
                             Heyking, Elisabeth von

                        Briefe, die ihn nicht erreichten

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                             Elisabeth von Heyking

                        Briefe, die ihn nicht erreichten

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                                                         Vancouver, August 1899.

Ihr Brief hat mich unendlich erfreut - vor allem, weil er weniger traurig
klingt, als ich gefrchtet hatte. Es wre mir ja beinahe beschmend, wenn Ihnen
Peking ohne mich nicht ein bisschen grauer und der erschiene, und ich mchte
etwas von Ihnen vermisst werden - aber nicht zu sehr. Es ist alles eine Frage
von Nancen, und Sie haben, vielleicht durch das jahrelange Studium alter
chinesischer Brokate und Porzellane, ein merkwrdig feines Verstndnis fr
Nancen, und haben genau diejenige getroffen, die mir wohltuend sein musste.
    Haben Sie also Dank fr Ihren Brief, wie fr so manches andere!
    Unsere kurzen Ferien in Japan sind mit jener erschreckenden Geschwindigkeit
vergangen, die den guten Zeiten nun einmal eigen ist. Ich will Ihnen keine
nachtrgliche Reisebeschreibung schicken, kennen Sie doch Madame Chrysanthmes
Heimat so viel besser als ich; ich will Ihnen nur sagen, dass ich dort viel an
Sie gedacht habe, denn durch alles, was Sie mir erzhlt, und durch die Bcher,
die Sie mir darber geliehen, kannte ich Japan schon, als ich hinkam. Es war
mir, als fnde ich dort lauter alte Bekannte wieder; in den Teehausmdchen, die
unsern Rickshaw-Kulis mit derselben Grazie und Hflichkeit wie uns selbst Tee
servierten, wie in den Landarbeitern, welche, hoch aufgeschrzt, oft bis an die
Kniee in den sumpfigen Reisfeldern versanken und sich bei Regenwetter
Strohdecken berbanden, deren abstehende Halmenden ihnen das Aussehen riesiger,
emsiger Igel verliehen. Sie alle erschienen mir wie Gestalten aus einem
wohlbekannten Bilderbuch, denen man zunickt: sieh da, sieh da, da seid ihr ja
alle.
    Das erfreulichste Wiedersehen feierte ich aber in Japan mit den vielen
Blumen, die ich daheim und anderswo als japonica oder japonicum kennen gelernt
hatte, und die ich nun in ihrer Heimat wiedersah, nur viel schner und
duftender; wie ja auch wahrhaft nette Menschen meist am nettesten in ihrem
eigenen Hause sind.
    Japan ist das erste und einzige aussereuropische Land, in dem ich mich
ankaufen und for good bleiben mchte; oder vielmehr for better for worse,
was ja ein so viel grsseres Versprechen und Zeichen von Vertrauen enthlt.
    An unserem letzten Morgen in Yokohama hatten wir noch zwei Erlebnisse, ohne
die Japan nicht recht Japan gewesen wre: wir wurden frh durch ein Erdbeben
geweckt, und wir sahen den Fusiyama. Der hohe weisse Herr hatte sich bis dahin
bellaunig hinter einer Wolkenkappe verborgen, was ich den hohen, einsamen
Bergesgipfeln nie verdenke, denn auch jngeren, geringeren Wesen ist der Anblick
der Welt ja oft verdriesslich genug. Als wir schon im Boot sassen, um hinaus an
unseren Dampfer zu fahren, ward es pltzlich lichter, und wir sahen die
schneeweisse Kuppe, die in Wirklichkeit ganz ebenso unwahrscheinlich aussieht
wie auf ihren zahllosen Abbildungen. Es war mir gesagt worden, dass wer am Tage
der Abfahrt den grossen Herrn Fusi sieht, sicher nach Japan zurckkehrt. Sie
wissen, dass ich, faute de mieux, ziemlich aberglubisch bin - nun wollen wir
sehen, ob mich mein Nomaden-Schicksal noch einmal nach dem Lande des Lchelns
und der Blumen zurckfhren wird.
    Der erste Mensch, den wir auf dem Dampfer trafen, war Bartolo, der grosse
Konzessionenjger, der so viele Monate im Hotel de Pkin sass, whrend Sie
gerade eine Ihrer geheimnisvollen Reisen in das Innere Chinas unternommen
hatten. Damals wollte Bartolo zuerst die nicht vorhandene chinesische Armee mit
einem von ihm selbst erfundenen Gewehr versehen, spter versuchte er dann einen
Plan zur Bewsserung der Wste Gobi an die chinesische Regierung zu verkaufen. -
Wer alle Projekte gehrt, die Bartolo und ausser ihm so viele andere zur
Beglckung der Chinesen ersannen, der kann das tiefe Mitleid begreifen, mit dem
Sie pauvre, pauvre Chine zu sagen pflegten. Viel weniger Mitleid hatten Sie
fr die armen Gesandten, die alle einige Bartolos besassen, von denen sie
gedrngt wurden, ihre Wnsche nach phantastischen Konzessionen mit politischer
Pression zu untersttzen und nach deren Ansicht die Gesandten nie genug taten,
was sich bisweilen in Zeitungsangriffen oder parlamentarischen Interpellationen
usserte.
    Bartolo erzhlte uns gleich strahlend, er htte seine letzte Konzession
erlangt, nicht die von der Wste Gobi, sondern eine allerletzte, zur Ausbeutung
von Rubinminen. Anfnglich sei er nicht recht sicher gewesen, fr welche Provinz
er die Konzession erbitten solle, ob Kwangs oder Kwangtung, da er ja beide
nicht persnlich kannte und nicht wisse, ob es dort Rubinen gbe. Schliesslich
habe er sich fr Kwangtung entschieden, nachdem er etwas im Richthofen
nachgeschlagen, diesem Evangelium aller Jnger des neuen Glaubens Heil durch
China.
    Mein Bruder und ich waren etwas erstaunt, dass Bartolo diese Konzession so
rasch erlangt haben will, um so mehr als die Chinesen ja gerade eine
Minenbehrde ernannt haben, deren Hauptaufgabe darin besteht, derartige
Angelegenheiten zu verschleppen. Bartolo erzhlte uns aber, in dieser Behrde
sssen als einflussreichste Mitglieder der alte Ts und der junge Tsi - dem
jungen Tsi habe er in Tientsin die Bekanntschaft einer ebenso geflligen wie
schnen Amerikanerin vermittelt, und der Nebenfrau des alten Ts habe er
nchtlicherweile ein goldenes Teeservice zugesandt. Von da ab seien seinem
Anliegen in der Kommission von den Chinesen nur noch pro forma ein paar kleine
Schwierigkeiten gemacht worden.
    Bartolo ist nun auf dem Wege nach London, um eine Aktiengesellschaft zu
grnden zur Ausbeutung seiner Rubinminen, von denen er sich Millionen
verspricht. Er hatte sich fr die berfahrt mit einer Menge Konserven und
Delikatessen versehen, von denen er all seinen Bekannten auf dem Schiffe bei
jeder Mahlzeit reichliche Portionen zusandte. Da er eigentlich ein sehr
gutmtiger Mensch ist, wollte er hierdurch schon jetzt alle gewissermassen an
seinen Zukunftsschtzen teilnehmen lassen.
    Ich werde immer ganz traurig ber die schnen Illusionen, wenn ich Menschen
so reden hre von all den Reichtmern, die sie in China erwerben wollen, und
mich dabei der unendlichen, herzbeklemmenden Armut erinnere, die ich dort, rger
als irgend sonst wo, gesehen habe. Wo sollen nur die Reichtmer herkommen? Ich
mag mich aber irren, denn ich kenne ja nur den trostlosen Norden Chinas, und
vielleicht liegen wirklich Rubinen auf den Strassen in Kwangtung, wo ich so
wenig wie Bartolo je gewesen bin.
    Ich muss meinen heutigen Brief schliessen, denn wir wollen hinaus in den
Wald, aber ich werde Ihnen noch von hier weiter schreiben, da wir einige Tage
hier bleiben wollen, um uns von der bisherigen fr die weitere Reise zu erholen.
Dieser erste Gruss soll Ihnen nur sagen, dass ich jenseits des grossen Wassers
gut angelangt bin. Nun schlage ich in Gedanken eine grosse Brcke darber, deren
eines Ende hier ruht, whrend das andere in der Gegend von Pei-ta-ho die Erde
berhrt, und ber diese Brcke eilen tausend herzliche Gedanken
freundschaftlichen Erinnerns zu Ihnen.

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                                                         Vancouver, August 1899.

Mein gestriger Brief, lieber Freund, handelte so sehr von Bartolo, dass ich
frchte, er wird den Eindruck bei Ihnen erwecken, als seien wir mit ihm die
einzigen Passagiere auf dieser langen Fahrt gewesen. Drum sende ich gleich
diesen zweiten Brief nach, der Ihnen von unserer brigen Reisegesellschaft
erzhlen soll.
    Am interessantesten waren mir zwei Japaner, die sich ein Stckchen Heimat
mitnahmen, in Gestalt einer zwei Quadratfuss grossen, erdgefllten Kiste, in der
mit Steinen und verkrppelten Zwergbumchen eine japanische Miniaturlandschaft
dargestellt war. Sie hteten dies Grtchen mit rhrender Sorgfalt. Beide litten
offenbar sehr an Seekrankheit und ihre gelbliche Haut hatte allmhlich seltsam
grne und violette Schattierungen angenommen, aber, mochten sie noch so elend
sein, sobald ein Sonnenstrahl durch das dicke, schwere Gewlk drang, krochen sie
aus der Kajte und trugen ihr Kstchen auf das Deck in die Sonne, und sobald
sich der Wind dann erhob und es klter wurde, schwankten sie wieder hinunter,
ihr Stckchen Japan in den Armen. Sie reisten nach Amerika zu Studienzwecken,
und schon auf der Fahrt diente ihnen alles und jeder als Beobachtungsobjekt. Sie
hatten offenbar ein grosses Gefhl der Verantwortlichkeit, besonders fr die
ihnen gegebene Zeit, eine Verantwortung, mit der es die meisten Menschen nicht
so genau nehmen, und die doch vielleicht die ernsteste von allen ist. Jeder
unserer beiden reisenden Japaner htte vor Jahren einmal das kleine japanische
Schulkind sein knnen, von dem erzhlt wird, dass man es nach einem starken
Erdbeben zwischen den Trmmern des Hauses fand, wie es auf einen herabgefallenen
Ziegel die Zahlen des letzten ihm aufgegebenen Rechenexempels eifrig weiter
schrieb.
    Auf unserem Schiff waren auch ein paar russische Reisende, sowie englische
und belgische Ingenieure, die aus Peking zurckkamen. Sie hatten sich dort um
Konzessionen fr Eisenbahnen beworben, die mglicherweise erst in Jahrzehnten,
vielleicht auch nie gebaut werden drften. Ich erinnere mich sehr gut, wie Sie
mir oftmals sagten, gerade dies Drngen um Eisenbahnen erbittere die Chinesen
besonders. Und dabei waren die meisten dieser nur mit Drohungen errungenen
Zugestndnisse fr lange hinaus ganz zwecklos, und wurden nur verlangt, um
etwaigen anderen Bewerbern zuvorzukommen. Man prahlte in Peking mit den
erlangten Konzessionen, wie die Indianer mit erbeuteten Skalps. Nirgends habe
ich so sehr die Empfindung unendlichen Raumes gehabt, wie gerade in China, und
doch schien es nirgends so sehr wie in Peking, als ob die weite Welt fr die
Ansprche der Menschen nicht ausreichte. Der Kampf wurde dort mit jener
neidischen Eifersucht gefhrt, die ein Gebiet lieber wst und leer sieht, als
dass sie es fremden Hnden berliesse. Der Schwchere wird, so reich und
ausgedehnt die Welt auch ist, stets leer ausgehen, denn die Gier der Starken ist
grsser als der grsste Raum.
    Auf dem Schiff hrte man endlose Debatten ber die Zukunft Chinas, ber
offene Tr und Interessensphren, ber Aufteilung und die Ansprche der
einzelnen Lnder. Was aber in Pekinger Kreisen nur leicht angedeutet wurde, das
sprachen diese Reisenden mit brutaler Offenheit aus. Man sah sich da pltzlich
der bte humaine gegenber, wie sie wirklich ist: stets erscheint ihr der eigene
Anteil zu klein, der des anderen zu gross. Mit harmloser Naivitt wurde da
enthllt, was jedes einzelnen Herzenswunsch war: fr sich selbst abgeschlossene
und mglichst grosse Interessensphren, bei dem Nachbar dagegen ein mglichst
offenes Scheunentor. Mich stimmten diese Debatten oft unendlich traurig, denn
sie erffneten fr die Zukunft weite hssliche Aussichten auf Kampf und
Unterdrckung. Es waren ja nur einzelne Leute, die da redeten, zumeist
einflusslose, unbedeutende Menschen, aber aus ihren Worten konnte man doch auf
den allgemeinen Geist der Zeit schliessen, mit seiner Skrupellosigkeit, seiner
Abhngigkeit vom Erfolg, seiner Grausamkeit gegen alles auf Erden, was sich
nicht wehren kann. Die beiden Japaner hrten dem allen zu, und wenn sie auch
selbst wenig sagten, so merkte man ihnen doch an, dass fr sie Buddha und seine
Lehren in ebenso weiter vergessener Ferne liegen, wie fr die anderen Christus
und sein Wort, und dass auch sie sich den europisch-amerikanischen Grundsatz zu
eigen gemacht haben: Friss, auf dass du nicht gefressen werdest.
    Draussen war es sehr neblig, sehr grau und eisig kalt geworden.
    Ein oder der andere Passagier fragte wohl mal, ob keine Kollisionsgefahr
sei. Dann wurde geantwortet: In diesen nrdlichen Breitengraden fahren gar
keine anderen Dampfer, und sollten wir unwahrscheinlicher Weise einem
Segelschiff begegnen, so sind wir eben die Wuchtigeren.
    So ging es im dicken Nebel weiter, und in langen gleichmssigen
Zwischenrumen ertnte das schauerliche Nebelhorn.
    Die brigen Reisenden hatten das Rauchzimmer oder ihre Kajten aufgesucht;
ich war allein auf Deck, in meinen dicksten Pelz gewickelt.
    Der Nebel war dichter als je zuvor, die sichtbare Welt schien auf ein paar
Fuss zusammengeschrumpft zu sein, drber hinaus war alles ein unheimliches Grau,
das lautlos hin und her wogte. Zentnerschwer fhlte ich eine Last, die sich mir
aufs Herz legte, so dass ich kaum zu atmen wagte - und diese Last war eine
namenlose Angst vor dem grauen Etwas, das die ganze Welt um mich her erfllte.
Ich kam mir so einsam vor wie noch nie im Leben, als sei ich ganz allein, als
letztes Lebewesen, und als schwebte ich angstvoll suchend durch den endlos
leeren Weltenraum. Und wie ich so hinausstarrte, begann es in dem Grau zu wogen,
zu steigen und sinken; es war, als wehe der Wind dicke, schwere Schleier hinweg,
und pltzlich lag klar und dicht vor mir ein Stck kalte, dunkle, nordische See.
Ein Felsen erhob sich daraus, schneebedeckt und an all seinen Zacken Eiszapfen
tragend, die bis zu dem schaurigen Wasser herabhingen. Oben aber auf dem Felsen
sass ein riesiger Eisbr, in den Tatzen das Gerippe des letzten Tieres haltend,
das er in der Einde gefunden. Er schaute sich um, als wollte er sagen, nun bin
ich Alleinherrscher der Welt. - Aber da tat sich das schwarze Wasser auf, und
heraus tauchte ein Ungeheuer mit Schlangenleib, Fischflossen und rot bemhntem
Walrosshaupt; Seetang hing ihm am nassen Maule und Reste kleiner Fische - die
letzten, die es noch in der See gefunden; auch seine grnlich glasigen Augen
schienen zu sagen: Nun bin ich ganz allein Herr der Welt. Da aber erblickten
sich die beiden, der riesige Eisbr und das Seeungetm. Die Flossen peitschten
die Wogen, die Tatzen umkrallten den Felsen. Noch waren beide gesttigt, aber
schon massen sie sich mit den feindlichen Blicken knftiger Gegner. Sie hatten
die ganze Welt entvlkert und trafen sich nun hier in der Einde zu letztem
Kampfe. Der wrde entscheiden, wer Herr der Welt blieb! -
    Wir waren heute den Aleuten ganz nah, sagte der Kapitn beim Abendbrot,
einen Augenblick konnte man eine der kleinen Inseln durch den Nebel sehen.
    Ich aber hatte die Empfindung, als htten sich die Wolken, die uns umgeben,
einen Augenblick geteilt, und ich htte einen Blick getan in die Geschichte der
Welt, die ja oft eine Geschichte wilder Tiere ist. -

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                                                         Vancouver, August 1899.

Wir sind noch immer hier, ohne besonderen Grund. Aber es ist herbstlich khl und
schattig, und die kleine Ruhepause gibt uns die kurze Illusion, wie andere
Menschen sesshafte Wesen zu sein.
    In den meisten Strassen sind hier Alleen grner Bume gepflanzt, unter denen
rotbckige Kinder morgens zur Schule radeln. berall sieht man Grten voll
spter Rosen, Rittersporn und Astern; die Mauern sind mit Kapuzinerblumen
bedeckt, und an den kleinen Kieswegen blhen Reihen von Georginen und Malven.
Grten in so nordischen Lndern wie hier haben mir immer etwas Rhrendes; es
ist, als wollten die Pflanzen in der kurzen Sommerzeit mglichst viel leisten,
und die Blumen, die es so eilig haben, zu erblhen, mahnen, dass wir ja alle
nicht wissen, wie kurz uns die Spanne Zeit bemessen sein mag, da fr uns noch
die Sonne scheint.
    Inmitten der wohlgepflegten Grtchen stehen kleine Landhuser; sie alle
sehen behaglich und behbig aus. Bei ihrem Anblick denkt man unwillkrlich an
jene Gattung englischer Romane, die junge Mdchen lesen drfen, und in denen
alle Menschen tglich nicht nur drei tchtige Mahlzeiten einnehmen, sondern auch
noch gemtliche Nachmittagstees mit Kuchen und Sahne.
    Die Leute, denen wir an diesem fichtenumwachsenen, bergumgebenen Hafen
begegnen, sehen alle tchtig und ttig aus; man merkt ihnen gleich an, dass es
freie, krftige Persnlichkeiten sind, die sich hier, unabhngig von
obrigkeitlicher Hilfe, wie von Bevormundung, eine Heimat gegrndet haben. Sie
sind stolz auf das, was sie schon jetzt aus dieser entlegenen Bucht gemacht
haben, und voll Zuversicht auf das, was die eigene, selbstndige Expansions- und
Bettigungskraft noch schaffen wird.
    Wir sind hier weit von jenen knstlich gezchteten Kanzlei-Kolonien, denen
durch einen Geheimrat aus der Hauptstadt des Mutterlandes als wichtigste
Grundlage eines beginnenden Gemeinwesens das Schema eines heimatlichen
Grundbuches, sowie Polizeivorschriften fr die Stunde des Lichtauslschens und
fr das Maulkorbtragen der Hunde gesandt werden.
    Maulkrbe trgt hier niemand.
    Es wird auch wenig regiert. Die Gesetze, die sich allmhlich als notwendig
herausbilden, entspringen den rtlichen Bedrfnissen und Erfahrungen - sie
werden nicht ready made importiert.
    Im Gegensatz zu so manchen anderen, beruhen die englischen Kolonien auf der
einzig gesunden Grundlage, auf einem tchtigen Mittelstand, der sich hier frei
und ungehindert entfaltet. In den Lndern, wo die demokratische Partei in
kurzsichtiger Opposition sich gegen koloniale Bewegungen stellt, beraubt sie
sich selbst eines fruchtbaren Ttigkeitsfeldes, wo sie viel mehr Aussicht als
daheim htte, ihre politischen Ideale zu verwirklichen. Diejenigen Kolonien, die
von oben herab geschaffen werden, erinnern mich immer an ein knstliches
Homunculuschen in der Flasche, das mit chemischen Pillen gepppelt wird und
seine Nahrung nie an der Brust der grossen Volksmutter gesogen hat.
    Ich entbehre es sehr, mich ber diese und tausend andere Fragen nicht mehr
mit Ihnen, lieber Freund, aussprechen zu knnen. Wer weiss, wann ich eine
Antwort von Ihnen erhalten werde, denn in Ihrem Briefe, den ich hier vorfand,
schreiben Sie ja, dass Sie nchstens wieder eine grosse Reise in das Innere
Chinas unternehmen mssten. All meine Briefe werden Sie wohl lange erwarten und
Sie erst nach Ihrer Rckkehr erreichen. Knnte ich den kleinen weissen Bogen
doch Flgel geben, um Ihnen wie Brieftauben auf Ihrer Expedition nachzufliegen -
dann fnden Sie jeden Abend, wenn Sie mde in einem elenden chinesischen
Gasthause oder einem mongolischen Zeltlager anlangen, solch einen Boten von mir
vor, der Ihnen erzhlte, wie viel ich an Sie denke und wie sehr ich wnsche,
dass Sie nicht mehr in die Wildnis zu ziehen brauchten, weil ich mich dann immer
so sehr um Sie sorge.

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                                                         Vancouver, August 1899.

Meine grosse Freude hier in Vancouver ist es, endlich einmal wieder lange
Spaziergnge im Schatten schner Bume machen zu knnen. Wer, wie ich, in einem
Waldland aufgewachsen, sehnt sich immer danach zurck. Bume sind mir wie
lebende Wesen und jeder hat seine eigene Physiognomie, seinen Ausdruck, den er,
wie wir Menschen auch, durch besondere Erfahrungen und Erlebnisse allmhlich
gewonnen hat. Ich begreife so gut, dass die alten Germanen sich die Bume als
Sitz besonderer Gottheiten dachten, und schon als Kind hatte ich einen wahren
Abscheu vor Sankt Bonifatius, der den heiligen Baum fllte.
    Sie erinnern sich gewiss noch, wie oft ich Ihnen von meiner Sehnsucht nach
schattigen Waldespfaden sprach, wenn wir zusammen nach der Hitze des Tages auf
die Pekinger Stadtmauer stiegen und auf diesem einzigen reinlichen Weg der
chinesischen Kaiserstadt auf und ab gingen. Die Stadt lag tief unter uns, all
die einstckigen Huser eintnig grau mit aufwrts geschweiften Dchern, auf
deren Kanten Reihen kleiner Steinhunde sitzen. In die Hfe der nchstgelegenen
Huser konnten wir von oben hinein schauen und was wir sahen, waren immer
dieselben uns unverstndlichen Wesen, die dasselbe Dasein fhrten, das seit
Jahrtausenden ihnen hnliche Wesen genau ebenso gefhrt haben. In den Strassen
war immer dasselbe Gewhl zahlloser Menschen, die unseren Augen so rtselhaft in
ihrer Gleichheit und Einfrmigkeit erschienen, deren elfenbeinerne Stirnen wie
geschlossene Tore waren, von Welten, in die wir nie eindringen werden. Jahr aus,
Jahr ein zog dies Gewhl von Menschen durch die Strassen, die monatelang voll
dicken, schwarzen, klebrigen Schlamms lagen, und die brige Zeit des Jahres in
dichten, grauen Staubwolken verschwanden. Und niemand rhrte die Hand, etwas zu
ndern, etwas zu verschnern. Denn es war ja von jeher so gewesen; niemand hatte
es je anders und besser gekannt; niemanden strte es - vor allem niemanden von
denen, die hinter den roten Mauern, unter den goldig schimmernden Dchern der
Kaiserpalste ein noch geheimnisvolleres, noch rtselhafteres Dasein als all die
anderen fhrten.
    Erinnern Sie sich, wie oft wir dort oben auf der Mauer standen und
hinberschauten auf die verbotene Stadt mit ihren verfallenden Mauern? Stets
hatte ich das Gefhl, als lge ein Alp auf der Stadt, wie der Schatten kommenden
Unheils! Mit welcher Sehnsucht habe ich von dort oben weit hinaus geschaut, ber
die unendliche Ebene und dabei anderer Lnder gedacht, wo uns nicht alles
unverstndlich ist, wo die Menschen sich grssen, freuen und kssen, sprechen,
lachen und trauern wie wir. Am Vorabend meiner Abreise haben wir noch einmal
dort oben zusammen gestanden, und Sie wiederholten die Worte, die Sie in den
letzten Wochen so oft gesagt hatten: Ja, Sie mssen fort von hier - es ist
besser so.
    Als wir dann nach Hause gingen ber die Kanalbrcke und an dem kleinen
Tempel vorbeikamen, in dessen Hof ein Kuriosittenhndler seinen kleinen Laden
alter Vasen und seltsamen Germpels erffnet hatte, da sagten Sie mir: Ihr
nchster Spaziergang wird Sie unter alte schattige Bume fhren, wie Sie es sich
hier so oft gewnscht haben.
    Sie schienen so traurig, als Sie das sagten, lieber Freund, und doch haben
Sie uns selbst zur Abreise gedrngt und sie beeilt - warum?
    Und jetzt bin ich in einem Lande schattiger, grner Bume und tglich seit
wir hier sind, gehe ich stundenlang tief in den Wald hinein. Das Schnste hier
ist der Viktoria-Park, mit seinen uralten Bumen und den herrlichen Blicken auf
die See, vor allem mit seiner Ruhe, seinem Schweigen und Frieden. Wie wrde ein
Bcklin diesen Wald geniessen, der dem unberhrten Naturzustand noch so nahe
scheint, dass man sich gar nicht wundern wrde, ber das dicke, weiche Moos
Faune und Einhorne schreiten zu sehen.
    Gestern bin ich besonders lange im Park gewesen. Ich ging trumend immer
weiter, bis ich an sein usserstes Ende kam, wo er zur schmalsten Stelle einer
Meerenge fhrt. Das felsige Ufer fllt dort steil ab, und tief unten strmt das
Wasser reissend vorbei. Ich setzte mich nieder zwischen Farnen und allerhand
Ranken und schaute in die Tiefe auf die Meeresstrasse, durch die alle Schiffe
fahren, die vom fernen Osten nach Vancouver kommen. Und ich trumte, wie hbsch
es sein msste, hier irgendwo ein waldverborgenes Huschen zu besitzen; dann
wrde ich alle Tage bis zu dieser ussersten Spitze gehen, setzte mich dort
unter die alten Bume und schaute aus, ob Schiffe aus Far-away Cathay kommen.
Und an einem Tage wrde endlich ein Schiff kommen, auf dem stnden Sie, und ich
wrde Ihnen von meinem Felsen aus einen grossen Strauss frischer Waldblumen
herabwerfen.
    Denn nicht wahr, Sie bleiben doch nur gerade so lange in China, als es
durchaus ntig ist? Ich mache ja schon so viel schne Plne fr die Zeit, wo wir
uns wiedersehen werden. Wann, wo wird das sein?

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                                                          Banff, September 1899.

Die Frhsonne scheint in mein Zimmer, lieber Freund, draussen zwitschern
Spatzen, die sich in der Jahreszeit irren und jetzt beim nahenden Herbst noch an
Frhlingsidyllen denken, und ich will den Tag beginnen, indem ich Ihnen guten
Morgen zurufe, hinaus in die unergrndliche Weite. Mge Ihnen ein freundlicher
Lufthauch meinen Gruss bringen - wo Sie auch sein mgen. Ich frchte, es kann
dort nicht so schn sein wie hier.
    Das hiesige Hotel liegt auf waldigem Bergrcken, in grsster Einsamkeit, und
erinnert an manche Tiroler Burgen. Von unseren Fenstern aus haben wir einen
weiten Blick auf ein Gebirgstal, in dessen Tiefe, zwischen hohen Fichten, ein
Bach fliesst, der, zur Zeit da Eis und Schnee schmelzen, zum reissenden Strome
wird. Im Hintergrund erheben sich steile, schneebedeckte Felsen.
    Nach der langen Reise ist die hiesige Behaglichkeit an sich ein Genuss. Es
ist herrlich, wieder mal in einem Bett zu schlafen, das weder schwankt noch
schttelt, und Mahlzeiten einzunehmen, ohne Sorge, dass der Zug abfhrt, oder
dass der gegenbersitzende Reisende seekrank wird.
    Dicht neben dem Hotel ist ein grosses, offenes Schwimmbassin, das von warmen
Schwefelquellen gespeist wird. Fichten stehen ringsherum und das laue Wasser,
der Sonnenschein und die kstliche wrzige Luft bilden zusammen einen so
wonnigen Aufenthalt, dass man im Sommer sicher gern Stunden dort verbrchte.
Weiter unten, dem Tale zu, sind natrliche Grotten mit sprudelnden Quellen und
tiefen Teichen, die geheimnisvoll unter den berhngenden Felsen verschwinden.
Das Wasser ist so klar, dass man tief unten auf dem Grund die weissen
Sandflchen und die einzelnen Kieselsteinchen schimmern sieht. Ich muss dort
immer an die schne Undine denken. In solch tiefen, klaren Wassern ist sie
gewiss, unbewusst glcklich, wie die silbrigen Fischchen, herumgeschwommen, bis
sie hinauf zur Welt stieg und unglcklich ward, weil sie sich einbildete, dass
es ntig sei, eine Seele zu haben. Htte doch irgend ein welterfahrenes Wesen
der armen Undine erklrt, dass Seelenbesitz der entbehrlichste von allen ist,
und dass die kalten, schlpfrigen Fischchen am besten durch die Welt kommen, mit
ihren geheimnisvoll grnlichen Augen, die so tief scheinen und auf deren Grund
gar nichts ist.
    Wir haben hier einen Offizier kennen gelernt, der die Mounted Police des
Distriktes befehligt. Im Winter muss das ein recht einsamer Posten sein, wenn
das Hotel geschlossen ist und die ganze Welt weit und breit unter tiefem Schnee
begraben liegt. Im Sommer dagegen und auch jetzt noch in den schnen Herbsttagen
scheint Kapitn White ein ganz lustiges Leben zu fhren. Er ist bestndig hier
im Hotel und die Damen sehen ihn alle als eine Art Badedirektor an, der fr die
Vergngungen der ganzen Gesellschaft verantwortlich ist. In der Halle, wo in
zwei grossen Kaminen halbe Baumstmme knisternd verbrennen und an den Wnden und
auf dem Boden herrliche dicke Felle liegen, flirtet er mit schnen blauugigen
Kanadierinnen, die hier mit allerhand Sports die Saison zubringen; er flirtet
mit amerikanischen Summer Girls, die es origineller gefunden haben, sich
Kanada statt Europa anzusehen, und er flirtet mit blassen, verwaschen
aussehenden Englnderinnen aus Hongkong, die alljhrlich in immer grsserer Zahl
hierher kommen, um sich vom dortigen erschlaffenden Klima zu erholen. Es werden
tglich grosse Ausflge unternommen, zu denen die ganze Gesellschaft meist in
Kapitn Whites Coach fhrt. Er kutschiert vortrefflich, aber es sieht ganz
abenteuerlich aus, wenn er mit seinem Viergespann die steilen Korkenzieher-Wege
hinauffhrt, in so scharfen Windungen, dass das erste Paar Pferde oft genau eine
Etage hher zu stehen kommt, als das zweite und der Wagen. Gestern sass ich bei
solcher Fahrt neben Kapitn White, und auch bei den halsbrecherischsten Stellen
erzhlte er lustig weiter, besonders von den Wintersports und von den hiesigen
Indianern. Er sagte mit dem Brustton englischer Selbstgeflligkeit, die
Regierung sorge fr sie mit Geld und Proviant - ich finde das eigentlich das
Mindeste, nachdem man den armen Leuten ihr Land weggenommen und ihnen als
besondere Gastgeschenke Trunksucht und allerhand Epidemien gebracht hat. Von
Zeit zu Zeit sollen die Indianer noch jetzt grosse Versammlungen abhalten, bei
denen ungeheure Mengen Branntwein getrunken werden und die alten Krieger sich
unter lautem Beifall all ihrer einstmaligen Morde und Diebsthle rhmen. Um den
Alten an Mut nicht nachzustehen und da Raub und Totschlag im modernen
Kulturstaate doch sehr unangenehme Konsequenzen haben, bringen sich die jungen
Mnner in den Versammlungen eigenhndig grosse Wunden bei und werden dann auch
als Krieger in den Bund aufgenommen.
    Wir fuhren gestern nach dem Devil's Lake, einem tiefblauen See klarsten
Wassers, der von hohen Felsen umgeben ist. Warum er gerade mit diesem Namen
bedacht worden ist, konnte ich nicht ergrnden. In allen Lndern kommt aber
diese Benennung so hufig vor, dass man unwillkrlich annehmen muss, der Glaube
an die Allgegenwart des Teufels sei weit mehr als derjenige an eine andere
Allgegenwart im tiefinnersten Bewusstsein der Menschen lebendig.
    Der Glaube an Gespenster, an bse Geister, anders auch Teufel genannt, ist
ja sicherlich lter als der eigentliche Gottesglauben, denn aus der Angst vor
bsen, unerklrlichen Mchten ist aller Kultus entstanden; er diente anfnglich
immer dazu, Unheil von den armen Menschen abzuwenden, die von den bsen Geistern
verfolgt wurden: die ursprnglichen Kultformen sind immer abwehrender Art und
vielen, vielleicht den meisten Menschen, erscheint ihre Gottheit auch heute ja
noch als ein erzrntes Wesen, das vershnt werden muss.
    Dieser kanadische Teufelssee erinnerte mich sehr an einen kleinen See in den
Pyrenen, den ich vor Jahren einmal sah. Dort steht auf einem Felsen ein kleines
Kreuz, und der baskische Fhrer zog das breite wollene Barett ab, bekreuzigte
sich und sagte, an der Stelle sei ein Liebespaar ertrunken. Jung, wie ich damals
war, rhrte mich das sehr. Als ich aber bis zu dem Kreuz geklettert war, las ich
eine so alte Jahreszahl, dass das Liebespaar, wenn es statt zu ertrinken, alt
und grau geworden wre, und Urenkel erlebt htte, unter allen Umstnden doch
lngst htte tot sein mssen. Das dmpfte meine Rhrung. So oder so - ein
Kreuzchen wre doch schon lngst das Ende - vielleicht war's besser so.

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                                                          Banff, September 1899.

Lieber Freund! Die Welt ist hier so schn, dass ich Ihnen gleich wieder
schreiben muss! Ich frchte, dieser Briefanfang ist nicht sehr logisch - aber
Sie werden ihn doch verstehen, Sie haben ja immer alles verstanden -
Gesprochenes und Unausgesprochenes.
    Wir haben uns in einem Lande gekannt, das wohl niemand als besonders schn
bezeichnen wrde, im Gegenteil, es war oft recht de und hsslich, und ber all
unseren gemeinsamen Erinnerungen liegt es wie ein Schleier von Wehmut. Und doch,
seitdem ich von dort fort bin, fhle ich mich Ihnen niemals nher, als gerade,
wenn ich etwas wirklich Schnes sehe. Nach den drei Jahren in Peking, wo mir das
Schne so selten durch die Natur offenbart wurde, sondern wo ich es nur in eines
Menschen Herz und Seele fand, ist es mir wie eine Offenbarung, zu sehen, wie
kstlich die brige Welt doch ist. Jetzt beim Anblick dieser herrlichen Berge,
wenn die Sonne auf die Gletscher scheint und die Bche von den Felswnden
herabstrzen in einen tiefgrnen See, wenn ich die harzige Luft einatme und an
den hohen Stmmen hinauf schaue, die hier standen, lang ehe der weisse Mann das
Land betrat - da frag ich mich oftmals: ist dies dieselbe Welt? Hat das alles so
gerauscht, geleuchtet, gefunkelt, geduftet, whrend der drei letzten, grauen
Jahre, die ich in jener fernen Stadt verlebt, wo alles so unendlich fremd war
und sich mir das Herz oft zusammenzog in beklemmender Angst, wie vor
unheimlichem, unabwendbarem Schicksal?
    Es ist so schn, wieder etwas schn finden zu knnen, pltzlich zu fhlen,
dass die Jugend und die Begeisterungsfhigkeit nur schlummerten, dass sie aber
noch da sind und bloss warteten, wieder aufleben zu drfen. Es ist so schn,
lieber Freund, sich noch einmal freuen zu knnen - ohne besonderen Wunsch, ohne
irgend welche eigenntzigen Gedanken, die ganz eigene, harmonische Freude zu
empfinden, die die Natur in uns erweckt, die klrt und beruhigt, und durch die
das Sorgen, Frchten und Trauern fr ein Weilchen wie in fernem Nebel
verschwimmen. In solchen Augenblicken kommt es uns zum Bewusstsein, dass wir
selbst eben auch ein Stckchen Natur sind, trotz alles Knstlichen und
Gequlten, das uns die Erbschaft von Hunderten von Generationen auferlegt hat,
und fr einen kurzen Augenblick scheint es uns mglich, zu werden, wie die
Lilien auf dem Felde. - Fr eine kleine Spanne Zeit vermag das Schne uns von
der Last des Erlebten, des Gewollten, des nie Erreichten zu befreien. Wir atmen
einmal frei auf, mchten vergessen und verweilen - aber schon mssen wir wieder
hinein in die Mhe und die Qual, die uns Leben sind. -
    Doch auch fr die kurze Rast sei diesen Wldern Dank!

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                                                          Banff, September 1899.

In der hiesigen Waldesstille, die so beruhigend auf uns Weitgewanderte wirkt,
denke ich oft staunend an das Hasten und Ringen zurck, in dem wir in Peking
gelebt haben. Dort schien Streben und Kmpfen, andere verdrngen und sich selbst
einen Platz erobern der einzige Zweck des Daseins zu sein. Ich glaube, dass Sie,
lieber Freund, verstehen werden, welche Erquickung dieser weltabgeschiedene
Frieden mir gewhrt. Denn oft, wenn ich Sie in Peking reden hrte, hatte ich die
Empfindung, dass Sie das ganze dortige Treiben und Drngen wie von einer Hhe
aus betrachteten, zu der all die kleinlichen Motive nicht heranreichten, dass
Sie mit Ihren Gedanken in einer Stadt lebten, die allem Niedrigen wirklich eine
verbotene war.
    Sie dachten und fhlten ja sogar fr die Chinesen, deren Wnsche und
Anschauungen allen anderen als eine quantit ngligeable erschienen, und die nur
dazu da waren, um mit Gewalt in sogenannte Fortschritte getrieben zu werden, die
dafr gestraft wurden, dass sie sich von dem einen hatten berauben lassen, indem
der andere sie noch mehr beraubte. Ein jeder stachelte die Chinesen dazu an,
gegen die Forderungen des anderen scharf aufzutreten und ihm nichts
zuzugestehen, aber im entscheidenden Moment liess man die Chinesen stets im
Stich, es wurde ihnen nie wirklich geholfen, sondern man berliess sie der Gnade
des anderen und stellte dann das Gleichgewicht wieder her, indem man selbst mit
neuen Forderungen kam.
    Ich habe nirgends so sehr wie in Peking den Erfolg verachten gelernt, weil
ich einmal ganz aus der Nhe gesehen habe, womit er erreicht wurde, von den
einen durch Bestechung, von den anderen durch Drohen mit roher Gewalt. Die armen
Chinesen sind nun einmal gegen Geld und Kanonen, innerlich und usserlich,
widerstandslos. Setzen sie sich aber einmal zur Wehr, so steckt immer eine
andere Macht dahinter, die eben mehr bestochen, oder mehr gedroht hat, von der
mehr zu gewinnen oder mehr zu frchten war. Ich erinnere mich sehr gut, wie Ihr
Freund Li Hung Tschang sich ein paarmal fremden Forderungen widersetzte und auch
wirklich nicht nachgab. Das war eben, weil hinter ihm eine andere fremde Macht
stand, vor der er noch mehr Angst hatte als vor den Fordernden. Und die ganze
europische Erbrmlichkeit kam dann zutage, indem man wohl ber Li Hung Tschang
herfiel, die fremde Macht aber unerwhnt liess - weil man vor der eben selbst
auch Furcht hatte.
    Die Pekinger Luft hat nun einmal einen ganz besonderen Einfluss auf die
weissen Mnner: entweder sie werden dort chinesischer als die Chinesen und zu
leidenschaftlichen Freunden und Verteidigern Chinas, wie die meisten
Dolmetscher, Zollbeamten und Diplomaten der alten Schule, oder, und das sind die
Jngeren, sie werden von einem Taumel des bermenschtums erfasst, der in einer
grenzenlosen Verachtung alles Chinesischen wurzelt. Sie predigen, man solle
zugreifen, sich nehmen, was man brauche, einzig das tun, was die eigene
Herrenmoral fordere, denn so allein knnten Nationen und einzelne gross werden.
Der Kern der Sache ist, sie trachten danach, einem anderen unrechtmssigerweise
etwas fortzunehmen. Dazu werden die grossen Worte Patriotismus, Expansion, neue
Absatzgebiete, Sttzpunkte ausgekramt - und dazu drapieren sich ganz harmlose
Bureaukratenseelen als Cesar Borgias, als Schler Macchiavellis und Nietzsches.
Aber das Herrentum lsst sich nur improvisieren, so lange man ausschliesslich
mit Chinesen zu tun hat; wird die Lage ernster, stehen hinter dem Chinesen
Mchtigere, dann tritt eine sehr unherrenmssige Nervositt an die Stelle der
Kraftmenschpose. - Trotz allem, was darber gesagt wird, sind wir eben keine
Generation der bermenschen. Wir sind Zweifler, Sptter, Unzufriedene - zum
bermenschtum fehlt uns das Zeug. Dazu mssten wir vor allem an uns selbst
glauben - und wer tut das heute noch? - Sind wir ehrlich, so haben wir uns doch
alle als armselige Blechgtzen erkannt - vielleicht imponieren wir noch den
Wilden, uns selbst aber doch sicherlich nicht.

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                                                 Im Eisenbahnzuge, Oktober 1899.

Lieber Freund, wir haben das reizende Banff verlassen. Die Bergketten, die
tiefen grnen Wlder liegen lngst hinter uns. Einen ganzen Tag schon fahren wir
durch die weite Ebene. Wir haben zum Fenster hinaus geschaut, haben hier und da
ein paar Seiten eines Buches gelesen und die anderen Reisenden beobachtet. Nun
wird es Abend, die Schatten werden lnger, und im fernen purpurnen Westen neigt
sich die Sonne anderen Welten zu. Mir ist, als ob graue Wesen aus der Erde
aufsteigen, die mich stumm anblicken und in deren toten Augen ich die Frage
lese: Was hast Du aus uns gemacht? Es sind Plne und Hoffnungen, Trume,
Wnsche und Ideale - lauter Dinge, mit denen wir vor langen Zeiten, am frhen
Morgen des Lebens, die Fahrt begannen, die wir damals hteten, als das
kostbarste, was wir mit uns nahmen, als unseren hchsten Besitz. Es war, als
gehrten uns seltene, goldige Samenkrner, aus denen ein mrchenhafter Garten
erstehen sollte, voll schner, noch nie dagewesener Blumen. Aber statt einen
Garten anlegen zu knnen, haben wir im Laufe der Reise die Samenkrner alle
allmhlich am Wege verloren, die einen frh, die anderen spt. Manche sind
verschwunden, ohne dass wir es selbst recht merkten, wie Trume, die beim
Erwachen verweht sind, niemand weiss wohin, die Erinnerung an sie sogar ist tot.
Um andere haben wir gekmpft und wollten sie durchaus festhalten, sie sollten ja
zum stolzesten oder liebsten Schmuck des knftigen Gartens werden - und wir
haben sie doch hingeben mssen, haben auch sie verloren, in bitterem, alle
Freude vernichtendem Schmerz.
    In den Mhen und Sorgen des tglichen Lebens, die uns wie Opium vom
Schicksal gegeben werden, um die grsseren Leiden zu vergessen, denken wir kaum
all des vielen Verlorenen. Aber an den Abenden langer Reisetage, wenn das Buch
der Hand entgleitet und wir mde aus dem Fenster hinausstarren, wenn der Zug
durch weite Ebenen braust und sein Schatten, riesengross verlngert, ber der
wehenden Grasflche neben uns dahineilt, wenn berall um uns die festen Formen
sich auflsen und verschwimmen in dmmerigem Grau - dann greifen uns unsichtbare
Hnde kalt ans Herz, unendliche Wehmut, vergebliches Sehnen, bitteres Erinnern
erfllen uns ganz. Das ist die Stunde, wo Verlorenes, Totes aufersteht, wo wir
pltzlich gewahr werden, wie arm wir geworden.
    Der getrumte Mrchengarten liegt pltzlich wieder vor uns, so schn, so
beglckend, wie wir ihn einst geplant, in jener Zeit, da wir das felsenfeste
Bewusstsein hatten, zu ganz Besonderem berufen zu sein; aber statt der damaligen
Zuversicht, statt des Glaubens an uns und unsere Bestimmung, erfllt uns heute
nur bitteres Weh; wir wissen ja, dass wir all die goldigen Blumensaaten verloren
haben, die einen erstarrten in Eis und Schnee, die anderen verbrannten in
sengender Glut - nimmer werden sie keimen und blhen. Mit Nichtigkeiten und
Eitelkeiten sind die Jahre verstrichen, wir haben sie vergeudet in der Jagd nach
dem Unwesentlichen und vertrauert in den Smpfen der Entmutigung - und darber
ist das Hchste und Beste in uns gestorben, das Kostbarste ist verloren
gegangen.
    Und nun ist es zu spt! -
    Wir mchten die Zeit anhalten, zurckeilen, nochmals anfangen und alles so
ganz anders und besser beginnen! Aber nie knnen die Rder der Zeit sich fr uns
rckwrts drehen, und der Zug braust unaufhaltsam ber die Ebene weiter; wie ein
Ungeheuer breitet sich sein Schatten ber die Flche, wie ein Ungeheuer fhrt
uns das Schicksal eilend weiter. Willenlos mssen wir ihm folgen, die wir nicht
stark genug waren, selbst Schicksal zu werden, die wir die Jahre vergeudet und
dann vertrauert.
    Und die ganze Fahrt - wohin? wozu? -
    Selig, wer sich aus der Kette der Verluste, als Opium letzter Stunde, den
Glauben an ein Ziel gerettet.

                                       9


                                                         New York, Oktober 1899.

Lieber Freund! Nach viertgiger Fahrt sind wir endlich hier eingetroffen. Mde
und verstaubt kamen wir gestern Abend an und fuhren gleich nach dem Waldorf
Astoria. Ich wartete in der grossen Halle des Hotels, whrend mein Bruder sich
nach unseren Zimmern bei den Direktoren erkundigte, die wie Kronjuwelen oder
Verbrecher hinter Gittern sitzen. Whrend ich so wartete, bildete sich
allmhlich ein Gedrnge um mich, das ich mir nicht zu erklren wusste, da ich
mich weder schn noch abschreckend genug fhlte, um ein derartiges Interesse bei
meinen Mitmenschen zu erregen. Das Rtsel lste sich aber bald. Nicht ich,
sondern unser chinesischer Diener Ta-kwan-li war der Gegenstand allgemeiner
Aufmerksamkeit. Whrend er gleichmtig neben mir stand, in jeder Hand eine
Reisetasche, auf seinem guten runden Gesicht den Ausdruck vollkommenster
Indifferenz, und die kleinen geschlitzten Augen so zugekniffen hielt, als lohne
es sich gar nicht, sie zu ffnen, um diese ganz neue Welt zu betrachten, standen
Herren und Damen um ihn herum, riefen andere herbei, ihn auch zu begaffen, und
tauschten allerhand Bemerkungen ber sein usseres aus. Der Orientale, dem doch
alles so gnzlich neu und befremdend sein musste, war dem westlichen Menschen
mal wieder ganz berlegen durch seine angeborene und anerzogene Ruhe. Er zeigte
weder Erstaunen noch Neugier und sagte nur: Wenn sie mich genug betrachtet
haben, werden sie wohl aufhren.
    Die unmittelbare Folge von Tas Aufsehen erregender Anwesenheit war, dass
sich sofort Reporter der verschiedensten Zeitungen bei uns melden liessen. Sie
waren voller Neugier, China und besonders die alte Kaiserin betreffend, ber die
sich nach dem Staatsstreich offenbar wahre Sagenkreise gebildet haben. Ob wir
an den Fortbestand Chinas glaubten? Ob es zu einer Aufteilung kommen wrde? Ob
Li Hung Tschang wirklich in russischem Solde stnde? Welchen Mchten die
Kaiserin zuneige? Wir suchten uns aus all den verfnglichen Fragen
herauszuziehen, indem wir wiederholten, dass wir ja keine Diplomaten, sondern
einfache Privatleute seien - aber es war schwer, diese professionellen Frager
los zu werden. Schliesslich liessen wir durch Ta jedem neuen Besucher sagen,
dass wir von der Reise sehr mde seien und niemand mehr sehen knnten. Da hrten
wir denn durch die Tr, wie sie nun mit Ta ein Kreuzverhr anstellten. Besonders
wollten sie wissen, wie ihm New York gefalle, was ja immer die erste Frage ist,
die Amerikaner stellen. Ta entwickelte wieder die grsste Ruhe und wrdevolle
Zurckhaltung, indem er antwortete, er sei ja eben erst bei Nacht angelangt und
habe noch nichts erblicken knnen, es schiene ihm aber, dass die Amerikaner noch
nicht viel Leute aus fremden Lndern gesehen htten.
    Heute Morgen stand ich ganz frh auf, setzte mich ans Fenster und sah die
grosse Stadt erwachen. Wir wohnen im achten Stock, die Menschen unten in der
Avenue sehen wie Ameisen aus, und dabei sind wir noch nicht auf der halben Hhe
des Hotels. ber seinem letzten Stockwerk ist eine Terrasse angelegt, ein
sogenannter Dachgarten, wo man in den heissen Sommernchten Musik hren, kalte
Getrnke einnehmen und ein bisschen khle Brise einatmen kann. Auf mehreren der
hchsten Gebude der Stadt, den achtzehn, zwanzig und noch mehr Stockwerke hohen
Himmelskratzern, sind solche Vergngungslokale errichtet - hell erleuchtet,
scheinen sie nachts wie unbewegliche Ballons im dunkeln Himmel zu hngen. Von
unsern Fenstern aus haben wir einen schnen weiten Blick auf die Fnfte Avenue
und die Dreiunddreissigste Strasse, bis auf das Wasser des East River, auf dem
frh noch nchtlicher Nebel lagert. Das Astorsche Haus, uns unmittelbar
gegenber, das ich vor Jahren so massiv und prchtig fand, ist lngst
berflgelt durch die neuesten Riesenbauten. Aus dem blulichen Morgendunst
tauchen sie auf wie Werke eines neuen Geschlechts, voll noch ungeahnter
Mglichkeiten, wie die Schlsser knftiger Mrchen, gigantisch, himmelstrmend
und schn in ihrer Art, weil sie so vollkommen zweckentsprechend sind.
    Das erste, was ich heute tat, war, mich mit der Ausschmckung meines
usseren Menschen zu beschftigen, denn ach, im Sonnenlicht westlichster
Zivilisation besehen, erscheint meine chinesische Garderobe doch nicht ganz up
to date. Ich frchte, ich werde die Werke Tientais, dieses einzigsten Pekinger
Schneiders, der fr die Europer alles fabrizierte, von Fracks bis zu
Maskenkostmen, Ballkleidern und Layetten, nur noch als Reliquien vergangener
Zeiten bewahren. Als ich heute in die Salons eines grossen Schneidergeschfts
trat und unwahrscheinlich schlanke Damen mit kunstvoll frisiertem rotgoldenen
Haar die letzten Modeschpfungen anlegten und darin vor mir zwischen langen
Spiegelreihen auf und ab stolzierten, musste ich lcheln im Gedanken an das
letzte Schneideratelier, in dem ich vor wenigen Wochen noch gewesen - das
Atelier Tientais. - Ein paar Schritte von der englischen Gesandtschaft lag es,
dicht an der Brcke, die ber den Kanal fhrt. Aus dem Sumpf und den Lchern der
Strasse konnte man sich auf die Karikatur eines Trottoirs retten, das auch nur
aus ein paar bereinander geworfenen Steinen bestand. Schaute man durch die
offene Tr in die Schneiderhtte, so sah man ein niedriges Zimmerchen, dessen
Wnde mit Modebildern besteckt waren; mehrere Chinesen sassen darin, eifrig
nhend an Herren- und Damenkleidern; in einem Winkel lag ein Haufen englischer
Stoffe, die zu Nummer-Eins-Kostmen verarbeitet, von der Pekinger europischen
jeunesse dore bei den Frhlings- oder Herbst-Rennen eingeweiht wurden.
    Andre Stdtchen! andre Mdchen! Wie wrde Tientai staunen, wenn er hrte,
dass die Sle mit den Spiegelscheiben, vor denen die blonden Houris auf und ab
paradieren, die Behausung eines amerikanischen Tientais sind.
    Als ich meinen Namen und meine Adresse angab, ertnten kleine Schreie
freudigen Erstaunens von der Direktrice, den Verkuferinnen und den schnen
Probiermamsells: Was, Sie sind die Dame, die gestern aus Peking angekommen
ist? Wir haben es alles in den Morgenblttern gelesen. Sie wohnen im Waldorf
und haben einen Chinesen mitgebracht.
    Alle wollten mich nun bedienen, und jede hatte eine andere Frage ber China
und vor allem ber die alte Kaiserin; die Existenz anderer Kunden schien
vergessen. Aber die Direktrice, Madame Blanche, fhrte mich in einen kleinen
Nebensalon, und whrend ich die ausgewhlten Kleider anprobierte, schwirrten
Fragen an mich und Weisungen an die Rock- und Taillenarbeiterinnen wirr
durcheinander.
    Und ist die alte Kaiserin wirklich eine so bse Frau?
    (Miss Caroline, bitte die Taille etwas enger.)
    Wir haben so viel Sympathie fr den armen kleinen Kaiser.
    (Miss Harriet, bitte, straff ber den Hften und von den Knieen an weit und
faltig.)
    Ist es wahr, dass sie ihn auf einer kleinen Insel gefangen hlt?
    (Recht weit ber die Bste, Miss Caroline, das Fichu voll drapiert, du flou
toujours du flou.)
    Was kann man aber auch von einer Heidin erwarten!
    (Miss Harriet, den Rock recht lang, das gibt etwas schwebendes.)
    Und hat der Kaiser wirklich dreihundert Frauen?
    (Die rmel enger, Miss Caroline.)
    Natrlich haben Sie die Kaiserin gesehen! Wie interessant muss das gewesen
sein! Aber von Toilette haben die Damen des Pekinger Hofes wohl nur wenig Idee?
    (Mehr Grazie im Faltenwurf, Miss Harriet, soignez la ligne.)
    Sass die Kaiserin wirklich auf einem goldenen Drachen?
    (Miss Caroline, il faut avantager madame.)
    Nein, es geht doch nichts ber reisen und fremde Vlker sehen. Aber man
darf sie natrlich nicht wie uns beurteilen - es sind ja nur arme Heiden!
    (Miss Harriet, nehmen Sie noch einmal genau die Masse.)
    Seien Sie versichert, dass wir alles aufs beste fr Sie liefern werden. Wir
interessieren uns ausserordentlich fr Sie. Wir haben noch nie eine Kundin
gehabt, die bei der Kaiserin von China gewesen ist.
    Und so verdanke ich es denn der Kaiserin von China, wenn meine New Yorker
Kleider wirklich ganz besonders schn ausfallen!

                                       10


                                                         New York, Oktober 1899.

Lieber Freund! Haben Sie je von Charles William O'Doyle gehrt? anders auch
Chinalack-O'Doyle genannt? Dieser 50fache Millionr, der heute an der Spitze
der grssten Eisenbahnen steht, der Bergwerke, Schiffe und Lndereien, gross wie
ein Knigreich, besitzt, hat seine Laufbahn vor Jahren als Apothekergehilfe in
San Francisco begonnen. Wie er dahin gekommen, wer seine Eltern waren, erzhlt
er heute wahrscheinlich niemandem - aber Geduld, die nchste Generation der
O'Doyles wird gewiss entdecken, dass die Vorfahren von Charles W. einst
angesehene Grossgrundbesitzer in Irland gewesen, unter Cromwell ihres
katholischen Glaubens halber verfolgt wurden, verarmten und, vom grnen Eiland
vertrieben, nach Amerika auswandern mussten.
    In Amerika wird jetzt alles fabriziert, wie in Europa - auch Stammbume!
    Charles W. legte den Grund zu seinem Vermgen durch einen wahrhaft genialen
Einfall. Er hatte in San Francisco Gelegenheit, die Chinesen zu beobachten, die
damals noch massenweise frei nach Kalifornien einwandern durften und ebenso
massenweise nach ihrem Tode in grossen schweren Holzsrgen nach Kanton
zurckbefrdert wurden. Chinesen glauben ja nun einmal nur im eigenen Lande
regelrecht begraben werden zu knnen. Aber die schweren Holzsrge und der teure
Transport verschlangen oft alles, was sich der Tote whrend Jahren erspart
hatte, zum grossen rger der bezopften Erben. Da erfand Charles W. einen eigenen
Lack, den er zuerst an allerhand toten Tieren ausprobierte. Damit bestrichen,
konserviert sich jeder Tote monate-, ja jahrelang; er drrt vollkommen aus, wird
hart wie Stein und erscheint, als sei er mit einer gelben Lederhaut berzogen.
    Charles W. nahm ein Patent auf seinen Chinalack und damit bestrichen
legten nun Tausende toter Chinesen den Weg nach Kanton zurck. Die teuren, nach
chinesischem Muster in San Francisco verfertigten Holzsrge waren erspart und
der Preis der berfahrt bedeutend verringert, denn man konnte nunmehr die toten
Chinesen wie Sardinen in irgend einen Schiffswinkel fest aufeinander pressen und
unterstauen, und sie kamen vollkommen unversehrt daheim an, den hart gedrrten
gelben Enten hnlich, die als grosse Delikatesse im San Franciscoer
Chinesenviertel feilgeboten werden.
    Dies war die Grundlage der O'Doyleschen Millionen!
    Seitdem macht Charles W. Geschfte in allen Lndern der Welt, er ist lngst
aus San Francisco fortgezogen und nach New York bergesiedelt, aber er ist mit
China stets in besonderen Beziehungen geblieben. Es wird gemunkelt, dass er,
abgesehen von seinen grossen chinesischen Bank- und Bahninteressen, durch die
Dankbarkeit seiner ersten chinesischen Klienten, denen sein Chinalack manch
kleine Erbschaft erhalten, Anteile an kantonesischen Pfandinstituten, Teehusern
und Blumenbooten erworben hat. Mein Bruder kannte ihn schon lange, hat auch von
Peking aus Geschfte mit ihm gemacht, und so war denn Charles W. O'Doyle einer
unserer ersten Besucher im Waldorf-Astoria, und gestern Abend waren wir zum
Diner bei ihm.
    Sein Haus liegt dicht am Central-Park. Es hat hohe Trme und eine breite
Bogen-Loggia, von der aus man in die herbstlich gefrbten Bume des Parks und
auf den fortwhrenden Strom der vorbeifahrenden Equipagen blickt. Auf dem mit
blitzenden Kupferplatten belegten Dach stehen zwei grosse Bronzereiter, hnlich
wie die auf dem deutschen Reichstagsgebude, bei denen man sich auch immer
staunend fragt, wie sie wohl da hinaufgeraten sind. Die Haustr ist massiv
geschnitzt und entstammt einem alten befestigten Hause bei Golconda; sie ist mit
weit vorspringenden eisernen Spitzen versehen, die einst dazu dienten, den
Anprall feindlicher Elefantenreiterei aufzuhalten. Durch diese Tr tritt man in
eine weite, weissgoldene Halle. Zwei gyptische Mumienkasten, reich bemalt und
vergoldet, mit Deckeln, deren obere Enden Sperberkpfe darstellen, stehen
aufrecht, wie Schildwachen zu beiden Seiten einer wunderbaren Malachittreppe,
die zu den oberen Stockwerken fhrt.
    Es ist eine weltbekannte Treppe, ber die die Lebemnner zweier Kontinente
geschritten; fhrten ihre Stufen doch einst zu jener berhmten Aspasia des
zweiten Kaiserreiches, der sie ein russischer Grossfrst geschenkt. In der
grossen dbacle, die das Kaiserreich verschlang, verschwand auch jene Dame. Ihr
mit Schtzen geflltes Haus ward whrend der Belagerung von Paris durch
feindliche Kugeln zerlchert und dann von Kommunarden geplndert. Ein
armenischer Antiquar, der mit richtiger Witterung guter Gelegenheiten in Paris
in einem Keller versteckt geblieben war, erwarb in jenen Tagen fr ein Spottgeld
die Malachittreppe, und von ihm hat sie der jetzige Besitzer erstanden.
    Gepuderte Diener mit respektablen englischen Gesichtern standen sich auf den
Treppenabstzen stumm gegenber.
    Als der Herzog von Hardup neulich verkrachte, erklrte mir Charles W.
O'Doyle, habe ich nach London telegraphiert und seine ganze Dienerschaft
rberkommen lassen - so war ich doch sicher, Leute zu haben, die in einem
anstndigen Hause trainiert worden sind.
    O'Doyle ist ein breitschultriger, stmmiger Mann. Sein rotes glattrasiertes
Gesicht ist unter dem Kinn bis zu den Ohren von einem kurzen Bart umgeben, der
einer Halskrause hnlich sieht. Grosse Perlen prangen auf dem Hemde, eine Kette
mit allerhand seltenen Berlocks hngt ihm quer ber dem Magen. Mit dem spitzen
vorspringenden Bauche, ber dem sich die breiten haarigen Hnde von kostbaren
Ringen funkelnd kreuzen, mit dem gutmtigen, halb irischen, halb Yankeedialekt,
in dem er fortwhrend von seinen verschiedenen Kunstschtzen und ihrem Ursprung
spricht, hlt man ihn zuerst fr einen eingebildeten, aber harmlosen Narren, bis
sich unter den buschigen Augenbrauen einmal die schlfrig gesenkten Lider heben
und man eine Sekunde lang in die seltsamen Augen blickt; kalt und lauernd sind
sie, wassergrn mit kleinen dunkeln Flecken, wie die gesprenkelte Schale von
Kiebitzeiern -; hat man einmal in sie hineingeschaut, so glaubt man gern eine
jede der vielen Geschichten, die ber O'Doyles Skrupellosigkeit im Gelderwerb
kursieren.
    Mrs. O'Doyle merkt man es auf den ersten Blick an, dass sie aus der frheren
Lebensepoche ihres Mannes stammt, und dass sie sich unter ihrer Perlenlast und
zwischen den gepuderten Dienern nicht recht wohl fhlt. Von Zeit zu Zeit schaut
sie ngstlich nach ihrem Mann, wenn sie sich einer besonderen gesellschaftlichen
Schwierigkeit gegenber sieht, oder wenn sie frchtet, eine Dummheit gesagt zu
haben. Ihr ngstliches, um Vergebung flehendes Benehmen und die kalten,
lauernden Augen von O'Doyle - welche Faktoren fr eine jener huslichen
Tragdien, die sich tglich neben uns abspielen, ohne dass wir es ahnen!
    Die arme Frau hat es nicht einmal fertig gebracht, dem Hause O'Doyle Erben
zu schenken - und Charles W. hat deshalb einen Neffen und eine Nichte an
Kindesstatt angenommen. Der Sohn war nicht anwesend, dagegen die Tochter,
Prinzessin von Armenfelde, die zur Zeit mit ihrem Manne in Scheidung liegt, weil
Charles W. den stets von neuem verschuldeten Schwiegersohn nicht zum viertenmal
von seinen Glubigern retten will. So muss sich denn die Prinzessin scheiden
lassen, ob sie selbst will oder nicht. Sie wird den Namen ihres Mannes behalten,
und Charles W. findet, dass er ihn allmhlich teuer genug bezahlt hat. Es war
brigens amsant zu beobachten, wie sehr die Prinzess der ganzen Familie
imponiert, obschon sie doch vor ein paar Jahren auch noch eine einfache Miss
O'Doyle war, die aus einer Anzahl armer Verwandten zur Adoption ausgesucht
wurde.
    Zwei entfernte junge Vettern von Mrs. O'Doyle waren auch anwesend. Der eine
erfreut sich der klangvollen Vornamen Washington Montgomery. Ich war ganz
gespannt, welcher Familienname fr solchen Anfang hochtrabend genug sein wrde,
und denken Sie sich, er heisst Baggs. Washington Montgomery - Baggs! Es ist ein
Sprung wie von einem Palais am Central-Park in eine Mietskaserne der neunten
Avenue!
    Whrend die Gste sich versammelten, zeigte mir Washington Montgomery einige
der wundervollen Bilder, die in den Salons hngen, und die in seinen Augen
hauptschlich deshalb Wert haben, weil sie meistens aus historischen Sammlungen
frstlicher Huser stammen, die unter dem Hammer endigten.
    Der zweite Vetter, dessen Name ich mich nicht entsinne, ist offenbar erst
ganz krzlich in das O'Doylesche Millionenreich verpflanzt worden. Als
Champagner serviert wurde, ward er ganz aufgeregt und rief laut ber den Tisch:
Drink, drink, gentlemen, whilst it's fizzing!
    Der Speisetisch war brigens ein wahres Entzcken! Ich habe noch nie eine
solche Flle von Orchideen gesehen, ausser vielleicht in dem Botanischen Garten
von Kalkutta. Ich htte sie gern alle einzeln bewundert: die langen weissen
Dolden, die vom Kronleuchter herabhingen, die grnlichen, braungederten, die
wie kleine samtige Schuhe aussehen, in denen Feen nachts im Mondschein tanzen;
die grossen blasslila, die auf ihren hohen Stengeln so stolz und abwehrend
erscheinen, bis dass man ihre verlangend geffneten purpurnen Lippen gewahrt.
Orchideen kommen mir immer vor wie manche schne Frauen, in deren Nhe man
gleich fhlt, dass sie wunderbare geheimnisvolle Dinge erlebt haben mssen. Ich
wnschte, ich verstnde die Orchideensprache! Es werden darin gewiss die
seltsamsten Geschichten erzhlt.
    Bei diesem New Yorker Diner fehlte es brigens auch nicht an Geschichten.
Beim ffnen der Servietten fiel jedem Gast ein Etui in die Hand, das irgendein
Geschenk enthielt: Manschettenknpfe, Portebonheurs, Nadeln, Schnallen. Alles im
modernsten art nouveau-Geschmack! Kolonel Patterson, der bisherige amerikanische
Vertreter in Kairo, rief seinem alten Freund O'Doyle ber den Tisch zu: Aber
Charles, wozu hast du denn das gemacht? Hier ist doch niemand, der bestochen
werden soll?
    Darauf strzte sich der Kolonel in eine Flut trkischer
Bestechungsgeschichten, die mir aber ziemlich zahm erschienen, weil ich drei
Jahre lang chinesische Bestechungsgeschichten gehrt habe und der fernste Osten
darin dem nheren Orient doch noch ber ist. Der Prinzess, die nie die Gegenwart
der herzoglich Hardupschen Diener vergisst, war diese Konversation offenbar
unangenehm, sie suchte den Kolonel davon abzulenken und fragte ihn, welche
bedeutenden Leute er in Kairo gekannt habe, worauf sie die Antwort erhielt:
Well, Mrs. Princess, da ist ein Mann, der Cromer heisst, who bosses the show,
und ausser ihm war ich da!
    Und nun, liebster Freund, genug aus diesem Vanity Fair!
    Mchte mein Brief Sie wohl antreffen, wo Sie auch sein mgen, und mchten
Sie nicht gar zu lang dort bleiben, wo dort auch sein mge, da es doch auf
alle Flle von mir sehr weit fort ist!

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                                                        New York, November 1899.

Lieber Freund! Heute besuchten mich der alte Mr. Bridgewater und seine Tchter.
Er hat lange Jahre in Europa zugebracht und war amerikanischer Gesandter in
Petersburg, woher mein Bruder und ich ihn kennen. Jetzt lebt er mit seinen
Tchtern ganz in New York und in Tuxedo Park. Er steht hier an der Spitze
grosser, wohlttiger Institutionen, schriftstellert und reist hufig nach
Europa, mit jener amerikanischen Leichtigkeit, die eine Art Gotthnlichkeit an
sich hat, da sie ber Raum, Zeit und Geld erhaben zu sein scheint.
    Mr. Bridgewater erzhlte mir von der grossen Vernderung, die sich in
Amerika seit dem Kriege gegen Spanien in der ffentlichen Meinung und in den
politischen Anschauungen vollzogen habe. Diese Vernderung drckt sich in einem
enorm gesteigerten Selbstgefhl aus. Die ganze Nation ist vom Glauben, zu etwas
Besonderem bestimmt zu sein, erfllt, ein Glaube, durch den schon soviel Grosses
auf der Welt erreicht worden ist. Sie fhlt sich als politische Erwhlte des
Herrn. Und es ist eine ganz amsante Mischung der Gefhle, vor denen man als
Zuschauer steht: ganz trocken prosaische Berechnungen von knftigen
Handelsvorteilen, die errungen werden sollen, und daneben eine beinah religise
Begeisterung fr den Beruf, andern Licht und Freiheit zu bringen, aber nicht
etwa nur den wilden Vlkern - da haben wir ja alle dieselbe Pretension, Hndler
und politischreligise Apostel zu sein -, sondern gerade auch uns armen,
umnachteten Europern. Amerika fngt an, nach allen Seiten seine Fhlfden
auszustrecken - kann wahrscheinlich gar nicht anders, denn man empfngt hier den
Eindruck einer angesammelten Kraftflle, die ungeduldig auf den Moment wartet,
sich zu bettigen, der dabei gar keine Wahl bleibt, sondern die durch die Logik
der Dinge getrieben werden wird, sich weitere Grenzen zu suchen, sich in immer
neuen Weltfragen geltend zu machen.
    Wie der einzelne Amerikaner sich schon seit jeher stets den Besten jedes
anderen Landes gleichgefhlt hat, und sein persnlicher Unternehmungsgeist keine
Schranken kannte, so hlt sich Amerika jetzt als Nation auch fr fhig und
berechtigt, alles zu erringen, was es will. Und was Amerika will, ist die Welt.
Die Welt will ja jeder, der auch nur die geringsten Chancen hat, sie je zu
besitzen - und die Chancen Amerikas sind unheimlich gut! Schon deshalb haben die
Amerikaner soviel Aussichten, ihre Ziele zu erreichen, weil sie alles mit ihrem
grossen Sinn frs Praktische, ihrer angeborenen Organisationsgabe anfassen; weil
es eine Nation selbstndiger Menschen ist, die individuell genommen, dem
Europer berlegen sind. Ursprnglich stammen sie ja gerade von jenen ab, denen
es in Europa zu eng und unfrei war, von Leuten, die durch ihr
Unabhngigkeitsgefhl in neue Welten getrieben wurden, wo sich ihre
Persnlichkeit ungehemmt entfalten konnte. Diese ererbte Eigenschaft bildet den
Grundzug der neuen Rasse, und es hat sich in ihr eine ganz andere Initiative und
persnliches Verantwortungsgefhl ausgebildet, als im alten Europa. Vor allem
anderen lernen die Amerikaner fr sich selbst zu sorgen und sich nicht auf die
Fhrung anderer zu verlassen.
    Eine Folge ihrer krftigen Jugendlichkeit ist es, dass sie die politische
Nervositt, an der man in Europa so oft leidet, noch nicht kennen. Die in
manchen europischen Lndern so beliebte Beschwichtigungsformel: Lasst nur die
anderen koloniale Gebiete erobern, sie werden schon dran verbluten, ist den
Amerikanern ganz fremd. Eine Auffassung, die ungefhr so klingt, als ob ein
Eunuche sich damit trsten wolle, dass man durch Liebesaffairen mitunter in
Unannehmlichkeiten geraten kann. Die Nordamerikaner dagegen haben vorlufig
durch Verkndigung der Monroe-Doktrin ihren ganzen Erdteil fr Tabu erklrt, sie
mchten aber am liebsten diese Doktrin auf die ganze Welt ausdehnen, wobei sie
besonders den fernen Osten im Sinn haben, seitdem sie dort Fuss gefasst haben. -
Vorlufig spricht man in Amerika freilich nur von friedlicher, kommerzieller
Expansion, aber berraschungen kann es auf diesem Wege leicht geben, denn seit
dem spanischen Krieg gibt es in Amerika eine Partei, die keine Scheu mehr vor
europischen Mchten kennt und sich allen ebenbrtig glaubt. Diese Leute wrden
bereit sein, es mit jedem aufzunehmen und, wie Mr. Bridgewater durchblicken
liess, am liebsten mit dem, den sie fr den gefhrlichsten Konkurrenten halten.
Mr. Bridgewater warf die Bemerkung hin, dass an England als mglichen Feind am
wenigsten gedacht werde. Mit ihrer einstmaligen Mutter wrden die Amerikaner am
liebsten gemeinsame Sache machen, um eine Art politischen Riesentrust zu
schliessen, zur endgltigen Regelung der Welt.
    Das ist das Weltzukunftsbild, wie es mir ein Amerikaner entwarf. Ich sende
es Ihnen in jenes ferne Land, dessen urprosaische, enthusiasmuslose Shne nur in
den Sorgen der tglichen Gegenwart aufgehen und nie Spekulationen ber die
Zukunft anzustellen scheinen. Und doch knnten vielleicht gerade diese, allen
Zukunftsgedanken so abgewandten Leute in der Weltzukunft ein grosser Faktor
werden - - denn ber uns allen steht das Schicksal, und es lsst Handlungen und
Gedankenstrmungen, einzelne Menschen und Vlker oftmals genau den
entgegengesetzten Zwecken ntzen, denen sie ursprnglich dienen wollten.

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                                                        New York, November 1899.

                                 Lieber Freund!

Wir haben einen sehr angenehmen Abend bei Bridgewaters verbracht. Schon ihr Haus
zu sehen, ist eine wahre Freude. Alle Rume sind mit individuellem Geschmack
eingerichtet und mit viel schnen Dingen geschmckt, die Mr. Bridgewater und
seine kunstsinnigen Tchter auf ihren Reisen gesammelt haben. Das Haus hat seine
eigene Physiognomie, viel Erlebtes liegt darin und es bleibt uns in der
Erinnerung, wie eine ausgeprgte Persnlichkeit. Der alte Mr. Bridgewater ist in
diesem Hause geboren und bewohnt es jetzt mit Kindern und Enkeln - das ist in
New York an sich schon eine Merkwrdigkeit.
    Nach dem O'Doyleschen Fest war dieses Diner wie die Offenbarung einer
anderen amerikanischen Welt - und beide Huser liegen doch nur ein paar Blocks
von einander entfernt! Wir hren aber so viel von der amerikanischen Gleichheit
reden, davon, dass der Prsident aller Welt die Hnde schttelt, dass wir leicht
auf den Gedanken kommen knnten, die amerikanische Gesellschaft sei eine einzige
gleiche Brhsuppe, aus der, als Klsse, nur etliche Vanderbilts herausragen.
Aber ganz im Gegenteil. Die hiesige Gesellschaft zerfllt in zahllose
verschiedene Koterien, die himmelweit von einander entfernt sind. Es sind ja
alles Amerikaner, und gewisse Rasseneigenschaften werden sie wohl gemeinsam
haben, aber zwischen der O'Doyleschen und der Bridgewaterschen Koterie z.B. ist
ein Unterschied, wie zwischen einem rohen Stck Rindfleisch und einem im Caf
Anglais servierten Tournedos  la Rossini. Und die Tournedos achten strengstens
darauf, dass niemand von den Rindfleischens sich bei ihnen einschmuggele. Im
Sinn fr aristokratische Exklusivitt, haben die Amerikaner uns Europer
vielleicht schon berflgelt. Ein jeder, der etwas auf sich hlt, muss hier in
der Wahl seines Umgangs auch deshalb selbst so streng sein, weil die Amerikaner
niemand haben, der die ntige erhabene Stellung einnimmt, um einem anderen den
allgemein gltigen sozialen Segen erteilen zu knnen. Ich hrte krzlich eine
Amerikanerin sagen, das sei in europischen Stdten, wo es Hfe gibt, so bequem,
da knne man ruhig all die Leute kennen, die zu den kleinen, auserlesenen
Hofgesellschaften befohlen wrden (nicht etwa zu den grossen Aufwaschefesten, da
liefe zu vieles mit durch); aber von denen, die auf der kleinen Liste stnden,
knne man mit Sicherheit annehmen, dass sie sozial wnschenswert seien. Aber in
Amerika gibt es kein offizielles soziales Haarsieb.
    Bei Mr. Bridgewater wird offenbar sehr fein gesiebt, und ich habe da
angenehme Menschen getroffen. Ich glaube, die Gste waren alle reich. Ich habe
aber fr diese Annahme nur den einen Anhaltspunkt, dass sie vieles als durchaus
selbstverstndlich ansahen, von dem ich weiss, wie schrecklich teuer es hier
ist. Keiner von ihnen erwhnte Geld oder Geschfte. Ich glaube, man knnte ihren
set den der Geistesaristokratie nennen. Nur darf man in diesem Fall den
Begriff Geistesaristokratie nicht mit Schlapphten, bergeknpften Manschetten
und Smoking-Jacken am Vormittag in Verbindung bringen.
    Ich sass bei Tisch neben einem Mr. Anstruther, der zum Klub der vierzig
amsantesten Mnner New Yorks gehrt. Er war recht nett und unterhaltend,
usserte aber leider nichts so erstaunlich Amsantes, dass es nicht auch
ausserhalb dieses Klubs htte erdacht werden knnen. Ich wartete den ganzen
Abend darauf, wie auf das Bukett beim Feuerwerk. Aber es stiegen nur einzelne
Raketen auf.
    Es gehrt doch Selbstvertrauen dazu, sich um die Mitgliedschaft dieses Klubs
zu bewerben! Ich fragte, was man denn tte, wenn man blackballiert wrde, und ob
man dann sein Lebenlang die Etikette trge, ein langweiliger Mensch zu sein? Mr.
Anstruther antwortete: Dann geht man nach Hause und schreibt ein gescheites
Buch und nennt es: a clever book by a bore.
    Das ist mglicher, als es zuerst klingt, meinte Bridgewater, denn es ist
leichter, ein gescheites Buch zu schreiben, als im tglichen Leben amsant zu
sein - Bcher werden mit dem esprit d'escalier geschrieben, der hufig vorkommt,
amsant ist man durch die viel seltenere Gabe der repartie, und vor allem durch
Sinn fr Humor.
    Und wegen dieses Sinns fr Humor sind amsante Menschen eigentlich nie
lustige Menschen, sagte Anstruther, denn der Humor sieht die traurige Komik
des Lebens, den Widerspruch zwischen Aspirationen und Leistungen, zwischen dem,
was man sich einbildet, und dem, was wirklich ist. Humor existiert deshalb auch
selten bei jungen Menschen, er kommt mit den Jahren, und in gleichem Masse, wie
er wchst, schwindet die Fhigkeit eigentlicher Lustigkeit.
    Da Mr. Bridgewater soviel im Ausland gelebt hat, sind Fremde hufig bei ihm
zu Gaste, und wir trafen dort eine russische Witwe, Madame Baltykoff, eine
Schriftstellerin, die Mr. Bridgewater in Petersburg gekannt hat und die nach New
York gekommen ist, um das amerikanische Leben zu studieren und dann das
unvermeidliche Buch darber zu schreiben. Madame Baltykoff ist jung und hbsch,
voller Interesse und Begeisterung fr amerikanische Einrichtungen; natrlich
erwidern das die Amerikaner, indem sie ihrerseits von Madame Baltykoff
begeistert sind. Anstruther scheint besonders fr sie zu schwrmen. Mir gefllt
an ihr, wie sie aus dem Enthusiasmus leicht in Witz und Spott berspringt, alles
pltzlich wieder in Frage stellend. Heiliger Ernst und Blague, ungefhr zu
gleichen Teilen - eine echt slawische Mischung.
    Die Amerikaner, die bei dem Diner zugegen waren, sind alle weitgereiste und
gebildete Leute, besonders auch die Frauen. Aber keiner von ihnen scheint
ttigen Anteil am amerikanischen politischen Leben zu nehmen. Sie waren offenbar
stolz auf ihr Land, aber sie schienen es als einen Eilzug anzusehen, mit dem sie
gern zu reisen bereit sind, aber dessen Fhrung sie lieber andern berlassen.
Denn in Amerika zeigen gerade die Besten eine gewisse Scheu davor, sich an den
ffentlichen Angelegenheiten handelnd zu beteiligen - na, um so besser, denn es
ist auch so schon ein gengend gefhrlicher Konkurrent.
    Der alte Mr. Bridgewater schien am meisten Interesse an Regierungsgeschften
zu nehmen; vielleicht ist es eine Folge seines langen Aufenthalts in Lndern, wo
die geringste Verbindung mit der offiziellen Welt denjenigen Glanz verleiht, den
hier eine noch so entfernte Verwandtschaft mit den Vanderbilts oder Astors
gewhrt.
    Von Mr. Bridgewater geleitet, langte die Konversation bald beim
Imperialismus und der wachsenden Wichtigkeit der Vereinigten Staaten an. Mr.
Bridgewater sagte: Ich mchte ein Buch schreiben ber den Eintritt Nordamerikas
in das Konzert der Mchte, denn das ist die wichtigste Tatsache am Schluss des
Jahrhunderts, und sie bedeutet nicht nur eine Verschiebung der realen
Machtverhltnisse, sondern sie wird weittragende geistige Konsequenzen haben.
Durch den zunehmenden Verkehr mit uns werden die Europer von den amerikanischen
Gedankengngen und von unsern Geschftsmethoden beeinflusst werden. Wir sind
daran gewhnt, ber alle Dinge, die uns angehen, informiert zu werden und sie
frei zu diskutieren, und es ist schon jetzt bemerkbar, dass, sobald Amerika an
einer Weltfrage beteiligt ist, diese Frage ganz anders ungeniert von den
Zeitungen errtert wird, als wenn es sich um rein europische Angelegenheiten
handelt. Je mehr aber die Zahl der Fragen zunimmt, in denen Amerika eine Rolle
spielt, um so mehr wird auch diese Methode angewandt werden. Das ist ein erster
Schritt, um die Europer zu einem strkeren Wunsch nach Selbstbestimmung und
einem hheren persnlichen Verantwortlichkeitsgefhl zu erwecken; so werden sie
lernen die Volksrechte hher zu schtzen und werden verlangen, ber ihre eigenen
Angelegenheiten auch selbst gehrt zu werden; sie werden sich nicht mehr damit
begngen, blind gefhrt zu werden, wie es heute noch in allen auswrtigen Fragen
geschieht. Nichts ist ansteckender als gewisse Ideen. Frher waren wir es, die
alles aus Europa entnahmen, aber das ist lngst anders geworden; heute sind wir
schon beinah vllig unabhngig von der alten Welt und wir senden ihr Korn,
Fleisch, Konserven und eine stetig zunehmende Zahl anderer Artikel - aber viel
wichtiger als all das ist, dass die amerikanischen politischen Ideen Europa
berfluten werden.
    Halten Sie es wirklich fr denkbar, dass amerikanische Anschauungen ber
Verfassungen sich in Europa verbreiten werden? fragte Madame Baltykoff eifrig.
    Im letzten Ende ganz sicherlich ja, antwortete Mr. Bridgewater.
    Da bin ich doch anderer Ansicht, sagte mein Bruder, denn das Wachsen der
imperialistischen Tendenz in den Vereinigten Staaten, die Sie uns eben als
wichtigste Tatsache dieses Jahrhundertsendes geschildert haben, ist ein speziell
europischer und monarchischer Zug. Je mehr Gewicht der ussern Expansion und
einer starken auswrtigen Politik beigemessen wird, um so mehr werden die
Volksvertreter, die sich notwendigerweise mehr mit inneren Fragen beschftigen
mssen, an Bedeutung verlieren. Eine grosse imperialistische Politik bedingt die
Herrschaft einzelner grosser Fhrer, und da haben die Lnder den Vorteil, wo ein
einzelner Mann an der Spitze des Staates steht.
    Sehen Sie, Bridgewater, sagte Anstruther lachend, dieser Fremde
prophezeit uns einen Kaiser, wenn wir auf dem Pfade der Intervention,
Protektion, Expansion, der Kriege und des Inselschluckens verharren.
    So wollen wir ihn aus dem Klub der Vierzig whlen, antwortete unser Wirt,
dann werden wir sicher sein, dass er gescheit ist.
    Ja, gescheit und voll moderner Ideen sollte Sam I. von Amerika freilich
sein - sonst msste er sich ja vor den europischen Kollegen schmen.
    Auf dem Heimweg sprachen mein Bruder und ich davon, wie oft man hier die
Empfindung bekommt, dass die Amerikaner uns Europer als bemitleidenswert
zurckgeblieben ansehen. Nachdem sie uns moderne Geschftsmethoden gelehrt
haben, wollen sie uns jetzt mit modernen Prinzipien im allgemeinen versehen und
mit allem, was uns sonst auf geistigem Gebiet fehlen mag. Klingt das nicht
sonderbar? Und sie haben doch eigentlich alles von uns, stehen auf unseren
Schultern. Mein Bruder sagt, er erinnere sich noch sehr gut der Zeit, wo man
nach Amerika kam und fr alles so ein gewisses elterliches Wohlwollen hatte; die
Amerikaner fragten damals begierig, ob man wirklich alles bei ihnen sehr gross
fnde, und freuten sich, wenn man was lobte. Jetzt sind sie berzeugt, uns
berflgelt zu haben.
    Na, es muss ja vorkommen, dass Kinder ihren Eltern ber sind - wie wre
sonst das erste Genie entstanden?

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                                                        New York, Dezember 1899.

Lieber Freund! Wir sind seit einigen Tagen aus dem ebenso schnen wie teuren
Waldorf-Astoria fortgezogen und haben sehr nette Zimmer in einem Boarding House
in der Nhe des Central-Parks gefunden, wo auch Mme. Baltykoff wohnt. Ta ist
natrlich bei uns und bildet hier wie im Waldorf die Freude der weissbemtzten
Stubenmdchen. Er ist hier viel weniger reserviert gegen uns als in Peking. Dort
erfuhren wir eigentlich nie etwas ber das Leben unserer Boys. Sie waren immer
da, wenn man sie brauchte, verrichteten ihre Arbeit lautlos, kannten all unsere
kleinen Gewohnheiten offenbar ganz genau - aber mit dem Augenblick, da sie aus
unseren Husern hinaus auf die Strasse traten, verloren sie sich in einer uns
unbekannten Welt, und von diesem Teil ihres Lebens hrten wir nie ein Wort. Nur
wenn sie mal einen etwas lngeren Urlaub haben wollten, hiess es, ihr Vater oder
ihre Mutter lgen im Sterben. Anfnglich rhrte mich das sehr, ich bewilligte
ihnen immer den Urlaub, bot ihnen auch Arzneien an. Aber sie hatten wirklich zu
viel sterbende Vter und Mtter - mein Vorrat an Mitgefhl ward so sehr
beansprucht, dass er sich schliesslich erschpfte. Hier ist es ganz anders; Ta
ist oft recht mitteilsam gegen mich und erzhlt mir von den Stubenmdchen, die
ihn seines langen Zopfes halber gern als Dame verkleiden und ihn sogar auf einen
ihrer Blle mitgenommen haben. Hier bin ich ihm offenbar Vater und Mutter und
Beschtzer der Armen, wie die Inder sagen; ich erscheine ihm als einziges
Bindeglied zwischen seinem frheren und jetzigen Leben. Seitdem er hier so viel
Neger gesehen, hlt er, glaube ich, weisse Leute berhaupt fr beinahe
stammverwandt. Das sind keine Menschen, das sind schwarze Teufel, sagte er
ganz ernsthaft, und will keinesfalls zugeben, dass sie Christen wie er sein
knnten. Auf andere herabzuschauen, ist fr Wesen aller Nancen nun mal eine
freudige Genugtuung.
    Ta hat ein paarmal Briefe von seiner Heimat bekommen. Er ist an solchen
Tagen immer sehr still und traurig, und ich fragte ihn, ob er Heimweh habe. Er
antwortete, nein, gar nicht, er sei sehr gern hier, aber seine alte Mutter
liesse ihm immer schreiben, er solle doch wieder kommen, sie mchte ihn gern bei
sich haben. Ist es nicht eher deine junge Frau? fragte ich. Oh nein! rief er
entrstet, als habe ich ihn einer beschmenden Schwche beschuldigt, Frau gar
nichts, Mutter alles! Mein Bruder hat nun fr die Mutter Geld nach Peking
geschickt, was sie hoffentlich beruhigen wird.
    Mit Tas Hilfe habe ich jetzt ausgepackt und unsere Wohnung eingerichtet. Es
war eine solche Freude, all die lieben gewohnten Dinge wiederzusehen: die
Nephritschalen und Bronzevasen, die Figuren des Laotse, mit dem langen Kopf, aus
Elfenbein geschnitzt, die chinesischen Sammte, die mit dem Alter einen ganz
chinesischen Charakter angenommen haben, die feinen verblassten Damaste und
Stickereien. Ich habe alles mglichst so gestellt und drapiert, wie es im
Pekinger Huschen war; in der Dmmerstunde, wenn Ta lautlos ins Zimmer tritt,
glaube ich manchmal, wieder dort zu sein und wrde mich gar nicht wundern, wenn
er Sie anmeldete.
    Auch einen Buddha-Altar habe ich ber dem Kamin aufgebaut, und da thronen
all die seltsamen Gestalten, die Sie allmhlich bei bestechlichen Bonzen, in
verlassenen Tempeln und verstaubten Antiquarlden fr mich aufgestbert haben.
Noch ehe ich Sie in Peking kannte, hatte ich die Manie, Buddhas zu sammeln. Ich
hatte mehrere von Hndlern gekauft, die sie, in ihren weiten rmeln versteckt,
zu uns trugen und dabei geheimnisvoll flsterten, diese Gtzen stammten aus
kaiserlichen Tempeln, und es sei ein grosses Risiko, sie zu mir zu bringen. Ich
zeigte Ihnen sehr stolz diese Schtze; Sie schauten sie einen Augenblick prfend
an und sagten dann: Gar nicht bel fr moderne europische Imitation. Das war
ein harter Schlag, und ich war Ihnen zuerst beinah bse, denn nichts tut weher,
als liebe Gtzen zu verlieren. Und ich hatte die meinigen so ehrerbietig
behandelt und immer frische Blumen vor sie hingestellt! Aber es sei Ihnen
verziehen, denn Sie haben die falschen Buddhas durch wahre ersetzt, und das tun
die wenigsten Leute, die andern ihre Gtter nehmen.
    Es ist ja auch nicht eben leicht! -

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                                                        New York, Dezember 1899.

Die letzten Tage, lieber Freund, sind noch ganz der Wohnungseinrichtung gewidmet
gewesen. Sie wissen ja, wie sehr ich von meiner usseren Umgebung abhnge. Milde
warme Farben, edler Faltenwurf, schngeschweifte Linien sind mir physisch
wohltuend. Vielleicht erheben sich die wirklich grossen Geister ber die
usseren Dinge und lassen sich nicht von ihnen strend beeinflussen; aber ich
bin nur ein ganz kleines Geistchen, frchte mich vor dem Meer des Alltglichen,
Hsslichen, und fhle mich nur behaglich, wenn es mir gelungen, mir eine eigene
kleine Insel zu schaffen und sie meiner persnlichen Eigenart entsprechend zu
gestalten. Ich suche auch immer mich ber das Nomadenhafte meines Lebens
hinwegzutuschen, indem ich unsere jeweilige Wohnung mit einem Eifer und Ernst
dekoriere, als solle sie ein alles berdauerndes Stammschloss werden - und sie
ist doch nie etwas anderes, als ein Zelt, das immer wieder abgebrochen und von
neuem an anderm fremden Ort aufgeschlagen wird. In manchen der Huser, die wir
im Lauf der Jahre bewohnten, habe ich sogar Tr und Decken bemalt; heute neckte
mich mein Bruder damit und fragte, ob ich diesem New Yorker Boarding House auch
solche dauernde Erinnerungen meines vorbergehenden Aufenthaltes hinterlassen
wolle. Das habe ich nun zwar nicht vor, aber, nachdem ich es nun etwas wohnlich
um uns gestaltet habe, will ich wieder meine Malereien aufnehmen. Unser
Wohnzimmer hat ausgezeichnetes Licht, so dass es als Atelier dienen kann, und da
mein Bruder erst nachmittags zurckkommt, habe ich den ganzen Tag dafr frei.
All meine chinesischen Skizzen sind hier, und ich habe manche an die Wnde
gehngt, lauter alte Bekannte von Ihnen, zu denen nun noch japanische und
kanadische gekommen sind. Als ich in all den Bogen bltterte, fiel mir die
Pekinger Zeit so besonders lebhaft ein und die kleine Bilderausstellung, die ich
vor unserer Abreise dort arrangierte. Premier Salon de Pkin wurde sie
genannt, und ich verkaufte eine Menge Skizzen! Wenn ich so durch mein Malen ein
paar hundert Dollar verdiene, fhle ich mich so stolz, so self made, als sei ich
Charles William O'Doyle inmitten seiner Millionen! In grauen leeren Tagen, als
die Welt fr mich nichts mehr zu enthalten schien, habe ich zuerst zu malen
begonnen, wie eine Zerstreuung, eine Rettung vor den ewig gleichen, qulenden
Gedanken. In den langen Wanderjahren mit meinem Bruder ist es dann allmhlich
meine grosse Lebensfreude geworden, der befreiende Ausdruck des innerlich
Erlebten. Und noch in anderem Sinn ist das Malen mir zu einer Lebensfreude
geworden, denn wenn ich ein Bild verkaufe, bedeutet das Butter zu meinem
tglichen Brot, d.h. die Mglichkeit, mit solchem kleinen Verdienst andern
helfen zu knnen, denen es weniger gut geht als mir.
    Bei Ihnen fand ich gleich Interesse fr mein Malen. Wie viel haben Sie mir
erzhlt von Kunst und Knstlern all der Lnder, in denen Sie gelebt, wie oft
haben Sie mich zu malerischen Punkten im altersgrauen Peking gefhrt, die sonst
Fremde wohl nie zu sehen bekommen und deren vllige Eigenart so manches Motiv
bot? Wenn Sie mir so den Zutritt zu einem sonst stets verschlossenen Tempel
verschafften und ich seltsame Gtzen oder stille Klosterhfe malte, in denen das
Licht zwischen den Zweigen uralter Bume spielte und ber einen gelbgekleideten
Priester glitt, der am Sockel eines riesigen mit Patina berzogenen Bronzelwen
lehnte und weltentrckt den buddhistischen Rosenkranz durch die Finger gleiten
liess - wie manchesmal habe ich da Ihre Augen auf mir ruhen gefhlt und eine
neue Arbeitslust, ein grsseres Knnen empfunden durch die Macht der Freude, die
Sie an mir hatten! - Von einem andern in unseren liebsten Beschftigungen, in
unserer individuellsten Eigenart verstanden zu werden, ist wie eine geistige
Liebkosung. So vieles erstirbt ja in uns, aus Mangel an etwas Interesse und
Pflege. Und jene, die am meisten in uns gettet und begraben haben, sind oft,
die uns am nchsten standen. Haben Sie Dank, lieber Freund, fr alles, was Sie
in mir geweckt und gepflegt haben, fr all die Blumen, die geblht haben, weil
Sie sich daran freuten.

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                                                     New York, 25 Dezember 1899.

Es ist wieder Weihnachten geworden, lieber Freund! Weihnachten in einem Lande,
wo ich das Fest noch nie erlebt habe, wo es mir darum besonders fremd vorkommt.
Warum haben wir nur diesen rhrenden und zugleich etwas komischen Zug, an
bestimmten Jahrestagen so besonders zu hngen? Was wissen wir eigentlich von dem
Tag der Geburt Christi und was ist uns dieser Tag? Und doch, so wenig Bedeutung
er fr viele unter uns heute noch in der Hast des Lebens hat, und so wenig wir
von Frieden auf Erden wissen, an diesem Jahrestage scheint es uns, als htte
jeder Mensch ein besonderes Recht auf Freude, und wir stecken viel Lichtchen an,
um doch ja die Freude sehen zu knnen, falls sie wirklich mal zu uns kme. Aber
bei uns Einsamen, die wir in fremden Welten leben, pocht gerade an dem Abend
selten die Freude an die Tr. Andere Gste sind es, die uns besuchen. Vor allem
ist es die alte Frau Erinnerung, deren Bilderbuch mit jedem Jahr dicker wird.
Als ich gestern Nachmittag die Kerzen am Bumchen in unserm Wohnzimmer
angezndet hatte und meinen Bruder hereinrief, huschte die alte Frau auch gleich
durch die offene Tr ins Zimmer herein. Den ganzen Tag schon hatte ich gefhlt,
dass sie draussen stand und nur auf den Moment wartete, hereinzuschlpfen, und
den ganzen Tag hatte ich ihr immer die Tr vor der Nase zugeschlagen, denn ich
frchte mich ein bisschen vor der alten Frau und ihrem grossen Bilderbuch. Aber
nun stand sie neben uns. Ta, dem auch aufgebaut wurde, hatte sie wohl
eingelassen.
    Und wie es raschelte und knisterte in den Blttern des grossen Bilderbuchs!
wie es darin lebendig ward und lngst verstummte Stimmen wieder klangen in
vergessenem Lachen und verhalltem Schluchzen. Lauter Dinge, die einst gewesen,
fllten das Zimmer und umwogten uns; kleine graue Geisterchen sassen
lichtbeschienen in den Zweigen des Weihnachtsbaumes und flsterten leise von
Vergangenem; und auch all das, was nie gewesen, was nur gewnscht und ersehnt
worden - nun lebte es fr den einen Abend wieder auf.
    Am lngsten verweilte ich bei den letzten Blttern des Bilderbuches. Die
Weihnachten in Peking standen wieder vor meinen Augen. Erinnern Sie sich des
einen Jahres, als der arme junge Mc Intyre krank war und wir ihm ein Bumchen
brachten? Ich sass in der Snfte und hielt die winzig kleine geschmckte Tanne
auf dem Schoss, und Sie gingen nebenher und ermahnten die Kulis, mich behutsam
durch die holprigen, hart gefrorenen Strassen zu tragen. Erinnern Sie sich der
Freude des armen Jungen, als wir dann bei ihm eintraten und unser glnzendes
Bumchen auf den Tisch vor ihm aufbauten zwischen den Photographien seiner fern
in Schottland lebenden Eltern und Geschwister, die er sich fr diesen Abend
recht nah an sein Bett hatte heranrcken lassen?
    Und erinnern Sie sich der Bescherungen in unserem lieben chinesischen
Huschen, zu denen Sie und ein paar Freunde meines Bruders jedesmal kamen?
Tagelang vorher war grosse Aufregung, um fr jeden eine berraschung in den
Kuriosittenlden aufzutreiben, und als erst die Bahn erffnet war, fuhren
unternehmungslustige Leute nach Tientsin, um zu schauen, was etwa die dortigen
europischen Magazine bten.
    Sie, lieber Freund, entdeckten aber immer die reizendsten Dinge! Vor mir
steht heute die kleine altfranzsische Bronzenuhr, die einst in der
Direktoire-Zeit nach China kam, und die Sie von Pekinger Palastbeamten erstanden
und mir unter dem Weihnachtsbaum aufbauten. Das Piedestal ist noch ganz im Stile
Ludwig XVI. mit Delphinen und feinen Guirlanden geschmckt; darber erheben sich
vier Drachen, die die Uhr tragen, kuriose Geschpfe, in denen der franzsische
Knstler mglichst dem nahe zu kommen suchte, was ihm als chinesisch
vorschwebte. ber der Uhr, auf einer kleinen Weltkugel, steht ein gallischer
Hahn, der offenbar nach Freiheit krht, aber ein so skeptisches Gesicht macht,
als glaube er schon lngst nicht mehr daran.
    Als Sie mir diese Uhr schenkten, sagten Sie: Die passt so gut zu Ihnen: ein
Fundament altererbten Geschmacks, der von vielen Generationen herstammt; die
Drachen, der Hang zum Absonderlichen, der Zug zum Unbegreiflichen, Mystischen,
der in uns erwacht, je mehr wir sehen, dass das Exakte, Vernnftige,
Realistische doch nichts erklrt und schliesslich immer wieder alles mit einem
grossen Fragezeichen endet - und als Spitze des ganzen Gebudes der kleine
tapfere Hahn, der nach Aufklrung und Freiheit quand mme ruft, der viel graue,
trbe Tage erlebt hat und zu sagen scheint, nach all dem Krhen msste die Sonne
doch endlich aufgehen.
    Ja, das alles und noch so vieles mehr steht auf den letzten Blttern des
grossen Bilderbuchs!
    Mein Bruder und ich sassen in dem New Yorker Boarding-House-Zimmer unter dem
Weihnachtsbaum, hielten uns schweigend an der Hand und dachten vergangener
Zeiten. Ta lschte eins nach dem andern die Lichtchen aus, die herabgebrannt
waren - ganz wie an anderen Weihnachtsabenden. Manchmal fingen ein paar grne
Tannennadeln Feuer, knisterten und glhten, und ein harziger Waldduft zog durchs
Zimmer - ja, ganz wie an allen Weihnachtsabenden! -

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                                                    New York, 26. Dezember 1899.

Gestern, lieber Freund, ward ich unterbrochen und musste meinen Brief
schliessen, ohne Ihnen unsern ganzen Weihnachtsabend geschildert zu haben. Denn
er war mit unserm kleinen Aufbau nicht zu Ende, sondern wir waren noch zur
Bescherung im Hause unseres Konsuls eingeladen.
    Mit allerhand Paketen beladen, fuhren wir auf der Hochbahn dorthin.
    Nach lngerem, vergeblichen Klingeln ffnete uns der Konsul selbst die
Haustr und entschuldigte sich, der Sam sei wohl beim Tischdecken. Dann fhrte
er uns in sein kleines Arbeitszimmer, wo wir einige deutsche Herren trafen,
darunter auch den Generalkonsul mit seinem herzerfreuenden, ansteckenden Lachen.
Der Konsul ist vor einigen Monaten hierher ernannt worden, und seine Frau ist
ihm erst vor ein paar Tagen aus ihrer Schwarzwaldheimat mit ihren zwei kleinen
Kindern nachgereist. Es ist ein rhrend deutscher Zug, dass sie sich, selbst
kaum eingerichtet, zu diesem Abend gleich einige Landsleute eingeladen haben,
die ihn sonst allein mit ihrem Heimweh verlebt htten.
    Meine Frau baut auf, sagte der Konsul. Da kam sie schon selbst herein,
sehr jung, mit aschblonden Zpfen um den Kopf gesteckt, erstaunten blauen Augen,
das ganze Gesichtchen von der Arbeit gertet. Auf dem Arm trug sie einen dicken,
einjhrigen Jungen, mit denselben erstaunten blauen Augen; und neben ihr
trippelte ein kleines, dreijhriges Mdchen, das mit wichtiger Miene eine
Klingel hielt.
    Es ist alles fertig, rief sie, Evchen, nun klingle mal schn.
    Und Evchen klingelte, und wir alle folgten in das Wohnzimmer, wo der Baum
strahlte. Mit Ketten, vergoldeten Nssen, pfeln, Pfefferkuchen war er
geschmckt - sicher genau nach dem Vorbild, das die Frau Konsul bei ihrer
Grossmutter und Mutter in dem kleinen Schwarzwaldstdtchen gesehen hat. Es war
sehr heimatlich. Man vergass dabei die hastende, neue Stadt da draussen und
fhlte sich in eine alte Welt zurckversetzt, wo der Wechsel so langsam vor sich
geht, dass sie eigentlich still zu stehen scheint.
    Der kleine Junge wurde auf den Teppich gesetzt und ein zusammenlegbares,
unzerreissbares Bilderbuch um ihn aufgestellt, und wir halfen der Frau Konsul
die Kiste auspacken, die von ihrer Mutter gekommen war. Wie sorgfltig war alles
gepackt, in Seidenpapier eingewickelt, mit blauen Bndchen jedes einzelne Paket
gebunden und ein Zettel dran gesteckt, mit ein paar lieben Worten fr den
Empfnger in zittriger Handschrift darauf geschrieben. Lauter Dinge waren darin,
die man in New York ganz ebenso bekommen kann. Recht unpraktisch und doch so
rhrend deutsch! Selbstgestrickte und gehkelte Dinge fr die Kinder,
selbstgebackener Kuchen und Wrste von dem fr Weihnachten geschlachteten
Schwein, und auf dem Grund der Kiste ein paar dicke wissenschaftliche Bcher fr
den Herrn Konsul und, in modernstem Rahmen, eine grosse Photographie von
Bcklins geigendem Mnch, dem die Engelchen lauschen. - Liebes altes
Deutschland? Wre doch Dein Raum so gross wie Dein Gemt, dass all Deine fern
verstreuten Kinder bei Dir Platz fnden! -
    Evchen hatte sich den Bcklin andchtig betrachtet, nun lief sie ans Fenster
und drckte sich das Nschen an den Scheiben platt.
    Was machst Du denn da, fragte ich sie.
    Ich gucke, ob da draussen auch Engelchen herumfliegen, antwortete sie und
setzte dann hinzu: nein, hier gibt's keine.
    Ich schaute mit dem Kind hinaus in die Strasse mit den vielen gleichmssigen
Husern, an deren einem Ende, ganz nah von uns, eine Station der Hochbahn war.
Ein hellleuchtender Zug kam herangesaust, hielt einen Augenblick und brauste
dann weiter.
    Der Eisenbahn gefllt es hier nicht, sagte Evchen, sie eilt sich so sehr
her zu kommen und dann geht sie immer ganz schnell wieder fort.
    Liebes Kind, sagte der Konsul zu seiner Frau, gibt es nicht bald was zu
essen?
    Sie fuhr aus all den heimatlichen Paketen empor: Aber ja, es muss alles
schon fertig sein.
    Sie klingelte, aber Ursache und Wirkung folgten nicht aufeinander. Nun ging
sie hinaus, kam aber bald mit bestrztem Gesicht zurck, trat an ihren Mann und
sagte leise: Willst du nicht lieber mal mit ihm reden?
    Nun ging der Konsul hinaus, und bald hrten wir erregte Stimmen und darauf
etwas Schweres, das die Treppe hinabpolterte. Der Konsul kam wieder herein,
etwas aufgeregt und ausser Atem: Meine Herrschaften, ich bitte sehr um
Entschuldigung - ein kleiner amerikanischer Zwischenfall - der Neger Sam war
schwer betrunken - ich fand ihn, mit dem Eidamer Kse Ball spielend. - Da habe
ich die Rollen umgekehrt und mit ihm etwas Ball gespielt - und dabei ist er die
Treppe hinab und auf die Strasse geflogen.
    Und als ich vorhin draussen war, erzhlte die Frau Konsul mit klglicher
Stimme, ass er die Austern auf und sagte mir, er nhme ja nur die schlechten,
um uns vor Vergiftung zu bewahren.
    Der Generalkonsul lachte in seiner herzhaften Art, und wir alle stimmten mit
ein. Und dann folgte das komischste Weihnachtssouper, das ich je mitgemacht,
denn es stellte sich heraus, dass die irische Kchin dem schwarzen Sam
nachgelaufen war. So gingen wir denn mit der Frau Konsul in die Kche, retteten,
was zu retten war, trugen die Gerichte hinauf in das Speisezimmer und sprachen
ausserdem tchtig den Wrsten zu, die wir aus der Weihnachtskiste ausgepackt
hatten. Als wir Abschied nahmen, sagte unsere Wirtin: Sie mssen schon
entschuldigen - es ist hier halt alles so anders, als daheim in Baden.

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                                                       New York, 1. Januar 1900.

Lieber Freund! Mchte das Jahr Sie mit allem Guten beschenken, das ich Ihnen
wnsche! Gleich die ersten Gedanken heute frh flogen hinaus ber die grollenden
Wintermeere und die weiten hart gefrorenen Ebenen, in denen der Sturm heult,
flogen aus, Sie zu suchen, und konnten Sie nicht finden, und flattern nun weiter
unstet umher, knnen nirgends zur Ruhe kommen, sehnen sich so sehr, Ihnen ein
kleines Zeichen zu geben. Alles Schne und alles Glckliche mchte ich in Ihr
Leben hinein zaubern - und konnte Ihnen doch am Weihnachtsabend kein Bumchen
schmcken, kann Ihnen heute zu Neujahr nicht einmal die Hnde reichen! Den
ganzen Tag war mir, als msse heute durchaus ein Wort von Ihnen zu mir dringen,
als msse Ihre Stimme ganz leise aus der Ferne klingen, wie einstmals in
vergangenen Tagen, als Sie mir sagten: Und darf es nicht Glck sein, so sei's
doch das Nchstbeste. Und Ihr Nchstbestes, lieber Freund, war immer noch so
viel reicher und zarter, so viel sorgender als alles, was andere Menschen als
hchstes Glck zu geben vermgen; Sie haben mich so sehr verwhnt, dass ich mir
jetzt oft ganz verlassen vorkomme.
    Auf dass Ihnen aber die Lektre dieses Briefes nicht schlecht bekomme und
Sie nicht etwa dem Hochmutsteufelchen verfallen, werde ich gleich hinzusetzen,
dass ich immer etwas am grossen Heimweh der Vergangenheit leide, und dass, wenn
man mehrere Jahre in einem so eigenartigen Ort wie Peking gelebt und dort Wurzel
gefasst hat, es schwer fllt, in einer so absolut entgegengesetzten Welt wie New
York heimisch zu werden. Wer sich in Brssel wohl fhlt, dem wird auch Paris
gefallen, wer sich in Dresden eingelebt, der wird es auch in Mnchen fertig
bringen. - Da sind keine weltentrennende Rassen- und Anschauungsgegenstze zu
berwinden. Wer aber den Osten wirklich mal kennt und liebt, der passt nicht
mehr in diese westliche Welt. Man staunt sie an, sagt sich wohl auch mit dem
Verstand, dass ihr das neue Jahrhundert gehren wird, aber man wird in ihr nie
mehr heimisch, man fhlt sich in stetem Widerspruch. - Wie mag es nur Kipling,
dieser grosse Orientale, hier je ausgehalten haben! Wie sehr kann ich ihm das
Heimweh nach dem Osten nachempfinden, das wie ein Moll-Leitmotiv der Sehnsucht
durch seine Werke zittert - unverstndlich fr die, deren beste Jahre nicht
jenseits Suez gelebt wurden.
    Ich muss heute soviel an manche englische Beamte denken, die ich vor Jahren
in Indien gekannt und dann pensioniert und gealtert in irgend einem Stdtchen
Englands wiedergesehen habe. Dort in Indien hatten sie viel rsonniert, ber
Klima, Natives und Silberkurs, aber trotz aller Klagen fhlten sie sich doch
immer als Gtter, wenn auch nur als Achtel-, Viertel-oder Halbgtter; und es
waren doch, ohne dass sie es recht wussten, ihre glcklichsten Jahre gewesen,
die sie dort verlebt - man ist ja meist glcklich, ohne es zu wissen, und merkt,
dass man es war, daran, dass man aufhrt es zu sein. In Bath oder Torquay, unter
grauem Himmel, in engen Zimmern, mit einer ungeschickten, schlecht kochenden
Mary Ann, der sie nie einen hindustanischen Fluch nachschmettern durften,
umgeben von lauter Leuten, die nichts wussten von der Gottgleichheit, die jedem
weissen Sahib in den Stdten auf abad oder epore zu eigen ist, da verstanden
die Armen es erst ganz, wie schn es einst gewesen; und das grosse Heimweh nach
dem Osten schlich sich in ihre Herzen und nistete sich fest ein.
    Ich komme mir hier so oft vor wie einer jener pensionierten englischen
Beamten! Oder wie eine arme, kleine, vertriebene Knigin, der niemand anmerkt,
dass sie einst ein gldenes Krnchen trug! Wenn ich mich in dem Strassengewhl
durchdrnge, wo keiner mich kennt, und mir sage, dass, wenn ich tot umfiele, ich
in eine kalte, graue Morgue gebracht wrde, und niemand wsste, wer ich bin, da
sehne ich mich oft nach der Stadt, wo jeder mich kannte, wo alle am Bahnhof
standen, als ich abreiste, und mir nachwinkten.
    Das Bewustsein der eigenen Kleinheit und Belanglosigkeit lastet auf uns
modernen Menschen allen wie ein schweres Gewicht. Wir leiden unter der eigenen
Winzigkeit, unter den engen Grenzen unseres Wissens und Lebens, seitdem uns die
Endlosigkeit von Raum und Zeit gelehrt ward. Leute frherer Epochen kannten
diesen Gegensatz zwischen menschlicher Kleinheit und Weltenunendlichkeit nicht;
sie mssen zufriedener gewesen sein, weil sie sich selbst im richtigen Massstab
zu allem brigen vorkamen. Diese Menschen, die in alten Husern mit hohen
Giebeln wohnten, und auch noch heute die Leute, die in ganz kleinen Zentren
leben, wo jeder jeden kennt und der Glaube an die eigene Wichtigkeit nie getrbt
wird, scheinen mir beneidenswerte Wesen; denn es gibt ja nichts
Befriedigenderes, als an sich glauben zu knnen. In solchen kleinen Gemeinden
floriert dann auch diese hchste Blte der eigenen Wichtigkeitsberzeugung - der
Glaube an ein persnliches Fortbestehen. Es scheint doch ganz unmglich, dass
Herr A, mit dem man alle Samstag seit dreissig Jahren gekegelt hat, Frau B, mit
der man schon auf der Schule in Rivalitt lebte, pltzlich ganz ausgewischt, wie
nie gewesen, sein sollen. Das kann solch bedeutenden Persnlichkeiten nimmer
widerfahren! Sie sind zeitweise unsichtbar, auf der grossen Reise begriffen, die
alle mal antreten - aber nachher wird man sich wieder finden, ganz
selbstverstndlich. - Wer aber von den Wellen an zahllose fremde Ksten
verschlagen worden ist und gesehen hat, dass berall und seit unendlichen Zeiten
Millionen und Millionen geboren und begraben werden, ohne dass ihr Kommen und
Gehen mehr Bedeutung htte als Mckenschwrme, die einen Augenblick durch die
Sonnenstrahlen schweben, der verliert den Glauben an die Wichtigkeit der
Erscheinungen und an die innere Notwendigkeit der ewigen Fortdauer all dieser
ganz gleichgltigen ameisenartigen Existenzen, die in individuell kaum
unterscheidbaren Wiederholungen immer aufs neue entstehen und vergehen. Wenn
einem dann die Erkenntnis aufgeht, dass man selbst auch nur in die Schar der
menschlichen Eintagsfliegen gehrt, dann sehnt man sich nach denen, die durch
Freundschaft und liebevolle Pflege uns zeitweise die Illusion gegeben, als sei
man eigentlich doch eine recht wichtige kleine Fliege, deren Wohl und Wehe fr
ein anderes Wesen die allergrsste Bedeutung hat.
    Und weil ich das alles heute so sehr empfinde, hier in der Fremde, wo es
jedem offenbar ganz gleichgltig ist, wie arme, kleine, vertriebene Kniginnen
das neue Jahr beginnen - drum habe ich Heimweh nach ... sagen wir nach Peking!

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                                                          New York, Januar 1900.

Ein kalter, grauer Tag. Zum Malen viel zu dunkel. Ein allgemeines Gefhl des
Unbehagens. Das Buch, das man am Kamin sitzend liest, langweilt. Der Blick
hinaus durch die Fenster langweilt ganz ebenso. Beinah mchte man die Menschen
beneiden, die selbstgefllig sagen, ich habe mich noch nie gelangweilt, und
die damit nur den Beweis liefern, wie grenzenlos langweilig sie selbst sein
mssen, wenn sie wirklich nicht imstande sind, die Langeweile des Meisten zu
erkennen, womit das Leben angefllt ist.
    Ich wnschte - ja, was wnsche ich eigentlich? Ich wnschte, ich wre mit
Ihnen auf einer weiten, merkwrdigen, gefahrvollen Entdeckungsreise in irgend
ein seltsames Land - womglich einen unerforschten Stern. Bitte, werden Sie nun
aber nicht gleich eitel! Dass Sie nicht eitel sind, ist ja gerade eine Ihrer
nettesten Eigenschaften, und jede echte Frau muss einen eitlen Mann
unausstehlich finden, denn er nimmt ihr damit etwas weg, worauf sie ihr
spezielles, anerkanntes Frauenrecht hat. Ich suche Sie ja auch nur deshalb zum
Begleiter auf den unerforschten Stern aus, weil Livingstone, der dort sicher
sofort Bescheid gewusst htte, nun doch schon tot ist.
    Aber wahrhaftig und im Ernst - ich habe manchmal eine so brennende
Sehnsucht, etwas zu werden, zu sein, zu leisten! Ich komme mir zuweilen vor, als
bestnde ich aus lauter ungenutzten Fhigkeiten und als gingen alle
Gelegenheiten, sich zu bettigen, die die meinen sein sollten, an mir vorbei und
zu anderen hin, die nicht wissen, was sie damit beginnen sollen. Wir Menschen
bestehen eben aus solchen, von denen nie annhernd das verlangt wird, was sie zu
leisten imstande wren, und aus anderen, an die Anforderungen gestellt werden,
denen sie in keiner Weise gerecht werden knnen. - Letztere sind natrlich die
glcklicheren, denn ein Teil ihrer Unfhigkeit besteht gerade darin, gar nicht
zu merken, wie sehr sie es sind.
    Das Ergebnis dieser Welteinrichtung ist, dass niemand da steht, wo er stehen
sollte. Wenn jemand pltzlich einen verantwortungsvollen Posten bekommt,
gratuliert man ihm und sagt: endlich, the right man in the right place und
denkt dabei: what a mess he will make of it! Und gewhnlich hat man mit
letzterer Vermutung recht.
    Und ein grosser mess der Weltenregierung ist es offenbar, dass ich hier
sitze, abwechselnd in den Kamin oder auf die Strasse starre, und dass alles
andere, was ich etwa sonst noch tun knnte, ganz ebenso zwecklos wre.
    Frauen sitzen eigentlich immer da und warten, ob die Tre aufgeht und jemand
kommt.

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                                                          New York, Januar 1900.

Ich ward gestern unterbrochen, lieber Freund! Weiss nicht, wie lange ich Ihnen
sonst noch grau in graue Weltenbetrachtungen geschrieben htte! Seien Sie also
dankbar, dass gestern die Tr wirklich aufging und Madame Baltykoff bei mir
eintrat, ein Pelzmtzchen auf dem Kopf, das ihr so natrlich gut stand, wie
jeder Katze ihr Fell.
    Nein, wie beneidenswert unbeschftigt Sie aussehen! sagte Madame
Baltykoff. Und ich bin so abgehetzt durch alles, was ich mitmachen und wobei
ich gesehen werden soll. In keinem Lande der Welt habe ich noch so viel von
sozialen Pflichten reden hren! Ich glaube, sie ersetzen alle anderen! Heute war
ich schon mit einer New Yorkerin, die mich ins Schlepptau genommen, auf einem
Dejeuner, einem Wohlttigkeitsbazar und drei Jours. Und jedesmal, wenn ich die
gewisse Ankunftslangweile berwunden hatte und gerade anfing mich etwas zu
amsieren, machte mir mein sozialer Pilot verzweifelte Aufbruchszeichen, weil
wir noch in so und soviel Husern gesehen werden mssten. Ich kam mir
schliesslich wie eine Verbrecherin vor, die sich Alibis schafft! Nun habe ich
noch einen Besuch vor, bei einer ehemaligen Landsmnnin, und da mssen Sie mich
durchaus begleiten. Es ist Ihnen auch gar nicht gut, so vor sich hin zu brten,
wie ein weiblicher Oblomoff.
    Und da all mein Ttigkeitsdrang von jeher damit geendet hat, mich von
usseren Mchten treiben zu lassen, ging ich mit Madame Baltykoff hinaus in die
kalte graue Winterwelt und lernte Miss Tatiana de Gribojedoff kennen.
    Wenn Sie den Namen auch dreimal lesen, lieber Freund, sie heisst wirklich
so, und das Miss hat auch seine Berechtigung.
    Tatianas Vater war natrlich Russe, ihre Mutter dagegen war die Tochter
eines aus Illinois stammenden amerikanischen Konsuls Carmichael in Archangel,
und in jener kalten Weltecke hat auch die Wiege der kleinen Tatiana gestanden.
Madame de Gribojedoff, ne Carmichael, scheint sich dort aber nie so recht
behaglich gefhlt zu haben, woraus ihr meinerseits kein Vorwurf gemacht werden
soll. Ihr Bestreben ging dahin, Tatiana in der Kritik und Missachtung alles
Russischen zu erziehen und ihr eine unbedingte Bewunderung fr alles
Angelschsische beizubringen. Als der Vater Tatianas starb, ein bedeutendes
Vermgen hinterlassend, wanderten beide Damen nach Amerika zurck; seit dem Tode
ihrer Mutter lebt Tatiana als unabhngige alte Jungfer in New York.
    Ihr Huschen ist vollgepfropft mit all denjenigen Dingen, die gewitzigte
Leute auf Reisen sorgfltig zu kaufen vermeiden. So hat sie sich von den
Niagarafllen indianische Mokassins mitgebracht, die an einer Wand hngen, dicht
neben einem spanischen Fcher, auf dem ein Stiergefecht abgebildet ist. In
Mexiko hat sie allerhand aus dortigem Marmor verfertigte Frchte gekauft, rosa
Pfirsiche, grne Mangoes, braune Feigen liegen auf einer Konsole, zusammen mit
den Ergebnissen eines Ausflugs nach Havanna, grossen schillernden Muscheln und
Mustern verschiedener Korallensorten. Der dahinter aufgehngte Spiegel gestattet
auch, die Rckseiten zu bewundern. Von Sorrent hat Miss Tatiana kleine aus
Olivenholz verfertigte Bcherbretter mitgebracht und auf diesen steht, neben
rmischen Mosaikschlchen und einer Miniaturnachbildung des Vestatempels, eine
ganze Batterie von Glsern aus verschiedenen Badeorten, deren Brunnen Miss
Tatiana getrunken hat. Allerhand Inschriften sind auf diese Glser geschliffen:
Zur freundlichen Erinnerung an Schlangenbad, Wohl bekomm's, auch eine
Abbildung der Trinkhalle in Baden-Baden. Vielleicht ist es eine Folge all dieser
gesundheitsfrdernden Flssigkeit, dass Miss Tatiana so lang, spitz und mager
ist.
    Sie sass an einer Seite des Kamins, und auf der andern sass ein kleiner,
dicker, lterer Herr, den Madame Baltykoff als Iwan Iwanowitsch begrsste und
der mir als Herr Baschmakoff vorgestellt wurde. Die Wirtin und ihr Gast schienen
eben eine politische Debatte gehabt zu haben; sie sah erregt aus, und nachdem
wir uns gesetzt hatten, fuhr sie in dem begonnenen Gesprch fort: Wahrlich, Mr.
Baschmakoff, jeden Tag, wenn ich von der Unterdrckung der armen Finnen lese,
bin ich dankbar, dass ich auswanderte und eine freie amerikanische Brgerin
geworden bin.
    Aber liebe Tatiana Feodorowna, antwortete der kleine, dicke Herr, es wre
Ihnen doch nichts in Russland geschehen - Sie sind ja gar keine Finnlnderin.
    Das ist eine feige Ausrede. In solchen Fllen muss man sich eins fhlen mit
den Unterdrckten. Da ich all dem Unrecht, das in Russland geschieht, nicht
abhelfen konnte, habe ich wenigstens durch meine Auswanderung dagegen
protestiert.
    Immer die gleiche, immer dasselbe Feuer bei unserer lieben Tatiana
Feodorowna, seufzte der alte Herr.
    Und bei Ihnen immer der gleiche Eigensinn, in jedem Satz wenigstens einmal
diese komische russische Anrede anzubringen - Tatiana Feodorowna!
    Herr Baschmakoff legte die Hand auf seinen vorspringenden Magen, in der
Gegend, wo hinter all dem Fett das Herz sitzen muss, und erwiderte: Es ist mir
eben mein Leben lang der liebste Name der Welt gewesen.
    Das alte Frulein schien hierdurch etwas besnftigt, wandte sich zu mir und
sagte: Sie werden mir zugeben, dass es bei meinen Ansichten und als freie
Amerikanerin hart ist, den Namen Tatiana de Gribojedoff zu tragen.
    Vergessen Sie nicht, liebe Tatiana Feodorowna, wie oft ich Ihnen angeboten
habe, diesen Namen zu vertauschen, sagte der kleine dicke Herr und drckte
wieder die Hand auf den vorspringenden Magen.
    Da lachte die alte Dame laut. Nein, wissen Sie, Gribojedoff oder
Baschmakoff - das bleibt sich nun schon gleich. Ja, wenn Sie Washington, Lincoln
oder meinethalben auch nur Brown oder Smith hiessen, htte ich's mir berlegen
knnen - aber so!
    Und beide, der alte Herr und das alte Frulein, lachten ber diese Neckerei,
die immer wieder aufgefrischt wird, wenn Herr Baschmakoff alljhrlich aus
Archangel nach New York kommt, um seine Jugendliebe im Lande ihrer Wahl zu
besuchen.
    Die Philippinen machen mir viel Sorge, erzhlte uns die russische
Amerikanerin, indem sie auf eine neben ihr liegende Zeitung wies, es ist
offenbar notwendig, dass neue Truppen hingeschickt werden. Ich hoffe nur, dass
das State Departement zu usserster Energie in der Bekmpfung der Rebellen
entschlossen ist. Sicherlich mssen fremde Intrigen und Aufwiegelungen
derjenigen dahinter stecken, denen es ein Greuel ist, dass wir in dem
geknechteten Orient Fuss fassen, sonst htte jenes arme, umnachtete Volk doch
lngst eingesehen, dass wir ihm das Licht der Freiheit bringen.
    Vielleicht werden Ihre westlichen Methoden im fernen Osten nicht so recht
gewrdigt und verstanden, liebe Tatiana Feodorowna, vielleicht passen sie auch
nicht so recht dorthin, warf Herr Baschmakoff schchtern ein.
    Die Wahrheit und das Recht passen berall, aber Ihr Russen denkt immer,
dass Ihr allein den Osten versteht. Ich gebe Euch ja gern zu, dass Ihr jenen
Vlkern nher steht als wir, aber warum sollen sie erst noch auf dem weiten
Umweg ber Knute, Sibirien und Orthodoxie zu endlicher Freiheit und wahrem
Glauben gefhrt werden?
    Was ist denn der wahre Glaube? fragte Madame Baltykoff.
    Der wahre Glaube? Miss Tatiana stockte einen Augenblick und antwortete
dann rasch entschlossen: Der wahre Glaube ist, was man in den Vereinigten
Staaten glaubt.
    So so, sagte Madame Baltykoff und fuhr dann nachdenklich fort, als sinne
sie ber ein schweres Rechenexempel nach, Methodisten und Baptisten,
Kongregationalisten und Christian Scientists, vereinigte Brder und Jnger
Christi, Heilige der letzten Tage, Quker und Shaker - und gar die Mormonen -
die haben also alle den wahren Glauben?
    Miss Tatiana unterhielt uns noch lngere Zeit mit der erregten Diskussion
verschiedener politischer Fragen. Der geduldige Baschmakoff bekam noch viel
Schlimmes ber Russland von ihr zu hren und sie gab ihm zu verstehen, dass, wer
nicht angelschsischer Abstammung ist, nur schlaue Berechnung und Eigennutz zu
Motiven seiner Handlungen haben knne.
    Wenn Madame Baltykoff mir zuweilen als wandelndes Fragezeichen erscheint, so
habe ich in Miss Tatiana eine lebende Assertion kennen gelernt. Sie erinnert
mich an eine pommersche Gutsbesitzerin, die ich vor Jahren gegen direkte Steuern
eifern hrte; in meiner damaligen Jugend und Unwissenheit fragte ich sie, was
das sei, und erhielt die Antwort: direkte Steuern sind die, die man selbst
bezahlt, indirekte Steuern solche, die andere Leute bezahlen, drum sind die
ersteren schlecht und die anderen gut.
    Miss Tatiana besitzt auch diese Gabe anschaulicher Definition und rascher
Schlussfolgerung.

                                       20


                                                          New York, Januar 1900.

Lieber Freund, heute Nachmittag wollte ich die Frau unseres Konsuls besuchen.
Ich fuhr mit der Hochbahn zu ihr, denn sie wohnt weit draussen, in einer der
Strassen mit den ganz hohen Nummern, die mich immer an neuformierte, an den
Grenzen aufgestellte Regimenter erinnern. Die Huser sehen alle ganz gleich aus,
man knnte jedes mit jedem verwechseln, und darin liegt wohl gerade das
Militrische; sagte mir doch mal mit Begeisterung ein junger Verwandter, der
seit ein paar Wochen Leutnant war: Vollkommene Gleichmssigkeit ist das Ziel,
Verwischung der Individualitten die erste Aufgabe.
    Da ich die Frau Konsul nicht zu Hause traf, ging ich von dort aus noch etwas
auf eigene Faust explorieren, was mir immer viel interessanter ist, als wenn ich
von patriotischen New Yorkern herumgefhrt werde, die erwarten, dass ich mich
fr irgendein turmartiges Haus begeistere, in dem eine Zeitung gedruckt, Korn
verkauft, oder Geld gewechselt wird.
    Ich ging noch durch einige allerletzte Strassen. Weiter hinaus sieht es sehr
bald aus, als sei man im fernen Westen. Weite leere Grundstcke erstrecken sich
dort mit den seltsamsten kleinen Behausungen. Zelte, aus allen mglichen Fetzen
zusammengeflickt, Lcher in die Erde gebuddelt wie Hhlen der Urzeitmenschen,
daneben Htten, die aus Latten, Kistendeckeln, verrostetem Wellblech und Stcken
von Petroleumkasten zusammengezimmert sind. Eine ganze Bevlkerung mit
unbestimmten Berufszweigen haust dort und treckt immer mehr hinaus, je weiter
die Strassen mit den hohen Nummern vorgeschoben werden. Vielleicht prangt solch
abenteuerliches Httchen auf der ersten Seite im Erinnerungsbilderbuch manch
jetzigen Millionrs! Das wissen auch die Leute, die heute noch in den
exzentrischen Quartieren ussersten Elends kampieren mssen, und deshalb
ertragen sie alles leichter, weil sie es als ein bergangsstadium ansehen und
Beispiele vor Augen haben, dass man sich emporarbeiten kann. Das macht Armut in
den neuen Lndern weniger drckend. Auch dem rmsten schwebt immer die
Mglichkeit des finanziellen Marschallstabs vor. Darum kommen sie ja auch ber
das grosse Wasser, um die Hoffnungslosigkeit, die alte Resignation hinter sich
zu lassen.
    Heute war es aber unendlich melancholisch da draussen. Ein eisiger Wind
wehte ber das flache Land. Kltebeladen kam er aus der Richtung der grossen
nordamerikanischen Seen angesaust, fegte alles vor sich her und pfiff
unbarmherzig durch alle Spalten und Ritzen in die merkwrdigen
Armeleutewinkelchen hinein. Ob die Bewohner all der wackligen, klappernden
Httchen wohl auch der Ansicht waren, dass dem geschorenen Lamm der Wind
bemessen wird? Wenn man eine Sealskin-Jacke trgt, erscheint solch behaglicher
Glaube immer unanfechtbar.
    Bei meinem heutigen Spaziergang dachte ich viel an hnliche in Peking
verlebte Wintertage. Besonders eines Rittes musste ich gedenken, den wir jetzt
vor einem Jahre dort gemacht. Da war es auch so kalt, wie heute hier. Der Wind
kam von der sibirisch-mongolischen Ebene hergeweht, so eisig, als knne es nie
wieder Frhling werden. Der Weg dehnte sich endlos an der grauen Stadtmauer
entlang. Die Trme mit den verfallenen grnen Kacheldchern standen druend
gegen den fahlen Winterhimmel. Stellenweise lag etwas hart gefrorener Schnee.
Krhen flohen krchzend vor dem Wind.
    Im hiesigen Winter habe ich des dortigen gedacht und ich sende Ihnen dies
kleine Gedicht, das mir dabei in den Sinn kam:

An den hohen Mauern der Stadt
Ritten wir beide schweigend,
Sprachen nicht mehr, weil alles gesagt,
Horchten im Schnee auf das Schrei'n
                                                            Der schwarzen Vgel.

Lngst verliess ich dich, graue Stadt,
Wandre allein nun schweigend,
Habe keinem mein Leiden geklagt,
Nur in der einsamen Seele schrei'n
                                                            Die schwarzen Vgel.

Wie so oft in Peking, war mir an jenem Tage, als sei die ganze Welt erstarrt in
Angst, als harre sie atemlos, Unbekanntem, Unheimlichem. - Stadt des Leidens,
Stadt des Verhngnisses habe ich Peking oft genannt - und doch liebe ich die
graue, dstre Stadt. Ich habe jetzt oftmals ganz deutlich die Empfindung, als
gehre ich ihr, als hielte sie mich fr ewig, so fern ich ihr auch rumlich bin.
    Ich frchte, ich bin wie alle Leute geworden, die in Peking gelebt haben und
es nachher nicht mehr lassen knnen, immerwhrend darber zu reden oder zu
schreiben.
    Das ist die Rache, die China an den weissen Menschen nimmt dafr, dass sie
beinahe alle doch nur deshalb hingehen, um ihm ein Stckchen seines Bodens oder
sonst irgend einen Vorteil und Besitz abzuringen-schliesslich sind sie es, die
von China absorbiert werden.
    Lassen Sie sich nicht zu sehr absorbieren, lieber Freund!

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                                                         New York, Februar 1900.

Lieber Freund, meine letzte Wanderung im winterlichen New York ist mir recht
schlecht bekommen. Ich bin seitdem krank gewesen an Husten und Fieber. Husten
und Fieber sind ja nun schon seit Jahren die Meilensteine, die an meinem
Lebensweg stehen. Schliesslich wird solch Meilenstein zu einem Kreuzchen werden.
Und wohin der Weg dann weiter geht und ob es berhaupt noch einen gibt, das
weiss man nicht.
    Es geht mir aber jetzt schon ein bisschen besser. Ich liege auf dem Sofa am
Kamin. Die weisse tibetanische Ziegenfelldecke, die Sie kennen, ist ber mich
gebreitet. Ta geht mit bekmmertem Gesicht ein und aus. Ich weiss nicht, gilt
seine Sorge mir, oder den vielen Briefen, die er in letzter Zeit von zu Hause
erhalten hat.
    Gestern schenkte mir mein Bruder ein paar Zweige weissen Treibhausflieders.
In Seidenpapier wohl eingewickelt brachte er sie von draussen mit - so ein
armer, winterlicher Flieder - all die Bltchen schienen zu frsteln und sich zu
wundern, warum man sie gezwungen habe, sich so sehr zu beeilen, in diese
unfreundliche Welt hinein zu kommen. Jetzt stehen die braunen Stengel, an denen
oben die sprlichen weissen Bltentrauben hngen, in einer schlanken, grnen
Bronzevase neben mir. Die Blumen haben sich etwas erholt, als seien sie dankbar,
nun doch noch ein leidliches Pltzchen gefunden zu haben. Ein schwacher,
schchterner Fliederduft, der beinah etwas Knstliches hat, steigt von ihnen auf
und zieht durch das Zimmer.
    Er weckt viel Erinnerungen. Denn Flieder mahnt mich an gar verschiedene
Zeiten und Orte.
    In Garzin, dem mrkischen Gut, wo ich aufgewachsen, da blhte der Flieder im
Mai. Vier grosse Bsche standen auf dem Rasen vor dem Schloss, in ihrer Mitte
eine alte Sonnenuhr. Jeden Frhling, wenn der Flieder blhte, kam derselbe alte
Invalide auf einem Stelzfuss angehumpelt; er stellte sich im Schlosshof auf und
spielte uns auf seiner Drehorgel Die letzte Rose und Lang, lang ist's her.
Ich weiss nicht, wo er Winters blieb, aber in all meinen frhesten
Frhlingserinnerungen steht der Invalide mit der Drehorgel, und der Flieder
duftet, und wir Kinder suchen fnfblttrige Fliederblten - denn die sollten
Glck bringen wie vierblttriger Klee. Einmal schenkte ich dem alten
Drehorgelmann solch ein fnfblttriges Blmchen - aber der glaubte nicht recht
daran.
    An so viele Zeiten und Orte mahnt der Duft!
    Sogar im blumenarmen Peking gab es Flieder. In allen Gesandtschaftsgrten
standen eine Menge Bsche. Im April ber Nacht erblhten sie mit einemmal, alle
zugleich. In allen Wohnzimmern, auf allen Speisetischen war dann die gleiche
weisslila Pracht und Flle. Vierzehn Tage dauerte der Blumenzauber. Das war die
einzige Zeit des Jahres, wo es in Peking gut roch.
    In den Tagen der Fliederblte gab Sir Robert Hart regelmssig eines seiner
Gartenfeste. Die chinesische, uniformierte Kapelle, die er sich hielt und auf
die er sehr stolz war, spielte die paar europischen Weisen, die ihr ein
portugiesischer Kapellmeister aus Macao beigebracht hatte. Mit den altbekannten,
nur zuweilen unfreiwilligerweise etwas vernderten Melodien zog durch den Garten
der heimatliche Fliederduft. Mnnlein und Weiblein der Socit de Pkin
wandelten in den paar Alleen auf und ab und zeigten Tientais neueste
Modeschpfungen; sie gingen paarweise, persnlicher Neigung folgend, oder
gruppierten sich je nach der augenblicklichen politischen Konstellation. Politik
ist eine Wrze, die in Peking gern allem beigemischt wird. - Zum Schluss dieser
geselligen Vereinigungen wurde dann immer eine Quadrille auf dem kleinen
holperigen Rasenplatz getanzt. Man tat jedesmal so, als sei diese Quadrille der
spontane Ausdruck berstrmender festlicher Stimmung - aber sie war im Programm
immer ganz vorgesehen.
    Das war alles ganz stereotyp - denn alle Dinge in China haben die Neigung,
stereotyp zu werden!
    Solche Vergngungen in entlegenen Pltzen haben mir immer etwas so unendlich
Wehmtiges. Sie sind ein offenbarer Versuch der Selbsttuschung, zu dem so sehr
viel guter Wille gehrt. Kleine rhrend traurige Bemhungen, um zu vergessen, wo
man ist, was alles fehlt. Der festgefasste und ernsthaft durchgefhrte Vorsatz,
auch einmal grosse Welt zu sein.
    Wie tieftraurig bin ich doch schon oft inmitten solch knstlich verpflanzter
und betriebener Amsements gewesen - sie erinnern an kmmerlichen weissen
Winterflieder - der ist auch nichts Rechtes!

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                                                         New York, Februar 1900.

Ich bin noch recht elend, mchte Ihnen aber doch ein bisschen schreiben, um mir
dadurch die Illusion zu geben, als seien Sie hier.
    Wenn ich krank bin, tue ich mir immer so schrecklich leid - ich mchte mich
dann am liebsten selbst in die Arme nehmen knnen und mich trsten. Gute
Gesundheit tuscht ber so manches hinweg; wir fhlen uns allem gewachsen und
sind daher mit uns selbst zufrieden, und sobald man das ist, ist ja alles gut.
Wenn wir aber oft krank sind und die Rechnung zwischen Sollen und Knnen immer
mit einem Defizit fr uns schliesst, dann erscheint die ganze Welt wie ein
Exempel, das nie stimmt, wo es immer irgendwo hapert. Glauben Sie nun deshalb
nicht, dass ich hier besonders einsam und vernachlssigt wre; die kleine Ecke
Welt, die im Gesichtskreis meines Sofaplatzes liegt, ist wahrscheinlich nicht
schlimmer und langweiliger wie andere auch, und es besuchen mich eine ganze
Anzahl Menschen. Am hufigsten kommt Madame Baltykoff, und gewhnlich findet
sich Anstruther zur selben Zeit ein. Diese unermdliche Russin hat erstaunliche
Vorrte an Wissensdurst; sie besieht sich New York von allen Seiten:
Auswandererherbergen, Fifth Avenue-Feste, Schulen, Druckereien, Wall Street,
Gefngnisse, Klster - tout lui est bon. Krzlich erzhlte sie mir von einem
Damenlunch, bei dem sie gewesen. Whrend nmlich die New Yorker Herren im
Geschft sind und Geld verdienen, vertreiben sich die Damen die Zeit, indem sie
sich untereinander kleine Feste geben, bei denen sie sich in neuen,
kostspieligen Einfllen zu berbieten suchen. Fr einen solchen Lunch wird eine
bestimmte Farbe gewhlt. Die neuliche war lila. Alle Blumendekorationen, auf dem
Tisch, an den Wnden und Kronleuchtern, bestanden aus Parma-Veilchen, das
Tischtuch war Spitzen bedeckte lila Seide, die Tischkarten lila Karton, Wirtin
und Gste trugen Kleider verschiedener lila Tnungen. Das kleine, sehr verzogene
Tchterchen des Hauses war als Veilchen verkleidet. Madame Baltykoff erzhlte,
es sei whrend der ganzen Mahlzeit unausgesetzt rund um den Tisch herumgelaufen;
die zrtliche Mutter bemerkte schliesslich, dass ihre Gste hiervon nervs
wurden, aber anstatt das Kind hinauszuschicken, sagte sie ihm nur: Dodo,
darling, renn doch jetzt mal in der andern Richtung um den Tisch - es wird uns
sonst schwindlig.
    Solche kleinen Damenfeste werden, wie alle sonstigen geselligen
Begebenheiten auch, am nchsten Tage in all ihren Einzelheiten von den Zeitungen
beschrieben. Die ffentlichkeit des Privatlebens in Amerika ist immer von neuem
ein Gegenstand des Staunens fr uns Fremde. Sie erstreckt sich auf die kleinsten
Handlungen der oberen 400. Das gesellschaftliche Debut einer jungen Dame aus
diesen Kreisen wird im voraus bekannt gegeben, mit Beschreibungen ihrer usseren
Erscheinung und aller Toiletten, die sie in Paris bestellt hat, man kann in den
Zeitungen lesen, wie viel Taschengeld sie zu verausgaben hat, welche
Handschuhnummer sie trgt, welche Blume sie bevorzugt, wer ihre Hofmacher sind.
Verheiratet sie sich, so werden spaltenlange Artikel ihrer Ausstattung und ihren
Hochzeitsgeschenken gewidmet und genaue Berechnungen aufgestellt, was der
Brutigam wert ist (an Dollars nmlich). Eine New Yorker Dame ist eigentlich nie
allein - sie agiert bestndig vor Reportern, die der neugierigen Menge die
wichtige Kenntnis aller Einzelheiten ihres Lebens vermitteln. Das Bewusstsein,
fortwhrend beobachtet, besprochen und beschrieben zu werden, mag dazu
beitragen, dass die modernen Amerikanerinnen der obersten Gesellschaftsklassen
keinen Augenblick vergessen, welchen Eindruck sie hervorrufen. Sie sind immer
darauf bedacht, zu gefallen, und ruhen nicht eher, bis jeder, der ihnen naht,
sich ihrem Charme ganz gefangen gibt. Sie sind stets liebenswrdig, reizend und
faszinierend, aber gesunden Menschen anderer Weltteile mgen diese nervsen,
blutarmen Wesen oftmals etwas unnatrlich erscheinen. Sie leben hauptschlich
von Bewunderung, daneben auch noch von Eiswasser und auserlesenen kleinen
Gerichten, an denen sie ein bisschen herumknabbern; die Beefsteakseite des
Lebens ist ihnen ein Greuel; sie mchten am liebsten alles Physische abschaffen,
nennen es roh, hherer Wesen unwrdig, und denken, dass es abgetan und in untere
Gesellschaftssphren verbannt sei, weil sie es missachten. Wegen dieser eigenen
Temperamentlosigkeit und weil sie an die bestndige berarbeitung und
geschftliche Prokkupation der rasch alternden amerikanischen Mnner gewhnt
sind, knnen sie in ihrem Lieblingszeitvertreib, dem Flirt, auch soweit gehen.
Ein verliebter Europer, der europische Folgerungen ziehen wollte, kme schlimm
an; er wrde zu hren bekommen, dass er kein Gentleman sei und Frauen nicht
respektiere.
    Inmitten dieses verknstelten Daseins berhrt es seltsam, welche
Vergtterung mit Kindern getrieben wird. Es ist das ein ganz charakteristischer
Zug der hiesigen Gesellschaft. Vielleicht stammt er noch aus der Zeit her, wo es
hier so wenig Einwohner fr das riesige Land gab, dass man sich ber jeden neuen
kleinen amerikanischen Brger ganz unsinnig freute; vielleicht ist es im
Gegenteil ein allermodernstes Gefhl, weil in der neuesten Zeit in der
elegantesten, reichsten New Yorker Gesellschaft die Kinderzahl stetig abnimmt
und man daher ein jedes wie ein kleines Wunder anstarrt. - Die schnen New
Yorkerinnen haben gar so viel zu tun!
    Auffallend ist, welches Gewicht dem Urteil amerikanischer Damen auf allen
Gebieten zugestanden wird. Literarischer, knstlerischer Ruf wird von ihnen
bestimmt; wer vorwrts kommen will, muss so malen, schreiben oder musizieren,
dass er den leitenden Damen der Gesellschaft gefllt. In allen schngeistigen
Dingen sind sie ihren gelderwerbenden Mnnern sehr berlegen, und niemand weiss
das besser, als sie selbst, aber ich glaube kaum, dass sie sich dadurch
unglcklich fhlen, es erscheint ihnen der weisen Ordnung der Dinge zu
entsprechen; und die Pose der feingebildeten, nur das Zarteste empfindenden
Frau, die von einem aus grberem Stoff geformten Mann nicht ganz verstanden
wird, ist eine kleidsam geheimnisvolle. Bezaubernde, diaphane Geschpfe sind es,
fr jede Tagesstunde mit andern berckenden Gewndern versehen, und die grosse
Nutzlosigkeit ihres Daseins verbergen sie vor sich selbst mit Erfolg hinter
einem felsenfesten Glauben an die Wichtigkeit der tausenderlei Dinge, die sie in
steter Eile betreiben.
    Aber das ist nur ein ganz bestimmter Typus, den wir Fremde vielleicht gerade
deshalb am raschesten kennen lernen, weil diese Frauen keine eigentliche
Ttigkeit mit unaufschiebbaren Pflichten kennen und mit aller Geschftigkeit und
Hast doch immer nur nach neuen Dingen suchen, um die Zeit zu fllen. Die
wahrhaften, berufsmssigen Arbeiter eines Landes lernt ein Reisender immer am
schwersten kennen, denn die haben keine Zeit fr ihn - und wieviel arbeitende,
schaffende Frauen muss es in dieser 70 Millionen-Nation geben!

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                                                            New York, Mrz 1900.

Raten Sie mal, lieber Freund, wer mich heute hier besuchte?
    Der Provikar Hofer! Aber ein entchinester, auch im ussern ganz
rmisch-katholisch gewordener Hofer. Zum letztenmal hatte ich ihn vor zwei
Jahren in Pei-ta-ho gesehen, wo er seinen Gesandten besuchte. Wie alle
katholischen Priester in China trug er damals den Zopf (ziemlich sprlicher
Natur) und chinesische Kleider, der Hitze halber aus dnner weisser Waschseide,
die er mehrmals des Tags wechselte, so dass er stets von immakulierter Weisse
war und ich ihm dort einmal sagte, er gliche im ussern den Lilien auf dem
Felde, aber das Sorgen berlasse er nicht nur dem lieben Gott, sondern halte es
darin wohl mehr mit Martha als mit Maria. Heute nun sah ich ihn in gewhnlicher
schwarzer Priestertracht wieder und erkannte ihn anfnglich gar nicht in dieser
Rckbildung. Er war aber sonst ganz der Alte, derb, heiter und voll gesunden
Menschenverstandes. Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, wie ich mich freute,
jemand zu sehen, der direkt von Peking kam! Beinah ebenso froh war ich wie Ta,
der dem Provikar einen kotau-artigen Knix machte und ganz strahlend schien,
endlich mal wieder chinesisch sprechen zu knnen.
    Natrlich fragte ich Hofer gleich nach Ihnen. Er sagte mir aber, nachdem was
er in Peking gehrt habe, glaube er, dass Sie erst im Juni dort eintreffen
wrden. Da wird es also noch lange dauern, bis ich von Ihnen hre, und whrend
all der Zeit werden auf der Post in Schanghai meine Briefe liegen, die ich immer
in der Illusion schreibe, als schwatzte ich mit Ihnen, und als knnten meine
Gedanken Sie unmittelbar erreichen. Von den Pekinger Bekannten erzhlte mir der
Provikar, und obschon er nur alle paar Jahre aus seiner Provinz mal hinkommt,
kennt er doch smtliche dortigen, kleinen und grossen Intrigen, als hielte er
die Fden in der Hand. Er ist mir immer ein Beispiel von der merkwrdigen
Wohlunterrichtetheit des hheren katholischen Klerus, der alle Diplomaten, diese
Regierungsnachrichtensammler, als wahre Stmper weit hinter sich lsst.
    Nachdem mir der Provikar die neuesten Begebenheiten von der Socit de Pkin
mitgeteilt hatte, fragte ich ihn, was seine jetzige Reise bedeute. Er
antwortete, dass er auf dem Weg nach Europa sei, um dort darauf aufmerksam zu
machen, dass sich in China schlimme Ereignisse vorbereiteten. Er erzhlte mir,
in seiner Provinz herrschten seit Monaten grosse Unruhen, die von geheimen
Gesellschaften ausgingen und die einen sehr fremdenfeindlichen Charakter trgen.
Daran sind wir ja gewhnt, sagte er, was mich aber ernstlich besorgt macht,
das ist, dass diese Unruhestifter offen von den provinziellen Mandarinen in
Schutz genommen werden und diese wiederum sich auf die hchsten Autoritten in
Peking berufen. Es sind Missionare und einheimische Christen berfallen worden,
ohne dass eine Bestrafung der Tter zu erreichen gewesen wre; und die in
letzter Zeit neu ernannten hohen Beamten sind ob ihres Christenhasses und
Einvernehmens mit den geheimen Gesellschaften bekannt. In Peking herrscht eben
nicht mehr die Furcht des Herrn, die beim Orientalen ganz besonders aller
Weisheit Anfang ist. Wir Missionare im Innern fhlen die Folgen solch
vernderter Haltung ja immer am ersten. Wir hren auch manches, was fr andere
Ohren zu leise gesprochen wird, und durch China geht jetzt das Wort, man
brauche sich nicht zu frchten, die Stunde der fremden Teufel habe geschlagen.
Favier glaubt wie ich an eine grosse, nahende Gefahr, denn auch er ist von
seinen einheimischen Christen gewarnt worden. Die Fhrer der Grossmessermnner
sprechen es ja offen aus: zuerst die chinesischen Christen, dann die Fremden.
Ich habe dies Wort an die rechte Stelle hinterbracht, da ist mir aber angedeutet
worden, wir Missionare seien durch allzu viel Schutz verwhnt und anmassend
geworden, in frheren Jahren htten wir Verfolgungsgefahren als die notwendige
Begleitung alles Missionierens angesehen und htten nicht nach Kriegsschiffen
und Soldaten zu unserm Schutz gerufen. Ich habe denen in Peking die letzte
Warnung gegeben: Die Gefahr betrifft diesmal die Missionare nicht mehr als die
anderen Fremden - vielleicht geht es Euch hier in Peking schlimmer als uns in
unsern Provinzen.
    Ich konnte es gar nicht glauben, was mir der Provikar da erzhlte. Ich
erinnerte ihn an die vollkommene Sorglosigkeit und Sicherheit, mit der alle
Fremden, nicht nur in Peking selbst, sondern Sommers in den einsamen, entlegenen
Tempeln der Umgegend lebten.
    Wie hat sich denn das alles so schnell derartig verndern knnen? fragte
ich ihn.
    Da kam vieles zusammen, antwortete er mir. Seit ein paar Jahren herrscht
in mehreren Provinzen Hungersnot, und es ist dadurch ein Grad des Elends
entstanden, den man in Europa berhaupt nicht kennt. Viele Arbeiter frchten
auch fr ihren kleinen Broterwerb, wegen der Erbauung von Eisenbahnen und der
Befahrung der Flsse mit Dampfschiffen, wovon sie dunkel als von etwas
Ungeheuerlichem reden hren. Nachrichten ber auswrtige Begebenheiten
verbreiten sich in China zwar langsam, noch 1897 erinnere ich mich, Priester und
Mandarine in der Gegend von Jehol gesprochen zu haben, die nichts von einem
japanischen Kriege ahnten, aber allmhlich ist doch die Kunde von den letzten
europischen Annexionen in weitere Kreise gedrungen und hat Beschmung und
Erbitterung hervorgerufen. Die wachsende Unzufriedenheit richtete sich
anfnglich gegen die Dynastie und Regierung, die all diese bergriffe zugelassen
hatten. Nun ist es aber der Kaiserin gelungen, diesen Zorn von sich abzulenken,
indem ale seit dem September 1898 alle fremdenfreundlichen Elemente verfolgt und
diese anklagt, an allen Einbussen, die China in den letzten Jahren erlitten,
schuld zu sein. Sie umgibt sich mehr und mehr mit den reaktionren Elementen und
gibt ihnen zu verstehen, dass sie auf ihre Hilfe gerade gegen die Fremden zhlt.
Die Kaiserin ist ja eine weit berschtzte Persnlichkeit, die von den realen
Machtverhltnissen der Welt keine Ahnung hat - aber sie ist, wie viele
sogenannte grosse Leute, eine Meisterin in der Wahrnehmung ihrer eigenen,
augenblicklichen Interessen und fhlt immer rechtzeitig, welche Partei in ihrem
Lande gerade die strkste ist, um sich auf diese zu sttzen. Jahrelang stand sie
an der Spitze der chinesischen Fortschrittspartei, was allerdings immer eine
sehr milde Dosis Fortschritt bedeutet, zur Zeit der chinesischen Niederlagen
durch die Japaner hat sie ihren Rckhalt an den fremden Mchten gesucht, und als
sie die wachsende Erbitterung im Lande gerade gegen die Fremden wahrgenommen,
ist sie zu den Reaktionren bergeschwenkt. Heute wissen alle fremdenfeindlichen
Mandarine und Geheimbndler, dass die Kaiserin nur auf ihre Erfolge wartet, um
sich offen zu ihnen zu bekennen.
    Aber es ist doch nicht denkbar, dass man dem ruhig zusehen und nur abwarten
wird, was weiter geschieht?
    Hoffentlich gelingt es mir in Europa von der nahenden Gefahr zu berzeugen
- in Peking wollte man Favier und mir nicht glauben. Eine Krise wre allen
unbequem, drum will sie niemand kommen sehen. Es gilt jetzt eben die Parole, in
China herrsche Ruhe und Ordnung und alles dort angelegte Kapital wrde in
nchster Zukunft Goldstrme einbringen. Wer an diesem bequemen Optimismus
rttelt, ist natrlich unwillkommen und am unwillkommensten den Geldleuten,
deren Einfluss der unheilvollste von allen in China gewesen ist. Diesen Herren
zu Liebe, die geborgen in Europa sitzen, und die selbst nie chinesischen Mrdern
und Boxern, chinesischem Klima und Kriege zum Opfer fallen knnen, wurden den
Chinesen Eisenbahn- und Minenkonzessionen abgerungen. Es ging den Finanzleuten
nie schnell genug, sie konnten nie genug bekommen. Mehr als jede Regierung waren
sie von ihrer Allwissenheit berzeugt und hrten auf keinerlei Vorstellung, die
ihnen von Peking aus gemacht wurde.
    Ja, sagte ich, davon wissen die geschftlichen Vertreter der Finanzbarone
in Peking einiges zu erzhlen. Aber nicht nur diese konnten ihnen nie genug
erwerben, auch die Gesandten klagten darber, dass sie getrieben wrden, Dinge
durchzusetzen, die sie selbst fr unheilvoll hielten.
    Der Provikar fuhr fort: Ich habe damals in Peking mit Mandarinen
gesprochen, die derartige Verhandlungen zu fhren hatten. Es waren Leute
darunter, die den besten Willen hatten, die gerecht waren und sich innerlich zu
den ntigen Konzessionen entschlossen hatten. Aber sie sind verzweifelt zu mir
gekommen und haben mir geklagt, die immer neuen Forderungen, die an sie gestellt
wrden, knnten sie unmglich dem Throne empfehlen. Man kenne keine Rcksicht
auf chinesisches Empfinden, es sei auch kein Ende abzusehen, immer wieder kmen
neue, weitergehende Verlangen. - Schritt fr Schritt mussten sie dann doch
nachgeben. Schliesslich sagte mir mal der eine: Das, wozu ich jetzt gezwungen
werde, meine Regierung zu berreden, wird die reaktionre, fremdenfeindliche
Partei ans Ruder bringen, und mir wird es noch mal den Kopf kosten. Und er hat
mit beidem recht gehabt. Die gierige Unersttlichkeit der Fremden hat die
chinesische Regierung der reaktionren Partei in die Arme getrieben, und jener
chinesische Unterhndler ist eines ihrer ersten Opfer, eine Art Sndenbock
geworden. Nachdem er alle Ehren seines Landes besessen, sitzt er heute verbannt
in Turkestan, falls er berhaupt noch am Leben ist. Er ist eine tragische Figur
der modernen chinesischen Geschichte.
    Aber was ist jetzt noch zu tun mglich? fragte ich.
    Vor allem in Peking keine Inkonsequenz, keine Schwche zeigen. Auch knnte
man der alten Kaiserin einmal ernstlich drohen, dass man gegen sie fr den
jungen Kaiser und seine Reformfreunde Partei ergreifen wrde. Das ist eine
Karte, die noch gar nicht ausgespielt worden ist. Und vor allem, auf alle
Mglichkeiten gefasst sein, immer Gesandtschaftswachen in Peking halten und
berittene Mannschaften zur Hand haben, die auf die geringste Gefahr hin in
Tientsin ausgeschifft werden knnen, um die Bahn zu schtzen.
    Und nun wollen Sie das alles in Europa vortragen?
    Ja, ich halte es fr meine Pflicht, noch einmal zu warnen, denn wenn man
den jetzigen Moment versumt, und nicht noch Einhalt geboten wird, so muss
gerade das eintreten, was man vermeiden mchte, und wir knnen in China eine
Katastrophe erleben, wie sie noch nie dagewesen. Aller Handel, alle dortigen
Unternehmungen werden auf Jahre hinaus unterbrochen werden, und wir mssen
notwendigerweise in Verwicklungen, Opfer und Ausgaben geraten, die sich gar
nicht absehen lassen.

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                                                            New York, Mrz 1900.

Heute frh brachte die Post einen Brief aus China fr Ta. Ich gab ihn ihm. Nach
kurzer Zeit kam er wieder zu mir und sagte mir mit einem Gesicht, hinter dessen
orientalischem Gleichmut doch die Bestrzung zu lesen war, er bte mich, ihn
nach Hause zurckreisen zu lassen, seine Mutter verlange durchaus nach ihm. Ich
konnte es nicht verstehen, denn wir schicken seiner Mutter jetzt regelmssig
Geld, und sie ist eigentlich besser daran, als wenn Ta in Peking wre. Er blieb
aber dabei, der Brief sei so, dass er nicht lnger zgern drfe, er msse
durchaus nach Hause, wollte er nicht ein ganz schlechter Sohn sein. Ich wusste
nicht, was ich sagen sollte. Zum Glck kam der Provikar zum Frhstck zu uns.
Ihm erzhlte ich den Fall und bat ihn um Rat. Ta wurde hereingerufen. Sie
verhandelten lange miteinander auf chinesisch, der Provikar las den Brief, dann
wandte er sich an mich: Das ist nun gleich eine Besttigung dessen, was ich
Ihnen vor ein paar Tagen erzhlte. Die chinesischen Konvertiten in und um Peking
scheinen zu wissen, dass sich schlimme Dinge gegen sie vorbereiten. Tas Mutter,
die wie so viele Christen in der Nhe des Petang lebt, frchtet sich offenbar
sehr. Sie hat Drohungen gehrt gegen die Christen, die Fremden und alle, die zu
ihnen halten. Sie ist Witwe und wohnt allein mit ihren jngeren Kindern und mit
Tas Frau. Den Brief hat sie einem Schwager von Ta diktiert und auch dieser sagt,
er solle mglichst rasch zurckkommen. Er fgt noch hinzu, dass Ta, da er Tatare
und Bannermann sei, eigentlich gar nicht ausserhalb eines bestimmten Umkreises
von Peking hinaus gedurft htte. Es sei schon mehrmals nach ihm gefragt worden,
sie htten sich bisher immer herausgeredet, die Frager auch mit kleinen
Geschenken beruhigt. Aber jetzt fingen Leute, die ihnen bel wollten, an, von
Tas Abwesenheit zu reden; um deren Schweigen zu erkaufen, gehrten Summen, die
sie nicht aufzubringen imstande seien. Wrden sie aber denunziert, so wrden sie
eingekerkert, gemartert und um alles gebracht werden. Besonders in jetziger
Zeit, wo sich Christen still verhalten und suchen mssten, mglichst unbemerkt
zu bleiben.
    Und halten Sie die ganze Geschichte fr wahr? fragte ich den Provikar.
    O ja, antwortete er. Es ist alles daran so echt chinesisch. Nirgends wie
in China hat jeder einzelne so viel Feinde, d.h. Leute, die auf ihn drcken, die
etwas Schlimmes, das sie ber ihn wissen, ausnutzen, um ihn zu schrpfen. Es ist
das Land der Denunziationen, der Erpressungen. Ein jeder hat da Angst vor einem
Anderen Mchtigeren. Das geht durch alle Schichten. Geheime Gesellschaften,
grosse Spionagesysteme ziehen sich wie Netze durch das ganze Land. Jetzt hat
eine besondere Agitation gegen Christen begonnen, gegen alle, die mit den
Fremden in Zusammenhang stehen. Als Vorspiel vielleicht fr grssere
Begebenheiten. Mich erinnert es alles sehr an die Zeiten vor den Tientsiner
Fremdenmetzeleien im Jahre 1870.
    Was raten Sie mir aber wegen Ta zu tun?
    Ich frchte, Sie mssen sich entschliessen, ihn nach Hause zu schicken. Er
wird aus der Angst um seine Mutter nicht mehr herauskommen und sich nicht mehr
beruhigen lassen, denn er hat offenbar das Gefhl, dass es seine Pflicht ist, zu
ihr zurckzukehren. Wie sehr der Chinese seine Eltern verehrt, brauche ich Ihnen
nicht erst zu sagen - das steht sogar in den oberflchlichsten Reisebchern. Ich
habe durch jahrelange Erfahrung freilich meine Zweifel bekommen, ob die
Verehrung an sich wirklich eine so sehr grosse ist; aber jeder Chinese wird den
Schein wahren wollen, als sei er ein vortrefflicher Sohn, und wird dafr sogar
grosse Opfer bringen. Ta geht offenbar sehr ungern von Ihnen fort, er sagt, wenn
er keine Mutter htte, schnitte er sich den Zopf ab und bliebe immer bei Ihnen,
und mehr kann kein Chinese sagen; aber er ist fest entschlossen, zurckzukehren.
Sie hngen nun einmal alle so merkwrdig an gewissen Dingen, die ihnen zum
Anstand als notwendig erscheinen. Ich habe chinesische Diener gekannt, die
ungerechte, harte Herren durch Blattern- oder Typhuserkrankungen aufs treueste
gepflegt haben - nicht etwa Gefhls und Mitleids halber, sondern des ussern
Anstandes wegen - sie htten nicht fr treulose Diener gelten wollen. Dies selbe
Gefhl zeigt sich uns ja tglich, wenn wir in China Gste haben; da wird in
unseren Husern immer alles musterhaft gehen - darauf halten unsere chinesischen
Diener um ihrer selbst willen, wo sie in Stellung sind, soll es nach aussen gut
aussehen. Tas Wunsch, nach Hause zurckzukehren: ist meiner Ansicht nach viel
mehr eine Frage des Scheins als der persnlichen Neigung. Ich wette, dem Gefhl
nach bliebe er lieber bei Ihnen - obschon ich es nach dreissigjhrigem
Aufenthalt in China lngst aufgegeben habe, Vermutungen anzustellen ber die
Gefhle der Chinesen. Sie sind eben die ewig Rtselhaften.
    Wir sprachen dann ber Tas Rckreise und kamen berein, dass es zu grosse
Schwierigkeiten verursachen wrde, ihn ganz allein ber San Francisco nach Hause
reisen zu lassen. Ich fhle mich doch auch verantwortlich fr dies gelbe
Menschenkind, das ich aus seiner Welt herausgerissen habe. Schliesslich bot uns
der Provikar Hofer an, Ta mit sich zu nehmen nach Europa und von da zurck nach
China. In wenigen Tagen reist er. Ta selbst ist offenbar traurig darber,
scheint aber andererseits befriedigt, einen hohen geistlichen Herrn zu
begleiten, der ihm als Geschftsreisender der Kirche doch noch viel mehr
imponiert, als mein Bruder, der im Dienst einer simplen irdischen Firma steht! -
Aber mir ist seitdem ganz weh ums Herz.

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                                                            New York, Mrz 1900.

Liebster Freund! Heute ist mir so grau und trbe zu Mute wie draussen der
Himmel, an dem immer neue Wolken vorbeijagen hinaus zur See.
    Ich habe heute Ta zum Dampfer gebracht, auf dem er mit dem Provikar nach
Europa abgereist ist. Heute Morgen kam er wie alle Tage, hatte die Sachen meines
Bruders gebrstet und gefaltet, die Stiefel blank geputzt - das Methodische,
Regelmssige seiner Rasse lag in dieser kleinen Handlung, noch bis zur letzten
Minute seine Arbeit zu tun. Sein Gesicht aber war ganz verndert, aufgedunsen
vom Weinen, dass die geschlitzten Augen beinah ganz verschwanden. Der Gedanke,
ihn gehen zu lassen, kam mir pltzlich ganz unmglich vor, ich fhlte, wie mir
selbst die Trnen in die Augen traten, ich sah ja auch, wie schwer es ihm wurde,
und so sagte ich ihm: Willst du nicht bleiben? Es ist ja noch Zeit, Ta. Da
verzog sich sein Gesicht zu jenem seltsamen, orientalischen Lachen, das wir
Occidentalen nie ganz verstehen, das bei Gelegenheiten erscheint, wo es uns als
vollkommen unangebracht, ja verletzend berhrt, das in einer gewissen
Schchternheit wurzelt und dem rhrenden Zug entspringt: meine Angelegenheiten
sind viel zu gering, als dass sie dich stren drften. So grinste denn der arme
Ta, whrend er dem Weinen nahe war, und auf meine Frage antwortete er, indem er
einen Finger auf den Mund legte, den Kopf schttelte und ganz leise sagte:
Nicht sprechen, Taitai.
    Ja, er hatte recht, wozu auch sprechen ber das, was nicht zu ndern ist.
    Tas Abreise gestaltete sich zu einer kleinen Ovation. Die Hausmdchen in den
sauberen weissen Mtzen umdrngten ihn, mehrere brachten ihm kleine Andenken,
und alle riefen ihm nach: Glckliche Reise, Ta! Komme wieder, Ta! Aber bringe
keine chinesische Frau mit, Ta!
    Und er grinste ber sein armes verweintes Gesicht, wie es nun mal im fernen
Osten die gute Erziehung gebietet, wenn man so recht gerhrt und traurig ist.
    Ich fuhr mit Ta zu seinem Schiff, wo ich ihn dem Provikar Hofer bergeben
sollte. Vom Central-Park hinunter zum Hafen, durch die vielen verschiedenen
Strassen, die immer rmlicher, hsslicher und holpriger werden. In einer langen
Reihe von Stufen irdischen Besitzes geht es von den Fifth-Avenue-Palsten
hinunter zu den Tenement-Husern, zu den Schlupfwinkeln fr rtselhafte
Existenzen und provisorisch aussehenden kleinen Lden und Kneipen, die man ganz
verwundert ist, noch irgendwo in New York zu sehen. Von hchster Hhe bis zu
tiefster Tiefe fhrt der lange Weg, von jenen, die vor der Langeweile von
Vergngen zu Vergngen flchten, bis zu denen, die im Kampf gegen Hunger und
Klte von Arbeit zu Arbeit hasten.
    Auf dem Dampfer herrschte die furchtbare Verwirrung, das Rennen, Hasten,
sich Suchen, das aufgeregte Sprechen, das nervse Lachen, das Hndedrcken, das
Kssen und Weinen der letzten Stunde vor der Abfahrt. Unendlich viel
verschiedene Typen, die die neue Welt auf jedem solchen Dampfer zurck nach
Europa schickt! In die drei grossen Kategorien der Vergngungs-, Geschfts- und
Gesundheitsreisenden lassen sie sich einteilen. Von einer Menge Freunde werden
die meisten Reisenden noch begleitet, so dass ein entsetzliches Gedrnge auf dem
Deck herrscht. Zwischen all dem stehen die Schiffsoffiziere, ebenso abgestumpft
gegen komische wie gegen wehmtige Abschiedsszenen, und erteilen mit lauter
Stimme Befehle, korrekt, vorschriftsmssig, echt europisch. -
    Nur mit Mhe fand ich in dem Gewhl der Abreisenden und Abschiednehmenden
den Provikar. Ich bergab ihm Ta, und er versprach mir nochmals, gut fr ihn zu
sorgen und ihn sicher bis nach China zu bringen. Dann tnte auch schon die
Glocke, dass die Nichtreisenden das Schiff zu verlassen htten. Ich reichte
beiden noch einmal die Hand und sagte zu Ta Gott behte dich! denn in diesem
letzten Augenblick hatte ich das klare Bewusstsein, dass er mit offenen Augen in
eine grosse Gefahr ging, weil er es fr recht hielt - in seiner Art auch ein
Held, trotz Zopf und Schlitzaugen - und ich gab ihm den Wunsch mit auf den Weg,
der so viele Helden schon begleitet hat: Gott behte dich!
    Dann kam ich in das Gedrnge, und zwischen lauter fremden Menschen, die alle
auch ihre Sorgen hatten und eilten und hasteten, ward ich vom Schiff auf die
Brcke und dann in den grossen dunkeln Schuppen geschoben, an dem der Dampfer
noch lag. Ich blieb noch einmal stehen, durch das grosse, offene Tor, das man
eben schliessen wollte, sah ich noch einmal das Schiff - es war jetzt los vom
Lande, ein Zittern ging durch das Ungeheuer, als ob ein Riese sich seiner Kraft
bewusst wrde. Ich suchte noch einmal mit den Blicken nach Ta und dem Provikar -
da schloss sich das Tor.
    Vor mir zur Strasse zurck ging eine gebeugte, alte Frau, die bitterlich
weinte; ein kleiner Junge fhrte sie, und ich hrte ihn trstend sagen: Never
mind, granny dear, they'll come back! Aber die alte Frau weinte weiter, sie
hatte wohl oft Menschen gehen und nicht wiederkehren sehen und wusste wie ich,
dass Menschen vielleicht, Zeiten aber nie wiederkehren.
    Das Episodenhafte des Lebens lastet heute so besonders schmerzlich auf mir,
lieber Freund, das Zerrissene, Heimatlose. Der arme Ta war mir immer noch wie
eine Verbindung mit den chinesischen Jahren; sie waren ja in vielem traurig und
enttuschend, manches haben wir dort erlebt, manches aus der Heimat dort
vernommen, was uns in tiefstem Herzen geschmerzt hat - aber ich fhle jetzt
doch, dass ich dort angefangen hatte, etwas Wurzel zu schlagen - und dann - man
trauert ja auch um die grauen Tage, wenn sie erst vorbei sind, weil sie eben nie
wiederkehren knnen und mit ihnen ein Stck von uns selbst verstorben ist.
    Seit den Gesprchen mit dem Provikar habe ich die Empfindung, als sei das
China, das ich gekannt, auf immer dahin. Bis jetzt dachte ich, ich brauchte nur
umzukehren, dann fnde ich dort alles wieder, wie ich es verlassen habe - aber
dem ist nicht so, man findet nie alles wieder, denn nichts bleibt still stehen,
nicht einmal in China. Und nun qult mich die Angst, was werden wird, wenn der
Provikar wirklich recht hat mit allem, was er prophezeit.
    Wenn er doch in Europa durchdringen und es ihm gelingen mchte, noch
rechtzeitig zu warnen! - Und dann sage ich mir wieder, ist es denn je gelungen,
Ereignisse abzuwenden, Schicksale zu lenken? Menschen mhen sich ab, ngstigen
und grmen sich, mchten helfen und bessern, und in allem, was sie tun, zum
Nutzen oder Schaden anderer, was sie sich einbilden, aus freier Wahl zu tun, was
ihnen als Versumnis oder als Verdienst erscheint - in alledem sind sie
vielleicht nur blinde Werkzeuge eines blinden Verhngnisses. - Wer kann es
wissen?
    Draussen auf dem weiten Ozean zieht das Schiff dahin, das Ta und den
Provikar trgt, und zahllose andere Schiffe kreuzen die Meere, alle voller
Menschen, die auch zweckerfllt und verantwortungsbelastet sind.
    Und vielleicht ist all das umsonst, vielleicht hat doch das Verschen recht,
das ich in einer Chronik unter dem Bilde eines alten Segelschiffes fand:

Wirst du einst alt und weise,
So weisst du, dass die Reise
So zwecklos war wie die Well'n.


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                                                            New York, Mrz 1900.

Lieber Freund, es gibt doch komische kleine Zge in den Menschen! Wie ein
Kreuzfahrer ist Hofer aus seiner fernen Dizese ausgezogen. In elendem Boot auf
dem grossen Kanal und in knarrendem Karren auf durchlcherten Wegen ist er
zuerst nach Peking gefahren, um vor kommendem Unheil zu warnen; und als man dort
nicht auf ihn hrt, zieht er weiter ber Amerika nach Europa, um da seine Stimme
zu erheben. Selbstschtige Zwecke sprechen dabei nicht mit, auch nicht Angst um
eigene Sicherheit - er will von vielen Unschuldigen eine grosse Gefahr abwenden,
verhindern, dass die Stecklinge westlicher Zivilisation, die so mhsam im fernen
Osten gepflanzt wurden, in einer grossen Katastrophe vernichtet werden, er will
die Pekinger Taubblinden um jeden Preis retten.
    Aber das Triviale wohnt nahe beim Sublimen, und die Beschftigung mit der
Kirche schrft den Sinn frs Praktische. Kleine Vorteile soll man auch auf dem
Wege zu den hchsten Aufgaben mitnehmen. Whrend seiner New Yorker Rasttage hat
Hofer den ihm gnzlich unbekannten Charles W. O'Doyle besucht und ihn auf Grund
des chinesischen Ursprungs seiner Millionen fr die Missionshuser angebettelt.
O'Doyle hat ihm eine bedeutende Summe gegeben, denn diesem grossen Mann ist sein
Katholizismus ein Luxusgegenstand, den er sich etwas kosten lsst. Er und mehr
noch die Prinzess von Armenfelde schmcken sich mit dieser Religion, die ihnen
wie ein Symbol der Vornehmheit erscheint, und der sie unter ihren Landsleuten
viel Bekanntschaften in hheren sozialen Kreisen verdanken, die sie ohnedem
schwerlich je gemacht htten. In den Vereinigten Staaten ist der Katholizismus
trs-bien port, wie Madame Baltykoff neulich sagt.
    Das Komischste aber ist, dass Hofers Appell an O'Doyles Wohlttigkeit und
dessen Sprsinn fr das Sensationelle in Geschften mir eine grosse
Bilderbestellung eingetragen haben!
    O'Doyle und seine Tochter waren eben bei mir. Er teilte mir gleich Hofers
Besuch mit und liess durchblicken, dass die Summe, die er ihm fr die Mission
angewiesen habe, allein schon die Reise wert sei. Dann sagte er, er glaube,
Hofer habe recht mit seinen schlimmen Prophezeiungen; sie stimmten berein mit
den Voraussagungen seiner Hongkonger Geschftsfreunde.
    Um China wird sich in diesem Sommer alles drehen, sagte O'Doyle. Ich
tusche mich selten, wenn ich mal solche Behauptungen aufstelle. Sollten Sie
Geld in China haben, rat ich jetzt zu verkaufen, knnen spter billig wieder
kaufen - ganzes Geschftsgeheimnis in den paar Worten: billig kaufen, hoch
verkaufen. Zu merkwrdig, dass immer noch Menschen durchaus umgekehrt operieren
wollen.
    Nachdem ich ihm versichert, dass ich weder in China noch anderswo Geld habe,
fuhr er fort: Gehen diesen Sommer in unser Cottage nach Newport. Baue dort
kleinen Pavillon fr Nachmittagstee. Habe chinesischen Pagodenstil gewhlt,
ausgeschweifte Dcher, bunte Kacheln, viele Drachen, kleine Glckchen; habe mich
dazu entschlossen, weil dies Jahr, wie gesagt, nur von China gesprochen werden
wird. Teepagode wird a great success sein! Brauche zur inneren Dekoration
chinesische Ansichten; wollen Sie sie malen?
    Ich ging auf diesen Vorschlag gern ein und musste meine Mappen chinesischer
Skizzen bringen, von denen ich so manche gemalt habe, whrend Sie zuschauten.
Vater und Tochter suchten gleich aus. Die Prinzess war fr das Malerische: ein
Sonnenuntergang auf dem Yangtse, verwitterte alte Mauern in Hangtschau, ein
Gewhl von Booten bei Kanton gefielen ihr, aber der alte O'Doyle verwarf das
alles. Ich will lauter Pekinger Bilder haben, sagte er, dort liegt die
Hauptgefahr, hat Hofer gesagt, davon wird gesprochen werden.
    Es sind wohl noch nie Bilder nach merkwrdigerem Grundsatz bestellt worden!
    Schliesslich entschied er sich fr einen Eckturm der Pekinger Stadtmauer,
fr eine Ansicht der Kaiserstadt mit den goldgelben Dchern der Palste und fr
ein Stadttor, durch das eine Truppe chinesischer Soldaten zieht - das behagte
ihm besonders, denn er meinte, sie shen alle wie Ruber, Aufrhrer und Mrder
aus und wrden daher sehr typisch sein, wenn es im Sommer wirklich zu Unruhen
kme. Er stellte mir in Aussicht, noch mehr zu bestellen - vielleicht will er
abwarten, ob die weiteren Nachrichten aus China so lauten, dass die Bilder
wirklich ein aktuelles Interesse gewinnen.
    Es war komisch, O'Doyles Geschftssprsinn auf Bildersujets angewandt zu
sehen, aber es bengstigte mich doch sehr, von Revolten und Fremdenverfolgungen
so ruhig reden zu hren, als von Umstnden, die man im voraus eskomptiert, durch
die Aktien steigen oder sinken. Aber die Erinnerung an den Winter 98 hat mich
beruhigt. Da sprach man ja auch von den stets nher rckenden Kangsu-Truppen,
die ihren rckstndigen Sold in Peking bei den Fremden erplndern wollten, und
es kam auch wirklich zu vereinzelten Angriffen, als aber nach wenigen Tagen die
Gesandtschaftswachen einmarschierten, erscholl nicht mal ein Ruf gegen das
Huflein bewaffneter Fremdlinge, und ihre blosse Gegenwart gengte, um in der
wogenden See gelber Menschenmassen um uns herum Ruhe zu halten.
    Es wird wohl diesmal wieder so werden!

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                                                               Berlin, Mai 1900.

Mehr als ein Monat ist verstrichen, ohne dass ich Ihnen geschrieben habe. Ich
bin whrend dem ber den Atlantischen Ozean gefahren, stehe auf demselben
Festland wie Sie - aber doch welch unabsehbare Ferne zwischen uns - und Sie
wissen noch nichts von dem, was sich in dieser Zeit ereignet hat. Warum habe ich
Ihnen so lange nicht geschrieben? Ich knnte sagen, dass es mir an Zeit gefehlt.
Das wre aber nicht wahr. Ein dunkles Gefhl hat mich davon zurckgehalten, das
ich mir selbst kaum zu erklren vermag. Eine Scheu. Eine letzte Loyalitt, die
Schweigen heisst. Ihnen konnte ich auch keine banalen Phrasen schreiben, wie ich
deren so viele in diesen letzten Wochen gehrt und selbst gebraucht. Denn es
gibt Anlsse, wo man sich unwillkrlich ins Banale rettet, weil es eine Hlle
ist, eine breite wohl ausgetretene Strasse, an deren Richtigkeit von andern nie
gezweifelt wird. Man bleibt damit dicht an der gehrteten Oberflche des eigenen
Wesens, enthllt nichts, was zum innern Ich gehrt. Um aber zu den eigentlichen
wahren Empfindungen zu gelangen, muss man in die Tiefen des Herzens greifen, und
davor graut uns, wissen wir doch nie, was wir in ihnen finden werden.
    Es ist alles so pltzlich gekommen. Das Ende scheint uns ja immer pltzlich.
Ich musste mich erst selbst zurechtfinden, ehe ich Ihnen schreiben konnte.
    Er, von dem wir nie gesprochen, ist gestorben. - Wir erhielten in New York
ein Telegramm, dass er, dessen Namen ich trage, schwer erkrankt sei. In der
Anstalt, in der er sich seit Jahren befand, war eine Feuersbrunst ausgebrochen.
Er war zwar gerettet worden, aber infolge der nervsen Erschtterung trat eine
schwere akute Gehirnerkrankung ein. Mein Bruder erbat sich telegraphisch Urlaub
von seinem Geschftshause, und wir reisten mit dem nchsten Schiff von New York
ab. Als wir eintrafen war alles vorber. Wir fanden nur ein frisches Grab. Ich
ngstigte mich so sehr vor diesem Augenblick, wusste nicht, was er mir innerlich
an Unerwartetem bringen wrde, denn fr das alltgliche Leben und seine kleinen
Vorkommnisse glauben wir uns zu kennen, aber bei pltzlichen Gelegenheiten sind
wir uns selbst immer wieder berraschungen. - Als wir zum Grabe gingen, hielt
ich mich zuerst fest am Arm meines Bruders, wie um Schutz zu suchen vor
Unbekanntem, und dann allmhlich liess die Spannung der Nerven nachnichts
Unbekanntes, nichts Neues erschien - nichts war verndert. Ich ward mir
pltzlich bewusst, dass ich ganz ruhig war.
    Was habe ich eigentlich empfunden?
    Sein Leben war seit Jahren so entsetzlich, dass sein Tod niemandem so
erscheinen konnte. Ist doch vielleicht auch bei anderen Wesen, die nicht wie er
die Grenze berschritten haben, die wir Vernunft nennen, das Leben der Jammer,
nicht der Tod. Wir schtzen es nur so falsch weil wir durch Generationen
hindurch dazu erzogen sind. Wie sollten auch Leute regiert, wie sollten Leute zu
Gott gefhrt werden, qui feraient franchement fi de la vie? Gott? Auch dieses
eine spezielle Leben soll er gegeben haben, und es war ihm vermutlich doch auch
so viel wert wie die Spatzen, die er nicht vom Dache fallen lsst. Und doch ist
dies Leben verkommen, der Geist hat sich hoffnungslos umnachtet. Einer Kette mit
bleierner Kugel gleich, hat sich die eine Existenz hemmend und lhmend an eine
andere gehngt. Diesem anderen Wesen war die Fhigkeit verliehen, den vollen
Schmerz, die ganze Entwrdigung dieser Last bis in seine innersten Fasern zu
fhlen; Hoffen, Streben, Sehnen waren ihm gegeben, und nichts hat sich erfllt
von all den Mglichkeiten, die ihm vorschwebten. Nachdem dann das eine Leben wie
eine stumpfe, trge Masse jahrelang hingebrtet und das andere sich mit dem
entsetzlichen Bewusstsein eigener Vergeudetheit und Zwecklosigkeit Jahre um
Jahre mde hingeschleppt hatte, da hat eine rohe Katastrophe das plumpe Ende
gebracht. Nichts ist aufgeklrt, nichts vershnt. Man steht vor den
unvernnftigen Tatsachen. Wozu das Ganze? Vorsehung? Nein, der Begriff erklrt
mir nichts. In der Vorstellung einer weltenschaffenden, weltenlenkenden Gewalt,
die trotz ihrer Allmacht aus ein paar einfachen Menschengeschicken ein so
hoffnungsloses Wirrsal werden lsst, in der Vorstellung liegt eine solche
Grausamkeit und Willkr, dass man sie immer anrufen mchte: So verantworte dich
doch, verantworte dich! - Whrend all der letzten Jahre habe ich immer gesucht,
diese Gedanken niederzuhalten, habe gekmpft, die Bitterkeit zu berwinden - und
wie schwer war es doch oft! Besonders wenn es Frhling wurde, Frhling fr
andere und sie es so selbstverstndlich fanden, glcklich zu sein - und man
selbst war so allein, wie eine Art Zufallserscheinung, fr die sich kein Platz
findet im weiten Weltenplane. Wir finden uns ja leicht ab mit der grossen
Verschwendung, die in jeder Sekunde die Natur mit Millionen treibt, die alle des
Daseins Mglichkeiten in sich trugen und doch ungelebt zurckschwinden mssen in
das Unbekannte, aus dem sie hoffend aufgestiegen. Denn nichts lernt unsere
Weisheit leichter einsehen, als die Unabnderlichkeit der Leiden anderer. -
Aber, wenn es uns selbst trifft, wenn die Unabnderlichkeit gerade uns fasst,
alles das in uns knickt, was werden mchte, wenn jeder Tag mit neuem Hoffen und
Warten beginnt und doch nie anderes bringt, als dieselbe Enttuschung, denselben
mden Abend - dann erst erkennen wir die Ungeheuerlichkeit des Weltenleids, weil
es unser Leid ist. Ach, das glubige Hoffen junger Jahre, das allmhlich zu
zweifelndem Warten wird! Wenn uns zuerst im Leben Unglck und Unrecht betreffen,
denken wir, dass sie nur ein vorbergehender Irrtum sind - etwas wie ein
Rechenfehler - der gleich korrigiert und richtig gestellt werden wird. Alles in
uns selbst erscheint uns so wichtig, so sehr der Entfaltung wert, dass wir den
Gedanken unertrglich finden, irgend etwas unserer kostbaren Gaben knne
unentwickelt, ungenutzt verkmmern und zugrunde gehen. - Samenstubchen? - ja,
fr die ist es unabnderliches Weltengesetz. Aber wir?
    Doch es mehren sich tglich die Erfahrungen, sie wachsen zu langer Kette,
und blicken wir zurck, so sehen wir, wie Vieles schon in uns gestorben, noch
ehe es leben durfte, verkmmerte Talente, schaffensfreudiges Wollen, Sehnsucht
zu lieben, Anlagen und Interessen - alles umsonst in uns gelegt, es sollte sich
ja nie entfalten drfen - war schon im voraus verdammt. Denn viele sind berufen,
aber Wenige sind auserwhlt. Mhlich wchst dann die Erkenntnis, gegen die wir
uns zuerst noch strubten, von der wir im Innersten lngst wissen, dass sie
recht hat - auch wir gehren zu den Verschwendeten, zu den Millionen, deren
Erscheinen ganz zwecklos war. berproduktion. Schaum, der ber den Rand des
Bechers fliesst. Wer das vom eigenen Leben erkannt hat, den frstelt es in Mark
und Blut. Wozu berhaupt noch weiter? An Stelle all des Gewollten tritt ein
einzig grosses Sehnen, wie die welken Bltter mde niederzusinken und unter
weissschimmernder Winterdecke aufzugehen im feuchtbraunen Boden, Nahrung werden
fr die ewig verschwendende Erde - dazu vielleicht taugen auch wir.
    Wie oft habe ich all das whrend der letzten Jahre gedacht und darum
gekmpft, ruhig und still zu werden. Denn Bitterkeit und Emprung zu Wehmut und
Mitleid wandeln - das ist des Lebens Aufgabe, die wir lsen mssen, wollen wir
nicht in Verzweiflung enden.
    Nun stand ich an einem Grab. Auch ein armer, verschwendeter Mensch, der da
unten ruht. Hat mir nichts bles gewollt - liebte mich sogar einstmals auf seine
Art - es kursiert ja so viel Verschiedenes unter diesem Namen. Hat mir nichts
bles gewollt - hat nur mein ganzes Leben vernichtet - hat dazu gerade lange
genug leben mssen - in allem anderen auch nur ein armes, zweckloses Dasein.
Niemand kann darauf Antwort geben: warum musste er sein und selbst so viel
leiden und so viel Leiden verursachen? Sicher hat auch er einst die grosse
Emprung und Bitterkeit; empfunden, als er zuerst des Unheils Nahen fhlte,
nicht mehr denken konnte wie er wollte, seltsame Handlungen beging, deren Motive
ihm nachher verschwunden waren. Sicherlich hat auch er sich aufgelehnt und
gekmpft gegen das Unverstndliche, Strkere; hat sich doch schliesslich auch in
sein Schicksal fgen mssen, denn das Schicksal ist immer strker als unser
kleiner Verstand und Wille - auch wenn Schicksal Wahnsinn heisst. Die
entsetzlichen Tobsuchtanflle, erzhlte uns sein Wrter, hatten vor der
Feuersbrunst, whrend seiner letzten Lebenszeiten, mehr und mehr abgenommen; es
war, als sinke er allmhlich in vllige Stumpfheit; wir erleben das an vielen
Kranken; es ist dann schliesslich ganz leicht, mit ihnen fertig zu werden.
    Und ich dachte, ja, zuerst Auflehnung, dann stumpf und mrbe werden, das ist
so Menschenlos. Der eine findet es hier in einer engen Irrenzelle, der andere
draussen in der weiten Narrenwelt.
    Gottlob, nun hat er ausgelitten, nun ruht der arme Herr, sagte der Wrter.
    Ich schaute ihn erstaunt an. Der Mann sieht Jahr aus Jahr ein solche
Schicksale vor sich und kann noch Gott loben!
    Vielleicht aber hatte er recht. Leiden ist das bel, Tod nur Ende und
Erlsung.
    Immer stiller ward es in mir. Ich war so vllig ruhig, dass es mich selbst
erstaunte. Und konnte doch eigentlich nicht anders sein. Die Verzweiflung meines
Lebens, die Anklagen gegen das Schicksal liegen weit zurck in vergangenen
Jahren. Als es niemand noch wusste, als ich fr eine glckliche Frau galt - das
war meine hrteste Zeit. Damals lehnte ich mich innerlich auf. Unertrglich war
das Gefhl eigener Zwecklosigkeit, unertrglich der Jammer um mein junges Leben,
das mir noch so unabsehbar lang vorkam. Jetzt scheint mir das alles berwunden.
In mir ist schon lange eine grosse Stille - ich gleiche einem jener
ausgestorbenen Huser, wie die Resignation sie gern bewohnt. Dies Grab ndert
nichts mehr. Ohne neue Trauer stand ich daran. Dem Schicksal sei's gedankt, dass
von dem Grab keine Anklage sich gegen mich erheben kann, dem Schicksal sei es
auch gedankt, dass in mir selbst die Bitterkeit lngst schweigt.
    Wehmut und Mitleid allein sind geblieben.

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                                                               Berlin. Mai 1900.

Die Zeit meines Bruders ist kurz bemessen. In einer Woche muss er nach New York
zurck. Jetzt ist er auf ein paar Tage zu seinem Chef gereist. Ich warte hier in
Berlin auf ihn, und dann werden wir uns zusammen einschiffen denn natrlich gehe
ich wieder mit ihm - wir gehren ja seit soviel Jahren nun schon zusammen und
sind uns gegenseitig ein Stck Heimat. Sie, lieber Freund, werden das gewiss
verstehen. Hier sagen mir freilich viele Bekannte, ich solle doch nun in Berlin
bleiben und mir ein Heim grnden - als ob dazu nur gehrte, eine Wohnung zu
mieten und Dienstboten zu engagieren. Manch einer nselt dann auch wohl: Wre
gerade, was in Berlin fehlt, Haus einer unabhngigen Frau, geistiges Milieu,
neutraler Grund, knnte politisch von Bedeutung werden.
    Welch einsames, kleines Heim wrde das sein, und wie gleichgltig lsst mich
das geistige Milieu! Fr wen? Fr wen? - Mir ist es ganz einerlei, ob mal bei
meinem Begrbnis ein paar politisch bedeutende Leute sagen: Wieder ein
angenehmes Haus weniger - gab doch famose Diners, die Frau  und dann auf die
Uhr schauen und wo anders essen gehen!
    Ja, wenn man jung wre und die Schwungkraft bessse, die der Glaube an die
Wichtigkeit der Dinge stets verleiht! Aber ich bin mde - nur immer mde.
    Und soziale Ambitionen! - ach, Du lieber Gott!
    Wre mein Bruder nicht bei mir, ich kme mir ganz verloren vor, denn in
Berlin fhle ich mich so fremd - fremder beinahe als in Amerika oder China!
    Ich hatte mir immer den Glauben bewahrt, dass es, wenn ich mal wieder nach
Deutschland kme, gar nicht anders sein knne, als dass mich gleich ein wonniges
Heimatsgefhl umfange - und nun ist alles so ganz anders, als ich es mir in der
Ferne dachte! Es ist ja immer alles im Leben anders, als man es sich dachte -
aber nie schner!
    Seit ich in Deutschland bin, warte ich bestndig auf das Erwachen meines
Heimatsgefhls - aber es bleibt immer noch aus. Ich hatte viel Hoffnungen auf
den Anblick des Brandenburger Tores gesetzt. Aber vergeblich. Dass die Allee mit
den Kurfrsten und sonstigen grossen Mnnern es nicht weckte, ist nicht zu
verwundern, denn die war mir gnzlich neu. Hat mir nur bewiesen, dass mich als
Kind ein richtiger Instinkt leitete, wenn ich mich gegen Geschichtsunterricht
wehrte - die Ansichten und Urteile sind ja offenbar noch immer gar nicht
feststehend.
    Hier im Hotel Buckingham, Unter den Linden, wo wir wohnen, weil es
Amerikaner meinem Bruder empfohlen haben, werde ich sicher auch nicht zum
Bewusstsein einer Heimat gelangen.
    Mit meinem fortwhrenden Suchen nach Heimatsgefhl komme ich mir halb
rhrend, halb komisch vor, etwa so, wie der im heiligen Lande nach seinem
verlorenen Glauben suchende Pierre Loti. Aber frchten Sie nichts, lieber
Freund, ich will Ihnen nicht wie er ein ganzes Buch darber schreiben! Ich bin
nmlich viel schneller als Loti zu einer Erklrung der Vergeblichkeit unseres
Suchens gekommen. Ich frchte, er wie ich sind zu lange fortgeblieben, er von
den Sttten des Glaubens, ich von denen der Jugend - fr Glauben und fr Heimat
gibt es vielleicht auch ein zu spt. Ist man Ihnen erst einmal vllig fremd
geworden, so versteht man sie nicht mehr und sie lassen sich nicht wieder
finden.
    Aber die Sehnsucht nach der einstmaligen Heimat ist doch so stark in mir,
dass ich die Erinnerungen daran wenigstens auffrischen will, um sie mit mir zu
nehmen, wenn ich wieder hinaus segle. Hier in Berlin ist alles so neu, fremd und
gross geworden, dass ich mich vergeblich darin nach meiner kleinen Vergangenheit
umschaue. Ich will sie suchen draussen auf dem Lande. Morgen frh will ich nach
dem Gute fahren, das einst das Elternhaus meiner Mutter war, und in dem ich dann
spter bei Verwandten als Waise lebte, bis der unerwartete Glcksfall eintrat,
dass sich fr mich unbemitteltes Mdchen ein wohlhabender Mann fand!
    Als arme Verwandte habe ich dort manch bittere Stunde erlebt und habe den
Bruder beneidet, den ich damals selten sah, von dem ich aber wusste, dass er
sich zu einem ntzlichen, ihn unabhngig machenden Beruf ausbildete. Wie gern
htte auch ich das getan! Aber meine Verwandten hielten es fr ihre Pflicht,
mich wie die eigenen Tchter zu erziehen, d.h. mich moderne Sprachen,
Handarbeiten und etwas Zeichnen und Malen lernen zu lassen und mir die Sorge der
Herrichtung der Fremdenzimmer zu bertragen, wenn Besuche kamen. Es war
mglichst unpraktisch, aber ganz standesgemss. Ich beneidete die Gutsmamsell,
die sich ehrlich ihr Brot verdiente, und ich suchte von ihr zu lernen. Die
Verwandten lachten mich aus und sagten, ich wrde sicher noch mal eine gute
Partie machen. Na, sie haben ja in ihrer Art recht behalten - aber die Mamsell
habe ich spter erst recht beneidet!
    Trotz aller bittern Stunden ist mir Garzin doch immer in der Erinnerung
geblieben als das eine Fleckchen Erde, an das ich ein Recht habe, das Recht, das
man durch Liebhaben erwirbt. In meinen Gedanken habe ich es unbewusst immer zu
Hause genannt, obschon die Verwandten, denen es damals gehrte, lngst tot sind
und es jetzt, durch allerhand unverstndliche Lehnsgesetze, Eigentum eines ganz
fremden, alten Herrn geworden ist, der nie hinkommt, und sein bisschen
krnkliches Leben von einem Badeort zum andern schleppt.
    Dorthin will ich also morgen frh fahren, und bei dem Gedanken dieses
Wiedersehens klopft mir das Herz - ich denke mir, so muss einem zu Mute sein,
wenn man zu einem Stelldichein geht. Und es ist ja auch ein Stelldichein - mit
der Vergangenheit !
    Ich trete immer wieder ans Fenster, von dem man auf den innern, zu einem
Miniaturgrtchen verwandelten Hotelhof blickt, und schaue an den hohen Wnden
hinauf zu dem schmalen Streifen Himmel ber mir, und jede graue Wolke, die daran
vorberzieht, bengstigt mich, denn ich mchte mein liebes, altes Garzin nicht
im Regen wiedersehen, sondern in seinem hellsten, sonnenbeschienenen
Frhlingsgewand. Das stand ihm immer am besten!

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                                                               Berlin, Mai 1900.

Und ich habe es im Sonnenschein wiedergesehen!
    Ganz frh fuhr ich vom Friedrichstrassen-Bahnhof ab. Zuerst durch das
hssliche Strassengewirr, an hohen Husern vorbei, in die man von rckwrts
hinein schaut, als wolle man heimlich und hinterrcks all ihre Geheimnisse
ergrnden. Staub, Russ, eine unabsehbare Menge von Schienenstrngen, auf denen
Vorortzge wie um die Wette fahren. An allen Bahnhfen ein Gewhl von blassen,
ruhelosen Grossstadtgesichtern, lauter Menschen, die irgendwohin zu irgend
welcher Arbeit eilen mssen. Lauter kleine Rder eines einzigen grossen
Betriebs. Alles grau, freudlos und schon am frhen Morgen so abgehetzt.
    Endlich hinaus aufs flache Land und, einer berraschung gleich,
wahrgenommen, dass es ja eigentlich Frhling ist! Hellgrne Saatenfelder,
Gemsegrten, kleine Fichtenschonungen. Rehfelde, Strausberg, noch andere,
altbekannte Namen. Bald darauf hoher Fichtenhorst, mit Wacholderbschen als
Unterholz; in den Wldern scheint die Nacht noch in grossen blulichen
Nebelfetzen zu hngen; der Rauch der Lokomotive vermischt sich mit ihnen und
kriecht zwischen den ersten Reihen hoher rtlicher Stmme bis hinein ins tiefe
Waldesdunkel.
    Und nun aus dem Wald heraus und rechts der Torfstich, der schon zum Garziner
Bezirk gehrt. Neben den schwarzen, viereckigen Wasserlachen sind die
ausgestochenen Torfstcke in regelmssigen Pyramiden aufgebaut. Blulicher Dunst
lagert ber dem Moor, weisse Birkenstmme schimmern hindurch, hellgrne,
herzfrmige Birkenblttchen zittern in der Morgenluft; weiter zurck verschwimmt
alles im Frhnebel.
    Nun hlt der Zug. Ich steige aus. Dies ist die Station, von der aus es in
einstndiger Wagenfahrt nach Garzin geht. Ich bleibe unschlssig auf dem Perron
stehen. Ein Gepcktrger fhrt eine Berliner Familie, die auch ausgestiegen ist,
und ich hre ihn sagen: Hier, ber die Bahnbrcke, zur Kleinbahn nach Garzin.
    Kleinbahn nach Garzin? also auch hier ganz Neues. Ich folge der Berliner
Familie und dem Gepcktrger, der sich mit einem Fahrrad und etlichen Taschen
belastet hat, ber die hohe Brcke, unter der wir den Zug, der uns gebracht hat,
schon nach Osten weiter rollen sehen, und steige in einen spielsachenartigen
kleinen Bahnzug.
    Kein Gepck, Madamken? fragt mich der Dienstmann. Ich verneine leise und
ziehe den dichten schwarzen Schleier fester um mich, denn ich habe den Mann
sicher schon frher gesehen, und mir ist auf einmal so bang geworden, als tte
ich ein Unrecht, und knne dabei ertappt werden.
    Die Berliner Familie besteht aus Vater und Mutter, beide dick und behbig,
Leute, an denen alles selbstverstndlich erscheint, die das Leben sicher ganz
einfach und ohne viel Kopfzerbrechen nehmen, die die Sozialdemokraten
verabscheuen und fr Richter stimmen. Dann ist eine erwachsene Tochter da, eine
offenbar hhere Tochter, vielleicht hat sie sogar das Lehrerinnen-Examen
gemacht, und eine kleine, krnkliche Tochter mit altem, verbittertem
Kindergesicht. Ausserdem ein Vetter, ein junger Mann, auf dessen blassem,
pickeligem Gesicht die keimenden blonden Barthaare sich wie sprliche Halme auf
magerem Boden ausnehmen. Er ist im Radelkostm, wodurch dnne Beine und lange
platte Fsse besonders aufdringlich hervortreten. Sein graues Flanellhemd ist
vorne mit roter seidener Kordel zugeschnrt. Er trgt einen weichen weissen
Filzhut mit einem Stutzen und auf die Nase ist ein Zwicker geklemmt. Alle fnf
sprechen sie ganz laut ber ihre Angelegenheiten, als seien sie allein auf der
Welt, und ich entnehme, dass sie wegen Rikes Gesundheit auf ein paar Tage nach
Garzin fahren, und dass ihnen das Hohenzollern-Hotel am Stadtsee von Freunden,
die den letzten Sommer dort verbrachten, sehr gerhmt worden ist.
    Mein altes Garzin Luftkurort! Und ein Hohenzollern-Hotel!
    In zwanzig Minuten fhrt die Kleinbahn durch Kiefernwald, tiefen Sand und
einen niedrigen feuchten Wiesengrund, der frher einmal ein See gewesen sein
muss, bis zum Eingang des Stdtchens Garzin. Dort steigen wir aus. Die Berliner
Familie, gefhrt vom Gepcktrger, schreitet eifrig auf der Hauptstrasse dem
Stadtsee zu.
    Ich folge langsam. Das Strassenpflaster ist ganz so holprig geblieben wie es
von jeher war. Grosse und kleine Feldsteine, rundliche, eckige, spitzige
nebeneinander in den Boden gedrckt. Die kleinen einstckigen Huschen erkenne
ich wieder, an den Haustren hochstmmige Rosen, deren Zweige sich jetzt mit
jungen braunen Blttchen bedeckt haben. Eines der ersten Huser trgt noch immer
das Aushngeschild, auf das ein Sarg gemalt ist, und daneben steht noch die
kleine Gastwirtschaft, ber deren Tor zu lesen ist: Der alte Brauch wird nicht
gebrochen, hier knnen Familien Kaffee kochen. Aber neben dem Altbekannten
wieviel Fremdes! Eine ganze Reihe neuer Huser, echte Vorortsvillen,
anspruchsvoll und geschmacklos. Und wahrhaftig, ein richtiges Hotel, durch
Gitter von der Strasse getrennt, inmitten eines Gartens voll junger kmmerlicher
Pflanzen. Dahinter erblicke ich den blauen Stadtsee. Ich erinnere mich seiner
als einer stillen Flche, schilfumwachsen, eine Heimat wilder Enten und Taucher.
Jetzt fahren ein paar bunte Gondeln darauf, und am jenseitigen Ufer steht ein
grosses kastenartiges Gebude, auf dem in goldenen Lettern die Aufschrift
funkelt Sanatorium.
    Erschrocken bin ich weiter geeilt und zum Marktplatz gekommen. Da ist alles
noch ziemlich unverndert. Das Geschft der Witwe Wronkow, deren bunte Kattune,
Knpfe, Parfmflschchen uns als Kinder manchen Groschen entlockt haben; der
Eckladen von Rckheim, wo die Honoratioren des Stdtchens sich abends zu einem
Glase Bier zusammenfanden; das Pastorhaus mit seinen zwei alten Linden zu beiden
Seiten der Tre. Damals spielten immer Pastorkinder von allen Altersstufen unter
diesen Linden, und hierin wenigstens ist es heute ganz wie einst: eine ganze
Reihe kleiner Pastorkinder buddeln im Sande unter den Linden, und vom Fenster
aus beaufsichtigt sie die heutige Frau Pastorin und hlt das Allerjngste im
Arm.
    Auf dem Marktplatz steht das kleine Siegesmonument vom Kriege 70, ein Adler
mit ausgebreiteten Schwingen, auf einem Steinsockel sitzend. Dahinter fhren
Stufen zur Kirche hinauf.
    Ich habe da pltzlich eine grosse Sehnsucht empfunden, in diese Kirche
einzutreten, wo ich oft so viel schne Vorstze gefasst und zum lieben Gott
gebetet habe, er mge mir grosse heroische Aufgaben stellen, was dann doch nicht
hinderte, dass ich gleich nachher ber die kleinen tglichen Pflichten
stolperte. Ich wollte so gerne den Altar wiedersehen, mit seinen gewundenen
Sulen und den dicken, geschnitzten, zopfigen Engeln, die Erntekrnze und die
schwarzen Gedchtnistafeln, auf denen die Namen der Gefallenen von 64, 66 und 70
stehen.
    Aber die Kirche war geschlossen, wie das von einer protestantischen Kirche
recht und vorschriftsmssig ist, denn der Protestantismus erzieht ruhige,
pnktliche Menschen; pltzliche Sehnsuchten und Gefhlsaufwallungen liebt er
nicht. Zum lieben Gott soll man wie zum Rechtsanwalt und Doktor gehen, in der
ordnungsmssigen Sprechstunde, die im Kreisblttchen angezeigt wird.
    Die Garziner Kirche hat einen neuen Turm bekommen, und die alten Birken
scheinen mir noch gewachsen zu sein; ihre dnnen, fadenartigen Zweige klopfen
ganz leise im Winde gegen die hohen Kirchenfenster, die in der Sonne glnzen.
Der kleine Gottesacker, in dessen Mitte die Kirche steht, und der lngst nicht
mehr benutzt wird, sieht genau wie frher aus, eine Wildnis von altem Efeu und
Grsern, die die grauen, verwitterten Grabsteine berwuchern. Ich suchte nach
einer alten Gedenktafel, ber die ich schon als junges Mdchen oft nachgesonnen
habe, und richtig, sie ist noch da, mit ihrem seltsamen, eingemeisselten Spruch,
den Schnee und Regen und flechtenartiges silbriges Moos noch mehr verwischt
haben:

Hier ruht der Wsterdorf Johann.
Er war ein mder Wandersmann,
Gekettet schwer in Sndenbann,
Oh Herrgott, richt mit Mild den Mann,
Denn niemals er den Wunsch ersann,
Des Lebens Fahrt zu treten an.

Damals kamen mir diese Worte so geheimnisvoll vor, dass ich lange Romane ber
die Missetaten des Wsterdorf Johann ersann; jetzt dnkt mich, sie passen als
Grabschrift fr jeden unter uns.
    Ich habe lange da oben zwischen den alten Grbern gestanden. Schaute den
Vgeln zu, wie sie so eifrig Halme und Moos in den Schnbeln anschleppen, da sie
durch Generationen lange Erfahrung gelernt haben, dass sich im Schutz der Kirche
gut Nester bauen lsst. Dann ging ich dem Garziner Schloss zu.
    Da lag es nun vor mir.
    Ganz unverndert, wie damals vor all den Jahren. Nur noch etwas verlassener;
ungehegt und ungepflegt aussehend. Ich blieb stehen. Trnen traten mir in die
Augen. Aus meiner tiefen Einsamkeit heraus mchte ich dem alten Haus, wie einem
Menschen, sagen: Hab mich lieb! Hab mich lieb! Und ich meine, es msse mir
antworten: Endlich, endlich, bist du heimgekehrt.
    Der grosse grne Rasenplatz mit den vier runden Fliederbschen, die voll
lila Bltendolden sitzen - die alte Sonnenuhr - die Rampe, die zum Schlosse
fhrt - und das Schlofs selbst, ein grosses zweistckiges Haus, dessen ganz
einfach glatte Fassade zu Schinkels Zeiten mit griechischen Ornamenten verziert
worden ist, die in der mrkischen Umgebung noch immer etwas ber sich selbst
Erstauntes haben - alles ganz wie damals! Zu beiden Seiten des Hauses stehen
noch die alten Linden, deren Zweige auf den Boden schleifen, und die eine Wand
ist noch mit dem uralten Efeu bedeckt, in dem zahllose Spatzen zwitschern.
    Ja, das war einst Heimat!
    Ich stehe und schaue. Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen zu einem
einzigen, unendlichen Wehmutsgefhl, das die ganze Welt zu erfllen scheint.
    Wollen Sie nicht auch das Schloss besehen? fragt mich da pltzlich der
junge Mann in Radelkostm, und ich gewahre die ganze Berliner Familie, die von
einem jungen Bauernmdchen gefhrt wird, das Schlssel trgt.
    Wird es denn gezeigt? frage ich.
    Na und ob,  antwortete der Sportjngling. Fr'n Trinkjeld an das
Inspektormdchen knnen wir uns auch mal so'n Heim von die notleidenden Ajrarier
besehen.
    Ich bin so erstaunt, Garzin als eine Sehenswrdigkeit fr Touristen
wiederzufinden, dass ich folge, ohne nachzudenken. Aber wie ich nun in den alten
Rumen stehe, inmitten der fremden Menschen und selbst ganz so fremd bin wie
sie, da fhle ich, dass ich nicht htte kommen sollen. Als wrden liebe Tote
unsanft berhrt, so ist mir bei den schnoddrigen Bemerkungen der Berliner. Ich
mchte um keinen Preis erkannt werden und begreife doch gar nicht, wie es denn
mglich ist, dass ich so unbeachtet dastehe, dass nicht sogar die leblosen Dinge
mir zunicken und zuflstern: Sei gegrsst, sei uns gegrsst!
    Aus der leeren, weiten Halle treten wir in das Wohnzimmer. Wie unbewohnt,
kalt und kahl nach dem Sonnenschein draussen. Ein paar der alten, recht schbig
gewordenen Mbel stehen da und sehen aus, als schmten sie sich, wie arme
Kranke, deren Gebrechen von neugierigen Medizinstudenten betrachtet werden. Den
abgenutzten, gestreiften Teppich erkenne ich, sogar ein gestopftes Loch, dessen
ich mich entsinne, finde ich wieder.
    Du Karl, sagt die dicke Berlinerin zu ihrem Mann und befhlt einen
Sesselbezug, da is et ja nobler bei uns in die Kpenicker Strasse. Und der
dicke Karl antwortet: Ja, wahrhaftig, in diese feudale Jejend knnte man noch
Mitleid mit die Ostelbier bekommen.
    Nur der grosse gelbe Saal imponiert der Berlinerin. Sie deutet auf die
vielen weissen Gipskpfe aus der Schinkelschen Epoche: Du Karl, das sind wohl
die Ahnen von die Besitzer?
    Jotte doch, Mama, antwortet die hhere Tochter zurechtweisend, das sind
doch allens jriechische Jtter und Jttinnen.
    Wir treten in ein anderes, ganz leeres Zimmer.
    Det war det Schlafzimmer von die jndigen Komtessen, sagt das fhrende
Bauernmdchen.
    Ja, man hat es ihr richtig erzhlt, det war det Schlafzimmer von die
jndigen Komtessen. Ich sehe noch die kleinen weissen Bettchen - jetzt ist es
ganz ausgerumt. Auf der verschossenen roten Tapete bezeichnen krftiger
gefrbte Stellen die Pltze, an denen einst Bilder hingen. An der einen Wand
hngt noch ein vereinzeltes altes Gemlde. Es stellt einen Heiligen dar; ganz
unbekleidet, wie durch langes Fasten abgemagert und verhrmt, sitzt er inmitten
einer Felsenlandschaft und hlt einen Bogen Papier, auf den er eifrig schreibt.
    Der olle Herr dort oben schreibt wohl an Wertheim um ein Hemd,  sagt der
Sportjngling. Und zwischen Trnen muss ich doch lachen, denn genau dieselbe
Bemerkung haben wir damals gemacht, als der Heilige die Zielscheibe unseres
jugendlichen Witzes war, nur dass es zu jenen Zeiten noch keinen Wertheim gab
und wir Hertzog sagten.
    Beim Fortgehen bin ich einen Augenblick an der einen Tr stehen geblieben.
Ja, wahrhaftig, da waren sie noch, ganz verblasst, die Striche, die der Onkel
machte, wenn er unser Mass nahm und unser jhrliches Wachstum an dieser Tr
verzeichnete. - Wo sind die kleinen Mdchen hin, die da vor dem Onkel standen
und denen er zurief: Kinder, nicht auf den Zehen stehen! nicht mogeln! - Sie
hatten es so eilig mit dem Wachsen - nun sind sie lngst aus der alten Heimat
hinausgewachsen.
    Vergangenheit, Vergangenheit! -
    Ich bin dann noch lange im Park gewesen, wo jetzt Butterbrotpapiere und
leere Flaschen von Berliner Touristen unter die Bsche geworfen werden, wo das
Unkraut in den Wegen und Beeten wchst, wo das Schilf immer mehr den
Schlossteich berwuchert und wo es trotz aller Verwahrlosung doch noch immer so
frhlingsschn ist - wie einst im Mai!
    Mit dem letzten Zuge bin ich erst zurckgefahren. Ich blieb so lange als
mglich, denn ich fhlte, dass ich das alles nie wiedersehen werde. Es war schon
spt, als ich auf dem Bahnhof Friedrichstrasse ausstieg. Ich ging zu Fuss bis
zum Buckingham-Hotel. Viel Hssliches, viel Elend streift man auf solch kurzem
Abendweg. Ich drckte das Gesicht in den grossen Strauss Garziner Flieders, den
ich mir mitgenommen, und es war mir, als hrte ich leise, durch all den
rasselnden, rollenden Strassenlrm hindurch, die alten Worte, die unser aller
Grabspruch sein knnten:

O Herrgott, richt mit Mild den Mann,
Denn niemals er den Wunsch ersann,
Des Lebens Fahrt zu treten an!


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                                                               Berlin, Mai 1900.

Bei einem entfernten Verwandten meiner Mutter, den ich Onkel nenne, bin ich
gewesen. Ich glaube, er wrde Ihnen gefallen, drum will ich Ihnen von ihm
erzhlen.
    Nach usserlicher menschlicher Klassifikation gehrt er zu den deutschen
Professoren, aber ich glaube, innerlich und eigentlich ist er ein Wesen aus
einer klassischen Periode, vielleicht ein auferstandener alter Grieche, der in
einer Tonne hauste und den Dingen zuschaute, oder der einstmalige Abt eines
berhmten Klosters der italienischen Renaissance - aber kein Savonarola, der
gegen die Verderbnis der Menschen eiferte und die Welt bessern wollte, sondern
ein Mnch von der beschaulichen Sorte, der in Chroniken mit schn gemalten
Buchstaben seine Beobachtungen niederlegt, der die Schlechtigkeit der Welt wohl
erkennt, aber sich nicht zum eingreifenden Reformator berufen fhlt, sondern
denkt, dass, wer das eigene Herz nur rein hlt, auch schon sein Teil getan hat.
    Er wohnt nahe am Tiergarten, in einer Strasse, deren eines Ende sich zu
einem kleinen Platz erweitert, auf dem zwischen Fliederbschen eine Kirche
steht. Es ist kein sehr alter Teil Berlins, aber doch auch keiner von den ganz
neuen, und es ist dort wohltuend geruschlos. Zu den ernsten, etwas
gleichmssigen Husern denkt man sich unwillkrlich als Bewohner still
arbeitende Leute, die ein Menschenalter hindurch in denselben Zimmern gelesen
und geschrieben haben und nichts von hastigen Umzgen wissen. - Es ist eine
Gelehrtengegend.
    So lang ich denken kann, wohnt der Onkel im selben Haus im dritten Stock.
Sein Arbeitszimmer ist ein nach rckwrts liegender Saal, von dessen Balkon aus
man auf Grten blickt, in denen es jetzt grnt und Frhling wird. ber seinem
Schreibtisch hngt ein Marmorrelief an der Wand. Es stellt die lngst
verstorbene Frau des Onkels dar, und das khne Profil zeigt eine auffallende
hnlichkeit mit Achim von Arnim oder Byron. Es ist das ein Menschentypus, dem
man in unseren Tagen selten mehr begegnet, und der frher hufiger gewesen zu
sein scheint. Vielleicht verschwinden Menschentypen mit den Idealen ihrer
Epoche. Wer wrde wohl heute wie Byron fr die Unabhngigkeit der Griechen
kmpfen? - Wenn man Gesichtszgen vertrauen darf, so muss die verstorbene Tante
ein wahrer Gentleman gewesen sein, der nie aus der Not anderer Kapital
geschlagen htte.
    Der Onkel ist in den Jahren, die ich in der Ferne verlebt, ein ganz alter
Mann geworden. Sein langes Haar ist weiss geblichen, die ganze, hohe Gestalt ist
so abgemagert, als seien die irdischen Bestandteile, deren wir zum Leben
bedrfen, von ihm schon abgefallen. Die Worte ein verklrter Leib fielen mir
ein, als ich ihn wieder sah. Die klaren, schnen Augen sind dieselben geblieben,
nur grsser sind sie geworden, und es ist, als bershen sie vieles, was sich
unsern Blicken aufdrngt, und als gewahrten sie dafr schon Dinge, die uns noch
verborgen sind.
    Harmonie und Ruhe strahlten von ihm aus. Er lebt in seiner besonderen Welt,
und ich merkte bald, dass er sich gegen alles, was ihn daraus reissen knnte,
ablehnend verhlt, als frchte er sich zu zersplittern und mit einer grossen
Aufgabe nicht mehr fertig zu werden. Er sprach gleich von seinem Lebenswerk
Florenz in der Renaissancezeit, an dem er arbeitete, als ich vor Jahren in die
Fremde gezogen bin und das jetzt in herrlichen illustrierten Lieferungen
erscheint. Er zeigte mir die neuesten Bltter. - Wie klein und zwecklos
erscheinen doch die meisten Existenzen, mit ihren hastigen, wechselnden,
folgelosen Bestrebungen, neben solch einem Leben, durch das sich ein einziges
grosses Interesse bestimmend hindurchzieht!
    Ich traf beim Onkel noch einen anderen Gast. Ein kleines, buckliges,
engbrstiges Mnnchen, mit gescheitem, scharf geformtem Kopf, durchdringenden
Augen, und bitterem Lcheln um die feinen schmalen Lippen. Ein alter Bekannter
von frher ist mir Hanz- In einem hohen, altersgrauen Gebude an der Spree,
verwaltet er seit Jahren eine Bibliothek; und in den Mussestunden, die ihm diese
Arbeit und hufiges Kranksein lassen, bersetzt er klassische italienische
Dichtungen, verfasst selbst formvollendete Sonette satirischen Inhalts und
versammelt abends eine auserwhlte Gesellschaft um sich. Hanz-Buckau ist einer
der wenigen Menschen in Berlin, die einen Salon gebildet haben. Die Leute, die
zu ihm kommen, erscheinen in seinen vier Wnden viel gescheiter, als bei sich zu
Hause. Es ist, als locke er den versteckten Geist aus den verschiedensten
Menschen heraus. Vielleicht auch leiht er ihnen von dem eigenen. Eine
grenzenlose Bewunderung hat Hanz-Buckau fr schne Frauen, und sie mssen wohl
fhlen, welchen Altar dieses arme, verwachsene Mnnchen ihnen in seinem Herzen
errichtet, denn ich kenne keine, die ihm nicht gut gewesen wre. Der arme
Hanz-Buckau, der alle Schnheit so intensiv empfindet und darum unter dem
eigenen missgestalteten ussern so besonders schwer leidet, der fhrt auch in
seiner Art einen bestndigen Kampf zwischen Geist und Krper. Er erinnert mich
stets an Leopardi, an jenen grossen Italiener, der ewig ungestillte Sehnsucht im
Herzen trug, der um die Vergangenheit trauerte und nie eine Gegenwart besessen
hatte. Hanz-Buckau ist solch eine Leopardi-Natur, mit einem starken Zusatz echt
Berliner Schrfe. Fr den Onkel hegt er eine rhrende Freundschaft und hat seine
Eigenart des vornehm Massvollen richtig erkannt. Professor Lichte Hh ist der
neckende Spitzname, den er ihm gegeben. Durch seine Abwehr gegen alles Exzessive
und sein inneres Gleichgewicht ist der Onkel dem leidenschaftlichen Hanz-Buckau
wahrscheinlich wohltuend. Dieser betrachtet alles sehr kritisch, lsst wenig
gelten und spottet gern ber die Herdennatur der Menschen, ber die
Leichtigkeit, mit der sie sich Gtzen aufntigen lassen, die sich stets als
blecherne erweisen. Auch heute redete er viel davon. Er hat sich noch nicht mit
der Welt abgefunden, und es entrstet ihn die falsche Bewertung, die er berall
sieht.
    Gegen physische Faulheit wird genug geeifert und gepredigt, sagte er,
aber geistige Trgheit wird eher untersttzt. Die eine Hlfte der Menschheit
soll berhaupt prinzipiell darin verharren und von der anderen Hlfte so viele
als irgend mglich. Durch diese knstliche Befrderung der Unselbstndigkeit
sind all die vielen falschen Grssen mglich.
    Und spter sagte er: Wir sogenanntes Volk der Denker tun eigentlich nichts
weniger gern, als nachdenken, besonders nicht ber Dinge, die uns doch praktisch
angehen. Drum ist man im Ausland auch immer ganz verwundert, wenn sich in
Deutschland mal die ffentliche Meinung wirklich ussert. Gewhnlich schlft
sie, im Bewusstsein, dass Minister, Geheimrte, Professoren, die alle etwas vom
Gottesgnadentum an sich haben, fr sie wachen. Wir verlassen uns darauf, im
gegebenen Moment immer die ntigen grossen Mnner zu haben, als htten wir sie
ein fr allemal gepachtet, und wollen nicht sehen, dass wir in dieser Ware doch
oft recht bervorteilt werden. Wir sind unverbesserliche Heroenanbeter und
nehmen frlieb. Sind die Zeiten schlecht, so werden die Helden kleiner, ganz wie
die Brtchen whrend der Teuerungen.
    Der Onkel antwortete: Was Ihnen, lieber Hanz-Buckau, als charakteristisch
erscheint fr Land und Epoche, in denen Sie zufllig geboren sind, hat in
Wirklichkeit immer und berall bestanden, denn alle Zeiten sind stets davon
berzeugt gewesen, an grossen Mnnern reich zu sein. Durch das sptere Urteil
der Geschichte entsteht aber oftmals gerade dort eine de, wo die Zeitgenossen
ein Gewhl sahen. In unmittelbarer Nhe sieht alles gross aus, aber wenn die
Erscheinungen erst in eine gewisse Entfernung rcken, die Vergleiche und die
Anlegung eines allgemeinen Massstabes gestattet, ergibt sich die wahre, dauernde
Bedeutung der Dinge. Die echten Riesen, auf die es allein ankommt, kommen
schliesslich immer zum Durchbruch, und Werte ganz zu flschen, ist nur auf kurze
Zeiten mglich - drum lasset den Eintagsgtzen die Eintagsanbeter.
    Ihr Onkel, wandte sich Hanz-Buckau an mich, hat zeitliche Begriffe
bereits berwunden. Fr ihn sind Luther, Friedrich der Grosse, Goethe und
Bismarck gegenwrtige Realitten, Manifestationen ein und desselben grossen
germanischen Geistes, die zusammen bestehen. Geringeres bersieht er. Der rger
von uns Kleinen ber die zeitweilige falsche Grsse anderer ebenso Kleiner ist
ihm ganz gleichgltig. Nur auf die Genies kommt es dem Onkel an. - Ich will
Ihnen ganz leise ein Geheimnis verraten: der Onkel ist eigentlich, ohne es
selbst zu wissen, einer von den ganz schrecklich Modernen!
    Hanz-Buckau hatte das mit der sich selbst verspottenden Zrtlichkeit gesagt,
die immer durch seine Stimme klingt, wenn er vom Onkel spricht. Es ist, als
solle man nicht wissen, wie lieb er ihn hat.
    Es war spt geworden und also sprechend hatten mich die beiden bis auf den
Treppenabsatz begleitet vor des Onkels Wohnungstr. Eine schmale Treppe fhrt
von da noch hinauf zum Boden, und von hoch oben fiel ein goldener
Nachmittags-Sonnenstrahl gerade auf den Onkel, der die Hand auf das Gelnder
gesttzt hatte, die durchsichtige, feine Hand, die emsig die Feder gefhrt hat
ein Lebenlang. Ich hatte mich schon verabschiedet, aber tausend feinste
Erinnerungsfden zogen mich zu ihm hin und ich kehrte noch einmal zurck und
beugte mich ber die lieben Greisenhnde. Eine Trne fiel auf sie - - der Onkel
ist einer der allerletzten aus meiner Kinderzeit. Mein gutes Kind, sagte der
Onkel, und in seiner Stimme lag das ganze Mitleid derer, die schon ber dem
Leben stehen, fr diejenigen, die sich noch mitten drin befinden. Vielleicht
ahnte der Onkel, wie unsglich verlassen ich mir in dem Augenblick vorkam, denn
es klang auch wie eine Ermahnung in den Worten, ruhig zu sein, alles Exzessive
zu bezwingen und wo es nicht vermieden werden kann, es doch still im Innern zu
verbergen. Wie eine klassische Gestalt von olympischer Ruhe erschien mir der
Onkel, wie ein alter Maharattah-Huptling, der mir einst in Indien seinen
golddurchwirkten Shawl zeigte und mir sagte: Der schtzt vor Sonne und Klte,
vor Wind und Staub, und sein fhrnehmster Dienst wird einstmals sein, mich im
Sterben zu umhllen, und so meine letzte Todesnot zu verbergen. Der Onkel
besitzt sicher solchen golddurchwirkten Maharattah-Shawl. Man sieht von ihm nur,
was man sehen soll - und das ist alles harmonisch verklrt, lichte Hh, wie
Hanz-Buckau sagt.
    Und ich bezwang die Trnen, die mir schon brennend in den Augen standen,
deutete auf die Treppe, die die drei Stockwerke hinab in zunehmende Dunkelheit
fhrte und sagte: Leb wohl, Onkel, jetzt steig ich wie Rautendelein hinunter in
den finsteren Schicksalsbrunnen.
    Hanz-Buckau antwortete: Ja, in den mssen wir schliesslich alle mal hinab,
und das Leben ist ein bestndiges Abschiednehmen.
    Langsam schritt ich die vielen Stufen hinunter. Noch einmal schaute ich
hinauf. Nebeneinander standen die Beiden oben, von der Sonne beschienen - der
weisshaarige Mann, der in der Einsamkeit des Alters milde lchelte, und der arme
Verwachsene, dem usserliches Gebrechen, Entsagung heischend, Schicksal geworden
ist. Sie beugten sich ber das Gelnder und winkten mir nach.

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                                                               Berlin, Mai 1900.

                                 Lieber Freund!

Im Bdeker von Italien und der Schweiz gibt es Hotelnamen, neben denen in
Klammern steht wird viel von Deutschen besucht. Der erfahrene Reisende
vermeidet solche Hotels. Von dem Buckingham, in dem wir hier wohnen, knnte man
sagen, wird von Diplomaten, Frstlichkeiten und Amerikanern besucht.
    Das Hotel ist hier le dernier cri des Eleganten und gleichzeitig Bequemen;
nur ein paar kleine deutsche Unbequemlichkeiten sind bei der Einrichtung noch
mit untergelaufen; es fehlt an grossen Kleiderschrnken, dafr hat man in den
Wohnzimmern wacklige Louis XVI. Etageren, auf denen zerbrechliche Nippes stehen.
Das soll wahrscheinlich gemtlich aussehen. Aber im ganzen will es alles
mglichst amerikanisch sein.
    Sie spielen hier ja Waldorf-Astoria, sagte ich zum Direktor Specht, als
wir ankamen. Der fasste das als hchstes Kompliment auf, murmelte etwas von
Pionier der Kultur in Berlin und ist seitdem voll herablassender
Aufmerksamkeiten gegen mich, beinah als wre ich ein Botschafter. Denn nichts
auf der Welt geht Herrn Direktor Specht ber einen Botschafter: aber auch fr
Diplomaten weniger erhabenen Ranges ist in seinem Herzen ein warmes Pltzchen;
sie erscheinen ihm als Trger vieler Mglichkeiten, mit denen man sich
rechtzeitig gut stellen muss. Im ersten Speisesaal, dem der Privilegierten, sind
mehrere Tische reserviert, an denen immer Diplomaten sitzen. Wenn Herr Direktor
Specht diese Herren an ihre Pltze geleitet, hat er etwas so Feierliches und so
einen Frieden auf Erden-Ausdruck, als vollzge er eine heilige Handlung. Neulich
strzte er einem unserer zukunftsreichsten jungen Diplomaten schmunzelnd und
hndereibend in der Halle entgegen. Herr Graf, ich gratuliere zu der Ernennung
nach X. Was, lieber Specht, antwortet der andere und klopft ihn auf die
Schulter, das wissen Sie schon? ist ja eben erst raus. Und Specht verschmt
und wonneglnzend: Herr Graf werden verstehen - habe doch auch so meine
Attachen - man gehrt allmhlich ja selbst so'n bisschen zur Diplomatie.
    Aber auch sonst weiss Specht die schicklichen Rcksichten zu nehmen. So hat
er neulich, wegen einer kurzen Hoftrauer, die bliche Tafelmusik acht Tage lang
ausfallen lassen. Eine reisende Millionrin aus Denver, Mrs. Bluffer, gab
whrend dieser Zeit ein Diner im Buckingham. Ich hrte die Dame den feierlich
aussehenden Oberkellner erregt fragen, als schmlere man ihr ein mit guten
Dollars erworbenes Recht: Kellner, warum spielt die Bande nicht?
    Es ist wegen der Hoftrauer, Madame. In diesem Hotel wohnen so viel Prinzen
und hohe Herrschaften, dass wir natrlich deren Gefhle schonen mssen.
    Diese Antwort machte auf Miss Bluffer einen tiefen Eindruck und sie sprach
zur Mutter: Oh, mamma darling, ist das nicht herrlich? es ist doch fast ganz so
als ob wir bei Hofe wren!
    Mein Bruder ist gestern von seiner Reise aus der Kohlen- und Eisengegend
zurckgekehrt. Als wir abends zusammen zum Essen in das Restaurant
heruntergingen, sahen wir, dass es auffallend voll war. Was ist denn los?
fragte mein Bruder, und Specht antwortete: Das sind all die letzten
diplomatischen Revirements, die jetzt bei mir durchkommen. Die Herrschaften
werden brigens einen Bekannten finden; Mr. Stone Stonehead aus Peking ist da,
hat die Rckreise durch Sibirien gemacht, geht jetzt nach Rio - frchte -
schlechtes Avancement.
    Und Specht zuckte die Achseln ber die wechselnden Chancen, die es auf der
grossen diplomatischen Wippe gibt.
    Und richtig, da sass er, der grosse Stone Stonehead; selbstzufrieden und
pomphaft wie immer, gar nicht, als habe er Strapazen durchgemacht, im Gegenteil,
eine lebende Reklame fr die transsibirische Bahn, so wohlgenhrt und dick. Er
sass zwischen einem Mediatisierten und einem eben ernannten Botschafter, muss
also, wie ich ihn kenne, glcklich gewesen sein.
    Mir fiel ein, wie ich ihn zuletzt gesehen habe. Im Seebad in Pei-ta-ho. Er
trug dort beim Baden ein weites rosarotes Flanellkostm: das blhte sich im
Wasser auf, so dass er darin wie eine rosige Riesenqualle aussah. Eine Familie
mit mehreren schlanken Tchterchen pflegte stets zur gleichen Zeit wie er zu
baden, und die schmchtigen, geschmeidigen Misschen, in schwarzen Badekostmen,
umschwammen und umspielten ihn. Wie eine Schar Kaulqubblein sich drngt, wenn
man ihnen ein grosses Stck rosa Fleisch zuwirft. Aber keine von ihnen hat den
dicken Stone Stonehead erwischt.
    Nachdem der Mediatisierte und der Botschafter gegangen waren, setzte er
sich, gnnerhaft wie immer, zu uns. Er erzhlte von seiner Reise und erwhnte
auch, dass er an einem Orte, dessen Name schrecklich weit fort und unbekannt
klang, Leute getroffen habe, die von noch viel weiter weg kamen, und Sie dort
irgendwo gesehen hatten - in solch einer Gegend, von der Geographen so tun, als
kennten sie sie, ber die sie allerhand Behauptungen aufzustellen lieben, da,
fr gewhnlich, niemand da ist, der widersprechen knnte.
    Solch ein paar drftige Worte Nachricht: Jemand hat jemand getroffen, der
Sie gesehen hat - und davon muss man nun wieder lange zehren!
    - Wie die Ritterfrauen in den Burgen, denen ein vorberziehender Snger
viele Monate alte Kunde von den fernen Kreuzfahrern brachte!
    Natrlich fragten wir Stone Stonehead, was er von den beunruhigenden
Nachrichten hielte, die Hofer aus China gebracht, und die in den letzten Tagen
mehrmals in Zeitungen aufgetaucht sind. Er antwortete, die Missionare seien
verwhnt durch allzu viel Schutz, wollten sich wichtig machen und den Diplomaten
ins Handwerk pfuschen.
    Ich glaube Missionaren nie, sagte er, ausser wenn sie die Bibel vorlesen.
Die brigen Nachrichten sind sicher von den Russen lanziert, die lauern nur auf
einen Vorwand, die Mandschurei zu kapern - bin nicht umsonst jetzt gerade dort
berall herumgereist. - Aufregung? Aufstnde? - ist ja alles knstlich gemacht -
hoffe nur, man behlt bei uns den Kopf khl und lsst sich nicht in ein
Abenteuer hineindrngen.
    Hoffentlich hat der grosse Stone Stonehead recht? Ich wnsche es ja so sehr.
    Hier denkt niemand an Gefahr.

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                                                            Cherbourg, Mai 1900.
                                        An Bord des Kaiser Wilhelm der Grosse 

Dies Briefchen ist der letzte Gruss, den ich von Europa aus an Sie richten kann,
denn in wenigen Minuten fahren wir von hier weiter, hinaus auf den Atlantischen
Ozean. Dies sind die letzten Zeilen, die den alten Weg durch Europa und das Rote
Meer, ber Colombo und Singapore zu Ihnen einschlagen werden. Dies kleine Blatt
wird durch Lnder und Meere reisen, die ich alle kenne, und ich wnschte, es
knnte Meeresblue und Palmenrauschen und einen Hauch von allem Schnen, das ich
je in der weiten Welt gesehen, zu Ihnen bringen und Ihnen ganz leise sagen, dass
ich es bin, die Ihnen das alles sendet.
    Mein nchster Brief wird in New York auf die Post gegeben werden; und ber
Kanada, den Stillen Ozean und Japan wird er zu Ihnen reisen - von Osten, von
Westen, von allen Seiten, die Erde umschliessend, ziehen die Gedanken zu Ihnen,
lieber Freund!

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                                        An Bord des Kaiser Wilhelm der Grosse.
                                                                       Mai 1900.

Nun sind wir schon weit draussen auf dem Atlantischen Ozean. Whrend der ersten
Stunden, so lang wir uns dem Lande noch nahe befanden, war die See etwas bewegt,
aber je weiter wir fahren, desto stiller wird sie. Ganz glatt liegt sie jetzt
vor uns - eine blassblaue Flche - gerade in ihrer Ruhe so unendlich erscheinend
und - so fremd. Denn wir Menschen fhren seit Generationen ein so unnatrlich
hastendes Leben, dass uns Unrast und Bewegung stets natrlich und begreiflich
scheinen - die absolute Stille aber bengstigt uns - wir verstehen sie nicht
mehr. Unser Riesenschiff gleitet durch die blauen Fluten, aber wir merken seine
rasende Geschwindigkeit kaum, denn das Meer scheint in seiner vlligen Gltte
gar keinen Widerstand zu leisten. Blauer Himmel, blaues Wasser zittern und
flimmern ineinander ber - es ist, als wrden wir fr alle Ewigkeit so weiter
gleiten, so weiter schweben - ein dunkles Pnktchen in all der Blue! Eine
seltsame traumhafte Empfindung - als trgen mich regungslos ausgebreitete
Schwingen durch die Weite.
    Und in der grossen blauen Stille gedenk ich einer alten Sage vom Meer.
    In ganz alten Zeiten, ber die es keine Bcher gibt, von denen nur noch die
Bewohner entfernter Ksten vom Hrensagen allerhand Geschichten kennen, war das
Meer immer so still und blau wie heut, ein glatter Spiegel, drin Sonne, Mond und
Sterne sich besahen und schn fanden. Niemand hatte damals je einen Sturm auf
der See gesehen, man wusste noch nicht, was das sei. - Auf dem Festland lebten
schon damals viele Menschen und je mehr ihrer wurden, desto grsser wurden auch
Schmerz, Jammer und Elend aller Art. In ihrem Kampf und Leiden schauten sie oft
sehnsuchtsvoll hinaus auf die ewig gleiche stille See. Und endlich wurde ihr
Unglck so gross und ihr Wunsch nach Erlsung so heftig, dass sie riefen: Wir
knnen es nicht lnger dulden, wir wollen hinausfahren ber das glatte, blaue
Meer, dort werden wir wieder froh werden. Da bauten sie ein grosses Schiff und
nannten es Meeresfreude. Damit fuhren sie hinaus auf die klare blaue See. Aber
die Meeresfreude war eine Erdenleide. Mit den Menschen waren Schmerz,
Jammer, Elend und Unfriede auf das Schiff gestiegen. Es ward davon so schwer,
dass sogar das starke Meer es nicht tragen konnte und als es ein Stck weit
hinausgefahren war, versank das Schiff, und die blauen Fluten schlossen sich
ber all dem Erdenleiden. - Aber tief unten auf dem Meeresgrunde begann es nun
zu whlen und die Menschen, die auf dem Festland geblieben, sahen staunend, dass
das ewig gleiche Meer sich vernderte. Es ward unruhig, sein tiefes Blau
verwandelte sich in trbes Grau, auf nachtschwarzem Abgrund schoss weisser
Gischt dahin, es hob sich in riesigen Wellen, die donnernd gegen das Ufer
schlugen, es kmpfte, es zrnte, es raste - es war wie die friedlosen Menschen
selbst geworden - und sie verstanden es, denn sie erkannten in ihm all ihre
eigenen Leidenschaften.
    Seitdem hat es immer Strme auf dem Meere gegeben, und immer wieder kmpft
das Meer mit all dem fremden Leid auf seinem Grunde, kmpft, um die alte
verlorene Ruhe zurckzugewinnen. Aber die kehrt nie wieder. Auch an stillen
klaren Tagen wie heute steigt ein banges Seufzen aus der blauen Tiefe.

                                                                  P.S. New York.

Die ganze berfahrt ist so glatt und still geblieben - wie eine wohltuende Pause
im Leben, eine sechs Tage lange Parenthese! Wie Musik schlferte das Rauschen
der langen, trgen Wogen manch alten Schmerz ein. - Musik und weite Reisen sind
so recht, was wir arme moderne Menschen brauchen, denn sie beruhigen und lehren
vergessen. Whrend das Schiff unaufhaltsam weiter glitt, hatte ich bestndig die
Empfindung, dass etwas Furchtbares, das lange Zeiten Gewalt ber mich gehabt,
nun endlich und fr immer hinter mir zurckblieb. - Wie vielen ist diese selbe
Reise ber den Atlantischen Ozean schon eine Flucht gewesen vor der
Vergangenheit! Auch ich hatte das Gefhl des Entfliehens und Abschttelns. - Als
ob Schranken und Fesseln gefallen seien, war mir, als ich heute frh erwachte,
und da stand sie auch schon auf ihrem Felsen, die riesengrosse Freiheit, die den
Belasteten aller Lnder mit ihrer Leuchte Hoffnung zuzuwinken scheint.
    Die Freiheit als Wahrzeichen eines Weltteils und als Willkommen fr alle
aufzustellen - das macht den Amerikanern doch niemand nach!

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                                                          Tuxedo Park, Mai 1900.

Lieber Freund! Nachdem wir in New York gelandet waren, erhielten wir von Mr.
Bridgewater die freundliche Aufforderung, ihn hier zu besuchen. Ich war noch so
mde und abgespannt von allem in Deutschland Erlebten, dass ich dankbar die
Einladung annahm, mich etwas auf dem Lande zu erholen. Landleben, wie ich es von
frher in der Erinnerung habe, Stille, Einsamkeit norddeutscher Gter, die
Meilen weit von einander entfernt liegen, nur durch Landwege verbunden, die
whrend Herbst- und Frhlingstauwetter eher verkehrhemmend als frdernd wirken -
so etwas gibt es hier freilich nicht. Tuxedo Park beweist mir mal wieder, dass
Amerikaner wohl Sinn fr Exklusivitt, aber nicht fr Alleinsein haben. Sie
brauchen Menschen, Bekannte - allerdings nur sorgfltig ausgewhlte, solche, die
in jeder Hinsicht sozial wnschenswert sind. In diesem Bedrfnis nach Verkehr,
dieser Scheu vor Einsamkeit sind sie Kindern hnlich. In dem Park von Tuxedo
stehen auf bewaldeten Hgeln, die sich um einen See ausdehnen, eine Menge
hbscher Landhuser, Schweizerhuschen mit geschnitzten Holzbalkonen und hohen
Giebeln, massive Steinbauten mit breiten, sdlndischen Veranden, burgartig
kleine Kastelle, die altertmlich aussehen mchten. All diese Landsitze sind
nahe zusammengedrngt, die einzelnen Grten gehen ineinander ber und bilden
alle vereint den einen grossen Park. Ausgezeichnet gehaltene Wege verbinden die
einzelnen Besitzungen und werden fleissig benutzt von Fahrenden, Reitern und
Spaziergngern, lauter Menschen, die sich einer zum andern begeben, in ihrem
charakteristischen Bedrfnis nach mglichst viel social gatherings. Die
meisten der Huser sind mit einem Luxus und einem praktischen Komfort
eingerichtet, wie er auf dem deutschen Durchschnittslandgut ganz unbekannt ist.
Zu jedem dieser Reichtumsheime denken wir Europer uns unwillkrlich als
notwendige Grundlage und Begleitung eine meilenweite Herrschaft hinzu, statt
dessen liegen sie aber nur ein paar Minuten von einander entfernt. Unten am See
steht das gemeinschaftliche Klubhaus, mit Einrichtungen fr alle Arten von
Sport, mit grossem Ballsaal und Lesezimmer. Nachmittags trifft sich da die ganze
Gesellschaft. Es ist eine Assoziation befreundeter Familien, die hier in den
einstmaligen indianischen Jagdgrnden eine Kolonie reicher Leute gegrndet
haben.
    Whrend der Wochentage dominiert das weibliche Element an Zahl, wie in den
meisten Landaufenthalten in der Umgegend New Yorks; der Sonnabend-Nachmittagszug
bringt dann eine Menge Herren, Villenbesitzer und Gste, die bis Montag bleiben,
um sich von der grossen Anstrengung des Gelderwerbs auszuruhen. Ich weiss nie
genau, was der Beruf des einzelnen Amerikaners ist, weiss nur, dass sie alle
Geld machen. Sie erscheinen mir wie geheimnisvolle Wesen, die eine Zauberformel
kennen, durch die sie aus allen Winkeln Gold herauszuziehen vermgen, wie in
Indien die Schlangenbeschwrer aus allen Ecken, wo niemand sie vermutet, Kobras
hervorlocken.
    Den Zauber Amerikas aber bilden die Frauen, die es immer verstehen, ihre
eigenen Sorgen beiseite zu setzen und das Liebenswrdigsein als Beruf betreiben;
vielleicht wren sie noch reizender, wenn sie es nicht immer so eilig htten,
als seien sie in Angst, irgend etwas zu versumen.
    Hier sind einige sehr nette Frauen, von ansteckender Heiterkeit; und ich
weiss nicht, ob es ihr Einfluss oder der volle warme Frhling macht, aber mir
ist manchmal, als erwache ich allmhlich aus einem seltsamen narkotischen
Zustand. So muss den Murmeltierchen zu Mute sein, wenn sie sich nach dem
Winterschlaf dehnen und recken und die kleinen blinzelnden Augen gewahr werden,
dass die schne Welt immer noch da ist. Dann ruft so ein erwachendes
Murmeltierchen sicher auch: Guten Morgen, lieber Freund!

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                                                          Tuxedo Park, Mai 1900.

Das Bridgewatersche Haus hier in Tuxedo gefllt mir beinah noch besser als ihr
Stadthaus. Es heimelt mich an mit seiner hessischen Bauart. Steinerner Unterbau
bis zur Hhe des ersten Stockes und darber weisser Bewurf, von dem sich die
Balken des Fachwerks in warmen, braunen Holztnen abheben. Dazu weit
vorspringende Dcher und Giebel ber einigen Zimmern, deren Fenster besonders
schne Blicke auf See und Wlder haben. Alte zopfige Engelchen aus grauem Stein
sind an einem Balkon verwendet und man sieht, dass alles, was das Haus schmckt,
von dem spanischen, eingelegten Tfelwerk des Speisezimmers bis zum
schmiedeeisernen Gelnder der Treppe, mit Liebe und Verstndnis auf langen
Reisen gesammelt worden ist.
    Der Turm, der einen Vorsprung in dem Haupthof bildet, ist auf einer Seite
mit einem Relief geschmckt, das den heiligen Georg, den Drachentter darstellt.
Es stammt aus einem alten bayerischen Bauernhaus. Wenn heute eine Drachensage
geschrieben wrde, msste sie ganz anders lauten, als diese alte vom schnen,
ritterlichen Georg, der nur die Welt vom bsen Ungeheuer befreien wollte. Heute
ziehen viele magere Wichtelmnnchen gegen den Drachen aus, der im fernen Cathay
seine Heimat hat, aber sie alle wollen nicht etwa den Lindwurm erlegen, sondern
durch ihn fett werden. Der moderne heilige Georg legt dem Ungeheuer Ketten an,
auf dass es still halte und sich melken lasse.
    Die Sdseite des Turmes sieht noch ein bisschen leer aus, und Mr.
Bridgewater will dort eine Uhr anbringen. Er bat mich, ihm etwas zu skizzieren,
was dort oben um die Uhr auf die Wand gemalt werden knnte, wie man es gerade in
alten bayerischen Husern so oft sieht. Ich habe nun um die Uhr eine
zwlfstrahlige goldene Sonne entworfen. Die Strahlen entsprechen den Stunden,
und auf jede der spitzen goldenen Strahlenzacken ist in gotischen Lettern ein
Wort gemalt. Sie lauten in der Reihenfolge: I beginnen, II wollen, III lernen,
IV gehorchen, V lieben, VI hoffen, VII suchen, VIII leiden, IX warten, X
verzeihen, XI entsagen, XII enden. Der vorrckende Zeiger bezeichnet die Stunde
mit dem Wort. Viele sind es, ber die man schnell hinwegmchte, um bei andern
lange zu verweilen - aber wir mssen alle Stunden nehmen, wie sie sich
unerbittlich folgen auf der grossen Lebensuhr, gute und schlimme.
    Was fr Zeichen mgen wohl ber Ihren Zukunftsstunden stehen, lieber Freund?
Ich sinne nach und mchte den Schleier so gern etwas lften knnen, und dann
wieder denk ich, es ist besser, nicht zu fragen und zu forschen und sich nur der
gegenwrtigen Frhlingsstunde zu freuen, wie die Mckenschwrme, die ber dem
See in der Sonne tanzen. Ich wnsche, dass viele, viele und nur schne Stunden
Ihrer harren mgen und diesen Wunsch sollen die wirklichen, warmen, goldigen
Sonnenstrahlen mitnehmen und Ihnen bringen, wenn sie heute Abend meinen Blicken
entschwinden, um Ihnen zu scheinen, auf der anderen Hlfte unserer schnen
Frhlingswelt!

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                                                          Tuxedo Park, Mai 1900.

Die hier verlebten Tage, lieber Freund, haben mir so unendlich wohlgetan, dass
es mir Vielgewanderten ganz schwer wird, wieder aufzubrechen und weiter zu
ziehen. Ich habe ein unbestimmtes Gefhl, als sei ich in einem stillen Hafen und
als warte meiner irgendwo draussen ein strmisches Meer. Aber das muss ein Rest
berangestrengter Nerven sein, die Ermdung, die von langem Lastentragen
zurckbleibt, die Angst vor dem Leben. Eigentlich war mir ja gerade in den
letzten Tagen zuweilen so, als hrte ich unzhlige kleine Stimmen sagen: die
Welt wird mit jedem neuen Frhling von neuem schn. Die Schwalben meinten das,
und die weissen Lmmerwlkchen am blauen Himmel, die tausend kleinen Insekten
und die Millionen Samenstubchen. Auch der schwarze Kater, der im Hof in der
Sonne liegt, schnurrt gegenwartsfroh und zukunftssicher! Und am
weltenzufriedensten scheinen Madame Baltykoff und Anstruther, die auch hier zu
Besuch bei Bridgewaters sind. Sie htten es mir gar nicht zu sagen brauchen, ich
sah es ihnen gleich an - Madame Baltykoff hat Amerika grndlich studiert und ist
dabei zum Ergebnis gekommen, dass das Beste und Behaltenswerteste, das das Land
produziert, dieser eine Amerikaner ist. Sie scheint ruhiger geworden; vielleicht
fehlte ihr, wie so manchem hin und her geworfenen Schiffchen, nur der richtige
Ankerplatz, und sie hat den nun gefunden. Anstruther erklrte mir, Madame
Baltykoff sei ihm in jeder Beziehung berlegen (das gehrt nun einmal zum Credo
jedes netten Amerikaners ber alle Frauen, sogar ber die eigene); nur in seiner
amerikanischen Nationalitt bessse er einen grossen Vorteil ber sie und den
bte er ihr an, mit ihm zu teilen. Nach all ihren Ansichten, sagte er,
verdient sie eine freie Amerikanerin zu sein. Mr. Bridgewater meint, diese
Verlobung sei ein Schritt zur Amerikanisierung der Welt auf sozialem Wege und in
dieser Amerikanisierung erblickt er ja die Aufgabe des kommenden Jahrhunderts.
Das einzig Betrbende in der allgemeinen Freude ist, dass Anstruthers Name aus
dem Klub der vierzig amsantesten Mnner gestrichen werden muss. Kein Mitglied
darf verheiratet sein. Ist es nicht beschmend, dass man in diesem gegen Frauen
doch so galanten Lande zur berzeugung gekommen ist, dass die Ehe sofort
geisteslhmend wirkt?

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                                                             New York, Mai 1900.

Wir sind aus Tuxedo hierher zurckgekehrt; und in unseren New Yorker Zimmern, in
denen ich alles ganz unverndert vorgefunden, inmitten all der altvertrauten
Dinge, die mich nun schon so lang begleiten, habe ich mich gleich wieder vllig
eingelebt, als sei ich gar nicht fort gewesen, als htte ich den letzten Monat
nicht erlebt. Wenn ich morgens aufwache, muss ich mich erst besinnen, ob es
alles wahr ist: Die pltzliche Reise nach Europa mit allem was ich dort
durchgemacht, und dann die eilige Rckkehr hierher. Manchmal scheint es mir wie
ein Traum, als wre ich hier tief eingeschlafen und eben wieder aufgewacht, und
als sei alles unverndert, wie es nun schon so manches Jahr gewesen. Aber dann
fhl ich mit einem Mal, dass es doch alles anders geworden; ich schaue mich nach
der altgewohnten Hoffnungslosigkeit um und sie ist verschwunden. Ich sehe in all
dem nicht recht klar, versuche es auch nicht einmal, sondern lasse mich treiben,
gedanken- und willenlos. Aber mir will es scheinen, als atme ich freier, als
she ich in der Ferne ein Lichtchen schimmern. Seit ganz frhen Jugendtagen ist
mir keine so still zufriedene Zeit mehr geworden. Mich dnkt, es liegt ein
Zauber auf der Welt, als tnten aus der Ferne tausend silberne Glckchen. Ach,
dass doch nichts diese einzige Wunderstunde trben mchte! Darum fleh ich immer
wieder und lausche andchtig auf das leise Glockenluten, das aus des eigenen
Herzens Tiefe schchtern und hoffend emporklingt.
    Lieber Freund, ich glaub, ich erlebe ein Mrchen!

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                                                             New York, Mai 1900.

Seit ein paar Tagen bringen die Zeitungen beunruhigende Telegramme aus Peking,
und es war mir eine Erleichterung gestern zu lesen, dass die Gesandten Wachen
requiriert haben und dass diese wohlbehalten in Peking eingetroffen sind,
natrlich nach dem blichen und obligatorischen Palaver des Tsungliyamens, aber
ohne dass ein ernsthafter Versuch gemacht worden wre, die Truppen am Einmarsch
zu hindern. Es las sich wie eine genaue Wiederholung dessen, was wir selbst 1898
erlebt haben.
    Wir sollten gestern aber noch mehr ber China hren, als was die Zeitungen
bringen.
    Abends gingen mein Bruder und ich bei Sherry essen. Jetzt, wo die Stadt sich
tglich mehr leert, herrscht dort nicht mehr das Gedrnge wie im Winter, aber
man sieht immer noch gengend glattrasierte, befrackte Herren, eine Gardenia im
Knopfloch, und gengend elegante Frauen mit halbhohen Kleidern und riesigen,
malerischen Hten, um glauben zu knnen, in ein lebig gewordenes Bilderbuch von
Gibbons versetzt zu sein.
    Nachdem wir uns gerade gesetzt hatten, traten mehrere Herren an einen neben
uns reservierten Tisch heran, und Sie knnen sich unser Erstaunen denken, als
wir unter ihnen zwei Bekannte entdeckten, und zwar welche Gegenstze: den
Rubinminen-Konzessionr Bartolo und jenen gescheiten Journalisten Dr.
Silberstein, den Sie mir einmal als einen der wenigen bezeichnet haben, der
seinen Aufenthalt in China zu einem ernsten Studium dieses Landes benutzte.
Bartolo kam sofort auf uns zu, liess unsere Tische aneinander rcken und
erzhlte uns strahlend, er kme gerade aus London, wo es ihm gelungen sei, ein
Syndikat fr die Rubinminen in der Provinz Kwangtung zustande zu bringen. Man
reisst sich um die Aktien, sagte er, und unsere grosse Chance ist der
Burenkrieg gewesen, denn all die grossen Kapitalisten, denen ihre
Goldminenaktien jetzt nichts tragen, haben sich mit Enthusiasmus an unserm
Unternehmen beteiligt.
    Ja, glauben die denn, dass die Rubinminen schon sobald einen Ertrag geben
werden?  fragte ich und schmte mich meiner geschftlichen Naivett, als
Bartolo mir mit berlegenem Lcheln antwortete: O nein, und darauf kommt es ja
auch vorlufig noch nicht an. Wir verdienen ja bisher viel mehr an den
Kursschwankungen. Unsere Rubinminen-Aktien sind jetzt das grosse
Spekulationspapier! Noch kein Spatenstich gemacht und schon stehen unsere 1
Pfund-Aktien auf 140. Grossartig!
    Dann erzhlte er weiter: Besonders auch bei der hohen englischen
Aristokratie sind unsere Rubies, wie sie kurzweg genannt werden, sehr beliebt.
So schrieb mir kurz vor meiner Abreise die Herzogin von X.: Lieber Bartolo, die
Rubies sollen gut sein, sagt man mir; mchte mich daran beteiligen, bitte um 10
Shares, sende einliegend eine 10 Pfund-Note. Die alte Dame, die jede Quotierung
wie ein Makler kennt, tat pltzlich ganz harmlos, als habe sie keine Ahnung,
dass nach dem Tageskurs die 10 Aktien 1400 Pfund wert waren. Na, ich hab mir die
Sache berlegt und dann der Herzogin, einer politisch einflussreichen Frau, die
man sich warm halten muss, schliesslich drei Aktien gesandt und 7 Pfund
retourniert und dazu geschrieben, die Rubies seien so gesucht, dass ich nicht
mehr htte auftreiben knnen.
    In Schanghai, so teilte uns Bartolo mit, ist das schnste Haus am Bund fr
das Direktorium der Ruby Mines Co. Ltd. gemietet worden.
    Ja, fuhr er fort, die Sache soll im grossen Stil betrieben werden,
darber sind wir uns in London ganz einig. Ein grosses Haus in Schanghai, eines
in Peking und Reklame gemacht und Gesellschaften gegeben; vor allem wollen wir
auch die Chinesen ranziehen, Feste und Diners, und dann so beim Kaffee und Likr
die noch schwebenden Fragen glatt und rasch erledigt. Das ist so mein Prinzip.
Meine jungen Mitarbeiter hier werden mich trefflich sekundieren.
    Dabei deutete er auf zwei Sprsslinge vornehmer Huser, die ihn begleiteten
und die er uns als Marchese del Monte Victorioso und Vicomte le Ruinard
vorgestellt hatte. Der Marchese del Monte Victorioso, der diesen Titel seines
Vaters leihweise und fr berseeische Zwecke trgt, ist ein schner junger
Mensch, das glckliche Resultat italienischer und angelschsischer Blutmischung.
Ob die Rechnung fr seinen Frack, dem es nicht gelang, diese herrliche
Antinousgestalt zu verunzieren, wohl bezahlt ist? Chi lo sa. Aber manche der
anwesenden Damen warfen ihm unter den grossen malerischen Hten recht
vielversprechende Blicke zu; und ich sagte mir, dass Jugend, Schnheit und ein
wenn auch nur geliehener Titel wohl Gewinn bringenderes Kapital als alle
Rubin-Minen-Aktien sind. Ich kann mir Monte Victorioso schon als Hauptfigur beim
Korso des Bubbling Well Road, den Rennen, dem Country Club und all den sonstigen
sozialen Vereinigungen denken, mit denen man in Schanghai wie anderswo die Leere
des Daseins zu verbergen sucht. Geschftlich wird er wohl so wenig wie sein
Begleiter dem guten Bartolo viel ntzen, aber diesem scheinen diese betitelten
Jnglinge an sich eine Freude zu sein, obgleich es nur schwarze oder zum
mindesten graue Schafe sind, die er ihren betreffenden Familien fr eine Weile
freundlichst abnimmt. Le Ruinard wird von seinen Eltern verschickt, um ihn dem
Einfluss einer kostspieligen Pariserin zu entziehen. Er sass ziemlich
niedergeschlagen da, bis er erfuhr, dass wir lange in Peking gewesen. Da taute
er auf und verlangte allerhand Ausknfte ber das soziale Leben der chinesischen
Hauptstadt. Ich hrte ihn meinem Bruder leise zuflstern: et les dames de la
cour de Pkin? quelque chose  faire?
    Ich frchte, es gibt die verschiedenartigsten Enttuschungen fr Leute, die
nach Peking auswandern.
    Die zwei brillanten Attachs der Ruby Mines Co. Ltd. empfahlen sich brigens
bald, denn sie reisen morgen mit Bartolo via San Francisko nach China, und sie
wollten offenbar ihren letzten Abend in der vollen Zivilisation geniessen. Wir
blieben zurck mit Bartolo und Dr. Silberstein, der, auf der Rckreise aus
Asien, jetzt einige Zeit hier bleiben will, um eine englische Ausgabe seines
Buches ber China vorzubereiten. Ich fragte nach beider Meinung ber die
beunruhigenden Telegramme aus Peking.
    Bartolo erklrte, das seien alles nur knstlich von einigen Spekulanten
lancierte Nachrichten, um die Rubies zu drcken und sie billig kaufen zu knnen.
Silberstein aber nahm die Nachrichten sehr ernst und sagte, sie seien der erste
offene Ausdruck dessen, was man schon seit langem habe kommen sehen knnen.
Seit Monaten, sagte er, beginnt sich etwas tief in den Untergrnden der
dortigen Welt zu regen, als ob der Drache, der im Schoss der Erde ruht, sich
missmutig dehne und recke. In die innerste chinesische Volksmasse ist Leben
gekommen. Lange haben die gelben Millionen nicht als Faktor gegolten, der bei
Zukunftsrechnungen in Betracht kam. Jetzt scheint es, als wollten sie ihre lange
Apathie abschtteln und mir ist oft, als holten sie zu einem grossen Schlage
aus.
    Aber bester Herr, unterbrach ihn Bartolo, die Chinesen sind doch ein
zufriedenes, leicht zu regierendes Volk!
    Ja, das sind sie, meinte Silberstein, aber die Unzufriedenheit ist diesem
resigniertesten aller Vlker knstlich beigebracht worden. Sie verlangten nur
das Leben mit all seinen Unvollkommenheiten ruhig weiter gleiten zu lassen, wie
es seit den Tagen der Klassiker geschehen, aber immer zahlreichere Leute sind
gekommen, die ihnen von Fortschritt und Wechsel sprachen und die alle irgend
einen Artikel hatten, den sie ihnen als unentbehrlich aufdrngen wollten,
Religionen, Kriegswaffen, Eisenbahnen und Dampfschiffe. Die fremden Maschinen
haben Tausende um ihre kleinen Erwerbe zittern lassen und nicht genug, dass sich
die Lebenden bedroht fhlten, auch die Toten wurden in ihrer Ruhe gestrt, denn
bei den neuen Bauten auf den fremden Konzessionen und bei der Trace der
Eisenbahnen konnte man nicht Rcksicht nehmen auf die durch das ganze Land
zerstreuten Grber. Dies erscheint allen Chinesen als hchster Frevel. Sie
mussten auch sehen, wie die Konvertiten des neuen Glaubens durch ihre
geistlichen Hirten in all ihren weltlichen Angelegenheiten starken Schutz
fanden, zum Nachteil ihrer heidnischen Brder. So wurden diese religis
indifferenten Menschen aus ganz irdischen Grnden allmhlich fanatisch und ihr
politischer Hass erwachte, als sie immer mehr gewahr wurden, dass die Fremden
China geringschtzig als eine Melone ansahen, die reif ist, in Stcke geteilt zu
werden. - Seitdem sind Sekten entstanden zur Vertreibung der Fremden; zuerst
liessen die Autoritten sie nur gewhren, heute schtzen sie sie schon offen.
    Lieber Doktor, sagte Bartolo, Sie sind wie so mancher in der Melancholie
eines prolongierten Aufenthalts in Peking zum Schwarzseher geworden. Ich bitte
Sie, all unsere Nachrichten lauten doch ausgezeichnet, na, und sollten die
chinesischen Autoritten wirklich mal etwas Schwierigkeiten machen, mit der
richtigen Mischung von Drohung und klingenden Grnden hat man sie noch immer
berzeugt, und ernsthaft werden Sie doch nicht von Gefahr durch chinesische
Aufstndische reden wollen - ist ja elendes Pack; werfen Sie einem chinesischen
Volkshaufen eine Hand voll Kupferksch hin, und sie werden alles vergessen, um
sich darum zu raufen, und vor einem europischen Soldaten laufen hundert
chinesische davon.
    Ja, ich weiss,  antwortete Silberstein. Das ist die Ansicht der modernen
Schule ber China. Ich teile sie nicht und glaube, dass wir vor grossen
Ereignissen stehen, die nichts mehr abwenden kann, und die sich logisch aus
unserm eigenen Verschulden aufbauen.

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                                                         New York, 5. Juni 1900.

Der grosse Bartolo und seine beiden eleganten Adjutanten sind abgereist. Vorher
sandten sie mir noch einen riesigen Korb voll tief purpurroter Rosen, der sehr
passend mit rubinfarbenen Bandschleifen verziert war. Ihre Karten lagen dabei in
einem Kuvert, auf dem das Motto prangte: Rubi gagne.
    Ich hatte mich heute Morgen gerade hingesetzt, um Ihnen dies zu beschreiben,
als ich die Zeitung aufnahm und die erstaunlichen Nachrichten fand, dass die
Huangtsung-Station an der Peking-Bahn von Boxern verbrannt worden ist und dass
franzsische und belgische Ingenieure von der Luhan-Bahn vor den Rebellen nach
Tientsin geflchtet sind, wo sie nach grossen Leiden eintrafen. Missionare sind
an verschiedenen Orten mit Konnivenz der Mandarine ermordet worden. In Tientsin
selbst wird ein Angriff der Boxer erwartet, und in Peking soll sich die Lage
sehr verschlimmert haben.
    Whrend der letzten Tage waren die Telegramme gerade ganz beruhigend
gewesen; es hiess, dass seit der Ankunft der Gesandtschaftswachen vllige Ruhe
in Peking herrsche. So hatte ich denn Boxer und alle anderen Realitten
vergessen und hatte weiter Mrchen getrumt.
    Und nun kam das Erwachen, und mir ist, als sei ich unsanft aufgerttelt
worden.
    Wie ich gerade all die Nachrichten gelesen hatte, kam Miss Tatiana de
Gribojedoff ganz aufgeregt zu mir gestrzt und sagte, sie habe gehrt, dass wir
wieder in New York eingetroffen seien, und wir wren gerade diejenigen Menschen,
mit denen sie alles besprechen msse. Dabei zog sie gleich eine Zeitung aus
ihrem Beutel und las mir die Telegramme mit bebender Stimme vor. Sie ist
entrstet, dass nichts vorgesehen und geschehen sei, um alledem vorzubeugen. In
allen chinesischen Begebenheiten sieht sie nur das Ergebnis russischer
Aufwiegeleien, die zu konterkarrieren die Angelsachsen von Gott berufen sind,
und im Tone von jemand, der persnlich Rechenschaft verlangen kann, fragte sie:
I wonder what Salisbury is about? Darauf konnte ich ihr keine befriedigende
Antwort geben, aber statt dessen musste ich ihr ber alle chinesischen
Lokalitten Auskunft erteilen. Der Beutel enthielt auch noch eine
zusammenlegbare Karte Chinas. Die wurde ausgebreitet und ich musste Miss Tatiana
alle Punkte zeigen und auf tausend Fragen antworten. Mir war recht bang zu Mute,
aber lachen musste ich doch, wie Miss Tatiana die Stirn kraus in die Hhe zog
und all meinen Ausfhrungen auf der Karte mit einem Ernste folgte, als laste auf
ihr die Verantwortung fr die Disposition eines Feldzuges. Sie setzte mir
auseinander, Amerika habe in China eine grosse Mission, es msse die Ruhe
herstellen, die offenbar nur durch russische Umtriebe gestrt sei, und darber
wachen, dass diese Begebenheiten nicht zum Vorwand fr Lnderrubereien benutzt
wrden. Zum Schluss kndigte sie mir an, sie werde, bis die Lage sich geklrt
habe, in New York bleiben und hufig zu uns kommen, um mit uns zu konferieren.
    Wir Menschen kmen ohne Sorgen offenbar vor Langeweile um, und Miss Tatiana,
die keine einzige wirkliche hat, schafft sich daher selbsterwhlte auf
politischem Gebiet.

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                                                             New York, 14. Juni.

Seit Tagen habe ich die Empfindung, als liesse die ganze Welt sich treiben, ohne
zu wissen wohin, als laste Umheimliches, Undurchdringliches auf ihr. Und die
heutigen Telegramme sind wie ein Zerreissen des Schleiers - wie wenn bei
Schiffahrt im Nebel pltzlich ein Felsen in drohender Nhe auftaucht.
    Gesandtschaftsmitglieder in P. attackiert, die englische
Sommergesandtschaft zerstrt, Prinz Tuan und andere Fremdenfeinde in das
Tsungli-Yamen ernannt.
    Und nur die ganz kleinen Gesandtschaftswachen! Was knnen die ausrichten,
wenn es ernst wird?
    Heute steht ein Telegramm vom amerikanischen Gesandten in Peking in den
Zeitungen; er bittet um 2000 Mann. Aber wann knnen die dort sein?
    Ich muss immerwhrend an Hofer denken. Man solle Kavallerie in der Nhe
bereit halten, das sei das Wichtigste, sagte er. Ach wie recht hatte doch dieser
streitbare Kirchenmann!
    Er und manch andere Missionare und auch die China-Association in Hongkong
haben gewarnt, und schon in den Schanghaier Mrzzeitungen stehen eindringliche
Artikel ber eine grosse kommende Gefahr. Es ist als htte alle Welt das Unheil
nahen sehen, nur nicht die eigens dazu aufgestellten Schildwachen.
    Unbeachtet sind die Warnrufe verhallt. Man wollte sich im bequemen,
tatenscheuen optimistischen Glauben, dass ja alles ganz gut stnde und die Welt
ein netter behaglicher Aufenthaltsort sei, nicht stren lassen, wollte
Weitlufigkeiten, Parteinahmen und Einmischungen vermeiden, und in der grossen
Sehnsucht nach Ruhe alle dem aus dem Wege gehen, wodurch neue Aktenrubriken
entstehen knnen.
    Und besondere Umstnde kamen noch dazu. Die Amerikaner sagen es selbst in
ihren Zeitungen, dass sie nicht in der Lage seien, Landtruppen nach China zu
senden, weil sie sie in den Philippinen brauchen. Die Englnder haben gerade
genug mit den Buren zu tun. Unsere Zhne sind leider in Afrika, hat ihr
grosser Mann geantwortet, als man neulich in ihn drang, den Chinesen die Zhne
zu zeigen. Die Franzosen haben auch ein besonderes Interesse daran, dass es in
China ruhig bleibt, denn in Ausstellungsjahren soll immer alles eitel Glck und
Freude sein. Ausstellungen sind fr Vlker, was Verlobungen im Familienkreise
sind; da stellt man sich auch an, als sei alles herrlich und schn, alle Fehden
werden fr ein Weilchen begraben und man tut so, als sei Grund zu allgemeiner
Freude.
    Aber die dunkeln, unerforschten Krfte, die uns treiben, die unerbittliche
Schicksalsmacht, die ber uns steht und das werden lsst, was wir nachher
Geschichte nennen, - die kehren sich nicht an Vlker - und Familienfeste, nehmen
keine Rcksicht auf das mde Ruhebedrfnis alternder Geschlechter - die fhren
uns unaufhaltsam weiter, wir wissen nicht wohin - und im dichten Nebel ragen
dann pltzlich vor uns drohende Felsen aus dem Meere empor.

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                                                        New York, 17. Juni 1900.

Mit Angst und Spannung heute frh die Zeitung geffnet, Schlimmes erwartend,
aber doch nicht dies Entsetzliche: Die Gesandtschaften angegriffen, ein
Gesandter ermordet - und diese Mitteilung selbst - dunkel, gerchtweise, wie
Unheilsbotschaften sich im Osten stets verbreiten, so dass man noch tausendfach
Unheimlicheres dahinter vermutet. Alle telegraphische Verbindung mit Peking ist
abgeschnitten. Die Nachrichten sickern durch auf geheimnisvollen Umwegen. Es
ist, als ob hinter einer verschlossenen Tre eine grausige Tragdie sich
abspielte - pltzlich hrt man Sthnen, Blut rinnt ber die Schwelle, man weiss
nicht, was geschehen ist, fhlt nur, dass es Furchtbares, Unerhrtes sein muss,
da, hinter der Tr - man mchte helfen, das Schloss sprengen, die Tr
einstossen, eilen und retten - und man kann und kann nicht. Es ist wie ein
qulendes Alpdrcken.

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                                                        New York, 19. Juni 1900.

Die Taku-Forts sind eingenommen.
    Das muss doch die Chinesen einschchtern! Und nun wird doch sicher die
Entsatzkolonne, die Admiral Seymour fhrt, bald in Peking anlangen oder
vielleicht schon dort sein. Ein paarmal wurde ihre Ankunft schon gemeldet, dann
aber widerrufen.
    Aber wie ist es denn nur alles mglich? Das fragen wir uns immer wieder.
Etwas Traumhaftes hat das Ganze, und man ringt, endlich erwachen und all den
nchtlichen Spuk abschtteln zu knnen. Wenn ich an unsere stillen monotonen
Pekinger Jahre zurckdenke, sage ich mir oft, dies ist ja alles nur ein
verrcktes Mrchen, an das niemand glauben kann. ber wie vieles wurde doch in
China geklagt! ber Hitze, Staub und Moskitos, berarbeitung, rger durch das
eigensinnige Tsungli-Yamen oder ber die grossen Herren zu Hause, denen China
ein Buch mit fnf Siegeln ist und die doch alles besser wissen wollen. Aber dass
Gefhrdung der persnlichen Sicherheit je zum Gegenstand gerechter Beschwerde
gegen das Schicksal und die Chinesen werden knnte, wre keinem in den Sinn
gekommen. Unmglich wre es uns allen erschienen, und was wir jetzt hren,
klingt kaum glaublich - - aber wenn ich dann die Zeitungen mit den gross und
fettgedruckten Telegrammen sehe und hre, wie alle Menschen nur von China reden
- dann weiss ich, dass das Abenteuerlichste, Wildeste und Unwahrscheinlichste in
unsern Tagen Wahrheit geworden ist.
    Wir haben die Chinesen nur als arme, gedrckte Menschen gekannt! Knechtung,
Erpressung und Ungerechtigkeit, wie auch grosse verheerende Naturkatastrophen
schienen sie geduldig zu tragen; vielleicht sahen sie in ihnen nur die
verhltnismssig gleichgltigen Begleiterscheinungen des einen grossen bels,
des Lebens. Jahrhundertelang sind sie gezchtet worden in einem System, dessen
Erpressung, Ungerechtigkeit und Betrug so recht auf der ewigen Trgheit und
Feigheit der grossen Massen beruhen. Jeder hatte dort immer Mchtigere zu
vershnen, umzustimmen, zu erkaufen. Die einzige Erleichterung und Rettung vor
der ungeheuren Last war schlaue berlistung der Bedrcker. Wie so oft in
menschlichen Verhltnissen, knechtet dort der Strkere den Schwcheren und wird
dafr von ihm hintergangen. Leicht zu befriedigen schienen mir eigentlich die
Chinesen, verlangten nicht mehr, als dass die paar Kupfermnzen, die sie tglich
verdienten, ihnen nicht von einem ihrer Peiniger abgerungen wrden; dass dies
aber oft vorkommen muss, sahen sie alle als alte Weltenregel an, in die man sich
philosophisch fgt, wenn man sie nicht listig zu umgehen weiss. Arme, durch
Bedrckung schlau und gemein gewordene Menschen, deren Geist viel mehr nach
kleinen Schlichwegen, spitzfindigen Verdrehungen und Betrgereien als nach
grossen Taten zu sinnen schien. Und sie alle sollen mit einemmal zu rasenden
Kmpfern geworden sein, die es mit den Herren der Welt aufnehmen wollen?
    Ein Rtsel im rtselreichen China.
    Seltsam klingt es uns auch jetzt, in hiesigen Zeitungen zu lesen, dass diese
selben so elend und stumpf dahinlebenden Chinesen eigentlich Wesen von
erstaunlich nervser Anlage seien, die von Fanatikern hypnotisiert wurden zu
wildem Fremdenhass und blindem Glauben an eigene Unverwundbarkeit und
Siegesgewissheit. Mir aber will es scheinen, dass diese Hypnotiseure vor allem
ihre Kraft an den Fremden in Peking ausgebt haben mssen, sie in wunderbaren
Sicherheitswahn wiegend.
    Miss Tatiana besucht mich hufig und hlt lange Reden, in denen sie alle
Ministerien der verschiedensten Lnder zur Verantwortung zieht. Silberstein traf
bei mir mit ihr zusammen und meinte nachher: Das ist eine Dame, die einen Band
Junius-Briefe schreiben sollte.
    Die beiden verhandelten lange ber die chinesischen Ereignisse, und Miss
Tatiana kam immer wieder darauf zurck, warum nichts von alledem von den
angelschsischen Staatsmnnern, denen sie ihr Leben lang vertraut, vorgesehen
worden sei.
    Der Journalist meinte: Ja, die Nachrichten aus China sind freilich so recht
geeignet, die Fundamente des Glaubens an vorausschauende Staatsweisheit stark zu
erschttern. Aber es wird berhaupt viel weniger geplant und gelenkt, als man
uns im Geschichtsunterricht lehrt. Die grssten Ereignisse kommen meist
unerwartet. Man hat sich treiben lassen, ohne viel zu fragen, wohin und steht
pltzlich vor berraschenden Tatsachen. Das landlufige Heroentum besteht dann
eigentlich nur immer darin, sich mit Geschick aus Schwierigkeiten zu ziehen und
es nachtrglich so darzustellen, als habe man alles vorausgesehen.
    Aber, fragte Miss Tatiana, hat man denn nicht von Anfang an erkannt, dass
diese fremden- und fortschrittsfeindliche Partei unseren kommerziellen
Interessen notwendigerweise grossen Schaden zufgen muss? Warum hat man sie
berhaupt je so anwachsen lassen?
    Um sie erfolgreich zu bekmpfen, antwortete er, htte man sich offen zum
Kaiser und zu seinen Reformfreunden bekennen mssen. Es gab vielleicht einen
Moment, wo man das gekonnt htte. Aber dazu hatte niemand den Mut und niemand
sah wohl ein, wieviel auf dem Spiele stand. Die Schicksalsstunde fr China war
der Staatsstreich der Kaiserin Witwe im September 1898. Dass damals die ganze
Welt zuschaute, wie aller Fortschritt vertilgt wurde, nachdem er so lange
gepredigt worden war und endlich eine Partei eifriger Bekenner gefunden hatte,
und dass man zuliess, dass die finstere Reaktion an seine Stelle trat - das
rcht sich heute, denn es rcht sich immer, aus Bequemlichkeit und Angst vor
Komplikationen wissentlich das Hhere unterdrcken zu lassen, so schlau es auch
im Moment erscheinen mag, Einmischungen zu vermeiden. Wer heute von idealen
Gesichtspunkten in der Politik redet, begegnet nur mitleidigem Achselzucken, und
doch wre die Macht, die damals fr das ideale Streben der Reformpartei
eingetreten wre, heute wohl die fhrende in China, und die unvermeidlichen
anfnglichen Schwierigkeiten, denen sie begegnet wre, htten sicher nicht die
Tragweite des Konfliktes angenommen, dessen kleines Vorspiel wir eben erst
erleben. Die Vereinigten Staaten htten diese Rolle bernehmen knnen, um so
mehr, als sie China gegenber reine Hnde haben. Aber um solche Entschlsse
fassen zu knnen, gehren grosse, leitende Gedanken - und der Laden, wo Ideen
fr Staatsmnner und Diplomaten und Bcherstoffe fr Autoren verkauft werden,
existiert leider noch immer nicht.

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                                                    New York, den 21. Juni 1900.

Der entsetzliche Traum dauert weiter, keine Nachricht aus Peking, und schlimmer
als alles, keine Nachricht von Ihnen. Ach, wo sind Sie, lieber Freund? Meine
tgliche Hoffnung ist, ein Telegramm von Ihnen zu erhalten, dass Sie in
Schanghai von Ihrer grossen Reise ins Innere zurckgekehrt sind. Um diese Zeit
mssten Sie doch dort eingetroffen sein. Was kann Sie so lang aufgehalten haben?
Ich sehne mich so sehr danach, von Ihnen zu hren, dass das Warten zu einem
physischen Schmerz wird.
    Die Hitze liegt bleiern auf der Stadt. Tag und Nacht keine Abkhlung. Die
Nchte sind am schlimmsten. Sie scheinen so endlos mit den wirren Gedanken, dem
fiebrigen Einschlummern und den verschwommenen bengstigenden Visionen, die sie
bringen. Dann wird die Hitze zu einem greifbaren Wesen, im Dunkeln lastet sie
auf mir wie ein Alpdrcken, ich glaube sie fhlen und fassen zu knnen. In den
Zeitungen steht, wie alle Jahre, es sei dies ein anormaler Sommer, noch nie
htten Menschen und Tiere so sehr unter der Hitze gelitten, noch nie seien so
viel Hitzschlge vorgekommen. Es scheint, als sei es den Menschen ein Trost,
sich einzubilden dass gerade ihre Leiden ausnahmsweise gross seien, so gross,
dass sie dadurch von einer gewissen Bedeutung wrden. Und es ist doch alles
bedeutungslos. Leiden scheint nur ausnahmsweise gross, wenn es gerade unser
persnliches Leiden ist. Knnten wir den Begriff unseres Ichs erweitern und
dadurch mehr Leiden umfassen, so wrden uns diese neuen Qualen, die wir bisher
kaum ahnten, auch wieder als ganz ausnahmsweise gross erscheinen.
    Wenn einst in Millionen von Jahren die Erde tot und eisig durch die
Weltenrume kreist, wer wird dann nach den kleinen Wesen fragen, die mal auf ihr
an Hitzschlag starben!
    Die Stadt ist ganz leer. Wir sind noch hier. Ich mchte auch gar nicht fort.
Gerade hier in der furchtbaren Hitze glaube ich manchmal wirklich dort zu sein,
wo all meine Gedanken sind. Hinter den hohen Pekinger Stadtmauern. Allein schon
die Hitze dort in dieser Jahreszeit, ohne alles andere - welche Marter! Ich
bilde mir ein, daran teilzunehmen, von hier aus mittragen zu helfen.
    Wie schn wre es doch, wenn man fr andere tragen knnte, wenn man sagen
knnte: Ruh Du Dich jetzt aus, denn nun schieb ich die Schulter unter die
Last. Das Weh der Welt ist aber nicht wie ein Brot bestimmter Grsse, je mehr
davon essen sollen, desto kleiner mssen die Teile werden. Nein, es wchst mit
jedem neuen Gast, es ist immer in berfluss auf dem Tisch und kmen auch immer
wieder neue Millionen hinzu. Tragen helfen! auch so eine Illusion, mit der die
grosse Hoffnungslosigkeit verborgen werden soll. Jeder trgt, was schon mit ihm
in der Wiege lag, was mit ihm selbst gewachsen ist, trgt, weil es eben nicht
anders geht. Und vor, neben und hinter ihm stehen unabsehbare Reihen von Wesen,
die auch alle tragen, jedes seine Last.
    In Wahrheit abnehmen kann keiner dem andern etwas, so dass der wirklich frei
aufatmete - wir knnen nur zum eigenen Leid uns noch das des anderen hinzudenken
- mit ihm mitleiden.
    Mitleiden - ach, wie sehr leide ich hier mit jenen, die ich in Peking
gelassen, leide mit Ihnen, lieber Freund! Bald suchen meine Gedanken Sie hinter
den dstern Stadtmauern, die mit unheimlichem Schweigen unbekanntes Schicksal so
vieler umgeben, bald in dem grossen, brodelnden China, von dem aus allen Teilen
Nachrichten ber Aufstnde und Metzeleien eintreffen.
    Und mit all meinem Mitleid kann ich so gar nichts helfen!

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                                                    New York, den 22. Juni 1900.

Lieber Freund! In diesen Zeiten wachsender Angst und Sorge denke ich so
unablssig an Peking und an alles, was sich dort zutragen mag, dass es mir oft
ist, als sei ich selbst dort und ich mich kaum noch erinnere, wo ich mich in
Wirklichkeit befinde. Redet mich jemand an, so fahre ich auf, wie aus einem
Traume gerissen und muss mich erst wieder besinnen auf die mich umgebende Welt.
Stundenlang liege ich nachts wach und sinne nach und suche durch die Gewalt des
Willens den Schleier zu lften, der undurchdringlich zwischen uns liegt. Ich
lausche, ob durch das tiefe Schweigen nicht doch eine einzige Stimme dringt, die
mir Kunde brchte. Und dann am Morgen das fieberhafte Warten, bis die Zeitungen
kommen, der jedesmalige sichere Glauben, heute mssen sie erlsende Nachrichten
enthalten - und das jedesmalige Zusammensinken aller Hoffnung, die bittere
Enttuschung - immer das gleiche tiefe Schweigen.
    Bilder aus jenen vergangenen Zeiten ziehen unablssig an meinen Augen
vorbei, und ich mchte jede kleinste Erinnerung an all die damaligen Ereignisse
festhalten, wenn sie auch anderen gleichgltig erscheinen - sind sie doch meine
Schtze - das Einzige vielleicht, was mir geblieben. Als ob von einem alten
verblassten Gemlde der Staub gewischt wrde und man nun die Zge wieder
gewahrt, so fllt mir tausend Vergessenes ein. Die Geschichte jener Jahre, in
denen wir uns trafen und kannten, rollt sich wieder vor mir auf, und bestndig
glaube ich zu sehen, wie Sie mich aus den Tiefen der Vergangenheit anschauen.
    Beim ersten Anblick mancher Menschen habe ich die dunkle Empfindung gehabt,
sie frher schon gekannt zu haben, obschon ich doch genau wusste, dass ich sie
in diesem Leben zum erstenmal sah. Wo, wann mochten wir uns wohl getroffen
haben? Was war es, das uns frher einmal vereinigt hatte und woran die
Erinnerung mich pltzlich leise zu mahnen schien? Niemals habe ich das so sehr
empfunden, lieber Freund, als an dem Tage, da ich Sie zum erstenmal sah.
    Erinnern Sie sich dessen noch?
    Es war bei einem Diner in Peking, im Hause des langjhrigen Gesandten von
***, eines der letzten Reprsentanten jener alten politischen Schule, die noch
an die unberwindliche Macht Chinas glaubte und in der Behandlung dieses
asiatischen Vlkergebildes als ebenbrtigen Grossstaates eine Befriedigung der
eigenen Diplomateneitelkeit fand.
    Ich entsinne mich, dass, als mein Bruder und ich eintraten, die meisten
Gste schon versammelt waren. Der Hausherr erklrte gerade einem neu
eingetroffenen Kollegen die verwickelte Frage der Audienzen fremder Gesandten
beim Kaiser von China. Er wurde ganz wehmtig ber die immer neuen
Zugestndnisse, die die Gesandten in der Art ihres Empfanges erlangt htten, und
man merkte ihm an, dass er innerlich ganz auf seiten der Chinesen stand, denn es
gewhrte ihm eine unendliche Genugtuung, an einem Hofe akkreditiert zu sein, was
man bei Republikanern ja mitunter findet, und er nahm es persnlich bel, wenn
man diesen seinen Spezialhof nicht so recht als voll gelten lassen wollte. Als
ich ihn einmal unmittelbar nach solch einer Audienz traf, sagte er mir
wrdevoll: I have just been in the presence of Royalty.
    Ein Stab junger Dolmetscher umgab den alten Gesandten. Mit ihrer Hilfe
richteten die Fremden einige Stze an einen Minister des Tsungli Yamen, eine
lebende Mumie, die sich unter den Geladenen befand und kein Wort einer
europischen Sprache kannte. Auch zwei jngere Chinesen waren zugegen; sie
trugen ber langen, seidenen Gewndern, weitrmelige Jacken aus zart gefrbtem
Damast und auf dem Kopf schwarze Atlas-Kppchen, mit einer grossen Perle ber
der Mitte der Stirn. Offenbar Pekinger Gigerl! Sie wurden mir als Marquis
Tschiao fenglo und Bruder vorgestellt, die sehr gut englisch knnten. Ich redete
den einen, der mir der ltere schien, als Marquis an, erhielt aber die Antwort:
my brother he be Marquis, me be plain Esquire. Im verblffendsten Pidgin
Englisch erklrten mir dann die Brder, dass der ltere nur ein adoptierter Sohn
des verstorbenen Marquis Tschiao sei. Whrend sie mir noch die verwickelte Frage
von Adoption in China zu erklren suchten trat unser Wirt an mich heran.
    Sie folgten ihm.
    Er stellte Sie vor.
    Und sobald ich zu Ihnen aufschaute, hatte ich die ganz bestimmte Empfindung,
Sie frher schon gekannt zu haben - und ich wusste doch ganz genau, dass ich Sie
zum erstenmal erblickte. Es war ein ganz seltsames Gefhl. Mir war, als stnde
ich an jener Tr, die fr uns verschliesst, was wir gewesen vor diesen paar
kurzen Erdenjahren, fr die unser schwaches Gedchtnis gerade mhsam reicht -
und mit Anstrengung aller Fhigkeiten des Denkens und Erinnerns suchte ich diese
Tr fr einen Augenblick spaltenweit zu ffnen.
    Bei dem Diner sassen Sie ziemlich weit von mir, wenn ich mich aber etwas
vorbog, konnte ich Sie mir schrg gegenber erblicken. Immer wieder fragte ich
mich Wann? Wo? Ein paarmal gelang es mir auch in dem Schwirren und Summen der
allgemeinen Konversation den Ton Ihrer Stimme zu vernehmen, und der klang mir so
wohlbekannt, als htte ich ihn jahrelang gehrt.
    Nach Tisch sprachen wir lange zusammen, und mit jedem Augenblick erschienen
Sie mir bekannter und vertrauter und es dnkte mich, als lse ich auch in Ihren
Augen ein staunendes Wiedererkennen.
    Ich hatte ja seit unserer Ankunft in Peking viel von Ihnen gehrt, von Ihren
merkwrdigen, abenteuerlichen Reisen in Teilen Chinas, die kaum je von Europern
betreten werden, von Ihren wunderbaren Sammlungen, von Ihren Freundschaften mit
den Lamahs entlegener Klster, die nie mit andern Fremden sprechen, Sie aber
dank Ihren buddhistischen Studien beinahe als einen der Ihrigen ansahen. Ich war
natrlich sehr gespannt gewesen, Sie kennen zu lernen, aber was ich empfand, als
ich Sie nun wirklich sah, hatte nichts mit dem zu tun, was ich von den Umstnden
Ihres jetzigen Lebens gehrt - die Wurzeln dieses Gefhls des Wiederfindens
mussten weit zurckgreifen in die grauen Fernen lngst vergessener Zeiten.
    Auf dem Heimweg in dem blauen zweirdrigen Karren, der auf der holprigen
Strasse wie ein Schiff im Sturme schwankte und den das Maultier oft nur mit
usserster Anstrengung aus den fusstiefen Lchern herausziehen konnte, und
spter in meinem kleinen schmucklosen Zimmer des Hotel de Pkin - immer wieder
fragte ich mich: Wann? Wo?
    Aber an jenem Abend fand ich keine Antwort.

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                                                    New York, den 23. Juni 1900.

Wie ich die Antwort fand, will ich Ihnen heute schreiben!
    Ihnen schreiben? und weiss doch nicht, wo Sie sind, ob dieser Brief je vor
Ihnen liegen wird, ob es fr uns noch eine Zukunft geben kann, oder ob das ganze
weitere Leben nicht wehes Erinnern sein muss an vergangene Tage.
    Und doch ist mir, als umgben mich Ihre Gedanken, als lauschten Sie irgendwo
in weiter Ferne ob nicht ein Wort von mir zu Ihnen dringe.
    Sie in der Weite zu suchen, sende ich diese kleine Geschichte aus; halb
vergessen, nie wieder berhrt, hat sie seitdem verborgen in mir geruht; wie sie
nun wieder lebendig vor mir ersteht, fhle ich, dass mit ihr auch das nie
ausgesprochene Hoffen in mir schlummerte, sie Ihnen doch noch einstmals am Abend
eines schnen knftigen Sommertages ganz leise zuflstern zu knnen!
    Es war am Morgen nach dem Diner des alten Gesandten. Lautlos trat meine
filzbesohlte Amah in das Zimmer. Ihr schwarzes Haar war glatt zurckgestrichen
und am Hinterkopf knstlich zu einem Horn gedreht. Sie trug jahraus, jahrein
lange indigoblaue Baumwollgewnder; Winters waren sie dick wattiert und mit
zunehmendem Froste zog die Amah eines ber das andere, bis dass sie wie eine
Tonne aussah und ihre Arme wie riesige Wrste von ihr abstanden. Sommers
dagegen, wenn all die wattierten Mntel auf dem Pfandhaus ruhten, erschien sie
ganz schlank. Die Amah war Christin und in der Klosterschule des Petang von den
franzsischen Nonnen erzogen. Sie hatte dort einige Worte Franzsisch
aufgeschnappt, was den Verkehr entschieden erleichterte, wenn man erst mit ihr
bereingekommen war, was jedes Wort in ihrer Gebrauchsweise eigentlich bedeuten
sollte.
    An jenem Morgen sah sie strahlend aus und sagte mir: Joli Monsieur hat ein
Geschenk fr Madame geschickt. Wer Geschenke machte war nach der Amahs
franzsischem Sprachgebrauch immer joli; sie urteilte offenbar nach dem
Grundsatz handsome is who handsome does. In den schmalen gelblichen Hnden
hielt sie eine grne Nephrit-Schale, die mit rosa Magnoliablten gefllt war.
    Zwischen den Blumen aber lag Ihre Karte.
    Ich beugte mich ber die Blten und wie ich ihren sssen Duft einsog,
berkam mich ein seltsames Gefhl des Schonerlebten. Es war mir, als trume ich,
als msse ich nun handeln, wie es mir eine geheimnisvolle, unsichtbare Macht
eingab. Mechanisch ergriff ich einen der braunen Zweige, an dem zwischen gelben,
pelzigen Schutzblttchen zwei schne rosa Knospen sich ffneten. Mechanisch trat
ich vor den ziemlich blinden, zersprungenen Hotelspiegel und, wie fremdem Willen
gehorchend, hob ich den Bltenzweig ber mir in die Hhe, schlang eine Strhne
meines Haares mehrmals zwischen den beiden Blumen durch und befestigte sie so
auf meinem Kopfe.
    Im Augenblick aber, als ich dies getan und mich vorbeugte, um besser in dem
blinden Spiegel zu sehen, verschwanden pltzlich die Wnde des kleinen
Hotelzimmers und mit ihnen die Mbel, die Amah und alles, was noch vor einer
Sekunde um mich gestanden hatte. Ich selbst war verschwunden und doch sah ich.
    Ich sah ein spiegelglattes Meer, ber dem der wolkenlose Himmel in endlosen
Hhen blaute. Manchmal hob sich die schimmernde Flche, als seufze die See im
Traume; dann kruselte sich ein kleines Wellchen am goldig flimmernden Strand
entlang und versank wieder in das lautlose ewige Blau. Am Ufer sassen zwei
Menschen. Sie waren beide hoch und krftig gewachsen und mit weichen Fellen
unbekannter Tiere bekleidet; goldblondes Haar hing beiden ber die Schultern
herab und ihre Augen waren blau und klar und doch so unergrndlich tief wie das
weite Meer vor ihnen. ber beiden lag ein unendlicher Zauber von Jugend, von
Frhmorgen, von Weltenbeginn. Der Mann beugte sich zum Meere und griff nach
einer grossen, offenen rosa Doppelmuschel, die von einer Welle leise
herangesplt wurde. Er reichte sie der Frau. Die nahm sie, hob sie ber sich in
die Hhe, schlang eine Strhne ihres Haares mehrmals zwischen den beiden rosa
schimmernden Muschelhlften hindurch und befestigte sie so auf ihrem Kopfe. Dann
wandte sie sich lchelnd zu dem Manne. - - Der aber hatte Ihre Zge angenommen,
und das Bild der Frau, das sich in seinen Augen spiegelte - war mein eigenes!
    Ich wollte mehr und tiefer schauen - doch die Vision entschwand - das blaue
Meer ward grau und trbe - die beiden Gestalten versanken.
    Ich befand mich wieder in dem drftigen Pekinger Hotel-Zimmer; vor mir hing
der kleine gesprungene Spiegel; die Amah stand neben mir, als sei nichts
vorgefallen.
    Aber meine Frage: Wann? Wo? war beantwortet.
    In Uranfangszeiten haben wir beide zusammen an sonnigem Strande gesessen -
vielleicht war ich einstmals das erste Wesen, das sich schmckte - einem anderen
zu gefallen.
    Die grne Nephrit-Schale, die Sie mir mit den Magnolienblten sandten, hat
mich nie verlassen. Sie steht auch heute vor mir, und ich starre auf die
seltsamen, fremden Schriftzeichen, die in den harten grnen Stein gemeisselt
sind und die da bedeuten: was einmal auf dem ewigen Rade der Zeiten gewesen,
muss stets von neuem wiederkehren.
    Wirres Vergangenheitserinnern, banges Zukunftsahnen durchschauert mich. Im
Dunkeln tasten wir umher, bis wir in vlliger Nacht versinken - wissen nicht,
woher wir kommen, noch wohin wir gehen.

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                                                    New York, den 24. Juni 1900.

Immer dieselben widersprechenden Nachrichten in den Zeitungen. Die Schilderungen
entsetzlicher Metzeleien, daneben die Versicherungen chinesischer Gesandten, das
die Fremden in Peking noch am Leben seien, dass ihnen irgend ein chinesischer
General beistnde. Was soll man glauben? Ach, man glaubt ja bis zuletzt immer,
was des Herzens heissester Wunsch ist.
    Ich habe angefangen mein Pekinger Tagebuch wieder durchzulesen. Auf jeder
Seite steht Ihr Name, lieber Freund, und daneben irgend eine neue Freude, die
Sie sich fr mich ausgedacht! Damals nahm ich es alles so hin - als knne es
nicht anders sein. Jetzt erst beim Lesen ist es mir, als sprche aus den
vergilbten Blttern eine ferne Stimme zu mir und erzhlte mir leise von Dingen,
die ich nur dunkel geahnt. Jetzt versteh ich - jetzt, wo vielleicht ... Aber ich
will das Entsetzliche nicht denken - es darf nicht so enden! Ich habe ja auch
gar keinen sicheren Anhaltspunkt dafr, dass Sie mit in Peking eingeschlossen
sind - nur dass es so ungefhr die Zeit ist, in der Sie von Ihrer Reise zurck
sein sollten. Aber wie oft dehnen sich solche Reisen im Innern lnger aus, als
man zuerst berechnet, und wenn Sie unterwegs von den Unruhen hrten, werden Sie
doch sicher nicht den gefahrvollen Weg nach der Kste eingeschlagen haben,
sondern werden wohlgeborgen bei einem Ihrer Freunde geblieben sein. Denn Sie
hatten deren ja so viele unter den Eingeborenen und sind mir immer als der eine
Fremde erschienen, der wirklich Fhlung mit den Chinesen hatte. Sie kannten
Palastbeamte, Zensoren, Gildenhupter. Literaten, whrend so manche andere
Europer beinah einen gewissen Stolz hineinsetzten, von den Kindern des Landes
mglichst wenig zu wissen. Jetzt ist es mir ein Trost, mich daran zu erinnern,
dass Sie auch unter den Mongolen, die jeden Herbst nach Peking ziehen, Freunde
hatten, und unter den Hndlern, die die fernen Provinzen durchstreifen, um fr
reiche Sammler berhmten alten Vasen nachzuspren. Von all diesen Leuten
erhielten Sie stets Nachricht von Dingen, die anderen verborgen blieben, und Sie
haben gewiss die Ursachen und das Entstehen dieser neuesten Begebenheiten, die
uns als pltzliche Erscheinungen berraschen, lange im voraus gekannt. Sie sind
ja vielleicht der einzige Europer, der China so gut kennt, dass Sie spurlos in
den Volksmassen untertauchen knnten - den Strickland Chinas hatten
Kipling-Schwrmer Sie einstmals genannt. Wenn irgend einer, mussten Sie sich
retten knnen.
    Wenn ich doch aber nur eine Silbe von Ihnen hrte!
    Ach, dies fortwhrende Grbeln und Sehnen - dies Wissenwollen und doch
Zittern vor dem Wissen.
    Bestndig schweifen die Gedanken zurck zu den verflossenen Jahren. Das
Pekinger Huschen, das Sie uns zu mieten und einzurichten halfen, sehe ich immer
wieder vor mir. Mit Mauern umfriedet lag es in der Strasse hinter den
Gesandtschaften nahe am Hatamen, dort, wo die grossen Bume stehen. Des kleinen
Hofes mit der riesigen, verwitterten Steinschildkrte, und der Wistaria mit den
hell lila Bltendolden gedenke ich und der vielen Abende, die wir unter dem
alten Baume sitzend dort verbrachten. Der Wind spielte in den Zweigen und leise
fielen die blassen Blten auf uns herab. Eine versptete Biene flog summend
durch den Hof. Von jenseits der Mauer drangen die seltsamen, abendlichen Rufe
der Verkufer, die durch die Strassen zogen, aus der grossen, grauen Stadt zu
uns - Tne aus einer Welt, von der wir allmhlich einige kleine usserlichkeiten
zu unterscheiden lernten, deren Geist und innerstes Wesen uns doch ewig fremd
und rtselhaft bleiben werden. Und beklemmend wurde in solchen Stunden das
Gefhl unendlicher Ferne und Weite. Einer Last gleich legte es sich auf das
Herz. Ein traumhaftes Empfinden der Angst, im Raum verloren, durch unabsehbare
Entfernung und unendliche Zeiten von allem getrennt zu sein, das frher einmal
unsere Welt gewesen.
    Was mag aus unserem Huschen geworden sein? Was aus den Menschen allen, die
ich dort gekannt, die inmitten Tausender fremder und feindlicher Wesen so
ahnungslos sicher dahinlebten? Es ist, als seien sie alle weggezaubert,
versunken in eine Nacht, die unser Blick nicht zu durchdringen vermag. Immer
wieder sehe ich sie alle vor mir, wie sie sich am Morgen unserer Abreise in
unserem kleinen Hofe versammelt hatten, um uns Lebewohl zu sagen. de und
ausgerumt war alles und Ta dirigierte die Kulis, die sich die letzten Koffer
und Kisten aufluden. Man sass auf den Treppenstufen und auf dem Rcken der alten
Steinschildkrte herum, und alle Sprachen schwirrten durcheinander. Abschied
wurde genommen und Rendez-vous in der Pariser Ausstellung verabredet: Auf
Wiedersehen! auf Wiedersehen! tnt es mir immer wieder in den Ohren. Wie oft und
ahnungslos haben wir doch alle an jenem Morgen das Wrtchen wiederholt! Und dazu
knatterten die Feuerwerke, mit denen die Chinesen alle Abreisen begleiten, um
die bsen Geister zu verscheuchen. Aber die fllten wohl schon damals das ganze
Land, unsichtbar lauernd harrten sie ihrer Stunde und keiner von jenen, die da
standen, fhlte ihre Gegenwart. Denn das Schicksal schlgt mit Blindheit, die es
zu verderben gewillt ist.
    Und Sie, der Sie vielleicht der Einzige waren, der ahnend vorausschaute, wo
sind Sie, lieber Freund? - das ist die qulendste, unertrglichste Frage. In
immer neuen Gefahren glaube ich Sie zu sehen.
    Wann werden wir wissen? oder ... werden wir nie wissen? ...

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                                                    New York, den 25. Juni 1900.

Mein Tagebuch ist mein einer grosser Trost. Ich vertiefe mich ganz in seine
Lektre. In ihm erlebe ich Vergangenes immer von neuem und vergesse zeitweise
die qualvolle Gegenwart. Ich kann verstehen, was ganz alte Leute meinen, wenn
sie von der grossen Freude sprechen, die es gewhrt, einen Menschen zu treffen,
der uns kannte, als wir jung waren. Mein Tagebuch ist mir wie jemand, der mich
schon lange kennt, in dem ich mich wiederfinde, und vor allem ist es mir jemand,
der Sie gekannt hat. Wie lang verweil ich doch bei den Seiten, in denen ich
etwas von Ihnen wiederfinde!
    Heute las ich von einem Morgen, an dem Sie mich abholten, um mir in
chinesischen Lden bei Besorgungen fr das Huschen zu helfen. Nur wenige Worte
enthlt mein Tagebuch darber, aber die rufen mir alles wieder lebhaft vor
Augen.
    Ob Sie sich wohl auch noch daran erinnern? Es war Winter. Wir gingen durch
das finstre Tor der Tatarenstadt und dann ber die Bettlerbrcke, uns mhsam
einen Weg bahnend zwischen langen Zgen mongolischer Kamele, zahllosen wirr
durcheinanderfahrenden blauen Karren und einem Gewhl seltsam fremdartiger
Menschen: Mongolen, in breitabstehenden Pelzmtzen und dicken ockergelben und
kupfrig roten Rcken; Chinesen, frstelnd trotz ihrer vielen wattierten
Gewnder, die Hnde unter den lang berhngenden rmeln verborgen, auf dem Kopf
einen spitz in die Hhe stehenden roten Baschlick, der fest um den Hals
zugebunden war. Andere trugen ber den Ohren kleine Pelzfutterale; man konnte
sie oft mehrmals anrufen, sie hrten gar nichts und wurden bestndig von Karren
und Reitern angerannt.
    Das waren die Wohlhabenden, die sich gegen die Klte zu schtzen vermochten,
aber auf der Bettlerbrcke, zwischen den kleinen offenen Buden und Garkchen,
drngte sich eine Menge grausiger Gestalten; halb nackt waren manche und die
abgemagerten Krper zitterten vor Klte; wir sahen eingefallene Gesichter, blaue
Lippen, violette, halb erfrorene Glieder, Wunden und Gebrechen aller Art, Haare
struppig verfilzt, Augen, die wie im Wahnsinn starrten. Kaum menschliche Wesen
waren sie zu nennen in ihrem Schmutz und ihrer namenlosen Verkommenheit. Und
viele waren noch sehr jung, noch Kinder, und mussten doch auch mal eine Mutter
gehabt haben! Und der Jammer dieser vielen, besser nie gelebten Leben erschien
deshalb so entsetzlich, weil seine vllige Hoffnungslosigkeit so klar vor Augen
lag.
    Umringt von den Bettlern blieben wir an einer der kleinen Garkchen stehen,
wo in alten, hundertfach gesprungenen und mit Draht kunstvoll geflickten
Porzellannpfen, namenlose, seltsam duftende Speisen feil geboten wurden.
Heisshungrig schauten die Bettler nach der grossen Pfanne ber dem offenen
Feuer, auf der Fleischabflle, zu Bllen geformt, in siedendem Fett gebraten
wurden. Blulich stieg der heisse Dunst auf in der kalten Winterluft und gierig
sogen die Armen den Geruch brozelnden Fettes ein und drngten sich mglichst
nahe an das Feuer. In ihres Daseins Hlle war eine warme Mahlzeit am Feuer einer
Garkche wohl das Hchste, was die Erde zu bieten vermag - und Sie liessen allen
zu essen geben und blieben dabei, damit auch jeder wirklich sein Teil bekam;
denn die Bettler Pekings waren Ihre besonderen Schutzbefohlenen. Wie oft habe
ich Sie von dieser merkwrdigen Schar umringt gesehen, die wir Ihre Garde
nannten!
    Ich fragte Sie nach einigen der seltsamsten Gestalten, Sie kannten sie alle
und sagten: Auch unter diesen rechtlosesten aller Menschen bestehen noch
Rechtsstreitigkeiten: Jeder darf nur in bestimmten Strassen betteln; alle
zusammen bilden sie eine Gilde, an deren Spitze ein kaiserlicher Prinz steht,
dem sie einen jhrlichen Tribut entrichten mssen - denn nichts auf Erden wird
mehr ausgebeutet, als das Elend, das sich nicht zu wehren vermag.
    Von der Bettlerbrcke bogen wir rechts in kleine Strassen ein. Ich weiss
nicht, ob der Anblick all des Jammers um uns her uns darauf gebracht hatte, aber
ich entsinne mich, dass wir auf dem Weg von dem geringen Mass an Glck sprachen,
das auf Erden zu finden ist, und dass ich sagte: und diesem bisschen Glck
vermgen wir auch nicht mal voll ins Gesicht zu schauen, immer erscheint es uns
im Profil, zurck in die Vergangenheit, oder hinaus in die Zukunft schauend.
    Wr es denn wirklich gar nicht mglich, dem Glck in der Gegenwart khn und
entschlossen, voll ins Antlitz zu schauen? sagten Sie leise vor sich hin, und
der Klang Ihrer Stimme erschien mir pltzlich beinah fremd, bebend, als benhme
Ihnen die eisige Luft den Atem.
    Ihre leisen Worte enthielten eine Frage. Aber ich vermochte nicht zu
antworten - frchtete das Zittern der eigenen Stimme. Fhlte Ihre Augen auf mir
ruhen und wagte nicht aufzuschauen.
    Ich schttelte nur schweigend den Kopf. Der Wind pfiff eisig um die Ecken.
Der Boden war hart gefroren. Der Winterhimmel hing schneeschwer herab. Es war,
als laste uraltes Unheil auf der ganzen Welt. Frstelnd empfand ich pltzlich
die grosse Klte. Eilend, wie vor Gespenstern fliehend, schritten wir weiter.
    Wir sprachen beide nicht mehr.

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                                                    New York, den 26. Juni 1900.

Vor einigen Tagen lasen wir, dass der Provikar Hofer, dessen Warnungen niemand
in Europa glauben wollte, und der nach China zurckgekehrt ist, sich in
Schanghai befindet. Ich telegraphierte ihm, ob er wisse, wo Sie sind, denn ich
konnte die Ungewissheit nicht mehr lnger ertragen. Und soeben kommt die
Antwort: Muss nach letzten Nachrichten unmittelbar vor Beginn Belagerung Peking
eingetroffen sein.
    Also nicht mal mehr die eine schwache Hoffnung, dass Sie vielleicht irgendwo
im Innern Chinas sicher und verborgen seien! Daran hatte ich mich whrend der
letzten Tage geklammert. Je schlimmer die Nachrichten ber Peking lauteten,
desto sicherer und bestimmter nahm ich an, dass Sie nicht dort seien, suchte mir
zu beweisen, dass Sie gar nicht dort sein knnten, wollte es nicht zugeben.
    Und nun sind Sie doch dort! - All die entsetzlichen Nachrichten, die wir
seit Tagen mit Grauen gelesen, sie sind zu lebenden Wirklichkeiten, zu Bildern
geworden, die mich unablssig verfolgen, seit ich weiss, dass Sie mit
eingeschlossen sind in der Stadt des Leidens.
    Jeder einzelne, der dort hinter den finsteren Mauern der Erlsung harrt,
muss ja den fremdesten Menschen Mitleid einflssen - aber was ist das neben der
Angst und Verzweiflung, die mir das Herz zerreissen um Sie - um Sie, liebster
Freund!
    Und jetzt gar nichts tun zu knnen, wo man so gern das eigene Leben gbe, wo
es schon Glck wre, auch nur mit leiden zu drfen!
    Und inmitten all der Marter pltzlich vor dem eigenen Herzen wie vor einer
Offenbarung stehen und sich staunend fragen: Kann das denn sein? Bin ich es denn
wirklich?

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                                                    New York, den 27. Juni 1900.

Seit wann weiss ich eigentlich, was Sie meinem armen, in frhem Morgensturm
entwurzelten Leben geworden sind? Hab ich es dort in Peking schon geahnt? Hab
ich es jetzt erst allmhlich entdeckt? Ich weiss es nicht mehr. Mir ist, als
htte es nie anders sein knnen. - Wir haben es uns nie so ganz gesagt - aber
wir beide wussten es doch wohl immer. So vieles lag zwischen uns, hemmend und
trennend. - Wozu da reden? Und sind wir nordische Menschen nicht alle etwas
Stumme des Himmels? Es ist, als hindere uns eine gewisse Scheu, unsere tiefsten
Gefhle auszusprechen. Mit der Feder sind wir viel beredter, da fhlen wir uns
allein und frei, als knne niemand hren, was wir lautlos dem Papier
anvertrauen.
    usseren Schicksalszwanges hat es bedurft, um klar zu sehen, der Angst, die
die Schleier zerriss. Wenn ich an meine jungen Jahre denke, die des Lebens
schnste sein sollten, so habe ich immer nur die eine Erinnerung an eine Last,
die ber meine Krfte ging, die ich weiter trug, weil ich mir nicht zu helfen
wusste, weil ich im Ertragen nicht schwach war, aber wohl viel zu schwach und
ffentlichkeitsscheu, um selbst mein Schicksal in die Hnde zu nehmen und es
nach eigenem Willen umzuwandeln. Ich trug es wie es nun einmal war.
    Ich habe einige Frauen vom bermenschtypus gesehen, die dasjenige einfach
abschttelten, was sie in der freien Entfaltung ihres Ichs hinderte; die
schicksalsstark waren und selbstgestaltend in ihr Leben eingegriffen; denen die
eigene Person das Idol war, vor dem sich alles beugen musste. Ich habe auch
Frauen gekannt, die zwei getrennte Leben fhrten, ein Leben vor aller Augen
offen, kalt, grau, von unendlicher Langeweile; und daneben ein anderes,
verstecktes, voll ssser Geheimnisse, voll erstohlenen Glcks, das die Leere und
de des ersteren ersetzen musste. Beide Arten von Frauen habe ich angestaunt,
vielleicht auch etwas beneidet, aber ich htte keine je nachahmen knnen - es
wre allzusehr meiner innersten Natur zuwider gewesen.
    Ich habe gewartet. Gleich vielen Frauen, die ihr Leben lang nichts tun als
warten.
    Die Wandlungen in meinem Leben sind immer von aussen gekommen.
    Nach Jahren, in denen die goldene Jugend schwand, ward mir die allzu schwere
Last, ohne mein Dazutun, wenigstens teilweise abgenommen. Aber sie hatte mir
ihren Stempel gelassen. Das Gebcktsein war mir geblieben, wie den Bumen, die
sich jahrelang vor dem Nordsturm beugen mussten. Alle Schwungkraft hatte ich
verloren. Hoffnungslos schaute ich um mich. Was konnte das Leben noch enthalten?
    Wanderjahre folgten und brachten etwas ussere Zerstreuung. In mir war es
ganz still geworden. Ich hielt es fr Todesstille, die ja fr so viele lange vor
dem Tode kommt.
    So kam ich nach Peking.
    Damals whnte ich, des Lebens Kampf sei berwunden, und wunschlos lebte ich
hin in wachem Traume. Wie blasse Nebelbilder glitten die Tage an mir vorber.
Mde, mde war ich, gleich allen, die nur noch des Endes harren.
    Da kamen Sie.
    Wie soll ich das schildern, was unbewusst, ungesucht geworden, woran ich nie
rhrte, was ich nicht sehen wollte. Die wir viel gelitten, wir scheuen uns
davor, die dunkelsten, verborgensten Tiefen des eigenen Herzens zu
durchleuchten, wir gehen rasch an diesen Schlupfwinkeln alter und neuer Leiden
vorbei, wie Kinder schnell durch ein finsteres Zimmer laufen. Das Leben hat uns
Angst vor dem Unbekannten gelehrt, wir wissen, dass es meist neues Weh bedeutet,
drum rhren wir nicht daran, schreiten vorsichtig und reden leise. Mutlos war
ich geworden. Wollte nicht sehen, dass wir nach allem Erlebten, doch immer noch
Trger vieler Mglichkeiten sind, die verborgen in uns ruhen, harrend nur einer
gewaltigen Kraft, die sie unter Schmerzen ins Leben rufe.
    Ich whnte, mein Tag ginge schon zur Neige, und es ward noch einmal Licht.
Ist es eine gtige, wrmende Sonne, die den Abend reicher und goldener
bescheinen wird als es der ganze mde Tag je gewesen? Ist es ein grell sengender
Blitz, der aus dunklem Gewlk niederfhrt und das verwstete Land noch einmal
fahl bescheint? Ich weiss es nicht. Weiss nicht, welch Himmelszeichen ber uns
steht. Kann nicht der Zukunft Schleier durchdringen. Aber die gewaltige Kraft,
die Verborgenes, Schlummerndes ins Leben ruft, sie ist gekommen in Sorgen und
Bangen; sie drckt mir die Feder in die Hand zu Worten, die ewig ungeschrieben
geblieben wren, ohne diese Angst um Sie!
    usseren Schicksalszwanges hat es bedurft, der Not dieser Tage, die mich in
mir sehen lehrten. Heute weiss ich, was Sie mir geworden.

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                                                    New York, den 29. Juni 1900.

Die Seymoursche Kolonne ist nach Tientsin zurckgekehrt - und sie ist nie nach
Peking gekommen! Alles Hoffen, dass sie doch dahin gelangt sei, war vergeblich.
    Nichts, nichts ber Peking ist bekannt - und ich weiss nur, dass Sie dort
sind.
    Es heisst, chinesische Vizeknige im Sden htten Telegramme erhalten, dass
die Gesandtschaften sich am 25. Juni noch hielten. Und die ganze Welt lsst sich
das bieten, dass den chinesischen Beamten in Schanghai andauernd Nachrichten
zugehen ber das, was in Peking geschieht, dass die Fremden aber kein Telegramm
von dort erhalten knnen!
    Warum bemchtigt man sich denn nicht des Telegraphen-Taotais Sheng in
Schanghai und sagt ihm: Binnen vier Tagen erhalten smtliche Regierungen
Chiffre-Telegramme ihrer Gesandten, oder du wirst gekpft! Das wrde wirken.
    Aber gegen grosse Mandarine ist man ja noch nie scharf aufgetreten!

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                                                     New York, den 3. Juli 1900.

Heute sagt ein Telegramm, in Tientsin sei ein Bote Sir Robert Harts aus Peking
eingetroffen, der einen vom 25. Juni datierten Zettel gebracht habe, die Lage
sei verzweifelt, die Fremden in der englischen Gesandtschaft vereinigt, wo sie
beschossen wrden.
    O Gott und zu wissen, dass Sie dort sind!
    Ob es noch andere Menschen gibt, die dieselbe Verzweiflung empfinden knnen
wie ich? Und die Emprung, wenn man dann in derselben Zeitung, wo dieser
Notschrei steht, spitzfindige Errterungen darber liest, ob eigentlich ein
Krieg mit China bestnde oder nicht, sowie usserungen des langjhrigen
Bewohners und Kenners Pekings, Herrn von Soundso, der erklre: Prinz Tuan knne
unmglich so gehandelt haben, wie erzhlt werde, er sei zwar rauh, aber ehrlich
und gutmtig.
    Ich glaube wahrhaftig, es gibt noch Leute, die sich was darauf einbilden, so
einen chinesischen Prinzen gekannt zu haben.
    Oh ber den unvertilgbaren Snobismus der Welt!

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                                                     New York, den 6. Juli 1900.

Diese entsetzlichen Nachrichten in den Zeitungen - ein Martyrium, sie lesen zu
mssen. Die schauerlichsten Einzelheiten, die auf dunklen Wegen ber die letzten
Kmpfe in Peking bekannt geworden, werden herausgegriffen und dann in riesigen
Lettern fett gedruckt als berschriften, die Leiden all der Unglcklichen zur
geschftlichen Spekulation ausgenutzt, die auf das Sensationsbedrfnis der Menge
rechnet. Und nicht nur die Gleichgltigen lesen das, nein auch die, denen es an
die innersten Wurzeln alles Lebens und Empfindens greift. Sie sehen all die
furchtbaren Bilder vor den inneren Augen, Tag und Nacht! Wird nichts sie je mehr
verwischen?
    Und sie mssen auch lesen, dass man die Gesandtschaften als verloren
aufgegeben und sich damit abgefunden hat. Es sei berflssig, heisst es,
nochmals Leben zu riskieren, um ihnen zu Hilfe zu eilen, da doch alles lngst
vorbei sein msse. Man spricht sogar davon, Tientsin zu rumen. Im Herbst, wenn
Hitze und Regenzeiten vorber, solle dann ein schner, grosser Strafzug
ausgefhrt werden.
    Was liegt uns an Strafe, die wir um unsere Liebsten bangen! wir wollen
Rettung!

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                                                    New York, den 12. Juli 1900.

Heute besuchten mich ganz fremde Leute, ein alter Mann und eine alte Frau. Sie
sagten, sie htten einen Sohn in Peking gehabt - und das gengte mir; die
fremden Leute standen mir mit einemmal ganz nah. Aber sie sagten, sie htten ihn
gehabt, nicht, dass sie ihn htten. Sie sind ganz berzeugt davon, dass dort
hinter den hohen Mauern alles zu Ende ist, dass keiner mehr lebt. Beide hatten
etwas Resigniertes, wie alte Leute, denen ihre Liebsten einer nach dem andern
weggestorben sind, bis Unglck schliesslich als das allein Selbstverstndliche
erscheint. Die alte Frau hatte etwas frischen Krepp auf ein schbiges schwarzes
Kleid gesetzt, das aussah, als sei es in einer Reihe von Trauern aufgetragen
worden. Sie hatten irgendwie erfahren, dass wir in Peking gewesen, und hatten
nur die Sehnsucht, einmal ber alles dortige reden zu hren und zu fragen, ob
wir den Sohn vielleicht gekannt htten. Sie erwarteten keine Ermutigung, sie
waren ganz hoffnungslos. Und das war mir das Entsetzlichste, zu sehen, dass
andere, die auch ihr Liebstes dort haben, es als ganz rettungslos verloren
bereits aufgegeben haben. Das eigene weiter hoffen wollen erschien mir mit
einemmal beinah kindisch und tricht. Alles, womit ich mir tglich ein wenig
neuen Mut einzureden suche, ist so klglich schwach, hat eigentlich kaum eine
einzige vernnftige Begrndung - auch heute steht es wieder mit voller
Sicherheit in den Zeitungen, dass kein einziger Fremder mehr in Peking am Leben
ist. Die beiden alten Leute haben sich still dahineingefunden und werden nun so
weiter leben und noch mehr Trauern tragen.
    Aber ich kann nicht - o Gott, nein, ich kann nicht!
    Und wenn sie alle auch sagen, dass alles hoffnungslos vorbei ist und wenn
auch die Glocken zu Trauergottesdiensten luten - ich kann's nicht glauben -
will's nicht glauben. Und ich schreibe Ihnen weiter, liebster Freund, schreibe
Ihnen, weil ich nicht anders kann, weil mir ist, als bildeten diese Zeilen die
letzte Brcke zwischen uns. Hrte ich auf, Ihnen zu schreiben, so wre es mir,
als besttigte ich damit das entsetzliche Unheil, als htte ich es geschehen
lassen - so aber glaube ich, Sie zu halten, Sie zum Bleiben zu zwingen, weil ich
Ihnen noch so viel, so sehr viel zu sagen habe. All unsere zusammen verlebten
Jahre, von denen ich jetzt erst ganz fhle, wie sehr wir sie zusammen verlebt
haben, sie ziehen in Bildern an mir vorbei; und ich mchte sie Ihnen schildern,
und jeder Satz begnne dann: Erinnern Sie sich? wissen Sie noch? Ich weiss es
ja, dass Sie noch wissen, dass Sie sich erinnern - denn jene Jahre sind Ihnen
das, was sie mir sind - das worauf man von Anfang an gewartet, was man nie
vergisst, was in letzter Stunde noch vor den Augen stehen wird, als einziges,
was zu leben wertgewesen.

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                                                    Bay View, den 16. Juli 1900.

Whrend der letzten Zeit bin ich viel krank gewesen. Es ist, als ob meine Krfte
ganz allmhlich schwnden. Jeden Morgen fhle ich, dass mein kleiner Vorrat an
Widerstandskraft wiederum ein bisschen abgenommen hat. Die Hitze und Schwle der
Stadt seien schuld daran, meinte der Arzt, Seeluft wrde mir gut tun. Ich weiss
es anders. Die fortwhrende namenlose Angst nagt an mir Tag und Nacht; und nur
das, was wie ein Wunder wre, kann mir noch helfen.
    Aber mein Bruder wnschte so sehr, etwas fr mich zu tun, fr die doch
nichts mehr zu tun ist. Da hab ich mich gefgt, und wir sind in dies nahe Seebad
gezogen.
    Ich bin so mde, so hoffnungslos. Warum noch irgend etwas? Warum irgend
etwas nicht? Was kann noch Wert haben, wenn das Eine, Entsetzliche geschehen
durfte? Es ist jetzt ja doch alles einerlei.
    Das Eine aber, was ich nicht ertragen kann, ist, wenn fremde, wohlmeinende
Menschen mir sagen: Wie mssen Sie froh sein, dass Sie nicht in Peking sind!
Oder: Es ist doch eine wahre Fgung Gottes, dass Sie wenige Monate vorher
abgereist sind.
    O nein, ich bin nicht froh, fort zu sein! Wachend und trumend habe ich ja
nur den einen Wunsch, in Peking zu sein, seitdem ich weiss, dass Sie dort sind.
Dann wren wir doch zusammen - und was lge mir dann daran, alle Leiden erdulden
zu mssen? Sie wren ja alle leichter zu ertragen als getrennt sein und nichts
von einander wissen. Und wenn es zum Schlimmsten kme und keine Rettung mglich
wre? Lebendig sollten uns die Wilden nicht bekommen; und in meinem letzten
Blick wrden Sie noch Glck und Dank lesen, Dank fr Leben wie fr Tod, fr
alles, was Sie mir gegeben.
    Und warum soll es eine Fgung Gottes sein, dass ich gerettet bin, whrend
vielleicht viele Frauen und kleine Kinder auf entsetzliche Weise umgekommen
sind? Die waren doch so unschuldig wie ich an all der Verblendung, die allein
das Furchtbare mglich gemacht hat. Welch ein Gott, der solcher Auswahl fhig
wre! Wir wrden uns ja von jedem Menschen mit Abscheu wenden, der, in solch
gttlicher Allmachtsstellung, nicht jeden Unschuldigen retten wollte. Der Gott
so vieler Menschen erreicht in den Handlungen und Erwgungen, die sie ihm
andichten, aber nicht einmal ein bescheidenes, menschliches Mittelmass - es ist
eben nicht Gott, der die Menschen sich zum Bilde geschaffen, sondern die
Menschen haben sich einen Gott konstruiert, nach dem Entsetzlichsten, was sie in
der eigenen Natur fanden.
    Ein Gott! der Tausende fr die Fehler einzelner leiden lsst! Was muss in
Peking whrend dieser letzten Wochen von Unschuldigen schon erduldet worden
sein, und was wird noch alles folgen? Von allen Lndern aus fahren jetzt Schiffe
nach dem fernen Osten; sie sind voller Menschen, die bis vor wenigen Tagen von
China vielleicht nur wussten, dass dort die Mnner Zpfe tragen und die Frauen
auf winzigen Fssen einhertrippeln. Diese Kosaken und Franzosen, Englnder und
Italiener, Shne deutscher Gauen, Amerikaner, Japaner, sogar Inder - wozu ziehen
sie aus? An einem entlegenen Erdenwinkel werden sie unbekannte gelbe Mnner
treffen, die ihrerseits von ihnen nie vorher gehrt haben. Tausende von Meilen
trennten sie bisher von einander, und sie konnten weder Freund noch Feind sein,
denn sie wussten nicht einmal von der gegenseitigen Existenz. Trotzdem wird
jetzt einer den andern umbringen, und man wird das schn und patriotisch nennen.
    Wie sinnlos scheint es doch alles!
    Viele ziehen jetzt aus jung und gesund und werden nie wiederkehren, durch
Krankheiten mehr noch als durch Kugeln hingerafft. Andere werden wohl
zurckkommen, aber wie? Und alles, um die Fehler anderer zu shnen!
    Und wenn man nun an die Chinesen denkt, an diese armen Unbekannten. Wie viel
noch namenloseres Elend wird dort entstehen? Aber auch da wird es nicht die
eigentlich Schuldigen treffen, sondern auch wieder die, so sich nicht wehren
knnen, jene Klasse Menschen, deren jahrtausendelanges Leiden in allen Lndern
und bei allen Vlkern gleichsam eine unterste Erdschicht bildet, auf der sich
alles andere aufbaut, alles, worin wir es so herrlich weit gebracht.
    Die jetzt also ausfahren, schliessen sich der grssten aller Flotten an, die
in endlosen Schiffreihen hinaus segelt in verschleierte Fernen, zu unbekannten
Hfen; jener Flotte, die bestanden hat, so lange es Menschengeschichte gegeben,
deren Anfang in die nebligen Fernen urltester Vergangenheit reicht, die seit
den Tagen der gypter, Perser und Griechen von Jahr zu Jahr gewachsen ist, die
nimmer enden wird. Sie ist bemannt mit grauen Leidensgestalten, mit den
Zahllosen, den Namenlosen, die von jeher die Schuld der Wenigen getragen.
    Und alles ist Fgung Gottes.

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                                                        Bay View, 19. Juli 1900.

Wenn mein Bruder nachmittags aus New York zurckkehrt, gehe ich ihm immer
entgegen, jedesmal von neuem hoffend, dass er endlich Kunde des Wunders bringen
wird. Aber jedesmal schttelt er schon von weitem den Kopf - keine Nachricht,
noch immer keine. Dann fragt er mich, womit ich den Tag verbracht, und wenn ich
ihm die stets gleiche Antwort gebe, dass ich Ihnen, liebster Freund, geschrieben
habe, sagt er kein Wort, aber ich lese ihm den Gedanken von der Stirn Wozu
noch? Er spricht ihn jedoch nie aus und lsst mich ruhig gewhren - wie eine
hoffnungslos Kranke, die uns jammert und der man so gern ein paar Stunden des
Wahnes gnnt. Muss ich nicht jeden jammern? ich und die Vielen, die sich seit
Wochen grmen wie ich? Wie ich? Mir ist, als knnte sich kein zweiter Mensch so
in Angst verzehren, als sei dies Leid nur einmal mglich in der weiten
leidvollen Welt.

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                                                        Bay View, 20. Juli 1900.

Was wird in solchen Zeiten nicht alles wieder in mir wach! Alter Aberglaube
ersteht wieder, den ich auf immer fr abgetan hielt - selbst in das Handeln mit
dem lieben Gott verfalle ich zurck. Wie lang, wie lang ist es doch her, dass
ich den alten Kaufherrn mit dem langen Silberbart um etwas angegangen bin, aber
heute hab ich ihn strmisch gebeten: Lass ihn nur leben, lass ihn nur gerettet
sein, und ich will dafr auf alles verzichten, will ihn nie wiedersehen, nie
mehr seine Stimme hren, nie mehr seine Hand halten - aber lass ihn leben, lass
ihn gerettet sein.
    Ich weiss nicht, ob er mich erhrt hat; und doch msste er es eigentlich,
denn es ist ein Handel so recht nach alttestamentlichem Sinn - ich biet ihm mein
Leben, mein Glck, mein Alles an, um einen andern zu retten - solche Vertrge
soll er von altersher geliebt haben!

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                                                        Bay View, 21. Juli 1900.

Gestern noch eine entsetzliche Beschreibung des Endes aller Fremden in Peking
und heute bringt Wu-ting-fang dem Washingtoner Auswrtigen Amt ein
Chiffre-Telegramm des amerikanischen Gesandten in Peking!
    Es ist in allen Zeitungen abgedruckt: In britischer Gesandtschaft unter
fortwhrendem Feuer chinesischer Truppen, rascher Entsatz allein kann
allgemeines Massacre verhindern.
    Seit Tagen versprach Wu, eine direkte Verbindung mit Mr. Conger
herzustellen. Aber niemand glaubte ihm. In seiner Vielrederei,
Vielgeschftigkeit und Wichtigtuerei glich er zu sehr der mouche du coche der
Fabel; aber alles soll ihm verziehen sein, was er in seinem Babuenglisch sonst
etwa zusammenphantasiert hat, wenn nur dies eine wahr ist, denn es ist doch der
erste Hoffnungsschimmer, der uns wiedergegeben ist. Schwach ist er freilich -
aber wir knnen doch wieder hoffen. Die armen, tapferen Menschen halten sich
noch immer und sie werden gerettet werden - sie mssen gerettet werden.
    Aber nun nur Eile, aus Barmherzigkeit Eile, dass uns nicht noch in letzter
Stunde unser Liebstes entrissen werde! Denkt der rmsten, die dort hinter den
hohen grauen Mauern harren und horchen, ob sie den drhnenden Schritt der
heranrckenden Befreier vernehmen - denkt auch der rmsten, welche in allen
Lndern mit sehnschtigem Herzen harren und horchen auf den ersten Ton lieber
Stimmen, die von jenseits der hohen grauen Mauern nach langem Schweigen wieder
erklingen und von all den Leiden der letzten Wochen reden werden.
    Oh! Eilt euch! eilt euch!

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                                                        Bay View, 28. Juli 1900.

Es ist beinahe, als ob die Welt es nicht wahr haben wolle!
    In Europa glaubt man jetzt ebenso hartnckig an das Pekinger Massacre, wie
frher an die Bedeutungslosigkeit der Boxer-Bewegung. Nur mit Sensen sollten die
Aufstndischen bewaffnet sein, ein starker Regen, hiess es, wrde sie
auseinandertreiben. Jetzt kann man sie nicht furchtbar genug schildern. Vor
wenigen Wochen wurden Wachen von 30 Mann fr jede Gesandtschaft als
berreichlich erachtet - heute sollen 60000 Mann ntig sein, um von Tientsin
nach Peking zu marschieren. Die sich mehrenden Nachrichten chinesischer
Vizeknige, dass die Fremden noch am Leben seien, werden alle als
Tuschungsversuche hingestellt, hinter denen sich schauerliche Plne verbergen.
    Ach, das Schauerliche wird sein, wenn man durch dies lange Reden und Zaudern
wirklich zu spt kommen sollte!

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                                                       Bay View, 6. August 1900.

Endlich scheint doch das Zaudern vorbei! Die Truppen sind von Tientsin
aufgebrochen!
    Stndlich verfolge ich nun mit den Gedanken ihren Zug, sehe in der
Erinnerung bestndig das Land zwischen Tientsin und Peking, wie ich es gerade
jetzt vor vier Jahren zuerst erblickte, sehe die wehenden grnen Hirsefelder
wieder und den braunen Peiho, auf dem die schwerflligen Boote, mit grossen
Segeln besetzt, trge stromaufwrts glitten, den endlosen Windungen des Flusses
folgend. Damals gab es noch keine Eisenbahn - heute existiert sie nicht mehr! In
Hausbooten reisten wir den Peiho hinauf. Vier Tage dauerte die heisse Fahrt. Und
all die Namen, die heute die Zeitungen fllen, Ho-hsi-wu, Pei-tsang, Yang-tsun,
vernahmen wir damals zum erstenmal, sahen diese grauen Httenflecken, die jetzt
geschichtliche Orte geworden, an denen Schlachten geschlagen werden.

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                                                      Bay View, 10. August 1900.

Manchmal ist mir, als hrte ich ganz deutlich Ihre Stimme. - Dann geht ein
Zittern durch mich, der Atem stockt, die Herzschlge fliegen, und ich schliesse
die Augen und lausche in namenlosem Glck.
    Bald, bald muss es ja sein. Zuerst werde ich gar nicht auf die Worte achten
knnen und nur immer den lieben Klang trinken. Wie lang ist es doch schon her!
Wissen Sie es noch? Haben Sie sich auch so unsagbar, so unaussprechlich gesehnt?
So wie ich gesehnt?
    Aber in wenigen Tagen muss ja die furchtbare Angst und Trennungszeit vorber
sein. Bald, bald mssen die Befreier vor Peking stehen.
    Nicht wahr, liebster Freund, dann kommen Sie auch gleich, gleich! auf dem
schnellsten Schiff, auf dem krzesten Weg - ich kann es ja nicht lnger
ertragen.
    Was liegt Ihnen noch an alten chinesischen Handschriften? Mgen die doch
alle untergehen! Ich gebe Ihnen dafr mein ganzes Herz, darin zu lesen, und was
in ihm steht, ist auch schon alt, ist nicht schwer zu entrtseln und dnkt mich
eine so jugendschne Entdeckung.
    Was kmmert Sie noch China? Mag doch der Norden mit Wutki und der Sden mit
Ale verzehrt werden, mgen sich die jngeren Hungernden auch noch jeder seinen
kleinen Imbiss zusammenstehlen, aus den Krmeln, die von den Mahlzeiten der
lteren, erfahrenen Weltenruber abfallen - oder mag es zu gar keinem Muspili
kommen, sondern alles hbsch im Sande verlaufen, wie man es hier mchte, wo der
Wunsch to be well out of it schon laut wird - mag man in ein paar Monaten schon
wieder von den unerschtterlichen alten Freundschaftstraditionen reden und der
alten Kaiserin die Hand schtteln - was kmmert es uns?
    Kommen Sie nur bald, bald von dort zu mir. Dann mag es meinethalben China
fr die Chinesen heissen - wenn nur China mir Sie zurckgibt, wenn nur wir beide
fr einander sein knnen!

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                                                      Bay View, 12. August 1900.

Alte Briefe der Belagerten treffen jetzt allmhlich in Tientsin ein und werden
in den Zeitungstelegrammen verffentlicht. Sie sind von Boten gebracht worden,
chinesischen Christen, denen es gelang, durch die Schleusen, oder selbst als
Boxer verkleidet, im Gedrnge heimlich aus Peking zu entweichen. Wahre
Notschreie sind es, bei denen das Herz sich zusammenkrampft! Und immer dieselbe
Bitte rasche Hilfe, sonst kann sie nichts mehr ntzen.
    In manchen der kleinen Zettel ist angegeben, fr wie viel Tage der Proviant
noch reichen knne, und man rechnet rasch nach - und oft ist die Frist schon
berschritten.
    Eine Zahl enthalten die Briefe auch immer - die der Toten.
    Und wie sie mit jedem neueren Briefe wchst, diese Zahl derjenigen, fr die
alle Hilfe zu spt kommen wird!
    Und die Angst - wer ist schon mitgezhlt worden? Wen wird das Los noch
treffen?
    Frhestens am 14. sagt man hier, knnen die Entsatztruppen in Peking sein.
Die ganze Welt ist erstaunt ber ihr rasches Vordringen - und meiner Ungeduld
dnkt es noch immer so langsam! Flgel mchte ich ihnen geben!
    Eine so namenlose Angst erfllt mich gerade vor diesen letzten Tagen und
Stunden.

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                                                      Bay View, 13. August 1900.

Heute Nacht, liebster Freund, wachte ich auf und bildete mir ein, wieder in
Peking zu sein. Ich muss im Schlaf ein Gerusch gehrt haben, das sich in meinen
Trumen zu dem Aufeinanderschlagen zweier Bambusstbchen verwandelte, womit die
chinesischen Nachtwchter ihre nchtlichen Runden begleiten. Wie oft habe ich
diesem leisen, dann lauter werdenden, dann wieder verhallenden tak, tak, tak,
gelauscht. In heissen Mitsommernchten, wenn die Moskitos gegen die Netze
schwirrten und die ganze Erde die Hitze auszustrmen schien, die sie tags ber
eingesogen hatte, da hrte ich, wie eine dumpfe monotone Begleitung all meiner
nchtlich wirren Gedanken diesen gleichmssigen Klang. Und in kalten
Winternchten in Peking, wenn der Schnee die grosse, graue Stadt, die hohen
Mauern und die weite Ebene draussen bedeckte, und die ganze lebende Welt in
tiefer Stille untergegangen schien - da tnte es in der grossen Ruhe wie
letztes, alles berdauerndes Leitmotiv: tak, tak, tak - Freud, Leid, Tod -
Freud, Leid, Tod!
    Besonders erinnere ich mich einiger Frhlingsnchte, da ich in Peking schwer
krank lag und des Lebens Funken wie ein schwaches Irrlicht unstet zwischen mir
und dem grossen grauen Nichts da draussen hin und her sprang, nicht wissend, ob
es gehen oder bleiben solle. Die Fenster standen weit offen; aus dem Hof drang
der Duft des weissen Flieders herein; von meinem Bette aus sah ich in den
sternbeseten Himmel. Ein grosses Gefhl unendlicher Schwche berkam mich und
doch seliger Befreiung - es war mir als schwebe ich gerade hinein in das tiefe
Nachtblau, wo die Sterne winkten - und dazu klang es von der fern unter mir
verschwindenden Erde wie leise Schicksalsworte: Freud, Leid, Tod - Freud, Leid,
Tod!
    Heute Nacht hier in anderem fremden Lande habe ich im Traum wieder den
altgewohnten Ton vernommen. Er zittert mir im Herzen weiter, aber ich hre nur
immerwhrend das eine Wort: tot, tot, tot! Und eine namenlose, unbeschreibliche
Angst hat mich erfasst, ein brennender Wunsch dorthin zu eilen, eine wahre
Verzweiflung, hier still sitzen zu mssen. Ich mchte helfen und retten, und
dann klingt es immer wieder: tot, tot, tot!
    Es ist wie eine qulende, verzehrende Sehnsucht, Sehnsucht nach Ihnen,
liebster Freund, Sehnen, Sorgen um Sie. Mir ist, als msste ich Ihnen grad heute
noch tausend und abertausend Liebes sagen, Sie schtzen und nicht von mir
lassen. Warum nur heute gerade dies Bangen und Zittern, dies Grauen, das mir
keine Sekunde Ruhe lsst, das mich vom Haus an den Strand, vom Strand wieder ins
Haus treibt, das nicht weichen will, wie sonst nchtliche Spukgestalten, die aus
den Trumen ins Wachen bergehen, sondern ein Grauen, das wchst und wchst,
auch jetzt whrend ich Ihnen schreibe. Warum das heute, wo die Retter Ihnen doch
schon ganz nahe sein mssen? - Und dazu immer der leise Klang, wie ich ihn schon
nachts im Traum vernahm: tak, tak, tak. Er verfolgt mich frmlich. Ich will
nicht und muss ihn doch bestndig hren. Ich halte mir die Ohren zu, da vernehm
ich das Pulsieren des eigenen Blutes, tak, tak, tak. Wie Glockenluten drhnt
es, wie bestndiges, regelmssiges Schiessen klingt es tak, tak, tak. - Was will
es mir nur sagen? Ich lausche und lausche. Jetzt ist es ganz leise geworden ...
Wie aus weiter Ferne, wie letztes versagendes Herzklopfen dringt es zu mir ..
tot, tot, tot ...
    Was soll das? Was soll es?
    O die Angst! Das Grauen!

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                                                      Bay View, 17. August 1900.

Endlich, endlich! Nun ist es wirklich wahr? Die ersten Depeschen der Gesandten
sind in den Zeitungen abgedruckt. Gerettet, wirklich gerettet, wiederhole ich
immer von neuem!
    Seit diesen ersten Nachrichten weiss ich nicht mehr, was ich tue und sage,
weiss nicht, ob ich lache oder weine!
    Es scheint beinah unglaublich, dass einmal die Hoffnung Recht und die
Verzweiflung Unrecht gehabt haben sollte!
    Und in der Freude des Herzens, das zum Himmel jauchzt und dann wieder
ngstlich bebt und fragt: Ist's denn wahr? Ist's denn wahr? - in diesen ersten
Augenblicken eines wie neu geschenkten Lebens ist es mir, als seien Sie hier
dicht bei mir, als erlebten wir es alles zusammen. Es ist ja unmglich, dass
eine solche Glckseligkeit mein ganzes Sein erfllen kann, und Sie nichts davon
wissen sollten. - Sicher wissen Sie's! Ich fhl es ja so deutlich, dass Sie hier
ganz nahe bei mir sind, wenn auch die armen noch verweinten Augen Sie nicht zu
schauen vermgen.
    Sicherlich werden wir uns bald wiedersehen! Es wird ein schner Abend
kommen, an dem wir auf goldigem Strande zusammensitzen und hinausschauen auf das
weite Meer, das sich durch Sturmestage zur Ruhe hindurchgekmpft hat, und ein
solches Glck des Wiederfindens wird in uns sein, dass keine Sprache je das Wort
dafr ersann, dass wir kaum zu atmen wagen, dass wir die Sekunden zu Ewigkeiten
wandeln mchten. Ja, so, ganz so wird's sein.

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                                                      Bay View, 18. August 1900.

Als ich heute frh erwachte, schien die Sonne strahlend in mein Zimmer;
blinzelnd musste ich mich erst an den Glanz gewhnen. Noch halb im Schlaf, hatte
ich die Empfindung, dass etwas Wunderbares, Wunderschnes meiner warte - zuletzt
ist mir als Kind so zu Mut gewesen, wenn ich am Weihnachtsmorgen erwachte und
mich noch halb trumend erinnerte, dass nebenan im Wohnzimmer der Baum stnde
mit allen Geschenken. Nicht nur draussen schien aber heute frh die Sonne; nein,
in mir selbst strahlte es von Glck und Seligkeit und auch an diesen Glanz
musste ich mich erst blinzelnd gewhnen - nach der langen Sorgennacht.
    Die Welt ist schn, die Welt ist gut - weil Sie leben, liebster Freund! Was
spricht man denn von irdischem Jammertal - ein blhender Garten ist's - Sie
leben ja! Schmerz und Leid soll alles sein? Oh, es gibt so wonniges, tief
inneres Glck - Sie leben ja! - Mir ist, als erwache ich erst der Welt, wie sie
wirklich ist - meiner Welt - wie ich sie sehe - wie ich sie fhle. Die anderen
Leute gehen herum, als sei nichts Besonderes vorgefallen - und es ist doch alles
neu und anders als bisher, und alles hat einen tiefen Sinn bekommen, ist
verstndlich geworden - denn Sie sind gerettet. Sie leben, Sie mssen leben.
    Um das auszudrcken, was ich empfinde, fnde ich keine eigenen Worte, kann
nur wiederholen, was jener Grsste in Wort und Ton gedichtet: Winterstrme
wichen dem Wonnemond! - Immer wieder klingt es in mir: Winterstrme wichen dem
Wonnemond! - Ich weiss wohl, positivere Geister als ich wrden darber lcheln:
Sie in Peking, ich hier am Atlantischen Ozean und - Wonnemond? Und es ist doch
so, dieses Gefhl grenzenlosen Glcks, unendlicher Dankbarkeit.
    Hat ein Gott die Menschen erschaffen, wie seit viel hundert Jahren den
Kindern gelehrt wird, so sei Ihm Dank, dass er Sie geschaffen. Haben seit onen
unbewusst wollende Zellen in dunklem Triebe sich so gefgt, dass schliesslich
der Mensch erstand, so sei Dank jenen unendlich Kleinen, aus denen Sie wurden!
Mein Gottesgeschenk, mein Weltenwunder! Was liegt an Namen und Glauben!
Empfindung ist alles, was wir wissen - Winterstrme wichen dem Wonnemond!

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                                                      Bay View, 19. August 1900.

Gleich nachdem die erste sichere Nachricht kam, habe ich Ihnen telegraphiert und
Sie gebeten, mir sofort Nachricht zu geben, denn ich muss es von Ihnen selbst
hren, dass Sie gerettet sind, muss mein eigenes Telegramm von Ihnen in der Hand
halten knnen, ein Wort des Glcks, fr mich allein bestimmt, in dem grossen
Jubelklang, der durch die Welt tnt.
    Nun warte ich - o, wie ich warte! - auf die erste Kunde, die von Ihnen
wieder zu mir dringen wird, nach der langen, langen Zeit.
    Dieser Brief soll erst abgesandt werden, wenn ich Ihr Telegramm habe - denn
ich werde ihn ja gar nicht mehr nach Peking zu schicken brauchen. Sicher reisen
Sie doch gleich von dort ab. Was soll Sie denn auch hindern, wenn ich Sie rufe -
und ich rufe Sie, liebster Freund, rufe Sie mit solcher Sehnsucht, dass Sie es
fhlen und hren mssen, wo Sie auch sind und durch die dicksten chinesischen
Mauern hindurch!

                                                                20. August 1900.

Ich bin so ungeduldig. Kann das Warten auf Ihr Telegramm kaum mehr ertragen.
Dann beruhigt mich mein Bruder und erklrt mir immer wieder, dass jetzt
Telegramme viel langsamer als sonst nach Peking gehen. Ich sehe es ja auch ein,
dass es gar nicht anders sein kann, und sicher warten viele Menschen jetzt
gerade so wie ich auf ein paar liebe Worte und mssen sich auch gedulden, wie
ich - und dann denk ich doch immer wieder, dies eine einzige kleine Telegramm
knnte doch recht schnell durchgelassen werden, denn es trgt so viel Glck in
sich, dass es den Vorrang vor allem andern auf der Welt verdient!

                                                                21. August 1900.

Heute, liebster Freund, fhle ich, dass ich ganz sicher von Ihnen Nachricht
bekommen muss, und dann soll der Brief gleich abgehen. Er soll Ihnen sagen ...

Zuerst waren mir die Worte ein leerer Schall. Sie bedeuteten gar nichts. Erst
ganz langsam hab ich sie verstanden. Die See draussen rauscht weiter, und die
Wellen schlagen gegen den Strand - ganz so wie vorhin in der blassfernen Zeit,
da ich die Worte noch nicht vernommen. Er wird das Rauschen nie mehr hren.
Bedeutet es das, wenn sie sagen, dass er tot ist? Und der Brief an ihn liegt
begonnen vor mir. ... Er wird ihn nie mehr lesen. Ist es das, was sie damit
meinen, dass er tot sei? Heisst es, dass nichts von mir ihn je noch erreichen
kann? Dass die ganze Welt fr ihn nicht mehr ist, dass ich fr ihn nicht mehr
bin, weil er selbst nicht mehr ist? Heisst es das?
    Ich hre immer nur dieselben Worte - er ist nicht mehr. Zuerst verstand
ich's nicht - nun ist es alles, was ich noch weiss. Die Worte fllen die Welt -
alles andere ist versunken.
    Htte ich ihn doch nur ein einziges Mal noch sehen knnen! Wr ich doch
wenigstens zu allerletzt bei ihm gewesen! Dass er da allein sein, allein sterben
musste! Seine Verlassenheit ermass ich an der eigenen Vereinsamung, seinen
Jammer an meinem Jammer.
    Jahrelang hat er mich umgeben mit Zartheit und Frsorge, hat mich geliebt -
wie sehr, weiss ich erst jetzt - ich durfte damals ja gar nicht dran denken -
musste vorbeigehen - wo er mir sein ganzes Leben gab.
    Ach, gb es doch nur eine Stunde, von der ich mir jetzt sagen knnte, die
habe ich ihm ganz geschenkt, deren hat er sich mit den allerletzten Gedanken
sicherlich noch erinnert!
    Htte ich doch selbst den Trost solch einer einzigen Erinnerung!
    Aber nichts durfte ich ihm sein. Nicht einmal in seiner letzten Stunde
konnte ich bei ihm sein. Allein musste er sterben.
    Htte ich ihm doch nur ein einziges Mal noch sagen knnen: Nicht wahr, Du
hast es doch immer gewusst, wie sehr ich Dich geliebt?
    Ach, dass ich doch bei ihm unter der Erde ruhte! -

Ich sehe immer nur ein endloses Trmmerfeld - wie de der Weg, der nirgends
hinfhrt - das war mein Leben.

Wie Erinnerungen unzhliger Existenzen steigt es in mir auf. In ihnen allen war
er, war ich. Wir wissen es nur nicht mehr. In ihnen allen haben wir uns gesucht,
ich fhl es dunkel. Aber fanden wir uns je dauernd? Oder war es immer nur wie
staunendes Erkennen und rasches Auseinandermssen?
    Mde bin ich, mde wie von unzhligen Existenzen. Mchte tief schlafen. Aber
traumlos, von nichts mehr wissen.
    Ach, dass zwischen dem Gehendrfen und Wiederkehrenmssen doch eine lange
Zeit tiefer Ruhe lge!
    Wie langsam doch die Stunden schleichen in den langen, qualvollen Nchten.
Das fortwhrende Grbeln, ob es nicht zu verhindern gewesen wre, wenn ich dort
geblieben wre.
    Jetzt weiss ich, warum wir fort sollten: ich sollte gerettet werden, denn
ihm ahnte wohl schon damals vieles.
    Aber was sollen Welt und Leben ohne Dich? Und wenn Du es tausendmal nicht
willst - Du ziehst mich Dir doch nach. Unsichtbare, unzerreissbare Fden ketten
uns aneinander seit Uranfangszeiten. Und ich folge Dir, weiss schon oft kaum, ob
ich noch hier bin. Das ist der einzige Trost.
    Seitdem ich von Dir getrennt bin, lebe ich ja nur scheinbar hier, eigentlich
ganz wo anders. Bei Dir. In jener Stadt wo wir whrend Deines Lebens zusammen
waren und in noch ferneren weiteren Landen. berall, wo Du hier auf Erden
geweilt, haben Dich meine Gedanken begleitet, auf allen Reisen waren sie mit Dir
- ich habe durch die Sehnsucht so ganz bei Dir gelebt, dass ich Orte kenne, in
denen ich nie gewesen. Endlose Ebenen habe ich mit Dir durchzogen, wilde
Felsenpsse habe ich neben Dir berschritten, steile Berge sind wir zusammen
emporgeklommen, im Dunkel sagenhafter Tempel habe ich mit Dir gestanden, mit Dir
uraltem Weisheitsspruch gelauscht. - Das war mein eigentliches Leben, dort bei
Dir war stets mein wahres Ich.
    Nun bist Du noch viel weiter fortgezogen zu allerfernsten Sttten. Aber auch
dahin folg ich Dir. Ich muss Dir durch alle Zeiten schon so gefolgt sein, seit
es Leben und Willen gab. Und geht Dein Weg durch die Weltenrume, zu anderen
Erden, Monden und Sonnen, durch tiefe Nacht und weiss glhende Helle - ich folge
Dir - ich kann nicht anders!

Mich dnkt, als lg ich hier seit vielen Wochen. Und es sollen doch nur wenige
Tage sein. Raum und Zeit verschwimmen fr mich. Die Minuten enthalten so
endloses Leid, so verzehrende Sehnsucht, dass ich sie mhsam wie Ewigkeiten
durchlebe. Vergangenes scheint so nahe, dass ich mit der Hand danach greife ...
aber die Hand selbst verschwimmt ... das Fussende des Bettes schiebt sich in
unendliche Weiten ... ich sehe den eigenen Leib nicht mehr ... er ist zur ganzen
Welt geworden ... und schmerzt ... schmerzt vom ganzen Weltenweh.
    Ich kann die Feder kaum halten .... alles verwirrt sich ... und alles
schmerzt .... immer rger. Klte ... Finsternis. Ich kmpfe gegen das Dunkel ...
das Grauen. Ich will, will, will - bei klarem Bewusstsein sterben. Keine Angst -
keine Verzerrungen .... der Abgrund ... das Entsetzen! .... aber doch ....
Freude! .... Freude! ... zu Dir.

Warum haben sie mich noch einmal geweckt? Warum die Qual noch verlngert? Ist es
denn noch nicht genug? Ich schlief schon ... hielt Deine Hand ... es schien ...
vollbracht ... und nun? ... ich finde Dich nicht mehr ... wo ... wo war es doch?
... warten ... immer wieder warten ... und dann? ... nichts? ...

                                    Nachwort


Meine Schwester, die die vorstehenden Briefe geschrieben, unser Freund, der sie
empfangen sollte, ruhen nun beide. Sie hier am Strande des Atlantischen Ozeans,
er in der fernen chinesischen Erde.
    Als wir im Mai 1900 von Berlin zurckgekehrt waren, wo mein seit Jahren
rettungslos geisteskranker Schwager gestorben war, hatte ich gehofft, dass das
Leben meiner Schwester nun vielleicht doch noch nach dem schweren, drckenden
Tag einen vershnenden Abend bringen knne. Es schien mir, als lebe sie auf,
sich selbst dessen kaum bewusst. Aber whrend der entsetzlichen Wochen, in denen
die ganze Welt ber das Schicksal der in Peking Eingeschlossenen in qualvoller
Ungewissheit bangte, verzehrte sie sich in Angst um unsern Freund; und als dann
die Nachricht seines Todes eintraf, nachdem wir schon alles fr gerettet und
gewonnen gehalten hatten, erlosch ihr Leben nach wenigen Tagen.
    Ich bin dann spter nach China gereist. In Peking wurden mir die Briefe
meiner Schwester ausgehndigt. Unser Freund hat sie nicht mehr erhalten. Er
hatte sich seine ganze Korrespondenz nach Schanghai adressieren lassen; denn
seiner ursprnglichen Absicht nach wollte er nach seiner weiten Forschungsreise
dorthin kommen, um von diesem Hafen aus dann die Heimreise anzutreten. Unterwegs
aber nderte er seine Route und beschloss, nach Peking zurckzukehren, wo er
unmittelbar vor Beginn der Gesandtschafts-Belagerung eintraf. Er erwartete dort
all seine Briefe zu finden, die er sich unterwegs telegraphisch von Schanghai
nach Peking bestellt hatte; aber der Bote, den er mit diesem Telegramm vom
Innern Chinas aus nach der nchsten viele Tagereisen entfernten
Telegraphenstation gesandt hatte, muss wohl in den schon damals herrschenden
Unruhen sein Ziel nicht erreicht haben. Sicher ist, dass sein Telegramm nie in
Schanghai angekommen ist und in Peking keine Briefschaften fr ihn lagen. Er
meldete sich gleich als Freiwilliger und ward in der Verteidigung des Suwangfu
verwandt, wo die dreitausend geflchteten chinesischen Christen ein Unterkommen
gefunden hatten. Seine Kenntnis des Chinesischen und der Einfluss, den er immer
auf die Eingeborenen zu gewinnen wusste, liessen ihn dort besonders ntzlich
erscheinen. Viel ist mir von seiner Ruhe und vlligen Unerschrockenheit erzhlt
worden aus jenen Wochen, in denen die Menschen Gelegenheit fanden, ihren Wert zu
zeigen.
    Er ist ein Opfer der letzten Stunde geworden.
    Am 13. August, als die Belagerten schon bestimmte Nachricht von dem
Herannahen der Entsatztruppen unter den Generalen Gaselee und Fukushima hatten,
machten die Chinesen noch einen besonders starken Angriff, als hofften sie, doch
noch Herr der kleinen Schar zu werden, die ihnen whrend sieben Wochen
widerstanden hatte. Von frh bis spt pfiffen die Kugeln und kamen wie Hagel
ber die Barrikaden geflogen. Am heftigsten soll der Angriff gegen das Suwangfu
gewesen sein. Am Nachmittag ward dort einer der Chinesen verwundet, die Oberst
Shiba zu einer Wachttruppe ausgebildet hatte. Unser Freund sprang vor, um den
Verwundeten aus dem Bereich der Kugeln zu tragen, aber im selben Augenblick
strzte er selbst tdlich getroffen nieder.
    Am Abend begrub man ihn.
    Am nchsten Tage rckten die Entsatztruppen ein.
    Monate verstrichen dann, bis ich nach Peking kam. Alles dort mahnte mich an
ihn und an sie, obschon es doch ein ganz anderes Peking war, das ich wiederfand,
und das alte, in dem die Beiden gelebt, fr immer verschwunden ist. In der
verwsteten Stadt bin ich lang herumgeirrt und habe in all der Zerstrung nach
Erinnerungen und Bildern aus der Vergangenheit gesucht. Aber wo einst die
verwitterte Steinschildkrte stand und die Wistaria blhte, lag ein einziger
Schutt- und Trmmerhaufen, kaum dass man den Platz unseres Huschens noch
bestimmen konnte. Wie eine ungeheure Last senkte sich die Trauer um
unwiderruflich Verlorenes auf mich herab.
    Keine Spur von ihm oder ihr.
    Als sei es alles nie gewesen.
    Abends sass ich dann lange sinnend vor den ausgebreiteten Briefen meiner
Schwester. Zuerst dachte ich daran, sie zu verbrennen. Etwas Rauch, der zum
Kamin hinaufsteigt und sich im Raum verliert, ein paar wehe Gedanken bei einigen
Zurckbleibenden, die selbst auch bald dahin sein werden - und dann ist eines
Menschen Spur verwischt. Aber ich vermochte es nicht. Das Letzte, was von jenen
Beiden geblieben, sind diese Briefe, und als ich in ihnen bltterte, empfand ich
so recht, wie sehr sie das wahre Leben meiner Schwester enthalten und ein Stck
von ihr sind, die mir so lieb gewesen. Whrend ich dann weiter las, fhlte ich,
wie Zeiten, die entschwunden sind, noch einmal vor mir vorberzogen; ich fhlte
auch, wie sie, die von mir gegangen ist, wieder vor mir erstand und mit ihr die
Erinnerung an die Wanderjahre, die wir beide zusammen verlebt haben.
    Ich vermochte nicht die Briefe zu vernichten. Es wre mir gewesen, als wrde
damit das Leben meiner Schwester noch einmal grausam zerstrt.
    Ich habe lange gezaudert. Doch schliesslich entschloss ich mich, zur
Erinnerung an jene Beiden diese Briefe, die ihn nicht erreichten, herauszugeben.
Vielleicht bringen sie dem einen oder dem andern, der die Beiden im alten Peking
einst gekannt hat, einen Gruss. Vielleicht erreichen sie auch andere, einsame
Menschen, die noch auf der grossen Lebensfahrt begriffen sind und gern einen
Augenblick am Wege rasten, um auf die Stimmen derer, die vor ihnen gegangen
sind, zu lauschen, wie sie leise aus der Vergangenheit klingen.

    New York 1902.
