
                                   May, Karl

                        Im Reiche des silbernen Lwen IV

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                                    Karl May

                         Im Reiche des silbernen Lwen

                                    4. Band

                                 Erstes Kapitel

                                        

                                    Im Grabe

Es war eine eigenartige Stimmung, in welcher ich mich befand, als mich der Ustad
hinauf nach der mir zugedachten Wohnung fhrte. Es war nicht Spannung, noch viel
weniger Neugierde. Ich hatte das Gefhl, als ob eine schon lngst in mir lebende
und doch niemals ganz in das Bewutsein getretene Sehnsucht nun in Erfllung
gehen werde, als ob mir ein Glck bevorstehe, auf welches ich schon lngst, aber
ohne mein Wissen, vorbereitet worden sei. Warum war ich dabei so ernst, als ob
auf jeder der Stufen, welche wir emporstiegen, eine Gestalt aus vergangenen
Tagen stehe und stumm mahnend die Hand erhebe?
    Als wir oben vor der Wohnung des Ustad angekommen waren, sah ich eine zweite
Treppe. Auf ihrer Biegung stand ein brennendes Licht. Er zeigte hinauf und
sagte:
    Du wirst da ber mir wohnen. Und doch so tief, so tief, wie ich heut nicht
mehr wohnen mchte!
    Ich sah ihn fragend an. Da legte er mir die Hand auf die Schulter und fuhr
fort:
    Effendi, frchtest du dich vor Gespenstern?
    Nein, antwortete ich.
    Oder vor Grbern?
    Nein.
    So gehe hinauf, und schaue dich um! Ich lasse dich fr kurze Zeit allein,
komme dir aber dann nach oben nach. Ich knnte wohl noch besser sagen: nach
unten, denn, mein Freund, du wirst bei Leichen wohnen. Du bist der Erste und
gewi auch der Letzte, also der Einzige, der jene Gruft betreten darf, welche
ich den Verstorbenen aus den verflossenen Tagen meines Lebens baute. Ich spreche
in dunklen Worten; aber grad dieses Dunkel werde dir zum Licht! Das ist mein
Herzenswunsch!
    Er ffnete seine Wohnung, nickte mir mit wehmtigem Lcheln zu und
verschwand dann hinter der Thr. Ich ging weiter.
    Indem ich dies that, kehrte Alles, was ich bisher aus seinem Munde gehrt
hatte, zu mir zurck. Wie tief, wie bedeutungsvoll war jedes Wort gewesen! Aus
welcher Hhe schaute jeder Gedanke dieses Mannes auf die Oberflchlichkeit
gewhnlicher Menschen nieder! Freund hatte er mich genannt. Wie alles so
ungewhnlich war, so durfte ich auch dieses Wort nicht in der umgangsblichen
Bedeutung nehmen. Er meinte es ganz zweifellos nicht leer, sondern voll. Ich
konnte berzeugt sein, da ich seinen Inhalt auch in mir selbst zu suchen und zu
finden haben werde.
    Die zweite Treppe stieg in das Innere des Felsens hinein, an welchen sich
die oberste Etage des hohen Hauses lehnte. Ich sah nur eine einzige Thr. Sie
stand offen. Gedmpfter Lichtschein fiel heraus. Ich trat ein. Welch eine
Ueberraschung, diese Gruft!
    Das war doch allem Anscheine nach das Studierzimmer eines europischen
Gelehrten! Es sah ganz so aus, als ob der letztere soeben erst den Raum
verlassen habe, um aber gleich wieder zurckzukehren. War er Geograph? Ethnolog?
Den Fuboden bedeckten die Felle wilder Tiere, denen die prparierten Kpfe,
Klauen und Krallen gelassen worden waren. An den Wnden hingen neben den
Kriegswaffen verschiedener Vlker auch allerlei friedliche, aber interessante
Gebrauchsgegenstnde derselben. Neben einem hchst bequemen persischen Diwan
stand ein indischer Perlmuttertisch, auf welchem einige aufgeschlagene Bcher
lagen, als ob vor ganz Kurzem noch in ihnen gelesen worden sei. Ich trat hin, um
nachzuschauen. Ein geffnetes neues Testament! Ein mit Tinte unterstrichener
Vers: Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, sollen ihn im Geiste und in der
Wahrheit anbeten! Daneben ein beschriebenes, nicht losbltteriges sondern
eingebundenes Manuskript. Da, wo der Verfasser aufgehrt hatte, lautete der
Satz: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure
Wege. So spricht der Herr!
    Auf dem Schreibtische brannte eine Lampe, deren Licht durch einen grnen
Schirm gemildert wurde. Der letztere war von feinster Seide, von Frauenhand
gestickt. Arabische Schriftzeichen, doch wohlbekannte Worte: Die Liebe hrt
nimmer auf! Als ich den Schirm emporhob, um diesen Wahrheitsspruch zu lesen,
sah ich, da es eine sogenannte Astrallampe war. Astral! Das erweckte
eigentmlicherweise eine Erinnerung aus meiner Knabenzeit in mir. Ich hatte in
einem alten Buche gelesen, da es Astralgeister gebe, welche die uns unbekannten
Sterne bewohnen. Meine kindliche Phantasie gab sich die grte Mhe, diesen
Geistern Gestalt und Farbe zu erteilen, wobei sie natrlich zu den sonderbarsten
Resultaten kam. Da hrte ich, da der Rektor fr seine Studierstube eine
Astrallampe als Geburtstagsgeschenk bekommen habe. Ich ging augenblicklich hin
und bat um die Erlaubnis zu einer Exkursion auf dieses geisterhafte Gebiet. Man
kann sich denken, wie enttuscht ich war, als sich bei der sehr eingehend
vorgenommenen Okularinspektion keine einzige meiner sehr hoch gespannten
Erwartungen erfllte! Der Herr Rektor sah mir meine Betrbnis an und fragte nach
dem Grunde. Ich teilte ihm denselben aufrichtig mit. Da lachte er und sagte:
Mein lieber Junge, das wirkliche Astrallicht strahlt von Stern zu Stern durch
den ganzen Himmelsraum, damit es alle Welt im Geiste des Herrn erleuchte. Der
Name dieses irdischen Lmpchens aber wurde vom Himmel herabgestohlen, damit der
Klempner die Herrlichkeit Gottes zwingen knne, sich fr ihn und seinesgleichen
in ein gutes, eintrgliches Geschft zu verwandeln. Da fiel ihm ein, da meine
Fassungskraft doch nicht der seinigen gleiche. Darum fuhr er fort: Wenn du im
Leben die Augen auch fernerhin so offen hltst wie jetzt, so wirst du das, was
ich jetzt sagte, begreifen lernen. Dieser Klempner ist nicht der einzige Mensch,
dem der Herrgott ruhig herzuhalten hat. Es giebt noch ganz andere Kostgnger,
die von dem wohlgedeckten Tische des Himmels speisen, obgleich ihre Berechtigung
dazu nur eine angemate ist. Im gttlichen Astrallichte wandeln nur erhabene
Geister. Im Lichte dieser Lampen aber sonnen sich meist nur die winzig kleinen
Geisterlein, welche sich bei dem Oele des Rbsamens und des Rapses einbilden,
von ihrem Tische aus das ganze All ergrnden zu knnen. Und wenn sich ja einmal
ein bedeutender Mann an diesem Tische niedergelassen haben sollte, so stehen
tausende der Kleinen auf der Lauer, ihm selbst auch diese Lampe auszublasen!
    Ich verstand dieses Letztere ebensowenig wie das Vorhergehende; aber das
Leben hat mich dann gelehrt, den alten, erfahrenen Rektor zu begreifen. Und als
ich nun hier im hohen Hause vor der Lampe des Ustad stand, da war es mir, als ob
es ein vielgestaltiges Weben von lauter, lauter Geisterwinzigkeiten um mich her
gebe und als ob eine unsichtbare, hundertstimmige Schadenfreude mir in die Ohren
raune: Da steht sie noch, die wir ihm ausgeblasen haben. Wir dulden Geister,
aber keinen Geist!
    Ich nahm sie vom Tische weg, um die beiden Nebenrume anzusehen, welche
rechts und links an dieses Zimmer stieen. Der eine war zum Schlafen bestimmt.
Ein wei berzogenes Bett. Ich fhlte das Leinen an und war geneigt, es fr
europisches zu halten. Die Wnde zeigten keinen andern Schmuck als nur ein
einziges, primitiv eingerahmtes Bild von sehr bescheidener Gre. Es hing der
Fensterseite gegenber. Als ich die Lampe hoch hielt, um es zu betrachten, sah
ich, da es eine mit groer Liebe ausgefhrte Federzeichnung war und eine auf
Bergeshhe stehende kleine Dorfkirche vorstellte. Es handelte sich hier
augenscheinlich nicht um ein Werk der Phantasie, sondern dieses Gotteshuschen
war ohne allen Zweifel hier nach der Wirklichkeit wiedergegeben. Unter dem Bilde
standen einige geschriebene Zeilen. Ich las:

Kirchlein mein, Kirchlein klein,
Knnt so fromm wie du ich sein!
Deine Hhe zu erreichen,
Will ich dir an Demut gleichen.
Kirchlein mein, Kirchlein klein,
So wie du will stets ich sein!

    Wer hatte das geschrieben? Und fr wen war es geschrieben worden? Wenn der
Schreiber ein Dichter war, so hatte es ihm hier sehr fern gelegen, mit seinem
Geiste zu prahlen. Wo gbe es wohl einen Menschen, der einem gottgeweihten Hause
gegenber sich nicht klein zu fhlen htte! Selbst der grte der Dichter wrde
wissen, da er dem prunkenden Reime zu entsagen habe, falls er im Geiste zur
Kirche gehen wolle. Der wirklich Greste wird hier am feinsten sein.
    Der Raum, den ich nun betrat, war die Bibliothek. Ihr Vorhandensein konnte
mich nicht berraschen, obgleich nicht anzunehmen war, da Pekala, die von den
Bchern des Ustad gesprochen hatte, hier oben nach Belieben schalten und walten
drfe. An allen vier Wnden gab es hohe Stellagen, welche mit Bchern, Karten
und wohlumschnrten Paketen gefllt waren. Diese letzteren lagen nach Jahren und
Monaten geordnet, und ihre Aufschriften sagten mir, da sie Briefe enthielten.
Es gab auch mehrere am Boden stehende, offene Ksten, welche bis an den Rand mit
Briefen oder Zeitungen gefllt waren. In der Mitte des Zimmers stand ein
ungewhnlich groer Tisch. Er war mit Bchern, Karten und Skripturen belegt und
sehr bequem fr einen geistig arbeitenden Mann, der es liebt, viel Platz zu
haben.
    Die Fenster der ganzen Wohnung waren hoch und breit, um mglichst viel Licht
einzulassen. Aus dem mittelsten Gemache, welches ich zuerst betreten hatte,
fhrte eine Thr hinaus ins Freie. Ich ffnete sie, um mich drauen umzusehen.
Wie froh berrascht war ich, als ich sah, da ich mich auf einem platten Dache
befand, unter welchem jedenfalls die Wohnung des Ustad lag. Hier oben gab es
nichts als nur die von mir beschriebenen drei Stuben. Sie waren von der
Vorderfront des Hauses so weit zurckgesetzt, da man diesen schnen Vorplatz
gewonnen hatte, welcher mir die allerfreieste Aussicht nach Norden, Osten und
Sden bot, whrend auf der Westseite der Weg hinauf nach der Glockenhhle an mir
vorberfhrte.
    Es ist eine meiner Eigenheiten, so viel wie mglich im Freien zu arbeiten,
selbst auch des Abends und des Nachts. Ich kann sagen, da ich meine
glcklichsten, geistig belebtesten und fruchtbarsten Zeiten auf den platten
Dchern des Morgenlandes verlebt habe. Wer des Nachts unter funkelndem
Sternenhimmel von den Dchern Siuts hinauf nach der Hhe des Stabl Antar, von
Jerusalem hinber nach Mar Eljas, von Tiberias ber den Genezareth, vom
herrlichen Brummana des Libanon hinunter auf die Lichter und den Hafen von Berut
geschaut hat, dem werden diese Stunden lebenslang im Gedchtnisse bleiben. Und
nun auch hier vom hohen Hause aus der unbeschreiblich schne Blick hinaus und
hinein in die orientalische Nacht, die nicht so, wie die abendlndische, nur vom
Abend nach dem Morgen schreitet, sondern vom Paradiese nach dem Paradiese
wandelt!
    Da hrte ich ein Gerusch. Ich schaute mich um und sah den Ustad, welcher
bei mir eingetreten war. Er bemerkte, da ich mich auf dem Vorplatze befand, und
kam heraus. Ich lehnte an der Brstung. Er sagte nichts. Die Hnde auf die
Steine vor uns legend, schaute er still auf den See hinab. Ich hrte seinen Atem
leise gehen. Da, nach einer kleinen Weile wendete er sich mir halb zu und
sprach, nach unten deutend:

Der See denkt jetzt in tiefer Andacht nach,
Was er vom Herrn wohl mit der Sonne sprach.
Sie schaute ihm dabei ins Herz hinein.
Woher mag wohl der Blick gewesen sein?
Und sieht er, da in seiner klaren Flut
Das Bild des ganzen, ganzen Himmels ruht,
So sendet er der Sonne Blick und Licht
Auch mir ins Herz als Lob- und Dankgedicht.

    Wie seltsam! Soeben waren ganz hnliche Gedanken in mir aufgestiegen! Doch
sagte ich nichts. Ich konnte kein Wort finden, welches wert gewesen wre, jetzt
gesprochen zu werden. Dieses Gedicht war im jetzigen Augenblick in ihm
entstanden. Da er es sofort in laute Worte gefat hatte, war mir ganz
selbstverstndlich. Jeder Dichter pflegt das zu thun. Er wendete sich wieder ab
und sagte nach kurzer Pause, an seine letzten Worte anknpfend:
    Es war ja heut ein Tag des Lobes und des Dankes. Er ist fr mich noch nicht
vorber; er hallt noch in mir nach. Du warst dem leiblichen Sterben nahe, bist
aber noch vor dem Tode wieder auferstanden. Darum zogen wir hinauf zu unserm
Haus des Herrn.
    So la mich dafr danken, da auch du jetzt wieder lebst, sagte ich.
    Ich? fragte er schnell.
    Ja. Ich war dem Tode nahe; du aber bist gestorben.
    Wer hat es gesagt? Wer hat es dir gesagt?
    Pekala. Durfte sie es nicht?
    Sie wei, da ich vor dir kein Geheimnis haben will. Aber sie hat dich
falsch berichtet.
    Hast du ihr nicht gesagt, da dein Sterbetag gewesen sei? Hast du nicht
auch zu mir vorhin von deiner Gruft gesprochen?
    Allerdings. Aber ich bin von euch beiden falsch verstanden worden. Meine
Gruft ist nicht mein Grab. Nur das, was in mir abgestorben ist, liegt da
begraben. Mein Sterbetag war der, an dem es starb.
    So wnsche ich dir von ganzem Herzen, da du recht haben mgest! Ist es
schon so traurig, Liebes in sich sterben zu fhlen, so mu es ja entsetzlich
sein, sich zwar krperlich noch am Leben, aber als geistig vollendete
Individualitt bereits gestorben und begraben zu wissen!
    Er schaute mir in das Gesicht, lngere Zeit. Dann strich er sich mit der
Hand ber die Stirn, als ob er etwas von dort zu entfernen habe, und sprach:
    Ich kann mir allerdings nichts Furchtbareres denken, als das, was du soeben
sagtest. Aber trotz allem, was in mir gestorben ist, ich selbst bin mit dem, was
du meine geistige Individualitt nennst, noch heut bei vollem Leben.
    Gott gebe es!
    Der Ton, den ich unwillkrlich diesen drei Worten gab, machte, da der Ustad
sein Gesicht mir abermals zukehrte. Der Ausdruck desselben war fast der eines
milden Erstaunens. Dann fragte er:
    Hltst du den Tod einer vollen, vielleicht bedeutenden oder sogar groen
geistigen Persnlichkeit berhaupt fr mglich?
    Ja.
    Woran soll sie sterben?
    An einem pltzlichen, scheinbar wohlbegrndeten Entschlusse. Oder auch an
einer selbstverschuldeten, langsamen Verzehrung. In beiden Fllen liegt
Selbstmord vor, falls der Geist vorher gesund gewesen ist.
    Effendi weit du, wie hart du sprichst?
    Wir sprechen vom Geiste. Darum mag der Geist zum Geiste reden. Der Geist
aber ist hart, vielleicht hrter als alles, was wir hart zu nennen pflegen. Du
wolltest meine Ansicht ber den Tod hren; diese ist nicht Herzenssache. Sobald
du mein Herz fragst, wird es sprechen, und zwar so gern, so gern!
    Da faltete er die Hnde, hob die Augen empor und sagte: Sollte ich ein
Selbstmrder sein?! Chodeh, ich bitte dich, verhte es!
    Chodeh ist allmchtig; aber selbst seiner Allmacht ist es nicht mglich,
etwas zu verhten, was bereits geschehen ist.
    So will ich mich prfen. Ich will wissen, was ich gethan habe und ob ich
etwa anders htte handeln knnen oder handeln sollen.
    Hltst du dich fr einen unparteiischen Richter ber dich?
    Nein. Aber du sollst mich richten.
    Ich? Das ist unmglich, denn ich liebe dich.
    So wollen wir beide es vereinigt sein. Wir wollen einander beaufsichtigen,
damit das Urteil ein gerechtes werde. Ich will anfangs der Dritte sein, der
Zeuge, der dir und mir der vollen Wahrheit gem erzhlt, wie es zugegangen ist,
da die Hand des Todes mir in mein Inneres griff. Ich sage dir aufrichtig, da
ich dich hier heraufgefhrt habe, um dir eine Liebe zu erweisen. Vielleicht bist
du es, der sie mir erweist. Ich glaubte, dich nicht nur von dem einen, sondern
auch noch von dem andern Tode erretten zu mssen. Nun werde ich zu fragen haben,
ob nicht im Gegenteile dir die Aufgabe zufllt, mir zu zeigen, da ein Toter
einen noch Lebenden nicht vor dem Tode bewahren kann.
    Unser Gesprch wurde in diesem Augenblicke unterbrochen. Wir hrten Stimmen,
welche vom Vorplatze heraufklangen, und die schlrfenden Schritte langsam durch
das Thor kommender Kameele. Zwei Mnner sprachen miteinander. Der eine war Tifl,
der andere ein Fremder. Dann kam der Pedehr dazu. Dieser schien einige Fragen
auszusprechen, die wir nicht verstanden; dann hrten wir deutlich, da er sagte:
    Steigt ab, und seid willkommen! Ich werde deinen Wunsch unserm Ustad
melden.
    Da beugte sich der letzere ber die Brstung vor und rief hinab:
    Wer ist es, mit dem du sprichst, Pedehr?
    Agha Sibil und sein Enkelkind aus Isphahan, antwortete der Gefragte
herauf. Er ist den Blutrchern begegnet und bringt uns eine wichtige Kunde.
    Er sei unser Gast. Ich komme sogleich hinab.
    Hierauf entschuldigte er sich in einigen Worten bei mir, da er sich fr
kurze Zeit entfernen msse, und wollte gehen.
    Erlaube nur einen Augenblick, sagte ich. Wer ist der Angekommene?
    Ein Kaufmann aus Isphahan, welcher von dort aus einen bedeutenden Handel
nach dem Innern des Landes treibt. Er versorgt viele der freien Stmme mit
allem, was sie brauchen, und ist der Hauptabnehmer auch unserer Erzeugnisse.
Seine Leute sind fast immerfort mit Waren unterwegs. Zur Abrechnung aber pflegt
er selbst zu kommen.
    Als er mir diese Auskunft erteilt hatte, verlie er mich. Er hatte
angenommen, da meine Erkundigung nur deshalb ausgesprochen worden sei, weil es
sich um eine Nachricht von dem Multasim handelte. Ich hatte aber auch noch einen
zweiten Grund. Nmlich mein Wirt in Bagdad, der nach Halefs Ausdruck frher
Bimbaschi gewesene und dann Mir Alai gewordene Offizier Dozorca, hatte mir, wie
man sich erinnern wird1, die Namen seiner Familienmitglieder genannt und dabei
gesagt, da sein Schwiegervater Mirza Sibil oder auch Agha Sibil heie und ein
persischer Handelsmann gewesen sei. Nun war ein Kaufmann dieses Namens aus
Isphahan hier angekommen. Da mute ich natrlich sofort an die vermeintlichen
Toten denken, welche mein armer Wirt so lange Zeit betrauert hatte. Es lag mir
fern, gleich etwas Gewisses anzunehmen; aber dieser Agha Sibil hatte einen Enkel
mit, nicht etwa einen Sohn, und dieser Umstand machte den Gedanken in mir rege,
da sich hier in diesem wunderbaren hohen Hause gar wohl auch noch eine dritte
Art von Auferstehung ereignen knne, nmlich eine Wiederkehr aus dem Lande der
Totgeglaubten. Ich war darum gewillt, womglich mit diesem Kaufmann selbst zu
sprechen.
    Zunchst aber war meine Zeit fr den Ustad in Beschlag genommen, ber dessen
Vergangenheit ich jetzt einen Bericht zu erwarten hatte, der fr mich so wichtig
werden sollte, wie ich es jetzt, in diesem Augenblicke, gar nicht ahnte. Wir
kurzsichtigen, unwissenden Menschen, die wir auf ganz verkehrten
anthroposophischen Wegen wandeln, sind vollstndig blind und taub gegen die
groe Wahrheit, da der eine sich in dem andern zu erkennen habe. Der
Gesamtmensch ist jedem einzelnen derart eigen, da nicht nur die krperlichen
und geistigen Gesichtszge, sondern auch die Lebensfhrungen von Personen, die
uns bei oberflchlicher Betrachtung als sehr verschieden erscheinen, doch mit
absoluter Notwendigkeit groe innerliche Aehnlichkeiten, ja oft sogar
Gleichheiten besitzen mssen, durch welche die Menschenkenntnis ganz unbedingt
zur Selbsterkenntnis werden mte, wenn wir nicht die fatale Eigenheit besen,
uns mehr nach bsen als nach guten Menschen umzuschauen und den Zusammenhang mit
der Menschheit nur in unser eigenes Belieben zu stellen. Wie sich der Kreislauf
des Blutes durch Millionen Krper auf ganz dieselbe Weise vollzieht, so pulsiert
in diesen Millionen auch der Geist durch gleiche Adern, und wenn diese letzteren
sichtbar vor unsern Augen lgen, so wrden wir gar wohl bemerken, da unter
tausend auf den Seciertisch gelegten Geistern es nicht einen einzigen gbe, der
sich sowohl anatomisch als auch in Beziehung auf seinen Vitalismus und das, was
ich vorhin Lebensfhrung nannte, derart von den andern unterschiede, da es dem
Professor nicht mehr mglich wre, an ihm allein in aller Ausfhrlichkeit zu
demonstrieren, warum alle brigen nun jetzt mit ihm das gleiche Schicksal haben.
    Wer hat jetzt noch Lust, dem khnen oder vielleicht auch staarkranken
Sprachgebrauche zu folgen und Geister zu distinguieren? Whrend der eine Mensch
durch eine ebenso mhevolle wie langweilige Addition selbst bei einem
achtzigjhrigen Leben nicht dazu kommt, die Summe zu erreichen, wird der andere
schon in seinem zwanzigsten Jahre durch eine schnelle Multiplikation zu dieser
Summe gefhrt. Aber jeder einzelne der treu und gewissenhaft zusammengestellten
Summanden des ersteren wiegt vor den Augen des hchsten und gerechtesten aller
Geister mehr als das ganze durch eine bequemere Rechnungsart vollstndig mhelos
gefundene Produkt des letzteren. Der kleinste Geist kann gro trotz seiner
Kleinheit, der greste aber klein trotz seiner Gre sein. Unter den
Geisterlein und sonst noch spukenden Winzigkeiten, welche mich vorhin bei der
Lampe des Ustad belstigten, hat sich wahrscheinlich manche Lngstvergessenheit
befunden, welche damals, als man sie ihm auszublasen begann, zu den
Geistesgren gerechnet wurde. Jetzt nun haben diese aus dem Leben geschwundenen
Gren in der Gruft des hohen Hauses traurige Wache zu halten, da die Lampe
ja nicht wieder angebrannt werde!
    Es ist mir im Vorhergehenden nicht eingefallen, anzudeuten, da ich nicht an
Geistesgren glaube. Sie waren da, sie sind da und sie werden immer vorhanden
sein; aber sie waren und sind es nur fr die Menschen, doch nicht fr den, der
alle Nieren prft. Er sendet die Jahrhunderte, in deren Verlaufe sich ihre Gre
zu bewhren hat, und wenn sie vorber sind, so waren sie wie ein Tag, der heut
vergangen ist. Fr die nie versiechende Flle der Ewigkeiten hat dann jeder,
selbst der berhmteste Menschenname doch nur diesen einen Tag gelebt. Aber der
Segen, den ein Menschenkind dem andern brachte, reit sich vom Namen los, und
wohl dereinst dann dem, dem es vergnnt ist, aus seiner irdischen Berhmtheit
emporzusteigen, um dort in diesem Sinne namenlos zu werden!
    
    Woher diese Gedanken? Umwehte mich hier auf dem freien Platze vor der
Gruft eine jener geistigen Atmosphren, welche sich aus solchen namenlos
gewordenen Bestandteilen zusammensetzen? Kamen die vom Staube befreiten Gedanken
guter, edler, hoher Abgeschiedenen hier zusammen, um sich da oben im
Alabasterzelte zur Fahrt gen Himmel zu vereinigen? Ich konnte mich nicht lnger
mit ihnen beschftigen, denn der Ustad kam jetzt zurck und bat mich, mit ihm in
die Bibliothek zu gehen. Er griff nach der Lampe, um sie mitzunehmen. Als er
sah, da mein Blick an der Schrift des Schirmes hngen blieb, sagte er:
    Die Liebe hrt nimmer auf! Jawohl, die gttliche! Aber diese hier, sie ging
fr mich zu Ende. Oder hatte sie berhaupt niemals bestanden? Waren diese
herrlichen Worte nicht mit dem Herzen, sondern nur mit der Hand gestickt worden?
Mit dem kleinen, zarten, schnen Hndchen, welches fr mich zur Kralle wurde,
obgleich ich es so oft, so oft an meine wahrheitstreuen Lippen gedrckt hatte?
    Hierauf trat er zu dem Perlmuttertischchen, zeigte auf das Testament und
fuhr fort:
    Gott ist ein Geist! Ich suchte diesen Geist. Ich glaubte, da er, der alles
belebt, auch den Krper der Menschheit beseele. Darum forschte ich in ihr nach
ihm. Ich beobachtete sie, wenn sie wachte, wenn sie schlief und wenn sie betete.
Im Wachen war sie ihr eigener Gott. Im Schlafen trumte sie nur von sich allein.
Und im Beten lag sie vor sich selbst auf allen Knieen! Da stand der Geist des
Herrn im Morgenlande auf und ging als Hirt, der seine Herde suchte, von Land zu
Land, von Volk zu Volk, von Herz zu Herz. Ueberall, wohin er kam, rief man ihm
Hosiannah zu; dann wurde er verworfen und gekreuzigt. Allberall, auf jedem
Golgatha, sah man den Leib des Herrn an seinem Kreuze hngen. Wo aber blieb der
Geist? Der Geist, von dem wir uns in alle Wahrheit leiten lassen sollten? Wo
wurde dieser Geist in dieser Wahrheit angebetet? Ich fragte hier auf Erden hin
und her. Ich fand wohl manchen Stall und manche Krippe, wo Engel lobgesungen und
Hirten, Knige und Weise angebetet hatten. Auch fand ich noch den Duft des
Weihrauchs und der Myrrhen, die man dem Geist der Liebe dargebracht; er aber
selbst, er hatte sich geflchtet, dem Ha und seiner Waffe zu entgehen. Wohin?
Man sagte: nach Egyptenland.
    Nun berhrte er das Manuskript mit feiner Hand, zog sie aber schnell wieder
zurck, als ob er etwas Hliches oder gar Feindliches berhrt habe, und sprach:
    Hier liegt der Leib des Geistes, mit dem ich nach dem Geiste suchen ging.
Er starb und ward begraben. Er hrte auf, zu leben, als ich dieses
letztgeschriebene Wort vernahm, da des Menschen Gedanken nicht die Gedanken
Gottes seien. Warum sollte ich mit den Gedanken meines Geistes noch fernerhin
nach jener Wahrheit suchen, die ich mit ihnen niemals finden kann, weil sie ganz
andere als die gttlichen sind!
    Er schaute mich an, als ob er eine Zustimmung von mir erwarte. Ich aber
schttelte leise den Kopf und sagte:
    Du httest mit diesem Worte nicht aufhren, sondern mit ihm beginnen
sollen. Es mute dir sagen, da nicht mit der Schrfe des Geistes, sondern mit
dem vertrauenden Blicke des Glaubens zu suchen sei. Wrest du mit seinen offenen
Augen so, wie du sagtest, hier auf der Erde hin und her gegangen, so httest du
gewi nicht leere Krippen gefunden, aus denen der Herr vor Herodes geflohen ist,
sondern so manches freundliche Bethanien und so manches liebe Emmahus, wo er vor
und nach der Kreuzigung bei den Seinen weilte, um mit ihnen das Brot zu brechen.
Meinst du, weil du den Geist des Herrn nicht fandest, knnen auch andere ihn
nicht gefunden haben?
    Ich fand ihn doch! Oeffne diese Leiche, und lies das erste Wort!
    Als ich die vordere Seite des Manuskriptes aufschlug, sah ich die gro
geschriebene Ueberschrift: Der Glaube ist es, der die Welt berwindet!
    Nun? fragte er. Habe ich nicht gethan, was du sagtest? Bin ich nicht mit
dem Glauben suchen gegangen? War er nicht das Alpha dieses Buches? Warum bin ich
nicht auf diesem Wege, sondern auf einem anderen zum Omega gekommen?
    Dein Alphaweg war der Hosiannahweg. Du gingst vom Glauben aus, um den Herrn
zu finden. Doch da trat jener Geist zu dir, der den Messias einst versuchte.
Dieser siegte; du aber bist unterlegen. Es war nicht Gottes Geist, sondern dein
eigener, nach dessen Ruhm du fortan suchen gingst. Du fandest ihn, den
gleinerischen, falschen. Man rief dir Hosiannah zu, obgleich es nur ein Esel
war, auf welchem du durch die schreiende Menge rittest. Er trat mit seinen Hufen
die Palmenzweige deines Ruhmes nieder. Sie waren es auch wert! Denn schon
begannen Stimmen hinter dir das Kreuzige zu rufen - - -
    Effendi! unterbrach er mich erstaunt. Du weit es, was geschah? Wie
kannst denn du es wissen?!
    Nur ich? Das wei doch jedermann! Wer nach der Wahrheit strebt, hat durch
den Jubel sogenannter Freunde hinauf nach Golgatha zu steigen, um von ihnen
verlassen, von den Feinden aber gezwungen zu werden, seinen Geist aufzugeben.
    Seinen - - Geist - - aufzugeben! wiederholte er. Wie wahr, wie wahr das
ist! Sage mir: Hat man es zu thun? Mu man es thun?
    Warum fragst du mich, den Sterblichen? Frage den, der uns noch heut dadurch
erlst, da er uns vorangestorben ist! Vater, in deine Hnde befehle ich meinen
Geist! so rief er aus, indem er von seinen Leiden Abschied nahm. Sag mir, o
Ustad, hast du dieses sein Beispiel befolgt? Hast du, als man dich deines
Geistes wegen marterte, ihn so, wie er den seinen, dem Herrn befohlen? Hier
liegt die Leiche; so sagtest du. Wohin aber ist ihr Geist gegangen? Hast du dich
zwingen lassen, ihn aufzugeben? Httest du ihn in die Hnde seines Herrn gelegt,
so wrde er in diesem seinem Leibe wieder auferstehen knnen, wie einst Isa Ben
Marryam in ganz demselben Leibe auferstanden ist!
    Da setzte der Herr des hohen Hauses die Lampe langsam, langsam wieder auf
den Tisch.
    Warte, Effendi! sagte er.
    Dann ging er hinaus ins Freie, Schritt um Schritt, als ob er pltzlich eine
schwere Last zu tragen habe. Als er schon drauen war, drehte er sich noch
einmal um.
    Glaubst du an eine Auferstehung solcher Toten? fragte er.
    Ja! antwortete ich.
    Wirklich?
    Ich glaube nicht nur an sie, sondern ich kenne sie sogar!
    Du?
    Ja, ich!
    So wollte ich, ich wre du!
    Du kannst und darfst es sein; du brauchst es nur zu wollen!
    Effendi, Effendi! Fr wen wurde hier diese Lampe wieder angebrannt? Fr
dich? Fr mich? Fr uns beide? Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und
meine Wege sind nicht eure Wege. So spricht der Herr! Warte! La mir Zeit!
    Whrend er nun drauen vor der Thr verschwand, nahm ich das noch offen vor
mir liegende Manuskript, um es zuzuschlagen. Es fiel mir der Titel in die Augen.
Geist und Wahrheit lautete er. Da setzte ich mich nieder, das Buch in der Hand
behaltend. Es war mir, als sei ich pltzlich md, sehr md geworden. War es eine
wirkliche, krperliche Schwche, die mich berkommen hatte, oder mute ich mich
unter der intellektuellen Wucht dieser beiden Worte niedersetzen? Wer ist der
Mensch da er es wagt, trotz allem, was ihm dazu fehlt, an eine solche Arbeit zu
treten?! Dieses Buch war ganz gewi in jener Zeit der Jugend begonnen worden,
fr welche das Land der Mglichkeit fast ohne Grenzen ist. Wenn dann das Alter
alles, was unter grter Kraftanstrengung fr die Unmglichkeit geleistet wurde,
als unbrauchbar vernichten soll, so geschieht dies fast nie, sondern es wird in
allen Winkeln aufgestapelt, um dann irgend einem infallibeln Pessimisten als
Beweis dafr zu dienen, da auf der Erde alles, alles eitel sei.
    Es verlangte mich, dieses Manuskript lesen zu drfen, und doch wre ich wohl
kaum mit Lust an diese Arbeit gegangen, weil ich mir ja sagen mute, da ich
nicht damit einverstanden sein knne. So sa ich lange Zeit in beinahe trben
Gedanken da, bis der Ustad wieder hereinkam und mich abermals bat, mit ihm in
die Bibliothek zu gehen.
    Ich stand auf und lie unwillkrlich einen forschenden Blick an seiner
Gestalt niedergleiten. War er ein anderer geworden? Es hatte sich weder an
seiner Figur noch berhaupt an seinem sichtbaren Menschen etwas verndert. Und
doch war es mir, als ob er nicht mehr so vor mir stehe, wie er mir unten an
meinem Lager erschienen war. Es wollte mich eine Art von Beschmung ber diese
meine Undankbarkeit beschleichen; aber gegen dieses Gefhl stand in mir etwas
auf, was mchtiger und, wie ich jetzt wei, auch richtiger und gerechter war und
mich aufforderte: Schmeichle nicht dir selbst, indem du ihn zu schonen
scheinst. Die Sonde, welche du an ihn legst, mu dich so wie ihn schmerzen! Er
sah diesen meinen Blick auf sich ruhen und fragte mich:
    Du schaust mich an. Du hast mein Werk da in der Hand. Lasest du vielleicht
darin.
    Nur den Titel?
    Und darum dieser dein Blick?
    Ja.
    Ich verstehe dich. Geist und Wahrheit! Vielleicht htte es besser geheien:
Geist oder Wahrheit!
    Auch das nicht.
    Also weder und noch oder!
    Glaubtest du, dem Geiste, der Wahrheit durch Konjunktionen oder zufllige
Konjunkturen nahetreten zu knnen? Indem du diesen Titel schriebst, hattest du
das Werk geschrieben. Du brauchtest es gar nicht zu beginnen. Es mute
unvollendet bleiben. Aber der Geist, der sich an diese Aufgabe wagte, durfte
trotz Kaiphas und Pilatus nicht von dir aufgegeben werden. Ich bin berzeugt,
da er Besseres, Edleres und Hheres erreicht htte als alles, alles das, was
hier auf diesen beschriebenen Blttern zu lesen ist. Mchte er doch nicht
gestorben sein, sondern nur schlafen, um wieder erwachen zu knnen!
    Ob er tot ist oder nur schlft, das wnsche ich, jetzt mit dir erfahren zu
knnen. Ich will dir erzhlen, wie er entstand und wie er von mir ging. Es wird
keine lustige Geschichte sein.
    Geschichte? Auf keinen Fall! Ist er tot, so hltst du seine Leichenrede.
Gleicht er aber jenem Nichtverstorbenen, von welchem Christus sagte: unser
Freund schlft, so wird es keine Erzhlung, sondern eine Auferweckung sein. Da
stehen wir vor der Thr des Raumes, in welchem du erzhlen willst. Mir ist, als
ob in mir jene Stimme klinge, welcher im Besitze des Hchsten, der da lebte, die
Macht ber den Tod gegeben war: Lazare, komm heraus!
    Da legte er seinen linken Arm um meine Schulter und drckte mich an sich.
Ich schlang meinen rechten warm um ihn, und so traten wir beide hinein, innig
vereint, als ob wir eine und dieselbe Person bedeuteten.
    Er stellte die Lampe auf den groen Tisch, fhrte mich zu einem Sitze, auf
den ich mich niederlie, schob die beiden Hnde in die Grtelschnur und ging
dann eine ganze Weile schweigend auf und ab. Hierauf lehnte er sich mit dem
Rcken an den Tisch, so da der Lichtschein sein Gesicht nicht traf, und sagte:
    Hre meine Einleitung, Effendi!
    Ich nickte. Da begann er:
    Die Geschichte einer jeden Anbetungsform hat eine Zeit des Martyriums, der
Verfolgung um des Glaubens willen, aufzuweisen. Ich meine hier die Verfolgung
mit der Todeswaffe. Wenn dem Religionshasse diese Waffe entzogen worden ist,
zieht er sich, rachschtig grollend, in den Schutz seiner Lehrstze zurck, um
aus ihnen heraus, die er fr uneinnehmbare Mauern hlt, auch fernerhin die
Andersglubigen nach Mglichkeit zu schdigen. Es giebt wohl nur wenige
Breitengrade der festen Gotteserde, welche nicht die Spuren davon tragen, da
der Mensch keine andere Verehrung Gottes, als nur die seinige dulden will,
obgleich es doch wohl allein Gottes Sache wre, zu bestimmen, in welcher Weise
der Mensch zu ihm zu sprechen habe. Dieser aber ist so verwegen, dem Herrn
vorzuschreiben, was er zu dulden oder nicht zu dulden habe, und wenn die
Berechtigung zu dieser Vorschrift von irgend einem andern angezweifelt wird, so
ist man schleunigst mit der Behauptung da, da sie ja Gottes eigene Offenbarung
sei. Im Besitze dieser Offenbarung gebrdet man sich, als ob man den Himmel mit
seiner ganzen Seligkeit in Pacht genommen habe und nun ganz nach eigenem
Gutdnken am Eingange zu demselben eine Warnungstafel anbringen msse, auf
welcher in den drohendsten Worten zu lesen ist: Der Zutritt ist nur solchen
bevorzugten Personen gestattet, welche mit einer eigenhndig unterschriebenen
Erlaubniskarte seiner Pchterlichen Hochgnaden versehen sind. Wer ohne diese
Bescheinigung hier einzudringen wagt, der wird augenblicklich mit dem
leiblichen, geistlichen und ewigen Tode bestraft! - - - Hast du gegen diese
meine Ausfhrung etwas einzuwenden, Effendi?
    Soll ich aufrichtig sein? fragte ich.
    Ich fordere es von dir!
    So wisse: Du stehst als Personifikation deines Lebens, von dem du jetzt
erzhlen willst, vor mir. Es ist ein individuelles Leben. Deine Ansichten sind
die Ergebnisse desselben. Ich habe sie also als individuelle Meinungen zu
betrachten, nicht aber als Gottesbotschaften, die fr mich magebend sein
sollen. Ich bin, wie ich hoffe, ein vernnftiger Mensch. Als solcher habe ich
nicht nur den ernsten Flei zu achten, mit welchem du nach Erkenntnis strebtest,
sondern auch die Frchte dieses Fleies, die du so aufrichtig bist, mir
vorzulegen. Ich wei, da du mich nicht zwingen willst, sie zu genieen, und
habe also nicht den geringsten Grund zu einem Lobe oder Tadel. Sprich also ruhig
weiter!
    Wahrscheinlich hatte er eine andere Antwort erwartet. Er sagte es aber
nicht, sondern fuhr gleich fort:
    Hast du vielleicht einen solchen angeblich von Gott gepachteten Himmel
kennen gelernt? Ich nicht nur mehrere, sondern viele. Wie sonderbar, da sie
einander alle so auerordentlich hnlich sind! Und weit du, was so ein
allgewaltiger Vertreter Gottes fr den Pacht bezahlt? Was von dem ihm gebrachten
Weihrauche brig bleibt, das schickt er dem Herrn hinauf. Weiter nichts! Und
nachdem er smtliche Verneigungen und Verbeugungen fr sich hingenommen hat, ist
er so gtig, nun auch seinerseits Gott einen Knicks zu machen. Weiter nichts!
Denn dieser Gott ist so ganz ewige Liebe, Gnade, Geduld und Gutmtigkeit, da
der Usurpator seines Himmels gar nicht an einen Tag der Abrechnung zu denken
hat, an welchem er sicher der erste aller derer ist, die hinausgeworfen werden!
Da wirst du mich fragen, wie es sich mit der ewigen Gerechtigkeit vertrgt,
solchen bermtigen Himmelspchter so lange, lange Zeit im Paradiese sitzen zu
lassen. Mein Freund, es ist ja gar nicht der Himmel, in dem er sich festgesetzt
hat, sondern jene einstige, herrliche, nun aber zur Wste gewordene
Gedankenwelt, in welcher jedes folgende Kameel genau in die Stapfen des
vorangehenden zu treten hat, wenn es nicht von dem Fhrer gezwungen werden will,
auf die Vorderbeine zu fallen, um die Peitsche zu bekommen.
    Ich wollte hier eine berichtigende oder wenigstens mildernde Bemerkung
machen. Er wies sie aber durch eine rasche und energische Bewegung seiner Hand
zurck und sprach weiter:
    Ich wei alles, was du sagen willst, alles! Du hast gemeint, ich wolle als
Personifikation meines Lebens vor dir stehen, als Individuum. Nun lasse es mich
auch sein! Ich hatte die Absicht, anders zu sprechen. Ich wollte mit der Stimme
der Menschheit reden. Du aber hast mich darauf gebracht, als Einzelwesen mich
jener Zunge zu bedienen, mit welcher mich Ha und Neid aus den Straen des
Lebens hierher in diese meine Einsamkeit verwiesen. Ich danke dir, da du mir
dies ermglicht hast! Ich werde nicht die Unwahrheit sagen, auch nicht
bertreiben, sondern alles bei dem rechten Namen nennen. Aber fordere nicht von
mir, zu schweigen oder gar zu beschnigen und mizuloben, wo man gegen mich
nicht einmal Nachsicht hatte. Der Gemarterte hat keine andern Tne als die,
welche ihm der Schmerz erpret. Und wenn ich jetzt in der Erinnerung von meinen
Bergen aus zurck nach jenen Gegenden steige, in denen ich die grten Qualen
erduldete, die ein Mensch erleiden kann, so wundere dich nicht, da ich nicht im
Tone eines Mannes erzhle, der seine Feinde vergessen hat!
    Ich wrde es dennoch thun! warf ich ein.
    Du? Wirklich?
    Ja.
    Ich glaube es dir. Christus sprach ja: Liebet eure Feinde! Aber er war de
Gottmensch, und du hast mich auf das Individuum, auf meine spezielle
Persnlichkeit zurckgefhrt, und so soll sie es sein, welche ich jetzt sprechen
lasse. Ich fordere dich auf, dich als die Gesamtheit meiner Feinde zu
betrachten. Zu ihr will ich weiter reden, nicht zu dir, dem das Leben nur
Sonnenschein und die Menschheit gewi nur freundschaftliche Anerkennung gegeben
hat!
    Da war ich still! Ich sagte kein Wort, kein einziges! Aber mein Gesicht
schien nicht ganz so verschwiegen zu sein, wie ich es wnschte, denn er fragte:
    
    Was hast du fr ein eigenartiges Lcheln, Effendi? Gilt es mir?
    Nein. Bitte, sprich weiter! Du sagtest, da du viele jener gepachteten
Himmel kennen gelernt habest?
    Ja. Indem ich dir einen von ihnen beschreibe, lernst du mit ihm auch alle
anderen kennen. Also hre! Ich kam auf meinem Pferde Imtichat2 vom Dschebel Din3
herab in ebenliegendes Menschenland. Da kehrte ich ein und erfuhr, da hier der
Weg zum nahen Paradiese sei. Ich lie mir diesen Weg zeigen und folgte ihm. Die
Leute, welche mir begegneten, schienen alle sehr fromm zu sein. Sie hielten die
Hnde gefaltet und schlugen die Augen ganz anders auf, als man fr gewhnlich
thut. Bewohnte Zelte und Huser gab es gar nicht mehr, dafr aber lauter
Gebude, welche Allah geweiht waren, wenn auch unter anderen Namen. Ich sah
Moscheen neben hochfensterigen Bauten, an denen Trme standen, indische Tempel
und chinesische Pagoden, malayische Gtterhuser und amerikanische Medizinzelte,
hottentottische Gtzenhtten und die in die Erde gegrabenen Andachtslcher der
Australen. Viele, viele Menschen strmten vor mir her. Sie alle wollten in den
Himmel. Aber fast ebenso viele kamen traurig zurck, weil sie nicht
hineingedurft hatten. Ich fragte sie, warum, und erfuhr, da sie nicht im
Besitze von Erlaubnisscheinen gewesen seien. Da ritt ich weiter. Das Gewhl
wurde immer grer, bis ich das Thor des Himmels vor mir sah. Da hielt die Menge
an, weil sich quer ber den Weg das Chabl el Milal4 spannte. Ich war nicht da,
um schon jetzt in den Himmel zu kommen und dort zu bleiben, sondern nur, um ihn
zu prfen. Darum ging mich dieses Seil nichts an. Ich spornte mein Pferd, und es
sprang darber weg. Nun befand ich mich auf dem freien Platze vor dem Thore des
Paradieses. An der sehr, sehr hohen Mauer standen herrliche Palmen, Bume und
Strucher, welche prchtig zu blhen schienen. Aber da ich keinen Duft bemerkte,
schaute ich schrfer hin, und da sah ich denn, da es keine wirklichen, sondern
nur gemalte waren. Nur ein einziger von allen war ein wirklicher Baum, aber ein
hchst sonderbarer. Er war sehr niedrig, doch unendlich breit. Blten und
Frchte trug er nicht, aber tausende von eigentmlichen Blttern, welche die
Form menschlicher Kpfe hatten, die lebendig zu sein schienen, denn sie bewegten
die Augen immerfort, wobei sie mit den nie schweigenden Lippen plapperten. Ich
drehte mich um und fragte einen der Dastehenden, was das fr eine seltsame
Pflanze sei.
    Das ist der Baum El Dscharanil, wurde mir geantwortet. Kennst du ihn
nicht? Er wurde hierher gepflanzt, weil der Baum der Erkenntnis, der einst
mitten im Paradiese stand, abgestorben ist. Seitdem mu man die Bltter des El
Dscharanil fragen, wenn man wissen will, ob man das Wohlgefallen Allahs besitze
oder nicht. Denn nur sie allein sind es, denen er alle Geheimnisse seines
Ratschlusses anvertraut, sonst niemandem weiter auf der ganzen Erde.
    Kaum hatte ich dies erfahren, so wurde ich von einigen der Bltter gesehen.
Es erhob sich erst ein unverstndliches Flstern. Dieses wurde immer lauter, je
mehr Augen sich auf mich richteten, bis sich endlich alle Lippen bewegten, und
meinen Namen riefen. Infolge dieses vereinten Geschreies thaten sich alle in der
Nhe liegenden Thren auf, und ber mich ergo sich eine Menge von Gestalten,
von denen ich erdrckt worden wre, wenn ich nicht hoch auf dem Pferde gesessen
htte. Ich spornte es zu einigen Seitensprngen an, so da ich freien Raum
gewann, und fragte, was man wolle. Die Antwort erklang in allen Sprachen, die es
auf der Erde giebt. Die mich Umringenden waren ja auch in die Trachten aller
Vlker gekleidet. Jeder von ihnen hatte etwas in der Hand, was er sein heiliges
Buch nannte, und jeder von ihnen versicherte, da er der einzig und allein
berechtigte Aussteller der hier vorzuzeigenden Erlaubniskarte sei. Ich aber
machte kurzen Proze mit ihnen allen und verlangte die Unterschrift dessen zu
sehen, von dem man diesen Himmel gepachtet habe. Das hatte noch niemand gethan,
und darum waren sie von dieser meiner Forderung so verblfft, da sie alle
wieder in ihren Thren verschwanden. Ich konnte also ungehindert durch das Thor
des Paradieses reiten. Doch als ich an dem Baum der Neugierde und
Geschwtzigkeit El Dscharanil vorberkam, riefen alle seine Kpfe in einem und
demselben Tone:
    Er kommt zwar hinein, doch niemals wieder heraus. Wer dieses Himmelreich
betritt, der ist verloren. Dafr haben wir gesorgt, wir, die Gottesstimmen!
    Hier machte der Ustad eine Pause. Welch ein Bild er mir da vor die Augen
stellte! Fremdartig, aber nicht ganz unwahr. Was ich als gerechtdenkender
Beobachter dagegen zu sagen hatte, das hob ich mir fr spter auf, weil sein
Gedankengang zu interessant war, als da ich ihn in demselben htte stren
mgen. Er sprach auch sehr bald weiter:
    Sobald ich das Thor hinter mir hatte, blieb ich, mich umschauend, halten.
Wie gro war mein Erstaunen, als ich nichts, aber auch gar nichts zu entdecken
vermochte, was ich htte himmlisch oder paradiesisch nennen knnen! Ich befand
mich in einer unbeschreiblich kahlen, den, leblosen Traurigkeit. Man hatte es
nicht einmal fr der Mhe wert gehalten, die Innenseite der Mauer ebenso zu
bemalen wie die uere. Die Malereien da drauen waren angebracht worden, durch
die mit ihnen bezweckte Tuschung die kurzsichtigen und vertrauensseligen
Glubigen anzulocken. Da man aber keinen, der das Chabl el Milal hinter sich
hatte, wieder zurckkehren lie, so hielt man es nicht fr ntig, diese
Beschnigungen dann im Paradiese fortzusetzen. Ich sah weder Baum noch Strauch.
Kein Wasser flo. Kein Weg war zu erkennen. Nichts als verwehte Spuren im
ausgetrockneten, unfruchtbaren Sande, so lag vor meinen Augen das sogenannte
Eden, von welchem die Erleuchteten des Herrn in hundert Zungen der Verzckung
sprachen! Es mute jedem Fue grauen, einen Vorwrtsschritt in diese wste
Hoffnungslosigkeit zu wagen. Und doch schien man es fr ganz selbstverstndlich
zu halten, da jeder Angekommene diese ihn ganz unvermeidlich packende Angst zu
berwinden habe. Es war dafr gesorgt, da kein am Eingang Stehengebliebener den
Nachfolgenden diese seine Bangigkeit verraten konnte. Es gab hier schnellbereite
Wesen, welche ihn sofort wegzuschaffen hatten. Sie standen zu beiden Seiten des
Thores, um, hinter der Mauer versteckt, bei jeder neuen Ankunft als vorzglich
auf den Mann dressirte Kameele und Esel schnell herbeizueilen, damit niemand
Zeit finde, bedenklich zu werden. Auch als ich erschien, rhrten sie
augenblicklich die Beine. Da aber sahen sie mein Pferd. Das war genug fr sie,
mir fern zu bleiben. Wie bei den Menschen alles Unedle von dem Edlen abgestoen
wird, so auch hier bei diesen Tieren. Ich nahm mir Zeit, sie zu betrachten. Die
Esel waren alle von tiefdunkelster Farbe, klein, fast winzig, doch mit so
hochgehendem Sattelgestell, da der Hinaufgekletterte sich wohl sehr erhaben
vorkommen konnte. Anstatt des gebruchlichen Riemenzeuges gab es nur eine kurze
Aufsatzleine, welche das Maul des Esels so in die Hhe zog, da die Augen nichts
mehr von der Erde, sondern nur noch den Himmel sehen konnten. Das war so
tierqulerisch, da ich den Kopf ber den Unverstand schtteln mute, der zu dem
Naturzwange, zu allem immer nur Ja sagen zu mssen, auch noch diese
Kpfe-hoch-Dressur zu fgen wei! Aber dieses Zuviel fr das Tier hatte man
durch ein Zuwenig fr den Reiter ausgleichen zu mssen gemeint: Es gab fr ihn
keinen Zgel, um den Esel zu lenken. Er mute einfach dorthin, wohin der
Letztere abgerichtet worden war.
    Der Ustad hatte whrend dieser Beschreibung mit gebeugtem Kopfe nur in sich
hineingeschaut. Jetzt sah er mich an und fragte:
    Hast du mich verstanden, Effendi?
    Ja, nickte ich.
    Willst du etwas dazu bemerken?
    Jetzt nicht, sondern spter, wenn du fertig bist. Ich knnte ja nicht ganz
und voll antworten, wenn ich dich nur halb sprechen liee. Also bitte, weiter!
    Ja weiter: die Kamele! Du kennst die edlen, herrlichen
Bischarihn-Hedschihn, welche fr Geld fast nie zu haben sind. Ihre Vornehmheit
wird durch Stammbume nachgewiesen. Du kennst auch das unvergleichlich ntzliche
bucharische oder turkistanische Kamel, ohne welches es in jenen Gegenden der
Erde weder Leben noch Bewegung geben knnte. Doch, kennst du auch jene tief
verkommene Art des Kameles, welche bei euch in ungesunden, lichtlosen Stllen
gezogen wird, um in Gesellschaft von Bren, Stachelschweinen und Murmeltieren
dressierte Affen durch die Welt zu tragen? Als ich noch Knabe war, fand ich sie
sehr belustigend. Seitdem ich aber edle Rasse kenne, thut mir der Anblick
solcher Tiere wehe. Man sagt, da diese Zucht vorzugsweise von Italien ausgehe.
Wenigstens pflegen die Fhrer solcher Sehenswrdigkeiten, welche fast immer
Virtuosen auf der Sackpfeife sind, nach welcher Br und Affe tanzen mssen,
meist italienischen Gebltes zu sein. Nun denke dir ein solches, im tiefsten
Schmutze geborenes und mit der Peitsche erzogenes Kamel, mit Dornen und Disteln
gefttert und mit schmutzigem Wasser getrnkt, nie vom Ungeziefer gereinigt, ein
vom Hunger und Elend gefgig gemachtes Skelett mit haarlos geschundener Haut und
wundem Gehufe, so hast du ein Bild der Kamele, die hier in dem Himmelreich
standen, von fettreichen Pchtern entmagert, fr die sie die Qualen zu dulden
und sich schweigend zu opfern hatten! Ihre tiefhngenden Kpfe waren mit
Dopplstricken an beide Kniee gefesselt, so da sie nie den Himmel, sondern nur
die Erde in den Augen hatten. Zum Kniebeugen reichten diese Stricke aus, doch
nicht dazu, das Haupt emporzuheben. Und einen weiten, freien Schritt zu thun,
auch das litt diese ihre Fessel nicht. Sie konnten nur behutsam
vorwrtsschleichen und hatten nichts zu thun als das, was die Dressur befahl. An
ihren Mulern hingen Lippenkrbe, damit sie gegen Zchtigungen sich ja nicht
wehren knnten und ja nicht von den giftigen Krutern fren, an denen zwar
sogar Kameele sterben, die aber fr die Zwecke solcher Paradiese besonders
wertvoll sind. Die Sttel waren hohe Throngestelle, mit farbenreichem
Teppichwerk belegt, mit Fransen- und mit Federschmuck behangen, soda der
Reiter, falls es ihm gelang, sich auf der stolzen Hhe festzusetzen, und wenn er
jene Phantasie besa, die leidenschaftlich gern auf Hckern reitet, sich leicht
als Allahs Liebling dnken konnte. - - - Hast du auch dieses Bild verstanden,
Sihdi?
    Ja, antwortete ich. Es ist ja deutlicher, als ich es geben mchte. Ich
bitte dich, dein Pferd nun abzuwenden!
    Ich habe es gethan. Ich ritt davon, mit offenem Auge in dieses vielgerhmte
Himmelreich hinein. Fragst du mich vielleicht, wie lange es dauerte, bis ich es
kennen gelernt hatte? Ein ganzes, ganzes Menschenelend lang! Soll ich
beschreiben, was ich sah, was ich entdeckte? Wer kann Unbeschreibliches
beschreiben! Schon gleich am ersten Tage blieb ich nicht allein. Der
Menschheitsjammer kam zu mir und weinte mir aus tiefen Augenhhlen zu. Er hat
mich nicht verlassen bis zum letzten Schritt. Das Erdenweh gesellte sich zu mir.
Es kroch zu mir aufs Pferd und schlang die Arme fest um meine Hften. Des Lebens
Elend fate meinen Bgel und schleppte sich an meiner Seite weiter. Es kam die
Not gerannt und griff in die Kanthare, um mich in meiner Richtung zu beirren.
Wenn sich die Dmmerung senkte, tanzten die Schatten des Verbrechens vor mir
her, und in der stillen Nacht begannen Schuld und Strafe hinter mir zu heulen.
Ich ritt wochenlang durch Trmmersttten, in denen mich der hohnlachende
Menschenwahn als Gespenst der Vernichtung begrte. Ich kam ber schier endlose
Grberfelder, aus deren Hhlen das irre Gekicher der Unduldsamkeit schrillte.
Ich sah Tempelruinen, in denen der Unverstand im tiefsten Stumpfsinne hockte. Um
die zerbrochenen Sulen einstiger Heiligtmer schlug die Narrheit ihre
widerlichen Capriolen. An ausgetrockneten Quellen trumte die Gleichgltigkeit
in Lumpen, die ihre Ble kaum bedecken konnten. Die Scheinheiligkeit
andchtelte vor eingestrzten Kapellen, fr deren Erhaltung sie keine Hand
gerhrt hatte. Zuweilen tauchte am Horizonte einer jener Reiter auf, welche
Einlakarten besessen hatten; aber sein Tier wendete sich sofort zur Flucht,
sobald es sah, da ich kein Kamel und keinen Esel ritt. Und wenn sich irgendwo
noch ein anderes Wesen in diesem starren Himmelreiche zeigte, so hatte ich
entweder einen listigen Fennek5 gesehen, der mit Lammesaugenaufschlag schnell
verschwand, oder es war ein fragieriger Dibb6, welcher mit eingezogenem
Schwanze und heuchlerisch gesenktem Kopfe von weitem an mir vorberschlich.
    Hier lie der Ustad eine weitere Pause eintreten. Ich war ihm mit groem
Interesse gefolgt. Nun fhlte ich eine Lcke in seiner Darstellung. Darum fragte
ich:
    Aber alle die Unzhligen, welche Einla bekommen haben? Sie knnen dir doch
nicht so einzeln erschienen und gleich wieder verschwunden sein!
    Nein, antwortete er. Ich kann sie dir leider nicht ersparen. Meinst du
vielleicht, dieses Paradies sei von einer himmlisch friedfertigen, sich
gegenseitig liebenden und sttzenden Bevlkerung bewohnt? Glaubst du, dort einen
Hirten und eine Herde zu finden? Ich kenne so gut wie du das verheiende Wort:
Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehrt hat und in keines Menschen Herz
gekommen ist, das wird von Gott bereitet denen, die ihn lieben. Welche
unbeschreiblichen Glckseligkeiten aber waren es, welche ich zu sehen und zu
hren bekam? Hre und staune! Hast du schon einmal vernommen, da es unter den
wilden Tieren welche giebt, die sich von ihresgleichen zurckgezogen haben und
sie so grimmig hassen, da sie jedes, welches in ihren Bereich kommt, sofort
zerreien oder sonst vernichten?
    Ja. Dies ist besonders bei den Elefanten, Nashrnern, Lwen, Tigern und
andern Raubtieren der Fall. Man pflegt solche Exemplare Einsiedler zu nennen.
    Nun, so wisse, da es in diesem Himmel keine andern Bewohner als nur solche
Exemplare giebt! Sie wohnen nicht zusammen, sondern als Einsiedler, weil keiner
dem andern traut. Jeder ist an einer besondern Kluft oder Hhle von seinem Esel
oder Kamele gestiegen. Dort wohnt er nun und verteidigt sie bis auf das Blut
gegen jeden, der nicht seiner Meinung ber den Himmel ist. Da es aber der
Meinungen so viele und so verschiedene giebt, wie Individuen vorhanden sind, so
herrscht zwischen ihnen allen eine Feindseligkeit, vor welcher wir selbst im
Erdenleben erzittern wrden. Jede Kluft und jede Hhle ist ein Gtzentempel, in
welcher der Bewohner sich selbst als seinen eigenen Fetisch verehrt. Er
behauptet zwar, Gott anzubeten, zwingt aber diesem Gott seine eigenen Gedanken
auf und setzt sich also ber ihn. Die Folge dieser Selbstbergtterung ist, da
sich keiner dieser Gtter an den andern wagt, weil er sonst von ihm
herausgebissen wird. Das, Effendi, das ist dieser Himmel! Ueber ihm brennt die
ewig glhende Sonne der alles verdorrenden Selbstgerechtigkeit, die auf Raub
ausgeht wie jener listige Fuchs und jene heimtckische Hyne, welche selbst hier
im Paradiese nur niedere Lurche oder erdfarbige Kerbtiere zum Fressen finden.
Wie froh war ich, als ich meine Wanderung vollendet hatte! Ich fhlte mich
wahrhaft selig, diese falsche Seligkeit verlassen zu knnen. Als ich das Thor
wieder erreichte, warfen uns die dortstehenden Esel und Kamele Blicke des
unendlichsten Neides zu, da wir es uns gestatten durften, dieses entsetzliche
Elend zu verlassen. Die Pchter aber strmten herbei, um mich ihr Paradies
preisen zu hren. Ich teilte ihnen aber mit, da ich den Menschen die volle
Wahrheit sagen werde. Da erhoben sie ein lautes Wutgeschrei. Im Baume El
Dscharanil begann es zu rauschen. Alle seine Augen waren drohend auf mich
gerichtet. Die Kpfe schttelten sich, und von den Lippen ertnte ein Geheul,
da das Seil El Milal vor mir zersprang. Die Esel und Kamele jenseits des Thores
stimmten jammernd ein. Ich aber ritt davon, ohne ein weiteres Wort zu sagen,
gleichviel, ob ich fr feig gehalten wurde oder nicht. Wer sich aus einem
solchen Himmel herauszuretten wei, der mu wohl Mut besitzen!
    
    Er schlug bei diesen Worten die Hnde zusammen, als ob er jetzt noch froh
ber diesen glcklichen Ausgang sei. Hierauf ging er einige Male in langsamen
Schritten durch das Zimmer, blieb dann vor mir stehen und fragte:
    Hast du jemals geahnt, da es so ein Paradies giebt, Effendi?
    Es giebt dieser Paradiese viele, antwortete ich, mein Auge zu ihm
erhebend. Warum hast du damals nach keinem anderen gesucht?
    Welche Frage! Ich verstehe dich nicht!
    Du erzhltest mir ja, da du vom Dschebel Din herab in ebenes Menschenland
gekommen seist. Warum hast du deinen Berg des Glaubens berhaupt verlassen?
Mutest du das? Und wenn du es mutest oder wolltest, was bewog dich da, das
geistige Tiefland, die Ebene, die Wste aufzusuchen, wo kein Gedanke in die Hhe
strebt, sondern nur darnach, sich ber die Flche auszubreiten?
    Maschallah! rief er erstaunt aus. So, also so betrachtest du das, was ich
erzhlte?
    Natrlich! Wie anders denn?
    Ich habe von Menschen gesprochen!
    Gewi! Aber besteht der Mensch nur aus seinem Krper? Sprechen wir einmal
nicht von der Seele, sondern sagen wir, da der Mensch aus Leib und Geist
bestehe. Der Leib wird sterben, der Geist aber nicht. So lange wir sowohl auf
den Krper als auch auf den Geist Rcksicht nehmen, leben wir das wohlbekannte
Erdenleben, welches ich als das erste bezeichnen will. Wer aber so stark gewesen
ist, alle Rcksicht auf den Leib und seinen Zusammenhang mit dem
Menschheitskrper zu berwinden und hinter sich zu werfen und sich nur noch als
Geist zu betrachten, whrend der Leib fr ihn gestorben ist, der lebt schon hier
vor der Auflsung dieses letzteren ein anderes, neues, hheres Leben, welches
ich einstweilen, aber auch nur einstweilen das zweite nennen will. Denn es giebt
Menschen, deren Geist sich nicht zur Individualitt gestaltet. Wenn diese Stufe
fr mich auch ein Leben ist, so mu ich sie das erste Leben nennen und die
vorhin erwhnten beiden Stufen als zweites und drittes Leben bezeichnen. Nun
sage mir, o Ustad, von welcher dieser Stufen aus, auf der du dich befindest,
hast du mir jetzt soeben den allerniedrigsten Himmel beschrieben, den ich mir
nur denken kann? Ich wollte, ich drfte dir einmal einen andern Himmel,
vielleicht den meinigen, beschreiben!
    Hast du ihn gesehen?
    Ja. Ganz so, wie du den von dir beschriebenen! Vor meinem Himmel giebt es
kein Seil El Milal, keinen Baum El Dscharanil und keine Wandmalereien. Ihn hat
sich auch kein Pchter angemat, und an der Strae, die zu ihm fhrt, stehen
keine Gtzenhuser. Auch giebt es keine Mauer und kein Thor. Es fhren so viel
Wege hinein, wie es Menschen giebt. Er steht ihnen allen offen, wenn sie nur
kommen wollen. In diesem meinem Gedankenparadiese ist nichts versunken,
vernichtet und vergessen. Da ragen die Gottesideen vergangener Jahrtausende noch
so hoch wie damals im Morgenrot empor. Und in der Abendrte erglnzen die neuen,
hohen Ideale zuknftiger Jahrhunderte, um zu Wirklichkeiten zu werden, wenn die
Menschheit morgen oder bermorgen sagt: Was sprachst du von Ruinen und
Grberfeldern? Dem Geiste sind sie unbekannt! Was er einst mit der Hand des
Krpers baute, war fr den Krper, aber nicht fr ihn. Es war ja nur das
Erdenabbild dessen, was er fr sich im Geisterreich gebaut. Und dieser
hochgelegene Bau ist ewig. Sein Abbild mag zerfallen, das Urbild aber trifft
kein Zahn der Erdenzeit. Wenn du mit deinen krperlichen Augen dein Paradies in
Trmmern und im Tode liegen sahst, so breitet sich in Himmelshhe ber ihm das
meine aus, und alles, was bei dir in Schutt zerfallen ist, das blieb im
Originale des Meisters mir erhalten. Und so, wie jedes Werk in meinem Himmel
edler ist als in dem deinigen, so sind auch alle Menschen besser als die deinen.
Du richtest sie. Ich habe nichts zu richten. Vielleicht verzeihst du ihnen. Doch
ich verzeihe nicht. Warum? Man hat mir nichts gethan! Vor meinem Paradiese steht
jede Feindschaft still. Sie wagt sich nicht herein. Und weil sie mich also nicht
treffen kann, so giebt es fr mich nichts, was ich verzeihen drfte, so gern ich
es auch mchte.
    So hat es ganz gewi den Baum El Dscharanil fr dich niemals gegeben!
    Ich kenne ihn! Du hast ihn an das Paradies der Selbstgerechtigkeit gesetzt;
das heit, an seine rechte Stelle. Auch ich habe ihn dort stehen sehen, diesen
Baum der sehenden und sprechenden Bltter, der Zeitungen, der ffentlichen
Presse. Doch schaute ich ihn anders an als du. Das Reich des Geistes hat die
grte Aehnlichkeit mit dem Reiche der sichtbaren Natur. Es giebt hier wie dort
keine Entwicklung, die nicht von unten nach oben zu gehen htte. Ihre Aufgabe
ist die Trennung von der niederen Materie und die Gestaltung zum selbstndigen,
sich frei bewegenden Einzelwesen. Lchle nicht, wenn ich dir sage, da jedes,
aber auch jedes geistige Gebiet sein Mineral-, Pflanzen-, Tier- und
Menschenreich besitzt! - Du wirst das sofort und berall erkennen, wenn du nur
die richtigen Augen dafr ffnest.
    Also auch das Gebiet der ffentlichen Presse? fragte er schnell, indem
sein Gesicht den Ausdruck gespannter Erwartung annahm.
    Ja, auch dieses! Der Boden, also die Materie ist gegeben. Es existiert
keine Felsen- oder Gesteinsformation und keine Erdbeschaffenheit, die nicht auch
hier in diesem geistigen Reiche vorhanden wre. Oder hrst du nicht die
sogenannte ffentliche Stimme von den Spitzen hoher Berge, aus den tiefsten
Thlern, aus finstern Schluchten, aus sandiger Oede, auf sonniger Flur und aber
auch aus hlichen Smpfen erklingen? Giebt es nicht zahllose Bltter, in denen
nur die Materie zu sprechen hat und nur der Stoff zum Worte kommt? Aber bald
regt sich das Leben, zunchst das niedrige, welches durch smtliche Ordnungen zu
steigen hat, um sich von dem Stoffe zu erlsen. Du siehst geistige Flechten und
Moose erscheinen, dann Farne, deren Gestalt auf sptere Palmen hoffen lt,
freundliche Grser und Kruter, duftend blhende Strucher und frchtetragende
Bume. Diese alle aber, so lieb, so gut, so ntzlich sie auch sein mgen, sie
haben es doch nicht vermocht, den Boden zu verlassen, auf dem das Blatt, die
Zeitung, gegrndet worden war. Sie klammern sich mit ihren Wurzeln in ihm fest
und mssen das ja auch thun, weil es die Absicht des Verlegers ist, grad diesen
Boden fr sich zu kultivieren.
    Und aber die Zoologie der Presse? fragte der Ustad.
    Sie kann und darf nicht fehlen, denn nur in ihren Erscheinungen schreitet
die Befreiung von der Materie in rapider Weise fort. Auch hier beginnt die
Entwicklung mit den niederen Lebewesen. Ich sehe winzige Goldkferchen ihre
geistige Nahrung aus Blumenkelchen ziehen und leuchtende Glhflgler um
urweltliche Gedanken schwirren. Freundliche Schmetterlinge gaukeln von Leserin
zu Leserin. Ein niemals ruhender Ameisenflei trgt Wort um Wort und Satz um
Satz zusammen, und Bienen summen berall, um Honig heimzutragen. In den Quellen
und Bchen der Tagesereignisse schieen schnelle Flossentrger hin und her. Und
wenn nun gar beim Morgen- oder Abendsonnenschein des Frhlings Odem durch die
Bltter weht, da erzhlen tausend se, frohe Stimmen, da grad die liebsten und
die besten Snger zur oft verkannten Feder-Welt gehren! Ich kenne manchen edlen
Geist, der wie in Adlersferne hoch ber der Gemeinheit horstet, und manchen
scharfen Denker, der, gleich dem Albatros, den Staub der Erde nie berhrt. Ist
dir der Ackergaul bekannt, der fr wenig Hafer, aber viel Hcksel tglich seine
Furchenzeilen zu ziehen und sich am Ende jeder Reihe wieder umzudrehen hat,
damit er ja nicht etwa auf fremde Gedanken komme?
    Ich habe ihn gesehen, wie oft, wie oft! antwortete er. Aber du hast deine
Beispiele nur von der einen, von der guten Seite genommen; der Ackergaul bringt
mich auf die andere hinber. Du warst so aufrichtig, auch von Smpfen zu
sprechen. Warum hast du die Giftpflanzen, die Dornen, Quecken und anderen
Wucherungen nicht erwhnt? Das Ungeziefer unter den Insekten? Die Raubfische? -
Die tglich auf den Blttern ihrer Schlammpflanzen nur von ihrer eigenen
Weisheit quakenden Frsche? Die Giftschlangen? Die lstigen Sperlinge? Die Kuze
und Eulen, deren lichtscheuer Mordhunger nur des Nachts auf Beute ausgeht? Die
aaslsternen Geier? Die Neuntter, welche ihre Opfer erst am Stachel qulen, ehe
sie verschlungen werden? Die Falken und Ster, die sich selbst am hellen Tag
nicht scheuen, auf Fra auszugehen. Die Muse, Ratten, Hamster und andere
Schmarotzer auf geistigem Gebiet? Die klffenden oder gar bissigen Hunde, die
jedem in die Waden fahren, der es wagt, an einem ihrer Gedanken auch nur
vorberzugehen? Die ganze Unzahl der reienden Fleischfresser, die Jeden, der
nicht ganz vollstndig ihresgleichen ist, mit ihren Klauen packen? Die groe
Schar der kreischenden Quadrumanen, von der znkischen und rachschtigen
Meerkatze bis zum menschengefhrlichen Gorilla hinauf? Warum hast du nicht von
ihnen gesprochen? Soll ich dir zutrauen, da du beschnigen willst?
    Das liegt mir fern. Wir sprechen ja von deinem und von meinem
Gedankenparadiese. Das deinige ist traurig, das meine ideal. Die gegenwrtige
Wahrheit wird zwischen beiden liegen, mu aber nach ewig geltenden Gesetzen
nicht deiner Wste, sondern meinem Eden immer nher kommen. Wir addieren leider
auf ganz verschiedene Weise. Dein Pessimismus zieht nach altem Brauche die
Summe, indem er abwrts rechnet. Mein Optimismus aber hat gefunden, da es
besser sei, aufwrts zu gehen. Du bist, unten angekommen, mit deinem Leben
fertig. Du machst den groen Strich und schreibst als die so erreichte Summe
deine kahle Geisteswste hin. Bei mir aber giebt es oben keinen Strich, denn
mein Paradies sendet mir ununterbrochen neue Summanden hinzu. Sie wachsen in die
Ewigkeit hinauf. Und wenn mein Krper dieser Rechnungsweise nicht mehr folgen
kann, so wird mein Geist dort einst gewi die Summe finden.
    Er trat an das offene Fenster und schaute hinaus.
    - - - dort einst gewi die Summe finden! wiederholte er meine Worte.
    Es war fr einige Zeit still zwischen uns. Ich strte ihn nicht. Dann drehte
er sich zu mir um und fragte:
    Bist du mit deinen geistigen Naturreichen der Presse schon zu Ende,
Effendi?
    Nein, sagte ich.
    Du gingst auch hier von unten nach oben. Das scheint bei dir in allen
Dingen der Fall zu sein! Kommt jetzt nun noch der Mensch?
    Ja. Im Tiere hat sich die Befreiung vom geistigen Erdboden vollzogen, und
das Streben nach der Individualitt tritt immer mehr hervor. Doch erreicht kann
diese letztere nur vom Menschen werden.
    Von allen?
    Nein. Sie sollte es, wird es aber leider nicht. Es giebt so viele, welche
entweder durch tausend Rcksichten aller Art noch mit dem Boden in Verbindung
bleiben, oder sich durch ganz dieselben und hnliche Bedenken derart von andern
beeinflussen lassen, da sie es nicht zur intellektuellen Selbststndigkeit, zur
geistigen Freiheit, zur vollen Selbstbestimmung und Selbstbewegung bringen.
Tritt in die Redaktionen, und frage, welche Rcksichten die dort bestimmenden
und doch so angefesselten Geister zu nehmen haben! Aber ich habe auch vollendete
Persnlichkeiten gefunden, zuweilen da, wo ich es gar nicht erwartete. Wie gro
war da meine Freude! Und wie gern und aufrichtig habe ich ihnen meine
Anerkennung gezollt! Ein solcher Geist wei nichts von materiellen Banden. Er
hat alle Fesseln zerrissen und sie der menschlichen Selbstsucht und geistigen
Kurzsichtigkeit vor die Fe geworfen. Er kennt weder Parteiinteressen noch
gesellschaftliche Sondergeflligkeiten. Fr ihn giebt es keine Krper, sondern
nur noch Geister. Darum wird er nie ein Urteil fllen, welches aus niedrigen
Erwgungen gezogen ist und mit den auf ihn gerichteten Blicken der Krperwelt
liebugelt. Es kann ihm niemals beikommen, auch nur einen einzigen Menschen zu
verdammen, denn er wei, da dieser Mensch, geistig betrachtet, ein ganz anderer
ist, als ihn die gehssigen Augen der Fama sehen, die ihre Richtersprche nur im
Erdenschmutze zchtet. Er hat den Zusammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen
begriffen und wei, da der Erstere nicht aus dem Letzteren gerissen werden
kann, um ausgestoen und von der geistigen Feindseligkeit abgethan zu werden. Er
kennt die Strmungen und Gegenstrmungen der bersinnlichen Atmosphre, die frei
von den Ausdnstungen egokranker Menschenkrper sind, und hebt jeden seiner
Nchsten, bevor er ihn betrachtet, zu dieser durchsichtig klaren, reinen, keine
Migunst kennenden Hhe empor.
    Aber was dann, wenn es geschieht, da er selbst einmal angegriffen,
befeindet, verleumdet und verurteilt wird? fragte der Ustad.
    So thut er eben das, was ich jetzt sagte: Er hebt die Angreifer aus ihrer
Tiefe zu sich empor, um sie zu durchschauen. Da fllt der ganze Schmutz und
alles, was sie sonst noch gewichtig gemacht hat, von ihnen ab. Sie werden
leicht, so ber oder vielmehr unter alle Maen leicht, da sie vor seinen Augen
nach und nach in nichts zerflieen. Sie sind ja ganz nur Schmutz und ohne jede
Spur von Geist gewesen, und so versteht es sich ja ganz von selbst, da, sobald
der Unflat abgefallen ist, fr ihn von ihrer ganzen Existenz nichts mehr
vorhanden sein kann.
    Aber er wird doch antworten? Sich verteidigen?
    Welch eine Frage! Ich habe dir doch soeben gesagt, da sie fr ihn in
Nichts zerflossen seien. Wem soll er antworten? Diesem Nichts? Das wre ja doch
Widersinn! Oder dem Schmutze? Der geht ihn gar nichts an. Er ist der ihrige! Dem
Geiste, den es bei ihnen gar nicht giebt? Ich begreife dich nicht! Wrdest etwa
du antworten?
    Da that er einige rasche Schritte auf mich zu und rief aus:
    Effendi, ich habe es gethan. Ich habe geantwortet - - - leider, leider,
leider!
    Dem Schmutze?
    Ja.
    Dem Nichts?
    Nein. Ich stand ja, wie ich jetzt, erst jetzt einsehe, nicht so hoch ber
meinen Feinden, da sie mir in ein Nichts zerflieen muten. Und nun erkenne
ich, da auch ich nicht frei von Schmutz gewesen sein kann. Denn htte er nicht
auch an mir gehaftet, so wre mein Verhalten ganz das jenes hohen, freien
Geistes gewesen, von welchem du gesprochen hast. Mir scheint, ich habe Fehler
einzugestehen, die mir bis zur gegenwrtigen Stunde keinesweges als Fehler
erschienen sind. Du hast heut da drben bei unserm Beit-y-Chodeh dem Pedehr
gebeichtet. Ich war tief im Herzen gerhrt davon. Deine mutvolle Aufrichtigkeit
imponierte mir. Nun bist du rein und frei von allem, was dir angehangen hat. Ich
glaubte nicht, da auch ich mich zu reinigen haben werde. Jetzt aber wei ich,
da es doch so ist. Ich werde denselben Mut besitzen, den du besessen hast. Auch
ich werde beichten, dir, wie du dem Pedehr. Und wenn ich dann aus deinem Munde
hre, da mir verziehen werden knne, so werde ich mich fr berechtigt halten
drfen, diese Verzeihung als ausgesprochen, als geschehen anzunehmen. Ich war
ber das hinaus, was du das erste Leben nanntest. Ich stand im zweiten Leben,
denn ich fhlte, da sich meine geistige Individualitt in mir gestalten wollte.
Aber es gelang mir nicht, das dritte zu erreichen. Warum? Wir werden nach den
Grnden suchen, du und ich. Und ich ahne, da ich in diesen Grnden meine mir
bisher unbekannten Fehler entdecken werde.
    Als er bis hierher gekommen war, hrten wir, da unten auf dem Vorplatze
jemand dreimal in die Hnde klatschte.
    Das gilt mir, sagte er. Der Pedehr wei, wo ich bin und da niemand zu
uns kommen darf. Ich habe mit ihm, falls man meiner bedrfen sollte, dieses
Zeichen verabredet.
    Er begab sich durch das Mittelzimmer auf das Vordach. Ich hrte ihn
hinuntersprechen. Dann kehrte er zu mir zurck und sagte:
    Ich soll zum Pedehr hinabkommen und auch dich mitbringen. Es scheint sich
um etwas Wichtiges zu handeln.
    Was es ist, hat man dir nicht gesagt?
    Nein. Ich fragte zwar, doch der Pedehr antwortete, er drfe es mir nicht
laut heraufrufen. Komm!
    Wir gingen hinunter. Der Pedehr befand sich in der Halle, in welcher ich
gelegen hatte. Tifl und ein zweiter Dschamiki waren bei ihm. In dem letzteren
erkannte ich den Wchter, welcher heut am Nachmittage ber Stock und Stein
geritten war, um uns die Ankunft der Perser zu melden. Halef schlief fest.
Hanneh war auch schlafen gegangen. Sein Sohn sa bei ihm. Der Scheik der
Dschamikun empfing uns mit der des Kranken wegen nur halblaut gesprochenen, aber
sehr wichtigen Kunde:
    Der Blutrcher ist wieder da!
    Wo? fragte der Ustad im Tone der Ueberraschung.
    Das wissen wir nicht.
    Wer hat ihn gesehen?
    Mein Sohn, antwortete der Wchter.
    Hat er sich nicht etwa getuscht?
    Nein. Er kennt ihn ja. Er hat ihn doch heute am Nachmittage durch den
ganzen Duar bis an unser Gotteshaus gefhrt und ihn also genau betrachten
knnen.
    Wo ist dein Sohn?
    Ich habe ihn mitgebracht. Er wartet drauen vor den Stufen.
    Hole ihn!
    Ich ahnte natrlich sofort, da irgend eine Teufelei geplant werde, und war
hchst gespannt darauf, ob es uns wohl gelingen werde, zu erfahren, welcher Art
sie sei. Natrlich aber durfte ich mir nicht erlauben, den beiden Oberhuptern
des Stammes in Beziehung auf die einzuziehenden Erkundigungen vorzugreifen. Der
Sohn des Wchters hatte ein intelligentes Gesicht. Er sah sogar etwas wie
pfiffig aus. Er kam mit seinem Vater bis vor den Ustad hin.
    Du hast den Blutrcher gesehen? fragte ihn dieser.
    Ja, besttigte der Gefragte.
    War er allein?
    Nein. Es befanden sich noch zwei andere bei ihm.
    Woher kamen sie?
    Von drauen.
    Wo sind sie hin?
    Ich wei es nicht.
    Doch wohl hierher?
    Wahrscheinlich.
    Geritten?
    Nein. Sie waren abgestiegen.
    Da sah der Ustad den Pedehr an, und dieser mich. Dabei sagte der letztere:
    Das ist eine ebenso unerwartete wie geheimnisvolle und bedenkliche Kunde!
Was meinst du dazu, Effendi?
    Erlaubt Ihr mir, einige Fragen auszusprechen? erwiderte ich ihm.
    Natrlich!
    Ich hrte, da ein Handelsmann aus Isphahan hier angekommen sei und eine
Botschaft von dem Blutrcher ausgerichtet habe. Wo ist dieser Mann?
    Er wird nun wohl schon schlafen, antwortete der Pedehr. Soll ich ihn
vielleicht wecken lassen?
    Das ist nur dann ntig, wenn Ihr mir nicht sagen knnt, was ich von ihm
wissen will. Woher kam er?
    Von den nrdlichen Dschamikun. Er traf mit den Persern auf der Hhe des
Passes zusammen.
    Wie verhielten sie sich zu ihm?
    Weder freundlich noch feindlich. Sie kennen ihn. Sie fragten ihn, woher er
kme und wohin er wolle. Er antwortete, da er nach Sden zu den Kalhuran wolle.
Da sagten sie ihm, da er hierher reiten solle, um ein gutes Geschft zu machen.
Es sei ein groes Wettrennen geplant, zu welchem sich viele Menschen einstellen
wrden. Wenn er da sein Handelszelt aufschlage, werde er wohl viele Kufer
finden. Er war ihnen fr diese Mitteilung sehr dankbar und sagte ihnen, da er
ihrem Rate folgen und hierherreiten werde. Da bekam er von dem Multasim den
Auftrag, den er uns ausgerichtet hat.
    Wie lautete diese Botschaft?
    Sie war hchst eigentmlich, uns allen unverstndlich. Nmlich zwei Zeilen
aus dem heute von uns gesungenen Liede. Brich auf, mein Herz, der Rose gleich,
in der sich alle Dfte regen! Und hinzugefgt hatte der Blutrcher: Sage im
Duar, da die Rose noch heut aufbrechen werde! Ist das nicht sonderbar,
Effendi?
    Allerdings, aber nur in dem Sinne, da berhaupt jede Unvorsichtigkeit
sonderbar genannt werden mu.
    Unvorsichtigkeit? fragte er erstaunt.
    Ja.
    Das begreife ich nicht. Wir haben diese Worte als einen nachtrglichen Hohn
gedeutet und uns dabei beruhigt.
    Ich wollte, Ihr httet sie mir eher mitgeteilt als jetzt! Es liegt
wahrscheinlich ein Mordanschlag vor.
    Chodeh! fuhr der Pedehr auf, und auch die andern zeigten sich durch diese
meine Deutung erschreckt. Gegen wen?
    Gegen mich.
    Unmglich!
    Ich habe gesagt, wahrscheinlich. Und ich pflege zu wissen, was ich sage.
Das betreffende Lied vergleicht Rose und Herz. Mit diesem Herzen aber ist das
meinige gemeint. Wrtlich mein Herz! Es soll aufgebrochen werden! Mit dem
scharfen, spitzen Stahle!
    Aus welchem Grunde kommst grad du auf diese Idee?
    Davon vielleicht spter! Ich habe jetzt zu fragen und zu handeln. Der
Blutrcher hat uns nicht fr klug genug gehalten, ihn zu durchschauen. In ihm
wohnt der Ha, und dieser ist bekanntlich der Bruder der Unvorsichtigkeit und
Ueberhebung. Er hat spte damit prahlen wollen, da sein blutiges Werk gelungen
sei, obgleich er uns vorher gewarnt habe.
    Hierauf wendete ich mich zu dem jungen Dschamiki und fragte ihn:
    Wo warst du, als du den Multasim sahst?
    Drauen vor dem Duar, antwortete er. Ich hatte die Schafe in den Pferch
gebracht und mich hinter einem Steine niedergelegt, um nach dem Alabasterzelte
hinaufzuschauen. Man konnte mich vom Wege aus nicht sehen. Da kamen vier Reiter
von Osten her. Sie blieben in der Nhe halten und stiegen ab.
    Drei waren es doch!
    Diese drei, welche ich meinte, schlichen nach dem Duar. Der vierte blieb
bei den Pferden.
    Du erkanntest den Multasim?
    Ganz deutlich. Er war einer von den dreien.
    Was fr Waffen hatten diese letzteren?
    Sie gaben ihre langen Gewehre dem vierten, ehe sie sich entfernten. Alles
andere aber haben sie noch bei sich.
    Hast du dich sehen lassen?
    Nein.
    Was thatest du?
    Ich schlich mich auf dem Boden hin, den dreien nach. Sie verlieen den Weg.
Sie huschten quer hinber, um hinter den Duar zu kommen. Ich konnte ihnen nicht
so schnell folgen, denn wenn ich mich aufgerichtet htte, so wre ich von ihnen
gesehen worden. Darum verlor ich sie aus den Augen.
    Und bist dann nicht weiter gefolgt?
    Nein. Ich ging zum Vater und erzhlte es ihm. Hierauf sind wir sofort zum
hohen Hause gekommen, um es zu melden.
    Welche Zeit ist vergangen, seit du sie von ihren Pferden steigen sahst?
    Bis jetzt kaum eine halbe Stunde.
    Da klopfte ich ihm auf die Schulter und sagte:
    Du hast deine Sache gut gemacht. Ich mu dich loben!
    Dann fuhr ich, zu den andern gewendet, fort:
    Wir haben Zeit. Der Multasim wartet hinter dem Duar, bis hier oben bei uns
kein Licht mehr brennt. Fr mich steht es fest, da er sich nicht eher
heranwagt. Was er vorhat, ist verwegen, so verwegen, da ich ihn bemitleiden
mu. Ist dieser Mensch denn ein im Wildnisleben so erfahrener und gewandter
Mann, da er, ohne einen Wahnsinn zu begehen, sich zumuten kann, mit seinem
Dolche hier im hohen Hause ganz unentdeckt und unbestraft mein Herz zu finden?
    Dein Herz! sagte der Ustad. Ich halte es noch immer fr eine
Unglaublichkeit!
    Und dennoch ist es wahr!
    Du mut dich tuschen!
    Nein. Ich wollte diese Angelegenheit als Geheimnis behandeln; aber da der
Blutrcher nicht wartet, bis ich dich verlassen habe, sondern dein Haus zum
Schauplatze dieses Mordes machen will, schon heut, gleich an demselben Tage, so
halte ich es fr meine Pflicht, dir mitzuteilen, was zwischen ihm und mir
vorgekommen und gesprochen worden ist.
    Ich erzhlte es so kurz, wie ich es fr geraten hielt, legte ihnen jedes Fr
und jedes Wider in Beziehung auf meine Ansicht vor und berzeugte sie derart,
da der Pedehr, als ich geendet hatte, ganz entrstet sagte:
    Du hast recht, Effendi: Es gilt einen Mord, und zwar nur dir, nur dir! Ich
werde sofort die Warnungsglocke erklingen lassen und alle Bewohner des Duar
zusammen - - -
    Halt! unterbrach ich ihn. Das wirst du nicht!
    Ja, ich werde es!
    Nein!
    Warum nicht?
    Soll der Blutgierige ohne Strafe bleiben?
    Nein! Das freilich nicht!
    Er wird es aber. Denn sobald er den Lrm hrt, den er auf sich beziehen
mu, versteht es sich ganz von selbst, da er die Flucht ergreift. Dann ist er
fort und lacht uns spter wegen unserer Unbedachtsamkeit aus, weil wir ihm nicht
einmal die Absicht des Mordes nachzuweisen vermgen.
    Das ist wahr; das ist richtig, Effendi! Aber was knnen wir anderes thun?
    Ihn fangen!
    Maschallah!
    Mit der Waffe in der Hand!
    Du meinst also, da wir ihn kommen lassen?
    Ja.
    Das ist zu gefhrlich!
    Hast du nicht auch die Soldaten herankommen lassen und gefangen genommen?
Ihrer waren so viele; jetzt aber sind es nur drei!
    Auch das ist wahr!
    Und gewi kommt er nur allein herein; die andern beiden sind seine Wachen.
    Herein? Hier herein, meinst du?
    Ja.
    Wie kommst du auf diesen Gedanken?
    Auf die leichteste und zugleich sicherste Weise. Er will mich tten. Wann?
Des Nachts. Was thue ich des Nachts? Ich schlafe. Wo? Droben in meiner neuen
Wohnung, allerdings. Aber das wei er nicht. Der heutige Wechsel ist ihm
unbekannt. Er glaubt, da ich noch hier schlafe, in der offenen Halle, in welche
man sich des Nachts so leicht schleichen kann.
    Was wei er von deinem bisherigen Lager in dieser Halle?
    Gewi genug. Er hat heut am Nachmittage da drben auf dem Berge mit
mehreren Dschamikun gesprochen, doch wahrscheinlich hiervon nicht, denn seine
Absicht gegen mich kann erst entstanden sein, nachdem ich die letzten Worte mit
ihm gesprochen hatte. Tifl hat die Perser begleitet. Ich denke, da er mir gar
wohl eine Mitteilung machen kann, die sich hierauf bezieht.
    Jawohl; das kann ich; das kann ich! antwortete der Genannte.
    Nun? fragte ich ihn.
    Ich ritt voran. Ich hatte mir vorgenommen, mit diesen Persern gar nicht zu
sprechen. Das habe ich auch gehalten. Meine Leute ritten hinterher. An diese hat
sich Ahriman Mirza gemacht und sich mit ihnen unterhalten. Erst ber den Duar;
hierauf ber das hohe Haus, und dann ber die jetzigen Gste desselben. Als ich
das spter erfuhr, war ich sehr zornig darber, da man ihm Auskunft gegeben
hat.
    Was hat er erfahren?
    Wo Hadschi Halef liegt; wo du schlfst; wann du dich niederlegst, und wer
des Nachts noch auerdem sich in der Halle befindet. Die, welche es sagten,
wuten nicht, da du vom heutigen Abend an bei unserm Ustad wohnen werdest.
Darum ist zu Ahriman Mirza gesagt worden, da du in der Ecke rechter Hand in der
Halle schlfst.
    Was wohl noch?
    Ob du im Schlafe Waffen in der Nhe habest.
    Ah! Also! Was hat man geantwortet?
    Da sie am Fuende deines Lagers aufgehngt seien.
    Wo sind sie jetzt? Ich habe sie in meiner neuen Wohnung nicht gesehen.
    Erlaube, da ich dir das spter selbst mitteile! fiel da der Ustad ein.
    Ich nickte ihm zu und fuhr, zu Tifl gewendet, fort:
    Gab es noch weitere Erkundigungen?
    Nein, erklrte er.
    So ist das ganze Material beisammen, welches ntig war, mich zu berzeugen,
da ich mich nicht geirrt habe. Wer soll nun bestimmen, was zu geschehen hat?
    Du, antwortete der Ustad.
    Ja, du, stimmte der Pedehr ein.
    So ist meine Ansicht die folgende: Der Blutrcher wird gefangen genommen,
und zwar auf eine fr uns mglichst ungefhrliche Weise. Werden die gefangenen
Soldaten bewacht?
    Ja, sagte der Pedehr.
    Von wieviel Personen?
    Es sind zwei, welche vor dem verschlossenen Thore stehen. Das gengt
vollstndig.
    Fr heut gengt es nicht.
    Warum?
    Weil der Multasim jedenfalls die Absicht hat, diese Gefangenen zu befreien.
Er kann mit zwei Begleitern die beiden Wachen, da sie so etwas nicht erwarten,
leicht berraschen und berwltigen. Wir stellen also jetzt mehr Leute hin,
damit er sich gar nicht nach dieser Seite wagen kann. Um so sicherer wendet er
sich dann der Halle zu. Es wird an der Stelle, wo ich schlief, ein Lager
errichtet. Doch niemand liegt darauf. Selbst wenn jemand so mutig wre, diese
Rolle zu bernehmen, so ist so ein Dolch oder Messer selbst fr den strksten
Mann ein immerhin gefhrliches Ding.
    Kara Ben Halef war von dem Lager seines Vaters herbeigekommen, um zuzuhren.
Jetzt, bei diesen Worten, sagte er:
    Aber wenn du nicht so angegriffen von der Krankheit wrest, da wte ich,
was geschhe, Effendi!
    Nun, was?
    Du wrdest dich ruhig hinlegen, um die aufgehobene Hand des Mrders, wenn
er zustoen will, zu ergreifen und festzuhalten, damit er vollstndig zu
berfhren sei.
    Hm! Vielleicht thte ich es! Davon kann aber jetzt keine Rede sein. Der
Blutrcher darf nicht ahnen, da er sich vollstndig verraten hat. Es mu alles
sorgfltig vermieden werden, was den Gedanken in ihm erwecken knnte, da man
seine Anwesenheit kenne und auf ihn vorbereitet sei. Darum drfen wir nur so
viel Personen in das Vertrauen ziehen, wie unumgnglich ntig sind. Kein
weiterer darf etwas erfahren. Wie viele Wege giebt es nach hier herauf?
    Nur den einen durch das Thor, antwortete der Pedehr.
    Keinen verborgenen Schleichweg?
    Keinen. Niemand kann ber die Riesenmauer.
    Also ist es auch fr niemand mglich, anders als durch das Thor zu
entfliehen?
    Fr keinen Menschen. Und das Thor wird ja geschlossen.
    Man lasse es heut offen, damit der Multasim nicht darberzuklettern
braucht. Wir wollen ihm und seinen Begleitern das Kommen mglichst erleichtern,
damit sie dann um so sicherer nicht ohne unsern Willen wieder fortgehen knnen.
Ich meine, da sie sich alle drei durch das Thor schleichen werden. Die beiden
andern verstecken sich an einem passenden Orte, dem Multasim erforderlichen
Falles beispringen zu knnen. Dieser setzt seinen Weg allein fort. Am Thore
mssen sich handfeste Leute verbergen, welche die Perser zwar herein aber nicht
wieder hinaus lassen drfen. Doch haben sie alles so still zu unternehmen, da
sie es uns nicht etwa verderben, hier oben den Multasim zu ergreifen. Hier bei
uns gengen fnf bis sechs Personen, welche sich in den dunkeln Hintergrund der
Halle zurckziehen, um den Mrder, sobald er sich hereingeschlichen und das
Lager erreicht hat, zu packen. Wir haben schon um des Hadschi Halef willen das
Gerusch zu vermeiden. Ich mchte gern haben, da der Multasim in lautloser
Stille berwltigt wird. Ich bin natrlich auch da, wenn ich auch nicht mit
zugreifen werde. Wollt Ihr dabei sein, so ist es recht, denn da werden Eure
Leute sich doppelte Mhe geben, alles richtig zu machen. Dort hinter der Thr
mssen im Hausgange einige Personen mit brennenden Lichtern postiert sein, damit
die Halle im gegebenen Augenblick sofort erleuchtet werden kann. Das ist es, was
ich zu sagen habe. Hat jemand einen andern Wunsch?
    Nein, antwortete der Pedehr. Denkst du, da der Blutrcher uns lange
warten lassen wird?
    Gewi nicht. Seine heutigen Begleiter kennen sicher alle seine
Unternehmungen. Sie warten mit grter Neugierde auf seine Rckkehr. Auch den
Mann mit den vier Pferden lt er wohl nicht gern lange Zeit allein, weil jeden
Augenblick sich eine Strung oder gar Entdeckung ereignen kann. Wie ich schon
gesagt habe, so denke ich auch noch jetzt: Wenn kein Licht mehr hier oben
brennt, wird der Multasim annehmen, da wir schlafen, und sich unverzglich an
das Werk machen.
    Wohlan, so wollen wir uns beeilen. In zehn Minuten soll alles zu seinem
Empfange bereit sein. Gehst du einstweilen wieder hinauf in deine Wohnung,
Effendi?
    Nein. Ich bleibe hier.
    So erlaubt, da ich euch verlasse, die Vorbereitungen zu treffen!
    Er entfernte sich. Der Ustad lie zwei Kissen bringen, auf welche wir uns an
der Hinterwand niedersetzten, doch so, da ich die drei Bogenffnungen an den
Sulen im Auge hatte und den Multasim, wenn er kam, sehen konnte. Kara war
wieder zum Bette seines Vaters gegangen. Der Bote und sein Sohn hockten sich in
unserer Nhe nieder, um im gegebenen Augenblicke mit zuzufassen. Dann kam der
Pedehr mit noch vier krftigen Mnnern, die sich in der hintern Ecke
versteckten. Jenseits der Thr hielten einige Personen brennende Lichter. Dann
wurden die unsern alle ausgelscht. Da dachte ich an meine Lampe oben. Sie
brannte ja, und ihr Schein mute unten im Duar gesehen werden. Ich sagte das dem
Ustad, der sich sofort erhob, um hinaufzugehen und sie selbst auszulschen. Als
er dann wieder kam, war alles bereit, denn der Pedehr hatte dafr gesorgt, da
sogar in der Kche alles finster war. Es schien sich jedermann im hohen Hause
niedergelegt zu haben. Der Blutrcher konnte erscheinen!
    War es nicht vielleicht sonderbar, da ich herzlich wnschte, da er kommen
mge? Man soll doch nicht das Verlangen in sich tragen, da sich einem das
Verbrechen nahe! Aber nicht blo das Denkvermgen, sondern auch das Gefhl hat
seine Erwgungen, wenn man die logische Folgerichtigkeit derselben auch nicht so
deutlich nachzuweisen vermag. Und wenn ich die Empfindung in mir trug, da ich
den Multasim herbeiwnschen msse, so hatte sie jedenfalls ihren guten Grund.
Der Blutrcher lebte; er war vorhanden. Seine Absichten richteten sich gegen
mich. Sie konnten mir nur dann gefhrlich werden, wenn ich auf seinen Angriff
nicht gefat war. Ich hatte nicht ihn selbst, sondern nur die pltzliche
Ueberrumpelung zu frchten. Heut nun, jetzt, war ich auf ihn vorbereitet. Fhrte
er seinen gegenwrtigen Plan nicht aus, so entwand er sich der Gewiheit,
festgenommen zu werden, und zog alle meine Vorsicht, welche ich zu ben hatte,
mit sich in die Ungewiheit hinaus. Darum mute ich wnschen, da nichts
eintreten mge, was ihn verhindern knne, jetzt bei seinem Vorhaben zu bleiben.
    Es war still in der Halle, und so dunkel, da keiner den andern sehen
konnte, obgleich wir uns so nahe waren. Der leise Schimmer der Nacht lag drauen
auf den Stufen. Er konnte nicht bis zu den Sulen heran, weil er von dem
Vordache ber ihnen aufgefangen wurde. Darum hoben sich die drei Bogenffnungen
des Einganges zwar ganz bemerklich von dem Dunkel ab, aber der Fuboden war dem
Sternenlichte so entzogen, da ich mir sagen mute, der Perser wre sicher ganz
unbemerkt hereingekommen, wenn wir seinen Anschlag nicht erfahren htten.
Bemerken mu ich da freilich, da ich keinen Grund hatte, ihm diejenige
Fertigkeit im Anschleichen zuzutrauen, welche zwar auch der gebte Beduine
besitzt, in der aber nur die Indianer und Jger des fernen Westens von
Nordamerika wirklich Meister waren. Ich sollte bald erfahren, da ich mich da
geirrt hatte. Der Ha ist auf dem Schleichwege immer Meister. Er kann sich da in
Beziehung auf seine Arglist und Ausdauer rhmen, unbertrefflich zu sein.
    Der neben mir sitzende Ustad hatte zu mir herbergegriffen und meine Hand in
die seinige genommen. Er hielt sie fest.
    Wie lieb ich dich habe, Effendi! flsterte er mir zu. Ich habe es gar
nicht gewut. Aber als ich hrte, da es sich um einen Angriff gegen dein Leben
handle, erhob sich ein Gefhl in mir, als ob wir leiblich und geistig so eng
verbunden seien, da wir miteinander eine gleichdenkende und gleichempfindende,
vollstndig unzertrennliche Einheit bilden.
    War es wirklich ein Gefhl? Oder doch vielleicht etwas anderes? fragte
ich. Wenn sich verwandte Geister kssen, flieen die Pulse ihrer krperlichen
Herzen zu einem einzigen zusammen. Das Wort Geisterliebe klingt gespensterhaft,
aber sie ist die hchste und die mchtigste, welche das Hier mit dem Dort
verbindet. Indem sie das Eine zu dem Anderen emporhebt, bringt sie die
Seligkeit.
    Vielleicht htte ich noch etwas hinzugefgt, da ich mit diesem Gedanken mein
Lieblingsthema berhrte, aber ich verzichtete darauf, denn es war mir, als ob
ich soeben etwas gehrt und auch etwas gesehen habe. Es war nichts Bestimmtes,
nichts fr die Augen und Ohren fest Greifbares, sondern nur ein leises Rauschen
oder Wehen, wie von einem leichten Gewande, das schnelle Vorberhuschen von
etwas sich Bewegendem, aber gestaltlos und haltlos, von keinem wirklich
existierenden Wesen rhrend.
    Sahst du etwas? Hrtest du etwas? fragte ich den Ustad.
    Nein. - Du? antwortete er.
    Es war, als ob ein halbsichtbarer Gedanke quer durch die Halle gehuscht
sei.
    Wohin?
    Nach der Ecke, wohin der Multasim kommen wird.
    Den haben wir von drauen zu erwarten. Der ist nicht hier in dem Raume
versteckt. Es wird eben, wie du sagtest, ein Gedanke gewesen sein.
    Das schien mir so richtig, da ich annahm, mich wirklich getuscht zu haben.
Der, den wir erwarteten, konnte doch jedenfalls nicht aus der Ecke kommen, in
welcher mein Hadschi Halef schlief. Wir hatten unsere Aufmerksamkeit nur nach
dem Eingange zu richten, und das thaten wir in einer Weise, welche erwarten
lie, da wir den Blutrcher trotz des allervorsichtigsten Anschleichens ganz
gewi und sofort sehen wrden.
    Es verging aber Zeit um Zeit, Viertelstunde um Viertelstunde, ohne da wir
etwas bemerkten. Da - - es mochte wohl nach einer Stunde sein - - gab es
irgendwo ein leises Kratzen oder Scharren und hierauf ein ziemlich lautes,
hastiges Atemholen, welches fast wie Rcheln klang. Der Ort, woher es kam, war
nicht zu bestimmen. Ich nahm an, da einer der versteckten Dschamikun so
unvorsichtig gewesen sei, diesen lauten Atemzug zu thun, der uns sehr leicht
verraten konnte; da aber erklang Kara Ben Halefs helle Stimme.
    Sihdi, la die Lichter hereinbringen!
    Ich war natrlich auerordentlich berrascht, zumal dieser Ruf nicht von dem
Bette seines Vaters her, wo er sich doch befunden hatte, erschollen war.
    Wo befindest du dich? fragte ich ihn, selbstverstndlich ebenso laut.
    Hier an deinem angeblichen Lager.
    Welche Unvorsichtigkeit!
    Sag lieber, welche Pfiffigkeit! Denn wenn ich nicht vorsichtiger gewesen
wre als ihr, so htte er sich wieder fortgeschlichen. Ich habe ihn!
    Maschallah! Ist das wahr?
    Wrde ich es sagen, wenn es anders wre? Bringt Licht!
    Wir sprangen alle auf. Die Thr zum Hausgange wurde geffnet, und die da
drauen stehenden Leute kamen mit ihren brennenden Kerzen und Oellampen herein.
Was wir nun sahen, das war allerdings verwunderlich. Ganz nahe an dem Bette,
welches als das meinige gegolten hatte, lag ein Mensch, mit dem Rcken nach
oben, vollstndig bewegungslos. Er war nur mit der Hose bekleidet, sonst aber
nackt, und hatte den Oberkrper und die Arme mit Oel eingerieben. Das ist eine
Gepflogenheit der beduinischen Anschleicher, welche sich dadurch so schlpfrig
machen, da sie, falls man sie entdeckt, nicht festgehalten werden knnen, weil
das Oel oder Fett dem Krper eine Gltte verleiht, die jeden festen, ehrlichen
Griff vergeblich macht. Bei ihm kniete Kara, welcher ihm beide Hnde so fest um
den Hals gelegt hatte, da dem Ertappten die Mglichkeit der Gegenwehr
vollstndig genommen worden war.
    Schnell, bindet ihn! sagte ich, alle Fragen auf spter verschiebend.
Hinaus mit ihm und den Lichtern, die seinen Begleitern verraten, da sein
Vorhaben schlecht abgelaufen ist!
    Aber noch ehe man dieser Weisung nachgekommen war, traten die Folgen dieser
pltzlichen Erleuchtung der Halle ein: Auf dem Vorplatze lieen sich laute
Schritte hren, hierauf einige unterdrckte Rufe. Nun wurde es wieder still.
Dann kam einer der dortigen Dschamikun die Stufen herauf und meldete:
    Sie sind ergriffen worden. Als sie die Lichter sahen, wollten sie schnell
fort. Da nahmen wir sie fest!
    Bringt sie uns! sagte ich. Ihr findet uns im Gange dort hinter der Thr.
    Drfen wir nicht hier bleiben, da wir sie nun doch haben? fragte der
Pedehr.
    Nein, antwortete ich. Die pltzliche Helligkeit dieses Raumes, auf den es
abgesehen war, mu dem Perser, der sich bei den Pferden befindet, auffallen und
ihn warnen. Schicke schnell deine Leute hinab, um auch ihn festnehmen zu lassen!
Der junge Dschamiki, welcher wei, wo der Ort liegt, mag sie fhren!
    Whrend der Pedehr dieser Weisung folgte, wurde der Gefesselte
hinausgetragen und die Thr hinter uns allen zugemacht, so da es in der Halle
nun wieder finster war. Erst jetzt fand ich Zeit, das Gesicht des Gefangenen zu
betrachten. Wir hatten den Richtigen - - Ghulam el Multasim. Er lag mit
geschlossenen Augen da. War er besinnungslos, oder stellte er sich nur so? Es
giebt Menschen, welche zwar den Mut des gehssigen Angriffes besitzen, weil sie
zu thricht sind, die Folgen zu bedenken, und dann, wenn diese eintreten, die
Augen zumachen, als ob das genge, die wohlverdiente und unvermeidliche Strafe
von sich abzuwenden. Was uerlich dem Mute hnlich war, ist dann in seiner
eigentlichen Gestalt als Feigheit zu erkennen.
    Jetzt brachte man seine beiden Genossen zu uns; auch sie waren gebunden. Sie
hatten die abgelegten Kleider des Blutrchers bei sich gehabt, auch seine
Pistolen. Er war nur mit dem Messer versehen gewesen. Dieses war ihm aus der
Hand entfallen, als er von Kara beim Halse genommen worden war. Der Pedehr hatte
es aufgehoben und zeigte es mir.
    Das ist die Klinge, mit welcher die Rose aufgebrochen werden sollte, sagte
er. Was soll mit diesen drei Menschen geschehen, Effendi?
    Wer hat darber zu bestimmen? erkundigte ich mich.
    Natrlich du. Der Angriff war ja gegen dich geplant.
    Wird man das auch wirklich ausfhren, was ich bestimme?
    Gewi!
    Als ich auch dem Ustad einen fragenden Blick zuwarf, erklrte dieser, seinem
Scheike beistimmend:
    Es ist uns jeder verfallen, der sich ohne unsere Erlaubnis hier mit der
Waffe treffen lt. Aber wir pflegen nicht zu tten. Es ist zwischen uns und dem
Multasim ausgemacht worden, da die Frage der Rache, welche ihn hiehergefhrt
hat, durch das Wettrennen beantwortet werden soll. Hast du mit ihm ein
heimliches Abkommen getroffen, so geht das uns nichts an. Er erhalte die Folgen
davon aus deiner Hand. Ich knnte ihn zwar dafr bestrafen, da er sich mit dem
Messer trotz unserer Vereinbarung in mein Haus geschlichen hat, trete aber
dieses Recht hiermit an dich ab, Effendi. Thue mit ihm und seinen
Helfershelfern, was dir beliebt. Er sei ganz nur in deine Hand gegeben!
    
    So schafft diese drei Menschen einstweilen so, wie sie hier sind, zu den
andern Gefangenen hinber in das Gewlbe, und lat sie dort bewachen! Morgen,
wenn es Tag geworden ist, werden sie erfahren, was ich ber sie beschlossen
habe. Sie kamen bei Nacht; ich aber erwarte den Tag, denn ich will auf heimliche
Anschlge keine lichtscheuen Antworten geben!
    Man kam dieser Weisung unverweilt nach. Als die Perser hinausgebracht worden
waren, lagen die Kleider des Multasim noch am Boden. Der Pedehr forderte Tifl
auf, nachzusehen, was sich in den Taschen befinde. Sie enthielten, wie es
schien, nur die gewhnlichen Gebrauchsgegenstnde, und nur zuletzt entdeckte
das Kind an einer verborgenen Stelle noch ein kleines Tschchen, aus dem er
einen noch kleineren Lederumschlag hervorzog, in welchem einige beschriebene
Papierbltter festgeheftet waren. Er gab das Bchelchen dem Pedehr, der es
aufmerksam betrachtete und dann dem Ustad kopfschttelnd mit den Worten
hinreichte:
    Sonderbar! Das scheinen nur einzelne Buchstaben zu sein. Worte sind es
nicht. Schau du zu, was es ist!
    Der Ustad nahm es in die Hand, sah es durch und sagte:
    Das ist das Tliq-Alphabet mit einer vorwrts gerckten Wiederholung. Ich
wrde glauben, es sei eine sogenannte Eselsbrcke fr irgend einen Anfnger im
Schreiben. Aber da auf der ersten Seite steht in derselben runden, stark nach
links hngenden Schrift zu lesen: Fr Ghulam, den Dschellad7. Es ist also fr
Ghulam ganz besonders bestimmt. Er wird Henker genannt. Weshalb? War es
vielleicht ein Scherz? Dann htte er es nicht so sorgfltig aufgehoben. Hat er
es vielleicht selbst geschrieben? Was sagst du dazu, Effendi?
    Ich kann nicht eher etwas sagen, als bis ich es gesehen habe, antwortete
ich ihm. Ist es nur das Alphabet?
    Dieses und die Ueberschrift, die ich vorgelesen habe. Denn die paar
Buchstaben, die dann noch unter ihr stehen, knnen wohl kaum etwas zu bedeuten
haben. Es ist ein Sa und ein Lam.
    Weiter nichts? fragte ich schnell.
    Noch das Verdoppelungszeichen dazwischen, antwortete er. Da, siehe
selbst!
    Er gab es mir. Ja, das war das mir so wohlbekannte Erkennungszeichen der
Sillan! Ich wute sofort, da dieses scheinbar ganz bedeutungslose
Doppelalphabet gewi von groer Wichtigkeit sei. Aber in welcher Weise wichtig,
das war die Frage! Es enthielt zweimal alle persischen Buchstaben vom Aelyf bis
zum Jj und sogar Lam-Aelyf. Aber die gleichen Buchstaben standen nicht
beieinander, sondern die zweite Reihe war weiter fortgeschoben, so da die
letzten sieben Buchstaben nicht hinten sondern vorn ihr Ende fanden. Wenn ich
versuchen will, dies durch das deutsche Alphabet zu verdeutlichen, so bekommt
diese Probe folgendes Aussehen:

                    A b c d e f g h i k l m n o p q r s t u
                    t u v w x y z A b c d e f g h i k l m n

                                v w x y z. - - -
                                o p q r s. - - -

    Es war mit Gewiheit anzunehmen, da die bereits erwhnte Wichtigkeit dieser
Zusammenstellung fr die Sillan eine allgemeine, fr den Multasim aber auerdem
eine noch besondere sei. Ich wnschte sehr, hierber Aufklrung zu erhalten.
Aber von wem? Sie konnte mir nur durch eigenes Nachdenken werden. Jetzt aber gab
es keine Zeit hierzu. Ich steckte also das Heftchen zu mir und sagte:
    Die Buchstaben sind wahrscheinlich das, wofr du sie hieltest, nmlich eine
Eselsbrcke. Der Esel ist ohne Zweifel Ghulam selbst. Jetzt interessiert mich
nur der Umstand, da er Henker genannt wird. Ihr kennt ihn besser als ich. Habt
Ihr vielleicht schon einmal diese oder eine hnliche Bezeichnung seiner Person
gehrt?
    Nein, nie; antwortete der Pedehr. Aber dadurch, da er als Multasim sich
mit seiner unersttlichen Habsucht an die Stelle des gtigen Beherrschers setzt,
ist er wohl schon Unzhligen in Wirklichkeit zum Henker geworden.
    Hier fllt mir eine Aehnlichkeit auf, fgte der Ustad hinzu.
Steuerpchter des Schah-in-Schah und Paradiesespchter! Hier leibliches und
dort seelisches und geistiges Henkertum! Wie manchen solchen Geist- und
Seelenhenker mag es geben, der seines traurigen Amtes dadurch waltet, da er an
Stelle des einfachen und ehrlichen Alphabetes, welches uns der Herr gegeben hat,
ein geflschtes setzt! Was thun wir mit den Kleidern des Gefangenen?
    Sie mgen hier liegen bleiben, bis er sie morgen wieder bekommt. Das
geschieht nicht eher, als bis ich ihm dieses Alphabet wieder in die Tasche
gesteckt habe. Ich wnsche, da er denken mge, es sei unentdeckt geblieben.
Wenn eure Leute spter den vierten Perser mit den Pferden bringen, so steckt ihn
in ein besonderes Verlie. Der Multasim soll jetzt noch nicht wissen, da wir
auch noch diesen festgenommen haben. Und noch eins: Ich habe euch etwas zu sagen
und zu zeigen. Das steckt in meiner Satteltasche. Wo befindet sich das alles,
meine Sachen und die Waffen?
    In meiner Wohnung, antwortete der Ustad.
    Also bei dir? Ich danke dir! Das zeigt mir ja, wie wert du das Eigentum
deines Gastes hltst.
    Da ging ein ganz eigenartiges Lcheln ber sein Gesicht. Er machte eine den
Sinn meiner Worte abwehrende Handbewegung und sagte:
    Es ist ein anderer Grund. Wenn du es erlaubst, werde ich dir ihn oben
sagen. Soll auch der Pedehr mitgehen?
    Ja.
    Der Genannte erteilte Tifl einige Weisungen in Beziehung auf den vierten
Perser; dann begaben wir uns hinauf in die Wohnung des Ustad. Er fhrte uns
nicht in die Balkonstube, sondern, nachdem er ein Licht angezndet hatte, in
eine kleine, fensterlose Kammer, welche, wie es schien, fr weggesetzte,
unbrauchbar gewordene Gegenstnde bestimmt war. Da hingen alle meine Sachen.
Auer ihnen war nichts zu sehen als ein alter Kasten, dem man es ansah, da er
von Ur-Urgrovaters Zeit herstammte. Indem der Ustad auf dieses Gertstck
zeigte, sagte er uns folgende, mir damals unverstndliche Worte, die ich aber
bald darauf sehr wohl begriffen habe:
    Wenn der Mensch wte, wie sehr ihm solche alte, anererbte Sachen schaden,
die er in falscher Piett mit sich durchs Leben schleppt! Fr solche, erbliche
Belastung ist die Rumpelkammer noch viel zu gut! In solchen alten Gegenstnden
steckt ein ganzes Heer von geistig berkommenen Motten, Bohr- und Rsselwrmern,
welche, wenn man den Kasten ffnet, herausgekrochen und herausgeflogen kommen,
um alles, was da Lebenswert besitzt, in zerfressenes Germpel und zernagte
Lumpen zu verwandeln. Fr solche Mottengeister giebt es nichts Heiliges, nichts
unantastbar Hohes. Sie zerstren den kniglichen Purpurmantel mit derselben
Sicherheit, mit welcher sie den Hermelin der Wissenschaft zum kahlen Felle
machen. Sie suchen das geistliche Gewand des Emir el Muminin8 ebenso heim, wie
sie sich in der Filzmtze der tanzenden oder heulenden Derwische eingenistet
haben. Sie sitzen im Kaftan des Nbi9, im Turban des Sahibi Scheriat10 und in
den Pantoffeln aller derer, die im Schatten solcher Vorschrift wandeln. Ganz
auerordentliche Anziehungskraft aber hat auf sie das Papier, besonders das aus
Lumpen fabrizierte. Man behauptet zwar, da der Geruch der Druckerschwrze sie
vertreibe, doch fand ich oft auch Druckpapier, aus welchem, wenn ich es zum
Lesen auseinanderschlug, gleich eine ganze Wolke mich umnachten wollte!
    Du sprichst in Rtseln, sagte der Pedehr.
    Wohl dir, da es fr dich Rtsel, aber keine Erfahrungen sind! Du hast es
glcklicherweise wohl nur mit materiellen, nicht aber mit solchen geistigen
Schdlingen zu thun gehabt, welche es trotz ihrer Mottenarmseligkeit wagen, sich
selbst allein fr ntzlich zu halten, jeden edlen, freien Geist aber zum
Ungeziefer zu rechnen! Und an diese Verdrehung der wirklichen Verhltnisse
glaubt der ganze, ganze Pelz, in dem die Motten sitzen!
    Sich hierauf mir zuwendend, sprach er weiter:
    Aus diesem Kasten war das Gedeck, von welchem du oben im Walde gespeist
hast. Das wurde von dir vielleicht fr eine besondere Ehrung gehalten; aber es
war etwas anderes. Es ist mein Leichengedeck. Ich lie es dir zu deinem eigenen
Todesmahle vorlegen. So dachte ich! Vielleicht ist es durch dich mein
Auferstehungsmahl geworden, zu welchem ich dich, ohne es zu ahnen, eingeladen
habe. Und schau hierher! Da hngen deine Gewehre und alle deine Sachen. Warum?
Ich habe dich fr gleich mit mir, fr meinen geistigen Doppelgnger gehalten.
Ich glaubte, du seist ganz denselben Weg gewandelt, den auch ich gegangen bin,
und lebest jetzt in deiner Hosiannazeit. Ich sah fr dich die Zeit kommen, in
der du hinaufgeschleppt wirst nach Golgatha, wo die Kriegsknechte sich in dein
Gewand und in deine Waffen teilen. Darum trug ich sie herauf und in diese meine
Rumpelkammer, um dich zu bitten, ihnen hier freiwillig zu entsagen. Vor solchen
Feinden ist's um jede Waffe schade! Tritt vllig ungerstet vor sie hin! Des
Geistes Harnisch ist zwar unsichtbar, doch keine Motte und kein Rsselwurm wird
sich an ihn wagen! Dies Ungeziefer sucht sich nur an solchem Kram zu tzen, der
wohl auch ohne Mottenfra von keiner Dauer wre. - - - So dachte ich! Doch als
ich zu dir kam, hinauf in meine Gruft, damit du dich in mir erkennen mchtest,
da hrte ich aus deinem Munde Worte, die mir aus jener Welt herberklangen, in
welche ich mich gern mit dir hinberretten wollte. Bist du vielleicht schon
drben? Hast du den Weg, den unbeschreiblich schweren, auch ohne mich gesehen
und erkannt? Hast du nichts von der Menschenfurcht und feigen Scheu gewut, die
einst mich zwang, vor ihm zurckzubeben? Du sprachst so fest, so sicher, so
bewut, als httest du schon lngst erreicht, was ich erreichen wollte und dann
doch fallen lie. Sag mir auch jetzt ein festes, sicheres Wort! Du wirst wohl
meine Frage kaum verstehen, doch krallt sich ihre Faust so tief in dich hinein,
da du vor Schmerzen dich zu winden httest, wenn du in Wirklichkeit mein
Doppelgnger wrest.
    Er stand hochaufgerichtet vor mir, das Licht in der Hand, und sah mir mit
tief ernstem, forschendem Blicke in die Augen. So, ungefhr so mu das Gericht
dem Menschen in die Augen schauen, wenn es einst von ihm sein frheres Leben
fordert.
    Sprich deine Frage aus! sagte ich.
    Du wirst erschrecken! rief er aus.
    Versuche es!
    Wir standen Mann gegen Mann einander gegenber. Oder war es Seele gegen
Seele, Geist gegen Geist?
    Du bist Old Shatterhand? fragte er. Ich habe diesen Namen von meinem
Freunde Dschafar gehrt.
    Ich war es, antwortete ich ruhig, aber bestimmt.
    Er machte, als er hrte, da ich sein Prsens in das Imperfectum
verwandelte, eine Bewegung der Ueberraschung. Dann fuhr er fort:
    Du bist Kara Ben Nemsi Effendi?
    Ich war es, erwiderte ich abermals.
    Bist es nicht mehr? Beides nicht mehr?
    Bei diesen Worten leuchteten mir seine Augen vor erwartungsvoller Erregung
frmlich entgegen.
    Beides nicht mehr! nickte ich.
    Seit wann? Sage es mir!
    Seit diese beiden Namen das geleistet haben, was sie leisten sollten und
leisten muten! In diesen zwei Namen habe ich denen, die es lsen wollen, ein
Rtsel aufgegeben, aus dessen Thr das von seinen psychologischen Fesseln
befreite Menschheits-Ich wie ein im Freudenglanze strahlender Jngling
hervorzutreten hat. Dieses so viel verachtete und so grimmig angefeindete Ich in
meinen Bchern hat allen denen, welche Ohren haben, von einer neuen, ungeahnten
Welt zu erzhlen, in welcher Leib, Geist und Seele nicht ineinander gekstelt
und ineinander geschachtelt sind, sondern Hand in Hand nebeneinander stehen und
miteinander wirken. Dieses so oft verspottete und so leidenschaftlich verhhnte
Ich in meinen Werken war nicht die ruhmeslsterne Erfindung eines wahnwitzigen
Ego-Erzhlers, welcher unglaubliche Indianer-und Beduinengeschichten schrieb, um
sich von den Unmndigen und Unverstndigen beweihruchern zu lassen, sondern
unglaublich, ber alle Maen unglaublich ist nur die Blindheit derer gewesen,
die einen solchen Wahnsinn fr mglich hielten, weil sie sich in den ihnen sehr
erwnschten Irrtum hineinlogen, da diese meine Bcher nur zur vagen
Unterhaltung der unerwachsenen Jugend, nicht aber ganz im Gegenteile fr die
geistigen Augen klar und ruhig denkender Leser geschrieben seien. Diesem so
kraftvollen und selbstbewuten Ich ist es nicht eingefallen, in den Gassen des
geistigen Unvermgens bettelnd an die Thren zu klopfen, denn von dieser
geistigen Armut leben ja grad diejenigen Ichs, welche die Lsung meines Rtsels
zu frchten haben. Dieses mein Ich vermied ganz im Gegenteile alle Straen und
Huserreihen menschenwimmelnder Stdte und ging hinaus in alle Welt - - -
    Da unterbrach mich der Ustad, indem er meinen Arm ergriff und im Tone
grter Ueberraschung ausrief:
    Hinaus in alle Welt, um aller Welt zu sagen, da alle Welt ihr Ich verloren
habe? Effendi, Effendi, was hre ich aus diesem deinem Munde! Wer htte das
gedacht! Auch ich war ein Ich-Erzhler. Auch ich sandte meine Gedanken hinaus in
alle Welt, um - - - doch nein; davon spter! Ich kannte dich nicht. Ich ahnte
nur von dir. Es war, als ob ich einem innern Befehle folgen msse. Und nun sind
wir einander gleich, so gleich, so auerordentlich gleich! Wirklich? Wenn in
allem, so doch in Einem nicht! Ich bin ja noch nicht fertig, dich zu fragen!
Mache dich bereit, jetzt die Hauptfrage zu hren! Sie ist fast unglaublich! Soll
ich sprechen?
    Ja!
    Hier hngt das Eigentum von Kara Ben Nemsi. Willst du mir das alles
schenken? So schenken, da ich es behalten kann? Es ist dann nicht mehr dein. Du
bekommst es nie im Leben wieder in die Hnde. Es bleibt fr alle Zeit in dieser
Rumpelkammer, und keinem Menschen wird es je gezeigt!
    Was war das fr ein Blick, den er in mein Gesicht frmlich bohrte? Ich mute
an Ahriman Mirza denken, den Teuflischen! Schaute etwa dieser Verfhrer mich
jetzt aus den funkelnden Augen des Ustad an! So hllisch erwartungsvoll! Ja, es
war eine groe, eine hochbedeutende Frage, welcher ich da gegenberstand. Ich
begriff den Ustad. Die ganze Hlle, gegen welche er einst vergeblich gekmpft
hatte, schaute mich jetzt mit diesem seinem Blicke an. Aber ich konnte ruhig
sein. Mich sollte sie nicht hindern, den Weg zu gehen, den ich mir ja schon
lngst vorgezeichnet hatte. Es wurde mir nicht schwer, mich zu entscheiden. Ich
hielt dem Ustad meine Rechte hin, schaute ihm ruhig lchelnd ins Gesicht und
sagte:
    Gieb mir deine Hand!
    Nun? fragte er schnell, indem er sie mir reichte. Was hast du
beschlossen?
    Wie gern erflle ich dir deinen Wunsch! Nimm alles hin! Es sei dein
Eigentum!
    Alles - alles? rief er in unbeschreiblicher Verwunderung.
    Alles!
    Aber weit du, was du thust?! Du hrst auf, zu sein, was du warst und was
du bist! Du kannst nie wieder solche Bcher schreiben, wie du geschrieben hast!
Du stirbst! Du mut ein vllig andrer werden! Hltst du trotzdem dein Wort?
    Ich halte es!
    Unglaublich! Ich erinnere dich noch einmal an die Folgen, Effendi! - Bist
du berhmt?
    Pah! Man spricht von mir. So lange man mich aber nicht begreift, mu es mir
gleichgltig sein, was man redet. Wenn man mich falsch versteht, spricht man von
einem Falschen, doch aber nicht von mir!
    Das klingt so wahr, doch aber auch so khl! Fast mchte ich es verchtlich
nennen! Bedenke aber, Effendi: Wenn du nicht mehr in dieser deiner bekannten
Weise schreibst, wird man gar, gar nicht mehr von dir sprechen! Dann bist du
tot, tot, tot!
    Du armer, armer Ustad! Was hast du doch fr irrige Begriffe von dieser Art
von Leben und dieser Art von Tod! Ich habe mich dir geschenkt, so, wie ich da an
diesen Ngeln hnge. Diese Embleme meiner bisherigen Thtigkeit, sie sind - - -
ich! Das Ich, welches ich war! Bin ich nun tot?
    Ja!
    Du irrst! Ich ging in diesem Augenblicke in ein anderes Leben ber, und
dieses andere wird ein hheres, schneres, edleres, unendlich wertvolleres sein.
Ich schrieb eine Menge Bcher. Ich lie mein Ich in ihnen sprechen. Ich wurde
nicht verstanden. Ich gab das Kstlichste, was es auf Erden giebt, in irdenem
Gefe. Ich fllte diese Schalen mit einem Rtsel an und lie die Menschheit
trinken. Es tranken Hunderttausende daraus, doch allen war der Trank nichts als
nur Wasser. Die Schale tuschte alle! Ich hatte es den Menschen zu bequem
gemacht. Man trank gedankenlos und lachte mich dann aus. Das ist der groe
Fehler, den ich mir vorzuwerfen habe, weiter nichts! Der Sterbliche trinkt
lieber Sumpfwasser aus goldenen Gefen, als Himmelsnektar aus nur irdenen. Da
stieg in mir ein heies Wallen auf. Es griff ein heiliger, wenn auch stiller
Zorn in meine Seele. Nicht da ich diese irdenen Gefe nun zertrmmerte, o
nein! Ich nahm mir vor, nun goldene zu geben, doch mit demselben Trank, den man
fr Wasser hielt. Ich habe mir das Gold dazu auf diesem Ritt geholt, der mich
zum geistigen Haupt der Dschamikun gefhrt. Du ahnst wohl nicht, wo ich hier
suchte und wo ich es fand. Von heute an werde ich im hohen Hause schreiben - - -
ganz anders als bisher. Und hat man es erkannt, wie thricht man einst war, so
wird man dann zurck nach jenen Schalen greisen, die man zur Seite stellte. Dann
leben meine alten Werke auf. Man wird sie mit ganz andern Augen lesen; die Seele
tritt hervor, die tief in ihnen lebt. Und wenn man erst den Geist erkennt, der
mir die Feder gab, dann wird sie dieser Geist in alle Huser tragen, in denen
sie bisher noch nicht zu sehen waren. - - - Nun sage mir, o Ustad, ob ich mich
fr gestorben halten mu!
    Da streckte er mir beide Hnde entgegen. Ich sah, da seine Augen feucht
waren, indem er zu mir sprach:
    Sihdi, nicht hier will ich dir sagen, was ich erkennen mu! Wir gehn hinauf
zu dir. Doch sage vorher, was mit dem Briefe war, den du uns zeigen wolltest!
    Er ist nun dein, antwortete ich.
    Mein? fragte er verwundert.
    Ja. Er steckt ja dort in deiner Satteltasche.
    In - - meiner - - meiner - - Satteltasche! wiederholte er lchelnd meine
Worte. Also du hast mit diesem Geschenke gewi und wirklich Ernst gemacht?
    Ja! es war Ernst. Ich habe dir nichts geschenkt. Du hast mich nur befreit.
Soll vielleicht ich nach diesem Briefe suchen?
    Thue es! - Dann gehen wir hinber in mein Zimmer.
    Ich fand das Schreiben, dessen sich der Leser wohl noch erinnern wird. Ich
gab es dem Ustad und ging dann hinaus, ohne mein bisheriges Eigentum noch einmal
anzusehen. Da sagte der Ustad, indem sie mir beide folgten:
    Effendi, du lssest deine Berhmtheit hier zurck. Willst du fortgehen,
ohne auch nur noch einen einzigen Blick auf sie zu werfen?
    Ja, antwortete ich. Berhmt! Kennst du diese Art von Berhmtheit? Sie ist
dmonischer Natur. Soll sie deine Freundin sein, so verzichte auf dich selbst,
und gieb ihr deinen Geist und deine ganze Seele hin!
    Wie wahr, wie wahr du sprichst! stimmte er mir bei. Ich kenne sie. Sie
war nicht nur meine Freundin; sie war mir mehr, viel mehr. Und was hat sie von
mir gefordert! Welche Opfer habe ich ihr gebracht! Jedem Laffen hatte ich mich
vor die Fe zu werfen und vor jedem hohlen Kopfe mich zu verbeugen! Jedem
Narren mute ich gefllig sein, um sie nur nicht zu schdigen, und jeden Dnkel
mir gefallen lassen, damit er ihr ja nicht gefhrlich werden knne. Meine Tasche
mute fr jede Thorheit offen sein, und wenn der Unverstand mich auch mit
tausend Albernheiten plagte, ich hatte still zu halten nur um ihretwillen. Der
Neid stand Tag und Nacht vor mir mit seinen Argusaugen; die Migunst schlich mir
nach auf allen Wegen, und wo ich mich zur Ruhe setzen wollte, sa schon die
Scheelsucht da und jagte mich von dannen. Ich durfte nicht so sprechen, wie ich
wollte, und was ich schrieb, das wurde von der Feindschaft falsch gedeutet. Ich
habe viel verloren, was ich jetzt schwer beklage, doch da ich zu dem allen auch
sie verlor, nach der ich einst gestrebt mit einer Gier, die ich fast Snde
nenne, das ist mir ein Gewinn, der den Verlust mich gern ertragen lt. Doch,
schweigen wir hiervon! Kommt jetzt herein zu mir!
    Als wir in seine Stube traten, hrten wir durch die offenstehende Balkonthr
den Hufschritt von Pferden. Die Gefangennahme des vierten Persers war also
gelungen. Der Ustad stellte das Licht auf den Tisch und betrachtete den Brief.
    Keine Adresse! sagte er. Nur die Zeichen, welche wir vorhin auf der
Vorderseite des Alphabetes sahen. An wen ist dieses Schreiben gerichtet?
    An Ghulam el Multasim, antwortete ich.
    Woher weit du das?
    Ich werde es dir erzhlen.
    Wir setzten uns nieder, und ich berichtete in mglichst kurzer Weise ber
unsere eigentmliche Bekanntschaft mit den Sillan, von unserer Begegnung auf dem
Tigris an bis auf den Kaffeewirt in Basra. Hierauf sagte ich auch noch, wen ich
hier bei den Dschamikun als zu dieser geheimen Gesellschaft gehrig entdeckt
hatte. Die beiden Zuhrer folgten meiner Erzhlung mit groer Aufmerksamkeit.
Als ich geendet hatte, sah der Ustad eine Zeitlang sinnend vor sich nieder. Dann
hob er den Kopf und sagte:
    Effendi, weit du, was du uns berichtet hast?
    Nun, was?
    Ereignisse aus einem Fabellande.
    Glaubst du, da ich dichtete?
    O nein! Der Brief ist ja Beweis. Er liegt als ein Gegenstand, welcher
unserer Krperwelt angehrt, in meiner Hand. Du hast wirkliche Thatsachen
erzhlt, nichts hinzugefgt, sondern ganz im Gegenteile sehr viel weggelassen,
wie ich vermute. Und doch sprach ich von einem Fabellande. Warum?
    Er sann wieder eine Weile nach. Dann fuhr er fort:
    Fabel und Mrchen! Ich frage nicht, was andere Leute sich bei diesen Worten
denken. Ich sage, was fr Vorstellungen diese Begriffe in mir selbst erwecken.
Was Gott den Klugen und Weisen verschweigt, weil sie es ihm nicht glauben, das
lt er den Kindern und Unmndigen erzhlen, damit der widerstrebende Verstand
von dem ungetrbten Glauben lernen mge. Es schweben zwischen Himmel und Erde
Wahrheiten, denen der Zweifel des geruschvollen Tages verbietet, sich zu der
Menschheit herniederzulassen. Aber in der verschwiegenen Nacht, wenn die Zweifel
schlafen, gleiten diese Wahrheiten an den freundlichen Strahlen der Sterne
herab, um, wie alles Himmlische, wenn es die Erde berhrt, sichtbare Gestalten
anzunehmen, sobald sie das ihnen verbotene Land erreicht haben. Sie hoffen, in
diesen Krperformen vor ihren Feinden sicher zu sein. Sie trennen sich. Die eine
Wahrheit geht in Tiergestalt als Fabelwesen durch Wald und Feld, kommt
vielleicht auch in Haus und Hof des Menschen, um ihm im Bilde mitzuteilen, was
ihm in anderer Weise zu sagen ein Wagnis ist. Die andere ist khner. Sie nimmt
die Form des bekannten Krpers an, der als das Ebenbild Gottes so berhmt
geworden ist, und sucht die Stdte und Drfer auf, wo sie sich fr ein
bescheidenes Mrchen ausgiebt, welches man passieren lassen kann. Sie hat
scheinbar so gar nicht viel zu sagen, da man sie gern hier und da zu Worte
kommen lt. Sobald sie spricht, denkt man sich zunchst nichts dabei. Doch wenn
sie fortgegangen ist, beginnt man unwillkrlich nachzusinnen. Dann kommt es
freilich an den Tag, da dieses sogenannte Mrchen ein Himmelskind gewesen ist,
welches, wenn man dies gewut htte, fortgewiesen worden wre. Nun hat es aber
doch gesprochen, und was es sprach, sitzt fest! - - Du lchelst, Effendi!
Warum?
    Weil du ein Freund dieser himmlisch reinen und irdisch doch so pfiffigen
Wahrheiten zu sein scheinst, antwortete ich. Auch ich habe sie sehr lieb.
Sprich weiter!
    Kennst du, fuhr er fort, das Mrchen von dem Sonnenstrahl, der hier auf
Erden Knig wurde und so mild und gut regierte, da alle seine Unterthanen,
sobald sie starben, sich in helle Sonnenstrahlen verwandelten und zum Himmel
stiegen?
    Ich kenne es.
    Auch das andere Mrchen, von dem Schatten des Strahles?
    Nein.
    Der Schatten wollte es dem Lichte gleichthun. Er fiel in ein
tieferliegendes Land und nahm dort ganz genau die Gestalt des andern Herrschers
an. Auch er machte sich zum Knige und ahmte alles wrtlich nach, was der gute
Herrscher da oben that und sprach. Abe er war leider nur der Schatten dieses
Herrn. Weit du, Effendi, was ein Schatten ist?
    Er ist das dunkle Kehrseitenbild derjenigen irdischen Wesen, welche im
Lichte des Himmels stehen, antwortete ich.
    Das war freilich keine physikalisch genaue Definition, sollte das aber auch
gar nicht sein. Ich ahnte, was der Ustad sagen wollte, und gab ihm die
Erklrung, die er dazu brauchte.
    Richtig, sehr richtig! stimmte er bei. Der Schatten setzt das Licht
voraus. Er ahmt die Gestalt nach, welche in diesem Lichte steht. Aber die
Nachahmung ist dunkel, so treu und so genau sie im brigen auch ausfallen mag.
Die Farbenbrechungen des himmlischen Lichtes entgehen dem Schatten ganz und gar.
Er ist der finstere, herz- und gewissenlose Doppelgnger von allem Lebenden, was
es auf Erden giebt. Ob es wohl in der Geistes- oder Seelenwelt ebenso Schatten
giebt wie in der Welt der Krper? Was meinst du wohl, Effendi?
    Natrlich giebt es sie.
    Wie denkst du dir das?
    Stelle etwas Geistiges oder Seelisches an das Licht, um es zu sehen, so
wird sich sofort der betreffende Schatten einfinden. Hinter jeder Tugend steht
dann das betreffende Laster, welches eine ganz genaue, aber kehrseitige
Nachahmung aller ihrer Vorzge ist. Hinter der weisen Sparsamkeit erscheint dann
der Geiz, hinter der Freigebigkeit die Verschwendung, hinter der Wahrheitsliebe
die grobe Rcksichtslosigkeit, hinter dem edlen Erwerbsinne der ordinre Betrug
und Diebstahl, hinter der Vorsicht die Feigheit, hinter dem Mute die
Unbedachtsamkeit, hinter der Beredsamkeit das Schwtzertum, hinter der
Verschwiegenheit die Starrkpfigkeit. Aber ich sehe auch noch andere Schatten
stehen: Die rcksichtslose Tyrannei hinter der segensreichen Macht, das
Schmeichlertum hinter dem Gehorsam, die Emprung hinter der Freiheit, den Mord
hinter der Notwehr, die Scheinheiligkeit hinter der Frmmigkeit, die
Schleicherei hinter der Demut, die Prahlsucht hinter der Selbsterkenntnis, den
Vller hinter dem Esser, den Sufer hinter dem Trinkenden, den Vagabunden hinter
dem Wanderer, den Verleumder hinter dem Richter. Soll ich noch weiter
fortfahren, Ustad?
    Nein; es ist genug, antwortete er. Deine Aufstellung war sehr
interessant, wahrscheinlich ohne da du weit, warum ich dies meine. Du
brachtest Tugenden und Untugenden, Zustnde und Regungen. Wie kommt es, da du
hieran dann Personen geschlossen hast? Ist das absichtlich geschehen? Wolltest
du etwa hiermit aus dem Gebiete des Geistes hinber nach dem Reiche der Geister
deuten? Hast du an das fr uns unsichtbare Land gedacht, an dessen Pforte die
sterbende Unwissenheit ihre letzten Worte Von hier giebt es keine Wiederkehr
ruft? Stand dir jenes Reich vor Augen, welches der Aberglaube mit Gespenstern
bevlkert, obgleich er, er, er das allereinzigste Gespenst ist, welches
existiert?
    Ich gab Beispiele, erwiderte ich. Eine Unterscheidung lag mir fern.
    Wohl! Schauen wir also nicht hinber, sondern bleiben wir bei den Menschen!
Jeder, der in der Sonne steht, kann, wenn er sich von ihr abwendet, seinen
Schatten sehen. Das ist physikalisch. Aber es giebt auch noch andere Schatten.
Ich will ihre Arten nicht aufzhlen. Aber eine von ihnen, welche ich die
mythologische nenne, mchte ich dir doch zeigen. Sie wurden im alten
Griechenland entdeckt und als Erinnyen oder Furien bezeichnet. Sind dir diese
Schemen bekannt, Effendi, die hllischer sind, als die Hlle selbst?
    Nur aus der Mythologie, sagte ich.
    Du irrst dich. Du hast sie auch im wirklichen Leben gesehen. Sie laufen da
allberall herum! Du hast sie nur nicht durchschaut, nicht definiert. Wenn die
Sonne genau in deinem Zenite steht, so hast du keinen Schatten. Der, den du
giebst, liegt unter deinen Fen; man sieht ihn nicht. Aber sobald sie den
Gipfelpunkt verlt, kommt der Schatten unter dir hevorgekrochen und wird umso
grer, je weiter sie sich von dir entfernt. In dem Augenblicke, an welchem dein
Tag dahinzusterben und die Sonne fr immer von dir zu gehen scheint, ist dieser
dein Schatten so weit ber alles Menschliche hinausgestiegen11, da er die ganze
hinter dir liegende Flche bedeckt und so vollstndig verdunkelt, als ob es hier
niemals in deinem Leben Licht gegeben habe. Das kannst du bei jedem
Sonnenuntergange beobachten. Es giebt aber auch noch andere Sonnenuntergnge.
Soll ich dir einen beschreiben? Den meinigen? Und den Riesenschatten, der da
hinter mir entstand?
    Er schaute in die kleine, leise hin und her wehende Flamme des brennenden
Lichtes, dann schlo er die Augen, als ob er selbst den nur matten Schein
desselben jetzt nicht ersehen knne, und sprach dann weiter:
    Mein Morgen war vergangen. Ich hatte Mittagszeit. Die Sonne stand grad ber
mir. Rund um mich her lag Helligkeit. Es wurde mir zu hei, so schattenlos in
solchem Licht zu stehen. Ich sah mich um. Meine ganze Welt schien Glck und
Frieden auszustrahlen. Nur Freundesaugen sahen mich an. Nur Freundeshnde
griffen nach meiner Rechten. Nur Freundesworte drangen an mein Ohr. Aber es war
mir unmglich, dieses so gnzlich ungetrbten Sonnenscheines in meinem Innern
froh zu werden. Ich kannte die alte Sage von jenem neidischen Erdengotte, der es
nicht duldet, da der Sterbliche sich glcklich fhle. Ich schaute besorgt empor
zur Spenderin all dieses grellen Lichtes. Sie lchelte mir, wie eben noch, in
heller Wonne zu. Aber ich sah, da sie ihre Stellung zu mir aufgegeben hatte.
Die Linie von ihr zu mir war schief geworden. Und da begann der Erdengott, sich
unter mir zu regen. Er hatte sich zu meiner Mittagszeit mit meiner Person so
vollstndig einverstanden erklrt, da er seine Dunkelheit gnzlich aufgegeben
zu haben schien. Da bemerkte ich, da die freundlichen Blicke mich verlieen und
nach unten glitten. Sie schauten hinter mich. Ich blickte an mir herab, bis tief
zu meinen Fen. Was sah ich da?! Einen Kopf, der unter mir hervorgekrochen kam!
Er ahmte die Bewegung des meinen nach. Wollte er mich verspotten? Oder haben die
Kpfe der Schatten so gar keine Spur von eigenem Gehirn, da sie, um existieren
zu knnen, auf die Nachffung lichtdenkender Menschen angewiesen sind? Werden
sie, die vollstndig gedanken- und urteilslosen, von jenem Erdengotte gezwungen,
diesen Menschen jede geistige Form und jede intellektuelle Bewegung abzustehlen
und sie im Bodenschmutze zu verzerren, um selbst auch einmal fr Etwas gehalten
zu werden? Der Kopf kam immer weiter und immer deutlicher hinter mir hervor. Er
bemhte sich, dem meinem mglichst hnlich zu werden. Es war sogar das Bestreben
zu erkennen, meine Gesichtszge wiederzugeben. Aber so oft ich ihm das Gesicht
auch zukehrte, ich sah doch nur, da ihm dies nicht gelang. Diese Schemen haben
ja ein-fr allemal darauf verzichtet, ein menschenwrdiges Antlitz zu besitzen!
Je mehr die Sonne sich von mir entfernte, um so dreister zeigte sich das
Phantom. Die Schultern, der Leib, die Arme kamen zum Vorschein, sogar auch die
Beine, aber nicht als wirkliche, greifbare, lebendige Gestalt, sondern als
wesenloses Trugbild, welches nur so lange stand hielt, als man sich selbst nicht
bewegte. Sobald man ihm aber nhertreten oder die Hand ausstrecken wollte, um es
zu prfen, wich es sofort zurck. Dabei war zu bemerken, da die erst vorhandene
Aehnlichkeit der Umrisse sich in ganz genau demselben Verhltnisse verringerte,
in welchem das Zerrbild sich vergrerte. Es verschwanden nicht nur sehr bald
diejenigen Konturen, welche mglicherweise htten auf mich schlieen lassen
knnen, sondern die Migestalt wurde allmhlich so unfrmlich und ging nach und
nach derart in das Ungeheuerliche ber, da es mir fast wie ein Wahnsinn vorkam,
die Stelle, an welcher ich stand, als den Entstehungspunkt derselben zu
betrachten. Freilich waren ihre Fe grad da zu sehen, wo ich mit den meinen
stand; auer diesem allereinzigen Umstand aber gab es keinen zweiten Grund,
anzunehmen, da diese ultramonstrse Ausgeburt in irgend einer Beziehung zu mir
stehe. Ich stand auf dieser Stelle aufrecht, selbstbewut, eine kraftvoll und
unabhngig sich bewegende Persnlichkeit! Wie aber der Schatten? Er hatte sich
aus dem Schmutze entwickelt, den ich mit Fen trat! Aus ihm war er unter diesen
meinen Fen hervorgekrochen! Aus ihm hatte er versucht, sich an mir
emporzurichten, wohl gar ber mich hinaus ins Sonnenlicht zu ragen! Aber es
giebt keinen Schatten, der nicht fallen mu! Auch dieser mein ultramonstrser
Schatten fiel! Er konnte und durfte nichts als fallen - fallen - - fallen! Das
ist das furchtbare Schicksal jedes Schattens - - jeder Dunkelheit - - jeder
Finsternis! - - Und das Selbstbewutsein? Konnte der Kopf meines Schattens
berhaupt Etwas enthalten? Ja? Nun dann aber ganz gewi nicht ein eigenes
Selbstbewutsein, sondern nur die schattenhafte Verzerrung des meinigen! Infolge
dieser Verzerrung glaubte er wahrscheinlich, mich zu haben; aber ich, ich hatte
ihn! Er war Schatten; er ist Schatten, und er wird Schatten bleiben! Er braucht
volle Menschheitspersonen, um durch sie zu existieren. Finden sie sich nicht
ein, um ihn zu werfen, wie man eben Schatten wirft, so kann er es nicht einmal
zum bloen Schemen bringen; er ist ein - - - Nichts! - - Und die kraftvoll und
unabhngig sich bewegende Persnlichkeit? Jeder Schatten bedeutet fehlendes
Licht. Ein Mensch, der sich zum Schatten anderer macht, hat seinem Geiste und
seinem freien Eigenleben entsagt. Er ist eine unselbstndige Dunkelexistenz
geworden, die berall, wo Licht vorhanden ist, nach Trbem, Dsterem und
Finsterem hascht. Diese Lichtscheu wirkt genau so, wie die Wasserscheu. Sie
giebt sich ganz und gar der Tollheit hin und folgt von Schritt zu Schritt, nur
um zu - - beien!
    Der Ustad hielt nach dieser lngeren Gedankenfolge inne. Man sah es ihm an,
da er keine Bemerkung von uns erwartete. Ich htte wohl manches einzuwenden
gehabt, sah aber keinen zwingenden Grund, dies augenblicklich zu thun. Gegen
derartige Ansichten und Anschauungen hat man vorsichtig zu verfahren. Es giebt
Meinungsverschiedenheiten, die nicht im Handumdrehen, sondern nur mit Hilfe der
Zeit zu beseitigen sind, und hier schien es mir, als ob grad diese Zeit es sei,
die solche bittere Gedanken in ihm befestigt hatte. Er fuhr nach dieser Pause
fort:
    Hast du, Effendi, einen Mann gekannt, Hadschi Halef Omar, den Scheik der
Hadeddhin vom Stamme der Schammar, der bereit war, mit seinem deutschen Sihdi
alle Qualen der Erde und der Hlle zu erdulden und tausend-, tausendmal fr ihn
zu sterben?
    Ich nickte nur.
    Du Glcklicher! Ich hatte keinen, keinen Halef! Ich besa nicht einen
einzigen Freund, der deinem Hadschi auch nur einigermaen hnlich gewesen wre!
Und doch gab es so viele, viele, die sich meine Freunde nannten, als ich in der
Mitte meines Sonnentages stand! Sie wollten nichts von mir; sie verlangten
nichts von mir; sie forderten nichts von mir; aber sie liebten mich alle, alle,
alle so wahr, so treu, so innig! Nur eins sollte ich ihnen bringen, weiter
nichts, weiter gar nichts: Nmlich Opfer, wieder Opfer und immer wieder Opfer!
Und ich brachte sie! Wie gern! Ich liebte ja die Menschen alle, alle! Ich
glaubte, da sie meiner Liebe wert seien. Ich wute nicht, da es klug sei,
nicht den Einzelnen an sich, sondern die Menschheit in ihm zu lieben. Meine
Freunde aber berschttete ich mit doppelter Liebe! Da kam der Augenblick, an
welchem ich bemerkte, da meine Sonne sich schief zu mir gestellt hatte. Welche
unerwartete Wirkung fand sich da ein! Auch an meinen Freunden und sonstigen
Bekannten begann jetzt so vieles schief zu werden! Sie dachten schief ber mich;
sie sprachen schief von mir; sie sahen mich schief an! Die Sonne wich mehr und
mehr von mir zurck; mein Schatten wuchs; meine Freunde wurden immer schiefer!
Gegen Abend ging es schneller mit der Sonne; mein Schatten fllte hinten mir
schon die ganze Strecke bis zum Horizonte aus; meine Freunde waren jetzt so sehr
schief geworden, da gar nicht ausbleiben konnte, was nun geschehen mute: Sie
verloren das Gleichgewicht; sie begannen, auch zu fallen, einer nach dem andern,
ganz genau so, wie mein groer Schemen fiel! Wohin fielen sie? Natrlich hinter
mich, als meine Schatten, Schatten, Schatten! Ich warf sie fort nach rckwrts,
hinweg zu ihm, der sich als Erdengott gebrdete. Er verschluckte sie mit wahrer
Orkusgier. Sein Nichts blhte sich nach dem Frae dieser vielen tausend Nichtse
zu einem so undenkbaren Nichtse auf, da er dnner und immer dnner und endlich
ganz unmglich werden mute! Es kostete mich schon Mhe, ihn, den
Ultradimensionalen, nur noch zu erkennen. Da wendete ich meine Augen von der
ebenso still wie unvermeidlich vor sich gehenden, schattenhaften Katastrophe ab.
Ich schaute empor. Soeben verschwand die Sonne. Und da geschah das, was an jedem
Tag geschieht und was wir doch bis heut noch nicht mit unserm Geist ergriffen
haben: Es flammte der Westen in goldener Glut. Sie sprhte gen Himmel in
zuckenden Blitzen. Ich tauchte den Blick in die feurige Flut und sah sie die
Berge mit Funken umspritzen. Da, als sie mir so das Geheime erschlo, da muten
die Erdenphantome verschwinden: Sie wurden zu nichts; auch das meine zerflo,
und ich ging, um das Licht ohne Schatten zu finden!
    Er war da, wo die Stze sich zu reimen begannen, aufgestanden und hatte
stehend gesprochen. Jetzt ging er hinaus auf den Balkon, wohl um die Gestalten,
welche in ihm erwacht waren, wieder zur Ruhe zu bringen. Als er dann wieder
hereinkam, fragte er mich, indem er vor mir stehen blieb:
    Hast du verstanden, wen und was ich mit diesen meinen Schatten meinte?
    Ja, antwortete ich.
    So wirst du durch mich vielleicht die deinen sehen lernen!
    Ich sa ruhig da. Ich antwortete nicht. Aber ich lchelte ihn an.
    Warum bleibst du still? fragte er.
    Sind Schatten es wert, da man von ihnen spricht? antwortete ich.
    Er sah mich erstaunt, ja fast betroffen an. Da fuhr ich fort:
    Wenn sie Nichtse sind, wie du behauptest, warum so viele Worte ber sie?
Fr Nichtse giebt es eben nichts. Sie scheinen dir also doch mehr als nichts
gewesen zu sein!
    Das war in der Vergangenheit. Das ist vorber! behauptete er.
    Vorber? - Wirklich?
    Ja!
    Und doch erregt dich der Gedanke an sie noch heut in einer solchen Weise,
da du soeben an der Luft gewesen bist, um dich zu beruhigen! Ustad, Ustad! Du
sagtest: Und ich ging, um das Licht ohne Schatten zu finden! Hast du es
gefunden?
    Er trat einige Schritte zurck, schttelte leise den Kopf, warf ihn dann
schnell zurck und fragte mich:
    Etwa du, Effendi?
    Von mir ist jetzt nicht die Rede, sondern von dir!
    Es war von dir die Rede, von deinen Schatten! Du hast jedenfalls gar nicht
gewut, da du welche hattest!
    
    Da stand nun auch ich auf.
    Mein Freund, sagte ich, mein armer Freund! Mir scheint, du hast das Leben
ganz verkehrt genommen. Die Nichtse waren bestimmend fr dich, nicht aber die
inhaltsvolle Wirklichkeit. Du wolltest diese Wirklichkeit beherrschen, wurdest
aber leider selbst nur von leeren Schatten regiert. Darum standest du machtlos
vor dem Leben, als es sein Turnier mit dir begann, und wurdest von ihm in den
Sand gestreckt! Du hattest es vielleicht wohl gar herausgefordert. Du dnktest
dich, ein starker Geist zu sein, und wolltest kmpfen gegen andre Geister. Weit
du, was da das Leben that, das riesenstarke, mitleidskluge Leben?
    Er schaute mich fragend an, antwortete aber nicht.
    Es kannte dich. Was wre wohl geworden, wenn es deine Forderung fr Ernst
genommen htte! Es fiel ihm gar nicht ein, sich vor dir im Harnisch
aufzustellen. Es schob dir einen seiner Schatten hin, die du ja selbst jetzt nur
Phantome nennst. Was thatest du? Du warfst dein Leben, deinen Geist und deine
ganze Rstung hin, ergriffst die Flucht und gingst in diese Berge, um dich hier
in der Gruft, in diesem Grabe deines Jugendmutes, und hinter einem fremden Namen
zu verstecken! Vor wem? Etwa vor dem Leben, welches dich gar nicht angegriffen
hat? Nein, sondern vor jenem Nichtse, das fr dich bald ein Erdengott und bald
ein nichtiges Phantasma ist!
    Ich hatte in wohl ernstem Tone gesprochen. Da griff er sich mit den Hnden
nach dem Kopfe, schaute vor sich nieder, lie die Arme wieder sinken, holte
tief, tief Atem und sagte:
    Effendi, du schonst mich wahrlich nicht! Ich sehe und ich hre, du bist
mein Freund, mein wirklicher! Solche Klarheit, wie du mir giebst, ist mir noch
nie geworden! Willst du mich vernichten, um mich als einen anderen wieder
aufzurichten? Wohlan, thue es! Doch erlaube mir, mich in deine Klarheit
hineinzufinden! Sie kommt zu pltzlich ber mich! Ein Nichts und doch ein
Erdengott! Ja, ich habe Beides gesagt und mit Beidem dieselbe Person gemeint.
Konnte sie beides sein, beides?
    Ja; sie konnte es. Aber ich bitte dich: Denke nicht an konkrete Personen,
niemals, nie! Sondern abstrahiere! Der Bauer reit die Giftpflanzen aus der Erde
und wirft sie auf den Dnger. Der Chemiker aber zieht auch aus ihnen wohlthtige
Extrakte. Auch ich kenne sogenannte. Erdengtter. Ich meine da nicht etwa die
wirklich groen Menschen, sondern eben die Gtter der Denkfaulheit und
Urteilslosigkeit. Fr mich aber sind sie nur wie jene Pflanzen: Ich koche ihre
Seelen fr mich aus, damit die meinige an diesem Trank sich strke. Andere
Grnde ihrer Existenz kenne ich nicht. Sie gedeihen nie im geistigen
Sonnenscheine, sondern immer nur da, wo das Reich der Schatten eine seiner
Provinzen errichtet hat. Dort sind sie Herr und Meister! Dort giebt es keine
Persnlichkeit, kein Wollen und kein Drfen. Die kleinen Schattlein haben ja
alle in den groen zu fallen, um zu huschen und zu schleichen, so, wie er
schleicht und huscht. Und wenn er einmal den Mund ffnet, weil dort im
Sonnenscheine eine wirkliche Existenz den Mund geffnet hat, so schau nur hin,
was da erscheinen wird! Was dort der lebendige Odem des Geistes war, das ist
hier nur der Dunst des lichtlos dunklen Bodens, auf dem der Schatten liegt und
kriecht. - Ich spreche im allgemeinen, denn geistige Personen giebt es hier ja
nicht. Wie ich auf die Schatten anderer sehr ruhig meine Fe setze, so mgen
die andern auch ganz getrost auf den meinigen treten. Sie verletzen damit keinen
wirklichen Menschen. Wer ihn aber mit Futritten strafen wollte, der wre ein
Thor, weil bei diesen Schemen ja berhaupt kein Stapfen haftet! So lange die
Erde steht, haben diese Zerrgebilde sich unter den Fen des menschlichen
Verstandes und der denkenden Vernunft herumgetrieben, aber ich habe noch nicht
gehrt, da ein Schatten durch diese Futritte nicht Schatten geblieben, sondern
Mensch geworden sei. Darum begreife ich, o Ustad, nicht, da die deinen eine so
groe Macht ber dich besessen haben und heut noch zu besitzen scheinen!
    Effendi, es waren die mythologischen Schatten die Furien! rief er aus.
    Wenn zehnmal und wenn tausendmal! Wer sind die Furien? Giebt es welche,
oder leben sie nur in unserer Einbildung? Im letzteren Falle sind sie Geschpfe
meiner Phantasie, und ich kann sie vernichten, wann, wo und wie es mir beliebt.
Im ersteren Falle aber frage ich: Wer steht hher, sie oder ich? Sie, die von
meinen Fehlern und Snden leben, oder ich, der ich sie ihnen hinwerfe, um rein
und gut zu werden? Welche Furie darf sich an mich wagen eines Fehlers wegen, den
ich nicht mehr habe, weil nun sie ihn zwischen ihren Krallen hlt, um sich an
ihm zu msten? Sie lebt von dem, was mir widerlich geworden ist. Sie steht so
unendlich tief unter mir, da ich es gar nicht hren oder sehen kann, wenn die
Knochen meiner Snden unter ihrem Raubgebisse krachen!
    Aber andere hren es! warf er ein.
    Wer? fragte ich schnell und kurz. Doch nur solche, die ebenso tief da
unten wohnen. Die werden allerdings einen zhnefletschenden Jubel erheben,
darber, da ihresgleichen sich abermals am Sndenaase laben kann. Aber jeder
Brave, dem es bekannt wrde, mte es anerkennen, da du nichts mehr von deinen
Fehlern wissen willst. Dies letztere mtest du ihm aber dadurch beweisen, da
du sie nicht etwa verteidigst, sondern sie den Furienkrallen schweigend
berlssest. Nun sag, wie hast du dich verhalten?!
    Da setzte er sich hin, senkte den Kopf, legte die Hnde zusammen und
antwortete:
    Effendi, ich habe mich gewehrt, gegen diese Furien gewehrt, fast bis zum
letzten Reste meiner Kraft!
    So wundere dich nicht darber, da sie sogar noch heute Macht ber dich
besitzen! Du hast ihnen nicht erlaubt, reine Arbeit zu machen. Ich sage dir:
Diese Eumeniden ruhen nicht. Sie werden nicht ohne Ursache mit kralligen
Fingern, gifttriefendem Munde und hervorgestreckter Zunge abgebildet. Ihr Gift
wird so lange triefen und ihre Zungen werden so lange heraushngen, bis dir der
letzte und auch der allerletzte Rest von dem, was nicht hineingehrt, aus dem
Leibe und aus der Seele gerissen worden ist!
    Da stand er rasch wieder auf, fate mich am Arme und sagte:
    Wie richtig, Effendi! Oh, du scheinst sie doch zu kennen! Weit du, was so
eine Furie that? Nein, du kannst es nicht wissen, nicht einmal ahnen! Du wirst
es fr unmglich halten, aber es ist die volle Wahrheit; du kannst es mir
glauben! Als diese Eumenide meine sogenannten ffentlichen Fehler ffentlich
verzehrt hatte, war sie noch nicht satt. Sie begann nun auch nach heimlichen
Snden zu suchen. Sie war so unvorsichtig, Briefe zu schreiben, in denen sie
fragte, ob man vielleicht etwas gegen mich wisse. Man brachte mir solche Briefe.
Wenn ich sie nicht gesehen und gelesen htte, so wrde ich heut wahrscheinlich
glauben, da es gar keine Furien gebe. Du siehst also, da sie nicht blo
mythologische Gestalten, sondern noch jetzt lebende Wesen sind! Schatten, die
unhrbar leise hinter meinem Rcken schleichen, um sogar die verborgensten
Bewegungen meines Lebens aufzufangen, damit man sie selbst trotz ihrer
Dunkelheit fr reine, lichte Wesen halte! - Glaubst du, was ich dir da erzhlte,
Effendi?
    Er wartete meine Antwort gar nicht ab, sondern fuhr fort:
    Du hast gelchelt, und jetzt lachst du gar! Und zwar so eigentmlich!
Warum? Du machst mich aufmerksam! Solltest vielleicht auch du - - du - - - du -
- - -? Doch nein! In deinem frommen Christenlande kann es ja niemals solche
Furien geben! Denn, wrde eine entdeckt, so mte sich die ganze Christenheit,
die volle Priesterschaft an ihrer Spitze, erheben, um entrstet nachzuweisen,
da ihre Liebes-, Gnaden- und Verzeihungsreligion unmglich Eumeniden dulden
kann! Verzeihe mir! Verzeihe mir im Namen deiner Christenheit, da mir auch nur
der Gedanke hieran kommen konnte! Ich sehe zu meinem Erstaunen, da ich noch
Schatten werfe, sogar auf dein geliebtes Abendland hinber!
    Beruhige dich! bat ich ihn. Der Knig des Schattenlandes, von welchem
dein Mrchen erzhlte, hat Unterthanen berall. Auch bei uns! Doch, will ein
solcher Schatten einmal zur Furie werden, so behandeln wir ihn anders, als du
deine Eumeniden behandelt hast. Wir lassen ihn sein trauriges Werk vollenden.
Wir stren ihn nicht. Es ist ja doch wohl mehr als Strafe genug fr ihn, da er
es thut! Wir sagen ihm sogar noch Dank dafr, jedoch nur ffentlich, selbst wenn
er heimlich wirkt. Du siehst, wir haben sogar fr die Furien nur Liebe und
Verstand! Wir Christen wissen nur zu gut: Es kommt die Zeit, in der die Schatten
schwinden. Was dann aus ihnen wird, das wissen wir zwar nicht, doch sagt das
heilige Buch: Ihre Werke folgen ihnen nach! Und ich, ich mchte dereinst mit
solchen Werken nichts zu thun haben. Ich habe mit den Menschen, selbst mit
solchen Furien, nachsichtig zu sein, weil ich wnsche, da Gott dann, wenn es
sich um meine Abrechnung handelt, auch gndig mit mir sein mge!
    Da sagte er in pltzlich ganz anderem Tone:
    Du sprichst von einem Wir. Etwa mit Ueberzeugung, Effendi? Spielen wir
Komdie miteinander? Denken und handeln wirklich alle Christen so, wie du mit
diesem Wir mich glauben machen willst?
    Komdie? fragte ich. Wer hat damit begonnen, ich oder du?
    Wieso ich?
    Jetzt war er es, welcher bei diesen zwei Worten lchelte. Dieses Lcheln
verriet mir, da es ihm ganz lieb sei, von mir verstanden worden zu sein. Doch
drngte ich ihn noch weiter, indem ich sprach:
    Wie war deine Bitte um Verzeihung gemeint, Ustad?
    Ganz so, wie du willst; ganz so, wie du sie betonst. Man kann mit genau
denselben Worten Glauben oder Zweifel, Vertrauen oder Mitrauen, Lob oder Tadel
aussprechen. Es kommt auf den Ton an und auf den Willen dessen, zu dem man
redet. Du bist kein Kind. Ich wei, da ich nicht ntig habe, gegen dich auch
noch in der Betonung deutlich zu sein, wenn ich es schon in den Worten, welche
ich whle, bin. Ich knnte dir eine groe Ueberraschung bereiten, wenn ich dir
sagte, wer und was meine Schatten, meine Furien waren. Denke jetzt einstweilen
nicht an ein bestimmtes Land! Thue das nun selbst, was du mir angeraten hast:
Abstrahiere einmal! Ich werde erst spter hierber sprechen. Nur eine
Mitteilung, eine einzige, will ich dir heut schon machen. Sie betrifft - - -
doch nein! Auch hierzu bist du noch nicht vorbereitet! Es mu ja alles kommen,
wie es kommen soll, aber scheinbar ganz von selbst. Jede Entwickelung, welche
Sprnge macht, ist eine falsche. - - Bitte, kehren wir lieber und endlich,
endlich wieder zu dem Briefe des Multasim zurck!
    Er hatte ihn vorhin fortgelegt. Jetzt nahm er ihn wieder in die Hand, um nun
auch die Rckseite zu betrachten.
    Kein besonderes Petschaft! sagte er. Man hat den Brief mit einem goldenen
Tuman12 versiegelt. Das kann ein jeder thun, der ein Goldstck besitzt, ist also
gleichgltig fr uns.
    Nein, sagte ich. In solchen Dingen hat auch der geringste Nebenumstand
Wert. Ich pflege darum alles, auch das scheinbar Unbedeutende in Betracht zu
ziehen.
    Meinst du, da dieser Tumanabdruck uns auf irgend einen Gedanken bringen
knne?
    Er kann es nicht nur, sondern er hat es bereits gethan.
    Bei dir?
    Ja. Denke an die Ringe! Silberne und goldene. Das bessere Metall bedeutet
einen hhern Rang. Liegt da nicht die Vermutung nahe, da es in Beziehung auf
den Siegelverschlu ebenso ist?
    Das ist allerdings nicht unmglich. Hieran htte ich nicht gedacht!
    Je hher der Rang des Schreibenden, ein desto wertvolleres Geldstck hat er
zu nehmen. Und weiter! Warum nimmt man keine Petschaft, sondern Mnzen?
    Durch das Petschaft wrde man sich unter Umstnden verraten. Mnzen aber
knnen keinen Anhalt geben.
    Sehr richtig! Hieraus aber ist darauf zu schlieen, da der Inhalt dieser
Art von Briefen, falls sie in falsche Hnde kommen, fr den Schreiber selbst
gefhrlich ist. Der Tuman ist die hchste Mnze. Der Verfasser dieses Schreibens
steht also hoch im Range. Sie ist ferner eine persische Mnze. Der Brief aber
wurde unten im Irak Arabi aufgegeben, wo trkisches Geld kursiert. Was ist
hieraus zu folgern?
    Da der Schreiber ein Perser ist, und da er dieses Goldstck als Petschaft
bei sich trgt. Oder nicht?
    Ja. Schau, wie nun auch dir Gedanken kommen! Der Tuman wollte dir erst als
gleichgltig erscheinen, und jetzt hat er dir schon so viel gesagt!
    Aber doch ohne Erfolg! Tuman ist Tuman. Es kann nicht ein jeder, der so ein
Goldstck besitzt, der Schreiber dieses Briefes sein!
    Allerdings. Aber bei wem man dieses findet, grad dieses, den darf man doch
wohl mit sehr groer Wahrscheinlichkeit fr den hohen Sill halten, der ihn
abgeschickt hat?
    Gewi! Aber von wem knnte man erfahren, da es grad dieser Tuman, also
derselbe und kein anderer sei?
    Von dem Tuman selbst.
    Wieso?
    Betrachte die Siegel genau, so wirst du es wohl finden!
    Er that es, doch, wie es schien, vergeblich.
    Ich sehe nicht Besonderes an diesem Abdrucke, sagte er dann.
    Gehe ber den Rand des Goldstckes hinaus, unterwies ich ihn. Was siehst
du da?
    Der Lack ist dick, der Abdruck also tief. An den Rndern giebt es auch
Eindrcke, kleine, die wohl zufllige sind.
    Nein, nicht zufllig. Schau sie genau an, und zwar nicht einzeln, sondern
denke sie dir zusammen! Der Tuman hngt an einem dnnen Kettchen, dessen Glieder
aus den Buchstaben Sa und Lam zusammengesetzt sind. Weil bei dem Siegeln zu viel
Lack genommen worden ist, haben sich einige dieser Glieder mit abgedrckt. Nun
ich dir dies gesagt habe, wirst du sie wohl deutlich als die genannten
Buchstaben erkennen.
    Allerdings, allerdings, besttigte er. Nun ich es wei, sehe ich es auch.
Der Tuman hngt an einem Kettchen. Er wird also getragen, um immer bei der Hand
zu sein. Aber wo?
    Suche es! Die Antwort liegt schon bereit.
    An welchem Orte?
    Dort auf dem Briefe.
    Ich sehe nichts!
    So will ich es dir sagen, damit du auch das dann siehst. Der Tuman hngt am
Ringe einer Geldbrse. Das andere Ende des Kettchens ist an diesen Ring
befestigt. Das Goldstck steckt stets in der Brse. Wenn er sie durch das
Aufschieben des Ringes ffnet, zieht er dadurch zu gleicher Zeit den Tuman
hervor. Er braucht ihn auf diese Weise nicht erst unter den andern Geldstcken
hervorzusuchen und kann ihn auch nicht irrtmlicherweise ausgeben oder gar
verlieren, falls er nicht etwa die Brse selbst verliert.
    Bist du allwissend, Effendi? Ich sehe nichts von allem, was du sagst!
    Man sieht es aber doch sofort! Wie viel Siegel hat der Brief?
    Fnf.
    Er wurde von rechts unten nach links oben gesiegelt. Der Lack ist ein sehr
guter, weicher. Er wird nicht sofort hart. Das Kettchen ist nicht so lang, wie
der Brief breit ist. Als der Absender links oben das letzte Siegel machte, kam
infolgedessen die Brse quer auf die drei ersten Siegel zu liegen. Indem er mit
den Fingern den Tuman da oben in den Lack drckte, drckte er zu gleicher Zeit,
natrlich aber ohne es zu wollen, mit dem Handballen auf die Brse. Die drei
Siegel waren noch nicht ganz kalt und hart geworden, und so kam es, da von den
Maschen des Geldbeutels und von dem untern Teile des Ringes Spuren entstanden,
die gar nicht schwer zu bemerken sind. Du darfst nur nicht blo nach den
Abdrcken des Tuman sehen, welche tief liegen, sondern auch die hohen, breiten
Rnder des Lackes betrachten; dann wirst du ganz dasselbe bemerken wie ich.
    Er sah genauer nach, gab dann den Brief dem Pedehr und sagte:
    Schau auch du ihn an! Wrdest du etwas finden, wenn du nicht gehrt
httest, was der Effendi sagte? Und nun sieht man die Maschen ganz deutlich und
auch die Stelle, wo der Ring gelegen hat. Und da habe ich geglaubt, sehen zu
knnen!
    Du konntest auch sehen, aber du dachtest und kombiniertest nicht dabei,
erklrte ich. Es ist gar nicht so leicht, wie ihr nun vielleicht denken werdet,
mit dem krperlichen Auge diese Eindrcke, mit dem geistigen dann aber auch
sofort das Kettchen, die Brse und den Ring zu sehen. Nachdem ich vorwrts
geschlossen und die Sache gefunden habe, ist es nun fr euch nicht schwer, auf
diesem meinem Wege rckwrts zu gehen und mir zu besttigen, da ich mich nicht
geirrt habe. Dein Wunsch, Ustad, ist also erfllt: Du weit, wo der Tuman
getragen wird.
    Ja, lchelte er. Wenn ich einen Menschen sehe, an dessen Geldbeutelringe,
wenn er ihn aus der Tasche zieht und ffnet, an einem Sa- und Lam-Kettchen ein
persischer Goldtuman hngt, so habe ich den Verfasser dieses Briefes entdeckt!
Mein lieber Effendi, habe doch die Gte, ihn mir so schnell und so sicher zu
bringen, wie du uns gelehrt hast, diese Siegel zu verstehen! Kannst du zaubern?
    Nein. Es giebt berhaupt keine Zauberei. Aber wer zur rechten Zeit und an
der rechten Stelle zuzugreifen versteht, dem wird vieles gelingen, worber
andere sich dann laut verwundern. Der Schreiber dieses Briefes ist ein Perser.
Wir sind in Persien. Ist es eine Unmglichkeit, da er uns irgendwo und
irgendwann begegne? Aber ihn dann auch wirklich sehen, ihn erkennen und - - dann
rasch zugreifen! Das ist es, was wir dann zu thun htten! Wrden wir das?
    Ich hoffe es! antwortete der Ustad, indem er den Brief von dem Pedehr
zurcknahm. Aber das Schreiben ist ja noch gar nicht geffnet!
    Warum nicht?
    Weil ich nicht der Adressat bin. Verschlossene Briefe sind mir heilig.
    Was bist du fr ein Mann! War den Schatten vielleicht an dir etwas heilig?
Sogar ermordet solltet ihr von ihnen werden! Und nun wagst du dich nicht an
dieses armselige Papier, obwohl du weit, da ein Schatten es beschrieben hat
und da es hchst wahrscheinlich Dinge enthlt, welche guten, ehrlichen Menschen
Schaden bringen mssen! Ich werde ihn sofort ffnen!
    Er nahm ihn derart in seine beiden Hnde, da ich sah, er wolle die Siegel
erbrechen.
    Halt! rief ich ihm zu. Nicht so!
    Wie denn?
    Verletze die Siegel nicht!
    Du meinst, ich solle ihn aufschneiden?
    Auch nicht!
    Aber was sonst? Warum diese Einwnde?
    Weil wir Grund haben, bedachtsam zu sein! Es ist mglich, da wir diesen
Brief zu unserem Vorteile brauchen knnen, entweder gegen den Verfasser selbst
oder gegen Ghulam, an den er gerichtet ist, vielleicht auch gegen beide.
    Um dies zu wissen, mssen wir ihn eben ffnen und lesen!
    Aber mit Vorsicht! Wie nun, wenn wir nach dem Oeffnen guten Grund fnden,
die Schatten glauben zu machen, da er noch unverletzt sei?
    Maschallah! Hltst du das fr mglich?
    Gewi! Wir haben ihn so zu ffnen, da wir ihn genau wieder so verschlieen
knnen, wie er jetzt verschlossen ist.
    Wer kann das thun! Ich habe kein Geschick zu solchen Dingen!
    Bei diesen Worten reichte er das Schreiben mir. Nun untersuchte ich es
sorgfltiger, als ich es frher gethan hatte. Ich war der Meinung gewesen, da
es ein zusammengefaltetes Blatt sei, aus nur einem Stcke bestehend. Als ich den
Brief nun gegen das Licht hielt, bemerkte ich, da er aus zwei Teilen bestand,
dem Umschlage und dem eigentlichen Schreiben, welches innen lag. Der Umschlag
war kein Couvert in unserm Sinne, mit vier auf die Rckseite geschlagenen und
dort zusammengeleimten Ecken, sondern einfach ein zusammengelegtes und mit den
Enden ineinander gestecktes Papier, ungefhr so, wie unsere Apotheker die
Papierumschlge fertigen, in denen sie ihre Pulver verkaufen. Es gab also auf
der Rckseite nicht vier zusammenstoende Rnder, sondern nur einen, der quer
ber die Mitte ging. Er war durch das mittelste Siegel verschlossen worden. Die
andern vier Siegel erschienen also als vollstndig berflssig, obgleich
anzunehmen war, da man auch sie nicht ohne Grund angebracht hatte.
    Es handelte sich also nur darum, den Mittelverschlu zu ffnen, ohne da
dies spter zu entdecken war. Als ich das den beiden Andern mitteilte, bat der
Pedehr mich um den Brief. Er bekam ihn, hielt ihn auch gegen das Licht, griff
mit dem Zeigefinger erst rechts, dann links in den Umschlag und sagte lachend:
    Wo sich Gelehrte vergeblich die Kpfe zerbrechen, da findet der ungelehrte
Mutterwitz sofort das Richtige. Ich mache auf, ohne ein Siegel anzurhren!
    Er zog auf der einen Seite den nach innen geschlagenen Teil des Umschlages
heraus, schob hierauf zwei Finger hinein und brachte das Schreiben hervor. Der
Ustad lachte, und ich stimmte ein. Der Pedehr aber sagte ernst:
    Hier zeigt sich wieder einmal, wie wenig sich der Bse auf den Bsen
verlassen kann. Und wenn der Ungerechte seine Absichten sogar fnfmal
versiegelt, sie kommen trotzdem an den Tag, und zwar infolge seines eigenen
Leichtsinnes und seiner Unvorsichtigkeit!
    Wir schlugen das Schreiben auf. Wir waren fast begierig, es zu lesen. Wir
thaten das zu gleicher Zeit, ich mit meinem Kopfe ganz neben dem des Ustad. Aber
schon nach kurzer Zeit erhob er den seinen, ich den meinen. Wir sahen einander
verwundert an.
    Kannst du es lesen? fragte er mich.
    Nein, antwortete ich.
    Ich auch nicht! Ist dir diese Sprache bekannt?
    Nein.
    Auch mir nicht! So knnen nur ganz wilde Geschpfe sprechen. Aber die
schreiben doch nicht!
    Es ist Tliq-Schrift!
    Ganz wohl! Dieselbe Schrift, von welcher wir vorhin - - -
    Er hielt mitten in der Rede inne, sprang auf, machte eine Gebrde der
Ueberraschung und fuhr dann fort:
    Effendi, welch ein Gedanke! Wenn er richtig wre!
    So sprich ihn aus!
    Diesen Brief hat ein Sill geschrieben. Du behauptest, der Multasim sei auch
ein Sill und hltst ihn fr den Adressaten. Wir haben vorhin bei ihm ein
Tliq-Alphabet gefunden. Sollte dieses Alphabet sich etwa auf diesen
Briefwechsel beziehen?
    Dieser Gedanke war zwar frappierend, aber ganz natrlich. Wir nahmen das
kleine Heftchen vor, schlugen es auf und begannen, zu vergleichen. Wie freuten
wir uns, schon gleich bei den ersten Buchstaben zu sehen, da der Ustad mit
seiner Vermutung das Richtige getroffen hatte! Es stand in dem Heftchen ganz
deutlich, wie das Schreiben, welches wir geffnet hatten, zu lesen war. Wir
hatten sehr einfach die Buchstaben so zu verwechseln, wie es dort angegeben
wurde. Indem ich auf meine Umschreibung in das deutsche Alphabet auf Seite 62
dieses Buches zurckgreife, ist dies so zu verdeutlichen, da t statt a, u statt
b, v statt c, w statt d u.s.w. zu lesen war.
    Der Ustad holte zwei Papierbltter, fr sich eine und fr mich das andere.
Dann setzten wir uns hin, um die vorgeschobenen Buchstaben in die richtigen zu
verwandeln. Als wir damit fertig waren, stellte es sich heraus, da zwischen den
beiden Schreiben nicht der geringste Unterschied bestand.
    Nun hatten wir mit dem Sinne der Worte zugleich den Inhalt des Briefes
kennen gelernt. Fr den Uneingeweihten wre er selbst jetzt nach der
Entzifferung ein Rtsel geblieben. Aber so wenig wir ber die Silben wuten, so
war es doch genug fr uns, diesen Inhalt zu verstehen. Der Brief lautete
folgendermaen:

                An Ghulam el Multasim, meinen Henker!

    Es ist die Zeit gekommen, da die Gul--Schraz auf der Brust von Rafadsch
        Azrim zu erblhen hat. Das soll am fnften Tage des Monates Schaban
        geschehen, zur Zeit des Abendgebetes, keine Stunde frher, keine spter.
        Du brauchst ihn nicht zu suchen. Er wird dir zugefhrt, wo es auch immer
        sei. Du weit, da ich zwar unsichtbar, doch auch allmchtig und
        allgegenwrtig bin! Blht sie nicht ihm, so blht sie sicher dir!
                                                            Der Aemir-i-Sillan.
    Welch eine wichtige Entdeckung wir da machen! rief der Ustad aus, als
diese Zeilen laut vorgelesen worden waren. Wenn man doch wte, wer dieser
Aemir-i-Sillan ist!
    Greif nicht sofort zu hoch! forderte ich ihn auf.
    Wie meinst du das? fragte er.
    La uns, ehe wir Fragen aufwerfen, den Brief erst geistig anschauen! Der
Inhalt ist uns verstndlich; aber das, worauf er sich bezieht, kennen wir noch
nicht. Wir haben es uns zu suchen, auf dem Wege des Nachdenkens. Auf den
Obersten der Schatten knnen wir nur am Ende dieses Weges stoen. Du aber
willst, um ihn sofort zu finden, den ganzen Weg berspringen und machst also
einen Salto mortale in das Ungewisse hinein. Jugendlicher Strmer!
    Da lachte er vergngt, was ihn bei seinem hohen Alter unendlich rhrend
machte, und sprach die heitere Bitte aus:
    So fhre mich auf diesem Wege an deiner Hand so Schritt fr Schritt
spazieren, wie es fr schwache Greise, wie wir sind, sich geziemt!
    Ja, komm, und hnge bei mir ein! Wir wollen nach dem Gewaltigen suchen
gehen, dem Mord und Rosenduft gleichbedeutend sind, weil sich in ihm, dem schon
von weitem nur nach intellektuellem Dnger Riechenden, die Emprung gegen die
geheiligte Lebensordnung verkrpert.
    Ob wir ihn aber auch finden werden?
    Wenn nicht heut, so doch wahrscheinlich morgen. Wir brauchen uns keine Zeit
zu nehmen, denn wir haben ja Zeit; es drngt uns nichts! Beginnen wir also von
vorn, ganz vorn bei dem Anfang unserer Kenntnis von den Schatten!
    Das wre also in jener Tigrisbucht, in welcher die ersten Sillan zu euch
kamen?
    Ja. Welcher Nationalitt waren sie?
    Perser.
    Gut! Merke dir das! Welchen Titel hatte ihr Anfhrer?
    Pdr-i-Baharat, Vater der Gewrze. Er klagte aber darber, da er jetzt
nur als Sill-i-Safaran, als Schatten des Safrans zu betrachten sei. Auch das war
also ein Titel.
    Bitte, merke dir auch dieses, bis ich darauf zurckkomme! Was hatte er fr
einen Ring?
    Einen goldenen. Er bekleidete also eine hohe Charge.
    Welcher Sill war dann der nchste, den wir trafen?
    Der Bettler, welcher mit seinem Weibe zu euch auf das Flo kam.
    Ein Perser?
    Nein. Er hatte einen silbernen Ring, war also ein ganz gewhnlicher Sill.
    Weiter! Dann?
    Der Sfir. Er war Perser und hatte einen goldenen Ring.
    Bitte, fahre fort!
    Ghulam el Multasim mit dem goldenen Ringe und Ahriman Mirza mit seiner noch
hheren Auszeichnung, beide aber Perser.
    Du hast die Pascher vergessen, welche wir am Birs Nimrud gefangen nahmen.
Hltst du sie fr Perser?
    
    Nein. Denn sie wurden begnadigt, trkische Zollbeamte zu werden, was wohl
nicht htte geschehen knnen, wenn sie persische Unterthanen gewesen wren.
Warum fragst du bei diesen allen nach der Nationalitt?
    Weil dies der Weg ist, auf dem wir jetzt mit einander spazieren gehen. Die
hheren Sillan waren Perser, die niedrigen aber nicht. Du suchst aber nach dem
Aemir-i-Sillan. Wenn alle hheren aus Persien kamen, wo ist da wohl mit fast
untrglicher Sicherheit der allerhchste erst recht zu finden?
    Natrlich auch in Persien! Das wrde fr mich sogar eine ganz unumstliche
Gewiheit sein, wenn es nicht einen Umstand gbe, der gegen diese Annahme
spricht.
    Ich errate, was du meinst.
    Nun, was?
    Da der Brief unten in Korna aufgegeben worden ist, so weit von hier, auf
trkischem Gebiete.
    Ja, das ist es, Effendi. Es folgt daraus, da der Schreiber desselben
entweder da unten im osmanischen Irak Arabi wohnt, oder sich zur Zeit, als der
Brief geschrieben wurde, dort aufgehalten hat. Du siehst, da auch ich mit
meinen Gedanken spazieren zu gehen verstehe!
    Allerdings! Aber man thut das doch nicht mit zugemachten Augen!
    Hre, ich glaube, sie ganz gewi offen zu haben! Oder nicht?
    Nein. Wenn du sie offen httest, mtest du doch wohl den Sfir sehen!
    Den Sfir? Den sehe ich ja, sogar sehr deutlich. Er befindet sich in den
Ruinen von Babylon und hat mit Esara el Awar in Korna, dem das Schreiben
bergeben wurde, nichts zu thun.
    Um so wichtiger aber ist er fr die Frage, welche wir beantworten wollen.
Sage mir, Ustad, was man unter einem Sfir versteht!
    Einen Gesandten. Einen Vertrauensmann, welchen man schickt, damit er eine
wichtige Angelegenheit erledige.
    Vollstndig richtig! Wer hat diesen Sfir abgeschickt?
    Natrlich der Aemir-i-Sillan.
    Wohin?
    Hinab nach Babylon.
    Also nach dem Irak, wo auch Korna liegt und wo der Brief aufgegeben worden
ist. Ich habe den letzteren in Basra bekommen. Dort aber hat er wer wei wie
lange bei dem Kaffeewirte gelegen, und von Korna ist er wohl auch nicht sofort
abgegangen. Nun bitte ich dich, nachzurechnen! Du kennst unsere Erlebnisse.
Frage dich: Wann erschien der Sfir in Babylon? Vergleiche hiermit die Zeit, in
welcher der Brief in Korna abgegeben worden sein mu. Was findest du dann?
    Da diese Zeiten stimmen, da sie dieselben sind! Effendi, es scheint, du
hast die Augen offener als ich!
    Warte nur; ich bin noch gar nicht fertig. Ich sehe noch mehr! Wann wurde
der Sfir zum erstenmal erwhnt?
    Bei der Gefangennahme des alten polnischen Bimbaschi in den Ruinen. Da war
er auch schon da.
    Sehr richtig! Er ist also schon vor Jahren und wiederholt im Irak gewesen.
Er kennt die dortigen Sillan. Er mute also auch Esara el Awar kennen, an den
der Brief abgegeben wurde. Und nun kommt der Hauptpunkt: Schickt man ein
Gesandten dahin, wo man sich selbst befindet?
    Nein; gewi nicht!
    Ist also anzunehmen, da der Aemir-i-Sillan zu derselben Zeit im Irak war,
als sein Stellvertreter sich dort befand?
    Schwerlich!
    Hierzu kommt, da es sich um hchst wichtige Dinge handelte. Die
Vernichtung der Karawane des Kammerherrn, die Bestechung des Sandschaki von
Hilleh und noch so manches andere erscheint mir jetzt in einem ganz andern
Lichte als damals. Ich werde spter hierauf kommen. Aber das alles war so
wichtig, da der Aemir-i-Sillan ganz gewi persnlich gekommen wre, wenn er
sich zu derselben Zeit in dieser Gegend befunden htte. Ich bin also aus diesen
und noch andern Grnden vollstndig berzeugt, da er es nicht selbst war, der
diesen Brief in Korna abgegeben hat. Ich nehme vielmehr an, da dies von dem
Sfir besorgt worden ist.
    Wenn du das in dieser Weise darlegst, mu ich dir recht geben. Aber Ghulam,
der Henker, welcher das Schreiben erhalten sollte, war doch in Persien. Warum
wurde es ihm nicht direkt geschickt? Warum mute es einen so weiten Weg ber das
Ausland machen? Ich begreife das nicht. Etwa du?
    Ja. Ich glaube, den Grund zu kennen.
    So bin ich wohl begierig, ihn zu erfahren.
    Er heit: Vorsicht! Der Aemir-i-Sillan hat sich zu verstecken. Er hllt
sich in das tiefste Geheimnis ein. Seine persnliche Sicherheit erfordert das.
Du hast doch gehrt, da der Pdr-i-Baharat Emprungsgedanken gegen ihn hatte;
er sprach von noch anderen, welche ganz derselben Gesinnung seien. Der Oberste
der Schatten hat sich also nicht nur vor dem ffentlichen Gesetze, sondern sogar
vor seinen eigenen Leuten sehr in acht zu nehmen. Niemand darf erraten, wer er
eigentlich ist. Wir wissen ja, da er stets einen Kettenpanzer trgt, wenn er am
Montag des Soldes in die Versammlung seiner sogenannten Pdrahn tritt. Je
grere Macht er einem seiner Untergebenen anvertraut, desto mehr hat er selbst
ihn dann zu frchten. Vor wem hat er sich wohl am meisten in acht zu nehmen?
    Das wei ich nicht!
    Nicht? Es ist aber doch so leicht, es sich zu denken! Die Macht liegt nicht
im Besitze, sondern in der Ausfhrung der Gewalt. Die Gewalt ber Leben und Tod
aber ist die hchste. Kennst du den nicht, der die hierauf bezglichen Befehle
auszufhren hat?
    Maschallah! Jetzt wei ich es! Ghulam el Multasim. Er ist ja der Henker! Du
dachtest doch an ihn, Effendi?
    Gewi! Der Aemir-i-Sillan hat sich vor niemand so zu hten wie vor seinem
Henker, weil dieser der blutige Schatten seiner eigenen Verbrechen ist. Er hat
sich unausgesetzt und so sorgfltig vor ihm zu verstecken, da nicht die
geringste Ahnung aufkommen kann, wer der Frst ist und wo er sich befindet. Und
doch hat er ihn ebenso unausgesetzt und sorgfltig im Auge zu behalten, um stets
ber die Gesinnungen des Henkers genau unterrichtet zu sein. Darum schreibt er
ihm hier in dem Briefe: Du weit, da ich zwar unsichtbar, doch auch allmchtig
und allgegenwrtig bin! Er wird sich also fast immer in der Nhe des Henkers
befinden, teils aus Vorsicht und teils, um ihn stets zur Ausfhrung seiner
Befehle an der Hand zu haben und dabei beaufsichtigen zu knnen. Wer den Frsten
der Schatten finden will, mu zu Ghulam el Multasim suchen gehen!
    Da klatschte der Pedehr seine Hnde laut zusammen und rief aus:
    Effendi, ich war zwar still bisher, aber ich bin auch mit spazieren
gegangen. Es ist ja ganz erstaunlich, was du alles siehst und zusammenholst,
wenn man so mit dir geht! Doch sobald man es dann in die Hnde nimmt und ganz
genau betrachtet, mchte man sich fast vorwerfen, blind gewesen zu sein. Jetzt
aber sind auch mir einige Gedanken gekommen, welche ich dir mitteilen mchte.
Erlaubst du es?
    Von Erlaubnis kann keine Rede sein. Ich bitte dich darum, antwortete ich.
    Ihr habt vorhin noch einige Sillan vergessen. Nmlich die zwei Mnner im
Khan Iskenderijeh, wo ihr eure Pferde trnktet und von den beiden hrtet, da
die Karawane des Kammerherrn kommen werde. Sie waren keine Perser und hatten nur
silberne Ringe. Auch das deutet darauf hin, da die hohen Sillan sich nur hier
in Persien befinden. Ich habe aber einen noch viel besseren Beweis hierfr.
Nmlich der Pdr-i-Baharat erwhnte eine Synagoge, in welcher diese Hohen am
Montage des Soldes zusammenkommen. Lge diese Synagoge da, wo man arabisch oder
trkisch spricht, so htte er sie ganz gewi Sinawon, Chawra oder Jhudi
Chawrasy genannt. Da er sie aber als Mjm-i-Yhud bezeichnete, so ist
anzunehmen, da sie hier in Persien liegt. Ebenso vermute ich, da die Pdrahn
ihren Wohnsitz nicht in groer Ferne von ihr haben knnen, weil es ihnen sonst
nicht mglich sein wrde, sich an dem Versammlungstage regelmig einzufinden.
Giebst du mir da recht?
    Ja. Grad hierauf wollte ich euch spter aus ganz besondern Grnden
aufmerksam machen.
    Und nun die Gewrze, fuhr der Pedehr fort. Die sind mir aufgefallen. Es
wurde von einem Vater der Gewrze gesprochen, von einem Schatten des Safrans.
Auch der Saflor wurde genannt. Der Pdr-i-Baharat sagte: Warum bin ich fr alle
Gewrze bestimmt und habe doch nur den Safran bekommen? Mu ich das alles
dulden? Es scheint, da die Pflichten und Obliegenheiten eines jeden Pdr mit
dem Geruche eines bestimmten Gewrzes bezeichnet werden, und da der
Pdr-i-Baharat die Erfllung dieser Pflichten zu berwachen habe und dafr
besser bezahlt werde als die anderen. Wenn du mir doch erlaubtest, auf diesen
Wohlgerchen bis zum Rosenduft emporzusteigen, Effendi!
    Thue es! antwortete ich rasch. Ich hre, da du auf dem richtigen Wege
bist.
    Er fuhr fort:
    Was die Sillan thun, ist Snde, ist Verbrechen. Sie beginnen mit dem
Schmuggel, den man kaum fr ein Vergehen hlt, und steigen bis zum Mord hinauf,
der schwersten aller strafbaren Thaten. Zwischen diesen beiden liegt gewi die
ganze Reihe der Verbrechen, deren jedes mit einem besondern Geruche bezeichnet
wird. Nicht?
    Jawohl, nickte ich. Es giebt wohl keinen Sill, von dem man sagen knnte,
da er in einem guten Geruche stehe! Sprich weiter!
    Der Duft der Rose bedeutet den Mord. Das wissen wir, seit heut die deine
aufgebrochen werden sollte. Der des Safran scheint die Schmuggelei zu sein. Habe
ich recht, wenn ich annehme, da der Brief an den Multasim den Befehl zur
Ermordung eines Menschen enthlt?
    Ja.
    So ist es doch auffllig, da nicht von der Rose im allgemeinen, sondern
von der kstlichen Gul-i-Schiraz die Rede ist!
    Mir fllt das gar nicht auf. Es ist das einfach eine Steigerung.
    Eine Steigerung des Mordes? Kann ich, wenn ich jemand totschlage, dies noch
steigern?
    Ich meinte es anders. Der Duft der gewhnlichen Rose bedeutet die Ermordung
einer gewhnlichem Person. Was fr eine Person wird da wohl gemeint sein, wenn
man nach der herrlichsten aller Rosen greift?
    Ah, das ist die Lsung? Es handelt sich nicht um einen gewhnlichen,
sondern um einen wahrscheinlich sehr hochstehenden Menschen!
    So ist es; ich wenigstens denke es mir so. Du hast unsern Gedankengang mit
deiner Erwhnung der Gewrze unterbrochen. Wir waren bei der Ueberzeugung
angekommen, da der Aemir-i-Sillan in der Nhe des Multasim zu suchen sei. Er
traut ihm nicht. Er will ihm nicht wissen lassen, da er nur seine Hand
auszustrecken brauche, um ihn zu vernichten. Er will ganz im Gegenteile die
Meinung in ihm erwecken, da er sich persnlich sehr weit von ihm befinde,
womglich gar jenseits der persischen Grenze. Darum hat er diesen Brief durch
den Sfir hinunter nach dem Irak Arabi bringen lassen, von wo er dann zurck
nach Persien und zu dem Multasim zu kommen hatte.
    Da fiel der Ustad ein:
    Das klingt zwar sehr richtig, doch stt mir dabei ein Bedenken auf!
    Welches? fragte ich.
    Errtst du es nicht?
    Doch! Wenn meine Ansicht die richtige ist, so mu der Multasim jedenfalls
zu erfahren haben, von welchem Orte der Brief kommt?
    Ja! so dachte ich. Es steht aber nichts davon im Briefe!
    Sehen wir genau nach. Vielleicht finden wir etwas. Und wenn es auch weiter
nichts als nur irgend ein Zeichen wre. Ein Personenname wird freilich nicht
angegeben sein, weil dies zum Verrate fhren knnte.
    Wir untersuchten hierauf beide Seiten des Briefes, konnten aber nichts
entdecken, selbst gegen das Licht gehalten nicht. Darum nahmen wir hierauf den
Umschlag her. Wir hatten bisher nur seiner uern Seite Beachtung geschenkt. Als
wir nun auch die innere betrachteten, da sahen wir allerdings, mit einer feinen
Feder ganz an den uersten Rand geschrieben, in kleinsten Buchstaben einige
Worte gekritzelt, die jedem andern als dem Eingeweihten unbedingt entgehen
muten. Sie lauteten: Durch den Dartschin in Korna von dem Aemir. Dartschin
ist das persische Wort fr Zimmet.
    Nun? fragte ich, ber diese Entdeckung erfreut.
    Ja; es scheint sich alles, was du schlieest, besttigen zu sollen,
antwortete der Ustad. Ich habe nicht geahnt, da man bei einem Spaziergange auf
solchem Wege, an welchem fast nichts zu stehen scheint, so schne und so
wichtige Blumen sammeln knne. Es giebt jedenfalls bei den Sillan eine
Vorschrift darber, wo und wie solche Ausknfte beizufgen sind. Aber nun kommt
die Hauptsache: Wer ist der, welcher ermordet werden soll?
    Ich hoffe, da wir auch das finden werden.
    Mir scheint es unmglich!
    Mir nicht. Es handelt sich jedenfalls um einen hochstehenden Herrn. Du bist
am Hofe bekannt. Du wirst die Namen aller hervorragenden Mnner Persiens
wissen.
    Die wei ich allerdings. Aber einen Rafadsch Azrim kenne ich nicht. Dieser
Name klingt so arabisch und so persisch, aber einen mir bekannten Mann, der ihn
trgt, giebt es nicht.
    Vielleicht heit er gar nicht so, sondern anders, fiel da der Pedehr ein.
Auf dem Umschlage wurde doch auch Dartschin anstatt Esara el Awar gesagt!
    Aber Rafadsch Azrim ist kein Gewrz! erwiderte der Ustad.
    Sollte da das Alphabet nicht helfen knnen?
    Wir versuchten es; aber auch das war vergeblich. Da aber schien den Ustad
ein pltzlicher Gedanke zu berkommen. Er nahm den Brief in beide Hnde, las und
rief dann aus:
    Ich habe es! Wie leicht, und wie aber auch so grlich!
    Nun, wer ist's? fragte ich gespannt.
    Lies selbst! Lies den Namen rckwrts! So leicht! Wie konnten wir nicht
hierauf kommen!
    Er wollte mir das Schreiben geben; ich nahm es aber gar nicht, denn man
brauchte die geschriebenen Worte nicht zu sehen, um zu wissen, da der Name
Rafadsch Azrim, wenn man ihn rckwrts liest, Dschafar Mirza lautet.
    Da sahen wir uns alle drei nicht nur erstaunt, sondern hchst betroffen an.
    Das ist doch nicht etwa Mirza Dschafar, mein Bekannter? fragte ich.
    Doch! versicherte der Ustad.
    Aber dieser war ja nicht Prinz!
    Er war es. Aber er setzte whrend seiner groen, mehrjhrigen Studienreise
den Mirza nicht hinter, sondern vor seinen Namen. Er glaubte, Grund zu haben,
jedes Aufsehen zu vermeiden. Er reiste im Namen des Schah-in-Schah, und das
sollte niemand wissen.
    Was ist er jetzt?
    Er hat kein besonderes Amt. Er verzichtet auf alle Ehren und Wrden. Er
will sich nicht unter Die reihen lassen, welche angeben, die Diener des
Beherrschers zu sein, und in Wirklichkeit nur seine Gegner sind. Aber er hat ihm
sein ganzes Leben und seine ganze Kraft geweiht, und wo es gilt, das Volk von
der Gte und von der Gerechtigkeit seines Herrn zu berzeugen, da ist er stets
vorhanden.
    So mu ihn Ahriman Mirza hassen, wenn er ihn kennt!
    Ob er ihn kennt! Sie stehen einander gegenber wie Feuer und Eis, wie Licht
und Finsternis, wie Liebe und Ha, wie Tugend und Verbrechen.
    Wo ist Dschafar Mirza jetzt?
    Ich wei es nicht. Krzlich war er in Teheran beim Schah, der sich jetzt in
Isphahan befindet. Vielleicht ist er auch dort. Ich will dir nur sagen: Er ist
mein Freund! Das ist genug! Ich mu ihn warnen! Sofort warnen!
    Da legte ich ihm die Hand auf den Arm und sagte:
    Nein! Du wirst ihn nicht warnen!
    Hre ich recht? Verlange von mir alles, nur das nicht!
    Ich verlange es!
    Da trat er von mir zurck, sah mir mit ungewissen, fast zornigen Augen in
das Gesicht und fragte:
    Soll ich irr werden an dir, Effendi?
    Werde irr! Doch sei nicht unbedachtsam!
    Unbedachtsam? Es giebt hier nur eine einzige Bedachtsamkeit, einen einzigen
Gedanken, einen einzigen Entschlu und eine einzige Pflicht fr mich: meinen
Freund zu retten!
    Das sollst du auch!
    Ohne ihn zu warnen?
    Ja. Denn wenn du ihn warnst, so ist er zwar fr jetzt zu retten, fr spter
aber wahrscheinlich verloren!
    Beweise es!
    Da schttelte ich bedauernd den Kopf und sagte:
    Ich hrte aus deinem eigenen Munde, da du mich liebest, da du dich Eins
mit mir fhlest. Das war, als ich mich in Todesgefahr befand. Da sagte ich dir,
da, wenn Geister sich kssen, es fr sie fortan nur noch einen vereinten
Pulsschlag gebe. Und nun? Jetzt? Ist es wirklich Liebe gewesen? Ein Ku der
Geister? Kaum eine Stunde spter tritt schon eine andere Gestalt zwischen dich
und mich! Die Einheit schwindet, und des Lebens Zwiespalt schiebt uns
auseinander! Du willst Beweise! Kannst du nicht vertrauen? Soeben noch gingst du
an meiner Hand spazieren. Ich zeigte dir, da ich viel besser und viel weiter
sah als du. Da kommt ein Bild aus vergangenen Tagen. Es steigt aus deiner Gruft
zu uns empor. Es ist der Schatten, der dich einst regierte. Kannst du ihn
bannen? Ja? Versuche es!
    Er stand gesenkten Hauptes vor mir und sagte nichts. Da lie der Pedehr
seine begtigende Stimme hren:
    Zrne nicht, Effendi! Wir vertrauen dir! Wenn du willst, da Dschafar Mirza
nicht gewarnt werden solle, so wird er nicht gewarnt. Du hast deine Grnde!
    Ja; ich habe sie und will sie euch nun sagen. Wann ist der Tag des
Wettrennens, Pedehr?
    Es ist der fnfte des Schaban, antwortete er.
    Wann soll Dschafar Mirza ermordet werden?
    Am fnften des Monats Scha - - -
    Er kam nur bis zu dieser Silbe, denn da fiel der Ustad schnell und
verwundert ein:
    Maschallah! An - - an ganz demselben Tage!
    Merkst du etwas, Ustad? fragte ich ihn.
    Nein! gestand er.
    Noch nichts? Sein Blut wird hier bei euch vergossen werden sollen!
    Effendi! fuhr er auf.
    Effendi! rief vor Schreck auch der Pedehr.
    Ich bitte euch, nicht zu erschrecken! fuhr ich fort. Es war das anders
wohl vorherbestimmt. Als der Aemir-i-Sillan befahl, da Dschafar Mirza am
fnften Tage des Monates Schaban sterben solle, wute er noch nicht, da er
diesen Tag hier bei euch verbringen werde.
    Hier bei uns - - hier bei uns? fragten beide wie mit einer Stimme.
    Ja, hier im Duar der Dschamikun!
    Der Aemir-i-Sillan? rief der Ustad.
    Er selbst? stimmte der Pedehr ein.
    Er selbst! besttigte ich. Er kommt mit seinem Henker.
    Der ist doch hier! Den haben wir ja schon! warf der Ustad ein. Hast du
vergessen, da der Multasim der Henker ist? Unser Gefangener, oder vielmehr dein
Gefangener, dem du es wohl verleiden wirst, jemals wieder hierher zu kommen!
    Verleiden? Das wrde der grte Fehler sein, den ich als euer Freund
begehen knnte! Wenn ich mich heut oder morgen an ihm vergreifen wollte, so kme
vielleicht schon bermorgen ein ganzes Heer von Schatten ber euch, die ich mit
dieser meiner That geschaffen htte! Wir wollen Feinde vernichten, aber keine
neuen hervorrufen!
    Willst du ihn etwa laufen lassen? fragte der Pedehr.
    Ja, gestand ich ein.
    Unmglich!
    Doch!
    Den Henker freigeben, welcher Dschafar Mirza ermorden soll! Bedenke,
Effendi! rief er warnend aus.
    Ich habe es bedacht!
    Da sagte der Ustad in beruhigendem Tone zum Pedehr:
    Du vergissest eins: Der Multasim hat den Brief ja nicht erhalten. Er wei
also gar nicht, was der Aemir-i-Sillan von ihm verlangt, und kann es folglich
auch nicht thun.
    Du irrst! warf ich ein. Er wird den Brief bekommen.
    Von wem?
    Von uns. Wenn auch nicht direkt.
    Da waren sie beide still. Darum hob ich freundlich mahnend den Finger und
sagte:
    Pedehr, Pedehr! Noch soeben hast du dich verstndig meiner angenommen, und
jetzt schaust du mich an, als ob du ganz und gar vergessen httest, da ich wohl
meine Grnde haben werde! Ihr seid mit mir fast durch den ganzen Brief gegangen
und habt die Augen immer noch nicht offen. Ich sah euch bei dem Gedanken, da
der Aemir-i-Sillan hierherkommen knne, frmlich erschrecken. Warum doch nur? Er
ist ja schon hier gewesen!
    Wann? fragte der Ustad im Tone des Unglaubens.
    Vielleicht schon oft, nmlich heimlich. Ganz offen aber heut.
    Heut - -? Wann? Wo? Wie?
    Mit den Persern. Er ist ja Perser!
    Effendi, ich wei nicht, was ich sagen soll!
    Sage nichts, sondern suche!
    Wo?
    Hier in diesem Briefe, und in den Reden, welche uns gehalten worden sind.
Man soll nicht nur krperlich, sondern auch geistig sehen und hren lernen!
    Ich sehe nichts, und ich hre nichts!
    Und doch meine ich grad den Ton, in welchem dieser Brief verfat und jene
Rede gehalten worden ist. Du sollst ihn jetzt noch einmal hren. Ich bin
berzeugt, da du mir dann sofort den Namen des Aemir-i-Sillan sagen wirst.
    Ich nahm das Schreiben mit der linken Hand hoch, las es in der
beabsichtigten Weise vor und ahmte mit der Rechten die heut beobachteten,
unendlich selbstbewuten Gesten nach. Kaum war das letzte Wort von meinen
Lippen, so rief der Pedehr:
    Der Mirza, der Mirza, wie er leibt und wie er lebt!
    Der Ustad aber holte tief Atem. Seine Augen schienen grer zu werden. Sie
schauten durch die offene Thr in die Nacht hinaus, genau mit jenem Blicke, den
er in die unsichtbare Ferne gerichtet hatte, als er heut vor der Dschemma unter
dem Baume stand.
    Ah - - ri - - man - - - - - - Mir - - za - -! seufzte er dann. Wer ist
von uns beiden der Hellsehende, Effendi? Als ich heut vor euch stand und diese
Stimme hrte, deren Nachahmung dir jetzt so tuschend gelungen ist, da stiegen
alte, ferne, ferne Bilder in mir auf. Es ging ein Schatten von mir aus, weit
ber diese meine geliebten Berge hinber. Im Westen angekommen, richtete er sich
auf, um Gestalt, um Farbe und um Leben anzunehmen. Ich erkannte diese Gestalt
und dieses Gesicht: ich war es selbst; es war das meine! Da aber begann es, sich
zu verwandeln. Es nahm andere Konturen und andere Zge an, und als sich das
vollzogen hatte, als wer stand ich dann da? Als Ahriman, als Ahriman Mirza, der
jetzt, in diesem Augenblick, zu meiner Dschemma sprach. Hatte dieser aus meiner
Vergangenheit auftauchende Schatten hier in der Gegenwart menschliches Wesen
angenommen, damit mir endlich, endlich die Erleuchtung komme, wem ich den
raschen Absturz meines Lebensweges zu verdanken habe? Wer warf mich damals
nieder? Wer gab mir den Gedanken ein, zu fliehen? Du sagtest, Effendi, da es
nicht das Leben, sondern mein eigener Schatten gewesen sei. Ich hatte ihn so
oft, so oft gesehen, doch aber nie erkannt. Heut zeigte er mir endlich sein
Gesicht. Heut war er Ahriman, der geistige Weltzerstrer, der mit dem niedern
Sinn der blinden Masse kost, um alles ihm Verhate zu vernichten.
    Wohl dir, sagte ich. Du hast den Richtigen gesehen!
    Meinst du es auch? Den Mirza mit dem falschen Prunkgeschmeide? Den Geist
der nachgemachten Edelsteine, mit deren Flimmern er der Menge imponiert? Den
wohlgesinnten Schmeicheldemokraten, in Wahrheit aber grasser Demagog? Den treuen
Frderer des ffentlichen Wohles, der aber nur sein eigenes erstrebt? Den immer
hilfsbereiten Volkserbarmer, der aber dieses seines Volkes Seele mit
egoistischer Berechnung niedertritt? Den anerkannten Feind und Richter jeder
Lge, der aber doch, sobald sie ihm nur pat, grad vorzugsweise sie in seinem
Stalle zchtet? Ich htte ihn schon lngst erkennen sollen, und bitte dich,
Effendi, merk ihn dir!
    Ich machte, ohne zu antworten, ganz unwillkrlich eine Handbewegung, welche
ihn zu der Frage veranlate:
    Wie meinst du das? Was wolltest du mit dieser Geste sagen? Ich glaubte
zwar, du habest ihn bei mir zum erstenmal gesehen, doch da du schon so oft im
Morgenlande warst, so ist es mglich, da du ihm auch frher schon begegnet
bist.
    Im Morgenlande? lachte ich. Nein, nein! Doch kenne ich ihn auch; mehr
habe ich nicht zu sagen. Du hast ihn gut gezeichnet. Wenn man dich sprechen
hrt, kann man sich gar nicht irren. Nun aber mu ich dich nach einem fragen: Du
hast ihm heut verziehen. Aus welchem Grunde wohl?
    Verziehen? Ich? Wieso?
    Du gabst ihm jenes Mrchen aus Tausend und ein Tag, in welchem selbst der
Teufel selig wird. Woher nahmst du die Dichtung, da die Hlle schon vor der
Menschheit auf zum Himmel steige?
    Verzeihung ist edler als Rache. Weit du das nicht, Effendi?
    Ich wei es. Aber der Verzeihung mu die Reue vorangehen. Das ist Gottes
Ordnung! Auch ich habe gefehlt, viel gefehlt. Als ich das erkannte, habe ich
bereut und habe gebt. Ich war nur ein Mensch, also zu entschuldigen. Ich
verzeihe gern, unendlich gern, weil auch mir verziehen wurde. Aber ich bin nicht
Gott, der seine Ordnung ndern kann. Soll ich allein bereuen, mein Schatten aber
nicht? Ich sage dir, ich htte ihm ein ganz anderes Mrchen erzhlt, nicht aus
Tausend und einer Nacht und nicht aus Tausend und einem Tag, sondern jenen
wunderbaren Schlu aus Tausend und ein Narr, in welchem der Sultan sie alle zu
den heulenden und tanzenden Derwischen sperren lt!
    Da sah er vor sich nieder, sinnend, lngere Zeit. Dann sagte er, wie um sich
zu entschuldigen:
    Und die Liebe, Effendi, deine christliche Liebe?!
    Sei still, Ustad! Wende dich nicht an die meinige; du meinst ja doch die
deinige! Die wahre christliche Liebe wei nichts von Charakterlosigkeit und
zweckloser Gefhlsduselei! Sie wirft sich nicht wie ein feiles Weib jedem
unwrdigen Leichtsinn in die Arme. Sie lacht und lchelt nicht den ganzen Tag.
Sie ist ein ernstes Himmelskind. Sie hat den Ratschlu Gottes auszufhren. Sie
wei gar wohl das, was sie soll und will. Sie trgt das Buch der Gnade in der
einen, das Buch der Strafe in der andern Hand. Nun hat der Mensch zu whlen. Die
Reue jubelt; die Teufel zittern. Fr Narren aber hat sie weder Lohn noch Strafe.
Sie lt sie ohne jede Antwort schwatzen und giebt dem Sultan recht, der sie
ermchtigte, in ihren Tausend und ein Mrchen vor aller Welt zu heulen und zu
tanzen!
    So, so sieht deine Liebe aus? fragte er. Ich denke, Gott lt seine Sonne
aufgehen ber Gerechte und Ungerechte!
    Die Sonne da oben, den Himmelskrper, ja. Er giebt sogar dem Ungerechten
alles, was er zum irdischen Leben braucht. Aber wenn er das in seiner Gte thut,
so htet er sich in seiner Gerechtigkeit, dies auch auf das andere Leben
anzuwenden. Er wei, da dann alle Ungerechten den Himmel fllen wrden, um die
Gerechten nicht hereinzulassen! Nach dieser deiner Liebestheorie wrde der
Himmel schnell zur Hlle werden, nicht aber die Hlle zum Himmel. Ihre letzte
logische Folge ist, da alles Gute verschwinden und Gott zum Teufel werden
mte. Unsere Bibel spricht nicht ohne Grund von dem Wurme, der nie stirbt, von
dem Feuer, welches nie verlischt, und von dem Orte, an welchem Heulen und
Zhneklappern ist. Indem du in deinem Mrchen die Hlle selig werden lieest,
hast du alle diese Qualen fr die armen Geschpfe aufgehoben, die von ihr
verfhrt worden sind. - - - War das etwa der Inhalt deiner Bcher, die du
schriebst? Hast du jene angebliche Gottes- oder Christusliebe gelehrt, welche
jedem Schuldigen die Strafe erlt, nur damit Gott seinen Himmel nicht leer
stehen zu lassen brauche? Bist du ein Verknder jener unberlegten
Barmherzigkeit gewesen, welche die Bsen schont, damit sie gegen die Guten um so
unbarmherziger verfahren knnen? Hast du jene pseudogttliche Langmut gepredigt,
welche das Unkraut ungehindert emporschieen lt, bis der Weizen erstickt
worden ist? Wenn du mir diese Fragen mit ja beantworten mut, so hast du die
Snde und das Laster, die Selbstgerechtigkeit und die Heuchelei grogezogen und
darfst dich nicht darber wundern, da diese deine Schatten schlielich dich
auch selbst noch berwltigt haben! Du bist fr die christliche Schwche
eingetreten, aber nicht fr die christliche Liebe! Du hast diese Schwche durch
dein eigenes Leben in das Praktische bertragen und bist durch sie zum Rohre
geworden, welches brechen mute, als es sich nicht mehr tiefer beugen konnte! Du
glaubtest, berufen zu sein, dich -
    Halt ein, Effendi, halt ein! rief er aus, indem er die Hnde abwehrend
gegen mich bewegte. Du hast recht, recht, o wie so recht! Du hast vorhin von
Liebesduselei gesprochen. Es war richtig! Ich dusele noch, jetzt noch, heute
noch! Als du den Multasim vorhin laufen lassen wolltest, wohl um dann spter
seinen ganzen Anhang in die Hnde zu bekommen, war ich dagegen. Ich wollte seine
sofortige Bestrafung, aber mild, schonend. Ich gab ihn scheinbar ganz in deine
Hnde, aber wenn es deine Absicht gewesen wre, ihn vollstndig unschdlich zu
machen, ihn zu vernichten, so htte ich mich dagegen gewehrt mit allen Mitteln,
die mir zur Verfgung stehen!
    Wirklich? Das ahnte ich freilich nicht!
    Es ist so, ganz gewi! Du siehst, da ich ehrlich bekenne. Du hast mich in
diesen letzten fnf Minuten kuriert. Gefhlsduselei! Wie wahr, wie wahr, wie
wahr! In dieser Duselei habe ich mir mein eigenes Mark aus Leib und Geist
gesogen. Nun aber soll es anders, anders, anders werden! Ich bin zwar alt, sehr
alt aber noch habe ich Knochen, und noch habe ich Muskeln, nicht nur am Krper,
sondern auch am Geiste. Erlaube mir, da ich mich an dir sthle! Ich richte mich
auf. Jawohl! Ich wei, da ich es werde! An dir will ich mich heben. Sei du die
Hand, an der ich Kraft erlange! Sei du es jetzt, von dieser Stunde an! Ich gehe
morgen fort, fr eine ganze Woche. Ich bitte dich, an meine Statt zu treten! Du
sollst der Herr im hohen Hause sein. In deiner Hand wei ich mein kleines Reich
am besten aufgehoben. Hier mein Pedehr hrt, was ich dir jetzt sage. Er wird,
was du befiehlst, so auszufhren wissen, als ob ich selbst es ihm befohlen
htte.
    Du willst verreisen? fragte ich erstaunt.
    Ja, antwortete er.
    Darf ich wissen, wohin?
    Natrlich! Du bist ja nun der Herr, von dieser Stunde an! Ich gehe nach
Isphahan, zum Schah-in-Schah. Infolge dessen, was ich heut von meinen Feinden
hrte.
    Vortrefflicher Gedanke! stimmte ich ihm bei.
    Es freut mich sehr, da du derselben Ansicht bist. Ich hab es ihnen ehrlich
mitgeteilt, da ich mir an der rechten Stelle Hilfe suchen werde. Sie hhnten
wohl darber. Wer sich allein auf seinen Schah verlt und dieses ohne Furcht
und offen sagt, den wird man zwar verspotten und zum Gelchter machen; doch wenn
die Zeit des Schah gekommen ist, dann regt die Schar der Amdschaspands13 die
Schwingen, und Geist um Geist fhrt mit dem Schwert darein, dem Kindesglauben
Himmelssieg zu bringen!
    Er hatte meine Hand ergriffen und schaute mit einem Blicke aufwrts, in
welchem allerdings ein Vertrauen glnzte, dem keines Sptters Wort je imponieren
konnte.
    Du willst den Herrscher selbst sprechen? fragte ich.
    Nur ihn! Zwischen ihm und mir giebt es keine Mittelsperson. Ich sage ihm
alles, alles, so wie ein Kind zu seinem Vater spricht. Es ist wie ein Gebet, bei
dem ein Dritter doch nur stren wrde.
    Um was willst du ihn bitten?
    Um nichts. Ich sage ihm, was ich zu sagen habe. Dann thut er selbst, was er
fr richtig hlt. Ich stehe vor ihm aufrecht, wie vor Gott. Ich meide jene
kriecherische Weise, die auf gebeugten Knieen sich bis zum Throne schiebt, um
dort den eignen Vorteil zu erschleichen und dann, wenn sie den Schah verlassen
hat, die um ihr Recht Gebrachten zu verachten. Es ist mir also vllig unbekannt,
was er fr mich und uns bestimmen wird. Doch bin ich berzeugt, da es weit ber
alle Wnsche geht, die du fr mich im Herzen tragen knntest.
    Aber der weite Weg! Frchtest du ihn nicht?
    Frchten? Den Weg zu meinem Schah? Wie weit ist doch der Himmel von der
Erde! Und tglich steig ich auf, um mit Chodeh zu sprechen! Dem Glauben, dem
Vertrauen ist nie ein Weg zu weit und nie ein Herrscher fern! Auch mache ich
diese Reise nicht allein. Ich habe Dschamikun an meiner Seite, die mich
begleiten werden. Auch geht der Kaufmann mit, der heute bei uns schlft.
    Agha Sibil?
    Ja.
    Sibil heit Schnurrbart. Ist dieses Wort sein richtiger Name, oder nennt
man ihn vielleicht nur seines Bartes wegen so?
    Wahrscheinlich ist dies letztere der Fall, denn einen Bart, wie er ihn
trgt, hab ich noch nie gesehen. Ich halte mich von Kaufgeschften fern. Ich
lasse das gern dem Pedehr hier ber. Er kann dir Auskunft geben, wenn du
willst.
    Es verstand sich ganz von selbst, da mir erwnscht war, wo mglich
Bestimmtes ber den Handelsmann zu erfahren; darum fragte ich den Scheik:
    Kennst du die Verhltnisse dieses Agha Sibil?
    Ich pflege nicht mit Leuten Geschfte zu machen, die ich nicht kenne. Er
ist reich, sehr reich aber ehrlich und bescheiden.
    Hat er Kinder?
    Eine Tochter und zwei Enkel.
    Sind die Enkel die Kinder dieser Tochter?
    Sie sind es.
    Wenn du die Namen wtest!
    Ich kenne sie, denn wenn ich nach Isphahan komme, pflege ich sein Gast zu
sein. Die Tochter heit Aelmas. Ihr Mann war ein trkischer Offizier, der in
Damaskus erschossen worden ist. Ihr Sohn, welcher heut mit seinem Grovater hier
bei uns ist, heit Ikbal, ihre Tochter Sefa.
    Ist die Tochter verheiratet?
    Nein. Sie will im Hause Agha Sibils bleiben.
    Wie kommt es, da die Tochter eines persischen Kaufmannes in Isphahan die
Frau eines trkischen Offiziers in Damaskus geworden ist. Dieser letztere ist
doch wahrscheinlich Sunnit gewesen, whrend sie Schiitin war!
    Ich glaube, im Kreise der Familie sogar gehrt zu haben, da er vordem
Christ gewesen ist. Wenn ich mich nicht irre, stammte er aus dem Lande, welches
man Lehistan14 nennt. Er lernte den Kaufmann in Palstina kennen, wo dieser
damals wohnte. Als die Tochter desselben seine Frau geworden war, kam er nach
Damaskus. Agha Sibil zog mit. Bei der groen Christenverfolgung dort ereignete
sich das schwere Unglck, welches die Familie traf. Der Offizier wurde wegen
Ungehorsam erschossen. Agha Sibil wurde vollstndig ausgeplndert und mute als
Schiit fliehen. Es gelang ihm, mit der Tochter und deren Kindern nach Persien zu
entkommen, wo er ein neues Geschft begann und es durch Flei und Ehrlichkeit zu
seinem jetzigen Vermgen brachte. Deine Augen leuchten, Effendi. Warum? War dir
von dem, was ich erzhle, vielleicht schon etwas bekannt?
    Ja, antwortete ich, indem ich vor freudiger Erregung im Zimmer hin und her
zu gehen begann.
    Was? Oder wer?
    Wer? Der Offizier.
    Kanntest du ihn, ehe er erschossen worden ist?
    Nein, sondern als er erschossen worden war.
    So hast du seine Leiche gesehen.
    Leiche? Hm! Ja! Denn er war eigentlich eine Leiche. Aber ich habe mit dem
Erschossenen gesprochen.
    Maschallah! Tote reden doch nicht mehr!
    Zuweilen doch! Besonders Erschossene, welche keine Kugel bekommen haben!
    Keine - - Kugel -? Effendi, du scherzest wohl!
    Ich spreche im grten Ernste. Ich habe mit dem Toten gesprochen, und ihr
beide kennt ihn auch.
    Wir - - -? Da ich nicht wte!
    Ich habe euch doch von jenem alten Bimbaschi in Bagdad erzhlt, welcher
dann Mir Alai geworden ist!
    Allerdings. Bei dem du wohntest, und der von dem Sfir gefangen genommen
wurde?
    Derselbe! Er ist nun ein doppelter Bekannter von euch, denn ihr kennt ihn
erstens durch mich und zweitens durch den Kaufmann Agha Sibil. Ich bin sogar nun
berzeugt, da ihr ihn auch noch persnlich kennen lernen werdet. Er ist nmlich
der Offizier, welcher damals in Damaskus erschossen wurde.
    Da fuhr der Pedehr von seinem Sitze auf, als ob er von einer gewaltigen,
unsichtbaren Spannfeder emporgeschnellt worden sei.
    Der Christ, um den so viel geweint worden ist? rief er aus. Der Sunnit,
dem die Schiiten treu geblieben sind, obgleich er starb? Der Mann, der von
seinem Weibe angebetet wurde? Der Vater, den seine Kinder heut noch lieben,
obwohl sie sich seiner Person nicht erinnern knnen? Der ist nicht tot? Der lebt
noch? Der ist ihnen allen, allen auch ehrlich treu geblieben, trotzdem er in ein
anderes Land gegangen war? Effendi, ist das wohl zu glauben! Ich wei, da du
nicht lgst, doch bitte ich, erzhle uns, wie das gekommen ist!
    Ja. Ich will und mu es euch erzhlen. Ich will euch nicht warten lassen,
bis er selbst erscheint, um euch zu beweisen, da, wenn Gott will, der Tod nur
eine leere Sage ist. Setzt euch hier vor mir nieder, und hrt, was ich
berichte!
    Da sie ber den alten Zoll-Bimbaschi schon alles Uebrige von mir erfahren
hatten, so brauchte ich jetzt nur ber das zu sprechen, was mir von ihm ber
seine Familienverhltnisse mitgeteilt worden war. Ich schilderte hierauf seine
Trauer ber die scheinbar Verlorenen und erwhnte schlielich meine Bemhung,
die Hoffnung in ihm zu erwecken, da sie doch vielleicht noch leben knnten. Da
stand der Ustad von seinem Sitze auf, legte die Hnde langsam ineinander und
sagte, indem ein tiefer Atemzug seine Brust schwellte:
    Du hast zu diesem deinem Freunde von einer Auferstehung der Totgesagten
gesprochen, und wir sind berufen, diese Auferstehung in das Werk zu setzen. Auch
ich kenne einen Totgesagten. Er wird von Vielen, Vielen fr tot gehalten. Sie
glauben jetzt, da er in ein anderes Land gegangen sei. Wie denkst du ber ihn,
Effendi? Du weit ja, wen ich meine!
    Da fhlte ich, da ein ganz seltenes Licht in meine Augen kam. Es wallte mir
hei vom Herzen nach dem Kopfe. Ich ging zu ihm hin, schlang meinen Arm um seine
Schulter, legte meine Wange an die seine und fragte ihn:
    Wnschest du, da er von diesem aufgezwungenen Tode auferstehe?
    Er nickte nur, sagte aber nichts. Doch legte er seine Hand an meinen Kopf,
um ihn fest an den seinigen zu drcken.
    Wohlan! fuhr ich fort. Da wir einmal im Begriffe stehen, die Auferweckung
der Totgesagten in das Werk zu setzen, so wollen wir bei dieser Gelegenheit auch
ihn mit auferstehen lassen! Ist dir das recht?
    Seine mir jetzt so nahen Augen schauten mit unendlicher Liebe in die meinen.
    Kannst du es? Willst du es? fragte er.
    Fr dich so gern! antwortete ich.
    Denkst du, da es geschehen kann?
    Da wir uns lieben, ist es leicht, so leicht!
    Wie aber wird es wohl zu machen sein?
    Ich bitte dich, das mir zu berlassen! Leg deine Hand getrost hier in die
meine! Und nun hre, was ich sage: Fhlst du den Mut, den Heldenmut in dir, mir
deine Seele, deinen Geist zu schenken, so feiern wir die Auferstehung hier,
indem wir ineinander uns versenken!
    Da schlug er beide Arme um mich, zog mich so fest, so fest an sich, als ob
unsere Krper nur einen einzigen Leib zu bilden htten, und antwortete:
    Ich habe den Mut; ich bin dein; nimm mich hin!
    Da verlschte pltzlich das Licht. Es war vollstndig herabgebrannt gewesen.
Der Pedehr ging fort, dem abzuhelfen. Als er wiederkam, standen wir mit einander
drauen auf dem Sller. Der Ustad hatte soeben mit der Hand auf die vor uns
liegende, vom Himmel bestrahlte, kleine Welt gedeutet und gesagt:
    Es ist, als htte ich das alles fr dich vorbereitet, damit den Seelen
meiner Dschamikun nun auch der rechte Geist gegeben werde, jener Geist der
liebenden Unerbittlichkeit, der mir die Augen ffnete und uns in diesem
Schattenland so ntig ist! Du hast mich heut verdoppelt, und dadurch auch die
Hoffnung auf den Erfolg. Zwei Ustawat15, und doch ein einziger nur! Stelle zwei
Kerzen nebeneinander. Geben sie zwei Scheine? Nein. Es ist nun
Doppelkerzenlicht!
    Da trat der Pedehr an die Thr und forderte uns auf:
    Ihr knnt wieder hereinkommen. Es ist nun heller als vorher.
    Wir folgten diesen Worten. Er zeigte nach dem Tische. Da standen jetzt zwei
Kerzen statt der einen. Sonderbar! Der Ustad lchelte.
    Siehst du? scherzte er mir zu. Seien wir Autoren oder nur Autor, wir
liefern die Gedanken, und er als praktischer Pedehr der Dschamikun ist schnell
bereit, sie in Gestalt zu fassen. So soll es immer sein. Dann wird es im Duar
bald ein bewegtes, frohes Leben geben!
    Er liebte es, in Bildern zu sprechen. Wer ihn verstehen wollte, hatte
nachzudenken. So auch hier. Wen oder was meinte er mit den Dschamikun, denen
sein ganzes Herz gehrte? Wo lag oder liegt wohl der Duar, ber den die Glocken
des Gebetes fr jeden Wunsch erklangen? In Persien? Ich will es nicht verraten.
Die Folge wird es zeigen!
    Wir waren mit unserer Besprechung noch nicht fertig, und doch mahnte der
Scheik:
    Es ist jetzt wohl schon Mitternacht. Willst du nicht vor der Reise
schlafen, Ustad? Und der Effendi steht noch im Genesen. Durchwachte Nchte sind
ihm untersagt.
    Da antwortete der erstere:
    Ich habe weder Zeit noch Lust zum Ruhen. Was in mir lebt, kennt keine
Mitternacht.
    Und ich fgte hinzu:
    Mein Krper ist gewhnt, dem Willen zu gehorchen. Ich fhle jetzt noch
keine Mdigkeit. Die Seele hat die Macht, ihm, dem Geschwchten, ihre Kraft zu
leihen. Ich halte aus, bis wir zu Ende sind.
    Da griff der Ustad nach meiner Hand, fhlte den Puls und sagte verwundert:
    Wie ruhig und krftig! Genau so, wie der meine! Jawohl, ich glaube, da wir
weitersprechen knnen. Wo waren wir stehen geblieben? Doch wohl bei Ahriman. Der
wieder erstandene Offizier brachte uns auf ihn. Willst du hier fortfahren,
Effendi?
    Ja, antwortete ich. Ich werde dem alten Mir Alai einen Brief nach Bagdad
schreiben. Er bekommt ihn durch einige Dschamikun, welche zu ihm reiten, um ihn
mit samt seinem dicken Kepek zu holen. Er hat schon vor dem Tag des Wettrennens
einzutreffen. Du erlaubst seinem Schwiegervater, an diesem Tage sein
Verkaufszelt hier aufzuschlagen. Ich spreche mit ihm, noch ehe du mit ihm
abreisest. Er wird seine Tochter und deren Kinder mitbringen. Das giebt ein
Wiedersehen, auf welches ich mich unendlich freue. Ist dir diese Anordnung
recht?
    Was du bestimmst, das ist mir immer recht! Soll Agha Sibil am Tage des
Wettrennens berrascht werden, oder willst du ihm schon jetzt alles sagen?
    Schon jetzt, alles! Es ist Grausamkeit, einem Menschen eine Freude
vorzuenthalten, die man ihm sofort bereiten kann. Und so groe seelische
Erregungen, wie man hier zu erwarten hat, sollen mglichst vorbereitet sein.
    Ich gebe dir recht. Ist das erledigt?
    Ja. Nehmen wir also nun Ahriman Mirza wieder vor! Ich habe zu versuchen,
den Beweis zu fhren, da er der Aemir-y-Sillan ist.
    Den hast du schon gefhrt. Wenigstens fr mich ist es so gut wie bewiesen.
    Wodurch?
    Durch den Ton, in welchem du uns seinen Brief vorlasest. Dieser Ton ist nur
der seine. So spricht und schreibt kein anderer. Auch hat er das hchste
Sillan-Zeichen, welches wir kennen.
    Wissen wir denn genau, da es das hchste ist?
    Freilich nicht. Es ist ja mglich, da es ein noch hheres giebt.
    Nicht nur mglich, sondern ganz gewi!
    Effendi! Da widersprichst du dir doch selbst!
    Nein!
    Gewi! Wenn es ein hheres Zeicher giebt, so ist auch ein hherer Sill da.
Der es trgt, steht also ber dem Mirza!
    Das ist ein logisch richtiger, aber ein praktisch falscher Schlu. Er trgt
sie nmlich beide!
    Beide? Das sagst du mit solcher Sicherheit? Woher weit du es?
    Ich bitte dich, nachzudenken. Als Oberster ist er im Besitze smtlicher
Zeichen, die es giebt. Er hat ja auch den Tuman an der Kette. Ich bin berzeugt,
da er, falls er es fr ntig hlt, auch den silbernen Ring ansteckt, um sich
fr einen gewhnlichen Sill auszugeben. Wenn er dagegen als Aemir in der
Versammlung seiner Pderahn erscheint, wird er das hchste Zeichen tragen. Du
hast aber gehrt, da er sich zu frchten hat. Er wird in dieser Versammlung
ganz gewi sein Gesicht maskieren. Auerhalb derselben, im gewhnlichen Leben,
kann er es nicht verbergen. Wird er sich da durch das Tragen des hchsten
Zeichens verraten?
    Nein, gewi nicht. Ein Zeichen mu er aber auch da tragen. Warum nimmt er
da nicht einen gewhnlichen Ring?
    Alter Psycholog! scherzte ich da. Weit du denn noch nicht, da das
Laster selbstgeflliger als die Tugend, die Hlichkeit eitler als die Schnheit
ist? Und grad dieser Mann besitzt eine Gefallsucht, die ihresgleichen wohl kaum
wiederfindet. Du hast ja seinen Anzug und sein Pferdegeschirr gesehen. Alles an
ihm ist Prunk, Flitter, Prahlerei und Flunkerei! Einen gewhnlichen Ring wird er
nur aus Hinterlist anstecken. Wenn sich solche Leute einmal herablassen, haben
sie stets die Bosheit im Nacken sitzen. Fr einen seiner Pderahn gehalten zu
werden, das giebt sein Hochmut, sein Eigendnkel nicht zu. Dieser Dnkel lt
sogar die Vorsicht auer Acht. Er steigt bis an die letzte Grenze der Gefahr
hinauf. Wenn er sich nicht als Frst der Schatten zu erkennen geben darf, so
soll man ihn aber doch fr eine hervorragende Charge halten. Hast du noch nicht
gehrt, da sich das Verbrechen unter seinesgleichen grer zu machen strebt,
als es in Wahrheit ist? Die Sorge um sein Leben und seine Sicherheit gebietet
ihm, sich kleiner zu machen; aber mehrere Schritte tiefer zu steigen, das fllt
ihm gar nicht ein. Er thut wahrscheinlich nur einen einzigen. Er ersinnt ein
Zeichen, welches scheinbar tiefer weist, aber auch nur scheinbar, denn ich bin
berzeugt, da nur er allein, aber kein anderer ein solches Grtelschlo
besitzt. Wer es sieht, wird ihn fr einen hohen Sill halten, wenn auch nicht fr
den hchsten. Auf diese Weise wird er beiden gerecht, seiner Vorsicht und auch
seiner Eitelkeit. Nun aber habe ich eins zu fragen: Er sagte heut vor der
Dschemma: Ihr seht mich jetzt zum ersten Male. Auch mein Name war euch bisher
unbekannt. Ihr wit also nicht, wer und was ich bin. Wie konnte er in dieser
Weise sprechen? Waren seine Person und sein Name euch wirklich so unbekannt, wie
er glaubte?
    Nein, antwortete der Ustad. Er glaubte es auch nicht. Er wei vielmehr
sehr genau, da besonders ich ihn kenne, weil ich ihn schon fters getroffen und
auch mit ihm gesprochen habe.
    Das ist es, was ich wissen wollte! Sein Hochmut hat ihn verleitet, mehr zu
sagen, als er beabsichtigte. Ihr kennt seine Person und seinen Namen. Das wei
er. Er behauptete trotzdem, ihr wisset nicht, wer und was er sei. Er mu also
Jemand und Etwas sein, was auerhalb des Namens Ahriman Mirza liegt. Was ist das
nun? Etwas Gewhnliches oder etwas Bedeutendes. Ich meine das Letztere, denn er
sagte in Beziehung hierauf: Meine Freundschaft kann selig machen, und meine
Feindschaft kann verdammen. Wer das sagen kann, mu sich fr den Hchsten im
ganzen Reiche halten! In welcher Beziehung aber ist er dies? In gutem oder in
bsem Sinne? Im guten, in gesetzlichem Sinne ist es der Schah. Es bleibt also
nur die Kehrseite des Guten, also das Bse. Wer da sagt: Meine Feindschaft kann
verdammen, ist unmglich ein guter Mensch. Hierzu kommt die Erwgung, da er
das, was ihm seine Macht verleiht, heimlich halten mu. Es ist also etwas
Verbotenes, etwas Ungesetzliches. Das sind die einzelnen Posten. Ziehen wir nun
die Summe!
    La mich es thun! bat der Pedehr. Ich will doch auch mitsprechen!
    Gut! Thue es! antwortete ich, weil ich mich ber sein Bemhen freute, mir
mit Aufmerksamkeit zu folgen.
    Das Ergebnis ist berraschend, sagte er. Es giebt zwei Gewalten im
Reiche, eine gute und eine bse. Die gute ruht in den Hnden des Schah-in- die
bse bt Ahriman Mirza aus. Da aber, wie wir wissen, der Aemir-i-Sillan diese
Macht in den Hnden hat, so mu Ahriman Mirza der Frst der Schatten sein. Ist
es so richtig, Effendi?
    So ungefhr. Sag, Ustad, bist auch du mit dieser Summe einverstanden?
    Vollstndig! Sie ist richtig! erklrte er.
    So will ich darauf verzichten, euch weitere Beweisesgrnde zu bringen,
obgleich ich noch mehrere habe. Fr mich sind Ahriman Mirza und der
Aemir-i-Sillan eine und dieselbe Person! Auch das stimmt, da er und sein Henker
nahe beisammen sind. Er lt ihn nicht aus den Augen. Nachdem wir uns hierber
klar geworden sind, kommt ein anderes. Nmlich die Frage: Was will der Mirza
hier bei den Dschamikun? Welche heimlichen Grnde und Absichten haben ihn
hierher gefhrt? Diese Frage giebt mir zu denken; ja, sie knnte mir sogar, wie
ich fhle, Kopfschmerzen machen!
    Warum? fragte der Ustad. Du siehst etwas zu schwarz!
    Sag lieber: Ich sehe in das Schwarze! Es ist nicht zu leugnen, da er
direkt hat hierherkommen wollen. Da er auf diesem seinem Wege auch die Kalhuran
aufsuchte, geschah seinem Henker zuliebe. Was wollte er hier?
    Die Blutrache! warf der Pedehr ein.
    Die berhrte ihn nicht, sondern nur den Multasim. Auch war er schon
unterwegs nach hier, ehe es eine Veranlassung zur Blutrache gab.
    So war es, um die Rede zu halten, die wir von ihm gehrt haben!
    Damit schieest du zwar nicht daneben, aber auch nicht in den Mittelpunkt!
Er wollte euch einen andern Scheik geben. Wit ihr, was da heit? Er kam zu den
Dschamikun, um den segensreichen, geistigen Einflu ihres Ustad zu vernichten.
Und wie glaubte er, dies am besten anfangen zu mssen? Indem er vor allen Dingen
den Pedehr beseitigte, dessen Beruf es ist, den Dschamikun die geistigen
Erzeugnisse ihres Ustad auf materiellem Wege zu bermitteln. Er sollte durch
irgend einen Tifl ersetzt werden, der sich zwar nur einer Kerbelsuppen-Erziehung
rhmen kann und einiger Pflaumen wegen die ganze Welt in Aufruhr schreit, aber
doch die hochwillkommene Eigenschaft besitzt, fr jeden bockbeinigen Gaul und
fr jede abgetriebene Mhre, die man ihm bringt, ein sattelfester Reiter zu
sein! Der Mirza war berzeugt, er brauche den Dschamikun nur solche alte,
hartmulige Gule und spatkranke Mhren vorreiten zu lassen, um aus ihnen
gefgige Massaban16 zu machen!
    Du weit, wie er mit diesem seinem Vorschlage von uns abgewiesen worden
ist, versetzte der Pedehr. Kopfschmerzen wrden also berflssig sein!
    Denkst du? Er hat sich aber nicht abweisen lassen, sondern er will ihn am
Tage des Wettrennens wiederholen und wird da wohl versuchen, seinen Worten in
irgend einer Weise Nachdruck zu geben.
    Es wird aber denselben Mierfolg haben. In dieser Beziehung braucht es dir
nicht bange zu sein!
    Gewi nicht! Als ich von dem Mittelpunkte sprach, den du nicht getroffen
hast, schwebte mir etwas anderes vor. Ich erwhnte es schon einmal, als ich
meine Vermutung aussprach, da der Aemir-i-Sillan wahrscheinlich schon hier
gewesen sei, wenn auch nur heimlich.
    Solltest du dich nicht wenigstens diesmal irren?
    Mglich! Denn ich habe keinen Beweis. Es ist nur Vermutung. Aber es giebt
Vermutungen, die schon durch den Umstand, da sie einem berhaupt kommen knnen,
besttigt werden! Ich habe euch auf den Umstand aufmerksam zu machen, da euer
Duar den Sillan nicht so ganz unbekannt ist, wie ihr zu glauben scheint.
    Das wre uns allerdings neu!
    Mir nicht! Wie hat es der Multasim heut gemacht? Er hat die Pferde nicht
weit drauen vom Duar gelassen, wie man doch thut, wenn man die Verhltnisse
nicht kennt, sondern er ist erst ganz in der Nhe desselben abgestiegen.
    Er kannte die Oertlichkeit, weil er heut am Tage zweimal dort
vorbergeritten ist!
    Das macht mich um so bedenklicher! Er traf grad dort auf den Wchter,
welcher dann schnell kam, uns zu warnen. Warum hat er nicht angenommen, da am
Abende erst recht ein Wchter da sein werde? Htte der Sohn desselben nicht
zuflligerweise an seine Schafe gedacht, so wre der Multasim nicht entdeckt
worden! Dann schlich er sich quer nach der hinteren Seite des Duar. Er kannte
also die Lage desselben genau. Die Huser und Zelte liegen in zwei Reihen nach
dem Aufgange zum hohen Hause hin. Es war kein Mondenschein. Kann da ein
vollstndig Fremder unbemerkt durchkommen? Sodann der vielgekrmmte Weg herauf
zum Hause! Ich kenne ihn. Rechne ich die Lnge des Duar hinzu, so htte ein im
Anschleichen geschulter Indianer gewi wenigstens zwei volle Stunden gebraucht,
um bis herauf an das Thor zu kommen. Vom Verlschen unserer Lichter an bis zum
Erscheinen des Multasim war aber nur die Hlfte dieser Zeit vergangen. Der Weg
scheint ihm also nicht unbekannt zu sein.
    Er hat aber bewiesen, da er im Anschleichen auerordentlich geschickt
ist!
    Das ndert nichts, denn ich habe einen wenigstens ebenso geschickten
Indianer angenommen, und der Henker war ja nicht allein. Es befanden sich zwei
Begleiter bei ihm, die durch ihre so prompt besorgte Gefangennahme bewiesen
haben, da sie es nicht einmal verstanden, sich gengend zu verstecken! Nein,
nein! Dieser nchtliche Besuch kann unmglich der erste sein! Ich werde den
Multasim vornehmen, ehe ich ihn frh entlasse. Vielleicht gelingt es mir, etwas
aus ihm herauszufragen.
    Die erwhnten Einwrfe waren mir von dem Pedehr gemacht worden. Jetzt schien
der Ustad sich auf etwas zu besinnen. Er richtete die Frage an ihn:
    Wie war es doch mit jenem fremden Perser, den wir hier pflegten, bis sein
verstauchter Fu heil geworden war? Aus welchem Grunde hatte er das Mauerwerk
erstiegen?
    Um nach Altertmern zu suchen, antwortete der Gefragte. Er war aus
Teheran und hatte dort einen Laden, in welchem solche Sachen verkauft werden. Es
war an einem Dienstag frh, als wir ihn fanden.
    Und da denke ich auch noch an jenen Arzt aus Hamadan, der an einem Montage
sich so lange weigerte, bei uns zu bleiben.
    Der hatte sich verirrt. Man traf ihn, als es schon dunkel war, und fhrte
ihn zu uns herauf. Er wollte sich gar nicht halten lassen, obwohl er keinen
wirklich triftigen Grund dazu angeben konnte. Diese beiden Personen kommen hier
gar nicht in Betracht. Sie waren ehrliche Leute, aber keine Sillan. Dagegen fiel
mir soeben etwas anderes ein. Erinnerst du dich der Peitsche, welche Tifl fand,
als er hinber auf die Mauern stieg, um nach wildem Kekik otu17 fr seine Kche
zu suchen?
    Natrlich wei ich das. Es ist noch gar nicht lange her, und die Peitsche
liegt dort hinter meinen Bchern. Ich schrieb den Tag, an welchem sie gefunden
wurde, auf einen Zettel dazu, um dadurch vielleicht auf den Verlierer zu kommen.
Sie gehrte keinem Dschamiki. Das fiel mir damals nicht auf. Jetzt aber beginne
ich, bedenklich zu werden. Fllt dir sonst noch etwas ein?
    Nein.
    Mir auch nicht.
    Da rief ich aus:
    Es ist auch genug, vollstndig genug! Was seid ihr doch fr liebe, gute,
unbefangene Menschen!
    Siehst du auch hier einen Grund, Verdacht zu hegen? fragte der Ustad.
    Einen nur? Zehn, zwanzig Grnde habe ich! Bitte, zeige mir zunchst die
Peitsche!
    Er holte sie. Es war eine Reitpeitsche. Am Griffe hing ein Zettel. Darauf
stand: Dienstag den 9ten Ssfr. Dieser Griff war schwarz lakiert. An einer
Stelle, wo der Lack abgesprungen war, sah ich helles Blech. Er war also hohl.
Der ebenso schwarze Knauf war dick und schwer, jedenfalls mit Blei ausgegossen.
Ich versuchte, ihn zu drehen. Es gelang. Als ich ihn heruntergeschraubt hatte,
war die Hhlung offen. Es steckte etwas Dunkles darin. Ich zog es heraus. Es war
ein Stck schwarzer, dichter, zusammengerollter Seidenstoff, den ich
auseinanderzog. Drei Lcher! Fr Mund und Augen! Vier Schnuren, um ber den
Ohren und hinten am Halse zusammengebunden zu werden.
    Was ist das? fragte ich, indem ich mir die Seide vor das Gesicht hielt.
    Eine Larve! rief der Pedehr.
    Ja, eine Larve! besttigte der Ustad.
    Und von wem habe ich vermutet, da er jedenfalls maskiert vor die Pdrahn
trete?
    Von dem Aemir-i-Sillan, antwortete der letztere.
    Am Dienstag gefunden! Wann aber ist der Tag des Soldes, von welchem der
Pdr-i-Baharat sprach?
    Des Montags.
    An was fr einem Tage wollte sich der Arzt aus Hamadan nicht bei euch
halten lassen?
    Eines Montag abends.
    An was fr einem Tage wurde der Altertmerhndler mit verstauchtem Fue
angetroffen?
    Dienstags frh.
    Ustad! Pedehr! Seid ihr auch jetzt noch blind?
    Sie antworteten nicht. Sie sahen mir, vor Erstaunen starr, in das Gesicht.
    Glaubt ihr noch immer, da kein Sill bei euch gewesen sei? fuhr ich fort.
O, es ist sogar noch schlimmer, als ich dachte!
    Noch, noch schlimmer?! wiederholte der Ustad meine Worte.
    Ja! Leider! Drei Montage, drei Montage! Bedenkt es doch!
    Sprich deutlicher! forderte er mich auf.
    Noch deutlicher? Der Montag ist doch der Versammlungstag der Pdrahn!
    Chodeh! Chodeh! rief er da fast schreiend aus. Auf was fr einen Gedanken
willst du mich bringen! Es ist unmglich, ihn zu fassen, und es wre Wahnsinn,
ihn auszusprechen!
    Und er mu, mu, und mu aber dennoch ausgesprochen werden! Wenn ihr es
nicht wagt, so werde ich es thun: Es sind nicht nur Sillan bei euch gewesen,
sondern sie verkehren ganz regelmig hier. Ja, die Obersten der Sillan, die man
Pdrahn nennt, halten an den Montagen des Soldes ihre Zusammenknfte hier auf
euerem Gebiete, wahrscheinlich in den Ruinen, in denen diese Peitsche gefunden
worden ist!
    Der Eindruck dieser meiner Worte ist gar nicht zu beschreiben! Es war, als
ob die Beiden, zu denen ich sie gesagt hatte, vollstndig sprachlos geworden
seien.
    Und in diesen Versammlungen pflegt der Frst der Schatten persnlich zu
erscheinen! fuhr ich fort. Er ist hier gewesen. Er lt sein Gesicht niemals
sehen. Er hat diese Larve getragen. Diese Reitpeitsche ist die seinige. Ob er
sie verloren oder vergessen hat, das ist mir gleich. Er fand sie der Dunkelheit
wegen nicht wieder, und bis zum hellen Tage konnte er nicht verweilen, weil er
sonst von euch gesehen worden wre. Kam denn der Arzt aus Hamadan zu euch
geritten?
    Nein. Als er getroffen wurde, war er zu Fue, antwortete der Pedehr
kleinlaut.
    Aber er kann doch nicht den weiten Weg von Hamadan hierher gelaufen sein!
    Freilich nicht. Er hatte ein Pferd.
    Wo?
    Es war weit drauen vor dem Duar am Ufer des Sees angepflockt.
    Ich vermute, da der Altertmler auch eines gehabt hat?
    Ja.
    Wo?
    An derselben Stelle.
    Habe es mir gedacht! Und das ist euch nicht aufgefallen?
    Muten wir es nicht fr einen Zufall halten?
    Zufall! Es giebt ja berhaupt keinen Zufall. Alles, was sich ereignet,
geschieht aus gewissen Grnden oder nach einem bestimmten Willen. Wille und
Grnde aber schlieen jeden Zufall aus. Das sollte man doch endlich einmal
einsehen! Und selbst wenn du an das Vorhandensein des Zufalles im allgemeinen
glaubtest, so konnte doch in diesen beiden besonderen Fllen von ihm keine Rede
sein. Man hatte die Pferde doch nicht aus Zufall zurckgelassen, sondern
jedenfalls in der ganz bestimmten Absicht, sie zu verstecken, damit sie nicht
gesehen werden sollten. Wenn die Pdrahn kommen, so mssen sie nach einem
solchen Ritte vor allen Dingen ihre Pferde trnken. Darum steigen sie am See ab,
wahrscheinlich immer an derselben Stelle. Ich werde sie mir zeigen lassen.
    Darf ich dich hinbegleiten? fragte er.
    Ja. Doch sage keinem Menschen etwas davon!
    Nicht? - Warum?
    Die Sillan, welche hier im Duar wohnen, knnten es erfahren.
    Effendi, du bist - - - toll, htte ich beinahe gesagt! Du glaubst an das
geradezu Unmgliche!
    Er sagte das in grter Aufregung. Doch um so ruhiger sprach ich weiter:
    Ich bin berzeugt, da das, was ich vermute, nicht stattfinden knnte, wenn
die Feinde hier keine Helfershelfer htten.
    Wenn das wahr wre, so htten diese sich doch des am Fue verletzten und
auch des in der Nacht verirrten Sill angenommen!
    Hatte sich der Letztere wirklich verirrt? Als er ertappt wurde, sagte er
dies als Ausrede. Wer so nahe am Duar vom Pferde steigt und es an den See zur
Trnke fhrt, der will erstens den Duar berhaupt vermeiden und knnte sich
zweitens auf keinen Fall verirren, weil er die Zelte und Huser grad vor der
Nase liegen hat. Und wer in den Ruinen herumkriechen will, um nach Altertmern
zu suchen, der thut dies doch wohl nicht des Nachts, nachdem er sein Pferd so
sorgfltig versteckt hat. Er kommt des Tages, um sich als Fremder Auskunft,
Erlaubnis und einen Fhrer zu erbitten! Ihr seid von einer Arglosigkeit gewesen,
die geradezu kindlich ist. Du meinst, die hiesigen Sillan wrden sich des
Altertmerhndlers angenommen haben. Ich aber denke mir, da sie von seinem
Unfalle nichts wuten.
    Ich kann dennoch deinen Verdacht nicht zu dem meinigen machen. Es giebt bei
uns keinen Menschen, der den Ring der Sillan trgt.
    Weit du das so genau?
    Beschwren freilich knnte ich es nicht. Ich wei nur, da ich nie einen
Ring mit diesem Zeichen gesehen habe.
    Das halte ich ja gar nicht fr erforderlich. Es trgt ganz bestimmt nicht
jeder Sill einen Ring. Wer einen hat, ist gewi ein Sill. Ebenso gewi aber ist
es, da nicht jeder Soldat, dem die Tapferkeitsmedaille fehlt, nicht als Soldat
zu gelten habe.
    Das ist ja ein neuer Gedanke! Du hltst den Ring also nicht fr ein
Erkennungs-, sondern fr ein Anerkennungszeichen?
    Ja. Der Frst der Schatten wird sich hten, jedem seiner Sillan, also auch
denen, die sich noch gar nicht bewhrt haben, einen Ring zu geben! Wenn du bei
einem Menschen das Kainszeichen gewahrst, so darfst du getrost annehmen, da er
kein Anfnger im Bsen ist! Hat bei euch noch niemand es zu diesem Zeichen
gebracht, so ist das noch kein Beweis, da es unter euch gar keine Sillan gebe!
Bei der Arglist, mit welcher der Aemir verfhrt, ist es sogar mglich, da man
Sill sein kann, ohne es bestimmt zu wissen. Ja, du darfst nicht einmal von dir
selbst behaupten, da du noch nie in irgend einer Weise in seinem Dienst
gestanden habest! Du hrst, da ich keinen deiner Dschamikun direkt verdchtigen
will; aber ich frage dich, ob du vielleicht behaupten willst, da in eurem
kleinen Reiche nichts als nur Licht vorhanden sei!
    Leider ist dies nicht der Fall. Diese ganze Gegend war frher von den
Massaban besetzt, jenen Unglcklichen, welche verfhrt worden waren, auf allen
mglichen Irrwegen fr ihre Unterhaltung zu sorgen. Sie strzten sich
vollstndig skrupellos ber alles her, was ihnen in die Hnde kam, und selbst
der edle Lumpenhndler, der hier des Weges frba zog, war ihnen noch willkommen
und konnte dann mit leeren Hnden weitergehen.
    Als der Pedehr bis hierher gekommen war, ergriff der Ustad, der zuletzt
geschwiegen hatte, mit neu erwachter Lebendigkeit das Wort:
    Es war die schlimmste Wegelagerei, die man sich unter Menschen denken kann,
und niemand war hier seines Eigentums sicher. Es gab bei dem Gesindel kein
Bedenken und keinen Unterschied. Heute fiel man ber einen Reichen her, und
morgen wurde dann in ganz derselben Weise ein armer Schelm bis auf das Letzte
ausgeplndert. Ich glaube fast, man htte nicht einmal das geistige Eigentum
geachtet und selbst die Manen eines Schiller, Goethe um ihre Jungfrau, ihren
Faust beraubt! Am liebsten hielten sich die Massaban da drben in den alten
Mauern auf, in denen einst die Frmmigkeit verschwundener Vlker wohnte. In
diesem Schutze wuten sie sich sicher. Und wie sie dort gehaust, das kannst du
sehen, wenn du hinber gehst, um Heiliges zu suchen. Du findest nichts, als nur
die Ueberbleibsel der Zerstrung, die alles einst Erhabene vernichtet hat!
    Jetzt warf er einen forschenden Blick auf mich und fragte:
    Hast du verstanden, was ich sprach, Effendi?
    Ja, antwortete ich. Ich habe ja nach diesen Massaban nicht weit zu
suchen, grad ich! Sie haben ja auch mich bis auf die Stiefel ausgezogen,
obgleich ich doch kein Schiller und kein Goethe bin. Ich traute ihrem scheinbar
ehrenhaften Dinarun-Gebaren. Dann aber sah ich freilich ein, da es ihnen nur
daran lag, sich meine Person und meine Waffen gegen brave Menschen dienstbar zu
machen. Da begleitete ich sie denn in ihre eigene Falle, den Todessprung nicht
scheuend, der ber ihren Abgrund mich zu bringen hatte. Jetzt hrst du wohl, da
ich begriffen habe, wen du meintest? Sie hatten noch die Bldigkeit, mich vor
diesem Sprung zu warnen, ich aber that ihn doch und lie sie in dem Thal des
Sackes stecken.
    Und rettetest dich grad in jene Gegend, von welcher aus sie einst ihr
lichtscheues Rittertum betrieben hatten! fgte der Ustad hinzu. Knntest du
den Ha ermessen, den sie auf mich warfen, als sie sich von mir aus dieser
Gegend verdrngt sahen! Sie, die sich unter einander selbst nie etwas gnnten,
sich unaufhrlich mit einander herumbissen und gegenseitig stets die Zhne
fletschten, sie fhlten sich sofort als liebe Herzensfreunde, sobald es galt,
sich gegen mich zu wenden. Du kennst ja ihren allerletzten Zug, den sie, mich zu
verderben, unternahmen! Da waren alle schnell bereit, und keiner wollte fehlen!
Sogar die Weiber schlossen sich mit an! Und alles, was man sonst Bagage heit,
das wurde mit den Ochsen und mit den Eseln hintendrein geschleppt, um an dem
leicht erhofften Siege teilzunehmen! Das ist so ganz, so recht die Weise dieser
Leute, die ich zwar nur als Massaban, als Unglckselige bezeichnen lasse, weil
ich auch noch im Feind den Menschen sehe, doch drften auf sie wohl auch noch
ganz andre Namen passen, die weniger als dieser den Klang der milden Nachsicht
haben! - - - Es war kein leichtes Werk, ihr einstiges Gebiet von ihnen ganz zu
subern. Sie gaben es ja nicht freiwillig auf. Wir hatten schwere Kmpfe zu
bestehen. Und als sie mit Gewalt nichts mehr erreichen konnten, da griffen sie
zur List. Ich bin nie den Gedanken los geworden, da hier in den Ruinen noch
etwas steckt, wovon sie angezogen werden. Vielleicht so etwas Aehnliches wie
unten im Birs Nimrud, was dort von euch gefunden und an das Tageslicht gezogen
wurde. Wir haben noch nach langer Zeit die Spuren fremder Fe im alten Bau
gesehen, und noch bis in die Gegenwart kam es zuweilen vor, da sich hier Leute
niederlassen wollten, die ich nach stiller Prfung wieder gehen hie. Es waren
auch Verwandte von einigen der Dschamikun dabei, die mir es, wie es scheint,
nicht ganz vergessen knnen, da ich den fremden Anhang nicht geduldet habe. Und
das wird es wohl sein, was der Pedehr mit der Bemerkung meinte, da auch bei uns
nicht lauter Licht vorhanden sei.
    Als er dieses sein Gestndnis ausgesprochen hatte, knpfte ich schnell an
dasselbe an:
    Was du jetzt gesagt hast, fhrt mich auf die Frage zurck: Was will der
Mirza eigentlich hier? Warum ist ihm grad diese Gegend so wichtig, da er alle
seine sonstige Vorsicht vernachlssigt, nur um den frheren Einflu wieder zu
gewinnen?
    Ich wei es nicht. Kannst du es dir wohl denken? Vermuten kann ich auch,
doch klar zu sehen ist mir noch nicht mglich.
    Vergegenwrtige dir seine Reden! Er hat uns ja in Dreistigkeit sein bisher
stets verschwiegenes Programm entwickelt. Da er, der Schlaue, heut zu dieser
Dummheit frmlich hingerissen wurde, das mu uns doch verraten, wieviel fr ihn
hier auf dem Spiele steht! Ihm widerstrebt die geistige und sittliche Kultur. Wo
sie erblht, hat er die Macht verloren. Er mu den Stumpfsinn pflegen, der weder
sieht noch hrt, und mit ihm jene Unzufriedenheit, die stets nach Hilfe schreit,
weil sie zu faul und unerfahren ist, sich selbst zu helfen. Er mu den wahren,
unverflschten Gottesglauben tten, der Kraft und Mut zum Lebenskampf verleiht,
dagegen aber jene Schwachkopf-Frmmigkeit beschtzen, die jeden, der sie an den
Wangen streichelt, sofort fr einen Engel ihres Himmels hlt. Da darf es auf der
Erde keinen Frhling geben, der alles, was veraltet, von den Fluren fegt. Der
Staub hat meterdick auf Stadt und Land zu liegen, und wo ein Wasser fliet, da
mu es trb und schleichend sein! Dann kommen jene nchtlichen Gespenster, die
alles, doch nur keine Geister sind. Sie flattern berall, mit leisem
Vampyrflgelschlage. Und wo sie sich aufs Volk herniederlassen, da saugen sie
ihm bald die vollen Adern leer. Dann sieht man nicht mehr frohe Menschenkinder,
die sich in Gottes reinem Lichte sonnen. Der Blick fllt nur auf geistge
Mummelgreise, und alles ringsum wird zum - - - Schattenland!
    So war es hier; so war es, wie du sagst! stimmte der Ustad bei. Es war
die Geisteswste, genau wie jenes Paradies, von dem ich dir erzhlte, ein
flaches, des, wstes Schemenland! Der Stumpfsinn kroch im tiefen Bodenstaube.
Der Groll schlich zhneknirschend nachts umher. Der arbeitsscheue Miggang
schlug frmmelnd sich die Brust und schnappte gierig nach der Dummheit Brocken.
Stumm lag der ausgenutzte Flei in drrem Sande. Und ber diesen und noch
tausend andern Schatten gab es ein unhrbares Flattern dunkler Flederhuter, fr
welche du den rechten Namen, Vampyr, hattest. - - So, so war es um die Bewohner
dieses traurigen Gebietes und also auch um meine jetzigen Dschamikun beschaffen,
als ich zu ihnen kam. Ich hatte zwar schon oft von Menschheitsjammer sprechen
gehrt und manches Erdenleid an andern und auch an mir selbst erfahren, doch da
dies Elend nicht von dem Geschick bestimmt, sondern nur der Sauggier dieser
Flgelhuter zuzuschreiben sei, das war mir vllig unbekannt gewesen. Ich fragte
mich, ob wohl noch Hilfe mglich sei. Wenn ich die unzhlbaren Scharen sah, die
es von ihnen gab, da hrte ich zu meinen eigenen Fen die Verzagtheit sthnen.
Ich schob sie fort von mir und dachte nach. Ein Mensch, ein einzelner, war nicht
zu helfen fhig, auch viele Tausend nicht. Dies nchtliche Getier stand unter
einem Schutze, der mchtiger als Menschenschwachheit ist, dem Schutz der
Dunkelheit. Jedoch noch mchtiger als diese ist das Licht. Gelang es mir, es
dort hinber in den Bau zu tragen, der ihm seit langer Zeit fast ganz
verschlossen war, so muten diese Sauger an die Helligkeit des Tages fliehen, wo
sie von jedermann erkannt und dann gemieden werden konnten.
    Als der Ustad hier eine Pause machte, nahm der Pedehr das Wort.
    Was du jetzt sagtest, fhrtest du auch aus. Wir kannten dich noch nicht; du
hattest keine Hilfe und wagtest dich allein in die Ruinen. Jedoch grad diese
Khnheit hat uns fr dich gewonnen!
    Es war viel leichter, als man denken sollte! lchelte der Ustad. Ich habe
mich nicht etwa eingeschlichen. Ich kam im vollen, hellen Licht des Tages und
sagte ehrlich, wer und was ich sei. Da hielt man mich erst recht fr einen
Schatten, der aus der Welt des Lichtes hierher in ihre Dunkelheit geworfen
worden sei. Auch dies vermochte nicht, zum Trug mich zu bewegen. Ich nahm mein
Licht heraus und zndete es an. Sie hatten nichts dagegen. Das kleine Flmmchen
schien sogar hier Freude zu bereiten. Es konnte diese groe Finsternis ja doch
nur tiefer machen, und fr die Menschen drauen brauchte man es als Beweis, da
man in den Ruinen das Licht zu schtzen wisse.
    Da fiel der Pedehr ein:
    Wir sahen dieses Licht. Es zog uns an. Wir kamen nach dem Bau. Erst einzeln
nur, doch bald in grern Scharen. Wir drangen in den Bau. Es wurde hell in ihm,
weil wir nicht ohne unsere Lichter kamen. Da ging ein schrillendes Gekreisch
durch alle seine Gnge. Es flatterte und huschte berall. Wir leuchteten in alle
Ecken und stberten die Flederwesen auf. Sie flohen vor uns her, auf jede
Oeffnung zu. Und wer da drauen stand, der sah sie wie verscheuchte Irrgedanken
aus dem Gemuer kommen und, um die Ecken biegend, schnell verschwinden. Ob
vielleicht welche, tief versteckt, sich noch im Bau befanden, das kmmerte uns
nicht, weil wir doch nicht die Absicht haben konnten, ihn fr uns zu benutzen.
Wir bauten uns im Sonnenlichte an und haben bis zum heutigen Tag noch keinen
Grund gehabt, es zu bereuen.
    Ihr werdet auch fernerhin keinen solchen Grund finden, sagte ich. Fr
jetzt scheint es mir beachtenswert, da du nicht genau weit, ob damals
vielleicht welche von den Massaban unentdeckt geblieben sind. Habt ihr denn die
Ruinen nicht genau untersucht?
    Doch! So weit sie nmlich zugngig waren. Es giebt auch alte, ganz oder
halbverschttete Gnge, in welche wir nicht vorgedrungen sind, weil wir keine
zwingenden Grnde dazu hatten. Der Bau des Duar nahm uns so in Anspruch, da wir
keine Zeit fanden, alte Lcher neu auszugraben.
    Wohl! Lassen wir da einstweilen ruhen! Wir haben es mit dem Aemir-i-Sillan
zu thun. Er brstete sich schamlos damit, da die Massaban seine Beschtzten
seien. Er hat gesagt, da es in seiner Macht stehe, euch das frhere Gebiet
dieser Leute mit der Hilfe von Soldaten wieder abzunehmen. Er will dies aber
nicht thun, falls ihr euch bewegen lasset, ihm einen bestimmenden Einflu ber
euch einzurumen. Warum das? Er mu doch Grnde haben! Sollten diese auf den
Umstand deuten, da ihr gewisse Teile der Ruinen noch nicht kennt? Wir werden
diese Frage weiter verfolgen, sobald wir Zeit dazu finden. Es giebt fr ihn noch
eine andere, allgemeinere und noch wichtigere Ursache, euch zu stren. Ich habe
sie bereits angedeutet. Er hat die Kultur, weil sie ihn seiner Macht beraubt.
Es liegt in seinem Interesse, sie zu vernichten und nicht wieder aufkommen zu
lassen. Das ist ganz derselbe Geist, welcher Etage um Etage eurer Steinpyramide
ihrem ursprnglichen Zwecke entzog, um sie schlielich mit gesindelhaften
Menschen zu bevlkern. Grad eben, als er dies erreicht hatte und nun damit
beginnen konnte, das, was ich vermute, in das Werk zu setzen, kam der Ustad, um
mit Hilfe seiner Dschamikun dieses Gesindel wieder zu vertreiben - - -.
    Was vermutest du? fragte mich der Ustad.
    Davon spter! antwortete ich. Fr meinen jetzigen Gedankengang gengt die
Bemerkung, da der Aemir-i-Sillan euer Gebiet als Sttzpunkt seiner Plne nicht
nur betrachtet hat, sondern selbst auch heute noch betrachtet. Es ist sogar
mglich, da eure Ruinen fr ihn von noch grerer Bedeutung als diejenigen des
Birs Nimrud sind. Seine Plne scheinen ihrer Ausfhrung entgegen zu treiben.
Wre dies nicht der Fall, so wre er nicht in eigener Person und ffentlich
gekommen und htte es noch viel weniger gewagt, mit seinen Reden und Forderungen
so aus sich herauszutreten.
    Vielleicht giebst du dem allem eine grere Bedeutung, als es verdient,
warf der Ustad ein.
    Das glaube ich nicht. Ich berlege kalt und objektiv. Der Mirza hat heut
Dinge gesagt, von denen man nur dann so deutlich redet, wenn man sie als letzte
und hchste Trmpfe ausspielen will. Warum zum Beispiele dieses auffllige
Eingehen auf das Wettrennen? Welchen Zweck hat dieses Rennen fr ihn? Etwa euch
einige Pferde oder Kamele abzugewinnen? Wirst du ihm das glauben? Ist es
vielleicht deshalb, weil er dadurch eine unauffllige Gelegenheit findet, sich
fr einige Zeit hier aufzuhalten und herumzutreiben? Wir werden aufpassen, und
ich hoffe, da es uns gelingt, seinen Absichten auf die Spur zu kommen! Du
glaubtest, Ustad, da ich bertreibe. Bedenke doch, um was fr einen Mann es
sich handelt! Es ist ein groer Unterschied, ob ein gewhnlicher Soldat oder ein
hoher General geheime Plne hegt. Wenn ein Prinz von der Bedeutung Ahriman
Mirza's euch hinter dem Rcken des Schah-in-Schah mit Vernichtung droht, mit
seinen geheimen Gewalten prahlt und es unternimmt, euch verrckt klingende
Anschlge zu machen, die kein vernnftiger Mensch begreifen kann, so kann es
sich nicht um die bedeutungslose Subordination eines Soldaten gegen sein
Korporlchen handeln, sondern die Angelegenheit mu eine hchst wichtige sein,
und zwar nicht nur fr dich und deine Dschamikun!
    Willst du mich bange machen, Effendi? fragte er besorgt.
    Nein! Ich will nur beweisen, da wir vorsichtig zu sein haben. Wenn der
Mirza fortfhrt, so schwatzhaft zu sein, wie er heut gewesen ist, so denke
wenigstens ich an keine Bangigkeit. Nur darf er nicht vermuten, da wir ihn zu
durchschauen beginnen. Darum drfen wir ihn in seinem Anschlage gegen Dschafar
Mirza nicht eher stren, als bis die rechte Zeit dazu gekommen ist. Wir machen
also seinen Brief an den Henker wieder zu. Der Multasim mu ihn auf jeden Fall
bekommen.
    Aber wie?
    Auf irgend eine Weise, die ihn im Zweifel darber lt, wer der Bote
gewesen ist.
    Das kann ich jetzt in Isphahan sehr leicht besorgen. Er wohnt ja da!
    Ja; thue das! Ich aber werde mir den Brief sofort abschreiben, und auch das
Alphabet. Es kann spter von groem Vorteile sein, eine Kopie zu besitzen.
    Ich machte die beiden Abschriften in mein Taschenbuch. Als ich damit fertig
war, erkundigte sich der Ustad:
    Es ist mglich, da ich Dschafar Mirza in Isphahan treffe. Ich soll ihm
also nichts sagen?
    Nein. Ich wnsche, da er vollstndig unbefangen sei, damit Ahriman Mirza
gar nichts merke. Dieser wird ihn auf irgend eine Weise veranlassen, mit hierher
zu reiten. Das giebt eine vortreffliche Gelegenheit, den Mord dann auf uns zu
schieben, welche Ahriman sich ganz gewi nicht wird entgehen lassen wollen. Du
sagst Dschafar nur das eine, da ich hier bin. Wenn er das hrt, wird er sicher
kommen. Dann sind wir wahrscheinlich genauer unterrichtet als jetzt und knnen
ihm gleich Bestimmtes mitteilen, whrend er jetzt fast nur Vermutungen hren
wrde.
    Durch die Erwhnung, da man versuchen wird, Dschafar zum Wettrennen
herbeizulocken, erinnerst du mich daran, da er das edelste und beste Pferd in
ganz Persien besitzt.
    Das ist viel gesagt, sehr viel! bemerkte ich.
    Es ist aber wahr!
    Jedenfalls hat er es nicht selbst gezchtet?
    Nein. Es ist ein Geschenk des Schah-in-Schah.
    So wird es bei Dschafar verdorben. Er ist kein Reiter und wird es auch nie
werden. Das habe ich gesehen, als ich ihn kennen lernte.
    Du bist Kenner, und doch hast du Unrecht. Dieses Pferd ist bisher weder von
Dschafar selbst, noch von irgend einem andern verdorben worden. Niemand hat es
noch je geritten.
    Warum?
    Der Grund ist eben so einfach wie unglaublich. Dieses herrlichste aller
Vollblute lt sich nmlich nicht reiten, absolut nicht!
    Das wre! rief ich unglubig aus. Persien hat doch Reiter!
    Allerdings! Aber die besten, die khnsten und auch die geduldigsten haben
es vergeblich versucht.
    Lt es niemand aufsteigen, oder wirft es jeden ab?
    Keines von beiden. Es lt jeden hinauf und wirft keinen herunter. Es steht
wie ein Lamm; aber es bleibt eben stehen. Es thut keinen Schritt, keinen,
einzigen! Es ist durch keine Lockung und aber auch durch keine Peitsche zu
bewegen, sich von der Stelle zu rhren.
    Aber wenn man es fhrt, whrend jemand daraufsitzt?
    So thut es grad soviel Schritte, wie es gefhrt wird, doch keinen einzigen
weiter. Ich habe mich schon gefragt, ob das Natur oder Dressur ist.
    Natur - - Dressur? Es kann durch keine Dressur erzwungen werden, was die
Natur berhaupt verbietet. Es ist dem, was man Dressur nennt, mglich, die
Grenzen des Wollens und Knnens um ein weniges zu verrcken; weiter kann sie
nichts. Wenn das Tier aus Liebe zu seinem Herrn etwas thut, was gegen seine
sogenannte Natur verstt, oder wenn es sogar nach und nach selbst Freude an
einem ihm angewhnten Vorgang findet, der keine Folge seiner ursprnglichen
Instinkte ist, so kann man doch wohl nicht mehr von Dressur sprechen. Es ist ein
Unterschied, ob der Dresseur mit der Peitsche dasteht, oder ob das Tier etwas
frher Gelerntes spter ganz aus freiem Willen thut. Bei Dschafars Pferd steht
niemand, der es durch heimliche Winke oder offene Drohungen zwingt, etwas zu
leisten, was ihm eigentlich widerstrebt. Es denkt; es will; es folgt einem
eigenen Entschlusse und fhrt ihn sogar mit einer so ausdauernden Energie aus,
da sich mancher Mensch ein Beispiel an ihm nehmen knnte. Es lt sich weder
durch freundliche Verfhrung noch durch Drohung oder gar Roheit irre machen. Das
ist hchster Pferdeadel! Ein gewhnlicher Gaul wrde nur aus Angst gehorchen, so
lange er die Peitsche sieht. Was der Schah-in-Schah in dieses Pferd gelegt hat,
ist keine tote Angewhnung, keine stumpfsinnige Zwangesgehorsamkeit. Es ist eine
sehr liebe und sehr gtige Hand gewesen, von welcher das edle Tier dieses Syrr
empfangen hat, und es wird auch nur derselben Gesinnung gelingen, es zu lsen.
    Syrr, hast du gesagt? - Sonderbar! rief er aus.
    Warum? fragte ich.
    Das ist der Name des Pferdes. Es heit Syrr. Hast du vielleicht schon von
ihm gehrt, oder war es Zufall, da du dieses Wort brauchtest?
    Zufall? Du weit doch, da es fr mich keinen Zufall giebt! Ich wute
brigens nichts von diesem Pferde.
    Aber du wirst doch nicht etwa behaupten wollen, diesen Namen infolge einer
Fgung oder Schickung gefunden zu haben! Das wre doch wohl lcherlich! Verzeihe
mir dieses Wort!
    Ich behaupte nichts, und ich vermute und ich folgere nichts. Ich wiederhole
nur, da es fr mich diesen Freund der Oberflchlichkeit, den Zufall, nicht mehr
giebt. Man nennt ihn auch das blinde Ungefhr. Es scheint nur ungefhr zu sein,
und ist auch keineswegs blind. Wer ruhig wartet und die Augen offen hlt, der
lernt dann ganz gewi die verborgenen Fden kennen.
    Verborgene Fden zwischen dir und diesem Syrr? lachte er. Effendi,
Effendi, welcher Wunderglaube!
    Wer hat sie angeknpft? Du selbst? antwortete ich ebenso heiter. Du hast
ein Wort betont, bei dem ich mir gar nichts dachte. Ob dieser Ton nur von dir
stammt und also bedeutungslos ist, das wird sich finden. Hat denn Dschafar nicht
irgend einmal wegen dieses Geheimnisses mit dem Schah-in-Schah gesprochen?
    Doch! Er erzhlte es mir. Der Beherrscher erkundigte sich einst bei ihm,
wie sich das Pferd befinde. Da klagte er ihm seine Not und erzhlte von den
vielen vergeblichen Versuchen, welche angestellt worden waren. Hierauf lchelte
der Schah wie in stiller Freude vor sich hin und sagte: Sobald der Rechte kommt,
wird es sofort und stets gehorchen, aber nur ihm allein. Es ist mein Syrr. Kein
Mensch wird es ergrnden! Dschafar verstand diese Worte nicht. Auch mir sind sie
dunkel. Was denkst du dir wohl dabei, Effendi?
    Nichts! Syrr heit Geheimnis, sogar Mysterium. Achten wir es, indem wir
nicht versuchen, an ihm herumzutasten. Das ist der Wille des Beherrschers!
    So wollen wir fr jetzt schlieen. Ich bitte um die Erlaubnis, dich hinauf
in deine Wohnung fhren zu drfen.
    Und indem er sich an den Pedehr wendete, fgte er fr ihn hinzu:
    Bereite es vor, da, sobald der Brief an den Offizier fertig ist, einige
Boten sofort nach Bagdad reiten, um ihn und seinen Diener zu holen. Er wird sich
nicht entschlieen knnen, ohne diesen zu reisen. Fr Kepek, den Gewichtigen,
werden sie eine Kamelsnfte mitnehmen mssen, weil ein anderes Transportmittel
fr ihn gewi zur Marter werden wrde.
    Nun trennten wir uns vom Scheik. Dieser stieg in das Erdgescho hinab. Der
Ustad aber nahm eines der beiden Lichter, um mit mir nach oben zu gehen.
    Als wir aus seiner Stube traten und die Thr der Rumpelkammer vor uns
hatten, machte er sie zu meiner Verwunderung auf und ging hinein.
    Komm, Effendi! sagte er. Tritt nher!
    Warum? fragte ich.
    Du hast diese Sachen mir geschenkt; aber du weit gar wohl: Was mein ist,
ist auch dein! Ich hatte vielleicht kein Recht dazu, doch folgte ich der Regung,
dich zu prfen. Du hast bestanden! Besser, viel besser, als ich erwarten konnte!
Indem du mir diese Dinge alle schenktest, hast du etwas abgelegt. Was es ist,
das berlege dir! Und indem ich, so bald und so oft du willst, sie dir alle
wieder zur Verfgung stelle, thue ich etwas, was dich unendlich freuen mu. Was
es ist, berlege dir auch das! Kamst du zu mir aus einem Land, auf dem es keine
festen Wege giebt? Willst du dein Ziel von hier nur noch im Flug erreichen? Ich
wei, dir ist die Angst vollstndig unbekannt. Du fhlst dich an der Hand, die
keinen je verlt, der sich ihr anvertraut. Doch, hebe deinen Fu nicht von dem
sichern Boden! Noch bist du nicht daheim! Kannst Waffen nicht entbehren! Nimm
diese Warnung an! Nachdem ich dich geprft, hab ich das Recht erworben und auch
die Pflicht dazu, in diesem ernsten Ton mit dir zu reden!
    Er hob die Hand und drohte mir in liebevoller Weise mit dem Finger. Da kam
es wie ein pltzliches Glck ber mich, aber nicht wie ein unverstandenes,
sondern wie eins, welches klar und deutlich vor einem steht und voll begriffen
wird. Ich nahm ihn bei der erhobenen Hand, zog ihn heraus, machte die Thr zu
und sagte:
    Komm hervor aus dieser unserer Kammer und schnell herauf zu mir! Ich mu
dir etwas sagen!
    Was? fragte er.
    Ein Gestndnis. Komm nur, komm! Ich freue mich so sehr!
    Ein Gestndnis? Und doch Freude?
    Ja! Es ist ein Sieg, ein innerlicher Sieg, den du soeben ber dich und
mich, ber uns beide also, errungen hast!
    Er folgte mir so schnell, wie ich ihm voranstieg. Oben bei mir angekommen,
nahm ich ihm das Licht aus der Hand und brannte zunchst die Lampe wieder an,
welche er der Perser wegen hatte auslschen mssen. Als dies geschehen war, bat
ich ihn, sich aufrecht vor mich hinzustellen. Ich nahm ihn mit frohem Blicke von
oben bis unten in die Augen und sagte dann:
    Es ist mir mit dir grad so ergangen, wie es so manchem Menschenkind mit
seinem Geist ergeht. Es kennt ihn nicht, bis ihn der Feind ihm zeigt. Ich wute
nichts von dir, bis mich die Massaban auf jene Spuren fhrten, an denen ich zum
erstenmal den Namen Ustad hrte. Man sprach von dir als dem Geheimnisvollen, von
dem man ja nichts Schlechtes sagen drfe. Sie schienen dich nicht blo zu
achten, sondern auch zu frchten, und dennoch aber hegten sie nur Feindschaft
gegen dich, weil sie als Unglckselige dich ja doch hassen muten. Dann traf ich
den Pedehr, der mir nicht trauen wollte. Er nahm die Flucht vor mir, doch holte
ich auf meinem Pferd das deinige schnell ein. Es war fast wie bei jenem
Morgenritt im Mrchen Danyseh, wo das schnellste Pferd des Menschengeistes von
dem silberweien Ro der Menschenseele berholt wird. Als ich hierauf mit ihm
sprach, hrte ich zum zweitenmal von dir. Ich begann, in meiner Phantasie nach
einem Bild von dir zu suchen. Dann warf mich jene schwere Krankheit nieder, von
der ich hier bei dir erstanden bin. Ich lag bewutlos, ohne Thtigkeit des
Geistes. Da begann ich, zu erwachen. Es legte sich eine Hand auf meine Stirn,
und dabei war es mir, als ob von ihr eine gtig reine, immaterielle Kraft
ausstrme und dann durch mein ganzes Wesen gehe. Und eine tiefe Stimme sprach
die Worte: Der Herr behte deinen Eingang und deinen Ausgang von nun an bis in
Ewigkeit. Amen!
    Das war ich, sagte der Ustad.
    Ja, du warst es. Du kamst noch oft, wenn ich nicht wachte. Dann hatte ich
einen Traum. Oder war es ein Gesicht? Ich befand mich im Haine Mamre, bei der
Eiche Abrahams. Da trat die hohe Gestalt des Erzvaters leuchtenden Auges vor
mich hin und grte mich: Friede sei mit dir! Und als ich das meinige ffnete,
standest du vor mir, breitetest deine Hand wie segnend ber mich aus und
sprachst ganz dieselben Worte. Darum wuchsest du in meinen Fieber- und dann auch
in den Genesungstrumen dich in mir zum Ebenbilde jenes ausgewanderten Chalders
aus, welchem der Herr einst die Verheiung gab: Ich werde dich zum groen Volke
machen! Als ich mich dann so weit erholt hatte, da ich mich erheben und drauen
vor der Halle sitzen konnte, da kamst du zu mir, und was und wie du da sprachst,
das war im Geist des ersten Testaments gesprochen, der sich im zweiten die
Verklrung holte. Nun kam das Heut, der Dankestag. Httest du in mir noch hher
wachsen knnen, so wre das da drben bei eurem Gotteshaus gewi geschehen. Du
zeigtest dich dort Ahriman nicht nur gewachsen, sondern berlegen. Ich schaute
zu dir auf, fast staunend, mcht ich sagen! Es stieg der Wunsch in meinem Herzen
auf, so gro zu sein und auch so rein wie du. Das war wohl auch der mir nicht
klar bewute Grund, da ich dann jene Beichte sprach, die mich befreien sollte.
Ich wollte deiner wrdig sein, ganz still, in meinem Innern!
    Mein Freund, mein lieber, lieber Freund! rief er gerhrt aus.
    Warte, bat ich, und hre weiter! Es wurde Abend. Da stellten sich die
finstern Schatten ein. Du zogst sie aus der frheren Zeit herbei und warfst sie
leider ber deine Gegenwart. Das Licht verschwand. Du wurdest mir fast dunkel.
Du lieest diese deine Schatten wachsen. Sie nahmen jene Riesengre an, von
welcher du bei deinem Sonnentage sprachst! Du aber wurdest kleiner, in meinen
Augen immer, immer kleiner! Ich strubte mich dagegen, doch vergeblich. Ich
wollte dich, die Hochgestalt, nicht lassen. Und dennoch thatst und sprachst du
alles, was dich gering und winzig machen mute. Du warst fr mich nicht mehr der
Abraham von Erz, an dem kein Schatten fressen, kein Schemen rtteln kann. Du
hattest dich in jenen schnellen Hasenfu verwandelt, der, wenn das dunkle Abbild
eines Baumes, die Sonne fliehend, auf sein Lager fllt, rasch auch die Flucht
ergreift und, blind vor Angst, im allerschnellsten Lauf von dannen jagt, um
seine Feigheit in den Busch zu retten.
    Maschallah! verwunderte er sich jetzt. Diesen Eindruck habe ich auf dich
gemacht, nur diesen?
    Ja! antwortete ich.
    Wie war das mglich?!
    Mglich? Sag unvermeidlich! Du sprachst soeben davon, da ich die Angst
nicht kenne. Sie ist mir fast verchtlich. Ich kann sie nicht begreifen. Da
pltzlich seh ich die Gestalt, die ehern mir erscheint, als sei sie von des
Schicksals eigener Hand gegossen und auf den rechten Platz auf festestem Granit
gestellt, von diesem sichern Felsen niederspringen und wie besinnungslos die
Flucht ergreifen! Vor wem? Vor nichts, als nur vor ihrem eigenen Schatten!
Fhlst du mir denn nicht nach, was ich empfinden mute? Ahnst du denn nicht, da
du dich da in mir zerstren mutest? Der Ritt durch dein Gedankenparadies, wie
war er doch so traurig! Nicht dieser Thoren wegen, die es verfallen lieen,
nein, deiner heiligen Einfalt wegen, in welcher du aus der Erhabenheit der Berge
niederstiegst, um dich in Wsteneien durchzuhungern und dann sogar den Baum des
Schwatzes zu beachten! Du warst mir fast so ideal geworden wie jenes Bild von
Akhal, den Durchschauenden, den nie ein Mensch bethrt. Was aber war aus diesem
Geiste der Untrglichkeit geworden, als ich ihn, blind vor Angst, die Flucht
ergreifen sah, gehetzt von den Phantomen, die ihn auch heut noch nicht verlassen
haben!
    Da lie er den Kopf sinken und war eine kleine Weile still. Dann warf er ihn
mit einer energischen Bewegung wieder empor und sagte:
    Das war eine bse, bse Sonde, Effendi! Aber du weit nicht, wie ich dir
dafr danke! Ich fhle, da es in mir licht werden will. Siehst du die Schatten,
welche von mir weichen und da, zur Thr hinaus, die Flucht ergreifen? Nicht? Ich
auch nicht. Aber ich fhle, da sie es thun, da sie von dir aufgestbert worden
sind und mich verlassen mssen. Du hast mir nichts gesagt, als nur die Wahrheit.
Nun sage mir noch eins: Glaubst du, da ich die innere Kraft besitze, dir wieder
das zu werden, was ich dir vor dem heutigen Abend war?
    Ja! Fast bist du es schon wieder! Ich sprach von dem Gestndnis und auch
zugleich von meiner Freude, bevor wir hier heraufgegangen sind. Das erstere hab
ich dir nun gemacht. Die letztere sollst du jetzt mit mir teilen.
    Freude? Worber?
    Ueber dich! Erinnere dich der Strenge, mit welcher du da unten in der
Kammer zu mir sprachst! Das war der Mann von Erz! Nicht mehr der
Schattenflchtling! Du wuchsest pltzlich wieder empor. Du setztest deinen Fu
zurck auf den Granit. Ich bitte dich: Steig wieder auf die alte, gute Stelle!
Ich gebe dir mein Wort: Kein Schatten ist es wert, und wenn es selbst der
allergrte wre, da man um seinetwillen auch nur in einzig Mal den Kopf nach
hinten wendet!
    Nach hinten wendet! wiederholte er. Nach hinten! In die Vergangenheiten!
Und grad dir, dir, der du es nicht einmal der Mhe fr wert hltst, auch nur den
Kopf zu wenden, dir wollte ich jetzt alle, alle meine Schatten bringen! Komm
heraus! Ich will dir zeigen, wo sie stecken! Ich sehe es dir an: du ahnest, was
ich will. Du bist glcklich darber. Dein Auge leuchtet! Du hast von einem Sieg
gesprochen, den ich ber dich und mich errungen habe. Jetzt aber ist dir ein
noch viel, viel grerer gelungen: Der Sieg ber die, denen ich einst unterlag,
ber sie alle, alle, alle! Ich bitte dich noch einmal: Komm heraus!
    Er nahm die Lampe und fhrte mich hinaus in seine Bcherei. Dort stellte er
sie auf den Tisch.
    Hier wollte ich dir erzhlen, wohl stunden-, stundenlang, sagte er.
Vielleicht wre ich am Morgen noch nicht zu Ende damit gewesen. Nun aber wird
es kurz gemacht, so kurz, wie diese Schatten es verdienen!
    Er deutete auf eine Reihe von Bchern, welche ganz gleich eingebunden waren,
und sprach weiter:
    Hier steht mein Geist, in Bnde wohlzerspalten und richtig numeriert, wie
das so Sitte bei den Menschen ist. Schau du hinein, und sage mir sodann, ob
diese Bcher wohl auch eine Seele haben!
    Ich griff hin, um eines vom Gestell zu nehmen. Da bat er:
    Nicht jetzt! Du hast ja dazu Zeit, wenn ich verreist bin und dich niemand
strt. Ich habe dir noch weiteres zu zeigen. Ich wollte dir erzhlen und
erklren, zu welchem Zweck ich diese Werke schrieb. Ich unterlasse es, weil ich
jetzt anders denke als noch vor einer Stunde. Du wirst sie lesen. Das heit bei
dir genau so viel, als ob ich sagte: du wirst sie und auch mich verstehen und
begreifen. Sie sind Skizzen, Vorarbeiten, flieende Etuden, um mich und meine
Leser einzuben. Auf was sie vorbereiten sollten, darber schweige ich. Man sagt
das durch die That! Glaubst du, da es Menschen giebt, welche so unerfahren
sind, da sie die flchtigen Uebungsskizzen eines Malers fr vollbeendete,
fertige Werke halten knnen? Nein? Nicht? Unmglich? So scheine ich ein Knstler
allerersten Ranges zu sein, denn es hat keinen einzigen Kritiker gegeben,
welcher die meinigen als leicht bewegliche Schwalben erkannte, die meinem
Freund, dem Frhling voranzufliegen hatten, wie ein bekannter Dichter sagt.
    Ein Knstler allerersten Ranges! lchelte ich. Wozu denn hier die Ironie,
die gnzlich berflssig ist? Man hat das Zwitschern deiner Schwalben nicht
verstanden, weil man noch in dem Eis des Winters steckte und weil sie nicht nach
jenen Noten sangen, die auf fnf parallelen Linien stehn! Das konnte dich
verbittern?
    Er sah mich an. Erst erstaunt, dann nachdenklich; endlich lchelte er auch.
    Wenn ich doch auch das heitere Gold bese, das jetzt im Lichte deines
Auges liegt! rief er aus. Dann fgte er, nach den Wnden deutend, hinzu: Schau
hier die Briefe! Groe Kisten voll! So schrieb man mir! Es war nur Liebe drin!
Doch hier die Ksten mit den Zeitungsblttern, sie sind des Hasses voll, der
mich vernichten sollte. Ich bin ihm gewichen, diesem Hasse. Er wurde mir zum
Ekel! Aber ich habe ihn gekennzeichnet! Ich habe seine Grnde nachgewiesen! Ich
habe mich gewehrt, gewehrt, gewehrt!
    Mit welchem Erfolge? fragte ich.
    Ich mute gehen, doch, doch und doch! Mein letztes Wort an die, denen ich
weichen mute, war folgendes.
    Er trat zu einem der Ksten, nahm die obenauf liegende Zeitung heraus,
faltete sie auseinander und las:

Ich bin ein Mensch. Ihr wollt das nicht begreifen,
Weil ihr wohl schon ganz bermenschlich seid.
Wenn solche Gtter mich zum Richtplatz schleifen,
So trag ich stumm mein Armesnderkleid.

Ich steig getrost auf meinen Scheiterhaufen,
Den ihr mir bautet mit selbsteigner Hand,
Und la mich von dem Flammengeiste taufen,
Fr den ihr schon so manchen Leib verbrannt.

Doch wenn ihr mir nicht folgt, wohin ich gehe,
Hab ich mit eurer Gottheit nichts zu thun,
Denn whrend ich im Fegefeuer stehe,
Seh ich euch stolz auf meinem Lorbeer ruhn.

Ich lasse gern die Flammen um mich schlagen,
Denn mein Metall wird nur im Feuer rein,
Doch meinen Henkern habe ich zu sagen:
Ich mchte nicht an eurer Stelle sein!

    Hierauf legte er die Zeitung wieder zusammen und an ihre Stelle zurck. Dann
fragte er mich:
    Weit du, an wen ich bei diesen letzten Zeilen jetzt unwillkrlich denken
mu? An Ghulam el Multasim, den Henker des Mirza! So nackt wie er liegen jetzt
auch die meinigen vor meinem geistigen Auge. Auch sie waren mit der glatten
Salbe eingerieben, die jeden Leib zum Aal, zur Schlange macht. Du wirst sie
kennen lernen, alle, alle! Da liegen sie. Du hast ja Zeit zum Lesen!
    Ich? Lesen? Was soll ich lesen? fragte ich.
    Diese Zeitungsartikel ber mich!
    Da mute ich denn aber doch so laut und so herzlich lachen, da er sichtlich
in Verlegenheit geriet.
    Woher so pltzlich diese Heiterkeit? erkundigte er sich.
    Woher? Das fragst du noch?! Wenn ich mir das sonderbare Bild ausmale,
welches dir soeben vorschwebte, so mu ich unwillkrlich an gewisse lustige
Bltter denken, welche geistige Gebrechen persiflieren! Und es wre eine
Persiflage meiner selbst, falls ich in jenen Sumpf zurckkehren wollte, ber den
ich mich schon lngst, schon lngst hinbergerettet habe. Einst brachte eines
jener lustigen Journale eine heitere Abbildung dieses Sumpfes. Er war voller
Amphibien, deren Muler weit offenstanden. Ein Mensch schritt durch den
aufspritzenden Tmpel. Darunter war zu lesen:

Wir mssen durch den Sumpf des Lebens waten,
Und wenn dabei die trben Wasser spritzen,
So jammern ber unsre Missethaten
Die Frsche alle, die im Schlamme sitzen!

Nun sage mir ehrlich, mein Freund! Verlangst du im Ernst von mir, diese Musik,
welche ich gar wohl kennen gelernt habe, noch einmal anzuhren? Als ich damals
aus dem Sumpfe stieg, drehte ich mich um und lachte herzlich ber die
Batrachier, die sich zum Platzen qulten, mir zu zeigen, wer und was sie seien.
Dieses komische Bild schwebte mir vor, als du vom Lesen dieser deiner
Makulaturen sprachst. Begreifst du mich jetzt nun?
    Ja, antwortete er. Ich begreife sogar noch mehr, als du ahnst!
    So la sehen, ob das wahr ist. Ich habe eine Bitte.
    Welche?
    Schenke mir diese Zeitungen!
    Was willst du mit ihnen thun?
    Verbrennen! Ich pflege solche Dinge niemals aufzuheben, noch weniger zu
lesen. Sie fliegen stets, sobald ich sie erhalte, in das Feuer. So kommt kein
Schatten bei mir auf. Ich will dich von den deinigen befreien. Erfllst du
meinen Wunsch?
    Da ging er von Kasten zu Kasten, stie mit dem Fu an sie und sagte:
    Das sind die Furien, die Erinnyen, die ich dir ja beschrieben habe. Sie
lgen, wie gedruckt! - - - Hier die schadenfrohen oder gedankenlosen Nachbeter
und Nachtreter, welche bei Gott schwren, da sie schuldlos seien, weil sie doch
blo nachgedruckt und nichts erfunden htten! - - - Und da die sogenannten guten
Freunde, die stets behaupten, da sie retten wollen, und doch so ungeschickt
dabei verfahren, da sie mehr schaden, als die andern alle. - - - Ich schenke
sie dir. Nimm sie hin! Verbrenne sie! Du hast so recht: Ich will hier reine
Arbeit machen!
    Aber ich verbrenne sie wirklich! versicherte ich. Ich gebe sie dir nicht
zurck!
    Das wei ich. Es ist dir ernst! Aber auch mir! Ich will nun endlich,
endlich einmal freien Geistes sein.
    Ich danke dir! Endlich einmal freien Geistes sein willst du. Weit du, was
du mit diesen Worten gesagt hast? Unfreie Geister gibt es nicht. Wer in Fesseln
liegt, ist vielleicht eine Intelligenz, doch niemals Geist! Du willst also nicht
mehr blo ein denkendes, ein nach Regeln, welche von Menschen vorgeschrieben
sind, denkendes Wesen sein, sondern ein Geist, fr den diese Regeln nur in so
weit vorhanden sind, als sie mit seinen eigenen Wegen zusammenfallen. Du willst
eine jener ber sich selbst bestimmenden Personen werden, welche, wie ich unten
ausfhrte, dem dritten Leben angehren. Das ist ein groer Entschlu, den du nur
dann auszufhren vermagst, wenn du den Krper, deinen bisherigen Gebieter, zum
gehorsamsten aller deiner Diener zu machen weit, und wenn du deine bisherige
Sklavin, die krank in dir darniederliegende Seele, zu deiner Freundin, deiner
allereinzigen Freundin erhebst. Denn wisse: der Geist wird ohne Seele nie den
Weg empor zum Geiste aller Geister finden! Nun also: Sei fortan nur Geist, und -
- - such' dir deine Seele!
    Wir standen einander gegenber, ich ihm erwartungsvoll in das Gesicht
schauend, ob er mich begreifen werde, er aber sinnend nach seinen Bchern
hinberblickend, als ob nur dort das zu finden sei, was ich jetzt bei ihm
suchte.
    Meine Seele! sagte er. Ich habe dich gebeten, in meinen Werken
nachzuschauen, ob sie darin vorhanden sei. Seele ist darin; das wei ich ganz
genau!
    Seele? Nur Seele? Das ist so viel wie nichts! Oder vielmehr, es ist so
wenig wie nur Geist! Du sollst nicht Geist und sollst nicht Seele haben! Sondern
du sollst Geist sein und sollst auch Seele sein! Die Person Geist sollst du
sein, und die Person Seele sollst du sein! Eine vollstndige Persnlichkeit im
Reiche der Geister und eine vollstndige Persnlichkeit im Reiche der Seelen,
beides zu Einem vereint in dir, wie Licht und Wrme in der brennenden Flamme,
das sollst du sein. Der Krper sei - - - der Docht!
    Der Docht! wiederholte er nachdenklich. Licht und Wrme, wie in der
Flamme! Das ist Seele und Geist! Der Krper des Menschen ist nichts, nichts,
nichts, als nur der Docht! Und das Oel, Effendi? Vielleicht erfahre ich auch
dieses noch! Was alles hast du mir doch schon gesagt! Es ist so viel dabei, was
ich noch nicht ganz oder noch nicht recht begreife. Vielleicht grad deshalb,
weil es gar so einfach klingt. Warum? Wer hat es dem Menschengeiste vorgelogen,
da nur das seines Strebens und seines Fleies wert sei, was ihm durch die
konvuse Ausdrucksweise des Pseudo-Gelehrtentums unverstndlich gemacht worden
ist? Auch in mir lebt noch ein Rest jenes alten Stolzes, der sich einer eigenen
Kaste und auch einer eigenen Sprache rhmt. Aber gleich daneben habe ich das
heilige Buch der Bcher liegen, in dem der Geist durch Welten und durch Himmel
forschen geht und doch dabei in einer Sprache redet, die jedes Kind versteht.
Ist diese kindliche Einfachheit, diese Klarheit jetzt pltzlich aus mir
herausgetreten, um deine Gestalt anzunehmen? Ich sehe dich vor mir stehen, als
seist du jener Teil von mir, welcher durch keine dialektischen Kunstsprnge irr
zu machen ist, weil er die reine, wahrheitskeusche Sprache redet, die jeden
Dialekt vermeidet. Wenn ich dich in dieser Weise sprechen hre, so bist du ich
selbst, nur jnger, weicher, tiefer, nur scheinbar hart, und doch von einem
Willen, den selbst das andere Ich von mir wohl nicht erschttern knnte. Mir
ist, als httest du nur immer jung zu bleiben, als knnte von uns beiden nur ich
zu altern haben. Ich mchte schwren, da ich durch dich schaue, als wrest du
Kristall. Und dennoch kenne ich dich noch lange, lange nicht. Du bist mir ein
Geheimnis und wirst's vielleicht auch bleiben. Kannst du mir das erklren?
    Werde dir klar, dann kann ich es; eher nicht! antwortete ich. Indem du
dir klar wirst, erklre ich mich dir. Du lobtest mich jetzt; aber dieses Lob ist
ein Tadel, sowohl fr dich als auch fr mich!
    Klingt das nicht auch schon wieder so geheimnisvoll?!
    Da griff ich nach seinen beiden Hnden und forderte ihn auf:
    Schau mir in das Gesicht!
    Er that es.
    Wer bin ich? fragte ich.
    Mein Freund, antwortete er.
    Nein, denn ich bin mehr, viel mehr! Ich will anders fragen: Was bin ich?
Was bin ich dir?
    Er sann, doch vergeblich. Dann sagte er:
    Ich wei es nicht. Es kommen mir zwar Worte, doch keines trifft das
Richtige, und keines sagt genug!
    Und doch giebt es eins! Ein kleines, kleines Wrtchen. Und das ist richtig!
Und das sagt genug, mehr als genug!
    Welches?
    Du hrst es nicht von mir. Du hast es selbst zu finden. Denn sagte ich es
dir, so wrdest du es nicht begreifen. Aber indem du es findest, hast du es
verstanden.
    Denkst du, da ich es finde?
    Ja, gewi. Ich fhre dich darauf.
    Wann?
    Bald. Vielleicht noch heut, noch jetzt, noch ehe wir uns trennen. Ich
sprach vom Licht und von der Wrme in der Flamme. Ich gab dir auch das Gleichnis
von dem Docht. Du fragtest mich sogar dann nach dem Oele. Wir redeten vom Geist
und von der Seele. Bist du der Geist, fr welchen ich dich halte, so mut du
ganz bestimmt das kleine Wrtchen finden!
    Jetzt war ich noch deutlicher gewesen als vorher, doch schien er sich nicht
von dem einmal gefaten Gedanken losreien zu knnen. Er ging hinber nach dem
Fache, in welchem seine Werke standen, nahm ein Buch heraus, brachte es mir und
sagte:
    Wenn sich mein Geist und meine Seele irgendwo so zusammengefunden haben,
wie du sagtest, so ist es hier in diesen Blttern geschehen. Sie sind Flamme,
vollstndig Flamme! Schau es dir an!
    Ich ffnete es. Der Band war nicht gedruckt, sondern geschrieben, also
Manuskript. Auf dem Titelblatte las ich: Mein Leidensweg. Ich war enttuscht,
ja sogar sehr enttuscht!
    Deine Biographie? fragte ich.
    Ja, antwortete er.
    Vielleicht gar deine Rechtfertigung?
    Gewi! Das war ich mir doch schuldig!
    Wehe dir, Ustad, wenn du dir noch etwas schuldig bist!
    Wie streng das klingt! Und wie ernst du mich dabei anschaust, Effendi! So
will ich mich anders ausdrcken: das war ich meinen Feinden schuldig, der Welt,
die mich von sich gestoen hat!
    Da hob ich warnend die Hand und sprach:

Wenn dich die Welt aus ihren Thoren stt,
So gehe ruhig fort, und la das Klagen,
Sie hat durch die Verstoung dich erlst
Und darum deine ganze Schuld zu tragen!

Wenn du Geist bist, wirklich Geist, so wirst du diese Worte verstehen und ihre
Wahrheit so in dich atmen, da sie dir zur Auferstehung werden mu und werden
wird! Lazare, ich sage dir, komm heraus!
    Da wurden seine Augen gro und immer grer. Er hob seine beiden Hnde
empor, bis in die Nhe der Stirn, als ob er dort einen Gedanken fassen und
festhalten wolle, und sagte:
    Was tritt jetzt an mich heran? Wer ist das? Wen giebst du mir? Ich sehe
nichts. Ich hre nichts. Und doch sehe, hre und fhle ich etwas Wunderbares,
etwas unendlich Beglckendes! Ich empfinde es deutlich, da ich frei werde! Ist
es etwas Geistiges? Etwas Seelisches?
    Da antwortete ich:

Gieb mir dein Herz! Ich will's zum Himmel tragen.
Von Gott gesegnet, bring ich dir's zurck.
Dann soll's nur noch im Himmelspulse schlagen,
Zu deinem und wohl auch zu meinem Glck!

Ustad, halte diese Worte fest! La sie dir nicht entweichen!
    Er schlo die Augen, als ob das, was in ihm vorging, von auen nicht gestrt
werden solle, trat langsamen Schrittes, ohne etwas zu sagen, zum offenen Fenster
und lehnte sich hinaus. Ich hatte das Buch Mein Leidensweg noch in der Hand
und begann, darin zu blttern, doch ohne eigentlich zu lesen. Verschiedene
Stze, welche unterstrichen waren, fielen mir auf. Bei diesen verweilte ich. Ja,
sie waren Flamme. Es glhte und flackerte in ihnen ein Zorn, welcher
versengend war. Das Buch schlo auf der vorletzten Seite mit einem Gedichte.
Dieses lautete:

Ich kam zu dir am Hosiannatag
Und sah dich im Triumph durch Salem reiten,
Doch auch schon alles, was noch vor dir lag,
Sah hinter dir ich im Gefolge schreiten.
Da wendete ich mich zur Klagemauer
Und stand mit heier Stirn am kalten Stein.
In deinen Jubel warf ich meine Trauer,
Denn mit dir zog ja auch dein Judas ein.

Ich kam zu dir am Eli-lama-Tag
Und sah dein Haupt im Todesschmerz sich senken.
Doch als dein Mund das Asabthani sprach,
Mut schon ich an das nahe Ostern denken.
Du warst ja einst auf jenen Berg gestiegen,
Den man als Sttte der Verklrung preist,
Und mutest beide, Grab und Tod, besiegen
In deiner Kraft als erdenfreier Geist.

Nun komme ich zum Auferstehungstag
Und sage dir: die Steine sind verschwunden.
Die Jnger sahen frh im Grabe nach
Und haben deinen Leichnam nicht gefunden.
Soll wohl der Geist hier in der Gruft verbleiben,
Wo doch der Krper lngst schon auferstand?
Steh auf, steh auf! Es giebt noch viel zu schreiben,
Jedoch von jetzt nur mit - - - der Geisterhand!

    Ich las es noch einmal und dann zum dritten Male. Welch ein Gedicht! Ich
meine nicht etwa den knstlerischen Wert desselben. Der ging und geht mich gar
nichts an. Es war nicht die Form, sondern es war der Geist, der vor mir stand.
Ich sah ihn deutlich, mit allem, was ich loben konnte, und auch mit allem, was
ich an ihm tadeln mute. Der Mann, der diese Zeilen geschrieben hatte, war aber
unbedingt auch krperlich in Jerusalem gewesen. Ich sah ihn durch das Jaffathor
kommen und geradeaus auf jenem Stufenwege schreiten, welcher hinab nach dem
Heiligtume fhrt. Aber dorthin wollte er gar nicht, sondern er bog nach links,
in die engen Bazare, die auf das Thor von Damaskus mnden. Dort wendete er sich
rechts, dem Leidenswege zu, hinauf nach Golgatha, dessen Sttte ein Gegenstand
der Phantasie geworden ist, weil man die rechte Stelle nicht mehr kennt. Im
tiefen Winkel liegt die Klagemauer. Hier hrte man die wahre Sehnsucht einst
nach der Erlsung rufen. Jetzt aber kratzt man sich dort am Gestein die Finger
blutig wund, nur um ein karges Bakschisch18 zu erhalten. So geht berall, nicht
blo im heiligen Jerusalem, die Menschheitsseele betteln, wenn sie den Geist
verlor, der hier ihr Fhrer ist, damit dann sie ihn fort, nach oben, leite! Er
aber, dieser Geist, schleicht forschend durch den Sukh19 des niederen Lebens, an
Kesselflickern, Krmern und Wechsel-Habichten vorbei, nach dieser Seele suchend,
die er verlieren mute, weil er sein Herz an eitle Dinge hing! Und wenn er sie
nicht findet, geht er hinaus vor Salems alte Mauern, steigt hin und her in jenen
den Thlern, wohin die Stadt das Aas gefallener Tiere sendet, am Oelberg dann
hinauf, wo an dem Weg nach Jericho das Volk der Hammel abgeschlachtet wird. Und
wenn er oben angekommen ist und von der hchsten Stelle des einstigen Jebus sein
Morijah liegen sieht, so wallt es tief entrstet in ihm auf. Er schttelt seine
Hnde, in denen doch nichts ist, streng ber Salem aus und klagt im Tone
schmerzlicher Enttuschung: Ich kam zu dir - - - was habe ich gefunden?!
    Jetzt stand er dort am Fenster, den Rcken mir zugekehrt. Er achtete nicht
auf mich, war nur in sich versunken. Die letzte Seite seines Leidensweges war
noch leer. Tinte und Feder gab es hier auf dem Tische. Wer war's, der in mir
sprach? Der mir befahl, zu schreiben, was ich hrte? Ich that es! Ich hielt mich
ganz an seine eigene Weise. Dasselbe Metrum und dieselbe Zahl der Verse. Drei
Strophen, so wie er, genau auch so beginnend: Ich kam - - -; Ich kam - - -,
und dann: Nun komme ich - - -! Er sah nicht, da ich schrieb. Ich wurde
fertig, schlo das Buch und ging vom Tische weg. Da drehte er sich um, verlie
das Fenster und ging dorthin, wo ich geschrieben hatte. Dort blieb er stehen. Es
war ein tiefer Ton, in dem er langsam sprach:
    Wo habe ich's gelesen? Vielleicht auch las ich's nicht. Erzhlte man es
mir? Hat mirs ein Traum gebracht? Ich wei es nicht, doch ist es in mir da. Ich
will es dir jetzt sagen.
    Nun hob er den Blick und sah mich an. Da glitt es wie etwas Helles ber sein
Gesicht, und er rief aus:
    Es hatte deine Augen! Ganz dieselben Augen, die jetzt im Schatten liegen
und doch so hell erscheinen! Sonderbar!
    Er sann ein kleines Weilchen. Dann fuhr er fort:
    Es war an einem Tag, an dem der Himmel offen stand. Da sprach der Herr:
Geht hin, um zu erlsen! Sie folgten dem Befehl, sie alle, alle, viele Tausende.
Bei ihnen die fr mich bestimmte auch. Es war Dschanneh, der
Gottessonnenstrahl!
    Welch ein Wort! Dschanneh! Sein Geist begann, klar, bestimmt und rein zu
denken. Ich hrte, und ich sah, da er den richtigen Weg gefunden hatte. Er
sprach weiter:
    Sie suchte mich. Wie schwer war ich zu finden! Ich lag im tiefsten,
fernsten Erdenwinkel, bei meiner bleichen Ahne, der Entbehrung, von den
zerrissenen Fetzen ihres Mantels vollstndig zugedeckt. Mich hungerte. Es war so
dumpf, so dunkel unter meiner armen Decke. Da griff ein kleines, kleines
Hndchen unter sie herein, hob sie ein wenig auf. Ein Sonnenstrahlchen kroch zu
mir heran, und da, wo innerlich die Nerven des Gehres enden, erklangen mir die
leisen, lieben Worte: Jetzt hab ich dich! Ich bin ein Gru aus Gottes
Himmelreich und soll als Seele immer bei dir bleiben. Doch, halt mich fest! Und
komm aus diesem Winkel zu uns hinaus ans Licht! Willst du mich nicht verlieren,
so richte deinen Geist nach oben, nicht nach unten! Ich brauche Gottesodem; den
kranken Hauch der Tiefe aber mu ich meiden! Da warf ich meine Fetzen von mir ab
und ging ans Licht des Tages, an die Wrme. Nun sah ich erst, wieviel die Huld
des Herrn dem Menschen spendet, und griff mit fester Hand in diese Flle, der
Ahne denkend, der dies ntig war. Da eilten sie herbei, die Lebensprasser, die
sich so wenig um die bleiche Armut kmmern, da sie ihr selbst die Fetzen kaum
noch gnnen. Da packten fette, goldgeschmckte Fuste die hagre Armutshand, ihr
zu entreien, was sie in schwerer Arbeit sich errungen. Es kam der Kampf! In
seinen kurzen Pausen sah ich in mir zwei klare, milde Augen, die aber trber,
immer trber wurden, und jene Seelenstimme flsterte mir zu: Ich warne deinen
Geist! Er konnte es nicht sehen: die Fetzen waren Flgel! Doch dieser Geist
stieg zornig vor mir auf und machte seine heilgen Rechte geltend. Ich folgte
ihm, und in des Kampfes Tagen, die nimmer enden wollten, verklang die
Seelenbitte in weite, weite Ferne, bis ich sie nicht mehr hrte. Auch jene Augen
sah ich niemals mehr. Ihr trber Blick war fr mich ausgelscht!
    Hier hielt er inne. Sein Gesicht hatte den Ausdruck einer Wehmut angenommen,
die gewi schon oft in stillen Stunden bei ihm Gast gewesen war. Aber es
erheiterte sich wieder, als er fortfuhr:
    Da kamst du! Besinnungslos - krank- schwach - genesend! Ich sah dich in
allen diesen Stadien. Dein Auge hatte sie mit dir durchzumachen. Je mehr du dich
erholtest, desto bekannter wurde mir dein Blick. Ich sann und sann - - und
endlich fand ich es: Dschanneh, mein Sonnenstrahl! Kann ein Mensch Seelenaugen
haben? Ich frage nicht! Denn ich habe schon gefragt, vorhin, als ich wissen
wollte, wer das sei, den du mir gabst! Als ich nun dort am Fenster stand, wurde
es heller und immer heller in mir. Noch ist es nicht ganz licht; aber es wird,
es wird, es wird! Effendi, ich liege auch heut im fernsten, tiefsten
Erdenwinkel. Es ist so kalt, so dumpf unter meinem Mantel. Ich fhle die Nhe
meiner Ahne wieder. Wird jemand kommen, wie damals, um die geistigen Fetzen
aufzuheben und mir meinen Gottessonnenschein, meine Dschanneh, zurckzubringen,
die mir im Kampfe des Lebens verloren gegangen ist, weil ich nicht mehr auf sie
achtete?
    Ja, antwortete ich. Es kommt jemand. Er ist schon da!
    Wer? fragte er.
    Ich! Ich bin es! Wnschest du wirklich, da ich deinen Mantel aufhebe?
    Ja! nickte er, indem seine Augen leuchteten.
    Und wirst du ihn, wie damals, von dir werfen und an das Licht des Tages
gehen?
    Gewi, gewi! - Wie gern!
    Da schob ich ihn vom Tische hinweg, griff nach seinem Manuskripte und sagte:
    Hier liegt er! Das ist er! Dein Leidensweg, deine Biographie, deine
Rechtfertigung, das sind die alten Fetzen, welche ebenso in das Feuer mssen wie
dort die Ksten mit den Makulaturen! Ich bitte dich, auch sie mir zu schenken!
    Das Manuskript, das ganze, ganze Manuskript? fragte er erstaunt.
    Ja, das ganze!
    Du kennst es ja nicht! Du hast es ja noch gar nicht gelesen! Lies
wenigstens hinten das Gedicht!
    Ustad, Ustad! Du glaubst, durch dieses Gedicht das Manuskript retten zu
knnen! Ja, es ist wahr: deine Ahne sitzt bei dir, die geistige Armut, die
ausgehungerte Denkschwachheit, das kraftlose Unvermgen, sich unter den Lumpen
hervorzufinden, die man mit warmer Liebe um sich schlgt, weil man sie doch, und
doch, und doch fr ungeheuer kostbar hlt, obgleich man es nicht wagt, dies
einzugestehen! Du glaubst, das Gedicht sei mir unbekannt. Ich kenne es besser
als du. Hre zu! Du sollst die Fetzen fliegen sehen!
    Ich schlug die vorletzte Seite auf und las. Freilich keinesweges in dem
Tone, den er dabei jedenfalls angeschlagen htte. Der meinige war ironisch
frmmelnd, mglichst salbungsvoll, bei den letzten vier Zeilen sogar
sarkastisch. Als ich geendet hatte, sah ich ihn an.
    Effendi, du vernichtest mich! rief er aus.
    Nein! Nicht dich, sondern deine Ahne! Meinst du, auf solche geistige
Vorschatten stolz sein zu knnen? Ich wei, was ich thue; aber ich kenne kein
Erbarmen fr jene feigen Geister, welche den rmischen Kriegsknechten die
Mantelfetzen des Erlsers entreien und sich hineinwickeln, weil sie weder die
Kraft noch den Mut besitzen, das zu thun, was er von ihnen fordert: Ein jeder
nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach! Du trugst diese Fetzen zu deiner
Hosiannazeit; das war lcherlich! Du trugst sie an deinem Eli-lama-Tage; das war
anmaend! Und nun willst du sie sogar an deinem Auferstehungstage tragen! Wie
wrde das wohl sein?! Diese vermeintliche Auferstehung wrde sich in eine
Leichenschndung verwandeln! Ich sah hier in deinem Manuskripte angestrichene
Stellen. Du sprichst da von dem Himmelreiche, sprichst von der Seligkeit!
Wutest du denn, ob grad dein Himmelreich auch jedem andern wohlgefallen werde?
War es dir unbekannt, wer die sind, die von Christus in seiner Bergpredigt
seliggepriesen werden? Du aber wolltest Thoren selig machen, die grad das
Gegenteil von dem thun, was der Meister fordert! Wie erhaben gro war jener
Geist, um den sich nach zweitausend Jahren noch alle hohen, edlen Geister
sammeln, um an ihm emporzuschauen. Wo steckt der deinige? Zu Christi Fen wohl?
Ich suche ihn zwar da, finde ihn aber nicht. Steckt er vielleicht in des
Erlsers Schatten? Ich warne dich! Er mag zum Lichte kommen! Und nun hre das
letzte: Wie hoch, wie hoch denkst du von diesem deinem Geiste! Er, der vor
bloen Schemen voller Angst die Flucht ergriff, er soll jetzt auferstehen,
seinen Zufluchtsort verlassen, sich hier aus seiner Gruft hervorwagen, und zwar
zum Schrecken und Entsetzen derer, vor denen er so ganz besinnungslos entfloh?
Du sprichst von deiner Geisterhand. Du sollst von mir erfahren, was du von
dieser Hand zu hoffen hast! Da, schau!
    Ich schlug das letzte Blatt des Buches um und gab es ihm. Er sah die neuen
Zeilen.
    Ein Gedicht! sagte er.
    Meine Antwort auf das deinige, erklrte ich.
    Wann schriebst du es?
    Als du am Fenster standest. La es mich hren, laut! Er las:

Ich kam zu dir mit meinem Sonnenschein;
Du aber wolltest mich und ihn nicht haben,
Du glaubtest ja, ein groer Geist zu sein,
Und warfst um dich mit dieses Geistes Gaben.
Du hieltest fr die Ewigkeit geschrieben,
Was Menschenhand fr Menschenaugen schreibt,
Und bist doch selbst ein Manuskript geblieben,
Das ungedruckt im Kasten liegen bleibt!

Ich kam zu dir mit meinem Sonnenlicht;
Du aber glaubtest, eignes Licht zu strahlen.
Es glimmte wohl, doch leuchtete es nicht,
Und teuer war die Lampe zu bezahlen.
Du wolltest alle Welt im Nu entflammen
Fr dich und deine Thorenseligkeit;
Da aber fiel der Docht in sich zusammen,
Und nun umfngt dich selbst die Dunkelheit!

Nun komme ich mit all dem Sonnenglanz,
In dem vor ihrem Herrn die Geister beten.
Ich will zum allerletztenmal, doch ganz,
In meiner Klarheit Flle, zu dir treten,
Begreifst du nun auch jetzt das groe Wunder,
Das doch so einfach ist, noch immer nicht,
So gehst du wie der Docht im Lmpchen unter,
Denn deinem Geist fehlt jede Spur von Licht!

    Er hatte die Vorlesung in jenem hohen Tone begonnen, den, wie er glaubte,
das Metrum mit sich brachte. Dieser Ton war laut und vorwurfsvoll. Aber schon
nach den ersten Zeilen begann er zu sinken. Die Stze folgten sich langsamer,
weil der Gedanke sich strubte, so schnell mitzukommen. Es traten sogar kurze
Pausen ein. Das Gesicht des Ustad wurde ernster und immer ernster. Als er zu
Ende war, las er das Gedicht noch einmal leise durch.
    Nun war ich hochgespannt auf das, was er jetzt thun werde. Er sah mich gar
nicht an. Er sagte nichts, kein Wort. Er drehte sich langsam um und ging wieder
nach dem Fenster. Ich blieb stehen, still, erwartungsvoll. Still war es auch in
meinem Innern. Kein Gedanke kam; kein Gefhl bewegte sich. Mein Herz klopfte.
Ich hrte es. Gab es jemand in mir, der stumm betete?
    Da verlie der Ustad das Fenster. Ist es mglich, da sich ein Gesicht in so
kurzer Zeit so sehr verndern kann? Das seinige war wie verklrt. Seine Augen
strahlten. Er blieb vor mir stehen und ri das letzte Blatt langsam und
sorgfltig, um es nicht zu verletzen, aus dem Manuskripte. Dann warf er das
letztere weit hinter sich, so da es an die Wand zu den alten Zeitungen zu
liegen kam, und rief im frohesten Tone aus:
    Hier hast du es, Effendi, alles, alles! Den Leidensweg, die Biographie und
vor allen Dingen auch die Rechtfertigung, die ich keinem einzigen Menschen hier
auf Erden schuldig bin! Verbrenne es, sobald du kannst, dort mit den
Zeitungs-Makulaturen! Ich habe dich endlich, endlich nun begriffen:

Wenn mich die Menschheit aus den Thoren stt,
Um mich, den Menschen, an das Kreuz zu schlagen,
So wurde ich von meiner Schuld erlst;
Sie aber hat die ihre noch zu tragen!

    Nun richtete er seine Gestalt hoch auf. Auf seiner Stirn drohte pltzlich
der heiligste, unerbittlichste Ernst. Aus seinen Augen flammten Zornesstrahlen
und seine Stimme klang in ihrer tiefsten Tiefe, als er fortfuhr:
    Hatte ich meinen Leidensweg zu gehen, oder hatte ich meine Feinde
aufzufordern, sich um ihre eigenen Balken, nicht aber um meine Splitter zu
bekmmern? Von welchem Monarchen oder von welchem Herrgott waren sie beauftragt,
ber mich zu Gericht zu sitzen? Standen sie etwa als erhabene Geister in
unermelicher Ferne ber mir? Nein! Denn dann htten sie gar nicht auf mich
geachtet! Sie waren Dochte, grad wie ich, weiter nichts; ja, sie hatten nicht
einmal eigenes Oel, sondern sie zehrten von dem meinigen! Und grad das ist es,
was sie kennzeichnet! Wenn sich niemand findet, von dessen Fehlern sie leben
knnen, wird es in ihren Laternen dunkle Nacht. Aber haben sie einmal Einen
gefunden, den lassen sie jahrelang nicht los, um ihn so vollstndig zu
verschlingen, wie einst die sieben magern die sieben fetten Khe im Traume
Pharaos! Wenn dann der Geist im Lande teuer wird, so sind doch wenigstens sie
vom Hungertod gerettet - - - zum ewigen Heil der ganzen Nation! Mute ich mich
von ihnen auf die Hrner nehmen lassen? War ich gezwungen, mich meiner Fehler
wegen von den Snden Anderer aus einer Welt treiben zu lassen, auf welche ich
wenigstens ein ebenso groes Anrecht besa wie sie? Welches innere oder uere
Gesetz kann mich wohl verurteilen, unter Millionen der Einzige zu sein, der
seine Fehler willig auf sich nimmt, whrend die Uebrigen, bis an den Hals tief
in den ihrigen steckend, ihre schadenfrohe Augenweide an mir haben? Und nun sie
mich fr gestorben und begraben halten, ist es da nicht eine beinahe unfabare
Schande fr mich, hier in meinem Grabe herumzuwimmern, anstatt mich krftig zu
regen, um die Steine desselben auseinander zu sprengen?
    Er ging einige Male im Zimmer hin und her, blieb dann vor mir stehen und
sprach weiter:
    Man sagt, da Grber sehr oft die Geburtssttten von Irrlichtern seien.
Also nicht einmal Docht, sondern nur Verwesungsgas! Es irrlichteriert auch auf
dem meinigen herum. Effendi, ich stehe auf; ich mu hinaus! Du hast mich
gefragt, ob ich wirklich entschlossen sei, wieder an das Licht des Tages zu
gehen. Ich gab dir mein Wort, und ich werde es halten. Dort liegt der
Mantelfetzen, den du mir weggenommen hast, meine Rechtfertigung, die ich keinem
Menschen schuldig war. Noch ehe du ihn ins Feuer wirfst, habe ich meinen
Lebensanteil wieder in den Hnden. Ich fhle es, die alte Kraft ist wieder da.
Ich habe blo nur Zeit versumt und werde da beginnen, wo ich einst aufhrte.
    Blo nur Zeit! antwortete ich. Ustad, Ustad, du kannst nichts
Kstlicheres verlieren als die Zeit! Sie kommt nie zurck!
    Sei versichert, da ich einholen werde, was einzuholen ist!
    Aber auch hierzu brauchst du wieder Zeit, die du abermals einzuholen
httest! Und wo willst du wieder anfangen? Wo du aufgehrt hast? An der Stelle
deiner Arbeit, wo du sie unterbrachst, oder an dem Orte, wo du frher wohntest?
    Beides. Ich mu; ich mu! Denke an dein Gedicht, mit welchem du das meinige
beantwortetest? Alles Andere habe ich weggeworfen; das Blatt mit diesem Gedichte
aber hebe ich mir auf. Ich trage es auf meinem Herzen. Wie recht hast du mit dem
Vorwurfe der Torenseligkeit! Ist Gott wirklich nur Liebe, nichts als Liebe? Ist
er nicht auch gerecht? So lange ich glaubte, nur geliebt zu werden, gab es in
dem Himmel, den ich lehrte, eben auch nichts, als nur Liebe. Aber als ich mich
unter der Faust des Hasses zu krmmen hatte und der giftige Neid an mir
emporgekrochen kam, da erkannte ich, da ich mich geirrt haben mute. Ist der
Himmel so arm, da er fr die Liebe und fr den Ha nichts als dieselbe Mnze
hat? Und soll nur Gott allein das Bse bestrafen drfen, nicht auch der Mensch,
nicht ich? Wenn Tausende mich unter ihre Fe treten, indem sie behaupten, auf
dem alleinigen Weg zur Seligkeit zu sein, mu ich da diesen ihren Irrtum als
Wahrheit anerkennen, indem ich mich vollends von ihnen zermalmen lasse? Diese
Fragen stiegen oftmals zornig in mir auf, ohne da ich sie zu beantworten wagte.
Liebet eure Feinde! klang es tief in mir. Da kamst du vorhin mit deiner
Torenseligkeit, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Ja, es ist Christi
Gebot Liebet eure Feinde! und ich werde es halten, so lange ich lebe und bin.
Aber ich wei nun, da ich die wahre Liebe zum Feinde ebenso wenig begriffen
habe wie die Liebe berhaupt. Wenn der Feind gegen mich auftritt, um mich zu
vernichten, so habe ich ebenso streng gegen ihn zu verfahren, doch nur, um ihn
zu retten! Das ist die wahre Feindesliebe und nicht mehr kranke Herzensduselei!
Die offene Hand fr jede offene Hand, doch aber auch die Faust gegen Jeden, der
mir die seine ballt! Die Feinde zu schonen, ging ich aus dem Lande und wurde fr
sie tot. Was habe ich fr mich und was habe ich fr sie dadurch erreicht?
Nichts! Darum bin ich entschlossen, zu ihnen zurckzukehren und nachzuholen, was
ich versumte. Ich will unter sie treten als ganz derselbe, der ich war, und
doch als ein ganz anderer. Ich werde ihnen - - -
    - - - die Faust zeigen! unterbrach ich ihn. Nicht wahr, Ustad?
    Ja, nickte er.
    Und deine Dschamikun - - -? Was wird aus ihnen - - -? Ich sah ihm ernst
fragend in die Augen. Er senkte sie zu Boden. Es entstand eine Pause, doch nur
eine sehr kurze. Dann hob er den Blick wieder empor, reichte mir die Hand und
antwortete, heiter lchelnd:
    Welch eine jugendliche Uebereilung bei solchem Alter! Verzeihe mir im Namen
dieser meiner Treuen! Wie knnte ich die verlassen, die mich niemals, niemals
verlassen wrden! Du siehst, der Zorn fhrt leicht auf falsche Wege, sogar auch
mich, den sonst so gern Bedchtigen!
    Das warst nicht du; es war der alte Schatten. Nur immer gro scheinen, ohne
wirklich und wahrhaft gro zu sein! Du wolltest in jenes dir fremd gewordene
Land zurck und auch an jene Stelle, wo du zu schreiben aufhrtest. Auf das Eine
hast du verzichtet. Und das Andere?
    Fremd geworden, sagst du, und das ist richtig! Das Land - - - wohl auch die
Arbeit!
    Jawohl! Die Feder ruhte, doch aber nicht dein Geist, und wahrer Geist kennt
nicht das Rckwrtsgehen. Ich will dir zeigen, was du schreiben mut. Komm mit
hinaus, und hre, was ich sage!
    Ich nahm ihn bei der Hand und fhrte ihn durch das Mittelzimmer auf das
platte Dach. Indem ich mit der Hand einen Bogen ber die Einfassung desselben
hinaus beschrieb, fuhr ich fort:
    Da liegt dein Reich, das Reich der scheinbar Unmndigen, zu denen du von
den scheinbar Mndigen getrieben worden bist. Ihre Augen sahen besser und
schrfer als die Augen derer, die sich fr weise hielten. Bei diesen letzteren
liegt deine Vergangenheit, mit der du abgeschlossen hast. La sie mit ihr
machen, was ihnen beliebt! Sie sind ja auch weiter nichts als nur die dunkeln,
immer mehr verschwindenden Schatten einer Zeit, die hinter jedem von uns liegt,
der in die Sonne schaut. Und diese Sonne kommt. Schau gegen Osten hin! Noch
liegen die Ruinen hier in tiefer Dunkelheit, doch ballt sich schon der Nebel auf
dem See. Er sagt uns, da zu steigen jetzt beginne, was nicht mehr in der Tiefe
bleiben will. Der Erde Sehnsucht ist also vorhanden. Es fehlt nur noch die
lichte Kraft von oben, die liebend niederstrahlt, dies Sehnen zu erfllen. Ein
leiser Hauch verkndet schon den Morgen. Glaubst du, da er uns tusche, da er
nicht kommen werde?
    Er kommt bestimmt, mit Gottessicherheit! antwortete er.
    So sag: Ist diese Sicherheit nur in der Zeit vorhanden, die Tag fr Tag die
gleichen Stunden bringt? Gibt es nicht auch noch andre Morgen, die ebenso gewi
nach andern Nchten folgen? Und andre Nebel, die grad jetzt sich ballen, wie
diese hier, am See der Dschamikun? Du brachtest in dies Land den Trieb nach
oben. Ich sah es ja, wie krftig er sich zeigt. Es war hier Nacht, doch sprte
ich den Hauch, der stets mit Sicherheit den jungen Tag verkndet. Glaubst du,
da es vermessne Menschen gebe, die ihre Nacht dem Licht entgegenstellen, damit
der Tag von ihr vernichtet werde? Und wenn der Wahnsinn wirklich mglich wre,
der sich mit solcher Macht gewappnet denkt, so blase er mit seinem Hauch die
Sonne, mit seinem Odem alle Sterne aus und fge zu der so entstandnen Finsternis
das grasse Dunkel seines Hirns dazu, so wird es eben nur ein Wahnsinn sein und
bleiben! Hetz tausend solche dunkle Aberwitzige auf einen einz'gen lichten,
klaren Menschengeist, es wird geschehn, was unausbleiblich ist: Nicht werden
diese Irren ihn verdunkeln, nein, sondern er wird ihren Wahn beleuchten und
alles das, was hinter diesem liegt. Und schreitet er auf ihre Nebel zu, wird er
zum Tag, vor dem die Schatten fallen. Das ist die andere Gottessicherheit, die
unerbittlich naht, nach jeder Larve greift und jeden Vorhang hebt und alles an
das Licht der Sonne zieht, was sich aus Angst vor diesem Licht versteckte.
    Wie richtig! nickte er. Wir wissen ja, da jene Schatten kommen, die
heute sich hier angemeldet haben. Es gilt den groen Kampf, der zwischen Licht
und Finsternis entscheidet. Wer Sieger bleiben wird, sagt das Naturgesetz. Ich
ahne, da sie nicht nur offen kommen werden. Des Dunkels Schwester ist die
Heimlichkeit. Und wenn sie meinen, uns zu berwinden, so denken sie auch ganz
gewi daran, den Sieg sofort und schleunigst auszuntzen. Drum frchte ich, man
kommt nicht nur zum See; man wird auch drauen unser Land besetzen. So habe ich
also dafr zu sorgen, da wir auch hierauf vorbereitet sind. Du siehst, ich
denke schon nicht mehr an meine frhere Welt, zu der ich schleunigst
wiederkehren wollte. Ich bleibe hier bei meinen Dschamikun, um zu beenden, was
ich einst begann. Ich baute nur fr sie das Alabasterzelt und mu sie heben, bis
sie oben sind. Was ich von meiner Geisterhand gedichtet, das hat Gedicht zu
bleiben allezeit. Ich war ja doch kein Abgeschiedener und schaute ber jene
Grenze nicht, die keiner berschreitet, der noch lebt.
    So hast du also doch noch nicht begriffen! sagte ich.
    Was? fragte er.
    Die Stelle meiner letzten Strophe: Begreifst du nun auch jetzt das groe
Wunder, das doch so einfach ist, noch immer nicht - - -! Du hltst dich fr
einen Dichter, denn du dichtest. Und doch weit du nicht, was ein Gedicht ist
und wie es entsteht. Denk noch so tief und schn, und sage es in Reimen, das,
was du schreibst, ist dennoch kein Gedicht. Der wahre Dichter denkt und schreibt
zwar auch, doch was er schreibt ist Wirklichkeit und Leben, ist niemals nur
Erdachtes. Dem Einen fehlt das Selbsterleben des Andern. Der Eine hat Geist, der
Andere aber ist Geist. Und dieser Geist kennt jene Grenze nicht, von der du
sprachst. Ihm sind die Tore anderer Welten offen. Er geht da aus und ein. Ist er
zurckgekehrt, um zu berichten, so kann er das nur in der Sprache tun, die man
hier in der Krperwelt versteht. Und dieses Uebersetzen ist nicht leicht; man
lernt es nur durch Mhe und Entsagung. Ich kenne keinen einzigen, der hierin
Meister wurde; sie alle blieben bei dem Lehrling stehen. Auch ist dies
Uebersetzen undankbar; ich meine undankbar im engsten Erdensinne. Wer
Geistesleben bertragen will, der findet hier bei uns nicht eine einz'ge Form
und keinerlei Begriff fr das, was er uns gibt. Er hat sich mit der irdischen
Gestalt und mit dem Menschenworte zu begngen, die aber vllig unzureichend sind
fr seinen Zweck. Er kann nicht deutlich sagen, was er zu sagen hat, und uns
nicht offen zeigen, was wir doch sehen sollen. Und wir, wir stehn dabei, mit
vollen Krpersinnen und doch fast blind und taub fr seine ganze Mhe. Der
Ernste zwar, der logisch denkt und gro und rein empfindet, wird sehr bald
ahnen, da es um Unbeschreibliches, um Heiliges sich handelt, und darum sich
befleiigen, sein Auge und sein Ohr dafr zu schrfen. An diesem Fleie wchst
sodann sein eigner Geist empor und lernt den andern nach und nach begreifen.
    So ungefhr, wie ich zu wachsen habe, fiel da der Ustad ein.
    Wer aber nicht so lauteren Herzens ist, fuhr ich fort, und trift'ge
Grnde hat, den reinen Geist zu hassen, der strzt sich wtend auf das arme Wort
und auf die unwillkommene Gestalt und gibt sich Mhe, beide zu vernichten.
Gelingt ihm dies, so prahlt er laut, den Geist besiegt zu haben, und wird von
seinesgleichen hoch auf den Schild gehoben. Gelingt es aber nicht, so wirft er
um die Ble, die er sich gab, den Mantel frechen Spottes und greift anstatt des
Geistes nun auch den Menschen an, um nichts an ihm zu lassen, was ihn zum
Menschen machte. Welch ein Jubel nun fr alle, die ebenso niedrig denken wie er!
Sie fallen mit derselben Gier ber den Verhaten her. Er wird verhhnt,
gechtet, ausgestoen, und wehe ihm, wenn er nichts Andres wre als eben nur der
Mensch, der an dem Pranger steht! Weit du nun, Ustad, wie undankbar, ja wie
gewagt es ist, mit der Geisterhand schreiben zu wollen? Der Spott wrde sich
sofort deiner bemchtigen. Die raffinierte, rcksichtslose Lge wrde an dich
herantreten, um den erhabenen Begriff, welcher dir bei dem Worte Geist
vorschwebt, zu flschen und in Gespenst zu verwandeln. Man wrde hhnisch
behaupten, du meinest nicht das Reich der Geister, welche groe, edle Menschen
sind, sondern das Geisterreich, von dessen Vorhandensein nur der Aberglaube
faselt. Und selbst wenn du nicht mit Menschen- sondern mit Engelzungen
sprchest, die Unvernunft wrde dich nicht verstehen knnen und die Feindschaft
dich nicht begreifen wollen, sondern dir alle mglichen Eigenschaften und
Absichten unterschieben, aber ja nur keine guten!
    Aber die Vernnftigen, Effendi?
    Sie knnen dir keine Hilfe gewhren, denn sie sind machtlos, dem Heere der
Andern gegenber. Du kannst dich nur auf dich selbst verlassen. Du hast
alleinzustehen, ganz, ganz allein, in allertiefster Seeleneinsamkeit, fest,
stark, unerschtterlich - - - vollstndig gleichgltig gegen jeden Schmutz, mit
dem man nach dir wirft, gegen jede Niedertracht und Tcke, die aus vollen
Nstern dir entgegenschnaubt. Selbst die, welche an dir hangen, verstehen dich
meist falsch, denn es erfordert Gedankenewigkeiten, bevor sie lernen, durch das
Wort und die Gestalt hindurch den Sinn, den Geist, die Seele zu erfassen. Also
auch sie stehen nicht bei dir, an deiner Seite. Aber grad diese Einsamkeit,
diese Verlassenheit ist es, die dir den allerbesten, den einzigen Schutz
gewhrt. Bist du stark genug, dich zu dieser Entsagung zu bekennen, so gewinnst
du sie lieb, unendlich lieb. Dein Ohr hrt weder Lob noch Tadel mehr, und alles,
was sich gegen dich aufbumt, mu ohnmchtig in sich selbst zusammenfallen.
    Ich begreife dich und begreife dich doch nicht, gestand er ein. Auch ich
habe entsagt, dann aber doch wenigstens meine Dschamikun gefunden. Die
Einsamkeit, von der du sprichst, ist mir beinahe undenklich.
    
    So schreibe, wie du ja wolltest, mit deiner Geisterhand; dann wirst du sie
sofort kennen lernen! Versuche es, deinen Lesern ins Krperliche zu bersetzen,
was Geist, was Seele ist, du wirst die Folgen so schnell an dir verspren, da
es dir grauen mchte! Zeige ihnen einmal ein volles Menschen-Ich, von dessen
Wesen sie trotz aller Psychologie noch keine Ahnung haben. Zerlege es vor ihren
Augen in deutliche Gestalten, von denen du glaubst, da sie sofort verstanden
werden mssen - - was wird die Folge sein? Man sieht das nicht, was du
beschreibst, und denkt darum, du redest nur von krperlichen Dingen. Das pret
den Blinden jenes Lachen aus, worber Sehende am liebsten weinen mchten. Man
nennt dich einen Lgner, einen Prahler. Man spricht von Eigenlob, von
widerlicher Selbstreklame. Und doch kann nirgendwo die Arroganz so ungeheuer
sein wie grad bei diesen Toren, die ihren blinden Willen dem Schpfer und den
Menschen, sogar der smtlichen Natur als oberstes Gesetz ins Antlitz schleudern.
Was thust du dann, wenn diese - - -
    Ich konnte nicht weitersprechen, denn es fiel unter uns ein Schu und wieder
einer. Gleich hierauf hrte ich Kara Ben Halef, welcher seine Lagersttte
bekanntlich auf dem platten Dache ber der Halle hatte, ausrufen:
    Was war das? Warum hat man geschossen?
    Die Gefangenen brechen aus! erwiderte eine weibliche Stimme.
    Wallahi! La sie nicht in das Haus! Ich packe sie hier von oben!
    Kaum gesagt, tat er es auch: Er scho vom Dach herunter in den Hof.
    Das war die Stimme meiner wachsamen Schakara! rief der Ustad. Eile du
hinab zu ihr, Effendi! Ich gebe meinen Dschamikun das Zeichen mit der Glocke;
dann folge ich dir nach. Nimm deine Waffen; sie sind aber nicht geladen!
    Um die Lampe stehen lassen zu knnen, steckte ich eine Talgkerze an und ging
schnellen Schrittes hinunter in die Rumpelkammer. So lange die Menschheit
nicht Frieden hlt, darf auch der Friedliche nicht auf die Wehr verzichten. Das
wurde uns beiden jetzt bewiesen. Ich nahm den Stutzen nebst Patronen und sprang
dann, mehr als ich stieg, die untern Treppen hinab. Da stand Schakara vor der
Tr, welche in die Halle fhrte; sie hatte den Eisenriegel vorgeschoben und eine
Pistole in der Hand. Am Boden stand eine brennende Lampe, daneben lagen die
Kleider des Blutrchers. Auf dem Hofe brllten viele Stimmen drohend
durcheinander. Kara's Schsse krachten. Er beschtzte von oben herab die Stufen
zu der Halle. Ich warf das Licht weg, weil es mich hinderte, lud das Gewehr und
erkundigte mich whrend dieser hchst eiligen Beschftigung bei der Kurdin:
    Wie kamst du dazu, bewaffnet zu sein und die Flucht der Gefangenen zu
entdecken?
    Frage das spter! antwortete sie. Horch! Die Glocken klingen! Nun
erwachen alle unsere Krieger. Da ist die Gefahr fr das hohe Haus vorber. Die
Feinde knnen jetzt weiter nichts mehr tun, als schleunigst fliehen. Lehre sie
die Stimme deines Gewehres kennen!
    Sie schob den Riegel zurck und ffnete die Thr. Grad als ich hinaus in die
dunkle Halle trat, kam Hanneh von oben herab.
    Mein Halef, mein Halef! rief sie aus. Wenn er die Schsse hrt, so wacht
er auf und wird sich tief erregen!
    Sie eilte zu ihm hin. Ich aber bemerkte zu meiner Beruhigung, da kein
Fremder hier eingedrungen war. Sie waren schon fast alle zum Tore hinaus, und
ich schickte ihnen mehrere Schsse nach, doch nur in der Absicht, sie zu
bengstigen, nicht aber, sie zu treffen.
    Verteilt euch schnell, schnell! hrte ich die Stimme des Blutrchers
brllen. Nur euch nicht wieder ergreifen lassen! Nur rasch zum Dorfe hinaus!
Wir kommen ja doch wieder. Dann aber Rache, Rache!
    Die Glocken klangen weiter, in einzelnen, warnenden Schlgen. Im
Kchengarten krachten jetzt auch Schsse. Das war, wie ich spter erfuhr, Tifl,
der dort hinter den Struchern stand. Die brigen mnnlichen Bewohner des Hauses
erschienen, und unten im Dorfe begannen die Gewehre laute Antwort zu geben. Wo
aber war der Pedehr? Und wo waren die Wachen, die drben am Gefngnistore
gestanden hatten? Ich sah sie nicht.
    Da hrten die Glocken auf, zu strmen, und der Ustad kam zu uns herab. Er
traf mit dem Hndler aus Isphahan und dessen Sohn zusammen, die sich nun auch
einfanden. Ich bat, Fackeln anbrennen und vor allen Dingen das Tor wieder
verschlieen zu lassen. Als das geschehen war, lie ich die Leute zusammenrufen.
Man tat dies mit einer Hast, als ob es nun erst gelte, das zu verhten, was doch
bereits vorber war. Die Aufregung hatte alle ergriffen, sogar den Ustad auch.
Ich aber war gewohnt, mir in jeder Lage meine innere Ruhe zu bewahren, und
konnte mich hchstens darber wundern, da der Pedehr sich noch immer nicht
sehen lie. Als ich nach ihm fragte, war es Schakara, welche antwortete.
    Ich sah ihn zu den Gefangenen hinbergehen, und er kam nicht wieder, sagte
sie.
    Wo warst du, als du das bemerktest? erkundigte ich mich.
    Hier in der Halle. Ich wnschte, da Hanneh und Kara schlafen mchten, und
bat darum, bei Hadschi Halef wachen zu drfen. Das gewhrten sie mir.
    Du immer Gute und stets Opferfertige! unterbrach ich sie. Was wollte denn
der Pedehr so mitten in der Nacht bei diesen Fremden?
    Das wei ich nicht. Er sprach gar nicht mit mir, wohl weil er mich nicht
sah. Als er so gar nicht wiederkehrte, wurde ich besorgt um ihn und ging hinaus
auf die Stufen. Da sah ich das Tor des Gefngnisses offen, und die Soldaten
kamen leise heraus. Ich erschrak so, da ich kein Wort hervorbrachte, und doch
war Hilfe ntig. Darum eilte ich in das Innere des Hauses und holte die Pistole
des Pedehr, die stets geladen ist. Die scho ich ab, alle beide Lufe, und dann
verriegelte ich die Tr, damit es keinem Feinde gelingen mge, zu euch
hinaufzukommen. Was dann geschah, das weit du ja, Effendi.
    Wie kam es doch, da es meine Hand hinber zu der ihrigen zog, um sie zu
drcken? Ich tat es und sprach dabei:
    Wenn der Geist des Hauses von unntzen Dingen trumt oder gar im vollen
Wachen sich unvorsichtig erweist, so hat dann freilich die Seele die Augen offen
zu halten. Und die bist du fr uns gewesen, o Schakara! Ich vermute, der Pedehr
steckt drben im Gewlbe und ist Gefangener an Stelle derer, die er festzuhalten
hatte. Schauen wir nach ihm!
    Wird er nicht tot sein? fragte hchst besorgt sein Tifl. Sie knnen ihn
ermordet haben!
    O nein! Wer zum Wettrennen wiederkommen will wie dieser Multasim, der
begeht zwar heimlichen, nicht aber offenbaren Mord. Der Pedehr wird ihm wie in
einer Da' wa 'l Jhana20 in die Hnde gegangen sein und nicht den richtigen
Vergleich zwischen sich und ihm getroffen haben. Da bleibt nun uns nichts
Anderes brig, als da wir jetzt ganz ruhig sind und spter anders als wie er
verfahren. Nun kommt!
    Wir gingen mit zwei Fackeln ber den Hof hinber. Die Flchtigen hatten
infolge der Alarmschsse gar nicht Zeit gefunden, die Tr fest zuzumachen; sie
war nur angelehnt. Im Innern herrschte tiefe Dunkelheit! durch unsere Fackeln
aber wurde es hell. Da sahen wir sie am Boden liegen, den Pedehr und auch die
Wchter, mit den eigenen Stricken gebunden und durch Knebel sprachlos gemacht.
Alle, die mit hereingekommen waren, stieen Rufe des Erstaunens, der
Verwunderung, ja des Schreckens aus. Der Ustad schlug die Hnde zusammen und
wollte sich wahrscheinlich in geharnischten Fragen ergehen; ich aber nahm ihm
durch eine schnelle Handbewegung die Zeit dazu und sagte:
    Keiner von euch spreche! Es handelt sich hier um Anderes, als ihr denkt!
Der Pedehr hat gethan, was er nicht lassen konnte. Schmlern wir ihm also nicht
seinen Ruhm! Macht die Andern los; sie mgen gehen!
    Whrend man dies tat, bckte ich mich zu dem Scheik nieder, um ihn zu
befreien, von denselben Fesseln, welche fr seine und unsere Feinde bestimmt
gewesen waren. Auch zog ich ihm den Knebel aus dem Munde. Da stand er langsam
auf. Er sah uns an und lchelte. Sonderbar! Er wollte sprechen und brachte doch
nichts hervor. Da sagte ich:
    Gib dir keine Mhe, o Pedehr! Wer sich von den Gegnern die Stimme rauben
lt, der braucht sich vor den Freunden auch nicht anzustrengen!
    Dann drehte ich mich um und ging hinaus. Die Andern folgten. Als wir wieder
in den Hof kamen, wurde an dem groen Tore Einla begehrt. Es waren Dschamikun.
Sie hatten einige der entflohenen Soldaten eingefangen und brachten sie wieder;
ein Offizier oder gar der Blutrcher war aber nicht dabei. Darum bedeutete ich
sie, diese ganz gewhnlichen Menschen einfach aus dem Dorf zu schaffen und dann
laufen zu lassen, dafr aber um so mehr acht auf ihre Pferde und andern Tiere zu
geben, auf welche man es sehr leicht abgesehen haben knne. Beim Anbruche des
hellen Tages sei dann die Gegend nach den Flchtlingen abzusuchen und jeder
Zurckgebliebene mit der Peitsche zu belehren, da er hier bei den Dschamikun
nichts mehr zu suchen habe. Hierauf entfernten sie sich, und das Tor wurde nun
wieder verriegelt. Darauf fragte mich der Ustad, was jetzt zunchst und vor
allen Dingen noch zu tun sei.
    Zunchst und vor allen Dingen? antwortete ich lchelnd. Vor allen Dingen
schlafen wir.
    Ich auch?
    Jawohl! Es wird uns kein Fremder wieder stren.
    Mglich; aber wir haben noch so viel zu besprechen und noch so viel zu
bestimmen!
    Mein Freund, wir haben schon viel zu viel besprochen, weit mehr, als ntig
war und ntig ist. Und zu bestimmen? Dazu ist Zeit, wenn wir geschlafen haben,
bevor du reisest. La mich dir offen sagen: Das Wort hat dann nur Wert, wenn es
sich zur Tat gestaltet. La uns also von nun an mehr in Taten als in Worten
sprechen! Da der heutige Abend und ein Teil der Nacht so reich an Worten war,
ist zu begreifen. Der vorangehende Tag gab uns den Stoff dazu, und dann war es
ja Nacht; die Nebel wallten. Komm noch einmal mit mir herauf! Wir wollen sehen,
ob sie noch da, ob sie vorhanden sind.
    Wir stiegen in meine Wohnung, wo die Lampe noch brannte; ich lschte sie
aber aus. Unten in der Halle und unter den Bumen des Hofes war es noch ganz
dunkel gewesen. Hier oben aber fhrte die offenstehende Tr hinaus ins Freie und
Schattenlose.
    Als wir hinaustraten, standen die Bergeskuppen des Ostens bereits in
wasseropales, bluliches Hell getaucht. Hoch ber uns lfteten sich die Maschen
des nchtlichen Schleiers, um vom Schein des Tages aufgelst zu werden. In der
Tiefe lag der See auch jetzt noch wie im Traume, aber dieser Traum war klar, von
trben Schatten rein. Und die Nebel, die wir vorhin noch gesehen hatten?
Verschwunden! Wohin? Wer kann es sagen!
    Nun? fragte ich, hinunternach dem Wasser deutend.
    Fort! antwortete der Ustad.
    Und hier?
    Ich zeigte hinein nach der Bibliothek. Da holte er tief Atem und sagte:
    Ja, auch das waren Nebel, waren Dnste, und doch etwas ganz Anderes! Wie
soll ich es nur nennen?
    Du hast es bereits genannt und trafst den rechten Namen, als du
behauptetest, da es auf deinem Grabe irrlichteriere. Die Dnste hatten
Flackerschein zu geben, um von ihm vollends weggezehrt zu werden. Verstehst du
nun, was ich meinte, als ich von allzuvielen Worten sprach? Es ist geflackert
worden. Wo? Ueber alten Smpfen! Das schadet nichts; es reinigt sich die Luft.
Dann sinken die Schwrme der stechenden Insekten nieder, und freundliche
Gedanken kommen, den hellen Tagesfaltern gleich, herbei, um Hliches und
Scharfes abzulsen. Du sprachst von deinem Grabe, deiner Gruft, die hier in
diesen deinen Rumen liege. Glaubst du, da dies richtig gewesen sei?
    Er sah einige Zeit nachdenklich vor sich nieder und antwortete dann:
    Du weit, da man sich von alten, angewohnten Namen und Bildern nicht
leicht zu trennen vermag.
    Jawohl. Aber was wre dann dein Alabasterzelt? Etwa das Mausoleum ber der
geliebten Gruft?
    Da fuhr er zusammen, schaute mich wie froh erschrocken an und rief aus:
    Effendi, Effendi! Was sagst du mir da fr ein Wort! Was du mit keiner Rede
des gestrigen Tages und der ganzen Nacht erreichtest, das sagst und beweisest du
mir durch dies einzige Wort! Wer sein Zelt fr so hoch oben baut, den kann
vielleicht die Narrheit fr gestorben halten, doch ist fr diese Narrheit wohl
jeder Kluge tot, und weil sie mich fr tot hlt, bin ich lebend! Effendi, du
hast recht: Wir haben lange, lange Stunden mit einander geflackert und
irrlichteriert: es mag auch heilsam gewesen sein, der stechenden Insekten und
des Nachtgewrmes wegen; aber jetzt, jetzt erst, nachdem es Tag zu werden
beginnt, hast du mir endlich das klare Wort und richtige Licht gegeben, in
welchem ich erkenne, da es nur an mir liegt, ob ich der Narrheit den Gefallen
tun will, tot zu sein!
    So schau hin gegen Osten! Dort bildet sich der erste Purpursaum, und leise
Strahlen kssen ihn von fern. Reich an Erkenntnis nhert sich der Morgen, und
wenn du willst, so teilt er sie dir mit.
    Ja, ich heie ihn willkommen, und er soll mein Lehrer sein, rief er aus.
Du aber mut ruhen und schlafen, den ganzen heutigen Tag. Ich verlangte zu viel
von deinem noch nicht genesenen Krper. Darf ich dich fr kurze Zeit wecken, ehe
ich aufbreche, Effendi?
    Ja, unbedingt! Ich habe vorher mit Agha Sibil zu sprechen und dann den
Brief nach Bagdad zu schreiben.
    So nimm jetzt meinen Dank, und schlaf am Herzen der Liebe ein, die dich und
mich bewacht, indem sie uns wie eine einzige Seele umschliet!
    Er zog mich innig an sich, um mich auf Stirn und Mund zu kssen. Dann ging
er hinab. Kaum war er fort, so trat die lange zurckgehaltene Schwche ein. Es
berkam mich eine so groe Mdigkeit, da ich schnell mein Lager aufsuchte und
mich niederlegte, gleich so, wie ich war. Das Fenster stand offen. Ich richtete
den letzten Blick hinaus. Am Himmel begannen die Strahlen in goldenen Funken zu
blitzen. Dann war es wie ein Meer des Lichtes, welches mich pltzlich ber und
ber umflutete. Nun schlo ich die Augen und schlief ein, doch ohne da es um
mich dunkel wurde. Wie war das sonderbar! - - -

                                Zweites Kapitel

                                        

                                Unter den Ruinen


Wenn ein Maler alles das, was ich gestern mit dem Ustad gesprochen hatte, auf
die Leinwand bringen knnte, so wrde er es wohl am besten mit Morgengrauen im
Menscheninnern zu unterzeichnen haben. Die vorangehende, lebensgefhrliche
Erkrankung, die Genesungsfreudigkeit, die fromme Feier am Tempeltage, das
Erscheinen der Blutrcherschar, der vereitelte Mord in der Halle, das alles
hatte trotz meiner innern Ruhe und Stetigkeit doch Nebel in mir aufgerhrt,
welche das fast berlang gefhrte Gesprch nur schwer zu Ende kommen lieen. Und
noch viel schwerer war es in dem Ustad aufgewallt. Seine Lebensanschauung hatte
im Haine Mamre gewurzelt, wohin die Engel einst zu Abraham kamen, und ihren
hchsten Punkt in dem Worte Christi gefunden Liebet eure Feinde; segnet, die
euch fluchen! Dieses Gebet war seine Richtschnur gewesen allezeit, in jeder
Lebenslage. Da hatten sich die Andern, die sich ebenso Christen nennen, mit
ihrem Ha auf ihn gestrzt, um ihn und seine Nchstenliebe zu vernichten. Er
hatte nur einige kurze Versuche gemacht, sich gegen sie zu wehren; aber als er
erkannte, mit welchen Waffen man gegen ihn kmpfte, da zog er sich in das
stille, ruhige Land des Schweigens zurck, der christlichen Mahnung gedenkend:
So dir jemand deinen Rock nehmen will, dem la auch den Mantel! Aber in seinem
Innern wallte es auf in wichtig schweren Fragen: Wer hat recht? Auf wessen Seite
steht die gttliche Wahrheit, der gttliche Wille? Bei Christo, welcher sprach:
Wer von euch ohne Snde ist, der werfe den ersten Stein auf ihn? Oder bei
diesen hochangesehenen christlichen Priestern und Laien, die mit den
Gottesleugnern im engsten Operationsbunde den begeisterten Bekenner der Lehre
von der Nchstenliebe aus der Gemeinschaft der Glubigen hinauszuwerfen
trachteten? Es kann ja doch gewi nur eines von beiden wahr und richtig sein!
Entweder hat der Heiland sich geirrt, indem er etwas forderte, was ganz
unmglich war, oder diese Herren treten mit Widerwillen vor dem
allerchristlichsten seiner Gebote zurck, weil ihnen die Selbstberwindung
fehlt, es zu erfllen!
    Wenn solche Fragen im Ustad nach klarer Antwort und nach Lsung trieben, so
mute alles, was in ihm festgestaltet gewesen war, ins Wanken kommen, tief
erschttert werden. Daher sein Bestreben, mich zu sich heran in das Gesprch zu
ziehen und so lange festzuhalten, bis er deutlich sehe, wo eigentlich das wahre
Christentum zu finden sei, bei ihm oder bei diesen Anderen. Wo es zu suchen sei,
das wute ich genau, durfte es ihm aber nicht in deutlichen Worten sagen, weil
die Klarheit in seinem eigenen Innern aufzutauchen hatte. Daher mein
dilatorisches Verhalten, die Dehnung unsres Stoffes und dann aber auch unsere
gemeinschaftliche Freude, als die Antwort endlich, endlich aus dem
Alabasterzelte herabgestiegen kam.
    Nun war es hell und licht geworden, sogar whrend meines Schlafes. Ich wei,
ich trumte nicht, und dennoch war es mir, als ob ich trume. Wer war ich wohl,
und wo befand ich mich? Ich atmete nicht, und doch war alles Odem! Ich bewegte
mich nicht, und doch wallten tausend und abertausend Wogen unendlichen Glckes
in mir. Meine Augen waren geschlossen, und dennoch sah ich Herrlichkeiten rings
um mich her, die unbegreiflich sind. Und pltzlich hatte ich Flgel. Ich flog.
Wohin? Durch Ewigkeiten! Bis ich mde wurde und nach einem Punkte suchte, an dem
ich ruhen knne. Und ich fand ihn, fand ihn wieder, diesen meinen irdischen
Ruhepunkt im Reiche der Ewigkeiten. Und wo lag er? Im Schlafe, im tiefen, tiefen
Schlafe. Ich neigte mich trotzdem zu ihm nieder und - - schlug die Augen auf.
    Da stand die Sonne schon in des Vormittags Mitte, und um mich her war alles
licht und warm. Das Gerusch des Tages drang zu mir herauf. Ich fhlte mich
gekrftigt und so frisch, wie schon seit langer Zeit nicht mehr. Ich stand also
auf und ging auf das freie Dach hinaus. Im Hofe unten wurden die Kamele des
Ustad gesattelt. Ihn selbst sah ich nicht. Links drben grasten unsere Pferde
auf der bergigen Weide, welche an den Komplex der Ruinen grenzte. Der See
glnzte azurblau zu mir herauf. Die Bewohner des Duar waren in lebhafter
Bewegung, natrlich der Reise ihres Ustad wegen. Von meinem Vorplatze fhrten
Stufen hinber nach dem Glockenwege, welcher, von oben herabkommend, sich bis
zur Gartenhhe niedersenkte, wo die Quelle sprudelte, neben welcher sich der
Herr des hohen Hauses eine rundum eingefate Badestelle abgeschlossen hatte. Ein
solches Bad erschien mir sehr von Nutzen. Darum stieg ich da auen langsam am
Berg hinab und fand die Tr zum Wasser geffnet. Wie das erfrischte, dem Krper
doppelte Kraft zu geben schien!
    Als ich fertig war, spazierte ich auf dem weichen Grase zu unsern Pferden
hin. Welche Freude, als sie mich erkannten! Als ich mich dann wieder entfernte,
wollten sie partout mitgehen, und ich hatte sie sehr eindringlich zu bedeuten,
da ich dies fr jetzt nicht wnsche. Nun durch den Garten nach dem Hofe gehend,
kam ich an der Kche vorber. Diese stand offen. Die Festjungfrau sah mich,
kam heraus, schlug vor Verwunderung die Hnde zusammen, da es nur so klatschte,
und rief:
    Maschallah, du schlfst nicht mehr, Effendi! Das ganze Haus durfte sich
nicht laut bewegen, um dich ja nicht zu wecken. Wie hat unser Ustad dich doch
gar so lieb!
    Wo befindet er sich jetzt? erkundete ich mich.
    In seiner Stube.
    Und Agha Sibil?
    Der sitzt mit seinem Sohne in der Halle. Ich habe die halbe Nacht hindurch
gebacken und gebraten, um Proviant fr die Reise nach Isphahan zu machen. Fr
dich aber habe ich trotzdem immer Zeit. Weit du, Effendi, um was ich den Ustad
gebeten habe, was er mir aus der Hauptstadt mitbringen soll?
    Nun?
    Eine Kasawaika!21
    Bei diesem Worte strahlte ihr Gesicht in einer aufflligen, mir krankhaft
scheinenden Wonne.
    Eine Kasawaika? fragte ich, woher kennst du das? So etwas wird doch hier
gar nicht getragen!
    Ich habe es gesehen, als ich noch beim Schah-in-Schah mit kochte. Die
russischen Madama hatten es. Ich mu so eine haben! Rot und blau, grn und gelb.
Das sieht so schn im Fackellicht.
    Fackellicht? Hm! Ich denke, du gehst stets wei?
    Da kam sie die Stufen vollends herab, trat nahe zu mir heran, legte das
fette Hndchen auf meinen Arm und sagte in ehrfurchtsvoller Duzbrderlichkeit:
    Ja, immer wei! Zuweilen aber auch bunt, ganz bunt! Das steht mir besser,
viel, viel besser! Der Aschyk22 sagt das auch!
    Du hast einen Geliebten, Pekala?
    Da errtete sie bis zur Farbe der persischen Mohnblume, nahm einen
geheimnisvollen Ton an und raunte mir zu:
    Ich vertraue es nur dir, Effendi, allein nur dir! Es ist ein tiefes
Geheimnis. Ich habe es schon vielen sagen wollen! aber ich frchte, da sie es
verraten. Du aber hast ein solches Herz voll Freundlichkeit und Gte, da du es
gewi nicht weiterplaudern wirst. Ein edles Frauenherz mu unbedingt ein edles
Mnnerherz haben, von dem es ganz und gar verstanden wird. Und Tifl ist zwar ein
liebes, folgsames Kind, jedoch ein edles Frauenherz, das kann er nicht
begreifen!
    Sie schaute so ganz zerflossen und edel zu mir auf, da sie mir gewi sehr
spaig vorgekommen wre, wenn ich nicht das zwar noch unbestimmte aber doch sehr
deutliche Gefhl gehabt htte, hier vor einer vielleicht sehr wichtigen
Entdeckung zu stehen Psychologisch zweifelhafte Personen sind stets mit Vorsicht
zu behandeln. Darum antwortete ich nicht anders als in meiner gewhnlichen,
freundlich ernsten Weise:
    So sage mir, Pekala, was ein edles Mnnerherz von dir zu begreifen hat!
    Dreierlei. Erstens da man Vertrauen haben will. Zweitens da man
verschwiegen sein will. Drittens da man nicht ewig Kchin bleiben will!
Leuchtet dir das ein, Effendi?
    Sehr!
    Das wute ich. Du bist vernnftiger als tausend andere Mnner, die kein
edles Frauenherz verstehen. Darum habe ich gewut, da ich dir alles, alles
mitteilen kann, was ich den meisten Menschen verschweige.
    Also den meisten! Das ist sehr vorsichtig von dir! Nun sage mir vor allen
Dingen, von wem hast du denn eigentlich das von dem edlen Frauenherzen
erfahren?
    Von meinem Aschyk. Ich habe gar nicht gewut, da ich auch so etwas Edles
besitze; er aber hat es sofort erkannt und mir gesagt.
    Und woher hat er von solchen Herzen erfahren?
    Von einer Englnderin, die er mit ihrem Englnder in Buschehr getroffen
hat. Die hat alle Tage einen neuen Papierfcher verlangt und dabei gesagt, sie
habe ein edles Frauenherz und drfe sich also ihre Gesichtsfarbe nicht
verderben. Darum bringt mir mein Aschyk stets auch zwei oder drei Papierfcher
mit, so oft er kommt.
    Wo kauft er diese? Ist er ein Dschamiki?
    Was du denkst, Effendi. Es ist noch keinem Dschamiki eingefallen, mein Herz
edel zu nennen! O nein; mein Aschyk ist kein hiesiger und auch kein gewhnlicher
Mann, sondern ein vornehmer Schahsadeh23 aus Isphahan.
    Du Glckliche! Kennst du ihn schon lange?
    Schon seit einigen Jahren.
    Besucht er dich oft?
    Fast immer, wenn vier Wochen vorber sind.
    Hat er da einen bestimmten Tag?
    Ja, denn so ein hoher Schahsadeh ist immer pnktlich. Er kommt stets, wenn
es Pazar gn24 ist. Dann ziehe ich abends meine weien Sachen aus und lege die
schnen bunten an, die er mir immer schenkt. Hierauf gehe ich zu ihm hinber in
die Ruinen, wo ich mit ihm beim Mondenscheine hin und her spaziere, wie eine
Tochter des Beherrschers. Ist es aber dunkel, so steigen wir in das Innere und
brennen eine Fackel an.
    Warum da drben und nicht hier?
    Weil er nur heimlich kommen darf. Edlen Herzen wird es nmlich ungeheuer
schwer gemacht, sich ffentlich zu verbinden. Wir knnen erst dann miteinander
in Isphahan einziehen, wenn der jetzige Schah gestorben ist. Ich habe darum
geschworen, das tiefste Geheimnis zu bewahren. Aber weil es bei dir ebenso
verschwiegen aufgehoben ist wie bei mir, so halte ich meinen Schwur ja doppelt,
indem ich es dir erzhle.
    Aber welchen Grund hast du wohl, es grad mir mitzuteilen?
    Einen sehr groen, wichtigen Grund. Du bist doch, wenn unser Ustad
abgereist ist, der Herr des hohen Hauses?
    Ja.
    Ich wute es. Der Ustad hat uns gesagt, da wir dir in allen Dingen sofort
und willig zu gehorchen haben. Und weil du ber alles zu befehlen hast, mu ich
dich um etwas bitten, womit ich das Leben meines Aschyk retten kann. Ich bin
also gezwungen gewesen, dir mein Geheimnis zu verraten. Wre das nicht, so htte
ich mich nicht an dich getraut, obgleich ich fhle, da du ebenso edel bist wie
ich! Aber dort kommt der Pedehr. Verrate mich nicht, Effendi! Kein Mensch darf
es wissen, kein einziger! Nur du und ich allein! Ich sage dir vielleicht schon
heut noch mehr. Jetzt aber mu ich in die Kche!
    Sie machte mir einen so tiefen Knix, wie bei ihrer Taille mglich war, und
verschwand dann in ihrem Reiche. Der Pedehr hatte allerdings im Begriff
gestanden, nach der Kche zu kommen, sich aber schon wieder umgedreht, um nicht
zu stren. Das war mir lieb. Es war nur diese Pekala, diese Kchin gewesen, mit
der ich gesprochen hatte, aber ich mu gestehen, da ich mich trotzdem nicht in
der Stimmung befand, sofort mit einer andern Person ber andere Dinge zu reden.
    Was fr Gedanken hatten mich bisher bewegt! Bis fast zu diesem Augenblick!
Und nun hier pltzlich diese geistige Nichtigkeit, zehnfach, hundertfach nichtig
grad durch ihre strahlend freundliche Gestalt! Diese Null war hohl; hierber gab
es keinen Zweifel. Aber hinter ihr stand eine ganze Finsternis bereit, sie mit
dem Verderben fr uns vollstndig anzufllen! Und es war so viel, so ganz
unerwartet viel, was ich erfahren hatte! Ich zog mich unter die Bume des
Gartens zurck, um nachzudenken.
    Zunchst hielt ich es fr begrndet, dem Ustad diese Neuigkeit einstweilen
zu verschweigen. Ich durfte ihm seine Reise nicht durch Sorgen erschweren, die
ihm sehr leicht den klaren Blick beeintrchtigen konnten. Sodann war diese
Pekala fr mich jetzt in ein ganz neues, in ein drittes Stadium getreten. Von
der Krankheit geschwcht, hatte ich sie fr ein herzliebes, wenn auch recht
unbedeutendes Wesen gehalten. Dann war ein gewisses Mitrauen gegen sie erwacht,
von welchem ich auch dem Ustad gegenber kein Geheimnis gemacht hatte. Jetzt
aber wurde es ernst, sehr ernst! Ein Mensch, welcher Charakter und Inhalt
besitzt, kann berechnet werden, eine Pekala aber nicht. Sie ist trotz aller
ihrer Liebenswrdigkeit gefhrlicher als mancher Bsewicht. Solche Menschen
gleichen freundlichen Schmetterlingen, die um ihrer Raupen willen unschdlich
gemacht werden mssen. Es tut einem leid, doch hat man sich zu wehren.
    Wer war dieser Aschyk, dessen Spionin sie in so unglaublich lcherlicher
Weise geworden war? Jedenfalls ein Sill, ein Untergebener von Ahriman Mirza. Er
kam monatlich einmal zu ihr, und stets Sonntags. Am Montag aber war der Tag des
Soldes, also der Versammlungstag. Jedenfalls fragte er sie da nach allem aus,
was hier bei den Dschamikun inzwischen geschehen war, und berichtete es dann
weiter. So waren die Sillan stets vorzglich unterrichtet. Das ganze Lebenswerk
des Ustad hing also von der Schwatzhaftigkeit einer Person ab, die weiter
nichts, als eine Trin, eine Nrrin war! Wer wei, wieviel sie bisher schon
geschadet hatte! Stand sie allein mit ihrem Verrate, oder besa sie noch andere
Vertraute? Ich war sehr geneigt, anzunehmen, da wenigstens Tifl, ihr Kind,
auch mit beeinflut worden sei. Konnte man es berhaupt fr mglich halten, da
die geheimen Zusammenknfte der Schatten hier in den Ruinen so ganz ohne
Verrat und Untersttzung von seiten der Dschamikun abgehalten wurden? Mir
erschien dies beinahe undenkbar. Mochte das aber sein, wie es wollte, ich hatte
mir schon gestern vorgenommen gehabt, nach den hiesigen Geheimnissen der Sillan
zu forschen, und nach dem jetzigen Gesprch mit der Kchin verstand es sich ganz
von selbst, da bei ihr der Anfang zu machen sei, und zwar so bald wie mglich.
    Nun ging ich nach dem Hofe. Dort stand Agha Sibil mit seinem Enkel jetzt bei
den fertiggeschirrten Kamelen. Ich erkannte den Ersteren sogleich an dem fast
beispiellos starken Schnurrbarte, der so riesig war, wie ich noch keinen gesehen
hatte. Man mochte auch mich ihm schon beschrieben haben, denn sobald er mich
sah, kam er auf mich zu, nannte seinen und meinen Namen, stellte mir seinen
Enkel vor und bat mich, bei ihnen im Baumesschatten Platz zu nehmen, damit sie
von mir ausfhrlicher erfahren knnten, was ihnen von Andern nur andeutungsweise
mitgeteilt worden sei. Es verstand sich ganz von selbst, da ich diese Bitte
mehr als gern erfllte.
    Noch whrend ich erzhlte, kam der Ustad mit dem Pedehr aus der Halle. Sie
gesellten sich zu uns. Der Erstere hatte gar nicht geschlafen und mich soeben
wecken wollen, aber von dem Letzteren erfahren, da ich schon aufgestanden sei.
Der Pedehr verhielt sich so zu mir, als ob gar nichts vorgefallen sei, was man
ihm vorzuwerfen habe, und darum zeigte auch ich mich unbefangen. Der Ustad aber
schien sehr ernst mit ihm gesprochen zu haben und vermied es sogar jetzt noch,
seinem Blicke zu begegnen. Der Kaufmann war ein hochehrwrdiger, braver Herr,
der unendlich glcklich und dankbar war fr das, was ich ihm erzhlte. Er htte
mir noch gern stundenlang zugehrt, mute sich aber bescheiden, weil nun
aufgebrochen werden mute, weil es in der Absicht des Ustad lag, die verwandten
Kalhuran noch heut zu erreichen, um ihnen Nachricht ber das zufriedenstellende
Befinden ihres Scheikes zu bringen. Doch blieb uns Zeit, das Ntigste zu
besprechen.
    Der Ustad bergab mir seine Wohnung mit dem smtlichen Verschlu, und ich
machte ihn noch einmal besonders auf den Brief aus Basra aufmerksam, den er in
Isphahan an den Henker zu besorgen hatte. Als ich eine Bemerkung ber die
Gefahr aussprach, welche ihm seitens der entflohenen Soldaten drohen knne,
teilte er mir mit, da unten im Dorfe eine Schar bewaffneter Dschamikun auf ihn
warteten, welche ihn begleiten wrden, bis alle Gefahr vorber sei. Hierauf
wurden alle Bewohner des hohen Hauses herbeigerufen, damit er sich von ihnen
verabschieden knne, grad als Kara Ben Halef von einer Tour heimkehrte, die er
unternommen hatte, um sein Pferd wegen des Wettrennens geschmeidig zu erhalten.
Er wendete sofort wieder um, weil er es fr eine Ehrenpflicht hielt, den Ustad
bis an die Grenze seines Gebietes zu begleiten.
    Mir war es leider nicht mglich, mich ebenso hflich zu erweisen. Ich mute
bleiben, wo ich war, und konnte nur hinauf auf meine Plattform steigen, um erst
mit dem Auge und dann mit dem Herzen dem zu folgen, von dem ich mich trotz aller
uerlichen Entfernung innerlich unzertrennlich fhlte. Ich war nun Herr seines
Hauses und nahm mir vor, es im allerbesten Sinne zu sein, der menschenmglich
ist!
    Eigentlich hatte ich mich jetzt wieder niederlegen wollen und auch sollen,
aber ich fhlte sonderbarerweise nicht die geringste Spur von Mdigkeit. Darum
ging ich jetzt wieder hinab, um zunchst nach meinem Halef zu sehen, von dem ich
heut noch nichts vernommen hatte. Hanneh war bei ihm. Er hatte soeben die Augen
aufgeschlagen und richtete sie auf mich, als ich mich bei ihm niederlie. Ein
liebes, liebes Lcheln ging ber sein eingefallenes Gesicht.
    Sihdi, gib mir deine Hand! flsterte er. Ich mu sie kssen!
    Ich kannte ihn und wute, da ich ihm diese Liebe nicht verweigern durfte.
Er fhrte meine Hand an seine Lippen und hielt sie dort so fest, wie es ihm
mglich war. Dabei hielt er die Augen wieder geschlossen.
    Sihdi, wo - - - wo bist du gewesen? fragte er leise. Aus deiner Hand
strmt - - - Leben - - - Kraft - - - und Genesung! Warst du vielleicht - - - im
Schlafe dort, wo - - wo - - wo - - -
    Er sprach nicht weiter, sondern er schlief ein.
    Dann ging ich wieder durch den Garten und nach der Pferdeweide hinter. Es
war etwas in mir, was mich drngte, die dort so nahen Ruinen einmal in grerer
Deutlichkeit als bisher vor mir liegen zu haben. Ich ahnte, da in ihnen der
Anfang des Endes liege, dessen Fden jetzt in meine leider noch so schwache Hand
gegeben waren. Das Gehen fiel mir heut schon wieder leichter als noch gestern.
Meine krftige Natur begann, sich geltend zu machen. Die Pferde seitwrts
lassend, wendete ich mich der Stelle des alten Mauerwerkes zu, wo die letzten
Bsche des Weidelandes standen. Dort war einer der cyklopischen Steine zu irgend
einem Zwecke aus den Fugen gehoben und auf die hohe Kante gerichtet worden. Er
warf nach Nord den Schatten. Da wollte ich mich niedersetzen und das Gemuer in
Augenschein nehmen. Aber es sa schon jemand da - - Schakara. Meine Schritte
waren im Grase unhrbar gewesen. Sie wurde auf mein Kommen erst aufmerksam, als
sie meinen Schatten neben dem des Steines erscheinen sah. Da wendete sie den
Kopf, wer es wohl sein mge. Als sie mich erblickte, wollte sie aufstehen, aber
ich bat sie ruhig sitzen zu bleiben, und nahm in ihrer Nhe Platz.
    Sie zeigte nicht die geringste Spur von Verlegenheit, whrend ein
europisches Mdchen, in derselben Beschftigung berrascht, gewi aufgesprungen
und davongelaufen wre. Sie hatte nmlich ihre langen, schweren, dunkeln
Flechten geffnet und war soeben dabei, dieses fast berreiche Haar durch den
Kamm zu gltten.
    La dich nicht stren, Schakara! sagte ich. Hier bin ich Kurde und nicht
Europer.
    Europer - - -? Sie sah mich fragend an. Dann kam es wie Verstndnis ber
sie: Ist es bei euch eine Schande fr die Frauen, ihr Haar vor euren Augen zu
berhren?
    Zwar keine Schande, aber auch keine Ehre. Unsere Frauen zeigen ihr Haar nur
in knstlich geordnetem Zustande.
    Knstlich geordnet? lchelte sie. Also ist bei euch diese Ordnung nicht
Natur, sondern Kunst? Vielleicht ist das richtig; ich verstehe es nicht.
    Wie einfach und unbefangen das klang! Wie hell und sorglos sie mich dabei
anschaute! Und wie unbedenklich sie dann in ihrer Beschftigung fortfuhr! Ich
richtete mein Auge auf die Ruinen, zunchst ohne weiter zu sprechen. Kein
Lufthauch war zu spren. Es herrschte tiefe Stille, und nur - - - - was war denn
das? Whrend Schakara ihr Haar bewegte, war jenes laut knisternde, ganz
eigenartige Gerusch zu hren, welches entsteht, wenn elektrische Fnkchen
berspringen. Sie bemerkte meine schnelle Kopfbewegung und fragte:
    Wolltest du mir etwas sagen, Effendi?
    Eigentlich nicht; aber, knistert dein Haar stets so, wenn du es ordnest?
    Ja. Oft noch viel lauter.
    Seit wann?
    So lange ich mich besinnen kann.
    Kennst du noch andere Personen, bei denen dasselbe Gerusch entsteht?
    Nur eine einzige, nmlich Marah Durimeh. So oft ich ihr die langen, weien
Zpfe flocht, erklang ihr Haar in diesen lieben Tnen, und in den Hnden war es
mir, als sprngen tausend Funken auf mich ber. Sie sagt, das msse sein, wenn
sich nichts Fremdes zwischen Leib und Seele stelle. Hast du es noch nicht
gekannt, Effendi?
    Doch!
    Bei vielen?
    Nein; nur bei einem, bei mir. Darum konnte ich nicht vergleichen und nach
den Ursachen suchen.
    Die Ursache ist das Leben, ist die Seele. Ist diese ungeschwcht, so hat
sie auch die Kraft, zu zeigen, da sie Ueberschu an Lebensvermgen besitze.
    Wie du so sprichst, Schakara!
    Wie soll ich anders reden? Ich hrte es von Marah Durimeh, die meine
Lehrerin gewesen ist, so lange ich lebe. Sie liebt dies Knistern sehr; sie
pflegt es sogar; sie wird besorgt, wenn es sich einmal mindert. Sie spricht von
ihm, wenn sie aus alter Zeit erzhlt, als noch kein Mensch von Krankheit etwas
wute. Hat sie dir nicht gesagt von jenem fremden Dichter, der seine Poesie, die
er verloren hatte, an diesem Knistern, als sie dann wiederkam, sofort erkannte?
Das war das Ro der Himmelsphantasie, der treue Rappe mit der Funkenmhne, der
keinen andern Menschen trug als seinen Herrn, den nach der fernen Heimat
suchenden. Sobald sich dieser in den Sattel schwang, gab es fr beide nur
vereinten Willen. Die Hufe warfen Zeit und Raum zurck; der dunkle Schweif
strich die Vergangenheiten. Des Lauses Eile hob den Pfad nach oben. Dem harten
Felsen gleich ward Wolke, Dunst und Nebel, und durch den Aether donnerte das
Rennen hinauf, hinauf ins klare Sternenland. Dort flog die Mhne durch
Kometenbahnen, und jedes Haar klang knisternd nach der Kraft, die von den
hchsten aller Sonnen stammt und drum auch nur dem hchsten Knnen dient. Und
thaten sich die Thore wieder auf, die niederwrts zur Erdenstunde fhren, so
tranken Ro und Reiter von dem Bronnen, der aus der Tiefe jenes Lebens quillt,
und kehrten dann im Schein der Sterne wieder. Der Reiter hllte leicht sich in
den Silbermantel, den ihm der Mond um Brust und Schultern warf, und seiner
Locken Reichtum wallte ihm vom Haupte. Des Rosses dstre Mhne aber wehte, im
Winde flatternd wie zerfetzte Strophen, schwarz auf des Mantels dmmerlichten
Grund. Und jene wunderbare Kraft von oben, die aus den hchsten aller Sonnen
stammt, sprang in gedankenreichen Funkenschwrmen vom wallenden Behang des
Wunderpferdes, hell leuchtend, auf des Dichters Locken ber und knisterte
versprhend in das All.
    Sie hatte langsam und natrlich, ohne alle knstliche Hebung gesprochen, als
ob diese Art der Ausdrucksweise eine ihr keinesweges ungewhnliche sei. Ich war
erstaunt, ja wohl mehr als erstaunt. Weniger ber die bilderreiche
Ausdrucksweise, weil diese dem Oriente eigen ist, als vielmehr ber die Tiefe
und den dichterischen Wert der Gedanken, welche sie ausgesprochen hatte. Welch
ein Denken, Schauen und Empfinden! Welch eine reiche, seltsame Welt in ihrem
Innern! Welche Schtze mochte sie in sich tragen, die doch so anspruchslos hier
an der Erde sa! Sie begann jetzt, ihr aufgelstes Haar wieder in Flechten
zusammenzulegen. Sie sah dabei nicht zu mir herber, fhlte aber dennoch meinen
auf ihr ruhenden Blick, denn sie sagte:
    Effendi, du forschest in mir. Frage mich doch lieber, wenn du etwas willst!
Ich sage es dir ja gern.
    Da erkundigte ich mich denn auch sogleich:
    Du nanntest Marah Durimeh deine Lehrerin. Was hat sie dich gelehrt, und in
welcher Weise that sie es?
    Als echte Muallima25, die nichts falsch oder berflssig tut. Sie lehrte
mich zunchst das Lesen und das Schreiben. Dann brachte sie mir nach und nach
alle jene Bcher, die das enthielten, was ich lernen sollte.
    Gedruckte Bcher?
    Nein, zunchst noch nicht. Diese bekam ich erst nach Jahren, als sie
glaubte, da mich fremde oder gar falsche Gedanken nicht mehr beirren knnten.
Was ich in der ersten Zeit zu lesen und zu lernen hatte, das schrieb sie alles
selbst, nur ganz allein fr mich. Sie sagte, das msse so sein, wenn ich werden
solle, was ich zu werden habe. Solche Bcher haben die genaue Mostra26 zu
enthalten, nach welcher die geistige Gestalt zu bilden sei, keinen Strich zu
wenig und aber auch keinen zu viel. Weil aber niemals zwei verschiedene Personen
ganz dieselbe Begabung besitzen, knne die Form fr den einen nicht auch die
Form fr den andern sein. Darum sei auer der Schule des Lebens jede andere zu
eng, die Kleinen in der Weise gro werden zu lassen, da sich jeder in seiner
besondern Eigenart entwickele. - Du siehst mich staunend an, Effendi. Habe ich
etwas Trichtes gesagt?
    Ich staune, ja; aber aus einem ganz andern Grunde, als du denkst. Schakara,
ich sage dir: Marah Durimeh ist eine Meisterin! Hat sie noch andere Schlerinnen
auer dir?
    Wer kann das sagen! Sie ist zwar meist verborgen, doch berall geliebt, wo
sie erscheint, und jeder lernt von ihr, zu dem sie kommt. Mich aber hat sie
einst zu sich geholt; ich war und blieb bei ihr und teilte alles, was sie trug
und tat. Sie gab sich wohl mit keiner so viel Mhe wie mit mir, und was ich bin,
das habe ich nur ihr allein zu danken.
    So wei sie, da du jetzt hier bei dem Ustad bist?
    Ja. Ich bin sogar in ihrem Auftrag hergekommen, von dem er allerdings bis
jetzt noch nichts erfahren hat. Ich mute erst studieren.
    Was oder wen? Darf ich es wissen?
    Da schlug sie ihre klaren Augen gro und voll zu mir auf und antwortete:
    Mir ist, als ob ich vor dir kein Geheimnis haben drfe, als msse ich dir
alles sagen, was in mir ruht, und auch was mich bewegt. Drum will ich nicht
verschweigen, da ich den Ustad prfe; weshalb, wozu, das wei nur Marah
Durimeh. Auch ist die Gegend, wo er wohnt, fr mich von Wichtigkeit. Es liegt
hier in der Nhe viel begraben, was auferstehen will. Er selbst spricht ja von
seiner eignen Gruft, doch ist das wohl nicht richtig. Schau diese Mauern an, die
hoch und stark sich hier vor uns erheben, als ob sie Heimlichkeiten zu verbergen
htten, die keines Menschen Auge sehen drfe! Wer baute dies? Warum in dieser
Weise? Aus welchem Grund gab man den Bau nicht vllig erdenfrei? So trmt man
doch nur Festungen empor, von welchen aus man blutig herrschen will! Wozu
Tyrannensitze fr den Vater, der liebend zu den Kindern niedersteigt, wenn im
Gebete sie ihn zu sich rufen? Indem ich dieses frage, mu ich an jene alte Sage
denken, die von Chodeh, dem Eingemauerten berichtet. Kennst du sie schon,
Effendi?
    Nein.
    So la sie dir erzhlen!
    Sie schaute zu den Ruinen hinber, nickte wie unter einem heimlichen
Gedanken vor sich hin und begann sodann:
    Das war zu jener Zeit, als der Teufel auf den Gedanken kam, Baumeister zu
werden. Er zeichnete viele tausend Plne, aber keiner war ihm fromm genug. Da
sah er ein, da man jedes Fach, also auch dieses, erst nach und nach zu erlernen
habe, und beschlo darum, zu den Menschen in die Schule zu gehen. Da er von
unten zu beginnen hatte, so begab er sich zunchst zu einem Volke, welches nur
auf Felsen baute. Als seine Zeit bei diesem vorber war, suchte er ein anderes
auf, welches ungeheure Steine aus dem Felsen brach, um sie zu Mauern aufeinander
zu trmen. Bei einem dritten Volke lernte er Ziegel streichen und mit Asphalt zu
Gebuden vereinigen, die von scheinbar ewiger Dauer waren. Bei einem vierten
richtete er sich auf riesenhafte Pfeiler und Sulen ein, welche selbst unter den
schwersten Lasten nicht zusammenbrachen. Bei einem fnften hrte er zum
erstenmal von Schnheit sprechen. Die Sulen bekamen freundlichere Gestalt, und
die bisher platten Dcher hoben sich empor. Beim sechsten kam der Schmuck dazu
und das Bedrfnis, Licht im Raum zu haben. Ein siebentes sah auf die uere
Gestalt und forderte fr jedes Bauwerk andre Formen. So legte er sich also auf
den Stil und weiter noch auf alles, was sonst noch ntig war. Und als er dann
vor seiner Meisterprfung stand, an was fr Bauten hatte er, der Teufel, sich
gebt? Was glaubst du wohl, Effendi?
    Erlaube mir, zu hren, nicht zu raten! antwortete ich.
    An lauter frommen Werken, die nur zur Ehre dessen errichtet worden waren,
fr den der Teufel nichts als Ha besitzt. Zwar hatte wohl auch die Frmmigkeit
gewollt, denn fromm erscheinen, frdert selbst den Teufel, doch wirklich fromm
zu sein, daran geht er zu Grunde. Drum war sein Ha jetzt gar zum Grimm, zur
stillen Wut geworden, weil alle diese Bauten der Wahrheit dienten, aber nicht
dem Scheine, und er beschlo, in seinem Meisterstck ein Werk zu schaffen, bei
welchem alles Schein, nichts aber Wahrheit sei. Er ging in jenes Felsenland
zurck, wo er die Lehre einst begonnen hatte, denn dort war Gott ein lieber
Himmelsgast und lie sich oft bei seinen Menschen nieder. Er sa so gern bei
ihnen, licht und hehr im offnen Alabasterberg, sich seiner Sonne freuend. Da
kamen sie herbei, die er geschaffen, sie alle, gro und klein von seiner eignen
Hand den Segen zu empfangen. Sie liebten ihn; sie gnnten ihn auch andern; die
Eifersucht auf Gott und auf die Seligkeit war ihnen unbekannt. In diesen
Menschheitsfrieden trat der Andre, den es gelstete, sein Meisterstck zu
machen. Er brachte seine Scharen, die ihm dienen, und lie den Neid der Hlle
rings verbreiten. Als dann der Herr im Morgenrot erschien, um wieder einen
Erdentag zu weilen, da drangen alle, alle auf ihn ein, nur hier bei ihnen noch,
sonst nirgends zu erscheinen; die andern Menschen seien es nicht wert. Da neigte
er das Haupt und ging betrbt von dannen. Er sprach den Segen nicht, sprach
berhaupt kein Wort. Der Andre aber sprach: Wit ihr noch nicht, da Gott sich
zwingen lt? Was ist die Bitte wert, wenn sie nicht zeigt, da sie auch
wirklich will! Beweist ihm euern Ernst, so mu und wird er tun, was ihr begehrt.
Ich will euch euern wahren Gott verschaffen; die andre Welt mag andre Gtter
haben! Nun sandte er den Neid in Scharen aus, herbeizuschleppen, was er
vorbereitet. Und als das nchste Morgenrot erschien, nahm er die gttliche
Gestalt des Hchsten an und kam, den frommen Schein ins Werk zu setzen. Er lie
sich licht und hehr im Berge nieder und lchelte voll Huld den Menschen zu. Und
als sie ihre Bitte wiederholten und ernsten Nachdruck auf die Worte legten,
sprach er im Tone vterlicher Gte: Ich prfte euch; drum war ich gestern still;
heut aber sag ich euch, ihr habt bestanden. Die Macht der Frmmigkeit ist grer
als die meine. Drum nehmt mich hin als euer Eigentum. Ich will nun euch und
niemand sonst gehren! Da flogen die Quader herbei, die Sulen, die Steine, die
Ziegel. Der Felsen gab das Fundament; die Mauer klammerte sich fest; sie wuchs
empor. Der Teufel sa als Gott im Heiligtume. Doch seine Scharen regten sich,
ihn eiligst fr das Volk hier einzumauern. Das Bauwerk stieg ihm immer hher,
bis an den Leib - - - bis an die Brust - - - bis an den Hals! Und betend lag
dabei die Andacht auf den Knieen! Der Kopf verschwand nun auch. Fast war der
Berg verschlossen. Da schwang ein dunkler Flederhuter sich aus der letzten
Oeffnung und flatterte in das Verschwundensein. Und in demselben Augenblick
erschien der Architekt vor seinem Werke und lobte laut, da er zufrieden sei. -
- - Was war es fr ein Bau? Kein Mensch vermags zu sagen. Wo liegt der Berg? Ich
wei es nicht, doch mchte ich ihn finden. Und wenn ich mich nicht irre, bist du
bereit, mit mir nach ihm zu suchen, Effendi.
    Es wre wohl der Mhe wert, sich hiermit zu beschftigen, antwortete ich.
Es steckt in jedem Mrchen und in jeder Sage ein Kern, um dessen willen die
Dichtung entstanden ist. Jedenfalls enthlt auch diese Erzhlung von Chodeh, dem
Eingemauerten, eine Wahrheit, welche in dieser Form gesagt worden ist, um
jedermann zugnglich zu werden. Nur meine ich, da dieser Gottesberg mit seiner
zugemauerten Alabasternische nicht an irgend einem geographischen Ort, sondern
nur auf rein geistigem Gebiete zu suchen sei.
    Ich nicht.
    Wie? fragte ich berrascht. Du denkst dir einen wirklichen Berg, auf den
ich mit diesen meinen Fen hier steigen knnte?
    Da flog ein unbeschreiblich schalkhaftes Lcheln ber ihr schnes Angesicht,
und es klang beinahe wie von oben herab, als sie erwiderte:
    Effendi, Effendi! Willst du mich etwa glauben machen, da ein
Kurmangdschimdchen klger sein knne als ein Gelehrter aus dem Abendlande? Was
meinst du, wenn du von Wirklichkeiten sprichst? Ist nur das wirklich, was ich
sehe, hre, fhle? Und mu das, was du als geistiges Gebiet bezeichnest, von
unsern Sinnen niemals wahrzunehmen sein? Sind wir Menschen nicht unendlich
verschieden begabt? Der Eine sieht, hrt, riecht, fhlt oder schmeckt etwas,
wofr der Andere nicht einen einzigen Empfngnisnerven besitzt. Und diesem
Andern werden dafr viel tiefere und verborgenere Dinge offenbar, welche der
Vorige fr unbegreiflich hlt. Ich bin nicht wie du, und du bist nicht wie ich;
aber indem wir uns gegenseitig vertrauen und ergnzen, knnen wir uns zu einer
Persnlichkeit vereinigen, welcher zu erreichen mglich ist, was wir vereinzelt
nie erreichen wrden. Das ist so leicht zu begreifen; aber schau um dich und
sag, ob man es beherzigt! Der Sonderstolz, Effendi, der Sonderstolz! Du magst
meinen, noch so hoch zu stehen, so hast du herabzusteigen, um zu lernen und dich
frdern zu lassen. Willst du aber keinem Niederen etwas zu verdanken haben, so
stehst du unter ihm, bist niedriger als er! Ich wollte ich drfte dir die Berge
zeigen, die es fr mich giebt, obgleich du sie nicht siehst.
    Und ich dir auch die meinen! fiel ich da schnell ein.
    Wo stehen sie? fragte sie ebenso schnell.
    Da oben an der Grenze, in stiller Einsamkeit. Nur selten kommt ein Mensch,
um dort emporzusteigen und heimzukehren in das Wunderland.
    An der Grenze? Heimkehr? Wunderland? Effendi, du siehst ich bin berrascht!
Meinst du etwa dasselbe wie ich? Dieselben Felsenkronen, die mir so oft im
Abendrot erglhten? Dieselben Pfade durch die heil'ge Stille, in welcher jede
Blume und jeder Lufthauch betet? Dasselbe Wasserrauschen, von welchem meine
Seele trinkt, noch durst'ger als die Lippe, die ich khle? Warst du vielleicht
in jenem Tal der Sternenblten, wo unsichtbar die Seelen wandeln gehen, doch
ihrer Fe Spur im grnen Moose lassen? Ich war einst dort, mit Marah Durimeh!
Wir hrten ses Flstern um uns her und leises Wehen, wie von himmlischen
Gewndern. Ein Veilchen stand am Quell, das einzige im ganzen, weiten Tale,
soeben erst gepflanzt, die Wurzel zrtlich sorgsam eingebettet und dann
befeuchtet, da sie trinken knne. Da kniete Marah Durimeh sich nieder, schlo
es mit ihren lieben Hnden ein und sprach: So war er also hier! Ich kenne seine
Weise und auch die namenlos Verehrte, die er mit seiner Lieblingsblume grt!
Ich wagte nicht, zu fragen, wen sie meine. Jetzt aber denk' ich an die
Lagersttte, die ich mit deinen Lieblingsblumen schmckte, damit ihr Duft die
Seele dir erhalte. - Nun sag', Effendi, kennst du meine Berge? Warst du schon
dort? Bist du die Seele, die mit Veilchen grt?
    Da stand ich auf und ging zum nahen Erlenstrauch; dort blhten einige
Veilchen. Ich pflckte sie und reichte sie der Fragenden. Auch sie stand auf,
steckte die Blumen in das Haar, welches nun wieder in vollen Zpfen niederhing,
und sagte:
    Ich kenne seine Weise, sprach Marah Durimeh. Effendi, wenn du ins Tal der
Sternenblumen kommst und dort ein zweites Veilchen stehen siehst, begiee es,
wie ich das deine trnken werde! Es sei fortan auch meine Lieblingsblume. Und
nun sag' mir: Warum kamst du hierher an diesen Stein? Zwei Menschen, welche
gleiche Pfade gehen, die pflegen gegenseitig sich zu ahnen. Dich zogen die
Ruinen her zu mir?
    Ja, Schakara. Dir will ich offen sagen, da ich sie durchforschen werde,
heimlich, bis in ihren tiefsten Winkel. Niemand soll jetzt davon erfahren, auer
du.
    Also treffen wir uns auch hier auf gleichem Wege! Ich war schon oftmals
dort, ganz unbemerkt, des Nachts.
    Warum?
    Warum? Du weit ja, was ich suche! Den Berg, die Alabastergrotte, das
Meisterstck des Architekten, der Schein auf Schein anstatt der Wahrheit baute.
Er kam zuletzt als Flattertier heraus. Was also kann die Grotte nun enthalten?
Doch nichts! Leer mu sie sein! Es wurde weder Gott noch Teufel eingemauert. Und
doch, und doch bin ich noch nicht am Schlusse; ich mu vielmehr noch weiter,
weiter denken. Wo Gott von dem Teufel verdrngt wurde, da kann das Resultat doch
wohl in keinem Nichts bestehen. Ich bin nur Weib und du wirst wahrscheinlich
ber diese meine Mantyk27 lcheln; aber es handelt sich hier doch nicht um zwei
Krper, welche zusammentreffen und sich wieder trennen knnen, ohne etwas
zurckzulassen, sondern um die Frage, was entstehe, wenn das Gute von dem Bsen
verdrngt wird und - - -
    Sie hielt inne. Es ist eben nicht leicht, Gttliches und Teuflisches durch
menschliches Denken zu ergrnden.
    Schakara, ich bitte dich, la Mantyk Mantyk sein, sagte ich. Du fhlst
das Richtige; aber es in Worten auszudrcken, das wrde ich nicht wagen. Wenn
der Teufel Schein auf Schein getrmt hat, so liegt hinter diesem Scheine sicher
etwas Wahres verborgen. Was das ist, das knnen wir nicht wissen. Gelnge es
aber, den Berg zu finden und die Grotte zu ffnen, so wrde es sich zeigen.
Ahnest du vielleicht einen gewissen Zusammenhang zwischen diesem Berge und dem
alten Gemuer hier im Gebiete der Dschamikun?
    Ich ahne ihn nicht nur, ich fhle ihn ganz deutlich.
    Hast du dich nicht gefrchtet, des Nachts so allein in den Ruinen
herumzusteigen?
    Vor Menschen, ja, doch aber sonst vor nichts.
    Fandest du Spuren, da Menschen dort verkehren?
    Ja. Solche Spuren knnten eigentlich nicht befremden, weil die Neugierde
doch gewi so manchen Dschamiki und auch wohl manchen Andern hinunter in die
alten Bauten treibt. Aber ich sah Einiges, was auf keine guten Absichten
schlieen lt.
    Was war das, Schakara?
    Ich halte es fr besser, es dir zu zeigen, statt jetzt davon zu plaudern,
ohne da es Nutzen bringt. Jetzt bist du noch zu schwach fr solche Anstrengung,
doch wird sich das schnell bessern. Dann steigen wir hinab und du wirst alles
sehen, was ich entdeckte. Man sagte mir, da du heut' den ganzen Tag zu schlafen
haben werdest. Effendi, thue es! Es kommen schwere Tage, und du hast stark zu
sein. Die Kraft, welche du heut' verschwendest, kann dir schon morgen fehlen.
Glaube mir, ich meine es gut!
    Das klang so besorgt, so mtterlich, da ich antwortete:
    Ich werde diesen deinen Rat befolgen, doch nicht sofort, erst nach der
Mittagszeit, wenn Pekala - - -
    Pekala? fiel sie da rasch ein. Du wolltest sagen, da sie dir das Essen
bringen werde. Du irrst. Von jetzt an werde ich es sein, die fr dich sorgt. Ich
lasse dich in keiner andern Hand.
    Ich wollte das nicht acceptieren und brachte meine Grnde dagegen vor. Da
ffnete sie das kleine Dschasaltschchen, welches an ihrem Grtel hing, nahm ein
Pergamentkrtchen heraus, gab es mir und sagte:
    Am Tage nach der Nacht, in welcher man dich und Halef zu uns brachte,
sandte ich einen Boten an Marah Durimeh, denn ich hielt es fr ntig, da sie
wisse, wie es um eurer Leben stand. Ich habe ihr seitdem wiederholt berichtet
und Antwort von ihr erhalten. Das Letzte, was sie schrieb, sind diese Worte.
    Ich las:

    Er sei der Geist; du aber sei die Seele, seine Schwester. Das zeige ihm und
        gre ihn von mir.
                                                                 Marah Durimeh.
    Da gab ich ihr das Pergament zurck, legte die Hand auf ihr Haupt und
sprach:
    Was meine Freundin sagt, ist immer richtig. Ich will dein Bruder sein; so
sorge denn fr mich! Jetzt mu ich hinauf zu mir, um den Brief nach Bagdad zu
schreiben. In einer halben Stunde wird er fertig sein. Dann esse ich mit dir und
Hanneh in der Halle, und da du es so willst, versuche ich hierauf, mich
auszuschlafen.
    Dieses Programm wurde ausgefhrt. Die Boten nach Bagdad hatten sich unten im
Dorfe schon bereitgehalten. Sie gingen ab, sobald sie den Brief bekommen hatten,
und nahmen eine Kamelsnfte fr den dicken Kepek mit. Halef schlief noch fest,
als wir uns zum Essen setzten. Ich bin ein miger Esser; heut' aber a ich
doppelt so viel als gewhnlich. Ich wurde von zwei Seiten hart bedrngt und
hatte mich zu fgen. Als ich dann nach oben ging, nahm ich die noch immer im
Hausgange liegenden Kleidungsstcke des Blutrchers mit, um sie in der
Rumpelkammer aufzubewahren. Oben bei mir angekommen, trat ich auf die
Plattform heraus, um nach dem Stande der Sonne zu sehen. Es war eine Stunde nach
Mittag. Da legte ich mich nieder.
    Eigentlich war ich gar nicht mde. Es kamen mancherlei Gedanken, welche
Audienz begehrten, und ich gab sie ihnen. Dann nickte ich ein bichen ein,
wachte aber sehr bald wieder auf. Nun griff ich zu knstlichen Mitteln. Ich
sagte das ganze groe und kleine Einmaleins rck- und vorwrts her, rezitierte
in Gedanken Schillers Glocke und noch andere Gedichte, doch alles war vergebens.
Dann stand ich wieder auf, zog mich an und schaute nach der Sonne. Es war seit
dem Essen kaum eine Stunde vergangen. Was nun thun? In den Werken des Ustad
lesen? Seine Zeitungen verbrennen? Ja. Aber da fiel mir ein, da es doch meine
Pflicht sei, einmal nach dem kranken Scheik der Kalhuran zu sehen. Das konnte
sofort geschehen. Ich ging also hinab.
    In der Halle saen Hanneh und Schakara noch beisammen. Das Serir28 aber war
fortgetragen worden.
    Es ist mir heut unmglich, einzuschlafen, sagte ich. Darum kann ich mein
Versprechen leider nicht halten. Hoffentlich bin ich heut abend mde.
    Da sahen sie einander an. Schakara blieb ernst. Hanneh aber lachte am ganzen
Gesicht und sagte:
    Du kannst nicht einschlafen, Sihdi? Was hast du denn da whrend der ganzen,
langen Zeit getrieben?
    In welcher Zeit? fragte ich belehrend. Es ist ja hchstens eine Stunde!
    Eine Stunde? So weit du also wirklich nicht, da du einen ganzen Tag
geschlafen hast?
    Tableau, wie man im Abendlande sagt! Aber zum Scheik der Kalhuran ging ich
nun erst recht, aber natrlich erst, nachdem ich wieder fr zwei Mann hatte
essen mssen. Der neue Herr des hohen Hauses trat sein Amt, wie es schien, mit
vieler Wrde an! Der Scheik befand sich in der besten Pflege. Er hoffte, schon
in der krzesten Zeit wieder aufzuknnen. Den Blutrcher erwhnte er nur ein
einziges Mal, aber in einer Weise, die mehr als Worte sagte.
    Hierauf wollte ich nach den Pferden sehen. Ich hatte nicht weit zu gehen.
Barkh und Assil Ben Rih standen im Hofe. Kara sattelte sie, um sie auszureiten.
Mit seinem Ghalib hatte er schon am Vormittage eine Uebungstour gemacht.
    Sihdi, wenn du nur wieder in den Sattel knntest, sagte er. Schau nur,
wie dich dein Assil bittet!
    Der Rappe machte es allerdings sehr deutlich. Er tnzelte auf allen Vieren
und schob sich dabei, ich mochte stehen wie ich wollte, so an mir vor, da ich
den Bgel in die Hand bekam. Das war drollig und rhrend zugleich. Um dem Pferde
eine, wenn auch nur kurze, Freude zu machen, hob ich den Fu, setzte ihn auf und
schwang mich in den Sitz. Ich wollte nur einen langsamen Gang durch den Hof,
weiter nichts. Kaum aber sa ich oben, so war ich schon zum Tore hinaus, und ehe
ich mich vorgebeugt und den herabhngenden Zgel aufgenommen hatte, war schon
beinahe das Duar erreicht. Dabei fhlte ich weder Schmerzen noch sonst etwas,
was mich htte veranlassen knnen, abzusteigen. Es war mir sogar mglich, es zu
einer Art von Schenkeldruck zu bringen. Ich sa ganz leidlich fest und wankte
nicht. Kara hatte mich rasch eingeholt. Er freute sich wie ein Knig ber den
Streich, den mir das Pferd gespielt hatte.
    Der macht kurzen Proze mit dir, Sihdi! lachte er. Wie weit wirst du es
wohl wagen knnen?
    Wollen sehen, antwortete ich. Aber nur Schritt. Ich fhle mich ganz wohl;
ja, es ist sogar, als ob im Sattel noch alte Kraft von mir aufgespart sei, die
mir nun jetzt zugute komme. Sonderbar!
    Wir ritten langsam durch das Dorf. Die Leute kamen aus den Zelten, Htten
und Husern, grten froh und waren ba verwundert, ihren Patienten so pltzlich
schon zu Pferde zu sehen. Dann ging es am Seeufer hin, nach Osten zu. Ein
Viertelstndchen hielt ich es aus. Dann wurde ich mde und sagte Kara, da ich
absteigen und ruhen msse.
    Dann gleich hier, antwortete er, nach dem Ufer deutend. Das ist die
Stelle, welche der Pedehr dir zeigen sollte.
    Woher weit du das?
    Er hat es mir gesagt, als ich gestern hier an ihm vorberritt.
    Das war mir interessant. Also der Ort, wo die Sillan ihre Pferde zu trnken
pflegten! Wir lieen die unseren an das Wasser gehen, und ich legte mich lang in
das Gras. Da begann Kara Ben Halef:
    Sihdi, bist du sehr mde? Oder darf ich von einer Sache zu dir reden, die
mir sehr wichtig erscheint? So wichtig, da ich es nur dir, keinem Andern
mitteilen kann?
    Sprich!
    Tifl lgt!
    Er sagte nur diese beiden Worte; dann war er still.
    So!
    Ich sagte nur dieses eine Wort; dann war auch ich still. Nach einer Weile
fuhr er fort:
    Ja, er lgt! Und du weit, da ich die Lge hasse und den Lgner verachte!
Und doch mu ich mit diesem Menschen sprechen, denn ich bin Gast!
    Vielleicht irrst du dich, warf ich ein. Es ist ein groer Unterschied
zwischen der absichtlichen Lge, welche aus schlechten Grnden tuschen will,
und einer Unwahrheit, die man mit gutem Gewissen verbreitet, weil man sie fr
Wahrheit hlt.
    Das wei ich gar wohl, Sihdi; aber ich habe geprft. Tifl wei ganz genau,
da er lgt. Auch ist es nicht blo leichtsinnige Schwatzhaftigkeit von ihm, die
sich auf gleichgltige Dinge bezieht, sondern es handelt sich um
Angelegenheiten, welche von grter Wichtigkeit fr uns sind. Ich meine nmlich
Ahriman Mirza.
    Hat er diesen belogen?
    Nein, sondern dich - - - uns!
    Wieso?
    Du frugst ihn vorgestern vor dem Mordberfalle, woher der Henker wohl
wisse, wo deine Lagersttte in der Halle sei. Er antwortete dir, er sei den
Persern vorangeritten und habe gar nicht mit ihnen gesprochen. Aber Ahriman
Mirza habe sich an die begleitenden Dschamikun gemacht und alles, was er wissen
wollte, aus ihnen herausgelockt. Tifl behauptete sogar, da er ber diese
unvorsichtige Schwtzerei sehr zornig gewesen sei. Besinnst du dich, Effendi?
    Ja. Ich erinnere mich noch jedes Wortes. Bezieht sich deine Behauptung etwa
auf diese seine Angabe?
    Ja. Er hat gelogen, dir mit vollem Bewutsein in das Gesicht gelogen!
Ahriman Mirza hat whrend des ganzen Rittes nach der Grenze mit keinem andern
Dschamiki auch nur ein einziges Wort gesprochen. Bedenke seinen Stolz! Aber er
ist mit Tifl und dem Henker vorangeritten, Tifl zwischen ihnen, und diese drei
haben sich sehr lebhaft, fast wie gute Freunde, unterhalten. Beim Scheiden haben
der Mirza und Ghulam ihm sogar die Hand gereicht, um Abschied von ihm zu nehmen.
Was sie erfuhren, konnte also nur aus seinem, aus keinem andern Munde stammen.
    Woher weit du das, Kara?
    Von Einem, der es am besten wissen mu, nmlich von Tifl selbst. Das war
gestern abend, als ich den Pferden zum letzten Male Wasser gegeben hatte. Ich
wollte noch nicht schlafen und ging ganz hinter, wo das Weideland aufhrt und
die Ruinen beginnen. Dort ragt ein groer Mauerstein aufrecht empor, und nur
einige Schritte davon steht ein dichter Kyylbusch29, an welchem ich mich
niedersetzte. Du wirst wohl noch nicht dort gewesen sein und die Stelle also
nicht kennen.
    Ich kenne sie. Ich sa am Vormittage bei dem Steine und pflckte Veilchen
bei dem Kyylstrauch.
    So weit du also, da beide so nahe bei einander liegen, da man am Kyyl
hren mu, was an dem Steine gesprochen wird. Ich war noch nicht lange dort, so
kamen Pekala und Tifl. Sie setzten sich nieder, ohne zu ahnen, da ich mich so
nahe bei ihnen befand. Ich gab mir gar keine Mhe, mich zu verbergen, hatte aber
auch keinen Grund, sie besonders auf mich aufmerksam zu machen. Sie brauchten
nur einigermaen aufmerksam zu sein, so muten sie mich sehen; aber es gibt
Menschen, denen die Unvorsichtigkeit so zur zweiten Natur geworden ist, da sie
gar nicht mehr wissen, was man unter Vorsicht zu verstehen hat. Diese sonderbare
Mutter sprach mit ihrem noch sonderbareren Kinde zunchst ber allerlei, was mir
vollstndig gleichgltig war. Darum stand ich schon im Begriffe, mich leise zu
entfernen; da wurde dein Name genannt, und darum blieb ich sitzen. Was sie
sagten, war keineswegs besonders klug zu nennen; sie wissen nicht so recht, was
sie aus dir machen sollen; aber Pekala versicherte, da sie dich in ihr Herz
geschlossen habe, und Tifl meinte, man habe mit dir sehr freundlich und sehr
hflich zu sein, weil man nicht wissen knne, was aus deiner Freundschaft mit
dem Ustad entstehen werde. Bei ihm komme es vor allen Dingen darauf an, was du
fr ein Reiter seist, und da getraue er sich unbedingt, dich und deinen Assil
auf der Stute des Ustad zu berholen. Was sagst du dazu, Effendi?
    Kinderei!
    Dieser Mensch ist ein Pferdejunge, aber doch kein Reiter! Rohes Anklammern,
Jagen und Hetzen, aber keine Spur von wahrer Reiterkunst! Fr solche Leute ist
Pferd eben nichts als Pferd! Dann sprachen sie vom Ustad. Ich mu dir sagen,
Effendi, was ich da hrte, hat mir fast wehe getan. Sie gaben vor, ihn zu
lieben; sie lieben ihn wohl auch, jedoch in ihrer Weise. Beiden steht die Kche
oder das Pferd des Ustad hher als er selbst. Sein Geist und seine Gedanken
imponieren ihnen; von seiner Person aber sprachen sie in einer Weise, die mir
nicht gefallen konnte. Das war Klatsch! Hierauf kam die Rede auf eine Person,
welche Aschyk genannt wurde. Wer gemeint war, wei ich nicht. Dieser Aschyk
kommt regelmig nach vier Wochen, um Pekala hier bei dem Steine abzuholen.
Nchsten Sonntag kommt er wieder, eine Stunde vor Mitternacht. Nun erwhnten sie
eine groe Emprung. Es soll Jemand abgesetzt werden; aber wer, das konnte ich
nicht verstehen. Dann reitet Pekala auf dem herrlichsten Kamele in einer groen
Stadt ein, und Tifl wird ein sehr berhmter Mann. Auch aus dem Ustad wird etwas
Bedeutendes, doch was, das blieb mir verborgen. Den Mirza und den Blutrcher
hassen beide, doch msse man sich gegen sie verstellen, denn der Aschyk habe es
gewnscht. Und hiermit bin ich bei der Hauptsache angelangt: Als Tifl die Perser
bis ber die Grenze zu bringen hatte, wurde er von Ahriman und Ghulam in die
Mitte genommen und ausgefragt. Er frchtete sich, sie mit ihren Fragen
abzuweisen, und sagte ihnen darum alles, was sie wissen wollten. Als du ihn dann
in das Verhr nahmst, getraute er sich nicht, es zu verschweigen, und belog
dich, um die Schuld auf seine Begleiter zu schieben.
    War Pekala damit einverstanden?
    Ja. Sie lgen also beide! Das von der Emprung und der hierauf folgenden
Erhebung und Befrderung war wohl nur Kindergeschwtz. Aber das Andere hat mich
sehr bedenklich gemacht. Pekala hat mir von Isphahan erzhlt, von ihrem Vater,
von Tifl, wie er betrunken gewesen ist, vom Ustad, der sich ihrer angenommen
hat, von seinem Tode und von seinem Grabe hier im Hause. Sie weint dabei vor
Rhrung. Es kommen so schne Stellen vor, auch Gedichte. Man wird da selbst
gerhrt und hlt sie fr ein frommes, liebes, seelensgutes Wesen. Aber sie hat
das fast mit ganz denselben Worten und denselben Trnen auch meiner Mutter
erzhlt; sie erzhlt es berhaupt Jedem, der sich von ihr festhalten lt, sogar
den Hadeddihn, die mit uns gekommen sind. Dadurch wird ja das Heiligste
entheiligt! Und wenn sie bei jeder Gelegenheit hinzufgt, da die Mnner alle
noch erzogen werden mssen, so wird sie lcherlich. Vor allen Dingen aber hat
mich Folgendes emprt: Kaum haben Pekala und Tifl von den hohen Eigenschaften
ihres Ustad gesprochen, so dichten sie ihm eine Menge ganz gewhnlicher, sogar
gemeiner Fehler an, die er gar nicht besitzt, sondern die sie nur von sich
selbst auf ihn bertragen, weil sie alles, was sie an ihm nicht verstehen
knnen, fr Mngel halten wie die ihrigen. Und das tun sie in so niedertrchtig
vertraulicher Weise, als ob er sie fr Engel halte, an denen er sich gern ein
Vorbild nehme! Das ist teuflisch, doppelt teuflisch, weil es mit so freundlich
lchelndem Munde und mit so warmer Rcksicht ausgesprochen wird. Ich habe es
gehrt; Jeder hat es gehrt; Alle knnen es hren, die es hren wollen. Er
allein, der vollstndig Arglose, der stets und ganz Vertrauende, hat keine
Ahnung von der Menge dieser giftigen Gedankenschlangen, die sich unablssig zu
seinen Fen ringeln, ohne da er es bemerkt, weil er nie auf das Niedrige, auf
das Gemeine achtet! Sihdi, was mag ihm das wohl schon geschadet haben! Wie gtig
bist auch du zu dieser Pekala und diesem Tifl! Ich aber halte sie fr ein
Gezcht, mit dem man keine Nachsicht ben sollte. Wer ist dieser Aschyk? Ein
Dschamiki wohl kaum. Sie verkehren mit ihm, und zwar heimlich, wie es scheint.
Sie schildern auch ihm den Ustad gnzlich falsch. Er trgt es fort.
Infolgedessen macht man sich da drauen im ganzen Lande ber des Ustad
sogenannte Fehler und Schwchen lustig, die aber nur in den schwachen Kpfen
einer dicken Kchin und eines dnnen Pferdejungen existieren! Die Feinde sind
wohl klug genug, das zu wissen. Sie lachen heimlich ber die Trkin und ihr
Kind. Oeffentlich aber tun sie, als ob sie es glauben, und verbreiten es aus
allen Krften weiter. Daher der freche Blick, den Ahriman Mirza fr den Ustad
hatte! Und daher auch die unverschmte Stirn des Multasim! Htten diese Menschen
sich wohl in der Weise, wie sie es taten, in den Duar und hinber zum Tempel
gewagt, wenn der Ruf des Ustad nicht schon fast vernichtet wre? Sihdi, ich sage
dir: Zwei solche Personen im eigenen Hause sind gefhrlicher, weit gefhrlicher
als hundert offene Gegner, die keine Liebe heucheln! Ich habe noch nie, noch nie
in dieser Weise zu dir gesprochen. Jetzt aber mute ich es tun. Und warum?
Verzeihe mir, da ich es sage! Um einer Person willen, die euch mit ihrer
Kerbelsuppe nur scheinbar erheitert, in Wirklichkeit aber regiert!
    Hierauf setzte er sich nieder. Wartete er, was ich nun sagen werde? Wenn ja,
so lie er es sich doch nicht merken. Er schaute ber den See hinber, wo soeben
das Boot vom Ufer stie. Es saen zwei Mnner darin. Der eine ruderte; der
andere schien zu lesen.
    Das ist der Dschamiki, welcher den andern das Singen lehrt, sagte Kara,
als ob er unser Gesprch als abgebrochen betrachte.
    Und du bist der Hadeddihn, der mich etwas anderes lehrt, antwortete ich.
Ich habe geglaubt, mich nur auf meine eigenen Augen verlassen zu knnen. Darf
ich von jetzt an auch die deinen mit zu Rate ziehen?
    
    Da sprang er schnell wieder auf, kam zu mir her, kniete neben mir nieder,
griff nach meiner Hand und rief im Tone des Glckes, der innigsten Freude aus:
    Sihdi, ich danke dir! Weit du, was du mir mit diesen deinen Worten
schenkst?
    Ich wei es, Kara: Dich selbst! Du warst bisher ein Glied; nun aber bist du
Person, vollstndige Person. Es wurde ber dich bestimmt; nun sollst du selbst
bestimmen. Sag, gibt es noch andere Leute hier, welche dir Mitrauen eingeflt
haben?
    Ja.
    Wer?
    Willst du Vermutungen hren?
    Nein.
    So la mich erst noch prfen, ehe ich Namen nenne. Ich kann wohl Verdacht
hegen, aber ihn weiterverbreiten, ohne Beweise zu haben, das wrde gewissenlos
gehandelt sein. Das aber tut Kara Ben Halef nicht! Ueber Menschen also schweige
ich noch, doch ber Dinge kann ich sprechen. Ich mu dir etwas zeigen, was ich
gefunden habe. Ich wei nicht, ob es Edelsteine sind oder ob es Glas ist, aber
es funkelt wie lauter Diamanten.
    Er zog aus der Innentasche seiner Weste eine schmale Blechkapsel und reichte
sie mir, nachdem er sie geffnet hatte. Sie enthielt eine Turbanagraffe mit
rotem Pferdehaarbusch, welcher mittelst eines Charnieres umgelegt war, vor dem
Gebrauche aber aufgeschlagen wurde. Der Halter bestand aus groen Facetten,
welche die beiden Buchstaben Sa und Lam umschlossen, ber denen das
Verdoppelungszeichen stand. Die Facetten waren von Glas, doch gut geschliffen
und brillant unterlegt, so da sie bei knstlichem Lichte wahrscheinlich wie
Diamanten funkelten. Diese Haaragraffen durften frher nur von sehr
hochgestellten Personen an den Turbanen getragen werden. Der Schah schmckt bei
festlichen Gelegenheiten seine Lammfellmtze noch heut in dieser Weise,
natrlich aber mit echten Steinen. Die Imitation, welche ich jetzt in meinen
Hnden hielt, war ohne eigentlichen Wert, eine Theateragraffe, wie man bei uns
sagen wrde, fr mich aber von einer Bedeutung, die mich veranlate, einen Ruf
der Freude auszustoen.
    Also Edelsteine? fragte darum Kara.
    Nein. Es ist nur Glas, wertloses Glas; aber du hast trotzdem einen Fund
gemacht, der wohl kaum mit Geld bezahlt werden knnte. Wie bist du zu dieser
Agraffe gekommen, lieber Kara?
    Es war auf dem Dschebel Adawa30 - - -
    Der liegt doch nicht hier, sondern schon im Gebiete der Takikurden! fiel
ich ein.
    Taki heit fromm. Die betreffenden Kurden fhren diesen Namen, weil sie in
Beziehung auf den Glauben sehr streng gegen Andere sind und mit groer
Bestimmtheit behaupten, da nur sie allein den Himmel erlangen werden. Jeder
nicht ganz Gleichdenkende wird als verdammenswerter Ketzer betrachtet und mit
unnachsichtlicher, herzloser Strenge verfolgt.
    Ja; ich bin aber dennoch oben gewesen, antwortete er.
    Wann?
    Heut.
    Kennt schon Jemand diesen deinen Fund?
    Nein; nur du allein.
    So schweige jetzt noch gegen Andere; mir aber erzhle!
    Ich ritt gestern gegen Norden, ganz allein. In der ersten Zeit nahm ich
Tifl stets mit; jetzt aber tue ich das nicht mehr. Ich mag nicht Leute bei mir
haben, die mir nicht gefallen. Da traf ich auf eine kleine Todeskarawane, lauter
persische Schiiten, welche ihre Kamele und Maultiere mit Srgen belastet
hatten.
    Eine Todeskarawane? Hier? Sonderbar! Hier gibt es doch gar keinen
Karawanenweg, welcher hinab nach Karbela oder Meschhed Ali fhrt!
    Das sagte ich mir auch, und darum kamen mir diese Leute bedenklich vor. Als
ich mich aber nher an sie heranmachen wollte, nannten sie mich einen
sunnitischen Hund und drohten, auf mich zu schieen. Ich hielt also an und lie
sie von weitem an mir vorber. Mein Pferd aber wurde ungeduldig und drngte
vorwrts, als das letzte Kamel noch vorbeizugehen hatte. Darum kam ich so nahe
an dasselbe heran, da ich alles deutlich sehen konnte. Es trug vier Srge, an
jeder Seite zwei. Einer war zerplatzt und mit einem Stricke wieder
zusammengebunden, aber so liederlich, da ich den Inhalt sehen konnte.
    Wohl keine Leiche?
    Nein. Mir war schon aufgefallen, da die Karawane nicht den geringsten
Geruch verbreitete. Jetzt nun war das erklrt: Gewehre stinken ja doch nicht.
    Ah! Gewehre! Sahst du das genau?
    Ja. Es war kein Irrtum mglich. Ich ritt weiter, zunchst ohne mich
umzusehen, denn man sollte nicht merken, da ich aufmerksam geworden war. Als
ich mich aber weit genug entfernt hatte, lenkte ich hinter einen Felsen, um
diesen angeblichen Leichenzug zu beobachten. Nachdem er in der Ferne
verschwunden war, ritt ich ihm nach, wohl zwei Stunden lang, bis ber die Grenze
hinber. Da bog er von seiner bisherigen Richtung ab und hielt auf den Dschebel
Adawa zu. Nun folgte ich erst recht, doch so, da ich nicht bemerkt werden
konnte. Am Fue des Berges gibt es Wasser. Die Tiere aber muten an demselben
vorber und ohne Verzug die steile Wildnis hinauf. Warum? Wozu? Das war mir ein
Rtsel, und ich beschlo, es zu ergrnden. Doch mute ich das fr heut aufheben,
denn der Tag war schon fast vorber und ich wollte auch nichts unternehmen, ohne
vorher mit dir gesprochen zu haben. Ich kam spt heim. Du schliefst. Ich stand
zeitig auf. Du schliefst noch immer. Da beschlo ich, selbstndig zu handeln,
und ritt auf Ghalib wieder hin.
    Bist du Jemandem begegnet?
    Nein; keinem Menschen. Ich glaube auch nicht, da mich wer gesehen hat. Als
ich auf die gestrige Spur der Todeskarawane traf, sah ich zu meinem Erstaunen,
da es heut eine doppelte war; sie fhrte nmlich auch wieder zurck. Diese
Perser hatten die Nacht auf dem Berge zugebracht und waren dann wieder
heimgeritten.
    Ah, htte ich die Fhrte sehen knnen!
    Keine Sorge, Sihdi! Ich habe von dir gelernt, wie solche Spuren zu lesen
sind. Ich sah, da man getrabt hatte. Der Sand lag hinten weit hinausgeworfen
und die Stapfen waren vorn sehr scharf, aber flach und leicht. Wren die Tiere
noch so schwer wie gestern beladen gewesen, so htten sich die Eindrcke mehr
vertieft. Die Gewehre waren also auf dem Dschebel Adawa abgeladen worden und ich
beschlo, hinaufzureiten, aber sehr vorsichtig, denn es war doch mehr als
mglich, da die Personen, welche die Waffen erhalten hatten, sich noch oben
befanden. Diese Befrchtung hob sich aber, als ich bei meiner Annherung einen
Reitertrupp bemerkte, welcher soeben herabgekommen war und sich nach West
entfernte, wo die Weidepltze der Takikurden liegen.
    Hatten sie die Gewehre?
    Nein. Ich hielt mich versteckt, bis ich sie nicht mehr sehen konnte; dann
ritt ich hinauf. Ich konnte nicht irren; die Spuren zeigten mir den Weg. Oben
aber war alles so wirr und warr und es liefen so viele Eindrcke in- und
durcheinander, da es mir ganz unmglich war, mir ein Bild von dem zu machen,
was man hier vorgenommen hatte.
    Gab es Bume, Strucher?
    Genug! Dazu eine groe Ruine, wohl aus ganz uralter Zeit. In ihrem Innern
hatte das Lagerfeuer gebrannt. Ich suchte mit Flei und berall, wohin die
Ladung versteckt worden sei, doch war alle Mhe vergebens. Von dem vielen
Umherkriechen mde, sah ich mich nach einem schattigen Ort um, mich fr kurze
Zeit auszuruhen. Er war sehr bald gefunden. Ich legte mich nieder und pfiff mein
Pferd herbei. Indem es graste, betrachtete ich den alten Mrwer31, der neben mir
am Mauerpfeiler stand. Er war hohl. Das Loch befand sich ungefhr zwei Fu ber
der Erde. Und nun komme ich auf etwas, was du so oft behauptet hast, Sihdi,
nmlich, da es keinen Zufall gibt. Es war auch wirklich keiner, sondern ich
fhlte es wie eine ganz deutliche Aufforderung in mir, in dieses Loch zu
greifen, weil etwas darin stecke, was ich unbedingt sehen msse. Begreifst du
das?
    Ja. Du griffst hinein und fandest diese Kapsel!
    So ist es! Wer war das, der es mir sagte?
    Frage nicht, sondern begnge dich mit dem Funde, der fr uns viel, viel
wichtiger ist, als du denkst! Hast du dich dann noch lange auf dem Berge
aufgehalten?
    Nein. Sobald ich das Blech geffnet und den Inhalt gesehen hatte, ritt ich
heim. Ich kam zu spt zum Essen, a aber nach. Als ich nach dir fragte, hrte
ich, du schliefest immer noch. Darum sattelte ich. Vielleicht warst du am Abend
zu sprechen. Da aber kamst du doch. Ich wollte nicht sofort beginnen, sondern
dich bitten, abseits mit mir zu gehen. Denn niemand sollte sehen, was ich dir zu
zeigen hatte. Da aber stiegst du auf und Assil ging schleunigst mit dir fort.
Ich folgte schnell. So ist es gekommen, da wir uns hier befinden.
    Ganz, als ob es genau so beabsichtigt worden wre! Du mut schnell fort.
    Wohin?
    Nach dem Dschebel Adawa. Wenn es mglich ist, lssest du dich unterwegs von
keinem Menschen sehen. Hier nimm die Kapsel mit der Agraffe. Du steckst sie
wieder in den hohlen Baum und reitest dann sogleich wieder heim.
    Warum das, Sihdi?
    Es ist keine Zeit, es dir jetzt zu erklren. Ich sage es dir spter. Der
Mann, dem diese Agraffe gehrt, darf nicht ahnen, da sie in unseren Hnden
gewesen ist. Ich glaube zwar nicht, da er heut nach dem Berge kommt, will aber
sicher gehen. Du reitest augenblicklich und kommst nach deiner Rckkehr sogleich
zu mir, damit ich erfahre, ob es dir gelungen ist, den Auftrag unbemerkt
auszufhren.
    Darf ich dich denn verlassen, Sihdi? Kannst du allein heimreiten?
    Da kommt ja der Kahn. Der Chodj-y-Dschuna will, wie ich sehe, hier bei uns
anlegen. Ich werde also nicht allein sein.
    Da steckte er die Kapsel zu sich, schwang sich auf den Barkh und ritt davon,
eben als das Boot an das Ufer stie.
    Erlaubst du, Effendi, da ich dich fr einige Augenblicke stre? fragte
der Gesangslehrer, indem er ausstieg, whrend der Andere beim Ruder sitzen
blieb.
    Du strst mich nicht, antwortete ich. Es ist mir vielmehr eine Freude,
da du dich wieder einmal bei mir sehen lssest. Nimm bei mir Platz!
    Er lie sich mit den Worten nieder:
    Ich komme in einer sehr wichtigen Angelegenheit. Es gab fr mich einen
Grund, mit dir zu sprechen, ohne da man darauf merkte, da ich dich im hohen
Hause besuchte. Ich berlegte soeben, wie ich dies anzufangen habe, da sah ich
dich bei mir vorberreiten und ging sogleich zum Boote, um hier auf deine
Rckkehr zu warten. Da trifft es sich gut, da du grad hier abgestiegen und gar
nicht weitergeritten bist.
    So ist es etwas Heimliches, was du mir zu sagen hast?
    Ja.
    Aber wir sind doch nicht allein!
    Du meinst meinen Begleiter hier? Der ist ein treuer Dschamiki und darf
alles hren. Er wei es sogar schon.
    Ein treuer Dschamiki? Das klingt ja fast so, als ob es auch untreue gebe!
    Wo das Gute wohnt, baut sich das Uebel immer auch ein Haus. Doch jetzt zu
meiner Sache! Ich habe einen Freund in Chorremabad, der Hauptstadt unserer
Provinz. Er ist im Herzen ein guter Dschamiki und hat mir ber die uns
betreffenden Manahmen der Regierung schon manche heimliche Nachricht geschickt,
welche ich dem Ustad mitzuteilen hatte. Heut, vorhin erst, kam wieder ein Bote
von ihm an, der mir eine Mitteilung machte, ber welche ich zunchst erschrak.
Bei nherer Betrachtung aber fand ich, da es noch schlimmer, viel schlimmer
geworden wre, wenn der Scheik ul Islam uns so vollstndig berrascht htte, wie
es in seiner Absicht liegt.
    Der Scheik ul Islam? fragte ich. Will uns berraschen? Also hierher
kommen?
    Ja.
    Wann?
    Er trifft schon morgen ein.
    Das ist ja gar nichts so Schreckliches, sondern ganz im Gegenteil im
hchsten Grade interessant!
    Da hob er warnend den Finger und sprach:
    Effendi, urteile nicht zu schnell! Du bist hier fremd, bist sogar krank und
kennst die Verhltnisse nicht! Der Scheik ul Islam ist ein sehr hochgestellter,
wichtiger Mann, von dessen Macht du wohl noch keine Ahnung hast. Er wrde selbst
fr den Ustad ein Gegner sein, vor dem die grte Vorsicht ntig ist. Darum
trifft es sich keineswegs gut, da unser Herr verreist ist. Ich bitte dich, es
mir nicht bel zu nehmen, da ich dich warne! Der morgende Besuch kommt in einer
Absicht, hinter der sich alle List versteckt, die uns verderben kann. Darum
wollte ich, der Ustad wre hier!
    Auch ich wnsche das. Da er nun aber einmal abwesend ist, haben wir den
Fall zu nehmen, wie er liegt. Auch er mu, wie alles, mehrseitig betrachtet
werden. Beklagst du es, da der Scheik ul Islam von einem Fremden empfangen
werden mu, so gewhrt uns grad dieser Umstand doch auch den gar nicht zu
unterschtzenden Vorteil, da er sich von mir hinhalten lassen mu, er mag
beabsichtigen, was er will. Whrend er den Ustad zu schnellen Entscheidungen
verleiten knnte, deren Tragweite sich erst spter herauszustellen hat, mu er
es sich nun gefallen lassen, von mir vorsichtig ausgehorcht zu werden, ohne da
ich dann verpflichtet bin, auf irgend etwas einzugehen. Du siehst also wohl ein,
da ich, falls es sich um Feindseligkeiten handeln sollte, von den beiden
Gegnern derjenige bin, welcher die Schutzrstung trgt, der andere aber nicht!
    Er nickte zwar nur leise, lie aber seine Augen forschend an mir
niedergleiten, und sagte:
    Vorsichtig ausgehorcht zu werden! Effendi, dazu wrde ein Mann gehren, wie
ich noch keinen kenne!
    So warte ruhig, ob du ihn wohl siehst!
    Der Scheik ul Islam ist wegen seiner hohen geistlichen Wrde unantastbar,
und ber seine persnliche Schlauheit kam noch nie ein Anderer. Dazu ist noch zu
legen, da er ein ganz besonderer Kenner aller unserer Gesetze und Verhltnisse
ist, whrend du dich doch nur erst so kurze Zeit bei uns befindest!
    Wenn ich nicht will oder nicht kann, so brauche ich weder auf seine
Kenntnisse noch auf seine Schlauheit einzugehen. Vor allen Dingen bitte ich
dich, unbesorgt zu sein und jedes Vorurteil abzulegen, mag es mich oder ihn
betreffen. Ist der Bote deines Freundes noch hier?
    Nein; er ist schon wieder fort. Die Vorsicht gebot ihm, sich so kurz wie
mglich sehen zu lassen. Er macht einen Umweg zurck, um dem Scheik ul Islam ja
nicht zu begegnen.
    Wird dieser mit dem groen Gefolge kommen, welches bei so hohen
Wrdentrgern fast immer unvermeidlich ist?
    Das wei ich nicht. Auch konnte ich nicht erfahren, wie lange er zu bleiben
beabsichtigt. Doch sind das ja nur Nebendinge. Die Hauptsache ist, da ich
unterrichtet bin, weshalb er kommt. Mein Freund hat es nmlich zu erfahren
gewut.
    Ah! Also doch schon Einer, der ihm an Schlauheit ber ist! Und du sagtest,
da es Keinen gebe! Das wrde mich schon ganz bedeutend beruhigen, wenn ich mich
berhaupt gefrchtet htte. Sind die Ursachen dieses Besuches denn gar so
schlimm fr euch?
    Das wei ich nicht. Und grad diese Ungewiheit halte ich fr gefhrlich.
    So sag: Kommt dieser mchtige Herr nur als Scheik ul Islam oder auch als
Hekim-i-Schera32?
    Da sah er mich berrascht an und fragte:
    Du kennst die Trennung dieser seiner Wrde! Woher kannst denn du das
wissen?
    Es gibt bei uns im Abendlande Leute, welche eure Gesetze und Verhltnisse
wahrscheinlich besser kennen, als ihr selbst. Oder weit du noch nicht, da ihr
euch gelehrte oder auch sonstwie gebildete Mnner von uns kommen lassen mt,
wenn es einmal gilt, euch ber euch selbst klug zu werden?
    Das kann ich freilich nicht bestreiten, Effendi. Ob dein Gast nur als
Geistlicher oder auch als Richter aufzutreten beabsichtigt, das ist mir
unbekannt. Er will dem Ustad einen Antrag stellen, welcher im hchsten Grade
verfhrerisch klingt. Aber wenn man mir so ganz ohne alle sichtbare Veranlassung
mit so groen Geschenken kommt, dann wird es mir heimlich angst, weil ich sofort
an eine noch viel grere Gegenforderung denke. Der Ustad soll nmlich auch zum
Ustad der Takikurden erhoben werden.
    So! Weiter nichts? fragte ich lchelnd.
    Weiter nichts! antwortete er erstaunt. Ich bitte dich, zu begreifen, was
das heit! Welch eine Machtvergrerung fr uns!
    Machtverkleinerung, willst du sagen! Wenn du irgendwelche Sorge gehabt
hast, so wirf sie getrost von dir! Dieser Scheik ul Islam ist schon jetzt
durchschaut. Es fllt dem Ustad nicht mit einem einzigen Gedanken ein, die
Seelen seiner Dschamikun fr eine hohle Ehre zu verkaufen! Ein einziger braver
Dschamiki ist ihm tausendmal lieber als alle Takikurden, deren smtliche
Hflichkeiten doch nur den Zweck htten, ihn betrunken zu machen, damit er sich
zu ihrem willenlosen und verchtlichen Werkzeuge erniedrige! Er wird sich nie in
fremde Dienste stellen. Er ist sein eigener Herr und wird es bleiben, ohne nach
den tauben Nssen zu fragen, die man ihm mit so vielverheiender Hflichkeit
entgegentrgt.
    Da richtete er sich halb auf und fragte in erwartungsvollem Tone:
    Aber man wird sich rchen! Unnachsichtlich und auf jede mgliche Art und
Weise rchen! Hast du hieran gedacht?
    Natrlich! Die Rache ist dann unvermeidlich. Sie liegt im Wesen dieser Art
von Menschen. Doch mge sie nur kommen! Ich habe noch keine Rache gesehen, die
sich nicht schlielich selbst vernichtet hat!
    So bist du also entschlossen, dich von dem Scheik ul Islam nicht verlocken
zu lassen?
    Selbstverstndlich! Fest entschlossen! Ich werde ihn genau so hflich
behandeln wie er mich. Und er mag greifen, zu welchem Mittel er will, so wird er
doch nur erreichen, was mir beliebt!
    Jetzt sprang er vollends auf, richtete sich in die Hhe und rief mit dem
Ausdrucke der Erleichterung und der Ueberzeugung aus:
    Da kann ich nun freilich ruhig sein! Effendi, Effendi, ich kam in groer
Sorge hierher; du aber hast mir das Herz wieder leicht gemacht! Ich kenne die
Macht, welche morgen an dich herantreten wird. Sie schmckt sich mit dem Namen
Gottes und des Schah-in-Schah. Sie stellt sich auf die Seite des Bestehens und
Erhaltens und hat also das Gesetz fr sich. Sie kommt im schimmernden Gewande
oder im Bettlerkleide und schmeichelt also den Sinnen und der Menschlichkeit.
Sie hofft alles Gute und verzeiht alles Bse. Sie ist geduldig, freundlich,
demtig, der Inbegriff aller Tugenden in menschlicher Gestalt! Aber, kennst du
sie, Effendi?
    Ja.
    So ist es genug! Sie wird morgen aus Chorremabad bei dir erscheinen. Sie
wird dir schmeicheln, dich absondern, dich - - -
    Nein, das wird sie nicht, fiel ich ein. Da sie das knne, mache ich ihr
gar nicht weis. Ich werde nicht allein sein, wenn ich den Scheik ul Islam
empfange.
    Wohl der Pedehr wird bei dir sein, weil er der Scheik des Stammes ist?
    Ja; er und du.
    Auch ich? fragte er in schnell aufquellender Freude. Warum auch ich?
    Ich will es so. Das sei dir genug.
    Da trat er einen Schritt nher zu mir heran und sprach:
    Effendi, damit ehrst du nicht nur mich, sondern Viele! Ich wei nicht, ob
man es dir schon gesagt hat: Ich lehre nicht nur den Gesang, sondern alles, was
dem Geiste und dem Krper am Knnen ntig ist, auch Turnen, Reiten, Schieen,
Exerzieren. Ich habe diesen Unterricht gegrndet, als mich der Ustad dazu
auserwhlte, und dann Gehilfen angestellt, als die Zahl der Schler sich
vermehrte. Wir wirken still, ohne Lrm. Ein guter Lehrer lenkt die
Aufmerksamkeit auf seinen Gegenstand, doch nicht auf sich. Darum hast du wohl
noch wenig oder nichts von uns gehrt. Wer mit dem prahlt, was er lernte, der
hat nichts gelernt. Aber gib den Dschamikun Gelegenheit, zu zeigen, was sie
knnen, so werden sie es zeigen, und ich hoffe, du wirst damit zufrieden sein!
Ich sehe kommen, was nun kommen wird, und darum will und mu ich dir vor allen
Dingen sagen: Wir frchten keinen Feind! Auch in Beziehung auf das Rennen mit
den Persern kannst du ruhig sein. Wir haben gutes Reiter- und Pferdematerial.
Ich stehe inmitten unserer Vorbereitungen und werde dir hierber berichten,
sobald es dir beliebt. Der Scheik ul Islam ist ein groer Liebhaber des
Aesp-dwani33; er hat einen wohlgepflegten Stall und rhmt sich, das beste Pferd
von Luristan zu besitzen. Sobald er hier von unserm Rennen hrt, bin ich
berzeugt, da er sich zur Beteiligung melden wird. Weise ihn ja nicht ab! Du
wrdest dadurch unsere Ehre schdigen! Das hatte ich dir zu sagen. Hast du
vielleicht noch eine Frage?
    Wei ich jetzt alles, was dir der Bote mitgeteilt hat?
    Ja.
    So ber alles Andere, auch ber das Rennen, spter. Nur ber der Stute des
Ustad bin ich mir noch nicht im klaren. Ich glaube, dieser Tifl hat sie gnzlich
aus der Schule gebracht.
    Das ist nur eben richtig, wenn Tifl im Sattel sitzt, sonst aber nicht.
    Wer aber soll sie reiten?
    Wer anders als der Ustad? fragte er verwundert. Er reitet jetzt nur
selten; aber stelle jedes beliebige Pferd gegen seine Sahm, so wird er es
besiegen, hchstens deinen Assil ausgenommen! Tifl aber wird vom Rennen
ausgeschlossen sein.
    Warum?
    Das sage ich dir, sobald es reif geworden ist. Ich vermute, dieser
Schwtzer wird nicht lange mehr zu den Dschamikun gehren. Der Ustad hat sich
seiner nur aus Mitleid angenommen, und die Nachsicht, die er gegen ihn und
Pekala bt, ist Vielen unbegreiflich.
    Schwtzer? fragte ich.
    Ja. Es genge ein Beispiel: Tifl hatte die Perser, als der Blutrcher hier
war, ber die Grenze zu bringen. Da ist er den ganzen, weiten Weg zwischen dem
Mirza und dem Multasim geritten und hat ihnen bereitwilligst Auskunft gegeben
ber alles, was sie wissen wollten.
    Von wem hast du das erfahren?
    Von meinem Ruderer hier, welcher dabei gewesen ist. Kein Dschamiki hat mit
diesen Leuten ein Wort gesprochen; nur Tifl allein hielt keinen Augenblick den
Mund. Doch damit sei es genug. Ich sehe, da du aufbrechen willst, Effendi.
    Ich war nmlich auch aufgestanden.
    Ja; ich mu heim, sagte ich. Aber ich mchte mich ber den See rudern
lassen. Willst du dich auf Assil setzen und ihn mir an die Landestelle bringen?
    Wie gern! rief er aus. Einmal deinen Rappen unter mir; das war schon
lngst mein Wunsch! Lt er mich hinauf?
    Wenn ich nichts dagegen habe, ja.
    So zgere ich keinen Augenblick.
    Er schwang sich in den Sattel. Assil schnaubte verwundert, weigerte sich
aber nicht, zu gehorchen. Als der Chodj-y-Dschuna ihn dann in hocheleganten
Gngen davontnzeln lie, sah ich, da beide gar nicht bel zu einander paten.
Hierauf stieg ich in das Boot, und der Dschamiki legte sich in die Ruder.
    So kurz dieser unbeabsichtigte Ausflug gewesen war, ich hatte auf ihm
auerordentlich Wichtiges erfahren. Meine Gedanken wollten sich ganz
ausschlielich hiermit beschftigen, und ich mute mich zwingen, sie auf die
Schnheit der Umgebung zu lenken, als wir uns auf der Mitte des Sees befanden.
    Ich sah jetzt zum ersten Male die westliche Seite des Thales grad vor mir
liegen und alle ihre Linien auf zum Himmel streben. Nur allein der Fu des
Berges hatte sich nicht senkrecht, sondern quer gelagert, doch nicht vollstndig
wagerecht, sondern schief. Das erinnerte mich an die Struktur der Wnde des Wadi
Jahfufe, durch welches man im Antilibanon von Muallaka nach Damaskus reitet. Ich
betone diese Art der Felsenlagerung besonders, weil sie mich zu einer Entdeckung
fhrte, die ich sonst wohl schwerlich gemacht htte.
    Als ich von hier, von der Mitte des Sees aus, nach dem Alabasterzelte
emporschaute, fiel mir etwas auf, was ich von dem Rosentempel aus nicht bemerkt
hatte. Das Zelt besa nmlich die Gestalt einer Krone, deren durchbrochene
Kuppel von acht weischimmernden Flgeln auf dem Ringe getragen wurde. Es stand,
wie ich sah, nicht auf dem hchsten Punkte des Berges. Sondern von diesem lief
ein heller Felsenstreif, fast wie ein niederwrts gestreckter Arm geformt, bis
zu der senkrecht abstrzenden Kante vor und bildete dort eine hand- oder
faustfrmige Verbreitung, auf welche das Zelt gesetzt worden war. Zu beiden
Seiten dieses Felsenstreifens lag nur unfester Steingrus, nur lockeres Gerll.
Es bedurfte keiner groen Phantasie, sich einen Wettergu oder sonst eine
Katastrophe zu denken, durch welche dieses lose Gestein in die Tiefe gesplt
oder gerissen wurde. Dann mute der felsige Arm sich frei in die Lfte dehnen,
um auf gewaltiger Faust die Alabasterkrone ber dem Thale herniederzustrecken.
Das war nur so eine ganz flchtige, schnell vorbergehende Idee, wie man sie
hat, um dann lchelnd den Kopf darber zu schtteln. Aber wie oft verdichtet
sich scheinbar Flchtiges zur festen Form, die uns belehrt, da die Idee denn
doch wohl etwas anderes ist, als nur eine schnell und spurlos zerplatzende
Gedankenblase!
    Je mehr wir uns dem Ufer nherten, desto mehr wurden meine Gedanken nach
unten gezogen. Die schiefe Struktur des Felsens beschftigte mich. Ich folgte
mit dem Auge ganz unwillkrlich den auffallend regelmigen Linien dieser
Lagerung. Es war mir interessant, zu sehen, mit welcher Neigungsgleichheit sie
alle ohne Ausnahme verliefen. Ohne Ausnahme? Nein; doch nicht! Ich bemerkte eine
Stelle, wo dies doch nicht der Fall war. Grad da, wo der Berg am weitesten an
den See herantrat, hrten die abwrts gesenkten Linien auf, nicht etwa, um
anders zu verlaufen, sondern es gab berhaupt keine mehr. Diese Stelle war nicht
gro, nicht breit, aber dicht bedeckt von wuchernden Rankengewchsen, welche von
dem Humusboden des Ufers bis in das Wasser niederhingen. Es gab da weder Garten
noch Feld, sondern wildliegendes Land, und darum war noch niemand auf den
Gedanken gekommen, sich um dieses Gestrpp und seine Bodenunterlage zu
bekmmern. Mir aber fiel diese letztere sofort auf. Ich bin zwar kein Gelehrter,
obgleich es wohl auch einige Menschen gab, die mich gar Manches lehrten, aber
ich sagte mir doch, da die Naturlinien da, wo sie aufhrten, durch etwas
Anderes ersetzt worden sein muten, was nicht natrlich, also knstlich war - -
also durch Menschenhand.
    Hundert Andere wren vorbergerudert, ohne sich um diese scheinbare
Nebensache weiter zu bekmmern; mir aber konnte das nicht passieren. Ich lie
den Kahn bis ganz nahe an das Gestrpp treiben und nahm dann dem Dschamiki das
eine Ruder aus der Hand. Indem ich mit demselben die Ranken zur Seite schob, sah
ich unter ihnen nicht natrliche Felsen, sondern behauene Steine. Das waren
genau solche Kolossalblcke wie diejenigen, aus denen die Cyklopenmauer da
drben am Berge bestand! Ich begann, zu ahnen, und setzte die Untersuchung fort,
doch so unauffllig und scheinbar spielend wie mglich, weil der Dschamiki nicht
zu erraten brauchte, was fr Gedanken oder Vermutungen mich beschftigten. Und
richtig! Endlich, endlich stie ich durch, vollstndig durch! Es gab eine
Oeffnung hier, die unter dem schmalen Dorfwege nach dem Innern des Berges
fhrte!
    Das Wasser war hier tief, sehr tief. Sollte der See etwa durch diese
verwachsene Oeffnung mit dem Innern des Berges in Verbindung stehen? Die Art des
klftereichen Gesteins lie dies keineswegs als unmglich erscheinen. Ich
beschlo, dieser Frage anderweit nachzuspren, und lie nun nach dem Landeplatze
rudern. Dem Dschamiki sah ich an, da er nichts erriet, ja da es ihm sehr
gleichgltig gewesen war, weshalb ich in dem Pflanzengewirr herumgestochert
hatte.
    Der Chodj-y-Dschuna erwartete mich mit dem Pferde. Er pries es als das beste
Tier, auf dem er je gesessen habe, und erklrte mir, morgen sofort zu kommen,
sobald ich zu ihm schicken werde. Ich ritt langsam den Berg hinauf und durch das
Thor in den Hof. Dort verga ich bei dem, was ich sah, das Absteigen: Halef
hatte sich mit samt dem Lager aus seiner Hallenecke heraus vor die Sulen
schaffen lassen. Da lag er nun mit bequem erhhtem Kopfe und sah mich von meinem
ersten Ritt nach Hause kehren. Er winkte mit der schwachen, mden Hand. Da ritt
ich hin und lie Assil die Stufen langsam steigen.
    Sihdi, welche Freude! sagte er. Wieder zu Pferde! Nun wohl bald auch
ich!
    Hanneh sa bei ihm. Sie streichelte ihm zrtlich die Wange und erklrte mir:
    Wir erschraken, als Assil mit dir entfloh; aber Kara, mein Sohn, rief uns
zu, da er dir folgen und dich behten werde. Das beruhigte uns. Dann sahen wir
dich an seiner Seite den See entlang reiten; so brauchten wir uns also nicht zu
sorgen. Als Halef spter erwachte, erzhlte ich ihm, da du jetzt deinen ersten
Ritt versuchest. Da gab er keine Ruhe; er mute hierhergetragen werden, um dich
heimkommen zu sehen. Nun bist du da. Wie freut er sich, der Liebe!
    Ich stieg ab und setzte mich zu ihnen. Assil ging ganz von selbst die Stufen
wieder hinunter. Da kam Tifl.
    Effendi, ich werde absatteln, sagte er. Aber wenn du wieder reitest, so
nimmst du mich mit. Du hast es mir versprochen! Weit du es noch?
    Ja. Und was ich verspreche, das halte ich. Wenn du dann nicht mehr mit mir
reiten willst, brauchst du es blo zu sagen.
    Das war eine Andeutung, die er aber nicht verstand. Was mir Kara von ihm
erzhlt hatte, war mir von dem Lehrer besttigt worden. Der Lahme stand von
jetzt an unter strenger Aufsicht, ohne da er es ahnte. Und sonderbar: Als er
den Rappen fortfhrte, schaute Halef ihm nach und sagte:
    Ein Gespenst! Ich habe es schon einigemale gesehen - - - - - - wenn ich die
Augen ffnete - - -. Es stand vor mir und schaute mich hlich an - - -. Sihdi,
la diesen Mann nicht her zu mir - - -; ich mag ihn nicht!
    So geht es mir mit seiner Pekala, bemerkte Hanneh. Warum steht immer
Eines von Beiden hier bei uns, um nachzusehen, was geschieht, und auch zu hren,
was gesprochen wird? Es fllt mir schwer, dies nur fr Neugierde zu halten; aber
fr Spione ist doch wohl hier kein Ort!
    Ich war still. Etwa aus Beschmung? Warum hatte ich Tifl und Pekala
gegenber nicht sogleich dasselbe Gefhl gehabt wie Halef und Hanneh?
Wahrscheinlich weil diese beiden Letzteren Naturmenschen waren, welche die
Instinkte noch besitzen, die uns im Verlaufe unserer Bildung mehr und mehr
verloren gehen. Die immer strahlende Festjungfrau und ihr originelles Kind
waren mir so auerordentlich natrlich vorgekommen, whrend ich jetzt immer
mehr einzusehen begann, da eine knstliche, eine nachgeffte Natrlichkeit
nicht mehr natrlich ist. Denn da ich es hier mit Schauspielereien zu tun
hatte, das war mir sehr wahrscheinlich. Darber, da ich mich einmal in einem
oder zwei Menschen geirrt hatte, kam ich sehr leicht hinweg; um so
frchterlicher aber waren mir die kindlich naiven, rhrseligen Masken, von denen
ich mich hatte tuschen lassen. Wer so aufrichtig blickt und spricht wie diese
beiden Menschen und aber doch nicht wahr und ehrlich ist, als was kann man den
noch betrachten und behandeln! Es gibt in Persien eine groe Menge von Sekten.
Eine derselben, die Schujuch, lehrt, der menschliche Krper sei nur dazu da, da
die Geister einander tuschen; das Erdenleben sei ein groer, ununterbrochener
Maskenball, doch keinesweges zum Vergngen, und je schner, freundlicher und
liebenswrdiger ein Maskenbild erscheine, desto mehr habe man sich vor ihm in
acht zu nehmen. Die Kinderlarven aber seien am allerschlimmsten. Ich bin weder
Perser noch Sektierer, aber es wurde mir nun gar nicht schwer, mich in den
Gedanken zu versetzen, da Pekala und Tifl hier bei den Dschamikun Redoute
spielten. Und ich, der ich die Kinder herzlich liebe, war diesen
allerschlimmsten in das Garn gegangen.
    Ueber Halef freute ich mich. Er schien seit gestern einen bedeutenden
Fortschritt gemacht zu haben und bat, bis zum Abende im Freien bleiben zu
drfen. Darum schlug ich vor, hier an diesem Platze spter unser Abendbrot zu
nehmen, worauf gern eingegangen wurde. Als Hanneh mich fragte, wo Kara geblieben
sei, sagte ich nur, da er gegen Abend wiederkommen werde, und ging dann in den
Garten, wo, wie ich hrte, sich der Pedehr befand. Er sa auf der Bank, wo ich
von Tifl als Pflaumendieb berfallen worden war. Ich setzte mich zu ihm.
    Kennst du den Scheik ul Islam? fragte ich.
    Ja, antwortete er, sofort aufhorchend; doch nicht persnlich.
    Hat man sich vor ihm zu frchten?
    Du wohl nicht, aber vielleicht wir.
    Falsch! Ich bin jetzt Dschamiki, so vollstndig Dschamiki, da ich keine
Gefahr kenne, die es nicht fr mich gibt, sondern nur fr Euch. Der Scheik ul
Islam wird morgen zu uns kommen.
    Ist das wahr? Wer hat es gesagt? rief er erschrocken aus.
    Der Chodj-y-Dschuna.
    So kommt er allerdings. Der Chodj ist stets gut unterrichtet. Er hat sich
nie geirrt, wenn er uns warnte. Wenn der Scheik ul Islam persnlich zu uns
kommt, so handelt es sich um eine Sache von allerhchster Wichtigkeit. Er ist
ein Frst des geistlichen Standes und unternimmt sicher keine solche Reise, ohne
die schweren Grnde sorgsam abgewogen zu haben. Effendi, es steht uns nichts
Gutes bevor!
    Warum nichts Gutes. Warum mu es unbedingt Bses sein, was er uns bringt?
    Weil von dieser Seite berhaupt nichts Gutes kommen kann. Er ist, streng
genommen, kein Perser, sondern ein Takikurde. Es gibt ein bekanntes Wort, das
lautet: So oft der Taki seinen Blick fromm zum Himmel hebt, tritt er mit dem
Fue einen Menschen nieder. Und dieser tugendheilige Frst schaut fast
immerwhrend empor. Wer mag sie zhlen, die er schon unter seine leisen,
weichen, geruschlosen Sohlen trat! Wir werden seinen demtigen, gottseligen
Augenaufschlag zu sehen, aber auch seine fanatischen Futritte zu fhlen
bekommen. In seinen Stapfen hebt sich kein Grashalm wieder auf!
    So lassen wir ihn nur in Dornen treten; das wird uns ntzlich und ihm
heilsam sein! Ich konnte leider nicht erfahren, ob er allein kommt oder nicht.
    Allein? Daran ist nicht zu denken! Er mu sich doch mit Glanz und Stolz
umgeben, damit seine Demut um so deutlicher hervortrete! Wir werden hohe, sehr
hohe Gste haben, und zwar nicht wenig. Es gilt also, uns vorzubereiten!
    Nein! Er darf auf keinen Fall bemerken, da wir von seiner Ankunft gewut
haben. Die Gste bekommen nur, was grad vorhanden ist. Angeschafft oder
zubereitet wird nicht das Geringste. In der Kche darf Niemand Etwas ahnen. Ganz
besonders aber hast du dafr zu sorgen, da Pekala und Tifl nichts erfahren. Das
fordere ich streng!
    Er sah still vor sich nieder und sagte nichts dazu. Darum fuhr ich fort:
    Also keine Vorbereitungen, schon dieser Beiden wegen, die absolut nichts
merken drfen! Wo aber werden wir die Gste unterbringen?
    In der Halle.
    Wo Hadschi Halef liegt?
    Wenn du erlaubst, betten wir ihn fort. Es trifft sich gut, da Hanneh mich
vorhin fragte, ob sie ihn nicht bald hinauf zu sich bekommen knne. Die Pflege
werde ihr dadurch erleichtert, und er habe dann auch mehr Ruhe als jetzt in der
Halle, die doch stets offen sei.
    So bettet ihn gleich nach dem Abendessen hinauf! Hanneh hat Recht; ihr
Wunsch ist sehr vernnftig. Sag aber auch zu ihr nichts von dem Scheik ul Islam,
berhaupt zu keinem Menschen. Wer es erfahren soll, dem sage ich es selbst.
Dieser Frst soll ganz den Eindruck haben, da er uns vollstndig berrasche.
Und denke ja nicht an groe Gasterei! Es ist sogar sehr mglich, da weder er
noch einer seiner Begleiter einen Bissen von uns bekommt.
    Effendi, das nimm zurck! Das ist ausgeschlossen, vollstndig
ausgeschlossen!
    Warum?
    Bedenke zunchst die hohe Pflicht der Gastlichkeit!
    Die kenne ich ebenso genau wie du, und Niemand kann lieber gastlich sein
als ich. Nur habe ich abzuwarten, ob der Scheik ul Islam sich gegen uns so
benimmt, da ich ihm erlaube, unser Gast zu sein.
    Da sah er mich gro an.
    Das klingt ja, als ob du dir gar nichts aus diesem hohen Wrdentrger
machtest! sagte er.
    Ich mache mir ganz genau das aus ihm, wozu er das Material besitzt, nicht
weniger und nicht mehr. Teppiche, Polster, Pfeifen, Tabak, Kaffee, Wasser, das
ist ja alles da. Wenn Weiteres gegeben werden soll, ist dann, wenn ich es sage,
auch noch Zeit. Zugegen sein werden nur du, der Chodj-y-Dschuna und ich. Er ist
der Einzige, mit dem du dich besprechen magst. Ob ich noch andere Dschamikun
brauchen werde, das kann ich jetzt nicht wissen; es hat sich erst zu zeigen.
Hast du vielleicht einmal vom besten Pferd von Luristan gehrt?
    Schon oft. Es gehrt dem Scheik ul Islam und ist der schnellste und
ausdauerndste Renner aus der Taki-Zucht. Er wurde nie besiegt, und der Besitzer
hat schon manchen Preis mit ihm gewonnen.
    Wie kam er zu diesem Tiere?
    Der Stamm machte es ihm zum Geschenk, um seine beispiellose Frmmigkeit und
Glaubensstrenge zu belohnen. Es gab noch keinen Taki, der so hoch gestiegen ist
wie dieser Mann. Darum sind sie stolz auf ihn und halten es fr eine Ehre, ihn
den Ihrigen nennen zu drfen. Er sagt, die Liebe zu dem Pferde sei die einzige
irdische Liebe, die er sich erlaube. Und da er seinen Stall gern jedem Rennen
ffnet, so ist es gar nicht ausgeschlossen, da er sich morgen mit anmeldet,
sobald er hrt, da hier bei uns gelaufen wird.
    Soll ich annehmen?
    Das ist deine Sache, Effendi. Ich sage weder ja noch nein. Ein Pferd,
welches noch nie geschlagen wurde, ist ein gefhrlicher Gegner. Umso ehrenvoller
ist es dann aber auch, es besiegt zu haben. Es handelt sich da vor allen Dingen
um den Preis, zu welchem er dich in die Hhe treiben wrde.
    Weit du vielleicht, ob der Scheik ul Islam in irgend einem persnlichen
Verhltnisse zu Ahriman Mirza steht?
    Nein.
    Oder zu Ghulam el Multasim?
    Ja, die sind eng befreundet. Der Scheik ul Islam hat Ghulam sogar zu einem
seiner Kasi34 ernennen lassen und sieht ihn oft als Gast in seinem Hause.
    Das ist mir wichtig, auerordentlich wichtig! Doch jetzt zu etwas anderem:
Ich lie es bisher ruhen; nun ich aber an Stelle des Ustad stehe, ist es meine
Pflicht, mich dieser Sache anzunehmen. Ich war nmlich beim Scheik der Kalhuran
und freue mich, da seine Genesung vorwrts schreitet. Er steht nicht unter
Eurer Dschemma; aber du sagtest, da sein Weib bestraft werden msse, weil sie
Blut vergossen hat.
    So ist es. Sobald er das Lager verlt, haben wir ber sie zu richten.
    Httest du an ihrer Stelle anders gehandelt? Httest du deinen Gatten
vollends erschlagen lassen?
    Was ich getan htte, kommt nicht in Betracht. Wir haben das Gesetz, und
nach diesem ist zu verfahren.
    Also selbst bei Euch herrscht auch noch der Buchstabe, nicht der Geist des
Gesetzes!
    Du irrst. Wir werden die allergeringste Strafe whlen.
    Aber doch Strafe! Ist es denn nicht mglich, da sie freigesprochen wird?
    Nein.
    Wer hat das Recht der Begnadigung?
    Der Ustad. Du weit, da in Persien jeder Weli oder Beglerbeg die Macht
ber Leben und Tod, also auch das Begnadigungsrecht besitzt, und der Ustad ist
der Weli unseres Bezirkes.
    Wer hat es jetzt, da er verreist ist?
    Sein Stellvertreter, also du.
    So bitte ich dich, zu dem Kalhuri zu gehen. Sage ihm, da ich an Stelle
seiner Frau gewi auch Blut vergossen htte. Ich halte sie also fr ebenso
unschuldig, wie mich und dich, und gebe nicht zu, da sie bestraft wird. Wer
einen Menschen einer Tat wegen verdammt, zu der er unter Umstnden selbst fhig
gewesen wre, der ist derselben Strafe wert. Gehe sogleich!
    Effendi, das ist eine frohe Botschaft. Ich eile, sie zu berbringen. Du
hast hiermit die Herzen aller Dschamikun und Kalhuran gewonnen!
    Nun ging ich nach meiner Wohnung, um die Schlssel zu derjenigen des Ustad
zu holen. Es galt, mich fr den morgenden Besuch so weit vorzubereiten, als es
notwendig war, ber alles Vorkommende genau unterrichtet zu sein. Ich fand eine
Mappe, welche alle Schriftstcke enthielt, die sich auf die Abtretung des
Gebiets, auf die Verwaltung desselben und auf die Rechte und Pflichten der
Dschamikun bezogen. Der Ustad hatte berhaupt dafr gesorgt, da ich mich sehr
leicht zu orientieren vermochte. Es gab berall beschriebene Zettel, welche den
betreffenden Inhalt anzeigten, und so fand ich auch ohne langes Suchen das
wertvollste aller Dokumente, bei welchem die Notiz lag: Noch nie gebraucht und
noch keinem Menschen gezeigt, doch unbedenklich zu benutzen!
    Ich ffnete es mit Spannung und las es durch. Es enthielt Abmachungen,
welche ohne alle Zeugen zwischen dem Schah und dem Ustad persnlich gepflogen
worden waren, und sicherten dem Letzteren einen Schutz, wie ihn kein Weli oder
Beglerbeg sich krftiger wnschen konnte. Eine groe Seltenheit war der
eigenhndige Namenszug des Beherrschers und die dreimalige Wiederholung des
ebenso eigenhndigen Siegels. Hierbei lag noch eine Karte von schwer vergoldetem
Pergament. Die vier Ecken enthielten in Handmalerei das persische Wappen, den
vor der Sonne liegenden Lwen. Und in der Mitte war, mit der Feder liebevoll
kalligraphisch geschrieben, natrlich in persischer Sprache, doch gebe ich es
deutsch: Wer dieses vorzeigt, hat nur mir zu gehorchen! Auch hierunter der
eigenhndige Namenszug und das Siegel, dessen Inschrift aus den Worten bestand.
Als Nasr-ed-Din das Siegel in die Hand nahm, erschallte der Ruf der
Gerechtigkeit vom Monde bis zum Fische. Der Schah, bekanntlich ein eifriger
Kalligraph, hatte diese Karte selbst gezeichnet und geschrieben, und sie war
darum vorkommendenfalls selbst den Hchsten seines Reiches gegenber eine
Legitimation, welche zu sofortigem Gehorsam zwang.
    Hiermit besa ich schon viel mehr, als ich fr morgen brauchte, und schon
wollte ich wieder gehen, da wurde die Tr geffnet und Pekala trat herein. Ihr
Gesicht glnzte in der gewhnlichen, ganz wie begeisterten Freundlichkeit, und
es war ein hchst vertraulicher Ton, in dem sie sagte:
    Ich sah den Schlssel stecken, Effendi, und dachte mir gleich, da du hier
im Zimmer seist. Ich habe zwar keine Zeit, doch fr dich immer, und so wollte
ich dich fragen, ob ich dir das von meinem Aschyk sagen darf.
    La es hren!
    Und du wirst aber nichts verraten?
    Ist es denn ein Geheimnis? umging ich diese ihre Frage.
    Ja, natrlich! antwortete sie wichtig. Ich habe eine ganze Menge von
Geheimnissen, von denen Niemand Etwas wissen darf. Dir aber sage ich vielleicht
einige davon. Das notwendigste von ihnen allen sollst du jetzt gleich hren.
Nmlich mein Aschyk kommt immer nach vier Wochen; das habe ich dir schon
mitgeteilt. Krzlich aber war er einmal auer dieser Zeit hier; das weit du
noch nicht. Kannst du vielleicht erraten, weshalb er kam?
    Nein. Sag es, und mach es so kurz wie mglich!
    Warum das? Ich spreche ja immer kurz, Effendi! Mein Aschyk hat nmlich
beschlossen, mit unserem Ustad zu reden und ihm Vieles mitzuteilen, was ihn vom
Tode erretten kann.
    Wen erretten? Den Aschyk oder den Ustad?
    Den Aschyk; vielleicht aber auch beide; ich wei es nicht genau. Ich soll
dem Ustad sagen, da er nchsten Sonntag kommen werde, grad um Mitternacht. Ich
aber komme schon eine Stunde vorher mit ihm zusammen.
    Und hast du das dem Ustad mitgeteilt?
    Nein.
    Warum nicht?
    Weil - - - weil - - - weil ich mich vor ihm frchtete.
    Vor mir aber nicht?
    Doch auch! Aber die Zeit verging; der Sonntag ist schon nahe, und wenn ich
mich so weiter frchte und nichts sage, so verliere ich meinen Aschyk. Er hat
mir nmlich gesagt, da er niemals wiederkommen werde, wenn ich nicht ganz gewi
dafr sorge, da er mit dem Ustad sprechen drfe. Darum habe ich mir endlich ein
Herz gefat und diese Bitte zu dir gebracht, weil der Ustad nchsten Sonntag
noch nicht wieder hier sein kann. Was sagst du nun dazu?
    Sie wischte sich die feucht gewordene Stirn und atmete erleichtert auf. Es
war ihr doch schwer geworden, sich an mich zu wenden.
    Ist es denn dem Aschyk gleich, ob er mich oder den Ustad trifft? fragte
ich.
    Ich denke es. Du stehst ja an des Ustad Stelle, und da die Sache nicht
aufgeschoben werden darf, so mu er einverstanden sein.
    Wei noch Jemand davon, da er Sonntag kommt?
    Nein.
    Auch Tifl nicht?
    Tifl? Diesem Schwtzer darf man solche Dinge nicht mitteilen. Er wei kein
Wort!
    Das war eine Lge, wurde aber mit der ehrlichsten und aufrichtigsten Miene
der Welt gesagt. Die kleinen Aeuglein blickten mich dabei so offen, so
treuherzig an, da ich fast glaubte, mich besinnen zu mssen, ob ich mich nicht
tusche.
    Hat der Aschyk gesagt, an welchem Orte er mit dem Ustad zu sprechen
wnscht? fuhr ich fort.
    Nein. Das hast nun du zu bestimmen. Willst du mir sagen, wo?
    Heut noch nicht. Ich werde es dir noch rechtzeitig mitteilen. Und nun hre
mich an! Du schweigst gegen Jedermann, auch gegen Tifl! Wenn du einem einzigen
Menschen sagst, da dein Aschyk kommt, um mir etwas zu sagen, so rede ich nicht
mit ihm und jage dich aus dem Hause!
    Effendi, rief sie aus, indem sie erschrocken zurckfuhr. Was machst du
mir da fr frchterliche Augen. Du hast ja pltzlich ein ganz anderes Gesicht!
    Das ist mein Gesicht, wenn ich mir etwas vornehme, was ich unbedingt auch
ausfhre. Du hast es noch nicht gesehen. Hte dich vor der Wiederkehr! Wenn du
nicht schweigst, lasse ich dich noch mitten in der Sonntagsnacht ber die Grenze
schaffen, ohne zu fragen, was dann aus dir wird! Verstanden?
    Ja, ja, ganz genau! versicherte sie, vor Schreck in sich
zusammenkriechend. Effendi, der Ustad ist doch freundlicher als du. Wer htte
das gedacht!
    Jedes an seinem Orte, die Strenge sowohl als auch die Freundlichkeit! Hast
du noch etwas zu sagen?
    Nein.
    So geh!
    Sie machte in ihrer inneren Zermalmung einen ganz verkehrten Knix und
entfernte sich bedeutend weniger vertraulich, als sie hereingekommen war. Ich
aber schlo die Wohnung sorglich ab und ging, mit Schakara zu sprechen.
    Wie kam es doch, da ich gar nicht nach ihr fragte, sondern da es mir war,
als wisse ich ganz genau, wo sie sei? Ich ging durch den Garten. Bei der Quelle
angekommen, sah ich die Schwester bei den Pferden. Die Sahm knusperte mit
Ghalib im Grase herum. Assil aber hatte sich gelegt. Schakara sa neben ihm und
flocht, ber seinen Hals gelehnt, aus den Mhnenhaaren Zpfe, in die sie
Veilchen wand. Der Rappe langte von Zeit zu Zeit mit dem Maule herber, um sie
freundschaftlich in den Arm zu kneifen. Ich beobachtete das eine ganze Weile;
dann ging ich hin und setzte mich zu ihnen.
    Es war nichts Unaufschiebbares, was ich mit Schakara zu besprechen hatte.
Ich wollte ihr nur mitteilen, wer morgen kommen werde. Aber indem ich dies tat,
war es, als ob sich in mir alles Verschlossene ffne, um von ihr gesehen,
geprft und besttigt oder verworfen zu werden. Sie sprach ganz wenig, und fast
nur, wenn ich fragte. Und was sie dann sagte, war so selbstlos, so bescheiden
und klang doch fest, bestimmt und zaglos sicher. Ich erkannte mehr und mehr, da
sie etwas unendlich Groes, Schnes, Klares in sich trug, und sann darber nach,
wie es zu nennen sei. Es war gewi das, was wir Gebildeten eine Welt-, eine
Lebensanschauung nennen, und aber doch noch mehr, viel mehr! Diese Anschauung
erstreckte sich ber noch ganz andere Schtze als diejenigen, welche die
sogenannte Welt und das angebliche Leben uns bieten. Indem ich jetzt mit ihr
sprach, tauchte der Augenblick wieder vor mir auf, an dem ich sie von meinem
Krankenlager aus zum zweiten Male sah35: Unweit der Tr sa sie mitten im
Pflanzengrn. Wei war ihr Gewand. Sie hatte den Schleier nach hinten
geschlagen. Ihr dunkles Haar hing in langen, schweren Flechten herab. Die
schlanken Finger glitten ber die Saiten der Sandurah. Darf man ein menschliches
Wesen mit einem Gedicht vergleichen? Man sagt ja, da der Mensch das herrlichste
Gedicht der ganzen Schpfung sei. Wenn nicht das herrlichste, aber gewi eines
der frmmsten sah ich hier!
    Damals waren es Harfentne, die ich von ihr hrte. Sie spielte, damit meine
und Halefs Seele festgehalten werde. Jetzt waren es Worte, die ich von ihr
vernahm; aber Alles, was und wie sie es sagte, hatte eine tiefe, innige
Verwandtschaft mit jenen Harfenklngen. Es war Alles so melodis, so harmonisch,
so voll, so rein, so ganz ohne jede Spur von Dissonanz. Ich sprach weiter und
weiter, nur um diese Lippen antworten zu hren, aus denen nichts Trbes, nichts
Entweihtes klingen konnte. Es war, als ob ich ihr alle meine Gedanken
hinbergeben msse, um sie gelutert und geklrt dann wieder in Empfang zu
nehmen. Hatte Marah Durimeh das gewut, als sie schrieb, da ich der Geist sein
solle, sie aber die Seele, meine Schwester? Psychologie, nicht theoretisch,
sondern praktisch gelehrt! Nicht aus wissenschaftlichen Leitfden getftelt,
sondern aus dem Geistes- und Seelenleben direkt und ohne Deutelei
herausgegriffen!
    So saen wir viel lnger, als ich beabsichtigt hatte, beieinander, bis Kara
Ben Halef mit seinem Barkh kam und mir meldete, da es ihm gelungen sei, meinen
Auftrag auszufhren, ohne von Jemand gesehen zu werden. Er habe die betreffende
Stelle genau untersucht und sei berzeugt, da kein anderer Fu sie inzwischen
betreten habe. Da es Zeit zum Abendessen war, so forderte ich ihn auf, mit uns
zu kommen, um an demselben teilzunehmen. Er lehnte aber ab, weil er fr die
langsame Abkhlung Barkhs zu sorgen habe, damit dieser ja nicht etwa verschlage.
Er war in Allem, was in seinen Hnden lag, so wohlbedacht, gewi mehr ein
Erbteil von seiten seiner Mutter als seines Vaters, des oft nur allzu schnellen
Hadschi, dessen lebhaftes Temperament der ruhigen Ueberlegung gern aus dem Wege
ging.
    Nach dem Essen zog ich mich hinauf zu mir zurck, um Alles, was ich von den
Sachen des Ustad zu verbrennen hatte, einer vorherigen Prfung zu unterwerfen.
Ich gewann da einen tiefen Einblick in sein Leben, in sein menschenfreundliches
Wollen und Empfinden. Die Zeitungen widerten mich an. Ich hatte erklrt, sie
nicht durchlesen zu wollen, und tat es auch nicht. Aber indem ich die Bltter
einzeln durch meine Hnde gehen lie, blieb mein Auge doch zuweilen an dieser
oder jener Stelle haften, und dann flog der zerknitterte Bogen so weit wie
mglich fort von mir. Man sollte es kaum fr mglich halten, mit was fr Quatsch
und Tratsch und Klatsch sich jenes sonderbare Wesen befat, welches denen, die
es besitzen, weimacht, da sie geistreich seien! Wenn der Ustad das Alles
wirklich durchgelesen hatte, so war es sicher eines der grten Wunder, da er
der Menschheit seine Liebe noch immer treu bewahrte. Es mu doch etwas Groes um
die wahre, nicht geheuchelte, sondern wirklich aus dem Herzen wirkende Humanitt
sein, wenn sie die Kraft besitzt, auf ihrem allgemein menschlichen Standpunkte
selbst gegen diejenigen Widersacher auszuhalten, die sich nicht scheuen, nur mit
den Waffen des Sonderinteresses anzugreifen und dabei doch zu versichern, da
sie die Verfechter der allgemeinen Menschheitsrechte, des edlen Menschentums
seien. Hinweg also mit diesen Elaboraten! Ich warf sie auf den Herd, brannte sie
an, und als die Flamme emporschlug, flog auch die Rechtfertigung hinein, die
ganz ohne allen Grund geschrieben worden war.
    Nachdem ich mich hierauf noch einige Zeit mit den Werken des Ustad
beschftigt hatte, ging ich schlafen und wachte nicht eher auf, als bis drauen
an meine Tr geklopft wurde. Da man mich weckte, mute eine sehr triftige
Ursache haben. Ich stand auf und ffnete. Der Pedehr war es.
    Verzeihe, Effendi, da ich dich wahrscheinlich im Schlafe gestrt habe!
sagte er. Es wird nicht lange dauern, so ist der Scheik ul Islam da.
    So zeitig? Woher weit du es? erkundigte ich mich.
    Ich sprach gestern abend noch mit dem Chodj-y-Dschuna. Er hielt es fr gut,
zu wissen, woran man sei. Darum ist er dann fortgeritten, in der Richtung nach
Chorremabad. Er kam bis an den Grenzduar der Dschamikun und erfuhr, da der
Scheik ul Islam dort bernachte und heute mit dem frhesten Morgen aufbrechen
wolle. Er gebot Verschwiegenheit und ist nun hier, weil du gewnscht hast, da
er anwesend sei. Sonst aber wei Niemand davon. Wirst du jetzt herunterkommen?
    
    Nein. Schicke mir das Frhstck herauf! Wer kommt Alles mit?
    Es sind, Herren und Diener zusammen, fnfzehn Personen, alle sehr gut
beritten und bewaffnet. Man hat ihnen dort im Duar gesagt, da kein Fremder ohne
die besondere Erlaubnis des Ustad bei uns Waffen tragen drfe, sondern sie
abzugeben habe, sobald er das Gebiet der Dschamikun betritt. Sie haben sich aber
geweigert, dies zu tun.
    Nun, was dann? Hat man sie gezwungen?
    Nein. Man hat geglaubt, nicht streng verfahren zu drfen, weil es der
Scheik ul Islam sei. Natrlich werden sie auch hier am ersten Hause angehalten.
Wenn du willst, werde ich sie unbedingt entwaffnen lassen. Wollen sie es sich
nicht gefallen lassen, so mgen sie umkehren, und ich lasse sie von einer
Reiterschar begleiten, bis sie ber die Grenze sind.
    Recht so, Pedehr! So gefllst du mir! Es gibt keinen einzigen Menschen, vor
dem wir Ursache, uns zu frchten, htten, und Furcht ist berhaupt die grte
Torheit, die ich kenne. Aber Alles an seinem Ort und zu seiner Zeit! Faust gegen
Faust, doch gegen List nichts Anderes als eben auch wieder List! Wenn man mich
vor der Schlauheit dieses Scheik ul Islam warnt, werde ich mich hten, wie ein
dummer Br mit Tatzen dreinzuschlagen. Und wenn wir fnfzehn Personen gleich am
Eingange des Duar entwaffnen wollten, mte ich so viele Dschamikun hinstellen,
da man sich sofort sagen mte: die haben gewut, da wir kommen! Und grad das
soll ihnen doch verheimlicht werden! Lassen wir es also laufen, wie es luft!
Ihr beide, nmlich du und der Chodj-y-Dschuna, habt sie mit allen Zeichen der
Ueberraschung zu empfangen und in die Halle zu fhren, wo Ihr Euch mit ihnen
unterhaltet, bis ich komme.
    Soll ich dich holen lassen?
    Nein. Um die Ansicht, da wir nichts gewut haben, zu verstrken, sagst du,
da ich nicht daheim sei, sondern einen Spaziergang gemacht habe. Das werde ich
auch tun, doch gar nicht weit. Ich sorge dafr, da ich ihre Ankunft bemerke,
und werde mich dann in der Halle einfinden. Jetzt geh! Also mein Frhstck
mglichst schnell!
    Er entfernte sich und schickte es mir sofort herauf. Als ich es eingenommen
hatte, schlo ich bei mir zu und ging in die Wohnung des Ustad, um die goldene
Karte des Schah zu mir zu stecken. Es war leicht mglich, da ich sie brauchte.
Dann schlo ich auch hier zu und ging, aber nicht die Treppe, sondern hinten den
Glockenweg hinab, der nach dem Garten, dem Bade und der Pferdeweide fhrte. Ich
sah Niemand, der mich bemerkte. Da es mir darauf ankam, die Ankunft des Scheik
ul Islam zu beobachten, so suchte ich einen Ort, von welchem aus es mglich war,
dies unbemerkt zu tun. Der ganze, lange Rand des Gartens und der Weide war mit
dichtem Gebsch eingefat, hinter welchem die Gigantenmauer senkrecht
niederfiel. Durchdrang ich dieses Strauchwerk bis zur Mauerkante, so bot sich
mir dann dort die freie Aussicht, die ich wollte. Ich wendete mich also nach
einer Stelle, wo eine Lcke durch die Bsche zu fhren schien, sah aber, als ich
sie erreichte, da sie nicht ganz hindurchfhrte. Sie war vielmehr wie eine
Laube geformt und rundum mit einer Rasenerhhung zum Niedersetzen versehen. Das
Grn war hier so wirr und dicht, da man nicht einmal hindurchsehen und also
noch viel weniger hindurchdringen konnte, ohne Aeste und Zweige loszubrechen.
Aber gleich daneben standen einige Tamarisken so, da ich mich zur Not
hindurchdrngen konnte, ohne sie zu beschdigen. Ich tat es, konnte aber nicht
ganz bis vor kommen, sondern mute mich dann nach der Seite, also hinter die
Laube, wenden. Dort fand ich was ich suchte. Es gab genug Zweige, mich
vollstndig zu verstecken, und doch so viele Oeffnungen zwischen denselben, da
ich das ganze Tal und auch, nur einige Windungen abgerechnet, den zu uns
herauffhrenden Weg bersehen konnte. Ich machte es mir so bequem wie mglich
und richtete mich auf lngeres Warten ein, was aber gar nicht ntig gewesen
wre, denn eben, als ich mich lang ausgestreckt und den Kopf in die Hand
gesttzt hatte, kam von rechts unten eine Reitertruppe, die keine andere als
diejenige des Scheik ul Islam sein konnte. Ich zhlte freilich mehr als fnfzehn
Pferde, doch kamen die berzhligen auf die Dschamikun, welche ihm von dem
Grenzduar aus das Geleit gegeben hatten.
    Fnf der Tiere waren nach reicher, persischer Reschma-Art geschirrt, eines
von ihnen ganz besonders auffallend. Der Mann, welcher auf diesem sa, trug
einen Taki-Turban von ungeheurem Durchmesser auf dem Haupte. Von dieser, mit
einigen hohen, bunten Federn geschmckten Wulst hing ein weier Schleier,
welcher wie ein Mantel nicht nur den Reiter, sondern auch den ganzen hintern
Teil des Rosses bedeckte.
    Sollte diese so in die Augen fallende Gestalt etwa der fromme Wrdentrger
sein? Der Demtige? Der Mann mit den leisen, weichen, geruschlosen Sohlen?
Indem ich mir diese Frage vorlegte, betrachtete ich auch die Andern, welche
vllig schmucklos ritten und natrlich dienstbare Personen vorstellen sollten.
Einer von diesen hielt sich ganz am Ende. Er trug einen sehr gewhnlichen
Taki-Anzug, sa aber auf einem Pferde, welches meine ganze, brige
Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Die Entfernung war zu gro, als da ich
Einzelheiten bemerken konnte, aber dieser Adel in der Haltung, diese Lebensflle
in jeder Bewegung, diese grazise Sicherheit des Schrittes und dieses
spannkrftige Selbstbewutsein trotz der Schenkel und Zgel, das war mir genug
zu der Annahme, da es das beste, das wertvollste Pferd von allen fnfzehn sei -
- ein Hellbrauner mit zwei weien Vorderstiefeln!
    Der Trupp bog nach dem Wege zum hohen Hause ein. Weil hierdurch die
Entfernung sich stetig verringerte, bekam ich dieses Pferd immer deutlicher zu
sehen, und indem ich es auf einen Kaufwert von ganz sicher wenigstens
neuntausend Mark deutschen Geldes abschtzte, sagte ich mir, da der
Daraufsitzende unmglich zu den Sijas36 gehren knne.
    Es waren also sonderbarer Weise zwei Personen, welche mir nicht als das
vorkamen, fr was man sie allem Anscheine nach halten sollte. Der
Weiverschleierte und der letzte Reiter waren beide hchst wahrscheinlich in
ihrer uern Erscheinung darauf berechnet, uns zu tuschen. Der Eine sollte
hher, der Andere niedriger erscheinen, als er eigentlich stand. Die Wrde des
Ersteren konnte mir gleichgltig sein, die des Letzteren aber nicht. Wenn von
diesen Leuten einer berhaupt mehr war, als er zu sein schien, so hatte ich
gewi alle Veranlassung, mit meiner Vermutung nicht nur bis zur nchsten,
sondern gleich bis auf die hchste Stufe zu steigen: Der vermeintliche
Reitknecht war der Scheik ul Islam selbst!
    Indem mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, sah ich Tifl, welcher drben
auf dem Wege erschien, um aus irgend einem Grunde hinab nach dem Duar zu gehen.
Er wute nichts von der Ankunft dieser Leute und blieb darum berrascht stehen,
als er sie erblickte. Als sie ihn erreichten, sprach er auf sie, und da war es
mir hchst interessant, zu bemerken, da ihn die voranreitenden Vornehmen von
sich ab und auf den letzten Reiter verwiesen. Das war ein Umstand, durch welchen
meine Vermutung fast zur Gewiheit erhoben wurde.
    Er winkte den Andern zu, weiter zu reiten, und blieb bei Tifl halten. Dieser
Wink verriet mir, da er der eigentlich Befehlende sei. Sie sprachen eine kleine
Weile miteinander; dann lie der Fremde seinen Hellbraunen wieder vorwrtsgehen,
und Tifl kehrte um und schritt, sich lebhaft mit ihm unterhaltend, an seiner
Seite, bis beide hinter der letzten, obersten Biegung des Weges verschwanden.
    Wie gut, da ich hierher gegangen war, um zu rekognoszieren! Ich hatte
dadurch erfahren, da es dem Scheik ul Islam hchst wahrscheinlich beliebte, mit
uns schauspielern zu wollen, und war nun also auf die beabsichtigte Komdie der
Irrungen, falls sie wirklich versucht werden sollte, wohl gefat! Da ich nicht
den geringsten Grund hatte, diese Gste auf die Idee zu bringen, da man vor
Freude ber ihr Kommen auer sich sei, so beeilte ich mich nicht im geringsten,
sondern blieb noch eine ganze Weile auf meinem Platze sitzen. Und wie gut das
war, stellte sich heraus, als ich Schritte hrte, welche sich sehr eilig der
Laube nherten, hinter der ich lag. Zwei Personen traten ein.
    Niemand hat uns gesehen; das ist gut! hrte ich Tifls Stimme sagen. Er
fragte, ob es einen Ort gebe, wo er unbemerkt mit dir sprechen knne. Darum
eilte ich, dich hierher zu bringen. Nun schicke ich auch ihn.
    Nach diesen Worten ging er wieder fort. Wer war die Person, die sich nun
allein in der Laube befand? Ich sollte nicht lange zu warten haben, es zu
erfahren. Es kamen wieder Schritte, eilig, aber leise, vorsichtig schleichend
und wie auf weichen Sprungfedern fuend.
    Du bist die unglubige Trkin Pekala? wurde gefragt.
    Ja, antwortete sie, die Falschheit ihrer Religion unbedacht mit
besttigend. Und wer bist du?
    Wie ich heie, brauche ich nicht zu sagen; aber ich bin der Freund dessen,
der sich deinen Aschyk nennt.
    Da schlug sie die Hnde klatschend zusammen und rief aus:
    Der Freund meines Aschyk! Wie mich das freut! Wer htte gedacht, da - - -
    Nicht so laut! unterbrach er sie gebieterisch. Kein Mensch darf wissen,
da ich ihn kenne und da ich mit dir sprach - - - du Liebliche, du Blhende!
fgte er in pltzlich ganz weichem, schmeichelndem Tone hinzu. Ich will dir
aber beweisen, da ich dich und ihn und eure Liebe kenne. Er wird nchsten
Sonntag kommen, eine Stunde vor Mitternacht, und du wirst an einem hoch
aufgerichteten Mauersteine auf ihn warten. Erkennst du hieran, da ich sein
Vertrauter bin, sein Freund und also auch der deinige?
    Ja, ich vertraue dir, versicherte sie. Du hast gewi auch so ein edles
Mnnerherz wie er und weit, was ein edles Frauenherz bedeutet!
    Es war ein Ruspern zu hren, als ob er mit einem unzeitigen Lachen zu
kmpfen habe. Ich konnte beide nicht sehen, wute aber, da ich ihn an seiner
Sprache sofort erkennen wrde. Er sprach die gutturalen Spiranten mit mehr als
gewhnlicher kurdischer Schrfe aus und hatte ein so uvular schnarrendes Rrrrrr,
als ob er an einer bsartigen Zpfchenkrankheit leide.
    Ich wei sogar, weshalb er diesmal kommt, fuhr er fort. Er will mit dem
Ustad sprechen, und weil dieser nicht hier ist, mit dem fremden Effendi, da es
nicht aufzuschieben ist. Ich ahnte nichts von der Anwesenheit dieses
Stellvertreters, und es hat sich erst zu zeigen, ob sie gut oder nicht gut fr
uns ist. Dein Aschyk mu unbedingt als Gast im Hause des Ustad aufgenommen
werden. Es war bezweckt, er solle in den Rumen wohnen, welche euer Herr sein
Grab zu nennen pflegt. Leider habe ich von diesem Tifl erfahren, da dort der
Fremde aufgenommen worden ist. Dafr sind aber nun die eigenen Stuben des Ustad
frei geworden, und es wrde uns gengen, wenn dein Aschyk nun wenigstens doch
diese bekme. Du bist die Herrin dieses Hauses, Pekala. Das wei ich ganz genau.
Und deiner Freundlichkeit kann Niemand widerstehen. Dein Aschyk wird den Effendi
unbedingt bewegen, ihn bei sich aufzunehmen, aber wo! Ich hrte, da du diesen
Mann durch deine Holdseligkeit ganz fr dich gewonnen habest. Nun sag: Glaubst
du, ihn bewegen zu knnen, den Beglcker deines edlen Frauenherzens in den
Rumen des Ustad wohnen zu lassen?
    Sogleich, sogleich wird er es mir erlauben! jubelte sie so unvorsichtig
auf, da er ihr in schnellem Zorne befahl:
    Schweig, unvorsichtige Katze! Dein falsches Maul hat schon genug verraten;
mich aber soll es nicht - - -
    Er hielt mitten im Satze inne und fuhr mit vollstndig verndertem Ausdrucke
fort:
    Mein Herz begreift die Gre deines Glckes, den Aschyk als geliebten Gast
hier bei dir zu haben, du treue, schne Blume seines Lebens, aber ich bitte
dich, dieses Glck tief und schweigsam in dich zu verschlieen, bis die ersehnte
Zeit gekommen ist, in welcher du es nicht mehr zu verheimlichen brauchst! Du
weit ja, da das Leben des Aschyk von deiner Verschwiegenheit abhngt, und das
deinige wahrscheinlich auch!
    Chodeh! Auch mein Leben? Mein eigenes? fragte sie erschrocken.
    Ja. Seine Feinde sind auch die deinigen, und wenn sie ihn tten, knnen sie
dich nicht leben lassen!
    Wer aber sind sie denn? Er hat sie mir noch nie genannt.
    Um den Blick deiner strahlenden Augen nicht zu trben, der ihm ber alles
Andere geht. Darum schweige auch ich. Dein Herz soll rein und unbefangen
bleiben. Den Ustad kenne ich, doch den Effendi nicht. Was ist er fr ein Mann?
Welcher ist der klgere von beiden?
    Kein Mann ist klug. Man hat sie alle zu erziehen. Ich habe da eine ganze
Menge von Geheimnissen, die ich den meisten Menschen nicht sage, denn ich denke,
da sie es verraten. Zu dir aber habe ich Vertrauen. Darum will ich dir eines
davon mitteilen: Der Ustad ist mir lieber als der Effendi.
    Aus welchem Grunde?
    Weil der Effendi mich fortjagen will.
    Warum?
    Wenn ich es Jemandem verrate, da er mit meinem Aschyk sprechen wird.
    Oh Allah, welche Dummheit sondergleichen! Und so ein Weib will Mnner
erziehen und - - -
    Wieder brach er mitten im Satze ab, um sie nicht zu beleidigen. Dieser Mann
verstand es nicht, sein Temperament zu beherrschen. Oder nahm er sich nur
deshalb nicht besser in acht, weil er wute, es mit einer leeren Null zu tun
zu haben? Wie freundlich und gelassen klang es dagegen, als er fortfuhr:
    Fhlst du denn nicht, da dieser Effendi dafr nicht zu tadeln, sondern zu
loben ist? Ich wei, da du einen scharfen Verstand besitzest. Du wirst also
einsehen, da er nur in der besten Absicht Verschwiegenheit gefordert haben
kann. Auch ich bitte dich, nichts zu verraten. Er konnte dir nur drohen, dich
fortzujagen; ich aber wei, da es dein sicherer Tod ist, wenn du plauderst. Die
Feinde deines Aschyk sind erbarmungslos, besonders gegen dich. Darum hte dich,
und schweig! Ich habe von diesem Effendi schon oft gehrt, werde ihn aber heut
zum erstenmale sehen. Ist er gutmtig?
    Sehr!
    Scharfsinnig?
    Ganz und gar nicht! Er glaubt Alles, was man sagt!
    Kennt er die hiesigen Verhltnisse?
    Nein. Da ist mein Tifl hundertmal gescheiter!
    Wie steht es mit seiner Religion?
    Der hat gar keine. Es gibt hier gewi Niemand, der ihn schon einmal beten
sah.
    Ist er ein schner Mann?
    Sie schwieg, wahrscheinlich um ber diese Frage nachzudenken. Der sie
aussprach, war ganz gewi kein schlechter Menschenkenner, und die Kchin ahnte
nicht, was er mit dieser hchst berflssig erscheinenden Erkundigung eigentlich
bezweckte. Dann antwortete sie:
    Er ist nicht schn und auch nicht hlich. Er hat ein ganz gewhnliches
Gesicht. Ich glaube, wenn er kein Fremder wre, wrde man ihn gar nicht
beachten.
    Maschallah! Das klingt nicht gut! Mir wre es lieber, du httest ihn schn
genannt. Doch antworte mir weiter: Hat er Eigentmlichkeiten? In der Stimme, in
der Sprache, in der Haltung, im Gange oder sonst irgendwie?
    Nein, gar nicht. Er ist ein Mann wie alle andern Mnner. Du brauchst dich
ganz und gar nicht vor ihm zu frchten. Er ist nicht halb so vornehm wie du!
    Woher weit du das?
    Ich sehe es dir an. Du brauchst nur andere Kleider anzulegen, so ist der
Pascha fertig!
    Meinst du, meine liebe Pekala?
    Das klang geschmeichelt. Der Mann war also eitel! Das besttigte sich durch
seine folgenden Worte:
    Ich mu jetzt fort und sage dir, da du mir gefallen hast. Ich mchte dir
das durch ein Geschenk beweisen, welches ich dir durch deinen Aschyk sende. Ich
wei, du liebst den Schmuck und schne Kleider, die du einstweilen in den Ruinen
aufbewahrst, bis bessere Tage kommen. Wnsche dir Etwas?
    Sehr gern! Aber was? fragte sie da schnell.
    Was du willst!
    Ja, bist du arm oder reich?
    Wnsche nur! Dann sage ich dir, ob du es bekommst oder nicht!
    Das klang wieder so kalt, so gebieterisch, als ob er sie nicht soeben seine
liebe Pekala genannt htte. Dieser Mann wurde mir immer interessanter.
    Schicke mir eine goldene Naddara37! bat sie in ihrem sesten Diskante.
    Eine Naddara? Wozu? fragte er erstaunt.
    Es sieht so vornehm aus und so gelehrt. Ich sah in Isphahan sehr oft eine
Madama aus Ruland. Die hatte stets zwei Glser vor den Augen, wenn sie aus der
Snfte stieg. Das war so stolz. Man konnte sie fr die Kaiserin von Ruland
halten. Darum will ich auch eine Naddara. Aber von Gold mu sie sein, sonst
nicht!
    Weib, du bist verrckt! Es wohnt ein bser und dabei ungeheuer lcherlicher
Geist in dir, den ich zerdrcken werde, sobald - - -
    Er wurde in diesem Ausbruche des Zornes, der zugleich verchtlich klang,
unterbrochen. Tifl kam und meldete:
    Der Scheik ul Islam sendet mich. Er lt dich bitten, zu kommen. Ich fhre
dich.
    Sogleich! gab der Andere streng zurck. Und ebenso streng oder noch
strenger klang es weiter: Du sollst die Naddara haben, Pekala, und zwar eine so
scharfe, da dir die Augen bergehen! Der Effendi hat Recht gehabt mit der
Verschwiegenheit. Auch ich fordere sie von dir, von Euch. Fr den Verrat gibt es
weiter nichts als nur den Tod. Das merke, Tifl, du auch dir! Und nun fhre mich
zu meinen Leu - - - zum Scheik ul Islam, doch ohne da man merkt, wo ich jetzt
war!
    Er ging mit Tifl fort. Dann hrte ich, da auch Pekala sich entfernte. Wer
er war, das wute ich nun. Er hatte es selbst verraten, und zwar durch das nur
halb ausgesprochene Wort: Fhre mich zu meinen Leu - - -. Leuten hatte es
heien sollen. Er war der Scheik ul Islam selbst, und der Andere, der nach ihm
geschickt hatte, sollte diese Rolle mimen.
    Ich wartete nur ganz kurze Zeit, dann verlie ich meinen Platz, schob mich
zwischen den Tamarisken wieder hinaus, und als ich sah, da Niemand hier war,
ging ich nach dem Garten und durch diesen auf den Hof. Da standen die Pferde der
Perser, die Diener dabei. Auf den Stufen lehnte Tifl an einer der Sulen; an
einer andern der kurdisch gekleidete Reiter des Hellbraunen mit den weien
Vorderstiefeln. Beide sprachen miteinander und sahen nicht, woher ich kam. Ich
grte die Reitknechte freundlich und blieb bei den Pferden stehen, um sie zu
betrachten. Ich wnschte aber nicht, fr einen Kenner gehalten zu werden, und
verhielt mich also dementsprechend. Da sah mich Tifl und machte den Kurden auf
mich aufmerksam. Dieser schaute zu mir her und betrachtete mich scharf.
    Er war von hoher, schn gebauter Gestalt. Sein lang herabwallender, grauer
Vollbart war sehr, sehr dnn, als ob die Natur nicht genug guten Willen
vorgefunden habe, das auszufhren, was sie wollte. Er sah, da ich bei den
minderwertigen Pferden lnger verweilte, als bei den guten, und an dem
Stiefelbraunen so gleichgltig vorberging, als ob er ein ganz gewhnlicher Gaul
sei. Da machte er eine Bemerkung gegen Tifl, die jedenfalls keine
hochachtungsvolle war, denn er warf dabei den Kopf verchtlich nach hinten auf
die Seite. Auch die Diener lchelten ber mich, wenn auch nicht so auffallend,
da ich es htte bemerken mssen, wenn ich nicht besonders aufgepat htte. Mir
war das recht. Je weniger man uns zutraute, umsomehr hatte man dann zu bereuen.
    Als ich nun langsam auf die Stufen zuschritt, stand Kara Ben Halef auf, der
oben auf dem Dache der Halle gesessen hatte. Er rief mir seinen Morgengru
herab.
    Komm herunter, Kara! forderte ich ihn auf. Ich hre, da der Scheik ul
Islam gekommen ist. Auch du sollst ihn begren.
    Ich sagte das so laut, da man es in der Halle hren mute. Meine Absicht
war, der Pedehr mge kommen. Sie wurde erreicht. Er erschien sogleich, kam
smtliche Stufen zu mir herunter und meldete mir den Besuch in ganz der Weise,
als ob ich nichts davon gewut habe.
    Du kennst den Scheik ul Islam also nicht persnlich? fragte ich ihn
halblaut, und wendete mich dabei so ab, da Tifl und der Kurde meine Worte nicht
verstehen konnten.
    Nein, antwortete er.
    Welcher Dschamiki hat ihn schon gesehen?
    Ich wei keinen. Der Scheik ul Islam war frher in Feraghan und wurde erst
vor noch nicht einem Jahre in die Nhe seines Stammes versetzt. Nur der Ustad
kennt ihn genau. Er ist nicht so bescheiden, wie ich dachte, aber hflich. Da
der Ustad verreist ist, hat er erst in unserem Grenzduar erfahren.
    Whrend er das sagte, deutete er mit der Hand nach dem Tempelberge hinber,
um glauben zu machen, wir redeten von etwas vollstndig Unverfnglichem.
    Wer ist der Kurde, welcher bei Tifl steht? erkundigte ich mich noch.
    Der Katib38 des Scheik ul Islam. Er hat bei ihm an seiner Seite zu sitzen,
doch blieb sein Platz bisher leer.
    So komm!
    Wir gingen die Stufen hinauf. Da kreuzte der Katib die Arme und verbeugte
sich hflich lchelnd vor mir.
    Der Morgen sei dir gesegnet! grte ich, indem ich ihm freundlich
zunickte.
    Und dir der ganze Tag! antwortete er.
    Ah, diese Stimme! Und dieses uvulare Schnarren! Er war es, der mit Pekala
gesprochen hatte, also der Scheik ul Islam! Er kam gleich hinter uns her und
begab sich nach seinem Platze. Die Perser standen auf, als ich erschien,
verbeugten sich sehr hflich und blieben hierauf stehen, um meine Anrede zu
erwarten. Ich ging bis auf die von der Sitte vorgeschriebene Entfernung auf sie
zu, breitete die Arme aus, verbeugte mich, verschlang sie auf der Brust,
verbeugte mich wieder, breitete sie mit einer dritten Verbeugung abermals aus,
lie sie hierauf sinken und erhob nur die rechte Hand, um eine verbindliche
Geste zu machen und dabei zu sagen:
    Der Mensch kennt nie das Glck des nchsten Tages. Allah allein wei, was
er senden will. Ist er es, der uns mit euch berrascht, so habe ich ihm zuerst
und dann auch euch zu danken. Vor dem Scheik ul Islam gibt es nie verschlossene
Tren, denn Allah will, da sein Priester berall nur Freude bringe. Setzt Euch,
und weilt, so lange es Euch beliebt!
    Sie verbeugten sich, wie eingebte Statisten, und der Trger des
Riesenturbans sprach:
    Der Scheik ul Islam bin ich, Effendi. Du sollst erfahren, wer meine
Begleiter sind.
    Indem er auf jeden Einzelnen deutete, sagte er Namen und Stand desselben.
Die geistlichen Herren nannte er vorerst, die Offiziere hinter ihnen. Es war ein
Ahalyj-y-Dschennet39, ein Wehlijullah40, ein Imam-y-Dschuma41, ein
Srtib-y-Aewwl42, ein Srtib-y-Duwwum43, und zuletzt kam noch der Schreiber!
Man sieht, der Glanz war da. Ich verbeugte mich vor Jedem, wie auch er sich vor
mir; dann setzten wir uns nieder. Die hohen Herren bildeten eine Linie. Nur der
Schreiber sa ein wenig zurck, neben dem Scheik ul Islam. Er raunte ihm sehr
hufig zu, was er sagen solle. Zwar suchte er die Bewegung seiner Lippen unter
dem Barte zu verbergen, doch war dieser so dnn, da ich sie doch bemerkte. Ich
sa grad vor ihnen, rechts von mir der Pedehr, links der Chodj und etwas zurck
Kara Ben Halef. Die ersten beiden hatten sich den Persern schon vorgestellt.
Kara konnte ich gelegentlich nennen.
    Ich schwieg, denn ich hatte meine Pflicht getan, und nun erforderte es die
Hflichkeit, den hohen Gast beginnen zu lassen. Er lie auch gar nicht auf sich
warten.
    Ich bin gekommen, mit dem Ustad der Dschamikun zu sprechen, sagte er.
Mein Wohlwollen leuchtet ber ihm. Da hrte ich, er sei verreist und ein
Effendi aus dem Abendlande vertrete seine Stelle. Ich kenne weder dich noch
deine hohen Wrden und Titel und mchte doch nicht, da ich dir etwas
vorenthalte. Darum verzeihe mir, wenn ich vor allen Dingen einige Fragen
ausspreche. Welchen geistlichen Rang bekleidest du daheim in deinem Lande?
    Keinen, antwortete ich.
    Welche hohe militrische Charge fhrest du?
    Keine.
    So nenne deinen Rang bei der Regierung deines Volkes!
    Ich habe keinen.
    Aber was bist du sonst? Was hast du dann?
    Ich bin nur ich und habe nur mich, sonst weiter nichts.
    Die Absicht, in welcher er seine Erkundigungen ausgesprochen hatte, war
leicht zu durchschauen. Ich sollte mich ihm gegenber so klein wie mglich
fhlen! Direkte Unhflichkeiten aber sucht der gebildete Perser so viel wie
mglich zu vermeiden. Darum warf er mir zwar einen sehr deutlich mitleidigen
Blick herber, fuhr aber in gtigem Tone fort:
    Du httest verschweigen knnen, da du so gar nichts bist. Ja, du httest
dir hohe Ehren beilegen knnen, ohne da wir an Lge denken durften. Du bist
aber wahr und offen gewesen, und das hat dir bei uns diejenige Achtung gewonnen,
die Jedem gebhrt, der sich zu lgen scheut. Unsere Wrden sind unveruerlich.
Indem wir zu dir niedersteigen, nehmen wir sie mit herab zu dir und ehren dich
durch sie. Aber wir mchten doch gern wissen, wie weit die Vollmacht reicht,
welche der Ustad dir erteilte.
    Diese Vollmacht ist die volle Macht. Es ist genau, als ob er selbst vor
Euch se.
    Du kannst ber Alles entscheiden, wenn es dir beliebt?
    Ja.
    Und er wird es besttigen?
    Unbedingt.
    So freut es mich, dir mitteilen zu knnen, welch ein groes, reiches
Geschenk ich Euch heut mitbringe. Schon als ich noch in Feraghan war, hrte ich
von den Dschamikun sprechen und lernte ihren Ustad am Hofe des Schah-in-Schah
kennen. Seit ich mich nun in Chorremabad befinde, habe ich Euch unausgesetzt
beobachtet. Ihr strebt nach hohen Zielen. Ihr wollt die Menschen nicht erst
dort, sondern auch schon hier glcklich sehen. Und Ihr greift zum besten Mittel,
dieses Ziel zu erreichen. Ihr hebt das Volk empor durch guten Unterricht und
haltet in jeder Beziehung, auch im Glauben, mit allen Menschen Frieden. Wenn
jeder Stamm das tte, so wie Ihr, dann wrde es wohl bald den lngst ersehnten
achten Himmel geben, den Himmel Allahs hier auf dieser Erde! In andern Lndern
wird ein solches Bestreben, wie das Eurige ist, verfolgt. Wer Anteil nimmt, mu
der Feindschaft unterliegen. Die Priesterschaft verdammt jeden Andersglubigen
und will nichts vom religisen Frieden wissen. Und wer hoch steht, der hat die
Aufklrung des Volkes, weil sich nur Dumme dumm regieren lassen. Bei uns in
Persien aber ist das anders. Wir wissen, da es nicht nur einen Himmel gibt, und
wollen alles Volk durch Schulen und Moscheen zur Ueberzeugung bringen, da
Jedermann des Andern Bruder ist. Bei uns gibt es also keine Verfolgung, sondern
Untersttzung. Wir hassen nicht; wir lieben. Hltst du das fr richtig? Oder
nicht?
    Ich stimme vollstndig bei, antwortete ich.
    Das habe ich erwartet! Es beweist mir, da du wrdig bist, den Ustad zu
vertreten. Ich sagte, da ich nicht verfolge, sondern untersttze. Ich wei, was
er von seinen Widersachern erduldet hat. Sie taten Alles, um ihn zu vernichten.
Ich aber komme, um ihn zu erheben. Ich will diesen Feinden zeigen, wer der Mann
ist, den sie einst von sich stieen. Er soll ein Arbeitsfeld bekommen, welches
seiner wrdiger ist, als dieses kleine, rings von Gegnern eingeschlossene Gebiet
der Dschamikun. Ich will ihm viele Tausende zu Untertanen machen, die er auf
seinen Wegen zu seinen Zielen fhrt. Ich bringe ihm Gewalt und hohe Ehre, viel
grer noch, als er sich jemals trumen lassen konnte. Sein Ruhm, sein Glck
liegt hier in meiner Hand. Soll ich sie wieder an mich ziehen, ohne da du nach
ihr greifst, Effendi?
    Er hatte mir die Hand mit einer unendlich herablassenden Gebrde
entgegengestreckt. Ich lie ein sehr dankbares Lcheln sehen und antwortete:
    Warum sollte ich eine so gtige Hand von mir stoen? Aber du sagtest mir
noch nicht, welche Gabe es ist, die du fr den Ustad bringst.
    So bist du also bereit, sie anzunehmen? Wohlan, so sollst du es erfahren.
Weit du, da ich ein Sohn der frommen Takikurden bin, die unverrckt auf Allahs
Pfaden wandeln?
    Ja.
    Und weit du auch, da dieser Stamm die schnsten Berge, die fettesten
Weidepltze unsers Landes besitzt? Da dieser ihr Besitz von allerhchstem Werte
ist, weil er die grte strategische Bedeutung hat?
    Auch das wei ich.
    Nun, dieses reiche Gebiet mit Allem, was darauf wohnt und lebt, soll von
heute an in die Hand des Ustad bergehen.
    In welcher Form?
    Er soll der Ustad nicht nur der Dschamikun, sondern auch der Takikurden
sein!
    Er sagte das langsam und mit ganz besonderer Betonung. Seine Begleiter
lieen Ausrufe des Staunens und der Beteuerung hren, da so ein Geschenk ein
ganz auerordentliches sei. Er nickte ihnen wichtig zu und fuhr fort:
    Ja, noch mehr, noch mehr: Der Stamm der Takikurden soll mit dem Stamm der
Dschamikun vereinigt werden, und zwar unter dem ganz vortrefflichen Namen der
Taki-Dschamikun. Und diese Vereinigung soll sich in der Hand und unter der
Aufsicht des Ustad vollziehen. Er wird der Gebieter dieses neuen Stammes sein,
den dann an Macht und Einflu ganz gewi kein anderer erreichen drfte. Was
sagst du zu diesem meinem Anerbieten, Effendi?
    Da ich mich keinen Augenblick bedenke, es anzunehmen, antwortete ich.
    Ein gar so rasches Zugreifen hatte er denn doch wohl nicht erwartet. Er sah
mich fragend an.
    Ich bin bereit, auf deinen Vorschlag einzugehen, und zwar sofort,
wiederholte ich.
    Wirklich, wirklich? fragte er.
    Ja.
    Er schien mir nicht so recht trauen zu wollen; aber der Schreiber raunte
ihm einen Befehl zu, und so sagte er:
    So ist der Zweck meines Besuches hier erfllt! Aber wird der Ustad
besttigen, was du tust?
    Ohne Zweifel.
    Und sich an die Spitze des vereinten Stammes stellen?
    Gewi. Ich gebe dir mein Wort. Das gilt, als htten er und ich geschworen.
    So erhebe dich, und gib mir in seinem Namen deine Hand!
    Er stand auf, ich auch. Wir traten aufeinander zu und schttelten uns die
Hnde. Er schien zu erwarten, da ich mich nun in Versicherung unserer
Dankbarkeit ergehen werde. Als ich das nicht tat, sagte er, indem sich nun auch
seine Begleiter erhoben:
    Ein solches Abkommen mu mit Salz und Brot bekrftigt werden. Bis jetzt
haben wir noch nichts genossen. Willst du uns als deine Gste betrachten,
Effendi?
    Wenn du es wnschest, unverweilt. Ich wei, was Salz und Brot bedeuten. Wer
dann zurcktritt, ist ein Schurke. Ueberlege also wohl, ob ich dies Beides
kommen lassen soll!
    Schicke nur! Ich wei genau, was ich tue!
    So nehmen wir jetzt Salz und Brot, und dann erweist Ihr mir die Ehre, die
Ghada44 bei uns einzunehmen!
    Gern! Und inzwischen reiten wir einmal hinber nach Eurer Moschee, von
welcher aus man eine wunderbare Aussicht haben soll. Ich hrte, da du krank
gewesen seist. Wirst du uns begleiten knnen?
    Es wre ihm allerdings lieber gewesen, eine solche Begleitung nicht zu
haben, doch antwortete ich:
    Bis dort hinber werde ich es im langsamen Schritte wagen knnen, weiter
aber nicht. Dieser junge Mann wird mir satteln. Es ist Kara Ben Halef, der Sohn
des Scheikes der Heddedihn vom Stamme der Schammar.
    Kara verbeugte sich vor ihm, um dann zu den Pferden zu gehen. Ich rief ihm
noch nach, fr sich den Ghalib und fr den Chodj-y-Dschuna den Bark zu nehmen.
Die Gste waren mit dem ungeahnt schnellen und skrupellosen Ausgange ihres
Anliegens beraus einverstanden. Sie wollten sich das freilich nicht merken
lassen, doch war es ihnen deutlich anzusehen. Um so ernster war das Gesicht des
Pedehr. Er begriff mich nicht. Darum warf ich ihm unbemerkt die Worte zu:
    Nur keine Sorge! Es steht Alles gut. Sie haben nicht mich, sondern ich habe
sie gefangen. Schnell Salz und Brot! Dann reitest du mit.
    Auf welchem Pferde? Die Sahm hat mir der Ustad einstweilen entzogen. Und
ein gewhnliches Pferd kann ich als Scheik doch wohl nicht nehmen.
    So bleibe hier, und besorge das Essen!
    Nach Kurzem brachte Tifl auf einer Platte ein Hufchen Salz und
kleingeschnittenes persisches Brot. Wir traten zusammen. Jeder nahm eines der
Stckchen und tauchte es in Salz. Der Mann mit dem groen Turban sprach:
    Das Brot, welches wir essen, wird zum Leibe. Das Wort, welches man uns
gibt, wird zur Seele. Es ist nie wieder von uns zu trennen!
    Hierauf aen wir jeder seinen Bissen und drckten uns abermals gegenseitig
die Hnde. Das Uebereinkommen war abgeschlossen und besiegelt. Bald hierauf
brachten Kara und der Chodj die Pferde. Wir stiegen auf und ritten den Berg
hinab. Ich bemerkte, da ich heut krftiger war als bei dem ersten Ritte, doch
gab ich mir nicht die geringste Mhe, als guter Reiter zu erscheinen.
    Die Herren glaubten, erreicht zu haben, was sie hatten erreichen wollen.
Darum hielten sie es nicht fr ntig, ihre Rcksicht auf mich so weit zu
treiben, da sie im Trauertempo mit mir ritten. Sie wollten vielmehr zeigen, was
fr Pferde sie besaen, und jagten durch den Duar und dann die jenseitige Hhe
hinauf. Mir war das eben recht. Ich winkte Kara und den Chodj, ihnen nachzueilen
und trottelte allein und langsam hinterher. Ich hatte wohl kaum die Hlfte des
Weges zurckgelegt, als ich den Hufschlag eines galoppierenden Pferdes hinter
mir hrte. Mich umschauend, sah ich, da es Tifl war. Er ritt die ungesattelte
Sahm und jagte an mir vorber, ohne anzuhalten und zu fragen, ob es ihm erlaubt
sei, mit bei den Gsten zu sein. Er htte das gewi nicht gewagt, wenn er nicht
von irgend Jemand aufgefordert worden wre, unbedingt mit nach dem Beit-y-Chodeh
zu kommen. An mir vorbeigeritten war er, weil er befrchtet hatte, von mir
zurckgeschickt zu werden. Eigentlich war es richtig, dies nachtrglich zu tun,
und zwar vor aller Augen; aber es lag ja in meiner Absicht, nicht fr
scharfsinnig und energisch zu gelten, und so hielt ich es fr geraten, zu
schweigen.
    Als ich oben ankam, stand der Schreiber mit Tifl an einer der Vordersulen
des Tempels. Der Letztere schien dem Ersteren die Gegend zu erklren; sie
schenkten mir keine Beachtung. Sonst sah ich von den Gsten keinen. Kara und der
Chodj standen bei den Pferden. Ich ritt zu ihnen hin und fragte, wo die andern
Perser seien. Der Chodj antwortete:
    Der Heilige, der Selige und der Hauptpriester kriechen in den Rosen herum.
Die beiden Generale fragten, ob es weiter oben eine schne, freiere Aussicht
gebe. Ich wies sie nach der groen Hochwaldlichtung; sie sind dorthin.
    Er deutete nach dem Waldwege, auf dem ich am Tage des Festes von Tifl zum
Essen gefhrt worden war.
    Gibt es noch andere Wege nach dieser Lichtung? erkundigte ich mich.
    Ja. Es sind aber Umwege. Den besten sieht man von hier aus nicht. Man mu
ber diesen ganzen Platz hinber und um die Buchenecke gehen. Dann fhrt er grad
hinauf und unter den Tannen am obern Rande des freien Platzes hin.
    Kann man ihn reiten?
    Er ist breit genug. Willst du etwa jetzt dort hinauf?
    Ja. Doch Niemand darf es wissen. Ich mu sehen, was die Offiziere dort
machen. Uebrigens drft Ihr ja nicht glauben, da sie wirklich Generale seien.
Man hat gemeint, den Mund so voll wie mglich nehmen zu mssen. Wenn man Euch
fragt, wohin ich geritten bin, so gebt irgend eine Auskunft, die wahrscheinlich
klingt; verratet aber ja das Richtige nicht.
    Ich ritt ber den Tempelplatz hinber und bog um die erwhnten Buchen. Dort
ffnete sich der mir beschriebene Weg. Man konnte mich vom Tempel aus nicht mehr
sehen. Nun trieb ich Assil zu grerer Schnelligkeit an. Ich kam durch hohe
Tannen. Nach einiger Zeit wurde es rechts von ihnen licht. Da lag die
Waldesble. Sie war ziemlich steil. Ich konnte zwischen den Bumen hindurch die
Offiziere sehen. Sie saen ganz oben am Rande und schienen zu schreiben oder zu
zeichnen. Ich war ihnen unsichtbar, weil ich mich unter den Tannen befand. Auch
der brige Teil meines Weges lag so, da ich nicht zu befrchten brauchte,
bemerkt zu werden. Oben angekommen, bog ich nach rechts. Als ich ihnen auf
ungefhr siebzig Schritte nahe gekommen war, stieg ich ab. Ich legte dem Hengste
die Hand auf die Nstern und sagte nur das eine Wrtchen uskut - - still! Nun
konnte ich berzeugt sein, da er sich nicht bewegen, nicht das geringste
Gerusch verursachen werde.
    Hierauf ging ich weiter. Der weiche Waldesboden machte meine Schritte
unhrbar. Als ich anhielt, stand ich nur fnf Meter hinter den beiden Persern.
Sie zeichneten; das sah und hrte ich. Und zwar die topographische Lage der sich
von hier aus herrlich ausbreitenden Gegend. Dabei sprachen sie miteinander. Sie
hielten sich fr vollstndig allein und taten es also nicht leise. Ich hrte
jedes Wort.
    Dieser Effendi ist der unvorsichtigste Europer, den ich jemals sah, sagte
der angebliche Divisioner. Er benahm sich geradezu dumm!
    Dafr machte der Kasi45 seine Sache um so besser, bemerkte der Brigadier.
Sein Lob war fest wie Leim; der eitle Mensch blieb daran hngen. Wie blind, da
man uns hier herauflt, um die Psse und Wege zu zeichnen und die ganze Lage
des Duar aufzunehmen! Wir htten nie erfahren, wie leicht er zu umfassen ist,
wenn wir es nicht mit eigenen Augen shen. Nur erst den Ustad von hier fort und
hinber zu den Taki! Dann sind zwei Tage gengend, den Duar wegzunehmen und das
ganze Gebiet der Dschamikun einzuverleiben. Dann ist es mit dieser
gefhrlichsten Art des Christentumes fr immer bei uns aus. Allah verdamme es!
    Jawohl, zwei Tage gengen, stimmte der Andere bei. Die vereinigten Taki
und Dinarum mssen ja gradezu erdrckend wirken. Sehr gut, sehr gut, da ein
Wettrennen hier stattfindet, an dem sich der Scheik ul Islam unbedingt zu
beteiligen hat. Das gibt die vortrefflichste Gelegenheit, Vorbereitungen zu
treffen, die uns sonst nicht mglich gewesen wren. Wir sparen Zeit dadurch und
schlagen eher los.
    So weit steht Alles gut. Was aber wird der Schah dazu sagen? Man wei, da
er den Ustad schtzt und schtzt.
    Das berla dem Scheik ul Islam. Er sprach doch gestern von einem
Vertrauten, der bei dem Ustad wohnen und alle seine Bcher, Schriften und
Geheimnisse untersuchen wird. Dieser Mann soll der beste Muzabirdschi46 sein,
den wir im Lande haben. Er stammt aus Isphahan, wo er vor langer Zeit einen Koch
kennen lernte, dessen Tochter jetzt Kchin des Ustad ist. Er wurde in Teheran
wegen schwerer und sehr pfiffiger Diebsthle zu mehreren Jahren Gefngnis
bestraft, entfloh aber von dort und hielt sich lange Zeit hier in den Ruinen
versteckt, wohin ihm die Kchin das Essen heimlich brachte. Wie er da von
unserer Seite entdeckt wurde, das habe ich nicht erfahren, aber der Scheik ul
Islam nahm sich seiner an und will ihm unter gewissen Bedingungen dazu
verhelfen, von seiner Strafe frei zu werden. Welche Bedingungen das sind, geht
uns nichts an; ich kann sie mir aber denken. - Nun bin ich fertig mit meiner
Zeichnung.
    Ich fast auch.
    So beeile dich, damit man nicht auf unsere Abwesenheit aufmerksam wird und
Verdacht schpft.
    Als ich das hrte, zog ich mich schnell zurck. Assil stand noch genau so,
wie ich ihn verlassen hatte. Ich stieg auf und ritt denselben Weg hinunter, den
ich heraufgekommen war. Hinter den Buchen schlug ich dann noch einen Bogen nach
auswrts, so da es, als man mich kommen sah, den Anschein hatte, als sei ich
abwrts, aber nicht aufwrts geritten gewesen. Der Chodj und Kara befanden sich
noch an derselben Stelle. Die Perser waren jetzt beisammen. Sie standen im
Innern des Tempels, Tifl bei ihnen. Ich stieg am Beit-y-Chodeh ab und ging zu
ihnen hinauf. Als ich kam, wendeten sie sich mir zu, und der angebliche Scheik
ul Islam fragte, indem er nach den Ruinen hinberdeutete:
    Weit du vielleicht, Effendi, was das fr ein altes, sonderbares Bauwerk
ist, da drben?
    Das wollte ich soeben dich fragen, antwortete ich. Du weit ja, da ich
weder Priester oder Offizier, noch Beamter oder sonst Etwas von Bedeutung bin.
Wie kann ich also, noch dazu als Europer, hierber besser Auskunft geben als
du, der als ein Licht des Glaubens hoch ber allem Wissen und aller Kenntnis
steht!
    Er warf einen lchelnden Blick auf den Schreiber, nickte mir wohlwollend
zu und sprach:
    Du hast Recht. Fr die von Allah Erleuchteten liegt alles klar und offen
da, was selbst das scharfe Auge der Wissenschaft niemals erkennen wird. Dieses
Bauwerk war der Abgtterei gewidmet, dem Gtzendienste, der uranfnglich nur
Bilder verehrte, doch zuletzt sogar auch Idole anbetete, welche Menschen gewesen
waren. Indem du da hinberschaust, wirst du an alle Religionen erinnert, nur
allein an unsern Islam nicht. Wie kommt das wohl? Weil der Islam die einzige
Religion ist, welche Gottes Befehl erfllt, da wir uns kein Bild noch irgend
ein Gleichnis machen sollen. Oder hast du jemals eine Moschee gesehen, in
welcher das Bildnis eines Menschen hngt, um verehrt zu werden?
    Nein, antwortete ich im Tone kindlichster Unbefangenheit. Das habt Ihr
doch nicht ntig. Denn Eure Heiligen und Seligen werden nicht erst nach dem
Tode, sondern schon hier im Leben derart vor andern Menschen ausgezeichnet, da
sie auf sptere Anbetung recht wohl verzichten knnen.
    Bei diesen Worten machte ich dem Heiligen und auch dem Seligen eine tiefe,
ehrfurchtsvolle Verbeugung. Sie bedankten sich mit gtigem Kopfnicken. Der Mann
mit dem groen Turbane aber sah mich mit einem zweifelhaft prfenden Blicke an,
ob nicht vielleicht hinter dieser meiner Unbefangenheit etwas Anderes stecke.
Wahrscheinlich konnte er in meinem Gesicht nichts Verrterisches entdecken, denn
er fuhr fort:
    Wir haben gehrt, da der Ustad beabsichtigt, mit diesem alten Bauwerke
aufzurumen. Er will die Ueberreste aus jenen gtzendienerischen Zeiten
abtragen. Warum? Wozu will er dieses kolossale Material verwenden, welches er
doch nicht einfach verschwinden lassen kann? Wir knnen uns mit einem solchen
Vorhaben unmglich befreunden. Bis heut schwiegen wir dazu. Nun wir aber den
Bund mit dir und ihm geschlossen und besiegelt haben, steht uns das Recht zu,
Einspruch zu erheben. Diese Bauten haben zu bleiben, wie sie sind! Sie sind ein
Denkmal der Vergangenheit, an welchem nicht gerttelt werden darf. Denn selbst
der Wahn wird heilig, wenn er so lange besteht, da er durch sein Alter zur
Ehrfurcht mahnt. Also, ich warne dich, Effendi, und ich warne den Ustad! Ich
habe als Scheik ul Islam die heilige Pflicht, selbst den Irrtum zu erhalten,
weil wir nur durch ihn zur Wahrheit kommen. Ihr gehrt von jetzt an zu den
Takikurden, und was ich als Oberster der Taki will, das hat auch jeder Dschamiki
zu wollen!
    Ah! Bisher das weiche Pftchen; jetzt kam schon die Kralle! Etwas vorzeitig!
Sein eigentliches Interesse an der Erhaltung der Ruinen konnte er mir natrlich
nicht mitteilen! Glcklicherweise war ich einer Antwort berhoben, denn die
beiden Generale kamen soeben, und es wurde beschlossen, wieder aufzubrechen.
Ich bemerkte gar wohl das befriedigte Lcheln, mit welchem sie dem Schreiber
heimlich kundtaten, da ihnen ihr Vorhaben wohlgelungen sei.
    Die Heimkehr geschah in derselben Weise, wie der Ritt zum Berge; man lie
mich zurck, und es fiel mir gar nicht ein, mich darber zu krnken. Als ich
heimkam, sah ich, da man nicht einmal mit dem Essen auf mich gewartet hatte; es
war bereits im vollsten Gange. Ich nahm aber in der freundlichsten Weise meinen
Platz und langte zu. Es gab mir heimlich Spa, da sich die Herren schon ganz
wie zu Hause fhlten. Der Beturbante tat, als ob er nur so zu befehlen habe. Der
Pedehr war hierber so rgerlich, da er fast gar nichts geno. Nicht etwa, da
man es an Hflichkeit htte mangeln lassen; o nein! Man schmeichelte uns sogar
in jeder Weise; zuweilen so auffllig, da es gar nicht schwer war, zu errten.
Der Leutseligste von Allen war der Schreiber. Er sprach nicht viel; aber was
er sagte, war stets ein Kompliment fr uns, welches Dankbarkeit erheischte. Er
war so einfach, so bescheiden, so unendlich wohlwollend. Und all diese
Einfachheit, diese Bescheidenheit, dieses Wohlwollen schien er mit Hilfe seines
stetig wiederholten Augenaufschlages vom Himmel herabzunehmen. Er brachte Alles
so still, so geruschlos fertig. Die Andern schmatzten als Orientalen berlaut
beim Essen; er als der Einzige nicht. Was bei ihnen klapperte und klirrte, das
ging bei ihm so leise, so unhrbar von statten, als ob sein ganzer Krper nur
von Watte sei. Aber zuweilen, wenn er sich unbeachtet whnte, scho aus seinem
Auge ein Blick hervor, welcher, im Bilde gesprochen, noch lauter schnarrte, als
das Rrrrrr an seinem Gaumen!
    Wir erfuhren whrend des Essens, da die Perser von uns weg nicht etwa
zurck nach Chorremabad, sondern hinber zu den Takikurden wollten. Man war so
unvorsichtig, hinzuzufgen, da man dies auch getan htte, wenn unser Vertrag
nicht zu stande gekommen wre! Hierbei kam die Rede auf die Pferdezucht der
Taki, und da geschah es, da der Schreiber sich zum ersten Male zu einem
zusammenhngenden Gesprch mit mir animiert zeigte. Er ahnte nicht, da er durch
dieses sein Interesse fr die Pferde verriet oder vielmehr besttigte, wer er
sei. Er sagte:
    Wir haben gehrt, da bei Euch ein groes Rennen stattfindet, Effendi. Wer
darf sich daran beteiligen?
    Jedermann, antwortete ich.
    Welches sind die Bedingungen, die Preise?
    Der Sieger gewinnt den Besiegten.
    Da leuchtete sein Auge auf und er fragte auffallend rasch:
    Auch Eure Haddedihnpferde?
    Ja.
    Darf man sich den Gegner whlen?
    Nein. Jeder stellt, was ihm beliebt. Doch es darf kein Angebot abgewiesen
werden. Die Ehre allein hat zu bestimmen. Es hat Niemand zu befrchten, da ihm
minderwertiges Material gegenbergestellt wird.
    Darf ein Pferd nur einmal rennen?
    Nein, sondern so oft es beliebt.
    Das ist vortrefflich! Wir haben beschlossen, uns zu beteiligen. Ist es
erlaubt?
    Sehr gern!
    Mssen wir sagen, mit wieviel und mit welchen Pferden?
    Nein. Ihr bringt, so viele Ihr wollt.
    Und Ihr drft keines zurckweisen?
    Nein.
    Mu man vorher melden, wer sie reiten wird?
    Auch nicht.
    So setze ich den Fall, da wir eines unserer Pferde von einem Dschamiki
reiten lassen wollen. Wrdet Ihr ihn daran hindern?
    Ganz gewi nicht. Wer so ehrlos ist, dies tun zu wollen, dem haben wir
niemals mehr Etwas zu befehlen oder Etwas zu verbieten.
    Seine Person bleibt also auf alle Flle unangetastet?
    So lange er sich nur als Renngegner, nicht auch sonst als Feind betrgt,
ja.
    Das ist es, was ich wissen wollte. Ich bin befriedigt. Wir betrachten uns
also als angemeldet und werden sicher kommen.
    Er sah vor sich nieder, warf dann einen sehr freundlichen, beinahe
zrtlichen Blick auf mich und fuhr fort:
    Eigentlich habe ich noch eine Frage. Sie betrifft deinen Glauben. Du bist
Christ?
    Ja. Du doch auch!
    Ich gab diese sonderbare Antwort, weil ich eine lange, unfruchtbare,
religise Auseinandersetzung erwartete und die Sache so kurz wie mglich machen
wollte. Die Zeit des Versteckenspielens war nmlich fr mich vorber. Ich wute
nun genug und hatte keinen Grund mehr, mich und meine Weltanschauung fr geistig
rckstndig halten zu lassen. Er warf den Kopf wie erschrocken in die Hhe und
rief aus:
    Ich? Ein Christ? Allah verhte es! Wer hat dir diese grte aller Lgen
weisgemacht?
    Lge, sagst du? Ist der Kuran ein Lgner?
    Nein. Jedes seiner Worte ist heilig, und unsere Auslegungen sind ebenso
heilig. Willst du etwa behaupten, das, was du sagst, aus diesen Quellen zu
haben?
    Ja.
    So beweise es! Was aber kann ein Europer, ein Christ vom Kuran und seinen
Auslegungen wissen!
    Er faltete mitleidig die Hnde, schlug die Augen auf und holte sich einen
Blick des himmlischen Erbarmens herab, den er mir ganz unverkrzt
herberschickte. Ich nahm ihn ruhig hin und fragte:
    Was steht dir hher, der Himmel oder die Erde?
    Natrlich der Himmel, antwortete er.
    Das Zeitliche oder das Ewige?
    Das Ewige.
    Ein Frst und Richter ber einige Millionen oder ein Frst und Richter ber
Alles, was da lebte, lebt und auch noch leben wird?
    Dieser Letztere.
    Du verehrst Mohammed. Du glaubst an seine Lehre und richtest hier auf Erden
nach den Worten, die er Euch hinterlie. Er ist also der Gesetzgeber aller
Mohammedaner. Was aber wird er einst in jenem Himmel sein?
    Der herrlichste von Allen, die Propheten waren.
    Hast du von der Moschee der Omajjaden in Damaskus gehrt?
    Ja. Sie ist die prchtigste und hochberhmt, des jngsten Gerichtes wegen.
Denn Isa Ben Marryam47 wird sich an diesem Tage auf einen ihrer Trme
niederlassen, um Alle zu richten, die da sind und waren, die Lebenden und die
Toten. Wozu aber diese Fragen, die mir ganz zwecklos und berflssig
erscheinen?
    Wie du so fragen kannst, o Katib! Dein Herr, der Scheik ul Islam, welcher
neben dir sitzt, wird scharfsinniger sein als du und dir sagen, da du soeben
zugegeben hast, ein Christ zu sein.
    Ich? fuhr er zornig auf. Klger als ich? Eff - - -
    Er hielt inne, denn er fhlte, da er soeben ganz aus seiner untergeordneten
Rolle gefallen sei. Sein Blick stieg himmelan, um sich die erforderliche
Gemtsruhe herabzuholen, und als dies geschehen war, fuhr er fort:
    Ich verstehe dich nicht. Mach, da ich dich begreife!
    Du sagtest, da Christus der himmlische Herr und Richter sei, der Spender
der Seligkeit, dem aber auch die Verdammten zu gehorchen haben. Ich brauche dich
gar nicht zu fragen, wer also hher stehe, er oder Mohammed, sondern ich
besttige nur, was du sagtest: Christus richtet einst Alle, auch die Moslemin.
Er ist also Euer hchster Herr, und folglich seid Ihr Christen, so wie wir!
    Er war still. Die Andern auch. Tiefste Verlegenheit in allen ihren
Gesichtern.
    Wer von Euch wagt es, mir zu widersprechen? fragte ich. Wer von Euch
glaubt, in dem Kuran und seinen Auslegungen besser bewandert zu sein als ich,
der Christ, der Europer? Er widerspreche mir, und ich werde ihm mit den Worten
des Kuran und seiner Erklrungen antworten!
    Da versuchte der Schreiber eine Ausrede:
    Du bist uns gleich zu hoch gestiegen, Effendi. Man hat von unten zu
beginnen. Du aber fngst gleich im Himmel an, beim groen Weltgericht!
    Wer noch nichts wei, der mag von unten beginnen. Wir Christen aber sind im
Himmel wohlbewandert, denn dort ist unser Vaterhaus, wo Isa Ben Marryam unser
wartet. Es gibt keine einzige Religion, ber welcher nicht Jener steht, der nach
Eurer eigenen Ansicht Tod oder Leben, Verdammnis oder Seligkeit verteilt, und
also sind die Menschen alle Christen. Strubt Euch, so viel Ihr wollt, ber
diesen Punkt kommt Ihr doch nicht weg! Gebt Eurer Religion den Namen, der Euch
beliebt; hoch ber allen diesen Namen steht doch der, nach welchem wir uns
Christen nennen! Willst du noch mehr Auskunft ber meinen Glauben, o Katib? Ich
gebe sie dir sehr gern!
    Nicht mehr Religion, nichts weiter vom Glauben! fiel da der angebliche
Scheik ul Islam schnell ein, um seinen Schreiber aus der sichtlich sehr groen
Verlegenheit zu reien. Wir befinden uns hier bei den Dschamikun, aber noch
nicht im Himmel. Wir sind auf der Erde, und da mu ich dich bitten, Effendi,
anzuerkennen, was hier im Lande gilt, nmlich die Oberhoheit Mohammeds!
    Er glaubte, einen Trumpf ausgespielt zu haben; ich aber antwortete:
    Ja, wir sitzen hier bei den Dschamikun und haben uns nach dem zu richten,
was hier im Lande gilt. Das ist aber nicht die Hoheit Mohammeds!
    Doch! fuhr er auf. Ihr seid seit heute Taki-Dschamikun und habt also an
Mohammed zu glauben! Das ist es ja, was wir erreichen wollten. Wir haben es mit
Salz und Brot besiegelt und Ihr knnt nicht mehr zurck. Bei uns gilt das Wort:
Ein Schurke, der nicht hlt, was er bei Salz und Brot verspricht! Willst du ein
Schurke sein?
    Da stand ich langsam auf, steckte die Hnde gemchlich in den Grtel und
sprach:
    Was ist uns angetragen worden und was haben wir angenommen und besiegelt?
Das ganze Gebiet der Takikurden solle heut in die Hand des Ustad bergehen! Er
soll ihr Ustad sein, nichts Anderes! Du sagtest wrtlich: Die Vereinigung der
beiden Stmme soll sich in der Hand und unter der Aufsicht des Ustad vollziehen,
und er wird der Gebieter dieses neuen Stammes sein! Das ist mit Salz und Brot
besiegelt worden. Nun frage ich, wer wird jetzt Schurke sein?
    Keiner antwortete. Da sprach ich weiter:
    Es gibt also fr die Taki-Dschamikun keinen andern Gebieter als den Ustad.
Und da ich an seiner Stelle vor Euch stehe, so bin ich der Herr, dem man hier zu
gehorchen hat, hier und drben bei den Taki. Wo ist der Andere, der uns befehlen
will, was wir zu glauben haben? Er stehe auf wie ich und stelle sich vor mich
her! Ich mchte nmlich gern wissen, was fr Augen so ein Schurke macht!
    Keiner regte sich. Sie sahen alle vor sich nieder. Aber die Augen des Pedehr
funkelten, und der Chodj-y-Dschuna lchelte leise vor sich hin.
    Ihr schweigt, fuhr ich fort. So beantwortet wenigstens meine andern
Fragen! In wessen Machtvollkommenheit kamt Ihr hierher, um uns dieses
vermeintliche Geschenk zu machen? Sandte Euch der Landesherr, der
Schah-in-Schah? Wurdet Ihr vom Stamm der Taki-Kurden geschickt, die sich nach
unserm Ustad sehnen? Haben sie eine Dschemma abgehalten und beschlossen, da er
ihr Herr und Gebieter werden solle? Seid Ihr die Gesandtschaft, welche sie
schicken, uns dies mitzuteilen? Wo ist die Unterschrift des Schah? Wo sind die
Siegel der Aeltesten des Stammes? Habt Ihr es denn wirklich fr mglich
gehalten, da es Euch gelingen werde, mit uns ein solches Kara gz ojunu48
aufzufhren? Mu ich es fr Wahrheit halten, da Ihr so tricht waret, ber den
Fortbestand der Ruinen uns Befehle erteilen zu knnen? Ich glaubte, es sei ein
schlechter Scherz! Welch ein Wahnsinn, zu denken, da wir auf leere Worte hin
Euch sofort Alles, was wir sind und was wir haben, gehorsam vor die Fe werfen,
um dann im neuen Stamm so viel wie nichts zu sein! Ihr habt ja nichts, doch sage
ich: Gebt mir das ganze Land, gebt mir die ganze Welt, so knnt Ihr die Ruinen,
die Euch so sehr am Herzen liegen, doch nicht retten! Kommt ihre Zeit, so
brechen sie zusammen, denn diese Zeit wird keinen Scheik ul Islam um Erlaubnis
fragen!
    Da sprang der Schreiber schnell wie eine Spannfeder auf. Seine Augen waren
jetzt ganz andere. Sie blitzten mir in pltzlich offenem Ha entgegen, und er
rief aus, indem auch die Andern sich erhoben:
    Das, das ist also der wahre, der wirkliche Effendi, nicht der kranke,
schwache, der sich so wunderbar zu verstellen wute! Der Effendi, der nichts,
gar nichts ist in seinem Lande und doch hier den Herrn und Pascha spielen will!
Ich wei nun genug von dir, du aber nichts von mir. So will ich dir denn sagen -
-
    Da du der groe Scheik ul Islam bist, der zu uns kommt, nur um uns
anzulgen! fiel ich ihm in die Rede. Ich wei noch mehr von dir, doch mag
schon das gengen. Wer sich fr Allahs hchsten Auserwhlten hlt und heimlich
sich als Inbegriff des ganzen Kuran betrachtet, der sollte dies doch offen und
ehrlich zeigen und nicht in trgerischer Demut zur Niedrigkeit des Katib
niedersinken!
    Da verschlang er die Arme auf der Brust, richtete sich hoch auf und fragte:
    Bist du fertig?
    Mit dir? Ja!
    Aber nicht ich mit dir! Denke an das Rennen! Das wird nun ein ganz anderes!
Nehmt Euch in acht; wir kommen. Ich sage dir nur einen einzigen Namen: Ich
bringe Euch das beste Pferd von Luristan und lasse alle Eure Mhren
niederreiten! Und noch ein anderes habe ich. Was das fr eines ist, das werdet
Ihr zu Eurem Leid erfahren!
    Er wendete sich ab und schritt in stolzer Haltung zur Halle hinaus. Die
Andern folgten, ohne ein Wort zu sagen. Sie wrdigten uns keines Blickes mehr.
Bald ritten sie den Berg hinab, und der Pedehr sorgte dafr, da sie, wenn auch
nur von Weitem, bis zur Taki-Grenze begleitet wurden. Wir gingen zu ihm hinaus
in den Hof. Er wendete sich zu mir.
    Das war ein Schlag ber smtliche Kpfe, Effendi! sagte er. Wer htte das
gedacht, nachdem du dir vorher Alles so ruhig gefallen lieest! Keiner konnte
antworten! Nun reiten sie als offenbare Schurken fort! Das wird man berall
erfahren, und Jeder, der auf Ehre hlt, wird sich vor ihnen hten! Aber die
Rache nun, die Rache! Frchtest du sie nicht?
    Nein, antwortete ich. Sie wird ganz denselben Erfolg haben wie ihre
heutige Pfiffigkeit - - - Hiebe ber die Kpfe. Nur drfen wir nicht so tun, wie
du wolltest, nicht vorschnell handeln. Wir lauschen, bis wir wissen, was sie
wollen. Dann aber warten wir nicht etwa, bis es ihnen beliebt, sondern wir
machen es wie jetzt: Wir erheben uns ganz unerwartet von dem Sitze und schlagen
derart los, da sie sofort die Muler halten mssen. Der wahrhaft Kluge scheut
sich nicht, fr bertlpelt angesehen zu werden, weil er schweigt. Er ist nur
still, die Feinde zu durchschauen. Doch kommt dann seine Zeit, so schont er
selbst den Hchsten nicht, auch keinen Scheik ul Islam, um zu zeigen, wer
eigentlich der Schuft, der Tlpel war!
    Eben als ich das sagte, kam Tifl aus dem Garten. Er sa auf der Sahm, die
vollstndig gesattelt war, und wollte zum Tore hinaus.
    Wohin? fragte ich, indem ich mich ihm in den Weg stellte und nach dem
Zgel griff.
    Ausreiten, antwortete er. Die Sahm auf das Wettrennen ben.
    Du reitest sie nicht. Wozu also das Ueben! Steig ab!
    Unser Ustad sagte es mir! entgegnete er, indem er ruhig sitzen blieb.
    Der Ustad bin jetzt ich, und du steigst ab, sofort! Du wirst auf diesem
Pferd nie wieder sitzen!
    Warum?
    Der Mensch sah mich bei dieser Frage so an, als ob er entschlossen sei, mir
Widerstand zu leisten. Es fiel mir natrlich nicht ein, mich selbst an ihm zu
vergreifen. Ich drehte mich vielmehr zu dem Pedehr, dem Chodj und dem jungen
Haddedihn um und forderte den Letztern auf:
    Kara, herab vom Pferd mit diesem Kerl!
    Ein frhlicher Blitz ging ber sein Gesicht. Ein schneller Sprung und
Schwung, so sa er hinter Tifl auf der Stute, und im nchsten Augenblicke flog
der Lahme herunter auf die Erde.
    Effendi, warum das? fragte der Pedehr erstaunt. Unser Kind hat doch die
Erlaubnis, jederzeit zu - -
    Warte! unterbrach ich ihn. Dann wendete ich mich an Tifl, der sich vom
Boden aufrichtete und nun ganz verlegen dreinschaute: Warum hngen an der Sahm
die Satteltaschen? Warum trgst du nicht blo die Mtze, sondern auch das
Turbantuch darber? Warum hast du Schuhe an und auch den Mantel ber deiner
Jacke? Reitet man so aus, um zu ben?
    Er gab keine Antwort, doch verwandelte sich die Verlegenheit seines
Gesichtes in den Ausdruck des Trotzes.
    Wo wolltest du hin? fragte ich weiter. Glaubtest du wirklich, nicht
durchschaut zu sein und mir die Sahm entfhren zu knnen, du undankbarer Bube?
Vergiltst du so die Wohltat mit Heimtcke und Verrat? Du willst den Persern
nach, mit ihnen zu den Taki-Kurden hinber! Du sollst beim Rennen gegen uns und
fr den Scheik ul Islam reiten! Ich hindere dich nicht; ihr pat ja gut
zusammen. Ich spreche dich von unserm Stamme los und berlasse dich den Feinden
drben. Du magst getrost zum Rennen kommen; es wird dir nichts geschehen. Doch
nach demselben trolle dich sofort! Verrter dulden wir in unserm Bereiche
nicht!
    Er machte nicht den geringsten Versuch, mich zu widerlegen. Da rief der
Pedehr aus:
    Ist das die Mglichkeit? Fr solche Wohltat so verfluchter Lohn! Effendi,
dieser Mensch sollte gepeitscht werden!
    Nein! Ich will ihm sogar seinen Fortgang noch erleichtern. Er bekomme eines
der zurckbehaltenen Soldatenpferde, doch mgen zwei Dschamikun ihn begleiten,
bis er die Perser erreicht. Besorge das sogleich! Jetzt fort mit ihm!
    Ich selbst werde ihn hinunterbringen. Komm!
    Er fate ihn beim Mantel und schob ihn vor sich her zum Tore hinaus. Der
Chodj-y-Dschuna verabschiedete sich von mir und ging ihnen nach. Zu Kara aber
sagte ich:
    Du siehst, was du mir ber diesen Tifl sagtest, hat schnelle Frucht
gebracht. Heut abend habe ich Etwas vor, was Niemand wissen darf. Halte dich
bereit, mit mir nach dem See hinunterzugehen, wenn Alle schlafen!
    Da schaute er in herzlicher Freude zu mir her und sagte:
    Ein Abenteuer, ein verschwiegenes! Mit dir, Effendi! Ich wei, was dieses
Vertrauen bedeutet, und danke dir dafr!
    Er zog meine Hand an sein Herz. Dann ging ich in die Wohnung des Ustad, um
die Karte des Schah an ihre Stelle zurckzulegen. Ich hatte sie nicht gebraucht.
    Der brige Teil des Tages war nur dem Schlafe und der Sammlung weiterer,
neuer Krfte gewidmet. Am Abende aen wir in der Halle. Ich hatte erfahren, da
nach dem Wettrennen eine Beleuchtung smtlicher Hhen stattfinden solle. Es
waren auch schon viele Fackeln angefertigt worden, darunter sehr lange und
starke von Palmenfaser, welche mehrere Stunden lang brennen und nur schwer zu
verlschen sind. Ich lie mir von Schakara heimlich ein halbes Dutzend von
diesen geben und nahm sie nach dem Essen mit hinauf zu mir. Schakara wurde
berhaupt mit in das Geheimnis gezogen, denn ich brauchte Jemand, der fr mich
und Kara das Tor offen zu halten hatte. Was ich tun wollte, war nicht
ungefhrlich. Darum teilte ich es ihr mit, da ich die Absicht habe, vom See aus
in den versteckten Kanal einzudringen, und forderte sie auf, nur hchstens drei
Stunden auf uns zu warten und, falls wir da noch nicht zurckgekehrt seien, uns
schleunigst Hilfe zu senden.
    Als man zur Ruhe gegangen war, nach zehn Uhr, begab ich mich in den Hof.
Kara stand bereit; Schakara war bei ihm. Ich wiederholte ihr, wie ich mir ihre
etwaige Hilfe dachte. Er nahm die mitgebrachten Fackeln; dann gingen wir. Im
Duar gab es kein Licht. Man schlief auch hier bereits. Am Landeplatze fanden wir
das Boot. Es war nur angebunden. Die beiden Ruder hingen in den Dollen. Wir
stiegen ein und paddelten uns leise nach der Stelle, welche ich untersucht
hatte. Es war nicht schwer, die Mauerffnung hinter dem Gestrpp aufzufinden.
Wir stellten das Boot rechtwinkelig dagegen an und gaben hinten einige krftige
Ruderschlge. Es drang mit seiner ganzen vorderen Hlfte ein. Wir nahmen die
Ruder in das Boot, bckten uns nieder und krochen unter dem nun
auseinandergeteilten Rankengewirr bis an die Spitze des Kahns vor. Nun war der
Sternenhimmel ber uns verschwunden. Wir befanden uns in dichtester Finsternis.
Die Ruder an uns nehmend, tasteten wir mit ihnen rechts und links aus dem Kahn
heraus. Wir fhlten harte Wnde und stieen uns an diesen so weit hinein, da
auch das Hinterteil des Fahrzeuges durch das Gestrpp kam. Hierauf zog ich das
Schibhata49 aus der Tasche, um eine der Fackeln anzubrennen. Bei ihrem Scheine
sah ich ein ganz vorn im Schnabel des Bootes befindliches Loch, in welches ich
sie steckte. Spter hrte ich, da dieses Loch genau zu diesem Zwecke angebracht
worden sei, weil die Schamiki des Abends gern rund um den See zum Nur-y-Saratin
50 ruderten.
    Der Kanal war hier, am Anfange, sehr schmal. Aber als wir uns eine Strecke
weit fortgegriffen hatten, traten die Wnde doppelt weit zurck, und auch die
Hhe nahm in demselben Verhltnisse zu. Die Luft war kalt und feucht, doch gut
und leicht zu atmen. Die Wnde und die Decke bestanden aus den schon oft
erwhnten Riesenquadern. Nun schoben wir uns statt mit den Hnden mit den Rudern
fort. Der Kanal ging stetig geradeaus. Das Wasser war tief und schwarz, dabei
aber durchsichtig wie Kristall. Das Bild unserer ruhig brennenden Flamme schaute
wie aus unergrndlicher Tiefe zu uns herauf.
    Ich war so vorsichtig gewesen, die Lnge des Kanals abzuschtzen, natrlich
nur so ungefhr, blo mit dem Auge. Die Zahl der Quader gab mir den Anhalt
hierzu. Vierzig, sechzig, achtzig Meter! Ein solcher Aufwand von Material und
Arbeitskraft konnte nicht blo den Zweck einer einfachen Zu- oder Ableitung des
See- oder Bergwassers haben. Es mute noch ganz andere Grnde gegeben haben,
diesen Zu- oder Abflu nicht oben vor aller Augen, sondern hier unten in der
Verborgenheit geschehen zu lassen. Wenn ich mich in die ferne Zeit zurckdachte,
in welcher diese Bauten entstanden waren, so drngte mir die von unserer Fackel
kaum einige Bootslngen weit durchbrochene Finsternis die Frage auf, ob dieses
Wasser wohl als lebenspendendes Element oder aber als verschwiegener, dsterer
Helfer des Todes betrachtet worden sei.
    Bereits ber achtzig Meter waren wir vorgedrungen. Der Duar lag droben
hinter uns. Wir muten uns ungefhr an der Stelle befinden, wo drauen, auf
fester Felsenunterlage, die Cyklopenmauer begann. Da hrten hier unten die
behauenen Quader auf; der Kanal wurde noch breiter und hher, so da wir die
Ruder bequem ausstrecken und rhren konnten, und die Wnde bestanden aus dem
mhsam durchbrochenen Gestein des Berges. Die Decke war gewlbt.
    Hierauf kamen wir an einen Seitenkanal, welcher rechtsab fhrte, und lenkten
in ihn ein. Er war genau so breit und so hoch wie der Hauptkanal, aber nicht
lang. Auch hatte man sich bei der Herstellung weniger Mhe gegeben. Die rechte
Seite war Naturgestein, die linke aber Mauer, aus Riesenblcken aufgefhrt, doch
nichts weniger als glatt behauen. Es gab hben wie drben hervorragende Ecken,
Kanten und Spitzen, welche nicht beseitigt worden waren. Da, wo dieser
Seitenkanal aufhrte, wich die Decke pltzlich zurck. Wir sahen in eine dunkle
Oeffnung hinauf, deren Hhe nicht abzumessen war, weil unser Licht sich hierzu
als unzulnglich erwies.
    Was mag da oben sein, Effendi? fragte Kara. Ich sinne darber nach, wo
wir uns jetzt wohl befinden. Unter den Ruinen jedenfalls, aber an welcher
Stelle?
    Ich habe soeben auch im Stillen gerechnet, antwortete ich. Wenn ich
morgen am Tage in den Ruinen nachrechne, werde ich es wissen. Auf dem Rckwege
nachher werde ich die Steine, die alle von gleicher Lnge und Hhe sind, genauer
zhlen. Jetzt schtze ich nur so ungefhr, da grad ber uns der unterste Urbau
liegt, in dessen Vordermauer die kleinen Oeffnungen sind, welche wahrscheinlich
Fenster bilden sollen. Ich schliee das auch aus dem Umstande, da dieser Bau
auf derselben Gesteinsart liegt, aus welcher hier die rechte Seite des Kanales
besteht. Die Steine der linken Seite habe ich gezhlt. Ich werde es mir
notieren.
    Ich nahm mein Buch aus der Tasche, um mir diese Anmerkung zu machen. Da
sagte Kara, indem er nach oben wies:
    Dort hngt Etwas an einer Spitze im Gestein. Es sieht genau so aus, als ob
Jemand von da oben, wo hinauf wir nicht sehen knnen, heruntergestrzt sei,
wobei ein Fetzen seines Gewandes dort losgerissen und festgehalten worden ist.
    Ich schaute hinauf. Es war so. Der hngen gebliebene Fetzen war ganz mit
Kalksinter berzogen und also nicht vermodert.
    Mich schauert, Effendi! fuhr Kara fort. Wenn dieses finstre Loch da oben
in der Decke erzhlen knnte, wie Viele hier in diesem dunkeln, eiseskalten
Wasser sterben muten - - - La uns umkehren! Mich friert!
    Wir griffen zu den Rudern und brachten uns in den Hauptkanal zurck, welcher
nur noch eine kurze Strecke weiterfhrte und dann auf ein groes, unterirdisches
Wasserbecken mndete, an dessen sdlichem Ende wir uns befanden. Die Decke war
so hoch, da wir sie bei unserm schwachen Licht nicht sehen konnten. Zu unserer
linken Hand verlor sich die natrliche Felsenwand dieses Bassins in tiefe
Dunkelheit. Rechts lag die unbewegte und scheinbar ununterbrochene Flut in
drohender Finsternis. Die Luft war feuchter als vorher, beinahe nssend und von
einer moderigen Schrfe, als ob sich hier Fulnisprozesse abgespielt htten, die
nun zwar vorber waren, doch ohne da der stechende Duft der Verwesung sich
vollstndig niedergeschlagen hatte. Das war nicht gut zu atmen, doch auszuhalten
immerhin. Dabei brannte die Fackel ziemlich hell. Es mute irgendwo eine Stelle
geben, durch welche dieser unheimliche Raum mit der ueren Atmosphre in
Verbindung stand.
    Das stinkt wie alte, nasse Grber! sagte Kara, indem er sich schttelte.
Mich friert jetzt noch mehr als dort. Ich habe das Gefhl, als mten in dem
Wasser unter uns nur lauter Leichen liegen! Was tun wir jetzt, Effendi?
    Wir untersuchen dieses Wasserbecken.
    Meinst du, da wir uns zurckfinden werden?
    Ja.
    Du hattest aber doch Sorge! Das zeigt die Weisung, die du Schakara
erteiltest.
    Ich dachte dabei an ein Unglck durch schlechte, erstickende Luft. Wir
knnen aber doch atmen, und diese natrliche Hhlung ist doch wohl nicht so
gro, da man sich trotz aller Aufmerksamkeit in ihr verirren mte. Wenn wir
bedchtig vorgehen, kann uns nichts geschehen. Bleiben wir zunchst am Rande des
Wassers! Hier links ist es alle. Wenn wir nach rechts hinber diesem Rande
folgen, bis wir zur jetzigen Stelle zurckkehren, haben wir seine Ausdehnung
kennen gelernt und wissen, was es uns hierauf noch bietet. Komm!
    Wir lenkten vom Kanale rechts ab und fuhren lngs der berstark
erscheinenden Mauer hin, an deren andern Seite wir uns im Nebenkanale befunden
hatten. Ich zhlte ihre Quadern. Sie war hier etwas lnger als drben und schlo
einen zweiten Seitenkanal mit ein, welcher zu unserer andern Hand nicht durch
eine feste, kompakte Wand, sondern durch natrliche Pfeiler eingefat wurde,
deren Hhe eine so betrchtliche war, da wir die Decke selbst dann, als ich
noch eine Fackel anbrannte, nur undeutlich sehen konnten. Diese Decke reichte
auch hier nicht bis ganz an das Ende des Kanales. Es gab auch hier eine dunkel
ghnende Oeffnung oben, die irgend einen Zweck gehabt haben mute. Indem ich
prfend emporschaute, uerte sich Kara:
    Wahrscheinlich strzte man auch hier diejenigen Personen herunter in den
Tod, die man verschwinden lassen wollte! Es gibt zwar kein bestimmtes Zeichen
hierfr, aber - - - Allah 'l Allah! Sieh dorthin! Was liegt da auf dem Stein?
    Er deutete nach dem letzten der erwhnten Pfeiler. Dieser ragte in einem
Durchmesser von wenigstens sechs Meter aus dem Wasser, verjngte sich aber
sofort in einer Weise, da dieser Durchmesser kaum noch zwei Meter betrug.
Hierdurch entstand eine ebene Platte von vier Meter Breite, und auf dieser lag
das, was Kara veranlat hatte, seinem Satze ein so erschrockenes Ende zu geben.
Wir paddelten das Boot hin und sahen, da der betreffende Gegenstand ein
menschliches Gerippe war, ganz zusammengekrmmt, die Kniee bis an den Leib
herangezogen, die eine Hand geffnet, um nach Hilfe auszufassen, die andere aber
geballt, wie in fluchender Drohung ausgestreckt.
    Das ist einer der Unglcklichen, von denen ich sprach! rief Kara aus. Er
hat schwimmen knnen und sich ber Wasser gehalten, bis er in der Finsternis
zuflligerweise an den Pfeiler stie. Er fhlte die ebene Stelle und kroch
hinauf. Da ist er dann elend verschmachtet, verhungert, zu Grunde gegangen. Wie
mag er gebetet, geflucht, geschrieen, gewimmert haben in dieser schrecklichen,
nassen, erbarmungslosen Unterwelt! Gechzt, gesthnt, gebrllt, gezetert in
frchterlichster Qual und Todesangst, bis ihm die Heiserkeit die Stimme raubte,
so da er nur noch innerlich zu fluchen vermochte und mit dem letzten Fluch zu
Allah ging, der ihn erhren mute!
    Ich sagte nichts. Die Untersuchung des Skelettes war mir wichtiger als alle
Reflexionen. Es war feucht, aber hart wie Stein, von Kalk ganz durch- und
berzogen. Ein ausgewachsener Mann in den krftigsten Jahren. Eine hohe, breite
Stirn. Im Leben wohl ein schner, kluger Denkerkopf. Der erste Gedanke seines
Lebens ein Segen fr die Mutter, der letzte eine Verwnschung seiner Geburt! Wie
lange lag das versteinerte Gerippe hier an dieser Stelle. Jahrhunderte?
Jahrtausende? Welchem Volke, welchem Stande, welcher Religion gehrten die
Grlichen an, die ihn in einen derartigen Tod geschleudert hatten? Ich
vermutete grad ber uns den zweiten Werkstckbau mit den beiden Hochreliefs.
Also Heiden!
    Fort von hier! sagte ich. Ich habe mich absichtlich warm angezogen, weil
ich mir sagte, da es hier unten nakalt sein werde. Aber ich glaube, hier
friert auch mich!
    Das Bassin bog sich von hier nach links, um erst einen dritten und dann noch
einen vierten Seitenkanal zu bilden. Und sonderbar: Erstens lagen diese Kanle
meiner Vermutung noch genau unter der dritten und vierten Etage der Ruinen. Und
zweitens endete jeder mit einer hnlichen Deckenffnung, wie wir bei den beiden
ersten beobachtet hatten. Wozu diese schauerliche Verbindung der sonnigen
Oberwelt mit dem lichtlosen, unterirdischen Becken? Wasser war da oben doch
stets und fr alle Bedrfnisse mehr als genug vorhanden gewesen! Waren die
Grnde vielleicht ebenso finster und unerbittlich wie die eiseskalte Flut, die
unser Boot jetzt trug?
    Indem wir wenden wollten und darum die Ruder tief in das Wasser tauchten,
brachten wir dieses in lebhaftere Bewegung als bisher. Dieser Wellenschlag
vervielfltigte in der Tiefe die Bilder unserer Fackelflammen. Die Brechung des
Lichtes bewirkte ein scheinbares Emporsteigen alles Dessen, was sich da unten
befand, und so erhob sich vor unsern Augen eine Menge menschlicher Gestalten,
welche sich zu bewegen und drohend auf uns zuzuschwimmen schienen. Kara stie
einen gellenden Ruf des Schreckens aus, und auch auf mich wirkte dieser Anblick
so, da mir fast das Ruder entfallen wre.
    Leichen, nichts als Leichen, ber denen wir uns befinden! prete der junge
Hadeddihn hervor. Effendi, leben wir noch, oder sind wir gestorben und mssen
selbst auch da hinunter?
    Fasse dich, Kara! ermutigte ich ihn. Wir leben, und auch unter uns ist
nicht der Tod, sondern etwas ganz Anderes. Was das Verbrechen frherer Zeiten zu
verbergen und zu vernichten suchte, das wurde durch das schwer kalkhaltige
Wasser in Stein verwandelt, damit man spter wisse, was der, welcher wirklich
Mensch ist, von dem zu erwarten habe, der sich mit seinem Menschentum nur
brstet. Was du jetzt sahst, war Kalk, war Gips, war aufgelster, weier
Ruchamstein. Denk dir, es seien blo nur Marmorbilder, die man hier tief
versteckte, damit sie nicht in falsche Hnde kommen mchten! Rudern wir ruhig
weiter!
    Ja. Aber brenn noch eine Fackel an, damit es lichter um uns werde! Mir ist,
als schaute rings der Tod aus tausend leeren Augenhhlen zu uns her, und das ist
eine Vorstellung, die mich peinigt!
    Ich tat es. Dann setzten wir die Untersuchung fort.
    Diese ergab, da wir es nicht mit einem, sondern mit zwei Wasserbecken zu
tun hatten, einem vorderen, in dem wir uns befanden, und einem hinteren, welches
wir einstweilen noch unbeachtet lieen, um das erstere vollstndig kennen zu
lernen. Wir vermuteten ber uns eine hohe Wlbung. Sehen konnten wir sie nicht.
Sie wurde von natrlichen, regellos stehenden Pfeilern getragen, Ueberreste der
Steinwnde, deren weiche, erdige Zwischenfllung das Wasser weg- und in den See
gesplt hatte. Auch diese Wnde waren nach und nach aufgelst und zerfressen
worden, und was von ihnen noch brig war und von mir als Sulen bezeichnet
wurde, sah so zerrissen, zerklftet und durchlchert aus, als ob es jeden
Augenblick zusammenbrechen msse. Diese Deckentrger hatten alle, ohne Ausnahme,
das Aussehen, als ob sie aus weiem Pfefferkuchen bestnden, der im Wasser
gelegen habe und nur notdrftig getrocknet worden sei, um wenigstens einen
Anschein von Festigkeit zu bekommen. Es gab in diesen ausgelaugten Gebilden
Stellen, bei deren Anblick es mir war, als ob ich sie laut krachen und prasseln
hre und als ob sie sich schon bewegten, um zusammenzubrechen. Wenn ich an die
ungeheuren Mauerlasten dachte, welche auf diesem hchst unzuverlssigen Gewlbe
ruhten, unter dem ich mich befand, so wollte mich eine Gnsehaut berlaufen, und
es prickelte mir ngstlich in allen Fingerspitzen. Kara schien ganz dieselbe
Empfindung zu haben, denn er sagte:
    Wer hier auf den Gedanken kme, eine Pistole abzufeuern, der wre unrettbar
verloren, denn der ganze Berg wrde von dieser kleinen Erschtterung ber ihm
zusammenbrechen und ihn unter sich begraben! Wollen uns beeilen, fortzukommen,
Effendi! Mir will fast bange werden!
    Nur noch das hintere Becken! sagte ich. Vermutlich ist es nicht so gro
wie dieses, und wir werden also schneller mit ihm fertig.
    Aber, um Allahs willen, nur leise, leise; das bitte ich dich! Ich sehe
Alles um und ber uns wackeln!
    Da dieses sein Gefhl kein falsches war, das sollte sich uns spter mehr
als deutlich zeigen! Jetzt aber ruderten wir uns nach dem Hintergrunde, wo wir
sonderbarer Weise wieder auf Menschenarbeit trafen. Es gab eine breite Mauer von
gewaltigen, unbehauenen Blcken, welche auf kompaktem Fels errichtet worden war.
Es schien, als ob man durch diese Mauer das hintere Bassin habe vollstndig
verschlieen und verbergen wollen. Warum wohl das? Doch bestand dieser Fels aus
Kalk. Das Wasser hatte auch hier so auflsend und zerstrend gewirkt, da nur
noch die allerhrtesten Teile von ihm vorhanden waren. Und auf diesen wenigen,
leichten Ueberresten lag die ganze Wucht der Riesenmauer! Wie war es doch nur
mglich, da nicht schon lngst hier Alles, Alles zusammengebrochen war! Ein
Halt war hier nicht mehr zu suchen und zu finden. Er mute anderswo liegen,
seitwrts oder oben, in irgend einem an sich geringfgigen Gegendrucke. Hrte
dieser auf, so stand die Katastrophe zu erwarten! Ein Gewitter, ein kleiner
Erdrutsch oder etwas dem Aehnliches konnte die letzte, wenn auch unbedeutende
Veranlassung zu dem gewaltigen Zusammenbruche sein, welcher lngst schon
vorbereitet war. Einen lngst entwurzelten Baum wirft, sei er noch so gro und
stark, schlielich doch ein kleiner Druck schon um.
    Wir schlpften an einer der Stellen, wo die Mauer frei in der Luft schwebte,
unter ihr weg und befanden uns dann im hintern Becken. Es war, wie ich vermutet
hatte, nicht so gro wie das vordere. Sulen schien es nicht zu geben. Wir
umruderten es in kurzer Zeit. Es bildete einen Halbkreis, dessen schnurgerade
gebauter Durchmesser die Mauer war. Der Bogen bestand aus lckenlosem Fels, der
sich hoch oben nischenfrmig zusammenzuneigen schien. Als ich dies bemerkte,
fiel mir die Sage von Chodeh, dem eingemauerten ein, welche Schakara mir
erzhlt hatte. Fast unbegreiflicher Weise war dieser Fels fast glnzend schwarz,
so ungefhr wie recht dunkler, polierter Serpentin. Wie das wohl kam?
    Nachdem wir nun den Umfang dieses Innenbeckens kennengelernt hatten,
beschlossen wir, es auch einmal zu durchqueren. Da stieen wir schon nach
wenigen Ruderschlgen auf einen aus dem Wasser ragenden Riesenblock von genau
rechteckiger Gestalt. Er war feucht, schlpfrig, unten wei berkalkt, je hher
hinauf aber um so trockener und dunkler. Seine Kanten waren so geradlinig und
scharf, da ich diese Regelmigkeit fr Menschenarbeit halten mute. Seine
oberen Linien lagen im Bereiche unserer Flammen. Auch sie waren genau wie nach
Schnur oder Wasserwage gebildet. Das Ganze hatte so sehr das Aussehen eines
allerdings gewaltigen Sockels oder Postamentes, da ich eine der Fackeln nahm,
mich aufrichtete und in die Hhe leuchtete, um zu sehen, ob sich Etwas darauf
befinde, was seinen ganz ungewhnlichen Dimensionen entsprechend war. Und
richtig! Fast glich meine Ueberraschung einem frohen Schrecke! Das Licht fiel
auf etwas wunderbar rein wei Glitzerndes, etwas so schneeig Zartes und
Unbeflecktes, da ich zunchst meinen Augen gar nicht trauen wollte. Dieses
lautere, keusche, unschuldige Wei, auf welchem Millionen Flammenkrnchen
brillierten, kam mir nach Allem, was wir hier unten bisher gesehen hatten, so
heilig, so unbegreiflich vor, als ob mein Blick auf etwas Ueberirdisches,
vollendet Seelisches gefallen sei!
    Siehst du Etwas, Effendi? fragte Kara unter mir.
    Ja, antwortete ich, noch immer staunend.
    Was?
    Etwas wie aus dem Paradiese! Wir haben die Dschehenna51 hinter uns, den Ort
des steingewordenen Erdenfluches. Hier aber ist es mir, als sei der Fluch in
Segen umgewandelt, und was dort Kalk im Todeswasser war, das kniee hier erlst
im alabasternen Gebete!
    Ich hre dich, aber ich verstehe dich nicht!
    Das glaube ich! Auch ich kann nicht verstehen, wie das, was ich jetzt sehe,
hierher gekommen ist. Es kniet hier Jemand, den ich blo nur ahne. Ein betender
Gigant! Mir leuchtet nur das Glied, das er vor Gott, dem Allerhchsten beugt;
das Andre steigt empor in Nacht und Grauen. Hebt er die Hnde fordernd auf zum
Himmel? Hlt er sie still gefaltet in Ergebung? Hebt khn er seine Stirn? Ist
sie gesenkt zur Erde? Wirft er den Blick vertrauensvoll ins Weite? Bedeckt er
zaghaft ihn mit demutsvollen Lidern? Was frage ich? Es sei genug, da ich hier
beten sehe!
    Ich lie die Fackel sinken, steckte sie an ihren Ort und setzte mich wieder
nieder. Es war mir, als msse ich hier bleiben, bis irgend ein Ereignis nahe,
diese Anbetung in der Verborgenheit nach Matthus 6 Vers 6 zu beantworten.
Aber ich nahm mir vor, recht bald zurckzukehren und diesen Ort so gengend zu
beleuchten, da ich die ganze Figur, die hoffentlich kein Torso war, vollstndig
und deutlich vor mir stehen hatte. Fr heute war unser Werk vollbracht.
    Wir verlieen das zweite Bassin, nachdem ich mir einige Notizen ber
dasselbe gemacht hatte. Das vordere nahm ich noch sorgfltiger auf. Und als wir
wieder in den Hauptkanal einfuhren, ma ich mit Hilfe einer Leine, die wir im
Boote fanden, einen der Steine bis auf den Zentimeter genau, und da diese Quader
alle die ganz gleiche Lnge und Hhe hatten, so war es spter leicht, eine
Zeichnung anzufertigen, die es mir ermglichte, die unterirdischen Linien zu
Tage festzulegen. Wir passierten das verschlieende Gestrpp ganz in derselben
Weise wie bei unserm Kommen, und als wir dann den Sternenhimmel wieder ber uns
hatten und die Zeit bestimmen konnten, sahen wir, da whrend unsers
Aufenthaltes in der Unterwelt doch mehr als zwei Stunden vergangen waren. Die
Fackeln hatten wir natrlich verlscht, bevor wir wieder in das Freie gelangten.
Am Landeplatze angekommen, banden wir das Boot fest. Kara nahm die Fackeln, ich
die Maleine, und dann traten wir den Heimweg an.
    Effendi, glaubst du, da ich froh bin, wieder festen Boden unter den Fen
und den Himmel ber mir zu haben? fragte er. Dieses frchterliche, tief
verschwiegene Wasser! Diese lgnerischen Sulen! Und dieser unermeliche Druck
von oben, den sie zu halten vorgaben und doch unmglich halten knnen! Ich habe
fast gezittert, und es ist mir, als ob ich einem beinahe unvermeidlichen und
grlich heimtckischen Tode entronnen sei!
    Er hatte ganz meine eigenen Gefhle ausgesprochen. Bei mir kam ja noch dazu,
da ich schwer krank gewesen war und fr solche Eindrcke also empfnglicher
sein mute als er. Es war eigentlich hchst unvorsichtig von mir gewesen, diese
Untersuchung des Erdinnern schon jetzt vorzunehmen; aber die Zeit und die
Ereignisse drngten, und glcklicher Weise hatte ich mich weder erkltet, noch
fhlte ich mich sonstwie krperlich geschdigt. Es hatte ganz im Gegenteile den
Anschein, als ob durch dieses Unternehmen die Energie sowohl des Leibes wie auch
der Seele gehoben worden sei. Ich fhlte mich eher gekrftigt als ermdet oder
gar abgespannt.
    Schakara freute sich, als wir kamen. Sie sagte, da sie bereits begonnen
habe, um uns besorgt zu werden. Als Kara mich fragte, ob er ihr Alles erzhlen
drfe, sagte ich, da dies ganz selbstverstndlich sei, forderte ihn aber auf,
gegen Jedermann sonst zu schweigen. Dann ging ich hinauf zu mir, brannte die
Lampe an und setzte mich an den Tisch, um die Zeichnung der beiden Bassins jetzt
sofort anzufertigen. Die Eindrcke waren jetzt so frisch, da ich fast jede
Einzelheit in grter Deutlichkeit vor mir sah, und als ich fertig war, konnte
ich berzeugt sein, mich um keinen einzigen Meter geirrt zu haben. Es galt nur
noch morgen am Tage diese Grundebene mit der Neigung des uern Terrains in
Einklang zu bringen.
    Ganz von selber versteht es sich, da die unverlschlich tiefen Bilder,
welche ich mit nach Hause gebracht hatte, mich noch auf das Lebhafteste
beschftigten, als ich mich hierauf zur Ruhe legte. Der Schlaf wollte nicht
kommen, und als er sich endlich doch einstellte, nahm er sie mit in jenes
seelische Gebiet hinein, welches fr uns noch im Geheimen liegt und mit dem
Verlegenheitsnamen Traumwelt bezeichnet wird.
    Ich trumte, und zwar mit einer Lebhaftigkeit und Deutlichkeit, als ob ich
nicht schlafe, sondern wache. Und ich trumte sonderbarer Weise, da ich nicht
ich, sondern der Ustad sei. Ich war vllig identisch mit ihm und kannte jede
verflossene Minute seines Lebens und jedes Wort, welches er geschrieben hatte.
Und das verwischte sich nicht; das blieb auch nach dem Traume. Sein Inhalt war
folgender:
    Ich kam als Ustad in das Land der Dschamikun und sah die Bauten hier am
Berge liegen. Ich nahm ihr Aeueres in Augenschein, und was ich dabei sah, das
lie den Wunsch in mir erwachen, auch mit dem Innern genau bekannt zu werden.
Ich fragte Jemand, wo der Eingang sei. Da sah er mich mit kalten Augen an und
sprach:
    Ich bin kein Dschamiki. Ich bin der Geist, der jeden Nahenden vor der
Versuchung warnt, den khnen Schritt in diesen Bau zu lenken. Wer ihn betritt,
der hat fr alle Ewigkeit auf sich, auf Leib und Geist und Seele zu verzichten.
Wer das nicht tut, verlt ihn niemals wieder, nicht lebend und nicht tot. Die
Schatten dulden nicht, da sie verraten werden.
    Die Schatten? lachte ich. Wo ist der wesenlose, impotente Sill, der eine
wirkliche Persnlichkeit wohl frchten machen knnte!
    Frag anders! Frage so: Wo ist die mchtige Persnlichkeit, die Jeden, der
ihr dunkles Reich betritt, zum Schatten macht, verzaubert oder ttet? Sie wohnt
und herrscht in diesem Riesenbau. Willst du hinein, so halte ich dich nicht; ich
habe nur zu warnen, nicht zu zwingen. Unzhlige schon hrten nicht auf mich. Die
Starken sah ich niemals wiederkehren; die Andern aber waren ihm, dem Zauberer,
in andrer Art verfallen. Sie kamen zwar zurck, doch nur als seine Schatten, die
geist- und krperlos an mir vorberschlichen, um vampyrgleich der Menschen Blut
zu saugen.
    Und fand sich Keiner, der ihm widerstand?
    Nicht Einer!
    Das schreckt mich nicht. Was Zauber heit, ist Lge. Nun wer die Lge
glaubt, ist ihr verfallen. Ich tue so, wie Alle, die nicht hrten: Ich will
hinein, ja nun erst recht hinein! Gib mir den Mchtigen zu sehen, von dem du
sagst, da Jedermann dem Tode oder ihm verfallen sei! Ich glaube nicht an seine
Macht und auch nicht an den Tod!
    Du glaubst nicht an den Tod? fragte er, indem er mich ganz eigen ansah.
Kannst du beten?
    Ja.
    Richtig?
    Ich hoffe es.
    So geh hinein! Wenn du nicht anders willst! Du bist der Erste, der Einzige,
bei dem ich es wage, einen Wink zu geben. Er heit: Such dir den Rckweg selbst;
la ihn dir ja nicht zeigen!
    Nach diesen Worten winkte er unter sich. Da ffnete sich die Erde, und ich
sah die Stufen einer Treppe.
    Ich danke dir! Mich siehst du nicht als Schatten wieder! sagte ich und
stieg hinab.
    Da kam ich denn zunchst in jenen Urzeitbau, der auf dem festen Felsengrunde
steht. Der Tag gab durch die Mauerffnungen ein falbes Dmmerlicht. Ich wanderte
im Innern auf und ab, sah aber nichts; der Raum war vllig leer. Es schien, man
habe ihn vollstndig ausgeraubt, wie man zum Beispiel hier und da mit
gottesdienstlichen und philosophischen Systemen tat. Da werden die Gedanken
fortgeschleppt wie Mbelgegenstnde, die man, gehrig ausgeklopft und wieder neu
poliert, in eine neue Wohnung stellt und auch als neu bezeichnet! Das Ende
dieses Baues gegen Sden war zugeschttet worden. Ich wute wohl, warum: Das war
der Ort des Sturzes in das Wasser.
    Auf Binnenstufen ging's hinauf zum zweiten Bau, der mich an Altiranisches,
an Zarathustra mahnte. Auch er war leer, vollstndig leer. Kein Mensch, kein
andres Wesen lie sich sehen. Auch ausgeraubt und Alles fortgeschafft! Man
sollte doch Vergangnes heilig halten! Nicht es dem eignen Zwecke dienstbar
machen und dann die Zeit verdammen, die es schuf! Der Schlu nach Sden war
vermauert worden.
    Nun ging es wieder stufenauf ins doppelte Gescho mit den zersprungenen
Tafeln. Da lag wohl hier und da ein alter Gegenstand, den man des Raubes nicht
fr wert gehalten hatte, auch gab es Spuren, die mich schlieen lieen, da
Menschen hier zuweilen noch verkehrten, doch jetzt war ich allein. Wirklich?
Ganz allein? Wurde ich nicht beobachtet? Der letzte Raum nach Sden war
verschttet, doch nicht bis an die Decke. Man konnte sich da oben wohl
verstecken, und in dem losen Schutt sah ich die Spuren, da man noch krzlich
hier hinaufgestiegen war. Das war zwar ungefhrlich fr Vertraute, doch nicht
fr Fremde, die vielleicht hier einen Ausgang suchten; denn jenseits ging der
Sturz jh ins Bassin hinab. Und als ich so von Weitem stand und nach der Decke
schaute, schob sich ein Kopf da oben leise vor, um mich in scharfen Augenschein
zu nehmen. Das Haar war wei wie Schnee, der Blick spitz wie die Klinge eines
Dolches. Ein Mensch, der solche Augen hat, wei, was er will, und kennt die
Schonung nicht. Er hat sogar den Mut, sich dicht am Abgrund lauschend zu
verbergen, wenn es nur Hoffnung gibt, da dann ein Andrer strzt. Ich tat
natrlich so, als ob er von mir ungesehen sei, und ging zur nchsten Treppe, um
nach dem obersten Gescho, dem vielgestaltigen, emporzusteigen.
    Sie fhrte nicht direkt zu ihm empor. Sie mndete auf eine offene Tr, an
welcher eine dunkle Schattenhaftigkeit sich tief vor mir verbeugte und mit
gedmpfter, hohler Stimme sprach:
    Wir kennen deinen Wunsch und haben dich erwartet. Du glaubtest gleich
hinauf zum Oberbau zu kommen, mut aber erst durch die Gewlbe hier, als deren
Resultat er stein- und ziegelweis entstand. Hier sind die Schtze alle
aufgespeichert, die sich der Mensch seit Anbeginn erdacht. Wir trugen sie
zusammen, woher, wozu, warum, das wirst du dann erst hren, wenn dich die Gnade
unsers Herrn erleuchtet. Er ist bereit, mit dir zu sprechen. Er ist sogar
gewillt, dich seinem Dienst zu weihen. Damit du siehst, wie reich er lohnen
kann, wie bervoll er spendet, soll ich dich vorher erst durch diese Rume
fhren. Doch hast du mir dein Wort zu geben, nie zu verraten, was ich dir hier
zeige. Von Andern fordere ich den heiligsten der Schwre, doch von dir wei ich,
da dein Wort gengt. Willst du es geben!
    Ja, antwortete ich, obgleich ein Etwas in mir sagte: Gib es ihm nicht,
und berhre ihn nicht, sonst bist du ihm verfallen!
    So reiche mir die Rechte!
    Ich tat es. Seine Hand fhlte sich so gegenstandslos weich, so leichenkhl,
so gallertglatt und schlangenschlpfrig an! Es war, als ob er durch diese meine
Berhrung nun erst Leben und Energie bekme.
    Komm, folge mir! forderte er mich in pltzlich befehlendem Tone auf. Und
sprich mit Niemand als mit mir allein! Denn durch die Hand, die du als Schwur
mir gabst, bist du mein Eigentum in Gott, dem Herrn geworden. Du hast kein
Recht, an Andre dich zu wenden, als nur an mich, den fr dich Sorgenden!
    Er fate meine Hand krftiger, und darum bemerkte ich deutlicher, da er mir
die Kraft entzog, die von mir auf ihn berging. Dann richtete sich die Gestalt,
die sich soeben noch so tief vor mir verneigt hatte, so hoch auf, da sie mich
weit berragte, und fuhr in hchst bestimmter, gebieterischer Weise fort:
    Mein ist dein Geist; mein ist auch deine Seele, und nur der Leib bleibt
einstweilen dein, bis ich bestimme, wie und wo er uns zu dienen habe. Aus meiner
Hand strmt dir das hchste Glck, das es fr Menschen gibt in Zeit und
Ewigkeit: Du bist vollstndig willenlos und folglich frei von jeder Schuld und
Shne! Tu Alles, was ich sage, ob Gutes oder Bses, der Rechenschaft bist du
fortan enthoben, denn ich bin es, der sie zu leisten hat. Auch ich gehorche nur,
um frei zu sein. Das tut ein Jeder, bis hinauf zum Hchsten! Im Auftrag meines
Herrn belohne ich dir schleunigst jede Tat, durch welche du uns ntzest. Und in
derselben Machtvollkommenheit verzeihe ich dir Alles, wodurch du Andern
schadest, nur nicht uns! Drum sei getrost, mag kommen, was da will! An unsrer
Macht geht jeder Feind zu Grunde!
    Hierauf zog sich die, wie es schien, ganz beliebig dehnbare Gestalt in ihre
vorherige Bescheidenheit zusammen und begann mit mir den Gang durch die Gewlbe,
meine Hand nicht einen Augenblick aus der ihrigen lassend. Es war mir, als ob
ich mit ihr durch ein unsichtbares Rhrchen verbunden sei, durch welches der
Abflu meiner Lebensenergie zu diesem Schatten hinber stattfinde. Es konnte
nicht sehr lange Zeit dauern, so war mein Mut dahin und mit ihm auch die Kraft
zum Widerstande. Ein Vampyr geistiger Natur! Ein schwammiges Gespenst von
unersttlicher Porositt! Durfte ich mir zumuten, ihm die Hand so lange zu
lassen, bis ich gesehen hatte, was ich sehen wollte? War ich dann nicht
wahrscheinlich schon so willenlos, da ich sie ihm nicht mehr entziehen konnte?
Ich wagte es, denn ich glaubte, mich genau zu kennen! Wer Vampyre entlarven
will, der mu es wagen, sie an sich saugen zu lassen, bis sie so voll sind, da
sie ihm nicht entfliehen knnen!
    Es waren viele Rume, durch welche wir kamen, weit mehr, als ich fr mglich
gehalten htte. Lange, niedrige Gewlbe mit schmalen Mauernischen, in denen
dsterrot die wenigen Fackeln brannten. Alles Wertvolle, was sich einst in den
untern Etagen befunden hatte, war hier aufgestapelt. Dazu die kstlichsten
Schmuggelwaren aus allen Lndern, Zonen und Gedankenreichen. Ich dachte an
unsern Fund im Innern des Birs Nimrud. Aber was wir dort gesehen hatten, war
Bettelarmut gegen diesen Reichtum hier! Und dort gab es kein Leben in der Tiefe.
Hier aber huschten zwischen diesen Schtzen geschftige Dmonen hin und her, die
alle Hnde voller Arbeit hatten. Unhrbar waren alle ihre Schritte, und Alles,
was sie taten, erzeugte nicht das mindeste Gerusch. Die Gieresblicke, die sie
auf mich warfen, verrieten mir, wie hei sie mich begehrten. Doch wenn sich
einer nahte, die Hand nach mir zu strecken, so schwoll mein Fhrer zum Giganten
auf und schleuderte den Schwachen auf die Seite. Das war die Kraft, die er von
mir zu sich hinberzog. Da er mich hatte und sie aber Keinen, von dessen
Uebermacht sie zehren konnten, war er fr sie der groe Held des Tages, von dem
sie sich fr heut beherrschen lieen.
    Ich wollte wissen, was sie alle taten, und blieb zuweilen stehn, um
zuzusehen. Mein Fhrer glaubte, mich fr immer in seiner Hand zu haben, und
zeigte mir ganz offen, was man trieb. Es wurde hier geflscht, geflscht und nur
geflscht! Das Echte hatte man der Auenwelt entzogen, das Wahre, Reine, Edle
hier versteckt. Die Tuschung und den Schein, die Falschheit und Entstellung
verfertigte man hier und trug sie dann hinaus als ehrliche, rechtschaffne, gute
Ware! Und diese Arbeit ging sehr flott von statten. Ich sah, es war ein
glnzendes Geschft! Ein einziger Verrat, dem es gelang, ans Tageslicht zu
kommen, bedeutete fr dieses Flschertum sofortigen Ruin! Daher die einz'ge
Wahl: Mitmachen oder Tod! Wozu von Beidem wrde ich, wenn man mich zwingen
sollte, mich wohl entschlieen?
    Bei diesem Gedanken entri ich dem Schatten meine Hand mit einem so
unerwarteten, krftigen Rucke, da er beraus schnell und klein zusammenfuhr. Er
dehnte sich aber hierauf sofort zur riesenhaften Gre aus und donnerte mich an:
    Was fllt dir ein! Diese Hand gehrt mir, denn du bist mein Eigentum! Gib
sie augenblicklich wieder her!
    Ich wute, da jetzt der Kampf zwischen mir und ihm beginnen werde. Und die
anwesenden Sillan ahnten das wohl auch. Sie drngten sich herbei. Ich schob sie
auseinander, um zur nchsten Nische zu gelangen, ergriff die dort brennende
Fackel und drehte mich dann mit ihr nach ihnen um. Was geschah? Sie
verschwanden. Sie versteckten sich hinter ihre aufgehuften Waren; sie waren
eben Schatten, die, bei Licht betrachtet, hinter ihre Gegenstnde gehren. Nur
der Eine blieb. Er allein hatte Mut, nmlich meinen Mut, von mir in seine
wesenlose Schwammigkeit hinbergesaugt. Wir standen, beide hoch aufgerichtet,
vor einander. Er schaute mir mit einem vernichtend sein sollenden Blicke in die
Augen; ich ihm ebenso! Jetzt galt es, Wahrheit gegen Lge, Person gegen
Schatten, Individualitt gegen Scheinmenschlichkeit, Licht gegen Finsternis!
    Ich sprach kein Wort, er auch nicht. Ich wollte nicht, und er konnte nicht.
Ich sah ihn fest und unverwandt an und zuckte mit keiner Wimper. Er wollte
diesem Blicke standhalten, mute aber bald die Augen senken. Ich stand still,
fest, unbewegt; er begann zu wanken, zu zittern, endlich gar zu flackern wie die
Flamme meiner Fackel. Dann wurde er kleiner, immer kleiner, sank nieder, bis er
auf den Boden lag, und kroch da langsam an mir vorber, um nach hinten zu
kommen. Und als er da so vor mir bebte und sich so ngstlich vor mir wand, da
fhlte ich, da die mir gestohlene Kraft und Energie zurckkehrte, bis er nicht
mehr eine Spur von ihr besa und in seiner ganzen Ohnmacht hinter mir am Boden
lag. Da drehte ich mich zu ihm um, die Fackel in der Rechten. Er floh zur linken
Seite, nach der Wand, und versuchte, sich an dieser aufzurichten. Als ich
hinberschaute, wendete auch er das Gesicht. Denn ein wahrhaftiger und ehrlicher
Mensch hat es noch nie erlebt, da so ein entlarvter Lgner und Betrger es
wagte, ihn offen anzusehen. Diesen Mut besitzt er nur dann, wenn es ihm gelungen
ist, sich durch den Diebstahl fremder Charakterhaftigkeit das Ansehen zu geben,
da er auch eine Art von Person und nicht blo nur ein nichtiger,
bedeutungsloser Schatten sei!
    Das war der Sieg, in aller Stille, ohne jeden Zorn und ohne alle Worte! Und
nun auch dieser Schatten berwunden war, begann ich den Rundgang durch die
Gewlbe von Neuem, um besser und tiefer zu sehen, als ich vorher gesehen hatte.
Ich war allein. Es getraute sich nichts mehr an mich heran. Wo ich mit meiner
Leuchte erschien, verkroch sich jeder Schatten augenblicklich. Der meinige
schlich zwar bestndig hinter mir her, wagte aber nicht, sich wieder zu erheben.
    Bei diesem meinem zweiten Rundgange bemerkte ich, wenn nicht zu meinem
Schrecken, so doch zu meiner Ueberraschung, da die Tr, in welche die Treppe
eingemndet hatte, nicht mehr vorhanden war. Ich wute die betreffende Stelle
ganz genau. Die Gegenstnde, welche ich bei meinem Eintritte zuerst gesehen
hatte, standen und lagen alle noch an ihrem Orte. Aber anstatt der Tr gab es
jetzt nur Mauer, starke, dicke, undurchdringliche Mauer! Ich suchte darum mit
allem Fleie nach einem zweiten Ausgange, fand aber keinen andern als nur den am
Sdende dieses Baues. Auch dieser fhrte zum jhen Sturz hinunter in das Bassin.
Er war weder vermauert noch verschttet, sondern bestand aus einer hlzernen,
unverschlossenen und unverriegelten Tr, welche durch einen leisen Druck
geffnet werden konnte. Das sah so unschuldig aus, ganz genau so, als ob sie in
ein weiteres Gemach oder Gewlbe fhre; aber wehe dem, der diesem Betruge
traute! Ich ffnete sie und leuchtete hinaus. Gleich hinter der Schwelle hrte
der Fuboden auf. Der Abgrund ghnte aus dem tiefen Wasser herauf, und eine
kalte, feuchte Luft roch nach Verwesungsgasen.
    Ich machte wieder zu und wendete mich zurck. Wie hatte der Warnende drauen
vor dem Bau gesagt? Die Starken sah ich niemals wiederkehren! Ja, sie hatten
zwar widerstanden, waren aber nicht auf den Gedanken gekommen, nach einer Fackel
zu greifen, um die Schatten von sich abzuweisen. Nach einem Ausgange suchend,
waren sie von ihnen zu dieser Tr gewiesen worden und hierauf ahnungslos
hinabgestrzt.
    Ich dachte an die verkalkten Leichen auf dem Grunde des Bassins, welche grad
unter dieser Tr im tiefen Wasser lagen, da hrte ich Schritte, welche vom
andern Ende des Gewlbes kamen, und als der Betreffende in den Scheinkreis
meiner schon fast ganz herabgebrannten Fackel trat, erkannte ich ihn sofort. Er
war der Lauscher mit dem weien Haare und den Dolchaugen, der mich in der
vorigen Etage von dem Schutthaufen aus beobachtet hatte. Hinter ihm eine so
groe und so dicht zusammengedrngte Menge von Schatten, da sie gar nicht
einzeln unterschieden werden konnten, sondern zusammen eine kompakte Finsternis
bildeten. In meine Nhe gekommen, blieb er stehen und rief mich an:
    Was will der Ustad hier in meinem Reiche? Der grte Feind, den ich auf
dieser Erde habe! Du suchst nach einer Tr, mir wieder zu entschlpfen! Fr
dich, der mich vernichten will, gibt's keine!
    Er trat noch mehrere Schritte auf mich zu. Indem er dies tat, wurde er hher
und immer hher. Nun berragte er mich um Kopfeslnge und auch um eine ganze
Schulterbreite. Seine Stimme klang fest, stark, keinen Widerspruch erwartend.
Ich sah ihm ruhig in die stechenden Augen, denn es galt hier einen zweiten, aber
andern Kampf, und wer siegen will, mu ruhigbleiben knnen.
    Es wurde dir gesagt, da ich dich sprechen wolle, fuhr er fort. Es sei
dir hier die Audienz gestattet. Nun sag, um welche Gunst du mich zu bitten
hast!
    Ich hre, da ich mich im Schattenreich befinde, antwortete ich. Es sei
die Wahrheit noch so sonnenklar, der Schatten wendet sie gewi zur Lge! Mir
fiel es nicht im tiefsten Traume ein, mit dir auch nur das kleinste Wort zu
sprechen. Du aber lieest mir durch eines deiner Nichtse sagen, da du den
Wunsch besest, mich zu sprechen. Wer ist es nun, der Audienz erteilt? Wer ist
der Wnschende, und wer ist der Gewhrende? Und eine Gunst? Von dir? Fr mich?
Du bist verrckt! Doch wird es mir vielleicht ergtzlich sein, zu hren, was die
Narrheit von mir fordert. Drum sprich!
    Tuschte ich mich, oder war es wirklich so? Seine Hhe nahm wieder ab, auch
seine Breite. Und seine Stimme klang nicht so voll und so gebieterisch wie
vorher, als er jetzt erwiderte:
    Du sprichst ja ungeheuer stolz, Ustad! Doch werde ich dich schnell zur
Demut bringen. Du bist der Erste nicht und sicherlich auch nicht der Letzte! Ich
wei es, was geschah, als du den Berg betratest, das Reich des Zauberers, des
Schwachheitshassenden zu sehen. Man warnte dich. Man sagte dir, da du nur
zwischen Schatten oder Tod zu whlen habest. Du kamst trotz alledem. Nun bist du
mir verfallen. Nun whle!
    Whlen? fragte ich. Wer kann es wagen, mich vor eine Wahl zu stellen, die
mir von dem, was mir beliebt, nichts bietet! Gibt es hier eine Wahl, so lautet
sie: Du oder ich; nichts weiter. Natrlich whl ich mich!
    Da trat er mir wieder einen Schritt nher und fragte mich in giftig
zischendem Tone:
    Nicht Schatten willst du sein? Der Schatten von mir, der ich der Herr und
Meister bin, dem Keiner widersteht?
    Versuch es doch, ob ich nicht widerstehe!
    So bleibt dir nur der Tod!
    Der eine deiner grten Lgen ist! lachte ich. Mit diesem Tode konntest
du nur jene schwachen Kpfe schrecken, die nicht erkannten, da er nur ein
Hirngespinst zu ihrer Knechtung sei. Indem sie ihren Leib vor dieser
Vogelscheuche retten wollten, verfielen sie dem Geist- und Seelenmorde. Zeig mir
doch diesen Tod, den lcherlichen Schatten, den nur das Leben der Betrognen
wirft, weil ihm das falsche Licht der Lge leuchtet!
    Du hast ihn schon gesehen! rief er aus. Ich stand von Weitem, als du
ffnetest und ihm ins kalte, feuchte Antlitz schautest. Wagst du vielleicht, es
noch einmal zu tun?
    Da ri ich die Tr auf, zeigte hinaus und sagte:
    Geh doch voran, zu zeigen, wo er steht! Hast du den Mut? Ich la nicht auf
mich warten!
    Es stieg bei diesen Worten in mir ein Entschlu auf. Woher er kam? Ich wei
es nicht. Wohin er fhrte? Hier durch diese Tr. Ich fhlte, da seine Khnheit
mir die Wangen rtete und meine Augen leuchten lie. Und whrend ich dies
empfand, kam mir im Traume das Bewutsein, da ich trume und da ich ich und
nicht der Ustad sei. Sonderbar! Auch in den Zgen meines Gegners ging eine
sichtbare Vernderung vor. Er sah mich starren Blickes an, erst berrascht, dann
verwundert, staunend, endlich gar betroffen. War es ein Wehe- oder ein Jubelruf,
den ich hierauf von seinen Lippen hrte:
    Ustad, Ustad - - - was ist mit dir?! - - - Dein Gesicht wird ein ganz
anderes! - - - Du bist nicht mehr der Ustad, nein, nein - - - nein! - - - Wer
aber bist du denn? Etwa der fremde Effendi, der jetzt bei ihm im hohen Hause
wohnt und unten im Birs Nimrud verwegen in die Tiefe stieg, um ihr Geheimnis an
das Licht zu bringen?
    Ja, der bin ich, antwortete ich. Doch trumte ich bisher, da ich der
Ustad sei.
    Da sprang er auf mich zu, fate mich am Arme, schttelte mich und schrie:
    Du trumst, du trumst und bist ein Anderer! Was soll geschehn; was habe
ich zu tun! Ich wei es nicht; ich wei es wahrlich nicht! Wach auf; wach auf!
Ich ffne dir sofort des Berges Tore! Du sollst nicht Schatten sein und auch
nicht sterben! Nur eile fort von hier! Ich selbst will dich hinaus ins Freie
lassen, damit dein Traum ein frohes Ende nimmt und du zu deinem Krper
wiederkehrst, damit er jetzt erwache!
    Da schob ich ihn von mir, sah ihm ruhig in das erregte Angesicht und
entgegnete:
    Dieser Krper ruht in Frieden. Er mag weiterschlafen! Warum soll ich nicht
vollenden, was ich begonnen habe? Ich bleibe hier! Grad deine Angst zeigt mir,
da ich es bin, der hier Audienz erteilt! Ich fordre jetzt von dir, da du
erfllst, was du mir drohtest: Mach mich zum Schatten, oder tte mich! Tu das,
was du von Beiden fertig bringst!
    Da zog sich seine Gestalt noch weiter zusammen. Doch versuchte er, seiner
Stimme die alte Kraft zu geben, als er mir versicherte:
    Wenn du hierauf bestehst, so bist du verloren, denn ich habe die Macht,
Beides wahr zu machen! Indem ich dir folgte, lie ich smtliche Fackeln hinter
dir auslschen und verbergen. Du hast die einzige in deiner Hand, und sie ist
nur noch ein kleiner Stumpf, der kaum noch einige Minuten brennen wird. Dann
kannst du meine Schatten nicht mehr scheuchen. Sie drngen sich an dich und
nehmen dir den Willen und die Kraft, bis du das bist, was du nicht werden
willst: mein Sill!
    Wer kann mich zwingen! Verlscht das Licht, so steht die Tr hier offen!
    Doch drauen auch der Tod!
    Deine Scheuche! Mich aber schreckt er nicht!
    Was war denn das? Es ging jetzt wie ein frohes, verklrtes Staunen ber sein
Gesicht. Und doch klang es wie Angst, als er mich aufforderte:
    Du bist also entschlossen, zu sterben, Effendi! So fordere ich dich auf,
dich vorzubereiten. Du stehst vor deinem letzten Augenblick und hast dich dem
Gebete zuzuwenden. Falte also deine Hnde, und sprich nach, was ich dir
vorzubeten habe!
    Er legte die seinigen zusammen und sah mich an, als ob er ganz bestimmt
erwarte, da ich diesem seinen Beispiele folgen werde. Ich aber sprach:
    Meinst du, da ich dich brauche, dich, dich, wenn ich zu beten habe? Fr
mich ist das Gebet von gttlicher Natur, und darum ist das rechte, wahre Beten
wenn nicht die allergrte, so doch die schwerste und die heiligste der Knste.
Hier aber sah ich nichts als Trug und Flschung, und darum glaube ich, da du
sogar betrgst, indem du betest!
    Da ballte er die Fuste wie zum Kampfe und schrie mich an:
    So stirb in deinen Snden und fahre hin zur Hlle!
    Er holte aus und schnellte sich mit aller Kraft auf mich, um mich
hinabzustrzen, der ich in fast unmittelbarer Nhe der Tr stand. Ich aber wich
blitzschnell zur Seite. Die Gewalt des Sprunges trieb ihn also, anstatt mich zu
treffen, in die Trffnung hinein. Er brllte vor Schreck laut auf und fate
hben und drben an, um sich zu halten.
    Voran mit dir, damit ich Wort zu halten habe! rief ich. Ich la nicht auf
mich warten!
    Ein Sto von meiner Faust, und er flog hinaus ins Bodenlose. Die Fackel in
meiner andern Hand stand im letzten Flackern. Ich schleuderte sie ihm nach. Von
unten klang ein Schrei und dann ein dumpfer Schlag. Vor mir die tiefste
Finsternis und hinter mir das Grausen aller Schatten! Ich trat auf die Schwelle.
Ein einziges Wort, ein allereinziges, klang betend in mir auf. Dann schnellte
ich mich, um nicht am Gemuer anzuschlagen, mit weitem Sprung hinaus in das, was
mir als Tod bezeichnet worden war.
    Die Beine zusammenhaltend, die Arme angezogen und die Augen geschlossen,
fuhr ich in eine Eisesklte, die mich sofort erstarren machen wollte. Aber sie
hatte auch noch eine zweite Wirkung: Es war mir, als ob ich in eine Flut der
Kraft, das Lebens tauche, die nur im ersten Augenblick erschrecke, dann aber
grad das Gegenteil von der Erstarrung bewirke. Der Sprung war hoch gewesen, so
hoch, da ich bis auf den Boden des Wassers niederkam, zu den Verkalkten, die da
unten lagen. Dann breitete ich die Arme aus, tat den bekannten Schlag, um wieder
hochzukommen, und legte mich hierauf, leicht paddelnd, auf die Flut. Nun horchte
ich.
    Hier um mich her war Alles still. Jedoch in einiger Entfernung klang das
Wasser. Es war, als schwimme Jemand dort und hole ngstlich Atem. Ich kannte
wohl die Stelle, an der ich mich befand, jedoch noch nicht die Richtung. Ich war
mit dem Gesicht nach Sd herabgesprungen. Hatte ich das beibehalten, so mute
die Mauer hinter mir liegen. Dort schwamm ich hin und fhlte schon nach einigen
Sten den Stein. Das konnte auch ein Pfeiler sein. Darum griff ich mich an ihm
hin. Es war die Mauer. Ich hatte sie rechter Hand und lag also mit dem Kopfe
nach dem inneren Bassin hin auf dem Wasser.
    Von dorther klang Gerusch. Es rauschte, und es sthnte. War das der
Zauberer? Hatte er sich gerettet? Kannte er die Oertlichkeit? Wute er Etwas
von dem Kanal? Wenn nicht, so war er verloren, wenn ich ihn im Stiche lie. Ich
schwamm also hin, leise, leise, um ihn nicht durch Zurufe vor der Zeit in Angst
zu bringen. Wenn er mich hrte, mute er denken, da ich ihn verfolge, und das
konnte ihn verwirren, so lange er noch auf offenem Wasser war. Ich berechnete
hierbei jeden Sto und jeden Schlag, den ich tat, um zu wissen, wo ich immer
sei.
    Als ich nach meiner Schtzung unter der in der Luft hngenden Mauer
hindurchgekommen war, hrte ich ein lautes, schweres Atmen, als ob sich Jemand
anstrenge, an irgend Etwas emporzukommen. Das war dort beim Riesenpostamente.
Ich nherte mich ihm. Nun hrte ich nichts mehr. Dann aber klang eine halblaute,
doch hier in diesem akustischen Raume sehr vernehmliche Stimme:
    Ist er tot? Ich hrte nichts! Mein Gott und Herr, la ihn doch leben!
Erhalte ihn, den Ersten, den Allerersten und den Einzigen, der ber unsre
Vogelscheuche lachte!
    Das war ja ein Gebet! Und zwar fr mich! Kein angelerntes sondern
eingegebenes! Da durfte und mute ich allerdings antworten.
    Ich lebe, denn es gibt ja keinen Tod! sagte ich in gewhnlichem Tone, und
doch erdrhnte es, als ob es mit aller Kraft der Stimme hinausgerufen worden
sei. Die Schallwellen fluteten unter der hngenden Mauer hinaus in das vordere
Bassin, und da hrte ich es von Sule zu Sule durch die Finsternis weiter und
weiter klingen: Keinen Tod - - keinen Tod - - keinen Tod - - keinen Tod - - Tod
- - Tod - - Tod!
    Du bist es, Effendi, du? fragte er.
    Ja.
    Komm, rette mich!
    Sogleich! Wo befindest du dich?
    Da, wo du mich - - mich - - mich - - ich darf es dir nicht sagen. Das mu
von selbst geschehen!
    Was?
    Komm herauf! wiederholte er, ohne auf dieses mein Was? einzugehen.
    Ich erreichte den Sockel. Im Wachen war er mir ganz unersteigbar
vorgekommen; jetzt aber, im Traume, gelang es mir fast leicht, mich
hinaufzuschwingen. Er hockte auf der einen Seite der Figur; ich setzte mich auf
die andere.
    Sei still! bat er.
    Warum? fragte ich doch.
    Warte! Es wird kommen. Wir werden auch noch sehen!
    Ich schwieg also.
    Wie kam es doch, da ich nicht fror, obgleich ich mich in dem eiskalten
Wasser befunden hatte und nun so still auf dem ebenso kalten Steine sa? Wohl,
weil ich doch nur trumte! Es herrschte die tiefste Stille um uns her, und nur
von weitem war es, als ob es drauen im vordern Bassin ein leises, leises
Flstern gebe, wie Gedanken, welche aus dem Wasser steigen und lebendig zu
werden beginnen. Und aber dieses Wasser! Und die auf ihm liegende, dichte
Finsternis! Wie war es doch mit diesen beiden?! Man spricht von Wrme und Klte.
Je grer die Klte wird, umso deutlicher fhlt man sie als Wrme. Man sagt dann
meine Ohren brennen. Ist es mit Licht und Finsternis vielleicht so hnlich?
Kann die Finsternis verdichtet werden, so verdichtet, da sie die Wirkung des
Lichtes bekommt? Das schien jetzt hier von unserm Sitze aus der Fall zu sein.
    Das war hier nur so im ganz, ganz Kleinen. Aber so wie hier konnte es,
freilich im unendlich Groen, gewesen sein, als sich einst am Anfange das Licht
von der Finsternis zu scheiden begann. Das Licht wurde aus seiner Gefangenschaft
errettet, aus seiner Latenz befreit, aus seiner Verzauberung erlst und schwamm
zunchst als Phosphoreszenz, so fast wie Wasserleuchten, auf dem Dunkel. Dann
zog es Fden, erst feine, doch immer deutlicher werdende Fden, die nach und
nach Maschen bildeten, in denen es wie von geschliffenen Perlen strahlte. Und in
gewisser Hhe darber erzitterte es von mrchenzarten, orangebunten Wlkchen, in
denen es von Liliputelektrizitten bestndig wetterleuchtete, bis sich die Luft
von aller Finsternis gereinigt hatte und eine Schicht entstanden war, in der man
endlich, endlich das, was sich in ihr bewegte, sehen konnte.
    Und diese Schicht war es, die uns nach einiger Zeit erlaubte, zu bemerken,
da drauen im vorderen Bassin Wellenkreise geworfen wurden, welche unter der
schwebenden Mauer hereinkamen und bis zu unserm Postamente fluteten, an dem sie
sich leicht kruselnd brachen.
    Es beginnt! flsterte der Zauberer.
    Das klang so ngstlich, und ich hrte, da er sich wie nach innen
schttelte. War das nur die Folge seines Sturzes? Oder gab es auerdem noch
andere, wohl innerliche Ursachen?
    Die erwhnten Wellenlinien wurden enger und bewegter. Es kam Etwas
geschwommen. Wer oder was? Menschen auf keinen Fall! Gab es Tiere hier, grere
Tiere? Denn nach dem Radius der geworfenen Kreise konnte es kein kleines sein!
Da kam es - - unter der Mauer hindurch - - ein Totenkopf - zwei Schlsselbeine -
zwei halb im Wasser verschwindende Schulterbltter - zwei Knochenarme, welche
nach beiden Seiten ausgriffen, um zu schwimmen - - - Ich kannte das: Es war das
Gerippe von dem Sulensteine am zweiten Seitenkanale. Es kam bis fast an das
Postament herangeschwommen, hielt da an, schaute zu uns herauf und sagte:
    Nicht blo Einer - - - sondern Zwei?! Ihr armen, armen Menschen! Den Leib
gerettet, wie ich einst den meinen - - - auf einen Stein, der kein Erbarmen
kennt - - -! Doch nur fr kurze Zeit, bis Ihr verschmachtet, verfluchend
niedersinkt und zum Skelette werdet, so wie ich!
    Wer bist du? fragte ich ihn.
    Ich bin der erste Fluch, der hier erschallte. Und du?
    Ich bin vielleicht, vielleicht der erste Segen.
    Da tat das Gerippe mit den entfleischten Armen einen Schlag auf das Wasser,
da es bis an die Lendenwirbel emportauchte, und rief aus:
    Verstehe ich dich recht? Du willst nicht fluchen, sondern segnen, segnen?
    Seine Stimme drang in das vordere Bassin hinaus. Segnen - - - segnen - - -
- segnen - - - - - segnen! ertnte es dort von Sule zu Sule, wie ein Befehl
fr die Toten, zu erwachen.
    Das wird sie wecken, sagte er; sie alle, alle, alle. Denn solches Wort
ist hier noch nicht erklungen!
    Und sie kamen, Viele, Viele, Viele! Unhrbar, vollstndig unhrbar! Kopf an
Kopf versammelten sie sich hinter ihm! Kopf an Kopf zog ihre Menge sich unter
der Hngemauer in die Unsichtbarkeit hinaus. Wie mich das packte, so ungefhr
mu es den letzten Menschen sein, wenn der Hammer aushebt, um die Stunde des
Gerichtes zu schlagen. Segen oder Fluch? Seligkeit oder Verdammnis! Still war
es, still. Keiner der Kpfe regte sich und keines der Wasser bewegte sich mehr.
Nur der Zauberer hier oben bei mir bebte; denn alle, all die leeren
Augenhhlen waren starr herauf nach uns gerichtet. Und das Gerippe sprach:
    Heut ist der erste Tag des neuen Mondes, der Tag, an dem wir stets aus
unserm Schlaf erwachen, um zu vollenden, was wir einst beschlossen. Der Tag der
Arbeit an dem Werk der Rache!
    Er gab dem letzten Worte einen solchen Nachdruck, da der Schall desselben
im vordern Becken wie eine Brandung wirkte. Rache - - Rache - - - Rache - - - -
Rache! wiederholte dort das Echo brllend. Es folgte ihm ein lautes Knarren,
Knattern, Knirschen, als ob der Fels vor dem Zerbersten stehe, und dann klang
jener langgezogne, fauchend scharfe Ton, der warnend bers Eis erklingt, wenn
Risse sich erzeugen.
    Habt Ihr's gehrt, wie mchtig schon das Wort an Sulen rttelt? fragte er
zu uns empor. Wie mssen sie dann erst vor unsrer Kraft erzittern! Wir wuschen
seit Jahrtausenden sie aus, zernagten ihre Strke und kratzten an dem alten
Gleichgewicht, bis von ihm nur so viel noch brig war, da es verschwinden wird,
sobald wir wollen! Das ist die Hlfte unsers Werkes, die Zerstrung!
    Zerstrung - - Zerstrung - - - Zerstrung - - - - Zerstrung! donnerte
drauen der Widerhall, und das gefhrliche Fauchen ging von Neuem durch das
zerbrckelnde Gestein der Decke. Denn da sie brckelte, hrten wir am Klange
des Wassers, in welches die Bruchstcke fielen. Das Gerippe lauschte auf diese
Gerusche, bis nichts mehr zu hren war, und sprach dann weiter:
    Doch wir zerstren nur, um zu erzeugen. Vernichten wir da drauen allen
Trug, so frdern wir in diesem Raum die Wahrheit. Sinkt dort der Fels
zertrmmert in den Tod, so geben wir ihm hier Gestalt und Leben. Und an
demselben Tag, da drben Alles strzt, wird hier das Wunder neu geboren werden,
da Steine schreien, wenn man Gott nicht hrt! Ihr wit es nicht, bei wem Ihr
Rettung suchtet. Es ist der Fluch, an dessen Fu Ihr hockt! Der Fluch, der
Fluch, der hier so oft erklungen, da er des Steines Seele werden mute! Wir
wuschen diesen Stein mit unsern Trnen aus. Wir meielten mit unsern
Fingerngeln. Und von dem Blute Derer, die bei dem Sturz zerschmetterten, bekam
der Hintergrund die dunkle Farbe. Nun ist es bald vollbracht. Nur noch zwei
Mondestage, den heut und dann noch einen, so sinkt der falsche Segen in die
Nacht, und unser Fluch, die Wahrheit, tritt zu Tage! Doch fehlt uns noch das
Wort fr seinen Sockel, die Zeilen, welche droben sagen sollen, was wir dann
nicht mehr selber sagen knnen, weil wir da drauen mit zerschmettert werden.
Und diese Zeilen fordre ich von Euch.
    Von uns? fragte ich. Warum?
    Es wurde so beschlossen. Der Letzte, der vor der Vollendung kommt, hat auch
das Letzte fr das Werk zu geben. Das ist die Schrift. Wer ist es von Euch
Beiden?
    Hier mein Gefhrte ging voran; ich folgte hinterher.
    So, also du! Was du bestimmst, wird auf den Sockel kommen. Doch hchstens
nur vier Zeilen, keine mehr!
    Und wenn Euch nicht gefllt, was ich bestimme?
    Es hat uns zu gefallen und mu genommen werden.
    Mu?
    Ja, mu! Jedoch bedenke Eins: Die Seele dieses Bildes ist der Fluch; die
Unterschrift wird ihm den Geist verleihen. Gibst du ihm einen Geist, der ihm die
Seele strt, so wird das Werk ein Bild des Wahnsinns sein und du zwingst uns,
von Neuem zu beginnen. Hast du gehrt? Und hast du auch verstanden?
    Beides.
    So sprich nun du!
    Ich folgte dieser Aufforderung sehr gern, stand auf, lehnte mich, um nicht
hinabzuschlpfen, an die Figur des Beters und begann:
    Heut ist der erste Tag des neuen Mondes, der Tag, an dem er aus dem dunkeln
Schatten der Erde tritt, um wieder ihr zu leuchten. Und dieser Tag, so hoffe
ich, soll auch fr Euch das wiederbringen, was Euch der Schatten dieser Erde
nahm - - der Sonne goldnes Licht!
    Ich hatte so laut gesprochen wie er, und darum wurde das letzte meiner Worte
auch hinausgetragen zu den morschen Sulen, an denen es auch ganz dieselbe
Wirkung hervorbrachte, nur da die glucksenden und klatschenden Gerusche der
fallenden Steine dieses Mal viel, viel lnger anhielten als vorher. Und hierauf
ging statt jenes fauchenden Geklinges ein tiefes Rollen am Gewlbe hin, wie wenn
am Horizont ein fernes Donnergrollen das Nahen schwerer Wetter uns verkndet.
    Habt Ihr's gehrt? so fragte ich hinunter. Wenn schon mein Wort um so
viel strker wirkt, um wieviel mehr wird erst die Kraft Euch berlegen sein! Ihr
selbst gestandet ein, da Euer Wort Euch mit zerschmettern werde. Glaubt an das
meinige, so werdet Ihr von ihm hinaus zur Sonne und an das goldne Tageslicht
gefhrt!
    An die Sonne? An das Tageslicht? fragte das Gerippe. Niemals, niemals
werden wir sie beide wiedersehen! Auch du nicht! In keiner Ewigkeit!
    Er hauchte das verzweifelt vor sich hin.
    In keiner Ewigkeit - - - in keiner Ewigkeit! so seufzte es ihm nach von
Kopf zu Kopf.
    Was hre ich? Ihr gebt ja mir schon Licht! fuhr ich fort. Um wieviel mehr
kann ich nun Euch es bringen! Nur die Verzweiflung war's, die Euch zur Rache
trieb. Das liegt in Sonnenklarheit hier vor meinen Augen! Die Hoffnungslosigkeit
lie Euch den Fluch ersinnen! Du nanntest uns: Ihr armen, armen Menschen; ich
aber sag: Ihr armen, armen Geister! Ihr kamt zu diesem Berg, mit Schatten Euch
zu streiten. Ihr nanntet Wahn, was Ihr vernichten wolltet. Und doch war es ein
noch viel grrer Wahn, der es fr mglich hielt, da es auf Erden Strahlung
ohne Schatten und Wahrheit ohne Tuschung geben knne! Ihr httet alle Wesen
tten und jedes Licht im All verlschen mssen, und damit nur erreicht, da
dieses All in Finsternis versank. Dann freilich gab es keine Schatten mehr; an
ihre Stelle war der eine, einzige, der ewige getreten! Und nicht blo Wahn,
nein, Wahnsinn ist's gewesen, und Wahnsinn ist es noch in diesem Augenblick, da
Ihr den Schemen flucht, anstatt der eignen Torheit! Wer zwang Euch denn,
hinauszutreten in den Schlund, wo jeder Menschengeist den festen Halt verliert?
    Gab es denn einen andern Weg ins Freie? fragte er. Der Eingang war
verschwunden!
    Auch ich sah ihn nicht mehr. Doch wute ich, da er sich dem Gebete zeigen
werde, auf welches mich der Warnende verwies. Hat er nicht auch zu Euch davon
gesprochen?
    Er sagte es, doch beteten wir nicht.
    Warum nicht?
    Ist das Gebet fr so erhabne Geister, die wir waren?
    Fr so erhabne Geister! Ach so! Entschuldigt mich! Verzeiht, da ich, der
arme, kleine Mensch, es wage, zu Euch zu sprechen, die Ihr so erhaben seid, da
Ihr nicht einmal mehr mit Gott, dem Hchsten, redet! Wie sehe ich Euch doch so
gro und herrlich hier in den Fluten Eures Irrsinns liegen! Ihr kamt mit
Ueberhebung zu dem Berge, gingt stolz erhobnen Hauptes durch die Schatten und
hobt in selbstbewundernder Vermessenheit den Fu, auch noch die letzte Tre zu
durchschreiten. Und nach dem Sturz in dieses Geistesdunkel, was tatet Ihr? Was
habt Ihr unternommen? Ihr wurdet von dem Warnenden auf das Gebet verwiesen. Es
htte Euch sofort das Licht gebracht. Habt Ihr gebetet? Nein, geflucht,
geflucht! Und wem habt Ihr geflucht? Etwa dem eignen Wahnsinn, der Euch strzte?
Nein, sondern denen, die sich wehren muten, weil Ihr es ihnen nicht einmal
erlaubtet, zu bleiben, was sie waren - - - arme Schatten! Ist Einer unter Euch,
der etwa glaubt, sich gegen mich verteidigen zu knnen?
    Es blieb eine Weile still; dann sagte das Gerippe:
    Du wirfst uns vor, da wir nicht beteten, damit der Eingang sich uns wieder
ffne. Sag, betetest denn du?
    Nein.
    Hast also ganz dasselbe unterlassen und darum nicht das Recht, uns
anzuklagen!
    Ich unterlie es nicht; ich kam nur nicht dazu. Mich fhrten berhaupt ganz
andre Grnde als Euch in dieses drohende Gemuer. Ich kam nicht, zu verderben,
nein, sondern zu erretten! Auch hatte ich das Ende wohl bedacht und war nicht so
verrckt, die Bodenlosigkeit fr festen Grund zu halten. Ich habe Alles, was ich
sah, studiert, kalt und gemessen, wohlbedacht und ruhig. Und eben als ich damit
fertig war, erschien der Zauberer und - - -
    Du erschrakst und sprangst herab zu uns! fiel das Gerippe schnell ein.
    Nein. Ich blieb stehen, lie ihn herankommen und sprach mit ihm.
    Du bliebst - - - stehen? Du sprachst - - - sprachst mit ihm? Das hat
Keiner, Keiner, kein Einziger von uns gewagt! Hast du denn nicht gewut, da
dieser Zauberer der Wahnsinn ist? Auf wen sein frchterliches Auge fllt, der
wird verrckt, verrckt - - - sofort verrckt! Wir alle, alle flohen, als er von
fern erschien, und das Entsetzen trieb uns hier herunter. Und du bliebst stehn!
Hast gar mit ihm gesprochen! Mensch, solche Khnheit ward noch nicht gesehen!
    Da wiederhole ich: Ihr armen, armen Geister! Wo bleibt da die Erhabenheit,
wenn jeder Unsinn sie in Wahnsinn strzt!
    Du kamst doch auch herab!
    Jawohl, ich kam. Doch aber nicht vor Schreck! Ich sprang aus freiem Willen,
ganz ohne Zwang herunter, damit er sehen mge, da ich nicht ihn und auch den
Tod nicht frchte.
    Selbst - - selbst - - - selbst heruntergesprungen! stie das Gerippe
hervor, und das Wasser, in dem es lag, zitterte, als ob an und in dem Skelette
Alles in Erschtterung sei.
    Selbst - - selbst - - - selbst heruntergesprungen! so klang es von Kopf zu
Kopf bis weit hinaus ins vordere Gewlbe.
    Er frchtet nicht den Tod! sagte das Gerippe.
    Nicht den Tod - - nicht den Tod - - - nicht den Tod! ertnte es hinter ihm
weiter und weiter.
    Warte, warte, warte! Wir kehren bald zurck!
    Diese Worte galten mir. Dann setzte sich die ganze Schar in unerwartet
schnelle Bewegung, um aus dem hintern Wasserbecken zu verschwinden. Durch das
vordere aber ging ein Flstern, Raunen, Murmeln und Summen wie von vielen
Tausenden, die nicht auf dem Wasser, sondern unten auf dem tiefen Grunde
miteinander sprchen. Nach einiger Zeit kehrten sie wieder, genau so, wie sie
zuerst gekommen waren. Das Gerippe nahm seine alte Stellung dem Sockel gegenber
ein und sprach:
    Heut ist der erste Tag des neuen Mondes, der Tag, an dem er aus dem dunkeln
Schatten der Erde tritt, um wieder ihr zu leuchten. Und dieser Tag, so hoff ich,
soll auch uns das wiederbringen, was uns die Erde nahm, der Sonne goldnes Licht!
Du hrst, ich spreche schon mit deinen Worten. Vielleicht geschieht es noch, da
wir nach diesen Worten handeln. Kennst du die Sage vom verzauberten Gebete?
    Nein, antwortete ich.
    Nicht! So drfen wir dir um so mehr vertrauen! Der Letzten einer, welche zu
uns kamen, herabgestrzt wie wir, durch eigne Schuld, war vorher drben in dem
Land gewesen, wo seit fast ungezhlten, vielen Jahren ein wunderbarer Geist in
tiefer Hhle wohnt. Man nennt ihn darum Ruh-y-Kulian, doch, steigt er einmal zu
den Menschen nieder, so naht er sich in weiblicher Gestalt, trgt weies Haar,
fast bis zur Erde nieder, und fhrt den Namen Marah Durimeh. Er traf auf sie in
rmlich kleiner Htte und sprach mit ihr vom groen Menschheitsweh. Doch war ihm
ihre Rede nicht begreiflich, denn was sie sagte, klang so wirr, so falsch, da
er sehr bald sich rgerlich entfernte, vollstndig berzeugt, da er mit einem
alten, verrckten Weib gesprochen habe. Als aber er am nchsten Tag erfuhr, da
ihm das seltne Glck beschieden sei, den Ruh-y-Kulian gesehn zu haben, erschien
ihm jedes Wort in andrem Lichte. Er dachte nach, und wie er weiterdachte und
das, was sie gesagt, sich wiederholte, stieg in ihm mehr und mehr die Ahnung
auf, da er im Irrtum sei, nicht aber sie. Sie gab ihm, als er ging, die Sage
vom verzauberten Gebete auf den Weg. Doch er, der sich fr klug und weise hielt,
warf sie von sich, als lcherliches Mrchen. Erst hier, im allertiefsten
Erdenweh, stieg diese Sage wieder in ihm auf, und als wir einst hier an dem
Bilde schafften, erzhlte er von jenem andern Bilde und von der Greisin Marah
Durimeh. Das war fr uns der erste Mondestag, nach welchem wir, still hoffend,
schlafen gingen. Was wir bisher fr ganz undenkbar hielten, das war nach dieser
Sage Mglichkeit! Doch schwer, unendlich schwer, weil nicht an eine, nein, an
soviel Bedingungen geknpft, da sie ein Mensch fast nicht erfllen konnte. Denn
merke wohl, ein Mensch war vorgeschrieben, ein Einziger, der aber Alles tat! Und
ohne Ahnung hatte er zu handeln, genau wie du, der nichts von Allem wei!
    Wie sonderbar! Das klang ja wie ein Mrchen!
    Hab ich denn schon bereits Etwas getan, was in der Sage vorgeschrieben
ist? fragte ich.
    Du kamst nicht, um die Schatten zu vernichten. Du hieltest jenem Zauberer
fest Stand. Du schenktest dem Gebete vollen Glauben. Du hattest vor dem Tode
keine Angst. Du sprangst aus freier Absicht in die Tiefe. Das Uebrige mu noch
verschwiegen bleiben, weil du ja ohne Wissen handeln mut. Doch sag uns jetzt
das Eine, furchtbar Eine, vor dem wir beben, sei es ja, seis nein! Wer strzte
diesen Andern zu uns nieder, der noch kein Wort bisher gesprochen hat?
    Ich. Er wollte mich hinaus ins Dunkle stoen. Ich wich ihm aus und gab ihm
einen Hieb, da er es war, der zu Euch niederflog.
    Und dann?
    Dann warf ich ihm den Stumpf der Fackel nach und folgte hinterher.
    Warum, warum, warum sodann auch du? fragte er schnell und dringend.
    Um ihn vielleicht zu retten.
    Zu retten! Ihn - - ihn - - - ihn!
    Er warf den Knochenarm als Zeichen der Verwunderung empor und fragte dann
fast schreiend:
    Wer ist er aber denn? Sag, wer, wer, wer!
    Wer, wer, wer! rief jeder Kopf, und Wer - - wer - - - wer - - - wer!
scholl es hinaus, da alle Sulen drhnten.
    Der Zauberer! antwortete ich.
    Der Zauberer! wiederholte das Skelett, und mit versinkender Stimme fgte
er hinzu: Also doch er, er er!
    Er - - - er - - - er - - - er - - - verklang es hier im Bassin. Drauen
aber war es still, unheimlich still!
    Jetzt drehte sich das Skelett den Kpfen zu. Es ging ein hier oben bei mir
unverstehbares Wispeln und Lispeln herber und hinber. Dann wendete es sich mir
wieder zu und sagte:
    Ich wei, du hattest uns noch viel zu sagen, um uns zu berzeugen, was wir
waren, und da wir durch Jahrtausende hindurch nur unserm Wahn und Hirngespinste
dienten. Du httest uns wohl niemals berfhrt; da kam die Sage Marah Durimehs
und zeigte uns, was wir vorher nicht sahen. Nun mu ich dir gestehn: Du hast
gesiegt, gesiegt, noch ehe du zu Ende bist! Soll ich es dir beweisen?
    Nein. Ich kenne den Beweis.
    Mensch! Du bist unheimlich!
    Das glaube ich! Erhabenen Geistern wird es stets beklommen, wenn auch der
Mensch einmal zu denken wagt, und knnen sie nicht auf Gedanken kommen, so wird
dann gtigst er um Rat gefragt! Euer Beweis ist der Zauberer. Wenn er in andrer
Weise unter Euch geraten wre, so wrdet Ihr statt Geister Teufel sein. So aber
steht er unter Menschenschutz und ist darum selbst hier am Bild des Fluches der
Menschlichkeit, der frheren, empfohlen!
    Du sprichst so spitz, wie seine Augen blickten. Du triffst so tief, wie wir
ihn treffen wollten. Wir haben es verdient. Vergib uns unsre Schuld!
    Vergib uns unsre Schuld - - - vergib uns unsre Schuld! klang es von Kopf
zu Kopf und auch hinaus ins vordere Bassin.
    Da bog ich mich in groer, groer Freude so weit wie mglich vor und sprach:
    Was habe ich gehrt? Das war ja ein Gebet! Die Seele naht, die Seele Eures
Bildes. Der Fluch kann niemals, niemals Seele sein. Und soll der Stein an Gottes
Stelle reden, der nichts und nichts und nichts als segnen kann, so gebt ihm
Hnde, welche benedeien!
    Und du, gib ihm die Worte fr den Sockel!
    Wann?
    Jetzt, sogleich!
    So hrt!
    Sie drngten sich zusammen und kamen nher herbei. Dadurch wurde Platz fr
noch viele von denen, welche drauen waren. Sie kamen herein. Ich sagte, nicht
berlaut, doch langsam und vernehmlich:

Gesegnet sei, wer nach der Wahrheit suchte
Und ihr zu Fen auch den Irrtum fand.
Drum leg ich ihn, den ich bisher verfluchte,
Mein Gott und Herr, in deine Gnadenhand!

    Nach diesen Worten gab es da unten im Wasser eine so tiefe Stille, da ich
den befreiten, seligen Atemzug hrte, der mir von drben, wo der Zauberer sa,
zugeweht wurde, und hierauf die leise, leise Wiederholung:
    Mein Gott und Herr - - - in deine Gnadenhand - - -! Den Irrtum - - - also
mich - - mich - - mich! Nun nur noch Eins, noch Eins!
    Da regte sich das Gerippe, und es klang wie schluchzend zu mir herauf:
    Er flucht dem Irrtum und der Tuschung nicht! Aber er segnet sie auch
nicht, sondern er gibt sie in Gottes Hand! So, genau so will es auch die Sage!
Diese Worte mssen unbedingt, unbedingt eingegraben werden! Noch haben wir zwei
Mondestage Zeit, des Bildes Rachefaust verzeihend zu gestalten. Es soll die
Seele haben, die du ihm geben willst!
    Da stand der Zauberer von seinem Platze auf, hielt sich am Alabaster fest
und machte eine Bewegung, als ob er sprechen wolle. Ich aber kam ihm zuvor und
fragte hinab:
    So ist also der Rache nun entsagt, und Ihr verzichtet auf den
Fluchgedanken?
    Ja, antwortete das Gerippe, und ja, ja - - ja! ertnte es im ganzen
Chore nach.
    So habe ich mein letztes Wort zu sagen.
    Ich bog mich hinber, griff nach des Zauberers Hand und sprach:
    Hier halt ich ihn, den unbedacht Verfluchten. Was er an Andern tat, ist
nicht von mir zu richten. Da er auch mich bedrohte, verzeihe ich ihm gern. Denn
ich will ihn aus seiner Finsternis hinaus zum Lichte leiten! Er sei von dieser
Schuld erlst, sei von ihr - - - frei!
    Das, das das war es, das Eine, Eine noch! hrte ich ihn leise sagen. Aber
was werden nun diese, diese tun da unten?!
    Da schob sich das Gerippe noch einmal weiter vor und richtete seine Worte
nicht an uns, sondern an seine Wahngefhrten:
    Auch was er uns getan, verzeihen wir ihm gern. Er sei erlst von seiner
Schuld, sei von ihr - - - frei!
    Er sei erlst von seiner Schuld, sei von ihr - - - frei! riefen alle, alle
Kpfe. Kein einziger war, der schwieg.
    Frei - - frei - - - frei - - - - frei! erschallte das Echo drauen von
Wand zu Wand, von Sule zu Sule.
    Und nun erhob auch der Zauberer seine Stimme. Sie klang nicht etwa gedrckt,
beklemmt oder gar unterwrfig, sondern hell, rein, klar und selbstbewut, als ob
er es sei, der zu verzeihen habe:
    Ihr gebt mich frei, sagt Ihr? Lat das die letzte Torheit sein, die hier
von Euch geschieht! Wer strzte Euch? Nicht ich! Es war die Angst vor mir, die
Furcht vor dem Gespenste! Dazu der Stolz, der sich zu beten schmte! Ihr dnktet
Euch so gro und so erhaben und wagtet es doch nicht, mir Stand zu halten, da
ich Euch sagen konnte, wer ich sei! Und wenn ich es nun jetzt Euch sagen wollte,
so knntet Ihr es doch unmglich fassen, weil Geisterwahn nicht schnell, nicht
pltzlich heilt. Doch merkt Euch das erlsend wahre Wort: Wer keinen Schatten
wirft, der kann kein Wesen sein und wird vom Menschheitskrper nicht empfunden.
Wenn eine Schuld, ein Frevel auf mir ruht, so seid Ihr wohl die Letzten,
Allerletzten, an die ich mich um Gnade wenden wrde. Denn da Ihr's wit: Wer
mir verzeiht, hat nur sich selbst verziehen. Und weil Ihr dies getan, so will
ich Euern Wahn und Euern Selbstbetrug nicht lnger strafen. Ihr habt geshnt; so
geb ich Euch denn Eure Schatten wieder: Es werde also Licht!
    Licht! rief ich. Licht! rief das Gerippe. Licht, Licht, Licht!
wiederholten alle die Geister, und Licht - - Licht - - - Licht - - - - Licht!
klang es hinaus bis in den tiefsten Winkel, und alle Sulen zitterten und
bebten.
    Da pltzlich war die lichte Schicht verschwunden, die auf der dunkeln Flut
gelegen hatte, und Finsternis lag wieder um uns her. Doch es erklang ein Ton, so
weich und doch so hell, so lind und mild und doch so siegreich klar. Wo kam er
her, und wo lie er sich nieder? Aus einer andern Welt - - - im Bilde neben mir.
Erst war er nur zu hren, doch bald dann auch zu sehen, ein wunderbarer, heilger
Farbenton! Wie Sonnengold, vermhlt mit Himmelsblau! Wo seine Quelle lag? Im
Alabaster! Das Bild ward nicht von auen her beschienen. Es trug das Licht in
sich und warf darum auch keine Spur von Schatten. Erst leise, wie ein
Morgenhauch beginnend, entwickelte die reine, keusche Klarheit sich nach und
nach zum tageshellen Glanze, so da es war, als leuchte uns die Sonne. In dieser
Helligkeit erschien mir das Gerippe und Alle, die in tiefem Staunen lagen, so
fratzenhaft, so schrecklich widerwrtig, da ich mit meinem Blick von ihnen floh
und ihn an der Figur nach oben sandte.
    Was ich da sah, das ward noch nie gesehen, weil keine Kunst noch je so
Schnes schuf! Doch leider stand ich ja so dicht am Bilde, da jetzt nur seine
Gre auf mich wirkte. Wie klein, wie klein kam ich, der Mensch, mir vor!
    Da sprach der Zauberer:
    Es wurde Licht! Soll es nun wachsen, bis es Euch verzehrt? Flieht schnell
hinaus, der Schatten wird Euch retten!
    Es gibt ja keinen Weg; wir sind fr ewig, ewig eingeschlossen, antwortete
das Skelett. Wird dieses Licht zur Schattenlosigkeit, so sind wir alle, alle
hier verloren! Die Sage zwar erzhlt von diesem Einen, da er den Schlssel
Hephata besitze, und bis zu diesem Augenblick ist Alles, was sie sagte,
eingetroffen, doch diese Felsen und Gigantenmauern sind fr das Hephata ja wohl
zu stark!
    Da rief ich aus:
    Ich habe ihn, den Schlssel, und keine Strke kann ihm widerstehen! Ich war
schon einmal hier; da wurde er erprobt. Gebt Raum fr uns da unten! Wir kommen
jetzt hinab und fhren Euch hinaus! - Hinaus, hinaus! jauchzte das Gerippe.
    Hinaus, hinaus, hinaus! jubelten die Andern.
    Hinaus - - hinaus - - - hinaus - - - - hinaus! frohlockte es im vorderen
Bassin, da alle Sulen drhnten und Stein um Stein sich vom Gewlbe lste.
    Ich sprang in das Wasser, der Zauberer mir nach. Indem die Kpfe sich
bemhten, eine Gasse fr uns zu bilden, schaute ich zurck und aus dieser
weiteren Entfernung an dem Bilde hinauf. Es strahlte schon so stark, da mich
sofort die Augen schmerzten. Da wendete ich mich schnell wieder zurck und griff
mit beiden Armen aus, um durch die Wasserflut der Lichtflut zu entgehen. Der
Zauberer hielt sich an meiner Seite. Die Andern folgten; Keiner blieb zurck!
    Der Glanz drang unter der hngenden Mauer auch in das vordere Becken und
verbreitete dort eine Art von Dmmerung, welche mir den Weg gengend deutlich
zeigte. Ich schwamm nicht an den Seitenkanlen vorber, sondern quer zwischen
den Sulen hindurch gleich nach dem Hauptkanale, wo der letzte Lichtreflex
verloren ging und wir uns infolgedessen in tiefster Finsternis befanden. Das
konnte aber nicht stren, weil der Weg uns durch die engen Seitenmauern
vorgeschrieben war. Wir konnten weder rechts noch links abweichen, sondern nur
immer vorwrts, vorwrts, vorwrts, und da die Andern folgten, das hrten wir
an ihrem Schwimmgerusch, welches in dieser steinernen Rhre wie dumpfes
Meeresbrausen rauschte.
    Viel leichter als frher mit dem Boote kam ich durch das Gestrpp hinaus ins
Freie, in den See. Um Platz zu machen, schwamm ich da erst eine Strecke gerade
aus und drehte mich dann um. Der Zauberer war bei mir. Vor mir hielt das
Gerippe. Hinter ihm sah ich seine Scharen, die so zahlreich waren, als ob der
Kanal sich gar nicht entleeren knne. Es kamen immer mehr, immer mehr aus ihm
hervor. Ich sah sie deutlich, denn die Sterne leuchteten, und die schmale Sichel
des ersten Viertels stand grad ber uns am Himmel. War es mglich, da alle,
alle diese Vielen, die ich erblickte und die noch immer nachdrngten, sich da
drin im Berg befunden hatten? Kann es wirklich eine solche Menge von Geistern
gegeben haben, die von ihrer Gedankenhhe strzten, weil ihnen pltzlich dort
der feste Boden schwand?
    Endlich, als die Letzten erschienen waren, erhob das Skelett seine Stimme
und sprach:
    Heut ist der erste Tag des neuen Lebens, der Tag, an dem das Licht uns
wiederkehrte. Wir sind voll Dank und sagen Lob und Preis. Schaut dort hinauf,
zur halben Bergeshhe! Der Mondesstrahl zeigt uns die Rosensulen; ein Tempel
ragt, geweiht dem Dienste Dessen, den unser Hochmut einst nicht anerkannte. Wir
haben es gebt, jedoch nicht bis zum Ende. Noch ist das Werk des Fluches nicht
vollbracht, den wir in Segen umzuwandeln haben. Es soll und mu geschehen, uns
zur Bue. Wir haben nun den Schlssel Hephata. Und was uns tdlich war, des
Bildes Eigenlicht, wird sich im Bergesdunkel schnell verlieren. Dann kehren wir
zurck und lassen jene Faust, die sich im Grimm des Fluches ballen sollte, zur
offnen Hand des Frgebetes werden. Jetzt aber kommt mit mir hinauf zum Tempel!
Adan, der Stern der Erdenmitternacht, erglht grad ber uns am Firmamente. Wir
haben also heilge Geisterstunde und mssen dort hinauf, dem einzig Einen zu
sagen, da wir wieder beten werden!
    Er wendete sich schwimmend der Stelle des Ufers zu, von welcher aus man nach
dem Weg zum Beit-y-Chodeh kam. Die Andern folgten ihm. Ich aber blieb zurck.
Wenn Geister beten, sei der Mensch bescheiden; er kann ihr Kyrie doch nicht
verstehn!
    Auch der Zauberer blieb halten. Wir sahen ihnen eine kleine Weile nach;
dann fragte ich:
    Kommst du mit mir ans Ufer?
    Nicht nur ans Ufer, antwortete er. Ich gehe mit dir heim, hinauf in deine
stille Denkerklause. Da setzen wir uns an das Sternenlicht, und ich erklre dir,
warum es Schatten gibt und Fehler bei den Menschen. Komm!
    Wir schwammen nach der Landestelle und - sonderbar! als ich da aus dem
Wasser stieg, war ich nicht na; auch mein Gewand war trocken. So auch bei ihm.
Er nahm mich bei der Hand. Wir wandelten durch den Duar, den Weg zum Haus empor.
Das Tor war zu. Es ffnete sich selbst, sobald wir es berhrten. Die andern
Tren auch, bis wir in meinem Mittelzimmer standen. Da hrte ich von rechts her
ein Gerusch, als ob ein Schlafender sich anders wende. Ich wollte schnell
hinaus; er aber hielt mich fest und flsterte mir zu:
    Du darfst dich noch nicht wecken! Ich habe dir so viel, so Wichtiges zu
sagen, da du erstaunen wirst, wie sicherlich noch nie im ganzen Leben.
    Wir traten auf das platte Dach hinaus und schauten nach dem Beit-y-Chodeh
hinber. Der Sterne Glanz lag auf dem ganzen Tal; der Tempel aber stand in jenem
Lichte, das aus dem Alabaster hell ertnte - - - im Sonnengold, mit Himmelsblau
vermhlt. Die Geister lagen alle auf den Knieen. Ein ser Rosenduft umwehte
uns. Kam er von drben? Sollte er es sein, der uns die leise, leise Strophe
brachte:

In allen Himmeln leuchten heut die Sonnen;
Auf allen Erden wird zum Tag die Nacht,
Denn was der Wahn im blinden Ha begonnen,
Wird von der Wahrheit segensreich vollbracht!

    Hrst du? fragte der Zauberer. Du wirst es nicht begreifen; ich aber will
dir sagen, was sie meinen. Doch sollst du es nicht nur hren, sondern auch
sehen. Schau mich an!
    Ich tat es. Was ging da mit ihm vor? Seine Gestalt begann, zu verschwinden,
sich wie in Nebel zu verwandeln. Doch nahm dieser Nebel sehr rasch wieder Formen
an, und wer, wer stand da vor mir? Nicht mehr er, der Zauberer, sondern der
Warnende, mit dem ich gesprochen hatte, ehe ich in den Berg gestiegen war. Ich
sah nicht mehr den weibehaarten Kopf mit stechend scharfen, kalten
Feindesaugen, nein, sondern jene freundlich ernsten Zge und jenen weichen,
vterlichen Blick, der bei der Frage, ob ich beten knne, besorgt und doch voll
Hoffnung auf mir ruhte.
    Du wunderst dich, sagte er. Und doch ist nichts geschehen, was zum
Verwundern wre! Wer geistig Mndel ist, den mag der Vormund warnen. Doch den
Erwachsenen, den reifen Denker, den warnt des Irrtums eigne, andre Stimme, die
stets die volle, reine Wahrheit spricht. Und dieser ist kein Vormund berlegen!
Du hast dein Wort gehalten. Bist weder meinem andern Ich noch jenem Wahn
verfallen, der aller Welt den Schatten rauben will, weil er sich selbst fr ohne
Schatten hlt. Du hast mich nicht besiegt und aber doch besiegt. Ich fhle mich
verschuldet und werde quitt mit dir, indem ich dich in das Geheimnis fhre, da
Beide, Licht und Finsternis, den Tod bedeuten wrden, wenn sie sich nicht
vershnt die Hnde reichten, grad ihn in ewges Leben zu verwandeln. Darum die
Wahl, die keine Lge war, obgleich es Tod nicht gibt und doch kein Schatten
lebt: Tod oder Schatten!
    Er setzte sich; so tat ich's also auch. Und nun begann er zu erzhlen: Ein
Menschenleben, ein Geistesleben, und aber doch das ganze Menschheitsleben. Die
Sterne wanderten am Himmel weiter; ich sah es nicht; die Zeit war wie fr mich
nicht mehr vorhanden. Die Sterne schwanden; auch dieses sah ich nicht. Ich
achtete allein auf seine Worte. Im Osten stieg der Morgen bleich empor, doch
schaute ich nicht hin. Mir war ein andrer Morgen aufgegangen. Nun aber kam der
erste Sonnenstrahl und fiel verklrend auf sein Angesicht. Da sprang er auf, zog
mich zu sich empor, berhrte mit den Lippen meinen Mund und sprach:
    Hier diesen Ku fr den, der drinnen schlft! Komm mit hinein, da er dich
wiederhabe! Du wirst gebraucht. Und ich - - - - - -? Wohl noch viel mehr!
    Er nahm mich bei der Hand. Schon unter der Tr blieb er nocheinmal stehen
und sagte leise:
    Er liegt so still und schlft; ich hre seinen Atem. Sobald du dich ihm
nahst, wird er zu trumen haben, was du bei mir erlebtest. Geh langsam, langsam
hin, und gib ihm meinen Ku! Nicht bereilt sei deine Wiederkehr, weil er des
Traumes sich nach dem Erwachen genau erinnern soll. Kein Wort sei ihm verloren!
    Ich folgte dieser Weisung und ging nur Schritt um Schritt quer durch das
Mittelzimmer, dann durch die offne Tr ins Schlafgemach, in welches grad mit mir
der Sonne Licht auch trat. Sein Angesicht begann, sich geistig zu beleben, und
dieses Leben ward um so bewegter, je nher ich ihm kam. Nun war ich dort und bog
mich zu ihm nieder, gab ihm den Gru des Zauberers, der an der Tr noch stand,
und - - - - -
    - - - - - und erwachte aus dem Schlafe, ri beide Augen auf, sah mich aber
schon nicht mehr stehen, sprang eiligst aus dem Bett und dann schnell durch die
Tr hinaus ins Mittelzimmer. Der Zauberer war fort, das Zimmer leer und auch das
platte Dach!
    Getrumt, getrumt! rief ich. Und aber wie getrumt! So deutlich ist noch
nie ein Traum gewesen? War das vielleicht ein sogenannter Wahrheitstraum? Es ist
ganz so, als htte ich's erlebt, als htte ich es wirklich durchgemacht. Ich
sehe Alles noch. Ich hre jede Silbe. Ich werde es mir rekapitulieren. Dann
setze ich mich her, es zu Papier zu bringen. Man kann nicht wissen, ob - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Infolge dieser Arbeit war es ziemlich spt, als ich mein Frhstck nahm.
Dann ging ich hinab, um zunchst mit Schakara zu sprechen. Sie sa in der Halle,
ganz allein, sich einen Schleier sumend.
    Hat dir Marah Durimeh vielleicht einmal die Sage von dem verzauberten Gebet
erzhlt? fragte ich sie.
    Sie sann nach und antwortete dann:
    Nicht mir, sondern einem Fremden. Das war im Dorfe Ohtian des Stammes
Bulanuh.
    Wer war der Fremde?
    Das wei ich nicht mehr, habe es vielleicht auch gar nicht gewut. Er
gefiel mir nicht. Es war eine alte Frau gestorben, die weit drauen vor dem
Dorfe in einer elenden Htte lebte. Niemand bekmmerte sich um die Leiche, weil
sie eine Tumasa52 gewesen war. Da nahm Mara Durimeh mich mit; wir hielten
Totenwache. Ich war noch klein und erst seit Kurzem ihre Schlerin. Der Fremde
reiste durch das Dorf und hielt da drauen vor der Htte an, denn Marah Durimeh
sa vor der Tr und fiel ihm auf. Als er auf einige Fragen Antwort bekommen
hatte, stieg er vom Pferde, um noch weiter mit ihr zu sprechen. Er kam auch
einmal herein, spuckte aber vor der Leiche aus. Warum, das wei ich nicht. Das,
was er sagte, war so gelehrt, da ich es nicht verstehen konnte, und so
hochmtig, da ich die Tote leise bat, ja nicht auf ihn zu hren, weil es die
Sammlung stre, die ihr jetzt ntig sei. Das war der Mann, dem Marah Durimeh die
Sage, bevor er weiterritt, mit auf die Reise gab.
    Also ist es noch gar nicht so lange her, da jene Letzten in die Tiefe
strzten!
    Ich verstehe dich nicht. Was meinst du da?
    Das erzhle ich dir nachher. Kannst du mir die Sage wohl berichten?
    Leider nein. Ich merkte sie mir nicht. Ich war so jung, sie aber tief und
mir ganz unverstndlich.
    Wie schade, jammerschade!
    Warum.
    Leg deine Arbeit weg, und komm mit mir hinaus zur Pferdeweide! Da sind wir
ungestrt. Ich trumte heut, und wenn der Geist in solcher Weise trumt, kann er
es seiner Seele nicht verschweigen.
    Wir gingen durch den Garten nach dem Steine, an dem wir schon einmal
gesessen hatten. Dort setzten wir uns nieder. Ich erzhlte. Sie hrte zu, ganz
still, ganz still, doch zeigte sich in ihren dunkeln Augen, den wunderbaren und
geheimnisvollen, von Zeit zu Zeit ein Glanz, der mich an jenes Eigenlicht des
Alabasters mahnte - - - wie Sonnengold, vermhlt mit Himmelsblau. Und auch als
ich geendet hatte, blieb sie noch immer still. Sie hatte ihren Kopf zur Seite an
den Stein gelehnt und hielt die Augenlider fest geschlossen. Ich strte sie in
ihrem Sinnen nicht und wartete geduldig, bis sie sprach. Sie tat es, ohne ihren
Blick zu ffnen:
    Ich sehe eine Linie, von rechts nach links gezogen. Am Ende rechts gibt's
eine Sonnenglut, die Alles, was da lebt, verbrennen wrde, wenn es so unbesonnen
wre, sich ihr zu weit zu nhern. Das linke Ende taucht in eine Finsternis, die
jeder Kreatur mit augenblicklicher Vernichtung droht. Die Linie ist unser
Menschenleben. Zu weit nach rechts, zu weit nach links bringt sicheres
Verderben. Grad in der Mitte liegt die Unverletzlichkeit und auch die
Durchschnittslnge der geworfnen Schatten. Wer diesen Durchschnitt hat, der
wendet sich nach einer von den Seiten. Nun denke nach, Effendi, denke nach!
Stehst du vielleicht grad in der Mitte?
    Ich hoffe es nicht, antwortete ich.
    So bist du also khn, vielleicht sogar verwegen! Betrachte deinen Schatten!
Wird er zu klein? Wird er zu gro? In beiden Fllen ist's um dich geschehen!
Weit du es nun, wozu die Schatten sind? So sag ich nur als Mensch, als
ungelehrtes Weib. Die Allmacht aber wird wohl noch ganz andre Grnde haben,
warum sie Finsternis und Licht vermhlte und beiden die Erlaubnis gab, im
Zwielicht unfabare Schemen zu erzeugen und an der Sonne jene ffenden Gebilde,
die uns als Schatten sagen, da wir sind.
    Nun schlug sie die Augen auf, sah mir so lieb, so herzlich in die meinen,
hielt mir das kleine, aber feste Hndchen her und sagte:
    Gib mir jetzt einmal deine Hand!
    Ich tat es. Da fuhr sie fort:
    Erlaube mir, da ich fr diese Schatten bitte! Verfahre nicht so streng,
wie du wahrscheinlich wolltest. Du weit ja wohl, da Schatten keinen Willen
haben!
    Da mute ich doch lcheln!
    So ist es also wahr, da sich die Seele immerdar erbarmt, selbst wenn der
Geist auch nicht den kleinsten Grund zur Milde findet! Wer keinen Willen hat,
den darf man billig schonen, doch aber den, der ihm den Willen nahm, den trete
man zu Boden!
    Trotz deines Traumes heut - - -? Und trotz des Zauberers - - -? fragte
sie.
    Trotz alledem! Ich glaube, da ich diesen Traum verstehe. Er kam zwar aus
dem Schattenreich zu mir, doch war er keinesweges selbst ein Schatten. Ich
trumte ihn beim ersten Sonnenstrahl und fhle ihn verschmolzen mit mir selbst,
von gleicher Wesenheit mit meinem eignen Wesen. Er hat mich viel gelehrt und
handelt in mir weiter. Der Schatten, der mich vor sich selber warnt, ist
Menschenfreund, ist ohne Falsch, ist ehrlich. Er rettet mich vor fremden
Gaukeleien und auch vor meinen eignen Truggebilden, und Wahnsinn wre es, wenn
ich ihn hassen wollte. Fr ihn hast du gebeten, Schakara. Du siehst, es war
nicht ntig! Gebeten aber hast du nicht fr Andre, fr welche ich dein Auge
schrfen mchte. Ich meine jene pfiffigen Gesellen, die sich als Schatten
stellen, doch aber keine sind. Die stets verfhrten - Verfhrer! Die in Demut
zerflieenden - Tyrannen! Die tugendreinen - Snder! Die opferbereiten - Feinde!
Die aufrichtigen - Heuchler! Die arglos treuherzigen - Schlangen! Und noch
viele, viele tausend Aehnliche, die sich sofort als Schatten des nchsten
Gegenstandes in Sicherheit bringen, wenn du zur Fackel greifst, sie
anzuleuchten. Sie flchten sich vollstndig waffen-, wehr- und willenlos in
irgend eines Starken Schutz und Schirm. Er sinkt und sinkt und sinkt; sie aber
steigen. Und dann, wenn er am Abgrund steht, von aller Welt verlassen, nur nicht
von Dem, der liebevoll den Fu erhebt, um dankbar ihn vollends hinabzutreten,
erkennt er endlich, aber viel zu spt, da sie nichts weniger als arme Schatten
waren. Die Willenlosigkeit war hchste Energie, die Schwche nur die Maske der
Gewalt, und jede Bitte, welche er gewhrte, in Wahrheit ein Befehl, dem er
gehorchen mute. Das Allerschlimmste aber ist, o Schakara, da diese Bberei nie
eignen Schatten wirft, weil sie ja stets im Schatten Andrer schwelgt. Darum
erscheinen diese Fleckenlosen der heilgen Einfalt drei- und zehnmal heilig, und
wenn sie noch dazu so glcklich sind, vor ihrem Tode nicht entlarvt zu werden,
so glaubt die liebe, liebe Unvernunft, da sie an ihnen viel, sehr viel verloren
habe, der Himmel aber viel, sehr viel gewonnen! Wenn die Ruinen da erzhlen
knnten! Ich sah im Traume, wie man sich verkroch! Da ging ich ruhig weiter.
Doch, sollte das Getrumte sich erfllen, so wird statt nur gefackelt, dann
geleuchtet! Du weit, wie gut wir hier versehen sind: an Fackeln fehlt es
nicht!
    Hier wurde unser Gesprch unterbrochen. Drben in den Ruinen, im obern Teile
derselben, erschien nmlich Kara Ben Halef. Er sah uns sitzen und winkte uns zu,
da er zu uns kommen werde. Er ging nicht grad auf dem Glockenpfade, sondern er
stieg ber das Gestein gleich quer herab und kletterte an einer verwitterten
Mauerstelle zu uns herauf.
    Effendi, ich habe einen Gefangenen! sagte er.
    Wie? Einen Gefangenen? fragte ich. Hat man hier im tiefsten Frieden
Gefangene zu machen?
    Ist das Friede, wenn Jemand sich nicht friedlich zu mir verhlt?
    Wer ist es?
    Kein Dschamiki, sondern ein Fremder. Ich kenne ihn nicht, und er weigerte
sich, Auskunft zu geben.
    Wo?
    Da drben, in einer der alten Kirchen. Ich ging heut schon sehr frh wieder
einmal durch die Ruinen. Man spricht im Duar davon, da es dort wohl noch
versteckte Pltze und verborgene Dinge gebe, die man noch nicht entdeckt habe.
Ich bin derselben Meinung. Die vertriebenen Massaban, die in dem Gemuer
hausten, kennen es wahrscheinlich besser als wir, da sie dort ihre Schlupfwinkel
hatten. Und wer zu dieser Sorte von Menschen gehrt, wei besser Bescheid, als
jeder Dschamiki. Darum mu uns jeder Fremde, der die Ruinen ohne unser Wissen
betritt, verdchtig erscheinen. Folglich war ich sofort argwhnisch, als ich in
so frher Morgenzeit Schritte hrte, die sich der Stelle nherten, in der ich
mich befand. Das war in dem runden Quaderturme, der trotz seiner starken Mauern
schon fast in sich zusammengestrzt ist. Es fhrt nur eine Tr hinein, keine
andere hinaus. Ich stand in der Nhe derselben und drckte mich fest an die
Wand, um nicht sogleich gesehen zu werden. Der, welcher kam, trat ein. Ein
hagerer Mann, nicht gro, aber stark; das habe ich dann gesprt. Er fhlte sich
so sicher, da er sich gar nicht umschaute, und ging zum nchsten, groen
Brocken der eingefallenen Mauer, um sich da niederzusetzen. Dabei drehte er sich
um und mute mich nun sehen. Ich war schnell an den Eingang getreten, um ihm die
etwaige Flucht zu versperren. Er erschrak, nahm sich aber zusammen und fragte
mich, wer ich sei und was ich hier wolle. Das klang so gebieterisch, als ob er
der Herr an diesem Orte sei. Und als nun aber ich Auskunft forderte, wurde er
grob und warf sich pltzlich auf mich, um zu entkommen. Dabei hatte er ein
langes Messer gezogen und schrie mich an, da er mich sofort erstechen werde,
wenn ich nicht darauf verzichte, ihn festzuhalten. Er stach auch wirklich zu.
Schau hier, den Schlitz im Aermel! Das war auf das Herz abgesehen! Ich entging
der Gefahr aber durch eine schnelle Wendung, entri ihm die Waffe, warf sie fort
und rang ihn auf den Boden nieder. Das war aber nicht leicht. Dieser Mensch
besa viel Kraft und Gewandtheit. Er rang meisterhaft, ruhig, still, den Atem
berechnend und jeden Griff genau berlegend, ohne dabei ein einziges Wort zu
sagen. Es scheint mir, als habe er schon oft in dieser Weise um seine Freiheit
oder gar um sein Leben ringen mssen. Er hatte Uebung! Aber er kam trotz aller
Mhe nicht auf; ich hielt ihn unter mir, bis seine Krfte schwanden und ich
dadurch eine Hand frei bekam, ihm die Halsader zusammenzudrcken. Da stockte ihm
das Blut im Kopfe; er wurde ohnmchtig. Zwar nur fr ganz kurze Zeit, aber das
gengte mir, ihn zu binden.
    Womit?
    Die Arme, nach hinten gezogen, mit den Flgeln seiner eigenen Perserjacke.
Die Beine schnallte ich ihm mit seinem Grtel zusammen. Er kann sich nicht
befreien.
    Untersuchtest du seine Taschen?
    Ja. Sie waren leer. Er hatte nichts bei sich gehabt, als nur das Messer.
Dann eilte ich fort, um dir diesen Vorgang zu melden. Als ich in das Freie kam,
sah ich dich hier sitzen. Nun bestimme, was geschehen soll, Sihdi!
    Zunchst das Eine: Kein Mensch darf davon wissen, am allerwenigsten Pekala.
Ich ahne, wer dieser Fremde ist, nmlich ein entflohener Verbrecher, welcher uns
im Auftrage des Scheik ul Islam ausspionieren soll. Ich mu ihn selbst sehen. Du
fhrst mich also zu ihm, holst aber vorher einige feste Riemen oder Stricke aus
dem Hause, doch heimlich. Fr so einen Menschen gengen die jetzigen Fesseln
nicht.
    Kara ging nach dem Hause. Ich fand es sehr erklrlich, da Schakara mich
bat, uns nach dem Turme begleiten zu drfen, und erlaubte es sehr gern. Mein
Plan war schon fertig. Dieser Spion verriet uns freiwillig sicher nichts. Er
mute gezwungen werden. Und da gab es ein Mittel, welches vielleicht sogar dem
Teufel den Mund geffnet htte! Aber das konnte nur im Geheimen angewendet
werden, und darum war es mir lieb, da Schakara mitging. Ihre Anwesenheit gab
der Sache den Anschein eines bloen Spazierganges, der keine Aufmerksamkeit auf
sich zu ziehen hatte.
    Als Kara wiederkehrte, schlenderten wir also nach dem Glockenwege und dann
auf schmalem, aber bequemem Wege bis grad zum Quaderturm, um den es sich
handelte. Sein eigentliches Tor war lngst schon zugemauert. Wir konnten nur
durch das Nebengebude zu der Tr gelangen, von welcher Kara gesprochen hatte.
Als wir durch sie getreten waren, sahen wir den Gefangenen liegen. Der Blick,
den er auf uns richtete, war nicht etwa verlegen, sondern trotzig, und geradezu
unverschmt klang es, als er uns sofort entgegenrief:
    Ihr habt mich augenblicklich freizugeben! Ich bin ein hochgestellter Mann,
kein Lump, den man in dieser Weise behandeln darf! Gib mich frei, Effendi!
    Ah, der kannte mich ja schon! Also scharfe Augen und feine Ohren! Aber
pfiffig war es keineswegs, es mir zu verraten! Ich blieb vor ihm stehen und
fragte ruhig:
    Wer bist du?
    Das sage ich nur dir allein!
    Woher?
    Auch das nur dir!
    Was willst du hier?
    Auch das darf Niemand wissen, als nur du!
    So? Dann mag ich es berhaupt nicht wissen! Kara, binde ihn fester, aber
so, da ihm die Schwarte knackt! Wer uns mit solcher Frechheit kommt, der sehe
zu, was fr ihn daraus entsteht!
    Der Hadeddihn kniete zu ihm nieder, zog das Zeug aus der Tasche und begann,
ihn fester zu schnren. Da rief der Fremde aus:
    Ich bin ein Abgesandter des Schah-in-Schah!
    An wen?
    An den Ustad, also an dich!
    Und kommst nicht offen und direkt zu mir, sondern versteckst dich hier wie
ein Verbrecher?
    Ich habe meine Grnde!
    Das glaube ich. Aber auch ich habe welche, und diese gelten, nicht die
deinigen!
    Ich kam zu Eurem Glck zu Euch!
    Und stichst mit dem Messer auf meine Leute? Wir danken fr solches Glck!
    Du bist ein Christ. Darum sage ich dir: Ich komme als Missionar!
    Willst uns wohl Frieden predigen? Heil verkndigen?
    Ja!
    Das kennen wir! Sorg fr dein eignes Heil; das unsere liegt in den besten
Hnden!
    Das brachte ihn zum Schweigen. Er schien zu berlegen. Kara vollzog seine
Arbeit so gut, da dem Missionar alle Glieder zu schmerzen begannen.
    Er hat das Messer gegen dich gezogen, um dich zu erstechen, sagte ich.
Das bestrafe ich mit dem Tode. Wirf ihn dort hinter die Steine! Da mag er
liegen, bis er in den Duar geschafft wird, um gehenkt zu werden.
    Hierauf wendete ich mich nach der Tr, scheinbar um zu gehen. Das wirkte.
    Bleib hier, Effendi! bat er. Ich werde antworten!
    Ich ging weiter. Da schrie er auf:
    Effendi, Effendi, geh nicht fort! Ich gebe dir Auskunft, und du wirst dich
freuen!
    Da drehte ich mich um, langsam, wie widerwillig, und befahl:
    So antworte kurz auf das, was ich dich frage! Anderes mag ich nicht wissen.
Seit wann bist du jetzt hier?
    Seit dieser Nacht. Ich kam, als in dem Duar schon alle Leute schliefen.
    Warst du schon fters hier?
    Vor einem Jahre zum ersten Male. Seitdem in jedem Monat nur einmal.
    Sonst nicht?
    Nein.
    Du warst also vor einem Monate zum letzten Male da?
    Ja.
    Kamst heut in dieser Nacht und weit doch so genau schon, wer ich bin? Wer
tuschen will, mu besser lgen knnen!
    Ich wute nicht, wer du bist; ich vermutete es nur. Effendi, glaube mir!
    Gibt es bei uns Jemand, auf den du dich berufen kannst?
    Pekala und Tifl.
    Wer noch?
    Niemand.
    So ist es schlecht um dich bestellt. Tifl ist ein Abtrnniger und Pekala
eine Plaudertasche, die Alles verraten wird, was sie von dir wei!
    Das mag sie immerhin! Sie wei von mir nur Gutes. Ich habe eine Mission vom
Schah und bin sein Diener, bin sein Auserwhlter. Als Bote seiner Liebe und auch
zugleich der wahren Menschenliebe, bin ich gekommen - -
    Um deine eigentliche Absicht zu verstecken, fiel ich ein, hier Jahre lang
von unsrer dummen Pekala zu leben und dann den Frieden deines falschen Schah uns
mit dem Messer vorzuschreiben!
    Meines falschen Schah? fragte er. Ich verstehe dich nicht!
    Wenn du mich nicht verstndest, wrest du sogar noch dmmer als Pekala, die
es gewi und wahrhaftig glaubt, da ihr Aschyk imstande sei, ihr bei dem Schah
die Wonnen aller Paradiese zu vermitteln. Doch mich betrgst du nicht mit dieser
deiner Seligkeit! Uns ist der Schah in Wirklichkeit bekannt, doch in den Lchern
Teherans, in denen du und deinesgleichen steckt, lernt man ihn niemals kennen.
Dich schickt der Scheik ul Islam, doch nicht der Schah-in-Schah!
    Da reichte seine ganze Frechheit nicht aus, den Schreck zu verbergen, der
ber sein Gesicht zuckte.
    Der - - Scheik - - ul - - Islam- -! wiederholte er. Wie kommst du auf
diesen Gedanken?
    Ich habe es aus seinem eignen Munde, und wenn ich dir das sage, so ist es
wahr! Willst du es eingestPehen?
    Nein, denn es ist Lge! schrie er zornig auf.
    Es ist wahr! Und ich sage dir: Nur kurze Zeit, so wirst du mich auf deinen
Knieen bitten, die Beichte anzuhren, welche du mir jetzt verweigerst. Fr hier
und jetzt bin ich mit dir fertig!
    Kara hatte ihn derart gefesselt, da an einen Fluchtversuch gar nicht zu
denken war. Dieser Verfhrer unserer strahlenden Festjungfrau versuchte zwar
noch immer, uns zu einem andern Verhalten gegen ihn zu bereden, doch vergeblich.
Er wurde zwischen die hier liegenden, hohen Steinhaufen gesteckt, und dann
gingen wir. Als wir dann drauen im Freien standen, sagte Schakara, indem sie
mich fast ngstlich anschaute:
    Wie streng du sein kannst, Effendi, wie unerbittlich kalt und streng! Das
wute ich noch nicht.
    Meine Freundin, es handelt sich hier nicht um mich, sondern um das Wohl und
Wehe vieler, vieler Menschenkinder, antwortete ich. Da hat etwas ganz Anderes
zu sprechen, als das, was man das Herz zu nennen pflegt. Auch ist das Schicksal
dieses Mannes ja noch nicht fest bestimmt. Es steht in seiner Hand. Er kann sich
retten, wenn er Reue zeigt. Und grad das, was ich mit ihm vorhabe, ist geeignet,
ihn am schnellsten zu dieser Reue zu fhren.
    Was wird das sein?
    Ich gebe ihm ein Gefngnis, wo er sich zu entscheiden hat: Wahnsinn oder
Reue. Weiter gibt es dort nichts.
    Wo?
    Unten im Bassin, im finstern Bergesinnern, ein kalter, nasser Sitz auf
jenem Stein, auf dem wir das Skelett gefunden haben. In solcher Art Gesellschaft
wird man mrbe!
    Entsetzlich, entsetzlich! Effendi, bist du ein Mensch?
    Schakara, Schakara! Ich will ihn retten. Und wer den Ausweg aus der innern
Hlle nur durch die ure Hlle finden kann, dem mu man diese ffnen. Mit
Baklawa53 das Raubtier zhmen wollen, ist Unsinn und bringt doppelte Gefahr. Wir
lassen ihn bis nachts im Turme liegen und schaffen ihn sodann an Ort und Stelle.
Ich wette, da es gar nicht lange dauert, so tut er das, was ich ihm
voraussagte: Er bittet mich um die Genehmigung, mir seine ganze Schuld gestehn
zu drfen. - - - Was sehe ich da unten im Duar? Ist etwa Pferdemarkt?
    Nicht Markt, doch aber Schau, und zwar fr unser Rennen. Der
Chodj-y-Dschuna hat sie anbefohlen. Ein jeder Dschamiki, der sich beteiligen
will, mu sich mit seinem Pferde bei ihm melden. Hierauf wird dann die Rennbahn
abgesteckt, und Jeder kann sich ben nach Gefallen.
    So gehen wir hinab! Ich mchte sehn, was sich fr Krfte stellen.
    Wird dich das nicht zu sehr anstrengen? fragte Schakara.
    Keinesfalls. Ich fhle, da ich neues Blut besitze, und neues Blut bringt
immer neue Kraft, im Krper wie im Geiste. Ich fand noch nie bei einem andern
Kranken, da die Genesung sich so wunderbar beeilte, wie sie bei mir es tut. Was
ich noch vor drei Tagen fr ganz unmglich hielt, das kommt mir jetzt, wo ich
die Flche berblicke, die vielen Pferde unten stehen sehe und rechts da drben
meinen Assil schaue, in meiner Stimmung recht gut mglich vor - - - ihn gegen
unsre Feinde selbst zu reiten.
    Effendi, welch ein Gedanke! rief Kara aus, indem seine Augen leuchteten.
Wenn das mein Vater hrt, lt es ihn schnell genesen!
    Nur nicht sogleich entzckt! Ich bin noch viel zu schwach, kann hchstens
daran denken, jedoch bestimmen nichts. Trotzdem, trotzdem, trotzdem! Nimm die
Begeisterung, die Euch beseelen wird; denk auch ans Andere: da wir geschlagen
werden, von Ritt zu Ritt besiegt von solchen Gegnern, und stelle dich dann vor
die letzte Tour, die das Verlorne wiederbringen kann, so werfe ich mich auf den
schlimmsten Gaul und reite mit, da alle Knochen fliegen, die seinen und die
meinen, bis miteinander wir zusammenbrechen, wir beide tot, jedoch am Ziel - - -
als Sieger!
    Wir kehrten nicht erst nach dem hohen Hause zurck, sondern gingen in
entgegengesetzter Richtung hinber nach den Steinbrchen und den dortigen,
breiten Weg hinunter in den Duar. Das war ein Jubel, als man uns bemerkte! Die
Begeisterung, von welcher ich gesprochen hatte, schien sich schon heute
eingestellt zu haben. Es gab so viele, fernwohnende Dschamikun, die mich noch
nicht gesehen hatten. Die drngten sich alle, alle herbei, und jeder von ihnen
hatte es ganz besonders darauf abgesehen, uns zu versichern, da wir das Rennen
unbedingt gewinnen wrden.
    Wir gingen mit dem Chodj von Pferd zu Pferd. Ein jeder Besitzer war bemht,
uns von den Vorzgen des seinigen zu berzeugen. Darum freute es mich, da der
Chodj sich als vortrefflicher Kenner zeigte. Er lie sich nicht durch Worte
enthusiasmieren, blieb kalt, bedchtig, berlegen und wies Alles zurck, was
keinen Erfolg versprach. Aber grad dadurch erreichte er, da unser Vertrauen
stetig wuchs, und als wir zu Ende waren und er uns nach unserm Urteile fragte,
konnte ich ihm zu seiner wie auch meiner Freude sagen:
    Das Material ist gut. Nicht nur im gewhnlichen Sinne, sondern sogar in
Beziehung auf den ungewhnlichen Zweck. Nachdem ich diese Pferde gesehen habe,
bin ich unbesorgt. Ich habe nicht gewut, da die Dschamikun so viel des
edelsten Blutes besitzen, und kann die Gegner nicht begreifen, da sie gewagt
haben, mit uns anzubinden.
    Der Grund ist leicht einzusehen, antwortete er. Sie prahlen mit ihren
Pferden, geben ihnen hochtrabende Namen, wie zum Beispiel das beste Pferd von
Luristan, bringen die Stammbume derselben unter das Publikum und verbreiten
ber ihren unschtzbaren Wert so viele und so vollmulige Geschichten, da es
schlielich Niemand mehr wagt, daran zu zweifeln. Jeder, der doch vielleicht
noch den Mut besitzt, eine Wette einzugehen, tut dies aber unter dem Drucke der
Angst, hchst wahrscheinlich besiegt zu werden, und da die Angst niemals zum
Guten fhrt, so stellt sich stets auch hier die Niederlage ein. Man verliert;
aber nicht das Pferd ist schuld, sondern die Furcht, welche die Energie und
Geistesgegenwart des Reiters lhmte. Bei uns aber ist das anders. Wir sprechen
nicht von unserer Zucht; ja, wir halten sie sogar und ganz geflissentlich
geheim. Und besondere Stammbume? Wozu diese, wenn berhaupt alles edel ist? Und
das ist es ja, was wir erreichen wollen und erreichen werden! Auch wissen wir
nur allzu gut, wie oft solche Stammbume tuschen, zumal bei fortgesetzter
Binnenzucht. Darum greifen wir fleiig nach auen hin, um zu verbessern, zu
veredeln. Sodann hten wir uns vor prunkenden Namen. Sie sind doch blo nur
Sand, den man schlielich sich selbst in die Augen streut. Kein vernnftiger
Mensch glaubt mehr an Namen. Darum whlen wir zur Benennung grad unserer
allerbesten Pferde nur Worte, welche mglichst schchtern, ja oft sogar
herabsetzend klingen, dabei aber eine bessere, tiefere Bedeutung haben, die nur
von uns selbst, aber von keinem Fremden verstanden wird. Das wirst du noch
sehen. Denn unsere Hauptrenner sind heut noch gar nicht hier, weil eine Prfung
bei ihnen nicht ntig ist. Aus allen diesen Grnden ist man ber das, was wir
besitzen, fast gar nicht orientiert. Frag drauen im ganzen Lande herum, ob wir
imstande sind, ein groes Rennen gegen auswrtige Pferde zu gewinnen. Man wird
lcheln, sogar ber Sahm, deren Name brigens der einzige ist, der nicht
verschwiegen klingt, und dir sagen, da man uns Ritt auf Ritt besiegen wrde.
Doch mgen sie nur kommen. Wir wissen, was wir haben, und verstehen, es zu
reiten. Und was die Angst betrifft, nun, lhmen wird uns nichts. Weit du, wer
unser bester Reiter ist?
    Wohl du?
    O nein, o nein, sondern der Ustad selbst. In dem Augenblicke, an welchem er
den Sattel berhrt, ist er nicht mehr der Ustad der Dschamikun, sondern etwas
ganz, ganz Anderes. Er gleicht dann einem pltzlich jung gewordenen Djinni54,
dem jede Faser des Pferdes untertnig ist, und wer es mit ihm aufnehmen will,
der wagt mehr, als er denkt! Hierbei fllt mir ein, dir zu sagen, da der Scheik
ul Islam einen Eilboten heim nach Chorremabad geschickt hat, natrlich nicht von
hier, sondern von unterwegs aus, denn wir sollten hchst wahrscheinlich nichts
davon erfahren. Aber dieser Bote traf auf einen unserer Pferdehirten, begann aus
Rache fr unser Verhalten hier ein Wortgefecht mit ihm und war dabei so
unvorsichtig, sich zu verraten. Er rief dem Hirten hhnisch zu, da wir verloren
seien, weil Ghulam el Multasim zum Ustad der Takikurden erhoben werde. Hltst du
das fr mglich oder nur fr eine Lge, um uns zu rgern, Effendi?
    Ghulam el Multasim, der Blutrcher, der Ertappte und Ueberfhrte, der
vollstndig Ehr- und Gewissenlose - - - Ustad der frommen, kurangerechten
Takikurden? Warum soll das nicht mglich sein? Ich halte es sogar fr sehr
wahrscheinlich, nachdem ich den Scheik ul Islam kennen gelernt habe. Dergleichen
Leute sind zu Allem fhig. Warten wir es ruhig ab! Geschieht es wirklich, so
kann es uns nur ntzlich sein.
    Ntzlich? Uns? Dieser Mensch an der Spitze unserer neidischesten Feinde?
    Ja. Denn wird man einmal zum Kampf gezwungen, so ist es besser, man hat den
ganzen Pbel hbsch beisammen, weil man die Hiebe dann umso dichter fallen
lassen kann. Es sollte mich freuen, wenn es wrde!
    Da begann es in den buschigen Brauen des Chodj-y-Dschuna zu spielen; seine
Augen leuchteten auf, und er sagte in frohem Tone:
    Dank sei Chodeh! Ich sehe immer mehr, da wir uns keinesfalls zu sorgen
brauchen. Ich habe dir bereits gesagt, da ich hier verschiedene Stellen
bekleide. In gewissem Sinne bin ich auch so etwas Aehnliches wie Sypahsalar55
und wei also genau, was es bedeutet, wenn wir das Dschamikun in Waffen! rufen.
Ich wittre Krieg. Hast du vielleicht den Wunsch, einmal Heerschau zu halten?
    Allerdings; aber ich versage mir seine Erfllung. Es wrde Aufsehen
erregen, und ich wnsche aber sehr, da man uns fr unvorbereitet halte. Man
soll unbedingt der Meinung sein, uns vollstndig zu berrumpeln. Sei noch
verschwiegen! Wir werden uns zur rechten Zeit besprechen, sobald ich meine, da
sie gekommen sei. Die Fden sind bereits in meinen Hnden.
    Da kam der Pedehr, zur Schau leider zu spt, doch versicherte er, sich der
Sache umso eifriger anzunehmen. Er war oben im Walde in seiner Jagdhtte gewesen
und versprach mir in liebenswrdigster Weise, gleich neben der seinigen auch fr
mich eine bauen zu lassen und sie mir zu schenken.
    Hierauf trennten wir uns, und ich ging mit Schakara und Kara Ben Halef heim.
Der Letztere hatte seinen tglichen Uebungsritt zu machen, und die Erstere bat
ich, von jetzt an ein Auge auf Pekala zu haben und sie zu verhindern, etwa nach
den Ruinen zu gehen. Oben angekommen, besuchte ich meinen Halef und seine
Hanneh.
    Sie hatten sich da oben auf dem ebenen Dache der Halle vortrefflich
eingerichtet und freuten sich ber diese meine erste Visite hier in ihrem
Duar, wie sie es nannten. Ich sage sie, denn Halef schlief nicht, sondern
war wach. Als ich mich zu ihm gesetzt hatte und ihm zrtlich ber die
abgemagerten Hnde strich, sagte er:
    Mein lieber, lieber Sihdi! Ich habe gehrt, da jetzt du der Herr des hohen
Hauses bist. Wie kannst du das Alles nur versorgen, ohne da ich imstande bin,
dir mit zu helfen!
    Seine Stimme klang verhltnismig krftig; sein Atem versagte nicht mehr,
und seine Augen hatten wieder Leben.
    Sorge dich nicht! antwortete ich. Ich brauche keine Hilfe.
    Aber du bist ja selbst noch krank und schwach!
    Krank nicht mehr, sondern gesund, vollstndig gesund. Und was die Schwche
betrifft, so fhle ich, da sie mit jeder Stunde geringer wird. Ich erhole mich
mit einer Schnelligkeit, die zum Erstaunen ist, und hoffe, da dies nun auch bei
dir der Fall sein werde.
    Als ich hierauf von der Pferdeschau erzhlte, war es, als ob das zugleich
heilende Medizin und strkende Nahrung sei. Und das wirkte augenblicklich. Seine
Wangen bekamen Farbe und seine Zge fast lebhafte Beweglichkeit. Das Wettrennen
war der Punkt, an welchem fr ihn die Spannkraft neu geboren zu werden schien.
Darum blieb ich mit ihm bei diesem Gegenstande, bis er ermdete und schlielich
die Augen schlo, um mitten im Gesprche einzuschlafen. Inzwischen war es Mittag
geworden, und ich a mit Hanneh und Schakara in der Halle.
    Dann, als ich hinauf in meine Wohnung kam und das Tal berschaute, sah ich
zahlreiche Reiter ihre Pferde auf der Rennbahn tummeln, was von jetzt an jeden
Tag und zwar von frh bis abends geschah. Ich blieb den ganzen Nachmittag oben,
auch zum Abendessen, welches ich mir heraufbringen lie. Kara wute Bescheid.
Ich hatte ihm denselben whrend unserer Heimkehr von der Pferdeschau erteilt. Er
stand, als alle Andern, Schakara ausgenommen, schliefen, mit neuen Fackeln unten
im Hofe bereit.
    Wir gingen erst hinab nach dem Landeplatze, um die Fackeln in das Boot zu
legen. Es war der zweite Tag des neuen Mondes, die Sichel am Himmel schon
breiter und heller als gestern. Sie leuchtete uns. Nun benutzten wir den schon
frh erwhnten, breiten Steinbruchweg, von welchem aus die hier ebene Flche bis
zu dem Quaderturm hinberfhrte. Da dieser eingestrzt war und also oben
offenstand, war es auch in ihm mondeshell. Fr den Nebenbau, durch welchen wir
muten, hatte Kara ein Talglicht mitgenommen, welches angebrannt wurde.
    Der Aschyk lag noch genau so, wie wir ihn verlassen hatten. Es war ihm
unmglich gewesen, sich zu bewegen. Man sollte denken, da diese Qual,
verzehnfacht durch den Schmerz, den die scharfen Fesseln verursachten, ihn
veranlat htte, sich gefgig zu zeigen. Das war aber keinesweges der Fall. Am
Morgen hatte er seine Zuflucht schlielich doch zur Bitte genommen; nun aber
schien er sich das wieder anders berlegt zu haben. Er empfing uns mit
Vorwrfen, sprach von seiner Botschaft des Friedens, nannte sich wiederholt
den Auserwhlten, den Missionar, ohne dessen Hilfe wir verloren seien, und
erdreistete sich endlich gar, zu sagen, da er uns verzeihen und bei dem
Schah-in-Schah fr uns bitten wolle, wenn wir unsere Fehler einsehen und sofort
verbessern wrden. Ich machte durch dieses blde, prahlerische Geschwtz einen
Strich, indem ich ihn summarisch fragte:
    Kennst du den Scheik ul Islam persnlich?
    Nein, nein, nein! behauptete er zornig.
    Hast nichts, gar nichts mit ihm zu tun?
    Nichts, nichts und dreimal nichts!
    Bist nicht in seinem Auftrag hier bei uns?
    Nein, nein und tausendmal nein!
    Gut! Jetzt bin ich berzeugt; aber wovon, das wirst du sehen. Wir geben dir
jetzt die Fe frei, doch weiter nichts. Du hast mit uns zu gehen, gehorsam,
still, wenn du den Tod vermeiden willst. Wir wissen mit entsprungenen
Verbrechern umzugehen und kehren uns nicht daran, da sie im Schutz des Scheik
ul Islam stehen! Merkst du etwas?!
    Da sagte er nichts mehr! Kara nahm ihm die Riemen von den Beinen und lie
ihn aufstehen. Er wankte infolge der Blutstockung so, da er gehalten werden
mute. Doch als wir ihn erst einmal drauen im Freien hatten, bekam er nach und
nach immer festern Schritt. So kamen wir den Berg hinab und an die Landestelle.
Als er aufgefordert wurde, in den Kahn zu steigen, weigerte er sich und begann,
wieder laut zu werden. Da warf ihn Kara einfach nieder, zwang ihm ein Stck
mitgebrachtes Zeug als Knebel in den Mund, fesselte ihm die Beine wieder und
schob ihn dann hinber in das Boot, um ihm dort die Augen zu verbinden. Dann
stiegen wir ein und ruderten nach dem Kanale.
    Als wir das Gestrpp am Eingang desselben hinter uns hatten, wurde die
Fackel angebrannt und in das erwhnte Loch gesteckt. Erst schoben und dann
ruderten wir uns weiter, bis wir das vordere Bassin erreichten. Der Aschyk
sollte nicht wissen, wo der Weg zur Freiheit zu suchen sei, denn es war meine
Absicht, ihn von den Fesseln zu befreien, und er konnte vielleicht ein guter
Schwimmer sein, obgleich dies von einem binnenlndischen Perser, dessen Mutter
Erde ihn so trocken behandelt, nicht zu vermuten war. Darum trieben wir das Boot
in das Becken hinein, bis der Kanal nicht mehr zu sehen war, und nahmen ihm dann
die Binde von den Augen. Der Knebel verhinderte ihn am Sprechen und sein Gesicht
lag so im Schatten, da wir weder die Augen noch das Spiel der Mienen beobachten
konnten, doch nahm ich an, da der Anblick dieses schauerlichen Ortes von nicht
geringem Eindruck auf ihn sein werde. Um diesen zu verstrken, nahmen wir uns
die Zeit zu einer vielfach verschlungenen Rundfahrt. Da er auf dem Boden des
Fahrzeuges lag, sah er nur, was oben war, und mute also die Gre des Beckens
in hohem Grade berschtzen. Das wollte ich!
    Als ich meinte, da es genug sei, hielten wir bei dem Steine an, auf welchem
das Gerippe lag, dasselbe Gerippe, welches in meinem Traume so vorzglich
schwimmen konnte und so viel gesprochen hatte. Nun aber war es still. Die Beine
eng und fast bis zu den Rippen emporgezogen, grinste es uns an, als ob es sich
trotz seines Schweigens freue, einen Gesellschafter zu bekommen, der diese
entsetzliche Einsamkeit mit ihm zu teilen habe. Er aber sah es nicht und ahnte
es auch nicht.
    Wir schoben, damit er das Skelett nicht sofort bemerken mge, das Boot nach
der andern Seite des Steines. Kara legte den obern Teil seines Anzuges ab, um
ihn nicht zu beschmutzen, und kletterte hinauf. Ich packte den Gefangenen am
Genick und richtete ihn empor. Er war fast so starr wie eine Mumie und hatte die
Augen zu. War das Ohnmacht, Schreck oder nur Verstellung? Kara fate ihn von
oben; ich schob nach; so brachten wir den Aschyk mit grerer Leichtigkeit
hinauf, als zu vermuten gewesen war. Ich hatte angenommen, da er sich mglichst
widersetzen werde. Nun wurden ihm die Fesseln ab- und der Knebel aus dem Munde
genommen. Dann stieg Kara wieder zu mir herunter und wickelte ein Paket auf,
welches mit den Fackeln zusammengebunden gewesen war. Es enthielt fr mehrere
Tage Brot. Er warf es hinauf.
    Bis jetzt hatte der Gefangene ruhig gelegen; nun aber regte er sich. Er
tastete zunchst wie blind umher. Dann richtete er, auf die Hnde gesttzt, den
Oberkrper auf, starrte erst rundum in die ghnende Finsternis hinein und dann
zu uns herunter und stie dann einen Schrei aus, dessen Echo wie aus
Wahnsinnstiefen von allen Sulen widerklang.
    Was ist das hier, was, was, was, was? heulte er. Die Hlle, in die wir
unsere Opfer strzten! Die Finsternis, ber welche wir lachten, wenn wir von
oben herablauschten und die Krper auf das Wasser schlagen hrten! Und da liegt
Brot, Brot, Brot! Gibt es denn hier noch gute Geister, die sich sogar des
Teufels noch erbarmen, wenn er in der Verdammnis zu sich kommt?
    Er betrachtete uns. Sein Gesicht war vor Angst verzerrt, doch nahm es
allmhlich einen andern Ausdruck an. Die Wirkung des Schreckes begann, zu
weichen. Er besann sich.
    Du bist es, Effendi, du! rief er in fast frohem Tone aus. Also doch
anders, anders als ich dachte! Was soll ich hier? Warum habt Ihr mich an diesen
Ort gebracht?
    Du gehrst hierher, antwortete ich. Der Mrder zu den Ermordeten!
    Ich, ich - - mordete nicht! Das waren Andere! Diese meine Hand ist frei
davon. Ich habe sie nie, nie, nie zum Sturze hergegeben! Sie ist vom Morde rein,
rein, rein!
    Er hob die Hand wie zum Schwure empor.
    Aber geliefert hast du die Opfer und schadenfroh auf ihren Fall gelauscht.
Was ist wohl teuflischer als das! Nun hast du Zeit zum stillen Weiterlauschen!
Sie kommen, sie kommen, diese Opfer; darauf verlasse dich! Du wirst sie hren,
du Friedensbote unseres Schah-in-Schah! Es ist dir hier der ganze Raum und alle
Zeit gegeben fr das, was sie mit dir zu reden haben. Wir lassen dich allein;
wir werden dich nicht stren!
    Ich griff zum Ruder, Kara auch.
    Halt, halt! Bleibt! schrie er auf.
    Das Boot begann, sich zu bewegen.
    Nicht fort, nicht fort - - - nicht fort ohne mich! Ich mu mit, mit, mit!
bat er.
    Ganz so, wie wir unten um die Sule bogen, kroch er oben in gleicher
Richtung weiter. Da sah er das Skelett und brllte frmlich auf:
    Der Tod, der Tod - - - leibhaftig, als Gerippe! Hinweg, hinweg, hinweg! Das
halte ich nicht aus!
    Er erhob sich auf die Kniee, streckte uns die Hnde nach und flehte:
    Erbarmen, Effendi, Erbarmen! Hier gehe ich zu Grunde!
    Da hielt ich an und antwortete:
    Was habe ich dir heut frh vorausgesagt? Du werdest auf den Knieen liegen
und mich um was fr eine Erlaubnis bitten?
    Dir mein Gestndnis machen zu drfen! jammerte er.
    Nun gut! Ich habe mein Wort erfllt. Was tust du nun, um dich zu retten?
    Die Wahrheit sagen. Weiter kann ich nichts!
    So sprich!
    Ich tat einen Ruderschlag, um ihm wieder nher zu kommen. Sobald er dieses
Zeichen der Geneigtheit sah, kehrte ihm der verlorene Mut zurck. Noch vor dem
Gerippe schaudernd, von dem er sich ab- und zu uns wendete, wagte er doch, von
Neuem zu lgen und zu leugnen:
    Ich wei, du prfst mich nur, Effendi. Du willst sehen, ob ich ein Mensch
bin, der sich Unwahres ersinnt, um sich zu retten, und wirst mich dann, wenn ich
es nicht tue, nur um so hher schtzen. Ich habe mit dem Scheik ul Islam
wirklich nichts zu tun. Nimm mich jetzt wieder mit, und fhre mich in dein Haus,
so werde ich dir die Beweise geben, da ich nur zu Euerm Glck zu Euch gekommen
bin. Ich teile dir alle Geheimnisse dieser Ruinen und die smtlichen Absichten
Eurer Feinde mit. Ihr wandelt schnurgerad in das Verderben. Ich aber zeige Euch
den Rettungsweg! Die Faust ist hoch erhoben, die Euch treffen soll. Wenn nicht
schon heut, so fllt sie doch ganz sicher morgen auf Euch nieder. Ich aber, der
ich Alles wei, werde als Euer Beschtzer bei Euch wohnen und - - -
    Und dann mit deiner Pekala beim neuen Schah in Isphahan erscheinen! fiel
ich da ein. Du Narr! Das war die letzte deiner falschen Karten. Zu denken, da
wir diesem Trumpfe glauben, nachdem wir alle andern schon als falsch erkannten,
ist nicht mehr Wahnsinn, ist Vermessenheit! Fort, Kara, nur fort!
    Uns von ihm abwendend, senkten wir die Ruder. Einige krftige Schlge und
der Stein lag schon im tiefsten Dunkel.
    Halt, halt! Ich will gestehn, gestehn - - - gestehn! schrie es hinter uns,
und alle Sulen hallten es wider.
    Wir kehrten uns nicht daran und berlieen ihn der Finsternis, die nicht nur
um ihn, nein, auch in ihm ghnte. - - - - - -

                                Drittes Kapitel

                                        

                                 Vor dem Rennen


Am nchsten Morgen verma ich mit Karas Hilfe die Ruinen, so unauffllig wie
mglich. Die Aufmerksamkeit der Dschamikun war derart auf den Rennplatz
gerichtet, da sie uns gar nicht beachteten. Ich fand, da meine Vermutungen
mich nicht getuscht hatten. Die Seitenkanle lagen genau unter den sich
amphitheatralisch erhebenden einzelnen Stockwerken. Und das Alabasterzelt stand,
allerdings in viel grerer Hhe, ebenso genau ber der Nische des hintern
Bassins.
    Nachdem ich dieses festgestellt hatte, machte ich einen Spazierritt, ja,
einen Spazierritt, freiwillig, ohne da ich vom Pferde dazu gezwungen wurde. Es
ging vortrefflich, rund um den See, hbsch langsam und bedchtig, bis Assil auf
den Gedanken kam, doch auch mal einen Trab mit mir zu versuchen. Das schukkerte
ein bichen, und ich kam einige Male etwas schief auf die Seite; aber ich konnte
mich doch unmglich vor meinem eignen Pferde blamieren und so hielt ich es
nolens volens aus. Da kam mir eine Schar von Jungens entgegen, welche, hier wie
berall, den knftigen Ereignissen vorzugreifen suchten. Die kleineren saen auf
alten Ziegenbcken, die greren auf Eseln. Laut schreiend, lachend, jubelnd kam
mir diese Bande entgegen, mit allen Beinen zappelnd und mit allen Hnden in der
Luft. Sie fllten den ganzen Weg, und Keinem fiel es ein, mir auszuweichen. Das
sah Assil ebenso gut wie ich. Er wollte sie nicht ber den Haufen rennen,
prallte mitten im Trabe auf die Seite und stand fest. Das gab fr mich zwei ganz
unerwartete Ste, die mich allerdings nicht im geringsten geniert htten, wenn
ich schon wieder bei vollen Krften gewesen wre. So aber war ich nicht stark
genug, mich in den Bgeln zu halten. Ich verlor die Balance und wre wohl
herabgestrzt, wenn ich nicht schnell den zweiten Sto benutzt htte, in
mglichst unlcherlicher Weise aus dem Sattel zu kommen. Ich schwang, mich auf
den Sattelknopf sttzend, das eine Bein ber das Kreuz des Pferdes auf die
andere Seite herber, um der Sache den Anschein zu geben, als ob ich absichtlich
habe hinabgleiten wollen, doch hatte ich diesem Schwunge trotz meiner
Entkrftung oder noch wahrscheinlicher grad wegen derselben zu viel Kraft
gegeben und kam darum nicht nur ganz elegant vom Pferde herab, sondern setzte
mich noch viel eleganter auf den Boden nieder.
    Fr einen Augenblick war ich ganz starr darber, da mir, mir, mir so Etwas
hatte geschehen knnen. Auch Assil drehte den Kopf herum, hob sehr verwundert
den Schweif und spielte mit den Ohren, als ob er diese ganze, kolossale
Fatalitt fr gar nicht wahr, sondern nur fr eine ausgesonnene Geschichte
halte. Dann stand ich auf und gab mir Mhe, ein mglichst unbefangenes Gesicht
zu machen, ungefhr so, wie ein Pudel, der beim heimlichen Milchtrinken ertappt
worden ist und sich noch schnell den weien Schnurbart abwischen will, aber doch
nicht kann. Es versing auch nicht im Geringsten. Die Zeugen meiner ffentlichen
Sitzung waren halten geblieben, und alle Ziegenbcke, Esel und Jungens
richteten ihre Augen auf mich. Von den ersteren Kreaturen will ich nicht reden;
auch die Knaben gaben sich aus Ehrfurcht vor dem Effendi alle Mhe, nicht laut
aufzulachen, aber in ihren Gesichtern lachte es um so deutlicher; mehrere
kicherten. Das war schon aufrichtiger. Der Aufrichtigste aber war ein lang
aufgeschossener, wahrscheinlich etwas vorlauter Hans in allen Gassen, der vor
Wonne von seinem Esel sprang und, mit den Armen windmhlend, in ein schallendes
Gelchter ausbrach, in welches erst die nur Kichernden und dann auch alle Andern
sich bewogen fhlten, einzustimmen.
    Abgerutscht, abgerutscht! schrie der Schlingel, indem er einen
Freudensprung tat und dabei in die Hnde klatschte.
    Er schien der Anfhrer und Vergngungsdirektor dieser lustigen Erynnien zu
sein, denn:
    Abgerutscht, abgerutscht! ertnte es nun aus allen Kehlen, wobei alle
Beine sprangen und alle Hnde klatschten.
    Herunter hat er gemut, herunter! jubelte er vor.
    Herunter hat er gemut, herunter! triumphierte der ganze Chor ihm nach.
    Und gesetzt hat er sich sogar, gesetzt, so wie ich hier!
    Er lie sich bei diesen Worten niederplumpsen. Im nchsten Augenblicke sa
die ganze Ruberbande an der Erde, und Alles schttelte sich vor Vergngen und
schrie dazu:
    Gesetzt hat er sich sogar, gesetzt, so wie ich hier!
    Natrlich lachte ich mit. Nun aber kam es schlimmer:
    Dann stand er stolz wieder auf, mit einem solchen Gesicht!
    Bei diesen Worten krebste sich der Naseweis langsam in die Hhe und ahmte
nach, wie unbefangen ich hatte erscheinen wollen, aber so bertrieben, da es
auch fr mich selbst eine Wonne war, ihm zuzusehen.
    Dann stand er stolz wieder auf, mit einem solchen Gesicht! frohlockte es
in allen Tonlagen, deren eine jugendliche Kehle fhig ist. Ein Jeder erhob sich
zunchst auf alle Viere, balancierte sich dann langsam und vollends in die Hhe
und versuchte hierauf, das vorgezeichnete Gesicht so treffend wie mglich
nachzumachen. Der Eindruck keines Lustspieles, keiner Posse kann so hinreiend
sein wie die Wirkung dieser improvisierten, hchst wohlgelungenen Burleske. Was
ein Anderer an meiner Stelle getan htte, geht mich nichts an. Der Knabe war
begabt, war originell. Ich fragte ihn:
    Bist du wohl im Reiten ebenso schnell wie mit dem Munde?
    Noch schneller! versicherte er.
    So? Dann hre, was ich dir sage, mein Junge! Ich sehe, da Ihr Wettrennen
macht. Hier fangt Ihr wieder an und reitet bis zur letzten Bucht hinunter. Wer
zuerst ankommt, der erhlt ein groes Pul-i-Sfid56 von mir. So steigt also
wieder auf, und reitet los!
    Da waren sie alle im Nu auf ihren Ziegenbcken und Eseln. Ich hob die Hand,
und die frohe Hetze begann. Natrlich waren die Esel den gehrnten Rennern schon
sehr bald weit voraus. Das gab ein tolles Schreien und Strampeln, um doch noch
nachzukommen! Ich aber stieg vergngt wieder auf und folgte langsam hintendrein.
Das Seeufer machte weiterhin eine Biegung, welche mir den Anblick der Rennenden
entzog. Als ich diese Stelle erreichte und um sie gebogen war, sah ich gar nicht
weit von mir das ganze Feld wieder eng beisammen. Man war abgestiegen und
schien die Burleske hier zu wiederholen, wie ich an den Bewegungen bemerkte und
an dem Gelchter, welches zu mir her scholl.
    Mich nhernd, sah ich den langen Improvisatore am Boden sitzen. Er rieb sich
hinten das Kreuz und machte ein unaussprechlich jmmerliches, elendes Gesicht.
Um ihn herum fielen soeben alle seine Genossen nieder und riefen lachend
durcheinander:
    Er wollte auf, setzte sich aber wieder nieder!
    Und einer von ihnen, der das Amt des Vorsprechers bernommen hatte, fuhr
fort:
    Nun scheuert er sich da in dieser Gegend!
    Indem er dieses sagte, fuhr er sich mit beiden Hnden nach dem Kreuze und
begann, zu reiben. Die Andern machten es ihm schleunigst nach und wiederholten
lachend:
    Nun scheuert er sich da in dieser Gegend!
    Und schneidet dabei folgendes Gesicht! fgte er hinzu, indem er das
Minenspiel des vom Esel Gestrzten nachahmte.
    Und schneidet dabei folgendes Gesicht! repetirte die lustige Gesamtheit,
indem auf den Gesichtern aber alle mglichen Uebergangsstaffeln von der
einfachen Betrbnis zur hchsten Verzweiflung zu sehen waren.
    In diesem tragikomischen Augenblicke erreichte ich die jubelnden Bewunderer
meiner Reiterknste.
    Was ist denn geschehen? fragte ich.
    Sie standen hflich auf. Auch mein Kritikaster kam langsam und seufzend in
die Hhe.
    Der Esel hat mich abgeworfen, Effendi, antwortete er, fast weinend ber
die von dem Tiere an ihm verbte Niedertrchtigkeit.
    Ohne da dir der Weg versperrt worden ist, wie Ihr es bei mir tatet?
    Ja, ohne! gestand er, indem er nun wirklich und laut zu heulen begann.
    Beruhige dich, mein Junge. Das ist weiter nichts! Du bist nicht der Erste
und wirst auch nicht der Letzte sein, der ber Andere kritisiert und dann vom
eigenen Esel abgeworfen wird. Damit ist das Rennen zu Ende. Aber trotzdem sollt
Ihr Euer Pul-i-Sfid haben. Hier; teilt Euch drein, Jungens!
    Ich griff in die Tasche und warf das Silberstck unter sie hinein. Sie
strzten sich alle ber dasselbe her, am schnellsten der soeben noch heulende
Schlingel. Seine Kreuzschmerzen wurden durch den Anblick des Geldes
augenblicklich kuriert. Ich aber ritt vergngt von dannen, um, daheim
angekommen, zu meinem Hadschi Halef hinaufzusteigen. Er war wach, und zwar noch
munterer als gestern. Kara hatte ihm erzhlt, was ich in Beziehung auf meine
etwaige Beteiligung am Rennen gesagt hatte, und er war darber so begeistert,
da er mich mit den Worten empfing:
    Hamdulillah, wir werden das Rennen gewinnen, Sihdi!
    Wer behauptet das? fragte ich.
    Ich, Hadschi Halef Omar, der Scheik der Hadeddihn vom groen Stamme der
Schammar! Du reitest ja mit, und da werden wir auf alle Flle siegen!
    Nicht so laut, mein Halef, sonst wirst du ausgelacht!
    Warum? Von wem?
    Weil ich soeben vom Pferd gefallen bin.
    Du? Kara Ben Nemsi Effendi, der jedes Pferd hinwirft, aber es nicht ihn?!
    Ja, ich!
    Nun setzte ich mich nieder und erzhlte. Ich war bei guter Stimmung, und so
gelang mir mein Bericht derart, da der brave Hadschi sich in ein Lachen
verwickelte, aus welchem er gar nicht wieder herauskommen konnte. Sich
vorzustellen, da sein Sihdi vom Pferde gerutscht sei, war das Allerlustigste,
was er sich nur denken konnte.
    Wieder eine Arznei! sagte er, als er sich endlich beruhigt hatte. Das
kuriert! Alle Tage zweimal so lachen, Vormittags einmal und Nachmittags einmal,
da werde ich in krzester Zeit gesund und mache das Rennen auch noch mit! Denn,
weit du, Sihdi, der Frohsinn ist der allerbeste Arzt. Ueber ihn kommt kein
Hekim und kein Hekimbaschi57. Darauf kannst du dich verlassen!
    Nach dem Mittagsschlfchen, welches ich mir gnnte, kam ein Kalhuri-Reiter,
welcher mir eine Botschaft von dem Ustad brachte. Es war eine gute. Der Schah
befand sich zur Zeit nicht in Isphahan sondern auf seinem uns viel nher
liegenden Schlosse Mihribani, und zwar mit fast seinem ganzen Hofstaate, ein
Umstand, welcher die Abwesenheit des Ustad ganz bedeutend abkrzen konnte. Der
Bote suchte dann seinen Gebieter, den Scheik der Kalhuran auf, dem er eine
wichtige Mitteilung zu machen hatte. Wie ich dann erfuhr, betraf sie die
Bruderhilfe von Seiten smtlicher Kalhuran, falls die Dschamikun von irgend
einer andern Seite angegriffen werden sollten. Der Ustad schien also unterwegs
Beobachtungen gemacht oder Dinge erfahren zu haben, welche sich hierauf bezogen.
    Spter sa ich, in einem seiner Werke lesend, auf meinem platten Dache, da
sah ich Schakara. Sie war drben in den Ruinen, auf dem wsten Vorhofe der
zweistckigen Etage, ber deren schmaler Tr sich die zwei zerbrochenen Tafeln
befanden. Da ich grad am Schlusse eines Kapitels angekommen war, legte ich das
Buch weg, um sie zu berraschen. Sie hatte ein Gef in der Hand und schien
Brom- oder Himbeeren zu pflcken, die es dort in Masse gab. Da dieser Vorhof
voll dorniger Strucher und Stachelranken war, habe ich bereits gesagt.
    Ich stieg also meine Stufen zum Glockenwege hinber und ging von hier aus
auf dem schmalen Ruinenfelde nach dem Turme, in welchem wir den Aschyk
festgenommen hatten. Hier war eine Treppe gewesen, welche in den Vorhof, wohin
ich wollte, hinuntergefhrt hatte. Jetzt war sie kaum noch zu erkennen,
verwittert, zerbrckelt und mit allerlei Gerll ausgefllt, aber fr bedchtige
Fe doch noch gangbar. Ich glitt mehr, als ich stieg, diese Steilung hinab und
wand mich zwischen den Beerenranken hindurch, um zu Schakara zu kommen. Da sah
sie mich. Sie deutete nach der entgegengesetzten Seite und sagte:
    Wrest du doch von daher gekommen; da ist es viel bequemer. Da findet man
sich sogar des Nachts zurecht!
    Ich sah freilich, da von dem breiten Steinbruchwege der Zugang zu diesem
Vorhofe ein viel krzerer und leichterer war. Das hatte nichts Aufflliges.
Dennoch hielt ich ihre letzten Worte fest und fragte, als ich sie erreichte:
    Des Nachts? Weit du das so genau?
    Wie aufmerksam du bist und Alles gleich bedenkst! antwortete sie, indem
sie das Gef zu Boden setzte. Es waren wirklich Hubub58 darin. Ich bin
allerdings schon hiergewesen, des Nachts.
    Allein?
    Allein und doch nicht allein. Von unsern Leuten war Niemand hier, dafr
aber Andere.
    Wer?
    Ja, wer das wte! Ich wollte dir es spter sagen, weil du dich schonen
sollst. Aber weil du nun einmal hier bist und auch gleich fragst, will ich es
dir nicht lnger vorenthalten. Du weit, da ich mich bei den Dschamikun
befinde, um zu beobachten; was, das sage ich dir schon noch. Ich gehre nicht zu
den Frauen, welche vor der Nacht erschrecken und sich frchten, wenn es dunkel
ist. Wer nur das Gute will, braucht nirgends Angst zu haben. Und ich liebe grad
das Sternenfirmament und den guten Mond, der so verschwiegen tut und doch so
gern erzhlt, wenn man ihn nicht verachtet.
    Ich auch.
    Auch du? Wieder hnlich! Das war also der Mond, mein alter lieber Freund,
der kam zu mir, als ich nicht weit vom Garten sa, und zeigte mir die magische
Gewalt der alten Mauern, der man kaum widerstehen kann, wenn sie in seinem
Glanze wie erzittern. Ich mute mich erheben und mit ihm hier herber. Wie kam
es doch, da er mich grad bis dort zur Ecke fhrte, wo der Gedanke auf mich
wartete, mich in den tiefen Schatten hinzusetzen? Der Abend war so schn. Er
wartete auf seine Mitternacht. Und als sie kam, flo silbern ihr Gewand, und auf
dem Haupte trug sie alle Sterne. Doch hinter ihr kroch leise es heran,
verstohlen, heimlich, jeden Laut vermeidend, fast so, wie ich mir ein Gewissen
denke, das sich durchs Leben nur noch schleichen kann. Es waren Menschen. Sie
kamen nicht zusammen, sondern einzeln. Dort von dem breiten Pfad nach hier
herber und huschten alle nach der engen Tr, in welcher sie verschwanden. Der
Letzte kam nach einer lngern Pause. Sein Angesicht war schwarz; wovon, das
konnte ich nicht sehen, weil ich so fern von seinem Wege sa. Er war sodann der
Erste, der, wie mir schien, nach einer halben Stunde den Bau verlie und nach
den Brchen ging. Nach wieder einer Pause erblickte ich den Nchsten, der ihm
folgte. Sie kamen allesamt zurck, doch ebenso vereinzelt wie vorher. Ich hatte
sie gezhlt und schlich dem Letzten nach. Er stieg nicht ganz hinunter. Er
wandte sich zur Seite, um den Duar herum, als ob er ihn vermeiden msse und doch
hinberwolle nach dem See. Das lenkte meinen Blick hinaus ans Wasser. Ich habe
scharfe Augen, und gnstig war mir meines Freundes Licht. Ich sah, da Reiter
sich von dort entfernten, genau so einzeln wie die Fremden hier.
    Hat sich diese Beobachtung spter wiederholt? fragte ich.
    Nein. Ich sah es nur einmal.
    Wieviel Personen waren es?
    Sechs, mit dem Letzten.
    Kannst du dich vielleicht auf den Tag besinnen?
    Sehr genau. So Etwas merkt man sich. Am nchsten Montag werden es vier
Wochen.
    Sprachst du mit irgend Jemand schon davon?
    Nein.
    Warum nicht?
    Ich schwieg, weil das mit meinem Zweck zusammenhngt, doch dachte ich sehr
oft darber nach. Ich wollte an demselben Mondestag mich wieder dorthin an die
Ecke setzen, um zu erfahren, ob sie kommen wrden.
    Schakara! rief ich da aus.
    Was, Effendi? Worber bist du so berrascht?
    Da du so deutlich ahnst! Da das in dir so klar am Tage liegt, was ich aus
der Verborgenheit mit aller Mhe zerre! Du sollst die Seele sein und bist sie
wirklich! Dschanneh, Dschanneh, die sicherer empfindet und berzeugender das
Ferne schaut, als es dem Geist, dem stolzen, mglich ist!
    Dschanneh? fragte sie. Hast du dieses Wort von Marah Durimeh gehrt? Es
ist mein Kosename. So nannte sie mich stets, wenn sie mich zrtlich, lobend an
sich zog und mir das Haar mit Mutterlippen kte.
    Wirklich? Wirklich? Kosename? Mein Kind, wenn Marah Durimeh in solchem
Augenblick dir einen Namen gibt, so liegt in diesem Kosen tiefste Wahrheit. Man
ruft dich Schakara, damit du dankbar seist. Wofr? Nicht nur Dschanneh zu
heien, es wirklich auch zu sein!
    Ich verstehe dich nicht, Effendi, und doch fhle ich, da du nichts
Falsches sagst. Ich sprach von meiner Wiederkehr nach jener Ecke dort. Ich
wollte gern erfahren, ob sich in dieser Mjm-i-Yhud59 vielleicht ein - - -
    Mjm-i-Yhud? unterbrach ich sie schnell. Sonderbar, hchst sonderbar!
Wie kommst du auf diesen Namen fr grad diese Etage?
    Ich wei es nicht. Ich halte sie dafr. Das kommt mir so empor und auf die
Zunge!
    Ja, ich verstehe. So mu es sein! Du ahnst und darfst nicht ahnen!
Dschanneh, Dschanneh, das unbewute Wissen! Wir gehn gleich jetzt nach dieser
deiner Ecke und setzen uns dort nieder. Ich habe zu erzhlen. Du wirst sie
kommen sehen, am hellen Tageslicht, die Schatten alle und zuletzt die Mnner,
die du des Nachts damals gesehen hast.
    Wir gingen hin. Es gab jetzt nicht Mondes- sondern Sonnenschatten dort. Ein
groer, niedriger Stein lag da; der diente uns als Bank. Ich begann meinen
Bericht da, wo ich am Tigris die Sillan belauscht und zum ersten Male das Wort
Mjm-i-Yhud gehrt hatte, und berichtete ihr Alles, was dann geschehen war und
bestimmt zu sein schien, grad mich, den Fremden, den eigentlich ganz
Unbeteiligten, als den gefhrlichsten Feind der Schatten heranzuziehen. Sie
hrte still zu, ohne Unterbrechung, wie das so ihre liebe, verstndige Weise
war. Als ich geendet hatte, holte sie tief Atem und sagte:
    Effendi, liegt nicht in dem Allen ein fester, zielbewuter und sicher
vorwrtsschreitender Wille? Kein Fatum, kein Kismet, sondern eine Fhrung, eine
Oberleitung, welche zwar dich erkoren hat, ihre Absichten auszufhren, aber dir
doch jeden mglichen Spielraum fr deine eigenen Gefhle, Gedanken und
Entschlsse lt? Wer hat dies angeordnet, und wer sind all die Guten,
Mchtigen, die dich in jeder Not beschtzen und stetig dafr sorgen, da deine
Augen immer weiter und immer klarer sehen drfen? Du gehst den Weg, den du den
deinen nennst; er ist es auch, jedoch zugleich der ihre. Weich ja nicht von ihm
ab! La dich nicht auf die Pfade Anderer hinberlocken! Du wrdest diesen
starken Schutz verlieren und nicht Gebieter, sondern Sklave sein! Das ist
dieselbe Fhrung, die auch mich, sobald du kamst, zum hohen Hause brachte. Das
sehe ich jetzt ein. Wir reichen uns die Hnde, zum Heil der Dschamikun. Und nun
ich dieses wei, kann ich jetzt offen sprechen: Hast du Zeit, Effendi?
    Fr meine Seele stets. Das bist du ja - - Dschanneh!
    Wie mich das freut, da dieser liebe Name mir auch aus deinem Brudermunde
klingt! Du weit, da ich von Marah Durimeh beauftragt bin, im Stillen hier zu
forschen. Der Ustad sollte zwar nichts davon wissen, doch aber dann das Resultat
erfahren. Du ahnst es nicht, wie weit sie blickt, die hohe Frau im rmlichen
Gewande! Und ihre scheinbar schwache, kleine Hand, wie ist sie doch so mchtig,
wenn es gilt, den Guten zu bewahren vor dem Bsen! Sie kennt die Schatten, kennt
auch ihr Gebahren und lt sie nicht aus ihrem scharfen Auge. Fr diese Gegend
hier soll ich dies Auge sein. Darum mein stilles Wandern berall und auch mein
Forschen hier in den Ruinen.
    Sogar des Nachts! Hast du denn wirklich keine Furcht? fragte ich.
    Furcht? Frchtest du dich wohl, Effendi?
    Nein.
    So sag, warum soll die Seele Angst haben, wenn nicht einmal der Geist sich
ngstiget? Kennst du denn diese Beiden noch so wenig, da du wohl ihn fr
riesenstark, doch aber sie fr hilfsbedrftig hltst? Ich bitte dich, glaub an
das Gegenteil! Denk an die Seele deines eignen Volkes! La alle, alle Geister
Eurer Weltgeschichte sich gegen sie, die Wunderbare, wappnen, was wird sie tun?
Nur lcheln? Angst aber gibt es nicht! Vor wem denn auch?! Du weit es ja, ich
wollte wiederkommen, um jene sechs Geheimen zu belauschen, was jedenfalls nicht
ganz gefahrlos wre, und doch ist mir dabei nicht eingefallen, an Furcht auch
nur zu denken. Ich ging am Tag nach der erwhnten Nacht dann wieder her, die
Spuren zu betrachten. Sie fhrten in das Allerheiligste, wo man gesessen hatte,
doch jeden Falles zu Beratungszwecken.
    Sahst du noch Weiteres?
    Nein.
    Wo liegt das Allerheiligste, von dem du eben sprachst?
    Es ist der zweite Raum durch jene schmale Tr.
    Ich bitte dich, ihn mir zu zeigen.
    Jetzt?
    Ja.
    So warte! Es ist vollstndig dunkel drin; ich aber hole Licht.
    Im Hause drben?
    Nein. Ich habe Kerzen hier versteckt, weil ich sie fters brauche.
    Sie entfernte sich, kam jedoch schon nach kurzer Zeit wieder. Ihr Versteck
lag also in der Nhe. Wir gingen nach der erwhnten, schmalen Tr. Von Weitem
sah es so aus, als ob der Gestrpphaufen vor derselben ganz undurchdringlich
sei; aber er war an der Mauer hin so vollstndig niedergetreten, da man gut
passieren konnte. Und das schien gar nicht selten zu geschehen!
    Als wir eingetreten waren, befanden wir uns in einem quadratischen, hohen
Raume, welcher drei Trffnungen besa, natrlich ohne Tren. Durch die eine
waren wir gekommen. Links fhrte die zweite in einen langen, schmalen Saal, grad
vor uns die dritte in das Allerheiligste. Auch rechts war eine Tr gewesen, aber
schon lngst vermauert worden. Ich habe diese Etage zweistckig genannt. Von
auen schien sie es zu sein, der untere Stock ohne, der obere mit Fenstern,
schmale, wagerecht liegende Lichtlcher, wie man sie in Deutschland zuweilen an
alten Scheunen sieht. Von einer Innenbeleuchtung durch die Sonne hatte da keine
Rede sein knnen. Die Versammlungshalle, in welcher wir uns befanden, ging durch
beide Stockwerke. Die Decke wurde durch eine einzige, beraus starke Mittelsule
getragen, welche aus einem groen, steinernen Wasserbottich zu steigen schien,
der jetzt natrlich aber trocken war. Hatte man sich in diesem steinernen Meer
gereinigt, wie spter in dem gegossenen? Der Boden bestand aus groen Platten,
die aber vor Schmutz nicht zu sehen waren.
    Wir brannten eine Kerze an und gingen nach der gegenberliegenden Tr, um in
das Allerheiligste zu treten. Wie war Schakara zu diesem Worte gekommen? Kannte
sie die Bibel? Diese Abteilung war kleiner und niedriger als die vordere und
vollstndig fensterlos. Es gab da eine schwere, schlechte Luft. Drei Wnde waren
kahl; die hintere nicht.
    Dort stand Etwas, was ich fr einen Altar hielt. Ein Israelit htte es
wahrscheinlich fr eine Nachbildung oder gar fr das Uroriginal der Bundeslade
gehalten. Und darber zog sich, so breit wie diese Hintermauer war, eine Art von
Empore hin, zu welcher frher eine Treppe gefhrt hatte, die aber nicht mehr
existierte. Man sah die Stellen noch, wo die einzelnen Stufen an die Seitenwand
gestoen hatten. In der Mitte sahen wir dreimal drei steinerne, einst fr die
Priester bestimmte Sitze. Auch hier bestand der Boden aus Platten. Der auf ihnen
liegende Schmutz war noch grer als drauen.
    Schakara bewies mir, da die sechs fremden Mnner auf diesen Steinen
gesessen hatten. Wir sahen die Stellen, wo die Talglichter, die sie mitgehabt
hatten, festgetropft und dann wieder losgerissen worden waren. Der
zurckgebliebene Talg war noch so sauber, da diese fettigen Flecke nicht ber
vier Wochen alt sein konnten. Und als wir genauer suchten, fanden wir hnliche,
aber viel ltere Flecke in Menge. Das stimmte ganz genau mit dem, was wir wuten
und was wir uns dachten.
    Nun nahm ich Schakara das Licht aus der Hand, um nach weiteren Spuren zu
suchen. Sie konnte hierin doch nicht die Erfahrung besitzen, die ich hatte. Ich
fand nichts, als menschliche Fustapfen. Aber endlich, als ich eben aufhren
wollte und in die letzte, hintere Ecke leuchtete, sah ich einen andern Eindruck
im tiefen, mehligen Staube. Das war von keinem Fue, sondern von einer starken
Stange oder etwas Aehnlichem, welche hier eingestoen und oben an die Empore
gelehnt worden war. Und gar nicht weit davon lagen zwei losgebrochene, kurze
Holzstchen, die ich aufhob und aufmerksam betrachtete.
    Warum so nachdenklich, Effendi? fragte Schakara. Zwei Stckchen Holz,
weiter nichts! Wer wei, wie sie hierhergekommen sind!
    Wer? Ich wei es. Und - - weiter nichts, sagst du? Es ist viel, sehr viel!
Als ich diesen Raum sah, in welchem die Pderan ihre geheimen Versammlungen
abhalten, dachte ich sogleich daran, in welcher Weise man sie belauschen knne,
wenn sie Montag wiederkommen. Man mte vorher da hinauf auf die Empore steigen.
Das war mein Gedanke. Jetzt sehe ich, da ich nicht der Erste bin, dem dieser
Einfall gekommen ist. Sie sind schon belauscht worden.
    Von wem?
    Das sagen mir diese beiden Aestchen leider nicht. Man hat eine Leiter oder
wenigstens eine Stange gebraucht, um die Empore zu erreichen, aber keines von
beiden gehabt. Darum ist man in den Wald gegangen, um sich ein passendes
Baumstmmchen zu holen. Die Aeste wurden abgeschnitten. Einige drre Zweigreste
aber blieben. Das stemmte man hier unten in den Boden und legte es oben an. Beim
Hinaufklettern wurden die beiden Aestchen abgebrochen. Sie und das Loch hier
verraten mir das. Wenn man in dieser Weise hinaufklettert und die Stange nach
sich zieht und sie lang niederlegt, kann man fast sicher sein, nicht entdeckt zu
werden.
    Das leuchtet mir ein, Effendi. Wer mag wohl der Betreffende gewesen sein?
    Ein Dschamiki keinesfalls, denn ein solcher htte es nicht ntig gehabt, zu
einem solchen Behelfe zu greifen.
    Kein Dschamiki - - -! sagte sie nachdenklich. Effendi, da fllt mir Etwas
ein. Ich habe eine solche ganz roh zugeschnittene Stange gesehen.
    Wo?
    Droben in dem Quaderturme, wo Ihr den Aschyk ergriffen habt.
    Wann?
    An dem Morgen, an welchem ich hier nach diesen Spuren suchte. Ich ging dann
durch die obere Etage, auch in den Turm. Da sah ich ein Fichtenstmmchen liegen,
ganz so, wie du es beschrieben hast. Auch die Lnge stimmt. Ich dachte, ein
Dschamiki sei hier gewesen; darum fiel es mir nicht auf. Am Nachmittage kam ich
wieder hin; da war es weg.
    Ah der Aschyk! Er! Er belauschte die Pderan! Also gehrt er nicht zu
ihnen! Falls er ein Sill ist, ist er nur ein gewhnlicher! Hat er dem Scheik ul
Islam hierber zu berichten? Oder tut er es nur, weil er zu den Sillan gehrt,
die sich gegen ihren Aemir empren wollen? Es gilt, nicht allzu schnelle
Schlsse ziehen. Wir haben ja Zeit, hierber nachzudenken. Komm!
    Wir gingen. Drauen wendeten wir uns nach der dritten Tr, die nach dem
langen, schmalen Saale fhrte. Wir fanden nichts Aufflliges. Aber als wir an
sein Ende kamen, gab es keine Wand, sondern einen Schutthaufen, der nicht ganz
bis hinauf zur Decke reichte.
    Schakara! rief ich laut und verwundert aus. Mein Traum, mein Traum! Das
ist das Gerll, ganz genau das Gerll, von welchem herunter mich der Zauberer
beobachtete! Mich dnkt, ich msse seinen Kopf da oben erscheinen sehen. Das ist
doch sonderbar!
    Sonderbar? fragte sie. Effendi, Effendi, du weit wirklich noch gar nicht
viel von deiner Seele! Und doch seid Ihr auf Euer Mdschewwedet60 so stolz!
Suchst du nicht auch nach der Treppe, auf welcher du im Traum hinaufgestiegen
bist zum Schatten an der offnen Tr?
    Die liegt drben auf der andern Seite, die zugemauert ist.
    So la dort ffnen, und ich bin berzeugt, da sie vorhanden ist!
    Das werde ich wohl tun, jedoch zu seiner Zeit. Jetzt mchte ich hinaus, nur
wieder an die Sonne! Aber warte; da fllt wir Etwas ein. Da hinter diesem Schutt
geht es ja tief hinunter in das Wasser, wo der Aschyk ist. Ich mu ein
Lebenszeichen von ihm haben!
    Ich kletterte hinauf. Sie folgte mir sogleich, indem sie mein Gewand
ergriff.
    Um Chodehs willen, strze nicht hinab! warnte sie.
    Keine Sorge! Ich bin vorsichtig!
    Ich halte dich dennoch und lasse dich nicht los! Strzest du, so gehe ich
auch mit unter!
    Das ist Dschanneh, Dschanneh, die Seele, die mit dem Geiste steigt und mit
ihm fllt!
    Der Haufen war oben breit und fest, doch nahm ich mich in Acht. Schakara
hielt mich trotzdem noch fest. Ich atmete hier eine feuchte Luft. Die Decke ber
mir war von Schimmel berzogen. Nun rief ich laut, wieder und wieder. Nach dem
dritten Male kam Antwort, aber was fr eine! Es war, als ob da unten hunderte
von Stimmen zeterten und brllten, eine Folge des vielfachen Wiederhalles.
Verstehen konnte ich nichts. Doch gengte es ja, zu wissen, da er noch lebte
und nicht vom Steine herabgeglitten und ertrunken war. Ich kroch also zurck und
stieg hinab zum festen Boden. Da wischte Schakara sich den Schwei von der Stirn
und bat:
    Effendi, nie, nie wieder so etwas Frchterliches! Das mut du mir
versprechen!
    Ich denke, du hast weder Furcht noch Angst? antwortete ich.
    Nur um mich selbst! Fr Andre aber kann und mu ich zittern! Komm schnell
hinaus! Ich mu dich drauen sehen!
    Sie zog mich fort und gab mich erst dann wieder los, als wir den Vorhof
erreicht hatten. Sie konnte nicht anders; es lag in ihrem Wesen. Nun atmete sie
auf, tief und froh, und sprach:
    Da drin sah ich nichts als den Untergang, als das Verderben! Die Zeit ist
da; es kracht schon berall! Hier aber stehe ich im klaren Sonnenlicht und sehe
schon von fern die Hilfe kommen. Im Osten sind bereit die Kalhuran, und dort, wo
sich die hchsten Berge ffnen, erscheint die Hilfe Marah Durimehs. Ich brauche
ihr das Zeichen nur zu geben, so sendet sie die kampfgewohnten Scharen, die sie
bereit hlt gegen unsre Feinde.
    Sie hlt Hilfe bereit? fragte ich schnell. Das wre ja kstlich fr uns!
Sie ist also berzeugt gewesen, da es zum Kampfe kommt?
    Ja. Und sie hat sich vorbereitet. Ihr sollt Euch auf den Schah-in-Schah
verlassen, ja. Er hat euch lieb und ist der Herrscher dieses Reiches. Aber die,
welche sich seine Hohen nennen, verwandeln seine Liebe unterwegs in Ha und
spiegeln aller Welt die groe Lge vor, er habe ihnen die Gewalt gegeben, die
doch nur er allein besitzen kann. Der Ungehorsam schliet sich ihnen an und
macht sie scheinbar stark, dem Herrn zu widerstehen. Wer still des Herrschers
gute Wege wandelt, wird angefeindet, mglichst unterdrckt. Wer aber sich vor
jenen Groen beugt, aus Dummheit, oder auch des Vorteils wegen, den untersttzen
sie auf jede Art und Weise. Der Schah ist gtig, aber auch gerecht. Er straft
nicht gleich. Doch kommt dann seine Zeit, so fllt das Wort, das wie ein Hammer
schmettert. Der kluge Untertan greift ihm nicht vor. Die Trgheit nur braucht
immerwhrend Hilfe. Fr Jeden aber, der Charakter hat, ist es wohl
Mannesseligkeit, zu wissen, da er sich fglich selber helfen knne. Effendi,
komm; Charakter ist vorhanden! Wir greifen gern mit eignen Hnden zu. Und wenn
der Schah das sieht, wird er sich freun. Denn darin grad, da wir es selbst
vollbringen, liegt seine grte Macht: direkte Volkesliebe!
    Sie hatte sehr ernst gesprochen. Nun nahm sie das Gef auf und fgte mit
herzlichem Lcheln hinzu:
    Diese Beeren pflckte ich fr dich und den kranken Hadschi. Natursfte!
Besser als Alles, was die Kochkunst unverstndig mischt!
    Gib sie ihm alle, Schakara! Ich habe Charakter und pflcke mir jetzt
selber!
    Da verwandelte sich ihr Lcheln in jenes kurze, wohlklingende Lachen,
welches ich so gern von ihr hrte.
    So gehe ich voran, sagte sie. Hanneh wei, da ich komme.
    Ich blieb noch eine ganze Weile, um mir die groen, weien Himbeeren
schmecken zu lassen. Da hrte ich meinen Namen rufen. Als ich mich umdrehte, sah
ich Kara Ben Halef, welcher an der schon einmal erwhnten Mauerstelle
herabgeklettert und dann auf mich zugeeilt kam.
    Sihdi, ich bringe dir Besuch, sehr hohen Besuch, sagte er.
    Wen?
    Das darf ich dir nicht sagen.
    Woher?
    Auch das soll ich verschweigen. Du sollst selbst kommen und sehen.
    Etwas Gutes?
    Sehr, sehr!
    Da ich jetzt noch nicht klettern wollte, gingen wir zum Glockenweg hinauf.
Unterwegs erzhlte mir der junge Hadeddihn:
    Ich machte meinen Uebungsritt, dieses Mal nach dem Hasenpasse. Da kam mir
ein Reitertrupp entgegen, bei dem sich einer der Dschamikun befand, die mit dem
Ustad fortgeritten sind. Der Anfhrer war ein sehr vornehmer Perser. Er wute,
da der Ustad verreist ist, und fragte nach dir; er habe dich zu besuchen. Ich
kehrte selbstverstndlich mit ihnen um und bin soeben angekommen. Er hat mit
Schakara gesprochen und auch mit dem Pedehr. Beide beeilten sich sofort, die
obere Etage des Wartturmes aufzuschlieen, wo sich einige Stuben fr besondere
Gste befinden. Da soll er wohnen. Jetzt ist er in der Halle.
    Wieviel Dienerschaft?
    Nur drei Stallburschen fr die Pferde.
    So ein vornehmer Herr? Und in dieser unsichern Gegend!
    Fr seine Sicherheit hatte er gesorgt. Es hatte ihn eine Schar von Kalhuran
bis an den Pa begleitet und war dort von ihm entlassen worden. Es sind im
ganzen acht Pferde, vier zum Reiten, drei fr das Gepck und ein lediges,
welches wertvoll zu sein scheint, denn es ist ganz und gar in einen Anzug
geschnallt, der nur die Hufe, die Nstern und die Augen sehen lt. Sogar der
Schweif ist sorgsam eingewickelt, in einen leichten, dnnen Schleierstoff, wie
vornehme Damen ihn vor dem Gesicht tragen. Ist das nicht sonderbar?
    Hiernach scheint das Pferd allerdings von grtem Wert zu sein. Wir werden
ja sehen!
    Als wir in den Hof kamen, befanden sich die Pferde schon nicht mehr da. Sie
waren einstweilen in das Gewlbe gebracht worden, in dem sich die gefangenen
Soldaten befunden hatten. Ich ging in die Halle. Da sa der Fremde mit dem
Pedehr. Er trug einen persischen Reiseanzug. Als er mich kommen sah, sprang er
auf. Er erkannte mich und ich ihn.
    Dschafar! rief ich aus.
    Mein Retter! klang es aus seinem Munde.
    Dabei eilte er auf mich zu, schlang die Arme um mich und kte mich fnf,
sechs, acht mal, auf den Mund, auf die Stirn, auf die Wangen, wohin er nur
gleich kam! Ich war damals in den Vereinigten Staaten zuweilen etwas streng
gegen ihn gewesen; das schien er aber vollstndig vergessen zu haben. Er
strahlte frmlich vor Freude; die meinige war ebenso herzlich, aber stiller, und
doch dauerte es lngere Zeit, bis alles schnell fragende Hin und Her vorber war
und wir uns niedersetzten. Der Pedehr war so vernnftig, zwei Hukah's61 kommen
zu lassen. Das Rauchen derselben und das stete Bemhen, sie nicht ausgehen zu
lassen, zwang uns zum ruhigeren Gesprche. Da wir uns jetzt nicht im wilden
Westen sondern im innersten Oriente befanden, nannten wir uns nach der Sitte
dieser Gegend sofort du. Sonderbarer Weise schien er um keinen Tag gealtert zu
sein, und von mir behauptete er, da ich jetzt jnger aussehe als damals. Der
persischen Anstandslehre zu gehorchen, hielt ich ihm gegenber nicht fr ntig.
Man hat geduldig zu warten, bis dem Andern die ersehnte Mitteilung beliebt. Das
fiel mir aber gar nicht ein. Ich fragte ihn sehr einfach, woher er wisse, da
ich mich hier bei den Dschamikun befinde. Da sah er mich kopfschttelnd an und
fragte:
    Hast du denn nicht gewut, da ich ein Bekannter des Ustad bin?
    Doch!
    Und da hast du dir nicht gedacht, da es sein Erstes war, mich zu
benachrichtigen, als du hier angekommen warst? Ich hatte erzhlt, was ich dir zu
verdanken habe, und wie sehr ich wnsche, dich einmal wiederzusehen! Er hat mich
wiederholt ber dein Befinden unterrichtet, dir aber nichts davon sagen drfen,
weil ich dich hier berraschen wollte. Nun bin ich endlich da! Und habe dich zu
gren! Von wem?
    Nun? fragte ich.
    Vom Schah-in-Schah.
    Von - - - dem?! rief ich erstaunt aus.
    Da gibt es doch nichts zu verwundern! Es ist vielmehr sehr einfach! Ich
erzhlte ihm von dir. Und nicht nur einmal, sondern fters. Du hieltest mich da
drben in Amerika fr einen Unwissenden, einen unvorsichtigen Trumer. Aber - -
- fgte er mit feinem Lcheln hinzu - - - diese Trumerei war Tebdil, war
Halama62, obgleich ich zugebe, da ich die Verhltnisse allerdings nicht
kannte, sondern sie erst studieren wollte und mir dabei zuviel zugetraut hatte.
Meine Aufgabe war - - - doch davon vielleicht spter! Kurz, der Schah lernte
dich aus meinen Erzhlungen kennen, und nicht blo kennen, sondern mehr. Er
erfuhr Alles, was ich von dir wute. Und krzlich stellte sich auch noch ein
Anderer ein, der ihm noch mehr als ich von dir erzhlen konnte. Das war ein
Englnder, welcher David Lindsay heit und - - -
    Lindsay ist in Isphahan? unterbrach ich ihn schnell.
    Nicht mehr, sondern schon wieder fort.
    Wohin?
    Zunchst nach Jesd hinber, so viel ich wei. Dann will er hierher, um mit
dir weiter zu reisen. Ich glaube aber nicht, da er dazu kommen wird. Ein
Verwandter, der bei ihm ist, nmlich ein General, aber kein Original, hat ihn so
in Beschlag genommen, da du wohl kaum hoffen darfst, deinen sonderbaren Freund
jetzt wiederzusehen. Er wurde mir vorgestellt und erzhlte mir von dir, aber so
viel und so interessant, da ich ihn bat, mich zu besuchen. Ich machte den Schah
auf ihn aufmerksam. Die Folge war ein sehr unterhaltender Abend zu Dreien. Der
Gegenstand des Gesprches waren seine Reisen mit dir und die Absichten, welche
du mit diesen Reisen verbindest. Du wirst wissen, da der Schah Bcher schreibt.
Auch ich bin Schriftsteller. Man nennt mich sogar Dichter. Da ist es
begreiflich, da er sich sehr lebhaft fr dich interessierte und sich freute,
dich jetzt hier in seinem Lande zu wissen. Als er erfuhr, da ich dich besuchen
werde, gab er mir seine Gre mit und auerdem noch zweierlei. Ueber das Eine
wirst du dich freuen, denn es ist ein Zeichen seiner Huld. Das Andere aber ist
etwas so Eigentmliches, da es dich wahrscheinlich befremden wird. Ich bin
nicht ermdet, bedarf also nicht der Erholung von dem heutigen Ritte und halte
es darum fr das Beste, mich dieser beiden Auftrge sofort zu entledigen. Hast
du Zeit, Effendi?
    Ja.
    So komm mit mir jetzt dorthin, wo ich wohnen werde!
    Wir gingen nach dem Turme, zwei steinerne Stiegen hinauf. Die Reitknechte
hatten das Gepck bereits heraufgebracht. Es war Niemand da als Schakara, welche
ordnete. Sie wollte sich sofort entfernen, ich bat sie aber, zu bleiben. Whrend
er eines der Pakete ffnete, trat ich an das Fenster. Es gab hier eine fast
ebenso schne Aussicht wie drben bei mir.
    Nun war das Paket aufgemacht, und er begann, auszulegen. Ich sah eine lange,
weite Sirdschameh63 von kostbarer, blauer Seide, ein weiseidenes Pirahen64, ein
Alkalok65 von feinster, dunkelblauer Baumwolle, mit engliegenden, silbernen
Knebeldressen, eine ebensofarbige Kba66 aus dnner, aber unverwstlicher
Kaschamira, einen wenigstens sechs Meter langen Kemr67, fast spinnwebenfein,
als Grtel um den Leib zu winden, eine Dschubbeh68, mit kstlichem Pelzwerk
verbrmt, eine hohe, schwarze Lammfellmtze von jener Art, die nur ein Kaiser
verschenken kann, ein Paar Pantoffel, ein Paar Schuhe und ein Paar Reitstiefel
von weichstem Gazellenleder.
    Schon die Bibel spricht von Feierkleidern, welche die Knige verschenkten.
Es ist das eine orientalische Sitte, die man in einigen Lndern bis heute
beibehalten hat. Besonders liebte es der Schah, in dieser Weise seine Gunst zu
zeigen.
    Schau her! forderte mich Dschafar auf. Dieses Ehrenkleid habe ich dir vom
Beherrscher zu berbringen. Es wurde von ihm eigenhndig ausgewhlt, nachdem ich
ihm deine Gestalt beschrieben hatte. Aus den Stoffen magst du ersehen, ob diese
Ehrung eine gewhnliche ist oder nicht. Du bist gewohnt, tiefer zu blicken. Ich
wei, da dieser Anzug fr dich mehr bedeutet, als er fr einen Andern sein
wrde. Allah gibt seinen Geistern verschiedene Gewnder, scheinbar schne und
scheinbar hliche. Man nennt sie alle Leib. Vor ihm ist nur das Schlechte
hlich und nur das Gute schn. Nur auf den Menschen kommt es an, ob er die
Kleidung wrdigt oder nicht!
    So Etwas hatte ich ja ganz unmglich erwarten knnen! Meine Freude wurde
verdoppelt, als Dschafar ein zweites Paket ffnete, welches einen hnlichen
Anzug fr meinen Hadschi Halef enthielt. Ich sah den braven Freund schon jetzt
im Geist in Wonne schwimmen! Das war ja noch nie, noch nie passiert, da ein
Hadeddihn vom Schah-in-Schah geehrt worden war, und noch dazu in dieser Weise!
    Es ist nicht meine Art, den Dank, den ich gern still empfinde, in viele
laute, wohlklingende Worte zu kleiden. Ich verstand die beiden Geber des
Geschenkes, und Dschafar verstand auch mich, obwohl ich nur wenig sagte.
    Und nun das Zweite, das Sonderbare! begann er wieder. Ich lenkte meinen
Ritt hierher zunchst nach dem Schlosse Mihribani, wo sich der Herrscher jetzt
befindet. Eine Tagesreise, nachdem ich es verlassen hatte, traf ich mit dem
Ustad zusammen, der zu ihm wollte. Er bat mich, zu warten und dann mit ihm zu
reiten, wenn er zurckkehren werde; ich ging aber nicht hierauf ein. Bei dieser
Gelegenheit erzhlte er mir Vieles, wenn auch nicht Alles, was hier geschehen
ist. Ich erfuhr auch, da du von Syrr gehrt hast, dem angeblichen Geschenk des
Schah-in-Schah, dem rtselhaften Pferde. Ich bitte dich, mir mitzuteilen, was du
jetzt von ihm weit!
    Ich sagte ihm, was ich ber Syrr erfahren hatte; es war nicht viel und klang
ziemlich dunkel.
    Man hat dir Wahres und Falsches berichtet, sagte er dann. Es war ein
kstlicher Gedanke vom Beherrscher, sein bestes, grad sein allerbestes Pferd
ganz im Verborgenen und ohne jeden Zeugen so zu schulen, wie es mit Syrr
geschehen ist. Es trgt nur ihn allein. Zu dem alten Kunststck mit dem Abwerfen
Anderer ist es zu gut, zu edel. Aber es gehorcht eben nur dem Schah-in-Schah.
Setzt sich ein Anderer auf, so bleibt es eben stehen. Am Zgel fhren lt es
sich, reiten aber nicht. Damit es nicht durch seine vielen Stallbediensteten und
die Mucken anderer Pferde verdorben werde, hat er es zu mir getan, wo es nicht
belstigt wird. Mein kleiner aber schner Stall steht fast ganz leer, und weil
ich nicht das bin, was man einen Reiter zu nennen pflegt, ist Syrr nicht der
Gefahr ausgesetzt, da ich ihn behellige. Ich habe ihn also nicht geschenkt
bekommen; dieses Gercht ist falsch. Wenn der Herrscher ihn braucht, kommt er zu
mir und stellt ihn dann auch selbst wieder ein. Aber er ist keineswegs dagegen,
sondern es macht ihm vielmehr Spa, wenn angebliche Reitvirtuosen mich bitten,
beweisen zu drfen, da Syrr ihnen gehorchen msse, er mge wollen oder nicht.
Es ist noch Keiner dagewesen, der dies fertiggebracht hat, sondern es hat ein
Jeder mit Beschmung abziehen mssen, weil er das Geheimnis zwischen dem Schah
und diesem Pferde nicht entdecken konnte. Du schaust mich an, Effendi. Du
lchelst. Glaubst du etwa, da du es entdecken wrdest?
    Es kme auf eine Probe an, antwortete ich.
    Da fiel er rasch ein:
    Die sollst du machen!
    Wann?
    Wann es dir beliebt!
    Da sah ich ihn freilich noch ganz anders an als vorher.
    Dschafar! rief ich aus. Ich hrte, Du habest ein vollstndig verhlltes
Pferd mitgebracht. Soll ich etwa gar vermuten, da - - -
    Ich empfand es als Wagnis, den begonnenen Satz auszusprechen. Er aber lachte
frhlich auf und tat es an meiner Stelle:
    Da dieses Pferd der Syrr des Herrschers ist? Ja, er ist es. Ich habe ihn
mitgebracht.
    Da sagte ich kein Wort. Ich war fast erschrocken. Dann kam mir die Sprache
wieder:
    Welche Khnheit von dir! Was wird der Schah-in-Schah tun, wenn er es
erfhrt! Er stellte den Syrr bei dir ein, damit er unbelstigt bleibe, und du
schleppst ihn so viele Tagereisen weit hierher zu uns, allen, allen den Gefahren
ausgesetzt, vor denen dieses kostbare Pferd grad durch dich bewahrt werden
sollte!
    Nun lachte er noch herzlicher als vorher und antwortete:
    Eine Strafrede statt des Lobes! Du bist ja frmlich zornig, Effendi! Aber
ich nehme das als gutes Zeichen und will dich beruhigen. Wisse, da ich nichts,
gar nichts gewagt habe. Wir wurden, nmlich Syrr und ich, von einer Abteilung
der Leibgarde bis zu den Kalhuran und dann von diesen Euren Freunden bis fast
ganz hierher gebracht. Es konnte uns also unterwegs nichts geschehen. Und grad
um das Pferd nicht anzustrengen, habe ich nicht auf den Ustad gewartet, sondern
bin langsam vorausgeritten. Und wenn ich sage Leibgarde, so soll das heien, da
ich es nicht ohne die besondere Erlaubnis des Beherrschers tat. Ja, er selbst
ist es, der den Gedanken angeregt hat, Syrr mit nach hier zu nehmen!
    So bin ich starr!
    Starr? Ich werde dich sofort wieder lebendig machen, indem ich dir sage,
da ich den Syrr fr Niemand bringe, als fr dich allein.
    Fr mich? Sei ernst!
    Ja, ja; fr dich! Und das kam so: Da du ein guter Reiter seist, das hatte
ich erzhlt, doch ist das nicht der Grund. Die Andern alle, welche nichts
erreichten, hatten ja geglaubt, nicht nur gute, sondern sogar virtuose Reiter zu
sein. Aber ich hatte auch von deiner Findigkeit gesprochen, von deiner
Aufmersamkeit fr alles Tiefere und von deiner Liebe zu den Tieren. Lindsay
erzhlte so viel von dir und deinem Rih, dem herrlichsten Pferde der Hadeddihn.
Der Schah erfuhr, wie du dich zu den Pferden und berhaupt zur Kreatur
verhltst, und als ihm dein Sprung ber die Verrterspalte und gar das grliche
Wagestck berichtet wurde, da du, vorn und links den Abgrund, rechts die
Felswand, hinter dir die Feinde und unter dir den kaum vier Fu breiten Stein,
durch einige liebe Worte dein zitterndes Pferd bewegtest, sich vorn zu erheben,
den halben Krper ber der Tiefe, und langsam umzuwenden - - - da rief er aus,
da du es vielleicht sein knntest, dem Syrr auer ihm gehorchen wrde, weil ein
freundliches Wort von dir gengt habe, die Todesangst des Pferdes in ruhiges
Vertrauen zu verwandeln. Und als er hrte, da ich dich besuchen werde, ging er
mit sich zu Rate, ob er mir den Syrr anvertrauen solle oder nicht. Ich selbst
riet ihm ab, weil ich nicht glaubte, eine solche Verantwortlichkeit auf mich
nehmen zu knnen. Aber grad mein Widerstand schien ihm die Gewhr zu bieten, da
das Pferd nicht nur daheim, sondern auch whrend dieser Reise in guten Hnden
sei, und so befahl er mir, es mitzunehmen. Ich sage, er befahl; so durfte ich
mich nicht lnger weigern.
    Dschafar - - - Mirza - - - vor allen Dingen, wie soll ich dich titulieren?
    Du nennst mich einfach Dschafar; ich will es so. Die Andern mgen immerhin
Mirza sagen!
    Ich danke dir! Nun wieder zu dem Pferde! Ich kann mir nicht denken, da dir
der Schah den kstlichen Syrr blo aus reiner Neugierde anvertraut hat, nur um
zu erfahren, ob es mir gehorchen werde. Es mu noch ein anderer, hherer oder
tieferer Grund vorhanden sein.
    Der ist auch da! Bezeichne ihn, wie du willst; ich nenne ihn psychologisch.
Der Herrscher nannte es ein Problem, und zwar ein wichtiges Problem. Er ist
nicht etwa neugierig, sondern gespannt! Das ist doch wohl ein Unterschied! Er
sagte sogar, Syrr sei zwar unbezahlbar, aber keineswegs ein zu hoher Preis fr
die Lsung, doch wolle er warten, ehe er hiervon spreche. Effendi, Effendi,
merkst du, was der Beherrscher will?
    Ja.
    So gieb dir Mhe!
    Mhe? Dschafar, Dschafar! Mhe tut es am allerwenigsten; ja, sie wrde nur
verderben! Wenn mich das Pferd nicht gleich beim ersten Anblick liebgewinnt,
brauche ich gar nicht zu probieren; es wrde doch vergeblich sein. Sag mir, was
frit es wohl am allerliebsten?
    Sein grter Leckerbissen ist ein Apfel.
    Hat es irgend eine Untugend, welche zu schonen ist, wenn man es nicht
erzrnen will?
    Nein, keine einzige.
    Irgend eine empfindliche Krperstelle, die man nicht berhren darf?
    Auch nicht. Effendi, ich hre, du bist Kenner. Du fngst es richtig an,
ganz anders als jene Virtuosen, die nur das Vieh im edlen Pferde sehen!
    Nun, das liegt eben im Virtuosentum. Noch deutlicher im Wort Dressur! Liebt
Syrr den Stall?
    Nein. Das Freie ist ihm lieber, sogar des Nachts.
    Hat er Eigenheiten in Beziehung auf das Wasser, auf das Futter?
    Nicht da ich wte.
    So will ich die Probe wagen. Aber ich bitte dich um Eins!
    Um was?
    Von diesem Augenblicke an bin ich der Herr des Pferdes. Kein Mensch darf es
ohne meine Erlaubnis berhren, auch du selbst nicht!
    Da wurde er ernst.
    Weit du, was du da auf dich nimmst, Effendi? fragte er.
    Alles!
    Jeden Andern wrde ich abweisen, denn das Pferd ist nicht mein, sogar den
Ustad, den ich doch so kenne! Dir aber will ich vertrauen. Syrr sei dein
Eigentum, natrlich nur fr die Zeit meines Aufenthaltes hier. Bist du
zufrieden?
    Ja, ich danke dir!
    So geh hinab zu ihm, indessen ich es mir hier wohnlich mache!
    Das war auch fr Schakara das Zeichen, sich zu entfernen. Sie nahm mein
Feierkleid mit, um es hinauf zu mir zu tragen. Halefs Anzug wollte Dschafar
selbst berbringen.
    Denn ich kenne ihn aus Lindsays Erzhlungen, sagte er lchelnd. Es hat
hhern Wert fr ihn, den Boten des Schah-in-Schah persnlich zu empfangen.
    Unten ging ich sofort in das Gewlbe, in welchem die Pferde standen. Die
Reitknechte waren da.
    Wei hier schon Jemand, da Ihr den Syrr mitgebracht habt? fragte ich.
    Nein, lautete die Antwort. Dschafar Mirza hat uns verboten, davon zu
sprechen.
    So verschweigt es auch weiterhin. Niemand soll es wissen. Jetzt ist er
mein. Ich werde ihn selbst bedienen; es hat ihn von jetzt an kein Anderer zu
berhren. Wie ist er gesattelt, wenn er den Schah-in-Schah trgt? Wohl Reschma?
    Nein, sondern arabisch.
    Wie verhlt er sich zu andern Pferden?
    Er mag sie nicht; er ist stolz; aber er tut ihnen nichts. Wenn sie ihm nahe
kommen, geht er fort. Er hat sich noch von keinem berhren lassen, auch selbst
noch keines berhrt.
    Kannst du das so genau wissen?
    Ja, denn ich bin Dschydd69 und habe Syrr von Anfang an gepflegt.
    So werde ich mich an dich wenden, wenn ich Etwas wissen will. Liebt er das
kalte Wasser?
    Es ist ihm sogar eine Wonne. Er lchelt froh, wenn man ihn wscht. Der
Beherrscher hatte ihn einmal mit am Narghis-See. Da war er noch jung und lief
frei herum, das schnste Fllen, das es auf der Erde gab. Da war er fast gar
nicht aus dem Wasser herauszubringen. Effendi, ich bitte dich, nimm ihn in Acht!
Ich habe ihn so lieb!
    Sei unbesorgt; er ist in guten Hnden! In welcher Sprache redest du mit
ihm? Persisch natrlich?
    Nein nicht persisch, sondern meine Muttersprache. Ich bin ein
Dschubeileh-Araber.
    Da lie ich mir diejenigen Worte und Ausdrcke aufzhlen, welche dem Syrr
gelufig waren, und nahm ihn dann aus dem Gewlbe heraus, um ihn hinter nach der
Weide zu fhren. Schakara hatte den Anzug hinaufgebracht und kam jetzt wieder
herunter. Sie war bei meinem Gesprch mit Dschafar zugegen gewesen, hegte das
lebhafteste Interesse fr das Pferd und bat mich, mitgehen zu drfen. Als wir
durch den Garten kamen, pflckte ich zwei Aepfel, einen gewhnlichen Kchenapfel
und einen edlen, nach Rosinen duftenden Sib-y-Kischmisch-Apfel. Jeden in einer
Hand, hielt ich dem Pferde beide zugleich vor. Es fate nicht etwa hastig zu,
sondern es beroch sie mit Bedacht und griff dann zu dem duftenden. Da sagte
Schakara:
    Effendi, das ist kein Vieh. Es beherrscht den Appetit; es whlt; es folgt
nicht der Gier, sondern dem prfenden Sinne. Und schau, wie langsam es kaut,
fast wie ein Mensch, der eine Delikatesse geniet. Ein anderes Pferd htte schon
lngst nach dem zweiten Apfel gelangt. - - - Nun nimmt es ihn, fast leise,
zgernd, als ob es dir einen Gefallen tun wolle, indem es nun auch den weniger
guten frit. Syrr ist edel, sehr edel. Ich habe ihn schon lieb!
    Sie klopfte ihm mit der flachen Hand den Oberschenkel, so, wie man Pferde
krftig zu liebkosen pflegt. Da hob er den einen Vorderfu und zuckte mit dem
eingewickelten Schwanze. Dieses Klatschen war ihm also unangenehm. Fr mich
ein wichtiger Fingerzeig! Als wir an die Quelle kamen, lieen wir ihn trinken.
Er versuchte erst den Geschmack des Wassers und trank dann mit sichtlichem
Behagen, zuweilen eine Pause machend, wie ein Weinkenner, der eine seltene
Nummer nicht gleich hinunterstrzt. Dann fhrte ich ihn hinter in das Gras und
begann, die Hlle aufzuschnallen. Da sah ich denn, da Syrr auch ein Rappe war,
aber was fr einer! Ein Rappe mit Doppelmhne! Ohne das geringste helle
Fleckchen! Der volle, vornehm getragene Schwanz reichte fast bis zur Erde
nieder. Die Behaarung war seidenweich und biberfein, fast schwrzer noch als
schwarz, aber die Spitze jedes einzelnen Haares wie in eine Brillanttinktur, in
lichten Flu getaucht und darum leise, aber doch ganz deutlich schimmernd. So
Etwas hatte ich noch nie gesehen. Schakara schlug verwundert die Hnde zusammen
und rief aus:
    Ein Mischki en Nur70! Das Mrchen hat also Recht! Es gibt Rappen, welche
dunkler sind als Kohle und doch wie Demant glnzen! Wenn die Alten am Lagerfeuer
sitzen und von jenem Wunderpferd erzhlen, welches des Nachts von Stern zu Stern
galoppiert, um einen Geist zu suchen, der es reiten knne, so ist es stets ein
Mischki en Nur. Der Glanz der Sterne wurde seinem Haar zu eigen; einen wrdigen
Reiter aber hat es bis heut noch nicht gefunden.
    Diese Spitzenfrbung war umso erstaunlicher, als sie sich nicht nur bei den
kurzen Hrchen des Krpers sondern auch bei den langen Haaren der Mhne und des
Schwanzes zeigte. Wenn er den Letzteren bewegte, so war dieses leise Flimmern,
um mich so auszudrcken, eine wahre Augenfreude. Aber nun erst die Gestalt, der
Krperbau des Hengstes! Ich habe Rih beschrieben und auch Assil Ben Rih, seinen
Sohn, zu beschreiben versucht. Das war ein Fehler. So wenig, wie man die
Schnheit einer Blume, einer Frau, eines Kunstwerkes beschreiben kann, ebenso
wenig lt sich durch Worte eine Anschauung von der Schnheit eines Rassepferdes
geben. Ich werde mich also hten, meinen Fehler zu wiederholen, indem ich Syrr
beschreibe. Zudem wei ich sehr wohl, welche Vorurteile im Abendlande gegen den
chten Araber herrschen. Der Europer bezeichnet den Beduinen als den grten
Dieb und Lgner im Pferdehandel, verbreitet aber doch die Lgen, welche man
ihm aufgehngt hat, und glaubt sie auch selbst! Die Beduinen wissen sehr wohl,
was es heit, wenn fremde Vlker den Europern ihre Schtze zeigen und ihnen
erklren, worin der Wert derselben besteht. Die Folgen solcher Aufrichtigkeiten
liegen allberall so zu Tage, da sie gar nicht zu bersehen sind. Wenn der
grte Reichtum des Arabers in seinen edlen Pferden liegt, so fllt es ihm gar
nicht ein, jeden Franken ber Alles, was diese Pferde betrifft, bereitwilligst
zu unterrichten. Die bsen Erfahrungen, welche Andere gemacht haben, zwingen ihn
zu Ausflchten, Tuschungen und Unwahrheiten, durch welche er zwar seinen Ruf
verschlechtert, aber fremde Gelste von sich weist. Was man in Bchern ber das
arabische Pferd zu lesen bekommt, ist hufig ein Beweis fr diese Tuschungen.
Selbst berhmte Hippologen behaupten in ihren Schriften, da der Araber selten
Rappen zchte, weil er die schwarze Farbe fr ordinr halte, da eine volle
Mhne und ein voller, langer Schweif fr hlich gelte, und was dergleichen
Dinge weiter sind. Hiernach wre Syrr als ein unschnes, gemeines Pferd zu
bezeichnen. Wenn ich hflich sein und dies als Wahrheit gelten lassen will, so
mu ich begeistert hinzufgen, da der Bau seines Krpers noch viel, viel
hlicher und gemeiner war als seine Farbe!
    Ich trat ein Stck von ihm zurck, um diese herrlichen Formen zu betrachten,
die jeden Kenner oder Pferdefreund entzcken muten. Ich suchte nach Fehlern,
scharf und unerbittlich, fand aber keinen, keinen einzigen, nicht den
allergeringsten! Dieser Syrr war krperlich ideal. Ob auch in Beziehung auf
seine innern Eigenschaften - fast htte ich Geist oder Seele gesagt; das ist mir
aber fr Tiere streng verboten worden - das hatte sich noch zu zeigen. Da sah
Assil mich stehen. Er kam herbei, um mir zu zeigen, da er auch noch vorhanden
sei. Ich liebkoste ihn wie immer. Da ging er weiter, hin zu Syrr. Auch er machte
niemals Gemeinschaft mit andern Pferden. Er schritt langsam, prfend vorwrts.
Er hob die sich erweiternden Nstern, so da die Linie von den Ganaschen zur
Kinnkettengrube eine wagerechte wurde. Seine Ohren spielten. Der Schweif hob
sich. So kam er nher, immer nher - - - zwei Vollbluthengste! Was wird wohl
geschehen! Syrr stand still. Er bewegte keine Muskel. Kein Haar zuckte. Aber
seine innen rosagefrbten Nstern ffneten sich mehr und mehr, und seine groen
Augen schienen noch grer zu werden. Nun war Assil da. Er legte die Ohren grad
nach vorn, sog den Atem des neuen Kameraden ein, wieherte kurz und wie vor
Freude auf und - - - gab Syrr einen Ku.
    Ja, Pferde kssen! Wer das nicht wei, der hat sie noch nicht beobachtet!
    Eine solche Vertraulichkeit erschien dem Rappen des Schah-in-Schah wohl
unerhrt. Er hob schnell auch den Kopf, legte die Ohren ganz nach hinten und
ffnete die Lippen so, da das prchtige, elfenbeinene Gebi zu sehen war. Dann
wieherte er ebenso, schlo die Lippen wieder und - - - kte Assil Ben Rih auch.
    Wie schn, wie gut, Effendi! sagte Schakara. Ich befrchtete schon, es
werde eine gewaltige Schlgerei beginnen. Sie haben sich aber erkannt. Edel zu
edel, hoch zu hoch, echt zu echt, das gibt niemals Konflikt!
    Mchtest du mir nicht einige weiche Lappen besorgen? bat ich sie. Er ist
unter der engen Hlle ganz verdunstet. Ich will ihn waschen.
    Auch Machassa und Furscha71? fragte sie.
    Nein. Heut nicht. Es knnte das der neuen Bekanntschaft schaden.
    Sie ging, das Verlangte zu holen. Ich war nun mit Syrr allein und begann,
mich bei ihm einzuschmeicheln. Fast htte ich mit der bekannten Redensart gesagt
- ihm seelisch nher zu treten. Ich strich ihm leise das Haar, nicht Mhne oder
Schwanz, sondern nur das kurze, und zwar genau in der Richtung, in der es lag.
Wo es einen Bogen machte, folgte auch ich ihm mit der Hand. Wo sich bei
Gliederbeugen zwei verschiedene Haarrichtungen begegneten, beachtete ich das
wohl und folgte mit einer Hand der einen, mit der zweiten Hand der andern. Wo
ein Wirbel gebildet wurde, wirbelte ich auch. In dieser Weise ging ich ber den
ganzen Krper, von hinten nach vorn. Es fiel mir nicht ein, Etwas zu tun, womit
ich Syrr belstigt htte, etwa wie die Hufe zeigen zu lassen oder das Gebi zu
untersuchen. Den Kopf behandelte ich mit besonderer Aufmerksamkeit. Es gab da am
Oberauge einige herabragende Borstenhaare, welche den Blick unausgesetzt
belstigen muten. Ich schnitt sie mit meiner kleinen Taschenmesserschere sofort
weg. Auch ein Pferd merkt so Etwas sogleich und ist dankbar dafr! Nur kann es
leider nicht sagen Ich danke Ihnen ergebenst, Herr Rollfuhrmann oder Herr
Droschkenkutscher! So gab es schlielich am ganzen Krper keine Stelle, die ich
nicht berhrt hatte, lieb, streichelnd und alle Derbheit oder Hast vermeidend.
Wre es kein Pferd sondern ein Mensch gewesen, so wrde ich sagen, Syrr sollte
bei sich denken: Der hat Verstand; der ist aufmerksam und gtig; den mu man
liebhaben!
    Dann legte ich ihm die Hnde an die Backen, lie ihm meinen Atem fhlen und
sprach freundlich mit ihm. Zu verstehen brauchte er kein Wort. Er sollte nur den
Ton meiner Stimme hren und meine Augen betrachten drfen, denen es nicht
einfiel, sich zu einem Pferdebndigerblick zu verschrfen. Er hatte sich zu
alledem sehr ruhig, wie abwartend verhalten - reserviert, sagt man bei Menschen.
Da sah ich Schakara zurckkommen und trat einen Schritt von ihm zurck. Sofort
tat er diesen Schritt auf mich zu, nahm meinen Arm zwischen die Zhne und hielt
mich fest, doch ohne mir wehe zu tun. Da berhrte ich zum ersten Male seine
Mhne. Ich strich liebkosend an ihr herab und sagte:
    Ich gehe nicht fort; sei ruhig, Syrr!
    Aber was war denn das? Schon whrend des Berhrens seines Krpers hatte ich
ein eigentmliches Prickeln in den Hnden gefhlt, ganz leise nesselartig, wie
ein feiner, wohltuender elektrischer oder galvanischer Reiz.
    Ich versprte ihn jetzt noch. Er kam vom Pferde. War er nur einseitig oder
gegenseitig? Bekam ihn Syrr etwa auch von mir? Und als ich jetzt mit der Hand an
der Mhne niederfuhr, wurde er strker, und ich hrte es in den Haaren knistern,
freilich nicht etwa laut, sondern schwach, aber doch recht gut vernehmlich.
    Horch! bat ich Schakara, als sie uns erreicht hatte, und strich etwas
krftiger.
    Sie lauschte einige Augenblicke. Dann fragte sie:
    Fhlst du Etwas, Effendi?
    Ja. Es ist wie irgend eine Kraft, die meine Hand berhrt und in den Nerven
weitergeht.
    Da lie sie die mitgebrachten Lappen fallen, legte die Hnde zusammen und
rief aus:
    Das Knistern, das Knistern! Weit du noch, was ich dir von der
verlorengegangenen Poesie erzhlt habe? Von dem Rosse, dessen Mhne Funken
sprht? Wie lichtgewordene Strophen um die Stirn des Reiters? Effendi, ich bitte
dich, nimm deinen Fez vom Kopfe! Berhre erst die Mhne und dann hierauf dein
Haar! Ich mu wissen - - -
    Sie hielt inne.
    Was? fragte ich.
    Ob - - ob - - - ob du dann Etwas fhlst.
    Ich tat ihr den Gefallen, nahm den Fez ab, strich einige Male mit der Hand
an der Mhne herunter und legte sie mir dann auf den Kopf. Die Wirkung war eine
ganz eigenartige. Das Prickeln verschwand sofort aus meiner Hand und ging auf
die Kopfhaut ber, wobei es in den Haaren leise, leise knisterte. Indem ich
Schakara dies mitteilte, stand ich vorn bei Syrr. Dieser ffnete die Nstern,
sog die Luft laut ein, kam mit dem Kopfe zu mir herum und fate mich am Haare,
nicht mit den Zhnen, sondern ganz weich, nur mit den Lippen. Da ging ber
Schakaras Gesicht ein frohes, glckliches Lcheln. Sie hob die Lappen wieder auf
und sagte:
    Nun komm nach dem Wasser, wenn du ihn waschen willst. Ich gehe; du aber
reitest!
    Diese Aufforderung befremdete mich nicht im Geringsten. Es war auch mir ganz
so, als ob sich das Pferd gegen mich nicht abweisend verhalten werde. Ich stieg
also auf, vorsichtig, schmerzhaften Druck vermeidend. Kaum oben, legte ich beide
Fersen an, die rechte etwas weiter vor als die linke. Syrr drehte sich sofort
links um und lie sich von mir nach der Quelle reiten. Dort sprang ich wieder ab
und belohnte ihn mit einem Kusse. Da warf er den Kopf hoch in die Hhe und
wieherte so triumphierend, da Schakara, laut lachend, sagte:
    Das ist Jubel! Er tut, als habe er dich besiegt anstatt du ihn! Also ein
Doppelsieg mit gegenseitigem Wohlgefallen hinterher! Was wird Dschafar Mirza
dazu sagen?!
    Nichts, denn er erfhrt noch nichts, antwortete ich. Ich bitte dich,
Schakara, sei verschwiegen! Ehe ich Etwas sage, mu ich Syrr vollstndig
kennengelernt haben, und das hat heimlich zu geschehen. Es ist vielleicht zu
khn, aber ich denke hierbei auch an das Rennen. Wenn Syrr das ist, was ich von
ihm erwarte, so lache ich ber jeden Gegner, den man ihm zu stellen wagt.
    Hierauf begann die Wsche. Schakara htte wohl gern mitgeholfen, doch gab
ich es nicht zu. Der Glanzrappe mute erfahren, da ich nicht nur sein Herr sein
wollte, sondern auch gern mit eigenen Hnden fr ihn sorgte. Dieses Waschen war
kein rcksichtsloses Begieen, Reiben und Scheuern; es geschah genau so
vorsichtig und schonend wie das vorhergehende Streicheln. Als Syrr abgetrocknet
war, machte ich eine weitere Probe. Zu den Ausdrcken, welche er verstand,
gehrte auch, wie der Stallknecht mir gesagt hatte, das Wrtchen komm!
    Ta' al72! sagte ich darum und ging vom Wasser fort.
    Er kam zu meiner Freude sogleich hinter mir her. Ich fhrte ihn nach der
Weide, doch nicht geraden Weges. Um ihn zu prfen, wich ich einige Male scharf
ab, nach rechts oder links. Er machte diese Schwenkungen mit und blieb eng
hinter mir, bis ich endlich stehen blieb. Zum Lohne hierfr holte ich ihm dann
noch einige Aepfel und gab ihm auch selbst seine Abendgerste, worauf ich ihn mit
der Ueberzeugung verlassen konnte, da wir gute Freunde geworden seien.
    Als ich in den Hof trat, stand Hanneh oben auf der Halle und winkte mir,
hinaufzukommen. Ich tat es gern. Halef lag nicht, sondern er sa, im Rcken
gesttzt von einigen Polstern. Das Feierkleid war vor ihm ausgebreitet. Auf
seinem Gesichte glnzte die Freude und mit ihr neue Lebensfarbe.
    Sihdi, mir ist ein groes, groes Heil widerfahren, sagte er. Dschafar
Mirza, der Abgesandte des Schah-in-Schah, war bei mir, um mir dieses Geschenk
der Ehrung zu berbringen. Ich wei gar wohl, ich verdanke es nicht mir, sondern
nur dem Umstande, da ich dein Begleiter bin. Aber ich freue mich doch unendlich
darber und werde mich, so oft ich es trage, nach seinen ernsten Farben
richten!
    Diese letzte Wendung kam mir nicht ganz unerwartet. Krankheiten machen eben
ernst, und Genesungsfreude und Besserungsfreude sind zwei liebe Schwestern. Es
war ihm anzusehen, da dieses Geschenk ihn wieder einen bedeutenden Schritt
vorwrts gebracht hatte.
    Hierauf ging ich zum Abendessen mit Dschafar, dem Pedehr und dem Chodj, den
ich dazu geladen hatte. Dieser Mann war es wert, da man ihn nicht blo arbeiten
sondern auch mit beraten lie. Nach Tische nahm ich Dschafar mit hinauf zu mir.
Wir saen im Freien und erzhlten. Von dem Mordanschlag auf ihn sagte ich ihm
noch nichts. Die Gefahr war jetzt noch nicht da, und ich wollte ihm den
Aufenthalt bei uns nicht gleich am ersten Tage mit Sorgen vergllen. Da er
wenigstens bis zum Rennen bleiben werde, verstand sich ganz von selbst. Er hatte
zwar behauptet, von der Reise nicht ermdet zu sein; aber trotz der Lebendigkeit
unserer Unterhaltung erklrte er gegen Mitternacht doch, nun schlafen gehen zu
mssen. Ich begleitete ihn bis hinunter an seinen Wartturm und kehrte dann zu
mir zurck, um mich auch niederzulegen. Der Mond schien hell, und ich sah von
meiner hohen Plattform aus, da die Pferde alle lagen, das eine etwas abseits
von den andern; das war Syrr.
    Als ich mich niederlegte, fiel mir ein, da heut vor einer Woche, am
Freitag, zum ersten Male vom Feste der fnfzig Jahre und von dem Rennen zu mir
gesprochen worden war. Was hatte sich in dieser Woche Alles ereignet, und wie
unerwartet schnell war es whrend dieser Zeit mit meiner Genesung vorwrts
gegangen! Wie vortrefflich war die Anstrengung des Sonntages und des hierauf
folgenden Nachtgesprches berstanden worden! Ich hatte dann allerdings volle
vierundzwanzig Stunden fest geschlafen, aber wundersam war diese schnelle
Erholung nach einer so langen Krankheit jedenfalls.
    Als ich frh aufstand, schlief Dschafar noch. Ich besuchte zunchst die
Pferde. Die drei andern begrten mich von Weitem. Assil kam schnell heran zu
mir, um sich an mir zu reiben. Syrr war zurckhaltender. Seine noch nassen
Vorderbeine bewiesen mir, da er trinken gewesen und dabei direkt in die Quelle
gestiegen war. Ich holte ihm einige Aepfel, die er langsam und bedchtig
verzehrte. Dann leckte er mir die Hand. War das, weil sie noch nach den Aepfeln
rochen? Oder war es Dankbarkeit, vielleicht schon Liebe? Ich brachte ihm nun
seine Morgengerste und suchte dann den Pedehr auf, um mit ihm ber die
Sicherheitsmaregeln zu sprechen, welche wir in Beziehung auf Dschafar zu
treffen hatten. Wir muten umso besorgter sein, als er jetzt noch nichts
erfahren sollte. Die Wchter des Duars hatten ihre Aufmerksamkeit von jetzt an
zu verdoppeln, zumal die Zeit des Rennens immer nher rckte und der
Fremdenzuflu nun bald beginnen wrde. Dies brachte ihn auf die Wege, welche zum
Duar fhrten, und auch auf den, auf welchem wir nach dem Sprunge ber den
Abgrund nach dem hohen Hause gebracht worden waren.
    Bist du schon wieder dortgewesen, Effendi? fragte er.
    Nein, antwortete ich. Wie weit ist es bis hin?
    Nur eine Viertelstunde.
    Nur? Hast du Zeit?
    Ja. Wir haben zwei Wege; einen vom Dorfe aus, und einer fhrt von hier aus
um den Wartturm herum. Beide treffen spter zusammen. Hast du Lust, zu gehen?
    Ja. Komm!
    Das Tal der Dschamikun stand nach drei Seiten hin mit der Auenwelt in
Verbindung. Ostwrts ging es nach dem Hasen- und Kurierpa. Nordwestlich nach
dem Gebiete der Takikurden, zugleich aber auch zu den im Norden halbansssigen
Dschamikun. Und sdwrts nach dem Daraeh-y-Dschib, dem Tale des Sackes. Durch
das letztere waren wir, von Nordwesten aber Hanneh und Kara gekommen. Der Weg
nach dem Tale des Sackes fhrte zwischen dem Tempel- und dem Ruinenberge
hindurch. Beide traten hier so eng zusammen, da sie nur durch eine schmale
Schlucht geschieden wurden. Unten lief der Duarpfad, etwas hher derjenige, auf
dem wir uns befanden. Er fhrte durch einen steil ansteigenden Wald. Tief unten
eilte rauschendes Wasser nach dem See. Es kam aus dem Felsenrisse, ber den wir
mit unsern Pferden gesprungen waren. Nach einiger Zeit stieg der Duarweg zu uns
heran, und dann hatten wir nur noch eine kurze Strecke bis zu der Stelle, wo wir
unser Leben gewagt hatten, um den Massaban zu entkommen. Es war jetzt eine neue
Brcke da. Als ich auf ihr stand, in die Tiefe schaute, in welche sich von
drben her das Wasser strzte, und die Breite des Risses mit den Augen ma,
berkam mich nachtrglich die Angst, von der ich damals keine Spur empfunden
hatte. Wie war es doch nur mglich gewesen, sich ein solches Wagnis zuzutrauen!
    Der Pedehr mochte meine Gedanken erraten, denn er sagte:
    Das hat Euch keiner vorgemacht und wird Euch wohl auch Keiner nachmachen!
Schau dir die Brcke an, Effendi! Bemerkst du Etwas?
    Natrlich! Sie ist zum Aufziehen.
    Ja. Nach den Erfahrungen mit den Massaban konnten wir uns nicht zu einem
neuen, festen Uebergang entschlieen, der im Kriegsfalle immer zerstrt werden
mu. Der Ustad lie von unserm Nlbnd73 Ketten machen und vom Najjar74 die
starken Rollen dort an der Eiche. Jetzt gengt die Kraft eines einzelnen Mannes,
die Brcke aufzuziehen. Das ist ein Wunder, welches ich nicht begreife, denn sie
ist ja zehnmal schwerer als der Mann selbst.
    Es ist kein Wunder sondern sehr einfach. Diese Rollen bilden ein Suhulet75,
durch welches die Kraft des Menschen derart vervielfltigt wird, da ein
Einzelner gengt, die Brcke zu heben. Der Ustad kennt dieses Naturgesetz sehr
wohl.
    Und hltst du so eine Brcke fr gut?
    Ja. Doch wie diese liegt, hat man dafr zu sorgen, da man nicht einmal
selbst auch abgesperrt wird!
    Als wir zurckkehrten, whlten wir den Weg nach dem Duar. Dort angekommen,
konnten wir Dschafar beobachten, welcher nun schon unten war und uns nicht
sogleich bemerkte. Er hatte gehrt, da ich mit dem Pedehr fortgegangen sei, und
war darum auch gegangen, um uns vielleicht zu treffen. Er hatte das Boot am
Landeplatz entdeckt und sich den Chodj-y-Dschuna holen lassen. Nun segelten sie
bei gutem Winde mit einem halben Dutzend Lastkamelen um die Wette, welche, hoch
mit Heu beladen, fr das Wettrennen eingebt wurden. Wie man sich erinnern wird,
hatte der Pedehr auf Halefs Frage, was fr Pferde laufen wrden, folgendermaen
geantwortet: Es werden nicht blo Pferde sein. Wir lassen alle Arten der Tiere
laufen, die es bei uns gibt, Schafe, Ziegen, Esel, Maultiere, Lastkamele,
Reitkamele, gewhnliche Pferde, und zum Schlusse wird es mehrere Rennen zwischen
Tieren edelster Rasse geben. Der Wettkampf sollte also scherzhaft beginnen, um
ernst und wrdig zu enden. Als man diese Disposition traf, hatte man nicht
geahnt, da sich aus dem beabsichtigten Rennen unter Freunden ein erbitterter
Wettkampf zwischen Freund und Feind entwickeln werde, war aber trotzdem bei der
ursprnglichen Bestimmung geblieben, da der Anfang heiter zu sein habe, mge er
enden, wie er wolle. Daher jetzt die Uebung mit den Lastkamelen.
    Es konnte hierbei nicht etwa von Tierqulerei die Rede sein. Die Dschimal76
waren zwar so hoch und so breit beladen, da von ihnen nur die Beine zu sehen
waren, aber man hatte das Heu so leicht und duftig gepackt, da es fr die
starken Tiere nichts weniger als eine Last zu nennen war. Vorn gab es in dem
Heuballen eine Oeffnung, aus welcher ber dem sonderbaren Maule die
Konvexbrillenaugen des Tieres den Weg berschauen konnten. Hoch oben war nur der
Kopf des tief im Heu vergrabenen Fhrers zu sehen, der sein Kamel nur durch
Zurufe zu leiten hatte. Es war also vorauszusehen gewesen, da sich die Sache
hchst drollig ausnehmen werde, und die jetzige, erste Probe zeigte, da man
sich hierin nicht getuscht hatte. Wir sahen die langen Beine, die groen,
plumpen Fe und smtliche Heubndel in eiligster Bewegung, als ob es
beabsichtigt sei, binnen zwei Stunden dreimal rund um die Erde zu jagen. Da
blieb pltzlich eines der Kamele mitten im Laufe stehen, um in der grten
Gemtsruhe sich ein Maulvoll aus der eigenen Last zu raufen und gemchlich zu
verzehren. Der Kopf hoch oben begann zu bitten, zu flehen, zu jammern, zu
schimpfen, zu drohen. Da besann sich das Kamel auf seine Pflicht und warf die
Beine wieder vorwrts, da der Staub nur so flog, bis es an ein anderes prallte,
welches in derselben guten, aber fr den Reiter hchst rgerlichen Absicht
stehengeblieben war. Weiter vorn sahen wir zwei Heuladungen im grten Eifer und
eng neben einander herrennen, bis der Weg zwischen Berg und See zu eng wurde und
sie beide miteinander stecken blieben. Der allerschnellste dieser Renner war den
andern weit vorausgekommen und schien nun der guten Ueberzeugung zu sein, seinen
Zweck erreicht zu haben. Er hatte sich also gemtlich auf die Mutter Erde
niedergelassen und lie Alles, was aus dem Munde seines Besitzers kam, in
grter Seelenruhe ber sich ergehen ohne weiter ein Glied zu rhren. Das gab
selbstverstndlich Veranlassung zur grten Heiterkeit. Die liebe Jugend machte
natrlich mit, was aber keinesweges dazu beitrug, die zwei Dutzend Kamelbeine
von dem Werte der kostbaren Zeit zu berzeugen. Dschafar segelte mit dem
Chodj-y-Dschuna nebenher, um das Schauspiel aus sichrer Entfernung zu genieen,
bis sich alle Kamele niedergelegt hatten und keines weiter fortzubringen war. Da
kam er nach dem Duar zurck und versicherte uns, noch nie im Leben so gelacht zu
haben wie heut. Nachdem er diesen Ausgang des Kampfes gesehen habe, verspreche
er sich von dem Rennen nun berhaupt sehr groe Dinge und sei erfreut, grad am
Feste der fnfzig Jahre zu den Dschamikun gekommen zu sein!
    Der Chodj-y-Dschuna teilte mir mit, da man mich als Rekonvaleszenten bisher
nicht habe belstigen wollen. Nun aber bitte er mit dem Pedehr um die Erlaubnis,
mich ber Alles, was sich auf das Fest beziehen sollte, unterrichten und fragen
zu drfen. Wir gingen infolgedessen nach seiner Wohnung und hielten das ab, was
man in Deutschland, wo es bekanntlich keine Fremdwrter gibt, als eine
Komiteesitzung bezeichnen wrde. Es gab keinen einzigen Punkt, dem ich nicht
zustimmen konnte, was den braven Chodj-y-Dschuna so erfreute, da er den Mut
bekam, uns zum Essen einzuladen. Das war um die Mittagszeit, und so nahmen wir
es an. Ich ging aber vorher hinauf, um Syrr zu fttern und beauftragte Kara, mir
dann meinen Assil und das Pferd des Mirza herabzubringen, weil ich einen etwas
weiteren Spazierritt versuchen wolle, an dem auch er teilnehmen mge.
    Wir dehnten diesen Spazierritt auf ber zwei Stunden aus, ohne da ich mich,
als ich heimkehrte, von ihm ermdet fhlte. Ich glaubte also, mir fr heut Abend
auch noch eine weitere Anstrengung zumuten zu knnen, und sagte Kara also, da
wir gegen Mitternacht den Aschyk aufsuchen wrden; er solle sich also
bereithalten und alles dazu Ntige besorgen.
    Bis zu dieser Zeit geschah nichts, was einer besondern Erwhnung bedarf. Ich
brachte die Zeit nach dem Abendessen absichtlich bei Dschafar zu, weil ich da
gehen konnte, wenn es mir beliebte. Wre aber er bei mir gewesen, so htte ich
warten mssen, bis er sich entfernte. Kara stand bereit. Der Weg durch das groe
Eingangstor wre krzer gewesen; aber ich hatte Grnde, den Umweg ber die
Ruinen zu whlen. Ich wollte ihn mir in allen seinen Einzelnheiten so einprgen,
da ich ihn spter des Nachts nicht nur gehen sondern auch sicher reiten konnte.
Ich hatte nmlich die Absicht, Syrr heimlich einzuben, und das war nur dann
mglich, wenn alle Leute schliefen.
    Wir gingen also im Mondscheine ber das Gemuer und dann den Steinbruchweg
hinunter nach der Landestelle. Das Boot war da. Wir kamen in den Kanal und aus
diesem in das vordere Bassin, ganz so wie die vorigen Male. Ich hatte erwartet,
da unser Gefangener vor Freude laut aufschreien werde. Es blieb aber still,
obgleich wir so laut ruderten, da die Schlge wie Meeresrauschen von den Sulen
wiederhallten.
    Er ist tot! sagte Kara. Herabgefallen und ertrunken!
    Mglich. Wir werden ja sehen.
    Wir kamen schnell nher. Er mute trotz der tiefen Finsternis nun auch unser
Licht sehen. Und doch hrten wir nichts von ihm! Nun sahen wir die Sule und den
Stein. War der Aschyk noch da? Ja. Er sa oben. Still. Hben das Gerippe und
drben er. Wir hatten absichtlich nicht eine, sondern zwei Fackeln brennen. Es
war also so hell, da wir sein Gesicht, seine Zge deutlich erkennen konnten. Er
lehnte mit dem Rcken an der Sule. Seine Augen waren geschlossen. Als das Boot
stand und wir die Ruder einzogen, sagte er in mir ganz unbegreiflich ruhigem
Tone:
    Ihr kommt wieder. Ich wute es! Ahnst du, was ich da tat? Nein! - - - Ich
habe gebetet!
    Wie kam es doch, da dieses Wort, dieses letztere, mich innerlich so packte,
als ob in mir Etwas hierauf vorbereitet gewesen sei! War es infolge des Traumes,
an den ich sogleich dachte? Mute sich hier, in dieser tiefen, dunkeln
Verlassenheit, denn Alles, Alles, selbst die rgste Verkalkung und Verhrtung,
schlielich doch und doch noch zum Gebet verwandeln? Nicht nur im Traume,
sondern auch in der Wirklichkeit? Er wartete ein Wenig, und als ich nichts
antwortete, fuhr er fort:
    Effendi, ich will beichten - beichten - - beichten! Ich will nicht nur,
sondern ich mu - ich mu - - ich mu!
    Doch wieder wohl nur Lgen! sagte ich.
    Lgen? Hier? Effendi, hier hat jede Lge entweder zum Wahnsinn zu werden
oder sich in Wahrheit zu verwandeln. Auer diesen beiden giebt es kein Drittes.
Nun prfe, ob ich wahnsinnig geworden bin! Wenn nicht, so ist nur Wahrheit zu
erwarten!
    So sag vorerst, wie du zu dieser mir ganz unverhofften Ruhe kommst!
    Wie - - -? Welch eine Frage! Wenn nicht hier, wo soll man dann wohl ruhig
werden! Hier wird ja Alles, Alles, Jedermann zu Stein! Entweder zum
gemeinverkalkten Tode, oder zum edlen Alabaster, an dem die aus dem Kalk
erlsten Geister arbeiten, bis er - - beten lernt! O, Effendi, ich schlief hier
ein, ermdet vom Rufen, Schreien, Brllen. Da kam ein Traum - - ein Traum! Ich
hatte tausend Jahre, tausend Jahre lang hier im Wasser gelegen, verhrtet und
verkalkt in meinen Snden. Niemand wollte mich retten, und ich selbst konnte es
nicht. Da kam ein Ruf von oben, einmal - zweimal - - dreimal; der weckte mich.
Ich antwortete, da alle Sulen klangen. Da war es oben still; aber in mir, in
mir, tief unten, da wurde es laut und laut und immer lauter! Da kamen die Tage
meines Lebens, einzeln, furchtbar einzeln, einer nach dem andern! Sie klagten
mich nicht an, nein nein, nein nein! Das tat ich ja schon selbst! Sie gaben gute
Worte! Ein jeder, jeder, jeder von ihnen kniete im Bergewande neben mir
nieder, griff nach meiner Hand und drang in mich, mit ihm zu beten, zu beten, zu
beten! Und als sie alle um mich lagen, alle, alle, vom ersten bis zum letzten,
da kniete ich inmitten meines Lebens und faltete die Hnde wie sie alle. Und als
ich sprach: Vergieb mir meine Snden! Da hrte ich erst Eure Ruderschlge, und
dann sah ich auch Eures Lichtes Schein! Was Ihr mir bringt, das habe ich zu
nehmen. Doch bitte ich, seid nicht auch Ihr von Stein!
    Als er geendet hatte, lauschte ich noch immer. Es war, als ob das, was aus
ihm gesprochen hatte, nun in mir weiterrede. Tausend, tausend Jahre hier im
Wasser gelegen! hatte er gesagt. Nur zwei Erdentage, fr den Geist, die Seele
aber tausend, tausend Jahre! Welcher Mensch kann behaupten, gerecht zu richten!
Der Buchstabe des Gesetzes behandelt alle gleich. Aber die Gerechtigkeit liegt
nicht im gleichen Strafquantum; in diesem ist vielmehr ihr Gegenteil, die
Ungerechtigkeit zu suchen. Denselben Tatbestand vorausgesetzt, wird der Eine
nicht durch zwanzig Jahre Zuchthaus gebessert, der Andre aber schon durch einen
einzigen Tag Gefngnishaft. Htte fr den Letzteren dann nicht die Strafe
aufzuhren? Es war von mir die frchterlichste Strenge gewesen, den Aschyk
hierher an diesen Ort zu detinieren. Ich sah und hrte jetzt, da es genau die
beabsichtigte Wirkung hervorgebracht hatte. Eine Verlngerung seiner Qual wre
nicht nur Grausamkeit, sondern geradezu Unmenschlichkeit gewesen. Darum
antwortete ich ihm jetzt:
    Der Menschheitsjammer mu sogar den Stein erbarmen, warum nicht auch den
Menschen selbst! Wenn du gebetet hast, so ist mein Zweck erreicht. Ich fhre
dich hinaus.
    Das wolltest du? Du, Du, der von mir betrogen werden sollte, wie kaum
vorher ein Anderer?
    Was du an Andern tatest, das habe nicht ich zu richten. Was du mit mir
vorhattest, das sei dir gern vergeben. Hier hast du meine Hand. Komm herab!
    Ich richtete mich auf und streckte sie ihm entgegen, um ihm herabzuhelfen.
Er griff nicht sofort zu; er sagte:
    Warte noch, Effendi! Ich habe dir doch vorher zu beichten!
    Nicht hier! Hier hattest du nur dir allein zu beichten. Nun wartet drauen
jetzt ein Anderer auf dich.
    Ein Anderr? fragte er schnell. Effendi, reicht dein Blick in mein
Inneres? Wenn ich in den Ruinen stand und drben Euren Tempel stehen sah, so
lachte ich der Albernheit, die solche Huser baut fr Einen, den es nie gegeben
hat und niemals geben werde. Hier aber griff er in die Finsternis und stellte
meine Seele vor mich hin, die ich mir aus der Brust gerissen und weggeworfen
hatte. Da kam ein Drang, ein Sehnen ber mich, ein innerlicher und doch lauter
Schrei nach diesem Tempel. Er klingt noch jetzt, laut, berlaut, Effendi. Erhre
ihn! La uns hinauf zum Beith-y-Chodeh steigen! Das ist der einzig rechte Ort
zum Beichten!
    So komm!
    Er griff knieend nach meiner wieder ausgestreckten Hand, kte sie und
kletterte dann herab in das Boot. Als wir zu den Rudern griffen, schaute er noch
einmal nach dem Stein hinauf und sagte:
    Dort la ich das Gerippe! Mir ist, als ob es mein eigenes Skelett sei, mein
frheres. Ich habe jetzt ein neues. Das ist nicht starres Knochenwerk, aus dem
mir das Vergangene, die Zhne fletschend, in die Augen grinst, sondern ein
fester, froher Wille, der vor Freude jauchzt, gutmachen zu knnen, was ich
verbrochen habe.
    Er sa in der Mitte des Bootes zwischen uns Beiden, mit dem Rcken nach
vorn. Whrend wir nach dem Kanale ruderten, schaute er bald rechts, bald links
an mir vorber nach den bewegten Wellen hinter uns.
    Sie kommen! sagte er, sich nach den Augen greifend.
    Wer? fragte ich.
    Die Geister meiner Lebenstage, alle, alle, alle! Ich sehe sie. Sie
schwimmen hinter uns her. Ihre Kpfe ragen aus dem Wasser!
    Ich dachte an meinen Traum und an die Geister, welche mir hinaus in den See
gefolgt waren. Als wir uns im Kanale befanden, wiederholte er:
    Sie folgen auch hier, eng bei einander, Kopf an Kopf!
    Beruhige dich, antwortete ich; es ist das Phantasie!
    
    Meinst du? So la sie mir! Die Tage meines Lebens sollen mit mir hinauf zum
Tempel steigen. Sie, meine Anklger, sollen mit mir beten und werden dann
verschwinden; so hoffe ich!
    Drauen empfing uns der helle Mondschein. Ich lenkte zunchst geradeaus,
ganz so, wie es im Traume geschehen war. Es lag Etwas in mir, was mich
bestimmte, so und nicht anders zu tun. Da fragte der Aschyk:
    Sind es die Wellen unseres Bootes, welche immer breiter werden? Ich sehe
noch immer Kopf an Kopf. Sie kommen aus dem Berge. Die Schar wird breiter und
immer breiter. Aber die Vordern folgen uns, und die Andern kommen hinter ihnen
her.
    Nun befanden wir uns an der Stelle, wo wir im Traume gehalten hatten. Da gab
ich dem Fahrzeuge die Richtung nach dem sdlichen Ufer, nach derselben Stelle,
wo die erlsten Geister an das Land gestiegen waren. Da verlieen auch wir das
Boot und zogen es ein Stck an das Ufer, weil es hier nicht angebunden werden
konnte. Die Fackeln waren natrlich ausgelscht worden, Da hielt der Aschyk mir
seine Hnde hin und forderte mich auf:
    Binde mich, Effendi!
    Wozu?
    Da ich dir nicht entfliehen kann, whrend wir zum Beit-y-Chodeh gehen.
    Da legte ich ihm die Hand auf die Achsel, sah ihm in das Gesicht und
antwortete:
    Zu wem willst du? Hinauf zu Gott? Und da soll ich dich fesseln? So lange
die Erde steht, ist es noch keinem Menschen gelungen, mit seiner Stimme Gott
wirklich zu erreichen, wenn ihm die Hnde des Gebetes gefesselt waren! Steig auf
zu ihm, aber frei!
    Frei - - frei! jubelte er, die Hnde hoch erhebend. Du hast das Richtige
gewhlt, Effendi. Ich werde nicht fliehen, sondern eng bei dir bleiben, wie ein
Hund, der seinem Herrn gehorcht, weil er ihn liebt - liebt - - liebt!
    Du wirst nicht eng bleiben, denn ich gehe nicht mit.
    Also wohl Kara Ben Halef?
    Auch nicht. Wir bleiben hier. Du gehst allein.
    Allein?!
    Er trat einige Schritte zurck und staunte mich mit groen Augen an.
    Ihr geht nicht mit? rief er aus. Keiner von Euch? Ist das wahr - ist das
wahr?
    Ja.
    Effendi - Sihdi - Emir! Ich bin ein Dieb, ein Flscher, ein Betrger, ein
Helfershelfer der Mrder! Ich habe dich und Euch alle mit vernichten wollen. Ich
habe Pekala verfhrt und Tifl verfhrt, welche gute Menschen waren und noch gute
Menschen sind, welche Euch liebten und immer, immer lieben werden! Und du giebst
mich frei, vollstndig frei? Weit du, ich habe dich vorhin da drin im Berge
angelogen. Ich habe nicht gebetet. Ich bin nicht besser, sondern schlechter
geworden. Ich werde jetzt gehen und mich an dir rchen! Bedenke das, bedenke!
    Still; sei still! Wo und wann du gelogen hast, das wei ich vielleicht
besser als du selbst. Ich kenne dich, wie du frher warst, und ich kenne den,
der du jetzt geworden bist. Du steigst jetzt ganz allein hinauf und wirst dann
wiederkommen. Grad deine Warnung gibt mir die Gewhr, da ich dir mein Vertrauen
schenken darf. Mich zu tuschen, warst du niemals fhig, und von jetzt an kommt
es dir auch gar nicht in den Sinn!
    Da sank er in den Sand des Ufers nieder, griff nach meiner Hand, drckte sie
an sein Herz und an seine Lippen und sprach:
    So holt sich Allah den Verlornen wieder, den die Gerechtigkeit des Menschen
noch tiefer in den Abgrund stoen wrde! Effendi, ich bin gar wohl im Stande,
deine Gte in ihrer ganzen Tiefe zu wiegen und zu wgen. Ich gehrte nicht zu
den Armen und Elenden des Landes. Ich war berufen, gut und gro zu werden. Mein
Vater stand hoch, in nchster Nhe des Schah-in-Schah. Ich eiferte ihm nach, und
er hatte seine Freude an mir. Da kamen sie, vom Schlage derer, die bei dir
waren, um sich einen Ustad der Taki-Kurden zu erschwindeln. Ich war zu jung, sie
zu durchschauen. Sie brauchten mich, und darum mute ich sinken, tiefer, immer
tiefer, bis ich im Wasser des Verbrechens untersank. Schon war ich am Ertrinken,
da kamst du und holtest mich heraus - - in Liebe, in Liebe! Du kennst die
Menschenseele, Effendi! Wie ich dir danke, werde ich nicht sagen, sondern - - -
zeigen!
    Er stand wieder auf und ging den Tempelpfad hinan. Wir aber setzten uns
nieder, um zu warten. Kara war einige Zeit still. Er wischte an den Augen herum.
Dann sagte er:
    So rettet man Menschenseelen! Sprich jetzt nicht mit mir, Effendi. Der
Aschyk steigt hinauf, um mit Allah zu sprechen. Ich kann hier unten jetzt nichts
Anderes tun. Ich - - - bete auch!
    Ich glaube, es betete noch ein Dritter!
    Die Zeit verging. Nach einem kleinen Stndchen kehrte der Aschyk zurck.
    Da bin ich wieder, sagte er. Erlaube mir, da ich mich niedersetze, um
Euch Alles zu erzhlen, was ich zu berichten habe!
    Nicht hier, antwortete ich.
    Wo denn?
    Komm wieder in das Boot!
    Wir stiegen ein und fuhren ber den See hinber nach dem Landeplatze. Von
dort gingen wir nach dem hohen Hause. Im Hofe verabschiedete ich Kara; den
Aschyk aber nahm ich mit hinauf zu mir. Wir hatten unterwegs kein Wort
gesprochen. Jetzt brannte ich die Lampe an. Er stand, ganz wie betreten, im
Mittelzimmer und schaute sich um.
    Sind das die Rume, welche du bewohnst, Effendi? fragte er.
    Ja, antwortete ich.
    Ich brauchte eigentlich nicht zu fragen, denn ich wute es schon. Ich kenne
Euer ganzes Haus; ich kenne Alles, Alles. Es war mir auch nicht unbekannt, da
im Wartturme noch leere Stuben sind; aber ich tat gegen Pekala so, als ob ich
das nicht wisse, denn ich wollte hierher, oder doch wenigstens hinunter in die
Wohnung des Ustad. Warum, das wirst du erfahren. Er trat an den Tisch, um die
helle Schrift des Lampenschirmes zu lesen.
    Die Liebe hrt nimmer auf, steht da geschrieben, sagte er. Dann drehte er
sich mir wieder zu und fuhr fort: Effendi, ich treffe in dir den ersten
Menschen, der diese Worte nicht blo liest, sondern auch nach ihnen handelt!
Warum gibt es so viele Verlorene? Sie mssen verloren gehen, weil man ihnen
schon den ersten, kleinen Fehltritt nicht verzeiht. Warum spricht man nur von
Gerechten und nur von Ungerechten? Weil in der Mitte zwischen ihnen Diejenigen
fehlen, welche Menschen sein wrden, wenn es welche gbe! Ich meine die
Menschen, welche ihrer Natur nach zuweilen sndigen drfen, ohne sofort
ausgestoen zu werden! Sage mir, warum hast du mich hierherauf zu dir gefhrt?
    Um dir zu zeigen, das ich dir vertraue und da bei uns kein Arg zu finden
ist. Du wolltest dich hier einwohnen, um heimlich zu forschen und uns zu
schaden. Nun schau dich um und frag nach Allem, was dir beliebt! Ich bin bereit,
dir Alles zu zeigen und dir jede mgliche Auskunft zu erteilen!
    Da senkte er den Kopf.
    Wie du mich beschmst, Effendi! Wir wuten nur zu gut, da nichts Arges
oder gar Bses hier zu finden sei, nmlich jetzt. Desto sicherer aber spter,
denn - - es sollte geflscht werden. Und diese Nachahmungen und betrgerischen
Verdrehungen sollten nicht nur dem Schah-in-Schah vorgelegt, sondern auch dem
ganzen Lande bekannt gegeben werden. Es gibt zwei Parteien, welche es auf die
Vernichtung des Ustad abgesehen haben. Ich diente nur der einen, der frommen,
weil sie besser belohnte als die andere; aber ich kenne auch diese andere, denn
ich habe sie scharf beobachtet und bin ihren Anfhrern lange heimlich
nachgestiegen, um hinter ihre Absichten und Geheimnisse zu kommen. Beide
bekmpfen einander unerbittlich; aber sobald es sich um den Ustad handelt, gehen
sie fein brderlich Hand in Hand, jedoch dabei ruhmneidisch auf einander, wer
von ihnen am gewissenlosesten gegen ihn gehandelt habe. Wenn du wtest, was
Alles ich dir von ihnen erzhlen kann!
    Glaubst du etwa, da ich mich frchte, es zu hren? fragte ich.
    O nein! Im Gegenteil! Sie, sie sind es, die sich zu frchten haben, wenn
ich dir Alles sage! Der Ustad schreibt ja Bcher! Ein einziges Buch von ihm, mit
den Beweisen, die ich bringe, ganz so, wie sie es mit ihren Flschungen wollten,
dem Schah-in-Schah vorgelegt und ber das Reich verbreitet - - was wrden fr
sie wohl die Folgen sein!
    Das habe ich bereits gewut, denn ich bin beiden schon lange auf der Spur.
    Spur, nur Spur! Was ich dir bringe, sind nicht blo Spuren, sondern
Beweise, Handschriften, Briefe, Dokumente. Diese vernichtenden Waffen liegen bei
mir drben in den Ruinen. Die eine Partei war zu aufrichtig mit mir; die andere
hielt mich fr dumm. Nun habe ich beide in den Hnden. Ich hole dir Alles
herber, um sie dir auszuliefern. Dann mache mit ihnen, was dir beliebt,
Effendi. Man ging auf Flschungen aus, um sagen zu knnen, da man Euch
entlarve. Nun sollt aber Ihr entlarven knnen, ohne flschen zu mssen, denn was
ich Euch gebe, ist echt!
    So bringe es mir! Aber nur dann, wenn es dein Gewissen erleichtert! Ich
finde auch ohne Verrat die smtlichen Blen des Gegners.
    Das traue ich dir wohl zu; ich erfahre es ja an mir selbst! Aber Spuren
sind doch nur Spuren. La mich jetzt zu dir reden; dann wirst du deutlicher
sehen!
    So komm heraus ins Freie! Diese Zimmer sind mir zu heilig fr solche
Dinge.
    Wir gingen auf die Plattform und setzten uns da nieder, genau so, wie ich im
Traume mit dem Zauberer gesessen hatte. Und wie dieser, so begann nun auch der
Aschyk zu erzhlen: Ein Menschenleben nur, und aber doch ein Menschheitsleben!
Vom Zauberer hatte ich erfahren, warum es Schatten geben mu. Heut nun erfuhr
ich, wie diese Schatten wirken und wie man sich verhalten sollte, um sie so
klein wie mglich zu machen. Dieser Aschyk hatte im tiefsten Schatten unserer
Feinde gelegen und sie genau studiert. Er schonte sich selbst nicht im
Geringsten, aber er schonte auch keinen Andern. Und als er fertig war, lag nicht
blo er allein, sondern lagen auch alle Die, von denen er gesprochen hatte, so
durchsichtig vor mir, da ich sie nun wahrscheinlich besser kannte als er
selbst. Hierbei befriedigte es mich, da sich alle meine Vermutungen als richtig
herausstellten. So war er es auch wirklich gewesen, der die sechs Fremden drben
in der Mjm-i-Yhud belauscht hatte, und er berichtete mir jedes Wort, welches
von ihnen gesprochen worden war.
    Nun stand er von seinem Sitze auf.
    Fertig - - fr heut! sagte er. Jetzt kennst du mich in allen meinen
Snden; nun sprich mein Urteil aus! Das meinige habe ich da unten gefllt, im
Wasser, auf dem Steine. Mit Allah habe ich da drben in Eurem Beith-y-Chodeh
gesprochen. Ich glaube, er verzeiht. Wende dich hinber, und lausche!
    Es hatte sich im Ost ein starker Morgenhauch erhoben; der wehte durch den
offnen Rosenpark und brachte dann den Duft zu uns herber.
    Das soll mir von da drben Antwort sein! nickte der Aschyk. Und nun noch
du! Du bist ein Christ; ich bin ein Muselmann; so sprich als Mensch nun dein
Erkenntnis aus. Die Menschheit sollst du nicht etwa vertreten; die kenne ich;
ich mag sie gar nicht hren! Sprich zu mir als der Mund des Menschentums; die
Menschlichkeit ists, die ich hren will. Und was du sagst, soll ber mich
entscheiden!
    Da hielt ich ihm meine Hand hin und sprach:
    Greif zu! Die Menschlichkeit, die du jetzt hren willst, hat schon durch
mich gesprochen: Ich verzeihe!
    Ganz?
    Ganz!
    Erst jetzt fate er zu. Er hatte mit gesenktem Kopfe vor mir gestanden; nun
hob er ihn empor und sagte:
    Da drben, unterhalb des Tempels, habe ich vor dir gekniet. Ich tat es
gern, denn dort war ich Verbrecher. Jetzt aber bin ich wieder Mensch. Ich darf
dir also frei ins Antlitz sehn und kann dir danken, ohne mich zu beugen. Sag
mir, was hast du ber mich beschlossen?
    Nichts. Du bist frei, dein eigner Herr!
    So kann ich gehn - - in diesem Augenblick - - sofort?
    Ja.
    Da trat er an die Balustrade vor und sah hinab zum See, dann weit hinaus.
Hierauf drehte er sich wieder zu mir um, rusperte sich wie verlegen und sprach:
    Effendi, gewhre mir das Glck, das allergrte, welches es fr mich hier
bei dir geben kann!
    Wenn es mir mglich ist, wohl gern.
    Ich mchte nach so langer, langer Zeit gern wieder einmal fhlen, wie es
ist, wenn sich ein Mensch dem anderen vertraut. Verschlieest du hier diese Tr,
wenn du dich schlafen legst?
    Nein.
    Das Fenster?
    Auch nicht.
    Du denkst nicht klein und wirst mich drum verstehen. Ich war dein Feind;
dein Leben galt mir nichts. Ich sah drin auf dem Tisch ein Messer, Scheren und
noch Andres liegen, was in des Mrders Hand zur Waffe werden kann. Geh trotzdem
jetzt hinein, und lege dich zur Ruhe, obgleich hier Alles offenstehen bleibt.
Ich aber setze mich hier auf das Kissen nieder und denke mich in meine
Jugendzeit, in der ich rein von Schuld, ein gutes Kind, ein braver Mensch noch
war. Ich will es wieder sein!
    Da reichte ich ihm abermals die Hand und sagte nichts als:
    Gute Nacht! Ich gehe schlafen!
    Er richtete sich hoch auf. Ich ging, durch das Mittelzimmer, wo ich die
Lampe auslschte, und dann nach der Schlafstube. Dort drehte ich mich noch
einmal nach ihm um. Er stand genau so, wie der Zauberer im Traume, drauen an
der Tr und schaute mir nach.
    Gute Nacht! sagte ich noch einmal. Gute Nacht! Allah segne dich,
Effendi! klang es zurck. Dann ging ich weiter, in die Stube hinein.
    Ich schlief sehr gut und sehr lang. Als ich erwachte, schaute mir die Sonne
freundlich in die Augen. Ich dachte sogleich an die Gestalt des Aschyk, wie sie
drauen an der Tr gestanden hatte, kleidete mich schnell an und ging hinaus. Er
war nicht mehr da. Die Stufen, welche von meiner Plattform aus hinber nach dem
Glockenwege fhrten, hatten es ihm ermglicht, sich zu entfernen. Aber er war
dann noch einmal hiergewesen, denn auf dem Tisch des Mittelzimmers lag ein
Paket, welches nur von ihm sein konnte. Als ich den Umschlag auseinander
genommen hatte, sah ich, was es war: die Beweise, Handschriften, Briefe und
Dokumente, welche mir ber das Treiben unserer Gegner von ihm versprochen worden
waren. Ich erstaunte zunchst ber die Menge dieser Sachen, sollte aber spter,
als ich sie las, ber ihren Inhalt noch viel mehr erstaunen!
    Jetzt zu lesen, war keine Zeit, denn heut war Sonntag, und ich sah schon
einzelne Dschamikun nach dem Beith-y-Chodeh steigen. Ich tat also diese Beweise
an einen sichern Ort und ging dann hinten hinab, um mich zunchst den Pferden zu
zeigen. Assil kam auf mich zugesprungen. Syrr blieb zwar stehen, wieherte aber
kurz und freudig auf und erwiderte meine Liebkosungen. Ich holte ihm einige
Aepfel und seine Gerste, nahm hierauf mein Frhstck ein und suchte hernach
Dschafar Mirza auf, um ihn zu fragen, ob er mit nach dem Tempelberge gehen
wolle. Er war mit groem Interesse bereit dazu, und so schlossen wir uns dem
Pedehr an, welcher in gleicher Absicht im Hofe mit uns zusammentraf.
    Welch ein gottesdienstlicher Sinn unter diesen Dschamikun! Es gab noch
keinen Priester, und doch stieg Alles, was nicht unbedingt im Duar bleiben
mute, den Berg hinauf, zur Laienandacht, die erst spter, bei gesicherteren
Zustnden, von berufenerer Hand geleitet werden sollte. Sie verlief unter
zweimaligem Glockenklang derjenigen hnlich, welcher ich am vorigen Sonntage
beigewohnt hatte, nur unterblieb heut alles Weitere.
    Auf dem Rckwege blieben wir an derselben Stelle stehen, von welcher aus mir
Tifl die jenseits liegenden Ruinen gezeigt hatte. Heut waren sie mir bekannter
noch als ihm. Ich erklrte Dschafar, wie man sich die Entstehung und den Zweck
dieser Bauten zu denken habe, und freute mich darber, da er mich leicht
begriff. Da fragte mich der Pedehr:
    Hat der Ustad schon von unserer Kirche zu dir gesprochen?
    Von einer Kirche? Nein, antwortete ich. Das mu noch in weitem Felde
liegen, sonst htte er mir sicher Etwas davon gesagt. Wohin soll sie zu stehen
kommen?
    Eben dort hinber in die Ruinen. Grad in der senkrechten Linie des
Alabasterzeltes.
    Woher aber der Platz! Ah, ich verstehe. Die Ruinen sollen ja abgetragen
werden! Die frommen Herren aus Chorremabad struben sich dagegen. Aber dann auch
welch ein groartiges Material zum Kirchenbau! Nur mte auch der Plan dieses
Materiales wrdig sein!
    Das ist er auch; Effendi, das ist er auch! Der Ustad hat ihn selbst
entworfen und jahrelang daran gezeichnet. Es wurde lngst dazu gesammelt und
gesteuert. Wir haben weit mehr zusammengebracht, als wir erwarten konnten, aber
es reicht noch nicht einmal zum Beginn, viel weniger zur Vollendung. Die
Bewltigung solchen Materials erfordert viel Zeit und sehr bedeutende Mittel.
    Da sagte Dschafar schnell:
    Mittel? Darf ich tausend Tuman beitragen?
    Du? Als Moslem? fragte der Pedehr erstaunt und erfreut zugleich.
    Warum nicht? Wre das ein Hindernis? Wir sagen Allah, und Ihr sagt Chodeh.
Der Englnder sagt God und der Franzose Dieu. Aber es ist doch ganz gewi
derselbe Gott gemeint! Ich habe schon oft meine Hand geffnet, um den Bau einer
Moschee zu ermglichen, denn sie ist ein Gotteshaus. Ich gab auch schon zum Baue
einer Synagoge. Warum soll ich nicht auch fr eine Kirche geben, in der man doch
keinem andern Gotte dient? Oder wrde meine Gabe Eure Kirche entweihen, weil
Eure Verehrung eine etwas andere ist, als die unserige? Wrdet Ihr Euch weigern,
einen Beitrag des Schah-in-Schah anzunehmen?
    Des Landesherrn? Auf keinen Fall!
    So! Er ist Moslem, und ich bin auch einer, habe also das gleiche Recht! Es
bleibt bei den tausend Tuman, und mit dem Schah werde ich in Eurem Interesse
sprechen, sobald ich wieder zu ihm komme! Man nennt uns Schiiten unduldsam; wir
sind es aber nicht, wenigstens die gebildeten. Nur bitten wir um gleiche
Toleranz!
    Das war sehr freundlich, aber auch sehr energisch gesprochen. Er gab sich
hier berhaupt ganz anders als drben im wilden Westen. Hier wute man, was er
war und was er wollte; drben hatte man das aber nicht gewut. Daher damals das
mangelnde, jetzt aber das scharf ausgeprgte Sicherheitsgefhl!
    Als wir dann beim Mittagsessen saen, hrten wir im Hofe Pferdegetrappel und
schlrfende Kamelschritte, und ehe uns Jemand meldete, wer es sei, wer kam da
mit schnellen Schritten zu uns herein? Der Ustad! Unsere Freude war umso grer,
als wir ihn nicht so schnell zurckerwartet hatten. Ich hielt diese rasche
Wiederkehr fr ein gutes Zeichen, und es stellte sich heraus, da ich da ganz
richtig vermutet hatte. Als die frohe Begrung vorber war, sagte er:
    Ihr werdet wibegierig sein. Ich will Euch antworten, ehe Ihr fragt,
einstweilen nur kurz und bndig: Es steht sehr gut und sehr schlecht, sehr gut
fr uns und sehr schlecht fr die Andern. So! Damit habt Ihr Euch fr jetzt zu
begngen, denn ich habe Hunger und setze mich gleich mit her!
    Indem er es sagte, tat er es. Seine Stimmung war eine glckliche, eine
heitere. Er sah so wohl und so munter aus, als ob er einige Jahre jnger
geworden sei. Es ist etwas so Kstliches um die Freude. Wollte man sie doch
allen Menschen gnnen!
    Den Nachmittag brachten wir auf seinem Balkon zu, von welchem aus wir das
lebhafte Treiben, welches im ganzen Tale herrschte, vorzglich beobachten
konnten. Wir waren nur zu Dreien, er, Dschafar und ich. Er erzhlte vom Schah,
der gegen ihn sehr gtig gewesen war, in anderer Beziehung sich aber sehr streng
gezeigt hatte.
    Er wei mehr, als ich dachte, sagte er; ja, er scheint sogar noch mehr zu
wissen als wir selbst. Ich habe von ihm erfahren, da es sich nicht nur um
unsere Existenz, sondern auch um die seinige handle. Es wird ein allgemeiner
Aufstand der Babi vorbereitet. Der erste Schlag soll hier bei uns fallen. Das
Volk soll glauben, da wir ihm gefhrlich sind und da der Schah ein Verrter am
Glcke seiner Untertanen ist, weil er in jeder Beziehung sich als unser Gnner
zeigt. Man will sich als Retter des Vaterlandes aufspielen, indem man den ersten
Hieb gegen uns richtet. Hierauf wird der Schah-in-Schah abgesetzt. Das wei er,
und zwar ganz genau. Nur hat er nicht erfahren knnen, wer sein Nachfolger
werden soll.
    Nach dieser Mitteilung sah uns der Ustad an, als ob er die hchste
Ueberraschung bei uns erwarte. Dschafar aber sagte sehr ruhig:
    Das wute ich schon Alles. Der Schah hat es mir erzhlt.
    Und du, Effendi? fragte der Ustad. Auch du tust, als ob dir diese
aufregende Nachricht hchst gleichgltig sei!
    Sie ist mir weder gleichgltig, noch berrascht sie mich. Ich bin nmlich
in die Verschwrung eingeweiht, vollstndig eingeweiht.
    Du, du? riefen beide zugleich.
    Ja, ich! Ich wei sogar, wer der Nachfolger des Beherrschers sein soll.
    Wer denn, wer, wer?
    Nur langsam! Ich wei noch immer mehr. Wollt Ihr vielleicht auch den Namen
der neuen Kaiserin hren?
    Kaiserin - - -? fragten beide gleich erstaunt und wie aus einem Munde.
    Nicht wahr, das klingt fr Persien sonderbar, ist aber trotzdem Faktum.
Wenn Euch ihr Name nicht gengt, so doch vielleicht ihr Bild. Ich besitze es
nmlich.
    Da sahen sie mich sprachlos an. Ich mute lcheln und fuhr fort:
    Der Schah hat zwar Recht, wenn er von einem Babiaufstande spricht, und doch
ist es noch anders. Man hat nmlich die Babi nur zu dem Zwecke mit
herbeigezogen, um die Schuld, falls der Aufstand milingen sollte, ihnen in die
Schuhe schieben zu knnen. Auch ist man auf einige Forderungen der Babi
zurckgekommen, weil sie den Zwecken der eigentlichen Macher gut entsprechen. So
soll das neue Reich ein Wahlreich sein, in welchem nach 19, der heiligen
Babizahl, neunzehn Hohepriester nach Ableben des alten den neuen Herrscher zu
whlen haben. Und ebenso soll die Stellung der Frau eine freiere sein, ja noch
viel freier, als die Babi jemals gefordert haben. Die Haremswirtschaft hat
aufzuhren, weil man Eingang in die Familie und Einflu auf die Frauen haben
will. Darum ist auch dem neuen Kaiser, wie jedem seiner Untertanen, nur eine
einzige ffentliche Frau erlaubt, welche den Titel Kaiserin zu fhren hat,
nachdem sie von den Hohenpriestern fr ihn gewhlt worden ist. Die erste
Kaiserin ist schon gewhlt. Ich trage sie hier in meiner Tasche.
    Ich legte bei diesen Worten die Hand auf die Brusttasche meiner Jacke. Dort
steckte nmlich das Bild Dschafars und der Schahzadeh Khanum Gul, welches ich im
Birs Nimrud zu mir genommen hatte. Als wir von dem Ustad aufgefordert worden
waren, mit zu ihm zu kommen, hatte ich mir gedacht, wovon wir sprechen wrden,
und war hinauf zu mir gegangen, um es mit herabzunehmen. Der Ustad kannte meine
damaligen Erlebnisse ganz genau und also auch dieses Bild. Er mochte ahnen, da
ich es meinte, denn er warf einen besorgten Blick auf den Mirza. Dieser aber
fragte im Tone der hchsten Spannung:
    In deiner Tasche, Effendi? Darf man es sehen?
    Ein Fremder nicht; dir aber bin ich sogar verpflichtet, es zu zeigen.
    Verpflichtet? Wieso?
    Schau selbst!
    Ich nahm es aus der Tasche und reichte es ihm hin. Er zog es mir aus der
Hand, sah es an und - - - sprang sofort von seinem Sitze auf, als ob er von
einer Natter gestochen worden sei. Dann lie er die Hand mit dem Bilde sinken,
sah mich mit einem ganz eigenartigen Blicke an und fragte:
    Effendi, bist du hierhergekommen, um mich abermals zu retten? Aus einer
noch viel, viel grern Gefahr, als alle die damaligen waren? Woher hast du
dieses Bild?
    Aus dem Birs Nimrud, von dem ich dir ja schon erzhlte. Es lag im Schatz
der Sillan, und ich versteckte es, weil ich dich sogleich erkannte.
    Welch ein Glck, welch ein Glck fr mich! Dieses Weib hat es hergegeben,
um mich zu verderben, weil ich nichts mehr von ihr wissen wollte! Du lieber,
lieber Freund, der du mir bist, wer mag da deine Hand geleitet haben! Man wollte
jedenfalls beweisen, da ich an der Emprung mit beteiligt sei. Denn nun wei
ich es: sie soll die Kaiserin und Ahriman Mirza der Kaiser sein! Ist es so oder
nicht, Effendi?
    Genau so, nickte ich.
    Aber wie hast du das erfahren knnen? Du, du, der Fremde!
    Setz dich wieder her! Ich will es dir erzhlen. Und nicht nur das allein.
Du mut nun Alles erfahren, Alles. Der Ustad wird es mir erlauben.
    Nun weihte ich ihn in unsere Geheimnisse ein. Er hrte ruhig zu und zeigte
selbst dann nicht die geringste Aufregung, als ich ihm mitteilte, da und fr
wann sein Todestag bestimmt worden sei. Er ffnete vorn den Alkalok und das
seidene Pirahen. Da sahen wir ein wunderbar gearbeitetes Panzerhemde schimmern.
    Du siehst, Effendi, sagte er, da Ahriman Mirza nicht der Einzige ist,
der die Notwendigkeit der Vorsicht kennt. Er trachtet mir nach dem Leben; das
habe ich schon lngst gewut, und ich werde Euch hierber noch sehr
Interessantes berichten. Neu ist mir nur, da der Tag, an dem ich sterben soll,
so genau festgesetzt worden ist. Ich bin an diesem Tage hier bei Euch, Ahriman
auch, der Mrder ebenso. Das ist eine Schalkhaftigkeit des Schicksales, fr
welche ich herzlich dankbar bin. Wer da noch vom starrsinnigen Fatum oder vom
blinden Kismet sprechen kann, der ist ein Tor, der niemals klger werden wird.
Aber das beantwortet mir doch Alles noch nicht meine Frage, woher du erfahren
hast, wer Kaiser und wer Kaiserin werden soll!
    Ich hatte dir erst das Vorangehende zu sagen. Nun kommt die eigentliche
Antwort, welche auch den Ustad interessieren wird, weil er noch nicht wei, was
sich whrend seiner Abwesenheit hier ereignet hat. Ihr sollt es jetzt hren.
    Ich gab meinen Bericht, auch ber den Traum, und verschwieg nichts, als nur
den einen Umstand, da mir Syrr gleich bei dem ersten Versuche gehorsam gewesen
war. Die beiden Zuhrer folgten meinen Worten mit der grten Spannung, der
Ustad still, Dschafar Mirza aber mit ganz besonderer Lebhaftigkeit. Als ich
fertig war, tat es der Letztere nicht anders, ich mute sofort die Beweise
holen, welche der Aschyk mir ausgeliefert hatte.
    Das tat ich natrlich gern; ich hatte sie ja selbst noch nicht durchsehen
knnen. Das taten wir nun gemeinschaftlich. Ich kann sagen, da sie alle unsere
Erwartungen weit bertrafen. Was wir ber Ahriman Mirza Neues erfuhren, war zwar
von ganz bedeutender Wichtigkeit fr uns und mute ihm unbedingt verderblich
werden, konnte uns aber nicht verwundern. Wenn seine Mittel auch als noch so
verwerflich bezeichnet werden muten, und wenn seine Ziele auch noch so
unerlaubte waren, so hatte er seinen Ha doch immer Ha genannt und war zu
stolz, fast mchte ich sagen, zu ehrenhaft gewesen, zu verbergen, da er whle.
Das hat man selbst am rgsten, am schlimmsten Feinde anzuerkennen und wird ihn,
wenn es mglich ist, hiernach behandeln. Was aber den Scheik ul Islam und seine
von Allah zur Alleinseligkeit berufene Partei betrifft, so waren wir geradezu
emprt ber das, was wir da lasen und erfuhren. Das klang Alles so mild und
freundlich, so leutselig und demtig, so tiefreligis und gottgefllig, so edel
und erhaben, so hart und unerbittlich, so dnkelhaft und hochmtig, so
pfauenstolz und truthahneitel, so fanatisch und bigott, so ekelhaft feierlich
und weihevoll und darum so schndlich, gemein und niedertrchtig, da Dschafar
sich schlielich nicht lnger beherrschen konnte: Er sprang auf, spuckte dreimal
aus und sagte:
    Das ist schndlich, nichtswrdig und infam! Diese Schurken geberden sich,
als ob sie den Herrgott zu beschtzen und seine ganze Menschheit zu behten und
zu bewahren htten. Dabei aber retten sie nur immer sich, sich, sich und keinen
andern Menschen! Weil sie weder Geist noch Vernunft besitzen, glauben sie sich
von jedem vernnftigen Worte angegriffen und schlagen ihre miverstandenen
Kuransprche Jedem an die Backen, der besser, tiefer und hher denkt als sie!
Wehe dem, der daran zweifelt, da sie die Einzigen sind, die Allahs Licht
erleuchtet! Sie knnen sich leicht bescheiden stellen, denn sie sind geistig
dumm! Und sie knnen ebenso leicht erhaben und unfehlbar tun, weil sie leider
nicht die einzigen geistig Dummen sind! Und diese Menschen nehmen es dem
Schah-in-Schah bel, da bei uns die Familie ein Heiligtum ist, vor dessen Tr
sie mit ihren salbungsvollen Schritten innehalten mssen! Der Hausherr soll
nicht mehr Herr des Hauses sein, sondern sie, sie, sie wollen es regieren!
Besonders aber haben alle Frauen durch das geheimnisdstre und verschwiegene Bab
77 zu gehen, von welchem diese Babi ihren Namen herleiten! Oh, ich kenne diesen
Scheik ul Islam von Feraghan aus! Dieser Schwachkopf ist berzeugt, da er zur
Belohnung von dort nach Chorremabad versetzt worden sei. Er ahnt nicht, da sein
treues Luristan das Bab sein soll, aus dem man ihn mit einem gnzlich
unerwarteten Futritt werfen wird! Er ist so tlpelhaft, es sich selbst zu
ffnen, jetzt eben, jetzt, und wir sind es, wir, von denen er den Futritt zu
bekommen hat! Es werden noch viele, viele Andre mit ihm fliegen!
    Nun setzte er sich wieder nieder, hatte sich aber seines Zornes noch nicht
ganz entledigt. Er fuhr fort:
    Wie gut, da ich durch dich, Effendi, diesen tiefen und klaren Einblick
gewinne! Es gehen also eigentlich zwei Emprungen gegen den Schah neben einander
her. Die eine leitet der Frst der Schatten, die andere der Scheik ul Islam,
welcher aber nicht wei, wer dieser Frst der Schatten ist. Der Aschyk sollte es
ersphen. Fr beide ist Ahriman Mirza als zuknftiger Herrscher in Aussicht
genommen. Auf welche Weise dieser Prinz den Scheik ul Islam fr sich gewonnen
hat, das ist fr uns jetzt Nebensache. Beide Heerlager wollen sich vereinigen
und hier bei uns beginnen. Welch eine Vereinigung! Die Frommen mit den
Gottesleugnern, die Grundehrlichen mit den Flschern und Betrgern, die
Auserwhlten Gottes mit den Auserkorenen des Teufels! Die Einen haben sich stets
als die Aristokraten des Glaubens und der Religiositt und die Andern als
Farmasonha78, als niedrige Demokraten, als ketzerisches Gesindel bezeichnet; nun
aber schlieen sie mit ihnen Bruderbund, um sie zum Dank dann anzuspein und
wieder wegzuwerfen! Effendi, ich bitte dich, mir diese Beweise anzuvertrauen,
nicht fr immer, sondern nur fr einige Stunden. Ich wei, wie wertvoll sie Euch
zur Entlarvung Eurer persnlichen Gegner werden knnen; aber ich mu sofort
einen Bericht fr den Schah-in-Schah anfertigen und dabei ihren Inhalt vor mir
liegen haben. Wirst du mir diese Bitte gewhren? Sie sind in meinen Hnden
sicher, und du bekommst sie dann sogleich zurck.
    Nimm sie mit, antwortete ich. Dir und dem Ustad kann ich sie gern
anvertrauen; ein Andrer aber bekme sie wohl nicht. Wann willst du diesen
Bericht schreiben? Du sagst, sofort. Hltst du das fr ntig?
    Allerdings. Es eilt. Darum werde ich ihn, sobald er fertig ist, durch einen
zuverlssigen Boten nach Mihribani senden. Aber - - freilich - - ich habe nur
Reitknechte mit. Ich konnte nicht an die Notwendigkeit einer solchen Botschaft
denken und mu darum Euch um einen Mann ersuchen, der sich eher totschlagen lt
und meinen Bericht vorher verschlingt, ehe er ihn in falsche Hnde kommen lt.
    Der Ustad sah mich fragend an. Es gab unter den Dschamikun wohl Manchen, der
geeignet war, aber er kam dennoch nicht sogleich auf einen bestimmten Namen. Da
sagte ich:
    Unser Kara Ben Halef! Er besitzt alle Eigenschaften, welche hierzu
erforderlich sind. Trotz seiner Jugend knnen wir ihm wohl am meisten vertrauen.
Auerdem stehen ihm die echten Eilkamele der Hadeddihn zur Verfgung. Es giebt
also fr ihn nicht die geringste Gefahr, denn kein Mensch wrde ihn einholen
knnen. Er braucht nicht mehr als zwei Tage hin und zwei her. Wenn Ihr ihm einen
Mann mitgebt, der den Weg nach Mihiribani kennt, so kann er am Donnerstag Abend
wieder hier sein. Mu er aber auf Antwort warten, dann allerdings erst am
Freitag.
    Dieser Vorschlag fand solchen Anklang, da ich mich gleich aufmachte, um mit
Kara zu sprechen. Dschafar begleitete mich nach unten. Die Dokumente in der
Hand, ging er nach seinem Turme.
    Kara befand sich bei seinen Eltern. Als ich hinaufkam, sa Halef aufrecht im
Bette, nur ganz leicht gesttzt.
    Willkommen, Sihdi! rief er mir mit ziemlich krftiger Stimme entgegen. Du
schaust so eilig aus?
    Es ist auch eilig, mein lieber Halef. Ich komme, um dir den Sohn fr
mehrere Tage zu nehmen. Er mu eine Botschaft bernehmen, welche ich nur dem
Zuverlssigsten, den ich hier kenne, anvertrauen kann.
    Dem Zuverlssigsten? Hltst du unseren Kara dafr?
    Ja.
    Allah segne dich! Das ist wieder Arznei! Das hilft; das strkt! Das macht
mich schnell gesund! Wo soll er hin?
    Zum Schah-in-Schah.
    Zum - - -!
    Das Wort blieb ihm vor Freude und Staunen im Munde stecken.
    Ja, zum Schah-in-Schah! wiederholte ich. Mit hchst wichtigen Depeschen!
    Zum Schah - - - in - - - Schah - -! brachte er jetzt hervor, indem er die
Hnde selig zusammenschlug.
    Mit hchst wichtigen Depeschen! fgte Hanneh hinzu, die vor Wonne
strahlte, denn das war wieder Etwas, was noch nicht dagewesen war, eine Ehrung
sondergleichen.
    Kara aber war still. Er sagte nichts. Das war so seine Art!
    Ich erklrte ihnen die Angelegenheit. Da ging Kara, um die Eilhedschihn zu
fttern und zu trnken. Halef aber hielt mir seine Hand hin und sagte:
    Sihdi, das kommt von dir. Ich wei es, da du ihn vorgeschlagen hast, denn
ich kenne dich. Du weit allerdings, da Kara der richtige Bote ist, aber du
hast dabei auch an uns, seine Eltern gedacht. Das ist abermals Arznei! Wenn das
so fortgeht mit den frohen Botschaften, so springe ich noch heut von meinem
Lager auf und laufe in einer Tour den ganzen Berg hinunter! Seit ich hier oben
im Freien liege, werde ich wie im Galopp gesund!
    Von hier aus ging ich zu den Pferden. Schon war ich an der Kchentr
vorber, da hrte ich mich hinter mir rufen. Ich drehte mich um. Pekala kam mir
nach. Sie tat sehr heimlich.
    Effendi, weit du, da heute Sonntag ist? fragte sie halblaut.
    Natrlich!
    Und da da mein Aschyk kommen wollte?
    Ja.
    Er kommt aber nicht!
    So? Warum nicht?
    Er hat sich anders besonnen und lt dich bitten, nicht auf ihn zu warten.
    So war er aber doch wohl da? Denn du hast mit ihm gesprochen?
    Ja, er war da.
    Wann?
    Heut frh. Des Sonntags stehe ich immer eher auf als sonst, weil ich, wenn
die Glocken luten, mit der Arbeit fertig sein will. Heut war es nun noch
zeitiger als gewhnlich. Ich ging in den Garten, um Soghanlar79 zu holen; da
stand mein Aschyk pltzlich vor mir und sagte, da er schon jetzt gekommen sei,
weil er heut Abend nicht dasein werde.
    Wo will er da wohl hin?
    Das wei ich nicht. Ich konnte ihn nach gar nichts fragen, weil er keine
Zeit hatte, mir zu antworten. Aber es war sehr rhrend, als er ging, sehr!
    Wieso?
    Er ergriff meine Hand und streichelte mir mit seiner andern Hand ber den
Kopf, so - - so - -
    Sie zeigte mir, wie er es gemacht hatte, und fuhr dann fort:
    Und dazu sagte er: Pekala, sagte er, wir haben im letzten Jahre viele, sehr
viele Lgen gemacht, und der Ustad und der Effendi sind doch so liebe und so
gute Menschen, die man auf keinen Fall belgen oder gar betrgen sollte.
Versprich mir, da du ihnen von heute an die volle Wahrheit sagen willst, wenn
sie dich nach mir fragen! Da habe ich es ihm versprochen und ihm auch die Hand
darauf gegeben, da ich es halten werde, denn - - -
    Sie hielt inne, weil ihr die Trnen kamen. Da wischte sie sich die Aeuglein
und auch das kleine Nslein an die Schrze und fuhr hierauf fort:
    Denn mit dem Lgen ist es - - - verzeihe mir, Effendi! Ich nehme dann
nachher zum Kochen gleich eine andere, eine neue Schrze - - - denn mit dem
Lgen ist es eine schlimme Sache. Man kann nmlich nicht schlafen, wenn man dich
oder den Ustad belogen hat, und so will ich dir denn jetzt ganz offen sagen - -
-
    Sie wischte sich jetzt abermals, und zwar sehr nachhaltig, was sie jetzt nun
doch wohl durfte, weil sie ja nachher eine neue Schrze nehmen wollte, und
sprach weiter:
    - - - will dir ganz offen sagen, da die Sache anders gewesen ist, als ich
dir erzhlt habe. Es mu vom Herzen herunter, sonst halte ich es nicht aus! Mein
Aschyk ist nmlich nicht nur alle Monate gekommen, sondern - - -
    Da unterbrach ich sie:
    La das jetzt, Pekala! Ich wnsche nicht, da du dir wehe tust.
    Ich soll es dir nicht erzhlen?
    Nein.
    Aber da bringe ich es doch nicht herunter und kann heute Nacht wieder nicht
schlafen!
    Doch, doch! Es ist nmlich genau so gut, als ob du es erzhlt httest. Der
Ustad und ich verzeihen es dir. Wenn wir es einmal wissen wollen, werden wir
dich schon selbst fragen. Dann aber mut du uns freilich die volle Wahrheit
sagen, keine Lge mehr!
    Da wurden ihre Aeuglein wieder klar; das Nslein verlor die Lust, sich
kummerfeucht zu zeigen, und sie antwortete schnell:
    Lge? Nie wieder, nie, niemals! Wir sind wahrscheinlich selbst auch belogen
worden, besonders vom Scheik ul Islam, der gesagt hat, da er blo sein
Schreiber sei! Von ihm hat mir mein Aschyk eine Schlechtigkeit mitgeteilt, die
ganz unerhrt ist!
    Ich denke, er hat gar nicht viel mit dir gesprochen!
    Das ist auch wahr, aber dieses doch! Denke dir, dieser armselige Scheik des
Islam hat behauptet, meine Nase sei zu klein, mein Maul zu gro und mein Gang
wie Elefantentrab! Der soll mir einmal wiederkommen! Ich warte schon darauf! Was
so eine Lge anrichtet, das glaubst du gar nicht, Effendi! Ich habe diesen
ganzen Tag daran denken mssen und mich vor Aerger wenigstens hundertmal
vergriffen. Dem Pedehr habe ich seinen Kaffee nicht von Bohnen, sondern von
Pfefferkrnern gekocht. Denke dir sein Gesicht, als er trank! Den Leuten habe
ich Salz anstatt Zucker an die Limonada geschttet! Und in dem Eierkuchen, den
ich fr mich selbst gebacken habe, fand ich einen Strang schwarzen Nhzwirn,
vier Knpfe und eine bleierne Flintenkugel. Ist das nicht geradezu frchterlich,
was solche Lgen fr schreckliche Folgen haben? Meine Nase zu klein! Wenn dieser
Mensch sich wiedersehen lt, bekommt er den ganzen Eierkuchen ins Gesicht, den
ganzen, gleich auf einmal! Ich hebe ihn mir auf! Der liegt bereit, alle Tage,
und schwapp, da hat er ihn!
    Sie machte mir mit den Hnden die betreffende Bewegung vor. Ich mute
lachen; sie aber meinte es ernst. Der Aschyk schien seine Pekala zu kennen. Er
hatte dem Scheik ul Islam diese Snden gegen die weibliche Schnheit in den Mund
gelegt und damit mehr erreicht, als er durch alle mglichen Warnungen und
Ermahnungen htte erreichen knnen. Ich durfte berzeugt sein, da sie den
frommen Herrn niemals wieder um eine Naddara bitten werde! Sie fuhr fort:
    Nur den Lgen dieses Scheik ul Islam ist es zuzuschreiben, da mein Tifl
fortgegangen ist, obgleich ich ihm so gute Worte gab, bei uns zu bleiben. Er
hatte ihm weigemacht, hier bei uns werde er es doch zu nichts bringen; wenn er
aber mit ihm gehe und beim Rennen den Kiss-y-Darr80 reite, werde er sofort unter
die Aeltesten der Taki-Kurden aufgenommen; in einem Jahre knne er schon Scheik
geworden sein, und dann werde sich kein Ustad mehr weigern, die Dschamikun durch
einen Bund mit den Taki-Nachbarn so mchtig zu machen, da sich kein Feind mehr
an sie wagen knne.
    Ah, so! Das, das ist die Leimrute gewesen, an welcher Tifl hngen geblieben
ist! Er glaubte, es gut mit uns zu meinen?
    Wie denn anders, Effendi? Denkst du etwa, da Tifl im stande sei, jemals
unsern Schaden zu wollen? Das Kind ist eben noch dumm. Ich habe es zu erziehen.
Spter, wenn diese Erziehung vollendet ist, wird es keinem Scheik ul Islam mehr
gelingen, ihm Sand in die Augen zu streuen. Und das Kind ist nicht blo dumm,
sondern auch gescheidt und klug. Es wird sich drben bei den Taki-Kurden
umschauen und sehr bald einsehen, da man es dort nur an der Nase fhren will.
Dann kommt es wieder. Darauf kannst du dich verlassen, Effendi. Ich freue mich
schon darauf!
    Wie hie das Pferd, welches er gegen uns reiten soll?
    Kiss-y-Darr.
    Sonderbarer Name! Was ist das fr ein Pferd?
    Das wei ich nicht. Tifl hat mir weiter nichts gesagt, als da es
eigentlich das Eigentum des Ustad sei. Nun aber mu ich in die Kche, Effendi,
weil es heut eine groe Sukdscha81 mit Zucker und Zitrone gibt. Die hat der
Ustad mich gelehrt, zu machen. Sie ist eines seiner Leibgerichte in der warmen
Jahreszeit, und so soll er sie heut bei seiner Heimkehr haben.
    So hte dich, wieder Salz anstatt Zucker zu nehmen!
    Allah verhte es! Aber mein Aerger ist noch nicht heraus, und so wre es
wohl kein Wunder, wenn ich es tte!
    Sie kehrte in ihr Reich zurck, und ich setzte meinen unterbrochenen Weg
nach der Pferdeweide fort, wobei ich mich mit einigen Aepfeln versah, nicht nur
fr Syrr, sondern auch fr Assil. Denn, so lcherlich es auch klingen mag, weil
es sich doch nur um Tiere handelt, es erschien mir ungerecht, dem einen,
wohlverdienten, Etwas vorzuenthalten, was das andere bekam, ohne schon auch nur
Aehnliches geleistet zu haben. Sie standen bei einander, fast zrtlich Kopf an
Kopf. Ich gab ihnen die Aepfel nicht direkt, sondern ich legte sie vor sie hin
in das Gras. Beide senkten die Kpfe zu gleicher Zeit, hoben sie aber auch
zugleich wieder in die Hhe. Warum? Aus Neidlosigkeit. Edles Blut! Keine Spur
von Habgier. Jedes von ihnen sah, da das andere die Frchte haben wollte und
zog darum den Kopf bereitwillig zurck. Keines langte wieder nieder. Syrr aber
rieb sein Maul an Assils Hals. War das eine Aufforderung, zu nehmen und zu
fressen? Ich hob die Aepfel auf und gab jedem das Seinige. Da langten beide zu -
- - Tiere!
    Von jetzt an versorgte ich auch Assil wieder mit eigener Hand. Er war das so
gewohnt und hatte es verdient.
    Eben als ich beiden Pferden ihre Abendgerste gab, sah ich drben jenseits
der Ruinen einen Reiter kommen, den Duar vermeidend, ber Stock und Stein, aus
dem hintern Tal herauf quer auf die Brche zu. Das war fast wagehalsig! Als er
den obern Steinbruch erreichte, erkannte ich ihn; es war - - - Tifl. Als ob das
Wort seiner Pekala ihn herbeigezogen htte! Er lenkte nach dem Glockenwege und
dann linksab zu mir. Der Schritt seines Pferdes wurde immer langsamer und
zgernder, je nher er mir kam. Endlich hielt er ganz an, wohl ber zehn
Pferdelngen von mir entfernt.
    Effendi, darf ich wiederkommen? fragte er.
    Ich antwortete nicht. Er wartete eine kleine Weile und fuhr dann verlegen
fort:
    Da drben ist die Hlle! Ich mag nichts von ihr wissen!
    Natrlich blieb ich still.
    Und heut kam der Sonntag! Am Freitag plrrten sie den ganzen Tag. Das klang
so kindisch. Fast habe ich mich an ihrer Stelle geschmt! Nun betete ich heut.
Sie sahen es. Ich tat es still; ich plrrte, plapperte und murmelte nicht wie
sie. Da lachten sie mich aus und schimpften mich einen Kafir82. Ich dachte an
unsere Glocken, an unsern Sonntagsgesang, an unser Beit-y-Chodeh, an meine gute
Pekala, an den Ustad, an dich, Effendi, an Alles, Alles, Alles! Da hielt ich es
nicht lnger aus. Ich mute fort, nur fort! Ich kann die Gesichter da drben
nicht leiden. Sie sind so sanft, so fromm und doch so unverschmt! Als ob sie
lauter heilige Engel seien und ich ein ganz verlorenes, von Gott verstoenes
Subjekt! Sie wollten mir meinen Chodeh nehmen, den ich verehre. Sie sprachen
schlecht von meinem Ustad, den ich liebe. Und sie sprachen von den Dschamikun
wie von ganz albernen Geschpfen, denen man ihren Ustad verbieten msse, wenn
man brauchbare Menschen aus ihnen machen wolle. Das ergrimmte mich so, da ich
sie htte erwrgen mgen, diese Dummkpfe. Aber ich kmpfte meinen Zorn nieder,
ging heimlich aus dem Duar, holte mir mein Pferd von der Weide und - - - - - -
nun bin ich wieder da, Effendi!
    Das war eine lange Rede. Er hatte sie nicht etwa flieend gehalten, sondern
seine Stze von Pause zu Pause wie mit Gewalt herausgestoen. Nun wartete er, ob
ich endlich Antwort geben werde. Ich tat es nicht. Da trieb er sein Pferd etwas
nher heran, stieg ab, kam auf mich zu und sagte:
    Sprich doch, Effendi, sonst fange ich an, zu weinen! Es war falsch und dumm
von mir, da ich ging. Sei gut wie immer, und verzeihe mir! Was willst du denn
auch anders mit mir machen; ich bin doch Euer alter, treuer Tifl!
    Ich war im Stillen gerhrt, zeigte ihm dies aber nicht, sondern deutete nach
dem Hause und sagte:
    Der Ustad ist wieder da; er mag entscheiden. Geh zu ihm!
    Da holte er sein Pferd. Indem er es an mir vorberfhrte, hingen seine Augen
an Syrr, mit einer Bewunderung, als ob er etwas Ueberirdisches sehe. Er getraute
sich aber nicht, noch Etwas zu sagen.
    Ich schaute ihm nicht nach, hrte aber gleich darauf eine weibliche Stimme
jubeln. Die Festjungfrau nahm ihr Herzens- und Schmerzenskind wieder in Empfang.
Das war eine neue Aufregung fr sie, infolge deren die ebenso bedenkliche wie
berechtigte Frage in mir auftauchte: Was wird nun wohl aus der Kalteschale
werden?!
    Als ich dann wieder vor auf den Hof kam, stand Kara mit den Kamelen zum
Aufbruche bereit. Er war gut bewaffnet. Einer von Dschafars Reitknechten sollte
ihn begleiten. Der Bericht an den Herrscher war aber noch nicht fertig. Der
Ustad stand auf seinem Balkon; er winkte mir, hinaufzukommen. Tifl lehnte an
einer der Sulen vor der Halle. Als ich an ihm vorberwollte, sagte er:
    Effendi, unser Ustad hat mir verziehen; ich darf hierbleiben. Willst du
nicht auch so gtig sein wie er?
    Hat er vergeben, so habe auch ich es getan, antwortete ich. Wie du ber
den Scheik ul Islam denkst, das hast du mir gesagt, und ich hoffe, da du nicht
wieder anderer Ansicht wirst. Wie aber steht es mit Ahriman Mirza? Wer hatte ihm
damals Alles ber mein Lager hier in der Halle mitgeteilt?
    Ich war es, gestand er aufrichtig. Der Aschyk hatte uns gesagt, da
Ahriman ein groer Freund der Dschamikun sei; er drfe es sich jetzt nur noch
nicht merken lassen. Darum beantwortete ich alle seine Fragen. Ich hielt mich
fr klger und unterrichteter, als Ihr alle seid. Ich war berzeugt, da Ihr mir
spter rechtgeben und meine Umsicht bewundern wrdet. Ich bin aber ein Schaf,
Effendi, das allergrte Schaf, das es gibt, so weit das Gras hier auf den
Bergen wchst!
    Da hast du Recht, Tifl! Du solltest bei den Takikurden geschoren werden.
Sei froh, da du mit dem Felle davongekommen bist!
    Als ich hinauf zum Ustad kam, empfing er mich mit den Worten:
    Du wirst mich nach Tifl fragen wollen. Mir liegt aber zunchst etwas
Anderes auf dem Herzen, wovon du in Dschafars Gegenwart nicht gesprochen hast,
nmlich Syrr. Er zeigte mir das Pferd, als ich ihn unterwegs traf, und auch der
Schah sprach sogleich mit mir davon. Als wir in jener Nacht hier bei mir von
Syrr sprachen, konnten wir nicht ahnen, da er sich eine Woche spter bei uns
befinden werde. Ich sehe unserm Rennen mit Zuversicht entgegen; aber diese
Zuversicht wrde sich verzehnfachen, ja verhundertfachen, wenn Jemand hier wre,
der ihn reiten knnte. Der Schah ist sehr gespannt darauf, ob du es fertig
bringst. Er hlt es sogar fr nicht unwahrscheinlich, da es dir gelingen werde.
Aber die Tatsache, da er dich aufsitzen lt und dich trgt, wohin du willst,
gengt doch fr so ein Rennen nicht. Du httest ihn erst wochen-, vielleicht
sogar monatelang zu studieren, um seine Schule zu entdecken. Sodann bist du ja
noch krank. Es mte also ein Anderer sein, und den gibt es nicht.
    Was du da sagst, ist Alles, Alles Nebensache, mein Freund, antwortete ich.
Die Hauptsache ist doch wohl, ob wir uns anmaen drften, Syrr zum Rennen zu
bentzen.
    Unbedingt, unbedingt!
    Du meinst, da der Schah nichts dagegen htte?
    Dagegen? Er wrde sich sogar freuen, herzlich freuen, zeigen zu knnen, da
seine Schule alle andern Schulen schlgt. Der Kampf wrde aber ein heier, sogar
ein entscheidender werden, denn wisse, der Teufel wird gegen uns geritten, und
Ahriman reitet ihn selbst!
    Der Teufel? Was ist das fr ein Pferd?
    Eine Khorassan-Schecke von wunderbarer Schnelligkeit und Ausdauer. Sie
gewann noch jedes Rennen, und zwar spielend, selbst gegen die berhmtesten
Pferde. Man hlt sie fr unbesiegbar und wagt es schon seit Jahren nicht mehr,
gegen sie zu setzen. Es heit Teufel und ist ein Teufel, der oberste aller
Teufel. Darum heit die Schecke nicht blo Schetan oder Scheitan, sondern Iblis.
Und bezeichnender Weise ist dieser Iblis nicht im Besitze eines Mannes, sondern
eines Weibes. Du wirst staunen. Seine Herrin ist nmlich jene Schahsadeh Khanum
Gul, die sich Rose von Schiras nennen lt und, wie wir jetzt wissen, Kaiserin
von Persien werden will.
    Hchst kurios! Aber wundervoll!
    Wundervoll? Das klingt ja, als freutest du dich darber?
    Natrlich freue ich mich! Mir ist nur bange, ob man diesen Iblis auch
wirklich bringen wird. Von Schiras bis hierher ist ein weiter Weg!
    Schiras? Ah, ich vergesse, da du ja noch nicht weit, was ich von Tifl
erfahren habe. Ahriman Mirza und die Khanum Gul sind jetzt nmlich in
Chorremabad, als Gste des Scheik ul Islam.
    Das wrde fr uns erstaunlich sein, wenn uns ihre Zwecke unbekannt wren.
Aber er und sie mgen stecken, wo sie wollen; das ist mir in diesem Augenblicke
unendlich gleichgltig. Ich frage nur nach dem Teufel!
    Der ist auch in Chorremabad. Die Gul reist stets mit Hofstaat und trennt
sich nie von ihrem Lieblingspferde.
    So kommt der Iblis also sicher?
    Ganz gewi! Er soll uns unser ganzes Vollblut abgewinnen, uns vollstndig
zuschanden machen!
    So bin ich zufriedengestellt. Ich reite also den Syrr! Aber kein Mensch
darf es vorher ahnen, ausgenommen du und Schakara!
    Effendi! rief er aus, indem er einige Schritte von mir zurckwich.
    Ja, ich reite ihn! versicherte ich. Das war bis jetzt noch ungewi; nun
aber ist es fest bestimmt.
    Duldet er dich denn?
    Mit Vergngen!
    Aber du kennst doch seine Schule nicht und kein einziges seiner
Geheimnisse!
    Er hat weder das Eine noch das Andere. Er hat nie zu Diensten einer Schule
oder Wissenschaft gestanden, welche zwar alte Mhren reitet und miratenes Voll-
und Halbblut dressiert, aber niemals ein wirklich edles Pferd gehorsam machen
wird, weil sie beharrlich seine Seele leugnet. Und Geheimnis? Ich behandle Syrr
nach dem groen und liebevollen Geheimnisse der Natur. Er hat sich gleich beim
ersten Versuche einverstanden gezeigt. Ich habe mich nur mit ihm
zusammenzuleben. Das Fest beginnt Sonntag. Der Montag ist fr die Vorrennen
bestimmt. Der Hauptwettlauf folgt Dienstag. Das sind noch neun Tage, also genug
Zeit, mich krperlich vollends zu erholen und Syrr ganz fr mich zu gewinnen.
Ich kenne den Teufel dieser Khanum Gul noch nicht. Wer wei, auf welche Kniffe
und Finessen er luft. Aber wenn ich dir sage, da ich ihn selbst mit Assil
nicht frchten wrde, viel weniger mit Syrr, so kannst du ruhig sein!
    Da lchelte er mir frhlich ins Gesicht, gab mir die Hand und antwortete:
    Da steht fr uns ja Alles, Alles gut, sogar vortrefflich! Ich reite meine
Sahm und du den Syrr - - -
    Vielleicht auch noch den Assil! fiel ich ein. Kara soll ihn bekommen.
Aber wenn ich es fr ntig halte, setze ich mich selbst auf.
    Dann i nur, i, und pflege dich mein Freund! Denn ich merke, du wirst es
sein, der den Ausschlag zu geben hat.
    Nicht essen, sondern ben ist die Hauptsache. Ich werde damit gleich heute
noch beginnen.
    Dafr ist es zu spt!
    Nein, denn ich be nur des Nachts. Es soll Niemand den Syrr eher sehen, als
bis zum letzten Augenblick. Man wird uns den Teufel nur erst zum letzten, Alles
entscheidenden Rennen stellen und meinen, uns damit perplex zu machen. Dann
bringe ich meinen Glanzrappen, nicht eher! Bist du deiner Stute sicher?
    Ein halber Tag im Sattel, so ist sie wieder mein!
    Schn! Was aber hat es fr eine Bewandtnis mit dem sogenannten Kiss-y-Darr,
von welchem Pekala gesprochen hat?
    Das ist eine Gemeinheit, eine Infamie sondergleichen gegen mich von Seiten
des Scheik ul Islam. Dieses Pferd ist eigentlich mein, ja, ohne allen Zweifel
mein; man hat mich darum betrogen, und nun es vollstndig niedergeritten worden
ist, will man mich mit ihm beschimpfen und blamieren. La dir erzhlen,
Effendi!
    Sein bisher heiteres Gesicht beschattete sich, als er begann:
    Der Name lautet eigentlich nur Kiss, bekanntlich das arabische Wort fr
Roman. Warum ich das Pferd, als es geboren wurde, grad so und nicht anders
genannt habe, brauche ich nicht dir zu erklren, der du auch Bcher schreibst.
Das y-Darr, den Schund, hat man erst jetzt hinzugefgt! Kiss stammte von edeln
Eltern. Er war ein Hellbrauner von besten Eigenschaften und versprach, diesen
Eltern und auch mir Ehre zu machen. Eben, als er sich zu einem reitbaren Pferde
entwickelt hatte, traf ich mit einem Scheik der Kutubikurden zusammen, der mich
bat, ihm dieses Pferd zu seiner Auszucht gegen eine zu vereinbarende Gebhr zu
leihen. Er wolle gern seine Rasse veredeln und sei berzeugt, da Kiss sich am
Besten hierzu eigne. Dieser Mann sprach so rechtschaffen, so ehrlich, so bieder,
da ich ihm mein Vertrauen schenkte. Ich lieh ihm Kiss; er ging auf alle meine
Bedingungen ein, gab mir Handschlag und Wort und zahlte auch die erste Rate der
Leihgebhr. Die brigen Gratifikationen aber blieben aus. Das war vor zwanzig
Jahren. Seit dieser Zeit habe ich trotz aller Fragen und Mahnungen weder eine
Gebhr erhalten noch mein Pferd zurckbekommen knnen. Der Mann ist gestorben.
Seine Erben haben Kiss verkauft. Sie und der Kufer behaupten, das Pferd gehre
nicht mir, obwohl sie wissen, da man solche Rasse berhaupt niemals verkauft.
Es ist jedem Kutubikurden bekannt, da man derartige Pferde hchstens nur gegen
eine fortgesetzte und langjhrige Rente aus den Hnden gibt. Ich habe Kiss nur
ein einziges Mal wiedergesehen, vor gar nicht langer Zeit. Er war ber zwanzig
Jahre alt, abgetrieben, entstellt, verletzt, verhunzt, besudelt, beinahe zur
Karrikatur gemacht, und nun hat ihn der Scheik ul Islam sich von dem Kufer
schicken lassen, um ihn in dieser Heruntergekommenheit ffentlich gegen mich
auszuspielen. Die Karrikatur eines Pferdes sollte von der Karrikatur eines
Menschen, nmlich Tifl, hier vorgeritten werden, um vor Aller Augen den Beweis
zu liefern, welchen verderblichen Einflu ich auf die Erziehung von Mensch und
Tier besitze! Vor allen Dingen aber soll das arme, absichtlich mihandelte Tier
vor dem Rennen nicht als Kiss, sondern als Kiss-y-Darr, also nicht als Roman,
sondern als Schundroman ausgerufen werden. Du siehst, mit welchen Mitteln diese
Ebenbilder Gottes gegen mich kmpfen!
    So ist es also, so! sagte ich. Nun ist ihnen aber Tifl entgangen.
Vielleicht verzichten sie aus diesem Grunde auf den beabsichtigten Streich?
    Das denke nicht! Es wird sich schon ein feiler Taki finden, dem es eine
Wonne ist, sich auf dem Schundroman vor aller Welt zu brsten, weil ihn ein
andres Pferd sofort vom Sattel werfen wrde! Nicht etwa, da ich mich hierber
rgere, o nein; ich freue mich sogar auf diese Hanswurstiade, denn, denn - - -
ich habe Etwas vor!
    Was?
    Kiss war edel und ist noch heute edel, trotz seines Alters und trotz seiner
Entstellung. Der Kenner sieht sofort, was ursprngliche Natur und was Verhunzung
ist. Ich werde aus diesem Humbug einen Ernst zu machen wissen, an den zu denken,
ihnen Geist und Grtze fehlen! Du wirst es wohl erraten?
    Allerdings. Wenn sie sich einbilden, uns mit ihrem Schund schlagen zu
knnen, so werden sie es sein, die beschmt abziehen mssen. Du oder ich, ganz
gleich; wir haben uns beide nicht zu schmen!
    Ich hre, du hast mich verstanden. Uebrigens scheint dieser Plan mit
Kiss-y-Darr in demselben Gehirn entsprungen zu sein, aus welchem die famose
Karawane des Pischkhidmet Baschi83 stammt. Sie sind einander so hnlich. Mit dem
Pferde wollen sie mich blamieren; mit jener Karawane, die auch nur Humbug war,
sollte die Ehre des Schah-in-Schah an den heiligen Orten untergraben werden.
    Woher weit du das? fragte ich verwundert, weil auch ich mir schon so
etwas Aehnliches gedacht hatte.
    Der Herrscher hat es mir selbst erzhlt. Es ist ihm ber diese Karawane
berichtet worden. Er hat nicht das Geringste von ihr gewut, und unter seinen
Kammerherren befindet sich nicht ein einziger solcher Dummkopf, wie jener
sogenannte Pischkhidmet gewesen ist. Darum hat er nachforschen lassen. Die
Spuren fhrten zum Scheik ul Islam, und es stellte sich auch wirklich heraus,
da dieser der Unternehmer des ganzen Schwindels gewesen ist.
    Und ich habe den Pseudo-Kammerherrn beschtzt!
    Trotz seiner Frechheit und Undankbarkeit! La dich das nicht reuen! Dank
kennt nur der Gute, aber so ein Mensch doch nicht! Uebrigens kam whrend dieses
Gesprches mit dem Beherrscher noch eine andere Episode vor. Ich war nmlich
zweimal bei ihm. Beim ersten Male erzhlte ich ihm Alles und zeigte ihm auch den
Brief des Aemir-i-Sillan an den Henker und las ihm die Zeilen vor. Da sagte er,
da dieser Henker uns jetzt ganz nahe sei, denn er befinde sich auch hier, habe
um eine Audienz gebeten und sei fr die jetzige Zeit herbeibefohlen worden. Als
ich dann ging, stand der Multasim auch wirklich im Vorzimmer und mute sofort
eintreten. Er hatte seinen Balapuschi84 abgelegt, und der gnstige Augenblick
erlaubte mir, den Brief in eine Tasche desselben zu schieben, in welcher schon
ein Notizbuch steckte; er ist also ganz sicher gefunden worden. Bei der
Abschiedsaudienz erfuhr ich vom Schah, da dieser Mensch die Stirn gehabt habe,
mich wegen Mordanschlages und widerrechtlicher Gefangennahme bei ihm anzuklagen
und um strengste Bestrafung zu bitten. Der Herrscher htte ihn am liebsten
sofort festnehmen und aufhngen lassen mgen, war aber in Anbetracht unserer
Plne so bedacht gewesen, ihm den ruhigen Bescheid zu erteilen, da er das
Resultat seiner Zeit erfahren werde. Hierauf hatte Ghulam el Multasim
angenommen, da er seinen nchsten Aufenthaltsort nennen msse, und gesagt, da
er jetzt nach Chorremabad gehe, um dort der Gast des Scheik ul Islam zu sein.
Htte er geahnt, was der Schah ber diesen Wrdentrger wute und dachte!
    So haben wir also die lieben Freunde jetzt in unserer Nhe, und
wahrscheinlich kommen noch immer mehr hinzu!
    Ja; es drngt nun Alles auf die Entscheidung hin, und unser Rennen wird der
Anfang vom schnellen Ende sein.
    Dann los! Heut Abend, wenn mir Niemand mehr begegnen kann, reite ich zum
ersten Male mit Syrr aus.
    Wohin? Zur Rennbahn?
    Jetzt das noch nicht. Ich mu ihm zunchst Freiheit geben, weiten
Spielraum. Vielleicht whle ich den Weg nach den Pssen hin.
    Da mtest du durch den Duar, den du doch wohl besser vermeidest. Wende
dich lieber nach Norden. Drben den Steinbruchweg hinab, links um den Berg herum
und dann ber die breite, grasige Talsenkung rechts. Da kommst du bald auf eine
Ebene, wo man sogar in finstrer Nacht gefahrlos galoppieren kann, weil der Boden
so glatt und sicher ist wie hier die Bretterdiele.
    Hier mute unsere Unterredung ein Ende nehmen, denn wir sahen Dschafar aus
dem Wartturme kommen, den Brief an den Schah in der Hand. Da gingen wir hinab,
um Kara noch einige Worte und Wnsche mitzugeben. Sein Vater hatte sich das Bett
ganz vor an den Rand des Daches schaffen lassen, um den Sohn fortreiten zu
sehen.
    Allah begleite dich, mein Liebling! rief er herab. Sag dem Schah-in-Schah
unsern Dank. Den nchsten Brief werde ich ihm selber bringen! Nun geh, und komm
zurck, wie du gegangen bist: gesund und mit einem Schreiben!
    Nur wenige Minuten spter stand ich hinten bei den Pferden. Ich schaute zum
See hinab. Da sah ich Kara und seinen Begleiter schon weit ber demselben
drauen. Es ist fast unglaublich, was so ein chtes, gutgezogenes Bischarikamel
zu leisten vermag!
    Hierauf ging es zur Kalteschale. Sie war vortrefflich. Wenigstens hatte sie
nichts von der Aufregung an sich, in welcher ich mir ihre festjungfruliche
Zubereiterin noch immer dachte. Dann pflegte ich der Ruhe, bis es oben und unten
still geworden war und ich kein Licht mehr brennen sah. Da holte ich mein
Sattelzeug und ging zu Syrr hinab.
    Er lag mit Assil abseits von den andern Pferden. Der Mond schien. Als sie
den Sattel sahen, standen sie beide auf. Sobald ich aber Syrr zu zumen begann,
legte Assil sich wieder nieder. Er war so sehr verstndig!
    Ich war natrlich neugierig auf das nun Folgende. Wrde es gelingen? Ich
stieg auf. Die Fe in die Bgel. Eben wollte ich die Unterschenkel anlegen; da
ging der Rappe auch schon vorwrts. Es gab bis in die Ruinen mehrere Biegungen.
Kaum dachte ich an die Schwenkung, so war sie schon gemacht. Welch ein feines
Empfinden! Und dieser ruhige, sichere Schritt! Leichter, hochgraziser Rhytmus
auf fester Baunterlage! Drben ging es am Turm vorber, auf die Steinbrche zu.
Da stand rechts dichtes Strauchwerk. Bei demselben angekommen, blieb Syrr
stehen, ohne angehalten worden zu sein.
    Wer ist hier? fragte ich, den Blick scharf auf die Bsche richtend.
    Du bist es, du, Effendi, antwortete es. Da darf ich hervorkommen. Ich
glaubte nicht, da du schon wieder reiten knntest, und hielt dich darum fr
einen Andern.
    Es war der Aschyk.
    Hattest du hier zu tun? fragte ich.
    Ja, antwortete er. Ich wache! Hast du mein Paket gefunden? Kannst du es
verwerten?
    Sehr gut. Ich danke dir!
    So bitte ich dich, mich still gewhren zu lassen! Du sollst nicht
herabgezogen werden, in das Gemeine, wo du nicht hingehrst. La das mir lieber
ber; mir schadet der Schmutz nicht so wie dir! Ich bin ihn ja gewhnt. Ich
vermute, da du morgen die Pderan belauschen willst. Auch das ist Schmutz,
vielleicht der allergrte. Wirst du trotzdem kommen?
    Ganz bestimmt!
    So beschwere dich mit nichts. Ich bin sicher da und helfe dir herauf in das
Versteck.
    Verkehrst du noch mit unsern Gegnern?
    La mich hierber schweigen, Effendi! Ich darf dein Gewissen nicht
beschweren. Aber wenn ich dir einen Wink gebe, so folge ihm mit Vertrauen. Es
nahen schwere Zeiten. Ich will sie dir erleichtern. Und dann, dann geht mir
vielleicht der grte Wunsch in Erfllung, den ich in meinem Herzen trage.
    Welcher?
    Bei uns ist der Hund verachtet. Bei euch im Abendlande aber wird er
geschtzt. Da ist er der Freund, der Wchter, der Beschtzer der Menschen.
Effendi, prfe mich jetzt, und wenn du mich als treu befunden hast, so la mich
dein Wchter sein, dein Hund, der dich begleitet, so lange du in diesen Gegenden
bist! Der mit dir hungert und drstet, im Regen und im Sonnenbrande vor deinem
Zelte liegt, jeden Feind zerreit, der sich an dich drngen will, und lieber
stirbt, als da er dir ein Leid zufgen lt! Willst du?
    Da du es wnschest, werde ich dich - - nicht prfen, denn das ist nicht
mehr ntig; ich vertraue dir - - aber meinen Freunden Zeit geben, dasselbe
Vertrauen wie ich zu dir zu fassen. Dann - - doch hierber spter!
    
    Das ist mehr, als ich erwartete. Allah vergelte es dir!
    Bei diesen Worten entfernte er sich, nicht hinter das Gestruch zurck,
sondern nach dem Steinbruche hin, an welchem ich dann vorberritt, um hinab auf
den Weg nach Nordwest zu kommen. Ich folgte ihm genau so, wie der Ustad mich
bedeutet hatte und war nach einer Viertelstunde oben auf der Ebene, die wie ganz
besonders fr meinen Zweck gebildet war.
    Und nun ging ich an die Arbeit. Arbeit? Falsch, grundfalsch! Ein Vergngen
ist es, ein hochdankbares Studium, die Gedanken eines edlen Pferdes zu erraten
und sie mit ihm auszufhren! Ich habe wohl viele, viele Reiter kennen gelernt,
gute und schlechte, unter ihnen aber nur einen einzigen, der mit mir darin einig
war, da das Pferd auch einmal Etwas selbstwollen drfen mu. Das war mein
Winnetou. Es hat ja Willen, wie jedes Tier. Und es besitzt auch Intelligenz,
diesen Willen entweder fr richtig oder fr falsch zu halten. Es merkt sofort,
wenn der Reiter einen Fehler macht, und zeigt die Absicht, diesen Fehler zu
verbessern. Aber das ist ihm verboten. Es mu sich den gefhllosesten,
unverstndigsten Bengel gefallen lassen, der keine Ahnung von der zarten
Empfindlichkeit und von dem Ehrgefhle, der Auffassungskraft, der
Ueberlegsamkeit und dem Gedchtnisse eines guten Pferdes hat und es einfach zum
innerlich und uerlich steifen Gaul herunterrackert! Ich kam einst mit einem
solchen Menschen scharf zusammen. Er hatte von Nachmittag bis Mitternacht in der
Kneipe beim Kartenspiele gesessen und einen Grog nach dem andern getrunken, denn
es war ein sehr strenger Wintertag und selbst in der Stube kalt. Drauen aber
stand sein Pferd angebunden, nicht zugedeckt, fast klappernd vor grimmiger
Klte. Es war ein gutes, fnfjhriges Halbblut. Der dnnspitzige Schnee, welcher
wie Nadeln fiel, bedeckte es handhoch. Die Haut besa nicht mehr die ntige
Wrme, ihn wegzutauen. Das Pferd hatte whrend dieser ganzen Zeit weder Futter
noch Trank bekommen und den lieben Herrn dann noch volle drei Stunden weit
heimzutragen. Das ergab einen Wortwechsel zwischen mir und ihm, den er mit der
Zurechtweisung schlo: Das Vieh gehrt mir, nicht Ihnen. Sie haben mir gar
nichts zu sagen! Und mit Ihren sogenannten Gefhlen kommen Sie mir erst recht
nicht! Zu behaupten, da die Tiere, die Pferde eine Seele haben, ist eine Snde
und von den Geistlichen verboten. Das habe ich von meinem Pfarrer, und der hat
es aus der Bibel! Na, also! Hierauf spielte er ruhig weiter. Er ritt erst gegen
Morgen fort, kam aber nicht ganz heim. Er mute das arme Tier unterwegs
einstellen. Es hatte so stark verschlagen, da es eine unheilbare Lhmung
davontrug. Da gab er es dem Schinder!
    Syrr war nicht nur edel, auch nicht nur hochedel; er war mehr. Ich hatte mir
fr heut eine groe Flche, einen weiten Spielraum zum Reiten gewnscht. Warum?
Weil ich nicht sofort den Herrn und Gebieter spielen wollte. Der Rappe sollte
zunchst ganz seinen eigenen, freien Willen haben. Er sollte gleich am ersten
Tage herausfhlen, da ich nicht so dumm sei, seine Natur, seine Gaben, seine
Vorzge zu knechten und zu knebeln. Das war doch ja das beste Mittel, diese
Gaben und Vorzge kennen zu lernen! Er merkte auch sehr bald, da er mir zwar
bis hierher habe folgen mssen, nun aber tun knne, was er wolle. Er wartete
zunchst auf eine Willensuerung von mir. Es erfolgte keine. Da blieb er
berlegend stehen. Ich sa ohne Regung, denn er htte der geringsten sofort
gehorcht. Nun hob er den Kopf und windete, nach vorn, nach rechts, nach links.
Wie fein sein Gruchssinn war, hatte er mir unten in den Ruinen gezeigt, als er
des Aschyk wegen stehen blieb. Das schtzte ich sehr hoch, denn ein Pferd ohne
diese Sinnesschrfe htte ich berhaupt nicht brauchen knnen. Nun schien er
berzeugt zu sein, da uns nichts stren werde. Da drehte er den Kopf halb zu
mir herum und lie ein leises, kurzes Halbwiehern hren. Das klang fast wie eine
Frage, als ob er sagen wolle: Na, darf ich denn auch wirklich? Ich streichelte
ihm den Hals. Das war die Antwort. Da ging er vorwrts, langsam, quer tnzelnd,
eine ganze Weile, die Kniee zierlich werfend, als ob er zunchst die Sehnen und
Gelenke prfen wolle. Dann fiel er in Trab. Aber was war das fr ein Trab! Ich
staunte! War dieses Pferd nur Muskel? Das ging so weich, so geschmeidig, so
elastisch, so nachgiebig, biegsam und federnd - - mir fehlt das rechte Wort, das
Richtige zu sagen! Dieser Trab war kein Laufen sondern ein Flieen!
    Und nun folgte der Galopp. Erst kurz, grazis, feierlich stolz, paradierend,
wie wenn ein Knig am Balkon der Knigin vorberreitet. Und doch so natrlich
und so ungesucht, die reine, sehr wohl erlaubte Freude ber sich selbst! Dann
aber nicht mehr hoch, sondern weiter ausgestreckt. Das war fast wie der Flug
eines Adlers, dessen Schwingen man sich nicht bewegen sieht. Und doch hatte ich
das Gefhl, da Syrr jetzt erst im Beginnen sei, seine Schnelligkeit zu zeigen!
Er griff nach und nach immer weiter aus. Der Galopp ging ins Rennen ber.
Kilometer um Kilometer verschwand hinter uns. Die Sterne leuchteten, und der
Mond lchelte freundlich zu dem guten Verhltnisse zwischen Mensch und Tier. Die
jenseitigen Berge kamen schnell nher. Das Terrain wollte sich zu Tale senken.
Syrr bemerkte es ebenso wie ich. Er schlug ganz von selbst einen Bogen, um
zurckzulenken. Er wollte in bekannter Gegend bleiben, denn das, was er zeigen
wollte, hatte er noch nicht gezeigt. Es sollte erst noch kommen.
    Es schien, da diese Carrire ihm Vergngen, keinesweges aber eine
Anstrengung sei. Wie aber stand es da mit mir, dem Abgeschwchten, dem
Rekonvaleszenten? Was Schwachheit, und was Rekonvaleszent? Lcherlich! Ich war
gesund, ganz pltzlich gesund, und aber wie gesund! Erschlaffung und
Entkrftung? Auf einem solchen Pferde? Setzt einen Toten in diesen Sattel, und
er mu wieder lebendig werden, unbedingt! Denn jetzt war es, als ob Alles, Alles
verschwinden msse, was lebenswidrig, was krperlich hindernd ist. War Syrr
jetzt Geist geworden, nur Geist, vollstndig ohne Fleisch und Bein? Er lief
nicht mehr; er galoppierte und rannte nicht mehr, und - - er flog nicht mehr!
Nein! Sondern wir standen still. Aber die Ebene, die ganze Erde um uns war in
rasender Bewegung. Sie scho auf uns zu und rechts und links und unter Syrrs
lang ausgestreckten Leib hinweg nach hinten. Es war, um schwindelig zu werden!
So laufen arabische Pferde allerersten Ranges, wenn der Reiter das sogenannte
Geheimnis in Anwendung bringt - - - auf Leben und Tod! Aber weder der berhmte
Rih noch sein gleichwertiger Sohn Ben Rih hatten trotz ihrer bewundernswerten
Leistungen diesen kstlichen Syrr erreicht, der den Raum, die Zeit und die
Materie blo nur in Gedanken verwandelte, ohne da es ntig gewesen war, ihn
durch irgend einen Kunstgriff dazu anzuspornen. Er durchma die Ebene zurck und
wieder hin und wieder zurck in stets gleicher Rapiditt, so da ich besorgt um
ihn wurde und ihm das Wrtchen wakkif!85 zu hren gab. Er gehorchte sofort.
Zwar scho er noch eine kurze Strecke weiter, berwand aber die Beharrung
auerordentlich schnell und stand dann still.
    Da sprang ich ab, nahm seinen Kopf in beide Arme und drckte ihn an mich.
Ich streichelte ihn mit einer Wonne, die keinesweges die bekannte Wonne der
Redensarten war. Sein Atem ging ganz ruhig. Nicht der geringste Anflug von
Schwei war zu spren; kein Flckchen Schaum war zu sehen. Die Flanken lagen
still und nur das Herz schien in etwas schnellerer Bewegung zu sein als wie
gewhnlich. Aber in den Haaren der Mhne und des Schwanzes knisterte es mit
doppelter Vernehmlichkeit als ich ber sie hinwegstrich.
    Bist ein Prachtkerl, Syrr, bist unvergleichlich! rief ich begeistert aus.
Dich hat uns nicht nur der Schah gesandt, sondern ein noch Hherer! Er wollte,
da wir durch dich gerettet wrden!
    Da rieb er seinen schnen, feinen Kopf an meiner Schulter, kniff mir mit den
Lippen einige Male in das Haar und leckte mir dann die Hand. Dann stieg ich
wieder auf, um ihn nicht der scharfen Nachtluft ohne Bewegung anzusetzen. Ich
sa still, ohne die auf dem Sattelknopfe liegenden Zgel aufzunehmen und ohne
seinen Leib unterhalb des Sinpusch86 zu berhren. Auch er stand unbeweglich. So
warteten wir auf einander, ich lchelnd, er aber, um zu gehorchen. Als aber von
meiner Seite so gar nichts geschah, drehte er den Kopf abermals zu mir herum und
lie dasselbe Halbwiehern vernehmen wie gleich nach unserer Ankunft hier, nur
nicht so kurz, sondern lnger und in mehreren Intervallen. Es klang fast so, als
ob er mir eine kleine Rede halte: Was soll denn nun werden? Ich habe meinen
Willen gehabt. Du kennst mich jetzt. Nun bist du wieder der Herr. So rhre dich
also!
    Hierauf streichelte ich ihm wieder den Hals, nahm die Zgel auf und legte
die Schenkel an. Da warf er befriedigt den Kopf in die Hhe und ging vorwrts.
Wir ritten vollends ber die Ebene hinber, den Berg hinab und auf demselben
Wege heim, den wir gekommen waren. Assil stand auf, um uns zu begren und legte
sich dann wieder nieder. Nachdem ich abgezumt und abgesattelt hatte, holte ich
einige Aepfel und die Lappen, welche Schakara mir besorgt hatte. Syrr schwitzte
nicht; er besa keine Spur von bergewhnlicher Wrme. Ich rieb ihn aber
trotzdem sorgfltig ab, trug dann das Sattelzeug an Ort und Stelle und ging
hinauf zu mir.
    Von meinem platten Dache schaute ich noch einmal hinab. Syrr hatte sich auch
niedergelegt, eng neben Assil. Sie hatten die Kpfe nebeneinander. Da hrte ich
unter mir ein Gerusch, auf dem Balkon des Ustad. Er hatte dagesessen, stand auf
und ging hinein. Das war die Liebe zu mir. Der Gute!
    Als ich am andern Tag erwachte, war es hell; aber ich sah die Sonne nicht,
obgleich der Himmel keine Wolken hatte. Da stand ich schnell und ahnungsvoll
auf. Dann auf die Plattform hinaustretend, sah ich sie zwar, aber es war, als ob
sie schelmisch ber mich lache. Da, wo sie stand, pflegte sie ungefhr um 4 Uhr
Nachmittags zu stehen!
    Bist du munter? klang die Stimme des Ustad vom Balkon herauf. Ich hre,
da du nicht mehr schlfst.
    Soeben aufgestanden! Vier Uhr nach dem Mittag! antwortete ich. Ist das
nicht eine Schande?
    Nein, sondern eine Notwendigkeit! Folge des Rittes - hast dich mehr
angestrengt, als du solltest. Das gleicht die Gte der Natur wieder aus. Wie ist
der Ritt gelungen?
    Zur grte Zufriedenheit! Ich erzhle es dir nachher. Aber meine armen,
armen Pferde! Zweimal nicht gefttert. Alles verschlafen!
    Sei unbesorgt! Als du nicht aufstandest, habe ich es an deiner Stelle
getan. Wasser, Gerste, Aepfel. Sie sind zufriedengestellt, lieen mich aber
bemerken, da du ihnen lieber gewesen wrst als ich. Was tust du jetzt?
    Ich gehe zu ihnen, bade dann und sehe hierauf, wo es Etwas zu essen giebt.
    Natrlich bei mir. Ich habe mit dem Mittagsbrote auf dich gewartet.
    Wo ist Dschafar Mirza?
    Unten im Duar. Man sieht ihn dort sehr gern. Sein freundliches, gtiges
Wesen hat ihm die Herzen schnell gewonnen. So komm also dann zu mir; ich werde
das Essen befehlen!
    Als ich nach der Weide kam, sprang mir nicht nur Assil, sondern auch Syrr
entgegen. Das war bei Letzterem das erste Mal. Ich sah: nun war er mein!
    Der ungewhnlich lange Schlaf belehrte mich, da der nchtliche Ritt doch
anstrengender fr mich gewesen war, als ich gedacht hatte. Auf einem
gewhnlichen Pferde htte ich so Etwas doch noch nicht wagen knnen. Ich hatte
ihn in diesem Abend wiederholen wollen, nach dem Gange in die Ruinen, beschlo
aber aus Vorsicht, fr heut zu pausieren. Meine Hauptaufgabe war, am Tage des
Rennens zur Teilnahme fhig zu sein. Da war ein Ueberstrmen der Natur unbedingt
zu vermeiden. Uebrigens entwickelte ich beim Ustad einen solchen Appetit, da er
ber mich, den sonst so gengsamen Esser, beinahe erstaunte und, sich darber
freuend, lchelnd sagte:
    So ist es recht, mein lieber Freund. Nur tchtig essen und tchtig
schlafen, sonst kannst du das nicht wieder werden, was du gewesen bist! Ich bin
ja nun wieder da und nehme dir alles Andere ab. Du wirst von mir ber Alles
unterrichtet und hast sonst nur fr dich und Syrr zu leben, damit Ihr beide uns
beim Rennen nicht etwa versagt!
    Gut! Ich trete dir also Alles ab, bitte dich aber, mir dafr den Aschyk zu
berlassen. Oder wolltest heut du zu ihm hinber, um bei der Zusammenkunft der
Pderan zu sein?
    Nein. Auf dieses Gebiet darf ich dir doch nicht folgen. Aber nimm dich in
Acht! Die Sache ist hchst gefhrlich, denn diese Sillan sind zu Allem fhig,
und den Aschyk hast du doch vielleicht noch nicht ganz sicher!
    Ich habe ihm mein Vertrauen zugesagt und pflege Wort zu halten. Uebrigens
liebe ich es nicht, unvorsichtig zu sein. Ich werde meine beiden Revolver laden
und nehme sie mit. Da bin ich fr alle Flle gerstet.
    Also doch Waffen! lchelte er. Darum gab ich sie dir zurck. Der Kampf
mit geistigen Waffen ist der hhere, der edlere; aber es denken nicht alle
Gegner ebenso hoch und edel. Gegen Niedertrchtigkeiten hilft kein geharnischtes
Sonett, kein Distichon und kein Alexandriner; da sind nur Drehpistolen gut, die
mit Patronen auf Patrone schieen, denn was nicht kracht, das wirkt bei ihnen
nicht!
    Er nahm, als er mich dann zu mir hinaufbegleitete, meine Gewehre aus der
Rumpelkammer und hing sie oben in dem Mittelzimmer auf. Wir luden die Revolver.
Er legte mir sogar das lange Messer hin und zeigte sich erst dann befriedigt,
als ich ihm versprach, auch dieses zu mir zu stecken.
    Es war des Abends nach zehn Uhr, als ich mich auf den Weg machte, einige
Lichte und die dazugehrigen Zndhlzer in der Tasche. Der Mond leuchtete mir
hinber bis an die schmale Tr. Es versteht sich ganz von selbst, da ich diesen
Gang nicht offen, nicht unvorsichtig machte, denn ich hatte mit der Mglichkeit
zu rechnen, da sich irgend einer der Sillan schon hier befand. Ich ging also
nicht, sondern ich schlich, hielt mich so viel wie mglich im Schatten und
machte meine Schritte unhrbar. So war ich, als ich die Tr erreichte,
berzeugt, von Niemand bemerkt worden zu sein, hatte aber auch selbst Niemand
gesehen.
    Da ich das Innere schon kannte, htte ich mich im Dunkel wohl
zurechtgefunden; aber ich brannte dennoch eine der Kerzen an und nahm das Messer
in die rechte Hand, um mich sofort wehren zu knnen, falls ein Gegner hier
versteckt sei. So ging ich durch den vordern Raum nach dem Allerheiligsten. Der
Schein meines Lichtes trug nicht weit; darum leuchtete ich zunchst nach der
Mitte hin und dann auch noch entlang an allen Wnden. Dann blieb ich an dem
Steine stehen, der einem Altare oder einer Bundeslade glich, und hielt die Kerze
in die Hhe. Da erklang es von oben herab:
    Du bist es, Effendi? Bei einem einzelnen Lichte sieht man nur schwer. Wenn
sie dann kommen, wird es heller. Ich werde dir meine Stange hinunterlassen und
oben festhalten. Sie ist extra fr deine Bequemlichkeit zugeschnitten. Es sind
starke Aststumpfe daran. Du brauchst also nicht zu klettern, sondern kannst
steigen.
    Er gab sie von oben herab. Ich stemmte sie fest ein. Die Stumpfe waren stark
genug, mich zu halten. Er brannte oben sein Licht an. Ich lschte das meine aus,
um beide Hnde frei zu haben, und stieg hinauf zu ihm. Wir zogen die Naturleiter
wieder empor, legten sie lang auf den Boden der Empore, und dann sah ich mich
auf dieser um. Es befand sich Niemand da, auer uns. Nun lschten wir aus und
setzten uns nieder, nicht neben sondern entfernt von einander, damit der Eine
sehen knne, was dem Andern durch die Sule verdeckt wurde. Ich hatte volles
Vertrauen zu dem Aschyk, zog aber dennoch das Messer, welches ich eingesteckt
hatte, wieder heraus. Das wurde mir von der Vorsicht geboten, der man in jeder
Lage und auf alle Flle zu gehorchen hat.
    Es war unheimlich, hier in diesem Dunkel. Fast tat die schlechte Luft der
Lunge weh. So recht ein Ort, um Bses auszubrten! Glcklicher Weise hatten wir
nicht lange zu warten, so kam der Erste. Er machte drauen Licht und brachte es
herein. Er war seiner Sache so sicher, da er sich gar nicht die Mhe gab, den
Raum erst zu untersuchen, sondern er schritt gleich auf die Mitte zu, tropfte
seine Kerze dort fest an und setzte sich dann nieder.
    Dann kam der Zweite, der Dritte, der Vierte. Sie alle machten es ebenso wie
der Erste. Keiner grte. Niemand sprach ein Wort. Nun gab es vier Kerzen, aber
ihr Schein reichte nicht hin, von unserer Entfernung aus die Gesichter zu
erkennen, welche aber unverhllt waren. Da trat der Fnfte ein. Das nderte die
Szene. Sie standen alle auf, und Einer fragte schnell:
    Ist der Aemir vielleicht schon drauen?
    Nein, antwortete er. Sein Pferd hngt noch nicht am gewohnten Baume. Aber
der Spion steht da, der aufzupassen hat, ob wir so kommen und so gehen, wie uns
vorgeschrieben ist. Das mu ein Ende nehmen!
    Diese Stimme kam mir bekannt vor. Er bckte sich nieder, um sein Licht auch
zu befestigen. Dadurch kam sein Gesicht zur Beleuchtung, und ich erkannte - - -
Ghulam, el Multasim, den Blutrcher, den Henker der Schatten!
    Lassen wir nur erst den Putsch vorber! sagte der vorige Sprecher. Dann
rechnen wir mit ihm ab!
    Aber ob er gelingen wird, dieser Putsch! warf ein Anderer ein.
    Unbedingt! Das wei ich genau! versicherte Ghulam. Heut bringt der Aemir
den Scheik ul Islam mit, um uns zu beweisen, da die frommen Lichter mit den
gottlosen Schatten Hand in Hand gehen werden, den Herrscher zu entthronen. Ich
komme soeben fast direkt vom Schah. Er hat keine Ahnung von der ihm drohenden
Gefahr. Auch sein Liebling Dschafar, dem er den Ehrentitel Itemad87 verliehen
hat, ahnt nicht, da schon in einigen Tagen die Gul-i-Schiraz auf seiner Brust
zu blhen hat, und es - - -
    Er soll sterben? wurde er unterbrochen. Wie? Wann? Wo?
    Das ist meine Sache. Wenn ich, ich es sage, so wit Ihr, da es unbedingt
geschehen wird. Ich fand den Brief mit dem Befehl in meiner Tasche, so
geheimnisvoll, wie der Aemir es immer liebt. Er fngt es darauf an,
allgegenwrtig zu erscheinen. Aber wenn wir nur erst wissen, wer er eigentlich
ist, so blht ihm seine Rose auch! Es fllt uns gar nicht ein, die seit
Jahrhunderten hier aufgestapelten Schtze mit ihm zu teilen! Nur erst den
Putsch, damit wir die Dschamikun wieder von hier loswerden, und Ahriman Mirza
auf den Thron! Bei so einem Herrscher sind wir vor jeder Bestrafung sicher! Die
Verbndeten sind, ber das ganze Land verbreitet, zum Losschlagen bereit. Der
Schah weg; Dschafar, sein Ratgeber, weg und Ahriman, der selbst Halunke ist, auf
dem Throne, so mag die Macht des Aemir noch so gro sein, mit seinem Tode hrt
sie auf; wir teilen unter uns und sind mit diesen Reichtmern dann ffentlich,
was wir bisher nur heimlich waren - - - die Herren des ganzen Landes! Doch jetzt
still! Die vorgeschriebene Pause im Kommen wird gleich vorber sein. Wir haben
nicht mit einander gesprochen!
    Es vergingen hierauf vielleicht zehn Minuten. Da hrte man drauen wieder
Schritte. Dieses Mal kam nicht ein Einzelner, sondern es waren Zwei, doch ohne
Licht in ihren Hnden. Der Eine, welcher gefhrt worden zu sein schien, blieb
vorn am Eingange stehen. Der Andere kam nher, jedoch nicht ganz heran. Ich sah
zu meiner Ueberraschung, da sein Anzug genau ein solcher war, wie ich von dem
Schah bekommen hatte. In der rechten Hand hielt er eine Reitpeitsche. Sein
Gesicht steckte hinter einer schwarzen Larve, und an seiner Mtze funkelten
trotz des wenigen Lichtes, wenn er sich bewegte, die Steine einer dort
befestigten Agraffe. Die Anwesenden waren ehrfurchtsvoll aufgesprungen. Er
forderte durch eine stolze, gebieterische Armbewegung Aufmerksamkeit und sprach:
    Schon wieder befinden wir uns fern von unserer sichern Majm-i-Yhud und
kommen hier zusammen, von wo uns dieser Ustad mit seinen Dschamikun vertrieben
hat. Nun aber ist der Tag der Rache nahe, der uns das fast Verlorne wiedergibt
und diese Christenbande auseinanderreit, um sie in alle Lfte zu zerstreuen.
Dann sind wir wieder Herren unsers Dunkels und lassen niemals mehr ein Licht in
die Ruinen scheinen. Der letzte Tag des Soldes fand nicht statt, weil wir ja
fern von der Yhudeh waren, und auch den nchsten werden wir versumen, weil wir
hier mit dem Ustad abzurechnen haben. Es gibt ein Rennen hier, das uns gelegen
kommt. Es bietet uns den Anla, zu erscheinen, und doch durch unsre Zahl nicht
aufzufallen. Wir bringen unsre schnellsten Renner mit und werden dieses Vorspiel
unbedingt gewinnen.
    Hier machte er eine Pause. Er verstellte seine Stimme, wobei ihn seine Larve
und der dumpfe Widerhall dieses Raumes untersttzten. Auch bemhte er sich, in
Beziehung auf seine Gestikulationen Alles zu vermeiden, was ihn verraten knne.
Aber die eigenartige, hochmutsstolze Haltung war nicht wegzubringen; auch die
Figur stimmte ganz genau, und so war ich berzeugt, Ahriman vor mir zu haben. Er
fuhr fort:
    Dem Vorspiel wird sofort die Handlung folgen; wir lassen keine Zwischenzeit
entstehen. Ihr kennt den Plan und seid zum Schlag bereit. Doch kann ich Euch die
Stunde noch nicht sagen. Ihr habt fr nchsten Freitag, grad um Mitternacht,
hinauf zum Dschebel Adawa zu kommen; dort fllt das letzte Wort, das Urteil, die
Entscheidung. Heut aber bring ich Euch den Scheik ul Islam mit, um Euch durch
sein Erscheinen zu beweisen, da wir in Wirklichkeit verbndet sind und also uns
der Sieg nicht fehlen kann.
    Er winkte. Da kam der Scheik ul Islam herbei. Sein Gesicht war nicht
verhllt, sondern frei. Er zeigte sich nicht im Geringsten durch die Situation
gedrckt oder gar verlegen, sondern tat ganz so, als ob er in seinem Elemente
sei, gtig, menschenfreundlich, salbungsvoll. Er sagte Jedem einige verbindliche
Worte, reichte dem Henker sogar die Hand und trat dann wieder auf die Seite. Die
Vorstellung war beendet, und Ahriman Mirza sprach weiter, doch nur noch wenig:
    Fr heut sind wir nun also fertig. Zieht Euer Volk so nahebei heran, da es
mit einem Marsche von zwei Tagen das Tal der Dschamikun erreichen kann; doch mu
das vllig unbemerkt geschehen! Die andern Pderan sind bers Land verteilt und
warten nur auf hiesigen Erfolg, um ihrerseits sofort auch loszuschlagen. Jetzt
geht! Ihr seid entlassen!
    Dieser Befehl schien sie zu verwundern. Der Henker fragte:
    Heut wir voran? Du gingst doch stets zuerst!
    Da fuhr der Aemir zornig auf:
    Was hast du noch zu fragen, wenn ich befohlen habe! Ihr geht - - - ich
bleibe noch! Soll ich dich etwa um Erlaubnis bitten? Du weit es: Wenn ich
bitte, geschieht es nur mit solchen Lippen hier!
    Er zog ein Pistol hervor und zielte ihm nach der Stirn. Da wendete sich der
Bedrohte schnell ab und griff nach seiner Kerze, um sich zu entfernen.
    Die Lichte lat Ihr hier! gebot der Aemir. Ich werde sie dann spter
selbst verlschen. Ihr geht wie gewhnlich - - - in den vorgeschriebenen Pausen
- - - kein Wort wird gesprochen - - -. Hinaus!
    Der Henker verschwand sofort. Die Andern folgten ihm nach und nach. Erst als
der Letzte gegangen war, steckte der Aemir die Pistole zu sich, lachte
verchtlich auf und sagte:
    Lumpenpack! Das ist nur zu gebrauchen, wenn ihm die Angst durch alle
Knochen zittert!
    Ich halte es anders, antwortete der Scheik ul Islam. Bei mir regiert die
Liebe!
    Aber was fr eine! Ich kenne sie! Wir beide wollen uns doch gegenseitig
nicht etwa Etwas weimachen! Meine Unerbittlichkeit ist offen, ist ehrlich; die
Scham verbietet ihr, sich zu verstellen. Eure Liebe aber ist der Eigennutz in
allerhchster Potenz. Sie vernichtet in einem einzigen Jahre mehr Existenzen,
als ich in einem ganzen Jahrhundert zerstren knnte! Du weit, da ich dich
kenne. Darum hast du auch niemals versucht, mir gegenber deine heilige Maske
festzuhalten!
    Da trat ihm der Scheik ul Islam nher, richtete sich hoch auf und sprach:
    Ja, dir gegenber stehe ich Mann gegen Mann, Geist gegen Geist. Du bist die
vernichtende Verneinung; ich bin die zerstrende Uebertreibung der Bejahung. Ich
bejahe nur fr mich, fr mich; was aus der Menschheit wird, ist mir vollstndig
Schnuppe. Darum hassest du mich - - - grimmig - - - zum Zerreien!
    Hassen? lachte der Aemir. Noch mehr, noch schlimmer: Ich verachte dich!
Zum Hasse ist nur Eure leutselige Liebe fhig, weiter Niemand. Ich will Edles
erreichen, indem ich das Gemeine knechte. Ihr aber wollt das Niedrige erheben,
indem Ihr das Hohe bekmpft! Ich spreche und handle offen und ehrlich mit dir.
Du aber hast sogar gegen mich die Falschheit im Nacken und willst mich
zertreten, sobald du mich nicht mehr brauchst. Ist es so oder nicht?
    Da senkte der Scheik ul Islam den Kopf und sagte in begtigendem Tone:
    Mein Freund, mein lieber, bewunderter Freund, ich versichere dir bei Allah,
da ich nicht - - -
    La deinen Allah aus dem Spiele; er steht dir doch um keinen einzigen
Gedanken hher als mir! grimmte ihn der Aemir an. Wir haben uns nicht
verbndet, um uns gegenseitig anzulgen. Wir sind Feinde, Todfeinde, und reichen
einander fr kurze Zeit die Hand, um Dritte zu vernichten, welche so unglcklich
sind, uns Beiden im Wege zu stehen. Ist das vorber, so beginnt der Kampf
zwischen uns von Neuem. Ich bin nur mit Ueberwindung auf unser Bndnis
eingegangen. Ich habe mit Ueberwindung Ahriman Mirza bewogen, morgen zu dir, zu
den Taki zu kommen. Ich bestellte dich nur mit Ueberwindung fr heut an die
Stelle am Bach, wo ich dich traf, um dich hierherzufhren. Und auf der kurzen
Strecke bis hierher hat es mich Ueberwindung gekostet, deine frommen Reden zu
hren und bei deinen scheinheiligen Versicherungen nicht zu zerplatzen. Pfui!
Darum brauchst du dich nicht zu wundern, da ich jetzt in diesem Tone zu dir
spreche. Ich bin geladen wie eine aufrichtige Kanone, die ihren Schu niemals in
Schweigen hllt. Willst du, da unser Zusammengreifen zum guten Ende fhre, so
sorge dafr, da ich dich ertragen kann! Sei wenigstens gegen mich auch
uerlich der Mann, der du in deinem Innern und ebenso vor deinem Allah bist!
Ist deine Feigheit denn gar so gro, da du es nicht wagst, mir die Tigerkrallen
an deinem Schlangenkrper zu zeigen?
    Da fuhr der Scheik ul Islam einige Schritte zurck, zog die Ellbogen nach
hinten, ballte beide Fuste und rief aus:
    Mensch! Schurke! Weit du, wo du dich befindest? Ich kann dich vernichten -
- - hier, sofort - - - auf der Stelle!
    So ist's recht! Das wollte ich haben! lachte der Sill. Jetzt kommen die
Krallen! Sprich in diesem aufrichtigen Tone weiter, so ist es mglich, da wir
einig bleiben! Du fragst mich, ob ich wisse, wo ich sei. Lcherlich! Ich bin
hier in meinem Reiche, als unbeschrnkter Gebieter desselben.
    In deinem Reiche, deinem? hhnte der Scheik ul Islam auf. Ja, du
glaubtest, mich hier einzufhren, um mich zunchst deinen Sillan vorzustellen
und mir dann die hier aufgehuften Schtze zu zeigen, damit ich she, welch eine
Mitgift du dem neuen Kaiser geben kannst. Aber du irrst, du armer, machtloser
Frst der Schatten! Ich bin hier lngst eingefhrt. Ich kenne jeden Stein, jeden
Winkel, auch das Wasser da unten in der Tiefe!
    Du - - du - - du? fragte der Aemir erstaunt.
    Ja, ich! Denn diese Ruinen sind nicht dein Reich, sondern mein oder
vielmehr unser Reich. Wir, wir, wir sind die Baumeister, die nach der alten Sage
den Herrn einmauern wollten, aber den Teufel eingemauert haben!
    Wer sind diese wir?
    Die Mnner des Taki-Ordens, welcher bei der Grundlegung dieses Baues
entstand, vor ungezhlten Jahrhunderten, eine Ewigkeit vor Zoroasters Zeit. Wir
bauten aber nicht fr uns, sondern fr Euch, fr unsere Schatten! Wir bauten den
Bienenstock, fr Euch, fr unsere Insekten. Wir waren die Herren von Anbeginn
bis heut, ihr aber die Knechte, welche ernten, wo sie nicht geset haben, um
Honig fr uns zu sammeln. Du arme, arme Drohne! Du wolltest mir Eure Schtze
zeigen, die du die Deinigen nennst. Ich aber kenne sie besser als du! Diese von
Allah verdammten Dschamikun kamen uns berraschend. Wir hatten anderswo zu tun
und konnten sie damals nicht hindern, sich hier festzusetzen. Es ging uns grad
wie Euch! Nun aber werfen wir sie wieder hinaus, und ihr, ihr habt mit Euern
Stacheln dabei zu helfen. Du sendest Ahriman zu den Taki-Kurden; ich bin von
morgen an bei ihnen. Dich aber treffe ich am Freitag wieder - - auf dem Dschebel
Adawa.
    So? Mich triffst du wieder? fragte der Aemir, die Arme ber die Brust
zusammenlegend. Das klingt ja ganz, als ob nur du, nur du zu bestimmen
httest!
    Das ist allerdings der Fall! Der Herr bin ich, die wirkliche Person; du
aber bist der Schatten!
    Und wenn ich nun - - am Freitag nicht erscheine? Und auch du dann nicht
erscheinen kannst? fragte der Sill in drohendem Tone, indem er sein Pistol
wieder hervorzog.
    So spreche ich mit dir eher! antwortete der Scheik ul Islam in
unerwarteter Ruhe.
    Wo?
    Hier!
    Wann?
    Jetzt!
    Ah, ich verstehe! Auch du hast Waffen mit!
    Nein, keine einzige!
    Er schlug den Mantel auseinander, um zu zeigen, da er die Wahrheit sage.
    Und willst dich aber wehren, wie ich aus deinen Worten vermute? Sind uns
etwa die drei bewaffneten Taki heimlich gefolgt, welche du mitbrachtest, als du
zum heutigen Stelldichein kamst? Mein Freund, mein lieber, bewunderter Freund,
diesen Schachzug mu ich betrachten! Wahrscheinlich stehen sie da drauen!
    Er nahm eines der Lichter und ging mit demselben hinaus. Da gab es unter
uns, grad in der Mitte, wo der Altar stand, ein Gerusch, wie wenn Steine
aneinander gerieben werden, und hierauf ein leises Flstern; dann war es wieder
still. Und schon war der Aemir wieder da. Er war nur vor dem Eingange stehen
geblieben, um hinauszuleuchten. Er drehte sich wieder um kam zurck und sagte:
    Niemand drauen! Ich habe mich geirrt!
    Ja, du irrtest dich, wie immer! antwortete der Scheik. Steck deine Waffe
ein! Sie ist berflssig!
    Was fr ein Ton! Das klingt ja wie Befehl!
    Es ist auch einer. Also weg mit ihr!
    Mensch, bist du wahnsinnig?! Der Frst der Schatten soll sich von dir
befehlen lassen, was - -
    Er kam nicht weiter. Drei Mnner huschten aus dem Schatten der Sule auf ihn
zu, entrissen ihm die Pistole und schlangen ihre Arme so fest um ihn, da er
sich nicht bewegen konnte. Er stie einen Schrei aus, ob vor Schreck oder Wut,
das konnte man nicht wissen. Da trat der Scheik ul Islam auf ihn zu, ri ihm die
Larve herunter, sah ihm in das Gesicht und sagte:
    Ahriman Mirza! Ich wute es! Unser neuer Kaiser, der oberste aller
Verbrecher!
    Es war ein eigener, ganz eigener Augenblick, eigen in jeder Beziehung, auch
psychologisch. Ahriman machte nmlich nicht den geringsten Versuch, sich der
Umarmung zu entwinden. Ich konnte seine Zge nicht deutlich unterscheiden, aber
es klang nach einem berlegenen Lcheln, als er in fast gleichgltigem Tone
antwortete:
    Ja, Euer neuer Kaiser! Oder wollt Ihr ihn nun nicht? Ihr knnt mich ja mit
meiner eigenen Pistole hier erschieen!
    Da ich ein Tor wre! erwiederte der Scheik ul Islam. Du warst bisher
mein Schatten und wirst nun mein Geschpf. Kein anderer wrde sich so gut wie du
fr unsere Zwecke eignen. Wozu wir dich machen wollten, das wirst du nun erst
recht!
    Es wrde dir auch wohl sehr schlecht bekommen, wenn du mich hier ermorden
lieest!
    Das wei ich wohl! Du bist ja umsichtig und wirst auch fr einen solchen
Fall deine Vorkehrungen getroffen haben. Ueberleben wrde ich dich nicht lange;
davon bin ich berzeugt. Aber ich will leben, und darum sollst du es auch. Und
ich will herrschen; darum gebe ich dir den Thron. Bist du einverstanden, Ahriman
Mirza?
    Unter Bedingungen!
    Die ich kenne! Jetzt sitzt dir dieselbe Falschheit im Nacken, die du mir
vorgeworfen hast. Dennoch frage ich nochmals: Bist du einverstanden?
    Ja.
    So gieb mir Wort und Handschlag! Lat ihn los!
    Die drei Mnner gaben den Aemir frei. Der Scheik ul Islam hielt ihm die Hand
hin; er schlug ein und sagte:
    Ja, hier meine Hand! Aber ich bin ehrlich und prophezeie Euch, da Ihr sie
fhlen werdet!
    So will ich auch einmal ehrlich sein und dich warnen. Wir sind sanftmtig
und von Herzen demtig, weil uns das zur Herrschaft fhrt. Aber hinter dieser
Sanftmut steckt die Schonungslosigkeit und hinter dieser Demut der
unerschtterliche Wille. Selbst der Kaiser hat sich vor uns zu beugen; wenn
nicht, so mu er brechen! Fordre ja den Taki-Orden nicht heraus! Wenn er zrnt,
kann er vielleicht noch verzeihen; wenn er aber wohlwollend lchelt, ist er
erbarmungslos! Jetzt habe ich dir gezrnt. La mich nicht etwa lcheln! - - -

                                Viertes Kapitel

                                        

                                 Zusammenbruch


Der Scheik ul Islam hatte seine letzten Worte so laut und mit solchem Nachdrucke
gesprochen, da sie von der Decke dumpfgrollend wiederhallten. Seine Gestalt
schien gewachsen zu sein. Er hielt den Kopf herausfordernd zurckgeworfen und
strich sich mit beiden Hnden den langen, dnnen Bart, als ob in diesen Haaren
die Kraft gelegen habe, endlich einmal den Mut der Aufrichtigkeit zu zeigen.
Seine Leute verhielten sich zuwartend. Der Aemir - - - ja, was war denn das? Der
setzte sich ganz ruhig auf den nchsten Stein, putzte die Schuppen von den
Kerzen und sagte in einem Tone, als ob er ein hchst gleichgltiges Gesprch
fortzusetzen habe:
    Es ist also nicht ntig, da ich dir hier noch Etwas zeige?
    Nein, keineswegs! antwortete der Andere, noch immer scharf.
    Dann knnte ich ja gehen!
    Allerdings!
    So mchte ich vorher wissen, wie diese deine Leute hier hereingekommen
sind! Wir lieen sie am Bach zurck, wo unsere Pferde jetzt noch stehen.
    Ich liebe die Geheimniskrmerei ebenso wie du. Darum sage ich dir: Ich
verwandelte sie in Geister und rief sie durch die Mauern, antwortete der Scheik
ul Islam hhnisch.
    Das klingt sehr leicht begreiflich. Du treibst also als Scheik ul Islam
Hokuspokus! Eine neue, sehr interessante Seite von dir! Jedenfalls bist du ein
auerordentlich begabter Mensch! Wahrscheinlich lssest du sie ganz in derselben
Weise, wie sie gekommen sind, auch wieder gehen?
    Ja.
    Und was geschieht mit dir selbst?
    Nichts Anderes. Ich werde Geist und lasse mich verschwinden.
    Darf man das sehen?
    Nein, denn du bist noch nicht so unsterblich wie wir. Fr Euch Irdische ist
so Etwas nicht!
    Wirklich nicht? Solltest du dich da nicht irren? Auch wir Irdische
verstehen Etwas von Eurer Magie, wenn auch nicht Alles. Ich habe es zwar nicht
so weit gebracht, mich selbst verschwinden zu lassen, aber mit Andern bringe ich
es doch schon fertig. Und ich verfahre dabei nicht so geheimnisvoll wie du. Wenn
ich nchstens einmal meinen Zauberstab schwingen werde, so lade ich dich dazu
ein. Ja, ich bin sogar sehr gern bereit, dich selbst verschwinden zu lassen.
Zunchst aber haben wir uns morgen bei den Taki drben zu treffen?
    So wurde ausgemacht, und so hat es zu bleiben!
    Und Freitag auf den Dschebel Adawa?
    Auch da. Du natrlich als Aemir!
    Den du aber nicht kennst?
    Sei unbesorgt! Es liegt in meinem eigenen Interesse, keinen Menschen
erfahren zu lassen, da ich dich entlarvte.
    Und diese Leute hier?
    Sind verschwiegen!
    So gehe ich jetzt!
    Er stand vom Steine auf.
    Meine Pistole! gebot er, die Hand ausstreckend.
    Der, welcher sie noch in der Hand hielt, gab sie ihm.
    Hier liegt meine Maske und dort meine Peitsche. Soll ein Kaiser sich
bcken?
    Das klang so zwingend, da man beide aufhob und ihm gab. Er steckte Larve
und Waffe zu sich, hieb mit der Peitsche verchtlich hinter sich und sagte:
    Also nun los mit dem Hokuspokus! Hier und berall! Ich aber liebe den
festen Weg zum Pferde. Wollen sehen, wer eher in den Sattel kommt, Ihr oder ich!
Verget aber nicht, die Lichter zu entfernen! Ihr seid ja Dunkelmnner. Und wenn
auch nur der geringste Schimmer zurckbleibt, entdeckt man Euer Tun und Treiben
und klopft Euch auf die Finger. Also macht es finster - - finster - - -
finster!
    Er schwippte noch einmal mit der Peitsche und ging.
    Nun schnell diese Tr wieder auf! gebot der Scheik ul Islam. Wir wollen
ihm doch zeigen, da wir noch eher bei den Pferden sind als er; ich sehe nach,
ob er sich auch wirklich entfernt.
    Bei diesen Worten eilte er hinter dem Aemir her. Wir hrten unter uns
dasselbe Steinschlrfen und sahen die drei Mnner nicht mehr. Sie standen unter
der Empore bei der Bundeslade. Da kam er wieder herein und berichtete:
    Er ist wirklich fort; ich sehe ihn schon nicht mehr. Merkt Euch hier
Folgendes! Die Dschamikun werden natrlich glauben, da wir von auen kommen.
Demzufolge besetzen sie die Zugnge zu dem Tale. Wir aber dringen durch diesen
Gang heimlich in die Ruinen, verbreiten uns da leise, bis alle beisamen sind,
und fallen dann ber sie her. Nun weg mit den Kerzen, und rasch fort durch den
heiligen Stein! Wer wei, wie Vielen er schon als letzte Ausflucht diente, wenn
sich die Menschen hier von Zeit zu Zeit die Auserwhlten Allahs nicht mehr
gefallen lassen wollten!
    Es wurde dunkel; die Steine schliffen wieder, und dann war nichts mehr zu
hren. Die Vorsicht gebot mir, noch zu warten.
    Effendi, es ist vorbei. Wollen wir nicht gehen? fragte der Aschyk halblaut
herber.
    Nein, antwortete ich. Der Aemir verhielt sich zuletzt derart, da ich
seine Rckkehr vermute. Also still!
    Es verging nach meiner Schtzung wohl ber eine halbe Stunde, und schon
griff ich in meine Tasche, um die Kerze herauszunehmen und anzubrennen. Da gab
es drauen ein Gerusch. Man blieb dort stehen, um Licht zu machen, und kam dann
herein. Es waren zwei Mnner, beide mit unverhllten Gesichtern. Der Eine war
der Aemir. Der Andere trug das Licht. Wahrscheinlich war er der von dem Aemir
ausgestellte Wchter, von dem gesprochen worden war. Er mute das Vertrauen
Ahrimans in hohem Grade besitzen und in Alles eingeweiht sein, weil der Letztere
die Larve nicht wieder vorgenommen hatte, um sich unkenntlich zu machen.
    Zu denken, da ich zurckkehren und nachforschen werde, dazu war der Kerl
trotz seiner sonstigen Geriebenheit zu dumm! fuhr der Aemir in dem jedenfalls
drauen und unterwegs gefhrten Gesprch fort. Ich entfernte mich gar nicht,
sondern stellte mich einfach drauen hinter die Wasserbeckensule, um welche ich
nur langsam zu kreisen brauchte, als er nach vorn ging, um hinauszuschauen. Es
gengte ihm, da er mich nicht mehr sah. Da ging er wieder hinein. Ich folgte
ihm bis an die Tr, wo ich alles sah und jedes Wort verstand.
    So kennen wir also die Geheimnisse dieses alten Gemuers doch noch nicht
ganz genau! meinte der Andere.
    Nein. Aber ich habe es mir auch nicht eingebildet, da wir sie alle kennen.
Diese Taki sind so voller Rnke und Schliche, da man allwissend sein mchte, um
hinter Alles zu kommen. Es ist nicht Zeit, ihr bisheriges Verhltnis zu diesen
Ruinen zu errtern. Heut gilt es nur, zu erfahren, was sie jetzt mit ihnen
bezwecken. Da habe ich denn gehrt, da sie heimlich hereinbrechen wollen durch
den Gang, welcher hier mndet. Das ist aber ganz gegen meine Verabredung mit dem
Scheik ul Islam. Er will mich betrgen, mich, uns, Euch! Nach unserm Plane
werden die Dschamikun mit einem Schlage und von allen Seiten berfallen, ohne
da sie vorher Etwas ahnen. Ich komme mit meinen Schatten von Osten. Sollte
unsere Absicht durch irgend einen Zufall verraten werden, so besetzen sie die
Psse des Hasen und des Kuriers. Von dort drngen wir sie in den Duar zurck.
Die Taki kommen von Nordwest und die Dinarun ber die neue Zugbrcke am Tale des
Sackes. So nehmen wir die Dschamikun von allen Seiten. So drngen wir sie rund
um den See zusammen und treiben sie in das Wasser. Sie knnen der gnzlichen
Vernichtung unmglich entgehen. In Betreff der Ruinen aber habe ich extra die
strenge Bedingung gestellt, da sie von Niemand berhrt werden drfen, weil ich
sie als unser Eigentum betrachte. Die Massaban, welche von den Dschamikun von
hier vertrieben wurden, gehrten zu uns; sie sind mir untertan. Ich habe sie in
ihr Eigentum zurckzufhren. Der Scheik ul Islam ist auf diese Bedingung
eingegangen. Er hat mir zugesagt, da keiner seiner Takikurden die Ruinen
betreten werde. Vorhin nun stellte er aber, als ich ihn zur Offenheit zwang,
pltzlich die Behauptung auf, da der Taki-Orden diese Bauten errichtet habe und
noch heut der Eigentmer sei. Er bezeichnete die Taki als die wirklichen
Personen, uns aber als ihre Schatten, ihre Insekten, die fr sie zu arbeiten und
zu sammeln haben. Und als er glaubte, da ich fort sei, sagte er zu seinen
Begleitern, da die Taki durch den Gang hier kommen wrden, um die Ruinen zu
besetzen. Wozu dieser heimliche Plan gegen meine Bedingung? Der Besitz der
Ruinen ist ihm wichtiger als sein gegebenes Wort und als der Sieg ber alle
Dschamikun. Sie, sie will er vor allen Dingen haben. Und zwar aus Angst, da wir
doch noch entdecken mchten, was wir bisher noch nicht gefunden haben. Das la
ich mir um keinen Preis gefallen! Besetzt er sie, besetze ich sie auch! Und tut
er es geheim, so greife ich zu derselben Heimlichkeit und komme ihm dabei sogar
zuvor. Verlt er sich auf den geheimen Gang, so werden wohl auch wir die Mittel
finden, noch eher da zu sein, als er mit seinen Leuten!
    Stellt das nicht unser ganzes Werk in Frage, Aemir?
    Wieso?
    Mu es nicht infolge dieser gegenseitigen Eigenmchtigkeiten hier in den
Ruinen zwischen dir und ihm zum blutigen Kampfe kommen? Wenn die Verbndeten in
dieser Weise beginnen, sind die Dschamikun gerettet, und das ganze Land wartet
vergeblich auf den Schlag, welcher den Schah entthronen soll!
    Wie irrig! Du behauptest, mich zu kennen und traust mir doch noch
Knabenstreiche zu! Ich sehe weiter als du. Ich habe das Naheliegende
festzuhalten, um das Fernerliegende zu erreichen. In den Ruinen hier spielt nur
die erste Episode. Die eigentliche Frage ist: Wer soll der Herrscher sein? Der
Scheik ul Islam oder ich? Der Taki-Orden oder meine Schatten? Der Scheik hat mir
frech in das Angesicht gesagt, da ich nichts, als nur sein Geschpf bedeuten
werde. Ich schwieg dazu, doch stand es augenblicklich fest in mir, da er mit
diesem Wort sich selbst gerichtet habe. Er glaubt, mich fest in seiner Hand zu
haben, und krmmt sich doch schon unter meiner Faust! Wie schnell gehorchte er
doch meinen Zhnen, die ich ihm zeigte, um sein Inneres aus ihm herauszulocken!
Die Krallen waren augenblicklich da! So lt sich nur der Schwchling
bertlpeln! Ich war dann umso ruhiger, je drohender er sprach!
    Aber wenn du dich gleich anfangs mit ihm verfeindest, geht dir die Hilfe
seines ganzen Ordens und Aller, die zu ihm halten, verloren!
    Das glaube nicht! Nur darf die Feindschaft keine halbe sein. Sie darf nicht
zgern, keine Ausflucht lassen. Sie mu sofort die Faust zusammendrcken, da
Alles kracht, was sich in ihr befindet! Wenn er mit seinen Taki hier erscheint,
so fasse ich ihn stracks bei dem Genick und schttle ihn wie eine tote Katze da
unten ber unserm Wasserloch. Ich sage dir, er wird um Gnade heulen und alles
tun, was ich von ihm verlange!
    Es aber dann nicht halten!
    Nicht? Du denkst, ich lasse ihn so auf Versprechen frei? Da ich ein
solcher Tor, ein solcher Stmper wre! Ich hnge ihn am glatten Felle auf, bis
ich die lieben Seinen nicht mehr brauche, und werfe ihn dann immer noch ins
Wasser! Doch sprechen wir hierber spterhin. Ich halte dir hier eine lange Rede
und sehe doch, da unser Licht dabei nur kleiner wird!
    Ich habe noch einige.
    Dann gut! Schau dir diesen Stein an! Er scheint massiv zu sein, ist es aber
nicht. Ich sah ihn offenstehen, und zwar nach innen. Leuchte nieder, da wir ihn
betrachten!
    Weder ich noch der Aschyk konnten sehen, was sie jetzt taten. Aber wir
hrten ihre Worte, und das war genug.
    Hier diese Vorderseite hat ringsum an den Kanten ein Relief, fast wie ein
Bilderrahmen, sagte der Aemir. Die eingefate Platte aber ist vollstndig
glatt. Es fehlt Alles, was auf Bewegbarkeit schlieen lt. Folglich ist es nur
der einfache Druck, dem sie gehorchen wird. Versuchen wir es!
    Wir hrten ein lautes Atmen, wie wenn sich Jemand anstrengt, und dann das
schon bekannte Schleifen der Steine.
    Sie weicht! rief der Aemir. So, jetzt ist sie vllig offen! Der Gang kann
nicht unbequem sein, denn als ich jenseits an den Bach kam, wo mein Pferd bei
den ihrigen stand, waren alle vier schon da, und der Scheik ul Islam hhnte mich
damit, da ich ihn immerhin verschwinden lassen mge; er werde sicher ebenso
schnell wieder erscheinen wie jetzt. Krieche hinein, und untersuche die
Innenseite!
    Der Andere tat es. Wir hrten seine dumpfe Stimme:
    Hier hat die Platte eine Handhabe.
    Das konnte man sich denken. Und der Gang? Ist er niedrig?
    Warte!
    Er hatte, wie wir am Schatten sahen, das Licht mit hineingenommen und
untersuchte. Dann kam er wieder an die Oeffnung und berichtete:
    Nur drei Schritte niedrig, dann aber gleich ziemlich hoch, hher als ein
Mann. Das scheint ein natrlicher Innenri des Berges zu sein, dessen Mndung
man vermauerte, um ihn zu diesen Heimlichkeiten auszuntzen.
    Und die Luft?
    Wie es scheint, besser als drin bei dir.
    So geh zurck; ich komme!
    Ein leises Rascheln, hierauf das Schlrfen der Platte, welche zugeschoben
wurde, dann war es wieder finster und still im Allerheiligsten. Ich wartete
diesmal nur kurze Zeit; dann machte ich Licht.
    Jetzt fort? fragte der Aschyk.
    Ja.
    Nicht warten, bis sie fertig sind, und dann den Gang auch untersuchen?
    Nein. Wer wei, was sie alles noch tun und wann sie wiederkommen. Ich halte
diese Luft hier nicht mehr aus. Ich mu hinaus!
    Wir stiegen hinab und lschten das Licht aus. Er nahm seine Leiterstange;
wir gingen. Drauen blieb ich stehen und holte mit Wonne Atem. Die Luft da drin
im einstigen Heiligtum war nichts als Gift gewesen! Noch war der Mond nicht
hinter dem Berge verschwunden. Die Ruinen lagen in seinem gelblich silbernen
Glanze. Ein Lauscher war nicht zu sehen. Wir gingen nach dem Steinbruche, wo wir
uns zu trennen hatten, blieben aber noch einige Minuten im Schatten beieinander
stehen.
    Ehe ich den Scheik ul Islam durchschaute, mute ich Dich fr einen Sill
halten, sagte ich. Was aber bist du nun?
    Weder Sill noch Taki. Mein Wunsch aber ist, ein Dschamiki werden zu
drfen.
    Frchtest du nicht den Leumund, wenn man erfhrt, was du gewesen bist?
    Was man verachtet, kann man doch nicht frchten! Gute Menschen verzeihen;
was die Andern tun, kommt nicht in Betracht. Sobald Ihr mich hier nicht mehr
braucht, werde ich mich bei der Behrde zur Strafe melden, der ich mich durch
die Flucht entzogen habe. Ist sie verbt, so kehre ich als neuer Mensch zurck.
Vielleicht nimmt mich dann der Ustad auf!
    Ist das dein Ernst, dein wirklicher Ernst? fragte ich.
    Ja, Effendi. Ich habe es mir reiflich berlegt. Ich bin dazu entschlossen
und tue es unbedingt.
    Aber bedenke! Es stehen dir mehrere Jahre Gefngnis bevor, schweres,
bitteres Gefngnis! Du kannst das sehr leicht vermeiden, indem du dich einfach
nicht meldest. Es sucht ja kein Richter und keine Polizei mehr nach dir. Das
Gesetz hat dich also aufgegeben. Und hier, wo du dich befindest, ist dein Name
unbekannt. So la ihn doch gestorben sein, und nimm einen andern an! Dann bist
du auch ein anderer Mensch, und deine Vergangenheit ist vollstndig vergessen!
    Es versteht sich ganz von selbst, da ich das nur sagte, um ihn zu prfen.
Er schttelte den Kopf und antwortete:
    Ich kann nicht glauben, da deine Worte wirklich so gemeint sind, wie sie
klingen. Ich mu mich ausliefern; ich mu, ich mu, ich mu! Noch bis vor
wenigen Tagen htte ich diesen Gedanken freilich fr Wahnsinn gehalten, fr die
bldeste Albernheit, die es nur geben kann. Aber da unten, neben dem Gerippe, in
der schrecklichsten aller Finsternisse, in der innerlich laut heulenden tiefen
Stille, die uerlich um mich lag, an der zwar nur leise, leise, aber umso
entsetzlicher in sich knirschenden Sule, die von Augenblick zu Augenblick ber
mir einzustrzen und mich zu zerschmettern drohte, ist mir das rechte, wahre
Licht hierber aufgegangen. Ich will und will und will die Strafe haben, um mit
mir selbst, mit meinem Gewissen quitt zu werden. Indem ich ihr entgehen wollte,
habe ich mir eine noch viel frchterlichere auferlegt. Ich flchtete mich doch
nur aus dem einen in das andere Gefngnis, in die Gefangenschaft des Bsen. Und
was das heit, und welche Qualen das bringt, davon hast du keine, keine, keine
Ahnung, Effendi!
    Er bewegte den tief gesenkten Kopf schwer und langsam hin und her und fuhr
dann fort:
    Der Scheik ul Islam versprach mir, sich fr meine Begnadigung zu verwenden.
Dieser Tor! Wie unverzeihlich dumm ist er doch in Beziehung auf die
Menschenseele, er, der doch behauptet, da ihm tausende von Seelen von Allah
anvertraut worden seien! Oder war es nicht Dummheit, sondern gewissenslose
Hinterlist? Neue Verbrechen zu den alten fgen, um Gnade zu erlangen! Dann wre
mir zwar die uere Strafe erlassen worden, aber die zur Gigantin erwachsene
Schuld in mir htte nur umso lauter nach Rache, nach Vergeltung aufgebrllt!
Aeuerlich gerettet, innerlich aber fr immer verloren, so htte es mit mir
gestanden! Ja, ich wei es, und ich fhle es: die Gnade ist der Shne gleich,
der vollstndigen Shne. Sie hat vielleicht sogar noch grere Macht als diese
Shne; aber es ist ganz unmglich, da sie auf bsem Wege zu uns niederkommen
kann. Wenn mir der Scheik ul Islam heut, jetzt, die Erlassung meiner Snden und
meiner Strafe brchte, ich wrde sie nicht annehmen!
    Wirklich nicht?
    Nein; denn eine Gnade aus solcher Hand wre nichts als Spiegelfechterei,
die mich um mich selbst betrgen wrde!
    So sag, was wrdest du wohl tun, wenn ein Anderer sie dir brchte? Nicht
auf bsem, sondern auf gutem Wege?
    Ein Anderer? Wer knnte das wohl sein?
    Das weit du nicht?
    Nein.
    Weil man dir weisgemacht hat, da die Gnade nur durch ein
Vermittlungsgeschft zwischen dir und dem Schah-in-Schah zu erlangen sei! Es
kann sie dir nur Einer bringen, ein Einziger, und der bist du selbst! Bleib nur
nicht stehen! Geh auf dem Wege weiter, den du jetzt beschritten hast! Er ist
gut, und die Augen des Schah-in-Schah sind scharf. Es bedarf keines Menschen,
der sich mit seinem erlogenen Einflusse auf den Schah vor dir und Andern
brstet. Ich sage dir vielmehr, und du kannst es mir glauben, denn ich bin
wohlunterrichtet: Der Herrscher kennt den Scheik ul Islam ganz genau. Die
Frbitte grad dieses Mannes wre nicht etwa zu deinem Heile, sondern zu deinem
Verderben ausgefallen. Sie htte dich als sein Geschpf bezeichnet und damit nur
bewiesen, da du der Gnade gar nicht wrdig seist.
    Er senkte den Kopf noch tiefer als vorher. Dann hob er ihn mit einem
schnellen, energischen Ruck empor und sagte:
    Also so steht es, so, so, so! Wohlan, Effendi, ich gehe diesen neuen, guten
Weg! Ich gehe ihn selbst! Ich lasse mich nicht fhren! Von keinem Menschen, auch
nicht von dir! Allah will das Gute, nur das Gute, und er gibt jedem Menschen die
ntige Kraft, es zu tun. Ich will doch sehen, ob er nicht auch mir diese Kraft
verliehen hat, es zu vollbringen, ohne da ich sie mir von Andern zu leihen und
zu borgen brauche! Er sei mein Schutz und meine Hilfe, er allein, in Zeit und
Ewigkeit!
    Er schluchzte. Da konnte ich mich nicht halten; ich legte ihm die Hnde an
beide Wangen und sprach:
    Das ist das einzig Richtige! La es dir nicht wieder nehmen; von keinem,
keinem Menschen! Es wchst jetzt eine Sule in dir auf, in der es nie und nie so
knirschen wird wie in der andern unten in dem Wasser. In ihr liegt Gottesstrke.
Vertraue ihr und ihm!
    Ich ging.
    Gottesstrke - - -! erklang es hinter mir. Das war sie - - - das ist sie
- - - schon jetzt, schon jetzt - - - die Gnade!
    Auf dem Nachhauseweg war mir nicht wohl. Ich hatte das Gefhl des
Schwindels, und meine Lunge war nicht mit mir einverstanden. Meine Beine
schienen Kraft verloren zu haben, obgleich ich die ganze Zeit ber doch nur
gesessen hatte. Ich dachte darum an nichts, als nur daran, mich schnell
niederzulegen, und freute mich, als dies geschehen war, ber die gute, reine
Luft, welche durch Tren und Fenster freien Zutritt hatte. Aber ich konnte nicht
einschlafen. Der Grund lag wohl weniger in dem, was ich gesehen und gehrt
hatte, denn das konnte mich nicht beunruhigen, sondern die Ursache war eine
krperliche, keine geistige. Und als der Schlaf dann erst gegen Morgen kam, war
er kein ruhiger und erquickender. Ich wachte von Zeit zu Zeit immer wieder auf,
und weil das qulender als das Wachen war, so zog ich es vor, das Lager zu
verlassen.
    Als ich hierauf den Weg nach dem Brunnen hinunterstieg, fhlte ich ein
wirkliches, ausgesprochenes Unwohlsein. Da traf ich Schakara. Ich sah, da sie
bei meinem Anblicke erschrak.
    Was ist mit dir, Effendi? fragte sie hastig. Dein Gesicht ist ganz
graugelb, und deine Augen liegen tief. Du bist krank!
    Ich war heut Nacht mehrere Stunden lang drben im Allerheiligsten,
antwortete ich. Das scheint mir nicht gut bekommen zu sein.
    Mehrere Stunden lang? Im Allerheiligsten? rief sie aus. Diese Luft hlt
kein Gesunder aus, viel weniger ein Genesender! Du kannst dir sehr leicht einen
Rckfall in den Typhus geholt haben, und dann, dann ist es nicht mglich, dich
zu retten! Komm, wir mssen sofort zum Ustad!
    Sie fhrte mich hinauf zu ihm. Er hatte mein sptes Heimkommen gehrt und
darum auch schon Sorge gehabt. Schakara brauchte ihm gar nicht zu sagen, weshalb
wir zu ihm kamen; mein Aussehen schien sprechend genug zu sein. Auch er zeigte
sich, sobald wir eintraten, sofort ber dasselbe bestrzt. Ich mute mich
hinsetzen und erzhlen. Als ich mit meinem Berichte zu Ende war, sagte er sehr
ernst:
    Effendi, was du gehrt und gesehen hast, beunruhigt mich nicht im
Geringsten, aber da du gezwungen gewesen bist, die krankheitsschwangere
Atmosphre des Sacrosanctum einzuatmen, das kann Folgen nach sich ziehen, denen
wir sofort vorzubeugen haben. Dein Blut ist bereits wieder mit Stoffen
geschwngert, welche unbedingt entfernt werden mssen. Zum Glck ist Alles
vorhanden, was wir dazu brauchen. Ich bitte dich, mich wieder als deinen Arzt zu
betrachten! Denke von jetzt an nur an dich selbst, an deine Genesung; alles
Andere schlage dir aus dem Sinn! Das bist du dir, mir und uns Allen schuldig!
    Aber der Aschyk? Mein Syrr? Der verborgene Gang, welcher untersucht werden
mu? warf ich ein.
    Das ist es eben, woran du jetzt nicht denken sollst! antwortete er. Ich
gebe dir die Versicherung, da du dich nicht zu sorgen brauchst. Habe ich
whrend meiner Abwesenheit dir vertraut, so vertraue du nun auch mir!
    Er hatte Recht, und so lie ich denn mit mir machen, war er fr geboten
hielt. Er verordnete zunchst ein Bad, so hei wie mglich. Whrend desselben
hatte man mein Lager heraus auf die Plattform geschafft, damit ich nur die beste
Luft atmen mge. Ein Leinendach war angebracht worden, um Schatten zu geben. Der
fr seine Muttersprache begeisterte Germane nennt so ein Dach Marquise. Dort
legte ich mich nieder und trank einen Tee, welcher alle Poren ffnete und mir
aber dafr die Augen schlo. Ich schlief ein.
    Als ich erwachte, war es Nacht. Veilchen dufteten, drben an der Balustrade
sa Schakara, vom Monde hell beleuchtet. Ich sah, da sie die Augen auf mich
gerichtet hielt.
    Dschanneh, wo sind die Veilchen her? fragte ich. Im Garten und auf der
Weide blhen sie nicht mehr.
    Ich lie sie von hoch oben holen, antwortete sie. Jenseits des
Alabasterzeltes hren sie gar nicht auf, zu blhen und zu duften. Du hast sehr
gut geschlafen und sehr regelmig geatmet. Nun sag, kannst du klar und deutlich
denken? Oder macht es dir Mhe, Gedanken zu fassen und festzuhalten?
    Gar keine Mhe! Es liegt Alles bestimmt und scharf vor meinem Geiste. Ich
knnte dir ohne die geringste Anstrengung jedes einzelne Wort wiederholen,
welches drben im Allerheiligsten gesprochen worden ist.
    Das ist gut, sehr gut! Deinem geistigen Krper sind die Ansteckungsstoffe
also fern geblieben, und aus dem leiblichen werden wir sie schnell wieder
herausbekommen.
    So ist also wohl kein Rckfall zu befrchten?
    Da es so steht, nicht. Der Ustad ist derselben Meinung wie ich. Er war
fters hier; erst wieder vor einigen Minuten.
    Nun aber schlft er wohl?
    Schlafen? Was nennst du Schlaf, Effendi? Ich schlafe wohl auch, indem ich
hier bei dir wache; aber so oft du die Augen ffnest, wirst du die meinen auch
offen sehen. Du nennst mich ja Dschanneh!
    Das waren so tiefe Worte! Sie sagten so viel ber Leib und Geist und Seele.
Ich dachte ber sie nach und schlo dabei die Augen. Da rauschte Schakara's
Gewand. Sie war aufgestanden, kam zu mir her, legte mir die Hand auf die Stirn
und sagte:
    Ich fhle, da mein Bruder denkt. Er will den Sinn ergrnden, der in meinen
Worten liegt. Das ist aber nicht mglich, weil er noch so viele Stufen zu
steigen hat, bis er dahin kommt, wo er mich verstehen kann. Und, weit du,
vergebliches Bemhen des Geistes bereitet der Seele Schmerzen. Darum zog es mich
von dort auf und zu dir her. Bitte, denke nicht mehr darber nach! Wir gehen ja,
sobald hier Alles vollendet ist, hinauf zu unserer Marah Durimeh. Das sind die
Stufen, die du zu steigen hast. Sind wir oben, so wirst du sie und mich und dann
wohl auch dich selbst begreifen. Jetzt schlaf - - - schlaf wieder ein! Dschanneh
will es; du wirst es also tun!
    Ich verstand jedes ihrer Worte, war also vollstndig wach. Ich fhlte, da
von ihrer Hand ein ser Friede, eine selige Ruhe auf meine Stirn herberflo
und sich von da aus ber mein ganzes Wesen breitete, und wenn man das so
deutlich, so scharf beobachtend empfindet, so kann man doch wohl nicht schon
eingeschlafen sein! Und aber doch und doch - - - denn ich fhrte meine Hand zur
Stirn, um sie auf die ihrige zu legen und ihr zu danken, da sagte sie:
    Effendi, ich berhrte dich, um dich zu wecken. Es nahen uns Gste, die du
vielleicht gern kommen sehen mchtest.
    Die Augen wieder aufschlagend, sah ich sie im hellsten Sonnenlichte vor mir
stehen. Es war fast Mittagszeit!
    Du staunst? fragte sie, schalkhaft lchelnd. Du wirst dich wohl noch
fters wundern, bis du weit, was Dschanneh ist und was sie kann! Agha Sibil ist
mit seiner Familie angekommen und hat schon begonnen, sein Zelt zu errichten.
Und vor einigen Minuten berichtete ein Bote aus dem Grenzduar, da deine
Bagdader Freunde dort bernachtet haben und gegen Mittag hier sein werden. Wenn
du sie sehen willst, darfst du aufstehen, doch nur fr ein Stndchen, und ohne
hinunter zu gehen oder sie heraufkommen zu lassen.
    Kennt Agha Sibil die Zeit ihrer Ankunft?
    Nein. Wir verschwiegen es ihm. Er wird zwar in seinem Zelte wohnen, ist
aber fr heute Mittag unser Gast. Wir richten es so ein, da ihn sein
Schwiegersohn hier in der Halle beim Essen berrascht.
    So stehe ich freilich auf und mache es wie Hadschi Halef, der sich
jedenfalls auch ganz vorn aufs Dach postieren wird, um unsern frheren Bimbaschi
und jetzigen Mir Alai zu begren.
    Und ob er das tun wird! antwortete sie heiter. Er sitzt wohl schon jetzt
bereit, denn Hanneh war im Hofe, als der Bote kam, und hat es ihm sofort
berichtet. Der Ustad ist mit Dschafar Mirza dem Mir Alai entgegengeritten.
Errtst du, auf welchem Pferde?
    Auf der Sahm?
    Nein, sondern auf dem Assil Ben Rih.
    Wirklich, wirklich? fragte ich, nicht verwundert und nicht erstaunt, aber
auerordentlich erfreut.
    Ja; er hat den Rappen gleich schon gestern vorgenommen, als du hier oben
eingeschlafen warst. Er mu sich doch fr den Fall vorbereiten, da du auf jede
Teilnahme am Rennen zu verzichten hast, und grad auf Assil sind Hoffnungen
gesetzt, die wir nicht tuschen drfen. Jetzt gehe ich hinab, um dir dein
Frhstck zu bereiten und Syrr fr dich mit Aepfeln zu erfreuen.
    Syrr! Da ich nicht zu ihm hinunterdarf!
    Sorge dich nicht um ihn. Er steht in meiner ganz besondern Pflege und - - -
er denkt an dich.
    Ich lchelte. Da fuhr sie fort:
    Er war whrend des gestrigen Tages unruhig, weil er dich nicht zu sehen
bekam. Am Abend wollte er sich nicht niederlegen. Da holte ich deine
Kamelhaardecke, unter welcher du so oft geschlafen hast. Ich hielt sie ihm
zusammengefaltet vor die Nstern; Da schnaubte er froh und leckte mir dankbar
die Hand; hierauf tat ich sie auf den Boden, doch ohne sie auszubreiten. Da lie
er sich sogleich nieder und legte den Kopf auf sie. Als ich heut frh wiederkam,
lag er noch ebenso und hatte aber den Kopf bis an die Augen in die Decke
hineingewhlt. Und schau hierher!
    Sie ging dorthin, wo meine arabische Jacke lag, und zog drei Aepfel aus
jedem Aermel.
    Die bringe ich ihm jetzt hinab, sagte sie. Das habe ich gestern zweimal
und heut auch schon einmal getan. Diese frit er; aber andere mag er nicht, auch
wenn sie von demselben Baume sind. Nun wirst du glauben, da er dich nicht
vergessen hat.
    Sie ging. Als sie fort war, stand ich auf. Da sah ich denn, da man unten am
See sehr fleiig gewesen war. Man hatte am Fue des nrdlichen Berges die fr
uns bestimmte Tribne vollstndig fertiggestellt. In ihrer Nhe wurde jetzt das
groe Verkaufszelt Agha Sibils errichtet. Auf den hchsten Punkten der
umliegenden Gebirgszge waren Leute beschftigt, mchtige Holzste fr die
geplante Hhenbeleuchtung aufzuhufen. Auch an tiefer liegenden, aber
hervorragenden Punkten wurde das Gleiche getan. Um den See kreisten die
verschiedensten Reittiere in lebhaftester Uebung. Kamele trugen Holzscheite zum
Beit-i-Chodeh hinauf, denn auch der Tempelplatz sollte erleuchtet werden. Was
ich von meinem Dache aus nicht sehen konnte, schlo ich aus dem Umstande, da
ich viele auch mit Brennstoff beladene Maultiere und Esel auf dem steilen Pfade
nach dem Alabasterzelte erblickte: Dort sollten ebenfalls die Festesflammen
lodern.
    Ein Teil der Tribne war jetzt von der Dschemma besetzt, welche sich unter
dem Vorsitze des Pedehr in einer, wie es schien, sehr wichtigen Beratung befand.
Vor ihr hielten wohl ber zwanzig mir unbekannte, sehr wohlbewaffnete Mnner,
welche von ihren Pferden gestiegen waren und dem Chodj-y-Dschuna zuhrten, der
eifrig zu ihnen sprach. Das waren die Anfhrer der verschiedenen, nicht
sehaften Abteilungen der Dschamikun, die von unserm Kriegsminister ihre
Instruktion entgegennahmen. Zu meiner Genugtuung bemerkte ich dort auch den
Scheik der Kalhuran, der also nun genesen war und sich wieder an die Spitze
seiner mit uns verbndeten Krieger stellen konnte.
    Grad unter mir erschien jetzt Schakara, welche nach dem Weideplatze ging, um
Syrr die Aepfel zu bringen. Er nahm einen nach dem andern, langsam und prfend,
nachdem er jeden vorher erst berochen hatte. Sie schaute zu mir herauf und
nickte mir zu. Als der letzte verzehrt worden war, fate sie den Kopf des
Glanzrappen und richtete ihn so, da er nach oben, herauf zu mir sehen mute.
Ich hatte die Jacke angezogen und den Fez aufgesetzt. Um den Blick des Pferdes
auf mich zu lenken, bewegte ich die Arme. Syrr sah es; er stutzte. Seine Ohren
begannen zu spielen; der prchtige Schweif wurde gehoben. So stand er eine
kleine Weile prfend still; dann schob er die Vorderbeine breit auseinander und
schmetterte mir ein so frohes Wiehern herauf, da gar nicht daran zu zweifeln
war: er hatte mich erkannt. Aber hiermit war es noch nicht genug; er jubelte
wieder und wieder, so da ich mich gezwungen fhlte, zurckzutreten und mich
seinem Auge zu entziehen, damit seine weithin schallende Stimme nicht die
Aufmerksamkeit Unberufener auf ihn lenken mge.
    Whrend ich dann frhstckte, richtete Schakara mir einen so hohen Sitz her,
da ich ber die Brstung hinunter in den Hof sehen konnte, ohne stehen zu
mssen. Hierauf lie sie mich allein, weil ich es so wnschte. Der Mittag war
nahe. Da kam Agha Sibil mit den Seinen. Sie wurden in die Halle gewiesen.
    Nur kurze Zeit spter bemerkte ich, da im Duar eine Bewegung entstand, die
sich sdwrts richtete. Sie galt den Bagdader Gsten, welche nun eingetroffen
waren. Der kleine Zug kam den Berg herauf und dann durch das Tor geritten. Voran
der Ustad und der Mirza, in ihrer Mitte mein alter Freund, der Mir Alai. Hinter
ihnen einige Packpferde mit den Effekten des Offiziers. Hierauf ein Kamel mit
der grten Snfte, welche man hatte auftreiben knnen. Sie war rundum
verhangen. Wer nicht wute, wer drin sa, mute also denken, da es sich um
etwas ewig Weibliches handle. Hintendrein die Dschamikun, welche den Besuch
geholt hatten.
    Weil die Aufmerksamkeit des Agha Sibil nicht sofort auf die Ankmmlinge
gelenkt werden sollte, war befohlen worden, ihr Eintreffen hier oben in aller
Stille und mglichst unbeachtet geschehen zu lassen; aber die liebe Neugierde
hatte trotzdem zwei Personen herbeigezogen, die sich den ersten Anblick der
Erwarteten auf keinen Fall versagen wollten - - - Tifl und Pekala.
    Als die ersten drei Reiter zum Tore hineinkamen, flog der scharfe Blick des
Ustad zu mir herauf. Er sah mich. Ich winkte ihm schnell, den Polen nicht auf
mich aufmerksam zu machen. Er nickte mir zu, da er mich verstanden habe. Dann
legte er beide Schenkel an, stemmte die Hnde in die Seiten und lie Assil in
der prchtigsten Natnata el mutarid88, die ich jemals gesehen habe, ber den Hof
hinber und nach der Weide gehen, wo er abstieg. Er tat dies meinetwegen. Ich
sollte sehen, da Assil bei ihm gut aufgehoben sei. Wer eine so schwere Natnata
in so meisterhafter Weise zu reiten vermag, dem kann man auch das kostbarste
Pferd gern anvertrauen.
    Dschafar Mirza und der Mir Alai stiegen ab. Der Erstere war unterrichtet. Er
nahm den Letzteren bei der Hand und fhrte ihn nach der Halle, in welcher es
gleich darauf sehr laut zu werden begann. Auch die begleitenden Dschamikun waren
abgestiegen, um sich zunchst mit den Packpferden zu beschftigen. Da rief ihnen
Pekala zu:
    Und das Kamel lat Ihr stehen? Man sieht doch, da eine vornehme Harema
drin sitzt! Soll diese Madama etwa warten, bis es Euch beliebt?
    Die Angeredeten lachten! Darum wendete sie sich an Tifl und sagte:
    Gib dem Kamele das Zeichen zum Niederknieen; du verstehst das besser als
ich! Die Madama darf von keiner Mnnerhand berhrt werden. Ich werde ihr also
selbst heraushelfen.
    Tifl tat, wie ihm befohlen worden war; das Kamel gehorchte. Die hohe Snfte
bekam die drei bekannten, frchterlichen Rucke; dann lag sie wieder still. In
ihrem Innern grunzte es. Pekala schob den Seitenvorhang auf, schaute hinein und
meldete dann:
    Sie schlft. Aber ich mu sie wecken, sie mag es mir belnehmen oder
nicht.
    Sie griff hinein und zupfte am Gewande. Da bewegte es sich drin.
    Ich bitte dich, steig aus; du bist am Ziel! rief sie hinein. Du brauchst
nur langsam herabzurutschen; ich helfe dir dabei!
    Indem sie das sagte, trat sie einen Schritt zurck und breitete die Arme
weit aus, um ihr Versprechen wahr zu machen. Da chzte es in der Snfte; da
sthnte es; da murmelte es. Dann kamen zwei groe, rote Pantoffel zum
Vorscheine. Ein weites, faltenreiches Gewand wurde Falte um Falte
herausgestopft. Man erkannte trotz dieser Falten die Umrisse von zwei Knieen.
Hierauf wurde die Sache immer breiter und immer umfangreicher. Nun entwickelten
sich mit Mhe und Not zwei Arme. Ueber ihnen erschien ein rotes, gelb befranstes
Keffije89, welches vorn nur um eine Lcke geffnet war. In dieser Lcke gab es
einen Mund und eine Nase; sonst sah man weiter nichts.
    Jetzt war die Madama90 auf dem toten Punkte angekommen. Sie lag im
vollsten Gleichgewicht mit dem Rcken auf der unteren Snftenkante. Der nchste
Augenblick hatte darber zu entscheiden, ob sie herunterrutschen oder rcklings
wieder hineinfallen werde. Da bat die Festjungfrau in ermunterndem Tone:
    Fasse Mut! Gieb dir nur noch den einen kleinen Ruck, dann sinkst du grad in
meine Arme. Ich fange dich auf!
    Das half! Der Ruck stellte sich ein. Was von der Gestalt noch in der
Snfte steckte, das quoll vollends heraus. Die Sache kam in Schu. Zuerst die
Pantoffel, doch allerdings separat. Dann tat es einen gewichtigen Plumps. Die
Masse stand auf den nackten Fen, genau zwischen den beiden Pantoffeln. Sie
wankte hin und her, ungewi, nach welcher Seite sie sich zu neigen habe. Die
Arme streckten sich aus, um sich irgendwo festzuhalten. Da trat Pekala schnell
wieder nher, und im nchsten Augenblicke hielten sich Beide innig umschlungen,
so fest und so lange, als ob sie nie, nie wieder von einander lassen drften.
Erst nach einer Weile klang es aus der Umarmung heraus:
    Wie glcklich bin ich, da du gekommen bist! Niemand soll dich mir wieder
nehmen! Komm mit mir, du Liebling meiner Seele! Ich fhre dich in meine Kche!
    Kche - Kche - Kche?! fragte es da schnell und dreimal hinter einander.
    Ja. Beeile dich, sonst nimmt man dich mir weg!
    Mich? Dir? Niemals, niemals, niemals! Komm schnell; ich habe Hunger - - -
Hunger - - - Hunger!
    Die Umarmung ging nur halb auseinander. Die Hnde hielten wie unzertrennlich
zusammen. So schritten Beide, eng aneinander geschmiegt, die eine Gestalt
strahlend vor Wonne und Glck, die andere unter dem Keffije hustend und pustend,
in seliger Eintracht ber den Hof hinber, um in der Sphre zu verschwinden, der
sie mit Leib und Seele angehrten. Ich aber lchelte ihnen mit innigster
Befriedigung nach. Wer seinen Lebenszweck im niedern Stoffe sucht, den lt man
gern in diesem Stoff verschwinden!
    Tifl stand da und schaute die Pantoffel an. Sie lagen noch da, weil Kepek,
der Dicke, vor Freude ber das Wort Kche gleich barfu fortgelaufen war. Das
Kind machte ein hchst bedenkliches Gesicht und kratzte sich unter der
Spinnenmtze. Er war mit irgend Etwas nicht einverstanden, aber womit, das sagte
er den Pantoffeln nicht. Er hob sie schlielich auf, betrachtete sie hin und
her, warf sie wieder hin, hob sie abermals auf, schttelte den Sand heraus und
trug sie dann langsamen Schrittes nach der Kche, den einen in der rechten und
den andern in der linken Hand, beide aber nur mit den uersten Fingerspitzen
festhaltend.
    Da kam der Ustad durch den Garten.
    Wie geht es dir? fragte er zu mir herauf.
    Gut, sagte Schakara, antwortete ich.
    So darf ich ruhig nach der Halle gehen?
    Ganz unbesorgt. Widme dich deinen Pflichten und deinen Gsten. An mich soll
man nicht denken, doch gre den Mir Alai von mir!
    Hierauf sah ich Schakara nach der Weide gehen. Sie ftterte den Syrr und
dann auch den Assil Ben Rih, nachdem sie ihm das Reitzeug abgenommen hatte.
    Einige Zeit spter erschienen vier fremde Reiter auf dem Hofe, welche nach
dem Ustad fragten. Sie waren Dinarun, wie ich nachher erfuhr. Ihr Scheik Ben
Hidr91 befand sich selbst dabei. Sie waren unten im Duar von dem Pedehr als
vermutliche Feinde sehr kurz behandelt und herauf an den Ustad gewiesen worden.
Darum stiegen sie gar nicht ab, als dieser aus der Halle trat, und Ben Hidr rief
ihm in beinahe verletzender Weise die Meldung zu, da sie gekommen seien, ihre
Teilnahme am Wettrennen anzusagen, weiter nichts! Jeder Andere als der Ustad
htte sie nun in ganz derselben Weise sofort entlassen. Dieser aber war
menschenfreundlich und klug genug, sich zu beherrschen. Er ging auf sie zu,
reichte ihnen die Hand und lud sie ein, mit hinauf in seine Wohnung zu kommen.
Das berraschte sie. Sie sahen einander fragend an und sprangen dann doch von
ihren Pferden, um ihm zu folgen.
    Sie waren wohl zwei Stunden lang bei ihm in seinem Zimmer. Auf den Balkon
fhrte er sie nicht, weil sie Syrr nicht sehen sollten. Ich hatte mich
inzwischen wieder niedergelegt und hrte ihre Stimmen unter mir, konnte aber
nicht verstehen, was gesprochen wurde. Als sie sich entfernt hatten, kam er
herauf zu mir und sagte mir, wer diese Leute gewesen seien und was er mit ihnen
verhandelt habe.
    Das sind die sogenannten Klugen, fgte er hinzu. Sie lcheln nach beiden
Seiten und sagen einstweilen zu Allem Ja, um abzuwarten, nach welcher Seite sich
der Zeiger neigen werde. Dann aber sind sie die Schlimmsten, die
Unerbittlichsten, die keine Schonung kennen. Ich bin berzeugt, da sie unsern
Feinden ihre Hilfe zugesagt haben, und da sie aber dennoch heut zu uns kamen,
um nachzuschauen, ob es nicht vielleicht doch geraten sei, sich den Weg zum
Rckzuge offen zu halten. Ich habe sie bedient, wie man so unsichere Kantonisten
zu bedienen hat: Kein Wort zu wenig, aber auch keins zu viel. Sie werden sich
zum Rennen einstellen; ob sie sich aber dann auch beteiligen, steht noch in
Frage. Erst waren sie zornig ber den Empfang, den sie im Duar gefunden hatten;
dann wurden sie immer freundlicher und zutraulicher, um von mir so viel wie
mglich zu erfahren, was ihnen aber natrlich nicht gelang, und zuletzt bot mir
Ben Hidr die Hilfe seines ganzen Stammes an, die ich aber sehr hflich ablehnte,
weil ich an die Feinde, von denen er gesprochen habe, unmglich glauben knne.
Noch am Schlusse behauptete ich mit aller Bestimmtheit, da es ganz gewi keinen
einzigen Menschen gebe, der die Absicht habe, uns hier zu belstigen oder gar zu
berfallen. So sind sie also in der festen Ueberzeugung fortgeritten, da wir
von der Gefahr, die sich in diesen Tagen um uns zusammenziehen soll, nicht das
Geringste ahnen. Aber ich habe ihnen die goldene Karte des Schah-in-Schah
gezeigt und sie dann noch viel Wichtigeres ahnen lassen. Nun haben sie Angst!
    Wir unterhielten uns noch einige Zeit, besonders ber Assil Ben Rih, fr den
er ganz begeistert war. Dann kam Schakara, um mir die Gre des Mir Alai zu
bringen. Er lie mir sagen, er sehe nun ein, da es nichts Herrlicheres gebe als
so einen Glauben und so ein unerschtterliches Gottvertrauen, dem nichts auf
Erden widerstehen knne.
    Sehr erfreulich war es mir, da der Ustad sich ber mein Befinden hchst
befriedigend uerte, doch behauptete er, mich erst Freitag, also bermorgen,
aus seiner Behandlung entlassen zu knnen. Ich hatte mich zu fgen und tat es
gern.
    Als es dunkel werden wollte, nahm ich mein Abendessen ein und sank dann dem
auch in Kurdistan und Persien sehr wohlbekannten Morpheus in die Arme. Er hielt
mich mglichst fest, konnte es aber doch nicht verhindern, da ich, grad wie
gestern, in der Nacht einmal fr kurze Zeit erwachte. Das geschah auf eine ganz
eigentmliche Weise. Ich trumte nmlich nicht, und doch war es, als flstere
mir Jemand leise in das Ohr, aber nicht in das uere, sondern in das innere:
    Wache auf! Ich komme nur fr einige Augenblicke wieder, um dir Etwas zu
zeigen, worber du dich herzlich freuen wirst!
    Das hrte ich ganz deutlich. Da schlug ich die Augen auf. Die Sterne
leuchteten hell. Ich schaute hinber, wo Schakara gesessen hatte. Da kniete
Einer im Gebete. Er hatte die gefalteten Hnde auf die Ballustrade gelegt und
das Gesicht emporgehoben. Ich erkannte ihn. Ich sah sogar, da er die Lippen
bewegte. Es war der Aschyk. Ich wute genau, da ich wach sei, und doch hrte
ich die leise Stimme in meinem Ohre weitersprechen:
    Er betet fr dich! Das ist der beste Dank, den wir in Euerm Erdenleben
kennen. Schlaf wieder ein!
    Weiter vernahm ich nichts. Die Lider wurden mir pltzlich so schwer, da sie
niedersanken. Dann wute ich nichts mehr, weder von mir noch von sonst Etwas.
Man nennt das Schlaf. Das richtige Wort hierfr hat sich erst noch zu finden!
    Dann war es, grad auch wie gestern, gegen Mittag, als ich wieder erwachte.
Jetzt sa Schakara da. Sie sah mich an, nickte mir lchelnd zu und sagte:
    Noch eine solche Nacht, Effendi, dann ist die Gefahr vollstndig
berstanden.
    Hast denn auch du dich ausgeruht? fragte ich.
    Ich wollte nicht. Dschanneh wacht gern fr dich. Ich sa schon hier. Da kam
der Aschyk vom Glockenwege herber. Er hatte Einiges fr dich aufgeschrieben und
wollte es dir in das Zimmer legen. Er bat so nachhaltig und so rhrend, meine
Stelle hier einnehmen zu drfen, da ich es ihm erlaubte. Bist du mir bs
darber?
    O nein! Ich wachte auf und sah ihn beten. Dann schlief ich sogleich wieder
ein.
    Und ich kam gegen Morgen wieder, als er fort mute. Da sagte er mir, da er
fr dich gebetet habe. Es sei dann ein Gefhl des Glckes ber ihn gekommen, wie
fast noch nie in seinem ganzen Leben.
    Wo ist das, was er fr mich aufgeschrieben hat?
    Ich trug es dem Ustad hinunter, weil du mit solchen Dingen jetzt noch nicht
behelligt werden sollst. Horch! Was ist das fr ein Rufen im Hofe? Es kommt
Jemand, den man begrt.
    Sie stand auf und schaute hinab.
    Kara Ben Halef! fuhr sie fort. Aber der Reitknecht des Mirza ist nicht
bei ihm, sondern ein Anderer. Man sieht ihm an, da er kein Diener, sondern ein
Herr ist, und zwar ein vornehmer. Kara ist stehend abgesprungen; das andere
Hedschin aber mu sich legen, damit der Fremde bequem herunter kann. Jetzt kommt
der Ustad. Er staunt, doch ist sein Erstaunen ein freudiges. Sie kennen
einander. Ihre Begrung ist eine herzliche. Jetzt schaut der Ustad herauf. Er
sieht mich. Er winkt, da ich kommen soll. Ich mu also fort, Effendi, werde dir
aber bald berichten.
    Sie ging. Es dauerte ber eine Stunde, ehe sie wiederkam. Sie hatte dem
neuen Gaste die im Wartturme unter Dschafars Wohnung liegenden Gemcher
herrichten mssen. Nun sagte sie:
    Es ist ein Hauptmann der kaiserlichen Leibwache. Er besitzt das Vertrauen
des Schah-in-Schah und wurde von ihm gesandt, um sich unter den Befehl des Ustad
zu stellen. Es kommen hundert Mann der Leibgarde nach, lauter auserlesene
Krieger, die hoch im Range stehen. Der Reitknecht des Mirza wird ihr Fhrer
sein, weil er den Weg nun kennt. Kara ist sehr gut aufgenommen und auch mit
einem Ehrenkleide beschenkt worden. Er hat ein eigenhndiges Schreiben an den
Ustad mitgebracht und der Hauptmann ein ebensolches an Dschafar Mirza. Den
Inhalt wird dir der Ustad selbst mitteilen. Jetzt speisen sie. Dann wird ein
weiter Auenritt rund um das Tal gemacht, denn der Hauptmann will hinter den
Bergen rekognoszieren, weil dies jetzt noch unbemerkt geschehen kann. Die Gegner
sollen nmlich erst im letzten Augenblick erfahren, wer er ist und wozu er sich
bei uns befindet. Der Ustad wird jetzt nicht zu dir kommen. Ich habe ihm Bericht
ber dein Befinden erstattet und soll dir sagen, da du dich als genesen
betrachten darfst. Doch hat er Grnde, zu wnschen, da du noch fr krank
gehalten wirst. Er lt dich also bitten, dich den Leuten so wenig wie mglich
zu zeigen, bis er dich hier aufsucht und dir Alles sagt. Er gab mir eine groe,
starke Papierrolle mit, die ich dir herein auf den Tisch gelegt habe. Es sei, um
dich zu beschftigen, meinte er.
    Jawohl, es war eine Beschftigung, und zwar was fr eine! Als Schakara
wieder gegangen und ich aufgestanden war, ffnete ich die Rolle, welche aus
mehreren greren und kleineren Blttern bestand. Das erste groe Blatt war eine
Federzeichnung, welche die jetzige westliche Seite des Sees darstellte, von der
Mitte desselben aus gesehen. Unten der Duar, links der Weg nach dem Tale des
Sackes und rechts der Pfad nach den Gebieten der Takikurden und der nrdlichen
Dschamikun. In der Mitte, am Berge aufsteigend, die Ruinen, trotzig, dster,
verschwiegen, ohne eine Spur innern oder uern Lebens. Sdlich von ihnen das
Haus des Ustad, auf hoher Gigantenmauer, den Strmen ausgesetzt. Von ihm
ausgehend der Glockenpfad hinauf zum Alabasterzelt. Indem ich dieses Blatt
betrachtete, kam mir der Gedanke, es zeige viel zu viel und dennoch fehle Alles!
Ich griff also zum zweiten.
    Was sah ich da? Nicht mehr die massige Materie, sondern an ihrer Stelle das
Geistige, das Seelische. Die Vernderung erstreckte sich nur auf die Ruinen, und
doch hatte sie alles Fehlende gebracht. Die Hand des Menschen hatte dem Gestein
eine andere Gestalt und mit ihr ein neues Leben gegeben. Da, wo jetzt der
Landeplatz lag, fhrten hier sehr breite Stufen durch die geffnete Mauer nach
dem freien Platze, der durch den Wegfall der Etagen entstanden war. Rosen, viele
Rosen, nichts als Rosen blhten hier, grad wie drben vor dem Beit-y-Chodeh.
Alle Wege, die es zwischen ihnen gab, fhrten nach einer gradezu imposanten,
prchtigen Sulenhalle, zu deren Bau die smtlichen Kolossalquader der Ruinen
verwendet worden waren. Ich dachte an Baalbek, an den Kailasa von Ellora, an die
aztekischen Teocalli; aber alle diese berhmten Bauten schienen von dieser einen
Halle in den Schatten gestellt zu sein. Ihr Hintergrund bildete eine hohe,
runde, dunkle Nische mit einem Riesenpostamente, welches jedenfalls bestimmt
war, eine entsprechend groe Figur zu tragen.
    Die Halle trug kein eigentliches Dach, sondern, hnlich wie die schwebenden
Grten der Semiramis, eine zweite, umfangreiche Blumenanlage, aus welcher zu
meinem frohen Erstaunen ganz genau jenes kleine Dorfkirchlein emporstieg, dessen
Bild in meiner Schlafstube hing, darunter die kindlich einfachen Worte:

Kirchlein mein, Kirchlein klein,
Knnt so fromm wie du ich sein!
Deine Hhe zu erreichen,
Will ich dir an Demut gleichen.
Kirchlein mein, Kirchlein klein,
So wie du will stets ich sein!

    Man sollte denken, da diese kirchliche Bescheidenheit sich auf so
gigantischer Unterlage gradezu lcherlich habe ausnehmen mssen; das war aber
keineswegs der Fall. Es schien mir vielmehr ganz im Gegenteile, als ob es gar
nicht anders sein knne. Ein von Gottes Felsen getragenes Menschenwerk wird nur
dann lcherlich, wenn es sich mit dem Anscheine brstet, auch aus Gottes Felsen
zu bestehen!
    Das war die Mitte des Berges, von dessen Hhe, genau ber der Spitze des
Kirchturmes, das Alabasterzelt herniederschaute. Auf den beiden Flanken lagen in
fruchttragenden Grten zwei villenhnliche, freundlich blickende Huser. Unter
dem einen war das Wort Pfarrhaus, unter dem andern aber Schulhaus zu lesen.
    Die brigen Bltter enthielten die architektonischen Risse und Zeichnungen
zu diesen drei Gebuden. Sie interessierten mich dermaen, da ich mich sofort
hinsetzte und sie zu studieren begann. Zu einer so klaren, liebevollen
Beantwortung alter, dsterer Ruinenfragen kann man doch wohl keinen Augenblick
lang gleichgltig sein! Ich lie mich darum nur kurze Zeit durch das Essen
stren und sa noch gegen Abend rechnend, messend und kalkulierend da, als der
Pedehr kam, um, wie er sagte, mir etwas Wichtiges mitzuteilen.
    Es war nmlich ein Bote dagewesen, welcher gemeldet hatte, da der Scheik ul
Islam und Ahriman Mirza gemeinschaftlich und in hchster Eintracht mit einander
den hochverdienten Ghulam el Multasim zum Ustad der Taki-Kurden ernannt htten.
Man gebe uns das zu wissen, weil er beim Rennen auch erscheinen werde und dieser
seiner Wrde entsprechend von uns zu empfangen und zu behandeln sei. Unser Ustad
war von seinem Ritte noch nicht heimgekehrt, und so hatte der Pedehr es fr
geboten erachtet, diese Neuigkeit herauf zu mir zu bringen. Ich sagte ihm:
    Das hat nicht die geringste Wichtigkeit fr uns. Man mag diesen Henker zum
Kaiser von China oder gar zum Dalai Lama ernennen, so ist es uns doch im
hchsten Grade gleichgltig. Er kann dem Schicksale, welches er sich selbst
bereitet hat, durch keine Spiegelfechterei entgehen. Er griff zum Messer, um
mich zu vernichten. Womit man sndigt, damit wird man bestraft. Wir haben es
noch hier, unten in der Rumpelkammer. Warten wir ruhig ab, was geschieht!
    Da ging er wieder. Htte mich Jemand gefragt, warum ich ihn grad mit diesem
Bescheide gehen lie, so wre es mir wohl nicht gelungen, eine
zufriedenstellende Erklrung abzugeben. Es soll vorkommen, da der Mensch grad
dann am klarsten spricht, wenn er sich selbst ein Rtsel ist!
    Bald darauf sah ich, da der Ustad mit dem Hauptmann heimkehrte. Er lie
sich nach dem Abendessen fr kurze Zeit bei mir sehen. Wir sprachen nur ber den
geplanten Kirchenbau; alles Andere wurde vermieden. Doch bevor er ging, sah er
mir lchelnd in das Gesicht und sagte:
    Ich belstige dich nicht mit Dingen, die ich verpflichtet bin, auf mich
selbst zu nehmen. Du sollst nicht Arbeiter sein bei mir, sondern mein lieber,
hochwillkommener Gast, den ich nur dann mit der Bitte um Hilfe belstige, wenn
ich sie ntig habe. Die geistige Gastfreundschaft hat genau dieselben
Rcksichten zu nehmen wie die materielle. Ich wei, da du verstehst, was ich
meine, und bin deiner Approbation gewi!
    Da reichte ich ihm die Hand und antwortete:
    Du denkst da ebenso tief wie richtig. Du frugst mich frher einmal, wer ich
eigentlich sei; jetzt hre ich, da du es weit. Wollte man doch endlich einmal
begreifen, da der soi-disant Menschengeist kein Spezialblock ist, an dem die
sogenannte Erziehung herummeieln kann, wie es ihr beliebt! Wir sind mit
einander verbunden und dennoch nicht nur Einer. Sobald du mich brauchst, bin ich
du!
    Er sah mich an, sann einige Augenblicke nach, nickte dann und sprach:
    Sehr richtig! Du treibst doch immer und immer Psychologie! Bisher war ich
mir ein Rtsel. Kamst du, um mich zu lsen?
    Ein Jeder lse sich selbst! Er hat ja Augen und Ohren und um sich herum
eine ganze, ganze Welt, die ihn ber sich selbst belehren soll und kann! Jetzt,
gute Nacht, mein Freund. Du hast auer mir noch andere Gste, deren Hnde
gestalten helfen, was zu gestalten ist. Hoffentlich sind es nur gute!
    Sie sind es. Mit den bsen rechnen wir in den nchsten Tagen ab. Du hrst,
ich psychologiere nun auch!
    Soll ich nun wieder erzhlen, da und wie ich geschlafen habe? Es ist
eigentlich eine Schande, von Tag zu Tag sagen zu mssen, da man erst gegen
Mittag aufgewacht sei; aber ich mu dieses Gestndnis schon wieder machen,
wnsche aber, zum letzten Male. Jedenfalls war mir dieses ausgiebige Schlafen
sehr ntig gewesen; der Erfolg bewies es mir. Nun aber war es genug! Ich ging
hinab, ohne erst um Erlaubnis zu fragen.
    Zu wem? Natrlich zunchst zu Syrr, nach welchem ich mich frmlich sehnte.
Wer aber kam da eiligen Schrittes gelaufen? Der Ustad!
    Willst du gleich wieder hinauf! lachte er. Schau dir die Welt von oben
an! Unten darf man ja noch gar nicht wissen, wie gesund und energisch du bist!
    Ja, richtig; daran hatte ich gar nicht gedacht! Aber arretiere mich nicht
sofort, sondern erlaube mir, Syrr vorher einige Aepfel zu holen!
    Das werde ich tun, und zwar bringe ich seine Lieblingssorte. Schakara hat
sie mir verraten.
    Whrend er nach dem Garten ging, war es gradezu rhrend fr mich, zu sehen,
wie der Glanzrappe sich darber freute, da ich wieder einmal bei ihm war. Er
gab mir das nicht etwa in drolliger Weise zu erkennen, sondern so still, so
ruhig, fast mchte ich sagen, so innig oder so herzlich, als ob es eine
menschliche Anmaung sei, da Tiere absolut keine Seele haben sollen. Man pflegt
ihnen hchstens sogenannte psychische Funktionen zu gestatten. Nun wohlan, die
psychischen Funktionen meines Syrr waren ehrlich, aufrichtig und ohne eine Spur
von Falschheit oder Verstellung. Hoffentlich ist das bei den Menschenseelen in
entsprechend hherem Grade ebenso der Fall!
    Als er wiederkam, reichte er Syrr einen der Aepfel hin. Das Pferd roch die
Frucht gar nicht einmal an. Es legte die Ohren nach hinten und wich einige
Schritte zurck. Der Ustad tat einen zweiten Apfel zu dem ersten und folgte
nach. Syrr ging abermals rckwrts, und der Ustad avancierte wieder, ihm die
Aepfel hinhaltend. Da drehte sich der Rappe um und hob den hintern Fu, zum
Zeichen, da er sich nun wehren werde.
    Was? Schlagen will er mich! verwunderte sich der Ustad. Er ist also
wirklich edler als Assil, der keinen Unterschied macht zwischen mir und dir!
    Ja. Der hchste Adel zeigt sich eben darin, da er distinguiert, nicht aber
in den Fransen und Quasten, mit denen der Herr ihm Zaum und Sattel behngt.
Teilen wir die Frchte zwischen beide Pferde!
    Wir taten es. Der Ustad gab Assil die eine Hlfte; die andere bekam Syrr von
mir. Er nahm sie jetzt ohne Weigern, und ich liebkoste ihn dafr. Indem wir dann
fortgingen, sagte der Ustad:
    So; nun gehst du wieder hinauf, doch nicht, ohne da ich dich fr deine
Folgsamkeit belohnen werde. Du sollst dich am Tage so wenig wie mglich zeigen;
aber heut Abend reiten wir im Dunkel mit Kara zusammen nach dem Dschebel Adawa,
um zu versuchen, Etwas ber die dortige Zusammenkunft zu erfahren. Ist dir das
recht?
    Sogar sehr, falls du glaubst, da ich nicht zu schwach zu diesem Ritte
bin.
    Zu schwach? fragte er lchelnd. Nach einer so ausgiebigen
Schlafmtzigkeit? Uebrigens wird es interessant, auch wenn wir nichts Neues
sehen und hren. Du reitest den Syrr, ich den Assil und Kara den Barkh. Das gibt
heimwrts ein Vorrennen, welches uns zeigen wird, wie weit wir in unsern
Berechnungen gehen drfen.
    Ich war mit dem geplanten, abendlichen Ritte natrlich sehr gern
einverstanden. Man wird sich erinnern, da der Frst der Schatten seine Pderan
fr heut um Mitternacht nach dem Dschebel Adawa, dem Berge der Feindschaft,
bestellt hatte, um ihnen seine letzten Weisungen zu erteilen. Zwar kannten wir
die Stelle nicht, an welcher diese Unterredung stattfinden sollte, doch bot uns
der alte Hollunderbaum, in dem Kara die Agraffe gefunden hatte, einen Halt, den
wir benutzen konnten. Als ich das dem Ustad jetzt sagte, antwortete er:
    Das ist ganz derselbe Gedanke, den auch ich verfolgen will. Ahriman Mirza
wird kommen, um seine Agraffe abzuholen. Wenn wir uns vorher dort verstecken und
ihm dann heimlich nachschleichen, wird er unser Fhrer sein, ohne es zu ahnen.
    Aber die Gefahr, in welche wir uns begeben?
    Gefahr? Wie drollig dieses Wort klingt, wenn man es aus deinem Munde hrt!
Wo du nicht ngstlich bist, kann ich es doch ebensowenig sein. Uebrigens
bewaffnen wir uns gut und legen andere Kleider an.
    Welche?
    Die Anzge vom Schah. Ich habe ja auch einen. Du sagtest, Ahriman Mirza sei
genau so gekleidet gewesen. Er wird es wahrscheinlich wieder sein. Ich glaube
zwar nicht, da man uns sehen wird. Aber sollte es doch geschehen, so wird man
vermuten, da wir zu der persischen Begleitung gehren, die mit ihm bei den Taki
angekommen ist. Es ist dann sogar mglich, da man glaubt, er selbst habe - - -
Ah, unterbrach er sich da, vielleicht ein guter Gedanke: Ich nehme seine
Reitpeitsche mit, in welcher die schwarze Larve steckt! Kommt dann noch die
Agraffe dazu, so kann man jede Gefahr in ihr gerades Gegenteil verwandeln, indem
man sich fr den Aemir-y-Sillan ausgibt. Meinst du nicht auch?
    Welch eine Idee! Woher mag sie dir gekommen sein? Derartige Gedanken sind
niemals Sondergeburten irgend eines menschlichen Gehirnes, sondern sie stammen
aus einem verborgenen Zusammenhange, in welchem ihre Resultate vorherberechnet
werden und dann einzufgen sind. Tue es, mein Freund, tue es! Ich bin berzeugt,
da du damit einer Absicht folgst, die weiter schaut als wir.
    Er ging, und ich stieg zu mir hinauf. Wie kam es doch nur, da ich nun
whrend des Tages so oft an diese unsere Verkleidung denken mute? Ich legte sie
an und wieder ab - - - um sie zu probieren, redete ich mir ein. Der Mensch sieht
eben nicht weiter, als er kann! Als Schakara mir das Abendessen brachte,
lchelte sie mich verstndnisvoll an. Ich hatte mich nmlich schon umgezogen,
und sie kannte den Grund, der ihr vom Ustad mitgeteilt worden war.
    Sobald du gegessen hast, wird er kommen, um dich abzuholen, sagte sie.
Die Pferde werden von Kara heimlich gesattelt.
    Mein Syrr aber nicht, fiel ich ein. Sage ihm das! Ich tue es selbst.
Bereithalten mag er das Zeug; angelegt wird es nur von mir.
    Ich hatte meine geladenen Revolver bereitgelegt. Als der Ustad kam, steckte
ich sie zu mir. Er war der Verabredung nach gekleidet und hatte den langen Bart
unter den Anzug geknpft und das Haupthaar unter die Lammfellmtze emporgekmmt,
so da beides nicht zu sehen war. Die Reitpeitsche des Mirza steckte im Grtel.
Eben wollten wir gehen, da erschien der Aschyk unter der Tr. Er erschrak, als
er uns stehen sah, denn er hielt uns im ersten Augenblicke fr wirkliche Perser.
Als er uns aber erkannte, rief er aus:
    Allah sei Dank! Fast glaubte ich, Ahriman Mirza sei mit hier! Warum tragt
ihr diese Kleidung, Effendi?
    Um nicht erkannt zu werden, falls man uns ja sehen sollte, antwortete ich.
Wir wollen nach dem Dschebel Adawa hinber.
    Und ich komme geraden Weges von dorther! Ich bringe zwei wichtige
Neuigkeiten, eine schriftliche und eine mndliche. Der Scheik ul Islam glaubt,
ich sei hier Euer Gast und komme nur zu ihm, um Euch zu verraten. Ich besitze
darum sein Vertrauen und habe Euch aufgezeichnet, was ich heut von ihm erfuhr.
Es sind die Orte, an denen losgeschlagen werden soll, sobald der Streich gegen
Euch gelungen ist. Auch die Namen der Anfhrer stehen dabei, lauter fromme,
hochangesehene Mnner.
    Er reichte auf meinen Wink das Verzeichnis dem Ustad hin und fuhr dann fort:
    Die andere Nachricht wird Euch wahrscheinlich noch mehr erfreuen. Ist Euch
ein junger Taki-Kurde bekannt, welcher Ibn el Idrak92 heit?
    Sehr gut sogar, antwortete der Ustad. Du nennst ihn jung; er sitzt aber
schon seit Jahren in der Dschemma. Sein Vater, der reichste Mann des Stammes,
lie ihn in Teheran studieren und dann weite Reisen machen. Er ist unterrichtet,
klug und ehrlich. Man sagt, da er ein heimlicher Gegner des Scheik ul Islam sei
und unter den Taki einen nicht unbedeutenden Anhang besitze. Er war schon
einigemale hier, mein Gast, und ich meine, da wir beide Wohlgefallen an
einander gefunden haben.
    Hltst du ihn einer Hinterlift fr fhig?
    Nein, auf keinen Fall.
    So kann ich dir sagen da er eine Unterredung mit dir wnscht.
    Wann?
    Heut.
    Wo? Hier bei mir?
    Nein. Dazu hat er keine Zeit, wegen der wichtigen Sitzungen, welche die
Dschemma jetzt fortwhrend hat, sogar heut nach Mitternacht. Auch soll diese
Unterredung eine heimliche sein. Er lt dich bitten, zwei Stunden nach
Mitternacht an den Bach des Dschebel Adawa zu kommen, du allein und er allein.
Von der Quelle an zhlst du die fnfte groe Windung des Wassers. Dort steht ein
einzelner hoher Baum, unter dem er dich erwarten wird.
    Sonderbar! Wie kommst du zu diesem Manne? Wre es ein Anderer, so wrde ich
einen Hinterhalt befrchten, obgleich ich nicht wte, wozu ihm das ntzen
sollte!
    Ich kann dir nicht zrnen, wenn du an mir zweifelst. Aber ich darf dir auch
nicht antworten, denn ich habe Ibn el Idrak Verschwiegenheit geloben mssen, um
Euch ntzen zu knnen. Behalte mich hier, und gib Befehl, da ich erschossen
werde, wenn dir Etwas geschieht!
    Da ich ein Tor wre! Ich glaube dir und ihm und werde also kommen.
    Ich danke dir! Auch dein jetziger Anzug pat. Es gibt jetzt am Dschebel
Adawa mehr Leben und Verkehr als sonst. Man knnte dich sehen und erkennen.
Darum sollte ich dich bitten, nicht deine gewhnliche Kleidung anzulegen. Ich
kam auf einem seiner Pferde herber. Darf ich wieder zurck, um ihm Nachricht zu
bringen?
    Ja. Sag ihm, da ich kommen werde, zwei Stunden nach Mitternacht, an die
betreffende Stelle. Bin ich verhindert, pnktlich zu sein, so soll er dennoch
warten. Ich bleibe nicht aus.
    Hierauf entfernte sich der Aschyk. Auf meinem Tische lag der Chandschar, den
ich von Dschafar geschenkt bekommen hatte. Der Ustad sah ihn und fragte:
    Nimmst du den Dolch nicht mit?
    Nein, antwortete ich. Ich wollte, halte es aber nun doch nicht fr
ntig.
    So erlaube ihn mir! Ich kann vielleicht in eine Lage kommen, in welcher
eine still wirkende Klinge besser ist als ein laut krachender Schu. Geh jetzt
immer hinab. Ich will erst das Verzeichnis vom Aschyk zu mir tragen, um es
einzuschlieen. Dann komme ich nach.
    Er schob den Chandschar in den Grtel und ging hinaus. Ich aber steckte
frsorglich einige Lichter zu mir, obgleich ich keinen Grund hatte, sie fr
ntig zu halten, und stieg dann den Glockenweg zum Weideplatze hinunter, wo ich
Kara, persisch gekleidet, bei den Pferden fand.
    Assil und Bark waren schon gesattelt, Syrr noch nicht. Ich tat es selbst.
Sonderbar! Als ich ihm das Mundstck einschieben wollte, weigerte er sich, seine
Zhne zu ffnen. Ich bat ihn; er tat es trotzdem nicht; ihn aber zu zwingen,
fiel mir gar nicht ein. Der Ustad kam grad dazu, als ich Kara beauftragte, den
einfachen Halfter zu holen.
    Blos mit Halfter willst du ihn reiten? fragte er. Des Nachts? Dort
hinber, wo vielleicht sehr viel davon abhngig ist, da wir unserer Pferde
vollstndig sicher sind?
    La Syrr seinen Willen! antwortete ich. Ich habe nur ntig, ihn zu dem
meinigen zu machen, dann kann uns nichts geschehen. Ein Reiter, der sich weniger
auf das Pferd als vielmehr auf die Zumung verlt, bringt schlielich auch
trotz dieser letzteren nichts fertig. Ein edles Pferd, welches Grund hat, den
eisernen Zwang zu frchten, kann seinen Herrn unmglich liebgewonnen haben.
    Fast httest du gesagt - - kann ihn nicht achten! lchelte der Ustad.
Natrlich denkst du hierbei neben dem Pferde an noch etwas ganz Anderes. Ich
kenne dich!
    Syrr bekam also nur den Halfter; dann ritten wir fort, ber die Ruinen, an
den Steinbrchen hinunter und dann nach links, wo es hinauf zur jenseitigen
Ebene ging, welche der Dschebel Adawa hoch berragte. Der Ustad war schon so oft
dort gewesen, da wir uns auf seine Terrainkenntnis vollstndig verlassen
konnten.
    Er schlug kluger Weise nicht die gerade Richtung ein. Wir ritten erst nach
Norden und bogen dann in einem rechten Winkel nach Westen. Falls wir nun ja
gesehen wurden, hatte es nicht den Anschein, als ob wir von den Dschamikun
herberkmen. Und das war gut. Denn wir hatten noch kaum die Hlfte des Weges
zurckgelegt, so bemerkten wir auf der mondbeschienenen Flche vor uns einen
Reiter, welcher zwar stutzte, als er uns erblickte, aber doch nicht aus seiner
bisherigen Richtung wich. Er mute uns begegnen. Wir taten natrlich, als ob
auch wir ihn nicht zu scheuen htten, und hielten still, als er uns erreichte
und grte.
    Wo kommst du her? fragte der Ustad.
    Von daher, wo Ihr hinreitet, antwortete er. Man sieht Euch doch gleich
an, da Ihr zu Ahriman Mirza gehrt. Bringt Ihr gute Nachrichten aus Isphahan?
    Vortreffliche. Man braucht dort nur noch die Zeit zu erfahren, so fhrt der
Sbel aus der Scheide.
    Das klingt gut! Und die Zeit ist mir bekannt. Ich habe sie soeben von dem
Mirza gehrt und den Massaban von Feraghan entgegenzutragen, welche schon auf
dem Wege sind. Wit Ihr vom Rennen bei den Dschamikun?
    Wir wissen Alles. Das Fest beginnt am Sonntag. Das Vorrennen findet am
Montag statt, und das Hauptrennen wird am Dienstag sein.
    Das stimmt. Nun aber komme ich mit meiner wichtigen Kunde: Nmlich die
Umschlieung der Dschamikun findet am nchsten Tage, also Mittwoch, statt. Sie
mu am Donnerstag frh vollendet sein. Sobald der Tag graut, schlagen wir von
allen Seiten auf sie los. Diese Nachricht habe ich den Massaban zu bringen, und
zwar eilig. Darum verzeiht, da ich nicht lnger halten kann!
    Er ritt weiter; wir ebenso. Keiner von uns bezweifelte, da wir diese
hochwichtige Nachricht nur unsern persischen Anzgen zu verdanken hatten.
    Nun kam es darauf an, den Gefahren des Gesehenwerdens fr uns vorzubeugen.
Die Helligkeit erlaubte es nicht, uns etwaigen Beobachtungen vom Dschebel Adawa
aus zu entziehen. Unser einziger Schutz bestand in der Vortuschung, da wir vom
Lager der Takikurden nach dem Berge kmen. Daher umritten wir ihn in einem
weiten Bogen, bis wir an seine westliche Seite gelangten, wo auch das Wasser
flo, an dem sich Ibn el Idrak einstellen wollte. Dieser Bach war weit hinaus
mit Buschwerk besetzt und bot uns also die beste Gelegenheit, uns unter guter
Deckung anzunhern. Das glckte uns aufs Beste. Wir folgten den Windungen des
Wassers und kamen also auch an diejenige, wo die Unterredung mit Ibn el Idrak
stattfinden sollte. Es stimmte, da ein einzelner, hoher Baum da stand. Nun
brauchte der Ustad diesen Ort nicht spter erst zu suchen.
    Jetzt handelte es sich zunchst um eine verborgene Stelle fr unsere Pferde,
bei denen ich zu bleiben hatte, weil Kara mit hinauf mute, um dem Ustad den
hohlen Hollunderbaum zu zeigen. Sie sollte sich bald finden. Als wir eine
Strecke lngs der Sdseite des Berges geritten waren, schnitt eine schmale
Schlucht tief in die Felsenmassen ein. Sie war nicht offen, sondern durch eine
hohe, starke, uralte Mauer abgesperrt, deren obere Kante hchst unregelmig
verlief, weil die Werkstcke von dort herabgestrzt waren und nun unten wirr
durcheinander lagen. Diese Mauer hatte zu ebener Erde eine schmale Torffnung,
auf welche der Ustad zuritt, indem er sagte:
    Das ist die Diwar-y-Mugasa93. Weshalb sie so genannt wird, wei ich nicht.
Wahrscheinlich hat sie einst als eine Art von Talsperre gedient. Jetzt ist
dieser Ort so verrufen, da man ihn am hellen Tage meidet, wie viel mehr also
jetzt, des Nachts. Du wirst hier ungestrter sein als an jeder andern Stelle,
Effendi. Man behauptet, wenn der Teufel eine Seele hole, so schaffe er sie des
Nachts hierher, um sie zu zerreien.
    Angenehme Wartestation! lachte ich. Bei der bekannten Leichtglubigkeit
der frommen Taki-Kurden bin ich da allerdings im hchsten Grade vor menschlichen
Besuchen sicher. Andere aber knnen mich nicht stren.
    Wir stiegen ab, fhrten unsere Pferde zwischen den Steinen hindurch dem Tore
zu und befanden uns, als wir dasselbe passiert hatten, zunchst in einem oben
zugebauten Raume, in dem es vollstndig dunkel war.
    Daran habe ich nicht gedacht, fuhr der Ustad fort. Wir htten Licht
mitnehmen sollen.
    Habe ich, sagte ich, indem ich eines aus der Tasche nahm und anbrannte.
    Man hatte einen viereckigen, mit einem Dache versehenen Anbau an die Mauer
gefgt. Hinten ging eine Oeffnung in die Schlucht; sie war von auen dicht
verwachsen. In der Mitte der Dunkelkammer lag eine groe Steinplatte. Weiter war
nichts zu sehen. Da uns die Vorsicht verbot, die Pferde gleich hier
unterzubringen, wo es im unerwnschten Falle weder ein Verbergen noch ein
Entrinnen gab, versuchten wir, durch die Oeffnung hinaus in das Freie zu
dringen, doch ohne die hindernden Bsche, welche diese Tr verstopften, in
aufflliger Weise zu verletzen. Es gelang. Drauen war es halbdunkel, denn die
Sterne fehlten dieser schmalen Schlucht, deren Felsenwnde ganz betrchtlich in
die Hhe stiegen. Es war keineswegs ein einladender Ort, an dem wir uns
befanden. Seine Dsterheit stimmte ganz zu der teuflischen Idee, von welcher der
Ustad gesprochen hatte. Wir fhrten die Pferde ein betrchtliches Stck in die
Enge hinein und lieen sie sich niederlegen. Dann wurde es fr Kara und den
Ustad Zeit, ihren Gang nach der Bergeshhe anzutreten. Ich bat sie, das Gebsch
an der Tr zu schonen, damit wir nicht durch abgebrochene Zweige verraten
wrden; dann entfernten sie sich. Ich aber setzte mich zu Syrr, doch so, da ich
jeden Nahenden eher bemerken konnte, als er mich.
    Es verging Viertelstunde um Viertelstunde. Die Mitternacht kam. Also
befanden sich meine beiden Kameraden jetzt wahrscheinlich oben auf ihrem
Lauscherposten. War es ihnen gelungen, den Ort der Zusammenkunft zu entdecken?
Eben legte ich mir diese Frage vor, da sah ich zwei Gestalten, welche langsamen
Schrittes von der Mauer her nach hinten kamen - - - persisch gekleidet; sie
waren es. Da stand ich auf.
    Bleib ruhig sitzen! sagte der Ustad. Wir haben ber eine Stunde zu
warten, ehe ich nach dem Bache gehen kann.
    Eure Absicht ist nicht gelungen? fragte ich.
    Nein, antwortete er, indem wir uns niedersetzten. Wir lagen gut versteckt
beim Hollunderbaum. Da kam Ahriman Mirza mit noch Einem. Wahrscheinlich war dies
der Vertraute, den du in unsern Ruinen bei ihm gesehen hast, denn der Mirza
hatte sich nicht vor ihm verhllt. Sie sprachen miteinander, nicht lange und
auch nicht laut, doch so, da wir jedes Wort verstanden. Ahriman hatte die
Reitpeitsche in der Hand. Er mute erst krzlich einmal hier gewesen sein, denn
er nahm eine Larve aus dem hohlen Baume, die nicht drin gewesen ist, als Kara
ihn untersuchte. Er band sie vor das Gesicht und zog dann eine Agraffe aus der
Tasche seines Rockes, um sie an die Mtze zu stecken. Dabei sagte er:
    Die habe ich noch von drben, bei den Dschamikun. Ich fand keine Zeit, sie
zu verstecken, weil ich wegen des Scheik ul Islam schnell um den Berg herum zu
meinem Pferde mute. Die hiesige kann also steckenbleiben, vielleicht fr immer,
denn ich glaube nicht, da ich sie hier noch einmal brauchen werde. Heut mache
ich es kurz. Die Befehle zur Umzingelung am Mittwoch Abend sind schnell gegeben.
Dann gehe ich im Utaq-y-Scheijtan94 noch einmal die beiden Dokumente durch,
ehe ich dem Scheik ul Islam das seinige in der Dschemma wiedergebe. Jetzt komm!
Dieser Lieblingsesel Allahs ahnt gar nicht, da er sich mit der Unterschrift der
Kaiserurkunden vollstndig in meine Hand geliefert hat!
    Sie gingen, und wir krochen aus unserm Versteck hervor, um ihnen zu folgen.
Da dies aber hchst leise und vorsichtig geschehen mute, taten wir es nicht
schnell genug und suchten dann vergeblich, eine Spur von ihnen zu sehen oder zu
hren. Um wenigstens nicht ganz ohne Resultat zu dir zu kommen, kehrten wir zum
Hollunder zurck, aus dem wir die Agraffe genommen haben.
    Warum? Wozu? Kann das nicht ble Folgen haben?
    Mglich! Aber ich hatte das Gefhl, da ich dieses glitzernde Ding nicht
steckenlassen drfe. Ich kenne diese Empfindung; sie hat mich immer richtig
gefhrt. Denke an unsere Anzge, ohne welche wir von dem Boten jedenfalls nichts
erfahren htten!
    So mag es sein. Auch ich folge derartigen Eingebungen stets gern. Ist dir
der Name Utaq-y-Scheijtan bekannt?
    Nein. Ich habe ihn noch nicht gehrt. Aber ich habe jetzt unterwegs darber
nachgedacht und vermute, da er hier mit dieser Mauer in Verbindung zu bringen
sei. Der Name Teufelsstube harmoniert mit dem Aberglauben, da der Teufel hier
die von ihm geholten Seelen zerreie. Sollte Ahriman Mirza mit diesem
Utaq-y-Scheijtan den finstern Raum dort gemeint haben, durch den wir muten, um
hierher zu kommen?
    Mir kommt dies fast wahrscheinlich vor.
    Mir ebenso! Er will da die beiden Kaiserdokumente noch einmal prfen
Kaiserurkunden! Also das Allerwichtigste, was man ihm entreien knnte! Aber
entreien? Nein. Es mte klger angefangen werden. Bitte, sprecht jetzt nicht
auf mich! Es kommt mir ein Gedanke. Knnte er richtig ausgefhrt werden, so wre
er unvergleichlich!
    Er schwieg hierauf, um nachzudenken. Darum waren wir auch still. Nach
einiger Zeit sprang er pltzlich auf und sagte:
    Was das nur ist? Es lt mir keine Ruhe. Komm mit, Effendi! Ich mu vor an
die Mauer. Es ist Etwas in mir, was mir sagt, da Ahriman Mirza bald erscheinen
wird.
    Wir gingen mit einander nach vorn, bis zu der mit Bschen besetzten Tr. Wir
schoben das Gestruch mit den Hnden zurck, um in den Raum zu treten. Da
flsterte der Ustad:
    Da - da - - da, schau! Wie recht die Stimme in mir hatte! Siehst du ihn?
    Allerdings sah ich ihn. Er war soeben gekommen und stand drauen vor dem
Eingange, im Sternenschein, um sich umzusehen. Die Reitpeitsche in der Hand, die
schwarze Maske vor dem Gesicht, die Agraffe an der Mtze. In seinem Grtel
flimmerte der Griff seines Chandschar, welcher dem meinigen glich. Da war Alles
sehr deutlich zu sehen. Da fragte mich der Ustad leise:
    Kennst du die Sage vom Chodem des Menschen?
    Ja, antwortete ich ebenso leise.
    Ich wei, da der Mirza an diese Sage glaubt, und werde ihn bei ihr fassen.
Halte die Bsche zurck, wenn ich zu ihm hineinschlpfe und auch dann, wenn ich
wiederkomme!
    Er nahm die Maske aus dem Peitschengriffe und band sie sich vor das Gesicht.
Dann holte er die Agraffe aus der Blechkapsel und steckte sie an die Mtze.
Hierauf steckte er auch meinen Chandschar genau so, wie der Mirza den seinigen
im Grtel trug. Und nun wartete er.
    Ich wute nicht eigentlich, was er beabsichtigte, obwohl ich die Bedeutung
des Chodem kannte. Chodem ist das persische Wort fr ich selbst. Die dortigen
Metaphysiker aber bezeichnen mit diesem Worte etwas noch Anderes, ungefhr so
eine Art dessen, was wir Doppelgnger nennen, aber in viel hherem, edlerem
Sinne. Sie lehren, da der Mensch zwar auch einen Geist besitze, den die Seele
nach und nach aus den Stoffen des Krpers heraus- und emporzubilden habe, aber
dieser rein menschliche Geist sei abhngig und werde geleitet von einem Geiste
aus hheren Regionen, der Gott mit seinem eigenen Schicksale dafr
verantwortlich sei, da der ihm anvertraute Mensch seine Bestimmung erreiche.
Dieser hohe Geist eigne sich smtliche Aggregatszustnde seines Menschen an und
sei also imstande, ihm und auch Anderen persnlich zu erscheinen, und zwar ganz
genau in derselben Gestalt und Kleidung wie der Betreffende selbst. Erscheine er
Andern, so habe das nichts Schlimmes zu bedeuten; lasse er sich aber vor seinem
eigenen Menschen sehen, so sei das ein sicheres Zeichen, da er ihn fr immer
verlassen werde, also entweder des nahenden Wahnsinns oder des zu erwartenden
Todes. Denn ein Mensch, der von seinem hhern Geiste, von seinem Chodem
aufgegeben wird, mu entweder sofort sterben oder in geistiger Nacht langsam
versiechen.
    Das ist die Sage oder die Lehre, auf welche der Ustad sein jetziges
Verhalten sttzen wollte.
    Ahriman Mirza kam herein. Er brannte ein mitgebrachtes Licht an und ging an
die Steinplatte, um es dort fest anzutropfen. Als dies geschehen war, zog er
zwei zusammengefaltete, groe Papierbogen aus der Tasche, schlug sie auseinander
und beugte sich zum Lichte, um zu lesen. Da schob sich der Ustad leise, leise
zwischen Gebsch und Wand hinein, schlich unhrbaren Schrittes zu ihm hin, bis
er hinter ihm stand, und berhrte ihn mit der Reitpeitsche. Der Mirza zuckte
zusammen, richtete sich schnell auf, drehte sich um und - - - stie einen Schrei
aus, wie ihn nur der grte Schreck oder gar das wirkliche Entsetzen aus der
Lunge zu pressen vermag. Dann stand er starr wie Stein, vollstndig
bewegungslos.
    Mir selbst, der ich doch wute, woran ich war, erschien die Szene beinahe
grauenhaft. An der gespenstigen Mauer der Vergeltung - - in der
Teufelsstube, wo der Satan die von ihm geholten Seelen zerreit - - ein
kleines Licht, nur zwei, drei Schritte weit schimmernd - - ein Menschen- und ein
hherer Geist - - sich schwarz aus der Schwrze des ringsum herrschenden Dunkels
herausgestaltend - - nicht nur einander hnlich, sondern von unbedingt ganz
gleicher Wesenheit - - der Eine ganz genau das Augenbild des Andern - - vom Kopf
bis zu dem Fu herab ein einziges Ich und doch in zwei Personen! Wenn es mich
dabei wie kalt berlief, wie mochte es da erst dem Mirza zu Mute sein!
    Sonderbarer, aber psychologisch doch ganz richtiger Weise gab er seinem
Entsetzen nach dem ersten Schrei nicht etwa einen Totalausdruck, sondern er
richtete es auf Einzelheiten, die ihn an sich selbst irr machten.
    Meine Agraffe! rief er aus, mit der Hand nach des Ustad Mtze deutend.
Meine Larve - - mein Chandschar - - meine Peitsche!
    Seine Finger ffneten sich. Die beiden Papierbogen flatterten zur Erde
nieder. Ich sah ihn zittern. Seine Kniee wankten; sie brachen zusammen. Er sank
zu Boden, hielt sich am Steine fest, hob die andere Hand abwehrend empor und
schrie:
    Mein Chodem - - mein Chodem - - mein Chodem! Was hast du mir zu bringen?
    Der Ustad antwortete, und seine Stimme klang genau so dumpf wie diejenige
des Mirza unter der Larve hervor:
    Keine Krone und kein Kaiserreich! Whle: Tod oder Wahnsinn!
    Den Tod? Nicht ihn, nicht ihn! Ich will nicht sterben, nicht sterben! Ich
mu leben, leben - - leben!
    So hast du gewhlt. Der Wahnsinn sei der Geist, der dich nun packt wie alle
deine Schatten! Hinaus mit dir, hinaus! Such Schutz bei deinen Massaban! Knie
vor den heilgen Scheik des Islam nieder! Verla dich auf die ganze Macht der
Lge! Er hat die Faust soeben ausgestreckt. Er fat dich beim Genick wie eine
tote Katze. Er schleppt dich hin, bis wo der Abgrund ghnt, und schttelt dich
hoch ber - - -
    Tote Katze, tote Katze! unterbrach ihn der Mirza, indem er schaudernd
aufbrllte, als er diese seine eigene Drohung hrte. Du weit Alles, Alles,
Alles! Aber ich mag deinen Wahnsinn nicht; ich will ihn nicht! Behalte ihn hier
bei dir; ich aber eile fort, fort - - - fort!
    Er schnellte sich auf und sprang zur Tr hinaus. Der Ustad hob die Dokumente
auf, faltete sie zusammen und steckte sie zu sich. Dann trat er vorsichtig in
das Freie hinaus, um dem Fliehenden nachzuschauen.
    Komm, mein Freund! forderte er mich dann auf. Komm, wenn du einen
Menschen sehen willst, der vor dem Wahnsinn flieht und ihm aber nun ganz
unmglich entgehen kann!
    Ich ging zu ihm hin. Der Mirza rannte, wie von Furien gejagt, geraden Weges
in die Ebene hinaus, wo er doch nicht das Geringste zu suchen und zu finden
hatte.
    Ist das nicht schon geistige Strung? fragte der Ustad. Jeder Andere
wrde dahin gehen, wo er seine Leute trifft; dieser aber wei schon nicht mehr,
was er tut! Fr uns aber ist es geraten, uns schleunigst zu entfernen. Holen wir
die Pferde!
    Wir taten es. Dann ritten wir fort, ohne das Licht ausgelscht zu haben. Der
Ustad wollte es so. Er fhrte uns um den Berg herum und dann weit gegen Norden,
wo wir nicht gesehen werden konnten. Dort stiegen wir ab und setzten uns nieder,
denn die Zeit der Unterredung mit Ibn el Idrak war noch nicht da.
    Keiner von uns sprach. Ich hatte kaum Raum genug fr die Gedanken, welche
mir kamen und gingen. Ist es wirklich nur Sage, oder giebt es einen Chodem fr
Jeden, der ein geistiges Leben fhrt? Da legte der Ustad seine Hand auf meinen
Arm und sagte:
    Du denkst, und ich wei, worber. Grble nicht, sondern warte! Der Mensch
ist ja gewhnt, nur das zu glauben, was er mit seinen krperlichen Augen sieht.
Weit du noch, da ich Hadschi Halefs Seele durch die besondere Betonung seines
vollstndigen, langen Namens zurckrief. Htte ich das nicht getan, so wre er
gestorben, so aber zwang ich ihn, sich auf sich selbst zu besinnen, wie man sich
leider auszudrcken pflegt. Meinst du vielleicht, da nur die Seele zu zwingen
sei? Warte es ab! Die sogenannte Erziehung zwingt Millionen Geister in
Schablonen. Sollte es denn gar so unmglich sein, von diesen Millionen
wenigstens einen einzigen aus dieser Schablone wieder herauszuzwingen?
    Wie das so eigenartig klang! Ich sollte nicht denken, sondern warten. Wer
das wohl fertig brchte!
    Als die Zeit gekommen war, ritten wir wieder nher an den Berg und dort in
eine kleine Bodenvertiefung hinab, die uns vor unberufenen Augen schtzte. Dort
hatte ich mit Kara zu bleiben. Der Ustad aber ging zu Fu hinber nach dem Bach,
wo Ibn el Idrak wahrscheinlich schon auf ihn wartete. Ich war nicht ganz ohne
alle Besorgnis um den Freund, doch versicherte er, es mit einem ehrlichen Manne
zu tun zu haben. Das mute ich gelten lassen. Natrlich hatte er Larve und
Agraffe schon lngst wieder abgelegt.
    Es verging weit ber eine Stunde; da kam er wieder, mit schnellen, krftigen
Schritten, wie Jemand, der eine gute Botschaft bringt.
    Dieser Aschyk ist ein Prachtmensch geworden! rief er uns zu, noch ehe er
uns erreicht hatte. Ich mu ihn dem Schah-in-Schah unbedingt zur Begnadigung
empfehlen, und zwar sofort, wenn wir jetzt heimgekehrt sind. Denn es mu wieder
ein Eilbote fort.
    So hast du also Gutes gehrt? fragte ich.
    Sehr Gutes! Wir mssen noch vor Tages Anbruch daheim sein, damit man deinen
Syrr nicht sehe. Darum habe ich mich jetzt nur kurz zu fassen. Unsere Renngegner
treffen heut schon ein, um ihre Pferde mit der Bahn vertraut zu machen. Was ich
nur ahnte, ist mir jetzt gewi: Ibn el Idrak hat einen so bedeutenden Anhang
unter den Taki, da er im Stande ist, die Plne des Scheik ul Islam zu
durchkreuzen, und dazu ist er unbedingt entschlossen. Von ihm ist der Gedanke
ausgegangen, da ich Ustad der Taki werden soll, und er hlt ihn sogar jetzt
noch fest. Der Scheik ul Islam hat ihm aber in schlauer Weise vorgegriffen, um
entweder die Ausfhrung ganz unmglich oder mich zu einem seiner willigen
Geschpfe zu machen. Seit er seinen Ghulam als Ustad eingeschmuggelt hat, haben
mehrere strmische Sitzungen stattgefunden. Zu ihm halten die denkschwachen
Fanatiker, welche Fatima noch ber Muhammed selbst setzen, und die jngeren
Babi, die den Kaiser tief unter sich wissen wollen. Das sind unsere Gegner, die
sich zunchst am Rennen und dann auch am Kampfe beteiligen werden. Ich will sie
einstweilen die Ultra-Taki nennen. Die Andern sind die Friedfertigen. Sie haben
uns beobachtet und nie eine Ueberhebung, eine Falschheit bei uns gefunden. Sie
verlangen, uns als Menschen achten zu drfen, nicht aber um des Glaubens willen
uns hassen und befeinden zu mssen. Sie wollen Muhammed verehren, aber nicht den
Scheik ul Islam anbeten. Sie wollen dem Schah-in-Schah gehorchen und keine
willenlose Puppe an seiner Stelle sehen. Sie haben Ibn el Idrak beauftragt,
diese ihre Wnsche in der Dschemma vorzutragen, sind aber mit einer so
hochmtigen und beleidigenden Rcksichtslosigkeit abgewiesen worden, da sie
beschlossen haben, nun auch ihrerseits nicht die geringste Rcksicht mehr zu
nehmen und ihre Wege ebenso heimlich zu gehen wie die Andern. Die erste Folge
dieses Entschlusses ist die jetzige Unterredung mit mir. Ich bin mit Ibn el
Idrak so aufrichtig gewesen, wie es mir geboten erschien. Er staunte ber das,
was er erfuhr. Als ich ihm schlielich aber auch noch mitteilte, da ihr neuer
Ustad der blutige, gewissenlose Henker der Sillan sei und da der Oberste der
Schatten Kaiser werden solle, war er ganz auer sich ber dieses betrgerische
Spiel und nahm sich vor, diese Hinterlist mit gleicher Mnze zu bezahlen. Die
Ultra-Taki werden also nicht das Geringste von dem erfahren, was die
Friedfertigen und Regierungstreuen zu tun gesonnen sind. Der gegen sie
gerichtete Schlag wird ber sie kommen wie ein Blitz aus wolkenlosem Himmel.
    Und worin wird dieser Schlag bestehen? fragte ich.
    Man wird kein Wort gegen den Kampf mit uns sprechen, sie aber im letzten
Augenblick einfach sitzen lassen. Greifen sie uns dann trotzdem an, so geschieht
ihnen, was sie verdienen. Das sind die allgemeinen Gesichtspunkte; ber das
Besondere sprechen wir spter. Jetzt mssen wir fort, denn der Osten wird schon
licht.
    Also nun der Proberitt! Ich denke, es wird noch Niemand so schnell
hinbergekommen sein, wie gegenwrtig wir. Reitet ihr voran!
    Voran? Warum?
    Weil ihr mich sonst bald aus den Augen verlieren wrdet! lachte ich.
    Uebermut! Willst du Kara's Barkh und sogar deinen Assil krnken?
    Nein. Darum eben bitte ich Euch, eine Vorgabe anzunehmen.
    So sei es! Aber ich sage dir: Wir wenden, um uns nicht einholen zu lassen,
sogar das Geheimnis an, und dein Syrr hat ja keines!
    Er braucht keins, weil er selbst Geheimnis ist. Macht los! Ich steige nicht
eher auf, als bis ich Euch nicht mehr sehen kann; dann aber komme ich!
    Sie schwangen sich ber die Bgel, nahmen gleichen Anlauf und ritten in die
Ebene hinaus, westwrts, schneller, immer schneller, bis ich sie in fliegenden
Galopp fallen sah. Syrr war verwundert. Er sah bald mich an, bald hob er den
Kopf, um den Forteilenden nachzuwinden. Er warf ihn auf und nieder; er
schttelte ihn. Er schnaubte; er scharrte den Boden. Er wieherte endlich gar. Da
streichelte ich ihn, und sofort wurde er vollstndig ruhig. Aber er richtete die
Augen unablssig nach vorwrts, wo die beiden Reiter immer kleiner und kleiner
wurden.
    Nun verschwanden sie. Ich setzte den Fu in den Bgel. Da drehte Syrr den
Kopf herum und lie jenen tiefen, fast grunzenden Baton hren, dem man es
deutlich anhrt, da er sagen soll: Na, endlich, endlich, endlich! Aber nun!
Noch sa ich nicht fest, so flog ich schon. Ich brauchte nichts zu sagen; ich
brauchte nichts zu tun. Er wollte ja selbst, was er sollte! Ein solcher Ritt
lt sich leider nicht beschreiben. Wenn ich die Augen schlo, war es mir, als
ob ich nur so schwebe!
    Schon nach einigen Minuten sah ich den Ustad und Kara wieder. Sie ritten
noch beisammen. Ich nherte mich ihnen zusehends. Jetzt muten sie sich
umgeschaut und mich bemerkt haben, denn ich erkannte aus den Bewegungen ihrer
Pferde, da die Geheimnisse in Anwendung kamen. Da bog ich mich vor und berhrte
Syrrs Hals, leise streichelnd. U - - u - - u! machte er und griff sodann in
einer Weise aus, als ob die bisherige Schnelligkeit so viel wie nichts gewesen
sei. Wir rckten vor, kamen nher, immer nher. Kara war schon zurckgeblieben,
denn mein Assil war dem Barkh berlegen. Noch zehn Pferdelngen - - noch fnf,
noch drei, noch eine - - Jetzt hatte ich ihn eingeholt und ritt neben ihm.
    Ma'assalami - - lebe wohl, Kara! lachte ich ihm zu. Gieb dem Barkh doch
das Geheimnis!
    Ich gab es ja bereits! antwortete er.
    So komm hbsch langsam nach!
    Syrr wieherte, als ob er diesen Scherz verstanden habe, in sich hinein,
schnellte sich mit zwei, drei fast unbegreiflichen Sprngen ber Barkh hinaus,
warf den Kopf fr einen Augenblick herum, um zu sehen, ob er ihn auch wirklich
berholt habe, und nahm dann nur noch Assil in die Augen. Dieser war ungefhr
zwanzig Pferdelngen voran.
    Sabah bil-cher - - guten Morgen! rief ich nun dem Ustad zu. Mach schnell,
sonst wird es Tag!
    Er antwortete nur, indem er den Arm in die Luft warf, denn etwas Anderes
htte den Lauf seines Pferdes leicht hemmen knnen. Dennoch wurden aus den
zwanzig Lngen fnfzehn - - zehn - - fnf - - zwei - - eine - - jetzt hatte ich
ihn! - - wieder einige federschnellende Sprnge meines Syrr - - da war ich
voraus - - -
    Gibst du zu, da du bald weit hinter mir sein wirst? fragte ich.
    Warum das ausdrcklich zugeben? antwortete er.
    Weil ich dann innehalte. Ich mchte meinen Assil nicht krnken. Er schmt
sich, wenn er berholt wird.
    Das ist brav von dir! Ja, dein Syrr ist uns ber, sogar weit ber. Hemmen
wir also den Lauf!
    Indem wir dies taten, holte uns Kara schnell ein. Da war es geradezu
rhrend, da alle drei Pferde vor Freude darber, da sie nun wieder beisammen
waren, laut aufwieherten, eines wie das andere, fast wie aus einem Munde, wie
man zu sagen pflegt. Und nun sahen wir, wie unglaublich schnell uns dieses
Proberennen vorwrts gebracht hatte: Die Ebene war zu Ende; die Berge der
Dschamikun lagen vor uns. Wir hatten nur noch hinunter in das Tal und drben
wieder hinaufzureiten, um an den Steinbruchweg und also heimzukommen. So leicht,
so schnell kommt der Mensch vom Bsen auf das Gute, wenn er die Krfte zu
benutzen wei, die ihn nach oben und heim zu tragen haben!
    Wir konnten mit dem Resultate dieses Proberittes im hchsten Grade zufrieden
sein. Hatten wir uns schon vorher nicht vor dem Rennen gefrchtet, so waren wir
nun vollstndig berzeugt, wenn nicht alle, so doch wenigstens die Haupttouren
sicher zu gewinnen. Bei uns angekommen, sorgten wir zunchst fr die herrlichen
Tiere; dann trennten wir uns. Ich ging sogleich schlafen und wachte erst am
spten Morgen auf.
    Als Schakara mir das Frhstck brachte, sagte sie mir, da noch whrend der
Nacht ein Eilbote des Schah gekommen und dann mit der Antwort des Ustad wieder
fortgeritten sei. Er habe sich absichtlich so gekleidet gehabt, da Niemand
erraten konnte, wer oder was er sei. Der Herrscher hatte nichts weiter als den
Befehl geschickt, womglich Blutvergieen zu vermeiden. Der Ustad war erfreut
gewesen, bei dieser Gelegenheit dem Schah zunchst das von dem Aschyk erhaltene
Verzeichnis und sodann auch die heut Nacht erlangten beiden Kaiserdokumente
senden zu knnen. Damit waren der Scheik ul Islam und Ahriman Mirza ein fr
allemal vernichtet. Und zugleich hatte er auch ein Gnadengesuch fr den Aschyk
beigelegt. Ich dachte, als ich dies hrte, an seinen Ausspruch, da der Aschyk
ein prachtvoller Mensch geworden sei. Er hatte sich hierber nicht weiter
geuert; nun aber erfuhr ich von Schakara, da der Aschyk sich Ibn el Idrak
freiwillig zur Verfgung gestellt und eine gradezu erstaunliche Geschicklichkeit
und Ausdauer entwickelt habe, die Taki zu berzeugen, da man durch lichtscheuen
Ungehorsam gegen den Schah nichts als den eigenen Untergang erreiche. Uebrigens
sei der Ustad der Meinung, da die dortigen Ultra's den Mut nicht haben wrden,
den sie zeigten, wenn sich nicht grad jetzt der Scheik ul Islam, der Mirza und
die Gul-i-Schiras bei ihnen befnden, in deren Interesse es liege, diese Leute
in ihrem stupiden Fanatismus zu bestrken.
    Ich war noch nicht drauen auf meinem Freidache gewesen. Jetzt bat mich
Schakara, mit ihr hinauszukommen, weil sie mir Interessantes zu zeigen habe. Sie
meinte da zunchst ein groes, herrschaftliches Zelt, welches, schon fast
fertig, drben in den Ruinen errichtet worden war. Nicht weit davon sah ich
andere Leute beschftigt, ein zweites, auch groes, aber nicht so prchtiges
herzustellen? Auf meine Frage, fr wen diese beiden Zelte seien, antwortete sie:
    Das so schn ausgeschmckte ist fr die Gul-i- bestimmt. Sie handelt da
jedenfalls im Auftrage des Ahriman Mirza, der hierdurch der Besetzung der Ruinen
durch die Taki vorauskommen will. Ihre Leute kamen schon kurz nach Tagesanbruch
hier an, um den Bau sogleich zu beginnen. Der Scheik ul Islam scheint so etwas
gewut oder wenigstens geahnt zu haben, denn er hat sich beeilt, auf diesen
Schachzug einen hnlichen zu tun. Seine Diener kamen mit dem zweiten Zelte, und
wie du siehst, wird sich nun die himmlische Tugend eng neben dem irdischen
Laster niederlassen, und zwar beide, ohne uns vorher um unsere Ansicht hierber
gefragt zu haben.
    Will das der Ustad dulden?
    Er wartet noch. Kommt seine Zeit, so wird er zu handeln wissen. Und nun
schau dort hinaus, jenseits des Sees! Da baut man ein drittes, groes Zelt. Das
ist fr Ahriman Mirza. Er hat, auch ohne zu fragen, diese Stelle gewhlt, weil
seine Schatten und Massaban von jener Seite heranziehen werden. Der Anfang zu
der Umzingelung wird also schon heut gemacht. Aber ebenso von heute an sind auch
schon unsere nahen und fernen Posten ausgestellt, welche dafr sorgen, da wir
jede feindliche Annherung rechtzeitig erfahren. Die smtlichen Dschamikun
stehen bereits unter Waffen, wenn sie es auch nicht sehen lassen, die hiesigen
wie auch die auswrtigen. Ebenso auch die Kalhuran, mit denen wir verbndet
sind. Sie haben bereits ihre besten Reiter und Rennpferde gesandt. Da schau
hinab, wie sie schon ben! Was der Ustad fr einen Verteidigungsplan entworfen
hat, das wei ich nicht; aber er sagte mir, ich solle Marah Durimeh nicht um
Hilfe bitten; wir seien stark genug. Diese Zuversicht ist hchst beruhigend. Ich
habe aber trotzdem einen Boten an sie gesandt, und ihre noch nie besiegten,
wohlgewappneten Reiter werden zur rechten Zeit erscheinen. Du weit ja, fgte
sie lchelnd hinzu, die Seele ist selbst dann noch gern fr den Geist besorgt,
wenn er meint, seiner Sache vollstndig sicher zu sein!
    Eben als sie dies sagte, bemerkten wir eine lebhafte Bewegung, welche sich
schnell ber den ganzen Duar verbreitete. Die Ursache war ein jetzt aus dem
Osten angekommener Reiter, welcher allen, die es hren wollten, eine Neuigkeit
verkndete und dann herauf zum hohen Hause lenkte. Als er durch das Tor kam,
erkannten wir ihn. Es war der Reitknecht unseres Dschafar Mirza. Er hatte der
Hilfe des Schah als Fhrer gedient und war ihr eine Strecke vorausgeritten, um
zu melden, da hundert Mann der Ghulman-i-Schahi95 im Anzuge seien. Er brachte
das Pferd des Hauptmanns mit. Zu gleicher Zeit kam die Gul-i-Schiras mit ihrem
Hosstaate auf unserm gestrigen Wege links heraufgeritten, und in kurzem Abstande
folgte ihr der Scheik ul Islam mit seinem hochtrabenden weltlichen und
geistlichen Stabe. Sie ritten direkt nach den Ruinen, von denen sie Besitz
ergriffen, als ob sie da zu Hause seien. Ihre Rennpferde wurden ihnen
nachgefhrt.
    Schon nach einigen Minuten schien sich zwischen den beiden Parteien ein
Streit ber den Platz entspinnen zu wollen, kam aber fr dieses Mal nicht ganz
zum Ausbruche, weil die Aufmerksamkeit der sich Entzweienden nach Osten
abgelenkt wurde, wo jetzt die Leibwache auf der Bildflche erschien. Diese
auerordentlich gut berittenen und bewaffneten, glnzend uniformierten Hundert
erregten Verwunderung. Wie kam der Ustad zu der noch nie dagewesenen
Auszeichnung, vom Kaiser eine so direkte Untersttzung zu empfangen?! Aber diese
Verwunderung verwandelte sich wohl gar in Schreck, als hinter dieser
Leibkavallerie noch ein Artilleriezug von zwanzig Zambureks96 erschien, dem eine
ganze Reihe Bagage und Munition tragender Kameele folgte. Zwanzig Kanonen! Wenn
auch nur so kleine! Wenn solche Abwehrmittel den Dschamikun zur Verfgung
standen, so war es doch wohl nicht so leicht, mit ihnen anzubinden, wie man
gedacht hatte! Und wozu oder warum waren dem Ustad diese Truppen geschickt
worden? Er wute doch nicht das Geringste von dem geplanten Angriff gegen ihn!
Er sollte doch vollstndig berrascht werden! Sollte er doch vielleicht Etwas
erfahren habe? Aber von wem? Es galt vorsichtig zu sein! Vor allen Dingen gegen
die eigenen Verbndeten!
    Jetzt stieg der Hauptmann hier oben zu Pferde, um hinabzureiten und die zwar
kleine, aber kriegerisch gewichtige Schar zu empfangen und seinen Absichten
gem unterzubringen. Ihre Ankunft hatte auch da drauen bei Ahriman Mirza
Aufsehen erregt. Er kam am See herbeigeritten, anscheinend um der Prinzessin
seinen ersten Besuch in ihrer neuen Wohnung zu machen, denn er hatte sein
Gefolge bei sich, genau dieselben Personen, die am Sonntag voriger Woche drben
am Beith-y-Chodeh mit ihm unser Fest gestrt hatten. Das war eine Art von
Demonstration, die wir ihm gnnen konnten, da er uns unvorsichtiger Weise durch
sie verriet, da seine Unteranfhrer bei ihm angekommen seien. Er ritt, ohne im
Duar anzuhalten, direkt nach den Ruinen. Als er vor dem Zelte abstieg, kam die
Gul heraus, ihn zu begren. Hierbei sah ich sie zum ersten Male. Sie fhrte ihn
hinein. Seine Begleiter blieben im Freien. Nach einiger Zeit lie man den Scheik
ul Islam kommen. Auch er verschwand in dem Zelte.
    Nun bemerkte ich erst, da Syrr nicht zu sehen war. Ich fragte Schakara nach
ihm, fast beschmt ber diese meine Unaufmerksamkeit. Man hatte ihn im Garten
untergebracht, damit er von den Zelten da drben aus nicht gesehen werden knne.
Ich bat meine Seele, ihn ja gut zu versorgen.
    Jetzt traten die drei hohen Persnlichkeiten wieder aus dem Zelte und gingen
mit einander quer durch die Ruinen, dem Glockenwege zu.
    Sie wollen herber zu uns! sagte Schakara. Das mu ich dem Ustad
augenblicklich melden. Unser liebes Haus mu rein von solchem Zuspruch bleiben!
Er wird sie abweisen!
    So bitte ihn, dies womglich hier unter meinem Dache zu tun. Ich mchte die
Gul kennen lernen und darum gern hren, was und wie sie spricht.
    Schakara eilte hinab. Ich beobachtete die Nahenden, doch so, da sie mich
nicht sahen. Die Prinzessin war eine hohe, volle Gestalt. Sie hatte ihre
Kleidung berreich mit Schmuck beladen. Einen Schleier trug sie nicht, hatte
sich also von der in ihrem Kreise gebotenen, schamhaften Zurckhaltung
emanzipiert. Ihr Haar war vorn abgeschnitten und bedeckte die Stirn, ganz nach
Art unserer sogenannten Simpelfransen, zuweilen auch Ponnyfrisur genannt. Die
persischen Haremsfrauen lieben es nmlich sehr, ihrem Gesichte hierdurch einen
zwar geistlosen, dafr aber umso begehrlicheren Ausdruck zu geben. Hinten hingen
die Zpfe fast bis auf den Boden herab. Sie waren mit goldenen Schnuren, Fransen
und Trotteln durchflochten, also sehr wahrscheinlich nicht echt.
Bezeichnenderweise trug sie in der Hand eine Reitpeitsche, ganz so, wie Ahriman
Mirza auch. Sie schwippte mit derselben im Gesprche bald hin und bald her und
war berhaupt in allen ihren Bewegungen so lebhaft, so bestimmt und so
gebieterisch, so wegwerfend und, ich mchte sagen, so keck, wie ich bisher noch
keine einzige Orientalin zu sehen bekommen hatte.
    Sie erreichten die Pferdeweide und blieben einige Zeit bei Assil, Barkh und
Sahm stehen. Sie sprachen dabei sehr lebhaft ber die Pferde. Was, das konnte
ich nicht hren, aber ihren Gestikulationen nach konnte es nicht sehr lobend
sein. Da trat die Prinzessin zu Assil heran und fate ihn am Maule, um es zu
ffnen und seine Zhne zu sehen. Er wollte das nicht dulden. Da schrie sie ihn
zornig an und schlug ihn an die Ganaschen. Im nchsten Augenblicke lag sie am
Boden, von einer krftigen Kopfbewegung des Rappen niedergeschleudert. Sofort
sprang Ahriman Mirza hinzu, hob die Peitsche empor und holte aus, um ihn zu
zchtigen - - - kam aber nicht dazu. Assil war schneller als dieser Mensch. Er
machte eine blitzschnelle Schwenkung, warf sich hinten in die Hhe und schlug
nach ihm aus. Der Huf traf den Kopf des Persers, welcher mit einem lauten Schrei
zusammenbrach. Der Hengst wieherte herausfordernd auf und stellte sich zur
weiteren Gegenwehr bereit. Der Scheik ul Islam aber und auch die Prinzessin,
welche sich wieder aufgerafft hatte, traten zu Ahriman hin, um zu sehen, mit
welchen Folgen er getroffen worden sei. Er stand mit ihrer Hilfe wieder auf,
hielt aber den Kopf in beiden Hnden. Es schien glcklicher Weise nur ein
Streifhieb gewesen zu sein. Der Kopf wurde betastet, begutachtet und endlich
wieder freigegeben. Dann setzten sie den unterbrochenen Weg zu uns fort,
sichtlich im hchsten Grade erzrnt, aber langsam, sehr langsam, weil Ahriman
nur schwankend und nicht schneller gehen konnte.
    Schakara hatte den Ustad geholt. Sie standen mit einander grad unter mir und
hatten den Angriff auf das Pferd und dessen Verteidigung gesehen. Nun kamen die
Drei heran. Sie blieben vor ihnen stehen. Ein eigenartiges Zusammentreffen! Es
wurde zunchst kein Wort gesprochen; aber Auge tauchte sich in Auge. Dann begann
die Prinzessin zu fragen:
    Von wem werden wir hier empfangen? Wer bist du?
    Ihre Stimme klang hart, hochmtig, verchtlich.
    Ich bin der Ustad der Dschamikun, antwortete er gelassen.
    Und wer ist das Geschpf an deiner Seite?
    Geschpf? wiederholte er ihren beleidigenden Ausdruck, aber lchelnd. Ja,
du hast recht gesagt, ohne es zu wollen: Sie ist ein Geschpf Gottes, des
Allerhabenen, des Allreinen; sie wurde von ihm erschaffen in seiner Weisheit und
Gte. Du aber bist kein Geschpf. Du wurdest nicht von dieser Weisheit und Gte
erschaffen, sondern von sndigen Menschen in Snde erzeugt und geboren. Darum
wird sie, die krpergewordene Reinheit der Frauenseele, sich jetzt von uns
entfernen, weil die Tugend geht, sobald das Laster naht!
    Er trat zur Seite, um Schakara an sich vorberzulassen. Sie senkte errtend
das liebe Gesicht und ging. Die Prinzessin schien vor Erstaunen ber diese
Verwegenheit keine Worte finden zu knnen. Sie schnappte frmlich nach Lust.
Ihre Augen funkelten; ihre Lippen bebten; die Peitsche zitterte in ihrer Hand;
die Antwort aber blieb aus. Da nahm sich der Scheik ul Islam der Beleidigten
zornig an:
    Du scheinst nicht zu wissen, wen du vor dir hast. Diese hochgeborene,
edelgepriesene Frstin ist unsere allverehrte Schahsadeh Khanum Gul, welche
gekommen ist, dich mit ihrer beglckenden Gegenwart zu erfreuen!
    Das wei ich wohl. Ich wei sogar noch mehr, nmlich da auch du sie kennst
und dich trotzdem nicht schmst, ihre Gegenwart beglckend zu nennen. Wehe dem
Volke, dessen geistliche Vter, deren Obersten einer du bist, sich mit den
Tchtern des Fleisches verbinden, um dann die Mnner beherrschen zu knnen!
Scheik des heiligen Islam lssest du dich nennen? Und nimmst dich, schlau
berechnend, des geraden Gegenteils von heilig an? Erscheint dir die Schande nur
deshalb so verdienstlich, weil du sie durch die goldene Naddara betrachtest, mit
welcher du leichtsinnige Kchinnen zu belohnen pflegst? Dort steht die Tr zu
meiner Kche offen. Deine Freundin Pekala und dein Vertrauter Tifl sind bereit,
den Segen des heiligen Mannes und des unheiligen Weibes zu empfangen! Du
brauchst dich ihnen nicht wieder in der Demut des Schreibers zu nahen. So dumm
sie sind, als Meisterstck des Islam erkennen sie dich an!
    Sein Gesicht erbleichte. Er krallte mit den Hnden in seinen langen, dnnen
Bart, als ob er sich da festhalten wolle. Er stand wie ein Schulknabe da, der
Prgel bekommen hat und sich noch extra dafr bedanken soll. Eine Erwiederung
fand er nicht. Dafr aber ergriff nun der Mirza das Wort. Er hatte sich mit den
Hnden wiederholt nach der schmerzenden Stirn gegriffen. Jetzt sammelte er sich
und brach los:
    Mensch, was ist mit dir, da du es wagst, in dieser Weise mit uns zu reden!
Die Allerhchsten des ganzen Reiches stehn vor dir! Ist denn hier bei Euch Alles
verrckt geworden, die Menschen sowohl wie auch die Tiere? Wir sind es nicht
gewhnt, da jede Bestie nach uns schlgt! Sei froh, da ich jenes Vieh dort
nicht sofort erschossen habe!
    Er zog bei diesen Worten als nachtrgliche Drohung seine Pistole halb aus
dem Grtel. Da schttelte der Ustad lchelnd den Kopf und sagte:
    Heb diese deine Kugel fr Euren Iblis auf! Es ist doch - - -
    Iblis? unterbrach ihn da der Mirza schnell. Wer hat dir verraten, da ich
den Iblis, den Unbesieglichen, mitgebracht habe? Wer, wer?
    Da bohrte sich des Ustad Blick in seine Augen, und langsam, schwer,
bedeutungsvoll erklang die Antwort:
    Dein eigener Chodem sagte es dem meinigen!
    Da fuhr sich der Mirza mit beiden Hnden schnell wieder an den Kopf und rief
aus:
    Mein Chodem - - Chodem - - Chodem! Auch hier wieder, auch hier! Warum lt
er mir seit dieser Nacht keine Ruhe! Ich bin doch fort von ihm! Ich habe ihn
stehen lassen! Warum luft er mir nach, berall, berall! Warum dieser Schlag
des Pferdes an meinen Kopf! Der war von ihm, von ihm! Ich soll wahnsinnig
werden, verrckt, verrckt! Ich werde es auch noch, wenn er mir keine Ruhe lt!
Fort, fort! Ich lasse ihn wieder stehen! Mag verrckt werden, wer da will, aber
nur nicht ich, nicht ich!
    Er drehte sich um und lief von dannen, mit gleichen Beinen, wie man zu
sagen pflegt, mehr als eilig und immer mit der Peitsche um sich herumfuchtelnd,
ber die Weide - - aber dann nicht nach dem Wege - - - sondern er kletterte, als
ob er gejagt werde, gleich an der Mauer nach den Ruinen hinunter - - - rannte
nach dem Zelte der Khanum Gul, warf sich dort auf sein Pferd und jagte derart
davon, da ihn sein sofort auch aufbrechendes, verwundertes Gefolge unmglich
einholen konnte.
    Was aber die Prinzessin und den Scheik ul Islam betrifft, so machten auch
sie sich wieder von dannen, ohne noch ein weiteres Wort zu sagen, Beide besiegt
und beschmt, wie vielleicht in ihrem ganzen Leben noch kein einziges Mal. Dann
schaute der Ustad herauf zu mir und fragte:
    Denkst du noch an meine Worte? Dieser Geist beginnt bereits seine Schablone
zu verlassen. Wie bald, so haben wir es nur noch mit einem stupiden Menschen zu
tun. Das ist das Schicksal aller Frsten der Schatten!
    Er kehrte in das Haus zurck, und ich kam mit ihm heut gar nicht mehr zu
sprechen. Seine Zeit war zu sehr in Anspruch genommen, doch lie er mich durch
Schakara ber alle Geschehnisse schnell und ausfhrlich unterrichten.
    Zu meiner Ueberraschung wurde mir heut das Mittagessen nicht von ihr allein
gebracht. Pekala kam mit. Sie hatte das gewnscht, um mir Etwas mitteilen zu
knnen. Da stand sie nun vor mir, glhend vor Verlegenheit und nach den
passenden Worten suchend. Als ich ihr Mut machte, begann sie endlich:
    Effendi, ich bitte dich, es mir zu glauben: Ich dachte, da es eine Madama
sei, eine echte, richtige, wirkliche Madama! Sie war ja so dick! Aber als sie
sich in der Kche niedersetzte, gleich auf den Boden, mit einem solchen Plumps,
da nahm ich ihr das Tuch vom Kopfe und - und - - und da erschrak ich so
frchterlich, da ich ganz gewi auch niedergefallen wre, wenn ich mich nicht
an ihr festgehalten htte - - - nein, nicht an ihr, sondern an ihm, denn sie war
ein Mann. Denke dir! Und sie hatte solchen Hunger! Und er a so schn, und so
schnell, und so viel! Und dann schlief sie ein! Und dann a er weiter und
schlief wieder ein! Sie a mir fast Alles weg, was ich fr Andere machte, denn
er war ganz ausgehungert von der Reise. Nun ist sie endlich satt, und weil es
ihm bei mir so schmeckt, sind wir mit einander bereingekommen, da wir uns
niemals, niemals wieder trennen werden. Was sagst du dazu, Effendi? Bist du
einverstanden?
    Du bist doch deine eigene Herrin und kannst also machen, was du willst!
    Das wei ich wohl. Und ich wrde mir auch nicht dreinreden lassen; aber die
Hflichkeit erfordert doch, da ich wenigstens so tue, als ob ich frage. Darum
bin ich schon beim Ustad gewesen. Er hat mich freigegeben, vollstndig frei. Nun
komme ich auch zu dir. Lssest auch du mich gehen?
    Sehr gern!
    Aber ich komme nicht wieder, gar nicht!
    Das wnsche ich auch!
    So! Also auch du! Ich dachte, man wrde weinen. Aber es fllt keinem
Einzigen ein, es zu tun. Und ich habe doch so gut gekocht! Darum rche ich mich.
Ich gehe nmlich sofort. Agha Sibil hat einige Retourkameele nach Isphahan zu
schicken. Da setzen wir uns auf, ich, mein Kepek und auch mein Tifl. Es geht
schon in einer Stunde fort. Mein Kepek hat seit heut frh immerfort gegessen und
wird es also aushalten bis zur nchsten Station. Ich will also Abschied von dir
nehmen, fr immer und fr ewig, und reiche dir meine Hand!
    Behalte sie! Sie gehrt nicht mir, sondern deinem Kepek, fr immer und fr
ewig.
    Diese vllige Gleichgltigkeit schien sie zu erzrnen. Sie ging nach der
Tr, blieb dort noch einmal stehen und sagte:
    Es gibt hier Keinen, der ein edles Frauenherz begreift. Mein Kepek ist der
Einzige. Aber der Ustad hat mir meinen Lohn gegeben und auch noch ein groes
Bakschisch dazu. Nun bin ich mit Euch allen quitt und mag nie wieder Etwas von
Euch wissen. Mich seid Ihr los, ganz grndlich, grndlich los!
    So ging sie hinaus.
    Wie das so schnell gekommen war! Ob ein Aschyk oder ein Kepek, ist ganz
gleich; nur die Kochkunst mu er bewundern, und erziehen mu er sich lassen!
Auch eine Art derjenigen weiblichen Wesen, welche sich rhmen, die Seelen oder
gar die Engel ihrer Mnner zu sein! Genau eine Stunde spter sah ich, da ihre
Sachen hinunter nach Agha Sybils Zelt geschafft wurden. Dann gingen sie selbst,
Pekala an ihres Kepek Seite, eine voluminse Ewarenliebe, voran Tifl, der dnn
Aufgeschossene. Nicht lange Zeit hierauf humpelten die Lastkameele aus dem Duar,
welche die Festjungfrau mit ihrem neuen, erkochten Glck von dannen trugen.
Kein einziger Dschamiki gab ihnen das Geleite. Das war die ganz natrliche Folge
ihrer unbedachten Schwtzereien!
    Am Nachmittag erfuhr ich durch Schakara, da der Ustad den geheimen Weg vom
Allerheiligsten auch untersucht hatte. Er war sogar auch unten im Bassin
gewesen, hatte mir aber nichts davon mitgeteilt, um mich nicht ber ihn zu
beunruhigen.
    Ich hatte mir die Dschamikun in einer gewissen, nicht sehr hohen Zahl
vorgestellt. Als sie sich aber heut, am Vortage der morgenden Feier,
einstellten, einzeln, in greren Trupps und in ganzen Scharen, sah ich zu
meinem Erstaunen, wie dicht bevlkert diese so abgelegene Gegend war und wie
bedeutend der geistige Einflu, den der einsame Duar rundum gewonnen hatte. Man
sah die Zelte, Jurten, Laubhtten und offenen Lager berall und eng aneinander
entstehen. Sie bedeckten nach und nach das ganze Tal, stiegen an allen Hhen
empor, krochen unter die Bume der ringsum ragenden Wlder und kletterten ber
die Berge hinber, um sich ber die Hochebene dort weit auszubreiten. Man hatte
mir nicht zuviel gesagt; es kamen Tausende, und selbst als es schon dunkel
geworden war, hrte dieser Zuflu noch nicht auf.
    Am Abend lie der Ustad mir sagen, da ich mglichst zeitig schlafen gehen
mge, weil er beabsichtige, mit mir in frhester Morgenstunde auszureiten. Ich
tat es und erwachte, als es noch nicht vier Uhr Morgens war. Der Tag begann,
leise zu grauen. Von meinem Vorplatze aus sah ich, da er schon unten bei den
Pferden war. Er sattelte die Sahm. Daher beeilte ich mich, zu ihm hinabzukommen,
wo ich erfuhr, da ich den Syrr reiten sollte. Sitz und Halfter lagen schon
bereit; ich brauchte beides nur an- und aufzuschnallen.
    Heut wirst du die Sahm kennen lernen, sagte er. Dein Assil hat sie
besiegt. Wollen aber sehen, wie du nach einigen Stunden hierber denkst.
    Stunden? fragte ich, denn ich bemerkte, da die Satteltaschen mit Proviant
gefllt waren. Willst du an diesem Gedenktage so lange von hier fortbleiben?
    Hierber spter, antwortete er, indem er aufstieg.
    Ich folgte diesem Beispiele; dann ritten wir - - - nicht etwa durch das Tor
oder ber die Ruinen, sondern den steilen, schmalen Glockenweg empor zum
Alabasterzelt, er voran, ich hinterher, ein nicht ganz ungefhrlicher, aber
wunderbarer Ritt!
    Das Tal war noch nicht erwacht. Kein Mensch schaute zu uns empor. Die Sahm
ging unter ihm so leicht, so sicher, als ob sie Flgel habe und ausgleiten
drfe, ohne je zu strzen. Und Syrr? Er tat, als ob er jeden Schritt dieses
khnen Weges kenne. So fest und dabei so elastisch federnd stieg doch die Stute
nicht!
    Hoch oben wich der jetzige Pfad von dem frheren ab, welcher quer ber die
schon einmal erwhnten, lockern Gerllmassen gefhrt hatte. Diese waren in
Bewegung gekommen und hatten sich so weit vorgeschoben, da sie in die Tiefe zu
strzen drohten.
    Das macht mir schwere Sorge, sagte der Ustad. Dem Zelte zwar kann nichts
geschehen, denn es steht auf unerschtterlichem Felsen; aber wenn diese
gewaltigen, haltlosen Massen rechts und links von ihm aus irgend einem Grunde
einmal in Schu geraten, so steht fr die Ruinen da unten eine Katastrophe
bevor, der sie nicht widerstehen knnen. Ich vermute, dann ist es mit der
ganzen, steinernen Vergangenheit zu Ende! Ich nehme an, da du gern hin zum
Zelte mchtest, bitte dich aber, fr heute zu verzichten. Da, schau, es ist von
Holzsten umgeben, welche angebrannt werden sollen. Das mu man von unten aus
sehen, nicht von hier.
    Wir ritten also von weitem vorber, bis auf die zurckliegende, hhere Kuppe
des Berges, von welcher aus man das ganze Gebiet der Dschamikun im ersten
Morgenlichte liegen sah.
    Mein liebes, kleines Reich! sagte er. Man will es mir nehmen. Wie tricht
das ist! Fast eine Hanswurstiade! Man zieht von allen Seiten bewaffnet gegen uns
heran. Darum starren nun auch wir in Waffen; mein guter, kriegerischer
Chodj-y-Dschuna hat es so gewollt. Wie berflssig! Die Rdelsfhrer befinden
sich ja ganz in meinen Hnden. Ich brauchte sie nur festzunehmen und
abzuliefern, wie ich die Beweise abgeliefert habe. Aber wie mich die Liebe der
Meinen gezwungen hat, zu der heutigen Gedenkfeier ein Ja zu sagen, so will ich
ihnen auch den Willen lassen, zu zeigen, da sie nicht nur in guten, sondern
auch in gefhrlichen Tagen treu zu mir stehen. Es wrde von mir undankbar sein,
ihnen die Vorfreude auf den Sieg zu zerstren. Aber fr heut verlasse ich sie.
Wir kommen erst am Abend wieder. Man mag gegen mich schreien und zetern, gegen
mich schreiben und sprechen, gegen mich lgen und schwindeln, flschen und
verzerren, fabeln und fingieren - - ich weiche keinen Schritt, keinen einzigen,
von dem Platze, den mir der Unverstand nicht gnnen will. Aber wo ich gelobt
oder gar gefeiert werden soll, da ist meine Sttte nicht. Die Erfahrung hat mich
gewitzigt. Ich kenne das Lob der Menschen, welche nur rhmen, um auszuntzen.
Die Huldigung wird schnell zur Eloge, der Triumphbogen zum kaudinischen Joch,
welches den soeben Gefeierten zwingt, beim nchsten Schritte den stolzen Nacken
vor ihnen zu beugen. So lobte mich der Scheik ul Islam gegen dich, damit ich
seine Kreatur, der Prgeljunge seiner Partei werden mge. Die Liebe meiner
Dschamikun ist zwar echt; sie kommt direkt aus vollen, ehrlichen Herzen und
scheut sich keinen Augenblick, sich fr mich aufzuopfern. Die Dankbarkeit eines
Jeden von ihnen ist fr mich reines, lauteres Gold; ihr Wert tut meinem Herzen
wohl, wenn es im Stillen zu mir kommt, wie der Duft von einer Blume, die nicht
redet. Heut aber will man mir ffentlich danken. Tausende wollen sprechen, laut,
nur von mir, von mir! Das ist grad das Gegenteil von dem, wonach ich strebe! Ich
konnte die Erlaubnis zu diesem Feste nicht verweigern; aber als ich sie
erteilte, wute ich, da ich heut nicht daheim sein drfe, weil es mir eine
Profanation dessen bringt, was ich im tiefsten Innern sorgsam pflege. Darum bin
ich geflohen.
    Ich wollte eine Bemerkung machen, doch schnitt er sie mir schnell ab, indem
er fortfuhr:
    Habe keine Sorge! Ich bin nicht leichtsinnig gegangen, denn ich wei am
Besten, wie ntig ich grad jetzt da unten bin. Es ist Alles wohl besorgt. Der
Umstand, da ich mich scheinbar ganz unbedenklich entfernt habe, wird im
Gegenteile unsere Feinde nur noch sicherer machen. Sie ahnen nicht, was ich
inzwischen tue. Wir umreiten nmlich heut unser ganzes Gebiet. Ich besichtige
die ausgestellten Posten. Das ist unumgnglich ntig. Also komm!
    Um an der andern Seite des Berges hinabzukommen, muten wir die Pferde
fhren, bis wir den Bach im Tale erreichten, wo er mir die verborgene Stelle
zeigte, an welcher der geheime Gang aus dem Allerheiligsten hier mndete. Dann
ging es drben wieder bergan, nach der Taki-Hochebene, und auf dieser nach
Norden. Da trafen wir in gewissen Abstnden je zwei Dschamikun, welche bei ihren
Pferden saen und uns Bericht erstatteten. Beim nrdlichsten dieser Doppelposten
begrte uns ein Kurde von Schohrd in voller Kriegsausrstung. Er war soeben
erst angekommen und meldete uns, da die Hilfstruppen Marah Durimehs nur einen
Tagesritt von hier stnden und um Weisungen bten. Das berraschte den Ustad;
ich teilte ihm aber mit, was Schakara mir gesagt hatte, und so gab er den
Befehl, Dienstag Abend hier an dieser Stelle einzutreffen und das Weitere zu
erwarten.
    Von da wendeten wir uns ostwrts. Das war das Gebiet der nrdlichen
Dschamikun. Wir fanden da Alles so, wie wir es wnschten. An das uerste ihrer
Lager schlo sich die Wachtlinie der Kalhuran, welche hinter den Pssen des
Hasen und des Kuriers nach Sden verlief. Hier erteilte der Ustad die Weisung,
die Massaban und die Sillan hindurchzulassen, ihnen aber heimlich zu folgen, um
den Ring immer enger zu schlieen. Um die Mittagszeit machten wir an einem
Wasser Halt, um uns auszuruhen, zu essen und die Pferde grasen zu lassen. Dazu
lieen wir ihnen zwei volle Stunden Zeit. Hierauf ging es weiter, quer ber
jenes unbewohnte Land, durch welches ich und Halef mit den Massaban gekommen
waren. Da trafen wir auf die breite Fhrte der Dinarun, die nordwrts nach
unserm Lager fhrte, und auf einen einzelnen Reiter, welcher auf dieser Fhrte
zurckgeritten kam. Es war zu unserer Verwunderung der Scheik der Dinarun
selbst.
    Auch er erstaunte, als er den Ustad erkannte, schien aber hierber nicht
unerfreut zu sein. Die Hflichkeit erforderte, abzusteigen und uns mit ihm
niederzusetzen. Im hierauf folgenden Gesprch erfuhren wir etwas fr uns sehr
Erfreuliches. Er war nmlich heut frh mit seinem Trupp bei uns angekommen und
hatte sofort den Scheik ul Islam aufgesucht, welcher sich, ebenso wie Ahriman
Mirza, grad bei der Ghul befand. Hier erhielt er seine Weisungen fr die
folgenden Tage, und da stellte sich denn heraus, da er mit seinen Dinarun nur
ausersehen war, mit auf uns einzuschlagen, natrlich blo um der lieben Religion
willen; einen praktischen Nutzen aber schlug man ihm rund ab. Dazu kam, da man
ihn von hoch oben herunter behandelt hatte, wie einen Menschen, fr den es eine
Gottesgnade ist, mit solchen Auserwhlten berhaupt nur reden zu drfen. Er
hatte klugerweise zu Allem Ja gesagt, sich aber in seinem Grimm hierber
augenblicklich vorgenommen, die Lanze umzudrehen und zu uns berzugehen. Um sich
aber das Fr und Wider vorher reiflich und ungestrt berlegen zu knnen, hatte
er sich spter auf das Pferd gesetzt und den einsamen Ritt gemacht, auf dem er
hier mit uns zusammengetroffen war.
    Da gab es denn fr uns kein Bedenken mehr. Der Ustad legte seine
Zurckhaltung ab und erzhlte ihm Alles, Alles. Wie staunte dieser Mann! Er
hatte ja nicht geahnt, fr was fr Menschen er das Blut seiner Dinarun vergieen
sollte, um nicht die geringste Entschdigung dafr zu erhalten, nicht einmal ein
hfliches Wort! Fr jetzt war er nur mit den Rennpferden und der dazu gehrigen
Mannschaft gekommen; seine eigentliche Kriegerschar aber hatte nachzufolgen. Er
bot sie uns an und hielt uns beide Hnde hin, in welche wir sehr gern die
unseren schlugen. Da er nun wute, welchen Zweck unser Ritt hatte, bat er, uns
begleiten zu drfen; der Ustad willigte ein.
    Es ging also nun zu Dreien weiter, westwrts, zu den sdlichen Dschamikun,
die sich ebenso wohlverbreitet zeigten wie alle Andern. Hierbei wurde das
Gesicht des Scheikes immer ernster. Was er bisher von uns nur gehrt hatte, das
sah er nun, nmlich die groe, tdliche Schlinge, welche sich hinter ihm und
seinen Leuten zusammengezogen htte, wenn er auf der Seite unserer Feinde
geblieben wre. Auch in Beziehung auf das Rennen wurde er bedenklich. Die Sahm
ging unvergleichlich. Welch ein Unterschied zwischen heut und damals, als der
Pedehr sie ritt! Der Araber sagt: Das Pferd ist ein Proze; wird er gut oder
schlecht gefhrt, so wird er gewonnen oder verloren! Und nun gar der Syrr! Nur
am Halfter! Der Scheik war ganz Bewunderung fr ihn, fragte aber nur einmal und
dann nicht wieder, als er hrte, da hier ein Geheimnis obwalte, von welchem
nicht gesprochen werden drfe.
    Unsere Runde war grad beendet, als es dunkel zu werden begann. Wir kamen
durch das Tal des Sackes und hielten hben an, weil drben die Brcke aufgezogen
war, der jetzigen Unsicherheit wegen. Es hatte ein Posten drben zu stehen; wir
riefen hinber; er war aber nicht da.
    So mssen wir hier warten, bis er kommt, sagte ich, ber diese
Nachlssigkeit erzrnt.
    Ja, warten wir, lchelte der Ustad. Ich erzhle dem Scheik inzwischen von
dem verwegenen Sprunge, den nur dein Assil glatt zuwege brachte.
    Er gab den Bericht, ohne von seinem Pferde zu steigen. Als er bei dem
betreffenden Augenblicke angekommen war, lenkte er die Sahm nach der Stelle, an
welcher wir zum Sprunge ausgeholt hatten. Sich immer noch stellend, als ob er
nur erzhlen wolle, sprach er weiter. Dann warf er pltzlich den Arm hoch empor
und rief ganz dasselbe Wort wie wir: Jatib, jatib, ia Sahm - spring, spring, o
Sahm! Da scho die Stute vorwrts, packte die Kante des Abgrundes mit sicherem
Hufe und flog ber ihn hinber, so glatt, so frei, so leicht, da der Schrei des
Schreckes, den ich ausstoen wollte, sich in einen jubelnden Ruf der
aufrichtigsten Bewunderung verwandelte. Dann stieg er drben ab, lie die Brcke
nieder und forderte uns auf, gemchlich nachzukommen.
    Nun, was sagst du jetzt zu meiner Sahm? fragte er mich, indem seine Augen
froh in die meinen glnzten.
    Ich umarmte ihn; das war genug; eine andere Antwort hatte ich nicht. Der
Scheik der Dinarun aber schttelte sich noch nachtrglich vor Entsetzen und
versicherte:
    So Etwas sah ich noch nie! Da mag man immerhin das beste Pferd von Luristan
und auch den vielgerhmten Iblis bringen, Ihr reitet sie doch nieder. Meine
Dinarun aber knnen froh sein, da Ihr mir auch noch dieses zeigtet. Wir werden
uns hten, gegen Euch zu wetten!
    Hierauf baten wir ihn, allein nach dem Duar zu reiten und aber ja den Syrr
gegen Niemand zu erwhnen. Das Uebrige war schon vorher besprochen worden. Wir
beide dagegen blieben auf dem Bergwege durch den Wald und kamen unbemerkt bei
unserm Wartturme an. Im Hofe war kein Mensch. Wir ritten schnell ber ihn
hinweg, brachten unsere Pferde an Ort und Stelle und schlichen uns dann wohin?
Hinauf zu unserm Hadschi Halef Omar, wo wir erwartet wurden, denn Schakara war
da, welche von dem Ustad in das Vertrauen gezogen worden war. Sie hatte gesagt,
da wir diesen Abend hier im Verborgenen zubringen wollten, und dann den Hof fr
uns so frei gehalten, da Niemand von unserer Heimkehr Etwas merkte.
    Wir aen da. Wovon und wie wir uns dabei unterhielten, kann man sich denken.
Halef wute, da er morgen zum ersten Male hinunter in den Duar drfe. Es war
fr ihn auf der Tribne ein besonderer, hchst bequemer Platz errichtet worden,
wo er mit seiner Hanneh das ganze Tal berschauen konnte, ohne sich anstrengen
zu mssen. Er freute sich wie ein Kind darauf.
    Als die Zeit dazu gekommen war, ging der Ustad mit hinauf zu mir. Wir
setzten uns auf das Vordach, um die nun beginnende Hhenbeleuchtung von diesem
allerbesten Punkte aus zu genieen. Sie geschah unter einem allgemeinen
Feuerwerke, an dem sich Jedermann nach Krften beteiligte. Der Kurde liebt es
ebenso wie der Perser, bei derartigen Veranlassungen, Pulver und Brlapp nicht
zu schonen. Wir blieben vollstndig unbeachtet, denn man nahm an, da der Ustad
noch nicht heimgekommen sei. Darum konnte das, was wir sahen, ohne Strung auf
uns wirken.
    Es wurde Licht allberall, wohin wir schauten. Die Nacht erhellte sich. Was
oben brannte, brannte auch im See. Und all die Menschen, die das Tal erfllten,
erschienen uns wie Wesen einer Welt, die sich im Licht von oben nach aufwrts
reflektiert. Und wir zwei Einsamen, die wir hier oben blieben, obgleich man
unten auf uns wartete? Nur nicht ins Lob der Tiefe niedersteigen; dann findet
sich ihr Tadel nicht herauf! Wir sahen zwar zu, aber was wir dabei mit einander
sprachen, das war nicht bestimmt, wie Feuerwerk zu verknallen oder wie totes
Holz zu Asche zu verbrennen. Und als die Feuer nach und nach erloschen und Licht
um Licht im Tal verglimmen wollte, da stand der Ustad auf, gab mir die Hand und
sprach:
    Nun gehn auch wir zur Ruhe. Zur Ruhe! Glaubst du das? Schlie dreifach dich
in deinem Zimmer ein, und lege leiblich dich zum Schlafen nieder! Ich komme doch
zu dir, wie ich heut morgens kam, und hole dich zum Flug um unsere Grenzen. Auch
dort hlt mancher Posten fr uns Wacht, um uns Bericht und Auskunft zu
erstatten. Und kehren wir von unserm Fluge heim, so lassen wir vor Menschen uns
nicht sehen, ganz so, wie wir es jetzt am Abend taten. Denn was fr diese Welt
der Abend ist, das ist fr jene andere der Morgen. Schlaf wohl, doch - - - komme
mit! - -
    Als ich am andern Morgen auf mein Vordach trat, sah ich, da der gestrige
Tag die vorherige Zahl der Menschen verdoppelt hatte. Drauen an Ahriman Mirza's
Zelt waren die Pferde zu sehen, welche von ihm, den Schatten und den Massaban
zum Rennen gestellt wurden. In den Ruinen standen diejenigen des Scheik ul Islam
und der Takikurden. Unten am See, rechts, konnte man die Renner der Dinarun
besichtigen, und links, unweit der Tribne, waren die unserigen untergebracht.
An diesen Orten wimmelte es von wirklichen und eingebildeten Kennern, welche es
fr hchst ntig fanden, ihre Urteile hren zu lassen. Mit Ibn el Idrak und dem
Scheik der Dinarun hatte der Ustad gleich heut frh das heimliche Abkommen
getroffen, da sie alle ihnen abgenommenen Pferde zurckbekommen wrden. Sie
konnten also ruhig den Anschein beibehalten, da sie unsere Gegner seien. Zu
bemerken ist, da die eigentlichen Matadore des Rennens, wie die Sahm, Assil,
das beste Pferd von Luristan etc. etc. sich nicht bei diesen heut schon
ausgestellten Pferden befanden. Weil der Feind seine Trmpfe nicht sehen lie,
taten auch wir es nicht.
    Es gab mir Spa, da ich Hadschi Halef mit Hanneh schon unten auf seinem
Platze sitzen sah. Der Gute hatte es nicht aushalten knnen. Und womit war er
bekleidet? Natrlich mit dem Ehrengewande vom Schah-in-Schah! Auch hatte er alle
seine Waffen bei sich. Ich sah spter sogar die bekannte Nilpferdpeitsche in
seiner Hand. Sie kam dem Henker dann zu statten!
    Nach dem Frhstck ging ich zu meinen Pferden und dann zum Ustad, bei dem
ich den Hauptmann der Leibgarde fand. Sie sprachen ber den, den ich soeben
erwhnt habe, nmlich ber Ghulam el Multasim, den Henker. Diesem dreisten
Patrone war alles bisher gegen uns Unternommene noch nicht genug gewesen. Er
hatte zunchst drben bei den Taki ffentlich und in der schandbarsten Weise
gegen den Ustad gesprochen und dieses gestern sogar bei uns hier fortgesetzt. Er
war mit seinem Anhange bald hier, bald da im Tale aufgetaucht und hatte immer
ganz genau dieselbe einstudierte Rede gehalten, in welcher der Ustad als ein
Mensch bezeichnet wurde, vor welchem man Andere nur warnen msse. Dieser Ustad
gebrde sich als ein treuer Anhnger des Schah-in-Schah, sei es aber nicht. Auch
gebe er sich den Anschein, da ihm nur das Wohl der Dschamikun am Herzen liege,
sei aber in Wahrheit nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Vor solchen Leuten
habe man sich mehr zu hten, als selbst vor den allerschlimmsten Massaban, und
so mge man sich nicht darber wundern, da er - nmlich der Henker - es fr
seine Pflicht erachte, diesen hchst gefhrlichen Verfhrer des Volkes endlich
einmal zu entlarven. Er fordere hiermit smtliche Dschamikun auf, ihren Ustad
fortzujagen, der sich zwar rhme, Menschen glcklich machen zu wollen, aber
hchstens nur imstande sei, unglckliche, beulige und schwrige Pferde in die
Welt zu setzen. Er - nmlich der Henker, - werde das am Kiss-y-Darr beweisen!
    Weil ich erst am Schlusse dieser Unterredung kam, teilte mir der Hauptmann
das Resultat derselben mit:
    Ich habe den Ustad gebeten, sich ja nicht an diesem unsaubern Patron zu
beschmutzen, sondern die Sache lieber mir zu berlassen, der ich die Polizei des
Schah-in-Schah vorstelle. Fr eine so zgellose und abgrundtiefe Anmaung und
Frechheit ist einzig nur die Peitsche richtig. Er wird sie bekommen, ganz
bestimmt! Wann und in welcher Weise, das lehrt der Augenblick. Gebt mir nur die
von ihm zurckgelassenen Kleidungsstcke, bei denen sich auch das Messer und das
geheime Alphabet befindet. Weiter brauche ich nichts!
    Er bekam diese Gegenstnde, und dann ging ich mit dem Ustad und Dschafar
Mirza hinunter an den See, weil die Zeit gekommen war, die Preisrichter zu
whlen. Das ging sehr schnell. Oberrichter wurde der Hauptmann der Leibgarde.
Die Andern waren Dschafar, Hadschi Halef, Ibn el Idrak und der Pedehr. Andere
Konkurrenzen gab es nicht, ein sehr triftiger Grund, auf allen Seiten mit dieser
Wahl einverstanden zu sein.
    Hierauf wurden die Bedingungen vereinbart. Sie waren sehr einfach: jede
Aufforderung ist gegenseitig anzunehmen, weiter nichts! An diesen Verhandlungen
nahmen auch der Scheik ul Islam, Ahriman Mirza und die Khanum Gul teil. Letztere
hatte ihren Tribnenplatz zwischen den beiden Erstgenannten, doch nicht in
unserer Nhe. Besonders aber war der Henker wegen des beabsichtigten
Mordanschlages auf Dschafar Mirza stets von uns fern und unter strenger, aber
unbemerkbarer Aufsicht zu halten.
    Punkt zwlf Uhr sollte das Vorrennen beginnen, zunchst das heitere. Die
Lastkameele, Esel, Ziegenbcke, Schafe und sonstige Konsorten standen schon
bereit. Neben der Tribne war ein erhhter Stand errichtet worden, von welchem
aus die einzelnen Touren angesagt werden sollten. Eine Krna97 hatte das Zeichen
dazu zu geben. Eben erscholl der Ton dieses trompetenartigen Hornes, und der
Ausrufer wollte hinansteigen, da blieb er aber unten stehen, weil er verhindert
wurde. Nmlich von Ghulam el Multasim, dem Henker, welcher auf seinem
turkmenischen Tiukihfuchs98 geritten kam und grad an dem erhhten Stand halten
blieb. Er fhrte an einer langen Leine ein zweites Pferd, welches einen ebenso
lcherlichen wie traurigen Anblick bot. Lcherlich war die Art und Weise, in der
man es herausgeputzt hatte, traurig aber der Krperzustand, in dem es sich
befand. Sein Alter betrug wohl sicher ber zwanzig Jahre. An Schwanz und Mhne
absichtlich dnn gerauft, trug es an diesen Stellen anstatt der Haare nur
angebundenes Gerstenstroh. Kopf, Leib und Beine waren mit dutzenden von
Pflastern beklebt. Einen Sattel hatte es nicht, und so sah man, wie frchterlich
wund es geritten war. Aber in das Maul hatte man ihm eine jener frchterlichen
Trensenkandaren gezwngt, mit deren Hilfe man sogenannte Pferdeteufel entweder
zum Gehorsam oder zum Tode reitet.
    Allah verfluche diesen Schinder! hrte ich des emprten Hadschi Stimme
hinter mir. Und Kara, sein neben ihm sitzender Sohn, fgte in gleichem Abscheu
hinzu: Darf man das dulden? Vater, gib mir deine Kurbadsch99! Ich fhle, da
ich sie brauchen werde!
    So dachte und fhlte der unzivilisierte Sohn der Wste, nicht aber der
sich hoch ber ihm dnkende Renegat der christlichen Kirche, denn das war der
Multasim! Er schwang sich von seinem Turkmanen, stieg an Stelle des Ausrufers
die Stufen hinauf, so da er von Jedermann zu sehen war, und rief mit lauter,
weithin schallender Stimme:
    Das Zeichen wurde gegeben; das lustige Rennen beginnt. Der Scheik ul Islam
hat mich beauftragt, den Anfang zu machen, mich, den die Gunst des
Schah-in-Schah erfreut, und der ich zugleich die vereinigte Stimme aller
rechtglubigen Anhnger des Propheten bin. Ich fordere jeden Dschamiki hiermit
zum lcherlichen Kampf heraus, vor allen Dingen ihren Ustad selbst, von dem ich
Euch Folgendes zu erzhlen habe.
    Und nun begann er, abermals jenen auswendig gelernten Vortrag zu halten,
welcher schon mehr als gengend bezeichnet worden ist. Seine Rede strotzte
frmlich von Lgen, Verdrehungen und Beleidigungen. Man hrte jedem seiner Worte
an, da es nur daraufhin berlegt und angebracht worden war, der
gewissenlosesten Gehssigkeit zu dienen und der ekelhaftesten Freude am Skandal
zu willen zu sein. Es wurde mir fast zum Erbrechen bel! Wie bewunderte ich die
Ruhe und Selbstbeherrschung unserer Dschamikun, die ihn vollstndig ausreden
lieen, ohne da es einem Einzigen einfiel, ihn auch nur anzurhren! In unserem
hochgesitteten Abendlande htte man solcher Niedertrchtigkeit wohl sehr schnell
Einhalt getan! Denn da wacht, Gott sei Dank, besonders die ffentliche Presse
darber, da solchen Prangerknechten und Ehrenhenkern so schnell wie mglich das
geschieht, was ihnen zuzukommen hat! Hier aber verhielt man sich bis zum letzten
Wort des Vortrages vollstndig still. Dann lie der Scheik ul Islam ein
schmetterndes Ssyhayh = bravo, herrlich! hren. Ahriman schrie: Chhi,
chhi! was ganz dieselbe Bedeutung hat. Die Ghul schlug die fetten Hnde
zusammen und rief: Bh, bh! der gebruchliche Bewunderungsruf fr
Taschenspielerkunststcke. Einige nahestehende Taki, Massabahn und Schatten
stimmten wohl oder bel mit halber Tonkraft ein; im brigen aber herrschte
Schweigen; kein einziger Laut des Mifallens war zu hren. Anstatt dieses
allgemeine Schweigen kluger Weise fr bedrohlich zu halten, nahm der Henker in
seiner beispielosen Verblendung an, da es ein Zeichen der Zustimmung sei, und
fuhr fort:
    Schaut hin! Da sitzt nun dieser Ustad mitten unter Euch, auf Eurem
schnsten Platze! Ich frage Euch: Was tut er wohl, indem ich ihn vernichte und
zermalme? Er lchelt, lauscht und schweigt! Ich wei, dies Lcheln soll Euch
imponieren, jedoch bei mir verfehlt es diesen Zweck. Es soll den Anschein geben,
als ob er mich verachte, ist aber nichts, als nur Verlegenheit! Und warum dieses
Schweigen? Wozu hat er den Mund? Wer angegriffen wird und sich nicht schuldig
fhlt, der hat doch wohl die Pflicht, sich zu verteidigen! Er aber sagt kein
Wort. Er hat geschwiegen und schweigt immer weiter, als ob - - -
    Er kam nicht weiter. Der Hauptmann der Leibgarde, der sich mit einigen
seiner Leute dem Ausruferstande unauffllig genhert hatte, sprang jetzt zu ihm
hinauf, fate ihm beim Genick und rief:
    Er hat geschwiegen, weil er sicher wute, da jede faule Frucht von selbst
vom Baume fllt! So falle denn! Hinab mit dir, denn deine Zeit ist da!
    Er schleuderte ihn seinen Leuten zu, die ihn sofort packten und in ihr
naheliegendes Zelt fhrten. Da sprang der Scheik ul Islam ebenso wie Ahriman
Mirza auf.
    Was soll das sein?! rief der Erstere aus. Wer gibt dir das Recht, dich an
diesem Ehrenmanne zu vergreifen?! Er steht unter meinem Schutz!
    Schutz? lachte der Hauptmann ihm von oben herunter zu. Wenn du nur fhig
wrest, dich selbst zu schtzen!
    Auch unter dem meinigen! behauptete Ahriman Mirza drohend. Was hast du
berhaupt hier bei den Dschamikun zu suchen?
    Das will ich dir gern sagen: Ich suche nach dem Obersten der Schatten, der
hier seit kurzer Zeit sein dunkles Wesen treibt. Ich denke, da ich ihn bald
finden werde, da ich nun seinen Freund und Henker habe! Setzt Euch nur
augenblicklich wieder nieder! Ich mchte sehn, ob es Euch wohl gelnge, so still
zu sein und so bewut zu lcheln, wie es dem Ustad vorgeworfen wurde!
    Welch eine Frechheit! Ich bin ein kaiserlicher Prinz und kann dich
augenblicklich kpfen lassen, von deinen eigenen Leuten!
    Versuche es! Er zog den kleinen Lederumschlag aus der Tasche, hielt ihn
empor und fuhr fort: Kennst du wohl dieses Tliq-Alphabet, mit dessen Hilfe ich
gewisse Briefe lese? Ich las auch folgenden: An Ghulam el Multasim, meinen
Henker! Es ist die Zeit gekommen, da die Gul-i-Schiraz auf der Brust von
Dschafar Mirza zu erblhen hat. Das soll am fnften Tage des Monates Schaban
geschehen, zur Zeit des Abendgebetes, keine - - -
    Wo hast du das her, woher?! brllte Ahriman ihm mitten in den Satz hinein,
indem er sich ber die Spitze der Tribne schwang, um ihm das Alphabet zu
entreien.
    Da stand der Ustad auf, nahm ihn fest und scharf in das Gesicht und rief ihm
zu:
    Schau her zu mir, Mirza; ich kann es dir sagen! Dein Chodem war bei ihm und
hat es ihm verraten! Wer aber seinen Chodem von sich lt, der ist verrckt - -
- verrckt - - - verrckt!
    Da blieb Ahriman halten, fuhr sich mit der Hand schnell an die Stirn, als ob
er da geschlagen worden sei, stie einen Schrei aus, sprang von der Tribune
herab und verschwand fliehend in der Menge der dastehenden Leute. Es gab nur
Wenige, die diese rasche, stille Flucht begriffen.
    Das geschah, als der Henker eben wieder aus dem Zelte gebracht wurde. Er war
nur mit der Hose bekeidet, und man hatte ihm den Oberkrper und die Arme mit Oel
eingerieben. Einer der Trabanten trug den Kleiderpack und das Messer hinter ihm
her. Der Hauptmann befahl, diese Sachen zum Scheik ul Islam hinzubringen, und
sagte diesem:
    Du nahmst den Ehrenmann in deinen Schutz. Wir haben Mann und Ehre so genau
getrennt, wie er es tat, um Henkersknecht zu werden. Der Mann entfloh; die Ehre
aber lie er weislich liegen. Wir hoben sie ihm auf, weil wir ja wuten, da er
wiederkme. Nun ist er da, und abermals als Henker, mit Oel gesalbt, ein
schlpfriger Gesell! Ich lasse ihn jetzt peitschen, vor aller Derer Augen, vor
deren Ohren er die hochberhmte Rede hielt, die du mit deinem Ssyhayh
belohntest. Heb ihm inzwischen seine Ehre auf, da er dein Schtzling ist. Hat
dann der Mann die Hiebe berstanden, so ziehe ihm die Ehre wieder an, und gib
den Taki ihren Ustad wieder!
    Der Scheik ul Islam sagte kein Wort, als ihm die Sachen hingelegt wurden. Er
wre wohl wie gern fortgegangen, mute aber bleiben, weil seine Entfernung ihn
ja erst recht blamiert htte. Auch der Henker war still. Er stand zwischen zwei
Trabanten, mit zusammengepreten Zhnen und funkelnden Augen, deren Blick
vergeblich nach Hilfe suchte. Da geschah Etwas, was ihm Gelegenheit zur Flucht
zu bieten schien. Er hatte wahrscheinlich schon daran gedacht, sich ganz
unerwartet auf sein Pferd zu werfen, und davon zu reiten; aber dieses hing ja
mit dem Schundroman zusammen, und ehe es ihm gelungen wre, die lange Leine zu
lsen, htte man ihn wieder festgehabt. Da stand nun jetzt der gute, mitleidige
Kara Ben Halef von seinem Platze auf und begab sich nach vorn, um nach den
Gebrechen des armen Tieres zu sehen. Er untersuchte zunchst die Druckwunden und
dann die bepflasterten Stellen.
    Das ist ja alles Lge! rief er endlich aus, nachdem der Ausdruck seines
Gesichtes immer erstaunter geworden war. Es ist eine gradezu bodenlose,
abgrundtiefe Albernheit, uns diesen Kiss als Darr, uns diesen Roman als Schund
vorzufhren? Der einzige Schund an diesem zwar alten, aber sonst ganz
vortrefflichen Pferde sind die betrgerischen Pflaster, diese frech aufgeklebten
Behauptungen, unter denen man vergeblich nach gltigen Beweisen sucht. Wre es
nicht so wund geritten, so setzte ich mich jetzt auf, um zu zeigen, da - - -
    Zeige es doch, zeige es! unterbrach ihn da der Henker. Deine Dummheit
macht mich frei!
    Kara hatte nmlich whrend seiner Untersuchung des Pferdes die Leine gelst.
Nun sprang der Gefangene zwischen den Trabanten hervor, schwang sich auf seinen
Fuchs und jagte davon, auf der Bahn dahin, die fr das Rennen vollstndig
freilag. Jedermann sprang auf, und fast auch Jedermann schrie. Kara aber war
nicht im Geringsten verblfft. Die Kurbadsch seines Vaters noch von vorhin in
der Hand, schnellte er sich sofort auf den sattellosen Kiss und rief:
    Ich bin schuld; darum bringe ich ihn auch wieder!
    Ein scharfes, aufforderndes Chchchchchhhhh trieb das Pferd vorwrts. - - -
Das erste Rennen begann, aber freilich ein ganz anderes, als wir vermutet
hatten.
    Nur Diejenigen, welche sich in Hrweite von der Tribne befanden, wuten, um
was es sich handelte, die vielen, vielen Andern aber nicht. Sie hielten die
ganze Bahn rund um den See besetzt und drngten sich nur noch enger und dichter
zusammen, als sie die beiden Reiter kommen sahen, voran der Henker, fr den es
erst an dem Ende des Sees eine Aussicht gab, durch die Menschen zu brechen und
dann nach einem der Psse zu entkommen. Hinter ihm Kara, der dies sehr wohl
erkannte und sich darum bemhte, ihn vorher einzuholen. Der langbeinige Turkmene
griff weite Stze; der kleinere zierlichere Kiss aber ging trotz seines Alters
leichter und schneller. Hierzu kam ein Umstand, an den der Henker nicht gedacht
hatte; er schleppte nmlich die lange Leine nach, und da diese am Ringe des
Brustschildes festgebunden war, konnte er sich ihrer nicht entledigen. Sie kam
dem Fuchs wiederholt zwischen die Beine. Das strte ihn. Er wurde vorsichtig,
dann gar bedenklich. Auch die Zuschauer machten ihn irr. Diese sahen, da der
Reiter halb nackt war. Sie sahen ebenso den sonderbaren Aufzug des Kiss und die
drohend geschwungene Peitsche des Verfolgers. Diese Umstnde sagten ihnen, da
es sich nicht um eine Wette, sondern um eine wirkliche Flucht handle. Sie
schrieen einander zu, den Henker nicht etwa ausbrechen zu lassen. Und dieser
Lrm machte den Fuchs scheu, nicht aber den anders gearteten Kiss.
    So kam es, da der Letztere dem Ersteren immer nher rckte und ihn grad da
einholte, wo es die einzige Mglichkeit gab, zwischen den Bergen hinauszukommen.
Kara war klug. Er ritt an der ueren Seite und hieb mit der Nilpferdpeitsche so
auf den nackten Henker ein, da dieser auf der innern bleiben mute und also dem
See immer wieder zugedrngt wurde. Es hagelte Hieb auf Hieb. Was dabei fr Worte
fielen, das erfuhren wir erst spter. Der Henker bot Himmel und Hlle auf, Kara
zu bewegen, ihn entkommen zu lassen, bekam aber als einzige Antwort nur Hiebe
und immer nur Hiebe. So wurde er nach der andern Seite des Sees und dieser
entlang gepeitscht und getrieben, uns wieder nher und immer nher, rund auf der
Bahn, am Tempelweg vorbei, durch den Duar und endlich bis her zur Tribune. Er
war fast von Sinnen. Er schumte. Da trieb Kara den Kiss noch einmal an, kam
vor, entri Jenem den Zgel, gab einen Ruck, da beide Pferde sich bumten. Der
Henker mute herunter; Kara ihm nach, indem er rief:
    Schuft, ich schlage dich tot, wenn du nicht antwortest. Ist Kiss ein Schund
oder nicht?
    Der Gefragte stand da, an allen Gliedern zitternd. Er brachte kein Wort
hervor.
    Schund oder reines, edles Blut? wiederholte Kara, indem er ihm die
Peitsche ber das Gesicht herberstrich.
    Kein Schund, kein Schund! Edles, reines Blut! klang da nun das Gestndnis.
    Von Euch zum Schund gelogen?
    Ja - - - gelogen! stammelte der Henker aus Angst vor der wieder drohenden
Peitsche.
    Das bittest du dem Ustad ab! Sofort, sofort!
    Ein neuer Hieb sauste nieder.
    Ja doch - - ja doch - - - ich bitte; ich bitte!
    Er faltete beide Hnde und hob sie flehend empor. Was bildete er doch jetzt,
hier unten, fr eine ganz andere Figur als vorhin dort oben, wo er auf der
schamlos angematen, hohen Stufe stand und wie eine unfehlbare Gottheit vom
Himmel niederschmetterte! Tausende und Abertausende hatten gedacht, an ihn
glauben zu mssen, weil sie Wunder meinten, was ein gefhrlicher Multasim zu
bedeuten habe, gegen dessen Rachsucht man keine Waffe besitze. Und nun kam hier
ein ganz einfacher, junger Mensch und zeigte vor ebenso tausenden von Augen, wie
es um die Wichtigkeit dieser Personage eigentlich stehe: Nur der Stand hatte sie
verhllt; in ihrer jetzigen, entlarvten Ble aber war sie weniger, viel weniger
als - - nichts!
    So bin ich mit dir fertig. Marsch, fort, zu deinem Richter! sagte Kara,
indem er ihn mit der Peitsche hin zum Hauptmanne trieb, welcher ihn mit den
Worten empfing:
    Die Prgel hast du bekommen. Du holtest sie dir selbst. Nun geh zum Scheik
ul Islam, deinem Beschtzer! Der zieht dich wieder an, um den Ehrenmann von
Neuem herzustellen. Dann hngen wir dich auf. Der Mir Dschassab100 steht schon
bereit - - der Henker fr den Henker!
    Das brachte eine seltsame Wirkung auf den Multasim hervor. Sein bisher
angstverzerrtes Gesicht nahm einen ganz anderen Ausdruck an. Er kroch in sich
zusammen und fragte:
    Gehenkt? Gehenkt soll ich werden? Wirklich?
    Ja, und zwar sofort, damit ich Dschafar Mirza rette!
    So flchte ich mich in den Schutz des Scheik ul Islam, der mich verteidigen
mu, wenn er nicht selbst zugrunde gehen will. Ich wrde Alles verraten!
    Er rannte hin zu ihm. Dieser aber streckte beide Hnde abwehrend gegen ihn
aus und rief:
    Bleibe mir fern, du Unvorsichtiger! Warum hast du dich entlarven lassen!
Wer nicht einmal das Alphabet der Sillan geheim zu halten wei, der ist auch
imstande, die Absichten des heiligen Islam an das Laientum zu verraten! Du bist
ein abtrnniger Christ, also berhaupt Verrter gewesen, seit ich dich kenne.
Nun drohst du auch mir mit Verrat. Hebe dich weg! Ich sehe mit Freuden dich
hngen!
    Da brllte der Henker laut auf. Er trat, anstatt sich zu entfernen, ganz
nahe an ihn heran, ballte die Fuste und sprach, infolge seines nicht zu
berwltigenden Grimmes in die unbeschrnkteste Offenheit verfallend:
    Ja, du hast recht; ich bin ein Verrter, ein Verrter berhaupt! Ich habe
nicht nur die Menschen verraten, sondern auch Gott und mich selbst. Ich verriet
meinen christlichen Glauben. Ich tuschte sodann den Beherrscher. Ich betrog den
Frsten der Schatten. Ich tuschte auch dich, genau so, wie du selbst tuschest.
Aber einmal lge ich nicht, nmlich jetzt, wenn ich ffentlich beichte! Soll ich
gehangen werden, so hnge man gleich Zwei! Die Dritte und den Vierten wird man
wohl laufen lassen. Dir aber knpfe ich die wohlverdiente Schlinge!
    Er wendete sich von ihm ab, zu uns, richtete sich hoch auf und wollte
sprechen. Da griff der Scheik ul Islam nach den vor ihm liegenden
Kleidungsstcken, bei denen auch das Messer des Henkers lag, fate es, zuckte es
gegen ihn und drohte:
    Schweig, Wahnsinniger, sonst stirbst du an deiner eigenen Klinge!
    Ob Strick oder Klinge, das ist nun Alles gleich; aber ich spreche!
entgegnete der Multasim, schnell zugreifend, um sich zu wehren.
    Dann fahre hin, und rede in der Hlle, aber nicht hier!
    Im nchsten Augenblicke hatten sie sich gefat. Die Khanum Gul schrie vor
Entsetzen auf, gab Raum und eilte fort. Niemand schaute ihr nach, denn aller
Augen waren auf die beiden Kmpfenden gerichtet, welche einander niederzerrten
und dann unter den Sitzen weiterrangen, still, lautlos, wie zwei ineinander
verbissene, wilde Tiere.
    Da pltzlich gab es einen Blitz und hoch ber uns einen lauten Krach. Der
Donner rollte. Unsere ganze Aufmerksamkeit war so ausschlielich hier unten
festgehalten worden, da wir die schweren Wetterwolken gar nicht beachtet
hatten, welche hinter dem Ruinenberge aufgestiegen waren und nun ber dem
Alabasterzelte drohend kulminierten. Wir kannten diese Art von Wetter, welche
sich in jenen Bergen ganz unerwartet zusammenziehen und alle Gewalt der Elemente
entfesselt zu haben scheinen101. Darum wuten wir sogleich, da wir auf unser
lustiges Vorrennen wenn nicht ganz, so doch fr jetzt zu verzichten hatten. Es
fielen schon gleich einzelne schwere, erbsengroe Regentropfen.
    Da war der Kampf auf Leben und Tod zu Ende. Der Scheik ul Islam kam unter
den Sitzen hervorgekrochen und richtete sich auf, ganz ermattet, langsam,
blutend. Er sah sich mit stierem Blick im Kreise um und rief mit heiserer
Stimme:
    Es kam so, wie ich sagte: Er ist zur Hlle gegangen. Dort mag er reden, was
er will, so wird es doch nichts schaden. Die Teufel glauben nicht so schnell wie
die Menschen! Ich bin verwundet. Bringt mich nach meinem Zelte!
    Einige Taki eilten hinzu, um ihm zu helfen. Man zog den Multasim hervor. Er
war tot. Das Messer steckte bis an den Griff in seiner nackten Brust. Da blitzte
und krachte es abermals, und der Regen begann in einer solchen Weise sich zu
ergieen, da ich schleunigst nach dem Zelte Agha Sybils eilte, wo ich, der
lngst Erwartete, von meinem alten Bagdader Freunde und all den Seinen mit
herzlicher Freude aufgenommen wurde.
    Mein Erstes war, gute Pltze fr Halef, Hanneh und Kara zu reservieren,
welche natrlich nicht auf sich warten lieen, und dann geschah der Freundschaft
und der Vergangenheit ihr Recht, mochte es drauen gieen oder strmen und hier
innen tropfen oder trufeln, wie es wollte. Auch Kepek wurde erwhnt. Man hatte
ihn wegen seiner unbehilflichen Krperflle so schnell wie mglich als Fracht
nach Isphahan gesandt, wo sein Herr sich fr die Zukunft mit ihm niederlassen
wollte. Die Festjungfrau war als lebenslngliche Kchin in Aussicht genommen,
und Tifl hatte dabei als Pendant zu Kepek tchtig mitzuessen.
    Der Regen whrte ausnahmsweise stundenlang. Als er einmal eine Pause machte,
schickte Schakara fr mich und Kara Pferde, fr Halef und Hanneh aber eine
Doppelsnfte, mit deren Hilfe wir schnell nach Hause kamen. Der Ustad folgte
erst spter. Wie umsichtig Schakara war, bewies sie jetzt auch wieder dadurch,
da sie unsere Pferde aus dem schweren Regen in das bereits wohlbekannte Gewlbe
gerettet hatte.
    Der Ustad kam mit Dschafar Mirza, eben als das zurckgekehrte Gewitter mit
einer zweiten, noch lngeren Entladung einsetzte. Sie hatten im Hause des
Chodj-y-Dschuna ein bequemes Unterkommen gefunden und von dort aus Alles
beobachtet und nach Krften dirigiert. Sie nahmen den von dem Unwetter
angerichteten Wirrwarr nicht von der tragischen, sondern von der komischen
Seite, und so fiel es auch mir nicht ein, mir um irgend Etwas betrbte Gedanken
zu machen. Als ich nach der Leiche des Henkers frug, erfuhr ich, da man sie
nach den Ruinen geschafft und dort dem Scheik ul Islam vor das Zelt gelegt habe.
Sein Pferd war vom Hauptmanne konfisziert worden; den Kiss-y-Darr aber hatte der
Ustad jetzt mitgebracht, um ihn wieder gesund zu pflegen.
    Der Regen lie auch fr spter nicht nach. So war nichts mehr zu machen, und
wir gingen in der Hoffnung schlafen, da er sich bis morgen ausgegossen haben
werde. - Es legte sich heut wohl kein Mensch so hochbefriedigt, so stolz nieder
wie Hadschi Halef und Hanneh. Ihr Sohn war unbedingt der Held des heutigen Tages
gewesen, und ich hatte ihnen gesagt, da dies nicht etwa Zufall, sondern in der
vortrefflichen Begabung Kara's begrndet sei. Das war eine Wonne fr meinen
Hadschi, der, als ich am andern Morgen aufstand, soeben in die Snfte stieg, um
sich nach der Tribne tragen zu lassen, denn Ahriman Mirza und der Scheik ul
Islam hatten einen Zusammentritt des Preisgerichtes und der Dschemma gefordert,
weil sie gleich heut frh einen wichtigen Antrag zu stellen htten. Bei einer
solchen Beratung mute der Scheik der Hadeddihn natrlich gegenwrtig sein,
und wenn er noch so schwach gewesen wre! Der gestrige Tag aber war ihm
auerordentlich gut bekommen, natrlich infolge der Freude ber das brave
Verhalten seines Sohnes.
    Nach einer Stunde, als die Verhandlung vorber war, welche der Ustad
geleitet hatte, kam dieser selbst nach dem Hause herauf, um mich aufzusuchen und
abzuholen. Da erfuhr ich denn, welche Wnsche Ahriman Mirza und der Scheik ul
Islam vorgebracht hatten. Diesen beiden Herren schien nmlich der Gedanke, sich
nach der gestrigen Blamage den ganzen heutigen Tag den Blicken einer so groen
Volksmenge auszusetzen, sehr peinlich zu sein. Sie hatten sich also schon am
frhesten Morgen darber geeinigt, da das Rennen, wenigstens fr sie und ihre
Zwecke, so kurz wie mglich abzumachen sei. Daher ihr Antrag. Dieser lautete:
Die edlen Pferde, welche eigentlich laufen sollten, laufen nicht, werden aber
als Gewinne gestellt. Wirklich rennen werden von jeder Seite nur drei. Wer in
zwei Rennen siegt, gewinnt smtliche Pferde. Keiner von diesen drei Matadoren
darf zweimal laufen, und sie vorher vorzuzeigen, ist nicht ntig. Die
Preispferde mssen gegenseitig von gleichem Werte sein.
    Was ich nun erwartete, das war auch geschehen: Die Dschamikun hatten diesen
Antrag einstimmig angenommen, und man war unten am See jetzt schon sehr fleiig
dabei, die Preise zu taxieren und zu vergleichen. Diese Bedingungen bezogen sich
auch auf ein voranzugehendes Kamelrennen, bei welchem die Chancen der Dschamikun
freilich nicht gnstig standen, weil ihre Tiere mehr in die Berge als fr den
Schnellauf in der Ebene paten, whrend dem Aemir-y-Syllan jedenfalls die besten
Eilkamele seiner Schatten und Massaban zur Verfgung standen. Dieser Mangel aber
wurde, zumal unter den neuen Bedingungen, durch die beiden Leibkamele unserer
Hanneh vollstndig ausgeglichen.
    Da wir nur Syrr verbergen, sonst aber mit unsern Matadoren nicht Versteckens
spielen wollten, gab der Ustad Befehl, die Letzteren fr unsere Boten bereit zu
halten. Syrr jedoch wurde mit alten Decken behangen und ganz heimlich hinunter
zum Chodj-y-Dschuna gebracht und in dessen Hof gestellt, den Niemand betreten
durfte. Als wir dann gehen wollten, fragte Schakara, ob sie dieses gewi seltene
Rennen mit ansehen drfe, und wir freuten uns darber, ihr einen guten Platz
zwischen uns Beiden versprechen zu knnen.
    Was das Wetter betrifft, so war dies so, wie wir es uns gar nicht besser
htten wnschen knnen. Es hatte zwar bis spt nach Mitternacht wie aus
Flumulden gegossen; alles Buschwerk hing von der Schwere des herabgestrzten
Wassers tief niederwrts; die Stauden und Grser lagen hart am Boden, und gar
mancher Baum war mitsamt den Wurzeln ausgewuchtet worden; aber die Flut hatte
sich vollstndig in den See verlaufen; die Wege waren schnell wieder getrocknet,
und die Rennbahn lag sogar noch besser da als gestern, weil die Wucht der
Regenmassen von ebnender Wirkung gewesen war.
    Als wir mit Dschafar Mirza, der nun wahrscheinlich seines Lebens wieder
sicher sein konnte, hinunterkamen, sahen wir, wie sehr Ahriman und der Scheik ul
Islam sich beeilt hatten, ihre Preise zu stellen. Sie waren beide persnlich da,
um darber zu wachen, da ihnen nur Gleichwertiges gegenbergesetzt wurde, denn
es lag ja in ihrer Absicht, uns alles Gute abzugewinnen und dann ber den
zurckgebliebenen Schund zu lachen und zu lstern. Dadurch hatten sie aber auch
sich selbst gezwungen, nur ihr Bestes daranzuwagen, und ich war sehr neugierig
darauf, wie dieses Beste sich wohl ausnehmen und bewhren werde.
    Was zunchst nicht die Pferde und Kamele sondern die beiden genannten
Personen betrifft, so machte der Scheik ul Islam heut fast denselben Eindruck,
den gestern der Schundroman gemacht hatte, ja einen fast noch schlimmeren,
weil die vielen Schnittwunden und Schmarren, welche er im Kampfe mit seinem
eigenen Schtzling erhalten hatte, keine geflschten, sondern wirkliche waren.
Das Messer schien ihm wiederholt entrissen und gegen ihn selbst gerichtet worden
zu sein. Besonders hatte er das Gesicht sehr arg bepflastert, und an der einen
Wange und dem Kinn fehlte ihm ein groes Stckchen Haut mitsamt dem Bart. Der
Rest des letzteren war nun nicht mehr eine Zierde fr ihn, sondern vielmehr eine
Schande. Er gab sich aber die Miene, als ob ihm das im hchsten Grade
gleichgltig sei. Ahriman Mirza war sehr still und in sich gekehrt. Bald hatte
sein Gesicht einen gradezu blden Ausdruck; bald funkelten seine Augen in
grimmiger Energie. Alles, was er tat, war unsicher und berhastet, und sehr oft
horchte er ngstlich auf oder schaute wie erschrocken hinter sich, als ob er
sich von etwas Unsichtbarem rgerlich beobachtet und beeinflut fhle.
    Sie hatten ber dreiig Kamele gestellt. Diese waren vortrefflich, einige
davon sogar ausgezeichnet, ausnahmslos nur echte, hochrassige Schuturi Ba'aud102
. Der Umstand, da die Dschamikun nur Bergkamele besaen, die aber als solche
von ganz demselben, vielleicht noch hherem Werte waren, wurde von ihnen
bereitwillig durch die Zahl ausgeglichen: Sie stellten zehn Stck mehr dagegen.
In Beziehung auf die Taki und Dinarun war dies nicht ntig. Diese brachten gegen
vierzig Stck zusammen, was die Dschamikun mit ebenso vierzig erwiderten.
    In Betreff der Pferde lagen die Verhltnisse umgekehrt. Die Gegner mochten
in Beziehung auf ihre Matadore denken, was sie wollten; der Durchschnitt aber
stellte sie tief. Sie konnten nicht einmal so tun, als ob sie das leugnen
wollten. Ihr Aerger hierber war gro; sie verschluckten ihn aber im stillen.
Sie brachten mit den Dinarun und Taki zwar gegen sechzig Stck edles Blut
zusammen, wie sie es nannten, muten es sich aber gefallen lassen, da wir mit
nur vierzig parierten.
    Nach Abschlu dieser Verhandlungen wurde das Resultat bekannt gegeben und
schnell ber das ganze Tal verbreitet. Nun schickten wir nach den beiden
Eilkamelen, welche von einem der mitgebrachten Hadeddihn und von Hanneh geritten
werden sollten; sie tat das nicht anders; sie wollte auch einmal zeigen, da man
kann, wenn man will! Unser drittes war das schnellste Kamel der Dschamikun,
leider aber schon ziemlich alt und dabei eigenwillig. Als die Gegner ihre drei
Trmpfe brachten, sahen wir freilich, da es nicht leicht war, gegen solche
Kamele aufzukommen. Der Scheik ul Islam und der Mirza gebrdeten sich sehr
siegesgewi; der alte, bigotte Scheik der Taki ebenso. Sie lachten, als der
Dschamiki mit dem seinigen kam. Und sie lachten noch lauter, als unsere
Bischarihn-Hadschihn gebracht wurden und sie nun erfuhren, da eines derselben
von einem Weibe geritten werden solle.
    Es wurde eine Schnur quer ber die Bahn gezogen. An ihr hatten sich die
sechs Kamele in einer Reihe neben einander niederzulegen. Sie wurden bestiegen.
Sobald das Zeichen gegeben wurde, hatte man die Schnur zu entfernen. Es handelte
sich hier um einen Gesamtlauf, whrend die Pferde zu Zweien rennen sollten.
    Unsere Hanneh schwang sich mit einer Miene in den Sattel, als ob es sich um
etwas ganz Alltgliches handle. Sie hatte nur den dnnen Medrek in der Hand, ein
leichtes Stbchen, mit welchem man dem Hadschihn zeigt, nach welcher Seite es
sich zu halten habe. Die Gegner aber waren mit schweren, schmerzenden
Hetzpeitschen versehen.
    Da ertnte die Krna. Die Schnur verschwand. Sechs Zurufe erschollen. Aber
nur fnf Kamele gehorchten. Dasjenige des Dschamiki sprang nicht auf. Es blieb
liegen. Es brllte vor Zorn ber die groe Menschenmenge, vor der es sich
produzieren sollte. Das pate ihm nicht. Unsere Gegner lachten; wir aber auch.
Der Dschamiki lachte schlielich ebenso mit, stieg ab und gab seinem Kamele so
lange gute Worte, bis es aufstand und sich von ihm fortbringen lie.
    Inzwischen waren die drei Gegner sofort im eiligsten Laufe davongeritten,
Hanneh und der Hadeddihn aber erst langsam hinterher. Der Scheik ul Islam
jubelte laut, denn der Abstand, den es gab, war nach seiner Ansicht bei der nur
einmaligen Runde, die es gab, fast gar nicht einzubringen. Aber die
Schnelligkeit unserer Hedschihn vergrerte sich; sie vergrerte sich auch dann
noch, als sie diejenige der Vorlufer erreicht hatte; sie nahm zu, immer zu, als
ob sie sich bis in das Unheimliche steigern wolle. Jetzt war der hinterste
Gegner erreicht; er wurde berholt. Bald auch der zweite. Der erste war weiter
voran. Er schaute sich wiederholt nach dem Verhngnisse um, dem er so gern
entrinnen wollte und doch nicht konnte. Es kam; es kam! Es flog an ihm vorber,
weiter, immer weiter, den Geisterhedschahn gleich, von denen man in den Steppen
des Sudan erzhlt - - - jenseits am See zurck, vom brausenden Jubel der
staunenden Menge begleitet, herbei, herbei, um endlich bei uns zu halten.
    Hanneh wartete das Niederknieen ihres unbertrefflichen Tieres gar nicht ab.
Sie schwang sich von oben herunter, ging leuchtenden Auges dorthin, wo der
Scheik ul Islam und der Mirza saen, schlug mit ihrem Stabe laut auf die Bank
vor ihnen und sagte:
    Ihr lachtet ber das Weib; das Weib lacht nicht, aber es siegt!
    Hierauf kehrte sie an ihren Platz zurck, von Mann und Sohn mit Hndedrcken
empfangen. Ihr Hadeddihn fhrte die siegreichen Tiere fort. Dann erst kamen die
Gegner, einer immer spter als der andere. Wir hatten von drei Nummern zwei
Gewinner und also die siebzig Kamele und auch die drei Matadore gewonnen. Der
Pedehr sorgte dafr, da sie sofort in Sicherheit gebracht wurden.
    Das hatten die Feinde nicht erwartet. Aber anstatt klug und still zu sein,
verfielen sie in das Gegenteil und rhmten sich, mit den Pferden Rache nehmen zu
wollen. Der Scheik ul Islam rief nach seinem besten Pferd von Luristan, gegen
welches zunchst zu reiten sei. Es wurde ihm schnell gebracht, und so bekamen
wir dieses vielgepriesene Wunder nun endlich einmal zu sehen.
    Es war Taki-Zucht, nicht Araber, doch auch nicht Perser, von jeder Rasse
eine Muskel oder ein Knochen. Aber gut, sehr gut sah der Kerl aus! Doch nicht
fr die Augen des Kenners, der sich vielmehr sagen mute: Trgerische Formen,
Paraderenner, aber nicht fr den Ernst!
    Den nehme ich getrost mit meiner Sahm! sagte der Ustad. Er verdient
keinen berhmten Gegner.
    Wir hatten nach Hause geschickt und unsere Trmpfe kommen lassen. Sie
standen in der Nhe und wurden von den Gegnern in ausgiebigster Weise
behaugelt. Der Scheik ul Islam erklrte, da er sein Pferd selbst reiten
werde, und so stellte sich ihm der Ustad mit der Sahm als Gegenpartner vor.
Beide Pferde und beide Reiter wurden ausgerufen, und es ging wie ein Rauschen
von Mund zu Mund und laut um den See, wen man jetzt im Kampfe zu sehen bekommen
werde. Beide Reiter warfen ihre Oberkleider ab und stiegen auf. Sie hielten
neben einander. Der Hornist hob die Krna zum Munde, um das Zeichen zu geben.
Noch aber erscholl es nicht, so jagte der Scheik ul Islam schon davon. Es galt
fr die drei Pferderennen je eine Doppelrunde.
    Man schrie laut auf ber diese Unehrlichkeit; aber der Ustad rief:
    Ich protestiere nicht! Aber ich reite ehrlich! Heraus mit dem Zeichen!
    Die Krna schmetterte. Die Stute ging regelrecht fort, erst Schritt, dann
Trab, dann Galopp. Es sah aus, als reite der Ustad nur spazieren. Das beste
Pferd von Luristan aber flog da drauen, als sei es aus einem Bller geschossen
worden, denn der Scheick ul Islam hatte das Geheimnis schon gegeben. Tiefe
Stille herrschte. Die Sahm lag jetzt in glattem Galopp. Ich sage mit Absicht,
sie lag. Wie eine jener einst so hochberhmten amerikanischen Briggs mit
khner Schonertakelage, die man nicht gehen sieht, wenn sie vor dem Winde
liegt, und aber doch nie einzuholen ist! Und sie blieb liegen! Die
Entfernung der beiden Pferde blieb die gleiche, fort und fort, und um den See.
Das Rennen kam von drben wieder herber - - an uns vorbei. Der Scheik ul Islam
voran, mit tiefgerteter Gesichtshaut zwischen den weien Pflastern. Sein Pferd
troff von Schwei, und weie Flocken flogen ihm vom Maule. Dann der Ustad, mit
unvernderter Miene, uns vertraulich zunickend. Die Sahm war trocken und noch
ganz bei Atem. Sie arbeitete nicht, sondern sie lag noch immer.
    Er siegt! sagte Schakara neben mir. Er hat das Geheimnis ja noch gar
nicht angewendet!
    Es war, als ob er in innerer Verbindung mit der Sprecherin sei, denn kaum
hatte sie es gesagt, so warf der Ustad den Arm hoch empor, und die Sahm bekam
einen Ruck, dessen Schnellkraft nicht etwa verschwand, sondern von jetzt an
ununterbrochen weiterwirkte. Und nun begann der bisherige Abstand, sich
zusehends zu verringern. Das beste Pferd von Luristan war zu frh gezwungen
worden, herzugeben, was es hatte. Die Krfte lieen nach; die Lunge versagte den
Dienst. Der fliegende Galopp verwandelte sich in ein unregelmiges Springen.
Die Sahm aber lag nun wieder, aber im Geheimnisse! Sie holte den Gegner ein;
sie scho an ihm vorrber. Noch eine kleine Weile, so nahm der Ustad das
Geheimnis wieder ab, um sie zu schonen, denn er hatte zurckgeschaut und
bemerkt, da das Pferd des Scheikes nun nicht mehr rannte, sondern sich gegen
seinen Reiter strubte, weiter zu gehen. Er schlug mit der Peitsche zwar
unbarmherzig auf das arme, so tricht ausgepumpte Tier los, aber vergeblich. Es
blieb einfach stehen, so da er ihm schlielich seinen Willen oder vielmehr
Unwillen lassen mute und langsam durch den Duar herbeigeritten kam. Als er die
Tribne erreichte und abstieg, sa der Ustad schon lngst wieder an seinem
Platze! Der Besiegte lies das beste Pferd stehen, ging, ohne ein Wort zu
sagen, zu seinem Sitz und sank ermattet auf demselben nieder. Ahriman Mirza aber
sprang auf, warf ihm einige grimmige Worte in das Gesicht und verkndete hierauf
laut, da jetzt der unbesiegbare Iblis erscheinen und uns eines ganz Anderen
belehren werde!
    Natrlich war man allgemein gespannt, dieses Pferd zu sehen. Es wurde
gebracht. Wir gingen hin. Ahriman stand bei ihm und pries es mit
berschwnglichen Worten. Schakara sah ihn dabei aufmerksam an und sagte uns
dann leise:
    Nehmt Euch in acht! Ich fhle eine schlimme Absicht, die er hat; nur wei
ich nicht, welche.
    Wir wuten, da der Iblis eine Khorassan-Schecke sei. Dieses Pferd hier war
eine Schecke, ja, aber auf keinen Fall aus Khorassan stammend! Freilich, man
konnte uns falsch berichtet haben, und sie war dann doch der Iblis. Aber da
sagte der Mirza, da sein Freund sie reiten werde, und da stand es bei uns
fest, da ein Betrug oder wenigstens eine List beabsichtigt werde. Der Ustad war
der Meinung, man wolle uns verleiten, unsern besten Trumpf an dieses
vorgeschobene Pferd zu verschwenden, und es stellte sich dann auch heraus, da
dies richtig war. Da keiner der Matadore zweimal rennen durfte, htte dann der
echte Iblis keinen ebenbrtigen Gegner gehabt. So wenigstens hatte Ahriman
gerechnet, dabei aber nicht angenommen, da schon das erste Rennen fr ihn
verloren gehen knne. War er denn gedankenschwach geworden? Er sah doch unsere
Rappen stehen, gegen welche diese Schecke unmglich aufkommen konnte! Wenn sie
dieses zweite Rennen verlor, wurden wir Sieger und brauchten gar nicht weiter
mitzumachen! Wir fragten unsern Kara, ob er es bernehmen wolle, den angeblichen
Iblis mit dem Barkh behaglich um die Ecke zu reiten, und er war mit Wonne bereit
dazu.
    So wurden also diese beiden Pferde und ihre Reiter ausgerufen. Wir sahen,
da der Freund jener Vertraute war, der mit dem Obersten der Schatten den
geheimen Gang in den Ruinen untersucht hatte. Er stieg auf und schaute von
seiner Schecke herab, als ob er die Absicht habe, seinen Gegner sofort in Grund
und Boden zu reiten. Es kam aber anders!
    Hatte nmlich der Ustad mit dem Geheimnisse gespart, so tat Kara jetzt das
Gegenteil. Kaum waren nach dem gegebenen Zeichen die Pferde in Gang, so gab er
es und war schon in der nchsten Minute dem Freunde so weit voraus, da alle
Zuschauer staunten. Und das wuchs und wuchs! Die Schecke lief gut; sie lief, was
sie nur konnte; aber sie kam gegen unsern Rappen nicht vorwrts, trotz ihres
guten Willens. Auch der Reiter gab sich alle Mhe, doch umsonst. Als Kara, die
zweite Runde beginnend, an uns vorberkam, hatte er das Geheimnis bereits wieder
ausgelst; die Schecke war aber noch jenseits drauen vor dem Duar, dessen ganze
Ausdehnung also schon zwischen ihnen lag. Und nun tat Kara weiter nichts, als
da er diesen Abstand unausgesetzt erhielt, bis er nach der zweiten Runde das
Ziel erreichte.
    Zwei Touren gewonnen von dreien! Wir waren also Sieger! Da aber erhob
Ahriman Mirza von dem Ausruferstand, den er bestieg, lauten Einspruch. Das erste
Rennen gelte nichts, weil der Scheik ul Islam unehrlich gewesen und vorgeritten
sei. Er beschimpfte also seinen eigenen Partner und drang auf die dritte und
letzte Tour. Nur wer diese gewinne, sei Sieger, sonst aber Keiner! Die
Preisrichter nahmen diese Frage vor und entschieden fr uns, denn man knne die
Unehrlichkeit doch nicht belohnen und der Ustad habe ausdrcklich erklrt, da
er nicht protestiere. Die Gegner aber standen zum Mirza und wollten sich nicht
fgen. Schon standen wir in Begriff, mit Gewaltmaregeln zu drohen, da geschah
etwas sonderbar Seltsames. Schakara verlie nmlich, ohne uns vorher hierber zu
verstndigen, ihren Sitz, stieg die Stufen zum Stand hinauf und winkte
Schweigen. Das Erscheinen eines Mdchens da eben verwunderte. Man war still. Da
begann sie zu sprechen, kurz, klar, bestimmt. Sie forderte Ahriman Mirza auf,
seinen Chandschar mit zu den Preisen zu legen, dann werde das dritte Rennen
sofort stattfinden, und wer es gewinne, der habe gesiegt. Sie tat sogar noch
mehr: Sie setzte gegen den Dolch die bereits gewonnenen Kamele, so da also dem
Sieger dieser letzten Tour der ganze Gewinn und dazu der Chandschar zu gehren
habe.
    Wir staunten! Der Mirza auch! Woher nahm dieses sonst so bescheidene,
zurckgezogene Mdchen den Mut, hier in dieser Weise ffentlich aufzutreten? Uns
allen in einer so wichtigen Sache ohne Erlaubnis vorzugreifen? Da drckte mir
der Ustad die Hand und sagte:
    Erschrecke nicht! Du weit, sie kommt von Marah Durimeh! Sie hat geheime
Grnde! Wenn der Mirza darauf eingeht, tue ich es gern. Du hast ja den Syrr!
    Da verlie Ahriman seinen Platz. Mit weit geffneten Augen Schakara
anstarrend, schritt er langsam zu ihr hin, lste den Chandschar vom Grtel und
reichte ihn ihr hinauf. Sie nahm ihn. Nun legte er sich beide Hnde vor die
Augen und stand eine Weile still, doch mit zuckendem Krper. Hierauf nahm er die
Hnde hinweg, richtete sich kerzengerade empor, warf beide Arme in die Hhe und
rief aus:
    Meinen Chandschar, meine Waffe, mein Hchstes! Nicht um ein Reich zu
beherrschen, sondern fr Pferde und Kamele! Aber ich mu, ich mu! Sie hat ihre
Augen! Sie hat ihre Gestalt, ihre Stimme! Und sie hat auch ihre Gedanken und
ihre Macht! Da bin ich nichts; da mu ich gehorchen! - - - Wohlan! Holt mir den
Teufel! Aber den echten, den wahren, den wirklichen, nicht den faschen, den
gelogenen! Es gilt ein Reiten, wie es wohl noch nie geritten worden ist!
    Denn wenn Marah Durimeh mich zwingt, in den Sattel zu steigen, um meinen
Chandschar zu retten, so stellt sie mir auch jenes von der Hlle gehate
Geschpf, aus dessen Haar beim Ritt die Funken springen! Also den Teufel her,
den Iblis! Und schnell, denn es hat Eile!
    Wen oder was meinte er mit jenem Geschpf, aus dessen Haar die Funken
springen? Hatte er das nur figrlich gemeint? Oder war er bereits verrckt?
Vielleicht das Letztere, denn sein Gebaren glich augenblicklich ganz dem eines
Irren, der auf Etwas warten mu und es doch nicht erwarten kann. Und als man das
verlangte Pferd brachte, sprang er auf dasselbe zu, schnellte sich in den Sattel
und rief aus:
    Das ist er, das, der schnellste aller Teufel! Und ich bin Ahriman, sein
Meister und sein Herr! Wo ist der Mensch, der sich an mich und diesen Satan
wagt?
    Wir gingen hin, um das Pferd in Augenschein zu nehmen, konnten uns aber
nicht ganz nhern, denn die Bestie duldete das nicht. Sie bi und schlug nach
Jedem, den sie erreichen konnte. War das natrliche Bosheit oder Dressur? Ja,
diese Schecke war ein echtes Khorassanvollblut, starrsinnig und bis zur
Glhhitze kalt, wie das Klima ihrer heimatlichen Salzwsten! Die Ohren gro, mit
hngenden Spitzen, wie bei gewissen Hunderassen. Die Stirn verschwindend
niedrig, doch knochig, hckerig und berbreit. Das Auge boshaft, aus dem Weien
schielend. Das knorpelige Maul mit Borsten stark besetzt. Die Brust sehr schmal,
das Ideal einer Rennerlunge andeutend. Die Muskeln der Vorarme und Schenkel
vortrefflich gebt und gesthlt. Die Beugesehnen, Ktengelenke, Fesseln, Kronen
und Hufe geradezu unvergleichlich. Schopf, Mhne und Schwanz aber hlich dnn,
ohne Glanz, mit absterbenden Haarspitzen. Das Alles zusammen ein Pferd, welches
ein Fragezeichen fr jeden Kenner war, sobald es ruhig stand, dann aber schon
bei der kleinsten Bewegung ahnen lie, da hchst wahrscheinlich ganz
Ueberraschendes in ihm stecke.
    Ich hatte, sobald der Mirza nach seinem Teufel rief, Kara fortgeschickt,
auch Syrr zu bringen. Er kam mit ihm, grad als Ahriman die Frage, wer mit ihm
anzubinden wage, zum zweitenmal wiederholte. Da trat ich vor und sagte nichts,
als - - ich! Da lachte er fast brllend auf und rief zu seiner Khanum Gul
hinber:
    Hast du es gehrt? Er - - er - - derselbe! Fast dachte ich es mir! Denn
dieser Mensch scheint mir dazu geboren, stets da zu sein, wo ihn kein Teufel
braucht! Er strich mit der Reitpeitsche quer gegen mich hernieder und fuhr dann
fort: Kein Anderer kme mir so recht wie du! Ein Ausgestoener des Abendlandes,
der uns das schne Morgenland vergllt, um sich in seiner Heimat wieder
einzuschmeicheln! Du wrst der Mann, den Chandschar mir zu nehmen! Ich habe wohl
gehrt von deinem Rappen, mit dem du prahlst, wohin du immer kommst. Assil Ben
Rih, der Hengst der Hadeddihn, der dort bei euern andern Kleppern steht! Hol ihn
herbei! Ich wei, er ist doch Eure letzte Hoffnung!
    Er? antwortete ich. Nein, den reite ich nicht.
    Wen sonst? Etwas Besseres habt Ihr ja nicht!
    Wir haben nicht nur ihn, sondern auch seinen Chodem. Den reite ich. Schau
dich um!
    Da fuhr er scharf zusammen, ri seine Schecke herum und starrte Syrr an,
der, von Kara gehalten, hinter ihm gestanden hatte. Man sah, wie er erschrack,
als er ihn erblickte.
    Syrr! Der Syrr! Das Lieblingspferd des Schah-in-Schah! entfuhr es tonlos
seinen Lippen. Oh, nun wei ich Alles! Das ist dein Werk, Marah Durimeh, das
deinige! Du, du und nur du kannst den Schah-in-Schah veranlat haben, den Syrr
zum Chodem des Assil zu machen! Aber, sei es denn! Er geht ja keinen Schritt mit
einem Fremden! und gar den Halfter nur, nicht Trense und Kandare! Verrckt,
verrckt, verrckt! Fast sollte ich mich schmen, des Teufels Ruhm mit einem
Sieg zu schnden, den jedes Kind vorauszusehen hat. Doch, weil es meinem
Chandschar gilt, bin ich gezwungen, diese Tour zu reiten, blamiert vom Syrr, der
stehenbleiben wird!
    Er trieb den Teufel an die Schranke. Ich stieg auf, um ihm zu folgen. Syrr
aber ging keinen Schritt. Wollte er heut nicht? Oder war ihm die Schecke so
zuwider, da er sich weigerte, sich in gleiche Linie mit ihr zu stellen? Als
Ariman dieses Weigern bemerkte, lachte er siegessicher auf und gebot, das
Zeichen zu geben Er hatte schon gleich im Anfange wenigstens fnfzehn
Pferdelngen voraus. Die Spannung, welche ringsum herrschte, war eine ungeheure.
Die Namen wurden verkndet. Wir sahen und hrten, da sie weitergetragen wurden,
uns voraus. Dann ertnte die Krna, und der Teufel flog sofort im Galopp auf die
weite, offene Bahn hinaus.
    Noch stand Syrr still. Ich trieb ihn an, doch ohne Erfolg. Fast wollte es
mir Angst werden. Da streckte er den schnen Kopf aus, lie seine schmetternde
Stimme hren und - - - ja, was war denn das? Ritt ich, oder flogen alle die doch
unbeweglich stehenden Menschen auf mich zu, um hinter mir zu verschwinden? Ich
fhlte nichts, als nur den Wunsch, den Teufel zu besiegen, und es war, als se
ich nicht auf einem Pferde, sondern auf diesem Wunsche, dem die Erfllung
entfliehen wollte und aber doch mit immer wachsender Schnelligkeit entgegenkam.
Am Ende des Sees war ich dem Iblis schon so nahe, da ihn der Mirza zu peitschen
begann. Im Duar holte ich ihn ein. An der Tribne fluchte Ahriman schon hinter
mir. Bald darauf hrte ich schon den Hufschlag des Teufels nicht mehr. Ich
drehte mich nicht um. Aber als ich zum zweiten Male um den See gebogen war; sah
ich den Mirza erst an der Biegung ankommen. Er hatte die Peitsche umgedreht und
bearbeitete den Kopf der Schecke mit dem schweren Griffe. Der Schmerz veranlate
sie zu einer letzten Anstrengung; sie kam mir wieder nher. Da gab mir Syrr
durch sein tiefes U - u - u - uh zu verstehen, da er das auch sehe, und griff
derart aus, da ich glaubte, ihn zgeln zu mssen. Wieder im Duar angekommen,
lie er schnell nach, ging in hohem parierendem Galopp am Landeplatz vorber und
kam dann, gemchlich schreitend, bei der Tribne an.
    Wie gnnte ich ihm den brausenden Jubel, dessen Bedeutung er gar wohl
verstand, wie mir seine spielenden Ohren verrieten. Aber der Ku, den ich ihm
gab, sobald ich abgestiegen war, schien ihm doch lieber zu sein, denn er kte
mich wieder, auf die Wange, fuhr mir in das Haar, nahm bald meine eine, bald
meine andere Hand in das Maul, kurz, zeigte mir auf alle mgliche Weise, da er
nur fr mich da sei, fr nichts Anderes. Und doch war er es, auf dem Aller Augen
bewundernd ruhten, nicht etwa auf mir, und das war auch ganz selbstverstndlich
und richtig!
    Und da kam nun auch Ahriman mit dem Teufel, oder vielmehr der Teufel mit
Ahriman, denn er ging mit ihm durch; infolge der Hiebe mit der Peitsche. Die
Zgel hingen vorn herunter; die Bgel waren leer; der Reiter lag nach vorn und
klammerte sich am Halse fest. Aber dieses Durchbrennen war kein gewhnliches. Es
geschah nicht etwa in vollem Jagen und ging auch nicht stets in derselben
Richtung, sondern das Pferd verfolgte die sehr bemerkbare Absicht, den Reiter
aus dem Sattel und unter die stampfenden Hufe zu bringen. Es bockte und
schlingerte, sprang bald nach rechts, bald nach links, rannte dann eine Strecke
geradeaus, blieb stehen, um mit gefletschten Zhnen nach rckwrts zu beien,
lief wieder fort, kehrte um, drehte sich im Kreise, kurz, es wollte den Mirza
herunterhaben, um sich zu rchen. Den Grund sahen wir, als es sich uns nherte.
Es hatte nur noch ein gesundes Auge. Das andere hing aus der blutenden Hhle.
Ahriman hatte es ihm ausgeschlagen! Er befand sich in ganz derselben Stimmung
wie sein Teufel: Scham, Wut, Rache! Als er uns erreichte, stand die Schecke fr
einen Augenblick still, um eine neue Tcke vorzubereiten. Da richtete er sich
auf und rief:
    Der Chandschar ist verloren, und so sei es denn dieser Satan auch! Ihr habt
ihn gewonnen. Wohlan, da nehmt ihn hin! Aber nur als Aas fr den Schinder!
    Er zog die Doppelpistole aus dem Grtel, spannte die Hhne, hielt die Lufe
an die zwischen den Nickwirbeln liegende Stelle und gab die beiden Schsse rasch
hinter einander ab. Er htte jetzt schnell abspringen mssen, war aber in seinem
Rachedurste fr die Vorsicht blind. Der Iblis zuckte unter den Kugeln. Das brig
gebliebene Auge schlo sich; der Kopf sank niederwrts, und die Kniee schienen
brechen zu wollen. Da aber sammelte sich seine sterbende, dmonische Kraft. Er
warf den Kopf empor, ging mit allen Vieren in die Luft, fate wieder Boden, warf
sich aus freier Hand grad auf den Rcken, sprang wieder auf und packte den nun
an der Erde liegenden Peiniger mit den Zhnen, und zwar am Kopfe, dessen oberer
Teil in dem weit, weit geffneten Rachen ganz verschwand.
    Dabei berkam ihn ein Zittern, welches ber seinen ganzen Krper lief. Den
Kopf des Prinzen festhaltend, brach er zusammen - - - er war tot!
    Man eilte hin. Die schreckliche Gruppe war vor den hilfeleistenden Menschen
fr einige Zeit nicht zu sehen. Dann teilte sie sich. Man hatte Ahriman aus den
Zhnen der verendeten Bestie befreit. War es Besinnung oder etwas Anderes, da
er sich aus seiner Ohnmacht halb aufrichtete, um zu sprechen? Er hob die
geballte Faust empor, schttelte sie und rief:
    Mein Kopf, mein Kopf! Immer nur mein Kopf, mein Kopf! Das war der Chodem
wieder, der Chodem, der mich aufgegeben hat! Ich soll verrckt werden, verrckt,
verrckt! Ich habe gekmpft mit ihm - - - von der Mauer der Vergeltung an bis
hierher! Vergeblich! Er emprte den Teufel gegen mich - - - er warf mich unter
ihn nieder - - - er fate mein Gehirn mit des Satans Zhnen - - - der Bi ging
durch und durch - - - durch den Geist und durch die Seele - - - es ist aus; es
ist aus; es ist aus! Mit einer letzten, groen Anstrengung aufspringend, schrie
er, indem seine Stimme berschnappte: Freut Euch, Ihr Dschamikun, denn hrt,
was ich Euch sage - - - der Frst der Schatten ist von jetzt an nur ein Aas - -
- ein verwesendes Aas fr den Schinder - - - - - - genau wie der Satan hier - -
- schleppt uns fort; schleppt uns fort - - - alle Drei, alle Drei - - - nicht
nur die Aase, sondern auch den Verrckten!
    Er lie den erhobenen Arm sinken, schttelte sich wie vor innerem Grauen und
fiel dann, wieder ohnmchtig, auf den scheckigen Kadaver des Teufels nieder.
Auch uns graute; wir wendeten uns ab. Schakara's Augen aber strahlten in
glnzender Freude. Sie reichte mir den gewonnenen Chandschar des Mirza und
sagte:
    Nimm sie hin, die Waffe der Feinde, die sich von nun an nur gegen sie
selbst zu richten hat! Sie ist in unsere Hand geraten, doch wollen wir den
Frieden. Stecke sie in die Scheide! Nimmt man diesen Frieden aber nicht an, so
fhrt sie wieder heraus. Dann aber gibt es kein spielendes Rennen wie heut, nur
um dem Volke den Satan figrlich zu zeigen, sondern wir machen das Spiel zum
tdlichen Ernst! Wen unser Rennen nicht warnt, weil er den Geist nicht besitzt,
zu begreifen, was es bedeutet, der treibe die Feindschaft weiter, sich selbst
zur schlielichen Schande!
    Man rumte den Teufel aus dem Wege und schaffte auch Ahriman fort. Als ich
nach den Sitzen der Khanum Gul und des Scheik ul Islam hinberschaute, waren
Beide verschwunden. Die gewonnenen Pferde wurden in Sicherheit gebracht, doch
verstndigte der Ustad den Scheik der Dinarun und den Takikurden Ibn el Idrak
davon, da sie heut Abend die ihrigen und ebenso auch ihre Kamele heimlich
zurckbekommen wrden. Die Gegner wurden von jetzt an unsichtbar, einer nach dem
andern. Es versteht sich von selbst, da wir uns unsers Sieges freuten, am
meisten aber wohl mein kleiner Hadschi Halef. Er strahlte geradezu vor Glck.
Sein Kara ein mehrfacher Sieger! Und gar auch Hanneh, die lieblichste Blume der
Frauen, ein groes Rennen gewonnen! Das ging ihm ber Alles, was er bisher
erlebt hatte, sogar auch ber das Ehrengewand vom Beherrscher des persischen
Reiches!
    Groen Jubel gab es, als die Krna ertnte und dann der Ausrufer verkndete,
da jetzt das gestern verregnete, lustige Rennen beginnen werde. Whrend dieses
vorbereitet wurde, trat die Dschemma mit den Preisrichtern zu einer schnellen
Beratung zusammen, um noch mehrere bedeutende, aber friedliche Rennen zu
veranstalten, zu denen sich nur Freunde melden durften. Kara bat mich hierzu um
den Assil und bekam ihn natrlich sehr gern. Ich aber ritt den Syrr nach Hause,
nicht ohne befriedigt ber die Worte zu sein, welche Dschafar mir mitgab. Er
hatte nicht gewut, da Syrr mir gern gehorchte, und war daher auf das Heftigste
erschrocken, als ich den Glanzrappen gegen den Teufel stellte. Umso grer aber
war nun sein Entzcken ber den Sieg, und er nahm sich vor, dem Beherrscher sehr
ausfhrlich Bericht zu erstatten.
    Es war rhrend, wie wohl sich Syrr fhlte und wie deutlich er seine Freude
uerte, als er aus der Menschenmenge herauskam. Auch ich bin am liebsten
allein, und so beschlo ich, bei ihm zu bleiben und mir die nun noch folgenden
Ereignisse des Tages von oben anzuschauen. Auf der Pferdeweide angekommen,
sattelte ich ab, gab ihm Wasser und Gerste, holte ein Gericht Aepfel fr ihn und
setzte mich neben ihn dahin, wo ich eine gute Aussicht ber das Tal hatte.
Spter gesellte sich Schakara zu mir. Um es kurz zu machen, sei gesagt, da der
Ustad mit der Sahm einen Preis gewann und Kara mit Assil und Ghalib auch je
einen. Das war mehr als genug.
    In und bei den zwei herrschaftlichen Zelten drben in den Ruinen war es
whrend des ganzen Nachmittages sehr still. Der Scheik ul Islam lie sich nicht
sehen und die Khanum Gul auch nicht. Hier und da ritt ein Bote zwischen ihnen
und Ahriman Mirza hin und her. Das Gefolge schien nach auswrts gegangen zu
sein, jedenfalls um bei der Vorbereitung zu der morgenden Umzingelung mit ttig
zu sein.
    Gegen Abend kam der Ustad und fragte mich, ob ich ihn zu einer genauen
Wiederholung unsers Sonntagsrittes begleiten wolle. Es gelte aber heut nicht,
die Posten zu revidieren, sondern die erwhnte, berhmte Umzingelung wieder zu
umzingeln. Ich war natrlich sofort und gern bereit. Syrr wurde von Neuem
gesattelt, und dann ging es, der Ustad auf der Stute, abermals den Berg zum
Alabasterzelte hinan.
    Als wir da oben ankamen, blieben wir betroffen, ja beinahe erschrocken
halten. Die Wucht und Masse des gestrigen, langen Regens war hier von
unheilvoller Wirkung gewesen. Sie hatte das ganze Erdreich von der
zurckliegenden Bergeskuppe herabgeschwemmt und, mit schweren Steinen vermischt,
in eine Art von Morne verwandelt, welcher das abschssige Terrain keinen
Stillstand erlaubte. Man sah an der glatten Bahn dieses Rutsches ganz deutlich,
welchen Weg er bereits zurckgelegt hatte. Es war zwar noch ziemlich weit von
ihm bis zu dem schon wiederholt erwhnten, gefhrlich lockern Steingerll; aber
wenn er es erreichte, so mute sein Druck sofort die Katastrophe herbeifhren,
welche der Ustad am Sonntage nicht nur erwhnt, sondern sogar befrchtet hatte.
    Jetzt freilich war hier nichts zu unterehmen, denn der Abend nahte schon;
aber fr morgen frh nahm sich der Ustad vor, dem Weiterschreiten der Morne
schnellsten Einhalt zu tun. Wir muten von hier oben fort, um noch vor Nachts
hinber auf die Nordebene zu kommen. Das gelang uns auch.
    Genau an derselben Stelle, wo wir den Boten von Marah Durimehs Hilfstruppen
gefunden hatten, erwarteten uns diese, angefhrt von dem unternehmenden Scheik
von Schohrd, der sich herzlich freute, mich wiederzusehen. Seine Truppen waren
mehr als gengend, die Ultra-Taki von hinten zu packen. Er erhielt die ntigen
Weisungen fr alle mglichen Flle und dazu das Versprechen, da wir ihm den uns
freundlich gesinnten Taki Ibn el Idrack schicken wrden. Dann ritten wir weiter.
    Im Norden standen die dortigen Dschamikun nicht mehr zerstreut, sondern
schon festgeschart. Sie hatten Fhlung mit dem Scheik von Schohrd und mit den
Kalhuran im Osten. Als wir diese erreichten, fanden wir sie in zwei Treffen
geteilt, um die von den Kundschaftern bereits ersphten Massaban und Schatten
hindurchzulassen und sich dann hinter ihnen wie zwei Torflgel zu schlieen.
    Im Sden freuten wir uns ber die dortlagernden Dinarun, die sich so schnell
aus Feinden in Freunde verwandelt hatten. Ihr Scheik war soeben bei ihnen
angekommen, hatte ihnen Alles erzhlt und war soeben dabei, ihnen auch zu sagen,
da er die verwetteten Pferde und Kamele bereits zurckerhalten habe, und zwar
unter Aufsicht des Pedehr, dem dies von dem Ustad bertragen worden war. Als wir
ihnen mitteilten, da es besten Falles gar keinen Kampf geben werde,
versicherten sie uns, da dies ganz gegen ihre Absicht sei, da sie wnschten,
uns ihre Freundschaft durch die Tat beweisen zu knnen.
    Wir brachten sie in Fhlung mit den sdlichen Dschamikun, die sich im Rcken
der Taki mit dem Scheik von Schohrd zu verbinden hatten. So war unser Ring also
geschlossen, mit Ausnahme der Durchzugsstelle fr die Massaban und Schatten.
Wenn sie so tricht waren, diese Tr zu benutzen, so gerieten sie in eine Falle,
aus welcher es kein Entrinnen gab!
    Es war mitten in der Nacht, als wir heimkehrten, und doch wartete Schakara
auf uns. Sie sagte, sie habe vor Sorge nicht schlafen knnen, um uns eine
Beobachtung mitzuteilen, die vielleicht sehr wichtig sei. Sie war, ehe sie sich
zur Ruhe legen wollte, noch einmal zu den Pferden gegangen und hatte sie in
einer ganz aufflligen Unruhe gefunden. Besonders waren die Tiere nicht dazu zu
bewegen gewesen, sich zu legen. Das deutete auf irgend eine Gefahr, die unter
ihnen in der Erde lag. Schakara dachte nach, und indem sie so still dastand und
sann, hrte sie, scheinbar unter ihren Fen, ein drhnendes Gerusch, dem ein
fortrollendes Donnern und Beben folgte. Das machte sie besorgt, und darum
beschlo sie, nicht schlafen zu gehen, bevor sie es uns mitgeteilt habe.
    Wir mssen hinunter - - - in das Bassin! sagte der Ustad und sagte auch
ich, beide wie aus einem Munde. Wir holten Fackeln und begaben uns, begleitet
von Schakara, die nicht ohne uns bleiben wollte, nach dem Landeplatze, stiegen
in das Boot und ruderten nach dem Kanale. Es gab keinen Menschen, der uns sah.
Weil der Ustad auch schon hier gewesen war, wute er Bescheid. Wir bemerkten
sofort, da das Wasser in Folge des langen, bedeutenden Regengusses viel hher
stand als frher. Die Ranken waren hier oben dichter; sie lieen uns nur schwer
hindurch. Dann brannten wir sogleich zwei Fackeln an und stakten und ruderten
uns durch den Kanal in das vordere Becken.
    Heut konnten wir die Decken ber uns erkennen, wohl wegen des
Wasserhochstandes. Diese Flut mute drcken und heben. Gleich an der ersten
Sule sahen wir, da an ihrer Basis ein groes Stck ausgewuchtet worden war;
oben aber prasselte es. Dennoch wagten wir uns weiter. Es brckelte berall, und
zwar in bengstigender Art und Weise. Stein auf Stein fiel klingend oder
gluchzend in die Flut. Es war wirklich verwegen, nicht umzukehren! Wir kamen
dahin, wo die Sule mit dem Gerippe gestanden hatte. Sie war verschwunden. Nur
der untere Stein stand noch, mit dem Skelett darauf. Von hinten her kam ein
Aechzen, Knarren und Prasseln. Schakara war bisher still gewesen, berwltigt
von der unheimlichen Schrecknis dieser Unterwelt; jetzt aber schrie sie auf und
bat uns, Gott ja nicht lnger zu versuchen, sondern sofort umzukehren und zu
flchten. Wir taten es, ohne erst noch nachzusehen, ob vielleicht nicht nur
diese eine, sondern noch mehrere Sulen zusammengestrzt seien. Die Folge sollte
zeigen, da dies sehr wahrscheinlich der Fall gewesen war.
    So standen wir also zwischen zwei drohenden Gefahren: Oben am Alabasterzelte
rckte die Morne vor, und unter uns brach das Innere der Erde zusammen.
Glcklicher Weise lag sowohl der Duar als auch unser Haus mit dem Garten und dem
Weideplatze zwar nahe, aber doch auerhalb des Bereiches der beiden
Katastrophen, von denen nur die Ruinen betroffen werden konnten! Wir waren weder
Geologen noch Architekten von Fach, aber es stand dennoch fr uns auer allem
Zweifel, da kein Leben bedroht sei auer demjenigen, welches sich von jetzt an
noch in das alte Gemuer wagte.
    Darum lie der Ustad gleich in der Morgenfrhe den Zutritt zu den Ruinen
allgemein und bei hoher Strafe verbieten. Auch schickte er Boten nach den beiden
Zelten hinber, um die Bewohner derselben zu warnen. Man lie ihm aber
antworten, da man die feindseligen Grnde dieser albernen Warnung kenne und
ber sie nur lache! Hierauf stieg eine Menge Arbeiter zum Alabasterzelte hinauf,
um den Absturz der Erd- und Steinmassen zu verhindern. Da sandte uns der Scheik
ul Islam ein Stck Papier, auf welchem folgende Zeilen standen:
    Gebt Euch keine Mhe, weder von oben noch von unten! Wir glauben keinen
Lgen! Wir halten die Ruinen fest bis morgen; dann werden Alle gehen, die nicht
hierher gehren! Hierauf mein Wort als Scheik ul Islam!
    Was unsere Festgste betrifft, so hatten alle, denen nicht zu trauen war,
sich wohlweislich entfernt. Von den andern aber fiel es keinem ein, den Ustad zu
verlassen. Sie verhielten sich so, als ob sie vollstndig ahnungslos seien,
waren aber alle sehr wohl unterrichtet und warteten mit Ungeduld auf den
nchsten Morgen, der die Entscheidung zu bringen hatte. Im Verlaufe des
Nachmittages kamen Boten von verschiedenen Seiten, und als es dunkel geworden
war, brachte der letzte von ihnen die Nachricht, da die Massaban und Schatten
in die Falle gegangen seien.
    Was die Taki betrifft, so hatte sich Ibn el Idrak schon frh bei dem Ustad
eingestellt, um sich mit ihm fr Weiteres zu besprechen. So sehr dieser Stamm an
seinen alten Vorurteilen hing und so von Allah bevorzugt sich die Angehrigen
desselben betrachteten, dieser vermeintlichen Ueberlegenheit ein blutiges Opfer
zu bringen, zumal so friedfertigen Nachbarn gegenber, das erschien ihnen doch
als zu viel verlangt. Nur die kleine, halsstarrige Corona, welche sich in den
Strahlen des Scheik ul Islam sonnte, hielt fest zu ihm, sonst aber Niemand
weiter. Und diese Verblendeten waren es auch, die in den geheimen Gang
eindringen sollten, um uns zu berrumpeln. Der Ustad beschlo, sie trotz alledem
zu schonen, aber sie in diesem Gange derart festzustopfen, da sie sich nicht zu
rhren vermochten. Ibn el Idrak war hiermit auerordentlich gern einverstanden
und ritt dann fort, um den Scheik von Schohrd aufzusuchen. Infolge dessen gingen
bei Anbruch des Abends zwei Abteilungen Dschamikun heimlich ab, die eine um von
auen her bis zur Hlfte des Ganges vorzudringen, ihn zu verstopfen und sich
hinter dieser Barrikade aufzustellen. Der hierzu bestimmte Punkt war natrlich
so gewhlt, da ihn keine der beiden zu erwartenden Katastrophen berhren
konnte. Die andere Abteilung sollte die Feinde alle eindringen lassen und dann
den Ausgang besetzen, um ihnen die Rckkehr unmglich zu machen. Wenn dies
gelang, konnten die Eingeschlossenen keine andere als nur noch eine hchst
lcherliche Rolle spielen, und es sei gleich hier gesagt, da es so gut gelang,
wie es gar nicht besser gelingen konnte.
    Hiermit waren diese Feinde also kalt gestellt, und es handelte sich nur noch
um die Massaban und Schatten, vor denen es uns ebenso wenig bange wie vor Jenen
war, denn wir hatten sie ja fest und konnten sie erdrcken, sobald es uns
beliebte.
    Man hatte whrend des ganzen Tages wieder Reisig und Holz auf smtliche
Hupter und Vorsprnge der Berge geschafft. Wie das Fest mit einer
Hhenbeleuchtung begonnen hatte, so sollte es auch mit einer solchen enden. So
wurde gesagt. Die Eingeweihten aber wuten, da das Aufflammen dieser Feuer fr
die Umschlieung der Feinde das Zeichen sei, da die Entscheidung einzutreten
beginne. Nur eine einzige Stelle war von dieser Bedeutung ausgenommen, nmlich
die Kuppe des Alabasterzeltes. Man hatte dort den ganzen Tag sich mit der
grten Anstrengung bemht, der Morne Stillstand zu gebieten, doch ohne den
gewnschten Erfolg. Sie war trotz aller knstlichen Hemmnisse weiter und weiter
vorgerckt, um die vorlagernden Gerllmassen zu ergreifen. Das verheerende
Schicksal von oben war also mit Gewiheit zu erwarten, doch sah man sich auer
Stande, die Zeit genau zu berechnen. Darum standen nun Wchter oben, welche die
dortigen Holzhaufen anzubrennen hatten, sobald der gefhrliche Augenblick im
Nahen sei. Das war es, was die Feuerzeichen von diesem Punkte aus zu sagen
hatten.
    In Erwartung aller dieser Dinge versicherten wir uns unserer Pferde, welche
in das Gewlbe gebracht wurden. Auf der ganzen Breite der Pferdeweide standen
Posten, um uns von den Ruinen abzuschlieen. Im Hofe etablierte der Ustad eine
Art Hauptquartier, zu welchem alle geltenden Personen gehrten, doch aber nicht
Ibn el Idrak und die Scheike der Dinarun und Kalhuran, welche sich bei ihren
Stmmen befanden und genau wuten, wie sie zu handeln hatten. Je weiter der
Abend vorrckte, umso stiller wurde es unten im Tale. Alle Dschamikun verlieen
den See und stiegen bergauf in die Hhe. Die Schatten sollten kommen drfen,
ohne den geringsten Widerstand zu finden. Aber der Duar selbst blieb umso
schrfer besetzt, an jeder Flanke sechs Kamelkanonen, um den Zugang von beiden
Seiten des Sees her zu bestreichen. Schon diese Geschtze allein gengten, den
Schatten ihre Ohnmacht gegen uns zu beweisen. Die brigen acht waren zu beiden
Seiten des Sees auf dominierende Punkte verteilt, von denen aus wir mit ihnen
die ganze Rennbahn beherrschten. Fr den Bedarfsfall hatte der Ustad eine Menge
von Fackeln verteilen und anfertigen lassen, und drauen am Ende des Sees lagen
Spher versteckt, um das Zelt Ahrimans zu beobachten und uns das Erscheinen der
Massaban zu melden. Er wollte ja mit diesen die Ruinen besetzen, und so waren
sie viel frher als die Schatten zu erwarten.
    Als wir die Zeit dazu gekommen glaubten, gingen wir hinunter in den Duar und
erfuhren dort, da der Pedehr so gewissenhaft gewesen war, die Bewohner der
Zelte noch einmal zu warnen, und zwar in eigener Person, von ihnen aber ebenso
hhnisch abgewiesen worden war wie die vorherigen Boten. Damit hatten wir den
Pflichten der Menschlichkeit gengt. Auf dreimaliges Vermahnen nur Spott; mochte
fr sie nun kommen, was da wollte!
    Am Himmel waren die Sterne verschwunden, nicht etwa infolge von Regenwolken,
sondern es schien, als habe er sich in einen dichten, undurchdringlichen
Schleier gehllt, um nicht sehen zu mssen, was sich hier unten ereignen werde.
Es nahte eine zwar nicht vollstndig dunkle, aber fahl obskure Mitternacht, so
recht geeignet fr Schemen, Phantome und Chimren. Auf dem See bildeten sich
Nebel. Sie lagen erst in unbestimmten Umrissen auf dem Wasser. Dann lsten sie
sich von ihm, um sich in einzelnen Fetzen aufzurichten und zu individualisieren.
Hierauf verdichteten sie sich zu allerlei gespenstischen Gestalten und
trachteten dem Lande zu, um, feucht und kalt, wie Geister von Ertrunkenen, sich
auf uns zuzuschleichen.
    Da tauchte aus ihnen einer der Spher auf und teilte uns mit, da die
Massaban bei Ahriman Mirza angekommen seien. Und bald darauf stellte sich ein
zweiter mit der Nachricht ein, der Mirza habe sich an ihre Spitze gestellt und
komme mit ihnen anmarschiert, doch leise, ohne Pferde, wie es seine Absicht ja
erfordere. Der Ustad wiederholte seine fr diesen Fall schon vorher gegebene
Weisung, sich so weit zurckzuziehen, da man nicht bemerkt werden knne, und
den Heranschleichenden den Weg nach den Ruinen vollstndig freizugeben.
    Es dauerte nicht lange, so kamen sie, von den Nebel gedeckt, die aber auch
uns ihnen verbargen. Sie glaubten den Duar im friedlichen Schlafe und zogen
vorber, ohne da Etwas geschah, was ihnen diesen Glauben benahm. Wir kehrten
also in unsere vorherige Stellung zurck. Einige Zeit spter erklang in den
Ruinen ber uns ein lauter, aber kurzer, abgerissener Schrei. Hierauf war es,
als ob Jemand mit unterdrckter Stimme irgend Etwas kommandiere. Dann war es
wieder still.
    So ungefhr eine Stunde nach Mitternacht erfuhren wir, da die Vorhut der
Schatten von den Pssen her nahe und drauen in der Ebene halte, um die ganze
Horde herankommen zu lassen; die Unteranfhrer des Mirza seien ihnen
entgegengeritten, um sie dann nach dem See zu fhren. Und nach einer lngeren
Pause meldete man uns von der andern Seite des Berges, da die Ultra-Taki in das
Garn gegangen seien und nun in dem Gange stcken, ohne rck- oder vorwrts zu
knnen; Ibn el Idrak aber habe die ganze Vollzahl der verstndigen Taki zu dem
Entschlusse gebracht, sich dem Scheik von Schohrd anzuschlieen und gegen Morgen
bei uns einzutreffen.
    Dieser Bote hatte sich eben entfernt, so kam Jemand, an den wir jetzt am
allerwenigsten gedacht htten, nmlich der - - - Aschyk. Er war oben im Hause
gewesen, um uns zu sprechen, und hatte erfahren, wo wir uns befanden. Was er uns
mitteilte, war noch interessanter als sein vllig unerwartetes Erscheinen.
    Ich bin fters bei Euch gewesen, als Ihr denkt, sagte er, und von Allem
sehr gut unterrichtet. Der Scheik ul Islam hat mich bis heut als seinen Spion
betrachtet, der sich in Euer Vertrauen geschlichen habe, um Euch an ihn zu
verraten. Darum erntet er aber nun selbst das Unkraut, welches er fr Euch
sete! Ich war oben auf dem Berge und habe mich berzeugt, da die Lawine nicht
mehr zu halten ist. Ich hielt es fr meine Menschenpflicht, es ihm zu sagen,
damit er sich entfernen mge. Da lachte er mich aus. Ja, er wurde sogar
mitrauisch, von mir dieselbe Warnung zu hren, wie von Euch, doch durfte ich
bei ihm bleiben. Er wanderte unruhig zwischen seinem Zelte und dem
Allerheiligsten hin und her, um nachzusehen, ob seine Taki durch den Gang
angekommen seien. Sie stellten sich aber nicht ein. Auch seine Bedienung habe
ich gewarnt. Sie steht auf dem Sprunge, sich zu retten.
    Und sein Gefolge? fragte ich. Der Heilige, der Selige, der Imam und die
Generale?
    Die sind bei den Taki geblieben und bleiben auch dort, bis der Kampf
vorber ist.
    Das ist ja hchst bezeichnend! sagte der Pedehr, der bei uns stand.
Frchte auflesen, aber ja nicht mit schtteln! Wie leicht knnte eine treffen,
vielleicht gar eine faule! Sprich weiter! Hast du die Khanum Gul gesehen?
    Nicht nur gesehen, sondern sogar mit ihr gesprochen. Diese beiden Personen
verkehren notgedrungen sehr hflich miteinander, hassen sich aber grimmig. Sie
glaubt ebenso wie der Prinz, da ich der Schatten des Scheik ul Islam sei, und
schmeichelt mir, um Gefhrliches ber ihn zu erfahren. Das zwingt sie, auch
ihrerseits mitteilsam gegen mich zu sein, und so werde ich von beiden Seiten
unterrichtet, ohne diesen Unterricht selbst bezahlen zu mssen. Mit heut ist
aber hierin eine Aenderung eingetreten. Die Khanum Gul hat mir nmlich den
Antrag gestellt, in ihren Dienst zu treten. Sie sagte, es gehe mit dem Scheik ul
Islam zu Ende und sie werde mir die beste Garantie fr meine Zukunft geben,
falls ich geneigt sei, Alles zu sagen, was ich ber ihn wisse. Das war gegen
Mitternacht, denn sie hatte mich fr diese Zeit zu sich bestellt, weil sie da
Ahriman bei sich erwarte. Er kam, aber nicht allein, sondern mit den Massaban.
Als er hrte, worber wir verhandelt hatten, forderte er mich auf, sofort mit
ihm zu gehen, um bewiesen zu sehen, da es besser fr mich sei, zu ihm und zur
Khanum Gul, als zu dem Scheik ul Islam zu stehen, der sich grad eben in seinem
Zelt befand. Er lie dieses von den Massaban umzingeln und trat mit den
Anfhrern hinein. Ich durfte mit. Da ich die Unterredung dieser beiden Mnner im
Allerheiligsten mit belauscht hatte, ahnte ich, was es nun fr eine Szene geben
werde, und wie ich dachte, so geschah es auch: Der Frst der Schatten nahm den
Scheik ul Islam beim Genick, nicht nur bildlich, sondern auch wrtlich, und
schttelte ihn so lange ab, bis auch der letzte Rest von Hochmut
herausgeschlottert war. Dann warf er ihn hin und befahl, ihn auf das Strengste
hier zu bewachen, bis der Kampf vorber sei, und ihn dann zur weiteren
Bestimmung vorzufhren. Natrlich trat er whrend alles Dessen, was ich erzhle,
nur als Ahriman Mirza, nicht aber als der Frst der Schatten auf und gab kluger
Weise zu ahnen, da dieser Letztere sich bei den heranziehenden Sillan befinde.
Er lie hierauf das Allerheiligste besetzen, um die Taki nicht in die Ruinen zu
lassen, und kehrte dann nach dem Zelte zurck. Ich hatte vor demselben zu
bleiben, bei der Dienerschaft, der ich dann half, Decken und Kissen nach der
Vorderkante des Stockwerks zu schaffen, wohin der Mirza und die Gul sich beim
ersten Grauen des Morgens setzen wollen, um von diesem allerbesten Platze aus
dem Abschlachten der Dschamikun zuzusehen. Das gab mir Gelegenheit, mich zu
entfernen. Ich eilte nach Eurem Hause hinber und wurde da zu Euch
hierhergeschickt.
    Und was tust du nun? fragte der Ustad.
    Das wei ich nicht. Gib mir einen Platz, damit ich fr Euch kmpfe!
    Wir haben Krieger genug. Bist du ein guter Reiter?
    Ja.
    So eile nach dem Hause zurck, und sag Kara Ben Halef, da schnell
gesattelt werden soll. Der Barkh fr ihn, der Ghalib fr dich und der Assil fr
mich. Dem Syrr mag Schakara den Sitz auflegen; er ist fr den Effendi, doch nur
mit Halfter. Dann kommt Ihr herab!
    Wohin soll es gehen? fragte ich, indem sich der ber diesen Auftrag
erfreute Aschyk entfernte.
    Hinauf nach dem Beit-y-Chodeh. Dieser Gedanke kam mir erst soeben. Es gibt
kein edles Waffenspiel, keinen Kampf zwischen gleichwertigen Mnnern, sondern
nur ein vllig gefahrloses Kesseltreiben auf niedriges Gezcht. Der Kessel ist
gestellt, und Jedermann kennt seinen Posten und das, was man von ihm erwartet.
Der Hauptmann mag an meine Stelle treten; er wei Bescheid fr alles Mgliche.
Wir aber reiten dort hinauf, weil wir vom Beit den besten Ausblick haben. Sehen
wir, da man uns braucht, so knnen wir in zwei Minuten wieder unten sein.
Ntigenfalls dienen Kara oder der Aschyk uns als Boten.
    Das hatte meinen Beifall, besonders deshalb, weil der zu erwartende
Bergsturz, falls er nicht spter kam, von dem Sulentempel aus viel besser als
an jeder andern Stelle beobachtet werden konnte. Der Hauptmann bekam also seine
Weisung, und wir gingen nach dem Bergwege, wo Kara mit dem Aschyk und unsern
Pferden sehr bald eintraf.
    Der Himmel hatte noch die stumpfe, bleierne Farbe, und auch die Nebel zogen
noch dicht ber den See und das Tal. Sie waren jetzt so kompakt, da man nur
wenige Schritte weit sehen konnte. Dann aber hrten sie pltzlich auf. Wir waren
ihrer Grenze entstiegen und befanden uns in freier, durchsichtiger Morgenluft.
Es war zwar noch nicht Tagesanbruch, aber im Osten dmmerte es schon leise, und
die Linien unserer Bergesspitzen wurden - - - Bergspitzen? Ah! Auf der dort im
Westen flammten hochlodernde Feuer. Waren sie erst jetzt angebrannt worden, oder
hatten wir sie wegen des Nebels vom Tale aus nicht sehen knnen? Das waren die
Warnungszeichen auf der Hhe des Alabasterzeltes. Die Lawine holte zum
schrecklichen Sturze aus!
    Am Beit-y-Chodeh angekommen, stiegen wir ab. Der Aschyk blieb bei den
Pferden; wir andern Drei betraten das Innere und gingen nach vorn, wo wir uns
niedersetzten. Da sagte der Ustad:
    Hier war es, hier an diesem Orte, wo der Feind uns herausforderte, so soll
es nun auch hier sein, von wo aus wir sehen, was er vermag. Der frechste von
ihnen damals, der Henker, ist schon dahin, beseitigt durch sich selbst, durch
seine eigene Waffe. Du, auf dessen Person er die Blutrache warf, brauchtest gar
nicht einzugreifen. So nun auch ich; ich lasse es dem Verhngnis ber!
    Wir waren nicht etwa allein hier oben. Ich habe bereits gesagt, da sich die
ganze, groe Menge der heut bewaffneten Festgste auf die ringsum liegenden
Hhen zurckgezogen hatte. Sie waren auch hier am Beit. Sie fllten den ganzen,
freien Platz. Ihre Linie lief nach beiden Seiten in den Busch, in den Wald
hinein. Und als es nun nach und nach heller zu werden begann und unser Blick
ber den See hinberreichte, sahen wir sie auch drben stehen, fast Kopf an
Kopf, den ganzen See entlang - - - auch eine Lawine, welche bereit war,
hernieder zu fahren, in den ethischen Abgrund, in das Heer der Sillan hinein.
Diese Gefahr fr die Feinde war zwar von hier oben, aber noch nicht von unten
aus zu sehen. Denn die Nebel rckten enger und enger zusammen und immer neue und
neue kamen dazu. Sie machten fr die Tiefe den Blick nach oben unmglich. Es
war, als ob sich die heranziehenden Schatten in dieses dunstige Geschwader
verwandelt htten, um ihren Angriff vom Lande auf das Wasser zu verlegen. Denn
der erste Hauch des Morgens war gekommen, von Osten her, wo die Kalhuran mit den
nrdlichen Dschamikun nun standen, und schob die Nebel, zunchst langsam zwar,
doch unwiderstehlich vor sich her, der Ruinenseite zu. Dort wirrten und whlten
sie sich an den alten Mauern empor, wickelten und wirbelten zu den Trmen hinauf
und wagten sich sogar ber diese hinber, wo sie an der Khle und Ruhe des
Felsens erstarben.
    So wurde es da drauen gegen Aufgang von ihnen frei und zugleich am Himmel
immer heller und heller. Schon wurde die Ebene klar, die nach den Pssen fhrte.
Da sahen wir sie reiten, die Schatten. Sie hatten sich am Zelte des Mirza
geteilt, um an beiden Ufern gleichzeitig vorzudringen. Ihre Spitzen steckten
schon tief in den Nebeln, aber ihre Zahl war so gro und ihre Kolonne so lang,
da nur ein sehr scharfes Auge den hinterherziehenden Tro zu erkennen
vermochte. Wehe ihnen, wenn Ahrimann den Befehl gegeben hatte, da diese ganze
Menge den See besetzen solle! Sie konnte sich ja nicht rhren! Sie war genau so
eingestopft wie die Ultra-Taki im geheimen Gange, nur da hier die Flucht nach
rckwrts offen stand! Aber was fr eine Flucht!
    Whrend wir da hinausschauten, um sie heranziehen zu sehen, kam er hinter
ihnen her - - - der Tag! Er folgte ihnen; er hing die Vorhut seines Lichtheeres
an ihre Fersen und sandte uns, hoch ber ihnen, den Odem seines Grues zu.
Dieser kraftvolle Atemstrom brach sich am Berge der Ruinen und whlte dort die
Nebel auseinander, um das Gemuer, wenn auch nur vorbergehend, unsern Blicken
preiszugeben. Da lagen die beiden Zelte. Das eine war von den Massaban
umzingelt. Bei dem andern sahen wir Niemand. Aber vorn, auf der Mauerkante, sa
Ahriman Mirza neben der Khanum Gul, und hinter ihnen standen die Diener. Die
Stelle, welche sie sich gewhlt hatten, lag so weit zurck, da es ihnen selbst
auch ohne die Nebel nicht mglich gewesen wre, unsere Aufstellung unten im Duar
zu bemerken. Sie befanden sich also noch immer in dem Glauben, da die
Dschamikun in tiefem Schlafe lgen.
    Da wieherte bei den Schatten ein Pferd. Ein anderes antwortete - - noch
eines und noch eines. Das war in der Stille des Morgens weithin zu hren und fr
Ahriman ein Zeichen, da seine Schatten angekommen seien. Er hatte sie schon des
Nachts erwartet und war ungeduldig geworden. Warum den Duar erst leise und
schleichend besetzen, wenn es nur einiger weniger Augenblicke bedurfte, ihn in
schnellem Ansturm zu berrumpeln? Der Morgenhauch war zum Winde geworden,
welcher die Dnste zur rascheren Bewegung zwang. Er begann, sie zu drngen, zu
zerreien, zu peitschen. Sie flatterten auseinander. Sie stoben nach allen
Seiten. Sie flohen in alle Lfte, um dort zerrissen zu werden. Der lichte Morgen
war am See erschienen und rumte mit ihnen auf. Von den Ruinen verschwanden sie
zuerst, weil der von der Felsenwand zurckkehrende Luftstrom dort doppelt
wirkte. Da sahen wir Ahriman stehen. Er hatte sich hoch und gebieterisch
aufgerichtet und eine Pistole in der Hand, um das verabredete Zeichen zu geben.
Er schaute hinaus, ber den See. Er sah nur Schatten, nichts als Schatten,
welche nun alle herangekommen waren und in dichtgedrngter Menge das Tal besetzt
hielten. Er sah nicht die Dschamikun auf den Hhen, weil sie sich hinter Felsen,
hinter Bume und Strucher verbargen. Und er sah, wie bereits erwhnt, auch
nicht unsere kanonenstarrende Aufstellung unten an der vordersten Ruinenmauer.
Darum gab er sein Signal; die Pistole krachte.
    Nun war er selbstverstndlich berzeugt, da die Schatten sofort von beiden
Seiten in das Dorf dringen wrden. Das geschah aber nicht, jedenfalls zu seinem
grten Erstaunen. Ihre Spitzen waren nahe genug herangekommen, um zu sehen, was
vor ihnen lag. Sie hatten beim Anblicke der ihnen entgegenghnenden Geschtze
ihre Bewegung eingestellt, und die Fhrer schienen sich zu beraten. Da scho
Ahriman den zweiten Lauf ab und winkte mit beiden Armen, indem er laute Befehle
rief. Man sah seinen Bewegungen an, da er zornig geworden war. Jedenfalls hatte
er befohlen gehabt, sein Zeichen zu erwidern, denn die Pderan gaben nun auch
ihre Schsse ab, je einen auf beiden Seiten. Weiter vorzurcken aber unterlieen
sie, indem sie wiederwinkten und nach dem Dorfe zeigten. Ihre Schsse schienen
ein vielstimmiges und nicht enden wollendes Echo erweckt zu haben, und Aller
Augen richteten sich nach oben, von wo es herunterklang. Da brannten die
Warnungsfeuer zwar noch, aber bla und fahl im Tageslichte. Die Wchter hatten
sich auf dem sichern Felsen am Alabasterzelte zusammengezogen und sagten uns
durch die Stimmen der mit hinaufgenommenen Gewehre, da die Morne zum Sturze
auszuholen beginne. Und zu gleicher Zeit griff nun der Hauptmann in die Szene
ein. Seine kommandierende Stimme erscholl. Auf seinen beiden Flanken donnerte je
ein Geschtz, fr dieses eine Mal nicht scharf geladen, und die acht rund um den
See verteilten Kanonen fielen augenblicklich ein. Und nun sprangen auf allen
Hhen die Dschamikun hinter ihren Verstecken hervor und lieen ihre Stimmen
erschallen und ihre Gewehre ertnen. Das war wie ein einziger Schrei und wie ein
einziger Krach, unter dem das ganze Tal und der See in ihm erbebte. Dann trat
jene tiefe, den Atem an sich haltende Stille ein, welche nur entscheidenden oder
gar frchterlichen Ereignissen voranzugehen pflegt.
    Kein Mensch, so weit man sah, schien sich bewegen zu knnen, mit Ausnahme
von nur einem. Das war der Chodj-y-Dschuna. Er ging nach dem Landeplatze, stieg
in das Boot und ruderte es so weit vom Lande ab, da er von Ahriman gesehen
werden konnte. Dieser stand, noch immer hoch aufgerichtet, aber wie zu Stein
erstarrt, auf seinem Platze. Begriff er das, was vor ihm lag? Oder konnte er
berhaupt nichts mehr begreifen? Da erhob sich der brave Lehrer der Dschamikun
von der Ruderbank und rief mit weithin hrbarer Stimme zu ihm hinauf:
    Ahriman! Die Sterbestunde deines Reiches naht. Die Mauern unter dir
beginnen schon, zu wanken, und ber dir will die Lawine strzen; man gab von
dort das Zeichen, da sie kommt. Du willst dem Schah-in-Schah die Herrschaft
stehlen und - - -
    Ein schmetterndes Gelchter schnitt ihm die Rede ab. Aber nicht der Mirza
lachte, der sich immer noch nicht regen zu knnen schien, sondern die Gul war
aufgesprungen, um in dieser Weise zu zeigen, da das Weib in den Augenblicken
der Gefahr oft hoch ber dem Manne stehe. Sie ri dem vollstndig Ratlosen den
Sbel aus der Scheide, trat bis ganz an den Rand der hohen Mauer vor und schrie
herab:
    Erzhle keine Fabeln, sondern schau dich nach der Wahrheit um! Die Lawine
will nicht erst kommen, sondern sie ist schon da. Sie wird Euch packen, sofort,
sofort! Heran, Ihr Leibscharen des neuen Schah- heran! Hier blitzt der Stahl;
ich rufe Euch zum Siege! Yallah103 - yallah - - yallah!
    Sie schwang den Sbel hoch empor, indem sie diesen Ruf ebenso
hinausschmetterte, wie vorher das Gelchter und - - - war das tollkhne Absicht
oder die Folge des unvorsichtigen, zu weiten Vortretens? Sprang sie, oder
strzte sie? Lie sie die Klinge fallen, oder hielt sie sie fest? Man konnte das
nicht unterscheiden, aber - - - bei dem dritten Yallah flog sie von der Mauer
herunter. Das sah genau so aus, als tue sie das, um durch diesen verwogenen
Sprung in die Feinde herunter die zgernden Schatten zum Angriff zu begeistern.
Und es wirkte!
    Yallah, yallah! riefen die Pderan, indem sie vorwrts strmten. Yallah,
yallah! schrien die ihnen nachdrngenden Schatten. Yallah - yallah - -
yallah! brllte es, weiterlaufend, rund um den ganzen See. Die beiden Kolonnen
drngten nach vorn. Da winkte der Chodj-y-Dschuna vom Boote aus dem Hauptmanne
zu. Dieser gab das Zeichen. Es wurde zu beiden Seiten gesehen, und die Geschtze
begannen, den Tod in die Feinde zu sprhen, nicht nur die zwlf im Duar, sondern
auch die brigen acht.
    Der Donner der Kanonen ri den Mirza aus seiner Erstarrung. Er fuhr sich mit
beiden Hnden nach dem Kopfe und trat, so wie vorher die Khanum, ganz an den
Rand der Mauer vor, um ihr nachzublicken. Aber unsere Augen wurden durch etwas
Anderes von ihm und von der Wirkung der Schsse ab- und in die Hhe gezogen. Wir
konnten vom Beit-y-Chodeh aus das ganze abschssige Terrain am Alabasterzelte
bersehen. Die Morne hatte das lockere Gerll erreicht und schob es vor sich
her. Sie wuchtete selbst die grten Blcke aus, welche infolge ihrer Schwere
ins Rollen kamen und der eigentlichen Lawine vorausstrzten. Das geschah gerade
in der Pause nach dem ersten Krachen unserer Kanonen. Die Massaban schauten von
der Kampfesszene weg, hinauf nach der Bergeskuppe. Sie wuten von dem Aschyk,
da ein Bergsturz erfolgen werde, und als sie nun Stein auf Stein
herniederfallen sahen, ergriffen sie schleunigst die Flucht. Der Duar lag zu
nahe am Berge; von ihm aus konnte der Eintritt der Katastrophe noch nicht
bemerkt werden. Aber den Schatten drauen am Wasser mute er unbedingt in die
Augen fallen. Sie hielten im Vordrngen wieder inne. Sie schrieen nicht mehr
yallah, sondern ganz anders. Sie richteten ihre Blicke nicht nach vorn,
obgleich da unsere Geschtze weiterdonnerten, sondern nach oben, wo die Morne
sich am Felsen des Zeltes in zwei breite, wirbelnde Strme geteilt hatte und nun
herniederscho. Noch ehe sie unten auftraf, erscholl von allen Punkten des Tales
ein vieltausendstimmiger Schrei, dann - -
    Das war kein Krach, den es gab, kein Schlag, kein Knattern und Prasseln,
kein Drhnen und Rasseln, kein Knirschen und Tosen, kein Brausen und Sausen,
kein Zerbersten, Zerspringen und Zerplatzen, kein Knallen, kein Beben, kein
Zittern, kein Rollen, und doch aber war es dieses Alles, Alles, Alles, aber in
so entsetzlicher und betubender Weise vereint, da es ganz unmglich
beschrieben werden kann. Die Wucht des Sturzes dieser schweren Massen erregte
einen Luftdruck, der uns hier hben wie ein unsichtbarer Schlag an die Kpfe
traf, drben aber Alles, was da stand, zu Boden warf. Ahriman Mirza wurde von
der Mauer hinweg und weit in die Luft hinausgeblasen. Wohin er fiel, das sahen
wir nicht, weil aus der hllischen Verwirrung eine Staubwolke aufstieg, welche
zunchst die ganze Ruinenseite des Tales verhllte und sich dann in der Weise
weiter verbreitete, da wir nur mit Vorsicht atmen konnten. Die Atmosphre wurde
in solcher Hhe und Weite von diesem Staube erfllt, da noch einige Tage spter
der Bergwald am uersten Ende des Sees aus Grn in Grau verwandelt lag. Das
Auftreffen der Lawine hatte eine Bodenerschtterung zur Folge, die als Zittern
weiterlief und von einem Gerusch begleitet wurde, als ob ein Kegeljunge alle
seine Kugeln auf der Laufrinne hinunterrollen lasse.
    Obgleich wir auf dieses Ereignis vorbereitet gewesen waren, konnten wir uns
dem Eindrucke seiner elementaren Gewalt doch nicht entziehen. Wie mute es da
erst bei Denen wirken, die es unerwartet traf! Wir sahen das zwar nicht, aber
wir hrten umso mehr. Das war kein Lrm, der zu uns heraufdrang, sondern ein
berlaut zeterndes Getse. Menschliche Stimmen erschallten in jeder Klangfarbe
des Entsetzens. Pferde wieherten berall, aber in einer mir bisher ganz fremden
Weise. Kamele brllten; Hunde heulten. Auch im Walde wurde es laut. Die ganze
Tierwelt, die zahme und die wilde, schien sich in der grten Aufregung zu
befinden. Wir muten hin zum Aschyk eilen, weil unsere Pferde durchgehen
wollten.
    Als wir sie beruhigt hatten und wieder an unsern Platz kamen, stie der
Ustad einen Ruf der Ueberraschung aus, indem er dort hinber deutete, von woher
die Lawine gekommen war. Auch wir staunten, Kara und ich. Die Staubwolke hatte
nicht bis zur Bergeskuppe steigen knnen, und hier bei uns begann sie, dnner zu
werden. Darum sahen wir zwischen den beiden Wegen, welche die Morne genommen
hatte, einen freien, nackten, starken Felsenarm weit in die Luft hinausragen, in
dessen gewaltiger Faust die glnzend wei blinkende Alabasterkrone ruhte. So,
genau so hatte ich es mir gedacht, als ich mich zum ersten Male auf dem See
befand104. Meine damalige Idee war also keine schnell und spurlos zerplatzende
Gedankenblase gewesen!
    Wie da drben die eine Lawine niedergegangen war, so schickte sich nun auch
die andere, die kriegerische, an, zu Tale zu rollen. Ueberall, wo der Staub es
nicht verhllte, sahen wir, da die Dschamikun die Hhen verlieen, um in die
von der Katastrophe unterbrochene Aktion einzugreifen. Es war vorherbestimmt
worden, da sie nach den ersten Kanonensalven sich unter guter Deckung an die
Schatten machen sollten, um sie unter ihr Gewehrfeuer zu nehmen, welches bei den
hier gegebenen Verhltnissen denselben Erfolg haben mute wie ein Hagelwetter
auf ein schutzlos stehendes Feld. Dann hatte die zu beiden Seiten des Duar
versteckte Reiterei hervorzubrechen, um die Uebriggebliebenen niederzurennen
oder, einer unheilvoll wirkenden Schaufel gleich, in den See zu werfen.
    Wir erwarteten, da das Schnellfeuer dieser tausende von Schtzen jetzt
beginnen und mit seinem ununterbrochenen Rollen jedes andere Gerusch
verschlingen werde, bekamen aber nichts zu hren, als das dumpf herauftnende
Stampfen eilig laufender Pferde. Kein Schu wollte fallen, weder aus einer
Kanone noch aus einem Gewehre. Was war das? Welchen Grund hatte dieses fr uns
rtselhafte Schweigen?
    Unser Freund, der Morgen, beantwortete uns diese Frage. Wie vorher in die
Nebel, so fuhr er mit seinem Winde nun auch in die Staubwolke. Er trieb sie vom
See hinweg nach dort, woher sie gekommen war, nach den Ruinen, und drckte sie
derart gegen die Felsenwand, da sie zu ersticken begann. Das Tal lag infolge
dessen vollstndig frei vor unsern Augen, und da erkannten wir, da uns unser so
wohlberlegter Plan auf das Grndlichste verdorben worden war. Wir sahen
einander an und wuten nicht, ob wir lachen oder uns rgern sollten.
    Wie lcherlich von uns, geglaubt zu haben, da die Schatten unter dem
Schutze des Alles verhllenden Staubes unsern Kanonen Stand halten wrden! Sie
waren nmlich gar nicht mehr da, diese unstten, schreckhaften Memmen! Wo
Lawinen strzen, bleiben nur herzhafte Mnner stehen, nicht aber feige Gesellen,
denen das Rckgrat fehlt! Wie aber war das gekommen? Und wie hatte es geschehen
knnen, da eine so dicht zusammengedrngte Menge sich zu entfernen vermochte,
ohne unter sich selbst auch nur eine Spur von Verwirrung anzurichten? O, sehr
einfach und leicht! So kompakt sich ihre Masse vorerst zusammengeschoben hatte,
es war doch schnell, sehr schnell Platz geworden. Die Hintertreffen hatten
gleich bei den ersten Kanonenschssen das Weite gesucht, denn fr eine so grobe
Behandlung ist kein Schatten zu haben. Dadurch waren ganz naturgem neue
Hintertreffen entstanden, welche ganz derselben Meinung waren und auch ganz
dasselbe taten; sie machten ebenso Kehrt. So hatte sich ein Hintertreffen nach
dem andern gemtvoll abgelst, um heimlich nach rckwrts zu gehen. Wir sahen
diese einzelnen Geschwader schon auerhalb des Tales reiten, um sich dort
eintrchtig und wohlbehalten wieder zusammenzufinden. Wenn auch nicht ganz, aber
doch so ziemlich nahe befanden sich nur noch die beiden lieben Vordertreffen.
Sie hatten ganz unerwartet und zu ihrem grten Erstaunen bemerkt, da sie nun
nicht mehr vorn, sondern hinten waren, und sich augenblicklich umgedreht, um
wieder nach vorn zu kommen. Ihre Pferde waren es, deren galoppierenden Hufschlag
wir gehrt hatten. Sie strebten soeben von beiden Seiten dem Zelte Ahriman
Mirza's zu und jagten, als ob ihnen unsere ganze Macht im Nacken se.
    Schatten! sagte der Ustad in einem Tone, als ob es ihn ekele. Und mit
solchem Gesindel will man nicht nur uns, sondern sogar dem Schah-in-Schah
imponieren! Wie tricht von uns, solche Vorbereitungen zu treffen, wo es sich
jetzt herausstellt, da es keines einzigen Mannes von uns bedurfte. Fast schme
ich mich!
    Wir sahen, da man unten im Duar ebenso erstaunt war, wie wir hier oben,
doch zgerte man nicht, sich der neuen Situation sofort anzubequemen. Die
Reiterei brach hervor, um die Verfolgung aufzunehmen. Drben erschien der auf
dem Nordwestwege versteckt gewesene Scheik von Schohrd mit seinen Leuten, und
ihm folgte Ibn el Idrak mit den Takikurden, die er hatte anmelden lassen. Hben
brachen die sdlichen Dschamikun aus dem Wege nach dem Tale des Sackes hervor,
hinter ihnen die Dinarun, von ihrem Scheike angefhrt. Sie ritten, was ihre
Pferde nur laufen konnten, auf der Rennbahn zu beiden Seiten des Wassers hin, um
die Schatten den vereinigten Kalhuran und nrdlichen Dschamikun entgegen zu
treiben. Auch der Hauptmann der Leibgarde warf sich auf sein Pferd; der
Chodj-y-Dschuna ebenso. Dschafar Mirza eilte nach dem Hause hinauf, um sich
beritten zu machen. Die Dschamikun alle, welche im Niedersteigen begriffen
gewesen waren, kehrten schnell wieder um, weil sich jenseits der Hhen die
Pltze befanden, wo ihre Pferde einstweilen untergebracht worden waren. Von dort
aus war es ihnen leicht, im Osten hinabzukommen und die Umzingelung der Schatten
zu verstrken. Es schien, als ob Jedermann von einer Art von Verfolgungsfieber
ergriffen worden sei, ausgenommen die Leute des Schah-in-Schah, welche nun nach
der Entfernung des Hauptmannes ein Najyh-y-Aewwl105 kommandierte.
    Auch wir fhlten uns nicht berufen, wegen fliehender Schatten unsere Pferde
anzustrengen; wir blieben. Zudem wurden wir von dem Anblicke festgehalten, den
der Ruinenplatz jetzt bot. Die Lawine war, wie bereits erwhnt, in zwei Hlften
herabgestrzt. Die beiden hohen, gewaltigen Erd- und Steinhaufen, welche sich
hierdurch gebildet hatten, lagen im Hintergrunde vereinigt, vorn aber nicht. Es
gab da eine schmale Einbuchtung der Trmmer, durch welche die Tr zum
Allerheiligsten freigelassen worden war. Dort hatte ein Teil der Massaban
gestanden, um den geheimen Gang zu bewachen. Wie sich spter herausstellte, war
es ihnen gelungen, sich durch die Flucht zu retten und einstweilen zu verbergen.
Und doch gab es Leute dort. Sie traten aus der Tr, Einer nach dem Andern, und
zeigten durch ihre Bewegungen, wie sehr sie ber den Anblick erschraken, der
sich ihnen bot. Es folgten Mehrere, und als sie weiter nach vorn kamen, sahen
wir, da es unsere Leute waren, welche in dem Gang postiert gewesen waren, um
die Ultra-Taki nicht hindurchzulassen. Sie hatten das Aufschlagen der Lawine und
die erdbebenartige Erschtterung sehr deutlich gesprt und einen Kameraden
herausgeschickt, um nachzusehen, was geschehen sei. Er meldete es ihnen, und nun
kamen sie Alle, um sich zu retten. Sie wuten ja, da die Sulen unter den
Ruinen einzubrechen begannen, und waren berzeugt, da die Decke die
niedergestrzten Massen nicht zu tragen vermge. Wenn sie einbrach, so mute
Jeder, der sich im bedrohten Teile des Ganges befand, verloren sein. Darum
hatten sie sich geflchtet und beeilten sich, in der schnellsten Weise herunter
in den Duar zu kommen.
    Hinter ihnen erschienen die eingeschlossenen Taki, Allen voran der Selige,
der Heilige, der Imam und die Generale. Sie waren sehr wohl bedacht gewesen, die
Gefahr des Kampfes zu meiden, und aber nun in eine viel grere geraten. Wie
behend sie klettern konnten! Wie sie sprangen und rannten, ganz gegen alle
frher gezeigte Wrde! Nur um den lieben, irdischen Leib in Sicherheit zu
bringen! Nach diesen drngten sich die Andern aus der Tr, alle die Feinde, die
wir bei den Taki hatten. Sie schoben sich; sie stieen sich; sie trieben
einander mit den Fusten vorwrts. Ihre Zahl wuchs mehr und mehr. Und wie sie so
dem Dunkel der Erde entquollen und schreiend, fluchend, stolpernd, ber einander
strzend, in sinnloser Hast zu entrinnen und nur zu entrinnen suchten, kamen sie
mir vor wie fliehende Ratten, welche von ihrem Schiffe nichts mehr wissen
wollen, weil es zu sinken beginnt. Sie waren so voller Angst und so Hals ber
Kopf verwirrt und verschchtert, da sie sofort Alles, was sie an Waffen bei
sich trugen, wegwarfen, als der Oberleutnant ihnen unten entgegentrat und sagte,
da er sie als Feinde gefangen zu nehmen habe. Trotz dieser Bereitwilligkeit
aber erklrten der Selige, der Heilige, der Imam und die beiden Generale, sofort
mit dem Ustad sprechen zu mssen. Weder sie noch die hier anwesenden Taki htten
je irgend Etwas gegen uns unternommen, und es sei also eine schreiende
Ungerechtigkeit von uns, sie als Gefangene zu betrachten und zu behandeln. Als
sie hrten, da der Ustad hier oben am Beit-y-Chodeh sei, verlangten sie,
hinaufgefhrt zu werden, damit diese wichtige Sache sogleich entschieden werde.
Er hielt es fr keinen Fehler, auf dieses Verlangen einzugehen, und so sandte er
uns die ganze Cohorte zu, von einer Anzahl Leibgardisten als Wache begleitet.
    Als sie oben anlangten, kamen sie alle in den Tempel herein und stellten
sich hinter uns auf. Der Selige trat vor, um zum Ustad zu sprechen; dieser aber
forderte ihn auf, jetzt noch zu schweigen und hinber nach den Ruinen zu sehen,
wo soeben ein Anderer zu sprechen beginne, der ber allen Seligen erhaben sei
und dessen Rede man nicht nur zu hren, sondern auch zu sehen bekommen werde.
    Er hatte mit diesen Worten nicht zuviel gesagt, denn was sich jetzt da
drben vorbereitete, mute Jeden, der es sah, mit Grauen erfllen. Es war im
Osten vollstndig morgenrot geworden, und die Sonne stand dem Aufgange nahe. Die
Alabasterkrone hoch oben lag bereits in vollster, goldiger Glut. Sie flimmerte
wie von millionen Diamanten und Rubinen. Aber tief unter ihr war es unheimlich,
denn da begann es, sich zu regen und zu bewegen, und man konnte doch nicht
deutlich erkennen, wo und wie. Es war wie ein langsames Wiegen hin und her. Hier
und hier und dort und da schtterte und verschwand der Boden in sich hinein, in
die Tiefe, wie durch sich bildende Schchte. Wir hrten einen Knall, als ob die
Erde von innen heraus auseinandergesprengt werde. Es folgte ein steinernes
Knacken und Prasseln, wie von einem gigantischen Ungeheuer, welches Berge
verzehrt und die Felsenknochen derselben mit den Zhnen zermalmt. Und da - da -
- da tat sich vor unsern Augen da drben ein furchtbarer Rachen auf, und begann,
die Ruinen mitsamt den herabgestrzten Hhenmassen zu verschlingen!
    Und whrend sie in diesem heihungrigen, gefrigen Schlund verschwanden,
scho ihm das emporgetriebene Wasser der Tiefe ber die Lefzen und wurde zu
gleicher Zeit mit einer solchen Gewalt aus dem Kanal in den See gepret, da es
sich wie ein beutegieriger, springender Leviathan ber seine Flche strzte und
erst weit drauen verendend niedersank.
    Wir aber achteten weder auf den jetzt pltzlich in hohen Wellen gehenden
See, in den sich der ganze Inhalt der unterirdischen Bassins zu ergieen hatte,
noch auf sonst etwas Anderes, sondern nur auf eine einzige Stelle, die unsere
Aufmerksamkeit in fast wunderbarer Weise gefangen nahm. Wir sahen von den Ruinen
nur noch die vordere Mauer. Alles, was hinter und ber ihr gelegen hatte, war
verschwunden, in ein vollstndig ebenes Feld verwandelt, fast genau so, wie es
von der Kirchenzeichnung des Ustad dargestellt wurde. Und grad da, wo auf dieser
Zeichnung im Hintergrunde der Sulenhalle das leere Postament stand, leuchtete
uns die herrliche Alabastergestalt des durch die Katastrophe nun endlich
erlsten verzauberten Gebetes entgegen. Vom dunkeln Hintergrunde der Nische
uns doppelt hell gezeigt, streckte es seine emporgehobenen Arme dem Aufgange der
Sonne entgegen, um mit offenen Hnden den Segen zu nehmen und zu spenden, in den
der tausendjhrige Fluch verwandelt worden war. Und wie sie nun emporstieg, die
ersehnte Sonne, so kam ihr Licht von der funkelnden Alabasterkrone hernieder,
wie auf Engelsschwingen getragen, die sich hold und froh zur Erde senken. Sie
kte die Stirn, die Wangen, den Mund des genau unter dieser Krone stehenden
Gebetes und flo dann ber das ganze Tal, um zu verknden, da es bisher nur
Morgen gewesen, nun aber endlich und wirklich Tag geworden sei.
    Der Ustad sprach kein Wort. Er hatte meine Hand ergriffen und drckte sie
mir so, da es allerdings keiner Worte bedurfte, ihn zu verstehen. Umso lauter
waren die hinter uns Stehenden. Ihr Dogma zwang sie, die auf so rtselhafte
Weise erschienene Figur als einen Greuel zu betrachten, denn Allah hat verboten,
von beseelten Wesen Bilder anzufertigen. Wer vor Bildern betet, ist ein
Gtzendiener. Wer aber gar Bilder selbst beten lt, der ist ein Gotteslsterer,
wie es keinen grern geben kann. Sie sagten das ganz ungeniert und in so
scharfen Ausdrcken, da ich die Selbstbeherrschung des Ustad bewunderte, der
sich zu ihnen umdrehte und sie fragte, was sie eigentlich hier an dieser Stelle
zu suchen htten. Da ffnete der Selige den Mund und hielt seine Rede, deren
Grundgedanke die Behauptung war, da kein Einziger von ihnen jemals daran
gedacht habe, irgend etwas Feindseliges gegen die Dschamikun zu unternehmen. Sie
seien keine Feinde und also augenblicklich freizulassen. Zur Bekrftigung gebe
er im Namen Aller sein Ehrenwort, da er die Wahrheit gesprochen habe.
    Im Namen Aller? Wirklich? fragte der Ustad, indem er sie anschaute und
sein Auge auf jedem Einzelnen ruhen lie.
    Da erhoben sie ihre Hnde zum Zeichen der Bejahung, keiner von ihnen
ausgenommen. Der Ustad nickte mir und Kara zu, ihm zu folgen. Er ging, ohne
Antwort zu geben. Wir bestiegen unsere Pferde und ritten nach dem Duar. Unten
angekommen, teilte er dem Oberleutnant mit, da die Gefangenen frei seien, aber
das Gebiet der Dschamikun sofort zu verlassen htten.
    Frei? rief Kara, der sich doch nicht halten konnte, fast zornig aus. Sie
haben ja bei ihrer Ehre gelogen, alle, alle! Der Selige, der Heilige, der Imam,
die Generale und smtliche Taki, vom Ersten bis zum Letzten!
    Das wei ich ebenso gut, wie sie es selbst auch wissen, antwortete der
Ustad lchelnd. Aber grad darum gebe ich sie frei, denn solche Ehrenmnner
mchte ich nicht einmal als Gefangene bei mir haben! Verstehst du mich nun?
    Das Erste, was wir nun taten, war, uns nach Ahriman Mirza und der Khanum Gul
zu erkundigen. Denn da die Katastrophe mit den Ruinen zugleich auch den Scheik
ul Islam vernichtet hatte, das bedurfte ja keiner Frage. Der Oberleutnant sagte,
da wir im Hofe des Chodj-y-Dschuna die Antwort finden wrden. Dort angekommen,
sahen wir Beide. Die Khanum war tot, in den Sbel gestrzt. Der Mirza sa neben
ihr, unbeschdigt am Krper, aber mit stumpfem Gesicht und leeren Augen. Er
kannte uns nicht mehr. Er schien auch sich selbst nicht mehr zu kennen und
leierte, wir mochten sagen, was wir wollten, nur immer und immer den Satz vor
sich hin: Ahriman Mirza ist der Frst der Schatten, und wenn er strzt, ist es
mit ihnen aus. Ahriman Mirza ist der Frst der Schatten, und wenn er strzt, ist
es mit ihnen aus - - -! Der Ustad hat es also erreicht: Ihn nur mit dem einen
Worte Chodem, am richtigen Orte und zur rechten Zeit angewendet, aus der
Schablone herausgetrieben, die nichts und nichts als Lge war! Da hatten wir
sie vor uns, nicht die seidene, sondern die eigentliche schwarze Larve des
Aemir-y-Sillan. Und dieses psychologische Prparat wurde nun durch die Macht des
Verhngnisses gezwungen, nichts und nichts weiter mehr zu tun, als die bisher so
sorgfltig verhllte Wahrheit ganz offen und nur immer und immer vor sich
herzuleiern!
    Als wir aus dem Hause traten, trafen wir auf Agha Sybil und die Seinen,
welche vor dem Nahen der Schatten ihr vollstndig ausverkauftes Zelt abgebrochen
und sich hinauf zu uns geflchtet hatten. Sie kehrten zu dem verlassenen Platz
zurck. Auch kamen von allen Seiten die Angehrigen der Festgste und die Frauen
und Kinder unserer heimischen Dschamikun herbei. Sie hatten sich
selbstverstndlich zurckziehen mssen und nun aber die Nachricht erhalten, da
sie sich wieder einstellen knnten. Man kann sich das Erstaunen denken, als sie
die Vernderung sahen, welche mit dem Ruinenplatze vor sich gegangen war. Wir
warnten sie, die gern sogleich hinaufgestiegen wren. Ehe man dies wagen konnte,
hatte sich die Masse erst noch zu beruhigen und zu senken. Zugleich langten
diejenigen von unsern Leuten an, mit denen an der andern Seite des Berges der
geheime Gang von auen besetzt worden war. Auch sie hatten die Detonationen
gehrt und die Erschtterung der Erde gesprt. Als sie dann spter bemerkten,
da sich die Ultrataki gar nicht mehr in dem Gange befanden, hatten sie
geglaubt, ihren Posten verlassen zu drfen. Sie kamen eben von der einen Seite
in den Duar, als die von ihnen eingeschlossen Gewesenen von der andern, der
Seite des Tempelberges, sich nherten. Diese Letzteren gingen mit wrdevoll
abgemessenen Schritten und hochgetragenen Huptern stolz zwischen den Dschamikun
hindurch, um jenseits in der Schlucht des Baches zu verschwinden! Den Ersteren
aber sagte der Ustad, da die nicht gebrauchten Signalflammen sich heut Abend in
Freudenfeuer zu verwandeln htten, wobei auch die verteilten Fackeln mit zu
verwenden seien. Das brachte die schnellste Bewegung auch in die Menge der
Frauen und Kinder. Man ging sofort an das Werk, alles vorhandene Brennmaterial
zusammenzusuchen und die Zahl der Holzste zu vermehren, denn heut Abend msse
es im Tale so hell wie am Tage sein.
    Hierauf wurde beschlossen, einen Ritt um den See zu machen, um nach den
gefallenen Schatten zu sehen. Sie lagen nur an den Stellen, welche von den
Kanonen bestrichen worden waren. Wir fanden nicht nur den Vertrauten des Mirza,
sondern auch smtliche Pdran, welche an jenem Sonntage des Gottesdienstes mit
dem Mirza und dem Henker als Blutrcher zu uns gekommen waren. Der Ustad
beschlo, diese Leichen alle den Ultra-Taki hinberzuschicken, um nach dem von
dem Scheik ul Islam vorgeschriebenen Dogma und Ritus begraben werden zu knnen.
Das solle eine Todeskarawane werden, welche wirkliche Verstorbene, nicht aber
Gewehre fr Emprer transportiere.
    Als wir das andere Ende des Sees erreichten, stand das Zelt Ahrimans
verlassen, gnzlich menschenleer. Wir gingen hinein. Es war frstlich
ausgestattet. An der hintern Wand stand zwischen einem Diwan und einem langen
Speiseserir eine kstlich gearbeitete, verschlossene Truhe. Ueber ihr hing ein
kleines Bild und ein vergoldeter Schlssel dabei. Der Ustad trat hinzu, um
nachzusehen, was fr ein Bild es sei. Kaum fiel sein Blick darauf, so stie er
einen Ruf der Ueberraschung aus. Er nahm es herab und ging zum Eigang, um besser
sehen zu knnen. Dann ffnete er vorn sein Gewand und zog eine Perlenkette unter
demselben hervor, an welcher auch ein Bild, von ganz derselben Form und Gre,
hing. Er hielt beide neben einander, um sie zu vergleichen. War das seinige
vielleicht dasselbe Bild, von welchem Pekala mir erzhlt hatte, da er es an
einem einzigen Tage des Jahres auf seinem hrenen Gewande trage?
    Nach einiger Zeit kehrte er zur Truhe zurck und versuchte, ob der Schlssel
passe. Es war der richtige. Sie schien nur Papiere zu enthalten. Er griff hinein
um zu sehen, was fr welche. Er las, griff weiter und las wieder. Dann drehte er
sich zu mir herum und sagte:
    Befremdet es dich, wenn ich Euch bitte, mich jetzt zu verlassen? Ich mu
allein sein, mu suchen und lesen. An der Verfolgung der Schatten beteiligte ich
mich nicht; sie widerte mich an. Nach dem aber, was ich hier sehe, mchte ich,
da keiner von ihnen entkomme, kein einziger. Ich habe sie alle zu fassen, alle,
und dem Beherrscher auszuliefern. Das Reich mu frei werden von ihnen, gnzlich
frei! Darum bitte ich Euch, reitet unsern Leuten nach, und sorgt dafr, da man
ja nicht nachsichtig oder gar sorglos verfahre! Ich vermute, da ich lange
Stunden brauche, bis ich hier fertig bin; fr mich habt Ihr Euch also mit Eurer
Rckkehr nicht zu beeilen.
    So stiegen wir Drei also wieder auf und ritten nicht nach dem Duar zurck,
sondern nach Osten, gegen die Psse. Die dorthin fhrende Ebene lag frei. Kein
Mensch war auf ihr zu sehen. Die sehr flchtig berittenen Schatten hatten keine
Nachzgler oder gar Marode zurckgelassen, und die Verfolger waren ebenso
schnell hinterher gewesen. Als wir in der Nhe des Gebirgszuges angekommen
waren, sahen wir, da man sich geteilt hatte, um gleichzeitig durch beide Psse
zu gehen. Wir whlten den sdlichen, den des Hasen, durch welchen Kara damals
mit Tifl geritten war. Auf seiner Hhe angekommen, sahen wir die herrenlose,
steppenhnliche Flche unter uns liegen, auf welcher Kara den von den
Blutrchern gejagten Scheik der Kalhuran und seine Frau gerettet hatte. Sie war
die festgeschlossene Falle, in welcher sich die Sillan jetzt befanden.
    Sie bildete ein groes, von der Natur mit Bergeszgen abgeschlossenes
Viereck, dessen Seiten folgendermaen besetzt waren: Auf der Westseite, also
grad unter uns, die Duardschamikun, die Gewappneten von Schohrd und die
verbndeten Taki; auf der Nordseite alle unsere mnnlichen Festgste, welche zur
rechten Zeit gekommen waren, mit eingreifen zu knnen; im Osten die nrdlichen
Dschamikun und die Kalhuran, und im Sden die sdlichen Dschamikun mit den
Dinarun. Die Einschlieung war also auerordentlich exakt und genau so
ausgefhrt worden, wie der Ustad sie entworfen hatte. Die Schatten befanden sich
in der Mitte; keiner fehlte. Sie kamen nicht auf den Gedanken, sich zu einer
Phalanx zu vereinigen, um einen Durchbruch zu versuchen, denn dazu waren sie zu
feig, sondern sie ritten in getrennten Trupps oder Rudels ganz ratlos hin und
her und lieen sich immer enger zusammenschnren.
    Unweit der Stelle, an welcher der Hasenpa in die sdwestliche Ecke der
Falle mndete, hatten sich unsere smtlichen Fhrer zu einer Beratung
zusammengefunden, zu welcher sich soeben auch der Scheik der Kalhuran von dem
entferntesten Punkte unserer Aufstellung einstellte. Wir ritten hinab. Es war
aber ein sehr steiler Weg, und wir schonten unsere Pferde. Darum kamen wir erst
unten an, als diese kurze Besprechung soeben zu Ende war. Der Scheik der
Kalhuran, der die Gegend genau kannte, hatte einen Vorschlag gemacht, welcher
einstimmig angenommen worden war. Es handelte sich um die beste Art und Weise,
in welcher die Schatten schnell zu entwaffnen und dann leicht zu bewachen seien.
Ich fgte da nachtrglich den Befehl des Ustad hinzu, ja Niemand entkommen zu
lassen. Nun gab es drben an der nrdlichen Seite eine groe, weite Felsenkluft,
deren Wnde so steil und so hoch waren, da kein Mensch an ihr emporsteigen
konnte. Sie war nur durch einen schmalen Ri zugnglich, welcher hier heraus auf
unsere Ebene mndete. Die Schatten muten nach diesem Risse getrieben und dort
entwaffnet werden. Waren sie dann in der Kluft, so gab es fr keinen Einzigen
ein Entrinnen.
    Die Anfhrer kehrten infolge dieses Beschlusses an ihre Pltze zurck, um
der Aufstellung die erforderliche neue Gestalt zu geben, was sehr schnell
geschehen konnte, weil mehr als genug Platz zu den erforderlichen Bewegungen
vorhanden war. Unser bisheriges Viereck verwandelte sich in ein Dreieck, dessen
offene Spitze nach der Kluft fhrte. Als dies geschehen war, wurde der Feind auf
diese Spitze zugedrngt. Wir sahen, da er zgerte, diesem Stoe zu folgen. Es
schien, da er endlich nun einmal den Mut fasse wenigstens so zu tun, als ob er
die Absicht habe, sich zur Wehr stellen zu wollen. Da machte der energische
Scheik von Schohrd kurzen Proze. Er gebot seinen Gewappneten, blank zu ziehen,
setzte sich mit entbltem Schwerte an ihre Spitze, ritt mit ihnen bis ganz an
die Schatten heran und begann, zu sprechen. Wir konnten nicht hren, was er
sagte, aber es hatte den beabsichtigten Erfolg: Die Hinteren drngten
unwiderstehlich nach vorn, und die Vorderen rckten weiter. Da auf der Flucht
die vorn Befindlichen niemals die Mutigen sind, so sahen sie sehr vernnftiger
Weise ein, wie berlegen wir ihnen waren und da Widerstand nichts als nur
Dummheit sei. Sie stiegen ab, lieferten ihre Waffen und Pferde aus und
verschwanden dann in der Kluft.
    Das Beispiel wirkt, und was der Eine kann, das kann der Andere auch! Whrend
wir von den andern Seiten immerfort nachdrngten, gab es auf der Ostseite mehr
als vollauf zu tun, die erbeuteten Waffen und Rosse aus der Linie zu bringen.
Aber der einzige Zugang zu dem Massengefngnisse war so schmal, da die
Unterbringung der Schatten viel langsamer vor sich ging, als wir es wnschten.
Uebrigens nahmen sie ihr Schicksal nicht sehr tragisch auf. Schatten denken ja
heut so und morgen so! Als es ihnen mit der Zeit im Sattel zu unbequem wurde,
stiegen sie ab und machten es sich auf der Erde gemtlicher. Und wenn dann
unsere Leute kamen, um die Pferde wegzunehmen, so bekamen sie die Gewehre,
Pistolen und Messer ganz ohne Widerrede obendrein. So kam es, da wir die Beute
schon alle beisammen hatten, als noch fast die Hlfte der Schatten im Freien
saen und darauf warteten, untergebracht zu werden.
    Was diese Beute betraf, so hatte der Ustad im Namen smtlicher Dschamikun
auf sie verzichtet. Sie sollte nur unsern Verbndeten zufallen, und diese
ernannten sogleich an Ort und Stelle eine Kommission, welche die einzelnen
Stcke zu taxieren und gerecht zu verteilen hatte. Das geschah denn auch, und
grad als der letzte Schatten in der Ritze der Kluft verschwunden war, hatte auch
das letzte ihrer Pferde seinen neuen Herrn bekommen und die letzte ihrer Waffen
ihre neue Stelle gefunden. Da war es nun aber auch beinahe Abend.
    Die Bewachung der Gefangenen wurde den Kalhuran anvertraut, von deren Scheik
man sicher sein konnte, da er dieser seiner Pflicht gengen werde. Was hier nun
noch zu geschehen hatte, konnte mir gleichgltig sein. Darum beschlo ich,
heimzureiten, und Dschafar Mirza gesellte sich zu demselben Zweck zu uns. Da
sahen wir weit drauen im Osten einen Kamelreiter kommen. Sein Tier war kein
gewhnliches. Es entwickelte eine Schnelligkeit, welche Dschafar zu dem Ausrufe
veranlate:
    Das kann nur ein Eilbote sein! Vielleicht wieder vom Schah-in-Schah!
    Er hatte ganz richtig vermutet. Wir ritten so, da der Mann auf uns treffen
mute, und erfuhren da, da er vom Beherrscher komme und je einen Brief an
Dschafar Mirza und an den Ustad der Dschamikun habe. Der Erstere bekam seinen
Brief und las ihn sofort. Es war ein langer, schmaler, starkbesiegelter Zettel
dabei. Dschafar lchelte, sagte aber jetzt noch nichts. Wir ritten weiter, mit
dem Kuriere Schritt haltend. Aber meinem Syrr schien der Geruch des Kamels
unangenehm zu sein. Er schttelte den Kopf wie gegen einen lstigen
Mckenschwarm und drngte seitwrts ab. Das half nicht genug. Da bumte er sich
unwillig auf und setzte sich dann in einen Galopp, der mich weit, weit eher als
die Andern vor das Zelt Ahriman Mirzas brachte. Der Ustad war noch da. Er sagte,
da er soeben erst mit dem Lesen fertig geworden sei und mir erst morgen
mitteilen werde, was er hier so ganz unerwartet gefunden habe. Ich erzhlte ihm,
in welcher Weise die Schatten entwaffnet und untergebracht worden waren, und
dann kam der Kurier, welcher das Schreiben abgab.
    Es war inzwischen so dunkel geworden, da wir im Zelte Licht anbrannten,
damit der Ustad es lesen knne. Es enthielt zwei Bogen, beide mit dem Siegel und
der eigenhndigen Unterschrift des Beherrschers. Den einen gab er mir mit dem
Bemerken, davon Gebrauch zu machen, sobald es mir beliebe. Es war - - - die
volle, bedingungslose Begnadigung des Aschyk. Den andern steckte er ein, ohne
jetzt schon ber seinen Inhalt zu sprechen. Es war ihm zunchst um den Transport
der Truhe zu tun, die er unmglich hierlassen knne. Es sei nicht nur Wahnsinn,
sondern geradezu Verrcktheit, derartige Papiere nicht besser aufzubewahren als
der Prinz. Da erbot sich der Kurier, die Truhe mit auf sein Kamel zu nehmen. Er
mute ja mit nach dem Duar, um dort zu warten, bis der Bericht des Ustad und die
Antwort Dschafars fertig waren. Sie wurde ihm hinaufgegeben und oben
festgebunden, und dann ritten wir heim.
    Heim! Ja, es ist Heimatsgefhl, welches mir dieses Wort aus der Feder
flieen lt. Wer sich bei guten Menschen nicht daheim fhlt, fr den gibt es
berhaupt keine Heimat, weder hier noch dort. Er hat sie sich erst zu - - -
ershnen! Und wer da nicht wei, da es auch geistige und seelische Sttten
gibt, welche kstlicher und heiliger sind, als jedes irdische Vaterhaus, der ist
rmer als selbst der Bettler, dem die kleinste Herberge einen Platz zum Ruhen
gewhrt. Zu so einer heiligen Sttte war mir das Haus des Ustad geworden, und
der Duar hier im Tal zu einem Wohnsitz von lieben Verwandten. Darum war der Tag
ihrer Befreiung von Schatten und Schemen nicht blo fr sie, sondern auch fr
mich ein Freudentag, und ich horchte froh auf, als jetzt ganz da vorn eine
krachende Salve von allen Kanonen ertnte und mit ihrem Donner die Feuer der
Hhen erweckte.
    Wir ritten langsameren Schrittes, um den sich entwickelnden Anblick hastlos
zu genieen. Da stiegen zuerst drben am Beit-y-Chodeh die Flammen auf, als ob
dort ein Jesaias stehe, der sein Mache dich auf, und werde Licht! in
Feuergluten erschallen lasse. Und das ganze Tal gehorchte; die Berge machten
sich auf, und auf allen Hhen wurde Licht. Und hoch ber diesen Bergen
zndete auch das Firmament jetzt seine Leuchten an und lie das Licht von oben
niedersteigen. Die Alabasterkrone erschien, uns im Sternenscheine gezeigt, als
ob sie der Erde vom Himmel entgegengestreckt werde, weit hinaus in das Dunkel
der Bergestiefe ragend. Da machte sich auch dieses Dunkel auf, gehorsam zu sein.
Es begannen Fackeln zu leuchten, von frhlichen Kindern im Duar herumgetragen.
Hierauf strebten auf der stehengebliebenen, vordern Cyklopenmauer, zu beiden
Seiten des heut entstandenen Kirchenplatzes, zwei gewaltige Flambeaus in die
Hhe, von mchtigen Holzsten erzeugt, welche Schakara hier hatte aufhufen
lassen, um den Bereich der Vernichtung zu illuminieren. Das gab eine solche
Flle von Licht und tageshnlicher Helle, da die Finsternis enteilte und, sich
in ngstlich zitternde Schatten auflsend, an der Bergwand emporkletterte. Und
mitten aus diesem hlichen, zappelnden Schreck trat in erhabener Schnheit und
imponierender Ruhe die makellose, herrliche Gestalt des Gebetes hervor, einer
Offenbarung gleich, einer Manifestation der frohlockenden Menschheitsseele. Der
Eindruck dieser Erscheinung war so unmittelbar packend und so unwiderstehlich,
da der Ustad sein Pferd anhielt, auch dem meinigen in den Halfter griff und,
aber nur leise, sagte:
    Halt - - warte! La die Andern fort; sie stren!
    Sie ritten weiter. Wir aber stiegen ab und standen lange, lange, in die
Gedanken versunken, oder richtiger, die Gedanken frmlich atmend, mit denen uns
die Seele des aus dem Fluche erlsten Segens berflutete.
    Mein liebes, kleines, lngst gewnschtes Kirchlein! unterbrach der Ustad
endlich und tief aufatmend unser Schweigen. Nun kann und darf ich dich wohl
endlich bauen! Ich habe nichts, gar nichts hinwegzurumen vom Platze, den ich
mir dachte; ein Anderer tat es fr mich. Die Wasser der Bassins sind in den See
gewichen und werden dort verbleiben. Die versunkenen Quader geben mir den
allerbesten Grund. Die riesigen Wrfel und Rundstcke zu den Pfosten und Sulen
der Halle sind zwar aus dem Neuen herzustellen, doch ist hier berall das
reichste Material dazu vorhanden. Aufs leere Postament wird dieses Bild gehoben,
und wenn dann meine Dschamikun begreifen, da Beten eine Kunst, und zwar die
allerhchste ist auf Erden, obgleich Natur sie schon den Kindern lehrt, so ist
die Einsicht und Erkenntnis da, selbst mit dem kleinsten Kirchlein gern frlieb
zu nehmen. Schon sehe ich den Ort der Andacht ragen, der zeigen soll, wie gro,
wie gro der Herr, wie aber winzig, winzig klein das arme Menschlein ist. Schon
hre ich dort am Berg die Glocken hell erklingen, die bers ganze Tal - -
horch!
    Er hielt inne, denn hinter uns waren die Freudensalven zu hren, mit denen
die heimkehrenden Krieger den im Wiederscheine der Flammen strahlenden See und
den schimmernden Duar begrten. Darum schwangen wir uns wieder auf und eilten,
den letzteren zu erreichen. Wir hielten dort gar nicht an, sondern ritten direkt
hinauf zum Hause. Noch vor dem Tore holten wir Dschafar und Kara mit dem Kurier
und dem Aschyk ein, die sich unten etwas verweilt hatten. Im Hofe angekommen,
wurden wir von der noch immer hier postierten Besatzung mit Jubel begrt und
erfuhren, da die Katastrophe auf dieser Seite des Berges nicht den geringsten
Schaden angerichtet habe. Der Kurier wurde diesen Leuten als Gast bergeben. Der
Ustad lie die Truhe nach seiner Wohnung tragen und folgte auf dem Fue
hinterher, so wichtig war sie ihm. Dschafar ging nach der seinigen, um sich
umzukleiden, denn wir hrten, da ein festlicher Schmaus fr uns und die
smtlichen Anfhrer vorbereitet werde. Kara eilte zu Vater und Mutter. Er wollte
zwar vorher die Pferde besorgen, doch nahm ich das auf mich; der Aschyk half mir
dabei.
    Als wir sie durch den Hof und nach der Weide fhrten und dabei an der
offenen Kche vorberkamen, sah ich, da da drin die in der Kochkunst
wohlerfahrene Frau des Chodj-y-Dschuna als heutige Gebieterin waltete. Sie hatte
das groe Werk bernommen, den Hunger aller unserer Diplomaten und Feldherren zu
befriedigen. Schakara's Aufgabe aber war gewesen, die prunkende Tafel zu
decken. Da ich sie nicht sah, so vermutete ich sie in der Halle, wo gegessen
werden sollte.
    Ich berlie die andern Pferde dem Aschyk, versorgte nur Syrr und ging dann
hinauf zu mir, nicht durch das Haus, sondern von auen. Noch hatte ich die
Plattform nicht erreicht, so sah ich Schakara, welche oben an den Stufen stand,
mich zu begren. Wie kam es doch, da wir einander nur die Hnde reichten und
nichts dazu sagten? Sie zog mich zur Balustrade und zeigte hinab, auf das Gebet.
Wir sahen es von hier aus in noch vollerer Gestalt als von unten, auch den
Sockel. Warum erschien es mir jetzt noch schner, erhabener und eindrucksvoller
als vorher? Ich faltete die Hnde. Da fragte Schakara:
    Effendi, kennst du die Sage von Chodeh, dem eingemauerten?
    Schon wollte ich antworten. Du hast sie mir ja selbst erzhlt! Aber ihr
Gesicht stand im alabasternen Schimmer des Gebetes, und da sah ich, da sie
schalkhaft lchelte. Darum blieb ich still. Nach Kurzem fragte sie abermals:
    Effendi, kennst du die Sage von dem verzauberten Gebete?
    Natrlich antwortete ich auch dieses Mal nicht. Da fuhr sie fort:
    Bevor du kamst, stand ich hier und dachte darber nach, ob diese beiden
Sagen wohl ganz dasselbe meinen. Ich glaube, ja. Und wenn das richtig ist, so
habe ich den Berg gefunden, den ich suchte. - - -

                                    Funoten


1 Siehe Band I pag. 548.

2 Die Prfungen.

3 Berg des Glaubens.

4 Seil der Konfessionen.

5 Wstenfuchs.

6 Hyne.

7 Henker.

8 Oberster der Glubigen.

9 Prophet.

10 Gesetzgeber.

11 Siehe Schiller, die Kraniche des Ibykus: So schreiten keine irdischen Weiber
...

12 Wert 12 Franken.

13 Heerscharen, Engel.

14 Polen.

15 Plural von Usta oder Ustad.

16 Siehe Band III S. 229.

17 Thymian.

18 Geschenk, Bettlergabe.

19 Bazar.

20 Beleidigungsproze.

21 Polnischer Aermelmantel fr Frauen.

22 Trkisch = Geliebter.

23 Kaiserlicher Prinz.

24 Sonntag.

25 Lehrerin.

26 Modell.

27 Logik, Denkschrfe.

28 Speisetischchen.

29 Eric.

30 Berg der Feindschaft.

31 Holunder.

32 Richter des geschriebenen Gesetzes.

33 Pferderennen.

34 Assessor.

35 Band III pag. 267.

36 Reitknechten.

37 Brille.

38 Sekretr, Schreiber.

39 Seliger.

40 Heiliger.

41 Hauptpriester.

42 Divisionsgeneral.

43 Brigadegeneral.

44 Zweites Frhstck.

45 Richter.

46 Wegfuchsler, Taschenspieler.

47 Jesus, Mariens Sohn.

48 Schattenspiel, Posse.

49 Zndhlzer.

50 Krebsleuchten.

51 Hlle.

52 Thomaschristin.

53 Zuckerbrot.

54 Geist.

55 Kriegsminister.

56 Silbergeld.

57 Arzt und Oberarzt.

58 Beeren.

59 Siehe Band I, pag. 409.

60 Psychologie.

61 Persische Tabakspfeifen.

62 Inkognito, Verstellung.

63 Persische Hose.

64 Hemd.

65 Weste.

66 Leibrock.

67 Shawl.

68 Ueberrock, auch zum Reiten bequem.

69 Persischer Name, bedeutet Flei߫.

70 Glanzrappe.

71 Striegel und Brste.

72 Komm!

73 Hufschmied.

74 Tischler.

75 Flaschenzug.

76 Kamele.

77 Tor.

78 Freimaurer.

79 Zwiebeln.

80 Schundroman.

81 Kaltschale.

82 Ketzer.

83 Siehe Band II pag. 27.

84 Ueberkleid.

85 Halt an!

86 Sattelunterlage.

87 Gehorsam.

88 Sehr hoher, kurztrabender Querschritt echt arabischer Schule.

89 Arabisches Kopftuch.

90 Madame.

91 Sohn der Behutsamkeit, des Abwartens.

92 Sohn des Verstandes.

93 Mauer der Vergeltung.

94 Teufelsstube.

95 Berittene Hartschiere, kaiserliche Leibgardisten.

96 Kameelkanonen.

97 Persisches Horn.

98 Siehe Band III pag. 518.

99 Peitsche.

100 Persischer Militrschofrichter.

101 Siehe Band III pag. 79.

102 Windkamele, ihrer Schnelligkeit wegen so genannt.

103 Vorwrts, drauf!

104 Siehe pag. 244.

105 Oberleutnant.

