefangenen Satz nicht aus. Das Lcheln, welches ich nicht
ganz unterdrcken konnte, machte ihn irr. Er errtete sogar.
    Ja, was soll sie denken? fragte ich. Da sie Ihnen Dank schuldet, weiter
nichts! Sie haben sich keinen Augenblick besonnen, sondern alle Ihre
Verpflichtungen liegen lassen, um mit uns zu gehen und Ihren Vater zu retten.
Meinen Sie etwa, da sie darber zrnen soll?
    Nein, das nicht; aber ich htte sie fragen sollen, ob sie es mir erlaubt.
    Jede gute Tat ist erlaubt; ja, man soll sie sogar ohne Erlaubnis tun! Aber
es gab ja auch gar keine Zeit zur Frage. Als Sie zu mir in das Hotel kamen, war
Mi Mary soeben von uns gegangen, und wir haben sie nicht eher wiedergesehen,
als bis sie vorhin an Bord kam. Es war also unmglich, ihr zu sagen, da sie
auer mir noch einen zweiten Gefhrten aus Kairo hier treffen werde. Wnschen
Sie, da ich sie auf diese Ueberraschung vorbereite?
    Ich bitte sogar darum! Es wrde mir auerordentlich peinlich sein, sie in
einer fr mich nicht erfreulichen Weise berrascht zu sehen. Auch hege ich
meines Namens und Standes wegen gewisse Bedenken. Sie wei da nicht, woran sie
mit mir ist.
    Nicht? Nun, das soll sie sofort erfahren!
    Mary war soeben aus ihrem Raume getreten, um einen Scheideblick auf Penang
zu werfen, denn die Yin begann, sich zu bewegen. Ich wendete mich von dem
Chinesen ab, um zu ihr zu gehen, und hatte meine Worte selbstverstndlich nur im
Scherze gemeint; da ergriff er meinen Arm und sagte ngstlich:
    Was wollen Sie? Wie wollen Sie zu ihr, zu - - zu - - - -
    Ich werde ihr Alles sagen, Alles! fiel ich ihm in die Rede und machte
meinen Arm frei.
    Aber ich bitte Sie um - - -!
    Mehr hrte ich nicht, weil ich mich schnell von ihm entfernte. Mary kam mir
auf halbem Wege entgegen. Sie wollte irgend eine Bemerkung, eine Frage
aussprechen; ich lie ihr aber keine Zeit dazu, sondern erkundigte mich bei ihr:
    Haben Sie vielleicht grad jetzt grausam viel zu tun, Mi Waller?
    Nichts, gar nichts, lchelte sie.
    Ich mchte Ihnen einen Herrn vorstellen.
    Welchen, wo?
    Bitte, kommen Sie!
    Ich fhrte sie nach Tsis Kabine, in welche er wieder geschlpft war. Er sah
uns kommen und war also gezwungen, wieder herauszutreten. Welch eine
Ueberraschung fr die Amerikanerin!
    Das ist Herr Doktor Tsi, welcher Medizin studiert hat und ein untrgliches
Mittel gegen Dysenterie kennt, sagte ich ernst und feierlich, als ob ich
berzeugt wre, da sie einander noch nie gesehen htten. Dieser junge Arzt,
fuhr ich fort, ist auch den beiden Englishmen, deren Gste wir sind, als Doktor
Tsi bekannt. Mehr ist wohl auch nicht ntig.
    Hierauf verbeugte ich mich und ging fort. Ich war mir bewut, Tsi in eine
unendliche Verlegenheit gebracht zu haben, doch aber so vollstndig gefhl- und
gewissenlos, mir nichts daraus zu machen. Die letztere Bemerkung hatte ich nicht
unterlassen wollen, weil Mary Waller doch wissen mute, als was unser
chinesischer Freund hier auf dem Schiffe zu gelten hatte. Nun wendete ich meine
ganze Aufmerksamkeit dem letzteren zu.
    Raffley kommandierte selbst. Er war der Mann welcher bei der Ankunft der
Yin den groen Strohhut auf dem Kopfe gehabt hatte; er trug ihn jetzt wieder,
um seine Augen gegen die Strahlen der schon schief-stehenden Sonne zu schtzen.
Es war eine wahre Pracht, wie willig das schne Fahrzeug jeder Silbe gehorchte,
welche er in das Sprachrohr hauchte. Die See war heute ziemlich unruhig, aber
diese Yin machte sich nichts daraus; sie nahm die Wogen mit solcher
Leichtigkeit, da von einer Erschtterung ihres Krpers fast nichts zu spren
war.
    Man pflegt, wenn man von Penang nach Uleh-leh geht, nach Durchquerung der
Malakkastrae in Edi, Lo-Semaweh und Segli anzulegen. Das sind Militrstationen,
welche an der fieberhauchenden Kste angelegt sind, um bei den Kmpfen gegen den
Herrscher von Atjeh den kriegerischen Vorsten in das Innere als Sttzpunkte zu
dienen. Infolge dieses dreimaligen Anlegens sind zwei Tage notwendig, um von
Penang nach Uleh-leh zu kommen. Unsere kleine Yin aber konnte die direkte
Linie nehmen, und da sie pro Stunde zehn Knoten mehr als die Coen meines
Freundes machte, so brauchten wir nicht einmal einen vollen Tag, um
hinberzukommen.
    Das Wetter war geradezu herrlich; die Luft stand fest; die See ging in
langgestreckten Wogen, von denen die eine genau der andern glich. Unsere Yin
lag ein wenig auf die Seite geneigt und ging so leicht, so frei, so scharf wie
der zur Wirklichkeit gewordene Wunsch ihres Besitzers ber die Strae.
    In jenen Gegenden, so nahe dem Aequator, wird es regelmig kurz nach sechs
Uhr Nacht. Als sich nach zweistndiger Fahrt die Sonne zum Untergange neigte,
stieg Mary Waller die Stufen empor, welche auf die Decke ihres Salons fhrten.
Ich befand mich in ihrer Nhe, und sie winkte mir, ihr zu folgen. Da oben, beim
Marmorkopfe Yins sitzend, konnte man den Uebergang des Tages in die Nacht am
besten beobachten.
    Wir sprachen zunchst ber ihre Freude, Tsi so ungeahnt hier wiederzusehen.
Sie war gerhrt von seiner, kein Opfer scheuenden Bereitwilligkeit, sofort mit
nach Uleh-leh zu gehen, vermied es aber, viele Worte darber zu machen. Dann
beschrieb sie mir ihre jetzige Wohnung. Sie tat dies mit wahrem Entzcken und
erklrte mir, so Etwas noch nie gesehen zu haben. Die Einrichtung sei echt
chinesisch, reich aber schn, voller kstlicher Gedanken, ein Gedicht, unbedingt
von einem chinesischen Weibe gedichtet, so klar im Ausdrucke und im Reime so
rein, keine Silbe zu viel und aber auch keine zu wenig, jede Falte ein
wohlklingendes Wort, jeder Sessel ein traulicher Vers, jeder einzelne Gegenstand
ein Zeichen hchsten Geschmacks und in seinem Verhltnisse zum Ganzen ein Beweis
zwar angeborener, aber durch die Ausbildung auch vollendeter Knstlerschaft.
    Ich mchte die Frau kennen, welche diese wunderbare Wohnung, die ihres
Gleichen nicht findet, gedichtet hat! wnschte Mary am Schlusse ihrer
Beschreibung. Sie mu ein schnes, wonniges, harmonisch empfindendes und aber
doch scharf und ernst denkendes Wesen sein!
    Tapezierer! warf ich hin. Diese Arbeiten machen in China die Mnner,
welche sogar waschen und pltten.
    Tapezierer? wiederholte sie mein Wort. Ich begreife allerdings, da Sie
das sagen knnen; aber kommen Sie, und sehen Sie; dann werden Sie anders
sprechen. Ich halte es zwar nicht fr unmglich, da es ein Tapezierer so weit
bringt, in Mbelstoff, in Sammet oder Seide dichten zu knnen; hier dieses
Gedicht aber ist so deutlich fhlbar das Werk einer echten, reinen, edlen
Weiblichkeit, da es fast wehe tut, nur daran zu denken, ob von einem Verfasser
anstatt einer Verfasserin, also von einem mnnlichen Wesen die Rede sein knne.
    Jetzt berhrte die Sonne das Meer, und da flutete in einem einzigen
Augenblicke eine solche Flle goldenen Lichtes auf den Wassern zu uns her, als
ob der Ball dort im Westen sich aus Liebe aufzulsen beginne.
    Erinnern Sie sich noch des Sonnenunterganges auf dem Dschebel Mokattam
damals? fragte Mary.
    Den Sie gar nicht gesehen haben, antwortete ich. Sie ritten zu zeitig
fort. Das war die Folge des bsen Wstenwindes.
    O nein, sondern die Folge von etwas ganz Anderem. Ich fhlte ihn ja nicht.
    Sie blickte in die golddiamantene Glut, welche den ganzen Westen bis zu uns
her berflammte. Dann sah sie mir mit ihren lieben, ehrlichen Augen so offen und
herzlich in das Gesicht und fgte hinzu:
    Wollen Sie mir jetzt eine Bitte erfllen?
    So gern!
    Aber gleich? Ganz gewi? Ohne sich zu weigern? Ohne zu fragen und zu
zgern?
    Ja.
    Nehmen Sie sich eine Zigarre aus dem Etui, welches ich da in Ihrer Tasche
sehe. Bitte, brennen Sie an!
    Es war ihr ein Herzensbedrfnis, in Erinnerung an das damalige Verhalten
ihres Vaters diese Bitte auszusprechen. Dennoch entgegnete ich:
    Da steht die See in Sonnenglut. Denken wir nicht an das Glhen eines
Tabakblattes!
    Und doch; grad jetzt! Ich bitte Sie; Sie haben es mir versprochen. Es liegt
in meinem Wunsche kein Gegensatz zu dieser Schnheitsflle, die wir sehen!
    Ja, wahrlich nicht; sie hatte Recht! Wie leicht und doch wie schwer ist ein
Frauenherz zu verstehen! Was uns Mnnern als Widerspruch erscheint, kann
schnste Harmonie bedeuten, und was wir fr oberflchlich halten, stammt
vielleicht aus der tiefsten, verborgensten Seelenfalte. Das Weib wei es selbst
wohl nicht, wie also kann der Mann es wissen!
    Jetzt brennt es, lchelte sie so liebenswrdig zufrieden, als ich ihrem
Wunsche nachgekommen war. Nun erzhlen Sie mir, wie Sie mit ihrem braven Sejjid
Omar nach hier gekommen sind! Ich schau dabei gegen West, wo Aegypten liegt, und
whrend Sie erzhlen, geht hier die Sonne vollends unter, und dort steigt vor
meinem geistigen Auge der Mond hinter den Pyramiden auf und zeigt mir fnf
Menschen, welche am Wstenrande rund um den Tisch sitzen, um von dem zu
sprechen, welcher Sonne und Mond ber Meer und Wste fhrt.
    Ich tat es. Sie sah mich nicht an, aber ihre Seele folgte meinen Worten. Ich
legte ihr die ganze, weite Route vor, welche ich mit Omar verfolgt hatte und von
der ich fr die vorliegenden Bltter bisher nur Aegypten und Ceylon
herausgegriffen habe, weil die anderen von uns berhrten Punkte zu den Personen
und Ereignissen dieser Erzhlung in keiner Beziehung stehen. Ceylon aber
erwhnte ich des Professors Garden und meines Gedichtes wegen nicht. Es war mir,
als ob das auch weiter ein Geheimnis bleiben msse.
    Grad als ich fertig war, wurde mit dem Gong das Zeichen zum Abendessen
gegeben, welches auf dem freien, luftigen, elektrisch erleuchteten Deck
eingenommen werden sollte. Mary sa als einzige Dame natrlich obenan. Tsi
zgerte, zu kommen. Ich wollte wieder aufstehen, um ihn zu holen; da fragte mich
der Governor, warum ich meinen Platz verlasse. Ich teilte es ihm mit.
    Ist ihm gesagt worden, da er bei uns speist? erkundigte er sich bei
Raffley.
    Nein, antwortete dieser. Selbstverstndliches sagt man nicht.
    So bin ich schuld, da er es nicht fr selbstverstndlich hlt. Habe ihn
also zu holen, kein Anderer!
    Er ging. Raffley warf mir einen bedeutungsvollen Blick zu; er dachte an
seine Wette mit dem dear uncle, dessen fr Andere verborgene Eigenschaften er
gar wohl kannte. Der Letztere kehrte in etwas feierlicher Haltung mit dem
Chinesen zurck, den er sogar bis zu seinem Stuhle fhrte. Der wahre Adel
bricht, wenn es geboten ist, durch jede, auch die rauhste Schale!
    Ueber das Menu sage ich nichts. Was reiche Leute in jenen Gegenden speisen,
das ist ja allgemein bekannt. Hoch ber allen diesen Delikatessen stand mir der
Ton, in welchem das sehr belebte Gesprch die verschiedenen Gnge begleitete.
Besonders hatte ich mich, wenn auch nur im Stillen, ber Tsi zu freuen. Er a
nur wenig, aber mit Geschmack, und er sprach auch nicht viel, aber was er sagte,
das hatte Hand und Fu. Ueber China wurde geschwiegen; es lag da ein stilles
Uebereinkommen vor. Darum mochte der Governor erwartet haben, da Tsi die fr
unsere Unterhaltung ntigen geistigen Fonds nicht besitzen werde. Aber da kam,
so was man im Volkston einen Schlager nennt, bei nchster Gelegenheit noch
einer und hierauf wieder einer! Der uncle begann, zu staunen, sagte aber
nichts. Er hatte gar keine Ahnung gehabt, da das materielle Wissen dieses
jungen Mannes weit, weit ber das seinige ging und da es dann nur des Geistes
bedarf, um das zu sein, was selbstbewute Menschen bei Andern als nicht
unbedeutend zu bezeichnen pflegen. Und diesen Geist besa der Chinese; das
bemerkte der Governor immer deutlicher. Sein Benehmen gegen den jungen Mann
wurde, ohne da er es beabsichtigte, immer achtungsvoller. Ich sah, wie Mary
sich darber freute. Sie bemhte sich nach kluger Frauenart, Tsi durch Fragen
und Gesprchswendungen Gelegenheit zu geben, zu zeigen, da er den Andern
geistig gewachsen sei, und er benutzte das in so bescheidener und diskreter
Weise, da ich wnschte, sein Vater knne bei uns sitzen, um sich ber diese
schnen Resultate seiner Erziehung mit mir zu freuen.
    Nach Tische steckte sich der Governor sofort wieder seine Pfeife an und
spazierte auf dem Decke auf und ab. Als ich mich ihm da fr einige Minuten
zugesellte, fragte er mich:
    Ist dieser Tsi wirklich nichts als Arzt?
    Ich wei nichts Anderes, antwortete ich ausweichend.
    Schreckliche Menschen, diese Mongolen! Falsch, hinterlistig, treulos, alles
Edlen bar und dabei rckstndig im hchsten Grade. Kann also gar nicht glauben,
da er einer ist! Habe ihn daraufhin angesehen. Augen nur ganz wenig schief;
Backenknochen nur ganz wenig markiert; dazu dieses reiche Wissen und diese
Gewandtheit, gradaus zu sagen, was er sagen will, weil Andere es nicht wissen!
Bin darum an dieser Rasse ganz irre geworden. Mu mich genau erkundigen, ob er
zu ihr gehrt. Mu unbedingt einige Tropfen kaukasisches Blut in den Adern
haben! Man hrt diese Tropfen ja ganz deutlich heraus! Und - - ach, wollte unter
vier Augen fragen: haben Sie das Gespenst gesehen?
    Welches Gespenst? antwortete ich, obwohl ich wute, was er meinte.
    Das Bild - - - in der Kajte.
    Ja.
    Wie ist's?
    Zum Entzcken schn. Sie haben es doch jedenfalls wie oft gesehen!
    Noch nicht! Komm nie hinein, weil ich wei, da es drinnen hngt. Mag es
nicht sehen, nie - - nie - - nie! Das heit, offiziell! Hm! Wollte zwar schon
einmal - - -! Werde vielleicht auch - - -! Raffley aber drfte es nicht wissen -
- - drfte es nicht einmal ahnen! Hm! Ich wei, Sie knnen schweigen. Sagen Sie
nichts! Kein Wort! Aber auch nicht, da dieser Mongole mir gefllt! Raffley
wrde sonst gleich denken, da er die Wette gewinnen werde! Fllt mir aber gar
nicht ein! Nicht einmal im Schlafe! Bin Englishman, Sir. Wette nur dann, wenn
ich ganz sicher wei, da ich gewinne. Mu Euch also bitten, ja nicht daran zu
zweifeln!
    Hiermit wendete er sich von mir ab und ging nach seinem Stuhle. Die
Verschiedenheit der Anredeworte bei ihm ebenso wie bei Raffley erklrt sich aus
dem Umstande, da sie sich bald der englischen und bald der deutschen Sprache
bedienten. Im Deutschen wurde Sie im Englischen aber you, also Ihr gesagt.
Es kam im lebhaften Gesprche sogar nicht selten vor, da ein Satz in der einen
Sprache angefangen und in der anderen zu Ende gesprochen wurde. Man war das so
gewhnt, da man nicht einmal mehr darber lchelte.
    Vielleicht hatte Raffley darauf gerechnet, da sich irgend Etwas ereignen
werde, was geeignet sei, das Urteil seines Onkels ber den Chinesen umzustimmen;
aber nach dem, was ich jetzt gehrt hatte, schien ein solches Ereignis gar nicht
ntig zu sein. Wir befanden uns ja erst einige Stunden in See, und doch sprach
der Governor schon jetzt in einer Weise von ihm, welche er selbst gewi fr
unmglich gehalten hatte.
    Raffley sa mit Tsi beisammen. Sie waren in ein Gesprch vertieft, welches
ich schon aus Hflichkeit und sodann auch aus dem Grunde nicht stren wollte,
weil ich wnschte, da der Englishman den Chinesen nicht nur achten, denn das
tat er schon, sondern auch lieb gewinnen lerne. Mary war wieder auf das Deck
ihres Salons gestiegen. Sie konnte so hoch und so ganz vorn sitzen, weil sie
nicht zur Seekrankheit geneigt war. Ich wollte sie fragen, ob ich mich zu ihr
gesellen drfe, doch forderte sie mich selbst dazu auf, als sie mich kommen sah.
    Ich mchte Ihnen Etwas erzhlen, sagte sie; Etwas, was ich den Anderen
nicht mitteilen will, weil sie meinen Vater vielleicht falsch beurteilen
wrden.
    Wohl den Grund, warum man ihn gefangen nahm? fragte ich, um ihr die
Ausfhrung ihrer Absicht zu erleichtern.
    Ja. Er war so gut, so lieb, so mild geworden, fast ganz so, wie Mutter ihn
gern hatte. Da kam die Krankheit, welche ihn mrrisch machte, ihm die
Lebensfreude raubte und seine Empfindlichkeit verdoppelte. Je schwcher er
krperlich wurde, desto mehr gab er sich Mhe, geistig krftig aufzutreten. Ich
will den Vater ja nicht tadeln; er war ja krank! Er sprach wieder von
Heidentempeln und von Sulen. Die vier indochinesischen Trger, welche wir mit
in die Berge nahmen, hatten keine Religion. Sie hrten ihn an und gaben ihm
Recht, weil sie von ihm bezahlt wurden. Ich warnte ihn; er aber hrte nicht auf
mich, weil er berzeugt war, da er ihre Bekehrung in kurzer Zeit vollenden
werde. Die Bergmalaien stellten sich feindlich zu uns. Niemand nahm uns auf. Wir
fanden kein Unterkommen, bis wir ganz hoch oben ein Kampong36 erreichten, dessen
Bewohner mit den Weien noch so wenig in Berhrung gekommen und also so
friedlich gesinnt waren, da sie uns gastfreundlich aufnahmen und uns, nicht fr
Geld, sondern aus reiner, dort gewohnter Gastlichkeit, Alles boten, was in ihren
Krften stand. Wie froh war ich darber! Aber diese Freude whrte nur einen
einzigen Tag.
    Die Malaien von Sumatra sind in den Kstengegenden und ziemlich weit in das
Land hinein Muhammedaner, bemerkte ich. Welcher Religion gehrten die Bewohner
dieses Kampong an?
    Der des Konfuzius. Es stand ein Tempel da, nur von Holz gebaut, aber mit
mhsamen Schnitzereien verziert und im Innern reich vergoldet, was man der Armut
dieser Leute eigentlich nicht zutrauen sollte.
    Sie sind nicht wirklich arm, sondern nur bedrfnislos. Die berreiche Natur
bietet ihnen Alles, was sie brauchen, umsonst. Und was die Vergoldung betrifft,
so wird das Gold ja auf Sumatra selbst gefunden. Die Berge des Innern, wo Sie
waren, bestehen aus vorkarbonischem Schiefer, welcher von goldhaltigen
Quarzgngen durchzogen ist. Aber bitte, erzhlen Sie weiter!
    Ich hatte gehrt da in chinesischen Ortschaften, wo es keine besonderen
Gasthuser gibt, die Fremden in den Tempeln aufgenommen werden. Ganz dasselbe
war hier in diesem sumatranischen Kampong der Fall. Man fhrte uns in den
Tempel, welcher zwei Abteilungen hatte, die eine fr die Opferungen und die
andere fr die Besucher. In dieser letzteren sollten wir wohnen. Ich wollte, man
htte uns lieber in die allerkleinste Htte gesteckt!
    Ah, ich errate! Heidentempel!
    Ja. Ihre Vermutung ist leider richtig. Die guten Menschen schleppten Alles
herbei, um es uns so bequem wie mglich zu machen; sie brachten mehr als
reichlich Speise und Trank, und man sah ihnen an, da sie es gern taten.
Verstehen konnten wir sie zwar nicht, weil wir nicht malajisch sprachen. Unsere
Trger bersetzten uns, was gesprochen wurde, so gut sie eben konnten. Aber von
dem Augenblicke an, wo wir uns in dem Tempel befanden, bemchtigte sich des
Vaters eine Aufregung, welche mir Angst bereitete. Er sprach von nichts als vom
Zertrmmern, vom Einreien, zuletzt gar vom Wegbrennen dieses Tempels; die Lohe
dieses Hauses der Abgtterei msse als ein Gott wohlgeflliges Opfer zum Himmel
steigen. Ich gab mir alle Mhe, ihn zu beruhigen; ich bat ihn; ich beschwor ihn,
diese entsetzlichen Gedanken, Liebe mit Ha, Gastfreundschaft mit Feuer zu
vergelten, fallen zu lassen; aber ich hatte nur den Erfolg, da er nun gegen
mich schwieg. In seinem Innern jedoch schrieen die bsen unchristlichen Stimmen
fort. Er konnte ihnen nicht wiederstehen.
    Er war krank, sehr krank! erklrte ich.
    Nichts als nur das! Nur ein Kranker kann glauben, das, was ihm heilig ist,
durch die Vernichtung dessen, was Andern heilig ist, zu frdern! Das ist stets
meine Ansicht gewesen, die ich dem Eifer des Vaters gegenber mit allen Mitteln,
welche einer Tochter erlaubt sind, vertreten habe, und nun ist ihre Wahrheit ihm
und mir bewiesen worden. Ich getraute mich nicht, ihn zu verlassen; aber der
nchste Tag war ein konfuzianischer Feiertag, der meine Wibegierde weckte. Die
weite Umgegend sandte eine Menge Pilger, welche ihre Opfergaben brachten, in
Backwerk, Frchten und einer schier unglaublichen Menge von Blumen bestehend.
Der Priester gab uns von Allem berreichlich. Das war so rhrend, er, dem
feindlich gesinnten Missionar, von dem er doch wute, was er war, denn unsere
Trger hatten es ihm gesagt. Vater schien auch gerhrt zu sein; er verhielt sich
sehr still, und das machte mich so glcklich. Am Nachmittage schlief er sogar
ein, was seit einigen Tagen nicht geschehen war. Da glaubte ich, einmal durch
das Kampong gehen zu drfen, wo die Bewohner mit den Festgsten sich an heiteren
Spielen erfreuten. Ich wurde berall so freundlich begrt, und Jeder und Jede
reichte mir Frchte und Blumen dar, so viel, da ich sie nicht fassen konnte,
sondern wieder an Andere verschenken mute. Da entstand pltzlich groe
Verwirrung; ich hrte die beiden Worte Panas37 und Klinting38 rufen und sah, da
Alles nach der Gegend eilte, in welcher der Tempel lag. Ich wollte vor Schreck
zusammenbrechen, raffte mich aber auf, warf alle Blumen weg und lief, so schnell
ich konnte, dorthin zurck, woher ich gekommen war. Als ich hinkam, stand der
ganze Tempel in hochlodernden Flammen. Die Hitze war so gro, da man sich ihm
nicht nhern konnte. Unweit davon brannte ein kleineres Feuer, aus welchem der
Luftzug verkohlte Zeugreste und glimmende Papierbltter in die Hhe trieb. Mein
Vater hatte von den Opfergewndern des Priesters und den heiligen Bchern vor
dem Tempel einen Scheiterhaufen errichtet und diesen auch in Brand gesetzt. Er
selbst war von einer groen, schreienden Menschenmenge umgeben. Wie es mir
gelingen konnte, mich hindurchzudrngen, das kann ich nicht sagen, aber die
Todesangst verleiht ja selbst dem schwachen Weibe Riesenkrfte. Ich erreichte
ihn grad in dem Augenblick, als man ihn angriff und zu Boden ri. Da wurde ich
ohnmchtig und fiel neben ihm hin.
    Sie hielt inne. Ihre Gestalt schauderte noch jetzt, infolge der Erinnerung.
Ich sagte nichts, kein Wort; ich konnte nur denken - - denken - - - denken!
    Als ich wieder zu mir kam, fuhr sie nach einer Weile fort, lag ich auf
einer Matte. Neben mir sa der Priester und unweit von ihm einer unserer Trger,
um den Dolmetscher zu machen. Fern standen oder saen viele Leute. Der Geruch
des niedergegangenen Brandes wurde von Weitem hergeweht. Den Vater sah ich
nicht. Ich fragte voller Angst nach ihm. Der Priester antwortete mir in einem so
milden Tone, da ich ihn nie vergessen werde, und der Trger bersetzte es mir:
    Sei ruhig! Er befindet sich wohl, und es ist ihm bis jetzt nichts geschehen.
- - - Was hat euch unser Gott, was hat euch unser Land und was hat euch unser
Volk getan? Unser Gott ist auch der eurige! Unser Land hat euch vertraut und
euch willkommen geheien! Und wir selbst, wir haben euch Alles gegeben, was wir
geben konnten, obgleich wir wuten, da ihr gegen unsern Himmel wtet! Und was
ist euer Dank? Hochmut - - Verachtung - - Zerstrung! Wir gaben euch Blumen - -
und ihr gabt uns - - was? O ihr Toren! Wit ihr denn nicht, da Alles, was ihr
Andern tut, das tut ihr fr die Zukunft an euch selbst?! - - - Frchte dich
nicht vor mir! Ich bin Priester, und ein Priester richtet nicht, sondern er
verzeiht! Ich habe fr deinen Vater gesorgt, da ihm einstweilen nichts
geschehe. Und ich habe dich hierher bringen lassen, damit du Ruhe habest und ich
dir bei deinem Erwachen gleich sagen knne, da du frei bist. Unser Glaube rcht
die Snde nicht an den Kindern bis in das dritte oder vierte Glied. Einen Gott,
der den Unschuldigen straft, kann man sich den wohl denken?
    Hierauf war er still und sprach nicht weiter, doch bewegte er seine Lippen
im Gebete. Von dem Trger erfuhr ich, da die zum Feste anwesenden Huptlinge
zusammengetreten seien, um ber meinen Vater zu Gericht zu sitzen. Die Zeit bis
zur Entscheidung wurde mir zur frchterlichen Qual, denn ich fhlte, da - - -
    Bitte, Mi Mary, unterbrach ich sie, qulen Sie sich nicht auch noch
jetzt. Sagen Sie mir das, was Sie mir zu sagen haben, so kurz wie mglich; es
gengt!
    Sie gab sich Mhe, sich zu sammeln; dann fuhr sie eng summierend fort:
    Er wurde zum Tode verurteilt. Ich bat, vor die Huptlinge gefhrt zu
werden. Der Priester wagte es, mich hinzubringen, aber der Vater durfte mich
nicht sehen. Sie hrten mich so ruhig, so verstndig an. Sie waren gute
Menschen. Welche falsche Vorstellung macht sich doch der, der an die
eingewachsenen Vorurteile glaubt, von jenen sogenannten wilden Vlkern! Aber
ihre Gesetze forderten den Tod meines Vaters. Welch ein Glck, da meine Trnen
mchtiger als diese Gesetze waren! Man begnadigte ihn zu fnfzigtausend Gulden
Schadenersatz fr den Tempel, die Gewnder, die Bcher und die Kosten, mich
hinunter an die Kste und dann hinber nach Penang zu bringen. Da aber fr einen
fr reich gehaltenen Mann die Zahlung einer nicht schwer erschwinglichen Summe
eine milde Strafe ist, so wurde sie dadurch verschrft, da ich abreisen mute,
ohne von ihm noch einmal gesehen worden zu sein. Ein Trger begleitete uns als
Dragoman. Ich wurde zu Pferde an den nchsten Flu gebracht, dem wir per Kahn
bis an die Kste folgten, um dann fr die Fahrt ber die Malakkastrae eine
grere Praue zu nehmen. Das brige wissen Sie. Was ich gelitten habe und noch
leide, das ist Nebensache. Ohne Raffley und Sie wrde der Vater dennoch sterben
mssen. Nun aber ist es mir so frohgewi, da er mir erhalten bleibt, wenn - - -
wenn ihn nicht die Krankheit inzwischen tten wird.
    Er wird noch leben, wenn wir kommen, trstete ich sie. Es klingt eine
deutliche Versicherung in mir, da es so ist, und diese Stimme kenne ich. Dann
wird Tsi sein Mittel wirken lassen, welches er fr untrglich hlt. Ich bin
vollstndig berzeugt, da Mr. Waller gerettet wird, nicht nur von dem Spruche
der malajischen Richter und nicht nur von dieser zerstrenden Krankheit, sondern
auch von ihren seelischen Folgen, auf welche seine Tat und seine jetzige Lage
zurckzufhren sind. Werfen Sie alle Besorgnis von sich, und versuchen Sie, zu
schlafen! Das ist Ihnen jetzt ntiger als alles Andere!
    Wir sagten uns hierauf gute Nacht. Unten winkte mich Raffley zu sich und
nahm mich in seine Kajte. Er hatte uns beobachtet und ganz richtig vermutet,
da sie mitteilsam gegen mich gewesen sei. Ich erzhlte ihm, was ich fr ntig
hielt. Als ich fertig war, sagte er Nichts, sondern ffnete ein Schubfach, aus
welchem er nach einigem Suchen ein lteres Zeitungsblatt nahm. Sich mir
gegenbersetzend, sprach er dann:
    Ich habe hier eine alte Nummer des Handelsblad Padangs, in welcher es kurz
und bndig, aber auch ungeheuer deutlich heit: Bis jetzt hat der Krieg der
Hollnder gegen den Sultan von Atjeh 45600000 Gulden gekostet. Dafr sind ber
40000 Eingeborene totgeschossen worden; folglich hat jeder derselben den
Hollndern 1140 Gulden gekostet. Dazu kommen die hollndischen Soldaten, welche
im Kampfe fielen, zu Krppeln wurden oder an den verheerenden Krankheiten des
Sumpflandes gestorben sind. Falls wir fr die verausgabte Summe Grundstcke zum
Preise von 1140 Gulden pro Hektar angekauft htten, so wrden wir auf dem
friedlichsten Wege zu mindestens 40000 Hektaren des besten Landes gekommen sein
und wren nicht am Tode von gewi ber 60000 Menschen schuld.
    Raffley legte das Blatt wieder an seine Stelle und fuhr dann fort:
    Das wurde von einem auf Sumatra gedruckten hollndischen Blatte vor
siebenundzwanzig Jahren geschrieben. In welcher Weise sich die angegebenen
Summen whrend dieser Zeit vergrert haben, wollen wir nicht versuchen,
auszurechnen. Wit Ihr nun, was wir Europer unter zivilisieren verstehen? Es
kann mir nicht beikommen, ein einzelnes Land, eine einzelne Nation anzuklagen.
Aber ich klage die ganze sich zivilisiert nennende Menschheit an, da sie trotz
aller Religionen und trotz einer achttausendjhrigen Weltgeschichte noch
heutigen Tages nicht wissen will, da dieses Zivilisieren nichts anderes als ein
Terrorisieren ist! Was ich, nmlich ich, John Raffley, unter Zivilisieren
verstehe, das werdet Ihr sehen, wenn wir nach China kommen; mehr darf ich jetzt
nicht sagen! Was in der groen Welt da drauen eben auch im Groen geschieht,
das ist jetzt da drben im kleinen Atjeh mit Eurem Freunde Waller eben auch im
Kleinen geschehen: der Unzivilisierte hat sich seiner im hchsten Grade
zivilisiert angenommen, und er, der Hochzivilisierte, hat sich dafr im hchsten
Grade unzivilisiert bedankt! Und wie er nun verloren wre, wenn wir ihn nicht
retteten, so wird auch fr unsere Zivilisation einst die Zeit kommen, in welcher
sie um Hilfe aus einer Not schreit, die sie selbst verschuldet hat! Und noch
mehr: wie es hier auf meiner guten Yin eine von berall her zusammengetroffene
Gesellschaft ist, welche Hilfe bringt, Englnder, ein Deutscher, ein Araber, ein
Chinese, genau so werden einst die Wohlmeinenden aller Nationen sich zu
vereinigen haben, um die unausbleiblichen Folgen dieses zivilisatorischen
Terrorisierens wieder gut zu machen. Denn gut gemacht mu alles Schlimme werden,
vollstndig geshnt und bis auf die letzte Ziffer abgebt, so will es die
gttliche Gerechtigkeit. Dieses scheinbar harte und doch so trstliche Gesetz
gilt fr die Gesamtheit des Volkes ebenso wie fr den einzelnen Menschen, und
wen es nicht schon in der Gegenwart trifft, dem mag fr seine Zukunft bange
sein! Es gibt fr den Schuldigen ein frchterliches, ein ganz entsetzliches
Wort, und das lautet: Sndige ja nicht auf Gottes Langmut hin, denn du rechnest
ihm nicht einen einzigen Heller ab! Und nun, mein lieber Charley, wollen wir uns
schlafen legen; wir wissen nicht, wie lange wir morgen wachen mssen. Mein alter
Tom hlt fr uns diese Nacht seine Augen offen, und auf ihn knnen wir uns
verlassen.
    Die Nacht verging. Ich schlief sehr gut und lange. Als ich frh auf das Deck
kam, erfuhr ich, da wir die Spitze von Tanjong Perlak schon hinter uns htten
und uns also in den Gewssern von Sumatra befnden. Spter sah man backbordseits
den Goldberg in blauer Ferne liegen. Segli wurde doubliert, und dann dauerte es
gar nicht lange, so machte Raffley uns darauf aufmerksam, da wir dem Ziele nahe
seien.
    Uleh-leh ist nicht gro, fast durchweg nur aus Holz gebaut. Der Stil der
Huser ist darauf berechnet, mglichst luftig zu sein und doch gengenden Schutz
gegen die sehr krftigen Monsumregen zu gewhren. Ein breiter, aus starken
Bohlen zusammengefgter Landungssteg reicht in die See hinein. Groe Fahrzeuge
knnen sich ihm nicht nhern. Bei der Ankunft von Passagierdampfern entwickelt
sich auf ihm ein auerordentlich buntes, hochinteressantes Treiben, bei welchem
man die verschiedensten Typen Sumatras in Bewegung sehen kann. Wir kamen
unerwartet; darum war er ziemlich menschenleer.
    Es war beschlossen worden, uns im Hafen gar nicht aufzuhalten, sondern mit
der Bahn hinauf nach Kota Radscha zu fahren, um womglich, ebenso wie vorher
Waller, im Kratong Wohnung zu nehmen. Die mit der Hafenbehrde zu erfllenden
Frmlichkeiten wurden Tom anvertraut. Wir booteten aus. Am Landungsstege wurden
wir von einem Beamten empfangen, dessen erste Frage war, ob wir Waffen bei uns
trgen; wir htten sie abzuliefern und wrden sie dann beim Einschiffen
wiederbekommen. Die Revolver hatten wir bei uns; die Gewehre sollten uns
nachgebracht werden. Als wir uns nach der Ursache dieser Maregel erkundigten,
sah der Mann uns forschend an und fragte, ob wir vielleicht Englnder seien.
Raffley antwortete mit einem summarischen Ja.
    So kann ich Ihnen nur sagen, da wir uns um Ihre Personen nicht bekmmern
werden, erklrte der Beamte. Ich frage nicht einmal nach Ihren Pssen und
Namen, denn ich sehe, da Sie Gentlemen sind. Aber wir haben grad jetzt scharfe
Differenzen mit den Eingeborenen, und es gibt eine europische Nation, welche
ihnen heimlich Waffen liefert. Sie verstehen mich? Sie haben die Wahl, Ihre
Gewehre und Munition entweder hier zu deponieren oder sie auf dem Schiffe zu
lassen.
    Well, so whlen wir das Letztere, meinte Raffley.
    Wir gaben unsern Bootsleuten die Revolver und konnten dann gehen, wohin wir
wollten. Nicht einmal nach verzollbaren Gegenstnden wurden wir gefragt.
    Holland handelt sehr anstndig, bemerkte Tsi.
    Ja, aber zwischen ihnen und den Eingeborenen scheint gerade jetzt der
Ausbruch eines Kampfes zu drohen, warf der Governor ein. Wir kommen nicht zu
einer fr uns bequemen Zeit. Wer wei, ob wir unsern Zweck erreichen!
    Unbedingt!
    Tsi sagte dieses Wort in so bestimmtem Tone, da der Governor sich ihm voll
zuwandte und mit einem zwar nicht unfreundlichen, aber berlegenen Lcheln
fragte:
    Wie kommen gerade Sie zu dieser mutigen Ueberzeugung? Die Auslsungssumme
ist zwar vorhanden, aber wir brauchen sehr wahrscheinlich mehr als Geld, nmlich
Einflu, Klugheit, Mut und noch Vielerlei, was einem Arzte fernzuliegen pflegt.
    Da schaute Tsi ihn frei und heiter an und antwortete:
    Danke, Mylord! Ich kenne Aerzte, welche auch klug und mutig zu handeln
wissen; doch das ist Nebensache. Die Hauptsache ist, da ich mir versprochen
habe, da Mi Waller ihren Vater wieder bekommen soll, falls er noch lebt, und
dieses Versprechen werde ich halten.
    Auch wenn wir nicht dabei wren?
    Ja.
    Wollen wir wetten?
    Da blitzten die Augen des Chinesen auf. Indem der Governor ihm eine Wette
anbot, hatte er ihn als gesellschaftlich gleichstehend anerkannt.
    Ja! erklang die schnelle, krftige Zustimmung.
    Wie hoch?
    So hoch Sie wollen!
    Wir hatten im Gehen gesprochen. Der Landungssteg lag hinter uns, und wir
befanden uns am Beginn der breiten, links von Husern und rechts meist von
schattigen Bumen eingefaten Strae, welche vom Hafen aus linker Hand nach dem
Bazar der Eingeborenen und auch nach dem Bahnhofe fhrt. Da blieb der Governor
stehen, musterte den Chinesen wie einen ihm vllig Unbekannten von oben bis ganz
unten und fragte im Tone inniger Belustigung:
    Wissen Sie, was Sie da wagen?
    Ich wage nichts! antwortete Tsi, wobei diese drei Worte unendlich
bescheiden klangen.
    Gut! Sagen wir zwanzig Pfund, fnfzig Pfund, hundert Pfund, tausend Pfund?
    Zweitausend Pfund, fnftausend Pfund, zehntausend Pfund? fuhr der Chinese
lchelnd fort.
    Mann! Mensch! Chinese, Mongole, du bist verrckt! rief da der Governor
aus.
    Warum gerade ich? Ist nicht bei Jedem, der es tut, ein gewisser Teil von
Verrcktheit dabei, auf das Wohl oder Wehe, auf Tod oder Leben eines seiner
Mitmenschen einen Geldgewinn zu setzen?
    Mag sein! Aber diese Sache ist so groartig interessant, wie ich noch nie
jemals eine andere gefunden habe. Sie mu ausgefochten werden, wenn Sie nicht
geradezu wahnsinnig sind! Wenn wir uns doch setzen knnten!
    Er sah sich um, deutete einige Huser weit nach vorwrts und fuhr fort:
    Dort ist ein Laden. Ich sehe Flaschen. Es stehen Sthle auf der offenen
Veranda. Well! Kommt Alle mit!
    Er war im hchsten Grade begeistert und eilte uns voraus. Wir Andern
folgten. Raffley machte ein sehr besorgtes Gesicht und sagte mit unterdrckter
Stimme zu mir:
    Soll ich etwa befrchten, Charley, da Euer Bekannter sich einen Scherz mit
meinem Verwandten erlaubt?
    Das ist ausgeschlossen! antwortete ich.
    Aber diese Summen!
    Warten wir es ab! Tsi ist ein Ehrenmann.
    Well! So ist die Sache allerdings kolossal unterhaltend! Endlich einmal
eine anstndige Wette, bei welcher nicht geknausert wird! Charley, lieber
Charley, tut mir doch den Gefallen und wettet mit, da Tsi nicht genug Geld
hat!
    Fllt mir gar nicht ein! Ich wrde ja gewinnen!
    Nein!
    O doch! Dieser Chinese ist kein Faxenmacher!
    Also Ihr wollt nicht?
    Nein!
    Schrecklicher Mensch, der Ihr seid! Aber auch nicht im geringsten
bildungsfhig!
    Hrt, Sir, sagt das nicht! Sonst wette ich doch einmal mit Euch, aber so
hoch, da dann hchst wahrscheinlich Ihr es seid, der mir nicht parieren will!
    Was? rief er erregt aus. Mit Euch wette ich um Alles, Alles, Alles, was
Ihr wollt!
    Wirklich?
    Ja! Ich gebe Euch mein! Denn Euch, Euch, Euch zum Wetten zu bringen, das
wre ja noch viel, viel kolossaler als dieser Pakt zwischen meinem Uncle und
Eurem Tsi. Und ich zwinge Euch, Charley; hrt, ich zwinge Euch, indem ich jetzt
abermals behaupte, da Ihr ein ganz nutzloser Mensch seid, der keiner Bildung
fhig ist!
    Gut! so wetten wir also!
    Euer Ernst? jubelte er auf.
    Ja.
    Da Tsi nicht genug Geld hat?
    Ja.
    Um was? Schlagt vor! Ich gehe auf Alles, Alles ein!
    Abwarten! Wollen uns erst setzen!
    Wir waren an dem betreffenden Hause angekommen. Es hatte, wie die andern
neben ihm, ein kleines Vorgrtchen, aus welchem man auf Stufen in die hlzerne
Veranda gelangte. Von dieser aus trat man in den sehr sauber eingerichteten
Laden, in welchem eine Akkuratesse herrschte, als sei er mehr zur Unterhaltung
als zum Erwerbe vorhanden.
    Der Governor hatte eiligst Sthle um einen Tisch gesetzt. Wir nahmen Platz.
Der Sejjid hockte sich drauen auf der Treppe nieder. Wir konnten Limonade
bekommen; sie sollte naturell sein, denn wir wollten nicht das fertige, aber
fade Brausewasser trinken. Sie mute also erst zubereitet werden, und da dies
der Besitzer selbst bernahm, so waren wir allein und ohne strende Zeugen.
    Also ordnen wir unsere Angelegenheit! begann der Governor. Wieviel setzen
wir?
    Soviel Sie wollen! erwiderte Tsi.
    Gut! Ich will Sie nicht unglcklich machen. Sagen wir also tausend Pfund.
Haben Sie - - -
    Halt! Still! fiel da schnell Raffley ein. Bis hierher habt Ihr sprechen
drfen; nun aber komme ich mit Charley an die Reihe.
    Wieso?
    Ich werde mit ihm wetten.
    Fllt ihm nicht einmal im Traume ein! behauptete der dear uncle.
    Ist ihm aber schon eingefallen! Sogar im Wachen!
    Ich wette aber mit dir, um was du willst, da er nicht mitmacht!
    Da wollte Raffley schnell zugreifen, um noch eine dritte Wette fertig zu
bringen; ich fiel ihm aber dazwischen, indem ich dem Governor erklrte:
    Ich bin allerdings zu einer Ausnahme von der Regel bereit. Es ist aber die
erste und zugleich die letzte.
    Ihr wollt wetten? Wirklich, Ihr wollt? fragte er unglubig.
    Ja.
    Prchtig! Herrlich! Unvergleichlich! Welch ein schner Tag heut! Fast der
schnste meines Lebens! Aber sagt mir da nur nicht, da dies die erste und
zugleich die letzte Ausnahme sei! Wer einmal angefangen hat, der hrt nie wieder
auf!
    Pshaw! Dieses Mal nicht! Wer diese unsere Wette verliert, wird niemals
wieder wetten; dafr ist gesorgt!
    Bin sofort bereit, mit Euch zu wetten, da er wieder wettet! Aber sagt, wie
ist das gekommen und worauf bezieht es sich?
    Da antwortete John Raffley an meiner Stelle:
    Das habe ich zu sagen, weil Mr. Tsi es Charley belnehmen knnte. Ich habe
nmlich behauptet, da Mr. Tsi die Summe nicht setzen kann, und Charley wettet
fr das Gegenteil. Unsere Wette mu also eher festgestellt werden als die
eurige. Also, was setzen wir? Ich bin zu Allem bereit.
    Kein Geld, antwortete ich.
    Nicht? Warum?
    Auf diesem Gebiete stehe ich Euch nicht gleich. Wir mssen uns auf ein
anderes begeben, wo der Unterschied nicht so bedeutend ist.
    Einverstanden! Die Sache wird von Minute zu Minute schner! Also, weiter!
    Ja, Ihr strahlt vor Freude am ganzen Gesichte; mir aber ist diese Wette
kein Spiel, sondern Ernst. Ich sagte, wer diese Wette verliert, wird nie wieder
wetten. Ihr nehmt jeden Einsatz an?
    Ja. Halte stets Wort!
    Gut! Setzen wir also Gewohnheit gegen Gewohnheit. Ich fordere nmlich von
Euch Eure Gewohnheit, zu wetten!
    Da nahm sein Gesicht schnell einen andern Ausdruck an. Er sah mich einige
Zeit lang wortlos an und sagte dann langsam:
    Ah, also ein Attentat, ein echtes, wirkliches, wohlberlegtes Attentat!
    Das ist es allerdings.
    Charley, Ihr wagt da viel! Ihr setzt unsere ganze Freundschaft auf das
Spiel!
    Das wei ich; ich wei aber auch, warum!
    Nun, warum?
    Das knnte ich Euch hchstens unter vier Augen sagen!
    Ich will es aber jetzt wissen! Ich befehle Euch, es zu sagen!
    Die vorher so heitere Situation war mit einem Schlage ernst geworden.
    Gut, Ihr befehlt, und ich gehorche, denn - - -
    Halt, nicht so! fiel er schnell ein. Ich danke Euch, Charley, da Ihr
darber hinweggehen wolltet! Ich habe Euch gar nichts zu befehlen; ich sprach
unberlegt. Aber ich bitte Euch, uns Euern Grund zu sagen!
    Er lautet sehr einfach: Ihr sollt verlieren, weil diese Wettsucht Eurer
nicht wrdig ist.
    So - so - so - - - so! Also doch Attentat!
    Ja, gewi! Ihr habt mich gezwungen und mt es Euch nun gefallen lassen,
da ich das Erzwungene so vollstndig tue, da nichts brig bleibt. Ich wette
nie; das habe ich Euch hundertmal gesagt. Aber wenn ich einmal wette, so will
ich nicht nur diese eine, sondern zugleich auch alle zuknftigen Wetten meines
Gegners gewinnen.
    Schauderhaft! Fast teuflisch!
    Nein, sondern das Gegenteil! Ihr habt mir wiederholt und in vollem Ernst
erklrt, da meine Abneigung gegen das Wetten ein Schandfleck an mir sei. Ich
hingegen teile Euch aufrichtig mit, da es in meinen Augen keinen vollkommeneren
Gentleman als Sir John Raffley geben wrde, wenn es ihm gelnge, der Gewohnheit
zu entsagen, sich bei jeder Gelegenheit gegen den edeln Wert des Geldes zu
versndigen. Das Geld ist nicht nur Metall; es stecken in ihm die Arbeiten und
Sorgen, die Anstrengungen und Entbehrungen aller Eurer Vorfahren und ihrer
Untertanen. In diesen Goldstcken ist der ganze Schwei und sind alle Trnen
verstorbener Generationen materialisiert. Dieses Geld ist Gotteslohn und
zugleich auch Teufelslohn, je nach der Weise, in welcher es errungen wurde. Euch
allein ist es mglich, es dem Satan zu entreien und nur allein dem Guten und
dem Edlen zu widmen. Ihr knnt die Trnen des Kummers, welche in ihm stecken, in
Freudentrnen verwandeln. Das tut man aber nicht, indem man wettet. Ich will
Euch dieses Wetten abgewinnen, und wenn Ihr es verliert, werdet Ihr in dieser
einen Wette mehr gewinnen, als Ihr in Euerm ganzen Leben gewonnen habt und noch
gewinnen knntet. Ihr habt Euch Euern Reichtum nicht erworben und kennt also die
bsen Geister nicht, die in ihm wohnen. Indem Ihr mit dem Reichtum spielt,
spielt Ihr mit diesen Geistern. Ich will Euer Spiel in heilig schnen Ernst
verkehren, damit diese bsen Geister sich fr Euch in gute verwandeln! Sir John
Raffley, Ihr steht vor einem ernsten Augenblicke. Wollt Ihr noch mit mir wetten
oder nicht? Ich will Euch erlauben, noch zurckzutreten!
    Da sah er mir mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke in das Gesicht, nickte
mir lchelnd zu und antwortete:
    Ich halte Wort; ich wette mit; ich setze, was Ihr fordert. Aber was setzt
Ihr dagegen? Natrlich auch eine lieb gewordene Gewohnheit?
    Mehr als das. Ihr wit, da ich ebenso gern rauche, wie Ihr gern wettet;
das eine hat fr Euch genau denselben Wert, wie das andere fr mich; aber ich
gebe mehr: ich setze meine Gewohnheit, Bcher zu schreiben. Sie ist mehr als nur
eine Gewohnheit, sie ist mein Beruf, der mich ernhrt. Verliere ich, so bin ich
ein armer Mann. Ich setze also mehr, viel mehr als Ihr, und das mu Euch
beweisen, wie sehr mir daran liegt, Euch fr den wahren Wert des Geldes zu
gewinnen. Es kann und wird in Euern Hnden dann zum Segen fr Tausende werden.
    Mein Charley! rief er aus. Alter, lieber, guter Kerl! Well! Es gilt!
Abgemacht?
    Ja.
    Und ohne sptern Zorn?
    Unbedingt!
    Einschlagen!
    Wir legten die Hnde ineinander. Da hielt der Governor es fr an der Zeit,
Raffley zu beruhigen:
    Seid unbesorgt, dear nephew; Ihr werdet mit mir gewinnen! Aber es ist heut
wirklich wundervoll. Zwei solche Wetten sind noch nie so eng beisammen gewesen.
Wollen nun die Bedingungen der unserigen feststellen.
    Jetzt wurden die Limonaden gebracht; sie waren klein, und wir hatten wegen
der Hitze Durst; wir tranken aus, bestellten neue und gaben dadurch dem Besitzer
des Ladens Ursache, sich wieder zu entfernen. Hierauf wendete sich der Governor
an Tsi:
    Also ich setze tausend Pfund.
    Ich auch, nickte der Chinese.
    Aber nicht auf Kredit, sondern sofort und bar zu erlegen. Charley macht den
Kassierer!
    Einverstanden!
    Was? Wie? Wirklich? Ach, Ihr wit wahrscheinlich nicht, wieviel das in
anderem Gelde macht! Also sofort zu erlegen, gleichviel, woher man es nimmt oder
bekommt?
    Ich stimme bei.
    Well! Und auf welche Bedingungen setzen wir das? Sie behaupteten doch wohl,
den Vater von Mi Waller freimachen zu knnen?
    Ja, das wollte ich.
    Ohne unser Lsegeld?
    Ja.
    Ohne unsere Hilfe?
    Ja.
    Ganz allein?
    Ja.
    Bis wann?
    Schneller, viel schneller, als Sie es knnen, Mylord!
    Die Zuversicht des Chinesen irritierte den Governor ungeheuer.
    Was fr ein sonderbarer junger Mann! rief er fast zornig aus. Und darauf
wollen Sie tausend Pfund setzen?
    Gern!
    Hren Sie, handeln Sie ja mit Bedacht! Ich werde streng auf Erfllung
dieser Bedingungen bestehen! Noch ist es fr Sie Zeit, zurckzutreten. Ich will
nachsichtig sein? Ich wei, da die Chinesen zuweilen ziemlich unberlegt
handeln.
    Das klang beinahe beleidigend; Tsi aber antwortete in seinem hflichsten
Tone:
    China bedarf der Nachsicht Englands auf keinen Fall und in keiner Weise!
    Gut, also abgemacht! entschied der Governor in strengem Tone. Jetzt legen
Sie das Geld!
    Nach Ihnen, denn Sie sind Lord, und ich bin Gast Ihres Schiffes!
    Der dear uncle fhlte gar wohl, da er von seinem Gegner Hieb fr Hieb
geschlagen wurde. Er zog seine Brse heraus und begann, zu zhlen. Dann wendete
er sich an Raffley:
    Ich habe natrlich nur soviel mit, wie ich glaubte, hier und fr heut zu
brauchen. Ich bitte um tausend Pfund.
    Da sah der nephew den uncle erstaunt an, lie seinen Klemmer vor bis auf
die Nasenspitze rutschen und antwortete:
    Was denkt Ihr, Sir? Auch ich habe natrlich nicht den ganzen Inhalt meiner
Kasse mit, sondern nur so viel, wie wir fr heut und morgen brauchen werden.
    Well! Aber das Lsegeld? Das habt Ihr doch wohl bar bei Euch!
    Allerdings; aber es gehrt nicht mir, sondern Mi Waller, und von einer
Dame borgt kein Gentleman. Und selbst wenn sie es Euch freihndig anbieten
wollte, wrde ich dagegen sein, denn wir drfen es nicht angreifen, weil wir es
fr ihren Vater brauchen.
    Fatal! Hchst fatal! Und Ihr, Charley?
    Mir ebenso fatal! antwortete ich. Ich kann hier nur mit zweitausend
Gulden dienen, und das ist nichts. Mein Zirkular-Kreditbrief ist doch nicht
bares Geld!
    Da holte der Governor tief, tief Atem und sagte:
    Da mu ich freilich eingestehen, da ich nicht setzen kann! Aber Sie, Sie
werden es gewi auch nicht knnen?
    Tsi, an den diese Worte gerichtet waren, zog sein Portefeuille aus der
Tasche, entnahm ihm zweitausend Pfund in Noten der Bank von England, legte sie
auf den Tisch und sagte:
    Tausend fr mich und taufend fr Sie, Mylord, denn ich hoffe, da Sie mir
gestatten, den Einsatz fr Sie auszulegen. Wir haben ja ausgemacht, da es
gleichgltig sei, woher man den Betrag bekommt.
    Der gute Uncle schaute ihn mit groen Augen an. Man sah, da er sprechen
wollte; er brachte aber zunchst kein Wort hervor. Da kam der Ladenbesitzer
wieder herein, um die Limonade zu bringen; das gab dem Governor die Sprache
wieder. Er schob mir das Geld zu und sagte:
    Nehmen sie es, Charley, und machen Sie den Kassierer, bis die Wette
entschieden ist! Und Ihnen, Mr. Tsi, sage ich, da ich den Backenstreich, den
Sie mir soeben gegeben haben, ruhig acceptiere, weil ich ihn verdiene. Es
scheint doch nicht so leicht zu sein, mit China eine Wette einzugehen!
    Zumal wenn man nicht der Einzige ist, der den Backenstreich bekommt, fiel
Raffley ein.
    Wieso nicht der Einzige? fragte sein Verwandter.
    Denkt doch nicht nur an Euch, sondern auch an mich! Mein Einsatz gegen
Charley ist ja nun verloren!
    Da sah ihn der Andere zunchst erstaunt an, denn an diese Wirkung seiner
eigenen Wette hatte er jetzt noch gar nicht gedacht. Dann kam ihm das Bewutsein
des Verlustes, der John betroffen hatte. Er sprang erschrocken auf und rief aus:
    Es ist ja wahr! Mr. Tsi hat setzen knnen! Er hat sogar fr mich
mitgesetzt! Armer, armer John! Nun drft Ihr nie wieder eine Wette eingehen!
    Nie, niemals wieder! nickte Raffley ernst. Und zu mir gewendet, fgte er
hinzu: Ich habe verloren und halte mein Wort. Es wird mir nicht leicht werden,
mich in diesen Gedanken zu finden. Ich mchte zrnen und kann doch nicht. Hier
meine Hand. Ihr habt mich ja den Gewinn, den dieser Verlust mir bringen wird,
schon ahnen lassen. Also, ich wette niemals wieder; Ihr aber drft
weiterschreiben, so lange es Euch beliebt!
    Da fiel Mary Waller ein, indem sie mich zu meinem Schrecken fragte:
    Sie schreiben Bcher? Das habe ich ja noch gar nicht gewut! Ich staunte,
als Sie vorhin beim Eingehen der Wette davon sprachen, da Sie diesen Beruf
haben. Sie sind also Schriftsteller?
    Welch eine Unvorsichtigkeit von mir! Was sollte ich antworten? Das war
wieder einmal ein Beweis, da jede Unaufrichtigkeit wie berhaupt jede Snde
sich ganz von selbst bestraft! Die beiden Englnder begriffen meine Lage. Sie
kannten mich; sie wuten, da ich, falls ich selbst die Antwort bernehmen
mte, nun unbedingt die Wahrheit sagen wrde. Darum antwortete der Governor fr
mich:
    Wie? Was? Schriftsteller? Fllt ihm ja gar nicht ein. Ja, er hat einmal ein
Buch geschrieben, ein sehr gelehrtes sogar; ich glaube ber - - ber - - ber
irgend eine astronomische Hauptfrage. Dieses Buch bringt ihm in seinen Auflagen
so viel ein, da er zuweilen eine Reise machen kann; das nennt er nun seinen
Beruf oder von seinen Bchern leben! Sie wissen ja, wer einmal ein Buch
verbrochen hat, der pflegt nichts lieber zu tun, als von seiner Feder und von
seinem Berufe zu sprechen.
    So fadenscheinig diese Hilfeleistung war, sie gengte doch, mich aus der
Gefahr, entdeckt zu werden, zu erlsen. Wie gro diese Gefahr gewesen war, das
zeigte Marys Antwort:
    So, so ist es? Schon glaubte ich, ohne es zu wissen, mit einem Kollegen
meines Lieblingsschriftstellers verkehrt zu haben.
    Sie nannte nun meinen Namen.
    Den lesen Sie? Ich auch! bemerkte John. Seine Bnde stehen alle in meiner
Schiffsbibliothek.
    Wirklich? Das htte ich wissen sollen! Ich htte Sie um einen gebeten, den
ich noch nicht gelesen habe.
    Welcher ist das?
    Am Jenseits. Man sagte mir, der Inhalt entspreche diesem Titel in einer
Weise, da es gar keiner besonderen Einbildungskraft bedrfe, sich an die
Pforte, welche der Engel des Todes uns ffnet, zu versetzen.
    Sie knnen diesen Band haben. Sollten wir lnger, als ich denke, oben in
Kota Radscha bleiben, so werde ich Ihnen das Buch vom Schiffe holen lassen.
    Ich wei gar wohl, da es Leute gibt, welche es dem Autor untersagen, in
seinen eigenen Werken ber diese Werke zu schreiben; aber wie ich als
sogenannter Schriftsteller meine eigenen, vorher noch unbetretenen Wege gehe, so
lasse ich mich auch in dieser Beziehung durch keinen literarischen Pfndwisch
irretieren und bringe ohne Scheu, was ich zu bringen habe. Das erwhnte Buch von
mir gehrt zur Sache.
    Die Wettangelegenheiten waren geordnet. Wir bezahlten also, was wir genossen
hatten, und gingen. Es ist von dem Laden gar nicht weit bis zum Bahnhofe, und es
fgte sich, da der Zug, als wir dort ankamen, soeben rangiert wurde. Der
Verkehr ist nur bei Ankunft oder Abgang der Dampfer ein grerer. Heut aber
waren wir die einzigen Passagiere unserer Klasse.
    Man fhrt nur sehr kurze Zeit bis hinauf. Unterwegs meinte der Uncle, da
wir nicht alle zugleich zum Governor gehen knnten; er werde ihm diesen Besuch
allein machen, und wir knnten im Hotel auf seine Rckkehr warten. Er hatte
Recht, anzunehmen, da man ihm, dem gewesenen Governor von ceylonisch Indien,
die Bitte um ein anstndiges Unterkommen fr uns eher gewhren werde, als jedem
Anderen. Wir trennten uns also, als wir in Kota Radscha angekommen waren, von
ihm und gingen nach dem sogenannten Hotel Rosenberg.
    Es liegt an einem freien Platze und ist mit einem Kaufladen verbunden,
welcher bedeutend grer als der unten in Uleh-leh ist, wo wir die Limonaden
getrunken hatten. Wir setzten uns in den luftigen Laubengang, welcher rund um
den Speisesaal fhrt, und lieen uns wieder Limonade geben, das beliebteste
Getrnk jener heien Gegend. Als sie gebracht wurde, fragte Mary den
Bediensteten, ob vor einiger Zeit ein Brief aus Kolombo fr Reverend Waller
angekommen sei. Er sei nach Penang, East and Oriental Htel, adressiert worden,
und sie habe dort erfahren, da man ihn hierher gesandt habe. Der Mann sagte,
da er nachfragen wolle.
    Ich hatte geglaubt, sie habe ihn schon erhalten, noch ehe sie mit ihrem
Vater in die Berge gegangen war; nun hrte ich aber, da ich mich geirrt hatte.
Es dauerte nur einige Minuten, so kehrte der Diener zurck und brachte den
Brief. Er war, was man einen Doppelbrief nennt, und ich sah gleich an seinem
Formate und an seiner Strke, da er das Notizbuch enthielt. Indem sie ihn
ffnete, machte sie die an mich gerichtete Bemerkung:
    Wir trafen in Indien mit einem lieben Bekannten, einem Professor aus
Philadelphia, zusammen, bei welchem ich mein Notizbuch liegen lie. Der Verlust
htte mir nicht nur seines Inhaltes, sondern auch noch eines andern Grundes
wegen leid getan. Erinnern Sie sich der vier Zeilen, welche mir im
Kontinentalhotel in Kairo vom Winde zugeweht wurden?
    Ja, antwortete ich.
    Nun, dieses Blatt steckt mit in dem Buche. Ich habe diese Zeilen geradezu
liebgewonnen. Es spricht mich aus ihnen eine Seele an, die mir bekannt sein mu,
obgleich ich mich ihrer nicht erinnern kann. Ja, hier ist es noch. Wie freut
mich das!
    Sie legte das Blatt, welches sie aus dem Notizbuch genommen hatte, auf den
Tisch und las dann den Brief des Professors. Als sie damit fertig war, steckte
sie ihn in das Buch und wollte auch das Blatt dazutun. Da aber kam ihr der
Impuls, es zu ffnen. Sie faltete es auseinander. Ich beobachtete ihr Gesicht,
natrlich unauffllig. Sie war zunchst nur darber berrascht, acht Zeilen
anstatt nur vier zu finden. Dann las sie. Sie sann und sann.
    Sonderbar, hchst sonderbar! sagte sie. Hier, bitte, lesen Sie!
    Ich kenne es ja schon. Sie zeigten es mir spter, antworte ich.
    Lesen Sie es dennoch, und sagen Sie mir dann, was Ihnen auffllt!
    Ich folgte ihrer Aufforderung.
    Nun? fragte sie.
    Die Strophe hat jetzt acht Verse, whrend sie frher nur vier hatte, glaube
ich.
    So ist es. Ich kann mir das nicht erklren!
    Aber ich! Der Professor hat es gelesen und dann die vier Zeilen
hinzugedichtet.
    Der? Dichten? O nein! Sehen Sie brigens da seine Schrift und diese hier!
Es ist ganz, ganz genau dieselbe Hand! Und nicht nur das, sondern auch derselbe
Geist, dieselbe Seele, dieselbe Liebe! Professor Garden wrde nie, nie in seinem
Leben auf die Wendung kommen:

Grad weil sie einst fr Euch den Tod erlitt,
Lebt sie durch Euch, um weiter fortzulieben.

Er hat auch Seele, aber diese nicht, nein, diese nicht! Es spricht hier eine
Stimme zu mir, fast wie die Stimme meiner verstorbenen Mutter. Ich stehe vor
einem Rtsel, welches - - -
    Sie wurde unterbrochen. Es kam ein Malaie ber den Platz zu uns herber und
bot ihr einen Blumenstrau zum Kaufe an. Das war hier etwas ganz Gewhnliches
und fiel uns gar nicht auf. Nun aber folgte Etwas, was wir nicht erwartet
hatten. Ich gab ihm nmlich eine hinreichende Mnze, worauf er den Strau vor
Mary auf den Tisch legte, aber nicht nur ihn, sondern auch die Hlfte einer
eigentmlich zerschnittenen Betelnu!
    In diesem Augenblick kam der Governor. Er sah die halbe Nu, griff hastig
nach ihr und forderte Mary auf, ihm die andere Hlfte zu geben. Beide paten
ganz genau zusammen. Da wandte er sich an den Malaien:
    Sprichst du englisch?
    So viel, wie ich hier brauche, antwortete der Mann. Er sah furchtlos zu
ihm auf.
    Was tust du, wenn ich dich arretieren lasse?
    Nichts. Ich komme wieder frei, aber der Tuwan39 aus Amerika ist verloren!
    Da wendete sich der Governor an Tsi:
    Sie wollen ihn ohne unser Geld und ohne unsere Hilfe befreien. Nun, tun Sie
das! Es handelt sich um unsere Wette.
    Nach Ihnen, Mylord! lchelte der Chinese. Ich bitte, diesen Mann
auszufragen! Sie mssen doch erst sehen, wie leicht oder wie schwer es ist, Mr.
Waller wiederzubekommen.
    Da ergriff Raffley das Wort, indem er den Malaien fragte:
    Woher kennst du die Lady, und wie kommst du hierher?
    Ich war mit bei dem Brande des Tempels, auch mit bei der Beratung der
Huptlinge und habe die Tochter des Fremden genau gesehen, antwortete der
Eingeborene. Dann wurde ich hierher geschickt, um sie zu erwarten. Ich wartete
in der Nhe des Hauses, wo sie Limonade trank. Ich ging mit nach dem Bahnhofe;
ich fuhr mit hierher, und ich kaufte diese Blumen, um sie ihr zu bringen.
    Wo ist ihr Vater?
    Das darf ich nicht sagen. Er ist sehr krank; aber er lebt; er sehnt sich
nach ihr und wird ihr gebracht werden, wenn ich das Geld bekomme.
    Du wirst es nicht eher erhalten, als bis du ihn gebracht hast.
    Das ist nicht mglich. Die Huptlinge geben mir den Tuwan nur dann, wenn
ich ihnen das Geld so hinzhle, da kein einziger Gulden fehlt.
    So gehen wir mit dir, um selbst mit ihnen zu sprechen!
    Es ist mir verboten, Jemand mitzubringen. Ich habe genug gesprochen und
sage nun weiter kein Wort. Hier stehe ich und erwarte den Bescheid. In zehn
Minuten gehe ich; dann aber wird der Tuwan sterben. Ich sagte die Wahrheit und
schweige nun!
    Er trat einige Schritte zurck und steckte die Hand unter seinen Sarong, wo
er wahrscheinlich einen Kris40 stecken hatte. Der Sarong ist ein langes Stck
Zeug, welches wie ein Frauenrock um die Hften geschlungen wird und bis herunter
auf die Knchel reicht.
    Mary hatte Angst bekommen, doch sagte sie nichts.
    Da ist nichts zu machen, erklrte Raffley. Wenn wir Mr. Waller nicht in
die grte Gefahr bringen wollen, mssen wir das Geld zahlen.
    Miserable Situation! Aber es geht wirklich nicht anders! stimmte der
Governor bei. Man sieht es diesem Kerl hier an, da er kein weiteres Wort sagen
und sich nach zehn Minuten entfernen wird. Und wenn das Geld fort ist, so knnen
wir Tausend gegen Eins wetten, da sie es nehmen, ohne uns ihren Gefangenen
auszuliefern. Was sagt Ihr dazu, Charley?
    Verlassen wir uns auf Mr. Tsi! antwortete ich.
    Der Chinese nickte mir lchelnd zu und fragte den Uncle:
    Wollen Sie diese Angelegenheit also mir nun berlassen, Mylord?
    Natrlich! Es gilt ja um die Wette! antwortete der Gefragte.
    So bitte ich Sie, sich ber nichts zu wundern. Ich wute sehr wohl, was ich
tat, als ich diese Wette einging. Ich war, sobald ich von der Betelnu hrte,
meiner Sache gewi. Passen Sie auf, wie schnell man mir gehorchen wird! Wissen
Sie bereits, wo wir wohnen werden?
    Im Kratong. Der hollndische Mijnheer war sehr bereitwillig. Wir haben eine
ganze, neben einander liegende Reihe von guten Zimmern, die eigentlich nur fr
eingeladene Gste sind.
    Das ist mir lieb. Ich danke!
    Er zog seine Brieftasche wieder hervor, entnahm ihr ein Krtchen, feuchtete
seinen Tuschestift durch Limonade an und legte die Karte auf den Tisch, um zu
schreiben. Hierbei sah ich, da auf der einen Seite derselben drei
fettgedruckte, chinesische Worte standen. Die andere, leere Seite beschrieb er
mit fremden Charakteren. Dann rief er den Malaien in gebieterischem Tone zu sich
her und fragte ihn:
    Ich sehe an der Betelnu, da Ihr unsere drei Worte kennt. Kannst Du sie
nur sprechen oder auch lesen?
    Da wurde das Gesicht des Mannes ein ganz anderes. Die Klte wich; es wurde
warm.
    Ich kann sie auch lesen, antwortete er. Einem, der sie nur sprechen darf,
wrde man keine solche Botschaft anvertrauen.
    Richtig! Aber kannst Du aus ihrer Stellung ersehen, was ich bin?
    Ja, sofort!
    So nimm, und schau!
    Er reichte ihm die Karte. Kaum hatte der Malaie einen Blick auf sie
geworfen, so strahlte sein Gesicht in heller Freude. Er griff nach den beiden
Hnden des Chinesen, kte sie, kte sie wieder und immer wieder und rief
dazwischen in froher Erregung aus:
    Unser junger Sahib!41 Der Sohn unsers Wohltters, der die Leuchte unserer
Verehrung und Liebe ist! Wie glcklich ist mein Herz, da meine Augen Dich
erblicken drfen! Befiehl mir, was Du willst; es wird gewi geschehen!
    Hierauf verbeugte er sich dreimal so tief, wie es ihm mglich war. Tsi
befahl ihm:
    Trag dieses Papier zu den Huptlingen! Sie werden Dir den fremden Tuwan
geben. Wir wohnen im Kratong, und Du wirst ihn uns bringen. Aber Du wirst ihn
sehr vorsichtig behandeln, wie einen sehr hohen und sehr kranken Gebieter! Wann
knnen wir Dich mit ihm erwarten?
    Der Malaie verbeugte sich wieder und antwortete:
    Wir haben ihn sehr vorsichtig in einem Tandu42 von den Bergen
heruntergetragen. Er ist nicht weit von hier. Wenn zwei Stunden vergangen sind,
werden wir ihn bringen. Diesen weien Mnnern hier htte ich das nicht
mitgeteilt, denn wir trauen keinem Europer, und Du kannst uns das nicht
verargen. Der Tuwan hat uns von neuem besttigt, was wir lngst schon wuten.
Wir nahmen ihn wie einen Bruder auf, gaben ihm das Beste, was wir hatten, und
zwar nicht fr Geld, sondern ganz umsonst, und wie dankte er uns dafr? Er legte
Feuer an die Sttte der heiligen Verehrung Gottes und der Gastfreundschaft, die
er geno, und verbrannte unserm Priester hierauf noch alle seine Bcher und
Gewnder mit seiner ganzen, brigen Habe! Diese Fremden mssen entweder
wahnsinnig sein oder ganz verkommene Menschen!
    Er ist weder das Eine noch das Andere, sondern krank. Er hat in der
Aufregung des Fiebers gehandelt. Ich erklre den Huptlingen hiermit, da ich
sein Freund bin, was ich unbedingt nicht sein wrde, wenn er ein so gewhnlicher
Mensch wre, wie Du denkst. Du sollst das Lsegeld in Empfang nehmen.
    Ja. Ich habe die Weisung, ihn nicht eher auszuliefern, als bis ich es
erhalten habe. Aber das ist doch nun anders geworden. Du hast ihn Deinen Freund
genannt, folglich ist er auch der unserige. Du hast gesagt, da er seine Tat im
Fieber begangen habe, folglich ist es wahr, denn Du bist kein Abendlnder und
sagst nie ein Wort, das man zu bezweifeln hat. Was der Mensch aber im Zustande
des Fiebers tut, dafr kann er unmglich bestraft werden. Es ist also unsere
Pflicht, ihn ohne Bezahlung freizugeben. Den angerichteten Schaden werden wir zu
tragen wissen. In zwei Stunden knnt Ihr ihn begren. Ich eile, ihn zu
bringen.
    Er verbeugte sich zum dritten Male und ging dann schnellen Schrittes fort.
Tsi stand still und schaute ihm ernst, sehr ernst nach, bis er verschwunden war.
Er hatte mehr, viel mehr gegeben, als die Summe des Lsegeldes, nmlich sein
Wort! War Waller der Mann, dieses Wort zu achten und es nicht etwa spter durch
weitere Angriffe zur Lge zu machen?
    Mary war von ihrem Sitze aufgestanden. Sie hatte dem kurzen, aber fr sie
hochwichtigen Gesprche stehend zugehrt. Sie sagte nichts; aber ihre Hand lag
auf dem Herzen, und ihr Blick hing leuchtend an der von ihr abgewendeten Gestalt
des Chinesen.
    Raffley bog sich mir zu und sagte leise:
    Ist ein tchtiger Kerl, dieser Tsi! Gewinne ihn immer lieber! Und nach
seinem uncle deutend, fgte er hinzu: Bin berzeugt, da ich meine Wette
gewinnen werde, die letzte, vor der aller-, allerletzten!
    Obgleich dies nur flsternd gesprochen worden war, schien der Governor es
doch gehrt zu haben. Er griff in die Tasche, nahm seine Brse heraus, ffnete
sie, zhlte den Inhalt und sagte dann:
    Habe fnfundzwanzig Pfund. Um zwanzig aber wetteten wir, nicht wahr?
    Ja, nickte Raffley.
    So kann ich zahlen. Mr. Tsi hat die Yacht noch nicht endgltig verlassen,
und ich erklre mich schon fr besiegt. Ihr habt gewonnen, John, hier sind die
Zwanzig. Auch die Tausend scheinen dahin zu sein! Charley, Eure Theorie in
Beziehung auf das Wetten ist nicht bel! Vielleicht stimme ich Euch noch bei,
und zwar freiwillig, ohne Zwang!
    Raffley steckte die Goldstcke gleichmtig ein, und nun drehte Tsi sich uns
wieder zu, denn der Malaie war verschwunden. Der uncle sagte halb lachend und
halb rgerlich zu ihm:
    Ihr Orang43 scheint ein sehr aufrichtiger Patron zu sein. Er traut uns
nicht, weil wir Europer sind, und sagt das ganz offen in unserer hchst eigenen
Gegenwart! Sehr ehrenvoll fr uns! Ist das nicht ein wenig unerhrt?
    Nicht dieses Mitrauen ist unerhrt, antwortete Raffley an Stelle des
Gefragten, sondern das Verhalten der Kaukasier, die sich fr religis
hherstehend halten und daraus mit verwunderlicher Naivitt schlieen, da sie
den andern Rassen auch in geistiger und moralischer Beziehung berlegen seien.
Vollwichtige Menschen darf es nun einmal auer ihnen gar nicht geben! Dieser
Malaie hatte vollstndig recht, und ich lobe ihn, da er es uns so offen und
ehrlich sagte. Aber, dear Tsi, ich bin erstaunt ber die geheimnisvolle Macht,
die Sie ber diese Leute besitzen. Haben Sie dieses Geheimnis zu bewahren, oder
ist es erlaubt, nach ihm zu fragen?
    Da legte sich ein eigenartiges, fast wehmtiges Lcheln um den Mund des
Chinesen und er sprach:
    Ich komme aus dem Abendlande. Ich studierte es und wei darum, da man dort
von einer groen, ausgebreiteten Friedensbestrebung redet. Ich mae mir nicht
an, ein Urteil ber sie zu fllen, denn ich verstehe die laute Art und Weise
nicht, in welcher man dort Etwas versucht, was hier bei uns schon lngst in
aller Stille wirkt, und zwar mit welchem Segen, das haben Sie soeben hier
erfahren. Vielleicht teile ich Ihnen spter Ausfhrlicheres hierber mit. Fr
jetzt gengt es, da ich Ihnen zeige, was fr eine Karte ich vorhin beschrieben
habe. Ich fhre davon stets eine Anzahl bei mir, um jederzeit imstande zu sein,
meinen menschlichen Verpflichtungen nachzukommen.
    Er legte eine der Karten auf den Tisch und fuhr dann fort:
    Sie sehen, sie ist auf der einen Seite leer. Auf der andern stehen die
Zeichen der drei Worte Schin, Ti und Ho. Das heit Humanitt, Bruderliebe und
Friede. Jeder, aber auch Jeder, der zu uns gehrt, hat im Sinne dieser drei
Begriffe zu handeln. Wer auch nur ein einziges mal dagegen verstt, mu als
ehrlos aus dem Bunde scheiden. Dieser Bund erstreckt sich weit ber China hinaus
und wirkt ohne alles Gerusch, in tiefster Stille. Wir fragen nicht, wer oder
was der ist, der Hilfe braucht, und bringen sie dem Feinde ebenso gern wie dem
Freunde, womglich ohne da er es bemerkt. Am allerwenigsten fragen wir nach der
Verschiedenheit der Religion. Nicht wer genau so denkt wie wir, sondern ein
jeder Mensch, der uns ntig hat, soll unser Bruder sein, der Nchste neben uns,
dem wir die Hand zu reichen haben. - So, das sei fr heut. Und nun lassen Sie
uns gehen, damit wir dann imstande sind, den Kranken aufzunehmen!
    Da reichte ihm der Governor die Hand und sagte:
    Mr. Tsi, wahrhaftig, Ihr seid ein ganzer Kerl! Sagt, raucht Ihr
vielleicht?
    Ja, zuweilen, wenn es pat.
    So erlaubt mir, Euch eine meiner Tabakspfeifen zu schenken, sobald wir
wieder auf die Yacht gekommen sind. Ich hoffe, wir rauchen mit einander noch
manchen Kopf in Stcke!
    Da lachte Raffley lustig auf und rief:
    Aber Uncle, er ist ja ein Chinese! Was habt Ihr da getan!
    Ach was Chinese! antwortete der Gefoppte. Er ist ja gar keiner! Sondern
ein Gentleman, der mir gefllt! Nun kommt; wir mssen fort!
    Wir bezahlten unser Getrnk und begaben uns nach dem Kratong. Mein Sejjid,
welcher in einiger Entfernung von uns auch bei einer Limonade gesessen und unser
Gesprch mit dem Malaien beobachtet und gehrt hatte, folgte uns.
    Als wir die Zitadelle erreichten, kam uns der Gouverneur entgegen, um uns
unsere Rume anzuweisen. Der Uncle hatte ihn sehr treffend als hollndischen
Mijnheer charakterisiert. Dieser Offizier war beraus hflich, aber auch
beraus khl und zurckhaltend. Er hatte von dem Governor natrlich erfahren,
was mit Waller geschehen war, vermied es aber, hiervon zu sprechen. Wir waren so
vernnftig, einzusehen, da dieses Schweigen ein wohlberechtigtes sei. Er hatte
den Missionar gewarnt, die freien Malaien hoch oben im Gebirge aufzusuchen, war
aber nicht gehrt worden. Nun, da es sich herausgestellt hatte, wie
wohlbegrndet seine Warnung gewesen war, konnten wir nicht von ihm verlangen,
da er sich Mhe zu geben habe, gerhrt und mitleidig zu erscheinen. Es war im
Gegenteile schon dankbar anzuerkennen, da er sich so rcksichtsvoll zeigte,
den, der nicht auf ihn gehrt hatte, wieder bei sich aufzunehmen, und zwar als
Schwerkranken, der von der Gastfreundschaft viel grere Opfer forderte als ein
Gesunder.
    Die uns angewiesenen Zimmer lagen alle nebeneinander. Zwischen einigen von
ihnen gab es innere Verbindungstren, soda wir uns besuchen konnten, ohne erst
hinaus auf den Korridor gehen zu mssen. Und ebenso willkommen war uns der
Umstand, da es an Stelle der Fenster Tren gab, durch welche wir aus unsern
Wohnungen direkt hinaus in das Freie treten konnten. Ein Jeder von uns bekam
einen hollndischen Soldaten zur Bedienung zukommandiert. Diese Leute sprachen
alle ziemlich gut malajisch, wenigstens den dortigen Dialekt. Sogar meinem
Sejjid Omar wurde einer zugesellt. Diese Beiden wurden gleich am ersten Tage
dicke Freunde, und es bereitete uns Andern ein stillgenossenes Vergngen, den
Araber mit seinem Nederlander hollndisch zu malaien oder malajisch hollndern
zu hren.
    Die beste Stube wurde natrlich fr den Kranken bestimmt, und ebenso
selbstverstndlich war es, da Mary, seine Tochter, neben ihm zu wohnen kam. Die
Mbel waren berall zwar einfach, aber hchst bequem, dem Klima und Gewohnheiten
dieser Gegend angemessen. Mit einem Worte, wir sahen uns ganz vortrefflich
installiert und hatten das nicht etwa uns oder unsern Vorzgen und Verdiensten,
sondern nur der noblen Gesinnung des Mijnheer zuzuschreiben, zumal wenn wir an
den so rcksichtsvoll versteckten Vorwurf der Hafenbeamten dachten: Wir haben
grad jetzt scharfe Differenzen mit den Eingeborenen, und es gibt eine
europische Nation, welche ihnen heimlich Waffen liefert. Sie verstehen mich!
    Nachdem Mary ihres Vaters Wohnung zu seinem Empfange vorbereitet hatte, war
es ihr unmglich, lnger im Zimmer zu bleiben. Sie wanderte drauen im Freien
ruhelos hin und her. Tsi war, nachdem er gesehen hatte, wo er wohnen sollte,
gleich wieder fortgegangen. Als er wiederkam, folgte ihm ein Malaie, welcher
einen groen Pack Pflanzen trug. Es war Brucea sumatrana, das Ko-su der
Chinesen, welches der junge Arzt in der Nhe des Kratong in hinreichender Menge
gefunden hatte. Er ging damit nach seinem Zimmer, um es zum Gebrauche
vorzubereiten.
    Ich sa inzwischen mit den beiden Englndern beisammen, und es bedarf wohl
keiner Frage, wovon wir uns unterhielten. Das Gesprch ging fast nur zwischen
mir und Raffley hin und her. Der Uncle warf nur sehr selten ein Wort hinein,
denn er war so mit sich selbst beschftigt, da er kaum hrte, was wir sagten.
Wir ahnten wohl, worber er so eifrig nachdachte, bekamen es aber auch zu hren,
als er endlich ungeduldig aufsprang und in beinahe zornigem Tone sagte:
    Ich werde diese beiden Kerls nicht los! Sie rtteln an mir, immerfort,
immerfort!
    Hierauf begann er, im Zimmer auf und ab zu wandern.
    Welche Kerls, dear uncle? fragte John lchelnd.
    Dieser Omar und dieser Tsi, antwortete der Governor. Sie sind beide so
hflich, so bescheiden gegen mich, und doch ist es mir, als ob sie hinter meinem
Rcken ber mich lachen mten. Das ist ein Zustand, den ich nicht gut vertragen
kann! Und worber haben sie zu lachen? Ueber meine berhmte Kenntnis fremder
Vlker, natrlich, ganz natrlich! Die haben bisher alle nichts getaugt! Die
waren unbildsam, rckstndig, dumm und frech! Kaum als ein lohnendes
Kanonenfutter zu betrachten! Die ganze Erde gehrte eigentlich uns, nur uns; sie
aber waren nur zu dulden, um das Niedrige zu tun, was sich fr uns, die
Erhabenen, nicht schickte! Da kommt zunchst dieser arabische Sejjid Omar und
schaut mich unausgesetzt mit seinen dunkeln Augen verwundert fragend an. Er
wichst, schmiert und salbt seinem deutschen Sihdi die Stiefel, obgleich der
Islam ihm das auf das allerstrengste verbietet, liebt ihn beinahe wie eine Braut
und wrde wohl gar fr ihn das Leben lassen. Und auerhalb dieser unendlich
rhrenden Zuneigung ist er stolz wie ein Spanier und hlt auf Ehre wie ein
britischer Earl! Es hilft nichts, da ich mich dagegen strube, ich mu es
eingestehen, da er mir gefllt, da ich ihn achte, ja, da ich ihn sogar
liebgewonnen habe. Oder gar noch schlimmer, dieser Mensch scheint es darauf
abgesehen zu haben, mir auf Schritt und Tritt und so oft er mir vor die Augen
kommt, zu imponieren! Er, der Eselsjunge, mir, dem Governor von Ceylonisch
Indien!
    Uncle, Uncle, lachte Raffley. Was mu ich von Euch hren! Wer htte das
gedacht!
    Lacht nur, Sir; immer lacht! fuhr der Andere fort. Ihr wit ja nicht,
warum er mir imponiert! Diesem Sejjid ist meine Hautfarbe, meine Nationalitt,
meine Lordschaft, meine Governorschaft und Alles, Alles, worauf mein ganzer
Stolz beruht, schnuppe, vollstndig schnuppe! Fr ihn bin ich nur Mensch, grad
so wie er, nur Mensch, weiter nichts! Und das, grad das gefllt mir von dem
Kerl! Ich kann es ihm nicht verdenken, wahrhaftig nicht, denn als ehrlicher Mann
mu ich mir sagen, da ich an seiner Stelle wohl ganz derselbe Sejjid Omar sein
wrde, aber leider ohne die rhrende Liebe, welche dem beinahe angebeteten Sihdi
die Stiefel putzt und salbt! Ich sollte eigentlich diesen Sihdi hassen, der es
wagt, mir einen Eselsjungen mitzubringen, damit ich endlich einmal kennen lernen
mge, was eigentlich ein Mensch ist und was keiner!
    Er stellte sich vor mich hin und drohte mir in halb jovialer, halb zorniger
Weise mit der Faust.
    Das ist kein Kompliment fr mich, Mylord, lchelte ich. Denn ich selbst
bin also nicht genug Mensch gewesen, um Euch zu imponieren!
    Nein, denn Ihr seid ja zivilisiert! Ich fange nmlich an zu glauben, da
mir von jetzt an nur noch unzivilisierte Leute imponieren knnen. Ich bitte
Euch, denkt auch an den Chinesen, diesen Tsi! Er ist der Andere, den ich meinte.
Hat die verachtete gelbe Haut und drngt sich doch auf unsere Jacht, ganz gegen
meinen Willen! Setzt sich nicht mit an unsern Tisch und zwingt mich dadurch, ihn
ganz ergebenst selbst zu holen! Spricht dann nur, wenn man fragt, doch wie ein
Weltprofessor, und zwingt mir Wort fr Wort das innerliche Selbstgestndnis ab,
da er nicht nur gescheidter, sondern auch besser ist, als ich bin! Ich verliere
Wette um Wette, weil ich mich fr vornehmer und reicher halte als ihn! Seine
kleine Karte mit den drei chinesischen Worten spricht ganze Bnde ber die
Frage, vor welcher wir trotz unserer sogenannten Intelligenz genau so stehen,
wie die Kuh vor der verschlossenen Stalltr! Und whrend ich wunder denke, wer
und was ich gewesen und heut noch bin, zeigt er mir durch einige geschriebene
Worte, da er, der junge Mann, weit auerhalb seines Vaterlandes und sogar bei
den vermeintlich Wilden eine Achtung, eine Liebe besitzt, die nicht nur ber
ganz bedeutende Summen, sondern sogar ber Leben und Tod verfgt! Dabei zeigt er
sich so gelassen, so ehrerbietig, so bescheiden, so einfach, so anspruchslos,
da ich laut hinausrufen mchte: Wenn das nicht die wahre Bildung, die wahre
Gesittung ist, so soll einmal ein Europer kommen, um ihn zu bertreffen!
    Da schaute Raffley ihm verwundert in das Gesicht und rief aus:
    Dear uncle, was ist mit Euch vorgegangen? Ich kenne Euch nicht mehr. Ihr
seid ja begeistert von einem Chinesen! Bedenkt doch, was das heit!
    Was soll es heien! Ich bin nicht begeistert, sondern zornig, einfach
zornig, und zwar ber mich! Aber es mute heraus, und es mute herunter, grad
hier und grad jetzt! Es braucht zu dem Araber und dem Chinesen nur noch ein
Malaie zu kommen, der mich ebenso beschmt, so habe ich meine Fehler dem ganzen
Asien abzubitten! Ich mute es Euch sagen, damit Ihr Euch nicht ber mich
wundert, wenn ich Dinge tue, die mir frher fremd gewesen sind.
    Wieso?
    Weil davon gesprochen worden ist, da Waller, Mary und Tsi mit uns auf
unserer Jacht nach China gehen sollen. Wenn das geschieht, so will ich vorher
Klarheit ber mich haben. Darum sprach ich mich aus, um mit eigenen Ohren zu
hren, was ich sage. Und nun dies geschehen ist, habe ich mich durchschaut und
wei, woran ich bin!
    Das ist sehr weislich gehandelt; aber bitte, uns das Ergebnis mitzuteilen!
Wir fahren nmlich auch mit, wenn Ihr nichts dagegen habt, und mchten darum
gern wissen, woran auch wir mit Euch sind.
    Das sollt Ihr erfahren, sofort! Ich will, wenigstens auf dieser Reise, auch
einmal nur Mensch sein! nichts als Mensch. Nicht Lord, nicht Governor, sondern
nur Uncle, hchstens einfach Sir! Ich mchte nmlich sehen, ob ich als Mensch so
ganz und gar nichts bin, da man gezwungen ist, sich auf meinen Stammbaum und
auf meine Titel und Wrden zu besinnen, wenn man mich achten will. Man hat sich
dieser uerlichkeiten ja geradezu zu schmen, wenn man so nach und nach
erfhrt, was fr wirkliche Vorzge und Verdienste alle hinter dem kleinen,
einsilbigen Wrtchen Tsi verborgen liegen!
    Da sprang John auf, umarmte ihn, gab ihm einen herzhaften Ku auf den Mund
und sagte:
    Uncle, alter, lieber, prchtiger Uncle, wenn du wtest, was du mir da fr
eine Freude machst! Es bedarf ja dessen eigentlich gar nicht, denn wir Alle
wissen ja, da du der beste, der allerbeste - - -
    Still, still! unterbrach ihn der Alte, indem er sich mit der Hand ber die
feucht gewordenen Augen fuhr. Ich mag das jetzt nicht hren. Ich will auch
nicht der reiche vornehme Uncle sein, das Familienoberhaupt, sondern nur die
Person, das Individuum, der Mensch, den man ganz unwillkrlich und aus freiem
Herzen Uncle nennt, weil - - - Horch!
    Er hielt inne, denn es war drauen ein jubelnder Schrei erklungen. Mary
hatte ihn ausgestoen. Wir traten an die Fenstertr und sahen hinaus. Vier
Trger brachten einen groen, bequemen, malajischen Palankin getragen, aus
leichtem Holz gefertigt und mit buntem Kellam-Kellam-Stoff verhangen. Diese
Trger waren Malaien, schne, schlank, aber krftig gewachsene Gestalten, deren
stolzer Haltung man es ansah, da sie diesen Dienst nur ausnahmsweise
verrichteten. Hinter ihnen ging der Bote, mit dem wir gesprochen hatten. Voran
schritt ein Greis mit lang herabwallendem, silberwei glnzendem Haar, hoch
aufgerichtet wie ein Jugendlicher. Sein Kopf war unbedeckt. Die einfache, ja
fast rmliche Kleidung, die aus Sarong44 und Badju45 bestand, unterschied ihn
nicht von andern Leuten seiner Rasse, aber man sah ihm doch gleich bei dem
ersten Blicke an, da er gewohnt sei, Achtung, vielleicht gar Ehrfurcht zu
erwecken. Der Ausdruck seines faltenlosen Gesichtes war ernst, doch mild und
gtig. In der Hand hielt er einen langen, weien Stab, an welchem oben ein
federbuschartiger Strau von wohlriechenden Binarablttern und weiblhenden
Kalessirispen befestigt war, zum Zeichen, da man im Frieden zu uns gekommen
sei. Dieser Mann war der heidnische Priester, der sich Mi Wallers so freundlich
angenommen und dem christlichen Brandstifter das Leben gerettet hatte. Die Gte
seines Herzens hatte ihn getrieben, den weiten, beschwerlichen Weg trotz seines
Alters mitzumachen, damit der Missionar des religisen Schutzes und der Pflege
nicht entbehre. Mary eilte auf ihn zu und kte ihm die Hand. Sie tat dies im
schnen Drange nun auch ihres Herzens, obgleich der Ku bei den Malaien Sumatras
etwas vollstndig Ungebruchliches ist.
    Die Snfte wurde niedergesetzt, und Mary schlug die Vorhnge schnell zurck,
um ihren Vater zu begren. Wir gingen hinaus, um dasselbe zu tun, und trafen da
mit Tsi zusammen, der dasselbe gesehen hatte, wie wir. Die Amerikanerin kniete
jetzt, als wir kamen, mit gefalteten Hnden und leichenbla vor ihrem Vater. Er
lag starr wie ein Toter, hatte die Augen fest geschlossen und machte nicht die
geringste Bewegung, Tsi trat an die andere Seite des Palankin, um den Kranken zu
untersuchen. Er brauchte hierzu kaum eine Minute; dann sagte er:
    Ich darf Sie beruhigen, Mi Waller. Er lebt. Er ist nur schwach, unendlich
schwach. Ich werde ihm zunchst ein Mittel geben, welches ihn belebt. Dann
werden wir, so hoffe ich, weiter sehen, da wir ihn retten knnen.
    Er befahl den Trgern, die Snfte in das Haus und nach dem Korridor zu
tragen. Sie taten es. Mary ging mit. Tsi aber blieb noch fr einige Augenblicke
da, um den Priester zu begren. Er verneigte sich vor ihm wie vor einer
hochgestellten Persnlichkeit und fragte:
    Dein Bote kannte unsere drei menschenfreundlichen Worte. Darf ich daraus
schlieen, da auch du ein Sohn der groen Shen, also ein Bruder Aller bist, die
uns der Himmel als Bedrftige sendet?
    Wrdest du mich hier sehen, wenn ich es nicht wre? antwortete der
Gefragte. Ich kenne sogar deinen Vater; ich hatte das Glck, mit ihm zu
sprechen. Als wir hier oben in den Bergen beschlossen hatten, Kinder Eurer Shen
zu werden, war ich der von allen Stmmen Auserwhlte, der nach Kuang-tscheu-fu46
geschickt wurde, ihre Lehre zu studieren und ihre Einrichtungen hier auf dieser
Insel einzufhren. Die dortigen Schler deines Vaters wurden meine Lehrer,
obgleich ich lter, viel lter war als sie. Einst kam er, sie zu besuchen. Da
durfte ich an seinem linken Fue sitzen und stundenlang nach Allem fragen, was
ich noch nicht kannte. Als er dann ging, umschlang ich diesen Fu mit meiner
Hand und drckte ihn an meine Stirn, denn es war der Fu der ewig gtigen,
barmherzigen und duldsamen Shen, welche mit dem ersten der Menschen vom Himmel
niederkam und mit dem letzten wieder zu ihm aufwrts gehen wird. Wie freute ich
mich, als ich von meinem Boten und deiner Karte erfuhr, da du, sein Sohn, in
Kota Radscha seist, und zwar um des Mitonare47 willen. Ich machte mich sofort
mit ihm auf den Weg und bin mit meinem ganzen Volk bereit, dem Sohne zu danken,
was der Vater an uns tat. Befiehl, und ich gehorche!
    Befehlen? Fr dich hat die Shen keinen Befehl, sondern nur die Bitte: Bleib
heute hier bei uns! Du hast den Kranken begleitet und bist der Einzige, der mir
ein Bild ber die Entwickelung seines gegenwrtigen Leidens ermglichen kann.
Ich brauche es, um ihn zu retten.
    So bleibe ich! Sollte mein Malajisch hier deinen Freunden unbekannt sein,
so kann ich englisch mit ihnen sprechen. Ich habe es whrend der drei Jahre
gelernt, die ich in Kuang-tscheu-fu und Hiang-Kiang48 gewesen bin, um neben der
Shen auch den Segen zu studieren, den die Fremden dorthin brachten.
    Er hatte das in einem so zufriedenstellenden Englisch gesagt, da der Uncle
ganz erstaunt in die Worte ausbrach:
    Habt Ihr es gehrt, dear John? Dieser Mann kennt unsere Muttersprache! Das
ist ein Wunder, welches man schleunigst beim Schopfe nehmen mu! Einverstanden?
    Raffley ergriff als Antwort die Hand des Priesters und bat ihn, mit herein
zu uns zu kommen. Da sagte Tsi:
    Ich danke Ihnen, Sir! Sie machen es mir damit mglich, nun dorthin zu
eilen, wohin meine Pflicht mich ruft.
    Er begab sich also schnellen Schrittes der Snfte nach. Raffley und der
Governor nahmen den neuen Gast in die Mitte, um ihn nach unserer noch
offenstehenden Tr zu fhren. Ich aber folgte ihnen nicht, sondern verlie den
Kratong, um whrend eines kurzen Spazierganges die Umgebung desselben kennen zu
lernen. Ich wurde ja nicht gebraucht, weder von den beiden Englishmen noch von
dem Kranken und seinem Arzte.
    Als ich nach ungefhr einer Stunde zurckkehrte, wollte ich direkt nach
meinem Zimmer gehen; aber Raffley ffnete das seinige und forderte mich auf, zu
ihm zu kommen. Er war allein; aber im Nebenzimmer hrte man sprechen. Dort
wohnte der Governor. John machte mir ein Zeichen, nicht zu laut zu reden, und
sagte in gedmpftem Tone:
    Tsi war soeben hier. Er brachte Nachricht ber Waller. Es steht mit dem
Patienten nicht gut. Nur die uerste Aufmerksamkeit kann ihm das Leben
erhalten. Mi Mary darf das natrlich keinesfalls erfahren. Tsi hat ihr Hoffnung
gemacht, so weit es mglich war, ohne gradezu zu lgen. Der anstrengende Weg in
die Berge htte unbedingt unterbleiben sollen. Nun sind wir gebeten, uns so
wenig wie mglich um den Kranken zu bekmmern, weil seine Tochter sich durch
viele Nachfrage beunruhigt fhlen wrde. Tsi wacht mit ihr am Lager und ersucht
uns, es zu entschuldigen, da er sich jetzt nur zuweilen sehen lassen knne.
Unser Aufenthalt in Kota Radscha wird also von lngerer Dauer sein, als wir
dachten. Wir haben uns hierauf einzurichten, und so schlage ich vor, nicht hier,
sondern auf der Jacht zu speisen und dort Alles einpacken zu lassen, was wir fr
unsere besondere Bedrfnisse hier oben ntig haben. Wenn Sie einverstanden sind,
werde ich es dem Uncle mitteilen.
    Ich stimmte bei. Da ffnete er die Tr zum Nebenzimmer und machte diesen
unsern Entschlu dem Governor bekannt, der, wie ich lchelnd bemerkte, den alten
Heiden eng neben sich auf dem Sofa sitzen hatte.
    Sehr gut, lieber John, sehr gut! antwortete er in deutscher Sprache.
Fahren wir wieder mit der Bahn?
    Nein; wir nehmen Wagen.
    Dann aber zwei. Einen fr Euch Beide und einen fr uns Beide. Auer Ihr
wollt diesen meinen neuen Bekannten nicht mitnehmen. Dann bekommt Ihr aber auch
mich nicht mit!
    So lade ihn hflich ein, und kommt uns nach. Wir gehen hinber nach dem
Platze wo vis-a-vis vom Hotel Rosenberg die malajischen Droschken halten, und
nehmen zwei von ihnen.
    Es gibt in Uleh-leh und Kota Radscha eine Art sehr leichter Fiaker, welche
mit kleinen, aber sehr schnellen, edlen Batak-Ponies bespannt sind. Diese
Pferdchen laufen wie ein Wetter und sind von einer Ausdauer, die fast
unbegreiflich wre, wenn man nicht she, mit welcher Liebe so ein Malaie an
seinem Tiere hngt. Ich habe spter von Padang aus mit solchen niedlichen Tieren
ganze Tagestouren von doppelter Lnge, als man in Deutschland gewhnt ist,
gemacht, und wenn wir des Abends nach Hause kamen, so waren sie noch so frisch
und mutig wie am frhen Morgen. Aber welche Behandlung auch gegen die bei uns
daheim fr richtig gehaltene!
    Der Uncle kam mit dem Priester schnell hinter uns her und stieg mit ihm in
eine der beiden Kaleschen. Wir taten dasselbe und erreichten den Hafen in
weniger Zeit, als der Zug gebraucht hatte, der viel krzeren Eisenbahn zu
folgen. An der Landungsbrcke nahmen wir ein Boot, welches uns nach der Yin zu
bringen hatte. Dort angekommen, bestellte Raffley das Essen und bezeichnete die
Gegenstnde, welche uns sodann hinauf nach Kota Radscha geschickt werden
sollten. Ich fgte die meinigen bei und der Governor die seinigen. Der Letztere
verga die fr Tsi bestimmte Tabakspfeife ebenso wenig wie John den Band meiner
Werke, den er Mary versprochen hatte.
    Dann saen wir, auf das Servieren des Mahles wartend, oben an Deck, noch
immer in zwei Paare getrennt, denn der Uncle hatte den ehrwrdigen Malaien so
ganz fr sich genommen, als ob er das einzige und wirkliche Eigentumsrecht an
ihm besitze. Ihre Unterhaltung war eine sehr eifrige, und sie hielten sich dabei
so nahe beisammen, als ob sie gute Bekannte aus alten, liebgewordenen Zeiten
seien.
    Was da herauskommen wird! lchelte John, indem er zu ihnen hinberschaute.
Ich habe fast noch kein einziges Wort mit diesem Heiden sprechen knnen. Der
Unkle hatte entdeckt, da es ein unbewohntes Zimmer nebem dem seinen gab, und
wies es dem Priester mit einer Selbstverstndlichkeit an, als ob er es sei, der
im Kratong zu gebieten habe. Ich aber war so vorsichtig, es dem Mijnheer zu
melden und um seine nachtrgliche Zustimmung zu bitten, die ich auch erhielt.
Seitdem haben die Beiden in Einem beisammengesessen, und es soll mich verlangen,
das Resultat dieser ebenso pltzlichen wie engen Verbindung so heterogener
Elemente zu erfahren!
    Mir gefllt er ungemein, dieser alte, freundlich ernste, achtunggebietende
Sumatraner, gestand ich ein.
    Mir nicht nur er! Wissen Sie, Charley, als Sie fortgegangen waren, kamen
noch einige Malaien nach, die auch zu ihm gehrten, sich aber versptet hatten,
weil ihre Lasten zu schwer gewesen waren. Sie brachten das Gepck, welches
Waller und Mary mit oben im Gebirge gehabt hatten. Der Priester versicherte dem
Uncle, da nichts fehle, keine einzige Stecknadel. Welch eine Ehrlichkeit! Zumal
unter den gegebenen Verhltnissen, und nach Wallers Tat, die, wie wir uns
aufrichtig zu sagen haben, in den Augen der armen Leute da oben eine ruchlose
ist! Doch, kommen Sie, lieber Freund; man winkt zum Essen!
    Es gab nur kalte Speisen. Darum hatte die Tafel keine lngere Vorbereitung
erfordert. Wir setzten uns, an jeder Seite eine Person, und griffen ohne
Weiteres zu, nmlich wir Drei. Der Malaie aber sah uns verwundert an, legte dann
die Hnde zusammen, nicht gefaltet, sondern glatt an einander, senkte das weie
Silberhaupt und ... betete! Wir schlugen beschmt die Augen nieder, lieen
dieses Beispiel aber unbefolgt. Denn es nun hinterdrein dem Heiden nachzumachen,
dagegen strubte sich unsere ganze, europische Superioritt. Es ist jawohl die
allgemeine Regel, da nur der Niedrigerstehende dem Hherstehenden nachzufolgen
hat, nicht aber umgekehrt!
    Infolge dieses doch nicht ganz angenehmen Lapsus ging das Essen zunchst
sehr still vor sich. Es lag etwas zwischen uns, was nicht schnell weichen
wollte. Endlich aber durchbrach der Uncle diese unsichtbare, seelische Barrire
mit der an uns gerichteten Frage:
    Lieber Charley, glaubt Ihr, da es intelligente und gute Menschen nur
allein bei uns Weien gibt?
    Sonderbare Frage! antwortete ich. Sonderbar schon deshalb, weil Ihr sie
grad mir vorlegt, der ich doch, so zu sagen, der Hecht im Karpfenteiche Eurer
Vorurteile gewesen bin, noch heute bin und immer bleiben werde!
    Ja, grad Euch sollte ich am allerwenigsten fragen. Ich habe es aber dennoch
getan, weil ich da der wohlverdienten Zurechtweisung am sichersten war. Ich sage
Euch, ich habe in Beziehung auf die Beurteilung anderer Menschenrassen in den
letzten zwei Tagen mehr gelernt, als whrend der ganzen Zeit meines vorherigen
Lebens. Und warum? Weil ich eben lernen wollte. Das gab es frher aber nicht!
Wer sich fr vollkommen hlt, dem knnt ihr mit Engelszungen predigen; er glaubt
Euch doch kein Wort. Er bleibt hchstens still und lacht Euch dabei aber
heimlich aus. Doch mir sind glcklicherweise nun endlich die Augen und Ohren
geffnet worden. Wie habe ich bisher ber die Malaien gedacht, und wie denke ich
jetzt! Sie sind die prchtigsten Menschen, die es geben kann, stolz, klug,
einsichtsvoll, mild, vershnlich, uneigenntzig, gerecht und ber alle Maen
liebenswrdig. Ich werde immer mehr berzeugt, da wir alle Ursache haben, sie
uns zum Muster zu nehmen!
    Schon wollte ich antworten, da kam mir der heidnische Priester zuvor. Er sa
so bescheiden zwischen uns, aber doch wie Einer, der sehr wohl wei, da er dazu
berechtigt ist. Man sah, da er nicht gelernt hatte, auf europische Weise zu
speisen, doch brachte ihn das nicht im Geringsten in Verlegenheit. Er pate auf,
wie wir es machten, und ahmte es in so geschickter, intelligenter Weise nach,
da nichts geschah, was einem Fehler glich. Und wenn er sprach, so tat er es in
jenem unaufdringlichen und doch keinesweges befangenen Tone, welcher gebildeten
Personen eigen ist, die zwar eine ganz bestimmte, feste Lebensansicht haben,
sich aber sehr wohl hten, sie Andern aufdrngen zu wollen. So machte er auch
jetzt dem Governor, als dieser gesprochen hatte, eine hfliche Verneigung und
sagte, indem ein verbindliches Lcheln sein Gesicht berflog:
    Ich danke Euch im Namen aller Derer, die dieses Lob verdienen, Sir! Aber
leider verdienen es nicht Alle, ja, nicht Alle! Es ist hier bei uns wohl ebenso
wie dort bei Euch: Das Niedrige kmpft gegen das Hhere; der Eine neigt zu
diesem und der Andere zu jenem, und nicht etwa das schnklingende Wort, sondern
nur das lebendige Beispiel des Edlen kann bewirken, da die Tiefe nach und nach
zur Hhe emporgezogen wird. Ich sage, nach und nach. Denn das Steigen aus dem
Tale zur Hhe empor ist nicht so leicht und geht nicht so schnell, wie man es
wnschen mchte. Viele, Viele strzen dabei wieder ab. Ja, es gibt sogar Welche,
die entweder gar nicht wissen oder gar nicht wissen wollen, da menschliche
Hhen vorhanden sind. Ihr freut Euch darber, da Euch einige edeldenkende
Personen unserer Rasse begegnet sind. Das macht Eurem guten Herzen groe Ehre.
Dieses Herz breitet nun sofort die beiden Arme aus, um die ganze Nation zu
umfassen und an sich zu drcken. Ich mchte Euch dafr umarmen, Sir. Aber die
Wahrheitsliebe gebietet mir, zu sagen, da der Durchschnitt bei uns ganz
derselbe ist wie auch bei Euch. Ich liebe alle Menschen, und von ihnen allen
steht mir natrlich der Malaju49 am allernchsten. Ich mchte so gern, da ich
ihn derart loben knnte, wie Ihr es tatet, aber das wrde Selbstberhebung sein
und wohl auch Ungerechtigkeit gegen Andere. Wie ein Mensch von dem andern zu
lernen hat, so soll auch jedes Volk auf das andere, jede Nation und jede Rasse
auf die andere schauen, um ihre Fehler zu vermeiden, ihre Tugenden aber sich
anzueignen. Indem wir dieses tun, gestehen wir der groen Menschheit unsere
eigenen Fehler ein und erlangen durch ihre Verzeihung die innere und uere
Kraft, sie in das Gegenteil, in Tugenden zu verwandeln. Sobald ein Mensch sich
berschtzt, sich fr gro, fr unereichbar hlt, wird er nicht mehr steigen
knnen, sondern zu sinken beginnen. Die Wrdigkeit wird sich in Unwrdigkeit,
der Wert in Unwert verwandeln. Das Eine lie ihn steigen; das Andere lt ihn
fallen. So auch beim Volk, bei jeder Allgemeinheit. Darum wollen und mssen wir
uns Alle ja hten, uns zu preisen oder gar auf Andere herabzusehen. Ihr werdet
bei uns nicht weniger Bses finden, als wir bei Euch entdecken wrden, wenn wir
kommen wollten, um nachzuforschen. Darum habe ich Euch zwar gedankt fr Euer
liebes Wort, halte es aber fr meine Priester- und meine Menschenpflicht, Euch
vor Enttuschung zu warnen. Wir sind Snder, wir Alle, Alle, ohne Ausnahme, und
keines Ruhmes wert. Das sagt ja wohl auch die Bibel, Eure heilige Schrift, Sir!
    Es war im hchsten Grade interessant, das Gesicht zu sehen, welches der
Uncle jetzt machte. Er hatte den Mund halb offen, schaute den Malaien an, dann
John, dann mich, dann wieder den Malaien und rief dann aus:
    Aber Mann, Mensch, Ketzer und gar Heide, was sind das fr Gedanken! Wo habt
Ihr sie eigentlich her? So wie Ihr spricht man bei uns ja nur in den
gebildetsten Kreisen! Hierzu gehrt der Besuch der hchsten, humanistischen
Anstalten, der Gymnasien und Universitten! Wo habt Ihr das gelesen? Wo habt Ihr
das gehrt? Und wo steht es bei Euch in Sumatra geschrieben?
    Da war es der Priester, welcher nun Erstaunen zeigte.
    Nur in den gebildetsten Kreisen? Nur in den hchsten Lehranstalten? fragte
er. Ja, was lehrt man denn bei Euch sonst auerdem? Nicht Humanitt? Nicht
Menschenliebe und Menschenachtung? Womit belebt, womit beseelt Ihr alles Andere,
was Ihr zu lernen habt, wenn nicht mit diesen Beiden? Doch nicht etwa grad mit
dem Gegenteil! Womit fllt Ihr die Krper Eurer Wissenschaften aus, wenn nicht
mit jenem Geiste, der in den heiligen Bchern aller Vlker lebt, auch in den
Euren? Bei uns wird schon dem Kinde dieser menschenfreundliche, erlsende Geist
gezeigt, der Jedem sagt, da keiner ber dem Andern stehe, sondern alle Welt
berufen sei zum Aller-, Allerhchsten! Dieser Geist ist bei uns vollstndig
frei; er kann wirken, wo er will. Wir legen ihm keine Fessel an, weder im Hause
noch in der Schule noch im Tempel. Darum fhlen wir uns allen Menschen
brderlich verwandt und achten jede Religion, sie heie, wie sie heie. Wir
schmhen keinen andern Glauben, denn jeder Glaube fhrt, wenn auch in seiner
Weise, doch nirgend hin, als nur empor zu Gott. Ja, wir halten es sogar fr
unsere Pflicht, der Wahrheit, welche andere Religionen lehren, auch unsere Tr
zu ffnen, um uns an ihr zu unterrichten. In meinem eigenen Tempel stand bei
andern heiligen Sprchen in groer, goldener Tobaschrift geschrieben: Kurna
dumkianlah halnya Allah tulah mungasihi orang isi dumia ini, sahingga dikurni
akannya Anaknya yang tunggal itu, supaya barang siapa yang purchaya akan dia
tiada iya akan binasa, mulainkan mundapat hidop yang kukal! Soll ich Euch das
bersetzen, Sir?
    Ich bitte darum, nickte der Governor.
    Das heit: Gott hat die Welt so sehr geliebt, da er seinen eingeborenen
Sohn hingab, damit Alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das
ewige Leben haben! Ich brachte dieses unendlich tiefe und ebenso unendlich
erhabene Wort aus Kuang-tscheu-fu mit, wo ich es in einer englischen Bibel fand,
die ich whrend vieler Nchte las, die Sprache zu erlernen. Ich nahm es mit nach
Sumatra, hinauf in unsere Berge. Ich lehrte und erklrte es meinen Malaien und
lie es dann an die beste Stelle unsers Tempels schreiben. Denn wenn Gott der
Menschheit eine so groe Liebe zeigt, da er fr sie ein so unaussprechliches
Opfer bringt, so hat er damit kund getan, da auch der Mensch zum Menschen
nichts Anderes zu sein habe, als nur Liebe. In dem Augenblicke, in welchem
Gottes Sohn zur Erde kam, wurde die Gottesliebe als Menschenliebe incarniert.
Das sollten meine Malaien wissen; das sollten sie merken; darnach sollten sie
leben, und darum sollten sie es tglich und stndlich im Tempel lesen knnen. Es
verging kein Tag des Gottesdienstes, an dem ich nicht von diesem Worte sprach.
Es war mir teuer, unendlich teuer, und auch sie hatten es liebgewonnen und
beherzigten es in Allem, was sie taten. Da aber kam der fromme Missionar und
vernichtete es, indem er unser Heiligtum verbrannte! Wit Ihr, was mein Volk
mich nun zu fragen hat, und was alle mir unterstellten Priester mich bei der
nchsten Zusammenkunft fragen werden? Wie konntest du uns eine Liebe bringen,
die sich als Ha mit eigener Hand vernichtet! So, so wird es von allen Lippen
tnen, und nun bitte ich Euch, Sir, sagt mir, was ich antworten soll!
    Er hatte schon, whrend er sprach, nicht mehr gegessen; jetzt schob er den
Teller weit von sich. Sich von uns abwendend, schaute er auf die weite See
hinaus, und es schien mir, als beginne es, in seinen Augen feucht zu werden.
Nach einiger Zeit hatte er sich berwunden, drehte sich uns wieder zu und sagte:
    Wir haben mehr verloren, als ihr denkt! Nicht mir, denn ich stehe fest,
aber allen denen, welche meinen Worten glaubten, wurde nicht etwa blo der
Tempel vernichtet, sondern mit ihm auch das Vertrauen zu der gttlichen Liebe,
die so gro war, da sie ihren eingeborenen Sohn dahingab, auf da kein Mensch,
kein einziger, verloren gehe. Wir werden einen neuen Tempel bauen; aber darf ich
diesen Spruch wieder an eine seiner Wnde schreiben? Nein! Denn er ist ein
christlicher, und ein christlicher Priester hat ihn ausgelscht in allen, allen
Herzen, auer dem meinen! Ich sagte ja schon: Nicht das Wort, sondern das
lebendige Beispiel wirkt und erhebt. Und dieses Beispiel hat zwischen uns und
Euch entschieden. Wir geben Euch Eure schnen Worte zurck. Wir brauchen sie
nicht, denn wir haben mehr als Ihr; wir haben - - unsere Shen!
    Er machte eine Armbewegung, als ob er etwas wegwerfe, und erhob sich von
seinem Sitze. Da standen auch wir auf. Die Lust zum Weiteressen war uns
vergangen. Um nur Etwas zu sagen, griff der Governor nach dem zuletzt gehrten
Worte und fragte:
    Shen? Wer und was ist denn eigentlich diese Shen?
    Wit Ihr das noch nicht? Hat es Euch der Sohn noch nicht gesagt? Es ist die
Menschheitsverbrderung, der groe Bund aller Derer, die sich verpflichtet
haben, nie anders als stets nur human zu handeln.
    Wer kann beitreten?
    Jeder! Doch hat er Allem zu entsagen, was gegen die Menschen- und die
Nchstenliebe ist.
    Herrlich, herrlich! John, das ist Etwas fr uns! Werden wir Mitglieder!
Nicht?
    Da hob der Priester die Hand empor, als ob er abzuwehren habe, und sagte:
    Das ist nicht so leicht und geht nicht so schnell, wie Ihr denkt, Mylord!
Man wrde Euch prfen, und diese Prfung wrde strenger sein als jede
Selbstprfung. Seid Ihr berzeugt, sie bestehen zu knnen?
    Ich hoffe! An wen hat man sich zu wenden, um aufgenommen zu werden?
    An Niemand. Ihr habt den Wunsch geuert, und das ist genug. Das Leben wird
Euch prfen. Verget das nicht. Denkt allezeit daran! Jede einzelne Inhumanitt
gegen Freund oder Feind, Christ oder Heide, die vor das Auge oder vor das Ohr
des Lebens kommt, wrde Euch ausschlieen. Die Shen sieht mehr und hrt mehr,
als Ihr denkt. Erweist Ihr Euch aber als wrdig, so wird Euch die Aufnahme
zugehen, wann und wo Ihr es am allerwenigsten denkt. Der Wind sogar kann sie
Euch vor die Fe wehen. Oder Ihr findet sie in dem kleinen Tschchen Eures
Notizbuches und knnt Euch nicht erklren, wie sie da hineingekommen ist. Unser
herrlicher Bund hat tausend und abertausend Wege, zu tun, was er beschliet. Er
hat seine Brder und Schwestern, seine Shne und Tchter berall, sogar in den
Schulen der Knaben und der Mdchen, die in schner, stolzer, jugendlicher
Begeisterung sich zur Shen bekennen und Alles vermeiden, was ihre Ausschlieung
herbeiziehen wrde.
    Sogar die Jugend, die Schler? rief der Governor aus. Ein kstlicher
Gedanke! Warum gibt es nicht auch bei uns so Etwas wie diese Shen? Sobald ich
heimkomme, soll es mein Erstes sein, mich an dieses menschenfreundliche,
segensreiche Werk zu machen! Nur Humanitt, Bruderliebe und Friede! Alles Andere
aber, was zum Streite fhrt, soll ausgeschlossen sein! Ich meine, was die Heiden
knnen, das knnen wir Christen auch! Gerecht und billig sein! Kommt, Ihr
Lieben! Gegessen wird nicht mehr wie es scheint. Aber hier steht eine volle
Flasche. Sie ist vom besten Tropfen, den unsere Jacht in ihrem Keller hat. Den
trinken wir auf Shen!
    Er fllte die Glser, hob das seine empor und fuhr fort:
    Also auf Shen! Sie lasse sich von uns heim nach dem Abendlande fhren! Sie
werde dort nicht Gast, nein, sondern Brgerin! Sie kehre ein in jeder Stadt, auf
jedem Dorf, selbst in dem kleinsten Hause! Sie werde auch bei uns zum groen
Bunde, der berall, wo eine Menschheitswunde blutet, sie liebevoll verbindet und
dann heilt! Hip, hip, hurra!
    Er leerte sein Glas auf einem Zuge und warf es dann ber Bord in die See.
Man tut das, um damit zu sagen, dieser Toast sei so wichtig und so heilig, da
das Glas zu keinem andern Zwecke mehr von irgend einer Lippe berhrt werden
drfe.
    Hip, hip, hurra! riefen auch John und ich, tranken aus und schleuderten
unsere Glser ebenso weit ber die Regeling hinaus in die Flut.
    Hip, hip, hurrah! sagte ebenso der Priester. Er trank in kurzen,
bedchtigen Zgen, behielt aber das geleerte Glas dann in der Hand, betrachtete
es, indem er es rundum drehte, und sprach: Nein, nicht verschwinden sollst du
mir; dich darf die Woge des Meeres und der Vergessenheit mir nicht entreien!
Ich nehme dich mit. Du sollst mir teuer sein, denn du gehrst der, Shen, die aus
dir trank, obgleich mit meinen Lippen! Und kommt zu uns ein Mensch, den sie uns
schickt, da wir an ihm die Herzen im Erbarmen ben mgen, so sei du ihm
gereicht zum ersten, heiligen Trunk, gleich einem Schwur, da wir ihm Brder
seien!
    Da nahm Raffley eine der kstlich in Gold gestickten indischen Servietten
vom Tische, reichte sie ihm hin und bat:
    Schtze es durch diese weiche Hlle! Du hast auch hier das Bessere, das
Richtige getroffen. Wir werfen weg; du aber, du bewahrst! Ich danke dir, und
zwar im Namen derjenigen, an deren Stelle du jetzt mit uns trankst!
    Da hob der Malaie berrascht den Kopf empor und sah ihn forschend an. John
hielt diesen Blick lchelnd aus. Nun lchelte der Andere auch, und wie von einer
einzigen Bewegung getrieben, reichten beide einander die Hnde. Dem Governor
fiel das, wie es schien, gar nicht auf; mir aber kam sofort die heimliche Frage:
Warum nannte er ihn bei diesen Worten du? Ist Freund Raffley vielleicht schon
Mitglied dieses brderlichen Bundes? - - -
    So hatte das Frhstck, dessen Beginn ein beinahe verlegener gewesen war,
ein allerseits befriedigendes Ende genommen. Besonders angeregt zeigte sich der
liebe, alte, stets impulsive Uncle, der sich so gern und schnell fr jede Idee
enthusiasmierte, bei welcher auf sein gutes Herz zu rechnen war. Er nahm den
Priester sofort wieder fr sich allein, sa bei der Rckkehr nach der
Landungsbrcke neben ihm im Boote und schob ihn dann so demonstrierend vor sich
in den Wagen, als ob einer von uns beiden Andern die Absicht geuert htte, mit
dem Malaien fahren zu wollen. So sa ich also auch whrend der Heimfahrt mit
John beisammen.
    Eine seltsam schnell geschlossene Freundschaft! sagte dieser, indem er auf
die zwei Voranfahrenden deutete. Der Uncle ist jetzt wirklich ein ganz Anderer
als vorher. Kommt diese Sinnesnderung Ihnen nicht als eine zu rasche vor?
    Nein, antwortete ich. Er lebte bisher ganz ausschlielich hinter der
Mauer seiner National-, Standes- und sonstigen Vorurteile. Da er aber eigentlich
nicht fr sie geschaffen ist, hat er sich in diesem Gefngnisse niemals wirklich
wohl gefhlt und mute gleich bei der ersten Bresche heraus in die Freiheit
treten.
    Diese Bresche wurde von Ihrem Sejjid Omar geschossen, nicht?
    Ja, Tsi aber scho noch erfolgreicher. Er legte fast die ganze Fronte in
Trmmer.
    Und dann kam dieser Priester, dieser Malaie - - - Oh, besinnen Sie sich da
einmal auf Uncles Worte: Es braucht zu dem Araber und dem Chinesen nur noch ein
Malaie zu kommen, der mich ebenso beschmt, so habe ich meine Fehler dem ganzen
Asien abzubitten! Ist das nicht sonderbar? Der Malaie, der das fertig bringt,
scheint sich eingestellt zu haben! Und was fr einer! Der Mann ist jedenfalls
Oberpriester. Seine Bescheidenheit verbietet ihm, dies zu sagen; aber es entfuhr
ihm absichtslos, als er die andern Priester seine Untergebenen nannte. Er wurde
auf drei Jahre nach Kanton berufen, vor allen Andern auserwhlt! Das
dokumentiert fr mich seine Intelligenz zur Genge! Und was hat er dort gelernt!
Wir hren es ja! Kein leeres Wortgeplrr, sondern stets Gedankentiefe! Keinen
einzigen Anspruch fr sich selbst, fr seine Kaste, seine Rasse, aber fr das
Menschentum nichts weniger als Alles, Alles, Alles! Das fordert zum Vergleiche
auf. Doch, schweigen wir!
    Er legte die Hnde zusammen, senkte den Kopf und war von nun an still, bis
wir nach Kota Radscha kamen, wo wir vor dem Kratong ausstiegen. Als wir durch
den Hof gingen, muten wir an einer langen Bank vorber, auf welcher Soldaten
saen, mein Sejjid Omar mitten unter ihnen. Als er mich sah, waren wir ihm schon
nahe. Er stand schnell auf, und ich hrte ihn sagen:
    Daar komt onze Mijnheer - da kommt unser Herr!
    Sie sprangen ebenso auf wie er und machten ihr Honneur. Also auch hier schon
unser Herr! Fr ihn gab es keinen andern!
    Wir traten zunchst in Raffleys Zimmer. Kurze Zeit spter kam Tsi herein. Er
hatte uns gehrt und hielt es fr seine Pflicht, uns ber Wallers Zustand zu
benachrichtigen. Der Kranke hatte Arznei genommen, doch nicht gesprochen. Der
Zustand der Lethargie war in Schlaf bergegangen, ein Zeichen, welches Hoffnung
schpfen lie. Mehr war jetzt nicht zu sagen.
    Hoffentlich gelingt es Eurem Ko-su, ihn uns zu erhalten! wnschte der
Governor. Aber wenn auch nicht, was ich allerdings nicht hoffe, so habt Ihr
doch wenigstens unsere Wette gewonnen. Charley, bitte, gebt einmal das Geld
heraus! Es ist sein eigenes. Und ich habe mir vom Schiff die verspielte Summe
mitgebracht. Da ist sie!
    Er legte sie auf den Tisch, und ich gab die mir anvertrauten Zweitausend
dazu. Tsi sah das Geld zwar an, berhrte es aber nicht. Sein Gesicht bekam einen
ganz eigenartigen Ausdruck, den ich nicht beschreiben kann.
    Nun, so greift doch zu! forderte ihn der Uncle auf.
    Da antwortete der Arzt:
    Sir, darf ich Euch sagen, wie ich zu dieser Wette gekommen bin?
    Natrlich! Aber ich wei es ja bereits!
    Nein; Ihr wit es nicht. Euer Gegner war nicht ich, sondern ein Anderer.
    Er richtete sein Auge gro, voll und fest auf den Governor und fuhr dann
fort:
    Aus welchem Grunde setztet Ihr gegen mich und meine Zahlungsfhigkeit? Ich
frage Euch! Etwa als Gentleman? Nein, sondern als Europer! Als Gentleman httet
Ihr ganz unbedingt gefhlt und gewut, da das Angebot einer solchen Wette und
die Voraussetzung meiner Insolvenz eine Beleidigung fr mich sein mute, deren
sich kein Mann von wirklicher Ehre schuldig macht. Da ich Euch aber schonen
wollte, weil ich Euch achte, so forderte ich Euch nicht, sondern nahm Euch als
Europer anstatt als Ehrenmann. Infolgedessen stand auch ich Euch nicht als der
Euch vollstndig ebenbrtige Tsi, sondern als Asiat, als Chinese gegenber. Das
Vorurteil des Westens warf dem Osten diese Wette ins Gesicht. Der Osten hielt
sie fest, denn es war seine Pflicht. Er hatte zu zeigen, da er kein Maulheld
und kein Prahler sei, der sich vermit, mehr leisten zu wollen, als er kann, und
mit Summen um sich wirft, die Andere verdienten, aber keineswegs er! Nicht ich,
nicht Tsi, sondern der Osten hat gewonnen. Aber es war ihm nicht um den Gewinn
von armseligen tausend Pfund zu tun, sondern um den Beweis, da er in keiner Art
und Weise dem Westen gegenber rckstndig ist, am allerwenigsten in Beziehung
auf Eure sogenannte Ehre. Dieser Beweis ist erbracht, und meine wirkliche Ehre
verbietet mir also, den vorgeschobenen Wettpreis anzunehmen. Ich verzichte!
    Er nahm nur seine eigenen zweitausend Pfund, steckte sie zu sich, machte dem
Governor eine sehr tiefe und sehr hfliche Verneigung und verlie hierauf das
Zimmer.
    Das hatte ich erwartet! lachte John vergngt und laut. Genau das und
nichts Anderes! China hat gehandelt, wie es als Ehrenmann gar nicht anders
handeln konnte!
    Der Governor stand eine ganze Zeitlang starr, wie eine Bildsule. So Etwas
war ihm noch niemals widerfahren! In seinem Gesichte kamen und gingen die
Ausdrcke der verschiedensten Gefhle. Da endlich rief er aus:
    Frchterlich! Entsetzlich! John, soll ich diesen Hallunken nur erschieen
oder gar beohrfeigen? Oder soll ich diesen ausgezeichneten, goldigen Menschen
blo umarmen oder auch noch kssen? Soll ich ihm in das Gesicht spucken, oder
soll ich ihn um Verzeihung bitten? Wer ist der Lump und wer der Gentleman? Ich
fhle einen Teufel in mir, doch aber auch einen Engel! Ungeheure Blamage, ganz
ungeheure! Vielleicht sind es auch zwei Engel und blo ein halber Teufel! Oder
noch richtiger drei Engel und nur ich selbst! Mu es mir berlegen! Wartet
inzwischen! Ich gehe; aber ich komme bald wieder!
    Er verschwand in seinem Zimmer.
    Alter, lieber, lieber, guter Uncle! sagte Raffley. Jetzt kmpft er gegen
sich selbst. Ich wei, da die drei Engel siegen werden. O, er hat nicht blo
drei, sondern viele, viele! - Aber unser Freund hier wird gar nicht wissen, um
was es sich handelt. Wir sind verpflichtet, es ihm zu erzhlen.
    Er tat es. Der Priester hrte ihm aufmerksam und, wie es schien, im Stillen
verwundert zu. Eben als dieser Bericht zu Ende war, ging die Tr zum Nebenzimmer
auf, und der Governor trat wieder herein, ernst, fast feierlich, als ob es sich
um eine wichtige Staatsaktion handle.
    Charley, sagte er zu mir. Ich halte Euch fr meinen Freund und werde es
Euch nie vergessen, wenn Ihr jetzt das Opfer bringt, mir eine Bitte zu erfllen.
Ich mu mit Tsi sprechen, sofort und zwar hier. Geht zu ihm, und macht den
Versuch, ihn hierherzubringen! Vielleicht gelingt es Euch.
    Ich war natrlich sehr gern bereit. Er nahm die Angelegenheit genau so, wie
er sie nehmen zu mssen glaubte. Man durfte ihre Bedeutung nicht verkleinern.
Tsi befand sich in seiner Stube. Er lchelte mich befriedigt an und weigerte
sich nicht im Geringsten mitzugehen. Als ich ihn brachte, verneigte sich der
Governor sehr tief vor ihm und sprach:
    Sir, ich habe Euch hiermit vor diesen Zeugen zu erklren, da ich ein
Faselhans gewesen bin, ein Faselhans, wie er im Buche steht, aber keineswegs
etwas Schlimmeres! Was Euch selbst betrifft, so seid Ihr ein Gentleman, wie -
wie - nun, auch wie er im Buche steht. Das kann ich wohl beschwren! Und in
Beziehung auf Eure Nation oder Rasse sehe ich von Tag zu Tag mehr ein, da ich
sie falsch, grundfalsch beurteilt habe. Es wird mir gar nicht etwa leicht, dies
zu bekennen; aber ich wei, da es mir immer leichter werden wird, wenn ich die
Ehre habe, noch lnger mit Euch verkehren und Euch meinen Freund nennen zu
drfen. Darum verhehle ich nicht, da mir sehr viel an Eurer Verzeihung gelegen
ist, und bitte Euch, mir als Zeichen derselben Eure Hand zu reichen. Hoffentlich
seid Ihr nicht abgeneigt, Euch mit mir auszushnen.
    Uncle, Uncle, die Engel, die Engel! rief John Raffley aus.
    Der Chinese aber ging auf den Alten zu, ergriff seine beiden Hnde, kte
erst die eine und dann die andere und sagte:
    Mylord, ich bin der Jngere von uns Beiden. Darum beleidige ich meine Ahnen
nicht, wenn ich Euch dieses Zeichen meiner herzlichen und aufrichtigen
Ehrerbietung gebe. Da ich Euch persnlich fr einen Gentleman halte, brauche
ich nicht nochmals zu versichern. Und was unsere beiderseitigen Nationen und
Rassen betrifft, so schlage ich vor: Sehen wir ruhig zu, was sie miteinander
tun! Und hten wir uns, von Superioritt und von Inferioritt zu reden, bevor
die Weltgeschichte ihr endgltiges, letztes Wort gesprochen hat! Dann werden wir
uns Beide nicht nur achten drfen, sondern es wird sich auch Eurerseits noch das
hinzugesellen, was ich meine, wenn ich jetzt sage: Ich habe Euch lieb, Mylord,
ja, wirklich lieb!
    Da zog der Uncle den jungen Mann an seine Brust, kte ihn auf die Stirn und
fragte:
    Also ausgeshnt, vollstndig ausgeshnt?
    Vllig und ganz! Ohne jeden Rckgedanken!
    Ich danke Euch! Aber das Geld, das Geld! Nehmt Ihr es wirklich nicht!
    Nein. Ich kann nicht!
    Ja, ich begreife! Aber ich darf es doch nicht zurcknehmen! Wie ist das nun
zu machen? Ah, da kommt mir ein Gedanke! Ich wei, wohin damit!
    Sein Gesicht strahlte vor Freude, auf diese Auskunft verfallen zu sein. Er
nahm die noch auf dem Tische liegende groe Note, hielt sie dem Priester hin und
sagte:
    Das ist fr Euch! Ihr habt kein Lsegeld erhalten; nehmt also dies dafr!
Es ist zwar nicht so viel, aber doch Etwas. Ich gebe es Euch gern!
    Er hatte erwartet, da der Malaie eilig zugreifen werde. Dieser aber sah das
Geld gar nicht an, sondern stand von seinem Platze auf, entfernte sich von der
spendenden Hand und antwortete:
    Ich danke Euch, Mylord! Geschenke nimmt man nicht zurck. Das ist bei uns
nicht blich.
    Geschenke? Ihr habt uns doch wohl nichts geschenkt, sondern Tsi hat Euch
gezwungen, auf das Lsegeld zu verzichten.
    Ihr irrt. Die Shen kennt keinen Zwang. Was wir tun, das hat freiwillig zu
geschehen, ohne da man es uns gebietet. Jede Wohltat, die man sich spter
vergelten lt, sinkt zum gemeinen Handelsartikel herab. Und wenn die Intoleranz
dem Krper unsers Bundes solche Wunden schlgt, wie Euer Missionar es tat, so
kann die Heilung nicht durch jene Salbe erfolgen, die Ihr im Abendlande Mammon
nennt.
    Aber Ihr habt ja doch Lsegeld verlangt. Die Summe von fnfzigtausend
Gulden, die fr Eure Verhltnisse eine fast ungeheure ist. Wie stimmt das mit
Euren jetzigen Worten?
    Sehr gut. Die Erklrung liegt in Euerem eignen Worte ungeheuer. Als Tsi die
Gre dieser Summe hrte und dann spter an der Betelnu den Bund der Shen
erkannte, wute er sogleich, da wir die bse Tat nur mit der hohen Ziffer,
nicht aber wirklich mit dem Gelde strafen wollten. Fragt den Missionar und seine
Tochter, ob wir von dem Gelde, welche sie bei sich hatten, das Allergeringste
weggenommen haben! Es waren ber sechzehnhundert hollndische Gulden. Wir haben
sie nachgezhlt und ihm dann wieder in die Tasche gesteckt, wo man sie finden
wird. Nein, Geld nimmt die Shen niemals! Wir forderten diese Summe, weil wir
meinten, da sie unmglich aufgebracht werden knne. Durch die Angst, ob man sie
bringen wrde oder nicht, sollte der Tter sein Verbrechen shnen, und von
Penang aus hatte sich die Kunde zu verbreiten, da wir noch den Mut besitzen,
Forderung gegen Uebergriff zu stellen. Kam dann seine Tochter, wie wir sicher
erwarteten, ohne Geld zurck, so sollte sie ihn ohne Lsegeld bekommen. Wir
freuten uns darauf, scheinbar streng auf unserer Bedingung zu bestehen und dann
der tchterlichen Bitte ein offenes Herz zu zeigen. Das ebenso offene Sir Johns
aber hat uns diese Freude vereitelt. Freilich, als er die Summe stellte, konnte
er nicht wissen, da es sich - - -
    Still! unterbrach ihn Raffley warnend. Bitte, nicht weiter! Und als ob
er einen scheinbaren Fehler zu rechtfertigen habe, fgte er hinzu: Ich hrte,
da seine Tochter an der Tat ganz unbeteiligt war, und sah, da sie vor Angst
fast zu vergehen schien. Ich wnschte nicht, da auch sie mit leide, und stand
ihr bei, um sie zu beruhigen. Aber der Shen vorzugreifen, ist keineswegs meine
Absicht gewesen. Das habe ich dadurch bewiesen, da ich die Wette des Uncle
gegen Tsi geschehen lie, ohne ein Wort zu sagen.
    Der Malaie nickte ihm befriedigt zu. Tsi sah ihn berrascht an und lchelte
dann leise vor sich hin. Nun war es fr mich sicher, da John zur Shen
gehrte. Dem Governor aber kam auch jetzt noch kein derartiger Gedanke. Er
sagte:
    Ja, dieser weichmtige Nephew bringt es nicht fertig, einen Menschen
unverschuldet leiden zu sehen. Er htte das Geld wohl auch sogar dem Schuldigen
gegeben!
    Das wre wohl nicht ntig gewesen, denn dieser Schuldige ist reich,
unendlich reich, entgegnete der Priester.
    Waller? Unendlich reich? Ich denke, er bezieht, was er braucht, von der
religisen Sekte, die es ihm ermglicht hat, nach China zu gehen?
    Das mag sein, gehrt aber nicht hierher, weil ich nicht ihn gemeint habe.
Diese Angelegenheit steht jetzt, am Schlusse meiner Reise ganz anders, als am
Anfange derselben. Ich habe mich nmlich berzeugt, da er unschuldig ist. Wir
htten das Geld also von ihm zurckweisen mssen, selbst wenn es unsere Absicht
gewesen wre, es zu nehmen.
    Unschuldig? fragte da der Uncle verwundert. So hat er Euern Tempel nicht
verbrannt? Das Feuer wurde von einem Andern angelegt?
    Von keinem Andern, sondern von ihm, nur von ihm allein. Er hat das auch
ganz offen zugegeben.
    Und doch nennt Ihr ihn unschuldig? Wie kann er das sein, wenn er der Tter
ist!
    Er handelte als Werkzeug. Seine Tat war nur die Folge. Der eigentliche
Tter wohnt im Abendlande.
    Sehr richtig! stimmte Tsi ihm augenblicklich bei.
    Raffley sagte zwar nichts, gab aber durch eine Handbewegung zu erkennen, da
er derselben Meinung sei. Auch ich wute, was der Priester meinte. Aber der
Governor traute dem Letzteren trotz aller Sympathie fr ihn doch nicht die
psychologische Denkschrfe zu, welche bei den Taten der Menschen zwischen
Ursache und Wirkung zu unterscheiden wei. Wahrscheinlich auch besa er diese
Schrfe selbst noch nicht, denn er schttelte den Kopf und sagte:
    Im Abendlande? Der wirkliche Tter? Ich begreife nicht! Wer kann es sein?
Und wie soll er heien?
    Ein ungeheuer mchtiger Herrscher, dem alle Millionen des Abendlandes
gehorchen, nur wenig Kluge und Verstndige ausgenommen! Er ist hchst
unduldsamer, kriegerischer Natur, ein Verchter aller Welt, nur nicht seiner
selbst. Er hlt sich ganz allein fr gottbegnadet und fr den Allerbesten, den
es gibt. Seiner Meinung nach ist er der Weiseste, der Intelligenteste, den man
sich denken kann. Er glaubt, da er berufen sei, das, was er denkt, dem
Weltkreis aufzuntigen, und fhlt sich berufen, diesen Zwang mit allen Mitteln
durchzufhren, sei es die verschlagenste List oder die roheste Gewalt. Er scheut
sich nicht im Geringsten, diese Behauptungen allen Menschen in das Gesicht zu
schleudern, und wenn sie es sich nicht gefallen lassen wollen, so ballt er beide
Fuste und schlgt augenblicklich drein!
    Unmglich! Das ist entweder lcherlich oder verrckt, Eins von diesen
Beiden; ein Drittes gibt es nicht! Der sollte mir kommen! Wie wrde ich ihm
heimleuchten lassen! Und ein Herrscher soll er sein? Ein ganz gewhnlicher Rowdy
ist er! Ein Lgner und Aufschneider, ein Prahl- und Flunkerhans, ein Rebell
gegen die Menschenrechte, ein Renommist und Windbeutel, ein unverschmter
Hndelsucher, ein frecher Raufbold, ein anmaender Patron, dem man das Handwerk
legen mu! Auf welchem kleinen, europischen Thrnchen sitzt denn dieser blde
Bombardon? Man mchte seinen Stammbaum kennen lernen, seine Eltern und Erzieher!
Denn da ihm dieser Unsinn nur von ihnen beigebracht worden sein kann, das
versteht sich ganz von selbst! Man mag ihn uns doch einmal nach Old England
schicken, damit wir ihm den Kopf dahin setzen, wohin er gehrt! Besser als wir
Andern alle! Das ist geradezu monstrs! Er mag diese Andern doch nur erst kennen
lernen, seine Augen auftun, seine Ohren ffnen, und wenn er - - -
    Da hielt der Uncle pltzlich mitten in der Rede inne und sah uns an, Einen
nach dem Andern, die wir das Lachen kaum verbeien konnten. Er hatte seine
Menschenwrde fr beleidigt gehalten und sich in einen sehr ehrlich gemeinten
Zorn hineingeredet, ohne sich vorher Zeit zu nehmen, ber die Sache
nachzudenken. Als er nun bemerkte, da wir mit unserer Heiterkeit kmpften,
erkannte er, da er in eine Falle gegangen sei, die ihm gar nicht gestellt
worden war. Er ging also seinen eigenen Gedankenweg wieder zurck, nahm die
Worte, die ihn so in Harnisch versetzt hatten, noch einmal vor, schlug sich dann
an die Stirn und rief, nun ber sich selbst in Zorn geratend, aus:
    Entsetzlich! Habe mich ganz verrannt! Und zwar wohin! Dachte wirklich, es
sei so eine Art von - - hm! - - gemeint! Es war aber nur ein Bild. Das habe ich
bersehen! Und statt da ich mich zu salvieren versuche, gebe ich nicht nur
Alles zu, sondern rede mich selbst beinahe um den Kopf und halte nicht eher auf
damit, als bis ich Euch alle lachen sehe! Nun brauche ich nur noch aufrichtig
zuzugeben, da auch ich ein Exemplar dieses entweder lcherlichen oder
verrckten Kerls bin, so kann der Vorhang fallen, denn die Posse ist zu Ende!
    Eine Posse? Und zu Ende? fragte da Raffley, schnell wieder ernst werdend.
Es war das Gegenteil, nmlich eine verschwindend kleine aber sehr deutlich
sprechende Szene aus der groen Menschheitstragdie Das Vorurteil. Denn dieses
war gemeint, das Vorurteil, unser eigenes Vorurteil gegenber andern Meinungen
und andern Rassen! Und dieses Trauerspiel ist keinesweges zu Ende. Vielleicht
fllt der Vorhang erst mit dem letzten Menschen. Denn so lange es mehrere, und
wren es auch nur noch zwei, Exemplare dieses Wesens gibt, werden sie sich gegen
einander berheben. Und der Letzte wird dann hchst wahrscheinlich vor Aerger
darber sterben, da er Niemand mehr hat, der wertloser ist als er! Und wenn,
wie ich hoffen mchte, das falsch sein sollte, so bin ich doch berzeugt,
wenigstens ber die Gattung homunculus das Richtige gesagt zu haben!
    Unser Vorurteil! sagte der Governor nachdenklich. Ja; ich beginne, zu
begreifen! Ich gab jawohl schon zu, in diesen letzten Tagen mehr gelernt zu
haben, als whrend der ganzen vorherigen Zeit. Dieses Vorurteil wird nicht mit
uns geboren, sondern spter in uns hineingetragen, und mit uns gro und immer
grer gezogen, bis es uns so vollstndig ausfllt, da in uns nicht das
geringste Pltzchen mehr brig bleibt, an ihm zu zweifeln. Der Vater sagt uns,
da wir Weie seien, und die Mutter macht uns stolz auf diese Farbe. Dann kommen
die Lehrer, einer nach dem andern, und berzeugen uns, gesprochen, geschrieben
und gedruckt, da wir die hchste und begabteste, die beste Menschenrasse seien.
Wenn wir dann lesen knnen, so finden wir diese Offenbarung in jedem Buche, in
jeder Zeitung. Und wo es nicht besonders erwhnt wird, hat man es doch als
unbestreitbares Kriterium vorausgesetzt. Und fliet hernach das persnliche mit
dem allgemeinen Leben zusammen, so treten Handel und Wandel, Kunst und
Wissenschaft, besonders aber Geschichte, Politik und Geographie an uns heran, um
uns tglich und stndlich wieder und wieder zu versichern, da nur wir allein
die Trger der wahren Gesittung und der von Gott gewollten Erlsung aller
Menschen seien. Und wie eifrig sind wir bemht, dir des anderen, minderwertigen
Menschheit mitzuteilen! Und wie unbedingt verlangen wir, da sie es glaube und
befolge! Nieder mit Euch, Ihr gelben, Ihr braunen, Ihr roten, Ihr schwarzen
Gesichter! Denn wir sind wei, und Wei ist die Lieblingsfarbe des Schpfers!
Wir sind Euch ber in Allem, was es gibt! Ihr seid nichts gegen uns, gar nichts.
Wir aber sind Alles, und wir haben Alles, sogar Tausendpfundnoten! Diese Noten
brauchen wir nicht etwa zum Leben; nein, o nein; dazu sind wir zu reich, viel zu
reich! Sondern wir machen mit ihnen pralerische Wetten, um Euch zu zeigen, wie
wenig wir von Euch halten. Und wenn wir ja einmal eine solche Wette verlieren
und der Chinese zu vornehm ist, das Geld zu nehmen, so werfen wir es dem Malaien
hin, der uns die Hnde und Fe kssen wird fr diese Gottesgabe!
    Er nahm die Note vom Tische, ballte sie zusammen, warf sie wieder hin, nahm
sie abermals weg, warf sie noch einmal hin und fuhr, zu dem Priester gewendet,
fort:
    Ich knnte und mchte dieses Papier vernichten, denn es hat mich blamiert,
mich und die ganze, weie Rasse; aber das wre noch kleiner gehandelt als
bisher. Ihr habt mir eine Lehre erteilt, eine groe, eine schmerzliche, aber
heilsame Lehre, die ich nicht vergessen werde. Darum hebe ich die Note auf. Sie
soll mich daran erinnern, da ich niedrig gehandelt habe und dafr von Euch
beiden in hoher Weise zurechtgewiesen worden bin!
    Er nahm sie nun endgltig weg, schob sie zusammengeballt in die Tasche und
fgte hinzu:
    Ihr habt einen Sieg ber mich errungen, der grer und nachhaltiger ist,
als Ihr wahrscheinlich denkt. So wie ich mich berwunden habe, dieses Geld
zurckzunehmen, so nehme ich auch das Vorurteil zurck, welches sich fr
berechtigt glaubte, Euch mit dem Mammon zu beleidigen. Ich fhlte es nur zu
wohl; Ihr hattet Recht. Nicht der Missionar war der Schuldige, sondern das
Vorurteil, welches der Westen in ihm grogezogen hat. Es kam mir nicht so rasch
wie den Andern, zu begreifen, was Ihr meintet; aber nun ich Euch verstanden
habe, wird es umso fester sitzen. Leider haben nun nur wir den Nutzen, Ihr aber
den Euch zugefgten Schaden. Sagt, fllt auf Waller nicht wenigstens ein kleiner
Teil der Schuld?
    Nein. Ich habe ihn geprft, antwortete der Malaie. Sie kamen grad zur
Zeit, als der malajische Herrscher von den Christen verfolgt und gejagt wurde,
um ihn gefangen zu nehmen. Diese Jagd ist noch jetzt im Gange. Wir nahmen die
beiden Christen trotzdem freundlich auf. Aber wir standen vor unserm groen
Feste, welches mir so viel Arbeit machte, da ich fr Anderes keine Zeit brig
hatte. Darum verschwieg ich ihnen meine Kenntnis ihrer Sprache, weil sie mich
sonst fortwhrend als Dolmetscher in Anspruch genommen htten. Auch nach dem
Brande blieb ich bei diesem Schweigen, welches mir erlaubte, in die Seele der
Tochter ganz unbemerkt zu schauen. Ich war sogar dazu still, da die Trger ihr
sagten, ihr Vater sei zum Tode verurteilt, denn ich gnne es ihr, sich spter
sagen zu knnen, da sie ihn von diesem Geschick errettet habe. Als sie den Weg
nach Penang angetreten hatte, waren ihre Trger berflssig geworden. Wir
bezahlten ihnen den rckstndigen Lohn aus unserer Kasse und schickten sie fort,
denn fr den Transport des Kranken nach Kota Radscha konnten wir nicht sie
sondern nur zuverlssige Leute von uns brauchen. Es sollte einer unserer
Huptlinge mitgehen; aber ich bernahm dieses Amt lieber selbst, weil die Gte
der Shen mir dies gebot. Ich habe whrend dieser ganzen Reise kein Wrtchen
Englisch mit dem Kranken gesprochen, aber umso mehr gehrt. Seine Krankheit ist
eine mehrfache, nicht nur eine leibliche. Er sprach sehr viel fr sich, oft wie
im Fieber, oft vielleicht auch anders, meist englisch, zuweilen aber auch in
einer Sprache, die ich nicht verstehe; eine asiatische war es nicht.
    Indem er dies sagte, glaubte ich, annehmen zu mssen, da er die deutsche
Sprache meine.
    Was ich da hrte, gab mir viel zu denken, fuhr er fort. Nicht nur sein
Krper, sondern auch sein Inneres rang mit hchst gefhrlichen
Ansteckungsstoffen. Die leiblichen hatte er whrend seiner jetzigen Reise
aufgenommen, die geistigen aber aus seiner Heimat mitgebracht. Es war, als ob
zwei unsichtbare Mchte in ihm wohnten, die immerwhrend mit einander kmpften.
Er sprach wiederholt von einer Wette. Die eine Macht wollte diese Wette
unbedingt gewinnen; die andere aber bat ihn flehend, sie zu verlieren. Es schien
sich um die Bekehrung einer gewissen Anzahl von Chinesen zu handeln.
Heidentempel sollten strzen! Alle Unglubigen von der Erde ausgerottet werden!
Die gute Macht, die das nicht wollte, war ein Weib. Wenn er mit dieser sprach,
wurde er sanft und lieb und gut. Er weinte zuweilen dazu und nannte sie seine
Seele. Meist redete er mit ihr in jener Sprache, die ich nicht verstand. Kam
aber die andere, die bse Macht, die ihn gewinnen lassen will, so sprach er
stets englisch und begann, mit lauter, befehlshaberischer Stimme zu predigen.
Dann zerbrach er alle Sulen und Pfeiler, die es in seinen wsten
Krankheitsbildern gab. Das war kein Weib, sondern etwas Mnnliches, Tyrannisches
und ber alle Maen Rcksichtsloses! Er hatte es als Kind nicht gehabt, sondern
nach und nach von seinem Vater und von seinen Lehrern empfangen. Das hrte ich.
Es bestand in der Verachtung aller fremden Menschenrassen und vorzglich aller
Heiden. Er sprach aber auch davon, da viele Millionen Christen weiter nichts
als Heiden seien, ja, noch viel schlimmer als diese, weil sie nicht ganz genau
so glauben wollen, wie er fr richtig hielt. Er ging also noch viel, viel
weiter, als die Christen gewhnlich gehen. Sein Urteil war im hchsten Grade
streng und ungerecht, das unfreundlichste, das allerunfreundlichste Vorurteil,
welches mir jemals zu Ohren gekommen ist! Und damit habe ich den Namen jener
bsen, menschenverderbenden Macht genannt, die ihn beherrschte, wenn die andere,
die gute, von ihm gewichen war - - das Vorurteil!
    Er wendete sich dem Governor zu, indem er weitersprach:
    Ihr habt dieses Vorurteil vorhin so deutlich beschrieben, als ob Ihr es
genau so wie ich bei diesem Kranken beobachtet httet. Wie Ihr seine leibliche
Krankheit nennt, das wei ich nicht; aber seine geistige besteht ganz unbedingt
in diesem Vorurteile, welches eine Macht ber ihn besitzt, der er, sobald sie
ber ihn kommt, unmglich widerstehen kann. Er ist dann so schlimmer Worte
fhig, da man auch in Beziehung auf die Tat, die aus solchen Worten wchst, zu
vermut - - - - -
    Er wurde unterbrochen. Von der Tr her, welche geffnet worden war, erklang
ein lautes, herzbrechendes Schluchzen.
    In jener Gegend, so nahe am Aequator, wird es Punkt sechs Uhr Nacht. Die
Dmmerung ist auerordentlich kurz. Sie war schon da. Es gab im Zimmer bereits
jenes alles Aeuerliche verhllende Duster, welches die scharfen Linien des
Tages verschwimmen und das Unkrperliche, das Seelische um so mehr hervortreten
lt. Drauen im Korridore war es noch dunkler als bei uns. Darum konnten wir
die Gestalt Derjenigen, welche da stand, schon nicht mehr erkennen. So hatte auf
Grund unsers Gesprchsgegenstandes ihr Schluchzen etwas Unirdisches, etwas
auerordentlich Ergreifendes, ja Erschtterndes fr uns. Es war, als weine nicht
ein Mensch, sondern jene unsichtbare, edle, weibliche Macht, welche in dem
Missionar so schwer und so unablssig gegen die bsen Geister seines Vorurteiles
zu kmpfen hatte.
    Der liebe, alte Uncle handelte am schnellsten von uns allen. Er eilte nach
der Tr, nahm die Schluchzende bei der Hand und brachte sie herein, wobei er
ganz verga, die Tr hinter ihr zu schlieen. Es war Mary Waller. Sie hatte Tsi
gesucht, des Vaters wegen, und ihn nicht in seinem Zimmer gefunden. Da sie unser
lautes Sprechen hrte, nahm sie an, da er bei uns sei. Ihr mehrmaliges Klopfen
war berhrt worden, und so hatte sie geffnet, um sich bemerklich zu machen.
Von unserm Gesprche festgebannt, hatte sie sich still verhalten; wie lange, das
war nicht zu errtern.
    Weint nicht, weint nicht! bat der Governor. Ich kann das nicht vertragen!
Menschentrnen tun weher, viel weher als alles Andere!
    Da nahm sie sich zusammen, kmpfte ihre Trnen wacker nieder und antwortete:
    Beruhigt Euch, Mylord! Es war nicht Schmerz, was mich bewegte; ich weinte
Freudentrnen. Oder meint Ihr, es gebe keinen Schmerz, dem es nicht erlaubt
wre, sich auch einmal zu freuen? Auch in mir gibt es zwei Mchte, welche mit
einander kmpfen, grad so, wie bei ihm; nur sind sie anderer Art. Die eine ist
eine Teufelin. Sie will mich zwingen, ihn zu verurteilen, ihn fr schuldig zu
halten. Die andere mu ein Engel sein. Sie versichert mir unablssig, da er
freizusprechen sei. Die Teufelin wei, da mich Alles anwidert, was gegen die
Nchstenliebe und Menschenachtung spricht, und so oft Vater Derartiges getan
hat, dringt sie in mich, ihn zu hassen oder gar ihn zu verachten. Das ist
frchterlich! Der Engel aber flstert mir dann immer mahnend zu, da mein Vater
ganz unmglich in dieser Weise sprechen und in dieser Weise handeln knne. Mein
Herz gebietet mir, dieser letzteren Stimme zu glauben; aber mein angstvoll
suchender Verstand fand bisher keine logische Handhabe, das zu tun, was er so
unendlich gern tte, nmlich das Herz zu untersttzen. Es war ein stiller,
tiefer Jammer, den ich in mir trug und der umso mehr an mir zehrte, als ich ihn
niemals, niemals emporkommen lassen durfte. Da trieb mich jetzt die Angst vom
Vater fort. Er war erwacht und doch nicht bei Sinnen. Er wollte auf vom Lager,
fort, nur fort. Er behauptete, die Heiden warteten auf ihn; er msse eilen, ihre
Gtzen zu vernichten. Ich rang mit ihm. Das Fieber gab ihm Kraft, als sei er ein
Gesunder, und nur mit grter Anstrengung gelang es mir, sie zu besiegen. Fr
eine Wiederholung aber fhlte ich mich zu schwach. Darum ging ich, um nach
Doktor Tsi zu suchen, und kam, da ich ihn nicht fand, an Eure Tr. Ich ffnete
nach fterem, vergeblichem Klopfen. Ihr saht mich nicht; was aber hrte ich! War
es der Engel meines Vaters, oder war es der meinige, der in Gestalt des
Heidenpriesters hier mir so ganz unerwartet Alles, Alles gab, was mein Verstand
bisher vergeblich suchte? Rechtfertigung des Vaters! Freisprechung von seiner
Schuld! Logisch klarer und deutlicher Hinweis auf den eigentlichen, wirklichen
Tter! Ich fhlte mich erlst, erlst von aller meiner Qual. Sie stieg in mir
empor, weil sie das nun doch endlich, endlich durfte. Sie flo aus mir heraus,
zu Trnen sich gestaltend - - Freudentrnen!
    Warum waren wir still, als sie jetzt schwieg, um sich die Augen zu trocknen?
War es nur Rhrung? Oder war es noch mehr als das? Selbst Tsi, der doch sonst so
auerordentlich Umsichtige, fhlte sich derart angegriffen, da er in diesem
Augenblicke nur an die Tochter, nicht aber an den Vater dachte, zu dem sie ihn
hatte holen wollen, damit er eine Wiederholung des Paroxysmus verhindere!
    Der Priester stand in ihrer Nhe, fast ganz an der Fenstertr. Sein langes,
weies Haar flo ihm wie verwandelter Mondesschimmer von Haupt und Schultern
nieder; sein Gesicht aber lag im Dunkel. Und aus diesem Dunkel heraus erklang es
jetzt, als ob er beten wolle:
    Ich hrte hier von Engeln sprechen. So ist also der Himmel eingekehrt in
diesem Raume. Denn Boten kennt der Himmel nicht; er naht sich uns stets selbst!
Wenn wir ihn bei uns fhlen, doch ohne ihn zu sehen, so reden wir von Engeln.
Dem Auge sichtbar aber wird er uns, wenn gute Menschen seinen Willen tun und
darum sich an uns als Engel erweisen. Mein Kind, mein liebes Kind, ich bin weder
der Engel deines Vaters, noch der deinige. Aber ich wnsche, da mir und Euch
und der ganzen Erde der Himmel sichtbar werde: Wir Menschen wollen ihm dienen!
Ich fhle es in diesem Augenblicke, da Hheres herniedersteigt und Heiliges
hier waltet. Es geht durch mich ein liebevoller Drang, die Hnde auszubreiten.
Ich fhle, da sich diese Hnde fllen und da sie schwerer werden, wie von
jenem Segen, der aus der Menschenliebe strmt und darum liebend weitergegeben
werden soll von Hand zu Hand. Was ntzt aber mir und was ntzt der Menschheit
alle diese meine Liebe! Ich bin ja ein Heidenpriester und darf also nur Heiden
segnen, nur Heiden, keine Andern!
    Nein, nicht diese allein, sondern auch mich! rief sie in tiefer Aufwallung
aus und lie sich vor ihm nieder.
    Da legte er ihr die Hnde auf das Haupt und sprach, indem seine Stimme
bebte:
    Ich danke dir, du gutes Kind des fernen Abendlandes! Indem du vor mir
kniest, hebst du mich auf zu dir und hebst dich doch nur selbst! Auch deine
Heimat sollte dir jetzt danken! Sie trgt die Schuld an deines Vaters Tat, die
zwar von unserer Shen verziehen wurde, doch nicht von jener andern, groen Shen,
die Alles in sich fat, was menschlich ist und nicht blo, was menschlich heit.
Du aber shnst, was die Verachtung tat, indem du mich, den Greis, den Menschen
achtest. So sei also die Schuld fr ewig ausgestrichen, denn du hast sie
getilgt!
    Er sprach so ernst so feierlich, und doch so mild, so tief eindringlich
liebevoll. Unsere Aufmerksamkeit war ausschlielich auf ihn gerichtet, da wir
das Gerusch kaum hrten und noch viel weniger beachteten, welches sich jetzt an
der noch immer offenstehenden Tr vernehmen lie. Wir nahmen an, da es von
einem vorbergehenden Diener verursacht worden sei. Der Malaie fuhr fort:
    So segne ich dich denn als das, was ich dir bin, nicht als der Priester,
sondern als der Mensch. Und wenn es ein Heil gibt, welches aus eines Menschen
Hand und Leben auf eines andern Menschen Haupt und Leben berzuflieen vermag,
so sei hiermit Alles, Alles dein, was ich an Menschengte und Erdenglck
besitze! Der Himmel hrt, da ich es dir verleihe, nicht mein Himmel allein,
sondern auch der deine, denn beide sind Eins!
    Er beugte sich zu ihr nieder und kte die Stelle, auf welcher seine Hnde
gelegen hatten. Da gellte von der Tr her ein lauter zeternder Ruf:
    Der Heide - - der Heide! Mein Kind, mein armes, armes Kind! Verloren,
verloren - - -! Verdammt und verloren fr alle Ewigkeit! Fr alle Ewigkeit!
    Wir wendeten uns erschrocken um. Es war vollstndig dunkel dort; aber wir
hrten, da Jemand niederstrzte. Der Stimme und den Worten nach konnte es nur
Waller sein. Mary sprang mit einem Schrei empor und zu ihm hin. Raffley machte
schnell Licht. Ja, es war der Missionar. Er lag drauen vor der Tr, lang
ausgestreckt, mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen. Seine Lippen bewegten
sich; er wollte sprechen, brachte aber keinen Laut mehr hervor. Raffley griff
sofort zu, ich auch, ihn nach seinem Zimmer zu tragen. Wir hrten kaum noch die
Worte, welche hinter uns der Malaie zu dem Uncle sprach:
    Ich habe gesegnet, aber nicht verdammt, und dabei wird es bleiben! Denn der
Himmel ist dem Kinde gndiger, als dieser Vater glaubt! - - -

                                Viertes Kapitel

                                        

                                    Wahnsinn


Am nchsten Morgen war, als ich erwachte, mein erster Gedanke natrlich Waller.
Den Andern erging es ebenso. Ich meine den Governor, Raffley und den Priester.
Sie saen, als ich zu John hinberkam, schon lngere Zeit bei ihm, um auf mich
zu warten, weil ausgemacht worden war, das Frhstck gemeinschaftlich
einzunehmen. Sejjid Omar wurde beauftragt, es uns zu bringen. Er war sehr stolz
darauf, zeigen zu knnen, da er nicht nur ausschlielich zu meiner Bedienung
ausreiche, sondern auch noch eine ganze Menge anderer Personen mit einem Male zu
speisen und zu trnken vermge. Und er tat dies in einer so frsorglichen und
tief eingehenden Weise, da wir ihn bitten muten, doch auch uns etwas dabei tun
zu lassen, sonst htte er uns in seinem Uebereifer den Honig auf den Schinken
gestrichen und den hier gebruchlichen Arrak in die Milch gegossen. Er war also
gentigt, sich zurckzuziehen, warf uns aber dabei einen so bedauernden Blick
zu, als ob er berzeugt sei, da nun unsererseits von einem wahren Genusse keine
Rede sein knne.
    Selbstverstndlich machte es uns die Anwesenheit des Malaien unmglich, ber
das gestrige Ereignis in der Weise zu sprechen, wie wir es ohne ihn getan
htten. Er selbst erwhnte kein Wort davon, und so konnte auch das, was wir
sagten, nur in kurzen, meist einsilbigen Aeuerungen bestehen, durch welche wir
zwar unsere Gefhle, aber nicht unsere weiterfragenden Gedanken dokumentierten.
Er mute heut schon wieder fort und sagte uns, da er gleich nach dem Frhstcke
zu dem hollndischen Mijnheer gehen werde, um sich fr die genossene
Gastfreundschaft zu bedanken.
    Wir waren noch nicht fertig, so erschien zu unserer Genugtuung Tsi. Er hatte
noch nichts genossen, erklrte aber, hchstens ein kleines Brtchen nehmen zu
knnen, weil es ihm ganz unmglich sei, jetzt an sich selbst zu denken. Er war
nur gekommen, um uns in Beziehung auf Waller so viel, wie die Umstnde
erlaubten, zu beruhigen.
    Er lebt, sagte er. Das heit, der Krper ist nicht tot. Puls und Atmung
sind vorhanden, wenn auch nur sehr schwach. Er liegt noch genau so, wie wir ihn
gestern abend hingelegt haben. Sein Inneres aber, also das, was Ihr als Geist
und Seele bezeichnet, hat sich noch nicht wieder geregt. Hier liegt der
Fragepunkt, wenn nicht fr jetzt, so doch fr spter. Denn die gestrige
Katastrophe war keine leibliche, sondern eine geistige. Nicht sein Krper brach
unter ihr zusammen, denn diesem gebrach es schon vorher an aller Kraft, sondern
etwas ganz Anderes, was, wie ich hoffe, sich niemals wieder erheben wird.
Dennoch habe ich es zunchst nur mit dem ueren Leben zu tun. Es ihm zu
erhalten, mu fr heut und die nchsten Tage mein ganz ausschlieliches
Bestreben sein. Ich darf ihn nicht verlassen, und es macht mir ein bses
Gewissen, da ich ihn schon drei Minuten aus dem Auge gelassen habe, indem ich
hier bei Euch sitze. Mi Mary ist gefat. Sie bereut ihre gestrige Regung
keinesfalls. Sie wrde auch heut und allezeit und genau wieder so um den Segen
bitten, selbst wenn ihr Vater in voller Rstigkeit dabeistnde. Das hat sie mir
gesagt, um mich und Euch, wahrscheinlich auch sich selbst zu beruhigen. Sie
beauftragte mich, ihr Eure Verzeihung zu bringen, da sie von ihrer Pflicht
verhindert wird, Euch heut persnlich zu sehen, und ich schliee mich auch in
Beziehung auf mich diesem Wunsche an, weil meine rztliche Pflicht jedenfalls
nicht geringer als diejenige der Tochter ist!
    Aerztliche Pflicht und Kindespflicht! meinte da der Governor. Ich meine,
es gibt noch eine dritte, die sich wohl auch mit beizugesellen hat, nmlich die
Menschenpflicht, oder, nennen wir sie hier in diesem Falle die Freundespflicht!
Wir knnen zwar weder mit dem Arzte medizinieren, noch dem Patienten die
liebevolle Aufmerksamkeit der Tochter ersetzen. Aber Ihr erlaubt es uns
vielleicht, mit zu wachen, abwechselnd fr die Nacht. Und auerdem versteht es
sich ganz von selbst, da wir Euch drei Leuten auch in jeder anderen Hinsicht
zur Verfgung stehen und zur Verfgung bleiben. Ich verspreche Euch, da wir
Kota Radscha nicht eher verlassen werden, als bis wir Waller mitnehmen knnen,
hoffentlich nicht tot, sondern geheilt!
    Versprecht noch nichts, Mylord! antwortete der Chinese. Es ist nmlich
mglich, da ich Euch sogar bitte, diesen Ort ohne ihn zu verlassen, wenn auch
nur fr einige Zeit. Es handelt sich zunchst nur um Leben oder Tod im
allgemeinen. Dabei knnt Ihr alle gar nichts tun, als hchstens ruhig warten.
Bleibt ihm das Leben erhalten, so vermute ich, da ein wochenlanges,
krperliches Stillliegen folgt, whrend dessen seine Psyche sich wieder
einzustellen und zu entwickeln hat. Dann knntet ihr Euch wohl beteiligen, an
seinem Lager zu wachen. Fr die vorhergehende Zeit aber mu ich ein solches
Opfer als berflssig erklren, wahrscheinlich sogar als bedrckend fr die
Tochter, wie ich Euch in aller Aufrichtigkeit sage. Der Gedanke, Euch ihret-
oder ihres Vaters wegen so ganz unttig hier in Kota Radscha zu wissen, mte
sie beunruhigen, ihr peinlich werden. Darum bitte ich, zu berlegen, ob es nicht
vielleicht einen Ausweg gibt, dies zu vermeiden!
    Da drckte ihm der Uncle die Hand und sagte:
    Da habt Ihr zwar sehr aufrichtig, aber auch sehr vernnftig gesprochen,
junger Mann! Wir werden also berlegen. Vielleicht machen wir einen Ausflug nach
irgendwo in der Nhe von Sumatra, denn in dem Lande selbst herumsteigen, das
halte ich nicht fr passabel. Aber keineswegs eher, als bis es sich entschieden
hat, ob Waller stirbt oder nicht.
    Das hoffe ich, Euch schon morgen, sptestens bermorgen sagen zu knnen.
    Er stand auf, um zu gehen, wendete sich aber, ehe er es tat, noch an den
Malaien, zwar in englischer Sprache, um nicht unhflich gegen uns zu sein, aber
doch in der brderlichen Weise, wie die Shen es ihm gebot:
    Und du, mein Freund? Fr welche Zeit ist dein Aufenthalt hier berechnet?
    Fr nur noch eine Stunde, antwortete der Gefragte, indem er sich auch
erhob. Meine Sendung ist erfllt. Ich kehre nach meinem entlegenen Kampong
zurck, entlegen von der Welt, doch nicht vom Menschentum. Ich tat nur meine
Pflicht; gerne aber tte ich noch mehr. Was aber knnte das sein? Ich bin arm.
Ich habe nichts, als himmelwrts mein Gebet und erdenwrts meinen Segen. Den
Segen gab ich schon. Wohlan, so sag ihnen beiden, dem Vater ebenso wie der
Tochter, da ich auch fr sie beten werde, so oft ich ihrer gedenke. Wir werden
einen neuen Tempel bauen, und mein Fu wird der erste sein, der ihn betritt, in
stiller Einsamkeit, begleitet von keinem andern. In frher Morgenstunde, wenn
die Finsternis der Nacht versinkt und das Licht des Tages steigt. Wenn ich dann
denke, da auch ein anderes Dunkel zu verschwinden und eine andere Klarheit zu
erscheinen habe, werde ich meine Kniee beugen, um zu beten fr den Mann, der uns
den alten Tempel zerstrte, weil er nicht wute, da Himmelsgedanken niemals
vernichtet werden knnen, sondern aus der vermeintlichen Unterdrckung nur umso
reiner und umso hher emporzustreben haben. Gre mir sie, und gre mir auch
ihn, sobald er zu neuem Leben erwacht! Mge es seinem Herzen diejenige Gte
bringen, welche nie vergit, da andere Menschen auch nicht ohne Herz und auch
nicht ohne Empfindung sind fr das, was man ihnen tut!
    Er ging hinaus, und Tsi schlo sich ihm an, denn sie hatten wohl noch
miteinander zu sprechen. Da schlug der Governor mit der Hand auf den Tisch und
sagte:
    Das, das ist der Schlu, ja, der Schlu, wie er gar nicht anders kommen
konnte, wenigstens fr mich! Zu dem Araber und dem Chinesen nun auch noch der
vorhergesagte Dritte, der Malaie! Nun mu ich allerdings erklren, da ich mich
zu schmen habe, vor ganz Asien zu schmen habe! Ich fhle mich vor den groen,
erhabenen, herrlichen Gestalten der Nchstenliebe und Menschheitsethik, welche
Christus lehrte, als vollstndig heruntergekommene Persnlichkeit! Ich setzte
nicht die Menschheit und die Menschlichkeit, sondern mich selbst obenan. Nicht
ich wollte ihr dienen, sondern sie hatte mir alle mglichen Ehren zu erweisen,
vor mir im Staube zu kriechen und fr die Erfllung meiner unvernnftigen,
malos selbstschtigen Wnsche zu sorgen. Ich wollte sie, die Unzhlbare,
zwingen, das fr absolut wahr zu halten, was ich, der trichte Einzelne, ihr
vorzudeklamieren wagte. Ich verbot ihr, anders zu denken, zu fhlen und zu tun
als ich. Ich dnkte mich, das Muster, das Vorbild zu sein, dem sie in allen
Dingen, irdischen und berirdischen, nachzustreben habe. Kurz, ich geberdete
mich als Summa aller vorhandenen Klugheit und Gerechtigkeit und rasselte sofort
mit Sbeln, Flinten und Kanonen, wenn irgend ein Anderer die Khnheit besa, mir
zu sagen, da ich verpflichtet sei, auch seine Menschenrechte anzuerkennen! Das
habe ich nun sechzig Jahre lang getrieben und mich von Niemand irremachen
lassen. Kein Kaiser und kein Knig htte mich berzeugen knnen, da ich Unrecht
habe. Da kommt ein arabischer Eseltreiber und entwickelt sich vor meinen Augen
zum lebenden Vorwurf seiner ganzen Rasse. Ich kann den stolz auf mich
gerichteten, vorwurfsvoll fragenden Blick dieses Mannes nicht aushalten, mu ihm
ausweichen, mich mit dem meinigen verkriechen! Zu ihm gesellt sich ein Chinese,
ein zopfiger Kerl, von dem ich glaubte, ihn nicht einmal erriechen zu knnen.
Aber schon nach wenigen Stunden stellt sich heraus, da er mir ber ist, in
allen Dingen ber, ganz besonders aber in Hinsicht auf die Hflichkeit und
Rcksichtsnahme, die wir allen Menschen schuldig sind. Er schlgt mich Wort fr
Wort und Tat fr Tat, und zwar ganz unbegreiflicher Weise so, da ich ihn nicht
etwa dafr hassen, sondern liebgewinnen mu und obendarein ihm auch noch dankbar
bin! Dieser Tsi ist doch, fast mchte ich sagen, das Ideal von einem Menschen!
Was mag da erst sein Vater fr eine Persnlichkeit sein, sein Vater, der
jedenfalls noch reiner Abgeklrte, der einer der hervorragendsten Leiter der
Shen zu sein scheint!
    Er machte eine Pause, um einen Schluck Wasser zu nehmen und dann
fortzufahren. Da sagte Raffley:
    Ihr seid mit Euern Bekenntnissen noch nicht fertig, dear Uncle. Ich wei,
Ihr wollt den Malaien auch noch bringen. Aber bitte, qult Euch nicht weiter,
und denkt auch daran, da Ihr nicht der Einzige seid, den Eure Anklagen
treffen!
    Was! Ihr meint, da ich mich schonen soll? Oder etwa gar die Anderen?
Jawohl, einen Araber und einen Chinesen lt man sich noch gefallen! Denn die
Araber haben doch wenigstens in Wissenschaft et cetera einst mitgemacht, und von
den Chinesen wissen wir sogar noch mehr, als blo nur das. Aber wenn ich nun gar
auch noch einen Malaien bringe, der besser war und edler dachte als wir, da
schttelt man nicht etwa nur die Kpfe, sondern man lacht mir laut in das
Gesicht! Doch sagt erstens einmal, Charley sind die Malaien denn wirklich so
ganz bildungslose Barbaren, wie man bei uns daheim behauptet und in den Schulen
lehrt?
    Keineswegs, Sir, antwortete ich. Von den malajischen Bchern, die ich
selbst besitze, will ich gar nicht sprechen. Aber die Literatur dieser Rasse ist
eine sehr selbstndige und vielseitige. Es gibt ganz ausgezeichnete Schriften in
den Sprachen, welche wir als Tagala, Pampanga, Iloco, Vicol, Ibanak, Visaya,
Favorlang, Atschin, Battak, Lampong, Dayak, Java, Sunda, Alfurisch, Makassarisch
und Malagasi bezeichnen. Ich knnte sogar noch mehr nennen. Von diesen Werken
will ich nur einige erwhnen. Die groe Kunstdichtung Bidasari, die fnf
Pandawa, Ken-Tambuhan, Indra Laksana, Kalila und Dimnah, Panschatantra,
Ardjuna-Sasrabahu, Bharata yuddha, Wiwaha, die kosmogonische Manik-Maya,
Padjadjaran, Kartasura, Mataram, Demak, Tana, Djawi, Giranti, Adji, Saka, Damar
Wulan, Djaja lenkara, Menak, Radja, Pirangon, Pandji, Lampahlampahannipun - - -
    Haltet ein, haltet ein, Charley! rief bei diesem langen Worte der Governor
aus. Ich habe genug gehrt, mehr als genug, um nun zu wissen, wie sehr ich mich
in diesen Malaien irrte, die ich bisher fr geradezu dumm, fr bildungsunfhig
gehalten habe!
    Dumm? fragte ich. Ich sage Euch, da sie sogar Bcher ber die Seerechte
besitzen, welche bis achthundert Jahre zurck in die Vergangenheit greifen! Das
ist eine rechtliche, eine juridisch geschichtliche Materie, also Prosa. Was die
Kunstleistung, also die Poesie betrifft, so steht sie hinter der Prosa
keineswegs zurck. Es gibt da berhmte Werke, welche sogar in abendlndische
Sprachen bersetzt worden sind. Eigentmlich ist, welche Worte der Malaie fr
Prosa und Poesie besitzt. Im Umgange unterscheidet er sehr streng zwischen der
vertraulichen und der hflichen Rede. Die vertrauliche oder duzende heit Ngoko
und die hfliche Krama. Die Prosa ist Ngoko und die Poesie Krama. Nur bei den
erzhlenden oder beschreibenden Stellen darf die Poesie sich der duzenden
Redeweise bedienen.
    Sonderbar! Mir kommt das so allerliebst, so kindlich naiv, so natrlich
vor! Im Gegensatze zu unsern tausend Regeln, welche die Pedanten den Dichtern
wie Daumenschrauben anlegen, sobald einer der Letzteren die Feder in die Hand
genommen hat! Und das ist das Zweite, was ich meinte, als ich vorhin erstens
sagte: Nmlich die Malaien haben also auch ihre Literatur, ihre Wissenschaft,
ihre Kunst und Poesie. Aber selbst, wenn sie das nicht htten, wrde ich doch
fragen, ob dieser Mangel sie unbedingt hindern mte, edel zu denken und edel zu
handeln! Ist etwa jeder Gebildete ein edler und jeder Ungebildete ein unedler
Mensch? Ich meine, das, was wir edel nennen, wchst weniger aus dem Wust von
Kenntnissen als vielmehr aus der Einfachheit des Herzens heraus. Wenn das nicht
falsch ist, so kann der malajische Sundainsulaner wenigstens ebenso leicht ein
guter, wohlmeinender Mensch sein wie der hochgelehrte Misanthrop in London,
Paris, Berlin oder Wien, der sich von der wahren, kindlich einfachen
Menschlichkeit so unendlich weit fortgedftelt hat, da sie fr ihn berhaupt
nicht mehr vorhanden ist. Ich war gar nicht allzu weit davon entfernt, auch so
ein Mis - - - zu werden, glcklicher Weise aber hat mich das Ich bin Sejjid
Omar! des Arabers beim Arm gepackt und wieder nach der richtigen Seite
herumgezogen! Sagt, wie wird die Krankheit Wallers genannt? War es nicht
Dysenterie?
    Ja, nickte Raffley.
    Well! Ich litt auch daran, wenn auch nicht mein uerer, so doch mein
anderer Krper, der eigentliche Mensch in mir! Den hatte man vernachlssigt, ihn
mit unreifem, aber wohl berzuckertem Obst gefttert und ihm dadurch die Kraft
benommen, den Erregern dieser Krankheit zu widerstehen. Ich trat in das
ffentliche Leben und stieg von Stufe zu Stufe. Bei jedem Schritt empor, stie
ich die Menschheit hundert Schritte tiefer. Warum? Die Shen in mir war krank!
Sie litt immer mehr und mehr, bis sie sich nicht mehr regte. Schlielich war ich
nur noch ich, Oberhaupt meiner Familie, Englnder und Kaukasier, nebenbei auch
Christ, weiter aber nichts! Alles Uebrige war der Dysenterie verfallen. Nachdem
ich das Uebel erkannt habe, meine ich, da es ungeheuer ansteckend ist. Ich
habe, ohne es zu wissen, inmitten einer groen, entsetzlichen Epidemie gelebt.
Der Ansteckungsstoff heit Vorurteil; der Heidenpriester hatte Recht! Kinder,
mir wird angst! Suchen wir nach einem Mittel, ihr entgegenzutreten, damit sie
wenigstens nicht weiter um sich greife! Wit Ihr, was ich tue? Ich gehe Ko-su
holen! Indem ich den verachteten Chinesen bediene und untersttze, finde ich
zugleich das heilende Ko-su fr mich selbst!
    Er ging hinaus. Raffley sah ihm gerhrt und mit liebevollen Augen nach.
    Nur noch eine kleine Schar so prchtiger Menschen! sagte er. So
begeistert, so impulsiv, so aufrichtig, so opferfhig und in hnlicher
Lebensstellung wie er, dann wrden dieser hlichen Epidemie bald engere Grenzen
gezogen werden! Aber wie Vielen sind diese hohen Gaben verliehen? Und wer sie
besitzt, dem hngt sich jenes Vorurteil der Uebrigen an beide Hnde und Fe!
Sklaven, Sklaven, Sklaven!
    Bei diesen Worten stand er auf und ging im Zimmer hin und her. Auch ich
verlie meinen Sitz und trat an die Fenstertr. Da sah ich die malajische Snfte
drauen stehen und die zu ihr gehrigen Leute. Zu gleicher Zeit klopfte es bei
uns an, und der Priester kam herein, um sich von uns zu verabschieden. Er hatte
den Mijnheer nicht sprechen knnen, da er nicht zu Hause sei. Darum versprachen
wir, den Dank gewissenhaft auszurichten. Er reichte zunchst mir die Hand. Wie
kam es doch, da ich sie an meine Lippen zog? Dann wendete er sich zu John und
sagte:
    Ich gehe fort; Ihr aber bleibt. Noch einige Zeit, so werdet Ihr es sein,
der fortgeht, whrend dann ich zu bleiben habe. So geht der Bleibende, und so
bleibt der Gehende, denn es gibt keine - - Zeit! Ob Du oder ich, ob hier oder
dort, das ist kein Unterschied, denn es gibt auch keinen - - Ort! Dies aber nur
dann, wenn wir Alle, die wir Menschen sind, der Liebe angehren, die Zeit und
Raum umfat im Kreis der ganzen Erde. So frage ich also nicht, ob wir uns
wiedersehen werden. Des Leibes Auge erfat nur das, was in der Nhe liegt; fr
das Weitere ist es blind. Jene Liebe aber leiht uns ihren Blick fr die
Unendlichkeiten. Dann sieht die Shen, was sonst verborgen liegt. Ich werde Eurer
harren. Und steigt in meines Lebens Abendrte von Westen her ein lieber Gru
empor, umsumt vom goldenen Lichte dessen, was ich wnsche, so ist es kein
Abschied gewesen, den wir jetzt hier nehmen, sondern Ihr seid bei mir geblieben
in Eurer Liebe, wie ich Euch begleitet habe mit der meinigen. Verget nicht
diese meine Worte, und lat den Gru mir steigen! Ich mchte ihn so gern noch
sehen, bevor mein Abendrot zur Morgenrte wird!
    Er nahm Raffleys rechte Hand in seine linke, legte ihm die Hand auf das
Haupt und schaute ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke tief, tief in die
Augen. Dann wendete er sich ab und ging hinaus, gleich durch die Fenstertr, die
ich ihm ffnete.
    Da kam von der anderen Seite mein Sejjid Omar. Er hatte erfahren, da die
Malaien fortwollten, und war zum Hndler geeilt. Nun brachte er sein ganzes,
hoch aufgerafftes Oberkleid voll Frchte, die er unter sie verteilte. Er, der
frher so strenge Moslem, der keinen Heiden auch nur anrhren wollte, hatte sie
liebgewonnen und wollte ihnen dies durch seine Gabe zeigen. Sie waren hierber
so erfreut, da sie ihm ihren Dank in frhlicher Weise brachten. Nmlich sie
faten ihn, schoben ihn mitsamt seinen Frchten in die Snfte, trugen ihn unter
Absingen eines malajischen Liedes dreimal rundum und dann im Triumph zum Tore
hinaus.
    Der Priester folgte ihnen langsamen Schrittes, ohne sich noch einmal
umzuschauen. Er ging ja doch nicht fort, denn sein Segen blieb zurck!
    Kommt, Charley! sagte John. Im Zimmer zu bleiben, das ist mir jetzt
unmglich. Wir wollen gehen, um zu sehen, ob wir den Uncle finden.
    Wir machten einen stundenlangen Spaziergang, entdeckten aber den Governor
nirgends in der Nhe. Als wir heimkamen, war er noch nicht da. Wir wollten
Sejjid Omar nach ihm fragen; aber auch dieser fehlte. Er war seit seinem
Triumphzuge nicht in den Kratong zurckgekehrt. Das brachte uns auf die richtige
Spur. Wir gingen vor die Festung hinaus und fragten den Posten, der an dem
Punkte der Auenlinie stand, wo die Malaien vorbergemut hatten. Richtig! Der
Uncle war hierhergekommen und hatte da auf sie gewartet. Man hatte die Snfte
niedergestellt, um Omar aussteigen und seine Frchte verteilen zu lassen. Dann
war man weitergegangen, der Araber mit den Malaien und hinterdrein der Governor
mit dem Priester. Wir beschlossen, ihnen zu folgen.
    Nachdem wir ungefhr eine halbe Stunde gegangen waren, sahen wir die beiden
Vermiten kommen. Omar hatte sein weites, faltenreiches Oberkleid ausgezogen und
Etwas hineingewickelt, was er auf dem Rcken trug, einen groen, runden Pack.
Der Uncle lachte uns schon von Weitem vergngt entgegen.
    Sorge gehabt um mich? fragte er, als er uns erreichte. Bin immer
unentbehrlich; da wei ich ja!
    Richtig! Ungeheure Angst um Dich! stimmte ihm der Neffe scherzend bei.
Aber da fllt mir jetzt nachtrglich ein, da der Priester gar nicht nach Dir
fragte, als er sich von uns verabschiedete. Wute er, da Du ein Stck mit ihm
gehen wrdest?
    Nein. Als ich von Euch fortging, traf ich ihn, grad als er von dem Mijnheer
kam, der aber nicht daheim gewesen war. Da nahm er Abschied von mir und ging
dann zu Euch. Habt die Gte und lacht mich nicht aus, wenn ich Euch spter
einmal aufrichtig gestehe, da - - da - - nun, da ich ihn in meine Arme
genommen und gekt habe, fast wie einen Bruder! Dabei sah ich, da seine Augen
na wurden, und das, das kann ich nicht ersehen; das geht mir in das Herz! Da
lief ich fort, spornstreichs fort, hinaus, den Weg entlang, den er dann gehen
mute und wartete auf ihn. Da kamen sie. Sie brachten hier diesen Muhammedaner
getragen, der aber ein Heide geworden zu sein scheint, denn wenn er seinen Sihdi
nicht hier htte, so wre er mit ihnen in alle Berge gelaufen und niemals
wiedergekommen. Der Priester freute sich, mich noch einmal zu sehen. Wir haben
uns bei den Hnden gefat und gar nicht wieder losgelassen. Wir haben wieder und
immer wieder Abschied voneinander genommen und sind aber trotzdem weiter und
immer weiter mit einander gelaufen! Bis er endlich stehen blieb und mir
versicherte, da Ihr in Sorge um mich sein wrdet. Da - - da - - na, da mute es
denn notgedrungen geschehen! Und es ist geschehen! Aber ich sage Euch: Wenn mir
wieder einmal so ein Heide kommt, so gebe ich mich lieber gleich gar nicht mit
ihm ab! Denn wenn er wieder geht, dann, dann - - wie drcke ich mich doch nur
richtig aus? Dann - - dann fhlt man, da er gar kein Heide ist, da man ihn
liebgewonnen hat, da man ihn braucht, ja, da man mit ihm in alle Berge laufen
mchte, grad wie der Sejjid Omar da, der mein Ko-su in seinen Kaftan gepackt und
auf den Rcken genommen hat!
    Das ist Ko-su? Diese groe, groe Menge? fragte John, beinahe lachend.
    Was denn sonst? Die Malaien haben ja alle mitpflcken mssen, unterwegs, wo
solches stand! Und ich auch, und der Priester auch, indem wir Abschied nahmen
und aber immer wieder neues fanden! Jetzt aber kommt! Wir mssen heim! Es ist
viel Gras und anderes Kraut dabei. Das mu ausgelesen werden, sortiert, und Ihr
helft mit!
    Wir kehrten also nach dem Kratong zurck, um zuerst zu Mittag zu speisen.
Dann lie der Governor uns keine Ruhe; wir muten uns zu ihm in sein Zimmer
setzen und ihm helfen, das Ko-su zu sortieren. Das hie eigentlich: Wir hatten
diese Heilpflanzen aus einem ganzen, groen Haufen von Gras und Unkraut
auszusuchen. Der Uncle entwickelte bei dieser Arbeit eine sehr anerkennenswerte
Geduld, denn es war ihm wirklich Gewissenssache, sich selbst zu erziehen.
Raffley aber sprang schon nach kurzer Zeit von seinem Stuhle auf und rief
lachend aus:
    Zwei englische Lords, mit der Herzogskrone am Stammbaume, als
Krutergewlbelehrlinge die Dornen von den Disteln scheidend! Ist das die
Gleichstellung aller Menschen, welche Euch am Herzen liegt, dear Governor?
Spendet eine kleine Kupfermnze daran, so macht Euch fr diesen Lohn jeder
Malaie diese Arbeit viel besser und viel schneller, als wir es knnen. Einen so
jhen und so tiefen Sto von meiner Wrde herab verlangt die Shen wohl nicht.
Ich reie aus!
    Er schttelte sich den anhaftenden Wurzelschmutz von den Kleidern und lief
fort. Der Uncle aber sah ihm mit vorwurfsvollem Blicke nach und sprach das groe
Wort:
    Dem scheint es mit dem Ko-susortieren nicht ganz ernst gewesen zu sein. Es
ist also sicher, da er nicht die geringste Befhigung besitzt, ein Mitglied der
Shen zu werden!
    Der Schalk in meinem Nacken nickte zustimmend; ich aber dachte mir grad das
Gegenteil.
    Als wir dann fertig waren, machten wir aus dem Ko-su ein Paket und
beauftragten Sejjid Omar, es zu Tsi hinberzutragen. Wir aber gingen, um uns
nach John umzusehen. Er war zum Mijnheer gegangen und von diesem eingeladen
worden, sich an einem Spazierritte zu beteiligen.
    Das ist gut; das freut mich! sagte der Uncle. Denn nun ist er abgehalten,
uns zu berraschen!
    Wobei? fragte ich.
    Das sollt Ihr hren und sehen. Hren unterwegs, und sehen auf der Jacht.
    Er fhrte mich nach dem schon einmal erwhnten Hotelplatze, wo er einen
Wagen nahm, um nach Uleh-leh zu fahren. Unterwegs fragte er mich scherzend, und
doch zugleich auch ernst:
    Frchtet Ihr Euch vor Spukgestalten, lieber Charley?
    Nur am Tage, des Nachts aber nicht, scherzte da auch ich.
    Das ist schlimm! Denn es ist Tag, und ich will Euch nach einem Orte fhren,
wo es spukt, bei Tage sogar noch deutlicher als bei Nacht.
    Ah, wohl Euer Gespenst?
    Ja.
    Hierauf war er still. Ich auch. Nach einiger Zeit begann er wieder:
    Warum schweigt Ihr? Warum fragt Ihr mich nicht? Glaubt Ihr, ich wisse
nicht, was Ihr denkt? Es ist zwar sehr hflich und sehr rcksichtsvoll von Euch,
mich nicht mit etwas belstigen zu wollen, was Euch an mir unbegreiflich ist,
aber da ich es Euch doch nun einmal zu sagen habe, so wre es mir lieber, Ihr
httet mich gefragt. Das macht nmlich das Sprechen leichter.
    So? Nun, da will ich Euch also fragen: Ihr seid so lange Zeit auf der Jacht
gewesen und hattet also hundertmal Gelegenheit, das Bild der Yin in Johns Zimmer
zu sehen. Warum seid Ihr nicht hineingegangen? Offen und ehrlich? Warum wollt
Ihr es jetzt sehen? Hinter seinem Rcken?
    Ganz recht! Diese Frage habe ich erwartet! Sie ist begrndet, fr jeden
andern Menschen, doch eigentlich nicht auch fr Euch. Wer so wie Ihr in der Welt
herumluft, um Rassen, Vlker und Einzelmenschen auf ihre Psychologie hin
anzusehen und sie dann, ihrer sichtbaren Krper entkleidet, in ganz anders
gemeinten Gestalten zu beschreiben, der sollte wohl so klug sein, da er nicht
eine so unpsychologische Frage an mich zu richten braucht!
    Sir! rief ich da berrascht aus. Woher kommt Euch diese Ansicht ber mich
und meine Bcher? Sie ist richtig, vollstndig richtig! Aber noch keiner von
allen, die mich lesen, ist so scharfblickend gewesen, es zu entdecken!
    O, doch wohl Einer!
    Wer?
    John. Er hat mir von Euch vorgelesen, zuweilen, vielleicht gar oft. Da
kamen Stellen, von denen ich dachte, da sie sehr unwahrscheinlich, sogar ganz
unmglich seien. Ich sagte ihm das. Er aber lachte mich aus und begann, es mir
zu erklren. Ja, das war dann etwas ganz Anderes! Zum Beispiel Euer Sejjid Omar!
Er lebt; er ist da; er ist Euer Diener. Ihr macht keine Lge, wenn Ihr das in
Euern Bchern schreibt. Und was Ihr von ihm erzhlt, ist wahr, ist wirklich
geschehen. Aber Ihr habt es nicht auf seinen Krper abgesehen, sondern auf das,
was diesen Krper aus der Rasse, dem Stamm und der Familie heraus zum Sejjid
Omar gebildet hat. Das ist der Geist, die Seele, also der innere Mensch, der
innere Araber, der innere Sejjid Omar. Arabische Krper kann man zu Tausenden
sehen. Um aber grad diesen Sejjid herausfinden zu knnen, hat der Krper zu
verschwinden. Dann erscheint Omar sofort in seiner ganz besondern, nur ihm
eigentmlichen Gestalt. Und diese, nur diese Gestalt, die geistige, die innere,
wird von Euch fr die Leser Eurer Bcher materialisiert. Ihr lauft dabei
allerdings Gefahr, als Phantast, sogar als Lgner bezeichnet zu werden, aber
nicht der Krper, sondern diese materialisierte Gestalt ist der eigentliche,
wirkliche Sejjid Omar, und Ihr seid also hundertmal wahrer und tausendmal
naturgetreuer als diejenigen, die Euch diese Vorwrfe machen.
    So! Also das habt Ihr von John! Ja, er ist einer der Scharfsinnigsten, die
es gibt. Aber warum sagt Ihr mir dies grad jetzt, grad hier?
    Fragt doch nicht! Ihr mt es wissen! Oder habt Ihr nur in Omar geschaut,
nicht auch in mich hinein? Auch mein Krper ist Euch Nebensache; das wei ich
ganz genau. Solltet Ihr da meinen innern Menschen so wenig kennen, da Ihr nicht
wit, warum ich mich bisher gescheut habe, das zwischen John und seiner Familie
aufgetauchte Gespenst in Augenschein zu nehmen?
    Sagt mir die Grnde, weshalb die Yin fr Euch ein Gespenst ist; dann will
ich Euch antworten. Ich kenne nur ihr Bild, nicht aber sie selbst. Ebenso ist es
mir vollstndig unbekannt, in welchem Verhltnisse sie zu John, zu Euch und zu
Eurer Familie steht. Es ist also weder fr mein ueres noch fr mein inneres
Auge das vorhanden, was Ihr vorauszusetzen scheint. Und aber dennoch knnte ich
Euch eine Antwort geben, und zwar die richtige, wenn Ihr mich dazu drngtet.
    Nun, welche?
    Soll ich? Wirklich?
    Ja. Ich bitte!
    Nun also: Ihr frchtet Euch!
    Frchten? fuhr er auf. Wo wre der Mensch, der mich schon einmal
furchtsam gesehen htte! Es ist ein groer, ein ungeheurer Irrtum von Euch, zu
meinen, da ich - - -
    Er unterbrach sich mitten in seinem Satze. Wahrscheinlich verhinderte ihn
der Blick, mit dem ich ihn betrachtete, weiterzusprechen. Er lie den Kopf
sinken, und dachte nach. Dann, eben als wir aus der Hauptstrae schon nach dem
Hafen einbogen, sagte er:
    Ehrlichkeit, nur Ehrlichkeit! Gegen sich selbst und gegen Andere! Es mu
heraus: Ihr habt Recht, Charley. Ich habe mich gefrchtet. Vor wem oder was, das
braucht hier nicht errtert zu werden; aber ich habe Furcht gehabt; das ist
richtig! Und warum bin ich jetzt nicht allein gefahren? Warum habe ich Euch
mitgenommen? Furcht, nichts als Furcht! Aber das ist nun nicht zu ndern, denn
wir sind schon da!
    Der Wagen hielt an der Landebrcke, und wir nahmen ein Boot, um uns nach der
Jacht rudern zu lassen. An Bord angekommen, fanden wir nur Bill mit zwei
Matrosen und der weiblichen Bedienung anwesend. Tom war an das Land gegangen, um
Proviant einzukaufen, und die andern Hands hatten Urlaub genommen, um den
Bewohnern des Hafenortes Etwas vorzureiten und dafr sehr wahrscheinlich
ausgelacht zu werden. Fr Seeleute dieses Stiles ist nmlich das Reiten selbst
dann das schnste und beste aller Vergngen, wenn man alle hundert Schritte
zehnmal auf der einen Seite vom Pferde rutscht, um sich auf der andern Seite
hchst ritterlich wieder aufzuschwingen.
    Der Uncle tat so, als ob wir gekommen seien, uns noch mit einigen
notwendigen, aber vergessenen Kleinigkeiten zu versehen und diese Gelegenheit
ergreifen wollten, den Nachmittagstee hier an Bord zu trinken. Da er die
Absicht habe, Raffleys Kajte zu betreten, sollte Niemand wissen. Er behandelte
diese Affaire so wichtig und so schwer, als ob sie eine hchst bedeutende
Staatsaffaire sei.
    Die Chinesin ging in die Kche, um den Tee zu bereiten. Bill wurde mit den
beiden Matrosen in den Packraum geschickt, um da irgend Etwas zu suchen, was
sich gar nicht dort befand. So waren wir also ganz allein auf dem Deck und
gingen nach der Kajte.
    Warum das Alles so heimlich? fragte ich. Es wrde ja gar nicht auffallen,
wenn wir es ganz offen tten?
    Weil John unbedingt zu glauben hat, da es mir gar nicht einfllt, auch nur
einen einzigen Blick auf das Bild zu werfen. Die Tr ist natrlich verschlossen,
aber ich wei, wie man sie auch ohne Schlssel ffnen kann. Er hat davon
gesprochen.
    Er drehte den Drcker auf und dann in besonderer Weise wieder zu; es gelang.
Wir traten ein. Er blieb zunchst vorn stehen und schaute sich in einer Weise
um, als ob er sich in dem Heiligtum einer ihm nicht blo fremden, sondern auch
unsympatischen Verehrung befinde. Hierauf nherte er sich langsam, Schritt um
Schritt, beinahe ngstlich, dem Bilde und sah es lange, lange an. Dann ging er,
ohne ein Wort zu sagen, zum Eingange zurck, wo ich stehen geblieben war, schob
mich hinaus, schlug die Tr hinter sich zu, holte tief, tief Atem und sagte, als
er sah, da man soeben den Tee servierte:
    Trinkt ihn allein, Sir! Mir ist aller Appetit vergangen. Ich habe jetzt
mehr, viel mehr zu verdauen, als Tee mit Toasts!
    Ich setzte mich also an den Tisch und lie es mir schmecken. Er aber ging
gesenkten Kopfes und mit langen Schritten auf dem Deck hin und her. Grad als ich
fertig war, kam Bill mit den beiden Matrosen nach oben und meldete, da alles
Suchen vergeblich gewesen sei. Nun lieen wir uns an das Land setzen und stiegen
wieder in den Wagen, um heimzufahren. Er gab dem malajischen Kutscher den
Befehl, dies nicht direkt, sondern auf einem Umwege zu tun, da es sich um eine
Spazierfahrt handle. Dann, als wir so eng und traulich neben einander saen,
ergriff er das Wort:
    Charley, was haltet Ihr von Bildern?
    Sir, was haltet Ihr von Bchern? antwortete ich.
    Sonderbare Frage!
    Ganz so, wie die Eure!
    Aber wie ihr die Frage stellt, kann man sie gar nicht beantworten! Sie ist
zu unbestimmt.
    Habt Ihr bestimmter gesprochen?
    Hm! Allerdings nicht! Wie konnte ich also eine Antwort verlangen; es ist ja
keine mglich!
    O, doch! Eure Frage war nmlich gar keine Frage, sondern der Angstruf Eures
inneren Menschen, der sich bisher gefrchtet hat, das Bild zu betrachten. Nun
habt ihr es aber doch getan, und da schreit er auf, weil er die Folgen kommen
fhlt.
    Da wandte er sich mir zu, sah mich betroffen an und fragte;
    Bin ich etwa durchsichtig?
    Ja!
    Halloh! Das ist stark! Glaubt Ihr, durch mich hindurchschauen zu knnen?
    In dieser Beziehung allerdings.
    Und was seht Ihr da?
    Die Yin.
    Oho!
    Jawohl! Ganz gewi die Yin, obgleich Ihr vielleicht versucht, euch hierber
zu tuschen. Diese Yin ist nmlich etwas ganz Anderes, als Ihr denkt; sie
besitzt eine Euch vollstndig unbekannte und unbegreifliche Macht. Mit dieser
Macht hat sie Euch gepackt. Ihr seid ihr Eigentum geworden und werdet es auch
bleiben!
    Entsetzlicher Mensch!
    Wer?
    Ihr! Ich habe nmlich nicht gewut was mich so - - so - - nun, auf eine
bisher so unbekannte Weise beunruhigt, seit ich in der Kajte gewesen bin. Es
ist nicht Furcht, nicht Angst, nicht Reue. Es ist auch nichts Betrbendes oder
gar Hliches, sondern es scheint im Gegenteile etwas Gutes, etwas
Wnschenswertes zu sein. Und dennoch qulte es mich! Es bohrte in mir. Da kommt
Ihr mit Eurer Behauptung, da ich das Eigentum der Yin geworden sei, und
richtig! In dem Augenblicke, als Ihr es sagt, da wird sie pltzlich in mir wach;
da steigt sie in mir auf, und ich mu Euch sagen, da ich sie nicht nur sehe,
sondern in meinem ganzen Krper fhle, bis an die Fingerspitzen! Oder ist es
nicht mein Krper, sondern der Geist, die Seele, und ich kann es nur nicht
unterscheiden?
    Es ist nicht Euer Krper, sondern der innere Uncle und Governor, ganz
derselbe, den Ihr vorhin den inneren Sejjid Omar genannt habt. Wollt Ihr mich
nun noch einmal fragen, was ich von Bildern halte, nmlich von solchen? Denn nur
solche sind Bilder. Alles Andere ist nur Malerei, oft sogar Schmiererei! Das
deutsche Wort Bild kommt von bilden her. Versteht Ihr mich? Das hat mit dem
Ausdrucke nachbilden nur den Klang der zweiten und dritten Silbe gemein, weiter
nichts. Der wahre Knstler hat stets eigene Gedanken. Er bildet niemals nach,
selbst wenn er portrtiert. Er schafft dem vorhandenen Krper Geist und Seele.
Er zeigt am dmmsten Bauernkopf die in Wirklichkeit vollstndig unsichtbare,
aber dennoch vorhandene Intelligenz. Er demonstriert am menschenfreundlich
erscheinenden Gesicht des Eroberers die tief in ihm versteckte, stets
kampfesfertige Bulldoggennatur. Und ist er nicht blo Talent, sondern Genie, so
schafft er auch die gegebene Gestalt vollstndig um, ohne da gewhnliche Augen
es bemerken, und lt uns, einem Zauberer gleich, dann Wesen sehen, welche zwar
vollstndig berechtigt sind, der Wirklichkeit anzugehren, aber in der Sprache
ganz anderer, hherer Welten zu uns reden. Diese Sprache ist fr den Krper
unvernehmbar. Sie klingt nur von Geist zu Geist, von Seele zu Seele. In ihr naht
sich die Macht, die Euch ergriff, als Ihr vor der Yin standet und sie
betrachtetet.
    So glaubt Ihr, ein Genie habe dieses Bild erschaffen?
    Unbedingt. Nur das Genie gibt neue Rtsel auf, whrend das Talent sich mit
alten, lngst vorhandenen beschftigt. Und dieses Portrt der Yin ist ein
Rtsel, ein neues, ein schnes, ein entzckendes Rtsel, an dessen Lsung ich
mein Leben setzen wrde, wenn ich Maler wre. Ihr habt zu mir gesagt: Ich will
Euch nach einem Orte fhren, wo es spuckt, bei Tage sogar noch deutlicher als
bei Nacht. Mein teurer Freund, diese Yin konnte fr Euch nur so lange ein Spuk,
ein Gespenst sein, als es Nacht in Eurem Innern war. Mir scheint, heut ist es
Tag geworden. Wenigstens dmmert es bereits. In diesem Zwielicht erscheint sie
bereits klarer, lichter, schner, doch noch nicht ganz aus der Nacht gelst, wie
ich sagte: noch als Rtsel. Aber wartet nur, Sir; die Sonne wird kommen, ganz
gewi. Dann mu der Vorhang vom Bilde fallen, und das Geheimnis wird fr Euch
zur Offenbarung werden, denn jede wahre Kunst ist gttlicher Natur.
    Das sagt Ihr so bestimmt? schaltete er ein.
    Ja, antwortete ich. Ich kenne unsern John. Die ganze Jacht ist, so zu
sagen, ein Buch mit sieben Siegeln. Und das Bild ist sicher nicht das geringste
dieser Siegel. Oder vergleiche ich die Jacht mit einem Gedichte, so erscheint
mir das Bild sogar als die schnste und tiefste seiner Strophen. Glaubt Ihr, da
er, der Dichter, uns die Erklrung vorenthalten wird?
    Nein. Aber alles das, was Ihr mir da sagt, hat mich nicht klger gemacht,
als ich vorher war. Ich fhle mich im Gegenteile nur noch verworrener. Bitte,
lat mir Zeit; ich habe nachzudenken!
    Er legte sich in die Lehne zurck und fiel in andauerndes Schweigen. Auch
als wir oben in Kota Radscha angekommen waren und am Kratong aus dem Wagen
stiegen, bezahlte er den Kutscher, ohne ein weiteres Wort zu sagen, und zog sich
sogleich in sein Zimmer zurck.
    Raffley kam erst zur Zeit der Dmmerung von seinem Spazierritte heim und
teilte uns dann beim Abendessen mit, da der Mijnheer zwar ein Hollnder sei,
aber dennoch ein Gentleman durch und durch. Sogar wetten habe er wollen, sei
aber natrlich abgewiesen worden. Uebrigens scheine sich da oben in den Bergen
etwas Kriegerisches vorzubereiten, um die Malaien endlich einmal grndlich zu
Raison zu bringen. Der Mijnheer habe ihm einige Zge von Grausamkeiten erzhlt,
die man allerdings nicht in Schutz nehmen drfe.
    Da fiel ihm der Governor sofort in die Rede, um die Malaien zu verteidigen.
Er tat dies in der ihm eigenen Weise, die ihn verfhrte, wiederholt ber das
Ziel hinauszuschieen, und kam dabei immer wieder auf seinen Freund, den
Heidenpriester zurck, wie er ihn nannte. John lie ihn vollstndig aussprechen
und antwortete aber dann:
    Alles, was Ihr sagt, in Ehren, dear uncle; aber ich bitte, lat Euch von
Eurem guten Willen nicht verfhren, weiter zu gehen, als Ihr drft. Ihr knnt
doch unmglich behaupten wollen, da diese Rasse auf gleicher Bildungsstufe mit
der unserigen stehe! Und Ideale sucht man doch nicht unten, sondern oben. Ihr
kennt meine Ansicht ber die Menschenrechte zur Genge; aber nicht das Gefhl
allein, sondern auch der Verstand hat zu Worte zu kommen. Sollen Kinder
mitbestimmen drfen, auf welche Weise sie zu erziehen sind? Habt sie lieb; hebt
sie empor, und macht sie zu Mnnern! Sind sie das geworden, so mgen sie mit
raten und mit tun; eher aber nicht! Es ist stets gefhrlich, den Unmndigen eine
Macht zu gewhren, deren Ausbung klar und berlegt denkende Kpfe verlangt!
    Well! Zugegeben! gestand der Governor ein.
    Gut, so sind wir einig! Ihr rhmt das Verhalten der Malaien gegen Waller.
Ja, sie haben ihm verziehen, ihn nicht bestraft; aber sind sie nicht um so
grausamer gegen seine unschuldige Tochter gewesen, welche von ihnen unter so
peinlichen Umstnden hinber nach Penang gebracht wurde? Wie htte sich diese
ganze Angelegenheit wohl gestaltet, wenn der Priester nicht ein so hochdenkender
Mann gewesen und unser Tsi nicht ganz zuflliger Weise dazu gekommen wre? Nur
das richtige Ma, das richtige Ma bitte ich!
    Da wurde der Uncle fr einige Zeit still; dann sagte er in rhrender
Aufrichtigkeit:
    Kinder, mir scheint, ich werde immer trichter anstatt klger. Was frher
fr mich schwarz gewesen ist, das mchte ich nun gleich vollstndig wei
erscheinen lassen. Und was ich bisher verachtet habe, das will ich jetzt im
Handumdrehen bewundern lassen. Ich sehe, ich bin auch noch ein Kind, wenn auch
ein ziemlich altes. Habt mich also lieb; hebt mich, und macht mich zum Manne!
Das war es ja, was Ihr sagtet, lieber John. Wie Ihr das anfangt, das ist Eure
Sache. Ich verschwinde!
    Er wollte fort.
    Halt! rief da John. Habe Euch noch mitzuteilen, da der Mijnheer unsere
Jacht gern einmal sehen will. Ich schlug ihm fr morgen eine Spazierfahrt vor,
und er hat angenommen. Die Wagen nach dem Hafen sind fr sechs Uhr frh
bestellt. Ihr macht doch mit?
    Selbstverstndlich! Kinder fahren immer gern spazieren. Gute Nacht!
    Wir waren infolgedessen am nchsten Tage nicht in Kota Radscha und kehrten
erst am Abende heim. Da brachte Tsi uns die frohe Botschaft, da er berzeugt
sei, den Missionar retten zu knnen. Er brachte hierbei den Gedanken an einen
Ausflug wieder in Anregung und holte Mary Waller, um diesen seinen Vorschlag von
ihr untersttzen zu lassen. Sie sah sehr angegriffen, aber doch nicht krperlich
leidend aus und freute sich, als wir den Entschlu faten, fr eine Woche oder
auch noch Etwas lnger hinber nach den Nikobareninseln zu dampfen, fr welche
wir uns noch von frher her lebhaft interessierten. Dann kehrte sie mit Tsi zu
dem Kranken zurck. Wir Drei aber blieben noch lnger beisammen.
    Ich wollte natrlich den Sejjid mitnehmen, nicht darum, weil ich ihn whrend
dieser Spazierfahrt zu meiner persnlichen Bedienung brauchte, sondern damit er
mglichst viel sehen und ntzliche Erfahrungen mit heimbringen mge. Ich wollte
ihn nicht ausntzen, sondern in ihm den Grund zu einer bessern Zukunft legen.
Aber als ich ihm sagte, was ich beabsichtigte und da er sich mit einzuschiffen
habe, bat er mich, bleiben zu drfen. Nach dem Grunde dieses Wunsches gefragt,
antwortete er:
    Wir reisen doch nach China, Sihdi, und da habe ich mich um die Sprache
dieses Landes zu bekmmern, wozu ich aber unterwegs auf dem Schiffe wohl keine
Gelegenheit finde. Hier in Kota Radscha gibt es einige chinesische Kulis, welche
englisch sprechen, und wenn ich whrend dieser Zeit mit ihnen verkehre, kann ich
ihnen zeigen, da es auer der deinigen und der meinigen keine weitere, ganz
vollkommene Sprache gibt.
    Ich hatte nichts dagegen. Es war ja kein Unglck, wenn zu dem babylonischen
Gewirr in seinem Kopfe, aus welchem er aber gegebenen Falls stets das Ntige
herauszufinden wute, auch noch ein Beitrag kam, der auf ing und eng zu
enden hat.
    Die Vorbereitungen nahmen den nchsten Vormittag in Anspruch. Am Nachmittag
gingen wir in See. Erst als wir die Kste nicht mehr sahen, kam mir ein
peinigender Gedanke, den ich John mitteilte. Ich wurde aber beruhigt. Er, der
ebenso gtig war, wie er umsichtig zu sein pflegte, hatte, bevor wir Kota
Radscha verlieen, dafr gesorgt, da den zurckgelassenen Freunden nichts von
dem fehlte, was sie voraussichtlich ntig hatten. Ich war schon frher sehr oft
in der Lage gewesen, ihn in dieser Beziehung im Stillen mit einer liebevoll
besorgten Mutter zu vergleichen.
    Wir hatten damals, als wir auf Ceylon miteinander bekannt geworden waren,
auf seiner Jacht Swallow eine Fahrt nach den Nikobaren unternommen und dort so
Interessantes erlebt, da der Wunsch, diese Erinnerungen bei der jetzigen
Gelegenheit wieder aufzufrischen, ein ganz selbstverstndlicher war. Da sich
aber auf diesem Ausfluge nichts ereignete, was sich auf die vorliegende
Erzhlung bezieht, will ich nur erwhnen, da wir, sehr von ihm befriedigt, erst
nach vollen zwei Wochen wieder nach Uleh-leh zurckkehrten.
    Dieses Mal gab es auf der Landungsbrcke und den in ihrer Nhe liegenden
Straen mehr Leben als bei unserer ersten Ankunft. Es lagen mehrere Dampfer im
Hafen, von denen einer Passagiere gelandet hatte und dafr andere zur Reise nach
Batavia an Bord nahm.
    Wir fuhren nicht mit der Bahn, sondern per Wagen nach Kota Radscha hinauf.
Als wir ankamen, war der erste Mensch, den wir sahen, mein Sejjid Omar. Als er
uns erblickte, rief er uns vor Freude berlaut entgegen:
    Hamdulillah! Ni tschi la fan la mei yo?
    Hamdullah ist arabisch und heit Gott sei Dank! Das Andere aber war
chinesisch und heit: Haben Sie schon Ihren Reis gegessen? Eine sehr beliebte
Begrungsformel im ganzen Reiche der Mitte. So sehr er sich freute, uns wieder
zu haben, so gro war aber auch sein Verlangen, uns mglichst schnell zu zeigen,
wie tief er whrend der verflossenen vierzehn Tage in die Sprache der Chinesen
eingedrungen sei.
    Wir fanden unsere Wohnungen genau so vor, wie wir sie verlassen hatten. Sie
waren nicht belegt worden, obgleich es wiederholt Besuch im Kratong gegeben
hatte, besonders Offiziere. Das hing wohl mit den kriegerischen Unternehmungen
zusammen, von denen ich bereits gesprochen habe. Grad als sich Jeder von uns in
sein Zimmer begeben hatte, stellte Tsi sich ein, um uns zu begren und ber
Waller Bericht zu erstatten.
    Er ist gerettet, sagte er, aber allerdings einstweilen nur erst
krperlich. Und selbst da kann mein Urteil noch kein endgltiges sein. Das Ko-su
hat gradezu Wunder getan; aber diese frchterliche Krankheit pflegt schon bei
gewhnlichem Auftreten innere Zerstrungen zurckzulassen, welche spter noch
verhngnisvoll werden knnen, und hier hatte sie ja in einer Weise um sich
greifen drfen, welche selbst mich, den immer Zuversichtlichen, am Erfolge fast
verzweifeln lie, obgleich ich das nicht sagte. Aber der Geist, der Geist!
Vielleicht ist es ebenso richtig oder noch richtiger, wenn ich sage, die Seele,
die Seele! Ich stehe da vor einem Zustande, von dem ich zwar gehrt und auch
gelesen habe, der mir aber noch niemals vorgekommen ist. Der Psycholog befindet
sich da in einer Lage, die ihn mit den Anschauungen und Behauptungen der
Wissenschaft in den allerernstesten Konflikt geraten lt. Jeder abendlndische
Arzt wrde mit der grten Ueberzeugung sagen, da Waller wahnsinnig geworden
sei. Es versteht sich ganz von selbst, da ich dies Mi Mary verschweige, zumal
ich dieser Ansicht ganz unmglich beizustimmen vermag. Er spricht nmlich grad
whrend der sogenannten Wahnsinnsanflle beraus klar und richtig. Ja, seine
Logik kommt mir dann so scharf, so unwiderstehlich, so erhaben, fast berirdisch
vor. Es ist nichts Monomanes, nichts Gestrtes, nichts krankhaft Unsicheres
dabei. Diese Anflle wirken auf sein krperliches Befinden vorteilhaft, anstatt
es zu deprimieren. Er scheint in eine Duplizitt oder gar Triplizitt gespalten
zu sein. Jetzt spricht er selbst, mit seiner eigenen Stimme und in seiner
gewhnlichen, uns Allen bekannten Weise. Pltzlich ndert sich sein Ton. Er
redet nicht mehr englisch, sondern deutsch. Sein Ausdruck ist ein hherer
geworden. Er bringt sogar Reime, die tadellosesten Reime, die man sich denken
kann. Und sie klingen sanft, zart, weich, wie aus einem liebevollen, bittenden
Frauenmunde. Und ebenso pltzlich fllt ihm ein tiefer, starker Ba in die Rede,
whrend seine Stimmlage doch fast noch hher als Bariton ist. So ist es, als ob
er aus sich selbst und noch zwei andern Wesen bestehe, welche sich um sein
Denken und Fhlen mit einander streiten. Es ist dies im hchsten, im
allerhchsten Grade interessant. Glcklicherweise stehe ich da nichts
Unbekanntem gegenber. Unsere chinesische Psychologie erklrt uns das mit
grter Leichtigkeit als sehr natrlich. Die abendlndische Wissenschaft aber
besitzt, vermute ich, kein einziges Werk oder Buch, welches diesen Zustand kennt
und sich in eingehender Weise und erklrend mit ihm beschftigt. Darum - -
    Er hielt inne, weil Mary in das Zimmer trat, um uns auch zu bewillkommnen.
Sie sah wieder ganz wohl und hoffnungsvoll aus. Die Versicherung des Arztes, da
ihr Vater gerettet sei, hatte ihren Augen den frheren Glanz und ihren Wangen
die jugendliche Rte zurckgegeben. Ihr Gemt war zwar noch nicht frei von
jeglicher Sorge, aber doch nicht mehr so schwer bedrckt wie vorher.
    Der Missionar war soeben in einen tiefen, festen Schlaf gesunken, und so
konnte seine Tochter lngere Zeit bei uns bleiben. Es erleichterte sie, uns
erzhlen zu knnen, wie angstvoll allerseits der Kampf mit dem drohenden Tode
gewesen sei, und wie glcklich sie sich jetzt fhle, zu wissen, da der Vater
sich erholen werde. Sie vermiet es sorgfltig, hierbei zu erwhnen, mit welcher
aufopfernden Hingebung Tsi sich des Kranken angenommen hatte, aber ihre Augen
sprachen um so deutlicher von dem Dank, den sie fr ihn im tiefsten Herzen
fhlte. Indem ich dies beobachtete, fiel es mir erst auf, wie hager er geworden
war. Und spter erfuhr ich von ihr direkt, da er im Sorgen und Wachen gewi
noch mehr geleistet habe wie sie selbst.
    Als beide, Mary und Tsi, diesen ihren Besuch beendet hatten und ich in mein
Zimmer ging, um zu schreiben, fand ich, da mein Papiervorrat fast ganz zu Ende
gegangen war. Ich begab mich infolgedessen nach dem mit dem Hotel verbundenen
Verkaufsladen Rosenberg, um das Fehlende zu ergnzen. Nachdem dies geschehen
war, setzte ich mich auf die Veranda, um ein Glas Bier zu trinken, Pilsener
aus Hamburg natrlich. Ich war noch nicht lange da, so kam ein Malaie, welcher
die Absicht hatte, vorberzugehen. Er schien nach der Zitadelle zu wollen. Er
war jetzt anders gekleidet; ich erkannte ihn aber doch als den, welcher mit uns
ber die Auslieferung Wallers verhandelt hatte. Er trug ein kleines Paket in der
Hand. Ich rief ihn an. Er kam zu mir her, und ich sah ihm an, da er auch mich
erkannte.
    Wo willst du hin? fragte ich.
    Nach dem Kratong, antwortete er.
    Zu wem?
    Zum kranken Tuwan und auch zum Tuwan Governor. Dem Kranken soll ich sein
Buch geben und dem Governor einen Brief, den ich in der Tasche habe.
    Was ist das fr ein Buch?
    Wir haben es auf der Brandsttte unseres Tempels gefunden, in welchem Euer
Missionar wohnte. Als wir die Asche fortschafften und die Trmmer auseinander
rumten, war der steinerne Altar eingefallen, und unter diesen Steinen lag, von
ihnen beschtzt, das Buch, so da es nicht mit verbrennen konnte. Ist das nicht
wie ein Wunder? Der Priester hat es sofort sorgfltig eingepackt und einen Brief
geschrieben. Ich aber mute mich auf die Reise machen, um Euch beides zu
bringen.
    Er hob das Pckchen empor, um es mir zu zeigen. Da kam mir ein Gedanke. Ich
dachte an das Gedicht Tragt Euer Evangelium hinaus! Nichts konnte mir da
passender sein, als das Erscheinen dieses Eingeborenen mit dem Buche. Das war ja
die beste Gelegenheit, der ersten Strophe jetzt die zweite hinzuzufgen!
Uebrigens war die Sendung dieses Boten ein abermaliger Beweis der fast
beispiellosen Ehrlichkeit der heidnischen Bergmalaien.
    Zeige es einmal her! forderte ich ihn auf.
    Er gab es mir. Es war in groe, papierhnliche Pflanzenbltter gewickelt und
mit einer Bastschnur fest umwunden. Als ich es geffnet hatte, sah ich, da es
ein Neues Testament in englischer Sprache war. Ein blauseidenes,
miteingeheftetes Band, das Einzeichen bildend, lag bei dem dreizehnten Kapitel
des ersten Korintherbriefes, welches bekanntlich beginnt:
    Wenn ich mit den Zungen der Menschen und der Engel redete und htte aber
die Liebe nicht, so wre ich wie ein tnendes Erz oder wie eine klingende
Schelle u.s.w.
    Ich hatte die auf Seite 219 dieses Buches bereits angefhrten acht Zeilen in
meinem Notizbuche stecken, nahm dieses Papier heraus, und lie mir von dem
Kellner Tinte und Feder geben. Das Einzeichen lie mich vermuten, da die
angegebene Bibelstelle diejenige sei, welche man entweder zuletzt gelesen habe,
oder berhaupt gern aufzuschlagen pflege. Zudem pate sie wie fast keine andere
zu dem Inhalte des Gedichtes. Darum probierte ich die Tinte auf ihre gleiche
Schwrze und gab der Strophe die Ueberschrift 1. Korinther 13. Als es trocken
geworden war, legte ich das Papier in dieses Kapitel und hllte dann das Neue
Testament genau wieder so ein, wie es gewesen war, hierauf gab ich es dem
Malaien zurck, fgte ein Trinkgeld hinzu, um seine Verschwiegenheit zu belohnen
und sagte:
    Du kannst den Tuwan nicht sprechen, denn es darf Niemand zu ihm, weil er
krank ist. Aber du wirst nach seiner Tochter fragen und ihr das Buch geben, nur
ihr, keiner andern Person. Verstanden?
    Ja, nickte er.
    Es darf Niemand erfahren, da ich Etwas in das Buch gelegt habe. Du wirst
also weder ihr noch einem andern Menschen sagen, da du mich hier gesehen oder
gar mit mir gesprochen hast!
    Er steckte das Trinkgeld ein und versicherte:
    Ich schweige wie ein toter Baum, der keine Bltter mehr hat. Er kann nicht
einmal mehr flstern!
    Du wirst mich berhaupt gar nicht erwhnen, auch gegen den Tuwan Governor
nicht, wenn du ihm den Brief deines Priesters gibst. Und dann, wenn du deine
Botschaft ausgerichtet hast, kommst du wieder hierher, um noch eine zweite
Belohnung zu erhalten. Ich mu wissen, ob du Alles genau so hast tun knnen, wie
ich es wnsche.
    Werde ich auch den groen Sahib aus China treffen, dem wir so gern
gehorchen, weil wir seinen Vater lieben?
    Wenn du es wnschest, ja. Aber auch er darf nicht erfahren, da du hier bei
mir gewesen bist und wieder zu mir kommen wirst!
    Du brauchst keine Sorge zu haben. Ich wei von unserem Priester, da Ihr
gute Menschen seid, die absichtlich Bses niemals tun. Es ist also nur
Erlaubtes, was du von mir verlangst, und ich werde es genau so tun, wie du
gefordert hast.
    Er verbeugte sich tief und ging. Es dauerte fast ein Stndchen, ehe er
zurckkehrte. Aber er kam nicht allein, sondern mit meinem Sejjid Omar. Sie
fhrten sich Hand in Hand wie Brder. Er mochte ahnen, was ich dachte, und sagte
darum schnell:
    Zrne nicht im voraus, sondern hre erst, was ich sage! Dieser mein Freund
hat nichts erfahren, gar nichts, kein Wort. Er sieht erst jetzt, da du dich
hier befindest. Er ist dein Diener, und er ist dir treu; das wei ich ganz
gewi. Dennoch werde ich auch weiter zu ihm schweigen. Aber ich bitte dich, fr
jetzt mit ihm zusammenbleiben zu drfen. Mein Weg war weit; ich habe mich
auszuruhen, und er will mir dabei Gesellschaft leisten. Dein Wille ist
geschehen, ganz genau so, wie du es mir sagtest.
    So soll auch der deinige geschehen. Ich sehe, da ihr eines Herzens seid,
und finde es also begreiflich, da deine Reise meinen Sejjid Omar ebenso ermdet
hat wie dich selbst. Ihr mgt Euch also mit einander strken.
    Ich reichte ihm das versprochene zweite Backschisch in frsorglicher
Verdoppelung hin, und er steckte es zu sich. Omar aber erklrte:
    Hier brauchst du es nicht, sondern du nimmst es mit heim. Du bist mein
Gast, denn ich bin Sejjid Omar, und ich liebe dich!
    Dann schritten sie Hand in Hand mit einander von dannen. Als sie sich
entfernt hatten, ging ich nach Hause, wo ich mich bis zum Abendessen mit den
erwhnten schriftlichen Arbeiten beschftigte. Es war Alles still. Keiner der
Freunde lie sich sehen, obgleich doch anzunehmen war, da die Uebersendung des
Buches und des Briefes irgend eine Wirkung hervorgebracht haben msse. Der Grund
lag darin, da man sich die Mitteilung bis zum Essen vorbehalten wollte, weil
wir da Alle beisammen waren.
    Tsi kam auch. Nur Mary fehlte. Sie zog es auch jetzt noch vor, sich selbst
whrend des Mahles nicht von dem kranken Vater zu entfernen.
    Sobald wir uns an den Tisch gesetzt hatten, bemerkte ich, da die Freunde
innerlich beschftigt waren. Doch schwiegen sie jetzt noch. Sie wollten das, was
sie mitzuteilen hatten, nicht gleich bei Reis und Fleisch, sondern erst spter
bringen. Aber noch waren wir nicht bei dem letzten Gange, den Frchten,
angelangt, so konnte der Governor es nicht lnger aushalten. Er sagte:
    Ich hatte Besuch, ganz unerwarteten Besuch. John wei es schon. Dem habe
ich es mitgeteilt. Ihr Andern wrdet es nicht erraten. Darum will ich es lieber
gleich sagen. Nmlich der malajische Bote war bei mir, welcher die Betelnu nach
dem Hotel Rosenberg brachte und dann auch mit der Snfte wiederkam. Er hat mir
einen Brief von meinem guten Freunde, dem Heidenpriester gebracht und ist dann
gleich wieder fortgegangen, ohne zu fragen, ob er Antwort mitnehmen soll.
    Was hat der Freund geschrieben? erkundigte ich mich, weil keiner der
Andern Etwas sagte.
    Das wei ich noch nicht ganz genau, doch hoffe ich, es hier zu erfahren.
Der Brief ist malajisch geschrieben, und in Beziehung auf diese Sprache bin ich
Analphabet. Darum ging ich mit ihm zu John. Der hat herausgebracht, da von
unserm Christus die Rede ist, von Gold, von Weihrauch, von armen Hirten und von
dem Frieden, den die Engel auf den Fluren von Bethlehem verkndet haben. Aber
wirklich flieend konnte er die Zeilen auch nicht lesen. Es sind Worte und
Wendungen darin, welche er nicht kennt. Sonderbarerweise ist der Brief nicht
Prosa, sondern ein Gedicht. Denkt Euch, ein malajischer Heidenpriester, welcher
dichtet! Ist das nicht fast unbegreiflich?
    Warum unbegreiflich? Gibt es nicht auch christliche Priester, welche
Dichter sind? Der Priesterstand meint doch wohl, Gott am allernchsten zu
stehen, und die Poesie ist gttlicher Natur. Die Kunst, die wahre, wirkliche
Kunst, ist die edle Schwester des Glaubens. Aus welchem Grunde sollte diese
Schwester grad die bevorzugten Jnger ihres Bruders mit Verachtung von sich
stoen?
    So habe ich es nicht gemeint, sondern anders! entschuldigte sich der
Uncle.
    Anders? lchelte der Chinese. So habt Ihr also nicht den Priester,
sondern den Heiden betont wissen wollen? Klingt das vielleicht freundlicher,
besser? Was wrde wohl die Shen hierzu sagen, Mylord? Also, da ein Heide
Dichter sein knne, ist Euch unbegreiflich? Denkt doch einmal an Eure alten
Griechen, die fr Euch noch jetzt die allerhchsten Ideale sind und Euer ganzes,
geistiges Leben in einer Weise beeinflussen, welche man vom christlichen
Standpunkte aus doch eigentlich zu beklagen htte? Wem anders als diesen alten,
heidnischen Griechen hat Euer England es zu verdanken, da es den grten aller
spteren Dramatiker besitzt? Wird nicht die Sprache, die Philosophie, die
Geschichte dieser Heiden in allen Euern hheren Schulen derart begnstigt, da
Eure Gymnasiasten und Studenten fast alle der Meinung sind, wer nicht Griechisch
und Latein getrieben habe, drfe sich nicht zu den gebildeten Menschen rechnen?
Selbst Eure Prediger und Priester mssen diese heidnischen Sprachen verstehen
und diese heidnischen Dichter studiert haben, sonst wrden sie keine christliche
Kanzel und keinen christlichen Altar betreten drfen! Wie sonderbar klingt das
zu dem, was Ihr fast unbegreiflich nennt! Ich bitte Euch, Sir, ffnet doch die
Augen! Ich habe mich sowohl bei den Christen als auch bei den Heiden umgesehen,
und zwar bei beiden mit offenen, freundlichen, vorurteilslosen Augen. Htte der
Himmel mir die Gabe verliehen, das beschreiben und verffentlichen zu knnen,
was ich da beobachtet habe, so wrde ich zwei Bcher schreiben, nichts weiter,
denn das wre genug. Das eine Buch wrde betitelt sein: Das Heidnische im
Christentume und das andere: Das Christliche im Heidentume. Ihr habt, da wir von
malajischen Dichtern sprachen, wahrscheinlich keine Ahnung, wie nahe verwandt
und wie oft sogar ebenbrtig sie Euern christlichen Dichtern sind. Man staunt
zuweilen ber diese Gleichheit des geistigen Pulsschlages. Und was besonders den
Mann betrifft, von welchem hier die Rede ist, so mu - - - ah, da ich mich
unterbreche, wit Ihr denn nicht, da er noch etwas ganz Anderes ist, als blo
nur Oberpriester seiner Malaien?
    Nein, antwortete der Uncle.
    Hat er es Euch nicht gesagt, nicht wenigstens angedeutet?
    Nein, mit keinem Worte.
    So! Wie mich das freut! Das ist die wahrhaft knigliche Bescheidenheit der
wahren Menschengre! Htte er wohl ebenso geschwiegen, wenn er ein Europer
gewesen wre? Er ist nmlich der anerkannt grte der gegenwrtigen malajischen
Dichter, eine Berhmtheit, soweit die malajischen, chinesischen und indischen
Zungen klingen. Grad darum war er es, der von meinem Vater auserwhlt wurde, zu
uns zu kommen, um unsere Shen zu studieren. Er war der beste und der passendste
Mann dazu im ganzen indischen und polynesischen Archipel. Ich bin stolz, ja
stolz darauf, da dieser Mann mich achtet. Der Segen, den er auf das Haupt
unserer Freundin Mary legte, war nicht der Segen eines gewhnlichen Menschen,
sondern eines Auserwhlten, der nicht blo leere Worte spendet, sondern wirklich
das besitzt, was er geben will, wenn er segnet! Und hat er Euch ein Gedicht
geschickt, so ist das sicher keine gering zu achtende Gabe. Er tut das nicht, um
Euch nachtrglich doch noch zu zeigen, wer und was er ist, sondern aus hheren,
reineren Grnden. Er hat ber Euch nachgedacht und ber Alles, worber er mit
Euch sprach. Wahrscheinlich gibt er Euch nun das Resultat dieses seines
Nachdenkens, und wenn Ihr es wnscht, so bin ich gern bereit, es Euch zu
bersetzen.
    Aber natrlich wnschen wir das! rief der Uncle begeistert aus. Also ein
Dichter, ein groer, ein berhmter Mann ist dieser mein guter Freund, der
Heidenpriester! Das wundert mich eigentlich nicht, denn das lag mir schon gleich
in den Gliedern; es wird mir nur jetzt erst klar. Hier ist der Brief. Bitte, ihn
uns vorzulesen!
    Er gab ihn dem Chinesen hin. Dieser las ihn erst still fr sich durch,
nickte dann langsam und wiederholt mit dem Kopfe und sagte, indem er lchelnd zu
uns herberschaute:
    Es ist so, wie ich dachte: Eine Dichtergabe. An Inhalt reich und an
Gedanken schwer. Ein abschlieender Strich unter das, was er hier bei Euch
erlebte, und dann die Summe, das geistige Resultat, in groen, runden Ziffern.
Wie jammerschade, da ich kein Dichter bin! Die Wiedergabe in Prosa zerstrt
ganz unbedingt den Wert und ebenso die Wirkung. Gbe es doch Einen unter uns,
der wenigstens Reime machen knnte, so wre, wenn auch nicht Alles, so doch die
dichterische Form gerettet!
    Da blinzelte Raffley mir von der Seite her mit den Augen zu und sagte:
    Wie steht es mit Euch, lieber Charley? In Euern deutschen Schulen wird ja
schon in den untersten Klassen Unterricht ber Literatur, Dichtkunst und jede
Art von Versfabrikation gegeben. Auch habt Ihr schon einmal ein Buch ber
Astronomie verbrochen. Zwar gibt mir das noch keine Veranlassung, Euch selbst
fr einen Stern zu halten, aber vielleicht steht es Euch aus Eurer Jugendzeit
noch in Erinnerung, wie man die Worte zu wenden und zu drehen hat, um einen Reim
fertig zu bringen?
    Hm! brummte ich nachdenklich. Ich habe allerdings schon als Junge
gereimt, nmlich zu Vaters oder Mutters Geburtstag und zum neuen Jahre; aber es
war auch danach! Dann spter baute ich an einer groen, gewaltigen Ballade. Die
hie Der Sastempel und ist mir ber alles Erwarten gut gelungen, denn sie fiel
noch viel, viel dunkler aus, als die ganze Sasgeschichte an und fr sich schon
ist. Und wenn ich mir Mhe gebe, so ist es mir vielleicht mglich, aus dieser
allgemeinen Finsternis einige Reime fr heut zu retten.
    Gut, schn, vortrefflich! lachte da Tsi. Versuchen wir es! Es ist eine
Versndigung an dem Dichter, seine Gedanken in nchterne, empfindungslose Worte
zu kleiden. Suchen wir also nach einem poetischen Gewande. Finden wir es nicht,
so haben wir wenigstens unsere Schuldigkeit getan. Ich werde die Uebersetzung
wrtlich zu Papier bringen. Sehen Sie dann, was Sie daraus fertig bringen; aber
bitte, deutsch, weil dies Ihre Muttersprache ist, die wir ja alle kennen. In der
Muttersprache ist eine solche Aufgabe nicht halb so schwer wie in jeder
anderen.
    Das ist richtig! stimmte Raffley bei. Und whrend hier die Uebersetzung
gemacht wird, laufe ich hinber zum Mijnheer. Da liegt ein Buch, welches Nieuw
Hollandsch-Maleisch, Maleisch-Hollandsch Woordenboek heit. Das hole ich
herber, um Charley damit zu untersttzen.
    Er stand auf, um wirklich zu gehen.
    Bitte, sitzenbleiben! bat ich ihn. Dieses Woordenboek wrde mich nur irre
machen. Ich verzichte also darauf.
    Das Gedicht war kurz und Tsi also rasch fertig. Ich nahm beides, Original
und Uebersetzung, und ging damit nach meinem Zimmer, um ungestrt zu sein. Tsi
durfte meine eigentliche, deutsche Handschrift nicht sehen, weil sonst der
Dichter von Tragt Euer Evangelium hinaus sofort verraten gewesen wre. Ich
whlte also eine recht schlechte, abgenutzte Feder und schrieb einen sehr hohen,
von links nach rechts hinberliegenden, lateinischen Duktus. Es gelang. Als ich
wieder hinber kam, gab ich es Tsi. Er las, wieder erst nur fr sich allein.
Dann warf er einen langen, nachdenklichen Blick zu mir herber, sagte aber
nichts und las die zwlf Zeilen hierauf zum zweiten Male durch.
    Nun? fragte der Governor. Wohl schlimme Reimerei, die wir nicht
gebrauchen knnen? Bitte, doch vorzulesen!
    Sonderbar, hchst sonderbar! sagte Tsi so vor sich hin. Es liegt hier
Etwas vor, was ich nicht begreifen kann; ich hoffe aber, es doch noch zu
erfassen.
    Und nun las er vor, langsam, laut und mit der erforderlichen Betonung:

O komm, sei wieder Gast auf Erden,
Du gottgesandter Menschheits-Christ.
Dein Stern soll nie zur Flamme werden,
Die das verzehrt, was heilig ist.

Wohl mgen Knige und Weise
Sich dir mit Gold und Weihrauch nahn,
Du aber hast dich nur dem Kreise
Der armen Hirten kundgetan.

Der Habsucht sei das Gold beschieden,
Der Weihrauch dem, der Weihrauch liebt,
Uns Armen aber gib den Frieden,
Den uns kein Frst, kein Weiser gibt!

    Als er geendet hatte, schob er das Blatt vor sich hin auf den Tisch, faltete
die Hnde, legte sie darauf, schaute ber uns hinweg, wie in weite Fernen, und
sprach:
    Das, das ist es, was der Dichter, der zugleich auch Priester ist, hat sagen
wollen! Gibt es Einen unter uns, der irgend Etwas hinzuzufgen oder irgend Etwas
hinwegzustreichen hat? Wenn uns kein irdischer Herrscher und keine irdische
Weisheit den Frieden gewhrt, den der Himmel uns verkndete, so kann nur Der
allein uns helfen, der diese Engel sandte! Sie waren die ersten, die allerersten
christlichen Missionare. Dank sei der ewigen Liebe, die ihr Evangelium durch
diese, durch solche Boten sandte!
    Hierauf erhob er sich von seinem Platze und trat unter die offene
Fenstertr, als ob er das Bedrfnis habe, freie, reine Lfte zu atmen. Er hatte
fast wie betend gesprochen. Wir saen unter dem Eindrucke seiner Worte still,
ganz still. Und als der Governor nach einiger Zeit das Schweigen brach, sprach
er nicht laut, sondern flsternd:
    Mir ist, als ob mein Freund, der Priester, hinter mir stehe, zwar
unsichtbar, aber doch deutlich zu fhlen. Es weht und wallt mir vom Kopfe aus
ber den Nacken und ber die Schultern herab, als ob sein langes, silbernes Haar
das meinige geworden sei, so lind, so weich, wie das seindringliche Flehen
eines Kindes, in dessen Augen die Trnen stehen, whrend es, Wange an Wange, den
Vater umarmt, um seine krause Stirn unter zornstillende Locken zu verbergen. Wie
das nur kommt? Ich war noch nie im Leben so friedlich, so fgsam und so demtig
gestimmt wie jetzt, in diesem Augenblicke!
    Raffley antwortete, ganz unwillkrlich ebenso leise:
    Welcher gute Mensch knnte jetzt wohl anders als nur friedlich fhlen! Auch
ich habe eine ganz eigene Empfindung. Wenn ich jetzt nach meinem Kopfe griffe,
wrde es mich gar nicht wundern, die Hand Eures Freundes zu fassen, die er mir
aufgelegt hat, wie er es bei Mi Mary tat. Uncle, Uncle, wir Menschen sind
vielleicht doch etwas andere Wesen, als wir denken!
    Da kehrte Tsi zu uns zurck, setzte sich wieder nieder und sagte:
    Das war die eine Botschaft, welche der Malaie brachte. Er hatte noch eine
zweite, nmlich an Waller. Ich konnte ihn natrlich nicht zu dem Kranken lassen
und habe ihn deshalb zur Tochter geschickt. Der Auftrag, den er auszurichten
hatte, besa an sich gar nichts Wunderbares, zeigte sich aber mit einem
Nebenumstande verbunden, den ich fast unglaublich nennen mchte. Man hat nmlich
in den Trmmern des niedergebrannten Tempels ein Buch gefunden, welches dem
Missionar gehrt, ein neues Testament in englischer Sprache, vollstndig
unversehrt. Das brennend zusammenstrzende Geblk hat den steinernen, leicht
emporstrebenden Altar zusammengeschlagen, und unter diesen zerbrochenen Platten
lag das Buch. Wie ist es dorthin gekommen? Das wird nur Waller erklren knnen.
Mir ist, als ob ich ihn dabei schon sagen hrte: Dieses Wunder spricht fr mich.
Grad durch das zusammenbrechende Heidentum wurde das christliche Evangelium
beschtzt! Fr mich aber liegt das Unbegreifliche nicht hierin, sondern
anderswo. Ich erinnere an das geheimnisvolle Gedicht, dessen erste Zeilen Mi
Mary vom Winde zugeweht wurden, whrend sie die folgenden dann in dem Tschchen
fand, welches sie bei dem amerikanischen Professor vergessen hatte. Denken Sie
sich: Nun hat sich auch die zweite Strophe eingestellt!
    Wo? fragte John Raffley schnell.
    In dem erwhnten neuen Testamente. Erst ein Windsto in Kairo; dann ein
Brief eines Professors aus Philadelphia, und heut ein Paket, auf das
Sorgfltigste verschnrt, aus den Bergen von Sumatra! Das sind die drei Boten,
welche dieses Gedicht fr Mi Mary oder, vielleicht noch richtiger, fr ihren
Vater zusammengetragen haben!
    Er sah uns hierbei der Reihe nach an, um sich an unsrem Erstaunen zu weiden.
Darum sagte ich einige Worte, in denen ich auch mich verwundert zeigte. Dann
fuhr er fort:
    Man knnte fast an ein Mirakel glauben; aber grad darum, weil ich dies
nicht tue, fhle ich mich fr diesen geheimnisvollen Vorfall doppelt
enthusiasmiert. Das Zusammenfinden der ersten Strophe wre vielleicht zu
erklren. Wie aber kommt die zweite hinauf in den so weltentlegenen, malajischen
Kampong? Das Buch ist unbedingt Wallers Testament, nicht etwa ein fremdes. Seine
Tochter hat noch oben im Tempel darin gelesen und zwar das berhmte Kapitel der
Liebe im ersten Korintherbriefe. Sie hatte es ganz absichtlich aufgeschlagen,
gedrngt von dem Gedankengange, da die bei den braven Malaien gefundene Gte
und Liebe sie verpflichte, ihrerseits dieselbe Liebe zu ben. Sie wei genau,
da dieses Papier da nicht im Buche gewesen ist. Und nun, heut, liegt es grad
bei diesem Kapitel, und nicht nur das, sondern es trgt auch die Aufschrift
desselben! Es ist die Handschrift, das Versma, der Reim, der Geist, die Seele
desselben Dichters, und doch hat sich auer Waller kein Europer, kein Deutscher
dort oben im Malaiendorf befunden. Ich frage, gibt es Jemand, der eine Erklrung
hat?
    Ich nicht! gestand der Governor aufrichtig.
    John Raffley sah still vor sich nieder; ein leises Lcheln spielte um seine
Lippen. Dann hob er den Kopf, wobei sein Auge mich mit einem schnellen Blicke
streifte, und sprach:
    Dieser Dichter scheint entweder allwissend und allgegenwrtig, vielleicht
auch unsichtbar, auf alle Flle aber ein auerordentlich pfiffiger Patron zu
sein! Wenn es sich spter fgt, da man ihn kennen lernt, mu man ihm fleiig
auf die Finger sehen!
    Das sagen Sie natrlich scherzend, fiel Tsi schnell ein. Ich wei, da
ich die Erklrung nicht zu finden vermag, und will mich darum nicht mit
vergeblichen Gedanken qulen, sondern die Sache nehmen, wie sie ist. Und wie ist
sie? Sie sollen es hren. Die Lady hat mir das Gedicht fr Sie anvertraut.
    Er nahm das von mir geschriebene Blatt aus der Tasche und las:

Tragt Euer Evangelium hinaus,
Indem Ihr's lebt und lehrt an jedem Orte,
Und alle Welt sei Euer Gotteshaus,
In welchem Ihr erklingt als Engelsworte.
Gebt Liebe nur, gebt Liebe nur allein;
Lat ihren Puls durch alle Lnder flieen;
Dann wird die Erde Christi Kirche sein
Und wieder eins von Gottes Paradiesen!

    Er schaute uns der Reihe nach an, um zu sehen, welchen Eindruck die
Vorlesung auf seine Zuhrer gemacht habe. Dann fuhr er fort:
    Mir kommt es vor, als habe ich den Dichter jetzt entdeckt, oder vielmehr
die Dichterin, nmlich unsere Shen, die Menschlichkeit, welcher der Friede auf
Erden hher steht als jedes andere, vergngliche Interesse. Aber der Verfasser
ist jedenfalls ein Deutscher, welcher von dem Vorhandensein der Shen nicht die
geringste Ahnung hat. Oder doch? Gibt es auch fr ihn eine Shen? Eine
unsichtbare, berirdische, in deren Geist die unserige, die irdische hier
waltet?
    Indem er das Blatt jetzt wieder zusammenfaltete, schien es, als ob sein
Gesicht ein ganz anderes geworden sei. Es gibt seelische Feinheiten, zu deren
Bezeichnung oder Beschreibung selbst das zarteste Wort noch zu plump sein wrde.
Mir fehlt der Ausdruck fr das, was aus dem Gesichte dieses jungen Chinesen
jetzt zu uns sprach. Es war eine Klarheit, eine Innigkeit, ein Enthusiasmus,
eine Glckessehnsucht und zugleich schon Glckesahnung, es war - - -
wahrscheinlich doch er selbst, sein ganzes Wesen, sein Fhlen und sein Denken,
aber verklrt, verschnt und vergeistigt durch etwas Anderes, was nicht zu ihm
gehrte, sondern von auen her zu ihm gekommen war.
    Ich bin so froh, sagte er weiter, so herzlich froh ber das, was ich
Ihnen da vorgelesen habe. Wren doch wir es nicht allein, wir wenigen Personen,
die es kennen lernen! Knnte es doch von jedem Munde zu jedem Ohre klingen!
Mchte es doch nicht nur allein gehrt, sondern auch verstanden und beachtet
werden!
    Da antwortete John, indem ein halb verstecktes Lcheln um seinen Mund
spielte:
    Das ist freilich zu wnschen, und ich denke auch, da wir nicht die
Einzigen sein werden, die es kennen lernen. Es hat schon Mancher weit
schlechtere Gedichte gemacht, als dieses ist, und dann sofort den Drucker
aufgesucht, um sich in einer Auflage von Zweihundert zu verewigen. Es soll auch
Dichter gegeben haben, welche diese Auflage nicht selbst zu bezahlen brauchten,
sondern sogar noch Honorar dafr bekamen. Um so weniger brauchen wir uns in
Beziehung auf den Mann zu sorgen, um den es sich hier in diesem Falle handelt.
Wer seine Gedichte auf so ganz ungewhnlich schwierigen Wegen in Aegypten,
Indien und sogar hier auf den Sundainseln an den richtigen Mann zu bringen wei,
der findet wohl auch anderwrts die gewnschte Zahl von Lesern, wenn er will.
Wie es scheint, dichtet er nicht, um seinen kleinen, irdischen Namen bekannt zu
machen oder gar zu verewigen, sondern um Gedanken zu verbreiten, die er aus den
geistigen Strmungen der Gegenwart herausgreift. Was er sagt, hat er also nicht
etwa sich selbst zu verdanken; aber wie und wem er es sagt, das ist von ihm
erdacht. Habe ich da Recht, lieber Charley?
    Gewi! Vollstndig recht! antwortete ich. Wer da glaubt, der Dichter sei
eine kompakte, imporse Persnlichkeit, die von nichts Fremdem berhrt und
durchdrungen werden drfe, der hat vielleicht einmal gereimt, aber sicher nie
gedichtet. Selbst der edelste der Steine, der Diamant, strahlt nicht in seinem
eigenen, sondern in geliehenem Lichte, und wer eine Biographie ber irgend einen
berhmten Dichter schreibt, sollte vor allen Dingen nach den jeweiligen Quellen
der Ausstrahlungen dieses Edelsteines suchen und weder den Geburts- oder Fundort
und die Fabrik, in welcher er geschliffen wurde, in der Weise betonen, wie es
fast stets geschieht. Es stammt gar manche Geistesgre aus so geistig winzig
kleinen Verhltnissen, und es hat so mancher hochberhmte Mann auf Gymnasium und
Universitt so wenig geleistet, da man die Wege, auf denen der Genius zu ihm
kam und ihn an jedem Tage von neuem besucht, doch endlich einmal nicht mehr in
sein Heimatsdrfchen oder in die spter durchlaufenen Semester verlegen sollte!
Darum wird jeder wahre Dichter viel mehr nach oben als nach unten dankbar sein.
Er wei recht wohl, da er durch die ueren Verhltnisse zwar Harfe mit so und
so viel Saiten geworden ist, da es aber wohl keine Harfe gibt, die sich selbst
zu spielen vermag.
    Da sah Tsi, der Chinese, mich ganz eigentmlich an.
    Harfe! sagte er. Dann kommt der Genius, der jede Zeit hoch berragt, mit
seinen tausend Engeln und lt bald hier, bald dort, bald diese und bald jene
Saite rhren. Darum kann das geheimnisvolle Gedicht, von dem wir sprachen, und
dessen Quell in Deutschland zu liegen scheint, fast ganz genau dieselben
Gedanken haben und desselben Sinnes sein wie das, was der Oberpriester der
Malaien schrieb! Wren es doch berall nur solche Engelshnde und leider nicht
auch andere! - - Doch, ich mu mich verabschieden. Ich habe heut zu wachen, bis
morgen frh, bei Waller.
    Ist das unbedingt ntig? fragte ich.
    Jetzt noch, ja. Wir wechseln ab, Mi Mary und ich.
    Darf Keiner von uns sich beteiligen? Es wrde mir nichts, wirklich gar
nichts tun, einmal eine Nacht nicht zu schlafen. Bitte, lassen Sie mich heut
Ihre Stelle einnehmen!
    Mein Wunsch schien ihm nicht ganz unwillkommen zu sein, doch entschied er
erst nach einigem Zgern:
    Ich nehme Ihr Opfer an, weil ich wei, da es fr Sie von groem Interesse
ist, an meinen psychologischen Beobachtungen teilzunehmen. Kommen Sie noch vor
zehn Uhr zu mir! Es ist ntig, da ich Sie vorbereite.
    Er ging.
    Als er fort war, stellte John sich hoch und breit vor mich hin, sah mir mit
listigem Augenzwinkern in das Gesicht und fragte mich:
    Es ist Euch doch wohl ein Sihdi, welcher Gedichte macht, bekannt, Charley?
    Freilich! lachte ich.
    Kann dieser Sihdi auch solche Reime machen, wie wir vorhin gehrt haben?
    Er hat sich vorgenommen, es zu versuchen.
    Ihr wollt mir entweichen. Also gerade und glatt heraus: Hat dieser Sihdi
jenes Gedicht gemacht?
    Nein! behauptete ich.
    Halloo! Ich kenne Euch als einen streng wahrheitsliebenden Mann; jetzt aber
scheint Ihr doch eine Ausnahme machen zu wollen! Ich mchte diese Verse keinem
Andern als nur Euch zuschreiben!
    Nehmt Herzensdank fr die gute Meinung, die Ihr von mir habt! Aber ich
sagte soeben, da man zwischen Harfe und Spieler zu unterscheiden habe. Wenn
sich der Betreffende nicht nennt, so tut er das jedenfalls aus Grnden, die wir
achten mssen. Warum also nach ihm forschen und fragen?
    Well! Ihr habt in einem so bestimmten Tone Nein! gesagt, da - - -
    Bitte, unterbrach ich ihn; diese Antwort galt nicht Eurem Fragegedanken,
sondern Eurer Ausdrucksweise. Ihr fragtet, ob dieser Sihdi jenes Gedicht gemacht
habe. Es gibt freilich tausende und abertausende von Gedichten, welche gemacht
worden sind; sie werden fr Gedichte ausgegeben, sehen ihnen auch hnlich, sind
aber keine Gedichte. Wahre, wirkliche Gedichte werden nicht gemacht, wenigstens
nicht hier bei uns; sie entstehen in jenen Sphren, aus denen die Inspiration
auf Engelsflgeln niederschwebt, um dem nach oben lauschenden Poeten die Stirn
zu kssen und ihm das Auge und das Ohr fr eine Welt zu ffnen, die Anderen
verborgen bleibt. Der Dichter ist darum zugleich auch Seher. Das ist das
untrglichste Erkennungszeichen. Wer nicht Seher ist, kann auch nicht Dichter
sein! Schaut in die Heilige Schrift! Wie oft beginnen die Reden der Propheten:
Und ich sah oder Und ich hrte eine Stimme. Sie waren Seher, und lest nun ihre
Worte, so werdet Ihr erkennen, da sie als Seher Dichter waren. Das Eine ist
nicht von dem Andern zu trennen! Dem wahren Dichter kommt aus einer Welt, die
mit der unsrigen zusammenhngt, auf leisen Schwingen schngebor'ne Kunde; er
nimmt sie auf; er gibt sie weiter fort, und wer sie hrt, der wird von ihr
berhrt, als sei sie ein Gedicht aus Engelsmunde. Das ist die Poesie, die aus
dem Himmel stammt; kein Geist, kein Mensch kann sie uns niederbringen; dort
oben, wo das Meer des Lichtes flammt, mu jeder Strahl in goldnen Reimen
schwingen. Und steigt er nieder, nimmt er Formen an, um sich dem Menschensinn zu
offenbaren, und diese Formen, sie bestehen dann fr unsre Nachwelt noch nach
tausend Jahren!
    Raffley und der Governor standen da und sahen mich aus groen Augen an. Es
war wie eine Begeisterung ber mich gekommen, und ich hatte gesprochen, ohne
vorher zu berlegen, oder gar die Worte metrisch abzuwgen.
    Wit Ihr nun, was ein Gedicht ist? fragte ich. Und wit Ihr nun, wer
eigentlich das Recht besitzt, sich einen Dichter zu nennen?
    Da antwortete der Neffe:
    Ich habe es nicht mit der Heimat der inspirierenden Krfte zu tun, sondern
mit der von ihnen auserwhlten Persnlichkeit, und diese ist fr mich der
Dichter. Sagt mir nun noch hundert- oder tausendmal Alles, was ihr wollt, aber
das Gedicht, von dem die Rede ist, wird doch mit keinem andern Namen, als nur
mit dem Eurigen gedruckt! Ich bitte, mir dann mitzuteilen, in welchem Werke; es
mu sofort in meine Bcherei! -
    Es war halb zehn Uhr, als ich zu Tsi ging. Er befand sich in seinem Zimmer
und sagte mir, er habe Mary mitgeteilt, da ich wachen wolle, und sie sei damit
dankbar einverstanden gewesen. Dann fuhr er fort:
    Ich hatte die Absicht, Ihnen eine ausfhrliche Erklrung des
Krankheitszustandes zu geben, und dann wollte ich Ihnen fr jeden in der Nacht
mglichen Fall die betreffenden Verhaltungsmaregeln vorschreiben; aber ich will
doch lieber davon absehen, dies zu tun. Sie sollen Ihres heutigen Amtes in
mglichster Unbefangenheit walten. Sie sollen diesen scheinbar Geisteskranken
nicht von meinem Standpunkte, sondern von dem Ihrigen aus betrachten, und dann
werden wir sehen, welche Differenzen sich zwischen beiden ergeben. Kommen Sie
also! Ich fhre Sie nach der Krankenstube!
    Er ging voran und ffnete die Tr. Das Zimmer war gro; der schne
Abendhauch hatte ungehindert Zutritt. Auf dem Tische brannte eine halb
verhangene Lampe. Der Kranke lag unter einer leichten Decke lang ausgestreckt im
Bette, an welchem Mary sa. Als sie mich sah, stand sie auf.
    Wie recht, da Sie kommen! sagte sie leise. Sie werden ihn kaum wieder
kennen; aber ich bin nicht mehr traurig, sondern froh, denn Herr Tsi hat mir
versichert, da Vater gerettet sei. Er kennt mich noch nicht, ist aber in den
Zwischenrumen tiefer Apathie geistig ungemein beschftigt. Womit, das werden
Sie nicht erraten. Kommen Sie; nehmen Sie Platz!
    Tsi schob mir einen Stuhl an die Seite des ihrigen. Waller hatte allerdings
ein fast leichenhaftes Aussehen. Das Gesicht war zum Erschrecken eingefallen.
Ich sah das Skelett eines Kopfes vor mir, und die Hnde bestanden auch nur blo
aus Knochen, um welche sich die Haut in lockeren Falten legte. Wir sprachen
nicht. Es wre mir schwer geworden, bei diesem Anblicke Worte zu machen.
    Der leise, nicht unangenehme Duft des Ko-su erfllte den Raum, so hnlich,
wie wenn Weihrauch durch die Halle einer Kirche getragen worden ist, und wie
dieser Gott geweihte Ort an andere, hhere Welten mahnt, so zog auch hier das
Ringen einer zwischen dem Diesseits und dem Jenseits schwebenden Menschenseele
unser Denken und Empfinden nach der Grenze hin, an welcher Alles aufzuhren
scheint, weil Alles dort beginnt. Seelenuerungen, an dieser Grenze fr die
zurckliegende Erde in Menschenworte gekleidet, sollen dem, der diese Worte
hrt, nicht anders als nur heilig sein!
    Es herrschte tiefe Stille im Zimmer; auch drauen regte sich nichts; der
Kranke lag wie tot. Nach einiger Zeit gab Mary mit der Hand ein Zeichen. Ich
sah, da er die Lippen bewegte. Dann klang es langsam und leise zwischen ihnen
hervor:
    Ich sehe dich, und hre dich, mein Lieb! Du bist nicht tot, du bist in
meiner Seele. Du hast es mir gesandt, weil ich's vergessen hatte.
    Er hatte seine Stimme bei diesem letzten Satze in der Weise erhoben, wie man
vor einem Doppelpunkte zu lesen pflegt, und fgte nun mit stark und voll
niedersinkender Stimme hinzu:

Tragt Euer Evangelium hinaus,
Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden.

    Hier hielt er inne; das also hatte Mary gemeint, als sie sagte: Womit, das
werden Sie nicht erraten. Er bog nach diesen Worten den Kopf zur Seite, als ob
er auf Etwas lausche, und sprach dann ebenso langsam und ebenso leise wie vorher
weiter:
    Vergib! Ich war vom Antichrist betrt! Er tat, als ob er unser Jesus sei!
Ich habe nur auf ihn, auf ihn gehrt und glaubte mich von allem Irrtum frei. Du
warntest mich; du hattest ihn durchschaut, sahst ihn in seiner ganzen
Hlichkeit; in deiner Stimme ward mein Engel laut, der Engel unserer ganzen
Christenheit - - -
    Mary hatte, vielleicht es gar nicht wissend, ihre Hand auf die meine gelegt.
    Er spricht mit Mama, flsterte sie mir zu. Er tat es schon vorhin.
    Sie nahm meine Hand fester, als ob sie fr das nun Folgende nach einem Halte
suchen msse. Ihr Vater sprach nach dieser Pause weiter:
    Du gingst von mir - - ich war mit ihm allein, mit ihm, vor dem du mich so
oft gewarnt, und darum konnte es nicht anders sein: er hat mich vollends, durch
mich selbst, umgarnt. O glaube mir, ich hab es nicht gedacht, da Christi Wege
andere Wege sind; der fromme Dnkel hat mich irr gemacht; er ist der Hlle
grtes Lieblingskind - - -
    Hier holte er zum erstenmal tiefer Atem, so da man seine Brust sich bewegen
sah. Seine Zge waren bisher whrend des Sprechens unverndert geblieben; nun
wurden sie von dem Ausdrucke seelischer Pein bewegt, als er fortfuhr:

Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus,
So stehe es fr Euch im Vlkerfrieden!

    Nach diesen Worten schlug er die hagern Hnde zusammen, ri die Augen auf,
starrte ber sich empor und sprach, lauter und schneller als bisher:
    Ich sehe, wie die Flamme aufwrts steigt, die ich entfacht mit
frevlerischer Hand. Ich sehe, da sich weinend zu mir neigt der Engel, den du
mir herabgesandt. Ich sehe dich; ich seh dein teures Haupt. Wie trauert doch
dein liebes Angesicht! Was tat ich doch! Was habe ich geglaubt! Ist Feuerbrand
denn wirklich Christenpflicht?
    Jetzt nahmen die scharfen Zge des Missionars einen freundlicheren Ausdruck
an; die ngstlich verschlungenen Hnde lsten sich, und es erklang in ruhigerem
Tone aus seinem Munde:
    Ich danke dir; ich danke dir wie sehr, da du mir nahst, du lichtes
Himmelsbild. O komme doch, o komme zu mir her, und schau mich an wie frher,
warm und mild. Bring mir den Segen, den der Himmel gibt, und sage doch, da mir
verziehen ist. Lehr' so mich lieben, wie der Herr uns liebt - - -
    Er hielt inne. Indem er tief, tief Atem holte, breitete sich ein schnes,
glckliches Lcheln ber sein Antlitz, und mit froh erhobener Stimme fgte er
hinzu:
    Dann bin ich, was ich niemals war - - ein Christ!
    Hierauf schlo er die Augen, faltete die Hnde auf der Brust und sprach
nicht weiter. Er schien zu schlafen. Darum entfernten sich nun die beiden
Andern, und ich blieb mit ihm allein.
    Ich setzte mich hinaus auf die Veranda. Es war schn sternenhell. Nchtlich
sich erschlieende Blumen sandten mir ihre Dfte zu. Ringsumher lag tiefe
Stille. Ich sa hier nur fnf Grade vom Aequator entfernt; wie weit von der
Heimat und wie ihr so nahe! Die Heimat des Krpers ist das Grab; der andere,
edlere Teil des Menschen aber ist im Jenseits daheim, aus welchem er stammt.
Irdische Orte knnen ihm, falls er dort Liebe findet, zu einem vorbergehenden
Heime werden, doch nur fr hier, nicht aber auch fr dort. Oder doch vielleicht?
Wo habe ich mir dieses Hier und wo jenes Dort zu denken? Sollte es trotz alledem
mglich sein, da der sogenannte Tod nicht die Macht besitzt, dem wirklichen
Leben Grenzen zu setzen? Weder rumliche noch zeitliche? Hatte nicht soeben da
drin im Zimmer Waller mit seiner Frau gesprochen? Ein Lebender mit einer
Verstorbenen? Oder war das nicht Wirklichkeit, sondern nur Traum, nur Fieber,
nur Wahnsinn?
    Da horch! Es gab drin im Gemache ein Gerusch. Ich ging leise hinein. Der
Kranke lag im Schatten, doch konnte ich seine Gesichtszge unterscheiden. Er
sprach sehr, sehr leise mit sich selbst. Da setzte ich mich an den Tisch und
lauschte. Das Flstern wurde vernehmbarer. Ich konnte einzelne Worte, dann aber
bald ganze Stze verstehen. Fr mich waren sie ohne Zusammenhang, wohl aber
nicht fr ihn. Doch pltzlich rief er so laut und so deutlich, als ob es Viele,
sehr Viele hren sollten:

Gebt was Ihr bringt, doch bringt nur Liebe mit,
Das Andere alles sei daheim geblieben!

    Woher hatte er diese Zeilen? Natrlich von seiner Tochter! Aber auf welche
Weise? Kann ein Mensch, der ohne Besinnung liegt, sehen oder hren und sich
sogar auch merken, was Andere lesen? Indem ich mich dies fragte, fuhr er mit
wieder gesunkener Stimme fort:
    Du stehst bei mir; ich sehe dich im Licht, wie ich dich nie vorher so licht
gesehn. Bist du die Liebe? Bist du dies Gedicht? Was ist mit dir, was ist mit
mir geschehn? Hab ich an dich, die Liebe, denn gedacht, als meine Seele noch am
Eifer hing? O sag, wer hat dich zum Gedicht gemacht, grad als ich mich so schwer
an dir verging?
    Er schlo in leisem, klagendem Tone, langsam und ruhig sprechend; nun aber
fuhr er hastig fort:
    Wer drckte Petri Schwert mir in die Hand, vor welchem nur der Knecht den
Nacken beugt? Wer machte es in ihr zum Feuerbrand, der gegen meinen eigenen
Glauben zeugt? Wer gab mir aus der Heimat Alles mit, was christlich heit und
doch nicht christlich ist - - -? War's der etwa, der an dem Kreuze litt - - -?
    Er hob die drre, skelettartige Hand empor, als ob er eine Vision vor sich
habe, und schlo, schwer und wieder langsam sprechend:
    Sag mir, o Christus, sag, ob du es bist!
    Die Hand blieb einige Zeit erhoben; dann sank sie ruckweise, wie zgernd,
nieder. Ueber seine soeben noch erregten Zge glitt ein helles, warmes Lcheln;
er schttelte wenn auch nur schwach, doch bemerkbar den Kopf und sprach, sich
selbst beantwortend:

Grad weil sie einst fr Euch den Tod erlitt,
Will sie durch Euch nun ewig weiter lieben.

    Hierauf legte er die Hnde zusammen wie ein Kind, welches sich ber Etwas
freut, und sprach in frohem Tone weiter:
    O nein, o nein; so weit der Himmel reicht, erklingt noch heut dein groes
Liebeswort, und jeder Tag, der aus dem Morgen steigt, verkndet es der
Menschheit weiterfort. Du hast gelebt - - zu unserer Seligkeit; du hast geliebt
- - geliebt die ganze Welt; im Leben der Geringste deiner Zeit, bist du im
Lieben ewig, ewig Held!
    Trotz seiner groen Schwche hatte er seine Stimme zum Tone der Begeisterung
erhoben. Das schien ihn angegriffen zu haben; er schlo die Augen, welche er
offen gehabt hatte, und lag lngere Zeit ohne Wort und Bewegung da. Dann sah
ich, da er die Hand erhob und sie bewegte, als ob er Jemand zu sich herwinke.
Dabei sagte er:
    Gib mir die Hand! Ich will dein Eigen sein; du hast mich frher ja so oft
gefhrt. Ich handle falsch, ich gehe irr allein; das hab ich, als du fehltest,
ja gesprt. Du gingst zwar fort, in jenes Christenland, wo auch die seligen
Heiden Christen sind, doch ist dir ja der Weg zu mir bekannt; o komm, o komm, du
lichtes Himmelskind!
    Wer war es, der ihm in Gestalt seiner Frau vorschwebte? Ein Truggebilde, ihm
vom Traume, vom Fieber, vom Wahnsinn vorgetuscht? Er sprach mit diesem Wesen,
in kurzen, abgebrochenen Stzen, und so leise, da ich nichts verstehen konnte.
In den Zwischenpausen lauschte er, als ob er Antwort hre. War es die Hand des
Traumes, des Fiebers, des Wahnsinnes, welche alle Spuren der Qual, des Leides
aus dem armen, eingefallenen Gesicht strich? Es lag so rhrend ergeben, so
zufrieden lchelnd da, fast selbst wie eine Vision, auf dem hellen, weichen
Kissen! Erst nach lngerer Zeit verstand ich wieder, was er sagte, ein bittendes
Wort:
    O, falte mir die Hnde jetzt; ich will zum Vater treten. Ich habe sein
Gebot verletzt und mu um Gnade beten.
    Ich sah gespannt zu ihm hin. Seine Hnde nherten sich einander; sie
falteten sich, aber nicht als ob er dies selbst tue, sondern als ob sie ihm,
Finger um Finger, von einer mir unsichtbaren Person zusammengelegt wrden. Dann
flsterte er:
    Ich danke dir; es ist geschehn; du gabst mir frommes Zeichen und sollst, um
beten mich zu sehn, mit mir zum Himmel steigen!
    Nach diesen Worten war es mir, als msse ich das Flgelrauschen Derer
vernehmen, welche, von mir ungesehen, herbeischwebten, um sein Gebet in Empfang
zu nehmen und dorthin zu tragen, wo alle Gebete der Menschenkinder zum Herzen
des Vaters klingen, um in demselben fr ewig aufbewahrt zu werden. Auch ich
faltete meine Hnde, denn es war ein heiliger Augenblick, so unwiderstehlich
ergreifend, da gewi auch jeder Andere an meiner Stelle ganz dasselbe getan
htte, was zu unterlassen mir unmglich war.
    Amen! erklang es nach einiger Zeit. Er fgte noch ein zweites, lauteres
Amen! hinzu, und dann - - - habe ich nie in meinem Leben ein Gesicht gesehen,
auf welchem der innere Friede sich schner und deutlicher ausgedrckt htte, als
auf dem seinigen. Von jetzt an lag er still, und die ruhigen, regelmigen
Atemzge lieen vermuten, da er eingeschlafen sei.
    Es herrschte die tiefste Stille im Zimmer; auch drauen regte sich nichts;
Waller lag wie tot. Auf dem Tisch, an dem ich sa, lag ein Buch. Es war mein Am
Jenseits, welches John Raffley fr Mi Mary von der Jacht mitgebracht hatte.
Sie hatte hier whrend des Wachens sehr oft darin gelesen und, wie ich bald
erfuhr, Tsi auch. Ich schlug es auf, denn es gab ja sonst nichts weiter zu tun,
und las.
    Diese Lektre versetzte mich in jene meinen Lesern wohlbekannte Wstennacht,
in welcher wir den geheimnisvollen Sohn des Lichtes zu uns sprechen hrten.
Ich las mich nach und nach vollstndig in die Stimmung hinein, aus welcher
heraus ich dieses Buch geschrieben hatte. Auch die damalige Szenerie tauchte in
meinem Innern auf. Ich las und sah und hrte zu gleicher Zeit, da der blinde
Mnedschi mich aufforderte, mit ihm zu gehen; er habe mich zu fhren. Ich folgte
ihm. Mein Hadschi Halef und der persische Basch Nazyr gingen mit. Von einem
Nichtsehenden und aber doch viel mehr als wir selbst Sehenden wurden wir vom
Lagerplatze hinaus in die Wste gefhrt, auf eine aus ihr aufragende, unwegsame
Felseninsel. Oben angekommen, sagte er zu mir:
    Setze dich auf diesen Stein! Ich werde stehen bleiben, denn nur der Leib
ermdet, der Geist aber kennt keine Verringerung seiner Kraft, und nicht mein
Krper, sondern dieser mein Geist ist es, den du jetzt zu dir sprechen hren
wirst!
    Ich folgte dieser Aufforderung, und Hadschi Halef und der Basch Nazyr lieen
sich auch, und zwar eng neben mir, nieder. Hierauf stand der Blinde eine ganze
Weile hoch aufgerichtet und unbeweglich da, den Kopf ein wenig zur Seite
geneigt, als ob er in die Ferne lausche. Wir befanden uns in einer ganz
ungewhnlichen Spannung, der wir aber keine Worte gaben, denn in der ganzen
Situation und wohl auch in uns selbst lag Etwas, was uns das Sprechen verbot. Da
begann er:
    Seid mir gegrt, Ihr Pilger dieser Erde, gegrt in der Sprache dieser
Eurer Welt! Wenn ich zu Euch in unserer Weise sprche, Ihr wrdet nichts
vernehmen, denn Euer Ohr hat nur Empfngnis fr den Schall, durch Schwingungen
der Luft zu Euch getragen; wir aber sprechen nicht durch dieses Mittel, und
unser Wort ist kein Gerusch, ist Tat!
    Hier, grad bei dieser Stelle war ich im Lesen angekommen, da krachten hinter
mir die Fugen von Wallers Lager. Ich stand rasch auf und drehte mich um. Er
hatte sich aufgerichtet; er sa. Woher hatte er, der Todesschwache, die Kraft
dazu erhalten? Er schaute starr vor sich hin, hob drohend die Faust empor und
rief mit tiefdrhnender Bastimme aus:
    Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem
Samen und ihrem Samen. Dieser soll dir den Kopf zertreten, du aber wirst ihn in
die Ferse stechen!
    Er blieb fast eine ganze Minute so sitzen, mit geballter Faust und
ausgestrecktem Arm. Dann fiel er hintenber und lag mit geschlossenen Augen so
still, wie er vorher gelegen hatte.
    Was war das gewesen?! Woher die tiefe Stimme, dieser volle, schwere Ba, den
Wallers Organ gar nicht besa? Und woher pltzlich diese Lungenstrke, welche
die Worte hinausgerufen hatte, als ob sie fr eine groe, weit ausgedehnte Menge
von Zuhrern berechnet gewesen seien?
    Ich ging leise zu ihm hin und lauschte. Sein Atem ging fast unhrbar, aber
in regelmigen Zgen. Ich berhrte ihn; er schien es nicht zu fhlen. Ich hob
seinen Kopf ein wenig empor, um ihm das Kissen bequemer zu legen; es geschah
ohne die geringste Lebensuerung von ihm. Da kehrte ich an den Tisch zurck und
las im Buche weiter.
    Stunde um Stunde verrann. Mitternacht war lngst vorber. Die tiefe Stille
begann, mich zu ermden, und das gedmpfte Lampenlicht strengte meine Augen an.
Ich stand also von meinem Stuhle auf und ging wieder hinaus auf die Veranda. Da
setzte ich mich nieder und dachte ber das Gelesene nach. Da, pltzlich erscholl
im Zimmer drin dieselbe tiefe Stimme:
    Es ist vollbracht! Da neigte er sein Haupt und ging hinber!
    Ich wartete ein Weilchen, ehe ich mich wieder in das Zimmer begab. Er hatte
sich abermals aufgerichtet gehabt, denn er lag jetzt anders als vorher. Ich
schob ihm das Kissen wieder unter, und er regte sich hierbei ebenso wenig wie
bei dem vorigen Male. Er war wie tot, wenn auch nicht starr und steif. Da kehrte
ich nach meinem Sitze in der Veranda zurck.
    Noch glnzte der Sternenhimmel in seiner sdlichen Pracht ber mir; aber ich
achtete heute weniger als sonst auf seine strahlenden Lichter. Warum? Ich
dachte ber Wallers Worte nach. Die erste biblische Verheiung - - - und dann
das groe Schluwort des Erlsungswerkes! Welche unendliche Fernen liegen
oftmals zwischen Beiden, und wie nahe gehren sie doch eigentlich zusammen! Das
eine im verlornen Paradies, das andere auf Golgatha gesprochen! Zwischen beiden
der Leidensweg aus dem Erdenreiche empor zum Himmelreiche! Wo ist dieses
Himmelreich? Etwa im Jenseits erst? Hat Christus nicht durch seine Gleichnisse
gelehrt, da es bereits hier auf Erden sei? Und wenn es so wre, wo htte man es
da wohl zu suchen? Auf welche Weise wre es da zu erreichen und zu erlangen?
    Eben legte ich mir diese Fragen vor, da hrte ich, da Waller sich wieder
bewegte, und dieselbe Stimme, die schon zweimal erklungen war, ertnte wieder:
    Wahrlich, ich sage Euch, es sei denn, da Ihr umkehret und werdet wie die
Kinder, so knnt Ihr das Reich Gottes nicht erlangen!
    Das war im hchsten Grade berraschend. Ein Anderer an meiner Stelle wre
vielleicht gar erschrocken. Eine so laute und sofortige Antwort auf meine nur im
Stillen gedachte Frage! Oder lag dieser dritte Bibelvers in der Fortsetzung der
logischen Linie, welche die beiden ersten verband? Wenigstens fr Waller, in
dessen Innern es arbeitete, whrend sein Krper nur an hervorragenden Stadien
mit ergriffen und bewegt zu werden schien?
    Ich ging zu ihm hinein. Er hatte sich auch dieses Mal wieder erhoben gehabt
und lag nun so, da sein Kopf weicher zu betten war. Als ich dies getan hatte
ging ich wieder hinaus und versuchte, mir den Gedankengang des Kranken zu
erklren.
    Die christliche Theologie pflegt das, was mich beschftigen wollte, den
Heilsweg zu nennen. Aber wer, wie ich, nicht Fachmann ist, der lt solche
Grbeleien am besten den sich dazu berufen Fhlenden ber. Darum schob ich diese
Gedanken bald wieder fort und beobachtete das Nahen des Morgens, der jetzt hell
und immer heller zu werden begann und mich schlielich an die brennende Lampe
erinnerte, welche drin auf dem Tische stand. Ich ging hinein, um sie zu lschen.
    Waller hatte die Augen zu, doch schien er mich gehrt zu haben, denn er bat
mich mit schwachklingender Stimme um Wasser. Ich gab es ihm, zwar nur
lffelweise, aber er trank doch ein ganzes Glas voll aus. Dann ffnete er die
Augen und sah mich an, lange Zeit. Ich stand still und lie es geschehen. Der
Blick seiner Augen wurde immer klarer, aber er erkannte mich trotzdem nicht. Da
flsterte er mir zu:
    Sag, bin ich der Missionar Waller - - - oder bin ich noch der Knabe Waller?
Ich wei es nicht genau.
    Da ging es wie eine leuchtende Erkenntnis in mir auf, ganz pltzlich, wie
die Sonne auf dem Meere aufzugehen pflegt, und ich antwortete, ohne mich weiter
zu besinnen:
    Der Missionar ist umgekehrt. Hier liegt nur noch das Kind, der Knabe
Waller.
    Das Kind! Der Knabe! lchelte er beglckt. Ich danke dir, du lieber
fremder Mann!
    Er wollte hierauf die Augen schlieen, tat aber gerad das Gegenteil, indem
er sie weit ffnete, denn soeben drang der erste Sonnenstrahl zur offenen
Verandatr herein und berflutete das Krankenzimmer wie mit flssig diamantenem
Golde. Er schaute hinaus, hinaus ins Freie, faltete die hageren Hnde und
sprach, indem seine Stimme leiser und immer leiser wurde:
    Ein Knabe - - - ein Kind - - - in solchem Lichte! Ist dies das Leben - - -?
Ist es der Tod - - -? Oder ist es beides - - -? So, so will ich sterben und dann
leben - - - als Kind - - - in diesem Lichte - - - im goldenen Morgenglanz - - -
im ersten Sonnenstrahl - - - als Kind, als Kind!
    Hierauf schlo er die Augen, tat einen tiefen, tiefen Atemzug und schlief
ein. Das Lcheln des Glckes aber wich nicht von ihm; es spielte um seine Lippen
weiter.
    Bald darauf stellte Tsi sich ein. Er winkte mir, auf der Veranda zu bleiben,
und kam leisen Schrittes zu mir heraus. Ich berichtete ihm, was geschehen war.
Er sagte zunchst nichts, sondern schaute still nach dort hinber, wo die
aufgegangene Sonne stand.
    Wie richtig, wie richtig! erklang es endlich von seinem Munde, indem er
wiederholt besttigend vor sich hinnickte.
    Was? fragte ich.
    Da Sie zu ihm gesagt haben, der Missionar sei umgekehrt. Ich glaubte,
Ihnen heute frh eine Menge von Erklrungen geben zu mssen. Mit diesem einen
Worte aber haben Sie mich all dieser Mhe enthoben. Wer so antworten kann, den
brauche ich nicht erst noch zu unterrichten! Ja, der Missionar ist allerdings
umgekehrt, wie es scheint. Oder, um dasselbe mit noch anderen Worten zu sagen,
will ich mich eines biblischen Ausdruckes bedienen, welcher auerordentlich
bezeichnend ist: Der Missionar ist zu seinen Vtern gegangen, zu den Ahnen, von
denen er stammte! Wallers Vorurteil war das Vorurteil seiner Vter; das wissen
Sie ja lngst. Es ist zu ihnen zurckgekehrt.
    Als der Letzte ihres Stammes, fgte ich nachdenklich hinzu.
    Da machte er eine Bewegung nicht zu verbergender Ueberraschung und fragte
schnell:
    Was wissen Sie hierber? Ich erstaune, diese Bemerkung aus dem Munde eines
Europers zu hren! Woher haben Sie erfahren, was es fr dort bedeutet, hier der
Letzte seines Stammes zu sein? Ich habe gedacht, Ihr glaubt, der Tod mache einen
Strich nur unter das Leben jedes Einzelnen. Wie wahrhaft christlich, da Sie
diesen Einzelnen entlasten wollen, wenn auch nicht ganz! Und wie wahrhaft
gerecht, Diejenigen herbeizuziehen, von Denen nicht nur die menschliche Form,
der Krper stammt, sondern mehr, viel mehr! Wenn man im Abendlande doch endlich
einmal ernstlicher und besser nachdenken wollte ber das, was man so unsinniger
Weise als unsern Ahnenkultus bezeichnet!
    Er machte mit der Hand eine Bewegung, welche bedeutete, da er zwar gern
hierber weitersprechen mchte, es aber lieber doch nicht tue. Dann fuhr er
fort:
    Wissen Sie, was Sie getan haben, als Sie Waller sagten, der Missionar sei
umgekehrt?
    Ja, antwortete ich.
    Und glauben Sie, richtig gesprochen zu haben?
    Ich glaube es nicht nur, sondern ich bin berzeugt davon. Der Mensch ist
kein willenloses Stein-, Ziegel- oder Holzgebude, welches sich gefallen zu
lassen hat, wer in ihm wohnt und jeden Winkel fr seine besonderen Zwecke
auszunutzen trachtet. Wir haben unsern eigenen Willen und sind auch sonst nicht
ohne allen Schutz, mein lieber Freund!
    Ja, das ist es, das! Die Psyche ist etwas ganz Anderes, als man denkt, und
den Geist kennt man sogar noch weniger als sie. Und weil man sich der richtigen
Erkenntnis verschliet, zieht sich durch unser ganzes Leben eine groe, endlose
Versndigung, welche ihre Kralle nach jedem neugeborenen Menschen ausstreckt, um
ihn sich ja nicht etwa entwischen zu lassen. Sie haben heut Nacht Groes,
wahrhaft Groes gehrt. Es waren Bibelsprche. Soll ich sie Ihnen auslegen?
Nein! Ich bin ja Heide! Ein Anderer mag es tun, ein studierter christlicher
Theolog, der sich hierzu ganz besonders berufen gefhlt hat, nmlich Waller
selbst! Er mag Ihnen an seinem Krper, an seinem Geiste und an seiner Seele
demonstrieren, was ich Ihnen nur in Worten sagen knnte, die unzulnglich sind.
Also lassen wir jetzt alles Reden, alle Theorie, und beobachten wir die
Tatsachen; ich meine das, was von nun an geschehen wird!
    Sind Sie dessen so sicher, was geschehen wird? fragte ich.
    Ja, antwortete er. Sie mssen bedenken, da ich ihn schon volle zwei
Wochen beobachtet habe, whrend Sie nur eine einzige Nacht bei ihm gewesen sind.
Fr jetzt nun wollen wir schlieen. Schlafen Sie einige Stunden! Ich bleibe
hier, bis Mary kommt.
    Vorher noch eine Frage: Mi Mary sagte, ich wrde wohl nicht erraten, womit
sich ihr Vater in den Zwischenrumen tiefer Apathie beschftigt. Was hat sie da
gemeint?
    Das geheimnisvolle Gedicht. Er bringt es sehr oft, natrlich, soweit er es
kennt. Und da kann ich Ihnen eine psychologische Bemerkung machen, ber die Sie
sich wahrscheinlich wundern werden. Sie wissen, da er offenen Geistes nur die
vier ersten Zeilen gehrt hat, damals in Kairo. Er interessierte sich fr sie,
las sie fters durch und lernte sie auswendig. Die nchsten vier Zeilen fand sie
bekannlich in ihrem Taschenbuche, als wir auf der Veranda des Hotel Rosenberg
saen. Ihr Vater hatte also nicht die geringste Ahnung von ihnen. Er sprach im
tiefsten, krperlichen Schlafe die erste halbe Strophe so hufig vor sich hin,
da ich anzunehmen hatte, sie beschftige ihn fast immerwhrend. Etwas
Unvollendetes qult, besonders einen derartigen Kranken. Darum wartete ich, bis
er die ersten Zeilen wieder einmal brachte, und fgte sofort und schnell die
folgenden hinzu, indem ich sie vorlas, langsam und deutlich, doch nur ein
einziges Mal. Sein Krper war wie tot. Ich bemerkte nicht das geringste Zeichen,
da ich gehrt worden sei. Ich berhrte ihn an verschiedenen Krperpunkten. Ich
machte jede mgliche Probe, ob er wachend sei; doch er schlief, schlief fest und
war nicht zu wecken. Aber als er dann einige Stunden spter das Gedicht wieder
brachte, kannte er die zweite Hlfte so genau wie die erste und hat auch seitdem
kein Wort von ihr vergessen. Die eigentmlichen Umstnde, unter denen er sie zu
bringen pflegt, werden Sie noch kennen lernen. Nun aber gehen Sie! Ich wnsche,
da Sie schlafen, wenn auch nur fr kurze Zeit.
    So mute ich mich denn entfernen, obgleich ich noch einige weitere Fragen
auf dem Herzen hatte, deren sofortige Beantwortung mir lieb gewesen wre.
    Es war nicht leicht, mir ber das, was ich in dieser vergangenen Nacht
gehrt hatte, klar zu werden. Besonders strte mich der Umstand, da er in
Reimen gesprochen hatte. Er war kein Poet; aber von Mary erfuhr ich, da ihre
Mutter eine Dichterin gewesen sei und einen Band religiser Gedichte
verffentlicht habe, nach denen Alles klinge, was ihr Vater jetzt in gebundener
Rede sage.
    Seine krperliche Genesung schien zwar langsam aber sicher voranzuschreiten,
doch geistig blieb er, wie er war. Er kannte uns nicht und auch nicht seine
Tochter. Er hatte Alles, Alles vergessen und wute nur noch das Eine, da er
nicht mehr der Missionar Waller, sondern der Knabe Waller sei.
    Tsi vermied es, sich ber diesen Zustand vlliger Erinnerungslosigkeit nher
auszusprechen. Er beantwortete hierauf gerichtete Fragen mit der kurzen
Erklrung, da sich diese Lcke nach und nach ganz von selbst ausfllen werde;
nur Ruhe sei vonnten, weiter nichts.
    Aber grad diese Ruhe erlitt jetzt Strungen, welche immer hufiger wurden.
Die kriegerischen Vorbereitungen, von denen ich bereits gesprochen habe,
brachten in neuerer Zeit Truppenzuzge, welche die bisherige Stille in ihr
gerades Gegenteil verwandelten. Das wirkte derart strend auf Waller, da Tsi
bedenklich zu werden begann. Als hierauf gar auch militrische Uebungen und
Exerzitien vorgenommen wurden, bei denen es lauter als laut herging, konnte es
unmglich mehr in Frage stehen, da wir nicht nur den Kratong, sondern Kota
Radscha berhaupt verlassen mten. Aber wohin? Unten in Uhleh-leh war es
wenigstens ebenso schlimm wie hier oben; ja es trat da auch noch die Gefahr der
fieberschwangern Kstenluft hinzu, was eine Verschlimmerung anstatt eine
Verbesserung ergeben htte. Es wurde also zu einer Beratung zusammengetreten,
welche folgende Betrachtungen und das aus ihnen gezogene Resultat ergab:
    Raffley mute nach China; der Governor mute nach China; Tsi mute nach
China; Waller mute nach China; Mary mute nach China. Und schlielich mute
auch ich nach China, denn ich hatte versprochen, mitzufahren. Es gab unter uns
Keinen, der hier in Kota Radscha eigentlich etwas zu tun hatte; wir alle waren
im Gegenteile sehr gern bereit, diesen Ort so bald wie mglich zu verlassen.
Allein nur Wallers Krankheit hielt uns fest. Darum war es Tsi, der Arzt, von dem
wir das entscheidende Worte zu erwarten hatten. Er sagte:
    Ich habe bei diesem Patienten mehr als sonstwo zwischen dem ueren und dem
inneren Menschen zu unterscheiden. Von dem ueren hoffe ich, da er die
Seereise wohl vertragen wird, denn ich habe gehrt, da er nicht die geringste
Neigung zur Seekrankheit besitzt. Nur gute Nahrung, und zwar mglichst frisch,
nichts Eingemachtes oder sonstwie Prpariertes. Den innern Menschen htte ich
gern noch lnger hier zurckgehalten. Er braucht Stille, Ruhe, Einsamkeit,
ungestrte Beschaulichkeit. Ist das auf der Jacht zu haben?
    Gewi, antwortete Raffley. Ich werde dafr sorgen, da es ihm in dieser
Beziehung an nichts mangelt.
    Aber Seestrme, vielleicht gar ein Teifun? Bedenken Sie die Aufregung!
    Wir haben grad jetzt die stille, von solchen atmosphrischen Ereignissen
fast stets freie Zeit. Uebrigens arbeitet meine Maschine beinahe vollstndig
unhrbar, und die Yin liegt selbst bei hoher See so immerfort auf leichter,
glatter Linie, da man bei geschlossenen Augen fast nichts vom Wogengang
versprt. Sie ist eben grad in dieser Beziehung ein vollendetes Meisterstck des
betreffenden Architekten.
    Gut; so knnen wir es wagen. Welchen Kurs gedenken Sie, zu nehmen?
    Zunchst Singapore. Bitte, anzugeben, wenn wir die Anker heben knnen!
    Nicht vor morgen Vormittag. Ich kann noch nicht auf mein Ko-su verzichten,
und da es nicht auf hoher See zu wachsen pflegt, so mu ich den heutigen Tag
dazu benutzen, mir einen ausreichenden Vorrat anzulegen.
    Ich sammele mit, denn ich habe schon die Uebung! erklrte der brave Uncle
schnell. Aber den Sejjid darf man nicht mitnehmen, denn der rauft nur Gras!
    So war also unsere nchste Zukunft bestimmt, und wir rsteten uns alle,
morgen zur Abreise fertig zu sein.
    Der heutige Nachmittag stand infolge dessen, was Tsi gesagt hatte, unter dem
Zeichen des Ko-su. Ich wollte nach dem Mittagsessen mich dem Governor anbieten,
mit ihm Ko-su suchen zu gehen; er war schon fort. Ich klopfte bei John an; er
war Ko-su suchen gegangen. Ich ging zu Tsi; er suchte Ko-su. Nun klingelte ich
noch Sejjid Omar; er kam nicht, denn er hatte sich entfernt, um Ko-su zu
sammeln. Da ging ich allein, selbstverstndlich, auch, um Ko-su zu entdecken.
    Ich wanderte ein Stck ber den uersten Militrposten hinaus. Da sah ich
zwei Personen, welche tief an der Erde hinkrochen, um Pflanzen zu sammeln. Tsi
und Omar waren es. Sie schienen sich whrend dieser Arbeit in sehr heiterer
Laune zu befinden; das hrte ich ihren lauten Stimmen an. Und eben jetzt
richteten sich Beide aus ihrer gebckten Stellung auf und stimmten ein so lautes
und so herzliches Gelchter an, da ich, der ich den Grund dieser Lustigkeit
doch gar nicht kannte, fast auch mit lachen mute. Aus ihren Gestikulationen
dabei ersah ich, da der Gegenstand des Juxes kein gemeinsamer war, sondern da
Jeder von ihnen den Andern auslachte, der Chinese den Araber und der Araber den
Chinesen. Da sahen sie mich, und indem ich mich ihnen schnell nherte, rief mir
der Sejjid entgegen:
    Wie schn, da du kommst, Sihdi! Da kannst du uns gleich sagen, wer es
besser versteht, er oder ich!
    Was? fragte ich.
    Das Reden! Er sagt, ich mache zu viel Arabisches in das Chinesische hinein.
Und ich sage, da sich das ja ganz von selbst verstehe. Wenn er das Chinesische
so ausspricht, da kein Mensch wei, was er will, so mu ich ihm das doch
arabisch sagen! Und das hlt er fr falsch! Denke dir, Sihdi, ich habe, whrend
Ihr Eure Fahrt nach den Inseln machtet, beinahe die ganze, ganze chinesische
Sprache auswendig gelernt! Wir haben nur dann in einer andern gesprochen, wenn
diese Sprache nicht wute, was arabisch, deutsch oder englisch war. Dann wird
diese ihre Unwissenheit, wie du soeben gesehen hast, von uns beiden so herzlich
ausgelacht, wie sie es verdient.
    Tsi hatte allerdings innerhalb der beiden vergangenen Wochen, teils zu
seiner eigenen Unterhaltung und teils aber auch aus Interesse fr Omars
Eigenheiten, tglich einige Stunden mit ihm Chinesisch getrieben und in ihm
einen in hohem Grade amsanten Schler gefunden. Auch er wunderte sich, wie er
mir spter sagte, ber das auerordentliche Wortgedchtnis des Arabers, beklagte
aber ebenso die unformale Weise, in welcher da Alles aufgestapelt wurde. In
hohem Grade zutreffend, fgte er die Bemerkung bei:
    Ganz wie der Islam, seine Religion! Ein lieber, guter Mensch, im tiefsten
Grunde ernst gestimmt, doch uerlich stets heiter. Fr das Hohe, Edle ungemein
empfnglich, und doch stets mit dem Kleinen, Gewhnlichen beschftigt. Im Kopfe
eine erstaunliche Flle von Ausdrcken, von Worten, deren Sinn und Geist er aber
nicht begreift. Fromm von Geburt - ich betone das ganz besonders -, religis
durch die Gewohnheit, wrde er sehr leicht fr den einzig wahren Glauben zu
gewinnen sein, wenn dieser nicht in abendlndisch enge, faltenlose Formen
gekleidet wre. Und wenn ich mich nicht irre, so befindet sich der Sejjid bei
Ihnen auf dem rechten Weg dazu. Es sprot und treibt in ihm. Stren Sie das
nicht! Leben Sie ihm, wie bisher, das, was er werden soll, durch Ihr eigenes
Beispiel vor! Er wird mit Ihnen bis an das Ende der Erde gehen, wenn Sie nicht
von ihm verlangen, die Fden, welche ihn mit seiner materiellen und geistigen
Heimat verbinden, piettlos zu vernichten. Ein derartiges Verlangen fordert, was
unmglich ist! Auch der Europer wei, da der Mensch ein Kind seiner Scholle
ist, nicht nur der Acker-, sondern auch der intellektuellen Flur, welche seiner
Jugend Nahrung gab. Kann man, ohne ihn zu tten, ihm das nehmen, was diese
Nahrung aus ihm machte? Nein! Nie! Jedermann ist davon berzeugt, sogar Eure
Buchstabenglubigen, aber freilich nur dann, wenn es sich um ihr eigenes, liebes
Ich handelt. Sie verlangen den Mord aller Individualitt, natrlich aller
anderen, nur nicht der ihrigen! Gehen Sie doch hin in alle Welt, mein Freund,
und sehen Sie die Zerstrungen, welche diese Forderung angerichtet hat! - - -
Verzeihung! Ich bin auf untergegangene oder dem Untergange nahe
Vlkerindividualitten gekommen und wollte doch nur von Ihrem Sejjid Omar, dem
Muhammedaner, sprechen. Es war mir zu verfhrerisch, an seiner Person
nachzuweisen, da es eben nur des stummen Beispiels, nicht aber der
Aggressivitt bedarf, um aus einem sogenannten Unglubigen das zu machen, was
Omar unbedingt werden wird, wenn Sie nicht den unverzeihlichen Fehler begehen,
seine Eigenart zur Gegenwehr zu zwingen!
    Wie fleiig mute der Chinese whrend seiner Studienzeit in Europa gewesen
sein; wie herrliche Gaben waren ihm verliehen, und mit welchem Vorbedacht und
welcher Treue war diesen Studien daheim von seiten seines Vaters, seiner
Erzieher vorgearbeitet worden! Vielleicht hatte das Schicksal den Hnden dieses
jungen Mannes Aufgaben anvertraut, welche nur auf dem Wege, den es ihn fhrte,
zu lsen sind. Die Vorsehung pflegt sich stets im Stillen den rechten Mann
heranzuziehen, um dann, wenn ihre Zeit gekommen ist, mit ihm am rechten Orte
hervorzutreten.
    Er fuhr im Laufe des Nachmittags mit Raffley hinunter nach der Yin, um
dort Wallers Ankunft vorzubereiten, fr welche aber erst der folgende Morgen
bestimmt wurde.
    Da wir hrten, da der hollndische Gouverneur am nchsten Tage nicht in
Kota Radscha sein werde, so machten wir ihm noch heut unsere feierliche Dank-und
Abschiedsvisite, bei welcher wir aber bald herausfhlten, da dem einfachen,
wackeren Mijnheer ein herzlicher Hndedruck ohne alle Feierlichkeit viel lieber
gewesen wre. Den materiellen Dank, so was man Bezahlung zu nennen pflegt, in
klingenden Mnzen auszusprechen, das berlieen wir John Raffley, weil er nicht
nur das beste Talent, sondern auch mehr Talente50 als wir Anderen dazu besa.
In welcher Weise er dieser silbernen oder gar goldenen Verpflichtung
nachgekommen war, das sahen wir, als wir am Morgen den Kratong verlieen. Die
ganze, allerdings nicht sehr imponierende Heeresmacht desselben hatte
Aufstellung genommen, und auf jedem einzelnen Gesichte war mit grter
Deutlichkeit der wehmtige Gedanke zu lesen: Wenn doch fters so ein
Dysenteriekranker mit solchen Begleitern kme! Die Dysenterie ist leider immer
da; aber solche Lords, die sieht man wohl nicht wieder!
    Das beste und tiefste Verstndnis fr dieses Bedauern schien mein Sejjid
Omar zu empfinden. Er ging von Mann zu Mann, um Jedem die Hand zu drcken, und
tat dies mit hoch aufgerichteter Gestalt und einem so herablassenden
Mcenaslcheln, als ob er sein ganzes, bei mir angesammeltes Diensteinkommen
unter sie verteilt habe.
    Wir hatten eine leichte Snfte konstruiert, welche so lang war, da der
Kranke ausgestreckt in ihr liegen konnte. Acht Trger wechselten einander ab. So
brachten wir ihn bequem und leicht bis auf den Landesteg, und da die See so
ruhig war, wie wir nur wnschen konnten, ging auch die Einschiffung in einer
Weise von statten, von welcher Waller nicht im geringsten angegriffen wurde.
    An Bord angekommen, sah ich nun, was Raffley und Tsi mir noch gar nicht
gesagt hatten. Nmlich John, der liebe, liebe, prchtige Mensch, hatte dem
Kranken seine eigene Kajte berlassen. Sie war ausgerumt und in ein
Pflegezimmer verwandelt worden, wie man es sich besser, bequemer und gesnder
gar nicht denken konnte. Nur das Portrt mit seinem duftenden Blumenrahmen war
geblieben, eine Aufmerksamkeit oder vielmehr ein Opfer, dessen Gre nur mit der
Herzensgte Raffleys zu vergleichen war. Wo dieser wohnte, sah ich jetzt noch
nicht; wir Anderen aber hatten alle dieselben Rume wieder, in denen wir vorher
untergebracht gewesen waren.
    Als Tsi sich in Penang zu uns gesellt hatte, war nicht daran zu denken
gewesen, da er fr eine lngere Zeit der Gast der Yin sein werde. Er verlor
kein Wort darber, ob seine Bereitwilligkeit ihm Strungen bringe oder gar ihm
Opfer auferlege, und bat nur darum, da wir wieder drben anlegen mchten, damit
er fr kurze Zeit an das Land gehen knne, um Briefe auf die Post zu geben und
seine dortigen Angelegenheiten zu ordnen. Dieser Wunsch wurde ihm natrlich
erfllt; dann gingen wir sofort nach Singapore, wo eine reichliche Menge Masut,
welches in Penang nicht zu haben gewesen war, fr die Feuerung aufgenommen
wurde. Hierauf ging es auf der Hongkong-Linie dem geheimnisvollen Norden zu.
    Ich nenne ihn geheimnisvoll, weil er es fr uns war. Auer Raffley wute
Niemand, wohin wir gingen, und dieser zeigte, gegen seine sonstige offene Art,
keine Geneigtheit, uns Auskunft zu erteilen. Als Mary Waller zwei Tage, nachdem
wir Singapore verlassen hatten, bei Tafel eine hierauf bezgliche Frage an ihn
richtete, antwortete er:
    Bitte, Mylady, lassen Sie das fr einstweilen noch mein Geheimnis bleiben!
Ich werde gewi dafr sorgen, da Jeder von uns sein besonderes Ziel erreicht;
vorher aber haben wir ein gemeinschaftliches, fr welches wir hier wie von einer
gtigen Fee zusammengefhrt worden sind. Folgen wir ihr mit dem Vertrauen, auf
welches solche hhere Wesen Anspruch haben!
    Sein Wunsch wurde natrlich beachtet und dieses Thema also nicht wieder als
Gesprchsgegenstand behandelt. Umsomehr wendete sich unsere Aufmerksamkeit dem
Befinden des Kranken zu, welches uns ganz selbstverstndlich im hchsten Grade
interessierte, zumal es sich dabei um ganz eigenartige, rtselhafte Zustnde
handelte. Nur der junge Arzt schien die Lsung dieser Rtsel zu kennen. Er war
so froh, sie in seine Hand gelegt zu sehen, so heiter, so zuversichtlich; er kam
mir fast wie eine glckliche Mutter vor, welche mit unendlicher Liebe das
krperliche und geistige Werden ihres Kindes berwacht. Sein Vertrauen teilte
sich auch Mary mit. Beide waren in der Pflege des Vaters eng vereint; sie
schienen unzertrennbar zusammen zu gehren, und der Gedanke, da sie einander
frher nicht gekannt hatten, wollte mir mit jedem Tage fremder werden. Man
spricht von Seelen, welche sich, und seien sie rumlich noch so weit getrennt,
ganz unbedingt auf Erden finden mssen, von Wesen, welche einst vereinigt waren
und sich wieder zu vereinigen haben. Wer kann wohl sagen, ob das ein Aberglaube
sei?
    Es ist gewilich wahr, da um Genesende sich eine Atmosphre bildet, welche
ethisch reinigend und veredelnd wirkt. Es gab an Bord, selbst unter der
Schiffsbemannung, keinen einzigen rohen Menschen, und doch fhlte Jeder von uns
in sich das Streben, recht lieb und gut zu sein, als ob er es bisher noch nicht
gewesen wre. Ich sah einmal ein Gemlde, welches einen Rekonvaleszenten zeigte,
hinter dem, von ihm und seiner Umgebung ungesehen, ein Engel stand, welcher sie
alle segnete. Der Knstler hatte es verstanden, der von mir erwhnten Erfahrung
so, wie die wahre Kunst es will, Gestalt zu geben. Eine solche segnende
Engelshand schien auch ber uns zu walten. Wir sahen sie nicht, aber ein Jeder
wute, da der warme, weiche und Allen bemerkbare Hauch der Liebe und des
Friedens von der Stelle ausging, an welcher der im Rauch und Qualm und Ru des
brennenden Tempels verschwundene Geist durch einen neuen, friedlich denkenden
ersetzt werden sollte.
    Was habe ich da gesagt! Ein Geist sei zu ersetzen! In einem und demselben
Krper! Durch einen neuen, einen vollstndig andern!
    Diese Gedanken beschftigten nicht nur mich, sondern auch Raffley und den
Uncle. Den Letzteren ganz besonders, weil es ihm als unmglich erschien, sie zu
begreifen. Er kannte nur die veraltete Ansicht der Psychologen, da jeder Mensch
einen ganz besonderen, nur ihm zugehrigen und also durchaus individuellen Geist
besitze, den er nicht eher als nur erst mit dem Tode aufgeben knne. Er wute
zwar, da es tausende und abertausende von Menschen gegeben hat, die anderen
Sinnes, also anderen Geistes geworden sind, war aber berzeugt, da diese
Aenderung mit dem alten, bisherigen Geiste vorgegangen sei, nicht aber darin
bestehe, da sich ein vollstndig anderer und neuer eingestellt habe. Er sagte
da:
    Das wre ja eine wunderbar praktische und hchst vortreffliche Einrichtung,
wenn sich jeder Mensch nach Belieben einen neuen Geist besorgen knnte, so
ungefhr zum Beispiele, wie man sich eine neue Uhr in die Tasche steckt, wenn
man sich auf die alte nicht mehr verlassen kann, weil sie nichts mehr taugt!
    Da lchelte Tsi, der bei uns sa, den lieben Alten von der Seite an und
fragte:
    Ist Ihnen vielleicht die chinesische Erzhlung von der Taucherinsel Ti
bekannt, Mylord?
    Nein, antwortete der Governor, welcher nicht wute, da Ti das chinesische
Wort fr Erde ist. Was ist das fr eine Insel? Kenne sie nicht. Knnen ihre
Bewohner etwa ihre Geister wechseln und ersetzen wie wir unsere Uhren?
    Nein; ebenso wenig wie wir. Ob gewechselt werden soll, darber haben
natrlich nicht die Krper, sondern die Geister zu bestimmen. Ich will mich ganz
und gar populr ausdrcken: Hat etwa die Uniform zu befehlen, wer sie anlegen
soll und wer nicht?
    Nein!
    Nun, diese Uniform ist der Menschenkrper! Wenn er glaubt, dem Geiste
Vorschriften machen zu drfen, so irrt er sich. Die Insel Ti liegt mitten im
groen Weltenmeere. Sie wird von einem Frsten regiert, welcher jedem seiner
Untertanen eine bestimmte Lebensaufgabe stellt, die er zu lsen hat. Diese
Untertanen sind Taucher, welche in die Fluten zu steigen haben, um die
verschiedenen Schtze des Meeres an das Tageslicht zu heben. Zu diesem Zwecke
gibt es eine unzhlige Menge von Taucherrstungen, welche menschliche Gestalt
besitzen. Jede dieser Rstungen wird von einer in ihr wohnenden, sogenannten
Anima in Stand gehalten, welche mit ihr entstanden ist und mit ihr wieder
untergeht. Die eine Rstung eignet sich mehr fr diese, die andere mehr fr jene
Arbeit. Mit der einen knnen edle Perlen, mit der anderen nur Schwmme, mit der
dritten gar nur Algen oder gemeiner Tang der Flut entrissen werden. Jede von
ihnen wird demjenigen Taucher anvertraut, fr dessen Aufgabe sie geeignet ist.
Die Arbeit wird berwacht, sehr streng, viel strenger, als die Taucher meinen,
obgleich die Regierung eine Regierung der allergrten Liebe ist. Aber grad weil
diese Liebe Alle umfat und sich nicht nur auf Einzelne richtet, ist diese
Strenge geboten, sobald die Liebe versagt. Zeigt sich ein Taucher seiner Rstung
nicht wert, bringt er Schwmme oder Tang anstatt der Perlen, so wird sie ihm
genommen und einem Wrdigeren gegeben. Bringt dieser zwar Perlen, aber mit
Schmutz und Algen vermischt, so hat ein noch Besserer anzutreten. Und so kommt
es, da es wohl keine einzige Rstung gibt, von der man sagen knnte, da sie
stets nur im Dienste eines und desselben Tauchers gestanden habe. Es kommt sogar
sehr hufig vor, da ein hherer Taucher sich die Rstung eines niederen leiht,
um ihn zu unterrichten, auf welche Weise er bessere Erfolge erzielen und dadurch
zu ihm emporsteigen knne. - - - Haben Sie dieses Bild verstanden, Mylord?
    Hm! brummte der Governor. Die Insel ist natrlich die Erde; die
Meeresflut ist das Leben; die Rstungen sind die beseelten Menschenkrper, und
die Taucher sind die unsichtbaren, geheimnisvollen Intelligenzen, welche wir als
Geister bezeichnen. Ich habe jetzt keine Zeit, denn ich bin nicht allein; aber
ich werde mir diese Insel Ti merken und ber sie nachdenken.
    Tun Sie das! Aber denken Sie ja nicht so tief nach, da Ihnen dabei die
Sinne vergehen. Sie haben nmlich nebenbei auch aufzupassen! Merken Sie zum
Beispiel auf, wenn Sie im Traveller-Klub mit guten, lustigen Freunden Billard
spielen; merken Sie auf, wenn Sie am Sarge eines geliebten Verwandten stehen;
merken Sie auf, wenn Sie sich auf der Fuchsjagd befinden; merken Sie auf, wenn
Sie mit Ihrem Bankier Ihr letztes Jahreseinkommen berechnen, und merken Sie auf,
wenn Ihr Freund, der Heidenpriester, seine Hand auf das Haupt Mi Marys legt, um
sie zu segnen! Und dann sagen Sie mir, ob - - -
    Ja, ja, unterbrach ihn der Governor; in jedem dieser Flle bin ich
natrlich ganz, ganz anders gestimmt!
    Gestimmt! Allerdings ein leider sehr gebruchliches, aber auerordentlich
falsches Bild! Uebrigens sprach ich von Taucherrstungen, nicht aber von
Klavieren. Aber ich will auf diesen Ihren Vergleich eingehen. Ihr Krper sei
also das Klavier; die Nerven seien die Saiten, und vom Gehirn aus werde es
gespielt. Ich brachte Ihnen fnf verschiedene Flle, in denen Sie sich
beobachten sollen, und Sie geben zu, da Sie jedesmal anders klingen. Sie
erklren das damit, da Sie anders gestimmt worden seien. Mein Freund, welches
Klavier wrde es wohl aushalten, tglich zehn- bis zwanzigmal umgestimmt zu
werden? Und Sie sind jetzt wohl sechzig Jahre alt. Das ergibt, da Ihr Klavier
in dieser Zeit wohl eine halbe Million mal umgestimmt worden ist. Welcher
Krper, welche Nerven, welches Gehirn wrde das wohl aushalten! Der totalste
Irr- oder gar Bldsinn mte die baldige Folge sein!
    Richtig! Ganz verteufelt richtig! rief da der Uncle aus.
    Aber das ist noch das Wenigste dabei! fuhr Tsi fort. An die Hauptsache
haben Sie gar nicht gedacht. Nmlich wer ist denn eigentlich das geradezu
diabolisch gequlte, arme Wesen, welches dazu verdammt worden ist, die
unzhligen Nerven Ihres Krpers in jedem Jahre weit ber siebentausendmal
umzustimmen? Sind Sie das etwa selbst?
    Ich danke! Fllt mir gar nicht ein!
    Also nicht Sie selbst? Demnach ein Wesen auerhalb Ihrer eigenen Potenz!
Merken Sie, wohin Sie kommen? Es gibt ein auerhalb Ihrer Persnlichkeit
stehendes Wesen, welches volle sechzig Jahre lang mit Ihnen herumgelaufen ist,
um an jedem Augenblicke bereit zu sein, alle Ihre unzhligen Nerven in Zeit von
einer Sekunde herber- oder hinber-, hinauf-oder herabzustimmen! Mylord,
verlangen Sie von Gott nicht, so wahnsinnig zu handeln, wie Ihre bisherige
Psychologie ihm zugemutet hat! Sie befinden sich nmlich nicht allein auf der
Erde. Es gibt auer Ihnen noch fnfzehnhundert Millionen andere Menschen, denen
der Schpfer auch fnfzehnhundert Millionen Klavierstimmer zur immerwhrenden
Verfgung zu stellen htte! Und damit wren immer erst nur Ihre sogenannten
Stimmungen erklrt, nicht aber auch die eigentlichen Gefhle, die Gedanken, die
Worte und die Taten! Bitte, sehen Sie doch ein, was Sie, der winzige Wurm im
unendlichen All, von dem Herrgott Alles verlangen!
    Das ist freilich horribel, horribel! gestand der Governor ein.
    Und nun noch Eines: Wenn Sie umgestimmt worden sind, wer setzt sich dann
hin, um zu spielen?
    Ich nicht, denn ich bin ja das Klavier!
    Nun, aber wer? Es mu doch ein Spieler da sein, fr den Sie umgestimmt
worden sind! Wer ist das?
    Da stand der Uncle langsam von seinem Sessel auf und antwortete:
    Mr. Tsi, ich erklre Ihnen, da es mir unmglich ist, zu antworten. Mein
Verstand will absolut nicht weiter. Lassen wir ihn also hier stehen. Vielleicht
besinnt er sich noch! Wenn ich aber ganz aufrichtig sein will, so mu ich Ihnen
bekennen, da ich Sie fr Denjenigen halte, der in diesem Augenblicke auf mir
spielt. Ich bitte herzlich: Hren Sie einstweilen auf; denn fr Das, was Sie
weiterspielen wollen, mssen erst neue Saiten aufgezogen werden!
    Die Wirkung dieser seiner Worte war eine ganz andere, als er erwartet hatte.
Nmlich Tsi rief aus:
    Gelst, gelst, wenigstens beinahe gelst! Mylord, Sie haben soeben Etwas
gesagt, dessen Bedeutung Sie gar nicht ahnen. Ja, warten wir noch! Aber nicht
etwa, weil Ihnen die Saiten fehlen, sondern weil es zur Fortsetzung eines ganz
andern Spielers bedarf. Ich bin nur Stmper! Bleiben wir also bei dem ersten
Gleichnisse stehen, nmlich bei der Taucherrstung, nicht bei dem Klaviere!
    In Beziehung auf Waller? fragte John Raffley.
    Ja, antwortete der Arzt. Er liegt am Strand, wei nichts von Beiden mehr,
vom Wasser und vom Land. Seiner Anima ist jede Erinnerung entflogen. Nur ein
einziges Wort ist ihr, ist ihm erhalten geblieben, nmlich sein Name, der Name,
durch welchen sich diese Taucherrstung von den andern unterschied. Setzen wir
uns hin zu ihm, an den Strand, an welchem Land und Wasser, Begreifliches und
Unbegreifliches sich berhren, und merken wir auf! Es wird der Augenblick
kommen, an dem sich der neue Taucher dieser Rstung naht; das wei ich ganz
bestimmt. Ich mchte diesen Moment um keinen Preis versumen! Er wird die
Rstung nicht sofort anlegen, um mit ihr in die Flut des Lebens zu tauchen. Er
wird sie betrachten, berhren, von allen Seiten und an allen Gliedern prfen. Er
wird sich erst am Land mit ihr bewegen, um vor allen Dingen zu untersuchen, ob
ihrer Verbindung mit dem Lebensquell, der hheren Atmospre, zu trauen ist. Und
hat er sich hiervon berzeugt, so wird er sich nicht sofort in die tiefste Tiefe
wagen, sondern nur in fortschreitender Uebung nach und nach zu ihr
hinuntersteigen. Und wenn er endlich der Rstung so vollstndig sicher ist, da
er sein Meisterwerk unternehmen kann, so wird er es vollbringen, eher aber
nicht.
    Welches Meisterwerk? fragte der Governor.
    Es ist die Aufgabe, welche jeder Taucher der Insel Ti zu lsen hat, nmlich
zu zeigen und zu beweisen, da seine Arbeit eigentlich kein Niedertauchen,
sondern ein Emporsteigen sei. Sie fhrt nur scheinbar in die Tiefe, in
Wirklichkeit aber in die Hhe.
    Und wer gelangt hinauf? fragte John. Wer wird nach und nach so heimisch
dort, da er schlielich und fr immer oben bleibt? Der Taucher nur? Der dies
doch wohl auch ohne Rstung knnte? Was wird aus ihr, aus dem Menschen Waller?
Sie haben doch gesagt, da beide identisch seien!
    Tsi lchelte beinahe vergngt vor sich hin und antwortete:
    Sie sind natrlich berzeugt, mir hiermit die wichtigste und schwerste
aller Endanfragen vorgelegt zu haben. Man meint, sie knne von keinem
Sterblichen gelst werden. Aber bitte, haben wir doch einmal Mut! Versuchen wir
wenigstens einmal diese Lsung, obgleich wir auch nichts weiter sind als
Sterbliche! Oeffnen wir die Augen, so gelingt es uns vielleicht, den schon
erwhnten Taucher von der Insel Ti bei seiner Arbeit zu belauschen. Belauschen,
sage ich? Wie falsch das ist! Wir haben gar nicht ntig, uns dabei heimlich
anzustellen, denn er wird sich ganz im Gegenteile darber freuen, da wir ihn
kennen lernen wollen. Vielleicht bittet er uns sogar, ihm seine Arbeit durch
unsere Hilfe zu erleichtern! Wrden Sie ihm diesen Gefallen tun?
    Mit tausend Freuden! antwortete der Governor. Wie das so klingt, Mr. Tsi!
Ganz wie in einem Mrchen!
    Das ist es auch! Nehmen wir an, die Yin sei unser Mrchenschiff, auf
welchem wir nach einem Zauberlande steuern!
    Well! Ein ganzes Schiff voller Rtsel, als deren schwierigstes ich mir
jetzt selbst vorkomme. Habe mich noch nie als Taucherrstung gefhlt, bin aber
sehr wahrscheinlich doch auch eine! Komme mir schon ganz ledern vor, mit
Bleigewichten an den Fen, und auf dem Kopfe einen schweren Helm mit
festgekitteten, dicken Augenglsern. Habe solche unfrmliche Wesen an der Themse
gesehen. Sie stiegen in das Wasser, um ein festgefahrenes Schiff wieder flott zu
machen. Brrrr! Nehmt es mir nicht bel, da mich dieses Bild in meine Kabine
treibt! Ich mu fort! Ich frchte mich!
    Er ging. Tsi sah ihm nach und sagte:
    Unser prchtiger Governor ahnt gar nicht, wie fleiig sein Taucher in der
letzten Zeit gearbeitet hat. Welche Perlen haben wir schon gesehen! Wo lagen sie
verborgen? Etwa in der See? Fragen Sie die Anima, mit welcher der Taucher
verkehrt!
    Hierauf entfernte auch er sich, um seinen Kranken aufzusuchen. Nun war ich
mit John allein. Er sagte eine ganze Weile nichts. Dann stand er vom Sessel auf
und fragte:
    Gehen Sie mit auf die Brcke? Ich komme mir hier unten so klein, so winzig,
so nichtig vor. Ich mu hinauf, um wieder zu fhlen, da ich Etwas bin! Da oben
wei ich, da ich regiere, da mir die Jacht zu gehorchen hat, da das Wohl
aller Derer von mir abhngt, die sich auf ihr befinden. Das Bild von der
Taucherrstung kam mir erst beinahe lcherlich vor; Tausende wrden auch
weiterfort darber lachen; mir aber ist recht bald sehr ernst dabei geworden!
Ich werde es nicht wieder los. Ich sehe die dickkpfige Gestalt vor mir, die es
wagt, in ein fremdes Element einzudringen, obgleich der geringste Fehler an der
Oberleitung mit dem sichern Tod verbunden ist. Schwerfllig, unbehilflich,
ungeschlacht! Immer nur humpelnd und stolpernd, tapsend und tastend! Watend und
suchend im Schlamm der Tiefe, nach was? Ich sage Ihnen: das Bild ist richtig,
sehr richtig! Genau so hngen wir von oben ab, und genau so watscheln wir nur
unten! Mit solchen tppischen Fusten greifen wir nach dem zartesten
Korallengebilde des Geistes. Und mit solchen Hacken und Harken kratzen, scharren
und hauen wir in den kstlichsten Perlen herum, die sich auf dem heiligen Grunde
des Seelenlebens bilden! Ich mag dieses Gleichnis gar nicht weiter belegen. Wenn
ich daran denke, wie leichtsinnig oder gar frivol man sich an dem dnnen
Schlauche bewegt, der Luft und Leben geben und auch sofort versagen kann, so
wird mir himmelangst. Ich mu auf meine Kommandobrcke, mu meinen Horizont
vergrern, sonst bleibt mir das Gefhl, da ich an jedem Augenblicke ersticken
kann!
    Wir stiegen also hinauf. Es war Niemand oben, weil wir uns bei festem Kurs
auf ringsum offener See befanden. Die immerwhrende Anwesenheit des Kommandanten
hier oben war also nicht ntig. Hchstens konnte ein uns begegnender Dampfer
oder Segler fr kurze Zeit eine andere Steuerlage ntig machen; das war aber
auch vom Deck aus rechtzeitig zu erkennen.
    Hier oben umwehte uns nun der frische, krftige Hauch des chinesischen
Meeres, den unten der hohe Bau des Vorderdeckes von uns abgehalten hatte. Er kam
von Ost bei Nord, blies uns aber nicht mehr als hchstens einen Knoten auf die
Stunde von unserer Schnelligkeit weg. Die See lag glatt, fast ohne bemerkbares
Bewegen. Sie war von einem ganz eigenartigen Farbenton, den ich noch nie gesehen
hatte. Ein sehr helles Braun, wie klares Wasser mit einer Spur von Kaffee, und
da, wo es sich kruselte, liefen goldig funkelnde Ringe durcheinander. Unser Sog
aber, die von der Schiffsschraube erzeugte Wellenlinie, flammte frmlich auf von
diesem Golde, whrend vorn am Bug, nach steuer- und backbordwrts zwei konstante
Wogen gingen, die ausgebreiteten Flgeln glichen, und geheimnisvoll, aber
deutlich so brillierten, als ob sie ber eine Unterlage von lauter geschliffenen
Diamanten glitten.
    Wir standen Beide stumm, in den Anblick dieser Pracht und Herrlichkeit
versunken. Wer ist der, der es so leicht und mit so einfachen Mitteln vermag,
jedem Tropfen des Meeres diesen Glanz zu verleihen, den wir nur hier oder da
einmal dem edelsten der Steine geben knnen, und zwar auch nur durch jahrelange
Mhe und Arbeit und um den Preis von Millionen? Wir hatten vorhin die Yin
unser Mrchenschiff genannt, und Raffley war der Meinung gewesen, es sei
anzunehmen, da uns eine gtige Fee in diesem kleinen, lieben, auf der See
schwimmenden Zauberreiche zusammengefhrt habe. Es gibt Wahrheiten, welche sich
spter als Mrchen herausstellen, und Mrchen, in denen die heiligsten, die
untrglichsten Wahrheiten verborgen liegen. Wohlan, mge unsere Yin so ein
kstliches Mrchen sein, welches fr uns und tausend, tausend Andern zur
Wahrheit, zur herrlichen, beglckenden Wirklichkeit zu werden hat! Wer aber das
will, der darf nicht unten bleiben, der mu herauf an das Licht und an die Luft,
der darf sein Schiff nicht treiben lassen, wie es Anderen beliebt, sondern mu
den Mut besitzen, sich auf die Kommandobrcke zu stellen und laut und furchtlos
zu bestimmen, wohin die Fahrt zu gehen hat.
    Das Lob, welches Raffley seiner Jacht erteilt hatte, bewhrte sich: Sie lag
selbst bei bewegter See auf glatter, sicherer Linie, und die Maschine arbeitete
so leise, da man die Erschtterung nur dann bemerkte, wenn man mit besonderer
Absicht auf sie achtete. Dem Kranken bekam die Fahrt sehr gut. Er a und trank
mit Appetit und lag die meiste Zeit in ruhigem Schlafe, ruhig freilich nur in
Beziehung auf den Krper, nicht aber auch auf die Psyche, die Seele. Diese
befand sich, wenn er wachte, in unausgesetzter Ttigkeit und schien auch whrend
des Schlafes ohne Unterbrechung beschftigt zu sein. Man sah das an dem sich
sehr oft verndernden Ausdrucke seines Gesichtes und an gewissen Krper- oder
Gliederbewegungen, welche keine unwillkrlichen waren. Er ffnete die Augen,
ohne einen bestimmten Gegenstand anzusehen, und schlo sie wieder, indem er froh
lchelte, als ob ihm etwas Freundliches erschienen sei. Er bewegte die Lippen;
man sah, da er Etwas sagte; aber es war kein Laut zu hren. Oder er sprach
Viertelstunden lang leise vor sich hin und sah whrend der Pausen ganz so aus,
als ob ihm Antwort werde. Aber so laut und vernehmlich wie in Kota Radscha hatte
er hier auf dem Schiffe noch nicht im Schlafe gesprochen. Als ich Tsi hierber
fragte, antwortete er:
    Beruhigen Sie sich! Es kommt ganz gewi die Zeit, in welcher er wieder laut
sprechen wird, so laut, wie wir nur wnschen knnen. Sie sehen mich fragend an,
weil ich diese Worte in eigentmlicher Weise betone. Betrachten Sie die Heilung,
welche ich hier beabsichtige, doch einmal als ein vorbildliches Experiment!
Waller glaubte, Christ zu sein, und zwar ein so vortrefflicher, da er sich
berufen fhlte, in alle Welt zu gehen, um Heiden zu bekehren. Er war es aber
nicht! Sein Christentum war ein selbst konstruiertes und bestand nur aus dieser
leeren, den Konstruktion, welcher Christi Geist und Christi Liebe fehlte. Er
wurde nicht gesandt, sondern sendete sich selbst. Der Glaubensneid machte ihm
den Missionserfolg zum Gegenstande der Konkurrenz, denn er wettete. Er fragte
nicht, ob er willkommen sei; er drngte sich den armen Heiden auf, schon in
Kairo meinem Vater und auch mir. Als seine erste Pflicht im fremden Lande galt
ihm die Vernichtung alles dort religis Bestehenden, und fr die erste Pflicht
der Andersglubigen dort hielt er die jeder Piett hohnsprechende Entehrung
alles dessen, was ihnen seit Jahrtausenden lieb, teuer und heilig gewesen ist.
Solche Forderungen aber kann nur der stellen, dem selbst nichts heilig ist, denn
sonst mte er wissen, da sie unmglich erfllt werden knnen. Sie sind nichts
anderes, als der Ausflu eines Wahnes, der, wie bei ihm, von den Voreltern
grogezogen worden ist, also einer Krankheit, die ihre Opfer nicht in dem
Kranken selbst, sondern auerhalb desselben sucht. Dieses Leiden erreichte den
hchsten Grad bei ihm, als er Undank und Zerstrung fr empfangene Liebe gab.
Die Gastfreundschaft ist, so lange die Erde steht, selbst dem wildesten,
unzivilisiertesten Heiden heilig gewesen; sie hat Alles, selbst das Leben
aufzuopfern. Versndigungen gegen sie werden mit dem Tode bestraft und sind
selbst von der Geschichte bis auf den heutigen Tag gebrandmarkt worden. Ich
brauche also nicht besonders auszufhren, wie Waller gegen die Malaien gehandelt
hat. Oder knnte es Ihnen vielleicht beikommen, sein Verhalten zu beschnigen?
    Vielleicht Andern, aber nicht mir, antwortete ich. Davon sind Sie doch
wohl berzeugt!
    So bedenken Sie, da dies die Monographie nur dieses einen Christen ist?
Verstehen Sie, was ich damit sagen will? Oder ist es notwendig, Ihnen an der
Hand jedes einzelnen dieser meiner Stze die gleichen Snden der Gesamtheit,
welcher er angehrt, vor die Augen zu halten? Wnschen Sie vielleicht, besonders
aufgezhlt zu haben, wo, wann und wie oft diese Gesamtheit die Pflichten der
Gastfreundschaft in ganz derselben Weise mit Fen getreten hat und noch heut
mit Fen tritt?
    Er sah mich an, als ob er eine Antwort erwarte; da ich aber schwieg, so fuhr
er fort:
    Die Katastrophe ist fr ihn gekommen. Sie wird auch fr Andere nicht
ausbleiben, fr hier oder dort mehr oder weniger verderblich, je nachdem die
Machtfrage sich gestaltet. Ob man den Tempel eines kleinen, malajischen Dorfes
vernichtet, oder ob man ganz dasselbe mit dem Heiligtmern einer groen Rasse
wagt, deren Angehrige nach Hunderten von Millionen zhlen, das ist gewi ein
Unterschied! Die halbe Betelnu, welche fr das eine Mal so gnstig wirkte,
drfte fr den andern Fall gewi versagen! Unsere Shen ist mchtig; aber den
Zorn so vieler Millionen niederzuhalten, das darf man auch ihr, die doch nur
menschlich ist, nicht zumuten. Auch glaube man ja nicht, da man uns imponiere!
Wir lassen uns nicht zwingen, geistige Gren anzuerkennen, ohne sie geprft zu
haben. Es fllt der gelben Rasse nicht ein, den Fehler zu begehen, an welchem
die rote Rasse zu Grunde gehen wird: Die Weien sind fr uns weder Gtter noch
Uebermenschen. Wir wissen uns ihnen vollstndig ebenbrtig und betrachten einen
Jeden, der unsere altgeheiligten Institutionen zu beseitigen wagt, fr genau so
krank und unzurechnungsfhig, wie Waller ist, der Eiferer gegen Alles, was
anders war, als er wollte. Und nun hren Sie, was ich Ihnen sage: Unser Patient
wird geistig wieder hergestellt werden, er, der Einzelne. Der Weg seiner
Gesundung ist ganz genau derselbe, den auch die Gesamtheit zu gehen hat, wenn
sie gesunden will vom grten aller Leiden. Das ist es, was Waller zu sagen, zu
verknden hat, ob mit seiner eigenen Stimme oder durch mich, durch Sie, das hat
sich noch zu finden. Und darum erklrte ich Ihnen, da er ganz sicher wieder
sprechen werde, und zwar so laut, wie wir nur wnschen knnen.
    Hoffentlich nicht nur bildlich, sondern auch in Wirklichkeit?
    Gewi, auch das! Nmlich sobald er die zweite Strophe unseres
geheimnisvollen Gedichtes kennen gelernt hat. Er arbeitet jetzt noch an dem
Inhalte der ersten; ich hre das aus seinen trumerischen Reden. Man darf ihm
nichts Neues geben, bevor er das Alte vollstndig begriffen hat. In der
Entwickelung der Psyche sind dunkle Punkte oder leere Stellen zu vermeiden.
Darum habe ich Mi Mary gebeten, jetzt noch zu warten. Wir verwenden die grte
Aufmerksamkeit, den geeigneten Augenblick ja nicht unbentzt vorbergehen zu
lassen, und ich denke, da er baldigst erscheinen wird. Waller beschftigt sich
jetzt noch mit der letzten Zeile der ersten Strophe, also mit dem Gedanken, da
Christus nicht gestorben ist, sondern in jedem wahren Christen weiterlebt und
weiterliebt. Das hat er, wie ja auch Ihre ganze Christenheit, bis jetzt noch
nicht begriffen. Doch arbeitet es fort und fort in ihm, und ich kann jeden
Augenblick eine Aeuerung erwarten, welche mir sagt, da er dieses Wort
verstanden hat. Dann lasse ich die nchste Strophe wirken. Ist das nicht im
hchsten Grade interessant?
    O, mehr als interessant; ich bin erstaunt! antwortete ich der Wahrheit
gem. Welch eine schwere, fremdartige und mir fast unbegreifliche Aufgabe
haben Sie sich da gestellt!
    Er schttelte den Kopf und erwiderte lchelnd:
    Sie ist nichts von alledem. Fremdartig kann sie nur dem Christusfremden
sein. Nicht unbegreiflich, sondern die einzig richtige und allein erklrliche
ist sie fr einen Jeden, der die Krankheit kennt, um welche es sich handelt. Und
schwer? Sie ist sogar sehr leicht! Wissen Sie noch, was ich Ihnen von der
Behandlung des einzelnen und der Gesamtheit sagte? Ich kenne das Leiden dieser
Gesamtheit und wei genau, auf welchem Wege es zu heben ist. Dieser Einzelne
leidet an ganz demselben Uebel; was folgt hieraus? Ich werde ihn herstellen; er
wird dann das in Wirklichkeit sein, was er frher nur zum Schein gewesen ist.
Und ist er nicht mehr krank, so habe ich an dem Einzelnen gezeigt, auf welchem
Wege die Gesamtheit auch gesunden kann. Ich wiederhole diesen schon einmal
ausgesprochenen Satz, weil er so sehr, so auerordentlich wichtig ist. -
    Auf den Tag, an welchem dieses gesprochen wurde, folgte eine sehr unruhige
See, und als wir am nchsten Tage Hongkong erreichten, waren wir sehr zufrieden
damit, da Raffley hier nur fr ganz kurze Zeit Anker werfen wollte, um frischen
Proviant einzunehmen. Es regnete. Die Berge, welche die Bucht umschlieen, waren
umhllt. Was wir sahen, war so spezifisch europisch, so nchtern und so kalt,
da Niemand Sehnsucht fhlte, an das Land zu gehen. Dschunken und Sampans hatten
wir schon genug gesehen. Hongkong ist eine englische Schpfung und zeigt sich
von auen her, zumal bei solchem Wetter, so sehr als frostige Lady, da auch wir
ihr gegenber kalt blieben und nach einigen Stunden ohne Bedauern Abschied von
ihr nahmen. Raffley hatte einige Depeschen an das Land besorgt. Auch von Tsi war
dem Boten eine mitgegeben worden. Wohin sie telegraphiert hatten, das hielten
Beide gleich geheim. Tsi wahrscheinlich an seinen Vater, dessen Stand und Namen
er nicht wissen lassen wollte. Niemand fragte, wohin es von hier aus ging, und
Raffley sagte nichts. Der Kompa aber lie uns sehen, da wir nach der
Fokienstrae dampften.
    Der Regen hrte, als ob er uns nur Hongkong habe verleiden wollen, sehr bald
wieder auf, und im Laufe des Nachmittags beruhigte sich die See, so da wir nach
der bewegen Nacht einen schnen, stillen Abend hatten. Als wir nach dem Souper
vom Tische aufstanden, gesellte sich Tsi zu mir und teilte mir mit, da er noch
gestern abend Veranlassung gefunden habe, dem Kranken die zweite Strophe
vorzulesen. Mary hatte das, whrend sie in der Nacht bei ihm wachte, einigemal
wiederholt, und hierauf war Waller ber den ganzen Tag hin damit beschftigt
gewesen, immerfort unhrbar vor sich hinzusprechen und dazwischen hinein vor
sich hin zu lauschen, als ob er auf eine Antwort hre. Infolge dessen vermutete
der Chinese, da fr die kommende Nacht etwas Interessantes zu erwarten sei, und
er fragte mich, ob ich mit ihm wachen wolle. Ich war ganz selbstverstndlich
sehr gern bereit, es zu tun. Tsi meinte, da jetzt im Innern des Kranken eine
heie Schlacht geschlagen werde, welche der bisherige Beherrscher, der
Hyperglaube, zu verlieren habe. Denn nichts sei so schwach als grad dieser
Ueberglaube, der Alles nur Gott, nichts aber der Arbeit an sich selbst verdanken
will.
    Der gesunde Glaube macht stark, fuhr er in seiner Rede fort; der
Hyperglaube aber macht nicht stark und auch nicht schwach, weil das letztere
unntig ist, denn er ist ein geradezu untrglicher Beweis der vorhandenen
geistigen Schwche. Diese Schwche ist so gro, da sie trumt, sie habe Gott in
allen Taschen und knne jede beliebige Quantitt des Himmels an andere Menschen
verteilen, natrlich gegen groen Dank und bewundernde Verehrung seitens der
Empfnger! Denken Sie nicht, da ich mich auf Besonderes beziehe; ich spreche im
Allgemeinen. Wir haben in China Bonzen, welche derartig mit ihrem eigenen Oele
gesalbt sind, da man sie nicht fassen kann, obgleich man sie in ihrer ganzen
nackten Ble sieht. Und meinen Sie auch nicht, da ich mit dem Worte Bonzen
etwa nur Geistliche bezeichne. Priester Gottes mssen sein; die Menschheit kann
sie nimmermehr entbehren. Und je mehr sie in der Erkenntnis Gottes
fortschreitet, desto grer wird die Zahl und auch der Einflu dieser Priester
werden. Heil und tausendmal Heil dem Volke, welches so viel wahre Gottespriester
besitzt, wie es fromme Vter hat! Aber der Hyperglaube macht sich meist im
Laienvolke breit und tritt grad dort am anspruchvollsten auf, weil der Laie
glaubt, wenn er nur selbst recht salbungsvoll zu sprechen und zu blicken wisse,
so knne er den Priester ganz entbehren. Das ist die Laienfrmmigkeit, die sich
ber jedes Gotteshaus und Gotteswort erhaben dnkt und, wenn sie einmal guter
Laune ist, in den selig atmenden Busen greift, um dem Himmel ein mglichst
ffentliches Bakschisch anzubieten!
    Da konnte ich mich nicht halten; ich mute ihn fragen:
    Wo nehmen Sie, grad Sie diese Gedanken her?
    Von unsern Vtern! antwortete er sehr ernst. Sie haben von Generation zu
Generation gedacht, und was sie dachten, wurde uns vererbt. Wissen Sie, was ein
Gedanke ist? Wissen Sie, da er ewig ist, da er nie verschwinden kann, sondern
sich von Geschlecht zu Geschlecht, von Kopf zu Kopf immer weiter entwickelt,
immer klarer, immer wahrer, immer mchtiger wird, bis endlich seine Zeit kommt,
in der ihm niemand widerstehen kann? Solche Gedanken haben wir, und solche Zeit
ist jetzt! Grad weil wir ruhten und uns jahrhundertelang alljhrlich einmal rund
um die Sonne tragen lieen, ohne zu glauben, da die brigen Vlker der Erde uns
darum bewundern mten, haben wir Mue gehabt, die Gedanken unserer Vter von
Sohn zu Sohn, von Enkel zu Enkel immer mchtiger werden zu lassen. Es sind
stille, liebe, hoffnungsfreudige Gedanken, noch nicht in Worte gekleidet und
noch nicht in Taten ausgedrckt; aber diese Worte und diese Taten werden kommen,
vielleicht von uns selbst, vielleicht von Fremden angeregt, und dann werden wir
und dann werden auch die Fremden sehen, da, was die Vter dachten, nicht auf
die Shne und Enkel bergehen kann, ohne den Segen der Vorfahren mitzubringen
und uns zum Heil zu werden!
    Er hatte sehr ernst gesprochen. Jetzt nahm sein Gesicht einen freundlicheren
Ausdruck an. Er zog seine Brieftasche heraus, ffnete sie und fragte:
    Glauben Sie, da ich heut ein Kind gewesen bin?
    Ein Kind? Wieso?
    Kinder schreiben einander Albumbltter, welche sie dann im Alter mit
kopfschttelnder Rhrung betrachten. Ich habe mir von Mi Waller eines schreiben
lassen. Da, sehen Sie!
    Er hielt es mir hin. Es war meine Strophe.
    Ich konnte nicht anders, fuhr er fort; ich mute mir diese Zeilen
entweder selbst abschreiben oder abschreiben lassen, und zog natrlich das
letztere vor. Es ist das selbstverstndlich eine ganz persnliche Ansicht, ein
ganz individuelles Gefhl, aber es ist mir, als sei in diesem Gedichte fr die
Vlker eine Brcke allerschnster, allerbester und allersicherster Konstruktion
enthalten, um einander besuchen zu gehen und liebe Geschenke nicht nur
mitzubringen, sondern auch mit heimzunehmen. Es klingen aus ihm so sanfte, reine
Tne, als wehe in ihm ein Hauch aus jenem unbekannten Lande herber, von welchem
uns ein ses Mrchen erzhlt, da dort der Vlkerfriede wohne. Ich frage mich
vergeblich, ob es von einem Manne oder von einer Frau verfat worden ist. Der
geistige Aufbau lt auf eine mnnliche Logik schlieen, aber die Seele, welche
aus ihm spricht, kann keine andere als nur eine weibliche sein.
    Gibt es mnnliche und weibliche Seelen? fragte ich.
    Ja, das wissen wir wohl noch nicht, lachte er. Man gibt ihnen wohl halb
mnnliche, halb weibliche Zge, malt Flgel dazu und sagt dann, da sie Engel
seien. Machen wir also aus meiner Ungewiheit eine Gewiheit, indem wir sagen,
ein Engel hat diese Strophe gedichtet und irgend einem guten Menschenkinde in
die Feder gelegt! Dieser Engel hat uns Erdenbewohnern sagen wollen, wie wir
miteinander zu verkehren haben, wenn unser Planet jenem unbekannten Lande
gleichen soll. Liebe, nichts als Liebe! Warum machen nun grad diese Zeilen einen
solchen Eindruck auf Waller, der doch keine andere Liebe kannte als nur die zu
seiner Frau und Tochter?
    Wohl weil die Verstorbene in ganz gleicher Weise zu ihm gesprochen hat,
erwiderte ich.
    Ja. Sie haben das Richtige getroffen. Das macht der warme, freundliche,
berzeugende, weibliche Klang der Worte. Es spricht aus ihnen eine Gte, welche
Mrs. Waller wohl auch in hohem Grade besessen hat. Darum nimmt er diese Worte
hin, als seien sie von ihr zu ihm gesprochen. Bei ihrem Klange sieht er seinen
Engel wieder vor sich stehen. Er fhlt sich frei vom Einflusse jenes Andern, dem
er als Gast des Heidentempels unterlegen ist. Er ahnt sich gerettet und in guter
Hut. Fragen wir nicht, ob er wacht oder trumt, ob er Etwas sieht und hrt oder
nicht. Forschen wir nicht, ob Hallucination oder Wirklichkeit. Man sagt, da
Sterbenden die Augen geffnet seien, und er befindet sich ja heut noch unter der
Pforte, an welcher die Gewiheit an die Stelle der Hoffnung tritt. Nehmen wir
ihn genau so, wie er ist! Seine Gedanken werden denen des Gedichtes folgen. Was
dahinten liegt, das ist fr ihn vorber; die Krankheit gibt seiner Seele eine
Empfnglichkeit, eine Weichheit, welche jeden lieben, guten Eindruck haften
lt. Die Worte dieser acht Zeilen werden sich tief und unauslschlich
eingraben; der Sinn derselben wird ihm zum geistigen Eigentume, zum Wesen
werden, und wenn er genesen ist, wird er ein ganz, ganz Anderer sein, als er
vorher war, gleichviel, ob er krperlich ebenso sicher genesen wird wie geistig,
oder nicht.
    Diese letztere Wendung klang so, als ob er eigentlich gar nicht beabsichtigt
habe, sie auszusprechen. Ich ahnte aber schon lngst, da er Waller in
krperlicher Beziehung nicht fr einen Genesenden, sondern fr einen Sterbenden
hielt und dies aber Marys wegen so lange wie mglich zu verschweigen suchte. -
    Ich stellte mich schon gleich nach 10 Uhr mit Tsi bei Waller ein. Mary, die
bis jetzt bei ihm gewesen war, ging schlafen. Der Kranke lag geschlossenen Auges
auf seinen Kissen. Ob er wirklich schlief, konnten wir nicht unterscheiden. Es
war, wie bereits gesagt, alles nicht in eine Krankenstube Passende aus der
Kajte entfernt werden. Das Bild der Yin aber hing noch an der Wand. Ich hatte
von Mary und Tsi gehrt, da es die Augen Wallers, so oft er wache, mit
unwiderstehlicher Gewalt auf sich ziehe. Wir legten den Schleier ber das
elektrische Licht und setzten uns hinaus vor die offene Tr. Es schien auer
uns, dem Steurer und der Deckwache auf dem Schiffe sich Jedermann zur Ruhe
gelegt zu haben. Der Mond war erst vor kurzem aufgegangen. Er warf den Schatten
der Kajte quer ber das Deck und schaute durch die breiten Glasscheiben in das
Innere derselben. Sein Schein fiel auf die Fe des Schlfers und rckte langsam
an der still ruhenden Gestalt desselben empor. Der auf dem Lichte liegende
Schleier konnte die Glasglocke nicht ganz bedecken; es gab da, wo sie gehalten
wurde, eine Lcke, durch welche das Licht hinber auf das Bild der Chinesin fiel
und es fast wie ein lebendes Wesen plastisch hell aus dem umgebenden Schatten
hervortreten lie. Das sah so unirdisch aus. Ich dachte unwillkrlich an die
Fee, von welcher Raffley zu Mary gesprochen hatte. Tsi schien denselben Eindruck
wie ich zu empfinden. Seine Augen hingen an dem Innern der Kajte, und er
flsterte mir zu:
    Wie das Geheimnis bannt! Ist es Krper, oder ist es Seele? Es scheint, da
hier ein Ort der Offenbarung sei! Der Mond sucht nach dem Angesicht des Kranken.
Man sollte ahnen, da dieses se, weiche Licht ihm Botschaft bringen wolle!
    Ich antwortete nicht, konnte aber auch den Blick nicht von dieser Szene
wenden. Das Bild sah lchelnd auf den Schlummernden nieder und schien die Lippen
zu bewegen. Der Schein des Mondes schmiegte sich weiter und weiter an seiner
Gestalt empor. Jetzt legte er sich ihm schon auf die Brust; dann berhrte er das
Kinn, den Mund; er kam bis an das Auge, und nun geschah, was Tsi erwartet hatte:
der Kranke begann zu sprechen, erst flsternd und fr uns nicht verstndlich;
dann aber, als der Mond das ganze Gesicht, auch Stirn und Haar beschien, hrten
wir deutlich, was er sagte:
    Sei mir gegrt, du lieber Himmelsstrahl, in dem mein Engel zu mir
niedersteigt; leg dich verklrend um die Erdenqual, wenn sterbend sie das Haupt
am Kreuze neigt! Sei mir gegrt! La mich im Glauben sehn, da jene Liebe,
welche litt, nachdem die Kreuzigung an ihr geschehn, im neuen Leibe vor die
Jnger tritt!
    Als er hierauf schwieg, sagte Tsi leise zu mir:
    Ich vermutete ganz richtig: das Mondlicht hat ihm die Vision gebracht.
Wahrscheinlich bringt er jetzt nun das Gedicht.
    Diese Voraussage bewahrheitete sich. Nach einiger Zeit fuhr Waller langsam
und jedes Wort betonend, in den beiden Zeilen fort:

Tragt Euer Evangelium hinaus,
Indem Ihrs lebt und lehrt an jedem Orte!

    Hierauf flsterte er wieder wie vorher. Wir hrten nur den Namen Jesus
deutlich. Dann erhob er die Stimme wieder und sprach:
    Er ging durchs Land, wie nur die Liebe geht, die keinen Hader um den Himmel
kennt, weil jede Kerze, die am Altar steht, wie alle andern nur nach oben
brennt. Er brachte sich der ganzen Menschheit dar, nicht einem auserwhlten Volk
allein, und weil sein Reich nicht von der Erde war, kann es auch jetzt nicht von
der Erde sein!
    Tsi griff nach meiner Hand und drckte sie; ich verstand ihn, obgleich er
dazu schwieg. Jetzt wendete der Kranke sein Gesicht dem Fenster zu, durch
welches der Strahl des Mondes fiel, so da es fast tagesdeutlich vor unsern
Augen lag. Er lchelte wie Einer, der etwas unendlich Liebes schaut, indem er
sich von Neuem hren lie:
    Er kam und ging wie dieses milde Licht, willkommen, gern gesehn an jedem
Ort; ein Evangelium sein Angesicht, sprach er als Vorbild sein Erlsungswort. O
du, der selbst den Schcher nicht verwarf, den Mrder, der an deiner Seite hing,
wo ist ein Mensch, von dem ich sagen darf, er sei fr deinen Himmel zu gering?!
    Es war so unbeschreiblich, ihn zu hren. Nie waren mir Menschenworte so tief
wie diese in das Herz gedrungen. Das nun folgende lngere Schweigen lie uns
ihren Eindruck ganz und voll empfinden. Dann erklang es wieder langsam und
rezitierend:

Und alle Welt sei Euer Gotteshaus,
In welchem Ihr erklingt als Engelsworte.

    Er wartete hier gar nicht, sondern fgte in einer Weise, als ob er nun etwas
sehr Wichtiges zu sagen habe, sofort hinzu:
    Wer war's, der sich in Herrlichkeit und Pracht den Tempel der Unendlichkeit
gebaut, wo Stern an Stern die Gre und die Macht des Schpfers in dem Glanz von
Sonnen schaut? Wer war's, der auf die Erde niederfuhr auf Allmachtsflgeln am
Beginn der Zeit, in jeden Wurm zu legen eine Spur der Weltensehnsucht nach der
Ewigkeit? Wer war's, wer ist's, nach dem dies Sehnen bangt in jedes Menschen,
jedes Heiden Brust, in der das Herz dorthin zurckverlangt, wo es sich in der
Heimat einst gewut?
    Schon frher hatte ich es bemerkt, und jetzt hrte ich es wieder, da er
immer einen kleinen Teil des Gedichtes und dann die Erklrung hierauf brachte.
Was er soeben gesagt hatte, bezog sich auf alle Welt sei Euer Gotteshaus. Von
dem, was nun kam, war anzunehmen, da es sich auf In welchem Ihr erklingt als
Engelsworte beziehen werde. Und richtig; er fuhr fort:
    Der Priester trgt die Liebe wohl hinaus; was aber ist es, was der Andre
bringt? Du lieber Mann, bleib immerhin zu Haus, weil deine Liebe doch im Ha
verklingt! Du glaubst an deine heilge Mission, jedoch die Welt da drauen traut
ihr nicht. Vergeblich klingt dein Wort in Christi Ton, weil Eure Tat in andrem
Tone spricht!
    Das klang so schwer, so gewichtig, so vorwurfsvoll, so strafend. Nun war er
still, lange, lange Zeit. Eben wollte der Streifen des Mondlichtes, welcher
immer weiterstieg, sein Gesicht verlassen; da sahen wir, da er die Augen
ffnete. Sie richteten sich auf das Bild der Chinesin, welches ihm, wie schon
bemerkt, gegenberhing. Er streckte die Arme schnell, als ob er sie fassen
wolle, nach ihr aus, zog sie langsam, langsam wieder zurck, breitete sie dann
nach beiden Seiten aus, als ob er eine weite, unbegrenzte Flche bezeichnen
wolle, und sagte dann:
    Es liegt die Welt ringsum im Morgengraun; die Nebel wallen, um
emporzusteigen. Mein Auge ist bereit, dich anzuschaun; o wolle deine
Herrlichkeit mir zeigen! Wo kommst du her? Ich hre dein Gewand. Es rauscht so
glckverheiend aus der Ferne, und dieses Rauschen ist mir wohlbekannt: du
streifst mit deines Schleiers Saum die Sterne.
    Das, was er jetzt gesprochen hatte, bezog sich jedenfalls nicht auf das
Gedicht und seinen Inhalt, sondern auf etwas ganz Anderes. Es tauchte ein neues
Gesicht vor ihm auf, welches wahrscheinlich durch den Anblick des jetzt in so
eigenartiger Schnheit und Beleuchtung hervortretenden Bildes eingeleitet worden
war. Wir hrten seine Worte weiter:
    Ein ser Duft bereitet deinen Schritt; schon hre ringsum ich die Glocken
schlagen. In meinem Herzen tnt die Stunde mit, und deine Zeit beginnt, in mir
zu tagen. Vielleicht trittst du jetzt nur in meine Welt, und ich bin es allein,
der dich empfindet, doch ist die Uhr fr Andre auch gestellt, sobald dein Licht
die Dmmrung berwindet. - - - So wie ich wartete auf dieses Licht, so wartet
auch das ganze Volk der Erde. Ich ahne dich; du nahst mir im Gedicht. O, da
dies Bildnis doch verstanden werde! Nun bist du da; du schaust mich lchelnd an,
als seist du mir schon irgendwo begegnet, und ich, ich sinne zwar vergeblich,
wann, doch hast du mich im Himmel einst gesegnet.
    Als er hier inne hielt, fragte mich Tsi in flsterndem Tone:
    Wissen Sie, wovon er spricht? Seine Augen ruhen auf dieser wunderbar
schnen, geheimnisvollen Yin und dieser Name ist das chinesische Wort fr Gte.
Er spricht mit der Gte, welche zu uns niedersteigen mu, wenn uns geholfen
werden soll. Doch, hren Sie!
    Der Kranke fuhr fort:
    O, segne mich nun hier zum zweitenmal und mit mir Alle, die auf Erden
wandeln, damit wir, wie der Vater uns befahl, als seine Kinder an einander
handeln. Du bringst die Liebe, die von oben quillt, fr alle Kreatur zu uns
hernieder. Es strahlt die Seele mir aus deinem Bild; die Gte ist's; o nimm sie
mir nicht wieder!
    Er hatte die letzten Stze mit erhobener, fast sehr lauter Stimme
gesprochen. Nun war er still. Wir warteten zwar; aber nach lngerer Zeit legte
er sich, dem Mondschein abgewendet, auf die Seite. Nun war anzunehmen, da er
nicht mehr sprechen, sondern schlafen werde. Wir blieben aber sitzen, doch ohne
mit einander zu reden. Es ging dem Chinesen wohl grad so wie mir: der Eindruck
dessen, was wir gesehen und gehrt hatten, war so tief und gab auch ihm so viel
zu denken und innerlich zu ordnen, da er sich nicht selbst durch laute Worte
stren wollte. Ich zog meinen Stuhl aus und legte mich lang auf denselben
nieder; wir hatten ja ausgemacht, die ganze Nacht wach zu bleiben.
    Es herrschte tiefe Stille um uns her. Die leisen, regelmigen Pulse der
Maschine konnten nicht als Unterbrechung dieses Schweigens gelten. Da hrte ich
ein Gerusch, wie wenn ein Zndholz, welches nicht Feuer fangen will, wiederholt
schnell angestrichen wird. Das klang von der anderen Seite der Kajte her. War
etwa Jemand dort, ohne da wir es gewut hatten? Dann wurde mir ein feiner
Tabaksgeruch von der leise wehenden Nachtluft zugetragen. Ich bin Kenner und
roch sogleich, da es Cumana war, den der Governor ausschlielich rauchte. Ich
stand also auf und ging hinber. Richtig, da sa er auf dem Klappsitze, der an
der Holzwand angebracht war! Er hatte Alles sehen und hren knnen, weil das
Fenster hier auf der Leeseite offen stand. Seit wann war er da? Wir hatten ihn
nicht kommen sehen, weil unsere Aufmerksamkeit nach dem Innern der Kajte
gerichtet gewesen war, und da wir hier an Bord fast alle Schiffsschuhe mit
Gummisohlen trugen, waren seine Schritte nicht zu hren gewesen. Als er mich
bemerkte, winkte er mir zu, nicht laut zu werden, und sagte in flsterndem Tone:
    Wollte schlafen gehen; aber Ihr Buch vom Jenseits kam mir in die Hnde.
Habe darin gelesen. Diese Gedanken! Wo kommen die Ihnen nur her? Haben mich
heraus auf das Deck getrieben. Da sah ich Sie im Mondscheine sitzen und eifrig
in die Kajte schauen. Was gab es da? Ich ging also hierher. War das etwa
indiskret?
    Nein, antwortete ich. Was haben Sie gehrt, Mylord?
    Alles, Alles, von den Worten an Tragt Euer Evangelium hinaus. Auch gesehen
habe ich Alles. Wunderbare Szene! Hat mich tief gepackt! Wei gar nicht, was ich
darber denken oder gar sagen soll! Erst Ihr Buch, in welchem Sie beschreiben,
was in der Sterbestunde vor sich geht, und dann diese Worte des Kranken, die
aber nicht im Mindesten krankhaft klingen! Wenn er nie in seinem Leben Missionar
war und es auch spter niemals sein sollte, in dieser Stunde aber ist er es
gewesen, wenigstens fr mich; das knnen Sie mir glauben, und das werden Sie
auch sehen. Wird er vielleicht wieder sprechen?
    Wahrscheinlich nicht.
    Well! So habe ich hier auf Nichts mehr zu warten. Mu mit mir aufs Reine
kommen. Habe viel, viel zu verwalten und zu verantworten gehabt, bin aber auch
einer von den Christen gewesen, deren Taten in einem anderen Tone als dem der
Liebe sprechen. Habe sogar diesen Prachtmenschen, den Tsi, verachten wollen!
Pfui!
    Er tat ein paar krftige Zge aus der Pfeife und spuckte aus, es so
unentschieden lassend, ob diese Interjektion sich auf den Tabak beziehen oder
eine Zensur fr ihn selbst sein sollte. Dann stand er auf und begann, in
langsamen Schritten zwischen Bug und Stern auf und ab zu gehen.
    Wie froh war ich ber ihn! Diese tiefe Ergriffenheit! Und diese
Aufrichtigkeit, mit welcher er sie eingestand; er htte mir gar keine grere
Freude machen knnen! Wer von solchen Dingen blo hrt oder liest, darf ja nicht
denken, da er zu einem Urteile fhig sei. Und wenn er dennoch kritisiert, so
gleicht er jenem Eskimo, der nie seine Schneeeinde verlassen und nie eine
Kirche gesehen hatte, sich aber doch fr klug genug hielt, ber den Glocken- und
Orgelklang zu lachen, als er davon sprechen hrte. -
    Waller schlief whrend der ganzen Nacht ohne Unterbrechung weiter, und als
am Morgen Mary kam, berlie ich es Tsi, auf ihre Fragen Antwort zu erteilen,
denn der Governor nahm mich in Beschlag. Er interessierte sich ganz pltzlich
sehr fr psychologische Probleme und gab sich dabei so lernbereit, so mild und
weich, wie ich es vorher fr gar nicht mglich gehalten htte.
    Die Fahrt verlief uerlich ereignislos, wenn ich die Begegnungen mit
anderen Schiffen nicht als Ereignisse bezeichnen will. Dieser Mangel wurde aber
mehr als vollstndig durch das ausgeglichen, was sich zu inneren, seelischen
Begebenheiten entwickelte. Ich bin berzeugt, es gab da unter uns nicht einen
Einzigen, der sich den Wandlungen htte entziehen knnen, welche mit Waller
schon damals auf dem Dschebel Mokattam begonnen und Jeden, der mit ihm in nhere
Beziehung gekommen war, mit in ihren Bereich gezogen hatten. Er fuhr von Amerika
nach China; aber whrend diese groe, rumliche Bewegung vor sich ging, machte
er innerlich eine Reise, welche von viel grerer Weite und Bedeutung war, denn
sie fhrte ihn in eine solche Ferne, da es ihm geradezu unmglich wurde, an den
Punkt, von dem sie ausgegangen war, jemals im Leben wieder zurckzukehren. Er
hatte eine ihm jetzt vollstndig entschwundene geistige Welt fr immer verlassen
und befand sich jetzt unterwegs nach einer anderen, neuen, besseren und
schneren, und ich schme mich nicht, zu gestehen, da wir auch auf diesem
geistigen Wege seine Gefhrten waren, die an allen seinen Seelenuerungen den
innigsten Anteil nahmen. Ich kann also ber unsere Fahrt keine sogenannten
Reiseabenteuer berichten, an welchen sich doch nur die Oberflchlichkeit
ergtzt; wer aber einen Sinn fr die unendlich gestalten- und ereignisreiche
Seelenwelt des Menschen hat und ein Verstndnis fr die Tiefe besitzt, in
welcher die ueren Vorgnge des Menschen- und des Vlkerlebens geboren werden,
der wird nicht mivergngt, sondern ganz im Gegenteile mit mir einverstanden
darber sein, da ich ihn in diese Tiefe fhre, anstatt ihn fr einen Leser zu
halten, der nur nach der Kost der Unverstndigen verlangt.
    Da gab es denn am dritten Tage, nachdem wir Hongkong verlassen hatten, ein
Ereignis, welches ich in psychologischer Beziehung recht wohl ein Abenteuer
nennen knnte. Wir hatten auf dem Deck gefrhstckt. Mary war auch dabei
gewesen, dann aber zu ihrem Vater gegangen. Nun kam sie eiligst zurck und
teilte Tsi in ngstlichem Tone mit:
    Ich bin bestrzt; ich habe einen Fehler begangen. Ich hatte in Am Jenseits
gelesen und lie das Buch, als das Zeichen zum Speisen gegeben wurde, auf dem
Stuhle neben Vater liegen; ich glaubte, da er schlafe. Als ich jetzt bei ihm
eintrat, wachte er und hatte das Buch in der Hand. Er las. Denken Sie, er las in
einem Buche des Verfassers, gegen den er stets gesprochen hat, weil er ihn nie
verstand! Ich bat ihn um das Buch; er schttelte nur den Kopf. Ich wiederholte
meine Bitte zum zweiten und zum drittenmal. Da sah er mich aus vollstndig
fremden Augen zornig an, rief mir die Worte El Mizan, die Wage der Gerechtigkeit
in einer Weise zu, als ob es mir das Leben kosten werde, falls ich ihn noch
weiter stre. Darum wagte ich keinen weiteren Einwand und eilte hierher, um zu
sagen, wie sehr ich mich ngstige. Denken Sie sich doch: Er, der Todesschwache,
noch immer nicht Gerettete, der seine eigenen Gedanken noch nicht zu fassen und
festzuhalten vermag, liest jene tiefen, schweren Stellen, die man nur dann
verstehen und begreifen kann, wenn - - -
    Da lchelte Tsi sie frhlich an und unterbrach sie mit den Worten:
    Haben Sie keine Sorge, Mylady! Er hat, als er im Arm des Todes lag, an
dieser entsetzlichen Wage der Gerechtigkeit gestanden, und grad ihr Anblick
ist's gewesen, der ihn von seinem frhern Irrtmern befreite. Sein Geist hat
jenen entscheidenden Augenblick nicht behalten knnen; das qult ihn, ohne da
er davon redet. Wenn er nun in dem Buche wiederfindet, was seinem Gedchtnisse
verloren gegangen ist, wird er innerlich klar und ruhig werden. Sie haben also
nichts zu befrchten, sondern nur Gutes zu erwarten.
    Das klang so bestimmt, so berzeugt, da es ihr unmglich war, sich weiter
zu ngstigen. Und dann, als wir vom Frhstckstische aufgestanden waren und ich
mir mit dem Governor auf dem Deck Bewegung machte, sagte dieser:
    Ich will aufrichtig gegen Euch sein, Sir. Noch bis vor Kurzem wre es mir
sehr, sehr schwer geworden, einzugestehen, da ich, meinen Beruf abgerechnet,
auf geistigem Gebiete so viel wie nichts gewesen bin. Jetzt aber mache ich Euch
dieses Gestndnis in aller Form und Aufrichtigkeit. Nehmt es von mir an! Nach
der wundersamen Szene dort in der Kajte gibt es fr mich keine rckstndigen
Menschen und Nationen mehr. Und von dieser Eurer Wage der Gerechtigkeit habe ich
gelernt, einzusehen, da ich den Wert der denkenden Geschpfe bisher mit
vollstndig falschem Ma gemessen habe. Dieser Tsi ist mir ber, vielleicht in
jeder Beziehung auer der Geburt, und das will ja nichts sagen, wenigstens hier.
Welche Klarheit und Sicherheit in seinem ganzen Wesen, in jedem seiner Worte!
Ich alter Graukopf kann noch von ihm lernen. Und seine Landsmnnin, die Yin, das
Bild in der Kajte! Haben Sie gesehen, wie es im Lichte zu leben und jedes Wort
des Kranken zu verstehen schien? Ich habe da begonnen, die wahre Kunst zu
begreifen und denke nun auch ber den Marmorkopf ganz anders. Diese Yin ist mir
in den letzten Tagen so lieb geworden, da es ein Verlust fr mich wre, wenn
sie nur als Kunstwerk existierte, ohne auch als Original vor mir stehen zu
knnen. So! Das mute und wollte ich sagen, zunchst nur Euch. Verratet mich
aber nicht. Werde schon selbst sprechen, wenn meine Zeit gekommen ist!
    Von jetzt an hatte Waller, wenn man zu ihm kam und er nicht schlief, das
Buch stets in der Hand, und es war ihm anzusehen, da er es nur ungern aus
derselben legte.
    Was meinen Sejjid Omar betrifft, so war er auf der Jacht ganz wie daheim.
Jedermann hatte ihn gern, und Jedermann erfreute sich seiner Gegenliebe. Es gab
fr ihn in Beziehung auf meine Person so viel wie nichts zu tun, und das war
recht gut, denn er gefiel sich whrend dieser Fahrt darin, seine Aufmerksamkeit
zwischen mir und Tsi und Mary Waller zu teilen. Von Tsi bekam er noch immer
Unterricht im Chinesischen; er sa stundenlang allein, um mit lauter Stimme
hunderte von auswendiggelernten Wrtern herzusagen, versumte aber keine
Gelegenheit, mir zu wiederholen, da es nur zwei wirkliche, vollendete Sprachen
gebe, die arabische und die deutsche, und da die chinesische eigentlich gar
keine Worte, sondern nur ganz verkehrte Redensarten habe. Und was die Lady
betrifft, so widmete er ihr seine unausgesetzte Dienstwilligkeit in einer Weise,
welche der Verehrung glich. Das war der Einflu edler Weiblichkeit auf einen
Araber, welcher in der Anschauung aufgewachsen war, da die Frau nichts weiter
als nur des Mannes Dienerin sei.
    Als wir uns Shanghai nherten, trat selbstverstndlich die Frage an uns
heran, ob und wie lange wir in diesem Hafen bleiben wrden. Keiner wollte sie an
Raffley richten, aber grad darum, weil wir keine Antwort auf sie wuten,
beschftigte sie uns um so mehr. Tsi mute dabei nicht nur an sich, sondern auch
an seinen Patienten denken, und in dieser Beziehung war es sogar seine Pflicht,
zu wissen, wohin die Reise ging. Er wendete sich mit seinen Sorgen an mich,
dessen Freundschaft mit Raffley auf Vermittlung rechnen lie, und teilte mir im
Vertrauen mit, da er einen Ort kenne, welcher wie kein zweiter zur Aufnahme
eines solchen, oder vielmehr dieses Kranken geeignet sei.
    Dort und nur dort allein, sagte er, wrde Waller Alles, aber auch Alles
finden, was fr ihn ntig ist, wenn er nicht nur krperlich gesunden, sondern
auch seelisch den wnschenswerten Abschlu seiner jetzigen Entwicklung erreichen
soll. Aus diesem Grunde mu ich wnschen, da nicht Raffley, sondern ich es
wre, der ber das Ziel unserer Fahrt zu bestimmen hat.
    Es schien ihm nicht ganz leicht zu werden, weiter zu sprechen; er fuhr erst
nach einigem Zgern fort:
    Ich sehe ein, da ich aufrichtig sein und mein Geheimnis endlich vor Ihnen
lften mu, zumal Sie wohl von allem Anfang an geahnt haben, da mein Vater
etwas mehr ist, als er sich gegen Fremde merken lie. Doch, wenn ich Ihnen nun
die Wahrheit sage, so denken Sie ja nicht, da ich mit ihr prunken will. Grad
die Prahlerei ist das, was uns am fernsten liegt, und was ich Ihnen sage, wrden
Sie ja ohnehin erfahren.
    Wir saen miteinander allein. Niemand hrte uns. Ich gestehe, da ich
gespannt auf die endliche Lsung dieses Rtsels war. Er begann sie mit den
Worten:
    Kaiser Hoang-ti, welcher fast dreitausend Jahre vor Ihrer Zeitrechnung
lebte und den Grund zu unserm Staatswesen legte, gab seinen Kindern Namen,
welche auf ihre Nachkommen bergehen sollten und noch heut von keinem Andern
getragen werden drfen. Der Name des Sohnes, von welchem ich abstamme, war Ki.
Sie sehen, da ich mich in Beziehung auf das, was Sie Adel nennen, vor keinem
Europer zu verbergen habe. Mein Stammbaum hat nicht eine einzige Lcke, und auf
keinem von allen diesen Namen ruht selbst nach den gegenwrtigen und
europischen Ehrbegriffen die geringste Schande. Mein Vater heit Ki Tai Schin.
Den Ehrennamen Tai Schin hat er direkt vom Kaiser bekommen. Er ist Mandarin der
ersten Klasse und Ritter der Gelben Flagge. Solche Ritter gibt es im ganzen,
groen Reiche nur fnf, und mit diesem allerhchsten Rang ist das Recht ber
Leben und Tod verbunden. Ich erhielt, auch vom Kaiser, den Namen Ki Ti Weng,
doch bitte ich, mich immerhin wie bisher Tsi zu nennen. Wir sind reich; ich
kenne Raffleys Vermgen nicht, aber ein Vergleich sogar mit diesem Herrn wrde
sicher zu unsern Gunsten ausfallen. So, das als Einleitung. Ich mute es sagen,
obgleich es so sehr unbescheiden klingt.
    Es gilt, zu den Namen zu bemerken, da Tai Schin so viel wie Groe
Pflichttreue oder Groe Humanitt heit. Vom Kaiser selbst gegeben, war das
gewi ein vielsagender Ehrennamen. Und Ti Weng heit Jngerer Greis. Nach der
chinesischen Bedeutung dieses Wortes Greis, welche auf Wissen, Knnen und
Erfahrung zielt, konnte Tsi mit dieser groen Auszeichnung wohl mehr als nur
zufrieden sein. Der junge Mann war aber nichts weniger als eingebildet stolz. Er
sprach weiter:
    Als ich in Frankreich war, lernte mein Vater in Peking einen Englnder
Namens Blackstone kennen, den ich also nie gesehen habe, obgleich die Beiden
sich auerordentlich nahegetreten sind und trotz des Altersunterschiedes
einander Brder nennen. Dieser Blackstone mu ein selten begabter Mann sein,
reich, human, tatkrftig, fr hohe Zwecke opferwillig, kurz von den edelsten
Gesinnungen beseelt. Ich stelle mir ihn wie unsern Raffley vor. Wie es gekommen
ist, das mchte ich nicht ausfhrlich beschreiben, aber Vater war und ist voller
Begeisterung fr diesen Europer. Jeder der Beiden liebt sein Vaterland von
ganzem Herzen, und whrend Vater der Ueberzeugung ist, da China zwar das volle
Recht besitze, sich dem Abendlande zu verschlieen, aber doch klug daran tue,
seine Eigenart im friedlichen Vlkerverkehre zur Geltung zu bringen, wird von
Blackstone der christlich lieben Anschauung das Wort gesprochen, da fr den
Westen im Osten noch ungeahnte Schtze liegen, die man sich aber nicht mit dem
Schwerte zu erobern, sondern in freundlicher und redlicher Weise einzutauschen
habe. In diesen zwei Mnnern kommen also Morgen- und Abendland einander in der
Weise entgegen, wie es von der wahren Intelligenz, der wahren Humanitt und dem
wahren Christentum befohlen wird. Sie faten den Entschlu, diese Harmonie der
Gesinnung in die Tat, diese Theorie in die Praxis umzusetzen, und erwarben an
der chinesischen Kste eine Landstrecke, welche gro genug und in jeder
Beziehung geeignet war, diesem Zwecke zu dienen. Ich wei nicht Alles, was sie
da geschaffen haben, obgleich Vater mir so viel davon erzhlt hat, denn er ist
ja bis krzlich fast zwei Jahre lang von dort abwesend gewesen und also ber das
Neueste selbst noch nicht genau unterrichtet.
    So ist er wohl jetzt wieder dort? erkundigte ich mich.
    Ja.
    Und Blackstone auch?
    Dieser nicht. Er hat Vater geschrieben, da er nach England msse, aber
bald zurckkehren werde. Das war vor schon lngerer Zeit, so da er also bald
wieder zu erwarten ist. Ich verzichte jetzt auch deshalb darauf, Ihnen Nheres
mitzuteilen, weil, wenn sich mein Wunsch erfllt, Sie ja Alles mit eigenen Augen
sehen werden. Vater betrachtet Blackstone als seinem jngeren Bruder und hat mir
so viel Liebes und Edles von ihm erzhlt, da ich mich unendlich darauf freue,
ihn kennen zu lernen. Dorthin und nur dorthin mchte ich Waller bringen. Meinen
Sie, bei Raffley erwirken zu knnen, da er mir den Patienten berlt?
    Ich werde es versuchen, antwortete ich. Ob ich es erreiche, kann ich
freilich nicht sagen. Ich darf ihm natrlich mitteilen, wer und was Sie sind?
    Ich bitte sogar darum. Dieses Inkognito ist unter den jetzigen
Verhltnissen doch nicht lnger festzuhalten.
    Es war dann nach dem Abendessen. Raffley kam mit irgend einer Frage zu mir
in meine Kabine. Da nahm ich die Gelegenheit wahr und trug ihm vor, was ich von
Tsi gehrt hatte. Die Wirkung war ganz anders, als ich sie mir vorgestellt
hatte. Er machte zunchst ein sehr erstauntes Gesicht; dann lchelte er im
hchsten Grade vergngt; hierauf wurde er wieder ernst, doch war es ein
glcklicher Ernst, und als ich fertig war, nickte er befriedigt vor sich hin und
sagte:
    Wer htte das gedacht! Also dieser Tsi ist dieser Ki Ti Weng, auf welchen
wir so groe Hoffnungen setzen!
    Wie? Sie haben schon von Ki Ti Weng gehrt? fragte ich berrascht.
    Gehrt? Hm! Charley, hren Sie, was ich Ihnen jetzt sage!
    Er trat vor mich hin, legte mir seine beiden Hnde auf die Achseln und fuhr
fort, indem er die Worte gewichtig auseinanderzog:
    Dieser - - Blackstone - - bin - - nmlich - - ich - -! Ich habe mich nach
einem meiner Schlsser, Blackstone Castle, so genannt!
    Natrlich war die Reihe, sich zu wundern, nun an mir, und dies tat ich so
grndlich, da er lachend ausrief:
    Glauben Sie es getrost; es ist die volle reine Wahrheit! Ich werde Ihnen
erzhlen, wie das so gekommen ist. Aber kommen Sie heraus aus dieser Koje! Wir
mssen drauen unter dem freien Himmel sein und die Sterne ber uns haben, wenn
ich Ihnen berichte, wo, wann und wie mir der Stern meines Lebens aufgegangen
ist.
    Wir setzten uns hinaus aufs offene Deck, und da begann er, zu erzhlen. Es
war eine Liebesgeschichte, aber was fr eine! Seelentief, heilig ernst, die
Vereinigung zweier, fr einander bestimmter Wesen zu einem einzig einen! Nun das
Schweigen einmal gebrochen war, sprach er so selig gern und darum so ausfhrlich
von ihr. Er war kein Mann der Phantasie; man hrte jedem Worte an, da er nicht
bertrieb. Was fr ein herrliches Weib mute diese Yin sein, deren Einwirkung
ihn so vertieft und so veredelt hatte! Ich mu natrlich krzer sein, als er es
war.
    Ihr Vater war droben in Hla-Sa, der Hauptstadt von Tibet, wo der Dalai-Lama
thront, Gouverneur des Kaiserreiches China gewesen. Dort wurde sie geboren, und
daher kam es, da ihre Fe nicht zu chinesischen Klumpfchen verunstaltet
worden waren. Ihr Vater gehrte auch der adeligen Familie der Ki an. Er starb in
Tibet. Sie kam mit ihrer Mutter nach Peking zu einem sehr wohlhabenden Bruder
der letzteren, welcher ohne Frau und Kinder war und sein Leben nur im Studium
der buddhistischen und konfuzianischen Lehren verbrachte. Er gewann das schne,
ganz eigen geartete Kind lieb und beschftigte sich so viel mit demselben, da
es sich nach und nach in ihn einlebte und an seiner geistigen Ttigkeit den
grten Anteil nahm. Das Mdchen lernte lesen und schreiben, bei Chinesinnen
eine groe Seltenheit, wurde in die Gedankenwelt des Oheims eingefhrt und von
diesem als Erbin nicht nur seines Vermgens, sondern auch seiner Seelenwelt
betrachtet. So wuchs sie heran, immer schner werdend, doch nichts begehrend,
als nur fr die Mutter und den Oheim leben zu drfen. Dieser ahnte in seiner
Bescheidenheit gar nicht, da er ein berhmter Gelehrter war, den sogar
Auslnder aufsuchten, um ihn kennen zu lernen. Er war der englischen Sprache
mchtig und brachte seine Muestunden gern damit zu, auch seine Nichte in
dieselbe einzufhren. So kam es, da sie europische Bcher lesen lernte und vom
Onkel die Erlaubnis erhielt, mit den Frauen der abendlndischen Gesandtschaft zu
verkehren. Was bei einem Manne die ganz gewisse Folge gewesen wre, nmlich ein
innerlicher Zwist zwischen der heimischen und der fremden Anschauung, das wurde
bei Yin zum freundlichen Streben beider, in ihr zu einer vollen, friedlich
klaren Harmonie zusammenzuklingen. Und wie es ganz gewi wahr ist, da die Seele
die plastische Entwickelung des Krpers beeinflut, so wurde es je lnger desto
schwerer, aus den Gesichtszgen dieses Mdchens die mongolische Abstammung zu
folgern. Und grad diese Durchgeistigung des einen von dem andern war es, wodurch
Raffley sofort und fr immer gefesselt worden war, als er sie bei dem Besuche
einer englischen Familie zum ersten Male gesehen und gesprochen hatte. Ein so
ungewhnlicher Mann wie er konnte allerdings auch nur durch ein so seltenes
Wesen wie sie zu dem Entschlusse bewogen werden, alles an das groe Glck zu
setzen, sie sein Eigen nennen zu drfen. Indem er in dieser Weise von ihr
sprach, sagte er:
    Ich fhlte es, als ich sie kennen lernte, doch klar ist es mir erst nach
und nach geworden, da in ihr die Vereinigung zweier Ideale Gestalt und Leben
gewonnen hat. Wird die Erde jemals ein einig einziges Schnheitsideal besitzen?
Ich wei es nicht. Aber meine Yin ist es, nach der ich es meieln oder malen
wrde, wenn ich Knstler wre! Und ich meine das nicht nur in krperlicher
Beziehung. Die Summe aller seelischen Vorzge kann nichts Anderes als nur Gte
sein, und Yin ist ganz unfhig, etwas Anderes zu sein, als nur die Gte selbst.
Ich habe um sie gedient, wie Jakob einst um seine Rahel diente, zwar nicht so
lange, aber mit derselben Opferwilligkeit. Sie liebte mich, doch ihr Oheim
weigerte sich, sie der Gefahr auszusetzen, sich von einem abendlndischen
Edelmanne, dessen Verwandte sie nicht anerkennen wrden, spter vielleicht
verlassen zu sehen. Da lernte ich Ki Tai Schin kennen und verkehrte tglich mit
ihm, doch ohne ihm auch nur ein einziges Wort ber Yin zu sagen. Ich hatte
frher die mongolische Rasse tief unterschtzt, wie fast jeder Europer es tut,
doch war es der Liebe gelungen, mir die Augen zu ffnen. Yin lebte in mir. Das
gewann mir die Freundschaft dieses so hochgebildeten und weitblickenden
Mandarinen. Er erfuhr den eigentlichen Grund meines Handelns nicht, aber wir
wurden mit einander einig, das Werk zu schaffen, von welchem Ihnen sein Sohn
berichtet hat.
    Raffley hatte sich diesem Werke mit grtem Eifer hingegeben, doch erst als
es zu einem berzeugenden Beweise gediehen war, hatte der Oheim ihn
benachrichtigt, da er ihn nun auch persnlich nher kennen lernen wolle. Um
diese Zeit war es, da Fu, wie ich ihn noch nennen will, seine groe
Studienreise in das Ausland unternahm, um am Schlusse derselben seinen Sohn aus
dem Abendlande heimzufhren. Raffley, der sich seiner hocharistokratischen
Familie wegen Blackstone nannte, sah endlich seinen Herzenswunsch erfllt: Yin
wurde sein; Mutter und Oheim verlieen mit ihr Peking, um sich an Raffleys
Arbeit zu bettigen. In dieser ersten Zeit des Glckes wurde die Jacht gebaut,
welche natrlich gar nicht anders als nur Yin heien konnte. Aber einem
Charakter wie Raffley konnte ein verheimlichtes Glck kein ganzes, kein volles
sein. Er war unendlich stolz auf den Schatz, den er erworben hatte, und wollte
ihn von seinen Verwandten anerkannt sehen. Er war es dieser Frau schuldig, da
sie von den Seinen so geehrt und so geachtet wurde, wie sie es verdiente. Darum
ging er nach England. Er fand dort nichts als Widerstand. John Raffley, und eine
Chinesin, pfui! Es hatte da Szenen gegeben, welche er nicht beschrieb, sondern
nur ahnen lie. Aber da war ganz unerwartet ein glckverheiender Umstand
eingetreten: der Governor wettete ebenso gern wie Raffley selbst und hatte
whrend einer derartigen Szene eine Wette vorgeschlagen, welche von allen
Beteiligten acceptiert worden war. Er wollte mit nach China gehen, um diese Yin
zu sehen. Gefiel sie ihm, so sollte sie anerkannt und als vollstndig ebenbrtig
betrachtet werden; gefiel sie ihm aber nicht, so hatte Raffley auf Alles zu
verzichten, was er war und was er besa. Diese Bedingungen wurden amtlich
festgestellt, beglaubigt und von allen dabei interessierten Personen
unterzeichnet. Dann trat Raffley mit dem Governor die Rckfahrt an, vollstndig
berzeugt, da er gewinnen werde. Der alte Gentlemann aber forderte, da
unterwegs niemals von Yin gesprochen werden drfe, weil dies sein Urteil im
voraus beeinflussen knne, und Raffley weigerte sich nicht, auch hierzu seine
Einwilligung zu erteilen.
    Das also war die groe Wette, von welcher der Governor einige Male
vertraulich zu mir gesprochen hatte, und darum war diese schne Yin fr ihn ein
Gespenst, vor welchem er sich scheute. Je nher er China gekommen war, desto
mehr hatte sich in ihm die Befrchtung vergrert, da er einer Niederlage
entgegengehe.
    Als Raffley mir das Alles erzhlt hatte, ging er mit mir zu Tsi und teilte
ihm mit, da und aus welchem Grunde ihr beider Reiseziel dasselbe sei. Das
Erstaunen des Chinesen war ebenso gro wie seine Freude. Hatte er mir doch so
richtig ahnend gesagt, da er sich diesen Blackstone ganz wie Raffley vorstelle.
Nun war mit einem Male Alles glatt und klar geworden, und es sollte fr Tsi noch
eine ganz besondere Genugtuung geben, denn zufllig nherte sich uns jetzt der
Governor, zu welchem Raffley sagte:
    Dear uncle, steht fest, und haltet Euch irgendwo an! Es ist ein Ereignis
unterwegs, welches Euch sehr leicht ins Wackeln bringen kann!
    Ich wackele nie! behauptete der Onkel.
    Aber jetzt wahrscheinlich doch; wollen sehen! Er nahm den Chinesen bei der
Hand, zog ihn bis vor den Governor hin und fragte diesen: Wer ist dieser
Gentleman? Kennt Ihr wohl seinen Namen?
    Ah, so! Jedenfalls ein Witz! Well, gehen wir darauf ein! Dieser Gentleman
ist mein Freund und heit Doktor Tsi.
    Nein, so heit er nicht, sondern Ki Ti Weng.
    Ki - - Ti - - Ti - - Ti - - machte der Uncle, indem sein Gesicht bei jedem
Ti immer erstaunter wurde. Ti - - Ti - - - Wang, Wing oder Weng! So heit
doch wohl der Sohn deines Freundes, des Mandarinen Ki Tai - - Tai - - Tai und so
weiter?
    Allerdings. Und dieser Sohn ist eben unser Doktor Tsi. Ich habe natrlich
keine Ahnung davon gehabt und es erst jetzt, in diesem Augenblick, erfahren.
    Ist es mglich? Das soll ich glauben?
    Gewi!
    Der Sohn des Mandarinen mit dem viertausendsechshundert Jahre alten Adel?
    Ja.
    So halte mich! Ich wackele!
    Er war im hchsten Grade erstaunt, obgleich er sich bemhte, seiner
Verwunderung diese scherzhafte Wendung zu geben. So fuhr er fort:
    Inkognito! Unter andern Namen! Es geht Alles, Alles anders, als man dachte!
Meine Wette, meine groe, groe Wette! Aber ich werde mich rchen! Dieser Doktor
Tsi, der eigentlich Ki Ti - - Ti - - Ti und so weiter heit, soll mir zur Strafe
fr seine Heimlichkeiten die Namen und Daten aller seiner Ahnen hersagen, welche
es in diesen viertausend sechshundert Jahren gegeben hat. Bitte, vorwrts, nach
meiner Koje! Heut sieht sie unsern Tsi zum erstenmal als Gast!
    Er zog den Arm des Arztes unter den seinen und ging mit ihm fort.
    Alter, echter Gentleman! sagte Raffley gerhrt. Knnte doch ein Jeder die
alten Vorurteile in so anstndiger Weise berwinden, wie er! Ich bin berzeugt,
da er schon in den nchsten Tagen auch mit meiner herrlichen Yin genau so Arm
in Arm promenieren gehen wird! -
    In Shanghai blieben wir einen ganzen Tag, denn es gab fr alle Gesunden das
Bedrfnis, sich einmal eine anhaltendere Bewegung zu machen, als an Bord mglich
war. Es gelang mir, zwei gute Pferde aufzutreiben, um mit meinem Sejjid Omar,
der sich sehr darber freute, einen Ritt ber den schattigen Bund und durch
die jenseits des chinesischen Stadtteiles liegenden Avenuen zu machen. Dann
begleitete ich Raffley durch die Lden, in denen er nach Gegenstnden fr die
Geliebte suchte. Es hatte aber den Anschein, als ob ihm nichts ihrer recht
wrdig sei, obgleich er mir im Tone des Glckes anvertraute, da sie die
Einfachheit liebe und auch gar nicht ntig habe, sich zu schmcken, da sie
selbst die kstlichste Perle sei, die man sich nur denken knne.
    Am Abende besuchten wir mit Mary Waller den berhmten, wunderbar
illuminierten Garten von Chang Su Ho. Tsi hielt es fr notwendig, der Lady diese
Abwechslung zu bieten, zumal das Befinden ihres Vaters es ihr jetzt erlaubte,
sich fr einige Stunden von ihm zu beurlauben.
    Wir hatten uns in dem erwhnten Garten fr uns allein gesetzt und
betrachteten mit regem Interesse das vielgestaltete Leben, welches in der
prachtvollen knstlichen Beleuchtung vor uns auf- und niederwogte. Da sprang Tsi
pltzlich auf und eilte einem kleinen, schmchtigen Chinesen nach, welcher an
uns vorbergegangen war, ohne von uns beachtet worden zu sein. Er hielt ihn fest
und sprach zu ihm, ohne ihn vorher in der landesblichen, umstndlichen Weise
begrt zu haben; der Kleine schien also ein nherer Bekannter von ihm zu sein.
Dann fhrte er ihn uns zu, und ich sah zu meiner Ueberraschung, da es Fang,
mein Bekannter von Point de Galle her war. Er stellte ihn uns unter Aufzhlung
aller Titel und Wrden vor und fgte hinzu, da dieser Mandarin des roten
Blumenknopfes frher sein Lehrer gewesen und einer der berhmtesten Aerzte
Chinas sei. Ich streckte dem lieben Kleinen nach europischem Brauche meine
beiden Hnde hin, um ihn willkommen zu heien, wodurch die Andern erfuhren, da
wir uns schon kannten. Er nahm selbstverstndlich bei uns Platz, und da stellte
es sich bald heraus, da er in der Absicht, zu Tsis Vater zu reisen, hier in
Shanghai nach einer Schiffsgelegenheit dorthin gesucht hatte. Raffley beeilte
sich, ihn einzuladen, mit uns zu fahren, und es wurde bereitwilligst angenommen.
    Im Laufe der Unterhaltung kam die Rede auf unsern Patienten. Tsi begann zu
erzhlen. Fang hrte mit grtem Interesse, welches sich oft zur Spannung
steigerte, zu und unterbrach den Bericht hier und da mit Erkundigungen, welche
verrieten, da er sich hier auf einem Gebiete befinde, auf dem er vielleicht
noch heimischer als sein einstiger Schler sei. Er hielt uns, als Tsi zu Ende
war, ber das Thema Vision ein Privatissimum, welches selbst einem
europischen Gelehrten ersten Ranges Bewunderung abgentigt htte, stimmte der
bisherigen Behandlung Wallers in jeder Beziehung vllig bei und versicherte uns,
da die abendlndische Wissenschaft hier vor einem Felde stehe, welches die
Geringschtzung, mit der man es bis heut behandelt habe, nichts weniger als
verdiene. Nach einiger Zeit verabschiedete er sich fr einstweilen von uns, um
sein Gepck zu besorgen, und als wir dann an Bord ankamen, war er schon da und
erzhlte uns in heiterer Weise, da mein Sejjid Omar ihn sogleich erkannt und
eine wunderbare chinesische Rede vom Stapel gelassen habe.
    Am folgenden Vormittage nahmen wir Anker auf und gingen bei prchtigstem
Wetter mit vollem Dampfe weiter. Indem wir uns von der Tschifulinie weit nach
Westen hielten, entfernten wir uns von dem Kurse europischer Fahrzeuge und
bekamen nur dann und wann ein chinesisches zu sehen. Auch an Bord schien es
weniger Leben als sonst zu geben. Mary war bei ihrem Vater. Tsi sa, wenn er
sich nicht mit dem Kranken beschftigte, mit Fang beisammen; sie hatten ja
einander viel zu berichten. Raffley beschftigte sich mit dem Ordnen der
Geschenke, welche er nach unserer Ankunft zu verteilen hatte, und der Governor
war heut von einer Nervositt, welche ihn fast ungeniebar machte. Ich versuchte
einigemal, ein Gesprch mit ihm zu beginnen; er hielt mir aber nicht Stand. Das
war wohl freilich zu begreifen, weil die Entscheidung nun so nahe lag. Bei einem
dieser Versuche sah er mich wie ratlos an und sagte:
    Wit Ihr, Sir, was morgen geschieht, schon morgen? O, diese Yin! Ich
wnsche sie ins Pfefferland und freue mich doch fast wie ein Kind auf sie! Ist
das nicht verrckt? Werde ich gewinnen oder verlieren? Pshaw! Ich brauche ja nur
fest zu behaupten, da sie mir nicht gefllt, so habe ich den Sieg! Aber erstens
wre das eine Lge, weil mir doch schon ihr Bild gefllt. Zweitens liegt mir
dieser alte, liebe John am Herzen. Sollen wir ihn um Alles, Alles bringen, weil
er so klug ist, wirklich glcklich sein zu wollen? Und drittens, hm, drittens
kommt mir diese ganze Wette so unsinnig vor, da ich mich gar nicht begreife.
Wie ein vernnftiger Mensch nur wetten kann!
    Das klang grad aus seinem Munde so sonderbar, da ich ein Lcheln nicht
unterdrcken konnte. Er sah das und fuhr schnell und fast zornig fort:
    Lacht nur, Sir, immer lacht! Wer hat denn diesen Hieb gegen John und mich
gefhrt? Ihr! Jede Wette ging verloren, nur die Eurige nicht. Und Waller wird
die seinige auch bezahlen mssen! Nun treibt mich heut die Ungewiheit hin und
her, und ich kann mir nicht einmal mit einer Wette Luft machen! Und wenn ich
knnte, so wrde ich es doch nicht tun, denn ich - - ich - - wette nie in meinem
Leben mehr. Hrt Ihr es? Nie! Und daran seid Ihr schuld, Ihr fataler,
schrecklicher - - guter, lieber Mensch!
    Er drehte sich auf den Hacken um und lie mich stehen. Der Kampf des
Menschen mit sich selbst ist der schwerste, den es gibt. Es gelingt nur Wenigen,
ihn bis zum Ende und siegreich durchzufhren.
    Am Abende dieses Tages geschah etwas sehr Eigenartiges, sehr Unerwartetes.
Der Kranke hatte, ohne die Augen zu ffnen oder ein Glied zu bewegen, dreimal
mit starker, befehlender Stimme verlangt, aus der Kajte hinaus auf das Deck
geschafft zu werden. Er wolle den Strahl von oben direkt auf sich leuchten
sehen. Mary meldete das Tsi, und dieser war so bedachtsam, erst dann zu
bestimmen, nachdem er mit Fang hierber gesprochen hatte. Beide trafen in der
Meinung zusammen, da man den Wunsch zu erfllen habe, zumal der Abend ein sehr
ruhiger und selten schner war. Natrlich war Waller nur mitsamt dem Lager zu
transportieren. Es wurde herausgeholt und bis nach Yins Kajte getragen, weil
dieser Platz am besten hierfr pate. Ich stieg mit Fang auf das Verdeck dieser
Kajte, von wo aus wir den Kranken nahe unter uns hatten. Tsi und Mary nahmen
ihre Stellung zu seinen beiden Seiten.
    Er lag zunchst mit geschlossenen Augen. Erst nach lngerer Zeit ffnete er
sie und schaute zum Firmamente empor. Er sagte nichts. Seine Seele war nicht
nach auen, sondern nur in ihm beschftigt. In dieser Stille verging eine lange,
lange Zeit. Da kam der Mond im Osten aus der See gestiegen. Der Kranke wurde
zunchst unruhig; dann lag er wieder still. Und pltzlich, so unerwartet und so
laut, da wir fast erschraken, ertnte seine Stimme:

Gebt Liebe nur, gebt Liebe nur allein;
Lat ihren Puls durch alle Lnder flieen;
Dann wird die Erde Christi Kirche sein,
Und wieder eins von Gottes Paradiesen!

    Wir konnten ihn nur sehen, wenn wir uns von oben vorbeugten, und da wir
befrchteten, ihn dadurch zu stren, so wurde es von jetzt an unterlassen. Wir
vermieden jedes, auch das geringste Gerusch, und so hrten wir, da er vor sich
hinflsterte. Dann wurde seine Stimme wieder laut:
    Steigt nieder, die ihr jetzt am Himmel strahlt, zu der, die euch nur aus
der Ferne kennt, zur Welt des Scheins, die mit dem Lichte prahlt, obgleich sie
nichts als nur Geborgtes brennt! Steig nieder, heilger Stern von Ephrata, der du
der Stern der wahren Liebe bist; erscheine, wie's in jener Nacht geschah, und
zeige uns wie dort den wahren Christ!
    Ich sah den Sprechenden nicht, und dadurch bekam das, was er sagte, einen
ganz eigenartigen, unbeschreiblichen Klang fr mich. Es kam wie aus groer Tiefe
oder weiter Ferne, ein Ruf, wie aus der Zeit des alten Testamentes. Nun fuhr er
fort:
    Wo ist die Liebe, die am ersten Tag der Menschheit Christi arm geworden
war, die ohne Dnkel in der Krippe lag und Demut bte stets und immerdar? Wo ist
die Liebe, die zum Jnger kam und ihm nur dann die Seligkeit verhie, wenn er
das Kreuz geduldig auf sich nahm und alle Erdengter von sich stie? Wo ist die
Liebe, welche der geliebt, der jede ihrer Gaben so verstand, da Alles, Alles,
was die Rechte gibt, verborgen bleibt der andern, linken Hand? Wo ist die Liebe,
die sich willig bot, als Opferlamm, trotz aller Qual und Pein, durch einen
unerhrten Martertod fr Freund und Feind ein ewges Heil zu sein?
    Es war ein schwer ernster Ton, in welchem er diese vier Fragen ausgesprochen
hatte, ein Grave, welches gar nicht gewichtiger erklingen konnte. Dann hrten
wir ihn in eindringlich mahnender Weise weitersprechen:
    Sie ist von Ewigkeit zu Ewigkeit; sie ehrt den Staub und glnzt im
Alpensirn. Sie trgt den Raum; sie wohnt in jeder Zeit; warum verschliet sich
ihr das Menschenhirn? Es schlgt ihr Puls, wenn auch ihm unbewut, weil er des
Herzens Stimme nicht versteht, sogar in jedes Egoisten Brust, in der ein Odem
auf-und niedergeht. Gib ihr doch Raum, du armes Menschenkind, den Raum, den ihr
das erste Ostern gab; glaub an die Engel, die gekommen sind; sie nehmen gern den
Stein dir von dem Grab!
    Wie wunderbar das zu hren war! Nicht wie eine Rede, noch weniger wie eine
Deklamation. Es schien gar keiner Schallwellen und gar keines Ohres zu bedrfen,
um das Herz zu erreichen. Es wirkte unmittelbar; kein Struben half dagegen.
Hierauf erhob er seine Stimme wieder:
    Kling weit hinaus, so weit das Wort nur klingt, du frohe Botschaft, da der
wahre Christ von Herzen gern das grte Opfer bringt, weil es fr ihn ja doch
kein Opfer ist. Kling weit hinaus, so weit die Erde reicht, du Wort des Heiles,
das auch uns bekehrt, und wer als Jnger seinem Meister gleicht, durch den seist
du der Heidenwelt beschert! Kling weit hinaus, und wo du auch ertnst, sei
Evangelium fr Jedermann. Wenn du die Vlker einigst und vershnst, bricht fr
uns Christi Reich des Friedens an!
    Er hatte die letzten Stze immer langsamer und langsamer gesprochen; nun war
er still. Nach lngerer Zeit hrten wir, da er wieder nach seiner Kajte
verlangte. Er wurde hineingetragen. Wir stiegen von unserm hohen Platze hinab
und folgten. Waller schien von der frischen, krftigen Luft ermdet und
eingeschlafen zu sein. Tsi aber meinte, da der Kranke wohl noch Etwas zu sagen
haben werde. Die Besprechung des Gedichtes Zeile fr Zeile sei allerdings
beendet; aber weil derselben die Erscheinung von Marys Mutter vorangegangen sei,
drfe man fast mit Sicherheit erwarten, da er sie auch nun zum Schlusse wieder
sehen werde. Diese Bemerkung mochte auf meinem Gesichte eine, wenn auch
unausgesprochene, aber doch sehr deutlich lesbare Frage hervorgebracht haben,
denn er fgte, indem er dabei lchelte, hinzu:
    Sie wundern sich ber die Sicherheit, mit welcher ich das wahrscheinlich
Kommende voraussage? Htten Sie eine Ahnung von der strengen, unfehlbaren Logik,
mit welcher sich diese fr Sie so geheimnisvollen psychischen Tatsachen
entwickeln, so wrden Sie nicht staunen. Die Ereignisse auf diesem Gebiete
geschehen nach wenigstens ebenso unerschtterlichen Gesetzen wie die
Vorkommnisse der nicht metaphysischen Welt. Mi Mary mag hier bleiben und sich
still verhalten; wir Beide aber nehmen wieder drauen vor der Thr Platz, wo wir
am letzten Male gesessen haben. Sie werden bald hren, da ich mit meinen
Vermutungen das Richtige getroffen habe.
    Bei unserer vorigen Beobachtung Wallers war es frher am Abende gewesen als
heut; aber auch die Mondzeit war unterdessen vorgeschritten, und so kam es, da
die Verhltnisse fast genau dieselben waren: der sanfte, weiche Schein des
Lichtes fiel durch die groen Glasscheiben auf das Lager und stieg an der
Gestalt des Ruhenden langsam empor. Als er das Gesicht erreicht hatte, begann
Waller, sich zu bewegen. Er sprach jetzt nur ein einziges Wort; es war der Name
seiner Frau. Dann lag er wieder still; es war, als ob er lausche. Hierauf wurde
er abermals unruhig und wendete unter leisem Flstern sein Gesicht hin und her,
bis es, dem Mondscheine zugewendet, liegen blieb. Und nun begann er laut und
deutlich:
    Du kamst zu mir und gabst mir Augenlicht, in eure liebe, reine Welt zu
schauen. Ich sah der Wahrheit in das Angesicht und will der Herrlichen mich
antrauen. Wem sie gelehrt, die Tuschung zu besiegen, der soll dem Schein nicht
wieder unterliegen. - - - Du kamst zu mir, warst einem Engel gleich, der Liebe
brachte und um Liebe bat; es hat ja immer nur das Himmelreich fr unser
Erdenreich den besten Rat. Es wollte sich mir im Gedichte zeigen, um durch
dasselbe in mein Herz zu steigen. - - - Nun ist es da. Es ist die Seligkeit, die
schon in diesem Leben mir gehrt. O wrde doch der Mensch nicht durch die Zeit
und durch des Raumes Hinterlist betrt, er wrde khn sich an das Ewge wagen und
dann als Preis den Himmel in sich tragen!
    Hatte ich schon einmal solche Worte vernommen? Wohl kaum jemals in meinem
Leben, wenigstens in dieser Weise nicht. Sich an das Ewge wagen! Ist das
vielleicht so verwegen, wie es klingt? Nein; wir sollen es sogar! Aber wir
sollen nicht nur an das Ewige denken, sondern auch fr die Ewigkeit leben, denn
- - wir leben ja schon in der Ewigkeit. Zeit wird ja nur der winzige Teil von
ihr genannt, in welchem der Mensch nach seinen Erdenstunden zhlt. - Waller
hatte hier innegehalten. Nun sprach er im Tone der Liebe weiter:
    Gib mir die Hand, wie du sie mir gereicht, als du, mein Weib und Engel, zu
mir kamst. Es hatte sich mir schon der Tod gezeigt, grad als du mich in deine
Fhrung nahmst. Ich bin ihm nur durch dich, durch dich entgangen und hab nun
jenes Leben angefangen. - - - Wie dank ich dir! Nun bist du himmlisch mein, die
du nur irdisch einst die Meine warst. La mich ein Schler jener Liebe sein, als
deren Strahl du dich mir offenbarst. Ich will ihr frei und ohne Falsch gehorchen
und sie mir nicht auf andrer Namen borgen.
    Er hatte seine beiden Hnde ausgestreckt, dem Mondesstrahle entgegen, und
sie dann so ineinander gelegt, als ob er zwischen ihnen die Hand einer
unsichtbaren Person festhalte. Jetzt machte er eine Bewegung, als ob er diese
Hand wieder freigebe, und lie die letzten Worte folgen, denen er am Schlusse
einen schweren Nachdruck gab:
    Du lchelst froh, indem du von mir gehst. Die Hnde faltend, schaust du
himmelan. Ich hre, was du uns von dort erflehst: es ist die Seligkeit fr
Jedermann. Was macht zum Himmelreich denn schon die Erde? Ein einz'ger Hirt und
eine einz'ge Herde!
    Das war das Ende seines heutigen Gesichtes. Er wendete sich nach einiger
Zeit nach der andern Seite, und Tsi war berzeugt, da er nun nicht wieder
sprechen werde.
    Mary, welche drin bei ihrem Vater gesessen hatte, kam jetzt heraus zu uns.
Auch sie war tief ergriffen. Wir sprachen noch lange ber das, was wir gehrt
hatten. Kein Wort aber fiel darber, ob der Zustand, in welchem Waller diese
Visionen hatte, fr ihn vielleicht gefhrlich sei. Wir waren berzeugt, da Tsi
in diesem Falle unbedingt Einhalt getan htte. Einer andern Frage aber mute ich
Worte geben:
    Glauben Sie, da Mr. Waller wei, was er spricht?
    Alles, Alles wei er, jedes Wort, antwortete der Arzt. Haben Sie es ihm
nicht angehrt, da er whrend des Sprechens berlegt? Er bekommt das, was wir
von ihm hren, zunchst nicht etwa fr uns, sondern fr sich selbst. Er hrt es,
wie wir hren, wenn gesprochen wird; er knnte es schweigend entgegennehmen;
aber er spricht es laut und deutlich aus, weil es ihm dadurch leichter wird, es
sich zu eigen zu machen. Er prgt es seinem Gedchtnisse ein, und wenn er es
auch nicht wrtlich behlt, so nimmt er doch ganz gewi wenigstens den Sinn aus
dem visionren Zustande mit herber in das krperliche Leben. Hier bewegt und
entwickelt er es in sich weiter. Er kann sich dieser Einwirkung des Jenseits
nicht entziehen; sie ist fr ihn magebender und glaubwrdiger, als die
Meinungen aller irdischen Autoritten, und so kommt es, da seine Ansichten ganz
andere werden, als sie frher gewesen sind. Er wird das, was man nicht hier, in
dieser Welt der Irrsale, sondern dort in jenem Reiche klar gewordener Geister
einen Christen nennt.
    Geister? Vielleicht auch Seelen? fragte Mary. Glauben Sie, da sie den
Menschen sagen knnen, was meinem Vater gesagt worden ist? Sie befinden sich
doch in der Ewigkeit; wir aber sind noch hier auf der Erde!
    Ewigkeit und Erde schlieen einander doch nicht aus, erklrte Tsi. Die
Ewigkeit ist vor uns, hinter uns, neben und rund um uns. Wir befinden uns in
ihr. Unsere Erde ist eines der winzigen, ununterbrochen im Kreise rinnenden
Krnchen der nie sich erschpfenden, nie sich leerenden Sanduhr der Ewigkeit. Es
ist einer der grten und unverzeihlichsten Gewohnheitsirrtmer, anzunehmen, da
die Ewigkeit fr uns erst nach unserm Tode beginne. Wir leben in ihr und gehren
zu ihr, wie die von Ihnen erwhnten Geister und Seelen zu ihr gehren. Wenn Ihr
Glaube diese Seelen in die Ewigkeit versetzt, in welcher Sie sich doch in
Wirklichkeit schon selbst auch befinden, so sagt er doch weiter nichts, als da
sie hier bei Ihnen geblieben sind. Und ist dies der Fall, so ist es doch ganz
selbstverstndlich, da diese Geister nicht nur auf uns wirken knnen, sondern
sogar auf uns wirken mssen, besonders da es fr sie keine krperlichen und
rumlichen Verhltnisse gibt, durch welche sie daran gehindert werden. Fr uns
Chinesen ist das etwas so unendlich Selbstverstndliches, da wir mit unsern nur
scheinbar Abgeschiedenen in der lieben, dankbaren Weise verkehren, welcher Sie
so unberechtigter Weise die Bezeichnung Ahnenkultus gegeben haben. Ich sage
Ihnen, da es fr Andere von unermelichem Vorteile sein wrde, wenn auch ihnen
endlich die Erkenntnis kme, da sie durch ihren Unglauben in dieser Beziehung
zu einer lieblosen Entfremdung mit Denen gefhrt werden, welche sich in diesem
Leben fr uns opferten und sich auch in jenem weiter fr uns opfern, ohne da
wir es ihnen hier danken konnten, es ihnen also nun dort danken sollen! Sie sind
da; sie sind hier bei uns; ich schwre es Ihnen zu! Nun denken Sie sich ihr
Herzeleid, ihre Trauer darber, da Sie sie von sich verstoen und nichts von
ihnen wissen wollen, und zwar nur aus dem ganz unzureichenden Grunde, da Ihre
materiellen Sinne nicht fein genug sind, das Geistige zu schauen, zu empfinden!
Es sind bittere Schmerzen, welche Sie dadurch den teuren Wesen bereiten, welche
Ihnen hier in der Zeit nahe gestanden haben und auch hier in der Ewigkeit nahe
bleiben sollen. Gibt es denn fr Euch doch sonst so kluge Menschen kein Mittel,
Euch von dieser geistigen Kurzsichtigkeit zu befreien und den zur Seligkeit
Bestimmten diese Seligkeit nicht lnger zu vergllen?
    Der sonst so ruhige, junge Gelehrte war erregt geworden; er stand auf und
entfernte sich. Darum verabschiedete auch ich mich bald von Mary, um schlafen zu
gehen, war aber berzeugt, da der zur Ruhe gehrige, innere Augenschlu sich
heut verzgern werde. Da kam Raffley die zur Kommandobrcke fhrenden Stufen
herunter und auf mich zu.
    Bitte, mir zwei Worte zu erlauben, lieber Charley, sagte er. Indem er
meinen Arm in den seinen zog, um mit mir hin und her zu gehen, fuhr er fort:
Ki-tsching liegt nmlich nur noch diese Nacht und einige Stunden von uns
entfernt, und - - -
    Ki-tsching? unterbrach ich ihn. Wie Sie diese Worte betonen, heien sie
hoffen und vollenden. Der Name dieser Ihrer Besitzung bedeutet also ein Land, in
welchem die Hoffnung begonnen hat, was die Zukunft vollenden soll?
    Ja, genau so ist es. Uebrigens legen wir nicht am Festlande, sondern
zunchst an der den Hafen beschtzenden Insel Ocama an.
    Ocama? Wahrscheinlich ein zweites Macao, nur da die Silben anders geordnet
sind. Darf ich vermuten, da dies eine sinnbildliche Bedeutung hat?
    Eine symbolische und zugleich auch eine erklrende. Ihnen aber brauche ich
ber die Bedeutung dieses Namens ja wohl nichts mehr zu sagen. Sie verstehen sie
auch ohne Worte. Auf Ocama liegt das frhere chinesische Sommerhaus Ihres
Bekannten Fu, wo meine Yin uns erwartet. Ich habe ihr von Hongkong aus
telegraphiert, whrend auch unser Tsi, ohne da ich davon wute, seinem Vater
von dort aus eine Depesche sandte. Dieser Letztere ist bei Yin, und Beide
wissen, da wir morgen kommen. Das ist es, was ich Ihnen jetzt noch gern sagen
wollte. Gute Nacht!
    Gute Nacht! -
    Wie ich vorausgesehen hatte, schlief ich heute sehr spt ein und versumte
mich am nchsten Morgen dann so sehr, da die Andern, als ich zum Frhstck kam,
schon lngst damit begonnen hatten. Mir fiel der Governor auf. Er hatte sich
schon whrend der letzten Tage sehr unruhig gezeigt; jetzt aber machte er auf
mich nun gar den Eindruck der Beklommenheit. Er geno fast gar nichts und sprach
nur dann, wenn eine Frage direkt an ihn gerichtet wurde. Er mochte wohl
bemerken, da mir dies auffiel, denn nach dem Frhstck zog er mich mit sich
fort, und als wir allein mit einander waren, sagte er:
    Hrt, Sir, wie es scheint, seht Ihr mir an, da ich mich in einer hchst
bedenklichen Verfassung befinde. Bin wie ein Schulknabe, der ins Examen mu,
aber nichts gelernt hat und darum wei, da er sitzenbleiben wird! Habe die
ganze Nacht nicht geschlafen; kann weder essen noch trinken. Mir ist, als ob ich
etwas Groes und Schweres verbrochen htte, was mir nur diese Yin verzeihen
knne! Habe ich mich etwa an ihr versndigt? Oder vielleicht an China im
Allgemeinen? Ich sage Euch, da mir scheint, ich habe kein gutes Gewissen!
Fatal, hchst fatal! Ich fhle, diese Yin macht mir mehr zu schaffen, als mir
ganz Indien mitsamt Ceylon zu schaffen gemacht hat! Und dabei kenne ich sie noch
nicht! Vielleicht aber ist grad diesem Umstande diese innerliche Unsicherheit
zuzuschreiben! Ich wei ja gar nicht, wie ich sie zu nehmen habe, wie ich sie
begren und was ich tun und sagen soll! Fhle ich etwa als Vertreter meiner
Nation diese sonderbare gelbe Angst vor der frher so verachteten und
unterschtzten gelben Rasse? Habt Ihr eine Ahnung, wie mir zu Mute ist?
    Beinahe! antwortete ich.
    Nun, wie denn ungefhr?
    Wie einem braven weien Gentleman, der einen ebenso braven gelben Gentleman
nur dieser andern Farbe wegen nicht als Gentleman behandelt hat und nun wegen
der unausbleiblichen Folgen in Besorgnis ist. Oder, da Ihr von Eurer Nation
sprecht, es ist Euch zu Mute wie einer Volksseele, welche die vor Gott ganz
ebenso berechtigte Seele eines andern Volkes in diesen Rechten schwer gekrnkt
und geschdigt hat und hierauf befrchtet, von dieser Seele vor Gottes Gericht
gezogen zu werden.
    Er sah mir einige Augenblicke starr in das Gesicht und sagte dann:
    Getroffen, ganz genau getroffen! Ja, so sieht es in meinem Innern aus! Ich
gebe das aufrichtig zu, denn Ihr wit, da ich nie eine Lge sage. Jene
strmische Familiensitzung mit ihrem zornigen Schlusse, der unvorsichtigen
Wette, wie gern mchte ich sie ungeschehen machen! John kannte seine Yin; er
wute, was er tat. Ich aber, der total Unwissende, berhob mich in meinem
National- und Familienhochmute, seinen und unsern ganzen Besitz von einer
frivolen, dreisten Wette abhngig zu machen. Genau ebenso stellt auch die
bewaffnete Hand das Wohl der Vlker auf das Spiel und bezahlt mit Menschenblut,
was ihr der Friede ganz umsonst und doppelt geben wrde. Wenn die Nationen
glauben, Wetten mit oder gegeneinander eingehen zu mssen, so sollten sie es
doch in anderer Weise und um andere Preise tun. Wo sind heut alle die Gewinne,
um deretwillen Jahrtausende hindurch mit Blut gewettet wurde? Wer wird in wieder
tausend Jahren die Lnder besitzen, um welche die Gegenwart mit blutigen Waffen
wettet? Sind solche Gewinne derartige Einstze wert? Gibt es denn nicht
bleibende Gewinne, welche durch Einstze zu erlangen sind, die weder Angst noch
Sorge oder Schmerz bereiten? Ich sage Euch, Sir, es wird auch um dieses China
viel Blut, sehr viel Blut flieen, und wenn es geflossen ist, wird es umsonst
vergossen worden sein, weil Alles, was das Schwert erwirbt, auch durch das
Schwert im Kriege stirbt. Die Wette, welche ich mit John eingegangen bin, ist
keine blutige, aber der Hochmut hat sie mir diktiert, und darum denke ich, da
ich sie wohl verlieren werde. Er aber hat all sein Hab und Gut fr seine Liebe
eingesetzt, und selbst wenn er verlre, wrde er der Gewinnende sein, weil es
fr die Liebe, die er niemals verlieren kann, ja doch kein Opfer gibt. Ich ging
natrlich diese Wette in der Absicht und in der Ueberzeugung ein, da ich sie
gewinnen werde. Jetzt fhle ich diese Ueberzeugung als eine Schuld, welche ich
abzutragen habe, und was die Absicht betrifft, so will ich Euch gestehen, da
ich sie als Bezahlung dieser meiner Schuld betrachte. Ich gebe sie hin! Und
warum? Aus Liebe; denkt Euch doch nur, aus Liebe! Und wo kommt diese Liebe so
pltzlich bei mir her? Dort aus der Kajte, in welcher das Bild hngt und wo der
Kranke mit seinem Engel sprach. Die Frau, welche ich frher als Gespenst
bezeichnete, ist mir so vertraut geworden, obgleich ich sie nur erst im Bilde
kenne. Ich befrchte, da ich, wenn sie nun persnlich vor mir steht, diesen
unsern guten John sogar um sie beneiden werde, und das wird mich um die
eindrucksvolle Haltung bringen, welche ich meiner Nationalitt, meinem hohen
Stande und meiner persnlichen Wrde schuldig bin. Kurz und gut, ich habe aus
verschiedenen Grnden Angst vor dieser Yin und befinde mich ihr gegenber in der
Lage eines kleinen, unerfahrenen Brgers, der vor irgend einer frstlichen Dame
zu erscheinen hat und schon im Voraus berzeugt ist, da er sich grndlich
falsch benehmen werde. Wenn sie mich etwa in der Weise begrt, in welcher ich
sie gleich beim ersten Zusammentreffen mit meinen Blicken niederschmettern
wollte, so fahre ich mit dem allernchsten Schiffe heim und warne jeden
Englishman, sich fernerhin fr das zu halten, fr was er sich bisher gehalten
hat! - So, das ist es, was ich Euch sagen wollte, Sir. Und nun bitte ich Euch,
nehmt Euch, wenn wir ihr vorgestellt werden, ein wenig meiner an, damit sie
meine Verlegenheit nicht allzusehr bemerkt! Ich mchte nmlich so sehr gern
haben, da sie mich fr ihrer Achtung wrdig hlt!
    Ich versprach es ihm, obwohl ich wute, da ich nicht dazu kommen wrde,
dieses Versprechen zu halten. Er wute gar nicht, da seine Worte die geistig
und seelisch ereignisreiche Geschichte einer innern Umwandlung enthielten,
welche sich bei ihm uerlich friedlich vollzogen hatte, whrend sie bei andern
Menschen wie auch bei Vlkern nur unter langen und schweren Kmpfen vor sich
geht. Darum stand zu erwarten, da auch die nun folgenden und letzten Tne in
freundlicher Harmonie erklingen wrden.
    Bald darauf erfuhren wir, da die Insel in kurzer Zeit zu sehen sein werde,
und machten uns also zum Landen bereit. Mein Sejjid Omar brachte meine und seine
Sachen mit Fangs Gepck herbeigetragen. Dann ging er zu Mary, um auch ihr und
ihrem Vater seine Hilfe anzubieten. Raffley stand oben auf der Brcke, um die
Einfahrt selbst zu leiten. Bill fhrte das Steuer, und Tom machte sich mit dem
Salutgeschtze zu schaffen, um unsere Gre, die aus dem Herzen kamen, mit
ehernem Munde zu besttigen.
    Da ertnte von der Insel ein lauter Bllerschu zu uns herber; ein zweiter
folgte und diesem ein dritter. Tom antwortete ebenso oft aus seinem Rohre.
    Es gab selbstverstndlich bei uns kein Auge, welches nicht nach der Kste
gerichtet war. Sie hatte sich in schnes Grn gekleidet. Das Innere wurde uns
von Bschen verhllt, aus denen die Wipfel hoher Bume ragten. Es gab da einen
kleinen, freien Platz, auf welchem wir einige Chinesen neben dem Bller stehen
sahen, aus welchem sie uns salutiert hatten. Sie riefen und winkten uns lebhaft
zu. Spter ffnete sich zuweilen das Gebsch, um uns die dahinter liegenden,
vollgrasigen Wiesen und wohlbebauten Felder zu zeigen. Weiter vorn, uns zur
Rechten, stieg das Land zu einer bewaldeten Hhe empor, auf welcher das
chinesisch konstruierte Dach eines sehr ansehnlichen Gebudes aus dunklen
Bltterkronen ragte.
    Die Matrosen unserer Yin hatten schon am frhen Morgen die Paradeleinen
hervorgeholt und Wimpel an Wimpel gereiht, um die Jacht zur Einfahrt zu
schmcken. Diese Leinen hingen jetzt noch leer vom Top herunter, doch bedurfte
es nur eines Wortes von Raffley, um sie in Zeit von einer Minute aufzuholen.
    Ocama hat eine dem Festlande zugekehrte Bucht mit klarem, tiefem und fast
stets ruhigem Hafenwasser. Als wir uns dem sdlichen Vorsprunge dieser Bucht
nherten, begann das Ufer, sich zu beleben. Wir sahen zwischen dem Gebsch in
Blumengrten Huser liegen, so nett und sauber, jedes von ihnen eine
eigenartige, besondere chinesische Individualitt; das Auge konnte sich wirklich
immer von dem einen auf das andere hinwegfreuen. Diese Huser mehrten sich, und
als wir in einem weit ausgeholten Halbkreise um die sdliche Zunge bogen,
entwickelte sich vor uns ein Landschaftsbild, welches, besonders bei dem
heutigen schnen, klaren Wetter, selbst das verwhnte Auge eines Weit- und
Vielgereisten befriedigen mute.
    Man denke sich einen halbmondfrmigen Busen, von dessen beiden ueren Enden
an das Land sich sanft, aber hher und immer hher erhebt, um, immer von Grten
oder parkhnlichem Gehlz begleitet, in der Mitte einen vom Wasser
zurcktretenden Berg zu bilden, an dessen Lehne die mit Pflanzengrn und Blumen
geschmckten Huser des Ortes aufwrtssteigen. Und hoch ber ihnen ein
hellglnzendes, weies Landhaus, dessen nur halb chinesischer Stil vermuten
lt, da sein Erbauer verstanden habe, auch europischen Gedanken Form zu
geben.
    Dieses hoch- und langgestreckte, vielrumige Haus gehrte Fu; dort wurden
wir erwartet. Sein Dach, welches wir schon vorhin gesehen hatten, wurde, wie
landesblich, aus mehreren geschwungenen und einander tragenden Abteilungen
gebildet. Es trat, so weit es reichte, so ber die Front des Hauses heraus, da
es allen in das Freie gehenden Sllern und Balkonen mehr als hinreichend Schutz
zu bieten vermochte. Wir hatten alle die Glser vorgenommen und da
hinaufgerichtet. Darum war es uns mglich, eine weigekleidete Frauengestalt zu
bemerken, welche auf dem am hchsten gelegenen Balkone stand und, sobald wir in
Sicht kamen, sich weit ber das Gelnder beugend, mit einem Tuche winkte.
    Yin, meine Yin! rief Raffley auf der Kommandobrcke. Hoch die Wimpel!
Alle Gre auf! Tom, sage ihr, da wir sie sehen!
    Die Jacht stand im Nu in ihrem wallenden und wehenden Paradeschmuck; das
Geschtz lie seine Stimme hren, und vom Landungsplatze her ertnte auch nach
jedem unserer Schsse einer. Dort lagen mehrere groe Dschunken, welche
bewiesen, da die Insel auch mit dem entfernteren Festlande in Beziehung stand.
Zahlreiche Boote bewegten sich hin und her, von denen aus uns laut und freudig
zugerufen wurde. Der ganze hohe Uferdamm, an welchem wir anlegen muten, stand
voller Menschen, deren Stimmen uns entgegenschallten. Welche Liebe hatte der
frher so kalte, steife Englishman sich hier doch zu erwerben gewut! Gongs
wurden geschlagen; alle mglichen andern chinesischen Instrumente ertnten. Die
Huser waren beflaggt oder sonst wie bunt behangen, und in den Lften schwebten
vielgestaltete Drachen, die entweder durch ihre Form oder irgend ein angehngtes
Zeichen der Freude ber die Rckkehr Raffleys Ausdruck geben sollten. Dieser
aber schien fr alle diese Ovationen jetzt weder Augen noch Ohren zu haben. Sein
Blick blieb hinauf nach dem Balkon gerichtet, bis die Jacht den Damm erreichte
und sich mit Hilfe der vorhandenen Taue und Ringe lngsseits an ihn legte. Da
kam Tsi aus seiner Koje. Er war jetzt chinesisch gekleidet, und ich darf wohl
sagen, da er uns allen in dieser Tracht noch besser gefiel, als in der
europischen. Sie lie ihn bedeutender erscheinen. Es hat gewi seine guten
Grnde, da der Orient gern faltige Gewnder trgt.
    Grad da, wo wir die Barriere zu ffnen hatten, standen im Hintergrunde die
fr uns bestimmten Gepck-und Snftentrger, vor ihnen die Beamten des Ortes,
welche dem Heimkehrenden ihren Respekt erweisen wollten, und ihnen ganz voran
kein anderer als - - - Fu, der, allerdings unter einem andern Namen, auch im
Auslande weitbekannte Mandarin allerhchsten Ranges, welcher aber heut und hier
so einfach wie ein ganz gewhnlicher Chinese gekleidet war. Er schien die
Begrung mit dem Freunde kaum erwarten zu knnen, denn die Landebrcke lag noch
nicht fest, so kam er herber auf das Deck und auf den ebenso schnell von oben
herabsteigenden Raffley zu. Noch ehe er ihn erreicht hatte, rief er aus:
    Endlich, endlich, du Verschwiegener, du Geheimnisvoller! Wie
unbeschreiblich hast du mich mit deinem Glck berrascht, von dem ich gar nichts
wute!
    Sie schlangen die Arme umeinander und kten sich wie Brder, welchen nichts
schmerzlicher ist, als von einander getrennt zu sein. Dann kam er zu mir, zog
auch mich an sich und berhrte mit den Lippen meine beiden Wangen. Mary kte er
die Hnde; dem Sejjid schttelte er wie einem ihm Gleichstehenden herzhaft die
Hand, und Fang wurde in chinesischer Weise, aber ganz mit derselben Herzlichkeit
begrt. Dann erst ging er zu seinem Sohne. Der Governor hatte sich in seiner
innerlichen Beklommenheit etwas abseits gehalten; nun aber brachte Raffley den
Mandarinen zu ihm hin und stellte ihn diesem nur mit den zwei Worten Mein
Onkel vor. Der alte Herr schickte sich an, eine tiefe, zeremonielle Verbeugung
zu machen, kam aber nicht dazu, sie auszufhren, denn Fu legte seine Arme
schnell auch um ihn, kte ihm die beiden Wangen, schob ihn dann etwas von sich
ab, betrachtete ihn in wohlgelungener, neckischer Weise und sagte dann:
    Ein echter Raffley, well! China freut sich, Old England endlich, endlich
hier zu sehen, weil es sicher wei, da es in Liebe kommt! Und sich zu Raffley
wendend, fgte er hinzu: Nun aber Alle schnell hinauf zu deiner - - - nein, zu
unserer Yin. Doch vorher mu ich dir, mein Freund und Bruder, sagen, da dir die
reinste, schnste Seele Chinas angehrt. Dein Herz hat sich von uns unendlich
mehr geholt, als du dir mit der Waffe des Krieges jemals httest erobern knnen!
Wo ist der Kranke, den du angemeldet hast?
    Fr den sorge ich, antwortete Tsi an Raffleys Stelle. Wie ich sehe, sind
Trger mehr als genug vorhanden.
    Auf einen Wink von ihm wurden die Snften herbeigebracht. Einige waren fr
zwei Personen. Der Governor zog mich zu einer derselben hin, schob mich hinein
und kam mir dann nachgestiegen. Die Kulis liefen mit uns sofort von dannen. Da
holte der Gentleman tief, tief Atem und sagte, indem er den Kopf schttelte:
    Sir, ich bin ganz irr an mir! Wahrscheinlich deshalb, weil ich es frher an
China gewesen bin! Was fr ein Mensch, dieser Fu! Wollte ihn durch meine Wrde
niederschmettern; machte aber kein langes Federlesen mit mir! Sagt mir da erst,
da ich ein echter Raffley sei, und kt mir trotz dieser Echtheit sofort beide
Wangen! Das kommt mir zwar etwas summarisch vor, ist aber hchst wahrscheinlich
imponierend! Und was hat er von dieser Yin gesagt? Sir, wenn sie wirklich die
schnste, reinste Seele Chinas ist, so ist John der aller-, allerklgste
Englishman, den es jemals gegeben hat und noch geben wird! Sein Herz! Well! Habe
auch ein Herz! Jeder Englnder hat eins! Lassen wir von diesem Augenblick an nur
die Herzen sprechen!
    So schnell unsere Trger liefen, die von Fu waren doch noch schneller
gewesen, denn dieser stand, als wir oben ausstiegen, schon unter dem Tore, um
uns als Wirt die Honneurs zu machen. Der Governor schien whrend dieses kurzen
Weges seine Zurckhaltung vollstndig aufgegeben zu haben, denn er nahm den
Mandarinen vertraulich beim Arme und sagte, indem er auf mich deutete:
    Mylord, ich bin England, und dieser etwas jngere Gentleman ist
Deutschland. Wir kommen zu Euch, um China mit aller uns mglichen Liebe und Gte
zu erobern, aufrichtig und ohne Falsch. Wir wollen in diesem schnen
Friedenswerke uns aus allen Krften beistehen und so innig Hand in Hand
miteinander gehen, da wir Euch bitten, uns keine getrennten Wohnungen
anzuweisen. Quartiert uns, wenn es mglich ist, derartig zu einander, wie der
unbewaffnete Friede es erfordert, in dem wir mit uns, mit Euch und mit allen
Menschen zu leben gesonnen sind!
    Es war ein eigenartiges, frohes und doch tief gerhrtes Lcheln, welches,
als er antwortete, das Gesicht des hochgestellten Mandarinen noch sympathischer
machte, als es so schon war. Er antwortete:
    Wie gern erflle ich diesen Wunsch! Ihr sollt in meinem eigenen Flgel
wohnen, damit ich Euch das wirklich sein kann, was ich, Euch zu sein, gesonnen
bin. Dies Haus, dies Dach wird Euch gehren, so lange es mir selbst gehrt! Und
wo die Liebe Raum fr Euch und mich besitzt, mu sie des treuen Dieners auch
gedenken, welcher bewiesen hat, was Freundlichkeit und Gte selbst ber Afrika
vermgen. Also auch Sejjid Omar sei Euch zugesellt. Dann - - hier machte er
eine unnachahmliche, umfassende Bewegung mit der Hand - - dann ist die ganze
alte Welt vereinigt und bereit - - jetzt deutete er auf den Weg zurck, wo
soeben die beiden Snften Wallers und Marys erschienen - - nun auch die neue zu
empfangen, um sich an ihrer Seite wieder jung zu leben!
    Die Art und Weise, in welcher er das gesagt hatte, lt sich wohl nur durch
die Wirkung deutlich machen, die es hervorbrachte. Nmlich der Governor fate
ihn hben und drben an, zog ihn an sich, gab ihm einen, zwei, drei herzhafte
Ksse und rief, so freudig animiert, wie wohl noch niemals, aus:
    Das soll nicht nur ein Wort sein, sondern ein Kontrakt, den Keiner von uns
brechen darf und Keiner brechen wird! Das ist ein Tag, wie ich so schn noch
keinen je erlebte!
    Fu konnte uns, weil Wallers eben anlangten, nicht selbst geleiten. Er
erteilte den wartenden Dienern den betreffenden Befehl, und so waren wir schon
nach kurzem in diesem zimmerreichen Hause so vortrefflich eingerichtet, wie der
erste und zweite Teil der alten Welt es sich im dritten nur wnschen knnen.
Dann saen wir auf dem schnsten, chinesischen Seidenpolster des ganz liebreich
und gesprchig gewordenen Gentleman und warteten der Dinge, die nun kommen
sollten. Es war fr uns selbstverstndlich, da man uns zur Vorstellung bei Yin
abholen werde. Der Englishman dachte gar nicht mehr daran, auch nur das
Geringste zu sagen oder zu tun, um seine groe Wette zu gewinnen. Aber von
seiner Befangenheit war er trotzdem noch nicht frei. Er hatte vor Yin noch immer
das, was er Angst zu nennen beliebte, und wenn der Ausdruck auch etwas zu
krftig ist, so will ich ihn doch brauchen: er frchtete sich vor ihr.
    Wenn ich Etwas zu ihr zu sagen habe und nicht wei was, so fallt nur gleich
ein, Charley! bat er mich, denn seit wir zusammenwohnten, war ihm mein Vorname
gelufig geworden. Das ist von heut an Deutschlands Pflicht! fgte er
scherzend hinzu. Dafr komme ich Euch ein anderesmal ebenso gern zur Hilfe!
Horch!
    Es klopfte an die Tr. Als wir nicht sofort antworteten, wurde sie um einen
schmalen Spalt geffnet, und eine se, unendlich wohllautende Frauenstimme
fragte:
    Verzeihung! Wohnt hier mein Onkel Governor?
    Der Genannte fuhr von seinem Sitze auf und flsterte mir, indem sein Gesicht
die Farbe verlor, in fr ihn schrecklicher Ahnung zu:
    Mein - - mein - - mein Onkel Governor?! Der bin ich wohl! Aber - - aber
dieser - - dieser John Raffley hat doch keine solche - - solche Stimme! Sollte -
-?
    Ich antwortete ihm nicht, sondern ging zur Tr und schob sie vollends auf.
Ja, sie war es - - Yin! Sie kam allein; niemand begleitete sie. War sie so
schn, wie ihr Portrt uns hatte erwarten lassen? Was soll ich sagen! Das kam so
schnell, so berraschend. Ich sah eine weigekleidete, engelgleiche
Frauengestalt, eine Rose im Haar und ein kleines, duftendes Veilchenbouquet an
der Brust, welche nach einem kurzen Blick auf mich an mir vorber in das Zimmer
trat und dann so vor dem Uncle stehen blieb, da ich nur die schngezeichnete
Wangenlinie ihres Profils sehen konnte.
    Ja, du bist es, mein lieber, lieber Onkel! rief sie jubelnd aus. Ich
kenne dich aus dem Album meines John! Komm, lege mir die Hnde auf das Haupt,
und sei mir gut! Ich wei von ihm, da du so gerne gtig bist!
    Sie glitt vor ihm nieder, faltete die Hnde und schaute bittend zu ihm auf.
Er stand zunchst bewegungslos. Die Farbe kam und ging auf seinen Wangen. Ich
sah, da er zitterte. Sein weitgeffnetes Auge war auf sie wie auf eine
wunderbare, berirdische Erscheinung gerichtet. Dann bewegte er die Hnde; sie
bebten. Indem sie sich langsam auf den Kopf der Knieenden niedersenkten, hob er
den seinen empor, schlug die Augen wie zum Himmel auf und sagte, indem er mit
den hervorbrechenden Trnen kmpfte:
    Mein Herr und Gott - - - das habe ich nicht verdient! Ich war so schlimm,
so bs zu ihr, und sie bringt solche, solche, solche Liebe! Mein Segen ist
nichts wert, wenn du nicht selbst ihn gibst. O sende ihn ihr tausendfach und
tausendfltig zu und - - -
    Mehr hrte ich nicht, denn ich schlich mich hinaus, schlo mglichst leise
die Tr und entfernte mich. Wenn England China in so aufrichtiger und reuevoller
Weise segnet, ist Deutschlands Untersttzung berflssig.

                                Fnftes Kapitel

                                        

                                Der Shen-Ta-Shi


Die bisherigen Abschnitte des vorliegenden Buches sind, wenn auch in etwas
anderer Fassung, bereits einmal im Druck erschienen, und zwar unter dem Titel 
Et in terra pax. Das war vor einigen Jahren, kurz nach der Rckkehr von meiner
letzten groen, fast zwei Jahre dauernden Reise, die mich zuerst nach Afrika und
dann durch das ganze sdliche bis hinter nach dem stlichen Asien fhrte. Die
hierbei gemachten Studien werden mehrere Bnde fllen, deren erster hier mit
Und Friede auf Erden beginnt.
    Damals frug ein rhmlichst bekannter, inzwischen verstorbener Bibliograph
bei mir an, ob ich ihm ebenso wie zu frheren Unternehmungen nun auch zu einem
groen Sammelwerk ber China einen erzhlenden Beitrag liefern knne. Diese
Anfrage geschah telegraphisch, weil ihm die Sache eilte. Ich zgerte nicht, ihm
ebenso telegraphisch eine bejahende Antwort zu senden, denn ich hatte vor kurzem
Und Friede auf Erden zu schreiben begonnen, hoffte, es schnell zu beenden, und
kannte diesen Herrn als einen Mann, dem ich diese eine, gelegentliche Ausgabe
meiner Erzhlung ganz gut und gern berlassen knne. Freilich, htte er mir
mitgeteilt, da er mit diesem Sammelwerke eine ganz besondere, ausgesprochen
abendlndische Tendenz verfolge, so wre ihm anstatt des Ja ganz unbedingt ein
kurzes Nein geworden.
    Da mir nichts Gegenteiliges gesagt wurde, nahm ich als ganz
selbstverstndlich an, da es sich um ein gewi unbefangenes, rein
geographisches Unternehmen handle, welches nicht von mir verlange, anstatt
bisher nur fr die Liebe und den Frieden, nun pltzlich fr den Ha, den Krieg
zu schreiben. So erzhlte ich denn ganz unbesorgt, was ich zu erzhlen hatte,
bis mit einem Male ein Schrei des Entsetzens zu mir drang, der ber mich, das
literarische enfant terrible, ausgestoen wurde. Ich hatte etwas geradezu
Haarstrubendes geleistet, allerdings ganz ahnungslos: Das Werk war nmlich der
patriotischen Verherrlichung des Sieges ber China gewidmet, und whrend
ganz Europa unter dem Donner der begeisterten Hipp, Hipp, Hurra und Vivat
erzitterte, hatte ich mein armes, kleines, dnnes Stimmchen erhoben und voller
Angst gebettelt: Gebt Liebe nur, gebt Liebe nur allein! Das war lcherlich;
ja, das war mehr als lcherlich, das war albern. Ich hatte mich und das ganze
Buch blamiert und wurde bedeutet, einzulenken. Ich tat dies aber nicht, sondern
ich schlo ab, und zwar sofort, mit vollstem Rechte. Mit dieser Art von Gong
habe ich nichts zu tun!
    Nun ist es heute an der Zeit, den damals ausgelassenen Schlu hinzuzufgen.
Das ist eine Arbeit, die mir Freude bereitet, eine Arbeit, die mir jeden Werktag
zum Feiertag machen wrde. Und es ist doch heut nicht Wochentag, sondern
Sonntag. Die Fenster sind geffnet, und auch meine Balkontr steht offen, grad
so gegen Sden, wie damals die Fenstertr im Kratong zu Kota Radscha, als der
malayische Priester von uns Abschied nahm. Es ist ein ebenso heller, sonniger
Morgen, wie der damals auf Sumatra. Der Altan trgt ungezhlte, blhende
Pelargonien; auf den Tischen stehen herrlich duftende Reseden und Nelken, denn
meine Frau, die immer engelshnliche, wei ganz genau, wie lieb mir Blumen sind.
Von unten herauf steigen die kstlichen Gre der Marschall Niel-, La france-
und Kaiserin Augusta Viktoria-Rosen. Die Bltter der Oelweide flstern leise. Im
leicht geaserten Baumschlag des Ahorn fltet ein Kehlchen. Das Rankengefieder
der chinesischen Glycinen steigt hoch am Hause und zu seiten meiner Fenster bis
an das Dach empor, mit genau solchen Ferndurchblicken, wie von meiner Wohnung
aus auf der groen Sundainsel. Es ist mir, als ob ich mich heut in dieser
Wohnung befnde. Ich denke mich in sie zurck. Das Zimmer Raffleys nebenan steht
offen. Ich trete hinein. Er sitzt mit dem Onkel und dem alten Heidenpriester am
Tische. Der letztere ist gekommen, um uns Ade zu sagen - - -
    Da ertnen die Glocken; es wird gelutet. Ich rufe mich aus Sumatra zurck,
um mich zu besinnen, da ich mich krperlich in Radebeul befinde. Ich wohne da
in unmittelbarer Nhe der Kirche. Man lutet zum ersten Male. In einer halben
Stunde erklingen die Glocken zum zweiten Male, zum Zeichen, da der Gottesdienst
beginne. Da sehe ich die allsonntglichen Kirchenbesucher an meinem Hause
vorbergehen. Gehe auch ich? Ich greife zur Bibel, um nachzusehen, ber welche
Stelle heut gepredigt wird. Es ist der Text Matthus 5, Vers 20 bis 26. Da heit
es:
    Denn ich sage Euch: Wenn Eure Gerechtigkeit nicht besser ist als diejenige
der Schriftgelehrten und Phariser, so werdet Ihr nicht in das Himmelreich
eingehen. - Ihr habt gehrt, da zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht
tten; wer aber ttet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage Euch:
Wer mit seinem Bruder zrnet, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem
Bruder saget: Raka, der ist des Rates schuldig; und wer zu ihm sagt: du Narr,
der ist des hllischen Feuers schuldig. Daher, wenn du deine Gabe nach dem Altar
bringst und wirst da eingedenk, da dein Bruder etwas wider dich habe, so la
deine Gabe vor dem Altar dort, und geh zuvor hin, und vershne dich mit deinem
Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe. - Besnftige deinen Widersacher, so
lange du mit ihm noch auf dem Wege bist, auf da der Widersacher dich nicht
einst dem Richter bergebe, und der Richter dich dem Diener berantworte und du
in den Kerker geworfen werdest. Wahrlich, ich sage dir, du wirst von da nicht
herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlt hast!
    Das war der heutige Predigttext! So stand da, genau so, in der heiligen
Schrift! Christus hat es gesagt, und da wir Christen sind, haben wir es wrtlich
zu befolgen! Also, schon wer mit seinem Nchsten zrnet und ihn mit Worten
beleidigt, der ist dem Mrder gleich, ist des Gerichtes, des Rates und des
hllischen Feuers schuldig! Der Christ soll sich nie zum Gottesdienste wagen,
wenn er sich nicht zuvor mit seinen Widersachern ausgeshnt hat! Und er soll
niemals und keinen Augenblick zgern, Verzeihung zu erlangen, denn es wird ihm
von seiner Schuld an seinem Nchsten kein einziges Jota und kein einziger Heller
abgelassen werden!
    Soll ich heut in die Kirche gehen? Oder vielmehr, darf ich? So frage ich
meine Widersacher! Wo ist der Christ, der nach diesem Worte seines Heilandes
noch wrdig ist, die Kirche zu betreten? Wie viele Menschen, die ihren Brdern
zrnen, die ihre Brder beleidigten, die ihre Brder hassen, die also des
Gerichtes, des Rates und des hllischen Feuers schuldig sind, werden heut in die
Kirchen gehen und die Predigt ber diesen Text nicht im geringsten auf sich
selbst beziehen! - Du sollst nicht tten! Wenn schon die Beleidigung dem Morde
gleich zu achten ist, was soll man da erst ber die Arten und Abarten des
wirklichen Mordes sagen! Mir wird angst!
    Es lutet zwar jetzt zum zweiten Male, aber ich gehe nicht; ich bleibe
daheim! Ich will, whrend die ersten Tne der Orgel zu mir herberklingen, das
Buch ber die Heldentaten der christlichen Krieger auf den chinesischen
Schlachtfeldern lesen und dann hierauf den Schlu meiner friedlichen Geschichte
erzhlen. Ich brauche viel Sonnenschein dazu, viel Liebe und viel
Vershnlichkeit, und das ist nirgends so wie hier bei mir in meinem Heim zu
finden.
    Ich denke mich also wieder hin nach Kota Radscha, wo ich schon vorhin war,
und hre den alten, ehrwrdigen malaiischen Priester zu John Raffley sagen:
    Und steigt in meines Lebens Abendrte von Westen her ein lieber Gru empor,
umsumt vom goldenen Lichte dessen, was ich wnsche, so ist es kein Abschied
gewesen, den wir jetzt hier nehmen, sondern Ihr seid bei mir geblieben in Eurer
Liebe, wie ich Euch begleitet habe mit der meinigen. Verget nicht diese meine
Worte, und lat den Gru mir steigen! Ich mchte ihn so gern noch sehen, bevor
mein Abendrot zur Morgenrte wird!
    Indem ich diese seine Worte zum zweiten Male niederschreibe, hier im
Abendlande, im Westen, von wo aus er sich einen lieben Gru ersehnt, bevor sein
Geist im Morgenland zur Abendrte steigt, klingt aus der Kirche die Responsorie
zu mir herber: Der Herr sei mit Euch! singt der Pfarrer. Und mit deinem
Geiste! antwortet die Gemeinde. Ja, wte dieser Geist den Weg von hier nach
dort! Ich wollte ihn bitten, unsere Gre dem Osten zuzutragen, heute, bald, so
lange es noch am Tag des Schaffens ist! Ich wollte ihm sagen, da auf den fernen
Atjeh-Bergen ein liebes, klares Augenpaar allabendlich in die niedersteigende
Sonne schaut, ob nicht ein kleines, goldumsumtes Wlklein sich am Himmel zeige,
um den Durst des Morgenlandes zu stillen, wie einst jenes lang ersehnte,
handgroe aber dunkle Wlkchen des Elias auf dem Berge Karmel. Und ich wollte
ihm alle, alle Liebe mitgeben, die ich in meinem Herzen fr die Menschheit
trage, damit alle dort Aufschauenden erfahren mchten, da wir unsere Augen
nicht vor ihnen niederzuschlagen haben. Aber nein; das ist ja doch nicht
mglich! Warum? Die Gre, welche wir ihnen senden, riechen nach Pulver. Aus den
Wolken, die von uns zu ihnen gehen, brllt der Donner der Geschtze. Und das
ganze, groe Reich der Liebe, welches wir bei ihnen gegrndet zu haben
behaupten, ist in - - - christliche Interessen-Sphren eingeteilt!
    Wie begann doch gleich das Gedicht des alten Malaiien? O komm, sei wieder
Gast auf Erden, du gottgesandter Menschheitschrist! Dieser Ruf der gelben Rasse
blieb nicht unerhrt: Der Christ ist gekommen, in kaukasischer Gestalt und
Farbe. Hat er ihnen gebracht, was die Engel bei Christi Geburt der Menschheit
verhieen? Den Frieden auf Erden? Damals kamen die Knige und Weisen des
Morgenlandes, um den Erlser Anbetung, Gold und Weihrauch darzubringen,
freiwillig, unaufgefordert; es war ihnen nichts so kstlich, da sie es ihm
nicht gern geopfert htten! Gegenwrtig aber gibt es Leute, welche behaupten:
Das war damals, vor zweitausend Jahren, als der Christ noch in den Windeln und
in der Krippe lag; da mute man ihm Alles bringen. Jetzt aber ist er Mann
geworden. Da wartet er nicht, bis man zu ihm kommt, sondern er geht, um selbst
zu holen, was ihm gebhrt: Gold, Gold, Gold! Und den Weihrauch? Auch den streut
er sich dann selbst; das ganze Abendland duftet nach diesem ihm doch eigentlich
ganz fremden Harze!
    Enthalten diese Behauptungen Wahrheit oder Lge? Es ist nicht meine Aufgabe,
zu antworten, sondern zu erzhlen. Und indem ich nun damit beginne, erklingt da
drben in der Kirche die Orgel von neuem. Der Kantor spielt das Groe
Halleluja von Hndel. Ich hre es bis zu Ende. Dann aber ist es, als ob jemand
hinter mir stehe, wie auf Seite 389 hinter dem Governor. Lind weht es um mich
her, und eine leise Stimme spricht in mir:

Der Habsucht sei das Gold beschieden,
Der Weihrauch dem, der Weihrauch liebt,
Uns Armen aber gib den Frieden,
Den uns kein Frst, kein Weiser gibt!

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die letzten Worte meiner Erzhlung waren: Mehr hrte ich nicht, denn ich
schlich mich hinaus, schlo mglichst unhrbar die Tr und entfernte mich. Wenn
England China in so aufrichtiger und reuevoller Weise segnet, ist Deutschlands
Untersttzung berflssig.
    Wohin ich ging, das war mir gleich, nur nicht nach meinem Zimmer, weil dies
ja neben dem des uncle lag. Ich hatte den Korridor noch nicht zur Hlfte
durchschritten, da kam mir Raffley entgegen, so schnell, als ob er Eile habe.
Als er mich sah, fragte er:
    Ihr seid es, Charley? Habt Ihr vielleicht meine Yin gesehen?
    Ja, soeben, antwortete ich.
    Wo?
    Sie ist beim Governor.
    Er schien erschrecken zu wollen, wechselte aber rasch den Ausdruck seines
Gesichtes, ber welches nun ein warmes, frohes Lcheln ging.
    Welche Khnheit von ihr! sagte er. Sie hat mich gar nicht erst gefragt.
Aber wenn eine solche Frau dem eigenen Herzen folgt, so darf man ihr sehr gern
vertrauen. Es ist also gut, da es nun einmal nicht so geschehen soll, wie ich
die erste Zusammenkunft zwischen diesen beiden beabsichtigt hatte! Gott lasse es
gelingen! Und ich wiederhole: Der Frauen Gefhl ist so unerforschlich richtig,
und meine Yin mu immer, immer siegen! Kommt, Charley! Will Euch den Garten
zeigen. Mir ahnt, da sie den uncle dann herunterbringt. Sie hat da einen
Lieblingsplatz. Da ist sie Blume unter lauter Blumen, und wenn sie fhlt, da es
in ihr zu blhen hat, zur Freude irgend eines anderen Menschen, so fhrt sie ihn
dorthin. Im brigen aber ist dieses Haus mit seinem Gebiet ihr zwar recht wohl
bekannt, doch innerlich fremd. Ihre Heimat ist ja unser Raffley-Castle.
    Raffley-Castle? fragte ich, indem wir miteinander weitergingen, der Treppe
nach dem Garten zu. So gibt es hier eine Kopie dieses Stammsitzes Eures
Geschlechtes?
    Das Wort Kopie ist eigentlich falsch, denn mein neues, hiesiges Schlo ist
jedenfalls originaler als das alte drben in der Heimat. Na, Ihr werdet es ja
kennen lernen!
    Jetzt traten wir aus dem hintern Tor des Gebudes in den Garten hinaus. Er
war gro, auerordentlich wohlgepflegt und ging in einen Park ber, der sich auf
der andern Seite den ganzen Berg hinunterzog. Da sah man die hinterasiatische
Baum- und Blumenflora in den herrlichsten Exemplaren, aber er war nicht
spezifisch chinesisch angelegt, sondern in einem Stile, in welchem auch der
europische Geschmack zur Geltung kam. Sauber gehaltene Wege fhrten zwischen
den verschiedenen Gruppen dahin. Indem wir diesen Wegen folgten, fuhr Raffley
fort, zu sprechen. Er wiederholte in kurzem, was er mir bereits von seiner Yin
erzhlt hatte, und fgte nun eine Menge erluternder Bemerkungen bei, welche vom
grten persnlichen Interesse waren. Dabei kamen wir nach der westlichen Seite
der Bergeskuppe, von wo aus wir den Meeresarm berblicken konnten, welcher die
Insel von dem Festlande trennte.
    Er war ungefhr zwei Seemeilen breit und von allerlei vielgestaltigen, hin
und her gehenden Booten belebt. Da der eigentliche Hafen hier bei uns an der
Insel lag, gab es jenseits drben nur einen Landeplatz, der nicht sehr breit
war, aber auerordentlich geschtzt lag und so tief in das Land eindrang, da er
weit mehr Schiffe fassen und weit mehr greren Baulichkeiten Raum geben konnte,
als der Hafen selbst.
    Herrliche Lage fr ein Zukunftsprojekt, erklrte mir Raffley. Ihr werdet
berhaupt sehen, da wir nur fr die Zukunft arbeiten. Vergangenes mu uns
ntzen, wenn es kann, aber es fast anzubeten, wie Ihr Euer Griechenland und Rom,
das tun wir nicht. Jede Zeit besitzt ihre eigenen Ideale, denen sie
nachzustreben hat. Ob sie erreicht werden oder nicht, es entwickeln sich
unaufhrlich neue, andere aus ihnen, welche dieselben Rechte erlangen, der
Gegenwart als Muster zu dienen. Wer seine Ideale aus alten, vergangenen Zeiten
holt, der hat sie mit hlicher Gewaltsamkeit herberzuzerren und setzt dem
Menschengeiste Ruinen, anstatt ihm brauchbare Wohnungen zu bauen. Sprechen wir
Europer ja nicht von Heiden! Wir nennen uns Christen, ja, aber wir herbergen
und schlafen doch allgesamt in den Ruinen der alten heidnischen Gtter und
Gttinnen, deren Mono- und Biographien wir Wort fr Wort auswendig lernen
mssen, whrend wir an ganz denselben Schulen ber den wahren Gott und Herrn
meist nur in der Weise unterrichtet werden, da wir fast lieber an ihm zweifeln,
als an ihn glauben mchten!
    Als er so sprach, schaute ich ihn verwundert an. Er sah es, lchelte ein
wenig und fuhr fort:
    Jawohl, ich bin nicht mehr der Alte. Ich schwieg. Warum? Aus Stolz, dachte
ich. Es war aber nicht berechtigter Stolz, sondern Dummheit. Nun ich sehend
geworden bin, habe ich auch gelernt, mich auszudrcken, in Worten und in Taten.
Die Worte knnt Ihr allezeit hren; ich bin bereit, einem Jeden zu sagen, was
ich denke. Und die Taten liegen da drben, jenseits des Wassers. Schaut hinber!
Was Ihr dort liegen seht, das ist ein heidnisches, ein vollstndig heidnisches
Land. Denn, glaubt es mir: Kein Einziger von Allen, die da wohnen, hat jemals
aus dem Munde eines Christen die Worte gehrt, da sein Glaube, also der Glaube
dieses Landes, ein falscher sei! Als ich mit meinem Freunde Fu diese Gegend
durchzog, um sie kennen zu lernen, sah ich alle Vorzge und alle Schattenseiten
der chinesischen Kultur. Der Vorzge waren viele, der Fehler nur wenige. Ein
Lgner wre ich gewesen, wenn ich behauptet htte, da diese Kultur eine falsche
sei! Ich gab ihr das volle Recht, welches ihr gebhrt, und lie sie dann nach
meiner Vereinigung mit Fu sich unter meiner Hand still fortentwickeln. Nun reiht
sich Wiese an Wiese und Feld an Feld. Ihr geht auf Wegen und Straen immerfort
zwischen Fruchtbumen dahin. Der Draht des Telephon und Telegraph begleitet
Euch. Ihr kommt an Wagen, Reitern, Snften, Fugngern vorber, und jede dieser
Begegnungen ist eine freundliche, ich mchte sagen, herzliche. Teilt sich der
Weg, so geht es links nach der Stadt, rechts aber hoch hinauf nach
Raffley-Castle. Shet Ihr nicht an der Kleidung der Menschen, da Ihr Euch in
China befindet, so wrdet Ihr annehmen knnen, in Old England oder Deutschland
zu sein. Weit drauen, am fernsten Horizont, ragen Berge, gewaltige
Phonolithmassen aus der Tertirzeit. Auch der Berg, auf dem wir uns jetzt
befinden, gehrt zu dieser Gruppe, zu deren Fen die ewig arbeitende See eine
unendlich fruchtbare, allmhlich ansteigende Ebene abgelagert hat. Auf halber
Hhe liegt mein Raffley-Castle, mein Paradies, geschtzt vor kalten Winden. Wie
freue ich mich: heut abend bin ich dort!
    Heut abend schon? fragte ich.
    Ja, selbstverstndlich. Die Pflichten der Gastlichkeit veranlassen uns,
Ocama fast noch gleich in dieser Stunde zu verlassen, damit wir Euch morgen,
wenn Ihr zu uns kommt, ohne Mangel an Vorbereitung empfangen knnen. Yin bittet
mich, es Euch anzuvertrauen, da wir uns ohne alles Aufsehen, also fast
heimlich, entfernen werden. Die Andern kommen dann bereits morgen zu uns nach,
weil Fang und Tsi ihren Patienten nicht lnger, als unbedingt ntig ist, hier an
der Kste bleiben lassen wollen.
    Whrend er dies sagte, machten wir eine Wendung, um die Stelle, an welcher
wir standen, zu verlassen. Da sahen wir zwei Personen aus dem Hause kommen und
nach dem Garten gehen - - - der Governor und Yin. Sie schauten nicht nach
unserer Seite her und gingen also von weitem vorber, ohne uns zu bemerken.
    Habt Ihr es gesehen? fragte John. Sie hatte bei ihm eingehngt! Was habe
ich gesagt? Als auf der Jacht der uncle so Arm in Arm mit Tsi verschwand?! Da
sagte ich zu Euch: Ich bin berzeugt, da er schon in den nchsten Tagen auch
mit meiner herrlichen Yin genau so Arm in Arm promenieren gehen wird. Und nun
ist es geschehen! Stren wir sie nicht! Ich gehe hinab in den Hafen, um unsere
Flucht still vorzubereiten. Lebt wohl!
    Wir reichten uns die Hnde. Er ging durch das Haus nach vorn, ich aber
hinauf nach meinem Zimmer, wo ich den Sejjid beschftigt fand, meine
Habseligkeiten in und unter die verschiedenen Mbels zu verteilen.
    Sihdi, redete er mich an, nun sind wir endlich und wirklich in China
angekommen! Wie freue ich mich, da ich nun nur noch chinesisch mit dir reden
darf!
    Das hatte er arabisch gesagt; ich antwortete ebenso:
    Wer hat dir verboten, arabisch oder deutsch mit mir zu reden?
    Ich selbst, Sihdi. Denn schau, was ich dir jetzt zeigen werde!
    Er zog aus der tiefen Tasche seines Kaftans ein Paket hervor und schlug es
auseinander. Es war eine ganze Anzahl engbeschriebener Papierbogen.
    Hier steht die ganze chinesische Sprache, erklrte er mir. Ich habe sie
mir aufgeschrieben. Es sind ber vierhundert Worte, die etwas sind, und beinahe
fnfhundert Worte, die etwas tun. Auf den hintersten Seiten stehen dann die
Worte, die nichts sind und auch nichts tun. Ich werde sie dir vorlesen, alle
zusammen! Ihr lest von links nach rechts; wir lesen von rechts nach links, und
die Chinesen lesen von oben nach unten. Wie soll ich anfangen? Oben oder unten?
Hinten oder vorn?
    Fang an, wo du willst, aber nur nicht jetzt! lachte ich. Uebrigens,
sprich mit mir, in welcher Sprache du willst, aber nur vernnftig!
    Da nickte er schnell vor sich hin und meinte:
    Das ist mir lieb, denn ich habe dir Etwas zu sagen, was sehr vernnftig
ist.
    Was?
    Darf ich reden, ohne da du es mir bel nimmst?
    Ja.
    Da legte er die braunen Hnde zusammen, schaute mir mit seinen dunkeln,
ehrlichen Augen in das Gesicht, lchelte ein wenig verlegen dazu und sprach:
    Ich habe in der letzten Zeit viel, sehr viel nachgedacht, erstens ber dich
und zweitens ber mich.
    Nun, hast du da Etwas gefunden?
    Ja.
    Was?
    Du bist nicht das, was du bist, und ich bin nicht das, was ich bin, sondern
du bist das, was ich bin, und ich bin das, was du bist.
    So? Das klingt allerdings sehr schn und ist jedenfalls noch viel schner,
als es klingt; aber sag mir vorerst einmal: Wer bist denn eigentlich ich, und
wer bin denn nachher du?
    Du scherzest, Sihdi, mir aber ist es ernst! Hre, was ich meine! Ich bin
kein Moslem, und du bist kein Christ.
    Oho!
    Ja, so ist es! Sondern du bist der Moslem, und der Christ bin ich! Ich
bitte dich, Sihdi, werde nicht darber zornig, und lache mich aber auch nicht
aus. Es ist so, wie ich sage, wenn auch Etwas anders. Es gibt etwas dabei, was
ich noch nicht begreife. Denn wenn ich mir ganz Dasselbe auf die andere Seite
hinberdenke, so bist du immer noch der wirkliche Christ, und ich bin immer noch
der wirkliche Anhnger des Propheten. Aber es gibt noch eine dritte Seite,
welche diese Sache noch viel verwickelter macht. Denn wenn ich uns von ihr aus
betrachte, so sind wir weder Christen noch Muhammedaner, sondern Heiden.
    Das klingt sehr schlimm, Omar!
    La es klingen wie es will; schlimm ist es nicht, denn - - - er hielt
nachdenklich inne und fuhr dann fort: Wie war das nur, was sie zu mir sagte?
Das war kurz, ehe sie ging.
    Wer?
    Sie, die - die - - ach, das weit du ja noch nicht! Nmlich ich war in
meiner Stube da vorn und hatte die Tr offen. Da wollte etwas Weies an mir
vorber. Als es mich sah, blieb es stehen und kam dann nher, herein in meine
Stube, um mich anzusehen. Ich wute nicht, was es war.
    Natrlich eine Frau!
    Ja, ein Mann war es nicht, ob aber eine Frau oder ein Mdchen, das war
nicht gleich so gewi, wie du zu denken scheinst. Ich sah einen Schmuck von
Rosen und Veilchen und ein ganz unbeschreibliches Angesicht; das hatte den
Anschein, wie gar nicht von der Erde. Und da sprach es zu mir. Ich aber stand
mit offenen Augen und mit offenem Munde und antwortete nicht, denn ich hrte die
Worte nicht, weil ich nur auf den kstlichen Klang der Stimme achtete. Es war,
als ob ein Bulbul51 snge, im Schatten einer unter Palmen stehenden Moschee,
ganz absonderlich, beinahe heilig! Ich wei, da es bei den Christen heilige
Frauen gibt, die gestorben sind und als Seele manchmal wieder auf die Erde
kommen. War das, was so da vor mir stand, eine solche Seele oder gar ein Engel?
Natrlich wollte ich diese Frage blo nur denken; aber ich habe sie wirklich
ausgesprochen, denn ich wei noch, da ich ber den Klang meiner Stimme
erschrak, der gegen den der ihrigen ganz unaussprechlich hlich war. Ich kann
mich auch nicht erinnern, in welcher Sprache ich es gesagt habe; aber ich bin
ganz gut verstanden worden, denn es kam ein Lcheln, als ob es pltzlich lauter
Sonnenschein und Frhlichkeit auf Erden gebe, und dann die Worte, die ich meine.
Ich knnte sie dir hchst wahrscheinlich ganz genau sagen, wenn ich mich eben
auf die Sprache besinnen knnte, in welcher dieser Engel oder diese Seele zu mir
geredet hat. Es war krzer, viel, viel krzer, aber es wird ungefhr so gewesen
sein: die Rassen und Religionen sind verschieden, die Menschenherzen aber sind
alle eins und einig. Ich wei nicht, ob du mich nun verstehst, mich und die
Seele, die zu mir in meine Stube kam.
    Ich verstehe Euch, dich und sie. Weit du denn nun, wer es war?
    Ich denke es mir. Sie ging von mir nach dem Zimmer des Governor, aus
welchem du dann kamst. Nach einiger Zeit verlie sie es mit ihm; da ging ich
hierher, um mich in deiner Wohnung einzurichten. Sie ist der Marmorkopf auf
unserer Jacht, und sie ist das stets mit Blumen geschmckte Bild in der Kajte.
Und sie ist aber auch wieder keines von beiden, sondern sie alle drei zusammen
sind - - - wieder hielt er inne, machte eine Bewegung, als ob ihm ein
berraschender Gedanke gekommen sei, und fuhr dann fort: Sihdi, ich habe etwas
entdeckt. Nmlich diese drei sind genau so Eines wie wir drei.
    Deutlicher, Sejjid! Sprich deutlicher, sonst verstehst du dich schlielich
selbst nicht mehr!
    Ich meine: Dieses weigekleidete Wesen, das Bild in der Kajte und der
Marmorkopf mssen zusammengerechnet werden. Und der Christ, der Mohammedaner und
der Heide mssen auch zusammengerechnet werden. Da kommt hier Etwas und dort
Etwas heraus, was du vergleichen mut. Vielleicht ist es Einunddasselbe,
vielleicht ist es nicht Einunddasselbe, aber etwas Aehnliches - - - Ich gehe!
    Er drehte sich um, entfernte sich und machte die Tr so schnell hinter sich
zu, da ich gar keine Zeit fand, ihn mit einem Worte, einer Frage
zurckzuhalten. Das war so seine Art, wenn er etwas getan oder gesprochen hatte,
was er fr klug, vielleicht gar fr geistreich hielt. Da lie er mich so schnell
wie mglich allein, damit ich Zeit und Raum gewinnen mge, ihn ungestrt zu
bewundern.
    Was hatte er mir sagen wollen, und was hatte er mir gesagt? In seiner
eigenartigen, so auerordentlich ernsten und doch fast komischen Weise? Das
Mittel ziehen aus einer Frau und ihren beiden knstlerischen Werken! Einen
Christen, einen Moslem und einen Heiden addieren und die Summe mit drei
dividieren! Wie heit der Quotient? Das war eine Aufgabe, die mir ein Araber,
ein Eselsjunge aus Kairo vorgelegt hatte! Er hatte sich etwas ganz Bestimmtes
dabei gedacht, gleichgltig, ob ich ihn begriff oder nicht. Er, der nicht das
Allergeringste von Kunst verstand, hatte mir in Beziehung auf die Yin einen
geradezu bewundernswerten Wink gegeben. Und er, der sich stets mit so groem
Stolze als Sejjid, also als Nachkomme Mohammeds bezeichnet hatte und dem es
geradezu grlich gewesen war, einen Heiden auch nur anzurhren; er wollte jetzt
nicht nur sich, sondern dazu auch mich mit allen mglichen Andersglubigen
zusammenwerfen und hinterher noch dividieren lassen! Warum, wozu? Weil er
endlich, endlich zu ahnen begann, da sein sogenannter wahrer Glaube auch
nichts Anderes als eben nur eine Art des Glaubens ist.
    Eine ganze Flle von Gedanken strmte auf mich ein, und ich setzte mich ins
Freie hinaus, auf den hohen Sller. Das weit vorspringende Dach beschattete ihn.
Vor mir lag beinahe der ganze Ort, der Hafen und der Meeresarm. Jenseits
desselben die Kste des Festlandes und der Landeplatz, hinter diesem die weiten,
langsam ansteigenden Fluren und Felder, welche den bereits erwhnten dunkeln,
sonderbar zacklinigen Bergen zustrebten, auf denen ich Raffley-Castle zu suchen
hatte.
    Eben als ich mich drauen niedergesetzt hatte und mein Auge hinunter nach
dem beraus belebten Hafen richtete, kam Sejjid Omar aus dem Hause und wendete
sich nach dem bergabwrtsfhrenden Wege. Er hatte nichts zu tun und ging darum
spazieren, um den interessanten Ort, an dem wir uns befanden, kennen zu lernen.
Von unten kam ein Chinese herauf, langsamen Schrittes, wie einer, der auch nur
spazieren geht. Sie grten einander. Der Chinese blieb stehen und sprach auf
Omar. Dieser antwortete. Es entwickelte sich zwischen ihnen ein Gesprch,
infolge dessen der Chinese die bisherige Richtung seines Spazierganges aufgab;
er drehte sich um und schritt mit Omar den Berg hinab. Aus seinen Handbewegungen
schlo ich, da er dem Araber die umliegende Gegend zeigte und erklrte. Weiter
hatte dieser Mann fr mich kein Interesse - - - notabene fr jetzt. Er sollte
mir wichtiger werden, als ich dachte! Es fiel mir an ihm auf, da er einen ganz
eigenartig geformten Hut trug und da kein Zopf bei ihm zu sehen war.
    Nach einiger Zeit hrte ich meine Tr drin gehen.
    Charley! rief die Stimme des Governor.
    Hier bin ich, auf dem Balkon, antwortete ich.
    Er kam heraus.
    Da sitzt Ihr also, da! sagte er. In aller Seelenruhe! Whrend ich in
meiner Seele ein ganzes Schock von Seestrmen zu erleben habe, alle zu gleicher
Zeit, ganz auf einmal!
    Und dabei so auerordentlich gutes Wetter im Gesicht, warf ich ein. Ihr
steht ja frmlich in Strahlen wie die Sonne!
    So? Wirklich? fragte er, indem er sich niedersetzte. Hab auch allen Grund
dazu, da ich strahle! Bin begeistert, bin elektrisiert, bin entzckt, bin
berauscht, bezaubert, fascinirt, bin einfach weg, weg, weg!
    Hm! machte ich.
    Was, hm? fuhr er auf. Ist etwa Etwas nicht richtig, Sir?
    Hm! wiederholte ich.
    Da stand er auf, breitete die Arme aus, dehnte und reckte sich nach allen
Richtungen, holte tief, tief Atem, setzte sich wieder nieder und sagte dann:
    So! Jetzt will ich mir Mhe geben; aber nun brummt mir auch nicht mehr!
Uebrigens, Ihr habt recht, vollstndig recht: diese Ausdrcke waren nicht am
Platze. Es gibt Gefhls- und Erkenntnissphren, in denen Redensarten wie
entzckt, begeistert, wundervoll u.s.w. nicht nur lcherlich, sondern geradezu
verbrecherisch sind. Das war mir bisher fremd; nun aber sehe ich es ein. Ich
habe mich von jetzt an mit solchen tief da unten liegenden Dingen nicht mehr zu
befassen, denn ich bin gehoben worden, hoch, hoch emporgehoben. Schaut mich
einmal an, Charley! Was meint Ihr wohl, wer ich bin?
    Doch wohl der, der Ihr bis jetzt gewesen seid!
    Nein! Sondern ein ganz Anderer! Alles, Alles, was ich mir einbildete, ist
weg, vollstndig weg! Ich war nichts, gar nichts! Erst heut bin ich Mensch
geworden, ein wirklicher Mensch! Und erst heut wurde ich geadelt, erst heut! Ich
war ein ganz gewhnlicher Mann. Blaues Blut, na ja, meinetwegen! Aber das Edle,
das Edle, das wirklich und vollkommen Edle, fr das es keine Werte und keine
Beschreibung gibt, das ist erst heute in mir aufgewacht, ganz pltzlich und mit
aller Gewalt, als diese unbeschreibliche Yin bei mir erschien und vor mir
niederkniete! Ich zhle ber sechzig Jahre, habe aber nicht mehr als nur zwei
wirklich bedeutende Augenblicke erlebt - - - innerlich bedeutend meine ich. Das
war in Kota Radscha, als mein Freund, der Heidenpriester, unsere Mary Waller
segnete. Und das war vorhin hier in Ocama, als von der Chinesin eine Segensflle
auf mich berging, die ich sogar auch uerlich empfand, so hnlich wie den
Strom eines magnetischen Apparates.
    Er hielt inne, schaute in das Weite, ber die See hinber, und setzte dann
seine Rede fort, nicht wie an mich gerichtet, sondern als ob er alles nur sich
selbst zu sagen habe. Er hatte sich halb von mir abgewendet und sah mich auch
nicht an.
    Sonderbar, hchst sonderbar! Es war einmal ein indischer Brahmane bei mir,
mit dem ich viel ber ernste Dinge sprach; der erzhlte mir Folgendes: Der Mann
wurde in Indien erschaffen, das Weib aber in Persien. Da lag zwischen hohen
Bergen der heilige See und gleich daneben der sumpfige See der sndigen
Gewsser. Der heilige See trug nur eine einzige, rein weie, fleckenlose
Lotosblume. Keine Fliege und kein anderes Insekt wagte sich in ihre Nhe. In dem
Sumpfe aber gab es Blumen in Hlle und Flle. Sie prangten in allen Farben und
schienen schner zu sein als selbst die Lotos in der klaren, lauteren Flut. Aber
sie dufteten wie nach Aas, und dieser Gestank, den sie verbreiteten, zog
allerlei unreines Getier in groen Mengen zu ihnen hin. Da kam Ormuzd, der Gute,
im Vollmondschein gegangen, bis an den heiligen See, und sah die Lotosblume.
Das ist die Blte, die aus meinem Himmel stammt, sagte er bei sich. Ich werde
sie dem Menschen bringen, den ich heute schuf, da sie an seinem Herzen blhe
und ihre reine Seele ihn aufwrts leite nach der Seligkeit. Er winkte ihr; sie
kam herbeigeschwommen, und als sie an das Ufer stieg, besa sie menschliche
Gestalt und war - - - das erste Weib! - - - - - - Kaum hatte sich der Herr mit
ihr entfernt, so kam auch Ahriman, der Frst des Bsen. Er ging zum See der
sndigen Gewsser und sprach mit arger List: Das sind die Blten, die aus meiner
Hlle stammen. Ich werde sie den Menschen bringen, die nun von heute an geboren
werden, damit man sie fr Lotosblumen halte und darum Gottes Himmel meiden
lerne. Verflucht sei fortan Jedermann, der diese Reine liebt, die ich dort gehen
sah! Er winkte. Da kamen sie herbei geschwommen, die bunten Blumen aus dem
Wasser des Gestankes, und als sie an das Ufer stiegen, besaen sie die
menschliche Gestalt und waren Frauen, viel schner noch als jenes erste Weib! -
- - - - - Wit Ihr, Charley, wo Ihr die Seele jener Lotosblume, jener von Ormuzd
geschaffenen Frau zu suchen habt?
    In unserer Yin?
    Ja. Aber warum sagt Ihr es? Ich selbst wollte es doch sagen! Ich habe es
entdeckt, aber doch nicht Ihr! - Ich bin heut klein, unendlich klein geworden,
und doch auch wieder gro, unendlich gro. Ich habe Euch viel, sehr viel zu
sagen. Der Eindruck, den Yin auf mich gemacht hat, ist ganz unbeschreiblich. Es
gibt keine Worte, mit denen ich das sagen - - -
    Er unterbrach sich abermals. Es gab ein Gerusch unter unsern Balken.
Hinabschauend, sah ich, da man einen Palankin aus dem Hause brachte und vor dem
Tore niedersetzte. Dann erschien Yin. Da sprang der Governor sehr schnell von
seinem Stuhle auf und sagte:
    Da ist sie ja! Schon jetzt! Sie will fort! Ich mu augenblicklich hinab, um
Abschied von ihr zu nehmen.
    
    Wo will sie hin? fragte ich.
    Nach Raffley-Castle hinber. Aber davon wit Ihr ja gar nichts. Mir jedoch
hat sie es vertraulich mitgeteilt. Seht, da steigt sie eben ein! Ich mu rasch
noch hinab, sonst trgt man sie mir davon, ehe ich ihr noch einmal die kleine,
unendlich schne Hand habe kssen drfen. Wartet! Ich gehe nur hinab zu ihr,
sonst weiter nirgendwo hin. Ich bin gleich wieder da bei Euch, und dann - - -
    Was dann geschehen sollte, das hrte ich nicht, denn grad bei diesem Worte
machte er meine Tr von drauen hinter sich zu. Ich sah, da er trotz dieser
seiner Eile zu spt kommen werde, denn Yin war in die Snfte gestiegen, welche
nun jetzt von den beiden Kulis aufgehoben und mit jener schnellen Art von
Schritten fortgetragen wurde, welche den chinesischen Snftentrgern zur
Gewohnheit geworden ist, nmlich ein ausgiebiger, schnell vorwrtsbringender
Trab. Als der Governor unten aus dem Hause kam, waren sie schon eine ziemliche
Strecke mit ihr den Berg hinunter. Da rannte er hinter ihnen drein und rief
dabei zu mir herauf:
    Ich hole sie ein; ich hole sie ein, Charley! Kommt mir nach, in die Stadt,
nach dem Hafen! Es gibt vor heut abend nichts zu essen hier oben!
    Das klang sonderbar. Wie kam er auf diese letzteren Worte? Und als ich nun
sah, mit welcher Eile er, der vornehmste und bedachtsamste aller Gentlemen,
hinter dem Palankin drein rannte und welche Schritte er dabei machte, da brach
ich in ein lautes, herzliches Lachen aus. Ich glaubte, mir das gestatten zu
knnen, denn ich war ja allein; aber da hrte ich hinter mir ein Echo klingen.
Ich drehte mich um und sah Tsi. Er war in meine Stube gekommen, ohne da ich es
gehrt hatte. Nun stand er da an der offenen Balkontr, sah den uncle laufen
und lachte grad ebenso herzlich wie ich selbst. Da er die letzten Worte des
Governor gehrt hatte, bewies er mir, indem er sagte:
    Nichts zu essen bis heut abend? Da hat er mich nicht richtig verstanden. Er
eilte gar zu schnell an mir vorber! Wir gnnen unsern lieben Gsten ihre eigene
Zeit und bitten sie darum erst fr heut abend in den Speisesaal. Das sagte ich
ihm, als er an mir vorberging. Fr auerdem hngt neben jeder Tr die
Speisekarte. Er hat es auf die Snfte abgesehen. Wer sitzt darin? Vielleicht
Yin?
    Ja, Raffley ist schon voran nach dem Hafen. Sie wollen nmlich - - - ah,
das darf ich ja vielleicht gar nicht sagen!
    Warum nicht? Nur immer heraus damit! Sie wollen hinber nach
Raffley-Castle, nicht? Er hat es auch mir mitgeteilt und meinem Vater ebenso, im
Vertrauen natrlich! Und Yin hat es meiner Schwester gesagt, meiner Mutter und
meiner Gromutter, ebenso nur im Vertrauen! Sie sehen, das Leben beginnt
bereits, sich chinesisch zu gestalten: Man behandelt die Vorkommnisse des
Familienlebens nicht ffentlich, sondern vertraulich. Uebrigens, wenn Sie
speisen wollen, so geben Sie das Zeichen mit dem Gong und sagen Sie dem Diener,
was Sie wnschen! Das war es, worauf ich Sie aufmerksam machen wollte. Sonst
aber sind Sie Ihr eigener Herr.
    Als er fort war, schaute ich drauen nach. Da hing neben jeder Tr ein
kleiner Gong und ber ihm ein Verzeichnis der Speisen und Getrnke, welche man
sich auf das Zimmer wnschen konnte. Das war eine Aufmerksamkeit, die ich sonst
noch nirgends gefunden hatte. Ich hatte jetzt weder ein Bedrfnis noch einen
Wunsch, sondern nur die Pflicht, dem Governor nach der Stadt zu folgen, da er
das sehr wahrscheinlich von mir erwartete. Ich spazierte also ganz denselben Weg
wie er, wenn auch bedeutend langsamer, den Berg hinunter, um zu versuchen, ihn
dann irgendwo zu treffen.
    Aber ich ging nicht allein, sondern ich wurde begleitet. Nmlich als ich zur
Treppe hinunterkam, wurde eine der im Parterre liegenden Tren geffnet, und es
trat ein Chinese heraus, der ganz augenscheinlich nicht von gewhnlichem Stande
war. Er wollte auch hinunter nach der Stadt, blieb aber stehen und verbeugte
sich sehr hflich, um mich an sich vorberzulassen. Als ich ebenso hflich
zgerte, dies zu tun, sagte er in einem sehr guten Englisch, er vermute, da ich
ein Gast dieses Hauses sei, und als solcher stehe mir der Vortritt vor ihm zu.
Da ich das nicht annehmen wollte, entspann sich ein kleines, wohlwollendes
Wortgeplnkel, welches zu dem heiteren Ergebnis fhrte, da wir Einer dem Andern
erlaubten, neben ihm herzulaufen. Dieser Mann war der Pu-Schang52 von Ocama. Er
war bei dem hohen Herrn gewesen, womit er natrlich Fu meinte, um ihm
Meldungen zu machen und sich Verhaltungsmaregeln zu erbitten. Ich war noch kaum
hundert Schritte mit ihm gegangen, so fhlte ich mich berzeugt, da er ein sehr
gewandter und sehr energischer Herr sei, doch lernte ich spter auch noch manche
andere, rein menschliche Tugend von ihm schtzen.
    Es war jetzt ungefhr drei Uhr nachmittags. Ich sah das am Stande der Sonne
und zog, whrend wir im Gehen miteinander sprachen, meine Uhr aus der Tasche, um
ihre Zeit mit der der Sonne zu vergleichen. Als er das sah, schien ihm ein
Gedanke zu kommen. Er schaute auch nach seiner Uhr, hielt seine Schritte bei
einer am Wege stehenden Bank an und sagte:
    Es ist drei Uhr nach europischer Zeit. Wenn Ihr nicht groe Eile habt, so
bitte ich, hier einige Augenblicke zu warten. Es wird sich etwas zeigen, was
Jeden, der es noch nicht gesehen hat, im hchsten Grade berrascht.
    Was und wo? erkundigte ich mich, indem wir uns miteinander niedersetzten.
    Da drben an den Bergen, antwortete er.
    Wo Raffley-Castle liegt?
    Ja; eben dieses Castle meine ich. Ihr knnt es nicht sehen, denn es ist zu
weit entfernt und liegt im Schatten des vorstehenden, hohen Berges. Dieser
Schatten verdunkelt es grad einige Stunden vor und nach der Mittagszeit; sonst
aber ist es immer hell zu sehen. Nur noch ganz kurze Zeit, so wird es uns
erscheinen.
    Indem er dies sagte, hielt er seine Uhr noch in der Hand. An ihrer Schleife
hing eine Betelnu, auf welcher das eingegrabene und vergoldete Wrtchen Shen
ganz deutlich zu lesen war. Ein noch dabei stehendes kleineres Zeichen konnte
ich nicht erkennen. Ich vermutete also wohl mit vollem Rechte, da dieser
Pu-Schang ein Mitglied des groen, von Fu gegrndeten Bruderbundes sei, und ich
gestehe, da diese Vermutung gengte, ihm sofort meine Sympathie zu erwerben.
    Er bemerkte nicht, da mein Blick auf seiner Uhr ruhte, anstatt auf der
Gegend, nach welcher er mit ausgestrecktem Arme deutete. Da stie er einen
lauten Ruf aus, der mich veranlate, aufzuschauen. Ich stimmte sofort und ganz
erstaunt in diesen seinen Ruf ein, denn auf dem dunkeln Grunde der dort im West
und Nordwest von uns liegenden Berge flammte jetzt ganz pltzlich das Zeichen
eines Kreuzes auf, welches aus lauter strahlenden Diamanten zu bestehen schien
und, wenn ich die Entfernung in Erwgung zog, von ganz auerordentlichen
Dimensionen war.
    Ein Kreuz, ein Kreuz, das Zeichen des Christentums! rief ich aus. So
Etwas habe ich noch nie gesehen!
    Und hier sieht man es tagtglich, nicht nur das Zeichen, sondern das
Christentum auch selbst! antwortete er. Dieses Kreuz ist ganz von selbst
entstanden, ohne alle Berechnung derer, die es errichtet haben. Und so kam auch
das wahre Christentum ins Land. Kein Mensch kann sich rhmen, es uns gebracht zu
haben, denn es kam ganz von selbst; es kam - - mit unserer Shen. Gott lt sich
nicht durch Sterbliche verpflichten; das sollte man doch endlich einmal wissen!
    Es entstand eine Pause, whrend welcher ich in den Anblick der ganz
eigenartigen Erscheinung versunken war. Dann fuhr er mit leiserer, fast
andchtig klingender Stimme fort:
    Ihr seid hier fremd, ein Europer. Ich wei nicht, ob Ihr so wie wir in
Uebung seid, Euch das Aeuerliche nur mit Hilfe des Innerlichen zu erklren. Wo
innen nichts ist, bleibt alles Aeuere Schein, denn es ist leer. Wo aber der
Glaube innerlich im Menschen lebt und darum tief im Volke mchtig wird, da
bricht er sich bald auch nach auen seine Bahn und zwingt sogar, wie hier, die
scheinbar toten Berge, ihn durch sein Flammenbild dem Lande kundzugeben!
    Und das ist Raffley-Castle, wirklich Raffley-Castle? fragte ich, ohne
eigentlich eine Antwort zu erwarten.
    Ja, das ist es, sagte er. Der alte, drben in der Heimat aufragende Burg-
und Schlobau der Raffleys wurde aus Quadern von allerschwerstem Grampiangranit
errichtet. Er ist der Leib, dessen Seele Sir John herberholte, um sie hier in
leuchtenden Pai-tang-schitou53 zu kleiden. Der Urbau dort hatte nur dem
Interesse der Familie, des Klan zu dienen. Er war der aufwrts ragende Stamm,
der sich von diesen Interessen nicht zu lsen vermochte. Sir John und seine Yin
aber machten die Seele hier von diesem Zwange frei, indem sie ihr die Flgel
gaben, die sich im Dienste unserer Shen nach beiden Seiten regen. Das sind die
Gebude, die sich rechts und links vom Stamme zweigen und ganz ausschlielich
nur humanen Zwecken dienen. Hierdurch entstand das Kreuz, denn wo der Einzelne
oder die Familie beginnt, sich der hilfsbedrftigen Brder anzunehmen, da steht
das Tor zum Himmelreiche offen, von welchem alle unsere Weisen sprachen, bis
Christus kam, um diese Worte in Taten zu verwandeln.
    Wie erstaunt war ich, solche Worte, solche Ausdrcke aus dem Munde dieses
Chinesen zu vernehmen! Wo hatte er diese Gedanken, diese inneren Anschauungen
her? So wie er konnte doch nur Jemand sprechen, dem geistige Gebiete, wie
Aesthetik, Psychologie und Metaphysik nicht nur bekannt, sondern vertraut
geworden sind! Mein Gesicht schien ihm das, was ich soeben dachte, zu verraten,
denn er lchelte ein wenig vor sich hin, deutete hinaus nach der Stelle, wo das
Kreuz erglnzte und erklrte mir:
    Dieser Bau ist allerdings noch nicht ganz vollendet, weil Raffley so lange
Zeit abwesend war. Aber vorbereitet ist Alles, und was dort jetzt noch fehlt,
das ist in Shen-Fu angelegt, um spter nach dem Schlo versetzt zu werden,
besonders auch die Schule, der ich es verdanke, da ich in dieser Weise mit Euch
reden kann. Der oberste Professor ist der alte, liebe Pfarrer Heartman von
Raffley-Castle drben, den man eines jngeren Geistlichen wegen dort pensioniert
hatte. Als Sir John dies erfuhr, nahm er sich, ohne seine Verwandten davon zu
benachrichtigen, dieses hochehrwrdigen Dieners der christlichen Kirche an,
indem er ihn hierher zu uns, also in das Land der sogenannten Heiden rief, doch
nicht als Missionar, sondern als Leiter der Unterrichtsanstalten unserer Shen.
Ich war sein erster Schler und lerne noch heut von ihm. Nie hat ein
Andersglubiger ein widersprechendes, verwerfendes oder gar verdammendes Wort
aus seinem Munde gehrt. Er findet an jedem Glauben so viel Verwandtschaft mit
seiner eigenen Religion und wei das in so auerordentlich gewinnender und
berzeugender Weise zu sagen. Und es geht Jedermann genau so wie mir: Je lnger
man mit diesem herrlichen Gottesmann spricht und verkehrt, desto mehr sieht man
ein, da Christus das wirklich war, als was er sich bezeichnete, nmlich der
Weg, die Wahrheit und das Leben. Wir glauben hier alle an ihn!
    Shen-Fu ist die Stadt, nach welcher die Strae von dem Wege nach
Raffley-Castle da drauen links abgeht? erkundigte ich mich.
    Ja, nickte er. Der Name bedeutet, wie Ihr wissen werdet, Hauptstadt der
Shen. Unser groer Mandarin und Sir John haben das Gebiet, auf welchem wir
wohnen, zwar Ki-tsching genannt, beliebter und gebruchlicher aber ist das Wort
Shen-Kuo, was Land der Shen bedeutet. Unsere Verbrderung geht ber Lnder, in
denen ber siebenhundert Millionen Menschen wohnen, und wir wnschen, da sie
immer weitergreifen mge, hoffentlich auch bis in das Abendland hinber; aber
ihre Wurzeln schlgt sie nur in diese kleine Strecke, fr welche dort vom
Bergesdunkel das Kreuz der Nchstenliebe leuchtet. Doch, seht, da geht die Wolke
ber unsern Himmel, und Raffley-Castle ist nicht mehr zu sehen. Setzen wir also
den Weg zum Hafen fort!
    Whrend wir weitergingen, fragte er mich, ob ich Ocama wohl schon kenne. Ich
verneinte das, und so machte er mich unterwegs auf alles Wissenswerte
aufmerksam, was uns am Wege lag. Ganz auffallend war die Menge der Areka- oder
Betelnsse, die es hier gab. Ich sah groe Prauen gefllt mit ihnen; sie waren
in jedem Laden zu verkaufen, und in Kisten lagen sie hoch aufgeschichtet am
Ufer, um nach allen Orten, wo es Mitglieder der Shen gab, versandt zu werden.
    Wundert Euch nicht hierber, sagte mein Begleiter; sie sind ja unsere
Erkennungszeichen, unsere Legitimationen, ohne welche wir niemals erreichen
knnten, was wir erreichen wollen. Vielleicht erfahren Sie selbst auch noch, da
es kein einfacheres, billigeres und praktischeres Bindemittel zwischen unsern
Hunderttausenden, ja Millionen geben kann, als diese Nu, die berall zu haben
ist und deren Verlust man allezeit und sofort ersetzen kann.
    Das war im hchsten Grade interessant; ganz selbstverstndlich aber
belstigte ich den Pu-Schang nicht mit zudringlichen Fragen nach dieser
Verbrderung, die mit jedem neuen Tage ein greres Interesse fr mich gewann.
Es war also ganz freiwillige Aeuerung, was er noch ber sie sprach:
    Ihr werdet bemerkt haben, da der Ort ein festliches Aussehen zeigt. Der
nhere Grund liegt allerdings in Eurer Ankunft heut. Es gibt aber auch noch
einen zweiten. Uebermorgen feiern wir nmlich den grten Festtag unsers Landes,
den Shen-Ta-Shi54, auf den wir uns schon jetzt vorbereiten. Da strmen uns aus
weit von jenseits unserer Grenzen die Freunde unsers Bundes in Scharen zu, und
wohl nirgends auf der weiten Welt gibt es eine Versammlung, in welcher in
Beziehung auf Bruderpflicht und Menschlichkeit so Weittragendes entschieden
wird, wie hier bei uns an diesem einen Tage. Ihr werdet es ja sehen!
    Wir hatten inzwischen den Hasen erreicht und waren so weit am Wasser
hingegangen, da wir uns grad bei unserer Yacht befanden. Auf dem Deck sa der
Governor. Seine Aufmerksamkeit schien nach auswrts, nach der Wasserseite
gerichtet zu sein; bei einer unwillkrlichen Bewegung des Kopfes aber fiel sein
Blick zu uns herber; er sah mich und winkte mir, zu ihm zu kommen. Der
Pu-Schang wollte sich entfernen, ich lud ihn aber ein, mit mir zu kommen, da
Raffleys Onkel sich jedenfalls freuen werde, ihn kennen zu lernen. Das geschah
denn auch. Ich stellte die beiden Herren einander vor und sah bereits nach
kurzer Zeit, da der Hafenmeister dem Gentleman sehr wohlgefiel.
    Der letztere behauptete, uns gar nicht beschreiben zu knnen, was das Kreuz,
welches jetzt nach Entfernung der Wolke wieder zu sehen war, fr einen Eindruck
auf ihn mache. Leider habe er es nicht eher bemerkt, als bis John mit seiner Yin
im Boote fortgefahren sei. Er fgte hinzu:
    Indem ich diesen beiden nachschaute, sah ich pltzlich dieses diamantene
Wunder dort an den Bergen leuchten, und ich versichere Euch, ich finde auch
jetzt noch keine Worte, um Euch zu sagen, wie tief es mich ergreift. Doch,
lieber Charley, da fllt mir ein: Ich wollte Euch Etwas zeigen. Seht hier; was
ist das wohl?
    Das, was er mir reichte, war eine Arekanu allerkleinster, niedlichster Art,
als Knopf-, Schal- oder Grtelschlieer in Gold gefat. Auf der einen Seite
stand das Wort Shen und darunter der Name Yin; auf der andern las ich die drei
schon einmal erwhnten Zeichen Schin, Ti und Ho. Die Satzungen der Shen waren
mir unbekannt; vielleicht gab es berhaupt keine; aber wenn ich an die Karte
dachte, mit welcher Tsi damals in Kota-Radscha dem Malajen so imponiert hatte,
so mute die Person, welcher diese kleine Nu gehrte, fr die Bruderschaft eine
auerordentlich wichtige und angesehene sein.
    Sir, wo habt Ihr dieses Schmuckstck her? fragte ich den Onkel.
    Es ist von Yin; aber John hat es mir gegeben, berichtete er.
    Wann? Darf ich das wissen?
    Warum nicht? Solange ich England bin und Ihr Deutschland seid, brauchen
beide keine Geheimnisse voreinander zu haben. Ich eilte, wie Ihr wit, unserer
Yin nach, um mich von ihr zu verabschieden. Aber die Snftenkulis liefen so
rasch, da ich hier ankam, als sie bereits ausgestiegen war. John hatte auf sie
gewartet und das Boot bemannt, um sich mit ihr hinber nach dem Lande rudern zu
lassen, wo man mit Pferden auf sie wartete. Ich war ganz auer Atem und wollte
am Liebsten mit; natrlich wurde ich abgewiesen. Das ging mir aber derart gegen
den Strich, da ich in meiner Aufregung zu schwatzen begann, was ich jetzt gar
nicht mehr wei. Ich erinnere mich nur noch ganz dunkel, mit grtem Nachdruck
beteuert zu haben, da es unbedingt ein wahres Glck fr meinen Neffen sei,
seine Yin zur Frau zu haben; denn wenn dies nicht der Fall wre, so wrde ich
sie heiraten, ich, ich, ich, und zwar gleich auf der Stelle; jawohl, hier von
der Stelle weg! Ohne irgend einen dummen Verwandten da drben in Old England
erst zu fragen! Sie lachten beide so herzlich, wie eben nur so ein chinesischer
Englnder oder so eine englische Chinesin lachen kann. Ganz selbstverstndlich
wurde ich da fuchsteufelswild, warf ihnen unsere ganze, schne, groe Wette an
die Kpfe, zog sie miteinander an mein altes Herze, kte sie beide, erst ihn,
dann sie und dann sie noch einmal, und schwor ihnen zu, noch heute nach Hause zu
schreiben, da Yin meine Nichte sei, da ich also meine Wette verloren habe und
berhaupt niemals wieder wetten werde. Versteht Ihr mich, Charley? Niemals
wieder! Ich sage das freiwillig! Ihr habt mich nicht gezwungen! Wollt Ihr das
wohl bedenken?
    Sehr gern, sehr gern! Das ist ein guter Entschlu und ein gutes Wort. Ich
danke Euch!
    Auch John freute sich darber. Er sagte, nun sei ja alles ganz und fr
immer gut, genau so, wie er erwartet habe. Darum wolle er auch mir eine Freude
machen, die keine ganz gewhnliche sei, indem er mir den Adel, den ich soeben
gezeigt und bewiesen habe, diplomiere. Er zog seiner Yin diese Nadel, Broche
oder was es ist, aus ihrem Schultertuche und steckte sie mir an die Brust. Dann
machte er sich so schnell mit ihr hinweg, da ich gar keine Zeit zu der Frage
fand, was es mit dem sogenannten Diplom fr eine Bewandtnis habe. Wit Ihr es
vielleicht, Charley?
    Der Pu-Schang war, whrend der uncle dies erzhlte, in diskreter Weise
einige Schritte rckwrts getreten. Nun reichte ich ihm den Schmuckgegenstand
und bat ihn um seine Meinung.
    Sir, sagte er, indem er sich tief vor dem Governor verbeugte, Ihr seid
durch Ueberreichung dieses Zeichens ein Diener unserer groen Shen geworden, und
zwar nicht etwa ein gewhnlicher, sondern ein der hchsten Stellen wrdiger.
Dieses Zeichen ist ein hohes; es gehrte Yin. Da sie es Euch, dem Angehrigen
Eurer Rasse, Eurer Nation, zu geben wagt, ist eine Auszeichnung, deren Gre und
deren Wert nicht ich Euch zu erklren habe. Das hat nur entweder Sir John oder
unser groer Mandarin zu tun.
    Der Governor stand unbeweglich, starr.
    Ich, ich - - - Mitglied der - - der - - - der Shen? fragte er.
    Ja, nickte der Hafenmeister.
    Und zwar kein - - - kein gewhnliches, sondern ein - - - ein - - - ein
hohes?
    Ein sehr hohes! Dieses Zeichen berechtigt zu viel, zu sehr viel, Sir! Man
wird Euch das noch sagen.
    Von unserer Yin, von ihr! Ja, ja, sie ist ja Chinesin; da ist es zu
begreifen! Und von Fu hat man sogar schon lngst gewut, da er nicht nur zur
Shen gehrt, sondern ihr Grnder ist! Aber dieser John, mein Neffe, wie konnte
der es wagen, sich an diesem Zeichen zu vergreifen, um es seiner Frau
wegzunehmen und mir zu geben?!
    Sir John? Etwas wagen? Ja, wit Ihr denn das noch nicht?
    Was?
    Da er einer der besten Offiziere, einer der hchsten Generale unserer
groen Menschenbruderschaft ist! Sir, ist Euch das wirklich unbekannt?
    Da drehte sich der Governor langsam um, schaute eine Weile aus dem Hafen
hinaus, wendete sich uns wieder zu, sah mich an und fragte:
    Charley, besinnt Ihr Euch auf diese meine Albernheit?
    Auf welche? Wann?
    Als ich von ihm im Kratong zu Euch sagte: Dem scheint es mit dem
Ko-su-Sortieren nicht ganz ernst gewesen zu sein. Es ist also sicher, da er
nicht die geringste Befhigung besitzt, ein Mitglied der Shen zu werden. Das
habe ich behauptet! Denkt Euch doch nur! Und whrend ich eine solche Dummheit
rede, ist dieser John bereits einer ihrer besten Offiziere, gar schon ein
General! Nehmt es mir nicht bel, Mesch'schurs, ich mu mich setzen!
    Er lie sich auf die Bank, von welcher er, als wir vorhin kamen,
aufgestanden war, wieder nieder, betrachtete die Betelnu hchst angelegentlich
und sprach dabei:
    Eine Freude ist es, ja, und zwar eine groe, unbeschreibliche, die mir John
damit macht! Aber warum gleich so hoch? Htte auch von unten angefangen! Sollte
doch geprft werden, beobachtet! Das sagte mir mein Freund, der malajische
Priester! Ob es wohl einen zweiten Englishman gibt, der so hoch gestiegen ist
wie ich heut, so gnzlich unerwartet?
    Auer Sir John selbst gibt es keinen. Auch unser Professor nicht, der
Pfarrer Heartman, antwortete der Chinese.
    Heartman? Pfarrer? fragte da der Governor schnell. Wir hatten einen
Pfarrer Heartman in Raffley-Castle. Der war uns aber zu - - - hm! Er sprach zu
den Aristokraten genau so, wie zu dem ganz gewhnlichen Volke; da wurde er
emeritiert und zog, ich wei nicht mehr, wohin.
    Den meine ich, Sir, grad den. Er ist der Leiter aller unserer Schulen und
erntet Dank von Allen, die ihn kennen. Sir John, den er einst taufte, lie ihn
aus der Heimat kommen, um sich durch ihn mit Yin verbinden zu lassen, denn der
Segen eines - - -
    Da sprang der uncle wieder von seinem Sitze auf und unterbrach ihn
schnell:
    Verbinden? Getraut - - -? Getraut - - -? Sie wurden von ihm getraut, John
und Yin - - -? Von einem christlichen Pfarrer - - -? In geordneter - - -
kirchlich vorgeschriebener Weise?!
    Da wich der Chinese einige Schritte zurck, machte ein hchst erstauntes
Gesicht und sprach:
    Warum alle diese Fragen, Sir? Ich wei jetzt wirklich nicht, was ich zu
antworten habe!
    Da frbte die Verlegenheit das Gesicht des Governors rot bis zum Hals herab.
Er fhlte, welchen Fehler er begangen hatte, und lenkte um, indem er sagte:
    Allerdings, das war ja selbstverstndlich. Wo wohnt der Pfarrer jetzt?
    Auf dem Castle. Er kommt aber tglich nach Shen-Fu herber, um seines
auerordentlich wichtigen Amtes zu walten. Wir bitten die Gte des Himmels, ihn
uns noch lange zu erhalten, denn er ist trotz seines hohen Alters ein so
rstiger und beinahe unersetzlicher Mann, da wir nur schwer lernen wrden, ihn
zu entbehren.
    Hm! Und so eine Kraft haben wir pensioniert, emeritiert! Eigentlich eine
Schande! Wir jagen ihn fort, um seiner Aufrichtigkeit, um seiner Ehrlichkeit
willen, bei den Buddhisten und Konfuzianern aber wird er aufgenommen und
anerkannt! Doch sagt einmal, mein Freund: Ich hrte, das neue Raffley-Castle sei
ganz hnlich gebaut wie das ursprngliche, das alte. Wenn das der Fall ist, wie
kann es da so in der Form eines Kreuzes leuchten?
    Ihr seid ganz richtig berichtet, Sir; das neue gleicht dem alten, doch
Material und innere Einrichtung sind anders. Die Seele ist geblieben aber zu dem
neuen Krper kam auch ein neuer Geist. Die Basis oder der Sockel des Kreuzes
wird von den Wirtschaftsgebuden gebildet, ber denen sich die Beamtenwohnungen
grad in die Hhe ziehen. Dann kommt das eigentliche Castle, der Mittelpunkt,
welcher nach rechts und links die beiden Arme breitet; ich meine die
Baulichkeiten fr humanitre, also menschenfreundliche Zwecke. Hinter dem Castle
liegt das Paradies, ber diesem das herrliche Atelier und wieder ber diesem die
Kapelle mit der Orgel, die aus Deutschland verschrieben worden ist. Das Alles
wurde aus weiem Marmor gebaut, der aus den benachbarten Kreidebrchen stammt.
Wenn die Sonne auf diese Marmorflchen blickt, so beginnen sie zu strahlen; die
dunkleren Zwischenrume verschwinden fr die Ferne, und so entsteht das Kreuz,
welches Jedermann bewundert, der es sieht.
    Das ist auerordentlich. Ihr sprecht auch von einem Atelier. Gibt es denn
dort einen Knstler, einen Maler oder Bildhauer?
    Nicht einen Knstler, sondern eine Knstlerin, nmlich unsere Yin.
    Was? Wie? Yin? Sie, eine Knstlerin?
    Ja, und zwar die grte, die einzigste, die wir hier im Osten haben. Wit
Ihr auch das noch nicht, Sir?
    Nein, wirklich nicht!
    Aber der Marmorkopf dort, der sie selbst darstellt, ist ja von ihr
gemeielt! Und auch das Bild in der Kajte ist von ihrer eigenen Hand!
    Das wird ja immer interessanter und immer unerhrter! Zuletzt besteht man
nur noch aus lauter Verwunderung und wundert sich dann schlielich ber gar
nichts mehr!
    Und das Paradies ist von ihr gemalt, fuhr der Hafenmeister fort, und fr
den Bau und die Ausstattung des Schlosses hat sie die vorzglichsten
Bestimmungen mit getroffen!
    Auch das noch! Aber trotz dieser ihrer Beihilfe war ein Architekt ntig,
wie es selten einen gibt, und der kann kein Chinese gewesen sein, sondern ist
aus Europa herbeordert worden. Wahrscheinlich ein Englnder, der Raffley-Castle
dort natrlich vorher studieren mute!
    Verzeihung, Sir; er ist doch ein Chinese. Er studierte in Leeds und London;
dann ging er an die Technische Hochschule in Berlin, worauf ich ihn ein Jahr
lang reisen lie, um Studien zu machen. In Neapel traf er mit Sir John zusammen,
der ihn mit nach England nahm, um ihm Raffley-Castle zeichnen zu lassen, ohne
da die Verwandten Etwas davon erfuhren.
    Auch das ist seltsam, und zwar in hohem Grade! Aber sagtet Ihr nicht, Ihr
httet ihn reisen lassen, Ihr?
    Ja.
    Warum Ihr?
    Es ist mein Sohn, Sir, nach dem Ihr mich fragtet, sonst htte ich nicht von
ihm gesprochen.
    Da ffnete der Governor den Mund, um zu sprechen, sagte aber nichts, sondern
schaute mir eine ganze Weile lang kopfschttelnd in das Gesicht, versetzte mir
dann einen Rippensto und lie sich endlich hren:
    Ein ganz unbegreifliches Land! Und ein ganz unbegreifliches Volk! Da ist
man immerfort blamiert, und niemals hat man Recht! Aber eben das ist es, was mir
gefllt! Daheim lt man sich immerfort in seiner eigenen, wundervollen Sauce
braten und glaubt, so appetitlich zu duften, da Jedermann aufs schnellste
anzubeien habe; hier aber wird man vorerst ganz windelweich geklopft und dann,
wenn man grad anfangen will, zu braten und zu duften, als unbrauchbar zum
Kchenfenster hinausgeworfen, mitsamt der Kasserolle! Ich kann Euch sagen,
lieber Freund, da mir das imponiert! Es ist gar nicht so ungefhrlich, als
besserer Europer, sozusagen, mit einem bessern Mongolen zusammenzutreffen, weil
man da fast stndlich in die Lage kommt, sich selbst fr den Mongolen halten zu
mssen. Kaum habe ich Unglcksmensch behauptet, da der Baumeister ganz
unmglich ein Chinese sein knne, so - - -
    Der Flu seiner Rede wurde von einem Unterbeamten des Pu-Schang
unterbrochen, der seinen Vorgesetzten gesucht und im Vorbergehen hier bei uns
gesehen hatte. Er kam an Bord, sprach mit ihm und entfernte sich dann wieder,
worauf der Hafenmeister uns fragte, ob wir wohl Zeit und Lust htten, einer fr
uns wahrscheinlich interessanten Verhandlung beizuwohnen. Von uns befragt,
welcher Art sie sei, erklrte er:
    Noch einige Stunden vor Euch kam heute frh ein Huo-Lun-Tschuan55 hier bei
uns an, dessen Fhrer sich in grter Unbefangenheit als Opiumverkufer melden
lie. Ich erteilte den Bescheid, da dieser Verkauf hier nicht gestattet werde,
worauf er mir antworten lie, da er sich zwar anzumelden aber nicht um irgend
eine Erlaubnis zu fragen habe; er werde hier feilhalten und verkaufen, so lange
es ihm beliebe. Wer die verhngnisvolle Wirkung dieses Giftes und unsere
chinesischen Verhltnisse kennt, der wei, warum ein solcher Mensch sich
erlaubt, in diesem Tone zu uns zu reden, wird es aber auch begreiflich finden,
da es mir hier auf Ocama gar nicht einfallen kann, irgend eine Schwche zu
zeigen. Ich habe zu tun, was mir unsere Shen befiehlt, gab meinen Leuten die
ntigen Befehle und ging dann hinauf zum groen Mandarin, um ihm den Fall zu
melden. Er war mit meiner Auffassung dieser Angelegenheit vollstndig
einverstanden. Als ich von ihm ging, traf ich Euch. Mein Diener glaubte, ich sei
noch oben, sah mich aber, als er hier vorber ging, mich zu holen, bei Euch
stehen. Man hat dem Hndler Einhalt getan, und er wartet nun in meinem Bureau
auf mich, um seine Beschwerde anzubringen und Genugtuung zu fordern.
    Und da sollen wir mit? fragte der Governor.
    Ja, wenn Ihr diesen Fall fr wrdig haltet, Euch mit ihm zu befassen.
    Ganz selbstverstndlich, ganz selbstverstndlich! Das erinnert ja an den
famosen Opiumkrieg, an Kapitn Elliot und Admiral Kuang mit seinen
neunundzwanzig Kriegsdschunken, an die zwanzigtausend Kisten mit Opium, die in
das Wasser geworfen wurden, obgleich sie vier Millionen Pfund Sterling
kosteten!
    Um solche Gren und Ziffern handelt es sich heut und hier wohl nicht,
lchelte der Pu-Schang; aber wenn ich damals der Kaiser Tao-Kuang gewesen wre,
ich htte mich sicher nicht anders benommen, als ich mich jetzt benehmen werde!
    Wir verlieen also die Jacht und lieen uns von ihm zu sich fhren. Unsere
Yin lag an dem Platze der Einheimischen, der sich durch grere Ruhe und
Vornehmheit auszeichnete. Das Schiff des Gifthndlers war am Platze der
Fremden vor Anker gegangen, und mir muten an ihm vorber, um nach dem Bureau
des Hafenmeisters zu kommen. Wir sahen, da es ein kleiner Kstendampfer war,
stumpf auf den Kiel gebaut, um keinen groen Tiefgang zu haben und berall
anlegen zu knnen. Er war auch mit Mast- und Leinenzeug versehen, konnte also
zur Dampfkraft auch noch den Luftdruck fgen, und fhrte den Namen
Ta-Shen-Tsi-Yang-Shen. Die Schriftzeichen dieser fnf Silben waren zu beiden
Seiten des Buges angebracht. Sie heien zu deutsch Seine Exzellenz, der
Europer. Solche und hnliche Bezeichnungen kann man in den Hfen des Ostens
sehr oft sehen oder hren; sie sind zwar nicht nach unserem Geschmacke, aber
fast immer sehr bezeichnend.
    Seine Exzellenz, der Europer lag hart am Ufer an und war mit ihm durch
ein Laufbrett verbunden. An diesem standen zwei Mnner, welche nicht anders
gekleidet waren als andere Leute auch und je ein dnnes, weies Stbchen in der
Hand hatten, an dessen Ende sich eine Betelnu befand. Vis--vis von dem Dampfer
war am Lande ein Zelt errichtet, vor welchem eine Menge von Opium in allen
seinen Gestalten und Zubereitungen nebst den zum Essen und Rauchen dieses Giftes
ntigen Gegenstnden zum Verkaufe ausgelegt worden waren. Dabei hockte am Boden
wohl ein Dutzend sonnverbrannter, bis an den Hals bewaffneter Kerls, denen man
die Fhrung irgend eines berchtigten Handwerkes gleich beim ersten Blicke
ansehen konnte. Vor ihnen aber standen auch zwei Mnner mit eben solchen
Arekastben wie dort am Laufbrette Seiner Exzellenz, des Europers. Sonst aber
war nichts zu sehen, was auf irgend ein nicht ganz alltgliches Vorkommen
schlieen lie. Indem wir vorbergingen, fragte der uncle den Beamten:
    Das ist jedenfalls das Giftmischerschiff mit seinem Verkaufsstande. Ich
vermute, da Ihr Beide bewachen lat. Sind die Mnner mit den Stben etwa
Polizisten?
    Ja, antwortete der Hafenmeister.
    Natrlich heimlich bewaffnet, mit Revolvern oder so Etwas?
    Nein.
    Nicht? Aber die Polizei mu doch eine Waffe haben, um sich Respekt zu
verschaffen!
    Das ist bei uns nicht ntig. Wir achten sie und ehren sie, ohne da sie
unser Leben zu bedrohen braucht. Eigentlich gibt es bei uns gar keine Polizei.
Bei denen, die zur groen Brderschaft der Shen gehren, sind Zwangsmaregeln
niemals ntig. Ein Jeder liebt und respektiert den Andern so, da man keinen
Menschen kennt, der irgend eines Schutzes gegen andere Menschen bedarf. Nur wenn
es sich, zum Beispiel so wie hier, um Fremde handelt, kann es einmal zu jener
Strenge kommen, deren sich jede zivilisierte Nation eigentlich zu schmen hat.
Dazu brauchen wir aber nicht einen besonders besoldeten, besonders eingeschulten
und besonders ausgersteten Stand, sondern es gengt Jedermann, der sich am
Platz befindet. Er bekommt das weie Stbchen in die Hand und damit die
gesetzliche Macht, die fr den betreffenden Fall vonnten ist.
    Hm! Da bin ich still! Aber es geht so ruhig zu! Kein Auflauf, keine
Ansammlung von Menschen! Kme bei uns ein Fall derartiger Maregelung eines
Schiffes vor, so stnde der ganze Platz hier so voller Manns- und Weibsleute,
da man gar nicht hindurch knnte. Hier aber scheint Niemand Etwas davon zu
wissen.
    Da irrt Ihr, Sir, denn Jedermann wei es; aber ist es etwa ehrenhaft, sich
um irgend einen Schurken extra zu bekmmern? Ist er schuldig, so schmt man sich
dann, ihn berhaupt beachtet zu haben, und ist er unschuldig, so bereut man es,
ihn mit zudringlichen Blicken gekrnkt zu haben. Fhlt Ihr nicht, Sir, da es so
am richtigsten ist, wie es hier bei uns gehalten wird?
    Alle Wetter! Ob ich das fhle! Wenn das so weiter geht, so rede ich blo
noch englisch, sonst aber bin ich durch und durch chinesisch! - - - Was ist das
fr ein Haus und was fr eine Schrift ber der Tr?
    Er deutete nach dem Gebude, auf welches wir zuschritten.
    Das ist mein Kung-So56 antwortete der Hafenmeister. Die Schriftzeichen
sind Kung-Tao zu lesen, was so viel wie Gerechtigkeit bedeutet. Da man sie in
Wirklichkeit auch findet, wenn man sie hier bei mir sucht, dafr habe ich zu
sorgen. Tretet ein, ganz so, wie es Euch gefllt! Man liebt es hier nicht, die
Gste mit berflssigem Zeremoniell zu belstigen.
    Wir kamen durch einen gerumigen Vorplatz in einen Raum, den ich nach
heimischen Begriffen als Wartezimmer bezeichnen mchte. Da sa der Mann, wegen
dem der Hafenmeister geholt worden war. Er machte keine Bewegung, uns zu gren.
Wir gingen in die groe Stube nebenan, wo mehrere Schreiber saen, und kamen
dann in das eigentliche Dienstgemach des Pu-Schang, an welches eine Veranda
stie, deren Tr jetzt offen stand. Nachdem wir Platz genommen hatten, lie der
Beamte den Wartenden durch einen der Schreiber zu sich bescheiden.
    Als er hereinkam, grte er nun allerdings, aber nur ganz flchtig, und
setzte sich sogleich nieder, ohne dazu aufgefordert zu sein. Er war chinesisch
gekleidet, aber sicher ein Mischling aus dem hinterindischen Sden, mit einem
sonnverbrannten und von den Leidenschaften durchfurchten Gesichte, eine
Spitzbubenphysiognomie, wie sie sich kein Schriftsteller erfinden darf, denn die
hat es nur in Wirklichkeit zu geben.
    Er hatte heute vormittag die Schiffspapiere vorgezeigt, und die hieraus
gemachten Eintragungen ergaben, was ber ihn zu wissen war. Das Schiff mit der
ganzen Ladung gehrte ihm selbst. Der Zweck seiner Fahrt war nur der
Opiumhandel, den er, wie er behauptete, schon seit Jahren von seiner Heimat
Binh-Dinh an der cochinchinesischen Kste aus bis hinauf nach den koreanischen
Hfen trieb. Er gab an, da es bisher kein Mensch gewagt habe, ihn an der
Ausbung dieses seines Gewerbes zu hindern, und er erwarte, da er jetzt sofort
wegen der ihm hier bereiteten unerhrten Belstigung um Verzeihung gebeten werde
und dann tun knne, was ihm beliebe. Der Hafenmeister hatte ihn ruhig angehrt
und gab ihm nun in kurzen Worten seinen Bescheid:
    Ich habe gesagt, da ich den Handel mit Opium hier verbiete. Man hat es
trotzdem gewagt, dieses Gift zum Verkaufe ffentlich auszustellen. Ich befehle
hierauf dem Dampfer Ta-Shen-Hsi-Yang-Shen, unsern Hafen binnen einer Stunde und
unsere Gewsser binnen heut zu verlassen. Befindet er sich nach dieser Zeit noch
hier, so wird er einfach konfisziert und mit der Ladung drauen auf der See
verbrannt!
    Da sprang der Opiumhndler von seinem Sitze auf und rief zornig aus:
    Das wolltet Ihr wagen? Ich wrde es Euch heimzahlen lassen, aber wie! Ich
kenne meine Gesetze!
    Und ich die meinigen auch!
    Ich wei wohl, was Ihr wollt! Ihr sagt, dieser Platz gehre Euch. Aber Euer
abendlndisch gewordener Mandarin ist immer noch Chinese; ich befinde mich also
an einem chinesischen Orte, und meine Papiere schtzen mich vor der mir
zugedachten Konfiskation!
    Da stand auch der Beamte von seinem Sitze auf und entgegnete ihm:
    Armer Teufel, der du bist! Was dich da schtzen soll, das wrde dich
verderben! Er hat sogar die Macht ber Leben und Tod!
    Auch ber Europer? klang es ihm da hhnisch entgegen. Konfisziert Ihr
etwa auch englische Schiffe? Ich habe nmlich whrend der jetzigen Fahrt das
Schiff und die ganze Ladung unterwegs verkauft! An einen Englnder, sogar
Offizier! Hier ist der Kontrakt. Und der Kufer ist auch zu haben. Soll ich ihn
etwa holen?
    Er zog aus seinem weiten Taschenrmel die Schrift hervor, faltete sie
auseinander und gab sie dem Beamten. Dieser las sie durch, legte sie wieder
zusammen, schob sie in ein Fach seines Pultes und sagte:
    Diesen Kontrakt habe ich dem Kufer vorzulegen. Er mag kommen; aber
schnell!
    Er wartet schon darauf. Ich hole ihn!
    Mit diesen Worten eilte der Mann hinaus. Wir sahen ihn mit schnellen
Schritten den Weg zurckgehen, den wir hergekommen waren, also nach seinem
Dampfer. Wir hatten nicht lange zu warten, sondern sahen ihn schon nach kurzer
Zeit wiederkehren, mit einem auch chinesisch gekleideten Zweiten neben sich. Und
dieser Andere war ganz unbedingt derselbe Mann, der den Berg heraufgekommen und
meinem Sejjid Omar begegnet war. Ich sah das an der eigenartigen Form seines
Mao-Tse57, die mir aufgefallen war, und an dem Fehlen des Zopfes.
    Da bringt er ihn, sagte der Pu-Schang. Jedenfalls kein Offizier, sondern
ein Lump, denn der Kontrakt ist Schwindel. Ein Strohmann, fr Geld und ohne
Ehre, weiter nichts!
    Als die Beiden hereintraten, htte ich beinahe einen lauten Ruf der
Ueberraschung ausgestoen, denn der angebliche Offizier und Kufer des Dampfers
war - - - Dilke, der sonderbare Gentleman, dem mein Sejjid Omar das Leben
gerettet hatte. Jedenfalls war er in Penang von dem General nachtrglich noch
sehr streng coramiert worden, vielleicht gar fortgejagt, und wer wei, auf
welche Weise er es whrend der inzwischen verflossenen langen Zeit bis zum
jetzigen Kumpan eines Giftmischers gebracht hatte! Er sah mich; er mute mich
sofort erkennen, mute vom Sejjid erfahren haben, da ich mich hier befand. Und
doch lie er sich nicht das Geringste merken; er sah ber mich hinweg, als ob
ich eine ihm vllig unbekannte und gleichgltige Persnlichkeit sei. Das hatte
jedenfalls einen Grund, aber welchen? Er ging hoch erhobenen Hauptes, als ob
hier an dieser Stelle nur er der Gebietende sei, auf den Pu-Schang zu und sagte:
    Man hat mich hierhergebeten. Ich bin Leutnant Dilke.
    Gebeten? antwortete der Hafenmeister. Ist mir gar nicht eingefallen.
Beordert seid Ihr worden; befohlen habe ich es. Und wenn Ihr nicht gekommen
wret, so htte ich Euch holen lassen. Das nennt man dann nicht bitten, sondern
arretieren.
    Alle Teufel! Ich bin Offizier! Verstanden?
    Da Ihr es seid, das sollt Ihr eben beweisen!
    Ihr habt ja den Kontrakt!
    Der beweist hierfr gar nichts!
    Wohl weil es das Exemplar des Kapitns ist? Hier habe ich das meinige. Lest
nach! Da steht mein Name, meine Eigenschaft und Charge.
    Er zog nun seinen Kontrakt aus dem weiten Aermel hervor, den der Chinese
bekanntlich als Tasche benutzt, und gab ihn hin. Der Beamte las, musterte die
Person des vor ihm Stehenden und erklrte dann:
    Auch das ist kein Beweis. Selbst wenn Ihr wirklich Offizier und wirklich
Leutnant wret, so knnte uns das gar nicht imponieren, denn ich schtze Euch
schon ber dreiig Jahre, und wer es bei uns hier in diesem Alter nicht weiter
als nur bis zum Leutnant gebracht hat, der hat bescheiden zu sein, sehr
bescheiden, sonst wird er einfach ausgelacht! Und sodann ist dieser Kontrakt
keineswegs eine Legitimation, weder in Beziehung auf Eure Person berhaupt noch
in Beziehung auf Euern militrischen Charakter. Ihr habt Euch dem Verfasser
desselben als Leutnant Dilke bezeichnet und diesen Namen dann unterschrieben;
fr mich aber gengt das nicht. Ich fordere Euch auf, Euch besser auszuweisen!
Ihr habt gewaltttig gehandelt, habt mit Hlfe bewaffneter Leute ein Zelt
errichtet, um den hier verbotenen Opiumhandel zu erzwingen! Wit Ihr, was das
heit?
    Ich brauche keine Legitimation! behauptete Dilke, allerdings schon in viel
weniger zuversichtlichem Tone. Jedermann sieht mir an, da ich Englnder bin;
Ihr aber seid Chinese; Ihr habt mir nichts zu sagen!
    Ich stehe hier an Stelle von Sir John Raffley, der Besitzer dieses Ortes
ist, und bin in diesem Augenblicke also Englnder. Ich habe bereits zu viel Zeit
mit Euch verschwendet und sage zum letzten Male: Eure Legimation!
    Da drehte sich der angebliche Offizier langsam und sichtlich widerwillig
nach mir um, deutete auf mich und sagte:
    Da sitzt sie, meine Legitimation. Dieser Mann kennt mich genau. Er wei,
da ich erstens Englnder und zweitens Leutnant bin und drittens Dilke heie!
    Wie? Ihr kennt Ihn? wendete sich der Beamte verwundert an mich. Wollt Ihr
ihn legitimieren?
    Das kann ich nicht, antwortete ich. Ich sah ihn an einigen Orten, wo er
sich Leutnant Dilke nennen lie, doch ob er das auch wirklich sei, das wurde nie
erwiesen.
    Wie war da sein Betragen?
    Ich bin sein Richter nicht!
    Das gengt! Ich habe ihn also hier zu behalten, bis es ihm gelungen ist,
glaubhafte Papiere vorzulegen.
    Da wre ich also arretiert? fuhr Dilke auf.
    Ja.
    Verfluchte Pest! und wie knirschend fgte er hinzu: Und diese
vermaledeiete gelbe Bande sollte ich seligmachen helfen! Ich aber komme ihr nun
von der andren Seite. Die Zeit ist da!
    Er zog eine Brieftasche hervor, ffnete sie, nahm ein sichtbar schon sehr
oft gebrauchtes Papier heraus, warf es dem Pu-Schang hin und forderte ihn in
zornigem Tone auf:
    Da, habt Ihr, was Ihr wollt! Aber nur schnell wieder her, damit ich
fortkomme aus dieser Bude hier!
    Der Chinese las und sagte dabei, langsam und in berlegendem Tone:
    Ein Pa - - - ein australischer - - - aus Melbourne! Ausgestellt auf Robert
Waller, genannt Dilke aus den Vereinigten Staaten von Amerika, Leutnant der
freiwilligen Miliz der australischen Kolonie Victoria! - - - - - - Hierauf sah
er lchelnd zu mir herber und fuhr fort: Ihr wolltet ber sein Verhalten keine
Auskunft geben, Sir; aber was hier steht, das ist so deutlich, wie ich nur
wnschen kann: Geborner Amerikaner, mit zwei verschiedenen Namen, dann
Australier, sogenannter Offizier, von freiwillig zusammentretenden Leuten,
pltzlich bei uns auftauchend, sich als Leutnant des britischen Heeres
bezeichnend, aber dabei der bezahlte Mitschuldige eines anamitischen
Giftmischers aus Binh-Dinh! Dieser Wisch und die beiden Kontrakte bleiben hier,
bis ich mir Seine Exzellenz, den Europer einmal genauer angesehen habe. Das
werde ich jetzt tun, augenblicklich!
    Mein Schiff durchsuchen? Das verbitte ich mir! brauste der Kapitn auf,
dessen Augen funkelten.
    Und Dilke fuhr schnell herum zu mir und raunte mir zu:
    Diese Blamage habt Ihr zu verhindern! Ich habe erfahren, wer alles sich mit
Euch hier befindet. Ich bin der Neffe des Missionars Waller, der Cousin Eures
Abgottes, seiner Tochter Mary! Verstanden, Sir?
    Seid, wer Ihr wollt, antwortete ich. Wo habt Ihr Sejjid Omar, meinen
Diener?
    Den Araber, diesen Kerl? fragte er, sich verwundert stellend. Was ist mit
dem?
    Ihr traft ihn oben am Berge und seid mit ihm umgekehrt.
    Davon wei ich nichts! Ist mir gar nicht eingefallen!
    Leugnet nicht! Wo habt Ihr ihn gelassen? Ich kenne ihn und mte ihn schon
lngst gesehen haben. Ihr habt es selbst verraten, da Ihr mit ihm gesprochen
habt. Denn wer alles sich mit mir hier befindet, das knnt Ihr nur von ihm
erfahren haben.
    Wie pfiffig! hhnte er. Um andre Leute fr schlechte Kerls zu halten,
braucht man eben nur selbst ein schlechter Kerl zu sein! Wollt Ihr um Waller und
seiner Tochter willen die Durchsuchung unsers Dampfers verhindern?
    Nein, antwortete ich.
    So hole Euch der Teufel! Denn pat auf: Uebermorgen abend rechne ich mit
Euch zusammen! - - - Vorwrts; schnell, hier hinaus!
    Er nahm seinen Kapitn bei der Hand und eilte mit ihm durch die
offenstehende Verandatr davon. Ich schaute den Pu-Schang fragend an. Der aber
lachte und sagte:
    Lat sie laufen, Sir! Wenn ich sie haben will, bekomme ich sie auf alle
Flle! Gehen wir langsam nach Seiner Exzellenz, dem Europer, der uns hchst
wahrscheinlich nicht nur sein Gift allein aufzwingen wollte. Er hat das Feuer
ausgehen lassen und kann uns also nicht per Dampf entfliehen.
    Wir verlieen also das Bureau der Gerechtigkeit und gingen den Weg, den
wir gekommen waren, so weit zurck, bis wir den Opiumdampfer wieder vor uns
hatten. Die vier Polizisten standen noch an ihren Stellen, zwei bei dem Zelte
und zwei an der Laufbrcke. Ihre Weisungen erstreckten sich nur darauf, keinen
Opium verkaufen zu lassen; was hiermit nicht in Verbindung stand, das kmmerte
sie nichts. Darum hinderten sie es nicht, da jetzt ein Boot zu Wasser gelassen
wurde, und zwar von den bewaffneten Leuten, die vorhin bei dem Zelte gesessen
hatten. Sie taten das mit groer Eile, grad eben, als wir kamen. Dilke und sein
Kapitn saen schon darin. Als die Leute dann hineingesprungen und vom Schiffe
abgestoen waren, rief uns Dilke zu, indem er die ausgestreckte Faust gegen uns
schttelte:
    Wir gehen nur einstweilen - - - wir kommen wieder - - - bermorgen! Dann
machen wir Kontrakt mit Euch - - - auf neunundneunzig Jahre! Und rhrt Ihr etwas
an, was unser ist, so sollt Ihr uns, die Zivilisatoren, kennen lernen!
    Hierauf legten sich seine Ruderer ins Zeug, und das Boot scho schnell ber
das Wasser hin, doch nicht hinaus nach der See, sondern nach dem Festlande zu.
    Ist dieser Mensch verrckt? fragte der Pu-Schang. Man knnte ihn dafr
halten, wenn er nicht nach gewissen Mustern handelte, die wir alle kennen.
Schauen wir nach, wer sich noch da befindet!
    Wir gingen an Bord, von wo aus man das sich entfernende Boot noch deutlicher
als von der andern Seite sehen konnte. Wir zhlten seine Insassen. Es waren
achtzehn, also wohl alle, die zu Seiner Exzellenz, dem Europer gehrten. Und
diese Vermutung war, wie sich herausstellte, richtig. Die ganze Besatzung hatte
sich in Sicherheit gebracht, fr einstweilen, wie sie dachte. Wir fanden auf und
in dem ganzen Dampfer nur einen einzigen Menschen vor, der aber nicht zu ihm
gehrte. Wer war das wohl?
    Um es kurz zu machen, will ich sagen, da wir uns in alle Rume begaben, um
nachzuschauen, was sie enthielten. Wir fanden Opium in ziemlich groen Mengen,
doch auch noch Anderes. Nmlich eine ganz erstaunliche Masse von Militrgewehren
europischen Ursprunges nebst Munition und allem Uebrigen, was zu einem
krftigen Putsch oder der pltzlichen Erhebung eines Landesteiles gegen die
Regierung erforderlich ist. Also: Das Schiff war irgendwo und von irgendwem
gechartert worden, um einem hier fr unsere Gegend beabsichtigten Pronunciamento
als Untersttzungspunkt und Rstkammer zu dienen.
    Ich ahnte es, und Ihr werdet mir das angehrt haben, als ich mit diesem
Dilke sprach, sagte der Pu-Schang. Es mehren sich seit einiger Zeit so ganz
besondere Zeichen, und Leuten von der Art wie Seine Exzellenz, der Europer ist
nie zu trauen!
    Sehen wir doch auch einmal im Ballastraum nach! bat ich. Sonderbarer
Weise sah ich bis jetzt noch keine Luke, die zu ihm fhrt. Ich habe nmlich eine
Idee, die eigentlich lcherlich ist, mir aber keine Ruhe lt. Ich mu hinunter,
unter Umstnden bis auf den nackten Kiel!
    Bei nherer Untersuchung stellte sich heraus, da die Stufen, welche in den
Ballastraum fhrten, mit schweren Kisten zugedeckt worden waren. Wir riefen die
Polizisten herbei und lieen die Kisten beiseite schieben. Wer kam da aus dem
dunkeln, mit stickiger Luft gefllten Raum hervorgestiegen? Mein Sejjid Omar!
Und nun es sich bewahrheitete, konnte ich, ohne mich zu blamieren, sagen, da
ich das erwartet hatte. Wie ich ihn kannte, wre er von Dilke weg sofort zu mir
geeilt gekommen, um mir zu sagen, da er diesen Patron hier getroffen habe. Und
htte er mich nicht oben auf dem Berge angetroffen, so htte er den ganzen
Hafenort durchsucht, um mich zu finden. Da dies nicht geschah, lie mich
vermuten, da er daran gehindert worden sei, was nur auf gewaltttige Weise
geschehen sein konnte, zumal Dilke ja leugnete, ihn gesehen zu haben. An einen
Mord zu denken, war mir allerdings nicht eingefallen; fr solche Taten hatte
sich die Situation noch nicht zugespitzt; aber irgend eine Teufelei, um sich fr
Penang zu rchen, das war diesem Dilke unbedingt zuzutrauen, und man sah nun ja,
ich hatte mich nicht geirrt.
    Als Omar herauskam und zunchst stehen blieb, um tief und lang die bessere
Luft zu atmen, fragte ich ihn:
    Hast du Angst gehabt, Sejjid?
    Nein, keine Spur, antwortete er. Ich kenne dich ja, Sihdi. Wen du lieb
hast, den verlassen deine Gedanken keinen Augenblick, und was du nicht sehen und
nicht hren kannst, das lt Allah dich ahnen. Ich wute also, da du kommen
werdest. Ich habe dir schnell zu erzhlen, wie ich da hineingekommen bin, und
dann mu ich rasch hinauf zu Fu, um ihm zu sagen, da eine Emprung gemacht
werden soll und da man des Nachts bei ihm einbrechen will, um nach den vielen
Millionen zu forschen, welche einer gewissen Frau Shen zu gehren scheinen.
    So komm vor allen Dingen herauf an das Tageslicht und an die frische Luft;
da kannst du reden.
    Wir stiegen an das Deck, wo wir uns niedersetzten. Er erzhlte in der ihm
eigenartigen Weise:
    Ich wollte mir, wie berall, wohin ich mit dir komme, diese Stadt und den
Hafen ansehen, um dir antworten zu knnen, wenn du mich nach Etwas fragst. Darum
ging ich fort. Unterwegs begegnete mir ein Chinese, der beinahe erschrak, als er
mich erblickte. Da ich aber China sehr gut kennen gelernt habe, so konnte mich
seine Verkleidung nicht tuschen, und ich sah sogleich, da es der Englnder
Dilke war, wegen dem ich der gute Bekannte des englischen Generales und seines
ganzen Harems geworden bin. Er wollte sehr schnell an mir vorbergehen, doch sah
ich, da er sich besann; es fiel ihm etwas Anderes ein. Er grte mich hflich;
darum war ich auch nicht grob. Er fragte mich, wohin ich wolle; ich sagte es
ihm, und da kam ihm der Wunsch, mit mir zu gehen, denn er kannte die Stadt auch
noch nicht, weil er ebenso wie wir, erst heut gekommen ist. Ich sage dir, Sihdi,
wir wurden gute Freunde, sehr gute Freunde, und gewannen einander
auerordentlich lieb; aber es fiel mir gar nicht ein, Vertrauen zu ihm zu haben
und ihm alles zu glauben, was er mir sagte. Wir gingen berall miteinander
herum, und dabei redete er immerfort. Am liebsten sprach er von einer mir sehr
unbekannten Person, die jedenfalls eine Frau oder ein Mdchen ist, denn er
nannte sie niemals er, sondern immer nur sie. Sie heit Shen und ist ungeheuer
reich. Sie hat viele, viele Millionen, und die liegen entweder an drei
verschiedenen Orten oder nur an einem von diesen dreien. Kannst du dir das
denken, Sihdi?
    Ich ahne es. Erzhle nur weiter! forderte ich ihn auf.
    Der eine Ort ist oben, wo wir wohnen, bei Fu. Den nannte er aber anders,
mit einem berhmten, chinesischen Namen. Im Parterre unsers Hauses sind die
Stuben fr die Schreiber, die immer fortwhrend an diese Shen schreiben und auch
immer wieder Briefe von ihr bekommen, denn unser Fu ist das Oberhaupt dieser
Frau oder dieses Mdchens. Wer einige von diesen Briefen lesen knnte, der wrde
sogleich erfahren, an welcher Stelle die Millionen zu finden sind. - Der zweite
Ort ist eine Stadt, die Shen-Fu heit und gar nicht weit von hier zu liegen
scheint. Und nun denke dir, Sihdi, in dieser Stadt ist unser Englishman, John
Raffley, Brgermeister und hat da ein Bureau. Da sitzt er mit einem alten,
weihaarigen Pfarrer Heartman und zhlt das Geld und schreibt die Millionen in
furchtbar dicke Bcher. - Und der dritte Ort ist ein Schlo, nmlich
Raffley-Castle, wo eine andere Frau, die grad so heit wie unsere Jacht, nmlich
Yin, in einem alten und in einem neuen Paradiese sitzt, und unter ihr ist ein
Gewlbe, in dem die Millionen eingeschlossen liegen. - Welcher von diesen drei
Orten der richtige ist oder ob man an alle drei zu gehen hat, das wei man nicht
genau; aber das Eine wei man gewi: Wenn man da oben bei unserm Fu des Nachts,
wenn Alles schlft, in die Stuben geht, die im Erdgeschosse liegen, und in den
vielen Bchern und Briefen sucht, die es da gibt, so erfhrt man ganz genau, wo
sich das viele, viele Geld befindet, und kann es sich dann holen. Und wenn ich
eine Nacht nicht schlafe, sondern aufpasse, so sehe ich Dilke mit einigen von
seinen Leuten kommen. Ich ffne ihnen von innen ganz leise die Tr; dann gehen
wir heimlich in die Stuben und lesen so lange, bis wir finden, was wir suchen.
Dafr bekomme ich eine ganze Million!
    Mensch - - Omar - - Sejjid, rief ich da lachend aus; hlt dieser Kerl
dich fr dumm!
    Ja! Ich wollte ihm eigentlich in das Antlitz spucken; aber da htte er
recht gehabt; da wre ich wirklich dumm gewesen! Darum machte ich ein so
albernes Gesicht, weit du, wie nicht einmal er es bringen kann, und fragte mich
immer weiter in seine Freundschaft, in seine Liebe und in sein Vertrauen hinein,
bis ich an die Stelle kam, an welcher, ganz genau gezhlt, fnfhundert Rebellen
stecken. Das ist jenseits unserer Grenze, bei einem Heidentempel, der heit Ki.
Die versammeln sich nacheinander, heut und morgen. Uebermorgen aber ist der
richtige Tag, nmlich ein groes Fest, der Geburtstag der Frau Shen. Da kommen
die Rebellen ber die Grenze herber und feiern den Geburtstag mit. Sie tun
zunchst, als ob sie diese Shen auch liebten. Sie verteilen sich berall in
unserm Lande. Sie hren unsere Festredner an und jubeln ihnen mit zu. Aber nach
und nach beginnen auch sie zu reden, erst heimlich und dann ffentlich. Was sie
da sagen wollen, das habe ich nicht erfahren, aber es soll groe Wirkung haben
und alle Welt begeistern. Dann ist es Rebellion. Es werden die Waffen verteilt,
die sich in diesem Dampfer hier befinden, und wenn das neue Reich gegrndet ist,
bekommt Jedermann so viel Opium, wie er braucht, um Allahs sieben Himmel alle zu
sehen. Das ist fr die dummen Chinesen, die ber die Millionen nur Unbestimmtes
erfahren. Wir Andern aber, wir Klugen, wir gehen heimlich hin, wo sie liegen,
und nehmen uns Jeder sein Teil, welches ihm versprochen worden ist.
    Wir Andern, sagst du. Wer ist das? fragte ich.
    Frage nicht mich, sondern ihn, wenn du ihn wieder siehst. Mir hat er es
nicht gesagt, und ich habe ihn auch gar nicht gefragt, weil er mich dann nicht
blo fr dumm, sondern gar fr ganz verrckt gehalten htte. Was von dem, was er
mir vorschwatzte, wahr und was nur Schwindel ist, das habe nicht ich zu
entscheiden. Aber es war meine Pflicht, so viel von ihm zu erfahren, wie nur
mglich war, und das habe ich getan. Bist du mit mir zufrieden?
    Sehr, lieber Omar, sehr! Aber war es denn ntig, dich einsperren zu
lassen?
    Nein, antwortete er. Und lachend fgte er hinzu: Ich versichere dir, da
es mir gar nicht eingefallen ist, ihn dazu zu ermchtigen. Aber wir waren
miteinander zuletzt da unten in seiner Kabine, und da fragte er mich nach meiner
Entscheidung. Da geschah der Fehler, den ich mir vorzuwerfen habe: Anstatt zu
warten, bis ich wieder hier oben und mit ihm bei andern Leuten war, machte mich
der angesammelte Grimm ber ihn so unvorsichtig, ihm endlich zu sagen, da er
sich schon wieder in mir geirrt habe, weil er ein Schurke sei, ich aber ein
Gentleman. Er hatte sich fr diesen Fall wohl vorbereitet. Seine Leute standen
auf dem Gange, hinter der Tr. Als wir hinaustraten, wurde ich von allen ihren
Armen gleich so fest gepackt, da ich mich nicht bewegen und noch viel weniger
verteidigen konnte. Man band mir die Beine zusammen und die Arme an den Leib und
warf mich dann hinunter in den Sand, der den Kiel des Schiffes schwer zu machen
hat. Da lag ich in vollstndiger Dunkelheit und mute beinahe ersticken. Es
gelang mir nach groer Anstrengung, die Arme frei zu bekommen. Da konnte ich
mich der Ratten erwehren und mir auch den Strick von den Beinen lsen. Aber als
ich an die Stufen kam, bemerkte ich, da man Etwas auf das Loch gestellt hatte,
was so schwer war, da ich vergeblich versuchte, es zu entfernen. Ich war also
auf dich angewiesen, auf dich allein, Sihdi, und darum wute ich, da meine
Gefangenschaft nur von kurzer Dauer sein werde. Das ist eingetroffen. Nun mu
ich hinauf zu Fu, um ihn zu warnen. Und dann will ich zu erfahren suchen, wo die
Frau zu finden ist, die Shen, auf deren Geld man es abgesehen hat.
    Er stand von seinem Sitze auf; wir Andern folgten diesem seinem Beispiele.
Die Art und Weise, wie er sich in einem Gemisch von Englisch und Chinesisch
ausgedrckt hatte, war eigentlich belustigend, aber der Inhalt seiner Worte lie
kein Lcheln aufkommen. Der Pu-Schang gab ihm die Hand und sagte:
    Sir, ich sehe Euch zum ersten Male; ich kenne Euch nicht; aber ich vermute,
wer und was Ihr seid, nmlich ein guter, braver Mensch, der seine Hand nie dazu
bieten wird, einem Andern Schaden zu bereiten. Darum mgt Ihr wohl mit dem hohen
Herrn sprechen, der Euch erlaubt hat, ihn blo Fu zu nennen. Was aber die Shen
betrifft, so kenne auch ich sie sehr genau und habe das Recht, in ihrem Namen zu
sprechen. Sie ist keine Frau, sondern etwas viel Hheres. Dieser Dilke hat Euch
absichtlich in Unwissenheit ber sie gelassen, doch werdet Ihr sie baldigst
kennen lernen, hoffentlich zu Euerm Glck, Euerm Heil und Segen. Ich gre Euch
hiermit von ihr, der Groen, Edlen, Herrlichen, und bitte Euch, zu Fu, wenn Ihr
nachher mit ihm sprecht von mir die beiden Silben zu sagen: Hsiung-Ti. Er wird
wissen, um was ich ihn da bitte. - - - Und nun bin ich gezwungen, mich zu
verabschieden. Dieses Ereignis und das, was soeben erzhlt worden ist, machen
ein augenblickliches Einschreiten gegen die Plne ntig, die gegen uns gerichtet
sind.
    Er wendete sich an seine Polizisten, um ihnen weitere und jedenfalls andere
Befehle zu geben als bisher; wir aber gingen heim. Oben angekommen, suchte ich
sofort Fu auf und erzhlte ihm das Geschehene. Er hrte mich ruhig an, ohne die
geringste Ueberraschung oder gar Erregung zu zeigen, schlug die letzte, gelb
eingebundene Nummer des Tsching-pao58 auf, und deutete auf die Stelle, die ich
lesen sollte. Da stand:
    Achte dieses: Es sind mehrere Fan-Fan59 in unser Reich gekommen, um die,
welche uns treu sind, zur Emprung zu verleiten. Wer sich von ihnen verfhren
lt, hat keinen Lohn, sondern nur die Gefahr, die Mhe und die Strafe, denn den
Gewinn, den das Bse bringt, behalten die Fan-Fan fr sich allein, indem sie mit
ihm verschwinden, sobald sie ihren Zweck erreicht haben. Man hat sie auf dem
Wege nach Ki-tsching gesehen. Die dortigen Mandarinen aber sind treu und klug.
Wir knnen ihnen vertrauen!
    Wir sind also unterrichtet, lchelte er, und haben die Augen offen. Auch
gingen von den betreffenden Organen schon Berichte ein, von denen ich Euch
nichts sagte, um Euch nicht zu beunruhigen. Das mindert aber nicht im Geringsten
das groe Verdienst, welches Sejjid Omar sich um uns erworben hat. Wir wissen
nun pltzlich ganz klar und sicher, was man will; sogar die Zeit, der Tag ist
uns bekannt. Ich werde meine Maregeln treffen; wir drahten ja in Zeit von
einigen Minuten durch unser ganzes Gebiet. Seine Exzellenz, den Europer werde
ich selbst auch noch besichtigen. Hchst wahrscheinlich machen wir mit ihm sehr
kurzen Proze. Und da man grad den groen Tag unserer Shen gewhlt hat, weil man
da Zuhrer in Masse zu finden glaubt, so werde ich dieses Fest verschieben, aber
so heimlich, da diese Fan-Fan vorher nichts davon erfahren. Die Vorbereitungen
gehen scheinbar weiter. Und unsere Millionen? Hm! Ja, die Shen ist reich, fast
unermelich reich; fr Lnderruber, Schurken und Rebellen aber hat sie nicht
die geringste Kupfermnze brig! Seid so gut, mein Freund, und schickt mir jetzt
den Sejjid her; ich mchte den Bericht auch noch aus seinem eigenen Munde
hren.
    Als ich zu Omar kam und ihm dies sagte, erkundigte er sich sehr
angelegentlich:
    Nicht wahr, die beiden Silben Hsiung-Ti soll ich ihm sagen?
    Ja, besttigte ich.
    Was hat das fr einen Zweck?
    Eine Freude fr dich, und zugleich eine Ehre, eine sehr, sehr groe Ehre.
Was fr eine, das wirst du dann nicht gleich, sondern nur so nach und nach
begreifen. Doch, gehe jetzt; er wartet wahrscheinlich auf dich!
    Hierauf sa ich in meinem Zimmer, allein fr mich, und dachte darber nach,
da der Mensch so gern mit seinem Glauben den Nchsten selig machen will, mit
seinen Werken aber diesem Nchsten meist nur Unseligkeiten bereitet. Dabei hrte
ich, da der Governor in seinem Zimmer auf und ab ging, als ob ihn irgend Etwas
sehr lebhaft beschftige. Und da klopfte er an die Verbindungstr.
    Charley, seid Ihr drin? fragte er.
    Ja, antwortete ich.
    Darf ich zu Euch?
    Bitte, jawohl!
    Da kam er herein, mit Yins Nadel in der Hand.
    Das Ding da lt mir keine Ruhe, sagte er. Ich habe erst jetzt Zeit,
darber nachzudenken, und da wird mir von Minute zu Minute mehr klar, was fr
ein groes, groes Geschenk dieser kleine Gegenstand eigentlich ist, zunchst
fr mich, und sodann auch, wie ich hoffe, fr viele, viele Andere, die nicht
hier im Morgenlande, sondern daheim in der alten, lieben, ahnungslosen Heimat
wohnen. Knnt Ihr Euch noch erinnern, da ich einmal von dieser Shen sagte, sie
sei wert, nach England verpflanzt zu werden? Jeder Schler dort msse ein
Mitglied der Shen werden? Aber was fr ein dummer Ausdruck, sie sei es wert!
Umgekehrt ist es richtig: Es wrde eine internationale Ehre fr jedes Land und
fr jede Nation sein, die Shen bei sich aufgenommen zu haben! Und darum werde
ich, sobald ich nach Hause komme, ihren Einzug bei uns schleunigst vorbereiten.
Natrlich mit Areka- oder Betelnssen! Es wird eine ungeheure Menge dieser Nsse
ntig sein, und ich berlege mir schon jetzt, woher ich sie am besten und am
billigsten beziehen kann.
    Alter, lieber Sanguiniker! scherzte ich.
    Oho! Ich habe gar nicht sanguinisch, sondern blo nur praktisch zu sein.
Ich fange bei der Jugend an, denn aus ihr baut sich das Volk auf, bis hinauf in
die hchsten, vornehmsten Kreise. Bedenkt doch, da wir nur in England und Wales
ber fnfzigtausend Lehrer und ber hundertfnfzigtausend Lehrerinnen an den
board schools haben, mit zwanzigtausend Schulen und sechs Millionen Schlern und
Schlerinnen! Dann kommen die hheren Privatanstalten und Lehrpensionen, die
Stiftsschulen und die proprietary schools! Hierauf weit ber vierhundert
colleges und grammar schools. Endlich die Universitten und zahlreichen
Fachschulen, fr Aerzte und Apotheker, Theologen, Lehrer, Techniker,
Polytechniker, Knstler, Offiziere, Ingenieure, Landwirte, Tierrzte, Kaufleute
und dergleichen! Ich lasse mich von unserm Fu von Grund herauf ber die
unendlich segensreiche Bruderschaft der Shen belehren, und gebe diese Belehrung
weiter, an mein Volk daheim und an dessen Erzieher. Ich bin sogar sehr gern
bereit, bis hinauf zur Knigin zu gehen, die mich hren wird, so oft ich komme,
um fr meine herrliche Shen zu bitten! Und wenn ich erst die Jugend fr diese
ehrenvolle und unendlich segensreiche Schler- und Studentenverbindung gewonnen
und begeistert habe, so wird es auch bei den Alten sehr bald und berall heien,
da Shen Couleur geworden sei! Ich sage Euch: Ihr habt gar keine Ahnung, welche
Mengen von Betelnssen ich jhrlich brauchen werde! Wre ich wie Ihr, so
versuchte ich es ebenso! Natrlich in Deutschland! Denkt an die Menge Eurer
Studenten, Polytechniker, Kunstakademien, Gymnasien, Seminare, Realschulen und
wie diese Anstalten alle heien! Wollen wir wetten, da unsere Shen in
Deutschland mit noch viel grerem Enthusiasmus aufgenommen wird als in
England?
    Wetten, Sir? Ich denke - - -
    Ja, ja, unterbrach er mich. Wei schon! War nur so eine Redensart! Wette
ja niemals mehr! Ihr werdet aber hieraus ersehen, wie ernst es mit diesem meinem
Plane ist. Habe mir die Sache soeben berlegt und werde sie Euch vortragen.
    Er setzte sich zu mir und teilte mir mit, welche Gedanken ihm gekommen
waren. Was er da sagte, das hatte Hand und Fu. Er besa Organisationstalent und
hatte als Governor Gelegenheit gehabt, sich zu ben und Erfahrungen zu sammeln,
und das wendete er nun auf die Art und Weise an, in welcher er mit Leib und
Seele, mit Hab und Gut daheim fr seine Shen, wie er sie nun schon nannte,
eintreten wollte.
    Da kam der Sejjid von Fu zurck. Sein Gesicht glnzte, und seine Augen
strahlten. Er stellte sich vor mich hin, so breit wie mglich, und fragte:
    Siehst du Etwas, Sihdi?
    Dabei schttelte er den Kopf, damit ich sehen solle, was er meine.
    Ah, die Turban- oder Tarbuschquasten an deinem Fez? fragte ich.
    Ja, nickte er.
    Woher hast du sie? Sie waren doch vorhin nicht da!
    Fu schenkte sie mir. Er hat sie mir sogar mit seiner eigenen Hand
befestigt; denke dir! Und diese Quasten sind aus zwei Nssen gemacht, von denen
die eine Areka und die andere Betel heit. Oder heit die andere Areka und die
eine Betel. Vielleicht heien sie auch beide Areka und beide Betel; ich wei das
nicht mehr genau, denn es war sehr viel, was er mir sagte und was ich nicht
vergessen darf! Es ist etwas daran.
    Ein Zeichen?
    Ja, und dieses Zeichen heit Shen. Das ist nmlich keine Frau und kein
Mdchen, sondern es ist die Gesamtheit von allen, allen Menschen, die auf Erden
endlich einmal Frieden haben wollen. Fu hat es mir erklrt; ich sagte aber auch
Etwas dazu und darber hatte er Freude.
    Was war das?
    Das war so: Jeder Mensch will glcklich werden; das ist falsch. Jeder
Mensch soll glcklich machen; das ist richtig. Weil Jedermann bisher das Glck
fr sich verlangte, konnte es kein Glck auf Erden geben. Hieraus folgt, da wir
zum Richtigen greifen mssen. Wie das zu machen ist, lehrt uns die Shen. Ist das
wahr oder falsch, Sihdi?
    Es ist wahr. Kam das aus deinem eigenen Kopf?
    Ja, und Fu gab mir Recht. Er ffnete einen Schrank, in welchem viele, viele
Arekansse sind, von allerlei Gre, Form und Farbe, und gab mir diese hier,
indem er sie an meinem Fez befestigte. Dabei erklrte er mir sehr viel, was ich
begriffen habe. Ich sage jetzt noch nichts, denn es hat in mir erst richtig
festzuwachsen. Dann aber, wenn das geschehen ist, wirst du dich ber mich
freuen! Und als ich von ihm ging, trug er mir auf, dir zu sagen, da in einer
halben Stunde Wan-Fan sein wird. Ich will es Euch bersetzen. Dieses Wort
bedeutet nmlich so viel wie Abendessen. Was Ihr bekommen werdet, das wei ich
nicht. Ich aber werde unten mit den Schreibern der Shen speisen, und da gibt es
heut, wie ich erfahren habe, Wurzeln von Wasserlilien, Bambussprossen und
Krebse, worauf gebratene Enten mit Lotossamen und Senfblttern folgen werden.
Jetzt gehe ich. Sagen aber soll ich Euch noch, da Ihr gleich so kommen sollt,
wie Ihr seid. Es wird nichts weiter angezogen, weil Ihr hier zu Hause seid,
sagte Fu!
    Der Governor lachte herzlich und begab sich in sein Zimmer, um trotz alledem
noch einige kleine Vernderungen in Beziehung auf seine Toilette zu treffen. Ich
tat dasselbe. Dann gingen wir zur Tafel.
    Zur Tafel? Eigentlich nicht! Denn die Diener, welche auf uns warteten,
brachten uns nicht nach einem Speisesaal oder Speisezimmer, sondern hinunter in
den Garten, und zwar nach der Lieblingslaube unserer Yin. Kann ich vergessen,
wen ich da erblickte? Nein!
    Wer meine Bcher gelesen hat, der kennt meine Freundin Marah Durimeh, die
berhundertjhrige Kurdin, das Bild der Menschheitsseele. So, grad so sah ich
die chinesische Matrone, dunkel, ernst gekleidet, mit tiefen Falten im Gesicht,
doch lieben, herzensguten Zgen, die Augen aus der tiefsten Seele strahlend und
um den Mund ein Lcheln, wie es nur dieses eine gibt: das Lcheln wahrer Gte.
So sa sie da, umleuchtet von duftenden Rosen, das weie Haar
schmetterlingsartig aufgesteckt, dann aber immer noch so lang, da es ihr wie
ein Schleier von den Schultern niederwallte.
    Das war Fu's Mutter, die Ahne. Links von ihr seine Frau und rechts seine
Tochter, die Schwester unsers Tsi. Auer Vater und Sohn kam Fang. Der
Hafenmeister war geladen und dazu noch einige hervorragende Herren des Ortes.
Als die Letzte von Allen stellte sich Mary Waller ein, die ihr Vater so lange
beschftigt hatte.
    Aus diesen Angaben ist zu ersehen, da in diesem Hause die Frauen keineswegs
eine so beklagenswerte Stellung einnahmen, wie man sich in Europa von den
chinesischen Frauen erzhlt. Es wre ganz im Gegenteile unmglich gewesen, ihnen
eine grere Rcksicht, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung zu erweisen, als hier
geschah. Es sa nicht Jeder an einem besonderen Tischchen, auch hatte nicht
Jeder seinen besonderen Diener. Wir aen genau so, wie man in Deutschland mit
guten Bekannten speist. Nur die Kleidung und der Speisenzettel waren anders,
sonst weiter nichts.
    Ich sagte, bevor wir Platz nahmen, Fu ganz aufrichtig, da ich wnsche,
neben seiner Mutter zu sitzen. Er drckte mir dafr die Hand und fhrte mich zu
ihr hin. Ich mu die Wahrheit sagen: Wir haben sehr wenig gegessen, aber
einander gegenseitig so gern und so fleiig bedient, da ich sie und hoffentlich
sie auch mich immer lieber gewann. Ich blieb sogar bei ihr und den andern Damen
sitzen, als nach Tische die Herren einen Spaziergang durch den Garten
unternahmen, um, ohne die Frauen zu beunruhigen, ber ernste Dinge sprechen zu
knnen. Hierbei fragte ich Mary nach dem Befinden ihres Vaters.
    Er ist ganz wohl, antwortete sie. Jetzt schlft er. Er macht auf mich den
Eindruck, als ob er hier in eine ganz neue Atmosphre gekommen sei, auch
geistig. Der Transport in dieses gastliche Haus hat ihn nicht im geringsten
angegriffen. Als ich es ihm in seinen Kissen bequem gemacht hatte, schaute er
sich sehr lange wie suchend um und sagte dann erstaunt: Der Knabe Waller ist
weg! Wer wird nun kommen? Es mu doch Jemand her!
    Ist das wahr? fragte ich da schnell. Diese Worte hat er gesagt? Wirklich,
wirklich?
    Ja, antwortete sie. Sie scheinen berrascht zu sein? Warum?
    Bitte, sagen Sie mir erst: Haben Sie nur das von ihm gehrt, oder auch noch
etwas Anderes?
    Zunchst nur das. Hierauf lag er mehrere Stunden lang still. Er bewegte
zuweilen die Lippen. Dann hrte ich wiederholt das Wort: Gott. Spter das Wort:
Mensch. Er schien dabei eifrig nachzudenken, bis er beide Worte zusammenfgte:
Gottmensch. Nach lngerer Zeit begann dasselbe Spiel, doch mit drei andern
Worten, nmlich Liebe, Selbstsucht und Menschlichkeit.
    Was? Wirklich? Und das sagen Sie so ruhig? Ahnen Sie denn nicht, was das
ist, was das bedeutet?
    Nein. Ich hrte dann noch zwei- oder dreimal das Wort Shen, dann schlief er
ein, und ich ging hierher zum Essen.
    So wissen Fang und Tsi noch nichts hiervon?
    Noch nichts. Aber bitte, Sie sind ja aufgeregt; Sie machen mir Angst!
    Angst? Ich Ihnen? Fllt mir gar nicht ein! Ich bin vielmehr ganz glcklich
ber das, was ich da von Ihnen hre. Kommen Sie schnell mit mir zu den Aerzten;
wir drfen ihnen diese Ihre Beobachtung keinen Augenblick lnger vorenthalten!
Die Damen mssen uns entschuldigen!
    Wir baten um Verzeihung, die uns auch sehr gern gegeben wurde, und gingen
fort, um die Herren aufzusuchen. Schon nach Kurzem sahen wir einen von ihnen.
Das war Tsi, der bei einer interessanten Pflanze stehen geblieben war, die er
betrachtete. Als sein Auge auf uns fiel, lchelte er ber unsere Eile und fragte
nach der Ursache derselben.
    Erinnern Sie sich noch des Gleichnisses von der Taucherrstung? sagte ich.
    Ja, nickte er.
    Mr. Waller ist eine verlassene Rstung. Wenn wir gut aufmerken, knnen wir
es beobachten, wenn der neue Taucher kommt!
    So hnlich habe ich mich ausgedrckt, allerdings!
    
    Nun, er ist da, dieser neue Taucher. Er hat die Anima bereits gezwungen,
ihm die Sprachwerkzeuge abzutreten. Ich glaube, der kmmert sich nicht um Algen
und um Tang, sondern wir werden Hheres und Besseres zu sehen bekommen. Ich
vermute die grten und die schnsten Perlen der Tiefe!
    Da machte er ein ernstes, sehr ernstes Gesicht, trat einen Schritt zurck,
lie seine Augen langsam an mir niedergleiten und sprach:
    Herr, wer sind Sie denn eigentlich? Ich bin schon seit einiger Zeit im
Stillen irr an Ihnen! Nmlich seit Ihrer Uebersetzung des malajischen Gedichtes.
Sie haben da Farben angewendet, die nur der Dichter von Tragt Euer Evangelium
hinaus auf seiner Palette hat. Ich gestehe Ihnen aufrichtig, da ich Sie
heimlich beobachte. Und jetzt nun gehen Sie auf mein Bild von der Taucherrstung
in einer Weise ein, als ob es von Ihnen stamme, nicht von mir. Heien Sie
wirklich so, wie Sie sich nennen?
    Ja, bitte, sagen Sie uns das aufrichtig! schlo Mary sich dieser seiner
Frage an. Denn als damals bei der groen Wette in Uleh-leh gesagt wurde, da
Sie Bcher schreiben, da hatte man sich doch wohl vergaloppiert, und die
herbeigezogene Erklrung stimmte nicht so recht. Bedenken Sie, da Sie uns sich
selbst verschweigen!
    Hm! Zunchst etwas fr mich sehr Wichtiges: Ihr Vater hat heut eine
Parallele von zweimal drei Worten gebracht. Hieran schlo er das Wort Shen, und
dann hatte er innerlich Ruhe, denn er schlief ein. Wie ist er auf dieses Shen
gekommen? Kannte er es?
    Ja. Sogar ich kannte es. Er hat doch Chinesisch getrieben, und als
christlichem Pfarrer ist ihm das chinesische Wort fr Menschlichkeit doch nahe
genug gelegen. Auerdem fiel dieses Wort sehr hufig zwischen Mr. Tsi und mir,
wenn wir uns bei Vater befanden und mit einander sprachen. Da hat er es gehrt,
denn er ist doch nicht immerfort bewutlos gewesen.
    Das gengt; ich danke! Nun wei ich, da ich mich nicht irrte: Der neue
Taucher ist nicht nur schon da, sondern auch schon an der Arbeit. Jetzt bin ich
berzeugt, da Ihr Vater nicht sterben, sondern lebenbleiben wird.
    O, oh! rief da Tsi aus, indem er mich abermals ganz erstaunt fixierte.
Woher wollen Sie das wissen, Sie, der Nichtarzt, und der Europer!
    Ja, mein Freund, Sie sprachen allerdings die Meinung aus, da man sich im
Abendlande nicht mit diesen hochwichtigen und hochinteressanten Fragen
beschftige, und obgleich hier unsere Freundin gegenwrtig ist, behaupte ich
doch, da ihr Vater fr Sie bisher ein Kandidat des Todes war. Sie zeigten
Hoffnung, um nicht zu betrben. Jetzt pltzlich steht es anders. Bleiben wir bei
Ihrem Bilde: Der neue Taucher ist da, und er hat sein Werk bereits begonnen. Das
wrde er aber mit einer hinflligen, gefhrlich defekten Rstung niemals wagen.
Sie ist repariert worden, und zwar von Grund aus, leise, heimlich, ohne da wir
Etwas davon bemerkten. Wenn Ihnen das, was ich sagte, als Rtsel erscheint, so
bitte ich Sie: Glauben Sie an dieses Rtsel; es liegt in ihm die Wahrheit! Das,
was Sie Geist und was Sie Seele nennen, besitzt mehr Macht ber unsern Krper,
als Sie denken. Mr. Waller bleibt am Leben und wird auch geistig strker und
gesnder, als er frher je gewesen ist! Und nun gehe ich und lasse Sie Beide
allein!
    Ich wollte mich entfernen; sie hielten mich aber fest und drangen auf
Beantwortung ihrer Frage.
    Na, so sei es denn; einmal kommt es doch an den Tag! gab ich schlielich
zu. Damals, als wir uns zum ersten Male sahen, dort oben auf dem Dschebel
Mokattam, da sprachen Sie mit Ihrem Vater von mir, und er zeigte sich sehr
zornig ber Ihren Verkehr mit mir.
    Zornig? unterbrach sie mich. Ueber den Verkehr mit Ihnen? Den gab es ja
gar nicht!
    O doch! Wir verkehrten nicht persnlich, sondern seelisch miteinander, als
Verfasser und als Leserin. Er aber war dagegen, und darum habe ich bis heut mit
John Raffleys und seines Onkels Untersttzung meine Pseudonymitt beibehalten.
Nun aber mgen Sie erfahren, wie Sie so stckweise zu meinem Gedicht Tragt Euer
Evangelium hinaus gekommen sind.
    Also doch, doch richtig! rief Tsi aus. Dachte es mir!
    Ja, richtig! Also kommen Sie!
    Ich hngte ihre Arme hben und drben bei mir ein und erzhlte ihnen, indem
wir miteinander fortspazierten, was sie wissen sollten. Ich machte es mglichst
kurz, und als ich fertig war, hngte ich sie bei mir aus, dafr aber miteinander
zusammen und fgte hinzu:
    So; das war meine Beichte. Ich bitte um Ihre Absolution und mache mich
hiermit aus dem Staube!
    Bei den letzten Worten drehte ich mich um und lief davon, obgleich sie,
hinter mir herkommend, mir zuriefen, da ich nun erst recht verpflichtet sei,
nicht auszureien, sondern bei ihnen zu bleiben. - - -
    Ueber den Rest dieses Abends habe ich nur noch zu sagen, da Tsi mich vor
dem Schlafengehen in meinem Zimmer aufsuchte, um mir mitzuteilen, da Mary ihm
dasselbe wie mir mitgeteilt habe, und zwar noch viel ausfhrlicher, und da er
ganz derselben Meinung sei wie ich. Waller liege, seit er vor Abend die Augen
geschlossen habe, in einem seltsam tiefen und gesunden Schlafe. Es sei, als habe
ein Unsichtbarer seine Hnde ber ihn ausgebreitet und atme ihn mit dem Odem
eines zweiten, vollstndig neugeschenkten Lebens an. Er selbst, der Arzt, werfe
nun alle Befrchtungen beiseite und erwarte nur noch Gutes.
    Wir saen noch lange bei einander, vertraulicher als je. Er war so froh, von
jetzt an mit mir ber Alles reden zu knnen, was ihn im Innern bewegte, und
gleich das Thema, welches er fr die heutige spte Abendstunde zur Sprache
brachte, lie ahnen, was fr spter an hnlichen Gesprchsstoffen noch Alles zu
erwarten war. Es lautete: Es gibt keinen Tod. Das Leben kann uns weder gegeben
noch genommen werden, denn es ist nicht in uns, sondern wir befinden uns in ihm.
Und am allerfestesten hlt es uns dann, wenn es das, was an uns zerstrbar ist,
fallen lt, den Leib!
    Am andern Morgen, als wir den Tee in gemeinschaftlichem Kreise genommen
hatten, brachen wir nach Raffley-Castle auf. Es sollte geritten werden,
natrlich erst von der Kste drben aus. Pferde waren telephonisch bestellt
worden. Nur fr Waller gab es eine Snfte, denn die Damen blieben daheim, und
Mary als die einzige weibliche Person, ritt tausendmal lieber, als da sie sich
tragen lie. Die Ueberfahrt nach dem Festlande geschah in gerumigen Booten.
Waller hatte die ganze, lange Nacht durchschlafen und wachte auch nicht auf, als
er von seinem Lager in die Snfte, aus dieser in das Boot und dann aus diesem
wieder in die Snfte gebracht werden mute. Es fiel uns aber gar nicht ein, dies
fr ein bedenkliches Zeichen zu halten, wir waren ganz im Gegenteile sehr froh,
da es so stand. Er sammelt, drckte sich Tsi in sehr bezeichnender Weise aus,
und hatte damit das Richtige gesagt.
    Als wir die Pferde bekamen, war Niemand froher als mein Sejjid Omar. Er
schwang sich sofort auf das fr ihn bestimmte, um uns zu zeigen, da er nichts
verlernt habe, doch forderte ich ihn auf, von einem chinesischen Reitpferde
keine arabischen Kunststcke zu verlangen. Wir hatten mandschurische Pagnger
von durchweg dunkelbrauner Farbe, welche der Chinese fr die vornehmste hlt,
und durften nicht gestreckten Sitzes, sondern mit kurzen Bgeln und weit
heraufgezogenen Knien reiten. Da schttelte der gute Sejjid den Kopf, behielt
aber das, was er dachte, bei sich selbst; er war gern hflich.
    Gestern hatte ich Fu und den Governor gebeten, gegen Mary Waller zu
schweigen, um ihr nicht den Abend zu verderben und dann wahrscheinlich auch noch
die Ruhe der Nacht zu rauben. Jetzt nun war es Zeit, ihr einen Wink ber diesen
Robert Waller, genannt Dilke, zu geben, und ich wartete, sie whrend des
Rittes einmal ganz allein an meine Seite zu bekommen.
    Der Morgen war ein ziemlich khler, der Himmel bedeckt, also das Kreuz des
Castle nicht zu sehen. Aber nach einiger Zeit erhob sich ein leises Lftchen,
welches hier unten bei uns nach und nach strker, in der Hhe aber zum Winde
wurde und die Feuchtigkeiten zu Wolken ballte. Da kam Bewegung in die graue
Schicht, welche sich von dem Strahl der Sonne nicht durchbrechen lassen wollte.
    Wir ritten eben zwischen einigen reich tragenden Kauliangfeldern hindurch,
welche von fruchtbaren Obstbumen eingefat waren, als sich die Wolken pltzlich
hoch oben ber uns teilten. Ein Strahlenkegel, wie aus einem in Himmelsnhe
stehenden Leuchtturme kommend, brach durch und fiel hinber auf die Berge, grad
dahin, wo das Ziel unsers Rittes lag. Da flammte es augenblicklich auf, das
Kreuz der Christenheit. In hoc signo vinces - in diesem Zeichen wirst du
siegen. Jawohl, das ist richtig. Aber nicht mit kriegerischen Waffen, durch
gewappneten Verrat und Ueberfall, sondern durch das Wort der Liebe und durch die
friedliche, vershnende, ausgleichende Tat des Erlsers, welche er wagte, als er
ffentlich sprach: Die Letzten werden die Ersten und die Ersten die Letzten
sein! Gleichen Raum und gleiches Recht fr Jeden, der zur Menschheit gehrt auf
Erden!
    Es war wie auf ein lautes Kommandowort, so einmtig hielten wir unsere
Pferde an. Aller Augen waren hinaufgerichtet, von wo es zu uns herniederblitzte
in unbeschreiblich brillierendem Demantlichte. Laute Ausrufe des Staunens, der
Bewunderung erschollen. Wir hatten gar nicht acht, da die Trger hinter uns
auch angehalten und die Snfte niedergesetzt hatten. Es war eine offene, denn es
regnete ja nicht, und nur da, wo der Kopf lag, war ein schmales Schleiertuch
angebracht, hinten niederhngend, nach vorn aber aufgeschlagen. Waller war jetzt
aufgewacht, wahrscheinlich weil der sehr schnelle Schritt seiner Trger
pltzlich stockte. Ich war der Einzige von uns, der das bemerkte, weil ich
zuflligerweise der hinterste Reiter gewesen war und man die Snfte nun fast
gleich neben meinem Pferde hingestellt hatte.
    Der Kranke ffnete die Augen. Sein aus der vollstndigen Bewutlosigkeit
auftauchender Blick fiel auf das im gegenwrtigen Momente fast berirdisch
wirkende Kreuz. Wer war er? Und wo befand er sich? Er schien uns gar nicht zu
sehen, keinen Einzigen von uns! Er richtete sich auf, so weit er konnte,
streckte die beiden Arme aus und ffnete den Mund, als ob er sprechen wolle.
Aber er brachte kein Wort, kein einziges hervor. Nur ein Schrei erklang, ein
groer, berlauter Schrei der Freude, der Wonne. Dann fiel er nach hinten
zurck, schlo die Augen und faltete die Hnde. Ein glckliches Lcheln ging
ber sein Gesicht. Dieser Schrei machte nun freilich auch die Andern aufmerksam
auf ihn. Ich winkte aber, da man ihn nicht stren mge, und so war die Pause,
welche wir dem Erscheinen des Kreuzes gewidmet hatten, vorber; wir setzten den
unterbrochenen Ritt nun wieder fort.
    Durch das soeben Geschehene wurde mein Wunsch erfllt, Mary Waller an meine
Seite zu bekommen. Sie wollte wissen, was ihren Vater bewogen hatte, einen
Schrei auszustoen. Ich erklrte ihr im Weiterreiten die kurze, vollstndig
unbedenkliche Szene und hielt es dann fr das Beste, auf alle berflssigen
Einleitungen, Umschweife und so weiter zu verzichten und sie lieber gleich
direkt zu fragen, ob ihr der Name Dilke bekannt sei. Sie antwortete ruhig, aber
wehmtig lchelnd:
    Ich danke Ihnen herzlich, da Sie mich haben schonen wollen! Aber ich bin
bereits unterrichtet. Fu liebt die Seinen so herzlich, da er ihnen Alles
anvertraut. Die Damen erfuhren von ihm, was nur einstweilen verschwiegen bleiben
sollte, und da sie ber die Seelenkraft der Frau ganz anderer Ansicht sind als
meine mnnlichen Freunde, so teilten sie mir Alles mit und beschrieben mir
hierauf die hiesigen Verhltnisse in so eingehender Weise, da ich ber den
Schaden, den dieser Mann hier anzurichten strebt, vollstndig beruhigt bin.
    Das ist mir lieb, auerordentlich lieb, Mi Mary. Lassen wir diesen
Gegenstand also fallen!
    O nein! Das beabsichtige ich nicht! Und grad Ihnen gegenber am
allerwenigsten. Ich mu Ihnen sagen, welch ein dunkler Punkt dieser Robert
Waller, genannt Dilke fr uns gewesen ist. Er war der Sohn von meines Vaters
Bruder, der ihn zur grten Frmmigkeit erzog, zum Missionar, denn dieser Beruf
ist in der Familie traditionell. Seine Mutter, meine Tante, war eine geborene
Dilke und - - -
    Und darum lt er sich jetzt mit diesem Namen nennen, unterbrach ich sie.
Sehen Sie: Die Wolke geht. Und darum erscheint nun das Kreuz von Neuem. Bitte,
heben wir uns diesen Dilke, falls wir berhaupt gezwungen sind, ber ihn zu
sprechen, fr spter auf. Heut ist ein gar so schner Vormittag. Der soll uns
nicht durch ihn verdorben werden. Wollen wir einmal einen schnellern Gang
versuchen?
    Gern. Aber die Snfte?
    Die holt uns ein, sobald wir auf sie warten.
    Tsi mag bei ihr bleiben. Ich bitte ihn darum.
    Der Genannte war sehr gern bereit, ihr diesen Wunsch zu erfllen, und dann
gab es einen Galopp, an den sich alle Andern schlossen. Das regte die Pferde an
und ebenso die Reiter. Wir fielen gar nicht wieder in den gewhnlichen Schritt
zurck und hielten auch nicht eher an, als bis wir den Ort erreichten, an
welchem das zweite Frhstck auf uns wartete. Fu hatte es bestellt.
    Das war ein Erfrischungshaus, im schattigen Walde, an der Stelle, wo die
Straen nach Shen-Fu und nach Raffley-Castle auseinander gingen. Wir stiegen ab
und setzten uns unter Bumen nieder, wo, um mich europisch auszudrcken, fr
uns gedeckt worden war. Die Frau des Besitzers hatte den Platz mit Blumen
geradezu berschmckt. Die Chinesin ist eine auerordentliche Blumenfreundin.
Sie wird ihre Toilette ohne Blumen nie fr vollstndig halten und jeden lieben
oder geehrten Gast mit Kindern des Duftes begren.
    Es kann nicht meine Absicht sein, ber die Gegend, in der wir uns befanden,
hier topographische Bemerkungen zu machen. Es sind ganz andere Fragen zu
beantworten, die im Stillen an mich gerichtet werden, und keine der letzten wird
diejenige sein, welche sich auf Waller bezieht. Er, der uns zum Schmerzenskind
geworden war, bereitete uns jetzt ganz unerwartet eine Freude, die ich nur mit
dem Worte unaussprechlich zu bezeichnen vermag.
    Nmlich zur Zeit, als wir annehmen durften, da die Snftentrger uns
einholen wrden, kam Tsi allein geritten, ihnen voraus, und rief uns, noch ehe
er vom Pferde stieg, strahlenden Angesichtes zu:
    Ich habe Euch vorzubereiten, damit Ihr keine Aufregung zeigt. Freut Euch
von ganzem Herzen, aber seid ruhig dabei, nur ruhig! Dankt es dem neuen Taucher:
Mr. Waller ist erwacht, vollstndig erwacht, unterwegs; darum bemerkte ich es
nicht gleich. Dann eilte ich voran. Da kommt er schon!
    Es waren vier Kulis, die ihn trugen, je zwei und zwei zum Abwechseln. Wie
staunten wir, als wir sahen, da er aufrecht sa, nicht etwa zusammengehockt,
sondern krftig und gerade, wie ein Mann, der nichts von langer, abzehrender
Krankheit wei. Er sah uns mit hellen Augen an, musternd, wer wir seien. Als er
seine Tochter erblickte, winkte er ihr frhlich zu und rief, allerdings mit
nicht gar starker Stimme:
    Mary, da bin ich! Hilf mir aus der Snfte! Aber erst anhalten lassen! Ich
mchte gern dort im Grase sitzen - - - dort, bei den Blumen!
    Sie nahm alle Kraft zusammen, um das Schluchzen zu unterdrcken, welches mit
Gewalt hervorbrechen wollte, und eilte zu ihm hin. Ganz selbstverstndlich
traten auch wir Andern alle zur Snfte. Mary kniete bei ihm nieder und griff
nach seinen Hnden.
    Mein Kind, mein liebes, gutes Kind - - -! sagte er. Die Mutter grt - -
- nur wei ich nicht, wo ich sie getroffen habe - - -! Dann schaute er zu uns
Uebrigen auf. Mr. Fu! lchelte er mit freundlichem Kopfnicken. Von Kairo und
den Pyramiden her - - -! Habe auch Mr. Tsi bereits gesehen. Da ist er ja - - -!
Hm! Wo habe ich mich denn spter mit ihm unterhalten? Und ihn gesehen - - -?
Sehr oft, sehr oft - - -! Hierauf fiel sein Blick auf mich. Auch Ihr, auch
Ihr? fragte er, mich sofort erkennend. Welch ein Abend - - - bei Euch, am
Menahouse - - -! Aber - - aber es war dann wieder - - - anderswo - da gabt Ihr
mir zu trinken - - -! Nein, nein, ich will nicht heraus aus der Snfte! Ich bin
wieder mde - - -! Ich lege mich nieder!
    Er tat es und schlo die Augen. Es war eine Offenbarung der neu erwachten
Lebensgeister gewesen, wie wir das zu nennen pflegen. Der Volksmund ist ja
sehr oft Gottes Mund! Diese Lebensgeister aber ffneten ihm die Augen noch
einmal. Er schaute suchend nach oben, wo die Wipfel der Bume nur schmale
Stellen des Himmels sehen lieen.
    Das Kreuz, sagte er - - - wo ist es? - - - Ich sah es leuchten - - -! Es
ist das richtige - - - das falsche ist verschwunden! Und die Augen wieder
schlieend, fgte er ebenso laut, aber wie in sich hinein, hinzu: Das wahre
Christentum leuchtet fr die fernsten Augen - - - doch in der Nhe verwandelt
sich dieser Glanz in das stille, warme Licht der Humanitt - - -! Das, das ist
dieses Kreuz - - - so, so ist es zu verstehen! - - -
    Weil dieses Erfrischungshaus einen wichtigen Knotenpunkt des hiesigen
Verkehrs bildete, mute der Wirt ber sein Verhalten fr den morgenden Tag genau
unterrichtet werden. Nachdem Fu das getan hatte, brachen wir auf und ritten
weiter. Waller war wieder eingeschlafen.
    Bis hierher war die Bodenerhebung eine langsame gewesen; nun aber merkten
wir deutlicher, da es aufwrts ging. Der Klingstein begann, von Zeit zu Zeit zu
Tage zu treten, und zeigte da berall eine weie, kaolinhnliche, scharf
abgegrenzte Verwitterungsrinde. Zuweilen erschienen an seiner Stelle die
neugierig aus der Erde schauenden Sulenspitzen von Basalten und Trachyten, und
immer war es ein zierbltteriges oder blhendes Gestruch, mit dem die
blumenliebenden Chinesen diese steinernen Gre aus der Unterwelt zu schmcken
und zu verschnern suchten.
    Es gab allberall fleiige Arbeiter auf den Feldern. Meist war man an den
Wassergrben beschftigt, und ich bemerkte, da die Bewsserung der ganzen,
weiten Gegend in gradezu meisterhafter Art betrieben wurde. Der Verkehr auf
unserer Strae war ein sehr reger. Jedermann war freundlich, das Gren nicht
gewohnheitsmig, sondern herzlich, aber dabei vollstndig ehrerbietig. Keinen
Einzigen sah ich hinter uns dann stehen bleiben, um uns nachzustarren; man war
eben intelligent!
    Je mehr wir uns den Bergen nherten, desto mehr verschwand der Glanz des uns
nun nicht mehr unsichtbar werdenden Kreuzes. Es hrte auf, zu leuchten, zu
brillieren; ich mchte sagen, da es nur noch schimmerte. Wir begannen, zu
bemerken, da es Zwischenrume in den beiden sich kreuzenden Balken gab. Diese
Zwischenrume wurden immer deutlicher; sie fingen an, mit den hellen Stellen zu
kontrastieren. Kurz, was uns von Weitem als etwas Ueberirdisches erschienen war,
das stellte sich, je nher wir ihm kamen, einem Jeden von uns als etwas
Irdisches dar, aber freilich, freilich nicht als etwas Gewhnliches,
Alltgliches. Wir konnten endlich schon die einzelnen Gebude unterscheiden.
    Der Blick unsers alten, lieben uncle hing fast unausgesetzt an dem hellen,
carrarischen Wei, welches aus dem Grn der Vegetation heraus so wohlttig auf
uns wirkte.
    Erst blendete es mich fast, sagte er. Nun aber ist es so lind und wirkt
so gut auf meine Augen. Mr. Waller hatte Recht. Versteht Ihr mich?
    Ja.
    Nun, was meine ich?
    Das stille, warme Licht der Humanitt, von dem er sprach.
    Ja, allerdings. Wir Christen bemhen uns allzuviel, in die Ferne zu
glnzen; wie aber steht es mit unserm helfenden, rettenden Licht daheim, in der
Nhe? Hier, da an diesem Berge, hat sich das flammende Kreuz nun aufgelst in
die Zeichen der leiblichen, geistigen und ethischen Werkttigkeit des
menschlichen Lebens. Wir sehen es ganz deutlich, wie diese Ttigkeit von den
unten liegenden Wirtschaftsgebuden emporsteigt, bis zur Hhe, wo die Kapelle
den marmorernsten Flei mit Gottes Segen krnt. Und quer, mit diesem Flei sich
kreuzend, sieht man die Menschenliebe Huser bauen, die wir erst kennen lernen
mssen, bevor wir sagen drfen, da wir daheim im Abendlande humaner sind als
Alle, die im Morgenlande wohnen! - - Was ist's, Charley? Warum schaut Ihr mich
so an? So verwundert?
    Was ist das pltzlich von Euch fr eine Sprache, Sir? Woher kommt Euch
diese Ausdrucksweise fr so ganz ungewhnliche Gedanken? fragte ich.
    Das wit Ihr nicht? Das kommt davon, da ich jetzt mit Chinesen verkehre;
darauf knnt Ihr Euch verlassen. Und angefangen hat es, als ich Euren Sejjid
Omar kennen lernte. Charley, heut frh, als Ihr Euer Zimmer noch nicht verlassen
hattet, wollte ich einen Morgenspaziergang machen und traf auf Tsi, der mich mit
zu sich nahm, um mir Verschiedenes zu zeigen. Da gab es unter Anderem auch ein
zweibndiges Werk ber China, von einem Europer geschrieben, der ein
Zeitungsgrnder ist und Inhaber mehrer Orden. Was schreibt dieser Mann ber die
Chinesen? Da sie Menschenfresser seien! Die grten Leckerbissen der Chinesen
seien das Herz und die Leber eines Menschen, dem man sie lebendig aus dem Leibe
schneide! Dabei behauptet ganz derselbe Verfasser, da die Chinesen einen ganz
besonderen und stark eingefleischten Abscheu vor dem Sezieren einer Leiche
haben, ja, nicht einmal zugeben, da man bei Krankheiten oder Unglcksfllen das
eine oder andere Glied amputiert, weil man dadurch gegen die Vorschriften ihrer
Religion verstoe! Und nmlich: Dieses Werk soll die Frucht von zwanzigjhrigen,
vertieften Studien sein! Ich sage Euch: Selbst wenn ich noch der alte Feind der
gelben Rasse gewesen wre, das, was ich da gelesen habe, htte mich kuriert, auf
der Stelle kuriert! Denn es zeigt, wie leichtsinnig und gewissenlos der
Kaukasier ber die Andersgefrbten urteilt, und fr wie dumm wir Christen von
unsern lieben Brdern gehalten werden, da sie sich ganz unbesorgt den
ethnologischen Jux gestatten knnen, unsere geographische Wissenschaft mit
chinesischen Kannibalen zu bevlkern! Und das wird gedruckt! Bei uns in England
sogar! In Deutschland hchst wahrscheinlich auch! - - - Werfen wir das weg, und
nehmen wir etwas Anderes! Was sind das fr riesenhafte Bume, die man jetzt
zerstreut hier stehen sieht? Die mssen doch ber tausendjhrig sein!
    Das sind Gingkobume, die allerdings uralt werden. Man it den Kern ihrer
Nsse?
    Und wofr haltet Ihr die andern Giganten, aus denen dort der ganze Wald
besteht?
    Fr chinesische Spietannen, die ganz auerordentlich nutzbar sind. Die
passen hierher auf diesen Boden: Steinerne Pfeiler, von der Urgewalt aus dem
Innern der Erde emporgetrieben, und auf ihnen diese kraftstrotzenden,
reckenhaften Bume, uralt, wie die Ahnen Derer, die heut unter ihnen wandeln!
Schaut man zu ihnen auf, so hat man das Gefhl, als wachse man selbst auch, im
tiefen Innern nmlich. Was aus diesem, dem menschlichen Innern, emporgetrieben
wird, hat in der Hhe ebenso auch gewaltige Organismen zu tragen, in deren
Schatten die Gedanken der kleineren Geschpfe Jahrtausende lang zu wandeln haben
werden. Wer werden diese Titanen sein? Ob Menschen? Oder ob Geister?
    Er war still, ich auch. Wer kann solche Fragen beantworten? Wir Menschen
jedenfalls nicht! Oder doch? Dann jedenfalls nicht heut, sondern spter, nach
Jahrhunderten, Jahrtausenden! Oder doch schon jetzt - - - - -? Wenn wir wollen -
- - und wenn wir glauben!
    Bald sahen wir, da ein Reiter uns entgegenkam. John Raffley war es. Das
Gebiet, auf dem wir uns jetzt nun befanden, war sein besonderes, und darum
stellte er sich ein, um uns hier zu begren. Er wute bereits Alles, was wir
gestern ber die Fan-Fan erfahren hatten, denn Fu hatte es ihm telephonisch
mitgeteilt und ihm auch gesagt, in welcher Weise dagegen aufzutreten sei. Es war
ihm also wohl bekannt, da der groe Tag der Shen nicht morgen, sondern erst
spter gefeiert werde, aber er hatte trotzdem alle Vorbereitungen fr morgen
treffen lassen. Darum sahen berall, wohin wir kamen, die mit Fahnen, Flaggen,
Wimpeln, Girlanden, Krnzen und Blumen geschmckten Huser, Grten und Wege
festlich aus.
    Raffley-Castle bestand aus einem fast vollstndig neu angelegten, groen
Dorfe und dem eigentlichen Schlosse. Die Wirtschaftsgebude des Letzteren lagen
unten am Fue des Berges. Sie wurden isoliert durch einen Halbring von Grten,
auf welchen dann die Huser des Ortes folgten. Auerhalb dieser lagen zunchst
die Felder, dann saftig grne, wohlbewsserte Wiesen, und endlich kam der hohe,
feierlich stille Spietannenwald, den der Governor erwhnt hatte. Durch diesen
Wald ritten wir jetzt. Als uns der Weg aus ihm herausgefhrt hatte, lie unser
alter Governor einen lauten Ruf der freudigsten Ueberraschung hren.
    Raffley-Castle! Ganz genau mein liebes, liebes, einzig schnes
Raffley-Castle! jubelte er. Und zwar nicht nur so schn, sondern noch viel,
viel schner! Wie eine schottische Schlofrau, die sich ganz unerwartet in eine
morgenlndische Fee verwandelt hat! Nicht grau, wie daheim, sondern wei,
bltenwei, oder wie frisch gefallener Schnee! Keine Ecke fehlt, kein Erker und
kein Trmchen. Alle Tren sind da, alle Fenster, alle Schornsteine und sogar
auch alle Wetterfahnen! John, John, komm her; ich mu dich kssen!
    Er drngte sein Pferd an dasjenige seines Neffen, zog diesen zu sich herber
und gab ihm etwas, was fr die zartere Bezeichnung Ku߫ eigentlich wohl ein
wenig zu krftig klang. Auch John schien dieser meiner Ansicht zu sein, denn er
gab ihm ganz denselben kiss sofort, auf der Stelle, wieder. Uebrigens, der 
uncle hatte Recht; der Anblick dieses in Marmor so treu wiedergegebenen Castle
war einzig in seiner Art, weil die brigen Gebude alle einen ganz andern, fast
mchte ich sagen, ihm widersprechenden Stil besaen. Bei ihnen war zwischen dem
Unter- und dem eigentlichen Bau das chinesische Verhltnis beibehalten, aber die
Dcher besaen nicht die gewhnliche, drckende Schwere; sie beschtzten zwar,
aber sie erlaubten sich nicht, zu belasten.
    Nun ging es zwischen den Wiesen und den Feldern hinber in das Dorf. Die
Bewohner desselben wuten von unserem Kommen; aber es gab nicht jenes
Herandrngen, sich Hinstellen, Gaffen und Starren, welches so ungemein
belstigt. Man grte uns, als ob man uns schon kenne, und sah und lief nicht
hinter uns her, wie hinter blauen Wundern.
    Wie reinlich, wie sauber das Alles war! Die Huser wie die Menschen! Auf den
Wegen gab es keine Spur von Schmutz, nicht einmal Staub, denn berall flo
Wasser, ihn zu lschen. Die Strae war makadamisiert und auerordentlich
wohlgepflegt. Sie leitete aus dem Dorfe nach den herrschaftlichen
Meiereigebuden und dann in bequemen Serpentinen bis zur hchsten Hhe empor.
Jede neue dieser Windungen gab eine andere Aussicht und ein schneres Bild. So
ritten wir nach oben, immer an hellweien Gebuden vorber, welche von Weitem
den Stamm des Kreuzes bildeten, bis wir das eigentliche Schlo erreichten, zu
dessen Tor eine khn geschwungene Brcke ber die tief ausgewaschene Schlucht
eines fallenden Wassers fhrte.
    Das geht zum ersten Hof; der ist fr die Knappen und fr die Pferde, sagte
der Governor. Dann folgt der zweite Hof. Der war fr die Turniere. Und
gegenber der breiten Treppe steht, achteckig eingerahmt, der groe
Wasserbrunnen.
    Er sprang vom Pferd, bergab es einem der herbeieilenden Diener und ging mit
raschen Schritten ber diesen vorderen Hof hinweg. Wir Andern taten so, wie er,
und folgten ihm, als er hinter dem zweiten Tor verschwand. Als ich dieses
erreichte, sah ich ihn an dem Brunnen stehen.
    Es ist wunderbar, Charley, geradezu wunderbar, rief er mir zu. Er ist da;
er ist da; mit allen seinen acht Ecken! Und wenn ich da die Treppe hinaufgehe,
so komme ich direkt zu - - -
    Direkt zu mir, zu mir, mein lieber Onkel! klang eine weibliche Stimme von
oben herab, wo ber der Treppentr ein steinerner Balkon mit durchbrochener
Brstung ragte. Da stand Yin, wei, eine Rose im Haar und einen kleinen
Veilchenstrau an der Brust, genau so, wie sie drben in Ocama auf sein Zimmer
gekommen war.
    Yin - - -! Liebling - - -! Engel - - -! Abgott - - -! Es stimmt, denn ich
wollte sagen, da ich da direkt zur Herrin, zur Gebieterin des Schlosses komme,
und - - - pa auf! Das wird sofort geschehen, sofort!
    Er sprang vom Brunnen hinweg und eilte die Treppe hinauf. Ich sah ihn erst
beim Mittagessen wieder.
    Was mich betrifft, so erhielt ich ein Wohnzimmer und ein Schlafgemach, von
denen aus ich eine weite, weite Aussicht nach Westen, nach Sden und auch bis
hinber nach dem Meere hatte. Mein Sejjid Omar wohnte neben mir. Wir hatten uns
auf einen lngern Aufenthalt hier einzurichten und bekamen darum von der Jacht
aus unsere Koffer nachgeschickt.
    Das soeben erwhnte Mittagessen fand ohne die Schloherrin statt. Sie wurde
von John damit entschuldigt, da sie von einer Arbeit festgehalten werde, welche
ganz unbedingt sofort noch zu vollenden sei. Was fr eine Arbeit er meinte, das
sahen wir nach Tische, als er uns in Castle herumfhrte, um uns die Rume
desselben zu zeigen. Wir waren dabei alle beteiligt, auer Waller, welcher bei
unserer Ankunft fr einige Minuten aufgewacht und dann aber wieder eingeschlafen
war. Doch, wenn ich sage, da John Raffley uns gefhrt habe, so ist das
eigentlich nicht ganz richtig, denn der, welcher voranging, um alle Tren zu
ffnen und uns, bevor er dies tat, stets sagte, was fr einen Raum wir nun zu
sehen bekommen wrden, das war nicht der Neffe, sondern sein Onkel, der
Governor. Es machte diesem nmlich ein herzliches Vergngen, uns zu beweisen,
da das hiesige Schlo, wenigstens betreffs der Rume und ihrer Bestimmung, dem
heimatlichen vollstndig gleiche. Wenn er uns sagte, was nun fr eine Stube
kommen werde, und es stimmte, so war er stolz, es schon vorher gewut zu haben.
So auch, als er sich bemhte, eine hohe, dunkle Tr zu ffnen, in deren Schlo
ein altertmlicher, pistolengroer Hohlschlssel steckte.
    Das ist der Hauptraum unsers ganzen Schlosses, sagte er, das unser fr
ganz selbstverstndlich haltend, nmlich der Ahnensaal. Daheim ist er schon so
voller Bilder, da man ihn nun wird vergrern mssen; hier aber bin ich selbst
im hchsten Grade neugierig, was man an die Wnde gehangen haben wird. Wir
befinden uns zwar im klassischen Lande des Ahnenkultus, aber man kann in China
doch unmglich wissen, wie so ein alter, lngst verstorbener Englishman, ein
echter, toter Raffley auszusehen hat!
    Oh! widersprach sein Neffe. Da klirrte das Schlo, und die Tr ging auf.
Da hingen sie, alle, alle, genau dieselben und auch genau so gro wie drben in
der Heimat, freilich nicht in Oel und Farbe, sondern nur in schwarzer Kreide,
die Lichter wei gegeben. Und auf dem langen Mitteltisch lagen die
Blitzphotographien, welche John aus England mitgebracht hatte, um seine Ahnen
von chinesischen Knstlern nach ihnen zeichnen zu lassen. Die Maler des Reiches
der Mitte sind bekanntlich grad in Beziehung auf die Genauigkeit des Kopierens
unvergleichlich.
    Der Governor war zunchst ganz still vor Erstaunen. Er ging von Bild zu Bild
und sagte nichts, schttelte nur immer den Kopf. Aber als er an den Letzten kam,
ganz hinten, oder auch ganz vorn, wie man es nehmen wollte, da lie er einen
lauten Ruf der Ueberraschung hren, so da wir hingingen, wo er eben stand. Es
war sein eigenes, und zwar sehr wohlgetroffenes Bild! Eine schmale, hohe Leiter,
deren Sprossen gepolstert waren, lehnte in der Nhe. Indem der uncle auf diese
Leiter deutete, sagte er:
    Ich begreife! Dieses mein Portrt war fertig bis auf das Gesicht. Man mute
da warten, bis ich kam und Yin mich sah. Ich merkte es ihr an, als ich zum
ersten Male mit ihr sprach. Sie studierte mein Gesicht, jeden einzelnen Zug
besonders. Ich erinnerte mich hieran erst dann, als ich hrte, da sie male.
Dann bist du mit ihr sofort hierher geritten, da sie das Portrt vollende. Als
wir vorhin aen, war sie noch nicht ganz fertig. Darum fehlte sie. Habe ich
Recht, lieber John?
    Nein, lieber Onkel - - und doch auch ja! antwortete der Gefragte. Dieses
dein Konterfei ist schon lngst fertig, auch nach einer Photographie gemacht.
Aber ein anderes war zu vollenden, ganz ebenso nach einem Photo von dir
angelegt, und zwar von der eigenen Hand des von dir so gefrchteten Gespenstes,
dem du nicht einmal - - -
    Schweig, schweig! unterbrach ihn der Alte, ber das ganze Gesicht hin
errtend. Blamiere mich nicht! Ich bitte ihr das noch ganz besonders ab.
    Tue es! Du hast ihr nur dieses eine Gespenst abzubitten - - dich; ich aber
leider alle, alle, die hier hngen. Und sie verzeiht sie mir, diese Schatten,
diese Schemen in schwarzer Kreide, von denen keiner, keiner Etwas von ihr wissen
wollte. Sie, die immer Gute, die herrlichste Tochter unserer groen Shen, hat
sogar noch mehr getan. Schau sie doch an, diese einst Fleisch gewesenen,
irdischen Phantome! Da hngen sie im Tode. Sind sie denn wirklich das gewesen,
was du hier abgebildet siehst? Dann gib dir Mhe, stolz auf sie zu sein; ich
aber, ich verzichte! Das sind die Larven, welche wir daheim verehren, die
Masken, die wir uns vormachen lassen, weil wir zu dumm, zu albern sind, sie zu
durchschauen und die Wahrheit zu entdecken. Auch ich war so ein Tropf, der an
Skelette, an Gerippe glaubte, bis Yin in diese Leichenkammer trat und meine Hand
ergriff, um mir zu zeigen, da die Toten leben. Sie mag auch dir es zeigen.
Oeffne!
    Oeffnen? Wen, was?
    Dich selbst!
    Mich? Mich selbst?
    Natrlich! Wer seine eigene Larve durchschauen und dann sich selbst kennen
lernen will, der mu zu erfahren suchen, was hinter ihr steckt.
    Er deutete nach dem Bild. Der Richtung seiner Hand folgend, bemerkten wir am
Rahmen eine Klinke und auf der andern Seite zwei Angeln. Das Bild war eine Tr.
Da ffnete der Governor. Ein Flle von Licht flutete zu uns in den dsteren Raum
herein. Er trat hinaus. Wir folgten ihm. Was sahen wir da? Wo befanden wir uns?
    In ganz genau demselben Saale, mit ganz genau denselben Bildern. Kein
einziges fehlte. Aber die Zwischenrume waren nicht Wand, sondern
Fensterscheiben, durch welche der Glanz des lichten Tages trat. Auch diese
Bilder waren von schwarzer Kreide, doch hatten sie keine Gesichter, sondern nur
Kpfe - - Totenkpfe. Auch den langen Mitteltisch sahen wir, doch nicht mit den
Blitzphotographien, sondern es lag das uralte, berhmte Ming-Tsching60 darauf,
aufgeschlagen, und in groer, weithin sichtbarer Schrift war da zu lesen: Sie
legen die Kleider ab, dann kommen sie! Und an diesem Tische sa Ki, der
Himmlische, der die Kraft des niemals endenden Lebens bedeutet, und winkte nach
der Tr, die in der vordern Ecke hinunter nach der Gruft der Familie fhrte. Da
stand John Raffley, um diesem Winke zu gehorchen; er ffnete sie. Und nun
strmten sie hervor, dem Lichte entgegen, sie alle, die ihre Kleider, die
Leiber, da unten abgelegt hatten. Teils jubelnd, jauchzend, teils still, wortlos
vor lauter Seligkeit; Einige aber auch zagend, zgernd, als ob sie dieser
Auferstehung, an die sie nie geglaubt hatten, ganz unmglich sogleich vollen
Glauben schenken knnten. Sie quollen aus der Gruft und aus der Treppenffnung
heraus und eilten durch den Saal, mit dankenden Gebrden an Ki, dem Himmlischen,
vorber, um durch die offene Tr zu verschwinden, die auf der andern Seite
hinaus in den Garten und dann in das Leben fhrte.
    Welch eine unbeschreiblich packende, beinahe berwltigende Szene! Welche
Freude, welches Entzcken, welche Wonne in jedem Zug der Gesichter! Und
sonderbar: das waren nicht mehr Gesichtszge von sterblichen Personen; das waren
nicht mehr die scharfen Linien und die festgezeichneten Konturen, welche die
Krperlichkeit mit sich bringt; und doch besa jeder und jede dieser
Verwandelten die grte Aehnlichkeit mit dem korrespondierenden Bilde im ersten
Ahnensaale! Es gab unter ihnen nur einen Einzigen, der nicht hinaus nach der
Freiheit strebte, denn er hatte ja die Gruft noch gar nicht kennen gelernt. Er
gehrte als ein Raffley zwar zu ihnen, aber er war noch nicht gestorben
gewesen; er zhlte noch zu den Lebenden. Er stand von fern und schaute zu, mit
ehrerbietigem Staunen, mit seliger Verwunderung. Ihm war, als ob er trume. Aber
wohin sah er? Auf die jubelnden Seelen seiner Ahnen oder auf Ki, der die Kraft
des Lebens ist? Man konnte das nicht sagen, denn in seinen weit geffneten Augen
fehlten noch die hellen Punkte, durch welche der Blick die Beseelung und
Richtung erhlt, und Yin, die Meisterin, hob soeben, als wir eintraten, die Hand
mit dem Pinsel, um ihnen dieses Licht zu verleihen. Also das war die Arbeit,
wegen deren Vollendung sie abgehalten gewesen war, bei Tafel zu erscheinen!
    Wre ich ein Knstler, so wrde ich jetzt meine Feder so recht voll von
Tinte nehmen, um dieses unvergleichliche Kunstwerk unserer Yin mit den besten
Ausdrcken der Begeisterung zu beschreiben und sodann die Knstlerin auch selbst
dazu. Denn ich fhle es sehr deutlich, da ich sogar die Pflicht habe, die
schne Herrin von Raffley-Castle bis auf das kleinste Kruselhrchen im Nacken
genau zu schildern. Aber ich bin leider kein Knstler und habe also zu
schweigen. Zu meiner Rechtfertigung mge dienen: Ich besitze nicht einmal den
ntigen Verstand, den Begriff Kunst definieren zu knnen, und bin auch weder
so weise noch so klug, mir zu sagen: Ja, das ist ja eben die Kunst, da man
nichts von der Kunst versteht!
    Aber Eines will ich doch sagen: Wir waren alle still. Niemand sprach. Kein
Einziger fand einen hrbaren Ausdruck fr das, was er empfand. Wie von derselben
Kraft ergriffen, welche diese Seelen aus der Gruft emporzog und durch den Saal
der Totenkpfe schnell hinaus in das helle Leben leitete, so ging ich von Figur
zu Figur, bis hin zur klarsten Seele an der Tr und dann noch weiter, in den
Garten, bis an den uersten Rand desselben, wo eine starke Mauerbrstung vor
dem Sturz in groe Tiefe schtzte. Da stehe ich - - ich, ich, der arme Teufel,
im hohen Marmorschlosse, bei Leuten, die ihre Ahnen alle aufgeschrieben hatten
und ihre Millionen nach Hunderten zhlen konnten. Dazu die hchsten Gottesgaben,
die es auf Erden gibt: Talent und gar Genie! Und vor mir dieses schne Land,
welches ich berblicken kann auf viele Meilen hin! Von diesem Schlosse aus geht
Segen drber hin, gespendet von so reichen, reichen Hnden. Wer bin dagegen ich,
und was? Das kleine Deutschland gegen Grobritannien, wie der Governor
wahrscheinlich sagen wrde!
    Da hrte ich leichte Schritte, welche sich mir nherten, und drehte mich um.
Da stand sie vor mir, Yin! Sie schaute mich an und sagte nichts dazu. Ich habe
niemals wieder solchen Blick gesehen. Er tat mir weh. Als ob ich ihr so viel,
viel zu verzeihen htte! Ich nahm ihre beiden kleinen Hnde, hben eine, drben
eine, und lchelte ihr ermunternd zu, Sagen konnte ich nichts.
    Darf ich - - -? klang es leise aus ihrem Munde.
    Yin darf nie; sie soll! antwortete ich.
    Haben wir denn wirklich gleiches Recht, wie John mir immer sagt? Wir armen,
gelben Menschen?
    Da kam es wie eine Wut ber mich. Dieses wunderbare, gottbegnadete Wesen!
Und so verschchtert durch den Stolz auf ein helleres Menschenfell! Ich bezwang
mich aber und sagte in ruhigem Tone:
    Wo steht geschrieben, welche Farbe der Mensch im Paradiese hatte?
    Ich wei es, behauptete sie. Sie sprach englisch.
    Wirklich? fragte ich.
    Ja. John hat mir viel von Euch erzhlt, Sir. Er hat nie Jemand so lieb
gehabt. Darum kam ich jetzt hierher, um Euch zu zeigen, wie gerne ich Euch habe.
Ihr erwhnt das Paradies, und ich habe es gezeichnet. Ich wnschte, da Ihr es
sehen solltet, ohne da Euch Andere dabei stren. Die Andern sind noch drin im
Ahnensaale, von dem sie sich wohl nicht gleich trennen werden. Darf ich Euch
fhren, Sir?
    Ich folgte dieser ihrer Aufforderung natrlich nur zu gern. Es gab eine zwar
schmale, aber bequeme Stufenreihe, welche, nur fr die Herrschaft selbst, von
hier, dem Garten aus, nach oben fhrte. Die stiegen wir empor, zu dem etwas
hher liegenden Gebude, in welchem sich befand, was ich jetzt sehen sollte. Vor
demselben sa auf einer zwischen zwei prchtigen Rosenpappeln stehenden Bank ein
alter Herr, der, als er uns erblickte, hflich aufstand und sich verbeugte. Ich
hatte Mhe, meine Ueberraschung zu verbergen, unsern malajischen Priester aus
dem Kratong von Kota Radscha zu sehen. Die chinesische Kleidung, die er trug,
glich der malajischen. Sein Haar war ebenso wei und ebenso lang. Die Gestalt
und ihre Haltung war dieselbe; das Gesicht widerstritt dem nicht, und als Yin
mit ihm zu sprechen begann und er ihr antwortete, bewahrheitete sich die alte
Regel: Wenn sich zwei Menschen hnlich sehen, sind auch ihre Stimmen einander
hnlich. Kurz, dieser Mann war mir eine Ueberraschung, und zwar eine angenehme,
und als ich ihm vorgestellt wurde und also erfuhr, da er der Pfarrer Heartman
sei, da hatte ich ihn schon gleich ganz herzlich lieb.
    Ich war ihm nur persnlich unbekannt, sonst aber nicht, denn er wute alles,
was ich zusammen mit John erlebt hatte. Als er hrte, da ich das Paradies sehen
solle, aber ungestrt, trat er bescheiden zur Seite, um uns die Tr freizugeben,
sagte aber, da er mich dann gern weiterfhren mchte, bis hinauf zur Kapelle;
ob ich damit einverstanden sei. Ich nahm das selbstverstndlich an, und Yin bat
ihn, wenn er mich sodann auch allein lassen wolle, doch mit hinein zu gehen, um
mir die Sage vom verlorenen Paradiese zu erzhlen. Er ffnete also die Tr und
trat mit uns in das Innere.
    Nun befand ich mich in einem langen, viereckigen Gebude, dessen Decke ein
Glasdach war. Die Lngsseiten waren gleich lang, die Schmalseiten aber nicht.
Da, wo wir hereingekommen waren, also vorn, war der Saal bedeutend breiter als
hinten. Hierdurch wurde schon an sich eine ganz natrliche Perspektive gegeben,
also Etwas, was wir Europer den mongolischen Knstlern einfach abzusprechen
pflegen. An der vorderen und der hinteren Wand waren Gruppen schner Pflanzen
angebracht, so was man mit dem Worte Orangerie zu bezeichnen pflegt. Diese
Gewchse waren vorn sehr hohe, darunter Bambusschlinge, die bis zur Decke
reichten. Hinten waren sie bedeutend niedriger, gingen aber auch bis an das
Dach, weil dieses sich von vorn nach hinten senkte. Dadurch wurde die optische
Tuschung erregt, als ob das Auge in eine viel, viel grere Entfernung schaue,
als in Wirklichkeit vorhanden war. Die langen Seiten zeigten zunchst nichts;
sie waren mit dnnseidenen, aber undurchsichtigen Vorhngen bedeckt.
    Als wir eingetreten waren, ging Yin sofort nach hinten und verschwand hinter
den Pflanzen. Dort stand ein Instrument, halb Si und halb Yangtschin, von
der Gre einer Harfe und auch ganz hnlicher Klangfarbe. Vorn gab es unter
blhendem Gezweig einige Sitze. Pfarrer Heartman winkte mir, auf einem derselben
Platz zu nehmen. Er selbst trat bis fast an die Tr zurck, von wo zwei Drhte
in die Hhe und dann nach den Seiten fhrten. Das war zur Ausschaltung der
Gewichte, welche die Vorhnge zu bewegen hatten.
    Nun erklang von hinten her ein Akkord, dem einige andre folgten. Yin hatte
in die Saiten gegriffen; dann war es wieder still. Und jetzt ertnte hinter mir,
aus dichten Pisangs heraus und von ihnen gemildert, die laute, charakteristische
Stimme des Geistlichen:
    Im Lande Ti gibt es eine heilige Sage, die von dem Himmel stammt. Sie ist
viel tausend Jahre alt und lautet folgendermaen: Als Gott, der Herr, zur Erde
hinuntergestiegen war und das irdische Paradies geschaffen hatte, sprach er zu
seiner Shen: Ich schenke dir dies Land der Menschlichkeit mit allen seinen
Bewohnern. So lange der Menschengeist sich von dir leiten lt und nur in der
Liebe handelt, wird Friede sein und dies dein Reich nicht von der Erde
schwinden. Behte es! - - - - - - Und als der Satanas sich aus der Tiefe
herbeigeschlichen und die irdische Hlle geschaffen hatte, sprach er zu seiner
Hen61: Ich schenke dir dies Land der Rcksichtslosigkeit mit allen seinen
Teufeln. Du hast dich nicht zu frchten, auch vor dem Paradies da drben nicht,
denn ohne seine Shen ist dieser Menschengeist ja weiter nichts als eben auch ein
Teufel. Er wird uns schon noch kommen! Doch wache dann, da hier in deinem Reich
nie Irgendwer von Nchstenliebe rede! Man sagt, da in zuknftiger Zeit die Shen
vor Gottes eigenem Tor ermordet werde; dann aber komme er selbst, der Herr, in
menschlicher Gestalt zur Erde nieder, um seine Shen vom Tode aufzuwecken und
Alles, was da lebt, sogar auch meine Teufel, zur Seligkeit ins Paradies
zurckzufhren. Die Zeichen seines Nahens sind gegeben, sobald seine Boten hier
in meiner Erdenhlle aufzutauchen und von der Nchstenliebe zu lehren und zu
predigen wagen. Vernichte Jeden, der das tut, sonst bist du selbst verloren!
    Die Saiten hatten geschwiegen, whrend er sprach. Nun rauschte eine Folge
von Akkorden durch den Saal, um sich in einzelnen Tnen aufzulsen und hierauf
wieder still zu sein. Dann fuhr er fort:
    Der Menschengeist ging durch das Paradies und lernte dessen Seligkeiten
kennen. Er wuchs dabei empor zur Riesengre und konnte endlich gar, wenn er am
Tore stand, hinberschauen in das Reich des Bsen. Da sah er heimlich, wie die
Hen regierte, und das gefiel ihm wohl. Sie war die Knigin, die Oberpriesterin
der Hlle; was aber war denn er? Sie gab Gesetze fr den Staat; sie richtete;
sie strafte, wie es ihr wohlgefiel, und fragte vorher nicht einmal den Teufel!
Er aber mute als Beherrscher seines Paradieses eines jeden armen Teufels Diener
sein und sich von Shen zu jeder Zeit und bei fast Allem, was er tat, belehren
lassen. Indem er dieses dachte und voller Sehnsucht nach dem Nachbarreich
hinberschaute, sah ihn die Hen und kam herbei, in ihm den Neid und alle Kinder,
die es von diesem gibt, im Herzen zu erwecken. Das gefiel ihm wohl. Er kam am
nchsten Tage wieder. Am dritten schlo er schon die Pforte auf und ging hinaus
zu ihr, um sich von ihr das Glck der Hlle zeigen zu lassen. Von nun an lehrte
sie ihn tglich, heimlich, wie man regieren msse, und er lie, was sie sagte,
im Paradies geschehen und fragte nicht mehr nach der Menschlichkeit. Das sah die
Shen. Sie folgte seinen Spuren und kam zum Tor, grad als es offen stand. Soeben
hatte Hen ihn bei der Hand ergriffen, um mit ihm fortzugehn. Da strzte sich die
Shen hinaus, um ihn zu retten. Doch in demselben Augenblick erschien der
Satanas, aus seinem Abgrund tauchend, erhob die Faust und schlug sie, da sie
tot zu Boden sank. Sie trat aus Gottes Schutz heraus, vor seine Pforte, sprach
er; drum konnte sie von mir vernichtet werden, sonst aber nicht. Scharrt sie
hier ein! Und sich hierauf zum Menschengeiste wendend, fuhr er fort: Du armer
Wurm, der sich so erhaben dnkte, da ihn nicht einmal das Paradies zu halten
wute! Sag mir einmal, wer bist du denn, und was hast du getan, um das, was du
von Gott verlangst, von ihm verdient zu haben? Verdienst, Verdienst! Bei diesem
Worte lacht die ganze Hlle! Es werde dir gezeigt, was es heit, sich auch nur
einen einzigen Hauch der Gnade zu verdienen! Du lebtest in dem Wahne, dem Himmel
und der Hlle gebieten zu knnen, und hattest nicht einmal gelernt, dich selbst
zu beherrschen, dich und deinen Dnkel! Wohlan, du wirst nun unter Teufeln sein,
denn meine Hlle und dein Menschenreich, das ist von heute an fr dich dasselbe.
Als Teufel werden diese Menschen an dir handeln, weil du als Teufel dort im
Paradiese handeln wolltest, und tausend Teufel sollen in deinem eigenen Innern
wohnen, mit denen du zu kmpfen hast bei Tag und Nacht, unausgesetzt, bis Der
vom Himmel kommt, den wir verfluchen und doch ewig segnen! Hast du gelernt,
dieser Hlle in dir selbst ein Herr zu sein, so lausche, ob vielleicht in meinem
Reiche der Name Shen in Heimlichkeit erklingt. Bis dahin aber sei verflucht
von allen denen, welche nun mit dir vertrieben werden, weil sie glaubten, dir
gehorchen zu mssen! - - - - - Indem er dieses sprach, geschah ein Blitz,
hierauf ein Donnerschlag; die Sonne verschwand vom Himmel; die Erde bebte; die
Berge strzten ein; die Tiefe klaffte auf; das Tor der Seligkeit verschwand mit
seinen Mauersulen, und Tausende und Abertausende drngten sich in wahnsinniger
Angst vorber, um sich aus dem verschwindenden Paradiese in die offenstehende
Hlle zu retten!
    Nun schwieg der Pfarrer. Es ging ein leises Gerusch zur Decke empor und
nach dem Vorhang hin; dann begann dieser, sich zu bewegen, der auf der linken
Seite.
    Das, was ich sah, war nicht das Paradies, sondern die letztbeschriebene
Szene vor dem eingestrzten Tore. Da standen sie, der Menschengeist, der Satan
und die Hen. Einige niedrige Wesen bemhten sich, die Leiche der Shen auf
die Seite zu schleppen. Zwischen den Trmmern des Tores strzten sie hervor, die
Unglcklichen, die weder sahen noch hrten, sondern nur den einen Gedanken
hatten, sich in Sicherheit zu bringen. Sie quollen in eng zusammengedrngter
Masse heraus, mit verzerrten Gesichtern, heulend und schreiend, sich stoend,
drngend und treibend. In ihrer blinden Angst bemerkten sie die drei am dunklen
Felsen Stehenden nicht, denen sie den Verlust des Paradieses verdankten. Nur
vorwrts, vorwrts strebten sie, obgleich infolge dieser frchterlichen Panik
Viele in den Abgrund strzten, der auf der andern Seite ghnte. Da gab es
Europer, Amerikaner und Asiaten, weie, schwarze, rote und gelbe Menschen,
Kaukasier, Mongolen, Indianer, Neger und alle Arten von Mischlingen. Sie alle
waren im Paradiese gewesen, und sie alle wurden nun aus demselben vertrieben,
weil sie nicht der himmlischen Shen, sondern dem von der Hen verfhrten
Menschengeiste gehorcht hatten. Ihre Scharen fllten die Wege und breiteten sich
nach allen Seiten ber das de, wste Land, weiter, nur immer weiter, bis sie
ganz drauen, da, wo die Hinterwand abschlo, in der dort beinahe
undurchsichtbar gewordenen Luft verschwanden.
    Denn die Atmosphre war diejenige eines Unwetters, eines Erdbebens, einer
ganz unbeschreiblichen Katastrophe. Da, wo ganz vorn, hinter den Bumen und
Struchern der Pflanzengruppe, das Paradies zu vermuten gewesen war, schien
Alles in hellen, verzehrenden Flammen zu stehen. Die glhende Hitze schleuderte
die zersprengten, schieferigen Reste des Gesteines hoch in den Lften herum.
Schwefelgelb, von orangenen Blitzen durchschossen, schlug die Lohe heraus und
warf ber die Gruppe am Felsen und die verzerrten Gesichter der Fliehenden ein,
ich mchte sagen, alle Hoffnung verzehrendes Licht. Dieses Gelb verwandelte sich
in immer tiefer werdendes, diabolisches Rot, welches sich schlielich zu einem
hlich schmutzigen Violett verdichtete, in dem weder Mensch noch sonst etwas
mehr zu unterscheiden war.
    Bis hierher durfte ich mich in der Beschreibung dieses Bildes wagen, weiter
aber nicht; die Grnde habe ich bereits angegeben. Auch ber die Wirkung will
ich nur das Eine sagen, da es mir unmglich ist, sie in Worte zu fassen. Ich
hatte unter dem gewaltigen Eindruck dieses Meisterwerkes ein innerlich
bohrendes, verzehrendes Gefhl, eine Empfindung, als ob ich selbst auch als
einer dieser Unglcklichen dazu verdammt worden sei, die Erde nun fr die Hlle
und die Menschen fr Teufel zu halten. Ich war so ergriffen und innerlich so
tief gepackt, da ich erst nach und nach die Akkorde beobachtete, welche, als ob
sie hierzu gehrten und von den Bildern unzertrennlich seien, durch den Saal
erklangen. Oder hatten grad sie mit dazu beigetragen, das, was ich sah, zu
erfassen und zu vertiefen?
    Da wurde dieser eine Vorhang wieder vorgezogen, und der andere bewegte sich
von seiner Stelle. Gleich der erste Blick zeigte mir, da ich mich in ganz genau
derselben Gegend befand, in spterer, spter, vielleicht gar zuknftiger Zeit.
Ein herrliches, reines, orientalisch heiliges Sonnenlicht fiel auf das Land des
alten Erdenfluches. Kann man an Luft und Licht erkennen, da heut nicht Werktag,
sondern Sonntag sei? Gewi, wenn der Maler wirklich ein Knstler ist! Es war
hier Feiertag, am Tag des Herrn, in Gottes Morgenfrhe! Und durch das Land der
Hlle kamen sie gezogen, die jetzt nun wirklich Menschen waren, in allen Rassen,
allen Farben und jeder Tracht, die es auf Erden gibt. Erst einzeln, langsam,
zagend, mit bangen Fragen im Gesicht. Dann zu zweien, dreien, ferner mehr und
immer mehr, einander rufend, winkend, zujubelnd. Hierauf weiter mehr und mehr,
in Gruppen, in Haufen, endlich gar in Scharen. Der Horizont ist dunkel von
Unzhligen, die zu entfernt sind, als da sie sehen knnten, was am Tor des
Paradieses geschieht. Aber sie hren, und sie glauben, und der Glaube ist der
Weg zur Seligkeit.
    Und Allen voran, an der Spitze der noch Zagenden, geht er, der
Menschengeist. Wie bescheiden - - wie demtig - - wie gering und arm! Ein
Bettler - - doch wohl wissend, da seine Bitte nicht vergeblich sein, da sein
Gebet Erhrung finden werde. Er schaut zwar still und unterwrfig drein, jedoch
auch hoffnungsvoll, fast scheint es, zuversichtlich! Denn gar nicht weit von ihm
steht Gottes Pforte offen, das Tor des Paradieses, das neu erstanden ist, und
hinter seinen aufgeschlagenen Flgeln erscheinen die Gestalten heiliger Wchter,
die er, der Vater, dem einst verlorenen, nun aber zurckkehrenden Sohne
entgegensandte, ihm seine Tr zu ffnen.
    Und grad vor dieser Tr, und grad in diesem Augenblick geschah, was jene
alte Sage schon seit Jahrtausenden der Welt versprochen hatte: Da stand der
Satan, und da stand die Hen. Sie hielten sich gefat und deckten mit ihren
Gestalten den schwarzen Felsen und das Grab, in welches damals Shen, die
Himmlische, verborgen worden war. Was stand da wohl auf ihren Gesichtern
geschrieben? Ha und doch Anbetung, das ganze Entsetzen der letzten, hchsten
Angst und dennoch aber die Freude, da endlich, endlich nun Alles vorber sei,
da Hlle und Teufel auf ewig verschwinden msse und die Menschheit nun nicht
mehr belogen und betrogen werden knne!
    Denn es war Einer sogar dem Menschengeiste vorangeschritten, den Weg zur
Seligkeit herauf, und hier bei ihnen stehen geblieben. Der Einzig-Eine, dem
niemals Jemand widerstehen konnte und widerstehen wird. Er trug das arme,
drftige Gewand der Nazarener, aber auch die vier Ngelmale, von denen kein
Teufel hren kann, ohne zu zittern! Als er die beiden stehen sah, hob er
gebieterisch die Rechte gegen sie und deutete mit der Linken nach dem Abgrund,
der damals so viele Unglckliche verschlungen hatte. Fort mit Euch von hier!
gebot er ihnen. Ich bin der Geist; sie aber ist die Seele; gebt Raum fr sie:
fr meine Nchstenliebe!
    Da geschah, wie damals, ein Blitz und hierauf ein Donnerschlag, so da die
Erde bebte. Der Satan flog mit seiner Hen dem Abgrund zu und verschwand in
dessen Tiefe; der Felsen aber warf die Steine des Grabes aus, und dann trat sie
hervor, die Himmlische, zu dem Erlser hin, nach dessen Geist die Seele ewig
strebt. Der schlug den Arm um sie, wendete sich mit ihr zurck zu denen, die da
kamen, winkte ihnen, ihm und ihr zu folgen, und schritt sodann dem offenen Tore
zu!
    Ich sa noch lange, wie festgebannt, unter dem Eindrucke des Ganzen. Dann
stand ich auf und ging das Gemlde ab, um die Schnheiten auch im Einzelnen zu
genieen. Die Saiten des Si-Yangtschin hrten jetzt auf, zu klingen, und als ich
die hintere, schmale Wand erreichte und dort nach Yin suchte, um mich bei ihr zu
bedanken, war sie fort. Es fhrte da eine Tr hinaus, durch welche sie gegangen
war. Zwischen den Pflanzen aber stand das Instrument, mit dem sie sich fr mich
beschftigt hatte.
    Dann ging ich wieder nach vorn. Der Pfarrer war nicht mehr da. Doch als ich
hinauskam, sa er auf seiner Bank, um auf mich zu warten. Er ging erst noch
einmal hinein, um nun auch den zweiten Vorhang niederzulassen, und dann fhrte
er mich durch das Castle nach der Strae hinaus, auf welcher wir in kurzer Zeit
das hchste Gebude der Besitzung, die Kapelle, erreichten. Unter ihr lag, wie
schon einmal erwhnt, das Atelier. Wir gingen vorber. Das war, wie der
Geistliche sagte, ein Heiligtum, in welchem meist nur geistig Hohes geboren
wurde. Darum uerten selbst bevorzugte Personen niemals den Wunsch, es zu
betreten. Yins eigene Aufforderung war der einzige Schlssel, es fr Andere zu
ffnen.
    Als er mir seine Kapelle, wie er sie in rhrendem Stolze nannte, gezeigt
hatte, setzten wir uns unter eine der Riesentannen, von denen sie flankiert
wurde, und hielten ein Gesprch, im Verlaufe dessen er mich einen tiefen Blick
in sein reiches Herz und in sein armes Leben werfen lie. Der Arme war erst dann
reich geworden, als die Reichen ihn verwarfen. Jetzt aber galt fr ihn das Ideal
erreicht, welches ihm von dem Berufe, den Pflichten und den Erfolgen eines
christlichen Seelsorgers vorgeschwebt hatte. Er sagte hierber:
    Nun befinde ich mich endlich, endlich, endlich in dem gelobten Lande. Ich
bin in Jebus-Salem, der Stadt des Friedens, angekommen und kann hinberschauen
nach Bethlehem, wo er, der Einzig-Eine, den Ihr vorhin im Bilde sahet, genau so
fr die Armen geboren wurde wie jetzt und hier in dem Lande der verachteten
Mongolen. Dort, in Kanaan, wurde sein Erscheinen Jahrhunderte vorher von den
Propheten kundgetan; hier aber hat das stille und doch so groe Werk der Shen
ihm alle Herzen vorbereitet. Wer nicht an die Propheten glaubt, wird nimmermehr
den Heiland sehen knnen. Und wer sich gegen die Shen vergeht, dem groen
Menschheitsbund der Bruderliebe, der wird den gelben Mann niemals zum Christen
machen. Das versichere ich Euch bei meinem Priesterwort!
    Er stand auf, ging einige Male hin und her und blieb dann stehen, um
hinberzuschauen, wo am dunkeln Rande des Waldes, an den vom Luftzuge bewegten
Zweigen, goldene Sonnenfunken spielten. In seinen Augen schimmerte etwas
Aehnliches; es glnzte ber sein Gesicht, und es verlieh seinem langen, weien
Haar einen rtlich silbernen Hauch.
    Als ich in dieses Land berufen worden war, fuhr er fort, kam ich hier an,
als man sich anschickte, den Grundstein zur Kapelle da zu legen. Ich wurde
gebeten, mich mit einer kurzen Rede hieran zu beteiligen, und bereitete mich
also rasch auf diese vor. Aber als ich kam und die beiden Tafeln sah, welche Sir
John und Fu gewidmet hatten, damit sie unter den Grundstein versenkt wrden, da
verzichtete ich auf alle diese erst aufgeschriebenen und dann einstudierten
Stze und lie nur ganz allein die Stimme meines Herzens sprechen. Es waren zwei
kleine, nur vierzeilige Strophen, die ich auf diesen Tafeln las. Sir John hatte
ein altes, christliches Gebetlein meieln lassen, Fu aber eine eigene Antwort
dazu. Ihr wit wohl, da er sich im Besitze der hchsten literarischen Ehren
befindet und also gar wohl zu dichten versteht. Auf der ersten Tafel stand:

Christi Blut und Gerechtigkeit
Ist mein Schmuck und Ehrenkleid;
Damit will ich bei Gott bestehn,
Wenn ich in den Himmel werd' eingehn. Amen!

Die zweite Tafel war chinesisch; aber man sollte es in alle Sprachen bersetzen,
obgleich es Vielen, Vielen nicht gefallen wrde. Es lautete:

Werft von Euch fort den falschen Heil'genschein,
Und borgt nicht mehr auf des Erlsers Namen.
Lat uns vor allen Dingen Menschen sein,
Damit wir Christen werden knnen. Amen!

Fu hat da nicht etwa allein fr sich gesprochen, sondern im Namen seines
ungeheuer groen Landes, im Namen der ganzen mongolischen Rasse, wahrscheinlich
auch im Namen Aller, die nicht Kaukasier sind, und endlich ganz gewi im Namen
aller Derer, die Christi Gebot noch nicht vergessen haben, da wir unsern
Nchsten lieben sollen wie uns selbst! Alle diese Leute werden das Christentum
nicht etwa nur auf sein Verhalten zu Gott hin prfen, sondern vor allen Dingen
dahin, ob es Den, dem es angeboten wird, in seinen angeborenen Menschenrechten
schtze und ihn vor innerer und uerer Vergewaltigung bewahre. Durch diese
zweite Tafel wurde ich sofort nach meinem Eintreffen hier in die Anschauung
dieses ganzen Reiches und seines Volkes eingeweiht. Wer anders schreibt und
anders spricht, der kennt die Chinesen nicht, selbst wenn er Jahrzehnte lang bei
ihnen gelebt hat. Die Volksseele offenbart sich nicht Jedermann, aber wenn sie
es tut, dann ganz, mit einem Male!
    Als er jetzt wieder schwieg und hinberschaute nach dem Sonnenspiel am
Waldesrande, da schien er mir dem malajischen Priester so genau zu gleichen, als
ob sie beide Brder seien, die Shne einer und derselben Mutter. Welche Mutter
wre da wohl gemeint? Er trat ganz an den Abhang, hob den Arm gegen Westen und
sprach, als ob er da hinauszureden habe zu vielen, vielen Leuten in der Ferne:
    Ich wiederhole es, das ernste, schwere Warnungswort: Werft von Euch fort
den falschen Heil'genschein, und borgt nicht mehr auf des Erlsers Namen. Lat
uns vor allen Dingen Menschen sein, damit wir Christen werden knnen. Amen! Das
liegt hier eingemauert unter der Kapelle. Das ist hier in China der einzige, der
allereinzige Boden, auf dem Ihr Eure christliche Kirche errichten knnt. Das
sollte in riesengroer, meilenweit zu lesender Schrift ber allen Meerengen
stehen, durch welche Ihr zu segeln und zu dampfen habt, wenn Ihr vom Westen nach
dem Osten kommt, um Eure Seligkeit hier auszubreiten! Nur Menschen knnen
Christen werden. Wer trotz aller seiner ueren Kultur im Innern doch noch
Anthro-Bestie ist, der bleibe ja daheim, denn es wrde ihm ergehen, wie es
morgen den Fan-Fan ergehen wird: Er macht sich lcherlich; er blamiert und
schdigt seine eigene Rasse, sein eigenes Vaterland und seine eigene Religion,
das herrliche, das ewig unvergleichliche Christentum!
    Nun wendete er sich mir und der Kapelle wieder zu und sagte unter einem so
rhrend glcklichen Lcheln:
    Wie habe ich dies mein kleines Bethaus lieb, so lieb! Es ist die Pforte zu
meinem groen, groen, unsichtbaren Gotteshaus, dessen Dach sich wlbt, so weit
mein altes Auge reicht, und dessen Sulen ragen allberall, wo ich ein Herz
gezeigt und dafr mir ein anderes gewonnen habe. Hier begann ich, ber die
Gottmenschheit Christi eigentlich erst richtig nachzudenken. Er kam zu uns und
ging, um uns ein Beispiel dazulassen. Wir sollen sein wie er, an Liebe, Demut
und Erbarmen reich, und stark, wie er es war, an Wundertaten. Genau dieselben
Wunder, die er als Gott verrichtete, sind uns ermglicht durch die
Menschlichkeit, die uns das Gttliche im Menschen zeigt und deutet. Hierbei mu
ich Euch sagen: Whrend Ihr beim Essen saet, war Euer Diener hier, Sejjid Omar,
der Muselmann. Was fr ein Mensch ist das! An ihm ist auch ein Wunder geschehen
- - - durch die Menschlichkeit! Er gibt seinen Kuran und seinen Mohammed gewi
niemals her, aber wie er seinen Jesus, Mariens Sohn, verehrt, so weit hinauf
reicht ihm sogar der Islam nicht.
    Ihr habt also bereits mit ihm gesprochen? fragte ich.
    Jawohl. Fast eine ganze Stunde. Und ihn schnell liebgewonnen! Er hat eine
so eigene Weise, die aber berzeugt, obgleich man aufpassen mu, ihn zu
verstehen. Er sprang mitten in einer Erklrung auf, die ich ihm zu geben hatte,
und bat mich, still zu sein, denn es sei ihm da ein Gedanke gekommen, ber den
er sofort nachdenken msse, um ihn seinem Sihdi zu sagen. Damit rannte er in
groer Eile fort.
    So ist er, nickte ich. Die Folgen dieses seines Nachdenkens werden mir
auf keinen Fall erlassen bleiben.
    Indem ich dieses sagte, hatte ich wohl recht. Denn als ich dann hinab ins
Castle kam, hockte er in meinem Zimmer vor dem aufgeschlagenen Koffer, denn die
Bagage war soeben angekommen, sprang aber, sobald ich eintrat, auf und sagte:
    Ich habe es, Sihdi!
    Was? fragte ich.
    Das wirst du gleich hren! Also, ich habe sie zusammengezhlt, den
Christen, den Moslem und den Heiden. Das kam mir in den Sinn, als ich mit
Reverend Heartman sprach; da lief ich fort. Ich htte aber auch sitzen bleiben
knnen, denn das Nachdenken ging viel schneller, als ich dachte; dann war ich
sogleich fertig!
    Nun? Was kam heraus?
    Entweder gibt es gar keine Christen und gar keine Heiden, sondern blo
Menschen. Oder es gibt entweder nur Christen oder nur Heiden, die aber auch alle
Menschen sind. Also, ob es Nichts gibt, oder ob es Alles gibt, Menschen gibt es
auf jeden Fall!
    So! - lachte ich. Da es Menschen gibt, und zwar auf jeden Fall, das
wute ich beinahe auch!
    Ja, aber nicht so, wie ich es meine! behauptete er. Ich bitte dich, mich
anzuhren, aber nicht dazu zu lachen; das macht mich irr! Du hast mich die Worte
von Isa Ben Marryam62 gelehrt, da wir Gott lieben sollen, das ist das erste und
das vornehmste Gebot, und da wir unsern Nchsten lieben sollen, das ist diesem
ersten Gebote ganz gleich. War diese Liebe zu Gott und zu dem Nchsten schon vor
dem Erlser da oder nicht?
    Es ist gewi, da es schon vor ihm Menschen gab, die Gott, und auch welche,
die ihren Nchsten liebten.
    Du sagst es, folglich ist es richtig! Und noch Eines: Wieviel Nchsten mu
man lieben, um Christ zu sein?
    Jedenfalls alle, ohne Ausnahme, auch die Feinde!
    Ja. Wenn ich sie alle liebe, bin ich ein vollkommener Christ. Wenn ich nur
Einen liebe oder nur einem einzigen Feinde Gutes tue, so bin ich auch ein
Christ, allerdings nur fr diesen Einen! Wenn der Heide auch nur einen einzigen
Menschen liebt, einem einzigen Feinde verzeiht, so handelt er christlich. Und
wenn der Christ nur einen einzigen Menschen hat oder sich an einem einzigen
Feinde rcht, so handelt er heidnisch. Es gibt keinen Menschen, der nicht
wenigstens einmal liebt und nicht wenigstens einmal verzeiht. Und so hat es auch
keinen Menschen gegeben und wird niemals einen geben, der nicht wenigstens
einmal gehat und nicht wenigstens einmal seinem Zorn den Willen gelassen hat.
Also die Menschen haben, schon gleich seit es welche gibt, und bis auf den
heutigen Tag, alle zusammen, ohne Ausnahme, bald christlich und bald heidnisch
gehandelt. Sobald sie Gutes tun, sind sie alle zusammen Christen, und sobald sie
Bses tun, sind sie alle zusammen Heiden. Isa Ben Marryam ist gekommen, um uns
zu gewhnen, niemals Bses zu tun, sondern immer nur Gutes. Das Bse kommt vom
Teufel; das Gute kommt von Gott. Dazwischen steht der Mensch! Wer nichts als
Gutes tut, der ist Gott. Wer nichts als Bses tut, der ist Teufel. Wer bald
Bses und bald Gutes tut, der ist Mensch! Hierauf frage ich dich: Sind die
Heiden Gottheiten oder Teufel? Keines von beiden! Was folgt hieraus? Da sowohl
die Christen als auch die Heiden blo nur Menschen sind, die nichts Besseres tun
knnen, als einander Gutes zu erweisen. Dadurch heben sie einander empor.
Dadurch werden sie Gott immer hnlicher. Das ist es, was Isa Ben Marryam wollte
und was er lehrte. Dieses Streben, Gott zu lieben und sich ihm immer mehr zu
nhern, indem man allen Menschen, sogar den Feinden, unausgesetzt nur Gutes
erweist, ist die Religion, die er grndete, und die nach ihm genannt wird:
Christentum! - - - So, das kommt heraus, wenn man einen Christen, einen
Muhammedaner und einen Heiden zusammenrechnet und dann mit der Drei
hineindividiert, nmlich ein Mensch. Und wieviel ist dieser Mensch wert? Das
kommt ganz auf die Mischung an. Wenn ich dieses Exempel mache mit einem guten
Heiden, einem guten Muhammedaner und einem schlechten Christen, so kommt noch
ein Mensch heraus, der wenigstens zweimal besser ist als so ein Christ! Sihdi
denke hierber nach, ohne da ich dich dabei stre! Ich gehe darum fort und
lasse dich hier bei dem Koffer und bei allen diesen deinen Sachen stehen!
    Husch, war er schnell zur Tr hinaus, denn er glaubte, im hchsten Grade
klug gesprochen zu haben. Ich wute, da er sofort zurckkehren und die
unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen werde, sobald ich das Zimmer verlassen
habe. Darum ging ich fort, um mich bei Doktor Tsi nach Waller zu erkundigen.
Fang war bei ihm. Sie waren in ausgezeichneter Stimmung, ihres Patienten wegen.
Dieser hatte bald nach Mittag die Augen aufgeschlagen und war seitdem so munter
gewesen, als ob er im ganzen Leben nicht wieder einschlafen wolle. Er las in dem
frher so verpnten Buche Am Jenseits, und wenn er der Augen wegen eine Pause
machen mute, bat er Mary, von da an, wo er aufgehrt hatte, laut vorzulesen. Er
hatte den Vorsatz ausgesprochen, die Augen nicht eher wieder zu schlieen, als
bis dieses Buch zu Ende gelesen sei, und so kam es, da Mary uns Andern sagen
und sich entschuldigen lie, sie knne nicht beim Abendessen erscheinen. Wir
hatten ein lngeres Gesprch ber diesen, uns vorliegenden Fall, und ich fand da
wieder einmal Gelegenheit, den Umfang des geistigen Besitzes dieser beiden
Mnner und die Klarheit ihrer Einsicht zu bewundern. Das Feld, auf dem wir uns
bewegten, war die Psychologie, und wenn ich sage, da sie die Begriffe Geist und
Seele scharf zu definieren und den Unterschied zwischen beiden ganz genau
anzugeben wuten, so brauche ich nur noch hinzuzufgen, da sie auch den Mut und
die Energie besaen, aus diesen Ueberzeugungen und Kenntnissen die ganz
natrlich sich ergebenden Konsequenzen zu ziehen.
    Bei Tafel fehlten dann nicht nur Waller und Mary, sondern auch Fu, welcher
telephonisch nach Ocama zurckgerufen worden war, weil der Kapitn des
Opiumschiffes aus Binh-Dinh sich wieder eingefunden hatte und fr morgen gewisse
Vorbereitungen zu treffen begann, welche den Hafenmeister zwangen, ihn und seine
Bewaffneten einzusperren. Dilke war nicht mit dabeigewesen. Uebrigens, htte es
sich nur um den verpnten Opiumhandel und nicht zugleich auch um einen
Gewaltstreich nebenbei gehandelt, so wre der Pu-Schang an sich Manns genug
gewesen, Seine Exzellenz, den Europer vorausgesagter Weise aus dem Hafen
schaffen und drauen verbrennen zu lassen.
    Unser Kreis am Tisch war nicht sehr gro. Rechts von mir sa Pfarrer
Heartman, links der Oekonom von Raffley-Castle, ein hochgebildeter Chinese, der
seine Studien in England, Frankreich und Italien gemacht hatte und sich
wiederholt bei mir entschuldigte, da er nicht auch in Deutschland gewesen sei.
Mir gegenber sa Yin.
    Man wird sich erinnern, da ich auf Sumatra zum Governor sagte: Dieses
Portrait der Yin ist ein Rtsel, ein neues, ein schnes, ein entzckendes
Rtsel, an dessen Lsung ich mein Leben setzen wrde, wenn ich Maler wre! Nun
hatte ich das Original des Bildes gerade vor meinen Augen. Wie stand es um das
Rtsel? War es noch da? Verdichtete es sich? Oder begann es bereits, sich
aufzulsen? Ich will da einmal sehr wichtig tun und den Geheimnisvollen spielen.
Bekanntlich ist dem Schriftsteller viel, sehr viel erlaubt; ich aber gehe noch
weit ber dies hinaus und erlaube mir etwas, was sich noch keiner dieser Herren
je gestattet hat, nmlich - - zu schweigen! Ich beschreibe unsere Yin auch heut
noch nicht und jedenfalls auch morgen und bermorgen nicht! Und ich habe ein
Recht dazu, denn alle meine bisherigen Reiseerzhlungen sind nur Vorstudien,
Uebungen und Skizzen, bei denen ich lang oder kurz, breit oder schmal sein kann,
ganz wie es mir beliebt. Ich habe ja bereits gesagt, da ich kein Knstler bin,
und fhle mich also frei von jedem Zwang, unter dem - - - bald htte ich gesagt:
die Kunst zu seufzen hat. Als ob die wahre Kunst, der wahre Knstler irgend
einem Zwange zu gehorchen htte! Im Gegenteile, die Kunst ist die Bezwingende;
sie macht sich alles, alles untertan!
    Ich sa ihr heut gegenber, ihrer schnsten, ihrer berzeugendsten
Personifikation - - unserer Yin. Aber man glaube ja nicht, da sie viel erzhlt
und viel erklrt und berhaupt viel gesprochen habe! Und man glaube auch nicht,
da ich erzhlen werde, wovon wir uns unterhielten! Ich hoffe, nun bald ber die
Zeit der Vorbungen und Studien hinaus zu sein. Und ich hoffe, da meine Leser
mit mir bis hierher gegangen sind, wo sie mich nun wohl begreifen, oder doch
wenigstens begreifen wollen. Dann hren wir mit diesen Etuden und Vorarbeiten
auf und gehen an das eigentliche Werk. Die Leinwand wartet ja schon lngst
darauf. Und Yin, die einzig wahre Kunst, wird uns den Stift, wird uns den Pinsel
fhren! Sie hat es mir an diesem Abend versprochen, und ich wei, sie hlt ihr
Wort!
    Wir saen da wohl bis Mitternacht beisammen. Da wurde John an den
Fernsprecher gerufen, um von Fu eine Meldung zu empfangen. Er fhrte uns dann
hinaus auf den Sller und zeigte uns ein Licht, welches weit, weit drauen am
stlichen Himmel glhte, fast wie ein Stern, der aber flackerte. Es brannte ein
Schiff auf der Reede von Ocama.
    Das ist Seine Exzellenz, der Europer, dem es an das Leben geht, erklrte
er. Fu meinte, da er wohl kurzen Proze mit ihm machen werde, und das ist nun
geschehen. Eine Warnung fr die Fan-Fan! Wir knnen unbesorgt zur Ruhe gehen.
    Ich war am andern Morgen soeben aufgestanden, da klopfte es an meine Tr.
    Wer ist's? fragte ich.
    Ich, dein Sejjid Omar. Kann ich hinein?
    Ja; es ist offen.
    Er war ganz atemlos, als er eintrat.
    Sihdi, weit du, was heut ist? fragte er.
    Dienstag, antwortete ich.
    Nein, sondern Revolution! Du siehst, da ich es besser wei! Das macht,
weil ich so gut chinesisch reden kann; ich gattere alles aus! Die ganzen Diener,
die es hier gibt, wollen von mir arabisch lernen, weil sie sich nicht so gut
chinesisch mit mir ausdrcken knnen, und da erzhlen sie mir alles, was
geschieht. Diese Revolution ist aber eine, bei welcher nicht geschossen wird,
auch nicht gehauen oder gestochen, sondern es wird nur gelacht, weiter nichts,
weiter gar nichts. Begreifst du das?
    Ja.
    Was? Das begreifst du? fragte er verwundert. Ich habe es nicht begriffen.
Bei einer Rebellion mu man doch alles totschlagen! Den Vizeknig, die Pascha's,
die Generle und ganz besonders Jedermann, der im Ministerium ist. Das wei ich
von Aegypten aus, wo sie so gemacht wrde, wenn eine wre. Aber es gibt keine.
In Stambul machen sie blo den Sultan tot; das ist dann eine! Aber hier kommen
sie ber die Grenze herber, um groe Reden zu halten. Sie werden zum Essen
eingeladen und bekommen viel, sehr viel Samschu zu trinken. Das ist ein starker
Schnaps, von dem sie einschlafen. Das ist dann eine! Und wir sitzen dabei und
lachen! Glaubst du wirklich, da das eine ist?
    Ja. Es ist sogar eine sehr vernnftige.
    Gut, so sehen wir sie uns an! Ich soll dich nmlich bitten, zum Frhstck
zu kommen. Dann reiten wir nach Shen-Fu.
    Wer hat das gesagt?
    John Raffley. Ich habe dir bereits mitgeteilt, da er dort Brgermeister
ist. Er mu hin und lt dich bitten, ihn zu begleiten. Ich darf auch mit. Ich
werde nicht den Fez aufsetzen, sondern einen Turban machen, denn das schickt
sich bei einer Rebellion. Die Arekanu und die Betelnu, die stecke ich vorn,
ganz oben, fest. Man soll sehen, da ich schon zur Shen gehre. Gegen die kommt
kein Emprer auf!
    Selbstverstndlich ging ich zu John, der mich mit der Nachricht empfing, da
die Aufschiebung des heutigen Festes wahrscheinlich zurckgenommen werden msse,
weil die Anhnger der Shen nicht gewilligt seien, sich die Freude durch ein
paar hundert Rebellen verderben zu lassen. Er fuhr fort:
    Es gehen aus allen Orten Bitten bei mir ein, jedenfalls auch bei Fu, und
ich habe mir schon berlegt, ob ich nicht vielleicht besser - - -
    Er hielt inne, denn er wurde unterbrochen. Fu, der soeben Genannte, rief ihn
an den Apparat, welcher sich in einem andern Zimmer befand. Da wurde er lngere
Zeit festgehalten, weil er das, was ihm jetzt von Ocama her gesagt wurde, an
verschiedene andere Orte weiterzugeben hatte. Als er dann wiederkam, erfuhr ich,
um was es sich handelte. Er war mit Fu einig geworden, den Festtag fr heut doch
bestehen zu lassen und diesen Entschlu berall hin kund zu geben. Das ging per
Draht sehr schnell. Von jetzt an in zwei Stunden hatten wir im Einkehrhaus am
Scheidewege mit ihm zusammenzutreffen, um von da aus nach Schen-Fu zu reiten, wo
der Hauptort war, nach welchem Jedermann strebte.
    Whrend wir hierber sprachen, stellte sich Tsi bei uns ein, um sich nach
den Dispositionen fr den heutigen Tag zu erkundigen. Als er von John
unterrichtet worden war, gab er denen, die sich nicht stren lassen wollten,
vollstndig Recht, bat uns aber, auf ihn zu verzichten. Waller sei heut frh zum
ersten Male gleich mit vollem Bewutsein aufgewacht. Es scheine uerlich sowie
auch innerlich ein voller, heller Sonnentag werden zu wollen, und so fhle er
als Arzt sich verpflichtet, dafr zu sorgen, da dieser so lange herbeigesehnte
Himmel durch nichts getrbt werden knne. Heut falle die Entscheidung fr die
ganze Zeit, die Waller noch zu leben habe. Vor allen Dingen sei zu verhten, da
der alte, von ihm gewichene Geist wieder ber ihn komme, der starre, blutleere
Geist der Wallerschen Familie, welcher den Inhalt einer alten, bigotten
Hauspostille hoch ber das herrliche Gotteswort der Bibel setze und die ganze
Menschheit zwingen wolle, in den engen, harten, mit geistigem Fischtran
eingeschmierten Wasserstiefeln einer vollstndig unbekannten, schrullenhaften
Sippe nach den erhabensten Zielen unseres gegenwrtigen Daseins wettzurennen!
    Whrend er dieses sagte, war ihm anzusehen, da ihm im Sprechen ein Gedanke
kam. Er richtete sein Auge dabei auf mich, und dann auch seine Worte:
    Ich habe da einen Gedanken, der diesen Geist betrifft. Er ist nicht mehr
da. Wo ist er hin? Wann wich er von Waller? Er wurde gezwungen, ihn zu
verlassen; aber er tat dies nur widerwillig, nur nach und nach. Noch vorgestern
bemerkte ich Spuren von ihm. Nun hre ich, da ein Verwandter von Waller
anwesend ist, ein Neffe von ihm, genau in demselben hartnckigen, unduldsamen
Geiste erzogen und mit sogar noch grerer Strenge dressiert, so da er es nicht
mehr aushalten konnte und seinen Peinigern davongelaufen ist. Diese Beiden,
Onkel und Neffe, sind einander hier noch nicht begegnet, nmlich krperlich. Auf
geistigem Gebiete liegt das jawohl ganz anders. Der Onkel wute von der
Anwesenheit des Neffen nichts; wir verschweigen sie ihm sogar noch jetzt. Der
Neffe aber hrte von Eurem Sejjid Omar, da sein Oheim sich auf Ocama befinde.
Dieser Umstand ist mir im hchsten Grade wichtig. Wollte ich selbst den Sejjid
fragen, so wrde das seine Unbefangenheit stren. Darum bitte ich Euch, es Euch
noch einmal erzhlen zu lassen. Es kommt mir darauf an, zu erfahren, was fr ein
Gesicht und was fr Bewegungen Dilke machte, als er von Waller hrte, und ob und
was fr Worte er dabei sagte. Nmlich, es ist ungefhr drei Uhr nachmittags
gewesen, da ist Waller pltzlich aus tiefster Ruhe emporgefahren und hat
gerufen, doch ohne die Augen zu ffnen: Old Saint nennt er mich noch immer! Und
kommen will er mir! Well, so werde ich ihm kommen, und Old Saint soll nicht
wieder von ihm gehen! Sein Neffe hat ihn nmlich gehat und gegen Andere stets
nur als den alten Heiligen bezeichnet. Ist das nicht im hchstem Grade
interessant?
    Natrlich! antwortete ich. Sogar so interessant, da ich frage, warum ich
das erst jetzt erfahre!
    Ich habe es ja auch nicht gewut. Mary hat es fr ein ganz gewhnliches,
bedeutungsloses Traum- oder Gedankenbild gehalten, wie so hufig, wenn er
whrend seiner Krankheit sprach, ohne wach zu sein. Erst als ich ihr heut,
vorhin, ganz dasselbe sagte, was ich Euch mitgeteilt habe, wurde sie aufmerksam
und berichtete mir diese seine hochinteressanten Worte. Also bitte, fragt den
Sejjid, aber lat ihn so antworten, da er keine eigenen Gedanken beimischt!
    Werde es tun, versprach ich. Liest Waller noch?
    Ja. Gestern wurde er mit Am Jenseits fertig. Ihr knnt gar nicht ahnen, was
Eure Beschreibung der Todesstunde fr einen Eindruck auf ihn hervorgebracht hat!
Heut will er die hervorragenden Stellen des Buches zum zweiten Male lesen. Auch
will er bitten lassen, Yins Paradies sehen zu drfen. Fang hat nichts dagegen,
da ich ihn in die Gemldehalle tragen lasse. Er hat seit gestern einen
frmlichen Riesensprung zur Besserung getan. Wenn das so fortgeht, hoffe ich,
ihn schon nach kurzer Zeit vom Bette trennen zu knnen. Uebrigens wei er schon
ebenso wie wir, da Ihr der Verfasser seid, dessen Bcher er frher verboten
hat.
    Und nun? Was sagt er jetzt dazu? fragte John.
    Es ist ganz eigentmlich, wie er sich hierber hren lt. Gestern abend,
als der letzte Satz von Am Jenseits gelesen worden war, lag er lange Zeit in
stillem Nachdenken. Dann sagte er zu Mary: Mein Kind, ich bin sehr grausam gegen
dich gewesen, indem ich dir verbot, aus diesem Brunnen zu trinken. Und du
hattest doch so groen Durst! Ich hielt es fr Brandy und Julep, und es war doch
das reinste, das lauterste Wasser! Ich wei, da ich krank gewesen bin, lange
Zeit. Es war Dysenterie, mit frchterlichem Verfall der Krperkrfte. Aber ich
mu auch vorher nicht recht gesund gewesen sein, nmlich da, da, im Kopfe. Das
scheint mir so! Denn wer solch eine Lektre verbietet, der kennt sie entweder
nicht, und dann handelt er unehrlich, oder sein Gehirn leidet an jener andern
Art der geistigen Armut, welche selbst ein Christus niemals seligpreisen wrde!
Diese andere Art scheint mir allerdings sehr wohlbekannt zu sein; ich mu mich
nur besinnen! Das war es, was er sagte, und obgleich ich nicht der Verfasser
dieser Bcher hin, hatte ich mich doch darber zu freuen, weil es erwarten lt,
da die innere Heilung ebenso wie die uere vor sich gehen wird, ohne
Rckstnde zu hinterlassen. Was und wie er aber ber Euer Gedicht denkt, das mag
er Euch selbst sagen. Nun reitet fort, und grt mir meine Shen, fr welche ich
- - -
    Fr welche Ihr, unterbrach ich ihn, schon damals in Penang so viele Sitze
in Eurer Wohnung hattet!
    Ah, die vielen Sthle, die bei mir standen, sind Euch aufgefallen! lachte
er. Ja, das war fr die Beamten der Shen, die ich zu inspizieren hatte. Und da
Ihr wit, da nicht nur ich, sondern auch mein Vater in Europa war, so brauche
ich Euch wohl gar nicht erst zu versichern, da es auch dort schon Orte gibt, wo
Sthle fr sie stehen.
    Er ging, und nach einiger Zeit ritt ich mit John, hinter uns der Sejjid,
durch das Dorf und nach dem Spietannenwald hinber. Zwischen dem Dorfe und der
Schlomeierei gab es ein erst seit heut frh gezimmertes, hoch aufstrebendes
Gerst, welches noch nicht fertig war. Als ich Raffley nach dem Zweck desselben
fragte, sagte er:
    Knnen Sie sich ein chinesisches Fest ohne Feuerwerk denken? Bekanntlich
sind die Chinesen Meister in Allem, was die Pyrotechnik betrifft, und mein
Oekonom hat es sich nicht nehmen lassen, fr heut abend irgend Etwas
vorzubereiten. Was, das wei ich selbst auch nicht.
    Hoch oben, auf der Kuppe, hinter der Kapelle, stand auch ein Gerst und auf
den Hhen rechts und links davon ebenso je eines. Man hatte also etwas vor, was
weit in das Land hinaus gesehen werden sollte. Raffley-Castle war mit allen
mglichen Errungenschaften der Neuzeit ausgestattet. Gas gab es nicht; es
fehlten dazu die Kohlen. Dafr aber hatte man elektrisches Licht. Ein Wasserfall
in der Nhe lieferte die hierzu ntige Kraft. Darum wunderte es mich nicht, als
John im Laufe des Gesprches erwhnte, da eine Illumination des ganzen
Schlosses in Aussicht genommen sei.
    Als wir das Einkehrhaus erreichten, war Fu noch nicht da; es dauerte aber
nicht lange, bis er kam. Weil er sein Pferd ein wenig ruhen lassen wollte,
ritten wir nicht sogleich weiter, sondern blieben ein Weilchen sitzen. Hierbei
erzhlte er, da heute frh eine Dschunke von Ocama nach Schanghai unter Segel
gegangen sei, und diese Gelegenheit habe er benutzt, sich des Kapitns und der
Mannschaft der verbrannten Exzellenz zu entledigen. Sie htten sich zwar gegen
diesen Zwang gestrubt, aber selbstverstndlich doch gehorchen mssen. Der
Kapitn hatte mit schwerer Rache, mit Anzeige bei der Regierung und mit der
Klage auf Ersatz des Dampfers und der ganzen Ladung gedroht und hierbei die
Bemerkung fallen lassen, da er sich keineswegs in dieser Weise zu fgen
brauchte, wenn Dilke nicht so verrckt gewesen wre, ganz pltzlich den Kopf zu
verlieren. Er habe doch bewiesen, da er sich Leutnant nennen drfe; woher da so
ganz unvorbereitet die Behauptung, da er nicht Offizier, sondern Missionar sei.
    Sonderbar! sagte John. Ist das nun blo Geschwtz oder hat es wirklich
Grund?
    Der Sejjid stand ganz in unserer Nhe bei den Pferden, mit denen er sich
beschftigte, und hrte, was gesprochen wurde. Er war bescheiden, niemals
zudringlich und wute, da er sich nicht in unsere Gesprche zu mischen habe.
Hier aber hielt er das, was er wute, doch fr wichtig genug, ein Wort zu sagen:
    Es hat Grund. Ich wei es auch. Es fllt mir soeben ein. Willst du es
hren, Sihdi?
    Ja, Was meinst du? Sprich! antwortete ich.
    Das mit dem Kopf ist richtig, und das mit dem Offizier und mit dem
Missionar auch. Und daran ist Einer schuld, der Old Saint heit.
    Wie so? fragte John da sehr schnell.
    Es war, als wir miteinander sprachen, nmlich Dilke und ich. Er wollte
wissen, was wir seit Penang getan haben, und ich erzhlte es ihm. Ich erwhnte
auch Mr. Waller und Mi Mary. Da horchte er auf und fragte, ob das ein
amerikanischer Missionar sei. Ja, sagte ich. Und der ist hier, in Ocama? Mit
seiner Tochter? erkundigte er sich. Ich nickte, und was er nun tat, das habe ich
dir gar nicht mit erzhlt, weil es so albern und so kindisch war. Er rief
nmlich aus: Old Saint - - Old Saint - - der Verrckte, der Missionar ist da!
Mit Mary, der Vernnftigen! Wart, alter Bursche, dir komme ich, dir komme ich!
Kaum hatte er das gesagt, so fuhr er mit dem Kopf zurck, als ob er eine
Ohrfeige bekommen habe, und griff sich mit beiden Hnden nach dem Gesicht. Es
dauerte lngere Zeit, bis er die Hnde wieder wegnahm, und da war er bla wie
eine Leiche. Er machte ganz sonderbare, dunkle Augen und sagte: Ich soll nicht
Offizier sein, sondern Missionar! Das ist verrckt! Unsinn! Lat mich los! Dabei
sprang er auf, lief schnell hin und her und schlug mit den Armen in der Luft
herum. Dann redete er wieder richtig mit mir, die ganze Zeit, bis ich
eingesperrt wurde. Nur einige Male griff er sich an den Kopf und sagte dabei:
Wie das bohrt, wie das bohrt! Woher das nur kommt! - Das ist es, Sihdi, was mir
eingefallen ist, als ich Euch jetzt von seinem Kopfe sprechen hrte. Da dachte
ich, da ich es sagen msse.
    Da sahen wir einander an, John und ich, und sagten Fu, was wir von Tsi ber
diesen Old Saint gehrt hatten. Er war gar nicht verwundert hierber und gab
die auch nicht sehr betonte Bemerkung dazu:
    So also ist es ber ihn gekommen, so! Er ist der Letzte dieser seiner
Sippe, das Fazit der Familie. Was das fr eine Ziffer sein wird, das kann man
sich denken. Da irgend Etwas mit ihm vorgegangen ist, das wei ich brigens
auch schon von anderer Seite her, nmlich vom Ho-Schang63 des Tempel Ki. Dieser
Mann hat mir eine ebenso groe wie freudige Ueberraschung bereitet. Er hat nicht
gewut, da wir den heutigen Feiertag fallen lassen wollten, und also
angenommen, da er unbedingt stattfindet. Und er hat nicht gewut, da der Herr
von Raffley-Castle von seiner Reise wieder heimgekehrt ist. Darum wendet er sich
nur an mich. Es kam heute frh, sehr zeitig, ein Bote von ihm zu mir nach Ocama,
nicht mit einem Briefe, sondern mit einer mndlichen Benachrichtigung. Du weit,
lieber John, da wir fast gar nicht mit diesem Manne verkehrten, dessen
geistliche Macht ihn zum Rivalen fr uns machte. Wir glaubten, einen Feind in
ihm zu haben, und er hat nie Etwas getan, die Richtigkeit dieser Annahme zu
widerlegen. Das ist wohl auch der Grund, da die Fan-Fan auf den Gedanken kommen
konnten, sich in seinem Bezirk gegen uns zu versammeln. Nun lt er mir heut
sagen, da er uns im Stillen beobachtet und sich sehr ber uns gefreut habe. Er
habe einen langen Bericht ber uns nach Peking geschrieben und um die Erlaubnis
gebeten, seine geistliche Provinz fr unsere Shen ffnen zu drfen. Es sei
hierauf eine fr uns sehr ehrenvoll klingende Antwort eingetroffen, und er bitte
um die Erlaubnis, sie mir eigenhndig berreichen zu drfen, heut, am Feiertag
der Shen, in Shen-Fu, wohin er kurz nach Mittag kommen werde. Er bringe eine
ganze, groe Menge seiner Heiden mit, welche wnschen, bei uns aufgenommen zu
werden, und bitte auch fr seine eigene Person um Zulassung zur groen
Bruderschaft der Menschlichkeit, von der er wnsche, da Alle, die auf Erden
sind, ihr angehren mchten. Und durch denselben Boten teile er mir mit, da
eine Schar von Fan-Fan sich auf seinem Gebiete herumtreibe, um das unserige am
heutigen Festtage zu berfallen und unsere Leute gegen uns aufzuwiegeln. Die
Anstifter seien Europer, die andern aber arme, verfhrte Chinesen, denen man
nur die Augen zu ffnen brauche, um sie auf den rechten Weg zurckzubringen.
Diese sollen wir ihm berlassen; die Abendlnder aber werde er uns in die Hnde
fhren oder sie durch List verschwinden lassen; wir sollen ihm nur vertrauen!
Einer von ihnen habe sich zuerst als Offizier ausgegeben, dann aber als
Missionar entpuppt. Der wolle in China smtliche Heidentempel zerstren; fr ihn
knne man nicht stehen.
    Das ist Dilke, unbedingt Dilke, sagte John. Des Onkels Geist ist auf den
Neffen bergegangen. Sollte man es fr mglich halten, da dies so
unvorbereitet, so beraus schnell geschehen kann!
    Fragen wir nicht nach diesen Dingen, antwortete Fu, sondern bleiben wir
beim krperlich Gegebenen. Es ist Zeit, von hier aufzubrechen, damit wir noch
vor dem Ho-Schang nach Shen-Fu kommen.
    Es mu gesagt werden, da wir nicht die einzigen Gste waren, die sich hier
an dieser Stelle befanden. Der ganze Garten hatte sich gefllt; es war ein
unausgesetztes Kommen und Gehen. Wir waren schon auf dem Wege nach hier
immerwhrend Leuten begegnet; von jetzt an fand dies in grerem Mae statt, bis
die Strae so belebt wurde, da es schien, als ob die ganze Bevlkerung
unterwegs nach Shen-Fu sei.
    Diese Stadt war eine Gartenstadt und nicht von einer Mauer umschlossen, wie
es bei chinesischen Bezirksorten der Fall zu sein pflegt; sonst aber ganz
chinesisch gebaut, nur mit mehr Platz fr jedes Haus, mehr Luft und Licht fr
die Bewohner. Die Straenfronten waren mit Vorgrten geschmckt, die Huser mit
Fahnen, Flaggen und allem Mglichen, was Farbe hat und in den Lften flattert.
Auf den Gassen wogten frhliche Menschen hin und her. Alle Tren standen offen,
nicht blo fr Freunde und nhere Bekannte, sondern fr Jedermann. Es roch
berall nach frischem Gebck, nach Fleisch und Braten. Das ganze Land ringsum
war kameradschaftlich und gastlich gestimmt, so recht und echt und ganz nach dem
Herzen unserer Shen!
    In der Mitte der Stadt, auf einem groen, freien Platze, stand ein sehr
ansehnliches Gebude, nach deutschem Begriff das Rathaus, die Brgermeisterei.
Dorthin ritten wir. Die Art und Weise, wie man uns von allen Seiten grte,
bewies, wie hoch meine beiden Freunde in der Liebe und Achtung dieser braven
Leute standen. Es gab einen Raum, die Pferde einzustellen. Mein Sejjid blieb
unten; weil ich so gut chinesisch kann, sagte er. Wir Andern aber gingen eine
Treppe hoch, wo die Verwaltungszimmer lagen. Dort wartete ein Bote des
Ho-Schang. Er war vor kurzem eingetroffen, um mit Fu zu sprechen, und die
Beamten Raffleys hatten ihn derart hflich empfangen, da er sich sowohl geehrt
als auch willkommen fhlen konnte. Er war, wie schon seine Kleidung erwies, ein
Unterpriester des Ho-Schang, hatte ein intelligentes und wohlwollendes, sehr
sympathisches Gesicht und machte seine Meldung, mit tiefer Verbeugung beginnend,
in folgender Weise:
    Ich bin der Bote dessen, der das Volk ber Ki belehrt, ber den Lebensodem,
aus dem man Gott erkennt in seiner Allmacht und in seiner Liebe. Er hat gesehen,
da auch Ihr dieser Liebe dient, nicht etwa in leeren Worten, sondern in allen
Euren Taten und Werken. Darum wurde Euch von T'ien, dem Himmel, groe Macht
gegeben, die tglich wchst und Euch die Herzen zufhren wird aus allen Gegenden
der ganzen Erde. Auch unser groer, weithin einflureicher Ho-Schang wnscht,
sich mit Euch zu vereinigen, um durch die Gott wohlgeflligen Werke der Shen dem
Himmel und der Religion der Liebe zu dienen. Nur die Tat beweist, und die Tat,
das ist die Shen! Darum kommt er heut gezogen, mit vielen, vielen Seelen, die er
Euch bringen will, hierher, nach Shen-Fu, dem Ausgangspunkt Eurer
Menschenfreundlichkeit. Aber er mchte auch noch weiter, nach jenem Schlosse,
welches Ihr Raffley-Castle nennt. Dort soll der Ort des Paradieses abgebildet
sein und auch der Weg, der durch die Hlle auf zum Himmel fhrt. Das mchte er
gerne sehen und auch uns Andern allen zeigen.
    Als er hier eine Pause machte, nahm Fu das Wort, um in der verbindlichsten
Weise zu sagen, was hierauf zu sagen war. Dann fuhr der Priester fort:
    Der erste Bote des Ho-Schang hat Euch bereits von jenen fremden, westlichen
Barbaren mitgeteilt, von denen leider auch ich jetzt noch zu sprechen habe. Sie
nahmen Besitz von unserem groen Tempel und dessen ganzer Umgebung, und wir
vertrieben sie nicht, weil im Reiche der Mitte alle Gotteshuser zugleich auch
jedem Gaste, jedem Bedrftigen geffnet sind. Sie sagten, da sie Englnder
seien; wir aber hielten sie fr zusammengelaufene Leute aus allen christlichen
Lndern. Sie schienen nmlich blo anfangs einig zu sein; bald aber entzweiten
sie sich. Es sind bei uns einige Leute, die in den stlichen Hfen waren und
darum ein wenig Englisch verstehen. Die gaben wir den Fremden als Diener und
erfuhren durch sie, was gut zu wissen war. Die Fan-Fan waren lauter Christen,
aber fast ein Jeder von ihnen glaubte etwas Anderes, und ein Jeder behauptete,
da grad das, was er glaube, das Richtige sei. Auch warfen sie einander die
Verschiedenheit ihrer Lnder, ihrer Vlker, ihrer Regierungen und ihrer Frsten
vor. Das war so berflssig, so lcherlich, so unbegreiflich! Nur in Einem waren
sie einig, sie alle zusammen, nmlich ber Euer Gebiet herzufallen und der Shen
zu nehmen, was sie besitzt. Denn die Shen sei ihre grte Feindin; sie mache die
Menschen liebreich gegen einander, folglich zufrieden mit ihrem irdischen Los
und greife dadurch ganz unerlaubt in die Rechte der besseren Stnde ein. Zu
ihnen gesellte sich Einer, den sie erwartet hatten. Er hie Dilke und brachte
eine Schar annamitischer Spitzbuben mit. Er hatte ein Schiff mit Waffen
gebracht, die whrend der Feier des heutigen Festes geholt und verteilt werden
sollten. Das erfuhren wir aber nicht sogleich, denn das chinesische Gefolge,
welches sie durch ganz unerfllbare Versprechungen an sich gelockt hatten, wute
selbst nicht genau, um was es sich eigentlich handle. Dieser Dilke ist ein
eigentmlicher Mensch. Ich habe ihn Euch ausfhrlich zu beschreiben - - -
    Wir kennen ihn bereits, fiel John da ein.
    Ich danke dir! Da darf ich krzer sein. Er fhlte sich innerlich krank und
ging, ohne da die Andern davon wuten, zu meinem Freunde, denn Tai-Fu64, der
mir erzhlte, was er mit ihm gesprochen hatte. Dieser Dilke hat sich in Penang
mit einem General berworfen und ist deshalb aus der englischen Armee getreten.
Er ging nach Sumatra, nach Uleh-leh und Kota-Radscha, um sich den Hollndern
anzutragen, wurde aber von dem dortigen Mijnheer abgewiesen. Von da fuhr er mit
seinen Begleitern nach Singapore und Saigon, wo sie alle engagiert wurden. Er
wurde Superkargo eines Schiffes, welches Seine Exzellenz, der Europer hie, und
hatte mit ihnen und noch Andern, die ihm vorausgingen, hier bei uns wieder
zusammenzutreffen, um die Shen an ihrer Wurzel zu vernichten. Nun ist ihm aber
in Sumatra Etwas mit seinem Kopfe passiert, doch was, das wei ich nicht, auch
nicht, ob in Uleh-leh oder in Kota-Radscha oben. Er behauptet, dort den Geist
eines amerikanischen Missionars gesehen zu haben, der dort seinen Krper
verscherzt und verloren habe, und nun ihm immer folge, um sich bei ihm
einzunisten. Da europische Aerzte keine Mittel gegen das Nahen dieser Art von
Wahnsinn haben, so komme er zu meinem Freunde, um ihn um Rat zu fragen.
    Es kann ihm nicht geholfen werden! unterbrach ihn John, und Fu nickte
zustimmend.
    Ganz dasselbe hat ihm auch der Tai-Fu gesagt, besttigte der Priester,
und das scheint ihn auerordentlich aufgeregt zu haben. Er wurde zusehends
immer mehr irr an sich selbst. Er behauptete schlielich, nicht Offizier,
sondern Missionar zu sein. Seine Exzellenz, der Europer gehe ihn gar nichts an;
der sei nur auf weltlichen Gewinn bedacht; er aber habe die geistliche Macht im
Auge und brauche die Flinten und Kanonen hchstens, um die Heidentempel nach und
nach zu zerstren, die es in China gibt. Seine Annamiten bekamen Angst um das
Gelingen des ganzen Planes; da jagte er sie fort. Sie hatten eine Besprechung
mit den brigen Europern und verlieen dann mit deren Bewilligung die Gegend,
um nach Ocama zu gehen. Dilke aber blieb. Er behauptete, seine Aufgabe sei
zunchst, beim Groen Feste der Menschlichkeit die ganze Stadt Shen-Fu zum
Christentum zu bekehren, denn er habe eine Wette gemacht, die er gewinnen msse.
Ist das nicht sonderbar? Eine Wette!
    Ja, das war allerdings im hchsten Grade wunderbar. Ich sah John an und er
mich auch, doch sagten wir nichts. Dilke konnte von der Wette, die sein Oheim
gemacht hatte, ja gar nichts wissen! Der Chinese fuhr fort:
    Es wurde whrend der ganzen Nacht keinen Augenblick geschlafen, denn es
hatte sich, ich wei nicht wie und woher, das Gercht verbreitet, da das Fest
gar nicht stattfinde, sondern untersagt worden sei, weil man in Ocama und auf
Raffley-Castle von einer Revolution erfahren habe. Das machte ihnen Sorge; uns
aber war das gleich. Unser Zug nach Shen-Fu war nicht nur beschlossen, sondern
auch schon vorbereitet, und wir sahen keinen Grund, ihn aufzugeben. Wir
bezweckten hierbei ja auch ein Zweites noch: die Auslieferung der westlichen
Barbaren an Euch. Sie wuten, da wir uns mit allen unsern Leuten ihrem Zuge
anschlieen wrden, und freuten sich darber. Sie ahnten nicht, da wir sie Euch
nur bringen wollten. So brachen wir am heutigen Morgen auf, hierher. Die Fan-Fan
waren der besten Zuversicht. Da kam uns, als wir Euer Gebiet betreten hatten,
die Nachricht entgegen, da Seine Exzellenz, der Europer mit seiner ganzen
Ladung, also auch den Waffen Eurer Feinde, verbrannt worden sei. Das erregte bei
den Europern einen Schreck, der unsern Zug ganz pltzlich stocken machte. Sie
muten erkennen, da ihre Absichten verraten seien. Sie traten sofort zu einer
Konferenz zusammen, die auerordentlich strmisch verlief, weil dabei ein Jeder
sich mit Jedem berwarf. Sie zankten alle auf einander ein, genau so, wie es
daheim die Ihren tun, und richteten ihre gesamte Wut sodann auf Dilke, der ihnen
aber sagte, da sie alle zusammen ganz verrckte Kerle seien; nur er allein habe
Verstand. Er wisse besser wie sie, wie es hier stehe. Es sei ein Deutscher und
ein Araber hier, die eine ganze Bande von europischen Zivilisatoren die Treppe
heruntergeworfen htten, auch ein englischer Lord mit smtlichen Matrosen seiner
Jacht, ferner die Schlosoldaten von Raffley-Castle, die alte, tapfre
Brgergarde von Ocama, sodann die Landwehr von Ki-tsching und endlich gar die
vieltausend Streiter der groen Shen. Er sei ja in Ocama gewesen und wisse
Alles. Es gebe gar keinen Zweifel, da irgend Jemand den ganzen Plan verraten
habe, und nun stelle man sich so auerordentlich zahlreich in Shen-Fu ein, da
man die paar Europer in einem einzigen Augenblick erdrcken werde. Kein Hahn
werde nach ihnen krhen; er allein habe nichts zu frchten, denn er sei weder
Emprer noch Offizier, sondern ein Mann des Friedens, ein Bote der Liebe, ein
Missionar, der weiter nichts verlange, als nur die Zerstrung der paar
Heidentempel, die es im Lande China gibt. Das sei ganz im Gegenteil eine
Forderung, durch deren Erfllung er das Reich der Mitte nicht nur hier
glcklich, sondern auch dort selig machen werde! Whrend er diese Rede hielt,
brachen wir wieder auf und zogen weiter. Sie folgten uns dann zwar, aber mit
immer grer werdender Sorge. Denn je weiter wir kamen, desto deutlicher war zu
sehen, welch ein Strom von frohen, guten und dankbaren Menschen vor uns, neben
uns und hinter uns demselben Ziele wie wir entgegenflo. Da war mit einigen
aufrhrerischen Reden nichts getan! Wer da Etwas erreichen wollte, der mute zu
Tausenden und Abertausenden kommen, und auch da stand Hundert gegen Eines, da
es milingen werde! Das waren die Gedanken, die man nicht von sich weisen
konnte, und sie begannen bald, zu wirken - - - auf die Europer. Nmlich es
wurden ihrer immer weniger. Bei jedem Male, da ich nach ihnen zurckschaute,
war ihre Zahl eine geringere geworden. Als ich dies unserm Ho-Schang sagte,
lchelte er still vor sich hin und antwortete mir: Ich wute es! Das wird das
Schicksal eines jeden Angriffes gegen die Shen, gegen dieses Land und seine
Bewohner sein. Man wird sie in Ruhe lassen mssen! Es ist niemals rtlich, der
Feind, sondern immer gut, der Freund eines Riesen zu sein! Ist das Abendland
klug, so schtzt es sich vor diesem Riesen, indem es ihm gewhrt, was er
begehrt: Neutralitt fr alle Zeiten! So sagte er, und dann sandte er mich
voraus zu Euch, um seine Ankunft anzumelden. Er lt Euch um eine Erhhung auf
dem groen Platze Eurer Stadt bitten. Da will er sich hinaufstellen und das
Gefolge jener Fan-Fan um sich versammeln, um zu ihnen zu sprechen. Er will sie
ber die Lge belehren, der sie dienen sollten, und ber die Wahrheit, die sie
vernichten wollten, und ist berzeugt, da sie sich ebenso schnell wie gern aus
Gegnern in Freunde der Shen verwandeln lassen werden.
    Er wnscht also eine Tribne, meinte Fu. Die steht schon da, genau wie
fr diesen seinen Zweck gemacht. Da kann er sprechen. Vorher aber wnschen wir,
ihn hier zu empfangen. Ich werde ihm die Obersten der Stadt entgegensenden. Du
meinst also, da keiner dieser Europer sich noch bei ihm befindet?
    Keiner! Sie sind alle so nach und nach aus dem Zuge verschwunden. Niemand
hat sich verabschiedet und fr die genossene Gastlichkeit bedankt! Wer wei, wo
sie sich nun von Neuem zusammenfinden werden, um sich ber die
Verschiedenheiten, Fehler und Gebrechen ihrer Religionen, Vlker und Frsten
noch klarer zu werden, als sie es hier bei uns gewesen sind! Wer derart gegen
den Glauben, die Nationalitt und das Regentengeschlecht seines christlichen
Mitbruders spricht und agitiert, wie diese Leute es taten, der mag fortan
verschwunden sein; es wird ihn Niemand suchen! Nur Einer ist geblieben, nmlich
Dilke, der vollstndig berzeugt ist, da fr ihn nicht die geringste Gefahr
vorhanden sei. Er trgt sich ganz im Gegenteile so aufrecht und so stolz, als ob
er erwarte, da unser Einzug hier fr ihn einen Triumph zu bedeuten habe. - -
Nun bitte ich, mich zu entlassen! Ich mu zu meinem Ho-Schang zurck, um ihm zu
melden, da ich seine Botschaft an Euch ausgerichtet habe.
    Er wurde fr einstweilen entlassen, mit der Bedeutung, da er sich als
unsern speziellen Gast zu betrachten habe und da ebenso auch alle andern
Unterpriester des Ho-Schang geladen seien, an unserm Mahle, welches vorbereitet
werde, teilzunehmen.
    Wir hatten von da aus, wo wir uns befanden, eine prchtige Aussicht ber den
groen, freien Platz und alle die vielen Menschen, die sich auf ihm bewegten.
Eine Beschreibung des uns gebotenen Anblickes wre wohl im hchsten Grade
interessant, wrde aber ber den Rahmen einer altruistischen Studie, die sich
mit Hherem zu beschftigen hat, hinausgehen. Die vorhin von Fu erwhnte Tribne
stand in Hrweite von uns. Wir konnten also whrend der Rede des Ho-Schang
Zuhrer sein, ohne das Lokal, in dem wir uns befanden, verlassen zu mssen.
    Nach einiger Zeit war weithinschallende Musik zu hren. Man unterschied die
Tne der Glckchen, der Gongs, der Cymbeln, des Ynlo, Hautung, Lapa, der
Paisiao, Titsu, Sona, Kuantsu, der Tschin und Si, der Pipa, Sansien und
Ytschien, der Paipan, des Scheng, des Tambourin und anderer Instrumente. Das
klang scharf durch die ganze Stadt und sagte uns, da der Ho-Schang mit seinen
Scharen komme. Voran kamen, wie wir spter bemerkten, die verfhrten Leute der
Fan-Fan, die angewiesen wurden, sich rund um die Tribne aufzustellen, und
hinter ihnen die geistlichen Untertanen des Priesters. Es waren ihrer so viele,
da der Platz nicht ausreichte; sie fllten auer ihn auch noch die Mndungen
der anliegenden Gassen. Whrend sie sich verteilten, dauerte die Musik fort;
dann aber hrte sie auf, und es trat eine Ruhe, eine Stille ein, die in einer
europischen Stadt bei einer solchen Menschenmenge ganz unmglich gewesen wre.
    Der Ho-Schang sa in einer Snfte, die in das Haus herein und bis an die
Treppe getragen wurde. Da stieg er aus. Wir empfingen ihn an der obersten Stufe
und fhrten ihn in den Saal. Das geschah natrlich ganz in der umstndlichen,
auerordentlich hflichen Art der Chinesen. Als er aber Platz genommen hatte,
unterbrach er ganz unerwartet dieses Zeremoniell durch die Bitte, mit uns in
kurzer europischer Weise verkehren zu drfen. Das sei weniger anstrengend und
fhre schneller zum Ziele. Ein sehr vernnftiger Herr!
    Auch er war hochbetagt, von ehrwrdigstem Aussehen, doch auerordentlich
einfach, anspruchslos. Kein einziges Abzeichen deutete auf seinen Rang; ja, er
war sogar noch bescheidener gekleidet als seine Unterpriester, die jetzt noch
nicht mit heraufgekommen waren. Sie standen unten an der Tribne, jeder mit
einem Mu-Y, das ist hlzerner Fisch, in der Hand. Dieser hohle, hlzerne
Fisch ist ein Musikinstrument und wird fast nur von den Geistlichen gebraucht,
fr ihre besonderen Zwecke. Warum die Fische jetzt, da unten an der Tribne in
Bereitschaft gehalten wurden, das sollten wir baldigst erfahren.
    Nmlich, eben als wir hier oben bei uns die Formalitten beendet hatten und
nun auf das Haupthema der Unterhaltung eingehen wollten, ertnte drunten oder
drauen auf dem Platze eine sehr laute, weithin schallende Mnnerstimme. Aber
schon nach den ersten Stzen gaben die Unterpriester mit ihren Mu-Y's das
Zeichen, und sofort lie sich eine solche Menge von Sona's und Kuantsu's hren,
da ich entsetzt von meinem Stuhle aufsprang und nach dem Fenster eilen wollte.
Die beiden genannten Instrumente haben nmlich so frchterlich quiekende und fr
einen Europer geradezu entsetzliche Tne, da es frmlich schmerzt, sie hren
zu mssen. Der Ho-Schang veranlate mich aber durch eine beruhigende
Handbewegung, mich wieder niederzusetzen, und sagte, indem ein schalkhaftes
Lcheln um seine Lippen spielte:
    Das geschieht auf meinen Befehl. Dilke beabsichtigt, heut alle Menschen
hier zu Christen zu machen. Er will mehrere groe Reden halten, bis die Bewohner
von Shen-Fu so fr ihn begeistert sind, da sie ihre Heidentempel ganz von
selbst verbrennen und zerstren! Als ich die Tribne sah, ahnte ich, da er sie
schleunigst benutzen werde. Nun wird er so lange, bis er aufhrt, von dem Lrm
der schrfsten Instrumente unterbrochen. Man knnte ihn auf andere Weise viel
schneller, ja sofort zum Schweigen bringen, aber wer sich so groe Mhe gibt,
lcherlich zu erscheinen, dem soll man es gestatten und ihn ja nicht ernsthaft
nehmen! Horcht; er beginnt von Neuem!
    Ja, so war es: Sobald die kleinen, schrillen, spitztnigen Instrumente
schwiegen, erhob Dilke seine Stimme wieder. Die priesterlichen Mu-Y's gaben
augenblicklich das Zeichen abermals, und der grliche Lrm der Sona's und
Kuantsu's erscholl in einer zweiten, auerordentlich verstrkten Auflage. So
ging der Kampf noch eine Weile fort. Bald war Dilkes Stimme und bald der
Spektakel zu hren. Dadurch wurde ein Gesprch fr uns zur Unmglichkeit. Ich
ging nun doch zum Fenster, und da John Raffley mir folgte, so kam dann Fu und
spter selbst auch der Ho-Schang mir nach.
    Ganz selbstverstndlich strengte sich Dilke vergeblich an. Er war so
tricht, den Kampf in die Lnge zu ziehen, anstatt ihn gleich bei der ersten
oder doch zweiten Niederlage aufzugeben. Das bisher still gebliebene Publikum
begann, sich dabei zu amsieren. Man lachte zunchst hier und dort, dann
berall, und endlich gab es ein einziges, groes, allgemeines Gelchter, bei dem
der arme, beklagenswerte Mensch nun doch zu der Einsicht kam, da er verloren
habe. Er stieg von der Tribne herab und machte den Versuch, unter der Menge der
vielen Menschen zu verschwinden. Er war brigens in der chinesischen Sprache gar
nicht so bel bewandert. Mary Waller sagte mir spter, da er ein sehr gut
begabter Schler gewesen sei und grad fr diese Sprache eine besondere Vorliebe
besessen habe. Jedenfalls verstehe und spreche er sie bedeutend besser als ihr
Vater.
    Da hrte ich den Ho-Schang hinter mir sagen:
    Das ist der richtige Augenblick fr mich. Ich eile hinab, um die Verfhrten
auf den rechten Weg zu bringen und die noch Unentschiedenen zu berzeugen!
    Er verlie den Saal. Da bemerkte ich, da auch John nicht mehr da war. Schon
wollte ich Fu fragen, wohin er sei, da kam er wieder. Er lachte frhlich vor
sich hin.
    Das war jedenfalls ein guter Gedanke, der mir kam, als ich die Pfeifen da
unten so schreien, zetern und quieken hrte. Ich bin sofort hinab und habe dafr
gesorgt, da man ihm folgt, unaufhrlich, berallhin, wohin er sich wendet,
immerfort, den ganzen Tag, so lange es nur mglich ist! Man hat ihn nicht aus
den Augen zu lassen. Wenn Einer ermdet, tritt der Andere ein; wir haben hier in
Shen-Fu ja Musikanten mehr als genug. So oft dieser Dilke den Mund ffnet, um
einen Bekehrungsversuch zu unternehmen, hat man ihn sofort zu unterbrechen. Was
sagt Ihr dazu, Charley?
    Die Antwort wurde mir erspart. Ich htte wohl nicht grad das gesagt, was er
erwartete; da aber erklang von der Tribne die Stimme des Ho-Schang, und wir
wendeten uns den offenen Fenstern zu, damit keines seiner Worte verloren gehe.
    Ueber die Rede selbst, die er hielt, will ich nichts sagen; aber da er ein
Sprecher war, und zwar was fr einer! das zeigte der Erfolg. Es gab einen
allgemeinen, zustimmenden Jubel, der gar nicht enden wollte. Und als er zu uns
zurckgekehrt war, erschienen von allen Seiten Boten, Abgesandte und
Deputationen bei uns, um Dank und Anerkennung auszusprechen und, was besonders
Freude machte, den Beitritt ganzer Ortschaften oder Korporationen zu melden.
Diese Besuche und Audienzen nahmen mehrere Stunden in Anspruch, so da wir viel
spter zum Essen kamen, als es bestellt worden war. Fr die Anmeldung Einzelner
oder kleinerer Trupps zur Shen war unten im Parterre ein besonderes Bureau
angelegt worden. Da wurde ein Jeder eingeschrieben und erhielt dann als
Erkennungszeichen eine Arekanu mit dem betreffenden, eingegrabenen Worte. Schon
am Nachmittage gab es in ganz Shen-Fu keinen Menschen mehr, der nicht durch eine
irgendwie geformte Betelnu bewies, da er ein Kind der Menschlichkeit, ein
Glied der groen, edlen Shen geworden sei.
    Der Shen-Ta-Shi, der groe Tag der Shen, fiel auf heut; damit ist aber
nicht gesagt, da dieses Fest mit heut zu Ende gehen sollte. O nein! Heut war
der Anbeginn; es dauerte mehrere Tage, und das Ende konnte erst dann ersehen
werden, wenn die vielen, auf den Plan gesetzten, wichtigen Berichte und
Verhandlungen vorber waren. Die Auslandsreise unsers Fu hatte groe, wenn auch
noch nicht besprechbare Erfolge gehabt. Man war aufmerksam geworden. Man hatte
sich vorgenommen, zu beachten, zu studieren. Da galt es, deutlicher zu werden,
bestimmter aufzutreten, das bisherige Feld zu erweitern, den Ahnungslosen die
Augen zu ffnen, Jahrtausend alte Vorurteile zu beleuchten und die guten
Regungen der Gegenwart mit allem Nachdruck zu untersttzen. Kurz, es lag eine
Arbeit vor, die hohe Kraft erforderte, aber auch einen Segen verhie, der gar
nicht zu ermessen war. Wenn ich so still dasa und zuhrte, stieg das Bild der
Shen immer grer, immer hher, immer edler, schner und mchtiger in mir auf.
Ich kam mir so klein vor, obgleich ich hier so deutlich sah, was selbst der
Kleinste zu wirken vermag, wenn er fr Groes sich begeistert!
    Zum endlich beginnenden Festmahle waren alle die Personen geladen, welche
man im Abendlande als die Spitzen der Gesellschaft von Shen-Fu bezeichnen
wrde. Wir hatten kaum zu essen begonnen, so drngte sich Jemand herein, der
sich von der drauen stehenden Dienerschaft nicht zurckweisen lie, sondern sie
zur Seite schob. Das war Robert Waller, genannt Dilke! Im folgten auf dem Fue
fnf oder sechs Chinesen, welche Blasinstrumente in den Hnden hatten. Er befand
sich offenbar in groer Erregung. Sein Gesicht war wie verstrt; sein Anzug
hatte gelitten. Er trat mehrere Schritte vor und fragte, sich an uns alle
wendend:
    Ich suche den Mandarinen erster Klasse und Ritter der gelben Flagge Ki Ti
Weng. Welcher von Euch ist dieser Mann?
    Ich bin es, antwortete Fu sofort, fgte aber in strengem Tone hinzu: Wer
wagt es, mich hier zu stren, ohne zu mir befohlen worden zu sein?!
    Dilke hatte chinesisch gefragt und die Antwort also auch in dieser Sprache
erhalten. Er behielt sie bei, whrend er weiter redete. Er sprach nicht
flieend, aber deutlich, nicht richtig, aber verstndlich, und wendete den nicht
sehr groen Wortschatz, den er besa, nach den Regeln seiner heimatlichen
Grammatik an. Also, um ihn ganz begreifen zu knnen, mute man der englischen
Sprache mchtig sein. Er richtete sich bei den Worten Fu's hoch und stolz auf
und antwortete:
    Wagen? Ich bin ein Mann Gottes, ein christlicher Missionar! Fr mich kann
es also nie ein Wagnis geben! Ich bin gekommen, Euch selig zu machen, indem ich
Euch von Eurem Heidentum und seinen Gtzentempeln befreie. Ich habe Euch zu
belehren, mit Euch zu sprechen, zu Euch zu reden und zu predigen. Aber diese
Eure Musikanten lassen mich nie zu Worte kommen. Wohin ich nur gehe, da gehen
sie mit, durch die ganze Stadt, durch alle Gassen. Und wo ich nur stehen bleibe,
da bleiben sie auch. Und sobald ich den Mund ffne, um zu sprechen, bertuben
sie mich mit dem hllischen Gequieke ihrer teuflischen Instrumente. Meine Nerven
sind schon alle vollstndig abgerissen; meine Ohren schmerzen, meine Seele
zittert, und wenn ich das nur noch eine Stunde lang ertragen soll, so werde ich
verrckt. Darum habe ich mich nach dem hchsten Mandarinen dieses Landes
erkundigt, und bin gekommen, ihn ber dieses unverschmte Verhalten seiner
Bevlkerung zur Rede zu stellen. Ich bin nicht etwa ein hiesiger Mensch, sondern
der Untertan einer fremden Macht und der Prediger einer fremden Religion. Als
dieses Beides habe ich grere und unantastbarere Rechte als Jedermann, den ich
hier vor mir sehe! Wer einem heidnischen Volke die einzig wahre Religion und die
einzig wahre Bildung bringt, der mu befehlen drfen; das ist es, was ich
fordere. Und darum erklre ich hiermit - - -
    Er kam nicht weiter. Die Musici hielten ihre Augen auf John Raffley
gerichtet. Dieser hob die Hand zum Zeichen, und sofort gab es einen Lrm, als ob
zehn Schweinen die Ohren und fnfzig jungen Hunden die Schwnze abgeschnitten
worden seien; so viele schndlich quiekende Stimmen schienen zu hren zu sein!
Dilke fuhr mit beiden Hnden nach den Ohren und machte eine ganz
unbeschreibliche Grimasse. Er wartete aber doch, bis der Skandal vorber war und
fuhr dann fort:
    Ich erklre also Folgendes: Wenn diese satanische Bande nicht auf der
Stelle in Strafe genommen wird, so begebe ich mich sofort und direkt hinauf nach
Raffley-Castle und - - -
    Hier fiel die Musik wieder ein, mit noch grerem Eifer als vorher. Da
brllte er vor Wut und Entsetzen so laut auf, da dieser Schrei sogar die
Instrumente bertnte, ballte die beiden Fuste, warf uns eine Drohung zu, die
wir aber nicht verstanden, drehte sich dann um und sprang zur Tre hinaus.
    Zur Ehre aller Anwesenden mu ich sagen, da kein Einziger unter ihnen war,
der da lachte. Der Eindruck, den er da gemacht hatte, war ein ganz andrer als
vorhin bei dem vergeblichen Redeversuch auf der Tribne. Mir kam sein Verhalten
nicht mehr lcherlich, sondern beinahe unheimlich vor, besonders wenn ich an die
fast vollstndige Gleichheit mit dem frheren Auftreten seines Oheims dachte.
    Es wurde bereits gesagt, da der Ho-Schang heut nicht nur nach Shen-Fu
kommen, sondern auch Raffley-Castle sehen wollte. Das war leicht zu ermglichen,
obgleich voraussichtlich erst nach Abends Anfang von Shen-Fu aufgebrochen werden
konnte. Die Strae war vortrefflich, und da der geistliche Herr die Einladung
annahm, mit seinen Unterpriestern fr die Nacht auf dem Schlosse zu bleiben, so
gab es keine Versptung, die als Hinderungsgrund htte geltend gemacht werden
knnen. John telephonierte heim, um das dort Ntige vorbereiten zu lassen, und
gab sodann auch hier die zur Beleuchtung whrend des Rittes erforderlichen
Befehle. Auf diese Weise erfuhr man, was geschehen sollte, und die Folge davon
war, da sich sowohl bei den Hiesigen als auch bei den Auswrtigen eine Bewegung
geltend machte, die auf Raffley-Castle zielte. Ueber die Fan-Fan, die
westlichen Barbaren, konnten wir nichts erfahren; sie blieben verschwunden.
Was aber Dilke betraf, so wurde gemeldet, da es ihm doch noch gelungen sei,
seinen musikalischen Verfolgern zu entkommen. Er war ihnen ganz pltzlich so
schnell davongelaufen und hatte dabei eine solche Ausdauer entwickelt, da sie
ganz auer Atem stehengeblieben waren und die Verfolgung aufgegeben hatten. Das
war aber nicht hier in der Stadt geschehen, sondern drauen auf dem Lande, weit
weg von hier, gegen das Einkehrhaus hin, wo die Strae sich nach Raffley-Castle
teilt.
    Der Tag hatte sich zur Rste geneigt und dem Abend Platz gemacht, als wir
soweit waren, den Heimritt beginnen zu knnen. Der Ho-Schang hatte auch um ein
Pferd gebeten; das war bequemer als die enge Snfte. Seine Unterpriester
wnschten Maultiere; die waren ruhig und bedchtig. So brachen wir auf. Die
Strae war belebt, fast wie am Tage. Viele faten noch jetzt den Entschlu, nach
Raffley-Castle zu gehen, weil sich das Gercht verbreitet hatte, da es dort
eine groe Illumination geben werde. Wir wurden von Lufern begleitet, welche
Fackeln trugen. Andere liefen freiwillig nebenher, mit leuchtenden Laternen in
jederlei Gestalt. Das gab ein hbsches, abendliches Bild fr Alle, an denen wir
vorberkamen.
    Am Einkehrhause wurden wir fr einige Augenblicke angehalten. Fu bekam
Meldungen, die fr ihn hier abgegeben worden waren; dabei erzhlte der Wirt, da
Einer von den Fan-Fan bei ihm gewesen sei und ihn aber nur gefragt habe, nach
welcher Richtung und wie lange er zu gehen habe, um nach Raffley-Castle zu
gelangen; weiter nichts. Das war Dilke gewesen, der also im Sinne hatte, seine
Drohung wirklich auszufhren. Was aber wollte er dort? Wer droht, der
beabsichtigt nichts Gutes. Ein klein wenig besorgt, wenigstens um Waller und
seine Tochter, ritten wir weiter.
    Es wurde schon einmal erwhnt, da dieses Einkehrhaus im Walde lag. Als wir
aus demselben in das freie Feld kamen, wo der Blick nicht mehr gefangen gehalten
wurde, lie Fu anhalten.
    Wir haben dunklen Himmel, fast keinen einzigen Stern, sagte er. Ich habe
durch den Wirt das Zeichen nach dem Schlosse geben lassen. Das Kreuz wird gleich
erscheinen.
    Kaum hatte er diese Worte gesagt, so flammte es auf, nicht langsam, nach und
nach, sondern ganz pltzlich, mit einem Male! Hoch und hher, wie eine
pltzliche, ganz unerwartete Gotteswundertat, stand es am nchtlich dstern
Firmament erleuchtend und erhebend - triumphierend! So weit es in unserer Nhe
Menschen gab, erklangen die Rufe der Freude, des Entzckens. Da legte der
Ho-Schang die Zgel ber den Sattelknopf, faltete seine beiden Hnde und sprach:
    Das kommt so wunderbar! Zwar vorbereitet, aber doch erstaunlich! Wie die
Erfllung eines Menschheitstraumes! Auch ich war Trumer - - trume vielleicht
noch! Will es der Herr des Himmels, so werde ich erwachen, bei Euch, bei Euch,
und seine Wahrheit, seine Klarheit sehn!
    Das ging uns durch und durch; leicht zu begreifen, bei dieser Situation!
    Indem wir die Pferde wieder in Bewegung setzten, erschienen noch drei andere
Lichtzeichen, ber dem Kreuze und rechts und links von ihm. Diese entstanden
nach und nach und wurden um so deutlicher, je weiter wir vorwrts kamen. Endlich
erkannten wir sie als die chinesischen Schriftfiguren fr Schin, Ti und Ho, die
Humanitt, die Bruderliebe und den Frieden. Das waren die Worte der Shen, die
wir auf der Karte unseres Tsi in Kota Radscha gesehen hatten.
    Wir ritten so, da Fu und John den Ho-Schang zwischen sich hatten. Hinter
ihnen kam ich mit den Unterpriestern, die sehr ernste, aber auerordentlich
aufgeweckte, intelligente Leute waren. Und dann folgten die Spitzen der
chinesischen Gesellschaft, mitten unter ihnen mein Sejjid Omar, der sich, so
weit es ging, sehr lebhaft mit ihnen unterhielt. Er schien seine sprachlichen
Erfahrungen heut ausgedehnt zu haben, denn ich hrte ihn in seiner Freude ber
die Gesellschaft, in der er sich befand, behaupten:
    Fr Jedermann, der Mitglied unserer Shen geworden ist, gibt es nur drei
wirkliche, richtige Sprachen, weiter keine, nmlich die arabische, die deutsche
und die chinesische; die andern sind alle blo nur Redensarten. Also ich kann
sprechen; mein Shidi kann sprechen, und Ihr knnt sprechen. Was die Andern
sagen, das ist mir ganz egal!
    Und die englische? fragte ich, indem ich mich nach ihm umwendete.
    Die fiel mir nicht gleich ein, antwortete er. Ich werde darber
nachdenken. Aber weil ich Mi Mary, den Governor und Sir John lieb habe, will
ich einstweilen sagen: Sie ist zwar nicht blo eine Redensart, aber doch weiter
nichts als nur ein Dialekt. Nur wo man das ganze Volk lieb hat und nicht blo
Einzelne, da gibt es eine Sprache!
    Indem es ihm nicht mglich war, seinen Gedanken einen bestimmteren Ausdruck
zu geben, ahnte er nicht, da es eine unendlich wichtige Wahrheit war, an welche
er mit diesen Worten streifte.
    Immer das herrliche Kreuz vor uns, sahen wir trotz der sonstigen Dunkelheit
nun bald rechts und links die gigantischen Gingkobume stehen. Dann erreichten
wir den Spietannenwald, in dem es wieder dunkel wurde. Aber als wir aus ihm
wieder in das Freie kamen, wurde es umso heller: Der ganze, weite Platz vor uns
war ein einziges, ununterbrochenes Meer von Licht, von Flammenstrahlen. So Etwas
hatte ich noch nie, noch nie gesehen, selbst nicht an jenem wohlbekannten
lichten Abende im Thale meiner lieben Dschamikun65, als das verzauberte Gebet
im Scheine der Riesenflammen stand, die meine Seele angezndet hatte!
    Erst nun, erst jetzt war das Kreuz zum Kruzifix geworden. Es schwebte nicht
mehr in der Luft, sondern es stand, stand auf der Erde fest. Das Dorf war
beraus knstlich beleuchtet und illuminiert. Das hohe, breite Gerst, welches
heut frh bei unserm Ausritte noch nicht fertig gewesen war, bildete jetzt das
riesengroe Zeichen Shen und stand in einer weithin leuchtenden Flut von
heiligem Feuer. Aus diesem flammenden Postament der Menschlichkeit, der
christlichen Nchstenliebe, wuchs es empor, gewaltig himmelan, das Zeichen des
Erlsers. Noch ber seinem Scheitelpunkte, der Kapelle, leuchtete die
Humanitt, der Friede rechts, die Bruderliebe links an seinen beiden
Armen. Das waren die drei andern Gerste, welche wir schon frh da oben in der
Hhe gesehen hatten.
    Wie das wirkte - - -! Wie es das Herz erhob - - -! Und Trnen des Gebetes in
die Augen trieb - - -! Rundum saen, lagen und standen tausende und tausende von
Menschen, dicht bis ganz zu uns heran, die wir noch ganz am Waldesrande hielten.
Der Ho-Schang war tief, auerordentlich tief ergriffen. Er sah vor sich viele,
viele seiner bisherigen Buddhisten und sprach mit laut erhobener Stimme:
    Herr, deine Sonne leuchtet uns am seligen Himmelstage; in dunkler
Erdennacht strahlt uns die Liebe Derer, die unsre Brder sind. Du hast sie uns
gegeben, diese Liebe, damit wir in ihr wandeln bis zum Morgen, wo deine Sonne
wiederkommen wird. So mach' uns stark in ihr! Gib Kraft und guten Willen! Und
gib auch das, was uns das Hchste ist hierzu im Himmel und auf Erden: Gib deinen
Segen. Amen!
    Da kam ein Reiter langsam unter den nchsten Bumen hervor. Es war Pfarrer
Heartman, der hier auf uns gewartet hatte, um unsere Gste, die in geistlicher
Beziehung besonders die seinen waren, zu empfangen. Sein langes, silbernes Haar
wallte weit auf dem Talar herab, den er heut Abend trug. Er lenkte sein Pferd
bis hin zu dem Ho-Schang und sprach, indem er seinen Arm erhob:
    Er gibt ihn dir durch diese meine Hand und diese meine Worte: Der Herr
segne dich und behte dich. Der Herr erleuchte dir sein Angesicht und sei dir
gndig. Der Herr erhebe dich zu seinem Angesicht und gebe dir Frieden! Der Herr
segne dich und all die Deinen, Euer Kommen und Euer Gehen, nun und in Ewigkeit.
Amen!
    Und sich an seine Seite lenkend, bat er ihn:
    Gib mir deine Hand, da ich dich leite! Wir sind ja Brder. Ich fhre dich
empor am Stamm des Kreuzes; das ist der Weg zu Christi Paradies. Dort wirst du
den Erlser stehen sehen, an seiner Brust die Shen. Ja, komm; ich fhre dich!
    Er setzte sich mit ihm an unsere Spitze, und so ritten wir nun zwischen den
Wiesen und Feldern und durch das Dorf den breiten Serpentinenweg hinauf zum
lichtstrahlenden Schlosse, an dessen Tor Tsi bereit stand, die neuen Gste zu
begren. Ich ging so schnell wie mglich nach meiner Wohnung, denn ich hatte
das Bedrfnis, zunchst fr einige Zeit allein zu sein, um mit der Verarbeitung
der heutigen, uerlichen Eindrcke innerlich fertig zu werden. Ich hatte es mir
aber kaum ein wenig bequem gemacht, so kam der Sejjid und sagte:
    Sihdi, ich habe ihn gesehen!
    Das war so seine Art und Weise, mir in das Haus zu fallen. Er nahm an, da
ich stets wisse, was er in Gedanken hatte.
    Wen? fragte ich.
    Dilke.
    Ah! Gesehen? Wo? Etwa hier?
    Ja, hier.
    Wann?
    Unterwegs. Weit du, der Weg geht von unten an immer herber und hinber,
bis man oben angekommen ist. Wenn man zum dritten Mal herberkommt, da stehen
vier oder fnf dichte Bume, die auf arabisch jedenfalls anders heien als
chinesisch; darum wei ich beides nicht. Hinter diesen Bumen sa Einer, den man
nicht sehen sollte und der uns beobachtete.
    Und du denkst, da es Dilke war?
    Ja.
    Hast du ihn an irgend etwas erkannt?
    Am Hut. Ich htte es dir sogleich gesagt; aber es waren zu viel Reiter
zwischen mir und dir, und er sollte doch auch nicht bemerken, da ich ihn
gesehen hatte. Darum komme ich jetzt, um es dir zu sagen.
    Hm! Es ist mglich, da du dich nicht irrst, Omar. Willst du mir den
Gefallen tun, aufzupassen?
    Natrlich sehr gern, Sihdi! Ich habe sogar schon daran gedacht, wie ich das
mache. Ich schleiche mich nmlich wieder hinunter, aber blo so weit, bis man
zum vierten Male von unten herauf herberkommt. Dort stehen noch mehr Bume, die
ich gar nicht kenne, und ich kann mich da also so gut verstecken, da kein
Mensch mich sieht. Wenn er dann kommt, so schleiche ich mich hinterher und melde
es dir.
    Das war eigentlich nicht sehr pfiffig ausgedacht; aber soeben kam Tsi, der,
wie es schien, es sehr eilig hatte, und so befahl ich dem Sejjid, da er sich
genau so verhalten solle, wie er es mir soeben vorgeschlagen habe. Als er hinaus
war, sprach Tsi:
    Sir, ich habe Euch in aller Schnelligkeit dreierlei zu sagen, wovon das
Eine immer wichtiger als das Andere ist!
    Nun, was? fragte ich, durch diese Einleitung wibegierig gemacht.
    Ich wei nicht, ob Ihr wit, da die Mutter und der Oheim unserer Yin nach
Peking an den Kaiserhof berufen worden sind, um dort ber unsere Shen befragt zu
werden. Sie sind mit den vortrefflichsten Botschaften ausgestattet worden und
haben sich beeilt, noch heut hier einzutreffen, um sie uns an dem Fest-und
Ehrentag der Menschlichkeit zu berbringen. Das ist das Eine.
    Wird man die Beiden heut noch sehen? erkundigte ich mich.
    Ja; doch spter; beim letzten Tee, nicht gleich beim Abendmahle. Sodann:
Bitte, schaut mich an, ob ich vielleicht errte!
    Ich sehe nichts, gratuliere aber doch, und zwar von ganzem, ganzem Herzen!
    Gratulieren? Wieso?
    Nun zur Verlobung!
    Da errtete er nun doch, schlug die Hnde zusammen und rief:
    Erraten, wirklich erraten! Wie ist das mglich?
    Hm! Es wre sogar eine groe Kunst gewesen, es nicht zu erraten! Sie
erwarten doch nicht, da ich viel schne Worte sage, lieber Freund; Sie wissen,
wie gut ich es meine!
    Still, still! Je stiller Andere sind, desto lauter mchte ich jubeln. So
ein Glck, so ein Glck! Da ich nun endlich wei, wer Sie sind, so wei ich
auch, da Sie mich verstehen. Millionen haben keine Ahnung davon, was es heit,
da in der Ehe Geist und Seele sich vereinen sollen, um Geist und Seele zu
befreien! Es war Alles so schn, so rein, so eigentmlich seltsam heut. Es kam
im Sonnenglanz, wie aus der hchsten Sternenwelt hernieder, jede Silbe, jedes
Wort, und auch Alles, was geschah! Waller deklamierte Ihr ganzes Gedicht. Er
kann sich nicht von ihm trennen. Es ist fr ihn die Fahrt, die Leiter, mit deren
Hilfe er sich aus dem Irrtum an die Wahrheit rettete. Noch ist er nicht ganz
frei, doch hoffe ich, bis zur vlligen Gesundung Alles fernhalten zu knnen, was
ihn zurckzuwerfen vermchte. Er sprach so viel von Ihnen, den er nun nicht nur
achtet, sondern auch liebt. Dann fragte er, ob ein Geistlicher hier sei, und ich
mute ihm den Reverend Heartman holen. Wie dieser Mann auf ihn wirkte, kann ich
kaum beschreiben. Diese innere und uere Aehnlichkeit mit dem malajischen
Priester brachte erst Schreck, dann Staunen und endlich ruhige Freude. Das
Gesprch kam auch wieder auf das Paradies, und Waller bat, es sehen zu drfen.
Fang hatte nichts dagegen. So brachten wir ihn hinunter in die Halle, wo er sich
noch befindet. Er sagt, er fhle sich ganz eigenartig wohl und knne sich von
dem Anblick Christi nicht trennen, wie Yin ihn aufgefat und dargestellt habe.
    Er sprach sehr schnell, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit. Bald deutsch,
bald englisch oder chinesisch. Das war das Glck! Indem er zum zweiten Male
errtete, fuhr er fort:
    Er war so glcklich, so froh, so hoffnungsvoll, so lieb! Vor uns das
ergreifende Bild vom Paradiese! Dieser Erlser! Diese Shen! Und da begann er, zu
uns zu sprechen, in gesenktem Tone, ruhig, warm, wenn auch noch nicht ganz klar.
Es war zum Herzbrechen, und doch so gut, so gut. Wir weinten, erst Mary, dann
auch ich, endlich alle drei. Wie kam es doch? Wir sanken uns in die Arme. Er
kte erst sie, dann mich, und gab uns seinen Segen. Hierauf schlo er die
Augen, lchelte wie ein Seliger und schlief ein - - - im Paradiese! Durften wir
ihn stren? Nein. Er liegt noch dort! Fang und Mary sind bei ihm. Ich aber wurde
abberufen, geholt. Es sei Jemand da, der mich sprechen wolle. Knnt Ihr erraten,
wer es war?
    Robert Waller, genannt Dilke?
    Ja, dieser. Und das ist das Dritte, was ich Euch zu sagen habe. Ich mute
ihn abweisen, natrlich! Dieser Mann ist im hchsten Grade gefhrlich; er darf
um keinen Preis mit seinem Onkel zusammen! Ich war sehr kurz mit ihm, konnte ihn
also nicht prfen; aber mir scheint, er gehre in die Beobachtungsstation eines
Irrenhauses. Habt Ihr den Sejjid gefragt?
    Ja; ich erfuhr Folgendes.
    Ich erzhlte ihm, was wir heut frh im Einkehrhause von Omar erfahren
hatten. Da nickte er sehr ernst und sagte:
    Also wirklich - - -! Der Letzte seines Stammes - - - die Quersumme seiner
Ahnen - - -! Drcken wir es einstweilen in dieser Weise aus; es ist aber noch
viel anders! Wit Ihr, wovor wir stehen? Vor einem geistigen Geburts- und einem
geistigen Todesfalle. Sorgen wir dafr, da die Geburt nicht auch eine Leiche
ergibt!
    Das, was er mit diesen Worten meinte, war mir keineswegs unverstndlich;
darum warnte ich ihn vor Dilke, der noch anwesend sei, aber von dem Sejjid
beobachtet werde.
    Beobachtet? Nur beobachtet? Das gengt mir nicht! erklrte er. Ich werde
sofort das Ntige selbst veranstalten. Bitte, habt die Gte, an meiner Stelle
nach dem Paradiese zu gehen und Fang zu veranlassen, da Waller entfernt werde,
aber so leise, da er nicht erwacht. Der Ho-Schang hat gebeten, es mit seinen
Priestern noch vor dem Abendessen sehen zu drfen.
    Er ging, um seine Absicht auszufhren, und ich begab mich nach dem
Gemldesaal, den ich von einigen Bogenlampen erleuchtet fand, fast mehr als
tageshell. Waller schlief nicht mehr; er war soeben aufgewacht. Fang war nicht
da; er hatte sich entfernt, und ich konnte mich meines Auftrages an ihn also
nicht entledigen.
    Wie lieb der Kranke mich empfing! Ich mute mich zu ihm setzen und ihm meine
Hand geben. Er hielt sie lange, lange fest, ohne etwas zu sagen. Endlich mute
ich aber doch das Schweigen brechen und den Beiden sagen, da Leute kommen
wrden, und wer sie seien.
    Ein Ho-Schang? fragte er. Mit seinen Unterpriestern? Also Heiden - - -
Heiden!
    Darf ich dich nach deinem Zimmer tragen lassen, Vater? fragte Mary.
    Nein, antwortete er. Ich bleibe! Diese Heiden sollen mich hier auf meinem
Posten finden! Ich kenne meine Pflicht!
    Um Gottes willen! rief sie erschrocken aus. Vater, la dich erbitten, mir
- - -
    Sei still, mein Kind; sei ruhig! unterbrach er sie. Du hast nichts zu
befrchten. Und wenn du glaubst, ich sei meiner Sache nicht gewi, so erinnere
mich nur schnell an deine Mutter! Das, was sie mir auf Erden war, werde mir zum
guten Geiste, der mich schtzt!
    Da kam Fang wieder. Er hatte nichts dagegen, da Waller blieb. Und wenn ich
die hellen Augen und das stille, glckliche Lcheln des Patienten sah, dachte
auch ich, keine Sorge haben zu drfen. Er lag, halb aufrecht sitzend, in einem
leichten Feldbette, unter prchtigen, seidenen Decken. Die Vorhnge waren von
beiden Bildern weggezogen. Jetzt aber erschien ein Diener, welcher sie wieder
vor sie zog, weil die Herrschaften in einigen Augenblicken erscheinen wrden,
sagte er.
    Und so war es allerdings. Es dauerte nicht lange, so traten sie herein, sie
alle, alle, von Fu und John, den beiden Hchsten, an, bis herunter auf die
letzten Spitzen der hiesigen Gesellschaft. Yin ging heut nicht nach hinten,
um, wie bei mir, die Saiten erklingen zu lassen. Sie hatte andere Pflichten, die
eine Chinesin sonst nicht zu haben pflegt; nmlich man hre und staune: die
Pflichten der Reprsentation! Ich beeilte mich, Tsi mitzuteilen, warum Waller
sich noch hier befand, und erfuhr sodann von ihm, da weder der Sejjid noch
Dilka zu finden gewesen seien. Das berunruhigte mich, doch war jetzt nichts zu
machen. Ich setzte mich da, wo ich bisher gewesen war, nmlich an der Seite
Wallers, wieder nieder. Dieser raunte mir zu:
    Der Reverend hat mir die Sage auch erzhlt, die er wahrscheinlich jetzt nun
vorzutragen hat, vom Lande Ti und fr das erste Bild. Fr das zweite mchte dann
ich Etwas sagen. Bitte, sorgt dafr, da man mich hre! Leider, leider spreche
ich nur schlecht chinesisch, der beste Beweis, da ich verrckt gewesen bin;
aber wenn ich langsam sprechen darf und nicht in Mdigkeit versinke, so wird es
mir vielleicht gelingen, trotzdem verstanden zu werden.
    Man war so rcksichtsvoll, den Kranken nicht zu belstigen; es war, als ob
er nicht vorhanden sei. Er hatte ganz richtig vermutet: Pfarrer Heartman
erzhlte als Einleitungsrede die Sage aus dem Lande Ti - ich bitte, sie nochmals
durchzulesen - und gab sodann das Bild der einen Seite frei, die Darstellung des
Sndenfalles, der Vertreibung des Menschengeistes und aller seiner Untertanen
aus dem Paradiese. Es war still, man sagt kirchenstill, im ganzen, groen
Raume. Niemand sprach ein Wort, kein Einziger; aber man sah diesen
buddhistischen Priestern allen an, wie tief, wie auerordentlich tief sie von
der gewaltigen Predigt ergriffen wurden, die sie hier nicht hrten, sondern
sahen. Und ebenso gro war die Wirkung auf die brigen Chinesen. Einen der
Untergebenen des Ho-Schang hatte die unwiderstehliche Kraft dieser Kunst derart
gepackt, da er am ganzen Krper zitterte und es aber doch nicht vermochte, die
Augen von dem Bilde abzuwenden.
    Whrend ich den aus dem Paradiese strzenden Figuren mit meinem Blicke
folgte, bis sie ganz drauen in der scheinbaren Ferne im schmutzig dichten
Violett verschwanden, gewahrte ich, da sich da hinten, zwischen den Bumen der
Orangerie, Etwas bewegte. Es gab jedenfalls einen Menschen dort, der aber so
hinter den Zweigen stand, da sein Krper nicht zu sehen war. Vielleicht waren
es auch zwei. Ich dachte sogleich an Dilke, wies aber diesen Gedanken gleich
wieder zurck. Warum sollte es grad dieser Mensch sein und nicht, was doch im
hchsten Grade wahrscheinlich war, Jemand aus der Dienerschaft!
    Jetzt ging der Reverend nach der Leitung, um auch das zweite Bild von dem
Vorhange zu befreien. Waller bemerkte das. Er richtete sich schnell gerader auf
und begann zu sprechen. Natrlich schauten alle Anwesenden sofort zu ihm her.
Die Worte kamen ihm langsam, laut und vernehmlich, doch mit hrbarer Anstrengung
von den Lippen. Man bemerkte deutlich, da er zuweilen nach dem richtigen
Ausdruck suchte:
    Und in demselben Lande Ti, doch unten in der Hlle, wo alle Menschen Teufel
sind, konnte man noch eine andere Sage hren. Auch sie war viele tausend Jahre
alt und lautete folgendermaen: Als der Menschengeist aus dem Paradies gestoen
worden war, begann er, zu erkennen, wie tricht er gehandelt hatte. Er klagte
sich an und jammerte, doch immer so, da es kein Teufel hrte. Da trat die Shen
im Traume zu ihm hin und sprach: Die Reue ist der Engel der Gestrzten; er fhrt
mich her zu dir. Einst kommt der Herr, mich wieder aufzuwecken und Euch ins
Paradies zurckzufhren. Dann seid Ihr wieder Menschen, doch nicht schon Selige.
Das Paradies der Erde ist nicht das Himmelreich des Welterlsers, doch hat das
Letztere zum Ersteren zu kommen. Wann wird das sein? Sie schwieg fr einen
Augenblick, erhob das Auge wie in weite Ferne und fuhr dann fort: Wenn einst die
Macht der Menschlichkeit im Herzen aller Welt so gro, so stark geworden ist,
da ein Christenpriester einen Heidenpriester segnen darf, ohne darob selbst
verflucht zu werden, dann ist die Stunde da, in der das Paradies zum
Himmelreiche wird, zum Reiche Gottes hier auf dieser Erde! So sprach die Shen.
Nun nehmt den Vorhang weg! Ihr sollt nicht nur das Paradies, nein, auch den
Himmel sehen; denn jene ferne Stunde, von welcher meine Sage sprach, ist keine
andere als die jetzige!
    Welch eine Lautlosigkeit im Saale jetzt! Nur von hinten her klang es wie ein
Ruspern. Ich schaute hin. Da stand der Sejjid, hinter Pflanzen, und zwar so,
als ob er von irgend Jemand nicht gesehen sein wolle. Er hatte sich aber dennoch
geruspert, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er bemerkte, da ich zu
ihm herschaute. Da deutete er nach der Seite und hob den Finger, um mich zu
bitten, aufmerksam zu sein. Natrlich wute ich sogleich, woran ich war; Dilke
hatte sich viel eher in das Castle geschlichen, als wir vermutet hatten, und der
Sejjid war ihm so heimlich gefolgt, da weder der Eine noch der Andere von
irgend Jemand gesehen worden war. Dem Ersteren kam es darauf an, seinen Oheim zu
entdecken. Er kam an der offenstehenden, hintern Tr des Gemldesaales vorber,
schaute herein und sah ihn da sitzen, sogar mit seiner Tochter, der Cousine. Da
schlich er sich im Schutze der Orangerie herein, um zu erfahren, was es hier
gebe. Hinter ihm war der Sejjid hereingekommen, sehr leise, von ihm unbeachtet.
Sie beide waren es, die ich schon vorhin bemerkt hatte, ohne zu wissen, wer sie
seien.
    Whrend ich diese Bemerkungen machte, lie der Reverend den Vorhang sich von
dem zweiten Gemlde entfernen, und Waller rief, sich an die Gruppe der Budhisten
wendend, dem Oberpriester zu:
    Komm her zu mir, Ho-Schang! Ich sage dir, da ich ein Priester bin. Heut
soll das Zeichen in Erfllung gehen, das unsere Shen dem Menschengeiste sagte:
Ich will dich segnen, ich, der Christ, den Heiden! Auf diesem Bilde hier ist nur
der Weg zum Paradies zu sehen; ich aber zeige Euch das Himmelreich, das hher
steht, als alle Erdenparadiese. Ich wiederhole es: Komm her zu mir, Ho-Schang,
da ich dich segne!
    Der Angeredete kam auch wirklich nher, Schritt um Schritt, fast wie im
Traume; denn was er hier sah und was er hier hrte, das war, als ob es irgendwo
anders geschhe, nicht hier in diesem Leben.
    Ich bin bereits gesegnet, sagte er.
    Von wem? fragte Waller.
    Von Heartman, dem Reverend, vorhin, als er uns unten am Flammenbild der
Shen begrte. Da segnete er mich wohl mehr als zu dreien Malen!
    Also war das Himmelreich schon da, schon hier, noch ehe ich es wute, und
es ist mir darum leicht begreiflich, da ich nun pltzlich benedeien will, wo
ich, der frhere Eiferer, nur maledeien konnte. Doch immer komm! Ich segne dich
trotzdem, nicht um etwas zu erfllen, was schon erfllt worden ist, sondern
wegen - - - meiner selbst!
    Schon streckte er seine beiden Hnde aus, da erklang von hinten her eine
laute, zornige Stimme:
    Halt ein, Abtrnniger! Du willst segnen, wo Elias einst ohne alle Gnade
schlachtete! Bist du toll - - -? Verrckt geworden - - -? Apostat - - -? Dann
gehst du ein zur Hlle - - - unbedingt!
    Es war Dilke. Er schritt heran, hoch aufgerichtet, stolz, den Kopf im
Nacken, mit zusammengekniffenen Lippen und funkelnden Drohaugen, wie Einer, der
sich naht, um schreckliches Gericht zu halten! Ohne da er es merkte, folgte ihm
der Sejjid, der ihn nicht aus dem Auge lie, um bei vorkommender Ursache schnell
bei der Hand zu sein. Wie sah dieser Dilke aus! Genau wie das verkrperte
Gegenteil von seinen hochtrabenden Worten! Er kam nicht ganz heran. Wohl ber
zehn Schritte von Waller entfernt, blieb er stehen und sagte, indem er eine
verchtliche, wegwerfende Handbewegung machte:
    Da liegt es nun, das ganze, ganze Christentum der Wallerschen Familie! Eine
Schande fr Alle, die sich die Mhe gaben, es zu errichten, und dann im Stolz
auf dies ihr Werk als Heilige sich in die Grube legten! Ich schaue hin und
schme mich des Namens, den ich trage. Dieses Angesicht, das hier vor mir - - -
mir - - - mir - - -
    Das Wort erstarb ihm auf den Lippen, langsam, immer schwcher werdend. Von
dem Hintergrunde des Saales aus hatte er seinen Oheim nur von Weitem gesehen.
Jetzt richtete er sein Auge aus der Nhe auf ihn, und da war es, als ob ihm bei
diesem Anblicke die Sprache verloren gehen wolle und mit ihr noch vieles, vieles
Andere. Sein Gesicht vernderte sich. Seine Augen wurden starr. Sein Mund
ffnete sich, wie bei Jemand, der im Ohre taub ist und doch etwas hren will.
Seine Hnde fielen nach unten und spreizten die Finger aus - - - aber ich konnte
ihn nicht weiter beobachten, weil nun Waller meine ganze Aufmerksamkeit in
Anspruch nahm.
    Tsi und Fang, die beiden Aerzte, waren sofort zu ihrem Patienten
herangetreten, als sie erkannten, da ihm jetzt nun die befrchtete innere
Aufregung nicht mehr erspart werden knne. Warum sahen sie beide so streng, fast
wie unerbittlich aus? Warum hielt besonders Tsi beide Fuste geballt? So
entschlossen sieht nur Derjenige aus, dem ein Kampf auf Leben und Tod
bevorsteht! Ich ahnte es. Es galt geistiges Leben und geistigen Tod! Und auch
die Andern alle traten dem Eingedrungenen gegenber zusammen, als ob sie
deutlich fhlten, da ihnen von ihm aus schwerer, innerlicher Schaden drohe.
    Waller war vorher in guter Stimmung und ganz wohl gewesen. Dann hatte ihn
jedenfalls das laute und lngere Sprechen etwas angegriffen gehabt. Jetzt nun
schien ein doppelter Einflu ber ihn zu kommen, ein strkender und ein
schwchender, einer, der ihn heben und einer, der ihn niederdrcken wollte. Sein
Gesicht fiel pltzlich zusammen, so da er aussah wie in den schlimmsten Tagen
seiner Krankheit. Seine Augen wurden stier; sein Mund ffnete sich, und seine
Hnde und Finger spreizten sich genau wie bei Dilke. Aber mit krftiger Stimme
und in entschlossenem Tone sagte er:
    Ich mu mich aufrichten - - - ich mu stehen - - - selbst wenn ich wieder
zusammenbrechen mte - - -! Ich bin kein Waller mehr - - -! Haltet mich - - -
ich bitte Euch!
    Ich warf einen fragenden Blick auf Fang und Tsi. Beide nickten zustimmend.
Da nahm ich Waller unter den Armen, hob ihn vom Lager, stellte ihn aufrecht hin
und lehnte ihn an mich fest. Mary schob schnell ihren Sitz heran und schlang
ihre Arme ebenso um den Vater. So stand er aufrecht, ohne da er fallen konnte;
Beide nun einander gegenber.
    Das war eine eigenartige, bengstigende, fr den Psychologen freilich
hochinteressante Situation! Der Eine hatte beinahe denselben Gesichtsausdruck
wie der Andere. Das geistig Bewute trat zurck, fast zusehends, mchte ich
sagen; die Sicherheit wich aus den Blicken, und die Stimme Wallers klang ungewi
und doch und doch auch energisch, als er jetzt in unterdrcktem Tone sagte:
    Es soll mich Jemand verlassen und will doch nicht! Ich werde schwcher - -
-. Wer steht da drben, wer? Ich fhle, da ich es war - - - und dennoch bin ich
hier!
    Und drben sprach der Andere mit grinsendem Gesicht:
    Da nimmt er alle Kraft zusammen und wird doch nur von Andern aufgerafft!
Aber wer - - - wer - - - wer ist - - - wer spricht - - - holla! Ich bin ja doch
nicht er! Bin ich es etwa, der nun am Boden liegt, weil der da drben
aufgestanden ist?
    Das Letztere hatte er laut, sehr laut gesagt. Da rief ihm Waller ebenso laut
zu:
    Wer bist du? Sag es! Der Neffe oder der Oheim?
    Da antwortete Tsi schnell an des Gefragten Stelle, fest, bestimmt und
scharf, jede Widerrede abschneidend:
    Beides ist er, Beides! Die beiden einzigen Waller, die es hier gibt, das
ist er! Er allein!
    Als ich diese Worte hrte, ging es mir durch und durch. Ich hatte beinahe
dasselbe Gefhl wie damals, als mein Hadschi Halef Omar bei den Dschamikun im
Sterben lag und der Ustad die bereits fliehende Seele dadurch festhielt, da er
ihn, genau so laut, bestimmt und nachdrcklich wie hier, bei allen seinen Namen
und auch nach seinem Titel nannte66. Wie sonderbar! Hier in China ganz dieselbe
Ansicht ber Geist und Seele des Menschen wie damals dort in Persien.
    Die Wirkung war eine sofortige. Drben erscholl ein Schrei und auch hben
erscholl ein Schrei. Dann starrten sie einander an, ohne Ausdruck in den
Gesichtern und ohne Worte. Das war der Augenblick, der entscheidende, der
frchterliche, entsetzliche! Sie standen einander gegenber, beide: der aus der
geistigen Nacht Kommende und der in die geistige Nacht Gehende! Konnten sie
aneinander vorber? War es mglich, den schon fast Geheilten wieder mit
hinabzuzerren?
    Vater, lieber Vater, bat Mary voller Angst, indem sie sich fest an ihn
drckte. Erlaubst du, da ich Mutter rufe? Bleib hier; bleib hier!
    Da suchte seine Hand nach ihr. Sie ergriff sie und drckte sie in
wiederholtem Ku an ihre Lippen. Das erlste ihn von den Augen seines
Gegenbers. Er konnte den Blick von ihm losreien und auf seine Tochter richten.
    Mein Kind, mein liebes, liebes Kind! hauchte er, tief, tief Atem holend.
Das war grad noch zur rechten Zeit; ich hrte dich kaum mehr, so weit war ich
schon fort, wieder fort, in die Heidentempel hinein. Schon hrte ich es wieder
knistern und brennen. Da riefst du mich zurck, du Seele deiner Mutter! Ich bin
wieder da, bei dir. Aber es packt mich Jemand an. Es ist wie eine Faust, die mir
im Kopfe whlt, um meine Gedanken, die richtig sind, mit falschen zu
vertauschen! Ein fremder, und mir aber doch nur zu gut bekannter Geist!
    Er sprach die letzten Stze lauter als die ersten. Dilke hrte sie und rief
ihm zu:
    Ein Geist? Du Narr! Der Glaube ist es, der Glaube, den deine Ahnen dir
hinterlassen haben, damit die Heidenwelt durch ihn bezwungen werde. Bist du ein
Mann, und hast du Mut, so bekenne ihn. Ich frage dich: Bist du ein Waller oder
nicht? Leben oder Tod - - -? Seligkeit oder Verdammnis - - -? Whle!
    Ich bin ein Mann, antwortete Waller. Ich frchte mich nicht - - nicht vor
dir und will - - will - - - will - - -
    Er wurde irr. Er verga, was er hatte sagen wollen. Das war der
entscheidende Augenblick. Von drben schauten zwei scharfe, stechende,
diabolisch funkelnde Augen zu ihm herber, die ihn wieder packen und fassen
sollten, um ihn festzuhalten, fest! Da kam die Rettung: Tsi flsterte ihm zu:
    Gebt Liebe nur, gebt Liebe nur allein! Besinnt Euch, Sir; besinnt Euch!
Wit Ihr es noch, wie das beginnt?
    Ja - - ja - - ich wei es - - wei, wei es noch! Eben, eben kommt es mir!
antwortete Waller, indem sein Gesicht wieder Seele, wieder Spur von Geist,
wieder selbstndigen Ausdruck bekam. Der Anfang ist: Tragt Euer Evangelium
hinaus!
    Da forderte ihn Tsi mit lauter Stimme auf:
    So werft es ihm doch hinber! Schleudert ihm diesen Felsen zu, damit er ihn
zerschmettere!
    Da richtete Dilke sich so hoch wie mglich empor, breitete die Arme aus,
ballte die Fuste und schrie herber:
    Ja, wirf, du Knirps, du Sklave deiner Shen, die nichts als quieken kann,
wenn starke Geister sprechen! Wirf zu, wirf zu; dann aber fa ich dich!
    Da griff Waller mit der Linken nach der Hand seiner Tochter, breitete die
Rechte aus, zum Zeichen, da er sprechen werde, und begann:

Tragt Euer Evangelium hinaus,
Doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden,
Und seht Ihr irgendwo ein Gotteshaus,
So stehe es fr Euch im Vlkerfrieden.
Gebt, was Ihr bringt, doch bringt nur Liebe mit;
Das Andre alles sei daheim geblieben.
Grad weil sie einst fr Euch den Tod erlitt,
Will sie durch Euch nun ewig weiter lieben.

    Er hatte fast schchtern und mit unsicherer Stimme begonnen, doch nach und
nach klang es immer bestimmter und klarer. Und das war es ja, was Tsi bezweckte.
Grad an der Hand dieser Strophen hatte Waller sich whrend seiner langen
Krankheit aus der Tiefe emporgefunden, zwar langsam, langsam, aber doch. Jetzt,
da er wieder sinken sollte, jh und schnell, im Sturze, war Tsi berzeugt, da
sie sich abermals bewhren wrden, vielleicht noch mehr und besser, als in der
Langsamkeit. Es war auch ganz eigen, was fr eine Vernderung mit ihm vorging,
whrend er diese acht Zeilen sprach. Er streckte sich; er schien hher zu
werden. Er lag nicht mehr so schwer an meinem Krper, sondern er wurde leichter,
von Zeile zu Zeile leichter, also krftiger. Der Geist hatte sich nicht nur am
Rande des Abgrundes festgehalten, sondern er nahm auch schnell die Herrschaft
ber den Krper zurck und verlieh ihm Kraft zum ferneren Widerstand.
    Ganz anders war das Bild, welches sich da drben ergab, wo der Gegner stand.
Er hatte seine herausfordernde Pose nur bis zum Worte Vlkerfrieden
beibehalten. Bei den Worten bringt nur Liebe mit lie er die ausgebreiteten
Arme nieder. Die Gestalt sank zusammen. Die Gesichtszge begannen sich zu
verzerren. Und bei den letzten Worten nun ewig weiter lieben zog er die
Schultern wie unter Schmerzen in die Hhe, fuhr sich mit den Hnden nach den
Ohren und rief:
    Lieben, lieben, lieben und nur immer lieben! Das ist ja eben die Shen, die
Shen, die Shen! Ich hre sie schon von Weitem, die Pfeifen, diese verdammten,
verdammten Pfeifen! Verflucht sei dieses Gequieke, dieses ewige, unendliche
Gequieke von Liebe, von Liebe, von Liebe! Wenn das hier wieder beginnt und so
weitergeht wie bisher, so mache ich es wie der Teufel dort auf dem Bilde: Ich
strze mich in den Abgrund und nehme meine Hen mit mir! Dann mgt Ihr Euch
lieben, so lange Ihr wollt, meinetwegen in Ewigkeit; ich aber habe dann meine
Ruhe!
    Er fate sich an der Brust und zerrte da am Gewande herum, als ob er sich
selbst zerreien wolle; aber Waller begann nun wieder:

Tragt Euer Evangelium hinaus,
Indem Ihr's lebt und lehrt an jedem Orte,
Und alle Welt sei Euer Gotteshaus,
In welchem Ihr erklingt als Engelsworte.
Gebt Liebe nur, gebt Liebe nur allein;
Lat ihren Puls durch alle Lnder flieen;
Dann wird die Erde Christi Kirche sein
Und wieder eins von Gottes Paradiesen!

    Zu dieser Strophe verhielt sich Dilke anders als zu der vorigen. Er wartete
mit seinen Einwendungen nicht, bis sie fertiggesprochen war, sondern er brllte
seine Bemerkungen direkt in die Zeilen hinein.
    Lebt, lebt, lebt! schrie er. Ich soll mein Evangelium leben! Whrend alle
Andern ihr Leben genieen, soll ich der einzige Heilige sein, ein Fakir, ein
Anachoret, ein Ber, der die Snden der Andern trgt; ich danke! - - - Alle
Welt mein Gotteshaus - - - und dann jeder Mensch und jeder Mongole und
Hottentott mein Bruder! Verrckt, verrckt! - - - Engelsworte! Zunchst haben
wir ber etwas ganz Anderes zu reden! - - - Liebe nur, Liebe allein, Liebe,
Liebe, berall nichts als Liebe! Jetzt kommen sie; jetzt sind sie da, die
Blser, die Pfeifer, die Quieker, die Ohren-und die Nervenmrder! Wo soll ich
hin, wo soll ich hin?! - - - Christi Kirche - - - Gottes Paradies! Mensch - -
Schurke - - Schuft, merkst du denn nicht, da du wahnsinnig bist, blde,
umnachtet, toll, verrckt, ein Trottel, ein Narr, ein Idiot! Hrst du denn
nicht, da du schon gar nicht mehr vernnftig reden kannst, sondern nur noch
quiekst - - quiekst - - - quiekst! Wenn du nicht aufhrst, schlage ich dich
nieder - - - hier auf der Stelle!
    Er zog die Finger wie zu Krallen zusammen und wollte sich auf Waller
strzen. Da aber trat ihm Tsi entgegen, bohrte ihn mit den Augen fest und
wiederholte in dringender, schwer gewichtiger Weise:

Gebt Liebe nur, gebt Liebe nur allein;
Lat ihren Puls durch alle Lnder flieen;
Dann wird die Erde - - -

    Er kam nicht weiter, denn Dilke brllte wutheulend auf:
    Nun auch noch der - der - - der! Das ist die Shen, die Shen! Nun wohl, so
mache ich es wie der Teufel: Ich strze mich in die Tiefe!
    Er rannte nach der Tr, nicht nach der hintern, durch die er gekommen war,
sondern nach der vordern. Als er sie erreichte, blieb er stehen, drehte sich
nach uns um, kam eine ganze Zahl von Schritten wieder zurck, langsam,
bedchtig, berlegend, und sagte dann wie heimlich, aber doch so laut, da wir
alle es hrten:
    Wir sind nmlich zwei Raufbolde, ein religiser und ein zivilisatorischer.
Der religise bin ich; der zivilisatorische ist er. Ich bin der Oheim, und er
ist der Neffe. Ich heie Waller und er heit Dilke. Ich mu hinunter in den
Schlund. Er wei nichts davon, obgleich ich es Euch durch seinen Mund gesagt
habe; aber er mu mit. Schade um ihn! Er htte so gut, so auerordentlich gut
fr mich gepat, wenn ich bleiben drfte! Er war eine bessere, viel bessere
Waffe als dort der Alte. Den bin ich los - und er mich auch - - - fr alle
Ewigkeit!
    Als er dies gesagt hatte, nickte er uns auf ganz eigenartige Weise zu,
machte mit dem Arme eine Bewegung, die wir uns nicht deuten konnten, wendete
sich nach der Tr zurck und ging hinaus.
    Omar, schnell, ihm heimlich nach, befahl ich meinem Sejjid; damit wir
erfahren, ob er auch wirklich geht, und wohin!
    Er folgte ihm augenblicklich. Ich lie Waller nun wieder auf sein Lager
nieder, bergab ihn den beiden Aerzten und wollte mich dann schnell entfernen.
    Wohin? fragte mich Tsi, von Andern ungehrt.
    Auch hinaus, antwortete ich. Mein Diener ist vielleicht nicht genug.
    Und wenn Sie tausend Menschen mit sich nhmen, Sie wrden doch nichts
ndern knnen. Heute abend wird die alte Wallersche Hauspostille zugeschlagen
und versiegelt, fr immer und fr ewig; darauf knnen Sie sich verlassen! Doch
gehen Sie, damit Sie sich berzeugen. Aber sobald Sie sehen, da ich Recht habe,
so bitte, schweigen Sie, bis Sie mich wieder sprechen knnen. Heut ist ein Fest-
und Freudentag. Der Tod soll ihn Keinem von Denen, die wir lieben, noch in der
letzten Stunde zum Trauertage machen.
    Und schnell noch Eins: Ist Waller gerettet? erkundigte ich mich. Er sieht
fast munter aus!
    Sie haben es ja gehrt: Er ist ihn los, fr alle Ewigkeit. Natrlich ist er
nun gerettet. Sie sehen und hren, ich mute unerbittlich sein. Nun gehen Sie!
    Ja, ich ging. Wie selbstverstndlich alle diese Dinge fr ihn lagen, die von
Millionen noch nicht einmal geahnt worden sind!
    Eben als ich drauen die Tr hinter mir zumachte, kam der Sejjid von der
Treppe her, auf der mich Yin aus dem Garten des Ahnensaales hier heraufgefhrt
hatte.
    Nun? fragte ich ihn. Schon wieder hier? Du sollst ihm doch folgen!
    Das habe ich getan, Sihdi. Er ist fort.
    Wohin?
    Hinaus, aus dem Schlosse. Nun wird er die Strae hinabgehen nach dem Dorfe.
Ich konnte ihm da nicht folgen, weil es zu hell ist; er htte mich gesehen. Auch
hatte ich keine Lust, ihm ber die Mauer nachzusteigen. Wre er durch das Tor
gegangen, so knnte ich noch gar nicht wieder hier sein. Aber er hatte es sehr
eilig und schwang sich gleich ber die Brstung hinaus auf die Strae.
    Brstung? Wo? Wo ist die Stelle? fragte ich. Hier im Innern des Schlosses
fhrt doch keine Strae vorber.
    Gleich da unten, in dem Garten, antwortete er.
    Wo du soeben herkommst?
    Ja.
    Schnell, fhre mich! Ich mu die Stelle sehen!
    Er stieg mir voran, in den Garten hinab. Links sah ich die Tr, durch welche
ich aus dem Ahnensaal getreten war. Rechts, ganz vorn, hatte ich dann gestanden
und ber die Mauer in die ungeheure, senkrecht abfallende Tiefe
hinuntergeschaut. Dahin ging Omar.
    Hier ist es, sagte er. Er mochte mich gehrt haben, denn er machte sehr
schnell. Nachgesehen habe ich ihm nicht, weil es hier an dieser Ecke fast
vollstndig dunkel ist.
    So danke Allah, da du ihm nicht nachgestiegen bist, lieber Omar! sagte
ich, indem es mir wie kalter Schauer durch die Glieder ging. Da drauen ist
keine Strae, sondern es ghnt ein Abgrund, in dem ein Jeder, der
hinunterstrzt, ganz unbedingt zerschmettern mu. Dieser Dilke ist tot. Aber
halte es geheim! Du darfst nicht eher davon sprechen, als bis ich es dir
erlaube, zu keinem Menschen!
    Er schttelte sich vor Grauen, sah still zu Boden und fragte dann:
    Sihdi, darf ich Etwas sagen?
    Ja. Was?
    Ich mchte gern wissen, was er nun eigentlich gewesen ist, ein Offizier
oder ein Missionar.
    Ein Mensch war er; das mag dir gengen. Ein armer, unglcklicher Mensch,
der falsche Wege ging und darum sich hier in diesen Schlund verirrte.
    So gehe ich jetzt hinauf in die Kapelle, um fr ihn zu beten. Darf ich das,
obwohl er Christ gewesen ist und ich aber Muhammedaner bin?
    Wie du nur erst noch fragen kannst, Sejjid Omar! Das wundert mich!
    Du wunderst dich? Ich mchte - - - ah, ich wei, ich wei; jetzt fllt es
mir ein! Ich gehre ja zu unserer groen Shen und darf darum fr alle Menschen
beten! Wie herrlich das ist, wie herrlich! Ich gehe also hinauf, hinauf!
    Er begab sich nach der Strae hinaus, die zur Kapelle fhrte. Ich stieg die
Stufen wieder empor, um Tsi im Bildersaal zu melden, was ich erfahren hatte. Die
Gruppen der dort Anwesenden hatten sich aufgelst, die Figuren der Bilder
einzeln zu betrachten. Yin hatte sich dem Ho-Schang zugesellt, um ihm die
Bedeutung dessen, was er nicht begriff, zu erklren. Nur dort bei Waller gab es
mehrere Personen. Tsi stand mit Fang bei ihm und Mary. An seiner andern Seite
hatte der Governor den Stuhl, auf dem ich sa, jetzt eingenommen. Tsi sah mir
an, da ich zu ihm wollte, und kam mir entgegen, damit Niemand hre, was ich ihm
zu sagen hatte. Er nahm es ruhig hin, ohne ein einziges Wort der Verwunderung
oder gar des Schreckes.
    Das war die Lsung, das! sagte er. Es konnte und durfte gar nicht anders
kommen. Daher meine Unerbittlichkeit gegen diesen Abgeschiedenen. Nur so
augenblicklich schnell hatte ich es nicht erwartet. Zwei solche Raufbolde in
einem einzigen Krper, das ist zu viel! Und lchelnd fgte er hinzu: Das ist
sogar zu viel fr ein ganzes Volk, fr eine ganze Nation, fr die ganze
Menschheit! Und doch haben wir sie Jahrtausende lang ausgehalten und begnstigt,
diese beiden unverbesserlichen Hndelsucher in unserm Menschheitskrper! Auch
sie haben abzustrzen, haben zu verschwinden in der Tiefe, wo das Licht fr
unsere Shen geboren wird! Denn, wissen Sie, was da unten liegt, wohin Dilke
strzte?
    Etwa Ihr Elektrizittswerk, wie ich aus Ihren Worten vermute?
    Ja. Da fllt im sich verengenden Felsenkamin das Wasser in die senkrechte
Tiefe und wird unten aufgefangen, um Licht zu erzeugen und dann die Grten,
Wiesen und Felder zu befeuchten.
    Schrecklich! Also ist an eine Rettung Dilkes gar nicht zu denken?
    Er ist tot, unbedingt tot. Wir brauchen gar nicht erst zu forschen.
Bedenken Sie doch die Kraft des Sturzes und dann des Wasserfalles! Wenn er nicht
vollstndig zermalmt und zerrieben wird, so hat das hchstens, falls seine
Leiche in das Werk gert, eine kurze Strung des elektrischen Stromes zur Folge.
Ich will aber trotzdem gleich den Oekonom und auch den Ti Pao67 verstndigen,
weil man nicht hiervon reden, mich aber sofort benachrichtigen soll, welches
Resultat die Nachforschung ergibt.
    Er eilte fort, um das, was er gesagt hatte, auszufhren, wobei er dem
obersten Tschu-Tse68 begegnete, welcher in chinesischem full dress hereintrat,
um mit lauter Stimme zu melden, da das Mahl des Abends angerichtet sei. Yin kam
sofort herbei, hing bei dem Governor ein und gab das allgemeine Zeichen, ihr zu
folgen. Als sie Beide an mir vorbergingen, rief er mir, indem sein Gesicht vor
Wonne strahlte, zu:
    Da, schaut her, Charley! Die Wette habe ich verloren, aber meine Yin dafr
gewonnen und die ganze, ganze, herrliche Shen dazu! Ich tausche mit keinem
Menschen, nicht einmal mit Euch!
    Waller hrte das.
    Auch ich habe gewettet und verloren, sagte er, aber doch noch viel, viel
mehr gewonnen, als dieser alte, prchtige Governor! Nun werde ich wohl nach
meinem Zimmer geschafft?
    Er sah Fang bittend an.
    Nein, antwortete dieser. Es ist bereits ein Sitz fr Euch bereitet. Knnt
Ihr auch nicht mit essen, so sollt Ihr doch sehen und hren und Euch mit uns
allen freuen. Euer Platz ist zwischen Tsi und Mi Mary. Fu hat das so
gewnscht!
    Waller verstand gar wohl, was diese Anordnung des hohen Reichsbeamten fr
ihn und Mary zu bedeuten hatte. Er lchelte mir unendlich glcklich zu und
sagte:
    Verzeiht mir, Sir, da ich Euch dasselbe sage, wie der Governor! Ich
tausche mit keinem Menschen, nicht einmal mit Euch, aber auch nicht mit ihm!
    Da wurde er fortgetragen. Wie gnnte ich ihm diese Freude!
    Nun lie ich die Gste alle an mir vorber und folgte erst dem letzten von
ihnen, war aber dennoch nicht der allerletzte, denn unterwegs kam Tsi noch
hinter mir her. Er hatte in Beziehung auf Dilkes Leiche die ntigen Weisungen
gegeben und wute, da man nach ihnen handeln werde.
    Es wurde in dem groen, vielfensterigen Raume gespeist, den man im alten
Heimatsschlosse den Bankettsaal nannte; hier aber war er ein Blumensaal im
entzckendsten Sinne des Wortes. Es wurde uns da die groe Freude zuteil, die
Mutter und den Oheim unserer Yin schon jetzt zu sehen. Sie hatten sich
entschlossen, nicht erst bis zum letzten Tee zu warten. Raffley fragte mich, ob
ich wohl gern zwischen diesen Beiden sitzen mchte, und es versteht sich ganz
von selbst, da ich noch ganz besonders um diese Ehre bat.
    Der Oheim war ein groer Gelehrter; aber sein Wissen war nicht nur aus
Bchern, sondern noch vielmehr aus dem praktischen Leben geschpft. Er wurde
sehr bald mitteilsam bis zur liebenswrdigsten Aufrichtigkeit. Die Mutter war
eine Seele. Das gengt; mehr brauche ich nicht zu sagen. Den Hauptgegenstand des
Gesprches zwischen uns Dreien bildete der Ahnenkultus, und je mehr ich auch
hier wieder Aufklrung ber ihn bekam, desto mehr taten mir die oberflchlichen
Menschen leid, die so falsche Ansichten ber ihn haben. Uebrigens erfuhren wir
unter der Hand, da der Ho-Schang nach Tisch das kaiserliche Schreiben
berreichen werde, welches er schon in Shen-Fu hatte bergeben wollen. Er hatte
die richtige Zeit hierfr wegen Dilke versumt, und nun gebot ihm der Gebrauch,
bis nach der Abendtafel zu warten. Es sollte nicht das einzige kaiserliche
sein, welches Fu zu erhalten hatte.
    Die Speisenfolge mochte bis zur Hlfte vorber sein, da trat eine
interessante Unterbrechung fr uns ein. Die groe, breite Tr wurde ganz
geffnet, und es kamen zwlf mit Blattgewinden und Blumen geschmckte Chinesen
anmarschiert, an ihrer Spitze mein Sejjid Omar, vollstndig in grnes Geranke
und vielfarbige Blten gehllt, in der Hand einen langen Stab, an dessen Spitze
eine Anzahl Arekansse hingen und ber ihnen eine weie Pappe mit dem Zeichen
Shen. Er stellte die Chinesen in einer Reihe quer vor uns auf, setzte sich in
seine eindrucksvollste Positur, schwang den Stab einige Male hin und her und
begann, teils arabisch, teils englisch, malajisch und chinesisch, wie es ihm
grad auf die Zunge kam, folgendermaen zu sprechen:
    Wir sind eine Deputation von Aufwieglern, Rebellen und Emprern. Wir
wollten eine groe Revolution machen, aus der aber nichts geworden ist, weil wir
nichts davon wuten. Und als wir es erfuhren, da machten wir nicht mit. Denn als
der Ho-Schang seine Rede auf dem groen Platze in Shen-Fu gehalten hatte, da
wurden pltzlich alle gescheit, die dumm gewesen waren. Das darf aber bei einer
richtigen Revolution nicht sein, und darum wurde es eben keine! Die Fremden aus
dem Abendlande hatten uns ber die groe, menschenfreundliche Shen belogen. Sie
hatten sich sogar lustig ber sie gemacht und sie als eine Albernheit
bezeichnet, die bei ihnen gar nicht vorkommen knne. Aber hier bei Euch
erkannten wir dies als die grte Lge, zu welcher in unserm Lande und in unserm
Volke gar Niemand fhig wre. Darum bereuten wir es, diesen Fremden unser
Vertrauen geschenkt zu haben. Wir beschlossen, Euch um Verzeihung zu bitten, und
whlten unter uns eine Gesandtschaft von zwlf Mnnern aus, welche die Macht
besaen, sich als unsere Deputation zu Euch zu begeben, um an unserer Stelle zu
Euch zu reden. - - - Sobald wir uns gewhlt hatten, gingen wir aus dem Dorfe
herauf nach dem Schlosse. Aber als wir es erreichten, war unsere Macht zu Ende,
denn wir bekamen Angst und frchteten uns, vor Euch zu erscheinen. In dieser Not
waren wir so glcklich, mich zu finden, weil ich grad von der Kapelle
herunterkam und dabei an uns vorberging. Wir faten Mut und fragten mich nach
Euch. Ich aber antwortete uns sehr freundlich und bereitwillig, weil ich doch zu
unserer Shen gehre. Ich erteilte uns den besten Rat, den es gab. Ich sagte uns,
da ich der einzige Mann sei, der uns Hlfe bringen knne, weil ich so gut
chinesisch rede. Ich machte ihnen diesen Stab des Friedens und der Verzeihung,
und sie putzten mich mit Blttern und mit Blumen an. Dann fhrte ich uns
hierher. Seit ich zum Rdelsfhrer der Verschwrer ernannt worden bin, haben wir
ganz neuen Mut gewonnen, und ich bitte um die Erlaubnis, meine Rede halten zu
drfen, damit ich sagen kann, was wir von Euch und von der Shen uns wnschen!
    Diese Einleitung machte einen so vorzglichen Eindruck auf uns, da wir
gleich alle zusammen antworteten, er solle nur so schnell wie mglich anfangen.
Da hielt er uns denn eine Rede, die ich trotz ihrer Mngel als ein kleines
Meisterstck bezeichnen mchte. Ja, es ist wahr, wir kamen aus dem Lcheln ber
seine eigenartige Ausdrucksweise gar nicht heraus, aber auch nicht aus der
herzlich tiefen Rhrung, in der er uns ohne Unterbrechung festzuhalten wute.
Sie htten gar keinen bessern Dolmetscher ihrer Reue, ihrer Umkehr und ihrer
guten Vorstze finden knnen, diese sogenannten Rebellen und Emprer. Da sie
einsahen, verfhrt worden zu sein und ble Vorstze gehabt zu haben, das
brauchte uns nicht zu wundern, denn sie waren ja denkende Menschen. Aber sie
lieen uns bitten, sich oben an der Kapelle versammeln zu drfen, wo der
Reverend im Namen der Shen zu ihnen sprechen und ihnen ihre Snden verzeihen
mge! Und nach der Ursache dieses Wunsches gefragt, lieen sie durch den Sejjid
erklren, sie seien aus Feinden in Freunde der Shen verwandelt worden, sie
mchten aber noch mehr werden, nmlich Mitglieder; dies sei aber ohne
vollstndige Vergebung nicht mglich, und hierzu msse ihrer Ansicht nach nicht
ein gewhnlicher Mann, sondern ein Priester erforderlich sein. Das war doch mehr
als das, was man erklrlich oder gar selbstverstndlich nennt!
    Der Reverend fragte bei Fu und John mit einem Blicke an. Beide nickten.
Darum gab er den Bittstellern den Bescheid:
    Der Tag der Feindschaft gegen uns ist fast vorber. Nur eine Stunde noch,
dann ist es Mitternacht. Bringt Eure Leute her, um diese Zeit des Schrittes in
das Neue! Ich will mit einem Gotteswort beim Klang der Orgel Euch hinberleiten.
Ihr ahnt den bessern Morgen. Ihr sollt ihn nicht blo ahnen, sondern sehen, mit
erleben. Jetzt geht!
    Kaum da sie sich entfernt hatten, wurde Fu abgerufen. Es sei soeben ein
Pao-Chin-Ti69 mit einem kaiserlichen Schreiben angekommen. Er kehrte erst nach
einiger Zeit zurck, da dieser Mann in gebhrender Weise empfangen und als hoch
willkommener Gast behandelt werden mute. Sein Gesicht war ernst,
auerordentlich ernst. Man sah ihm an, da es sich um eine ungewhnliche, sehr
wichtige Sache gehandelt hatte. Er hielt das Schreiben in der Hand, ging nach
seinem Platze, setzte sich aber nicht, sondern blieb stehen und sagte, whrend
Aller Augen an seinen Lippen hingen:
    Dieser erste Tag der Shen schliet fr mich ernst und schwer. In meiner
Hand liegt hier das Schicksal ganzer Vlker. Wir alle sind einander eng
verwandt. Es ist also nicht ntig, da ich schweige. Ich darf es nicht nur
sagen; Ihr sollt das Schreiben hren, Wort fr Wort.
    Er faltete es auseinander und fgte zur Vorbereitung noch hinzu:
    Wir hrten vorhin sagen: Der Tag der Feindschaft gegen uns ist fast
vorber. Nur eine Stunde noch, dann ist es Mitternacht. Ich aber wei: Der Tag
der Feindschaft ist noch nicht vorber. Vielleicht ist es noch weit bis
Mitternacht! Hrt, Freunde, was ich lese!
    Wie gespannt wir waren! Er hob das Schreiben zur Augennhe empor und begann.
Aber kaum erklangen die ersten Worte, die er las, so erschallte vom Tale herauf
und von allen Seiten her ein vieltausendstimmiger Schrei des Schreckes, in den
auch wir einstimmten. Es war pltzlich finster, vollstndig finster um uns. Wir
eilten an die Fenster. Was sahen wir da? Das Zeichen des Christentumes war
verlscht, das herrliche Kreuz, so hoch es war, und in seiner ganzen Breite!
Kein Flmmchen war mehr zu sehen, nicht das geringste, kleinste! Doch unten, im
Tale, da leuchtete noch immer wie vorher der stille, milde Glanz der
Menschlichkeit im Zeichen unserer Shen. Und droben in der Hhe standen auch
die drei andern Symbole, die nicht elektrisches Licht besaen, noch in ihrer
vollen Klarheit. Nur das Kreuz war finster geworden, sonst weiter nichts! Wie
ein dumpfes Brausen stiegen die Stimmen der tief unter uns versammelten
Menschheit zu uns empor, und auch unsere Lippen ffneten sich, um nach der
Ursache dieser pltzlichen Verfinsterung zu fragen. Tsi war mit mir an dasselbe
Fenster gekommen. Er beugte sich hinaus, schaute hinab, wendete sich dann wieder
nach dem Saal zurck und sagte:
    Die Leiche eines aus dem Paradies Gestrzten fiel in das Licht; da dunkelte
es fr einen Augenblick. Jedoch verlschen kann es nicht fr immer, weil es ja
Licht aus ewiger Quelle ist!
    Da erklang die Stimme Marys, seiner Braut:
    Strzte wirklich Jemand ab? Oder sprichst du nur im Bilde?
    Nehmt es als Bild, bis wieder Licht geworden ist, antwortete er. Nur
Leichen sind es, welche Dunkelheit verbreiten; im wahrhaft Lebenden gibt's keine
Finsternis. Welche Botschaft hast du empfangen, Vater? Sage sie uns im Dunkeln,
da dir das Licht genommen worden ist, sie vorzulesen!
    Da antwortete Fu, und das, was er sagte, klang in der Dunkelheit wie aus der
Tiefe eines noch unenthllten Geheimnisses heraus:
    Mein Sohn, du hast soeben Groes gesagt, und weil es um mich finster ist,
bin ich so khn, es zu wiederholen: Die Leiche eines aus dem Paradies Gestrzten
fiel in das Licht; da dunkelte es fr einen Augenblick, und dieser Augenblick
ist unser Erdenleben; da herrscht nun die Verwesung dieser Leiche. - - - Meine
Brder, es gibt - - - Krieg!
    Wo - wo - wo - - - wo? rief es rundum.
    Hier - - bei uns - - im Lande unserer Shen! Der Bote brachte mir die
Trauerkunde. Fragt nicht, weshalb, und fragt auch nicht, mit wem? Ich aber frage
im Namen der Menschheit in dieses tiefe Dunkel, in diese Finsternis hinein: - -
-
    Er kam nicht dazu, weiterzusprechen, denn pltzlich wurde es wieder hell,
fast heller noch, als es vorher gewesen war, um uns und auch da drauen, im
Freien. Die Leiche des verunglckten Dilke war, ob durch Naturkraft oder durch
Menschenhand, das lie sich jetzt nicht sagen, beseitigt worden, und sofort
kehrte das Licht in die verfinsterten Krper zurck. Von Neuem stand das Kreuz
in weithin leuchtender Glut, und berall ertnten jubelnde Stimmen, seine
Rckkehr zu begren. Bei seinem Lichte sahen wir die Scharen der Menschen,
welche aus dem Dorfe hinauf nach der Kapelle zogen. Das waren nicht nur die
bekehrten Anhnger der Fan-Fan, sondern Hunderte und Aberhunderte mehr, die sich
ihnen angeschlossen hatten.
    Noch habe ich die Frage nicht ausgesprochen, so ist schon die Antwort da!
rief Fu. Ich hoffe, da wir alle sie verstehen! Ziehen wir jetzt mit nach der
Kapelle. Dort fliet uns die Quelle des Lichtes, das zwar verdunkelt werden,
doch nie verlschen kann!
    Ja, steigen wir mit hinauf, stimmte der Ho-Schang bei. Nicht hier,
sondern dort oben ist der rechte Platz, die kaiserlichen Worte zu verlesen, die
ich Euch mitzuteilen habe. Sie sichern Euch die allerhchste Gnade und
allerhchsten Schutz; das sollen Alle hren, die sich jetzt dort versammeln. Wir
feiern heut den Shen-Ta-Shi, den groen Tag der Shen, doch reicht er ber Tag
und ber Nacht, geht ber Monden, ber Sonnen hin und wird auf Erden nie und
nimmer enden!
    Da faltete der alte, ehrwrdige Reverend die Hnde und sprach:
    Die allerhchste Gnade und der allerhchste Schutz! Im Sinne unserer Shen
also die Gnade und der Schutz des Allmchtigen und Allliebenden, bei dem es ewig
Frieden gibt, selbst wenn des Krieges Ruf hier bei uns Trichten sogar am groen
Tag der Menschlichkeit erklingt. Hinauf zu ihm, zu unserer Kapelle! Gleich ist
es Mitternacht; sie soll uns betend - dankend - hoffend finden! - - -

                                    Funoten


1 Gesticktes Brust- und Rckenschild.

2 Eseltreiber.

3 Christ.

4 mein Herr.

5 Wunder Gottes!

6 So wird in Aegypten der Fez genannt.

7 Allah sei Dank.

8 See ohne Wasser.

9 Advokat, Verteidiger.

10 Dorfschulze.

11 Gerichtsversammlung.

12 Dolmetscher.

13 Herein!

14 Muhammedanischer Rosenkranz.

15 Herz des Ostens.

16 Gtzendiener.

17 Insekten.

18 Villen, Wohnhuser.

19 Omar, der Unwissende.

20 Herr.

21 Ladenbesitzer, Handelsmann.

22 Der chinesische Kaiser.

23 Der Vater des chinesischen Thronfolgers.

24 Der Oberfeldherr der Chinesen.

25 Ungefhr unser Doktor.

26 Der Optimus, der Beste.

27 Kollegium der Literatur.

28 Versammlung der Blinden.

29 Vorlufer, Stallbediensteter.

30 Heil, heil! der chinesische Gru.

31 Chinesisches Seidenzeug.

32 In Indien sagt man Tiffin anstatt lunch oder luncheon.

33 Malajisches Boot.

34 Dame, Herrin.

35 Beratung der Huptlinge.

36 Malajisches Dorf.

37 Feuer.

38 Tempel.

39 Herr.

40 Malajischer Dolch.

41 Bei den Malaien Herr mit militrischen Wrden.

42 Snfte.

43 Malajisch: Mensch. Orang Utan: Waldmensch.

44 Lendentuch.

45 Schultertuch, Rock.

46 Kanton.

47 Missionar.

48 Hongkong.

49 Malaie.

50 In Griechenland und Rom eine Geldsumme von 4-5000 Mark.

51 Nachtigall.

52 Oberster Hafenbeamte.

53 Weizuckerstein: Marmor.

54 Groer Tag der Shen.

55 Dampfer, wrtlich: Feuer-Rad-Schiff.

56 Amtsbureau.

57 Chinesischer Hut.

58 Pekinger Staatszeitung.

59 Fremde Rebellen.

60 Buch des Lebens.

61 Selbstsucht, Ha.

62 Jesus, Mariens Sohn.

63 Priester.

64 Arzt.

65 Siehe Im Reiche des silbernen Lwen v. Karl May Bd. IV.

66 Siehe: Im Reiche des silbernen Lwen v. Karl May, Bd. III pag. 307.

67 Dorfltesten.

68 Koch.

69 Eilbote.

