
                                  Ernst, Paul

                           Der schmale Weg zum Glck

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                                   Paul Ernst

                           Der schmale Weg zum Glck

                                  Erstes Buch

Es war in den ersten Wintertagen, wo um sieben Uhr schon Dunkelheit in den
Stuben ist. Die Gromutter sa still in ihrem Lehnstuhl am Ofen und trumte im
Halbschlummer von ganz alten Zeiten, als sie ein junges Mdchen war und einen
ungeschickten Freier auslachte. Pollux lag auf der Seite vor dem warmen Ofen und
schnarchte pltzlich, wachte davon auf, klopfte mit dem Schwanz auf die Dielen
und legte sich wieder um. Ganz laut tickte die Wanduhr, wie sie es am Tage nicht
wagt. Der kleine Hans sa muschenstill unter dem Tisch und stellte sich vor,
dieser Tisch sei eine Stube, die von allen Seiten verschlossen wre, und da se
er in der Mitte, und dann mte nichts weiter auf der Welt sein wie diese Stube.
    Dorrel ging in den Stall, und die Laterne warf schnell einen Schein ber die
Decke und dann die Wand entlang ber die Spitzen der Rehgeweihe und ber die
Gewehrlufe. Dann hrte man, wie der Melkeimer klirrte und wie sie mit der Kuh
zankte, die Elsbeth hie, und zuletzt hrte man das Melken.
    Die Tr ging auf, und die Mutter trat mit der Lampe herein. Die Gromutter
nahm schnell ihr Strickzeug in die Hhe und sagte, da sie gar nichts mehr habe
sehen knnen, denn sie wollte es nicht Wort haben, da sie geschlafen. Dann
deckte die Mutter mit dem leinenen Tischtuch, das aus selbstgesponnenem Flachs
gewebt war und in der Mitte eine Naht hatte, und der kleine Hans unter dem Tisch
sa jetzt viel heimlicher, sah auf die raschen Fe der Mutter und betrachtete,
wie der Rock sich bewegte. Und so klapperten die Teller, braune, irdene Teller,
und die Schssel mit dem Haferbrei wurde auf den Tisch gesetzt; sie war auch ein
irdenes Geschirr und war inwendig das Vaterunser mit Grn und Rot
hineingeschrieben, dann kamen die blanken zinnernen Lffel und die Messer und
Gabeln mit Hirschhorngriff, und ein Stck Schinken und ein Schinkenbrett fr
jeden, nur nicht fr den kleinen Hans, denn dem wurde sein Teil zugeschnitten,
und er kriegte es in ganz kleinen Wrfeln, aber die Groen aen ihren Teil in
Streifen.
    Die Uhr hob aus zum Schlagen, und der kleine Hans kroch unterm Tisch hervor,
um die Zeiger zu betrachten, wie sie zitterten whrend des Schlagens. Da waren
mit einem Male laute und schnelle Schritte des Vaters vor dem Haus; Pollux
sprang auf und stellte sich winselnd vor die Tr, der Vater kam eilig herein und
langte nach der Schrotflinte; Pollux sprang an ihm hoch; die Mutter warf sich
ihm entgegen und rief: Bleib, bleib, ich habe eine Ahnung, sie bringen dich tot
nach Hause! Er aber schob sie von sich, pfiff dem Hund und ging wieder eilig
hinaus; seine Wange blutete stark von einem langen Ri. Die Mutter warf sich
laut weinend auf einen Stuhl, der kleine Hans trat vor sie, legte ihr die
Hndchen in den Scho und blickte zu ihr auf. Die Gromutter aber in der Ecke
mit ihrer alten Stimme sprach tadelnde Worte und erzhlte, wie ihr selbst vor
vierzig Jahren die Arbeiter ihren Mann auf zwei jungen Tannen tot nach Hause
gebracht, mitten durch die Brust geschossen, aber sie habe nicht geweint, obwohl
sie ein junges Weib gewesen damals und erst ein halbes Jahr verheiratet, und
Hansens Vater sei nach ihres Mannes Tode geboren; denn wer in seiner Pflicht
stirbt, der hat einen guten Tod, und Gott verlt nicht seine Hinterbliebenen;
und wenn ein Frster sein richtiges Geld kriege, so msse er auch sein Leben
einsetzen gegen die Wilddiebe. Da weinte die Mutter noch strker, der kleine
Hans aber fate ihren Arm und versuchte ihr ins Gesicht zu sehen, denn er wollte
sie trsten.
    Zuletzt wischte sie sich die Trnen von den Backen, damit die Magd nichts
merken sollte von ihren Sorgen, und ging in die Milchkammer, die Milch in Satten
zu tun, indessen Dorrel der Kuh Futter aufsteckte. Und wie beide ihre Arbeit
beendet, kamen sie zurck in die Stube, und alle setzten sich an den Tisch zum
Abendbrot; nur des Vaters Platz blieb leer, und die Mutter sah nicht hin nach
der Stelle, denn sie hatte Furcht, die Trnen mchten ihr wieder in die Augen
steigen. Jedem tat sie auf seinen Teller von dem Haferbrei und auf sein
Brettchen ein Stck Schinken; dann betete sie mit lauter Stimme das Tischgebet.
    Der Mond war drauen aufgegangen ber den Spitzen der schwarzen Tannen, und
es schien heller durch die dick beschlagenen Fensterscheiben. Dorrel sprach
davon, da in der Nacht ein scharfer Frost kommen werde; die andern schwiegen;
pltzlich sagte Hans mit seiner hellen Stimme: Die Gromutter hat doch recht,
wenn ich das Geld nehme, so mu ich auch alles dafr tun, sonst darf ich das
Geld nicht nehmen. Aber niemand antwortete auf seine Rede, blo die Magd
verwies ihm, er solle nicht sprechen, wenn die Erwachsenen unter sich Dinge zu
ordnen htten. Dann beredete sie mit der Mutter, was am andern Tag getan werden
mute.
    Nach dem Essen rumte die Mutter das gebrauchte Geschirr ab; nur das Gedeck
fr den Vater lie sie liegen, hob ihm auch in der Ofenrhre seinen Haferbrei
auf. Dann war Hans wieder allein mit der Gromutter in der Stube.
    Da hatte sich die Katze hereingeschlichen, ging leise vor den Ofen, putzte
sich mit Sorgfalt, und dann setzte sie sich mit rechter Behaglichkeit, schlo
die Augen halb und spann; Hans lag vor ihr auf der Erde und sah ihr ins Gesicht,
so da sie verlegen wurde; er htte gern gewut, wie sie das Spinnen machte.
Dann betrachtete er die beiden groen Bilder ber dem Sofa; das waren der
Beerdigungszug des Jgers und der Beerdigungszug des Fischers. Dem Sarg des
Jgers folgten alle Tiere auf der Erde, der Hirsch, das Reh, die Sau, der Fuchs
und alle Vgel und ein kleines Eichhrnchen; und bei dem Fischer folgten die
Fische, denn es flo da ein Wasser. Er dachte sich immer, wie das sein mte,
wenn er auch ein Tier wre und folgte da mit in dem Bilde; man sah recht tief in
einen schnen und saubern Wald hinein, in dem mute es sich ganz gut lustwandeln
lassen, und die Bume waren ganz andrer Art, wie man sie sonst sah. Allgemach
kam der Sandmann, und er rieb sich die Augen. Da ging er zur Gromutter, die
sich die Lampe ganz nahe gerckt hatte und ihr Strickzeug ganz dicht vors
Gesicht hielt, und bettelte, da sie ihm die Geschichte von der weien Schlange
erzhlen sollte.
    Da erzhlte die Gromutter, wie ein Vorfahr der Grafen, denen die Wilder
hier gehrten, ein Prasser und Schlemmer gewesen sei und ein bser Mann; der
habe einen guten und frommen Diener gehabt, der ihn oftmals zum Bessern ermahnt,
aber niemals zur Umkehr habe bewegen knnen. Eines Tages habe der Diener dem
Grafen eine verdeckte Schssel mssen auf sein verschlossenes Zimmer bringen,
und wie er, von besonderer Neugierde bewegt (das zwar nicht ehrbar von ihm
gewesen), die Schssel aufgedeckt habe, sei eine gekochte weie Schlange darin
gelegen, in viele Stcke zerschnitten. Da habe er sich nicht mehr bezwingen
knnen und sei ihm gewesen, als werde ihm befohlen, da er eins der Stckchen
heimlich habe nehmen mssen. Der Graf aber habe alles andere gegessen und nichts
gemerkt. Wie nun der Diener am Fenster steht und in den Schlograben
hinuntersieht, schwimmen da zwei weie Enten, und er merkt, da er ihre Sprache
versteht, und sie erzhlen sich, da das Schlo noch diese Nacht untergehen
soll; der Herr aber stand auch am Fenster und lachte. Daraus merkte der treue
Diener, da der Graf etwas Falsches verstanden hatte fr seine Snden, verfiel
rasch auf eine List und sprach, er habe sich eine lustige Jagd ausgedacht fr
diesen Abend; nmlich alles Schlogesinde solle mit Fackeln kommen, und der Herr
mit seinem einzigen Tchterchen, denn seine Gemahlin war schon seit langem
verstorben, solle auch kommen, und dann wollen sie Krebse fangen in einem
Waldbach, den er wisse, weil es jetzt Zeit sei zum Krebsen. Dies gefiel dem
Grafen und wurde so gemacht. Und wie alle aus dem Schlo gezogen waren und sich
erlustigten und frhlich waren, kamen Blitze und Donnerschlge und ein Erdbeben,
und das Schlo versank, und an der Stelle ist jetzt die Elsgrube. Da wurde der
Graf ganz bla und ging in sich und ging in ein Kloster; vorher aber
verheiratete er seine Tochter mit dem frommen Diener und gab dem sein ganzes
Gut, und von dem stammen in mnnlicher Reihenfolge die jetzigen Grafen ab,
wiewohl der Name nicht gewechselt und noch der alte ist.
    Unter dem Erzhlen war Hans fast eingeschlafen. Jetzt kam die Mutter, um ihn
zu Bett zu bringen. In der schrgen Dachkammer, unter den kalkverputzten
Ziegeln, zog er sich aus, dann faltete er die Hnde und betete mit der Mutter
zusammen sein Kindergebet:

Abends, wenn ich schlafen geh,
Vierzehn Engel bei mir stehn,
Zwei zu meiner Rechten,
Zwei zu meiner Linken,
Zwei zu meinen Hupten,
Zwei zu meinen Fen,
Zwei, die mich decken,
Zwei, die mich wecken,
Zwei, die mich weisen
In das himmlische Paradeischen.

    Dann schlief er ein, und der Mond zog langsam weiter hinauf ber den stillen
Wald; die Kuh klirrte einmal mit ihrer Kette und brllte leise und behaglich,
und dann legte sie sich schwer nieder zum Wiederkuen; kein Gerusch war im Haus
wie zuweilen ein Klappern mit dem Geschirr aus der Kche, wo Dorrel abwusch.
    Wie die Mutter wieder in die Stube trat, hatte die Gromutter den Kopf auf
den Tisch gelegt und schluchzte, da das Licht der Lampe sich bewegte durch die
Erschtterung. Die Mutter setzte sich still ans Fenster; und so warteten die
beiden Frauen in der Nacht, ob sie vielleicht einen Schu hrten. Lange warteten
sie so allein; denn Dorrel kam nicht in die Stube, wie sonst immer nach der
Abendarbeit, sondern sie tat, als habe sie heute mehr in der Kche zu verrichten
wie gewhnlich; sie wute, da die beiden Frauen in Sorge saen und wollte sie
schonen; sie selbst aber dachte immer hin und her: Was soll mit dem Kind werden,
die Mutter kann den Jungen nicht erziehen, der braucht einen Vater; und ber
ihrer nassen Planenschrze faltete sie ihre schwieligen Hnde zu einem wortlosen
Gebet fr ihren Herrn. Es mochte gegen Mitternacht sein, da hrte man den
schweren Tritt des Vaters vor dem Hause. Die Mutter eilte, die Haustr
aufzuschlieen. Er trat ein, bot die Zeit, hngte die Flinte an die Wand und
setzte sich an den Tisch. Sie brachte ihm das Essen; der Hund ging still zu
seinem Lager, denn nur in Abwesenheit seines Herrn wagte er vor dem Ofen zu
liegen, drehte sich im Kreis, legte sich und schlief scheinbar ein, indem er
doch aufmerksam das Gesprch verfolgte.
    Es war ein Schreiben von der grflichen Gterverwaltung gekommen, in dem ihm
mitgeteilt wurde, da der Bocksklee abgetrieben werden solle. Der Frster wurde
tief erregt und sprang auf. Er hatte immer verlangt, da der Bocksklee ungestrt
bliebe, weil er den Westwind abfing und dadurch ein groes Gebiet vor Windbruch
schtzte. Aber der Herr hatte Geld ntig, und da war es ihm gleichgltig, was
geschehen mochte.
    Der Graf war ein sehr freundlicher und liebenswrdiger Herr; er gab dem
Frster die Hand und sagte zu ihm: Guten Tag, mein lieber Werther; er fragte
nach seiner Frau und dem Jungen und lobte ihn wegen seines Eifers. Aber der
Frster hatte keine Achtung vor ihm, weil er leichtfertig war in Worten und
Werken und sein Gut vertat, anstatt zu sparen und zu wirtschaften. Deshalb
wollte er den kleinen Hans spter auch nicht in Herrendienst geben, wiewohl ihm
das Herz blutete, wenn er dachte, da sein Junge einmal nicht das grne Tuch
tragen sollte, in dem Grovater und Urgrovater stolz gewesen waren; aber er
sollte einmal ein freier Mann werden, da er seinem Gewissen folgen durfte und
nicht gehorsamen mute, wenn ihm unkluge Befehle gegeben wurden; deshalb wollte
er ihn studieren lassen, denn er dachte, ein Studierter brauche niemandem zu
dienen und knne immer tun, was recht ist. Abends, wenn er einmal ein
Halbstndchen Zeit hatte, nahm er das Kind zuweilen auf den Scho und sprach mit
ihm, da er fleiig sein msse und lernen, dann msse er einmal nicht mit
krummem Rcken dastehen in der Welt, sondern knne seinen geraden Weg gehen als
ein aufrechter Mann. Der Graf war nicht bse, aber er hatte keine langen
Gedanken. Auf der Jagd war er so einfach wie einer von seinen Leuten; aber wenn
er in der Stadt lebte, so htte er sich geschmt, wenn er es nicht andern htte
gleich tun sollen, die reicher waren wie er. Einmal hatte er im Frsterhause
eingesprochen und mit der Frau Werther geredet ber Haushalt, Wirtschaft und
Kindererziehung; da schienen seine Meinungen so verstndig und ordentlich, da
die Frau sich immer noch wunderte, wie so ein Herr solche Einsichten haben
konnte in Dinge, die ihm doch ganz fern lagen; aber in seinem Hause bekmmerte
er sich nicht um Einteilung, Ordnung und Einrichtung. Er nahm nur aus den Kassen
das Geld, das er brauchte, ohne sich zu berlegen, ob er Einnahmen verzehrte
oder Vermgen. Seine Kinder wuchsen auf, ohne da er sich klar machte, zu
welchem Ende und unter welchen Einflssen, denn auch seine Frau hatte keine
Hausgedanken. Deshalb trieben sich die beiden Shne am liebsten in den Stllen
und Kchen herum und lernten wenig trotz teurer Hofmeister; und die Tochter, die
einen besonderen Trieb zum Lernen hatte und ganz unpassende Lehrer bekam, wie
sie eben fr ein ganz gewhnliches Mdchen geeignet gewesen wren, suchte
verstohlen in der vernachlssigten Bibliothek Bcher fr sich und bat den alten
Pfarrer, bis er sie im Lateinischen unterrichtete. Einmal nahmen ihr die Brder
heimlich ihre lateinischen Bcher fort und bauten sie auf ihrem Platz am
Kaffeetisch auf; da hrte der Vater zuerst von ihren Studien, schttelte den
Kopf und sagte, da ihm ihre Wege nicht gefielen. Sie prete die Lippen zusammen
und fuhr fort in ihrer Weise, und bekmmerte sich niemand darum. Es ging dem
Grafen, wie es heute vielen reichen und vornehmen Leuten geht; er hatte weder
Amt noch Dienst, sorgte nicht fr seine Angelegenheiten, noch fr seine Familie,
fand kaum einmal ein wirkliches Vergngen, und doch hatte er nie Zeit; sein
Leben zerflo ihm zwischen den Fingern, wie wenn ein Kind eine Handvoll Sand vom
Boden hebt.
    Die Shne kamen schon frhzeitig auf schlimme Wege. Da war ein Bursche im
Stall, an den hingen sich die Jungen; der war ein tchtiger Knecht, machte seine
Arbeit sauber und ordentlich und hielt sein Geschirr gut, aber war ein
Schrzenjger; durch den lernten sie frhzeitig viel, und weil ihnen das
Gegengewicht der harten Arbeit wie sauren und einfachen Pflicht fehlte, so wurde
das Unkraut in ihrer Seele ppiger, wie es bei dem Verfhrer gewesen, der spter
ein ordentliches Weib kriegte, das ihn gehrig in die Kandare nahm und zu einem
braven Manne machte. Noch rger war es, da die Knechte zum Scherz ihnen von
ihrem Branntwein gaben und lachten, wenn sich die Jungen schttelten nach dem
Trunk und doch wieder von neuem begehrten; und wie sich einmal die Leute
untereinander rhmten, welcher den schrfsten Schnaps getrunken habe, und
allerhand beizende Mittel erzhlten, gestoenen Pfeffer, Schwefelsure, die den
Branntwein perlen macht, und Tabaksbrhe, krhten die Jungen auch dazwischen und
verredeten sich, da ihnen das Schrfste das Wohlschmeckendste sei, tranken auch
von dem gepfefferten Branntwein. Endlich fand sich ein uralter Mann, der frher
Taglhner gewesen war und nun aus Gnaden auf dem Hofe erhalten wurde, wofr er
die Gnse hten mute, der war schon in jungen Jahren ein schlechter und
liederlicher Bursche, und nun, in seinem Hochalter, verwirrten sich ihm
vollstndig alle Begriffe von Gut und Bse, da er in seinen Begierden schlimmer
wurde wie das Vieh, nmlich nicht blo schamlos, sondern rhmerisch und frech.
Wohl suchten die ehrbaren und ordentlichen Leute unter dem Gesinde dem bel
Einhalt zu tun, indem sie den Bswilligen verboten und die Jungen zu sich ziehen
wollten; aber wo keine Zucht ist, da gewinnen die Schlechten und Liederlichen
die Oberhand, auch wenn sie in der Minderzahl sind, und ungezogene Jugend geht
lieber zu der beln Seite, wo geprahlt und geschmeichelt wird, wie zu ruhigen
und sittsamen Menschen und bescheidenen und strengen Worten; denn nicht das
Laster ist verfhrend, das ja meistens mehr mit Unbehagen und Schmerz verbunden
ist wie mit Freude und Wollust, sondern die lasterhafte Gesellschaft verfhrt
durch freche und unbotmige Reden, bertreibende und lgnerische Erzhlungen
und falsche Scham.
    Viele Leute sehen auf ein Haus wie des Grafen; und kaum eine geringe
Kleinigkeit kann in ihm geschehen, die nicht in einem groen Kreise besprochen
wrde und weite Wirkung ausbte; das Wesen der Vornehmen wird genau erkannt und
beurteilt, und mancher Taglhner wute von Art und Schlag des Grafen, seiner
Gemahlin und seiner Shne mehr wie er selbst. In unserer Zeit ist die
Gesellschaft bis in ihre letzten Tiefen aufgerttelt, und alle alten Bande sind
gesprengt, die bewirken, da es ein Unten und Oben gibt. Manche Menschen meinen,
da dieser Zustnde Ende eine vllige Gleichheit aller Menschen sein werde; wer
aber genau zusieht, der wird merken, da diese allgemeine Ungebundenheit im
Gegenteil eine neue und tiefere Scheidung der Gesellschaft bewirkt, indem die
Tchtigen sich zu den Tchtigen scharen und die Schlechten zu den Schlechten;
viele sinken so und viele steigen; viele der Gestiegenen sinken wieder, denn sie
knnen sich nicht oben halten; manche aber bleiben oben, und auch einer
gesunkenen Familie gelingt es wieder, zu steigen, wenn sie sich doch als tchtig
erweist. In solchem Vorgang bt der Anblick einer Familie wie des Grafen eine
auerordentliche Wirkung, denn die Schlechten werden bestrkt im Leichtsinn oder
in aufrhrerischer Gesinnung, die Guten aber werden desto trotziger und stolzer;
und bei beiden wird der Freiheitsinn gemehrt, bei den einen der Sinn fr die
Freiheit der Zuchtlosigkeit, die sie und ihre Kinder in das wohlverdiente und
notwendige Verderben treibt; bei den andern der Sinn fr die Freiheit der Zucht
und Ehre, die sie tchtig machen, sich zuoberst zu setzen in die verlassenen
Sthle; denn nachdem sie gelernt, in Ehre zu gehorchen, vermgen sie auch in
Ehre zu befehlen.
    Der Frster hatte seinen Abscheu vor der Wirtschaft auf dem Schlosse immer
mehr vertieft. Zwar durfte er seinem Herrn nichts sagen von seiner Meinung; aber
wenn die beiden zusammenkamen, so uerte sich in ihrem Wesen dennoch deutlich
ihre wahre Beziehung, die seelische, die wichtiger ist wie die uerliche der
zuflligen Verhltnisse. Der Frster war ehrerbietig, aber wortkarg, und schritt
als ein groer, magerer Mann in weiter und fester Gangart, der Graf, der klein
und durch sein frhliches Leben fett war, ging flchtiger und schneller, indem
er ein wenig zurckblieb, und sprach oft Stze, mit denen er seinen Frster zum
Lcheln bringen wollte. Der Frster behielt wohl, was sein Herr sagte, aber er
bezog sich spter nie wieder auf seine Worte, wenn sie nichts Dienstliches
betrafen; der Graf aber erinnerte den Frster oft an frhere Aussprche. Doch je
liebenswrdiger der Graf war, desto bitterer wurden des Frsters Gedanken, denn
er gedachte des alten Herrn, der ein rauher und fester Mann gewesen war, der von
jedem seine gebhrende Ehrenbezeigung verlangte; der hatte ihm einmal ein
Trinkgeld gegeben, als er noch Jgerbursche war, und dazu gesagt: Bleib ein
ordentlicher Kerl; wie er tot war und aufgebahrt lag, war er in Uniform und
hatte den Helm auf dem Kopf; aber wie sie ihn einsargten, muten sie ihm den
Helm unter den Arm geben, das hatte er so angeordnet vor seinem Ende. Dann mute
er auch immer den Bocksklee bedenken; das war ein Vorwerk gewesen mit schlechtem
Boden, das sein Urgrovater aufgeforstet hatte, und von seiner Hand war noch der
Plan da, wie es mit dem Umtrieb gehalten werden sollte, des Windbruches wegen;
und wenn er sich die viele Mhe und Sorge, die durchwachten Nchte und
arbeitsreichen Tage vorstellte, die seine Vorfahren verbracht hatten, bis der
Wald so stolz und wertvoll war, so kam ihm der Groll bis an die Kehle und
hinderte ihn zu sprechen. Keinen Stand gibt es, der so mit der Arbeit der
Vergangenheit zusammenhngt und so mit der Hoffnung auf die Zukunft verwachsen
ist wie der Frsterstand; denn was ein Frster erntet, das haben die Toten
gepflanzt, deren Grber lngst eingesunken sind auf dem Kirchhof; und was er
pflanzt, das wird man ernten, wenn die Shne seiner Urenkel als Mnner im grnen
Rock durch den Wald gehen. Deshalb ist etwas Adeliges in einem rechten Frster,
denn er wei, da der Mensch nicht ein haltloses Gesindlein ist, das morgen lebt
mit dem Taglohn von heute und sich dick tut mit seinem Elend und lumpigen
Verdienst, sondern der Mensch lebt durch die Liebe der Vorfahren in Pflicht fr
die Nachkommen, nicht von seinem Verdienst, sondern nach seinem Gewissen.
    Ein Kind, das in solchen Lebensumstnden aufwchst, bekommt etwas Besonderes
mit. Es lernt frh die Beziehung seines eignen Lebens als eines fast zuflligen
zu Vergangenheit und Zukunft seines Geschlechtes; aber doch nicht in der Form
des harten Erwerbsinns und des Stolzes auf den Besitz, wie im Bauernstand,
sondern in der Form des Gefhls fr reine Ehre und strenge Pflicht; denn nicht
fr sich und seine Kinder pflegt der Frster sein Gut, sondern fr andere.
    Kein Mensch wei, wie sich das Wesen eines Kindes bildet und wie Erbschaft
und Einflu einander bestimmen. Ganz kleine Kinder haben in viel hherem Mae
wie Erwachsene die Fhigkeit, aus Miene und Haltung zu erfahren, was in einem
andern ist; und in viel hherem Mae haben sie auch den Trieb, nachzuahmen,
uerliches wie Innerliches. Kaum hatte der kleine Hans gehen knnen, da legte
er schon die Hnde ber den Rcken und ging ernsthaft in der Stube auf und ab
mit steifen Schultern, wie sein Vater tat am Sonntagnachmittag, sagte er sein
Nein oder sein Ja mit derselben Betonung wie der Vater; und da seine gesamte
Umgebung dieselbe war, in der sein Vater und Grovater aufgewachsen waren, so
nahmen alle seine angeborenen Triebe dieselbe Richtung, wie sie bei Vater und
Grovater genommen hatten, und seine Art wurde noch strker, wie die seiner
Vorfahren gewesen.
    Und was erzog ihn alles. Da erwachte er des Morgens, und sein Hauch war
sichtbar in der kalten Luft unter dem kalkverputzten Ziegeldach, und die kleinen
Fensterscheiben waren dick gefroren. Und unten in der Stube sa er dann am
Fenster, sah, wie die Schneeflocken niedertanzten und sich sanft auf Zweige
legten und auf Bretter und auf den Erdboden, der mit kleinen Steinchen bedeckt
gewesen; aber wenn die groen Flocken ans Fenster wehten, so vergingen sie
schnell, indem sie niederglitten. An manchen Tagen, wenn es nicht schneite und
sehr kalt war, taute auch in der Stube das Fenster nicht ab; dann hauchte er an
die Scheibe und schmolz sich ein rundes Loch zum Ausschauen; im Augenblick war
es wieder mit einer dnnen Eishaut bedeckt, die war aber nicht wei. Im Walde
war ein Krachen, Tnen und Donnern; und der Wald stand doch ruhig und unbewegt
mit seinen schneebedeckten Zweigen in der hellen Sonne. Wenn die Klte so gro
war, so wurde das Herz leicht und lustig und verlangte nach Gefahren; dann
dachte er an den letzten Luchs, den sein Grovater hier geschossen, und seine
Fuste ballten sich; und an die Franzosenzeit dachte er, wie da das ganze Dorf
in den Wald gezogen war, und er schmte sich, da alle solche Furcht gehabt
hatten. Denn wer recht hat und Gott frchtet, der mu ausharren, wie im Buch der
Makkaber erzhlt ist von den sieben Brdern und ihrer Mutter; wie die Mrder
sechs zu Tode gemartert hatten, da sprach der letzte, der noch ein Kind war:
Worauf harrt ihr? Gedenket nur nicht, da ich dem Tyrannen hierin gehorsam sein
will, und lie sich auch martern, trotzdem er noch klein war.
    Abends las die Gromutter oft lange vor aus der alten Bibel, deren Bltter
braun geworden waren durch die Finger so vieler Vorfahren, die jetzt lange
vergessen lagen in ihren rasenbedeckten Grbern; aus den Geschichtsbchern im
Alten Testament las sie und aus den Evangelien und der Offenbarung Johannis, von
dem himmlischen Jerusalem und von der Schale des Zorns, von den vier Reitern und
von dem Tier, das ber den Gewssern sitzt. Wenn Hans dann mit ihr sprach ber
das Gelesene, so wunderten sich beide ber die Verstocktheit der Juden und
freuten sich, da wir die Offenbarung haben, und da unser Herr Jesus fr uns
gestorben ist, an den wir glauben mssen, und knnen nicht irren. Und wir sehen
alle Tage, da der Gerechte siegt und der Ungerechte vergeht; denn wenn auch ein
schlechter Mensch scheinbares Glck hat, so verrinnt das doch bald, wie es Klaus
Hrgen geschah, der aus der Fremde heimkam mit einem groen Vermgen, sich ein
Haus kaufte und nichts mehr tat; was geschieht? Nach ein paar Jahren wurde ihm
sein Haus wieder verkauft, und kam in Schimpf und Schande. Da es aber einem
guten Menschen schlecht ginge, das ist noch nie geschehen; es mte denn sein
wie bei der frommen Genoveva, weil der Herr sie prfen wollte und ein Beispiel
geben fr andre.
    Im Sommer streifte der kleine Hans viele Stunden lang allein im Wald. Da
lagen die Tannennadeln glatt und ungestrt auf dem Boden, und die hohen Stmme
standen regungslos; nur wenn er zuweilen auf dem Rcken lag und in die Wipfel
schaute in der tiefen Stille, sprte er ein leises Wiegen der Stmme und wie die
spitzenbehangenen ste sich kreuzten, hoch oben. Das war eine andre Welt, hoch
oben; wenn man ein andres Wesen wre, ein Vogel oder ein Eichhrnchen, so lebte
man da, hpfte von Ast zu Ast, und alles, was unten ist, she ganz klein aus und
ginge einen nichts an. In die Stille kam pltzlich das Klopfen oder das Hmmern
eines Spechtes, ganz von weitem, oder ein unmerklich leises Gerusch von einer
kleinen Meise mit blitzenden Augen. Und Moos war da, das drngte sich dicht, und
eine Art sah aus wie ein Tannenwald im kleinen, der Berg und Tal berzieht und
alles rund macht. Ameisen auf einem solchen Moosberge kamen sich wohl vor wie
wir im Hochwald; vor Gott aber waren wir gleich den Ameisen und ein Wald von
vielen Meilen wie ein Hufchen Moos. Das war wunderbar, wenn man auf der anderen
Seite die Wrdigkeit der Menschen bedachte, denn alle unsre Gedanken kannte ja
Gott; dieses war auch der Grund, weshalb wir um ein reines Herz beten, weil wir
uns nicht gern schmen, wenn Gott in uns hineinsieht. Einmal hatte Hans gemerkt,
wie Gott in ihn hineinsah, aber da hatte er gerade ein reines Herz, und das
machte ihn sehr froh, und es war ihm, als mte es sich innerlich ganz
ausbreiten vor Gott, wie ein Buch mit der ersten Seite aufgeschlagen hingelegt
wird; er war im Walde und in einer sehr groen Stille.
    Wir haben seltene Augenblicke im Leben, wo uns unser inneres Wesen
symbolisch gezeigt wird, wie wir ja auch im Traum, statt Begriffe zu denken,
Symbole sehen. In einem solchen Augenblick, da er zudem auf der uersten Spitze
seines Lebens stand und sich in solcher Schicksalsstunde fr immer nach links
wenden mute oder nach rechts, hatte er in seinem spteren Leben einmal ein
schnell vorberhuschendes Schattenbild eines hohen und ernsten Tannenwaldes, und
sein Gefhl war wie Glockenklang. Da entschied er sich nach der rechten Seite;
und dann wurde ihm klar, da der Wald ein treuer Lehrer seiner Jugend gewesen
war; und er wute genau, da er ein andrer Mensch geworden wre, wenn er unter
Buchen oder Eichen aufgewachsen, statt unter Tannen.
    Ein treuer Lehrer war ihm auch Dorrel, das Dienstmdchen. Er war bei ihr im
Stall, wo das trbe Licht in der groen alten Laterne brannte, und Dorrel
melkte, gleichmig und in langen Zgen, indes die Kuh behaglich ihr Kleeheu aus
der Krippe zupfte; ein ganz besonderer Ton war in dem Melken, der nach Ordnung,
Ehrbarkeit und Flei klang; auch die Kuh steht bei einer faulen und hochmtigen
Melkerin nicht so ruhig und behaglich, denn das liebe Vieh merkt wohl den
Unterschied im Wesen der Menschen und benimmt sich danach.
    Dorrel hatte eine besondere Kunst; sie konnte Schutzkrausen aus buntem
Papier fr Talglichter machen; die schnitt sie zuerst mit der Schere zurecht,
und dann drehte sie mit der Schrze sie so, da sie schne Falten bekamen. Wenn
sie dem kleinen Hans etwas ganz besonders Gutes antun wollte, so versprach sie
ihm, da sie ihm eine solche Krause machen wolle, und dann freute er sich sehr.
Sehr oft nahm sie ihn mit, wenn sie aufs Feld ging, und besonders wenn sie im
Herbst aus der Eisgrube Kartoffeln holte. Da zog sie den Schubkarren aus der
Scheune, legte den Sack auf und lie dann den kleinen Hans sich setzen; der sa
da mit geknickten Beinen und sah glcklich in Dorrels rotes, strahlendes
Gesicht, die den Sielen ber die Schulter geworfen hatte und rstig den Karren
vor sich hinschob. Denn auch fr sie war es eine groe Freude, wenn sie
Kartoffeln herausholte. Whrend sie schob, gab sie ihm Rtsel auf, alte Rtsel,
die sie selbst als Kind von ihrer Gromutter gelernt:

Es ging ein Mnnchen ber die Brcke,
Es hatt' ein Krbchen auf dem Rcken;
Hatte drinne Sich sich,
Hatte drinne Stich stich,
Hatte drinne Weigewaschen,
Ohne Seif' und ohne Wasser.

    Das wute Hans natrlich nicht, was das war, nmlich: Spiegel, Nadeln und
Eier. Sehr merkwrdig war das. Auch das war ein schweres Rtsel:

Der Knig von gypten,
Der hatt' ein Ding, das wippte,
Er konnt' es nicht verkaufen,
Er mut' es selber brauchen.

    Das war nmlich seine Zunge.
    Und in der Elsgrube war in der Mitte ein rundes Wasser, das war ohne Grund.
Vor vielen Jahren hatten die Leute einmal drei Heuseile aneinandergeknpft und
unten einen schweren Stein angebunden und den hinabgelassen, aber sie konnten
keinen Boden finden. Hier hatte frher das Schlo des Grafen gestanden, das
untergegangen war, als der treue Diener von der weien Schlange gegessen; jetzt
aber lagen hier die cker, die zum Forsthaus gehrten.
    Dorrel machte dem kleinen Hans eine Schleuder, indem sie eine schwibbe Rute
von einer Weide abschnitt und die vorn zuspitzte. Auf die Spitze steckte Hans
die Kartoffelpfel und schleuderte sie in die Luft; so hoch flogen sie, da er
sie beinahe nicht mehr sehen konnte. Ein anderer htte gedacht, sie flgen in
den Himmel, aber Hans wute aus seinem Lesebuch, da der Himmel unendlich hoch
ber uns ist, denn es gab Sterne, deren Licht brauchte viele tausend Jahre, ehe
es zu uns kam, so hoch standen die; und der Himmel mute doch natrlich noch
hher sein; aber das glaubte Dorrel ihm nicht, denn die meinte, es wrde viel
Unsinn gedruckt, und man mte nicht alles glauben, was in den Bchern steht.
    Whrend er spielte, machte Dorrel Kartoffeln aus; und fast ber jeden Busch
freute sie sich, da er so viele Knollen hatte, und meinte immer, das sei doch
ein sichtbares Zeichen von Gottes Gte, da man eine einzige Kartoffel steckt,
und nachher sind so viele da; wenn sie einen besonders groen Busch fand, so
rief sie den kleinen Hans, und dann suchten sie zusammen die Knollen aus der
Erde und zhlten sie. Bei jedem Busch war sie immer von neuem gespannt, und Hans
stand dann wohl neben ihr, und sie rieten vorher, wieviel Knollen der wohl
htte; dabei behauptete Hans dann etwa, er msse hundert haben oder zweihundert,
und wollte nicht glauben, da das gar nicht mglich war; wenn er dann rgerlich
wurde, so gab sie ihm ein neues Rtsel auf:

Ule, Ule,
Er sa bei mir auf dem Stuhle,
Er winkte mir, ich wehrte mich,
Er winkte mir so se,
Da ich verga die Augen und die Fe.

    Da mute Hans wieder betteln, denn er wute nicht, was das war und war doch
recht neugierig. Dorrel aber lie ihn lange zappeln, bis sie ihm zuletzt sagte:
das ist der Schlaf.
    Die fromme und treue Magd sprach nur aus ihrem braven und rechten Gemt. Sie
wute, da es nicht gut ist fr ein Kind, wenn man ihm Zeit lt, rgerlich und
ungezogen zu werden, auch wenn man es alsdann straft, sondern es ist besser,
wenn man seine Gedanken ablenkt durch etwas Neues, da es seinen rger vergit;
denn leicht hinterlt ein hliches Benehmen Spuren in der Seele eines jungen
Kindes.

Der kleine Hans wachte an einem Morgen auf, weil die Vgel auf den Ziegeln
gerade ber seinem Bett ein groes Klabastern und Schreien anstellten. Ein
Stckchen Kalk vom Verputz war ihm auf die Bettdecke gefallen. Die Morgensonne
schien durch das Fenster, und die Blten des Spalierapfels waren aufgebrochen.
Ein vollbesetzter Zweig zog sich schrg vor den Scheiben hin. Hans dachte, wenn
die alle ansetzten, dann wrde es eine Menge pfel geben, und sehr bequem waren
sie vom Fenster aus zu pflcken. Indessen aber lag er in seinem warmen Bett und
hielt die Augen behaglich geschlossen. Auf dem Dach waren jetzt auch Tauben, das
hrte man am Gurren und an dem Trippeln. Die warteten, da Hans in die Haustr
trat und ihnen das Futter streute; sie kannten ihn ganz genau und lieen sich
nicht irre machen, wenn ein andrer kam und sie anfhren wollte. Von den pfeln
konnte er brigens im Herbst, wenn sie reif waren, immer jeden Abend einen mit
ins Bett nehmen; dann zog er die Decke ber die Ohren und a ihn heimlich fr
sich. Die Sorte war auch gut.
    Jetzt hrte er Schritte auf der Treppe: ganz geschwind kniff er die Augen
zu, aber sein Gesicht lachte. Die Mutter trat ein, warf ihm ein Kissen aufs
Gesicht, fate ihn darunter und hielt ihn fest; dazu sang sie:

Hab' ein Vgelchen gefangen
Im Federbett,
Hab's in'n Arm 'nein genommen,
Hab's lieb gehtt!

    Hans strampelte und lachte, die Mutter aber hob ihn aus dem Bett, schwenkte
ihn und sang:

Quibus, quabus,
Die Enten gehen barfu,
Die Gns' haben keine Schuh,
Was sagen denn die lieben Hhner dazu?

    Dann kte sie ihn recht herzlich, und er wischte sich den Mund ab und
rutschte aus ihrem Arme auf die Erde. Ob er heute den Tauben wohl Erbsen streuen
durfte? Aber es war ein ganz besonderer Tag. Die Mutter kriegte ihn vor und
wusch ihn auergewhnlich grndlich, da er mit den Zhnen klapperte ber das
nasse Wasser und ganz blankgescheuerte Backen bekam. Dann kmmte sie ihm das
Haar glatt, das ihm sonst borstig und hell in die Hhe stand; erst bearbeitete
sie es mit Wasser, nachher mit Pomade.
    Hans fragte mit groer Neugierde, was denn heute geschehen werde; aber die
Mutter lachte nur und antwortete ihm nicht. Sie holte den guten Anzug aus dem
Schrank, und auch seinen Kragen und die Manschetten kriegte er; die waren zwar
recht ausgewaschen, und einem verwhnten Stadtkind wren sie nicht mehr ganz
anstndig erschienen, fr Hans aber waren sie eitel Prunk und Herrlichkeit. Und
wie er nun so fein angezogen war, ermahnte ihn die Mutter, da er sich fromm in
die Stube setzen sollte und ein Buch vornehmen, damit er den guten Anzug schonte
und sich nicht unordentlich machte. Da holte er seine Lesebcher zusammen: den
Preuischen Kinderfreund, drei Bnde Spinnstube und die Bibel und begann fr
sich zu lesen; denn eigentlich war ihm das Lesen doch das Liebste, und vollends,
wenn der Vater nicht da war, der immer wollte, da er etwas Ntzliches
studierte; die Mutter aber meinte, es sei alles ntzlich und gut, was in seinen
Bchern stand. So las er im Kinderfreund seine Lieblingsgeschichten von der
gndigen Frau von Paretz, und das Gedicht: Als Kaiser Friedrich lobesam ins
heil'ge Land gezogen kam (bei dem er immer meinte, lobesam msse mit groem
Anfangsbuchstaben geschrieben werden, weil es doch der Nachname Kaiser
Friedrichs sei); und in der Spinnstube las er die Geschichte von Wittington und
seiner Katze, der dreimal Brgermeister von London wurde, welche Stadt
anderthalb Meilen lang und fast eine Meile breit ist,
achttausendeinhundertundeinundneunzig Straen hat, hundert freie Pltze von
groer Ausdehnung, zweimalhundertundfnfzigtausend Huser, und zwei Millionen
Einwohner. Das war einmal eine Stadt!
    Zuletzt sagte die Mutter dem Hans, was bevorstand, denn der Herr Graf mit
seiner Gemahlin und den Kindern wollten eine Lustfahrt durch den Wald machen und
dabei im Forsthause einsprechen. Denn es waren noch nicht die Zeiten, die im
vorigen Kapitel geschildert sind, und die bsen Zustnde im grflichen Hause
wurden noch nicht uerlich bemerkt.
    Da kam der erste Wagen, der von stolzen Pferden gezogen wurde, welche die
Beine tnzelnd hoben und den Kopf hochhielten; nachher, wie sie standen,
spielten sie mutwillig mit dem Gebi; man sah es ihnen wohl an, da sie in
Herrendienst waren und in Wohlleben. Der Kutscher trug eine sehr stolze Livree
und sa hochmtig auf dem Bock, als gehe ihn die ganze Welt nichts an; und die
Frau Grfin mit der kleinen Komtesse lehnten im Wagen und sahen gar nicht so
stolz aus wie der Kutscher und lchelten beide freundlich, indem die Mutter den
Schlag aufmachte. Hans hrte, wie die Frau Grfin immer lobte und sagte: Schn,
sehr schn, ausgezeichnet, liebe Frau Werther. Er mute eine Verbeugung machen,
die ihm die Mutter vorher eingebt hatte, und war sehr verlegen; am liebsten
wre er ganz weit weg gewesen.
    Da die Frau Grfin ihm auftrug, da er der kleinen Komtesse alles zeigen
sollte, was zu sehen wre, so fate er die bei der Hand und ging mit ihr aus der
Stube; sie war wohl ein Jahr jnger wie er, aber er war fest entschlossen, sie
mit Sie anzureden; solange es ging, wollte er sich indessen um die Anrede
drcken, weil er doch nicht wute, ob es nicht komisch war, wenn er Sie sagte.
Sie sprach zuerst und erzhlte, da sie ihr weies Kleid nicht schmutzig machen
drfe. Sie hatte ein weies Kleid, das war ganz aus Spitzen, wie aus Luft, und
in der Mitte war ein blauseidenes Band. Er wute nicht recht, was er antworten
sollte, da fielen ihm seine Manschetten ein, die zog er von den Hnden und
zeigte sie ihr; das war ihr sehr merkwrdig, und sie sagte, da bei ihren
Brdern die Manschetten aus einem Stck seien mit den Hemden, aber so, wie er es
habe, sei es gewi viel vernnftiger, weil man sich dann nicht so schrecklich
viel umzuziehen brauche.
    Nun fhrte er sie in den Stall, die Treppe hinauf, zum Heuboden. Hier hatte
er im Heu sich einen langen Gang gegraben, und am Ende hatte er eine Hhle,
deren Decke war mit Brettern gesttzt, da sie nicht einstrzte. Eigentlich war
das eine Hhle der alten Deutschen, aber man konnte hier auch Mann und Frau
spielen, dann war die Hhle der Raum, wo die Frau blieb und Mittagessen kochte
oder flickte, und der Mann kam nach Hause aus dem Wald. Die Komtesse war
einverstanden, da sie so spielen wollten. Deshalb kroch er erst in den Gang
hinein, und wie er hinten in der Hhle sa, rief er ihr, da sie nachkommen
sollte, damit er ihr das Innere zeigte, das war freilich ganz dunkel. Sie kroch
auch ganz tapfer nach, wie sie aber in der Mitte des Ganges steckte, hielt sie
pltzlich still und fing ganz jmmerlich an zu weinen, weil sie mit einem Male
Angst kriegte. Er trstete sie und sagte, die Mdchen htten immer Angst, und
sie solle nur weiter kriechen, dann kme sie zu ihm; aber sie weinte immer
lauter und rief nach ihrer Mama. Da kroch er zurck, und sie schob sich auch
rckwrts aus dem Gange, und wie sie drauen standen, sahen sie recht
unordentlich aus und waren voller Heu. Dann wurde beschlossen, sie sollte den
Mann vor dem Hause erwarten, denn es mte Sommer sein, und in der Stube mte
es hei sein. Deshalb ging er fort, die Treppe hinunter, aber mit dem Kopf
durfte er nicht verschwinden, sonst wollte sie wieder weinen, dann kam er
wieder, trampelte laut mit den Fen, rief: Kusch, Pollux! und sagte: Guten
Tag, Frau, was macht der Junge? Sie antwortete: Er ist artig gewesen, darum
mu er auch einen Ku kriegen. Diese Antwort brachte ihn aus dem Konzept, weil
sie ihm ungewohnt war, deshalb fragte er weiter: Hast du auch was Gutes
gekocht? - Nein, sagte sie, ich habe in der Semaine des Enfants gelesen. Nun
wute er wieder nicht weiter, deshalb sagte er: Ach, das ist ein dummes Spiel,
wenn du nicht so eine Heulliese wrst, so knnten wir jetzt durch die Heuluke
durchklettern in die Kuhkrippe. Da versprach sie ihm, da sie auch ganz gewi
nicht wieder weinen wollte, und dann machte er die Heuluke auf, sie legten sich
auf den Boden und sahen, wie unten die Kuh in die Hhe guckte, mit den Lippen
bettelte und durch die Nasenlcher pustete. Das war so komisch, da sie lachen
mute. Hans zeigte ihr, wie man sich durch die Luke in die Krippe niederlassen
konnte; die Kuh pustete neugierig und leckte mit der Zunge ihn an, weil sie
dachte, er sei ein Heubndel; das war noch komischer wie das andre; aber mit in
die Krippe steigen mochte die Komtesse doch nicht.
    Unten bei der Kuh waren Hansens Kaninchen. Die wollte die kleine Komtesse
gern sehen. Sie gingen hinunter, und die Komtesse bewunderte den langen, kleinen
Gang an der Wand, der aus Brettern gezimmert war, und das Schlupfloch, das ein
Arbeiter schn blau und rot bemalt hatte. Hans fing ein ganz weies Kaninchen
und reichte es ihr an den Ohren hin; es hielt ganz still, wie sie streichelte,
und pltzlich fing es stark an zu zappeln, da sie zuerst erschrak; nachher
mute sie aber selber lachen ber ihre Furcht, wie sie die niedlichen roten
Augen sah. Dann nahm Hans das Brett am Ende des Laufganges weg, wo das Nest war;
da lagen sechs kleine Kaninchen bei ihrer Mutter, die waren ganz zahm und lieen
sich auf die Hand nehmen, und ihre Mutter machte ein Mnnchen und schnupperte
nach oben. ber das alles war sie so entzckt, da Hans zuletzt strahlte vor
Stolz und Freude; und nachdem er sich lange berlegt, ob er wohl nicht Zanke
bekme von der Mutter, wenn er ihr ein Geschenk anbte, fragte er, ob sie ein
Prchen haben wolle. Da war sie ganz glcklich, und mit immer neuem Vergngen
suchte sie sich zwei von den kleinen Tieren aus, nahm sie in ihr Kleid und
sprang zu ihrer Mutter in der Stube. Die sagte mehrmals, die Tiere seien sehr
schn, aber als das Kind sie bat, ob es sie mitnehmen drfe, antwortete sie, da
es doch zu Hause keinen Raum htte, wo es sie lassen knne; und die Kleine, die
schon wute, da auch noch eine leichtere Ablehnung endgltig war, gab dem Hans
mit Trnen in den Augen und ohne Worte die Tierchen wieder zurck und setzte
sich dann still ans Fenster. Die Frau Grfin sagte dann, sie sei wohl recht wild
gewesen, und sie msse jetzt artig sein, ihre Brder wrden bald kommen. Hans
stand da mit den beiden kleinen Kaninchen, eins in jeder Hand, und wute nicht,
wo er hingehen sollte; in seiner Verlegenheit bot er sie der Komtesse noch
einmal stumm an; die schttelte das Kpfchen und sah durchs Fenster. Seine
Mutter stand auf, ffnete die Tr, schob ihn hinaus und sagte ihm, er solle die
Kaninchen wieder in den Stall bringen; das tat er auch; und weil er nicht recht
wute, wie er wieder in die Stube gehen solle, so blieb er drauen unter der
Toreinfahrt, steckte die Hnde in die Hosentaschen und pfiff mit erknsteltem
Gleichmut ein Lied. Ganz wohl war ihm nicht, denn er hatte wohl gesehen, wie die
Frau Grfin bse geworden war, nur da sie es nicht so zeigte, wie seine Mutter
es pflegte.
    Nach einer Weile aber kam die kleine Komtesse wieder heraus, trat neben ihn
hin und sagte: Ich danke dir auch schn, und du mut nicht bse sein; wenn wir
einen Raum htten fr die Kaninchen, so htte ich sie nehmen drfen. Dann zog
sie ein Albumbildchen hervor, das stellte Dornrschen dar, wie der Prinz es
gerade wachkt, das schenkte sie ihm. Er steckte das Bild gleichmtig in die
Tasche. Sie sagte dazu: Ich htte es gerne selber behalten, unser Kchenmdchen
hat es mir geschenkt, aber dir will ich es geben.
    Indem sie noch so sprachen, fuhr ein andrer Wagen vor, in dem saen der Graf
und die beiden Jungen, die ungefhr in dem Alter waren wie Hans; und auch der
Frster sa im Wagen. Der Vater sprang schnell heraus und war der Herrschaft
behilflich beim Aussteigen. Der Herr Graf fate die kleine Komtesse beim
Zpfchen, sie warf sich ihm in die Arme und htte wohl gern noch einmal gebeten
wegen der Kaninchen, wenn sie gewagt htte.
    Nun trat die Frau Grfin aus dem Haus und gab der Frsterin freundlich die
Hand. Die kleine Komtesse umfate ihren Rock und bat: der kleine Hans soll
mitfahren. Sie bat so herzlich, da die Frau Grfin fragte, ob die Eltern das
erlaubten; die sagten natrlich ja, die Mutter zupfte Hans noch einmal zurecht,
und dann stiegen alle ein. Die Kinder durften in dem einen Wagen fr sich
bleiben, nachdem sie dem Kutscher auf die Seele gebunden waren, der Graf war mit
seiner Gemahlin in dem andern, und nun ging die Fahrt fort in den Wald.
    Dem Hans war sehr befangen zumute, denn er hatte das Gefhl, da er ganz
anders sa und sich bewegte und sprach wie die jungen Grafen; die sahen so aus,
als dachten sie gar nicht an ihre Bewegungen, und er meinte, da sie wohl
heimlich ber ihn lachen mchten. Das Mdchen erzhlte von den Kaninchen, und
wie reizend die gewesen seien; da sprachen die beiden Brder geringschtzig und
meinten, Kaninchen seien gar nichts Besonderes, und wenn sie nur wollten,
knnten sie Hunderte haben; und wie die Kleine erzhlte, da sie die beiden
geschenkten Jungen nicht hatte mitnehmen drfen, da lachten sie und sagten, sie
verstehe das nicht, wie man seinen Willen erreiche; da msse man so lange
heulen, bis einem erlaubt werde, was man wolle. Hans kriegte runde Augen ber
diese Ansichten und sagte zwar nichts; die Brder aber merkten wohl, da ihm
ihre Reden unrecht vorkamen, deshalb machten sie sich gefat, ihren Spa mit ihm
zu treiben, denn sie hielten ihn fr einen Duckmuser.
    Sie sagten nicht Vater und Mutter, sondern der Alte und die Alte und
rhmten, welche Taten sie mit ihrer Schnappschleuder begingen, wie sie da den
Bauern die Fensterscheiben entzweischossen, ohne da jemand merkte, von wem der
Schu kam. Noch nahmen sie scheinbar keine Notiz von Hans, weil sie keine rechte
Anknpfung hatten, aber sie knufften sich heimlich, um sich auf ihn aufmerksam
zu machen, wie er dasa mit seinen hellen Augen in dem blankgescheuerten
Gesicht. Wie ihre Schwester von den Manschetten erzhlte, prusteten sie los mit
Lachen und sagten, das seien Sparrllchen, wie sie Herr Mller trgt, der
Hofmeister; gestern hatten sie gehrt, wie ihre Mutter zum Vater gesagt hatte,
Herr Mller mit seinen Sparrllchen sei doch zu unterirdisch.
    Hans wurde feuerrot und schmte sich sehr und htte fast angefangen zu
weinen; aber er bezwang sich noch. Der lteste von den Brdern fragte ihn:
Kannst du auch schon reiten? Wir haben jeder einen Pony, auf dem lernen wir
reiten, ich darf schon allein. Hans schttelte den Kopf; dann erzhlte er, da
ihre Elsbeth einmal wochenlang jeden Tag zweiundzwanzig Liter Milch gegeben
habe. Da prusteten die Brder wieder los, das kleine Mdchen aber sagte zu ihm:
Du mut dich nicht rgern ber sie, das sind dumme Jungen. Ihm aber war, als
ob sie im Einverstndnis sei mit den beiden, die ihn auslachten, und das krnkte
ihn am meisten; aber er wute nicht, was er antworten sollte.
    Indessen erzhlten die andern weiter, wie sie schon geraucht hatten und sich
Geld borgten von den Leuten; und wie den einen der Vater einmal zur Rede
gestellt, htte er einfach alles abgestritten, und der Vater htte gelacht und
gesagt, er knne sich gut herauslgen, aber er, der Vater, merke doch die
Wahrheit; aber getan htte er ihm nichts. Dann fragten sie Hans, ob sein Vater
seiner Mutter auch zuweilen etwas vorlog. Er schttelte mit dem Kopf. Sie
antworteten, er sei noch zu dumm, da merke er das nicht. Da kam ihm pltzlich
ein neues Gefhl in die Bewunderung der Ruhmredigkeit der andern, die Stimmung
von Zuhause und der Stolz, den er gegenber den Tagelhnerkindern hatte, und er
sagte: So einen Vater wie ich hat auch keiner. Der lteste von den beiden
antwortete berlegen: Das denkt man immer, solange man noch klein ist. Dann
fragten sie, ob sein Vater ihn schlug, und Hans erzhlte, da er eine Peitsche
hatte mit neun Riemen, das war die neunschwnzige Katze, mit der kriegte er,
wenn er ungezogen gewesen war. Da kam ihm wieder vor, als sei bei ihm zu Hause
alles dumm, und er selbst sei ganz dumm, und die beiden erschienen ihm wieder
hoffnungslos berlegen. Die Wagen fuhren zu einer Waldble, die war von allen
Seiten eingeschlossen durch die hohen Tannen, und war der Boden etwas abhngig
und mit braunem Gras bedeckt von vorigem Jahr; schon kamen die ersten grnen
Grasspitzen aber hervor, und die Primeln blhten. Auf dem untern Teil hatten
sich einige Birken angesiedelt, die etwa mannshoch waren; ber denen schwebte
eben ein hellgrner Hauch. Aber an der trockensten und sonnigsten Stelle lag ein
groer flacher Stein. Auf diesem deckten die Leute, denn die Herrschaften
wollten im Freien vespern. Die Kinder durften im Walde spielen. Hans war aus
Schchternheit ungeschickt; weil er bei dem kleinen Mdchen die einzige
Zuneigung versprte, so hielt er sich immer zu dieser, wiewohl er dadurch das
Spiel oft strte. So versteckten sie sich hinter den Bumen, und es war in
seiner Nhe kein starker Baum, und er blieb hinter einem ganz dnnen stehen,
obwohl er selbst wute, da ihn die andern gleich sehen muten. Wie er selbst
suchen sollte, war er zu schchtern, die Jungen zu fangen, die er fand, und lie
sie entkommen, wiewohl er sich heftig rgerte ber diese Schchternheit; hinter
dem kleinen Mdchen dagegen lief er sehr eifrig her. ber alles dieses wurden
die Jungen rgerlich und zankten mit ihm; er aber lchelte blo entschuldigend
und konnte sich nicht verteidigen, und die beiden kamen zu dem Schlu, er sei
dumm. Da er sich immer an ihre Schwester heftete, merkten sie bald, und da
verspotteten sie diese, sie habe einen Verehrer bekommen, der Dumme sei in sie
verliebt. Darber wurde die rgerlich und war kurz gegen Hans; und wie der,
obgleich er das merkte, doch nicht ablie von seiner Art, sagte sie ihm endlich
ganz grob, er solle sie in Ruhe lassen, er sei dumm. Da stand er traurig fr
sich allein da und sah zu, wie die andern spielten, und mute mit aller Gewalt
die Trnen zurckhalten. Mit einem Male aber kam es ber ihn, nmlich pltzlich,
bei einer ganz geringen Gelegenheit, als es ihm schien, der ltere Bruder sehe
spttisch nach ihm hin, da lief er wtend auf den zu, packte ihn bei den Haaren
und schlug krftig auf ihn ein; der jngere Bruder eilte herbei und griff Hans
an, aber der lie sich nicht irre machen: fhlte wohl gar nichts von seinem
Angreifer. Endlich kamen die Kutscher und trennten die drei.
    Wie sie vor die Herrschaft gebracht waren, klagten die Brder mit gelufigen
Worten ber Hans, der habe das Spiel schon von Anfang an gestrt, dann sei er
brummig zur Seite geblieben, und endlich habe er ohne Grund sie berfallen. Hans
stand niedergeschlagen da, denn das war alles richtig, was die sagten, und er
wute selbst nicht, weshalb er pltzlich so wtend geworden war. Der Herr Graf
sagte zu seinen Shnen, sie wrden gewi schuld haben, aber wenn sie denn nun
einmal keinen Frieden untereinander halten knnten, so solle der Frsterjunge
nach Hause gehen. Nun dachte Hans, da er sich wohl erst bedanken msse; aber
das konnte er nicht; deshalb drehte er sich um und ging langsam einige Schritte;
und wie er dachte, da er weit genug sei, lief er aus Leibeskrften, bis er
atemlos nach Hause kam.
    Hier fand er nur die Gromutter vor; er ging zu ihr in die Stube und weinte
in ihren Scho.
    Wie der Vater nach Hause zurckkehrte, wute er schon von dem Geschehenen,
rief den kleinen Hans zu sich und fragte ihn. Der antwortete, da alle sehr
artig gewesen seien und besonders die kleine Komtesse, aber ihn habe pltzlich
eine Wut gepackt, er wute nicht woher, da er habe den einen schlagen mssen.
Mehr konnte er nicht sagen, und keine weitere Vorhaltung nutzte etwas. Endlich
fragte ihn der Vater, ob er wisse, da er sehr ungezogen gewesen sei und Hiebe
verdient habe. Da sagte er ja, holte auch die neunschwnzige Katze herbei. Wie
ihn der Vater schlug, bezwang er sich zuerst und muckste nicht, nachher aber
weinte er doch, denn die Katze tat sehr weh.
    Am Abend setzte er sich in der Dunkelheit ans Fenster; der Vater sa still
in der Sofaecke. Da stand er leise auf, ging zu seinem Vater, stieg dem auf den
Scho und weinte an seiner Brust. Der Vater dachte, er msse ihn trsten der
Schlge wegen und sagte, er sei doch ungezogen gewesen, und einem Vater tue das
selbst weh, wenn er seinen Jungen schlagen msse, und das wisse er doch selbst,
da er die Schlge verdient habe. Da nickte Hans und sagte: Das ist es nicht,
das hat manchmal schon weher getan. Wie ihn der Vater nun weiter fragte, fate
er sich zuletzt ein Herz und sprach: Nicht wahr, du lgst doch nicht? Hierber
wurde der Vater ganz erstaunt, antwortete, da er allerdings nicht lge und
fragte dann, wie Hans auf solche Gedanken komme. Hans schluchzte von neuem und
erzhlte endlich, was die beiden Jungen auf der Fahrt und nachher gesprochen
hatten. Der Vater wurde recht nachdenklich und begtigte ihn, indem er ihm
sagte, da die jungen Grafen vorlaute Jungen seien, die berall zuhrten, auch
wo es ihnen verboten sei, und nun in ihrer Dummheit allerhand falsche Meinungen
ausheckten. Damit gab sich Hans am Ende zufrieden, hrte allmhlich auf zu
weinen und schlief zuletzt auf seines Vaters Schoe ein. -

Der Gromutter war es den Winter hindurch schlecht gegangen; sie klagte ber
ihre Beine, da die sie nicht mehr recht tragen wollten und frchtete sich vor
Zug; abends ging sie frher zu Bett wie sonst, und am andern Morgen erzhlte
sie, da sie nicht habe schlafen knnen. Dafr geschah es, da sie am Tage
unversehens einschlief, wenn sie in ihrem Lehnstuhl am Ofen sa und strickte;
das Strickzeug sank ihr in den Scho, und sie wachte auch durch lautes Gerusch
nicht auf. Man mute aber tun, als ob keiner etwas merkte hiervon, sonst wurde
sie bse; wenn sie die Augen wieder aufschlug, so sah sie sich um, ob jemand sie
beobachtete, und dann nahm sie ihr Strickzeug vor das Gesicht.
    Gegen den Frhling kam der Tischler, der die Fenster in Ordnung bringen
sollte, denn deren unterer Riegel war faul geworden, und das Wasser lief auf die
Fensterbank. Mit dem sprach die Gromutter ber Srge, fragte, was die
verschiedenen Arten kosteten, und wunderte sich, da alles so teuer geworden
war, und erkundigte sich genau nach der Haltbarkeit. Es zeigte sich, da bei
Srgen sehr viel Betrug unterlief, denn die Handwerker hatten keine Furcht vor
Gott und keine Scham und glaubten, bei einem Begrbnis mten sie mehr verdienen
wie bei andern Arbeiten.
    Als die Kraft der Sonne zunahm, stand sie oft am Fenster und sah, wie der
Schnee in sich zusammensank, und dann kam Tauwind und Regenwetter, und in den
Schlittenspuren auf der Landstrae scho das Wasser bergab. Jetzt sagte die
Gromutter oft: Nun schlagen die Bume bald aus; sie dachte aber bei sich,
wenn die Bume ausschlgen, so wrde sie sterben; auch sagte sie: Die
Schneeglckchen erlebe ich noch. Das sprach sie alles fr sich hin, wenn sie
allein in der Stube war oder nur der kleine Hans auf seinem Fubnkchen still
sa. Einmal faltete sie die Hnde und sagte: Des Menschen Leben whret siebzig
Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig Jahre, und wenn es kstlich gewesen, so
ist es Mhe und Arbeit gewesen.
    Wie sie noch Kind war, hatten ihre Eltern sie in eine Sterbekasse
eingekauft, und achtzig Jahre lang hatte sie ihre Pfennige gesteuert. Jetzt las
sie viel in dem alten, abgegriffenen Quittungsbuch, in dem vorn die Satzungen
der Kasse abgedruckt standen und hinten auf leeren Blttern so viele Jahre
hindurch der Empfang des Beitrags bescheinigt wurde; sie las und rechnete fr
sich alle Kosten und Ausgaben zusammen.
    Ein schner Frhlingstag kam. Das Stubenfenster stand lange auf, und eine
Frhlingsluft drang herein, eine frische und sonnenscheindurchtrnkte. Drauen
war es schon ganz trocken, und die kleinen Vgel machten allerhand Zwitschern,
Pfeifen und Tirilieren; die Gromutter sa lange am Fenster und hatte diesmal
gar keine Furcht vor der Erkltung. Dann sprach sie mit der Mutter wegen des
Grabes ihres toten Mannes, das um diese Jahreszeit besorgt werden mute, und
endlich sagte sie, da sie sich jetzt zu schwach fhle, um noch aufzubleiben;
sie wolle sich legen; aber auf ihrer Kammer sei es ihr zu einsam; ihr Bett solle
hier in der Stube aufgeschlagen werden, in der Ecke, wo ihr Lehnstuhl gestanden.
    Die Mutter versprte wohl, was sie meinte, und da sie wute, sie werde von
diesem Lager nicht wieder aufstehen; so antwortete sie, da heute abend, wenn
der Mann zu Hause sei, alles so gemacht werden solle, wie die Gromutter es
wnsche.
    Das geschah auch, und nun war die Gromutter unten in der Stube im Bett; sie
hatte viele Kopfkissen im Rcken, so da sie halb sa; deshalb vermochte sie
auch noch zu stricken wie frher. Wenn der Vater abends nach Hause kam, ging er
erst zu ihr, gab ihr die Hand und sprach ein paar Worte. Es war, als sei sie
jetzt viel wichtiger geworden wie vorher; die Mutter fragte sie um manches,
davon sie ihr sonst nichts mitgeteilt, und recht oft erhielt sie ein besonderes
Leckerbilein, das die andern nicht bekamen.
    Einmal rief die Gromutter die Mutter zu sich ans Bett. Die kam und fragte,
was sei. Da sagte die Gromutter nach einer Pause: Ich wollte dir nur sagen,
da du immer gut zu mir gewesen bist, so sind nicht alle jungen Frauen. Ich bin
gewi manchmal wunderlich gewesen, aber ich habe es immer gut gemeint. Da sah
Hans, wie seiner Mutter die Trnen kamen, da sie die Schrze vor die Augen nahm
und schnell fortging.
    Dem kleinen Hans erzhlte die Gromutter jetzt viel; und wiewohl er gern
drauen war und mit dem schmelzenden Schnee spielte, Flsse leiten und Dmme
bauen, da sich groe Teiche bilden, und dann wieder Kanle graben und
Wasserflle machen, so blieb er doch viel lieber in der Stube bei der Gromutter
und hrte ihre Erzhlungen aus der alten Zeit.
    Sie sprach aber von ihrem Vaterhaus, das schilderte sie ganz genau von auen
und innen und zhlte die Stuben und Fenster und Tren, und die fen beschrieb
sie, und die Treppe und die Haustr; und alles wurde prchtig und mrchenhaft in
ihrer Erinnerung. Dann sprach sie von der Wiese, und wie sie alle ins Heu gingen
mit groen Hauben aus Kattun, und vom Garten erzhlte sie und von den
Obstbumen; da war ein Apfelbaum, der trug Borsdorfer, solche pfel gab es nicht
mehr; und von Kirschen hatten ihre Eltern alle Sorten, und im Herbst, wenn die
Abende lnger wurden, dann holten sie immer eine groe Schssel Pflaumen vom
Boden, die wurde auf den Tisch gesetzt. Der Urgrovater war Silberbote gewesen,
das war ein Bergmann, auf den man besondere Stcke hielt, der mute zweimal in
der Woche das ausgebrachte Barrensilber zur Mnze bringen. Da ging er denn
abends zum Herrn Bergrat, der packte die Barren in einen Tornister, den
versiegelte er; dann kam er wieder nach Hause und verschlo den Tornister in
seinem Koffer und nahm den Schlssel in die Tasche; denn frh am andern Morgen
um drei Uhr mute er sich auf den Weg machen und acht Stunden weit gehen durch
den dicken Wald: zur Winterzeit war oftmals der Weg verschneit und keine Trappe
Bahn; dazu war damals der Wald noch gefhrlich wegen der Wlfe, und in der
Franzosenzeit gab es auch Ruber. Deshalb holte der Vater die Bibel und das
Gesangbuch aus dem Schapp und las vor, ein Stck aus den Evangelien, von dem
Mann, der unter die Ruber fiel, oder ein andres, dann knieten alle nieder und
beteten zum lieben Gott, da er ihn beschtzen mge, und am Ende sangen sie ein
frommes Lied. Wenn die Kinder dann am andern Morgen aufwachten, so war der Vater
schon lange auf dem Wege; und erst am Abend um neun kam er wieder mit dem leeren
Felleisen und der Quittung, das mute ein Kind beides gleich zum Herrn Bergrat
bringen. Wenn es aber um die Zeit war, da der Vater heimkehren mute, so
harrten alle in Angst, und oftmals gingen sie ihm entgegen, weil sie Furcht
hatten, es mchte ihm etwas geschehen sein. Aber Gott hat ihn immer behtet, und
er hat ein hohes Alter erreicht.
    In diese Erzhlungen mischte die Gromutter Mahnworte und fromme Reden,
indem sie begann: Und wenn ich tot bin, so vergi nicht, was ich dir jetzt
sage. Sie erzhlte aber, sie habe gefunden, da in heutiger Zeit die Manschen
mehr Angst htten um ihr tgliches Brot wie frher und sich viele Sorge machten
um Irdisches. Als sie ein Kind gewesen, haben die Menschen andre Gedanken
gehabt; indessen sei es mglich, da die Ursache der Sorgen in dem beschlossen
sei, da die Menschen heute nicht mehr so ordentlich und gut seien wie frher.
Es sagt aber der Psalmist: Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch
nie gesehen den Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen. Diesen
Satz gab sie dem kleinen Hans ganz besonders und schrfte ihn dem Kinde vielmals
ein und fgte hinzu: Strebet zuerst nach dem Reiche Gottes, so wird euch dieses
alles zufallen, und sagte nochmals: Hieran denke, wenn ich tot bin, und vergi
nicht meine Worte.
    Weiter erzhlte sie von ihrem Grovater, den sie noch gekannt als einen
eisgrauen kleinen Mann, der schon ganz in die Erde gewachsen war. Der war weit
in der Fremde herumgekommen als ein Bergmann, in Ungarn und Bhmen, aber dann
wieder in die Heimat gekehrt mit seinem Ersparten und hatte das Haus gekauft und
die Wiesen. Der las viel in einem alten Buche, das hie die Insel Felsenburg,
darin waren Lebensbeschreibungen von allerhand Menschen und merkwrdige
Schicksale, Reisen und Schiffbrche, bis alle endlich zusammenwohnten auf einer
einsamen Insel im Meer, wo sie in Ehrbarkeit und Sitte lebten, sich freiten und
Kinder kriegten und die Insel bevlkerten. Sie, die Gromutter, hatte er am
liebsten, die damals noch ein kleines Mdchen war und zu seinen Fen sa auf
dem Fubnklein, gerade wie du, mein lieber Hans. So vergehen die Jahre, und
die Menschen werden gro, und die alten sterben, und junge kommen auf, und ist
mir, als sei es gestern gewesen, da ich aufhorchte, wie er mir erzhlte von den
Silbergruben in Ungarn und von den groen Meerschiffen. Und ist zu denken, da
auch mein Grovater dereinst als Kind aufgeschaut hat zu seinem Ahn, und geht
die Reihe der Geschlechter fort durch die Jahrhunderte, und auch du, mein liebes
Kind, wirst einst Kinder haben, und Enkel werden zu deinen Fen sitzen, und du
wirst denken: War es nicht gestern, da ich hrte, wie die Gromutter mir
erzhlte? Aber dann werde ich schon lange in der Erde liegen neben deinem
Grovater, der so jung hat sterben mssen, da er deinen Vater nicht mehr
gesehen hat, und habe ich an fnfzig Jahre die Stelle betrachtet, wo ich
einstens neben ihm liegen werde.
    Der kleine Hans sa still und horchte auf der Gromutter Worte. Noch
verstand er nicht, was sie meinte, denn ein Kind kennt nur den Tag und ist wie
ein Schmetterling in der Sonne, der nichts wei von gestern und morgen; aber er
verschlo ihre Reden treu in seiner Seele, und spter haben die ihn getrstet
und beschtzt, als er keinen Trost von Menschen hatte und keinen Schutz. Auch
sagte die Gromutter: Du bist zwar noch ein Kind, aber du sollst doch schon
jetzt wissen, was du sonst spter erfahren httest, denn du bist ja mein Blut
und meines lieben Mannes. Deshalb will ich dir erzhlen, wie ich und dein
Grovater uns lieb gewonnen haben; denn auch du wirst einmal ein Mdchen lieb
gewinnen und heiraten.
    Die alte Gromutter, die jetzt mit ihren achtzig Jahren strack in ihrem
Bette sa, mit schneeweiem und glattem Scheitel, die Augen nach vorwrts
gerichtet in ein neues Land, war einst ein junges Mdchen gewesen, hochgewachsen
und schlank wie ein Tannenbaum, mit gelbem Ringelhaar und lustigen blauen Augen.
Da sie so schn war und ihre Eltern eingesessene Leute, die ein Stck vor sich
gebracht hatten, so fehlte es ihr nicht an Bewerbern. Nach der Art der jungen
und unerfahrenen Dinger, die nicht wissen, wie das Leben ein gar schweres Wesen
ist, erschien ihr das als ein Scherz und Spiel und vermeinte, sie drfe stolz
sein auf solche Menge der Freier, und uerte den Stolz in allerhand Mutwillen,
den sie mit ihnen trieb aus Gedankenlosigkeit; denn sie hatte noch nicht
erfahren, was Liebe ist. Ganz besonders war ihr aber zugetan der junge
Jgerbursche, der spter ihr Mann werden sollte, der war ihr indessen zu
ernsthaft, wiewohl ihre Eltern es gern sahen, da er sich um sie bewarb. An
einem Abend ging er mit ihr zusammen einen Weg nach dem Dorfe zu, und wie sie
auf der Anhhe standen und unter sich die Lichter blinken sahen, sprach er zu
ihr, da er sie lieb habe, und wenn sie wolle, so werde er sie heimfhren als
seine Frau und sie lieben und ehren, wenn sie ihn lieben und ihm gehorsamen
wolle; aber er sei noch nicht angestellt, und es sei recht mglich, da sie ein
paar Jahre warten mten, bis sie heiraten knnten.
    Auf dieses erwiderte sie schnippisch, denn sein ernster Ton hatte sie
verdrossen, und da er sprach von Gehorsamen. Sie sagte aber, da sie einen Mann
nicht nehmen mge, der schwarzhaarig sei, sondern sie wolle einen Blonden; und
zudem begehrten sie so viele zur Frau, da sie nicht ntig habe, zehn Jahre zu
warten als Braut, sondern wenn sie wolle, so knne sie schon bers Jahr
heiraten. Da sagte er, sie spreche wie ein unverstndiges Kind, und vielleicht
sei sie auch noch zu jung, um schon eine rechte Meinung in solcher ernsten Sache
zu haben. Aber ihre leichte Art habe ihn sehr gekrnkt, und deshalb bitte er,
sie wolle denken, seine Worte seien ungesprochen. Aber wenn er sie nicht zur
Frau bekommen knne, weil sie ja nicht wolle und auch er ein so gedankenloses
Wesen nicht in sein Haus fhren mge, so solle sie doch immer auf ihn rechnen,
weil er sie trotz allem lieb habe, denn die Liebe kehrt sich nicht an die
Vernunft, ja sie streitet mit ihr. Es sei aber sehr mglich, da sie spter
einmal seine Hilfe irgendwie gebrauchen knne; und auch einen Groll wollten sie
nicht auf einander behalten. Dieses stie ihr wieder an die Krone, so da sie
noch trichter antwortete und ihn gnzlich von sich abwies.
    Aber merke dir, mein liebes Kind, sprach sie von ihrem Bett zu dem kleinen
Hans, der vor ihr sa, wir Frauen sind andern Wesens wie die Mnner; und wenn
du nicht vergit, was ich dir jetzt erzhle, so sparst du dir spter viel
Herzeleid und Kummer. Vorher habe ich deinen Grovater nicht lieb gehabt, aber
wie ich ihm so leichtfertig antwortete, und er war ernst und streng, aber
zugleich doch gut zu mir, da kam pltzlich die Liebe zu ihm in mein Herz. Nur
da mich die Schamhaftigkeit hinderte, ihm davon zu sagen; ja, es war, als
triebe es mich, ihn jetzt gerade zu krnken. Das merke dir, denn wir Frauen sind
ein schwaches Geschlecht, und die Mnner sind strker als wir und gerader.
    So geschah es, da sie einen andern Bewerber offenkundig bevorzugte, einen
Bergmann, der lustig die Zither zu schlagen verstand und Lieder dazu sang und
frhliche Streiche anzustellen wute. Mit dem lachte sie viel, und es war ihr
lieb, wie sie sah, da der andre finster wurde, wenn er sie mit ihm erblickte,
Und einmal ging sie denselben Weg mit diesem, den sie vorher mit dem andern
gegangen, und sprachen hnliche Gesprche zusammen und kamen an dieselbe Stelle
auf der Hhe, wo das Dorf unter ihnen lag mit seinen hellen Fenstern. Da fragte
er sie, ob sie ihn liebhaben wollte, und zugleich umfate er sie und wollte sie
kssen. Wie sie aber seinen Arm versprte, tat sie einen Schrei und lief fort,
hinab ins Dorf und kam unten an in groer Angst, wiewohl sie nicht kindisch war
und schon einmal sich mit einem andern herzhaft abgekt hatte, welches jedoch
gewesen war, ehe der Jgerbursche mit ihr gesprochen.
    Von der Zeit an war sie verndert und wurde ernster, tanzte nicht und lachte
nicht mehr mit den jungen Leuten, und kamen wohl mehrere Freier, aber sie wies
alle ab. So ging es drei oder vier Jahre. Da begann sich Hansens Grovater
wieder langsam an sie zu machen; er besuchte ihre Eltern am Sonntagnachmittag,
spielte mit ihren jngeren Geschwistern und sprach mit ihr selbst viel. Von
seinen damaligen Worten redeten sie nicht wieder, aber sie wuten beide, auch
ohne da sie es sich sagten, da sie jetzt verlobt seien, und da sie warten
wollten mit dem Heiraten, bis er eine Anstellung habe. Und siehst du, sprach
die Gromutter zu dem Enkel, das danke ich deinem Grovater noch heute, da er
nie wieder von dem Frheren gesprochen hat, obwohl er htte ber mich
triumphieren knnen, denn ich htte schweigen mssen, wenn er gespottet. Aber
dein Grovater war ein Mann, wie er sein mu, er war hart und ernst, aber er war
auch mild und gut. Dein Vater ist auch so geworden, und du mut dir Mhe geben,
da du ihnen nachschlgst. Da sagte Hans: Ja, Gromutter, das will ich.
    Und die Gromutter mit ihren Augen, die schon ber das Grab hinaus suchten,
schwieg eine lange Weile; sie dachte an ihren Mann, den sie nur wenige Wochen
gehabt und ber ein halb Jahrhundert betrauert hatte, und da sie ihn bald
wiedersehen werde; das machte ihr eine sonderbare Freude und heftiges Heimweh.
    In Hans war eine wunderliche Ernsthaftigkeit, und in sein Wesen kam eine
grere Reife durch diese Gesprche, wie seinem Alter gewhnlich ist; in aller
sonstigen Erfahrung aber blieb er kindlich und unwissend, und wurde seine
Erziehung gerade entgegengesetzt, wie die Erziehung heute gewhnlich ist, da die
Kinder viel Fremdes sehen und manches Neue erfahren, frh Furcht und Achtung
verlieren und gewitzt werden; dabei aber in ihr Wesen keinen Ernst bekommen und
oft noch im wesentlichen kindisch bleiben, wenn sie schon Mnner sein sollten.
    In der Kche sa Dorrel, Kartoffeln schlend, mit einem bekmmerten Antlitz.
Hans setzte sich ihr gegenber. Wie sie ihn ansah, stand sie auf, stellte ihre
Schssel ab und rumorte mit den Herdringen. Sie wollte aber verbergen, da sie
weinte. Hans fragte: Weshalb weinst du? Da antwortete Dorrel nach langem
Zgern und vielem Drngen, sie weine um die Gromutter, da die nun im Sterben
liege.
    Hans wiegte den Kopf, dann sagte er: Darber mu man nicht weinen. Wir
mssen alle sterben, und das wissen wir. Die Gromutter aber ist eine alte Frau,
die in ihre Jahre gekommen ist; sie hat keine Sorge hinter sich, sondern wei,
da sie meine Eltern in guter Ordnung verlt; dazu leidet sie keinerlei
Schmerzen, sondern ihr Leben lischt aus wie ein Licht. Deshalb hat sie selbst
auch nicht Kummer ber ihren Tod, vielmehr freut sie sich, weil sie jetzt wieder
mit dem Grovater zusammenkommt. Dorrel hrte diesen Worten mit groer
Verwunderung zu und bekam eine sonderliche neue Achtung vor Hans, die sie bis
dahin noch nicht gesprt. Deshalb sagte sie nach einer Weile: Wenn du es so
nimmst, so hast du recht, aber ich weine um meinetwillen, denn sie ist mir immer
eine gute Frau gewesen, und ich habe sie lieb.
    Hiernach war Hans wieder eine Weile nachdenklich, dann sprach er: Ich habe
sie auch lieb, aber ich bin nicht traurig und will auch nicht weinen.
    Dorrel mute auf den Boden gehen, um Rucherware zum Abendbrot aus der
Rauchkammer zu holen. Sie bedachte sich, wie sie es machen sollte, da sie nicht
allein war. Endlich befahl sie dem kleinen Hans, da der die Laterne tragen
mute; sie ging hinter ihm her mit Furcht. Als sie oben waren, merkte Hans, da
sie Angst hatte; und weil er nicht wute, welches der Grund sein konnte, fragte
er sie. Sie sagte ihm, sie frchte sich, weil ein Sterbendes im Hause sei. Da
wurde er wieder nachdenklich und schttelte endlich den Kopf ber sie, aber er
sagte nichts mehr. Indessen hatte er von nun an das Gefhl verloren, da Dorrel
als eine Erwachsene ber ihm stehe, und empfand sie nur noch als eine
Gleichgestellte, ja als eine solche, die er unter Umstnden beschtzen drfe;
und Dorrel ging ohne Klarheit auf dieses vernderte Verhltnis ein. Ihm selbst
war auch nicht bewut, worin der letzte Grund lag, nmlich da Dorrel in
Dumpfheit und unwissender Furcht befangen war und nur nach Trieben lebte, die
sie nicht verstand: er selbst aber lebte schon zu einem Teil in Helligkeit und
klarem Denken und Prfen.
    Eine Zeit der Dumpfheit und unwissenden Furcht kam fr ihn spter, als in
der Grostadt das Fremde und Neue auf ihn einstrmte, das er nicht fassen und
verarbeiten konnte; und wie es gerade schien, da er in diesem Meer der
Finsternis versinken msse, da sollte ihm von der armen Magd ein helles Licht
kommen, das ihm das Ufer wies und den Berg, darauf er zu neuer Helligkeit
emporsteigen konnte.
    Der Gromutter Zustand wurde immer schlechter; sie schlief des Nichts sehr
unruhig und hatte Atembeschwerden. Da jemand bei ihr wachte, wollte sie nicht;
aber die Mutter schlich des Nachts mehrmals leise die Treppe hinunter und
horchte an der Stubentr. Der kleine Hans brachte ihr die ersten Schneeglckchen
an ihr Bett; die sah sie lange mit glnzenden Augen an, dann stellte sie die
Blmchen in ihr Wasserglas, das neben ihr stand. Nun geht es bald zu Ende,
sagte sie zur Mutter, und fr euch ist das auch eine Erlsung.
    In den letzten Tagen sagte der Frster, er wolle nachts auf dem Sofa
schlafen, damit jemand bei ihr sei. Aber sie erwiderte, er msse frh aufstehen
und in seinen Dienst gehen, da msse er ordentlich ruhen, und die Mutter solle
bei ihr bleiben, wenn sie es ntig finde; freilich sei sie eine alte Frau, deren
Zeit abgelaufen sei, und halte es nicht fr richtig, da so groer Umstand um
sie gemacht werde.
    So brachte die Mutter abends ihre Betten herunter. Und in einer Nacht
richtete sich die Ahne pltzlich strack auf und rief: Anna, wie ist mir denn?
Dann begriff sie, da das der Tod war, der zu ihr kam. Da sagte sie: Herr, in
deine Hnde befehle ich meinen Geist. Die Mutter war zu ihr geeilt und hielt
sie aufrecht; wie die Ahne diese Worte gesprochen, fhlte sie pltzlich, da der
Krper ihr schwer wurde in den Armen. Leise legte sie die Gestorbene zurck auf
das Kissen, drckte ihr die Augen zu und faltete ihr die Hnde ber der Brust.
    Dann war viel Laufen und Besorgen, wie das bei Sterbefllen so ist. Der
Tischler kam wegen des Sarges, und allerhand Umstnde muten gemacht werden.
    Die Gestorbene lag still und ernst da. Sie war sehr schn geworden im Tode;
ein freies, offenes und stolzes Gesicht hatte sie wie eine Frstin, und nichts
Kleinliches oder Furchtsames war da zu sehen. Denn der Tod gibt jedem Menschen
die Wrde, die ihm gebhrt; wenn die Muskeln erschlaffen, die unserm Gesicht den
zuflligen Ausdruck verursachen, den es zwischen den Menschen hat, so treten die
Knochen und Sehnen hervor, die seine Grundlage bilden; wer ein Bettler war,
sieht dann aus wie ein Bettler, und habe er im Leben auch eine knigliche Figur
gehabt, und ein tchtiger und freier Mensch bekommt ein stolzes und vornehmes
Aussehen. Da zeigt es sich, da alles uere Geschick nur Zufall ist, unsre
Figur und unser Wandeln unter den Menschen ein tuschender Schein; und unser
wahres Leben, das wir in der unbekannten wahren Welt gefhrt, gibt hier ein
sonderliches Zeichen von sich.
    Wie der Tischler mit seinem Gesellen den Sarg gebracht hatte, legte der
Vater mit dem Meister die Tote hinein und setzte ihr den vertrockneten
Myrtenkranz auf und tat ihr den Brautschleier um, den sie vor fnfzig Jahren
getragen und sorgsam aufbewahrt hatte; denn so wollte sie vor ihrem lieben Mann
erscheinen, an den sie ein halbes Jahrhundert gedacht hatte, jeden Tag; und fr
dieses Andenken hatte sie ihren Sohn erzogen, bis er ein stattlicher Mann
geworden, und dann den Enkel, der zwar nach seinem ueren Wesen in ihre eigne
Art schlug, nach seinem Innern aber ein Werther war. Wie das geschehen war,
bekamen der Tischler und sein Geselle ein Frhstck, nach alter Sitte, aen und
tranken mit Bescheidenheit und lobten das Essen. Hierber empfand Hans einen
heftigen Ha gegen sie, in der Art wie damals gegen den jungen Grafen, und htte
sich auf sie strzen mgen.
    Ein Junge von den Holzarbeitern, die unweit des Forsthauses wohnten, war in
Hansens Alter, und deshalb hatte der manches mit ihm gemein, wiewohl keine
eigentliche Freundschaft zwischen den beiden bestand. Den fragte er, ob er
solche Gefhle auch habe; denn seinen Vater zu befragen, wagte er nicht, aus
einer gewissen Scheu vor dem Erwachsenen. Der grinste und schttelte den Kopf
und wute nicht, was Hans meinte. Nach lngerem berlegen kam er auf die
Vorstellung, da er auf diese Gestndnisse und Fragen hin ihn hnseln knne.
Aber wie er mit solcher Absicht anfing, trat ihm Hans gleich mit geballter Faust
entgegen, und wiewohl der Junge viel strker war wie Hans, wurde er da doch in
Angst versetzt und entschuldigte sich, er habe nichts sagen wollen. Hans rgerte
sich und drehte ihm den Rcken.
    Der Junge lief ihm nach und liebedienerte. Er sprach von einem Vogelnest,
das er gefunden und fr Hans aufgehoben habe; Hans erwiderte, da er das Nest in
Ruhe lassen solle. Dann wies er ihm eine Hand voll Murmeln, die er ihm schenken
wollte; aber Hans schlug alles aus und ging weg.
    Er hatte aber eine Sehnsucht danach, recht frhlich zu sein, obwohl doch
seine Gromutter gestorben war, die er sehr lieb gehabt; und weil er niemand
fand, mit dem er htte frhlich sein knnen, so ging er traurig,
niedergeschlagen und gereizt umher.
    Wenn wir das Leben eines Menschen betrachten, soweit es betrachtenswert ist,
also seine Bildung, so kann es uns einmal so scheinen, als stelle es eine
zusammenhanglose Reihe von Zufllen dar; in andrer Geistesverfassung erblicken
wir in demselben Leben ganz deutlich eine planmige Fhrung durch Gott; und
wiederum mgen wir einen unbeirrbaren Trieb sehen, der diesen Einzelnen durch
die wirre Umwelt mit untrglicher Sicherheit vorwrtsstie, da er durch diese
Kraft sich das eine aneignete, das andre zur Seite lie; endlich ist sogar eine
bewute Gestaltung des Lebens durch diesen Willen des betreffenden Menschen zu
finden. Wer htte nicht, wenn er ber die Schicksale von Menschen nachdachte,
schon diese merkwrdige Entdeckung gemacht, da man von derselben Sache als
derselbe Mensch vier so ganz verschiedene Meinungen haben kann!
    Ein solches inneres Erlebnis, wie der Ha gegen manche Menschen und das
unbestimmte Gefhl gegen den andern Jungen, ist gewi sehr wichtig fr die
Bildung. Aber wie soll man es deuten? Es ist wohl am besten, die Deutung ganz zu
lassen.
    Zur Schule ging Hans ins Dorf, etwa eine Viertelstunde den Berg hinunter.
Ein Wsserlein rann aus dem Walde hinab auf dem Grunde eines langen und schmalen
Tales; an diesem entlang waren die Huser gebaut, und die Felder zogen sich in
schmalen Streifen zu beiden Seiten den Berg in die Hhe. Sehr beschwerlich war
das Pflgen auf diesen abhngigen Feldern, und am schwersten war es, den Dung
hinaufzuschaffen; deshalb sahen die Leute alle verarbeitet aus und waren auch
arm, aber sie hatten einen unverdrossenen Mut. In der Jugend lebte damals ein
unruhiger Geist, denn die, welche gedient hatten und das leichte Leben drauen
gesehen, litt es nicht mehr zu Hause; dadurch kam viel Unfriede in die Familien,
weil die Alten nichts von der Fremde hielten und wollten, da die Jungen zu
Hause blieben.
    Kirche, Pfarrhaus und Schulhaus waren eben solche hlzernen und
unscheinbaren Gebudlein wie die Bauernhuser; nur da in der Pfarre alle
Fenster mit Blumenstcken besetzt standen und vor der Schule sich ein schmales
Grtchen mit blhenden Stauden und Struchern hinzog. Der Lehrer war ein alter
hagerer Mann mit rasiertem Gesicht und mit straffem weiem Haar und leuchtenden
Augen, und hatte eine aufrechte Haltung. Wenn er auf dem Katheder sa in seinem
schwarzen Rock vor der weigetnchten Wand, so sah Hans einen Heiligenschein um
seinen Kopf glnzen, von welchem Gesicht er jedoch zu niemand sprach. Am
schnsten war die Schule in den dmmerigen Winterstunden, wenn biblische
Geschichte erzhlt wurde, solche, wie der Engel des Herrn zu Abraham kam und zu
seinem Weibe Sara. Und sprach Abraham: Herr, habe ich Gnade gefunden vor deinen
Augen, so gehe nicht vor deinem Knechte ber. Man soll Euch ein wenig Wasser
bringen und Eure Fe waschen; und lehnet Euch unter den Baum. Und eilte in die
Htte zu Sara und sprach: Eile und menge drei Ma Semmelmehl, knete und backe
Kuchen, und lief zu den Rindern und holete ein zart gut Kalb und gab es dem
Knaben; der eilete und bereitete es zu. Und er trug auf Butter und Milch, und
von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor, und traten sie
unter den Baum, und sie aen. Da sprachen sie zu ihm: Wo ist dein Weib Sara?
Er antwortete: Drinnen in der Htte. Da sprach er: Ich will wieder zu dir
kommen, so ich lebe, siehe, so soll Sara, dein Weib, einen Sohn haben. Das
hrete Sara hinter ihm, hinter der Tr der Htte. Und sie waren beide, Abraham
und Sara, alt und wohlbetagt, also, da es Sara nicht mehr ging nach der Weiber
Weise. Darum lachte sie bei sich selbst. Da sprach der Herr zu Abraham: Warum
lacht die Sara, und spricht: Meinst du, da es wahr sei, da ich noch gebren
werde, so ich doch alt bin? Sollte dem Herrn etwas unmglich sein? Um diese Zeit
will ich wieder zu dir kommen, so ich lebe, so soll Sara einen Sohn haben. Da
leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht, denn sie frchtete sich. Er
aber sprach: Es ist nicht also, denn du hast gelacht.
    Bei solchen Geschichten hrten alle still zu, wie der Lehrer erzhlte, und
keines rhrte sich, und die Dmmerung nahm zu in der Schulstube. Hans wute alle
diese Geschichten auswendig, Wort fr Wort, weil er so viel in der Bibel las,
und darber lobte ihn der Lehrer oft. Auch im Lesen und Schreiben war er der
Erste, nur im Rechnen ging es bei ihm immer schlecht, und in der Erdkunde.
    In des Lehrers Garten stand ein Bienenhaus mit vielen Kasten voll Bienen, zu
denen hatte Hans eine besondere Liebe. Wenn er die Erlaubnis bekam, so setzte er
die Mtze auf, damit nicht ein Bienchen, sich in seinem Haar verwirrend, bse
wrde, und hockte auf die Erde nieder neben den Fluglchern und sah zu, wie die
Bienen eilig herauskamen aus dem Dunkeln und an den Rand des Flugbrettes liefen
und sich in die Lfte lieen, und wie die beladenen Arbeiterinnen zurckkehrten
und schwer auf dem Brettchen niederflogen und langsam in den Stock zurckgingen,
Honig und Bltenstaub dort abzulegen. Wenn ein rechter Arbeitstag war, und die
Sonne schien warm, und vom Grasgarten her duftete der Klee, so war ein
wunderbares Gesumm in der Luft, dann htte er stundenlang zuhren mgen; voll
mit fleiigen Bienen waren die Flugbrettchen besetzt, und die Wachtposten
untersuchten eine jede, ehe sie in den Stock durfte, und ein Lichtstrahl fiel in
das Dunkel des Kastens, in dem war gleichfalls ein Summen und Tosen von
fleiiger Arbeit. So sa Hans neben den Fluglchern, und mit unbestimmten
Trumereien dachte er an das Fliegen in der funkelnden und blitzenden Luft und
stellte sich vor, wie es sein mte, wenn er selbst so klein wre und so flge,
wie unendlich gro und weit ihm dann alles erschiene, und wie die ganze Welt
anders wre; und ein sonderliches Behagen berkam ihn durch Sonnenschein,
Bienensummen und Kleeduft.
    Der Lehrer hatte ein Buch, darin waren alle Tiere abgebildet. Da war der
Lwe, der Tiger, der Affe, und dann die Meerungeheuer, der Hammerfisch, der
Sgefisch, der Walfisch; da war gezeichnet, wie die Menschen in einem kleinen
Boot zu dem Walfisch heranrudern und die Harpune auf ihn schleudern; das war
grausig anzusehen, wenn man dieses kleine Boot verglich mit dem ungeheuren
Walfisch. Ach, so weit war die Welt, so weit! Unter den Bergen dehnte sich das
flache Land hin mit groen Stdten, Flsse zogen, und das weite Meer war da und
Inseln und andre Erdteile; hier aber war ein enges Tal, auf dessen Grund ein
Wsserlein pltscherte, in dem wohnten Menschen; und er selbst, Hans Werther,
wohnte oben, im Wald; aber noch hhere Berge gab es, ber seines Vaters Hause,
von denen man weit sehen konnte; das Forsthaus aber stand inmitten der Tannen
und hatte keinen Ausblick.
    Die Stunden beim Pastor hatte Hans gemeinsam mit Karl Gleichen, des Pastors
Schwestersohn, den der alte Mann zu sich genommen.
    Karl Gleichens Eltern waren schon lange tot, nach einem traurigen und
schmerzenreichen Leben.
    Der Pastor hatte mit einer Schwester zusammengewohnt, die war dreiig Jahre
jnger wie er, welcher der lteste von den Geschwistern gewesen, und ein wahres
Nesthkchen, das geboren wurde, als zwei der Geschwister schon verlobt waren.
Von allen der ganzen Familie wurde sie verhtschelt und verzogen, und sie hatte
auch eine schwache Gesundheit; am meisten aber liebte sie der lteste, der sie
auch zu sich nahm, wie die Eltern starben, da sie eben aus den Kinderjahren
gewachsen; er erzog sie vllig, wie er es verstand, als guter, wunderlicher und
unbeweibter Mann, und sie befahl ihm und fhrte seine Wirtschaft. Ein reizendes
Mdchen war sie gewesen, immer frhlich und zwitschernd, wie Milch und Blut war
ihr Gesicht, und die schwere Last ihres Haares leuchtete gelb wie reifer Roggen.
Und am besten stand ihr, da sie so ein verzogenes Kind war, dem alles immer
nach Wunsch gegangen, und sie wute das auch, da ihr das stand, und da die
Leute sich ber sie freuten. Dazu hatte sie seltene Gaben in ihrem zierlichen
Krperchen, das so recht war wie eine wehende Flocke; zu Weihnachten und zu den
Geburtstagen dichtete sie niedliche und zarte Verschen, welche sie die kleinen
Kinder im Dorf lehrte, da sie bei einer gemeinsamen Auffhrung sie im
Pfarrhause aufzusagen wuten; einmal hatte sie zwei ganz Kleine als Lmmer
verkleidet, die nur mit ihren Schwnzchen wackelten, weil sie noch nichts sagen
konnten. Nun wohnte im Nachbarstdtchen eine Predigerswitwe, ein bestndig
klagendes und sich sorgendes armes Mtterchen. Die hatte einen einzigen Sohn,
der ungeraten war und schon auf der Schule nicht hatte guttun wollen, sondern
entlaufen war, und hatte sich als Schiffsjunge annehmen lassen. Wie es ihm aber
auf der See nicht schmecken wollte, so war er bald in abgerissenem Zustand zu
seiner Mutter zurckgekommen, und da gab sie ihn nach vielen Ratschlgen in ein
Bankgeschft zur Lehre, aber nach einem halben Jahre mute sie einen groen
Schaden vergten, den der Junge angerichtet hatte, und erhielt den dazu wieder
zurck. Nach diesem trieb sich der eine Weile in dem Stdtchen herum, dann war
er pltzlich verschwunden; und am Ende, nach Jahren, kriegte die Mutter einen
Brief von ihm aus Amerika, da er in einer groen Stadt als Kaufmann lebe und zu
guten Verhltnissen gekommen sei; dann kam er selbst auch zum Besuch seiner
Mutter, als ein hochgewachsener Mann mit blondem Kinnbart, der einen grauen
Zylinder trug. Er sah nicht gerade wohlhabend aus, aber auch nicht armselig, und
wenn er zwar wohl viel log und aufschnitt, so glaubten die Leute doch, da er
sich gebessert habe und zu derjenigen Ehrbarkeit gekommen sei, die einem Solchen
erreichbar werde. Es stellte sich heraus, da er drben Soldat gewesen war und
in einem Indianergefecht einen Schu durch die Hand bekommen hatte, wofr er
jeden Monat eine Pension bezog. Wie es sich mit seinen eigentlichen Geschften
verhielt, wurde nicht recht klar, indem er erklrte, die Verhltnisse seien
drben anders, und sein Geschftszweig, der eine Art Vertretung auswrtiger
Huser sei, knne nur Jemandem erklrt werden, der wie er in der Welt
herumgekommen sei und nicht immer zu Hause gesessen habe.
    Dieser Mann lernte des Pfarrers Schwester, die Friederike hie, bei einem
winterlichen Tanzvergngen in der kleinen Stadt kennen und fate gleich eine
heftige Zuneigung zu dem Mdchen; und da er selbst auch etwas ganz
Absonderliches war, und vornehmlich weil er einen bsen Ruf hatte, so erwiderte
diese die Zuneigung in kurzer Zeit und ohne da er viele Mhe aufwenden mute.
Dem guten Pastor wurde wohl hinterbracht, da die Zwei Heimlichkeiten
miteinander hatten; aber der lachte blo und sagte, die Friederike sei ein Kind,
und er kenne sie besser wie alle andern. Indessen lie den Amerikaner sein bses
Blut nichts auf ordentlichem Wege betreiben, und deshalb ging er nicht zum
Bruder, wie es sich gehrte, ihm seine Plne und Verhltnisse mitzuteilen,
sondern er beredete die kleine Friederike, da sie mit ihm heimlich entfloh, bis
sie beide nach Hamburg kamen; und wie sie inzwischen Besinnung erlangte, so
schrieb sie von da einen traurigen Brief an den Pastor, bat ihn um Verzeihung
fr das Leid, das sie ihm zugefgt, und gab als einzige Entschuldigung an, wie
er ihr die Flucht vorgeschlagen habe, da sei es ihr gewesen, als ob sie ihm
folgen msse, und ber nichts habe sie mehr nachdenken knnen, was solche Flucht
denn bedeute und nach sich ziehe. Der gute Bruder reiste gleich und traf die
beiden auch in der groen Stadt, wie sie auf ihr Schiff warteten. Da hatte er
mit dem Amerikaner eine Unterredung, wie es nun mit ihm und Friederike werden
solle; und zeigte sich, da der Mensch gar nichts hatte, wovon er selbst und
seine knftige Frau leben konnten, denn er war als ein Habenichts auf dem
Zwischendeck nach Deutschland zurckgekommen, und jetzt lebte er von dem, was er
von seiner Mutter mitgenommen, die ihm hatte sein geringes Erbteil auszahlen
mssen. Er entschuldigte sich aber, indem er sagte, nachdem ihn das Schicksal
als einen armen Menschen in die Welt geworfen, drfte ihm doch niemand Vorwrfe
machen, wenn er wenigstens Liebe begehre, auf die doch jeder Mensch Anspruch
habe. Dem frommen und treuherzigen Pastor war es recht schwer, sich in die
Geistesverfassung des anderen hineinzudenken, indessen fand er, da er
selbstschtig sei; wie er aber das Friederike sagte und sie mit Trnen in den
Augen bat, sie solle mit ihm zurckkehren, wurde die gekrnkt ber den geringen
Vorwurf, den er dem Amerikaner machte, und sagte, wenn ihr Liebster arm und
unglcklich sei, so sei ihr Platz erst recht an seiner Seite, und sie wolle ihm
schon helfen und ihn frdern. Dergestalt erreichte der treue Bruder nichts,
auer da er sie wenigstens noch vor ihrer Abreise nach Amerika trauen durfte,
nachdem sie sich vor dem Standesamt zusammengetan hatten.
    Es verging nur eine ganz geringe Zeit, da kam aus Amerika ein
schmerzensreicher Brief von der armen Friederike, und machte sich der Pastor
wieder auf, fuhr selbst ber das Wasser und holte sein Schwesterchen nach Hause,
denn jetzt folgte sie ihm willig. Sie sah krank aus, wie sie kam, mit hohlen
Backen und ungesund glnzenden Augen; die Haare trug sie kurz, denn ihre schnen
Zpfe hatte ihr der schlechte Mensch abgeschnitten und verkauft. Bald gab sie
einem Kinde das Leben, einem gesunden und starken Jungen, der gleich recht
unbndig schrie; aber von dem Kinde erholte sie sich nicht wieder, und nach
einigen Monaten starb sie in gnzlicher Erschpfung aller Lebenskrfte; wie sie
im Letzten lag, rief sie in Liebe und Sehnsucht immer nach ihrem bsen Mann und
bat, er solle ihr verzeihen, sie habe ihn lieb gehabt. Den Jungen behielt der
Pastor und zog ihn auf, in Liebe nach Spuren von seiner Mutter Wesen in ihm
suchend, und in Furcht, da seines Vaters Art auf ihn vererbt sein knne. Dieser
Junge war Karl Gleichen, der mit Hans zusammen in des Pastors Studierstube sa
und die Anfnge des Lateins lernte.
    Karl Gleichen wird den Hans Werther eine lange Weile begleiten, deshalb ist
so ausfhrlich ber seine Eltern geredet; denn aus deren Schuld und Art entstand
sein Wesen, das in allem anders war wie Hansens Wesen. Karl war ein anmutiges
und liebenswrdiges Kind, jeder Gte zugnglich und leicht nachgebend bei
scharfem Zureden, offenherzig und gutmtig, und gern htte er Allen geschenkt;
sein Verstand fate leicht auf und behielt schnell, und ohne Mhe zog er
Schlsse: jeder hatte ihn lieb und war gtig gegen ihn, weil er ein so begabtes,
gut geartetes und sonniges Kind schien; aber er war erzeugt durch Schwche und
Selbstsucht, und ein ernster Mann htte in seinen Vorzgen vielmehr Fehler
gesehen. Seine Gte entsprang nicht aus einer Strke, sondern aus einer
Kraftlosigkeit, weil er sich nicht wehren konnte gegen den Einflu fremden
Willens und schnell gerhrt wurde und mitlitt; seine leichte Auffassung entstand
dadurch, da in ihm selbst nichts Eigenes und Starkes war, das sich gegen die
fremden Gedanken wehrte, sondern leicht hielten diese fremden Gedanken bei ihm
ihren Einzug, nahmen Besitz von den Kammern seines Verstandes und zeugten hier
Kinder; zwar blieben sie immer nur Fremde, und wenn eine neue Einwanderung kam,
so muten sie bald weichen. So geschah es, da er selbst Auswendiggelerntes nach
lngerer Zeit, wenn er es nicht gebraucht, pltzlich spurlos verloren hatte, als
habe er es nie gehabt. Seine Offenheit hatte denselben Grund, denn weil nichts
Eigenes und Unbewegliches in ihm war, so entwickelte sich nicht die Scham des
Gedankens, die oft scheinbar trichte uerungen von sich gibt, aber auch bei
der grten Torheit immer Eignes und Starkes anzeigt. Solche Menschen sind dann
leicht anmutig, weil sie so ohne Zwang und Not im Innern leben, und
liebenswrdig sind sie, weil sie sich einem freundlichen Entgegenkommen sogleich
ffnen. Auf solcher Schwche ruhen aber zuletzt die Selbstsucht wie die
Eitelkeit, denn weil die ntige Kraft nicht gengend vorhanden ist, mu ein
solcher Mensch mit seinem Wollen haushalten, um nur bestehen zu knnen; whrend
dagegen ein starker Mensch berflssige Kraft hat und daher selbstlos ist, indem
er in Stolz und Freude von seiner Kraft andern mitteilt, mag er in ueren
Dingen dem Oberflchlichen auch karg scheinen, weil er keine leichte Hand hat.
Aber Liebe bei den Menschen haben mehr die Kinder vom Schlage Karls; Hans war
verschlossen, unliebenswrdig, ngstlich im Verkehr, hart, hielt seine Sachen
fest und spendete nicht, lernte schwer und zog schwer Schlsse aus dem
Gelernten, und auer seiner Eltern befolgte er niemandes Ermahnungen.
    In des Pastors Studierstube saen die beiden Jungen. Hans bersetzte, mit
oft stockender Stimme und in groer Anstrengung, die Stirn finster faltend; Karl
dachte trumend an Hansens Kaninchen und bedachte bei sich, ob der Oheim ihm
wohl erlauben werde, da er sich auch ein Prchen halte; denn wenn er nur die
erste kleine Erlaubnis hatte, so wollte er wohl mit der Zeit noch mehr bekommen
und einen Stall haben, der viel schner wre wie Hansens.
    An den Wnden herum standen auf den Gestellen viele alte Bcher, denn der
Pastor war ein Freund ehrwrdiger Folianten in Schweinsleder und Pergament; da
waren des teuren Gottesmannes Luther smtliche deutsche Bcher in acht
Foliobnden, des Tabernmontani Kruterbuch und Gesneri Tierbuch; daneben
Spangenbergs Adelsspiegel und Mansfeldische Chronika, und noch manche andre alte
Chronik. Das war ihm eine Freude, wenn er dem kleinen Hans diese Bcher zeigte;
langsam holte er den Band aus dem Brd, strich liebkosend ber den gepreten
Pergamentdeckel, auf dem etwa ein schsischer Kurfrst oder eine menschliche
Tugend abkonterfeit war; dann ffnete er die Schlieen und schlug den Band auf
vor Hans, dem das Herz klopfte. Oft wunderte er sich, woher der Junge diese
Freude an Bchern geerbt habe, denn der stammte von Frstern und Bergleuten ab
und nicht wie er, der Pastor, von einer langen Reihe von Gelehrten und Dienern
des Wortes; war doch in den Lutherschriften vorn eine Eintragung eines
Vorfahren, der auch Pfarrer gewesen, und hatte diese Schriften gekauft und
binden lassen, und kam ihn der Band auf einen Karolin zu stehen nach damaliger
Mnze, was fr einen armen Pfarrherrn mag eine stattliche Ausgabe gewesen sein.
Dafr aber hatten so viel Jahrhunderte diese Bcher in den Studierstbchen der
Nachkommen gestanden und hatten viele geistliche Moden erlebt, Brte und
Percken und rasiertes Gesicht und eignes Haar; und die letzten Pfarrherren
waren alle starke Raucher gewesen, davon die Bcher endlich ganz mit Tabakrauch
durchdrungen waren, also da er einem in die Augen bi, wenn man sie aufschlug.
    Noch andre Freuden hatte der Pastor, die er mit Hansen teilte, weil der so
nachdenklich war. In einem Glasschrank stand ihm ein Strauenei und eine
Kokosnu und viele fremde Muscheln; dazu Pfeile von wilden Vlkern, ein groer
Bergkristall und die Fingerngel eines vornehmen Herrn in Siam; denn die
adeligen Siamesen beschneiden ihre Ngel nicht, aus Stolz, sondern lassen sie
lang wachsen, da sie wohl fnf Zoll erreichen und mehr und sich wunderlich
krmmen. Zu Winterzeiten hielt der Pastor allwchentlich eine Missionsstunde ab,
in welcher er vieles erzhlte von dem Leben der Wilden, da die nackt
herumlaufen, wie sie Gott geschaffen hat, und sich gegenseitig verzehren und
Gtzen anbeten, die sie selbst gemacht aus Stein oder Holz; so elend ist der
natrliche Mensch. Da zeigte er dann auch seine Seltenheiten herum, das
Strauenei und die Kokosnu, die Pfeile und die grausamen Fingerngel aus Siam;
und war um diese Missionsstunden eine groe Liebe fr die armen Heiden in der
Gemeinde, und viel wurde geopfert. An Hans hatte der Pastor eine groe Freude,
da er so offenen Herzens war fr alle solche Kenntnis, und deshalb erzhlte er
ihm vieles, was ihm auf dem Herzen lag. Er erinnerte ihn aber ganz an seinen
Vater, den Frster. Der war zu ihm gekommen, wie er selbst Student war, als ein
armer Junge, der eine Waise war und schon in den Wald gehen mute auf Arbeit, um
das Brot fr sich und seine Mutter zu verdienen; denn das Gnadengeld, das die
Mutter bekam fr ihren toten Mann, betrug nur zehn Silbergroschen die Woche, und
das reichte nicht aus fr die beiden; hatte also den Studenten gebeten, er mge
ihm Stunden geben in der Mathematik, des Abends, wenn er aus dem Wald nach Hause
kme, weil er nicht Arbeiter bleiben wollte, sondern wollte einmal Frster
werden, und gestand, da er nur einen halben Groschen zahlen knne fr die
Stunde. So war er denn ins Pfarrhaus gekommen um acht Uhr in der Dunkelheit und
hatte sich in des Studenten Dachstbchen an den Tisch gesetzt und gelernt. Aber
weil es warm war in dem Studierstbchen, und er hatte den Tag ber fleiig
gearbeitet in der Klte, so wurde er mde, und die Augen fielen ihm zu wider
Willen, mitten whrend eines Beweises. Da hatte der Student Mitleiden gehabt mit
dem armen Jungen, hatte ihn schlafen lassen und derweilen, eine lange Pfeife
rauchend, in Bengels Gnomon studiert, bis der wieder aufwachte, sich besann und
weiterhin aufmerksam folgte, wie sein Meister lehrte. So lange war das nun her,
und jetzt wollte der Sohn dieses armen Jungen selbst einmal Student werden und
spter ein Prediger, und das geschah darum, weil der Junge von damals so fleiig
und treu gewesen war. Auch fr des Pastors Blumen hatte Hans viel Liebe und
Staunen. Vornehmlich an Topfpflanzen hatte sich der Pastor gefreut, wenig am
Garten, als ein rechter Stubenhocker, der den lieben Sonnenschein so recht geno
durch die kleinen Scheiben seiner blumenbestandenen Fenster und zu Winterszeiten
im warmen Schlafrock sein geheiztes Stbchen liebhatte.
    Da standen merkwrdige Pflanzen, besonders viele Kaktuspflanzen; dabei war
auch eine Knigin der Nacht, die nur einmal im Jahr blhte, und dann nur eine
Nacht. Wenn diese Nacht war, so lud der Pastor den Frster, den Lehrer und den
Amtmann zu sich ein, die Frau Pastorin setzte Wein und Torte vor, und dann wurde
abgewartet, wie sich die Blume ffnete. Eine ganz sonderbare Geschichte erzhlte
der Pastor von einer andern Pflanze, die er japanische Rose nannte. In
frheren Jahren hatte er einen solchen Topf von einem Amtsbruder geschenkt
bekommen, der zwei Stcke besa, die er selbst aus Stecklingen grogezogen.
Lange Jahre wuchs, grnte und blhte das Gewchs; aber mit einem Male fing es an
zu krnkeln, nahm ab und ging endlich ein; und zu der gleichen Zeit starb der
Amtsbruder, von dem der Pastor den Topf erhalten. Diese Geschichte durfte Hans
nicht weitererzhlen wegen der menschlichen Schwachheit, weil Manche in der
Gemeinde sich noch mit aberglubischen Gedanken trugen.
    Der Pastor war ein Letzter einer langen Reihe, und weil er mit seiner Frau
keine Kinder hatte, so schien es, als wolle die Natur nicht, da er seine Art
fortfhrte. Was so viele Generationen seit Jahrhunderten in innerlicher Arbeit
erstrebt hatten, das war in ihm ein wirkliches Bild geworden; er wute nichts
von Schlechtigkeit oder bsem Wesen, und kam ihm etwas Schlimmes nahe in seiner
Gemeinde, so machte er ein erschrecktes und betrbtes Gesicht, und dann lchelte
er unglubig, und seine Mienen zeigten an, da er vor einem Fremden und
Unverstndlichen stand und keinen Rat wute; bald aber fand er sich wieder und
meinte, ein Irrtum sei das und eine falsche Auslegung der Wirklichkeit. Zwar, er
predigte von der Erbsnde und von der natrlichen Bosheit des
Menschengeschlechtes; aber in seinem Herzen wute er nichts von diesen Lehren,
er sprach da nur Worte, die er nicht verstanden. Mitten unter einer harten
Bevlkerung lebte er, unter kleinen Bauern und Holzarbeitern, die wohl tchtige
und ordentliche Leute waren, unter denen keine Liederlichkeit oder Faulheit
vorkam; aber ihr Leben floh hin bei drrer Berechnung von Besitz und Erwerb, bei
zhem Halten am kleinen Vorteil, der nicht ohne geringe Betrgereien war, wie
sie bei solchen Leuten als ordnungsmig betrachtet werden. Die fanden bald
heraus, da der Pastor vom wirklichen Leben nichts wute und keine Ahnung hatte
von dem, was in ihnen vorging; deshalb hielten sie ihn fr dumm, oder wie sie
sich das vorstellten, fr berstudiert; und indem sie nun mit allem, was sie
unmittelbar anging, sich fern von ihm hielten, vermehrten sie noch seine
Tuschung ber die Wirklichkeit, die ihn umgab.
    Aber auch in der Seele solcher Menschen, die ganz beschrnkt auf Irdisches
und Brgerliches sind, gibt es doch ein hheres Leben. Zwar gewinnt es scheinbar
keinen Einflu, denn es wird rasch bedeckt durch das berwuchern des
Wirtschaftlichen; aber vielleicht ist das ganz gut so, und wenn es anders wre,
wrden solche Manschen Schwtzer und scheinheilige Salbader. Deshalb hatte der
Pastor doch eine groe und segensreiche Bedeutung fr seine Gemeinde; sie wuten
alle, da er nicht an sich dachte und das Evangelium vom Rock erfllt hatte; ja,
es gab sogar eine Geschichte ber ihn von einem Paar neuer Stiefel und einem
wandernden Handwerksgesellen; sie wuten, da hier keine Lge, keine Gier, kein
Betrug war, keine Habsucht und kein unlauteres Wesen, sondern ein reines und
frommes Herz und ein klarer und guter Sinn; und in dem bedrngten und beladenen
Leben, das sie fhren muten, bei harter Arbeit und schweren Sorgen um das
tgliche Brot und Kmpfen um die Ehrbarkeit des Wandels hatten sie an dem Pastor
ein Bild wie das eines glcklichen und frohen Engels, der auf Erden wohnt,
nichts wei von Snde und Schuld und Sorge und mit dem Finger zum Himmel weist,
als zu einem freien und leichten Leben, das als Ziel uns allen vorschweben
sollte. Und was bedeutet das fr einen beladenen Menschen, der mhselig dahin
geht, den Blick auf die Erde gerichtet! Aber es ist gut fr uns, da solche
Menschen selten sind.
    In ihrer Art ebenso merkwrdig wie der Mann war die Frau Pfarrerin.
    Sie war frhzeitig Waise geworden und hatte von ihren Eltern ein ziemliches
Vermgen geerbt; ihres jetzigen Mannes Vater, der alte Pastor, der ein
entfernter Verwandter war, wurde ihr als Vormund bestellt und nahm sie zu sich
ins Haus, sie mit seinen Kindern zusammen zu erziehen.
    Schon als kleines Mdchen fate sie eine Neigung zu dem ernsten ltesten,
weil er ein liebes und gutes Wesen hatte und in vielen kleinen Dingen besorgt
werden mute wegen seiner Zerstreutheit. Das hatte ihm eine Schwester einmal
gesagt, da war er rot geworden und schmte sich, denn er dachte, sie wolle ihn
hnseln. So behielt sie ihre stille Neigung, wie er von Hause fortkam auf die
Schule und wie er erwachsener wurde und auf die Universitt ging; aber weil sie
eine herbe und verschlossene Natur war und ohne Zutunlichkeit, so versprte
niemand etwas von dem, was sie heimlich bei sich dachte. Und auch der Student
seinerseits, der durch seine Jahre selbstbewuter geworden war, wie er als Junge
gewesen, dachte viel an sie mit Liebe und Hoffnung, nur hatte er noch so viel
Schchternheit, da er ihre Begegnung mied, und spann sich noch mehr in seiner
tabaksqualmigen Dachstube ein, wie er es sonst getan htte ohne seine liebende
Gesinnung.
    Wie er seine Examina bestanden und hoffen durfte, da er in wenigen Jahren
eine Pfarre bekommen werde, da dachte er wohl, da er nun wagen drfe, mit ihr
zu sprechen ber das, was er im Herzen hatte. So geschah es, da er einst an
einem Sonntagnachmittag nach der Predigt mit ihr durch die Felder ging, und auf
beiden Seiten stand der hohe Roggen, untermischt mit Kornblumen und roten
Kornrosen. Und wiewohl er ihr nur ganz alltgliche Dinge erzhlte aus Scheu, so
sprte sie doch durch ein geheimes berflieen seines Herzens, was er sagen
wolle; aber da berfiel sie mit einem Male eine namenlose Angst und eine heftige
Scham, und das sprte er sofort, und zwar hatte er in seinem Herzen eine
Bewegung, die das richtig deutete, und er hatte Lust, sie in seinen Arm zu
nehmen und an die Brust zu drcken, aber da berkam ihn aus einem andern Winkel
seiner Seele pltzlich ein lhmendes Mitrauen und eine Furcht, so da sich alle
Gefhle in ihm zurckzogen als erschreckt, und ihm ganz starr wurde im Herzen.
    So redete er mit stockender Aussprache weiter, was er Gleichgltiges
angefangen, und ging neben ihr her; und ihre bebende Hand streifte einmal ber
das hohe Korn; da sah er, da ihre Hand bebte, und es begann wieder lebendig zu
werden in ihm; aber die Erstarrung war bei dem feinen Menschen zu gro, er wurde
ihrer doch nicht wieder Herr, und so blieben die Worte ungesprochen zwischen den
beiden, nach denen ihrer beider Herzen sich sehnten, und sie gingen stumm nach
Hause.
    Da war aber eine Schicksalsstunde versumt, die in langen Jahren nicht
wiederkam. Sie dachte, da sie sich wohl geirrt habe in ihrem Gefhl, da er zu
ihr neige, und er habe berhaupt keine wrmere Liebe fr sie, nur fr die
andern; und er meinte traurig, fr sie, die groe, feste und herbe Jungfrau mit
den geschlossenen Lippen sei er zu gering, und sie knne ihn nicht lieb haben,
sondern msse ihre Liebe auf einen andern richten. Ohne Eifer dachte er das und
mit tiefer Trauer.
    So vergingen Jahre ihnen beiden in stillem Sehnen, bis jenes Unglck ber
ihn kam mit seiner Schwester. Wie er von Hamburg zurckkehrte, da trieb es ihn,
da er zu ihr gehen mute, die schon lngst fr sich gezogen war und allein
hauste; sie waren aber nun beide Menschen weit ber die vierzig; da erzhlte er
ihr alles, davon er doch manches gar nicht recht verstand, weder die blinde
Leidenschaft der Schwche seiner kleinen Schwester, noch die rohe Habgier der
Schlechtigkeit bei dem Manne. Und wie er geendet und sie anblickte, ohne Rat und
Trost, da sah er, da in ihren Augen Trnen standen, die sie vergeblich
zurckhalten wollte. Weinst du ber sie? fragte er. Nein, ber dich! rief
sie in Selbstvergessenheit. Da verga auch er alles und fragte, als ob er
trume, und lchelte dabei wie ein Kind: Hast du mich denn lieb? Aber eine
Erwiderung in Worten wurde nicht gegeben, sondern sie kamen zusammen mit ihren
Herzen, und ihr Gesicht, das sonst unbeweglich und fest war, lag an seiner Brust
und wurde von vielen Trnen berstrmt.
    So hatten sich die beiden gefunden, nachdem sie des Lebens Hhe schon
berschritten und sich seit frhen Jahren nacheinander gesehnt; und als sie sich
dann heirateten, da war es, als ob alles Glck, das fr sie bestimmt gewesen und
nicht verbraucht war in den langen Jahren, als ob das sich angesammelt habe und
nun um sie sei, und verging kaum ein Tag, da sie nicht darber staunten, wie
glcklich sie waren, und machten sich selbst aufmerksam auf dieses oder das in
ihrem Leben, und freuten sich ber sich selbst.
    Und das war sonderbar, da, wer die beiden allein sah, htte gemeint, diese
ernste Frau mit dem festgeschlossenen Mund msse dem kindlichen Mann berlegen
sein, auf dessen reiner Stirn nur die einfachen Gedanken zu lesen waren, die ihn
bewegten; und sie konnte auch nicht gut mit Kindern umgehen, whrend dem Mann
alle Kinder anhingen und ganz mit ihm sprachen wie mit ihresgleichen, welches
der strkste Ausdruck kindlicher Zuneigung ist. Wenn aber die beiden
zusammenstanden, dann kam niemand mehr auf den Gedanken, der Mann knne
schwcher sein wie die Frau, sondern das natrliche Verhltnis von Mann und Weib
war offenkundig vorhanden, obwohl sie in vielen Dingen fr ihn sorgte, da er
htte ganz unselbstndig scheinen mssen; so schnitt sie ihm bei Tisch das
Fleisch vor.
    Das Pfarrhaus hat fr die Leute auf dem Lande etwas Festtgliches, durch die
Ruhe, die wenigen Menschen in den vielen Rumen, die blitzenden Fensterscheiben
mit den weien Gardinen dahinter, die sandbestreute Diele und die frommen
Sprche, die im Flur angebracht sind. Und die beiden Leute waren festtgliche
Leute dazu, das empfanden die Arbeiter und Bauern; und noch mehr empfand es der
kleine Hans Wenn sich die Haustr in der Pfarre hinter ihm geschlossen hatte und
die Klingel lange nachschellte und er auf den Zehenspitzen ber die Diele ging
mit dem knirschenden Sand, der ein so lautes Gerusch zu machen schien, so
schlug ihm jedesmal das Herz; und in Freude verwandelte sich die Ehrfurcht erst
dann, wenn er dem freundlichen Pastor die Hand gab. Was sollen wir viel erfahren
von dem, was uerlich vorging in diesen Jahren? Auf Hans wirkte das Wesen der
Alten, und das Wesen Karls hatte Einflu auf ihn, zu den Wirkungen und
Einflssen, die er zu Hause hatte und im Wald; ganz wenig wirkten auf ihn die
Jungen in der Schule und die Schule berhaupt, obwohl die einen groen Raum in
seinen Erlebnissen einnahm; aber was er hier hatte, war nur ein Kennenlernen der
Dinge, die ein Mensch gebraucht zu seinem ueren Leben; diese aber sind fr
unsere Absichten gleichgltig.

Wie Hans in sein zwlftes Jahr kam, mute er des Pastors Unterricht verlassen
und in die Stadt gehen, das Gymnasium zu besuchen; mit ihm ging Karl Gleichen.
    Hans wurde auf den Lwenhof gebracht, zu einem Ackerbrger, namens Lwe.
Hier bekam er ein Dachkmmerchen mit einem Bett zum Schlafen, den Tag ber mute
er sich in der Wohnstube der Leute aufhalten, an deren Tisch a er auch; nur die
Woche ber war er hier. Sonnabends, wenn die Schule beendet war, pilgerte er
durch das alte Stadttor hinaus, durch die Felder hinauf in den Wald nach Hause,
und Montag frh ging er wieder zurck in die Stadt. Seine Mutter hatte
abgemacht, da sie fr die Woche einen Taler bezahlen wollte an die Wirtsleute,
den trug er Montags in der Tasche bei sich.
    Diese Lwes waren alteingesessene Leute, deren Voreltern fleiig und sparsam
gewirtschaftet hatten, bei ihnen aber ging alles auf, und es war wohl zu sehen,
da sie ihrer einzigen Tochter einst nichts hinterlassen wrden. Das geschah
aber so, da sie nicht eigentlich liederlich waren, auch nicht wirklich
verpraten; nur war der Mann von langsamer Art und ein Schlfer, und die Frau,
wiewohl flink und gewandt, liebte sehr das Essen, mehr aus Liebe zur Kochkunst
wie aus Leckerei, denn es freute sie am meisten, wenn es andern schmeckte. Sonst
aber waren sie ordentliche und gute Leute.
    Um vier Uhr des Morgens weckte die Frau den Mann; der ffnete dann die
Kammerfenster und rief die Knechte und die Magd wach; darauf sagte er, da er
erst wieder warm werden wolle und ging ins Bett zurck, aus dem er dann nicht
vor sieben Uhr aufstand. Da pflgten die beiden Knechte schon lange auf dem
Acker, und die Magd hatte lngst gemolken; wenn aber des Herrn Auge nicht wacht,
so geht der Pflug nicht tief und wird das Euter nicht leer, und vieles wird
vertan und verworfen in der Wirtschaft. Die Frau ging in die Kche und sagte,
sie fhle sich so schlecht im Magen, ihr sei, als msse sie etwas Besonderes
genieen; und so briet sie schon am frhen Morgen sich allerhand Leckerbilein,
davon sie auch, als eine kleine Person, dick und rund wurde, indessen der Mann
mit dem verschlafenen Gesicht mager und lang war.
    Wohl sahen sie selbst ein, da sie auf diese Weise immer mehr zurckkamen,
und namentlich an den Quartalsterminen wurde ihnen das klar. Aber sie vermochten
nichts an ihrem Leben zu ndern; wenigstens mu man rhmen, da sie sich nicht
gegenseitig Vorwrfe machten. Nur heimlich klagten sie wohl einem andern ihr
Leid, und zu solchem Vertrauen erwhlten sie sich ihren Kostgnger Han.s So rief
ihn etwa die Frau in die Kche, briet eine schmackhafte Gnseleber, schob ihm
die zu und sprach: I, sie ist mit ungesalzener Butter gebraten, und erzhlte
dann von ihrem Leben, da sie viele Anbeter gehabt habe, die sie zur Frau
gewollt htten, aber sie habe nun zu ihrem Unglck diesen Mann genommen; der sei
zwar gut zu ihr und trinke auch nicht, aber er sei trge und schlafe zu viel,
und sie knne allein das Wesen nicht halten, so viel Mhe sie sich auch gebe;
dazwischen erzhlte sie, da sie in die Nudeln, mit denen die Gans gestopft
wird, buchene Asche nehme, rhmte auch wohl die gebratenen Kartoffeln und
erzhlte, von welchem Landstck man die Kartoffeln zum Braten nehmen msse, und
von welchem sie als Salzkartoffeln oder in der Schale am besten schmeckten; und
am Ende weinte sie in die blaue Schrze und sagte, wenn sie noch einmal heiraten
sollte, was ja Gott verhten mge, denn ihr Mann sei ja gesund und wohl, aber
unmglich sei doch nichts, so werde sie sich besser in acht nehmen. Und der Mann
rief den Hans zu sich, nahm die kurze Pfeife aus dem Mund, tippte ihm damit auf
die Brust und erzhlte, was er fr ein Kerl gewesen sei in seinen jungen Jahren,
und was er fr Mdchen htte heiraten knnen, lobte dann seine Frau, da sie ja
gut sei und auch flink, aber sie sei zu sehr auf das Essen und Trinken, und
darber gehe das Haus zugrunde. Aber, meinte er, man knne ja nicht wissen, wenn
seine Frau einmal sterben sollte, so werde er sich in seiner zweiten Ehe ganz
besonders vorsehen; und so waren beide schon recht in die Jahre gekommen und
meinten doch, nach unbedachter Leute Art, da sie ihr Leben immer noch vor sich
htten und es nach ihrem Gefallen lenken knnten.
    Die Tochter der beiden war wenige Jahre lter wie Hans, gutmtig und still,
und hatte der beiden Eltern Eigenschaften in sich vereinigt, schlief viel und a
gern und war in ihren jungen Jahren auch schon artig aufgegangen zu einem
kugelrunden und zufriedenen Frulein.
    Hans aber hatte es gut in der Familie und wurde rechtschaffen gefttert fr
seinen Taler.
    In der Schule war ihm das Einleben recht schwer. Da bestand eine allgemeine
Verschwrung gegen die Lehrer: alle Schler hielten zusammen, logen sich
gegenber dem Lehrer heraus, betrogen diese auch, untereinander aber logen und
betrogen sie nicht. Htte einer sich dieser Ordnung nicht gefgt, so htten sie
ihn alle verachtet.
    Karl fgte sich sehr schnell in die Verhltnisse, sah in seines Nachbars
Hefte und hatte beim Abfragen ein Buch unter der Bank liegen; und wie der Lehrer
einmal eine Aussage von ihm wollte, log er mit offener und heiterer Miene.
Hansen war es nicht mglich, sich so zu geben, gleichwohl aber sah er wohl ein,
da er nicht gegen die andern auftreten konnte, und so stritten das alte
Pflichtbewutsein und das neue, das er hier bekam, eine lange Zeit in ihm
miteinander, bis er endlich einen Ausweg fand, indem er selbst zwar keine
Betrgereien mitmachte, aber willig seine Hefte und Bcher hergab, wenn die
andern sie benutzen wollten. Als einmal sein Nachbar beinahe ertappt wurde und
der Lehrer ihn befragte, wurde er sehr rot und verlegen und sagte ngstlich, er
wisse von nichts.
    Die Lehrer hatten allerhand Spitznamen, mit denen die Schler sie unter sich
nannten; allmhlich gewhnte er sich auch daran, sie so zu nennen, immer aber
behielt er dabei noch eine gewisse Scheu und Unbehaglichkeit.
    Zwar nahmen die Schler im ganzen und groen seine Art ruhig hin ohne
besonderes Nachdenken, einmal aber kamen sie doch auf den Gedanken, sie mchten
ihn hnseln, weil er anders war wie sie, und fiel ihnen ein, sie wollten ihn auf
den Klassenschrank setzen. Da wich er erst zurck und zog seine Arme fort, an
denen sie ihn anfassen wollten, aber wie sie ihn endlich umringt hatten, und
weil er sich aus Verlegenheit nur ungeschickt und schwach wehrte, da hoben sie
ihn bald unter lautem Geschrei auf den bestimmten Thron. Wie er da sa, standen
ihm vor Kummer die Trnen in den Augen, aber wie er auch Karl unter der Schar
seiner Peiniger erblickte, da fate ihn ein heftiger Gram, und es berkam ihn
eine besinnungslose Wut, und er ergriff eine zusammengerollte Landkarte mit
Stben, die da oben lag, und hieb unbarmherzig mit aller Kraft auf die Kpfe
unter ihm ein. Die Jungen schrien auf, und der Schwarm wickelte sich schnell
auseinander, er aber sprang mit seiner Waffe vom Schrank herunter und verfolgte
die andern, die vor ihm flohen, bis sie zuletzt alle zur Tr hinausliefen und
diese von auen zuhielten, damit er ihnen nicht nachkommen solle, denn sie waren
in heftige Furcht gekommen. Nach diesem Vorkommnis lieen sie ihn in Ruhe, ohne
sich brigens besondere Gedanken ber den Grund zu machen; er aber berlegte
sich das Ganze reiflich und kam zu dem Schlu, da einer, wenn er sich nicht
frchtet, gar keine Gefahr luft und wohl dreiig in die Flucht schlagen kann.
    Fnf Jahre mute er auf dem Gymnasium verbringen, das waren die fnf
schlimmsten Jahre seines Lebens. Damals fhlte er wohl den Druck und hatte das
unbestimmte Gefhl, als sei er Gefangener in einem Zuchthaus, aber weil alle um
ihn herum in derselben Weise lebten und dieses Leben ganz natrlich und angenehm
fanden, so kam ihm sein Unglck nicht zum Bewutsein, und er litt nur dumpf. So
hatte er es spter leichter, wie er schwere Zeiten durchmachte, in
Gewissenskmpfen und Sorge um das tgliche Brot, denn da fhlte er sich
innerlich doch immer froh, wenn er dachte, da das alles, was man als das
Schlimmste hinstellt, doch nicht so schlimm war wie dieses Leben in der Schule,
das damals allen natrlich und angenehm erschien, wenn auch alle litten gleich
ihm.
    Vieles wurde gelehrt, was ein jugendliches Herz wohl htte begeistern
knnen; aber was die Lehrer sagten, und was gelernt werden mute, war
gleichgltig und eine gemeine Arbeit ohne Sinn, wie sie ein Holzarbeiter
verrichten mag, der denkt: am Sonnabend habe ich meinen Lohn verdient; und einen
andern Sinn hat seine Arbeit nicht fr ihn. So war auch in der Schule alles
Arbeiten nur aus dem Zwecke zu verstehen, da man solche Dinge wissen mute,
wenn man das Examen bestehen wollte; das mute man aber bestehen, sonst durfte
man nicht studieren; deshalb freuten sich auch alle auf die Universitt, denn
sie hofften, da sie da das Zweckvolle und Sinnreiche sehen wrden. Aber weil
die Arbeit allen zuwider war, und weil alle das gleiche wissen muten, Kluge und
Dumme, so kam zu dem noch hinzu, da die Dinge, die man wissen sollte, so lange
wiederholt wurden und breitgetreten, bis sie auch bei dem Dmmsten und
Gleichgltigsten festsaen. Traurig und matt saen die Jungen auf ihren Bnken,
sahen sehnschtig aus dem Fenster, wo die Schneeflocken wirbelten und eine
frische Klte war, oder starrten auf die tintenfleckigen und zerschnitzten
Tische und die beschmierten Bcher, indessen die gelangweilte Stimme des Lehrers
schlfrig an ihr Ohr klang, der nun schon seit Stunden eine einfache
Konstruktion erklrte, die jeder sofort verstanden htte, wenn er nur Lust htte
bekommen knnen, sie zu verstehen; den einen oder andern ermahnte der Lehrer, er
solle aufpassen und nicht trumen, und wenn er dann einen fragte, ob er jetzt
die Sache wiederholen knne, so zeigte sich der gnzlich verstndnislos, und die
Erklrung mute von neuem angefangen werden. So wurde an einem einzigen Satz von
Cicero eine ganze Stunde bersetzt.
    Es ist zu sagen, da diese Bildung der Schule weder unsern Hans noch irgend
einen andern Jungen gebildet hat, sondern nur die Bedeutung eines Wissens von
allerhand Dingen bekam, das zum Teil sehr schnell wieder vergessen ward, und so
erhielten alle diese Schler ihre wahre Bildung neben und auer der Schule,
weshalb ber diese sowohl wie ber die Lehrer hier weiter nichts zu sagen ist.
    Kinder sehen die Dinge nahe, scharf und gewissermaen in einer einzigen
Flche; aber wenn ein Junge in die Zeit kommt, die man die Flegeljahre nennt, so
ndert sich unmerklich dieses Sehen, und damit werden auch die Gefhle
verndert, die er in sich hat; denn es legt sich ihm ein Schleier ber alles,
da die Umrisse verschwinden und die Dinge, die frher allein standen, sich zu
einem einheitlichen und untrennbaren Bild zusammentun, und dieses Bild bekommt
dann Tiefe, Vordergrund und Hintergrund, seine Seele aber erfllt sich nun mit
einer unbestimmten und undeutlichen Sehnsucht, welche die Bilder immer weiter in
den Hintergrund treibt, damit sie dort goldigere Farben annehmen und duftigere
Umrisse; er kriegt Erinnerung und Hoffnung, und der Gegenwart vergit er, und
weil so vieles eine neue Bedeutsamkeit erlangt hat, die er frher nicht geahnt,
so geht ihm nun oft bei einer Kleinigkeit das Herz auf als bei einem
tiefsinnigen Symbol, dessen Bedeutung ihm nicht in Begriffen beifllt, sondern
nur in einem dunkeln Gefhl; und kommt alles das rein und ungestrt durch
ueres aus dem Innern heraus, bei dem einen so, bei dem andern so. Auerdem,
whrend das Kind noch das Gefhl hatte, da alle andern Kinder, ja selbst die
Tiere, ihm gleich seien und deshalb noch keine Scham kannte, berfllt jetzt den
Jungen eine heftige Schamhaftigkeit, weil alles Neue nur ihm allein gehrt, und
kann sich diese Schamhaftigkeit aber nicht uern, wie es ihr entsprechen wrde,
weil der Junge sie selbst nicht versteht, deshalb kommt sie zutage als Trotz,
Ungezogenheit und auch als Lge; so nennt unsre liebe keusche Muttersprache
dieses Alter recht schn die Flegeljahre.
    Welche von den vielen Zgen, in denen sich diese Wandlung uerte, soll der
Erzhler nun wohl herausheben? Es ist etwa zu erzhlen, wie Hans an einem
Mittwochnachmittag in der Stube seiner Wirtsleute sitzt, wo hinterm Ofen der
Bauer im Halbschlaf trumt, und hat eine alte Zigarettenschachtel, die er
geschenkt bekommen, die klebt er an allen Seiten sorgsam mit Kleister zu, da
kein Licht hinein kann, und trumt in der Art wie einst, da er zu Hause unterm
Tisch sa, wie heimlich es wre, ganz klein zu sein und in solcher verklebten
Schachtel zu sitzen. Wre ein andrer in der Stube gewesen und nicht blo der
verschlafene Wirt, so htte er sich geschmt, solches Spiel zu treiben.
    Durch Schule und Umgang werden derartige Neigungen auf bestimmte Wege
gelenkt, und so kam Hans darauf, sich eine Pflanzensammlung anzulegen. Dazu
hatte er den strksten Trieb im Frhling, denn wenn der Rasen noch berall
vergilbt und schmutzig war, so erschienen die gelben Blumen des Huflattich, die
dann im Sommer die groen Bltter nachtreiben, darauf kamen die Schneeglckchen,
und endlich begrnten sich die Wiesen, erst an den feuchten Stellen, wo die
Dotterblume ihre dicken Knospen aufbrach und glnzende Bltter entrollte; und
wie es berall grn war, da beblmte sich die Wiese mit Marienblmchen,
Veilchen, Mnnertreu, Vergimeinnicht, Hahnenfu, Frauenmantel, Lwenzahn,
Schaumkraut und Storchenschnabel, in den Wldern aber wuchsen die Zankblmchen,
Maiglckchen und blauen Leberblumen. Das alles war so, da das Herz weit wurde,
und schien, als knne diese Zeit nie aufhren und msse die Wiese immer weiter
blhen und der Fuchsschwanz sich heben und Sauerampfer stehen und Klberkropf
sich breiten, und es werde niemals gemht. Alle diese Blumen kannte Hans schon
frher, aber jetzt sagten sie ihm eine Sehnsucht und eine Freude, die ihm bis
dahin unbekannt gewesen, und einmal, wie er ganz allein war, und niemand ringsum
zu sehen inmitten der blhenden Wiesen, da wagte er es, da er aufjauchzte; aber
der Ton war ihm so sonderbar, da er gleich wieder verstummte, aus Schrecken.
    Aus dieser Zeit blieb ihm ein Erlebnis fr sein ganzes Leben in der
Erinnerung, das uerlich zwar nichtig schien: er war ausgegangen, Pflanzen zu
suchen und trat aus dem Wald und sah vor sich ein Bauernhaus, bei dem ein
groes, abgezuntes Weidestck war; weil aber der Frhling eben seine ersten
Tage schickte, so lag noch in einem schattigen Winkel etwas schmutziger Schnee,
jedoch mitten durch das Stck flo ein Wsserlein, eilfertig und geschftig, wie
diese Wsserlein im frhen Frhling dahinplaudern, und an dessen Rndern war das
Gras schon grn und einige Bschel Narzissen standen da, in deren einem eine
Narzisse aufgeblht war, diese Blume, die fr den Oberflchlichen kalt und leer
scheint und in Wahrheit doch eine fast unheimliche Leidenschaft in sich
schliet. Wie Hans diese einsame Blume sah, war es ihm, als bliebe vor einer
sonderbaren Wonne sein Herz stehen, und erst viel spter, wie er schon erwachsen
war, wute er, da da damals ein heftiges Glcksgefhl gewesen, und versprte
einen goldenen und sanften Abglanz davon auch nachher immer noch, wenn er in
seiner Sammlung die geprete Blume betrachtete. Mit geringerer Strke hatte er
solche Gefhle auf andern Gngen, die er einsam machte und fr sich; so, wenn er
am Waldrand dahinschritt, wo knorrige Wurzeln vorragten und die Zweige sich weit
berbogen, indessen das Korn ruhig stand mit Mohn und Kornblumen, oder er
wandelte einen schmalen Pfad zwischen den Kornfeldern, und rechts und links
streiften ihn die schweren hren, die berhingen, und eine Lerche stieg
schmetternd in die Hhe aus der Mitte der unbewegten goldenen Frucht und wurde
zu einem kleinen Punkte oben im Blau, von dem es herabjubelte; ja selbst der
Strohduft in seines Vaters dmmernder Scheune vermochte eine Sehnsucht und
glckliche Freude zu erwecken. Der Grund bei allem diesem aber war wohl, da es
ihm schien, weil seine Brust sich weitete, so fliee er zusammen mit dem andern
und gehre zu ihm, so da alles eins sei.
    Nur ein dunkles und drohendes Gefhl stand auch in solchen Stunden immer im
Hintergrund, das sich an die Schule knpfte; da waren unbekannte Gedanken, da
er eigentlich arbeiten msse, und da er nicht seine Pflicht erflle, und da er
niemals das schwere Abiturientenexamen werde bestehen knnen, denn trotzdem er
unter den Ersten sa, war er sich doch bewut, da er lange nicht wute, was man
wissen mute; und allerhand Vorwrfe machte er sich dann, wenn er an seinen
Vater dachte, wie fleiig der war und sich keine Freude gnnte, nur damit er
selbst lernen sollte. So schwer war diese Last, welche die Schule auf seine
Seele legte, da er auch nach vielen, vielen Jahren sie noch sprte, wie er
schon lngst erwachsen war und verheiratet und Kinder hatte.
    In der Schule hrte er von Lehrern wie von Schlern etwas ganz anderes ber
den lieben Gott, wie er bisher gehrt. Die Religionsstunde hatten die Jungen bei
einem Lehrer, dem ein langer, blonder Bart gewachsen war, und der oft einen
kleinen, runden Taschenspiegel vorzog, den er auf den Katheder legte und darin
seinen Bart betrachtete; auch putzte er sich die Ngel so sorgfltig, da sie
glnzten wie poliert, und wenn er sich setzte, so zog er vorher mit zwei Fingern
die Hosenbeine in die Hhe, um sie zu schonen, weil sich die Knie sonst aus den
Hosen herausarbeiten. Die andern Lehrer sprachen gar nicht vom lieben Gott,
sondern sie redeten so von den Gttern der alten Griechen und Rmer, da es war,
als glaubten sie an die, was natrlich blo so schien. Und die Jungen dachten
eigentlich gar nicht an Gott; das war so, da er sich geschmt htte, vor ihnen
den Namen Gottes zu gebrauchen, denn er hatte das Gefhl, da das nicht hierher
pate.
    Mit Karl hatte er einmal ein Gesprch ber diesen Punkt. Da sagte dieser,
heute glaubten berhaupt die meisten Menschen nicht mehr an Gott, und die es
doch tten, wren entweder Heuchler wie die Pfaffen, oder sie seien Dumme. Wie
Hans ihn fragte, was dann sein Onkel sein sollte, verstummte er zuerst, und dann
erklrte er, der sei hinter seiner Zeit zurckgeblieben. Solche Meinungen
schienen Hans ganz schrecklich, und er hatte groes Mitleid mit Karl; der aber
lachte und sagte, er wolle ihm ein Buch borgen, in dem sei das alles ganz klar
bewiesen. Zuerst wollte Hans das Buch nicht lesen, dann aber meinte er, da er
Karl vielleicht auf bessere Wege bringen knne, wenn er ihm solchen Widersinn
klar mache, wie in dem Buche geschrieben sein werde, und deshalb studierte er es
durch.
    Da war nun aber pltzlich alles anders geworden. Karl hatte recht, in dem
Buch war ganz klar nachgewiesen, da es keinen Gott gab und da nur die
Schlechtigkeit der Menschen, insbesondere der Pfaffen, die von der Dummheit der
Menschen ihren Vorteil zgen, noch die falschen Ansichten aufrecht erhielte. Gar
nichts konnte man gegen die Beweise des Buches vorbringen. Das fiel ihm nun
schwer aufs Herz, denn erstlich sollte er jetzt in einigen Wochen konfirmiert
werden und mute bekennen, da er an die christliche Lehre glaubte, und das
konnte er nun nicht. Wie er Karl fragte, was der tun werde, da konnte ihm der
auch keinen Trost geben, sondern meinte, das sei nur eine Formsache mit dem
Glaubensbekenntnis und man knne es nicht Lge nennen, wenn einer dazu sein Ja
sage, denn jeder wisse ja doch, was von diesen Dingen zu halten sei. Diese
Meinung schien Hans nicht richtig, und er beschlo deshalb, einen Erwachsenen zu
fragen, wiewohl er eine groe Scheu hatte, wie wenn er etwas Verbotenes getan
habe; aber weil es sein mute, so berlegte er sich lange, wen er angehen solle,
seinen Vater oder den guten Pastor, und er entschlo sich endlich, zu seinem
Vater zu gehen. Der aber erwiderte ihm nichts auf das, was ihn bekmmerte,
sondern wurde nur rgerlich und sprach, er solle keine trichten Bcher lesen,
sondern sich an seine Schulsachen halten und die ordentlich betreiben, so werde
sich alles Weitere spter schon von selber finden. Das war das erstemal, da ihm
auf eine Bitte keine Gabe wurde von seinem Vater, wiewohl nur deshalb, weil der
ihn nicht verstanden, und von da an verschlo sich das Herz des Kindes vor dem
Erzeuger und kam viel Kummer und schwerer Kampf aus solcher Entfremdung. So sehr
aber hatte die Antwort ihn zurckgetrieben, da er nun noch weniger wagte, zu
seinem alten guten Pastor zu gehen.
    Wohl wute er, da der Satan derlei Anfechtungen schickt, da wir nicht
glauben knnen, und da wir dann siegen, wenn wir recht heftig zu Gott beten und
Gott die Hilfe abringen; aber er sah auch ein, wenn es nun keinen Gott gab, so
war ja auch diese Lehre eitel Torheit; und das schien ihm so klar, da es keinen
Gott gab, da kein Mensch mehr zweifeln konnte, nachdem er das Buch gelesen; es
hie aber Kraft und Stoff.
    Und die Sorge um die Konfirmation war nur das Nchste. Weiterhin tat sich
ihm dann die Furcht auf, wenn er nun die Schule zu Ende besucht hatte, so sollte
er Theologie studieren nach dem Willen seiner Eltern; das konnte er aber doch
alsdann nicht, denn er wre doch dann auch einer von denen geworden, die das
Volk betrgen und die Wahrheit verhehlen. Auch ber diesen Punkt urteilte Karl
ganz leichtfertig, indem er meinte, diese Sorge habe noch lange Weile, und
vorerst brauche man sich um sie nicht zu bekmmern.
    Fr einen jungen Menschen bedeutet der Glaube an Gott noch wenig; er hat
noch so viel andern Glauben an sich und an die Menschen und an die Zukunft und
an die ganze Welt, da er jenen entbehren kann, ohne da etwas in ihm
zusammenbricht. So empfand Hans seine Wandlung im Grunde gar nicht tief, sondern
nur als eine Beunruhigung fr seine Ehrlichkeit; erst in seinem spteren Ringen
ging ihm wenigstens ein Teil der groen Fragen auf, um die es sich hier handelt.
Diese erste Anfechtung fand ihn in der Gedankenlosigkeit, die der glcklichen
Jugend eigen ist und geziemt.
    Gerade in den Wochen, wo diese Gedanken einander am heftigsten anklagten und
entschuldigten, kam noch eine zweite Angelegenheit zu ihrem Hhepunkt. Hans
hatte nmlich eine Liebe gefat, wie das bei Knaben seines Alters geschieht, und
in dieser ereignete sich etwas ber alle Maen Grausiges.
    Das Stdtchen war bis zum Deputationshauptschlu reichsunmittelbar gewesen;
dazu fhrte bis zu dem groen Umschwung im sechzehnten Jahrhundert hier der
Handelsweg vorbei, und die Brger trieben wichtige und weite Geschfte bis tief
nach Asien hinein. So waren sie reich und stolz geworden und hatten ein Rathaus
gebaut noch in den romanischen Zeiten aus den gewaltigen Blcken des dort
vorkommenden Syenitgesteins, das Funken sprhte, wenn man ihm einen Stahl
anschlug, und waren in der wuchtigen Wand die kleinen Fenster verteilt, die das
Licht von hoch herab in groe Sle warfen, und vorn fhrte eine steile und
schwere Freitreppe zum Stock; am Eingang stand ein uralter und ungefger
Steinblock, an dem des Kaisers Schwert und Handschuh hingen. Jetzt spielten
Kinder in luftigen Sommerkleidern auf der alten Treppe. Noch andre alte Huser
erhoben sich am Marktplatz, stolz und trotzig wie Burgen wehrhafter Ritter, aber
mit hohen Dachrumen, in denen einst reiches Kaufmannsgut gelagert.
    Als der Handel damals andere Wege einschlug, hatten die klugen und
vorsichtigen Kaufherren einen verstndigen Ersatz gesucht im Geldgeschft und
Beteiligung am Bergbau, und war eine zweite Blte der Stadt gekommen aus diesen
Gewinnen, die noch stolzer war wie die erste; aber die groen Staatsbankerotte,
die Wandlungen des Metallwertes und die Zerstrungen des Dreiigjhrigen Krieges
hatten diesen Wohlstand von Grund aus vernichtet. Seitdem kamen kleine Brger
auf in den stolzen Husern, die in Lden Handwerksgerte, Kleiderstoffe und
allerhand geringe Kaufmannswaren verkauften an die Leute aus dem Gebirge oder
die Bauern vom Lande, die an den Sonnabenden zur Stadt kamen, hier einzuhandeln,
wessen sie bedurften bei ihrem kleinen Wesen. Und auer den alten Husern
zeugten nur noch in der Kirche zu Sankt Blasien alte Wappen in den Fenstern,
finstere Familiensthle mit sonderbaren Schnitzereien und prunkvolle Grabtafeln
an den Wnden von den stolzen Geschlechtern, die einst hier gelebt, ehe die
freisinnig gesinnten Kleinbrger in der Stadt hausten.
    Nur eine der alten Familien hatte sich erhalten in sicherem Reichtum an
Grund und Boden in den Drfern; deren Letzte bewohnten noch das alte Haus aus
schweren Quadern mit kleinen Fenstern und gewaltigem Giebel, den oben die groe
eiserne Rolle zierte, mit welcher einst die fremden Warenballen herausgewunden
wurden. In den reichsstdtischen Zeiten war aus diesem Hause immer der
regierende Brgermeister gewhlt und der Iktus, aber wie die Freiheit verloren
ging, hatten sich die Herrschaften von allem zurckgezogen, und nun fhrten sie
ein hochmtiges und abgeschlossenes Leben, die Mnner in Verwaltung ihrer Gter
und allerhand verschollener Gelehrsamkeit, die Frauen in Sorge fr das Haus,
Wohltun und Frmmigkeit; seit dem dreizehnten Jahrhundert wies die Hauptkirche
Stiftungen von ihnen auf, angefangen mit einem Stck guten schwarzen Tuches von
acht Ellen, fr die Armut bei den Beerdigungen als Sargdecke zu nehmen. Damals
nun lebte Herr Jobst Riemenschneider mit seiner Frau und einem einzigen
Tchterchen Johanna in dem alten Hause. Herr Jobst war ein durchsichtig blasser
und feiner Mann mit einem verzehrten Gesicht, der Scheu hatte vor Menschen und
alles Gerusch frchtete, und ganz im verborgensten Winkel des Hauses hatte er
seine Studierstube, deren Tren waren gepolstert, damit kein Laut sie
durchdringen sollte. Hier forschte er in alten Akten und Archivstcken ber die
frhere Geschichte seiner Stadt; denn seit langen Jahren schon arbeitete er an
einem Werke, das doch nie fertig zu werden schien, weil ihm immer neue Zweifel
kamen, wenn er glaubte, er habe etwas festgelegt, und dann mute er immer von
neuem untersuchen. Unterdessen wurde in der allgemeinen Wissenschaft drauen ein
heftiger Kampf gefhrt ber die Anfnge des Stdtewesens und die ersten Zeiten
der Gilden und Znfte und ber die frommen Genossenschaften; das alles betraf
seine Arbeiten, aber er versprte von diesen Kmpfen nichts, denn seit seinen
Universittsjahren hrte er nichts mehr von heutiger Wissenschaft, sondern lebte
nur seiner beschrnkten Aufgabe, die doch von Jahr zu Jahr luftiger wurde und
weniger zu fassen. Die Frau war bei der Heirat ein frhliches junges Ding, von
der niemand wute, woher sie stammte, und es wurde heimlich erzhlt, ste sei
eine Schauspielerin gewesen. Damals lebte noch des Herrn Jobst alte Mutter, eine
kalte und fromme Frau mit scharfen, grauen Augen. Die mag das junge Ding wohl
sehr in die Zucht genommen haben, denn man merkte ihr an, wie sie sich
vernderte und traurig aussah und oft verweint. Das einzige Tchterchen, das sie
Johanna nannten, wurde ihnen erst nach Jahren geboren. Damals, als Hans seine
Berhrung mit diesen Manschen hatte, war die Frau schon lange leidend, und es
hie, sie msse in den Sden gehen. Johanna wuchs auf in dem alten Hause, in dem
es noch ein Zimmer gab, das ganz mit blauweien Kacheln ausgelegt war, auf
diesen Kacheln sah sie Schiffe und Windmhlen, Schlsser, Ruinen, Fischer,
Kirchtrme, Chinesen und allerhand sonstige Dinge abgebildet, die man sich
denken mochte. Dann waren da groe, geschweifte Schrnke, die vier Tren hatten,
und Kommoden mit wunderlichen Griffen, seltsam geschwungene Sthle, uralte
Bilder, die ganz dunkel geworden waren und etwa einmal ein gespenstisch blasses
Antlitz mit blitzenden Augen sehen lieen; Treppenstufen gingen zu Zimmern in
die Hhe; Kronleuchter hingen seit Jahrzehnten eingehllt, und vergoldete Sthle
hatten festgebundene Bezge. And auf den Bden stand unter Staub
vielhundertjhriges Altertum, eingelegte Truhen, Spinnrder aus Mahagoniholz mit
Elfenbein, alte Bcher in Schweinsleder mit messingenen Beschlgen, Rechnungen
der Urahnen in Bndeln, Medizinflaschen von lngst vergessenen Toten und
sonstiges Krankengert, Wiegen und Kinderspielzeug, darunter ein Puppentheater
aus der Rokokozeit und ein groer Ballen sorgfltig gesammelter alter Leinwand,
von der an arme Wchnerinnen geschenkt wurde, wie seit Jahrhunderten schon
geschehen in diesem Hause.
    Johanna war ein blasses Mdchen mit schwermtigen, dunkeln Augen und
langlockigem Haar; ihr Mund war schweigsam, aber ihre Augen vermochten ein
tiefes und heftiges Gefhl zu erregen. Als sie Hans zum ersten Male ansah, war
es ihm, als berfalle ihn eine ganz schreckliche Angst; ber die dachte er lange
nach, und zuletzt wurde es ihm sicher, da er das Mdchen liebe. Wie er darber
klar war, beschlo er, mit Karl zu sprechen; aber kaum hatte er dem den Namen
genannt, da machte er ein glckliches Gesicht und begann zu erzhlen, wie sie
die Tochter seiner Wirtsleute besucht habe, mit der sie zusammen zur Schule
ging, denn er wohnte bei einem Oberlehrer, und es sei eines Sonntagnachmittags
gewesen, und sie htten Pfnderspiele gespielt; da htte sie ihn mehrmals
angesehen; und er wisse genau ihren Schulweg und habe eine Rose abgepflckt und
sei vor ihr gegangen, da sie ihn habe sehen mssen, und dann habe er die Rose
fr sie in einen stillen Winkel hingelegt, und sie habe die Rose genommen, und
seitdem lege er ihr jeden Morgen eine Rose hin, und sie nehme und trage die.
    Wie Karl das erzhlte, schmte sich Hans fr ihn, sowohl um die Frechheit,
da er die Rose hingelegt, wie auch, da er ihm das erzhlte, und wurde ihm auch
sehr traurig im Herzen, in weiter und unbestimmter Weise. So sprach er nichts
mehr und suchte, da er bald nach Hause kam, ging auf sein Dachkmmerchen und
begann heftig zu weinen; der Wirtsleute gutherziges Tchterlein aber, das ein,
zwei Jahre lter sein mochte wie er, als sie nebenan das Schluchzen hrte, kam
sie zu ihm und wollte ihn trsten, riet auch gleich, da er wohl verliebt sei.
Da sprach sie recht verstndig und wie eine ganz erwachsene Person, da er doch
noch ganz jung sei, und verloben knne er sich noch lange nicht, und berhaupt
sei das alles nur Unsinn. Wie aber Hans, obwohl er sich schmte wie ein Dieb,
doch immer heftiger zu schluchzen anfing, da konnte sie in ihrer Gutmtigkeit
sich nicht mehr halten, denn sie hatte nahe ans Wasser gebaut, und fingen auch
ihr an die Trnen ber ihre runden Bckchen zu rollen in dicken Tropfen. So
saen die beiden auf Hansens Bettkante; und kam ihr am Ende eine Erinnerung aus
einem Buche, das sie gelesen, und sagte sie Hans, sie wolle seine Schwester
sein, kte ihn auf den nassen Mund und ging fort.
    Nach wenigen Tagen hatte sie sich schon an Johanna heranzumachen gewut und
wurde mit ihr recht befreundet. Da dachte sie dann, Hansen guten Trost zu
bringen, denn Johanna hatte ihr gesagt, sie mge Karl gar nicht leiden und habe
Hans viel lieber; aber Hans glaubte ihr nicht, sondern meinte, sie wolle ihn nur
trsten durch solche Botschaften. Einmal jedoch besuchte Johanna seiner
Wirtsleute Tochter, und da sprach sie auch mit ihm einige Worte und sagte ihm
zuletzt, weil es schon so dunkel sei und das Haus so abgelegen, so mge er sie
doch eine Strecke begleiten, und wie er das tat, sagte sie ihm auf dem Wege
dasselbe ber Karl.
    Da bekam er einen so wilden Ha auf den, da er darber erschrak, denn er
hatte ein solches Gefhl noch nicht versprt, und war es ihm besonders heftig,
wenn er Karl lachen sah, denn da htte er ihn mgen umbringen. Und weil er in
diesen Tagen keinen Halt mehr fand in seinem Gebet, so geriet er in Trbsinn und
tiefes Unglck, und ihm war, als sei er in einem Tal, aus dem es keinen Ausweg
gibt, weil er vorher gemeint, es gebe einen Weg nach oben, der in Wahrheit nicht
da war. So geschah es das erstemal, da er dieses Gefhl hatte, das ja die
meisten Menschen durch ihr ganzes Leben begleitet; sie wissen es sich nur zu
verbergen, da sie es haben, denn wenn sie das nicht tten, so vermchten sie ja
nicht zu leben.
    Whrend diese Dinge nun solchergestalt liefen neben den Dingen der
Erwachsenen, die meinten, da ihre Dinge wichtiger seien, spitzte sich in der
Heimlichkeit eine andre Sache in Beziehung auf Johanna zu.
    In Hansens Klasse war ein Schler, dessen Jahre weit ber den Durchschnitt
seiner Mitschler hinausgingen, und der von diesen nicht sonderlich geachtet
wurde wegen seines trichten Wesens, denn er ahmte in geckenhafter Weise die
Erwachsenen nach in seiner Tracht, Haltung und Benehmen; so hatte er dem
Religionslehrer abgesehen, da er eine groe Silbermnze an der Uhrkette trug,
was damals neu und elegant war, und hatte sich einen steifen Hut gekauft, wie
die jungen Kaufleute haben, und trug Stege an den Hosen. Sein Vater war ein
reicher Gutsbesitzer, der wenige Stunden von der Stadt entfernt wohnte, und von
dem erzhlt wurde, da er habschtig sei und Geld auf hohe Zinsen ausleihe.
    Als Hans an einem Morgen in die Klasse kam, sah er, wie dieser Mensch allein
auf seinem Platze sa und scheinbar eifrig in einem Buche studierte; alle seine
Nachbarn waren von ihm gewichen, und in einer Ecke des Schulzimmers wurde von
einigen heftig gestritten und erzhlt; von denen erfuhr Hans, da Ecker, denn so
hie jener, bei einem Freunde einen Ring gestohlen habe, der dessen Mutter
gehrte; und diese, in der Meinung, da ein Dienstbote die Tat begangen, habe
der Polizei Nachricht gegeben, und als Ecker den Ring beim Goldschmied zum
Verkauf bringen wollte, sei er festgehalten und erkannt worden. Wie der Lehrer
in die Klasse trat, gingen alle schnell auf ihre Pltze; der Lehrer aber rief
Ecker an und sagte, es sei bereits Meldung ber ihn eingelaufen, und er solle
bis auf weiteres aus der Schule bleiben. Da richtete sich Ecker auf mit einem
blassen und verzerrten Gesicht, da alle erschraken, denn sie hatten ihre Blicke
auf ihn gewendet, und machte sonderbare Bewegungen mit den Hnden und stieg
unbeholfen auf die Bank und den Tisch; und indem noch alle erstaunt waren, was
dieses bedeuten solle, da zog er ein Terzerol aus der Tasche, wie es wohl Jungen
heimlich fr ihr Taschengeld kaufen, setzte sich das auf die Brust, scho ab und
strzte vornber auf die Bnke und Tische hin, wo die andern entsetzt wegstoben,
ehe sie noch wuten, weshalb sie erschrocken waren.
    Hans war es, als hre er einen Fall eines schweren Geschirrstckes auf die
Erde, denn er hatte die Handbewegung nicht verstanden, und wie Ecker fiel, wute
er noch gar nicht, was das bedeute. Als ihm das aber klar wurde, stie er einen
lauten Schrei aus vor Entsetzen, und nach einer kurzen Weile schrie er nochmals
und anhaltend. Viele versammelten sich um ihn, und er wurde nach Hause gebracht.
    In den nchsten Tagen wurde erzhlt, wie alles zusammenhing. Der Tote hatte
allabendliche Zusammenknfte mit Johanna gehabt in der schlechtesten Strae des
Stdtchens, und hatten sie Leute da zusammen stehen und sprechen sehen. Um diese
Liebe hatte der junge Mensch allerhand Ausgaben gemacht, die an sich wohl gering
waren, aber doch sein Vermgen berstiegen, und so war er zu dem letzten
verzweifelten Streich gekommen.
    Fr Hans war es, als ob er das alles in einem schweren Traum erlebe, bei dem
man das Bewutsein hat, da doch nichts Wirkliches geschieht, sondern nur
Ertrumtes, und da alles wieder in Ordnung ist, wenn man aufwacht. Und kam ihm
zwar nicht zu rechter Klarheit, was innerlich bei ihm vorging, aber es ward ihm
bewut, da alle Neigung zu Johanna pltzlich erloschen war, und ihm geschah,
wie wenn ein verschnender Schleier pltzlich von ihrem Gesicht weggenommen war;
so fiel ihm als hlich auf, da sie ber dem Nasensattel kleine Sommersprossen
hatte, die sie vorher ihm besonders liebreizend gemacht, und klang ihm auch ihre
Stimme mit einem Male scharf und widerwrtig. Sie besuchte seine Wirtstochter
und sprach wieder mit ihm, da ber sie viel gelogen werde, und sie sei jetzt
nach jenem Todesfall so allein, deshalb drfe er sie nicht auch verstoen. Aber
ihm war das alles abscheulich und ganz kalt.
    Wie oft die Letzten untergehender Geschlechter zeigte Johanna das
unheimliche Auftauchen lngst vergessener Triebe der Urzeiten, denn nicht
gestorben ist ja in uns das Blut unserer Vorvter, die im Steinalter und in der
Bronzezeit dstere Hhlen bewohnten und mit bodengesenkten Blicken auf Raub und
Vernichtung zogen, und es wird immer wieder regsam in uns selbst zu gewissen
Zeiten, wenn die klare Vernnftigkeit schwach ist, die unsre Vorfahren errungen
im jahrtausendlangen Kampf um das Freie, Hohe und Gute, und manche Menschen
erfllt es gnzlich; die wissen dann nichts von sittlichen Geboten und folgen
einer Selbstsucht, die wir nicht glauben, geben pltzlich sinnlos und ohne
Gedanken einer auftauchenden Begier nach und machen uns vielleicht verwundern
durch die Schrfe ihrer Sinne und die merkwrdige Kenntnis der Regungen in
andern Menschen, wie durch die Fhigkeit, diese Kenntnis zu ihrem Nutzen zu
verwenden.
    Hans war dem geheimnisvollen Zwange der Natur unterlegen, welche die
ehrbaren und braven Menschen treibt, da sie sich an solche unehrlichen und
schlechten hngen mssen, und scheint in der frhen Jugend, wo die Liebe noch
ganz geistiger Art und dunkle Sehnsucht der Seele ist, dieser Zwang noch rger
zu sein wie im spteren Alter der zwanziger Jahre. Deshalb mu man wohl sagen,
da Liebe etwas Furchtbares und Grausiges ist, und der Mensch ist glcklich zu
preisen, den das Geschick davor behtet, in ihre Tiefen zu sehen. Aber bei
Hansen war das nicht ein Sehen oder ein Verstehen, sondern ein ganz tiefes,
heftiges Gefhl, das strker war wie alle klare uerung des Geistes; und so
tief in ihm war der Kampf vor sich gegangen, da ihm nichts davon in sein
Bewutsein kam und er vielmehr erstaunte, da seine Meinungen, Gedanken, Trume
und Liebe so pltzlich umgeschlagen hatten. Aber mit einem Male berfiel ihn nun
das Gefhl der Einsamkeit und Verlassenheit in der Welt. Das war den Sonntag vor
seiner Einsegnung.
    Da wurde ihm zum ersten Male klar, da wir zwischen den Menschen wandeln wie
zwischen den wesenlosen Larven, welche die Wste erfllen; sie weichen zurck,
wenn wir auf sie zugehen, und wenn wir ihre Hnde drcken wollen, so fhlen wir
bloe Luft, und ist nichts in der groen Wste lebendig, denn wir allein.
    Es geschah aber in einem Wldchen, weil er sich sammeln wollte und ohne
Reden der Menschen sein, da ihm diese Klarheit kam, und geschah, wie er eine
Ameise betrachtete auf dem Wege, die sich abmhte um etwas, das fr ihn selbst
ein Nichts war. Da dachte er an sein Losungsbchlein, welche Losung ihm das
geben msse fr diesen Tag; und siehe, da stand geschrieben: Ich wache und bin
wie ein einsamer Vogel auf dem Dache. ber diese Worte kamen ihm die Trnen und
strzten in groen Mengen aus seinen Augen, und faltete die Hnde, und wiewohl
er keine Worte zu sagen wute oder denken konnte, so betete er doch, und im
Bitten schon hatte er noch Trstung, Sicherheit und Ruhe.
    Zwar bereits auf dem Heimwege kamen ihm wieder die alten Gedanken, da es
doch keinen Gott gebe, und da deshalb solche Erfahrungen, wie er eben gemacht,
ein Selbstbetrug seien; aber da half ihm wieder ein Buch, nmlich er hatte
Doktor Martin Luthers Tischreden zu Hause liegen, die ihm der gute Pastor
geliehen, in einer schnen, alten Folioausgabe, unbekmmert um die Derbheiten
und starken Ausdrcke des Buches; denn er meinte, was aus einem reinen Munde
kommt und in ein reines Herz geht, das kann keinen Schaden tun, und die heutigen
Menschen sind bermig verzrtelt in ihren Worten, da sie doch in Gedanken und
Taten unreiner sind wie frher. In diesem teuren und herrlichen Buche schlug
Hans auf den Zufall hin auf, da stie er auf die Stelle: M. Antonius Musa,
damals Pfarrherr zu Rochlitz, hat auf eine Zeit D. Martino herzlich geklagt, er
knne selbst nicht glauben, was er andern predige. Gott sei Lob und Dank (hat D.
Martinus geantwortet), da andern Leuten auch so gehet, ich meinte, mir wre
allein so. Dieses Trostes hat Musa sein Lebenlang nicht vergessen knnen.
    Hierber wurde Hans frhlich und zufrieden, und schien ihm alles, was er
Gelehrtes gelesen gegen Gott, dummes Zeug zu sein. Und beim frohen Blttern kam
ihm noch eine andere Stelle unter die Augen:
    Als ber D. Martini Lutheri Tische disputieret ward, wie ein lieblich Ding
der Tau wre, sprach D. Martinus: Ich htte es nimmermehr geglubet, da der Tau
so ein herrlich lieblich Ding wre, wenn nicht die Heilige Schrift den Tau
selbst hoch gelobt htte, da Gott saget: Dabo tibi de rore coeli, ich will dir
vom Tau des Himmels geben. Ach, Creatura ist ein schn Ding, wenn wir sollen
Creationem glauben, tum balbutimus et blaesi sumus, und sagen Cledo fr Credo,
wie ein Kindlein spricht Lemmel fr Semmel. Die Worte sind wohl stark, aber das
Herz spricht Cledo; sed per hoc salvamur, quia cupimus credere. Ach, unser
Herrgott wei wohl, da wir arme Kindlein sind, wenn wirs auch nur erkennen
wollten. Sagen doch die Apostel selbst: Dominus adauge nobis fidem. Aber wir
sind alle klger denn unser Herrgott, wir knnens nicht verstehen, nisi per
filium, id est, Christum. Das ist alle seine Predigt, da er spricht: per me,
per me, per me, ihr knntet's nicht tun, wenn ihr euch gleich zerreiet, durch
den Sohn werden wir zum Vater bracht. Darum, wenn wir nur glaubten, da unser
Herrgott klger wre, so wre uns schon geholfen.

Hans wurde mit Karl zusammen eingesegnet, nicht in der Stadt, sondern zu Hause
in dem kleinen Drfchen bei dem guten und frommen Pastor, der ihn in den ersten
Jahren unterrichtet.
    Es saen zusammen zehn Kinder auf den Bnken der Konfirmanden, sechs Knaben
auf der einen Seite und vier Mdchen auf der andern; und hatten die Mdchen das
alte Dorfkirchlein mit seinen hellen Fenstern und weigetnchten Wnden durch
Krnze und Blumengewinde verziert, mit den vollen und farbigen Herbstblumen,
vornehmlich Georginen und Astern, und der Boden war mit Tannengrn bestreut, das
die Knaben den Tag vorher aus dem Walde geholt hatten unter frhlichen Gesngen
und wichtigen Reden darber, wie sie sich morgen wrden mit der kurzen Pfeife
sehen lassen auf der Dorfstrae, und da sie zum Erntefeste tanzen durften. Sie
dachten wohl mehr an die Freuden der natrlichen Menschen bei der Feier; aber
der natrliche Mensch und der geistige waren bei ihnen ja nicht so getrennt, wie
wir meinen; und wenn ein Junge, der jetzt zur Seite ausspuckt, wie er es bei den
erwachsenen Burschen gesehen, und vom Tanzboden spricht mit berlegener Miene,
wenn der erst durch sein Leben gepilgert ist, durch Jugendtorheiten,
Verliebtheit, Heiraten, Kindererziehen, Sorgen, Arbeiten und Kummer und als ein
Greis im Hochalter vor seiner Htte in der Sonne sitzt, dann denkt er auch wohl
einmal an seine Einsegnung, und da versprt er, da er in Wahrheit doch noch
andre Gedanken gehabt wie an die kurze Pfeife und das Tanzen. Es ist wohl recht
lcherlich, da auch Hans nicht die rechten Gedanken hatte; ihm fiel immer die
Uhr ein, die ihm der Vater geschenkt, nebst der sthlernen Kette, und der
schwarze Anzug beengte ihn, und dann frchtete er sich, da er weinen werde.
Karl sa neben ihm und war in sich versunken und hatte schwere Gedanken.
    Die Kirche war ganz voll. Da saen unten die Frauen, voran die Buerinnen
mit ihren Tchtern, dann die Frauen der Holzarbeiter, und hinten die Tagelhner.
Vorn sah man feste, ruhige und glatte Gesichter, denen man Sicherheit, Ordnung
und Flei anmerkte und gute Gesundheit. Dann kamen Gesichter, in denen man viele
Mhe und Not las und Sorge um das tgliche Leben, aber dabei doch Wrde und
Ehrbarkeit, und zuletzt sah man bermut und niedergedrcktes Wesen, fahrigen
Sinn, Unterwrfigkeit und gedankenloses Dahinleben. Auf dem Rang saen die
Mnner, glattrasiert die alten und mit Brten die andern, und sie hatten nicht
so ihre geordneten Pltze wie die Frauen unten. Hansens Eltern waren auch
zugegen und saen im Pfarrstuhl, und der Vater trug die grne Gala-Uniform mit
dem Hirschfnger an der Seite und sah gro und stattlich aus, und neben ihm die
Mutter, die mit der Frau Pfarrerin die einzigen Frauen in stdtischer Tracht
waren.
    Wie die Gemeinde das Eingangslied gesungen, kam der gute Pastor und las das
Evangelium, und seine Stimme tnte schn und tiefklingend wie eine wohllautende
Glocke; und nach dem zweiten Lied folgte dann die Predigt.
    Die wendete sich fast nur an die Kinder und ihre Eltern; der alte Mann
sagte, da sich nun das Tor auftat zum Leben, und rhmte Gottes Gte, da der
uns die Gabe verliehen, durch dieses Tor zu gehen nur mit Hoffnung und Freude;
und siehe da, als er diese Worte sprach, wurden einer harten und strengen Frau
die Augen na, der reichsten Buerin, und zog ihr Taschentuch hervor und weinte
still vor sich hin, und die Tagelhnerfrauen hinten stieen sich an und sahen
nach ihr mit Erstaunen. Der Prediger fuhr fort und sprach von der Schuld, wie
die sich jetzt anspinnt, in diesen Jahren, wenn sie nicht schon lter ist, und
wie sie grer wird und grer und unversehens so gro, da sie uns berragt und
uns beherrscht wie einen Sklaven. An dieser Stelle wurde Karl bleich und schaute
verzweifelt vor sich hin, da Hans erschrak, wie er durch Zufall zur Seite
blickte und in sein verfallenes Gesicht sah. Vieles verstanden die Leute nicht
in der Predigt, so die Worte, da das Gute leichter sei wie das Bse, und da
man das Gute tue als ein froher Herr und das Bse als ein ingrimmiger Knecht;
aber es war auch wohl nicht ntig, da die Leute alles verstanden, denn fr sie
konnten die Worte ja doch nicht Mahnung sein, sondern nur Trost, und den faten
sie auch so, selbst wenn zu dem andern ihre Gemter nicht genug licht waren. Und
nahm jeder den Trost in seiner Weise, denn die stolzen und lebensklugen Bauern
hatten doch einen Winkel in ihrer Seele, wo die Sicherheit nicht war, der wurde
nun erhellt, und die bekmmerten Holzarbeiter, die sich sorgten, wie sie die
Ihrigen rechtschaffen durch das Leben brachten, fanden eine Hoffnung auf ein
Leben, da es keine Sorgen und Kmmernisse gab, aber die oberflchlichen und
prahlerischen Tagelhner wurden wohl aus ihrer Selbstzufriedenheit erweckt, doch
schwieg gleichzeitig der Stachel des Neides, der sie sonst qulte, und auch sie
wurden frhlicher.
    Wie der Glauben bekannt wurde, sprachen die andern zaghaft und leise, Hans
aber rief sein Ja laut und jubelnd, da ihn der gute Pastor freundlich ansah;
und unter bangem Herzklopfen folgte dann die Abendmahlfeier, bei der ein
unbegreifliches Geheimnis unsern Glauben mit den urltesten Hoffnungen, Furchten
und Gedanken der Menschen verbindet und so auch in Leichtfertigen und
Gedankenlosen einen Schauer erzeugt, der ernst macht.
    Danach sang die Gemeinde das Ausgangslied, und whrenddem gingen die
Eingesegneten einer nach dem andern zu dem Pastor in die Sakristei, brachten
ihm, eingewickelt in Papier, ihren Beichtgroschen, wie es Sitte war seit
undenklichen Zeiten, und niemand nahm daran einen Ansto, und erhielten einen
Spruch auf ihren Lebensweg; Hansen aber sah der Pastor mit einem frohen Lcheln
an, dann nahm er seine Hand, legte ihm die Rechte aufs Haupt und sprach: Halte,
was du hast. Das war in einer kleinen Sakristei, die getnchte Wnde hatte, und
stand da ein Tisch aus gestrichenem Holz, und darauf lag Bibel und Gesangbuch,
davor das Kruzifix und ein Strau Herbstblumen in einer blauen Glasvase; das
Fenster war geffnet, und von drauen kam das Murmeln der gehenden Menschen und
herbstlicher Sonnenschein, der in Tropfen durch das Laub eines Baumes fiel. Wie
Hans in die Kirche zurckkam, wartete da eine Taufgesellschaft, und war die
Mutter frher Dienstmdchen bei der Herrschaft gewesen, die einen Waldwrter
geheiratet, und hatten das erste Kind. Die Frau sa in einem Kirchenstuhl, mit
verlegenem und glcklichem Gesicht, und rosig und lchelnd und hielt das
Kindchen auf einem Kissen im Arm und schaukelte es, damit es nicht schreien
solle, das Kind aber wollte gar nicht schreien, sondern sah erstaunt nach dem
groen Hngeleuchter, der mitten in der Kirche von der blauen, goldgesternten
Wlbung herabhing. Der Vater stand aufrecht daneben in straffer Haltung, als ein
frherer Soldat, und trug einen Bart rund ums Gesicht, in dem Oberlippe und Kinn
ausrasiert waren, so da nur der Kranz blieb; und auch er blickte glcklich und
stolz auf das Kind, doch suchte er unbeteiligt auszusehen und wollte seine
Gefhle verbergen, als unpassend fr einen grflichen Beamten. Die beiden
Groeltern sollten Pate stehen, denn die Eltern mochten keine Patengeschenke von
Fremden betteln. Die saen gleichfalls, und lie der Grovater seine Uhr an der
hrenen Kette baumeln, und wunderte sich, da das Kind gar nicht auf die
Merkwrdigkeit achten wollte, indessen die Gromutter zur Seite geschftig in
allerhand Linnenzeug kramte.
    Wie der Pastor in die Kirche zurcktrat, erhoben sich die Sitzenden und
traten alle zum Taufbecken. Die Mutter sah den alten Pastor an, der auch sie
einst getauft, dann eingesegnet und endlich getraut hatte, und wurde noch rter,
und ihr frisches Gesicht strahlte und wollte gewi sagen, da er das Kind
bewundern solle, wie gro es war und verstndig, aber sie besann sich noch zu
rechter Zeit, da das unpassend gewesen wre, und in ihrer Verlegenheit scho
ihr eine ganz feurige Welle ber das Gesicht, und machte einen Knicks vor dem
geistlichen Herrn, wie es ihr frher beigebracht war, wenn sie auf dem Schlosse
etwas der Herrschaft zu bergeben hatte, und reichte ihm das Kind. Der alte Mann
lchelte freundlich, nahm es ihr ab, fate ihm die Bckchen und gab es der
Gromutter, indem er der ganz verwirrt gewordenen Mutter zunickte.
    Indem go der Kantor das Wasser in das Taufbecken und prfte mit dem Finger
die Wrme; dann fand die Taufhandlung statt, bei der das Kind sich artig und
ruhig hielt, dank der unermdlichen Bewegungen der Gromutter, denn nur wie es
die dreimalige Benetzung versprte, schien es erstaunt und schlug die Augen ber
sich, und der Grovater, welcher der Stolzeste schien, rhmte es durch ein
leises Wort dem Vater; am Ende kniete die Mutter nieder, und der Pfarrer
erteilte ihr den Segen. Karl erwartete Hansen, denn er hatte ihm Wichtiges zu
sagen und wollte seine Seele erleichtern durch Erzhlen. Schon seit etlicher
Zeit hatten sich die beiden entfernt, unmerklich und ohne sichtbaren Grund, wie
sich zwei Baumstmme trennen, die, im Meer treibend, einander gefunden hatten
und zusammen dahinschwammen, eine lange Weile. Wenn sie sich trafen, hatten sie
sich nichts zu sagen, trotzdem doch sonst der Jugend das Herz leicht berfliet
von dem vielen Neuen, das durch Auge und Ohr hereinkommt und gebildet wird durch
den schpferischen Verstand, und deshalb sprachen sie Gesprche wieder, die sie
vorzeiten gefhrt, wiederholten Worte, die damals lebten und nun tot waren, und
wunderte sich im stillen ein jeder, wie wenig er zu sagen wute. Aber heute war
in Karl eine alte Liebe erwacht, und sein Herz sehnte sich nach einem
teilnehmenden Gesellen. So feinfhlig sind wir, ohne da wir es ahnen, da das
Fremde, das in uns gekommen, auf beiden Seiten wirkend, uns trennt; erst als
seine Reue die Schuld hinauswarf, waren sie wieder zusammen wie vorher.
    Karl erzhlte aber von Johanna und seiner Liebe zu ihr, und wie er sich
bisher nicht frei machen konnte, trotzdem er sich selbst verachten msse, und er
sehe klar, da er immer niedriger und schlechter werde durch seine Zuneigung;
heute aber habe er einen festen Entschlu gefat, da er sich befreien wolle aus
seiner Untertanschaft. Nicht so sprach er, wie hier mit abgezogenen Worten
geschrieben ist, sondern er redete als ein Halbwchsling; und ein Mensch, der
nicht wei, welche Bedeutung die Handlungen des Menschen haben, htte seine
Erzhlung fr kindisch gehalten und sein ganzes Erlebnis. Aber das ist eine
oberflchliche Meinung, die durch die uere Gestaltung, welche einer Handlung
Alter und Bildung und sonstige formgebende Dinge anziehen, sich bewegen lt in
ihrem Urteil, und einen sittlichen Kampf belchelt, weil er in dem
siegfriedhaften Wesen eines unerfahrenen Gemtes vor sich geht und um Dinge, die
einem Erwachsenen unbedeutend erscheinen; da doch solche Vorgnge wichtiger
sind, weil sie auf die weitere Bildung des Charakters einwirken, wie scheinbar
bedeutsame Ereignisse in spteren Jahren.
    Es kann ja kein Mensch trsten, denn es gibt keinen Trost, auer den einen,
den jeder schon wei, da wir Vergangenes nicht ndern knnen; aber in der
bloen Erzhlung war ein Trost fr Karl; denn indem er alles genau seinem
Freunde schilderte, wute er, da er ein Zeichen von sich gab dessen, da er
nicht wieder zurckkehren wrde zu dem, was zu verlassen er sich vorgenommen. So
gelangte er ans Ende seiner Geschichte frohen Mutes, und auch Hans war frhlich,
und beide freuten sich einer neuen Freundschaft, die ihnen leuchtete wie ein
hrenfeld nach einem erquickenden Sommerregen, wenn die Sonne sich in tausend
frischen Tropfen spiegelt und die Erde einen nahrhaften Geruch ausstrmt, denn
die Gedanken junger Leute laufen noch mit eiligen Kinderfen, und besonders
laufen sie eilig vom Trben zum Trostreichen. Aber wer zu urteilen wte ber
Menschen und Schicksale, ahnen knnte aus ihrem Wesen, der htte gesehen, da
Karl wohl guten Willen hatte und einer guten Leitung folgte; aber in seinem
Innern war doch Zuchtlosigkeit und Schwche, und auf irgendeine Weise mute
Schwche einmal sein Schicksal entscheiden. Jetzt war es so, da einmal und fr
einen flchtigen Augenblick und unverstanden aus den grauenhaften Tiefen, die
wir ja alle haben, in ihm der Gedanke auftauchte: er mchte Hansen tten; das
war ein nichtiger Gedanke, wie uns tausende durch den Kopf gehen, ohne Folgen
und selbst ohne Mglichkeiten von Folgen; es war nur ein leises Lebenszeichen
des Bsen in ihm, das sich des Vertrauens schmte und Ha empfand gegen den
Mitwisser der Schwche.
    Die beiden waren im Walde gegangen durch raschelndes Buchenlaub; wie sie
zurckkehrten und zwischen den Bumen hervortraten, standen sie oberhalb des
Drfchens, das sich lang das Tal in die Hhe dehnte; die Kirchenglocke lutete
zur Beerdigung, und auf dem Kirchhofe predigte der Pastor vor einem offenen
Grabe, an dem die Leidtragenden standen.
    Der Verstorbene war ein recht unglcklicher Mensch gewesen; denn schon seine
Eltern hatten im Armenhause gelebt und als leichtfertiges und trges Volk, und
wie er noch ein ganz kleines Kind war, hatte ihn die Mutter einmal im Zorn auf
die Erde geworfen, davon er sich die Hfte verrenkt, und war ihm das Bein
verdorrt, so da er sich nur mit mhseligem Humpeln weiterschleppen konnte;
hierdurch erhielt er den Namen Hinkeding. Wie er etwa sieben Jahre alt sein
mochte, starben seine beiden Eltern, und die Gemeinde gab ihn dem Abdecker in
Kost, der auerhalb des Dorfes lebte; bei dem hatte er es noch bler wie bei den
rohen Eltern, denn er erhielt nur schlechte Nahrung und geringe Pflege und mute
trotz seines Gebrechens und seiner Jugend doch viel arbeiten, das er zwar willig
tat. Die bse Dorfjugend beschimpfte ihn um diese Arbeit noch weiter und nannte
ihn Wasenmeister, und mochte sich darum kein andres Kind mit ihm abgeben, auch
htten die Eltern es denen verboten, wenn sie es getan htten. So wuchs
Hinkeding roh und tckisch heran, nur mit dem alten Wasenmeister und seiner
bsen Frau hatte er zu sprechen, die in schlechtem Rufe standen, auer ihrem
ordentlichen Geschft, da sie allerhand Zauberei und Aberglauben treiben
sollten. Beim Konfirmandenunterricht mute er allein auf einer Bank sitzen, denn
der damalige Pfarrer war zu schwach und unverstndig, um dem Unwesen zu steuern,
und nach den Stunden fielen oft die andern ber ihn her und schlugen ihn,
wiewohl er sich wehrte mit allen Mitteln, indem er trat und kratzte, und einmal
zog er selbst ein Messer. Niemals durfte er auf den Tanzboden kommen, und auch
die geringsten Mdchen wendeten sich von ihm mit Verachtung, denn selbst einer
Gutsmagd uneheliche Tochter, die bei einem Bauern diente und ein Auge verloren
durch einen Stich mit der Heugabel, mochte nicht mit ihm sprechen. In solchen
Lebensverhltnissen hatte sich in ihm eine besondere Bosheit ausgebildet, da er
die Kinder erschreckte, indem er pltzlich eins fate und ihm unheimliche Dinge
sagte, die er vielleicht auch ausgefhrt htte, wenn er es gewagt, oder da er
den Mdchen bsartigen Schabernack antat, um den er dann wieder von den andern
mit Grund gehat und verfolgt wurde. Spter warf er sich darauf, allerhand
Bcher zu lesen, die er bekommen konnte, denn wiewohl er in der Schule nichts
gelernt hatte, weil in den Zeiten, wo er jung war, sich um solche Kinder niemand
bekmmerte, wute er sich allerhand Knste doch aus seinem eignen Geiste zu
lehren und hatte auch ohne Anleitung das Lesen gelernt. Aus diesen Bchern kam
ihm nun viel verwirrtes Zeug in seinen Verstand, denn er verschmhte einfache
und schlichte Schriften, die er htte verstehen knnen, sondern wollte Bescheid
wissen, wie die Welt geschaffen, und weshalb das Bse in die Welt gekommen, und
wie weit der Himmel von der Erde entfernt sei und solche Dinge, denn es hatte
wohl seine arme, umdsterte Seele ein Sehnen nach Gott und nach Gerechtigkeit;
denn wenn auch die Liebe dem natrlichen Menschen nicht eigen ist, so hat er
doch ein Streben nach Gerechtigkeit. Dergestalt kam er auf eigne Gedanken, da
es keinen Gott geben knne, weil da ein Stern war, dessen Licht erst nach
viertausend Jahren zu uns kam, weil er so weit entfernt von der Erde war. Und
bei dieser Meinung blieb er; wie er aber nichts weiter hatte, an das er sich
halten konnte, so wurde er hochmtig auf seinen Verstand und verachtete alle
andern Menschen und verhhnte sie, und diese hinwiederum beharrten in ihrem
alten Spott und Ha und vermehrten nur ihr Lachen, wie sie von seinen Ansichten
merkten; und wenn er auch allen andern Spott fhlte, so sprte er hier doch
nichts davon, da sich die jungen Burschen ber ihn lustig machten, wo sie ihn
fragten, wie lang und breit der Himmel sei und hnliches, sondern erklrte ihnen
seine Meinungen, achtete gar nicht ihres Lachens, sondern hielt dieses wohl gar
fr Anerkennung und verhhnte sie wegen ihrer Dummheit und Unbildung. Und so
gro war sein Eifer, wenn er dergestalt lehren und sich rhmen konnte, da er
gar nicht merkte, wie er Hinkeding Wasenmeister genannt wurde, welche Namen ihn
sonst zu heftigem Zorne bringen konnten.
    Wie der jetzige Pfarrer seines Vaters Stelle erhalten, war es schon zu spt
gewesen, noch auf den armen Menschen einzuwirken, denn die Bosheit war schon
ganz unausrottbar in ihm gewurzelt, und seine Meinungen hatten sich so in ihm
befestigt, da sie nicht mehr vernichtet werden konnten. So war es mit ihm denn
immer schlimmer geworden, da er am Ende ein gefhrlicher Mensch war, der nur
durch ein Wunder noch kein schweres Unheil angerichtet, vielleicht weil ihn
seine Unbehilflichkeit an vielem hinderte. Denn weil sein eignes Gemt schlecht
war, und weil gegen ihn alle Menschen sich schlecht gezeigt hatten, so bildete
er sich die Gedanken, es gebe gar keine Gte im Menschen, und sei auch allen
alles erlaubt, nur da sich immer einer vor dem andern frchte.
    Dieser unglckliche Mann war nun im Hochalter gestorben; und wiewohl die
Leute im Dorf gewollt hatten, da er beigescharrt werde wie ein Tier, wegen
seiner Lsterungen und Bosheiten, hatte der Pastor doch verlangt, da er ehrbar
geleitet wurde, und nun hielt er ihm selbst eine Predigt.
    Jetzt stand der Mann vor Gottes Thron und wartete auf sein Urteil. Und sein
Anklger brachte ein groes Buch vor, in dem standen geschrieben die vielen
Schmhungen und Lsterungen, Bosheiten und schamlose und niedertrchtige
Handlungen. Denn als eine im tiefsten Innern bse Person hatte er sich selbst an
den unschuldigen Tieren und an jungen Bumchen vergriffen. Aus bloer Lust hatte
er viele hundert junger Bume abgeschnitten, die in Frhlichkeit sich in der
Frhlingsluft zu strecken gedachten, und Tiere hatte er nicht nur geworfen und
geschlagen, sondern einmal hatte er einem jungen Hunde, der ihm treuherzig
gefolgt war, ein Auge ausgestochen, und einem Pferd hatte er brennenden Schwamm
unter den Schwanz gebunden. Nichts konnte sein Verteidiger erwidern, wie da er
erzhlte von seiner elenden Kindheit und jmmerlichen Jugend, und da er nur
Schlechtes gesehen hatte in seinem Leben und nie Gutes ihm erwiesen war. Aber
vor Gott gibt es keine Entschuldigung aus diesen Dingen, denn er sagt, da er
den Menschen eine reine Sonne an den Himmel gestellt hat, zu der sollen sie
aufschauen. Da erzhlte der Verteidiger zuletzt eine Geschichte, die einzige,
die er hatte aufzeichnen knnen in seinem Buch.
    Vor langen Jahren, der Mann war noch ein Jngling gewesen, hatte er einmal
an einem Raine unter einem Quitschenbaum gesessen und an einem hlzernen Lffel
geschnitzt, denn er erhielt sich durch Anfertigung und Verkauf von allerhand
Holzwaren. Da kam ein kleiner dreijhriger Junge zu ihm, dessen Eltern im Feld
arbeiteten und durch einen geringen Hgel verdeckt waren, nannte ihn und bat, er
solle ihm eine Pfeife machen; er konnte aber noch nicht alle Buchstaben
sprechen, deshalb sagte er zu ihm Inkeding. Da sah Hinkeding das Kind an, stieg
auf den Baum, der hoch war und glatt, schnitt ein passendes Reis ab und machte
dem Kind eine Pfeife, indem er beim Klopfen das Liedchen sang, welches er selbst
als Junge oft gehrt, aber nie ber seine Lippen gebracht hatte, weil er allein
war und keine Pfeife haben mochte.
    Er war noch ein Jngling gewesen damals, und als er lter wurde, schnitt er
die Bumchen ab und stach dem kleinen Hund ein Auge aus; aber Gott sieht nicht
in der Zeit wie wir, sondern ohne die Zeit; was wir Menschen auch tun sollten,
wenn wir uns herausnehmen, in sittlichen Dingen zu urteilen; und weil er keine
Seele von sich lt, die auch nur eine Ahnung des Guten hat, denn er meint, da
durch Gte sich Gte vermehrt, was freilich nur fr den Himmel pat, und nicht
fr dieses irdische Gefngnis unsrer Seele hienieden, so nickte er dem Manne
freundlich zu und nahm ihn auf in sein ewiges Leben.
    In dem Augenblicke hatte der Pfarrer seine Rede am Grabe beendet, und der
eine oder andre der Umstehenden nahm sich vor, er wolle knftig seinen Kindern
verbieten, solche Menschen zu verspotten, und wolle ihnen selbst ein Beispiel
geben. Und die beiden Jnglinge oben am Waldesrande, die auf den Gottesacker
niedersahen, dachten, da sie eben froh gewesen waren, und da ein Mensch
begraben wurde, der unglcklich gewesen in seinem ganzen Leben.

Nun hatte Hans die Schule durchgemacht und das Examen bestanden; so sollte er
jetzt die Universitt beziehen. Bis dahin war er nie ganz von Hause weg gewesen,
denn wenn er auch in den Wochentagen im Lwenhof in einem Dachkmmerchen war und
in der Schule auf den Bnken sa zwischen den andern, so pilgerte er doch jeden
Sonnabend nach Hause, durch den hohen Tannenwald, an stillen Holzhauerdrfchen
vorbei zu seinem Vaterhaus, das auf einer umschlossenen Waldwiese stand, in
schwarzen Schiefern, und krausen Rauch schickte es in die helle Luft. Aber nun
sollte er weit fort reisen mit der Eisenbahn, aus den Bergen in das ebene Land,
und erst nach Monaten kam er wieder in die Heimat; und wenn er dann seine
Studien beendet, wer wei, in welche Ferne er dann gehen mute.
    Da rief ihn die Mutter zu sich und ging mit ihm in die Schlafkammer oben, um
ihm ungestrt ihre Abschiedsworte zu sagen.
    Sie machte ein Gleichnis und sprach: Wenn du einen Tropfen Essig schttest
in ein Fa edlen Weines, so wird der Essig zu Wein; und umgekehrt, wenn du einen
Tropfen Wein gieest in ein Fa mit Essig, so verliert er seine Natur und wird
zu Essig. Also ist auch der Menschen Natur, denn wenn ein guter Mansch kommt in
bse Gesellschaft, so verliert er alsbald seine Art und nimmt schlechte Art an,
gleichwie ein Bser, der in gute Gesellschaft kommt, sich zu guter Art schlgt.
Dieses bedenke und hte dich vor lockeren Buben, die du viele treffen wirst auf
der hohen Schule und in der groen Stadt. Denn wir, ich, dein Vater, deine
Gromutter und unsre Magd Dorrel haben uns getreulich bemht, da du ein guter
Mensch werdest; jetzt aber mssen wir dich ziehen lassen, mit Furcht und Sorgen,
da du uns nicht verdorben werdest und zurckkehrest als ein nichtsnutziger und
verkommener Mensch. Und la dich auch nicht verfhren durch Neugierde und
Eitelkeit, da du zu tun bekommst mit solchen Buben, und du meinst, es soll nur
auf kurze Zeit sein, nachher aber gedenkst du sie zu meiden; sondern denke, da
das Bse sich an den Menschen hngt wie Kletten, auch durch leise Berhrung, und
schwer ist es, da sich einer wieder befreit von dem Unkrautsamen an seinem
Gewande. Besonders aber warne ich dich vor der Eitelkeit; denn du weit wohl,
da die Bsen spotten ber die Guten und ihnen vorwerfen, sie seien unfrei, weil
sie nicht tun wie sie und hren auf erfahrene Leute, dahingegen doch die Bsen
selbst unfrei sind, denn wohl tun sie die ersten Schritte ohne Zwang, alle
weiteren aber als Knechte ihrer frheren Taten; ein Trinker kann nicht mehr
lassen vom Trinken und ein Hurer vom Huren, sondern ihr Teufel zieht sie hinter
sich her an ihren Haaren. Du mut aber wissen, da dieses die besondere
Verblendung des Satans ist, da er macht, da seine Knechte sich fr frei
halten; denn sie lgen nicht, wenn sie der andern spotten, sondern reden aus
ihrer wahren Meinung.
    Und wirst du nicht blo bse Buben finden, sondern auch schlechte Mdchen,
die dich verfhren wollen zu Unkeuschheit und Werken der Wollust. Dazu wird
deine eigne Begierde wach werden, denn du bist jetzt in die Jahre gekommen, da
der Mann sich nach dem Weibe sehnt, und geschieht diese Verfhrung aus dem
natrlichen Menschen und ist deshalb strker wie die andre zum Trinken, Spielen
und Balgen. Deshalb denke, da du keusche und reine Eltern gehabt hast, denn
dein Vater ist in das Ehebett gestiegen als ein unbefleckter Jngling, gleichwie
ich als reine Jungfrau. Und denke ferner, da du einst ehelichen wirst und
Kinder haben; aber was fr Kinder wirst du bekommen, wenn du deine Krfte
ausgibst in jungen und unfertigen Jahren! Wenn du dich vergleichst mit deinem
Vater, so wirst du finden, da du einmal grer und stattlicher sein wirst, wenn
du in dein Alter kommst, obwohl du viel in der Stube und ber Bchern hast
sitzen mssen; dessen Ursache ist das ehrbare und ordentliche Leben deines
Vaters, der sich zusammengehalten hat in seiner Jugend, damit sein Sohn einst
tchtig sein solle.
    Aber wenn du diese beiden Gefahren vermeidest, so wird dir eine dritte
begegnen. Denn du wirst in der Stadt Mdchen finden, die sind zwar ehrbaren
Wandels und ordentlichen Herkommens, und man kann ihnen nichts nachsagen; aber
sie mgen nicht an sich selbst schaffen, sondern sind leichten Herzens und
denken nicht an die Zukunft, und meinen, alles sei gut, wenn sie nur einen Mann
haben, den sie lieb haben knnen. Hte dich, da du dich mit solchen Mdchen
einlt und etwa denkst: ich will mich verloben jetzt, und wenn ich fertig bin
mit meinen Arbeiten, so will ich sie heiraten, und denkst: ich habe sie lieb,
und sie hat mich lieb, und wir werden ein gutes, christliches Ehepaar sein,
ehrlich leben und unsre Kinder gut aufziehen. Dieser Liebe sollst du mitrauen,
obwohl sie mit groer Schmeichelei deiner Natur und Seele daherkommt. Denn ein
junger Mensch hat keine Erfahrung und wei nicht, wie schwer es ein Hausvater
hat, und was ein Haus kostet, und wie tchtig ein Mdchen sein wird als
Hausmutter. Deshalb ffne deine Augen und betrachte die Menschen, die sich
frhzeitig verloben und verheiraten; da wirst du finden, da das alles ein
leichtes Volk ist, das sich freut ein Jahr lang, und das andre Leben bringt es
hin mit Sorgen und Borgen. Auch ich, deine Mutter, habe eine Liebe gehabt, wie
ich achtzehn Jahre alt war, zu einem jungen Kaufmann, und wie mein Vater nichts
wissen wollte von dieser Liebe und der Bewerber traurig von ihm ging, da meinte
ich, da ich sterben mte vor Kummer, und wre ins Wasser gegangen, wenn ich
nicht Gottes Wort gehabt htte. Heute segne ich meinen Vater im Grabe, da er
hart gegen mich war aus Liebe, denn der Mann ist leichtsinnig gewesen und hat
sein Vermgen vertan durch trichtes Bauen und bermige Erweiterung seines
Geschftes, weil er etwas Besonderes vorstellen wollte. Dann harrte ich sieben
Jahre, und da kam dein Vater; das war eine andere Liebe, die ich zu dem hatte,
denn ich ward ruhig durch ihn und stark. Er hat mir keine sen Worte gegeben
und mich nicht gerhmt; aber seit ich seine Ehefrau bin, habe ich keine andre
Sorge gehabt als die, welche Gott jedem Menschen auferlegt, nmlich um ihn in
seinem Beruf, das ihm nicht ein Unglck geschieht, und um dich, mein geliebter
Sohn, da du gesund und gut aufwachsest; und ein bs Wort habe ich nie von ihm
gehrt.
    Darum habe ich dir das erzhlt, wiewohl es mir eine schwere Aufgabe war,
weil diese dritte Versuchung die schwerste ist. Denke an meine Worte, wenn du
vermeinst, da du ein Mdchen getroffen habest, von der du nicht wieder lassen
kannst. Vergi nicht, da erst das Weib den Mann zum Manne macht, deshalb darf
der Mann kein Jngling mehr sein, und deshalb soll er sein Weib auswhlen, nicht
blo nach dem Gefhl der Liebe, wie es von den heutigen Dichtern beschrieben
wird, sondern mit Ernst und Furcht.
    So sprach die Mutter zu Hans. An manchen Stellen ihrer Rede frbte die Scham
ihre Wangen; aber sie sprach ruhig und sicher, als eine Mutter zu ihrem Sohn.
Und der Sohn ward bewegt in seinem Herzen und fhlte, wie er seine Mutter
liebte, die stattlich und stolz vor ihm stand mit dem glatten und blonden
Scheitel.
    Hans antwortete, da er ihre Worte behalten wolle. Und er glaube, da er
keine groen Anfechtungen erleiden werde. Denn es ist wohl ein unchristliches
Gefhl, das ich habe, aber ich glaube doch, da meine Meinung richtig ist: ich
denke nmlich, da ich besser bin wie alle andern jungen Leute, die ich bis
jetzt gesehen, und deshalb mu ich mich zusammennehmen, damit ich spter auch
etwas leisten kann, wenn ich ausgelernt habe. Und ich will mich auch hten, da
ich nicht hochmtig werde, denn ich kann ja nicht so viel fr mich, sondern das
meiste habe ich von Natur, nmlich von euch.
    Nach diesem Gesprch war ein neues und andres Leben zwischen Hans und die
Mutter gekommen; er war freier gegen sie und offen, wiewohl er ihr auch frher
nichts Besonderes verheimlicht hatte; aber er hatte das Gefhl, da er jetzt zu
ihresgleichen herangewachsen sei, gleichwie er vor Jahren zu Dorrel
herangewachsen und ihr gleich, bald dann auch ihr berlegen geworden war. So
blieb jetzt nur noch der Vater ber ihm. Gegen den Vater hatte er noch die alte
kindliche Scheu; gegen die Mutter aber hatte er eine neue Scheu bekommen, wie er
sie etwa gegen seine Braut gehabt htte, und eine neue Liebe seit jener Bewegung
im Herzen, die mehr zrtlich war wie frher. Solches sind die Ringe unsrer
wachsenden Seele; und wenn unsre Seele in Gesundheit und Kraft zunimmt, so setzt
sie solche Ringe einen nach dem andern an, und unser innerer Kern wird immer
heimlicher und verborgener vor dem Ahnen der andern Menschen.
    Aber wie die Mutter mit Hans gesprochen hatte, da nahm ihn auch Dorrel mit
sich auf ihr sauberes Dachkmmerchen, wo ihr hochaufgetrmtes Bett stand mit rot
und wei gewrfeltem Bezug, und ein blankgescheuerter hlzerner Stuhl, und ein
groer Koffer, mit bunten Blumen bemalt.
    Den Koffer ffnete sie, zeigte ihm, was darinnen war, und sprach, da er
einst erben solle, was sie besitze, denn sie habe nur einen Bruder gehabt, der
sei nach Amerika gegangen und habe dort eine Bauernstelle erworben, seit langen
Jahren aber habe sie nichts mehr von ihm gehrt und wisse gar nicht, ob er noch
lebe und Kinder habe; in fremde Hnde aber solle ihr Gespartes nicht fallen.
Aber wenn du einmal heiratest, so schenke ich dir dieses Tischtuch und zwlf
Servietten; dazu habe ich den Flachs selbst gest, gezogen, gebrochen, gehechelt
und gesponnen, und vom Weber habe ich ihn mir weben lassen mit knstlichen
Figuren von Bumen und Tieren und einem Jger. Jetzt ist das Leinen zwar noch
hart und sieht grau aus, aber wenn es erst ein Jahr lang im Gebrauch gewesen
ist, so wird es weich, wei und glnzend. Nur hte dich vor den faulen
Wscherinnen, die in der Apotheke fressende Gifte kaufen, die verderben dir
deine gute Leinwand, und du hast am Ende nur Lumpen. Danach zeigte sie ihm ihr
Sterbehemd, das hatte sie auch selbst gesponnen und mit schnen Spitzen besetzt
und wollte sie mit ins Grab nehmen; ihre brige Wsche aber, die gebraucht ist,
welche er nicht behalten wollte, sollte er verschenken, einem armen und
ordentlichen jungen Dienstmdchen, das sich noch nichts hat anschaffen
knnen,und dem damit geholfen ist; aber es mu ein ordentliches und fleiiges
Mdchen sein, die meine Sachen trgt mir zu Ehre und sie sauber hlt, nicht so
ein faules Bettlergesindel, das in Lumpen umhergeht.
    Am Ende zog Dorrel noch ihre besonderen Kostbarkeiten hervor, an denen ihr
Herz am meisten hing. Da war erstlich ein gestickter Tabaksbeutel, den hatte
ihre Mutter ihrem Vater einst als Braut geschenkt und hatte derzeit zwei Taler
gekostet, war auch nie gebraucht von ihrem Vater, aus Ehrfurcht, weil er so
teuer gewesen. Den hatte ihr Bruder damals mitnehmen wollen nach Amerika, aber
sie hatte ihn nicht hergegeben, weil sie dachte, in Amerika knne er in
schlechte Hnde kommen und zu Leuten, die nicht verstnden, wie kostbar er ist.
Er war aber aus grner Seide gehkelt und waren Rosen, Vergimeinnicht und
Veilchen aus Perlen darauf, und in der Mitte war ein Wort Souvenir, das war
auch aus Perlen, aber aus goldenen; gefttert war er mit guter Schweinsblase.
Dorrel sagte, wenn Hans erst Pastor sei, dann werde er sich das Rauchen aus
einer langen Pfeife angewhnen, und natrlich htte er dann seinen Tabak in
einem Kasten, aber wenn er einmal auf Besuch gehe, dann msse er einen
Tabaksbeutel haben, da solle er dann diesen nehmen; denn fr einen Pastor
schicke sich wohl so ein teures Stck, aber nicht fr einen Tagelhner, und
eigentlich sei es ein rechter Unsinn gewesen von ihrer Mutter, ein solches
Geschenk zu machen. Dann zeigte sie ihm einen geschnitzten Stockknopf aus
Knochen. Der stammte desgleichen von ihrer Mutter her, welche als Mdchen in
einem groen Hause gedient. Der Knopf hatte auf einem Rohr gesessen, das der
Herr zu tragen pflegte, und wie das Rohr einmal zerbrochen war, wurde der Knopf
mit fortgeworfen, Dorrels Mutter aber hatte sich ihn ausgebeten, abgeschraubt
und sorgfltig aufgehoben. Jetzt sollte ihn nun Hans kriegen, wenn er erst eine
Pfarre hatte, und da sollte er sich ein gutes Meerrohr mit ordentlicher Zwinge
beim Drechsler kaufen und an den Knopf andrehen lassen; denn der Knopf war zwar
altmodisch, aber von guter Arbeit, und weil die Mode sich immer ndert, so kommt
es gewi auch einmal wieder auf, da die Mnner von Ansehen solche Art Stcke
tragen.
    Zuletzt hatte sie noch einen Hund aus Gueisen, der fr einen
Briefbeschwerer dienen sollte, und hatte noch eine ganz andre Geschichte.
    Auch Dorrel war einmal ein hbsches junges Ding gewesen mit prallen Backen
und lustigen Augen, aber brav und ordentlich war sie auch schon, wie sie erst
ihre achtzehn Jahre hatte. Da war da ein junger Knecht bei der grflichen
Herrschaft auf dem Hofe, der verliebte sich in sie und sie in ihn, und wie
Kirmes war, tanzten sie viel zusammen, und er bezahlte fr sie Himbeerwasser,
und weil sie sich so recht glcklich fhlten, wollten sie sich etwas schenken,
was sie spter einmal brauchen konnten in der Wirtschaft. So kaufte Dorrel ihrem
Schatz eine Samtweste, die mit bunten Blumen bestickt war, und er kaufte ihr den
eisernen Hund, denn er sagte, wenn sie sich spter erst etwas gespart htten, so
mten sie sich einen Glasschrank kaufen, und in dem wrde sich der eiserne Hund
gar prchtig machen. Wie sie aber nach Hause ging, hatte sie schon Angst vor
ihrer Frau, denn sie war damals schon bei Hansens Gromutter von der
mtterlichen Seite, was die zu ihrer Liebschaft sagen wrde; und in Wahrheit
bekam sie auch starke Schelte, und die Frau hielt ihr vor, da sie selbst nichts
habe, und er habe zehn Geschwister, und wenn sie heirateten, so komme Hunger und
Kummer zusammen, vornehmlich, wo sie sich so lppisch zeigten und sich so
einfltige Geschenke aufschwatzen lieen von den Krmern, denn wenn die Dummen
zu Markte gehen, so lsen die Krmer Geld. Darum solle sie ihr nicht wieder
kommen mit einer Liebschaft, ehe sie nicht fnfundzwanzig Jahre alt wre. Da
seufzte und weinte Dorrel die Nacht durch, aber bedachte sich doch, da die Frau
recht hatte, und da ihr Liebster erst noch zu den Soldaten mute. Deshalb sagte
sie zu ihm, was die Frau zu ihr gesprochen, und versprach, da sie auf ihn
warten wolle, und sie mten ihre Zeit ausharren und sich erst anschaffen und
sparen. Da schimpfte der Mann wohl recht auf ihre Frau und sagte, die solle ihm
nur einmal in den Weg kommen, der wolle er schon die Wahrheit sagen, aber am
Ende mute er sich geben, sah auch wohl ein, da Dorrel recht hatte. Weil er
indessen wohl ein guter Kerl war, aber einen leichten Sinn hatte, lie er sich
mit einer andern ein; als er in der Stadt bei den Soldaten stand, heiratete die
auch, zog fort und kam nachher in groes Elend. Dorrel aber brauchte lange, bis
sie die Gedanken an ihn verwand; und wie sie wieder so weit war, da sie dachte,
sie mchte wohl heiraten, da schien ihr keiner recht, denn sie war inzwischen
etwas altjngferlich geworden, hatte groe Besorgnis, da dieser liederlich
werden mchte und jener krank und der dritte faul; spter htte sie wohl auch
einen Witmann bekommen knnen, aber da bedachte sie, da sie es doch zu lange
gut gewohnt war bei ihrer Herrschaft und frchtete sich vor den Sorgen und der
Not; und so geschah es, da sie ledig blieb, und die Liebesgeschichte mit dem
Knechtlein, wo sie den eisernen Hund geschenkt kriegte, war ihre einzige.
    Diesen Hund nahm sie nun hervor, wickelte ihn sorgfltig aus dem Papier und
reichte ihn dem Hans, indem sie sagte, weil er jetzt als Student so viel
schreiben msse, so solle er den Briefbeschwerer gleich haben, denn sie schreibe
ja doch nicht, weil sie niemand habe in der Welt. Die Geschichte erzhlte sie
ihm zwar nicht, wie sie zu dem Hund gekommen, aber wie sie an die alte Zeit
dachte, da kamen ihr die Trnen in die verrunzelten Augen; sie war aber auch
gerhrt, weil sie sich recht lebhaft vorstellte, wie es erst wre, wenn Hans
nicht mehr am Sonnabend nach Hause kme, da streichelte sie ihm mit ihrer rauhen
Hand seine Backe, und die Hand zitterte; dem Hans aber stieg das Wasser auch in
die Augen, wiewohl er sich schmte und unwillig war; und so brummte er etwas,
schlug seinen eisernen Hund wieder ins Papier und stolperte die Treppe hinunter.
    Den Koffer nahm ein Holzfuhrmann mit nach der Stadt und gab ihn bei der
Eisenbahn ab, indessen Hans selbst den Weg zur Bahnstation zu Fu machen wollte;
so verabschiedete er sich von der Mutter und von Dorrel, und der Vater warf die
Bchse ber die Schulter und sagte, er wolle ihn eine Strecke begleiten.
    So gingen die beiden. Sie sprachen ber die neue Art von Tannen, die der
Graf hatte kommen lassen, welche ein sehr schnelles Wachstum haben sollten, und
der Frster zweifelte, ob das Holz so wertvoll sein werde, wie die gegenwrtigen
Arten, das zu Fubodendielen zersgt wurde, weil es besonders fest war durch das
langsame Wachsen der Bume auf dem felsigen Boden. Hans wunderte sich, da sein
Vater so mit ihm sprach.
    An einem Seitenwege machte der Vater Halt, weil er zu seinen Arbeitern
mute, gab dem Jungen die Hand und sagte: Sei fleiig und schreibe bald. Wenn
dein Geld nicht reicht, so mut du schreiben. Dann wendete er sich zur Seite,
und Hans ging weiter.
    Aber der Hund, den der Frster an der Leine fhrte, hatte aus allen frheren
Anstalten gemerkt, da etwas Besonderes geschehe und Hans auf lnger fortging
wie sonst; so legte er sich auf den Boden, stemmte sich mit aller Kraft fest und
begann zu winseln. Der Frster zog ihm das Ende der Leine ber, aber der Hund
winselte nur mehr und lie sich nicht von der Stelle ziehen. Da wendete sich der
Vater zurck und rief hinter Hans her: Der Hund will Abschied nehmen. Da
tanzte der Hund bellend und winselnd auf den Hinterbeinen, und wie Hans
zurckkam, leckte er dem ungestm die Hnde, heulte und bellte. Hans liebkoste
ihm den Kopf und mute sich zusammennehmen, da er nicht weinte. Am Ende sprach
der Vater: Nun gehe, du versumst den Zug, und da wendete sich Hans und ging;
der Hund aber wich auch jetzt nicht von der Stelle, bis Hans durch eine Biegung
des Weges unsichtbar wurde, dann beschnupperte er noch einmal seine Fuspur, und
dann erst folgte er seinem Herrn auf den Nebenweg und war traurig und
niedergeschlagen.
    So schritt nun Hans seine Strae frba. Das war die alte Strae, die er so
manchen Sonnabend heimwrts gegangen war frohen Mutes und in Trauer stadtwrts
Montags frh, wenn die Vgel ihr Morgenlied sangen. Eine gute, feste Chaussee
war es; zu den Seiten standen Ahornbume, deren Laub frbte sich schon
herbstlich, und Quitschen mit roten Beeren; im Winter fressen die Drosseln diese
Beeren und bekommen davon ein angenehm schmeckendes Fleisch. Und auf der
Chaussee fuhren Holzwagen; an einem sehr groen Stamm kam Hans vorbei, den zogen
zwei schwere Pferde mit Mhe und war wohl bestimmt zu einem Mastbaum; der sollte
auch in die weite Welt hinaus. Der Fuhrknecht in manchesternen Kniehosen und
blauem Kittel grte.
    Nicht weit von der Strae war die Elsgrube, Hans bog ab und ging dahin. Die
kleinen, schiefgeschnittenen cker waren abgemht, und die Stoppeln sollten noch
umgepflgt werden; der Kartoffelacker war umgewhlt, und in der Mitte war ein
runder Aschenfleck, wo das Kartoffelfeuer gebrannt hatte. Merkwrdig trostlos
sah das alles aus. Das stille, kreisrunde Wasser glnzte grn inmitten des
kahlen Wesens; einige geknickte Binsen hielten sich am Rande. Hans dachte, wie
gern er als Kind nahe gegangen wre an das Wasser, um vielleicht in der Tiefe
den Turm der versunkenen Burg zu sehen; jetzt htte ihm niemand verboten, so
nahe an den Rand zu treten, wie er wollte, aber er hatte keine Sehnsucht mehr
nach dem Turm in der Tiefe. In kindischem Tiefsinn dachte er: ja, das ist ein
Symbol unsres Strebens; und er meinte, das sei wahrhaftig seine Ansicht. Aber
seine wirklichen Gedanken waren ganz anders.
    Die waren wie die Tannen, die sich den steilen Bergabhang in die Hhe
strecken gleich einem Heer, das eine feindliche Befestigung strmt; mannhaft
stehen sie in Reih und Glied, klammern sich mit ihren Wurzeln ber Felsen und
Steine. Nach oben streben sie, nach Sonne, Freiheit und Licht; ihre unteren
Zweige lassen sie trocken werden, denn sie mgen nichts mehr zu tun haben mit
dem Dunkel, wo Ameisen geschftig laufen. Eilfertig pltschert ein kleines
Wsserlein den Berg hinab, aufblitzend in einem verlorenen Sonnenstrahl; das mu
ihre Wurzeln trnken. Aber tiefer dringen ihre Wurzeln, sind nicht zufrieden mit
des muntern Bchleins klarem Wasser; sie gehen bis zu der Tiefe, von wo die
Bergquelle in die Hhe steigt. Die schaut aus der Erde zwischen Moos und
Tannennadeln, wie ein dunkles Auge, und kleine Sandkrnchen tanzen in dem
quellenden, kristallklaren Dunkel. Rhrend ist es, wie diese Sandkrnchen da
tanzen, unermdet. Wenn man ruhig harrt und hrt das leise Rauschen und
Pltschern, so sprt man, wie der Wald wchst, im Herzen sprt man es, und man
wei, da man zusammengehrt mit dem Wald und aus einem herauswchst mit ihm,
und alles ist eins und gehrt zu einem, die leise wankenden Tannenwipfel und das
dunkle Auge des Bergquelles, der moosbewachsene Felsblock und das spritzende
Wsserlein und das heimliche Wesen der Wlder mit seiner starken, gesunden Luft.
Eine Minute nur whrt solche Verzckung; aber fr den inneren Menschen bedeutet
die Zeit ja nichts, denn Jahre knnen trge vorbergehen, ohne da sie uns einen
Eindruck machen, aber der Eindruck jener Minute ist immer noch in unsrer Seele.
Die Strae ging in Windungen bergab bis zum Stdtchen, wo die Bahnstation war;
da wartete der Zug, der bestand aus zwei Personenwagen und vielen Wagen mit
Brettern, Wellen, Stempeln und Balken, denn Holz war die Hauptware, die von hier
verschickt wurde. Ein hlicher Kohlengeruch lag ber dem Bahnhofe und stumpfe
und schmutzige Farbe, aber fr einen Augenblick drang der Duft des
frischgeschnittenen Holzes durch, da Hansen ein heftiges Heimweh ergriff.
    Da fuhr der Zug; und er fuhr erst durch Tler, auf deren Grund Wiesen waren,
die in der Mitte, wo Wasser flo, noch Grn zeigten, sonst aber schon grau und
braun schienen, und auf den Hhen standen Wlder, aber nur noch vereinzelte
Tannen, denn nun begann der Buchenbestand; und schon waren die Bltter farbig,
und eine vereinzelte Eiche leuchtete rot aus dem stumpferen Braun. Bald aber
wurde das Tal breiter und die Hgel flacher, die Wlder verschwanden, und es
zogen sich Stoppelfelder in die Hhe, und ab und zu winkte ein Drfchen mit
einem Kirchturm.
    Dann tat sich die Ebene auf, die ganz weit war und durch die Trbe des
Himmels begrenzt wurde. Hier war die Station, wo Hans den Zug verlassen mute;
die Wagen mit den Brettern und Stmmen blieben zurck, das letzte von der
Heimat; und nun wurde alles anders und wurde fremd, denn selbst die Wagenabteile
waren grer wie die frheren, und es schien, als wenn in den andern noch etwas
heimische Luft und Helligkeit gewesen sei; dazu sprachen die Leute eine andere
Sprache, redeten ber andere Dinge, und ihre Gesichter waren Hansen nicht mehr
vertrauter Art.
    Dahin raste der Zug. Die Telegraphendrhte an der Seite flogen auf und ab,
die Stangen blitzten vorber, und lange, schmale Felder tanzten, wie wenn sie
sich im Kreise um einen Mittelpunkt bewegten, der in Hansens Wagen lag. An
groen Rbenbreiten kamen sie vorbei, wo eine Herde Polenmdchen mit nackten
roten Beinen mitten in der Nsse stand und Rben herausholte, und Wagen mit
breiten Rdern wurden beladen, schwere Pferde zogen mit Anstrengung durch den
nassen Acker, und der Wagen hinterlie eine tiefe Spur. Nun kamen wieder ganz
andere Menschen in den Wagen, Leute, die sich breit machten und ber Hansen
wegsprachen und unhflich drngten. Sehnschtig blickte er zum Fenster hinaus,
dachte bei sich, er htte doch lieber mgen zu Hause bleiben, im Wald, und mit
der Flinte auf dem Rcken gehen, und alle Manschen kannte er da und alle Wege,
und in der Fremde war ihm das Herz schwer und wute auch nicht, was eigentlich
die Universitt war, und was er tun sollte, wenn er nun auf dem Bahnhof stand in
Berlin. Immer weiter eilte der Zug und fuhr ber Sandboden, wo hufige
Kiefernwlder kamen, die schienen Hans natrlich zu sein; dann kamen wieder
cker und groe flache Seen, da es war wie eine berschwemmung; solche Art von
Wasser kannte er nicht, das war so glatt und flach. Bald senkte sich auch die
Dunkelheit; ein Reisender zeigte ihm in der Ferne eine schwere Dunstwolke in der
Luft, das war Berlin. Das war Berlin, was unter dieser Dunstwolke lag. Wie er
das sah, war ihm das Heimweh pltzlich vergangen.
    Nun hielt der Zug, die Tren der Abteile wurden hastig geffnet, und alle
Manschen liefen schnell und hastig, eilten, drngten und stieen sich, und
Hansen berholten sie alle, da er als letzter eine ungeheuer breite Treppe
hinunterschritt, die von einem Stein war, der Hansen Granit schien, und waren
die sehr breiten Stufen immer aus einem Stck geschlagen, was sehr teuer gewesen
sein mute. An Hans vorbei eilten andre in die Hhe, hinter ihm kam ein neuer
Menschenstrom herab, und unten in der Vorhalle wimmelte und kribbelte es von
eilfertigen Menschen. Diese Vorhalle war auerordentlich hoch, aber eine
hliche Luft war da, und schien alles schmutzig, so da Hansen ein pltzlicher
Ekel ankam, denn ihm war, als sei auch er mit einem Male ganz schmutzig.
    So stand er am Ende drauen auf dem Platz, und vor ihm war Berliner Leben.
    Einen Rock trug er, den der Schneider in der kleinen Stadt verschnitten
hatte, denn er war ihm vorn zu eng; auch sahen seine langen und knochigen Hnde
weit aus den rmeln, und sein Hut war von ganz alter Mode, denn er hatte ihn
sich bei einem kleinen Hutmacher zu Hause gekauft, und Kragen und Schlips paten
nicht zueinander und verschoben sich bestndig, und seine Fe waren in groen,
plumpen Stiefeln, und die Hose hatte ausgeweitete Knie. In der einen Hand trug
er einen baumwollenen Regenschirm, in der andern eine gestickte Tasche, auf der
stand: Glckliche Reise; sein Grovater hatte sie gekauft, wie er als junger
Mensch zum ersten Male von zu Hause weg mute. So beschaffen waren Hans Werthers
Kleider, wie er zum ersten Male auf dem Berliner Pflaster stand. Dazu war seine
Gestalt unglaublich mager, lang und knochig, und aus seinem hageren Gesicht, das
mit langen, blonden Stoppeln dicht besetzt war, starrten ratlos zwei hellblaue
Augen. Im Bergwald war Hans eine schne und jugendlich mnnliche Erscheinung;
aber hier, auf der Kniggrtzer Strae, sah er recht komisch aus.
    Eine ganz auffallend gekleidete junge Dame ging dicht an ihm vorber,
blickte ihm verwundert ins Gesicht und lachte ihn aus. Er sah hinter ihr her und
wunderte sich, da eine solche Dame so unpassend sein konnte, denn sie trug
einen Hut mit so groen Federn, wie Hans noch nie gesehen, schwang einen
nadeldnnen Schirm in der Hand und trllerte vor sich hin.
    Dem Hans wurde schwach im Herzen, und seine Sehnsucht nach der Heimat war
mit einem Male wieder ganz heftig, da sie ihm weh tat, denn er fhlte sich
gnzlich verlassen von diesen eiligen Menschen, die nur alle gerade vor sich
hinsahen.
    Da aber gedachte er, da er ja keine unrechten Dinge vorhatte, und fiel ihm
der Gesangbuchvers ein, den er oft mitgesungen in der kleinen Dorfkirche, vor
deren Fenstern die Linden standen:

Befiehl du deine Wege
Und was dein Herze krnkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Bestimmte Ziel und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fu gehen kann.

    Eine wunderbare Trstung und Zuversicht berkam ihn, so da er rstig
ausschritt durch das Treiben und Ziehen der Menschen hindurch, denn es schreckte
ihn nicht mehr die Leere ihrer Gesichter, und da sie gestorbene Seelen hatten,
welches ihm bewut geworden war, ohne da er Klarheit ber dieses Wissen hatte.

                                  Zweites Buch


Die erste Zeit in Berlin war fr Hansen recht traurig, denn sie brachte ihm
groe Enttuschungen, weil er gemeint, auf der Universitt msse ganz Besonderes
und Herrliches sein, und unter der Wissenschaft dachte er sich etwas Befreiendes
und Beglckendes, das ihm in unklarer Weise als das hchste aller irdischen
Hoheit vorschwebte; er konnte noch nicht wissen, da dieses Besondere und
Herrliche nicht ein greifbar Vorhandenes ist, sondern vielleicht nur eine
Gemtsverfassung sein kann, die einige begabte Menschen mit der Zeit durch ihre
Beschftigung mit wissenschaftlichen Dingen erhalten. Und nun fand er ein groes
und graues Gebude, das nach Staub aussah, dann eine Diele, in der sehr viele
Studenten standen und gingen, die gar nicht der Vorstellung glichen, die er sich
von Studenten gemacht, sondern eher wie recht unelegante Kaufmannskommis
schienen und fast alle auerordentlich spiebrgerliche Gesichter hatten; und
endlich war da ein niedriger Kollegsaal mit vielen Bnken, mit einem muffigen
Geruch. Der Professor trat ein und wurde mit Trampeln begrt, und war ein ganz
kleiner Mann in einem dicken Pelz und mit einem recht abgenutzten Zylinder; wie
er diese Stcke an den Kleiderhaken hngte, machte er eine komische
Hpfbewegung, und dann trat er auf den Katheder, nickte mit dem Kopf und
entfaltete ein uraltes, gebruntes Heft, aus dem er mit monotoner Stimme
auerordentlich lange Perioden vorlas, indessen sein schwarzer Rock speckig
glnzte. Die Studenten schrieben mit heftigem Eifer nach, ohne da einer den
Kopf hob, und nachdem Hans zuerst immer gedacht hatte, es msse noch etwas
kommen, schrieb er am Ende auch nach; weil er aber langsam mit der Feder war, so
kam er bald zurck und konnte nicht mehr folgen, und so sa er zuletzt recht
ratlos und unglcklich da. Wie die Glocke zum Schlagen aushob, lie der
Professor pltzlich seine Stimme zu einem Murmeln sinken, hrte mit dem Ende des
Satzes auf, klappte das gebrunte Heft zusammen, hpfte nach seinem Pelz und Hut
und ging hinaus. Die Studenten aber schnappten ihre Tintenfsser zu, steckten
die Hefte in die Mappen und gingen gleichfalls.
    Das war die erste Vorlesung, und die weiteren hatten einen hnlichen
Charakter. So wurde Hans niedergeschlagen und bekmmert, denn wie er nun mit
seinen Heften unterm Arm zum Essen ging und sich bedachte, was er gelernt habe
in diesen Stunden, da fand er gar nichts in seinem Gedchtnis, auer die
Vorstellung von einem ungeheuren und wsten Raum, in den er hineingestoen war,
damit er weitergehen solle, und sah weder Weg noch Wegweiser.
    Gleich hinter der Universitt, am Kastanienwldchen, war damals ein
Speisehaus, wo ein sehr groer Teil der Studenten a. Hans folgte der Menge und
kam in kleine Stuben, wo an Tischen dichtgedrngt die jungen Leute saen und
eilig ihre Speisen verzehrten, indessen Kellner in jgergrnen Joppen mit
Hirschknpfen geschwind mit Schsseln und Tellern herumliefen und der Strom der
eintretenden Gste dem Strom der herauskommenden begegnete. Wie Hans einen Platz
gefunden an einem Tisch, dessen brige Sthle besetzt waren, und die fleckige
Speisekarte genommen, kam hastig ein Kellner im Vorbeilaufen heran und fragte,
so da Hans erschreckt aufs Geratewohl bestellte, denn er war schon durch die
Eile und Menschenmenge gengstigt. Dann a er und trank mit der Schnelligkeit,
die er bei den andern sah, denn hinter dem einen Tischgenossen wartete bereits
einer auf dessen Platz; und wie er fertig war, kam der Kellner wieder, zhlte
zusammen, und Hans bezahlte, und weil ihm gesagt war, da man in Berlin den
Kellnern Trinkgeld geben mute, so legte er ihm fnf Pfennige in die Hand mit
einem hflichen und verlegenen Murmeln, denn er scheute sich und frchtete, der
Kellner wrde beleidigt sein. Wie alles abgemacht war, hatte er ein leichtes
Herz und ging durch die gedrngten Zimmer zurck aus dem Hause. Da fhlte er
sich recht einsam und verlassen; denn einige gelbe Bltter hingen an den
Kastanienbumen, Sperlinge zankten sich auf der Strae, ein grauer Dunst war in
der Luft, und hliche Farbentne hatte alles, schmutzige und stumpfe; nichts
Leuchtendes war da, welches das Herz leicht macht. Er wunderte sich, da das
Studentenleben so aussah; ganz anders hatte er es sich vorgestellt.
    Seine Stube war ein langer und schmaler Raum, der eine Form hatte wie ein
Handtuch; oben am Fenster stand der Schreibtisch mit einem Stuhl davor, dann kam
ein Sofa mit einem Sofatisch, dann das Bett, endlich der Waschtisch; und
bildeten diese Mbel eine Reihe, so da man sich an ihnen allen vorbeidrcken
mute, wenn man zum Schreibtisch gehen wollte. Auf dem Waschtisch hatte er seine
neue Spiritusmaschine aufzustellen gedacht; denn das hatte er sich so schn
ausgemalt, wie er sich den Kaffee nachmittags selber kochen werde, und dabei
wollte er dann fleiig studieren; aber die Wirtin sagte, das knne sie nicht
erlauben, weil es ihre guten Mbel ruinieren werde, und er solle den Kaffee bei
ihr in der Kche bereiten. So ging er jetzt mit der Kaffeemaschine, der Mhle
und dem andern Gert in der Wirtin Kche, und hatten die Leute nur die beiden
Rume, also die vermietete Stube und die Kche, in der sie kochten, wohnten und
schliefen, nmlich eine sehr dicke und schmutzige Frau, ein finsterer Mann, ber
den die Frau meistens schimpfte, eine Tochter von achtzehn und einen Sohn von
zwlf Jahren.
    Hans fand die Frau allein vor, die ihm seine Sachen abnahm und sagte, sie
wolle ihm den Kaffee schon bereiten, und obzwar ihm die Leute widerstrebten,
ohne da er freilich den Grund recht wute, so tat doch diese Freundlichkeit
seinem einsamen und bedrckten Gemt wohl, da er in dem Augenblick eine
Zuneigung zu der dicken Frau fate und sich nach ihrer Einladung auf den Stuhl
setzte, den sie vorher mit der Schrze abgewischt. Die Frau begann gleich zu
klagen, da ihr Mann oft keine Arbeit habe und alles vertrinke, und da die
Ferien ber das Zimmer leer stehe, und seien die Studenten meistens unsolide und
meinten, die Stube sei ungeniert, aber was wolle sie machen, sie sei eine arme
Frau; und nachdem sie sich die Augen mit der schmutzigen Schrze gewischt, fuhr
sie fort, da ihre Tochter ihr auch Sorge mache, die sei hinter den Herren her,
mit der werde es noch einmal ein schlimmes Ende nehmen, aber sie knne es nicht
halten. Wie sie noch so im Klagen war, kam die Tochter nach Hause und trug einen
neuen Hut und fragte ihre Mutter, wie der ihr stehe; die schlug die Hnde
zusammen und jammerte ber den Hut, da antwortete das Mdchen, den habe sie
geschenkt bekommen von einem Herrn, und was sie treibe, das gehe die Mutter gar
nichts an. Darauf zog die Frau Hansen in den beginnenden Streit und fragte ihn,
ob wohl eine Tochter so antworten drfe, das Mdchen lie ihn aber gar nicht zu
Worte kommen, sondern sagte, sie wolle essen, und schalt darber, da so weniges
im Eschrank lag. Inzwischen war der Kaffee fertig geworden, da Hans gehen
konnte; er hrte aber noch eine hhnische Bemerkung der Tochter, die auf ihn
zielte, die verstand er zwar nicht, indessen machte sie ihn verlegen, und er
wute nicht recht, wie er sich benehmen solle, wenn er wieder in die Kche gehen
mute; durch die Tr drangen dann noch Worte der Mutter zu ihm, die eine
Zustimmung zu den Reden der Tochter zu enthalten schienen. Da fhlte er sich
wieder recht elend und unglcklich, und mit Sehnsucht dachte er an seine Heimat
und an den Wald, und selbst sein Dachkmmerchen auf dem Lwenhof war ihm jetzt
vertraulich in der Erinnerung, wiewohl er nie ein heimliches Gefhl darin
gehabt, sondern es immer nur als bloe Unterkunft betrachtet hatte. Denn alles
erschien ihm namenlos scheulich, weil er sich auch eine Studentenbude immer
ganz anders gedacht hatte, nmlich als ein Mansardenstbchen, niedrig und klein,
aber von quadratischem Grundri, mit einem alten ledernen Sofa und einem kleinen
eisernen Ofen, in dem ein lustiges Feuer brannte, und mit einem groen
Bcherbrett voller Bcher.
    Nach dem Plane, den er sich von seiner Tagesarbeit gemacht, mute er nun die
gehrten Vorlesungen durcharbeiten. So nahm er das erste Heft vor, das enthielt
lauter Literaturangaben ber den Gegenstand, und er wute nicht, was er mit
diesen beginnen sollte, dachte, er msse sie wohl auswendig lernen und schreckte
dann zurck vor den vielen fremden Namen, an die sich ihm keine Vorstellung
knpfte; und bei dem zweiten Heft ging es nicht besser, denn hier hatte der
Professor ganz weit hergeholte Dinge als Einleitung behandelt, die mit dem
Gegenstand nichts zu tun hatten, und weil Hans nicht genau nachschreiben konnte,
sondern hatte Lcken lassen mssen, so wurde er aus dem Ganzen gar nicht klug.
Derart stieg seine Betrbnis auf einen solchen Gipfel, da er gar nichts mehr
mit sich anzufangen wute, und weil er gegen seine Unruhe doch irgend etwas tun
wollte, so verlie er seine Stube und ging durch die Straen. Er wurde bald
mde, denn das Gehen auf dem harten Pflaster war ihm ungewohnt, und das Gerusch
und die Menge der Manschen strengten ihn an, und wenn er die lange Strae
hinuntersah, so erblickte er nur himmelhohe Huser, Drhte und Steinpflaster,
und nirgends ein Fleckchen Erde, wre es auch nur so gro gewesen wie eine Hand.
Nirgends war ein Fleckchen Erde, alles war mit Steinen bedeckt. ber eine Brcke
ging er, aber auch die Ufer des Flusses waren mit Steinen vermauert. Da fiel ihm
ein, da in dieser Stadt ein Kind geboren werden konnte und aufwachsen, das gar
nicht wute, wie Erde aussieht, und wie ein Wald und ein Kornfeld und eine Wiese
aussieht; und als er das dachte, hatte er ein groes Mitleid mit sich selbst.
    So ging er, und die Fe taten ihm weh und die Schultern, und ein Ring lag
ihm um die Stirn, und war ihm, als habe er sich ausgeweint und knne nicht mehr
weinen. In solcher Verfassung blieb er, indem es begann zu dunkeln, und die
Laternen wurden angesteckt und die Lden mit stechendem Licht erleuchtet, und
die Menschen rasten immer gleichgltig vorbei. Am Ende trat er aus Mdigkeit in
eine Wirtschaft, und weil er sich graute vor seinem Zuhause und es zudem doch
noch am Anfang des Semesters war, so beschlo er, hier in der Wirtschaft zu
Abend zu essen und nicht zu Hause, und wollte hier so lange bleiben, bis es spt
genug war, da er zu Bette gehen konnte.
    Eine Kellnerin brachte, was er bestellte und setzte sich dann zu ihm an
seinen Tisch, indem sie sagte, er sei gewi erst seit kurzem in Berlin, und dann
erzhlte sie, ihr gefalle es sehr gut hier. Hans antwortete in der Weise, wie er
gewohnt war, mit allen Menschen zu sprechen; da stand sie pltzlich auf, mitten
in seinem Satze, in einer Art, als sei er ihr ganz verchtlich, und nachher war
sie ganz fremd zu ihm, als habe sie nie freundlich an seinem Tische gesessen.
    Inzwischen fllte sich die Wirtschaft mit Gsten, und die meisten taten
sonderbar vertraulich zu den Kellnerinnen, und es war, als ob alle, die hier in
dem rauchigen und niederen Raum saen, miteinander nahe bekannt seien. Nach
einer Weile setzte sich an Hansens Tisch ein junger Mann, der aussah wie ein
Knstler; dem brachte die Kellnerin ein Glas Bier und zwei Butterbrote, die a
er gierig, als sei er sehr hungrig. Wie er mit dem Essen zu Ende war, knpfte er
ein Gesprch an und erzhlte, er wolle eine Operette komponieren und spiele hier
in der Wirtschaft abends Klavier, wofr er fnfzig Pfennige und das beschriebene
Abendbrot erhalte; aber von diesem Erwerb knne er nicht leben, und wenn nicht
die gutherzigen Kellnerinnen wren, so mte er verhungern, und seine Operette
wrde viel besser werden wie der Zigeunerbaron. Wie Hans antwortete, da er
dieses Werk nicht kenne, vertiefte sich der andre in musikalischen Errterungen,
und zwischenhindurch klagte er bitter ber das Los der Knstler in der heutigen
Gesellschaftsordnung. Am Ende verbeugte er sich mit groer Eleganz vor Hans, da
dieser sehr verlegen wurde, und ging zum Klavier, setzte sich, fuhr mit den
Fingern durch sein langes und dichtes Haar und begann mit groer Gelufigkeit
Tnze zu spielen; sein Spiel schien Hansen aber ganz seelenlos, obschon das
Pianino viel besser war wie des Lehrers im Dorfe altes Klavier.
    Bald darnach fragte die Kellnerin Hansen, ob sie dem Klavierspieler ein Glas
Grog bringen solle, weil er sich doch mit ihm unterhalten habe, und indem Hans
dachte, das msse wohl so sein, bejahte er die Frage, aber er schmte sich doch
sehr fr den Musiker. Dieser nahm das Glas, wendete sich zu Hans, nickte ihm
dankend zu, fhrte es an den Mund und fing dann gewandt einen neuen Tanz an.
    Den ganzen Abend qulte sich Hans mit dem Gedanken, da er nachher der
Kellnerin ein Trinkgeld geben sollte, denn das kam ihm unzart und beleidigend
vor, weil es nicht mit Herzlichkeit geschehen konnte und deshalb keine
Freundlichkeit war, die den Empfnger zu ihm in solche menschliche Beziehung
brachte, da dessen menschliche Wrde die gleiche bliebe, sondern er hatte das
Gefhl, da er das Mdchen dadurch unter sich drckte, ebenso wie am Mittag den
Kellner und vorhin den Musiker. Viel Schmutz mu ein Mensch erst an seinen
weien Kleidern haben, bis er gleichmtig das Geldstck in die vorgestreckte
Hand eines dienernden Menschen gleiten lt und unbewut jede Liebenswrdigkeit,
die ihm ein Niedrigerstehender erwiesen, durch eine kleine Mnze vergilt, statt
durch einen einfachen Dank; und nicht nur seinen Bruder zieht er herab, sondern
auch sich selbst.
    Wie Hans den peinlichen Augenblick berstanden hatte und sich zum Gehen
wendete, versprte er mit den geschrften Sinnen, die ein Mensch innerhalb einer
feindlichen Umgebung hat, da die Kellnerin sich hinter seinem Rcken gegen eine
andre ber ihn lustig machte, wie schon einmal an dem Tage die Wirtstochter
gegen ihre Mutter getan. So wurde immer strker das Bewutsein in ihm, da er
lcherlich und dumm sei, und alle andern Leute waren viel gewandter, klger und
erfahrener wie er; denn solange wir die Welt noch nicht kennen, wissen wir die
sittlichen Gegenstze nicht zu verstehen und beurteilen und halten sie fr
Gegenstze des Verstandes und der Erfahrung, und ist das einer der Grnde,
weshalb mancher junge Mensch schlecht wird, der von Natur nur oberflchlich war.
    Langsam und mde ging Hans heimwrts, und war es eben nach zehn Uhr, wie er
an sein Haus kam, und deshalb war es schon dunkel auf den Treppen, aber er
tastete sich schnell am Gelnder nach oben. Als er fast oben angekommen, trat er
auf einen Menschen, der dalag. Wie er schon ohnehin in erregter Verfassung war
durch alles vorige, so stie er einen Schrei aus und prallte zurck, da er fast
die steile Treppe hinabgefallen wre. Auf das Gerusch wurde die Korridortr
geffnet und Hansens Wirtsleute, spter auch die Nachbarn erschienen mit
Lichtern, und da zeigte sich, da eine betrunkene Weibsperson von etwa fnfzig
Jahren auf den Stufen lag, die sich hatte auf den Hausboden schleichen wollen,
um dort zu nchtigen, und nun hier von Trunkenheit und Schlaf bermannt war.
    Der finstere und schwarzbrtige Wirt Hansens stie das Weib mit dem Fue an,
bis sie sich halb erhob in ihren stinkenden Lumpen, und starrte mit dem
aufgedunsenen Gesicht sinnlos in die Lampe, die der Mann in der Hand hielt; er
brllte, er wolle die Polizei holen, und gab ihr allerhand gemeine Schimpfworte,
das Weib aber schien nichts zu merken, sondern hockte da und sah zwinkernd mit
rotgernderten und trnenden Augen in die Lampe. Deshalb versetzte der Mann ihr
wieder Futritte, um sie zum Aufstehen zu bewegen; aber da empfand Hans einen
wilden Schmerz im Innern und rief, er solle das lassen und die Frau menschlich
behandeln. Hierber war der Mann erstaunt und erwiderte, wenn er selber
betrunken sei, so werde er auch so behandelt, und das noch dazu von den
Schutzleuten, die doch von den Steuern lebten, die er zahle, diese Person jedoch
zahle keine Steuern. ber diese Worte aber schien seine Frau sich zu rgern,
denn die rief ihm verchtlich zu, er verdiene doch nichts und bezahle auch keine
Steuern, und da lachten die andern Leute. Das brachte den Mann in Wut, so da er
sich nun mit seinen Schimpfworten an seine Frau wendete, und die Tochter griff
mit in den Streit ein, indem sie in derselben verchtlichen Weise zu ihm sprach
wie die Mutter. Da wollte der Mann die beiden schlagen, aber indem nun die
Tochter kreischend fortlief und die fette Frau, die Arme in die Seite stemmend,
ihn mit wackelndem Busen erwartete, hielten ihn die Nachbarn fest und suchten
ihn zu beruhigen. Inzwischen hatte sich die Betrunkene unsicher erhoben, und
weil sie noch ihren alten Plan in dem umnebelten Gehirn festhielt, so wollte sie
hher steigen, sie trat aber auf ihre Lumpen, fiel halb, hielt sich mit den
Hnden an den schmierigen Stufen und starrte wieder in die Lampe. Nun erschien
ein Schutzmann, den ein andrer geholt hatte. Der packte die Betrunkene und stie
sie vor sich her die Treppe hinunter, da sie htte kopfber strzen mssen;
aber sie klammerte sich am Gelnder fest und wimmerte. Hans konnte den Anblick
nicht mehr ertragen, denn ihm wurde, als sei er krank, deshalb ging er in seine
Stube, schlo hinter sich zu und schob den Riegel vor. So verlief der erste Tag
von Hansens Studentenleben, und noch nie war er so unglcklich gewesen wie an
dem Abend. Weshalb er ein so heftiges Gefhl von Jammer hatte, konnte er sich
nicht klarmachen, und es war auch gut, da er es sich nicht klarmachen konnte,
denn sonst wre er gnzlich verzweifelt. Denn dieser Tag fhrte den ersten und
heftigsten Streich gegen seinen Glauben, und von heute an wurde ihm, Stck fr
Stck, Gott geraubt, denn alle diese Menschen, die er getroffen hatte, waren
ohne Wrde gewesen: der Lehrer, der mechanisch sein Pensum ablas, und der
Kellner, der gleichmtig seine Speisen brachte, und die Wirtin, und der
Musikant, und die Betrunkene endlich. Und wenn es Menschen gibt, die keine Wrde
haben, so mssen wir an unsrer eignen Wrde zweifeln: nicht mit dem Verstande,
denn das ist alles ber den Verstand, aber wir knnen nicht mehr den reinen
Glauben und die klare, unschuldige Zuversicht haben.
    Und wenn wir an unsrer Wrde zweifeln, so knnen wir an keinen Gott mehr
glauben, der ber uns ist und durch den unser kleines Leben einer Eintagsfliege
am Sommertage eine Bedeutung bekommt, die hher ist wie die Bedeutung von
Millionen Welten; und auch dieser Zweifel kommt nicht aus dem Verstande, denn
dieser ist noch weit mehr ber allem Verstande; aber er kommt aus unserm ganzen
Menschen.
    Dergestalt bereitete sich bei Hans der Glaube vor, da er ein Rad sei neben
andern Rdern in einem groen Rderwerk, das fr sich keinen Sinn hatte, welches
die allgemeine Ansicht der Menschen war, mit denen er nun zusammenkam.

In einer philosophischen Vorlesung fand Hans seinen Platz neben einem lteren
Studenten, der ihm durch seine eigne Art sehr auffiel, denn er hatte seine
Stelle genau ausgemessen und durch Bleistiftlinien bezeichnet und erklrte
Hansen, wie er das unumschrnkte Recht innerhalb dieser Linien habe, auer da
er seine Nachbarn zur andern Seite msse bei sich vorber zu ihren Pltzen gehen
lassen, und wenn jemand Bcher oder Hefte ber die Linien hinaus neben ihn lege,
so drfe er die zurckschieben. Mit diesem jungen Mann wurde Hans schon beim
zweiten Wiedersehen nher bekannt, indem sich die beiden nach jugendlicher Art
ber die philosophischen Fragen unterhielten, welche die ihre Generation
beschftigenden waren; und indem sie nicht wuten, da das, was jeder fr sich
gedacht, von vielen Altersgenossen geteilt wurde, waren sie recht verwundert
ber hufige bereinstimmungen ihrer Ansichten und empfanden die als
Veranlassung zu engerem Verkehr; und es bewirkte der Jahresunterschied gleich,
da Hans als der Nehmende erschien und Heller, denn so nannte sich der andere,
als der Gebende, der ihm lehrte mit Freude und Genugtuung. Dieses war das erste
Mal, da Hans das Gefhl der Freundschaft empfand, welches der Liebe
verschwistert ist, und so folgte er mit Bewunderung, Glauben und Zuversicht
allem, was ihm Heller sagte; der aber stand vllig, wie er sich ausdrckte, auf
dem modernen Standpunkt und hatte auch einen Kreis von gleichgesinnten Freunden,
die zu bestimmten Zeiten zusammenkamen, das waren Studenten, junge Kaufleute,
junge Schriftsteller, Maler, Musiker und hnliche. Bei diesen fhrte er Hansen
ein, wiewohl der eine groe Besorgnis hatte, da er werde vor solchen Leute
nicht bestehen knnen mit seinem kleinen Wissen und Vermgen, und saen sie in
einem engen Hinterzimmer einer geringen Wirtschaft, das an den brigen Tagen von
Gesellschaften und Vereinen kleiner Brger eingenommen war, die sich in
sonntglicher Gewandung und mit Bierfssern hatten photographieren lassen, um
die Wnde des Zimmers zu schmcken.
    Hans fand seinen Platz zwischen zwei jungen Mdchen, die sich mit groem
Eifer an den Reden beteiligten. Die eine war eine Russin und hatte einen
russischen Studenten als Begleiter, mit dem sie in freier Liebe lebte; das war
ein schweigsamer Mensch, von einer leuchtenden Blsse des Gesichtes, mit hoher
Stirn und ganz dunklem Haar und langem schwarzen Bart, den er unablssig strich.
Der lange Bart, den bei uns einer als Vierzigjhriger haben wrde, sah sehr
merkwrdig aus in dem ganz jugendlichen Gesicht. Eine Zeitungsnotiz wurde in der
Ecke gelesen und besprochen, die mitteilte, da des Russen Bruder, der als ein
hervorragender Revolutionr galt, in Petersburg gefangen genommen war und in
Schlsselburg untergebracht; und wie ber den Tisch herber der Russe nach der
Art des Gefngnisses gefragt wurde, machte er mit unverndertem Gesicht eine
Handbewegung, die bedeutete, da sein Bruder dort sterben werde, dann bat er mit
fremdartiger Aussprache seinen Nachbarn um eine Zigarette. Er war rmlich
gekleidet, und es wurde erzhlt, er sei sehr wohlhabend und gebe fast alles fr
die Untersttzung der Arbeiterbewegung aus; auch die Frau trug sich sehr einfach
und schien dazu unordentlich und sollte von sehr vornehmer Abkunft sein und aus
berzeugung ihre Familie verlassen haben.
    Hans kam in eine weihevolle Stimmung, und ihm war, als sitze er neben
Aposteln; denn diesen Leuten erschien ihre Pflicht einfach, und sie taten sie
ohne Ruhmredigkeit. So erzhlte der Russe, er wolle mit seiner Frau bald in sein
Vaterland zurckkehren und hoffe, da er etwa ein Jahr lang wirken knne, bis
man ihn nach Sibirien schicke. Am allgemeinen Gesprch beteiligte er sich sehr
wenig und hatte eine sonderbare Art, verchtlich ber Menschen und Gedanken zu
reden.
    Die andere Dame, welche Helene genannt wurde, hatte die Begleitung ihres
Bruders, und waren die beiden das erstemal in der Gesellschaft und wurde von
ihnen erzhlt, da sie soeben sich von ihren Eltern getrennt htten und allein
lebten; der Vater der beiden war ein kleiner Kaufmann, dessen lterer Sohn war
befreundet mit einem Mitglied des Kreises, der offiziell zur
sozialdemokratischen Partei gehrte; der hatte ein Paket verbotener Schriften
bei seinem Freunde hinterlegt, weil bei dem niemand einen Verdacht haben werde;
der Vater aber hatte die Schriften gefunden, wie er in argwhnischer Besorgnis
seines Sohnes Sachen durchsuchte, und war mit ihnen gleich auf die Polizei
gegangen aus Angst und aus unbedachtem rger ber seines Sohnes Verkehr. Weil
nun einige Schriften in mehreren Stcken vorhanden waren, so nahm die Polizei
an, das Paket sei zur Verbreitung bestimmt, und verhaftete den Sohn des Angebers
zu dessen groer Bestrzung, und weil sich bei weiterem Nachsuchen der
eigentliche Besitzer leicht ermitteln lie, nachher auch den
sozialdemokratischen Freund. Der andre Sohn und die Tochter waren ber die
Handlung ihres Vaters so entrstet, da sie erklrten, sie wollten nunmehr nicht
mehr in ihrer Familie bleiben, gingen von Hause fort und mieteten sich zwei
Zimmer, um fr sich zu leben, was ihnen dadurch mglich war, da sie beide Geld
verdienten, nmlich der junge Mann als Reisender und das Mdchen als
Buchhalterin in einem Geschft.
    Der junge Mann, der sich in der fremden Gesellschaft einsam fhlte, begann
ein Gesprch mit Hans, weil der gleichfalls hier unbekannt war, und als ein
redegewohnter Herr fing er bald an zu erzhlen, und Hans hrte zu. Er erzhlte
aber mit Stolz, welche Kunstgriffe er auf seinen Geschftsreisen anwende, um den
Brstenbindern, denn sein Artikel war Schweineborsten, Ware zu verkaufen; so
habe er auf einer Tour dem jungen Mann eines Konkurrenten alle Auftrge
vorweggenommen, indem er sich mit ihm angefreundet habe und ihn abends
eingeladen und so betrunken gemacht, da er sein Notizbuch durchsehen konnte.
ber diese Erzhlung erstaunte Hans sehr und sagte, eine solche Handlungsweise
sei doch nicht redlich, der andre aber erwiderte, im Geschft sei das nun einmal
nicht anders, und wer ein guter Geschftsmann sein wolle, der er selbst auch
wirklich sei, der msse so handeln. Die Schwester aber nickte Hansen zu und gab
ihm recht; und indem sie sagte, da sie zu ihrem Bruder schon immer hnlich
gesprochen habe wie er, setzte sie ihre Worte so, da gleich eine freundliche
und vertrauliche Beziehung zwischen ihr und Hansen entstand. Dann sagte sie zu
ihm, er drfe es nicht unpassend finden, da sie zwischen so vielen jungen
Herren sei, denn die seien doch alle Mnner, die das Hchste wollten, und zudem
werde sie ja auch von ihrem Bruder beschtzt.
    Inzwischen hielt jemand einen Vortrag darber, ob man wohl auf der Bhne das
wirkliche Leben ganz genau darstellen knne, und kam zu dem Ende, da das nicht
mglich sei, weil man ja auf der Bhne immer eine Wand fehlen lassen msse,
nmlich nach dem Zuschauerraum hin; ber diesen Vortrag bezwangen die meisten
ein Lachen, Heller aber lobte den Redner laut, das Hansen sehr von seinem
Freunde verdro, denn es schien ihm unehrlich. So folgten noch allerhand Reden
und Gesprche.
    Hans brach mit den Russen zugleich auf, und wiewohl es schon recht spt war,
nahmen ihn die beiden doch noch mit sich in ihre Wohnung. Dieselbe bestand aus
drei recht elenden Rumen, die hatten aber eine besondere Bedeutung, denn ein
groer Teil der Freiheit, welche das Paar geno, wurde durch diese
Wohnungseinrichtung erzeugt. Sie wollten nmlich wie zwei gute Kameraden
zusammen leben, nicht so, wie es in der heutigen Ehe sei, da das Weib vom Manne
unterdrckt und ausgebeutet wird; deshalb hatte der Mann eine Stube fr sich,
und die Frau hatte eine Stube; und nur in wichtigen Fllen und nach besonderer
Anfrage und Einwilligung durfte einer des andern Raum betreten; in der Mitte
aber lag ein Zimmer, das ihnen beiden gemeinschaftlich gehrte und vornehmlich
fr die Einnahme der Mahlzeiten bestimmt war. Hatte einer Lust, mit dem andern
zu plaudern, so ging er in dieses Zimmer und klopfte an der Tr des andern, und
wenn der wollte, so kam er heraus, wenn er aber nicht wollte, so beachtete er
das Klopfen nicht, und jener ging wieder in seine Stube zurck.
    Auf dem Tisch in diesem Mittelzimmer stand eine russische Teemaschine, deren
Schlot der Mann mit Kohlen fllte, die er schnell zum Glhen brachte, und
unterdessen legte die Frau einen Hering, in Zeitungspapier gewickelt, auf die
Tafel, ein Brot und ein Messer. Das geschah beim Schein einer alten
Petroleumlampe, der die Glocke fehlte. Der Mann ging mit weiten Schritten in dem
Stbchen auf und ab, und indem er seinen weichen und schwarzen Bart langsam
strich, blickte er gradeaus ins Leere, wie wenn er in weiter Ferne ein Ziel
sehe, das fr andre unsichtbar war durch die Wnde mit den schmutzigen Tapeten;
dazu erzhlte er in abgebrochenen Stzen mit fremdartigen Tnen von
Schlsselburg, da dort die Zellen der Gefangenen unter dem Wasserspiegel lgen,
und die Gefangenen wrden nach zwei oder drei Jahren wahnsinnig. Die Lampe
flackerte durch den Luftzug, wenn er vorbeiging. Seine Frau sa auf dem
verdrckten und lumpigen Sofa und hatte die Beine auf den Sitz gezogen und die
Arme um die Knie geschlagen; sie starrte unbeweglich vor sich hin.
    Der Bruder war ein Knstler gewesen, ein Musiker. Ganz zarte, weiche Hnde
hatte er gehabt, die schonte er ngstlich seiner Kunst wegen, da er sogar im
Bette des Nachts Handschuhe trug. Ein merkwrdiges Leben hatte er in seinen
Fingerspitzen; einmal durchbltterte er ein Buch, da sagte er pltzlich, das
Blttern mache ihn krank, und war ganz bla geworden und hatte fieberige Augen.
Wie nun sein erstes Werk gedruckt wird und er der Korrekturen wegen in der
Druckerei zu tun hat, da sieht er, wie die Bogen von der Maschine gebracht
werden, in hohen Sten, an einen Tisch, wo Kinder sitzen, welche die Bogen
falzen mssen; ganz kleine Kinder waren das, von neun Jahren hchstens, Knaben
und Mdchen, die sahen bla aus und hatten fieberige Augen, und griffen
eilfertig ein jedes zu, nahmen den Bogen vor sich und falzten. Als er sie
befragte, antworteten sie, da sie oft Kopfschmerzen haben, weil sie vierzehn
Stunden lang jeden Tag gedruckte Bogen von einem Sto nehmen mssen, knicken und
falzen; aber es war nicht wegen der Fingerspitzen, die waren hart geworden. Zum
Spielen hatten sie keine Lust, sondern sie wollten Geld verdienen und hofften,
wenn sie erst erwachsen waren, so wollten sie sich Branntwein kaufen, jetzt
nahmen ihnen die Eltern immer ihr Geld weg. Wie er das gehrt hatte, da warf er
seinen kostbaren Pelz ab und schenkte den einem Kinde, es solle ihn seinem Vater
geben, und dann setzte er sich zu den Kindern, nahm einen Sto Notenbogen und
falzte Bogen, und wie seine Fingerspitzen bald rot wurden und feurig, da begann
er pltzlich irr zu reden und wurde nach Hause gebracht in einem Wagen und
verfiel in eine schwere Krankheit, in der er nichts von sich wute, sondern
schrie bestndig, da er Kinder gemordet habe, und einmal schrie er auch, er
habe Kinderfleisch gegessen. Wie er wieder aufstand, mochte er nichts mehr von
seiner Kunst hren, sondern kleidete sich in Lumpen und ging ins Volk, pilgerte
auf der Landstrae, arbeitete, was seine schwachen Krfte konnten, und sagte den
Leuten, der Kaiser und die Beamten und die Reichen mten ermordet werden.
Einmal banden ihn die Arbeiter, die ihm zuhrten, und fhrten ihn vor den
Richter, aber er entsprang wieder aus dem Gefngnis. Ein verlorenes Mdchen
lachte ihm zu, eine ganz niedrige Dirne, die von den Soldaten geliebt wurde. Zu
der sagte er, da er sich vor ihr schme, weil sie ein greres Leiden trage,
wie einem Manschen mglich sei, da weinte sie, ging mit ihm und diente ihm.
Zuletzt wollte er sich als Arbeiter verdingen bei einem Bau, wo er Gelegenheit
hatte, etwas gegen den Kaiser zu unternehmen, da wurde er verhaftet, und nun
wird er bald sterben, denn er ist ganz krank.
    Eine Zeitlang ging der Mann stumm auf und ab. Dann sagte seine Frau: Ich
wei, woran er sterben wird, an der Lge. Denn wir sind alle krank an der Lge.
Darauf sprach sie ein heftiges Schimpfwort gegen die Deutschen. Ich habe uns
durchforscht, erwiderte der andre, und ich glaube, wir lgen nicht. Aber wir
sind feige. Das ist das Verzehrende. Nun begannen die beiden einen Streit und
erniedrigten jeder sich selbst und einer den andern, und ein sonderbarer Ha war
in ihnen, und ihre Augen leuchteten voll Feindseligkeit. Auf Hansen nahmen sie
gar keine Rcksicht, als sei er nicht vorhanden, und begannen russische Stze zu
sprechen, und pltzlich, inmitten einer groen Erbitterung, sprang die Frau vom
Sofa und warf ihre Arme um den Hals des Mannes und redete ihn mit heftigen
Liebkosungen an; da strmten aus seinen Augen die Trnen, und sie beklagte ihn,
wollte ihn begtigen und war glcklich und froh. Indessen kam unter dem Sofa ein
Ktzchen hervor, das dehnte sich, sprang auf das Polster und machte einen
krummen Rcken, da eilte Natascha zu ihm und liebkoste es strmisch.
    In bler Verfassung verlie Hans das Haus der Russen, und mochte es gegen
drei Uhr in der Nacht sein, wie er durch die verdeten Straen frstelnd ging.
Straenreiniger mit einer sonderbaren Maschinerie begegneten ihm. An der Ecke
stand ein Mann, der in einem blankgeputzten Kessel warme Wrstchen zum Verkauf
bot, dessen Kundschaft bestand vornehmlich aus Studenten, die in spter
Nachtstunde nach Hause gingen, und von diesen sowie in Erinnerung an vorige
Tage, die besser waren, hatte er sich ein eignes Wesen angewhnt. Hans blieb vor
der jammervollen Gestalt mit dem aufgedunsenen Gesicht zerstreut stehen. Dic,
cur hic? redete ihn der Mann an, dann holte er mit der Gabel ein Wrstchen
hervor und begann mit Berliner Redensarten seine Anpreisung. Hans nahm und
bezahlte, und wie der Mann sein Gesicht sah, fuhr er mit Erzhlungen und
Ruhmredigkeit fort und sagte, Hans habe wohl keinen Sinn fr das studentische
Leben, und ein jeder msse der Gottheit folgen, die ihn antreibt; so habe er fr
seine Person immer eine besondere Neigung zur Germanistik gehabt, und wenn er
nicht durch den Trunk so heruntergekommen wre, so knnte er jetzt wohl auf
einem Lehrstuhl sitzen mit mehr Recht wie mancher andre, der weniger wisse wie
er. Aber auch so, wie er jetzt nachts an der Straenecke stehe, sei noch ein
Drang zum Hheren in ihm, wie in jedem Menschen, denn er sei Volksanwalt und
setze fr das Volk Klageschriften und Gesuche auf, und wenn er freie Stunden
habe, so lese er; so habe er Claurens smtliche Schriften durchstudiert, weil
der Mann heute unterschtzt werde, denn keiner von den gelehrten Herren gebe
sich die Mhe, ihn durchzulesen.
    ber diesem Geschwtz befiel Hansen ein heftiger Widerwille und zugleich
eine sonderbare Angst, da er sich von dem Manne losmachte und weiterging; und
es war nun das erstemal, da ihn die Angst befiel, die ihn von dieser Zeit an
immer begleiten sollte. Sie war ganz unbestimmt und richtete sich auf nichts
nach vorwrts noch nach rckwrts, aber ihm war, als begehe er ein groes
Verbrechen. Jetzt schien ihm das Gefhl noch sonderbar, und er suchte nach
Grnden oder Ursachen; und wie er in seinem Verstande nichts fand zur Erklrung,
so wurde sie immer heftiger, da er am Ende Furcht hatte vor dem Alleinsein und
nicht nach Hause gehen mochte. In solcher Verfassung traf er einen jungen
Dichter namens Krechting, den er vorher in der Gesellschaft gesehen; den
begrte er und folgte ihm in ein Caf. Krechting war ein kleiner und
verwachsener Mensch, der schweigend mit langen und dnnen Beinen rstig
ausschritt, bis sie an ihren Ort kamen. Da setzten sie sich, und Krechting
blickte finster vor sich hin; ganz unvermittelt fragte er dann Hansen, ob er bei
den Russen gewesen sei, und wie der bejahte, pfiff er leise und trommelte mit
den Fingern auf dem Marmortischchen. In dem hellen Raum saen viele verlorene
Mdchen, die sich geschminkt und geputzt hatten und deren Augen glnzten; einige
suchten die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, viele aber waren mde und
ausdruckslos. Hans hatte den Drang, von sich zu erzhlen, und htte mgen ber
seine Angst klagen, wenn der andre ihn nicht so kalt und zerstreut angesehen
htte, da er nicht sprechen konnte. Auf der Schule hatte er den Namen
Krechtings gelesen und eine undeutliche Kunde von ihm war zu seinen Ohren
gedrungen, da er eine groe Achtung vor ihm gehabt; aber dieser Mensch hier
entsprach gar nicht seiner Vorstellung. So stieg seine Angst und Unruhe, bis er
aus Verlegenheit eine gleichgltige Erzhlung begann, der Krechting eben mit so
viel Aufmerksamkeit zuhrte, indem er flchtig eine Zeitung berflog, da Hans
nicht verstummte; einmal machte er eine bissige Bemerkung ber einen
Schriftsteller, dessen Namen in dem Blatt erwhnt war, dann legte er es weg und
sah trbsinnig vor sich hin. Endlich begann auch er zu reden und sprach
abgerissen und fast fr sich selbst, da er nun zehn Jahre so lebe, indem er die
Nchte durch irgendwelches Geschwtz anhre, dann an solch ekelhaften Ort gehe
wie hier, und in der Frhe komme er nach Hause; den Tag verbringe er mit
sinnlosem Tun, und er wisse gar nicht, wozu das alles sei. Unterdessen seien
alle seine Freunde zu Ruhm und Reichtum gestiegen, um ihn aber bekmmere sich
kein Mensch. Deshalb habe er sich immer gewnscht, wenigstens einen Hund mchte
er halten, damit ihn doch ein lebendes Wesen erwarte bei seiner Heimkunft,
indessen seine Wirtsleute htten ihm das nicht zugegeben. So habe er sich denn
ein Glas mit zwei Goldfischen gekauft, aber die seien ihm langweilig. Hans
fhlte, wie aus dem andern ein Ha gegen ihn strmte, und in ihm erhob sich ein
Widerwille, wie vorher gegen den Menschen auf der Strae. Indessen erklrte
Krechting sein Wesen, da er einen Jugendfreund gehabt, mit dem habe er alle
Gedanken geteilt, und seit der tot sei, bleibe fr ihn die Welt leer und kalt,
denn er brauche einen Menschen, von dem er zehren knne, und fr sich allein sei
er nur ein Schemen. Hans solle das nicht fr Eitelkeit halten, wenn er ihm
solche Gestndnisse mache, denn ihm sei es gleich, da er gerade zuhre, nur
habe er ein Bedrfnis, zu irgendeinem Menschen zu sprechen.
    Ein Mdchen setzte sich an den Tisch der beiden, indem sie ihnen den Rcken
drehte, und es fiel Hansen auf, wie durch die dnne Seidenbluse sich die
Bewegungen ihrer Schulterbltter bemerkbar machten bei den Gesten, durch die sie
einen Eindruck in einem verschlafenen jungen Menschen erwecken wollte, der in
ihrer Nhe sa. Krechtings Augen waren wunderlich trbe geworden, wie er sie auf
den Rcken des Mdchens geheftet hielt; und indem sein Gesicht eine groe
Anstrengung des berlegens aufwies, fuhr er fort, da er den Russen beneide,
trotzdem der ein unreinlicher Mensch sei, ein Stck Heiliger, ein Stck Narr und
ein Stck Schuft; aber dem sei es doch mglich geworden, sich die letzten Zwecke
zu verschleiern durch seine sozialistischen Banalitten, und dadurch sei der
glcklich; er jedoch, Krechting, knne sich nicht blind machen, denn er wisse,
da es ein Ziel geben msse jenseits des banalen Glckes fr sich selbst oder
fr andre; aber er vermge nicht zu erkunden, welcher Art und Natur dieses Ziel
sei, denn er sei kein vollstndiger Mensch, und ihm fehle irgendetwas, das sein
Jugendfreund gehabt, und den habe er verzehren mssen. Indem fhlte das Mdchen
die Augen Krechtings im Rcken, drehte sich um und lchelte den beiden zu. ber
Hansen kam ein Schauer als vor etwas Grausigem und Gespensterhaftem; eilig stand
er auf, entschuldigte sich verwirrt und ging fort, denn es war ihm pltzlich
gewesen, als sehe er zwei leblose Masken und als sei Vernichtung und Nichtsein
hinter dem gedankenlosen Lcheln der Dirne und hinter den trben Augen und den
gespannten Zgen Krechtings.
    Lange irrte er noch durch die Straen, die bereits wieder lebendig wurden
durch die Menschen, welche in der Frhe ihre Geschfte betreiben mssen, bis er
endlich todmde war, und seine Gedanken waren gnzlich verschwunden; so ging er
nach Hause und legte sich zu unruhigem Schlaf. Aus dem erweckte ihn am andern
Morgen Heller, der unerwartet zu ihm kam; und indem er auch im Schlummer noch
unter dem Eindruck des Abends gestanden, fuhr er erschreckt in die Hhe durch
den Anruf des Besuchers.
    Heller begann damit, da man vor wichtigen Entscheidungen des Lebens das
Bedrfnis habe, sich einem Freunde mitzuteilen, weniger, um dessen Rat
einzuholen, denn ein jeder tue ja doch, was er schon vorher gewollt habe, als um
selbst zur Klarheit des Willens zu kommen durch die Aussprache. Nach dieser
Einleitung erzhlte er, da Helene, die er gestern zum ersten Male gesehen,
einen sehr starken Eindruck auf ihn gemacht habe, vornehmlich durch eine gewisse
Khnheit und berlegenheit des Willens, die er in ihren Zgen bemerkt, wozu dann
noch der Gedanke gekommen sei, da sie sich dieselben Gedanken errungen habe,
die er selbst vertrete und voraussichtlich, denn ganz sicher knne man ja nie
wissen, ob man seine Meinungen nicht ndern werde mit den lter werdenden
Jahren, auch immer vertreten werde; und sei sein Geist so sehr mit diesem allen
beschftigt gewesen, da er wohl gemerkt, dieses seien die Anfnge der Liebe.
Nun halte er es fr eine groe Verschwendung von Kraft, wenn sich jemand einem
solchen Gefhl hingebe, das durch die Zeit und die Hoffnung immer strker werde,
und dann vielleicht am Ende erfahre, da die geliebte Dame seine Gefhle gar
nicht erwidern knne oder mge; denn nicht nur die Zeit, die in der Hoffnung
verbracht, sei alsdann fr eine andere Ttigkeit verloren, die vielleicht mehr
beglckt htte, und wir sollten doch immer in unserm Leben das grte Glck zu
erringen suchen, das uns mglich sei, ohne unsern Mitmenschen zu schdigen;
sondern auch nachher, wenn er die Enttuschung gehabt, komme eine verlorene
Zeit, die je nach der Persnlichkeit des Betreffenden lnger oder krzer sei, in
der einer sich nicht glcklich fhle und fr alles andre unzugnglich bleibe.
Aus diesen Grnden habe er sich entschlossen, schon jetzt dem Frulein seine
Gefhle zu entdecken, obgleich dieselben noch gar nicht bis zur Liebe gediehen
seien, sondern nur die Mglichkeit bten, da sich aus ihnen Liebe entwickle,
welches er ihr genau und psychologisch auseinandersetzen werde, und sie dann nur
fragen, ob sie meine, da unter Umstnden, wenn nmlich er sich so entwickle,
wie er denke, auch sie sich so entwickeln werde, da sie seine Liebe erwidern
knne; ber das sie ihm ja wohl keine ganz sichere Antwort geben werde, denn
durchaus Gewisses vermge in psychologischen Dingen kein Mensch zu sagen; aber
einen ungefhren Anhalt knne sie ihm wohl bieten. Sollte alsdann die Antwort so
ausfallen, wie er annehme, so wolle er ihr vorschlagen, da sie fters
zusammenkmen, vielleicht eine Stunde tglich, und in dieser Zeit wollten sie
ber Literatur, Psychologie oder Sozialismus sprechen, wobei sie sich dann
genauer kennen lernen wrden, und so werde sich ihre Liebe nicht in
phantastischer Weise entwickeln, sondern in genauem Zusammenhang mit der
Wirklichkeit und den beiderseitigen psychologischen Tatsachen.
    Dieser Plan erschien Hansen sehr schn und wrdig solcher neuen und
vollkommenen Menschen, wie Heller und Helene waren, deshalb lobte er ihn sehr
und wunderte sich viel im Innern ber die Menschenkenntnis und Klugheit seines
Freundes. Da er aber durch seine husliche Erziehung gewhnt war, immer an die
notwendigen Unterlagen des Lebens zu denken, so fragte er, wie der Freund sich
nun seine Absichten weiter ausgedacht habe, wenn alles so eintreffe, nmlich er
zu Helene und Helene zu ihm eine Zuneigung fasse.
    Hierauf erwiderte Heller, da allerdings an eine brgerliche Ehe nicht zu
denken sei, indessen knnten sie beide als gleichberechtigte und freie Menschen
einen Vertrag abschlieen, da sie ja ihre Gesinnungen htten, und er selbst
verdiene durch Stunden, die er Gymnasiasten gebe, so viel, da er seinen eigenen
Lebensunterhalt bestreite, und Helene habe gleichfalls ihr Auskommen, da sie
einen Beruf und eine Stellung habe; indem sie aber zusammenlebten, wrden sie in
manchem noch sparsamer wirtschaften wie jetzt jeder einzelne, wie sich ja im
kleinsten schon der Vorteil des Grobetriebes erweise; so wurden sie zum
Beispiel das Mittagessen zwar wie vorher in einer Gastwirtschaft zu sich nehmen,
aber das Abendessen wrden sie sich zu Hause bereiten, wobei sie nicht nur mehr
Glcksempfindungen in sich auslsen knnten, sondern auch sehr viel sparen. Nach
diesem fuhr er fort, was Hans in seiner Antwort noch gar nicht beachtet habe,
das sei, da hier einmal eine der seltenen Gelegenheiten gegeben werde, wo zwei
Menschen verschiedenen Geschlechtes in durchaus sittlicher Weise zusammenleben
knnten. Denn in der auf Unterdrckung und Ausbeutung beruhenden brgerlichen
Ehe, wie wir wissen, ist ein wirtschaftlicher Zwang da fr die Frau, da sie
beim Manne bleibt, auch wenn sie aufgehrt hat, ihn zu lieben, denn sie wrde
ohne Unterhalt sein, wenn sie von ihm ginge. Dagegen in dem vorliegenden Falle
halte nur die Liebe die beiden Gatten zusammen, und wenn bei dem einen das
Gefhl erlsche, das doch das Natrliche sei, weil alle unsere Gefhle eine
Kurve beschreiben bis zu einer Hhe und von da wieder bis zum Nullpunkt, so
knne dieser dem andern ruhig seinen Zustand enthllen, und die Trennung des
Verhltnisses, das alsdann ja unsittlich sein werde, sei sehr leicht.
    Nachdem Heller sich durch seine Erzhlung und Darlegung Klarheit ber seine
Absichten verschafft, machte er sich gleich ans Werk, seinen Plan durchzusetzen,
ging zu der Speisewirtschaft, wo Helene in ihrer Mittagspause ihr Essen einnahm,
und traf sie dort allein an einem Tische sitzend. Es war eine Wirtschaft, wo man
fr billiges Geld it, und die Tischtcher hatten viele Flecken, und ein
hlicher Geruch war in der Luft, und eilfertige Kellner liefen hin und her,
indem sie ein groes Klappern mit den Tellern machten.
    Wie Heller seine Rede ungefhr in der Art vortrug, mit der er zu Hansen
gesprochen hatte, wurde Helene ziemlich verlegen, denn in Wirklichkeit wute sie
gar nichts von den Ansichten, die er bei ihr voraussetzte, und hatte nur fters
ber manche Reden ihres Bruders lustig gelacht, der jetzt im Gefngnis war, denn
sie hielt den fr etwas tricht. Nun verstand sie zwar nicht alles von dem, was
Heller ihr erklrte, und wute auch nicht recht, welche Absichten er ihr
ausdrcken wollte, weil sie aber sich nie anders gedacht hatte, als da sie
einmal nach ihres Kreises Sitte heiraten werde, etwa einen elegant gekleideten
Geschftsreisenden, der ihr jeden Sonntagvormittag einen Blumenstrau schickte,
solange sie mit ihm verlobt war, so fand sie doch aus der Verwirrung heraus, da
Heller sich mit ihr verloben wolle, aber das solle noch eine Weile geheim
bleiben. Deshalb sagte sie unter hufigem Stocken ihrer Rede, sie knne ihm auf
seinen Antrag nicht recht antworten und wolle sich das berlegen, was er gesagt
habe; denn da er ein Student war und ihr feiner erschien wie ein Kaufmann, so
hatte sie wohl eine gewisse Zuneigung zu ihm. Auf diese Worte erwiderte Heller,
da er keinen andern Bescheid gehofft habe, und sehr zufrieden mit diesem sei;
nur bitte er sie alsdann, da er sie nun tglich zu einer bestimmten Stunde
besuchen drfe. Auf dieses antwortete Helene, da ihr Bruder, mit dem sie
zusammenlebte, augenblicklich nicht auf einer Geschftsreise war, und sie
verbrchten die Abende immer zusammen in ihrer Stube, und wenn es ihm recht sei,
so wrden sie beide sich sehr freuen, wenn er sie da besuche; sobald ihr Bruder
aber reise, was in etwa zwei Wochen geschehe, weil da die Saison fr den Einkauf
der Schweineborsten anfange, so drfe er nicht mehr kommen, weil sie alsdann
allein bleibe, und die Leute wrden ihr bles nachreden, wenn sie ohne
Beschtzer seinen Besuch empfinge, obwohl er ja ein gebildeter Mann sei. Zwar
schien diese Rede Heller nicht ganz das zu sein, was er gemeint hatte, trotzdem
aber war er voller Freude und Hoffnung, verabschiedete sich von ihr mit Liebe
und erwartete mit Zuversicht den Abend. Unterdessen besuchte Hans den Bruder
Helenens, der Kurt hie, und tat das nicht aus einer besonderen Zuneigung,
sondern aus Bescheidenheit, weil er gern die andern nher kennen wollte und doch
nicht wagte, an sie heranzutreten, mit Kurt aber hatte er an dem Abend manches
besprochen. Er traf ihn im Geschft in einem kleinen Stbchen, wo er einem
Arbeitsgenossen gegenber an einem Schreibpult stand und an Geschftsbriefen
schrieb. Im Zimmer war nur noch der Telephonkasten und ein groer Geldschrank,
in dessen offener Tr steckte der Schlssel, und an dem Bund hingen noch andre
Schlssel. Es war die Zeit der Mittagspause, und wie Kurt Hansen begrte,
richtete sich auch der andre Herr von seiner Arbeit auf, schlo den Geldschrank
ab und steckte die Schlssel in die Tasche und bereitete sich zum Essen. Kurt
sagte ihm, er werde noch einmal ein Unglck erleben, wenn er die smtlichen
Geschftsschlssel, von der Haustr angefangen bis zum Geldschrank, so
leichtsinnig behandle. Inzwischen machte auch er sich straenfertig und wanderte
mit Hans zu der Wirtschaft, wo die beiden zusammen Mittag essen wollten. Wiewohl
Hans zu Kurt keinerlei geistige Verwandtschaft sprte, wurde er in der Folge
doch weiter mit ihm bekannt, und weil seine Wohnung nicht weitab vom Geschft
des andern lag, so machte es sich wie von selbst, da er ihn fters zum
Mittagessen abholte, bei dem sie dann ber allerhand gleichgltige Dinge mit
einer gewissen Behaglichkeit redeten. Auch den Besitzer des Geschftes lernte
Hans kennen, der ein recht wunderlicher und altvterischer Mann jdischer
Abkunft war, welcher zu Hause unterdrckt wurde durch seine Frau; die hatte
allerhand Bildungsinteressen und lie ein verstiegenes Wesen schauen. Diese traf
Hansen einmal im Geschft, redete ihn an, und nachdem sie schnell allerhand aus
ihm herausgefragt, lud sie ihn zu sich ein, weil er ihren Kindern Freude machen
werde. Sie hatte eine hohe Haarfrisur und rauschte stattlich mit einem
schwarzseidenen Kleide in dem engen Raume. Unterdessen nahm Hellers Liebschaft
ihren weiteren Verlauf. Er war mit Zolas Buch ber den Experimentalroman
angekommen und hatte den Geschwistern vorgelesen und erklrt, was fr Kurt zwar
recht langweilig war, aber Helene fate eine strkere Zuneigung zu ihm, wiewohl
auch sie nur wenig von dem begriff, was er vortrug; und da einem Verliebten
solche Zuneigung nicht verborgen bleiben kann, so kamen die beiden bald zu einer
Aussprache, wobei Helene jedoch immer noch in ihrem Irrtum verharrte, da es
sich bei Heller um regelmige und brgerliche Absichten handle. Unter solchen
Umstnden, und da ihr schien, als wolle Heller aus Zartgefhl nicht mit ihren
Eltern reden wegen der Handlungsweise ihres Vaters, ging sie zu ihrer Mutter, um
der ihr Herz auszuschtten und ihren Rat einzuholen, und die, welche niemand aus
dem ganzen Kreise kannte und sich keine rechte Vorstellung von allem machen
konnte, teilte alles dem Vater mit. Dieser war zwar im Grunde einverstanden mit
Helenens Wahl, weil er dachte, da ein Studierter, wenn er erst angestellt sei,
ein angesehenes Amt und sicheres Einkommen habe; aber weil er ber Hellers
Studien und Aussichten nichts wute, so beschlo er, seine Zustimmung erst noch
zurckzuhalten und vorerst den Bewerber um alles zu fragen, was ihm ntig
erschien.
    Er kam deshalb am Sonntagvormittag im Besuchsanzug und mit dem Zylinder, der
von sehr alter Form war, in Hellers Wohnung und begann in freundlicher Weise mit
dem zu reden, indem er Helene lobte und erzhlte, da er selbst immer sehr viel
Sinn fr Bildung gehabt habe und auch das Konservationslexikon in Lieferungen
beziehe, und fr eine Ehe sei natrlich das Wesentliche gegenseitige Liebe und
Hochachtung, er aber als Vater habe doch die Verpflichtung, auerdem noch einen
Punkt zu bedenken; und bei diesen Worten machte er die Gebrde des Geldzhlens
und sah Heller erwartungsvoll an. Der war recht verlegen ber das Miverstndnis
und schwieg, denn es fiel ihm nichts ein, was er htte sagen knnen. Der Alte
schob sein Schweigen auf die natrliche Schchternheit eines jungen Mannes, der
vor dem Vater seiner Braut steht, wollte ihn zutraulich machen und sprach
deshalb weiter, indem er die Macht der Bildung rhmte und die Neuzeit lobte,
welche die Bildung auch dem Volke zugnglich mache, wodurch Aberglaube und
schlechte Sitten ausgerottet wrden. Wie er sich bei dieser Gelegenheit
erkundigte, welchem Studium sich Heller im besonderen zugewendet habe, fand der
eine Mglichkeit, aus seinem peinlichen Schweigen herauszukommen, indem er
ausfhrlich erklrte, da er ursprnglich Theologe gewesen sei, aber nachdem er
sich aus seinen ersten Ansichten heraus entwickelt habe, so verzichte er jetzt
auf das theologische Studium und wolle zunchst seine Persnlichkeit bilden
dadurch, da er die verschiedensten Dinge auf sich wirken lasse. Hierber wiegte
der Alte den Kopf und hielt ihm entgegen, da doch die theologische Laufbahn
sehr viele Vorteile biete, besonders indem ein junger Mann in ihr rasch zu Brot
komme, was eine sehr wichtige Sache sei, zumal wenn einer daran denke, einen
Hausstand zu grnden. Hierauf sprach Heller wieder von seinen berzeugungen, und
der Vater im schwarzen Rock wurde hingegen noch dringender mit den Anspielungen
auf die knftigen Erwerbsverhltnisse; da erschien es Heller pltzlich als eine
Rettung, wenn er diese als recht schlecht hinstellte, und so erzhlte er, da er
nicht gesonnen sei, einen bestimmten Beruf zu ergreifen, sondern er gedenke
vornehmlich fr seine Ansichten zu wirken.
    Nachdem der Streich mit der bergabe der verbotenen Schriften so bel
abgelaufen war, hatte der Alte seine Sicherheit verloren, und deshalb, wiewohl
er aus allem versprte, da Hellers Absichten und Verhltnisse ganz anderer Art
waren, wie er gedacht, wurde er doch nicht rgerlich, wie ihm wohl sonst
geschehen wre, sondern er machte ein bekmmertes Gesicht, seufzte und gab
Heller die Hand zum Abschied, indem er sagte, die Welt sei heute anders wie
frher, und ein Vater mit erwachsenen Kindern habe viele Sorgen; er vertraue
aber Heller, da er nicht schlecht an seiner Tochter handeln werde; darauf ging
das alte Mnnchen unter vielem Dienern aus der Tr.
    Nach diesem Besuch dachte Heller in einer neuen Gesinnung ber seine Liebe
nach und kam zu dem Schlu, da bei dem Verhltnis doch auf beiden Seiten ein
Irrtum gewaltet habe, indem Helene eigentlich noch gnzlich in den brgerlichen
Anschauungen befangen war und sich nicht, wie er vorher gemeint, zu den modernen
Ideen durchgerungen hatte und ihn auch nicht richtig verstanden hatte, und auch
sie hatte sich etwas andres von ihm gedacht. Dazu kamen psychologische
Erwgungen, denn es war ihm nicht entgangen, da sie in ihrem Anzuge sehr
ordentlich, aber recht einfach war und keinerlei Reiz entfaltete, wo doch
offenbar ein Mdchen, wenn es liebt, den Wunsch hat, dem Mann auf jede mgliche
Weise, namentlich aber durch den Anzug, zu gefallen; deshalb, wenn sie in
Wahrheit eine Neigung fr ihn htte, so mte sich ihr Gefhl irgendwie in
kleinen Koketterien der Haartracht, oder eines einfachen Schmuckes, oder einer
geflligen Bluse, oder sonstwie uern, aber weil nichts dergleichen geschehen,
so mute er zu dem Schlu kommen, da ihre Zuneigung zu ihm nur auf einem Irrtum
beruhte, der ja erklrlich war, da sie unter ihren eigentmlichen Umstnden
sich das einreden konnte, sie liebe ihn, whrend sie vielleicht nur Achtung
empfand.
    Wie Heller sich das klar gemacht, beschlo er ohne Zgern so zu handeln, wie
es die Umstnde forderten, denn fr sie beide schien es ihm das beste, wenn sie
nunmehr, nachdem sie diese Einsicht gewonnen, in den gewhnlichen Zustand
zurckkehrten, in dem sie sonst gelebt htten; deshalb schrieb er gleich in
diesem Sinne an Helene einen Brief. Diese aber war sehr traurig, als sie Hellers
Meinung erfuhr, und weinte heftig, denn sie dachte, da sie durch irgend etwas
seine Zuneigung verscherzt habe, prfte alle ihre Handlungen und fand endlich
als einzigen Grund, der mglich war, da sie die Angelegenheit ihrer Mutter
erzhlt, und da vielleicht von ihrem Vater Schritte geschehen seien, die ihn
verletzt hatten. So ging sie zu ihren Eltern, um sich zu erkundigen, und wie sie
alles gehrt, machte sie unter vielen Trnen ihrem Vater heftige Vorwrfe und
sagte, er habe gegen sie ebenso gehandelt wie gegen ihren Bruder, und der alte
Mann geriet in groe Not und versuchte sie mit allerhand Versprechungen und
Liebkosungen zu beruhigen, aber sie sagte immer, ihr Leben sei zerstrt, und
keinerlei Trost wollte helfen. Es mute aber in solchen Fllen auf einen immer
alle Schuld geworfen werden, und so vereinigte sich bald die Mutter mit der
Tochter gegen den Vater, und am Ende kam Helene derart zu einer gewissen
Beruhigung, weil sie beides, Vorwrfe machen und Klagen auslassen konnte. Wie
Heller den blen Erfolg seines Planes vernommen hatte, geriet er in groe
Verlegenheit und beschlo, da er Helene weiterhin besuchen und scheinbar ganz
in der frheren Weise mit ihr verkehren wollte, dabei aber sollte sein Zweck
sein, sie sowohl durch Grnde wie durch Erregung von Stimmungen zu andern
Gefhlen zu bringen, so da sie ihre gefate Liebe verge. Indem er nach diesem
neuen Plan handelte, geschah es indessen, da die beiden als zwei junge und
harmlose Leute sich immer weiter in dem Netz der Liebe verstrickten; und wie es
fter geschieht, so kam es auch hier dazu, da der weibliche Teil schnell ein
bergewicht erhielt, nachdem erst einmal eine gewisse Klarheit in den
Beziehungen eingetreten war, und da Helene als ein braves und ordentliches Wesen
keine Neigungen fr Hellers neue Theorien aufwies, so endeten die beiden zuletzt
mit einer gewhnlichen und brgerlichen Verlobung. Und dieses Ende machte zwar
Heller manche Unruhe, denn er vermochte nur schwer seine Gedanken auf solche
unerwartete Handlungsweise einzurichten, im Grunde aber hatte er doch ein groes
Glck durch diesen Ausgang, denn nun wurde seinem Bedenken und Reden ein Schlu
gemacht, und er mute sich auf einen Broterwerb einrichten, was fr einen
solchen Mann doch ntig ist, sonst wird er mit den Jahren anstatt klger, immer
lppischer, und zuletzt gelangt er vielleicht sogar zu Bsartigkeit.

    Diese geschilderte Entwicklung von Hellers Liebe ging naturgem in einem
lngeren Zeitraum vor sich, whrenddessen unser Held Hans verschiedenes kennen
lernte, von dem er vieles noch nicht gewut. Die Berichte Hellers vom Fortgang
seiner Geschichte hrte er zuletzt mit Kopfschtteln an, denn wiewohl der andre
lter war wie er, kamen ihm doch jetzt Bedenken ber ihn, und er schtzte ihn
nicht mehr so sehr hoch wie anfangs. Da sich eine solche Wandlung aus der
grten Hochachtung nicht verbergen lt, so versprte sie Heller wohl, und
indem er durch sie an einer Stelle getroffen wurde, wo er am leichtesten
verwundbar war, nmlich in der besonderen Achtung, die er vor sich selbst hatte,
so wurde er merklich khler. Hans aber wurde inzwischen durch die Zuflle
solcher unbestimmten Situationen des Lebens, wie er sich jetzt befand, zu einem
weiteren Verkehr mit Krechting getrieben und zu einer Bekanntschaft in der
Familie von Kurts Herrn.

ber diesen Geschftsmann und seine Frau ist nichts Wichtiges zu sagen, denn sie
sind ganz gleichgltige brgerliche Personen gewesen. Der Mann hatte sich von
unten in die Hhe gearbeitet, und weil er nicht Zeit gehabt, bei steigendem
Wohlstand sich geistig weiterzuentwickeln, so hatte er nun immer ein Gefhl der
Scheu und Befangenheit in seinem neuen gesellschaftlichen Leben; dazu hatte er
seine alten Gewohnheiten zum Teil beibehalten, die er als ganz armer Mensch
gehabt, und hielt viel von dem alten Aberglauben fest, der sich bei den Juden
aus dem Osten untrennbar mit ihrer Religion gemischt hat. Dergestalt trat er in
seinem Hause nicht hervor, denn die Frau, die er geheiratet, als er schon
wohlhabend war, mochte im Grunde wohl auch nicht mehr Bildung besitzen wie er,
hatte sich aber die ueren Formen angeeignet und zeigte eine verwirrte
Freundschaft zu vielen unzusammenhngenden Dingen, mit denen man sich in der
gebildeten Gesellschaft beschftigt, und leitete nach diesen Wnschen das Haus.
    Unter solchen Verhltnissen waren zwei gute und brave Kinder aufgewachsen,
ein Sohn und eine Tochter, und hatte der Sohn, der jetzt ein junger Student war
wie Hans, schon von Kindheit an eine sonderbare Neigung fr ganz entlegene
Gelehrsamkeit gehabt und vermochte es durchzusetzen bei dem bekmmerten Vater,
der in seines Herzens Grunde alle Leute, die nicht viel Geld verdienen, trotz
vieler Mhe zum Gegenteil fr dumm halten mute, da er Vorlesungen ber
orientalische Sprachen hren durfte; die Tochter aber, die vor Fremden Luise
genannt wurde, war ein fnfzehnjhriges Mdchen von frher Entwicklung, die eine
groe Liebe fr die Dichtung aufwies. Bei diesen Leuten war Krechting sehr
bekannt, und als Hans hier das erstemal einen Besuch machte, mit groer
Schchternheit, und empfangen von einem erstickten Lachen der lustigen Luise, da
traf er den dort an.
    Krechting war gleichfalls jdischer Abkunft und mochte damals achtundzwanzig
Jahre zhlen. Vor etwa zehn Jahren war er als Student nach Berlin gekommen und
hatte sich einer Gesellschaft gleichalteriger Schriftsteller angeschlossen, in
der er nach kurzem berhmt geworden als Dichter von ganz besonderer Begabung,
indem er auf eine neue und unerhrte Art sah und darstellte. Dann hatte er ein
Bchlein drucken lassen, und weil dieses gerade in die Zeit kam, wo immer Neues
sich ablste, und die Kunstrichter, einmal aus ihrer alten Ruhe geschreckt,
gegen sich mitrauisch geworden waren und begannen, alles Neue und Unerhrte
ebenso hoch zu preisen, wie sie es bis vor kurzem verhhnt hatten, so fehlte es
ihm nicht, und der verwachsene junge Mann wurde als der Begrnder einer
besonderen Richtung gepriesen und als ein solcher sogleich den brigen jungen
Gren der Dichtkunst beigezhlt. Seit dieser Zeit aber hatte er kein weiteres
Buch geschrieben; und zwar folgten ihm nun andere Neutner und wurden neben ihn
gestellt, aber sein Name war befestigt und blieb, gerade durch sein Schweigen,
indem die Leute zwar mehr und mehr vergaen, was er eigentlich damals gesagt
hatte. Dann sammelte von den jngeren Kunstrichtern, die zu jener Zeit den Ton
angegeben, allmhlich einer nach dem andern seine Aufstze, und in jeder solcher
Sammlung war auch ein Aufsatz ber ihn, darauf erschienen zusammenhngende
Bcher ber die geistige Bewegung jener Zeit, und in jedem hatte er eine
besondere Stelle; und so bekam sein Ruhm bereits eine gewisse geschichtliche
Art, und war anzunehmen, da man auch weiterhin ber ihn schreiben werde wie bis
jetzt, und nach langer Zeit, etwa einige fnfzig Jahre spter, wrde dann ein
jngerer Gelehrter Quellenstudien ber sein Leben machen, seine Briefe
herausgeben und auch sein alsdann sehr selten gewordenes Buch (denn nur wenige
Abzge waren verkauft) neu drucken lassen.
    Seine Eltern hatten ihn nach Berlin geschickt, damit er Rechtswissenschaft
studiere und dann Anwalt werde und als solcher einen groen Namen bekomme und
viel Geld verdiene, er aber hatte das Berufsstudium bald aufgegeben und allerlei
anderes getrieben, um seine Persnlichkeit auszubilden. Da er von rmlichem
Herkommen war, so blieben endlich die Zuschsse von zu Hause aus, und indem er
trotz seiner Berhmtheit und seiner vielen und verschiedenen Kenntnisse und
Fhigkeiten doch nicht viel verdienen konnte, auer etwas Geringes durch
Musikstunden, so gelangte er zu der Meinung ber sein Schicksal, die er mit der
Redewendung ausdrckte, er sei unter den Frachtwagen gekommen. Den meisten
Menschen war es wunderbar, wie er sich zu ernhren vermochte, indessen hatte er
sich doch immer durchgeschlagen bis jetzt, vornehmlich durch Bekanntschaft in
wohlhabenden Kaufmannsfamilien, dann durch Untersttzungen, die er sich so
geschickt zu verschaffen wute, da sie nicht kleinlicher Art waren und von
vielen kamen, denn geringe Summen, die er geliehen, zahlte er pnktlich zurck.
    Unter solchen Umstnden hatte er jene zehn Jahre verbracht, die in eine
wichtige Lebenszeit fielen, wo sich Wesentliches im Menschen bildet. Als er noch
Kind war, machte einmal auf ihn eine Stelle aus dem Talmud einen besonderen
Eindruck, wo geschrieben stand: Wer eine gerechte Handlung tut, ist ein Geselle
Gottes in der Weltschpfung. Solange er an Gott glaubte, hatte er diesen
Gedanken als seinen Mittelpunkt, und seinetwegen glaubte er spter nicht mehr an
Gott, denn solches Wort ist ja nur ein mythischer Ausdruck der Gottlosigkeit,
die aus dem Hochmut kommt. Deshalb hatte er nachher berhaupt keinen Mittelpunkt
mehr fr sein Selbst, und das einzige Feste in ihm war der Hochmut. Seiner
Eltern schmte er sich bald, die ordentliche Leute waren nach ihres Volkes Art,
denn er schmte sich auch seines Volkes, ja er legte den Namen seiner Eltern ab
und nahm einen fremden an. Dabei fhlte er aber wohl, da er immer mit sich
tragen mute, was er hierdurch fliehen wollte, nmlich das Erbteil der
Schlechtesten unter ihm, den Sinn eines frechen Knechtes. Dem hatte das
Schmarotzerleben seine besondere Farbe gegeben, indem es seine innere
Verlogenheit so vergrerte, da er endlich selbst bei ganz unmittelbaren
uerungen seines Gefhls nicht mehr wute, ob es wahr sei. So kam es, da er
scheinbar unvereinbare Eigenschaften vereinigt, nmlich Bosheit und
Empfindsamkeit. Etwa, als er einmal nach seiner Weise ber sich selbst, seine
Figur und seine Art bei diesen brgerlichen Leuten Spe gemacht hatte und sich
umblickte mit unruhigen Augen, um ganz die Wollust seiner Hanswurstdemtigung zu
genieen, sah er die kleine Luise mit unmutigen Trnen kmpfen zwischen den
lachenden und sich schttelnden Menschen, denn einem edlen Herzen mag solche
Niedertracht als eine bittere Krnkung seiner selbst erscheinen; da trieb ihn
die Bosheit, sich immer mehr preiszugeben, und weil er zufllig Schillers
Schrift ber die Schaubhne als sittliche Erziehungsanstalt bei ihr gesehen, so
zog er auch Gedanken aus dieser Schrift mit in seine Gemeinheit; hier ging das
Mdchen aus dem Zimmer, mit krummem Rucken, und als er diese Bewegung eines
unschuldigen und hochgesinnten Kindes sah, hrte pltzlich die Bosheit auf zu
wirken, und ber ein jammervolles Bedauern mit sich selbst hinweg gelangte er in
eine empfindsame Stimmung, schlich dem weinenden Kinde nach, legte seinen Arm um
sie, die sich zornig strubte, und weinte mit ihr.
    Auer jenen Leuten, wo er Parasit war, hatte er zwei Arten von Freunden und
Bekannten. Die erste Klasse waren seine Altersgenossen, gleich ihm Zerstrte
oder Gescheiterte, Menschen mit Instinkten, die gegen sie selbst gerichtet
waren, die groe Worte machten und an ihnen zweifelten, ja sie selbst
verlachten, wenn man sie nur fest ansah, Menschen mit unruhigen Augen und
Vogelprofilen, ungleichem Gang und verwirrtem Sprechen, liederlich und schmutzig
angezogen; und die meinten, sie seien die Herren des geistigen Lebens, und ber
alle war in jenen Aufsatzsammlungen und Geschichtswerken geschrieben, und
untereinander verachteten, haten und verleumdeten sie sich. Die zweite Klasse
bestand aus ganz jungen Leuten, nmlich treuherzigen Studenten, reichen
Jnglingen und unruhigen Menschen von allerlei Begabung, die hochkommen wollten,
das heit zu einer Stellung, wie die erste Klasse sie hatte. Und diesen Mnnern
entsprachen die Mdchen und Frauen des Kreises. Mit unordentlichem Haar und
schlecht sitzenden Blusen waren sie zwischen den Mnnern und redeten mit denen
ohne Scheu. Alle diese Menschen whnten frei zu sein, aber sie waren nur
losgekettet von den Banden, in denen die Gesellschaft die Schwachen hlt, und
hatten sich schnell hrtere Fesseln selbst geschaffen durch ihre leichtfertige
und unbehtete erste Jugend. Nach jenem Vorfall mit Luise geschah es, wie
Krechting das nchste Mal zu ihren Eltern kam, da sie verwirrt war und gab ihm
die Hand nicht zur Begrung. Er rief: Und Sie geben mir die Hand nicht? Sie
sah ihn unwillig an und legte flchtig ihre Hand in seine, die war ganz kalt vor
Aufregung. Da wurde er verlegen und begann sehr schnell zu reden, vom Wetter und
den vielen Leuten auf der Strae, und sie lachte und lief aus der Tr, da die
Mutter tadelnd hinter ihr her rief und sie entschuldigte. Als er allein mit ihr
war, sprach er ganz anders, wie er sich vorgenommen. Er wute, da sie eine
schwrmerische Vorstellung von ihm hatte als von einem reinen und edlen Dichter
und da er fr sie ein Ideal war, wie sich junge Mdchen oft aus der Unschuld
und Gre ihres Herzens ein Bild schaffen, das sie einem beliebigen Mann
vorhngen, ihrem Lehrer oder einem jungen Offizier, einem Schauspieler oder
hnlichen. Mit spttischem Hohn hatte er bei sich hierauf ein Gesprch
aufgebaut; aber wie sie nun jetzt schchtern und demtig vor ihm sa, fhlte er
unerwartet Mitleiden mit sich selbst, und um das zu unterdrcken, fing er gleich
mit Reden an, die noch mehr gelogen waren wie seine beabsichtigten Lgen und
zugleich so ungeschickt in Beziehung auf das Kindchen, da dieses gar nichts zu
antworten wute und immer nur dasa mit gesenktem Kpfchen, und er fhlte dann
einen Zwang, immer weiterzureden, da er immer lppischer wurde. Er sprach: Sie
mssen mich sehr verachten, da ich so ber mich selbst spotte und auch ber
Schiller, aber diese beiden Dichter verehre ich am hchsten, nmlich mich und
Schiller, und welchen Sinn htten Gtterbilder, wenn man sie nicht von ihren
Sockeln strzte? Und haben Sie nicht schon bemerkt, da man ein eigenes
Machtgefhl bekommt, wenn man sich selbst der Verachtung preisgegeben hat und
sieht die Gesichter der Hflichen ringsum, die ihren Ausdruck zu
Liebenswrdigkeit zwingen? Da das Gefhl mehr wert ist wie sein Gegenstand,
wissen Sie am besten - hier sprte er herzklopfend seine Schamlosigkeit wie die
eines dritten - nmlich aus der Liebe. Und ich will nicht Macht, ich will nicht
Liebe, ich will nur den flchtigen Rausch einer Sekunde genieen, denn dieser
enthlt alles Wertvolle aus ihnen; jeder Besitz ist Enttuschung, deshalb lebe
ich als Chambregarnist nicht nur mit meinem physischen Menschen ...
    Luise war aufgestanden, schwer wurde ihr das Sprechen. Sie sind so
unglcklich, sagte sie schamhaft; er sprte pltzlich ihre Lippen auf seiner
Stirn wie einen khlen Hauch; dann war sie unversehens aus dem Zimmer. Da kam
Scham ber ihn, und er wute nicht, da er sich nach ihr sehnte; so zerstrt war
er, da er das nicht wute. Hans wurde um eben jene Zeit mit der Familie
befreundet, als sich diese Dinge abspielten. So erlebte er auch den weiteren
Verlauf.
    Zu Krechtings grerem Kreise gehrte ein junger Dichter, den wir hier Peter
nennen wollen; den hatte er schon vor langem mit der Familie bekannt gemacht,
und war der merkwrdigerweise der einzige von den jungen Genies der Frau, zu
welchem der Mann in eine Art von Beziehung geriet, indem er nmlich gelegentlich
kleine Scherze ber ihn machte, die der harmlos erwiderte, denn in so
verschiedenen Welten lebten die beiden, da sie sich gar nicht krnken konnten.
    Peter war gleichfalls vor etwa zehn Jahren nach Berlin gekommen, in einer
freilich unbekannten Absicht, und hatte eine Anzahl seltsam ungeschickter und
kindischer Gedichte mitgebracht, die recht tricht schienen, wenn man sie fr
sich las, obschon zwar aus dem wirren und gleichgltigen Zeug zuweilen einmal
ein Wort, besonders ein Beiwort oder ein Satz auffiel, der dem Leser ans Herz
rhren mochte. Las er aber selbst vor, so bekamen diese schlerhaften Reime ein
ganz neues Leben, denn seine guten und sanften Augen leuchteten, und sein
Gesicht hatte einen Schein von innen heraus, und die abgenutzten Worte und
Wendungen erhielten ein frhlingsmiges und feines Gefhl. Dann sagte jeder
lchelnd: Er ist ein groes Kind, aber alle wurden sonderbar froh, glcklich
und gut, als wenn seine bescheidene Seele mchtig geworden wre ber sie, und
lchelten auch ber ihn und dachten: Er ist doch ein Dichter; und das war mit
einer Freude empfunden, wie gegenber einem kleinen Kinde geschieht.
    Auch dieser Jngling hatte in jenen frheren Zeiten sein Bndchen
herausgegeben; nur kein Kritiker beachtete es, weder in feindlicher noch in
freundlicher Gesinnung, und so schrieb niemand etwas ber seine Gedichte; aber
alle jene scharfsinnigen und klugen Schriftsteller liebten ihn und sagten: Er
ist doch ein Dichter, oder sie sagten: Er ist ein groes Kind. Und so lebte
auch er zehn Jahre lang in einer Weise, die sich keiner erklren konnte, denn
niemand nahm und druckte seine Arbeiten, und er borgte von niemand, auer etwa
einmal eine rhrende Kleinigkeit, zehn oder zwanzig Pfennige. Es fand sich aber,
da er Unterkunft hatte bei ganz armen Leuten, bei denen er als Student gewohnt;
die gnnten ihm ein Pltzchen umsonst, am Tage auf einem Stuhl in der Werkstatt,
denn der Mann war Schuhmacher, und des Nachts in der Kche in einer alten
eisernen Bettstatt, die am Tage zusamengeklappt wurde; sein weniges Essen aber
fand er bei Freunden, wenn er die zur Abendbrotzeit besuchte, oder die
Schuhmachersleute gaben ihm auch wohl von ihrer Suppe ab. Weil der nun in seiner
Armut untersttzt werden sollte und ihm doch niemand ein Almosen bieten mochte,
so war er von der Frau angenommen, der Tochter und einigen ihrer Freundinnen
Unterricht in der Literatur zu erteilen, wodurch er dreiig Mark im Monat
verdiente; und weil er seit langen Jahren nicht so viel Geld gehabt hatte, so
schpfte er jetzt neue Zuversicht und hatte neue Kraft zu schaffen, sagte auch,
wie wohl es einem Dichter tue, wenn er eine feste Einnahme habe, die ihn vor der
Not schtze und ihm auch erlaube, sich zuweilen ein gutes Buch zu kaufen. Bei
seinen Schlerinnen htte er wohl einen recht schweren Stand gehabt, denn die
hatten bald gemerkt, da er vieles Sonderbare glaubte, was man ihm aufbinden
mochte, und da sein Urteil und Wissen in der Literaturgeschichte recht
wunderlich schien; aber er merkte es gar nicht, wenn sie ber ihn lachten,
sondern lachte frhlich mit, sagte auch wohl, wie gut es tue, so zwischen Jugend
zu leben und ihre glckselige Heiterkeit in sein Herz aufzunehmen. Und bald
entwickelte sich etwas Merkwrdiges, da seine Schlerinnen ganz mtterliche
Gefhle fr ihn zu bekommen schienen, und er folgte ihnen treulich, wenn sie ihm
dieses oder jenes richteten oder anbefahlen fr seine Kleidung oder seine
Lebensweise, und wurden die Mdchen dabei dann ganz ernsthaft und umsichtig, und
zuletzt kamen sie auf den Gedanken, weil er doch ein so guter Mensch sei, wenn
auch nicht ganz klug, so msse er heiraten, weil ein solcher wie er bei den
gegenwrtigen Zeiten, wo die Mnner meistens selbstschtig und ungebildet seien,
eine Frau sehr glcklich machen werde durch die Bildung seines Herzens, und er
selbst msse auch jemand haben, der fr ihn sorge, aber sehr reich msse die
Frau sein, da er ja niemals viel verdienen werde. Dabei stellte sich denn
heraus, da ihn alle diese zwitschernden und lachenden Mdchen so herzlich lieb
hatten, da ihn jede genommen htte, wenn nur die Eltern einverstanden gewesen
wren: denn um seine eigene Einwilligung machten sie sich keine Sorgen.
    Am nachdenksamsten aber wurde durch ihn Luise und fate eine besondere
Neigung zu ihm, und geschah das so, da Peter einmal mit ihr allein war, und da
sie zu ihm Vertrauen hatte, so erzhlte sie ihm, da in ihrer Familie etwas
vorgefallen sei, wie ja fter geschah durch den Gegensatz der beiden Eltern, und
da man ihr nichts davon mitteilte. Auf diese Klage antwortete er, da den
Eltern doch viel Trost im Leben fehle, wenn sie die Kinder an ihrem Kummer nicht
teilnehmen lassen, und den guten Kindern machen sie auch das Herz schwer, denn
sie spren doch von dem Unheil, aber mssen dann ihre Lust am Helfen und Trsten
in ihrer Brust verschlieen; das nahm sie ihm nun zwar bel, da er sie fr ein
Kind hielt; aber wie er dann fortfuhr, da den Erwachsenen die Kinder gegeben
seien, damit sie besser und heiterer wrden, und wie sie ihn fragte, ob er
selbst durch sie besser geworden sei, lachte er freundlich und sprach: Ja, ich
habe Sie doch lieb; da fiel sie ihm um den Hals und kte ihn, und dann lief
sie schnell weg. Nach Wochen aber sagte sie ihm, da sie ihn gekt habe, sei
geschehen, weil er doch ein erwachsener Mann sei und sie noch ganz jung, und er
sei doch ihr Lehrer.
    Peter teilte ihr auch mancherlei Plne und Wnsche mit, so vor allem seinen
Gedanken, eine Zeitschrift zu begrnden, die nur der reinen Kunst und dem
Schnen dienen solle und nicht abhngig sei von Rcksichten auf Gewinn und
Verdienst, und meinte, da er selbst jetzt doch fr sich eine passende Einnahme
habe, die fr seine Bedrfnisse genge, so knne er die Leitung dieser
Zeitschrift ohne Belohnung bernehmen, und solche Dichter, die wohlhabend seien,
wrden ihre Werke umsonst zum Abdruck geben, und die rmeren Dichter mten sehr
viel bezahlt bekommen. Dann mte sich ein Reicher finden (oder es gebe
vielleicht auch mehrere reiche Leute, die der Kunst helfen wollten, man kenne
sie nur nicht, und sie wten nicht wie, weil sie vielleicht in entlegenen
Schlssern wohnten, und es sei auch noch nicht eine solche Zeitschrift da), der
sehr viel Geld schenke; das msse man dann natrlich recht sorgsam verwalten,
damit auch das gewollte Ziel erreicht werde und es nicht Unwrdigen zugute
komme. Wenn dann die Zeitschrift recht viele Leser habe, dann knne man das Volk
zur wahren Kunst erziehen, da es sich nicht mit den schlechten und dummen
Bchern abspeisen lasse, die ihm heute gegeben wrden, sondern gute Kost wolle,
und dadurch wrden auch wieder in Rckbeziehung die Dichter gehoben, denn die
wrden mehr Freude an ihrem Schaffen haben, und manche gebe es, von denen er fr
seinen Teil glaube, wennschon er keinen Namen nennen wolle, die gewi Schneres
und Edleres schaffen wrden, wie sie jetzt tten, wenn sie shen, da es seine
Leser fnde.
    Durch solche gegenseitige Vertraulichkeit kamen sich die beiden immer nher,
und wie nun in den Kindern der Plan entstanden war, da sie Peter verheiraten
wollten, so kam sie zu dem Entschlu, sie selbst wolle ihn zum Manne nehmen,
wenn sie zu ihrem Alter gekommen wre, welche Gedanken sie aber noch verschwieg
aus Scham und Bedenken.
    Es hatten aber die Eltern der jungen Mdchen am Ende gesprt, da in den
Literaturstunden mancher Unfug getrieben wurde, und da die Kinder seltsame
Ansichten und schlechte Kenntnisse erwarben. Hierdurch kam zuletzt Zwistigkeit
und rger mit dem Lehrer, und so wurden am Ende die Stunden aufgekndigt, und
Luise erhielt von ihrer Mutter noch auerdem viele Vorwrfe ber ihre besondere
Vertraulichkeit mit dem Dichter, und wurde hlich ber ihn gesprochen. Gegen
solche Reden wehrte sie sich zuerst und verteidigte ihn, aber endlich, wie sie
sprte, da sie durch ihre Widerworte das bel nur rger machte, schwieg sie und
ersann einen Plan. So erwartete sie ihn auf der Strae, sprach ihn an und sagte
ihm, da er wohl gemerkt haben werde, welche Wnsche sie habe, nmlich spter
einmal seine Frau zu werden; aber jetzt sei ihr das Leben bei den Ihren so
unertrglich geworden, da sie nicht mehr so lange zu Hause bleiben wolle, bis
sie sich ihnen, weil sie dann ganz erwachsen sei, offenbaren knne, sondern sie
wolle mit ihm von Hause fliehen. Sie wrden aber sicher schon einen Ort finden,
wo gute Menschen sie aufnhmen, und sie seien doch beide auch nicht hochmtig,
sondern wrden gern jede Arbeit bernehmen, um sich ihr Brot zu verdienen. Peter
erwiderte ihr, da das zwar sehr schwer sei, was sie vorhabe, aber wenn sie
nicht mehr bei ihren Eltern bleiben knne, welches er glaube, wenn er ihrer
beider Art betrachte, so wolle er ihr helfen und mit ihr entweichen, und denke
er aber, sie zu seiner alten Mutter zu bringen, die weit weg in Westfalen lebe
in einer kleinen Stadt und zwar recht arm sei, aber sie habe ihn sehr lieb und
mache ihm nie Vorwrfe, da er in den Augen der Welt kein groes Wesen geworden
sei, wenn er ihr freilich auch immer erzhlt habe, da er viel Geld verdiene,
welches man als Schriftsteller ja knne, indem mancher fr einen kurzen Artikel,
den er in einer Stunde schreibe, hundert Mark oder noch mehr bekomme. Dieser
Mutter solle sie dann behilflich sein, weil sie nmlich auerdem, da sie fr
Leute wasche, einen kleinen Laden halte mit Schreibwaren fr die Schulkinder,
und so knne sie ohne Sorge und in Liebe leben.
    Wie das Mdchen einverstanden war, machten sie sich gleich auf den Weg nach
dem Bahnhof und kauften Fahrscheine, und da sie nicht genug Geld hatten, konnten
sie freilich nicht bis zum Ende fahren, aber Peter trstete sie und sprach, da
sie nur eine ganz kurze Strecke gehen mten, acht oder zehn Stunden, durch
einen schnen Wald. Und so fuhren sie nun, und am Ende stiegen sie aus, machten
sich auf die Fe und gingen; und wie sie zu dem Walde kamen und hochwipflige
Bume sie empfingen, da faten sie sich freundlich an die Hand und schritten
weiter frhlichen Mutes wie zwei Kinder. Laub raschelte unter ihren Fen, und
hoch ber ihren Kpfen bogen die Zweige sich wlbend zur Hhe, und durch grnes
Laub leuchtete Sonnenschein, und Tropfen des Lichtes fielen auf den Boden voll
goldbraunen Laubes. Und allerhand geheimnisvolle Mrchenlaute waren da hinter
den Bumen, ein Klopfen und Zirpen, und ein leises Huschen, und ein Knistern;
eine blitzende Fliege summte in einem schrgen Sonnenstrahl, und ein ganz groer
Kfer flog mit tiefem Gebrumm rund um einen Baumstamm. Der Dichter erzhlte von
den Waldvgelchen, von den kleinen Meisen, die so klug schauen, und von den
Finken, vom Zeisig und Hnfling und von den wunderlichen Spechten, und das
kleine Mdchen schmiegte sich an ihn, ngstlich und voll Liebe, und das Herz tat
sich ihr auf, denn sie hatte bis dahin den Wald noch nicht gekannt, weil ihre
Eltern immer mit der Eisenbahn an vornehme Orte gefahren waren, bei denen es
Bume auf Rasenpltzen gab und sorgfltig geharkte Wege.
    Viele Stunden gingen die beiden, und sie wurde recht mde, denn sie war
solcher Wege nicht gewohnt, er aber schritt immer freudig und zuversichtlich
weiter, und deshalb mochte sie ihm nichts klagen, denn von selbst merkte er
nicht ihre Ermdung; und so kamen sie am Ende vor das kleine Stdtchen, wo
Peters Heimat war, und gingen durch das alte Tor die groe Strae hinunter, wo
neugierige Gesichter hinter blitzenden Fensterscheiben ihnen nachsahen, und in
Nebengchen, und in einem ganz versteckten Winkel da stand ein uraltes
Huschen, ganz schmal und niedrig, unter einem blhenden Lindenbaum, und war die
obere Hlfte der Haustr geffnet, und man konnte durch den dmmerigen Hausflur
in ein Grtchen sehen, wo rote Rosen an hohen Stcken blhten. Da traten sie
ein, und da kam Peters alte Mutter aus ihrem Stbchen, und trug ihre alten
mageren Arme nackt, und legte die Hand ber die Augen, um die Fremden zu
betrachten, da umarmte sie schon ihr Sohn und kte sie, und in ihrem ehrlichen
Gesicht ging die Freude auf.
    Wie sie nun alle drei in dem heimlichen und sauberen Stbchen saen, auf dem
schwarzledernen Kanapee unter den bunten ldruckbildern, und Peter erzhlte
seine Geschichte und Vorhaben, da schlug die alte Frau wohl immer nur die Hnde
zusammen vor Verwunderung und wiegte den Kopf und sah liebevoll das zarte
Mdchen an; aber nicht einmal kam ihrem braven Herzen der Gedanke, da ihr
groer Junge doch noch ein rechtes Kind sei, denn sie hatte eine besondere
Hochachtung vor ihm. Deshalb war sie mit allem einverstanden, und jetzt lief sie
nun eilfertig hinaus in die Kche, einen krftigen Kaffee zu bereiten auf die
Anstrengungen der Reise. Aber als die beiden jungen Leute allein waren, begann
Luise pltzlich heftig zu weinen, und wie er sie trsten wollte und streichelte
ihr die schwarzen Haare, da machte sie eine unwillige Bewegung mit der Schulter,
da er ganz ratlos dastand. Bald blickte sie wieder auf und sah in sein Gesicht,
und da mute sie pltzlich hell auflachen, aber das Weinen war noch nicht ganz
vorber, und das Bckchen stie sie mitten im Lachen, und ihre Augen fllten
sich wieder mit Trnen. Indem kam die gute alte Mutter wieder in die Stube und
trug auf einem Prsentierbrett den Kaffee in einer sehr groen Kanne, und zwei
Tassen, denn sie selbst wollte nicht mittrinken, weil sie sich fr zu gering
hielt, und eine rotlackierte Zuckerdose aus Blech stand bei der Kanne; und wie
sie die Weinende erblickte, fing auch sie an zu trsten und empfahl den Kaffee,
indem sie eine lange Geschichte begann, wie er eine wunderbare Heilung einer
Lahmen bewirkt hatte; da lugten durch die Trspalte die beiden Mieterinnen, die
sie in ihrem Huschen hatte, das waren zwei uralte Weiberchen, sauber und
ordentlich und ber die Maen neugierig. Wie die Mutter die beiden bemerkte,
ntigte sie, da sie hereinkommen muten; die entschuldigten sich vielmals und
standen hintereinander, dann aber kamen sie in die Stube, indem sie sich die
blanken Hnde an den reinlichen blauen Schrzen abwischten und neugierig das
Prchen betrachteten. Aber bald wurden sie recht vertraut, prften mit den
Hnden den Stoff von Luisens Kleid und fragten nach dem Preis, tranken vergngt
von dem schwachen Kaffee aus der groen Kanne, nachdem sie zuerst vielmals
abgelehnt, erzhlten von ihren Krankheiten und fragten, ob Luise auch die
Kaiserin recht oft sehe. Peter war frhlich und unbefangen zwischen den drei
gutherzigen alten Frauen, lachte viel und erzhlte so, da die drei nicht aus
dem Verwundern kamen; Luise aber hatte inzwischen einen Entschlu gefat, zog
Peter auf die Seite und bat ihn, da er ein Telegramm an ihre Eltern schicke,
das denen ihren Ort anzeige, welches der sehr richtig fand, und tat sofort, was
sie begehrte.
    So geschah es denn, da am nchsten Tage die Eltern des Kindes kamen, in
groer Aufregung und Sorge; aber wie sie den frohmtigen und harmlosen Dichter,
die geschftige und saubere alte Mutter und die braven andern Weiberchen um ihre
Tochter versammelt fanden, die lachend ihrem Vater an den Hals flog, da
vermochten sie nicht die emprten Reden an Peter zu fhren, die sie sich
vorgenommen, sondern die Mutter machte nur ein gekrnktes und kaltes Gesicht,
und der Vater brummte etwas, das nicht deutlich wurde durch die Liebkosungen der
lachenden Tochter, und zuletzt, weil sie ganz ratlos waren, was das Ganze
bedeutet habe, nahmen sie das Mdchen mit sich in ihr Gasthaus und luden den
Dichter zum Mittagessen ein, das er ohne Schuldbewutsein auch freundlich
annahm. Nach diesem Anfang fanden die Eltern bald, wie sie das ganze Begebnis
als einen Kinderstreich auffassen konnten, was die ihrem Wesen angemessene Art
einer Erklrung war, und so berwanden sie leicht ihren Groll, und am Ende
lachten sie mit ihrer Tochter zusammen, indem die Frhlichkeit des unbefangenen
Kindergemtes auf sie berstrahlte.
    Wie sie alle in dem Gasthause versammelt waren, sprach Luise, da sie
gedacht habe, sie wolle spter, wenn sie in ihre Jahre gekommen wre, den
Dichter heiraten; aber nun sei ihr doch klar geworden, da sie ihn zwar immer
noch so lieb habe wie frher, und vielleicht noch lieber, aber seine Frau knne
sie nicht werden. Das wolle sie ihm gesagt haben, und weil sie sich noch nicht
gekt htten bis jetzt, so wolle sie ihm nun, zum Abschied von ihrem
gemeinsamen Plane, einen Ku geben; als sie das gesprochen hatte, fate sie sein
Ohrlppchen, beugte seinen Kopf zu sich nieder und kte ihn auf die Lippen;
dann lchelte sie, indes ihr eine Trne in die Augen trat; und auch der Dichter
lchelte. So endete der beiden Liebesverhltnis.

Indem Hans immer weiter in die Gedanken hineinkam, die in dem Kreise der
Menschen um ihn herrschten, gelangte er bald zu dem Entschlu, da er sein
Studium ndern msse. Aber Scheu vor den Eltern und Furcht vor dem Ungewissen
hielten ihn eine Zeit in einem peinigenden Zustande, bis er sich am Anfang des
zweiten Semesters zu einer schnellen Tat entschlo; denn durch Zufall war die
Tr der Amtsstube in der Universitt einmal offen, wie er gerade vorbeiging: da
trat er ein und erklrte, da er sich in eine andere Fakultt umschreiben lassen
wolle, und wie ihn der Beamte fragte, was er denn zu studieren gedenke, da sagte
er ohne Besinnen und ohne da er vorher eine Absicht gehabt hatte, er wolle
Historiker werden. Dann belegte er seine neuen Vorlesungen, fate sich auch ein
Herz und besuchte einen der Lehrer; der empfing ihn freundlich und hatte bald
Hansens Meinungen erkundet, denn er hatte selbst in jungen Jahren freiheitlich
gesinnte Ansichten gehabt, und wie damals gerade die Revolutionszeiten gewesen
waren, hatte er als junger Gymnasiallehrer seinen Schlern lateinische Aufstze
aufgegeben ber die Vorzge der Republik vor der Monarchie und darber, da die
Verbrennung der Leichen richtiger sei wie das Begraben. Wegen solcher Bettigung
seiner Gesinnungen hatte die Behrde ihn damals abgesetzt, aber spter wurde er
an die Universitt berufen. Dieser alte Mann bekam eine Freude an Hans, und der
gewann so einige geringe Aussichten fr seine Zukunft.
    Inzwischen war sein Jugendgenosse Karl gleichfalls nach Berlin gekommen und
zeigte sich als von gleichen Ansichten. So beschlossen die beiden, eine nhere
Bekanntschaft mit wirklichen Arbeitern zu machen, und da sie keinen andern Weg
wuten, so dachten sie eine Volksversammlung zu besuchen, und gerieten in die
Versammlung eines groen Fachvereins, in der ein Vortrag ber die
materialistische Geschichtsauffassung gehalten wurde; denn damals, wo das
Sozialistengesetz noch bestand, hatten diese Fachvereine in Wahrheit eine Art
politischer Bedeutung, die zwar nicht ausgedrckt war, aber sich doch mit
Notwendigkeit von selbst aus den Umstnden ergab. Mit einer groen Furcht wie
vor etwas Auerordentlichem hielten sich die beiden bescheiden im Hintergrund,
wo neben ihnen am Tisch einige Arbeiter saen, ein alter Mann und zwei junge
Leute, die sie zuerst mitrauisch betrachteten, und endlich sagte der eine junge
Mann gerade heraus, sie seien doch keine Schuhmacher, es war nmlich der
Fachverein eine Verbindung der Schuhmacher, und sie sollten ihm ihre Absichten
sagen. Darauf erwiderte Hans, da sie Studenten wren und gern die Verhltnisse
der Arbeiter kennen lernen wollten. Hierber wurden die Gesichter der andern
freundlich und bewillkommten die beiden und zogen sich noch weitere Arbeiter an
ihren Tisch, die alle frhlich und liebenswrdig waren. Dabei stellte sich
heraus, da sie Hans und Karl fr zwei Spitzel gehalten, weil man an ihren
Daumen gesehen, da sie keine Schuhe machten, und Hans trug Stiefel, die zu
Hause von einem schlichten Schuster genau in der Form gearbeitet waren wie die
Kommistiefel, an denen die Geheimpolizisten erkannt wurden.
    Hans war recht erstaunt ber die braven und ordentlichen Gesichter der Leute
und ber ihre sonntgliche Kleidung und frhliche und ruhige Art. Einen gewissen
Ernst hatten sie wohl alle, aber der war mehr ehrbarer und brgerlicher Art, und
sie zeigten nichts Dsteres oder Trauriges, sondern schienen, als wenn sie alle
zufriedener und glcklicher Hoffnung lebten. Die meisten der Anwesenden waren
jung, und man sagte Hansen, da die lteren, weil sie verheiratet seien,
gewhnlich das Geld nicht aufwenden knnten, welches das Gehen in die
Versammlung koste, weil man doch sein Glas Bier trinke, oder auch zwei, und
seine Zigarre rauche.
    Ganz vorn, auf einer Erhhung, saen an einem langen Tisch die
Vorstandsmitglieder und an einem Tischchen daneben ein Polizeioffizier mit einem
Schutzmann. Nach einiger Zeit erffnete der Vorsitzende die Versammlung, und es
wurden einige Angelegenheiten des Vereins erledigt in merkwrdig frmlicher und
formelhafter Weise, indem der Vorsitzende hufig erklrte, so oder so sei die
parlamentarische Sitte: denn das schien als besondere Hauptsache betrachtet zu
werden, da alles bis ins kleinste parlamentarisch zuging. Bei einem Punkte
fragte Hansen sein Nachbar leise, indem er annahm, ein Student wisse diese
wichtigen Dinge, ob das so richtig sei. Man versprte bei allen, da sie einen
freudigen Wunsch nach Form und Regel hatten und nach Krften eine Ordnung
suchten, um sich ihr zu unterwerfen. Dann stand der Vortragende auf, der ber
die materialistische Geschichtsauffassung reden wollte. Der war ein lterer
Arbeiter, in dessen Gesicht sich eine merkwrdige geistige Anstrengung zeigte,
wie er redete, denn er holte mit schwerer Arbeit die Gedanken herauf und drckte
sie mit Mhe in Worten aus, und deshalb sprach er sehr langsam und eindringlich;
alle aber folgten ihm mit eigner groer Anstrengung. Was er sagte, hatte
eigentlich mit der Marxschen Theorie wenig zu tun; es kam aber seine
Herzenssehnsucht heraus und die Herzenssehnsucht der Hunderte von Arbeitern, die
ihm lauschten, denn er meinte, die Arbeiter seien heute von der Bildung
abgeschnitten und mten sich die Bildung erwerben, dann seien sie die Herren
der Welt, und jeder von diesen Mnnern dachte bei seinen Worten, da er die
Bildung haben wolle, und malte sich ein Gedankenbild zuknftigen Lebens der
Menschheit, wo alles Leid verstummte, Ha, Neid und Unterdrckung verschwand und
die Menschen in gegenseitiger herzlicher Freundschaft lebten und sich bildeten.
    Wie der Vortrag beendet war und einige aus der Versammlung nacheinander auf
die Stufe traten und ihre beistimmende oder abweichende Meinung sagten, sprachen
Hans und Karl weiter mit den Mnnern, die an ihrem Tische saen. Der eine war
erst vor kurzem aus dem Osten nach Berlin gekommen, nachdem er zu Hause eine
mehrjhrige Gefngnisstrafe abgebt hatte wegen Geheimbndelei. Der erzhlte
seinen Proze und stellte seine Sache so dar, da er mit seinen Freunden, die
das Gesetz wohl kannten, keinerlei Geheimbund gehabt, indem sich sich immer nur
freundschaftlich zu Ausflgen oder Zusammenknften getroffen hatten. Dann fuhr
er fort, da er zuerst der Meinung gewesen, er sei ungerecht verurteilt, nicht,
da die Richter gegen ihn besonders etwas gehabt htten, aber sie seien durch
ihre Klassenvorurteile verblendet; dann aber habe er sich die Sache weiter
bedacht und sich im Geiste auf den Standpunkt des Richters gestellt, denn wenn
einmal ein Gesetz sei, und wenn es auch ungerecht ist, so msse doch der Richter
danach entscheiden, und da habe er sich denn gesagt, da er und seine Freunde
eigentlich nur eine Umgehung des Gesetzes begangen htten, denn alles, was das
Verbot des Geheimbundes bezwecke, htten sie doch getan und sich nur gehtet,
die ueren Formen eines Vereins anzunehmen, und das habe der Richter wohl
eingesehen, und darum msse er sich jetzt selber sagen, da er gerecht
verurteilt sei, und wenn er selbst Richter gewesen wre, so htte er auch nicht
anders gekonnt.
    ber diese Worte entstand eine Meinungsverschiedenheit, indem einige sagten,
wenn kein wirklicher Verein mit Satzungen und Vorsitzenden und festen
Versammlungen gewesen sei, so wren sie in unrechtmiger Weise bestraft, und es
knnten ja dann alle andern Menschen auch verurteilt werden, weil doch jeder
einen Kreis von Bekannten habe, die mit ihm einer Gesinnung seien; die andern
aber schlossen sich der Meinung des Erzhlers an, den sie Jordan nannten, und
sagten, Recht msse sein, und wenn sie selbst erst die politische Macht errungen
htten, was wohl schon in zehn oder zwanzig Jahren sein knne, so mten die
Gegner auch den Gesetzen gehorchen, die sie selbst dann geben wrden; zwar
wrden diese freilich auf keine Unterdrckung ausgehen, und deshalb wrden auch
die Gegner wohl willig sich ihnen fgen.
    Sie fragten auch Jordan nach dem Aufenthalt in seinem Gefngnis, denn es war
eine Nachricht durch die Zeitungen gegangen, da er und seine Freunde sehr viel
hatten erdulden mssen. Da streifte Jordan seine rmel hoch, zog die Manschette
ab und wies an seinem mageren Arm einen gerteten Streifen um den Knchel, denn
man hatte ihnen Ketten angelegt; aber wie die Zuhrer Ausrufe machten, erzhlte
er, da das Tragen der Ketten nicht so schlimm sei, wie man sich vorstelle, denn
man habe ja ohnehin nicht viel Bewegung; nur msse man immer Vorkehrungen
treffen, da die Haut nicht durch das Eisen gescheuert werde, denn solche Wunden
heilten sehr langsam und seien schmerzhafter wie manche gefhrliche Verletzung.
Und wie einige darauf wieder ber den Leiter der Gefngnisse schalten, da er
sie unntzerweise mit diesen Ketten geqult habe, entschuldigte er von neuem,
indem er sagte, man habe sie erst nach einem Fluchtversuch von zweien unter
ihnen geschlossen, und wenn er selbst auch die Ketten fr ein sehr wenig
wirksames Mittel gegen die Flucht halte, so sei doch der Leiter der Anstalt
andrer Meinung gewesen und habe gedacht, da er auf diese Art weitere
Fluchtversuche unmglich mache. Der Erzhler schlo dann, indem er
auseinandersetzte, ein jeder Mensch stehe auf seinem Posten, den er ausfllen
msse, und anders knne er nicht, und er selbst glaube, da unter den niederen
Gefngnisbeamten mancher sei, der ihre Meinungen teile, aber er msse doch seine
Pflicht tun. Und deshalb kmpfen ja auch sie, er und die andern, nicht gegen die
Menschen, sondern gegen die Verhltnisse, und man msse auch nicht glauben, da
es in den hheren Stnden nur lauter rohe und gefhllose Menschen gbe, vielmehr
lebe da mancher, der selbst in groer Bedrngnis sei.
    Dieser Jordan war ein langer und hagerer Mann, dem man in seinem
kummervollen Gesicht deutlich seine frheren Leiden ansah, und sprach langsam
und gemessen und mit einer kindlichen Wichtigkeit. Die Zuhrer schienen alle
recht ernst geworden; als aber ein neuer sich zwischen sie setzte, wurden
pltzlich alle heiter und begrten den lachend, denn auch der hatte zwar erst
vor kurzem das Gefngnis verlassen, wohin er wegen einer Majesttsbeleidigung
gekommen, aber sie fingen an, ihn zu necken, und erzhlten, er sei bis ber
beide Ohren verliebt in ein Mdchen, die ganz auerordentlich zielbewut war,
denn so nannten sie es, wenn jemand ihre Anschauungen teilte, und die habe ihm
einmal gesagt, sie knne ihn nicht lieben, weil er noch keine Opfer gebracht
habe und sei nicht ein einziges Mal verurteilt; das habe er sich so zu Herzen
genommen, da er noch denselben Abend in einer Versammlung eine Rede mit den
heftigsten Majesttsbeleidigungen gehalten, fr die man ihn sofort arretiert
habe. ber diese Geschichte lachten alle, und wie er selbst den Erzhler zum
Scherz mit dem Ellbogen stie, entstand unter Gelchter und Spen ein
allgemeines scherzhaftes Schieben und Stoen um den Tisch wie bei frhlichen
Jungen, da der ernste Polizeileutnant seinen gestrubten Bart von dem Papier,
auf dem er fleiig die Reden niederschrieb, nach der Richtung wendete und der
Vorsitzende eine Glocke erklingen lie und zu parlamentarischer Ordnung mahnte.
    Auf der Bhne stand gerade ein Redner, der seine abweichende Meinung von den
Gedanken des Vortragenden mhsam in recht unklaren Stzen erklrte, die doch von
den Versammelten mit musterhafter Geduld und Ruhe angehrt wurden; seine Meinung
aber war, da die Arbeiter die Bildung schon errungen htten, weil sie
aufgeklrt seien, aber es gbe noch eine zu groe Menge von unaufgeklrten
Arbeitern, und die seien der wahre Feind, gegen den man kmpfen msse. Zum
Schlu trug er einen Vers vor, der gegen den Unverstand der Massen gerichtet
war und groen Beifall erhielt.
    Inzwischen erzhlten die jungen Leute mit leiser Stimme wieder andere
Scherze. Auf einen gewissen Polizeibeamten, den sie den Spitzohrigen nannten,
hatten sie einen besonderen rger, und deshalb wurde ihm zum Verdru regelmig
die neue Nummer des Sozialdemokrat in den Briefkasten gesteckt, ohne da er je
den Tter ausfindig machen konnte; der Sozialdemokrat war damals das
anerkannte Blatt der Partei und wurde in England gedruckt und heimlich nach
Deutschland gebracht und hier im stillen verbreitet, und besonders stolz waren
die Leute darauf, da das Blatt immer mit der pnktlichsten Regelmigkeit in
die Hnde der Leser kam. ber den Spitzohrigen erzhlten sie noch andere
Geschichten; der hatte bei einer Haussuchung in einer gipsernen Kaiserbste
wichtige Schriftstcke der Partei entdeckt, die der Besitzer an ihrem Ort ganz
sicher geglaubt; aber nach einigen Tagen, wie des Kaisers Geburtstag war, hing
bei ihm eines Morgens eine blutrote Fahne aus dem Fenster statt der
schwarzweien, und hier vermochte er den Mann, der ihm diesen Streich gespielt,
nicht aufzufinden. Mit besonderer Freude erzhlte diese und andre Geschichten
der junge Mann, der mit seiner zielbewuten Geliebten geneckt war und Weiland
genannt wurde, und seiner Listigkeit merkte man wohl an, da er nicht
unbeteiligt war an derartigen Spen.
    Whrend diesem hatte der Redner auf der Bhne eine unvorsichtige uerung
getan; ber die erhob sich der Polizeileutnant, setzte seinen Helm auf und
erklrte die Versammlung fr aufgelst. Da standen sofort alle auf, und indem
sie sich mit Ruhe zum Gehen bereiteten, stimmten sie die Marseillaise an, der
ein besonderer, fr ihre Verhltnisse passender Text untergelegt war.
    Das machte auf Hans und Karl einen gewaltigen Eindruck, wie die mutigen,
leidenschaftlichen und jubelnden Tne dieses Liedes, von Hunderten begeisterter
Mnner gesungen, in dem vorher so nchternen Saale ertnten, und es war, als
wollten diese Leute jetzt alle gleich zum Kampf eilen, und als mten sie
siegen, und die beiden Studenten waren so hingerissen von der Wucht, da sie
sich gleich dem Haufen angeschlossen htten, wenn die zu einer Barrikade gezogen
wren, denn es war, als sei ihnen die eigene berlegung geraubt und als folgten
sie nur dem gemeinsamen Impuls der Menge, so schritten sie im Takt mit den
andern, und ihre Herzen schlugen hoch, und nur ein Trieb war ihnen, nach
vorwrts zu gehen.
    Indessen whrte das wunderliche Gefhl nur wenige Augenblicke, denn auf der
Strae verstummte das Lied; vor der Tr standen zwei Reihen Schutzmnner,
zwischen denen alle hindurchgehen muten. Eine Stimme rief: Lat euch nicht
provozieren; daraufhin war es mit einem Male, als sei jetzt alles harmlos,
kleine Gruppen schwenkten nach verschiedenen Richtungen ab, ein Schutzmann
mahnte einmal zum Weitergehen, und willig gingen alle weiter und zerteilten
sich, es war nicht anders, als seien alle von einem einfachen Vergngen
gekommen. Ohne weitere berlegung hatten sich die beiden Studenten den Leuten
angeschlossen, mit denen sie zusammengesessen, und gingen, die einen fragend und
die andern erklrend, durch die Straen, welche so gleichgltig aussahen wie
sonst, nur war es Hansens angestrengten Nerven, als hallten ihre Schritte ganz
besonders auf dem Pflaster. Nach kurzem Bereden traten sie in eine Wirtschaft,
in der die Arbeiter bekannt waren, denn der Wirt begrte sie mit
Vertraulichkeit; die Vertraulichkeit von dem ungesunden und dicken Mann war
Hansen unangenehm.
    Es stellte sich heraus, da der ltere Arbeiter von den beiden Studenten
eine Belehrung haben wollte, denn er erzhlte, da er viel gelesen habe, und
besitze zu Hause eine Menge Bcher, deshalb habe er auch keine Frau genommen,
und ihn beschftige vornehmlich eine Frage, die sei ihm aber noch in keinem Buch
beantwortet, wiewohl er keine Mhe gescheut, denn er sei doch nur ein Arbeiter
und besitze nicht die rechte Vorbildung; nmlich, es werde gesagt, da unsre
Gedanken und auch das, was wir wollen, durch die Verhltnisse bestimmt werde, in
denen wir leben, und da also die Verhltnisse schuld sind an allem beln, das
geschieht. Wenn das richtig sei, dann knne man also dem Menschen, der Bses
tut, mit Recht keinen Vorwurf machen und drfte ihn auch nicht strafen, und auch
dieser Schlu werde von vielen fr richtig gehalten. Er aber meine, das alles
knne nicht so sein, denn dann verlohne es sich ja gar nicht, da man lebt, und
er fr seinen Teil wolle lieber tot sein als leben, wenn es so sei.
    Der Mann, der zu Hans das sagte, mochte etwa fnfzig Jahre alt sein und war
ein Schuhmacher, und seine Gestalt und Gesicht waren auch die eines armen
Schuhmachers, der vielleicht nach seines sehaften Gewerbes Art zuweilen
wunderliche Gedanken hat. Aber diese Worte rhrten Hans ans Gewissen, denn
pltzlich merkte er, da er ein ganz andrer Mensch geworden war wie frher, und
da er frher gedacht hatte, er wolle lieber tot sein als so leben, wie der Mann
schilderte, und da er jetzt so lebte. Und dazu wurde ihm klar, da er jetzt
viel log; denn der frhliche Weiland redete wohl die Wahrheit, und der
ernsthafte Jordan redete die Wahrheit, und dieser Mann; aber er selbst hatte
sich in Lgen gefangen und war dadurch in Gewissensangst geraten.
    Er wute aber nicht, was er antworten sollte; denn nicht nur gibt es ja
keine Antwort auf die Frage, sondern er selbst war auch so verwirrt, da er auch
sonst nichts Rechtes zu sagen gewut htte. Deshalb sprach er nur, da das eine
Sache des Glaubens sei; wenn einer glaube, da er in seinen Gedanken und
Entschlssen durch die Verhltnisse bestimmt werde, so sei es so, und wenn er
das nicht glaube, so sei es nicht so. Hiermit war dem Mann nun wohl nicht
sonderlich gedient; aber er merkte wohl, da Hans ihm nicht mehr zu sagen wute,
und deshalb forschte er nicht weiter.
    Jordan hatte mit Anstrengung zugehrt. Jetzt sagte er, es sei richtig, da
die Verhltnisse unser Denken und Wollen bestimmen; denn wenn wir alle in der
herrschenden Klasse geboren wren, so wrden wir so denken und handeln wie die,
und die Arbeiter verurteilen, und doch wren wir im brigen genau solche
Menschen wie jetzt. Hierber versuchte Karl zu bemerken, da sie beide als
Studenten doch der hheren Klasse angehrten; es zeigte sich aber, da die
Arbeiter die beiden gar nicht recht ernst nahmen, sondern sie mit einer
liebenswrdigen Nachsicht betrachteten, etwa wie ein alter Frster einen jungen
Herrn mit auf den Anstand genommen hat, und dieses Urteil ergab sich nicht aus
den Worten, die sehr zartfhlend waren, aber man merkte es doch in der
Gesinnung. Der alte Mann jedoch sagte zum Schlu, wenn die Gerechtigkeit nur ein
Rauch sei, so sei die ganze Welt sinnlos; damit erhob er sich zum Gehen und war
erregt wie einer, der einen heftigen Kampf fr sein Liebstes streitet und dabei
doch das Gefhl hat, da sein Kampf nutzlos ist.

Karl hatte sich mit Weiland angefreundet und mit dem verabredet, da sie
gemeinsam am Sonntag einen Ausflug in einen Vorort machen wollten, der berhmt
war durch seine Tanzgelegenheiten, und Hans lie sich bereden, mitzugehen. Sie
kamen in einen niedrigen und sehr groen Saal, der mit Zigarrenqualm und
Menschengeruch angefllt war; ein Lrmen, Lachen und Schwatzen stieg in die
Hhe, auf einer Bhne sa eine kleine Kapelle, und die Paare drngten sich durch
die Menge zum Antreten. Nach vielem Suchen fand Weiland seine Braut, die mit
zwei andern Mdchen zusammensa, welche von verlegener Freude ergriffen wurden,
wie sie die drei sahen; aber die Lustigkeit Weilands und der leichte Sinn Karls
berwanden bald die Befangenheit der ersten Minuten, und nur Hans fgte sich
nicht so recht ein, wofr er auch der besonderen Aufmerksamkeit der Mdchen
teilhaftig wurde. Bald begann Weilands Braut mit Gelufigkeit zu erzhlen und
redete mit Verachtung von ihren Eltern, deren Anschauungen zurckgeblieben
seien, denn ihr Vater war ein alter Achtundvierziger, der immer noch auf dem
Standpunkt der brgerlichen Demokratie stehe, und der habe ihr ein
Sparkassenbuch angelegt und gehre zur freireligisen Gemeinde. Ihr Wunsch wre,
da sie mit Weiland in freier Liebe zusammenleben wollte, aber ihr Vater
verlangte, da sie sich der brgerlichen Trauung unterzgen. Hans sprach am
meisten mit der einen Freundin, einem stillen und blassen Mdchen, das ein
schwarzes und oben geschlossenes Kleid trug und ihre Hnde mit einem eigenen
schwermtigen Ausdruck lssig im Scho liegen hatte. Die erzhlte, da sie
Weinherin war und fr ein Geschft arbeitete; sie konnte nicht tanzen, und
ihre Reden waren sonderbar mde und unfroh. Ginmal antwortete sie auf eine
Bemerkung: Ach, was hat man vom Leben, den ganzen Tag sitzt man vor der
Maschine, und wenn man heiratet, so hat man dazu blo noch Sorgen und Kummer.
Etwa achtzehn Jahre mochte sie alt sein. Auch klagte sie in ihrer Art darber,
da sie sich nun schon so lange gewnscht habe, einmal einen feinen Herrn kennen
zu lernen, und nun, da sie das erreicht, sei sie in solcher Verfassung, da sie
ihn von sich abschrecke. ber diese Reden bekam Hans bald ein peinliches Gefhl
und war ihm, als mte er eine Schuld haben, und zugleich war er aber auch
gereizt gegen das Mdchen; die begann in klagender Weise weiter zu erzhlen von
ihrem Leben und von ihren Verhltnissen; da zeigte es sich, da ihre Eltern sich
ganz jung geheiratet hatten, weil ihr Vater in Schlafstelle gewohnt bei den
Eltern der Mutter, und da sie von Leichtsinn schnell in Sorge geraten waren und
ihren Krper noch nicht hatten entwickeln knnen, wie sie auch keine Ersparnisse
gehabt hatten fr die Einrichtung des Hausstandes, und wie dann in schlechter
und lichtloser Wohnung viele schwchliche und freudlose Kinder gekommen waren,
die aufwuchsen in Bitterkeit und ohne Kraft, mit blassen Backen und
hinschmachtendem Leib. ber alle diese Umstnde urteilte das Mdchen mit
wunderlicher Klarheit, und am Ende sprach sie, die armen Leute htten sehr
unrecht, wenn sie immer mehr Freiheit haben wollten, denn sie seien wie die
Kinder, die von guten Menschen beaufsichtigt werden mten, damit sie sich nicht
schdigten durch ihre eignen Torheiten, und dieses Urteil htten unter ihnen
viele Frauen, aber die Mnner verhhnten sie deswegen und sagten, sie seien
nicht aufgeklrt.
    Wie das Gesprch diese Wendung genommen hatte, verschwand ihnen beiden die
peinliche Stimmung, und es entstand bald eine gewisse Behaglichkeit zwischen
ihnen, indem sie auf die Dinge des gewhnlichen Lebens kamen und das Mdchen
eine ernsthafte Mtterlichkeit gegen Hansen entwickelte, gegen ihren Willen,
denn sie hatte sich die ganze Woche darauf gefreut gehabt, ein leichtes und
frhliches Liebesband zu knpfen mit einem Studenten, den sie sich als einen
besonders lustigen und ganz auergewhnlichen Menschen vorgestellt; aber nun
erzhlte sie, wie sie und ihre Mitarbeiterinnen kochendes Wasser geliefert
bekamen fr ihren Kaffee, und da sie sich Geld gespart zu einem neuen Kleid,
und wenn er sich nicht schme, mit ihr auszugehen, so wolle sie dieses Kleid
tragen, denn sie wisse bereits eine billige Gelegenheit fr einen guten Stoff,
der ihr auch zu ihrem Gesicht und Figur stehe.
    Inzwischen tanzten die andern, und die dnne Musik tnte durch das Lrmen;
Zigarrenrauch ringelte sich in die Hhe zu der allgemeinen Wolke, und Kellner
drngten sich eilfertig und aufgeregt durch die Menge; wie Hans sie nach
schchternem Bedenken zum Trinken aufforderte, nippte sie zart an ihrem Glase
und klagte dann, da sie wenig vertragen knne.
    Die andre Freundin war ein bermtiges, gesundes und rotbackiges Wesen,
deren Augen in Frhlichkeit blitzten, die hatte solche Lust zum Tanzen, da sie
nicht still sitzen mochte, wenn die Musik ertnte, und Karl, der ein
geschmeidiger und leichter Tnzer war, fhrte sie immer mit heiterer
Aufforderung in den Reigen. Bald fanden sie heraus, wie sie Hansen und die
Freundin necken konnte, und Karl, der durch alles gleichfalls in frohe Laune
geraten war, stimmte mit ein; aber obschon beide eine gutherzige Gesinnung dabei
hatten, wuten sie doch nicht eine gewisse Taktlosigkeit zu vermeiden, die durch
das Dissonieren der Meinungen ja leicht in dem lebendigeren Teil erzeugt wird,
und so entstand ein nicht ganz behagliches Gefhl bei allen, durch das besonders
Hansen pltzlich die schlechte Luft, der Menschengeruch und der unfeine Lrm
hlich auffielen, so da er stiller wurde und in sich versank.
    Wenn Leute aus dem Volk recht gesund und in ihrer Art wohlgeordnet leben, so
haben sie einen zutraulichen Glauben an sich selbst und an alles, was sie tun,
der sie sehr glcklich macht. Von dieser Beschaffenheit war Karls Freundin. Die
diente bei einer vornehmen Herrschaft und war recht tchtig in ihrer Ttigkeit,
und indem sie aus diesem die berzeugung herausnahm, da alles, was sie tat,
berhaupt nicht besser getan werden knne, hatte sie in ruhiger Zuversicht bald
die Herrschaft ber den kleinen Kreis gewonnen, da selbst Weilands Braut sich
ihr unterordnete. Es war fr Hansen recht unbehaglich, da er sich dieser an
sich harmlosen Herrschaft nicht zu erwehren vermochte, wenn er nicht eine
Mistimmung schaffen wollte; und so hatte er hier zum ersten Male das Gefhl,
da doch eine Kluft zwischen den verschiedenen Klassen der Gesellschaft ist, die
nicht berbrckt werden kann, und wenn jemand den Versuch dennoch machen will,
so begeht er vielleicht eine schlechte Handlung, denn er zerstrt die Wurzel des
Dranges nach Hherem.
    In der Folge stellte sich heraus, da Karl bei dieser Zusammenkunft mit dem
Mdchen eine Liebschaft angeknpft hatte, die man mit dem Berliner Ausdruck als
Verhltnis bezeichnet. Er bewegte sich in den seltsamsten Vorstellungen, indem
die modernen sozialistischen Ideale mit alten romantischen Bildern vom Volk bei
ihm zusammenschmolzen, und so erschien ihm dieses Mdchen aus dem Volke mit
ihrem Drange nach Freiheit und nach ungestmem Glck zugleich als eine krftige
und ursprngliche Natur und als ein Erstling einer groen Zukunft. Es kamen die
beiden aber zusammen an Sonntagen, die das Mdchen frei hatte, und indem zu der
Zeit der Frhling begann, da er die Menschen aus den kahlen und grauen Straen
hinauslockte in helles Grn, fuhren sie aus der Stadt, bis sie an Orte kamen, wo
sie allein waren und sich auf heimlichen Wegen ergingen unter Kiefern, welche
die ersten hellgrnen Spitzen vorsteckten. Da sah sie viele Dinge, die ihr
frher nicht bekannt gewesen waren, wiel sie vorher die nicht beachtet, Vgel
von allerlei Art und Frhlingsblumen und einen reinen, klaren Himmel; und zuerst
war sie einem gedankenlosen Drange gefolgt, der sie nach Glck und Genu trieb,
wie sie aber ein Vgelchen gesehen hatte, das einen Halm im Schnabel trug zu
seinem Neste, und ein Himmelschlsselchen, das schchtern sein Kpfchen beugte
auf einer groen Wiese, da verschwand ihr das laute Lachen, und ihre Augen
wurden ernster, und ihr war, als msse Karl ein Halt sein fr sie, und das Leben
schien ihr nicht mehr eitel Jubel wie vorher. Aber wie sie sich so nderte, da
begann Karl seine Seele vor ihr zu verschlieen, denn auch ihn hatte nicht Liebe
zu ihr getrieben, sondern Leichtfertigkeit und eine falsche Vorstellung, die er
sich selbst geschaffen; aber bei ihm wandelte sich der leichte Sinn nicht in
Treue und Zuneigung. Das merkte sie gar bald, und da seufzte sie heimlich und
kehrte bei sich ein; aber schon war ihre Liebe zu gro geworden, als da sie
htte sich entfernen knnen von ihm, und so hing sie ihm weiter an in bitterer
Demtigung, und ihr Kummer machte sie besser, wie sie gewesen, und ihr Gesicht
verlor zwar seine jugendliche Frische, aber es bekam edlere Zge, und selbst
ihre Bewegungen erhielten etwas Vornehmes, das ihren Bekannten auffiel, da sie
es dem Einflu Karls zuschoben. Dieser aber lebte in Haltlosigkeit; schmte sich
seiner selbst und war deshalb hart gegen sie; denn schwache Menschen knnen es
nicht leiden, da sie geliebt werden und mssen den Liebenden plagen. Unter
solchen Umstnden geschah es, da sie sich gesegneten Leibes fhlte; da erschrak
sie heftig und hatte zugleich eine heimliche Freude, und auerdem berkam sie,
wie aus einer Nacht, die Erinnerung an ihre Heimat und an ihre Eltern, und wie
sie sich schmen mute zu Hause, wenn dort jemand etwas von ihr wte; vor ihren
Freundinnen in Berlin aber schmte sie sich nicht, auch hatte sie keine Freude
auf das Kind, wenn sie bei denen war. Wie Karl die Neuigkeit erfuhr durch
Weilands Braut und nicht durch sie selber, da hatte auch er einen starken
Schrecken, und indem sich verwirrte Gewissensbedenken in ihm erhoben, die nicht
auf klaren und verstndigen Gefhlen ruhten, sondern auf Unwahrheit, so beschlo
er bei sich, da er sie heiraten wolle. Wie er ihr diesen Entschlu mitteilte,
sprach sie zu ihm: Wenn du mir solche Worte gesagt httest in unsrer ersten
Zeit, bevor ich dich wirklich lieb hatte, so wre ich sehr stolz geworden durch
sie und htte mich ohne weitere Gedanken gefreut, deine richtige Frau zu werden.
Nun aber wei ich, da es ein Gefhl gibt, das ich damals nicht kannte, und das
wahrscheinlich viele Menschen nicht kennen, und vielleicht htte ich unter
andern Verhltnissen auch selbst bis zu einem spten Tode nichts von diesem
Gefhl erfahren; da ich es nun aber kenne, so kann ich nicht mit dir
zusammenleben, denn du kannst mich nicht so ehren, wie es ntig wre, weil ich
geringer Herkunft bin und mir nicht feine Art angewhnen kann, auch nicht der
rechten Bildung fhig bin; was alles wohl jetzt in unserm Kreise und so lange
wir jung sind nicht so schlimm erscheint, aber mir viele schmerzliche Stunden
erzeugen wrde, wenn ich erst lter bin und du in eine andre Gesellschaft
gelangt bist. Wie sie das gesagt hatte, sprte Karl, da sie aus bergroer
Liebe ihm mehreres verschwieg, von dem sie gedacht hatte, da es ihn krnken
knne, und es war ihm, als ob er sich recht schmen msse vor ihr. Damals zog
zuerst Bitterkeit in sein Herz, denn er sah pltzlich ein, da er ein niedriger
Mensch war, und er begann sich selbst zu hassen und versuchte, ob er andre
verachten knne; denn solche Hlle entbrennt in unedlen Leuten, wenn ihnen durch
die Betrachtung Edler ihr Unwert klar wird; deshalb begann er lgnerische Worte
zu machen, die sie schmerzten und in ihm am Ende eine groe Leere schufen.
    Wie nun ihre Zeit herannahte, mute sie ihre gute Stelle aufgeben, und indem
sie unwillig abwehrte, da er ihr in irgend etwas half, nahm sie ihr erspartes
Geld von der Sparkasse und zog zu einem alten Kunkelweibe, das in solchen Fllen
Mdchen Unterkunft gewhrte; hier sa sie in einer groen Hinterstube, die ein
Fenster in der uersten Ecke auf den Hof hinaus hatte, und sa an dem Fenster
im trben Winterlicht und nhte Windeln, Binden und Hemdchen fr das Kind, das
sie erwartete. Und daran dachte sie, da das ein kleines Wesen sein werde, das
sie sich an die Brust legen wollte, und alle andern Gedanken waren ihr
versunken; nur stellte sie es sich immer wieder mit Absicht recht klar vor, wie
klein das Kind sein werde, weil sie es sich sonst zu gro gedacht htte, etwa
wie es auf einem Sthlchen sitzt und nach seinem Schsselchen verlangt. Mit
Kraft und Anstrengung verga sie, da sie es nicht bei sich behalten konnte,
sondern sie mute nach ein paar Wochen wieder in Dienst gehen, und das liebe
Kind mute bei der Frau bleiben; denn wenn sie daran gedacht htte, dann htte
sie immer weinen mssen; so aber konnte es ihr vorkommen, als gehre ihr diese
Stube, und sie sei verheiratet, und am Abend komme ihr junger Mann, und zuweilen
bedachte sie bei sich, wie sie die Mbel anders stellen wolle und alles recht
reinlich halten. Aber dann tat sich die Tr auf, und das alte Kunkelweib kam
herein und erzhlte ihre Geschichten, wie sie sich mit den Leuten gezankt hatte.
Da mute sie sehr an sich halten, da sie nicht weinte; denn wenn Karl sie
besuchte, so war ihr das auch kein Trost, weil sie sah, da er nur um sich
ngstlich war, und an sie dachte er eigentlich gar nicht; ja, es war zuzeiten,
als sei es ihm ein besonderes Opfer, welches er ihr brachte, da er sie
besuchte.
    Wie es oft geht, da Verhltnisse, die eigentlich lngst sinnlos geworden
sind, doch noch fortbestehen, weil keine uere Gelegenheit kommt, die sie zum
Aufhren bringt, so geschah es auch hier. Denn nachdem das Mdchen wieder eine
neue Stellung erhalten hatte, schien es uerlich, als sei zwischen beiden alles
wie vorher, da sie doch beide mit Mhe und Verdru ein drckendes Joch trugen,
und Karl war oft heftig und ungerecht gegen sie, und sie schwieg voller
Sanftmut. Da bat sie ihn, es war gerade am Jahrestag ihrer ersten Begegnung, da
sie wollten wieder an jenen Ort hinausfahren, wo sie sich kennen gelernt. Sie
kamen an, und es schien uerlich alles unverndert, denn wie im vorigen Jahre
war der groe und niedrige Raum vollgedrngt mit Menschen, und spielte auf der
Erhhung die geringe Kapelle, und es war fast, als schlage der Lrm der
Gesprche, des Klapperns, des Gehens und Kommens, des Tanzens und der Musik im
gleichen Zeitma an ihr Ohr, nur saen sie jetzt allein und ohne die Freunde.
    Aber da wurde ihnen klar, wie sie selbst sich verndert hatten, denn sie
wurden von Widerwillen und heftiger Langeweile befallen, und wo im vorigen Jahr
ihnen die Hoffnung einen weiten Raum gezeigt hatte hinter diesen tanzenden
Paaren, da war es jetzt, als sei das alles hier nicht rumlich, sondern geschehe
in einer Flche, und sie htten fliehen mgen, weil das Gewhl ihnen nahe kam.
Mit einem erzwungenen Lcheln fhrte Karl sie zum Tanze, aber ihre Hnde lagen
schlaff ineinander, und sie beide dachten an den ersten pltzlichen Hndedruck,
den sie sich damals beim Tanz gegeben, der sie beide elektrisch durchzuckt
hatte.
    Whrend diesem berlegte sie sich eine Absicht, fhrte ihn aus dem Saal in
den winterlichen Garten und sprach zu ihm: Ich sehe ein, da es fr uns beide
am besten ist, wenn wir nun auseinandergehen. Wohl haben unsre Eltern recht
gehabt, da sie uns warnten vor der Leichtfertigkeit und sagten, gleich gesellt
sich zu gleich. Ich habe geglaubt wie viele heute, das Leben sei leichter
geworden, und die Alten seien altfrnkisch, und unter den Menschen herrsche mehr
Gleichheit wie frher. Aber jetzt verspre ich, da ich einem falschen Scheine
gefolgt bin, denn in Wahrheit ist das Leben schwerer geworden, weil ein jeder
allein steht in der Welt und keinen Menschen hat, noch Meinung, an die er sich
halten kann; und in Wahrheit ist eine tiefere Ungleichheit unter die Menschen
gekommen, wie sie frher war; denn als du versuchtest, wie du es nanntest, mich
zu bilden, da versprte ich eine tiefe Kluft, die nicht berbrckt werden kann;
und wenn ich redlich sprechen soll, so mu ich sagen, ich wei nicht, welches
mehr wert ist, deine Bildung oder das, was ich fr mich habe und auch behalten
will. Und vielleicht ist das der einzige Unterschied gegen frher, da ich als
ein Dienstbote solche Gesinnungen habe und ausspreche. Aber wir wollen nicht in
Ha und Erbitterung voneinandergehen, denn wir haben doch einmal gedacht, wir
gehren zusammen, und ich wenigstens bin durch dich ein andrer Mensch geworden.
Und wie ich dir schon sonst sagte, will ich das Kind fr mich behalten und will
mich seiner auch allein freuen, du aber sollst keine Furcht haben durch uns
beide. Und denke auch nicht, da ich ein trauriges Leben haben werde; denn ich
will suchen, da ich einen guten und tchtigen Mann bekomme, der fr mich pat,
und will heiraten und ein rechtschaffenes Leben fhren.
    Nach diesen Worten geschah nur noch Unbedeutendes; und so trennten sich am
Ende die beiden, nachdem einer den andern sonderbar beeinflut hatte und dessen
Leben in eine neue Bahn geleitet.
    Bei Karl kam es in den folgenden Wochen, da eine dichterische Begabung, die
sich bis dahin nicht hatte zu uern vermgen, einen ihr angemessenen Ausdruck
fand. Freilich war seine Dichtung nicht ein Kind der Kraft und Gesundheit und
ein freiwilliges berflieen, sondern wie bei so vielen Menschen unsrer heutigen
Zeit war sie ein Kind der Schwche, die hier dem Seelenunkundigen durch
scheinbar scharfe Wiedergabe der Natur gerade als Strke zu erscheinen
vermochte. Zu jener Zeit kam aus dem Auslande der Einflu gleichgestimmter
Seelen, und weil der leere Nachton frherer Kunst, der bei uns damals
vornehmlich zu hren war, die Ohren und Geister nicht gegen die fremden Klnge
einzunehmen vermochte, so geschah es, da gerade die Drftigen und Schwchlichen
zu einer besonderen Entfaltung kamen und ein seltsames Gaukelspiel vortuschen
konnten. Karls Geschick wollte, da er mit in diese Bewegung geriet. Aber weil
er ein schwacher Mensch war, so hatte er nicht die Liebe zu den Dingen und
Menschen, die ein Dichter haben mu, der die Welt in sich aufnimmt in Heiterkeit
und Ruhe und sie vergoldet durch seine Freude, Hoffnung und Willen zum Guten und
dann wieder aus sich heraus stellt in einen Rahmen, damit die Menschen das Bild
anschauen mgen und glcklicher und besser werden, sondern er beobachtete das
einzelne und zerfaserte es und wollte aus den untersuchten Stcken des Leichnams
wieder lebendige Krper schaffen, und zerfaserte sich selbst in Hochmut und
Selbstverachtung und wollte neue seelische Wahrheiten bilden aus diesen Quellen
der Eitelkeit. Und dieses alles bedeutete fr die Geschichte seines Wesens einen
weiteren Schritt in die Auflsung. Wie aber eine Frucht, die sich aus der Blte
entwickelt hat zum Fruchtansatz und allmhlich gereift ist zum rotbackigen Apfel
und dann vom Baum gepflckt wird und aufgehoben im dunkeln Raum, wie solcher
Frucht alles weitere Geschehen als eine weitere Entwicklung erscheinen mu,
nicht nur, da sie noch reift auf dem Stroh und schmackhafter wird, sondern
auch, da sie endlich vom Kernhause aus zu faulen beginnt und die Fulnis sich
immer mehr ausdehnt, bis der ganze Apfel verfault ist und der Schimmel ihn
bedeckt, so mu auch solchem Menschen seine Auflsung als eine Weiterentwicklung
erscheinen, und er mag sich sogar als einen Erstling preisen der knftigen
Zeiten, wo eine neue Art Menschen leben wird, die ihm gleich sind, da er doch
nur ein fauler Apfel ist und nicht mehr wert, als da ihn die Hausfrau ausliest
und wirft ihn auf den Mist.

Es ist schon frher berichtet, da die Grfin viele Jahre lang bettlgerig
gewesen ist. Welche Krankheit sie haben mochte, das konnten die rzte nicht
bestimmt sagen, denn es wechselten die Schmerzen und die Stellen des Leidens und
alle Anzeichen, und nur das war immer das gleiche, da sie nicht ihr Bett
verlassen konnte.
    Sie war eine harte Frau und hatte einen unruhigen Verstand, der zu allen
Dingen schweifte, und seit ihrer Krankheit vornehmlich aber zu den verschiedenen
Angelegenheiten des Haushaltes. Diesen wollte sie bestndig von ihrem Lager aus
leiten, und die Dienstboten muten ihr alles genau berichten und erklren, und
indem sie in ihrer Einsamkeit nach diesen Antworten und Erzhlungen sich ein
vollstndiges Bild von allem machte, befahl sie ihnen genau alles bis in das
geringste, was getan werden sollte. Aber da die Dienstboten sich sehr hufig
nicht an ihre Befehle kehrten und nach ihrem Belieben wirtschafteten und ihr
dann spter trgerischerweise Falsches berichteten, bildete sie sich doch eine
unrichtige Vorstellung von allem, was vorhanden war und was geschah. Dann kam
es, da die Leute ihre frheren Lgen vergaen und nach dem wirklichen Stande
erzhlten, auch sonst sich Widersprche herausstellten zwischen ihrem Bilde, das
sie sich gemacht, und den wirklichen Zustnden. Hierber geriet sie immer in
groen Zorn, schalt viel und klagte dann das Geschehene ihrem Mann, der sich
hierdurch noch mehr von ihr entfremdete, als ohnedies durch ihre Krankheit
geschah. Wie sie das versprte, machte sie ihm Vorwrfe und trieb sich und ihn
immer weiter in den Unfrieden hinein.
    Die beiden Shne, die mit alten und in der Familie erblichen Namen Bolko und
Ivo genannt wurden, hatten sich inzwischen in der bereits frher geschilderten
Art entwickelt und waren von Hause fortgekommen als Offiziere. Die ganze Zeit
ber verlangten sie von ihrem Vater immer sehr viel Geld, der zwar fr sich
selbst leichtfertig und unbedacht war, fr seiner Shne zielloses Leben aber
doch einen klaren Blick hatte; auf seine Ermahnungen freilich hrten sie nicht,
sondern hielten ihm keck sein eignes Beispiel vor; und indem er Furcht hatte,
ber seine Verhltnisse selbst klar zu werden, vermochte er ihnen auf diesen
Einwurf nicht eindringlich zu antworten, denn sie lebten in der Meinung, da das
elterliche Vermgen viel grer sei, als es in der Tat war. So war er dahin
gelangt, da er schon Geld auf Wechsel genommen hatte, und war in die Hnde der
Wucherer geraten; nun befiel ihn zuzeiten eine heftige Angst und sinnlose Reue;
und whrend solche Stimmungen frher von selbst wieder verschwunden waren durch
die Wirkungen seines leichten Gemtes, kostete es ihn jetzt Anstrengung, sich
von ihnen frei zu halten. Die Frau durfte von allen diesen Sorgen nichts
erfahren, und wenn sie in ihrer Unwissenheit oft Verfgungen traf, die ihm in
seinem Mangel schwierig wurden, so mute er allerhand Ausflchte ersinnen, Lgen
erzhlen und lange Geschichten vorbringen und zuweilen sich gekrnkt stellen
oder Vergelichkeit heucheln.
    Die Tochter, die allein zu Hause geblieben war, stand ohne eine rechte
Bedeutung an der Seite, denn sie merkte wohl, da der Vater Geheimnisse hatte,
und aus Scheu und Mitleid wurde dadurch ihr Benehmen fremd gegen ihn, was er
nach seinem bsen Gewissen ausdeutete, als wisse sie vieles und zrne ihm; und
die Mutter hielt sie von den Angelegenheiten des Hauses entfernt aus Eifersucht,
weil sie selbst die Leitung behalten wollte, und auch aus geheimer Furcht, da
ihre Unzulnglichkeit aufgedeckt werde. So brachte die junge Dame ein freudloses
Leben hin in Sehnsucht nach einer Ttigkeit und Wirkung.
    Indem die Dinge so lagen, kam pltzlich der lteste Sohn Bolko unvorbereitet
zu einem kurzen Besuch: der Vater erschrak, als er das Telegramm erhielt, und
wie des Sohnes sporenklirrender Schritt auf dem Gange hrbar wurde, stockte ihm
das Blut. Er fhrte ihn zur Mutter, die den ltesten immer besonders geliebt
hatte, indem sie von seinem wahren Leben gar nichts wute, sondern ihn immer nur
kannte, wie er als ein hbscher und schlanker Mensch mit offenem Gesicht
ehrerbietig in ihrem dmmerigen Krankenzimmer stand. Sie freute sich mit einem
glcklichen Gesicht, wie er ihr die Hand kte, und mit groer Zrtlichkeit
streichelte sie seine blonden Haare. Dann lie sie sich von ihm erzhlen, und er
mute Blle beschreiben und Schlittenfahrten, und auch von seinen Pferden sprach
er. So hrte sie immer mit glcklichem Lcheln zu, und als sie selbst einmal
einiges sprach, suchte sie seinen Gedanken eine leise Richtung zu geben, denn
sie hatte eine Heirat fr ihn im Sinn und htte gern gewut, welches seine
Meinung sei; und in dieser kurzen Zeit erschien ihr pltzlich ihr eignes Leben
gar nicht so unglcklich wie sonst, und ihres Sohnes knftiges Leben war ihr
heiter und sonnig. Er lachte aber ber ihre Anspielungen und machte Scherze, so
da sie ein wenig gekrnkt wurde; aber nur ein wenig, sie verzog den Mund, wie
sie als junges Mdchen getan, und ganz schnell wurde sie wieder zufrieden und
heiter; seit sehr langer Zeit war sie nicht in solcher Verfassung gewesen. Nach
einer Weile stand er auf, um das Zimmer zu verlassen; gro und stattlich war er
vor ihr, und sie blickte in ein ungetrbtes und lachendes Gesicht. Da berkam
sie eine besondere Zrtlichkeit und gab ihm einen Wink, da er sich ber sie
beugen mute, und sie selbst hob ihren Kopf und drckte ihm einen Ku auf die
Stirn; dabei berflog Rte ihr ganzes Gesicht, und ihre Augen glnzten. Wie er
zum Vater zurckkehrte, fand er den in einer Ecke seines groen Lehnstuhls, da
sah er ganz verfallen und grau aus; schweigend wies er dem Sohn einen Platz an.
Die Furcht vor dem Gesprch lastete auf beiden, und um die Stille zu brechen,
sagte der junge Mann endlich gleichgltige Stze ber die Ernte. Der Vater
nickte nur, denn ihm verschlo die Angst den Mund noch fester wie dem Sohne,
zuletzt aber fragte er doch nach dem Grund des Besuches, unvermittelt. Da
schwieg der junge Offizier zuerst lange, und endlich erzhlte er, da er
Abschied von den Eltern nehmen wolle, weil er am andern Tage einen Zweikampf
habe, in dem er fallen werde. Nichts weiter sagte er, aber der Vater merkte, da
sein Sohn sich schmen mute ber die Ursache, und da alles unabwendbar war,
und sa da mit entsetztem Ausdruck und offenem Munde, und den Sohn berkam ein
Ekel vor dem gedunsenen und schlaffen Schlemmergesicht; deshalb fgte er in
hrterer Sprache hinzu, da er seine Schulden und andre Verpflichtungen
aufgeschrieben habe und ihm das Verzeichnis geben wolle, damit der Vater spter
alles begleiche.
    Da war es, als sei dem Alten das Wichtigste gar nicht klar geworden, und nur
das Geringere berhrte ihn, und fing an, mit heftigen Worten auf den Sohn zu
schelten, da der Schulden gemacht habe, und in seiner Verstrtheit gebrauchte
er ganz gemeine Ausdrcke. Hierdurch geriet der Junge in eine feindliche
Erregung und sprang ungestm von seinem Stuhl auf und erwiderte die Vorwrfe und
sagte dem Vater, da er keine Eltern gehabt habe, und auch sein Bruder habe
keine Eltern gehabt und auch seine Schwester nicht; niemand habe sich um sie
gekmmert wie bezahlte Leute, denn den Eltern waren sie zur Last, weil die andre
Dinge vorhatten; nur wurden sie zuweilen der Mutter vorgefhrt in geputzten
Kleidern und mit einstudierten Reden; nie haben die Eltern ein Herz gehabt fr
die Kinder, deshalb seien die nie mit einer Bitte zu ihnen gekommen; ein
einziges Mal habe er erlebt, da die Schwester gebeten, sie mchte gern
Kaninchen haben, da sei ihr von der Mutter geantwortet, da kein Raum vorhanden
sei. Viele Vorwrfe habe er sich selbst schon gemacht ber sein verkehrtes
Leben, das nun jetzt in jungen Jahren zu Ende sei, und er wisse wohl, da er
selbst schuld habe, denn trotz allem htte er ein andrer Mensch werden knnen;
aber auer ihm selbst seien die Verursacher seines Unterganges sein Vater und
seine Mutter. Und nicht lange knne es dauern, dann werde sein Bruder Ivo nach
Hause kommen in derselben Weise wie jetzt er. Damit warf er das Verzeichnis der
Schulden auf den Tisch und sagte, sein Erbteil msse hinreichend gro sein, da
diese Summen nur eine Kleinigkeit dagegen ausmachten, und dann ging er aus der
Tr; erleichterten Herzens, denn er war ein schwacher und schlechter Mensch und
war nun beruhigt in seinem Gewissen, weil er sein Unrecht einem andern
aufgeladen hatte. Wie nun die Nachricht kam von dem Tode des jungen Herrn, da
ereignete sich das Sonderbare, da die alte Grfin pltzlich von ihrem Lager
aufstand, auf dem sie fnfzehn Jahre lang verharrt, und war, als sei sie nie
krank gewesen. Sie lie sich die Kleider kommen, die sie damals zuletzt
getragen, als sie sich gelegt, und whlte sich ein dunkelfarbiges Gewand aus; es
schien aber, als sei sie grer geworden, und ihre Figur hatte sich
verschmlert, so da das Kleid in sonderbarer Weise auf ihr hing, und indem es
gleichzeitig unmodern geworden war und fr einen jugendlicheren Menschen
gearbeitet, machte sie einen seltsam unheimlichen Eindruck in ihrem Aufzug. Mit
Leichtigkeit stieg sie die Treppen und besuchte alle Rume und Winkel und
betrachtete Vorrte und Einrichtungen und fand alles ganz anders, wie sie es
sich auf ihrem Lager gedacht, und geriet in heftige Erregung ber die
Dienstboten; und so schalt sie im Hause herum und zankte mit Bosheit, whrend
die Leiche des Erstgeborenen gebracht wurde und der alte Herr verstrt in seinem
verschlossenen und verriegelten Zimmer sa. Nach dem Herkommen wurde der Tote in
einem groen Saal aufgebahrt, der mit Tannengrn geschmckt war; in dem Saal
hatten seit vielen hundert Jahren die Toten des Geschlechtes gelegen, von
Lichten auf alten Leuchtern ihre wachsfarbenen Gesichter beschienen. Die Leute
aus der Gegend und die Bedienten und die Arbeiter von den Gtern kamen, die
Leiche anzusehen; sie kamen mit ihren Frauen und den schchternen Kindern und
hatten ihre Sonntagskleider angezogen. Da sahen sie die Grfin in wunderlicher
Kleidung, die ber die Leiche des Sohnes ausgestreckt lag und schluchzte, da
ihre Gestalt erschttert wurde. Viele Stunden lag sie so, und wie sie sich
erhob, begann sie wieder ihr mitniges Schelten mit den erschreckten Leuten und
eilte aufgeregt durch alle Rume, Kommodenschubladen aufziehend, in denen sie
vor fnfzehn Jahren alte Flicken aufgehoben, in Schrnken whlend und nach
lngst vertragenen Kleidern forschend, das Porzellan und Glas betrachtend, das
die Wirtschafterin mit zitternden Hnden auf den groen Ausziehtisch stellen
mute, und das Silber nachzhlend, das sie selber putzen wollte.
    Der alte Herr hatte mit schweren Sinnen gerechnet und gezhlt; zum ersten
Male kam ihm jetzt eine Art Klarheit seiner Lage, und er fhlte sich gnzlich
hilflos. Mit schweren Schritten ging er die Treppe hinab, und gebeugt bestieg er
den Wagen, um nach dem Orte zu reisen, wo sein Sohn gestanden. Hier suchte er
den Wucherer auf in seinem Hause, das erst neu gebaut war, denn der Mann war ein
Bauunternehmer; eine marmorne Treppe erstieg er, die mit einem teuren Teppich
belegt war, und kam in ein prunkvolles Gemach; es war ihm, als verlasse ihn
alles Selbstbewutsein, das immer natrlich gewesen war, wie er dem
stiernackigen Menschen gegenberstand, der seine gewhnliche und gemeine Art mit
Kaltbltigkeit hinter einer eignen Hflichkeit verbarg, welche der Graf in den
Kreisen, welche er sonst gekannt, noch nie getroffen hatte; vielleicht war der
Mensch erst vor kurzem aus dem Zuchthause entlassen, und trotzdem wute er sich
so zu haben, da der adelige Mann verwirrt wurde vor ihm. Vergeblich versuchte
der in einer vornehmen und nachlssigen Manier zu sprechen, er mute abbrechen
und nach einer andern Weise suchen; am Ende legte er dem andern mit
Schchternheit seine Verhltnisse offen dar, als sei der gegen ihn ein alter und
wrdiger Herr, dem er vertrauen msse, und der ihn ermahnen und tadeln, aber
auch untersttzen werde. In diesen Minuten, als ihm der knstlich erhaltene
Stolz vor der Kraft eines ehrlosen Menschen zusammenbrach, begann in dem Grafen
eine Verstrtheit, die ihn am Ende kindisch machte. Der andre, der seinen
Vorteil bald bemerkte, wute ihn zu den Absichten zu bestimmen, die er selbst
sich gesetzt, und so wurden die Schulden derart geordnet, da der Graf ihm kaum
je wieder aus den Hnden kommen konnte. Ivo, der zweite Sohn, wurde zu der
Beerdigung erwartet; er versptete sich aber in aufflliger Weise und kam erst,
als die Trger den zugeschraubten Sarg eben auf die Achseln nehmen wollten.
Nachdem die Feierlichkeit beendet war, saen die vier Familienmitglieder in
trben Gedanken beisammen. Am Ende begann der Sohn mit einem Scheine, als handle
es sich nur um Unbedeutendes, da er den Vater auf andre Gedanken bringen wolle,
und habe er in der letzten Zeit Unglck im Spiel gehabt, und brauche er bis zum
bernchsten Tage eine bestimmte Geldsumme, die ihm der Vater gewi geben werde;
absichtlich brachte er die Bitte in Gegenwart der beiden Frauen vor, weil er
dachte, da fr das erste sein Anliegen dadurch geringfgiger erscheinen msse.
    In dem alten Herrn wurden durch diese Worte lngst vergessene Erinnerungen
lebendig, und deren Drang bertubte in seinem geschwchten Geist das
Verstndnis dessen, was er gehrt. So begann er von seiner Jugend zu erzhlen,
und wie man damals anspruchsloser gelebt habe, denn nur an Knigs Geburtstag
habe man Wein getrunken, und sonst Kofent, und er selbst habe einmal seinem
Vater kleine Schulden beichten mssen, da habe ihn der bel aufgenommen und ihm
vorgerechnet, was er selbst arbeite und verbrauche, und habe ihm dann Hausarrest
gegeben vier Wochen lang. Heute aber sei die Jugend leichtfertig, und das
Eindringen der reichen Brgerlichen in die Armee habe die Zeiten vornehmer
Einfachheit verdrngt. Ivo sa da in groer Besorgnis, denn in Wahrheit hatte er
groe Schulden und wute nicht, wie er seines Vaters Reden auffassen sollte. Und
wie der Vater geendet hatte, begann die Mutter, schalt auf die heutigen Zeiten,
in denen es keine treuen und sorgsamen Dienstboten mehr gbe, und erzhlte
weitlufig von ihrer Leinenaussteuer, wieviel Dutzend sie von jeder Sache
gehabt, und wie das alles auseinandergerissen sei, so da sie nichts
Vollstndiges mehr vorfinde, und das Wenige, das noch in den Schrnken liege,
sei bel gewaschen. Dabei war, als seien die fnfzehn Jahre ihres Krankenlagers
gar nicht gewesen, und sie verwechselte die Zeiten, denn indem sie von einigen
Leuten sprach, dachte sie an deren Eltern, die in den Jahren, welche sie im Sinn
hatte, so aussahen wie die jetzt. Dem Ivo wurde es unheimlich durch seine eigne
Angst und durch das wirre Sprechen der Eltern, und er blickte hilfesuchend auf
seine Schwester; die aber hatte ihren eignen Gedanken nachgehangen und seine
Bitte berhrt, weil sie im Ton nicht auffllig gewesen war, und da sie den
Verfall der Eltern allmhlich hatte vor sich gehen sehen, so waren ihr auch
diese Reden nicht auffllig gewesen. So sa sie da im schwarzen und
geschlossenen Kleid, die Hnde im Schoe liegend und ins Leere blickend; sie
bedachte aber, wie sie es erreichen knne, da sie diesem Leben entfliehe, denn
bis zur Unertrglichkeit hatte sich der berdru in ihr gesteigert.
    Aber wie der junge Offizier sich derart ganz allein zwischen diesen drei
Menschen fhlte und seine Sorge ihm mit Schwere auf das Herz fiel, stieg es ihm
hei in die Augen, und zwei Trnen rannen ihm ber die Backen und in die Winkel
des zuckenden Mundes. Hierdurch wurde die Schwester aufmerksam, und indem ihr
nun seine frheren Worte in klares Bewutsein traten, fragte sie erschreckt, ob
seine Schuldenlast vielleicht sehr hoch sei; er aber war so bekmmert, da er
nicht zu reden vermochte, und so nickte er nur mit dem Kopfe. Dann, whrend sich
inzwischen unter den Eltern ein Streit entspann um ein silbernes Salzfa, das
die Mutter vermite, klagte er mit abgerissenen Worten der Schwester, da es ihm
an Mut fehle, um seinem Leben ein Ende zu machen, denn das sei ja doch der
einzige Ausweg. Als er das sagte, schrie sie laut auf und verhllte ihr Gesicht;
der Vater wendete sich langsam zu ihr und fragte sie nach der Ursache ihres
Schreiens, und indem er an den Wortwechsel ber das Salzfa dachte und in seinen
trben Gedanken meinte, da es sich bei diesem um etwas Wichtiges handle, das
auch seine Tochter schwer betrbe, suchte er mit der alten Gewohnheit
liebenswrdiger Gesinnung sie zu trsten, indem er sagte, da dieses Salzfa
sich schon noch wiederfinden werde, und sie als ein Kind brauche sich nicht
solche Sorgen zu machen wie die Erwachsenen. Bei diesen Reden wurde dem jungen
Ivo der Zustand seiner Eltern endlich ganz klar, und er versprte mit
Erschrecken, da er zu seinen eignen verworrenen Verhltnissen nun auch noch das
Bedenken der Familienangelegenheiten auf sich nehmen msse, und nur geringer
Trost war es ihm, da er jetzt die Mglichkeit in der Hand habe, seine Lage in
die Richte zu bringen, denn es ahnte ihm wohl, wie arg alles verwickelt war.
Indessen besprach er sich nun mit der Schwester, was zu tun sei, und beruhigten
die beiden die Eltern und brachten die mit Schonung dahin, da sie ungestrt von
ihnen blieben und sich mit Ruhe beraten konnten.
    Die ganze Nacht brannte in dem Arbeitszimmer des alten Grafen eine schlechte
Lampe ohne Glocke, die sie sich aus der Kche hatten heraufbringen lassen; bei
ihrem Schein lasen sie Aufzeichnungen, Ausgabenberechnungen,
Einnahmenverzeichnisse und allerhand Aufstellungen ber die
Vermgensverhltnisse, und als letztes fiel ihnen das Blatt Bolkos in die Hand
und die Urkunden ber die Unterhandlungen mit dem Wucherer. Es war den Ungebten
nicht mglich, ein klares Bild aus dem Wirrwarr zu gewinnen, in dem sich der
alte Herr selbst ja schon seit langen Jahren nicht mehr zurechtgefunden hatte;
aber eine recht deutliche Vorstellung von ihrer Lage gewannen sie doch
vornehmlich aus einem Schreiben, in welchem der frhere Vermgensverwalter um
seine Entlassung bat, der eine andre Stellung angenommen hatte. Indessen drngte
die Zeit, denn Ivos Hauptschuld war fllig, und er hatte seine Ehre verpfndet,
und so ersparte die Notwendigkeit eines schnellen Entschlusses ihnen die
Verzweiflung, die sie berfallen htte, wenn sie sich lnger htten bedenken
knnen, und es blieb kein weiterer Ausweg, als da sich Ivo an den Wucherer
seines Vaters wendete, da dieser die Verhltnisse am besten kannte und deshalb
am leichtesten geneigt sein mute zur Aushilfe. Was dann weiter geschehen
sollte, insbesondere mit dem Vater, und wie Ivo die Ordnung und Verwaltung der
Geschfte in die Hand nehmen wrde, das mute man nachher bedenken.
    Eine kurze Zeit war noch bis zur Abfahrt des Wagens fr den Zug, den Ivo
benutzen mute. Er trat zu seiner Schwester, und sein Gesicht, das gestern noch
leichtfertige und leere Zge aufgewiesen hatte, erschien gealtert und mnnlicher
geworden; und indem er ihre Hand erfate, sprach er zu ihr in einem neuen und
tiefen Ton, den sie bis dahin nicht von ihm gehrt.
    Liebe Schwester, wir sind die letzten von einem alten Geschlecht, zu dem
viele Menschen durch Jahrhunderte aufgesehen haben. Nun gehe ich einen schweren
Weg, denn ich wei nicht, ob ich bekommen werde, was ich suche; bekomme ich es
aber nicht, so mu ich sterben, denn wenigstens liegt mir das ob, zu achten, da
unser Name nicht in Unehren erlischt. Du bleibst dann allein zurck, aber ich
habe um dich keine Sorgen, denn du wirst schon eine Stelle fr dich finden in
der Welt; das sehe ich jetzt mit ruhigen Augen, denn seit mir offenkundig
geworden ist, vor welcher Entscheidung und Ernsthaftigkeit ich stehe, habe ich
pltzlich einen neuen Blick bekommen, Leben und Menschen zu betrachten, ber die
ich vorher gar nicht nachgedacht. Ich wei, da mein Bruder meinte, unseres
verfehlten Lebens Ursache seien unsre Eltern, und ich selbst habe wohl dieser
Meinung beigepflichtet in Stunden, wo das Gewissen mich mahnen wollte; aber
dabei wute ich doch immer im Herzen, da ich nur eine schlechte Ausflucht
meiner Angst suchte, und im Innern wute ich mit groer Furcht, meines
verfehlten Lebens Ursache sei ich selbst, denn ich gab mich hin an schlechte
Menschen und war gedankenlos und berlegte nicht meiner Schritte Folgen, und
alles, was ich tat, verstrickte mich immer mehr in das Netz, dessen Maschen mich
nun so eng umschnren; und schon daraus, da ich bisher immer mehr gefesselt
wurde, wrde ich annehmen, wie auf die Stimme eines Dmons hrend, da mein
Suchen vergeblich sein wird und meines Lebens Ende unabwendbar nahe ist. Nicht
wenig aber hat die heimliche Gewissensangst selber zu meiner Verstrickung
beigetragen, denn sie selbst machte blind, und gleicherweise das Streben, ihr zu
entgehen, indem ich sie mir leugnete, machte blind. Nun aber, in dieser Nacht
der Verzweiflung, habe ich ein neues Licht gesehen, und ich wei nun, da
niemand eine Schuld hat, nicht meine Eltern und nicht ich, sondern wir sind
getrieben durch eine Macht zu dem Ende, das sie gewollt hat, und ich glaube, da
ihr Wille gut und ntzlich ist. Denn wenn die Macht den Willen hat, da einer
ins Licht kommen soll und sein Geschlecht in die Hhe fhren, so ist der
pflichtlos und heiter, sorgt nicht und ringt nicht, und ohne sein Zutun wchst
er, wie der Baum wchst, hoch wird und breit, und seine Form ist ebenmig; aber
wer ringt und wessen Gewissen kmpft und wer will und wessen Verstand ein Ziel
sieht, der ist ein Mensch, der zerfllt, denn er hat sein Band nicht mehr; und
was er auch tut, das gereicht ihm alles zum Unsegen; und zum schlimmsten Unsegen
gereicht es ihm, wenn sein Gewissen ein eifriger Mahner ist. Den andern aber
treibt es ruhig und in Kraft zur Hhe, durch kluge Handlungen und trichte, und
durch gute Taten und schlechte. Und nun ist das sonderbarste, da mir jetzt
pltzlich die Fhigkeit geworden ist, durch meinen Blick die Menschen zu
unterscheiden, ob sie von dieser Art sind oder von jener; denn zwar hat unsre
gegenwrtige Weise des Lebens die Kraft, die Menschen strker zu zersetzen und
aufzulsen wie frhere Zeiten, und so entgehen auch die zum Glck Bestimmten
nicht solchen Jahren, wo es scheint, als haben sie ihr Band nicht mehr, und ihre
Gedanken klagen einander an, und ihre Handlungen scheinen keinen guten Ausgang
zu haben; aber dennoch kann ich diese Guten deutlich unterscheiden von den
Geringen; und indem ich die Augen schliee, sehe ich deutlich vor mir, wie meine
Freunde und Bekannten sich teilen in die beiden Lager. Diese Worte wollte ich
dir hinterlassen zu einer Erinnerung an mich, und auch als einen Trost, wenn du
ber mein Schicksal bekmmert sein solltest, was ich zwar nicht denke, denn ich
habe dir nichts erwiesen, aus dem du eine Liebe gegen mich httest schpfen
knnen, und nun ist es ja fr solches zu spt. Aber denke nur, da ich ohne
Bekmmernis und in Ruhe den Pfad schreite, der mir vorgeschrieben ist.
    Nach dieser Rede ging Ivo und machte denselben Weg, den sein Vater gemacht
zwei Tage vorher; aber wie er vorausgesehen, hatte sein Suchen nach Geld keinen
Erfolg. Und so kam die Kunde in die Heimat, da der zweite Sohn seinem Leben
selbst ein Ende gemacht habe, und mit dieser Kunde kam eine verwirrte Erzhlung
von einem Mdchen, die zu derselben Zeit in den Tod gegangen sei. Das war ein
blutjunges Wesen, das kaum zur Jungfrau herangereift war, die wohnte mit ihrer
Mutter in einem kleinen Stbchen, das ein schrges Dach hatte und ein einziges
Mansardenfenster, aus dem man ber die Dcher und in den rauchverhngten Himmel
der Grostadt sah. Zwei wei bezogene Betten, ein rmlicher Tisch und zwei
schlechte Sthle waren in dem Kmmerchen, und ein herrlicher groer Spiegel aus
geschliffenem Glas in kunstvollem Glasrahmen aus Venedig, der das Licht
tausendfach widerblitzte.
    Die Kleine war eine Schauspielerin, die zu einem groen Theater gehrte,
aber wegen ihrer Jugend, und weil sie sich auf der Bhne befangen und eckig
zeigte, erhielt sie keine groen Rollen, sondern wurde immer nur zu ganz
unbedeutenden Nebenfiguren verwendet, und meistens zu Dienstboten, wo sie dann
einige unwichtige Worte zu sprechen hatte. Es lebte aber eine groe Sehnsucht in
ihr nach der Kunst, und es berauschte sie, wenn sie an die Lampen dachte und an
den dunkeln Zuschauerraum und an eine Leidenschaft, die ihr das Herz
berflieend machte, da sie htte die Arme ffnen mgen, und an den schnen
Klang voller und tiefer Worte. Deshalb lernte sie eifrig fr sich und studierte,
und wenn sie einen Abend frei hatte, so zndete sie Lichte an, da der herrliche
Spiegel blitzte und funkelte, und trat im Kostm ihrer Rolle vor den Spiegel und
spielte, was sie am meisten liebte; vornehmlich aber war das die Ophelia. Da
trug sie ein weies Kleid, das durch einen goldenen Grtel gehalten wurde, und
ihre gelben Locken flossen ber ihren zarten Nacken. So stand sie vor dem
blitzenden Spiegel und sprach:
    Da ist Rosmarin, das ist zur Erinnerung: ich bitte Euch, liebes Herz,
gedenket meiner! Und das Vergimeinnicht, das ist fr Liebestreue. Da ist
Fenchel fr Euch und Aklei, da ist Raute fr Euch, und hier ist welche fr mich,
wir knnen sie auch Reue, Gnadenkraut nennen - Ihr knnt Eure Raute mit einem
Abzeichen tragen. Da ist Malieb - ich wollte Euch ein paar Veilchen geben, aber
sie welkten alle, da mein Vater starb. Sie sagen, er nahm ein gutes Ende.
    Whrenddem stand die alte Mutter in der Ecke, und Trnen des Glckes liefen
ber ihr blasses Gesicht, und sie freute sich der lieblichen und schn
klingenden Stimme und der gelben Locken und zarten Gestalt. Und die Tochter
umarmte sie, kte sie und fragte: Wann werde ich die Ophelia spielen drfen?
Meinst du, noch diese Spielzeit? Und vor Sehnsucht und Glck weinte auch sie
klare Trnen.
    Und an dem Abend, da Ivo auf seiner einsamen Stube sa und an sie einen
Brief schrieb voll schmerzlicher Worte des Abschiedes und der Sehnsucht nach
Glck, und dann holte er seine Waffen hervor und machte sie bereit, da geschah
es ihr, da Hamlet gegeben wurde, und kurz vor dem Aufziehen des Vorhanges fiel
die Darstellerin der Ophelia, die eine berhmte Knstlerin war, ber einen
vergessenen Bohrer, und verletzte sich den Fu derart, da sie nicht auftreten
konnte; und wie der Inspizient und die Schauspieler in groer Verlegenheit
standen, denn durch einen besonderen Zufall war die Darstellerin, der die Rolle
sonst in der zweiten Besetzung anvertraut wurde, fr den Abend krank gemeldet,
da trat die Kleine mit klopfendem Herzen vor und bot sich an, und in der
allgemeinen Kopflosigkeit nahm man ihr Anerbieten an, das in einem ruhigen
Augenblick wohl lchelnd abgewiesen wre. Und nun stellte sich die Kleine vor
die Lampen und den dunkeln Zuschauerraum, im weien Kleid mit dem goldenen
Grtel, wie sie so oft vor dem strahlenden Spiegel gestanden. Wie Laertes sie
ermahnt: Schlaf nicht, la von dir hren, antwortet sie in ser Verwirrung
ihr Zweifelst du daran? Und in den drei Worten klang ihre Angst und Hoffnung,
ihre Liebe und Furcht so wunderbar an die Ohren der Hrenden, da alle
zusammenzuckten, als in Ahnung des angeknpften Unheils dieser lieblichen
Gestalt; und in einem Nu war ein Faden gesponnen zwischen ihrem Munde und den
Herzen der Zuschauer, den sprte sie immer strker werden, wie sie dem Bruder
ihre kindliche Ermahnung gibt und ihrem Vater antworten mu, bis zu dem Ich
will gehorchen, Herr. Da war erst eine atemlose Stille, wie der Zwischenvorhang
fiel, und ihr schien, als mten alle ihre Herzschlge hren, und dann kam ein
sonderbares Gerusch, das sie erst gar nicht verstand, wiewohl sie schon oft den
Beifall fr andre gehrt hatte, und wie sie noch so zweifelnd harrte, da ging
der Vorhang wieder in die Hhe und ihre Mitspieler fhrten sie mit dankbarer
Verbeugung vor die Rampe. Dann sprachen andre mit ihr, und sie antwortete und
fhlte, da sie beglckwnscht wurde, und trat wieder auf, und das Stck hatte
seinen Fortgang, und auch die Stelle sprach sie: Da ist Rosmarin, das ist zur
Erinnerung: ich bitte Euch, liebes Herz, gedenket meiner! Und da ist
Vergimeinnicht, das ist fr Liebestreue.
    Schwankend und mit unsicheren Schritten ging sie nach Hause, wo ihre Mutter
sie erwartete, die noch nichts ahnte; und wie sie in das helle Kmmerchen trat,
wo das drftige Abendbrot auf dem Tische stand und die Mutter fleiig an einem
Kleid fr sie nhte, da konnte sie sich zuerst gar nicht verstndlich machen,
aber die Mutter erriet schon und jubelte, und eine Lustigkeit kam ihr ber das
verhrmte Gesicht, und sie wurde beweglich und geschwtzig als eine alte
Schauspielerin, die freilich nie zum Hheren gekommen war, und indes die Tochter
munter a, erzhlte sie alte Bhnengeschichten und die Legenden, wie diese
entdeckt war und jener seinen ersten Erfolg gehabt hatte, fragte dazwischen und
beantwortete selbst ihre Fragen, und hatte endlich in allem ein so wunderliches
Wesen, da die Tochter zuletzt in ein lautes und herzliches Lachen ausbrechen
mute.
    Erst spt gingen die beiden schlafen unter vielen Plnen und Hoffnungen, und
frher wie sonst wachten sie wieder auf, wie die helle Wintersonne auf die
gefrorenen Fensterscheiben schien. Lachend vor Klte sprang sie aus dem Bett,
heizte schnell den kleinen Eisenofen an und kroch wieder in das warme Lager, um
noch in behaglichen Gesprchen abzuwarten, bis das Stbchen sich erwrmte und
das dicke Eis des Fensters abtaute. Dann erhoben sich die beiden, kleideten sich
an und bereiteten sich das Frhstck; wie sie sich setzen wollten, klingelte der
Brieftrger; sie kam jubelnd zurck; da war ein Brief von Ivo, der war gewi
gestern im Theater gewesen und hatte gleich geschrieben.
    Aber wie sie den Brief aufgerissen hatte, wurde sie totenbla; hastig
kleidete sie sich fr die Strae an und eilte in Ivos Wohnung. Da standen schon
Neugierige auf der Strae, und Schutzleute bewachten den Eingang des Zimmers,
damit nicht Unberufene eindringen sollten, aber durch ihren Anblick wurden sie
bestrzt und lieen sie durch. Da lag Ivo auf dem Fuboden, unentstellt, denn
seine Kugel hatte gut getroffen, und nur die Tischdecke war ein wenig
verschoben. Der Pistolenkasten stand auf dem Schreibtisch; sie nahm die andre
Waffe heraus, ehe den Schutzleuten ihre Bewegung klar wurde, und indem sie gegen
sich abdrckte, fiel sie neben ihrem Geliebten zur Erde.
    Wie die Unglcksflle ber die grfliche Familie hereinbrachen, bemhten
sich bereitwillige Verwandte um Hilfe. Ein Vetter erschien, ein lterer und
unverheirateter Mann, der als ein Sonderling galt, der ordnete, was zunchst
notwendig war, denn die junge Grfin Maria war zu unerfahren, und die alten
Herrschaften schienen beide ihrer Sinne nicht mehr ganz mchtig zu sein. Deren
Schicksal war nun bestimmt und unabnderlich, und so bemhte sich der Vetter
vornehmlich, fr die junge Dame etwas auszudenken.
    In der ersten Zeit erschien die recht verschlossen und ohne Teilnahme fr
irgend etwas, bis an einem Abend der Vetter im rger aus sich herausging und sie
schalt, da sie wohl auch nur so sei wie alle, die etwas musizieren, etwas
malen, englische Romane lesen und Konversation machen. Auf die Vorwrfe
erwiderte sie, da sie gar keine besonderen Talente gehabt habe und wohl gern
die Hauswirtschaft geleitet htte, aber das habe sie nicht gedurft; aber wenn es
mglich sei, da sie etwas nach ihrem Willen tun drfe, so mchte sie wohl
Krankenpflegerin werden. Hierber wurde der Verwandte recht erstaunt und fragte
sie, ob sie denn fromm sei; das verneinte sie und sagte, sie habe vieles
gelesen, und wenn sie sich auch kein Urteil anmaen wolle, so msse sie doch
sagen, da sie nicht kirchenglubig sei; und wie der Verwandte weiter forschte,
stellte sich heraus, da sie gnzlich atheistisch gesinnt war, und wollte aber
Menschen ntzlich sein und eine Beschftigung haben, die sie befriedigte.
    Da wurde der Verwandte gerhrt und erzhlte, da er als junger Mann eine
groe Neigung zur Medizin gehabt, und weil das damals nicht als standesgem
gegolten, ein solches Studium zu beginnen, so habe er sich von seiner Neigung
abwenden lassen; dadurch aber habe er sein Leben eigentlich zugrunde gerichtet,
denn indem er zu dem andern, das er nun wirklich getrieben, keine innere Neigung
gehabt, sei er nie zu Befriedigung und rechter Arbeit gekommen. Deshalb, weil er
selbst das durchgemacht habe, wolle er ihr helfen bei ihrem Vorhaben, und es
freue ihn, da sie ihrem jetzigen Leben entsagen wolle, denn das Leben der
Vornehmen werde im Grunde doch nur durch die Furcht vor den Leuten bestimmt, die
trotzdem nicht so schlimme Dinge verhten knne, wie sie eben mit Vater und
Brdern durchgemacht. Nach solchen Worten schlo er sie in seine Arme und kte
sie auf die Stirn; und dann ermahnte er sie nochmals, sie solle bei ihrem Mute
verharren, denn der komme aus einem guten Gewissen; und wenn ngstliche ihr
vorstellen wrden, da es ihre natrliche Pflicht sei, da sie ihre Eltern
pflege, so solle sie nicht darauf hren, sondern solle ruhig tun, was sie sich
vorgenommen.

Weiland hatte sich bald nach dem letzten Zusammentreffen mit Hans und Karl
verheiratet. Um wenigstens uerlich zu zeigen, welche geringe Bedeutung sie der
brgerlichen Eheform beilegten, waren das Brautpaar mit den beiden Zeugen,
welche Freunde von Weiland waren, in Alltagskleidung zum Standesbeamten
gegangen; da hatten sie in einem staubigen und leeren Vorzimmer gewartet und
waren dann zu dem Beamten eingetreten, der hinter einem gelbpolierten Tisch sa
und einen Federhalter im Mund hielt und in der Rechten ein Lineal hatte. Der
prfte die Papiere der Zeugen, nahm die Aushangsbescheinigung zu seinen Akten,
fllte das Formular in seinem dicken Buche aus, las dann seine Niederschrift
laut vor und lie die Anwesenden unterschreiben, indem er mit rgerlichen Worten
mahnte, da sie keine Kleckse machen und nichts durchstreichen, auch ihre
Vornamen nicht abkrzen sollten. Dann unterschrieb er selbst, und indem das Paar
und die Zeugen noch in Erwartung weiterer Geschehnisse standen, winkte er
ungeduldig mit der Hand, da sie entlassen seien und gehen mten. Im Vorzimmer
wnschten die beiden Zeugen mit verlegenen Mienen Glck, und das Brautpaar lud
sie der Verabredung gem zum Mittagessen ein. So gingen die vier mit leerem und
verwirrtem Gemt in eine Gastwirtschaft, da bestellte der junge Ehemann nach der
Karte das Essen, und die ble Stimmung besserte sich ganz allmhlich, indem alle
zuerst die Speisen lobten und dann die Unfreundlichkeit des Standesbeamten
tadelten; nur die junge Frau blieb fast stumm, und man sah, da sie sich
bezwang, um nicht zu stren. Nicht lange verharrte die Gesellschaft an dem
unbehaglichen Ort, sondern nachdem sie gegessen hatten, standen sie auf und
gingen, und auf der Strae verabschiedeten sich die Freunde mit Danksagungen und
nochmaligem Glckwunsch, und dann faten die Eheleute sich unter den Arm und
gingen ihrem Heim zu, das sie sich schon vorher eingerichtet hatten.
    Sie gingen durch die Haustr und ber den Hof und sahen die neugierigen
Gesichter der Mitbewohner an den Fenstern und erstiegen die schmalen Treppen und
gingen an den verschlossenen und mit Namenschildern versehenen Tren der
Wohnungen vorbei in die Hhe, und immer niedergedrckter wurden sie, wie sie so
immer hher stiegen auf der schmutzigen und ungastlichen Treppe. Nur wie sie vor
ihrer Tr ankamen, an der bereits das neue Namenschild befestigt war, hatten sie
ein glcklicheres Gefhl, aber wie sie dann aufgeschlossen hatten und in dem
engen und dunkeln Korridor standen, fiel sie ihm um den Hals, schluchzte und
weinte heie Trnen aus dem tiefsten Herzen herauf, und die Erinnerung an die
schmutzige Treppe, die sich eintnig an den gleichmigen Tren vorbei in die
Hhe wand, bewirkte ihnen beiden eine heftige Vorstellung von dem einfrmigen,
freudeleeren und gedrckten Leben, das heute armen Leuten bevorsteht, wenn sie
ihre Jugend verlassen und die Sorgen der Ehe auf sich nehmen. Und wiewohl sie ja
jetzt noch jung waren und selbst die Sorgen noch nicht erlebt hatten und ein
frhliches Stbchen hatten mit neuen Mbeln und frischen Gardinen, und die Sonne
schien hier oben in ihre Fenster, so standen doch vor ihrem Sinn die vielen
beladenen, mimutigen, vergrmten und besorgten Menschen, die sie in ihrem Leben
schon gesehen, und sie wuten, da nicht lange mehr ihre Heiterkeit und roten
Backen andauern wrden.
    Aber wie den armen Leuten gegeben ist, da sie die Gegenwart zu genieen
vermgen, so kamen auch die beiden bald ber ihre Verstimmung hinweg, freuten
sich ihres Stbchens und ihrer Kche, des neuen Sofas und des Salontisches, auf
dem eine Visitenkartenschale stand, und des Vertiko; und wiewohl Sofa, Tisch und
Schrnkchen, neben dem Teppich und den Sthlen und allem anderen, ja neben den
bunten Bildern von Marx und Lassalle an den Wnden, genau gleich waren tausend
andern Sofas und Tischen, Schrnkchen und Sthlen, die in tausend andern
Wohnungen junger Leute standen, so schien ihnen ihr Stbchen doch etwas
Besonderes und Schnes zu sein, das kein anderer Mensch hatte; und wenn sie zwar
der festen Meinung lebten, da die Zukunftsgesellschaft auch das husliche Leben
viel vernnftiger ordnen werde, wie es jetzt ist, so waren sie doch jetzt
glcklich und zufrieden, wie sie ehrfurchtsvoll vor ihrem Salontisch saen, auf
dem die Visitenkartenschale aus bronziertem Zinkgu in der Sonne blitzte.
    So fhrten sie ihre erste Zeit in harmloser Freude und genossen beide das
Glck der jungen Ehe und die Vorstellung von einer besonderen Freiheit in ihr,
die sie durch ihre Anschauungen und Gesinnungen hatten, da nmlich die Frau
nicht unterdrckt und ausgebeutet werde, und da sie so in Wahrheit in freier
Liebe lebten.
    Derart hatten sie ausgemacht, da sie des Morgens abwechselnd frher
aufstehen wollten, denn beide muten um sechs Uhr auf ihrer Arbeitsstelle sein,
und nun sollte den einen Tag der Mann und den andern Tag die Frau zuerst das
Bett verlassen, um fr beide den Morgenkaffee herzurichten. Nach dieser
Verabredung begann den ersten Tag die junge Frau, und mit sonderbarem Behagen
erwachte der Mann von einem leisen Huschen auf den Dielen, da sah er durch die
halboffene Tr, wie sie den neuen Petroleumapparat instand setzte und Wasser in
das Blechgeschirr mit prasselndem Gerusch aus der Wasserleitung lie, und
whrend das hei wurde, ma sie den Kaffee ab in die Mhle, nahm die zwischen
die Knie und begann zu mahlen. Dann wischte sie den sauberen Kchentisch noch
einmal ab und rckte die Sthle davor, holte den Frhstcksbeutel herein und
setzte den Topf mit der Milch zurecht. Und wiewohl das alles nur ganz einfache
Dinge waren, die nun von jetzt an jeden Tag geschehen sollten, so kam ihm doch
ein sonderbares Glcksgefhl ins Herz, indem er zufrieden in seinem Bette lag.
    Am andern Tag war die Reihe an ihm; da stand er vorsichtig auf, um seine
Frau nicht zu wecken, die indessen mit verbissenem Lachen sich nur so stellte,
als schlafe sie noch; mit ungeschickten Hnden brachte er die Kochmaschine in
Ordnung, wie er es gestern gesehen; aber schon als er das Wasser in die
Kasserolle lie, war er irr, und wie er die Bohnen mahlen sollte, wute er
nicht, wie viel er nehmen durfte. Da mute er zu ihr gehen und sie fragen, sie
aber antwortete, da er ganz ungeschickt sei und nie die Handgriffe lernen
werde, und da die Mnner berhaupt solche Sachen nicht verstnden, und dann
sprang sie geschwind aus dem Bett, nahm alles in ihre flinken Hnde und besorgte
mit Schnelligkeit das Frhstck, indessen der Mann gehorsam zuschaute.
    In solcher Weise geschah es, da nach einiger Zeit die rasche Frau doch alle
frauenhafte Arbeit in ihre Hnde nahm, indem sie freilich ihren Mann hufig
ausschalt; dieser aber, der sich schnell zu groer Geduld entwickelt hatte, nahm
solches Schelten nicht bel, da es ja nicht bse gemeint war und eigentlich eine
Zrtlichkeit ausdrcken sollte.
    Wenn am Abend die Arbeit beendet war und das Abendbrot verzehrt und das
Geschirr aufgerumt, so begann fr die beiden der schnste Teil des Tages, denn
der Mann nahm vom Bchergestell an der Wand ein aufklrendes Buch, etwa Bebels
Frau oder Zimmermanns Wunder der Urwelt, las vor und erklrte; die Frau
aber, die fleiig stopfte und flickte, hrte eifrig zu, fragte und widersprach,
und recht oft kam zwischen beiden eine lehrreiche Diskussion zustande. In den
meisten Fllen drehte sich der Streit darum, was die Arbeiter unter den
gegenwrtigen Verhltnissen tun knnten, indem der Mann meinte, da sie sich
aufklren mten und Bildung erwerben, die lebendige Frau aber schalt, da die
Mnner trge und mutlos seien und zu Taten vorgehen mten, und wenn sie selbst
ein Mann wre, so wrde sie gewi suchen, die Arbeiterklasse durch ein Attentat
von einem besonders schlimmen Bedrnger zu befreien, damit die andern Furcht
kriegten. Hierauf erwiderte der Mann, da sie durch solche Handlungen ja
Ausnahmegesetze rechtfertigen wrde und den ruhigen Fortgang der Entwicklung
stren, von dem man alles erwarten msse.
    Indem die beiden dergestalt fr sich lebten, geschah es ganz natrlich, da
sie weniger in Versammlungen gingen und der Mann auch geringeren Anteil nahm an
der geheimen Ttigkeit seiner Freunde in Verbreitung verbotener Schriften oder
im Sammeln von Geld; er sagte ihnen aber, da er seinen Mann stehen werde, wenn
es ntig sei; und wenn etwa die zunehmende Macht der Arbeiter die Regierung zu
weiteren Unterdrckungsmaregeln treibe und diese dann in einer bewaffneten
Erhebung antworteten, um die soziale Republik zu begrnden, das etwa in zwei
oder drei Jahren geschehen knne, so wolle er selbstverstndlich sogleich mit in
die Reihen der Kmpfenden treten.
    Inzwischen zeigte es sich zu ihrer groen Freude, da die Frau ein Kind
erwartete, und nun machten sie neue Plne und Hoffnungen, wie sie das nicht
wollten taufen lassen und als ein freies Wesen auferziehen ohne den Glauben an
alle die Erfindungen, welche die herrschenden Klassen benutzten, um das Volk
niederzuhalten, und dazwischen erzhlte die Frau von einem schnen Kinderwagen,
auf den sie jetzt schon sparte, denn er sollte Gummirder haben, und auch von
Jckchen und Mtzchen sprach sie; diese Gedanken schienen zwar dem Mann tricht,
allein er mochte doch nicht recht etwas gegen sie vorbringen, denn sie konnte
viel schneller sprechen wie er und auch viel mehr. Er selber trug sich indessen
mit noch andern Absichten; denn es war damals zuerst die Sitte aufgekommen, da
die Spekulanten ihre unbenutzten Grundstcke, die zu Baupltzen bestimmt waren,
in kleinen Abteilungen an Arbeiter verpachteten, die allerhand Gemse und Blumen
auf dem sandigen Boden zogen und sich eine Laube bauten und am Feierabend mit
Weib und Kind sich hier in lndlicher Arbeit erfreuten. Einige Arbeitsgenossen
von Weiland hatten sich zusammengetan zu einer solchen Ansiedelung, die sie
Klein-Kamerun nannten; diesen dachte er sich anzuschlieen, wenn er seine Frau
von der Vortrefflichkeit des Planes berzeugte, und die Frau sollte das
Abendbrot in der Laube zurichten, und da wrden sie dann im Freien essen, und
das Kind sollte auch im Wagen anwesend sein und die frische Luft mit genieen,
und nach dem Essen wollte er dann immer graben, pflanzen und jten. Derart
lebten die beiden als zielbewute und ganz umstrzlerisch gesinnte Arbeiter doch
in allerhand Wnschen, wie sie wohl kleine Brger haben mgen, und es zeigte
sich auch an ihnen, da die Gedanken der Menschen immer viel weiter greifen, wie
ihr eigentliches Streben ist, das fr einen Arbeiter in Wahrheit ja doch immer
nur auf ein greres Behagen gehen kann und auf die Art von Freiheit und
Sittlichkeit, welche er versteht, nmlich des kleinen Brgers, weil er den
gerade ber sich sieht.
    So nahte sich die Zeit, wo die Frau entbunden werden sollte. Als eine
fleiige und frische Person ging sie noch bis in die letzten Tage auf ihre
Arbeit, und weil sie jung und gesund war, so geschah alles ohne besondere
Unflle und in richtiger Weise. Und nun war das Leben und das Glck, das sich
jedesmal wiederholt, wo eine Familie wenigstens nicht mit allzu groem
Leichtsinn gegrndet ist, wenn das Erstgeborene kommt; zwar hatten sie nur ein
Mdchen, aber doch war der Vater so stolz, da er meinte, er sei fast allen
seinen Arbeitsgenossen berlegen, und die Mutter dachte, ein so krftiges,
gesundes und kluges Kind sei doch eine sehr groe Ausnahme; den Namen gaben sie
ihm nach den drei von ihnen am meisten verehrten Mnnern, nmlich Marx, Lassalle
und Bebel, als Karoline Ferdinande Auguste. Es stellte sich naturgem heraus,
da die Frau zunchst ihre Arbeit lassen mute, und so hatten die Ehegatten
jetzt wieder viele Gelegenheit, ber die bessere Organisation solcher Dinge in
der knftigen Gesellschaft zu reden, wo eine gelernte und gebte Pflegerin eine
Menge Kinder versorgen kann, indes die Mtter ihrer Arbeit nachgehen, die wegen
ihrer geringen Kenntnis und bung, auch wegen des bekannten Nachteils jeden
Kleinbetriebes, doch gewi ungeeignetere Pflegerinnen wren wie jene, und meinte
die Frau, sie wrde sich sehr gern von der Gesellschaft an solche Stelle als
Pflegerin setzen lassen, denn dabei htte sie ihr Kind doch immer bei sich, das
sie auch nicht bevorzugen wolle. Inzwischen erwies sich das Kind als krftig
wachsend und froher Gemtsart und bekam einen sehr schnen Wagen mit
Gummirdern, um den vorher die Frau eines Amtsrichters vergeblich gefeilscht
hatte, er war der aber zu teuer gewesen, und auch alle seine Wsche war sehr
schn.
    Hans und Karl hatten die Freundschaft mit den beiden aufrecht gehalten, und
obschon sie zwar kein rechtes Verstndnis fr kleine Kinder hatten, so freuten
sie sich doch des Glckes der Eltern mit. Zuweilen kamen sie am
Sonntagnachmittag in die kleine Wohnung mit den ngstlich geschonten Mbeln,
brachten allerhand Zugebrte in Papier gewickelt, wie Wurst und Kse, und aen
dann mit der Familie unter frhlichen Gesprchen zu Abend; und erzeugte die
Annherung der Klassen in dem Schuhmacher und den Studenten auf beiden Seiten
ein besonderes Hochgefhl und eine gewollte Freude, als kmen sie alle in eine
neue Freiheit, indem es ihnen freilich oft mit Schwere auffiel, da es
eigentlich wenig war, was sie einander sagen konnten, und da sie fast sich
gegenberstanden wie Menschen verschiedener Sprachen, die durch einige
allgemeinverstndliche Laute und Zeichen einander ihre Freundschaft versichern.
    Auch Jordan war oft zu Besuch bei den jungen Leuten, jener ruhige Mann, der
damals in der Versammlung ihnen die Spuren der Ketten an seinen Kncheln gezeigt
hatte. Einmal, als er mit den beiden Studenten zusammen von dem Ehepaar wegging,
war er in sehr trber Stimmung und in jener Verfassung, die zu Klagen und
Erzhlungen treibt. So sprach er von seiner Heimat, wo er bei einem alten
Meister gelernt, der ihn lieb gewonnen hatte, weil er Sonntags nicht zum Tanzen
ging und zu Biere, sondern zu Hause blieb und Bcher las; der hatte ihm gesagt,
wenn er seine Wanderschaft beendet habe, so solle er wiederkommen, dann sei er
selbst so weit, da er nicht mehr arbeiten knne, dann solle er seine Werksttte
bernehmen und seine Kundschaft bekommen. Nun hatte er aber gesehen, wie berall
das Handwerk durch die Fabriken verdrngt wurde, und auch die Schuhmacher
konnten sich nicht lange mehr halten, und wenn jetzt ein junger Mensch sich in
einem kleinen Ort als Meister niederlie, so mochte er ja wohl noch ein paar
Jahre lang sein Auskommen haben, aber dann ging das Handwerk doch zugrunde, und
da war es besser, gleich in jungen Jahren in die fabrikmige Produktion zu
gehen, solange man sich noch gewhnen konnte, und vielleicht bekam er eine
bessere Stellung. Weshalb Jordan das erzhlte, wurde nicht klar; aber der Grund
war, da er Heimweh hatte und sich aus dem groen Fabriksaal mit den
schnurrenden Maschinen und der hastigen Arbeit wegsehnte in die kleine
Schusterwerksttte mit dem Schemel, dem Knieriemen und der Glaskugel vor dem
Licht. Weiterhin erzhlte er, da er versprochen gewesen sei, kurz vor seiner
Verhaftung, und das Mdchen habe er auch von Jugend auf gekannt, denn was man so
in Berlin sehe von Mdchen, da wisse man bei keiner, was der schon alles
passiert sei, und das sei ja wohl nicht richtig, wenn man als junger Kerl sein
Herz an ein Mdchen hngt, denn man knne ja tausend haben fr eine, aber weil
er sie so lange gekannt und auch ihre Eltern, so sei er doch der Meinung
gewesen, er habe etwas Gutes. Wie er aber wieder aus dem Gefngnis
herausgekommen sei, da habe er sie mit einem andern verlobt gefunden, und sie
habe ihm nur gesagt, die Jugend gehe schnell vorbei, und nachher kommen die
Sorgen, darum sei man dumm, wenn man seine Jugend mit Warten hinbringen wolle.
Damals sei er an allem verzweifelt, und wenn er nicht aus der Schrift von Engels
gegen Dhring gelernt htte, da die Handlungen der Menschen durch die
Verhltnisse bestimmt werden, so htte er vielleicht dem Mdchen etwas angetan;
nun aber sei das lange her, und er sehne sich nach Weib und Kind, und besonders
wenn er bei Weiland gewesen sei, der zwar sehr leichtfertig gehandelt habe, da
er sich auer der Kche noch Stube und Schlafzimmer gemietet; wenn er sich
jedoch die Mdchen ansehe, so habe er zu keiner Lust, da er sie heiraten
mchte, denn mit den Jahren werde man immer bedenklicher, wiewohl ja alles
berlegen doch nicht vor einem falschen Schritte bewahren knne, denn Heiraten
sei immer ein Glcksspiel.
    Aus diesen Reden ging hervor, da der treuherzige Mann wohl schon seine
Augen auf ein bestimmtes Mdchen gerichtet hatte, aber er scheute sich vor dem
letzten Schritt aus Furcht, wie denn ja auch Personen seines Schlages, wenn sie
nicht ein ganz besonderes Glck haben, bel anzulaufen pflegen in der Ehe.
    Als die Weihnachtszeit heranrckte, beschlossen Hans und Karl, nicht nach
Hause zu reisen, sondern sie wollten das Fest bei ihren Freunden verleben, die
ihrer Meinung nach ihrem Herzen jetzt am nchsten standen. So besorgten sie in
Frhlichkeit die kleinen Geschenke, die sie fr einander und fr die andern
Freunde ausgesucht hatten, pilgerten hinaus zu der entfernten Strae und
erstiegen die vielen Treppen der hohen Wohnung.
    Hier zeigte es sich, da die Frau den Baum herrichtete, und da der Mann mit
den Gsten in der Kche warten mute, und war auer den beiden Studenten noch
Jordan anwesend und jenes Mdchen, mit dem Karl sein Liebeserlebnis gehabt; ber
dieses unerwartete Wiedersehen schien Karl verlegener wie sie, denn sie reichte
ihm unbefangen die Hand und schttelte sie krftig; Jordan lachte, wie er Karls
linkische Gebrde sah, und die andern merkten wohl, da zwischen ihr und Jordan
Einvernehmen war. Da wurde die Tr geffnet und alle traten ins Zimmer, wo auf
dem deckengeschtzten Salontisch ein niedlicher Weihnachtsbaum brannte, und die
Frau stand zur Seite und hatte das Kind auf den Armen, das zwar noch ziemlich
teilnahmslos war, und hielt in einem Hndchen seine Kinderklapper und sah mit
etwas hngendem Kopf auf den Boden, ungeachtet aller Aufmunterung der Mutter, es
solle den Weihnachtsbaum betrachten. Die andern legten verstohlen die
mitgebrachten Geschenke an die passenden Pltze und zeigten dann ihre
Bewunderung der Anordnung durch Ausrufe und Lobpreisungen, welche die Frau mit
bescheidenem Stolze annahm. Der kleine Weihnachtsbaum mit seinen Kerzen zeigte
sich noch einmal im Spiegel, neben dem die Bilder von Marx und Lassalle
friedlich herabsahen. Aus vielen Wohnungen des viereckigen Hofes glnzten durch
das Fenster andre Bume, und das Bewutsein, da hier berall sich Menschen
freuten, machte noch froher und glcklicher. Da stimmte Weiland mit Heller
Stimme die Arbeitermarseillaise an:

Wohlan, wer Recht und Wahrheit achtet,
Zu unsrer Fahne steht zuhauf.
Wenn auch die Lg' uns noch umnachtet,
Bald steigt der Morgen hell herauf!
Ein schwerer Kampf ist's, den wir wagen,
Zahllos ist unsrer Feinde Schar,
Doch ob wie Flammen die Gefahr
Mg' ber uns zusammenschlagen,
Nicht zhlen wir den Feind, nicht die Gefahren all!
Der khnen Bahn nur folgen wir,
Die uns gefhrt Lassall'.

Den Feind, den wir am tiefsten hassen,
Der uns umlagert schwarz und dicht,
Das ist der Unverstand der Massen,
Den nur des Geistes Schwert durchbricht.
Ist erst dies Bollwerk berstiegen,
Wer will uns dann noch widerstehn?
Dann werden bald auf allen Hhn
Der wahren Freiheit Banner fliegen!

Das freie Wahlrecht ist das Zeichen,
In dem wir siegen; nun wohlan!
Nicht predigen wir Ha den Reichen,
Nur gleiches Recht fr jedermann.
Die Lieb' soll uns zusammenkitten,
Wir strecken aus die Bruderhand,
Aus geist'ger Schmach das Vaterland,
Das Volk vom Elend zu erretten.

    Alle fielen ein, und die mchtigen und jubelnden Tne des Liedes erfllten
den engen Raum und klangen hinaus ber den viereckigen Hof mit den
gleichfrmigen Lichterreihen der Fenster; und bald ffneten sich hier und da
Fenster, und neue Stimmen aus den andern Wohnungen fielen ein, und am Ende
sangen alle die armen Leute, die rings um diesen Hof in drftigen und engen
Stuben wohnten, und ihr Lied stieg in die Hhe aus der Sttte ihrer tglichen
Hoffnungslosigkeit und Sorge zu dem klaren und sternenfunkelnden Himmel; und
unser lieber Vater im Himmel hat es gewi gern gehrt, wenn es auch nicht fromm
war und die groen Kinder nicht an ihn glauben wollten, und hat sich seines
lieben deutschen Volkes gefreut, da auch solche Leute, denen so wenig Gutes
geschieht, doch so rechtlich und brav denken. Wie der Gesang beendet, waren alle
tief ergriffen; das waren einfache Arbeiter, die tglich in ihre Fabrik gehen
und Schuhe machen fr den gemeinen Bedarf, die ganzen langen Stunden des Tages
hindurch; und Studenten, die eben den ersten Schritt hinaus taten in die
Freiheit des Geistes; die armen Leute, die an die knechtische Arbeit fr die
Notdurft gefesselt sind, stehen gewi auf der tiefsten Staffel der Leiter, und
diejenigen, die zu geistiger Freiheit zu dringen vermgen, auch wenn sie
uerlich nur bescheidene Stellen erringen, stehen doch gewi auf der hchsten
Staffel; aber wiewohl die grte Entfernung zwischen ihnen war, die unter
Menschen mglich ist, so fhlten sie sich doch als wahre Brder, die sich lieb
hatten und sich nicht einer ber den andern erhoben dachten; und wurde so wieder
einmal lebendige Tat, was unsre Vorfahren meinten, wenn sie sagten, da vor Gott
alle gleich sind, welches Wort heute fr die meisten eine sinnlose Rede ist. In
dieser neuen und wunderlichen Stimmung erhielten die armen Geschenke, die sie
einander machten, und ihre Gefhle, die sie hatten, einen ganz andern und
ernsteren Sinn wie vorher, denn es war ihnen wie frommen Leuten in der Kirche,
und nachdem erst ein Schweigen auf den Gesang erfolgt war, wagten sie eine kurze
Weile nicht laut zu sprechen. Hier begann nun Jordan, ergriff die Hand des
Mdchens und sagte, da er sich diesen Abend ausgesucht, um ihnen als seinen
Freunden mitzuteilen, da sie beide sich verlobt htten. Zwar wei ich, fuhr
er fort, und das Mdchen erglhte rot, was vorher mit ihr geschehen ist; aber
ich habe bedacht, da ich selbst sogar mehrere Liebschaften frher gehabt habe,
und deshalb wre es ungerecht von mir, ste zu tadeln, vielmehr wollen wir doch
alle, da auch die Liebe frei und ohne Zwang sein soll; denn freilich wre jede
solche Verbindung unsittlich, die nicht frei wre, und wahrscheinlich werden in
der knftigen Gesellschaft, wo die Not und die Gewalt fehlen, die heute alles
Bse erzeugen, die Menschen in Blde so veredelt sein, da sie gleich zuerst und
ohne einen Irrtum erkennen, fr welchen Gatten ein jeder bestimmt ist, dem sie
dann angehren ohne Wanken, in Freiheit, aber in Treue. Nach diesen Worten
schwieg er; die andern aber freuten sich und wnschten ihnen beiden Glck, und
als erster gab Karl der Braut die Hand mit frohem Gesicht.
    Hierauf mute zuerst die Kleine zu Bett gebracht werden, und die Braut, die
aus Verschmtheit nicht in der Gesellschaft der Mnner ausharren mochte, ging in
die Kche, den Tisch fr alle zu decken und das Mitgebrachte auszupacken, das
jeder fr das gemeinsame Abendbrot hier niedergelegt hatte. Und whrend sie das
glnzende Tischtuch ausbreitete und in die Mitte die Lampe stellte, und das
wenige Geschirr verteilte, das nicht ausreichte fr so viel Gste, besprachen
die vier Mnner unter dem brennenden Baum ernste Dinge des Parteilebens, denn
bei einer Haussuchung war eine Abrechnung gefunden, aus der auf die Einzelheiten
der Organisation geschlossen werden konnte, und gleichzeitig mutmate man, da
die Polizei einen Angeber gefunden hatte, der vieles wute, weil sie in der
letzten Zeit ganz sonderbares Glck gehabt bei ihren Verhaftungen. Das erfllte
alle mit banger Sorge, und es wurde viel geraten und gedacht, wo wohl der
Verrter zu suchen sei, und Weiland sagte, er habe jetzt immer ein schlechtes
Gewissen, da er in solchen Zeiten der Gefahr sich vom Leben der Partei so fern
halte, aber die andern hielten ihm vor, da es doch besser sei, wenn die
Unverheirateten sich den Gefahren aussetzen, weil diese durch Gefngnis und
Ausweisung ja nicht in ihrer Lebenshaltung bedroht wrden wie ein Familienvater,
denn ein solcher knne vielleicht ganz zugrunde gehen durch eine Verfolgung.
    Inzwischen hatte die Frau das Kind besorgt und war dann in die Kche
gegangen, der andern zu helfen, und nun rief sie mit heiterem Gesicht die Mnner
in den engen und reinlichen Raum, wo durch die Kchenbank und den Holzstuhl und
umgekehrte Kisten allerhand Sitzgelegenheiten geschaffen waren um den sauberen
Tisch. Aber als sie eben sich unter allerhand Scherzen setzen wollten, ertnte
pltzlich die Klingel im Flur; die Frau rief noch frhlich aus, das seien ihre
Eltern, die sie berraschen wollten, trotzdem sie erst fr den Feiertag einen
Besuch verabredet htten, und sprang glcklich zur Tr; doch wie sie ungestm
ffnete und eben die Drauenstehenden umarmen wollte, prallte sie erstaunt
zurck, denn ein feiner Herr im Zylinder, ein andrer Herr im gewhnlichen Anzug,
ein Polizeioffizier und zwei Schutzleute traten ein und gingen in die Stube, wo
noch der Weihnachtsbaum brannte; die andern kamen ihnen aus der Kche entgegen,
und so war der enge Raum pltzlich ganz mit Menschen angefllt. Da gab sich der
Herr mit dem Zylinder als der Staatsanwalt zu erkennen, der andre Herr war sein
Sekretr. Er teilte Weiland mit, da er gentigt sei, bei ihm eine Haussuchung
vorzunehmen, und drckte sein Bedauern aus, da er gerade am heutigen Abend
kommen msse; Weiland lachte ber diese letzte Rede und deutete ihm an, er solle
tun, was sein Amt verlange. Nun wurden zuerst die Anwesenden nach Namen, Wohnung
und Grund ihres Hierseins befragt und ihre Antworten von dem Sekretr
aufgeschrieben, dann begann das Nachsuchen, whrenddessen die Schutzleute die
Freunde genau beobachten muten, wiewohl sie eine Art freundlichere Stimmung
gegen die berfallenen zu haben schienen, die freilich durch den Ernst der
Amtspflicht verborgen wurde.
    Mit umstndlicher Grndlichkeit wurde erst das Schrnkchen untersucht nach
etwaigen Schriftstcken; zornbebend mute die arme Frau zusehen, wie ihre
geringe Wsche von den Mnnern hin und her gewendet wurde, und mit Mhe hielt
Jordan sie zurck, da sie nicht schalt. Endlich fand der Polizeioffizier ein
dnnes Paket Briefe auf, das er dem Staatsanwalt reichte, aber pltzlich strzte
sich die Frau auf ihn zu, entri ihm das Paket und hielt es unter ihrer Schrze.
Ein Lrmen und eine heftige Bewegung entstand, sie rief, das seien ihre Briefe,
die sie ihrem Manne in der Verlobungszeit geschrieben; der Staatsanwalt suchte
die Peinlichkeit durch Beschwichtigungen zu heben, die Freunde redeten ihr zu,
da sie nicht durch unntzen Widerstand noch etwas Schlimmes anrichten mge; da
gab sie die Briefe zurck, das feurige Rot der Scham im Gesicht, warf die
Schrze vor die Augen und setzte sich weinend in die Sofaecke, wo die Freundin
sie mit unterdrckter Stimme zu trsten suchte. Unterdessen fuhren die andern
mit ihren Nachforschungen fort in der wunderlichsten Weise, indem sie selbst die
Bilder von der Wand nahmen und hinter ihnen versteckte Schriftstcke suchten,
den Teppich aufhoben und sich an den Dielen bemhten. Mit einem Eifer und einer
Ernsthaftigkeit verfuhren sie, als seien die wichtigsten Dinge hier aufzufinden,
durch welche das Bestehen des Staates in Frage gestellt werde, und das glaubten
sie auch wohl wirklich. Weiland hatte der Gesellschaft den Rcken gekehrt und
sah schweigend durch die Fensterscheiben, weil er vermutete, da er einen
Ausweisungsbefehl bekommen werde, wenn auch die Haussuchung fruchtlos verlaufen
mute, und er wute nicht, was dann mit seiner jungen Frau und dem Kinde werden
sollte, bis er an anderm Ort wieder Arbeit gefunden hatte; denn durch die Natur
seiner Arbeit war er auf die wenigen groen Stdte angewiesen, wo es Fabriken
gab, in denen er arbeiten konnte; die standen aber meistens unter dem
Belagerungszustand. Und wenn er wirklich anderswo eine Stelle fr sich ausfindig
machte, wo er vor neuer Ausweisung sicher war, so dauerte es doch erst eine
Weile, bis er wieder zu seinem gegenwrtigen Lohn kam, denn als ein tchtiger
und erprobter Arbeiter wurde er besonders gut bezahlt; und dann machte der Umzug
noch groe Kosten, die er gar nicht aufzubringen vermochte, weil sie beide ihre
Ersparnisse fr die Einrichtung ausgegeben hatten. In Gedanken sagte er halblaut
zu sich: Das ist doch unrecht, das ist doch unrecht. Hans, der neben ihm
stand, drckte ihm still in einem berquellenden Gefhl die Hand. Auf dem Tisch
unter dem Weihnachtsbaum lag der erste Band des Kapital von Marx, als ein
Geschenk von Hans. Der Sekretr schlug das Buch auf, wies dem Staatsanwalt eine
Seite mit vielen Formeln, die sehr gelehrt und schwer verstndlich schien, und
zuckte dabei als ein hochmtiger Subalterner die Schulter, indem er dabei doch
die schuldige Demut gegen den Vorgesetzten zur Schau trug. Hierauf wurde sehr
genau das kleine Bcherbrett durchsucht und die Bnde einzeln herausgenommen und
nach Schriftlichem durchblttert, und weil sich in der kleinen Sammlung mehrere
Bcher und Hefte fanden, die verboten waren, so wurden die dem einen Schutzmann
zum Mitnehmen bergeben. So gedrckt und unfrei allen zu Mute war, so mute sich
doch Hans fast des Lachens erwehren bei dem verngstigten Gesicht, das dieser
machte, wie er die gefhrlichen Drucksachen in seine braven, dicken Hnde nahm.
Wie die Nachforschungen im Schlafzimmer fortgesetzt wurden, erwachte die Kleine
und begann jmmerlich zu schreien; die Mutter trocknete sich das Gesicht ab,
ging zu dem Wagen und nahm das Kind heraus; aber die vielen Menschen und die
ungewohnte Stunde mochten es wohl so erschreckt haben, da es sich gar nicht
beruhigen wollte. Der Schutzmann, dem die Bcher anvertraut waren, holte eine
Uhr aus der Tasche und suchte die Kleine zufrieden zu stellen, indem er die vor
ihr bewegte, und zuletzt wurde sie auch auf dieses Spielzeug abgelenkt,
versuchte nach ihr zu greifen, fing endlich an zu lachen, und am Ende packte sie
den Mann mit beiden Hnden in seinen dichten, blonden Vollbart, und erst wie er
mit ganz tiefer Stimme zu lachen begann, zog sie erstaunt die Hndchen wieder zu
sich. Dadurch aber war die Mutter so aufgerumt geworden, da sie gleichfalls
lachte, zu erzhlen begann und zu dem Kinde sprach. Pltzlich zwar hielt sie
erschreckt inne, denn es kam ihr alles wieder zum Bewutsein; aber es war doch,
als sei eine leichtere Stimmung ber alle gekommen. Wie als eine Entschuldigung
sagte der Mann: Wir mssen doch unsre Pflicht tun.

                                  Drittes Buch


Einige Tage nach der Haussuchung bekamen Hans und Karl eine Vorladung vor den
Universittsrichter, denn die Polizei hatte der Universittsbehrde Mitteilung
davon gemacht, da sie die beiden in Weilands Wohnung angetroffen, auch weitere
Angaben ber ihren sonstigen Umgang zugefgt, den sie bereits seit einiger Zeit
mit Sorgfltigkeit beobachtet hatte.
    Ein alter Herr empfing sie in seinem Amtszimmer mit ernsten und bekmmerten
Mienen, legte ihnen erst die Anzeige vor und fragte, ob sie die Nachrichten fr
richtig anerkannten; da waren allerhand wunderliche Dinge berichtet, da die
beiden einmal in einer Wirtschaft an einem Tische mit bekannten Sozialdemokraten
gesessen, und da sie ein andermal auf der Strae beim Abschiednehmen gerufen:
Auf Wiedersehen am Wahltage! Die beiden waren durch die Feierlichkeit der
Umstnde befangen und gestanden mit stockender Stimme zu, da die Nachrichten
alle richtig seien; da begann der alte Herr ihnen herzlich ins Gewissen zu
reden, da sie doch noch so jung seien und sich mit solchen Menschen zusammentun
wollten, welche die Frsten ermorden und alles umstrzen mchten, was uns heilig
sei. ber diese Rede kam Hans in einen heftigen rger, da er die jugendliche
Schchternheit gegen den weihaarigen und wrdigen Mann berwand und entgegnete,
solche Meinungen ber ihre Absichten seien unrichtig und wollte eine lange
Auseinandersetzung beginnen. Diese schnitt der Richter aber kurz ab, indem er
mit verchtlicher Gebrde fragte, ob er sich denn zu der Partei zhle; und wie
Hans mit einem Ja antwortete und in seiner Erklrung fortfahren wollte,
unterbrach er ihn wieder und sagte, es sei gut. Hierdurch stieg noch die
Emprung Hansens, und er sagte schnell, alle ehrlichen Leute mten zu der
Partei halten. Wie der Richter diese kecken Worte hrte, verfinsterte sich sein
Gesicht sehr, und er neigte bedenklich den Kopf.
    Auf dem Flur drauen, nachdem sie entlassen waren, machte Karl Hansen
Vorwrfe ber seine Heftigkeit und unbedachtsame Rede; aber er antwortete, er
habe nicht anders gekonnt und ihm sei gewesen, als sitze pltzlich ein andrer
Mensch in ihm, der sich auf den Richter losstrzen wolle, und er habe den noch
zurckgehalten, und nur einmal als Kind habe er ein hnliches Gefhl gehabt, wie
er mit den Kindern des Grafen habe spielen sollen; und selbst noch jetzt, wo er
vor der Tr stehe und alles abgetan sei, geschehe ihm innerlich, als treibe ihn
der andre, zurckzukehren und den Richter totzuschlagen. Das erschrecke ihn
selber, denn er sei doch sonst ein sehr ruhiger Mensch.
    Nun nahm die Angelegenheit der beiden ihren weiteren behrdlichen Gang mit
Vernehmungen, Verhandlungen und Beschlssen, und am Ende wurde ihnen wegen
unzulssiger Begnstigung der sozialdemokratischen Bestrebungen das Consilium
abeundi erteilt. Fr Karl hatte der Schlag eine geringe Bedeutung, denn der
hatte sich in der letzten Zeit gnzlich in die Literatur begeben und war ohnehin
nicht willens, seine Universittsstudien fortzusetzen; Hans aber arbeitete an
einer Doktorarbeit und hatte den Gedanken, spter durch die Empfehlung seines
Lehrers eine Beschftigung bei einem groen gelehrten Unternehmen zu finden; und
so war fr ihn dem Anschein nach eine groe Gefahr vorhanden, da sein Leben
scheiterte; denn es war wohl schwer, eine Universitt zu finden, wo er nunmehr
zur Promotion zugelassen wurde, und wenn ihm das wirklich gelang, so hatte es
gewi groe Schwierigkeiten, nachher die gewnschte Beschftigung zu bekommen.
    Weiland war aus Berlin ausgewiesen und hatte zunchst seine Familie
zurckgelassen und sich auf die Suche nach einer neuen Stelle in einem anderen
Orte begeben; aber mehrmals war es schon geschehen, wenn er bei seiner Arbeit
war, da Polizeibeamte in die Fabrik kamen und ihn durchsuchten. Anfnglich
schrieb er mir Lustigkeit, wenn er alsdann von seinem erschreckten Herrn
verabschiedet wurde und wieder weiterreisen mute; aber zuletzt lauteten seine
Briefe ganz verzweifelt; denn er schmte sich, da er kein Geld nach Hause
schicken konnte. Die junge Frau hatte das Glck gehabt, da sie die beiden
Zimmer vermietete, und so schlug sie sich denn rmlich mit dem Kinde durch,
indem sie in der Kche wohnte; aber sie verbrachte ihre Tage mit manchen
heimlichen Trnen, wenn der eine Mieter ihre geliebten Mbelstcke rcksichtslos
behandelte, etwa mit den Stiefeln auf dem Sofa lag oder mit der Zigarre ein Loch
in die Tischdecke brannte. Sie klagte auch zuweilen dem andern Mieter, dem,
welcher in der frheren Schlafstube wohnte; derselbe war Aufseher in einer
Fabrik, ein ruhiger und ordentlicher Mann von etwa dreiig Jahren, der
verheiratet gewesen und von seiner liederlichen Frau verlassen war. Dieses
Unglck Weilands drckte Hans noch besonders nieder, und wie er auch fr sich so
nirgends einen rechten Weg sah, den er gehen konnte, so erschien ihm sein ganzes
Leben in trber Zwecklosigkeit. Da bekam er unerwartet einen Brief von seinem
Lehrer, da er ihn aufsuchen mge; denn wiewohl er dem durch sein Arbeiten
nhergetreten war, hatte er doch nicht gewagt, jetzt zu ihm zu gehen, weil er
sich schmte, wie denn Unglck argwhnisch macht und die Menschen zu einem
unsinnigen Stolz verhrten kann. Hansens Lehrer war ein alter Mann mit
schneeweien Haaren und blitzenden blauen Augen, den die Jahre nicht versteinert
hatten wie die einen, da er bei seinen vormaligen Meinungen stehen geblieben
wre, noch hatten sie ihn schwach gemacht wie die andern, da er sich zu
Gesinnungslosigkeit entwickelt htte, sondern als eine nicht auf das Handeln
angelegte Natur hatte er sich zu einer milden Skepsis entwickelt, die in
verstndigem Zuschauen ihr Genge fand, und die Wrme seines Herzens hob er fr
die einzelnen Menschen auf, die ihm irgendwie nahetraten, wie unser Hans. So
begrte er den mit dem Troste, er wolle dafr sorgen, da er an einer
schweizerischen Universitt promoviere, und alsdann werde er auch eine Stelle
fr ihn finden, wo er zuerst in untergeordneter gelehrter Arbeit ttig sein
knne und aber doch Zeit habe, eigenes zu leisten, wenn er es vermge. Dann fuhr
er fort: Ich meine, da fr jeden jungen Menschen, wenn er anders Kraft in sich
hat, eine Zeit kommen mu, wo ihm alle bestehenden Einrichtungen unsinnig
erscheinen; denn die haben ihren Grund ja nicht in den sittlichen Idealen,
sondern in der menschlichen Gebrechlichkeit. Ein junger Mann aber kennt nur die
sittlichen Ideale, weil er die in sich trgt; von der menschlichen
Gebrechlichkeit aber wei er nichts, die lernt er erst durch das Leben kennen,
an sich wie an andern. So erneuert sich, um nur ein Beispiel zu nehmen, fr jede
Generation immer wieder der Zweifel an der bestehenden Eheform, und wie der
junge Mensch an die Stelle der Ehe die Liebe setzen mchte, so soll auch in
allen andern Verhltnissen an den Platz des Rechtes die Sittlichkeit treten. Bei
tchtigen Personen kommt mit der Zeit die Erfahrung, die ihnen die relative
Vernnftigkeit alles Bestehenden zeigt und sie bewegt, da sie von ihrer
Schwrmerei ablassen und vielmehr das Bestehende durch Liebe und Geistigkeit
verklren, weil sie anders keinen Ausweg fr ihren guten Willen haben;
untchtige Personen aber lernen nicht durch die Erfahrung; und indem sie bei der
Schwrmerei verharren, werden sie am Ende aus ursprnglich guten und edeln
Menschen zu Narren und Verbrechern, denn weil sie darin beharren, das Gesetz fr
unrechtmig zu halten und allein ihrer Sittlichkeit folgen wollen, verwechseln
sie mit der Zeit die Sittlichkeit mit ihren Trieben, weil ja die Menschen bei
zunehmenden Jahren immer selbstschtiger werden; auerdem aber gibt es schon von
Anfang an unter euch Verbesserern der Welt schlechte Menschen, nmlich solche,
bei denen nicht das sittliche Ideal und der Mangel an Erfahrung der Grund ihres
Abscheus gegen das Bestehende ist, sondern ein Mangel an Zucht und leerer
Hochmut. In deinem Falle, mein lieber Hans, kommt noch dazu, da wir heute in
einer Zeit leben, wo ein jugendlicher Stand, nmlich die Klasse der
industriellen Arbeiter, die erst vor kurzem durch die gesellschaftliche
Entwicklung geschaffen ist, die ihm historisch gebhrende Stelle erstrebt,
welche um einiges wenige hher ist wie die, welche er gegenwrtig inne hat. So
vereinigt er mit diesem Streben alle die jugendlichen Anschauungen von
Gleichheit der Menschen, von erhhter Sittlichkeit in allen Beziehungen und noch
viele andere, die du ja kennst. Und wende mir nicht eure merkwrdige
geschichtliche Auffassung und eure Entwicklungsvorstellungen ein: denn auch die
sind nur eine jugendliche Illusion neben andern, besonders bezeichnend fr unser
braves, nachdenkendes und vielstudierendes deutsches Volk. Wenn erst die
Verfolgung aufhrt, so wird mit der Zeit auch die Illusion schwinden, wenn auch
die Terminologie noch beibehalten werden mag.
    Inzwischen bereiteten sich fr Karl neue Liebesbande vor. Unvergessen war
noch in seiner Seele die Leidenschaft fr Johanna, die ihm die Jahre seiner
angehenden Jnglingszeit verzehrt hatte, und es war nicht selten, da ihm ihr
eindringliches Gesicht des Nachts in verwirrten Trumen erschien, die wohl keine
Erinnerung zurcklieen, aber eine dunkle Sehnsucht und ein unbestimmtes Fhlen
in der Helle des Tages erzeugten. Nun kam Johanna in diesen Zeiten nach Berlin
und hatte bald, wie denn die Welt ja so klein ist, Beziehungen zu dem Kreise
Karls gefunden, so da sie ihm unerwartet entgegentrat. Das geschah aber so.
    In ihre kleine Stadt war ein Fremder eingezogen, ein etwa fnfzigjhriger
Herr, der ein berhmter Geigenknstler gewesen; der hatte sich ein
altertmliches Haus am Bergabhang gekauft, dessen groer Garten mit
weitschattenden hohen Bumen sich den Berg hinaufzog. Die alte Mauer um den
Garten wurde durch ein eisernes Staket erhht, an dem sich im zweiten Jahre
Ranken des wilden Weins zeigten, die in Blde so dicht und hoch wuchsen, da
niemand von irgend einem Punkte drauen in den weiten und schattigen Garten
blicken konnte, und das Haus wurde fest verschlossen und nur auf langes Pochen
mit dem alten Trklopfer den Boten und Geschftsleuten geffnet; denn ein Besuch
kam niemals an diese hohe und finstere Tr; und als einzige Bedienung hatte der
Herr ein altes Weib nebst deren gleichfalls nicht mehr jungen Tochter, die beide
abenteuerliche Gerchte ber ihn in dem neugierigen Stdtchen verbreiteten.
    Der Knstler hatte ein langjhriges Virtuosenleben gefhrt, war an Hfen und
in Grostdten herumgereist, zuerst mit bermut und Stolz, nachher in Langeweile
und Ekel, und wie er alle Knstlereitelkeit bis auf das letzte befriedigt hatte
und der Geschmack auf der Zunge ihm immer bitterer wurde, war ihm der Gedanke
gekommen, sich an diesen stillen Ort zurckzuziehen und ganz nur sich selbst zu
leben, denn in seinen zerstreuten und verwirrten Umstnden zwischen vielen
Menschen, die alle leer waren und ihm schmeichelten, war er auf den Gedanken
gekommen, er sei ein Selbst, und es sei wichtig und sogar ntig, da er dieses
Selbst in Sammlung und Ruhe rein und gro aus sich herausstelle.
    Indessen vergingen ihm in dem alten Hause und stillen Garten die Tage und
Wochen; und zuerst hatte er gedacht, dieses mige Dahingleiten der Zeit sei fr
das Nchste ntig, damit sich sein Geist erhole von dem zerreienden Leben, das
er gefhrt. Aber auch spterhin wartete er vergeblich auf eine Sammlung und
Zunehmen der Kraft, vielmehr glitten die Tage und Wochen wie vorher dahin, wie
in einem tiefen Flusse, schnell und ohne Halt, und auch seine Unruhe vermochte
dieses Unheimliche nicht zu hemmen. Und whrend er vorher gedacht hatte, er
knne keine Liebe zur Kunst in sich bilden, weil er nach der Willkr des Zufalls
fremden Leuten an verschiedenen und gleichgltigen Orten uerliche Musik
vorspielen msse, so zeigte es sich nun, da er in der Einsamkeit gar nicht den
Bogen anrhren mochte und es ihm ein heftiges Unbehagen bereitete, wenn er
seinen kostbar eingelegten Geigenkasten ansah.
    Unterdessen hatten sich aus den Erzhlungen der beiden Weiber in dem
Stdtchen viele Legenden um ihn gebildet, von denen er nichts ahnte; denn er war
als ein hochgewachsener und schlanker Mann von knstlermigem Aussehen ganz zu
einem Helden phantastischer Bilder geschaffen. Auf Johanna, die damals gegen ihr
neunzehntes Jahr ging, hatten diese Geschichten und der Anblick seiner Gestalt
einen sehr tiefen Eindruck gemacht, so da sie eine heftige Liebe zu ihm fate
und auf Mittel sann, wie sie sich mit ihm bekannt machen knne. Und am Ende fand
sie eines, das freilich sehr gefhrlicher Art war, aber dadurch gerade ihrem
erregten Gemt besonders zusagte. Der Fremde hielt sich nmlich zwar von aller
Gesellschaft des Stdtchens zurck, aber im Winter, wo auf dem groen See eine
prchtige Schlittschuhbahn war, verschmhte er es nicht, sich auf dem Eise zu
zeigen, denn er war von Jugend an ein eifriger Lufer gewesen; und zwar ging er
immer des Morgens auf die Eisbahn, wenn die andern Bewohner der Stadt durch ihre
Ttigkeit verhindert waren, so da er seine kunstvollen Zirkel fast allein und
ohne lstige Gesellschaft zeichnen konnte. Hierauf baute Johanna ihren Plan;
denn an einer Stelle war das Eis dnn durch einen Quell, der vom Boden aus das
Wasser bewegte, und wiewohl der gefhrliche Punkt durch Tannhecke immer gengend
gekennzeichnet war, so hatten sich an ihm doch schon zwei Unglcksflle
ereignet; die Vorfahren erzhlten, da durch diesen Quell der See mit dem groen
Netz der unterirdischen Wasseradern in Verbindung stehe, welche den
Wassergeistern als Wege dienen zwischen ihren Stdten und Schlssern. Johanna
beschlo nun, an einem Morgen, wenn sie den Fremden auf dem See wute,
gleichfalls zum Schlittschuhlaufen zu kommen, und wenn er in der Nhe war, mit
scheinbarer Ungeschicklichkeit an die dnne Stelle zu geraten, damit sie
einbreche und von ihm gerettet werde, denn da er vielleicht nicht so mutig sein
knne, wie sie annahm, das kam ihr gar nicht in den Sinn.
    Nach diesem Plane ging sie nun vor, und es geschah alles, wie sie gewollt
hatte, wenn schon ihr zuletzt schien, als handle sie gar nicht absichtlich, und
das Eis gab an der Stelle nach, und sie sank ein, mit einem wunderlichen Gefhl
darber, da das Wasser doch nicht so kalt war, wie sie sich gedacht, und obwohl
sie hatte standhaft sein wollen, schrie sie doch laut nach Hilfe, aber es schien
ihr, als habe sie dabei gar keine Angst. Der Musiker kam eilfertig auf sie zu,
und wie sie seine Figur so von unten sah, erschien er ihr komisch; ohne da ihr
der Grund recht klar wurde, rief sie dem ratlos ngstlichen zu, er solle sich
flach auf das Eis legen und ihr von weitem die Hand reichen; unterdessen hielt
sie sich aufrecht im Wasser, indem sie sich an das Eis festklammerte und die
Beine nicht in die Hhe ziehen lie. Er tat nach ihrer Vorschrift, und sie sah
vor sich eine vornehme und schmale Hand in seinem Handschuh, die ergriff sie,
und so kam sie aus dem Wasser. Wie sie beide aufrecht auf dem Eis standen und
sie sein entsetztes Gesicht sah, in dem unter grauem Haar sich schon tiefe
Runzeln zogen, da wurde sie so aufgeregt, da sie ihm um den Hals fiel und ihn
mehrmals auf den Mund kte. Er brachte sie schnell nach Hause, und indem ihre
erschreckten Leute sie empfingen, ging er mit dem Versprechen, da er sich
morgen nach ihrem Befinden erkundigen wolle.
    Wie er am nchsten Tage kam, war sie gesund und frhlich, denn der Anfall
hatte ihr nicht im geringsten geschadet, und empfing ihn mit heiterm Lachen, er
aber stand mit einer fremden Verlegenheit vor ihr, die indessen ihr den
schlanken und nicht jugendlichen Mann noch liebenswerter erscheinen lie. Und
indem an die ersten Fden sich bald weitere anspannen, schien es ihm, da er
eine unwiderstehliche Liebe zu dem jungen Mdchen gefat habe, denn in seinem
unsteten Leben hatte er zwar manches verliebte Abenteuer bestanden, aber es
hatte noch nicht ein Weib wirklichen Einflu auf ihn gewinnen knnen. So geschah
es am Ende, da die beiden sich heirateten, wider den Willen des Vaters und zur
groen Verwunderung der kleinen Stadt.
    Schon am Hochzeitstage wurde sie ungeduldig ber ihn und sprach verletzende
Worte; er schwieg, aber seine Lippen zitterten, und sein Gesicht sah alt aus; da
hngte sie sich um seinen Hals und sagte ihm, da sie ihn lieb habe. Nun
geschahen geheimnisvolle Dinge in dem stillen, alten Hause. Einmal wurde
bekannt, da der Mann ein junges Dienstmdchen, das sie angenommen hatten, in
ihrer Gegenwart mit einer Feuerzange geschlagen hatte, und war nachher zu dem
Mdchen auf ihre Kammer gegangen, hatte ihr Geld gegeben und gesagt, seine Frau
sei schuld, er habe nicht anders gedurft, und sie solle heimlich aus dem Hause
gehen. Noch viele andre sonderbare Geschichten wurden verbreitet, und am Ende,
nachdem die beiden noch nicht ein Jahr verheiratet waren, wurde eines Morgens in
der Stadt erzhlt, da der Mann sie heimlich verlassen habe. Es folgte dann nach
einiger Zeit eine Ehescheidungsklage, in welcher die Frau einen Eid schwor, der
mit der Aussage des Mannes nicht bereinstimmte, aber da dieser seine Aussage
nicht auf seinen Eid nehmen wollte, so wurde ihr von den Richtern geglaubt, wenn
schon die ganze Stadt der Meinung war, da sie im Unrecht sei. Nach dieser
Scheidung mochte sie nicht mehr zu Hause bleiben, weil niemand mit ihr verkehren
wollte, und deshalb kam sie nach Berlin, wo sie bei einem Meister Malunterricht
zu nehmen gedachte. Hier gewann sie bald eine gewisse Stellung; denn wenn frher
und auch noch jetzt in der ruhigeren Gesellschaft eine instinktive Abneigung
gegen die geschiedene Frau herrschte, weil in ihr sich eine Verneinung dessen
verkrperte, was der allgemeine Wille der Gesellschaft war, so wird jetzt in den
unruhigeren Kreisen umgekehrt eine Geschiedene mit besonderer Freude empfangen
als eine Verkrperung der neuen Bestrebungen, und auch ohne da Johanna selbst
Erfindungen zu machen brauchte, wurde von ihren Mitkmpferinnen gleich
angenommen, da sie eines der Opfer der bekannten mnnlichen Untugenden sei und
beklagt werden msse, und auch Mnner schlossen sich der Meinung an.
    Inzwischen war jene Luise, welche die kindliche Entfhrungsreise mit dem
Dichter Peter gemacht hatte, zu weiteren Jahren gekommen, und durch jenes
unklare Streben und den Drang, eine Kraft zu bettigen, welche damals die Flucht
veranlat hatten, war sie zu einer Beschftigung mit dem getrieben, was man die
Frauenfrage nannte, und hatte fr sich selbst einen Ausgang gefunden, denn sie
lernte fleiig bei Lehrern, weil sie das Abiturientenexamen machen wollte und
dann in der Schweiz Medizin studieren; und indem auch hier noch keine Scheidung
eingetreten ist zwischen den tchtigen Menschen, auf denen die Zukunft ruht, die
ja irgendwie anders sein wird als die Gegenwart, und den zerfaserten und
untchtigen, die nur aus Schlechtigkeit und Ohnmacht mit allem Neuen gehen, so
kam sie in ihren Kreisen mit Johanna zusammen und gewann eine Zuneigung zu ihr,
wie ja solche innerlich gnzlich zerstrten Personen von Johannas Art oft die
Liebe gerade der Besten gewinnen.
    Karl hatte durch seine Natur die Gewohnheit, da er gern mit Frauen sprach,
und nachdem seine wunderliche und unpassende Liebschaft ein Ende genommen,
besuchte er wieder hufiger eine solche Gesellschaft, wo er Frauen und Mdchen
antraf, die zu seiner Klasse gehrten. So kam er jetzt auch oft wieder zu
Luisen, die ihn in ihrem jungfrulichen Stbchen empfing, mit ihrem Bruder
zusammen, der sich immer mehr zu einem wortkargen und scheuen jungen Gelehrten
entwickelt hatte, und saen die drei dann behaglich um den runden Tisch, wo
Luise mit Freundlichkeit als Wirtin waltete, und eine besondere Wrme, die von
den friedlichen Wnden, der reinen Luft des Zimmers und der Stille ihrer
Bewegungen ausging, bewirkte in seinem Herzen ein besonderes Wohlgefhl; dann
wurde nicht gestritten und disputiert, nur Kleinigkeiten wurden erzhlt, oft in
Andeutungen, die blo den drei verstndlich waren, und zuweilen brachte Karl
eine Blume mit, und wenn Luise die in einem zarten Glase auf den Tisch setzte,
so freute er sich.
    Schon lnger hatte er von der neuen Freundschaft gehrt, aber wegen des
vernderten Namens war ihm keine Ahnung gekommen. So fand er unvorbereitet an
einem Tage Johanna beim Eintritt in das Zimmer vor, wie sie an dem Platz gegen
das einzige Fenster sa, den er selbst sonst innehatte, und so kam es, da er
sie bei der Vorstellung nicht erkannte, sich gleichmtig verbeugte und
unbekmmert setzte. Da sprach Johanna zu ihm: Ich denke, wir mssen uns
kennen. Dieser Worte Klang trieb ihm pltzlich das Blut zum Herzen, er sprang
auf und zitterte, und war ihm, als msse er ohnmchtig werden; sie aber brach in
ein silberhelles Gelchter aus, das von einer wunderbaren Lieblichkeit anzuhren
war. Da schien es ihm, als geschehe das alles meilenweit entfernt von ihm.

Es geschah Karl, da unter seinem gewhnlichen Menschen, den er kannte, sich
pltzlich ein andrer und neuer Mensch erhob, den er nicht kannte, denn der hatte
bis dahin unbewegt geschlummert. Ganz pltzlich erhob sich der und zeigte sich
als blind und ganz erfllt von einer unsinnigen und leidenschaftlichen Liebe zu
Johanna, und whrend er sonst alle andern Regungen durch genaue und kranke
Selbstbeobachtung in klares Licht stellen konnte, war an diesem Treiben gar
keine Beobachtung mglich, denn es schien, als sei es ebenso einfach und nicht
zu untersuchen wie der Hunger oder Durst. Gleichzeitig mit diesem versprte er
einen neuen Wunsch, nmlich, da er an Gott glauben knnte, und indem er meinte,
da es keinen lebendigen Gott gibt, betete er zu dem, da er ihm Glauben geben
mge an ihn. Aber es war ein tiefes Dunkel und Schweigen, und kein Trost kam
herab in sein furchtsames Herz.
    Ehe er Johanna wiedersah, hatte er oft an Luise gedacht und sie sich
vorgestellt, und solches Bild hatte ihn dann getrstet. Etwa sie sa unter einem
blhenden Kirschbaum, in welchem die Bienen summten, und ein Bltenblatt fiel
langsam sich drehend in ihren Scho, oder ihre groen und dunklen Augen hatten
jenen wunderbaren, tiefinnerlichen Ausdruck, den viele durchweinte Nchte
erzeugen, wenn es die Dinge unsrer Seele gewesen sind, um die wir geweint haben;
und ihre khle Hand lag auf seiner Hand, Ruhe in ihm verbreitend und den
Frieden, den sie sich erkmpft hatte. Denn auch sie hatte schwere Zeiten in
ihrem Innern gehabt, aber wenn es im Gesprch an diese kam, so glitten die Worte
an ihr ab ohne Wirkung, und nur im Gefhl teilte sie mit von dem, was sie besa.
Und er wute, das Leben entflieht, wie der Schatten einer Wolke dahinzieht ber
schweigende Wlder und Berge.
    Nun waren zu dem noch die Gefhle und Triebe des andern und untenliegenden
Menschen gekommen, die sich um Johanna bewegten.
    Sehr merkwrdig war es, welche bereinstimmung er mit ihr in scheinbar
unbedeutenden Dingen hatte, die doch auf Tieferes in uns weisen; so liebten sie
beide, wenn im Bcherbrett die Bnde eng zusammenstanden, und wo eine Anzahl
Werke von geringerer Hhe neben greren aufgestellt waren, legten sie andre
oben quer ber, damit die Lcke ausgefllt wurde. Eine eigne Rhrung berfiel
ihn, als er das bemerkte. Auch schien es, als seien sie in allem der gleichen
Meinung, und eine Uneinigkeit entstehe nur scheinbar und durch Miverstndnisse.
So gelangte er auch neben Johanna oft zu dem Gefhl der Beruhigung. Zuweilen,
wenn seine Gedanken einander widerstritten, sagte sie ihm, welches seine
richtige Meinung war, ehe er selbst Klarheit gewonnen hatte; bei solchen
Gelegenheiten konnte sie ihm scherzend vorwerfen, er rede oft doppelsinnig.
    Aber pltzlich wurde ihm dann klar, da sein Kreis enger geworden, und da
er das frhere Gefhl verloren hatte, hinter seinem Bewutsein breite sich noch
ein groer und dunkler Raum aus, der ihm gehrte, wenn er nur seine Schritte in
diese Pfadlosigkeit lenken wollte; dann berkam ihn eine heftige Angst vor ihr,
die ihn krperlich peinigte.
    Einmal spielte er Schach mit ihr; sie hatte einen Zug getan, der das Spiel
gegen sie entschied, und als es schon zu spt war, wollte sie ihn zurcknehmen.
Er antwortete, da das gegen die Regel sei, da stand sie auf und sagte, nun
wolle sie nicht zu Ende spielen. Wie er ihren Gesichtsausdruck sah, wurde ihm
pltzlich bewut: sie brauchte ihn nur; und wie sie in diese Klarheit hinein
noch sprach, da er ihrem frheren Mann sehr hnlich sei, da spitzte sich in ihm
pltzlich ein starker Ha zu, und er empfand fast krperlich, wie sie einen
selbstschtigen Willen auf ihn wirken lie und durch den vieles aus ihm
herausholte, was ihm gehrte, um es sich anzueignen und sich in roher Weise
damit zu schmcken. Unter solchen Umstnden gelangten sie zum Einverstndnis.
Und zwar geschah das scheinbar unvorbereitet, aber er hatte es vorhergefhlt.
Sie stand von ihrem Stuhl auf, legte die Hnde auf den Rcken und ging im Zimmer
auf und ab wie ein Mann. Vorher hatte sie geraucht, und von dem Ende ihrer
Zigarette im Aschenbecher stieg noch eine dnne Rauchsule in die Hhe, die
jedesmal in Verwirrung geriet, wenn sie in die Nhe kam. Sie begann damit, da
es doch ntig sei fr sie beide, zu Klarheit zu kommen, und weil fr sie selbst
die Peinlichkeit des Anfangens geringer sei, so wolle sie beginnen; denn in
seiner Natur liege es, da er endgltige Entschlsse scheue. Und wie sie so
sprach, arbeiteten in ihm Furcht und Scheu, und er sah unglckliche Zeiten
voraus, und doch konnte er nicht aufspringen und ihr entgegentreten, denn sein
Herz bebte in tiefer Sehnsucht zu ihr.
    Dmmerung sammelte sich in den Winkeln des Zimmers. Sie ging auf und ab,
sprach stockend und langsam. Es fiel ihm ein, da er einen Vorwand haben mute,
um das Gesprch abzubrechen, aber seine Angst fand keinen Vorwand, und sein Herz
schlug ihr entgegen.
    Ihr Tonfall war fremdartig; und es wurde ihm pltzlich klar, da sich hier
fr einen Augenblick in ihr der Vorhang lftete, durch den ihr eignes Innere
sich vor ihr verbarg, und da sie erschrak vor sich selbst; htte er ihr jetzt
alles sagen knnen, was er wollte, seinen Ha, seine Liebe, seine Furcht und
seine Verachtung, so htte sie alles begriffen und htte ihn ziehen lassen. Aber
er brachte kein Wort ber seine vertrockneten Lippen, und schmte sich fr sie.
And weil sie im Staube lag und sich selbst verachtete in dieser Minute, so sagte
er, wider seinen Willen und tonlos: Du hast recht, ich liebe dich ber alles.
Wie diese Worte verhallt waren, sonderbar waren sie verhallt in dem dunkelnden
Raume, und sein Herz krampfte sich zusammen, da war auch in ihr der Vorhang
wieder zugezogen, und sie wute nicht mehr, da sie im Staube gelegen hatte.
Karl aber fhlte sich vernichtet, da er htte mgen ohnmchtig werden.
    Sie kam zu ihm und legte ihm die Arme um den Hals; und er mute sie kssen;
das war eine Heuchelei, da er sie kte, und eine Qual war es fr ihn. Sie wich
seinem Ku aus, scheu und befangen; aber auch sie heuchelte ja, indem sie
auswich, nur wute er, da ihr das keine Qual war. Sie hatte jetzt einen
Menschen, der ihre Leiden tragen mute, einen Feigling, der am Abgrund gestanden
hatte und hinuntergesprungen war in die Tiefe, trotzdem er wute, da er unten
zerschmettern wrde, aber er sprang hinunter, weil etwas in ihm war, das ihn
zwang, sich in dieses Verderben zu strzen. Und siehe, jetzt lachte sie schon,
mit jenem melodischen Lachen, das ihm so furchtbar war. Er htte sie fassen
mgen und weit von sich schleudern, aber er zog sie an sich und flsterte
Liebesworte. And an Luise dachte er und ihren ruhigen Blick, und wute jetzt mit
Klarheit, da es nur seine Schwche war, die sie fern von ihm gehalten. Denn
ihre Seele hatte sich zu ihm geneigt und wollte ihm ihre sanfte Blte
erschlieen.
    Es folgten die uerlichen Dinge, Verlobung und Hochzeit, und die
Aufmerksamkeit der Menschen, und inzwischen ging der seelische Kampf der beiden
weiter, denn auf der einen Seite drang sie in ihn hinein als etwas Fremdes,
suchte ihn auszufllen und sich an Stelle seines Eigenen zu setzen, so da er
htte mit ihren Augen sehen mssen und mit ihren Gedanken urteilen, und auf der
andern Seite nahm sie ruberisch von ihm, pate das Geraubte sich an, da es ihr
altes Eigentum schien und zeigte ihm das gelegentlich ganz unbefangen. Dann
erkannte er mit Wut Stcke von sich in fremder Gefangenschaft, die er nicht
befreien konnte.
    Doch er kam am Ende dazu, da er sich gegen das erste mit einem Erfolg
verteidigte, und zuletzt wieder allein in sich war; aber gegen das zweite gab es
fr ihn keine Waffen. Indessen stellte sich da unerwartet eine Hilfe fr ihn
ein, denn je mehr er sich abschlo und sie aus sich entfernte, desto geringer
schien ihre Kraft zum Rauben zu werden, wiewohl sie den Trieb dazu behielt.
Dadurch kam sie in eine Enttuschung, die sie jedoch nicht verstand, denn die
Lage erschien ihr jetzt so, da sie glaubte, sie habe die ganze Welt aufgefat,
aber die sei ganz einfach und immer gleichmig und verursache ihr eine qulende
Langeweile. Deshalb glaubte sie sich betrogen, weil man doch die Erwartung habe,
da das Leben mehr sei, und in Ha und Erbitterung ber diesen vermeintlichen
Betrug schlo auch sie sich nun immer mehr ab und wendete die wenigen und
geringen Vorstellungen, die sie erobert hatte, mit Wut immer hin und her, ob sie
nicht doch Neues an ihnen entdecke. Darauf gewhnte sie sich an, zu klagen, und
erzhlte in allgemeinen Ausdrcken, da sie vom Unglck verfolgt sei und alles
fehlschlage, was sie beginne, und alle andern Menschen mehr Glck haben, und so
fort; so wurde sie endlich auch in ihrer Ausdrucksweise pbelhaft, denn nichts
zieht Menschen so sehr ins Gemeine wie solches Klagen. Mehr und mehr wendete sie
sich in diesen Reden mit einer Spitze gegen Karl; und am Ende, nachdem alles,
was geschehen war, sich ihr ganz verkehrt hatte, sagte sie sogar, da sie gegen
ihre eigentliche Neigung und Absicht und nur aus Mitleid Karls Weib geworden
sei, welches Mitleid ihr nunmehr bel vergolten werde.
    Johanna hatte den Plan aufgegeben, eine bei ihr vorhandene geringe
malerische Begabung auszubilden, weil ihr die Beharrlichkeit fehlte, sich das
handwerksmige Knnen anzueignen, das fr den Maler ntig ist, und wie so viele
dachte sie, da der Schriftsteller dieses Knnens entraten kann; und wie denn
damals, als durch eine miverstandene Rckkehr zur Natur die Meinung aufkam,
durch die Wiedergabe einer zuflligen Beobachtung knnte man ein Dichterwerk
schaffen, viele Frauen solche Fhigkeiten zeigten, so wendete sie sich nun der
Schriftstellerei zu. Hierdurch entstanden auch uere Gegenstze zu Karl, denn
wenn auch bei ihm selbst die Begabung nicht zum Kunstwerk ausreichte, so wute
er doch um diesen Mangel schon bei sich genau, denn er beschrnkte als Mann sein
Wollen nicht auf sein Knnen, und noch deutlicher sah er den Mangel aber bei
seiner Frau, deren Begabung zudem noch geringer war wie die seinige, da sie noch
mehr lediglich Ausdruck einer problematischen Natur war und von jener Art, wie
sittlich geringwertige Menschen sie oft haben durch ihre Minderkraft.
    Aber auch diese Kmpfe der Ehegatten fanden keine rechte uere und
anschauliche Form, die eine eigentliche Erzhlung mglich machen wrde, und so
mu es auch hier am bloen Bericht gengen.
    Inzwischen hatten auch Karls frhere Geliebte und ihr Verlobter Jordan
geheiratet, nachdem sie ihren gebhrlichen Brautstand gehabt, und hatte sie wohl
groe Sehnsucht, da sie ihr Kind wollte zu sich nehmen, das sie von Karl
bekommen, aber sie scheute sich; wie sie aber am Hochzeitstage von ihrem Mann in
die Wohnung gefhrt wurde, die sie zusammen eingerichtet fr sich, da fand sie
in einem Kinderwagen liegen und ruhig schlafen das kleine Shnchen, denn ihr
Mann wollte ihr eine Freude machen. Da weinte sie vor groem Glck, kte und
herzte den guten Jordan, und weil das Kindchen eben aufwachte und nach einer
Nahrung schrie, ging sie schnell in die Kche, woselbst schon alles bereit
stand, und richtete ihm seine Flasche, und inzwischen spielte der Mann mit dem
Kleinen, indem er ihm seine Uhr vorhielt und mit Schlsseln klingelte. Sie aber
bei ihrer Hantierung berlegte sich, was sie ihm sagen wolle, und wie sie wieder
in die Stube kam und das Kind besorgt hatte, sprach sie zu ihm: Ich bin sonst
stolz gewesen und htte von einem andern keine Gabe angenommen, auch wenn ich
ihn lieb hatte, wie ich ja in Wahrheit Karl lieb gehabt habe. Von dir aber nehme
ich alles an; und das nicht deshalb, weil ich weniger stolz geworden bin,
sondern weil du ein solcher Mensch bist, da sich einer nicht schmt, wenn du
ihm gibst. Und nicht eine gewhnliche Dankbarkeit habe ich gegen dich, sondern
weil ich wei, da das Glck, das du andern schenkst, durch deine Gte wieder
reicher zu dir zurckgeht, so liebe ich dich nur mehr in grerer Frhlichkeit.
    Nun lebten die beiden in ruhigem Glck, das sie dadurch noch mehr wrmte,
weil sie beide vorher durch schweres Unglck gegangen waren, und genossen das
Glck mit klarem Bewutsein, da dieses Unglck notwendig fr sie gewesen war.
    Recht bald begann der Kleine aufrecht zu sitzen, und dann wurde er aus dem
Wagen genommen und erhielt ein kurzes Kleidchen und versuchte zu gehen; und
wiewohl er seinen Pflegevater nur eine kurze Zeit zu sehen bekam des Abends,
wenn der von der Fabrik heimkehrte, hatte er ihn doch besonders in sein Herz
geschlossen, sah ihn viel an und hielt sich zu ihm, denn auch ganz kleine Kinder
wissen schon den Gesichtsausdruck der Erwachsenen zu deuten und haben nach dem
ihre Gefhle. Schon in den ersten Tagen, wo er sich frei auf dem Fuboden
bewegen durfte, hatte er gemerkt, da der Vater, wenn er gekommen war, seine
Schuhe wechselte, und so brachte er ihm, ohne da es die Mutter ihm aufgetragen,
seine Pantoffeln. Hierber erhob sich bei den Eltern eine groe Freude und ein
besonderes Rhmen seiner Klugheit, das bewirkte, da er auch fernerhin bei
dieser Erfindung verharrte. Es bewunderten auch die andern Frauen im Hause den
Kleinen sehr und erzhlten ihren Mnnern von dem Kind, und der Kaufmann an der
Ecke fragte jedesmal die Mutter nach ihm, wenn sie einholte. ber alles dieses
wurde sie noch glcklicher, und ihr Gesicht war so, da jeder froh werden mute,
der sie ansah.
    Weil sie doch nun einen Mann hatte und sich nach ihrer Vorstellung nicht
mehr des Kindes vor andern zu schmen brauchte, so bekam sie eine besondere
Lust, einmal mit den beiden zu ihren Eltern zu reisen, die auf einem Dorfe und
mit der Bahn nicht allzu entfernt wohnten. So beredete sie denn eine lange Zeit
mit ihrem Mann diesen Plan, und wie die Witterung passend war und sie beide mit
Kleidung wohl versehen, da sie den Eltern gefallen mochten, da erbat er sich
fr einen Montag Urlaub, und sie fuhren auf zwei Tage nach dem Ort mit groer
Freude; der Kleine war sehr artig unterwegs, und viele, die mitreisten, fragten
die Eltern ber ihn, lieen sich erzhlen und freuten sich seiner.
    Die Eltern der Frau waren Instleute, die zu einem groen Gute gehrten und
ein Huschen fr sich hatten, eine Kuh und zwei Schweine, und ein Stck Acker
bekamen sie von der Herrschaft. Sie verwunderten sich sehr ber ihre Tochter,
da sie so schn gekleidet war, und ber den Schwiegersohn, und ber den Enkel,
und waren ber die Maen stolz und frhlich, und muten die Kinder von allem
erzhlen, von der Arbeit des Mannes und von seinem Lohn und von ihrer Wohnung in
einem so groen Hause, da in dem einen Hause so viele Menschen wohnten, wie
hier in dem ganzen Dorfe, und da sie polierte Rohrsthle in ihrer Stube htten.
ber das alles schlug die Mutter die Hnde berm Kopf zusammen, und der Vater
sagte nur: Ei, ei! Und bei dieser freudigen Verwunderung der Alten wurde es
den beiden erst so recht klar, wie gut sie es hatten, und wie glcklich sie
lebten.
    Dann nahm die alte Mutter den Enkel auf den Arm, der ganz fein und vornehm
aussah in seinem groen, weien Hut neben ihrem verbrannten und verarbeiteten
Gesicht und ging mit ihm hinaus in den Hof, lie ihn die Schweine im Stall sehen
und erzhlte ihm, da die zu Martini geschlachtet wrden und da dann Wurst
gemacht wrde, und er solle dann auch eine kleine Wurst haben, und dann zeigte
sie ihm die Kuh, die vor der Krippe stehend zurcktrat und sich umsah nach den
beiden mit ihren groen, sanften Augen. Und wie die Alte so allein mit dem
Jungen war und keiner sie sehen konnte, herzte sie und kte den Enkel
fortwhrend, denn vorhin hatte sie das nicht gewagt, und das Kind streichelte
ihr die Backe und fate lachend an ihre Nase. Der Alte aber fhrte den
Schwiegersohn im Huschen herum und zeigte ihm alle Einrichtungen, wie er die
Wurst rucherte, und wo er sein Korn aufhob, denn er bekam Dreschanteil, auch
das Dach zeigte er ihm und erzhlte, da es frher mit Stroh gedeckt gewesen
sei, aber er habe jetzt ein Ziegeldach hergestellt, und zwar habe er Falzziegel
genommen, was das Neueste sei und sehr viel besser als die Hohlziegel, die man
frher gehabt, und so redete er noch vieles Wirtschaftliche und Verstndige mit
dem Schwiegersohn. Und weil ihm der so gut gefallen hatte, und er selbst hatte
doch auch seinen kleinen Stolz, so nahm er ihn am Ende beim rmel und sprach zu
ihm, er msse nicht denken, da die Eltern seiner Frau Habenichtse wren; und
wenn sie einmal starben, so kamen doch auf jedes Kind etwa hundertundfnfzig
Taler, die sie dann erbten.
    Wie es gegen den Abend ging und die alte Frau daran dachte, das Essen zu
bereiten, da taten sich die beiden Alten zu einer heimlichen Unterredung
zusammen, und dann brachten sie eine Flasche Wein zum Vorschein, die hatte die
Herrschaft vor Jahren einmal geschickt als eine Strkung fr die alte Frau, die
damals recht krank gewesen war, aber sie hatte aus eigener Ehrfurcht nicht
gewagt, das Geschenk anzurhren, sondern es aufgehoben, wenn einmal ein
besonderer und festlicher Tag sein sollte. Sie lachten beide viel in
Behaglichkeit und in Unruhe ber das Ereignis, da die Flasche nun entkorkt
werden sollte, dann bereiteten die beiden Frauen am Herde das Essen, und die
Mutter freute sich, wie flink ihre Tochter war, dachte auch seufzend frherer
Zeiten, wo ihre Glieder noch nicht so steif geworden; ganz leichtfertig ging sie
an den Speck und schnitt ein groes Stck ab, auch viele Eier nahm sie und ein
groes Stck Butter stellte sie auf, und wenn sie auch eine heimliche Furcht
hatte, ob nicht zu viel aufgehe, wenn sie den Tisch so ppig bereite, so freute
sie sich doch wieder, da es ihren Kindern gut schmecken sollte. Das gute Essen
und der Wein machte alle Lebensgeister noch froher und munterer, und der alte
Vater erzhlte aus seiner Jugend und rhmte die heutige Zeit, da es da jeder
besser habe, und wer ordentlich und brav sei, der erreiche auch etwas, sei es
nun in der Heimat oder in Amerika; und seine Bcklein rteten sich unter den
grauen Stoppeln, und er begann sogar die alte Mutter an die Zeit ihrer Verlobung
zu erinnern, da die erst sich schmte und ihm verbot und nachher gerhrt wurde
und sich mit dem Schrzenzipfel ein Trnlein aus dem Auge wischte; am meisten
lag ihm jedoch das neue Dach aus Falzziegeln am Herzen, und er wurde nicht mde,
dessen Vortrefflichkeit zu preisen. Die beiden Alten htten in ihrem Stolz das
Enkelkind gar zu gern ihrer Herrschaft gezeigt, nur wuten sie nicht recht, wie
sie das beginnen sollten, denn sie hatten Furcht, da sie aufdringlich
erscheinen mchten, und die Herrschaft denke vielleicht, sie wollten etwas
geschenkt haben fr das Kind; da kamen sie am Ende berein, da die Tochter mit
dem Kleinen den alten Vater morgen auf dem Felde besuchen sollte zu einer Zeit,
wo der Herr gewhnlich geritten kam, dann wrde der fragen, und er wollte ihm
alles erzhlen und ihm seine Tochter zeigen und das Enkelkind, und das she doch
dann aus, als sei es bloer Zufall gewesen. Und wie sie so sprachen, begannen
sie allerhand Vergleiche mit diesem Nachbarskind und mit jenem; und keines,
fanden sie, war so prchtig wie das ihre, denn an dem war alles zu bewundern.
    So gingen am Ende alle schlafen, und wie sie in den rundlich gestopften und
weichen Betten lagen, denn die Alten hatten zwei leere Betten stehen und die
Federn waren von ihren Gnsen, die sie selbst gezogen, da waren alle so froh,
da es gar kein greres Glck geben konnte, und schliefen fest und ohne Trume.
Und am andern Tage wurde die geplante Begegnung mit dem Herrn auch durchgefhrt,
und der Herr fragte auch, und wie er alles gehrt hatte, sprach er freundlich
mit der Mutter und dem Kind, und wiewohl er nur einige gleichgltige Worte
gesagt hatte, so wiederholten die beiden Alten die doch immer wieder und waren
froh.
    Dann aber ging es an das Abschiednehmen, und die Ellern mit dem Kind fuhren
wieder nach Berlin zurck, unter vielen Versprechungen und Plnen, da sie
selbst bald wieder kommen wollten, und da die Eltern sie in Berlin besuchen
sollten, und dem Jungen hatte die Gromutter noch zwei schne, groe pfel
heimlich in die Hand gegeben, die vom vorigen Herbst waren und aussahen wie eben
gepflckt, die hielt er mit groer Sorgfltigkeit fest, bis die Mutter sie ihm
abnahm, weil er mde wurde und schlafen wollte.
    Nun geschah es aber, da das Kind krank wurde, und fiel der Mutter zuerst
eine seltsame Aufgeregtheit auf und besondere Rte des kleinen Gesichtes, dann
wurde der Arzt gerufen und erkannte einen heftigen Anfall von Scharlach. Wie die
Eltern seine Worte hrten, bekamen sie zwar erst einen Schreck, aber darauf
bedachten sie, da doch die meisten Kinder von dieser Krankheit befallen werden
und wieder genesen, und das machte sie wieder guten Mutes. Dann folgte ein
seltsamer Vorgang, nmlich das Kind wurde immer krnker, die Eltern aber, als ob
sie eine heimliche Furcht htten, die sie durch gewollte Hoffnung beschwichtigen
knnten, wurden gleichzeitig immer zuversichtlicher. Aber am Ende geschah es in
einer Nacht, wo die Mutter am Kopfende des kleinen Bettchens sa, da das Kind
pltzlich schneller atmete, und weil die Mutter vom Arzt gehrt hatte, da die
Entscheidung bevorstand, so dachte sie bei sich, jetzt berwindet es die
Krankheit, das macht ihm Mhe; pltzlich aber verzog sich der kleine Mund wie zu
einer klglichen Bitte, und das Gesichtchen sah mit einem Male viel lter aus,
und da blieb der Atem stehen. Das war der Mutter zuerst recht sonderbar; aber
mit einem Male verstand sie, was das bedeutete, und schrie: Er stirbt, er
stirbt! Da sprang der Mann vom Lager auf und kam mit einem unglubigen Lcheln
und wollte beruhigende Worte sagen, indem er die kleinen Hndchen erfate; die
waren aber ganz anders geworden, und das Wort stockte ihm.
    So standen nun die beiden vor dem Leichnam und verstanden nichts, nur da
dem Mann einfiel, da er die Augen zudrcken mute. Und wie die Augen
geschlossen waren und der Schatten der langen Wimpern sich abzeichnete, war der
klgliche Ausdruck um den Mund des Kindes verschwunden, und in dem wachsfarbenen
Kindergesicht zeigte sich ein tiefer Ernst und eine wunderbare Entschlossenheit,
wie eines Helden, der einen schweren Gang zu tun hat. Da sank die Mutter auf die
Kniee und begann zu schluchzen. Dem Mann aber zerstreuten sich noch immer die
Gedanken durch den Gram, weil er keine Handlung zu tun hatte, denn noch eine
lange Zeit war ihm, als msse er verlegen sein und lcheln, und wunderte sich
ber sich selbst, denn er hatte das liebe Kind sehr gern gehabt, und am Morgen
geschah ihm wunderlich, wie er seine Hausschuhe erblickte, die ihm der Kleine
abends immer angeschleppt hatte, jeden einzeln, und drckte ihn ungeschickt an
sich; da strmte es ihm pltzlich aus den Augen, ohne da ein Aufhalten mglich
gewesen wre, unaufhrlich, wie eine Quelle, und ohne Schluchzen. Da schonten
die beiden einander und sprachen nicht miteinander und taten ein jedes, was
ntig war.
    Am Abend des zweiten Tages sagte die Frau: Ich habe bis nun nicht an Gott
geglaubt und war stolz auf diesen Unglauben. Jetzt aber wei ich, da es einen
Gott gibt, und zu einer Strafe fr mich habe ich diese Einsicht gewonnen, denn
ich habe dahingelebt in Leichtfertigkeit und ohne Gedanken, und wie dieses Kind
kam, habe ich es nicht aufgenommen als eine Bestrafung dafr, da ich nicht an
mich dachte und an die Aufgabe, die ich erfllen soll, und auch nicht als ein
Geschenk, das mich zur Besinnung, Liebe und Nachdenken bringen konnte, sondern
als eine zufllige und ungerechte Last, die ich verabscheute, und auch die
Freude, die ich spter an ihm gehabt, ging nicht aus einer Belehrung und
Besserung hervor, sondern nur aus derselben alten Leichtfertigkeit und
Gedankenlosigkeit, nach der ich dahin gelebt habe wie ein Tier im Walde. So ist
mir dieses Kind nun wieder genommen, und ich habe meine Strafe dahin und wei
nun, da alles das nicht mglich wre, wenn es nicht einen Gott im Himmel gbe.
Durch dessen Nachsicht habe ich bis jetzt gelebt, nun aber kann ich nicht mehr
leben. Wenn ich aber das tote Kindchen ansehe, so ist mir, als habe es alles das
gewut, und wiewohl es nur eben anfing, die ersten Laute zu sprechen und ganz
kindisch war in seinem Wesen, so hat es mich doch ganz durchschaut, und in
seinem Innern hat es mich gerichtet; das sehe ich an dem Ausdruck seines
Gesichtes.
    An Karl war eine Nachricht von dem Geschehnis gesendet; er kam zu den
beiden, und wie die Beerdigung war, wohnte er der mit seiner Frau bei. Fr das
Kind hatte er keine rechten Gefhle gehabt, da er es kaum gesehen, denn die
vterliche Liebe wchst erst, wenn ein Vater in einem grer werdenden Kinde
sein eignes Bild wiedererkennt, und jene besondere Liebe, die wir zu den ganz
Kleinen haben, auch wenn sie uns fremd sind, in deren groen und unbestimmten
Augen noch ihre himmlische Heimat trumt, die entsteht doch nur im ganz nahen
Zusammenleben. Auch hatte er nicht mehr genug Zuneigung zu seiner frheren
Geliebten, um mit ihr zu empfinden und zu verspren, was fr sie das alles
bedeutete. So berwog bei ihm das Gefhl der Peinlichkeit seiner wunderlichen
Lage, und er hatte eine Empfindung von Leerheit; die aber machte ihn betroffen,
wie er neben den beiden tiefgebeugten Menschen stand; und seine Frau war von
uerlicher Hflichkeit und zeigte eine gewisse Neugierde. So kam es, da sie
auf die hochgespannten und empfindlichen Seelen der andern verletzend wirkten
und denen ein hliches Gefhl verursachten. Nur einen Augenblick tauchte bei
Karl etwas Besonderes auf, als er sah, wie Jordan mit Zartheit seiner Frau den
Arm streichelte, als knne er sie dadurch trsten; da wurde ihm klar, wie die
beiden zusammengehrten und eins waren und was in Wahrheit die Ehe bedeutet, und
empfand ein tiefes Mitleiden mit sich selbst.
    Auf dem Heimweg sprach Johanna gleichgltige Dinge in kalter und
selbstschtiger Weise und erregte in Karl eine tiefe Erbitterung. Jordan und
seine Frau waren schweigend nach Hause gegangen; denn der Mann wute nicht, was
er zu dem sagen sollte, was in ihr sich jetzt bewegte und Gestalt annahm, und
hatte Scheu und Ehrfurcht vor ihr; ihr aber hatte dieses Zusammenkommen mit dem
frheren Geliebten einen neuen Eindruck gemacht, dessen Folgen sich erst nach
Wochen zeigten. Da sprach sie zu ihrem Manne: Ich habe ein herzliches Erbarmen
mit Karl, denn er ist ein ganz unglcklicher Mensch; und das nicht nur durch
sein ganz schlechtes Weib, sondern auch durch sich selbst. Es ist mir aber sein
Anblick eine Trstung gewesen in meinem gegenwrtigen Leiden, denn durch ihn
habe ich gesehen, da ich doch nicht verworfen bin. Wir haben die christlichen
Lehren ja alle gehrt, aber weil sie uns nur uerlich gelehrt wurden und nicht
eine Antwort auf das Fragen unseres Herzens waren, so haben wir sie nicht
verstanden und dadurch sind sie uns fast in Vergessenheit geraten. Jetzt wei
ich, was Gottes Liebe bedeutet, und wei, da Gott mich liebt. Deshalb habe ich
keine Unruhe mehr, mache mir auch keine Vorwrfe und Sorgen, denn ich wei, da
mir nur Gutes geschehen ist, und da mir nie bles geschehen wird, durch die
Liebe Gottes. Diese Erkenntnis ging mir auf, wie ich Karl beobachtete, denn der
gehrt nicht zu den Auserwhlten; weshalb das aber so ist, wei ich nicht, und
das wird wohl ein Geheimnis sein, das Gott sich vorbehalten hat. So sprach die
Frau; und wiewohl der Mann den eigentlichen Sinn ihrer Worte auch spter nicht
verstanden hat, denn er war ein Mensch, der auf anderm Wege zu seinem Ziele kam,
nmlich durch seine eigne Milde und Gte, so wute er doch, da auch solches gut
ist, und lie sie nach ihrer Art denken.
    Und so lebten die beiden sich immer mehr ineinander, und am Ende erreichten
sie dasjenige Ma von Vollendung, das bestimmt ist fr solche Leute, wie sie
sind, mgen das nun gelehrte und hochmchtige oder schne und berhmte Menschen
sein, oder ein armes und unbeachtetes Arbeiterpaar, das nicht unterschieden von
den andern in einer menschenerfllten Stadt wohnt.

Hans erhielt einen Brief von seiner Mutter, er solle recht schnell nach Hause
kommen, denn sein Vater sei sehr krank, und weil er wute, da das eine
gefhrliche Krankheit war, denn sonst htte sie nicht so dringend geschrieben,
so machte er sich eilig und voll Sorge auf die Heimfahrt; und fuhr denselben Weg
wie damals, als er vor Jahren nach Berlin gekommen war, nur fehlte ihm jetzt der
Glanz der Erwartung, und alles erschien ihm wie einem Enttuschten, und
sonderbar nchtern war es auch in der Heimat, die Luft und die Frische, die
wohlbekannte Art von Menschen mit luftgefrbten Gesichtern, und die Huser und
Wlder. Wie er den alten Weg zum Forsthause ging, da kam ihm keinerlei freudiges
Gefhl, und nur auf den gemeinen Nutzen waren die Holzste, das dnne Waldgras
und die hohen, grauen Baumstmme gestimmt, und das alte Haus erschien ihm klein
und drftig mit der niederen Haustr und den winzigen Fenstern, und es war, als
hnge alles hier nur von der tglichen Notdurft ab, in einer kleinlichen,
beengenden und drckenden Weise, und wiewohl das Stbchen genau so war wie
frher, so schien es gering und unwohnlich, und ganz jmmerlich waren die
hlichen Lithographien vom Leichenzug des Jgers und des Fischers, die ber dem
schwarzen Sofa hingen. Der Vater ging mit groen Schritten in der Stube auf und
ab und begrte den Sohn in zerstreuter Weise, ohne nach etwas zu fragen, die
Mutter kam mit verweintem Gesicht aus der Kche; wie alt und gebckt erschienen
die beiden, die er als so stattlich in der Erinnerung gehabt; waren denn das die
wenigen Jahre gewesen, die derart alles verndert hatten? Der Vater begann gegen
Hans gleich ber einen Holzarbeiter zu schelten, der etwas versehen hatte, denn
er konnte seine Gedanken nicht mehr recht bewegen, und weil er den Mann eben im
Sinne gehabt, so mute er ber ihn sprechen; auch vermochte er sich keine
Vorstellung zu machen, welche Sorgen und Gedanken in seinem Sohne sein mochten,
den er frher doch so zrtlich geliebt hatte; und die Mutter fing an zu klagen,
wie sie mit Hans allein war, ber Schmerzen und allerhand
Krankheitserscheinungen bei sich und ber die Teuerung aller notwendigen Waren,
und da der Vater so stumpf geworden war; und auch sie schien ber allerlei
Kleinigkeiten das Wichtigste zu versumen, und ihre Anteilnahme an Hansen zeigte
sich nur in Erkundigungen ber allerhand uerliche und geringe Dinge.
    Da kam er sich fremd vor und ganz einsam und verlassen, da fiel es ihm
schwer aufs Herz, wie er die ganzen Jahre kaum an seine Eltern gedacht hatte und
ihnen selten etwas von dem Wichtigen mitgeteilt, und besann sich, wie sie
mochten gelitten haben unter seiner Klte. Er fragte nach dem Hhnerhund, den
hatte der Vater totschieen mssen, weil er durch das Alter die Rude bekommen
hatte. Wunderlich, der Hund hatte schon seinen Lebenslauf beendet, den er hatte
aufwachsen sehen von einem tppischen, dickbeinigen und spielerischen Wesen zu
einem pflichttreuen und verstndigen Jagdhund, und er selber, Hans, war nahe an
das Mannesalter gekommen und hatte nicht die Arbeit fr sein Leben.
    Die alte Dorrel fate seine Hand mit beiden Hnden und streichelte sie,
dabei fielen ihr die Trnen aus den Augen, denn sie freute sich, da er so gro
und stattlich geworden war, und beseufzte, da sie daraus ihr Alter erkannte.
Dann erinnerte sie ihn, wie sie zusammen Kartoffeln gerodet hatten, und dabei
ging ihm zum ersten Male das Herz auf, und es war, als ob sich der Panzer
lockere, der ihn fest umfing. Aber nur einen Augenblick war das, dann hatte er
wieder das Gefhl, da er nun an die Stelle der Eltern treten mute, die im
Absterben waren, und da er doch das nicht konnte, denn er fhlte sich noch als
ein Kind, das geleitet wird, und das Leben erschien ihm bermig schwer, da er
es gar nicht tragen konnte. Das kam ihm aber vornehmlich vom Vater, denn der tat
wohl scheinbar alles wie sonst, aber alles, was er tat, hatte einen seltsamen
Anblick fast gespenstiger Art, denn es ging aus einer zwecklosen Unruhe hervor
und nicht aus bedachten Absichten; so stand er morgens lange vor Tag auf und
ging in den Wald, vieles vergessend und sich um Kleinigkeiten erregend, und
kehrte zu wechselnden Zeiten nach Hause zurck, eine zerstreute Ratlosigkeit mit
sich fhrend. Und indem Hans seiner Eltern Leben berdachte, fand er, da sie
immer ehrlich und redlich ihre Pflicht getan, fr ihr Kind gesorgt und auch
andern Menschen geholfen hatten nach ihren Krften. Und wenn nun solches das
Ende war, welchen Sinn und welche Bedeutung hatte dann wohl berhaupt das Leben?
Da berkam ihn eine Furcht, und es wurde ihm klar, da er bis dahin gewandert
war wie ein Trumender auf einem hohen Gebude, und jetzt war er aufgewacht und
sah ein, da man sich in die Tiefe strzen mu. In der Nacht stand die Mutter
mit dem Licht an seinem Bett, denn der Anfall des Vaters, wegen dessen sie ihn
hatte kommen lassen, war wiedergekehrt. Da lag der alte Mann in dem engen Bett,
unbeweglich, und ein Auge war geschlossen und war tief eingefallen und das andre
rollte in der Hhle hin und her, als wolle er jeden besonders ansehen, er konnte
aber auch nicht sprechen. Am Fuende stand die Mutter und weinte still, und in
der Tr stand Dorrel, die schluchzte, und das Auge des Sterbenden rollte stumm
in seiner Hhle. Es war, als ob jetzt ganz besondere Gedanken in dem Vater
waren, an die er sonst nie gedacht, die ganz neu und unerhrt waren, und seinem
Sohne muten sie eine besondere Aufklrung geben. Aber die Zunge war gelhmt,
und nur einmal rief eine besondere Anstrengung ein unverstndliches Murren
hervor. Kurze Minuten dehnten sich endlos aus, und das flackernde Licht erzeugte
hpfende Schatten an der geweiten Wand. Dieser Mann war nun alt und wollte
sterben. Und nun war Hans ein Mann geworden und war so, wie er selbst vor langen
Jahren seinen Vater gekannt hatte, der nun ein alter Mann war und sterben
wollte. Grauenhaft war das. Denn es waren doch auch nur wenige Jahre, dann war
er selber gleichfalls so alt wie dieser Mann, der jetzt im Sterben lag, und dann
mute er gleichfalls sterben. Da war es ihm, als verstehe er innerlich, was der
Vater dachte und wollte, kniete nieder vor der niedrigen Bettstelle und legte
seinen Kopf auf das Kissen neben den Kopf des Vaters, und das rollende Auge
beruhigte sich, und Hans versprte, wie aus seines Vaters Herzen eine heie
Liebe zu ihm herberstrmte, und die Mutter kniete auch vor dem Bett und hatte
seine Hand gefat, und auch auf die Mutter strmte Liebe und freundliches
Wohlwollen. Und Hansens Herz erwiderte die Liebe, und er fhlte deutlich, da er
zu seinem Vater gehrte, denn alles andre, was ihm geschienen, war falsche
uerlichkeit gewesen. Wie er sich dergestalt glcklich fhlte, ging von dem
Sterbenden ein erleichtertes Seufzen aus, und eine Bewegung ging durch den
ganzen Krper; da erhob sich die Mutter und drckte ihm das Auge zu.
    Er lag mit einem friedlichen und beruhigten Gesichte da, und war, als habe
er in den letzten Minuten nicht nur etwas Schnes empfangen, sondern auch eine
groe Weisheit, die ihn in ein glubiges Erstaunen versetzte und seine Zge hell
machte. Hans sprach: Mutter, ich kann nicht weinen, denn er ist sehr glcklich
geworden. Die treue Dorrel aber kam an das Bett, nahm die Hnde ihres Herrn und
faltete sie; und dann faltete sie ihre eigenen Hnde, die von vieler harter
Arbeit zeugten, und betete leise. Hans sprach zu seiner Mutter: Ich habe es
nicht um ihn verdient, da er mich so geliebt hat, aber ich will sein Andenken
lieb haben.
    Viel dachte Hans darber nach, woher es gekommen sein mge, da seines
Vaters Liebe erst in den letzten Minuten zu ihm sprach, und da die Tage vorher
so wunderlich verwirrt gewesen, und am Ende fand er darin eine Erklrung, da
seines Vaters Jugend zu schwer gewesen war und ohne Glck. Es mu aber jegliches
Lebensalter auch das seiner Art entsprechende und gebhrende Glck haben, sonst
gedeiht der Mensch nicht zu seiner Vollkommenheit, sondern wird wie ein Baum,
der in seiner Jugend nicht nach allen Seiten hat frei wachsen drfen. Und wie er
weiter nachdachte, fand er, da dieses Glck viel weniger von der ueren
Gelegenheit abhngt, wie vom Menschen selber, ob er es aus sich herausbilden
will, so da also ein Mann wie sein Vater doch in seinem Innern einen Fehler
gehabt hat. Aber diesen Fehler hatte er auch selber, und glich wohl sehr seinem
Vater; das wollen wir bedenken, da unser Hans doch von deutscher Art und Sorte
ist.
    Als ein sehr vernderter Mensch kehrte Hans nach Berlin zurck, und es
schien in Wahrheit, als ob er durch den Tod seines Vaters viel lter und ein
Mann geworden sei, und besonders zeigte sich das, indem seine Gefhle gegen
Personen, die ihm bis dahin nahegestanden, pltzlich ganz anders waren, ohne da
er einen Grund wute. Am ersten kam es zu einem Bruch mit Heller. Der war lngst
in der frher beschriebenen Art verheiratet und hatte sich ein kleines und
brgerliches Leben begrndet, indem er seine Anschauungen in Zeitungen
verbreitete, die von Arbeitern und kleinen Leuten gelesen wurden. Hans besuchte
ihn, wie er einen heftigen Einsamkeitsgram hatte, und traf ihn in seinem
rmlichen und sauber eingerichteten Zimmer, wie er in einem groen und
gestickten Schlafrock am Schreibtisch sa; er hatte etwas an Umfang zugenommen,
und im Gesicht war ein Ausdruck eines herablassenden Wohlwollens stndig
geworden, der sehr aufreizend wirkte. Da versprte Hans zu seiner groen
Verwunderung, wie er ihm die Hand gab, eine tiefe Verachtung gegen den alten
Freund, und ihm war, als she er eine unertrgliche und widerwrtige Maske, die
ganz hohl war und unbewegte Zge hatte, und alles rgerte ihn, der Schlafrock
und der anspruchsvolle lehrhafte Ton, und besonders einige hochtrabende Worte.
Und wie ihm Heller am Ende erzhlte, da er beabsichtige, sich fr den Reichstag
aufstellen zu lassen, und da sein Wahlkreis ziemlich sicher sei, da entfuhr es
Hans, da er grob wurde und Heller einen Intriganten nannte, und das Sonderbare
kam ganz gegen seinen Willen und auch gegen seine vorherige Meinung; aber die
Bezeichnung hatte den wunden Punkt des andern getroffen, den Hans nur unbewut
geahnt hatte, denn er antwortete sehr gereizt, und das Ende war, da Hans
fortging mit dem klaren Bewutsein, da er fr immer mit Heller auseinander war.
    Nicht lange whrte es, da hatte er einen hnlichen Vorfall mit Krechting;
der sagte ihm, er sehe aus ganz andern Augen wie frher und zeige einen
besonderen Stolz, und aus diesem erkenne er, da sich sein Wesen gendert habe
und ein starkes Wollen in ihn gekommen sei, und so wrden wohl ihrer beiden Wege
jetzt auseinandergehen. Denn wir erwrben uns Freunde und zehrten diese
innerlich aus, und hierdurch wie durch anderes wrden wir mit der Zeit neue
Menschen; dann seien diese Freunde geschmacklos fr uns geworden und wir wrfen
das Geringe, das von ihnen brig sei, gleichgltig zu anderm Unrat, der sich aus
unsrer Vergangenheit um unsre Htte ansammle; und etwa wie ein neugieriger
Gelehrter die Kchenabflle vorgeschichtlicher Vlker durchwhle, so knne
einmal ein Seelenforscher, wenn einer von uns einmal fr einen solchen
interessant wird, den Abfallhaufen studieren und aus ihm die Geschichte des
Mannes erraten.
    Krechting sa in seiner Stammkneipe an seinem gewohnten Tisch, und wie er
mit seinem unglckseligen und verkmmerten Krperchen dasa in seiner Ecke und
verbissen vor sich auf sein Glas sah, da wurde Hans von tiefem Mitleid
ergriffen, der andre aber versprte seine Bewegung, und sein Hochmut machte, da
er sich deren schmte, und so wurde seine Stimme pltzlich heiser und rauh, wie
er fortfuhr, da er keinerlei Empfindungen von Hans wnsche, denn er selbst habe
vielleicht nur einen gewissen Neid auf ihn, weil er fr sich immer an der Seite
stehen werde und bittere Urteile aussprechen, indessen andre sich zu handelnden
Menschen bildeten; aber im Grunde wolle er ja dieses Leben; und nach einem
Jahrzehnt werde Hans ihn immer noch hier in dieser Ecke sitzen sehen und in der
gleichen Weise sprechen wie jetzt, und werde inzwischen eine neue Anzahl
jngerer Freunde mit ihm zusammengekommen sein und nach ihrer bestimmten Zeit
ihn wieder verlassen haben, und so werde es gehen, bis er zu alt sei fr junge
Freunde. Alles das sei ihm ganz klar, und es msse wohl so sein; nur grble er
vergeblich, welches doch der Grund eines solchen Zustandes sein mge; aber
wahrscheinlich habe auch der bezauberte Merlin nicht gewut, aus welchem Grunde
er in seiner Rosenhecke trumen msse.
    So zeigte Krechting doch wider seinen Willen seine Schwachheit, und dadurch
bewies er, da er in Wahrheit eine Liebe zu Hans gehabt, die sich freilich nie
geuert hatte. Aber Hans versprte das Nichtgesagte, und eine wunderliche
Wehmut befiel ihn, eine Art Gefhl, als trenne er sich von einer warmen und
treuen Heimat, um auf das hohe Meer zu gehen, und doch wute er, da Krechting
ganz recht hatte, und es war besser fr beide, da sie sich in Freundschaft und
Ruhe trennten, denn sonst wre bald ein Streit zwischen ihnen ausgebrochen, und
sie htten sich gegenseitig tiefe Wunden geschlagen zum Abschied.
    Inzwischen hatte Weiland noch mehrmals seine Stadt gewechselt, weil er
berall durch die Nachforschungen der Polizei und auch durch Ausweisungen
vertrieben wurde, bis er endlich nach gut zwei Jahren in Sddeutschland einen
ruhigen Aufenthaltsort fand, zu dem er hoffte, seine Familie nachkommen zu
lassen, die er in der ganzen Zeit nicht gesehen; und schon begann sich sein
Gemt wieder zu erheitern durch die Hoffnung auf ein friedliches und anstndiges
Leben. Zu Hause aber war seine Frau mit jenem Zimmerherrn, von dem schon
berichtet, immer nher gekommen.
    Das war eine ganz ruhige und einfache Entwicklung gewesen, deren Ende beiden
unerwartet kam; denn der einsame und stille Mann, der bei seinen Arbeitsgenossen
in der Fabrik und im Wirtshaus nicht Gelegenheit hatte, von dem zu sprechen, was
ihn bedrckte, fand in der engen und sauberen Kche der Frau, wo das Kindchen
auf der Erde spielte und sich auch wohl an seinem Knie hochrichtete, eine Wrme
und Zuneigung, und so berichtete er sein Leben und hrte ihre Geschichte, die
sie unter hufigem Weinen erzhlte, und bald teilte sie ihm aus ihres Mannes
Briefen mit von den vielen fehlschlagenden Hoffnungen und Versuchen, und er
trstete sie und freute sich an der Entwicklung des Kindes; dann machten sie ab,
da die Frau fr ihn kochen sollte, und mit der Zeit besorgte sie alle seine
Angelegenheiten, und wie sie nun immer mehr wirtschaftliche Dinge gemein
bekamen, die besprochen werden muten, zu den andern Angelegenheiten, die sie
sonst schon besprachen, da geschah es, da er die ganze Zeit ber, wenn er zu
Hause war, bei ihr in der Kche sa. Sie schrieb in ihren Briefen an ihren Mann
vieles von dem Fremden und rhmte ihn sehr, bis ihr endlich ihr Mann einmal in
neckischem Tone antwortete, sie solle sich nur nicht in den andern verlieben,
denn er selbst sei doch so lange von Hause fort. ber diesen Scherz wurde sie
sehr nachdenklich, und wie sie sich alles berlegt hatte, sagte sie zu dem
Fremden, da die Leute im Hause bles reden knnten, wenn sie so oft zusammen
seien, deshalb scheine es besser, wenn er nicht zu hufig zu ihr komme. Aber
schon hatte die Gewohnheit einen zu tiefen Eindruck gemacht, und wenn der Mann
abends nach Hause kam, hatte sie immer etwas, das sie mit ihm bereden wollte,
und so kam sie jetzt zu ihm auf sein Zimmer.
    Aber doch hatte sie nun ein Bewutsein, da sie etwas tat, das nicht recht
gehrig war, und deshalb fing sie an, sich selbst Entschuldigungen zu machen;
auch erwhnte sie des Fremden nicht mehr in ihren Briefen. Ihre
Hauptentschuldigung aber, die sie sich machte, war die, da sie noch jung sei
und ihr Leben genieen wolle; denn in dieser kindischen und offenherzigen Art
wissen die Leute sich ihre Vergehen darzustellen. Und auch der Fremde, der ein
braver und ordentlicher Mensch war, hatte bis dahin aus allem kein Arg gehabt;
aber nun, wie ihn die Frau fter besuchte und in ihrem geheimen Schuldbewutsein
einen wunderlichen und verfhrerischen Reiz ausbte, den sie vorher gar nicht
gezeigt, da kam auch er zu Nachdenken und Verlangen; und so steigerten sich
beide unbewut immer gegenseitig, bis der Mann eine leichte Zrtlichkeit wagte,
die zwar anfnglich zurckgewiesen wurde, aber wie es denn geschieht, in solcher
Art, da er Mut bekam fr einen neuen Versuch, und bald ahnten sie jeder, da
sie auf brchigem Eis wandelten.
    Hierber war der Frhling ins Land gekommen, und die beiden verabredeten
sich zu einem Ausflug am Sonntag und fuhren mit der Bahn in einem berfllten
Zuge zu einem der Orte, nach dem sich diese Ausflge richten, gingen dort im
Walde, der von vielen Menschen belebt war, dann aen sie in einer Wirtschaft zu
Abend und kehrten am Ende zum Bahnhof zurck, um nicht allzu spt wieder in
Berlin zu sein. Es war eine schne und etwas strenge Frhlingsluft gewesen,
welche die Nerven anspannt und ein Gefhl in uns weckt, als stehe ein besonderes
Glck vor uns. Auf dem Bahnsteig trafen sie einige andre Paare, die gleich ihnen
frhzeitig zurckfahren wollten, und war ihnen ein eignes und sehnschtiges
Gefhl, wie sie so diese heimlich flsternden und vertraulichen jungen Leute
sahen. In dem Zuge, der wegen der Frhe fast leer war, hatten sie ein
Wagenabteil fr sich, so fuhren sie allein durch das Dunkel nach Hause. Da wurde
die Frau von einem neuen brutlichen Gefhl bermannt, und die Trnen kamen ihr,
sie lehnte sich an die Schulter des Mannes, der fate ihre Hnde, und so fuhren
sie schweigend.
    In der Folge entwickelte sich ein Trotz bei der Frau, weil sie ihr Unrecht
fhlte, sie behielt ihren Grund, da sie ihr Leben genieen wolle, solange sie
jung war, und sagte auch, da die Wohnungsverhltnisse Ursache seien, und
endlich fand sie sogar, da ihr Mann, weil er zu sehr an die Partei gedacht, die
Familie vernachlssigt habe. Wie sie aber ihrem Manne von allem schrieb,
erwhnte sie von diesen Grnden und Ursachen nichts, sondern sagte nur, da sie
den andern lieber gewonnen habe, und als freier Mensch wolle sie sich von ihm
trennen und sich mit dem verbinden.
    Dieser Brief kam gerade in Weilands schnste Hoffnungen und machte ihm einen
sehr tiefen Schmerz, denn es war ihm, als sei er pltzlich wie eine Pflanze, die
aus der Erde gerissen ist, und nachdem er etwa eine Woche in dieser Stimmung
verharrt hatte, wurde ihm in seinem ganzen tglichen Leben so trostlos zumute,
da er dachte, es knne so nicht bleiben, sonst werde ihn der berdru zum
Trinken verfhren, deshalb beschlo er, da er Deutschland gnzlich verlassen
wollte, und nach Amerika gehen, um in eine vllig neue Umgebung zu kommen und
hier durch die Arbeit der Anpassung vielleicht neuen Sinn zu kriegen, denn er
dachte sich, da er noch jung war und sein Leben noch nicht verloren zu geben
brauchte, weil er es ja immer noch ganz von neuem zu begrnden vermochte.
    Indem er aber vorher noch von seiner Frau und seinem Kinde Abschied nehmen
wollte und besonders das Kind noch zum letzten Male sehen, dachte er, erst nach
Berlin zu fahren, und zwar war er ja dort ausgewiesen, aber er hoffte, da die
Polizei, wenn er die Reise geheim betreibe, doch nichts von ihm erfahren werde;
und zur besonderen Vorsicht lie er sich den Bart abnehmen und das Haar
schneiden, um weniger leicht erkannt zu werden; aber gerade diese Vorbereitung
erweckte einen Verdacht, denn da er aus irgend einem Grunde fr einen besonders
gefhrlichen Menschen gehalten wurde, so war er sehr genau beobachtet. So kam er
in Berlin an und ging die bekannten alten Wege zu seiner Wohnung, die er frher
immer mit groer Frhlichkeit gegangen war, und klingelte an der Tr, und weil
ihn seine Frau nicht gleich erkannte auf dem dunkeln Flur, so hie sie ihn
unbefangen eintreten; da stand er auf der Kchenschwelle, und der Tisch, der
damals ganz neu gewesen, hatte auf der Platte seine Farbe verloren durch den
Gebrauch; aber es war eine weie Gardine vor dem Fenster, und pltzlich wurde
ihm so wehmtig zu Sinn, da er htte weinen mgen. Seine Frau stand in der
uersten Ecke und sah erschreckt auf ihn hin, und das Kind war auf ihn zugeeilt
und hatte Papa gerufen, in der Meinung, er sei der neue Vater, aber dann hatte
es seinen Irrtum erkannt und war vor dem fremden Manne erschreckt zurckgelaufen
und versteckte jetzt sein Gesicht in der Schrze der Mutter. Das erschtterte
ihn mehr wie das Entsetzen seiner Frau, da sein Kind sich vor ihm frchtete, da
rief er mit schluchzender Stimme: Sehe ich denn aus wie ein Verbrecher, da ihr
vor mir Angst habt? Aber die Frau starrte ihn nur immer besinnungslos an, und
das Kind machte das Kpfchen etwas los und blickte scheu zurck; da kamen ihm
die Trnen, und er wagte nicht, einen Schritt vorzusetzen.
    In diesem Augenblick traten Schutzleute durch die Flurtr herein, die in der
Aufregung der beiden offen geblieben war, und einer legte die Hand auf Weilands
Schulter und erklrte ihn fr verhaftet wegen Bannbruchs; zerstreut sah er dem
brtigen Mann ins Gesicht, dann schrie er laut den Namen seiner Frau, der kamen
jetzt auch groe Trnen ber die Wangen, aber sie stand noch immer gelhmt. Vor
der Tr drauen sammelten sich neugierige Hausbewohner, ein Murmeln und die
befehlende Stimme eines Schutzmannes wurde gehrt. Da wendete sich Weiland
langsam um und ging die Treppe hinab mit den Mnnern, die ihn verhaftet hatten,
und die Knie zitterten ihm, und seine Frau mit dem Kind waren oben in der Kche.
    Wie er zwischen den Polizisten aus der Haustr auf die sonnenhelle Strae
trat, in deren Mitte ein Pferdebahnwagen fuhr, da flsterten Leute hinter ihm,
er sei betrunken; da ergriff ihn eine unbndige Wut und eine sinnlose
Verzweiflung, da er sich auf den einen Mann strzen wollte. Wie er eben die
Bewegung begann, hrte er eine scharfe und schneidige Stimme rufen: Achtung!
Das durchzuckte ihn, und das alte, bekannte Schlagwort, das er selbst
vielhundert Mal gerufen, kehrte in ihn: La dich nicht provozieren. So ging er
denn ruhig mit, nur die Fuste hatte er geballt.
    Er wurde wegen des Bannbruches zu einigen Wochen Gefngnis verurteilt, und
whrend dieser Zeit hoffte er immer, da ihn seine Frau noch einmal mit dem
Kinde aufsuchen werde, aber die schmte sich und so nahm der Mann von
Deutschland Abschied mit Bitterkeit im Herzen. Aber als er vom Schiff aus New
York erblickte, wo sich ber dem breiten Lager der gewhnlichen Huser wie
gewaltige Trme des Mittelalters die Riesenbauten erhoben, die mit ihrer
obersten Galerie die Wolken streifen und deren Wnde doch blitzen von
spiegelnden Fensterscheiben, denn nur aus Eisen und Glas sind sie erhoben, da
war es, als ob in ihm Begeisterung, Kraft und neue Freude erwachten. Und wie er
durch die breiten Straen ging, wo die Menschen sich rcksichtslos drngten mit
willensstark geradeaus gerichteten Blicken und jeder ein Ziel verfolgte und Mut
und Hoffnung hatte, da richtete sich auch seine Haltung, nicht in der
militrischen Art wie zu Hause, sondern nach amerikanischem Wesen, und ein
Einheimischer sah wohl verwundert den Einwanderer mit dem kleinen Bndel an, der
gar nicht aussah wie ein gewhnliches Grnhorn. Und es glckte ihm, da er
gleich Arbeit bekam in seinem Geschft, und schon nach einem halben Jahre, wie
er sich an das Neue gewhnt hatte, rckte er zu einem Meisterposten auf, dann
wurde sein Ehrgeiz immer lebendiger, und nicht lange whrte es, da mute ihn
sein Herr, der einst gleich ihm als armer Schustergeselle eingewandert war, mit
am Unternehmen beteiligen, und nun hatte er den Weg frei vor sich, der ihn einst
zum Reichtum fhren mute. Ganz sonderbar schnell hatte er sich seiner Sprache
entwhnt und waren alle seine Manieren amerikanisch geworden, und weit, weit in
den Hintergrund traten ihm seine jugendlichen Bestrebungen und die Erinnerung an
Weib und Kind, denn nur zuweilen im Traum kam es ihm, da er die alten Zeiten
sah. Spter heiratete er eine amerikanische Frau, die ein schlankes und stolzes
Wesen war mit offenem Gesicht, die ihm erschien wie eine Knigin, trotzdem sie
nur Buchhalterin gewesen war in seinem eignen Unternehmen, und so bereitete er
mit die neue Gesellschaft vor, die freilich ganz andrer Art ist wie die einst
von ihm getrumte, und die einmal unbarmherzigen Krieg fhren wird gegen uns
Altvterliche.
    In Hans begann jetzt allmhlich ein Gefhl der Einsamkeit, denn die Jahre
waren vorber, wo man die Vorstellung hat von vielen unbekannten Freunden, die
man nur anreden mte, auch verliert am Ende der Jnglingsjahre das Bewutsein
gemeinsamer berzeugungen seine Bedeutung, das leicht Menschen zur Freundschaft
zusammenbringt, denn in Wahrheit fngt jetzt das Alter an, wo die Ehe eintreten
mu und die erfolgreiche Berufsarbeit, in welcher die Fhigkeiten und Kenntnisse
verwendet werden, die suchende Jnglingsjahre erworben haben. Aber weder konnte
Hans an eine Ehe denken, auch wenn er eine Liebesneigung gefat htte, denn er
vermochte nur eben sich selbst zu ernhren, noch erschien ihm seine Ttigkeit
als eine Berufsarbeit fr das Leben, denn sein Lehrer hatte es ihm wohl nach
seinem Versprechen verschafft, da er bei einem groen wissenschaftlichen
Unternehmen mitbeschftigt wurde, aber die Arbeit war ihm nur ein gemeiner
Broterwerb. Aber welche Ttigkeit er sich aussuchen sollte, das konnte Hans auch
nicht sagen, und so machte er sich jetzt oft Vorwrfe, da er sich frher durch
zu vielerlei Interessen zersplittert habe.
    Derart sah er nun auch andre Dinge in einem grauen und unerfreulichen
Schein, die ihn frher glcklich gemacht hatten, die unreife Begeisterung der
Jugend war erloschen, und Erfahrung und Verstndigkeit hatten noch nicht ein
neues Bild der Welt geschaffen; so wunderte es ihn, wie er in einer
Volksversammlung ein ganz neues Bild bekam, wo er eine Rede von Heller hrte, in
welcher der gehssig ber die hheren Stnde sprach und den Arbeitern
schmeichelte, und die Versammelten jubelten ihm Beifall; aber der Hochmut und
die kindische Art der Leute tat ihm weh, und weil er selbst ein Mensch mit
Ehrfurcht war, so kamen sie ihm vor wie freche Knechte. Da erschien ihm
pltzlich der Drang nach Gerechtigkeit und der Wunsch auf Gleichheit als ganz
unreif, und er kam sich vor wie das Kind, das den Ozean mit der Nuschale
ausschpfen wollte, weil er einst geglaubt hatte, er knne durch ein Urteil ber
Recht und Unrecht in diesen gesellschaftlichen Vorgngen eine Einsicht haben,
die doch durch den geheimen Lebenstrieb der gesamten Gesellschaft bestimmt
werden; und in Wahrheit hatte er vielleicht die Auflsung und den Tod der
Gesellschaft erstrebt durch seinen Drang und seinen Glauben. Ganz neu und
unbestimmt kam ihm nun zuerst der Gedanke, da dieser Maurer oder Zimmermann
neben ihm nicht behaglich leben drfe, wenn er selbst oder ein andrer sollte
hher kommen knnen, nicht zu Behagen, sondern zu hherer Wesenheit, und indem
fhlte er pltzlich, da er diese Menge von dumpfen und selbstzufriedenen
Menschen hate. Aber so einsam war er, da er von dieser Unruhe und Verzweiflung
niemand mitteilen konnte, und er htte auch ein weibliches Wesen haben mssen,
dem er seine Gedanken erzhlte. So fhlte er sich nun nher hingezogen zu Luise;
die hatte ihr medizinisches Studium beendet und war nach Hause zurckgekehrt,
und ihre Absicht war gewesen, nun sich als rztin niederzulassen. Aber wie sie
das gewollte Ziel erreicht hatte, war pltzlich eine seltsame Mdigkeit und
gleichgltiger Sinn ber sie gekommen, und sie lebte wochenlang und dann durch
Monate unttig, und wie es Menschen in dieser Verfassung geschieht, huften sich
allerhand Schwierigkeiten um sie, als seien sie durch ihre Stimmung
herbeigezogen. Hans versprte nichts von dieser Lage und freute sich nur, da er
ihr manches mitteilen konnte; aber einmal, bei einem recht gleichgltigen
Gesprch sprach sie mit ihrer Stimme, die jetzt mde war, von Zwecklosigkeit. Da
tat er einen erschreckten Blick in die dunkle Tiefe ihres berdrusses und ihrer
unerklrten Verzweiflung, und fr sich selbst wute er pltzlich, da er an
demselben berdru litt. Und wie er sich nun so umsah nach andern, da fand er,
da ihr Bruder ein glcklicher Mensch war. Den hatte er frher immer verachtet,
weil er gar keinen Sinn besa fr die Dinge, die Hans und den andern wichtig
erschienen, sondern er verharrte nur immer mit unverdrossenem Eifer bei seiner
kleinen Gelehrsamkeit. Eben trat er ins Zimmer, als Luise jene Worte gesagt; der
Vater hatte ihm zum Geburtstag eine Geldsumme geschenkt, und er hatte sich dafr
schmutzige Trmmer eines alten Buches gekauft, ohne Titel und ohne Schlu, das
ein Stck eines im siebzehnten Jahrhundert in Venedig gedruckten arabischen
Werkes war; sein ganzes Gesicht strahlte von innerer Heiterkeit, liebkosend
strich er ber den zerfetzten Einband, und Hans wechselte einen schnellen Blick
mit Luise, und beide dachten, sie mchten wohl gern solchen Glckes fhig sein,
und verwunderten sich, weshalb sie das nicht konnten.

Die Ehe von Karl und Johanna hatte sich immer grausiger entwickelt in Ha und
Sehnen; und er gewann bald das heimliche Gefhl des Sieges und wute, da er in
Krze frei sein mute von seiner Kette, und sie war gnzlich ratlos und sah sich
von Unverstndlichem umgeben. Unmerklich hatte sich eine Wand erhoben zwischen
ihnen, deren Wachsen hatte er gesehen und kannte ihre Fugen, sie aber war
erstaunt ber die neue Mauer, denn ganz pltzlich merkte sie von ihr, dann
schlug sie zornig gegen die empfindungslosen Steine, und zuletzt sank sie in
sich zurck.
    Er hatte schon lange geahnt, da sie ihn nach einiger Zeit vor andern
lcherlich machen werde, und nun hatte sie damit begonnen, indem sie ber seine
Tracht spottete, seine Gangart, seine Art zu sprechen. Und wiewohl sie wute,
da er sehr litt und sich in ihm Bitterkeit hufte, so fuhr sie doch fort in
dieser Weise; aber der Grund war, da sie die Mauer einreien wollte, denn sie
versprte wohl, da sie ihn gar nicht hatte, weil sie nichts von ihm wute wegen
dieser Mauer, und sie wollte ihn ja verzehren. Auch stellte sie in seiner
Gegenwart Betrachtungen ber seinen Charakter an. So fhlte er zuzeiten deutlich
hinter diesen Roheiten ein Flehen zu ihm, eine Sehnsucht, und einen Willen, der
ihn halten wollte; das machte ihn glcklich durch befriedigte Rache. Ihr dunkler
Trieb suchte weiter und uerte sich in andrer Form, und dachte, da Karl
vielleicht nach irgend einer andern Seite eine starke Neigung hatte, die ihn
unangreifbar machte; deshalb suchte sie mit heftiger Eifersucht in allem, was
ihn beschftigte, und begann Bcher zu hassen, Bekannte zu verfolgen, gegen
Gewohnheiten zu schelten, aber fand nichts, das ihr eine Erklrung gab. Da
bezwang sie ihre Natur zu Freundlichkeit, zu Entgegenkommen, suchte ihn auf
seinem Zimmer auf, indem sie eine andre Absicht vorschtzte, und wollte ihn
bewegen, zu ihr zu sprechen, ja, sie ging zu ihm, der gebckt ber seinem Buche
sa, und streichelte ihm die Stirn mit ihrer Hand, und ihre Hand war weich und
khl, und etwas Seltsames flo aus ihr. Aber sein Ha wurde so heftig, da er
sich nicht ruhig halten konnte, und er stand hastig auf und ging fort. Da setzte
sie sich und weinte; und wie er zurckkam und sie mit verweintem Gesicht in
seiner Stube fand, mute er sich zwingen, da er sich nicht auf sie strzte, um
sie zu tten.
    So war die Vorbereitung zum Ausbruch. Sie hatte eine groe Gesellschaft
ihrer Freunde, die ihm alle verhat waren, denn er sah in einem jeden von ihnen
einen Teil ihres Wesens lebendig vor sich. An jenem Tage erschienen ihm alle
Gesichter unnatrlich verzerrt, und wie sie um den runden Tisch sich drngten
und verwirrt durcheinander sprachen, da sa er fr sich und war zusammengesunken
und vergrbelt. So hrte er wie durch einen Schleier eine Weile einzelne Worte
aus dem allgemeinen Gesprch, die Johanna mit Krechting wechselte, und langsam
wurde es ihm bewut, da sie sich auf ihn bezogen, und wie er aufblickte, nahm
er einen Blick des Einverstndnisses der beiden wahr, das auf seine Kosten ging.
Da stand gerade vor ihm ein Tellerchen mit Backwerk, das nahm er und warf es
Johanna ins Gesicht. Er warf mit Absicht so, da es ihr Gesicht flach traf,
nicht mit der Kante, damit sie nicht verletzt wurde. Whrend er das tat, war es
ihm, als ob nicht er es sei, der das tue, sondern ein andrer, der ihn gar nichts
anging, denn er war ganz ruhig, uerlich wie innerlich, und wunderte sich, wie
er den Teller vor ihrem Gesicht sah. In dem Augenblick, wo er zielte, waren alle
stumm geworden und hatten erstarrt auf ihn geblickt. Das Tellerchen traf, und
das Backwerk fiel wohl vor ihm auf die Erde, aber das Tellerchen traf sie mitten
ins Gesicht. Sie fing es im Herabfallen auf und hielt es in der Hand, ohne
Gedanken, indes sie ihn mit groen und erstarrten Augen ansah; mit einem Male
schrie sie laut auf und warf es auf den Boden, als sei es glhend. Er aber erhob
sich und ging aus der Tr, machte sich in seinem Zimmer straenfertig und
schritt langsam die Treppe hinunter und aus dem Hause. Alles lie er dort, und
nie kehrte er wieder zurck.
    Ruhe und Frieden suchte er und etwas, das er nicht nennen konnte. So ging er
zu Luise. In ihren Scho hatte er seinen Kopf gelegt, und langsam stiegen ihm
die Trnen in die Augen, denn er hatte nicht sprechen mssen, sondern sie hatte
ihn angesehen, und dann hatte er sein Gesicht in ihren Scho gelegt, und nun
streichelte sie ihm die Haare. Ruhig wurde ihm, wie wenn nun alles Meer glatt
wre, und er dachte an nichts, nur fhlen konnte er, und er fhlte, wie Ruhe in
sein Herz flo. Dann wute er, da er aufstehen mute, und er stand auf und
setzte sich neben sie; und sie sagte mit gtigem Gesicht, da er lter geworden
war. Wie sie das sagte mit gtigem Gesicht, strmte ihm das Blut zum Herzen, und
er sah zwei feine Linien um ihre Mundwinkel. Sie lchelte, wie sie seinen Blick
bemerkte und scherzte, da auch sie nun die Jugend verlassen habe. So plauderte
sie weiter, und er wute, da ihr das schwer wurde, jetzt so sorglos zu
plaudern, und einmal fing er einen besorgten Blick auf, den sie auf sein Gesicht
warf; aber er selbst htte nichts sagen knnen, sondern er hrte nur zu, ihrem
leisen und freundlichen Wortfall. Von Bekannten erzhlte sie und von Bumen und
Blumen. Er liebte eine Bewegung an ihr, wenn sie mit beiden Hnden zurck an das
Haar fate. Seine Seele wiegte sich auf ihren Worten, und er schlo die Augen,
damit er nur den Klang allein habe.
    Jetzt wute er, da er jeden Tag und jede Stunde an sie gedacht hatte, und
da er zusammengeschreckt war, wenn jemand einmal aus Zufall ihren Vornamen
genannt hatte. Und nun sa sie neben ihm mit ihrer Gte und wollte ihm Liebes
erweisen in Zartheit. Sie hatte die Hnde in den Scho gelegt, und wie er eine
zufllige Bewegung machte, berhrte ihn ihr Kleid. Sie merkte das, und diese
Berhrung war ihr peinlich, aber sie beherrschte sich und sah ihn mit gutem
Lcheln an, und erst eine Weile nachher nahm sie ihr Kleid zusammen und von ihm
weg, mit einem entschuldigenden Blick. Dann ging sie zu ihrem Flgel und
spielte, und die Tne fluteten langsam heran und schienen gro und umgaben ihn
weich und hoben ihn, und er fhlte sie um sich, wie sie weich waren. Dann
begannen sie in ihn einzudringen, und mit einem leichten Schauer rhrte etwas an
sein Herz, und dann noch etwas, da wurde es ihm frei im Haupte und leicht, und
es war, als ob alles sich im Herzen befinde, in dem war eine se Lust, und es
verschwand auch alles um ihn, weil es unbedeutend war, und er sah nur, wie Luise
spielte, und in ihrem keuschen Nacken kruselten sich dunkle Lckchen.
    Von nun an lebte Karl wieder in der Weise wie vor seiner Verheiratung, nur
da auch ihn die Einsamkeit berkam und er viel auf seiner stillen Stube sa,
und in seiner Seele bewegte sich herzkrnkendes Grbeln, und es war, als sei ihm
das Band lockerer geworden, das die verschiedenen Eindrcke, Strebungen und
Ausflsse zu unserm Ich vereinigt, denn hierhin und dorthin begaben sich Teile
seines Selbst, und wie von Schmetterlingen flatterte es bunt und willkrlich um
sein Haupt. Aber das machte ihn nicht unglcklich, sondern es schien ihm, als ob
er zu Frieden und Ruhe wolle, und wie wenn er in einem schweigenden Flusse
schwimme und seine Glieder sich lsten in dem Wasser mit leuchtenden Spitzen.
    In dieser Zeit wurde er vorbereitet auf das Einflieen eines Neuen in ihn,
das schon lange sich um ihn geballt hatte. Denn schon seit einiger Zeit war er,
was ein wunderlicher Zufall in einer Grostadt scheint, auf seinen Wegen fters
einem Menschen begegnet, der ihm in eigener Art auffiel, vielleicht htten ihn
andere kaum beachtet; das war ein seltsam linkischer und verlegener Mann, dessen
Kleidung nicht absonderlich war und dessen Gesicht, Haltung und Gliedmaen
ebenfalls nichts Merkwrdiges zeigten, und doch war er im ganzen so eigentmlich
linkischer und verlegener Art, wie Karl noch nie einen Menschen gesehen hatte.
Wie das so geht, schien der Mann umgekehrt auch fr Karl ein gewisses Interesse
zu haben, denn er sah ihn immer mit einem gewissen Aufleuchten des Gesichtes aus
den andern Menschen auf der Strae hervortauchen. An einem nakalten
Novemberabend etwa gegen neun Uhr, wo die entlegene Strae recht einsam war,
traf Karl den Fremden, wie er unter dem aufgespannten Regenschirm mit Verdru
eine kalte Zigarette betrachtete, trat zu ihm und bot ihm seine Streichhlzer
an; der Fremde dankte mit etwas bertriebener Hflichkeit, und dann begann ein
Gesprch daraufhin, da sie sich so oft schon auf der Strae begegnet waren; und
wie ihnen dann die ersten gleichgltigen Worte bald ausgingen, da versprten sie
beide den Wunsch, einander nahe zu kommen, und deshalb setzten sie sich zusammen
in eine Wirtschaft; es stellte sich heraus, da sie Nachbarn waren. Der Fremde,
der sich Roch nannte, wute das Gesprch bald auf einen Weg zu leiten, den Karl
mit groer Freude beging.
    Er stammte aus einer wohlhabenden und guten Familie und war in wohlerzogenem
und bravem Zustande auf die Universitt gegangen, um nach dem Willen seiner
Eltern Jurisprudenz zu studieren. Es entwickelte sich in ihm damals eine ganz
besondere Liebhaberei fr Bcher, die fast die Art einer Leidenschaft annahm,
ber der vernachlssigte er beinahe seine Studien, und um die gewhnlichen
Vergngungen seiner Altersgenossen und Kameraden bekmmerte er sich gar nicht,
so da er sich zu einem etwas sonderlinghaften Menschen entwickelte. Hierber
war seine Familie nicht sehr vergngt, die wnschte, da er sich benehmen solle
wie Andere, und ihm auch einige Jugendtorheiten gern verziehen htte, wenn sie
von der gewhnlichen Art gewesen wren, denn sie befrchteten, da er als ein
wunderlicher Mann spter keine glatte Laufbahn haben werde, die ihnen allen als
das Erstrebenswerteste erschien. Deshalb wurde er in den Ferien auf Besuch zu
einem unverheirateten Oheim geschickt, der in einer kleinen Stadt als Kreisarzt
lebte und als ein frhlicher und allen Lebensgenssen in Unbefangenheit
ergebener Mann bekannt war. Vor dem htte man ein leichtes Blut wohl sehr
gehtet, diesen jungen und allzubraven Mann aber hoffte man durch ihn zu der
gewnschten mittleren Art von Fhrung und Auffassung des Lebens erziehen zu
knnen.
    Des Oheims Betragen machte aber einen ganz unerwarteten Eindruck auf den
Jngling; denn der hatte bis dahin ganz treuherzig alles aufs Wort geglaubt, was
ffentlich von unserm gesellschaftlichen Leben gesagt wird, und hatte nichts
geahnt von den geheimen Vernderungen, durch welche die einzelnen Stnde,
Berufe, Klassen und Personen diese Meinungen ihren besonderen Bedrfnissen
anpassen, und nun machte sich der Oheim, der von altjunggesellenhaftem Zynismus
war, einen besonderen Spa daraus, den jngferlichen Neffen aus diesen
Vorstellungen zu entfernen und begann damit, da er ihm seine smtlichen
Liebesgeschichten nach der Reihe erzhlte. Er war aber ein hochgewachsener
schlanker Mann mit schneeweiem Knebelbart, rtlichem Gesicht und blitzenden
blauen Augen, der so recht herzhaft aus der Brust heraus zu lachen vermochte
ber den etwas verkmmerten Neffen. Wie er noch Junge war, wohnte neben seinem
Elternhause eine Hebamme, die eine einzige Tochter hatte, in seinem Alter, ein
schwarzugiges, rasches und hbsches Mdchen. Einmal mute er eine Bestellung
ausrichten und traf sie allein in der Stube; da hngte sie sich um seinen Hals,
kte ihn strmisch ab und bestellte ihn auf den Abend in den Garten, und die
war seine erste Liebe gewesen, damals war er zwlf oder dreizehn Jahre alt; eine
Art Rhrung huschte ber das Gesicht des alten Erzhlers, wie er davon sprach.
Vor wenigen Jahren kam er einmal wieder in seine Heimat; und wie er allein durch
das Holz ging, begegnete ihm ein sauberes und freundliches altes Mtterchen, die
sprach ihn an und fragte, er kenne sie gewi nicht mehr, und dann nannte sie
sich ihm als diese alte Liebste und sagte seufzend, es seien nun fnfundvierzig
Jahre vergangen seitdem, nun sei sie lange Gromutter, und da wolle er gewi
nichts mehr von ihr wissen; aber da sei doch die Jugend noch einmal wieder in
ihm wach geworden. Es stand da aber eine schne alte Buche, die ihre ste
weithin breitete, da in einem runden Kreise unter ihr kein Unterholz war,
sondern nur die gerollten braunen Bltter, zwischen denen einige weie Blmchen
wuchsen.
    Dem Jngling tat sich in diesen Wochen ein zauberischer Garten auf voll
herrlicher Frchte, die ihn lockten, da er sie pflcken sollte, nur drfe er
nicht zu zaghaft sein, sondern msse ohne Furcht den Fu ber die Schwelle
setzen; und so zog eine ganz unbndige und verstandlose Lebenslust in die fast
vertrocknete Seele des Jnglings. Es flo aber am Ende des Gartens ein Flu
leise und rasch dahin, der sehr tief war und klardunkles Wasser hatte, und ber
ihn neigte sich, genau auf der Grenze des Nebengartens, eine alte Weide mit
tiefhngenden gelben Ruten, an denen der Frhling kleine helle Blttchen
hervorgetrieben hatte. Hier stand der Jngling oft auf einer vorstehenden
Wurzel, hatte den Stamm umfat und sah in das still dahinschieende Wasser, denn
in seiner Klarheit schwammen kleine Fischchen in einem langen Zuge; sie
schwammen gegen den Strom, und oft standen sie unbeweglich, und pltzlich
zuckten sie einmal blitzschnell mit den Schwnzen und flohen auseinander. Diesem
Spiel sah er lange zu mit behaglicher Freude und ohne sich Gedanken zu machen;
denn wie der Frhling unsere Sehnsucht erregt und unsre Lust zum Leben, so
spendet er uns auch eine se und trumerische Mattigkeit, in welcher die
Stunden rasch dahinflieen mit leisem und gleichmigem Rauschen.
    An einem Nachmittage, wie er an diesen Platz gehen wollte, erblickte er auf
der Nachbarseite durch das Gebsch, das noch licht war, ein Mdchen in hellen
und zarten Kleidern, das ganz in derselben Stellung stand wie sonst er selbst,
denn sie stand auf der uersten und untersplten Wurzel des schrgstehenden
alten Baumes und hatte den zarten Arm um den ausgehhlten Stamm geschlungen und
die Gestalt mit dem Kpfchen vorgeneigt, und schaute angestrengt in das lautlos
flieende Wasser. Wie sie sein Rascheln hrte, blickte sie sich schnell um, und
hatte kornblumenfarbene Augen und ihre Gesichtshaut sah aus wie ein
Rosenblttchen, und schien verlegen, und es fiel ihm auf, da unter der
Oberlippe, die etwas zu kurz war, weie Zhnchen hervorblinkten, das ganz
wundervoll reizend erschien.
    Nun wurden die beiden bald miteinander bekannt, und es zeigte sich, da sie
die Tochter einer Witwe war, deren Mann einen Kaufmannsladen gehabt, die recht
rmlich und allein in dieser kleinen Stadt ihr Leben hinbrachte. Das Mdchen
hatte viel gelesen aus den Bchern ihres Vaters, aber nur unsre Klassiker, und
zwar neben Schiller und Goethe auch Wieland und Klopstock, und dann Bulwer und
Cooper, und ein Buch, das hie das Buch der Natur. Hieraus hatte sie sich ein
wunderliches Wesen entwickelt, das ebenso weltfremd war wie des Jnglings, nur
da in ihrer Seele sonderbare Phantasiegebilde lebten, in denen die
verschiedenartigen Helden ihrer Bcher sich zusammengeschlossen hatten.
    So einigten sie sich bald zu gegenseitiger Liebe, und nachdem sie sich
zuerst am Tage hufig im Garten getroffen hatten, verabredeten sie sich endlich
auch zu Zusammenknften in nchtlicher Weile.
    Indem nun aber in dem Jngling damals zweierlei entgegengesetzte Wesen
waren, kam er zu widersprechenden Handlungen, denn durch die Reden seines Oheims
war auf der einen Seite seine Phantasie derartig verndert, da er in seiner
Liebe keine Grenzen mehr innehielt, auf der andern Seite aber blieb er in seinem
eigentlichen Kern doch ein ganz anderer Mensch wie der Oheim und wurde durch
seine Liebe feinfhliger und gewann eine mehr edle Gesinnung, so da ihm nun
dessen Gesprche zuwider wurden, weil es ihm schien, als ob etwas Heiliges durch
sie beschmutzt werde, whrend er doch selbst nach dem Sinn dieser Gesprche
gehandelt hatte, und dann wurde ihm dieser Widerspruch immer qulender, so da
er am Ende, trotz seiner immer noch wachsenden Leidenschaft fr seine Geliebte,
nicht mehr bei dem Oheim ausharren konnte und Abschied von ihm nahm. Dabei wute
er keinerlei Rat, was nun mit seiner Verbindung mit dem jungen Mdchen geschehen
sollte, denn sie als seine Braut zu erklren, wagte er vor seiner Familie nicht,
und so schob er diese Sorge auf die Zukunft, indem er sich fr die Gegenwart nur
dem Gram ber die Trennung hingab. Nun geschah es aber, da die natrlichen
Folgen eintraten. Wie seine Geliebte das merkte, schrieb sie in ihrer tdlichen
Angst an ihn einen Brief und erzhlte ihm das, er aber war inzwischen wieder
gnzlich in sein eigentliches Wesen verfallen, indem er eine heftige Angst vor
den Menschen hatte und nicht wute, was er tun msse; aus dieser Verfassung
heraus schrieb er an sie zurck, und wie sie mit ihrem gromtigen Herzen diesen
Brief verstanden hatte, da wute sie genau, da sie nun allein stand in der Welt
und ihr keinerlei Hilfe kommen werde, und so gab es nach ihrer Vorstellung denn
nur einen einzigen Weg noch, den sie gehen konnte. Inzwischen war Roch wieder in
seine Universittsstadt zurckgekehrt, und indem sein unruhig gemachtes Gewissen
ihn zwecklos hin und her trieb in einsamen Wanderungen, wurde er noch einsamer,
wie er schon gewesen, und hatte wenigen Schlaf. Da geschah es ihm, da er in
einer Nacht ein Gesicht sah, nmlich, er sa in seiner Stube und ohne Licht, und
hatte seit Stunden schon sich in Gedanken abgegrmt, und es mochte schon gegen
Mitternacht sein, da erblickte er pltzlich deutlich den Weidenbaum, auf dessen
schrgem Stamm jetzt Schnee lag, und unter ihm eine schwarze Stelle des Flusses,
der sonst unter schneebedecktem Eise dahinscho, aber an dieser einen Stelle war
er frei, und an dem Baum, vor der eisfreien Stelle kauerte seine Geliebte und
hatte nackte Arme und loses Haar, wie sie aus dem Bett gestiegen, und blickte in
das dunkle Wasser, und ganz deutlich sah er die kurze Oberlippe, welche die
Zhnchen sehen lie, und das rhrte ihn besonders am Herzen, da er diese
Oberlippe so deutlich sah, aber ganz bla war das Gesicht und grauenhaft ernst
und entschlossen; er schrie laut auf und strzte auf das Bild zu, aber indem
glitt die Gestalt nach vorn ber in das dunkle Wasser, und noch whrend er
schrie, war auch schon das ganze Bild verschwunden. Wie er die Nacht verbracht
hatte, erhielt er am andern Morgen einen Brief von ihr, in dem sie ihm ihre
Absicht mitteilte, da sie aus dem Leben gehen wolle; und so hatte er nun die
Besttigung, denn bis dahin hatte er noch nicht geglaubt, da das Gesicht ihm
einen wahren Vorgang geoffenbart. ber dieses verfiel er in eine schwere
Krankheit, und nachdem er die berstanden, kam ein langdauernder Trbsinn ber
ihn, er gab alle seine frheren Plne auf und verwendete seine Zeit auf die
Arbeit in den okkulten Wissenschaften; denn nach seinem Erlebnis hatte nichts
mehr Bedeutung fr ihn, was in dem engen Kreise geschehen war, der durch das
Licht erleuchtet ist, und nur das erschien ihm wichtig, was in der unendlichen
Dunkelheit verborgen ruht, die jenseits dieser nahen Grenze liegt, und so fand
er eine Beruhigung fr sein Gewissen, denn in Wahrheit war ja, was er getan,
unwichtig und sinnlos gewesen, und seine Bedeutung war gar nicht verstndlich
fr den blden Blick, den wir hier haben. So war es mglich fr ihn, da er sich
am Leben erhielt.
    Mit diesem Roch nun freundete sich Karl an, und seine Lehren nahm er mit
groer Begierde auf. Wie die beiden derart vertraut miteinander geworden waren,
da erzhlte ihm Roch, er habe sich schon lange einen Freund gewnscht, mit dem
zusammen er einen wichtigen Versuch anstellen knne, der deshalb zwei Personen
erfordere, weil er mit Gefahren verknpft sei, denn in einem alten mystischen
Buche, das nur handschriftlich vorliege, habe er eine Vorschrift fr ein
Rucherpulver gefunden, das frher von Beschwrern benutzt wurde, um Geister
erscheinen zu lassen, und enthalte das in seinen wirksamen Bestandteilen gewisse
berauschende Stoffe, die wohl geeignet sein mchten, den gewnschten Zweck zu
erfllen, da von hnlichen Stoffen bekannt sei, da ein sdamerikanischer
Indianerstamm sich seiner mit den gleichen Absichten bediene, indem die Leute
die Geister ihrer Vorfahren sehen oder zu sehen glauben; denn eben inwieweit
hier eine wunderliche physiologische Wirkung oder wirkliches Hereinragen andrer
Welten stattfindet, das sei zu untersuchen.
    Karl ging mit jener gewissen schauerlichen Freude auf den Vorschlag ein, die
wir alle in solchen Fllen empfinden mgen; und nachdem Roch auf seinem Zimmer
die Vorbereitungen getroffen, lud er nun Karl an einem Abend zu sich. Sein
Zimmer war ein sonderbarer Raum, der ganz hoch oben in einem Hause lag, das nur
von Arbeitern, und zwar recht geringen, bewohnt war. Auf den Treppen sprte man
einen namenlos scheulichen Geruch, den erklrten die vier und fnf Namenszettel
bereinander an den Korridortren, indem sie zeigten, wie dicht die elenden
Stuben bewohnt sein mochten durch allerhand Schlafburschen und sonstige rmliche
Leute. Von einem solchen Korridor ging es auch in Rochs Zimmer, das war etwa
drei Meter lang und zwei Meter breit, so da schon das Eintreten schwierig war,
weil die Tr auch nach innen ging, und man sich neben dem Bett durchdrngen
mute. An den Wnden hingen sehr viele Vogelbauer, in denen Waldvgel auf
Sprossen schliefen. Auer dem Bett standen nur noch eine alte Kommode und zwei
Sthle in dem Kmmerchen, das in der Tat fr weitere Mbelstcke keinen Raum
aufgewiesen htte. Nach einer verlegenen Bemerkung ber die Drftigkeit seiner
Wohnung wies Roch auf die Kommode, wo bereits eine flache Schale mit dem Pulver
neben einer Spirituslampe bereit stand. Die Vorschrift des alten Zauberbuches
lautete, nach Abzug von allerhand Geheimniskrmerei, da man vorher lebhaft an
die Person denken solle, deren Geist man zu sehen wnsche, wobei es gleich war,
ob man einen Lebenden oder Toten haben wollte, und da man die Erscheinung weder
anrede noch sich ihr nhere, weil sonst ein groes Unglck geschehen knne, denn
es seien Beschwrer von den erzrnten Geistern erdrosselt worden. Nachdem sich
die beiden fest versprochen hatten, da sie dieses erste Mal die Vorschrift
genau befolgen wollten, zndete Roch die Spirituslampe an, welche in dem sonst
dunkeln Zimmer mit blauem und flackerndem Flmmchen brannte, und dann streute er
etwas von seinem Pulver auf.
    Eine lange Weile warteten die beiden, indes das blaue Flmmchen hpfte und
wie unentschlossen zuweilen ganz vergehen wollte. Aber es ereignete sich nichts
Aufflliges; nur war zuweilen ein Knistern hrbar, wahrscheinlich wenn ein
Krnchen von dem Rucherwerk verbrannte; merkwrdig laut schien den beiden
dieses Knistern. Aus dem engen Hofe schallte in die Hhe, und war verstrkt
durch die eng zusammenstehenden Wnde der Huser, das Brllen eines Betrunkenen;
nach einer Zeit, die den beiden wohl eine halbe Stunde schien, mischte sich in
das Brllen das Schreien und Jammern seiner Frau, der hatte er heimlich das Geld
fortgenommen, das sie durch Scheuern verdiente, und sie konnte den Kindern
nichts zu essen geben. Roch und Karl dachten fast nur an den Vorgang, der sich
da unten im Hofe abspielte, aber sie hielten sich doch noch immer ruhig.
Pltzlich hob sich das blaue Flmmchen und erlosch. Nun zeigte sich, da der
Lichtschein vom Hofe her eine ganz schwache Helligkeit ins Zimmer verbreitete,
so da nicht gnzliche Dunkelheit war. Ein schwerer Rauch legte sich den beiden
auf die Brust, und die Stimmen auf dem Hofe schienen sich in immer weitere
Entfernung zurckzuziehen, indessen die Vgel in den Kfigen mit einem Male in
seltsamer Weise flatterten und sich gengstigt zeigten.
    Pltzlich war es aus der Erde gestiegen wie eine graue Gestalt; dann
schwebte es langschleppend in der Luft, in der Entfernung von den beiden, die
sie vorher auf dem Boden bezeichnet hatten. Nachdem erhob sich aus dem Boden ein
zweites Wesen, gekrmmt stieg es von unten auf und mit Anstrengung. Nach einer
Weile schwebte es ebenso langschleppend. Aber ganz undeutlich war das alles, das
waren Schatten ohne Wunsch und Gesicht. Langsam schwebten sie.
    Eine lange, lange Zeit whrte das; aber es war nicht klar, ob Stunden
dahinflossen oder Minuten.
    Da wurde langsam deutlich der ersten Gestalt Gesicht und Wesen und rann
zusammen zu der Figur Luisens. Gramvoll sah sie aus, und in ihren Augen ruhten
schwere Leiden, die keine Form annahmen. Eine heftige Liebe und tiefes Mitleiden
wallten auf in Karls Herzen, er hatte den Willen, auf den Schimmer zu eilen und
dieses schwermtige Gesicht an seine Brust zu drcken. Aber indem erzitterte
schon das schwanke Wesen wie ein Bild im Wasser, das pltzlich bewegt wird durch
eine Blte, die von einem berhngenden Baume leise herabfllt auf den glatten
Spiegel. So bezwang er sich und hielt still, und langsam glttete sich wieder
das Wesen und ward ruhig.
    Derart verharrte alles eine lange Weile in atemlosem Schweigen; da geschah
etwas in der andern Figur, die bis dahin noch unbestimmt gewesen, denn eilfertig
scho es in ihr hin und her, ballte sich und trennte sich wieder; aber die Zge
wurden fester und schrfer, und schon hatte Karl eine heimliche Angst, da ihm
Johanna erscheinen werde; da tauchten in dem leeren Gesicht auf die Linien von
Johanna, und es erschienen willensstarke Augen, und ein auf Bses gerichteter
Blick wurde klar, und haerflltes Gesicht. Bis ins Innerste erschauerte Karl
vor Entsetzen, denn alles Furchtbare, dessen dieses Weib vielleicht einmal fhig
war, hatte seine uerung in diesem Gesicht gefunden, in den Linien sowohl wie
im Ausdruck. Wenn im Leben solche Gesichter wren, so wrden alle Menschen
Furcht haben voreinander, weil solches Aussehen mglich ist.
    Dann verging wieder eine endlos lange Zeit, und es war Karl, als
verrauschten vor ihm Jahre, whrend er angstvoll an seiner vorgeschriebenen
Stelle stand und sah; denn wiewohl die Wesen stumm waren und ohne Bewegung
schwebten, und ihre Gesichter rhrten sich nicht wie bei toten Menschen, und
wiewohl er bei allem innerlich wute, da diese Gesichte nur Trugbilder eines
Rausches waren, den der betubende Rauch in seinem Gehirn erzeugt; ja, er dachte
sogar, da andre solcher betubenden Mittel die Vorstellung eines schnellen
Fahrens durch die Lfte verschaffen; trotzdem wute er als ganz gewi, da
zwischen den beiden Wesen etwas geschah, und da Entsetzliches zum Ende kommen
mute.
    Siehe, da richtete das Wesen Johanna langsam, wie vom Tode erwachend, die
haerfllten Augen auf das schwache Wesen Luise; und erst ging der Strahl der
haerfllten Augen neben ihr vorbei, und dann streifte er sie, und endlich traf
er sie ganz, und das Wesen Luise erzitterte wie ein Bild im Teiche, schwankte
und wollte sich auflsen. Da durchfuhr es Karl, da er sie retten msse, und er
strzte vorwrts mit erhobener Faust auf den Schemen Johanna. Ein sehr lauter
Schlag erscholl, dann fielen Glasscherben klirrend auf die Erde, und das Fenster
war gnzlich zersplittert, auch die oberste Scheibe. Karl sah auf die Scherben
vor seinen Fen und wute nicht, wie ihm geschehen. Der andre suchte mit
zitternden Fingern das Licht anzuznden. Durch das offene Fenster drang khle
Nachtluft, und pltzlich wurde ihnen bewut, da der Betrunkene unten auf dem
Hofe lrmte, das war genau so wie vorhin; und mit einem Male fiel auch das
Jammern der Frau ein, genau so, wie sie es schon gehrt hatten, und der Mann
antwortete dasselbe wie vorhin. Karl sah nach der Uhr; noch nicht eine Minute
konnte verflossen sein, seitdem Roch das Pulver aufgeschttet, und doch war es
ihm wie vor einer ganz langen Zeit.
    Schweigend stiegen die beiden die Treppe hinunter; der Zank des Betrunkenen
und der streitenden Frau verfolgte sie Wort fr Wort, wie sie ihn schon kannten.
Karl erschauerte und hielt sich am Gelnder fest, auch des andern Kniee
zitterten. Und nachdem sie lange durch belebte Straen gegangen waren, sprach am
Ende Karl: Ich wei, was ich gesehen habe, und es ist bernatrliches dabei,
aber ich kann es doch nicht glauben. Roch schwieg lange, dann antwortete er:
Das eben ist das Grausige bei diesen Dingen, da man immer zweifeln mu, ob man
nicht ein Betrger ist oder ein Selbstbetrger. Auch dies hat das Mittelalter
gewut, das gesagt hat, da der Teufel ein Lgner und Betrger ist. Aber ich mu
tiefer hinein, wiewohl ich wei, da ich immer nur Lge finden werde und
Selbstverachtung, und ich wei es nicht, ob mich nicht das treibt, da ich mich
nach der Selbstverachtung sehne, denn in der liegt die tiefste Wollust
beschlossen.
    Roch sagte nicht nher, was er mit diesen Worten meine, auch erzhlte er
nie, was er selbst gesehen hatte. Und wie es oft geschieht, da wir eines
Menschen Leben in einem fr uns beide wichtigen Punkte kreuzen und dann wieder
so schnell von ihm gehen, wie wir ihn trafen, so kam Karl recht schnell wieder
mit ihm auseinander, durch ein Gefhl der Unruhe und Nichtbefriedigung; fr Karl
war dieser einzige Versuch gengend gewesen, mit den unterirdischen Mchten in
Beziehung zu treten, der andre aber verstrickte sich immer tiefer und fand
endlich seinen Kreis, fr den er geschaffen war, in einer Anzahl gleich
Zerstrter, die nicht an Gott glaubten und eine Satansgemeinde gegrndet hatten.

Um Luise schlo sich immer enger der Ring des Todes. Wir wissen ja nicht, durch
welche Krfte am letzten Ende die entscheidende Willensrichtung gebildet wird,
deshalb ist uns auch in den menschlichen Dingen so vieles unbegreiflich, nmlich
alles das, wo wir nicht auf irgendeine Weise Grnde unterbauen knnen. Deshalb
kann ein Erzhler in solchem Fall nur die Ereignisse berichten, die ihm
irgendwelche Bedeutung gehabt zu haben scheinen.
    Es lebte damals ein frherer Gutsbesitzer mit seiner Frau und einzigem Sohn
in Berlin, der Offizier war. Der alte Mann hatte in jungen Jahren sein Gut in
frhlicher Hoffnung bernommen, nachdem er seine Geschwister ausgezahlt und eine
brave und schne Frau geheiratet. Nun war aber damals eine Zeit, wo der Weizen
und die Wolle immer billiger wurden und die Arbeitslhne immer stiegen, so da
die Ausgaben sich erhhten und die Einnahmen sich minderten. Er ging lange mit
sich zu Rate, was er bei dieser Erscheinung wohl tun knne, fragte auch seine
Nachbarn, die zwar sich in hnlicher Lage befanden, und zuletzt las er selbst
Bcher, wie wohl er sonst wenig studiert, sondern hatte seine Universittszeit
vielmehr mit lustigen und treuen Freunden in Heiterkeit ohne sonderliches
Arbeiten verbracht; aber auch aus den Bchern fand er keine Auskunft, die er
nicht zuvor schon selbst verworfen gehabt htte. Nun half er sich wohl mit
groer Sparsamkeit, und seine treue Frau war sehr fleiig, da sie aus ihrer
Wirtschaft herauszog, was mglich war, aber mit der Zeit kam es sogar dahin, da
die Einnahmen geringer wurden wie die Ausgaben fr den Betrieb und Zinsen. Da
gelangte er in seiner Not zu Borgen und Wechselschreiben, und weil nun auch sein
Gewissen schlecht wurde, denn er wute nicht, wie er den Wucherer einmal
bezahlen sollte, so schlo er die Augen und berlegte gar nichts mehr, sondern
lebte wie einer, der morgen sterben soll und Mut hat und sich heute noch freut;
er beruhigte sich aber immer, indem er sich sagte, da der Wucherer schon selbst
wissen werde, wie er wieder zu seinem Gelde komme.
    Aus dieser Betubung ri ihn die Rede eines leichtfertigen Handwerkers. Er
mute nmlich an einem Stall Reparaturen machen, der erst vor nicht allzu langer
Zeit gebaut war, aber weil der Zimmermann betrglicherweise frisches Holz
genommen, so waren einige Balken stockig geworden. Wie er den Menschen nun zu
Rede stellte und ihn in scharfen Worten an seine Handwerkerehre erinnerte,
erwiderte der patzig, dafr sei ja der Bauherr da, aufzuachten, da alles
ordnungsgem gemacht werde. Diese Worte gingen dem alten Mann sehr nahe, denn
er dachte bei sich, da er selbst ja ebenso vernnftelt habe wie dieser
unredliche Handwerker, und dabei war er ein vornehmer und adeliger Mann, der
Stolz hatte. Deshalb fuhr er gleich in die Stadt zu dem Wucherer und erzhlte
dem alles, der heftig erschrak und nach Art solcher gemeinen Menschen in
hlichen Worten ihm Vorwrfe machte. Indessen gelang es doch, das Gut
vorteilhaft zu verkaufen an einen wohlhabenden Herrn aus der Grostadt, dessen
Vater viel Geld verdient hatte und der sich zu diesem ererbten Gelde nun eine
gesellschaftliche Stellung verschaffen wollte; so blieben dem alten Herrn sogar
noch mehrere tausend Mark brig.
    Mit diesem geringen Gelde zog er nun nebst seiner Frau nach Berlin, wo sein
Sohn schon frher lebte als ein frischer und unbefangener junger Offizier, der
mig war und sehr verstndig an seine Zukunft dachte. Die Frau beschlo, eine
groe Wohnung zu mieten und Fremde bei sich aufzunehmen um Geld, welcher Plan
ihr auch gelang, da sie manche Familienbeziehungen hatte, der alte Mann aber,
welcher einsah, da er dergestalt keine Ttigkeit fr sich selbst fand, durch
die er zum Unterhalt der Familie beitragen konnte, wollte nicht durch seiner
Frau Arbeit leben, und bemhte sich so lange, bis er eine Anstellung bei der
Pferdebahn erhielt als ein Aufseher ber die Schaffner, damit die immer
ordentlich alles Geld abliefern und nicht betrgen. Und wiewohl sein Krper
schon gebrechlich war und dieser Dienst ihn recht anstrengte, so fhlte er sich
doch nunmehr glcklich und zufrieden und erzhlte seiner Frau des Abends vieles
ber die verschiedenartigen Charaktere der Schaffner, indessen die mit einer
Kchenarbeit fr das Mittagessen des nchsten Tages beschftigt war.
    Bei diesen Eltern lebte der junge Offizier, und weil er gesund und rotwangig
war, auch vor seinen Vorgesetzten angenehm und bei seinen Kameraden beliebt, so
dachte er, da er wohl eine Heirat machen knne, durch die er seine
Glcksumstnde wieder aufbesserte. Und wie in Berlin alle verschiedenen Kreise
der Gesellschaft sich in der wunderlichsten Weise berhren, so hatte er bei
einer gewissen Gelegenheit Luise kennen gelernt und durch ein lange gefhrtes
Gesprch liebgewonnen, denn bis dahin hatte er nur solche jungen Damen gekannt,
die mit ihm ber Befrderungen und Rangliste sprachen. Nun bedachte er zwar, da
sie eine Jdin war und wenig angenehme Eltern hatte, auch blieb es ihm nicht
unanstig, da sie Studentin gewesen, wenn schon ihr Benehmen nichts
Aufflliges zeigte; indessen wute er doch, da sie eine groe Mitgift erhoffen
konnte, auf die er ja angewiesen, und dann hoffte er, da der Umgang mit den
Damen vom Regiment sie bald zu einer richtigen Offiziersfrau machen werde; ber
das alles hinaus gab bei ihm aber den Ausschlag, da er eine groe Zuneigung zu
ihr gefat hatte, was freilich verwunderlich schien in Anbetracht der
sonderlichen Verschiedenheit zwischen den beiden. So entschlo er sich denn und
schrieb ihr einen wohlgesetzten Brief, in dem er sie fragte, ob er ihren Vater
um ihre Hand bitten drfe.
    Ihre Eltern hatten aus Anzeichen schon vorher die Werbung geahnt, die von
der Mutter begnstigt wurde, der Vater aber, der frher oftmals heftig gegen
reiche Glaubensgenossen gesprochen, die ihre Tchter an Christen gaben, war der
Verbindung feindlich gestimmt, und so wurde schon lange, bevor der Brief ankam,
in der Familie lebhaft und nicht mit Wrde ber das Kommende gesprochen, unter
tiefem Leiden Luisens, die den jungen Mann wohl ganz gern sah als einen gesunden
und tchtigen Menschen, aber keine weitere Neigung zu ihm versprte; denn durch
diese Gesprche wurde ihr, als werde ihr Innerlichstes und Heimlichstes ans
Licht gezogen und vor den Menschen zur Schau ausgebreitet. Und wie nun der Brief
wirklich ankam, da hatte sie eine heftige Angst vor den Gesprchen und Reden,
die noch folgen wrden, und zudem wurde der berdru, den sie schon lange
empfunden, pltzlich sehr viel heftiger; so beschlo sie, da sie aus dem Leben
gehen wollte, ohne da sie eigentlich einen augenscheinlichen Grund gehabt
htte. Ehe sie aber ihre Tat ausfhrte, schrieb sie noch einen Brief an Hans,
der ihrer Seele wohl am nchsten gestanden haben mochte. In dem sagte sie
ungefhr folgendes:
    Ich sterbe, weil ich auf keinerlei Weise sehen kann, wie ich zu leben
vermchte, und wei auch nicht, wie andre Leute leben knnen. Lange habe ich
nachgedacht, denn ein jeder hat doch einen Willen zu leben; und vielleicht wre
es am besten fr mich gewesen, ich htte jung geheiratet und Kinder gekriegt;
denn nachdem wir fr uns selbst an das Ende gekommen sind, da wir nichts mehr
zu erstreben sehen, haben wir dann noch Ziele fr die Kinder und ihr
Grerwerden. Und so ist meine trichte Liebe zu Peter wohl noch das klgste
gewesen in meinem Leben, die ich durch zu viele Klugheit zerstrt habe, weil ich
geistig hochmtig war und keinen Glauben fassen konnte zu einem Mann. Wenn du
einmal heiraten solltest und Tchter haben, so erziehe sie nicht so, da sie
viel wissen, denn schon Mnner macht das unfroh, aber Frauen vermgen dann nicht
zu leben, weil sie nicht mehr sehen, wie sie das knnen.
    Diesen Brief erhielt Hans am Weihnachtsabend, als er allein in seiner Stube
sa und ber sein bisheriges Leben nachdachte. Da fand er, da er war wie ein
Baum im Herbstwinde, denn wie trockene Bltter waren die Freunde abgefallen, und
der Wind trieb sie hierhin und dorthin. Und als er den Brief gelesen, dachte er
sich, da dieses das Ende aller sei, und nur einige wenige Jahre waren doch
vergangen, da so viele junge Leute zusammengewesen waren und Kraft gehabt
hatten und einen starken Willen zu allem, was das Schicksal ihnen auch aufgeben
mochte; und nun sa er selbst am Weihnachtsabend einsam in seiner Stube und
dachte nach, wie Luise nachgedacht hatte, denn auch er hatte einen Willen zu
leben; aber er fand nicht, wie das alles so gekommen sein konnte.
    Und indem er angestrengt nachdachte, und es schien ihm zuweilen, als sehe er
ganz von weitem das letzte Ende des Gedankens, den er erreichen wollte, da
ffnete sich die Tr, und jener Russe trat ein, den er gleich in der ersten Zeit
seines Berliner Aufenthaltes kennen gelernt; spter war er immer in Beziehung zu
ihm geblieben, aber er mochte ihm nicht wieder so nahe kommen wie in jener
Nachtstunde. Dieser trat jetzt ein, begrte ihn und sagte, er habe ein
belastetes Herz und suche einen Mann, zu dem er sich aussprechen knne. Dann
erzhlte er folgendes:
    Vor Jahren, wie er noch in Ruland lebte, hatte er einen Freund, der ein
stiller Mensch war, der von den revolutionren Wnschen und Gedanken ihres
Kreises nichts wissen mochte, sondern sein Studium liebte, nmlich Mathematik.
Dieser lebte mit seiner Schwester zusammen, einem sehr schnen Mdchen, das aus
Liebe zu einem andern Studenten philosophische Schriften las und bedachte.
    Nun war damals ein neuer Polizeimeister in Petersburg eingesetzt, der eine
heftige Verfolgung solcher Personen begann, die ihm politisch verdchtig
schienen. Bei dieser Gelegenheit wurden auch das junge Mdchen und ihr Bruder
verhaftet, und weil man bei ihr verbotene Bcher gefunden hatte, so untersuchte
man sie besonders genau, und befahl der Polizeimeister, da die Jungfrau in
seiner Gegenwart nackt ausgezogen werde, damit man nachsehen knne, ob sie nicht
noch heimlich an ihrem Krper etwas verborgen hatte. Hierber und wie sie die
lsternen Augen des Polizeimeisters sah, ward sie von so heftiger Scham
ergriffen, da sie ein Messer nahm, das da auf dem Tische lag zum Spitzen der
Bleistifte, und es sich in die Brust stie; und weil sie gerade auf die Stelle
des Herzens getroffen hatte und der Sto nicht durch Kleider abgeschwcht wurde,
so sank sie gleich um und verschied in wenigen Augenblicken.
    Wie der Bruder, dem nichts Verbotenes nachgewiesen werden konnte, aus dem
Gefngnis entlassen war, bereitete er eine Rache vor, denn seine frhere
Gesinnung hatte sich durch dieses Ereignis gnzlich in ihr Gegenteil verwandelt,
und da er die notwendigen chemischen Kenntnisse besa, so gelang es ihm leicht,
ein Sprengwerkzeug zu machen, durch das er den Polizeimeister tten wollte. Er
hatte aber das Migeschick, wie er das Kstchen sorgsam ber die Strae trug,
da die Masse sich vorzeitig entzndete und ihm einen Arm wegri und beide Augen
blendete. So wurde er vom Pflaster aufgenommen und durch geschickte rzte wieder
geheilt; dann aber klagte man ihn seines Versuches wegen an und verurteilte ihn
zu einer zehnjhrigen Gefngnisstrafe.
    Die hatte der Mann nun abgebt, und zwar zum Teil in Einzelhaft, und dann
war er aus Ruland fortgegangen und nach Berlin gekommen. Solches Geschick aber
hatte ihn jedoch zu einem ganz merkwrdigen Menschen gemacht; denn er war damals
achtzehn Jahre alt gewesen; und zwar in seinem Fach recht tchtig, sonst aber
etwas unreif und kindisch. In den zehn Jahren, die er seitdem in Finsternis und
ohne alle Mglichkeit der Bildung verbracht, war sein Geist dann nicht lter
geworden, und auch seine Erfahrungen hatten sich nicht vermehrt; nur zweierlei
war in seinem Innern geschehen, nmlich erstens, er hatte die revolutionren
Gedanken, die er damals ohne Interesse angehrt, in sich befestigt und in einer
Art von mathematischem Sinn und ohne Verstndnis fr die Wirklichkeit in sich
gestaltet, und zweitens, er hatte sehr viele und lebhafte Trume gehabt und
konnte in seiner Erinnerung nicht mehr unterscheiden zwischen Erlebtem und
Getrumtem; und indem er auch jetzt noch derart trumte, und zwar hufig
Vorgnge in solcher Weise, wie er sie sich wnschte, so befand er sich in
Wahrheit in einer ganz andern Welt wie seine Umgebung; denn wenn ihm ein
Wunschgebilde dieser Art abgestritten wurde als nicht wirklich, so hielt er den
Menschen fr ertrumt, der gegen ihn stritt, nicht aber seine Vorstellung, weil
diese sich bereits ganz mit seinem gesamten Weltbilde verschmolzen hatte.
    Wie dieser Mann nun eine kleine Weile in dem Kreise der russischen Freunde
in Berlin gelebt hatte, die fleiig zusammenkamen auf ihren Zimmern und viel
disputierten, stellte sich das wunderliche Wesen heraus, da er auf alle Mdchen
und Frauen des Kreises eine groe Anziehungskraft ausbte, trotzdem er
schauerlich anzusehen war durch die Verstmmelungen an seinem Krper und im
Gesicht, und wollten ihm alle dienen und helfen. Er aber hatte sich besonders an
des Erzhlers Frau angeschlossen, bei dem er auch wohnte und a.
    So verging nun eine Zeit, whrend welcher die Frau nachdenklich und
schweigsam war; dann aber sagte sie zu ihrem Mann, da sie ja doch beide sich
von den Vorurteilen der brgerlichen Gesellschaft befreit htten und sich als
Pfadsucher der neuen Menschheit wten, die, wie sie das oft besprochen, auch
eine andre Form der Ehe bringen werde; in dieser solle die Freiheit der
Persnlichkeit gewahrt bleiben; und da die Persnlichkeiten sich heute immer
verschiedenartiger entwickelten, so werde die neue Ehe viele voneinander
abweichende Typen aufweisen. Nun wisse er wohl, da sie ihn liebe, aber es sei
zu dieser Liebe eine neue Zuneigung in ihr Herz gekommen, nmlich fr ihren
gemeinsamen Freund; und anfnglich habe diese Erscheinung sie recht beunruhigt,
denn da die Gefhle zu ihm als ihrem Mann noch immer die alten seien, so habe
sie ihn doch nicht verlassen mgen um den neuen Geliebten; am Ende aber habe sie
sich gedacht, da auch solches in der knftigen Gesellschaft mglich sei, da
eine Frau mit zwei Ehegatten lebe, wie umgekehrt ein Mann mit zwei Ehefrauen,
was wir ja beides auch heute schon bei barbarischen Vlkern in der Wirklichkeit
sehen; und da sie doch die knftige Gesellschaft in ihrer Lebensfhrung
vorbilden wollten, so schlage sie ihm vor, da der Freund in ihren Ehebund als
Gleichberechtigter aufgenommen werde.
    Auf diese Rede konnte der Mann nichts erwidern, da sie aber eine
Angelegenheit von groer Bedeutung fr die knftige Ordnung der Menschheit
betraf, so entschlo er sich, da er alles seinen Freunden unterbreitete, damit
vorher eine grndliche Besprechung ber die soziologischen und sittlichen Fragen
stattfinde, die diesen Fall betrafen. Dies geschah nun alles, und nach einer
sehr genauen Prfung kamen die Freunde zu dem Urteil, da die Frau recht habe
und nach ihrer Rede geschehen msse. Dem Spruch fgte sich der Mann, und so
begannen die drei ihre neue Ehe.
    Nun zeigten sich aber bald Unzutrglichkeiten, die sich aus dem Wesen des
zweiten Gatten ergaben. Durch seine Eigenart war er nmlich allen Vorstellungen
unzugnglich, die bezweckten, ihn zu etwas seinem Willen Entgegengesetzten zu
bewegen; und nachdem zuerst aus Schonung alles nach seinen Wnschen gegangen
war, herrschte er nachher hierdurch vollstndig, zur groen Beschwernis des
ersten Mannes. Und whrend sonst das neue Verhltnis wohl htte Dauer haben
knnen, wurde es ihm nun unertrglich, so da er aus der Familie ausschied, denn
die Frau hing mehr an dem zweiten Manne wie an ihm. Derart lebte er nun schon
seit Wochen allein. Hans wute auf diese Bekenntnisse wenig zu antworten; aber
da jemand, der sein Herz erleichtern will, denn der Mann hing noch an seinem
Weibe und sehnte sich nach ihr, nicht verlangt, da man viel zu ihm spricht,
sondern er ist froh, wenn er selbst ohne Strung seine Beichte beenden kann, so
fiel das dem andern nicht auf.
    Nach einer Weile fuhr der fort, nachdem er nun dergestalt allein lebe, habe
er wieder mehr fr die Verbreitung ihrer gemeinsamen Ideen tun wollen. Und da
sei ihm Hans eingefallen, da er es in der Hand habe, der Sache einen wichtigen
Dienst zu leisten.
    Er wisse nmlich, da er gelegentlich noch jenen Kurt besuche, den Schwager
Hellers, den er gleichfalls an jenem ersten Abend kennen gelernt. Wenn er nun
dem auf seiner Schreibstube einmal sage, er wolle telephonieren bei ihm, so
werde er und der andre den Raum verlassen, und er, nmlich Hans, bleibe allein.
Dann knne Hans auf einer Wachstafel Abdrcke der Schlssel machen, nach denen
er selbst, der solche Knste gelernt habe, Nachschlssel anfertigen werde; und
wenn dann einmal gelegene Zeit sei, so wrde er mit einem Freunde des Nachts das
ganze unbewachte Geschft ffnen und aus dem Geldschrank eine Summe nehmen, die
seine Freunde in Ruland brauchten, um eine Druckerei anzulegen; und da
keinerlei Spuren eines Einbruchs zu bemerken wren und man nicht erfahren knne,
auf welche Weise das Geld verschwunden sei, so msse dieser Plan ganz sicher
auszufhren sein. Bedenken sittlicher Art aber werde er, Hans, doch wohl nicht
haben, da man doch nur einem Ausbeuter nehme, was er zu Unrecht besitze, und das
verwende fr die Befreiung der Menschheit.
    Wie Hans diese Rede hrte, wurde ihm wie durch einen Blitz sein eignes Leben
und das Leben aller dieser Menschen erleuchtet, und wurde von tiefem Entsetzen
fast geschttelt, und war ihm, als msse er den Russen niederschlagen in
Entrstung; und so sehr konnte er sich nicht bezwingen, da der andre nicht
seine Verfassung gemerkt htte; die war aber derart, da er in Angst geriet und
verlegen wurde und dann pltzlich ging. Wie der andre fort war, kamen dem Hans
die Trnen ber sein Leben, er legte das Gesicht auf seine Arme und weinte
bitterlich.
    Aber noch nicht war die Zahl der Boten zu Ende, die ihm an diesem
Weihnachtsabend geschickt wurden, nmlich der Brief der toten Luise und dieser
Mensch, der sich eben vom Narren zum Verbrecher entwickelte; es kam noch ein
Wort von der treuen Dienstmagd seiner Eltern, und das traf ihn am tiefsten.
    Die Mutter schickte ihm zur Bescherung aus der Heimat ein Kistchen, in das
sie allerlei gepackt, was sie ntzlich fr ihn meinte, denn berflssiges zu
schenken war ihrer sparsamen Art zuwider, und auf dem Boden lag der Brief, der
fest zusammengefaltet war; in dem schrieb sie, da Dorrel gestorben war, und
erzhlte die Art ihres Hinganges, und was sie ihr aufgetragen fr ihn. Denn
nachdem sie ihrer Frau alle ihre Habe nochmals gezeigt und gesagt, da dies
alles Hans erben solle, sagte sie: Wie er zuletzt im Hause war, zum Tode seines
Vaters, da fiel mir auf, da sich sein Wesen verndert hat und da seine Augen
anders sind wie frher. Hierber habe ich eine groe Angst bekommen, aber als
eine ungebildete Dienstmagd, die keine Kenntnis hat von einer Gelehrsamkeit,
wagte ich ihm nichts zu sagen. Nun ich aber fhle, da ich sterben werde, und
ich hoffe, da unser himmlischer Vater mich zu sich in sein Reich nimmt um
seines Sohnes willen, so will ich versprechen, da ich oben fleiig Frbitte tun
will fr ihn bei Gott, damit der sich seiner erbarme und recht bald ihn frei
mache aus seiner jetzigen blen Verfassung.
    Es wohnte Hans bei braven und ordentlichen Leuten, die gleich ihm ein trbes
Weihnachten feierten. Der Mann war ein Zuckerbcker gewesen, und als ein
fleiiger und ordentlicher Mann, der auch eine sparsame und husliche Frau
hatte, war er in seinen Verhltnissen recht vorwrtsgekommen. Die beiden hatten
einen einzigen Sohn, den sie mit vieler Liebe erzogen, und vielleicht waren sie
allzu nachsichtig gegen ihn gewesen. Sie hatten ihn auf die gute Schule getan,
wo er als ein begabter und leicht auffassender Junge anfnglich rasche
Fortschritte machte, aber wie er in die hheren Klassen kam, wurde er trge,
hielt sich zu den leichtsinnigen und schlechten Schlern, und durch Rauchen und
Trinken vergngte er sich in einer Weise, die seinem Alter nicht zukam. So
geschah es, da er die Schule nicht beenden und dann studieren konnte, wie die
Eltern gedacht, sondern er mute aus der Sekunda abgehen. Da lieen sie ihn eine
mittlere Beamtenlaufbahn ergreifen und brachten ihn bei der Steuerverwaltung
unter, und waren sehr stolz, wenn er sie in seiner schmucken dunkelgrnen
Uniform besuchte, zahlten auch viel Geld fr ihn, denn er machte groe Ausgaben,
weil er immer sein und vornehm erscheinen wollte. Dann heiratete er frhzeitig
die Tochter eines andern Beamten, die ein sehr schnes Mdchen war, und es wurde
erzhlt, sogar ein Offizier habe um sie anhalten wollen. Die war nun freilich
nicht vermgend und wute nicht gut hauszuhalten, sondern hatte ihre grte Lust
am Putz und Vergngen; aber da ihre Art der seinigen zusagte, so lebten sie doch
recht unbekmmert und frhlich zusammen.
    Die alten Eltern gerieten in groe Sorgen, wie sie dieses Leben sahen und
die groen Ausgaben merkten, und nachdem sie lange mit sich zu Rate gegangen,
wie sie dem abhelfen knnten, besuchte am Ende der Vater seufzend seinen Sohn,
ermahnte ihn zur Sparsamkeit, warnte ihn und sagte am Ende, wenn er vielleicht
Schulden gemacht habe, so solle er sie ihm nennen, denn er wolle lieber fr ihn
bezahlen, als da er ins Unglck komme. Und ber die herzlichen Worte war der
Sohn fast gerhrt geworden, wie es leichtfertiger Leute Art ist, aber im
Nebenzimmer hatte die Schwiegertochter alles gehrt, die kam herein und schalt
auf den alten Mann, sagte ihm, da er ihr Leben nicht verstehe und sie beide
bestndig krnke und fgte noch viele bittere Worte hinzu ber ihre vornehmere
Herkunft und besseren Gewohnheiten. ber dieses alles wurde der Sohn beschmt,
teils wegen seines Vaters, da ihm der ins Gewissen geredet, teils wegen seiner
Frau, weil die ihre Geburt gegen seinen Vater hervorhob; der Zorn aber, der aus
dieser Beschmung entstand, richtete sich gegen seinen alten Vater, als der es
gut gemeint hatte, und so wurde er heftig und verbot dem am Ende sein Haus. Da
ging der gute alte Mann wortlos aus der Stube, kte noch einmal den Enkel, und
es flossen ihm Trnen ber die Backen, und dann mied er seinen Sohn; dieser
aber, da er sich schuldig fhlte, mied ihn gleichfalls.
    Nun geschah es nach nicht langer Zeit, da in der Kasse, welche der junge
Beamte verwaltete, Unterschleife entdeckt wurden, denn weil sein Einkommen bei
weitem nicht ausreichte fr sein Leben, so hatte er erst Schulden gemacht, und
wie die Schuldleute drngten, hatte er fremdes Geld angegriffen. So wurde er
denn gleich verhaftet und ihm der Proze gemacht und zu Zuchthaus verurteilt.
Die junge Frau, die doch mitschuldig an seinem Verbrechen war, gebrdete sich
wie irrsinnig, beschimpfte ihren Mann vor andern Leuten und lie sich von ihm
scheiden als von einem Ehrlosen. Dann brachte sie das einzige Kind zu den
Schwiegereltern und sagte denen, sie wolle eines solchen Mannes Sohn nicht
erziehen, denn der schlage gewi nach seinem Vater, und sie selbst wolle nun ein
neues Leben anfangen, nachdem ihr frheres zerstrt, nmlich sie habe eine groe
Begabung fr den Gesang und wolle Knstlerin werden. Dann ging sie aus dem
kleinen Orte fort, und es wurde erzhlt, da sie Sngerin in einer groen Stadt
in einem jener Huser geworden sei, wo die musikalischen Darbietungen nur andre
Dinge verbergen sollen.
    Auch die Eltern verlieen ihre Stadt, in der sie jung gewesen waren und
gearbeitet hatten und alt geworden waren, und nahmen den Enkel mit sich, denn
sie konnten die Schande nicht ertragen und meinten, in der Grostadt vermchten
sie sich am besten zu verbergen, da sie niemand she, der sie gekannt, und da
das Kind ohne Vorwurf um seinen Vater aufwchse.
    ber dem allen waren nun Jahre vergangen, und das Kind hatte zugenommen an
Gre und Verstand und sich zu groer hnlichkeit mit seinem Grovater
entwickelt, war auch recht brav in der Schule und sa immer als einer der
Ersten. So kam nun die Zeit heran, da ihr Sohn entlassen werden mute aus dem
Zuchthause, dem Jungen hatten sie aber erzhlt, er sei in Amerika. Und wiewohl
der Vater ihn noch einmal gesprochen nach seiner Verurteilung und sie sich
Briefe schrieben, so wuten sie nicht, ob er zu ihnen kommen werde, und hatten
zwar groe Sehnsucht nach ihm, aber der Vater wagte doch nicht, nach dem Orte
seiner Strafe abzureisen und ihn dort zu empfangen, denn er frchtete, da ihm
das wieder mifallen mchte und ihn wieder verhrte. Deshalb waren jetzt ihre
Herzen gespannt in Furcht und Hoffnung, denn gleich nach den Feiertagen waren
die Jahre abgelaufen. So hatte nun dieses Weihnachtsfest fr sie eine besondere
Bedeutung. Und wie es oft geschieht, da guten Menschen Not und Sorge das Herz
offen machen fr andere, wie bei bsen sie es verschlieen, so sprach die Frau
zu dem Mann, er solle zu dem Mieter hinbergehen und den einladen zu ihrem
Weihnachtsbaum, denn sie hatte wohl gemerkt, da er ein einsamer Mensch war, um
den sich niemand kmmern mochte an diesem Abend. Aber als der Mann nun in seiner
festlichen Kleidung anklopfte und endlich die Tr ffnete, da fand er Hansen
ohne Besinnung im Zimmer auf dem Boden liegen, und neben ihm lag das geffnete
Kistchen von der Mutter, welches ein paar Schuhe enthielt, Strmpfe und
Taschentcher, und ein Stck Honigkuchen.
    Wie der Arzt kam, erkannte der schweres Nervenfieber und ordnete an, da
Hans gleich in ein Krankenhaus gebracht wurde. So geschah, und war Hans die
ganze Zeit besinnungslos, wie er im Krankenwagen gefahren wurde, und nur fr
einen Augenblick hatte er eine gewisse Klarheit, wie man ihn durch einen langen
Gang trug, an vielen Tren mit Nummern vorbei. Der Mann zu seinen Fen war ganz
wei gekleidet, und wie er sich umwendete, sah er, da der andre Mann ebensolche
Tracht hatte; das war ihm wunderbar, was das bedeuten mochte. Auch standen da
zwei Krankenschwestern, von denen sagte die eine: Und nicht einmal am
Weihnachtsabend hat man Ruhe, das ist hier wie im Gefngnis. Da vergingen ihm
die Sinne wieder, aber um das Wort Gefngnis bildeten sich allerhand wirre und
unfabare Phantasien, die ihm eine groe Angst einflten.

Nach seiner bestimmten Zeit kam Hans wieder zur Besinnung, aber da war sein
Krper sehr schwach, und lag in groer Mattigkeit in einem Bett; seine Seele
indessen war erfllt von Bangigkeit, Reue und Angst, und erschien ihm sein Leben
nutzlos verschleudert, und er meinte, da er mit allem am Ende sei.
    Dieses merkte die Pflegerin, die ihn besorgte, da er nicht die friedliche
und ruhige Stimmung des Gemtes hatte, die nach einer schweren Krankheit uns
trsten soll und wieder ganz gesund machen. Deshalb fragte sie ihn, weshalb er
sich verzehre, und hrte mit Geduld, wie er sich selbst anklagte. Da antwortete
sie ihm, da er sich aufrichten msse und den Willen haben zu Kraft und Freude,
und um ihm Mut zu machen, sagte sie, da er sie selbst betrachten solle, wie sie
ruhig sei und in Ordnung ihre Pflicht erflle, und habe doch Schweres in ihrer
Vergangenheit begangen, das sie ihm erzhlte.
    Ihr Vater war ein einfacher Mann gewesen, der in seiner frhen Jugend weit
in die Welt gekommen war, und hatte da manches gesehen, davon in seiner Heimat
niemand etwas bekannt war. Deshalb kehrte er nach Hause zurck mit einem wenigen
von Geld, das er in der Fremde verdient, und tat sich mit einem reichen Brger
seines Ortes zusammen, einem Schlchtermeister, und mutete auf Kohlen. Und so
hatte er Glck und fand reiche Kohlenlager, und war auch weiterhin verstndig,
indem er sich nichts abschwatzen lie, sondern mit seinem Genossen sein
Gefundenes selber ausbeutete, und gelangte auf diese Weise zu groem Reichtum,
da er viele Zechen besa und auch Eisenwerke baute und Bahnen anlegte; und ward
seine Heimat durch ihn ganz verndert aus einem grnen und frischen Lande, wo
Holzhauer wohnten und Gebirgsbauern, zu groen Orten mit dsteren Husern und
Straen voll schwarzen Staubes und zu Luft voller Qualm der rauchenden Schlote,
und zogen viele fremde Leute zu, und auch die Einheimischen arbeiteten bei ihm
in Schchten und Htten, mit Verdrossenheit und Unmut. Er selbst aber ward ein
schweigsamer und stiller Mann, der des Morgens in der Frhe in seine
Arbeitsstube ging, Briefe las und Antworten diktierte, und wenn er einen ansah
von seinen Leuten, so war sein Gesicht seltsam zerstreut, denn er dachte an eine
Zeche oder eine Schwankung der Preise; und seine Erholung war, da er am Abend
in das Klubhaus ging, wo auch seine studierten und seinen Angestellten sich
erfreuten, da setzte er sich allein in eine bestimmte Ecke und hatte vor sich
ein Glas eines bestimmten Weines und sa stumm da, spielte etwa einmal mit
seinen Fingern. Dann ging er nach Hause und wanderte lang auf und ab in seiner
Wohnstube, und am Ende legte er sich schlafen in seinem Schlafzimmer, das war
eingerichtet mit frstlicher Pracht. Er hatte als junger Bursche geheiratet, ein
Mdchen seines Standes, die war an zehn Jahre lter wie er; von der hatte er
zuerst keine Kinder, aber spter bekam er mit ihr eine Tochter. Nun war er
selbst mit der Zeit in Aussehen und Benehmen ein Mann geworden, wie wenn er
immer in seiner jetzigen Lage gelebt htte, und hatte auch auf seiner
Wanderschaft fremde Sprachen gelernt und redete seine Muttersprache fast ohne
Dialekt; die Frau aber konnte sich nicht recht in die neuen Zustnde passen,
denn nur, da sie prunkschtig wurde und znkisch, sonst behielt sie alle ihre
alten Gewohnheiten und Sitten bei. Das hatte den Mann nicht sehr gestrt,
solange das Kind nicht da war, denn er lebte wenig mit ihr zusammen; wie jedoch
das Kind geboren war und einige Jahre alt wurde, da schied er sich von ihr, und
sie zog weit weg, er aber behielt das Kind.
    Nun wurde das Mdchen erzogen von teuren Erziehern, und am Mittag, wenn
gegessen wurde, sah sie der Vater immer, denn sie mute ihm gegenber sitzen,
sonst sah er sie aber nicht, weil er zu viel zu bedenken hatte. Da wuchs denn
das Kind auf, wie es mochte, denn die Erzieher wagten nicht, streng zu sein, und
der Vater erfllte ihr alle Wnsche, weil er sie so wenig sah und doch wollte,
da sie ihn lieb htte, und wie er nicht mehr wute, was einem Kinde recht und
passend ist, so schenkte er ihr viel kostbares Spielzeug. Hierdurch gewhnte
sich das Kind, da alles seinen Einfllen gehorchen mute, und da es teure
Dinge fr nichts achtete und keine Grenze fand fr seine Wnsche, und das ganze
Leben erschien ihm langweilig. So wuchs das Mdchen heran zu einem schnen
Frulein, und ihre Erzieherin redete ihr allerlei vor von der Liebe und von
vornehmen Heiraten. Da kamen auch bald Freier von allerlei Art. Es wollte aber
der Vater gern, da sie einen jungen Mann ehelichte, der bei ihm diente in
seinem Geschft und tchtig war in aller Hinsicht. Diesen ladete er oftmals zu
Tisch ein und fragte seine Tochter, wie er ihr gefalle; da antwortete sie, da
sie ihn sich gar nicht recht angesehen habe; und wie er rgerlich wurde ber
diesen Hochmut und ihr sagte, da er selbst ein armer Arbeitsjunge gewesen, der
mit einem Schnupftuchbndel in der Hand in die Fremde gezogen sei, da zuckte sie
nur die Achseln, und er vermochte nichts weiter ber sie, denn er mute zu viel
an seine Geschfte denken und konnte deshalb ihr Wesen nicht erfassen.
    Nun drngten sich um sie viele glnzende und vornehme Herren und
schmeichelten ihr, und da sie unerzogen war und nicht bedachtsam, weil sie
niemals auf Festes gestoen war, so glaubte sie wrtlich alles, was ihr Schnes
gesagt wurde, und ward noch hochmtiger; lieb gewinnen aber konnte sie niemand,
in der Art, wie ihre Erzieherin ihr das geschildert hatte, die ein hliches und
armes Mdchen gewesen war, das immer sehnschtig zur Seite gestanden hatte; und
am Ende dachte sie, da sie ein Wesen von ganz besonderer Art sei, das beglcken
knne, wen sie wolle, wie der Zufall aus den vielen Mitspielern einer Lotterie
einen herausgreift, blindlings und ohne Grund. Da war nun in dem Kreise ein
junger Offizier, der ganz arm war und von brgerlicher Herkunft und nicht
besonders ansehnlich, aber er hatte ein braves Gemt und einen rechtlichen
Charakter; der durchschaute wohl ihr Wesen, und weil er zudem bei so vielen
glnzenden Bewerbern doch gar keine Aussichten zu haben schien, so hielt er sich
ganz still und ruhig im Hintergrunde und bekmmerte sich nicht um sie. Diesen
nun, weil er allein von allen abseits stand, suchte sie gerade aus, denn fr so
hochstehend hielt sie sich, da seine Unansehnlichkeit und der Glanz der andern
vor ihren Augen ein ganz gleiches Verdienst hatten. Der Jngling, der zuerst
glaubte, da sie nur mit ihm spielen wolle, zog sich noch mehr zurck, wie er
ihre Annherungen bemerkte, und das wiederum machte sie nur hartnckiger, so da
er am Ende verspren mute, es sei ihr ernst mit ihrem Entgegenkommen. Da
verfiel er der menschlichen Schwachheit, da die Hoffnung, welche derart in ihm
erweckt wurde, ihm einen glnzenden Schleier vor ihrem Bilde ausbreitete, da er
die Fehler und Mngel nicht mehr sah, die er frher recht scharf bemerkt, denn
er war auch stolz und kannte seinen Wert in seinem geringen uern, und es
schien ihm ein Besonderes von ihr, da sie ihn unter den andern nun
herausgefunden hatte; so meinte er denn, da sie in einer glcklichen und
redlichen Ehe ihr voriges Wesen bald ndern werde, das ihr ja nur uerlich
angeflogen sei. Und auch ihr Vater wurde getrstet ber ihre Wahl, denn er
hoffte, da er aus diesem jungen Mann sich werde einen Nachfolger erziehen
knnen. Derart wurde dann die Hochzeit der beiden gefeiert; aber schon an dem
Tage der Feier und vor der Trauung kam zwischen den beiden der erste Streit, um
eine geringe Kleinigkeit, und die Braut, die schon festlich geschmckt war und
nur noch des Kranzes harrte und des Schleiers, zog den Ring vom Finger und warf
ihn auf die Erde. Da wendete sich der Brutigam und wollte zur Tr hinausgehen;
aber schon hatte er eine zu groe Liebe gefat, da er nicht mehr sich trennen
konnte, deshalb kam er zurck, hob den Ring auf und gab ihn ihr wieder mit
bittenden Worten.
    Nun fhrten die beiden eine recht unglckliche Ehe, denn der Mann war
ernsthaft und wollte lernen, damit er spter alles leiten knnte, wenn sein
Schwiegervater einst tot wre; die Frau aber verspottete und krnkte ihn, und er
war ganz weich in ihrer Hand und konnte ihr nicht antworten, wie er gemut
htte; und sie selbst war dabei ohne Trstung und langweilte sich, weil sie
nicht wute, was sie wollte. Ihr Vater indessen gewann mit der Zeit den Mann
lieb wie seinen Sohn, denn er war viel um ihn, und waren beide vom gleichen
Schlage; deshalb sagte er ihm, er solle sein Weib gehen lassen, wie sie wolle,
denn es sei ja auch eine Torheit, wenn man sich Ruhe wnsche und Zufriedenheit,
weil kein Mensch die erreichen knne, auer etwa in ganz jungen Jahren, wo man
nur seine Sehnsucht vor sich habe und nicht die Wirklichkeit. So wurde denn der
Mann zu einem Menschen, wie der Alte war.
    Inzwischen waren noch viele Verehrer um die Frau, die wohl sahen, da sie
unglcklich war, und ihr weiter schmeichelten und sich krnken lieen von ihr.
Da fiel es ihr ein, aus Hochmut und berdru, und weil sie ihren Vater und Mann
beleidigen wollte, da sie sich einen Liebhaber aussuchte; das war ein windiger
junger Mensch, der ein gro Wesen machte von sich, aber von Schulden lebte und
von niemand geachtet wurde; mit dem lie sie sich ein, denn es war ihr recht,
da er sie in wunderlicher Weise vergtterte, wie es wohl in trichten Bchern
beschrieben wird. Ihr Mann und Vater merkten nichts von dem Wesen, trotzdem sie
recht offen war, denn die hatten ihre Arbeit und dachten nicht an weiteres, sie
aber trieb es so weit, da sie ein Kind bekam, und ihr Mann meinte, es sei sein
Kind, und freute sich ber das Shnchen, und ihr Vater hoffte, da es auf einen
von ihnen beiden schlagen mge und nicht auf die Mutter. Danach entzweite sie
sich mit dem leichtfertigen Menschen, denn der wurde von den Glubigern gedrngt
und war in seiner bestndigen Angst gegen sie nicht mehr so aufmerksam gewesen
wie vorher; lieb gehabt aber hatte sie auch ihn nicht.
    Nun geschah es, da die beiden Mnner eine Erholung haben wollten von ihrer
schweren Arbeit, kauften sich eine Lustjacht und machten mit der Frau und dem
Kinde eine Seereise. Wie sie unterwegs waren, bezog sich an einem Nachmittag der
Himmel und kam Regen und strmisches Wetter, so da sie alle nach unten gingen
in die Kajte, indessen die drei Leute, welche das Schiff bedienten, auf dem
Deck arbeiteten. In der engen und dumpfen Kajte aber befiel sie alle eine eigne
Gereiztheit, und sie begannen sich untereinander Vorwrfe zu machen, indessen
drauen die Wogen wunderlich gingen; da warf der Vater der Tochter vor, da sie
an nichts Freude habe und keinen Menschen liebe, und die Tochter sprach gegen
den Vater, da er immer nur an sein Geschft denke und sich nicht um sie
bekmmere, und wie der Mann gut zureden wollte, da hhnte sie den, da er nichts
verstehe, wie in seiner Schreibstube sitzen, und auch der Mann wurde heftig und
sagte, da er ihr Herr sei; inzwischen war der Knabe, der damals dreijhrig sein
mochte, ngstlich geworden und schmiegte sich an den Vater; die Frau aber geriet
in einen malosen Zorn und schrie, niemand sei ihr Herr, und indem der Mann das
Kind halten wollte, weil das Schiff sehr schaukelte und er Furcht hatte, der
Sohn mchte fallen und sich verletzen, da rief sie, das Kind gehre ihr und
nicht ihm, denn sie habe es von einem andern.
    Wie sie diese Worte in blindem Ha hervorgestoen hatte, taten sie ihr leid,
denn die beiden Mnner wurden ganz bleich, aber in dem Augenblick rief das Kind
in groer Angst ihren Namen, und da fielen sie alle um von einem starken Sto
und rollten durch die enge Kajte und konnten sich nur mit groer Mhe wieder
aufrichten, aber wie sie sich aufgerichtet hatten, da waren der festgeschraubte
Tisch und Sthle ber ihren Kpfen in der Luft, und das Geschirr, das auf dem
Tisch gestanden, lag auf dem Boden mit samt dem Tischtuch, und nach einer Weile
sagte der Vater, da das Schiff gekentert war. So trieben sie nun auf der See
mit dem Kiel nach oben und das Deck war unter dem Wasser, und das Wasser drckte
und klopfte gegen die Decke der Kajte und klatschte gegen die Tr, und in
solcher Lage erhielt sich die Jacht durch die eingeprete Luft, die nicht hatte
entweichen knnen, weil sie so ganz schnell umgeschlagen war, die Mnner aber,
die oben gewesen, waren fortgeschwemmt und ertrunken. Erst langsam wurde den
Eingeschlossenen das klar, denn sie hatten eine groe Angst. Es quoll auch bald
Wasser von unten, denn das bestndige Schlagen der Flut machte die Bretter
locker, und so muten sich denn die Menschen beizeiten umsehen, wo sie sich
besser sicherten, und da sie nicht hinausgehen konnten aus dem kleinen Raum,
denn vor der Tr war ja Wasser, so blieb ihnen nichts, als da sie sich recht
hoch machten. Deshalb schwang sich der Mann erst auf den Tisch, der oben
festgeschraubt war in dem frheren Boden und prfte die Haltbarkeit, und dann
hob er die Frau hoch mit dem Kind und half dem Vater. Wie das geschehen war,
suchte er auf dem Boden nach Essen und fand einige Brtchen und Zwiebcke und
ein Tpfchen mit Eingemachtem, das reichte er alles hinauf, und dann las er noch
die Messer und Gabeln auf, die herumlagen, denn mit denen wollte er oben eine
Diele entfernen, damit sie noch hher kommen konnten in den hohlen Kielraum des
Schiffes. So schnitt er erst den Futeppich durch und machte sich dann daran,
mit dem unpassenden Werkzeug die Schrauben herauszuschneiden, welche die Dielen
auf den Sparren festhielten; denn aufdrehen konnte er sie nicht, weil er dabei
sein Messer zerbrach. ber diesen Anstrengungen versprten sie, wie das geringe
Licht, das von unten durch das runde Fenster im Wasser kam, immer geringer
wurde, denn es waren ja auch nur wenige Lichtstrahlen, die durch die
schaumbedeckten Wellen bis zu dem Fenster drangen; und dazu stand unten das
Wasser in der Hhe von mehreren Fu in der Kajte, auf dem lustig eine Schachtel
mit Streichhlzern und zwei Korke schwammen; die Luft aber wurde immer
verbrauchter und schien immer schwerer zum Atmen, entwich auch an einer Stelle
durch den Druck des Wassers unten mit einem leisen Pfeifen, und dadurch stieg
das Wasser in dem Raum langsam immer hher. Die beiden Mnner arbeiteten
fleiig, und der alte Mann hatte einen berschlag gemacht, da bis zum andern
Morgen die ganze Luft aus dem Raume entwichen sein mute und das Wasser bis oben
stand und sie alle erstickte, wenn sie nicht die Diele bis dahin gelst hatten
und sich in den Kielraum retten konnten, der aber wrde wohl immer ber dem
Wasser bleiben, weil er ja durch das viele Holzwerk unten getragen wurde.
    Wie es nun gnzlich Nacht geworden war und sie alle sehr mde waren,
beschlossen sie, da sie eine kurze Weile schlafen wollten, um neue Krfte zu
schpfen, und der Vater erbot sich zur ersten Wache und wollte inzwischen
weiterarbeiten im Dunkeln, und die zweite Wache sollte der Schwiegersohn
bernehmen. So taten sie; aber nach einer unbestimmten Zeit schreckte der Mann
aus dem Schlafe auf und hrte nicht mehr das leise Gerusch des arbeitenden
Messers, das kleine Spne loslste, da wute er, da der alte Mann ertrunken
war, und deshalb arbeitete er allein weiter. Es erwachte dann auch die Frau
durch groe Beklommenheit des Atmens, und das Wasser klatschte schon leise an
die Platte des Tisches, auf dem sie saen. Indessen war es dem Manne gelungen,
da er die Schrauben der einen Diele an seiner Seite herausgeschnitten hatte,
und nun ri er die Scheuerleiste fort und fate vorsichtig mit zwei Gabeln von
beiden Seiten, um sie zu biegen, bis er sie mit den Hnden fassen konnte; und
indem die Frau half, gelang es auch, da sich die Diele so weit bog, und nun
begriff er sie und ri an ihr mit aller Kraft, da sie in der Mitte abbrach und
ber ihnen eine schmale ffnung in den Kielraum wurde. Aber durch das
Gegenstemmen hatten sich zwei Schrauben gelst, durch welche die Tischbeine
befestigt waren, und der Tisch glitt schrg ins Wasser. Die Frau hielt sich noch
an der Diele ber ihnen fest und schwang sich durch die gebrochene ffnung in
den Kielraum, das Kind aber war ins Wasser gerollt, und der Mann wollte das Kind
retten und strzte sich nach, aber er stie mit dem Kopf gegen etwas, tat einen
lauten Schrei und kam nicht wieder, und auch das Kind ist ertrunken.
    Nun kauerte die Frau oben im Kielraum vor der ffnung, und der kalte Hauch
des Wassers drang zu ihr empor. Nach langer Zeit kam eine geringe Helligkeit in
das Wasser unten; da war es noch hher gestiegen, und wie sie genau zusah,
erblickte sie unter sich eine Hand mit gekrampften Fingern.
    Wie sie gerettet war und sich erholt hatte von allem, was sie ausgestanden,
versprte sie, da eine Wandlung in ihr vorgegangen. Vornehmlich hatte sie jetzt
den Wunsch, da sie etwas tun wollte, aber der war ihr nicht gekommen durch
ngste des Gewissens, Reue und Absichten von Bue, sondern ohne einen andern
Grund, nur weil sie ein neuer Mensch geworden war. Deshalb berlegte sie sich
alles, ihr frheres Leben und seine Bedingungen, da fand sie, da ganz notwendig
alles so geschehen mute, wie es wirklich geschehen war, und sie selbst hatte
keine Schuld und auch andre nicht. Denn ihr Vater konnte nicht leben, wie er
wollte, sondern war einem Zwange unterworfen, da er immer an seine Arbeit
denken mute und keine andern Gedanken haben durfte. Und da er nun in einer
andern Klasse der Gesellschaft lebte wie vorher und sein Kind auch in dieser
Klasse leben mute, so konnte er seine Frau nicht behalten; deshalb war es
ntig, da er sein Kind Fremden anvertraute, die aber waren arme Menschen,
welche gnzlich von dem Kinde abhingen, deshalb vermochten sie ihm nicht zu
widerstehen. So war sie denn zu einem solchen Wesen geworden, wie sie bis dahin
war, und nur das blieb zu verwundern, da sie nicht noch Schlimmeres getan. Nun
aber wollte sie einen neuen Weg gehen, und da schien es ihr das beste, wenn sie
Krankenpflegerin wrde, weil sie da wirklich ttig sein konnte, denn alle
Unttigkeit war ihr jetzt ein Ekel. So lebte sie nun schon seit einigen Jahren
und war sehr ruhig und geno dasjenige Ma von Glck, das ihrer besonderen Art
bestimmt war und wohl freilich nicht sehr gro sein mochte.
    Dieses alles erzhlte die Schwester dem Hans, und der wunderte sich sehr
ber ihren Frieden. Aber nachdem er ihre Geschichte lange bedacht hatte, da fand
er am Ende doch, da sie wohl ein andrer Mensch war wie er; denn wiewohl er sich
viele Mhe gab zu Ruhe, so hatte er doch bestndig Gewissensbisse und
Selbstvorwrfe, und das Leben erschien ihm ganz schwierig. So sah er ein, da
die Gottlosen leichter leben wie die, so an Gott glauben, und ergab sich ihm,
da wir hher kommen sollen dadurch, da wir an Gott glauben, denn wenn uns das
Leben schwierig wird, so steigen wir indessen auf einen hohen Berg, wo die Luft
hrter und reiner ist, und die Arbeit der Menschen ist tief unter uns, die sie
treiben, damit sie ihr fleischliches Leben erhalten.
    Die meisten der Pflegerinnen hatten keine Geschichte gehabt und waren nur so
gewhnliche Menschen, die mit Widerwillen ihre Aufgabe erfllen; aber noch eine
andre Schwester wurde fr Hans merkwrdig, denn die bildete ein Gegenstck zu
jener ersten. Deren Erlebnis war folgendes gewesen:
    Sie war als Tochter eines hheren Beamten geboren, und ihre Eltern lebten in
bestndigen Sorgen, weil ihre Mittel zu gering waren, um den Aufwand zu
befriedigen, den sie fr ntig hielten. So wurde sie schon frhe gewhnt,
berlegend und sparsam zu sein und nach auen doch eine gewisse Unbefangenheit
zu zeigen, und ihr Wunsch war von Jugend an, sie mchte einmal ein recht
tchtiger Mensch werden, damit sie ihrem spteren Mann in ihrer Art behilflich
sein knne.
    Wie sie noch jung war, bewarb sich ein recht gut gestellter Mann um sie, ein
Rechtsanwalt, der sie an Jahren ziemlich bertraf, und auf das Zureden ihrer
Eltern heiratete sie den, wiewohl sie keine besondere und auergewhnliche
Zuneigung zu ihm versprte; aber ihre Mutter hatte ihr in vertraulicher Weise
gesagt, da wohl berhaupt nur wenigen Menschen das Glck einer wirklichen Liebe
werde, die man sich vorstelle in der Jugend. Sie gewann mit der Zeit den Mann
auch in ruhiger und einfacher Weise lieb, denn er war gut zu ihr und sehr
zuverlssig und tchtig, da jeder vor ihm Achtung haben mute. Kinder indessen
bekam sie nicht von ihm. Nun stellte es sich aber heraus, da sie einen
verschiedenen Willen hatten ber das, was die Frau tun soll, denn sie hatte
gemeint, da sie eine rechte Ttigkeit haben werde in Leitung des Hausstandes,
guter Wirtschaft und umsichtiger Frsorge; er aber, da er keine Kinder hatte und
viel verdiente, wollte gar nicht, da seine Frau so viel Eifer auf diese Dinge
verwendete, denn er mochte lieber, da sie sich schn putzte und darauf sann,
wie sie ihm allerhand Spiel und Gaukelwerk vormachte, wenn er von seiner Arbeit
kam. Und ferner hatte sie gemeint, da die Frau mit dem Mann viel Ernsthaftes
reden werde und von ihm manches lerne, er aber war nicht zu grndlichen
Gesprchen mit ihr aufgelegt, sondern wendete alles zu Scherz und Kurzweil, wenn
er mit ihr war. Hierber wurde sie recht traurig und fhlte sich ohne Glck und
Befriedigung und empfand eine groe Langeweile und zuweilen sogar einen rger
ber ihren Mann.
    Als dieses so ging, kam in das Haus ein Verwandter des Mannes, ein junger
Herr, welcher seine Universittsstudien beendet hatte und auch seine ersten
praktischen Jahre und nun als junger Assessor bei seinem geschickten und klugen
Oheim noch lernen wollte. Dieser hatte viel Liebe zu aller Art von Kunst und
Dichtung und hatte auch ber die Fragen unsers gesellschaftlichen Lebens
nachgedacht und besonders ber die Bestrebungen der Frauen, die heute mehr
Selbstndigkeit und Beachtung wnschen. Da geschah es bald, da er mit der Frau
in eifrige Gesprche kam, und lieh ihr Bcher, erzhlte ihr von allem, was heute
geschieht und was viele denken, und sie stritten oft miteinander; und weil sie
beide gute und harmlose Menschen waren und auch der Mann ohne Arg war, so dachte
keiner von ihnen, was aus diesem entstehen konnte. Am Ende aber kam die Frau als
erste zur Klarheit, was ganz pltzlich geschah, es wurde nmlich ihr Mann
unvermutet von einer elektrischen Bahn berfahren und in solchem Zustand ins
Haus gebracht, da sie zuerst meinte, er sei tot, da versprte sie pltzlich,
da sie den Jngling liebte, und in heftiger Verzweiflung kamen ihr die Trnen
aus den Augen; der Mann war aber nur leicht verwundet gewesen und genas wieder
nach einiger Zeit. Da beschlo sie, wie er wieder ganz gesund war, da sie ihm
alles sagen wollte, ging zu ihm und erzhlte von Anfang an und schlo, da sie
eine Liebe zu dem andern gefat habe. Hierber wurde der Mann sehr bekmmert,
wie er aber sah, da sie selbst so verzweifelt war, trstete er sie und machte
ihr Mut, sagte ihr, da er sie liebe und schonen wolle, und sie werde die
Neigung berwinden, und alles werde wieder gut sein, wie es frher war, und
darauf ging die Frau aus dem Zimmer und war in getroster Hoffnung, da alles so
geschehen msse, wie der Mann gesagt.
    Der aber lie sich alles noch eine Weile durch den Sinn gehen, und dann
verblate ihm die Rede seiner Frau und schien ihm nach einiger Zeit ganz
unwichtig, denn sie schmte sich auch und sprach nie wieder zu ihm von dem
vorigen, und ihre Scheu bemerkte er nicht. Deshalb tat er nichts, um das
Verhltnis zu ndern, das bis dahin bestanden, sondern lie alles beim alten,
und der Jngling war nach wie vor in ihrer beider Nhe. Und sie verschlo sich
immer mehr innerlich und hatte eine groe Angst und fhlte sich einsam und ohne
Schutz.
    Wie sie nun in diesen Gesinnungen sich von dem Jngling ferner hielt wie
sonst, da kamen auch diesem neue Gedanken, und es wurde ihm bewut, da auch er
seinerseits eine Neigung gefat habe, und so erklrte er sich die Zurckhaltung
der Geliebten so, da er meinte, sie habe etwas von seiner Neigung versprt und
sei etwa gekrnkt und beleidigt, und ber diesem Gedanken wurde er recht
unglcklich und hrmte sich ab mit Vorwrfen. Und wie sie beide auf solchem Wege
waren, da geschah es nach einiger Zeit mit Notwendigkeit, da sie zueinander
sprachen, und am Ende wuchs dem Jngling die Khnheit, und er gestand mit Worten
seine Liebe. Da erhob sie sich, sah ihn zrtlich an und ging von ihm auf ihre
Stube und hatte da einen Dolch heimlich verborgen, eine altertmliche Waffe, die
sie einmal in Italien gekauft hatte aus Freude an dem kunstvollen Griff und in
romantischer Spielerei, den stie sie sich in die Brust, und sie stie ganz
sicher, und um ein Haar wre sie da gleich gestorben, aber durch einen
glcklichen Zufall und spter durch die Kunst eines geschickten Arztes blieb sie
doch am Leben und genas langsam wieder, indem sie in ihrem Stbchen am Fenster
sa und sehnschtig in die frhlingsblhenden Bume vor ihrem Hause blickte. Und
war in dieser Zeit ihr Mann sehr gut zu ihr, brachte ihr viele Geschenke von
kostbaren Kleiderstoffen und schnem Schmuck und klagte, da er sich ihr nicht
so widmen knne, wie er mchte, weil seine Arbeit ihn festhielt; von dem jungen
Vetter aber erzhlte er nie, der war fortgezogen in eine andere Stadt.
    Wie sie nun wieder ganz gesund war, setzte sich der Mann fter mit ihr
zusammen und besprach mit ihr solche Dinge, ber die sie mit dem Jngling
geredet hatte, mit ihm aber frher nie, denn mit ihm hatte sie nur Kindereien
getrieben. Aber er war viel klger und erfahrener wie der junge Mann und stammte
aus einer lteren Zeit, die einen andern Glauben hatte, und so stimmten seine
Worte nicht zu den Worten seiner Frau und waren wie die eines Lehrers zu einem
widerwilligen Schler. Hierber kam es, da sie einen neuen Entschlu fate und
aus ihres Mannes Haus ging bei der Nacht und in die Stadt reiste, wo der Neffe
lebte in einem Studentenstbchen unterm Dach. Den suchte sie auf in seiner
Wohnung und sprach, sie wolle mit ihm leben.
    Es wurde nun viel bles geredet, und das Gericht schied sie von ihrem Manne,
und sie dachte, da sie jetzt den Geliebten heiraten wolle, auch war alles schon
vorbereitet fr dieses Ende. Da geschah es, da sie an einem Abend mit ihm
ausging, und er fhrte sie an seinem Arm, sie gingen aber eine breite Strae, wo
viele Geschftslden waren, in denen groe Spiegel stehen, welche die Auslage
sollen reicher erscheinen lassen; und die Spiegel stehen hufig so, da man sich
in ihnen ganz genau erblickt, wenn man vorbeigeht, und es ist, als komme man
sich selbst entgegen. So sah sie auch sich selbst am Arm ihres Geliebten, und
durch einen Zufall erblickte sie neben dem ein sehr schnes Mdchen, das etwa
einen Schritt vor ihm ging. Da fiel ihr auf, da sie lter war wie der Mann, und
dachte, da sie ein Unrecht tue, indem sie ihn heiraten wollte, und er werde die
Heirat spter bereuen. Sie sagte aber nichts, sondern ging ruhig weiter; nur
machte sie sich zu Hause heimlich zurecht, schrieb ihm einen Brief zum Abschied
und reiste von ihm fort, und weil sie nirgendshin wute, denn alle hatten sie
ausgestoen, so ging sie in eine Gesellschaft von Krankenschwestern, lernte bei
denen mit groem Eifer und war nun am Ende in das Haus gekommen, wo Hans jetzt
krank lag.
    Diese hatte eine ganz andere Gemtsart wie jene erste, denn sie lebte in
bestndiger Gewissensnot und tat viel um ihrer Seele willen. Es kam aber wohl
alles, was sie tat, aus ihrer Gte und Liebe, und deshalb bte es eine gute
Wirkung; sie selbst aber hatte dabei immer das Ende vor sich, da sie eine Qual
und berwindung haben wollte, deshalb ging sie zu denjenigen Kranken, welche die
widerwrtigsten schienen, und so hatte sie eine wahrhafte Bue.
    Weil nun Hans doch seine Seele gesund machen wollte, so sprach er auch mit
dieser ber seine Furcht und Gedanken. Da antwortete sie ihm, da sie ruhig sei
und keine schweren Gedanken habe, wenn sie etwas Mhseliges und Widerstehendes
tue, das in Wahrheit ein Opfer sei; wenn sie aber uerlich wohllebe, so knne
sie nach einiger Zeit ihre Gedanken nicht mehr aushalten, die sich untereinander
anklagen und verteidigen.
    Hierdurch wurde es Hansen klar, da auch diese Frau wohl den Weg gefunden
habe, der fr sie selbst gangbar sei, aber fr einen andern Fu war der nicht
geschaffen, denn es war ja klar, da diese Frau ihre Geschichte nicht verwinden
konnte wie die erste, sondern sie vermochte sich nur fr eine Zeit zu betuben;
er aber wollte ein freier Mensch werden, der nicht von Furcht, Hoffnung und
Geschichte abhing, sondern jede Handlung wollte er immer als ein Neuer und
Frischer tun; nur konnte er zu diesem Wesen nicht auf die Weise kommen wie die
erste Frau, sondern es mute eine besondere Weise fr ihn geben. Wie er in
dieser Verfassung lag und vieles grbelte hierber, besuchte ihn der alte Mann,
bei dem er gewohnt, und der ihn hatte einladen wollen zu seiner
Weihnachtsfreude, als er ohnmchtig in seiner Stube auf dem Boden lag. Der
erzhlte allerlei mit frhlichem Gesicht, was sich ereignet unter den kleinen
Leuten, die in dem Hause lebten; und am Ende konnte er es nicht mehr
verschweigen, was er vornehmlich auf dem Herzen hatte und doch nicht gleich zu
Anfang sagen wollen, aus Bescheidenheit, weil er sich nicht mit seinen eignen
Angelegenheiten vordrngen mochte, denn sein Sohn war zurckgekommen aus dem
Zuchthaus, wo er Wolle gesponnen hatte, und hatte einen kahlen Kopf gehabt und
ein rasiertes Gesicht, und hatte sehr bla ausgesehen, und die Augen lagen ihm
tief. Er war eingetreten, und die Eltern hatten ihn zuerst nicht erkannt, da
sagte er: Wollt Ihr mich denn verstoen? Da erkannten sie ihn an der Stimme
und sprangen auf vom Stuhl und freuten sich, ihm aber rollten groe und runde
Trnen aus den Augen ber die abgehrmten Backen, und mute sich auf das Sofa
setzen, und die Mutter lief gleich in die Kche und kochte ihm Schokolade, die
hatte er als Kind immer gern getrunken, und der Vater sprach mit ihm von den
Ernteaussichten und klagte ber die Fleischpreise, denn er wollte sich
anstellen, als sei nichts Bedeutsames geschehen. Dann kam der Knabe aus der
Schule, und wie der seinen Vater sah, der so lange in der Fremde gewesen war, da
freute er sich und kletterte an ihm in die Hhe, denn er war ein dreister Junge,
und von seines Vaters Schande wute er nichts. Alles das erzhlte der alte Mann
und freute sich ber seines Sohnes Heimkehr, der im Zuchthaus gesessen hatte und
hatte Wolle gesponnen, und mehrmals sagte er: Er hat uns doch nicht vergessen
in den Jahren, und alles wute er noch, wie es frher gewesen war, als wir ihn
noch bei uns hatten.
    Das war Hansen wunderlich, da der alte Mann sich so freute und gar keinen
Vorwurf hatte, sondern nur zu rhmen und zu loben wute. Da fiel ihm das
Evangelium vom verlorenen Sohn ein, der hatte die Sue gehtet und machte sich
auf und kam zu seinem Vater. Wie er aber noch ferne von bannen war, sah ihn sein
Vater und jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und kte ihn. Und als
Hans an dieses dachte, da ging es ihm wie Schuppen von den Augen und sank ihm
wie eine Last von den Schultern, und sein Herz ward leicht, und er wute, da
wir einen Vater im Himmel haben, der uns lieb hat und sich freut, wenn wir zu
ihm kommen, keinen Vorwurf sagt, sondern uns rhmt und lobt und spricht: Lat
uns frhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig
geworden, er war verloren und ist gefunden worden. So geschah in einem
Augenblick die Wendung in Hansens Leben und wurden seine Jnglingsjahre
abgeschlossen, denn nun sah er einen ebenen Weg vor sich, der durch Tage ruhiger
Arbeit zu einem friedsamen Alter fhrt. Da wute er, da auch die Not und Sorge
ntig gewesen war, und aller Irrtum und das berflssige Grbeln, nicht zu dem
Ende freilich, das er damals gemeint hatte, zu einer abschlieenden Erkenntnis
zu kommen, denn was half es ihm, da er wute: Nach der letzten Denker Meinung
ist mein Ich kein Wesen, sondern ein Geschehen, eine Beziehung, eine mittlere
Linie aus subjektlosen Willensenergien; sondern zu dem Ende, da er gnzlich die
jugendbegehrliche Vorstellung von Gott abstreife, als einem Wunschwesen, von dem
man allerlei erbittet, und die neue gewann, da er so wenig Wesen ist wie ich
selber, und doch mein lieber Vater im Himmel ist, der sich freut ber meine
Heimkehr.
    Und wie das scheinbar zufllige uere Wesen das innere umhllt als sein
rohes Abbild, so kamen nun auch die ueren Ereignisse, die den bergang zum
Mannesalter bestimmen.
    Die Trstung, die Hans gewonnen hatte aus dem Evangelium vom verlorenen
Sohne, wirkte darauf, da er sich schnell krftigte und von Tag zu Tag zunahm an
Strke und Freude. So geschah es, da er bald sein Krankenstbchen verlassen
konnte, dessen Wnde eng waren mit einer ganz hohen Decke, und ging in den
allgemeinen Saal hinunter. Hier sa er in einer seligen Mdigkeit am offenen
Fenster, und frische Luft wehte an seinem lchelnden Gesicht vorbei in das groe
Zimmer, wo viele saen und leise miteinander sprachen.
    Da ffnete sich die Tr gegenber, und in dem Luftzug blhte sich die
Gardine auf, und wie Hans zur Seite blickte, sah er in der Trffnung eine
Krankenschwester stehen in der schwarz und weien Tracht, die einen Blick hatte,
der ber vieles Nahe und Kleine hinweg in die Ferne zu schauen schien. Fr einen
kurzen Augenblick traf dieser Blick in seine erstaunten Augen, dann wendete sich
die Schwester langsam und war wie unschlssig und ging wieder zurck, woher sie
gekommen, und die Tr schlo sich hinter ihr; auf deren weien Flche aber hob
es sich deutlich ab wie ein leichter Schatten der Entschwundenen, welcher in dem
Geiste Hansens gewesen war und nun von den krperlichen Augen gesehen wurde.
    In Hansens Herz fiel eine schwere Ahnung, da hier eine Schicksalswendung
des ueren Lebens begann, und auch das Mdchen hat in jenem Zusammenstoen des
Blickes ihr Herz erbeben fhlen. Nach der Zeit erfuhr er, da das Mdchen jene
Grfin Maria war, mit welcher er als Kind gespielt hatte in dem Forsthause
seines Vaters. Die hatte bei ihrer Arbeit nicht gefunden, was sie erwartet.
Eintnig ging das Leben hin zwischen gewhnlichen Menschen, die nur an die
kleinen Sorgen des Lebens dachten, und deren Aufschwung nur etwa einmal ein
gemeines Vergngen war, in dem sie sich von der Gleichmigkeit der tglichen
Pflicht erholten. So kam sie dahin, da sie ganz allein war und sich fremd
fhlte zwischen den andern, wie sie sich schon zu Hause fremd gefhlt hatte, und
weil sie nichts andres wute, so meinte sie am Ende, das msse so sein, und es
gebe keine Gemeinsamkeit mit andern, und ein jeder Mensch sei ein tiefer
Brunnen, den eine Mauer umzieht, der kann die Wolken wohl spiegeln und das tiefe
Blau des Himmels und die goldenen Sterne, aber wei nichts von den andern
Brunnen im Garten, die schweigen, wie er selbst schweigt, und ihr dunkles Auge
blickt sehnschtig in den hohen Himmel. Und so war sie zu der Meinung gekommen,
da wir zwar in unsrer Jugend glauben, es sei ein Glck und ein Ziel unsres
Lebens fr uns bereitet irgendwo, aber das ist nur ein Glaube unsrer Jugend, der
bewirkt, da wir wachsen und gro werden, und dann ist er nicht mehr notwendig
und verschwindet in Dunst vor unsern Augen. So war sie zu dem Punkt gekommen, wo
die Liebe das grte Glck fr sie werden mute, denn die zeigte ihr ein Ziel
und Ende des Lebens.
    Und desgleichen war Hans nun auf diesem Punkt, denn er war ein Mann
geworden, und nun mute er Weib und Kind haben und eine Stelle in der
Gesellschaft, wo er arbeiten konnte mit den Krften, die er in den
Jnglingsjahren sich erworben hatte.

Unterdessen fand auch Karl den Hafen, in dem er jene Art von Ruhe haben sollte,
die fr ihn bestimmt war.
    In Italien traf er ein Kloster, das ganz abseits lag von der Strae, in
einem groen Frieden einer Landschaft, die mit weiten Zgen das Auge wunderbar
beruhigte, da ein Mensch keine Sehnsucht mehr empfand. Da war ein heimlicher
und stiller Kreuzgang um einen kleinen Hof, in dessen Mitte wuchs ein uralter
lbaum in tiefem Frieden, dessen Bltter doch die salzige Luft atmen mochten,
die vom Meere her ber das Dach der Kirche wehte in diese Ruhe und
Abgeschlossenheit. Vor vielen Jahrhunderten war der Baum gepflanzt und waren die
zierlichen Sulen des Kreuzganges gemeielt von liebevollen Hnden nach Gedanken
voller Gestalten und Bilder, und damals war wohl lebendig, jung und bunt
gewesen, was heute so beruhigte und freundlich machte, als ein abgeklrtes
Alter. An drei Seiten, denn auf der vierten lag die Kirche, fhrte Tr neben Tr
jede in ein kleines und abgeschlossenes Huschen mit einem winzigen Garten,
umgeben von hoher Mauer; in jedem Huschen wohnte ein Mnch still fr sich, der
die Blumen seines Gartens pflegte und Bcher las, alte Bcher, in Pergament
gebunden und mit groen Schlieen, die auf den Seiten bunte Anfangsbuchstaben
hatten, und oft waren die Anfangsbuchstaben vergoldet. Wenn die Glocke erklang
vom Turm der Kirche herab, dann kam jeder aus seiner Tr, in seinem weien
Gewande, und mit freundlichem Lcheln begrten sie einander durch wortloses
Neigen des Hauptes und gingen in den dmmernden Chor in die hohen geschnitzten
Sthle, beteten und sangen. Und wie ber dem gewundenen lbaum die Jahrhunderte
still hingezogen waren, da es schien, als seien sie kurze Tage gewesen, denn in
gleicher Ruhe lchelte der helle Himmel auf ihn nieder, und in gleicher Stille
wehte die salzige Luft ber das Dach der Kirche, so war noch heute der Zug der
weigekleideten Mnche wie zu der Zeit des heiligen Benedikt, und waren die
Jahrhunderte still hingezogen wie freundliche Sommertage, indessen drauen in
der Welt Unruhe gewesen war, Krieg, Aufstand, Gewissenszweifel, Umsturz, Neues
und wieder Neues; nur da die uralten Sulchen der Kreuzgnge nicht mehr an
Jugendfrische denken mochten und an bunte Keckheit, sondern an ein friedliches
und beruhigtes Alter.
    Hier verbrachte Karl erst eine Prfungszeit, nachdem er zur katholischen
Kirche bergetreten, und am Ende wurde er mit unter die Zahl der Mnche
aufgenommen.
    Da sah er, da auch hier Wirkungen der heutigen Zeit zu verspren waren.
Denn zwar fand er einige unter seinen neuen Freunden, die kaum etwas wuten von
dem, was ihn bewegte, und die nichts erlebt hatten, wie das Alte, das in ihren
viel gelesenen Bchern stand; aber zwei Mnner waren da, die waren gleich ihm
geflohen in diesen Frieden, weil sie zu schwach gewesen, nur da ihre Geschichte
grausiger war wie die seine und sie gnzlich gebrochen hatte.
    Der eine war ein Deutscher, der aus einer sehr alten und vornehmen
katholischen Familie stammte, die indessen durch viele Unglcksflle im Laufe
der Zeiten fast gnzlich verarmt war. Seine Eltern lebten in einer ganz
entlegenen Gegend auf einem kleinen Gut, das seit vielen Jahrhunderten der
Familie gehrt hatte; und auch jetzt noch, in ihrer Armut, erschienen sie den
Gutsleuten als besondere und hhere Wesen, denn auch die Leute waren hier seit
undenklichen Zeiten ansssig, und einer jeden Familie Geschichte war in
irgendwelcher Art mit der Herrschaft vielfach verknpft, und alles, was die
Herrschaft tat, war ihnen bekannt. Noch der Grovater der jetzt Lebenden hatte
auf seinem Sterbebette bestimmt, da ein Totengericht ber ihn abgehalten werden
sollte von den armen Leuten der Gegend, denn er wollte aufgebahrt werden im
groen Saale, und die Leute sollten hereinkommen, und der Priester sollte sie
fragen, was sie urteilten ber ihn und seinen Wandel.
    Dieser Familie Sohn kam als junger Offizier nach Berlin und sah hier die
Leichtigkeit des Lebens, und wie keiner einen Willen hatte, sondern alle
umgetrieben wurden durch den reienden Maelstrom, und dabei glaubten sie, es
geschehe durch ihre eigne Kraft, da sie schwammen, und sei ihr Wille so. Da
wirkte dieser Strudel so auf ihn, da er unmerklich wurde wie die andern und ihm
das Leben leicht ward, weil er keinen Willen mehr hatte und nicht mehr dachte,
was morgen geschehen werde. So geriet er schnell in Schulden, und war ihm das
gar nicht wichtig, denn er sah, da alle andern gleichfalls verschuldet waren.
Aber wie er nun wegen der Bezahlung gedrngt wurde und sich an seinen Vater
erinnerte, der bei Tische abma, wieviel Brot er abschneiden durfte, damit der
Laib auch hinreichte, und dann dachte er, da das gar nicht zu Erzhlungen
pate, welche die andern von ihren Eltern machten, da wurde es ihm unmglich,
da er fernerhin so war wie die andern. Nun fand er indessen aber auch nichts in
sich selbst, wie er handeln sollte, und so geschah es, da er etwas ganz Neues
beging, welches in dem gesamten Kreise noch nicht erhrt war, er hat nmlich das
Geld einem Kameraden gestohlen.
    Wie er das getan, hatte er keine Ruhe mehr, sondern machte sich heimlich auf
und entfloh nach Holland, weil er dort wollte sich anwerben lassen fr das Heer,
das auf Java unterhalten wird. Es glckte ihm aber nicht gleich, an die rechte
Stelle zu kommen, und so hielt er sich eine kurze Zeit in Antwerpen auf, und in
dem Wirtshaus, wo er speiste, ward er mit einem ganzen Kreise von Abenteurern
bekannt, die alle hnliche Plne und Absichten hatten, indem der eine in dieser
und der andere in jener Weise gescheitert war. In dieser Gesellschaft kam einmal
die Rede darauf, was ein jeder frher getrieben, und so wurde auch dieser
Jngling nach seiner Geschichte gefragt. Da er nach seinem ganzen Aussehen,
Manieren und Haltung sich als frherer Offizier erwies, so mochte er nichts
Ausgesonnenes angeben, wie viele von den andern getan hatten, sondern erzhlte,
da er ein Offizier gewesen sei und wegen eines Ehrenhandels den Dienst
verlassen habe; nur nannte er ein andres Regiment. Wie er den Namen genannt
hatte, da stand ein Mann auf, der rechts zur Seite gesessen und ihm immer am
wenigsten gefallen von allen; er war ein groer Mensch von soldatischer Haltung,
der einen starken Schnurrbart und gebruntes Gesicht hatte und ber dem einen
Auge eine schwarze Binde trug, vielleicht, weil er sich unkenntlich machen
wollte. Der stand auf und rief, jetzt erkenne er den Sprecher, denn er habe in
demselben Regiment gestanden und sei sein Kamerad gewesen; damit ging er
freundschaftlich auf ihn zu und drckte ihm mit groer Freude die Hand. Der
Jngling bekam einen heftigen Schrecken ber diese Anrede, aber der Fremde lie
ihn nicht zu Worte kommen, sondern fragte ihn nach allerhand Namen, Personen und
Geschichten und erkundigte sich und beantwortete selbst seine Fragen; da wurde
dem Jngling klar, da der Fremde ebensowenig bei dem Regiment gestanden wie er
selber, aber er hatte gemerkt, da seine Rede gelogen gewesen war, und da war er
auf die Meinung gekommen, da er etwas auf dem Gewissen haben msse, was
verborgen bleiben solle, und deshalb drfe er ihn nicht Lgen strafen, wenn er
selber sich auch auf das Regiment und alte Kameradschaft berief und dadurch vor
den andern, die ihm mitrauten, eine Art Beglaubigung beibrachte, da er
wirklich der sei, fr den er sich ausgab. Und wie dem Jngling das pltzlich
klar wurde, da sah er des Fremden unverbundenes Auge mit einem ganz schlechten
und widerwrtigen Ausdruck auf sich ruhen; und wie der wieder seine Hand fate
unter allerhand Beteuerungen, da war ihm nicht anders, als wenn ihn jetzt der
Satan ganz gefangen habe und ihn nicht loslassen werde; und so begann der Fremde
auch schon mit Vorschlgen, da sie wollten zusammenziehen und gemeinsame
Wirtschaft machen wegen der alten Kameradschaft.
    Durch diese groe Angst wurde die Reue in ihm lebendig, und er ging in sich
und sah ein, was er begangen hatte. Darauf bedachte er sich, da er sein
Verbrechen shnen msse, denn sonst konnte er sich nicht erretten aus der Hand
des Satans. Da wurde ihm klar, da er allein keinen Ausweg finden konnte, weil
er zu geringe Erfahrung hatte und noch ohne Umsicht war, und fuhr deshalb zu
seinem Vater, dem alles zu erzhlen und um seinen Rat zu bitten, wie er shnen
solle; er meinte aber, das angemessenste sei, da er sich den Gerichten anzeige
und ins Zuchthaus ging.
    Sein Vater war ganz alt geworden, sein Haar war wei geworden, und er sagte
ihm, da er nicht als einzelner auf der Welt dastehe, sondern er sei der letzte
eines ruhmreichen Geschlechtes, das immer in Ehren gelebt. Das sei nun schon ein
sehr schweres Angehen, da er nach solcher Tat das Geschlecht nicht fortsetzen
drfe, sondern es msse mit ihm aussterben, denn wenn ein Dieb Kinder kriege, so
werden die noch schlechter wie der Vater, und so mte der Name ganz in Unehre
fallen, wie so vielen alten und vornehmen Namen heute in unsern Tagen geschieht.
Deshalb drfe er aber auch das nicht tun, da er seine Tat anzeige und vor aller
Welt die Bue auf sich nehme, denn wenn die Welt erfahre, da einer des Namens
gestohlen habe, so sei es ganz umsonst, da die Vorfahren gelebt htten und
htten Ehre gehabt, denn alsdann ziehe er alle mit sich in seinen Schmutz. Darum
solle er eine heimliche Shne auf sich nehmen, die gab er ihm an, und die war
schwerer, wie der Richter sie ihm auferlegte htte. Denn fnf Jahre lang sollte
er in einem Kloster die niedrigsten Arbeiten tun und den andern aufwarten, und
dazu mute er besondere Fasttage halten und hatte ein schlechteres Lager wie die
andern, und mute sich mit einer festgesetzten Zahl von Geielhieben kasteien.
    Dieses alles erfllte der Jngling genau, wie es ihm vorgeschrieben war, und
nach einer Zeit wurde er ruhig in seiner Seele und kriegte eine neue
Freudigkeit. So kam das Ende heran, wo er das Kloster verlassen durfte; aber da
hatte er Angst vor der Welt, denn in der Welt hatte er Unrecht gehabt und
Mimutigkeit, und er dachte, er sei zu schwach, um drauen zu leben, deshalb
blieb er in dem Kloster und war immer ein zufriedener und heiterer Mensch.
    Der andre Freund, den Karl gewann, war ein geborener Protestant, ein
Englnder. Der stammte von strengen und glubigen Puritanern ab, die sich alle
Lust verboten und nichts haben wollten im Leben wie Arbeit und Tugend, und reich
geworden waren durch harte und kalte Ttigkeit. Von Geburt an war er bla und
krnklich gewesen und hatte als Kind solche Augen gehabt, die in den Himmel zu
weisen schienen und sich fortsehnten aus den groen und leeren Stuben seiner
Eltern in heitere und hohe Rume voller Luft und Licht.
    Schon frhzeitig hatte er eine besondere Lust zum Zeichnen bewiesen, und
nicht nur traf er immer mit groem Geschick die hnlichkeit, die er wollte,
sondern es war auch ein Reiz von Schnheit und Anmut in seinen kleinen Bildern,
der aus den Beziehungen der Linien kam und der Verteilung des Schwarzen und
Weien. Seine Eltern aber verboten ihm diese bungen, wie sie seine heftige
Leidenschaft sahen, und wollten ihn zu einem klugen und gebildeten Kaufmann
erziehen, der Gewinn finden konnte, deshalb betrieb er seine Knste im
Verborgenen, unter hufigen Gewissensbissen, aber zuzeiten, wenn er es nicht
mehr ertragen konnte, da er sich Vorwrfe um seinen Ungehorsam machte, erzhlte
er seinem Vater von seiner Verfehlung, und dann wurde er streng bestraft; dann
nach einer Weile konnte er seiner Lust doch nicht weiter widerstehen und
verschaffte sich auf eine neue Weise die Mglichkeit, da er sie befriedigte,
und zeichnete, was er mochte, denn die vorige Weise, die er seinem Vater
gestanden hatte, war ihm unmglich gemacht.
    So wuchs er heran zum beginnenden Jnglingsalter, da vernderte sich
pltzlich die Art seines Zeichnens und seiner Vorwrfe. Denn vorher hatte er
Menschen, die er kannte, auf dem Papier abgerissen und sie verschnt, so da sie
einen himmlischen Ausdruck bekamen und edler schienen wie im Leben, und am
liebsten hatte er ganz reine weibliche Gesichter gezeichnet, auf denen Gedanken
zu lesen sein mochten, wie sie ein Engel ihnen in seltenen Augenblicken ins Ohr
flstert. Nun aber wendete sich alles Himmlische ins Teuflische, und in
demselben Gesichtsschnitt war statt Reinheit und Klarheit wste Unreinheit und
gemeine Begierde, und nicht auf einfach Sinnliches ging das, sondern auf etwas
Schmerzensvolles und wider alle Natur Scheuliches. Er selbst aber beharrte in
seinem bisherigen Leben und war fleiig in seiner Arbeit, die ihm aufgezwungen
war durch die Eltern, und keine Handlung beging er von unkeuscher oder unreiner
Art; vielmehr war er vor Mdchen und Frauen von seltsamer Befangenheit und
Furcht, und oft errtete er im Gesprch mit ihnen und schlug die Augen nieder;
nur, da er seinem Vater nichts mehr gestand von seinen heimlichen Kunstbungen,
und so verborgen trieb er die, gelehrt durch die frheren Jahre und ihre
Heimlichkeit, da der Vater gar keinen Argwohn mehr hatte und ganz fest glaubte,
sein Sohn habe das Zeichnen endlich aufgegeben. Da er aber seinem Vater nichts
mehr gestand, war seit dem ersten Bilde in seiner neuen Art.
    Nun trieb es ihn indessen immer weiter in seiner eingeschlagenen Richtung
und dachte sich aus, da er nackte weibliche Krper zeichnen wolle in
wunderlichen Bewegungen, und sollte etwa eine solche Figur Handschuhe tragen
oder einen Schnrleib und strengte seine Gedanken ganz stark an, da er sich ein
solches Bild denken konnte, indem er nachts heimlich in seiner Kammer sich nackt
auszog und vor dem kleinen Spiegel ber dem Nachttisch seinen eigenen Krper
betrachtete, der schmal war und ganz unreif, und in einem japanischen
Bilderbuch, welches er verborgen aufhob, studierte er die nackten Frauenleiber,
und auf der Strae achtete er auf die Frauen, die ihm begegneten, besonders wenn
etwas Wind war und ihr Krper sich durch die Gewnder beim Schreiten
abzeichnete, und entkleidete sie in seiner Vorstellung, da sie nackt
dahergingen; und in alledem war eine schmerzliche Sehnsucht und eine tiefe Lust.
    Unter diesem Studieren und Arbeiten bekam er eine Sammlung von
Heiligengeschichten in die Hand, die las er sehr eifrig, und besonders die
Geschichten von den heiligen Frauen, wie der heiligen Katharina von Siena und
der heiligen Rosa von Lima. Denen ahmte er nach in den Kasteiungen und
beschaffte sich eine Kette, schlang sich die um den Leib, und die Kette rieb ihn
blutig und drang ihm ins Fleisch, aber die Schmerzen taten ihm wohl, und damals
wre er glcklich gewesen, wenn es ihn nicht zu gleicher Zeit nach dem andern
gedrngt htte; so zeichnete er die heilige Rosa, wie sie als ganz junges
Mdchen auf einer Wiese steht und von vielen Schmetterlingen umflattert wird,
die in ihrer Heimat Peru wunderbare groe Flgel und herrliche Farben haben, und
ein ganz groer Falter hatte schwarze und weie Flgel, der setzte sich auf ihre
Schulter, und das war eine Berufung fr sie, welchem Orden sie angehren sollte.
Dieses Bild zeichnete er, aber die heilige Rosa hatte er ganz nackt gemalt, als
ein drftiges weibliches Wesen mit langen Haaren, die in sonderbaren
Schlangenlinien gingen, und um ihren Mund spielte es wie eine schmerzliche
Wollust und zugleich eine Unfhigkeit zur Lust. Solche Bilder aber mute er
immer zeichnen, und seine seelische Unkeuschheit wurde immer strker.
    Am Ende wurde er sehr leidend, und wie ihn die rzte untersucht hatten,
sagten sie, da seine Lungen erkrankt seien und er msse nach dem Sden gebracht
werden. Da lie ihn sein Vater gen Italien reisen, und wie er eine Weile an der
Riviera gelebt hatte und gesnder geworden war, erfuhr er, da sein Vater
pltzlich gestorben sei. Da machte er sich gleich auf und ging zu dem Kloster
und lebte dort eine Weile, bis er es endlich erlangte, da er in die Zahl der
Mnche aufgenommen wurde.
    Auer diesen zwei Mnnern waren in dem Kloster nur Brder, die keinerlei
Geschichte gehabt hatten. Ein ruhiges und frhliches Leben fhrten sie unter
allerhand sonderbaren Sachen; da hatten sie ein Schrnkchen, das war ganz mit
Ruinenmarmor ausgelegt, und eine Sammlung von Stcken aller Holzarten besaen
sie, die geschnitten und behobelt waren wie Bcher, auch ein Stck Zedernholz
vom Libanon war darunter; eine besondere Kostbarkeit schien aber ein Bildnis der
Muttergottes, das aus bunten Vogelfedern hergestellt war, und ein Kirschkern,
auf dem ein Bruder die ganze Leidensgeschichte geschrieben hatte, da man sie
mit der Lupe lesen mute, und fehlte kein Buchstabe.
    Sehr selten geschah es, da Fremde das Kloster besuchten, die alte
Wandbilder aus Giottos Schule betrachten wollten; dann sprachen die Brder bei
Tische viel darber, aus welchem Lande die Reisenden wohl stammen mochten und ob
sie Protestanten waren oder Katholiken, wunderten sich auch, da sie so wenig
Freude an dem Kirschkern und dem Muttergottesbild zu haben schienen. Zuweilen
wurde dann wohl darber gestritten, ob die Protestanten bald zur Kirche
zurckkehren wrden oder noch lange in ihrer Verstocktheit beharren.
    So lebte Karl, und von seiner frheren Welt erfuhr er fast nie mehr etwas,
nur einmal kam zu ihm eine Nachricht ber seine geschiedene Frau. Johanna hatte
nach der Trennung ihren Kreis von alten Freunden beibehalten und auch durch neue
vermehrt, und hatte ein Ansehen in ihrer Gesellschaft, da viele auf ihre
Meinung hrten und sie selbst hochhielten als eine Vorkmpferin und Befreierin.
Alle in diesem Kreise lobten unsre heutigen Zustnde und sagten, da in unsern
Tagen zum ersten Male das Individuum die Mglichkeit gnzlicher Freiheit
erhalten habe, denn indem die Gesellschaft nicht mehr die volle Person in
Anspruch nehme, sondern nur Bettigungen der Person verlange, so knne sich
jeder zu dem entwickeln, was er werden wolle und unterliege keinem ueren
Zwange; und so dachten sie, da aus jedem von ihnen ein Eigner und Besondrer
werden msse. Indem Johanna in diesen Anschauungen beharrte, schlo sie einen
Liebesbund mit einem jungen Mann aus ihrer Gesellschaft und lebte mit ihm, und
nach einiger Zeit sagten die beiden einander, da ihre Liebe erloschen sei, und
da sie unsittlich handeln wrden, wenn sie nun noch lnger zusammenlebten, und
so gingen sie in Freundschaft voneinander. Dann folgte eine neue Liebe, und in
solcher Weise fhrte sie ihr Leben.
    Es geschah aber, da sie sich in diesen Umstnden in Hoffnung fhlte, und
hatte ein Kind. Da sagte der Vater zu ihr, da sie nun sich gesetzlich heiraten
mten, weil die heutige Welt, obschon sie im Grunde wohl ganz neu sei, doch
noch die alten Formen bewahrt habe, und deshalb sei in ihr kein Ort fr eine
solche Gruppe wie er, sie und das Kind, wenn sie keine Ehe nach der
gebruchlichen Form bildeten. Sie antwortete ihm jedoch, da sie ihre Freiheit
bewahren wolle und keinem Zwange unterliegen und wolle ihr Kind auch allein
aufziehen; und so tat sie auch, lebte fr sich und besorgte das Kind, indem sie
allen erzhlte, da sie eine geschiedene Frau sei, und das Kind habe sie von
einem Freund; sie wurde aber sehr stolz und froh, wie sie versprte, da sie von
vielen deswegen bel angesehen wurde, und meinte, da alle Erlser der Menschen
bestndigen Undank geerntet htten, bis man spter erst ihre Tat richtig
erkannt. Dann begann sie und beschrieb ihr Leben von Kindheit an und sagte, da
sie genau alles erzhlen wolle, wie es in Wahrheit gewesen sei, und nichts wolle
sie verschleiern, und dieses Buch dachte sie dann herauszugeben, damit jeder es
lesen knne.

Die Komtesse Maria bewohnte ein kleines Stbchen, das auf einen stillen Hof
hinausging, mit Mbeln, welche der Vermieterin gehrten, und hatten wohl deren
gute Stube geschmckt, als der Mann noch lebte. Das Mahagoni, das die ber ein
Menschenalter gepflegt, war von einer gewissen Traulichkeit, und die Komtesse
hatte durch allerhand kleines Wesen das Behagliche noch erhht; so empfing eine
gewisse Wrme des Frauenhaften Hansen beim Eintritt und erzeugte in ihm eine
freundliche und friedliche Stimmung.
    Es war einen Augenblick lang, wie sie aus der Kanne in seine Tasse go; sie
hatte eine nicht allzugroe Figur, und in ihrer Bewegung war etwas
Hausmtterliches; er stand aufrecht da und schien gro und energisch; einen
Augenblick lang hatten sie beide ein Gefhl: wie es wre, wenn sie einander
angehrten als Mann und Weib, und dieses wre ihr Heim, das die Frau freundlich
und friedlich machte, damit der Mann Ruhe fnde, und der Mann erhielte es, und
die Frau htte bei ihm Sicherheit. Aber schnell verschwand das Gefhl durch
Demut und Stolz, denn sie meinten jeder, der andere sei hheren Glckes wert,
und er wolle nicht unbescheiden sein.
    Dann erzhlten sie sich. Zuerst war das Gesprch recht zaghaft, denn als
Menschen, die viel fr sich gelebt, verstanden sie nicht die Kunst der leeren
Worte und scheuten sich, formelhafte Reden zu gebrauchen, bei denen sie nichts
empfanden; aber bald wurden sie recht eifrig, denn sie waren auf etwas gestoen,
dafr sie beide Wrme hatten, nmlich auf gelesene Bcher.
    Da ereignete sich etwas Wunderbares. Sie sprachen von diesem Buch und jenem,
und beide hatten dieselben Bcher gelesen und waren auf die gleichen Fragen
gekommen und hatten die gleichen Gedanken gehabt. Sie vertieften sich ganz im
Zeigen und Wiedererkennen, und vergaen sich, und im Eifer geschah es Hans, da
er zu der Grfin sagte Du, worber sie rot wurde, er aber merkte nichts. Und
dann wieder kam ihnen das Mrchenhafte zum Bewutsein, da sie sich gesehen
hatten als kleine Kinder vor vielen Jahren, und jetzt waren sie beide erwachsene
Menschen, und in der Zwischenzeit hatten sie ihre Kpfe ber dieselben Schriften
gebeugt, hatten dieselben Lehren ihren Geist erschttert, dieselben Fragen sie
umhergetrieben, und hatte doch keiner vom andern gewut, als da sie einmal
zusammen gespielt im Heu und im alten kleinen Forsthause im Walde. Und jedem war
gewesen lange Jahre hindurch, als sei er allein in der Welt, und die Menschen
waren ihm nur Schatten und Gerusche und lebten nicht, und nun zeigte es sich,
da es noch einen Menschen gab, der alle diese Gedanken und Gefhle gehabt
hatte; und pltzlich war es jedem, als sei die Welt nun lebendig geworden aus
einem Zauber, und alle Menschen htten Seelen bekommen. Hans hatte wohl viele
Menschen getroffen, die hnlich sprachen und dachten und hnliches studiert
hatten wie er, aber die waren ihm doch tot gewesen, das wute er jetzt. Denn was
das Lebendige zwischen ihnen schuf, das merkten sie beide nicht in
Harmlosigkeit, nmlich, es kam zu den gleichen Meinungen und den gleichen
Bchern, da er ein Jngling war und sie eine Jungfrau, und da sie an seiner
Brust liegen konnte und er sie umschlungen halten konnte. Das war ein Glck in
ihnen, das sie noch nie gesprt. Sie berhasteten sich in ihren Reden, fragten
und erwarteten keine Antwort, machten Plne, nahmen sich Vorstze vor und
lachten, ohne da sie einen rechten Grund hatten.
    Noch vor einer Stunde waren sie einander fast fremd gewesen, und nun schien
es ihnen, als ob sie zueinander gehrten, so hatten sie ohne Scheu ihre
natrlichen Bewegungen, und Maria legte ihre Fe auf einen kleinen Schemel, wie
sie gewohnt war, ohne daran zu denken, da sie einen fremden Herrn zum Besuch
hatte, nicht einen Bruder oder Gatten; pltzlich fiel ihr die Unschicklichkeit
auf, und sie errtete. Wie ein kleines Mdchen errtete sie, und so glcklich
sah sie aus, wie ein kleines Mdchen in ihrer Schwesterntracht und
glattgestrichenem Haare. Durch ihre Bewegung wurde er aufgeschreckt, sah nach
seiner Uhr und fand mit groer Bestrzung, da er ganz unschicklich lange
geblieben war, so stand er hastig auf, und mit einer gewissen Befangenheit
trennten sich die beiden.
    Als Hans sie das zweite Mal besuchte, waren sie verlegen und kalt, und in
ihre Worte wollte keine Wrme kommen, und was sie sagten, sagten sie nicht aus
Liebe und berflu, sondern um ein schleppendes Gesprch zu erhalten; und weil
alles, was vorher so rosig erschien, jetzt grau war, so prften sie nach bei
sich und fanden, da sie eine eigentliche Belehrung doch das vorige Mal nicht
voneinander empfangen hatten, und da sie ein jeder das schon gewut, was
besprochen war; aber weder er noch sie warfen die Schuld davon auf den andern,
sondern meinten jeder, der Grund liege bei ihnen selbst; so trennten sie sich
sehr frh.
    Nachher machten sie sich schwere Gedanken, wuten sich nicht zu erklren,
woher die Klte und Verlegenheit gekommen, und meinten jeder, er selbst sei
schuld daran, indem er das erste Mal aufdringlich gewesen sei. Denn schon hatte
in der Zwischenzeit die Liebe ihre seltsame Arbeit in ihren Seelen ausgebt,
nmlich den Geliebten verschnt und erhht und so geschmckt, da er ein ganz
andres Wesen wurde, aus einem kleinen Menschenkinde mit seiner Angst und
Verlegenheit ein zrnender Engel, der unnahbar ist durch seinen Glanz und Gre.
Und so sagte Hans bei sich, da er von niederem Herkommen war und spter selten
vornehme Leute getroffen, denn die meisten Bekannten und Gleichstrebenden waren
hnlicher Abkunft wie er, deshalb wute er manches nicht, was schicklich war,
etwa ob man die Beine bereinanderschlagen durfte, denn in einem Buche ber den
seinen Anstand, das er durchstudiert, war das verboten, und vielleicht habe er
die Komtesse durch solche Nachlssigkeit beleidigt, und sie denke etwa nicht,
wie man sie erklren msse bei ihm, sondern meine, weil sie Krankenpflegerin
geworden sei und ihren Stand verlassen habe, so glaube er, da man in solchen
Dingen ihr gegenber nicht so sorgfltig zu sein brauche, und solche Ansicht
msse sie natrlich krnken. Und Maria dachte, da Hans schnell alles sprte,
was unsittlich oder unschicklich sein mochte, denn sie kannte auch seinen Vater
gut und sah ihn in ihrem Geiste neben ihrem Vater hergehen; da schien ihr, da
sie nicht weiblich gewesen sei, und er knne meinen, sie sei nicht
zurckhaltend, und sie frchtete, er halte sie fr schamlos.
    Zu diesen Sorgen kamen noch kleine Miverstndnisse und allerhand solche
Vorflle, die bei Liebenden eintreffen; so lebten beide recht unglcklich, wie
es ja gewhnlich ist, auch bei klugen und guten Menschen, in den ersten
Liebeszeiten; denn alles ist da noch trbe, unbekannt und unausgesprochen, und
erst wenn das klar und geordnet ist und eine ebene Strae sich unter den Fen
hinzieht, kann ruhiges Glck hereinflieen. Aber je selbstndiger zwei Menschen
sind, desto schwerer ist offenbar ein solches Ziel zu erreichen.
    Unter solchen allgemeinen Umstnden hatten sie an einem Frhlingstage einen
Ausflug gemacht an einen abseits von der begangenen Strae gelegenen Ort, wo ein
See lag inmitten des eintnigen Kiefernwaldes, der aus dem drftigen Boden mit
Anstrengung hervorwchst, und in dem ruhigen Wasser spiegeln sich die Kiefern
wider und der blasse Frhlingshimmel mit weien Wlkchen. Unter einer Birke
saen sie, die am Waldrande allein stand und sich an den hngenden Zweigen mit
ihren jungen Blttchen schmckte, und wie sich Maria neigte, da wuchsen
Leberblmchen, wie zu Hause in dem hohen Buchenwalde, da pflckte sie drei
Blmchen ab, und Heimweh ergriff ihr Herz, und um ihr Gefhl zu verbergen, tat
sie behutsam die Blumen an ihre Brust. Dabei hatten sie ein Gesprch ber etwas
andres, aber auch ihm war das Heimweh gekommen, und hinter ihren gleichgltigen
Worten teilte sich die Herzensbewegung des einen dem andern mit. Hierber
entstand eine Pause voll Befangenheit, die s und sehnsuchtsvoll war, und wie
sie so schwiegen, kam ein ganz kleiner Schmetterling, der den Winter berlebt
hatte, denn er hatte recht abgentzte Flgel, und jetzt hatte ihn die liebe
Sonne gelockt aus seinem Versteck, der suchte nach Blumen, und es fror ihn; und
in ungeschicktem Fluge kam er zu Marias Brust, setzte sich auf ein Blmchen und
schlug freudig und zufrieden seine Flgel zusammen, wie er frher getan hatte in
dem warmen Sommer des vorigen Jahres. Sie sah mit glcklichem Gesicht auf das
Tierlein nieder und hielt sich ganz still, und durch einen Blick, wie ihn ein
Kind haben mag, rief sie ihm, da er auch sehen solle. Er neigte sich zu ihr,
ber die Blmchen mit dem Schmetterling, und sein Gesicht kam vor das ihre, und
beide versprten eine Scheu und ein Klopfen des Herzens, da fate Hans sich Mut
und sah zur Seite und sah, da ihre Wangen rot waren und in ihren Augen Trnen
standen, und hierber geschah ihm, da er handelte, ohne sich zu besinnen oder
zu berlegen, er legte seinen Arm um sie und kte sie, und zwar verfehlte er
ihren Mund, aber er versprte doch, wie sie den Ku erwiderte, und sah, wie ihre
Augen sich schlossen. Da tat sich ihm weit, weit das Herz auf, und ihm schossen
die Trnen in die Augen, und er warf das Gesicht in ihren Scho und weinte,
weinte; der Schmetterling war davongeflogen, und Maria strich ihm sein Haar,
leise, mit ihren weichen Hnden, und einmal sagte sie Du Lieber, mit
Anstrengung sagte sie das.
    Und wie sein Haupt in ihrem Schoe lag und seine Augen weinten, und sie
streichelte ihm das Haar, das hell war und starr, und eine kleine Meise hpfte
ber ihnen in dem durchsichtigen Gest der frhlingsgeschmckten Birke, da
kehrte ein in ihnen Zuversicht und Sicherheit, und sie wuten, da sie neu
geboren waren wie in einem Stbchen bei ihren Eltern, und da es nicht mehr Not,
Sorgen und qulende Gedanken gab, und alles war einfach und selbstverstndlich,
und ihre Gedanken waren, als gehrten sie schon lange zusammen, seit vielen,
vielen Jahren, und vor undenklichen Zeiten sei etwas Unruhiges und Einsames
gewesen, und alles war eins bei ihnen, wie es natrlich ist bei einem alten
Ehepaar. Lange verharrten sie so; und es war, als ob alles Glck, nach dem sie
sich vergeblich gesehnt, so lange Jahre, jedes allein fr sich, als ob das
aufgesammelt gewesen sei und nun auf sie herniederregnete in diesen Minuten
unter dem durchsichtigen Birkengest; und alles war ihnen gleichgltig, ja sie
dachten an nichts und hatten nicht gewut, ob es Minuten waren oder Stunden, als
ihm die Trnen des Glckes aus den Augen flossen, unaufhaltsam, aus der Tiefe
seines Herzens, in dem das Glck sa, und sie streichelte sein Haar, das sie
lieb hatte, und vielleicht waren es sogar nur Sekunden gewesen, da sie so
gesessen.
    Sie besannen sich auch, sahen sich ins Gesicht und lachten, ganz ohne Grund
lachten sie, Hansens Backen waren noch na von Trnen. Pltzlich errtete sie,
ein ganz neuer, lieblicher Ausdruck zog sich ber ihr Gesicht, und sie errtete
bis an die Haarwurzeln und an den Seiten bis zum Ohransatz und legte die Hand
vor das Gesicht und sagte: Ach, ich schme mich. Da war er ganz ratlos, und es
war ihm, als habe er unrecht gehandelt, da er sie gekt, aber sie legte
pltzlich ihre Hnde um seinen Hals und drckte ihm einen Ku auf die Lippen,
einen frohen und innigen. Dann strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht und
sagte: Ich habe noch keinen Menschen lieb gehabt wie dich. Hierber wurde er
wieder verlegen und lachte.
    Bald erhoben sie sich und gingen; zuerst schritten sie ganz ohne Gedanken,
dann besannen sie sich, da sie zur Bahnstation gehen muten, suchten den Weg
auf und gingen dann wieder in der vorigen Weise. Pltzlich fiel es Hans ein, da
er Maria den Arm geben wollte, das tat er aber ganz ungeschickt, und darber
lachte Maria, als wre das etwas sehr Komisches, und Hans lachte auch. Darauf
trieben sie ganz kindische Scherze, liefen eine ganze Weile mit untergefatem
Arm und lachten wieder, bis Maria die Trnen kamen, das waren zwei runde Perlen,
die nicht zerliefen, sondern rund blieben. ber diese freute er sich so, da er
sie kte.
    Eine Weile gingen sie dann wieder in Gedanken und still. Da fing Hans
pltzlich an, da er sich besonders darauf freue, wenn sie viele Kinder bekmen.
Hierber wurde sie wieder rot, er aber merkte nichts und fuhr fort in der
Ausmalung seines Traumes, wie er dem ltesten Jungen ein Steckenpferd kaufen
wollte und dem kleinen Mdchen ein Korallenhalsband, und abends wollten sie mit
den Kindern in der dmmrigen Stube sitzen und schne Lieder singen, und Maria
mute auf dem Klavier begleiten. Auch von der Erziehung sprach er, da man
hauptschlich fest sein msse und die Kinder nicht verwhnen drfe, denn selbst
Hrte sei besser wie bermige Weichheit. Und allmhlich fiel auch Maria ein,
und so begannen die beiden frhlich ihre Luftschlsser zu bauen. Es zeigte sich
aber, da Hans ganz bestimmte Ansichten und Plne hatte in allen diesen Dingen,
ber welche sich Maria sehr verwunderte, und wiewohl vieles von diesen Ansichten
und Plnen ihren Wnschen nicht entsprach, so empfand sie doch keinen rger, wie
er so bestimmt war und ganz einfach annahm, da sie dasselbe wollen msse wie
er, aber sonst war sie immer gleich erbittert gewesen, wenn sie gesprt hatte,
jemand wolle, da sie etwas tue, was ihr nicht einleuchtete. So dachte sie
jetzt, er sei wohl etwas tyrannisch, aber sie freute sich heimlich darber und
war gar nicht traurig, hatte auch gar keine Lust, da sie sich ihre andre
Meinung klar machte, sondern dachte nur bei sich: ach, es wird schon schn und
recht sein, wie er es meint, und er meinte doch viel Trichtes. Pltzlich aber
bemerkte sie, da sie selbst sich vorstelle, wie sie ihre Kinder kleiden wollte,
und indem sie gar nicht daran dachte, da die zuerst ganz klein waren, malte sie
sich einen recht schnen Matrosenanzug aus fr den Jungen und stellte sich einen
Florentiner Strohhut vor fr das Mdchen.
    So gingen sie auf dem schmalen Weg durch den Wald. Und durch den Wald zog
der Atem des Frhlings, herb und streng, die Kiefern reckten sich und hielten
sich in Bereitschaft, ihre Kerzen aufzustecken, ein Kreuzschnabel sa auf einem
Zweige und sah ruhig das Paar an; das ist ein Vogel, der auf Gott vertraut, denn
er baut sein Nest mitten im Schnee, wenn die andern Tiere allen Glauben verloren
haben, und im Frhjahr sind seine Jungen schon fast erzogen.
    Das Stationsgebude war ein Haus wie alle diese Huser, und Menschen
warteten da, die sahen gleichgltig und mrrisch aus, wie sie immer aussehen.
Aber der beiden Glck machte das drftige Haus schimmernd und den glnzenden
Schienenstrang glckverheiend, der sich gerade hinauszog, weit fort, wer wei
wohin, und alle Menschen, die da warteten und an den Zug dachten und an ihre
kleinen Sorgen und Geschfte, wurden froh und glcklich. Die beiden aber
dachten, da das Leben leicht ist, und wunderten sich, da sie nicht schon
lngst das gewut hatten. Und am merkwrdigsten war, da alle Menschen ihnen mit
Liebe, Freundlichkeit und Schonung zu nahen schienen, und es zeigte sich, da
alle Menschen gut sind. Fr den nchsten Tag hatten sie verabredet, da sie sich
im Tiergarten treffen wollten; denn sie muten einander viel sagen, und vorher
wollten sie manches bedenken, weil es doch berraschend gekommen war, wie sie
sich gefunden hatten. Hans war zuerst an der Stelle, dann kam Maria, die hatte
ein ernstes und ermdetes Gesicht und begrte ihn liebevoll, aber mit
sonderbarer Zurckhaltung, und gab ihm einen Brief in die Hand und sprach,
whrend er lese, wolle sie sich auf eine Bank setzen. In dem sehr langen Briefe
stand geschrieben, da sie viel mit sich gekmpft, aber sie sei nun zu dem
Entschlu gekommen, da sie einander nicht angehren drften; denn gestern habe
sie sich durch ihre Gefhle, die sie nicht leugnen wolle, zu einer bereilung
hinreien lassen; ihr Grund aber sei, da sie sich zu selbstndig fhle, um
glauben zu knnen, da sie eine gute Gattin sein werde. Dann erzhlte sie, wie
sie ihre Jugendzeit zu Hause verbracht habe in den groen Slen, und habe keinen
Menschen gekannt, denn mit den Offizieren und Gutsbesitzern, die in ihrem
Elternhause verkehrt, habe sie nichts zu sprechen gefunden, auer ganz
gleichgltige Dinge; und wie durch die Luft sei es angeflogen, da sie ganz
andere Meinungen bekommen wie alle Leute, die sie kannte, denn sie knne sich
nicht entsinnen, da jemand ihr etwas erzhlt ber solche Gedanken. Deshalb habe
sie auch immer gedacht, ihre Gedanken und Plne seien unrecht, weil sie niemand
gekannt, der sie geteilt, denn erst in ihrem neuen Kreise spter habe sie die
Menschen getroffen, die ebenso dachten wie sie. Das erzhlte sie ihm, damit er
sehe, wie ihre Gesinnungen nicht zuflliger Art seien und sich ndern knnten,
sondern sie seien aus ihrem Wesen mit Notwendigkeit entstanden, und deshalb
knne sie nicht anders werden, wie sie jetzt sei. Dann fuhr sie fort, ihm zu
schildern, welche groe Anstrengung es sie gekostet, bis sie alle Hindernisse
und Vorurteile der Familie berwunden und habe sich in Freiheit bilden drfen;
wenn sie jetzt an diese Zeiten zurckdenke, so begreife sie oftmals nicht mehr,
wie das alles mglich gewesen sei. Und nun knne sie das alles nicht mehr opfern
und sich einem andern fgen, eine Hausfrau werden und an ganz neue Dinge denken;
und wenn sie es doch versuchen wollte, so wrde sie selbst unglcklich werden
und ihn unglcklich machen, denn der Versuch werde gegen ihre Natur gehen. Darum
sei es das beste, er lasse sie, und sie trennten sich jetzt, was zwar ihnen
beiden schwer fallen werde; aber da sie nun einmal in solchen unglcklichen
Zwiespalt hineingeraten, da sie einander lieb gewonnen htten und doch nicht
als Gatten zusammenleben knnten, so sei es besser, jetzt Kummer zu leiden und,
wenn es mglich, ihre Neigung zu berwinden und dann spter in der frheren Art
weiter zu leben, wie eine Ehe zu fhren, die sicher unglcklich werden msse und
vielleicht ihre gegenwrtige Liebe in Ha verwandeln werde.
    Mit groer Trauer las Hans diesen Brief; und wie er ihn zu Ende gelesen, sah
er in Marias Gesicht, das mit einem Ausdruck von unendlicher Liebe zu ihm
gewendet war; da lachte er, und sie hngte sich an seinen Arm und fragte
schchtern, was er nun denke, und wie er sagte, es werde alles gut werden, und
sie wollten sich trotzdem ehelichen, da drckte sie seine Hand und war
glcklich. In diesem Augenblicke wurde ihm in seiner ganzen Weise offenkundig,
was sie zum Opfer brachte, nmlich die Freiheit und das Glck eines Blickes von
hohen Bergen, und da sie in Enge ging und kleine Sorgen auf sich nahm, und das
tat sie, weil sie ihn lieb hatte, nicht fr sich, sondern fr ihn. Und er wute
wohl, da er dieser Liebe unwert war und ihr nicht ein gleiches Opfer bringen
konnte, und in Demut sagte er sich, das alles Herrliche, das wir erhalten, ein
unverdientes Geschenk ist, und in Dankbarkeit nahm er sich vor, immer an diese
Stunde zu denken. Er freute sich aber, da er nehmen durfte und dankbar sein,
und schmte sich nicht, da seine Hnde leer waren. Solches sind die Werke der
Liebe in uns, da sie unsre schlechteste Eigenschaft berwindet, nmlich den
Dnkel, der nichts umsonst empfangen will.
    Nachdem die beiden dergestalt zu einem unumstlichen Entschlu gekommen
waren, beredeten sie untereinander, wie sie ihr ueres Leben bilden wrden. Wie
die beiden Brder und die Eltern gestorben, war Maria die Erbin aller
Besitzungen der Familie. Solange sie fr sich allein lebte, blieb ihr das
gleichgltig, und sie hatte die Verwaltung einem Verwandten bergeben, denn sie
war zufrieden, da sie ihren Beruf hatte und ihre Pflicht erfllen konnte. Nun
aber wurde das anders, denn eine Familie will mehr Pflichten wie der einzelne.
Hansens Ttigkeit war nicht derart, da sie ihn selbst auf die Dauer befriedigt
htte, geschweige da er auf sie hin htte mgen mit seiner Familie leben. So
beschlossen die beiden, da Hans die Verwaltung der Herrschaft bernehmen
sollte, und wuten wohl, wie verschuldet der gesamte Besitz war, so da er
zurzeit im ganzen sogar eine passive Bilanz aufwies, aber freuten sich, da sie
dadurch ein Ziel fr frohe Arbeit bekamen, denn sie glaubten, da wir nur
glcklich sein knnen in einer angestrengten Arbeit, die einen Erfolg hat. Und
nachdem sie dergestalt sich ber den Plan und die Absichten klar geworden waren,
setzten sie schleunigst alles Ntige ins Werk, benachrichtigten die entfernten
Verwandten Marias, die zwar den Kopf recht schttelten, aber doch keine
Schwierigkeiten machen konnten, vielmehr recht gtig bei manchem halfen, und
dann wurde die Hochzeit bald gefeiert.
    So nahmen sie denn die schwere Last frhlich und guten Mutes auf sich, zogen
in ein kleines Huschen, das frher eine Beamtenwohnung gewesen war, und
richteten sich ganz einfach ein. Wohl hatten sie einen Besitz, der auch nach
Abzug der Schulden noch Millionen wert war, und doch lebten sie bescheiden, aber
sie waren stolz und froh, da sie Sparen und Haushalten, Arbeiten und Sorgen vor
sich hatten, dessen Ende doch Sicherheit und ordentliches Leben fr ihre Kinder
wurde; denn wenn der Besitz auch gro und wertvoll war, so blieb ihr Einkommen
doch gering und konnte nur durch langsames Abtragen der Schulden wieder gro
werden.
    Am frhen Morgen ging Hans schon in den Wald, und am spten Abend kehrte er
nach Hause. Ein unbndiges Frohgefhl berkam ihn, wenn er zwischen den
schweigenden Stmmen wanderte; das alles gehrte ihm, diese gewaltigen Buchen,
deren Zweige hoch oben sich wlbten, und die kleinen Bumchen in der Schonung
gehrten ihm, wo ein Strohwisch an einer Stange hing, und das trockne Laub
gehrte ihm, und die kleinen weien Blmchen, und die flinke Eidechse und der
Vogel auf dem Zweige, die waren in seinem Walde, den er einst seinen Kindern
vererbte. Ihm wuchsen die kleinen einjhrigen Pflanzen aus dem Samen, die
dereinst ber seines Enkels Haupte mchtig rauschen sollten, fr ihn saugten die
Bltter Sonnenschein ein, Luft und Regen. Deshalb forstete er auch nicht mit
Kiefern auf, wo Buchen abgetrieben waren, denn er wollte, da wieder Buchen
wuchsen, wo Buchen gestanden hatten; wenn er alte Bume mute schlagen lassen,
so war es ihm, als msse ihm das Herz bluten, und nur, weil er doch Einnahmen
wegen der Zinsen ntig brauchte, lie er abtreiben; dann schlief er nachts
nicht, ging aus Fenster und sah im Mondschein seufzend ber den stillen Wald
hin; mit Freuden aber lie er jungen Bestand ausholzen, wo Licht und Luft
geschaffen werden muten fr die Bumchen. Abends erzhlte er, wie er dies
machen wolle und das, wie an kahlen Hngen angepflanzt werden sollte, wenn er
erst mehr Geld habe, wie in den Bruch Erlenbestand kommen msse, und wie ein
vernachlssigtes groes Gebiet am besten neu bepflanzt werde.
    Seine schlimmste Sorge war, da die Haupteinnahme aus einem unsicheren
Bergwerksertrage flo, und hufig berlegte er, was zu beginnen sei, wenn dieser
Ertrag einmal im Jahre geringer ausfalle. Wohl sagte er sich dann heimlich, es
sei leichtfertig von ihm gewesen, da er nicht bei der bernahme mehr von dem
Besitz verkauft, damit er das brige desto sicherer halten konnte, aber was er
sich auch berlegte, nichts von dem, was er besa, wollte er hingeben; ja die
beiden Gter, die er damals fortgegeben, und die nun unter einem tchtigen und
wohlhabenden Besitzer schnell gediehen, reuten ihn oft, und gab ihm einen Stich,
wenn er in die Nhe ihrer Felder kam und dachte, da ihm die auch gehrt hatten.
Deshalb wute er keinen anderen Ausweg, als da er immer sparsamer zu
wirtschaften suchte, immer eifriger und umsichtiger alles beaufsichtigte. Seine
Figur nderte sich; er wurde hager und vornbergeneigt, und seine Nase stand mit
einem scharfen Haken aus dem Gesicht, und sein Gang wurde schnell und weit
ausschreitend. So vergingen Wochen, Monate und Jahre im Rechnen und Arbeiten;
aber Rechnen und Arbeiten fllten das Leben der beiden nicht aus. Denn zu seiner
Zeit bekamen sie ein schnes und gesundes Kind, ein Knblein; dem folgten noch
andre Kinder bis zu der Zahl von fnf. Fr diese alle mute die Mutter sorgen,
ohne groe Hilfe, das tat sie heiteren Gemtes und singend, und die Kinder
wuchsen heran in Schnelligkeit, und wenn der Vater des Abends nach Hause kam, so
umringten sie ihn, klammerten sich an seinen Beinen an und wollten an ihm
hochklettern; und Maria begrte ihn mit lachenden Augen. Sie war immer froh,
auch ohne einen bestimmten Grund, und hatte Beruhigung im Herzen und sichere
Gedanken. Und auch Hans war bestndig froh und sicher, trotzdem er sich viele
Sorge machen mute um Geld und pnktliches Zusammentreffen von Einnahmen und
Ausgaben, was fr einen Mann sehr schwer ist, der keine Begabung fr
Geldgeschfte hat; bei seinen groen Rechnungen half ihm auch Maria, denn er
verzhlte und verrechnete sich hufig und geriet dann in groe ngste.
    Was aber ganz besonders merkwrdig schien, das war, da er sich gar nicht
mehr Gedanken machte ber abstrakte Dinge und Fragen, denn ihm war, als sei
alles Grbeln pltzlich abgeschnitten und habe gar keinen Liebreiz mehr, und
htte er sich frher so gekannt, so htte er sicher geurteilt, er sei beschrnkt
geworden, und doch war es ihm jetzt, wenn er an sein frheres Wesen dachte, als
sei er damals tricht und kindisch gewesen. Und ebenso war es Maria, da alle
ihre Mhe und Arbeit, die sie sich frher gemacht, ihr kindisch vorkam; und wenn
es auch gering war, zu bedenken, was ein Kind anziehen sollte und was ein andres
essen durfte, und ob an einem Bach Weiden gepflanzt werden sollten fr die
spteren Korbflechtarbeiten, wenn die pfel aus einer neuen Anpflanzung erst
versendet wurden, so schien beiden das doch heute viel wichtiger wie solche
Fragen nach Freiheit und Verantwortlichkeit und hnlichem, die sie frher
bedacht. Und als sie einmal an einem glcklichen Nachmittag am Sonntag zusammen
im Garten saen und von weitem die jubelnden Kinder hrten und sich ber die
Wandlung wunderten, kam ihnen eine Zusammenfassung oder Erklrung dieser
Erscheinung. Es geschah das aber, indem sie ein Schwalbenprchen sahen, die Lehm
zusammentrugen zu einem Neste fr sich und ihre Kinder.
    Da sagten sie: Wie die Vglein, so leben auch die Menschen, wachsen, freien
sich, kriegen Kinder, ziehen sie gro, und dann sterben sie; und ihre Kinder tun
desgleichen; und so ist die Erde bevlkert mit lebenden Wesen, auf welche die
Sonne scheint. Und jedesmal, wenn Kinder heranwachsen, denken sie, das ist etwas
ungemein Merkwrdiges, da wir auf der Welt sind, und es gibt nichts
Merkwrdigeres, und mit uns wird alles neu, und vor uns ist nichts gewesen, nach
uns aber wird alles das sein, was wir einmal Groes und Wichtiges schaffen
werden. In Wahrheit aber erschaffen sie genau so Groes und Wichtiges wie die
Menschen vor ihnen geschaffen haben, das sie gar nicht beachten. Und in solcher
Gesinnung kommen sie auch zu weiterer berhebung, da sie in sich hineinsehen
wollen und wollen wissen, wie in ihnen alles zusammenhngt, und woher es kommt,
da ihnen die Welt so erscheint, wie sie ihnen wirklich erscheint; und dann
denken sie, da sie das alles ndern knnen nach ihrem Wohlgefallen und knnen
bauen, was sie wollen, und einreien, was sie wollen.
    Wenn es nun Gott gut meint mit solchen besonders hoffrtigen Menschen, so
setzt er sie mitten in eine einfache und vernnftige Aufgabe; und da sehen sie,
da einer mit dem andern zusammenhngt, und da die Menschen so leben, wie es
ihnen vorgeschrieben ist, und solche Gedanken haben, wie Gott will, da sie
Gedanken haben; ebenso wie diese Schwlblein vielleicht denken, wunder welch ein
Werk sie verrichten, und wie merkwrdig es ist, da sie Mann und Frau sind, und
wie wunderbar einst ihre Eier sein werden und wie eigen ihr Nest; und setzen
doch blo Dreck zusammen wie alle Schwalben vor ihnen und nach ihnen, und haben
Eier und brten nach aller Schwalben Sitte, weil so das Geschlecht der Schwalben
sich erhlt auf der Erde, das Fliegen und Mcken fngt und zum Herbst fortzieht
und im Frhjahr wiederkehrt. Solche aber, die zerfahren sind aus Hochmut, finden
keine einfache und vernnftige Aufgabe, sondern tun irgend eine widerwrtige
Ttigkeit, damit sie ihr Brot verdienen, und wenn sie ihr Tagewerk vollbracht
haben, so brten sie weiter und haben dumme Gedanken ber ihre Wichtigkeit und
werden immer zerfahrener. Inzwischen geht das Leben vor ihrem Fenster vorbei wie
ein schnes Mdchen, und sie merken es nicht, denn sie wissen nicht, da sie dem
Mdchen nachgehen sollten, sie zur Frau begehren und mit ihr leben in Freude und
ohne berflssige Gedanken. Und nachdem sie immer zerfahrener geworden sind,
beginnen sie auch immer dmmer zu werden; und zuletzt enden sie in leerem und
einfltigem Geschwtz.
    In Wahrheit knnen wir doch nichts wissen, als da wir hier auf dieser
schnen Erde wandeln und brave Menschen sein sollen und uns freuen. Dann werden
wir lter in Heiterkeit und Glck, und endlich sterben wir, und im Gedchtnis
der Menschen leben wir eine Weile noch als verstndige Leute oder als
unverstndige.
    Als sie solche Gedanken hatten, blickten sie nach der Elsgrube hin, denn die
konnten sie sehen von ihrem Hause aus, und dachten, da hier einst die alte Burg
gestanden hatte, und da das damalige Herrengeschlecht heruntergegangen war, und
ein treuer Diener hatte die letzte Tochter geheiratet und das neue Geschlecht
begrndet. Das hatte lange geblht durch vielerlei Zeiten hindurch, die Urzeiten
hatte es erlebt und das Lebensalter und die Renaissance, das absolute Frstentum
und die Neuzeit; endlich war es untergegangen durch Untchtigkeit; und nun
grndete wieder ein treuer Mann aus der unteren Gesellschaft das dritte
Geschlecht; und vielleicht erlebte das auch durch die Jahrhunderte Wandlungen
der Dinge, Verhltnisse und Gedanken, und es zeigte sich, da jede Zeit meinte,
sie habe in allem das Richtige gefunden; und vor Gottes Augen war das alles doch
nichts weiter wie die Reihenfolge der Schwalben, die ein Nest unterm Hausdache
beziehen; und wenn die Kinder dieses Geschlechtes klug waren, so taten sie
dasselbe, was jetzt Hans und Maria taten: arbeiten und sich liebhaben, ihre
Kinder erziehen und frhlich sein.
    So waren ihre Gedanken, und die mochten wohl manchem von den andern
kleinbrgerlich erscheinen. Aber was wir wert sind, das sind wir ja nicht wert
durch unsre Gedanken, sondern dadurch, da wir die Stelle auszufllen vermgen,
in die wir gesetzt sind; denn wenn wir das knnen, so bekommen wir Verstand und
richtige Gedanken, und fr die einen sind diese Gedanken richtig, fr die andern
jene. Nur ist das eine Weisheit, von der die Leute unsrer Zeit nichts wissen
wollen, denn freilich ist sie nicht zu sehen, sondern wir mssen sie glauben.
Aber wissen wir dies nicht, da wir ja gar nicht die wahre Welt sehen, sondern
nur einen trgerischen Schein?
    In der wahren Welt steht Gott als ein Bauersmann im blauen Kittel vor dem
Scheunentor und worfelt Weizen. Er nimmt eine Schaufel voll Weizen und
schleudert den in die Scheune. Da fliegen zusammen durch die Luft Korn und Spreu
und wissen nicht, wer sie in Bewegung gesetzt hat und wohin sie getrieben
werden; doch sie verspren, da eine Kraft in ihnen ist und da dieselbe Sonne
sie blitzend bescheint und da dieselbe Luft sie klar bestreicht. Da denkt die
Spreu hoffrtig: Siehe, wir sind wie diese da, und vielleicht sind wir auch
besser, denn uns scheint, wir fliegen hher, und die Krner denken demtig: Es
ist wohl so, da wir alle gleich sind. Aber nur einen Augenblick verweilen sie
beide in der hellen Luft und unter der blitzenden Sonne; denn was Jahrhunderte
sind fr uns und unsre Welt des Scheins, das ist ein Augenblick fr Gott und fr
seine wahre Welt. Dann senken sich die schweren Krner zu dem Weizenhaufen, auf
den sie fallen sollen, und die Spreu trgt der Zugwind vor dem Scheunentor auf
einen andern Haufen zu der frheren Spreu.

                                      Ende

                                   Nachwort1


Den Roman Der schmale Weg zum Glck habe ich vor nunmehr einem
Vierteljahrhundert geschrieben, im Jahre 1901. Verschiedentlich wurde
angenommen, er sei eine Art Selbstbiographie. Das ist er nicht. Er ist von
Anfang bis zu Ende bewut aufgebaut, und die Gestalten sind nicht Abbilder von
Personen, die zufllig mein Leben gekreuzt haben, sondern sie sind aus der
Phantasie neu geschaffen nach dem Bedrfnis, das an ihren Stellen fr sie war.
Der Plan zu meinem Bau aber war aus meinem Gesamterleben gekommen: ich erlebte
den Zusammenbruch der brgerlichen Welt und die Sehnsucht, zu einer neuen
Lebensform der Menschheit zu gelangen, in welcher ich selber eine solche Stelle
fand, da ich mein Leben vor Gott rechtfertigen konnte.
    Den Zusammenbruch wollte ich darstellen, indem ich fr die mir wesentlich
scheinenden Teile der brgerlichen Welt Charaktere und Schicksale erfand; diese
muten aufgereiht werden an einem Faden, welchen das Leben meines Helden gab.
Wesen und Schicksal dieses Helden mute fr diese Aufgabe geeignet sein.
    Da stellte sich denn die deutsche Form des Bildungsromans als angemessen
dar. Schon den Simplizissimus kann man als solchen bezeichnen. Es ist wohl
verstndlich, da gerade die Deutschen auf diese Form kommen muten; bei ihnen
wird dem ringenden Einzelnen die Bildung schwerer wie bei jedem andern Volk:
nicht nur, da die Bildung des Deutschen, weil sie immer persnliches Erleben
ist, nicht gesellschaftliche bereinkunft, unter allen Umstnden mehr Arbeit
erfordert; sondern auch, weil wir in unserer geschichtlichen Entwicklung immer
von Aufbau zu Zusammenbruch, von Zusammenbruch zu Aufbau gegangen sind und kaum
je einmal eine lngere Zeit ungestrter Ruhe gehabt haben; und so fast immer die
Bildung des Einzelnen gleichzeitig eine schpferische Mitarbeit an dem Werk der
Allgemeinheit sein mute.
    Um die Auflsung der Gesellschaft an der Geschichte meines Helden ganz klar
darstellen zu knnen, mute ich ihn selber zwar passiv gestalten, wie ja der
Held der Erziehungsromane notwendig sein mu; aber doch als natrlich gegenber
der Unnatur, gesund gegenber deren Verfall, wahr gegenber der Zersetzung. Ich
suchte mir eine Umgebung, aus der ich einen solchen Charakter heraus entwickeln
konnte, und fand das einsame Forsthaus im Wald, die kleinbrgerlich deutsche
Familie der alten Art, die noch unberhrt von der Zersetzung war, ihre
Verbindung mit der noch schlichteren Vergangenheit durch die Gromutter. So
ergab sich das erste Buch: die Jugendgeschichte des Helden. Es mssen in sie
hinein natrlich schon die ersten Fden der spteren Unruhe reichen, damit das
zweite Buch nicht ganz unvorbereitet als eine vllig andere Welt kommt; denn der
Held mu ja doch mit dieser eine organische Verbindung haben; dadurch ergab sich
vor allem die Jugendfreundschaft mit Karl.
    Da man den Roman fr eine Selbstbiographie hlt, beweist, da mir die
Darstellung dieser rein ausgedachten Welt geglckt ist, da sie als Natur wirkt,
wie sie sollte. Ich selber stamme zwar auch aus dem Volk wie der Held meines
Romans, aber bin in der Stadt aufgewachsen, allerdings in einer Kleinstadt von
nur neuntausend Einwohnern, als Sohn eines Steigers, eines Beamten am Bergwerk,
der gesellschaftlich etwa dem Frster entsprechen mag.
    Wenn auch das Erzhlte erfunden ist, so ist natrlich doch immer das Gefhl,
das hinter ihm steht, selbst erlebt. Das mag den Irrtum erklren.
    Das frhere deutsche Kleinbrgertum wird heute mit falscher Vornehmheit
belchelt von der Bourgeoisie wie vom Proletariat. Wie jede Klasse die ihr
notwendig anhngenden Schwchen hat, so hat sie natrlich auch das
Kleinbrgertum. Fr den freien Menschen gibt es selbstverstndlich nur die
Einzelpersnlichkeit, die denn keiner Klasse und keinem Stand angehrt, und
jeder Mensch, der zu einer richtigen Klasse gehrt, hat die Schwchen dieser
Klasse. Am leichtesten kann wohl einer aus der Aristokratie zu Freiheit
gelangen, zu der Freiheit, welche der Held meines Romans haben mute. Aber was
man so ehrlich Aristokratie nennen kann, das hat es nun einmal in unserm
Deutschland seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben, und ich fr meinen Teil
finde, da das Kleinbrgertum bei uns sehr viel von den Leistungen bernommen
hat, die eigentlich der Aristokratie zufielen; und ich kann nicht finden, da da
die Bourgeoisie, geschweige denn das Proletariat, seine Erbschaft angetreten
haben. Ich bin in meinem Leben mit Menschen aus allen Klassen und Stnden in so
nahe Berhrung gekommen, da ich ihre Verhltnisse dichterisch darstellen
knnte. Aber noch heute, wenn ich einen Helden wie Hans brauchte, wrde ich ihn
mir aus dem alten Kleinbrgertum herausholen. Das gesellschaftliche Ideal der
Klasse war die Rechtschaffenheit: in der Rechtschaffenheit sind viele sittliche
Forderungen enthalten, die sich sonst nur in dem Ideal der Vornehmheit finden;
und das deutsche Ideal der Vornehmheit war durchaus kleinbrgerlicher Art, es
hatte mehr von der kleinbrgerlichen deutschen Rechtschaffenheit als etwa von
den Vorstellungen von Gentleman und Kavalier der westlichen Vlker, die man
sonst geneigt ist, unserem vornehmen Mann gleichzusetzen.
    Ein Dichter nimmt Gefhl, Vorstellungen und Gedanken aus seinem Volk,
gestaltet sie, und gibt sie so seinem Volk zurck. Ich glaube, da es mir
gelungen ist, den rechtschaffenen Kreis des ersten Buches aus meinem Volk zu
nehmen und ihn auch wiederzugeben. Die Formen ndern sich, in welchen ein Volk
lebt. Das alte Kleinbrgertum ist heute fast verschwunden. Aber Ehrfurcht,
Treue, Gewissenhaftigkeit, Flei, Aufopferung, Glaube, Unterordnung unter das
Hhere - alle Tugenden sind ewige Forderungen an uns, die wir in den wechselnden
Formen des geschichtlichen Lebens immer neu erfllen mssen. Wenn ein Bild
dichterisch geglckt ist, dann mu es bei den vernderten Verhltnissen der
Menschen auch so wirken, da es zu den Tugenden fhrt, die es darstellt.
    Als ich den Roman schrieb, war ich fnfunddreiig Jahre alt. Ich stand
damals noch in den Anfngen einer geistigen Entwicklung, die ich auch heute noch
nicht abgeschlossen habe; aber ich sehe heute doch mehr, als ich damals sah.
    Die heutige Auflsung der Menschheit mu man verstehen als ein Abwenden von
Gott. Aber was Gott ist, das kann ich auch heute noch nicht sagen, das wird kein
Mensch sagen knnen, auch wenn er das entfernteste mgliche Ende des Lebens
erreicht und bis zum Schlu immer lernt; damals wute ich naturgem noch
weniger; ich hatte nur ganz dunkle Ahnungen.
    Daraus ergibt sich, da die Darstellung einer zersetzten Gesellschaft eine
dichterische Aufgabe ist, welche nie vllig gelst werden kann. Mir war das
damals schon klar. Ich half mir, indem ich aus dem mir wichtig erscheinenden
Teile der Gesellschaft Schicksale und Gestalten bildete, die ich nebeneinander
stellte. Der Roman meines Helden wurde dadurch zu einer uerlichen Verbindung
dieser verschiedenen, eigentlich in sich abgeschlossenen Stcke. Auch heute
knnte ich das noch nicht anders machen. So viel ist jedenfalls wohl Allen klar:
da die Ursache der allgemeinen Zersetzung zunchst darin liegt, da die
Menschen weder Zwecke fr ihr Leben mehr sehen, noch Menschen ber sich haben,
welche, wenn diese Zwecke nicht da sind, ihnen befehlen, was sie tun sollen, und
dadurch die selbstgefhlten Zwecke ersetzen. Das uert sich dann in den
verschiedenen Lebenskreisen je nach den Anforderungen, die da gestellt werden:
in der Ehe etwa ist nicht mehr der Zweck, da sich die Gatten gegenseitig zu
Gott fhren und ihre Kinder erziehen, oder in der Dichtung nicht mehr, da die
Hrer eine hhere Welt dargestellt erhalten, nach welcher sie sich bilden
knnen, indem sie tiefe Erschtterungen durchmachen; sondern in der Ehe leben
die Menschen nebeneinander hin als gute Kameraden im besten Fall, und in der
Dichtung stellen sie dar, was ihrer zuflligen Begabung und Anregung angemessen
ist, das sogenannte l'art pour l'art im besten Fall.
    Wie immer in Zeiten der Auflsung bieten sich die sozialistischen und
kommunistischen Illusionen als Hilfe an.
    Man mu unterscheiden zwischen diesen Illusionen als allgemeiner Sehnsucht
der Menschen nach einem Zustand, in dem sie wieder Zwecke haben, und der
heutigen Formung dieser Sehnsucht in den mehr oder weniger durch Marx bestimmten
Gedankengngen. Fr den Dichter ist nur das erste wichtig, die marxistischen
Gedanken haben fr ihn nur soviel Bedeutung, als er sie zur Darstellung des
Einzelnen verwendet. In dem Roman steht nun der zersetzten Gesellschaft diese
Illusion mit ihren Vertretern gegenber.
    Diese Vertreter sind, soweit sie nur die Illusion haben, gute und brave
Menschen, welche aber tatschlich nicht eine neue Form besitzen, sondern nur die
Erwartung einer solchen; welche, wenn diese neue Form sich verwirklichen sollte,
als die ersten tief enttuscht wrden; wie mir ein solcher Mann, der ein Fhrer
der Partei war, nach der Revolution schrieb: Das ist nicht die
Sozialdemokratie, fr die ich mein Leben lang gekmpft habe. Und soweit sie
nicht durch die Illusion gelockt werden, sind diese Vertreter genau solche
Ergebnisse der gesellschaftlichen Auflsung wie die andern, ja, sie sind noch
schlimmer, weil ihnen auch noch die letzten schwachen Bande fehlen, welche die
andern doch noch halten: sie sind Narren, Phantasten und Betrger.
    Der Held mu durch die beiden Welten hindurchgehen, durch die zersetzte alte
Welt und die sozialdemokratische Welt, die keine neue ist, sondern entweder
Sehnsucht guter Menschen, die frher ehrliche Kleinbrger gewesen wren, oder
ein Schwindelgebilde bedenklichster Art. Er mu gehen - wohin?
    Die Zeit, in welcher der Roman spielt, war die Zeit der siebziger, achtziger
und neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, sie war die Zeit, die ich
selber erlebte. Die Aufgabe meines Helden war meine eigene Aufgabe. Ich selber
habe ein Ziel gefunden; ich war schon auf dem Wege zu ihm, als ich den Roman
schrieb: indem ich mich zur Dichtung als zur Form zurckfand, bekam ich ein
Gesetz ber mir, dem ich gehorchen konnte, in dessen Gehorsam ich nun leben
durfte. Aber mein Held sollte kein Dichter sein! er sollte ein Mann sein wie
alle andern Mnner. Von allen Menschen ist dem Dichter die uerste Freiheit
beschieden: er braucht niemand, und wenn ihn die Leute nicht beachten, fr die
er dichtet, so kann er eben einsam leben; wohl jeder wirkliche Dichter hat in
der Tat einsam gelebt, auer in den ganz kurzen Zeiten, wo die Menschheit Kultur
hatte. Mein Held konnte nicht eine freie Einzelpersnlichkeit sein, die mit
niemand von der Umwelt zusammenhngt, er mute in irgendeine Lage kommen, in
welcher er eng verbunden blieb mit den andern Menschen. Das war die
Schwierigkeit: Die Gesellschaft ist zersetzt, sie duldet also keinen wahren
Menschen mehr; mein Held sollte aber ein wahrer Mensch sein und mute innerhalb
der Gesellschaft leben. Wohin konnte er gehen?
    Ich whlte den Beruf des Forstwirts. Die Forstwirtschaft braucht im
Verhltnis zum Kapital wenig Leute, ihre Erzeugnisse werden ohne Schwierigkeiten
verkauft, und man mu in ihr auf lange Jahrzehnte hinaus rechnen. Bedenkt man
noch, da der Forstwirt von den andern Menschen entfernt wohnen mu, so wird man
zugeben, da er sich mehr als die meisten andern Menschen vom heutigen Leben
fernhalten kann. Ich habe dann noch besonders betont, da mein Held seinen Wald
nicht auf mglichst hohen Reinertrag anlegt, sondern sich durch die inneren
Lebensgesetze des Waldes bestimmen lt.
    Der Forstwirt schafft fr die Zukunft: was er heute pflanzt, das wird erst
nach drei Menschenaltern geerntet. So sollte denn mein Held durch seine
Ttigkeit wenigstens in die Zukunft weisen, in eine bessere Zukunft, und die
Zukunft sollte mit der Vergangenheit verbunden sein ber die trbe Gegenwart
hinweg, denn der Held stammt ja aus einem Forsthaus. Er ist der Sohn eines
Frsters, des Mannes, der als Diener den Wald betreut; und er wird Besitzer des
Waldes und betreut ihn als Herr.
    Mit der Vergangenheit verbindet ihn auch die Ehe mit der letzten Tochter des
adligen Geschlechts, das in dunkle Zeiten zurckreicht und in dieser alles
zerstrenden Gegenwart nun auch mit zerstrt ist; seine Kinder werden das Blut
des kleinbrgerlichen Mannes und der adligen Frau in sich tragen, die beide sich
aus dieser Zerstrung gerettet hatten.
    Der Leser sieht: was als zufllige Lebensbeschreibung erschien, ist in
Wirklichkeit planmig gebaut, und hinter der Erzhlung steht noch eine tiefere
Bedeutung. Als der Roman erschien, konnte man das wohl noch nicht so sehen;
vielleicht wird es heute schon klarer sichtbar.
    Wie weit das, was ich hier Bedeutung nannte, in dem Roman den angemessenen
Ausdruck gefunden hat, das kann ich nicht recht beurteilen. Ich war damals in
der inneren Krise, in welcher ich den Weg zur Formfand, der mir der Weg zum
Drama war. Das Drama, in welchem ich den Gefhlsgehalt darstellte, der in diesem
Roman liegt, war das erste Drama, das ich nach meinen ersten Jugendversuchen
drucken lie: mein Demetrios. Auch dieses Werk wurde damals ganz miverstanden.
Wenn es einst auf die Bhne kommt, dann wird es zum Volk sprechen, wie ich
hoffe, da jetzt dieser Roman zu meinem Volk sprechen soll, und es wird ihm
dasselbe sagen wie dieser Roman.

                                    Funoten


1 Zu der 1926 in einer Buchgemeinschaft erschienenen Ausgabe

