
                         Reventlow, Franziska Grfin zu

                                Ellen Olestjerne

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                         Franziska Grfin zu Reventlow

                                Ellen Olestjerne

                                  Erster Teil

Schlo Nevershuus lag grau und schwerfllig unter hohen Bumen mit seinen
breiten Seitenflgeln und dem viereckigen Turm, der kaum das Dach berragte.
Aber von seiner Plattform aus konnte man weit ber Meer und Heide sehen und auf
die kleine Kstenstadt hinunter, die sich zwischen Deichen und grnen Wiesen
hinzog.
    In frheren Zeiten sollte es einmal irgendeiner schlimmen Frstin als
Witwensitz gedient haben - von daher stammten wohl die altersschwarzen lbilder
droben im Rittersaal und allerhand Spukgeschichten, die immer noch im Volksmund
fortlebten, obgleich das Gut jetzt schon lange im Besitz der Familie Olestjerne
war und die gemalten Damen mit ihren feierlichen Mienen auf die Schicksale und
das Treiben einer anderen Zeit herabsahen.
    Es konnte immer noch einen melancholisch unheimlichen Eindruck machen, das
alte Schlo, wenn die Herbststrme durch alle Kamine heulten wie gengstigte
arme Seelen, oder wenn der Nebel vom Meer heraufstieg und alles in seine
wogenden grauen Schleier einhllte. Aber es hatte auch seinen Frhling und
seinen Sommer, wo die Sonne alles Dstere aus den weiten hohen Rumen
herausleuchtete, wo der reiche grne Garten um die grauen Mauern blhte und
drben in der Ferne das Meer blau und schimmernd dalag.
    Fr die Bewohner von Nevershuus ging die schne Jahreszeit ebenso still und
gleichfrmig hin wie der Winter. Der Gutsherr Christian Olestjerne war meist
drauen im Felde oder auf der Jagd, und seine Frau sa mit ihrer ltesten
Tochter am Steintisch unter den Buchen, wenn sie nicht in Kche und
Vorratskammer zu tun hatten. Die Freifrau Anna Juliane war eine schne,
stattliche Frau mit raschen, dunklen Augen und eiserner Tatkraft - von frh bis
spt auf den Beinen, um berall nach dem Rechten zu sehen. Aber dabei hatte sie
nichts Leichtes in ihrer Art, das Leben zu nehmen, es trmte sich alles vor ihr
auf wie ein Berg, ber den sie nie hinaussehen konnte - die Wirtschaft, der
groe Haushalt, die Kinder, tausend Dinge, die tglich zu tun und zu berlegen
waren und ihr bestndig im Kopf herumgingen. Seit ihre lteste erwachsen war,
hatte sie nun wenigstens jemand, mit dem sie das alles teilen und beraten
konnte, whrend sie des Vormittags im Garten saen, Wsche ausbesserten oder
Obst zum Einkochen schlten.
    Wenn nur das Heu von den Strandwiesen hereinkme, ehe es wieder Regen gab
und alles zugrunde ging wie im vorigen Jahr - Gott wei, der Vater hatte diesen
Frhling schon genug rger gehabt; das durfte nicht noch dazu kommen. Wie lange
wrde sich Nevershuus berhaupt noch halten lassen, bei all den milichen
Verhltnissen.
    Ach Mama, sagte dann wohl Marianne in ihrer ruhigen Weise, qul' dich
doch nicht darum, es hat ja noch Zeit bis zur Heuernte.
    Aber die Mutter war schon lngst wieder bei anderen Gedanken - ob Marianne
meinte, da das neue Kindermdchen zuverlssig sei? Ellen und Detlev waren in
letzter Zeit gar so unbndig, und sie hatte jetzt doch nur die beiden Kleinen zu
hten. Und wie wrde es Erik nun wohl auf der Schule gehen - mit Kai wollte es
ja immer noch nicht recht vorwrts, und vor allem war seine Gesundheit eine
rechte Sorge. Ja, Sorgen berall, und Sorgen muten ja sein. Es war ein Wort,
das die Freifrau hufig gebrauchte, und wenn sie dabei angekommen war, konnte
sie so aus tiefster Seele heraus seufzen. Dann fiel ihr pltzlich wieder ein,
da sie versumt hatte, irgend etwas anzuordnen, und sie ging mit ihrem raschen
Schritt ins Haus hinein, um es nachzuholen.
    Manchmal seufzte Marianne dann im stillen mit: die Mutter lie sich und
anderen wenig Ruhe, und ihre rastlose Lebhaftigkeit hatte beinahe etwas
Aufreibendes - es war keine Kleinigkeit, ihr immer das Gleichgewicht zu halten,
besonders, wenn sie sich in Taten umsetzte. Mochten nun die Dienstboten etwas
versehen haben, die Jungen mit schlechten Zeugnissen heimkommen, oder die
Kleinen irgendein Unheil anrichten - immer war es Marianne, bei der sie Zuflucht
suchten, die alles ausgleichen und vermitteln sollte. So atmete sie meist
erleichtert auf, wenn der strmische Vormittag vorber war und die Mutter sich
nach Tisch mit einem Buch ins Wohnzimmer zurckzog. Fr Marianne kamen dann die
besten Stunden des Tages, wo sie dem Vater bei seinen Schreibereien half, oder
ihn bei seinen Rundgngen auf dem Gut begleitete.
    Auch die jngeren Geschwister wuten diese husliche Nachmittagsruhe nach
Krften zu genieen. Es war die Zeit, wo sie ungestrt allen mglichen
verbotenen Unternehmungen nachgehen konnten - den alten Grtner drben im
Nebenhaus besuchen, wo sie Kaffee bekamen und an seinen langen Pfeifen rauchen
durften, oder die Dorfkinder, die schon lange wartend am Gitter standen,
hereinlassen und mit ihnen am Graben Brcken bauen und Schiffe schwimmen lassen.
Das Kindermdchen hatte noch zu tun, und wenn Erik dabei war, lie man die
Kinder ruhig eine Zeitlang ohne Aufsicht. Ellen folgte dem lteren Bruder durch
dick und dnn und zog den kleinen Detlev an der Hand hinter sich her. Mit
vereinter Anstrengung bekamen sie ihn ber alle Gitter und Schwierigkeiten weg,
und wehe ihm, wenn er schrie oder sie verklagte.
    In diesem Sommer war das Nachmittagsglck nicht mehr so ungetrbt wie
frher, denn seit Erik zur Schule ging, wurde er hochmtig, fing an, Ellen, die
sonst seine unzertrennliche Gefhrtin war, zu verachten, um sich zu den Groen
zu rechnen. Sie hatte jetzt manches auszustehen - zuweilen fiel es ihm ein, ihr
Unterricht zu geben, sie sollte ihm Geschichten nacherzhlen oder Buchstaben in
den Sand schreiben, und lehnte sie sich im Gefhl ihrer Ohnmacht dagegen auf, so
wurde sie einfach bergelegt und durchgeprgelt. Manchmal kam dann Lise, das
Kindermdchen, ihr zu Hilfe:
    La doch Ellen in Ruh', was hat sie dir getan?
    Da brauchst du dich gar nicht hineinzumischen, sagte Erik berlegen. Mama
ist immer sehr strenge mit Ellen, und wenn sie nicht da ist, mu ich Ellen
verhauen, damit sie sich nichts einbildet.
    Im ganzen war das Mdchen recht froh, ihn jetzt fr einen Teil des Tages los
zu sein; wenn er wieder zur Schule war, ging sie mit den beiden Kleinen auf die
einsame Graskoppel hinter dem Garten, wo Owe Jensen, der lange blonde Knecht,
arbeitete. Und die ganze Gesellschaft war dann sehr vergngt, Owe lie seine
Arbeit liegen und wanderte mit Lise langsam die breiten, grasberwucherten Wege
entlang, whrend die Kinder Hand in Hand hinterdrein trottelten. Zuweilen
brachte er auch seinen Freund mit; das war Lise zuerst nicht ganz recht gewesen,
denn Klaus Srens war eine Art Ruberberhmtheit in der Umgegend und erst vor
kurzem aus dem Zuchthaus entlassen. Aber allmhlich fand sie, da es auch seine
Vorteile hatte, wenn er mitkam. Dann konnte sie ungestrt mit Owe im Gras liegen
und brauchte sich nicht um die Kleinen zu bekmmern. Detlev bekam einen schnen,
weichen Platz, wo er schlief oder mit den Beinen im Sonnenschein strampelte, und
der Zuchthusler spielte mit Ellen. Sie liebte ihn leidenschaftlich und war
selig, wenn er mit ihr herumjagte oder ihr Blumen und Erdbeeren pflckte. Man
hatte ihr wohl eingeschrft, nichts davon zu erzhlen, und das tat sie auch nie.
Bei Lise und ihren Freunden fhlte sie sich viel wohler wie zu Hause, denn Mama
und Prgel kriegen waren so ziemlich die ersten Begriffe, die ihr Bewutsein zu
fassen vermochte und die fr sie in eins zusammenfielen.
    Die kleine Ellen hatte schon frhzeitig ein dunkles Gefhl davon, da sie
mit dem linken Fu auf die Welt gekommen sein mute. Sie war ein etwas
schwchliches, zurckgebliebenes und dabei scheues, trotziges Kind, an dem
niemand besondere Freude hatte, und das zwischen den beiden Brdern nicht recht
zur Geltung kam. Eigentlich war sie berflssig und wurde fortwhrend hin und
her geschoben. Wenn Erik ihre Gesellschaft wnschte, durfte sie mit zu
Nachbarskindern oder Besuchen, wute er nichts mehr mit ihr anzufangen, so
wanderte sie wieder in die Kinderstube. Und er konnte sie nur brauchen, solange
sie sein willenloses Werkzeug und Echo war, Lcher whlte, wo er Bume pflanzen
wollte, ihm die Blle aufsammelte oder auch nur dabeistand und seine Taten
bewunderte. Aber mit der Zeit bekam sie ihren eignen Kopf, wurde eigensinnig und
ungefllig und wandte sich immer mehr dem kleineren Bruder zu. Im Grunde fuhr
sie dabei noch schlechter wie frher, denn war schon Erik verzogen und
bewundert, so wurde Detlev, das goldhaarige Jngste, vom ganzen Hause vergttert
und stellte sie vllig in den Schatten. Dazu kam noch, da sie jetzt die ltere
war und fr alles, was sie zusammen verbrachen, die Verantwortung zu tragen
hatte.
    Ellen kam allmhlich zu dem Schlu, es lge alles nur daran, da sie ein
Mdchen war; das bekam sie ja unzhlige Male zu hren: Kleine Mdchen drfen
nicht so wild sein - kleine Mdchen klettern nicht auf Bume - kleine Mdchen
mssen ihre Kleider schonen - diese verwnschten rosa und weien Kleider, die
sie zu Tisch anbekam und die immer gleich zerrissen oder schmutzig waren.
Manchmal klagte sie dann verzweifelt dem Mdchen ihr Leid: Wenn ich doch nur
ein Junge wre! Und Lise trstete sie: Warte nur, bis du sechs Jahre alt bist,
dann wirst du einer.
    Der sechste Geburtstag kam und brachte ihr die erste, schwere Enttuschung.
Als sie aufwachte, wollte sie Kleider von Erik anziehen, denn jetzt war sie doch
ein Junge und wollte auch verzogen und bewundert werden. Aber sie wurde nur
entsetzlich ausgelacht, selbst der Vater lachte mit, und dann erfuhr sie, da
sie immer ein Mdchen bleiben mte. An dem Tage konnte Ellen sich ber nichts
mehr freuen.
    Dafr war sie nun sechs Jahre alt und sollte anfangen, lesen zu lernen,
neben Mama auf der grnen Gartenbank stillsitzen mit den schrecklichen
Buchstaben vor sich, die man nie behalten konnte.
    Die Buchen waren eben erst grn geworden, die Luft voller Bienensummen und
sommerlichem Gezwitscher. Das machte Ellen so zerstreut, da es mit dem Lesen
durchaus nicht gehen wollte. Drben schaufelte Detlev in dem groen, weien
Sandhaufen, jeden Augenblick schielte sie sehnschtig zu ihm hinber. Aber die
Mutter lie nicht aus, sie nhte und schalt, whrend Ellen wahre
Fieberphantasien buchstabierte. Fast regelmig endete es mit Klapsen und
Trnen, und dann kam das Allerschlimmste: der lange, graue Strumpf, an dem sie
zur Strafe stricken mute, - der Strumpf, der nie ein Ende nahm und auf den
viele, viele Trnen hinunterliefen, whrend Detlev im Sand spielte und die Sonne
schien.
    War Ellen dann endlich entlassen, so lie die Mutter einen Augenblick ihre
Nherei sinken und seufzte: Es ist doch wirklich ein Kreuz mit dem Kind!

Gegen Ende des Sommers wurde der fnfzehnjhrige Kai schwer krank. Die Mutter
war Tag und Nacht bei ihm, und die anderen Kinder bekamen sie kaum mehr zu
sehen. Marianne mute fr den Haushalt sorgen, und so gab es einmal wieder
Freiheit, denn diese hatte alle Hnde voll zu tun und konnte sich nicht viel um
die Kleinen kmmern. Whrend dieser Zeit schlief auch Ellens Unterricht fast
ganz ein, statt dessen entstand ein erbitterter Wettkampf zwischen Erik und ihr,
wer die schnsten Teufel zeichnen knnte. Da kam eines Tages Mariannes Freundin
Hedwig Janssen dazu, die eine Pastorentochter war, und sagte mit ihrer etwas
heiseren Stimme: Du solltest doch den Kindern verbieten, immerfort Teufel zu
malen, ich finde es wirklich nicht recht.
    Marianne verbot es, und nun hatte das Zeichnen allen Reiz verloren.
    Abends lag Ellen lange wach im Bett, drben am Tisch sa das Kindermdchen
und nhte.
    Du, Lise, wer ist eigentlich der Teufel?
    Warum willst du das wissen?
    Weil Hedwig gesagt hat, es wre nicht recht, wenn wir ihn immer
zeichneten.
    Lise versuchte ihr zu erklren: Ein bser Geist, von dem alles Schlimme
herkam und der groe Macht besa.
    Das Kind setzte sich im Bett auf und horchte gespannt. Zuletzt erzhlte Lise
ihr die Geschichte von einem Mann, der sich dem Teufel verschrieben hatte mit
Leib und Seele. Dafr bekam er alles, was er wollte, aber zuletzt, als er
sterben sollte, erschien der Bse, um ihn zu holen, und er mute mit in die
Hlle.
    So, aber jetzt sollst du schlafen, Ellen.
    Kais Krankheit dauerte sehr lange, und selbst die Kleinen fhlten die trbe,
lastende Stimmung, die ber dem ganzen Hause lag. Sie suchten sich alles
mgliche auszudenken, was ihm Freude machte, denn sie hatten ihn alle sehr lieb.
    Kai wollte Naturforscher werden, sein ganzes Zimmer war voll von Steinen,
Schmetterlingen, ausgestopften Vgeln, und hinten im Garten stand ein verdorrter
Baum, wo er tote Tiere fr seine Skelettsammlung aufhngte. Was die Geschwister
jetzt an verendeten Katzen, ertrnkten jungen Hunden und anderem Getier fanden,
kam an den Baum, und sie freuten sich heimlich auf die berraschung, wenn er
wieder aufstand.
    Aber Kai stand nicht wieder auf - - die Groen wuten es schon lange, da er
sterben mute. Mama war bla, sie hatte tiefe Ringe um die Augen und schalt
nicht mehr so viel, und der Vater sprach kaum ein Wort.
    Eines Vormittags spielten die beiden Jngsten im Garten. Seit dem Frhstck
hatten sie niemand von den anderen gesehen, und unten im Schlo war alles still.
    Gegen Mittag kam Erik aus dem Haus, er setzte sich auf die eiserne Treppe,
und Ellen hrte, da er laut weinte. Sie rannten zu ihm hin und qulten ihn mit
Fragen, aber er schluchzte nur immer lauter.
    Kai ist tot!
    Tot - Ellen empfand nur einen furchtbaren Schrecken, ein Gefhl von kalter,
beklemmender Angst, wie sie es noch nie am hellen Tage gehabt hatte. Sie
klammerte sich fest an Erik und weinte entsetzt mit. Detlev wurde auch bange, er
wute nicht, was das alles bedeuten sollte, und rief laut nach Mama. Statt
dessen kam die alte Stina heraus, ihr Gesicht war ganz verstrt und
zusammengefallen - die Kinder hatten sie noch nie in Trnen gesehen.
    Ihr mt ganz ruhig sein, ihr knnt jetzt nicht zu Mama.
    Dann ging sie mit ihnen durch den Garten. Sie saen am Abhang dicht beim
Schlograben, und Stina und Erik sprachen darber, ob Kai wohl in den Himmel
gekommen sei: ja, gewi war er das - Kai war ja ein so guter Junge, hatte so
viel gebetet, noch in den letzten Tagen - denn er wute ja selbst, da er nicht
wieder gesund wrde. Ellen hrte schweigend zu: wie konnten sie das so sicher
wissen - und wie war es wohl im Himmel? Sie wute sich nichts darunter
vorzustellen, und dann kamen andere bange Gedanken: wenn sie selbst strbe - sie
kme gewi nicht in den Himmel, weil sie so schlecht war.
    Spter kam Marianne und holte die Kinder ins Wohnzimmer. Dann gingen alle
zusammen hinauf. - Alles war so still und unheimlich, Kai lag im Bett wie sonst,
wie er die ganze Zeit dagelegen hatte, nur etwas blasser und mit gefalteten
Hnden. Ellen hatte ihren Vater an der Hand gefat; es war so sonderbar und so
schrecklich, da die Erwachsenen alle weinten und da Kai wirklich tot war. Und
wie konnte er im Himmel sein, wenn er doch hier tot auf dem Bett lag?
    Die Mutter wute den Tod ihres ltesten Jungen kaum zu verwinden. Lange Zeit
hindurch war sie leidend und schwermtig und konnte es nicht ertragen, die
Kinder viel um sich zu haben, die immer wieder von Kai sprachen und nach ihm
fragten.
    So wurde fr die beiden Kleinen eine Gouvernante ins Haus genommen, und
Ellen bekam nun regelmige Stunden, Tag fr Tag, unerbittlich. Sie mochte immer
noch nicht lernen, und es wurde ihr bitterschwer stillzusitzen. Einfrmig liefen
die Tage hin unter vielen Trnen und ewigem Nachsitzen.
    Als Detlev grer wurde, fing er an mitzulernen; er war auffallend begabt
und hatte die Schwester bald eingeholt. Man wurde sich nun darber klar, da
Ellen wirklich dumm sei, und sie trstete sich selbst damit: ich kann nun einmal
nicht lernen. Aber im ganzen war Frulein Anna gutmtig und hatte viel Geduld.
Sie kam bald dahinter, da Ellen fr freundliche Worte zugnglicher war wie fr
Schelte, und sie vertrugen sich ganz gut miteinander.
    Das Kind fhlte sich wie geborgen, wenn es nur dem Bereich der Mutter
entfliehen konnte - mit Mama war es bestndig, als ob man auf Eiern tanzte,
jeden Augenblick ging eins kaputt. Wenn sie sich alle Mhe gab, nicht ungezogen
zu sein, tat sie unfehlbar irgend etwas, was verboten war oder sich fr ein
kleines Mdchen nicht schickte. fters waren es allerdings auch schwerere
Verbrechen, wo Ellen sich schuldig fhlte; aber um Verzeihung bitten und Reue
zeigen waren Dinge, die sie nicht ber sich gewann, wenn Mama bse war.
    So war sie eines schnen Tages mit Detlev verschwunden, und stundenlang
wurde nach den beiden Kindern gesucht. Gleich nach Mittag waren sie in den
Garten gelaufen und von da auf die Koppeln. Drben auf der Freiheit war
Schtzenfest, die Musik und die vielen Leinwandzelte lockten unwiderstehlich.
ber den Wall, der nach dieser Seite hin das Gut abgrenzte, durften sie nicht
hinaus, es war streng verboten, aber Ellen hatte bei dem verlangenden
Hinberschauen alles vergessen. Sie kletterte hinber und wagte sich mit Detlev
an der Hand in das Gewhl. Vor einer Schiebude traf sie ihren alten Freund
Klaus Srens, und das Wiedersehen erfllte sie mit groer Seligkeit. Er kaufte
ihnen Lebkuchenherzen, lie sie Karussell fahren und zeigte ihnen alles, was zu
sehen war. Besonders von den Seiltnzern waren sie nicht wieder wegzubringen,
denn da waren fnf kleine Jungen, die sich in der Luft berschlugen und auf
Kniestelzen tanzten. Neben dem Zelt stand ein grner Wagen mit Blumenstcken in
den Fenstern - darin wohnten sie, sagte Klaus, und fuhren von einem Ort zum
andern. In Ellen zuckte es frmlich - wie muten die glcklich sein! Die ganze
brige Welt war fr sie versunken und vergessen; es war nur gut, da Klaus sie
schlielich nach Hause schickte.
    Und nun kam ein jher Sturz aus allen Himmeln. Vor der Gartentr stand Mama:
Um Gottes willen, wo habt ihr die ganze Zeit gesteckt?
    Detlev war so begeistert, da er sich gleich verschwtzte, und Ellen sah
ein, da lgen nichts half. Aber erzhlen wollte sie auch nicht, es war nichts
aus ihr herauszubringen, nicht einmal mit Schlgen. Wie immer, mute sie selbst
die Rute holen, die unter dem Klavier auf einem niedrigen Notenpult lag. Whrend
sie in das Halbdunkel unter dem Instrument hineinkroch, tanzten immer noch die
bunten Bilder von der Freiheit vor ihren Augen. Dann lie sie die Strafe ber
sich ergehen und bi die Zhne zusammen, um nicht zu schreien. Den Triumph
sollte Mama nicht haben, die jedesmal ganz auer sich geriet ber diesen stummen
Eigensinn. Fr den Rest des Tages wurde Ellen in die Kinderstube geschickt. Das
Mdchen war ausgegangen, sie sa ganz allein in einer Ecke und sann Rache. Sie
war wtend auf Detlev, der nie den Mund halten konnte - und da immer alles
Schne verboten war - und Mama - nicht einmal die Hunde bekamen so viel Prgel.
- Mama hatte wohl die Hunde auch viel lieber.
    Das war nicht mehr auszuhalten, ihr Gesicht glhte vor Zorn und Aufregung.
Immer nur Schelte und Schlge - nein, sie wollte lieber fortlaufen, gleich
morgen frh fortlaufen. Und dann malte sich Ellen aus, wie sie immer den Deich
entlang gehen wrde, der sich so endlos in die Ferne schlngelte. Denn da mute
es hinausgehen in die Welt. - In eine groe Pappschachtel packte sie ihre
liebsten Sachen zusammen, um sie auf der Flucht mitzunehmen. Dann dachte sie
wieder an die Akrobaten, sie hatte Geschichten gelesen von Zigeunern, die Kinder
raubten und zu Kunststcken abrichteten. Die wrden sie gewi mitnehmen, und was
fr ein wundervolles Leben mute das sein, ohne Stunden und Eltern und
Gouvernanten. Dazwischen fiel ihr pltzlich ein, was Lise vom Teufel erzhlt
hatte: wer sich ihm verschrieb, dem konnte er alles verschaffen, was er sich nur
wnschte.
    Es wurde Abend, die alten Marmorreliefs am Kamin schimmerten matt durch die
Dmmerung, aber heute frchtete Ellen sich nicht. Sie sa tief in Gedanken und
rang mit einem groen Entschlu. Schlielich suchte sie sich einen von ihren
schnsten bunten Briefbogen aus der Schublade, ging damit ans Fenster, wo es
noch etwas hell war, und verschrieb sich dem Teufel mit Leib und Seele, wenn er
ihr helfen wollte, zu den Zigeunern zu kommen. Ellen steckte den Brief in ein
Kuvert und legte ihn oben auf das Kaminsims, dann ging sie verstockt zu Bett.
Das Fortlaufen wollte sie nun einstweilen noch aufschieben. Als sie ein paar
Tage spter nachsah, war der Brief verschwunden, der Teufel hatte ihn also wohl
gefunden und mitgenommen. - Ellen erschrak furchtbar, ihr Trotz war inzwischen
schon wieder etwas abgesunken, aber nun gab es keine Rckkehr mehr.
    Die Mutter und Frulein Anna waren in der folgenden Zeit manchmal der
Verzweiflung nahe, denn mit Ellen war nichts mehr anzufangen, sie wurde von Tag
zu Tag ungezogener. Wozu sollte sie sich jetzt noch Mhe geben, wenn sie doch
dem Teufel gehrte. Sie wartete nur darauf, da er sich irgendwie bettigen
wrde, und fhlte sich einsam und verwegen, als ob die ganze Welt gegen sie
stnde. Inzwischen berfiel sie manchmal eine furchtbare Angst - wenn er nun kam
und sie holte, wenn er jetzt auf einmal hinter der Tr herausschaute! Ellen
wagte kaum mehr, durch ein dunkles Zimmer zu gehen. Wenn sie ihre Aufgaben
lernte, sah sie nach der Uhr: bis dahin mu ich fertig sein, sonst kommt er. Sie
zhlte im Gehen Pflastersteine, Treppenstufen, Korridorfliesen und gelobte sich,
nur auf jede vierte zu treten, dann sollte er keine Macht mehr ber sie haben.
Manchmal konnte sie es aber nicht lassen, absichtlich falsch zu treten, um ihn
herauszufordern, und dann berauschte sie sich an ihrem schlechten Gewissen -
wenn Mama und die andern wten, da sie sich dem Teufel verschrieben hatte und
er jeden Augenblick kommen konnte, sie zu holen.

Ein Jahr spter kam Ellen am Weihnachtsabend zum erstenmal mit in die Kirche,
und nun gab es eine groe Umwlzung in ihrem Innern.
    Der schmucklose weie Raum mit dem blaugemalten Sternenhimmel und den zwei
brennenden Christbumen neben dem Altar kam ihr unsagbar schn vor. Auf der
vergoldeten Kanzel stand der Propst mit seiner mchtigen, kahlen Stirn und der
tiefen Friedensstimme: Siehe, ich verkndige euch groe Freude, die allem Volke
widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren! Ellen war geblendet
und berwltigt, es schien ihr, da der liebe Gott selbst da oben stnde und zu
ihr redete, und als ob sie ihn vorher noch gar nicht gekannt htte. Und jetzt
mit einemmal glaubte sie an Gott, glaubte an das Wunder: der Heiland war auch
fr sie geboren, um sie zu erlsen von der finstern Macht der Snde.
    Als der Propst von der Kanzel verschwand, war sie ganz unglcklich. Aber
dann erschien er wieder vor dem Altar und sagte etwas, die Orgel setzte ein, und
der Chor antwortete. Musik hatte Ellen fast noch nie gehrt, und es kam ihr vor
wie Engelsstimmen, die aus dem Himmel herabtnten.
    Als sie hinter der Mutter aus der Kirche ging, sah sie sich noch einmal um;
ihr war, als ob der liebe Gott da drinnen in all dem Lichterglanz zurckbliebe.
Dann der Heimweg durch die schmalen Straen und die lange Kastanienallee, die
nach Nevershuus fhrte, - hinter den erleuchteten Gangfenstern sah man die
Dienstboten eilig hin und her laufen. Die Eltern verschwanden gleich in den
grnen Saal, um die Lichter anzuznden. Oben in Mariannes Zimmer warteten die
Geschwister im Dunkeln. Die Sthle wurden dicht an die Tr geschoben, damit man
rasch hinunter knnte, wenn es klingelte. Leise sprachen sie von Kai, nun waren
es schon vier Jahre, da er unter ihnen fehlte, und sie dachten daran, wie
lustig der groe, blasse Bruder an solchen Tagen gewesen war.
    Endlich wurde geschellt, und nun strzten sie die Treppe hinunter, jeder
wollte zuerst kommen. Im Ezimmer standen die Leute in ihrem Sonntagszeug, die
Mdchen mit weien Schrzen und Hauben, die uralte bucklige Kchin, der Grtner,
all die langjhrigen Getreuen, die eng zum Schlo und zur Familie gehrten.
    Die Flgeltren gingen auf, im Saal wogte es von Lichtern und Tannenduft, im
ersten Augenblick waren alle wie geblendet.
    Ellen stand vor ihrem Tisch, sie fand alles, was sie sich wnschte, und dazu
noch ein Buch, das Kai gehrt hatte. Mama kam und kte sie.
    Freust du dich, mein Kind - das ist ein Andenken an Kai - ihr mt ihn nie
vergessen.
    Mama sah verweint aus. Es war selten, da sie so gut mit Ellen sprach, und
Ellen htte sich fr sie kreuzigen lassen in diesem Augenblick. Das Herz wurde
ihr voll von Weihnachtsseligkeit, am liebsten htte sie laut geweint.

Neujahr war sie wieder in der Kirche. Neben dem Altar brannten noch einmal die
Christbume, und der Propst redete, aber diesmal war es nicht der wunderglubige
Festjubel, den er verkndete, sondern ernste, beinahe drohende Worte von Sterben
und Vergehen, von der kurzen Gnadenfrist, die dem Menschen gegeben ist, um sich
zu bessern.
    Ellen fate tausend gute Vorstze, sie wollte von nun an jeden Tag beten und
so vollkommen werden, da niemand mehr ber sie schelten konnte. Auf ihren
frheren Bundesgenossen, den Teufel, blickte sie jetzt mit groer Verachtung
herab - er hatte ihr ja nicht einmal geholfen; aber sie frchtete sich auch
nicht mehr vor ihm. Er konnte ihr nichts mehr anhaben, wenn sie betete: Gott war
mchtiger.
    Eine Zeitlang strengte sie sich nun wirklich an und betete mit groem Eifer,
aber es war so schwer, man fiel doch immer wieder in Snde.
    Gegen Ostern ging Frulein Anna fort, um eine Stellung im Ausland
anzunehmen. Die beiden Kleinen hatten lange Ferien, whrend die Mutter eine neue
Lehrerin suchte. Allmhlich fingen sie an zu hoffen, es wrde sich berhaupt
keine finden, und sie hatten jetzt so viel andere Dinge im Kopf, da sie ihre
Freiheit sehr gut brauchen konnten.
    Eine Jugendbekannte der Baronin Olestjerne hatte ihren Sohn drunten in der
Stadt zur Schule gegeben, und dieser schmchtige, schwarzugige Junge, der Geerd
hie, war ein groes Ereignis im Leben der beiden Geschwister. Sie hatten jetzt
einen Freund, den sie mit wetteifernder Leidenschaft liebten und in ihre
Geheimnisse einweihten, in alles Verbotene und Verlockende: wie man das
verrostete Trschlo zum Turm und zum alten Gefngnis aufbrachte, oder durch
eine Luke vom Garten aus in die dunkeln, gewlbten Keller einstieg - in alle
verstohlenen Winkel von Schlo und Garten, von denen sie Besitz ergriffen hatten
und jeder seinen Namen und seine Geschichte besa. Geerd war entzckt von
alledem, die drei Kinder schlossen sich immer feuriger zusammen und kamen
schlielich auf die Idee, ihre Freundschaft durch einen Blutbund zu besiegeln.
    Ein Abend, wo die Eltern in Gesellschaft waren, wurde dazu ausersehen, denn
diese heilige Handlung konnte nur ganz im geheimen, bei Nacht und Nebel vor sich
gehen. Als der Wagen aus dem Hof rollte, strmten sie rasch in die Kinderstube,
wickelten sich in phantastische Gewnder aus weien Bettchern, zndeten die
heimlich erbeuteten Wachskerzen an und wallfahrteten mit dumpfem Gemurmel, in
dem immer wieder das Wort Blut! vorkam, durch den Rittersaal, durch die
weiten, dunkeln Bodenrume, die sich ber das ganze Schlo hinzogen, und dann
die schmale Wendeltreppe hinab in die frhere Kapelle. Unwillkrlich hrten sie
auf zu murmeln, auf dem glatten Fliesenboden hallte jeder Schritt laut wider,
und die tiefen Nischen rings an der Wand waren unheimlich dunkel. An der Stelle,
wo der Altar gestanden, war noch eine viereckig aufgemauerte Erhhung, da
stellten sie ihre Lichter hin. Keines von ihnen sprach ein Wort, whrend sie
sich mit einem stumpfen Messer Arme und Beine ritzten und das Blut in einem
Glase sammelten. Weil es nicht genug war, kam noch etwas Wasser dazu, dann
tranken sie es aus, schwuren sich ewige Treue und furchtbare Rache dem, der zum
Verrter wrde. Als das geschehen war, wurde die Stimmung etwas leichter. Geerd,
der ber Taschengeld verfgte, hatte Kuchen und eine Flasche Wein beschafft, und
sie lagerten sich zum Mahl um den Altar.
    Versptet und mit erhitzten Kpfen erschienen die drei an diesem Abend im
Ezimmer, und whrend sie bei Tisch saen, gingen immer wieder geheimnisvolle
Blicke und Anspielungen zwischen ihnen hin und her.
    Wenn es irgend anging, feierten sie jetzt jeden Sonntagabend ein heimliches
Bundesmahl in der Kapelle, im Keller oder auf dem Turmboden - aber dunkel mute
es sein, und niemand durfte darum wissen, sonst wre alles entweiht gewesen.
    Als aber der Winter zu Ende und es drauen wieder schn und trocken war,
fanden sie, da nun etwas Neues kommen msse. Anfang April, an einem warmen,
lichten Tage, durchstreiften sie den ganzen Garten, diese unerschpfliche
Mrchenwelt von Abhngen, Gebschen und halbverwachsenen Wegen, wo man immer
wieder etwas entdeckte: Pltze, wo sie noch nie gewesen waren, Pflanzen, die sie
nicht kannten, Ameisenhaufen, Vogelnester und so vieles andere. Besonders war es
der breite Schlograben, der sie anzog, mit seinem geheimnisvollen, grnen
Wasser, auf dem sonderbare groe Spinnen wie auf Schlittschuhen hinglitten. An
den Abhngen blhten schon die weien Sternblumen und die Weidenzweige hingen
tief herunter. Zuletzt kamen sie in die verwilderte Schlucht, die zwischen
Garten und Koppel lag, mit einem schmalen Fuweg mitten durch und ein paar
krummen Holunderbumen.
    Geerd ging wie immer zwischen den beiden andern, die sich so hnlich sahen,
da man sie in gleichen Kleidern fast fr Zwillinge halten konnte. Trotz der
zwei Jahre, die zwischen ihnen lagen, waren sie fast gleich gro, beide mit
kurzem, blondem Haar und den scharfen Olestjerneschen Familienzgen. Ellen war
im Lauf der Jahre krftig und gesund geworden und stolz darauf, da sie es mit
jedem gleichaltrigen Jungen aufnehmen konnte. Es war Bundestag heute, und sie
ratschlagten gewaltige Plne, gingen ernst prfend umher und maen die Schlucht
mit den Augen. Dann wurde Geerd das Wort zuerteilt, und er schwang sich in einen
Baum, um seiner Rede mehr Nachdruck zu verleihen:
    Bundesgenossen, hier wollen wir unser Reich grnden - unser Knigtum -, von
hier aus soll es wachsen, sich ausbreiten und die Nebenreiche verschlingen, wo
jetzt noch unsere Feindin, die grimme Frstin Anna Juliane, herrscht. Wir wollen
sie entthronen und uns zinsbar machen.
    Die beiden andern stimmten ein furchtbares Kriegsgeheul an und schwangen
ihre hlzernen Speere.
    Von frh bis spt waren sie jetzt drauen an der Arbeit, rammten Pfhle in
die Erde, schleppten Tannenzweige und Moos herbei und bauten Htten. Mit vieler
Mhe hatten sie sich die Erlaubnis errungen. Die Mutter wollte erst nichts davon
wissen, aber Detlev hrte nicht auf, sie zu bestrmen, und schlielich erfuhr
der Vater von der Sache und kam ihnen zu Hilfe. Er nahm sogar lebhaftes
Interesse daran und ging selbst mit hinaus, um ihnen die Grenzen ihres Gebietes
anzuweisen.
    Das Knigreich wuchs nun rasch empor, es wurden Straen gelegt, Felder und
Baupltze abgemessen. Auf dem freien Platz in der Mitte erhob sich eine groe
Htte aus Brettern und Backsteinen, das war der Tempel, denn sie hatten sich
heimlich vom Christentum losgesagt und eine neue Religion erdacht. Im Tempel
stand die Bundeslade, in der geraubte Schtze verborgen wurden, und ein
unfrmlicher Gtze aus Holz, den hatten sie selbst in vielen mhsamen Stunden
geschnitzt und angemalt. Er hie der Mohu und wurde mit Opfern, Gesngen und
wilden Tnzen gefeiert.

Vier Wochen lang hatten sie unermdlich geschafft, da kam pltzlich ein Blitz
aus heiterem Himmel - Ellen und Detlev wurden eines Morgens zu Mama gerufen: im
Wohnzimmer sa eine blasse Dame mit schwarzem, glattem Haar. Die Geschwister
sahen sich erschrocken an, das konnte nur die neue Gouvernante sein, an die sie
schon lngst nicht mehr geglaubt hatten. Sie muten ihr guten Tag sagen und
erfuhren, da sie Clre Huhn hie; darber wren sie beinah ins Lachen geraten
und vermieden ngstlich, sich anzusehen. Frulein Huhn war sehr freundlich und
hatte feuchtkalte Hnde.
    Nicht wahr, wir wollen jetzt recht fleiig zusammen sein? Ihr mt mich
aber auch etwas lieb haben und mich du nennen.
    Dann wurden sie wieder entlassen. Zum Drauenarbeiten hatten sie heute die
Lust verloren, und als Geerd am Nachmittag kam, fand er die beiden melancholisch
neben einer angefangenen Htte sitzen. Ellen war verzweifelt: nun sollte das
Jammerleben wieder anfangen - Stunden - Schelte - Nachsitzen, und hinter all
diesen Schrecknissen stand Mama und die Ecke im Wohnzimmer, wo sie stricken
mute. Geerd versuchte sie mit Bonbons zu trsten, und allmhlich wurde der
Schmerz etwas milder. Dann schlug er einen Trauergottesdienst vor, - alle drei
rauften sich die Haare und schlugen sich an die Brust, whrend sie den Mohu
umtanzten und seinen Fluch auf Clre Huhn herabriefen. Sie sollte ihm zu Ehren
geschlachtet und verbrannt werden, wenn er seinen treuen Dienern zu Hilfe kam.
Danach lag jeder vor seiner Htte, und sie pflogen Rat, was jetzt zu tun sei.
Alle drei waren in kriegerischer Stimmung und verlangten danach, sie auszutoben.
Detlev kroch vorsichtig den Abhang hinauf, um zu sehen, ob nicht etwa wieder die
Dorfkinder zum Blumenpflcken in die Koppel eingebrochen wren. Und richtig, da
war eine ganze Rotte, raufte Feldblumen und trat das Gras nieder. Nun erhoben
sich auch die beiden andern, sie schlichen geduckt am Wall entlang und
umzingelten den Feind. Bald war eine wtende Prgelei im Gang, die
Bundesgenossen trugen trotz ihrer geringen Zahl den Sieg davon und machten ein
paar Gefangene, die brigen entflohen unter zornigen Drohreden. Nun hielten sie
Gericht: den Mdchen banden sie mit Taschentchern die Augen zu und strzten sie
vom Wall herab. Ein Junge, der sich heftig zur Wehr setzte, sollte mit in ihre
Stadt geschleppt werden. Sie warfen ihn nieder, zogen ihn an Armen und Beinen
ber das Gras hin zu den Htten, wo er dann noch ein paarmal hin- und
hergeschwenkt und in einen groen Brennesselbusch geworfen wurde. Damit war ihr
Blutdurst gestillt, und der Gerichtete durfte mit ziemlich zerrissenen Kleidern
heimgehen, whrend das Geschwisterpaar mit seinem Freunde frohlockend den Mohu
umtanzte.
    Nach diesem stolzen Tage fing das Schulleben fr Ellen und Detlev wieder an.
Es war wenigstens ein Glck, da die neue Lehrerin nicht im Hause wohnte und nur
zu den Stunden kam. Die Kinder wuten bald, da mit ihr nicht so leicht fertig
zu werden war wie mit der frheren, die sie jetzt in der Erinnerung mit einem
frmlichen Nimbus umgaben.
    Die Mutter hatte eingehend mit ihr ber Ellen gesprochen, und das Frulein
nahm sich vor, das unmgliche Kind mit gtiger Strenge zu zhmen. Dadurch hatte
sie von vornherein verloren; Ellen wand sich geradezu vor diesen eindringlichen
Blicken und feuchten, ermahnenden Hndedrcken, die an ihre Seele heranwollten.
- Drauen blhte der Sommer, der Rasen vor dem Fenster wuchs immer hher empor,
so da man gerade in das bunte Gewoge von Gras und Blumen hineinsah. Dahinter
breiteten die Kastanienbume ihre grnen Gewlbe mit den weien Bltenkerzen bis
auf den Boden nieder. - Ellen und Detlev saen sich gelangweilt gegenber,
platzten manchmal zur Unzeit in Gelchter aus und widerstrebten aus tiefstem
Herzen jedem Wort, das die schwarze, glattgescheitelte Lehrerin sagte. Kaum war
die Stunde zu Ende, so rannten sie wie kopflos davon und muten zehnmal
zurckgerufen werden, um das Tintenfa, ihre Bcher oder sonst etwas
wegzurumen. Dann strzten sie zu den Htten und warteten auf Geerd.
    Jeder Tag brachte neue Gedanken, neue Plne und Taten. Sie gruben Kanle,
legten Inseln drunten im Graben an und befuhren das schlammige, grne Wasser in
einem alten Backtrog oder auf Bretterflen. Das war die stolze Flotte, die von
fernen Gestaden unermeliche Schtze brachte und mehr wie einmal strandete.
    Jeden Monat wurden die mter und Wrden neu verteilt, so waren sie
abwechselnd Knige, Minister und hohe Kirchenfrsten in prunkvollen Gewndern
aus farbigem Glanzkattun, mit Kronen und Bischofsmtzen aus Goldpapier. Dann
legten sie sich Namen und Wappen bei, und jeder erdachte sich eine verwickelte
Sage ber die Abstammung seines Geschlechtes, die mit gemalten Anfangsbuchstaben
und absonderlichen Ungeheuern geschmckt, niedergeschrieben und in der
Bundeslade aufbewahrt wurde, neben den langen Papierrollen mit Gesetzen.
    Dann ging der Sommer herum, das Moos an den Htten vermoderte, und drauen
mute die Arbeit ruhen. Dafr gab es nun Reichstage, Kunstausstellungen von
selbstgemalten Bildern, glnzende Mohufeste mit Prozessionen durch das ganze
Schlo und Turniere im Rittersaal. Grngestrichene, hlzerne Gartensthle waren
die stolzen Rosse, die sich hoch aufbumten, whrend die Recken sich mit
hhnischen Reden zum Kampf herausforderten und mit eingelegter Lanze aus dem
Sattel zu heben suchten.

An einem Sonntagabend im Winter saen die drei Kinder allein im Ezimmer.
    Es war heute nichts Rechtes mehr anzufangen, Ellen mute noch fr morgen
lernen, und Geerd sprach ein paarmal davon, jetzt nach Hause zu gehen. Aber
jedesmal suchte Detlev wieder etwas Neues hervor, um ihn festzuhalten.
Schlielich whlte er den ganzen Bcherschrank durch und kam mit einem Sto von
alten Bilderbchern wieder, die von irgendeiner Gromutter stammten. Sie
bltterten darin herum und sahen gelangweilt auf all die auslndischen Tiere,
Pflanzen und Vlkertrachten.
    Jetzt kommen Eingeweide und Gerippe, kndigte Geerd an. Ellen sah ber
ihre biblische Geschichte weg:
    Was ist das fr ein Buch, das haben wir noch nie gesehen, glaube ich?
    Es lag auch ganz zuunterst, sagte Detlev.
    Eure Mutter hat es wohl vor euch versteckt, da sind Sachen drin, die ihr
noch nicht sehen drft.
    Geerd wollte das Buch zumachen, aber nun fielen die beiden darber her.
    Was drfen wir nicht sehen? - Gib doch her. - Was ist denn das, ein Embryo?
- Weit du das, Geerd?
    Ja, ich wei schon - das ist ein Kind, ehe es geboren wird. Du bist auch
mal einer gewesen.
    Die Geschwister sahen die Illustrationen an und versanken in staunendes
Schweigen. Dann wollten sie sich totlachen.
    Gibt es denn schon Kinder, ehe sie geboren sind?
    Seid doch nicht so albern, sagte Geerd und fing an, ihnen mit
wissenschaftlichem Ernst den Zusammenhang zu erklren. Die Kinder hrten auf zu
lachen, es erwachte zum erstenmal die Ahnung in ihnen, da das Leben auch
drohende, dunkle Tiefen barg, und es schien ihnen seltsam und entsetzlich.
    Von diesem Abend an drehten sich ihre Gedanken und Gesprche fast
ausschlielich um das groe Geheimnis, das sie zu begreifen suchten und doch
nicht ganz begriffen. Sie nahmen es alle drei sehr ernst - die ganze Welt
verwandelte sich ihnen in einen Abgrund von unausdenkbaren Greueln, sie schmten
sich ihrer Mitmenschen und verachteten sie. Wie waren die nur imstande - fast
alle Erwachsenen, sagte Geerd - sich mit solchen sinnlosen Widerwrtigkeiten
abzugeben? Die Verheirateten, um Kinder zu bekommen, das ging ja wohl nicht
anders, aber die brigen? Zum bloen Vergngen? - Aber wie konnte ihnen das
Vergngen machen? Und warum bekamen die keine Kinder?
    So drngte sich ihnen Rtsel auf Rtsel, und alle wute Geerd auch nicht zu
lsen.
    Woher weit du eigentlich das alles? fragten sie einmal.
    Von meiner Mutter - sie sagt mir alles, was ich wissen will.
    Ellen und Detlev waren sehr erstaunt und beneideten ihn um seine Mutter. Bei
ihnen war das ganz anders, sie gingen beinah schuldbewut herum, seit sie so
viel erfahren hatten, und zitterten, da die Eltern es merken knnten.
    Das Knigreich geriet darber mehr und mehr in Vergessenheit, wenigstens
waren sie nicht mehr mit demselben Eifer dabei wie frher, und als die schne
Zeit wiederkam, machten sie lieber weite Spaziergnge miteinander. Der Mutter
war es ein Dorn im Auge, da Ellen immer nur mit den Jungen zusammen sein
wollte, aber Geerd und Detlev lieen nicht nach, bis sie mitdurfte.
    Meinetwegen diesen einen Sommer noch, sagte sie schlielich, aber dann
hat es ein Ende. Dann mu sie wirklich einmal anfangen, ein vernnftiges Mdchen
zu werden.
    Davon war bis jetzt noch wenig zu merken, immer war es gerade Ellen, die mit
zerrissenen Kleidern, mit Schrammen und Beulen heimkam oder schlammbedeckt und
bis an den Hals durchnt. Woher hatte das Kind nur diese unbndige Wildheit im
Leibe? Kein Baum war ihr zu hoch, kein Graben zu breit, und wurde sie dafr
gescholten, so brach sie jedesmal in schmerzliche Verwnschungen aus, da sie
kein Junge war.
    Trotz all dieser Bitternisse war es noch ein wunderbar schner Sommer, den
die drei Freunde zusammen verlebten. Lange Nachmittage lagen sie drauen am
Strand in dem kurzen, harten Deichgras, wenn die Luft so klar war, da man die
Inseln deutlich sehen konnte und weitum nichts hrte, wie den langgezogenen,
sehnschtigen Schrei der Seevgel. Und der Rckweg durch den grnen Koog, wo es
groe Gefahren und Hindernisse mit Grben und losgerissenen Bullen gab. Oder sie
gingen weit in die Heide hinein zum Galgenberg. - Vor vierzig Jahren sollte
dort die letzte Hinrichtung gewesen sein, jetzt stand nur noch ein einziger
alter Pfosten da. Die Kinder saen im roten Heidekraut und schauderten, wenn
eine Krhe aufflog. Oft sprachen sie dann von ihrem spteren Leben - Geerd
sollte zum Herbst auf eine andere Schule, und das war ein furchtbarer Schlag fr
sie alle. Wie sollten sie ohne einander fortleben, bis sie gro waren und tun
konnten, was sie wollten. Denn dann wollten sie wieder zusammenkommen, das stand
fest.
    Ja, und du wirst wohl auch spter einmal heiraten mssen, Ellen, und Kinder
kriegen, sagte Geerd manchmal. Ellen strubte sich wtend dagegen, es war ein
schrecklicher Gedanke, da sie eine Frau werden sollte, sie suchte sich dann
durch doppelte Kraftleistungen hervorzutun und redete wilde Zukunftsplne. Sie
dachte immer noch daran, einmal fortzulaufen zu den Zigeunern, hatte sich
heimlich beim Tischler Kniestelzen machen lassen und bte sich in Purzelbumen,
um bereit zu sein, wenn der Augenblick kam. Ach, und dann im grnen Wagen von
Jahrmarkt zu Jahrmarkt, konnte es wohl etwas Schneres geben? Oder wenn das
nicht ging, als Schiffsjunge verkleidet zur See gehen; kein Mensch hielt sie fr
ein Mdchen, wenn sie Detlevs Kleider anhatte.
    Ellens Vogelbauer, sagte der Bruder berlegen, wenn sie so sprach, und
dann lachten die beiden Jungen sie aus. Ellen arbeitete nun schon seit
mindestens zwei Jahren daran, einen ungeheuren Kfig fr ihre Kanarienvgel zu
bauen, der immer wieder milang, und jedesmal versuchte sie es dann auf andere
Weise. Einmal hatte sie schon einen zustande gebracht aus zerspaltenen
Zigarrenkisten, aber es war so dunkel darin, da die Vgel melancholisch wurden
und nicht mehr sangen. Und nun hatte sie natrlich wieder einen neuen
angefangen.
    Du hast gut reden, sagte Ellen gergert, denn Detlev wollte Philosoph
werden und groe Werke schreiben. Das war in ihren Augen kein Kunststck, und
sie fand es sehr langwellig.
    Die Herbsttage kamen, im Garten wurde es feucht, alles versank in welken
Blttern, und der Sturm ri groe ste von den Bumen. Die Kinder gingen nur
noch engumschlungen und waren traurig - ihnen war zumut, als ob eines von ihnen
sterben sollte. An Geerds letztem Tage rissen sie die Htten und den Mohutempel
nieder und versenkten ihren Gtzen in den Graben - mit bittrer Wehmut - was
sollte das alles jetzt noch? Und dabei kam es ihnen vor, als ob sie seit dem
letzten Jahr unendlich viel lter geworden wren.
    Gegen Abend gingen sie zusammen hinauf, um Geerds Sachen aus der Kinderstube
zu holen. Whrend Detlev noch im Zimmer kramte, standen die beiden andern Hand
in Hand auf der Diele neben der groen Stehuhr, die immer so unheimlich laut
tickte und beim Schlagen wie ein Uhu heulte. Es war schon halbdunkel. Ellen sah
nur Geerds weien Strohhut und seine weiten, schwarzen Augen, sie sehnte sich
heimlich danach, ihm um den Hals zu fallen und ihn viele Male zu kssen, fand
aber nicht den Mut dazu. Dann kam Detlev, und sie begleiteten ihren Freund zum
letztenmal durch den dunklen Rittersaal, die Treppe hinunter und ber den Hof
bis zur ersten Laterne.
    Die Geschwister wohnten nebeneinander und die Tr zwischen ihren Zimmern
stand immer offen. Wenn sie im Bett waren, kam die Mutter herauf und betete mit
ihnen. An diesem Abend konnte Ellen kaum ein Wort herausbringen und war in
Todesangst, da Mama bse wrde. Die sagte aber nur:
    Ich finde es auch schade, da Geerd fort ist, aber nun mu das viele
Herumtoben wirklich aufhren. Mama fand es auch schade - das rhrte Ellen so,
da sie sich nur mit Mhe beherrschte. Als die Mutter wieder hinunterging,
schlich sie sich leise zu Detlev hinein und setzte sich auf sein Bett. Sie
umarmten sich immer wieder und weinten zusammen, dann sprachen sie noch lange
von Geerd und wie nun alles verdet war ohne ihn.
    Seit Geerd fortging, war fr Ellens Kinderzeit die beste Freude verloschen,
und sie suchte mit tiefem Verlangen nach etwas, das ihr Leben wieder so
ausfllen sollte.
    Detlev kam nun auch aufs Gymnasium, er fand neue Freunde, die meistens rasch
wechselten; die alte Kameradschaft zu dreien kam mit keinem mehr recht zustande.
Die Mutter schrnkte Ellens Freiheit auch immer mehr ein, sie fand jetzt mit
einemmal, da sie sich frher zu wenig um das Mdchen gekmmert hatte, und zwang
sie, viele von den schnen freien Nachmittagen mit einer Nharbeit im Wohnzimmer
zu sitzen. Und Ellen hate diese Art von Beschftigung mit verzweifelter Unlust,
es war fast noch schlimmer wie Lernen. Ihr ganzer Tag bestand aus immer neuen
Versuchen, diesen beiden beln zu entrinnen. Wo sie nur konnte, stahl sie sich
fort auf die Koppel hinaus, wo der Wind durch die mchtigen Baumkronen strich.
Da hrte sie nicht, wenn die Mutter sie rief, und fhlte sich eine kurze Weile
sicher vor ihr. Und ihre Seele klammerte sich leidenschaftlich an diese ganze
Heimatswelt, die in tausend vertrauten Tnen zu ihr sprach; sie dachte an all
die langen Sommerstunden, wo sie hier gespielt hatten mit soviel Freude und Mut,
weil jeder Tag und jede Jahreszeit immer wieder etwas brachte, da Geerd kam,
oder bald Ferien waren, oder das Obst reif wurde. So unendlich viel hatten sie
immer vorgehabt und sich ausgemalt fr die nchsten Jahre und fr spter, als ob
berall groe Schtze und Reichtmer lgen, die man nur zu heben brauchte.
    Aber auch durch all diese frohen Zeiten ging doch immer ein bittrer Grundton
- Mama! Seit sie denken konnte, fhlte Ellen sich wie verfolgt von ihr und
warum? Warum bekamen Mamas Augen immer diesen sonderbaren, bsen Blick und ihre
Stimme den zornigen, fast pfeifenden Ton, wenn Ellen nur zur Tr hereinkam? War
sie allein mit der Mutter im Zimmer, so wehte es sie eisig an, als ob jeden
Augenblick etwas Furchtbares geschehen knnte, und nachts trumte sie manchmal,
da die Mutter mit der groen Schere hinter ihr herlief und sie umbringen
wollte. Sie hatte sich ja beinahe daran gewhnt, wie an ein Gebrechen, mit dem
man geboren wird und wei, da es auf Lebzeiten nicht wieder abzuschtteln ist.
Aber woher die Kraft nehmen, es zu tragen? Ellen fing an, wieder fromm zu werden
- der liebe Gott war der Einzige, der ihr helfen konnte, aber er war so weit
weg. Sie versuchte es frmlich mit Sturm, ihm wieder nah zu kommen. Es war ihr
nicht mehr genug, jeden Sonntag zur Kirche zu gehen, sie betete beim Aufstehen
und beim Schlafengehen alles, was sie auswendig wute, lange Gesnge,
Katechismusstcke, und immer auf den Knien. Das bloe Dasitzen mit gefalteten
Hnden, wie bei der Hausandacht, war ihr nicht feierlich genug. Oft stand sie
auch nachts wieder auf, zog den Vorhang in die Hhe, um die Sterne zu sehen, und
hielt ihren einsamen Gottesdienst. Oder bei Tage, wenn sie sich ungestrt wute,
errichtete sie eine Art Altar, um davor zu beten, stellte ihren liebsten
Kanarienvogel mit seinem Kfig auf einen Stuhl und Blumen ringsherum. Nach
solchen Stunden fhlte sie einen fanatischen Mut, alles zu ertragen, und es
konnte ihr dann beinah Freude machen, wenn sie ungerecht gescholten wurde.

Als Ellen vierzehn Jahre alt war, kam wieder etwas Abwechslung in ihr Dasein:
sie sollte Tanzstunde bekommen. Das gehrte ebenso unabnderlich in das
Erziehungsprogramm wie lngere Kleider und reine Hnde, die jetzt von ihr
verlangt wurden.
    Es war ihr ganz neu und zuerst etwas bengstigend, mit so vielen Kindern
zusammenzukommen. Aber wenn der langbeinige, immer etwas angetrunkene
Tanzmeister mit seiner Geige mitten im Saal stand und die ganze Schar um ihn
herumwirbelte, kam es wie ein Rausch ber sie, und sie verga, da das Leben
sonst so schwer war. Den andern Mdchen gegenber fhlte sie sich etwas
zurckgeblieben, vor allem war es unangenehm, als Schlofrulein so schlecht
angezogen zu sein. Dafr hatte ihre Mutter gar keinen Sinn - jahraus, jahrein
dieselben alten Kleider, die immer wieder ausgebessert, verlngert oder gewendet
wurden und niemals nach der Mode. Ellen hatte sich bisher nicht viel darum
gekmmert, aber jetzt konnte sie stundenlang vor dem Spiegel stehen und ber ihr
ueres nachdenken. Wenn Mama sie dabei ertappte, gab es wieder ein
Donnerwetter: Gib dir nur Mhe ordentlich auszusehen und nicht alles zu
zerreien. Das andere ist Nebensache.
    Aber das war nicht der einzige Punkt, in dem die Stadtkinder ihr berlegen
waren: sie hatten Liebesgeschichten, Rendezvous, gingen mit den Schlern
spazieren und zum Konditor. Alle diese lustigen Dinge, von denen Ellen jetzt
immer erzhlen hrte, schienen ihr so verlockend und begehrenswert, da sie
Detlev verleitete, mitzumachen. Sie erfanden immer neue Vorwnde, um in die
Stadt zu kommen, und gingen dann mit den andern bummeln. So wundervoll sndig
kam man sich vor bei diesen heimlichen Streifzgen unter Lrm und Gelchter,
oder in dem dunklen Hinterzimmer der kleinen Konditorei, bei all den Neckereien
und Anspielungen, die da hin und her flogen, - bei all dem Herzklopfen vor
Entdeckung und den hinterlistigen Verabredungen whrend der Tanzstunde unter
Mamas Augen.
    Es bekam alles eine andere Perspektive. Ellen hatte bis dahin nur in sich
selbst hineingelebt in dem engen Kreise, den man um sie zog. Jetzt fing die Welt
an, sich zu weiten, sie sah: es gab noch ein Leben, das jenseits der Mauer lag,
das rascher pulsierte und reich an lockenden Erregungen war.
    Am Ende dieses bewegten Sommers verreisten die Eltern auf lngere Zeit.
Ellen geno die Septembertage im Gefhl eines groen Triumphs, denn Clre Huhn
war krank geworden, und das empfand sie als ihr Werk. Vier Jahre hindurch hatten
sie sich Tag fr Tag an dem groen runden Schultisch gegenbergesessen, und vier
Jahre hindurch hatte Ellen das arme, bleichschtige Geschpf buchstblich
gemartert mit allen Schikanen, die der rcksichtslose Ha eines Kindes ersinnen
kann. Sie lie sich kein Lcheln, keinen Flei, kein Eingehen auf irgend etwas
abgewinnen, begegnete aller Freundlichkeit und aller Strenge mit derselben
steinernen, ablehnenden Hartnckigkeit und betete allabendlich, da Gott Clre
Huhn mit seinem Zorn treffen mge.
    Als die Nachricht kam, da sie erkrankt war, lag Ellen in ihrem Zimmer auf
den Knien und dankte Gott. Am Fenster sangen ihre Kanarienvgel, die Sonne
lachte, und sie brauchte nicht in die Stunde. Das Werkzeug ihrer Qual war
verstummt und unterlegen.
    Nun kam eine Reihe von Festtagen. Marianne regierte mit Milde und fand, da
die Kinder sich dann auch viel besser lenken lieen. Sie war sich immer gleich
geblieben als die sanfte, ruhige lteste, zu der alle mit ihren Anliegen kamen.
Und sie hatte nicht immer einen leichten Stand dabei - die Mutter war hitzig und
parteiisch, Papa konnte keinen rger vertragen, und die junge Meute strmte
fortwhrend dagegen an, mit allen ihren Forderungen, Wnschen und
Unbotmigkeiten.
    Jetzt ging jeder seinen Weg und dabei war Frieden. Ellen und Detlev saen
halbe Tage in den Obstbumen oder lagen im Gras und lasen verbotene Bcher. Sie
deklamierten sich gegenseitig die Ruber vor und stritten darum, wer den Faust
besser verstnde. Hier und da muten sie auch alle der Schwester bei
Gartenarbeiten helfen, und manche Vorbergehende blieben am Gitter stehen und
sahen hinein, denn war das heranwachsende Geschlecht der Olestjernes vollzhlig
beisammen, so konnte man jederzeit ein strmisches, weithinschallendes Gelchter
hren, besonders wenn die jungen Leute, wie sie in liebevoller
Respektlosigkeit ihre Eltern nannten, nicht dabei waren.
    In dieser Zeit gab es fr Ellen viel Gelegenheit, unbemerkt zu entkommen,
und das Herumtreiben hatte jetzt noch einen besonderen Hintergrund. Denn Ellen
liebte, und alle ihre Gedanken gingen darauf hin, einem rothaarigen Primaner zu
begegnen - an den nebelverschleierten Herbsttagen, wenn die junge Welt in den
dmmerigen Gassen oder im Stadtpark auf- und abging. Ellen wute, da ihre Liebe
unglcklich und hoffnungslos war, denn er stand auf der fernen, unerreichbaren
Hhe des Erwachsenseins. Aber es war schon lhmende Seligkeit, ihn nur zu sehen,
von ihm gegrt zu werden und dann abends an ihn zu denken, wenn sie im Bett
lag.

In der kleinen Stadt blieb nichts verborgen. Bald nachdem die Freifrau
zurckgekehrt war, wurde sie von wohlmeinenden Bekannten darauf aufmerksam
gemacht, da ihre beiden Jngsten sich eines schlimmen Rufes erfreuten. Nicht
einmal Ladenklingeln und Fensterscheiben waren sicher vor ihnen, und was das
rgste war, Ellen trieb sich mit Jungen in der Stadt herum. Nun wurde Ellen
pltzlich aus allen Himmeln geschleudert; aber diesmal fand sie den Mut zu
offener Auflehnung, und es gab eine heie Szene zwischen ihr und der Mutter.
Zieht mir doch lieber gleich eine Zwangsjacke an, schrie sie. Ellen hatte gar
keine Ahnung, was das eigentlich fr ein Ding wre, aber sie bekam ihre
Zwangsjacke. Man lie sie nicht mehr aus den Augen, und mit dem heimlichen
Ausreien war es ein- fr allemal vorbei.
    Dies Jahr durfte sie nicht einmal mit den Brdern zum Schlittschuhlaufen.
Wehmtig sah sie an Winternachmittagen in den beschneiten Garten hinaus und
dachte an ihre unglckliche Liebe - jetzt war er wohl auf dem Eis, und ihr war
jede Mglichkeit abgeschnitten, ihn auch nur zu sehen. Die Sehnsucht wurde immer
brennender, sie zitterte und wurde rot, wenn Erik zufllig seinen Namen nannte.
Die ghrende Unruhe, die sie in sich fhlte, machte sich manchmal in berlauter
Lustigkeit Luft und hufiger noch in wilden Wutausbrchen.
    Ellen fand auch, da man sie namenlos reizte. Von frh bis spt fuhr die
Mutter sie an, jeder Blick sagte: Wozu bist du berhaupt auf der Welt?
    Und an Heftigkeit gab Ellen ihr nichts nach. Eine Zeitlang hrte sie
schweigend zu, bi die Zhne zusammen, da sie knirschten, dann strzte sie
hinaus und schlug die Tr zu. Mama war hinter ihr her, ehe sie sich's versah.
Pltzlich hatte sie die zornig flammenden Augen dicht vor sich, fhlte einen
brennenden Schlag im Gesicht: Geh mir aus den Augen, ich hab's satt, mich mit
dir zu qulen.
    War sie dann allein im Zimmer, so wute sie nicht, wo hinaus mit der Wut,
die in ihr tobte, wute nicht mehr, was sie tat. Dann rannte sie mit dem Kopf
gegen die Wnde, bis ihr die Funken vor den Augen sprhten und der Schmerz sie
wieder zur Besinnung brachte.
    An solchen Tagen mute sie oben bleiben und durfte sich nicht mehr vor der
Mutter blicken lassen. Da lag sie dann auf dem Bett und spann endlose Plne.
Wieder und wieder malte sie sich aus, wenn sie nur erst erwachsen wre und von
zu Hause fort knnte. Die Zirkusgedanken hatte sie jetzt allmhlich aufgegeben,
es war doch wohl zu spt geworden. Aber das stand ihr immer noch fest,
irgendwann einmal mute sie sich freimachen von diesem unertrglichen Leben und
in die Welt hinaus, in die unbekannte verheiungsvolle Welt.

An einem Sonntagmorgen, als Ellen zum Frhstck hinunterkam, las Mama gerade
einen Brief.
    Nun ist alles in Ordnung, sagte sie und legte ihn neben ihren Teller. Du
kommst Ostern in die Pension nach A..., Ellen.
    Ellen nahm diese Nachricht mit dumpfer Gleichgltigkeit hin. Von der Pension
war schon oft die Rede gewesen, aber sie hatte bisher nie recht daran geglaubt.
    Es waren nur noch wenige Wochen bis Ostern. Sie machte ihrer Umgebung die
letzte Zeit noch so schwer wie mglich. Nur mit Detlev allein war es anders, da
taute ihr ganzer Schmerz auf, da sie fort sollte, von ihm und von der Heimat.
Die beiden waren noch nie einen Tag getrennt gewesen, hatten jedes Erlebnis,
jede Empfindung geteilt, seit sie denken konnten. Sie wuten es nicht zu fassen,
da sie jetzt voneinander gerissen wurden, da wirklich einmal der letzte Tag
kme. Aber er kam, und er ging vorber - am Abend sollte Ellen mit ihrer Mutter
abreisen.
    Nach Tisch schlichen sich die beiden Jngsten hinauf in die alte
Kinderstube. Beim Essen hatten sie Wein bekommen, ihre Kpfe brannten, - so
hielten sie sich lange umschlungen und weinten ihre bittersten Trnen. - Zwei
Jahre - zwei endlose Jahre voneinander getrennt sein und lernen mssen, geqult
werden, - sie fhlten beide, da etwas Unwiderbringliches vorber war und nie
wiederkommen wrde. Als man sie rief, kamen sie mit roten, verschwollenen Augen.
Dann gingen alle zusammen an die Bahn. Vor den anderen weinten sie nicht mehr
und kten sich nicht.
    Detlev stand mit zusammengebissenen Zhnen abseits von den Geschwistern auf
dem Perron und lie keinen Blick mehr von Ellen, bis der Zug mit ihr und der
Mutter in die weite Marschebene hineinfuhr.

Ellen Olestjerne soll hereinkommen.
    Sie kam, machte die drei vorschriftsmigen Knickse - einen an der Tr, dann
in der Mitte des Zimmers, wo die groen Blumen im Teppich waren, und den
letzten, als sie vor der alten Dame stand.
    Die Prpstin des freiadligen Stiftes zu A... sa an ihrem Schreibtisch. Sie
war schon ber sechzig Jahre alt und kannte keine Ruhestunden. Ihr strenges, wie
in Stein gehauenes Gesicht mit der hohen, blanken Stirn hatte einen Zug von
eiserner Energie - sie hielt sich sehr gerade, nur in der weien schmalen Hand,
die auf der geschnitzten Stuhllehne lag, war etwas von der Mdigkeit des Alters.
    Was sind das fr Sachen, Ellen? Du hast Hedwig Vogt ins Gesicht
geschlagen?
    Ja, weil sie mich gergert hat, das lasse ich mir nicht gefallen.
    Die Prpstin fate Ellen ums Handgelenk und fhrte sie ans Fenster, wo es
etwas heller war.
    Vor allem, mein Kind, mige dich in deiner Art zu reden.
    Ellen wollte etwas sagen, aber sie kam nicht zu Wort, die gestrenge Stimme
sprach immer weiter mit ihrem harten, scharfklingenden S.
    Es schickt sich berhaupt nicht, so aufzubrausen. Mit solchem Benehmen
kommst du mir hier nicht durch, Ellen. Wenn du meinst, da dir unrecht
geschieht, kannst du zu mir kommen und dich beschweren. Ihr seid keine
Gassenjungen.
    Ich wollte, ich wre einer, fuhr Ellen endlich dazwischen. Sie war emprt,
da sie sich nicht selbst ihrer Haut wehren sollte.
    Was sagst du da? die Stimme wurde immer strenger und das S immer schrfer.
Nimm dich in acht, Ellen, ich wei, wes Geistes Kind du bist. Deine Mutter hat
mit mir gesprochen, und wenn ich sehe, da in Milde mit dir nicht auszukommen
ist, so gibt es noch andere Mittel.

Mein liebes Kind - die Frau Prpstin hat uns wieder geschrieben, da Du sehr
eigensinnig bist und Dich mit den anderen Mdchen schlecht vertrgst. Wirst Du
denn nie aufhren uns immer neuen Kummer zu machen? Ich habe die Frau Prpstin
gebeten, Dich in strenge Zucht zu nehmen, und wir verlangen von Dir, da Du Dir
jetzt endlich Mhe gibst, anders zu werden. Mehr will ich heute nicht sagen, ich
bete tglich zu Gott, da er Deinen Sinn ndern mge.
    Die Geschwister lassen gren.
                                                                   Deine Mutter.

Geliebtes, vielen Dank fr Deinen Brief. Es ist schrecklich de ohne Dich. In
der Schule ziehe ich mich immer mehr zurck und gehe viel allein spazieren.
Nachmittags dichte ich gewhnlich.
    Dein schwarz und gelber Vogel ist gestorben, aber sei nicht traurig, ich
will Dir mein anderes Mnnchen schenken. Ich habe zwei Photographien von Geerd
gekriegt, aber Mama erlaubt nicht, da ich Dir eine schicke. Jetzt wei ich
nichts mehr. Eure Briefe werden ja auch immer gelesen und da kann man nichts
Ordentliches schreiben.
                                                                    Dein Detlev.

                                                                 A..., Juni 1885

- - - morgen darf ich mit den D.'s und ihrer Mutter in die Stadt, da kann ich
heimlich einen Brief einstecken und schicke ihn an Jens Ketelsen, der ihn Dir in
der Schule geben soll. - Gott, Detlev, Du machst Dir gar keinen Begriff davon,
wie schrecklich es hier ist. Man ist eingesperrt wie im Zuchthaus und kommt gar
nicht heraus, auer bei dem langweiligen Spaziergang, wo man in Reih und Glied
geht und vor jedem Hofwagen knicksen mu. Sonst immer nur lernen, den ganzen
Tag, die Fleiigen lernen sogar auch bei der Promenade und im Bett. Ich bin
schon sehr oft hereingefallen, gleich in der ersten Zeit, weil ich eine andre
geohrfeigt hatte und die Treppe herunterrutschte. Dann waren wir neulich im
Garten und haben Stachelbeeren gerappst. Nun drfen wir in der Freistunde nicht
mehr hinunter und kriegen ins Zeugnis, da wir gestohlen haben. Und so weiter -
- brigens hab' ich jetzt eine Flamme, sie heit Editha und ist bei weitem die
Hbscheste. Ich schwrme sehr fr sie und habe schon viele Gedichte auf sie
gemacht. - Hoffentlich komme ich Michaelis in die erste Klasse, dann sind wir
immer zusammen. Leider geht sie nchste Ostern schon ab. Ach Du, ich wei nicht,
wie ich es hier noch so lange aushalten soll und dann noch ein ganzes Jahr. Die
Prpstin kann mich nicht ausstehen, gerade wie Mama, und sie knnen alle nicht
begreifen, da man toben mu, wenn man vergngt ist. Wir drfen uns hier nur
sittsam und anstndig bewegen.
    Ich schicke Dir eine Karikatur von unsrer Mademoiselle, die andern finden
sie sehr hnlich. Ich zeichne berhaupt in allen Freistunden. Aber la um Gottes
willen nichts herumliegen.
                                                                    Deine Ellen.

                                                        Nevershuus, Oktober 1885

Liebe Ellen, Deine Versetzung in die erste Klasse hat uns sehr gefreut und
berrascht. Es ist mir sehr lieb zu hren, da Du Deine frhere Trgheit
abgelegt hast und gut weiterkommst. Nun sorge aber auch das nchste Mal fr ein
gutes Zeugnis im Betragen. Ich wei, wie schwer es Dir wird, Deine Lebhaftigkeit
zu zgeln, aber bedenke, da Du jetzt am Konfirmationsunterricht teilnehmen und
anfangen sollst, eine junge Dame zu werden. Wir mssen uns alle mehr oder minder
in das Leben schicken. Sei herzlichst gegrt von Deinem Vater.

                                                             A..., November 1885

Liebster Detlev, eben hab' ich den Diener auf der Treppe erwischt, und er will
mir den Brief besorgen. - Es hat eine groe Mordsgeschichte gegeben, und wre
nicht die ganze Klasse dabei gewesen, so htte man mich und Editha sofort
geschwenkt. Die Alte will an all unsre Eltern sofort schreiben, und wir haben
schon einen Preis ausgesetzt, wer den rgsten Brief von zu Hause kriegt. Ich
hab' aber doch verfluchte Angst vor den jungen Leuten. Denk' nur, wenn sie mich
hier wirklich herausgeworfen htten, es war nicht mehr weit davon. - Also es war
so: Unsre Erste war letzten Sonntag nicht da, Editha als Zweite sollte sie
vertreten, und wir berredeten sie, den Abend volle Freiheit zu geben. Als das
Mdchen fort war, standen wir wieder auf. Maria Besserer blies die
Mundharmonika, und wir sangen und tanzten. Nun ist hinten am Saal eine Tr, die
auf den Speicher geht, und da bekamen wir Lust, eine Entdeckungsreise zu machen.
Editha ging mit der Nachtlampe voran. Du glaubst nicht, wie schn sie war mit
ihren langen, schwarzen Haaren. - Erst hielt sie noch eine Rede ber die
Mysterien des Stiftes: wir sollten uns gefat machen, auf eingetrocknete
Blutflecken und Leichen von frheren Stiftskindern zu stoen. Einige wurden so
bange, da sie wieder in ihre Betten krochen.
    Dann kamen wir in lauter alte Bodenrume, voll Germpel und Spinneweben, und
berall schien der Mond herein. Editha und ich stiegen auf die Leitern in den
Turm hinauf, durch die Luke hinaus und rutschten das ganze Kapellendach entlang.
Das haben die dummen Gnse nachher, als sie ausgefragt wurden, alles erzhlt.
    Nachher stellten wir die Lampe auf den Boden und tanzten einen Indianertanz
drum herum. Dabei haben wir so gehopst, da wir den andern Tag ganz lahm waren.
    Zuletzt liefen wir noch auf den Korridor hinaus und brachten dem vierten
Schlafsaal ein Stndchen und warfen ihnen Stiefel ins Bett.
    Die haben uns dann angezeigt - ist das nicht eine Gemeinheit? Die Alte kam
selbst in die Klasse, alle sagten, so wtend htte man sie noch nie gesehen.
Die Snde ist unter euch wie ein fressender Eiter, sagte sie einmal - dabei
platzte ich heraus, und nun fuhr sie auf mich los: ich wre die Anstifterin, das
wte sie ganz genau. Ich htte die andern verleitet, im Nachthemd auf den
Korridor zu gehen, und das wre unsittlich usw.
    Es ist immer noch groe Aufregung im Stift, denn fortwhrend kommen neue
Schandtaten heraus, auch von dem vierten Schlafsaal, der uns angezeigt hat. Aber
es ist nicht recht dahinterzukommen, was die eigentlich gemacht haben, denn das
wird alles bei der Prpstin im Zimmer verhandelt. Sie hat nur die Erste
abgesetzt und alle in andre Schlafsle verteilt.
    Na, Gott sei Dank, Weihnachten sehen wir uns wieder, dann hab' ich Dir noch
viel zu erzhlen. Aber ich werde dann wohl sehr in Ungnade sein.
                                                                    Deine Ellen.

Ist Fritz H. noch auf der Schule? Seit ich Editha habe, bin ich lange nicht mehr
so verliebt in ihn. Hier ist berhaupt niemand in Jungens verliebt, wer keine
Flamme hat, schwrmt fr den Pfarrer. Aber nun leb wohl.
                                                                    Deine Ellen.

Am Neujahrstage sa Ellen in ihrer Heimatskirche und legte wie in Kinderzeiten
glhende Besserungsgelbde zu Gottes Fen nieder. Ein furchtbares Unwetter von
elterlichem Zorn war ber sie hingebraust, und der Vater hatte lange und ernst
mit ihr gesprochen. Was soll denn aus dir werden, wenn sie dich nun
fortschicken und es immer so weiter geht?
    Ihr war selbst bange geworden, was aus ihr werden sollte, aber es war ja
noch nicht zu spt, sie wollte sich wirklich ndern, sich mehr im Zaume halten.
    Aber sie fhlte sich doch nicht ganz sicher, und dies Gefhl wurde noch
strker, als sie wieder in der Pension war. Die ersten Wochen ging es ganz gut.
Unter den jungen Mdchen war jetzt viel von der Konfirmation die Rede. Der
Pfarrer hatte damit angefangen, ihnen die Grundlagen und das Wesen des
Christentums zu erzhlen, dann kamen die einzelnen Gebote und ihre Beziehung auf
das Leben - der ganze schwerwiegende Ernst, der in all den Drohungen und
Verheiungen lag - Gottes Zorn und Gottes Gnade. Als die Snde wider den
heiligen Geist besprochen wurde - die Snde des Glubigen, der mit vollem
Bewutsein die Gnade verscherzt, die furchtbarste, uerste Snde, fr die keine
Vergebung ist, folgten sie angstvoll jedem seiner Worte und zitterten bis in die
tiefste Seele hinein unter demselben Gedanken: und wenn nun ich sie begangen
htte?
    Sie sollten nun bald zum erstenmal an den Altar Gottes treten und davor
stand das Wort: Wer aber unwrdig isset und trinket, der isset und trinket sich
selber das Gericht. Wie ein Schauer lief es durch die Reihe der zwlf jungen
Mdchen, die andchtig auf ihrer Schulbank saen, und zugleich lag ein mchtiger
Reiz darin, schuldvoll und niedergeschlagen vor diesem Mann dazustehen, der
ihnen bis ins tiefste Innere schauen konnte und wute, was Snde war.
    Fr Ellen war der Pfarrer von allen Vorgesetzten der einzige, zu dem sie
Vertrauen hatte. Er bekam alles zu wissen, was man tat, und wie oft hatte sie
ihm schon nach der Stunde in den groen Saal folgen mssen, um eine Vermahnung
zu bekommen, aber er schalt nicht, suchte sie nicht zu beschmen oder zu
demtigen wie die Prpstin, er fand jedesmal ein gutes Wort und ein verstehendes
Lcheln. Dafr war Ellen auch in seinen Stunden die Aufmerksamkeit selbst und
lernte die lngsten Psalmen auswendig, um ihm Freude zu machen.
    Mit Editha war sie immer noch viel zusammen und schwrmte sie in namenloser
Hingebung an. Sie hatte das Herz voller Anbetung und den Kopf voller Verse, bei
Tisch, in den Stunden und abends im Bett, immer fand sie wieder neue Reime
zusammen, um die Freundin zu besingen. Editha war die Schnste, die Beste, die
Unvergleichliche. Wenn sie abends im Schlafsaal das Haar aufmachte, hing es wie
ein dichter Mantel um sie her, die Brauen lagen gleich zwei breiten, schwarzen
Strichen ber den dunklen, schweren Augen. Und ihre Hnde und Fe, die so klein
und zierlich waren - man konnte kaum begreifen, da Editha sie wie andere
Menschen gebrauchen konnte.
    Fr die alte Vorsteherin gab es viele schwere Stunden. Seit die beiden so
eng befreundet waren, schien eine ganze Horde von Teufeln in dem ehrwrdigen
alten Gebude zu spuken. Die ganze erste Klasse war auer Rand und Band, trotz
Konfirmationsstunden und qulender Gewissensfragen. Es kam vor, da den
Lehrerinnen Salz ins Bett gestreut wurde, so da sie die ganze Nacht nicht
schlafen konnten, oder dem Kandidaten wurden alle Knpfe vom Mantel geschnitten
und der Hut von oben bis unten mit Kreide bemalt, was dann niemand getan haben
wollte. Oder Ellen und Editha wetteten, ob man Tinte trinken und vom hchsten
Schrank herunterspringen knnte. Und sie tranken wirklich Tinte und sprangen von
den Schrnken herunter auf die Fliesen, da die andern leichenbla wurden vor
Schreck.
    Anfang Februar war Edithas Geburtstag. Ellen trumte eine Zeitlang davon,
der Freundin ihre gesammelten Gedichte zu schenken, mit Druckschrift und schn
gebunden. Sie schienen ihr aber schlielich doch nicht gut genug, und so wollte
sie denn lieber ein Gedichtbuch kaufen. Wer sie gemacht hatte, war ja einerlei,
wenn nur recht viel von Liebe drin stand. Es war nicht so einfach, eins zu
bekommen, denn das Taschengeld wurde ihr regelmig fr Strafen abgezogen, und
alle Einkufe gingen durch die Hand der Vorsteherin.
    Ellen zerbrach sich nicht lange den Kopf darber, sie borgte die kleine
Summe zusammen, obgleich Geldleihen streng verboten war, und berredete eine von
den letzten Neuen, das Buch auf ihren Namen kommen zu lassen. Es war eine
Sammlung von 450 Gedichten.
    Dann lag es eine Nacht unter ihrem Kopfkissen, und sie dachte in
fieberhafter Seligkeit daran, wie Editha es morgen an ihrem Platz finden wrde.
    Als Ellen vor der ersten Stunde ihre Bcher zusammensuchte, legten sich
pltzlich zwei Hnde um sie und es ging wie ein Feuerstrom durch ihr Herz;
Editha kte sie auf den Mund. Das war lieb von dir, kleine Ellen, ich hab'
mich so gefreut.
    In der Arbeitsstunde um Mittag fehlten die beiden Unzertrennlichen. Zufllig
kam die Klassenlehrerin herein und fragte nach ihnen, aber niemand hatte sie
gesehen. Mademoiselle geriet in Aufregung, suchte und fragte durchs ganze Haus.
Um Gottes willen, wo konnten die beiden sein, es war ihnen ja alles zuzutrauen.
Die ganze Klasse mute mitsuchen und es entstand ein frmlicher Tumult. Endlich
entdeckte man sie oben im Schlafsaal der Kleinen, auf zwei der entlegensten
Betten lagen sie und lasen sich Gedichte vor. Sie machten nicht einmal Miene
aufzustehen und wollten sich halb totlachen, als die Mademoiselle wutbleich vor
ihnen auftauchte. Dann wurden sie in die Klasse hinuntergeschickt. Das Buch, in
dem sie gelesen hatten, nahm die Lehrerin an sich und ging damit zur Prpstin.
Die alte Dame unterzog es einer genauen Prfung, whrend sie sich den ganzen
Vorfall berichten lie. Auf dem ersten Blatt stand eine lange Widmung in Versen
von Ellens Hand. Wie kam Ellen zu dem Buch, das gestern erst eine andre bestellt
hatte? Nun folgte ein Verhr auf das andre, nur Ellen wurde nicht vorgerufen.
    Statt dessen erschien die Vorsteherin nach Tisch selbst in der Klasse, um
sie vor allen andern niederzuschmettern. Sie war in groer Toilette, weil sie
nachmittags an Hof gehen wollte, die lange Seidenschleppe knisterte wie eine
zornige, schwarze Schlange hinter ihr her.
    Ellen stand da, beide Hnde in den Schrzenlatz gesteckt und sah ihr gerade
in die Augen. Sie wollte zeigen, da sie sich nicht frchtete, whrend die alte
Dame mit harten, zischenden Worten auf sie einsprach:
    
    Mit dir, Ellen Olestjerne, werde ich von jetzt an nicht mehr unter vier
Augen reden, denn du verdienst diese Rcksicht nicht mehr. Du hast meine Geduld
nun bald ein Jahr lang auf eine harte Probe gestellt; ich will jetzt nicht davon
reden, da du dich von Anfang an gegen jede Zucht und Ordnung aufgelehnt, dich
auch heute noch wieder mit Editha, die ja leider ganz unter deinem Einflu
steht, lachend ber alle Regeln hinweggesetzt hast, nur das eine will ich dir
sagen: fr ehrlich wenigstens habe ich dich bis jetzt gehalten, bis zu dem
Augenblick, wo ich erfuhr, auf was fr Schleichwegen du dir dieses Buch
verschafft hast. Jetzt wei ich, da du selbst vor einem gemeinen Betrug nicht
zurckschreckst - du, ein Mdchen aus guter, hochgeachteter Familie - eine
Konfirmandin. - Und ich sage dir noch einmal, zum letztenmal: halt ein auf der
abschssigen Bahn, die du wandelst. Geh in dich, ehe es zu spt ist, sonst wirst
du dermaleinst mit bittrer Reue an meine Worte zurckdenken.
    Dann wandte sie sich zu den anderen: Ellen Olestjerne hat sich eines
gemeinen Betruges schuldig gemacht - sie hat den Namen einer Mitschlerin
mibraucht, um sich ein Buch zu verschaffen, das sie nicht bezahlen konnte, und
noch zwei andre veranlat, ihr Geld zu borgen, um ihre Schuld wenigstens fr den
Augenblick zu decken. Ihr habt sie von jetzt an als ehrlos zu betrachten und ich
warne jede, die noch mit ihr verkehrt.
    Damit verlie sie das Zimmer und die schwarze Seidenschlange raschelte ihr
nach.
    Ellen wanderte auf drei Tage in Arrest. Da sa sie in der dmmerigen
Turmstube, machte lange Gedichte auf Editha und wartete, wie ihr Schicksal sich
entscheiden wrde. Als sie am nchsten Sonntag der Reihe nach zur Prpstin
hineinkamen, um ihre Zeugnisse vorzulegen, sagte die verhate Stimme:
    Ellen Olestjerne, deine Eltern sind von dem Vorgefallenen benachrichtigt.
Du kannst noch bis Ostern hierbleiben, weil ich ihnen nicht die Schande antun
will, dich vor der Einsegnung fortzuschicken.
    Es war doch ein arger Schrecken, als die kalte, unerbittliche Tatsache
pltzlich vor ihr stand: fortgejagt - und die Eltern. - Wie in einem bsen Traum
ging Ellen hinaus, an den andern vorbei, ohne irgend etwas zu sehen, die Treppe
hinauf, oben am letzten Gangfenster blieb sie stehen und legte das Gesicht an
die Scheiben. Sie hatte Todesangst vor zu Hause - heute wuten sie es vielleicht
schon. Es war nicht auszudenken, wie eine erdrckende Last wlzte es sich von
allen Seiten ber sie her. Dazwischen glnzte wohl auch etwas Helles, Freudiges
auf: heimkommen - fort aus diesen dumpfen Schulstuben, aus der moderigen
Kerkerluft. Heimatsvisionen kamen, das Schlo, die sonnigen groen Zimmer, wo
abends die Spatzen vor den Fenstern in den Ulmen schwtzten, der sommerliche
Garten mit seinem starken Fliederduft - Detlev, die Geschwister alle - und nun
schluchzte sie vor Heimweh. Ja sie wollte nach Hause, nur nach Hause, wie
schlimm es auch werden mochte.
    Am Montagmorgen kam Ellen noch halb verschlafen hinunter. Vor ihrem Schrank
stand Frulein Blumener, die Wirtschaftsdame, mit der turbanartigen, punktierten
Haube und rumte die Sachen auf.
    Was soll das?
    Fragen Sie nicht so unverschmt - Sie bekommen Ihren Schrank jetzt da oben
auf der Treppe, damit die andern nicht mehr wie ntig mit Ihnen in Berhrung
kommen. Wer so lgt und trgt wie Sie, mu sich auch darauf gefat machen, da
man ihn danach behandelt.
    Ellen lachte, um ihre Wut zu verbergen, und machte ihr hochmtiges Gesicht.
Nachher schrieb sie mit Riesenbuchstaben auf die Innenseite der Schranktr:

Ich habe nie das Knie gebogen - den stolzen Nacken nie gebeugt.
                                                               17. Februar 1885.

Das brachte ihr wieder einen Tag Arrest ein. Und so ging es nun mit allem; sie
war in Acht und Bann getan, jede von den andern, die sich noch mit ihr sehen
lie, fiel in Ungnade. Aber sie nahm den Fehdehandschuh auf, beging bei jedem
Anla die grtmglichen Ungezogenheiten, nahm die Strafe lachend hin und
berbot sie durch noch rgeres Benehmen. Im Schlafsaal gab es fast jeden Tag
Skandal. Wenn Ellen sich Wasser holte, balancierte sie die blecherne
Waschschssel auf dem Kopf und behauptete, sie knnte kein Blech anfassen. Beim
Mundsplen gurgelte sie nur in Melodien und sagte, es kme ganz von selber, sie
knnte es nicht lassen. Und wenn alle im Bett lagen, fing sie an zu heulen wie
ein wildes Tier in langgezogenen Tnen die halbe Nacht hindurch, so da niemand
schlafen konnte.
    Ellen, sei ruhig, schrie die Erste, die Aufsicht fhren mute.
    Mein Gott, ich bin so traurig, du kannst mir doch nicht verbieten, zu
weinen, und sie heulte weiter. Die andern kamen um vor Lachen, und die Erste
war machtlos dagegen. Sie konnte nur anzeigen, immer wieder anzeigen, und das
war Ellen jetzt ganz gleichgltig, sie lebte in einem frmlichen Rausch von
Auflehnung. Ein paarmal ging sie zur Prpstin, um sich selbst anzuzeigen, wenn
sie fand, da man zu nachsichtig gegen sie war.
    Mi Collins hat wohl vergessen zu melden, da ich gestern in der Stunde
gelacht habe.
    Die Prpstin geriet auer sich vor Zorn und verbot ihr schlielich, das
Zimmer berhaupt noch zu betreten.
    Aber manchmal fhlte Ellen sich auch todunglcklich - sie stand jetzt
wirklich ganz allein, selbst Editha wollte nichts mehr von ihr wissen, hatte
sich immer mehr von ihr zurckgezogen und ging nur noch mit einer frheren
Freundin, die Ellen nicht leiden konnte. Sie ballte heimlich die Hnde, wenn sie
die beiden zusammen sah, und ihre Dichtungen wurden immer verzweifelter: drauen
heulte der Sturm, Eulen schrien in finstrer Nacht - alle schliefen, nur sie
allein wachte mit ihrem zerrissenen Herzen, in dem die Leidenschaft wtete und
die verratene Liebe. Manchmal wurden es auch Rebellengesnge: Wie lange soll
ich diese Schmach noch dulden - wie lange diese Ketten tragen noch! oder: Es
kreist mein Blut in wildem schnellem Lauf - und alle Pulse hmmern laut. - Mein
Stolz, mein Selbstgefhl bumt, ach, sich auf. - Zuviel, zuviel habt ihr mir
zugetraut.
    Kurz vor Ostern kam noch die letzte Zeugnisverteilung. Das war immer ein
feierlicher, ffentlicher Akt, dem viele Ehrenpersonen aus der Stadt beiwohnten
und wo die Prpstin eine Rede hielt. Diesmal ging es wie ein Gewitter ber die
fnfzig Kinder hin, von denen manche kaum mehr aufzusehen wagten.
    Whrend ihrer zweiunddreiigjhrigen Amtsfhrung habe sie noch kein Jahr
erlebt wie das letzte, - ein Geist des Aufruhrs ist in unsre Anstalt
eingedrungen, - unlautre Elemente, die wir leider erst zu spt erkannt haben und
die durch Leichtsinn und Gewissenlosigkeit ein schlimmes Beispiel gaben, - und
dann erhob sich ihre Stimme immer lauter und strafender. - Derartige Elemente
mssen schonungslos ausgemerzt werden - es sind Krebsschden, die nur durch
einen raschen Eingriff beseitigt werden knnen. - -
    Ellen sah wohl, wie viele Blicke sich auf sie richteten, wenn auch nicht ihr
Name genannt wurde. Sie wollte die Augen nicht niederschlagen und empfand es
beinah wie einen Triumph: Ja, mit mir seid ihr doch nicht fertig geworden.
    An demselben Abend wurde sie zum Pfarrer gerufen, er sah sie lange ernst an
und sagte dann: Nein, Ellen, vor mir brauchen Sie sich nicht zu frchten, ich
glaube zu wissen, wie es in Ihrem Innern aussieht und da Sie die Absicht haben,
es von nun an anders werden zu lassen. Denken Sie an das Wort: es wird Freude
sein im Himmel ber einen Snder, der Bue tut, vor neunundneunzig Gerechten.
Vor allem lassen Sie den schlimmen Widerspruchsgeist und allen kindischen Trotz
fahren, damit kommt man nicht durch die Welt, Ellen. - Ich habe trotz alledem
gutes Zutrauen zu Ihnen, denn ich wei, da Sie im Grunde nicht schlecht sind.
Sie machen es nur sich selbst und andern schwer. Aber Sie waren eine von meinen
besten Schlerinnen und ich mchte auch, da Sie einer von meinen besten
Menschen werden. Ich will auch selbst mit Ihrer Mutter sprechen, die wohl
einigen Grund hat, ungehalten ber Sie zu sein. - Damit gab er ihr die Hand,
und ihr liefen groe Trnen bers Gesicht.
    Als am nchsten Tage die Mutter kam, war Ellen weich wie Wachs. Und es ging
viel besser ab, als sie gedacht hatte. Mama schien doch nicht ganz mit der
Prpstin einverstanden, sie sprach viel mit dem Pfarrer und war merkwrdig
milde.
    Vor der Beichte vershnten sich die Konfirmandinnen untereinander und
suchten auch die Lehrerinnen auf, um in vollem Frieden mit aller Welt das
Abendmahl zu nehmen. - Ellen schlo sich von diesem Brauch aus: was haben die
mir zu verzeihen, wenn ich mit mir selbst und dem lieben Gott im reinen bin?
Dann muten sie alle einzeln zur Prpstin hereinkommen, man murmelte auch dort
ein paar Worte von Verzeihen und bekam einen Ku auf die Stirn: - du bist mir
eine liebe Schlerin gewesen, gehe hin in Frieden.
    Als Ellen kam, standen sie sich einen Augenblick gegenber, beide in
tdlichem Widerwillen, die alte Dame und das fnfzehnjhrige Kind.
    Hast du mir nichts zu sagen, Ellen Olestjerne?
    Nein.
    Auf die einzelnen Worte, die nun folgten, konnte Ellen sich nachher nicht
mehr recht besinnen. Die Prpstin sprach eine Art Fluch ber sie aus und wies
dann gebieterisch mit ihrem aristokratischen, wohlgepflegten Zeigefinger nach
der Tr.
    Spter gingen die jungen Mdchen auf dem Gang hin und her, meist in ernsten
Gesprchen, einige hatten auch groe Sorge wegen der Kleider fr morgen und wie
sie das Haar tragen sollten. Trotz der Prpstin war Ellen weich und froh
gestimmt, das Wiedersehen mit der Mutter war berstanden und sie hatte Editha
wieder, nach einer langen Unterredung.
    Siehst du, ich mute die letzte Zeit etwas Rcksicht nehmen. Du weit, ich
bin von Kind an hier, die Alte hat sozusagen Mutterstelle an mir vertreten und
ist immer sehr nachsichtig gewesen. Sie verlangte einfach von mir, da ich den
Verkehr mit dir abbrechen sollte. Leicht ist es mir nicht geworden, aber du
tatest ja immer, als ob es dir ganz gleich wre.
    O Gott, nein, das war es nicht. Sie umarmten sich, und Ellen war
berselig.
    Weit du, wir wollen uns oft schreiben. La mich wissen, wie es dir zu
Hause ergeht.
    Ja, und ich hab' noch eine Bitte -, schenk mir doch eine Locke von dir.
    Ellen durfte sich selbst eine abschneiden, sie hatte schon eine ganze
Edithasammlung bis zu weggeworfenen Stahlfedern, heimlich abgeschnittenen
Plaidfransen und alten Schreibheften, aber die Locke kam in ein Medaillon, das
sie immer unter dem Kleid tragen wollte.
    Die Osterglocken luteten, und in weien Kleidern mit langen Schleppen
stiegen die Konfirmandinnen die hohen Steinstufen hinab, durch den dunklen,
feuchtkalten Hausflur in die Kapelle.
    Als Ellen vor dem Pfarrer kniete, war ihr, als ob seine Stimme fr sie einen
ganz besonderen Klang htte, der ihr allein galt, wie eine feierliche
Heimlichkeit zwischen ihnen. - Ihre Seele war voller Ernst und wogte in einem
frohen, morgenfrischen Gefhl. Mit diesem Tage wollte sie ja ein neues Leben
anfangen, es kam ihr jetzt so leicht und hell vor, - wie wenn man nach einem
miglckten, zerfetzten Tag aufwacht und nun alles zurechtbringen will, was
gestern nicht gelang.
    Andern Tags reiste sie mit ihrer Mutter ab. An der Treppe stand die Prpstin
und streckte ihr kalt die Hand zum Ku hin. - Ah - zum letztenmal diese Treppe,
zum letztenmal dies harte, blanke Gesicht mit den tiefgemeielten Augenhhlen,
zum letztenmal dieser Sklavenhandku!
    Und dann das wehmtige Glck, in den Frhlingsabend heimzufahren, heimwrts,
nach Nevershuus, zu den Geschwistern - und mit dem Versprechen, da Editha sie
nicht vergessen wollte.

Marianne Olestjerne war bei ihrem Vater im Zimmer und staubte den mchtigen
alten Schreibtisch ab. Mit bedchtigen, liebevollen Bewegungen stellte sie die
verblaten Familienphotographien in dunkelbraunen oder violetten Samtrahmen
wieder hin und legte vorsichtig die Papiere beiseite. Dann die lange Schale mit
Federhaltern und Bleistiften, jeder kam wieder an seinen Platz. Es war wohl zu
sehen, sie tat das alles mit Liebe und langjhriger Gewohnheit, als ob jedes
Stck Bedeutung und Leben htte.
    Der Freiherr sa am runden Mitteltisch vor dem Sofa und trank seinen
Morgenkaffee aus der groen Kopenhagener Tasse. Diese ganze Frhstunde ging vor
sich wie eine heilige Handlung, die nicht unterbrochen und gestrt werden
durfte. Marianne sah zu ihm hinber, whrend er die Zeitung durchsah und wieder
hinlegte. Der Vater war fr sie der Beste und Geliebteste von allen, das, worum
sich ihr Tag und ihre Arbeit drehte.
    Papa, sagte sie etwas leise.
    Was willst du, mein Kind?
    Papa, heute ist Ellens Geburtstag - willst du nicht wenigstens einen
Augenblick hinbergehen, wenn sie ihre Geschenke bekommt?
    Ein unwilliger Zug ging um seinen Mund, er schob den Sessel weg und ging
durchs Zimmer. Ich warte nur darauf, da sie zu mir kommt.
    Das wagt sie nicht, sagte die Schwester.
    Unsinn, ich habe noch nie bemerkt, da Ellen etwas nicht wagt.
    Du hast es ihr auch nicht leicht gemacht, Papa, seit sie wieder hier ist,
hast du kein Wort mit ihr gesprochen. Das schchtert sie ein und Mama - -
    Ich dachte, das ginge jetzt besser? - Ich habe wahrhaftig die Lust
verloren, mich drum zu kmmern.
    Nein, es geht nicht besser, lieber Vater, ich wei ja selbst, wie schwer es
mit Mama ist. Und Ellen ist noch so jung und hat nicht die berlegung. - Wir
andern haben dich gehabt, und Ellen braucht vielleicht mehr wie alle eine feste
Hand, aber auch Liebe.
    Er ging immer rascher, und Marianne fhlte seine Verstimmung aus jedem
Schritt.
    Ich wei nicht, was sie will und was sie braucht, ich kann dies Kind nicht
begreifen. Wie ist sie denn wiedergekommen - strahlend, da sie nicht mehr so
viel zu lernen braucht und ihre dummen Jungenstreiche mit Detlev fortsetzen
kann. Keine Ahnung, da sie sich schmt, kein Wort, da es ihr auch nur leid
tut, uns das alles angerichtet zu haben. Sie ist doch damals nur fortgekommen,
weil ich sah, da es mit ihr und Mama nicht gehen wollte - um ihr zu helfen.
Aber sie hlt alles, was man fr sie tut, fr Feindseligkeit und Bosheit und
widerstrebt blind und unvernnftig. - Sag du ihr das, sprich einmal mit ihr.
Wenn sie dann von selbst kommt, soll es gut sein.
    Aber Ellen kam nicht. Es ntzt ja doch nichts, war die Antwort auf alle
Vorstellungen der lteren Schwester. - So wurde es ein melancholischer
Geburtstag. Als die andern nach Tisch vor der Gartentr saen, lief Ellen auf
die Koppel hinaus. Was sollte sie da droben? Sie fhlte sich berflssig, im
Wege, ausgeschlossen. So warf sie sich ins Gras und weinte - ja, die Heimat, die
hatte sie nun wieder, aber sonst war alles wie frher, tglicher Kampf und
tgliche Qulerei, nur noch rettungsloser und verfahrener durch die
unglckselige Pensionsgeschichte. Spter kam Marianne mit Detlev, sie fand, da
doch etwas Festliches fr Ellen geschehen mte und wollte mit den beiden ihren
Lieblingsweg nach Olrup gehen - es war ein kleines Dorf drauen am Meer.
    Ellen bewunderte ihre Schwester sehr - die hatte ihre ganze Jugend zu Hause
verlebt und war nie unzufrieden, immer gleichmig in ihrer stillen Heiterkeit.
Sie kamen darauf zu sprechen, auf die Eltern und alles.
    Du mut dir doch auch ziemlich viel gefallen lassen und darfst alles
mgliche nicht, meinte Ellen.
    Aber es liegt mir auch meistens nicht so viel daran. Wenn Papa mir zum
Beispiel verbietet, irgendein Buch zu lesen, so wei ich, da er seinen Grund
dafr hat. Und es bleibt immer noch so viel Schnes, woran man sich freuen kann,
da das gar nicht in Betracht kommt.
    Ja, aber hast du jemals gesehen, da Mama mir etwas aus einem vernnftigen
Grund nicht erlaubt? Sie verbietet nur, um zu verbieten, oder weil sie alles
berflssig findet, was mir Freude macht. Sie sagt, ich wre faul und wollte
nichts tun, aber warum lt sie mich nicht malen? Es ist das einzige, was ich
mir wnsche und was mir Freude macht. Dann wrde ich mit Vergngen den ganzen
Tag arbeiten. Aber sowie sie mich mit einem Skizzenbuch sieht, heit es: la
doch das alte Geschmier, es kommt ja doch nichts dabei heraus.
    Marianne zuckte die Achseln. Mama ist nun einmal dafr, da man nur
ntzliche Sachen tut, sie hat es auch nicht gern, wenn ich viel lese. Ich sage
dir deshalb auch immer wieder, du solltest dich an Papa halten, der kann dir
noch am ehesten helfen. Mir scheint immer, da ihr Jngeren ihn eigentlich gar
nicht kennt.
    Er kmmert sich nicht viel um uns.
    Das wrde er schon tun, wenn ihr nur wolltet. Ich habe dir doch gesagt, er
wartet nur darauf, da du kommst. Das kann ich nicht - ich kann einfach nicht.
Wofr soll ich ihn denn um Verzeihung bitten? Da dies infame Tier von Prpstin
mich nicht leiden konnte? Ich mchte ihr heute noch den Hals umdrehen.
    Ich auch, fuhr Detlev ingrimmig dazwischen; die Prpstin hate er mit.
    Vor ihnen lag das Dorf mit seinen Strohdchern und dem niedrigen, stumpfen
Kirchturm. ber den Heidehgel gingen sie zum Meer hinunter, und Marianne
pflckte Blumen fr Papas Schreibtisch. Dann saen sie am Strand auf den groen
Steinen, whrend die Sonne langsam ins Meer hineinrollte wie eine groe
brennende Kugel. Der Himmel loderte weithin auf, das Meer wurde rot, und die
Heidehgel glhten. Allmhlich losch alles wieder aus und nun wurde es rasch
dunkel, die einzelnen Gestalten auf dem Deich sahen aus wie schwarze
Silhouetten.
    Wenn man das malen knnte, sagte Ellen, berhaupt malen knnen, alles,
was es gibt.
    Detlev lachte: Immer noch Vogelbauer, Ellen! Du bist doch noch geradeso wie
frher.
    Ja, aber ich werde meine jetzigen Vogelbauer doch noch einmal
zusammenkriegen, darauf knnt ihr euch verlassen.
    Sie gingen jetzt rasch den Deich entlang und sprachen von der groen
Sturmflut vor acht Jahren. Es war die lange gerade Strecke, wo damals der Deich
beinah gebrochen und nur einen Meter breit stehengeblieben war. Wie da die
haushohen Wellen herberschlugen und die Menschen, die sich hinauswagten, wie
Papierfetzen herumflogen. - Dann kam das rote Deichwrterhaus mit dem kleinen,
sonnenverbrannten Garten, der Bootschuppen, das Dock, wo alte Schiffe zum
Ausbessern lagen. Dicht beim Hafen begegneten sie vielen Spaziergngern, immer
die gleichen, die jeden Abend hier herausgingen, all die bekannten Gesichter aus
der kleinen Stadt. Das Gren nahm kein Ende, hier und da muten sie auch
stehenbleiben und ein paar Worte sprechen, bis sie endlich in die schmalen
Hafenstraen einbogen, ber den Markt unter dem Rathausbogen durch und
schlielich die dunkle Kastanienallee zum Schlo gingen.

Ein paar Tage spter, als Ellen zur Stadt war, ging die Mutter in ihr Zimmer
hinauf: Ich mu doch einmal sehen, was sie da immer treibt, wenn sie allein
ist, dachte sie. - Ellen hatte vergessen wegzurumen, da standen drei Bilder
von Editha mit Blumen davor, auf dem Tisch lag ein langer, angefangener Brief an
die Freundin, der bittren Weltschmerz atmete und endlose Klagen ber Ellens
elendes Los. Und daneben ein dickes, ledernes Buch mit selbstgeschriebenen
Gedichten, das die Mutter noch nie gesehen hatte. Sie nahm es mit ins
Wohnzimmer, setzte ihre Brille auf und las den ganzen Nachmittag. Als Ellen nach
Hause kam, warf Mama ihr das Buch vor die Fe. Du httest es verdient, da ich
es dir um die Ohren schlage. Was ist das fr ein unerhrtes Zeug? Schmst du
dich denn nicht, so was zusammenzuschmieren? Das hrt jetzt auf, verstanden? -
Und was du da an deine Editha schreibst - du meinst wohl, da dir arges Unrecht
geschieht, wenn du nicht all deinen verrckten Einbildungen folgen sollst. Von
jetzt an lese ich all deine Briefe, verla dich darauf.
    Ellen stand zuerst wie versteinert. Wie konnte Mama sich das herausnehmen,
in ihren tiefsten, innersten Geheimnissen herumwhlen - ja, jetzt schmte sie
sich allerdings - ihr war, als ob man ihr alle Hllen von der Seele gerissen
htte und dann kam eine sinnlose Wut ber sie. - Sie schrie der Mutter alles ins
Gesicht, was an Groll in ihr aufgespeichert war.
    Ich wollte, ich wre Gott wei wo, nur nicht mehr bei euch, in dieser
Hlle. Aber ich la es mir nicht mehr gefallen. Lieber lauf ich fort oder bring
mich um.
    Einen Augenblick war es ganz still im Zimmer - Ellen hatte den Arm erhoben
in drohender Abwehr: Rhr mich nicht an, Mama! Denn die Mutter hatte sie
schlagen wollen.
    Ellen kam wieder fort von zu Hause. Der Vater hatte sie zu sich rufen lassen
und lange mit ihr darber gesprochen. Ihr ganzer Trotz zerflo in Trnen - sie
hatte nie geglaubt, da Papa so gut wre, so vieles verstehen konnte und ihr
helfen wollte.
    So wurde sie denn auf lngere Zeit zu ihrer Tante Helmine Olestjerne
geschickt. Es war eine jngere Schwester des Freiherrn, die fr sich allein in
ihrem eignen Haus und Garten lebte und eine besondere Vorliebe dafr hatte, sich
bedrngter Jugend anzunehmen. Bei ihr konnte Ellen frei heraus mit allen ihren
Beschwerden und unruhigen Wnschen. Schon am ersten Abend, als sie bei Tante
Helmine in dem gemtlichen Wohnzimmer mit altvterischen Mbeln und
Familienbildern sa, erzhlte sie all ihre Erlebnisse zu Hause und in der
Pension.
    Die Tante hrte aufmerksam zu: Ja, mit deiner Mama ist es sehr schwierig -
ich habe sie auch manchmal nicht verstehen knnen. Du bist ja jetzt gro genug,
da man mit dir darber reden kann. Aber bei mir sollst du dich nun einmal
wirklich wohl fhlen und soviel Freiheit haben, wie ich dir mit gutem Gewissen
geben kann. Es ist eine Malerin hier, bei der du Stunden nehmen kannst, wenn du
so groe Lust dazu hast.
    Ob sie Lust hatte! Ellen ri beinahe das Tischtuch mit Lampe und allem
herunter und fiel der Tante um den Hals.
    Und wenn die sagt, da du Talent hast, lassen sie dich vielleicht auch zu
Hause dabei. Dann hast du wenigstens eine Arbeit, die dir Freude macht.
    Ellen bekam ein Zimmer als Atelier eingerichtet und warf sich gleich vom
ersten Tage an mit Heihunger auf die Arbeit, mit ihrer vollen, gesunden
Jugendkraft, die sie bisher fast wie etwas berflssiges gedrckt hatte und
jetzt mit einemmal in ihr aufjauchzte, weil sie ein Ziel bekam und das Ziel, das
ihr glhendster Wunsch war. Am liebsten stand sie die ganzen, langen Sommertage
vor der Staffelei oder streifte mit dem Skizzenbuch drauen herum, statt mit der
Tante auf Besuche zu fahren oder Vergngungen mitzumachen. Ihre Lehrerin betete
sie etwas scheu und aus der Ferne an - eine Knstlerin, die in Paris und Mnchen
gewesen war, ein Wesen aus einer ganz andern Welt, von der Ellen nichts geahnt
hatte und alles mit staunender Glut verschlang, was sie jetzt erfuhr. Sie
schmte sich ihrer bodenlosen Unwissenheit - hatte noch nie ein richtiges Bild
gesehen, nicht einmal gewut, da man nach lebenden Modellen malte, und tat so
dumme Fragen, da Frulein Hunius oft lchelte. Und wie die da herumging
zwischen all den beschrnkten, engherzigen Leuten - nur ihrer Kunst lebte. Nur
der Kunst leben. Ellen fing an zu ahnen, was das sein mte. Wenn die Lehrerin
zur Stunde kam, stand sie bebend hinter ihr und folgte jedem Strich. Und nur
dann, wenn sie ihr Gesicht nicht sehen konnte, wagte sie von sich selbst zu
sprechen - wie sie sich auch so ganz in die Kunst hineinstrzen mchte, nur
dafr dasein und arbeiten bis aufs Blut, trotz aller Hindernisse. Und was fr
Hindernisse standen ihr entgegen - das meinte Frulein Hunius auch, die Ellens
ganze Verwandtschaft kannte. Sie sprach ihr auch von den Enttuschungen, da
Ellen noch so jung sei und sich wie alle Anfangenden groe Illusionen mache, die
wohl meist nach und nach zerschellten. Aber das bedrckte sie nicht weiter, und
sie glaubte nicht daran. Es war eine Zeit, wo sich ihr alles in einen Traum von
immerwhrender Glckseligkeit verwandelte, der ganze Tag war ein ernstes Spiel
mit frohen Krften, und selbst in den warmen Sommernchten wollte keine rechte
Mdigkeit kommen. Manchmal stand Ellen heimlich wieder auf, stieg aus dem
niedrigen Fenster und lief ber den Rasenplatz zum Flu hinunter, der am Garten
vorbeiflo. Da schaukelte sie sich in Tante Helminens kleinem Boot oder tauchte
in das dunkle, raschflieende Wasser hinein, mit stiller Angst, da die Tante
sie gehrt haben knnte.
    Anfang Dezember schrieb die Mutter, Ellen msse nun endlich einmal
wiederkommen. Die Tante lie sie ungern gehen, denn sie hatte groe Freude an
Ellens Flei und konnte ihre rastlose Lebendigkeit gut ertragen. Aber im
nchsten Jahr sollte sie wiederkommen und weiterlernen. Ellen fuhr nach Hause
mit zwei groen Zeichenmappen und voll von Plnen und Zukunftstrumen. Jetzt
strahlte ihr die Welt. Sie wollte gut gegen Mama sein, ihr nachgeben, soweit es
ging, und im Stillen weiterarbeiten, bis sie alle berzeugt hatte, da sie
Malerin werden mte.

Am Weihnachtsabend saen sie alle noch spt beim Punsch im Esaal auf
Nevershuus. Der Freiherr ging, wie er es liebte, whrend des Gesprches mit
groen Schritten auf und ab.
    Das waren eure letzten Weihnachten hier, sagte er pltzlich und blieb am
Tisch stehen.
    Die vier Geschwister saen wie versteinert und sahen ihn an.
    Ja, Papa hat Nevershuus verkauft, sagte nun die Mutter mit Trnen in den
Augen. Zum Frhjahr mssen wir fort.
    Sie schwiegen alle, der Vater stand vor ihnen und reckte sich in die Hhe:
Seid doch froh, wenn wir endlich einmal aus dem Nest herauskommen - von euch
Jungens wird ja doch keiner Landwirt, und wir sind jetzt zu alt, um uns damit zu
plagen, fr nichts und wieder nichts. Marianne war die einzige, die schon darum
gewut hatte, die andern konnten sich immer noch nicht von der jhen
berraschung erholen: daran hatten sie nie gedacht, sich nie vorgestellt, da es
einmal so kommen knnte - Nevershuus ihnen nicht mehr gehren. Und die Eltern
waren in ihren Augen die jungen Leute, denen keine Zeit etwas anhaben konnte -
Papa sich zur Ruhe setzen, das war wie eine Erklrung, da sie nun alt wrden.
Sie mhten sich alle, ihre Bewegung zu unterdrcken, denn Gefhlsuerungen,
besonders im greren Kreise, waren bei den Olestjernes niemals Brauch gewesen.
Es gab nur hier und da einen etwas unsicheren Ton in den Stimmen, whrend sie
ber das groe Ereignis sprachen.
    Wo wollt ihr denn hinziehen? fragte Erik mit seiner gewohnten berlegenen
Ruhe - fr ihn kam es auch nicht so sehr in Betracht, da er demnchst auf die
Universitt sollte.
    Das wissen wir noch nicht, aber jedenfalls in eine grere Stadt.
    Fr uns ist es berall gut, wo wir zusammen sind und euch haben, meinte
Marianne; - aber es war doch unser Nevershuus.
    Ach, ihr solltet euch doch freuen, einmal in andre Umgebung zu kommen,
sagte der Vater wieder. Hier versimpelt ihr auf die Lnge, seht nichts von der
Welt, wit nichts von der Welt. Euer Nevershuus werdet ihr schon mit der Zeit
vergessen.
    Wie kannst du das sagen, Christian! Der Freifrau ging es wie den Kindern,
sie hing mit allen Fasern an dem alten Schlo - vierundzwanzig Jahre - ihre
ganze Ehe - die Kinder, die hier geboren und aufgewachsen - ihr ltester, der
hier gestorben war! Sie begriff doch nicht recht, da ihr Mann sich so leicht
loslste, es wie eine Befreiung empfand, wie einen neuen Lebensanfang, von hier
fortzukommen.
    Marianne sa mit ineinandergelegten Hnden und sah nur ihren Vater an - er
war grauer geworden in den letzten Jahren, die Stirn noch hher und gefurchter,
aber heute schien er ihr so verjngt. Sie wute am besten, wie er sich von jeher
hinausgesehnt aus diesem engumschlossenen Leben, in das die Verhltnisse ihn
gegen seine Neigung hineingezwungen hatten.
    Durch die offne Tr sah man in den Weihnachtssaal, die Lichter waren lngst
heruntergebrannt, das Silber auf den Tannen schimmerte matt im Dunkeln.
    Ihr lacht ja heute gar nicht, sagte der Freiherr auf einmal, was ist denn
in euch gefahren? Sonst mochte es ihm manchmal zu viel werden, wenn seine junge
Schar bei jedem vernnftigen Gesprch, bei jeder ernsten Lektre unweigerlich im
Chor losplatzte, besonders an Festtagen, wenn die Bowle auf dem Tisch stand.
Aber er vermite doch etwas, wenn sie so unnatrlich ernst waren.
    Aber sie saen alle und dachten, da diese Weihnachten nun die letzten in
der alten Heimat wren, da wollte kein Gelchter in Gang kommen.

                                  Zweiter Teil


                                                              L..., 3. Mrz 1888

Vor allem will ich Sie beruhigen, da weder meine Mutter noch Detlev etwas von
unsren Gesprchen gehrt haben - sie schalt nur, da ich zu viel mit Ihnen
getanzt htte. - Herrgott, wenn sie wte, da ich jetzt an Sie schreibe - es
ist bald fnf Uhr, unten auf der Strae rasseln schon Milchwagen, ich liebe
nichts mehr, als so eine Nacht durch aufzubleiben, und heute wre es mir
unmglich gewesen zu schlafen.
    Es kommt mir wie ein Wunder vor, da ich nun wirklich einen Menschen
gefunden habe, dem ich alles sagen kann und der mein Freund sein will. Sie
machen sich ja keinen Begriff davon, wie allein ich war und wie todunglcklich
ich mich von jeher zu Hause gefhlt habe, besonders in diesem letzten Jahr, wo
auch Detlev mir immer fremder wurde. Sie wollten mir das nicht recht glauben,
aber es ist wirklich so: meine Mutter sieht es nicht gerne, wenn ich viel mit
ihm zusammen bin. Sie hat ihm das Versprechen abgenommen, mich keine modernen
Bcher lesen zu lassen und mich mit seinem Verkehr nicht in Berhrung zu
bringen. Nur unter der Bedingung darf ich mit ihm ausgehen, die Eltern sind ja
schon auer sich, da er so in all diese Sachen hineingekommen ist und mit
freidenkenden Menschen verkehrt. Aber Sie knnen sich vorstellen, wie mir dabei
zumut war, wenn er mir von Ihnen und den andern erzhlte, wie von einer Welt,
die mir immer verschlossen bleiben sollte. Dann fand ich eines Tages auf seinem
Schreibtisch Brand und Peer Gynt und nahm es mir herber. Ganze Tage habe
ich darber zugebracht und konnte weder essen noch schlafen, nur immer wieder
lesen, sowie ich allein war. Es kam mir vor, als ob jedes Wort fr mich
geschrieben wre, ich wute mit einemmal, da es keine unmglichen Hirngespinste
waren, mit denen ich kmpfte, - wenn sich alles in mir strubte gegen das Leben,
das man mir aufzwingen will. Frher empfand ich es immer als eine Art Unrecht
gegen meine Eltern, mich so dagegen aufzulehnen und heimliche Sachen zu tun,
aber nun ging es mir pltzlich auf, da jeder ein unveruerliches Recht an sein
Ich und sein eigenes Leben hat. Wissen Sie die Stelle: das Eine darfst du nie
verschenken, - dein Selbst, dein Ich, den heilgen Dom - du darfst's nicht binden
- nicht es lenken - nicht hemmen seines Lebens Strom - Er rauscht dahin und
strmt und schwillt: - bis er im Meer die Sehnsucht stillt.
    Wenn Sie erst mein ganzes, bisheriges Leben kennen, werden Sie begreifen,
was fr einen berwltigenden Eindruck das auf mich machte, als ob pltzlich
etwas Erlsendes durchbrche, wo frher eine dumpfe, undurchdringliche Masse
war. Und dabei mu ich immer wieder an den groen Krummen im Peer Gynt denken,
wie er im Nebel auf ihn losschlgt und nicht durchkann, und der Krumme
antwortet: Geh herum. Aber wo er hinkommt, ist wieder dasselbe da und ruft:
Geh herum! Zuerst hab' ich das alles ganz allein durchlebt, aber es htte mich
einfach erstickt, ich mute mit Detlev davon sprechen. Und da kamen wir uns
wieder so viel nher, er hat mir dann auch die andern Bcher gegeben, und was
waren das fr Stunden, wenn wir zusammen darber sprachen. Er arbeitet abends
immer in meinem Zimmer, und da reden wir oft die ganze Zeit von alledem. Dann
erzhlte er mir auch von Ihnen, und ich versuchte, ihm das Verantwortungsgefhl
auszureden, weil ich Sie so gerne kennenlernen wollte. Als ich Sie ein paarmal
gesehen hatte, wute ich ja gleich, da wir uns verstehen wrden. Und wie Detlev
es dann durchsetzte, da ich zu dem Tanzabend mitdurfte - sehen Sie, da hatte
ich das Gefhl, als ob etwas Entscheidendes kommen mte, jetzt oder nie. Sonst
wre es wieder an mir vorbeigegangen, und ich htte in dem alten Elend
weiterleben mssen. - Und nun ist es wirklich geschehen - als ich hinter Mama
und Detlev nach Hause ging mit Ihrem Brief in der Tasche, dachte ich immer nur:
jetzt kann kommen, was will, das knnen sie mir doch nicht mehr nehmen.
    Da wir uns fter sehen, wird allerdings schwierig sein, ich wei schon gar
nicht, wie ich immer zur Post kommen soll, um Ihre Briefe abzuholen - also wenn
mglich, Mittwoch im Dom, die Tr beim Turm ist ja immer offen.
    Und nun leben Sie wohl - es kommt mir vor, als ob ich Ihnen so viel zu sagen
htte, da es nie ein Ende nimmt.

                                                            8. Mrz, nachmittags

Eben komme ich von unsrer so schmhlich zerrissenen Zusammenkunft im Dom zurck.
Der Schrecken sitzt mir noch in allen Gliedern. Gott im Himmel, wenn mein Vater
uns gesehen htte - ich htte mir auch denken knnen, da er unserm Besuch die
Kirchen zeigen wrde. Und was der Kirchendiener wohl gedacht hat, als wir auf
allen vieren zwischen den Bnken durchliefen. Es war eine gute Idee von Ihnen,
denn sonst htten sie uns sicher gesehen.
    Aber es war doch schn, da wir uns wenigstens so lange in Ruhe unterhalten
konnten.
    Glauben Sie nur nicht, da ich Ihnen unsre huslichen Verhltnisse
bertrieben habe. - Seit wir hier sind, habe ich mit Mhe erreicht, da ich den
ganzen Tag in meinem Zimmer sein kann und nicht mehr nhen mu. Da habe ich mir
mit einer spanischen Wand eine Art Atelier eingerichtet, wo ich male und
modelliere. Aber es ist unmglich, allein weiterzukommen - ich darf weder
Modelle nehmen, noch mir Gipsabgsse ausleihen. Meine Mutter findet, ich soll
dann wenigstens hbsche, brauchbare Sachen - Geschenke, Porzellanteller usw.
machen. Das fllt mir natrlich nicht ein, und so bleibt mir nichts brig, wie
meine alten Stiefel und hnliches zu malen. Davon hab' ich schon eine ganze
Galerie. - Ich wei ganz gut, da meine Mutter mich auf diese Weise zwingen
will, nachzulassen. Aber ich lasse nicht nach.
    Es ist berhaupt ein fortwhrender Krieg. Jedermanns Hand wider jedermann.
    Mit meinem Vater kann ich auch zu keinem Verstndnis mehr kommen, er hat
sich in letzter Zeit mehr um mich gekmmert, aber es ist doch zu spt. Ich kann
mich nicht freundlich mit ihnen stellen, wenn ich sie zugleich fortwhrend
hintergehen mu. Und das wieder mu ich, um zu meinem Lebensrecht zu gelangen.
Ein ehrlicher, offener Kampf wrde mir gar nichts ntzen, sie sperren mich dann
hchstens noch mehr ein.
    Und was das Leben so schn macht, kann nicht schlecht sein. Wo bliebe dann
die Wahrheit? In all dieser verschrobenen Sittlichkeit und Moral ist ja doch
kein Funke davon.
    Ich lese jetzt gerade Die Frau von Bebel und Lassalles Leben. Was ist
das fr ein Kerl, ich bin ganz weg, in den htte ich mich wahnsinnig verliebt.
Seine Flugschriften will ich jetzt auch lesen, Detlev hat sie ja.
    P.S. Die Mutter hat Detlev gestern gefragt, ob er etwa mit zu diesem
abscheulichen Ibsenklub gehrte, wo die Mdchen mit jungen Mnnern ber
unmoralische Sachen sprchen und zusammen Ibsen lsen. - Sie hat in einer
Gesellschaft davon gehrt. Natrlich waren Sven Olafson und die Schwestern
Seebald damit gemeint, aber wer mag den Namen Ibsenklub aufgebracht haben?
    Vielleicht haben wir Detlev jetzt bald so weit, da ich die alle einmal
kennen lerne. brigens hat Mama bei dieser Gelegenheit auch noch gesagt:
Friedrich Merold ist doch der einzige Nette von deinen Freunden.
    - Sie scheinen also doch guten Eindruck gemacht zu haben.

                                                                        20. Mrz

Es ist morgens um fnf Uhr - beim Aufwachen fiel mein erster Blick auf die
Blumen von Ihnen, die noch immer blhen. - Ich stehe jetzt immer so frh auf, um
mehr Zeit fr mich zu haben, und diese stillen Morgenstunden sind das schnste
am ganzen Tag. Frher in Nevershuus lief ich oft so in der Frhe auf die Wiesen
hinaus und manchmal heimlich durch die Stadt zum Strand. Es war so schn, ganz
allein am Meer zu sein, ich habe oft noch Heimweh danach. Aber was htte ich fr
ein Leben gefhrt, wenn wir dort geblieben wren - jetzt scheint doch wenigstens
hier und da ein Lichtstrahl durch die Trspalte. Und das tut auch wirklich not.
Gott, was ist das fr ein Familienleben, mir schaudert, wenn ich gleich zum
Frhstck hinunter mu. Den ganzen Tag gibt es Auseinandersetzungen und Szenen,
wo nur zwei in einem Zimmer beisammen sind. Sagt einer: das ist wei, so schreit
gleich der andere: nein, was fllt dir ein - schwarz ist es. Und alles hat
Nerven, selbst die Hunde sind nervs bei uns und fangen an zu quieken, wenn zu
laut gesprochen wird.
    Aber es ist Zeit, ich mu hinunter, leben Sie wohl, bis wir uns wiedersehen.
                                                                          Ellen.

                                                                        28. Mrz

Wenn wir uns doch bald wiedersehen knnten, ich habe Ihnen so viel zu erzhlen.
Vorgestern nahm Detlev mich nun wirklich mit zu Seebalds, und Olafson war zuerst
auch da. Es wurde ber die Frau vom Meer gesprochen, ber Murgers
Zigeunerleben und ber freie Liebe. Und dann erzhlte Olafson von Paris. Wie
kann er wundervoll reden - wenn er sprach, schwiegen alle still, aber ich
glaube, uns war allen zumut, als ob man laut schreien mte vor Begeisterung
oder weinen oder irgend etwas ganz Verrcktes tun. Was sind das alles fr
Menschen, endlich einmal wirkliche Menschen, ohne Schablone und voll Knstlertum
und Freiheit. Es ist einem, als ob man sein Leben lang taub, blind und stumm in
einer Hhle gesessen htte und nun zum erstenmal sieht, zum erstenmal
menschliche Stimmen hrt, die ins Leben rufen.
    Nachher zeigte Lisa uns ihre Skizzen. Gott, wenn ich denke, da man auch
einmal so hinausknnte. Sie fanden es alle entsetzlich, da ich so eingesperrt
bin, besonders Marga, die ja auch Ihre besondere Freundin ist. Ich bin sehr
angetan von ihr - man sieht, da sie ihren Lebenskampf mit Strke und
Entschlossenheit kmpft.
    Spter gingen wir mit der ganzen Gesellschaft zu Allersens. - Sie haben ganz
recht: das dstere, alte Haus pat wunderbar zu diesen Menschen. Die zwei
Schwestern saen in groen Lehnsthlen und sahen aus wie seltsame schwarze
Blumen. Anita spielte mit einer kleinen Katze - von der anderen wei ich nicht,
wie sie heit, und der Bruder mit dem Christuskopf stand am Fenster. Sie sagten
alle sehr wenig, aber man fhlt, da sie es auch nicht ntig haben, so viele
Worte zu machen wie wir anderen.
    - - das war ein ereignisreicher Tag fr mich, ich finde, das Leben wird
jetzt mit jedem Tag schner und reicher. Und ich bin mitten drin, nun lasse ich
es nicht wieder fahren.

                                                                       14. April

Kaum eine Stunde ist es her, da wir uns trennten - nur die Rose, die im Glas
vor mir steht, sagt mir, da ich nicht getrumt habe - da wir jetzt fr immer
zusammengehren. Friedl, ich htte Dir noch so unendlich viel zu sagen, aber ich
kann nicht. Es ist, als ob die ganze Wirklichkeit um mich versunken wre - ich
wei nur noch unsre Liebe, und da uns nichts mehr trennen kann.

                                                                          Abends

Und dieser Tag ist verschont geblieben von all den Dissonanzen, die mich sonst
qulen und zerreien. Ich war ganz alleine mit den Eltern, und es fiel
ausnahmsweise kein bses Wort zwischen uns. Mein Gott, und wenn sie einmal mit
mir so sind, fhle ich auch wieder, wie ich sie im Grunde doch liebe. Ich war in
einer so weichen Stimmung, da ich ihnen am liebsten um den Hals gefallen wre.
    Gute Nacht, Geliebter, meine ganze Seele ist bei Dir und gehrt Dir. Mein
Fenster steht weit offen, die Luft ist voller Frhling, und in mein Leben ist
zum erstenmal Sonne gekommen.

                                                                       21. April

Hab Dank fr Deinen Brief - wenn Du wtest, wie mich Deine Worte glcklich
machen und auch wieder traurig. Ach, Friedl, da wir jetzt an eine lange
Trennung denken mssen, wo wir uns eben erst gefunden haben - das ist sehr
schwer. - Aber es war schon lange festgesetzt, da ich fr diesen Sommer zu
meinen Verwandten sollte. Lnger wie ein halbes Jahr knnen sie mich hier zu
Hause ja nicht ertragen. Aber sieh, wir knnen ja auch aus der Ferne alles
miteinander teilen - wir mssen um unsrer Liebe willen alles ertragen, und ist
es nicht geradeso schn, da niemand darum wei? - Und ich wei doch nicht, wie
ich nur einen Tag ohne Dich leben soll, und nun erst Wochen und Monate.
    - - Ich mu Dir heute abend noch ein Wort schreiben und Dir immer wieder
sagen, wie glcklich ich bin. Endlich - endlich ist es Frhling geworden, und
ich komme mir wirklich vor wie ein Baum, der Knospen treibt. Ich sehe nun
endlich das Leben vor mir liegen - in Schnheit und Freiheit, nur die letzten
Schranken gilt es noch einzurennen, und sie sollen und mssen fallen. Herrgott,
wir sind ja noch so jung - die paar Jahre, bis ich mndig bin, werde ich wohl
noch aushalten, und dann soll keine Macht der Welt mich zwingen, noch zu
bleiben. Sollte ich etwa mit gebundenen Hnden immer weiter zusehen, wie man mir
mein Leben zertritt, bis die Jugend vorbei ist und alles zu spt?
    Nein, siehst Du, Friedl, ich mu hinaus aus alledem, sonst gehe ich
innerlich zugrunde. - Und denke Dir nur, wie gttlich es werden kann, wenn wir
beide in Mnchen wren - Du studierst und ich male, und wir lieben uns, wie noch
nie zwei Menschen sich geliebt haben. - Ich sitze oft stundenlang da und stelle
mir das alles vor, und es wird immer leuchtender in mir. Aber es macht vor allem
Deine Liebe, und da ich jetzt endlich einmal fhle, was Glck ist - da blht
dann auch alles andre auf. Sag mir immer wieder, jeden Tag, da Du mich lieb
hast -
    Ich ksse Dich tausendmal - -

                                                                       24. April

Warum kamst Du gestern nicht? Du fehltest mir so unter den anderen. Gerade dann,
wenn es lustig und laut ist, kommt mir auf einmal eine solche Sehnsucht nach
Dir. - Wir trafen uns vorm Tor, der ganze Ibsenklub, und zogen in irgendein
Wirtshaus weit drauen an der Landstrae, wo wir zur Feier des Karfreitags Grog
tranken und sehr viel Lrm machten. Auf dem Rckweg kamen wir an der kleinen
Kirche vorbei und hpften im Gnsemarsch oben auf der Mauer entlang, als
pltzlich die Tren aufgingen und die andchtige Gemeinde herausstrmte. Wir
machten, da wir herunterkamen, und tanzten alle angefat um Lisa herum, die
nicht mitgewollt hatte. Die Kirchenbesucher und Vorbergehenden schienen einigen
Ansto daran zu nehmen, und wir wurden verschiedentlich ermahnt weiterzugehen.
Es war zu schade, da Du nicht da warst. - Detlev und ich kamen noch etwas
angesuselt zu Tisch und wurden mit einem Donnerwetter ber unser langes
Ausbleiben empfangen. - Sie sind auch auer sich, weil wir uns weigerten, morgen
mit zur Kommunion zu gehen, den ganzen Abend wurde kein Wort gesprochen - aber
wre es nicht Feigheit, es um des Friedens willen doch zu tun?

                                                                          2. Mai

Das ist nun unwiderruflich der letzte Abend - fr Monate. Eben bin ich noch mit
unsrem alten Nero im Mondschein durch den Garten gegangen - und mir war ganz
wehmtig dabei. Dies Tier ist das einzige Wesen, das hier zu Hause wirklich an
mir hngt und mich vielleicht etwas entbehren wird.
    Nein, es ist nur gut, da ich fortkomme, dieser Zustand reibt mich auf.
Immer liegt es wie ein dunkler Schatten ber meinem Leben, das sonst so froh und
licht sein knnte. Friedl, denke daran, da ich keine Mutter habe, nie gewut,
was Mutterliebe ist - das alles mut Du mir ersetzen, und Du tust es ja schon.
So leb wohl, Du einzig Geliebter, wann werden wir uns nun wiedersehen? Wann wird
wieder eine Blume von Dir vor meinem Bette stehen, wenn ich einschlafe? Du wirst
wohl oft zu meinem leeren Fenster hinaufsehen - es ist mir ein Trost, da Du oft
mit Detlev zusammen bist, den werde ich auch schwer vermissen.
    Leb wohl, ich schreibe Dir so bald wie mglich.

                                                                Balsdorf, 4. Mai

Nun sind wir so weit auseinander, und das Herz tut mir so weh. Ich denke den
ganzen Tag an Dich, an alle die einzelnen Stunden, die wir zusammen waren und an
jene allerschnste auf dem Kirchhof, wo Du mir Deine Liebe sagtest. Immer wieder
zog das alles an mir vorbei. Wie hab' ich mich heute auf diesen Augenblick
gefreut - ich bin allein in meinem Zimmer und Dein Bild steht vor mir - ich seh'
in Deine Augen - drauen ber den dunklen Tannen der Mond, und im Garten
schlagen die Nachtigallen. - Friedl, was sollte wohl aus mir werden, wenn ich
Dich nicht htte.
    Ich habe noch viele bittre Worte gesagt und gehrt in den letzten Tagen zu
Hause, es gab noch einen argen Zusammensto mit meiner Mutter, und wir haben uns
kaum Adieu gesagt. Papa sprach den letzten Morgen mit mir ber meine namenlose
Starrkpfigkeit und versicherte mir, da es mir doch alles nichts helfen wrde.
Das einzige Gute bei diesem Abschied war mit Detlev, wir haben uns eine ganze
Stunde gekt und uns geschworen, fest zusammenzuhalten. Beinahe htte ich ihm
jetzt schon unser Geheimnis verraten.
    Vorhin war ich mit den anderen im Wald. Ich lag im Gras und trumte, whrend
sie sich unterhielten, machte die Augen zu und dachte an unser letztes
Beisammensein: wir standen wieder im Dom bei der groen Orgel - und dann sah ich
Dich rasch fortgehen. Da wurde mir zumut, als ob ich weit fortstrzen mchte in
die Einsamkeit mit allem Sehnen und Denken. Ich mchte Dich noch einmal sehen
und dann mein verfehltes, zertretenes Leben von mir werfen. Ja, Friedl, ich
fhle mich manchmal so entsetzlich zerrissen und heimatlos, da mich alle Kraft
verlassen will. Nirgends bin ich zu Hause, nirgends - am wenigsten da, wo ich es
sein sollte. Kaum ein halbes Jahr kann ich mit ihnen leben, dann mu ich wieder
hinaus unter fremde Menschen, wo ich auch nicht hingehre.
    Wenn sie auch gut gegen mich sind, gerade das tut mir manchmal am meisten
weh und es sind doch berall dieselben Schranken, an denen ich mich wundstoe.
    Und ich fhle doch auch, da niemand so zur Lebensfreude geschaffen ist wie
ich - manchmal erschrecke ich selbst darber, was fr Wildheit in mir steckt und
sich ausrasen mchte.
    Du bist ja der einzige, zu dem ich so sprechen kann. Hab Geduld mit mir, Du
allein, die andern haben sie ja alle nicht, weil ich nicht so sein kann, wie sie
mich haben wollen. Vielleicht, wenn Du mich ganz kenntest, wrdest Du ebenso
denken wie sie. Das ist ein frchterlicher Gedanke; nein, sag mir, da Du immer
an mich glauben willst - immer. Hilf mir, ich will auch alles auf mich nehmen,
wenn Du mich nur lieb hast.

                                                                         10. Mai

Die ruhigen Tage hier haben mich wieder mehr ins Gleichgewicht gebracht - sowie
ich nur die wahnsinnige berreizung von zu Hause berwunden habe, bin ich wieder
ein andrer Mensch. Und Dein geliebter Brief macht mich so froh.
    Ich werde hier frmlich verzogen und habe ziemlich viel Freiheit, kann den
ganzen Tag drauen zeichnen oder rudern.
    Dein Herbstgedicht ist sehr schn - ich mute an die Herbsttage daheim in
Nevershuus denken, wenn ich mit den Hunden auf der Koppel war und im Gehen den
Ossian las. Kennst Du den? Oder in den Sturm hinaussang - ich kann eigentlich
gar nicht singen, nur wenn ich allein bin. Aber ich sehne mich so oft nach
Musik, und sie fehlt mir so. Aber bei uns ist das nun einmal so: was nicht zum
tglichen Brot gehrt, ist berflssig und verwerflich. Und was knnte man alles
aus sich machen, wenn einem nur ein bichen geholfen wrde. Ich mchte alles
knnen und alles wissen und mu fortwhrend meine ganze Kraft aufbieten, um nur
das wenige zu retten, was ich habe - damit mir nicht auch das zerdrckt wird.
    Jetzt lese ich Tristan und Isolde in der alten Sprache, es ist so wunderbar
schn. Meist steige ich damit in einen Baum und schaukle mich in den Zweigen und
denke an Dich.

                                                                         18. Mai

Kennst Du das Gedicht von Ibsen: Sie sa schon frhe - im Lebensmai - in der
Galerie - vor ihrer Staffelei? - Und den Schlu, wie sie immer noch da sitzt
und von leuchtenden Schnheitstagen trumt, als der Lebensmai lngst vorber
ist?
    Vielleicht wird mein Schicksal hnlich fallen. Und wenn Du nach vielen
Jahren heimkommst und Dir Dein Leben aufgebaut hast, gro und schn, findest Du
mich immer noch an meinem Fenster - aber zerstrt - vernichtet und frs Leben
verloren.
    Und das mit dem Jger - ich las heute gerade die beiden wieder - erinnerst
Du Dich - wie er den andern mit magischer Gewalt auf einen Berg hinaufzieht und
dort festhlt. Und von droben sieht er alles vergehen, woran er hing: sein Haus
brennt auf, whrend der Jger von der schnen Beleuchtung spricht. Seine Braut
zieht mit einem fremden Mann zur Kirche - aber er bleibt auf dem Berg, und wie
alles vorbei ist und tot da drunten, ist er stark geworden und gefeit: Mein
Leben im Tale auf ewig tot - Hier oben Gott und ein Morgenrot - dort unten
tappen die andern -.
    Vielleicht fllt es auch so - -

                                                                         1. Juni

Morgens halb vier - eben sind wir vom Ball gekommen durch den schimmernden,
tauigen Sommermorgen. Uns liefen Rehe ber den Weg. Wie kann man da zu Bett
gehen? Ich habe unsinnig getanzt und dachte so viel an Dich, wie wir damals
zusammen tanzten. Ich schicke Dir die Blumen, die ich im Haar hatte. - -

                                                                       Sechs Uhr

Mir wurde vorhin doch etwas mde, da bin ich hinaus und zwei Stunden lang durch
die Wiesen und Felder gerannt, ganz ohne Besinnen ins Blaue hinein mit meinen
Tanzschuhen durchs nasse Gras und ber Grben. Es war wie ein Rausch, ich fhlte
mich so frei, als ob es keine Fesseln mehr gbe. Ach, wenn Du hier wrest, ich
alles mit Dir genieen knnte, mit Dir zusammen in der freien Natur und die
Seele ausruhen lassen. Da mten wir beide froh werden. - Vorhin war mir noch
ganz wirblig vom Tanzen, aber jetzt ist es vorbei. - Siehst Du, so etwas ist
eigentlich nicht gut fr mich, es steigt mir immer so zu Kopf. Ich bin so
entsetzlich wild, Friedl, ich knnte tanzen, bis ich tot umfalle.

                                                                        12. Juni

Friedl, ich habe einen groen Schritt getan - meinem Vater geschrieben, er
sollte mich das Lehrerinnenexamen machen lassen. Ich habe es mir in dieser Zeit
eingehend berlegt. - So lassen sie mich doch nicht fort, und dann kann ich mich
wenigstens auf eigne Fe stellen, wenn es zum Klappen kommt. Und mir das Geld
zum Malen selbst verdienen. Ich habe mir schon alles ausgerechnet, wenn ich erst
mal fr ein Jahr genug habe, gehe ich nach Mnchen, und das Weitere findet sich.
    Es ist nur ein greulicher Gedanke, alles andre liegen zu lassen und sich
wieder hinter die Schulbcher zu setzen. - brigens habe ich Papa gesagt, wenn
er mir dies nicht erlaubte, wrde ich mich weigern, berhaupt wieder nach Hause
zu kommen.
    Du, Schatz, durch Detlev habe ich erfahren, da man mich mglichst viel auf
Blle und solche Sachen schickt, weil Mama hofft, es wrde sich doch mal jemand
zum Heiraten finden. Momentan ist hier das ganze Haus voll von Offizieren zur
Jagd. Ich halte ihnen Reden ber Ibsen und moderne Ideen. Wenn sie morgens in
den Garten kommen, sitze ich im Kirschbaum, und sie mssen bitten, da ich ihnen
Kirschen hinunterwerfe. Die werden sich schwer hten, mich zu heiraten.
berhaupt macht es mir furchtbaren Spa, die Leute vor den Kopf zu stoen,
besonders diese aristokratische Bande.
    Ich bin aus meinem Zimmer ausquartiert und wohne in einer Bodenkammer,
droben ist ein plattes Dach, auf dem ich gestern nacht geschlafen habe, das war
herrlich. In acht Tagen fahre ich nach D... zu Tante Helmine und treffe Detlev
dort. Leb wohl -

                                                D..., 25. Juni, vier Uhr morgens

Liebster Friedl - Detlev wei alles - gestern abend habe ich es ihm gesagt, bis
jetzt haben wir zusammen auf seinem Bett gesessen und gesprochen. Er war so
furchtbar lieb, freut sich so an unserm Glck - und will uns helfen, so viel er
kann. Jetzt hab ich ihn ganz wieder, wie in unsrer Kindheit. Dann hat er mir
auch vieles von sich selbst erzhlt, was ich noch nicht wute - ich kann dir
nicht sagen, wie es mich erschttert hat und auch tief bewegt. Detlev fhlt sich
ja so unglcklich und denkt nur an Maria N., ob sie ihn wohl doch noch lieben
wird. Nicht wahr, wir wollen tun, was wir knnen, um ihn froher zu machen - Du
bist ihm ja ein solcher Halt.

                                                                         3. Juli

Morgen fhrt Detlev nun fort zu Euch - ich mag ihn gar nicht hergeben, was haben
wir hier fr Abende gehabt, wenn die Tante zu Bett ist und wir noch stundenlang
zusammen redeten, von Dir, von ihm und von allem. Auch ber die Kreutzersonate
haben wir viel gesprochen, hab Dank, da Du sie schicktest. Ja, ich kann
begreifen, wie sie Dich erschttert hat, uns ist es ebenso gegangen, gerade
durch all die furchtbaren Wahrheiten. - Mein Gott, so verbinden sie einem die
Augen bei dieser idiotischen Erziehung, und wenn man sie aufmacht, sieht man in
einen Abgrund. Hab auch Dank fr alles, was Du mir gesagt hast, ja, wir
wenigstens wollen in unsrer Liebe nach Reinheit und Wahrheit streben.
    - Gott, Friedl, wenn ich Dich nicht htte und den ganzen Reichtum unsrer
Liebe -

                                                                        Abends -

Heute nachmittag ist mein Vater gekommen, und es gab eine groe Unterredung.
Also: ich trete diesen Herbst ins Seminar ein und mu dann zweiundeinhalb Jahre
drinbleiben - zu Hause. Mir graut doch davor - denk Dir, die ganze Zeit nicht
malen knnen. Vielleicht geht es auch in anderthalb Jahren, wenn ich mich sehr
anstrenge, dann wre ich gerade zwanzig - Gott, und dann - -
    brigens hat er mich auch arg verdonnert - es wre ein letzter Versuch, ich
wrde ja auch dort wahrscheinlich wieder hinausgeworfen werden, wenn ich mich
nicht mehr zusammennhme. - Er wte auch, da ich Detlev aufhetzte und da wir
beide eine Verschwrung im Hause bildeten mit unsern sogenannten freien
Ansichten. Fortlassen wrde er mich nie, wenn ich mich nicht nderte. Ach Du,
mir fehlt doch im Grunde die moralische Kraft, um das alles auszuhalten - ich
glaube, davon hab ich berhaupt nicht viel. Wenn mein Ziel nicht wre.
    Vorlufig bleibe ich noch hier - es ist auch ganz nett, nur diesen Sommer
etwas unruhig; fortwhrend mu man ausfahren, Theater spielen und so weiter.
Frher lie meine Tante mich den ganzen Tag arbeiten, jetzt findet sie, ein
junges Mdchen mu sich vor allem amsieren. Gott ja, ich amsiere mich auch,
aber es bekommt mir innerlich nicht, ich gerate zu leicht in das hinein, was
Detlev meine Tobsucht nennt. Und das ist natrlich auch wieder nicht recht: ein
junges Mdchen mu immer die Grenzen innehalten! - Aber wenn ich einmal anfange,
kann ich das nicht. Ich mchte dann nur losrasen und alles vergessen, bis ich
zusammenklappe, und dann wieder von vorne an und so durch alle Tiefen und Hhen
des Lebens durch, bis es aus ist. Weit Du, was man so inneren Halt nennt, ich
glaube, das fehlt mir gnzlich. Das mut Du mir geben, Du hast so viel davon -
und in Deiner Liebe werde ich es finden.

                                                           Allenberg, 15. August

Nun bin ich schon wieder anderswo, Du siehst, ich suche noch die smtlichen
Gter heim, ehe ich mich ins Seminar begrabe. - Hier bin ich alle Tage schon bei
Sonnenaufgang an der See und bade ganz alleine. Es ist wundervoll, so allein in
das khle, goldene Wasser hineinzuschwimmen, whrend der ganze Himmel rot ist.
    Sonst beschftigen wir uns damit, ein paar strrische Esel zuzureiten ohne
Sattel und Zgel, und abends wird fast immer getanzt. Es ist hier berhaupt ein
ideales, verwhntes Landleben - so ganz leicht wird es mir doch nicht, von
alledem Abschied zu nehmen.
    Aber ich denke daran, da wir uns dann wiedersehen - endlich, nach all den
Monaten. - Und Ostern schon geht ihr beiden von der Schule - und ich bleibe ganz
allein. Deshalb habe ich jetzt auch Eile, zurckzukommen, damit wir wenigstens
dies halbe Jahr voll genieen knnen. Und es soll so schn werden.

                                                                            L...

Deinen Brief, da Du fr die Ferien verreistest, bekam ich erst heute morgen und
fuhr mit sehr gemischten Gefhlen hierher. Detlev ist ja auch noch nicht da, und
ich mit den Eltern allein.
    Vorhin habe ich meine Malsachen eingepackt - mir war dabei, als ob ich
jemand Geliebten in den Sarg legte, aber ich glaube an eine Auferstehung. - Dann
den Schreibtisch ans Fenster gerckt, damit ich Dich immer sehen kann, wenn Du
zu Detlev kommst. - Als ich gerade dabei war, kam meine Mutter und sprach mit
mir ber das Seminar. Ich sollte nur recht fleiig sein, und wir wollten jetzt
in Frieden leben. Das schnitt mir durchs Herz, Friedl, frher hat sie nie so mit
mir gesprochen. Ich glaube, sie hat jetzt Angst, da sie uns doch einmal ganz
verlieren knnte. Mama ist berhaupt ganz anders geworden, sie hat etwas
Milderes, das ich sonst an ihr nicht kenne, und wenn sie nur gut mit mir ist,
habe ich sie doch wieder so lieb. - Aber es ist zu spt - gerade in dem
Augenblick fhlte ich auch, wie sehr ich schon losgelst bin. - Sieh, Friedl,
von Natur ist mir alle Unwahrheit verhat, aber sie haben mich selbst da
hineingetrieben. Du hast ja recht, da gerade wir als Kmpfer fr unsre Ideen
alle Lge verschmhen und unantastbar dastehen sollen. Aber jetzt noch wrde es
dasselbe bedeuten, wie die Waffen aus der Hand geben und verzichten. Selbst der
Weg zur Wahrheit steht uns noch nicht offen. Ach, Friedl, wir werden noch viel
bluten mssen um unsre Freiheit; sagt nicht Lassalle irgendwo, da wir alle
Gladiatoren der neuen Zeit wren?
    Von jetzt an wird mein ganzes Zuhauseleben nur noch Schein und Verstellung
sein, jedes Wort, das ich sage - mein wahres Leben liegt anderswo - mit Euch.
Aber wenn ich so allein bin, ist mir oft, als ob ich diesem Widerspruch erliegen
mte - jeden Schritt zu mir selbst mit Lgen erkaufen. Aber es mu sein und ich
werde die Kraft auch finden. - Und wie lange wird es dauern, bis einmal alles
herauskommt - mir ist, als ob ich auf einer Pulvertonne lebte, die jeden
Augenblick in die Luft fliegen kann.
    Wenn Du nur erst hier wrest - - -

Ellen stand am Fenster und hrte durch Herbstwind und Regen vom nahen Bahnhof
herber die Zge pfeifen. Heute abend sollte Friedl ankommen.
    Es wurde dunkel, sie zndete die Lampe an und wollte den Vorhang
herunterlassen. - Da stand pltzlich jemand drben unter der Laterne und sah
herber. Sie ri das Fenster auf, Sturm und Regen schlugen ihr ins Gesicht. -
Ja, das war er, in seinem weiten Mantel - - - - keiner versuchte ein Wort oder
ein Zeichen, sie mhten sich, mit den Blicken durchs Dunkel zu fhlen, als ob
nur ihre tiefe Sehnsucht die Arme ausbreitete. - So standen sie sich lange stumm
von ferne gegenber.
    Als dann der Bruder ins Zimmer kam, schlo sie gerade das Fenster, die Haare
hingen ihr na in die Stirn.
    War Friedl da? fragte er, dann fielen sie sich in die Arme und konnten
beide eine Zeitlang nicht sprechen. Detlev war der getreue Helfer, unermdlich
trug er die tglichen Briefe hin und her, Blumen, Bcher - holte Ellen von der
Schule ab und brachte sie zu ihren Liebesstunden. Die beiden wollten sich jeden
Tag sehen, bei gutem Wetter wartete Friedl drauen vor der Stadt am Mhlwasser.
Da saen sie in einem morschen alten Boot unter den kahlen Weidenzweigen und
hielten sich umschlungen, als ob der lange Tag zwischen dem letzten Wiedersehen
und dem nchsten in diese kurze Stunde zerflieen mte. Als es Winter wurde,
lagen sie oft alle drei auf der weiten, gefrorenen Wasserflche oder auf dem
Felde im Schnee und sahen in den schimmernden, weien Himmel hinauf. Und war die
Zeit zu kurz und das Wetter arg, so blieben die Kirchen ihre Zuflucht. Detlev
nahm ein Buch mit und las, whrend Friedl und Ellen auf einer alten schwarzen
Sargbahre oder im Kirchengesthl saen und sich kten und die hohen feierlichen
Gewlbe schweigend auf all den Frevel herabsahen. Wenn es vier Uhr war, kam der
Kirchendiener mit seinem groen, rostigen Schlsselbund entlang: Meine
Herrschaften, die Kirche wird jetzt geschlossen.
    Dann muten sie sich trennen. Die Geschwister gingen langsam heim; bis zum
spten Mittagessen saen sie in der Kche beim heimlichen Kaffee, den die Kchin
ihnen immer bereithielt, und abends in Ellens Zimmer mit ihren Schularbeiten.
Sie waren unzertrennlich wie in alten Zeiten und sahen die brige Familie fast
nur bei den Mahlzeiten. Alles, was sie in sich aufnahmen, lasen, dachten, was in
ihnen wuchs und was jeder erlebte, wurde erst voll und ganz, wenn sie es
miteinander teilten. Und was hatten sie nicht alles in sich aufzunehmen in
dieser Zeit!
    Eines Abends kam Detlev mit einem Buch nach Hause. Die Eltern waren aus, und
dann machten die beiden Jngsten es sich in des Vaters Zimmer bequem. Sie holten
sich ihren Tee herber, vor dem Ofen schliefen die Hunde, Ellen lag auf dem
Sofa, Detlev sa neben ihren Fen und las vor - es war Nietzsches
Zarathustra.
    Sie bebten beide - der Himmel tat sich ber ihnen auf in lichter blauer
Ferne - jedes Wort lste einen Aufschrei aus tiefster Seele, band eine dumpfe,
schwere Kette los, sagte etwas, was kein Mensch sagen konnte oder je gesagt
hatte, wonach man im Dunkeln herumgetappt hatte und geglaubt, es nie zu finden.
Das war nicht mehr Verstehen und Begreifen - es war Offenbarung, letzte uerste
Erkenntnis, die mit Posaunen schmetterte - brausend, berauschend, berwltigend.
Und alles andere, der Alltag, das Alltagsleben und - empfinden schrumpfte in
eine de, farblose Masse zusammen, verlor sein Dasein - nur das wahre, heilige,
groe Leben leuchtete, lachte und tanzte. Sie konnten sich nicht mehr
zurckfinden - noch spt in der Nacht sa der Bruder an Ellens Bett und las
immer weiter - wie aus einer andern Welt hrten sie Eltern und Schwester
heimkommen, die Haustr zufallen und alles wieder ruhig werden.
    Und von nun an lasen sie jeden Abend, der Zarathustra wurde ihre Bibel,
die geweihte Quelle, aus der sie immer wieder tranken und die sie wie ein
Heiligtum verehrten. Auch wenn sie mit ihren Freunden zusammen waren, - da gab
es Gesprche, bei denen sie alle fieberten: die alte morsche Welt mit ihrer
Gesellschaft und ihrem Christentum fiel in Trmmer, und die neue Welt, das waren
sie selbst mit ihrer Jugend, ihrer Kraft, mit allem, was sie schaffen und
ausrichten wollten. Es war wie ein grender Frhlingssturm in ihnen, jeder
trumte von einem ungeheuren Lebenswerk, und sie alle htten sich jeden Tag fr
ihr Lebensrecht und ihre berzeugung hinschlachten lassen, wenn es ntig gewesen
wre.
    Aber noch im Laufe dieses Winters schmolz der Ibsenklub immer mehr zusammen,
und das war ein groer Schmerz. Olafson, der Apostel aus dem Norden, der die
neuen Lehren zuerst in die wrdige alte Patrizierstadt gebracht hatte, war
wieder nach Paris. Nach Weihnachten ging auch Marga Seebald ins Ausland, von der
Detlev sagte: Marga ist wie das Meer. Sie war lter wie die brigen und die
Seele der ganzen Gesellschaft mit ihrer greren Reife und Erfahrung. Die
anderen Schwestern verlieen auch bald nacheinander die Stadt, und die
Zurckgebliebenen mochten kaum mehr an dem Hause vorbergehen, das jetzt so leer
und fremd dastand.
    Das Frhjahr rckte heran. Detlev und Friedrich Merold steckten im Examen,
dann war es bestanden, und sie sollten zusammen nach Berlin, um zu studieren.
Die waren nun frei und hatten das Leben vor sich - alle, alle gingen sie hinaus,
nur Ellen mute zurckbleiben, einsam und zhneknirschend ihre Ketten schleppen.
    Sie machten noch einen letzten Abendgang zusammen, sie und Friedl, whrend
die Eltern wieder einmal ausgegangen waren. Detlev blieb diesmal zu Hause.
    In einer Seitenstrae trafen sie sich und gingen durch die Vorstadt hinaus,
verirrten sich in unbekannte Gegenden, stiegen ber Planken und Gitter, quer
ber Hfe und Lagerpltze. Endlich waren sie drauen auf freiem Feld, weit fort
von allen Menschen. Friedl sa am Grabenrand. Ellen lag mit dem Kopf in seinem
Scho und sah in sein Gesicht und in den Mond hinauf.
    Beide waren still und traurig, ihnen war so schwer ums Herz, und die tiefe,
stille Einsamkeit erfllte sie mit Bangen.
    Warum sind wir uns doch so fern bei aller Liebe, kam es pltzlich ber
Ellen, so ganz anders sollten wir zusammengehren, und wenn auch mein Leben
zerbrche, was liegt daran. Sich einmal ganz gehren, und dann sterben und
vergehen.
    Es ging ein Zittern durch ihre Seele und durch ihren Krper, und sie glaubte
es auch in ihm zu fhlen. Vielleicht ahnte er, was sie dachte, denn er sagte
pltzlich: Ellen, la uns gehen, und beugte sich dann zu ihr nieder. Sie
umarmten sich lange, lange. - Es war wohl das letztemal vor seiner Abreise.
Schweigend trennten sie sich vor ihrem Haus. Drinnen sa Detlev bei der Lampe.
    Gott sei Dank, da du da bist, es ist gleich Mitternacht. Ihr seid doch
wahnsinnig unvorsichtig. Ellen antwortete nicht, sie warf sich aufs Bett und
weinte: Wie soll ich es aushalten, wenn ihr fort seid.

                                                                        3. April

Bis zum letzten Augenblick hoffte ich noch, Dich am Bahnhof zu sehen, aber Papa
schickte mich auf halbem Weg zurck, ich wollte nicht erst bitten und ging bei
dem tollen Schneegestber langsam nach Hause, mir war bei jedem Schritt, als ob
ich es nicht mehr ertragen konnte, ich hatte nur den einen wilden Wunsch,
hinzustrzen und Dich noch einmal zu sehen. Dann war ich in Detlevs Zimmer, und
da fhlte ich erst ganz, was ich verloren habe, wie ich auf Schritt und Tritt
nach ihm rufen werde. - Die Hlfte von mir selbst ist fort, er war ja immer
neben mir. Hte ihn mir gut, Friedl, es ist mein Bestes, was Du mitnimmst. Ich
kann mir selbst unsre Liebe ohne ihn nicht denken.
    Aber Du sollst kein Wort der Klage von mir hren - all die gewesenen
glcklichen Stunden kann uns niemand mehr nehmen. Und jetzt bleibt uns die
Arbeit an uns selbst und fr das sptere Leben. Wenn auch jeder seine Schule
alleine durchmachen mu - es ist doch immer im Gedanken an den anderen.
    Leb denn wohl, Geliebtester, ich will Dich und mich nicht weich machen - den
Kopf oben behalten, sonst schlgt es ber mir zusammen. Leb wohl.

                                                                         12. Mai

Du schreibst jetzt so selten - es fehlt Dir doch nichts, oder bummelt ihr viel?
- Wenn ich einmal mittun knnte. Nun seid ihr schon so lange fort, und ich
vergrabe mich ganz in Arbeit. Ich will das Examen doch schon bers Jahr machen,
die Lehrer haben mir selbst dazu geraten, und seitdem ist mir etwas leichter ums
Herz. Ein Jahr - nicht mehr ganz ein Jahr, mein Gott, Friedl, was ist das fr
ein Gedanke. Wenn sie mich nur nicht vorher noch aus dem Seminar hinauswerfen;
es ist meinen Eltern neulich erzhlt worden, da ich schlechte Bcher und
Ansichten verbreitete.
    brigens schwnze ich oft die Stunden und rudere statt dessen auf dem Wasser
hinter der Bendstrae. Einmal bin ich auch heimlich zu Lisa Seebald gefahren, es
sind ja nur zwei Stunden. Sie hat eine entzckende Wohnung und sagte, wenn der
Krach mit zu Hause einmal kme, knnte ich bei ihr wohnen, so lange ich wollte.
    Meine Snden sind berhaupt Legion - ich bin tief gesunken, seit Du und
Detlev mich nicht mehr bewachen. Soll ich Dir auch noch beichten, da ich
neulich mit Elfriede Liemann auf einem Sonntagstanz gewesen bin, wo wir mit
Soldaten und Arbeitern tanzten? Wir standen an der Fhre und bekamen solche
Lust, als wir die Musik hrten. Elfriede und ich sind bereingekommen, wenn alle
Strnge reien, als Kellnerinnen nach Berlin zu gehen, um mit euch
zusammenzusein.
    Schttelst Du nun auch den Kopf und sagst wie mein Vater: Was soll aus dir
werden, wenn du dich nicht zgeln lernst?
    Ja, was soll aus mir werden, das denke ich auch manchmal.
    brigens bin ich viel mit Ernst Allersen zusammen, wir gehen fast jeden
Morgen vor meinen Stunden am Hafen herum. Der Verkehr mit ihm ist mir sehr viel,
und ich brauche jemand, mit dem ich reden kann. Weit Du noch, wie Detlev ihn
immer den zweiten Zarathustra nannte, ich mu oft daran denken. Wir gehen meist
schweigend nebeneinander, oder ich erzhle ihm von meinem Leben, und er rollt
nur die Augen und sagt: Ja, ja.
    - - Wieder ist mein Brief liegen geblieben, aber heute mu ich mich zu Dir
flchten, um wieder zur Besinnung zu kommen. Vorgestern hat sich der junge
Rehmer erschossen, Du hast ihn doch bei uns gesehen - er war erst sechzehn Jahre
alt. - Ich hab' ihn gesehen, da ich gerade mit einer Bestellung hingeschickt
wurde, und den ganzen Tag konnte ich diesen Anblick nicht mehr los werden - das
blasse Gesicht mit dem Tuch um die Stirn.
    Statt zur Schule zu gehen, nahm ich mir ein Boot und war den ganzen
Nachmittag auf dem Wasser - der Himmel war so trbe und bleigrau, und ich konnte
immer nur an den Tod denken und - wenn dieses Kind den Mut hatte, warum kann ich
ihn dann nicht auch finden? Es wre ja das beste, die Erlsung von allem. Jetzt
bin ich am Fenster bei dem schwlen Maiabend und mchte vergehen vor Weh. Du
schriebst mir das letztemal, ich sollte mir vor allem Lebensmut und Freude
bewahren. - Glaubst Du denn, ich habe noch eines von den beiden? Nein, es ist
nur noch eine verzweifelte Zhigkeit, das Letzte durchzuhalten. Und warum mu
das Leben gerade mich so drcken, gerade mir alles nehmen, alles versagen? Es
gibt doch viele, die das nicht so fhlen und ganz zufrieden wren an meiner
Stelle.
    Vorhin kam mein Vater zu mir herein und sagte ganz leise: Ellen, bedenke,
da Tatsachen unwiderruflich sind. Wir sahen uns lange an, dann ging er wieder.
Er mu wohl etwas geahnt haben, was heute in mir vorging, und ahnt auch, da er
mich doch einmal verlieren wird, so oder so - rettungslos.
    Ach, hilf mir, Friedl, mir ist, als ob ich versinken mte.

                                                                      20. August

Seit zwei Monaten haben wir nun nichts voneinander gehrt. Warum schreibst Du
nicht mehr? - Und ich - was sollte ich Dir schreiben, immer das gleiche: Tag fr
Tag dieselbe Tretmhle, dasselbe Elend zu Hause.
    Und wenn Du nicht antwortest, denke ich, da meine Briefe Dich ermden und
langweilen.
    Knnten wir doch noch einmal das vorige Jahr zusammen durchleben, es kommt
mir jetzt vor wie ein Traum voller Frieden, und als ob es schon so lange her
wre. Es stimmt mich auch so traurig, da Du und Detlev immer mehr
auseinanderkommt.
    In den Ferien war ich fort, jetzt wieder mitten in der Arbeit und mache
Morgenspaziergnge mit Allersen. Wann kommt ihr denn? - Leb wohl und auf
Wiedersehen.
                                                                    Deine Ellen.

Kurz vor Friedls Rckkehr, an einem Septembermorgen, ging Ellen mit ihrem
Freunde Allersen im Dom auf und ab. Die Kirche war ganz leer, die Sonne
leuchtete durch die Bogenfenster, und droben spielte jemand auf der Orgel. - Sie
blieben auf demselben Platze stehen, wo sie so oft mit Friedl gestanden hatte -
der Mann neben ihr legte den Arm um sie, sie wollte sich wehren, losmachen, aber
dann sahen sie sich an, und wieder schlug das heie Verlangen in ihnen empor -
sie fhlte seine Ksse brennen - dazwischen rauschten langgezogene Orgeltne
durch den Raum.
    Ellen ging nach Hause - in die Schule, wie alle Tage, aber sie sah nichts
von dem, was um sie herum vorging, glaubte nur immer wieder zu fhlen, wie er
sie kte, und hrte die Orgel wieder brausen. Ihr war, als ob eine Lawine auf
sie zukme, die sie mitreien wollte, und sie wute, es gab keinen Widerstand.
Der Gedanke an Friedl drckte sie wie ein schwerer Stein - gleich war sie
erlegen, das erstemal, wo eine Versuchung an sie herantrat - ein paar Tage, ehe
er zurckkehren sollte - sie, die jahrelang freudig hatte warten wollen.
    Friedl kam - drauen beim Mhlwasser wartete sie auf ihn. Er war in Uniform,
spielte mit seinen weien Handschuhen, war verndert, fremd. Schon die Uniform
kam ihr fast wie ein Verrat an ihren einstigen Idealen vor. Sie machte einen
gezwungenen Scherz darber, keiner wute recht, was er reden sollte.
    Wir haben uns wohl beide verndert, sagte Ellen schlielich.
    Fhlst du das auch, Ellen? Es klang fast bewegt, und sie wute mit
einemmal, da sie nicht lgen und schweigen konnte.
    Friedl, ich mu dir etwas sagen - du hast dich in mir getuscht - -
    Ellen, sagte er sehr ernst, wir haben uns wohl beide getuscht. Es ist
mir eine Erleichterung, da du das auch empfindest. Wir waren tricht, uns
aneinander zu binden, ehe wir das Leben kannten und uns selbst. Eine schne,
wunderbare Zeit ist es gewesen, wie wir beide sie vielleicht nie wieder erleben
werden - aber sinnlos, sie festhalten zu wollen, wenn wir beide fhlen, da sie
vorbei ist.
    Die Fremdheit schwand, sie konnte ihm jetzt alles sagen. Ja, siehst du,
halb und halb hab' ich mir auch das gedacht. Und dann ist ja auch alles gut,
nicht wahr, und wir knnen ohne alle Bitterkeit scheiden. Ich hatte so viel
Sorge um dich, - aber er wird dir ein besserer Halt sein wie ich.
    Sie kten sich noch einmal an der Stelle ihrer einstigen Liebesstunden.
Dann ging Ellen allein hinunter an den Hafen, da klammerte sie sich mit beiden
Armen an einen von den Kaipfosten, sah auf das schimmernde Wasser hinaus, und
die Trnen liefen ihr bers Gesicht. Jetzt hatte sie zum erstenmal erfahren, da
etwas vergehen kann, woran man einst mit ganzer Seele hing. Sie sah ihr erstes
Frhlings-Kinderglck zerbrochen, die Blten verweht und die Morgenfrische hin.
    Und was nun folgte, war kein Frhling mehr. Schwle Sommerwinde strichen
ber sie hin und rttelten wach, was noch in ihrer Seele geschlafen hatte. -
Begehren, Verlangen, alles, was sie bisher nicht verstanden hatte.
    Als der andre erfuhr, da sie jetzt losgelst war, ri er sie an sich, als
wollte er sie zermalmen.
    Jetzt bist du mein.
    Es war eine fortwhrende zehrende Unruhe, bis sie sich wiedersahen, und
waren sie zusammen, so schttelte er sie durch, in verwirrenden, heien
Liebkosungen, die Ellen noch neu waren - brennend s und bengstigend. Friedl
und sie hatten sich nur gekt wie zwei Kinder.
    Aber im letzten Grunde war immer eine leise Enttuschung, etwas wie
Ernchterung mitten im Taumel. - Dieser Mensch, mit seiner hohen Stirn und den
unergrndlichen Augen war ihr als etwas berirdisches erschienen - er sollte nur
in Wolken wandeln - der zweite Zarathustra sein - sollte schweigen, als ob er
keine gewhnlichen Worte reden knnte. So hatte sie ihn frher gesehen - sie
konnte nichts Menschliches an ihm ertragen. Als sie ihn das erstemal essen sah,
war es wie eine zerstrte Illusion, das hatte sie sich nie vorstellen knnen,
da er a, trank, zu Bett ging, wie alle andren Menschen.
    Und dann, da er es seiner Mutter sagte, damit sie sich ungestrt sehen
konnten. Als Frau Allersen von Verlobung sprach und Ellen als Tochter umarmte,
wre sie am liebsten davongelaufen. Das schien ihr alles so sinnlos, so gut
brgerlich und gnzlich unmodern - war nicht das, was sie wollte.

Der erste Schnee fiel. Ellen stand am Fenster und sah die Flocken wirbeln. Von
jeher war ihr das eine so ganz besondere Stimmung gewesen, etwas von
Heimatsehnen und Weihnachten.
    Sie wollte eigentlich an Allersen schreiben, und der Brief lag angefangen.
Aber immer wieder kamen andere Gedanken - in der kurzen Zeit, seit er fort war,
schien ihr alles verndert und am meisten sie selbst. - Er hatte sie die ersten
Schritte gelehrt und sie dann alleine gelassen, - sie sollte auf ihn warten, und
schon fing es an, sie wie eine unertrgliche Fessel zu drcken, da sie an
diesen einen Mann gebunden war. Sie meinte zu ahnen, da sie sich doch niemals
so ganz binden knnte; wie sollte man es wissen, ob nicht immer und immer wieder
ein andrer kam? Denn kaum war er fort gewesen, so hatte sie schon wieder an
einen andern gedacht und dachte jetzt unaufhrlich an ihn. Ellen hatte keine
Ahnung, wer er war - sie begegneten sich eine Zeitlang fast tglich, und dann
sprach er sie eines Abends an. Es war ihr auch ganz gleichgltig zu wissen, wie
er hie, fr sie war er gar kein Mensch mit irgendeinem Namen - er war die
Versuchung selbst - der Versucher in irgendeiner Menschengestalt, der pltzlich
vor ihr auftauchte, wenn sie abends zur Stunde oder ins Theater ging - er sprach
auch nicht laut wie andere - er raunte nur, wich nicht von ihrer Seite und
raunte ihr geheimnisvolle Lockungen zu:
    Komm mit mir, bei mir ist der Rausch, nach dem du verlangst - komm mit mir,
ich will dich alle Geheimnisse und Wunder lehren, die du noch nicht kennst.
    Und dies diabolische Lachen, mit dem er dann wieder im Straengewhl
untertauchte, wenn sie alle ihre Kraft zusammennahm und nein sagte. Tagelang
bebte es in ihr nach, als ob wirbelnde Wogen um sie her brandeten; und wie es
lockte und reizte, da hineinzustrzen, Hals ber Kopf, alles vergessen, ber
sich hinbrausen lassen.
    Ihr ganzes Wesen schlug um, sie arbeitete nicht mehr, dachte nicht mehr mit
tiefem Ernst ber alle mglichen Dinge nach - sie trumte nur noch von einem
Rausch ohne Grenzen und Ende. Und diese Trume lieen sie Tag und Nacht nicht
los.
    Immer wieder sah sie sich in einem rotdurchleuchteten Zimmer, die Wnde, die
Teppiche, alles brannte in Rot - rote Ampeln, rote Glser, in denen der Wein
rote Schaumperlen warf. Alles mute funkeln und leuchten - und ein Ruhebett war
da, mit seidenen Kissen und durchscheinenden Vorhngen. Und er war da - der
Versucher - und sie tranken Wein - immer nher zog er sie an sich - jauchzend
hintaumeln in namenlose Lust, das versengende Feuer lschen in berauschter
Raserei, sich selbst vernichten, sterben, vergehen in Wollust.
    Da half keine Arbeit, und wenn sie sich noch so hartnkkig auf die Bcher
warf - immer wieder tauchte sein Gesicht zwischen den Zeilen vor ihr auf, und
das rote Glhen fing wieder an. Der Kopf sank auf die Bcher nieder, die Augen
zu und trumen, trumen, bis sie verstrt auffuhr und wieder versuchte zu
arbeiten und alles von vorne anfing.
    Hatte er, der Versucher, nicht recht, da er sie auslachte mit ihrer
gewollten Treue und mit ihren Wahrheitsprinzipien? Eine Stunde nur, so redete
er zu ihr, und nachher vergessen, was geschehen war - was niemand wei, ist so
gut wie ungeschehen. - Nein, nein, dann wrde alles aus sein und sie den
einzigen Menschen verlieren, der ihr gehrte. Sie mute an ihm festhalten, sonst
ging es hinab in unabsehbare Tiefen. So schrieb sie an Allersen, erzhlte ihm
alles, jedes Wort, jedes Zusammentreffen. Darber kam es zu blutigen
Auseinandersetzungen, die sie reizten und verstimmten. Dann kehrte Ellen den
Spie um und berzeugte ihn, da er ihr unrecht tte. Der Versuchung ins Auge
sehen und sie berwinden, sei bessere Treue, als ihr aus dem Wege gehen, und sie
wollte sich und ihm nur beweisen, wie stark sie sei. So endigte es damit, da er
sie beinahe um Verzeihung bat, sie fhlte ihre Macht ber ihn und daneben eine
leise Spur von Geringschtzung.
    Dann traf sie den andern wieder, diesmal bei hellem Tag. Sie gingen zusammen
durch stille Seitenstraen, und an einer Ecke blieb er stehen.
    Eine Stunde nur, du ses Weib - nur eine Stunde -
    Gott, ich kann ja nicht - -
    Ihre Augen haben lngst ja gesagt, und wenn Sie schweigen, sagt Ihr Mund
auch ja. - Aber, comme vous voulez - Samstag bin ich den ganzen Nachmittag zu
Hause und erwarte Sie.
    Nachher sa sie an ihrem Schreibtisch vor der Arbeit - ihre Gedanken drehten
sich wie im Wirbel. Sie schrieb einen raschen, abgerissenen Brief an Allersen -
Es hilft doch alles nichts - ich will nicht mehr. Du mut mich lassen, mir
meine Freiheit geben.
    Seine Antwort kam und sprach von Rechten - Verpflichtungen: Ich verlange
von Dir - Als Ellen den Brief gelesen hatte, warf sie ihn in die Schieblade und
ging hinunter. - Schweigend wie immer sa sie mit ihren Eltern am Tisch - die
litten auch alle unter ihr. Das Familienleben war im letzten Jahr immer
trostloser und verbitterter geworden - nur noch ein schweigender Kampf aufs
Messer. Nachher suchte Ellen einen Vorwand, um auszugehen, und dann geradenwegs
zu ihm, der sie erwarten wollte. Sie wute jetzt seinen Namen und seine Wohnung.
    Da stand sie auf dem hellgetnchten Vorplatz und sah auf das weie
Porzellanschild.
    Aber er war nicht da - verreist - Freitag kme er wieder. Langsam ging sie
die Strae hinunter - es losch etwas in ihr aus - der groe Augenblick war
vorbei - verfehlt.
    Statt dessen kam Ernst Allersen selbst am nchsten Tag, es hatte ihm keine
Ruhe gelassen. - Er wohnte im Hotel, um seiner Familie und allen Bekannten
auszuweichen.
    Ellen stand erst kalt und feindselig in der Tr, aber er strzte auf sie zu,
ri sie an sich mit so viel Angst und Liebe, da sie ganz erschttert war,
machte ihr keine Vorwrfe: sie sollte nur sein bleiben, nicht mit ihm spielen.
Und sie wurde weich gestimmt, wie immer, wenn sie Liebe fhlte - es kam etwas
von dem alten Gefhl fr ihn wieder. Sie sagte zu allem ja - er sollte ihr nur
nicht wieder mit Rechten und Verpflichtungen kommen, das reizte sie dann gerade,
das Gegenteil zu tun. Und schlielich war sie wieder im Recht und er hatte sie
gekrnkt.
    Allersen blieb noch einen Tag, und sie kam frhmorgens ins Hotel, statt zur
Schule zu gehen. Er schlief noch, und Ellen setzte sich zu ihm auf das Bett -
sie waren wieder ganz vershnt. Langsam zog er sie immer dichter an sich, lste
ihr die Haare auf - Schritt fr Schritt kamen sie dem Geheimnis nher, das ihnen
beiden noch fremd war. Aber dann schraken sie doch wieder zurck. - Sie htte
lieber alles vergessen wollen, aber wenn sie darber nachdachte, kamen ihr
wieder all die bangen Bedenken - all die unsichere Angst. - - Ein Kind - dann
wre alles fr sie vorbeigewesen, alle Plne, ihre Kunst, die Freiheit, die nun
immer nher kam. - Im letzten Grunde war es ja auch nur das, was sie dem anderen
gegenber zurckhielt - sie wute etwas und wute doch nichts und konnte sich
nicht entschlieen, zu fragen - da lag immer noch ein Rtsel und niemand lste
es ihr.
    Die Examenangst trieb eine Zeitlang alles andere in den Hintergrund. Ellen
sa ganze Nchte lang und lernte. Dies Letzte mute nun noch durchgehalten
werden, und dahinter stand die Freiheit, endlich die Freiheit. Den Sommer ber
wollte sie wie gewhnlich eine Verwandtenreise machen und dann mit Sturm die
Entscheidung herbeifhren. Lie man sie nicht freiwillig gehen, so wrde sie es
erzwingen, Lehrerin werden und Geld verdienen.
    Der husliche Himmel hatte sich wieder etwas aufgehellt, die Eltern waren
aufgeregt ber den Ausgang der bevorstehenden Prfung und aus Sorge um Ellen,
weil sie bla und berarbeitet aussah.
    Dann war es vorbei, und Ellen konnte zuerst kaum begreifen, da sie wirklich
gut durchgekommen war. Aus dem grauen Schulhaus strzte sie in den
Frhlingsabend hinaus und schleuderte ihre Bcher auf die Erde, da die Bltter
flogen. - Zu Hause wurde sie frmlich gefeiert, die Mutter war stolz, da Ellen
eine gute Note hatte, und Papa legte ihr die Hand auf den Kopf und sagte:
    Jetzt hast du mir eine wirkliche Freude gemacht.
    Die Brder waren zu den Osterferien gekommen - so war es einer von den
seltenen ungetrbten Abenden, wo sie alle um Papas Tisch saen mit Wein und
Gelchter.
    Ellen konnte heute mitstimmen, ohne einen bsen Blick von der Mutter zu
bekommen, es schien, als ob man sie jetzt zum erstenmal anerkannte, zum
erstenmal mit ihr zufrieden war.
    Ihr selbst war nicht ganz wohl dabei - die dachten jetzt nicht daran, da es
doch nur ein kurzer Waffenstillstand sein konnte. Wenn sie wten, wie es in
Wirklichkeit um Ellen stand, da sie innerlich schon lange drauen auf hoher See
trieb und wohl nie mehr den Weg zurckfinden wrde -.
    Der Frieden dauerte denn auch nicht lange, in den kurzen Wochen, die sie
noch zu Hause blieb, fing es immer von neuem an zu gewittern. Die Eltern lebten
in bestndigem Mitrauen: wo steckt Ellen nur wieder?, was treibt sie? - wenn
sie den halben Tag verschwunden war, um mit einer Freundin, die am
entgegengesetzten Ende der Stadt wohnte, zu modellieren, oder mit einer anderen
Franzsisch zu treiben. Konnte man denn auf Schritt und Tritt hinter ihr stehen
und ihr das bichen Verkehr mit jungen Mdchen verbieten?
    Und Ellen nahm jetzt alles auf die leichte Achsel und baute nur auf den
Zufall, der sie nun schon jahrelang vor Entdeckung beschtzt hatte. Was lag auch
jetzt noch daran, wenn das Pulverfa explodierte? So fhrte sie ein frmliches
Abenteuerleben; solange Allersen noch Ferien hatte, schlich sie sich frhmorgens
aus dem Hause, um ihn zu treffen, lange, ehe die andern aufstanden, und manchmal
auch abends, wenn man sie im Bett glaubte. Und drunten am Hafen hatten sie eine
stille Bierstube entdeckt, wo sich die Reste des Ibsenklubs und allerhand neu
hinzugekommene Bekannte versammelten, whrend am andern Tisch die
Schiffskapitne Karten spielten.
    Dann war Allersen fort - auf Ellens Sommerfahrt wollten sie sich
wiedertreffen.
    Am letzten Tage, als ihre Koffer schon gepackt standen, begegnete sie dem
Versucher, den sie jetzt auch wieder fters sah. Es war allmhlich eine Art
frivoler Kameradschaft zwischen ihnen geworden, sie gingen zusammen ins Caf,
lachten, spielten eine Zeitlang mit dem Feuer und trennten sich dann wieder.
Ellen lie sich auch heute wieder mitziehen in das Bahnhofsrestaurant, wo
nachmittags die bekanntesten Lebemnner der Stadt saen und durch die
Glasscheiben des runden Erkers die Vorbergehenden kritisierten.
    Das ist nun das letztemal, sagte Ellen.
    Schade, schade, und wie steht's mit der Moral?
    Immer das gleiche.
    Er kam eben vom Reiten, war in hohen Stiefeln und lie die Reitpeitsche auf
dem Tisch tanzen.
    Nein, es ist wirklich schade um den schnen Leichtsinn, denn den haben Sie
doch in sich. Und dann mit dem Trottel da verlobt sein -. Soll ich Ihnen einmal
weissagen - darauf verstehe ich mich einigermaen?
    Ja, bitte.
    Also Sie - Ellen, Freiin von Olestjerne, mit Ihrer guten Erziehung und
Ihrem unglaublichen Lachen -, Sie werden noch eine von den Allerschlimmsten
werden, wenn Ihre Zeit erst einmal gekommen ist.
    Das ist sehr mglich, meinte sie.
    Nun also, warum denn noch dieser Tugendpanzer? Glauben Sie nur nicht, da
er Ihnen gut steht, dazu sitzt er viel zu lose. - Ich mchte doch brigens
wissen, wer Sie die ersten Fltentne gelehrt hat?
    Sie!
    Ach, das ist ja nicht wahr, das sagen alle Frauen. Da wre man immer der
erste. Und was haben Sie denn von mir gelernt? Sie sind ja immer noch ebenso
verlobt.
    Ellen lachte - dann nahmen sie Abschied. Ellen fhlte etwas wie Reue um
schne, nichtbegangene Snde. - Wenn er doch einmal ihre Gedanken erraten htte,
ihr das Rtsel gelst, von dem alles abhing. Aber das Unglck lag darin, da er
sie fr viel raffinierter hielt, wie sie war.
    Aber trotz allem wogte eine selige Stimmung in ihr, als sie die Allee zum
elterlichen Hause hinaufging - zum letztenmal! Jetzt war sie keine Gefangene
mehr, alles lag so wundervoll weit und unsicher vor ihr.
    Die Mutter stand schon an der Gartentr und sah nach Ellen aus.
    Wo bleibst du wieder so lange? Gott sei Dank, das hat nun ein Ende; wenn du
wiederkommst, werden wir eine andere Ordnung einfhren.
    Nach Tisch rief der Vater sie herber.
    Wir lassen dich jetzt zum erstenmal ohne Begleitung reisen, Ellen. Ich
erwarte von dir, da du dich auch danach benimmst - vor allem bitte ich dich,
deine sogenannten Ansichten nicht berall auszuposaunen. - Im Herbst wollen wir
dann einmal weitersehen - vielleicht findet sich bei unseren Bekannten
irgendeine Gelegenheit, deine Ausbildung als Lehrerin zu verwerten.
    Papa, ist es ganz ausgeschlossen, da Ihr mich Malerin werden lat?
    Hast du den Bldsinn immer noch im Kopf? - Dann schlag es dir jetzt ein fr
allemal aus dem Sinn - all diese Emanzipationsgeschichten. Glaubst du, ich werde
dich mit deinem trichten Hang zur Ungebundenheit allein in die Welt
hinausschicken? Aber das sind Sachen, die du nicht verstehst - - Dann nahm er
einen Brief vom Tisch und warf ihn wieder hin: Hast du etwas davon gewut, da
Detlev Schulden hat?
    Nein, aber Ellen fhlte, wie sie rot wurde.
    Und auch nicht von der Duellgeschichte?
    Nein!
    Ellen, ich will die Wahrheit wissen.
    Ich hab' ihm versprochen, nichts davon zu sagen.
    Und nun brach sein Zorn hervor: Immer steckt ihr unter einer Decke, ihr
beiden - gegen uns, gegen alles. - Was wollt ihr damit? - Was setzt ihr euch in
den Kopf? zu fgen habt ihr euch, und ihr werdet euch fgen, solange wir leben.
    Ellen stand hinter ihrem Stuhl und wiegte ihn langsam hin und her, sie
fhlte, wie jedes Wort kalt an ihr herunterlief, und die ganze jahrelange
Erbitterung regte sich in ihr gegen diese zermalmende Strenge. Und der Vater
wurde immer heftiger, ging rasch hin und her und blieb dann vor ihr stehen.
    Ihr habt nichts getan, ihr beiden, wie uns das Leben verbittert, seit
Jahren -
    Sie zitterte innerlich vor seinem Zorn und wollte nichts sagen, aber
pltzlich fuhr es ihr heraus: Ja, weil ihr uns unsere Jugend nehmen wollt.
    Nimm dich in acht, Ellen, schrie er auf und machte einen Schritt auf sie
zu. Ellen rhrte sich nicht, und dann kehrte er rasch um und ging ins Wohnzimmer
hinber.

                                                         Kronsee, den 3. August

Liebe Lisa - dieser Brief gilt Euch allen - und lest ihn mit Andacht, es ist der
erste Schrei aus meiner Gefangenschaft, der ein menschliches Ohr erreicht. Ich
bin ja selbst von Detlev abgeschnitten, kann ihn weder sehen, noch ihm
schreiben. - Und was mgt Ihr gedacht haben, als der berhmte Krach, den wir uns
immer wie mit Freiheitsposaunen vorstellten, so abgelaufen ist - am Ende denkt
Ihr gar, ich habe mich gefgt. Aber ich schwre Euch bei allen unsern Gttern:
Ellen Olestjerne wird sich niemals fgen.
    Das war eine Zeit, Lisa, diese letzten acht Wochen und jetzt immer noch!
Zhneknirschen und Wutschumen sind nur schwache Worte fr das, was ich von
Morgen bis Abend empfinde.
    Aber nun alles der Reihe nach: zuerst kam die Reise nach meiner alten
Heimat. - Sie wissen, ich war bei Bekannten in Halmby, unsrer kleinen Seestadt
bei Nevershuus. Es war so schn, alles wiederzusehen, ganze Sommertage am
Strande zu liegen, die alten Wege zu gehen und ganz eigner Herr zu sein, denn
dort kmmerte sich niemand darum, was ich tat. Ich habe wirklich einmal nur so
hinausgeschrien vor Lebensfreude nach all den bedrckten Jahren. - Nachher
besuchte ich dann noch verschiedene Verwandte weiter nach Norden - da Allersen
berall mit war, haben Sie wohl durch Detlev gehrt. - Es war wie in einem
Lustspiel, dies fortwhrende Trennen und Wiederfinden. Und denken Sie nur, wenn
an diesen entlegenen Orten ein Fremder mit schwarzem Bart und unheimlichem
Aussehen auftaucht, von dem niemand wei, wer er ist und was er da will, und wie
wir uns dann immer heimlich trafen, meist in aller Morgenfrhe in irgendeinem
obskuren Hotel. - Zuletzt unterschlug ich mit vieler List noch ein paar Tage,
wir fuhren im Dampfschiff die Kste entlang und blieben, wo es uns gerade gefiel
in den Fischerdrfern.
    Dann kam ich hierher nach Kronsee, alles war gut gegangen - und drei Tage
spter telegraphiert Papa an meinen Onkel, er mchte sofort zu ihm kommen und
der Krach war da. Ich hatte zu Hause in einem Lexikon den letzten Brief von
Allersen liegen lassen und meine Mutter hatte ihn zufllig gefunden. Daraufhin
brachen sie meinen Schreibtisch auf - Sie knnen sich ungefhr einen Begriff
davon machen, was alles zu Tage kam - mein ganzer Briefwechsel mit Friedl Merold
- mit Allersen, Detlev, den Ibsenklubleuten und noch allerhand kleine Torheiten
vom letzten Winter - der arme Allersen war ja nur ein verschwindender Faktor in
dem ganzen Sndenpfuhl. Als mein Onkel zurckkam - mit mir selbst wollten meine
Eltern nicht mehr unterhandeln - all diese Unterredungen, Ausfragen - ich habe
getobt, Lisa, bis ich endlich so klug geworden bin, alles schweigend ber mich
ergehen zu lassen. Denn mir sind einfach die Hnde gebunden - man lt mich
nicht aus den Augen, gibt mir kein Geld in die Hand, fngt jeden Brief auf.
Auerdem behaupten sie, solange ich nicht mndig bin, knnten sie mich jederzeit
zwingen zurckzukommen. Das mu ich erst alles ganz genau wissen. Ich will Ihnen
keine Einzelheiten erzhlen, Lisa, sonst gerate ich wieder in solche Wut, da
ich alles entzweischlage, und sie sind imstande, mich dann fr tobschtig zu
erklren. Es war schon einmal die Rede von unter Kuratel stellen. - Mir ist
schon so zumut, als ob man mich in ein Tollhaus gesteckt htte, um mich verrckt
zu machen, ich schiele nach jeder Tr, um zu entkommen, aber jedesmal steht ein
Wchter dahinter.
    So habe ich mich einstweilen zum Schein ergeben - man hat beschlossen, mich
in ein Pfarrhaus zu geben, wo ich Moral und Haushalt lernen soll - und ich habe
freudig ja gesagt. Zweitens ist Allersen und mir ein wchentlicher Briefwechsel
gestattet, und wenn wir uns sieben Jahre lang - nmlich bis er eine Stellung
annehmen kann - musterhaft fhren, drfen wir sogar heiraten. Er hat sich
schriftlich verpflichten mssen, ohne Einwilligung der Familie keinen Schritt in
bezug auf mich zu unternehmen.
    Natrlich wollen sie mir auf diese Weise nur die Waffen aus der Hand winden
- ach, Lisa, als ob ich daran dchte, ihn zu heiraten, mir geht es ja nur um
meine Freiheit und ums Malen, aber ich hte mich wohl, das durchscheinen zu
lassen. - Ich warte nur auf den Moment, wo sich eine Trspalte auftut - es kommt
mir ja schon vor, wie ein erstes Aufleuchten, da ich einen Brief an Euch
fortschicken kann. Mein Onkel ist heute zur Stadt gefahren, und wenn die Tante
schlft, will ich versuchen, nach der Station zu rennen und ihn einzustecken.
Noch ist nicht einmal sicher, ob es gelingt. Mein Gott, wenn ich doch jetzt
soviel Geld htte, um zu Euch zu fahren oder meinetwegen auch zu Fu
hinzulaufen. Aber dann wrden sie mich ja doch erwischen.
    Kinder, denkt an mich - ich habe vielleicht noch schlimmere Zeiten vor mir.
So lebt wohl und verget mich nicht - schreibt mir nicht, ich wrde es doch
nicht bekommen.
                                                                          Ellen.

                                                              Pfarrhaus Steensby

- - Da bin ich nun als rudiges Schaf mitten unter der Schar seiner Glubigen -
in einem friedlichen Landpastorat - wasche Zimmer auf, putze Lampen und stehe am
Herd - frhmorgens, wenn die Hhne krhen.
    Seit dem ersten Oktober bin ich hier - wurde wie ein sibirischer Strfling
hergebracht - man lie mich keine Wagenstrecke allein fahren. - Vorher in
Kronsee mute ich noch eine Art Kontrakt unterschreiben, da ich keine
heimlichen Briefe abschicken, nie allein zur Stadt gehen und mich in die
Hausordnung fgen wollte. Es ist nur gut, da ich im Seminar von der reservatio
mentalis gelernt habe. Am ersten Abend habe ich mir gleich das Haus darauf
angesehen, wie man von hier ausreien knnte - Tren, Fenster, alles. Ich war
eigentlich auf lauter neue Qulereien gefat: Verhre, Bupredigten, berwachung
- aber nichts von alledem. Es sind sympathische Menschen, die mir nun mit Takt
und Freundlichkeit entgegenkommen, - was ich im Gegensatz zu meiner Familie
doppelt wohltuend empfinde. Ich mag sie alle gerne und es ist eine einfache,
heitre Atmosphre, in der ich mich wohlfhle. Ja, Lisa, es luft der Hase
manchmal wunderlich - da ich mich in einem Pfarrhaus zum erstenmal wohlfhlen
wrde, htte wohl zur Zeit unsrer Ansichten niemand gedacht. Mit letzteren lt
man mich ganz in Ruhe, und ich mache stillschweigend Kirchgnge und Andachten
mit. Ebenso fragt man nicht danach, was ich in meiner freien Zeit anfange und
was fr Briefe ich bekomme. Ihr knnt mir also ruhig hierherschreiben, und wie
lechze ich nach einem Wort von Euch. - Kinder, wie habe ich diesen Sommer oft
nach einem Briefkasten ausgespht, - hier kann ich meine Briefe ungestrt nach
der Stadt bringen.
    Alles in allem, Lisa, ich dehne mich in einem langentbehrten Gefhl von
Frieden nach - und vor dem Sturm. Denn der schlft ja nur. - Bis zum Frhjahr
bleibe ich hier, dann schreibe ich noch einmal heim, ob sie mich freiwillig
gehen lassen. Dann haben sie die Wahl, ob sie mich zum uersten zwingen wollen.
Es wird mir ja auch nicht leicht, mich fr immer von ihnen loszureien, und ich
wei, da ich ihnen den Rest ihres Lebens zerstre. - Ich habe doch manchmal
Heimweh nach allen - seit ich von zu Hause fortreiste, habe ich keinen von ihnen
mehr gesehen, die andern Geschwister haben sich ja auch gegen mich gestellt -
nur Detlev nicht.
    Aber es ist besser, nicht daran zu denken. -

                                                                        24. Mrz

Lisa, nun ist es entschieden. Papa hat auf meinen Brief hin eine Zusammenkunft
mit dem Pastor gehabt. Als der zurckkam, war seine gute Meinung ber mich
bedenklich erschttert. Mein Vater hat ihm alles erzhlt, auch von der Reise mit
Allersen, und er war ganz entsetzt. Beinahe drei Stunden hat er auf mich
eingeredet, er von seinem Schreibtisch und ich daneben auf dem Stuhl, wo schon
so manche arme gnadenbedrftige Seele gesessen hat.
    Er she mich ins Verderben rennen, wenn ich von diesem Menschen nicht lassen
wollte, denn die Snde ist der Leute Verderben und unser Verhltnis ein sndiges
und beflecktes. - Meine Eltern wrden es nie zugeben, da ich mich selbstndig
machte - aber er, der Pastor, schlge mir vor, in seinem Hause zu bleiben. Da
sollte ich meine volle Freiheit haben, malen, alles, was ich wollte, und
zugleich mich von ihm zu Gott fhren lassen, bei dem allein die Wahrheit ist. Er
wte wohl, da viel Gutes in mir steckte (das finden die Pastoren immer bei
mir). - Aber alles das nur unter einer Bedingung - von Allersen mich lossagen,
weil der mich rettungslos herabzieht. Wenn ich das nicht tte, knnte ich auch
hier nicht bleiben und mte zu meinen Verwandten zurck. Denn er wolle sich
nicht mit mir im Sumpf wlzen - -.
    Mir wurde ganz wirblig dabei - ich sah zuletzt nichts mehr wie seinen Kopf,
der mir immer grer zu werden schien, und die Augen, die mich unaufhrlich
ansahen. Jetzt kann ich mir einen Begriff machen, wie die armen Seelen
hypnotisiert werden und wie man in solchen Momenten nachgibt, einfach, weil man
schwindlig wird. - Schlielich fing ich aus lauter Nervositt an zu weinen, und
das hielt er wohl fr ein Zeichen, da die Gnade nun bei mir durchbrche - das
tut sie nmlich, wenn der Snder ganz zermalmt und zerknirscht ist.
    Dabei tat es mir auch beinahe weh, er ist trotz aller Verranntheit einer von
den wenigen, die es gut mit mir meinen, und als Menschen habe ich ihn sehr gern.
    Ich habe mir vierzehn Tage Bedenkzeit ausgebeten, aber die Wrfel sind
geworfen. Lisa, es bebt in mir bei dem Gedanken, nun so bald frei zu sein. Ich
mchte in einemfort schreien, und meine Hnde zittern bei allem, was ich tue.
Jetzt komme ich, Lisa, ich komme - ich komme, und dann soll geschehen, was will.
    Ich mu mir selbst etwas Vernunft einreden, - - also: am Ostermorgen brenne
ich durch - um halb neun gehen sie alle in die Kirche, da ich sonntags manchmal
ausschlafe, fllt es nicht auf, wenn ich vorher nicht erscheine. - Der
Hauslehrer hat mir einen Koffer und das Geld zur Reise geliehen, ich habe ihn in
alles eingeweiht. - Sollte mich jemand sehen, so sage ich, es wre ein
Aprilscherz - Sonntag ist gerade der erste.
    Nur noch acht Tage - es ist mir doch auch wieder wehmtig. Ich erzhlte
Ihnen von der Kranken, die wir im Hause haben - um die wird es mir ganz schwer.
Ich bin so viel bei ihr, manchmal auch nachts, wir haben uns sehr gerne und
hatten viele schne stille Stunden. Jetzt ist sie wohl dem Ende sehr nahe, ich
sitze frhmorgens bei ihr am Fenster, wenn die Vgel drauen zwitschern, und
denke daran, da ich nun bald in die Freiheit gehe, whrend hier ein Mensch mit
dem Tode ringt. Dann bilde ich mir ein, sie knnte mich entbehren, und mchte
lieber, sie strbe noch vorher. Es ist eigentlich schrecklich, Lisa, da man
berall wieder so mit seinem Herzen festhngt. Aber jetzt leben Sie wohl, ich
telegraphiere Ihnen noch, wann ich komme. Und lassen Sie es Detlev dann wissen.
                                                                     Ihre Ellen.

Es war die Nacht auf den ersten April, Ellen lag halb angezogen auf dem Bett und
daneben brannte die Kerze. Jede Stunde hrte sie schlagen, dazwischen schlief
sie halb ein und fuhr erschrocken wieder in die Hhe - Mitternacht - eins - halb
zwei - Sie kmpfte mit der Versuchung, sich in die Kissen hineinzuwhlen und
fest zu schlafen - morgen war ja auch noch ein Tag, warum sollte es durchaus
gerade heute sein? Nachtdunkel und Mdigkeit nahmen ihr den Mut: wenn nun alles
fehlschlug, sie eingeholt, festgehalten und mit Gewalt zurckgeschleppt wurde?
    Wieder schlief sie eine halbe Stunde und richtete sich erschrocken wieder
auf, die Lider wurden immer schwerer - ihre Kerze war halb heruntergebrannt -
halb drei Uhr. Wie ein wahnsinniger, undurchfhrbarer Entschlu kam es ihr
pltzlich vor, aufzustehen und fortzulaufen - es war kalt und dunkel, sie dachte
an ihre Eltern, ihr schien, als ob die ganze Welt da drauen so sein mte, wie
diese finstere Nacht, und da sollte sie nun allein ihren Weg suchen. - Ah - nur
noch etwas schlafen, da schlug die Uhr wieder -, nein, nein, wenn sie sich nicht
aufraffte, war es zu spt - jetzt oder nie. So ri sie sich mit Gewalt empor und
kleidete sich an - das kalte Wasser verscheuchte den Schlaf und all die
zgernden Gedanken. Drauen ber den Bumen schien der Mond, und durch die
Zweige fuhr ein rascher Morgenwind. Frhling, dachte sie, und drauen wartet das
Leben. Am Tisch vor dem Fenster schrieb sie rasch ein paar Zeilen an den
Pfarrer, und bei jedem Wort durchrieselte es sie wie ein Schluck starker Wein.
Wie oft hatte sie von dem Augenblick getrumt, wo sie solche Worte sagen konnte:
Ich gehe jetzt. Ihr seid die Besiegten. Macht, was ihr wollt, ich gehe.
    Dann machte sie das Fenster auf und lie ihren Koffer an einem Strick
herunter. Mit Schrecken fhlte sie, wie schwer er war, ein paarmal wre ihr fast
der Strick aus der Hand geglitten, und der Koffer schlug gegen die Hauswand.
Gerade unter ihr lag das Krankenzimmer, wo jetzt eine Pflegerin bei der langsam
Sterbenden wachte. Gott im Himmel, da schlug er wieder an. Wenn nun pltzlich da
unten jemand das Fenster aufmachte und fragte -. Und nun konnte sie ihre Schuhe
nicht finden. - Alles war wie verhext heute morgen. Natrlich lagen sie unten in
der Kche zum Putzen, sie war ja gestern in Hausschuhen heraufgekommen. Sie
blies das Licht aus, schlo die Tr hinter sich zu und warf den Schlssel in
eine Ecke - ihr Zimmer lag oben auf dem Speicher. Dann tappte sie die Treppe
hinunter, die Stufen knarrten wie noch nie. Und jetzt in der dunklen Kche aus
dem Haufen von Stiefeln die ihren heraussuchen. Der groe Haushund lag auf dem
Flur, er erkannte sie nicht gleich und fing an zu knurren, dann wedelte er und
wollte mit, als Ellen zum Kchenfenster hinaussprang. Sie fate ihn am Halsband
und schob ihn zurck, horchte noch einmal, ob alles still wre, dann schlich sie
leise um das Haus und band den Koffer los. Im Krankenzimmer war Licht, und man
hrte gedmpfte Stimmen.
    Auf dem Kirchhof blieb Ellen stehen und sah auf das stille, weie Haus
zurck, und dann strebte sie so rasch wie mglich ber die Felder der Stadt zu.
Hier und da setzte sie sich auf den Koffer und ruhte aus, er war entsetzlich
schwer. Im Notfall la ich ihn im Stich, dachte sie, aber es war alles darin,
was sie besa - Briefe und Bcher, die sie nicht preisgeben wollte. Endlich
kamen die ersten Huser der Stadt, und dort drunten lag der Bahnhof. Es war
hchste Zeit - Ellen warf ihre Last mit einem heftigen Ruck auf die Schulter und
fing an, Trab zu laufen, ihre Schritte hallten laut durch die stillen Straen,
und dicke Tropfen rannen ihr von der Stirn. Im letzten Moment kam sie an, konnte
gerade noch das Gepck hineinwerfen und nachspringen, ehe der Zug sich in
Bewegung setzte.
    ber dem weiten Flachland wurde es immer heller. Ellen war allein im Kupee
und sang laut in den Morgen hinein. Sie konnte nicht stillsitzen und nicht
stillschweigen, ihr war, als ob sie sonst zerspringen mte: frei bin ich, frei
bin ich, frei - frei! An dem Wort berauschte sie sich, taumelte fast, lief hin
und her, von einem Fenster zum andern und sang wieder hinaus: frei bin ich, frei
- setzte sich einen Augenblick hin und lachte, da ihr die Trnen kamen.
    Als der Schaffner kam, hielt sie ihm ihr Billett hin, als wre es ein
Knigreich - und fr sie war es auch eines. - Gott, wenn er nur etwas sagte, der
erste Mensch, der ihr heute begegnete - er mute etwas sagen, sich mit ihr
freuen, ihr Glck wnschen. Sie gab ihm alles Kleingeld, das sie noch in der
Tasche hatte, und nun grinste er endlich, und Ellen lachte.
    Na, Sie sind aber vergngt am frhen Morgen, Frulein.
    Ellen warf sich in die Ecke und lachte - lachte. Es war klar, da der Mann
sie fr verrckt hielt.
    Bei der nchsten Station tat sie eine schwarze Brille und einen dichten
Schleier an, es ging ja mitten durch das Land der zahllosen Verwandten, berall
konnte sie bekannte Gesichter treffen. Und dann wute sie nicht, wie ihre
Fassung behaupten, als andre Leute einstiegen mit einem Kind, das sich vor ihr
frchtete und zu schreien begann - und der Schaffner wieder hereinkam und sie
immer verdutzter ansah.
    Nicht einmal Lisa und Detlev erkannten sie, als Ellen ber den Perron auf
sie zustrzte. Der Bruder war heimlich gekommen, um diesen Tag mitzuerleben, sie
flogen sich in die Arme und lachten bis zu Trnen. Durch das strmische
Frhlingswetter gingen sie alle drei zu Lisas Wohnung. Es war wie der Wahrheit
gewordene Traum all ihrer Jugendjahre, da Ellen jetzt ihre Ketten gebrochen
hatte, und tagelang war mit den beiden Geschwistern kein vernnftiges Wort zu
reden. Sie sprangen ber Tische und Sthle, erfllten das ganze Haus mit Lrm
und Lachen, gingen Arm in Arm durch die Stadt, verkauften Ellens Schmucksachen,
um Rheinwein zu trinken, und kamen abends singend nach Hause, um das frhliche
Gelage fortzusetzen.
    Jetzt wollen wir doch endlich ein ernstes Wort ber Ellens Zukunft reden,
sagte dann Detlev, whrend er die mitgebrachten Flaschen auf den Tisch stellte -
und gleich darauf klangen die Glser und sie lachten. Selbst die Freundin
schttelte manchmal den Kopf - sie hatte ein warmes Interesse fr diese beiden
jungen Menschen und ihr Schicksal lag ihr sehr am Herzen. Aber was sollte wohl
einmal aus ihnen werden, besonders aus Ellen, wenn das Leben sie hart anfate?
    Dazwischen erwarteten sie jeden Augenblick, da pltzlich irgendein
Abgesandter der Familie erscheinen, Ellen zurckfordern und gewaltige Szenen und
Strme mit sich bringen wrde. Aber es geschah nichts von alledem, es kam nur
ein kurzer Brief von Ellens Vater an ihre Freundin; er she jetzt, da er seine
Tochter nicht mehr zurckhalten knnte, sich ins Verderben zu strzen.
    Als der Bruder fort war, kam Ellen wieder etwas mehr zur Besinnung und fing
an, Stellung zu suchen - fuhr hierhin und dorthin, meldete sich auf alle
Annoncen oder bei Schulvorsteherinnen und Schulrten. Aber es vergingen Wochen,
ohne da sich irgendeine Aussicht bot. Ellen machte keinen vertrauenerweckenden
Eindruck mit ihrem adligen Namen und ihren etwas abgetragenen Kleidern: einmal
fand man, sie she viel zu jung aus, ein andermal erkundigte man sich nach ihren
Familienverhltnissen. Endlich kam Antwort auf eine Annonce, in der sie sich als
Reisebegleitung oder Gesellschafterin angeboten hatte: sie sollte ihre
Photographie einschicken und mitteilen, ber welche Sprachen und Kenntnisse sie
verfgte. Der Brief kam aus Straburg und war mit Louis Michel unterzeichnet.
In einem zweiten Schreiben wurde sie aufgefordert, zu einer persnlichen
Vorstellung nach Kln zu kommen.
    Lisa und Ellen ergingen sich in Vermutungen - vielleicht war es ein
krnklicher, lterer Herr oder ein Witwer mit Kindern.
    Am Abend vor der Abreise war Ellen allein zu Hause, und es kam ein Bekannter
von Lisa - Doktor Laurenz. Sie hatte ihn whrend dieser Wochen oft gesehen, denn
er wute von ihrer Lage und nahm franzsische Stunden bei ihr. Als sie mit ihren
Bchern auf dem Balkon saen, erzhlte Ellen ihm, da sie jetzt Aussicht auf
eine Stellung habe und morgen nach Kln fahren werde.
    Doktor Laurenz war ein hochgewachsener Mann mit raschen, jugendlichen
Bewegungen und klugen, blauen Augen, die etwas Forschendes im Blick hatten, und
Ellen fhlte etwas wie Respekt vor ihm, weil er so berlegen lcheln konnte.
    Ich finde das ziemlich bedenklich fr Sie, meinte er, so aufs Geratewohl
hinzufahren.
    Aber das ist ja gerade schn - ich habe keine Ahnung, was fr Leute das
sein mgen und wozu sie mich engagieren wollen - am Ende werde ich noch
Kindermdchen. Und was sagt Herr Allersen dazu?
    Den habe ich gar nicht gefragt, nur geschrieben, da ich nach Kln fahre.
    Ihm kam das Verhltnis berhaupt etwas merkwrdig vor, es schien sie immer
zu bedrcken, wenn sie davon sprach. Es wurde dunkel, und das Mdchen kam mit
der Lampe - Doktor Laurenz nahm den Klemmer herunter und sah Ellen an.
    Ich glaube, Sie lassen sich berhaupt nicht gern dreinreden - aber wollen
Sie mich nicht ein wenig als lteren Bruder betrachten, der hier und da raten
darf? - Nehmen Sie wenigstens einen Revolver mit auf die Reise.
    Ellen versprach es und lachte ber seine Bedenklichkeit. Am nchsten Morgen
kam er an die Bahn und brachte ihr Rosen.
    Haben Sie den Revolver?
    Ja.
    Lisa fand es auch etwas bertrieben. Sie gingen zusammen zurck, als der Zug
fort war und sprachen ber Ellen.
    Ich wollte ihr wnschen, da sie endlich was fnde, sagte die Freundin.
Das arme Kind, sie hat wirklich keine frohen Jahre hinter sich und gehrt so
sehr zu denen, die das Leben mit Jubel genieen mchten.
    Glauben Sie eigentlich, da sie diesen Allersen liebt?
    Ach, Lisa machte ein Gesicht, lieben - Ellen tut mit ihm, was sie will,
und das ist ihr ganz bequem. Er hat gar kein Rckgrat - ich glaube auch nicht,
da die Geschichte noch lange dauert. Ich habe schon oft beobachtet, da sie
ganz ungeduldig wird, wenn ein Brief von ihm kommt. Dann trennten sie sich.

Ellen machte ihre ernsthafte Gouvernantenmiene - sie hatte sich ihr Benehmen fr
solche Flle mit vieler Mhe einstudiert - zurckhaltend, liebenswrdig,
bescheiden - und mglichst weltgewandt. Jede Bewegung mute sagen: ich bin allem
gewachsen, verlangt, was ihr wollt.
    Innerlich kmpfte sie mit einer fast unbezhmbaren Lachlust - ihr
zuknftiger Brotherr hatte sie am Bahnhof abgeholt.
    Wo wnschen Sie abzusteigen?
    Das wute sie nicht, da sie hier ganz unbekannt war.
    Dann haben Sie wohl nichts dagegen, mit in mein Hotel zu gehen?
    O nein, gewi nicht.
    Als sie im Wagen saen, fragte er rasch: Es ist Ihnen doch nicht
unangenehm, wenn ich Sie als meine Frau einschreibe - nur um alles Auffallende
zu vermeiden.
    Es kam ihr etwas seltsam vor, aber sie fand es ganz lustig und dachte, es
sei am besten zu tun, als ob alles ganz selbstverstndlich wre. Dann hatte er
ein Zimmer mit Salon genommen und lie das Abendessen heraufbringen, und jetzt
sa sie mit dem wildfremden Mann, der etwas gebrochen deutsch sprach, beim
Souper. Er war gro und brnett, sehr elegant und sehr aufmerksam. Als was
mochte er sie wohl engagieren wollen? - Er fragte nach allem, was sie gelesen
htte, wofr sie sich interessierte, sprach ber Kunst und Bcher. Als der
Kellner wieder hereinkam, duzte er sie - sie galt ja fr seine Frau - und
darber fiel Ellen pltzlich aus ihrer Wrde und fing an zu lachen.
    Gott sei Dank, sagte er, als sie wieder allein waren, Sie knnen also
doch lachen. Mir war schon angst, da Sie immer so ein feierliches Gesicht
machten.
    Darauf lie er Sekt und Zigaretten bringen, sie unterhielten sich immer
lebhafter, und es wurde ziemlich spt. Ellen sa in einem bequemen Liegestuhl
und fhlte sich sehr wohl. Dann fiel ihr wieder ein, weshalb sie hier war, und
sie entschlo sich jetzt endlich nach ihrer knftigen Stellung zu fragen.
    Ach, davon knnen wir morgen noch sprechen.
    Louis Michel ging im Zimmer herum und dann ans Fenster. Kommen Sie einmal
her. Da lag der Rhein im Mondlicht, die alten Huser am Ufer im tiefblauen
Schatten, aus dem viele einzelne Lichter funkelten. Es war Festtag - drunten in
der Strae zogen Trupps von lrmenden Menschen vorbei. Ellen setzte sich auf die
Fensterbank, er stand vor ihr und sah sie an. Wollen Sie mit mir auf Reisen
gehen? fragte er pltzlich. Bitte, lassen Sie mich ruhig ausreden. - Ich habe
Ihnen erzhlt, was fr ein Leben ich fhre, heute in Paris, morgen in Monte
Carlo, und dann spiele ich wie toll, das ist meine einzige Leidenschaft, und
weil ich nicht wei, was ich anfangen soll. Irgendeinen Reiz mu das Leben
haben. Dann hab ich einmal gedacht, wenn ich einen Menschen mit mir htte, eine
Frau, die alles mit mir teilt, nicht verheiratet, nur als guter Kamerad - und
sah zufllig Ihre Annonce. Warum knnen Sie nicht ebensogut mit mir reisen, wie
mit einer unangenehmen alten Dame? - Ihr Bild gefiel mir - dann hab' ich mit
Ihnen selbst gesprochen - -
    In Ellen wogte und wirbelte es - reisen, wohin man will - was konnte sich da
alles vor ihr auftun! Aber mit diesem Menschen - irgend etwas in ihr widersprach
gegen ihn. Dann dachte sie an Allersen.
    Ich bin an jemand gebunden, sagte sie.
    So machen Sie sich los - oder wollen Sie etwa heiraten? Das wei ich noch
nicht - vor allem will ich malen, sowie ich die Mittel dazu habe. Das bindet
mich auch. Aber ich gehe mit Ihnen, wohin Sie wnschen - lasse Sie ausbilden.
    Ellen war so verwirrt von all den Gedanken, die auf sie einstrmten, da sie
schwieg. Als er sie dann anrhren wollte, wehrte sie sich.
    Nein, nein, haben Sie nur keine Angst. Ich gehe fort, wenn Sie es
verlangen. Aber Sie sind - - sagen Sie mir, warum Sie nicht mit mir kommen
wollen?
    Sie waren whrenddem wieder an den Tisch gekommen, er lehnte sich in seinem
Sessel zurck.
    Sehen Sie, ich wollte ganz ruhig mit Ihnen reden, aber das kann ich jetzt
nicht mehr. - Zuerst war es natrlich nur ein Experiment, da ich an Sie
schrieb, Sie kommen lie. Als wir hier beisammen saen, habe ich mich immer mehr
in Sie verliebt - und jetzt will ich, da Sie mit mir gehen. Sie mssen.
    Und wenn ich aber nicht will?
    Warum wollen Sie denn nicht? Ist es denn ein so unmglicher Gedanke, mit
mir zu leben?
    Ich knnte nur mit einem Mann leben, wenn ich ihn liebe oder wenigstens in
ihn verliebt bin.
    Lieben Sie denn den andern?
    Das nicht, aber ich bin doch manchmal verliebt in ihn, und vor allem hngt
er so an mir, da ich ihm sein Leben ganz zerstren wrde.
    Gott, das ist alles so pathetisch, so echt deutsch. Treue bis in den Tod.
    Im Grunde fand Ellen das auch und schmte sich etwas - wie ein Schuljunge,
der mit seiner Unschuld geneckt wird. Wenn ich mich doch etwas in diesen Mann
verlieben knnte, dachte sie. Im Gesprch war er nicht unsympathisch, aber
sowie er eine Annherung versuchte, stie er sie wieder ab. Und dann wurde er so
geschmacklos, fing an zu schauspielern, warf sich vor ihr nieder und sprach
davon, wie unglcklich er wre, sie sollte Mitleid haben. Und Ellen mute dabei
immer auf seine roten Pantoffeln sehen - vorhin nach Tisch hatte er sie um
Erlaubnis gebeten, die Schuhe zu wechseln. Die Pantoffeln zerstrten alle
Illusion und reizten sie zum Lachen. Dann standen sie wieder am Fenster, er zog
mit einemmal einen Revolver heraus und setzte ihn an die Stirn: Ich erschiee
mich hier vor Ihren Augen, wenn Sie nicht wollen. Nein, zuerst Sie und dann
mich.
    Schieen Sie nur. Ihr wurde doch kalt, einen Augenblick - dann dachte sie
an Laurenz, fuhr mit der Hand in die Tasche und umklammerte die kleine Waffe,
die sie bei sich trug; - wenn er eine Bewegung machte, wrde sie ihm
zuvorkommen.
    Gott, Sie haben Mut, sagte er, aber Mitleid haben Sie nicht. Sie sind das
klteste Weib, dem ich jemals begegnet bin.
    Damit steckte er den Revolver wieder zu sich. Nein, hier nicht - leben Sie
wohl, ich gehe jetzt, und Sie sollen mich nie wiedersehen.
    Er nahm den Mantel vom Sofa, den Hut und ging hinaus. Ellen blieb einen
Augenblick mitten im Zimmer stehen, er tat ihr pltzlich so leid. So lief sie
ihm nach, er war schon unten an der Treppe.
    Nein, das will ich nicht, kommen Sie zurck.
    Er folgte ihr hinauf, dann schleuderte er Hut und Mantel in eine Ecke und
strzte auf sie zu.
    Dann hast du mich doch ein wenig lieb! Haben Sie keine Angst, ich will
nichts, was Sie mir nicht freiwillig geben. Wieder warf er sich vor ihr am Sofa
nieder und legte den Kopf auf ihre Knie. - Bei all seinen Theaterphrasen war
auch wieder etwas Kindliches darin, das sie rhrte, wie er so vor ihr lag und
bat, da sie ihn nur auf die Stirn kssen sollte. Warum sollte sie das nicht
tun? - Dabei sah sie wie hypnotisiert auf seine roten Schuhe. Er wollte sie mit
Gewalt an sich reien, und sie rangen miteinander. Ich schreie um Hilfe, wenn
Sie mich nicht loslassen.
    Das hilft Ihnen gar nichts. Sie gelten hier fr meine Frau, - aber ich habe
Ihnen mein Wort gegeben, da ich nichts erzwingen will.
    Ellen antwortete nicht, und er zog immer andre Saiten auf.
    Mein Gott, so gehren Sie mir wenigstens fr diese eine Nacht - ein paar
kurze Stunden - es soll Sie nicht reuen. Und er nahm eine Brieftasche heraus,
legte einen Schein nach dem andern auf den Tisch.
    Glauben Sie, da ich mich verkaufe? Es stieg hei und kalt in ihr auf,
erst der Zorn und dann die Versuchung, Ja zu sagen. Aber die Versuchung verflog,
sobald sie ihn nur ansah.
    Wie Sie wollen - mein Gott, Sie sind ja so kalt, da man selber zu Eis
wird. - Gehen Sie nur schlafen, ich bleibe hier. Sie brauchen sich nicht einmal
einzuschlieen.
    Wieder tat er ihr leid, sie brachte ihm noch ein Kopfkissen aus dem
Nebenzimmer, dann legte sie sich aufs Bett und hrte auf jede Bewegung - wie er
sich hinlegte, herumwarf, wieder aufstand. Schlielich klopfte er an.
    Erschrecken Sie nicht, ich kann auf dem Sofa nicht schlafen. Wenn Sie mir
erlauben, mich auf das andre Bett zu legen, verspreche ich Ihnen -
    Ellen lag fast die ganze Nacht durch wach - die Gedanken kamen und gingen,
whrend der fremde Mensch da neben ihr lag und schlief. War sie es wirklich
selbst, die dieses sonderbare Abenteuer erlebte? - Sollte sie es Allersen
erzhlen - alles, - da sie ihn gekt hatte, Bett an Bett mit ihm schlief und
zulie, da er seinen Arm um sie legte? - Htten das andre an ihrer Stelle
getan?
    Im Halbdunkel sah sie durch die offne Tr ins andre Zimmer - der Eiskbel
stand auf dem Tisch und daneben lagen noch die Scheine. Noch war es nicht zu
spt - und dann konnte sie nach Mnchen gehen. Nein, die Treue war es nicht, die
sie hielt - der Versucher von damals fiel ihr wieder ein. - Htte ich da wohl so
lange widerstanden? - Dieser Mann hier hatte keinen Reiz fr sie, das war die
Wahrheit, ihre Sinne sagten nicht ja - sonst wre sie mit ihm gegangen. Und dies
physische Struben, das sie gegen ihn empfand, war ihre Treue und ihre Kraft, -
der Instinkt, der redete oder schwieg, wie es ihm gerade einfiel - weiter
nichts. Sie sah ihn an, wie er dalag und schlief. - Was war er eigentlich fr
ein Mensch? - Wie weit mochte doch vielleicht etwas Echtes an ihm sein, oder war
alles nur Komdie? Brutal war er nicht gewesen, hatte sein Wort gehalten, denn
was htte es ihr geholfen, wenn sie Lrm schlug.
    Es wurde Morgen, ringsum von allen Kirchen luteten die Glocken, Ellen ging
ins andre Zimmer hinber, bis er kam. Jetzt war er unliebenswrdig und
verstimmt, sah bernchtigt aus - die Unordnung rings umher - alles stie sie
ab. Und drauen der frische helle Sommermorgen. Sie wollte gleich zu Allersen
fahren, ihn wiedersehen, zur Besinnung kommen aus all dem wsten Durcheinander,
das ihr im Kopf wogte.
    Da standen sie am Bahnhof: Leben Sie wohl, ich wnsche Ihnen viel Vergngen
fr Ihr spteres Leben - damit war er verschwunden. Ellen hatte nicht darauf
gerechnet, wieder zurckzukommen, und ihr Geld reichte nur gerade noch so weit,
da sie an Allersen telegraphieren konnte, und fr ein Billett vierter Klasse
nach dem Ort, wo er sie treffen sollte. Und Ernst Allersen war etwas verwundert,
als Ellen ausgehungert und zerschlagen ankam, aber in ausgelassenster Stimmung,
und ihm nach und nach ihr ganzes Erlebnis erzhlte. Er war unzufrieden, machte
ihr alle die Vorwrfe, die sie schon kannte, und Ellen hrte ungeduldig zu, ohne
viel zu antworten. Mit jedem Tage fhlte sie mehr, da sie dies nicht weiter
ertragen knne, und fand doch nicht den Mut, ein Ende zu machen. Und jetzt wute
sie auch, da sie in seinen Armen nie etwas von den getrumten Seligkeiten
finden wrde, - die Zeit war vorbei. Sollte sie immer wieder all die
verlockenden Mglichkeiten an sich vorbergehen sehen, um jedesmal dieselbe
Ernchterung zu fhlen? Es begann sie zu reuen, da sie den andern hatte gehen
lassen mit allem, was er ihr bot.
    Als sie dann zu ihrer Freundin Lisa zurckkam, hatte die inzwischen etwas
fr sie gefunden, bei Bekannten, die fr den Sommer eine Gesellschafterin
suchten. Ellen sagte ja, aber in der ersten einsamen Stunde setzte sie sich hin
und schrieb an Louis Michel, sie sei jetzt bereit zu kommen, er mchte ihr nur
eine neue Zusammenkunft vorschlagen. Aber es kam nie eine Antwort.
    Whrend der kurzen Zeit, die sie noch bei Lisa blieb, kam Doktor Laurenz
fast jeden Abend und holte Ellen zum Spaziergang ab. Sie sprach jetzt offen mit
ihm ber Allersen, und wie sie es nur von Tag zu Tag hinausschob, das letzte
Wort zu sagen. Er konnte das alles so gut verstehen, auch ihr Zgern, etwas so
Jahrelanges abzubrechen, das doch eine Art fester Punkt war, whrend alles andre
hin und herschwankte.

Eines Abends trafen sie sich vor seinem Bro, und da es regnete, gingen sie in
ein nahes Weinrestaurant.
    Mein Gott, Ellen, warum strahlen Sie denn heute so? fragte er, als sie am
Tisch saen.
    Ja, es geschehen wirklich noch Wunder - denken Sie nur, ein Freund von
Detlev will mir bis zum Herbst eine Summe verschaffen, mit der ich nach Mnchen
gehen und anfangen kann zu malen. Ich kann mich noch kaum besinnen, so
unerwartet ist das gekommen.
    Er hob das Glas und sie stieen an. Glck auf, Ellen, sagte Laurenz und
sah sie froh an. Wenn Sie wten, wie mich das freut. Es krnkt mich schon so,
da ich selbst nicht in der Lage bin, Ihnen zu helfen.
    Ellen war zerstreut, sie konnte heute abend nichts andres denken, als da
ihr brennendster Wunsch in Erfllung gehen sollte.
    Ich fand es auch zu schrecklich, da Sie in Stellung gehen wollten.
    Ja, vorlufig mu ich das wohl noch, sagte Ellen, aber nur fr die paar
Monate, bis ich das Geld bekomme. Es ist so viel, da ich ungefhr ein halbes
Jahr davon leben kann; und um das Weitere ist mir nicht bange. Wenn ich nur erst
in Mnchen bin. Ob Sie sich denken knnen, Reinhard, was fr mich davon abhngt?
Ich knnte alles einschlagen und niedertreten, wenn ich nur malen darf. Ich
glaube, dazu neigen Sie berhaupt, wenn sich Ihnen etwas entgegenstellt.
    Ja, sehen Sie, es ist eine ganz dumme Redensart: man kann nicht mit dem
Kopf durch die Wand. Ich schwre darauf, da man doch durchkann, und wenn ich
wte, hinter der Wand ist das, was ich haben will, wrde ich immer dagegen
rennen. Entweder komme ich durch, oder mein Kopf geht kaputt. Darauf kommt es
nicht an. Reinhard Laurenz lachte, aber im Grunde kam es ihm ernst vor. In
Ellen sah er immer noch ein halbes Kind, von dem man nicht wei, wie es sich
entwickeln wird, und manchmal wachte in ihm der Wunsch auf, ihr Leben in die
Hand zu nehmen und es ihr zu gestalten.
    Spt abends brachte er sie nach Hause und sie kten sich zum Abschied vor
der Tr.
    Vergi nicht, da ich dein Freund bin, sagte er leise; und wenn -. Ich
mchte jetzt nicht noch mehr Verwirrung in Ihr Leben bringen, Ellen, aber wir
wollen uns wiedersehen.

Papa liegt im Sterben - Detlev.
    Ellen war kaum acht Tage in ihrer neuen Stellung und lag frhmorgens noch im
Bett, als man ihr das Telegramm brachte. - Alle andern Gedanken loschen aus wie
von einem dumpfen, schweren Schlag, sie starrte nur auf das Papier hin, und erst
als jemand an die Tr klopfte, begriff sie: ihr Vater lag im Sterben, und sie
war weit fort.
    Gegen Mittag sa sie in der Bahn, um heimzufahren. Alles, was zwischen ihr
und den Jahren lag, schien ihr wie weggewischt und vergessen, und das Heimweh
hmmerte in ihr wie schmerzende Herzschlge. Es wurde Nachmittag, dann sank die
Julisonne langsam nieder, und der Abend kam, die Nacht. Ellen lehnte die Stirn
gegen die khlen Fensterscheiben: ob er noch leben wrde, wenn sie kam? Nun war
es zehn Uhr, noch eine halbe Stunde, sie kannte jede kleine Station, ihr war,
als ob ein innerer Krampf sich lste und die Wirklichkeit wieder zurckkam in
langsamen Wellen.
    Der Zug fuhr in die Halle - er war fast leer, nur wenige Menschen stiegen
aus. Ellen sah ihren jngsten Bruder auf dem Perron stehen neben Annita Allersen
- die beiden wuten, da sie kam. Dann kam jemand auf sie zu, ein
breitschulteriger Mann mit dunklem Bart. Es war ein Freund ihrer Eltern - Pastor
Bern - den sie frher immer den Hauskaplan genannt hatten.
    Er vertrat Detlev den Weg mit einer abwehrenden Handbewegung: Hier habe ich
das erste Wort zu reden, lassen Sie mich mit Ihrer Schwester allein.
    Ellen war ganz verwirrt. Wie geht es Papa? fragte sie rasch.
    Ihr Vater lebt noch, aber es ist keine Hoffnung mehr - und ich bin hier, um
Sie zu fragen, weshalb Sie gekommen sind?
    Weil ich meinen Vater noch einmal sehen will.
    Ich komme im Auftrag Ihrer Familie, die Ihnen sagen lt, da Sie hier
nichts mehr zu suchen haben.
    Ellen fate sich mhsam: Dann will ich zu meiner Mutter gehen und mit ihr
sprechen.
    Das werden Sie nicht tun - Ihre Mutter will Sie nicht sehen. Sie haben
genug Schmerz und Schande ber Ihre Eltern gebracht, treiben Sie es nicht noch
weiter. Oder wollen Sie auch noch das Totenbett Ihres Vaters und den Schmerz der
andern entweihen?
    Wei er, da ich hier bin?
    Nein, und er wird es auch nicht erfahren. Man ist ngstlich bemht, ihm
jede Aufregung fern zu halten, und verlangt deshalb von Ihnen, da Sie gleich
wieder abreisen. Es geht heute noch ein Nachtzug nach Hamburg. Nein, ich
bleibe hier, solange mein Vater noch lebt, und wenn er mich rufen lt -
    Ich wiederhole Ihnen, Sie drfen das Haus Ihrer Mutter nicht betreten. Der
Geistliche erhob mahnend die Hand. Und ich will Ihnen nur noch das eine sagen:
Sie werden Ihren Vater nicht mehr sehen - und wenn ich mich selbst vor die Tr
stellen mte.
    Ellen wandte ihm den Rcken und ging auf die beiden zu, die langsam auf und
ab wanderten; dann nahm Annita Allersen sie mit in ihr Haus.
    Die ersten Tage kam Detlev und brachte ihr Nachricht; der Vater lag im
Krankenhaus, und sie waren alle von Morgen bis Abend dort.
    Dann blieb er aus. Als er bis Nachmittag nicht gekommen war, suchte Ellen
den Arzt auf, der ihren Vater behandelte und den sie von frher her kannte.
    Sie sollten doch mit Ihrer Mutter sprechen, sagte dieser. Es ist wohl
kaum zu hoffen, da er den Abend berlebt.
    Ellen ging durch die ganze Stadt und weit hinaus bis in den Wald, da lag sie
eine Stunde nach der andern im Gras. - Nun wrde er sterben und sie ihn nie
wiedersehen, und was mochte er gelitten haben um sie! Ihr ganzes Zuhauseleben
zog wieder an ihr vorber - was war es anderes gewesen, als Feindseligkeit und
Erbitterung. Man war hart verfahren mit ihrer Jugend, die nach Freude und Sonne
verlangte. Aber sie wute doch auch, da ihr Vater viel Liebe und Weichheit in
sich trug, bei aller Schroffheit gegen das, was er nicht anerkennen und nicht
dulden wollte. Eine namenlose Sehnsucht erwachte in ihr nach all der Liebe, die
sie einander nie gegeben hatten. Htte sie ihm das nur einmal noch sagen drfen,
aber er wute nicht, da sie hier war. Und sie dachte an ihre Mutter - war sie
jemals eine Mutter gewesen, diese kalte, fremde Frau, die ihr sagen lie: geh,
woher du gekommen bist? Als Ellen gegen Abend wieder zurckkam, wartete ihr
lterer Bruder auf sie: der Vater war gestorben, und nun durfte sie kommen, um
ihn noch einmal zu sehen. Wortlos gingen sie nebeneinander her bis zu dem
groen, fahlgelben Gebude und die stille Treppe hinauf. Erik lie sie allein im
Zimmer - da drben auf dem weien Bett lag er kalt und starr - eingefallen und
verndert -. Das war nicht mehr ihr Vater, es war etwas Furchtbares,
Unheimliches, das ihr einen eisigen Schauer nach dem andern durch die Seele
trieb. Sie kniete vor ihm nieder, versuchte ihn anzusehen, etwas von ihm
wiederzufinden - immer wieder stieg das eine Bild vor ihr auf, wie sie ihm zum
letztenmal gegenbergestanden hatte im Kampf um ihre Jugend und ihre Freiheit.
Jetzt hatte sie gesiegt, und er lag tot. - Allmhlich kam ein hilfloser Schmerz
ber sie, sie legte den Kopf auf sein Bett und weinte.
    Dann stand der Bruder pltzlich hinter ihr, und der Geistliche war auch
wieder da und redete mit schriller Stimme von Vergebung und von dem Herzen, das
da ausgeschlagen hatte. Erik zog sie aus dem Zimmer hinaus und begleitete sie
durch die stillen dunklen Straen zurck.
    Am nchsten Abend stand Ellen zu spter Stunde vor dem Gartengitter ihres
Elternhauses, es hatte sie hergetrieben, ob sie wollte oder nicht, noch einmal
Abschied zu nehmen von den letzten Heimatgedanken.
    Durch die offenen Fenster, vor denen leichte, weie Vorhnge hin und her
wehten, sah sie alle bei der Lampe sitzen und hrte die Stimmen.
    Wenn Sie umkehren in aufrichtiger Reue, sich willig in alles ergeben, was
zu Ihrem Heil beschlossen wird - dann, aber nur dann wird Ihre Mutter Sie wieder
als ihr Kind aufnehmen, so hatte der Hauskaplan heute noch einmal zu ihr
gesprochen. - Wie schneidender Hohn kam es ihr vor, da diese Mutter jetzt da
drinnen unter ihren Kindern sa, mit ihrer gewohnten Stimme sprach - hier und da
klang ein Wort zu ihr herber. Und sie stand hier drauen und konnte nicht
umkehren. - Aber die ganze Welt schien ihr so weit und leer und tot - wo gehrte
sie denn hin, wohin wrde sie treiben?
    Jetzt standen sie da drinnen auf, Sthle wurden gerckt, die Stimmen gingen
durcheinander, dann wurde es dunkel, die Fenster verloschen.
    Ellen stand immer noch unbeweglich und sah starr darauf hin. Nun ging ein
Lichtschein durch die oberen Zimmer und allmhlich erlosch auch der. Im Hof
schlug der Hund an, als ein paar Menschen vorberkamen - ihr alter Nero.
    Langsam zog sie die Hnde vom Gitter zurck, sie waren wie angefroren an dem
feuchten, kalten Eisen, und schauerte zusammen in der Nachtkhle und der leeren
Straeneinsamkeit. -
    Tags darauf kam Ellen unerwartet und unangemeldet bei ihrer Freundin Lisa
an, und die erschrak beinahe ber ihre vllige Teilnahmlosigkeit. Ellen lag
tagelang oben in ihrem Zimmer und schlief, sie dachte nicht mehr daran, in ihre
Stellung zurckzukehren, oder was sonst geschehen sollte. Wenn Briefe kamen,
lie sie dieselben ungelesen liegen, ihr war, als ob alles in das Grab ihres
Vaters und ihrer Heimat versunken wre.
    Als Reinhard Laurenz dann hrte, da sie wieder da war, kam er gleich. Fast
mit Gewalt zog er sie mit hinaus in die Sommersonne, auf weite Spaziergnge und
brachte sie allmhlich wieder zum Erwachen. Immer wieder sprach er ihr von der
Zukunft, die so licht und froh fr sie werden sollte, da alle dunklen Schatten
weichen muten. Sie sollte sich wieder auf ihre Jugend und ihre Ziele besinnen,
sich auflehnen gegen den Schmerz, ihn abschtteln und nur an den neuen Morgen
denken, der vor ihr lag. Und er lie nicht nach, bis sie wieder froh wurde. Von
sich selbst sprach er nicht, aber Ellen wute seine Liebe wohl, es war nur noch
ein leises Zgern in ihr und etwas wie Angst vor jeder innerlichen
Erschtterung.
    An einem Sonntagnachmittag waren sie beide mit Lisa hinausgefahren, um die
Rennen anzusehen. Das Menschengewhl unter der brennenden Sonne, der Wein und
das aufregende Spiel da drunten auf der weiten Sandflche, wo die dunklen,
schimmernden Tiere dahinrasten, brachte sie in seltsame Stimmung - in eine Art
von strmischer Erwartung, als ob jeden Augenblick etwas hereinbrechen, ber
alles hinfegen knnte.
    Auf dem Programmzettel fanden sie heraus, da eins von den Rennpferden Ellen
hie. Darber lachten sie mit Lisa und wetteten untereinander; aber als die
Freundin wieder ganz im Zuschauen versunken war und sich weit vorbog, um besser
zu folgen, gingen ernste Blicke zwischen den beiden andern hin und her. Reinhard
stand hinter Ellens Platz, sie sprachen leise zueinander, fast nur indem sie die
Lippen bewegten, und mit den Augen. Er fhlte all das Schwanken in ihr, seit
langem schon: Zu mir kommen, Ellen, zu mir, - wir gehren zusammen.
    Dann muten sie wieder laut sprechen - nun kam das Pferd, das Ellens Namen
trug, ins Rennen - und Lisa drehte sich um:
    Was flstert ihr denn?
    Wir machten eine Privatwette ab, ob Ellen siegen wird.
    Lisa versank wieder in aufmerksames Zuschauen, und ber die beiden kam
pltzlich ein gewitterschwler bermut.
    Es soll gelten, sagte Ellen leise.
    Sie wissen doch, da ich aberglubisch bin, wenn Ellen siegt - -
    Dann geben Sie mir die Hand, und wir wollen sehen, was unser Schicksal fr
Sprnge macht.
    Wer soll Sprnge machen? fragte Lisa zerstreut, die zufllig das Wort
aufgefangen hatte und etwas in Angst vor Ellens pltzlichen Extravaganzen lebte.
Aber dann merkte sie es nicht einmal, da keine Antwort kam - denn eben war eins
von den Pferden in die Knie gestrzt. Die andern lachten und sahen sich verwirrt
an, darunter zitterte schwerer Ernst. Ellen hatte ihre Hand auf die Banklehne
gelegt und Reinhard behielt sie fest in seiner, whrend sie jetzt wie gebannt
das Rennen verfolgten und das Schicksalspferd ein Hindernis nach dem andern
nahm, einen Augenblick zurckblieb, sich bumte, zauderte und dann wieder allen
vorankam.
    Dann zitterten sie beide, als die Ellen Siegerin blieb, eine Welle von
murmelnder Aufregung durch die Zuschauer lief und Lisa sich atemlos
zurcklehnte. - Und nun folgte eine Zeit, wo sie nur von ihrer Liebe und von
hellem Sommerjubel wuten, nur daran dachten, da das Leben ihnen jetzt zusammen
gehren sollte wie eine endlose Reihe von schimmernden Morgen ohne dumpfe
Mittagsstunden und wehmtiges Abenddmmern. Ellen konnte es manchmal kaum
begreifen, da sie so rasch alles Schwere, was hinter ihr lag, berwinden
konnte, aber es schien ihr, als wre jahrelanges Vergessen dazwischen.
    Auf Reinhards Wunsch sollte sie jetzt noch eine Zeitlang an die See gehen,
damit sie in seiner Nhe bliebe.
    Ich kann dich doch nicht hergeben, sagte er. Nachher in Mnchen
verschlingt dich die Arbeit, und wir sehen uns lange nicht wieder. So kannst du
dich auch noch einmal ganz ausruhen.
    Sie lagen zusammen im Wald, die Sonne flimmerte durch das helle Unterholz,
die Stadt und die Menschen schienen so weit fort.
    Ja, mit vollen Krften mchte ich auch an die Arbeit kommen, wenn ich
endlich komme. Was fr Jahre habe ich schon verloren.
    Hast du jetzt an Allersen geschrieben? fragte Reinhard, und sie wurde
etwas verlegen.
    Nein, aber in den nchsten Tagen - sowie ich dort drauen bin.
    Es mu geschehen - Ellen, manchmal begreife ich dich nicht recht. Er mu
doch erfahren, da du ihm nicht mehr gehrst.
    Ach - das wei er schon lange - er hat die ganze Zeit nur hier und da ein
paar flchtige Worte von mir - und es ist so schwer.
    Was ist schwer?
    So ber einen Menschen hinwegzugehen. Ihm pltzlich sagen: Alles ist aus.
Das qult mich dann wieder, und ich mchte jetzt an nichts Qulendes denken.
    Reinhard richtete sich auf, und sie sah jetzt, da er ernstlich unzufrieden
war: Nein, Ellen, darin mut du noch anders werden, endlich einmal lernen, klar
gegen dich selbst zu sein. Du hast diese sonderbare Neigung, alles Unangenehme
von dir fortzuschicken, bis es von selbst ber dich kommt, und dann wrdest du
am liebsten noch fortlaufen, um es los zu sein.
    Das kommt von meinem ganzen bisherigen Leben. Denk dir einmal: wenn man
durch Jahre immer in der Erwartung lebt: was wird morgen geschehen? Ich fahre
heute noch zusammen, wenn die Post kommt oder die Haustr klingelt.
    Armes Kind - ich wei es ja auch. Und es soll meine Hauptsorge sein, da
dein Leben jetzt wirklich einmal aufblht. Aber ber dies Letzte mut du jetzt
noch weg - die letzten Hindernisse nehmen, Ellen -. Dann sprach er davon, da
sie doch heiraten wollten, ber kurz oder lang, denn wann es sein konnte, lie
sich nach seiner unsicheren Praxis noch nicht sagen.
    Ellen wurde etwas unruhig dabei, ihr war, als schbe sich wieder eine graue
Wolke ber ihren hellen Himmel hin. Ach, Reinhard, warum mssen wir denn gleich
wieder an Verloben und Heiraten denken? Ich habe einen frmlichen Schrecken vor
dem bloen Wort. Und dann mu ich auch jetzt erst einmal ganz ins Blaue
hineinleben - ich mu wenigstens vier, fnf Jahre ganz fr mein Studium haben,
das geht allem andern vor.
    Auch mir und unserm Glck?
    Das darf dir nicht weh tun, und du darfst es nicht verkehrt verstehen. Wenn
ich in der Kunst nicht zu dem komme, was ich will, kann ich dich auch nicht
glcklich machen und nicht glcklich sein.
    Ellen, du sollst ja deine Kunst haben und alles, was ich dir schaffen kann.
Und ich werde nie verlangen, da du sie aufgibst, um eine gute Hausfrau zu
werden. Siehst du, ich habe mir das alles berlegt - vor dem nchsten Frhjahr
knnen wir nicht an Heiraten denken, ich fasse es auch nicht so auf, da man nun
festgeschmiedet ist. Ich will damit zufrieden sein, wenn du immer ein halbes
Jahr bei mir bist und die brige Zeit dich in Berlin oder Mnchen weiterbildest.
- Wie weit denkst du berhaupt mit deinen sechshundert Mark zu reichen, in
diesem Jahr werde ich dir so gut wie gar nicht helfen knnen.
    Ach, das findet sich alles, wenn ich nur erst dort bindu bist so gut,
Reinhard, - ihr war immer noch etwas beklommen - aber jetzt wollen wir das
noch erst mal ruhen lassen, nicht wahr?

Als Ellen in dem kleinen Badeort ankam, regnete es in Strmen. Nachmittags kam
ein Telegramm von Allersen, das Lisa ihr nachgeschickt hatte: Warum so lange
keine Nachricht, bin in Unruhe?
    So setzte sie sich in der niedrigen Bauernstube an den Tisch und schrieb
einen langen Brief an ihn, whrend schwere Tropfen an die Scheiben schlugen und
die Khe drauen in den Wiesen dumpf gegen den Himmel brllten. Sie wurde
traurig und nachdenklich dabei - wieder etwas, das sich von ihr loslste, und es
schien ihr eine ewige Wiederholung, da sie Liebe wollte und Liebe nahm und im
Grunde doch immer nur an sich selbst dachte - geliebt sein wollte, aber ohne
etwas dafr hinzugeben.
    Nun lag auch das hinter ihr, das letzte, was sie an die Vergangenheit band.
    Jeden Sonntag fuhr sie in die Stadt zu Reinhard und wohnte jedesmal in
demselben Hotel, das seiner Wohnung gegenberlag. Die Leute kannten sie schon
und lchelten, wenn Ellen mit ernster Miene ein Balkonzimmer nach Norden
verlangte. Reinhart holte sie von der Bahn mit seinem bermtigsten Gesicht, und
sie drngten sich zusammen durch das sonntgliche Gewhl, um in den Wald
hinauszukommen.
    Drauen in ihrem Badeort lebte Ellen anfangs ganz fr sich allein. Ihr war,
als ob das Leben jetzt Flgel bekommen htte, die sie hintrugen, wo es schn und
sonnig war. Malen, den ganzen Tag malen, oder ein Boot nehmen, stundenlang auf
den Wellen umhertreiben, ohne sich um Zeit und Stunde zu kmmern, mit dem
wundervollen Gefhl, da kein Mensch auf der weiten Welt ihr mehr dreinredete.
    An ihrem Mittagstisch waren meist langweilige Ehepaare und einzelne Damen,
dann kam noch ein lterer, krnklicher Herr dazu, mit dem Ellen bald
Freundschaft schlo. Er wute die ganze Gesellschaft durch seine bissigen
Bemerkungen und schlimmen Witze in Spannung zu halten - und sah aus wie ein
kranker Teufel mit dem spitzen, grauen Bart und den verglasten, fahlen Augen.
Aber Ellen konnte ihn gut leiden und stimmte zum Entsetzen der brigen in seinen
Ton ein, sie geno es wie einen Triumph, wenn die ganze Tafelrunde sich still
oder laut emprte. Er fragte die jungen Frauen, wie viele Kinder sie htten,
schlug dann die Augen zum Himmel und legte seine Hand auf die Ellens.
    Haben Sie gehrt? - Fnf Kinder! - Sehen Sie, ich wollte Ihnen schon einen
Antrag machen, aber so weit brchten wir es nimmer - ich habe hchstens noch
zwei Jahre zu leben.
    Nein, dieser Zynismus geht doch zu weit, sagte eine behbige, blonde
Witwe, nachdem er fort war. Sie sind noch so jung und knnen das nicht so
verstehen, aber auf solche Scherze sollten Sie wirklich nicht eingehen.
    Und nun erhoben sie alle ihre warnenden Stimmen, sie fanden es schon lange
befremdlich, da Ellen so allein stand, und htten sie gerne etwas unter ihre
schtzenden Flgel genommen.
    Bald darauf fehlte er bei Tisch.
    Wo ist Herr Markus? fragte Ellen.
    Krank - besuchen Sie ihn doch! klang es im Chor in einer Tonart, die
deutlich sagte: Sie werden doch nicht - -
    Ja, das ist wahr, wo wohnt er denn?
    Gleich nach Tisch ging sie hin, er lag im Bett, bla wie die Wand, mit
schrecklich verdrehten Augpfeln. Von nun an kam sie jeden Tag, brachte ihm
Blumen, rumte sein Zimmer auf, das in arger Unordnung war, und lie sich seine
Leiden erzhlen.
    Sie sind ein gutes Kind, sagte er, aber es bringt kein Glck, wenn man so
weichherzig ist. Was haben Sie davon, wenn Sie einen alten Krppel besuchen und
sich ins Gerede bringen. Ja, wenn's ein junger Kerl wre.
    Aber sie verstand sich so gut mit dem kranken Teufel und liebte diese
Stunden, wo sie an seinem Bett sa und er ber die verdammten Weiber schimpfte
und ihr immer wieder die Schwindsucht weissagte, weil sie hustete.
    Aber lachen Sie nur, lachen Sie nur, es vergeht frh genug.

Inzwischen lernte Ellen andere Menschen kennen. - Sie ruderte eines Abends in
ihrem kleinen weien Boot aus dem Hafen. Eben vor ihr war eine grere
Segelbarke hinausgefahren, und nun erschien jemand am Kai, der sich versptet
hatte, rief sie an und bat, sie mchte ihn bis zum Segelboot mitnehmen. Der Wind
war schwach, und sie hatten es bald erreicht. Ellen kannte niemand von der
Gesellschaft, aber es schien ein lustiges Volk zu sein. Alles lachte und lrmte
durcheinander und Weinflaschen gingen von Hand zu Hand. Ihr Begleiter lie ihr
keine Ruhe, bis sie ihr Boot festmachte und mit einstieg. Aber er schien nicht
mehr ganz sicher auf den Fen zu sein, und beinahe wren sie zusammen ins
Wasser gefallen, gaben sich aber noch zur rechten Zeit einen Ruck und strzten
nun ber ein paar Schultern und Kpfe weg mitten ins Schiff hinein. Da lagen sie
beide auf den Knien und sahen sich verwirrt an, whrend die andern ringsum in
die Hhe fuhren, aufschrien oder lachten. Ein paar Herren sprangen auf, um Ellen
zu helfen:

Sehr liebenswrdig von Ihnen, uns so zu berraschen, darf man fragen, wo Sie so
gut springen gelernt haben? Das war ja schon mehr geflogen.
    Von dem da, sagte Ellen, whrend sie vorsichtig aufstand, denn der Boden
war voller Glasscherben.
    Leonhard, stellte er sich jetzt rasch vor, immer noch auf den Knien, ich
bitte tausendmal um Verzeihung - aber schn war es doch, und mit einem
andchtigen Blick kte er ihr die Hand. Die brigen hatten sich inzwischen von
ihrem Schrecken erholt und stimmten ein lautes Jubelgeschrei an:
    Sehr schn - bravo Leon! Leon soll leben - die junge Dame soll leben. -
Festhalten, sonst springt sie auf der andren Seite wieder hinaus. - Wein her -
wo ist der Wein?
    Sie bekamen jetzt einen Platz auf der Bank, und alle stieen mit ihnen an.
    Hab' ich's vielleicht nicht gut gemacht? rief Leonhard in den Lrm hinein.
Wir fahnden nmlich schon eine ganze Zeit auf Sie, wandte er sich zu Ellen,
die alten Hexen aus Ihrer Pension haben uns allerhand erzhlt. - Sie sind hier
nur noch die junge Dame mit dem Herrn Markus.
    Ellen sah ihn jetzt etwas genauer an - er hatte rtlich blondes Haar, das
dicht und wirr um den Kopf stand, und redete alles mit einer Heiterkeit, der
nicht zu widerstehen war. Es sah aus, als lachte der ganze Mensch bei jeder
Bewegung. Und diese strahlende Lebensfreude schien sich seiner Umgebung
mitzuteilen, sie lachten alle mit, wenn er anfing zu sprechen.
    Er mute ihr nun erklren, wer die andern waren. Ein bunt
zusammengewrfelter Kreis war es, der sich hier oben an der See gefunden hatte.
Er selbst, Leonhard, kam vom Rhein her mit zwei Freunden, von denen einer
kurzweg als der Regierungsrat vorgestellt wurde, der zweite mit dem fliegenden
roten Schlips war Opernsnger, und man nannte ihn Harry. Dann gab es noch ein
internationales Ehepaar, das unter sich franzsisch sprach, mit zwei Tchtern,
eine stellenlose Gesellschafterin und ein paar junge Leute, die nicht weiter in
Betracht kamen. Im ganzen wute man nicht viel voneinander, man vergngte sich
nur zusammen und - damit schlo er seinen Vortrag - Ellen sollte von nun an
mittun, da sie jetzt glcklich eingefangen war. Und das tat sie denn auch. Das
Gelage wurde immer lauter und frhlicher, je weiter sie auf die See hinauskamen,
und anfangs achtete niemand darauf, da der Himmel sich bezog und leise Donner
in der Ferne rollten. Allmhlich ballten die Wolken sich immer dunkler zusammen
- die Damen wurden ngstlich und lieen den Schiffer umwenden. Aber der Wind
lie nach und es ging sehr langsam.
    Wenn Sie jetzt in Ihrem kleinen Ruderboot allein hier drauen wren, sagte
Ellens Nachbar.
    O, ich kme rascher damit vorwrts wie so.
    Aber so weit hinaus knnen Sie mit dem Dings doch nicht rudern.
    Das stachelte ihren Ehrgeiz. Wollen wir wetten, da ich eher daheim bin wie
Sie? Und ehe er sie zurckhalten konnte, war sie schon beim Steuer und
kletterte in ihr Boot hinab. Wieder gab es Tumult. Sie ist des Teufels - halt
sie, Leon - fang sie! Aber Leon kam zu spt.
    Das Gewitter zog rasch herauf und einzelne heftige Windste fuhren in die
Segel. Ellen blieb eine Zeitlang neben der Barke, die dann pltzlich rasch
vorwrtstrieb. Man winkte und rief, aber sie konnte nichts mehr verstehen, denn
das Unwetter brach jetzt los. Schwere Donnerschlge rollten ber den Himmel und
schienen unten im Wasser zu widerhallen. Dann folgten sie sich immer schneller,
und sie konnte kaum mehr sehen, so blendeten die Blitze, es kam ihr vor, als ob
sie rechts und links neben ihr in die Wellen hineinzuckten und wieder
aufsprhten. Dann klatschte der Regen nieder in langen hellen Streifen, in einem
betubenden Gewirr von Ringen und Tropfen. Das Boot schaukelte vorwrts,
rckwrts, legte sich auf die Seite und tanzte wie unter einer Peitsche. Ellen
verlor ein Ruder, fing es glcklich wieder auf, dabei flog der eine Ruderpflock
heraus, und nun rutschte es bei jedem Schlag hin und her. Endlich war sie bei
den Bschen angekommen, die am Ausgang des Hafens das Fahrwasser markierten. Das
war eine Strecke, die sie sonst in fnf Minuten zurcklegte, aber jetzt brauchte
es fast eine halbe Stunde, bis sie endlich triefend im Hafen ankam - das Boot
war halb voll Wasser - die ganze Segelgesellschaft stand unter ihren Schirmen am
Ufer und daneben der Fischer, dem das Boot gehrte.
    Sie empfingen Ellen mit groem Lrm und zogen sie mit in die Strandhalle, um
einen Grog zu trinken. Leonhard rckte ganz nah an sie heran und schttelte den
Kopf: Furchtbar toll - Sie sind furchtbar toll. - Sagen Sie mal, was fllt
Ihnen eigentlich ein?
    Sie war noch ganz berauscht von der wilden Fahrt und von der Gefahr, ihre
Augen leuchteten: Aber schn war es doch! Am liebsten mchte ich gleich noch
einmal hinaus.
    Kind, Kind, sagte er, spielen Sie nicht so mit Ihrem Leben. Wir haben Sie
schon oft gesehen, wenn Sie sich auf dem Wasser herumtrieben und die Meergreise
von Ihrem Mittagstisch am Ufer die Hnde rangen. - Wer sind Sie denn
eigentlich?
    Da legte pltzlich jemand die Hand auf ihre Schulter und Markus stand hinter
ihr, schweigend stellte er ein Glas Kognak vor sie hin und sah zu, wie sie es
austrank.
    O unglckselige Ellen, sagte er dann mit seiner schneidenden Stimme.
Sehen Sie, junger Mann - die Schwindsucht hat sie schon im Leibe und dabei
suft sie wie ein alter Seemann. Nein, nein, ich wrde Sie doch nicht heiraten,
obgleich Sie mich kompromittiert haben.
    Wie schade, sagte Ellen, ich gleich.
    Und nun legte er feierlich die eine Hand aufs Herz und reichte ihr die
andre: Heirate mich und sei mein Weib, - damit wie du ich froh und glcklich
sei. Ellen schlug ein, der lrmende Chor rief Bravo und wollte Markus mit an
den Tisch ziehen, aber er schlug seinen Mantel um sich und wandelte stumm
hinaus.
    Also Ellen, sagte Leon wie in tiefem Nachdenken. Ellen - die furchtbar
tolle Ellen.

Von nun an war Ellen tagtglich mit ihren neuen Bekannten zusammen. Kam sie
morgens an den Strand hinunter, so sah sie schon von ferne Leon mit beiden Armen
winken und hrte seine jubelnde Stimme: Da kommt sie, da kommt meine tolle
Ellen, und dann schwenkte er sie im Kreise rundum, bis sie um Gnade bat und
beide sich auer Atem ins Gras warfen. Fr jeden Tag wute er neue
Unternehmungen, sie ruderten und segelten, wanderten zur Ebbezeit weit auf den
festen, grauen Schlamm hinaus, spannten des Strandwirts Ackergule vor einen
klappernden alten Leiterwagen, fuhren von Dorf zu Dorf und durchschwrmten nach
der Rckkehr die halben Nchte im Freien vor den Gasthusern. Es war ein
ununterbrochenes Fest; wo sie hinkamen, gab es Leben und bermtige Lust. Ellen
gab sich diesem strmichen Sommerleben in gedankenloser Freude hin. Bald war ja
ihre Zeit sowieso abgelaufen - Reinhard war zu seinen Eltern gereist, und wenn
er zurckkam, wollten sie noch ein paar Tage zusammensein, dann kam Mnchen. Es
lag alles so klar und froh vor ihr, sie schrieb glckselige Briefe an Reinhard
und erzhlte ihm von ihren Freunden und den tollen Fahrten.
    Der Tag ihres Scheidens rckte heran, und es kam hier und da ein wehmtiger
Ton in ihr Beisammensein mit dem frohen Gefhrten.
    Kind, Kind, nun soll ich dich hergeben, sagte Leon, und du gehst ebenso
lachend fort, wie du gekommen bist.
    Dann wurde sie wohl einen Augenblick ganz still, aber gleich darauf fate
sie ihn bei den Schultern und schttelte ihn. Nein, ich mchte gerne noch bei
dir bleiben, aber ich freue mich doch auch so darauf, ihn wiederzusehen. Kannst
du dir nicht denken, wie ich mich freue? Er nahm ihre Hand, mit der andern fuhr
sie ihm langsam durch die Haare.
    Leon, ich darf mich nicht in dich verlieben, das wre wirklich schlimm.
    Auch nicht fr einen Tag, wenn du doch so bald schon fortgehst? Kind,
eigentlich waren wir doch alle beide verliebt, diese ganze Zeit, oder glaubst du
nicht? - Und das Heute gehrt uns noch, la morgen morgen sein.
    Zu guter Letzt waren sie noch einmal alle zusammen nach einer von den
kleinen weien Sandinseln hinausgesegelt. Es sollte eigentlich eine Seehundsjagd
sein, man hatte Flinten mitgenommen und lag den ganzen Nachmittag hinter den
groen Strandsteinen auf der Lauer. Aber die meisten von ihnen hatten noch nie
einen Seehund gesehen, und kam eins der runden schwerflligen Tiere zum
Vorschein, dann brachen sie in ein so schallendes Gelchter aus, da es gleich
wieder den Rckzug antrat. Keiner dachte auch nur daran, ihm einen Schu
nachzuschicken. Aber das war so vergnglich, da der Schiffer mehrfach zur
Abfahrt mahnen mute, und als sie schlielich aufbrachen, war die Flut schon so
weit vorgerckt, da man das Boot nur watend erreichen konnte. Lachend,
schwankend und durchnt kamen sie endlich an Bord. Ellen und Leon wanderten,
bis an die Brust im Wasser, noch dreimal um das Boot herum - sie wollten von
einem alten Seemann erfahren haben, das sei ein sicheres Mittel gegen alle
Seeunflle. Dann sprangen sie wie bei Ellens erstem Auftreten mitten in das
Schiff hinein, whrend das Wasser von ihren Kleidern niederrann. Ihr beiden,
sagte der Regierungsrat und wiegte seinen schon etwas grauen Kopf hin und her,
was schaut ihr euch denn so an? Gebt euch doch lieber einen Ku. - Was soll nur
aus dir werden, Leon, wenn du sie nicht mehr hast?
    Uns hat Gott geschieden, sagten sie einstimmig in feierlichem Ton und
kten sich vor aller Augen.
    Whrend der langen Heimfahrt senkte sich allmhlich eine matte Stimmung ber
die sonst so unermdlich frohe Gesellschaft. Einer nach dem andern suchte sich
einen bequemen Platz auf der Bank oder am Boden und schlief ein. - Der Schiffer
legte die langen Ruder aus, um dem schwachen Wind nachzuhelfen - bei jedem
Schlag leuchteten die durchschnittenen Wellen in grnlichem Schimmer auf, und
von den Rudern rann es wie flssiges, vielfarbiges Silber. Ellen sa mit Leon
beim Steuer, er hatte sie in einen groen Mantel gewickelt und hielt sie an sich
gedrckt wie ein kleines Kind. Sie sahen dem Meerleuchten zu und sprachen leise
miteinander.
    Erst nach Mitternacht kamen sie heim, einige zogen sich gleich zurck, um zu
schlafen, die andern gingen durchfroren und in ihren nassen Kleidern zur
Strandhalle. Sie alarmierten das ganze Haus, gingen selbst in die Kche,
wirtschafteten am Schenktisch herum und deckten im groen Saal den Tisch. Wer
wollte wohl an Schlafen denken, heute mute noch bis zum Morgen gefeiert, Klte
und Mdigkeit weggejubelt werden. Und sie feierten und jubelten, und die Wellen
der Freude gingen immer hher. Nach Tisch setzte Harry, der Opernsnger, sich
ans Klavier und raste wilde Tanzmelodien herunter, die andern tanzten um die
Tische, durch den Saal und zur Tr hinaus durch die Straen. Mit gefllten
Glsern klopften sie an die Fenster derer, die schon zur Ruhe gegangen waren und
lieen nicht nach, bis sie wieder herauskamen und mittaten, meist in
wunderlichen Kostmen, Schlafrcken oder rasch bergeworfenen Mnteln. Hier und
da ffneten sich auch noch andere Fenster, und scheltende Stimmen wurden laut,
denn in dieser Nacht kam keiner von den Badegsten zu einer ruhigen Stunde
Schlaf.
    Zwischendurch fanden Ellen und Leon sich auf der Bank vor dem Hause
zusammen.
    Ksse mich, Kind, bat er immer wieder, nur heute, nur heute noch, - la
morgen morgen sein.
    Und sie sagte nicht mehr nein.
    Liebst du ihn denn wirklich so? fragte er. Ja; und sie glaubte, da sie
sehr glcklich mit ihm sein wrde. Ach, wie knnen wohl zwei Menschen auf die
Lnge glcklich miteinander sein! Ellen wute, da er verheiratet war, und
hrte nachdenklich zu, wie er darber sprach - auch dieser lachende Mund kannte
das Lied von der unausbleiblichen Enttuschung und Ernchterung. Und sie dachte
sich noch die Liebe wie einen immerwhrenden Rausch - nur mute es dann wirklich
die eine, groe Liebe sein. - Aber das hatte sie ja schon jedesmal geglaubt,
wenn sie liebte. Und immer kommt wieder ein anderer, dachte Ellen. - Sie war
so sicher gewesen, da sie Reinhard liebte und von nun an alle ihre Gedanken nur
ihm gehren wrden. Und nun sa sie da in der Sommernacht und wute dem
strahlenden Verlangen, das sie umwarb, nicht nein zu sagen - la morgen morgen
sein. - Noch als der Festlrm lngst verklungen und alle schlafen gegangen
waren, gingen die beiden langsam durch dmmernde Straen und kten sich wieder
und wieder.
    Ziemlich bleich und bernchtigt fand sich die wilde Tafelrunde um Mittag
wieder zusammen. Ellen hatte heute nicht den Mut, sich bei Tisch in ihrer
Pension sehen zu lassen, denn die ganze Badegesellschaft war nur noch ein
einziger Sturm von Entrstung ber das nchtliche Gelage.
    Wie sie beim Kaffee saen und die ermatteten Lebensgeister sich wieder zu
regen begannen, kam Markus. Er hatte eine Drehorgel umgehngt, blieb an der Tr
stehen und sang mit hohler Stimme ein altes Leierkastenlied:

Am Weidenbaum, am Weidenbaum
Da fand ich ein Gerippe:
Da zog sie aus den Krinolin
Verfluchte sich - und es - und ihn
Und hing sich an die Strippe.

Als der Beifallssturm sich wieder gelegt hatte, kam er an den Tisch und setzte
sich neben Ellen und Leonhard: Da sitzen sie wieder Hand in Hand und trinken
Kognak. - Ja, lachen Sie nur, in dem Lied steckt tiefe Lebensweisheit. Hten Sie
sich, Ellen, die Welt hat Fallstricke und Gefahren.
    Ich reise ja heute abend schon, sagte sie, vormittags war ich bei Ihnen,
um adieu zu sagen.
    Ja, ja - deshalb bin ich auch hergekommen, er fate ihre beiden Hnde und
sah sie an, lieben Sie nur weiter, Kind, so lange es was zu lieben gibt. Und
denken Sie manchmal an den grmlichen, alten Kerl, dem Sie etwas von Ihrem
Sonnenschein gegeben haben.
    Ein paar Stunden spter sah Ellen vom Kupeefenster aus noch einmal Leons
blonde Mhne im Abendlicht flattern und hrte noch einmal seine frohe Stimme:
    Leb' wohl, du furchtbar tolles Kind.
    Sie zog wieder in ihr altes Quartier bei Lisa Seebald ein. Fr einen der
nchsten Abende hatte die ein kleines Verlobungsfest in Szene gesetzt. Detlev
war gekommen, um seine Schwester noch einmal zu sehen, ehe sie nach Mnchen
ging, und Reinhard wollte ein paar Freunde mitbringen. Als Ellen gegen Abend in
ihrem Zimmer war und ihren Koffer packte, brachte das Dienstmdchen ihr einen
Brief herauf - darin lag eine Karte mit Versen:

Fahr' wohl, mein Lieb, der Abend graut -
Fahr' wohl, wir mssen uns trennen.
Das Scheiden ist ein bittres Kraut,
Von heien Trnen ist's betaut
Und seine Bltter brennen.
Dort drben am Meer eine Weide steht -
Die ste hngen hernieder -
Ein Blatt sich wirbelnd zur Erde dreht,
Wer wei, wohin es der Wind verweht:
Zurck kehrt's nimmer wieder.
Schau' mich noch einmal lchelnd an,
Das will ich zum letzten bitten.
Du hast mir viel zulieb getan
Und treulich wollt' ich zu dir stahn -
Die Welt hat's nicht gelitten.
Drum fahr' wohl, Ellen, fahre wohl.
Das Glck mg' dich geleiten.
Seit unsrem Abschied, das weit du wohl,
Ist Leon toller noch wie toll.
Er kann das Scheiden nicht leiden.

Und in ganz kleiner Schrift am Rand: Als traurigen Abschiedsgru von deinem
traurigen Leon.
    Ellen sa auf dem Koffer, die Karte in der Hand, und sah abwesend vor sich
hin. Wehmtig lockend zog es wieder an ihr vorber, die ganze frohe Zeit - sein
Lachen, - die Sommernachtsstunde vor dem Wirtshaus.
    Dann hrte sie unten die Haustr gehen und viele Stimmen
durcheinandersprechen. Lisa rief, und sie mute hinuntergehen. Das Zimmer sah
festlich aus mit Blumen und Weinranken und den grnen Rmern auf weigedecktem
Tisch. Detlev ging herum, stellte sich vor und machte die Honneurs. Er umarmte
Reinhard halb im Scherz als Schwager.
    Da ihr euch verlobt habt - richtig verlobt. - Ich finde, Ellen ist ganz
aus der Rolle gefallen - aber ich bin sicher, sie kommt doch mit einem
Skizzenbuch unter dem Arm zur Trauung. Und jetzt wollen wir eine gehrige Orgie
feiern, um der Sache etwas von ihrem Spiebrgertum zu nehmen. Nicht wahr,
Lisa?
    Ja, wenn Detlev Olestjerne nur Weinglser sieht, ist ihm jede Familienfeier
recht, sagte die. Ellen war dem Bruder von Herzen dankbar, da er mit seiner
gewohnten Lebhaftigkeit alle ins Gesprch zog und immer wieder zum Lachen
brachte, whrend sie sich um den Tisch sammelten, anstieen, einer von Reinhards
Freunden am Klavier den Brautgesang spielte und Lisa sie der Reihe nach mit
Weinranken bekrnzte.
    Ihr gingen immer noch Leons Verse durch den Sinn und sie lchelte etwas
mhsam, wenn Reinhard sie ansah und fragte: Fehlt dir etwas, Ellen, du bist
heute so still?

                                                             Mnchen, 20. August

In Mnchen -. Ich kann immer noch nicht begreifen, da es kein Traum ist.
    Es ist etwas so ganz Neues, allein zu leben und nur mit sich selbst zu
reden, und jetzt fhle ich erst, wie mir das not tat. Ich mchte mir doch
endlich einmal angewhnen, fr mich selbst ber mein Leben Chronik zu fhren.
Bisher sind solche Versuche immer gescheitert - man bekommt das dumme Gefhl,
als ob man vorm Spiegel steht und Monologe darber hlt, wie man aussieht.
    Die Malschulen feiern noch bis Oktober, so arbeite ich in einem Atelier, das
fnf Malerinnen zusammen haben - vormittags Zeichnen und nachmittags
Modellieren. Meine Wohnung ist nur ein paar Huser davon, ein groes helles
Dachzimmer, freundliche alte Wirtsleute.
    Die Luft hat beinah etwas Sdliches in diesen heien Tagen, die Straen ganz
wei von dem flimmernden Kalkstaub. - Und das Arbeiten in unserm groen khlen
Atelier, und dann wieder in die Sonne hinaus, den ganzen Tag sein eigner Herr
sein, keinen Moment des Tages sich nach anderen richten zu mssen! So habe ich
mir's getrumt, das ist endlich die Luft, in der ich leben kann. Mein Gott, und
jetzt mu ich arbeiten, arbeiten bis aufs Blut, und dann fat mich der Jammer an
um all die verlorene Zeit, was fr Jahre htte ich jetzt schon arbeiten knnen.
Und die Angst, ob meine Kraft doch noch voll ist - manchmal jubelt es in mir,
und ich mchte alle Himmel strmen, aber dann kommt wieder dies sonderbare
Gefhl, als ob irgend etwas fehlte - als ob da irgendein toter Punkt wre, ber
den ich nicht wegkam. Da habe ich nun, seit ich halbwegs selbstndig denken
kann, diesen Heihunger nach der Kunst gehabt - wie man sich mit allen Gedanken
nach einem geliebten Menschen sehnt. Aber in dem Augenblick, wo er da ist und
man mit ihm zusammenschmelzen mchte in jeder Empfindung, da versagt wieder die
innere Glut und man tut nur so, als wre es, was es sein sollte. Manchmal glaube
ich berhaupt, ich bin wirklich mit dem verkehrten Fu auf die Welt gekommen und
werde mich nie zurechtfinden.

                                                                    5. September

Allmhlich lerne ich meine Kolleginnen kennen; sie sind im ganzen ziemlich
langweilig, nur mit der Dalwendt freunde ich mich immer mehr an. Sie ist aus
meiner Heimat, sieht aus wie eine Germania, gro, mit schwerem blonden Haar. Wir
gehen nachmittags zusammen ins Caf und dann spazieren. Mnchen ist wundervoll
in dieser Sommer-Herbststimmung mit dem blauen Duft. Gestern lud sie mich den
Abend zu sich ein. Sie lebt mit ihrer Mutter, die den ganzen Tag arbeitet, um
ihr das Studium zu ermglichen. So etwas greift mich an meiner sentimentalen
Seite an. - Die Erinnerungen sind mir noch zu nah, ich darf nicht daran denken,
- an nichts, als da ich jetzt weiterkomme. Nach Tisch lie sie mich ihre Sachen
sehen, Federzeichnungen, alle mglichen Kompositionen. Ich bin ganz in mich
zusammengesunken. Was hat die fr ein Knnen und ist kaum lter wie ich. Wir
gingen noch spt im Mondschein an die Isar hinunter, standen lange auf der
Brcke und sprachen von unserm Leben und von der Kunst.
    Jetzt ist es nach Mitternacht, ich bin eben erst heraufgekommen, habe die
Fenster weit aufgemacht, Mondlicht und Nacht kommen von drauen herein. Heute
hab' ich einen Einblick in das ganze, bewute Schaffen eines andern Menschen
getan und ringe nun darum, das auch in mir zu finden. Es ist wie Gebetsstimmung
in mir.

                                                                    9. September

Frh an der Akademie, um ein Modell zu suchen. Ich war schlecht angezogen - wie
immer, denn ich habe berhaupt fast nichts mehr anzuziehen - und wurde selbst
fr ein Modell gehalten. Ein Maler wollte mich mitnehmen, ich hatte die grte
Lust, aber ich darf jetzt nur fr meine Arbeit leben und keine Kindereien
treiben.

                                                                   14. September

In den Bergen gewesen, und da bekam ich Heimweh nach dem Meer, nach dem Freien,
Weiten. Die andern lachten mich aus, weil ich mir die Berge hher vorgestellt
hatte. berhaupt bin ich fast immer enttuscht, wenn ich etwas sehe, das ich mir
irgendwie vorgestellt habe. Es ist nie so berwltigend, wie ich es haben
wollte.
    Zu Hause Briefe von Reinhard vorgefunden. Er freut sich ber meine jetzige
Lebenslust. - Es kommt mir fast wie Ironie vor - denn ich bin gar nicht lustig -
mir ist, als ob mein Leben in einer Krisis wre, die vielleicht alles
verschlingt.
    Ich denke viel ber Reinhard und ber unser Verhltnis nach. Wie waren wir
glcklich zusammen diesen Sommer - ich war also doch einmal wirklich glcklich
und glaubte selbst daran. Aber mitten im Glck dachte ich wieder an einen
anderen - Leon -, es zuckt immer noch etwas in mir nach, wenn ich seine Karte
lese, und ich mchte ihn wiedersehen. Das war noch bei allen meinen Lieben so.
Vielleicht kann ich berhaupt nicht ganz und ungeteilt lieben - das habe ich mir
schon oft gesagt - oder wenigstens nicht einen allein. Wie oft haben Reinhard
und ich darber gesprochen - er glaubt selbst, da er sehr frei denkt - aber nur
da, wo es nicht unser Verhltnis zueinander angeht. Er ist im Grunde doch ein
moralischer Mensch und ich bin es nicht, das ist die ganze Geschichte. Htte ich
ihm von Leon erzhlt, so wre alles zwischen uns aus gewesen.
    Gestern sprach ich mit der Dalwendt darber - sie ist auch verlobt; aber
noch ganz unschuldig - aus berzeugung, weil sie es so will. Bei mir ist es
immer nur, da ich gezwungen bin oder mich zwingen lasse, nach dem Empfinden
eines andern zu handeln. Mir selbst gegenber habe ich nie das Gefhl, etwas
einzuben - im Gegenteil, mich drckt oft nur meine Tugend nieder, dies ewige
Vorbeigehen am Leben, und manchmal verlangt mich danach, mich besinnungslos in
den Strudel zu strzen.

                                                                   20. September

Heut haben wir den ganzen Abend in einer Schnapsschenke gezeichnet - eine
niedrige, verrucherte Gaststube, wo wahre Banditengestalten an langen Tischen
saen, mit kleinen Schnapskelchen aus dickem gelben oder rotem Glas vor sich.
Die Strolche fhlten sich sehr geschmeichelt und sagten, wir sollten nur bald
wiederkommen.
    Nachher an der Isarbrcke bis Mitternacht, dann allein an meinem Fenster.
Wie gut ist es, so allein zu leben - ob ich es wohl jemals aushalte, mit jemand
anderm immer zusammen zu sein? - Wie soll das spter werden? Auf alle Flle bin
ich entschlossen, erst in mehreren Jahren zu heiraten, wenn wir denn durchaus
heiraten mssen. Nach meinem Gefhl wre es viel schner, nur hier und da eine
Zeit zusammenleben und dann jeder wieder seinen eignen Weg gehen. Ich mchte es
immer so haben wie jetzt, nur ans Malen denken und alles tun, was mir einfllt.

                                                                   30. September

Morgen fngt die Malschule an, ich bin in dieselbe eingetreten wie die Dalwendt
- fr den Nachmittag gehen wir in eine andre zum Modellieren. Der Auszug aus
unserm Atelier ging mit Hindernissen vor sich; die andern hatten schon tags
vorher ihre Sachen holen lassen, und die Dalwendt und ich standen ratlos vor
einer Horde von Dienstmnnern und Modellen, die alle Geld haben wollten.
Schlielich luden wir unsre Staffeleien und Modellierbcke selbst auf und trugen
sie fort.
    Wie es mit dem Geld gehen soll, wei ich berhaupt noch nicht. Bei all den
Anschaffungen und dem doppelten Schulgeld bleibt mir zum Leben fast nichts
brig. Ich habe heute alles ausgerechnet, fr Kleider, Schuhe, Essen, Trinken
und was sonst zum tglichen Leben gehrt. Es ist nicht viel.

                                                                      4. Oktober

Unser jetziges Atelier ist ein gemischtes, Maler und Malerinnen zusammen.
Auer uns noch einige Amerikaner, Polen und ein frherer Offizier, von Baldern.
Der, die Dalwendt und ich finden uns in den Pausen als Rauchkollegium zusammen.
- Von acht bis elf Uhr arbeiten wir in der Zeichenschule, dann bis eins
modellieren, nachmittags noch zwei Stunden zeichnen und dann der Abendakt.
Auerdem skizzieren, soviel es geht. Gut, da ich eine solche Gesundheit habe -
was andre Leute angegriffen sein nennen, kenne ich berhaupt nicht.

                                                                      9. Oktober

Natrlich mute wieder etwas kommen - ich wute es ja. Die Ruhe konnte nicht
dauern, fr mich kommt niemals Ruhe. -
    Wo war mein Verstand, da ich eine Zeitlang daran glaubte - an ein volles
Glck zu Zweien, mit Weinlaub im Haar, wie wir in alten Zeiten sagten, in
voller Freiheit, schrankenlosem Verstehen bis ins Letzte hinein - an all das,
was es nie fr Menschen gegeben hat und nie geben wird. Ich hatte vergessen und
vergessen wollen, da es unmglich ist. - Ich htte mit allem brechen sollen und
fr mich allein bleiben.
    Weil Allersen nach Mnchen gekommen ist, um hier weiter zu studieren,
verlangt Reinhard von mir, ich sollte nach Berlin zu seinen Verwandten gehen und
dort arbeiten. Wir wechseln endlose Briefe darber, und diesmal gebe ich nicht
nach. Von Mnchen fort, nachdem ich zum erstenmal die Atmosphre gefunden, in
der ich atmen kann, von der ich alles erwarte. - Unser Glck mu allem andern
vorangehen - da liegt es eben - darin fhle ich ganz anders. Ich kann nicht an
Zusammenleben und Glck denken, ehe ich mich selbst gefunden habe, und endlich
bin ich auf dem Wege dazu; aber es ist noch alles so unklar und verworren in
mir. Man soll mich in Ruhe lassen. - Auf die Hhe hinaufkommen oder daran kaputt
gehen, - aber diese beiden Mglichkeiten soll man mir lassen. Wie kann ich da
jetzt nach Glck fragen? Und wenn er soweit nicht mit mir gehen kann, mssen
sich unsre Wege trennen. Ich brauche gerade diese Zwanglosigkeit - meine Mutter
wrde sagen Zgellosigkeit - meines hiesigen Lebens. Und vielleicht ist das auch
das richtigere Wort - ich kann keine Zgel vertragen.
    Wenn ich ihm nur begreiflich machen knnte, da das alles furchtbarer Ernst
ist - vielleicht ist es auch meine Schuld, da mich niemand ernst nimmt. Sie
nehmen mich alle nur von meiner Clownseite, die andre kennt selbst Reinhard
nicht - nur ich selbst.
    Im Grunde bin ich halb gleichgltig dagegen, was nun werden mag. Ich strze
mich nur in die Arbeit. Beim Aufwachen kommt alle Morgen so ein Gefhl, da
irgend etwas Bedrckendes da ist. Im Bett beim Kaffeetrinken denke ich darber
nach, aber dann wird es abgeschttelt, mit einem Sprung ins kalte Wasser, und
fr den ganzen Tag vergessen.

                                                                     20. Oktober

Eine ganze Woche briefliche Auseinandersetzungen. Er wirft mir rcksichtslosen
Egoismus vor - ja, den habe ich auch, wo es sich um dies eine handelt. Unser
Glck, immer wieder unser Glck - was einmal auch fr mich so schne volle
Worte waren, kommt mir jetzt fast wie eine Redensart vor, wie wenn man bei einem
Gottesdienst sitzt, nachdem man lngst den Kinderglauben verloren hat. Und ich
bleibe bei meinem Nein. -

                                                                     22. Oktober

Wirklich, ich bin ganz verwandelt, mich erregt nichts, macht nichts mehr
traurig, mich lt alles kalt auer dem Arbeitsfieber, das in mir brennt. Ich
kann mich nicht mehr teilen - aber ich bin froh, da das endlich gekommen ist.
    Durch die Dalwendt lernte ich noch zur Zeit unsres alten Ateliers ein junges
Mdchen kennen, sie heit Marie-Luise und ist sehr eigentmlich und schn mit
ihrem gradlinig geschnittenen Gesicht und dem dichten, goldenen Haar. Sie lebt
mit ihrem Bruder zusammen, er hat dieselben Zge, nur schrfer und etwas
Leidendes drin. Beide leben ganz in Bchern und Gedanken - - ich bin oft abends
da und kann sie mir nur in diesem halbdunklen Zimmer mit der umschleierten Lampe
und den vielen alten Sachen denken. Es kommen noch allerhand Menschen hin, die
auch nicht zur brigen Welt zu gehren scheinen und von denen man nie recht
begreift, wer sie sind und was sie tun. Alle kommen spt abends, gegen elf Uhr,
und meist gehen wir dann noch in der Nacht durch den Englischen Garten. Manchmal
besuchen wir auch einen alten, verwachsenen Pfarrer, der in einer Dachstube
wohnt und aussieht wie ein Waldmensch in seinem graugrnen kuttenartigen
Schlafrock und dem mchtigen Bart. Er gibt uns schlechten Wein zu trinken -
Maria-Luises Bruder liet Zarathustra vor und gibt es fr ein apokryphes Buch
der Bibel aus. Zuweilen fllt es dem Alten ein, eine Andacht zu halten, er
kriecht in eine Ecke und brllt zu dem verstimmten Klavier mit furchtbarer
Stimme Chorle.

                                                                     29. Oktober

Neulich abend wollten wir etwas erleben und gingen in mglichst verdchtige
Gesindelkneipen, hatten Revolver mit, aber es passierte gar nichts. Es waren nur
die beiden Geschwister und ich, wir gingen nachher noch zu ihnen hinauf und
sprachen die ganze Nacht durch, ich erzhlte ihnen von meinem Leben. Und Sie
glauben noch an Glck, sagte der Bruder. - Ich dachte an den Sommer und sagte
ja - aber ich fhlte wohl, da er wei, wie es in mir aussieht.
    In der Morgenfrhe brachten sie mich nach Hause, und ich lag den ganzen
nchsten Tag mit furchtbarem Kopfweh da. Es ist ein eignes Gefhl, so einen
langen, hellen Tag im Bett zu liegen und sich nicht recht besinnen zu knnen.
Ich wute kaum, ob es Morgen oder Nachmittag wre. Dann kam jemand herein, ich
sah Marie-Luise neben mir stehen und konnte mir nicht recht klar werden. Sie
beugte sich zu mir nieder, sagte irgend etwas, dann kte sie - mich auf die
Stirn und war wieder fort. Gegen Abend wachte ich auf und merkte, da ich etwas
in der Hand hatte - ein Zehnmarkstck. Es fuhr mir frmlich durch die Glieder.
Woher wei sie, wie schlecht es mir geht. Vielleicht habe ich gestern abend
selbst davon gesprochen, aber ohne an so etwas zu denken. Von andern wrde ich
nie etwas annehmen, aber hier lag etwas darin, was mich tief bewegte. -
    Jetzt wei ich auch, was mir gefehlt hat - sowie ich etwas Vernnftiges zu
mir genommen hatte, war ich wieder gesund. Und ich war so stolz darauf gewesen,
da man ebensogut ohne Mittagessen leben knne. Und was nun? Nach Berlin gehen
und mich fttern lassen - meine schne Freiheit verkaufen? -
    Reinhard darf nichts davon wissen, ich schreibe ihm nur, da ich ganz gut
auskme.

                                                                     5. November

Das Modellieren aufgegeben - wir sollten diese Woche Halbaktreliefs in
Lebensgre machen, aber ich habe kein Geld, um Modell zu nehmen. Darber geriet
ich gestern so in Wut, da ich den Ton herunterri, die Modellierhlzer in alle
Ecken warf und tobend abging. Die Dalwendt sagte mir nachher, da unser Lehrer
sehr erstaunt gewesen sei. So habe ich mich jetzt ganz aufs Zeichnen geworfen.
Nachmittags stehe ich der Dalwendt Modell, weil sie auch keins mehr halten kann,
und sie mu mir dafr einen Kaffee zahlen.

                                                                     8. November

Oben im Haus, wo unsere Schule ist, wohnt ein polnischer Maler, mit dem Baldern
befreundet ist. Er nahm mich gestern mit hinauf. Ein junger Mensch, der Maxl
genannt wurde, sa auf der Erde; Zarek, der Pole, lag im Bett, und sie stritten
wtend ber Shakespeare. Entschuldigen Sie, da ich liege in Bett, ich bin
schrecklich krank, aber sind Sie ja freies Weib. Dann meinte er, ich she noch
zu jung aus fr ein Bewegungsweib, und ich bestritt auch, da ich eines wre.
Aber die kurzen Haare? Ich sagte, da ich mir die noch zu Hause htte
schneiden lassen, um nicht immer so verrauft von meinen Rendezvous heimzukommen.
Das war noch in der letzten Seminarzeit.
    Sie haben Schatz gehabt, Frulein? - worauf ich ihnen erklrte, da ich
jetzt verlobt wre, und das erregte einen frmlichen Sturm von Emprung.

                                                                    12. November

Jetzt bin ich alle Tage droben, in den Pausen und oft auch abends. Da kommen
viele Maler hin, meist Polen und Russen. - Walkoff hat meine Studien in die Hand
genommen, und ich lerne viel durch ihn, mu ihm alle meine Zeichnungen bringen.
Es scheint, da sie smtlich nichts zu essen haben - wenn einer etwas Kse
mitbringt, gibt es einen Aufruhr. Aber so habe ich noch nie ber Kunst sprechen
hren, sie sind alle wie toll, wenn sie davon anfangen.

Bei Zarek hatte sich abends eine Gesellschaft versammelt, die viel zu gro fr
das enge Atelier war. Dazu ein kalter Novemberabend, und man fror erbrmlich.
Ellen versuchte, das Feuer in Gang zu bringen, und warf dabei ein paar
Holzscheite auf den Boden.
    Kind, bist du ungeschickt, sagte Zarek, hast du Hnde, wo alles fallt
heraus. Wirst du miserable Hausfrau.
    La mich in Ruh', dummer Onkel, dein Ofen taugt nichts. Auerdem bin ich
noch lange nicht Hausfrau. Sie konnte es nicht leiden, wenn immer auf ihr
Verlobtsein angespielt wurde, und sah unwillkrlich zu Walkoff hinber.
    Nennt sie mich immer Onkel, sagte Zarek und ging an den Spiegel. Schau'
ich wirklich aus wie alter Onkel? Er hatte eine rote wattierte Jacke an, eine
Riesennase und struppiges Haar.
    Geben Sie Obacht, der Spiegel zerspringt, wenn Sie hineinsehen, rief eine
russische Studentin, die neben Baldern auf einer Matratze sa. - Auer den
beiden war noch ein Bildhauer da mit einem rotblonden Mdel.
    Der Maxl schlug vor, man sollte Glhwein machen, um endlich warm zu werden.
So legten sie alle zusammen, und er ging zur Krmerin hinber, um Wein zu holen.
Dann gab es ein lautes Durcheinander, bis jeder sein Glas oder seine Tasse
hatte. Zarek schnitt mit einem groen Messer Holzspne, die als Lffel dienen
muten. Nun wurde es endlich gemtlich; weil nicht genug Platz war, zogen sie
Polster und Kissen aus dem Bett und legten sich damit auf den Boden. Die Luft
fllte sich mit Zigarettenrauch, und es war ein solcher Lrm, da man sich kaum
verstehen konnte. Baldern und die Russin hatten sich auf dem Bett
niedergelassen, er spielte Gitarre und sie sang ein Lied nach dem andern. Der
Maxl, der einzige, der immer nchtern blieb, sa auf einem Stuhl, die Beine weit
von sich gestreckt, und sprach ber Rembrandt, Ellen neben Walkoff an der Erde
und hrte zu. Sie hatte den Kopf an ihn gelegt, seine Hand glitt ber ihre Haare
und ihren Hals - zwischendurch sahen sie sich an und tranken aus demselben Glas.
Das andre Paar flsterte und kte sich in der entferntesten Ecke. Dazwischen
wanderte der Onkel unruhig umher und stolperte jeden Augenblick ber ein paar
Fe - er hatte ein knstliches Bein und hinkte stark; das machte seine
schwerfllige, breite Gestalt noch unbeholfener.
    Seid ihr alle besoffen, pfui, liebe ich nicht Bacchanal. Hab' ich kein
Weib, parodierte ihn Baldern, komm her, du kannst abwechselnd bei uns
hospitieren.
    Nicht gemein werden, sagte die Russin. Warum ist die Dalwendt nicht hier,
dann seid ihr immer so anstndig. Zarek setzte sich neben sie und strich ihr
eine schwarze Locke aus der Stirn.
    Frulein, schauen Sie mich an mit glhenden Augenach, sind Sie schn, sind
Sie wie Schmetterling.
    Dann wollte er sie fangen und kssen, irgend jemand lschte die Lampe aus,
und nun kam eine verworrene Rauferei im Dunkeln - die Studentin schrie, der
Onkel grollte mit seiner tiefsten Stimme, und das Paar in der Ecke lachte laut.
    Walkoff beugte sich zu Ellen nieder und kte sie auf den Hals, auf den
Mund, bei jeder Bewegung durchrieselte sie ein heier Schauer. Der Maxl sah
ruhig zu, sein schmales Gesicht mit dem blonden, kurz emporgestrubten Haar
blieb unbeweglich, whrend er immer weiter sprach.
    Da wurde stark an die Tr geklopft, alle fuhren zusammen, blieben dann aber
ruhig in ihrer vorigen Stellung, als eine lange Gestalt, die man nicht deutlich
erkennen konnte, in der Tr erschien. Nur Zarek polterte dem Angekommenen
entgegen:
    Ach, Fritz! Gr Gott, Fritz.
    Gr Gott, Fritz, schrien nun alle im Chor, niemand wute, wer er war. -
Zarek versuchte vorzustellen:
    Herr Bruhnert - Frulein...
    Der neue Gast verbeugte sich aufs Geratewohl ins Dunkel hinein, er war
namenlos verlegen und wute sich nicht hineinzufinden; obendrein konnte er
niemand erkennen, und immer mehr Stimmen kamen aus dem Hintergrund.
    Mach' doch Licht, Zarek, man kann ja nichts sehen. Ist auch besser, du
siehst nicht. - Ist der Fritz noch sehr unverdorben, erklrte er dann.
    Der setzte sich ergeben auf einen Stuhl und schien peinlich berhrt. Die
andern kmmerten sich nicht viel um seine Gegenwart, schlielich wurde auch die
Lampe wieder angezndet. Etwas mitrauisch und halb amsiert sah der Fritz ber
seinen Klemmer weg. - Er war sehr gut angezogen und machte einen wohlhabenden
Eindruck. Du mut etwas zu trinken haben, Fritzl, sagte Ellen, dann wird dir
schon besser werden, worauf er sie mit unbegrenztem Erstaunen ansah.
    Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.
    Sie go den Rest in die Glser, whrend Zarek es noch einmal mit dem
Vorstellen versuchte, aber es war umsonst, und er gab es auf. Dann schlug er mit
dem groen Kchenmesser an sein Glas und brllte:
    Ruhe! - Sind wir alle Menschen, sind wir alle Brder - sind wir alle
Knstler - haben wir alle Rausch - wollen wir Brderschaft trinken in Kunst!
    Na, dann komm ich mal doch auch zu einem Ku߫, sagte der stoische Maxl, und
das Bruderschaftstrinken begann; sie waren alle aufgestanden, legten die Arme
ineinander, schwenkten sich im Kreise herum und kten sich. Der Fritz kte den
Damen nur die Hand.
    Gehen wir jetzt ins Caf, Fritz hat Geld.
    Im Caf lieen sie sich an ihrem gewohnten Tisch nieder; man kannte sie dort
schon und erschrak etwas, wenn sie kamen, denn fr die andern Gste war es dann
unmglich, noch ein Wort zu reden. - Ellen sa dem Fritz gegenber und war in
ihrer seligsten Laune.
    Schaut sie aus wie ein Kind, sagte Zarek zrtlich. Walkoff, nimm dich in
acht vor Zuchthaus.
    Nimm dich selber in acht, lie die ruhige Stimme des Maxl sich vernehmen.
Kuppelei ist auch strafbar.
    Der Fritz hatte bisher nur stumm in sich hineingelchelt, allmhlich fing er
nun an, etwas berauscht zu werden, sah pltzlich auf und nahm sein Glas.
    Still, still, will der Fritz Rede halten!
    Er lchelte noch mehr: Ich glaube allerdings - nachdem - Sie werden mich
nach dem heutigen Abend wohl alle fr etwas -
    Sie? - Wir haben doch auf du getrunken?
    Ja, du hast recht - das wollte ich ja gerade sagen - also da Sie mich so in
Ihren Kreis - aber es ist doch nicht so leicht, sich gleich - ich glaube, ich
bin heute abend etwas aus der Rolle gefallen... Das wurde mit einem so
schallenden Gelchter beantwortet, da er alle der Reihe nach verzweifelt
anlchelte. Sie brauchen mich aber deshalb nicht - ich wute nur nicht recht,
ob es Spa oder Ernst wre - er sah Ellen mit einem tiefen Blick an -, also
nachdem auch diese liebenswrdigen jungen Damen - na, zum Teufel, ich finde
nmlich, wenn du Fritz sagst, kann ich auch Ellen sagen. - Dein Wohl, Ellen.
    Er sank ganz erschpft wieder auf seinen Stuhl und wurde fast zerrissen vor
Beifall und Hndeschtteln. Baldern und die Russin stimmten einen Gesang an,
Ellen hielt sich an Zarek fest und war nahe daran, vor Lachen ohnmchtig zu
werden. - Aber nun mahnte der Wirt mit nachsichtigem Lcheln zum Aufbruch. Sie
nahmen noch einige Bierflaschen mit, tranken sie drauen vor der Tr aus und
warfen sie auf der leeren Strae in Scherben, da es weithin klirrte. Zarek ging
voran, sein Stock stie drhnend gegen das Pflaster, und er sang laut in die
Nacht hinaus, whrend die andern das Trottoir entlang Galopp tanzten.

Bald darauf kam Zarek eines Abends, um Ellen abzuholen. Er war auffallend
ordentlich angezogen und machte ein geheimnisvolles Gesicht.
    Hat der Fritz uns eingeladen in Ratskeller, mach' dich ein bichen schn,
Kind - Ratskeller ist nobel.
    Sie musterten Ellens ganze Garderobe durch und stellten mit vieler Mhe ein
Kostm zusammen, in dem sie zur Not auftreten konnte.
    Schenk' ich dir ein Kleid, wenn ich mein Bild verkauft hab', sagte Zarek,
whrend er prfend um sie herumging. Sapristi! - kannst du nicht in alten
Tanzschuhen gehen - wird der Fritz dir immer auf Fe schauen.
    Der Fritz soll schauen, so viel er will, und Ellen wurde ganz ungeduldig,
meine Stiefel sind entzwei, und ich kann sie mir diesen Monat nicht mehr machen
lassen.
    Endlich waren sie fertig, und Zarek polterte an ihrer Seite die vier Treppen
hinunter. - Im Ratskeller wartete Fritz, vornehm angetan und mit einer Blume im
Knopfloch.
    Na, Zarek, das sieht dir hnlich, so spt zu kommen. Ach, der Onkel mute
mich ja erst anziehen, sagte Ellen, whrend sie sich setzten. Fritz warf aus
seinen tiefliegenden Augen einen mitrauischen Blick auf den Onkel.
    Hab' ich noch nie solche Garderobe gesehen bei junger Dame. Sag' ich: zieh
an blaue Bluse - ist halber rmel abgerissen. Hat sie nur weie und reibt mit
Kreide, da man Flecken nicht sieht. Grtel gibt's nicht, mu man Plaidriemen
nehmen.
    ber des Fritz Gesicht glitt ein langsames Lcheln: Mir bist du in jedem
Anzug schn genug, Ellen. Dann stellte er ein auserlesenes Souper zusammen und
lie Wein kommen.
    Die Unterhaltung war anfangs etwas einsilbig und geriet mehrfach ins
Stocken. Erst nach dem Essen, als sie beim Sekt angelangt waren, begann der
Gastgeber allmhlich aus seiner Korrektheit aufzutauen. Schlielich setzte er
sich neben Ellen und sprach von Liebe, erst im allgemeinen - dann wollte er
durchaus wissen, ob sie Henryk Walkoff liebte.
    Ach, keine Spur.
    Aber warum bist du dann neulich abend so zrtlich mit ihm gewesen?
    Das ist man bei uns immer, wenn wir alle einen Schwips haben. - Die andern
waren doch auch zrtlich zusammen.
    Ja, und dem Maxl hast du auch einen Ku gegeben beim Schmollistrinken und
Baldern. Gibt es denn bei euch gar keine Grenzen?
    Doch, dir hab' ich ja keinen gegeben, Fritzl.
    Ach, du bist schlecht, Ellen - bitte, sei einmal ernsthaft - wen liebst du
denn eigentlich - deinen Verlobten?
    Will ich dir Problem lsen, Fritz, warf Zarek dazwischen, mir liebt sie.
Haben wir uns schon manchmal gekt - sapristi! Denkst du noch, Ellen?
    Ist das wahr?
    Sie nickte und der Onkel brach in ein unbndiges Gelchter aus:
    Schau den Fritz, wie er ist unglcklich!
    Aber der schttelte den Kopf und starrte eine Zeitlang in sein Glas:
    Ihr seid doch sonderbare Leute. - Wollen wir jetzt ins Caf?
    Im Caf kam ein Blumenmdchen an den Tisch und Fritz kaufte Rosen fr Ellen.
Eine behielt er in der Hand und drehte sie nachdenklich hin und her, dann rckte
er seinen Stuhl etwas vor:
    Siehst du, Ellen, die ist noch nicht ganz aufgeblht - gerade das liebe ich
so - halberblhte Rosen, und so kommst du mir auch immer vor.
    Ach, Fritz, dann kommst du doch etwas zu spt.
    Er beugte sich noch etwas weiter vor:
    Wirklich zu spt? Schau nicht immer zum Onkel hinber, schau mich an,
Ellen, wir sind doch beide so jung, und ich habe auch noch nie geliebt. - Warum
hast du dich denn verlobt, willst du wirklich heiraten? Du hast mir doch
erzhlt, da er zehn Jahre lter ist als du. Dann kann er dich doch gar nicht
verstehen - du wirst nur unglcklich sein mit ihm, und was dann? - Er sprach
fort und fort mit dem vergeblichen Bemhen, auch nur ein ernsthaftes Wort aus
ihr herauszulocken. Ellen lie ihm ihre Hand, die er dann und wann an seine
Lippen zog.
    Dann wurde es spt, und man mute heimgehen. Die beiden versprachen dem
Fritz, morgen vormittag auf sein Atelier zu kommen, er wollte ihnen etwas
zeigen, was er gemalt hatte.
    Ellen erschien denn auch frhmorgens bei Zarek, um ihn abzuholen, aber er
lag noch im Bett und wollte nicht mit.
    Mut du allein gehen, Kleines.
    Aber wenn er nun wieder von vorne anfngt, um Gottes willen.
    Ach, ist nicht so heiliger Ernst - hab' ich ihm gesagt, du liebst ihn
schon, und wartet er auf dich.
    Der Fritz wohnte weit drauen beim Kirchhof. Als Ellen kam, fand sie ihn
mitten in einem fast leeren Zimmer vor der Staffelei, die Palette in der Hand,
in jedem Knopfloch seiner Maljacke und ber jedem Ohr steckten Pinsel, und einen
hatte er quer im Mund. Auf dem Fensterbrett stand eine Schnapsflasche und zwei
Glser.
    Ja, da kommst du ja wirklich, Ellen - aber warum kommst du nicht lustig
hereingesprungen, - warum lachst du nicht - gibst mir keinen Ku zum guten
Morgen? Dabei machte er ein frivoles Gesicht und befreite sich von seinen
Pinseln. Ellen wute selber nicht, weshalb sie jetzt nicht wieder lachen konnte
und statt dessen ein pltzlicher Zorn in ihr aufstieg. Sie ging ans Fenster und
sah hinaus: da lag der Kirchhof mit seinen weien Grabsteinen und kahlen Bumen.
Regen und Wind fegten darber hin, alles sah so trostlos melancholisch und
verlassen aus. Als der Fritz, immer noch mit einem leichtsinnigen Lcheln, auf
sie zutrat, sah er, da sie weinte.
    Aber Ellen, was hast du?
    Sie wute es selbst nicht, sie fhlte sich nur todunglcklich. Man sollte
nicht so mit ihr umgehen - ja, sie wre schon leichtsinnig - aber was fiele dem
dummen Onkel ein, solche Geschichten zu machen. Konnte sie sich nicht verlieben,
in wen sie wollte? Aber deshalb brauchten sie sich nicht einzubilden, da sie
nun jedem von ihnen gleich in die Arme snke.
    Ratlos stand der Fritz neben ihr und wollte sie trsten, aber ihr fielen
immer mehr traurige Sachen ein, alle glaubten, da man mit ihr nur lachen und
Tollheiten treiben knnte, aber sie brauchte auch Menschen, die gut gegen sie
wren; wuten sie denn berhaupt, was alles fr Kmpfe und Schmerzen hinter ihr
lagen? Der Fritz ging ganz in Mitgefhl auf; da Ellen auch traurig und
empfindsam sein konnte, war so berraschend fr ihn, da er alles andre verga.
Er streichelte ihre Haare und legte den Arm um sie wie ein guter Bruder,
schlielich weinten sie beide zusammen helle Trnen ber alles, was es im Leben
Schweres und Trauriges gab, - bis zum spten Nachmittag blieben sie droben. Dann
gingen sie in die Stadt zum Essen - und bei Zarek zerbrach man sich den Kopf
darber, warum die beiden sich den ganzen Tag nicht sehen lieen.
    Aber von nun an hatte Ellen am Fritz einen treuen Freund gefunden, auf den
sie sich verlassen konnte, und der nie mehr von Liebe sprach.

Das taugt alles nichts, sagte Walkoff - Ellen war bei ihm im Atelier und hatte
einen Haufen Zeichnungen mitgebracht -, du zeichnest wie verrckt drauf los,
aber es liegt nichts darin - gar nichts. Deine Arbeiten sind ganz wie du selbst:
du taumelst herum, fllst auseinander - ein Stck hierhin, eins dorthin.
    Sie sah ihn an. Ja, wenn sie reden knnte, warum sie so war, so geworden -
alles, was sie drckte - aber davon wollte er nichts wissen - drngte alles in
sie zurck.
    Hart sein, Ellen, nicht dies ewige Sichhingebenwollen. Nur in der Kunst, da
gib dich ganz hin, aber im Leben halt dich zusammen. Ich will dein Freund sein,
aber gerade deshalb mag ich dich nicht schwach sehen. Wenn ich dir helfen soll,
darfst du kein Mitleid von mir wollen. - Leg einmal deine Hand dort hin.
    Er rckte die Lampe zurecht und fing an zu zeichnen: Das soll nicht etwa
nur wie eine Hand aussehen - das ist kein Kunststck und jeder kann es lernen,
einfach etwas nachzumachen - aber fhlen mu man, wie es darin lebt und zuckt.
Sieh mal, wie es da weich in den Schatten hinbergeht - das herausbringen, die
Bewegung, das Leben. Wozu malst du berhaupt, wenn du nichts dabei fhlst? Eine
Zeichnung kann noch so schlecht sein, wenn nur eine Linie darin Empfindung hat.
Und arbeiten, Ellen, arbeiten! Den ganzen Tag davor hinsitzen ist noch kein
Arbeiten. Lieber gar nichts tun, wenn du nicht fhlst, da alles in dir zittert.
Immer mu man daran denken und sich darauf einstimmen wie zu einer Andacht.
    Erst tief in der Nacht kam Ellen nach Hause und wie in einer groen inneren
Erschtterung. Auf den Knien htte sie dem Himmel danken mgen, da sie diesen
Menschen gefunden hatte, wenn er ihr auch noch so wehe tat. Erbarmungslos nahm
er das Messer und legte ihre innersten Wunden blo, schnitt alles hinweg, was
darber wucherte.
    Und nun sieh selber zu, wie du es wieder heil bekommst. Wenn du keine Kraft
hast mitzugehen, so bleib nur am Wege liegen. Ich will nicht der sein, der dich
aufhebt und trstet. Und dann lchelte er wieder, als wollte er sagen: Ich
wei schon, was an dir ist, aber zeig es mir. Hart sein, stark sein, dann zeig
ich dir den Weg. Sonst ist es mir nicht der Mhe wert.
    Fast alle Nachmittage war sie jetzt bei ihm, er lie sie mit nach seinem
Modell arbeiten und lehrte sie sehen. Bisher war sie nur wie im Finstern
umhergetappt, hatte sich mit verbohrtem, hartnckigem Flei geqult, durch den
undurchdringlichen Nebel zu kommen, und es hatte nichts geholfen, bis er ihn mit
seinem Zauberstab zerteilte und sich pltzlich eine lichte Weite vor ihr auftat.
Sie sa zu seinen Fen und lie sich lehren.
    Seit dem Abend bei Zarek war etwas Schwles in ihr Beisammensein gekommen,
das vorher nicht gewesen. Wenn das Modell fortging, blieb Ellen noch, bis es
Zeit zum Abendakt war. Manchmal zog er sie dann auf seine Knie und sie kten
sich, aber pltzlich beherrschte er sich wieder: Geh' jetzt, Kind, du kommst zu
spt.
    Aber die bange Stunde kam jeden Tag wieder, und endlich ein Abend, wo es
ber ihnen zusammenschlug.

Ihre Zhne gruben sich tief in die Kissen hinein, um den wilden, seligen
Aufschrei zu ersticken - ihr war, als lge sie in einem tiefen Abgrund und
Sturmeswogen von ungeahnter Qual und ungeahnter Wonne brausten ber sie hin, bis
sie das Bewutsein von allem verlor - wie tot in seinen Armen lag, die sie eben
noch wie glhendes Eisen umklammert hatte. Henryk war tief erschrocken, es war
auch ihm alle Besinnung vergangen, als er den jungen Krper in seiner Gewalt
fhlte. Dann sahen sie sich lange an. Ihr war, als ob die ganze Welt leuchtete
wie ein Weihnachtsabend. - Frher, in den Trumen ihrer Jugend, hatte sie sich
feenhafte Umgebungen ersehnt: leuchtende Farben, schimmernde Glser mit
glhendem Wein - Schleier, durch die rotes Licht und Geheimnisse funkelten,
wollstige Musik in der Ferne. - Und jetzt lag sie mit weit offenen Augen da,
ihr schien, als ob sie noch nie so deutlich gesehen htte - das verwahrloste
Atelier im dmmernden Abendschein - sein unschnes Gesicht mit dem wirren
schwarzen Haar - und doch fhlte sie das Leuchten und Schimmern, und das rote
Glhen war in ihr. Es htte mehr nicht sein knnen - in keinem Mrchentraum.
    Er konnte so gut sein, Henryk, er sorgte fr sie, ging im Atelier herum und
brachte ihr Tee. Dann sa er neben ihr, und in seinen Augen war etwas, was sie
noch nie gesehen hatte.
    Als sie dann spter gehen wollte, trennten sie sich mit einem ernsten langen
Ku.
    Ellen, und jetzt wollen wir beide arbeiten - schaffen - schaffen!

Sie stand im Aktsaal vor ihrer Staffelei unter all den andern, sprach mit ihnen
in der Pause auf dem Korridor und war abends mit den Freunden im Caf - wie alle
Tage, aber sie dachte nur, es mte ihr jeder ansehen, wie es in ihr strahlte.
Sie ging im Traume, wie in einer ganz andern Wirklichkeit - jetzt war der
Schleier gerissen, der sie vom Leben und von sich selbst geschieden hatte, und
was dahinter sich auftat, war nicht Enttuschung, nicht Reue um etwas Verlorenes
- es war, als wre ihr ein groes Wunder geschehen, das ihr tiefstes Leben
weckte. Und auch kein Rausch, der wieder in frostige Alltglichkeit zerrann, ein
unendlicher Reichtum drngte sich in jeden Tag zusammen und verwandelte das
ganze Leben. Jetzt konnte sie mit ganzer Seele bei ihrer Arbeit sein und verga
alle Entbehrungen. Ihre Kraft erneuerte sich in jeder Liebesstunde und in den
langen Gesprchen mit Henryk, im Verkehr mit all diesen Menschen, die nur ihrer
Kunst lebten.
    Und doch war sie in dieser Zeit nicht eigentlich verliebt in Henryk; vor
allem fhlte sie tiefe Bewunderung fr ihn als Menschen und als Knstler, der
ihr Meister war. Das andere gehrte wie von selbst dazu, und sie dachte nicht
darber nach, ob es Liebe war oder nicht, ebensowenig, wie man sich Gedanken
darber macht, warum die Sonne scheint.
    Weihnachten sollte sie Reinhard wiedersehen, und nun kam ihr allmhlich das
Bewutsein zurck, da es noch eine zweite Welt gab, die wieder an sie
herantrat. Das hatte sie alles vergessen, nur hier und da klang es wie eine
ferne leise Mahnung an ihr Ohr, und dann rang sie mit dem Entschlu, ihm die
Wahrheit zu sagen und sich von ihm zu lsen.
    Aber als er kam, sie sich nach der langen Trennung wiedersahen, wurde sie
wieder schwankend. Er war so strahlend froh, sie wieder zu haben, fhlte sich
ihrer so sicher - und Ellen empfand seine tiefe, groe Liebe wie ein Stck ihres
Lebens, ber das doch nicht so leicht hinwegzugehen war. Bei ihm berkam sie
immer ein Gefhl von Schutz und Heimat, er war der, an den sie sich anschmiegen
konnte, der alle weichen und sehnschtigen Saiten in ihr zum Klingen brachte.
Und im Grunde frchtete sie sich auch etwas vor ihm, vor seinem Zorn, seiner
geraden, sicheren Klarheit, die solche Wege nie verstehen wrde.
    Fr die Festtage fuhren sie zu Verwandten von Reinhard, dann waren sie noch
zwei Tage zusammen in Mnchen. Ellen wohnte mit ihm im Hotel, sie hatte selbst
den Ansto dazu gegeben, denn sie empfand es wie eine Art Ausgleich, wenn sie
jetzt auch ihm angehrte. Und diese Stunde, vor der sie gezittert hatte, kam und
ging vorber - ihm kam keinen Augenblick der Gedanke, da Ellen ihn hintergehen
knnte.
    Als er abgereist war, ging Ellen durch die Winterfrhe vom Bahnhof ihrer
Wohnung zu. Neujahrsmorgen - sie dachte an ferne Zeiten, wo sie diesen Tag mit
guten Vorstzen und frommen Gelbden begann - das war immer etwas Frohes,
Klares, Anfangsfrisches gewesen, und jetzt alles so verworren in ihr. - Wie
fingen es wohl andre an, um glatt durchs Leben zu kommen, und warum wurde es
einem immer so schwer gemacht durch all dies Binden und Verpflichten. In ihrem
eignen Gefhl war nichts, was dem widersprach, mit beiden das Leben zu teilen,
weil jeder ihr etwas war, was der andre nicht sein konnte.
    Henryk war auch ber Weihnachten fortgefahren und noch nicht zurck. So
lebte Ellen die nchste Zeit fast ausschlielich in ihrer Arbeit, die war und
blieb doch das Erste und Grte und das, worin sie Ruhe fand vor allem, was in
ihr stritt und wogte. Und darin wollte sie Reinhard keinen Schritt weichen. -
Wenn er ihr auch noch so viel Freiheit zugestand, ehe sie wirklich imstande war,
allein weiterzukommen, wrde sie nicht von Mnchen fortgehen. Ellen hatte ihm
deshalb auch ngstlich verschwiegen, wie es mit ihren Mitteln stand. Schon seit
dem Herbst a sie nur noch ein oder zweimal in der Woche in einer kleinen
Garkche zu Mittag, die andern Tage konnte man sich mit einem Stck Brot
behelfen. Sie legte sich dann, wenn alle fort waren, auf dem Modellpodium
schlafen, da merkte man es kaum, ob man etwas im Magen hatte oder nicht.
Zufllig kam Zarek einmal herunter und fragte, warum sie nicht zu Mittag
fortginge. Von da an teilten die beiden sich in eine Portion um vierzig
Pfennige, die vom Wirtshaus herbergeholt wurde.
    Von Woche zu Woche mute sie auf neue Ersparnisse sinnen, nahm sich ein ganz
kleines Zimmer, wo kaum das Bett Platz hatte, der kostspielige Morgenkaffee
wurde abgeschafft, denn beim Onkel gab es ja schlielich immer Tee und Brot,
wenn sie in der Pause hinaufkam. Ellen war berzeugt, da sie sich ganz gut auf
diese Art noch ein paar Jahre durchschlagen knnte; es waren ja manche unter
ihren Bekannten, denen es ebenso ging, und keiner klagte darber; sie lachten
nur, wenn sie am Monatsende ihre leeren Taschen umkehrten und abends im Caf
zusammenkamen, um bei einem Glas Bier stundenlang wenigstens Licht und Wrme zu
haben.

Wieder und wieder sprach Reinhard in seinen Briefen davon, da er die Heirat
jetzt endgltig auf Anfang des Sommers festsetzen mchte, und jedesmal schrieb
Ellen zurck, sie knnte vorlufig noch nicht daran denken, sie brauchte noch
Zeit, um nur sich selbst zu leben. Wollte er das nicht, so msse er sie
freigeben und ihren Weg gehen lassen. Er warf ihr den grenzenlosen Egoismus vor,
mit dem sie ihrer beider Glck gefhrdete, und hielt dennoch fest, in der
sicheren berzeugung, da sich alles ganz wie von selbst ndern wrde, wenn
Ellen erst bei ihm war.
    Aber in ihr hatte sich seit dem weihnachtlichen Beisammensein vieles
gewandelt - das unbedachte Hineinleben in all die brausende Lebensfreude, die
der erste Rausch und das erste Aufatmen in voller Freiheit mit sich gebracht
hatte, war zur unerbittlichen Leidenschaft geworden. Seit sie nach wochenlanger
Trennung zum erstenmal wieder in Henryks Armen lag, wute sie, da sie ihn
liebte und da es kein Entrinnen mehr gab. Sie wute jetzt auch, da die Liebe
kein Sommerglck sein konnte, kein jubelndes Aufgehen in dem andern, - nichts
von alledem, was sie frher darin finden wollte, - nein, die Liebe war eine
blinde, wtende Sturmflut, die alle Dmme niederbrach, und da gab es kein Fragen
mehr, kein berlegen, was mit fortgerissen und was gerettet werden konnte. Es
kam ihr nicht in den Sinn, Henryk fr sich besitzen zu wollen, sein Leben mit
ihm zu teilen; er war kein Mann, mit dem man an Glck htte denken knnen. Das
sah sie alles und wute es wohl, aber ihre Liebe dachte nicht an Fragen und
Verlangen. - Dabei lernte sie immer tiefer in ihn hineinsehen, fhlte all das
zerrissene Schwanken, das auch in ihm war. Er konnte andern geben, was er selbst
nicht hatte, wonach er in ewiger Unruhe rang und jagte.
    Oft fuhr er mitten in der Nacht auf: Jetzt mu ich arbeiten! Dann stand
sie ihm Modell, stundenlang -, er arbeitete wie ein Wahnsinniger und sprach von
seinen Werken, die er schaffen wollte - mit immer glhenderer Phantasie. - Es
war etwas Sinnloses, Ausschweifendes in seiner Art zu malen. Wenn er ber die
Skizze hinaus wollte, fing er an: Diesmal soll es etwas werden, ich lasse nicht
nach, bis es wird. Dann wollte er malen, wie noch kein Mensch gemalt hatte, in
unerhrten Farben, - und es gelang nicht, gelang nie -, immer wieder begann er
von neuem.
    Wurde er schlielich mde, so gingen sie zusammen ins Caf. Dort war im
Nebenzimmer ein Klavier, und da spielte er endlos -, manchmal wild und
leidenschaftlich, dann wieder ganz leise, traurige Melodien. Ellen sa auf dem
harten Ledersofa, in eine Ecke gedrckt, die Tne klangen in ihrer Seele nach,
und sie sah ihn an, - er wurde fast schn, wenn er spielte. Sie lebte alles mit
ihm durch, zitterte um jedes Bild und war stillglcklich, da er das mit ihr
teilte, sie in seinem Hchsten mitleben lie.
    Inzwischen kam sie viel mit den anderen Freunden zusammen, es gab Stunden,
wo sie all der strmischen Gefhle mde wurde und nur einmal lachen wollte. War
sie nicht bei Henryk, so traf sie den Zarekkreis in seinem Stammlokal. Es gab
kaum eine Nacht, wo man vor drei Uhr heimkam, und wollte Ellen einmal zu Hause
bleiben, um auszuschlafen, so erschien gewi die ganze Bande noch um Mitternacht
unter ihrem Fenster, oder sie schickten den Pikkolo vom Caf, dem sie ihren
Signalpfiff beigebracht hatten. Und sobald Ellen den hrte, war es aus mit ihren
guten Vorstzen, sie fuhr rasch in die Kleider und war in ein paar Stzen die
Treppen hinunter.
    In ganz Mnchen tobte jetzt der Karneval, und sie brannten alle darauf,
etwas zu unternehmen. Aber keiner von ihnen hatte Geld, - Knstlerfeste und
Redouten waren unerschwinglich, so gingen sie nur eines Nachts ins Caf
Luitpold. Ellen hatte sich ein Clownkostm geliehen, die Russin war auch
maskiert, die brigen alle in ihren gewhnlichen Kleidern. Fr Ellen war es
alles ganz neu, und sie strzte sich Hals ber Kopf hinein. Henryk war nicht
mit, sie verga ihn, verga alles, trieb hierhin und dorthin und war vllig
willenlos vor Freude. Ein paarmal fing Zarek sie wieder ein und brachte sie an
den Tisch zurck. Aber da war es heute langweilig, Max und der Onkel gerieten
immer wieder in erboste Kunstgesprche und betrachteten das ganze Treiben nur
vom malerischen Standpunkt aus, das eine Paar sa weltvergessen in einer
Sofaecke, das andere zankte sich - der Fritz wich nicht von Ellens Seite und
suchte sie vor allen Anfechtungen zu behten, wenn andere Masken herankamen.
    Seid ihr alle oberflchlich, klang pltzlich Zareks rauhe Bastimme.
Karneval ist abscheulich, gehen wir heim zu mir und machen Tee. Will ich euch
Hamlet lesen. Die andern schwankten nach, und Ellen erklrte, da sie dann
alleine dableiben wollte, - als eine Horde weier Pierrots auf sie eindrang und
sie mit fortziehen wollte. Zarek und Fritz hielten sie jeder von einer Seite
fest, da sah der eine von den Weien sie aufmerksam an.
    Ah, du bist's - ich hab' doch gleich gesagt, da ein Mdel drin steckt.
    Ellen wurde neugierig. La mich, Onkel, der gefllt mir.
    Was hast du denn da fr einen Onkel?
    Gefllst du mir gar nicht, sagte der. La ihr - mu ich hten bezechtes
Kind.
    Nein, ich will mit, weg da, Fritz!
    Auch noch ein Fritz, mein Gott, bist du aber gut behtet.
    Ellen war schon auf den Tisch gestiegen und flog in seine Arme.
    Gegenber hatte sich ein Trupp Italiener niedergelassen mit Gitarren und
Mandolinen, es war ein ohrenbetubender Lrm. Ellen tanzte mit ihrem Pierrot um
die Tische und dann oben auf dem Billard zwischen den Kaffeetassen, bis der Wirt
kam und sie vertrieb. Dann brachte er sie an seinen Tisch: Seht mal, was ich da
gefangen hab' - ist das nun ein Bub oder ein Mdel?
    Die drben brachen auf und winkten ihr.
    Bleib du nur bei uns, sagte einer, der Johnny lt dich doch nicht wieder
her.
    Ja, Johnny, ich bleib bei dir, die andern wollen heimgehen und Hamlet
lesen.
    Er schttelte sich vor Lachen. Dann kam Zarek mit ernstem,
verantwortungsvollem Gesicht und wollte sie mitnehmen. Aber Ellen lag in Johnnys
Armen, er hielt ihr das Sektglas an die Lippen und lie sie trinken:
    Bezechtes Kind bleibt bei uns, geh' du nur deinen Hamlet lesen.
    Ellen blieb und trank Sekt und Freude bis in den Morgen hinein mit vollen
Zgen. Allmhlich wurden die Rume des Cafs immer leerer, die Kellnerinnen
standen ghnend herum zwischen umgestrzten Sthlen und verwsteten Tischen,
hier und da saen noch vereinzelte Paare und umarmten sich immer bewutloser.
Johnny schlug vor, man sollte mit ihm auf sein Atelier gehen und dort Kaffee
trinken, aber unterwegs fiel einer nach dem andern ab, sie waren alle mde und
hatten genug. Ellen fiel jetzt erst ein, da Zarek ihre Schlssel eingesteckt
hatte und sie nicht in das Haus hineinkonnte. So gingen sie langsam durch den
weichen Schnee, der ber Nacht gefallen war, die Strae hinauf, wo die Laternen
noch mde in der Dmmerung flackerten, und saen dann in Johnnys Atelier mit den
vielen gemtlichen Ecken vor einem kleinen Tisch, auf dem die gelbumschleierte
Lampe brannte und die kupferne Kaffeemaschine summte. Johnny zog sich im
Nebenzimmer um und wickelte dann Ellen in einen schweren Seidenmantel - es war
eine Atmosphre von Behaglichkeit, die sie lange nicht mehr gewhnt war, und sie
dehnte sich vor Wohlgefhl.
    Nun mute sie ihm erzhlen, wie sie lebte, manchmal lachte er, dann wieder
schttelte er den Kopf: Ich habe das ja alles selbst durchgemacht, aber glauben
Sie mir, die Boheme kriegt jeder einmal satt und Ihre Gesellschaft da gefllt
mir nur halb. - Aber das allerverrckteste finde ich doch, da Sie heiraten
sollen.
    
    Es war jetzt heller Tag, und sie berieten, wie Ellen in ihrem Clownkostm
nach Hause kommen sollte - er brachte alle mglichen Dinge herbei, steckte sie
zuletzt in einen Regenmantel von sich, schnrte ihr ein Paar unfrmliche
Bergstiefel an die Fe und drckte ihr einen Schlapphut ins Gesicht. Dann stand
er da und wollte sich totlachen. So wateten sie wieder durch den Schnee zu einer
nahen Badeanstalt, nahmen Zelle an Zelle ein Brausebad unter vielem Lachen - es
war alles so lustig und morgenfrisch und dabei wie ein leichtes Spiel, das sich
immer an der Grenze bewegte.
    Ich habe wirklich allen Respekt vor mir, sagte Johnny, als er sie im
Fiaker nach ihrer Wohnung brachte, nicht einmal um einen Ku habe ich Sie
gebeten, seit wir uns wieder in normale Menschen verwandelt haben - warum sind
Sie auch verlobt? - Aber hbsch war es doch.

Das kleine Abenteuer mit Johnny, das ja eigentlich gar kein Abenteuer war, ging
Ellen noch ein paar Tage nach wie ein wohliger Traum, bei dem sie immer wieder
lcheln mute. Sie htte ihn gerne einmal wiedergesehen, aber die andern hatten
natrlich davon erfahren, Zarek war beleidigt und auch Henryk etwas verstimmt.
So gab sie es auf, und ihre Gedanken waren auch bald wieder ganz in Henryk
gefangen, so da ihr alles andere unwesentlich vorkam.
    Der Frhling kam mit schweren Strmen, und sie wuten nichts mehr wie diese
verzweifelte Leidenschaft, die mit jedem Tag wuchs.
    In einer Mrznacht waren Walkoff und Ellen bis spt mit den Freunden
zusammengewesen; als alles sich trennte, gingen sie in heier Stimmung zu ihm
hinauf. - Dann fate ihn wieder die Arbeitswut. Oder bist du zu mde, Ellen?
Nein, sie war nie mde.
    Sie stand vor ihm am Tisch, und er arbeitete, da wurde sie auf einmal bla
und fing an zu schwanken. Er konnte sie gerade aufs Bett legen, ehe sie
ohnmchtig wurde.
    Bald nach diesem Abend stiegen bange Ahnungen in ihr auf, sie wollte sich
selbst die tdliche Angst nicht eingestehen, die immer banger und beklemmender
auf sie herabsank, suchte sie von Tag zu Tag zurckzudrngen und sagte sich
immer wieder: Es kann ja nicht sein, ist zu furchtbar, als da es sein knnte.
Ihr schien, als she sie ein Beil herabfahren, das ihr den Schdel spalten
wollte, und sie htte sich verkriechen mgen, um nur nicht daran zu denken. So
vergingen Wochen, und endlich wute sie, da es wohl nicht anders sein konnte.
    Und die Gewiheit, der nicht mehr auszuweichen war, verwandelte ihre
Empfindungen. Es war das Schicksal selbst, das dunkel und bermchtig sich vor
ihr aufrichtete, und sie beugte sich vor seinem brennenden Blick. Beinahe wie
Freude kam es jetzt ber sie: sie wollte es ja gerne tragen - ein Kind von ihm -
ein Kind ihrer Leidenschaft. Neben all den seltsamen, bengstigenden Gefhlen,
die ihrem Krper alle Spannkraft nahmen, erfllte es sie mit wehmtig ahnender
Wonne - ein Kind, ein Wesen, das ganz ihr eigen sein sollte - ihr, der
Heimatlosen, die keine Sttte hatte auf der weiten Welt und keinen Menschen, der
ihr die Arme auftat.
    Als sie es Henryk sagte, konnte sie vor Bewegung kaum sprechen. Sie sa auf
dem Bett und sah ihn an, - aber er schien nur erschrocken, ging rasch auf und ab
in dem schmalen Raum und blieb schlielich vor ihr stehen:
    Das ist schlimm genug - was soll daraus werden? Vor allem will ich jetzt
an Reinhard schreiben, da alles zwischen uns aus sein mu - das wollte ich ja
schon lange.
    Und dann?
    Das wei ich noch nicht - irgendwie wird es sich schon finden. Ellen
lchelte. Du brauchst keine Angst zu haben, Henryk, da du mich heiraten mut.
- Du weit doch, da ich sowieso hier bleiben wollte, und ich werde mich schon
durchschlagen. Wir haben ja alle nichts und leben doch.
    Henryk setzte sich neben sie, war gut und zrtlich: La uns nur noch
abwarten, Kind, vielleicht findet sich ein Ausweg, und es ist ja noch nicht so
sicher. Geh' an die Arbeit und versuche, nicht immer daran zu denken.
    In dieser Zeit kamen wieder lange Briefe von Reinhard, er drngte zur
Entscheidung, sie sollte jetzt von Mnchen fortgehen, es nicht mehr
hinausschieben, denn wenn sie vor dem Sommer heirateten, war noch vieles zu
ordnen. Was ist mit dir, warum schreibst du nicht? Ich begreife nicht, da du
selbst jetzt nichts anderes im Kopf hast wie deine Malerei - auf alles, was ich
schreibe, nicht eingehst.
    Ellen hatte ein langes Schreiben an ihn angefangen, schrieb Bogen auf Bogen,
immer wieder konnte sie die Worte nicht finden und begann am nchsten Tag von
neuem.
    Nachts konnte sie nicht schlafen, wenn sie auch todmde war. Ihre Gedanken
gingen irre durcheinander. - Henryk mit seinem: Was soll daraus werden? - Die
Frage drngte sich auch ihr immer unentrinnbarer auf. - Von ihm fordern, da er
fr sie und ihr Kind sorgen sollte, sein Knstlertum unterbinden, lhmen? -
Nein, er mute freibleiben, sie wollte sich nicht wie ein Bleigewicht an ihn
hngen. Aber was dann? - Dann stand sie vor dem nackten Elend, vor dem Hunger -
sie und ihr Kind.
    Ihr Geld war jetzt vllig zu Ende, hie und da lieh sie sich etwas von den
Bekannten, a mit Zarek zu Mittag, weiter brauchte sie nichts. Noch vor kurzem
hatte es ihr ganz einfach geschienen, jahrelang so weiterzuleben, wenn sie sich
von Reinhard trennte. Aber jetzt, wo ihre Krfte immer mehr versagten, wo sie
tagelang mit Ohnmachten und einem entnervenden Schwindelgefhl kmpfte und das
kleine Leben in ihr sich immer bengstigender regte - und niemand, der ihr zu
Hilfe kam.
    Sterben - immer wieder kamen ihre Gedanken darauf zurck - jedes Gefhl in
ihr wehrte sich dagegen, aber was blieb ihr sonst? Es mu sein - das sagte sie
sich immer wieder vor wie eine Lektion, die nicht in den Kopf hinein will. - Den
Brief an Reinhard wollte sie zurcklassen - er war jetzt endlich fertig geworden
- und dann von Henryk Abschied nehmen, ohne da er etwas davon wute.
    Aber er kannte sie zu gut, er wute immer, was sie dachte, und ihre Angst
verriet sich, ohne da sie es wollte.
    Was hast du vor, Ellen? - Du hast doch nicht schon an ihn geschrieben?
    Schon? sagte sie. Mir scheint, es ist hchste Zeit. Der Brief liegt da
und braucht nur noch abgeschickt zu werden.
    Was hast du vor, Ellen?
    Ich wei selbst nicht - la mich gehen, ich komme morgen wieder.
    Henryk lie sie nicht gehen, er schlo die Tr zu.
    Ich wei, was du willst - ich kann es mir denken - aber ich will es nicht.
    Sie konnte sich nicht lnger beherrschen und schrie auf: La mich, Henryk!
- Es hat ja keinen Sinn, es noch lnger hinauszuschieben. - Was soll ich denn
tun?! Komm, Kind, sei vernnftig - du hast ja doch nicht den Mut dazu.
    Nein, den hatte sie im Grunde nicht, das Grauen vor dem Tod schttelte sie,
wenn sie klar darber nachdachte. Aber er sollte sie nur in ihrer Verwirrung
lassen, dann wrde es schon gehen - irgendwo hinaus ans Wasser und dann
besinnungslos hinein, dann war ja alles gut. So setzte sie sich wieder auf das
Bett, die Hnde vorm Gesicht und wollte nicht antworten, nicht sehen, nichts
mehr hren, nur ganz in sich hineinsinken, sich kalt und gleichgltig machen zu
dem, was unabnderlich vor ihr stand.
    Du hast mir gesagt, da der Brief noch nicht fort ist - du darfst ihn
berhaupt nicht abschicken, Ellen.
    Es geht nicht lnger - er wartet immer noch darauf, da ich komme.
    Du mut ihn heiraten, Ellen, es bleibt nichts anderes brig.
    Es ging ihr eisig durchs Herz - ein Schrecken, der furchtbarer war, wie
alles andere. Einen Augenblick war ihr zumut, als ob die ganze Welt um sie her
zusammenbrche und in einem wirren Haufen zu ihren Fen niederrollte. Sie sagte
kein Wort, whrend Henryk immer weitersprach: Er liebt dich, und ist es nicht
besser, wenn einer glcklich wird, als da wir alle drei zugrundegehen? - Wenn
du dir etwas antust, ist mein Leben mitzerstrt und seines auch. Oder glaubst
du, ich knnte weiterleben mit dem Gedanken, dich in den Tod gejagt zu haben?
Ellen, und ich kann dich nicht bei mir behalten mit einem Kind, du weit es
selbst - was sollte aus uns allen werden dabei?
    Nach langer Zeit nahm Ellen die Hnde vom Gesicht und sah ihn an. Sie fhlte
nur wieder, wie sie ihn liebte, da ihre Liebe bis an die Grenzen des Wahnsinns
ging. Mochte er von ihr verlangen, was er wollte, ihr den Kopf abschlagen, den
Lebensnerv durchschneiden - sie htte ja gesagt und stillgehalten.
    Ja, Henryk, ich will tun, was du willst - mach jetzt die Tr auf.
    Er fate sie bei den Schultern und sah sie an: Versprich mir, da du dir
nichts antust.
    Ja, ich verspreche es dir, aber la mich gehen.
    Als Ellen nach Hause kam, zerri sie den Brief an Reinhard und schrieb einen
neuen: Ich komme, sowie alles in Ordnung ist, und bin mit allem einverstanden.
    
    - Dann sa sie noch lange am Tisch mit geschlossenen Augen: wenn es mglich
war, da Henryk ihr das vorschlug, dann mute sie es wohl auch tun knnen und
brauchte nicht zu sterben. Sie fhlte keinen Groll gegen ihn - jede Empfindung
in ihr war wie gelhmt.
    Gegen Abend brachte sie den Brief auf die Post und ging zu Zarek hinauf. Der
Fritz war auch da; die beiden sahen, da Ellen sich kaum mehr auf den Fen
halten konnte und legten sie auf die Matratze, die als Sofa diente. Zarek sa am
Kopfende neben ihr und der Fritz zu ihren Fen. Spter kam noch die Dalwendt
mit einer Flasche Wein unter dem Mantel; sie war zuerst in Ellens Wohnung
gewesen und hatte sie dort nicht gefunden.
    Sagen Sie, Frulein, was ist mit dem Kind? sagte Zarek, whrend er die
Glser fllte. Geht sie herum wie Geist, lacht nicht mehr und fllt um jeden
Augenblick.
    Der Fritz streichelte ihre Fe und beugte sich etwas vor: Ja, du bist ganz
verndert - wir haben schon oft davon gesprochen die letzte Zeit. Du mut krank
sein, Ellen, und ich glaube, es wird dir auch arg schwer fortzugehen?
    Zarek hatte sich wieder auf seinen Platz gesetzt:
    Darfst du ihr nicht mehr streicheln, Fritzl, ist sie bald verheiratete Frau
mit Baby auf dem Arm und Kochlffel in der Hand. - Frulein, sagen Sie ihr, ist
Bldsinn heiraten fr solche Ellen. - Kommt sie nie wieder und vergit uns
alle.
    Ellen begegnete dem Blick ihrer Freundin - sie war die einzige, die von
ihrem Verhltnis zu Henryk wute, und die wohl jetzt auch den ganzen
Zusammenhang ahnte. Sie hatte ein seltenes Vermgen, mitzuwissen und
mitzufhlen, auch das, was man ihr nicht mit Worten sagte, weil Worte zu wehe
taten.
    Ich glaube doch, da Ellen wiederkommt, meinte sie in ihrer langsamsten
Weise, und warum soll sie nicht heiraten, wenn ihr Mann sie weitermalen lt.
    Zarek hob feierlich sein Glas: Prost, Frulein, stoen wieder an auf Kunst.
- Braucht man nicht treu sein Mnnern, wenn man nur treu bleibt in Kunst. Seid
ihr tapfre Weiber und gute Kameraden. - Mach nicht so traurige Augen, Ellen -
sehen wir uns alle wieder.
    Nein, sie war nicht traurig, - ihr war nur, als ob nichts wieder ein Gefhl
in ihr zu lsen vermchte. - Da saen sie, die Freunde, die Kameraden, mit denen
sie das Leben so froh geteilt hatte, und sie begriff es selber kaum, da sie es
ber sich gewann, ihnen nicht ihr ganzes Elend ins Gesicht zu schreien. Aber was
bedeutete es jetzt noch, da sie auch die alle verlieren sollte - mochten die
Rder ber sie hingehen und alles zermalmen, da nichts mehr brig blieb. Ihr
Schmerz war keiner, den man ausrasen oder ausweinen konnte, mit eiserner Wucht
lag es auf ihr, drngte sich mit tausend glhenden Fangarmen in ihre Seele
hinein und prete sie zu einem fhllosen Etwas zusammen. - Das einzige, was noch
in ihr lebte, war der Gedanke an das Kind - ihr Kind und Henryks - das mute
geborgen werden - dafr geschah ja das alles. Ihr war wie einem Menschen, der
sein Haus brennen sieht und hineinstrzt, um ein Kleinod zu retten, an das er
bis dahin kaum gedacht hat. Aber jetzt in diesem Augenblick wei er nichts mehr,
als da dies Eine geborgen werden mu, - alles brige mgen die Flammen
verschlingen, mag einstrzen, ihn selbst mitbegraben, darauf kommt es nicht mehr
an. - Ellen wollte jetzt so rasch wie mglich fort von Mnchen, - aber jeden
Tag, der ihr noch blieb, trank sie in sich ein wie einen Becher mit schwerem
Wein - die letzte Wollust und die letzte unergrndliche Qual ihrer Liebe - das
dunkle Weh ihrer Mutterschaft von diesem Mann, den sie liebte. Das wenigstens
durfte sie mit sich nehmen, wenn sie alles andere hinter sich zurcklie.
    Am letzten Tage war Henryk bei ihr - Ellen ging im Zimmer herum und ordnete
ihre Sachen - er folgte ihr mit den Augen, bis sie kam und sich neben ihn
setzte.
    Nun ging eine pltzliche Erschtterung durch ihn und er umschlang sie fast
gewaltsam.
    Wirst du mich auch nicht hassen, wenn du fort bist?
    Nein, nein, sagte Ellen und lchelte mit einem starren Blick, der weit in
die Ferne ging. Henryk legte den Kopf an ihre Schulter und weinte. - Die ganze
Unseligkeit ihres Opfers kam ber sie, sie frchtete jetzt, noch ihre Kraft zu
verlieren.
    Ellen - Kind - ich glaube, du tust das Ganze nur fr mich, und ich wollte,
du solltest es fr dich selber tun.
    Sie hatte nicht gewollt, da er das fhlen sollte, es war, als ob sie ihn
dadurch beschmen, zu ihrem Schuldner machen wrde - das war unertrglich, wo
man so liebte.
    Ellen, du wirst mich doch einmal hassen.
    Nein, sagte sie noch einmal, du hast mir zu viel gegeben, Henryk - das
vergesse ich nie. Von dir hab' ich erst die Seele bekommen, vorher hatte ich
keine. - Das andere ist Unglck, Schicksal - dagegen kann man nichts machen. Du
hast mir doch oft gesagt, da es auf das Leben nicht ankommt, ich meine darauf,
wie man uerlich lebt - wenn man nur die Kunst hat und darin - das htte ich
ohne dich vielleicht nie so gefunden. Das bleibt mir ja - ich werde niemals
loslassen.
    Und das Kind?
    Nein, Henryk, ich habe nur Dank fr dich - glaub' es mir.
    Ja, wenn wir htten beisammen bleiben knnen. - Denn das will ich dir jetzt
noch einmal sagen, Ellen, ein Weib wie dich werde ich nie wiederfinden, nie. Und
du wirst etwas leisten in der Kunst, wenn du treu bleibst. Willst du dann auch
noch etwas an mich denken und an alles, was wir zusammen gelebt und gesprochen
haben?
    Das letzte, was Ellen von Mnchen sah, war Henryk, der auf dem Perron stand,
unter der dunklen Riesenhalle, im Frhlingsabend, und zu ihr hinaufsah. - Selbst
in dieser Stunde fhlte sie keine Verzweiflung, kein zerreiendes Entsagen, ihr
war nur, als ob sie einen Sarg mit sich fhrte, in dem ihre Jugend, all ihr
Glcksverlangen und ihre Liebe lag, whrend sie dahinfuhr, einer fremden,
gleichgltigen Zukunft entgegen - fremd und gleichgltig, weil ja doch alles
gestorben war - eine lange, stumme Totenwache, whrend der Zug rollte und
rollte.

Ein paar Wochen spter war Ellen Reinhards Frau - und ihr Zusammenleben
gestaltete sich vom ersten Tage ganz anders, wie er gedacht hatte.
    Er war auf einen langen, schwierigen Kampf gefat, auf ihren stets bereiten
Widerspruch gegen tausend Dinge, die ihr jetziges Leben und seine Stellung
verlangten. Aber nur einmal, als die Rede davon war, sie wieder mit ihrer
Familie zu vershnen, strubte Ellen sich so wild gegen jede Annherung, da er
schlielich nachgab. Sonst lie sie alles fast willenlos ber sich ergehen,
selbst ber die kirchliche Trauung verlor sie kein Wort, whrend sie frher bei
dem bloen Gedanken in Emprung geriet. berhaupt fand er sie seltsam verndert
- nichts mehr von ihrem alten bermut und dafr etwas Stilles, in sich Gekehrtes
und eine Weichheit, die er frher nicht an ihr gekannt hatte. Mit Staunen sah
er, da Ellen sich ihrer Huslichkeit annahm und das uere Leben sich ohne
Schwierigkeiten abwickelte. Was mochte es sie gekostet haben, sich von ihrem
sorglosen, ungebundenen Leben in Mnchen loszureien, und dem wollte er Rechnung
tragen, es ihr so leicht machen, wie nur mglich. Es entsprach ihrer beider
Wunsch, still und zurckgezogen zu leben, sich den Tag so einzurichten, da
jeder seiner Arbeit ungestrt nachgehen konnte. Und Reinhard sah auch, wie der
Gedanke an ihre Malerei sie mit einem fast verzweifelten Ernst erfllte - bei
ihm sollte sie nicht gehindert und eingeengt sein, er wollte alles in ihr
pflegen, in Ruhe und Liebe. Denn die hatten ihr bisher immer gefehlt, und er
fhlte wohl, da ihre Seele Wunden trug. Nur kam ihm nie der Verdacht, da ein
anderer Mann ihr die geschlagen haben mochte.
    Und fr Ellen war es fast berwltigend, all diese umsorgende Liebe zu
fhlen, die nur darauf bedacht war, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es
wnschte und brauchte. Zuerst, nach ihrer Rckkehr aus Mnchen, war sie bei
Reinhards Familie gewesen, wo sie vor jedem Blick zitterte und gewaltsam ihre
krperliche Schwche niederzwingen mute, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu
lenken. Es schien ihr fast undenkbar, da niemand ihr Geheimnis erraten sollte.
- Und dann der Hochzeitstag, die Junisonne lachte, und sie sah in lauter
strahlende Gesichter, hrte lauter frohe Worte und Stimmen und sollte selbst
lcheln und viele heitre Worte sagen, whrend die beklemmende Angst in ihr immer
hher stieg. Nur eine kurze Stunde vor der Trauung war sie allein in ihrem
Zimmer, da warf sie sich aufs Bett und weinte zum erstenmal in all den Wochen
bange und verzweifelt - dann kam Reinhard, um sie zu holen, und abends langten
sie in ihrem neuen Heim an.
    Und jetzt, wo sie mit ihrem Mann zusammenlebte, wuchs die Gefahr mit jedem
Tag unentrinnbarer empor. Immer klarer kam es ihr zum Bewutsein, wie wahnsinnig
und unberlegt sie gehandelt hatte, es konnte nicht lange mehr dauern, dann war
es nicht mehr zu verbergen. Und wie sollte sie ihn dann tuschen? Sie hing wie
ein Schiffbrchiger mitten im Meer an einem Balken, der jeden Moment
hinweggesplt werden kann - mit der unsinnigen, unmglichen Hoffnung, da noch
irgend etwas kommen mchte, sie zu retten. - Dazwischen glaubte sie wieder
Henryks Stimme zu hren: Hart sein, Ellen, stark sein - und sie fhlte sich fast
bermenschlich stark in diesem einsamen Kampf.
    Reinhard begann allmhlich sich um ihre Gesundheit zu sorgen - Ellen hatte
gleich wieder angefangen zu arbeiten, aber wenn er nachmittags aus seinem Bro
kam, fand er sie meist auf dem Sofa, oder sie sa in dem leeren Zimmer, das ihr
als Atelier diente, mitten unter ihren Malsachen und Skizzen und starrte vor
sich hin.

Es waren jetzt sechs Wochen vergangen, seit Ellen aus Mnchen kam.
    Sie saen sich abends gegenber an Reinhards groem Schreibtisch.
    Willst du mir etwas helfen? fragte er. Ich habe heute schon so viel
geschrieben.
    Er litt manchmal an Augenschmerzen und liebte es, dann zur Abwechslung zu
diktieren. So setzte Ellen sich an seinen Platz und begann zu schreiben.
    Bist du mde? fragte er ein paarmal. Ellen schttelte den Kopf. Sie fhlte
seit ein paar Tagen Schmerzen, die jetzt gegen Abend immer heftiger wurden. Eine
Viertelstunde nach der anderen ging vorber und sie bi heimlich die Zhne
zusammen, whrend eine ratlose Angst durch ihre Gedanken wirbelte. Inzwischen
schob sie die Lampe so, da ihr Gesicht im Schatten war.
    Als die Arbeit zu Ende war, stand Reinhard auf: Danke, Ellen, hast du dich
auch nicht zu sehr angestrengt? Er sah, da sie sehr bla war. Geh nur gleich
schlafen.
    Ellen hatte ihr eigenes Zimmer neben dem Atelier.
    Was sie whrend dieser langen Nachtstunden durchlebte, erfllte sie mit
solchem Entsetzen, da sie glaubte, ihre Haare mten wei werden oder eine
sichtbare Spur in ihren Zgen zurckbleiben. Stundenlang lag sie alleine da in
der Nachtstille unter unertrglichen Qualen, die nicht laut werden durften, und
lieen die Schmerzen nach, so kamen all die Gedanken, die sie fast noch mehr
folterten. - Ihr Kind - Henryks Kind, nun war alles umsonst gewesen; wie sollte
sie jetzt noch weiterleben? - Es hatte eine Zeit gegeben, wo sie selbst
gewnscht hatte, es mchte so kommen. Aber seit sie von Henryk Abschied nahm,
war all ihr Sehnen zu diesem ungeborenen kleinen Wesen hinbergeglitten, das in
ihr schlummerte. Der Gedanke an ihr Kind war der einzige leuchtende
Hoffnungsschimmer gewesen, der ihr blieb, um den sie alles auf sich genommen
hatte. Und nun war auch der verloschen.
    Endlich verrann die Nacht, dann lag sie da in der Morgendmmerung, ihre
Augen hingen an der Wanduhr gegenber, deren Zeiger langsam vorrckten. Ihr
schien, als ob sie von Minute zu Minute schwcher wrde und ihr Leben in
langsamen Wellen zu entfluten drohte.
    Gegen neun Uhr klopfte Reinhard leise an: Schlfst du noch, Ellen? Sie
antwortete nicht, er blieb noch einen Augenblick stehen, sie hrte ihn ein paar
Worte mit der Aufwrterin sprechen, die jeden Morgen kam, dann ging er und zog
die Haustr vorsichtig hinter sich zu.
    Als er nachmittags zurckkam, war Ellen wieder auf - sie hatte ihren
gewohnten Spaziergang gemacht und fhlte sich ganz wohl. So schleppte sie sich
noch ein paar Tage hin, dann warf es sie pltzlich nieder. Sie nahm ihre letzten
Krfte zusammen und schickte erst zum Arzt, wie ihr Mann aus dem Hause war.
    Als sie wute, da der Arzt schweigen wrde, kam zum erstenmal eine tiefe
dumpfe Ruhe ber sie. Lange Tage lag sie nun schwerkrank in dem halbdunklen
Zimmer, Reinhard sa neben ihr, sorgte fr sie in seiner fast mtterlichen
Liebe, und Ellen fhlte nun das Unbegreifliche, da sie gerettet war.
    Etwas ber ein Jahr war verflossen, als Ellen wieder nach Mnchen fuhr.
    Sie sa im Zug und dachte an jene lange Fahrt damals, die Totenwache ber
den Trmmern ihres ersten heien Jugendlebens. Und wie dann alles gekommen war,
sich von neuem aufgebaut hatte, anders freilich, wie ihre jungen Trume es
gewollt hatten. Mit tiefem Heimweh gingen ihre Gedanken zu Reinhard hin - wie er
jetzt so allein war, sie so ruhig hatte gehen lassen, ohne zu ahnen, was alles
wieder in ihr aufwachen mute, und mit wie schwerem inneren Bangen sie sich von
ihm getrennt hatte.
    Als sie dann den ersten Morgen im Hotel aufwachte und durch die
wohlbekannten Straen ging, kam wieder das alte jubelnde Lebensgefhl ber sie,
als ob sie eine andere Luft atmete, in der so viel Leichtes, Frohes, Junges lag,
und die manche vergangene Schmerzen wegblies.
    Ihr erster Gang war zu Zarek, er sa wie einst auf seinem Bett und stritt
mit dem Maxl, - es sah aus, als htten sie sich in all der Zeit nicht vom Platz
gerhrt. Beide waren sprachlos erstaunt, als sie Ellen hereinkommen sahen. Dann
fate Zarek sie um und tanzte mit ihr durchs Atelier: Sapristi - ist kleines
Ellen wieder da!
    Habt ihr mich denn wirklich nicht vergessen? sagte sie ganz gerhrt. Nun
drehte er sie um und sah sie von allen Seiten an.
    Bist du noch ganz wie frher, aber hast du dir wieder lange Haare wachsen
lassen - doch ein bissel Frau geworden.
    Kinder, Kinder, sagte Ellen berwltigt, wie schn, euch wiederzuhaben!
    Hast du viel gemalt? fragte der Maxl.
    Oh, es geht, ich war meist nicht recht gesund, aber das kommt alles noch.
    Wie viele Babys hast du denn schon?
    Einen Augenblick ging es wie ein Schatten durch ihre Augen. Was denkt ihr
denn? Gar keins.
    Sag mal, Kind, bist du denn wirklich geheiratet? - Glaubt es niemand. Weit
du noch, wie alte Tanten in der Schule sagten: Der Mann mu Mut haben. Dachten
alle, wrde dein Mann dich nach vier Wochen zurckschicken.
    Nein, sagte Ellen auf einmal ganz ernst, ber meine Ehe drft ihr keine
schlechten Witze machen. Ich habe noch nie einen Menschen gekannt, wie meinen
Mann, er will selbst, da ich jedes Jahr wiederkomme und hier male.
    Mu feiner Kerl sein, sagte Zarek bewundernd, Hab' ich so viel Angst
gehabt, du wrdest Philister. - Bleibst du jetzt hier?
    Noch nicht, ich gehe mit der Dalwendt aufs Land, um mich erst ganz wieder
zu erholen.

Gegen Mitte Mai war Ellen dann mit ihrer Freundin auf dem Land in einem kleinen
Gebirgsdorf. Der Frhling kmpfte noch mit Sturm und Regen, dazwischen kamen
warme Tage, wo die Sonne schien wie mitten im Sommer. Ellen lag in ihrem
bequemen Stuhl auf dem Balkon und las einen Brief von Reinhard.
    In sechs Wochen wird er wohl Urlaub nehmen und mir nachkommen, sagte sie
und reckte sich. Die Dalwendt lie ihr Buch in den Scho sinken, sie war gro
und krftig, mit schwerem blonden Haar und etwas trgen Bewegungen. Ellen fand
es sehr angenehm, mit ihr zu leben, sie war wie eine Schatulle, in die man alle
Geheimnisse einschlieen konnte und nur hervorholte, wenn man eben wollte,
niemals sprang sie von selbst auf. Und dann lie sie sich jede Stimmung
suggerieren, empfand gerade das, was man wnschte. So wute sie jetzt auch
gleich, da Ellen an Reinhard und Henryk dachte.
    Dein Mann mu ein seltener Mensch sein, sagte sie.
    Ja, das ist er - ich hab' ihn eigentlich erst kennengelernt, nachdem wir
heirateten, und wir sind doch sehr glcklich zusammen gewesen. - Siehst du, es
war mir etwas so ganz Ungewohntes, ein Heim zu haben. Reinhard ist fast wie eine
Mutter gegen mich, ich wei nicht mehr, wie ich ohne ihn leben sollte. - Aber
manchmal frage ich mich doch wieder, ob ich berhaupt fr ein friedliches Dasein
geschaffen bin. Wenn du mir von Mnchen und euch allen schriebst, bekam ich oft
rasendes Heimweh nach dem ganzen Leben von damals, als ob das das Eigentliche
wre. - Man ist doch im Grunde schrecklich feig.
    Warum feig? fragte die Freundin nachdenklich.
    Weil man nie den letzten Mut zu sich selbst hat, wie wir in unsrer
Ibsenklubzeit sagten. - Htte ich den, so wrde ich Reinhard alles sagen und
mich von ihm trennen. - Ich meine nicht nur das, was ich damals getan habe, -
auch da ich berhaupt nicht imstande bin, frs ganze Leben nur einem Menschen
zu gehren. Solange ich bei ihm war, hab' ich mir das nie so klargemacht, aber
jetzt geht es wieder alles in mir hin und her.
    Hast du Henryk gesehen?
    Nein, er war nicht da, - aber wenn ich das nchste Mal in die Stadt fahre,
werde ich ihn wohl sehen. brigens, da er mit der Anna zusammen ist - die
andere sah sie etwas unruhig an, aber Ellen verzog keine Miene. Nein, ich hab'
nie daran gedacht, da es zwischen uns wieder anfangen knnte - das ist vorbei.
Es ist doch wohl etwas Wahres daran, da man nur einmal liebt - wenigstens so,
da man sein ganzes Leben auf eine Karte setzt.
    Ein paarmal habe ich ihn gesprochen, sagte die Dalwendt, als du fort
warst - damals war er drauf und dran, dir nachzureisen. Ich htte sie nie
heiraten lassen sollen, sagte er.
    Ellen antwortete nichts, diesmal zuckte doch ein tiefer wunder Schmerz in
ihr auf.
    Nein - aber weit du, wen ich neulich getroffen habe, sagte sie nach
einiger Zeit, den Johnny. Ich ging mit ihm auf sein Atelier, und wir sprachen
vom Karneval damals. Er hat so etwas, was einen in frhlich frivole Stimmung
bringt. Wir fanden es beide eigentlich schade, da wir damals nichts weiter
zusammen erlebt haben.
    Das ist es ja immer, meinte die Freundin bedchtig.
    Es ist ein Gefhl, das mich ganz wild machen kann, wenn man daran denkt,
was man alles nicht erlebt und was so vorbeigeht. Ich mchte mehrere Leben
nebeneinander haben - eines drfte dann meinetwegen tragisch sein und entsagend
mit einer groen stillen Liebe - gut und glcklich sein - verstehst du, aber das
andere - nur hineinstrzen und alles ber sich zusammenschlagen lassen. - So war
mir neulich bei Johnny zumut - als ich ging, fragte er, ob ich ihm nicht jetzt
den Ku geben wollte, um den er mich damals nicht gebeten hat. - Nachher dachte
ich wieder an Reinhard.
    Es ist doch sonderbar, sagte die Dalwendt langsam und wartete ab, was
Ellen sonderbar finden wrde. Ja, siehst du, das ist es eben, wenn man mit
einem Menschen lebt und ihn sehr lieb hat - da ist man immer gezwungen, durch
seine Empfindungen zu sehen. Und das gibt dann diesen fortwhrenden Widerspruch.
Fr Reinhard wrde alles zwischen uns aus sein, wenn ich ihm untreu wre, und
fr mich wrde es dann vielleicht gerade anfangen - wenn er verstnde, da ich
auch anderen gehren kann. Warum mu man gerade verheiratet sein - Kommen und
Gehen, eine Weile zusammenleben und sich dann wieder trennen - mir lge das viel
nher, berhaupt das Erotische als etwas Zuflliges nehmen, sonst geht es mit
der Zeit auch verloren.
    Du hltst ja frmliche Reden, Ellen, das ist man an dir gar nicht gewhnt.
    Ja, frher hab' ich auch ber die Sachen nicht viel nachgedacht. - - Mein
Gott, als ich von euch fortging, damals glaubte ich, da nun alles fr mich zu
Ende wre - die groe Entsagung und die Kunst - auf das Leben kam es nicht an.
Das hatte Henryk mir alles eingeredet, aber wie soll man jemals etwas schaffen
knnen, wenn man nicht sein eigentliches Leben lebt? Wir hatten doch recht mit
unsren pathetischen Jugendredensarten. - Und mein Leben mu ich auch wieder
leben, wenn es auch noch so viel kostet.
    Aber diesmal wrde es dich viel kosten, Ellen, uerlich. Du sagst doch
selbst, da du nicht mehr so eisern krftig bist wie frher.
    Ellen hatte sich ganz hei geredet, nun stand sie auf und dehnte sich:
Siehst du, das ist mir auch ein wunder Punkt - der allerwundeste. - Fortwhrend
haben sie mich in Mnchen darauf angeredet, da ich schlecht ausshe - und ich
fhl' es ja auch selbst, da mir irgend etwas fehlt, schon seit langem. Fast das
ganze Jahr hindurch war ich immer wieder krank. Aber ich will einfach nicht
krank sein - womglich noch ein inneres Leiden, - das ist mir von jeher ein
schrecklicher Begriff gewesen. - La uns um Gottes willen nicht mehr davon
sprechen.

Bald nach diesem Gesprch fuhren sie zusammen in die Stadt.
    Henryk hatte jetzt eine andere Wohnung. Als Ellen die Treppe hinaufstieg,
kam ihr alles so fremd und de vor. Aber sie wollte ihn wiedersehen, vielleicht
nur dies eine Mal noch - nicht etwas von ihrer einstigen Leidenschaft
wiederfinden, die hatte sie lngst ins Grab gelegt und sie sollte nie wieder
erwachen. Nur ihm noch einmal in die Augen sehen und ihm sagen, da sie nicht
unterlegen und zerbrochen war. Er machte selbst die Tr auf, als sie lutete.
    Ellen.
    Sie war selbst verwundert, da dies Wiedersehen sie vllig ruhig lie. Er
wollte sie umarmen, aber sie wich ihm aus.
    Du bist ganz fremd geworden, Ellen.
    Ja, das bin ich wohl auch.
    Dann sa sie auf dem Sofa und lie ihre Blicke umhergehen; es sah nicht mehr
so armselig bei ihm aus wie frher. Henryk stand immer noch vor ihr: Warum bist
du dann wiedergekommen?
    Um zu malen, nicht zu dir.
    Beide schwiegen eine Zeitlang, sie suchte etwas von ihm wiederzufinden, von
dem alten Zauber, der einstmals von ihm ausgegangen war, - ging im Atelier herum
und sah seine Bilder an, es war immer noch dieselbe wilde, unfertige Malerei wie
damals. Dabei antwortete sie halb mechanisch auf seine Fragen.
    In der Ecke stand eine grere Leinwand - eine schwarzhaarige Frau mit dem
Kind an der Brust, einem ganz kleinen Kind, das beinah formlos aussah, wie kaum
zum Leben erwacht - Ellen erkannte das Gesicht.
    Ist das nicht die Anna, die uns damals Modell stand? Dann drehte sie sich
pltzlich um und sah ihn an. Henryk war sichtlich verlegen und verwirrt.
    Ich dachte, das wrden dir die andern lngst erzhlt haben.
    Ist es dein Kind? Ihre Blicke begegneten sich. Ellen war langsam bla
geworden. In den wenigen Sekunden war alles wieder in ihr aufgewacht - die ganze
Zeit, wo sie hilflos herumging mit seinem Kind unter dem Herzen, nicht wute, wo
sie es bergen sollte und sich selbst - die Heimreise - ihre Hochzeit - all die
Todesangst, das Grauen, als es ihr wieder genommen wurde. Und ihre Schuld war
ihr etwas Groes und Heiliges gewesen, das sie aufrecht erhielt. Jetzt lag
pltzlich alles in einem ganz anderen Licht da - warum hatte sie sich so wehrlos
dahintreiben lassen von diesem Mann, der ihr Kind nicht wollte, und der ihr
jetzt so fremd und armselig vorkam - warum war sie ihm zuliebe ber sich selbst
hinweggegangen? - Ihr Kind nicht gewollt, es kam ihr vor, als sei es seine
Schuld und sein Wille gewesen, da es niemals gelebt hatte.
    Was hast du mit mir gemacht, Henryk? sagte sie endlich.
    Wie meinst du das, Ellen, glaubst du, es wre besser gewesen, du sest
jetzt im Elend wie das Mdchen da? Tausendmal besser - denn du hast mich
Komdie spielen lassen mit meinem Leben und mich glauben gemacht, es wre ein
groes Trauerspiel. Du konntest so schn reden.
    Reut es dich jetzt, da du das damals fr mich getan hast? - Ich htte es
mir ja denken knnen.
    Nein, aber ich finde es jetzt beinahe lcherlich. Ellen hatte ein
Papiermesser vom Tisch genommen und bog es zwischen den Fingern hin und her, bis
es pltzlich durchbrach. Dann sah sie auf, ihm in die Augen, und warf ihm das
Messer vor die Fe:
    Siehst du, das ist auch Theater, aber ich habe es von dir gelernt - so hast
du es damals mit meinem Leben gemacht. - Komm, gib mir die Hand, wir knnen ja
das bliche Ende machen und als Freunde scheiden, und dann gehe ich mir einen
andern suchen - ich wei, wo er zu finden ist.

Reinhard - ihr stilles heimatliches Glck bei ihm - und auch all das bange
vergangene Leid -, das lag irgendwo in weiter Ferne, wo ihre Gedanken nicht
hinkamen, - um sie her wogte nur ein taumelnder Rausch, der alles bertubte,
und das Leben leuchtete ihr wieder in ungebrochener Jugend, als ob sie nie von
seinen Tiefen gewut htte.
    Der weite, matterleuchtete Raum, die gelbverschleierte Lampe und das dunkel
schimmernde Kupfer - das alles hatte sie schon einmal gesehen in einer fernen
Zeit, bei durchwachter Morgenfrhe. Und er hllte sie wieder wie damals in einen
langen, raschelnden Seidenmantel, whrend sie ihn aus halbgeschlossenen Augen
ansah.
    Du kamst mir immer vor wie ein Kind, hrte sie seine Stimme ganz leise
sagen, ich htte es kaum gewagt, dich nur anzurhren, und nun kommst du zu mir
wie im Mrchen und bist wie ein wirkliches Weib -
    Dann war sie wieder drauen in den Bergen, wo es jetzt immer mehr Sommer
wurde. Ellen hatte ein stilles einsames Unterkommen gefunden in einem
abgelegenen Bauernhaus auf der Hhe, und ihre Freundin wohnte noch fast eine
Stunde hher in der Almhtte. Vom frhen Morgen an kletterten sie in den Bergen
umher, badeten, wenn es hei war, unter den Wasserfllen, die hier und da von
einer Felswand heruntersprhten, schliefen stundenlang im Freien, abends kehrte
jede in ihre Bergklause zurck, und dann kamen die langen Sommernchte, die
Ellen frchtete wie den Tod - oben in der stummen Einsamkeit, wo manchmal rings
am Himmel die Gewitter drhnten oder der Wind an den Fenstern rttelte. Da lag
sie in qulender Schlaflosigkeit und dachte an Reinhard - sie ertrug es kaum
mehr, seine Briefe zu lesen, die sie heim mahnten zu ihm - nun kam er bald und
wute nicht, da sie sein Glck in Scherben zerschlagen hatte. - Und noch ein
anderes, worber sie sich bei Tage gewaltsam hinwegzutuschen, es immer wieder
zurckzudrngen suchte, das trat in der Nacht wie ein drohendes Gespenst vor sie
hin: - das Bewutsein, da eine hinterlistige schleichende Krankheit langsam und
unerbittlich ihre Krfte zernagte. - Aber sie wehrte sich immer von neuem
dagegen, wollte nichts davon wissen, nur leben, leben.
    Und dann wieder kam ein Brief von ihm - von Johnny - meist nur wenige
Zeilen, ein kurzer, lockender Ruf. Der Anblick seiner Schrift allein trieb ihr
das Blut zu heien Wogen, und es litt sie nicht mehr in der sommergrnen Stille
da droben. Beim dmmernden Morgen lief sie den Berg hinunter bis zu der kleinen
Station. Dann stand sie pltzlich vor ihm in seinem Atelier und nchtelang
lauschten sie nur der Stimme ihrer Sinne, die unaufhaltsam zusammenfluteten, das
Leben jauchzte in ihr, bis es wieder in den einsamen Nchten da drauen
aufschluchzte.

Im Juli kam Reinhard, und sie machten zusammen eine weite Fuwanderung nach
Tirol hinein. Die Sommersonne leuchtete, und jeder Tag war eine lange strahlende
Zeit. Ellen schien keine Ermdung zu kennen, und so lachend heiter hatte er sie
selbst in der alten Zeit nie gesehen, sie schien jeden Sonnenstrahl in sich
aufzunehmen. Nur von Zukunftsplnen sprach sie nicht mehr, vom Malen, von ihrer
Gesundheit, ging alledem frmlich aus dem Wege.
    Es war nur ein Gedanke in ihr: diese wenigen Wochen noch mitsammen glcklich
sein, - dann mute alles zerbrechen. Und alles Glck, alles Frohe und Schne,
alle tiefste und letzte Freude, was andere whrend eines ganzen Lebens bedchtig
in sich nehmen, Zug auf Zug, das sollte er jetzt auf einmal leeren und mit ihr.
Sie hielt ihm den Becher an die Lippen und er trank und trank. Und wenn der
Becher leer war, wollte sie ihm sagen: Jetzt ist es vorbei! Aber bis dieser
Augenblick kam, sollte nichts die langen Sommertage trben.
    Hier und da blieben sie lnger an einem Ort, der sie besonders anzog, und in
diesen Ruhetagen kam es oft zu langen Gesprchen wie frher daheim, wenn
Reinhard an seinem Schreibtisch sa und Ellen in der halbdunklen Ecke auf dem
Diwan lag. Dann schien es ihm manchmal, als ob ihre Frohheit sich auf
Augenblicke verdunkelte, und es durchfuhr ihn pltzlich: sollte nicht irgendeine
geheime Angst hinter alledem stecken? Vielleicht frchtete sie, wieder krank zu
werden wie im letzten Winter, nicht arbeiten zu knnen - -
    Und Ellen konnte dann so seltsam sein und seltsame Sachen reden, fast wie im
Fieber.
    Wenn nun mit einemmal alles vorbei wre, Reinhard - knntest du das
ertragen?
    Ertragen - ich wei nicht. Aber was sollte denn vorbei sein? Solange wir
uns haben, gehrt uns das Leben, das hab' ich noch nie so gefhlt wie jetzt, und
du auch, glaube ich.
    Ja - aber wir wissen doch nie, was kommen kann. - Sieh mal, es gibt doch so
etwas wie Schicksal, was die Menschen voneinanderreien kann - gerade so, wie es
uns beide zusammengeworfen hat. Wie kann man das wissen? - wenn nun einer von
uns sich in jemand anderen verliebte. - Ob du es zum Beispiel begreifen wrdest,
wenn ich einmal etwas ganz Wahnsinniges tte - von dir ginge.
    Warum sprichst du so sonderbar, Kind? Willst du mir etwa fortlaufen? Wenn
du es ttest, mte es doch einen Grund haben, und wenn deine Liebe aufhrte,
wrde ich dich niemals halten wollen.
    Nein, so meinte ich es nicht - ich glaube, das, was zwischen uns beiden ist
- wie ich dich liebe - gerade dich, das kann nie zu Ende sein, wenigstens knnte
das nie einem anderen Menschen gehren. Aber anderes knnte vielleicht kommen -
ich wei doch nicht, ob du mich ganz kennst. - Man fhlt doch manchmal Tiefen in
sich, wo nie jemand anders hineinschauen kann, etwas Wildes, das vielleicht
immer schlafen bleibt, aber es knnte auch einmal herauswollen und dazu treiben,
alles, was schn und gut ist, zu zerstren - da wir gerade das Unglck wollen -
einfach mssen. Und wrdest du das verstehen - bei mir? Wenn ich dir sagte, du
mut mich freilassen, weil ich in mein Unglck hineinrennen will?
    Ellen, es ist mir beinah unheimlich, wenn du so redest - was soll das? Es
sind Phantasien, kranke Gedanken! Ich glaube, gerade du bist so zum Glck
geschaffen wie wenige, und um glcklich zu machen. Das kannst du nur selbst
nicht fhlen - damals wolltest du es auch nicht glauben, und sind wir dann nicht
doch glcklich gewesen, so ganz selten glcklich?
    Ja, aber vielleicht knnte ich es auch einmal wollen, unglcklicher zu
sein, wie alle andern.
    Sie sah ihn lange an, dann warf sie sich in seine Arme und atmete frmlich
auf - es war ja noch Zeit, noch mute es nicht sein.
    Ach, jetzt wollen wir nicht mehr von solchen Sachen reden, Reinhard.

Noch eine letzte groe Futour wollten sie machen und dann, ehe Reinhards Urlaub
zu Ende ging, auf ein paar Tage zu seiner Mutter, die auch im Gebirge war.
    Ellen fing an die Stunden und Tage zu zhlen - noch siebenmal Morgen und
Abend - bei jedem Schritt ging es jetzt neben ihr her - noch einen Tag, noch
einen - noch war er jeden Morgen da, wenn sie aufwachte, und dann wanderten sie
zusammen in die sonnenglhende Bergwelt hinein, bernachteten wieder in einem
andern stillen Dorf.
    Noch vier Tage - -. Eines Nachmittags stiegen sie ber einen Pa. Ellen
machte einen ungeschickten Tritt und glitt ein paar Stufen hinunter - die Berge
schwammen um sie her, drehten sich, sie fhlte einen heftigen, inneren Schmerz,
dann sank sie in die Knie, und ihr wurde schwarz vor den Augen. Reinhard war
gleich neben ihr und half ihr auf: Was hast du denn, Ellen?
    Ich wei nicht, sagte sie, aber ich glaube, ich kann nicht weiter gehen.
Dann versuchte sie ein paar Schritte. Nein, es geht schon wieder.
    Sie ruhten eine Weile aus und gingen dann weiter, durch Tler im
Sonnenuntergang, auf Hhen hinauf und wieder hinunter. Ellen ging hinter
Reinhard her, um ihn nicht sehen zu lassen, wie schwer es ihr wurde. Der Schmerz
von vorhin kam immer wieder, nur im Kopf war ihr so seltsam leicht und klar -
das andere war nur noch wie eine fremde, brennende Masse, die ihr folgen mute,
weil sie es wollte. Es lag eine Art Wollust darin, sich so Herr ber seinen
Krper zu fhlen. Sie wollte jetzt nicht krank werden, nicht zusammenbrechen -
nur jetzt nicht -, dazu war spter noch Zeit.
    Spt abends, als es lange dunkel war, fanden sie endlich ein Nachtquartier
in einem entlegenen Dorf. Ellen lag die ganze Nacht wach und hrte auf seine
Atemzge. Ihr schien, als ob bei dem langen Stilliegen alle Kraft sie verliee.
Wenn sie nun nicht wieder aufstehen konnte? Wenn sie hier liegen bleiben mute
in dem niedrigen, moderigen Zimmer, - es nahm ihr den Atem, daran zu denken.
    Knnen wir nicht fahren? fragte sie am Morgen.
    Es geht von hier aus keine Post, aber wir knnten ein paar Tage bleiben und
uns ausruhen. Du sollst dich nicht beranstrengen, fhlst du dich krank? Vier
Stunden mten wir noch gehen bis zur Bahn und dann nach Bozen fahren.
    Er ging hinunter, um den Kaffee zu bestellen, und als er wiederkam, war
Ellen schon bereit.
    Nein, wir wollen doch lieber gehen.

Abends waren sie in Bozen und standen zusammen auf dem Balkon, der nach dem
Hotelgarten hinausging. Unten lag ein groes Beet mit Monatsrosen. Reinhard und
Ellen sahen hinaus in die Dmmerung und sprachen, pltzlich fuhren sie beide
unwillkrlich zusammen.
    Von der Seite, aus dem Gebsch her, kam ein hinkender, verwachsener Mensch
mit seltsam spitzigem Kopf - wie ein Gnom sah er aus - der sich scheu nach allen
Seiten umblickte, dann rasch den Beeten zuschlpfte und ein paar Blumen abri.
Dann war er wieder im Gebsch verschwunden.
    Reinhard und Ellen sahen sich an.
    Bist du erschrocken?
    Was war das? sagte sie. Das war kein wirklicher Mensch, und was wollte
er? - Er hat uns so angesehen. Reinhard lachte, um sie zu beruhigen, aber er
hatte ebenso wie sie einen unerklrlichen Schauder gefhlt.
    Kannst du wieder nicht schlafen, Ellen?
    Nein - wenn du nicht mde bist, komm noch etwas her und sprich mit mir.
    Er kam und setzte sich auf ihr Bett:
    Wenn sich doch etwas gegen diese Schlaflosigkeit tun liee - was ist nur
mit dir, Ellen?
    Ja, es ist schon manchmal arg -, aber ich mchte doch nicht wieder mit den
Schlafmitteln anfangen wie letzten Winter. - Und man denkt so viel dumme Sachen,
wenn man immer so daliegt.
    Woran dachtest du denn jetzt?
    Ach, da ich doch vielleicht krank bin, daran denke ich oft. - Und dann
geht mir gerade heute eine Geschichte im Kopf herum, die mir die Dalwendt
erzhlte, als wir zusammen auf dem Land waren - wir haben viel darber
gesprochen und ich mchte eigentlich wissen, wie du darber denken wrdest.
    Was fr eine Geschichte? - Dann erzhl' sie mir doch. Ellen lag im
Dunkeln, er konnte ihr Gesicht nicht sehen, und sie erzhlte ihm ihre
Geschichte. Ihr ganzes Fhlen war in einer bermenschlichen Spannung - bei jedem
Wort frchtete sie laut aufzuschreien, aber ihre Stimme klang ganz ruhig und
monoton. Reinhard hrte nachdenklich zu: Liebte er sie denn nicht? - Ich meine
der, von dem sie das Kind hatte?
    Gott - er war wohl ein Mensch, der berhaupt nicht lieben konnte, viel zu
zerspalten und zu zerfahren. Und sie sah einen groen Knstler in ihm, einen
Menschen, wie er ihr nie wieder begegnen wrde, der ihr unendlich viel gab. Vor
allem dachte sie daran, da er frei bleiben mte, und dann wohl auch an das
Kind - - aber das ist noch nicht alles. Den Mann, den sie heiratete, kannte sie
eigentlich kaum - das ist wohl meistens so. - Wir haben uns doch auch erst
nachher kennengelernt. - Als sie seine Frau wurde, war er ihr beinah
gleichgltig und fremd, aber dann fing sie an, ihn zu lieben - anders wie den
anderen -, vielleicht nicht so leidenschaftlich, aber viel tiefer. Sie war
glcklich mit ihm, und er war sehr glcklich. - Das Kind kam nicht zum Leben -,
ihr Mann war in der Zeit gerade verreist, und niemand erfuhr davon. - Zuletzt
verga sie es selbst beinah, und es kam ihr vor, als ob alles nicht wahr gewesen
wre.
    Ellen meinte, er mte ihr Herz klopfen hren, es schlug langsam und schwer.
- Die Art wie sie erzhlte, hatte fr Reinhard etwas seltsam Erregendes. Ihm
wurde immer beklommener zumut, vielleicht ging es wie eine ferne Ahnung durch
seine Seele, von der er selbst nicht wute. Dann sah sie den anderen wieder -
zufllig - und da hatte er ein Kind mit irgendeinem Mdel - und nun fiel mit
einemmal alles in sich zusammen, ihr war, als ob selbst ihre Schuld entwertet
sei, die ihr immer wie eine Art Heiligtum vorgekommen war. Und auch was sie
sonst in ihm gesehen hatte, war fort, alles Illusion, die in nichts zerrann.
Wenigstens in dem Augenblick kam es ihr so vor - vielleicht war es auch
ungerecht -, aber es tat ihr so entsetzlich weh, da er ihr Kind nicht gewollt
und nun ein anderes hatte.
    Und dann fing sie ein neues Verhltnis an, das ihr gerade in den Weg kam.
Und als sie das getan hatte, fhlte sie pltzlich, da sie nun ihrem Mann alles
sagen und sich von ihm trennen mte.

Bis tief in die Nacht sprachen sie noch darber, es schien Ellen, als ob sie nie
in ihrem Leben so htte reden knnen - bis in die kleinste Einzelheit hinein
zwang sie ihn frmlich mitzufhlen, was jene Frau durchlebt hatte. Er sollte
alles verstehen, begreifen, da es unentrinnbare Gewalten gab, die einen
Menschen treiben konnten, so zu handeln und dabei doch so viel zu lieben. Und
sie dachte nicht daran, da die Erkenntnis, sie selbst sei es gewesen, alles
Verstehen wieder hinwegschwemmen wrde wie einen Strohhalm. Eine trichte
Hoffnung dmmerte in ihr auf, da vielleicht ein Wunder geschehen mchte, das
unerhrte Wunder, da einer, der liebt, dem anderen folgen knnte bis in seine
dunkelsten weggewendeten Tiefen, und da er ihr bleiben knnte, welche Wege sie
auch ging.

Dann brach der letzte Tag an - die Sommerwrme lag glhend zwischen den Bergen
-, Reinhard und Ellen gingen vormittags einen flimmernden, staubigen Weg, an dem
roter Mohn blhte und kleine, wie aus Stein geschnittene grne Eidechsen
spielten. - Sie konnte ihn jetzt nicht lnger darber tuschen, da sie leidend
war, jeder Schritt wurde ihr schwer, und ihre Hnde brannten. Es braucht ja
nichts Schlimmes zu sein, sagte sie, aber es ist doch vielleicht besser, wenn
du jetzt allein zu deiner Mutter gehst, fr die zwei Tage, und ich nach Mnchen
fahre, um einen Arzt zu fragen.
    So wuten sie nun beide, da es fr lange Zeit das letzte Alleinsein war.
    Lange saen sie auf den weien Steinen, die in der Sonne schimmerten.
    Aber war es nicht schn? sagte Ellen. Alle die Wochen jetzt - wie ein
ganzes langes Leben voll Sommer. Sag mir, da du noch nie so glcklich gewesen
bist, Reinhard.
    Noch nie, sagte er, so von innen heraus, da es ihr ins Herz schnitt.
Namenlos traurig sah sie ihn an, und er fhlte pltzlich, da ihr bange war zum
Vergehen. Und dieser Blick kam noch ein paarmal wieder, whrend die
Sommerstunden verrannen und Ellen wie im Fieber von Glck und Leben sprach. Und
jedesmal fragte Reinhard wieder: Was ist dir? - Sag mir doch, was dir ist.
    Als sie abends wieder auf dem Balkon standen, war es beklemmend schwl, und
schwere Gewitterwolken hingen am Himmel.
    Da ist er wieder!, und Ellen fate unwillkrlich nach seiner Hand.
Derselbe unheimliche Bucklige kam aus dem Gebsch, sah sich nach allen Seiten um
und zu ihnen hinauf, ri Blumen ab und verschwand.
    Dann waren sie ins Zimmer zurckgegangen und saen auf dem Sofa, die Tr
stand offen und in der Ferne donnerte es.
    Ihre Zeit war um.
    Reinhard, nun ist unser Sommer zu Ende - morgen geh' ich fort von dir.
    Ja, sagte er traurig, aber vielleicht bleibt uns noch ein Tag, wenn du in
Mnchen gewesen bist. Eigentlich wre es mir lieber, selbst mitzufahren.
    Nein, es bleibt uns kein Tag - ich gehe fort fr immer.
    Ellen fhlte pltzlich, da sie sich verwirrte, und wiederholte es noch ein
paarmal, bis sie sein Gesicht dicht vor sich sah und seine Stimme hrte, die
fast wie ein Schrei klang: Was heit das? Bist du wahnsinnig geworden?
    Nein -, Reinhard -, aber es war meine eigene Geschichte, die ich dir
gestern erzhlte.

Am nchsten Morgen war Ellen allein in der Bahn, bei glhender Sommerhitze und
berfllten Kupees. Wie sie dahin gekommen war, wute sie selber kaum, nur da
sie einen endlosen Tag immer weiterfuhr und fremde Menschen wie in weiter
Traumferne sprechen hrte. Sie fhlte nichts wie einen schweren Druck im Kopf
und folternde Schmerzen, die bis zum Hals hinaufstiegen, wie glhende
Nadelstiche. Dann und wann hielt der Zug, und sie schrak aus dem Halbbewutsein
empor, sah ein Stck Tageswirklichkeit vorbergleiten, und verwirrte Gedanken
wollten durch die Betubung brechen.
    Dunkle Bilder der vergangenen Nacht zogen an ihr vorbei - schwere Donner
rollten drauen im Finstern, durch die Glastr flammten Blitze und drinnen
taumelten zwei Menschen durch Abgrnde von Qual. - Reinhard stand vor ihr,
schttelte sie: Besinn' dich doch, sag' mir, da alles Wahnsinn ist.
    Waren sie nicht beide wahnsinnig geworden? Saen sich mit irren Blicken
gegenber und redeten zerrttete, unmenschliche Dinge? Und eine spukhafte,
verzerrte Wirklichkeit um sie her? Sie hrte seine Stimme, die nur noch wie
dumpfes Sthnen klang, und ihre eigene in gebrochener Klanglosigkeit: Nein, es
ist wahr, Reinhard, es ist wahr, es ist alles wahr.
    Dann wieder lag sie im Lehnstuhl, er drben auf dem Bett in betubtem Schlaf
- die Nacht war vorbei, und der Morgen brach durch die Scheiben -: ein blutiger,
zerstrter Morgen. Sie versuchte sich aufzurichten, zu atmen - ihr Krper war
wie in glhendes Eisen eingeschnrt.
    Wieder hielt der Zug, Menschen kamen und gingen, fr einen Augenblick
zerrissen die tanzenden Gewebe vor ihren Augen - gegenber war ein Platz frei
geworden und Ellen versuchte, die Fe hinaufzulegen.
    Es geht nicht, sagte sie ganz laut, und immer wieder schlug ihr Kopf gegen
etwas an.
    Sind Sie krank? sagte eine fremde Stimme. Sie sah sich um, da saen zwei
junge Mdchen und ein Mann - groe, weie Strohhte flatterten wie Vgel. Jemand
schob ihr ein Kissen unter den Kopf. Ellen schlief und wachte auf, schlief
wieder ein, das Kissen verschob sich und wurde zurechtgerckt. Einmal fiel es
ganz hinunter, sie schlug die Augen auf und fragte: Ist es schon Abend - gibt
es denn kein Wasser? Dabei fhlte sie, wie ihre Zhne aufeinanderschlugen. Dann
gab man ihr etwas zu trinken, aber es war nur Feuer, was sie hinunterschluckte.
    Sie haben ja Fieber, sagte wieder die Stimme, oder waren es viele Stimmen,
und eine Hand legte sich um ihre. Ellen fhlte, wie ihre Adern gegen die
fremden, khlen Finger hmmerten.
    Endlich stand der Zug still - in Mnchen. ber dem Menschengewhl in der
Halle strich khle Nachtluft. Ellen wute jetzt pltzlich wieder, wo sie war -,
da jede Bewegung ihr weh tat und der brennende Durst ihr die Sprache raubte.
Ein fremder Herr sorgte fr ihre Sachen und brachte sie die wenigen Schritte bis
zum Hotel.
    Ich danke Ihnen, sagte sie und fhlte, da ihr Trnen bers Gesicht
liefen.
    Irgendwie kam sie dann die vielen Treppen hinauf in ein Zimmer und lag im
Bett. Wieder war es Nacht, und sie wute nicht, ob sie schlief oder wachte.
Immer wieder kam derselbe Traum -, als ob sie von einer schwindelnden Hhe
hinunterstrzte, ihre Glieder zerrissen und zerschellten, wollten sich wieder
zusammenfgen und rieben sich gegeneinander wie mit lauter schmerzenden
Stacheln. Dabei lag sie auf einer wogenden Masse, die sich hob und senkte -, im
Kreise drehte. Das hrte nicht auf, begann immer wieder von neuem, bis alles in
Fieberdelirien untersank.

Der Sommer ging zu Ende, und Ellen lag immer noch im Krankenhaus. Schwer und
langsam gingen die Nchte hin, unter qulenden Vorstellungen, die sich immer
wiederholten - eine unabsehbare Leiter mit hohen, schmalen Sprossen, die sie
hinaufsteigen mute, und bei der leisesten Bewegung wachten die zerrenden
Schmerzen wieder auf und verscheuchten den Schlaf. Dann lag sie und sah nach der
Tr, fhlte etwas wie Erleichterung, wenn sich von drauen ein Lichtschimmer
nahte und die Schwester kam in ihrem friedlichen, weien Schleier, das
Nachtlicht in der Hand, und ihr wieder frisches Eis brachte. - Und so von Stunde
zu Stunde, bis es Morgen war, dann wandte sie mhsam den Kopf nach dem Fenster
und sah, wie es ber Dchern und Bumen allmhlich heller wurde, lauschte auf
jedes Gerusch im Hause, wie die Tren gingen, die Schwestern von der Messe die
Treppe heraufkamen, alles wieder erwachte aus der tiefen Stille. Am spteren
Vormittag kam der Arzt, manchmal brachte er noch andere mit, sie standen am
Bett, stellten Fragen und redeten untereinander. - Dann war Ellen wieder allein,
whrend die wechselnden Tagesstimmungen vorberzogen da drauen, die Herbstsonne
leuchtete oder Regenwolken tropften, hier und da zog auch noch ein versptetes
Gewitter herauf.
    Nachdem die ersten, fieberheien Tage vorber waren, hatte sie immer wieder
gefragt, wann sie wieder aufstehen knne, und wurde von Woche zu Woche
vertrstet. Jetzt war schon lange nicht mehr die Rede davon, und Ellen fragte
auch nicht mehr. Sie begann, sich an dies stille, weltferne Dasein zu gewhnen,
das ihr ein tiefes, langes Ausruhen brachte und einen milden Schleier ber Leid
und Freude legte.
    Ihr schien jetzt, als lge schon eine unendlich lange Zeit zwischen dem
Jetzt und jener Gewitternacht in Bozen - der Aufschrei war verhallt und nur noch
ein mattes, sehnendes Weh zurckgeblieben. Noch einmal hatten sie und Reinhard
sich wiedergesehen, er war an ihr Krankenlager gekommen, als er durch den Arzt
erfuhr, da sie wohl hoffnungslos dalge. Und als er sie dann so wiederfand, in
einem engen, heien Hotelzimmer, sie ihn aus starren, tiefliegenden Augen ansah
und kaum erkannte, da schwieg sein eigner Schmerz und sein Groll. Er brachte sie
ins Krankenhaus und blieb bei ihr, bis die erste Gefahr vorber war, und selbst
dann fand er keine harten Worte mehr. Sie hielten sich lange an der Hand zum
Abschied -, es war nicht mehr Ellens Schuld, die sie voneinandergerissen hatte
-, sie glaubten beide das Schicksal zu fhlen, das dunkel ber ihrem Leben war,
eine fremde, unerbittliche Macht, der sie Hand in Hand gegenberstanden.
    Oft gingen jetzt ihre Gedanken zu ihm hin; ihr Heim war fr immer verloren,
das wute sie wohl, aber es war doch wie ein groes Geschenk, da er so von ihr
geschieden war ohne Ha und Zorn. Und wie ungeheuer mute seine Liebe gewesen
sein, da er so bis in die letzten Tiefen zu verstehen mochte - und wie einsam
lag der Weg jetzt vor ihr ohne ihn und alles, was er ihr gewesen war.
    Aber es kamen auch Tage, wo sie daran dachte, wie jung sie noch war, und was
noch alles vor ihr lag -, wo sich die Zukunft in goldene Fernen weitete - leben
und schaffen. - Die Gesunden kamen zu ihr herauf in das stille, weie Zimmer,
die alten Freunde, und sprachen davon, wenn Ellen erst wieder mit ihnen arbeiten
wrde. Johnny brachte ihr Blumen, alle verwhnten sie und wunderten sich im
stillen, da Ellen dies lange Krankenlager so ruhig ertrug. Sie wute wohl
selbst nicht, wie es um sie stand.
    So war allmhlich fast ein Vierteljahr dahingegangen, und sie war immer noch
kaum imstande, sich aufzurichten; dann standen eines Vormittags wieder die rzte
um ihr Bett -, sie gingen zur Beratung hinaus, und einer kam zurck, um mit ihr
zu reden. Ellen drang selbst in ihn um volle Wahrheit. Ihr waren schon lange
manche bange Ahnungen gekommen -, aber dann traf es sie doch wie ein
Donnerschlag: nur, wenn sie sich einem schwierigen und gefhrlichen Eingriff
unterziehen wollte, so wre auf Besserung zu hoffen. Gewiheit knne man ihr
vorher nicht geben -, sie sollte sich alles wohl berlegen.
    Und sonst? fragte Ellen.
    Ja, sonst htte sie wohl nur ein unabsehbares Siechtum zu erwarten - ein
jahrelanges Krankendasein - - vom Bett auf das Sofa und wieder zurck. Der Arzt
sagte das alles so schonend wie mglich - er wute manches von ihrem Leben und
da sie ganz alleinstand. Aber sie ahnte wohl, da es noch nicht die volle
Wahrheit war - in seinem Gesicht glaubte sie ihr Urteil zu lesen und etwas von
dem Mitleid, das der Arzt nicht sehen lassen darf - Mitleid mit dem
Verurteilten.
    In dieser Nacht kmpfte sie einen harten Kampf.
    Da sie schwerkrank war, hatte sie wohl gewut, und anfangs war auch
manchmal der Gedanke an den Tod gekommen, an ein langsames Verlschen bei halbem
Bewutsein. Aber mit dieser schreckenden Klarheit war er noch nie vor sie
hingetreten - sie hatte sich ja nur mit Geduld in das lange Daliegen gefunden,
weil sie immer wieder dachte, es mte doch endlich der Tag kommen, wo sie
wieder hinausknnte ins Leben. Nein - nicht sterben, nur nicht sterben - sie
hatte noch nicht entsagt, hatte noch wieder hinaustreiben wollen auf das
ruhelose Meer von Hoffnungen und Mglichkeiten. Sie - Ellen Olestjerne - mit
ihren dreiundzwanzig Jahren, die mehr vom Leben verlangte als viele andere, die
noch so viel schaffen und gewinnen wollte -, und das sollte nun das Ende sein
von allem. - Immer wieder sagte sie es laut vor sich hin: das soll nun das Ende
sein. - Und doch war sterben noch nicht das Schlimmste -, wenn sie sich nicht
entschlieen konnte, den Kampf zu wagen, dann erwartete sie das andere:
jahrelanges Siechtum, hatte er gesagt, das bloe Wort war schlimmer wie
zehnfacher Tod - sich herumschleppen vom Bett zum Sofa, vielleicht auch einmal
bis ans Fenster - mit den ewig bohrenden und zerrenden Schmerzen - nichts mehr
tun, nichts mehr wollen knnen und dabei verfallen, hlich werden, Falten
bekommen, langsam zum Skelett werden, bis auch das zusammenbrach. - Der Gedanke
schttelte sie wie etwas Widersinniges, Wahnsinniges, Unfaliches.
    Was hatte sie nicht schon alles hingegeben in dem unbndigen Drang nach
ihrem innersten Selbst, das so viel zum Opfer wollte - Heimat, Geschwister,
selbst den Bruder, den sie so sehr liebte, denn der war schlielich auch von ihr
gegangen zu den anderen - den Mann, dem ihre erste groe Leidenschaft gehrte -
sein Kind - Reinhard - alles, alles von sich geworfen, ihr war, als ob sie immer
nur ber Leichen hinweggegangen sei -, um schlielich vor ihrer eigenen
anzukommen, und daneben stand das Schicksal und grinste sie eisig an: Es ist
noch nicht genug - jetzt nehme ich dir auch noch deine letzte Kraft, deinen
jungen Krper, der noch blhen wollte, deine jungen Jahre, die noch heies
Verlangen trugen -, und schlage dich zum Krppel. Ohnmchtig sollst du vor mir
daliegen, und es war alles umsonst.
    Und sie konnte nicht einmal aufspringen, um sich zu wehren oder zu fliehen.
Was half es ihr, wenn sie die Fuste zum Himmel ballte und ihrem Geschick
fluchte? - Nein - kraftlos daliegen und warten, bis der Schlag sie traf oder an
ihr vorbeiglitt. - Wie hatte sie nicht schon warten gelernt - auf Gesundheit und
auf die Rckkehr zum Leben, aber auf den Tod warten, auf den wirklichen oder den
anderen - den Tod bei lebendigem Leibe -, das war eine frchterliche,
verzehrende Geduld, die sie noch zu lernen hatte.

Als der Arzt am nchsten Morgen wiederkam, stand Ellens Entschlu fest, sie
wollte nun alles so rasch wie mglich festgesetzt haben. Aber es hie noch eine
Reihe von Tagen warten und sich zur Ruhe zwingen.
    Drauen war immer noch Sonnenschein und goldne Tage. Ellen meinte noch nie
einen so lichten, strahlenden Herbst gesehen zu haben, es schien ihr fast wie
eine gute Vorbedeutung, und mit der Entscheidung kam allmhlich eine Art
Zuversicht ber sie. Manchmal lag sie lange da und betrachtete sich in ihrem
Handspiegel - nein, sie sah noch nicht aus wie ein zerstrter Mensch. -
Sonnenkind, so nannte Johnny sie - ja, sie hatte eigentlich immer noch ein
Kindergesicht, nur etwas schmaler war es geworden, aber keine Leidenszge.
    Am letzten Tage kamen viele von ihren Bekannten mit dem verborgenen
Gedanken, sie vielleicht zum letztenmal zu sehen, Schwester Maria fragte, ob sie
nicht doch mit einem Geistlichen reden wollte - und dann Johnny - er legte ihr
einen Haufen Rosen aufs Bett, seinen Kopf dazu, und Ellen glaubte zu sehen, da
er weinte.
    Aber Johnny, sagte sie, was habt ihr alle? - Tut, als ob ihr mich schon
begraben wolltet, und ich denke ja gar nicht daran zu sterben.
    Jetzt, wo es so dicht vor ihr war, fand sie beinah etwas Festliches in der
Gefahr und gewann ihre alte Fhigkeit wieder, ber alles zu lachen.
    Es war ein trber, grauer Nachmittag, und die ersten Schneeflocken trieben
gegen die Fenster, als Ellen aus langer Betubung wieder erwachte - wie durch
einen Nebel sah sie Gesichter um sich her, dann sank sie wieder in den Nebel
zurck, und es kam eine lange, halb bewutlose Nacht - neben ihr die Schwester -
ihre weien Schleier schwankten hin und her wie groe Flgel - - noch mehr Tage
und Nchte - ein Gewirr von neuen whlenden Schmerzen, schreckhaften Trumen und
sengendem Durst - ein dumpfes, willenloses Ringen gegen unertrgliche Pein und
dann wieder Zurcksinken in die milde Morphiumbetubung.
    War das noch Leben oder war es schon Todeskampf?
    Am ersten Morgen, wo sie wieder klar um sich sehen konnte, war ihr zumut,
als sei sie schon weit fortgewesen, in dem dunklen Land, aus dem keiner mehr
zurckkommt - und ein seltsames Gefhl von Erdenfremdheit durchzog sie, als
ginge es sie nichts mehr an, ob sie wieder zu den Lebenden gehren sollte.

                                                                     Dezember 93

Den ganzen Tag in alten Briefen gelesen und zuletzt in meinem einstigen
Mnchener Tagebuch - bis dahin, wo es pltzlich abbricht... Seither habe ich nie
wieder geschrieben, es taumelte alles zu berstrzend rasch an mir vorbei und
ber mich weg, von einer Katastrophe zur andern, bis zu der langen Ruhezeit im
Krankenhaus.
    Danach kann ich mich oft noch zurcksehnen - mein Gott, es war nicht leicht,
von der stillen Zeit Abschied zu nehmen und so mit halben Krften wieder hinaus
- sich am Stock herumschleppen wie ein Krppel. Und wo mich Bekannte sehen, dies
Erstaunen - man hat ja immer nur gehrt: mit der ist's aus. Es kommt mir beinahe
vor, als wren sie enttuscht, wenn einer wieder aufersteht von den Toten. - Und
diese endlosen Fragen, warum ich immer noch hier bin, nicht bei meinem Mann. -
Das weht einen so kalt und feindlich an, man mchte seine Habe auf den Rcken
nehmen und davongehen - Gott wei wohin. - Aber ich htte es mir vorhersagen
knnen. - Und wenn ich so dasitze und meine Umgebung ansehe, in der ich jetzt
lebe - dies kleine, enge Atelier mit dem Feldbett und dem groen Tisch, weiter
ist fast nichts darin -, da kommen so allerhand Gedanken. - Ja, ich bin jetzt
nicht mehr die verwhnte junge Frau, der man jeden Wunsch an den Augen abliest
-, und auch nicht mehr die unverwstliche Ellen frherer Tage, der die grte
Misere am lustigsten schien. Der schwerste Kampf wird jetzt erst beginnen, wo
ich ihm eigentlich nicht mehr gewachsen und schon recht kampfmde bin.
    Da steht der Stock neben mir - der Stab Wehe - mein guter Doktor versichert
mir, da ich mit der Zeit wieder wrde gehen knnen wie andere Menschen, aber
dann redet er auch von Schonung und Pflege und ist entsetzt, wenn er hier
heraufkommt: Kann denn niemand etwas fr Sie tun? - Aber das kann ich ihm
nicht auseinandersetzen - - Reinhard tut immer noch fr mich, was er kann, aber
die Krankenzeit hat mehr verschlungen, wie ich ihm sagen mchte, und noch
Schulden von frher her. - Es kommt eine ziemliche Misere dabei heraus. Nur gut,
da wir immer zwei sind, die Dalwendt ist jetzt auch ganz auf sich selbst
angewiesen, und wir teilen gute und schlechte Tage wie frher.
    Alles in allem bin ich ja gerade dahin gelangt, wo ich wollte, mein Leben
gehrt nur noch mir, ich kann daraus machen, was ich will. Ich bin auch noch
jung genug - wie viele fangen in meinem Alter erst an hinauszukommen.
    Wenn ich daran denke, wie ich mich in ganz jungen Jahren frchtete, ich
mchte nicht genug erleben! - Jetzt liegt viel hinter mir in den kurzen Jahren.
    Die alten Briefe haben mich heute ganz wehmtig gemacht - Detlev, Friedl und
all die andern. - Wir waren ja noch halbe Kinder damals, in unserer Begeisterung
und unserem Pathos, fhlten uns als die Vorkmpfer einer neuen Zeit - jeden
Augenblick wren wir bereit gewesen, uns dafr zu opfern.
    Ich wei wenig davon, was aus ihnen allen geworden ist und wie weit sie dem
Damals treugeblieben sind. - Aber wer mag so dafr geblutet haben wie ich? -
Ja, der letzte Mut zu sich selbst - ein blutiger Weg, der dahin fhrt -, der
die Fe wund und mde macht.
    Und manchmal mchten Heimweh und Sehnsucht rufen: Komm zurck! - Als ich
anfing, mich zu erholen, den ganzen Tag im Lehnstuhl am Fenster sa und daran
dachte, wie Reinhard jetzt einsam ist und sich vielleicht noch nach mir sehnt -,
da haben sie oft nach mir gerufen - -
    Aber dann der erste Besuch bei Johnny -, er trug mich die Treppe hinauf, die
ich so lange nicht mehr gegangen war -, und da droben, wo alles an unsere wilden
Stunden erinnerte -, da fhlte ich wieder den heien Hauch der Strme, die
drauen wehen, wo man frei ist. Die am warmen Kamin sitzen, wissen nichts davon
- nur wir, die auf der Landstrae gehen.

                                                                       Januar 94

Endlich kann ich wieder etwas an die Arbeit, und der Stab Wehe ist verbannt.
    Allmhlich fangen nun die Erfahrungen an, die man mir frher so oft
weissagte -, da wir nie ungestraft vom geraden Wege abweichen drfen. - Ich
wollte in unsere frhere Malschule eintreten, aber man hat etwas von
Ehescheidung gehrt und erhebt Bedenken. - So bin ich denn in eine andere
gegangen, wo es nicht so strenge genommen wird.
    Und das andere ist dem gleich. - Bei meinem ersten Mnchener Aufenthalt
verkehrte ich noch in einigen Familien - trotzdem ich damals doch ein ziemlich
extravagantes Leben fhrte, aber man wute nicht, wie weit es in Wahrheit ging,
und vor allem wute man, da ein geachteter Mann in sicherer Stellung mich
heiraten wollte. - Eine Mittelsperson macht mich jetzt schonend darauf
aufmerksam, da man an mir irre geworden sei - aus dem, was sie sagt, fhle ich
wohl heraus, da ein offenes Bekenntnis vielleicht alles wieder gutmacht - man
knnte ja vielleicht eingreifen, helfen - tout comprendre et tout pardonner -
man wei ja nichts Genaues.
    Aber ich danke schn - ich suche niemand mehr auf, der nicht zu mir kommt.
Es wacht etwas von dem alten Ibsenklubgeist in mir auf. Wenn mir etwa Steine in
die Fenster fliegen sollten, so werde ich sie mit Vergngen aufsammeln und fr
meine Kinder aufheben. - Ich habe eine stille Freude dabei, all diesen guten
Leuten in Gedanken die Tr recht weit aufzumachen.

                                                                      2. Februar

Diesen Winter hat sich eine etwas merkwrdige Freundschaft angeknpft - ich war
abends bei strmendem Regen in der Stadt, wollte beim Marienplatz in den letzten
Fiaker steigen. Als ich ankam, stand schon jemand daneben, will mir aber aus
Hflichkeit den Wagen berlassen, hlt sogar seinen Regenschirm ber mich. Mir
machte das so tiefen Eindruck, da ich sagte, er knne ja mitfahren, wenn wir
denselben Weg htten. Das Ende war, da wir dreimal zwischen dem Hoftheater und
dem letzten Stck der Theresienstrae hin- und herfuhren und uns noch nicht
darber geeinigt hatten, wer wir eigentlich wren. Dann trafen wir uns am
Weihnachtsabend wieder auf der Strae, hatten beide nichts anderes vor und
feierten ihn zusammen in einer Weinstube, gerieten so tief in ein Gesprch ber
Boheme, Gesellschaft, guten Ton und Etikette, da wir eine Stunde vor meiner
Haustr standen und ich ihn schlielich zu einem Kaffee bei mir einlud. So
hnlich hat sich unser Verkehr dann weitergesponnen, er kommt oft abends zu mir
herauf, und wir schwtzen die halbe Nacht durch - trotz allem guten Ton, an dem
wir brigens aufs strengste festhalten. Denn unser Benehmen ist tadellos korrekt
in Gedanken, Worten und Werken, man knnte es eigentlich nicht einmal
Freundschaft nennen, wir verkehren nur wie zwei liebenswerte Eisblcke, die
irgendwelchen Gefallen aneinander finden.
    Bel-ami - den Namen hat er bekommen, wie ich seinen wirklichen noch nicht
wute - gehrt der sehr guten Gesellschaft an - ist immer sehr elegant und
scheint ein ziemlich unruhiges Leben zu fhren. - Jetzt im Karneval, kommt er
einmal im Frack, einmal in irgendeiner Maske zwischen zwei Festlichkeiten bei
mir angestrzt, um sich auszuruhen. Wir suchen erst lange nach einem geeigneten
Platz fr seinen Zylinder, dann sitze ich auf dem Bett, er auf dem einzigen
Klappstuhl und erzhlt mir seine Erlebnisse. Einmal schlief er dabei im Stuhl
ein - und entschuldigte sich wenigstens drei Stunden lang. Ich versicherte ihn
meiner Nachsicht, und so ist es allmhlich Brauch geworden, da er bei mir seine
nchtliche Siesta hlt.
    Ach, dieser Karneval! Wenn ich Bel-amis Schlaf bewache oder Johnny zu
irgendeinem Fest schminken und kostmieren helfe, da wird es mir doch manchmal
arg schwer, immer zu Hause zu bleiben - aber dies Jahr darf ich nicht tanzen -
wer wei, ob spter.

                                                                            Mrz

Nun ist bald Frhjahr - und dann geht Johnny fort - vielleicht auf Jahre. Aber
wir sind beide sehr tapfer und machen uns keine Abschiedsschmerzen. - Eigentlich
sind wir berhaupt sehr weise, nehmen das Leben nun von der Sonnenseite, soweit
es uns zusammen angeht. Wir wissen wohl, was der andre an trben und schweren
Sachen zu tragen hat; aber das behlt jeder fr sich. Es gibt keine abgrndigen
Gesprche zwischen uns ber Seelenzustnde und dergleichen, aber auch keine
Verstimmungen und keine Szenen. Der Tag gehrt jedem allein und der
Tagesordnung, die man nie miteinander teilen sollte. - Wir kennen eben alle
Weisheiten.
    Und Eifersucht, ich glaube, davon wissen wir auch nichts. Oder doch - ich
fhlte so etwas, weil er ein Kind hat. Sonntags kommt die Mutter manchmal damit,
um es ihm zu zeigen - einmal auch, wie ich da war. Und dabei wurde mir ganz weh
- man hat mir gesagt, da ich wohl nie eins haben werde. Und wenn ich dann
solche kleine Wesen sehe, schmerzt mich das Gefhl, da es eine Sehnsucht gibt,
die mir nie erfllt werden kann.
    Aber Johnny hat mich furchtbar ausgelacht, als ich ihn bat, er sollte es mir
schenken.

                                                                          August

Lange, lange nichts aufgeschrieben - daran kann ich selbst immer messen, ob mein
Leben still und einsam gewesen ist, oder ob es mich mitgerissen und
durchgeschttelt hat.
    Ich bin viel gesnder, seit ich drauen auf dem Lande bin, male den ganzen
Tag. - Und doch denke ich immer wieder, da ich nicht lange leben werde -, da
es mich doch wieder hinwerfen knnte und ich mich eilen mte. Dann kommt ein
frmliches Fieber ber mich, ich mchte in jeden Tag hineindrngen, was er nur
fassen kann, an heier Arbeit und heiem Leben.
    Wenn ich mein Tagebuch lese - das klingt alles so, als ob ich immer in
tiefer Melancholie herumginge und der dunkle Hintergrund nie ganz wiche. Und
dabei gibt es keinen Menschen, der so viel lacht wie ich - niemand glaubt, da
ich auch nur einen Tag ernst oder traurig sein knnte, oder da mir irgend etwas
tief geht. Ich begreife es ja auch selbst manchmal nicht vllig, da ich immer
noch ganz dieselbe bin. Aber immer noch knnte ich fr einen Moment der Freude
meine ewige Seligkeit verkaufen. - Ich knnte es nicht nur, ich tue es auch.
    Seit Johnny fortging, ist es fast wie das Leben im herumziehenden
Zigeunerwagen, das ich mir als Kind trumte - von einem Ort zum andern und ber
dem Hier das Dort vergessen. Nur immer weiter, nicht rckwrts sehen und nicht
vorwrts, den Zufall als Gott anbeten und ihm opfern.
    Ich denke oft daran, wie ich als Kind war. Ich dachte mir immer, mein Leben
mte etwas ganz Besonderes werden, und spter auch noch: Ungeheure Dinge
leisten, in der Kunst, in allen mglichen Verwegenheiten, am liebsten htte ich
auch Seiltanzen und Akrobatenknste gelernt, berhaupt alles knnen, alles
beherrschen.
    Und vielleicht wre ja auch allerhand daraus geworden, wenn sich nicht von
Anfang an alles dagegen gestemmt htte. Zu Hause - ich kann meine Eltern doch
heute noch nicht recht begreifen -; Eltern sollen doch froh sein, wenn ihre
Kinder viel wollen, und sie sind immer nur entsetzt. Ich habe wohl kein Wort so
gehat wie das: Es geht nicht. - Es ist das unwahrste Wort, das es gibt. Und
spter, ja, htte der liebe Gott mir nicht dies Kranksein geschickt, mir wieder
eine Kette an den Fu gehngt - -, denn darber gibt's wohl keine Tuschung: Ein
ganz gesunder Mensch werde ich nie wieder, wenn ich auch nach auen hin so tue
und so lebe.
    Und das ist doch das einzige, wirkliche Unglck, das einen treffen kann.
Aber ich habe immer noch nicht gelernt zu sagen: Es geht nicht.

                                                                       September

Zwischendurch ein paar Tage in der Stadt. Ein Abend mit Bel-ami. Der ist wie ein
Anker in der Brandung, er wei wohl ungefhr, wie ich lebe, aber wir reden nicht
davon. Wir zwei verlieben uns nicht ineinander, auch nicht vorbergehend, kommen
uns auch freundschaftlich nicht nher, es liegt eine weite Ferne zwischen uns,
und die geringste bertretung wrde alles zunichtemachen.
    Er schlief wieder ein auf seinem gebrechlichen Lehnstuhl. Es wurde immer
spter, und ich versuchte ein paarmal, ihn aufzuwecken. Es ist etwas Eigenes,
jemand schlafen zu sehen - bei diesem ist's, als ob der wirkliche Mensch dann
erst zum Vorschein kme, seine Zge bekommen etwas Zerwhltes, Gequltes, er
sieht aus, als ob er nie jung und froh gewesen wre.
    Ich wei wenig von seinem Leben, aber ich denke manchmal, da er ebenso
ruhelos ist wie ich, sein Gesicht sagt es, wenn er schlft. Vielleicht hlt uns
das zusammen -, obgleich wir es uns niemals eingestehen wrden. Schlielich
werde ich auch mde, lege mich aufs Bett. Dann und wann wache ich auf und sehe
mich um: dieser elende Raum ohne alle Behaglichkeit - der groe, wste Tisch,
auf dem all meine Sachen liegen, weil ich keine Schubladen habe - die Lampe mit
dem zerrissenen, hellgrnen Schirm - aber doch liebe ich das Ganze, und es hat
einen gewissen Zauber. Und drben im Lehnstuhl schlft der ferne, fremde Mann.
    Beim Einschlafen geht mir durch den Sinn, wie schn doch diese unsere
stillen Stunden sind -, da ein Mensch zu mir kommt, um auszuruhen, und all das
Schweigen zwischen uns beiden Ruhelosen.
    Erst am hellen Sommermorgen wachen wir auf, die Lampe brennt immer noch. Ich
mache Kaffee, und nun kommt erst die Plauderstunde. Dann begleite ich ihn durch
den Englischen Garten, er hat einen weien Tennisanzug an und ich ein weies
Kleid - drauen ist alles so morgenfrisch und schn.

                                                                        November

Nun wieder zurck von den Sommerfahrten, und der Herbst macht melancholisch.
Mnchen verdet immer mehr; dieses Jahr sind viele gegangen. Johnny, die
Dalwendt - der Zarekkreis hat sich nach und nach aufgelst, es ist nicht mehr
das abenteuerliche Traumland von frher.
    Ich komme im Caf mit allerhand Leuten zusammen, Malern, Literaten usw.,
aber es ist eine ganz andere Sorte Menschen. Es scheint mir beinah, als ob
inzwischen eine andere Zeit und eine andere Generation gekommen wre. Es ist
kein Sturm mehr darin, und all das Neue ist eben doch nicht gekommen. Diese
Kaffeehausmodernen sind schon so mit allem fertig, was wir damals andchtig
anbeteten, als ob man nun keine Andacht mehr brauchte, weil man die Kinderschuhe
ausgetreten hat. Und im Grunde haben sie dafr nur Pantoffeln angezogen und
bewundern nur mehr sich gegenseitig. Oh, diese vielen ernsten Gesprche, was der
eine als Knstler will und wie der andere das Leben anfat usw.
    Ich bin doch, wei Gott, noch nicht so alt, da mir alles in der Erinnerung
anders aussieht, aber diese Leute scheinen mir so abgelebt und greisenhaft gegen
die, mit denen ich jung war, sogar auch gegen unsere Zarekboheme vor drei
Jahren. Sie wollen auch nicht mehr Boheme sein, jeder hat seinen schwarzen Rock
und geht auf jours, um ber Kunst und Kultur zu reden. Man soll es doch nicht
ganz mit der Gesellschaft verderben, denn sie hat die bermacht behalten, und es
ist gescheiter, sich eine Tr offen zu halten. Ach, wie htten wir den
totgelacht, der auf einen jour gegangen wre.

                                                                   Neujahrsabend

Wenn doch Bel-ami noch kme, um mir die schwarzen Gedanken etwas zu vertreiben,
und wenn er nur ganz ruhig dase und kein Wort sagte.
    Aber es ist alles still, und ich bin allein. Seit Tagen schon nicht mehr
ausgegangen, es hilft nichts, gegen diese Kraftlosigkeit und Erschpfung
anzukmpfen, es hilft nichts, da ich mich nicht ergeben will.
    Warum man wohl an solchen Tagen immer so sehr zu Betrachtungen aufgelegt ist
-, aber es scheint eine alte Gewohnheit, die schwer loszuwerden ist. Immer
wieder mu ich an Reinhard denken, vor zwei Jahren waren wir an dem Abend noch
zusammen -, und weiter zurck - zu Hause - die Geschwister. - Vielleicht denken
sie manchmal noch an mich, wie an jemand, der lange gestorben ist. Und ich sitze
hier, halbkrank, in dem elenden Raum, wo das Schneewasser durch die Scheiben
luft, und wo alles zu sagen scheint: Was fhrst du fr ein Dasein! Und ich bin
noch jung - aber alles, was ich hoffen und wnschen knnte, ist untergraben
durch diese elende Kraftlosigkeit. Es hat lngst zwlf geschlagen, lrmende
Menschen kommen unten in der Strae vorbei, dann ist es wieder ruhig. - Mir ist,
als ob mein eigenes Leben mir hier in der Totenstille gegenberse - so haben
wir beide schon oft Zwiegesprche gehalten, mit bangen schweren Fragen.
    Wenn ich an die eine Hoffnung glauben knnte, die ganz leise und ganz ferne
aufdmmern will, aber ich habe nicht den Mut dazu -, als ob sie dann zerrinnen
mte wie alles andere, wenn ich nur den Blick nach ihr wende oder nur eine Hand
rhre.

                                                                    Mitte Januar

Nun schon seit Wochen so hinliegen. - Wollte ich mir meine ganze Verzweiflung
eingestehen!
    Wozu immer wieder sich aufraffen, wenn doch alles umsonst ist. Als ob ein
Gespenst mich vor meinen eigenen Augen hinwrgte - ich kann nicht leben und
nicht sterben.
    Heute habe ich mir mit vieler Mhe den Lehnstuhl ans Fenster geschleppt - es
ist ein wahres Ereignis, einmal den Platz zu verndern, in den Hof
hinauszusehen, wo ein paar Knechte Holz hacken und der Schnee von den Dchern
rinnt. Alles trb und grau, weiche, drckende Vorfrhlingsluft, ber dem
Kohlenschuppen graugelbe Huserwnde - so einer von den Tagen, wo man
sehnschtig von Luft und Licht trumen mchte wie ein Gefangener. Ja, was ist
das fr ein Dasein, wenn man krank ist - morgens liege ich lange im Bett, nur um
nicht in den Tag hinein zu mssen. Dann mit dem Hammer dreimal an die Wand
klopfen, bis der alte Hausmeister kommt, um Feuer zu machen. Er lt die Tr
offen, und sie knarrt, da ich weinen mchte, dann fliegen die Spne durchs
Atelier, und dabei unterhalten wir uns ber das Elend im Leben - drben liegt
seine Frau schon seit Monaten krank. Die beiden Alten sind wie eine Art Familie
fr mich. Dann bringt er mir den Kaffee, der auf meinem schwarzen Koffer
serviert wird, weil kein anderer Platz da ist. Ich stehe allmhlich auf, alles
ist in Unordnung, nichts da, was ich brauche.
    Mein roter Schlafrock ist mein einziger Trost, der sieht wenigstens aus, als
ob man bessere Tage gekannt htte, wenn ich die alte Frau drben besuche, findet
sie mich sehr schn.

                                                                     15. Februar

Heute kommt mein Doktor wieder - sieht mich sehr ernst an.
    Ich habe doch recht gehabt -, die Hoffnung, an die ich nicht zu glauben
wagte - - Ein Kind, mir ein Kind -, am liebsten wre ich ihm um den Hals
gefallen. - Das war die erste frohe Stunde seit langer Zeit, und ich kann es
immer noch nicht begreifen.

                                                                            Mrz

Und nun sind mir alle Stunden froh - der lange Tag und die lange Nacht; ich
mchte immer nur daliegen und auf die leise, ferne Stimme horchen, die mir von
einer namenlosen Sehnsucht und einem namenlosen Jubel redet.
    Und die Mattigkeit, die Ohnmachten, das stundenlange Augenflimmern morgens
beim Aufstehen - all diese fast unertrglichen Gefhle, die ich frher schon
einmal gekannt habe, jetzt erkenne ich sie mit Freuden wieder. - Es ist nicht
mehr das Gespenst der Krankheit, vor dem ich mich so entsetzlich frchtete -
jetzt ist es der Ruf zum Leben. Ich bin wohl ungeduldig, da bessere Tage
kommen, aber sie mssen ja bald kommen.

                                                                        30. Mrz

Wie oft denke ich jetzt zurck - an Henryk. - Ich begreife es nicht mehr, da
ich mich damals so in Angst und Verzweiflung hineinjagen lie. Ich war selbst
ein hilfloses Kind, es schlug mir alles ber dem Kopf zusammen. Nach auen hin
ist meine Lage vielleicht noch schlimmer - ich wei keine Hand, die sich mir
bietet, nach der ich greifen knnte. Ich wei nur, da ich Mutter werden und da
mein Kind mir ganz allein gehren soll. Es ist ein seltsames Gefhl, wenn der
Krper sich so verndert - etwas schwermtig und s Geheimnisvolles und wie
Andacht, wenn man fhlt, wie das kleine Leben sich von Tag zu Tag deutlicher
regt - ich mchte nur darauf lauschen drfen - nichts mehr tun, nichts mehr
denken.

                                                                        31. Mrz

Ich lebe wieder mein gewohntes Leben, die Krfte kommen wieder, aber damit auch
eine krperliche Verzagtheit und Ratlosigkeit, ber die ich schwer Herr werden
kann. Ein unaufhrliches Hin- und Herdenken: Was soll ich nun tun?
    Es dauert nicht lange mehr, so wei es alle Welt, die Leute im Hause, in den
Lden, wo ich tglich einkaufe, an denen ich vorbergehe, alle werden mich
anstarren, mein Geheimnis herumzerren.
    Mein Gott, bin ich feige -, aber ich mchte nur fort von hier, weit fort, wo
mich niemand kennt.
    Dabei der ewige Kampf mit der ueren Not, mit den Schulden, die sich immer
hher trmen. Der Hausbesitzer will mich vor die Tr setzen, denn die Miete
steht seit einem Vierteljahr aus. Alle paar Tage kommt er herber, in der
Soutane und mit seinem Rosenkranz, denn er ist Priester. Auf meiner Staffelei
steht ein angefangenes Portrt vom letzten Winter; ich vertrste alle, die um
Geld kommen, darauf, da ich fr das Bild sehr viel bekommen werde. - - So geht
es von Tag zu Tag.
    Inzwischen hat sich auch wieder ein kleiner Kreis von Bekannten gesammelt,
denen es hnlich geht - Ateliernachbarn und andere. Wir haben einen gemeinsamen
Mittagstisch bei mir, sie kommen zu allen Tageszeiten, machen Musik und Lrm und
versuchen mich aufzuheitern, wenn ich traurig bin.
    Und abends Bel-ami - ich habe es ihm gesagt. Er sieht sich in meinem Atelier
um: Ja, um Gottes willen, was wollen Sie denn mit einem Kind anfangen? Dann
redet er davon, da es meine Lage nach allen Seiten hin erschweren wrde, und
da es doch eigentlich ein Versto gegen den guten Ton sei.
    Er hat sich so viel Mhe gegeben, mich etwas zu erziehen. Ich lache wohl,
aber mir ist das Herz so voll, da ich kein Wort herausbringe von allem, was ich
sagen wollte.

                                                                        2. April

An Reinhard geschrieben - ich konnte es nicht lassen. Bis vor einem halben Jahr
haben wir immer noch Briefe gewechselt - jetzt schweigt er schon lange.
    Aber es war wie ein vermessener Glaube in mir, da er vielleicht jetzt
wieder mein Freund sein knnte, mir selbst kommt die ganze Welt so verwandelt
vor - in einem ganz neuen, weicheren Licht.
    Er hat kalt und hart geantwortet; da ich doch jetzt bedenken mchte, was
ich mir und meinem Kinde schuldig wre - den Vater zu heiraten.
    Mein Kind hat keinen Vater, es soll nur mein sein. Ich habe es selbst so
gewollt - er ist schon lange fort, und ich wrde ihn nicht zurckrufen, selbst
wenn ich wte, wohin er gegangen ist. Dieser Mann gehrt nicht zu meinem
Schicksal.
    Aber der Brief von Reinhard lt mir keine Ruhe - ich mu ihn noch einmal
sehen, mit ihm sprechen, alles in mir schreit danach. Kein anderer Mensch hat so
tief zu mir gehrt und so tief in mich hineingesehen - keiner mich auch wohl so
geliebt. - Ich will ja nicht seine Liebe wiedergewinnen, nur ihn noch einmal
sehen und dann meiner Wege gehen. - Ich wei ja, da ich vielleicht sterben mu,
wenn das Kind kommt - die rzte haben mir frher oft gesagt, da ich mich der
Gefahr nicht aussetzen sollte.

                                                                       10. April

Gestern abend zurckgekommen. - Wo war meine Besinnung, da ich hinfuhr und nur
daran dachte: morgen sehe ich ihn wieder und fhle noch einmal seine milde gute
Hand.
    Und dann sein Telegramm: Wiedersehen ausgeschlossen. - Es ist wie eine ewige
Wiederholung, die durch mein Leben geht. - Meine Mutter, die mir sagen lie: Du
gehrst nicht mehr hierher -; dann Henryk -, aber der gab mir wenigstens noch
die Hand. Und nun auch Reinhard, der mich geliebt haben will. - Das ist also
immer das letzte, was Liebe geben kann! - Sie wissen alle nicht, was Liebe ist -
sind alle hart.
    Es war Sonntagmorgen und alle Glocken luteten, ich wute nicht wohin, um
allein zu sein, und bin in eine von den groen Kirchen gegangen. Und da habe ich
lange hinter einem Pfeiler gesessen und daran gedacht, da wir beide ganz allein
auf der Welt sind - ich und mein Kind. Wenn es wte, wie viel Liebe seiner
wartet, mir war beinah, als ob ich laut zu ihm sprechen mte.

                                                                       15. April

Jetzt gilt es vor allem Arbeit suchen, mit der ich etwas verdienen kann - es hat
sich auch allerhand gefunden - Schreibereien, eine Arbeit, die mir im Grunde
nicht liegt und mich nicht freut. Aber was soll man machen?
    Die Reise hat fr diesen Monat alles verschlungen - ich habe nur noch eine
Matratze zum Schlafen - alles andere ist ins Leihhaus gewandert.

                                                                         25. - -

Niemand wei, wo ich bin. Ganz heimlich bin ich fortgegangen, ohne Abschied. -
Nur Bel-ami war den letzten Abend noch da, wir saen bis spt in die Nacht in
dem leeren Atelier auf zwei Koffern. - Ob er etwas davon fhlte, wie bange und
traurig mir war?
    Und am nchsten Morgen fort, ganz allein. - Nur die alte Hausmeisterin
weinte - ja, nun htte sie niemand mehr. Ich sehnte mich so danach, ganz allein
zu sein, aber nun wei ich die Einsamkeit nicht zu ertragen - von einem Ort bin
ich zum andern gefahren, berall kam es mir unertrglich vor, auch nur einen Tag
zu bleiben - immer neue, fremde Gesichter, die mir von feindlicher Neugier
erfllt schienen, mich bis in die Trume hinein verfolgten.
    Ich will ruhig sein und nur an mein Kind denken. Aber das Heimweh reit an
mir, Heimweh nach jedem Stckchen Heimat, das ich jemals besessen habe - selbst
nach meinem den Atelier in Mnchen. Nur nach einem Fleck auf der Welt sehne ich
mich, wo ich mich still und mde hinlegen knnte und nur ein Mensch um mich
wre, der mir ein gutes Wort sagt. Mir ist, als htte ich die letzte Sttte
verloren, keinen Boden mehr unter den Fen - ganz allein auf der Landstrae,
mit dem ungeborenen Leben unter meinem Herzen. Und wir beide allen Strmen
berlassen - wohin werden wir treiben - wohin geht unsere Strae?
    In einem kleinen abgelegenen Wirtshaus unten am See habe ich mich
niedergelassen und gleich angefangen zu arbeiten, um die Gedanken
niederzuzwingen. Dazwischen weite Gnge ins Land hinein oder den See entlang. Es
hilft alles nichts - ich wei nicht, warum diese rastlose, drngende Schwermut
sich immer dunkler auf mich herabsenkt -, als ob alles Leid und Weh, das man
jemals erlitten hat und noch erleiden kann, alle Schmerzen, die mir getan
wurden, und die ich anderen tat, - jedes unerfllte und unerfllbare Sehnen -,
als ob jede wehe Erinnerung und jeder ferne Klang sich zusammenballte zu einer
unentwirrbaren, unertrglichen Qual, die keinen Lichtstrahl mehr durchlt. -
Warum es immer finsterer wird in mir, warum ich aufschreien mchte, wenn die
Sonne scheint und der Frhling um mich her leuchtet?
    Der Sturm der letzten Tage hat nachgelassen; ich ging am See hin gegen
Abend, und es kam wieder eine etwas mildere Stimmung ber mich. Alles war so
still: auf der einen Seite das weite, dmmernde Land mit seinen weien
Obstbumen und zur andern die blauen, verschwimmenden Ufer. Und doch immer
wieder die Gedanken, die nicht weichen wollen -: wenn nun auch das Kind mir
wieder genommen wrde, oder ich selbst sterben mte und es zurcklassen. Wre
es denn nicht besser, jetzt noch freiwillig hinabzugehen und es mit mir zu
nehmen? Manchmal ist mir, als ob ich hellsehend wre und wte, da es so kommen
mu. Und wie eine Melodie, die mich nicht loslt, klingt es in mir bei jedem
Schritt: nur sterben, nur sterben. Ich horche in ewiger Todesangst darauf, ob
das Kind sich regt in mir, und wenn ich es nur eine Stunde lang nicht fhle,
dann glaube ich, nun ist alles vorbei und wir sind beide verloren.

                                                               Sonntagnachmittag

Der Anblick von Menschen macht mich krank, und heute kommen sie scharenweise
hier heraus. Mir wird dann, als ob ich von Gefahren umringt wre, mich
verteidigen mte, wenn ich nur ein fremdes Gesicht sehe.
    So habe ich mich in mein Zimmer geflchtet - am offenen Fenster mit dem
weiten Blick in sommerliches Grn. Ich sehe auf den langen, gewundenen Weg
zwischen den Bumen und denke daran -, wenn jetzt auf diesem Weg jemand zu mir
herkme und mich aus meiner einsamen Angst erlste.
    Gegen Abend das Boot losgemacht und weit auf den See hinausgefahren, jetzt
wieder oben - der Sonntagslrm schallt zu mir herauf, und da drauen die
bltenweie Sommernacht. Wenn man nur schlafen knnte, eine einzige Nacht ruhig
schlafen.
    So kann es nicht weitergehen, oder ich treibe dem Wahnsinn zu - ich wei es,
fhle es, wie er mich immer mehr umfngt. Nur selten kommt eine klare Stunde wie
jetzt, wo ich mir sage, da das alles krankhaft ist - krperlich. Aber wenn ich
es mir Tag und Nacht vorsagen wollte, es hilft nichts, es ist da, weicht nicht
von mir. - Den ganzen Tag stehen mir die Augen voller Trnen, und meine Stimme
versagt bei den gleichgltigsten Worten.
    Ich kann nicht mehr auf den See fahren, nicht mehr ans Ufer gehen, ich
frchte mich vor dem Wasser -, da ich auf einmal die Besinnung verlieren und
mich da hineinwerfen knnte, in die Tiefe, die nach mir ruft.
    Nein, ich mu mich retten vor diesem Ruf, sonst verschlingt es mich - mich
und mein Kind.

                                                                   Mnchen, Juli

Aus einer langen Nacht bin ich zurckgekehrt - war es nicht schon, als ob
schwarze Totenhnde mich umklammert hielten, sich immer fester krallten, bis das
Bewutsein sich unter ihrem Griff allmhlich verwirrte?
    Dann lieen sie langsam, langsam wieder los.
    Oft geht es noch durch dunkle Tiefen jetzt -, aber ich sehe das Licht
wieder, und es scheint in mich hinein. Ich kann jetzt wieder lcheln ber all
die Schrecken, wie ein Arzt ber die Einbildungen seiner Kranken lchelt. Das
Leben wollte mich doch nicht von sich lassen, und es hat lauter gerufen wie all
die schlimmen, dunklen Mchte.
    Mein Gott, wie rasch uns etwas berwundenes in der Erinnerung fremd und
unbegreiflich erscheint. Wer denkt, wenn die Sonne aufgeht, noch an die
Gespenster, die ihn in der langen, schlaflosen Nacht marterten? Er kann nur noch
fhlen, da die Welt sich in Klarheit verwandelt hat.
    Und so geht es mir jetzt - ich wei nicht, wo die dunkle Angst geblieben ist
und woher mir die tiefe Ruhe kommt - Ruhe in mir selbst, die ich nie gekannt
habe. - Ich war der ruheloseste Mensch unter der Sonne, immer im Kampf, in
tausend Kmpfen.
    Jetzt mchte ich nur still sein, und lauter neue Gedanken treiben in mir,
wie Blten, die man noch nie gesehen hat. - Wo waren sie vorher? Wo war ich
selbst und mein Leben? Es rannte immer in die Irre und immer wieder durch lauter
Stachelhecken, ri sich wund und blutete aus vielen Wunden - und ich stand
daneben und sah ratlos zu und war verzweifelt, weil nie die Blumenwiesen kamen,
die ich suchte. Warum haben wir als Kinder keine Lehrmeister, die uns lehren,
mit dem Leben eins zu werden, warum haben sie uns immer nur gesagt, da es
Feindschaft und Kampf sein mte, schwer und hart? Das ist es nur, solange wir
uns dagegen struben, taub und blind dahinrennen und nicht hren, was es uns
sagt. Und wenn wir das einmal dunkel ahnen wollen, dann schreit so viel dagegen
an, von auen her und von dem, was man jahrelang in uns hineingelogen hat, da
wir uns immer wieder von dem wirren Lrm betuben lassen.
    Ich glaubte so mutig zu sein, weil ich ein paar Sprnge gemacht hatte, die
nicht alle wagen -, aber wie elend verzagt bin ich dann oft dagesessen und habe
an der Lektion herumbuchstabiert, die das Leben mir zu lernen gab - wie tricht
hab' ich gemeint, sie hiee Entsagung, Enttuschung oder noch alles mgliche
andere.
    Jetzt kommt es mir vor, als ob mit dem groen Rtsel, das sich in meinem
Krper vollendet, auch all die andern Rtsel sich lsten, als ob ich mit anderen
Augen she, mit anderen Sinnen fhlte, und endlich fange ich an, lesen zu
lernen.
    - - Ein kleines, enges Zimmer mit zwei Fenstern nach Sden - ohne Lden, die
man gegen die Hitze schlieen knnte - mein alter, groer Tisch, der fast den
ganzen Raum ausfllt - gegenber Schieferdcher, auf denen die Sonne glht - und
schreiben, den ganzen Tag von Morgen bis Abend. Aber jetzt sage ich nicht mehr:
Was fhrst du fr ein Dasein? Ich wrde kein anderes Schicksal mehr gegen meines
eintauschen, auch das vergangene nicht.
    - Wie ich mich all der Verzagtheit schme - wie konnte ich mich so vor
feindlichen Blicken frchten?
    Einzelne von frheren Bekannten gren mich nicht mehr, andere beklagen
mich. Mehr oder minder bin ich in ihren Augen doch jetzt fr immer bankerott -
entgleist - die Tore der Gesellschaft sind fr immer hinter mir zugefallen.
    Und das Kind? - Ich wei meine Verantwortung wohl - und ich bin froh, ihm
gerade dieses Schicksal bieten zu knnen - ich will es lehren, sein Schicksal zu
lieben, wie ich meines lieben gelernt habe.
    Zu Hause trage ich nur noch lange, weie Kleider, die nach verwhnter Ruhe
aussehen, und die trume ich mir dann manchmal dazu. Wie mte das sein, jetzt
so leben zu knnen - in groen hellen Rumen mit vielen Blumen und festlichen
Dingen - frohe Menschen um mich her, die alles fr mich tten, mich verwhnten -
und dann nur daliegen und an das Kind denken.
    Wenn ich dann auffahre und mich besinne, laufen mir dicke Tropfen von der
Stirn, und die Hnde wollen nicht weiter. Die Hitze ist lhmend - auf meinem
Tisch steht immer eine groe Schale mit Eis, um Kopf und Hnde daran zu khlen -
das ist mein einziger Luxus.

                                                                          August

Die Heimat ist bereit, in der mein Kind erwachen soll. - Seit vierzehn Tagen
kaum ins Bett gekommen, ich lege mich nur ein paar Stunden auf den Diwan, dann
ist's wieder vorbei mit dem Schlaf, und ich wandere von der ersten Dmmerung an
in der Wohnung herum - von einem Zimmer ins andere. - Es war so viel Freude
darin, alles selbst einzurichten, so viel Stolz, da man es selbst
zusammengearbeitet hat.
    Alles scheint zu warten - die kleine Wiege, die neben meinem Schreibtisch
steht - armselig ist das Ganze wohl, aber es war alles, was ich geben konnte,
und fr mich liegt schon der Glanz all der Liebe darber, die hier zwischen uns
beiden leuchten soll.
    Nur die letzte Arbeit mu noch getan sein - meine Augen brennen nach Schlaf.
- Ich habe eine Schieblade vom Schreibtisch herausgezogen, um den Rcken
dagegenzulehnen, die Schwere im Krper will mich fast zu Boden ziehen. Und ein
Gefhl, als ob man nicht mehr auf der Erde wre, sondern in einem fremden,
durchsichtigen Element, wo ferne Glocken luten und man nur lcheln und weinen
mchte.

                                                                   September - -

Mein Kind - nun ist es aus seinem langen, dunklen Schlaf erwacht, Tag und Nacht
liegt es neben mir - Tag und Nacht scheint jetzt die Sonne, und die letzte
Finsternis ist hell geworden - die Welt steht still um uns beide, wie ein
Tempel, in dem alle Offenbarungen tnen.
    Mein Kind - mein schwererkmpftes - nach all dem stillen, frohen Warten noch
einmal hinunter in den allertiefsten Abgrund - durch Martern hindurch, wie sie
kein Traum zu ersinnen vermag, die alles hinweglschen, was noch leben will an
Furcht und hoffender Erwartung, alles verstummen machen vor dem einen
schaudernden Aufschrei, da solches Entsetzen mglich ist.
    Und dann der lichte Morgen, die hellen strahlenden Stunden, wo das Leben in
seine Bahnen zurckflutete -, und wo ich zu fassen begann, da ein Mrchenwunder
Wirklichkeit geworden war - das Mrchenwunder, das neben mir in weien Kissen
lag und mich aus weiten, dunklen Augen ansah. - Mein Kind - was frage ich jetzt
noch, ob es schwer erkmpft war -, mein Kind soll zur Freude geboren sein, nicht
die verblaten Spuren tragen von dem, was ich gelitten habe, und was jetzt mir
selber Freude und Reichtum geworden ist. Mein Weg war wohl oft dunkel und
blutig, ich habe den Tod von Angesicht zu Angesicht gesehen und seinen Blick
gefhlt, den Wahnsinn und die letzte Verzweiflung - nun sehe ich dem Leben ins
Auge und bete es an, weil ich wei, da es heilig ist. Es hat mich all seinen
Reichtum gelehrt an Leiden und Lust - ich liebe alle die Schmerzen, die es mir
angetan hat, und all die Opferwunden, die es schlug - ich liebe auch die
Verlassenheit und die Not, die vor unserer Tr steht. - Wie konnten wir je
Feinde sein? Mag es jetzt geben oder nehmen - ich sehe ihm ins Auge, und wir
lcheln beide.
