 Das Burgtheater vor vierzig Jahren.  [74] Unter den Schauspielern der Mainzer Bühne entstand eine absonderliche Bewegung, als sich im Dezembermond des Jahres 1862, kurz vor Beginn der Vorstellung, die Nachricht zwischen den Kulissen verbreitete: der Theateragent Ferdinand Röder sitze im Parkett. Das Loch im Vorhang wurde von den Darstellern belagert, man zeigte einander den Gewaltigen, dessen weiße Bartkoteletten, wenn er sie rechts und links durch die Finger zog, die nachbarlichen Sperrsitznummern beschatteten. Er war vor Jahren selbst Schauspieler gewesen und hatte unter dem Beinamen »der schöne Ferdinand« starken. Eindruck auf Frauenherzen gemacht, war aber klug genug, bevor er als Liebhaber verknöcherte, eine Theateragentur aufzutun mit unerhörtem Erfolg, der hin zum König aller Theateragenten machte. Wir spielten an diesem historischen abend »Minna von Barnhelm,« doch Ferdinand Röder, welcher fürchten mochte, daß es seinem Renommee schaden könne, wenn er sich mehr als einen Akt von Lessings Lustspiel anschaue, erschien im ersten Zwischenakt auf der Bühne, geführt von dem Direktor Ernst. Zunächst steuerte er auf Hedwig Raabe los, die später so berühmt gewordene Niemann-Raabe, die an diesem Abend die Franziska spielte, und verwickelte sie in ein geschäftliches Gespräch. Wer seine Ohren spitzte, konnte hören, was er mit ihr verhandelte, denn leise Rede war ihm nicht gegeben. Die Tausende für Gage und Spielhonorar flatterten in der Luft herum, bis ihm einfiel, daß seine Zeit kostbar sei und er noch andere Geschäfte in Ordnung bringen müsse. Mit fliegendem Backenbart, der ihn wie Gischt umbrandete, den[74] hellen Überrock weit zurückgeschlagen, den Daumen im Westenausschnitt rauchte er auf mich zu. »Unser Just, Herr Schöne,« stellte mich der Direktor vor. »Sie wissen ja, wer ich bin,« sagte der Allmächtige, den ich nie gesehen; »wollen Sie mit mir in Geschäftsverbindung treten?« Ich hatte für kostspielige Theateragenten wenig Herz; bisher war es mir fast immer gelungen, ohne ihre Beihilfe meine Engagements abzuschließen. Ich blieb ihm gegenüber in kühler Salamanderstimmung und sagte ruhig: »Warum nicht? ? Wenn Sie mir eine gute Stellung verschaffen können.« Meine Gelassenheit machte ihn aufbrausen. »Können! Können! Es handelt sich nur um mein Wollen! Und ich will! Sie werden von mir hören!« Damit drehte er sich kurz um, so daß ich glauben mußte, er gehe beleidigt fort, doch vor Ablauf einer Woche schickte er mir aus Wien einen überraschenden Brief: »Es ist möglich, daß ich Sie ans Burgtheater bringen kann. Ich habe Direktor Laube von Ihnen erzählt, der sich für Sie zu interessieren scheint. Sie möchten sich bei ihm um ein Gastspiel auf Engagement bewerben, läßt er Ihnen sagen; das andere würde sich finden. Kommt es zu einem Kontraktabschluß, haben Sie drei Jahre hindurch von allen Ihren Bezügen fünf Prozent Provision an mich zu zahlen.« Ich nahm meine beste Feder und bot mich Laube an. Umgehend erhielt ich von ihm eine eigenhändige Antwort in seiner charakteristischen Lateinschrift, die sich Lewinski ganz zu eigen gemacht hat. Laube schrieb auf einem ungeheuern Bogen: »Wien, 7. Januar 1863. Ich habe Ihren Brief vom 2. Januar erhalten, werter Herr, und bin ganz bereit, ein Gastspiel für Sie bei meiner Behörde in Antrag zu bringen. Ein Gastspiel auf Engagement; drei Rollen, sobald Sie Ihrer Verpflichtungen ledig sind in Mainz, und ? wenn Sie keine neuen Verpflichtungen eingegangen sind, denn Sie müßten hierbleiben können, wenn Sie reüssieren. Die Wahl der Rollen wir mir aber schwer, so lange ich[75] Sie nicht persönlich kenne. Das Beste wäre, wir bestimmten die erst, nachdem Sie hier eingetroffen wären und ich Sie ausführlich gesprochen hätte. Man ersieht dann leichter, was zur Persönlichkeit paßt. Didier (Grille), Peter (Gustel von Blasewitz), Mack (Königsleutnant) sind mir bis jetzt aus Ihrem Repertoir in die Augen gefallen. Nennen Sie mir selbst sechs Rollen, die Sie möchten, und sagen Sie etwas Ausführliches über sich selbst, namentlich aus welchem Teile Deutschlands Sie stammen, und welche spezielle Richtung des heiteren Genres Ihnen am nächsten liegt und am besten steht. Ebenso auch, ob Sie sich anspruchslos genug fühlen, hier eine Karriere zu beginnen, bei welcher Sie doch immerhin noch eine Weile von Beckmann, Meixner, Baumeister aus erster Linie zurückgehalten würden. Ihrer Antwort entgegensehend grüße ich Sie als Ihr ergebener Laube.« Ich hatte das Schreiben eines Sekretärs im Auftrage des Herrn Direktors erwartet, in herkömmlichen Phrasen, und erhielt einen eigenhändigen Brief Laubes, einfach und fachlich, jeder Satz ein Hammerschlag, der den Nagel auf den Kopf traf. Den Brief zu beantworten war eine Lust: ich merkte, daß Laube etwas vom Individuum haben wollte, und gab mich, wie ich war, in einer kleinen biographischen Skizze. Natürlich vergaß ich nicht, das Bekenntnis abzulegen, daß meine Wiege in Dresden gestanden. Laubes umgehende Antwort, die jeder Anrede entbehrte, lautete: »Also aus Dräsen?! ? Es bleibt abgemacht, daß Sie nach Schluß Ihres Mainzer Engagements hierher kommen und auf Engagement gastieren. Vergessen Sie nicht, mir ewig vierzehn Rage vorher anzuzeigen, daß Sie abreisen, damit ich mich darauf einrichte. Von Rollen denke ich an Didier, Mack und Tümpel (?Ein Lust spiel?) oder ?Schöne Müllerin?. Sie bestens grüßend Ihr ergebener Laube.« ? Wären nicht die Briefe in meiner Hand gewesen mit dem Siegel der »k.k. artistischen Direktion des Burgtheaters,« ich hätte zu träumen geglaubt; Hedwig Raabe erhielt gleichzeitig von Laube[76] einen Gastspielantrag, aber sie hatte schon einen Namen mit Wertprägung, ich dagegen, Haus im Glück, kam mir vor wie der verwunschene Prinz. Die Österreicher unserer Gesellschaft und alle, die das Wiener Straßenpflaster kannten, wußten die Reize der Kaiserstadt so zu schildern, daß das »goldene« Mainz völlig seinen Glanz verlor. Besonders der Pflegevater der Gallmeyer pries mich glücklich, daß ich Wien und seine Pepi sehen dürfe, die sich dankbar und großmütig gegen den früheren Pfleger erweise. Jeder aber wußte ein Stücklein von Laube zu erzählen, und die Legende wob ihre Fäden um ihn. Während der Probe sollte er verborgen auf der Bühne sitzen, in eine spanische Wand eingerollt, und bei dem geringsten Verstoß der Schauspieler wie ein bissiger Wachthund aus seiner Hütte herausfahren. Beneidenswert sei bei alledem das Los der k.k. Hofschauspieler doch; sie würden vom Hof und Publikum über alle Maßen verhätschelt, so sehr, daß man sie zu den Proben und Vorstellungen von ihrer Wohnung in einer Equipage abhole. Freilich würden die Verbrecher, die man zur Hinrichtung nach der Spinnerin am Kreuz bringe, ebenfalls in den Wagen der Hofschauspieler nach dem Orte ihrer Bestimmung gebracht ? und das war keine Fabel. ? Endlich kam der ersehnte 16. April, mit ihm der Schluß der Mainzer Bühne und meine Abreise nach Wien, die ich verabredetermaßen vierzehn Tage früher dem Direktor Laube gemeldet hatte. Dank den Mainzer Instruktionen wußte ich genau, was ich bei meiner Ankunft im Wiener Westbahnhof zu tun hatte; ich warf mich einen Komfortabel, und nach deutschen Fahrbegriffen raste mein Einspänner die Mariahilfer Straße hinunter und prellte in der inneren Stadt beim »Hotel Wandl« vor. Im frühen Morgensonnenschein legte ich mich nach langer Fahrt zur Nervenberuhigung ins Bett und schlief über die Mittagsstunde hinaus, bis mich der Hunger weckte. »In Wein speist man nie im Hotel!« hatte man mir eingeprägt, also machte ich mich auf den Weg, ein Spielhaus[77] zu suchen. Auf dem Kohlmark las ich ein Schild: »Café Daum.« Das wird das richtige sein, dachte ich; in rheinischen Cafés spielt man zu Mittag, nimmt dort alle möglichen Getränke, am seltensten Kaffee ? warum nicht in Wien? Eine hoheitsvolle Persönlichkeit, faltenlos aufgebügelt, mit dem gepflegtesten Backenbart, neigte sich bei meinem Eintritt zu mir herab und fragte im vornehmen Flüsterton nach meinem Begehr. »Bringen Sie mir geschwind eine Suppe, und was sonst fertig ist, ich habe einen Bärenhunger.« Ich hatte keine Ahnung, wie furchtbar ich mit dieser Bestellung den »Louis beim Daum« beleidigte, den großen Zahlkellner im ersten Café. Er trat einen Schritt zurück, maß mich mit dem Blick des Sonnenkönigs, brachte die Hand wie abwehrend zwischen uns und versicherte, daß ich hier am unrechten Orte sei, ich wolle vermutlich in das Bierhaus »Zum Lothringer« gehen, das sich ein paar Häuser weiter hinauf befinde. Hoher Louis! Nimm heute meinen Dank für deine Zurechtweisung, ja ? ich gehörte in den »Lothringer,« denn es war ein Nest der Hofschauspieler. Hier verzehrte der alte Ludwig Löwe nach dem Theater sechs harte Eier, weil er einen »falschen Appetit« verspürte; hier qualmte Josef Wagner wortlos seine dicken Zigarren; hier saß Meister Laroche mit seinem tugendhaften Hunde, der Punkt elf Uhr der Kneipe den Rücken kehrte, nach Hause ging und den Hausmeister wachbellte, damit er ihm das Tor aufsperre, wofür Laroche ein Sperrsechserl erlegen mußte. Hier verspeiste Meixner im höchsten Zorn einen Fasan, der ihm zu billig war, weil er auf dem Jagdplatz den Fasan mit Federn teurer bezahlen müsse als hier einen gebratenen mit Rotkraut. Im »Lothringer« speiste ich Jahre hindurch zu Mittag, im Verein mit Nachwuchskollegen und jungen Journalisten, die es später zu Hofräten und bevollmächtigten Ministern brachten. Also nochmals Dank, Louis, für die vielen angenehme Stunden, die mir deine Zurechtweisung verschaffte! ? Mein erstes Mittagessen in Wien hatte sich[78] so spät hinausgezogen, daß ich nicht mehr daran denken konnte, mich Direktor Laube vorzustellen; es trieb mich ins Burgtheater, das ich mit Gefühlen betrat, wie sie einer haben mag, der mit einem überlegenen Gegner zum erstenmal zusammentrifft. »Hier werden fremde Schauspieler in Grund und Boden gespielt,« war der Gedanke, den ich nicht los werden konnte. Es mußte so sein, denn Hedwig Raabe hatte vor einigen Wochen im Burgtheater gastiert; ihre reizvolle Persönlichkeit, ihr eigenartiges starkes Talent hatten Eindruck gemacht ? aber ein Engagement war nicht zustande gekommen. Mit den Linien des Mainzer Schauspielhauses stand die unschöne Form des Burgtheaters in argem Kontrast, und doch lag über den Räumen eine Weihe, von der man sich ergriffen fühlte, vielleicht weil man sich bewußt wurde, daß der Kronleuchter mit seinen Öllampen eine hundertjährige große Theatervergangenheit bestrahle, daß man sich innerhalb der Mauern einer kaiserlichen Hofburg befinde. Der Theaterzettel versprach ein Lustspiel in vier Aufzügen von Meilhac, »Ein Attaché,« das gestern seine Erstaufführung erlebt und einen großen Erfolg errungen hatte. Die modernen französischen Lustspiele, die Laube meist selbst übersetzte, vielmehr bearbeitete, weil der dem Geschmacke des deutschen Publikums Konzessionen machen, über Zensurbedenken hinweg helfen mußte und seinen Schauspielern die Rollen nach dem Leibe zuschnitt, hatten nur nach und nach Boden gewinnen können. So wurden Sardons »Gute Freunde« bei der Premiere sanft abgelehnt, ein Stück, das, nach einigen Jahren von Laube wieder aufgenommen, nicht oft genug gespielt werden konnte, nachdem das Publikum an modernen französischen Komödien Geschmack gewonnen hatte. Als das Orchester eine Ouvertüre aus den blauen Heften gespielt, die ihr vierzigjähriges Jubiläum hinter sich haben mochten, wurden durch das Aufziehen des Fügerschen Vorhanges dem Zuschauer die Wunder des Festsaales im *schen Gesandtschaftshotel zu[79] Paris enthüllt. Ein leises Mitleid regte sich in mir bei diesem Anblick ? ich kam auf die Vermutung, der arme Gesandte, Baron von Scharpf, sei gepfändet worden, und man habe ihm nur das Allernotwendigste für die Repräsentation gelassen: rechts einen vergoldeten Tisch, ein kleines Sofa und zwei Stühle und links einen vergoldeten Tisch, ein kleines Sofa und zwei Stühle. Aber das waren Gedanken, die rasch verflogen, als die Schauspieler anfingen zu sprechen. Ich hörte eine Weile zu und stutzte ? ? die reden ja gar nicht wie Schauspieler ? das sind Menschen im wirklichen Leben ? das ist keine Kunst, das ist Natur! Nach und nach dämmerte es in mir auf: »Heute siehst du zum erstenmal ein Lustspiel, wie es gespielt werden muß.« Fast eben so bewunderungswürdig wie die Darsteller wollte mir das Publikum erscheinen. Ungezwungen unterhielt man sich im Zuschauerraum vor Beginn des Stückes und während der Zwischenakte, das Orchester spielte offenbar nur zu dem Zwecke, die Konversation anzuregen; ein Diener des Hofzuckerbäckers Demel, der »Nummero,« durchstreifte die Gänge des Parketts und rief eintönig: »Gefrorenes, Limonade, Mandelmilch« aus ? aber bei dem Glockenzeichen, das den Beginn des Spieles ankündigte, wurde es mäuschenstill, und mit dem Aufziehen des Vorhanges prägte sich Aufmerksamkeit auf den Gesichtern aus. Man hing an den Lippen der Darsteller, nicht die feinste Pointe ging verloren, man lachte gern und lachte von Herzen. Applaus fiel nicht häufig, aber manchmal, nach einer besonders gelungenen Szene, ließ sich ein halb unterdrücktes bestimmendes Gemurmel vernehmen, und die Köpfe der Zuschauer neigten sich zueinander, Worte der Bewunderung flüsternd. Ich dachte, jetzt brauchen sich nur zwei Hände zu regen, dann bricht der Jubel los; ich wollte den Anstoß geben, da hielt mein Nachbar meinen Arm: »Tun Sie's nicht, 's wär schad'! Das war der feinste Burgtheater-Applaus.« Sie kannten sich, Schauspieler und Publikum; ich glaube,[80] es wäre für ganz natürlich befunden worden, wenn sich jemand aus der Prosceniumsloge gebeugt und einem Darsteller, der ihm eben das Herz bewegt, kräftig die Hand geschüttelt hätte. Man muß Fichtners Abschied beigewohnt haben, um einen Begriff zu bekommen, in welchem Rapport Künstler und Publikum miteinander standen; als der Liebling schied, war es, als ob ein zärtlich geliebter Sohn von seiner Familie herzbrechenden Abschied nähme. In den beiden Ausläufern der vierten Galerie, am Bühnenausschnitt, versammelte sich allabendlich eine feine Blüte des Publikums; wenig Geld in der Tasche, aber Ideale im Herzen, mußten sie sich ihre Plätze durch frühzeitiges Anstellen an der Einlaßtüre teuer erkaufen. Nicht am wenigsten mag es Fichtner gefreut haben, als er ihren Lorbeerkranz aufnahm, dessen Schleife die Widmung trug: »Von den Stammgästen des vierten Stockes.« So war es vor vierzig Jahren im Burgtheater. Selig-betrübt verließ ich das ehrwürdige Haus; wohl hatte ich Herrliches gesehen, aber ich mußte auch, daß eine Krähe unter Adlern eine traurige Rolle spielen würde. Nach unguter Nacht kam der entscheidende Tag, der mich mit Direktor Laube zusammenführen sollte. Ich hatte in Erfahrung gebracht, daß er gegen ein Uhr in seinem Bureau Besuche entgegennähme, also stieg ich vorzeitig, klopfenden Herzens, die Albrechtsrampe hinter der Augustinerkirche hin auf und erfragte bei einigen livreebekleideten Würdenträgern der Tore die bescheidene Stiege, die zu dem Bureau des artistischen Direktors vom Burgtheater führte. Auf mein Läuten öffnete ein blatternarbiger Riese die Türe; sein überhängende Schnurrbart verriet den ehemaligen Feldwebel. Es war, wie ich später erfuhr, der Herr Repertoir-Inspizient Rister, Erfinder der übersichtlichen Tabellen der Burgtheaterstücke, mit allen dagewesenen Rollenbesetzungen, die noch heute angewandt und geschätzt werden. Rister tummelte auch sonst den alten Kranzleischtmmel und verrichtete für Laube alle untergeordneten Schreibearbeiten. Er hat manchen Brief an Laube aus[81] dem Papierkorb gerettet, denn er war ein Sammler von Theaterkuriositäten, zugleich ein lebendiges Nachschlagebuch der Geheimgeschichte des Burgtheaters. Herr Rister fragte nach meinem Begehr, und als er erfahren, um was es sich handelte, fragte er: »Jessas, ja! Der Direktor erwartet Sie schon a paar Täg! Jetzt ist er auf der Prob' ? er wird leicht noch a Weil' dauern, aber kommen tut er g'wiß. Nehmen S' einstweilen auf dem Sofaderl Platz.« Er machte eine einladende Bewegung, zog seine Uhr, fragte zu sich: »Heut wird's spat mit'm Mistgrüberl« und ging wieder in das Direktionszimmer. Das Mistgrüberl war eine kleine Weinstube, wo sich der Herr Repertoir-Inspizient nach den Amtsstunden bei einigen Vierteln zu erholen pflegte. Ich stand allein im Vorzimmer, schaute aus dem einzigen Fenster nach dem sonnbeglänzten äußeren Burghof, wo die ersten jungen Kastanienblätter an braunwolligen Stengeln schlapp herunterhingen, ein Bild meines Selbstvertrauens. Dann ließ ich mich auf das zweisitzige Sofa nieder, hart wie der Rost des heiligen Laurentius, und wartete. Auf einmal riß es draußen an der Glocke, ich schnellte auf, Rister stürzte in das Wartezimmer herein: Das is er!« und öffnete die Türen. Gravitätisch trat ein untersetzter Mann, im bequemen, keiner Mode angehörenden Überrock, der von einer Spange in der Taille zusammengehalten wurde, in das Vorzimmer. Ein schwarzer, glanzloser Filszylinder deckte den Kopf; die Beinkleider hatten unter an der Außenseite einen kleinen Einschnitt, der gestattete, daß sich der Vorderteil der Hofe bequem über den Stiefel breiten konnte. Einen Stock er unter den Arm geklemmt. Aus dunkler Krawatte starrten wehrhafte Vatermörder, in steten Kampf begriffen mit einem struppigen, drahtartigen Bart, der die Oberlippe und das ganze Kinn breit bewuchs. Sein Blick richtete sich beim Eintritt gewohnheitsgemäß zuerst auf das kleine Ledersofa, vor dem ein junger Mann stand, der ihm eine tiefe Verbeugung machte. Laube erwiderte den Gruß,[82] indem er lautlos die Hand an den Zylinder legte; dann suchte er nach seiner Stiellorgnette, besah sich den neuen Mann und entschwand, stumm wie die Ahnfrau, in das Direktionszimmer. Das war Laube! Amazon.de Widgets Ich hatte erzählen hören, daß er in Wien bei dem ersten Schneider arbeiten lasse, aber zu dessen Verzweiflung nach einem Schnitt, wie er seiner Zeit in der Paulskirche zu Frankfurt üblich gewesen war. Kaum daß mein erstarrtes Blut wieder zu kreisen begann, öffnete Rister die Türe: »Der Herr Direktor laßt bitten.« Wie ich ging und stand, folgte ich der Einladung; in der Verwirrung vergaß ich sogar, den Überzieher abzulegen, in den ich fest eingeknöpft war. »Also Sie sind Herr Schöne!« klang es mir in scharf akzentuierten Worten entgegen. Ich suchte die Augen an das Helldunkel zu gewöhnen (die Rouleaux waren zum Schutze gegen die Mittagssonne heruntergelassen), wurde auch alsbald sehend, denn der geschulte Rister zog einen Vorhang zur Hälfte auf. Laube saß, mit dem Rücken gegen den Schreibtisch, in einer Stellung, als ob er mich so recht mit aller Bequemlichkeit genießen wolle. »Habe Sie schon vor einigen Tagen erwartet. Konnten Sie denn nicht früher kommen?« Ich versicherte die Unmöglichkeit. »Das ist schlimm! Samstags muß ich das Repertoir für die Woche machen ? Sie waren nicht da ? ich konnte nicht mit Ihnen rechnen. Wir verlieren acht Tage; ich kann Sie erst im nächsten Repertoir unterbringen. Und nun lassen Sie sich einmal ansehen. Treten Sie ein paar Schritte zurück und knöpfen Sie sich auf.« Mein Überzieher flog herunter. Laube nahm seine Lorgnette längere Zeit in Anspruch, dann ließ er sie fallen; ein behagliches Lächeln glitt über seine Züge: »Sie haben Anlage zu einem Burgschauspieler« ? ich muß ein höchst erstauntes Gesicht gemacht haben, denn seine Augen funkelten vergnüglich ? »ja! Ich glaube, Sie werden dick.« Ach so! Mit einem Aufschnellen der geschlossenen Hand, einer Bewegung, die[83] ihm eigen war, wies er mir einen Stuhl in seiner Nähe an. »An welche Auftrittsrollen haben Sie also gedacht?« ? »Herr Direktor,« sagte ich, einen Seufzer unterdrückend, »ich war gestern abend im Burgtheater.« ? »Was haben wir denn gleich gespielt?« fragte er, mit der Hand über Augen und Bart fahrend. ? »Ein Attaché,« sagte ich, im weichen Dialekt des Elbflorenzlers, der mir manchmal über die Lippen kam. ? »At?ta?sché?sché!« betonte Laube jede Silbe haarscharf. ? »Wie bliebt?« fragte ich in aller Unschuld. ? »Attaché! ? alter Sachse. Nun, was haben Sie für einen Eindruck gehabt?« fragte der Direktor, noch stolzerfüllt von dem jüngsten Erfolg. ? »Einen niederdrückenden.« ? Laube rückte mit dem Stuhle. »Was! Wieso?« ? »Ich bin niedergedrückt worden ? ich habe alle Courage verloren und möchte Sie bitten, mich in möglichst wenig herausfordernden Rollen auftreten zu lassen; dem Publikum kann ich nicht imponieren, und Sie werden auch aus kleineren Aufgaben ersehen, ob Sie mich vielleicht doch brauchen können.« Laube wendete mir ein wenig den Kopf zu, mehr die Augen, und es war mir, als ob ein warmer Strahl daraus mich träfe, der mich wohlig überrieselte. Er pausierte und sagte dann: »Mja! Sie können recht haben, Kommen Sie, wir wollen Ihr Rollenverzeichnis durchsehen.« Wir einigten uns bald die drei Auftrittsrollen: Didier (Grille), Tümpel (Ein Lustspiel), und Henning (Störenfried). »Die Rollen schicke ich Ihnen gleich zu; Sie wohnen im Hotel Wandl? teures Pflaster im Hotel ? Samstag erhalten Sie das Repertoir, auf dem Proben und Vorstellungen für die Woche ersichtlich sind. Gehen Sie fleißig ins Burgtheater, daß Sie kugelfest werden. Ihre Billets werde ich für Sie an der Kasse deponieren lassen. Apropos! Für alle drei Gastrollen habe ich Ihnen ein Honorar von zweihundert Gulden ausgewirkt. Ein schönes Stück Geld. Ich hoffe, Sie werden damit zufrieden sein.« Ich erklärte mein vollkommenes Einverständnis; er reichte mir die Hand,[84] und ich konnte gehen. Vor der Türe merkte ich, daß mein Herzklopfen wie weggeblasen war ? Laube hatte es weggeredet. Wie man vor ihm Beängstigungen haben konnte, war mir jetzt unerklärlich; man sprach mit ihm wie mit einem alten Bekannten, ich glaube früher schon mit ihm verkehrt zu haben ? ? halt! da hatte ich's! Seine Briefe! ? er sprach, wie er schrieb. Seine Briefe waren er selbst. Laubes Augen sah ich noch von mir; da hinein hatte die Natur alle Schönheiten gelegt, die sie ihm mitgeben wollte. Sie hatten zwar äußerliche Mängel, aber die Sterbe waren von klarer Tiefe und Ausdrucksfähigkeit; sie strahlten alle Vorgänge der Seele wider; und wie lustig konnten die Augen sein! ? sie lachten für sich ganz allein. Seine Stimme war herb, aber volltönig, ihre Klangfarbe dunkel und etwas gedrückt; die Worte wurden herrlich akzentuiert, jede Silbe kam zu ihrem Recht, er war ein Meister der Rede. Ernst, Gemüt und sonnigen Humor konnte er mit seiner Stimme zum Ausdruck bringen, und es war für uns ein Fest, wenn er in der Leseprobe eine Rolle übernehmen mußte. Der Direktor hatte einen starken Eindruck auf mich gemacht, mir unbändig gefallen; hätte ich nur gewußt, was ihm seine Lorgnette von mir erzählt, und was er sonst von von mir dachte! Jeden Abend sah mich das Burgtheater, das ein reiches Repertoir vor mir entrollte: »Krisen,« »Minna von Barnhelm,« »Was ihr wollt,« »Kabale und Liebe.« Jeden Abend wurde ich enthusiasmiert, um nachher in einen tiefen moralischen Abgrund zu versinken. So kam der Vormittag heran, an dem auf dem Repertoir um elf Uhr eine Probe zur »Grille« angesetzt war, Szenen des Didier. Das war auf mich gemünzt. Diese Szenenprobe hatte mich lange vorher beunruhigt; ich nahm die oftgespielte Rolle zur Hand und suchte meine Auffassung mit dem Burgtheaterstil in Einklang zu bringen ? aber wo war er? Ich langte danach, aber er ließ sich nicht fassen. Es war dreiviertel elf Uhr,[85] ich erwartete jeden Augenblick den Kellner mit der Meldung daß die Hofequipage da sei, die mich zur Probe abholen solle. Die Meldung kam nicht. Ich lief unruhig im Zimmer hin und her, endlich hinunter zur Einfahrt, um, wenn der Wagen käme, gleich einzusteigen. Er kam nicht. Zwei Minuten vor elf Uhr stieg mir der entsetzliche Verdacht auf, daß er überhaupt nicht kommen würde, daß er nur ein Spiel der Phantasie meiner Mainzer Kollegen sei. Ich fange sofort zu laufen an, denke einen kürzeren Weg als über den Kohlmarkt einzuschlagen, wähle eine Seitengasse und verlaufe mich. Ich war wie gekocht, als ich endlich den Eingang zum Bühnenraum des Burgtheaters finde, vor dem ein Theaterdiener mit einem verflixten Lächeln steht und mich mit den Worten empfängt: »I bitt', Herr von Schöne, die Herrschaften warten schon ? i werd' vorausgehn.« Ich passiere verschiedene Dunkelheiten, fühle mich von einer leitenden Hand ergriffen, stolpere über kleine Stufen, selbstschließende Türen schlagen mir an den Kopf, dann werde ich durch eine Kulissengasse geschoben und stehe auf der Bühne des Burgtheaters, mit dem feuchten Taschentuch in der einen, mit dem Hut in der anderen Hand, mich ehrfurchtsvoll vor der Versammlung verbeugend. Ich fühle, daß ich in eine eisige Atmosphäre geraten bin. Schauspieler und Schauspielerinnen stehen in Gruppen beieinander. ? Einige sehen nach der Taschenuhr und lassen sie hörbar zuknipfen. »Das kommt gleich zur ersten Probe zu spät,« glaube ich auf allen Gesichtern zu lesen. Laube saß am Regietisch, nahe am Souffleurkasten, auf drei Seiten von einer spanischen Wand gegen den Zug geschützt, die Füße auf einem Angorafell ruhend, die Beine in eine Decke gehüllt; sein Stock lag auf dem Tisch. Nachdem er sich überzeugt, daß der Verbrecher gegen die Burgtheater-Punktlichkeit endlich da ist, wickelt er sich langsam aus der Decke und geht einige Schritte auf mich zu. Ich vermag kaum die Bitte um Entschuldigung zu stammeln und denke gar nicht daran, die Ursachen meines[86] Zuspätkommens humoristisch darzulegen, was vielleicht versöhnend gewirkt hätte; Laube mochte etwas dergleichen erwarten; da es ausblieb, stellte er mich mit vier Worten dem Künstlerpersonal vor. »Nun wollen wir aber endlich anfangen.« ? Der Himmel möge Schauspieler vor Szenenproben behüten, denen er ohnehin nie seinen Segen gibt; sie scheinen nur erfunden zu sein, und die Disziplin zu lockern. Ein Stück »steht,« das heißt es ist zwanzig-, vierzigmal gespielt worden. Nun kommt ein Gast, kein reisender Virtuos, der in diesem Stück auftreten will. »Wir brauchen natürlich nur Ihre Szenen zu probieren,« sagt man ihm; »das Stück steht. Wünschen Sie nur eine ? oder vielleicht zwei Szenenproben?« Diese Frage ist geeignet, den Gast in gelinde Verzweiflung zu bringen; er möchte doch seine Partner und deren Spielweise gründlich kennen lernen, und nun eine solche Frage, in der die gewünschte Antwort schon angedeutet wird! Der ansässige Schauspieler, dem das abgespielte Stück höchst zuwider ist, markiert nur, deutet nur an. Lange Sätze werden heruntergerasselt, wenn nicht gar der größte Teil der Reden weggelassen und gleich zur Schlußperiode übergegangen wird. Danach soll nun der Gast sein Gegenspiel einrichten! Auch die Dekorationen können häufig nur markiert werden. »Requisiteur!« ruft dann der Regisseur, »stellen Sie doch die Rasenbank hierher ? nicht so nahe an die Wand ? so! Sehen Sie Herr, das ist Ihr Sofa, und ? Theaterleute! Bohrt hier mal eine Türe fest ? da geht es in Ihr Schlafzimmer.« In dieser Wohnung, die er nie vorher gesehen, soll sich der Gastspieler in der Vorstellung heimlich fühlen! So schlimm was er im Burgtheater freilich nicht, aber eine entfernte Ähnlichkeit mit der angedeuteten Szenenprobe war immerhin vorhanden. Die »Grille« wies eine erstaunliche Reihe von Wiederholungen auf; man hatte sich an der Fanchon der Goßmann nicht satt sehen können ? da durfte man sich nicht wundern, daß sämtliche Nuancen bei der Szenenprobe unter den Tisch fielen. Ich mußte mich[87] auf Überraschungen bei der Vorstellung gefaßt machen, die auch nicht ausblieben. Am frischesten zeigte sich Laube. Nachdem seine Verstimmung über mein Zuspätkommen gewichen, erwachte seine Teilnahme, er fing an zu lächeln, lachte sogar ein paarmal auf, korrigierte, wünschte einige »Drucker« und wickelte sich schließlich aus der Decke heraus, um mir einen wirksamen Abgang vorzuspielen, der sich freilich nicht zur sklavischen Nachahmung empfahl ? Laube war zu grotesk ? aber ich erfuhr deutlich, was er meinte. Später hatte ich Gelegenheit, ihn am Regietisch zu beobachten, ein lehrreiches und vergnügliches Studium. Er war wie ein fein empfindliches Wetterglas, dessen Quecksilbersäule merkwürdige Sprünge machte. Wurde sein Regisseurherz in einer humoristischen Szene erfreut, so strahlte sein Gesicht; erst lachte die Augen, und kam es noch besser, ließ er sich durch ein helles Lachen von innen heraus erschüttern. Lastete aber ein Druck auf ihm, machte sich Talentlosigkeit breit, verstanden ihn die Schauspieler nicht, oder wollten sie ihn nicht verstehen, da ließ seine Spannkraft nach, er lehnte sich in den Stuhl, neigte den Kopf zur Seite, machte sich von der Decke frei, legte einen Fuß über den anderen und klopfte mit dem Stock vernehmlich an die Stiefelsohle. Es war das Armesünderglöckchen, das er läutete. Dem Darsteller, besonders im heiteren Genre, überließ er mehr schauspielerische Freiheit, als man heute anzunehmen scheint; er ließ ihm die Zügel locker und half wirksame Einwürfe und verstärkte Aktschlüsse zu erfinden. Das Tempo suchte er zu beschleunigen, Rede und Gegenrede mußten im nervösen Dialog wie Blitz und Schlag einander folgen. »Da darf kein Sonnenstrahl dazwischen,« war sein Lieblingswort. War er mit einer Auffassung nicht einverstanden, unterbrach er plötzlich: »Warum machen Sie das so?« Saß man fest im Sattel und konnte stichhaltige Gründe vorbringen, sänftigte sich sein Gesicht, und er sagte: »Ja ? es geht so auch ? ich hätte es anders gemacht ? aber bleiben Sie bei Ihrer[88] Auffassung und führen Sie sie konsequent durch.« In Streitsachen war Laube ein Richter kurzer Hand. Während des Dekorationswechsels auf der Szenenprobe kam der alte Wagediener Schendel, vorsichtig auf den Fußspitzen gehend und seinen Hut wie einen Rosenkranz zwischen den Fingern kreisen lassend, auf den Regietisch zu. »Jetzt ? Herr Direktor ? da muß i mich schon beklagen,« fing er an; »der Theatermeister Weber is gar so viel ein grober Ding. Wissen S', was er mir antragen hat? I sollt' ihn ?« ? »Genug!« schnitt ihm Laube das Wort ab, »ich kann mir's denken.« ? »Ja, Herr Direktor, döshat er mir antragen.« ? »Nun, Schendel,« fragte Laube mit unbeugsamem Ernst, »haben Sie es getan?« ? »Aber na! Herr Direktor, na!« ? »Das war gescheit, das haben Sie nicht nötig. Adieu.« Vollständig befriedigt balanzierte der alte Wagendiener auf den Zehen den Weg zurück, den er gekommen war. So legte Laube im Handumdrehen mit Humor einen Konflikt bei, wozu ein Nachfahre von ihm den grünen Konferenztisch, einen Protokollführer und das ganze Regiekollegium benötigt hätte. Der letzte Akt der »Grille« hielt nur noch die Familie Barbeaud und Fanchon zusammen, die anderen Darsteller waren längst in die Frühlingsluft gegangen, es wurde immer stiller im alten Hause, bis endlich der Souffleur das Buch zuklappte und unter dem Podium verschwand. Laube schälte sich aus seiner Umhüllung, sah nach der Uhr, grüßte und wandte sich zum Gehen. Ich hing an seinem Blick ? »vielleicht gibt er die einen Wink, ihm zu folgen,« dachte ich, ? »vielleicht will er dir etwas sagen.« ? ich verbeugte mich, er legte, militärisch grüßend, die Hand an den Hut und ging wirklich fort, ohne meine Begleitung zu verlangen. An 27. April kündeten die Zettel des Burgtheaters das Gastspiel eines Schauspielers vom Mainzer Stadttheater an, der als Didier in der »Grille« auftreten würde; und als meine Stunde geschlagen hatte, machte ich mich auf den Weg,[89] der an dem berühmten »Burgtheaterbankerl« vorüberführte. In der kurzen Zeit meines Hierseins war mir dessen Bedeutung klar geworden. Es stand unter dem Vordache, das den Eingang zum Burgtheater schirmte, da, wo es sich an die kaiserliche Reitschule anlehnte, gegenüber der Michaelerkirche. Hier, unter diesem Vorbau, wurden Dekorationen abgeladen und nicht ohne Schwierigkeiten auf die Bühne befördert; hier wurden die großen Garderobenkörbe der Hofschauspielerinnen von den Wagen gehoben und durch eine kleine rechtsseitige Türe nach den Ankleidezimmern geschleift, während durch den unscheinbaren Mitteleingang die Reiter sich nach der Reitschule und ein Teil des Publikums nach den Sperrsitzen begaben; dieser Vorbau war in guter Jahreszeit der Salon der k.k. Hofschauspieler, wo sie Besuche empfingen und den Burgtheaterfreunden die Honneurs machten. Das berühmte Bankerl, dessen Rückenlehne die Mauer der Reitschule bildete, war der Gesellschaftsdiwan, der acht bis zehn Personen Platz gewährte. Der treueste Stammgast war Kanzleidirektor Hofrat von Raymond, der Mittelsmann zwischen dem obersten Direktor, Graf Lauckoronsky, und dem artistischen Direktor Laube. Logeninhaber, Dichter und andere auf der Menschheit Höhen stehende Persönlichkeiten ließen sich gerne auf einige Augenblicke unter ihren Lieblingen nieder; selbst die am Abend beschäftigten Künstlerinnen, die mit den Theaterwagen angefahren kamen, konnten dem Anreiz kaum widerstehen, sich wenigstens für ein Minütchen mit einzuklemmen. Es war aber auch verlockend: hier erfuhr man der neuesten Stadt- und Theaterklatsch, die Börsenwitze und die aus dem Opernorchester; zugleich gelangte man zur Patenschaft aller Scherze, die auf dem Bankerl das Licht der Welt erblickten. Eigentlich war es eine rechte Lästerbank, das wußte jeder aus Erfahrung; alle, die sich dem Bankerl von weitem näherten oder es verlasen mußten, wurden von den Sitzenbleibenden durch die Hechel gezogen. Der Schauspieler Herzfeld, Träger einer köstlichen Perücke, die offenbar[90] viel zu kurz geraten war, da sie den ganzen Nacken und einen großen Teil des kahlen Hinterkopfs unbedeckt ließ, stand einmal unvorsichtig vom Bankerl auf und ging über die Straße nach der Michaelerkirche. »Ein merkwürdiger Kerl, der Herzfeld,« sagte Baumeister, ihm nachsehend; »man weiß nie, ob er kommt oder geht.« Nur ungern stand man allein auf; man beteiligte sich am liebsten an einem Massenaufbruch. Damit zerstreute sich auch die Korona der allerjüngsten Enthusiasten von der letzten Galerie, die in angemessener Entfernung sich angestellt hatten, um die Bühnenhelden als Menschen in der Nähe bewundern zu können. An dieser Lästerbank führte mich am ersten Gastspielabend mein Schicksalsweg vorüber. »Jetzt haben sie dich!« dachte ich bei einer Entfernung von zwan zig Schritten, grüßte sehr verbindlich, als ich vorüber ging ? und: »macht's gnädig!« stieg ein Stoßgebetlein in mir auf. Ein Theaterdiener, »Ansager,« wie die offizielle Titel lautete, war mir Wegweiser bis zu den Garderoben. Erst schritten wir die steinernen Stufen der Reitschule hinauf, bis wir zu einem hölzernen Treppchen kamen, das nach dem Ankleideraum der Hofschauspieler abzweigte. Als mir die Tür geöffnet wurde, vernahm ich ein Blasinstrument. »Der Garderobe-Herrichter blast wieder Tschakan,« sagte mein Führer; »wissen S', das is so a böhmisches Klarinetterl; es is a Deutschböhm', aber doch a Böhm', und da muß er halt Musik machen; z' Haus leid'ts sei Frau net, da blast er denn hier bis gegen sechsen hin, wann d' Herren kommen.« Heute mußte er früher als sonst seine Übungen einstellen, denn ich hatte mich zeitig auf den Weg gemacht. Trotzdem empfing er mich sehr freundlich. »I bitt', Herr von Schöne« ? er adelte mich, wie es alle Theaterdiensten taten ? »Sie kommen ins Löwe-Kammerl.« Ich sah ihn fragend an. ? »In die Garderobe des Herrn von Löwe, mein' ich. Wissen S', mir sein neunundzwanzig Hofschauspieler und haben bloß dreiundzwanzig Kammerln, da muß mer sich behelfen, si gut's geht. Die Herren[91] Gäst' bekommen immer die besten Kammerln, von die Reschischör, die gab nix zu tun ham. Wann d' Gäst engagiert werden, ham's zuerscht ka eigne Garderob', sie müssen sich heut' in dem Kammerl anziehen und morgen in dem, bis amal aus frei wird; dann erben sie sich in immer bessere hinauf, wann's was können, bis s' z'letzt als Reschischör in a Kammerl mit an Fenster kommen ? wann sie's mögen. Schaun S', da hint am End vom Gang, wo das Tischerl unter der Öllampen steht, ziagt sich der Herr Bedientenspieler an, der kriegt in sein Leben ka Kammerl.« In keinem Schiffsraum hatte ich ein so enges Wirrnis von Kabinen gesehen wie in diesem Ankleideraum der Hofschauspieler. Es war ein Korridor, der mit den Logen der dritten Galerie parallel lief, von diesen durch eine Mauer getrennt. Seine Breite betrug gewiß nicht mehr als sechs Meter, und doch waren rechts und links kleine Garderoben angebracht. Mit welchem Raffinement hatte der damalige Theatertischler seines Werkes gewaltet, daß er die engen Schachtelungen mit einem Tisch, manche auch mit einem Waschtisch, ein bis zwei Stühlen, vielleicht gar mit einem künstlich angebrachten Schrank herzustellen vermochte. Die abschließenden Bretterwände der Kammerln waren nicht ganz bis zum niederen Plafond hinauf geführt, um durch den Spalt den Zutritt der sogenannten Luft zu gestatten. Die Garderoben zur Linken boten den überflussigen Luxus von drei oder vier Fenstern, die nur in den Vormittagsstunden mit Vorsicht geöffnet werden durften. Die Luft war erfüllt von dem Wohlgeruch der Ritterstiefel und Ledergurte, dem Magazinstaub der Kleidungsstücke, die bereits für den nächsten Abend an den Außenwänden der Kammerln hingen. Dazu noch die vielen Kerzen an den Toilettenspiegeln, mehrere Öllampen und die Spiritusmaschinen für die Brenneisen der Friseure. Eine Heizvorrichtung ist mir nie aufgefallen. Oder sollte ein kleiner eiserner Ofen der Wärmespender gewesen sein, der in einem Einschnitte zwischen den rechtsseitigen Kammerln für die drei Friseure[92] stand? Dieser merkwürdige war mit Lithographien, Schauspielerporträts, historischen Persönlichkeiten, Couplets und Zeitungsausschnitten tapeziert. Dazwischen klebten abgelegte Schnurrbärte der Herren Hofschauspieler zum weiteren Gebrauch für die Statisten. Glockenapparate, durch welche die Friseure zu den sich kostümierenden Schauspielern zitiert werden konnten, waren nicht vorhanden. »Fortmülleeer!« schmetterte es aus einem Kammerl, und »komm' schon, Herr von Fichtner!« scholl es aus der Friseurecke zurück. »Ignaz!« »Scheibenhofer!« Jeder Friseur erkannte an der Stimme und Art des Rufens seinen Mann. Wenn das Spiel auf der Bühne begonnen hatte, kamen hier die Herren »Garderober« zusammen, um zu klatschen, unfehlbare Spielmethoden, durch die man Unsummen in der kleinen Lotterie gewinnen mußte, zu erörtern und auf Tod und Leben zu kurieren, denn sie waren fast alle Heilkünstler, und jeder schwor auf sein Rezept; aber jeder von ihnen schwor auch auf seinen »Herrn.« Manch rührendes Vasallenverhältnis hatte sich zwischen einem alten Schauspieler und seinem alten Garderobier entwickelt, die sich um keinen Preis mehr voneinander getrennt hätten. Ein Durchbruch in der rechtsseitigen Mauer führte über einige Stufen hinunter zu den Künstlerlogen im dritten Stockwerk, die von dem Zuschauerraum völlig abgeschlossen waren, zwei Herrenlogen, direkt am Proscenium, und zwei daneben für die Damen. Die erste Loge, zunächst dem Vorhang, wurde zumeist vom Nachwuchs bevölkert; auf einer erhöhten Bank saßen im Schatten, den Blicken des Publikums entzogen, manche der im Stück beschäftigten Schauspieler in vollen Kostüm. In dieser Loge entwickelte sich starker Enthusiasmus, und obwohl ein strenges Applausverbot existierte, schlugen doch manchmal, versteckt unter der Logenbrüstung, die Hände heftig aufeinander. Die zweite Loge nahmen die Regisseure ein und die Schauspieler, »die was konnten.« Gewöhnlich kamen die Regisseure nur zu[93] Erstaufführungen und Gastspielen, Laroche auch nach Beendigung eines jeden großen Diners, das er mitgemacht. Es war ihm Ehrensache, seine gute Tafellaune in die Loge zu führen. »Guten Abend, Kinder, wie geht's euch?« Dann stützte er die Hände auf die Logenbrüstung, legte die Rechte schattend über die Augen, winkte grüßend einigen Bekannten im Publikum zu, und mit einem »gute Nacht, Kinder, unterhaltet euch!« ging er wieder, nachdem er sich dem versammelten Volke gezeigt. In den Zwischenakten leerten sich die Logen; man traf sich im Vorraum, um eine andere Luft zu schöpfen, wenn auch keine bessere, und sich von der schweigenden Aufmerksamkeit während des Aktes im heitern Geplaudert zu erholen. Im alten, engen Burgtheater war Gelegenheit, daß sich die Kollegen intim kennen lernten, was im neuen Hulfe, mit seinen Weitläufigkeiten, kaum der Fall sein dürfte. ? Von den Garderobenräumen führte ein schmaler, hölzerner Treppengang, ein förmlicher Schlauch, hinunter nach der Bühne. Halbwegs machte er einen Absatz, wo wieder drei Garderoben angebracht waren, die Baumeisters, der Ankleidesalon des Laroche und zwischen beiden eine kleine Kabine, die 1866 durch Erbschaft an mich fiel, als das große Sterben über die Burgschauspieler gekommen war. Von vier führte, o Wunder! ein eisernes, etwas gewundenes Teppchen vollends auf die Bühne. Zunächst der obersten Stufe dieser Treppe hing, künstlich an der Wand befestigt, eine Art Polichinellkasten, mit rotem Ledertuch überzogen. Er bot dem Einfinder dieses Observatoriums, Laroche, einen Sitz, von dem er durch die erste Kulissengasse die Vorgänge auf der Bühne beobachten wollte, wozu es selten genug kam. Ein anderes Kuriosum war eine eiserne Wasserkiste in den oberen Garderobenräumen, die, mit einem Holzdeckel versehen, auf kleinen Scheibenrädern ruhte, um sie bei Ausbruch eines Feuers schnell an die gefährdete Stelle zu bringen, so nahe die verschiedenen Stufen im Gange es gestalteten. »Die Elemente hassen das Gebild von Menschenhand ?.«[94] Das alte Burgtheater, das sich unter ihrem Schutze ausleben durfte, muß ihre stille Liebe gewesen sein. Über hundert Jahre haben sie es gnädig vor dem zündenden Funken bewahrt, der das alte, ausgedörrte Gebäude, mit den hölzernen Winkelwerken, in wenigen Minuten in ein Flammenmeer verwandelt hätte ? trotz der eisernen Wasserkiste. Jetzt merkte ich, daß es hohe Zeit wurde, an mich zu denken; denn die Ankleider erwarteten bereits ihre Herrn, und ich hörte auch schon einigen plaudernd die Stiege heraufkommen, die sich gemächlich im Gange mehrfache Haltestellen zum Gespräch gönnten, bevor sie mit der Seelenruhe lebenslänglich engagierter Hofschauspieler ihre Kabinen bezogen. Meine provisorische Garderobe war ihres angestammten Herrn würdig: sie erschien in der Umgebung der anderen beinahe fürstlich, sie hatte ein Fenster, einen großen Schrank, eingesessene Lederstühle und zwei Tische. Der unantastbarer Besitz des Raumes war dokumentiert durch einen an der Wand hängenden Garderobenrock Löwes und einige diskrete Kleidungsstücke, die ihm näher waren als der Rock. Draußen auf dem Gange summte es durcheinander wie in einem Bienenkorb, aus einem Kammerl erscholl lieblicher Gesang, Friseure wurden, gerufen, ihre Brenneisen klapperten, und der Geruch von überhitzten Haaren strich über die Garderoben hin. Dazwischen erklangen die mahnenden Glockenzeichen, die mir Herzweh machten, weil sie mich dem gefürchteten Augenblick immer näher brachten ? eine halbe Stunde ? fünfzehn Minuten ? fünf Minuten ? ?! Plötzlich schrillte das Zeichen zum Anfang von der Bühne herauf, und die »Grillen«-Ouvertüre hub an. Da half kein Herzklopfen, ich mußte hinunter auf die Bretter. Die Bühne lag im milden, rötlich-warmen Lichte einer mäßigen Anzahl wohlgeputzter, selten qualmender Öllampen. Glückliche Darsteller, die im Schutze dieser Beleuchtung sich einer ewigen Jugend erfreuten! Das mollige Licht wollte keine häßlichen Entdeckungen bloßlegen, es umhüllte mehr mit seinem Schein,[95] als es zeigte. Wer innerliche Jugend besaß, brauchte die äußeren Schäden der Zeit wenig zu fürchten; echte und gerechte Burgschauspieler blieben immer jung. Aber das Publikum, verwöhnt durch Beleuchtungszauber anderer öffentlicher Lokale, fing an, über die Dunkelheit auf der Bühne zu klagen, und so bohrte sich die Neuzeit mit Gasröhren auch durch das alte Gemäuer der Burg und drückte das unerbittliche Licht zuerst in die Fußlampen der Bühne, später auch in die Lampen der Kulissenwände. Die Temperatur, die im Sommer wahrhaft tropisch auf den Burgschauspielern lastete, wurde dadurch noch mehr gesteigert; es gab Abende, wo man zwischen den Kulissen 26 Grad Reaumur vom Thermometer ablesen konnte. Dabei durfte in den Theaterstunden keinerlei Luftzufuhr stattfinden; Türen, die nach der Straße führten, waren ungangbar gemacht, mit Werg austapeziert und alle Ritzen sorgfältig verstopft worden. Wenn in einem Zwischenakte Dekorationen aus einem Gang auf die Bühne hereingebracht werden mußten, erscholl vorher der Warnungsruf: »Aufgemacht wird!« und im Nu waren von der Bühne die geschminkten Gesichter wie weggefegt, so empfindlich waren die Schauspieler gegen Luftwechsel. ? War es heute heiß oder kalt? Ich wußte es nicht, mir brannte der Kopf im Lampenfieber, bei dem Aufziehen des Vorhanges drängte das Blut zum Herzen zurück, und so ging es im Wechsel hin und her, bis zu meinem Auftreten. Das Podium wogte, und die Lampen brannten schwarz ? einen Augenblick ? dann ward es wieder hell, und ich fühlte festen Boden unter den Füßen. Jetzt lernte ich meine Mitspieler erst kennen ? Mama Haizinger, Papa Laroche! Ein solches Elternpaar hatte ich freilich in der »Grille« noch nicht gehabt ? wie kam ich in diese Familie? Mehr noch verblüffte mich mein Zwillingsbruder. An ihm konnte ich ermessen, was der Landry auf den Bühnen, wo ich bisher den Didier gespielt, für ein »böser Bruder« gewesen war. Sein Auftreten hatte immer dem Publikum begreiflich machen[96] wollen, daß er der erste Liebhaber des Stückes, nicht daß er ein verliebter Bauer sei; er sprach ein geschraubtes Deutsch und stelzte auf der Bühne herum, wie er es für sein »Fach« angemessen hielt. Aus dieser Gespreiztheit waren mir Vorteile erwachsen, denn ich versuchte; im Gegensatz zu Landry, durch Natürlichkeit zu wirken. Nun aber kam ich an Baumeister-Landry, der mich mit seiner breiten Naturwahrheit gänzlich an die Wand drückte. Er erzielte so reiche humoristische Wirkungen, die ich für die alleinige Domäne des Didier gehalten, daß ich aus dem Staunen nicht herauskam. Im letzten Akt freute ich mich eine kleine Standrede, die ich den Eltern zu halten hatte, und von der ich mir eine Wirkung versprechen konnte, denn sie hatte eine gute Schlußpointe. Mama Haizinger und Laroche hörten dem frech gewordenen Didier staunend zu, bis zu der Stelle seiner Rede: »Glaubt nur nicht, daß Landry je eine andere nimmt als Fanchette! Eher geht er lieber zu den Kapuzinern ?« da stießen beide einen komischen Entsetzensschrei aus und verklammerten sich ineinander, daß das Haus in hellen Jubel ausbrach. Es war ein Extempore, das auf der Szenenprobe nicht einmal angedeutet wurde und mich etwas außer Fassung brachte. Meine Rede war durchschnitten, und die Schlußpointe verpuffte. Wäre nicht nach der Szene des Didier mit der Grille ein freundlicher Applaus des Wohlwollens gefallen, der Gast wäre sang- und klanglos abgezogen. Gespannt war ich gewesen, was mir Laube sagen würde; er kam in jedem Zwischenakt aus seiner Loge herunter auf die Bühne, aber er sagte mir nichts. Ich erhielt seinen militärischen, stummen Gruß, aber kein Wort. Ich versuchte in seinem Gesichte zu lesen ? eine Sphinx war leichter zu enträtseln. Mit gemischten Gefühlen suchte ich mein Lager und den Schlaf, der nicht kommen wollte, obwohl ihn keine Lorbeeren scheuchten. Die Gedanken gaben keine Ruhe, besonders einer drängte sich immer wieder auf: »Im Burgtheater werden fremde Schauspieler in Grund und Boden gespielt!«[97] Merkwürdige Künstler und ein merkwürdiger Direktor! ? Das Gastspiel nahm seinen weiteren Verlauf; meine zweite Rolle war der Tümpel in »Ein Lustspiel.« Laube lächelte auf dieser Probe wieder wie auf der ersten, lachte sogar einmal hell auf, sonst blieb er stumm für mich. Während der Vorstellung erschien er in den Zwischenakten auf der Bühne, regelmäßig, wie der Geist im »Hamlet,« aber wie dieser eingehüllt im geheimnisvollen Schleier, den ich nicht zu lüften wagte. Recht glücklich fühlte ich mich in der Rolle des Tümpel nicht; sie wurde sonst von Meixner gespielt, und ich merkte, daß ich in seinem Schatten stand. Die Wahl der letzten Rolle war günstig für mich; der gute, dumme Henning in »Der Störenfried« hatte in keines hervorragenden Schauspielers Händen gelegen, und ich hätte vielleicht zufrieden sein können ? wenn Laube nur gesprochen. Mit Sicherheit rechnete ich darauf, es war ja der letzte Gastspielabend, ich hoffte wenigstens auf die Einladung zu einer Besprechung im Direktionsbureau ? sie blieb aus. Am nächsten Morgen, zeitig für Wiener Begriffe, erschien der Theaterdiener mit dem Auftrag, die drei Rollen wieder abzuholen. Zugleich legte er zwei Hundertguldenscheine als Gastspielhonorar auf den Tisch und bat um meine Unterschrift auf der Empfangsbestätigung. Ich spritzte langsam die Feder aus und fragte obenhin, ob der Herr Direktor mir sonst gar nichts weiter sagen lasse? Mit dem freundlichsten Gesicht verneinte der Theaterdiener und empfahl sich, nicht ahnend, daß er mir die letzten Hoffnungen grausam zertreten hatte. Also es war aus! Laube wollte nichts von mir wissen. Was nun tun? Die Koffer packen und abreisen, ohne mich von Laube zu verabschieden; ich wollte ihm einen unangenehmen Anblick ersparen. Eine halbe Stunde ließ ich meinen Unmut räsonieren, packte die Koffer aber nicht. Andere Gedanken kamen unter dem Sonntagsgeläute von St. Peter: »Ich gehe doch zu Laube ? nur um zu erfahren, weshalb er mich gar so schrecklich finde.« Wieder stieg ich die Albrechtsrampe[98] hinauf, nach des Löwen Höhle. Rister ließ mich sofort in das Direktionszimmer ein. »Herr Direktor,« sagte ich mit beengtem Atem, »ich komme, um mich von ihnen zu verabschieden, und bedaure nur, daß ich Ihren Erwartungen nicht entsprochen habe.« ? Der Direktor hatte mich Platz nehmen lassen und warf einen langen Blick auf mich. »Woraus schließen Sie das?« ? »Das war doch zu merken,« sagte ich mit einem verunglückten Lächeln; »Sie haben über meine Darstellungen auch nicht ein Wort verloren.« ? »Während eines Gastspieles äußere ich mich nicht gerne; das kann verwirren. Sie haben mir soweit ganz gut gefallen, Sie haben wenig zu verlernen, ich engagiere Sie, wenn Sie wollen.« Ein Glück, daß ich schon saß, ich wäre in den Stuhl gefallen. »Ja, ich engagiere Sie für ein Jahr, auf meine Faust, soweit reicht meine Machtvollkommenheit. Aber wir setzen in den Kontrakt, daß Sie sich unter den gleichen Bedingungen für zwei weitere Jahre binden, wenn Sie nach Ablauf des ersten Jahres den Anforderungen der obersten Behörde entsprechen. Wollen Sie das?« ? »Das will ich.« ? »Was haben Sie denn in Mainz gehabt?« ? Ich bezifferte mein dortiges Einkommen. »Das ist viel Holz. Aber es war nur für sieben, acht Monate, hier sitzen Sie ein ganzes Jahr und haben obenein Ferien. Ich will Ihnen, alles in allem, jährlich zweitausend Gulden geben; sind Sie damit einverstanden?« ? Mir war alles recht. ? »Sie bekommen damit dieselbe Gage, die Arnsburg hat, der schon fünfzehn Jahre da ist. Den nehmen Sie sich überhaupt zum Muster ? ein gewissenhafter Schauspieler und ein tüchtiger Mensch. Mit Rollen kann ich Sie nicht gleich überfüttern; Sie werden nicht engagiert, um ein Loch auszufüllen; ich muß Sie einschieben nach und nach, da heißt es für Sie: nehmen, was kommt. Bei Novitäten werde ich Sie möglichst berücksichtigen. Vielleicht kann ich Sie in der heißen Zeit eine große Rolle spielen lassen. Mit dem Wiener Frühjahr und Sommer vermag unser Theater nicht zu konkurrieren.[99] Wenn aber die Logenabonennten auf dem Lande sind und die Sperrsitze leer werden, kann ich einige Experimente riskieren; ich will an Sie denken. Heute habe wir den dritten Mai, Ihr Kontrakt soll schon vom beginnen, so verdienen Sie wieder ein paar Tage. Die Gage wird Ihnen pränumerando ausgezahlt, sobald die Kontrakte unterschrieben sind. Machen Sie nur, daß Sie aus dem teuren Hotel herauskommen; versuchen Sie, sich billig einzurichten; man kann das in Wien. Gehen Sie auch fleißig in die Loge und lernen Sie zusehen.« Er reichte mir die Hand und sah mich mit guten Augen an. »Halten Sie zu mir ? Sachsen waren mir immer treue Mitglieder. Adieu!« Amazon.de Widgets War denn der Himmel blauer geworden? Schien die Sonne heller als vordem? Einen so herrlichen Maiensonntag hatte ich noch nie gesehen, ich mußte mein volles Herz in den junggrünen Wiener Wald führen, wo ich jeden Maikäfer hätte streicheln mögen. ? Laube hielt Wort: mit dem Kontrakt kam eine kleine Rolle für die nächste Novität, eine französische Unbedeutendheit, die schon nach zehn Tagen aufgeführt wurde, und für die heiße Zeit erhielt ich eine dicke Rolle in »Die erste Liebschaft.« Es war ein einaktiges, absterbendes Lustspiel, das seiner letzten Aufführung entgegensah. So kam es, daß ich ersten Monat fünf Abende in einer Novität spielen und vormittags meinen Rollenhunger in der »Ersten Liebschaft« befriedigen konnte. Auf meinen Nachmittagsspaziergängen im Prater traf ich mit Laube zusammen, der sich mit seinen beiden Jagdhunden frische Luft vergönnte; er lud mich ein, der vierte im Bunde zu sein, und zeigte sich begierig, zu vernehmen, wie ich mein Leben eingerichtet habe. »Wo wohnen Sie nun?« ? »Auf dem Opernring.« ? Laube blieb erschrocken stehen und stieß den Stock auf den Boden. »In einem Palais! Das können Sie nicht erschwingen!« ? Ich beruhigte ihn damit, daß mein Palais auf einer Seite noch kein Nachbarhaus[100] habe, vermutlich erst trocken zu wohnen sei uns daß ich für mein Zimmer im fünften Stockwerke eine Monatsmiete von 13 Gulden zahle. Er dachte gewiß an seine Studentenzeit und wollte Vergleiche ziehen zwischen jetzt und damals, denn ich mußte ihm, vom Morgenkaffee bis zum Abendbier, alle Mahlzeiten und Preise aufzählen, die er gewissenhaft summierte. Einmal gereizt, verlangte er meinen ganzen Geldverbrauch zu wissen, wie er sich in Wien herausstellen würde; er addierte und war erstaunt über die hohe Summe, die ein einfacher, junger Mann zu seinem Leben brauchte. Er versank darüber in Nachdenken. Ich vermutete, daß er über die Höhe der Gehaltszulage nachsinne, die er mir aufnötigen wolle, aber er brauchte drei Jahre dazu, um sie auszusprechen. Seine Gedanken waren in Breslau gewesen und blieben da haften. Er erzählte von seiner Studentenzeit, und wie es an einem Haare gehangen, daß er nicht Theaterdirektor, sondern akademischer Fechtlehrer geworden sei; seine große Begabung dafür habe die Kommilitonen veranlaßt, ihm diese Stellung anzubieten. Dann folgte eine muntere Geschichte von dem ersten Hafen, den er auf den Gütern des Fürsten Pückler-Muskau geschossen; von dem Hasen kamen wir auf Laubes Hunde, diese führten auf die Spur von Gabillons Jagdhund, und da waren wir auf einmal im Burgtheater und blieben da. Jetzt traf mich die Reihe des Erzählens. Laube verstand es, mich auszuholen, mein Urteil, meine Bewunderung, sogar kleine Bedenken herauszulocken. An dem Just (»Minna von Barnhelm«) des Meisters Laroche war mir einiges nicht recht; natürlich, ich hatte ja diese Rolle in Mainz gespielt. Meine Anerkennung konnte ich ihm nicht versagen, aber ? ich hatte doch manches »Aber;« seine Kleidung erschien mir zu fein, sein Gesicht zu gutmütig, er hätte den Trainknecht, die Bestie mehr herauskehren sollen. Laube wandte mir den Blick zu: »Ein Körnchen Wahrheit liegt in dem, was Sie sagen, aber hörten Sie die Erzählung von dem Pudel? Merkten Sie auf ihn in der Szene mit Franziska?« Meine Ausstellungen[101] versanken bei dieser Erinnerung. »Lernen Sie zusehen,« mahnte Laube, und das klang sehr ernsthaft. Was für eine große Kunst das sei, ist mir erst nach und nach aufgegangen. Artigkeit und Herkommen verlangten, daß ich meine berühmten Kollegen durch Antrittsvisiten störend überraschen oder langweilen müsse. Die holde Weiblichkeit sollte den Vorzug haben, und ich beschloß, die schönste unter den ältesten Damen des Burgtheaters zuerst mit meinem Besuche zu beglücken, Frau Amalie Haizinger. In einem altersgrauen Hause der Wipplingerstraße, doch oben, hatte sie ihr Helm aufgeschlagen, blitzblank und freundlich, wie die Inhaberin der Wohnung selbst. Die rundliche Resi, ihre alte Dienerin, zugleich wirtschaftliche Rechnungsrätin ? denn Mama Haizinger war ohne Zahlensinn zur Welt gekommen ? führte mich lächelnd, wie einen alten Bekannten, in das Zimmer der Herrin. Ein kleiner Freudenschrei, der gewöhnlich Empfangsschrei der Künstlerin, hieß mich willkommen. »Ha! do isch er ja, moin Bub, moin Didier! Grüß' Sie der Himmel!« Im Augenblick war ich »derhoim.« Bei solchem Empfang konnte man bei den stärksten Respektsgefühlen nicht fremd bleiben, ich küßte und drückte lebhaft die mir entgegen gesteckte Hand und fühlte ihren Gegendruck mit dem nervös zuckenden Daumen. »O du blaues Herrgöttle,« schwäbelte es in mir, als ich ihr recht ins Gesicht sah. »Isch des a schöne, alte Dame, muß die emol hübsch gewese soin, Himmelsapperment!« Es war kein Kunststück, im Alter so schön zu bleiben, wenn man derartige Profillinien mitbekommen. Die fein geschnittene, leicht gebogene Nase mit den Rassenüstern und solche Augen! Was mochten die, als sie noch nicht zu viel gesehen, für Glück geweckt, was für Herzensunheil angerichtet haben! Ein hellblauer Wasserspiegel, mit dunkler, scharfer Umrandung; aber darin untertauchen konnte man nicht, die dünne Eisscheibe des ersten Frostes lag darüber. Mama Haizinger kämpfte nicht gegen das Alter, Runzeln[102] hatte sie nicht zu glätten, ihre Haut war so straff gespannt und glänzte wie die eines jungen Dienstmädchens am Sonntagmorgen, wenn sie sich mit warmem Wasser und Seife gewachsen hat; bei den Ohren wagten sich zwei dunkelblonde Flechten hervor, deren Ursprung man nicht nachgehen konnte, weil ein zierliches Häubchen ihren Kopf umrahmte, das von großen Schleifen unter dem Kinn zusammengehalten wurde. Jung wollte sie nicht scheinen, aber erobern wollte sie immer noch, und da war ihr niemand zu gering. So klingt es ganz glaubwürdig, daß sie einem ölglänzenden Lampisten auf die Schulter geklopft und mit nachdrücklicher Betonung gesagt haben soll: »Des muß wahr sein, so wie du doine Lampe putze tuscht, so putzt se koiner meh!« Sie saß vor mir, so angezogen, als wäre sie eben aus einem Schächtelchen genommen, dem jüngsten Fräulein zum Muster. Ein aufgeschlagenes Buch lag vor ihr, und in den Händen hatte sie eine Häkel- oder Strickarbeit. Den kleinen Tisch zierte ein silbernes Döschen, dem sie manchmal ein Prischen entnahm und seiner Bestimmung zuführte, mit einer Grazie, wie wenn sich ein Kätzchen das Näschen putzt. Der Engel, der einst auf seinen Gastspielreisen die ganze kunst- und schönheitsliebende Männerwelt Deutschlands zu seinen Füßen gesehen, der sogar dem alten Großmeister in Weimar Bewunderung eingeflößt ? der Engel schnupfte! ? Den Ton der ersten Begrüßung behielt sie bei, und ich verwickelte mich unentrinnbar in den Netzen ihrer Liebenswürdigkeit. Im lustigsten Gespräch vernahm ich ein Wort, das ich hier nicht erwartet hätte zu hören. Aus dem Nebenzimmer, dessen Türe geöffnet stand, schimpfte eine gedämpfte Stimme herein: »Du Sau!« Ich war sprachlos, und Mama Haizinger, die über besonders dumme Gesichter in Entzückung geraten konnte, brach bei meinem Anblick in fröhliches Gelächter aus. »'s isch moi Papegai ? dös müsse sich all meine Besucher gefalle lasse. D' Resi isch dran schuld, die hat em immer schreklich geschimpft, wann er 's Wasser verplanscht oder sei Futter[103] verstreut hatte. Da hab I g'sagt: ?Resi, des Tierle isch a feine Behandlung gewöhnt, du muscht zart mit em umgehe.? Nu hat se em immer ganz leise zugerufe: Du Sau! Das Wort hat dem Papegai s'falle, und drum hat er sich's einstudiert, wie er's von der Resi g'hört.« Dabei lachte sie Tränen, wie sie sich bei ihr von selbst einstellten; die herben ließen sich nicht locken, und wenn sie auch ein Niobe-Gesicht zu machen versuchte, es gab doch nur ein trockenes Weinen. Ihre heitere Natur wehrte sich gegen Schmerzäußerungen, und dunkle Wolken, die ihr die Sonne decken wollten, suchte sie zu scheuchen. Immer ist ihr das nicht gelungen; sie mußten das grausame Schicksal erleben, daß sie aus ihren Lieblingsplätzen und Lebensgewohnheit hinaus demoliert wurde. Erst fiel das »Paradiesgartel,« wo sie gerne ihre Getreuen sah, wenn sie ihren Nachmittagskaffee nahm; dann wurde ihr Haus in der Wipplingerstraße abgebrochen, und sie mußte ihr Heim nach der Volksgartenstraße verlegen. Von ihren Fenstern sah sie das neue Burgtheater sich erheben, das sich gewaltig reckte, um zu schauen, ob denn das alte bei seinem Anblick nicht in sich zusammenfallen werde. Ich folgte ihr auch in diese Wohnung, und zur Neujahrscour brachte ich noch einen mit, den sie ebenfalls gefangen hatte. »Ha!« rief sie bei unserem Eintritt mit ihrem freudigen Empfangsschrei, »da kommen meine beiden Liebschten vom ganze Theater. Des da« ? sagte sie zu einer Dame, auf mich deutend ? »des da isch der Schöne, und des ? des« ? der Name des anderen war ihr entfallen, und halblaut, aber dringlich fragte sie mich: »Wie heißt der Kerle?« Ich nannte leise den Namen, und frisch einsetzend stellte sie vor: »Und des isch der Thimig! kommt emal her, ihr. Da hab' ich was für euch, ein kleines Ahndenke an Mama Haizinger, nette Zigarrespitze mit moin Namnenszug; das dritte möget ihr dem Arnsburg mitnehme« ? und alle drei waren wir Nichtraucher. Sind echte Theatermänner nicht so häufig, als man annimmt, die Theaterweiber, im guten Sinne, sind noch[104] seltener. Mama Haizinger aber war ein Vollblut reinster Rasse, von allen Kollegen als solches anerkannt. Unter ihnen lief eine Prophezeiung um, die gute, alte Dame werde eines Abends, von Kulissen umgeben, unter der Fahne die letzte Luft atmen. Wie die meisten Prophezeiungen ist auch diese nicht in Erfüllung gegangen: sie mußte Abschied nehmen während der Ferien, in der Zeit, die ihr die unangenehmste war im ganzen Jahre. Unter den Schauspielern der Burg war mir bei dem Besuch der Vorstellungen als mächtigste Erscheinung Heinrich Anschütz entgegengetreten. Ich sah ihn zuerst in »Kabale und Liebe;« er spielte den Musikus Miller ? er war der alte Miller. Nie hatte ich bisher auf der Bühne einen Darsteller von ähnlicher Gewalt gesehen, er machte mit mir, was er wollte. Ich jauchzte ihm zu, als er im auflodernden, prasselnden Zorn, den er immer wieder devotest zu ersticken suchte, dem Herrn Präsidenten die Wahrheit geigte, und mein Herz war zerrissen, wie das Vaterherz, das sich vor unseren Augen verblutete. Die Wirkung, die er auf mich ausgeübt, war so mächtig, daß ich nach dem Spiel durch die Straßen laufen mußte, um wieder Herr meiner selbst zu werden. Den Wundermann wollte ich in der Berggasse aufsuchen, mich ihm vorstellen, ihm von der Bewunderung sprechen, mit der mich sein Musikus Miller erfüllt hatte; dazu legte ich mir unterwegs einige Worte zurecht. Es klopfte wieder arg unter der Weste, als ich vor seiner Wohnung angekommen, die Glocke zog, eingelassen und in ein Zimmer geführt wurde. »Herr Anschütz wird gleich kommen.« Was ich von dem Gelaß mit einem Blick erfassen konnte, war einfache Solidität, ich atmete die Luft eines Bürgerhauses ? da trat er schon herein, mich zu begrüßen, im einfachen Schlafrock, der Patriarch einer bürgerlichen Familie. Obwohl beinahe achtzig Jahre alt, deckte sein Haupt noch eigenes Haar, nur wenig gebleicht; die Stirne war hoch und kräftig, die Augenbrauen wichtig hinaufgezogen, die Augen mehr hervortretend als tiefliegend,[105] groß, rund und manchmal starrblickend. Von der Nase zogen Furchen nach abwärts; auch die Mundwinkel hatten sich gesenkt, und der Unterkiefer kam zeitweise in kauende Bewegung. Der eiserne Ernst, der auf seinem Gesicht lagerte, ließ mich die vorher wohlgestellten Worte durcheinander werfen, so daß kaum ein Stammeln der Bewunderung zustande kam. Vielleicht erschien dem großen Rhetoriker dieser Umstand schmeichelhafter als eine fließende Rede, denn sein Ernst mich einer freundlichen Miene. Als ich mich schließlich soweit ermutigt hatte, ihm die Bitte vorzutragen, daß er mir die Erlaubnis schenken möge, ihm dann und wann einen Besuch abzustatten, sagte er langsam, in melodiöser Weise: »Lieber junger Freund! Ich bin ein alter Mann und stehe schon mit einem Fuß im Grabe; ich kann Ihnen wenig nützlich sein, und wenn Direktor Laube, der Sie ja wohl an das Burgtheater gebracht hat, erfährt, daß Sie den alten Anschütz besuchen, so dürfte Ihnen das kaum zum Vorteil gereichen.« Da sah ich den tiefen Spalt klaffen, der sich zwischen den alten Größen des Burgtheaters und seinem Direktor aufgetan. Mehr hatte mir der Altmeister wohl nicht zu sagen; ich fühlte, daß die Audienz zu Ende sei, und nahm einen leidlichen Rückzug. Seine Stimme klang mir im Ohre nach, ich suchte ihre Melodie festzuhalten, und heute noch kann ich sie in mir ertönen lassen. Man erzählte sich von Anschütz, daß er seine Theaterreden förmlich in Noten gesetzt dem Gedächtnis einpräge, und daß er nie für den einmal gewählten Ton einen andern bringe. Des Wortes war er Meister wie kein Zweiter, nie hat ihm eins gefehlt, und klassische Stücke waren ganz und gar Eigentum seines Gedächtnisses. Saß er am Regietisch, oder stand er als Darsteller auf der Bühne, so konnte man seinen Lippen ansehen, daß er alle Reden leise mitsprach. Immer war er mit Ernst bei der Sache, ein Muster treuester Pflichterfüllung. Der Kaiser hatte ihn durch die Verleihung des Franz-Josef-Ordens ausgezeichnet ? eine Ehre, die zuvor[106] noch keinem Schauspieler geworden. Um den Pflichten genügen zu können, die das Ordensstatut vorschreibt, mußte sich Aufschütz ein Hofkleid anfertigen lassen, und im großen Fronleichnamszug sah ich ihn mit Degen und Dreispitz unter den übrigen Ordensrittern einherschreiten; weil er aber den entblößten Kopf den Sonnenstrahlen aussetzen mußte, hatte er eine Perücke übergezogen, die seinen eigenen Haaren nachgebildet war und ihm Schutz gewährte. Im ganzen Fronleichnamszug sah ich keinen, der einen so heiligen Ernst zur Schau trug wie dieser ? Protestant. Weiter, eine andere Antrittsvisite abstatten ? zu Karl Laroche. Er wurde durch mein unvermutetes Eindringen in sein Zimmer bei einer Beschäftigung augenscheinlich sehr unangenehm überrascht, während mich wieder seine Beschäftigung überraschte: er schnitt Coupons ab. Ich hatte noch nie einen Coupon in der Hand gehabt und sah nun einen Schauspieler, der mit einer großen Papierschere in die Couponbogen nur so hinein säbelte! Kleine Stöße von Aktien oder Staatsschuldenverschreibungen, die neben ihm auf dem Boden standen, bildeten eine Scheidemauer zwischen uns. In dem stark geheizten Zimmer hatte er noch eine Decke über die Kniee gebreitet, und während er schnitt, pfiff hinter ihm im Vogelbauer ein einsamer Spatz melancholische Weisen. Die Haare des Herrn Laroche waren schon von dem Friseur mit heißem Eisen umgebogen worden, lagerten in mehreren Etagen übereinander und harrten des Kammes, der sie teile und in zierliche Locken schichte. Ein großer Beckenbart beschattete seine Wangen; die Partie unter dem rasierten Kinn zeigte eine gewisse Ähnlichkeit mit Goethe, die er gerne zur Schau trug. Der Backenbart galt unter der Kollegenschaft als Oppositionsbar t; Laroche spielte damit alle Rollen, zum Ärger Laubes, auch den Oktavio Piccolomini, und das war kein Heldenstück. Er klebte sich zwar einen Schnurr- und Kinnbart dazu, glich aber damit weniger einer Figur aus dem Dreißigjährigen Kriege, als vielmehr dem[107] damaligen Hoftheaterintendanten Dingelstedt in Weimar. Dieser Oktavio lieferte den Oppositionsbart ans Messer; er fiel einem Dekret zum Opfer, das Graf Lanckoronsky, als oberste Theaterbehörde, dieserhalb erließ. ? Ich möchte nicht behaupten, daß Laroche von meinem Eindringen entzückt war; wir tauschten über die Aktienstöße einige belanglose Worte, dann griff Laroche wieder in die Schere und machte damit einige klappernde Luftschnitte, was für mich nicht mißzuverstehen war. Als ich mich an der Türe noch einmal verbeugte, hatte er die unterbrochene Beschäftigung wieder aufgenommen. Das war der Laroche nicht zu seiner guten Stunde; ich habe ihn später in besseren kennen gelernt, als jovialen Lebemann, als liebenswürdigen Wirt, als heiteren Kulissenbuffo und unvergleichlichen Darsteller in humoristischen und fein komischen Rollen. Wenn man ihn auf der Straße daherkommen sah, gab er ein volles Bild des alten Grafen von Klingsberg, modern in der Kleidung, eine Blume im Knopfloch und immer bereit, den Damen unter den Hut zu schauen. Die Frauen hatten ihn zeitlebens verwöhnt, er liebte ihre verhätschelnden Hände und konnte ohne sie nicht sein. Seine dritte, sehr begabte Frau, ehemalige Sängerin, und seine Tochter Amalie hielten nur weibliche Dienerschaft, und alle vereinigt leben nur für ihn und seine Launen. Splendide Gastfreundschaft üben war seine Leidenschaft; nach den Mühen, die den Frauen seines Haushalts damit erwuchsen, fragte er nicht. Hielt er Villeggiatur in Gmunden, gab es bei ihm den ganzen Sommer offenes Haus und offene Tafel, so daß Frau und Tochter erst in Wien einige Erholung fanden. Amazon.de Widgets Als ich Laroches Garderobennachbar wurde, lernte ich seine Art erst recht kennen. Wie er zu der bevorzugten Garderobe gekommen war, auf die Anschütz ältere Anrechte besaß, weiß ich nicht, aber sie eignete sich für ihren Herrn. Dreimal so groß wie jede andere, mit einigem Komfort, sogar mit einem Sofa ausgestattet, konnte sie im Notfall als[108] Empfangssalon gelten, und Laroche empfing. Es steckte in ihm eine starke Dosis von einem Duodezfürsten des achtzehnten Jahrhunderts; wenn er Gnaden auszuteilen imstande war, nahm er Haltung und Ton an, als trüge er eine Puderperücke auf dem Kopfe. Alle diejenigen, welche Dienstleistungen für ihn zu verrichten hatten, nannte er »du,« die ihn dafür »Euer Gnaden« titulierten; Souffleure und technische Beamte sprach er mit »Er« an, ältere Kollegen mit »Ihr;« die jüngeren erhielten das »Sie« von ihm, aber das gesamte Femininum der Burg wurde von dem Herrn der Schöpfung geduzt, die Bevorzugten mit der Anrede; »mein' Tochter.« Vor Beginn der Vorstellung hielt er Hof in seiner Garderobe. Alle, die eine gute Anekdote in Kommission oder ein Anliegen auf dem Herzen hatten, sprachen bei ihm vor, befremdete Damen, die noch keine Schauspielergarderobe in der Burg gesehen, oder seine Bankiers, die für ihn unfehlbare Börsenspekulationen eingeleitet hatten, denn von Fehlschlägen wollte er nichts wissen. War Laroche in einer Premiere beschäftigt, so kam er gewöhnlich in Begleitung der Frau oder Tochter, die seine Toilette überwachten. Wie alle Schauspieler war auch er an solchen Novitäten-Abenden in reizbarer Stimmung. »Male!« hörte ich ihn einmal seine Tochter anschreien, in dem hohlen Ton, den er sich für tragische Rollen angeeignet, »Male! Hier fehlt ein Kopf am Hemde! Ich enterbe dich!« Nicht etwa im Spaß ? im zornigsten Ernst wurde das gesagt, bis er endlich über sich selbst lachen mußten. So lange Laube am Ruder stand, fühlte er sich gedrückt und zeigte oft eine gallige, fast menschenfeindliche Stimmung; nach Laubes Sturz gewann er, bei wieder wachsendem Ansehen, neue Lebenskraft, die ihn bis in die Neunzig führte; die Laune jüngerer Jahre kehrte zurück, und seine außerordentliche Darstellungskunst blieb in humoristischen Rollen auf der Höhe bis zu seiner letzten Aufgabe. Den ewig jungen Liebhaber des alten Burgtheaters, Karl[109] Fichtner, habe ich in seiner Behausung nicht angetroffen, und doch glaube ich mir ein Bild davon machen zu können; sie muß das Gepräge seiner Art getragen haben. Kann man aber seine Art schildern? Kann man einen Sonnenstrahl zerlegen und beschreiben? Es ist da, und sein Dasein beglückt uns. Fichtner war ein Sonnenstrahl, der uns wärmte, der uns das Dasein für Stunden erhellte und beglückte, die verkörperte Liebenswürdigkeit, die vollkommenste Harmonie. Er war kein faszinierend schöner Mann, kein himmelstürmendes Genie, kein blendender Geist, aber er vereinigte in sich so bestrickende Eigenschaften, daß ein unbeschreiblichen Zauber von ihm ausging, den alle Welt mit Wonne in sich sog. Es war so geliebt, daß man die Gedächtnisstockungen, die sich in den letzten Jahren bei ihm zeigten, scheinbar gar nicht bemerkte, daß man dabei nie unruhig wurde oder gar lachte, daß sich nur der eine Gedanke regte: ihm helfen können! Er mußte sich selbst helfen, ihm konnte niemand helfen, auch kein Souffleur ? sein Ohr hart geworden, aber nach kürzerem oder längerem Ringen mit dem Wort sagte er es und hatte damit den Faden wieder gewonnen. Das Publikum war immer nahe daran, dem Sieger zu applaudieren. Wie hat der Mann zu Hause gearbeitet, um das Gedächtnis stark und geschmeidig zu machen! Jeden Tag, ob er am Abend beschäftigt war oder nicht, saß er stundenlang bei einer oft gespielten Rolle und suchte sie sich von neuem einzuprägen. Dieser sich immer wiederholende Kampf brachte ihn zu dem Entschluß, der Bühne zu entsagen, und niemand vermochte ihn davon abzubringen. Über ihn sind wenig Anekdoten im Umlauf, aber was ihm einmal auf der Bühne passiert war, konnte man so leicht nicht vergessen. Es war an dem wichtigen Abend, als man im Burgtheater zum erstenmal die »Karlsschüler« von Laube gar, die diesem die Stellung als Direktor erobern helfen sollten. Fichtner spielte den Schiller, und in der Szene mit Herzog Karl, als er ihm die Worte zu sagen hat: »Mußten da nicht die ?Räuber?[110] entstehen?« versprach er sich: »Mußten da nicht die ?Karlsschüler? entstehen, die man jetzt so entsetzlich findet?« ? Aber es war Fichtner, der sich versprochen hatte. Als stärkstes Temperament im Regiequartett der Großen ragte Ludwig Löwe hervor, einer geheizten Lokomotive vergleichbar, innerlich rumorend, stets bereit loszugehen und mit Geräusch überschüssigen Dampf ausstoßend. Das mußte ein Liebhaber gewesen sein wie ein Vulkan. Man erzählte sich, daß sein Mortimer in der Szene mit Maria Stuart, wo der Liebeswahnsinn zum Durchbruch kommt, geradezu beängstigend gewesen sei. Von kleiner Statur, suchte er durch ausgiebige Schritte und Bewegungen größer zu erscheinen, als er war. Auf seinen breiten Schultern laß ein starker Kopf, wie mit dem Hammer getrieben, voll kleiner, leichter Narben, die die Blattern zurückgelassen hatten. Diesen Kopf deckte eine Perücke, die in die Welt hinausschrie: »Herrschaften! ich will nicht täuschen, ich will kein natürlicher Haarwuchs sein, nur eine ehrliche, aufrichtige Perücke!« Um dieses Kunstwerk in Ordnung zu halten, führte er einen großen, gelben Hornkamm in der Brusttasche bei sich, und wenn er damit die auf den Tüll genähten Haarsträhne glättete, klang es, als ob eine Egge über den Sturzacker gezogen würde. Von seinem früher so metallreichen Organ waren nur Reste übrig geblieben, und weil er immer noch in alter Kraft sprechen wollte, hatte er es in eine höhere Lage geschraubt, wodurch es eine hohle, etwas heisere Klangfarbe angenommen. Das mußte er in Rollen alter Männer trefflich auszubeuten; sein hustender Müller Reinhold war ein Meisterwerk der Schauspielkunst. Hinreißend wirkte er aber auch als junger Spiegelberg, den er trotz seiner hohen Jahre noch immer spielte; man mußte ihn gesehen haben, um zu begreifen, was er aus dieser Rolle schuf. Nach seiner Erzählung von dem wütend gemachten Hund, der ihn verfolgt, und vor dessen Zähnen er sich nur durch einen kühnen Sprung über einen breiten Graben rettet ? »drüben war[111] ich!« ? prasselte der Applaus wie anhaltender Hagelschauer nieder. Ein Gast aus Hamburg, der den Karl Moor spielte und damit durchfiel, sagte melancholisch, als er diesen Triumph Löwes gehört und gesehen: »Meine Räuber sind Esel, daß sie nicht den Spielberg zum Hauptmann wählen.« ? Seiner Kleidung gab Löwe mit Vorliebe einen künstlerischen Anstrich: er trug ein braunes Samtjackett, in dem er die Hände vergrub, dazu kräftig gemusterte Pluderhosen und Stiefel, welche laut und vernehmlich knarren mußten. ? Als ich ihm meinen Besuch abstattete, empfing er mich mit einem mächtigen Tschibuk in der Hand, und durch die Rauchwolken rief er mir zu: »Haha! das ist ja wohl die neueste Entdeckung des Herrn Laube!« Er reiche mir die Schwurfinger seiner Rechten; die beiden anderen lagen steif in der Innenfläche der Hand, die er in seiner Jugend durch einen Pistolenschluß auf der Bühne verletzt hatte. Löwes Begrüßung wunderte mich nicht ? ich hatte ja genug von ihm gehört und fand Gefallen an seiner zwanglosen Art. Die Unterhaltung floß ganz munter, und als er merkte, daß ich zuhören konnte und Interesse für sein Steckenpferd, die Theatergeschichte, zeigte, ließ er seiner Laune die Zügel schießen. Ich erfuhr, daß Löwes Vater ein Schmied gewesen, der vom Amboß zur Bühne gelaufen; er selbst rühmte sich, ein echtes Theaterkind zu sein, denn seine Mutter, die wenige Stunden von seiner Geburt noch die Maria Stuart gespielt, sei zu Hause durch seine Ankunft überrascht worden, und weil dafür nichts vorbereitet gewesen, habe man ihn in den Garderobenkorb gelegt, darin sich die Kleider der unglücklichen Königin befanden. Von seiner Prager Zeit erfuhr ich manches, und von Sophie Schröder und Brockmann wußte er interessant zu erzählen. Beim Abschied zeigte er mir ein Gelaß, in dem alle jungen Liebhaber der Burg gewohnt hatten, lauter »Entdeckungen« Laubes: Baumeister, Landvogt, Sonnenthal, und das von Hartmann ein Jahr später bezogen wurde. Es war ein einfenstriges, schmales, tiefes, einer Kegelbahn[112] nicht unähnliches Zimmer, in dem er greise Meister mit seinen jungen Kollegen manchen fidelen Strauß ausgesprochen haben soll. Neue Rollen wurden ihm nur selten zugeteilt; so blieb ihm viele freie Zeit, die er gleichwohl dem Theater widmete; er machte scharfe Epigramme auf Laube und unterschiedliche Schauspieler, schimpfte auf die Führung, auf neue Einrichtungen, neue Engagements und neue Stücke, überhaupt auf alles Neue. So kam ich nach einer Neuszenierung des »Wilhelm Tell« mit dem Darsteller des Rudenz zu Löwe, ihm einen Besuch zu machen und von ihm etwas über die gestrige Vorstellung zu hören, die beim Publikum Anklang gefunden hatte. Er war im Zustand der höchsten Empörung, hielt über die Schauspieler der Reihe nach peinliches Gericht, und Tell, Attinghausen, Melchthal, alle fielen tödlich getroffen von seinen Streichen. Mit großen Schritten war er im Gemache hin und her gegangen; plötzlich blieb er vor dem Rudenz von gestern Abend breitbeinig stehen, bohrte die Fäuste in die Hosentaschen und rief: »Und wenn Sie mich fragen sollten, wie Sie als Rudenz waren« ? dieser hütete sich, die leiseste Aufforderung an ihn zu richten ? »so muß ich Ihnen antworten,« fuhrt Löwe fort und holte tief Atem, »Sie waren scheu?eußlich!« ? Bei allen Schrullen war er eine warmherzige Künstlernatur, und wer seinen Kerl erkannt hatte, hielt zu ihm. Seine alte Dienerin, die seelengute Nettl, stand vierzig Jahre bei ihm in Diensten, während ihm die jüngere, »das Kind« erst seit einem Vierteljahrhundert diente. Die Abdankung Laubes als Burgtheaterdirektor versöhnte die Antipoden Löwe und Laroche; sie ließen sich sogar gemeinsam auf einem Bilde photographieren, Weingläser in der Hand und miteinander anstoßend. Löwe war nun von einem lastenden Drucke befreit, aber er räsonierte weiter bis an sein seliges Ende. Als der deutsch-französische Frieden geschlossen wurde, machte auch er dauernden Frieden mit der Welt. Dingelstedts Rede an seinem Grabe begann mit den Worten: »Wieder einer ? nur einer ? aber ein Löwe!«[113] Meine Beschäftigung im ersten Jahre des Engagements konnte ein Komikerherz nicht erfreuen. In dem Blindenstück »Gabriele,« das für die Wolter aus veraltetem Repertoir ausgegraben worden war, damit die darin einen ihrer berühmtesten »Schreie« ausstoßen könne, mußte ein einen eifersüchtigen Liebhaber spielen und erregte auf der Probe die Heiterkeit der blinden Gabriele, die an meine Befähigung zum Liebhaber nicht glauben wollte. In »Hamlet« wurde mir die Rolle des Horatio zugeteilt, eine sehr ehrenvolle Aufgabe, höchst ehrenvoll ? aber, offengestanden, einer der Totengräber wäre mir lieber gewesen. Immermanns »Andreas Hofer« vertraute mir einen sehr edlen französischen Offizier an, dessen Kleidung schon Bedenken in mir erregte: ein Uniformfrack mit kurzer Taille, der sehr viel von einer weißen Lederhose sehen ließ, Reiterstiefel und hoher Zweispitz mit Federbusch! Das konnte gefährlich werden ? aber ich landete den schönen Offizier, ohne belächelt zu werden. So ging es weiter, mehrere derartige Rollen kamen an mich, und ich nahm, was kam ? wäre nur eine humoristische Rolle dabei gewesen! Lange vor Ablauf meines Kontraktes kündigte mir Laube an, daß ich für weitere zwei Jahre engagiert sei. »Ich habe Sie nur schwer bei meiner obersten Behörde durchsetzen können. Glauben Sie noch, fragte er vertraulich, »daß Ihr eigentliches Fach humoristische Rollen sind?« ? »Ja, das glaube ich, Herr Direktor; weil ich aber keine bekommen habe, konnte ich mich nicht darin zeigen.« Laube stutzte und dachte nach. »Das ist logisch; aber warten Sie nur, er wird schon werden.« Er behielt Recht; Laubes Zerwürfnis mit Meixner, der frühe Tod Beckmanns und einige dankbare Rollen, die mir in Novitäten zufielen, brachten mein Schiff in günstiges Fahrwasser.[114] 
 Friedrich Beckmann.  [115] »Die Mehrzahl der Menschen hat instinktmäßig das Bedürfnis, aufgeheitert zu werden. Jedermann strebt nach Glück, und heitere Stunden sind für jedermann ein Ersatz für Glück. Es gibt also nichts Populäreres als einen wirklichen Komiker. Beckmann war einer. Er war ein komischer Künstler, er war ein komischer Schauspieler.« Diese kurzen Worte des Lobes stammen aus der Feder Laubes, sie wiegen um so schwerer, weil der Direktor mit dem Komiker nicht immer auf dem besten Fuße stand. Laube läßt ihn auch nicht ungerupft und macht ihm den Vorwurf, daß er selten versucht habe, zu charakterisieren: »Es lag nicht außer seiner Fähigkeit, aber es überstieg die Enthaltsamkeit, deren er fähig war. Er war immer Beckmann.« Wie oft mag indessen Laube bei schwachen Stücken, die auf dem Punkte waren, umzukippen, dafür dankbar gewesen sein, daß der »Hauptfeuerwerker,« wie er Beckmann genannt, durch eigene Witzraketen über viele Fährlichkeiten hinweghaft. Siegerhaft sah der Hauptfeuerwerker des lustigen Spieles nicht aus. Er machte beim ersten Anblick den Eindruck eines gemütlichen Altbürgers, der sich aus früheren Tagen den Anstrich eines Lebemannes bewahrt hat. Der Hut saß ihm unternehmend auf dem Kopfe, etwas seitwärts geneigt, dadurch kontrastiernd mit der bürgerlichen Erscheinung. Ein spießiger Spazierstock, den er manchmal recht kühn in die Seite stemmte, kam nie aus seiner Hand. Faßte man ihn aber schärfer ins Auge, dann blieb kein Zweifel, daß man einen komischen Künstler vor sich habe. Er wirkte sorgenverschenchend,[115] bevor ein Wort aus seinem Munde kam. Sein Gesicht war voll, umrahmt von halblangen, dunkelblonden, mit Silberfäden durchzogenen Haaren, die sich, in eine großwellige Locke eingebogen, um den Kopf legten. Beckmann nannte sich selbst einen verschossenen Blondin. Kleine Backenbärtchen, nur bis zum Ende des Ohres reichend, vervollständigten des Haarwuchs; Augenbrauen waren nur angedeutet, die Wimpern wie ausgezupft. Seine Augen waren von verquollenen Liedern bedeckt und lagerten auf hervortretenden Tränensäcken. Blitze konnten diese Augen nicht schleudern, aber sie konnten dem Gesicht den Ausdruck von unendlicher Gutmütigkeit, Dummheit, Verblüffung, Angst und Bauernschlauheit verleihen. Der Mund aber ließ erraten, war von ihm zu erwarten war, in seinen Winkeln lauerten alle Humore, und die bewegliche Oberlippe konnte sich zu einem kleinen spitzigen Schnabel formen, der sehr possierlich wirkte. Seine Darstellung strotzte von drolligliebenswürdiger Naturwahrheit und war von jener echten Naivität, welche die jungen Jahre überdauert. Die schauspielerische Macht, die er ausübte, vermochte nur ein Augenzeuge zu begreifen, und das Wesen seiner Komik konnte man nur empfinden, aber nicht in Worte fassen. Von der Pike auf hat er dem Theater gedient, und es ist ihm nicht leicht geworden, sich hinauf zu arbeiten zu der Höhe, die nur von wenigen erreicht wird. Er hat das nie vergessen; neben seiner angeborenen Gutherzigkeit war das wohl mit Veranlassung, daß er den Neulingen, die dem Künstlerkreis des Burgtheaters angereiht wurden, ein unbefangen liebenswürdiges Entgegenkommen zeigte, was von diesen als wahre Wohltat empfunden wurde, denn die allerersten Sterne strahlten aus unnahbarer Ferne. Es brauchte Zeit, bis junge Mitglieder durch ihr Verhalten als Mensch und Schauspieler sich offenbart und würdig befunden wurden, die Bannlinie zu überschreiten. Als Fichtner das Jubiläum seiner vierzigjährigen Burgtheater-Tätigkeit beging, waren[116] die Allerjüngsten, als ob das selbstverständlich wäre, von der Feier ausgeschlossen. Nach wenigen Jahren, als die junge Garde mit ins Vordertressen rückte, wurde das anders, und durch die Feste, mit denen das Burgtheater seine verdienstvollen Mitglieder ehrte, ging sogar ein demokratischer Zug. Selbst Beckmann fühlte sich dem Regiequartett Anschütz, Löwe, Fichtner, Laroche nicht völlig ebenbürtig. Der Sohn des Töpfergesellen konnte ihnen gegenüber eine gewisse hochachtungsvolle Scheu kaum überwinden. Besonders für Meister Anschütz hatte er eine große Ehrerbietung, er nannte ihn »unser alter Herr,« und vielleicht, um sich ein wenig von diesem Gefühle freizumachen, freute es ihn, daß er dem Unfehlbaren ein kleines Versehen auf der Bühne nachweisen konnte. »In Breslau, im Jahre 1820,« so erzählte er, »war schon damals unser alter Herr Regisseur und erster Schauspieler, der wie heute mit größtem Ernste an alle seine Aufgaben ging, vor dem ich einen heillosen Respekt hatte. Da begab sich's, daß wir ein Ritterstück spielte, in dem unser alter Herr, damals ein junger Herr, den edlen Helden darstellte, welcher von dem Bösewicht des Stückes im tiefsten Verlies gefangen gehalten wird. Während der verwandlungsreichen Komödie stand Anschütz mit seiner Herzdame, die jetzt seine Frau ist, zwischen den Kulissen und plauderte mit ihr. Da schreckt ihn ein Verwandlungszeichen auf, und in der Meinung, seine große Kerkerszene sei an der Reihe, kreuzt er die Arme und betritt gesenkten Hauptes die Bühne, dort erhebt er den Blick und sieht sich zu seinem Schrecken in einem wohnlichen Gemach, dem bösen Ritter gerade gegenüber. Jetzt merkt er, daß er um eine Verwandlung zu früh aufgetreten ist. Die Gegner starren sich sprachlos an, der Bösewicht fängt schon an, vor Angst zu schlottern, da faßt sich Anschütz und sagt mit eisernem Ernst: »Herr Ritter! Ihr glaubtet mich wohlverwahrt im untersten Turmgewölbe ? und ich bin hier! Seht, Herr Ritter, ich wollte Euch nur zeigen, wie schlecht man Eure Gefangenen[117] bewacht. Seid ruhig ? ich gehe selbst in mein Verlies zurück.« Und stolz kehrte er seinem Peiniger den Rücken, die Szene verlassend. Beckmann war mitteilsam, besonders liebte er es, lustige Stückchens aus seiner frühesten Theaterzeit zu erzählen; sein erster Hervorruf und sein erstes Extempore waren Ecksteine im Aufbau seiner Erinnerungen. Den ersten Hervorruf erzielte er in Breslau als Statist in »Macbeth« neben Anschütz, der die Titelrolle vor einem gedrängt vollen Hause spielte. Dieser hatte eben die Szene mit den Hexen wirkungsvoll beendigt und war abgegangen, starken Eindruck hinterlassend. Das erste Verwandlungszeichen war gegeben, Hexenkessel und Versatzstücke bei offener Szene glücklich in die Kulissen gezogen, nur die große Schlange, dieselbe, die auch in der »Zauberflöte« eine bedeutende Rolle spielte, die sich eben noch unheimlich um den Kessel bewegt hatte, blieb liegen und rührte nicht den Schwanz, denn die Leitungsschnur war angerissen. Das Ungeheuer mußte aber fortgeschafft werden, sonst hätte Lady Macduff bei der nächsten Verwandlung die Schlange mitten im Zimmer gehabt. Der Inspizient stieß also Beckmann in die Seite und hieß ihn die Schlange »abräumen.« »Das war ein kitzlicher Auftrag,« erzählte er, »holst du die Schlange herein, dachte ich, so wirst du vom Sonntagspublikum heillos ausgelacht und verhöhnt, du mußt die Lacher auf deine Seite bringen. Da schlich ich mich denn als schottischer Krieger hinaus und faßte die Schlange scharf ins Auge, zog behutsam mein Schwert und stürzte mich plötzlich auf sie, wild einstehend und kreuz und quer über sie springend, bis ich ihr den Kopf durchstach, die Schlange triumphierend in die Höhe hob und abschleifte. Während des Kampfes hatte sich schallendes Gelächter erhoben, und als ich abgehen wollte, brach ein Beifallssturm los. An der Kulisse kehrte ich wieder um, löste die Schlange vom Schwert und drückte ihren Kopf liebend an meinen Busen,[118] mich tief verneigend. Unter großem Jubel und Applaus konnte ich mich in die Kulissen zurückziehen, aber hier wurde mir ein anderer Empfang ? oijeh!« Amazon.de Widgets Von Breslau kam Beckmann durch den Komiker Schmelka, dem er sich unentbehrlich gemacht hatte, an das neuerrichtete Königstädter Theater in Berlin, wo er für seinen Drang, sich nützlich zu machen, ein weites Feld fand. Er war Garderoben-Inspektor, Hilfsinspizient, Schauspieler und Helfer in allen Theaternöten. Man brauchte Beckmann in dem neuen Hause, wo noch nichts recht klappen wollte, überall nötiger als auf der Bühne; Rollen bekam er wenige, nur das, was übrig blieb. Der Komiker Schmelka, dem Geschmack der Zeit folgend, gab auf der Bühne gerne tolle Rätsel auf, und die sie lösen sollten, mußten einfältige Menschen sein, die er zum Gaudium des lieben Publikums gehörig hänselte. Unter einer Gruppe von Bauern, die von Schmelka in solcher Weise genarrt wurden, befand sich auch Beckmann. Schmelka stellte die Rätselaufgabe: »Das erste ist schwarz, das zweite ist schwarz, das dritte ist schwarz, das vierte ist schwarz ? aber das Ganze ist schwärzer als schwarz. Was ist das?« Schon die Aufgabe erregte Lachen, um so gespannter war man auf die Lösung. Die Bauern glotzten dumm, nur Beckmann machte ein schlaues Gesicht und nickte, als ob er herausgebracht und als ob seine Lösung die richtige sein müsse. Schmelka, der einen Hauptpaß witterte und sicher war, daß Beckmann die Auflösung: »kohl?pech?raben?schwarz« nicht finden könne, zog ihn an den Souffleurkasten vor und sagte: »Mir scheint, du weiß es?« Beckmann lächelte siegreich-bescheiden: »Ja, ich hab's raus!« ? »Na, was ist's?« ? »Rote Tinte!« sagte Beckmann. Der König in seiner Loge und das ganze Publikum krümmten sich vor Lachen. Beckmann hatte seinen Meister geschlagen und war von Stund' an ein anerkannter Komiker. Als solcher wurde er von Pokorny für das Theater an der Wien verpflichtet. Hier sah ihn Laube (1845), der in seiner Geschichte des[119] Burgtheaters anführt, daß er den Anstoß gegeben habe, Beckmann für das Burgtheater zu engagieren, indem er die Aufmerksamkeit des Grafen Dietrichstein auf die Fähigkeiten des Komikers gelenkt habe. Davon wollte Beckmann nichts wissen; er meinte, daß seine Beliebtheit bei Hofe allein ihm den Weg ins Burgtheater gebahnt habe. Vielleicht sind beide im Recht, jedenfalls hat aber Beckmann viel für sich getan; er war von jeher in den verschlungenen Gängen der Fürstenschlösser ein guter Pfadfinder. Er trat im Jahre 1846, und zwar gleich als wirklicher Hofschauspieler mit Dekret, in den Verbau des Burgtheaters, eine Auszeichnung, die einzig dasteht. Beckmann wurde unter Laubes Direktion zur Opposition gerechnet, aber es war eine mäßige »allergetreueste« Opposition, die er machte. Der Zweifelpalt zwischen Direktor und Komiker war nicht tief, dazu fanden sie zu viel Gefallen aneinander und hatten einander zu nötig. Laube konnte herzlich über Beckmann lachen, und dieser empfand es recht angenehm, wenn ihm der Direktor in seinen Übersetzungen französischer Stücke die Rollen so recht nach seiner Eigenart zuschnitt, wie es in den »Biedermännern,« »Pelikan,« »Familie nach der Mode« geschah. In einem Punkte gerieten sie manchmal aneinander. Beckmann konnte es nicht lassen, in seine Rollen Einschübe und Extempores zu machen, sogar in klassischen Stücken. Wenn es auch nur ein Wort war ? seinen Einschub mußte er haben. Als erster Totengräber in »Hamlet« hat er seinem Kameraden den Unterschied zwischen zufälligem Tod und Selbstmord klar zu machen und schildernd zu sagen: »Hier ist das Wasser. Gut; und hier« ? auf den zweiten Totengräber deutend ? »steht der Mensch. Gut« Ist hier ein komischer Einschub erfindbar? Beckmann fand ihn, er sagte: »Hier ist das Wasser. Gut; und hier steht der Mensch ? entschuldige!« Diese Extempores suchte Laube einzuschränken, und manches Witzwort fiel unter der Zensur des Direktors; aber es kam vor, daß dem Beckmann auf der Bühne solch[120] ein gestrichener Witz entschlüpfte. Dann suchte er sich aber zu verkrümeln, denn Laube kam blitzschnell aus seiner Loge auf die Bühne, wie nach jedem Verstehen, nach jeder auffälligen Pause. Niemand konnte erklären, wie Laube es möglich mache, den weiten Weg von der Loge zur Bühne so schnell zurückzulegen. Baumeister wußte es: »Der Alte rutscht auf dem Treppengeländer 'runter!« In guter Stunde haben wir einmal unserm Direktor von dieser Patentbahn erzählt, da hat er sich vor Lachen geschüttelt, daß ihm die Tränen in die Augen kamen. In dem Lustspiel »Cato von Eisen« war der Autor desselben, Laube, von Beckmann in den späteren Aufführungen nicht mehr recht befriedigt. Er schreibt: »Beckmanns komischer Vater, bei den ersten Vorstellungen noch in den Schranken der Charakteristisch, war von liebenswürdiger Komik, allmählich wischte er alle besonderen Züge radikal aus und war zuletzt ein höchst komischer Beckmann, aber gar nicht mehr der Herr von Eisenstein.« Seine Extempores jagten einander in dem Stück, besonders mußten die Namen der Personen herhalten; so dichtete er: »Kreuzer, Semmel und Eisenstein, die wollen gute Freunde sein.« Dann kam eine Alliteration: »Sieh, sieh: Semmel sammelt Summen!« ? auch noch ein Namensscherz: »Semmel, du bist hart!« Das Publikum lachte unbändig und Laube schüttelte den Kopf. »Es war nötig, Doktor,« pflegte dann Beckmann zu versichern. Es gab kaum ein Mitglied des Burgtheaters, dessen Namen er nicht mit einem Scherz in Verbindung gebracht hätte. Toll trieb er es als »Vater der Debütantin.« Gleich im Anfang des Stückes ließ er sich von seiner Tochter (Fräulein Kratz) den Frack aus dem Schranke reichen, fand aber, daß rote Schweizerpuffen darauf genäht waren. »Richtig!« sagte er, »ich habe darin zuletzt den Wilhelm Tell gespielt, die Puffen müssen herunter; mein Engel kratz ab.« Zu Frau Kierschner, welche in dieser[121] Posse die erste Liebhaberin des Theaters gab, sagte er, ihren Pelz streichelnd: »Ein schöner Pelz, Sie müssen einen guten Kierschner haben.« Dem Widersacher seiner Tochter, der Debütantin, von Landvogt gespielt, rief er zu: »Der unsterbliche Schiller hat recht; der See kann sich ? der Landvogt nicht erbarmen!« ? In »Preziosa,« mit der Wolter in der Titelrolle, jagte er als Schloßvogt Pedro auf Befehl des Grafen die Zigeuner weg mit den Worten: »Macht euch fort, euch allen grollt er; niemand bleibt, nur die, die wollt' er! (Wolter).« Baumeisters Namen mußte oft herhalten: »Der Plan ist von mir, doch hier steht der Baumeister.« Beckmann hatte oft frappierende Augenblickseinfälle, die meisten Extempores waren jedoch wohl vorbereitet, aber seine Kunst bestand darin, sie wie plötzliche Eingebung erscheinen zu lassen. Man sah ihn oft hinter den Kulissen über einem Witz studieren, bis er ihn geläufig, wirksam und natürlich wiedergeben konnte. Im Orchester des Operntheaters, der Geburtsstätte manches trefflichen Scherzes, war ein Witzwort über die Sängerin Destin im Umlauf, das Beckmann in Vertrieb nehmen wollte. Weil es aber ein Witz im schönsten »Wienerisch« war, das ihm nicht recht geläufig, ging er beinahe eine halbe Stunde im Hintergrunde der Bühne auf und ab, jeder Anrede ausweichend. Endlich, nachdem er seiner Sache sicher geworden war, trat er an uns heran und fragte: »Ist das gut so? Dös Des, dös die Destin singt, ist dös Des dünn!« Alle diese Scherze hatten eine Wirkung, von der man sich heute kaum einen Begriff machen kann. Man mußte über Beckmann lachen, ohne das man zum Nachdenken kam, er wirkte unmittelbar. Nur ein Mensch vermochte seiner Komik gegenüber ernsthaft zu bleiben, das war Gottfried Keller. Ein Ensemble von Burgtheater-Mitgliedern, dem auch Beckmann angehörte, absolvierte im Sommer 1865 ein Gastspiel in der Schweiz. Der Ästhetiker F. Th. Vischer in Zürich verkehrte in ihrer[122] Gesellschaft und versprach, auch einmal seinen Freund Keller mitzubringen. Dieser erfreute sich damals noch nicht allgemeiner Anerkennung, sein »Grüner Heinrich« lagerte noch in erster Auflage bei Bieweg in Braunschweig, aber uns war der große Erzähler kein Unbekannter mehr, denn die Wiener Kritik hatte zeitig seinen Ruhm verkündet. Da rüsteten sich die Hofschauspieler, dem Dichter einen besonders heiteren Abend zu bereiten. Beckmann und seine Frau, die früher sehr beliebte Soubrette Adele Muzarelli, suchten die leckersten Bissen aus ihren Vorträgen heraus, auch die übrigen beeiferten sich, das Fest nach Kräften zu würzen. Gottfried Keller aber saß da und verzog keine Miene. Beckmann erlahmte allmählich und starrte zuletzt auf den steinernen Gast wie auf ein Meerwunder ? zum erstenmal sah er einen Menschen, der über ihn nicht lachen konnte. Beckmann war geknickt. Keller verließ als Erster allein das Fest, und Vischer sagte, ihm schmunzelnd nachsehend: »Ja, 's ischt ein wunderlicher Heiliger!« Gerne hätte Beckmann wie mancher Komiker auch einmal tragisch gewirkt, aber immer blieb der Erfolg aus. Als alter Schäfer Tityrus im »Wintermärchen« hatte er bei einem Abgange eine größere ernsthafte Rede zu sprechen, die ihm, wie er glaubte, einen Applaus bringen mußte. Jedesmal horchte er nach diesem Abgang, ob sich nichts rege, aber das Publikum »saß auf den Händen« und kicherte über den Komiker, der auch spaßig war, wenn er ernst sein wollte. Bei einer Kahnfahrt, welche die Wiener Gastspieler auf dem Züricher See machten, zog Beckmann mit Feierlichkeit eine Flöte aus der Tasche, setzte sie sorgsam zusammen, hauchte hinein und fing dann an, ein schmelzendes Adagio zu blasen. Wie er dabei die Oberlippe zum Schnabel formte, die Augenbrauen in die Stirne hinaufzog und uns schmachtend anblickte, brachen alle in helles Lachen aus und applaudierten, in der Meinung, daß Beckmann eine neue komische Produktion vorführen wolle. Er brach ab, sah uns vorwurfsvoll[123] an, nahm die Flöte wieder auseinander und steckte sie ein. »Ach so! Ihr seid nicht in Stimmung ? dann nicht,« sagte er, zog eine Mundharmonika heraus und spielte listige Weisen. Die höhere Weihe, die er erzielen wollte, wer ausgeblieben. Seine Frau hatte allein von Zürich aus einen Abstrecher nach Schaffhausen gemacht, um sich den Rheinfall anzusehen. Bei ihrer Rückkehr zeigte sie uns auf einer Photographie einen Felsen nahe am Wasser, von dem sie sich das Naturschauspiel angesehen hatte. Beckmann geriet außer sich. »Also hast du wieder einmal dein Leben aufs Spiel gesetzt, ohne an die Rückbleibenden zu denken! So macht sie es nämlich immer,« wendete er sich an uns. »Wie war es in Triest? Ich sitze draußen am Meer bei stürmischem Wetter und sehe in der Ferne ein Boot mit den Wellen kämpfen. Alle Schiffer behaupten, daß die Leute im Boot rettungslos verloren sind. Ich hatte keine Ahnung, daß meine Frau mit dabei war, und ringe teilnahmslos die Hände« ? weiter kam er nicht mit der Geschichte ? »teilnahmslos die Hände ringen« ? das war zu gut! Wir lachten, und er hatte uns erschüttern wollen. Was er eigentlich gesagt und warum wir lachten, darüber konnte er sich wohl kaum Rechenschaft geben, dieses »teilnahmslose Händeringen« gehörte zu seinem Naturell. Die von ihm so heiß ersehnten und endlich erreichten Ordensauszeichnungen brachten ihm manche Leidensstationen in Erinnerung, die er durchmachen mußte, bevor er an das Ziel gelangte. In vormärzlichen Zeiten war der Schauspieler von jeder Ordensauszeichnung ausgeschlossen. Ifflands Dekorierung bildete die Ausnahme, der aber nicht als Schauspieler, sondern als Patriot und Direktor des königlichen Hoftheaters mit dem Roten Adlerorden vierter Klasse ausgezeichnet worden war. Das Unerreichbare reizt, und Beckmanns Traum war ein Orden. In Berlin fügt es der Zufall, daß ein Mann in das Wasser stürzt, in dem der Komiker fischt; er springt ihm[124] nach und bringt ihn lebend aus Land. Da winkt dem Liebling des Berliner Hofes ein Orden ? er bekam die Rettungsmedaille, die er nicht tragen durfte, zu der kein Band gehörte. Erst als Burgschauspieler erhielt er, auf wirksame Fürsprache und auf sein Bittgesuch die Begünstigung, die Medaille am Bande des Roten Adlerordens tragen zu dürfen. Im Jahre 1863 erwirbt er sich durch ein Gastspiel im Hoftheater zu Koburg das Ritterkreuz des ernestinischen Hausordens. Das gab nun mit dem gelbweisen Bande des Adlerordens eine hübsche Rosette ins Knopfloch, aber seine Wünsche verstiegen sich höher. Nachdem Anschütz, Laroche, Löwe und Fichtner mit dem Franz-Josefsorden ausgezeichnet waren, gewann er frischen Mut, das Unerreichbare trat ihm näher. Auch ein preußischer Orden kam in Sicht, als eine Gruppe Burgschauspieler unter Laubes Führung im Spätsommer 1865 nach Salzburg ging, und dort vor dem allerhöchsten Hof und dem König von Preußen zu spielen. Natürlich war Beckmann, als Lieblingsschauspieler König Wilhelms, der Mittelpunkt des Repertoires. Im »Schiff« waren wir einquartiert und sahen, wie Beckmann in höchster Gala morgens um neun Uhr das Hotel verlassen wollte. Auf unser erstauntes »Wo hinaus?« gab er zur Antwort, daß er sich beim König »a bissel« in Erinnerung bringen möchte; Hofrat Volk habe versprochen, ihm ein Platzel anweisen zu lassen, wo Se. Majestät vorübergehen müsse, vielleicht daß er die Gnade habe, ihn anzureden. Wir ahnten, wo das hinaus wolle, und wünschten gut Glück. Am selben Abend veranstaltete der Statthalter Graf Taaffe, der spätere Minister, nach dem Theater ein Fest, zu dem Beckmann geladen wurde, im Anhang auch Direktor Laube und die anderen Hofschauspieler. Die Fahrt dahin war sehr ergötzlich. Laube in Hofuniform gewährte einen seltenen Anblick. Alles genierte ihn, der Degen war ihm zu lang und gerade, der hohe Uniformkragen schnitt ihm in die Ohrläppchen, mit dem Dreispitz stieß er an die Wagendecke. Kurz entschlossen nahm er ihn unter den linken[125] Arm, drückte mit der behandschuhten Rechten die widerspenstigen Haare, die sich gruppenweise sträubten, wieder an das Haupt und setzte eine weiche, graue Filzmütze auf. Gleich beim Einsteigen hatte Beckmann zum Direktor gesagt: »Bevor ich's vergesse, Herr Doktor, entschuldigen Sie mich, wenn ich morgen früh zur Probe a bissel später komme; Hofrat Bork hat mir heute während der Vorstellung in die Garderobe sagen lassen, ich möchte morgen um halb zehn Uhr zu ihm kommen, er hätte mir was zu überreichen.« ? »Na also,« sagte Laube, »gratuliere! Machen Sie aber die Sache möglichst kurz ab.« Mit Beckmann war der kleine Verstl eingestiegen, ein Schauspieler, der im Burgtheater kleine treue Diener mit großer Würde spielte, der trotz hoher Ansätze und Hüte, trotz seines ausgebildeten Streckvermögens, zu seinem Kummer immer der kleine Verstl blieb, dem ein Mann von gutem Militärmaß auf den Hutdeckel sehen konnte. Verstl war Beckmanns Adjutant, der Mann, der ihm in den komischen Szene, die er in Gesellschaften zur Darstellung brachte, den Prügelknaben abgab und ihm für seine Witze die Stichworte bringen mußte, der Mann, der Beckmann bemutterte, ihm während eines Strohwitwertums die Krawatte band, die Koffer packte, auf Reisen und in Karlsbad ein unentbehrlicher Begleiter war. Für alle Dienstleistungen hatte Verstl die Ehre erworben, Beckmann tyrannisieren zu dürfen, der sich ohne kleine Liebestyranneien nicht wohl fühlte, der sogar unter dem Pantoffel seines Theaterkleiders stand. Beckmann mußte, daß es heute abend ohne einige Vorträge nicht abgehen werde, und hatte sich mit Verstl darauf vorbereitet, aber die Unruhe kam gleichwohl über ihn. »Haben Sie die Piecen auch alle eingesteckt, Verstl? Ich muß sie vorher noch einmal durchlesen.« ? »Aber Fritz! Sie wissen, daß bei mir immer alles in Ordnung ist.« ? »Ja, ja ? aber es wäre schrecklich, wenn Sie was vergessen hätten.« ? »Lieber Fritz, Sie wissen, daß ich noch nie etwas vergessen habe.« ? »Nein, nein ? aber wenn Sie den Reisepaß nicht eingesteckt ?« ?[126] »Hier Fritz, in meiner Brusttasche habe ich alles, was wir brauchen.« Beckmann überzeugte und beruhigte sich. Wir fuhren vor und stiegen die breiten Stufen hinauf, Direktor Laube voraus, mit großer Gravität, den Dreispitz unterm Arm, die graue Filzmütze auf dem Kopfe. So wollte er auch in den Saal treten ? da machte ihn der Fürhüter auf den vergessenen Filzdeckel aufmerksam, der sofort rückwärts in eine Tasche versenkt wurde. Beckmann hielt Einzug wie ein Sieger, man drängte ihm entgegen, die Gesichter erheiterten sich bei seinem Erscheinen ? der Freudenspender kam! Amazon.de Widgets Ein Erzherzog näherte sich ihm und sagte: »Es ist schön lieber Beckmann, daß Sie uns heute mit einigen Vorträgen erfreuen wollen.« Beckmann machte ein überraschtes Gesicht und stotterte hervor, daß er nicht vorbereitet sei, daß er nachdenken müsse was er ? »Aber bitte, geben Sie sich doch keine Mühe,« wurde ihm zur Antwort, »wie ich Sie kenne, haben Sie den Dolch im Gewande.« Beckmann, etwas verblüfft, fing seine Vorträge an, und dann war es vorbei mit Zurückhaltung, er gab und gab in sprühender Laune ? und es wurde mehr und immer mehr verlangt. Den größten Erfolg hatte eine Szene im photographischen Atelier. Beckmann erschien und wünschte eine Photographie seines Vaters machen zu lassen, den er aber nicht mitgebracht habe, weil er schon lange gestorben sei, auch ein Bild habe er nicht von ihm, aber er bittet, ihn nach einem mitgebrachten alten Reisepaß aufzunehmen, der sehr ähnlich sei. Man lachte, man weinte vor Lachen, hielt sich die Seiten, bat, aufzuhören, verlangte noch mehr, und erst als dem hohen Publikum »alles weh tat,« konnte sich Beckmann zurückziehen. Am nächsten Morgen kam er, befrackt, richtig zu spät auf die Probe. Wir stürzten ihm entgegen: »Nun, Beckmann, was hat es gegeben?«[127] »Den Stock,« versetzte er kleinlaut, und zeigte ein schönes Rohr mit birnenförmigem Knopf, der abzuschrauben war und dann eine feingeschnitzte Elfenbeinbüste König Wilhelms zeigte. Es war eine schöne Auszeichnung, die er auch tragen konnte, leider nicht im Knopfloch. Um so eifriger war er in Wien bemüht, das rote Band zu gewinnen. Auf Rat eines Gönners suchte er Belege zusammen, ganze Berge von Theaterzetteln, Dankschreiben, Quittungen, welche Zeugnis ablegten, wie uneigennützig und erfolgreich Beckmann seit langen Jahren im Dienste der Wohltätigkeit gewirkt hatte. In den ersten Tagen des Februar 1866 erhielt er für »gemeinnütziges Wirken,« wie die »Wiener Zeitung« kundgab, den Franz-Josefs-Orden, der sein höchstes Sehnen stillte. Zum Glück war der Fasching noch nicht zu Ende, und er konnte seinen Orden in gesellschaftlichen Kreisen »lüften,« wie er sagte. Die erste Gelegenheit dazu bot ihm einer der damals so beliebten Maskenbälle im Theater an der Wien. Sein Freund, der Schauspieler Bergmann, empfing ihn hier mit den Worten: Fritz, du bist Ritter worden! Du trägst ja einen Orden, Mit Schwertern? Nein ? ich glaube, Du hast dein Kreuz mit Laube. Der Fasching lag schon in den letzten Zügen, aber die Elitebälle, die noch übrig blieben, hat er alle mitgemacht, aus »Luftungsrücksichten.« Wenige Tage vor Verleihung des Franz-Josefs-Ordens wurde ihm das Dekret als Regisseur des k.k. Hofburgtheaters zugestellt; er hatte die Ehre, für Anschütz in das Regiekollegium einzutreten, den wir am ersten Tage des Jahres 1866 begraben hatten. Was Beckmann aber als besondere Auszeichnung schätzte, war, daß eine Rolle aus dem künstlerischen Nachlaß von Heinrich Anschütz in seinen Besitz überging. Das hatte der Schlangentöter in Breslau[128] nicht geahnt, daß er den alten Herrn einmal in einer Hauptrolle er setzen würde! Er übernahm von ihm den edlen Ritter Sir John Falstaff. Bisher hatte Beckmann in Heinrich IV. den Rekruten Bullenkalb gespielt, eine Rolle, die man in eine Rußschale pressen konnte, das war freilich in den goldenen Zeiten des Burgtheaters. Große Regietaten hat Beckmann nicht in das Gedächtnis seiner Kollegen eingegraben, er war ein Regisseur wie die andern Regisseure, wie sie von den Verhältnissen gezeitigt wurden. Laube, der Überregisseur, hatte nun 16 Jahre die Zügel fest in seiner Hand gehalten und selten Eingriffe gestattet. Nach und nach waren die großen Schauspieler als Regisseure verstummt und zehrten von ihrem Groll. Als Laube unter den jungen Schauspielern einen führenden Geist entdeckte, erschuf der Überregisseur nach seinem Bilde einen Unterregisseur, Dr. August Förster, bei im Direktionsbureau für ihn die Feder, aber auch am Regietisch die Zügel führen durfte. Der temperamentvolle Ludwig Löwe fügte sich dem Druck am schwersten; war ihm bei einer Inszenierung etwas gegen den Strich, was sehr oft vorkam, dann sprang er vom Regiestuhl auf, um sich hinter den Kulissen den Unmut auszulaufen. Wehe! wenn er dabei die sogenannten Regiestiefel anhatte, die ein findiger Schuster eigens für Störung der Proben ausgedacht und angefertigt haben mußte. Sie knarrten wie ein überlasteter Frachtwagen, sobald Löwe seinen Groll spazieren führte. Wenn Laube das mit anhören mußte, klopfte er mit dem Stock an seine Stiefelsohle, wie er immer tat, wenn eine ihm unangenehme Sache sich nicht ändern ließ. Beinahe ein halbes Jahr hatte Beckmann den Titel Regisseur geführt und nach der Dienstordnung als solcher einen Monat amtiert, da wurde das Burgtheater wegen der Ferien im Jahre 1866 geschlossen. Beckmann hatte erreicht, was ihm das Leben bieten konnte. Der ausbrechende Krieg war ein harter Schlag für ihm. Er wußte nicht, wer ihm[129] Freund, wer Feind sein sollte. Er wünschte beiden Gegnern den Sieg, keinem eine Niederlage. Er fürchtete ein Zusammentreffen mit dem befreundeten Feinde in Karlsbad und verzichtete auf die ihm so nötige Brunnenkur. Vielleicht wurde das die Ursache zu seinem Tode. In Gmunden erkrankte er und wurde auf seinen Wunsch nach Wien gebracht, wo er uns am 7. September vom allgewaltigen Feinde des Lachens entrissen wurde. Bei der Trauerfeierlichkeit drängte sich die Menge in den Straßen, um dem toten Manne, ihrem einstigen Lusterwecker, ein stilles Lebewohl zu sagen. Laube, der in den Vorreden zu seinen Werken und in den Nachreden für seine gestorbenen Schauspieler stets das Beste gab, sprach die Abschiedsworte am offenen Grabe. »Fritz Beckmann,« so schloß er, »unser fröhlicher Fritz, verläßt uns für immer! Zum ersten mal weinen wir schmerzliche Tränen über dich, und nichts bleibt uns, als dein lieblich-fröhliches Gedächtnis in unserer Seele. Beckmann, fahre wohl für diese Welt!« Amazon.de Widgets Mit zuckenden Lippen hatte Laube gesprochen, die aufsteigenden Tränen in den Hals hinunter gedämpft, nun kehrte er sich zu Förster um, der als Nothelfer, mit dem Text der Rede im Hute, hinter ihm stand, und wieder ganz Theatermann, fragte er ziemlich laut: »Hat man mich verstanden?«[130] 
 Der Souffleur.  [131] Des Menschen Wissen ist Stückwerk. Von der Wahrheit dieses Satzes wird niemand so oft und eindringlich überzeugt, als der Souffleur, der berufen ist, menschliches Wissensstückwerk zusammen zu halten. Sein Geschlecht ist uralt und sein Stammbaum reicht bis in die vorchristliche Zeitrechnung, denn wir lesen, daß schon die altrömischen Theater monitores, Erinnerer, hatten. Man kann wohl annehmen: seit Komödie gespielt wird, und wäre es zur Steinzeit gewesen, haben Einhelfer, Einbläser Souffleure existiert. Das findet seine Begründung in der mangelhaften menschlichen Natur, die uns schon in der Schule so dankbar macht für die ersten geleisteten Souffleurdienste, und wir werden dieses »notwendige Übel,« wie hervorragende Theatermänner (Goethe, Holtei etc.) die Einbläserei benannten, niemals loswerden ? und loswerden wollen. Als die extemporierte Komödie im Schwange war, gab es allerdings keine Souffleure im heutigen Sinne, aber man hatte Erinnerer, das waren die Szenarien, welche die Einteilung des Stückes in Auftritte und deren Inhalt wiedergaben, die auch die Stichworte feststellten, auf welche die Schauspieler die Bühne zu betreten hatten. Diese Szenarien hingen entweder zur Einsicht aller Schauspieler zwischen den Kulissen oder jeder Akteur hatte sein Szenarium in der Tasche. Als man von der extemporierten Komödie zum regelmäßigen Schauspiel überging, mag es den zwangentwöhnten Darstellern schwer geworden sein, die Worte der Dichtung so wieder zu geben, wie sie im Buche[131] standen, daher sich das dringende Bedürfnis eines Einhelfers fühlbar machte, der das wiederspenstige Gedächtnis unterstützen sollte. Den Mann mußte man nahe haben, im Auge und im Ohre; demgemäß wurde ihm an beherrschender Stelle auf der Bühne eine Stätte eingerichtet. In der Mitte des Prosceniums, zunächst am Orchesterraum zwischen den Fußlampen, schnitt man ein Loch in die Bühnenbretter, so groß, daß ein Mann mit dem Oberkörper darin auf- und untertauchen konnte, hing in dieses Loch einen Kasten, der oben offen, aber unter dem Podium mit einer Tür verstehen war, die in den Versenkungsraum des Theaters führte. Über den offenen Ausschnitt oben stülpte man ein Dach von Holz oder Blech in Form einer Muschel, deren Ausmündung der Bühne zugewendet wurde, so daß der Insasse den Augen des Publikums entzogen blieb. Es wird überall Sorge getragen, den Souffleurkasten kein und unscheinbar zu gestalten, daß er möglichst wenig ins Auge fällt. Wie staunten die Burgschauspieler, als sie bei der Eröffnung des neuen Theaters einen Souffleurkasten erblickten, beinahe meterhoch, mit vergoldeten Arabesken, der alle Blicke einfing und die Schauspieler fast zur Hälfte deckte. Dieser Prunkkasten durfte erst nach dem Tode des Baukünstlers gegen ein bescheideneres Exemplar ausgetauscht werden. Ausgestattet wurde der Souffleurkasten mit einem Sitze für den Troglodyten, einem verschiebbaren Lesepult, das vor ihm auf der Bühne stand, mit einem Stabe, welcher als vorbereitendes stummes Zeichen zum Fallenlassen des Vorhanges vom Souffleur herausgelegt wurde, während ein von ihm gegebenes späteres Klingelzeichen den Vorhang fallen machte. Außerdem hatte er noch verschiedene Drahtzüge in seiner Behausung, mittels deren er die schwarzen, roten und blauen Lampenschirme der Fußbeleuchtung verschob, wodurch Tag und Nacht, Morgen- und Abendrot, auch der Schein[132] einer Feuersbrunst, und Mondlicht hervorgezaubert wurde. Mir anderen Zügen gab er Zeichen für die Versenkungen und für Donner und Einschlag. So war der Pfeiler beschaffen, auf dem Thaliens Tempel ruhte, der Souffleurkasten, und der Mann, der ihm den Namen gab, wurde eine wichtige Person im Theaterstaate. In den Naturtheatern der Rokokozeit, die auch vor fünfzig Jahren hin und wieder improvisiert wurden, bestanden die Kulissen aus gewachsenen und zugeschnittenen Laubwänden und der Souffleur saß in einer Erdvertiefung, gedeckt durch ein Blätterdach. Amazon.de Widgets Bei den kleinsten Wandertruppen, Meerschweinchen genannt, mußte manchmal, bei Vorstellungen in der Scheune, ein aufgespannter Regelschirm als Souffleurkasten gelten. In Frankreich und England fand der Souffleur seinen Platz in den ersten Kulissen, mehr Nachlesen als Souffleur, der selten zu einem Einhelfer kam, weil der ersten Aufführung der Stücke mit den folgenden endlosen Wiederholungen dreißig und mehr Proben vorangingen, welche den Spielern vollkommene Sicherheit gaben. In Italien, wo die Souffleure sehr bezeichnend Suggeritore, Einrauner, genannt werden, die dem Schauspieler »etwas unter den Fuß geben,« nimmt man ihnen zuweilen die deckende Muschel, und ich habe selbst in Sondrio einen dachlosen Souffleur in seinem Ausschnitte sitzen sehen, der sein Haar kämmte, Bekannte im Publikum grüßte und den Chorgesang durch seine Stimme verstärkte. Die Handreichungen, die der Souffleur der Theatermaschinerie zu leisten hat, kommen nicht in Anrechnung gegenüber den anderen, bedeutenderen Forderungen, die an ihn gestellt werden. Für die Zeit seines Kastenlebens soll nur die Welt auf den Brettern für ihn existieren, der er seine ganze Geistestätigkeit, seine konzentrierte Aufmerksamkeit zuzuwenden hat. Ungehört vom Publikum, soll er den Schauspielern ihren Part zuflüstern, ohne Betonung, mit scharfer Akzentuierung. Er soll so viel Sprachkenntnisse besitzen, daß ihn[133] französische, englische, lateinische Sätze und Fremdworte nicht in Verwirrung bringen, so viel grammatikalische Kenntnisse, daß er in eine Satzkonstruktion weitersonfflieren kann, die nicht mit dem Buche übereinstimmt, die der Schauspieler irrtümlich begonnen. Genaue Kenntnis des Stückes soll ihm die Beurteilungskraft verleihen, entscheiden zu können, ob eine übersprungene Stelle gebracht werden muß oder wegbleiben kann. Er soll ein Menschenkenner sein, der mit den Gewohnheiten und Schwächen seiner Darsteller vertraut ist, der den Stellen Aufmerksamkeit widmet, in denen sie auf der Probe unsicher waren. Er soll helfend beispringen, wenn es verlangt wird, wenn seine Dienste aber nicht nötig aber gar störend wirken, sich zurückziehen und doch bereit sein, das eine fehlende Wort hören zu lassen. Menschlichkeiten und Angewöhnungen muß der Souffleur außerhalb des Kastens lassen; er darf in der Posse nicht lachen, in rührenden Stücken nicht weinen, darf keine Preise nehmen, weder niesen, noch sich schneuzen, am allerwenigsten darf er einschlafen. Er wird tyrannisiert, aber er ist selbst ein Tyrann. »Das Schicksal der Schauspieler liegt in seiner Hand, hängt an seinen Lippen. Er sitzt unter ihnen im Loch, aber aus seinem Loch beherrscht er sie.« (Holtei.) In »Wilhelm Meisters Lehrjahre« läßt Goethe einen vollkommenen Einhelfer durch Serlo schildern: »Kein Zuschauer wird ihn jemals hören, wir auf dem Theater verstehen jede Silbe. Er hat sich gleichsam ein eigen Organ dazu gemacht und ist wie ein Genius, der uns in der Not vernehmlich zulispelt. Er fühlt, welchen Teil der Rolle der Schauspieler vollkommen inne hat, und ahnt von weitem, wenn ihn das Gedächtnis verlassen will.« Holtei hatte Lust, solch ein Wundermann zu werden, aber es kam nicht dazu; in den »Vierzig Jahren« spricht er davon: »Wenn es wahr ist, daß die Hauptaufgabe jedes Menschen bleibt, nur in dem Fache zu wirken, wo ihm Vollkommenheit winkt, dann mußte ich Souffleur werden.[134] Offenbart hat die Übung im Vorlesen, die vielseitige Ausbildung im Artikulieren, der rasche Überblick, mit dem ich mich gewöhnte, ganze Seiten auf einmal zu durchfliegen, und die unermüdliche Ausdauer meiner Lungen und Sprechorgane, mich mehr als jeden anderen dafür befähigt. Beim Wiener Hof-Burgtheater wäre ich heute (1845) noch bereit, den Posten eines Souffleurs anzunehmen.« Ich glaube kaum, daß ein Burgschauspieler ihm jemals dazu geraten hätte. Als Blasel Direktor des Josefstädter Theaters war, erkundigte ich mich bei ihm nach dem Stück eines Burgtheater- Souffleurs, das bei ihm gerade einstudiert wurde. »Das Stück ist nit schlecht, aber es wird furchtbar drin g'schimpft. Das geht nit, hab' ich dem Herrn Souffleur gesagt, i begreif' ja, daß Sie sich entlasten wollen, aber lassen's die Biecher wo anders aus, mein Theater ist keine Menagerie.« Es war fiel, was man von einem Einhelfer verlangte, und doch drängten sich die Bewerber, diesen Posten zu bekommen: Schiffbrüchige, die sich an die Bühnenbretter anklammerten, Schauspieler, die unter die Räder des Thespiskarren geraten waren, Leute, die vom Theaterteufel gepackt, ohne Theater nicht leben konnten, begabte Menschen, denen ein Körpergebrechen verwehrte als Darsteller zu wirken. Es währte nicht lange, so traten Frauen als Wettbewerber um diesen Posten auf, die Souffleusen, welche jetzt den Souffleuren starke Konkurrenz machen. Aber die Behausung hatte der Mann getauft, und von einem Souffleusenkasten hat noch niemand gesprochen. Die Entlohnung des Souffleurs stand in schlechtem Verhältnis zu den Auforderungen, die an ihn gestellt wurden. Er erhielt selten mehr als ein Schauspieler der untersten Rangordnung, der den Wagen vorfahren ließ oder das gesattelte Pferd anmeldete. So war er darauf angewiesen, sein fixes Einkommen zu vermehren. Sein Privilegium war, daß er gegen karge Verzahlung die Rollen aus den Stücken[135] für die Direktion abschrieb. Sporteln fielen ihm zu von den Lernfaulen, die in die Taschen greifen mußten, um ihn anzueifern. Eine ergiebige Geldquelle war für ihn das Abschreiben der neuen Stücke, die ihm in die Hände fielen und die er dann weiter an Theater-Direktoren und Nachdrucker verkaufte, welche zu jener Zeit, wo es keinen Schutz des geistigen Eigentums gab, auf diese Weise den Dichter um kein Honorar brachten. An Johann Fr. Schütze in Hamburg schreib ein kursächischer Buchhändler ganz ehrlich (!) und rund heraus: »Sie kennen ohne Zweifel den Souffleur der Schröderschen Bühne. Senden Sie mir doch gelegentlich durch ihn (oder mit seiner Hilfe) Manuskripte Schillerscher Stücke. Ich will sie gut bezahlen.« ? Holtei erzählt vom Souffleur W. beim Königlichen Theater in Berlin, daß er einen verbotenen Kleinhandel mit abgeschriebenen Manuskripten betrieb. In späteren Jahren verfielen neue Couplets und Einlagen aller Arten, trotz Vorsichtsmaßregeln der Urheber und Eigentümer, den Geiersgriffen der Souffleure, welche Abschriften machten und verkauften, bis endlich die Gesetze zum Schutze des geistigen Eigentums diesem Standrechte ein Ende machten. Hand in Hand mit dem unrechtmäßigen Manuskriptenschacher ging eine Art Seelenverkauf. Der ehrenwerte Direktor, welche die Stücke vom Souffleur erwarb, kaperte durch ihn auch begehrenswerte Schauspieler für seine Bühne. Der Souffleur, der das neue Engagement vermittelte, nahm dafür Gebühren, womöglich von beiden Kontrahenten. So entstanden die ersten Winkeltheater-Agenturen, die sich später zu großartigen Geschäften entwickelten. Jener Souffleur W. vom Königlichen Theater in Berlin, von dem Holtei berichtet, wendete sich auch diesem Geschäftsweige zu, und wurde der Stammvater der sich immer mehr ausbreitenden, nun konzessionierten Theateragenten. Eine rechtmäßige Einnahmsquelle bildete die Herausgabe des Journals, welches den Personalbestand des Theaters,[136] die täglichen Aufführungen, Prologe und Epiloge, Bühnenereignisse und Anekdoten zum Abdrucke brachte. Bei ständigen Theatern wurde das Journal einmal im Jahre, gewöhnlich als Neujahrsgruß von den Souffleuren den Gönnern gegen ein Douceur überreicht, bei reisenden Gesellschaften hingegen hatte der Souffleur die Berechtigung, in jeder Stadt, die besucht wurde, von der Abreise seine Ernte zu halten. Dieses sogenannte »Journal-Machen« sollte dem Souffleur eine Extraeinnahme gewähren, wie das Benefize den darstellenden Mitgliedern. Für die Theaterforschung sind die Journale, besonders die aus der ersten Periode des regelmäßigen Schauspieles, wo die Theateralmanache nur sporadisch erschienen und deren Mitgliederverzeichnisse sehr mangelhaft waren, von großer Wichtigkeit. Die neue Erscheinung des Souffleurkastens auf den Brettern mag anfänglich befremdend für Darsteller und Publikum gewesen sein, und der unsterbliche Hauswurst, dessen Kleider und Pritsche man wohl verbrannt hatte, der aber in neuer, wechselnder Gewandung auf dem reformierten Theater lustig weiter agierte, ließ es sich nicht entgehen, den Souffleur mit ins Spiel zu ziehen. Es reichte ihm Nahrungsmittel in den Kasten, schenkte ihm ein Glas Wein ein, bewarf ihn mit dem Flaschenkork oder setzte sich auf den Kasten und bot ihm eine Prise an. Wurde der verkappte Hauswurst verfolgt, kroch er angstvoll in den Souffleurkasten oder kam durch diesen wieder zum Vorschein. Überlieferungen auf dem Theater sind langlebig, wie die Moden auf dem Lande, und so haben sich diese Späße mit dem Souffleur und dessen Kasten lange erhalten, am längsten auf kleinen Wanderbühnen. Bei Aufführungen der Posse »Robert und Vertram« ist es heute noch üblich, daß einer der lustigen Vagabunden bei der Verfolgung in den Kasten kriecht, ebenso wie der Souffleur Salomon in »Kean« heute noch aus dem Kasten kommt, um dem Publikum mitzuteilen, daß Kean wohnsinnig geworden. Das sind die Fälle, wo der Souffleur ausnahmsweise[137] sein Schneckenhaus räumen muß, das ja nur einen bergen kann. Bei Ballettaufführungen darf er sein Haus nicht einmal als Zuschauer beziehen, weil es dann vom Podium verschwinden muß. In großen Städten, wo eine Novität hundert und mehr Vorstellungen nacheinander erleben kann, pflegt man den Souffleur bei der fünfundzwanzigster oder dreißigsten Wiederholung mit seiner herabgeminderten Tätigkeit in die erste Kulisse zu postieren. Bei kleinen Theatern jedoch, wo das Repertoir täglich wechseln muß, wenn der Direktor auf guten Besuch rechnen will, darf der Souffleur, der hochwichtige, »vielsagende« Mann, die Seele des ganzen Unternehmens, den Kasten nie verlassen. Hier fühlt sich der Souffleur als Gott, weil er dem Schauspieler, »von allem Wissensqualm entladen,« den Lebensodem einhaucht. Hier ist der gute Souffleur, respektiert, den Darstellern beinahe gleichgestellt, und wird von diesen verhätschelt und umschmeichelt. Amazon.de Widgets Wesentlich anders gestaltet sich seine Stellung an Hofbühnen1 und großen Stadttheatern, wo er manchmal zum Südenbock gemach und arg geschoren wird. Wie oft ist der Souffleur ein Blitzableiter für die Ausladungen nervöser Schauspieler. Man muß nur die verschiedenen Verhaltungsmaßregeln hören, die er vor Beginn einer Probe oder Vorstellung bekommt: »Ich brauche nur einen Anschlag, aber scharf!« »Bitte, mir gar nicht zu soufflieren, ich weiß jedes Wort.« »Nicht schreien und um Gottes willen nicht hetzen.« »Mir können Sie alles bringen, dann weiß ich, daß Sie bei der Sache sind.«[138] »Betonen Sie nicht, das werde ich besorgen. Sie haben mir nur das Rohmaterial zu liefen, ausarbeiten werde ich es.« »Na, gestern haben Sie mich schön hängen lassen, und ich brauchte nur ein Wort.« »Verschreien Sie mir meine Pausen nicht, Sie müssen doch fühlen, was eine Kunstpause ist.« »Lieber Freund, heute kann ich keine Bohne, halten Sie mir den Schwimmgürtel parat.« »Herr Souffleur: Sssst!« »Sie können den Mund schon auftun. Sie sind ja nicht Souffleur beim Affentheater.« Das soll er sich nun merken und aller Wünsche befriedigen! Zuletzt bittet noch flehentlich eine junge Dame, die ihren ersten theatralischen Versuch macht, keine Silbe zu soufflieren, es beirre sie. Der Souffleur denkt sich: »So nimmt ein Kind der Mutter Brust nicht gleich im Anfang willig an, doch bald ernährt es sich mit Lust.« Wie ein großer Mann vor seinem Kammerdiener an Größe verliert, so ergeht es oft dem Darsteller vor seinem Souffleur. Was ein Souffleur alles wahrnimmt, wovon sonst kein Zuschauer die entfernteste Ahnung hat! »Es ist wie bei einer Spieluhr. Die anderen Leute hören wohl, wenn sie stockt und falsche Töne von sich gibt, aber nur, wer das innere Werk gründlich kennt, den Mechanismus versteht, vermag zu entdecken, wo es sitzt.« (Holtei.) Von Altmeister Döring erzählt man sich viele Souffleuranekdoten. Köstlich mag es gewesen sein, wie er als alter Oberst v. Kollwitz im »Prinzen von Homburg,« zum Auftreten bereit, hinter den Kulissen mit den Kollegen plaudert und plötzlich von dem Inspizienten gemahnt wird, auf die Szene hinauszugehen, und wie er die Worte, die er noch hinter den Kulissen zu rufen hat, nun vor dem Souffleurkasten stehend, sagt: »Wer hilft vom Pferde[139] mir?« Die Auseinandersetzungen, die er mit den Einhelfern bei seinen Gastspielen hatte, waren berühmt. In P. fand er eine recht kümmerliche Souffleuse, die ihm auf der Probe nichts recht machte, die ihn fortwährend stecken ließ. Er kauert sich vor den Kasten nieder und macht ihr eindringliche Verschriften ? es hilft nichts, er bleibt wieder hängen. »Bei der Frau bin ich verloren! Ihr Anblick dreht mir das Herze um ? wenn das Elend im Kasten sitzt, kann ich nicht spielen! Schminken Sie sich rote Backen, stecken Sie sich eine Rose ins Haar ? dann wird's gehen.« Unter großen Jubel wurde vor der Vorstellung die Souffleuse von dem übermütigen Theatervolk knallrot geschminkt und mit Rosen überladen in den Kasten gesetzt. Döring hatte einen guten Abend, das Publikum jubelte, und im Zwischenakte ließ er die Souffleuse heraufkommen. »Sehen Sie, so ist's gut. Merken Sie sich: Heiter, heiter ist die Kunst!« Wenn ein Schauspieler auf einem Ohre schwerhörig ist, sucht er die Seite der Bühne zu gewinnen, auf welcher er dem Souffleur das gute Ohr zuwenden kann, aber ergötzlich ist es zu sehen, wenn zwei auf gleichem Ohr geschädigte Schauspieler, um die günstige Souffleurseite einen stillen Kampf kämpfend. Dingelstedt, der Direktor des Burgtheaters, führte ein nicht pensionsberechtigtes Mitglied des Hofschauspieles, welches vor dem Souffleurkasten eine längere Rede loslassen wollte, seitwärts an die Kulisse: »Unglücklicher! Wo stellen Sie sich hin! Das ist ja das Platzel für die wirklichen Hofschauspieler!« Würden alle Ermordungen, die von steckengebliebenen Schauspielern den Souffleuren angedroht werden, wirklich ausgeführt, man könnte einen eigenen Friedhof für Souffleure anlegen. Der Unglückliche aber, welcher Nestroy als Käsperle in der »Teufelsmühle« rettungslos sitzen ließ, hätte ganz gewiß sein Leben lassen müssen, denn der rasende Komiker erwartete ihn an der Treppe zur Unterwelt mit[140] gezogenem Säbel, wenn die Mordwaffe nicht vorschriftsmäßig von Holz gewesen wäre. Die häufigen Differenzen zwischen Schauspieler und Souffleur werden nicht früher aufhören, bis die stetig fortschreitende Wissenschaft eine telephonische Verbindung zwischen ihnen zustande bringt, die allen Übelständen mit einem Schlage ein Ende machen wird. Ende. Fußnoten Amazon.de Widgets 1 Die alten Burgschauspieler Laroche und Mama Haizinger redeten die Souffleure mit »Er« an; so sagte letztere einmal: »I hör', sei' Frau ischt krank. Jessus! Jessus! Er muß nit dran denke. Er muß sich ein bißle zerschtreue. Weiß Er was? Souffleure Er mir heut' recht gut ? i kann's brauche.« 
 Dresdener Maitage 1849.  Als unsere Privatschule in der kleinen Brüdergasse nach dem Maiaufstand ihre Pforten wieder öffnete, hatte ich eine politische Vergangenheit hinter mir. ? Die gewaltigen Märztage von 1848 hatten das gemütliche Dresden in eine Erdbebenstadt umgewandelt, deren heißer, vulkanischer Boden nie geahnte Zustände aufschießen und zur Blüte kommen ließ. Vereine wuchsen wie Pilze aus der Erde; der demokratische, der republikanische, der Vaterlandsverein überboten sich in Proklamationen, die die Straßenecken in kunterbunte Gewänder kleideten. Alle Tage gab es Versammlungen, Aufzüge, Wahlen, Durchmärsche von Freischärlern, die nach Schleswig-Holstein zogen; es wurde viel geredet, gesungen, getrunken und getoastet; die Stadt war fast immer im Flaggenschmuck; kein Mensch ging über die Straße ohne Kokarde am Hut oder im Knopfloch ? schwarz-rot-gold, grün und weiß oder blutrot ? jeder wollte und mußte Farbe bekennen. Wie die Alten sungen, so zwitscherten die Jungen; wir machten nach, was uns vorgemacht wurde, eine Kokarde oder die rote Feder, zierte die Schülermütze, die Gesinnungen der Vater spiegelten sich in den Söhnen wieder. Wenn die Volksstimme im Chorus laut wurde, daß die Wolken bebten, unsere Soprane schwebten über den Bässen und Tenören. ? Das königliche Hoftheater stellte mehrere Häupter an die Spitze der Bewegung. Richard Wagner, der mit dem »Fliegenden Holländer« und »Tannhäuser« die musikalische Welt schon revolutioniert hatte, sprang gemeinschaftlich mit dem genialen Erbauer des Hoftheaters, Gottfried Semper, in den Freiheitsstrudel,[17] daß die Wellen über ihren Köpfen zusammenschlugen, von denen beide an das rettende Ufer der Schweiz gespült wurden. Populärer als die Genannten, war der königliche Musikdirektor Röckel, der ein demokratisches Volksblatt herausgab, um das man sich bei der Ausgabe, gegen Abend die Köpfe blutig schlug. Röckels blauer Rock, in dem er den Landtag, zum Entsetzen der üblichen schwarzen Fräcke und weißen Halsbinden; besuchte, rief eine nie dagewesene Aufregung hervor. Der blaue Rock wurde durch die Spalten der Lokalblätter geschleift, als ob er mit Druckerschwärze reglementsmäßig gefärbt werden müsse. Im Zuchthaus zu Waldheim, wo der Ärmste fünfzehn Jahre Wolle spann, mußte er den Blauen mit dem Sträflingskittel vertauschen. Mein Vater, ein Mitglied des Hoftheaters in kleiner Stellung, der den Nachtwächter in den »Hugenotten« sang und in »Faust« bei dem Spaziergang vor dem Tore, seine Unzufriedenheit über den neuen Bürgermeister aussprechen durfte, folgte den Fortschrittsbeinen seiner Vorgesetzten, wenn auch mit kleineren Schritten. Das hatte Rückwirkung auf mich, den Dreizehnjährigen; ich durfte Turner werden, Gedichte von Herwegh und Freiligrath lesen, zerbrach mir den Kopf über politisch-satirische Witzblätter, die ich nicht verstand, wurde auch hin und wieder in eine Versammlung mitgenommen und suchte eigenmächtig allen Ereignissen beizuwohnen, die sich so häufig auf der Straße oder vor der Stadt unter freiem Himmel abspielten. Welche Luft gewährte es, die Kommunalgarde, eine krähwinkliche Bürgerwehr, im großen Gehege exerzieren zu sehen. Wenn ihre Tamboure, die monströsen Trommeln rührend, durch die Straßen zogen und damit die Gardisten zum Sammelplatz riefen, dann traten aus dem Dunkel der Haustore die Heldengestalten mit weißen Hosen hervor (denn die Kommunalgarde war eigentlich nur ein Sommermilitär, das, wenn es ja einmal bei Frostwetter zusammengetrommelt wurde, in beliebigen Winterbeinkleidern antrat) eingeknöpft waren sie in einen langen blauen Rock ?[18] das Blau war Vorschrift, aber es erschien in allen Schattierungen, denn die Uniform wurde im gewöhnlichen Leben auch als Sonntagsrock getragen ? das weiße Lederbandelier, an dem eine riesige Patronentasche hing, kreuzte sich auf der Brust mit dem Säbelgehänge; auf dem Kopfe balancierte ein hoher Tschako, der an die Zeiten der Befreiungskriege erinnerte; das klirrende, klappernde Gewehr, mit dem mörderischen Bajonett und dem oft versagenden Feuersteinschloß, wurde von dem ältesten Sohn, oder dem Lehrling, dem Gardisten bis auf die Gasse nachgetragen. An die Patronentasche und Säbel klammerten sich die Jüngsten, und wenn das eheliche Verhältnis ein gutes war, gab es ein zärtliches Abschiednehmen unter der Haustüre, wie zwischen Hektor und Andromache. Wir Jungen ließen es bei den Leistungen der Kommunalgarde an Kritik nicht fehlen, wenn ein Rottenfeuer abgegeben wurde, das wie ein Schuß klingen sollte, aber wie gewöhnlich mißlang, daß man bei dem Geknatter denken konnte, es würde gedroschen, dann höhnten und ätschten wir so lange, bis der Herr Hauptmann Mickedanz oder der Herr Leutnant Zickelschwanz mit finsterer Miene und gezogenem Säbel einige Schritte gegen uns losging, da rissen wir aus, formierten selbst unsere Bataillone und marschierten stampfend heimwärts. Die Revolution vom Jahre 1830 hatte der Kommunalgarde das Leben gegeben, der Maiaufstand von 1849 machte ihr den Garaus. Der Völkerfrühling hatte üppige vielversprechende Blüten getrieben, aber der Fruchtansatz entsprach den gehegten Hoffnungen nicht, schon im Sommer fielen grüne unreife Früchte vorzeitig ab, der Herbststurm aber fuhr in den jungen Freiheitsbaum, daß die Äste krachend stürzten. Wien fiel ? Robert Blum wurde erschossen, Sachsen größter Volksmann. Eine Totenfeier wurde ihm in der Dresdener Frauenkirche veranstaltet, wie Elbflorenz noch keine gesehen. Ein endloser Zug hatte sich gebildet, der nach und nach die ganze Kirche füllte. Mit Verwunderung sah man in den Reihen des trauernden[19] Volkes, zehn bis zwölf Mann der königlichen Leibgarde, die der alten napoleonischen Garde nachgebildet war, unter den massigen Bärenmützen, mit dem Flor um den Arm, einhermarschieren. Also bis in die Leibwache des Königs waren die Freiheitsideen eingedrungen! Zwei Monate später wurde die Garde aufgelöst und ihre Mannschaft anderen Regimentern zugeteilt. Aber auch Chaisenträger waren im Zuge zu sehen, die lebenden Wahrzeichen von Alt-Dresden, die Überbleibsel aus dem Rokoko, der versteinerte Zopf. Mit diplomatischer Schlauheit liefen sie als Botengänger auf Amors Wegen; mahnten säumige Zahler mit zäher Ausdauer und hanebüchener Grobheit; wenn ein Gläubiger dem Schuldner mit der letzten Drohung kam: ich werde Sie durch den »Bordscheesendräger« mahnen lassen ? dann gab es Grund zu zittern. Sie überbrachten aber auch an Familienfesten, in Uniform, Gratulationen, Geschenke und Blumen, trugen in der Chaise mit kurzen Schritten alte Hofdamen zur Kirche, Theater oder Festen, schnitzten in ihren Wartestuben Vogelhäuschen oder strickten blaue Strümpfe. Ihre Devise war: umsonst ist der Tod. Und diese Chaisenträger (allerdings nur die vom Rathaus und der Neustadt; die Schloß-Chaisenträger hielten es mit dem Hof, blieben ferne und strickten am Trauertag demonstrativ blaue Strümpfe), sie trauerten um einen Freiheitsmann, machten einen Gang ohne Entlohnung! Das war das alte Dresden nicht mehr, die Zeit ging aus den Fugen; was mochte da noch bevorstehen? Eine düstere Prophezeiung tauchte plötzlich auf und ging von Mund zu Mund. Der alte Schäfer Thomas hatte sie ausgesprochen, ein Mann, von dem kein Mensch wußte, wo er seine Schafe hütete. Aber es war gewiß, er hatte prophezeit: im Jahre 1847 mag ich kein Apfelbaum sein, 1848 kein Fürst und Adeliger, 1849 kein Soldat und 1850 kein Totengräber. Die Prophezeiung für die beiden ersten Jahre hatte sich erfüllt, nun konnten Krieg und Umsturz, Mord und Totschlag den letzten nicht fehlen. Mann übersah,[20] daß die Verkündigung für 1847 eine Rückwärtsprophezeiung war (die Apfelernte hatte solche Früchte gebracht, daß die Jugend allein damit nicht fertig werden konnte und die Schweine zur Vertilgung herangezogen werden mußten), übersah, daß wir 1848 in leicht enträtselter Gegenwart lebten, und daß es eine persönliche Geschmacksache des Schäfers Thomas sei, wenn er weder Soldat noch Totengräber sein mochte, nicht nur für 1849 und 1850, sondern für alle Zeiten. Aber man wollte schwarz sehen und glaubte eine Berechtigung dafür zu haben, denn der Freiheitshorizont verdunkelte sich zusehends und die Reaktion zog Siebenmeilenstiefel an. Den ganzen Winter gärte es, doch zum Ausbruch kam es nicht; eine Revolution braucht schönes, warmes Wetter zu ihrem Gedeihen. Als der Frühling kam, war der Geduldsfaden dünn geworden, die Spannung zwischen Volk und Regierung unerträglich; es klang nicht mehr wie eine Prophezeiung, sondern wie eine Gewißheit, wenn die Leute sagten: paßt auf, nun geht's bald los! Es lag etwas in der Luft, als wir Schüler uns am Morgen des 3. Maien zum Unterricht versammelten. Ich konnte der Partei die wichtige Mitteilung zuraunen: heute geht's los! Meine Nachricht stammt aus guter Quelle, der Schmied in unserem Hause hatte es mir durch das Fenster zugerufen, als ich den Schulweg antrat. Heute geht's los! Die Gedanken der Lehrer und der Lernenden waren den ganzen Vormittag mehr auf der Straße, als bei dem Lehrgegenstand, denn von unten drang ein dumpfer Lärm herauf, stärker als gewöhnlich. Die letzte Stunde, der französische Unterricht, mußte entfallen, weil der Sprachlehrer, Monsieur Senin, ausgeblieben war, ausgeblieben ohne Entschuldigung. Das war ein Ereignis, denn Monsieur Senin, pünktlich wie die Sonne, trat sonst auf die Minute und mit militärischer Strammheit in die Schulstube. Er war noch nicht lange unser Lehrer, wir liebten und fürchteten ihn, aber wir lachten auch über ihn. Er war ein Original, grundverschieden von allen anderen Lehrern. Senin wurde[21] importiert, weil der frühere Sprachmeister, ich glaube, er hieß Baier, uns den Pariser Akzent nicht beibringen konnte. Wenn man Baier heißt und einer Schar Dresdner Jungen die französische Sprache eintrichtern soll, kann kein Pariser Akzent herauskommen, wir hatten den kleinen »Brüdergassen«-Akzent, von dem wir uns nicht trennen konnten. Als Monsieur Senin vom Direktor der Klasse vorgestellt wurde, waren wir baff, wir brauchten Zeit, bis sich die Augen an die ungewöhnliche Erscheinung gewöhnten. So etwas gab es gar nicht, das lief nicht einmal auf der Straße herum, und das sollte nun unser Lehrer sein! Zugeknöpft war es bis an den Hals in einen schwarzen Rock, aus dessen Kragen spitze, wehrhafte Vatermörder herausragten, die, von einem schwarzseidenen Tuch umschlungen, einen bronzierten Kopf stark hervortreten ließen. Welch ein Kopf! Ein scharfgeschnittenes Profil mit einer sich breitmachenden Stirne, die schon viele Haarte verdrängt hatte, die übriggebliebenen krausen, schwarzgrauen, schienen sich vor ihr zu fürchten und strebten ins Weite, aber sie waren eingefangen worden, die große Blöße zu decken, und beim linken Ohr und hoch über dem rechten Auge waren sie zu zwei Wickeln zusammen gedreht, die durch eingenestelte Haarnadeln Halt bekamen. Über die glühenden Augen hingen wilde Brauen, wie Dornengestrüpp über einen Hohlweg, und unter der Nase sträubte sich ein Schnurrbart wie zum Kinderschreck gemacht. Er versuchte eine kleine deutsche Anrede zu halten, die in ihrem gebrochenen Kauderwelsch so putzig klang, daß die Köpfe der halben Klasse unter die Bänke verschwanden, weil auf dem Boden plötzlich verlorene Gegenstände gesucht werden mußten. Er hatte erklären wollen, das er den französischen Sprachunterricht ganz von vorne beginnen müsse. Zunächst wollte er uns beibringen, wie wir ihn, den Lehrer, begrüßen sollten, wenn er mit einem »Bon jour« zur Tür hereinträte. Ausstehend sollten wir im Takt antworten: »J'ai l'honneur de vous saluer!« Er bekam sichtlich Respekt vor unserer[22] Sprachenkunde, als wir ihn im heimatlichen Tonfall taktvoll anbrüllten! »Schäh lonneer de wuh salliweh!« Er sah uns mit einem Blick an, als ob er fragen wollte, was war das? Französisch nicht ? war es persisch oder hindostanisch? Von dem Augenblick an hat er wohl alle Hoffnung aufgegeben, uns jemals zu Franzosen zu machen. ? Als er den spanischen Rohrstock in der Ecke stehen sah, der damals zu dem eisernen Bestand einer Schulstube gehörte und nicht zum Vergnügen in der Ecke lehnte, ergriff er ihn mit der linken Hand, hielt ihn stramm an die Hosennaht wie einen Säbel, zog ihn mit der Rechten und salutierte vor uns. Dann trat er zum Lehrpult und ließ die ganze Klasse unisono le père deklinieren, mit dem Rohrstock dirigierte er das Konzert, die schönsten Schwadronenhiebe führend. Wir fingen nun an: le bär ? er schlug eine Terz, di bär ? eine Quart, oh bär ? eine Sekond, le bär ? eine Prim, aber die faß auf dem Lehrpult, daß es knallte, der Spanier aber war gespalten. Obwohl er jähzornig war, hat er uns nicht viel getan, dafür angeschrien, daß die Fenster klirrten. Es war schauerlich-schön anzusehen, wenn ihm das südfranzösische Blut in den Kopf stieg, wenn er, die Augen rollend, den roßhaarigen Schnurrbart sträubend, den Delinquenten andonnerte: »O, du 'Immel'und!« Reizten wir ihn stärker, daß er auf die höchste Sprosse seiner Zornesleiter stieg, faßte er mit gewaltigem Griff nach der Brust des Übeltäters, hob ihn über die Schulbank und stellte ihn mit einer Hand auf das Lehrpult. Wie ein Explikateur der Menagerie zeigte er mit dem Rohrstock auf ihn und erklärte: »Seh' Sie 'ier die gräßte Essel von die Klass'!« Es gab viel gräßte Essel in der Klasse, denn viele geizten nach der Ehre einer solchen Vorstellung. ? Heute war Mr. Senin ausgeblieben, seine Stunde entfiel und wir wurden nach Hause geschickt. Wie sah es auf den sonst so stillen Straßen aus! In Gruppen standen die Leute beisammen, fuchtelten mit den Händen in der Luft herum und schrieen: »Vor drei Tagen den Landtag aufgelöst ? nu[23] schieben sie die Grundrechte und die Reichsverfassung auf die Seite, das lassen wir uns nicht gefallen! Wart't nur! Sie sollen uns kennen lernen!« Das hatte ich deutlich gehört, denn ich drängelte immer näher heran und stand auf einmal im Mittelpunkt der Gruppe. Eine schwere Hand legte sich da auf meine Schulter und ein freundlichen Vollbart sagte zu mir: »Mach', daß du zum Essen kommst, deine Mutter wart't schon auf dich. Heute gibt's Lämmerschwänzel und Quarkspitzen.« So wurde ein Führer der Bewegungspartei unter Gelächter aus einer Volksversammlung hinauskomplimentiert. Ich merkte auf dem Heimweg, daß erregte Leute aus der Friedrichvorstadt in lockeren Haufen, wie von unsichtbarer Gewalt getrieben, der inneren Stadt zueilten. Das hatte etwas zu bedeuten, Vorstädtler kommen nicht umsonst herein. Auch zu Hause gab es eine geheimnisvolle Unruhe, wie vor dem Ausbruch eines gefahrdrohenden Gewitters. Ich erhielt strengen Befehl, mich nicht vom Hause zu entfernen, nur auf mein Bitten wurde mir gestattet, den freien Nachmittag im Nachbargarten mit den Kameraden zu verbringen. Wir spielten die Befreiung Schleswig-Holsteins vom dänischen Joch und bombardierten eben bei Eckernförde das dänische Kriegschiff »Christian VIII.« mit glühenden Kugeln, das zum Schluß, unter Entzündung eines Sprühtenfels, in die Luft fliegen sollte, als wir einen dumpfen Donner dröhnen hörten ? das war ein Kanonenschuß! Wir und alle, die nicht zur Stadt gezogen waren, stürzten auf die Straße. Man steckte die Köpfe zusammen, man debattierte, die Weiber am meisten, was der Schuß zu bedeuten habe. »Was wird's sein?« sagte der Schmied, »'s is losgegangen! Das war ein Schuß aus dem Zeughaus« ? und der Chorus, wie vom Blitz erleuchtet, schrie: »Ja, ja! das Zeughaus wird gestürmt!« Was von den Männern nun noch laufen konnte, wandte sich der Stadt zu und lief. Die Jungen, die natürlich mitrennen, wollten, wurden von den Müttern am Schlafltichen festgehalten, und wenn eine ihren Bengel vermißte,[24] schrie sie gottserbärmlich nach »Deedor« oder »Heinel«. Die Häuser standen verlassen wie bei einem Erdbeben, alles Leben pulsierte auf den Gassen. Jetzt kamen die ersten atemlosen Boten aus der Stadt zurück: Das Zeughaus ist gestürmt und geplündert! Ein schwerbeladener Wagen sei mit Macht gegen das geschlossene Tor geschoben worden, es sei aufgekracht, aber im selben Augenblick habe eine Kanone ihre Kartätschenladung in die dichte Menschenmasse geschmettert. Unter Schmerz- und Wutgeheul sei das Arsenal vom Volke genommen worden. Die Toten habe man auf Karren geladen, die unter dem Rachegeschrei durch die Straßen gefahren würden. Bald kamen auch einzelne Stürmer mit abenteuerlichen, verrosteten Waffen, mit Morgensternen, Hellebarden, geflammten Schwertern und Zweihändern; die brauchbaren Schießgewehre waren an waffenfähige Männer verteilt worden. Gegen Abend kam mein großer Bruder, ein Neunzehnjähriger, aus der Stadt zurück, er hinkte merklich und stützte sich auf eine Flinte, die er im Zeughaus erobert hatte. Ich war sehr stolz auf diese Flinte, nur schade, daß das Schloß daran fehlte. Mein Bruder mußte erzählen, er erzählte viel und gut, daß man ihm mit offenem Munde zuhörte, er sprach auch obenhin von einem Kolbenschlag, den er in der Hitze des Gefechts am Bein erhalten habe. Ich wurde immer stolzer auf meinen großen Bruder. Er mußte übrigens gleich wieder hinein, das war selbstverständlich. Als wir ins Haus gingen, sagte der Schmied zu mir: »Ich will dir mal was sagen, Hermann. Einer von den Erschten im Zeughaus is dein Bruder nich gewesen, sonst hätt'r sich enne bessere Flinte ausgesucht; na, und das mit'm Kolbenschlag ? ja, ja ? es is ja möglich ? es kann ihm aber auch eener auf die Zehen getreten haben.« Da gefiel mir mein Freund, der Schmied, aber gar nicht. ? Es folgten stürmische Tage, die immer wilder wurden; haarsträubende Nachrichten waren im Umlauf, die sich selber Lügen straften, manche aber bewahrheiteten sich und schürten die Aufregung. Der König[25] hatte mit den Ministern die Residenz verlassen, die bewaffnete Macht wurde in der Neustadt zusammengezogen, um von da planmäßig gegen das revoltierende Alt-Dresden vorzugehen, und was die Aufständischen in helle Wut versetzte, preußisches Militär sollte zu Hilfe gerufen werden. Das stieß dem Faß den Boden aus. Barrikaden wuchsen aus der Erde empor, die die Stadt in eine Festung verwandelten, eine provisorische Regierung wurde gebildet. Die Sturmglocken heulten den ganzen Tag, die die Nerven beben machten; Zuzüge vom Land, aus Städten und Städtchen strebten Dresden zu und stauten sich mit dem Proviantkolonnen an den Schlägen. Das Flintengeknatter wurde stärker, je näher man sich auf den Leid rückte, und als die königliche Artillerie den Zwingerwall besetzt hatte, sprachen die Kanonen ein lautes Wort mit darein. Als der Ruf: baut Barrikaden! bis in unsere stille Gegend gedrungen war, gab es kein Zögern. Alle Hände rührten sich. Wen nicht die Gesinnung trieb, den spornte die Furcht. Amazon.de Widgets Mein Vater, einen alten Sorgenstuhl schleppend, dem ein Bein und ein Ohr fehlten, stieß mit einem Regisseur des Hoftheaters zusammen, der einen Hackklotz zum Barrikadenbau herbeiwälzte. Der Regisseur, Hofmann durch und durch, Milchbruder einer hochgestellten Persönlichkeit, und mein Vater stutzten, als sie sich hier bei der Arbeit trafen. Der Herr Regisseur suchte sich geschwind populär zu machen, indem er für die braven Barrikadenbauer Bier anfahren ließ, dann verschwand er auf Nimmerwiedersehen in sein Haus, das dem unseren gegenüber lag. Wie auf einen Zauberschlag standen unsere Barrikaden plötzlich da, recht ruppige Barrikaden, wie Sperlingsnester anzusehen, denn die Begeisterung hatte umsichtig die Rumpelkammern geleert, auch alles, was für das Haus unbrauchbar geworden und im Wege herumstand, auf die Straße geworfen; zuletzt kam dran, was für den Kehricht reif war, zerschlissene Fußmatten, alte eiserne Kochtöpfe, durchgelegene Strohsäcke ? alles fort mit Schaden![26] Verschwendungssucht konnte man an unseren Barrikaden nicht wahrnehmen, mit Mahagonimöbeln war keine ausgestattet. Bei dem nun folgenden Aufreißen des Straßenpflasters trat ich mit einem Beil, das ich der Küche entführte, in kräftige Aktion, ich arbeitete, daß die Funken flogen. Als kein Stein mehr neben dem anderen stand, prüfte ich die Schneide meines Beiles ? kugelrund; ich vergrub ganz still das Revolutionsbeil unter einen Haufen kleingehackten Holzes. Kenner schüttelten über unsere Barrikaden die Köpfe, sie wären auf Rutschterrain erbaut, es fehle die feste Basis. In den Hauptstraßen der Stadt hatten auf Befehl internationaler Barrikadenbaumeister die Barrikaden, die auf Pflaster erbaut waren, wieder weggeräumt und auf haltbaren Erdgrund gestellt werden müssen. Wir ließen die unseren bestehen wie sie waren, weil sie aber in der Tat ein wirksames Verkehrshindernis bildeten, das nur den Jugend Annehmlichkeiten bereitete, kam man überein, an einer Gassenseite Durchlässe zu eröffnen, die bei herannahender Gefahr schnell geschlossen werden könnten. So war es bei uns am Rande der Stadt, drinnen ging es weltstädtischer zu, wie man erzählte. Der Verkehr in den Straßen war ganz aufgehoben, die Gehwege waren in die Häuser verlegt, die Feuermauern, welche die Gebäude voneinander trennten, durchgeschlagen worden, so daß man ganze Straßenlängen durch Wohnzimmer gehen konnte. Das verlangte die wirksame Verteidigung der Stadt. Hätte ich nur die große Engel-Barrikade am Eingang der Wilsdruffer Gasse sehen können, die bis zur ersten Etage hinaufreichen sollte, und Pauline, das heldenmütige Barrikadenmädchen, von der man sich Wunderdingen erzählte, die in meiner Phantasie als eine Mischung der Jungfrau von Orleans und Regimentstochter lebte, ausgerüstet mit Fahne und Schwert, Trommel und Marketenderfäßchen. Nur einmal die Herrliche sehen, wenn auch aus weiter Ferne! Ich konnte meine Neubegier nicht länger meistern und drang, bei einer Ruhepause, als man nur mäßiges Schießen vernahm, alle[27] Gebote und Barrikaden überschreitend, bis zum Postplatz vor. Ah! da stand die imposante Engel-Barrikade stockhoch, ein mächtiges Verteidigungswerk! Das war freilich etwas anderes als unsere Sperlingsnester. Die Granitwürfel des Straßenpflasters, die breiten Trottoirplatten waren wie ein Panzergürtel der Barrikade um den Leib gelegt, die Häuser die sie flankierten, in Festungen umgewandelt, die Fenster, durch Steine und Matratzen verstellt, zu gedeckten, sicheren Schießluken geworden. Scharf genug ist es später dort noch zugegangen, Beweis dafür ein kleines Fahnenschild am Engel-Hause, das nach dem Kampfe sechsunddreißig Schußlöcher zeigte. Über den Barrikadenrand ragten die Köpfe der Besatzung hervor ? aber keine Pauline war sichtbar. Ein Geschrei: »Die Sensenmänner kommen ? hurra! die Sensenmänner!« lenkte meine Aufmerksamkeit auf die entgegengesetzte Seite. Nach Erzählungen aus der polnischen Revolution galten sie mir als Helden, die zu siegen und zu sterben wußten, und auch die Dresdner Ausgabe der Sensenmänner wurde von meiner Umgebung hoch gepriesen. »Du, das sein dir Kerle! Die sein gut, besondersch gegen die Reiderei. Wenn die mit ihren Sensen den Ferden die Beene wegbalbieren und dann den Reidern eens aufs Dach geben, dann is es Rest! dann kommt nich eener davon.« Sie kamen herangezogen mit aufrechtgestellten Sensen ? lieber Himmel, wie schrumpften meine Helden in der Nähe zusammen. Es waren die armseligsten Gestalten, die ich je gesehen, sie taten mir furchtbar leid. Da erscholl ein »Halt-la!« Nach und nach kamen die Sensenmänner zum Stillstand. Jetzt sprang ihr Kommandant vor. »Front!« Ach! ach, du liebes Gottchen! das war ja mein Sprachlehrer, Monsieur Senin! Im Schlapphut mit roter Feder, in der Faust einen wirklichen Säbel! Mich überfiel die Angst, er könne mich sehen und erkennen, dann, so bildete ich mir ein, war ich verloren, er würde mich bei der Brust packen, mir eine Sense in die Hand drücken und brüllen: »Da, du[28] 'Immel'und! Stellen du dik ein und marschieren du. Rekten, Linken, le bär, di bär!« Die Angst drehte mich um und jagte mich heimwärts. Wie wohl ward mir, als ich mich wieder zwischen unseren gemütlichen Familienbarrikaden befand. Freilich hörte die Gemütlichkeit auf, als uns die Ereignisse auf den Leib rückten. Das Turmhaus in unserer Nähe war von den Scheibenschützen mit ihren gefürchteten Standbüchsen und von der Turnerwaffenschar besetzt worden, die die Artillerie auf dem Zwingerwall unter Feuer nahm und die Bedienungsmannschaft arg belästigte. Da wurden die Kanonen auf den Turm gerichtet, und es gab ein Hinüber- und Herüberschießen, daß die Ohren gellten, auch hörten wir nicht selten eine verirrte Kugel singen. Abends, wenn die Dunkelheit zur Einstellung des Feuers nötigte, kamen bei mattem Kerzenlicht die Bewohner unseres Hauses auf den rückwärtigen Gängen zusammen, um die Erlebnisse des Tages zu besprechen, das Abendbrot aus der Hand zu verspeisen und Katzen und Hunde auf dem Schoß zu liebkosen, die am Tage so vernachlässigt worden. In diese Idylle schlug plötzlich eine Kugel, die eine Fensterscheibe splitterte und in der Wand stecken blieb. Ein Entsetzensschrei und die ganze Versammlung, samt Katzen und Hunden, prallte auseinander. »Das Licht ausblasen!« kommandierte eine Stimme und wir saßen im Finstern. Erst war es mäuschenstill, dann hörte man den Herrn Registrator keuchen, bevor er, tiefbeleidigt aus empörtem Herzen anhub: »Das nehme mir kein Mensch iebel, aber das is eine Hundsgemeinheit, den Leuten in die Fenster zu schießen, da kann ja das größte Unglück angerichtet werden. Gleich schießen! Mir ham ja gar nicht getan ? das is eine Verräderei ? so was muß der Behörde angezeigt werden.« Eine andere Stimme aus der Finsternis, wir kannten sie genau, sie gehörte dem »Gescheiten,« der im Gewitterregen das Gras wachsen hörte, wußte sofort den Täter zu nennen. »Das si der Hofbeamte gewesen, wißt ihr, da drüben aus der anderen Gasse, er geht[29] immer zum Scheibenschießen, der hat aus dem Bodenfenster 'rübergeschossen.« Jetzt war die Sache klar, es konnte nicht anders sein, so eine Niederträchtigkeit! Die Anzeige von dem Vorfall mußte in aller Frühe gemacht worden sein, denn gegen elf Uhr wurde der beschuldigte Hofbeamte von einer starken Eskorte nach dem Rathaus gebracht. »Der is ins Fettnäbbchen getreten,« meinte der Schmied, »der wird's kriechen.« ? »Der wird ganz eenfach erschossen, oder an die nächste Laterne gehängt. Punktum. Streusand drüber« ? erklärte der Gescheite. Aber nach zwei Stunden kam, zum allgemeinen Erstaunen, der Gehenkte frank und frei zurück. »Nu, sagen Sie mal, sind Sie denn nich oben behalten worden?« ? »So ein Unsinn,« sagte der Hofbeamte, »ich bin vom 8. April bis jetzt in Karlsbad gewesen, weil's um die Zeit da billigt is, bin erscht heute früh heimgekommen, und soll gestern abend den Leuten in die Fenster geschossen haben! Ich hab's mit meinem Reisepaß beweisen können, daß das gar nicht möglich war, und da haben sie mich sehr höflich wieder fortgeschickt.« Der Mann ging und der Gescheite machte ein dummes Gesicht. »Na ja,« sagte er zu den Umstehenden, »dann is es jemand andersch gewesen, aber gewesen is einer.« Am 7. Mai rückten die Preußen ein und zeigten den Insurgenten die Wunder des jungen Zündnadelgewehrs. Der Kampf wurde immer erbitterter, das Schießen nahm kein Ende, dazu die furchtbaren Sturmglocken die von allen Türmen der Stadt herunterheulten! Die wirkten höchst ungünstig auf meine Magennerven und nahmen mir den Appetit; bei meiner sonstigen guten Veranlagung in dieser Richtung ein bedenkliches Symptom. Auf mich fand das umlaufende Wort Anwendung: »Hunger hab'n mir nich, edler Volksfreind, aber Dorschr.« Um diese Zeit ging das alte Opernhaus in nächster Nähe des Zwingers, in Flammen auf. Wieder schlich ich mich fort, das imposante Schauspiel zu sehen. Ein Riesenbrand, der das hundertjährige ausgedörrte Gebälk prasselnd auflohen ließ, das[30] Kupferdach ergriff und schmelzen machte, die Flammen färbend, daß sie mit grünen und blauen Zungen den Himmel leckten. Der südöstliche Pavillon des Zwingers, sowie der Flügel, in dem das Naturalienkabinett untergebracht war, mußten das Schicksal des Opernhauses teilen. Nach Wochen wurde uns der Schutthaufen der Mineraliensammlung zum ergiebigen Bergwerk, aus dem wir viel schönes Gestein zu Tage förderten. Der Aufstand neigte dem Ende zu, das Militär gewann immer mehr Terrain, obwohl es verzweifelt verteidigt wurde. Das Orangeriegebäude in den Gärten der Herzogin, einige hundert Schritte von unserer Gasse entfernt, wurde von einem preußischen Regiment besetzt. Nun hatten wir das Flintengeknatter in beängstigender Nähe, die verirrten Kugeln brachten ihren pfeifenden Sang uns jetzt öfters zu Gehör. Das Straßenleben verlor seine Reize, die früher gemiedenen Häuser wurden wieder aufgesucht, spärlicher kamen die Nachrichten aus der Stadt, die immer trauriger lauteten. Man hockte apathisch in den Zimmern, ich verstopfte mir die Ohren mit den Fingern um das Sturmläuten nicht zu hören, vergebens, ich hörte es, ich hörte es noch tagelang, als Dresden weit hinter mir lag. Noch einmal wurden wir durch einen Schuß aus unserer Verstumpfung aufgerüttelt. Im Hause gegenüber hatte bei dem Regisseur und Milchbruder, ein altes, adeliges Hoffräulein Wohnung genommen, deren Fenster auf der Gartenseite nach dem Orangeriegebäude schauten, das eben von den Preußen besetzt worden war. Eine Nachricht, die das alte Fräulein voll Entzücken begrüßte. Nur einmal die Helfer sehen, die Retter! Man holt ein langzügiges Fernrohr herbei, das man für sie am Fensterkreuz festhält, sie drückt mit der Hand ein Auge zu, will das andere an die Linse bringen, da durchbohrt die Spitzkugel eines Retters ihre Stirn und lautlos fällt sie tot zusammen. Das unselige Fernrohr war drüben wohl für eine feindliche Flinte angesehen worden. Am 8. Mai tobte ein mörderischer Kampf in den Straßen der inneren Stadt, die Häuser mußten[31] einzeln genommen werden, die Verteidiger wurden bis in die obersten Stockwerke gejagt und dort verrichteten Kolben und Bajonett blutige Arbeit. Am 9. Mai war es vorbei, nun, hieß es, kommt die Vergeltung. Kleinmut und Zagen überkam die Gemüter, und wer etwas auf dem Kerbholz hatte, dem bangte für seine Freiheit. Meinen Vater drückte der Sorgenstuhl, den er zur Barrikade geschleift, der Milchbruder, der ihn dabei gesehen, beunruhigte ihn. Ich merkte, daß er, im Zimmer hin und her gehend, zu einem Entschluß kommen wollte ? jetzt blieb er stehen ? er hatte ihn gefaßt. »Du, Hermann,« sagte er zu mir, »das beste wird sein, wir gehen ein bißchen zum Onkel nach Meißen auf Besuch. Theater und Schule ist geschlossen, wir rücken auf ein paar Tage aus. Gut ist gut, aber besser ist besser. Dem Milchbruder da drüben traue ich nicht und mit dir ist die Sache auch brenzlich. Die Frauensleute sind sicher. Hole einige Dreierbrotchen, dann wollen wir uns auf den Weg machen.« Wir waren bald reisefertig; mir wurde die Feldflasche umgehängt, natürlich an schwarz-rot-goldener Schnur, mein Vater steckte einige revolutionäre Flugblätter und Proklamationen ein, nahm auch wie ich glaube, ein Sparkassebüchel aus einem geheimen Fache seines Schreibepultes zu sich, und nach kurzem Abschied befanden wir uns auf der Flucht. Wir waren westwärts gesteuert, weil auf dieser Seite die Tore (Schläge genannt) noch nicht vom Militär besetzt sein sollten. Vorsichtig näherten wir uns dem Löbtauer Schlage ? keine funkelnden Bajonette ? die Luft war rein; wir schlüpften durch, um auf Fußwegen das Elbufer zu gewinnen, denn mein Vater kannte die Umgegend wie seine Tasche. Wir bogen in einen Richtweg ein, der durch junges Getreide führte. Plötzlich klappte mein Vater zusammen. »Duck dich, duck dich!« flüsterte er, seinen Rücken krümmend. Zu einem Häufchen geworden, fragte ich, was denn wäre? »Ich habe Tschakos gesehen ? wir laufen den Soldaten gerade in die Hände, wir müssen zurück, nach dem[32] Feldschlößchen zu.« Also umgekehrt, über die Weißeritz, die einen wasserarmen Tag hatte, von Stein zu Stein, manchmal auch danebenspringend, aus andere Ufer, dann trab! trab! bis in die Nähe des Feldschlößchens. Hier hielten wir an und schöpften Atem. Von der Feldflasche nahm mein Vater die schwaruz-rot-goldene Schnur, legte sie zusammen, rollte seine Flugblätter darum und gab sie mir in die Hand. »Du siehst doch dort die aufgehäuften Gasröhren liegen? Da gehst du hin, iust als ob du was abzumachen hättest, steckst die Rolle hinein, daß niemand etwas merkt, und legst einen Stein davor. Mach's recht natürlich. Später, wenn die Luft rein ist, holen wir die Sachen wieder.« Ich vollführte meine Mission und wir konnten nun weitermarschieren, als harmlose Staatsbürger, die einen Spaziergang machen, aber immer auf Feldwegen, um unliebsame Begegnungen zu vermeiden. Eine ältliche Bauersfrau, die am Feldrain einen schweren Tragkorb abgesetzt und sich daneben hingehockt hatte, konnte uns nicht schrecken. Sie bot einen »scheenen, guden Morchen« und fragte, ob wir von »drinne« kämen? (aus der Stadt). Der Vater nickte, und die Alte erkundigte sich, was denn das wäre, daß bloß noch so wenig geschossen würde? »Ja« meinte der Vater, »es wird wohl aus sein.« ? »Also ham se gesiecht?« ? »Wer?« ? »Na, unsere. Mei Suhn und noch zwee andere und der Schullehrer, die sein doch am Freitag 'nein. Der Schullehrer hat ja keene Ruhe gegebn, sie mußten mit, der kann ja reden, da bleibt een Maul und Nase offen stehn, und der hat gesagt, daß sie 'nein mißten und kämfen mißten und daß sie stechen oder stärbn mißten, und dann habn sie sich in der Schmiede de Sensen grade blechen lassen und der Schullehrer hat enne Flinte uf den Buckel genommen, weeß der Deifel wo ersche hergekriecht hat und so sein se 'nein und habn gar nischt mehr von sich hären lassen. Nu ham mir im Dorfe ä bissel was zusammen gemacht, das will ich'n neinbringen, daß se was zu essen kriechen.« ? »Ach Muttel,« sagte mein Vater,[33] »geht lieber wieder heim; Euern Sohn werdet Ihr doch nicht finden, drinne geht alles drunter und drüber; die andern haben ja gesiegt.« ? »Was?! ? de andern ? ham ? ? da missen ja unsre nu stärbn!« Sie weinte und schluchzte, daß ihr die dicken Tränen zwischen den abgearbeiteten Fingern hervorquollen; das dauerte eine halbe Minute, dann trocknete sie sich die Augen mit der blauen Schürze, drückte die Nase hinein, hockte den Tragkorb auf den Rücken und wandte sich der Stadt zu. »Aber Muttel,« sagte mein Vater, »kehrt lieber um, es hilft Euch nichts.« Sie aber schüttelte den ab, der sie zurückhalten wollte ? »nee, nee, nee! Laßt mich! Ich will zu mein'n Friede, ich werdn schon finden.« Energisch schritt sie mit dem schweren Korb, dessen Weidengeflecht bei jedem Tritt ächzte und quietschte, auf Dresden zu, daß sie uns bald entschwunden war. ? In einiger Entfernung sahen wir auf der Landstraße, die wir zeitweise überblicken konnten, einzelne Gruppen von Männern, die der Revolution zu Hilfe eilen wollten ? viele Bergleute in Grubenkitteln ? sie wußten noch nicht, daß sie zu spät kamen. ? Als unser Fußweg die große Straße kreuzte, winkte uns ein flottes Kerlchen, das singend dahergezogen kam, mit seinem Stöckchen, zog seinen Strohhut und rief von weitem: »O, Sie! warten Sie doch ein bißchen!« Näher gekommen, entschuldigte er sich tausendmal, daß er uns aufgehalten ? »aber Sie kommen gewiß aus Dräsen? Wie sieht's denn drinne aus? Wie steht's denn mit der Revolution?« ? »Die liegt in den letzten Zügen, wenn sie nicht schon ganz tot ist.« ? »Nee, Sie! Machen Sie keene Witze ? wirklich? Das is e ausgesuchtes Bech! Ich hab' ein baar Dage freie Zeit, weil ich in Freiberg mein'n Blatz wechsle, und da dacht' ich mir: da kännt'ste dir derweile den Krawall in Dräsen e bißchen in der Nähe besehen ? nich mittun, ei nee, nich fier enne Milljon ? nee ? ich dachte mir, du wirscht bei Helbigen an der Elbbrücke dein Schtandquartier nähmen, und dann bloß so e bißchen zwischen den Barrikaden rumbummeln;[34] nu komm' ich an und der ganze Rummel is aus! Was mach' ich denn nu?« ? »Gehen Sie wieder nach Freiberg oder ins Badische, da ist ja auch der Teufel los.« ? »Gleich wieder umkehren? Nee, ich bin zwar ä gutes Stickchen mit der Bostkutsche gefahren, aber ich bin doch miede, und 's Badsche nu gar! Mit'n Ausland darf mer keener komm'n. Wissen Sie was? Ich werd' mich ins Feldschlößchen hinsetzen, e baar Debbchen Bier trinken und da werd' ich ja hören. Vielleicht darf man 'nein und kriecht doch noch was zu sehen, was sein Geld wert is. Na, scheensten Dank, Hadjeh!« Er wirbelte wieder sein Stöckchen zwischen den Fingern und sang da weiter, wo er vorhin aufgehört hatte: »sie kämmt es mit goldenem Kamme und singt ein Lied dabei.« ? In großem Bogen hatten wir uns der Elbe genähert, nun sahen wir sie ihre lehmfarbenen Fluten gleichmütig vor sich hinschieben, als ob sie kein Blut getrunken und keine Schauerszene gespiegelt hätte. Ihr Lauf ist so melancholisch und trübe, daß sie den Weinstock an ihren Ufern, der mit jungen Frühlingsaugen in die gelben Fluten starrt, bis in die Wurzeln ansäuert. Der sächsische Dichter Bormann hat uns Aufklärung über ihren Trübsinn gegeben: Warum fließt denn die Elbe Bei Dresden so gelbe? Se grämt sich zuschande, Se muß aus'm Lande; Aus'm Lande so scheene, So gemiedlich und kieene, Und gleich hinter Meißen, Fot Schbinne! kommt Breißen. Nach sechsstündiger Wanderung ohne weitere Abenteuer tauchte endlich der herrliche gotische Turm der Albrechtsburg vor uns auf, vom Volksmund der höckrige Turm genannt; das Ziel unserer Flucht war erreicht, Meißen, die Porzellanstadt. »Nun sei hübsch vorsichtig, Hermann, und stoße mit deiner Gesinnung nirgends an, das könnte hier gefährlich werden,« das[35] wurde mir ins Gedächtnis gemeißelt, als wir das Weichbild der Stadt betraten. »Wir sind keine politischen Flüchtlinge, verstehst du? Wir kommen nur auf Besuch. Hast du denn dein Zahnbürstel? Das hast du vergessen? Das hab' ich mir gedacht. Wenn man dir eine Sache nicht hundertmal einprägt« ? mein Vater suchte in der Brusttasche seines Rockes ? »ich habe übrigens meines auch vergessen.« Nach den Revolutionsstürmen genossen wir in Meißen vier Tage himmlischer Ruhe, die unsere Nerven mit Öl salbte, nichts schreckte uns auf; wir wurden weder von Gendarmen ausgehoben, noch wurden Steckbriefe gegen uns er lassen, denn Zeitungen wurden eifrig gelesen, und da das alte Bette des Gehorsams in Dresden, nach allen Nachrichten, wieder ziemlich reguliert sein mußte, benutzten wie die Eisenbahn und kehrten in der Dämmerung an den verlassenen häuslichen Herd zurück. Wir hielten uns still im Hause; Schule und Theater wurden wieder eröffnet ? kein Hahn krähte nach uns. Mein Bruder war seit vierzehn Tagen verschollen. Am zweiten Tage des Aufstandes war er auf einen Sprung zu uns gekommen, mit einer guten Büchse ausgerüstet, dann hatten wir nichts mehr von ihm vernommen. ? Eines Tages wurden wir durch gewaltsames Reißen an der Türklingel aufgeschreckt ? es wird durch das Schlüsselloch geguckt: »ein Soldat!« »Ein Soldat!« Wir sind wie gelähmt ? es war sicher, jetzt werden wir abgeholt. Es wird abermals an der Klingel gerissen, dann so heftig an dem Türschloß gerüttelt, daß sich unsere Haarwurzeln haben und das Mark in den Knochen gerinnt. Leises Flüstern: »machen wir auf, sonst schlägt er uns die Tür ein.« Der Riegel wird gelöst, ein Soldat zwängt sich herein. »Scheen guden Dag.« Er nimmt den Tschako ab und holt aus dem inneren Lederfutter ein Stück Papier heraus. »Es wird wohl hier recht sein? Es is mir genau beschrieben worden.« Mein Vater nahm den mit Bleistift geschriebenen Zettel und las vor: »In Altenburg bin ich gefangen und zurück nach Dresden transportiert worden.[36] Hier sitze ich im Gewandhaus. Seid so gut und schickt mir Wäsche und mittags das Essen, unser Futter ist zu erbärmlich. Legt keinen Brief zwischen die Wäsche, sie wird streng durchsucht. Messer und Gabel sind nicht erlaubt, nur ein Zinnlöffel. Schickt mir auch einen engen Kamm, ich habe Einquartierung gekriegt. Es geht mir erträglich, wir gruppieren uns, und ich lebe in guter Gesellschaft. Im Verhör war ich noch nicht, es wird aber bald losgehen. Wenn ihr gefragt werdet, ihr wißt von gar nichts. Lebt wohl, es grüßt und küßt euch euer Karl. P.S. Der Soldat hat ein gutes Trinkgeld verdient, wenn er erwischt würde, ginge es ihm schlecht.« Mein Vater drückte dem Mann dankbar die Hand und ließ etwas darin zurück. Der Soldat stand »in Achtung.« »Scheensten Dank. Für so was verdient man sich gern e baar Fennche, man is ja kee Unmensch, man weeß ja, wie's tut, ach herrjemersch! ? ich hab' ooch en Bruder im Gewandhause sitzen. Ja!« An der Tür wendete er sich nochmals um: »Es kann ooch mehr wie eene Bordsjohn Essen sein, 's bleibt nicht tebrich, da sein Se gans ruhig, es wird ofgegessen mit Stumb und Stiel, de andern helfen schon mit.« ? Ich brannte darauf, am nächsten Mittag mit Wäsche und Speisekorb nach dem Gewandhaus zu laufen; das war ein Weg, mir so bekannt, daß ich ihn mit verbundenen Augen gefunden hätte, denn im Gewandhaus befand sich unser Winterturnsaal, den ich bei strenger Kälte ohne Überrock, nur im Leinenanzug, mit Stolz und innerem Schauer aufsuchte. Das Gewandhaus war unser Lusthaus, und was hatte man daraus gemacht! Vor dem Eingang schilderten zwei Posten mit geladenen Gewehren, im Erdgeschoß war eine Wachtstube eingerichtet und Soldaten, vor den Toren herumlungernd, ließen sich von der Sonne wärmen. Mit wenig Höflichkeit wies man uns Speisenträgern den Weg nach den Sälen der Gefangenen ? es waren unsere Turnsäle, und im Vorraum mußten wir warten, bis man uns das Essen abnahm. Soldaten standen an der Türe,[37] visitieren Speisen und Körbe, von einem Offizier überwacht, dann nahm ein Gemeiner den Topf mit Essen und Löffel, öffnete die Tür und schritt hinein, den Namen des Beteiligten rufend. Wachen mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett sicherten den Ausgang und die Fenster des improvisierten Gefängnisses, das sah man durch die Türspalte, man sah auch, wie eng die Inhaftierten zusammengepfercht waren und spürte den üblen, dumpfen Geruch, der mit dem Luftzug herausdrang. So weit man uns heran ließ, drängten wir nach der Türe, um beim Öffnen die Augenhörigen mit einem Blick zu erhaschen, aber der Flügel wurde immer schnell geschlossen. Was konnte man unter den Wartenden für betrübte, gequälte und abgehärmte Miene sehen. An die Frau eines Arbeiters muß ich denken, die Tag für Tag mit ihren drei Kindern kam, die sie nicht allein in der Wohnung lassen konnte, um dem gefangenen Ernährer die Bissen zu bringen, die sie sich vom Munde abgedarbt hatte. Wenn ihr die kleine braune Speiseschüssel abgenommen war, kauerte sie sich auf den Boden nieder und starrte auf die Tür, um ihn vielleicht einmal durch die Spalte zu sehen. Zwei Kinder spielten unbekümmert um sie herum, das kleinste schlief an ihrer Brust, doch es wachte auf und schrie um Nahrung, da kehrte sie sich mit ihm nach der Wand um. Im selben Augenblick riefen die beiden andern Kinder »der Vater! Mutter, da is der Vater!« ? Schnell drehte sie sich um, die Tür schloß sich wieder ? sie hatte ihn nicht gesehen. Verzweifelt warf sie sich zu Boden und die Kinder fielen auf die Mutter und weinten und streichelten sie. Das war ein Anblick, der einem jungen Herzen bitter weh tat, aber auch der Offizier wandte sein Gesicht dem Dunkel zu. ? Einmal wurde mir das Essen wieder zurückgebracht, das in den Saal getragen worden war. »Warten, der Gefangene ist im Verhör.« Nach kurzer Zeit marschierte der Bruder zwischen zwei Soldaten heran, mit einer farbigen Studentenmütze renommierend, die er auf seinen Haarbusch gedrückt hatte, offenbar[38] ein Leihstück aus seiner »guten Gesellschaft.« Mit einem Blick umfaßte ich seine Gestalt, sein Wesen, und war befriedigt, er sah frisch und wohlgemut aus. Jetzt erblickte er mich ? wir grüßten und umarmten uns mit den Augen ? denn sagen durften wir nichts, sonst hätte es wirkliche Kolbenschläge gegeben. Ich nahm einen beschleunigten Rückzug, die gute Nachricht nach Hause zu bringen. Nach ein paar Wochen wurde die Ernährung der Gefangenen durch die Angehörigen eingestellt, der Staat nahm die Sorge für sie ganz und ungeteilt für sich in Anspruch. Viele Häftlinge waren entlassen worden, andere bereits der Strafe zugeführt, der Rest wurde in den privilegierten Gefängnissen, in der Fronfeste untergebracht. Im Oktober schrieb mein Bruder, von dem wir nichts mehr gehört hatten, ganz unvermutet aus Leipzig, daß er einem Schützenbataillon als Rekrut zugeteilt worden sei ? als Strafe? oder war sein Prozeß noch in der Schwebe? Ich weiß es nicht. Im Sommer des nächsten Jahres verschwand mein Bruder aus Leipzig, er war desertiert. Steckbriefe gingen hinter ihm drein, mein Vater wurde auf dem Gericht befragt ? er konnte keine Auskunft geben. Eine Woche war vergangen, da flüstert ein Kaufmann meinem Vater ins Ohr, daß er den Deserteur in Hamburg auf der Straße gesehen habe. Der Schreck war groß, aber nach einigen Tagen konnten wir aufatmen. Auf Umwegen war ein Brief in unsere Hände gelangt, in dem Karl schrieb, daß er glücklich in Hull angekommen sei und einen Platz auf einem Schiff genommen habe, das von Liverpool nach Neuyork unter Segel gehen würde. Zu jener Zeit gab es fast in allen Städten Deutschlands Männer, echte Männer, denn sie setzten sich keiner geringen Gefahr aus, die es sich zur Aufgabe machten, freisinnigen politisch Kompromittieren, zur Flucht nach England und Amerika, nach der Schweiz oder Frankreich zu verhelfen, ja es bildeten sich Vereinigungen, die denselben Zweck verfolgten und Geld, Reiselegitimationen und Unterkunft den Flüchtlingen zu beschaffen[39] wußten. In eingeweihten Kreisen waren die Namen der Helfer wohlbekannt und häufig genug wurden sie in Anspruch genommen. Auf diese Art wurde auch mein Bruder nach Hamburg gefördert, das von geheimen Polizisten aus allen deutschen Vaterländern wimmelte, die nach Flüchtlingen fahndeten. Acht Tage mußte mein Bruder dort Aufenthalt nehmen, bis es gelang, ihn über den Kanal zu bringen. In Neuyork verband er sich mit einem andern Exilierten, um die Fabrikation bunter Papierlaternen zu betreiben; gegen die Weihnachtszeit mieteten sie einen Laden, in dem am Tage die lustigen Beleuchtungskörper gemalt gepreßt und geklebt wurden, die am Abend in vollem Lichterglanze strahlend, als neueste deutsche Weihnachtsmode angepriesen wurde, die reißenden Absatz fand. Dies brillante Geschäft sicherte für mehrere Wochen die Existenz der politischen Papierlaternenfabrikanten, bis sie zusagenderen Erwerb fanden. Ein Abglanz der bunten Lampions fiel auch auf den kleinen Bruder, der in der Klasse durch seine Beziehungen und durch seine Erlebnisse in den Maitagen, beinahe in den Geruch der Berühmtheit gekommen war.[40] 
 Wie ich Schauspieler wurde.  [41] Halleluja! So weit hatten wir es endlich gebracht, mein Freund Einhorn und ich: die Schule lag hinter uns! Nachdem wir noch unsere Namen tief in das Pult eingeschnitten, glauben wir alle Auforderungen erfüllt zu haben, die die Schule an ihre Zöglinge stellen kann. Bei der Konfirmation erschien mein Freund so zeremoniell gekleidet, daß ich ihn beinahe nicht erkannte, er selbst gestand mir, daß er sich für einen Fremden gehalten, als er sein Bild im Spiegel erblickt habe. Sein aufgeschossener Körper war in einen langschoßigen schwarzen Rock eingeknöpft, ein steifer Vatermörder umklammerte den langen Hals, auf dem rötlichen Bürstenkopf trug er einen Zylinderhut und die Hände steckten in weißen Glacéhandschuhen. Vater Einhorn, ein königlicher Hofbeamter, hatte den Sohn in die gesellschaftliche Uniform gezwängt, damit er sich rechtzeitig an höfische Etikette gewöhne. Ich wurde von meinem Freund mit neidischen Blicken betrachtet, denn meine Rockschöße waren halb so lang wie seine, statt der Vatermörder trug ich einen umgelegten Hemdkragen, meine Handschuhe ? angeborenes Waschleder, meine Kopfbedeckung ? eine französische Schülermütze. Mein Vater hegte Sympathien für die große Nation, wegen der Ideen von 1789, und ich vermute, daß er mich auch gerne in roten Hosen gesehen hätte, wenn solche Tracht für Dresden nicht doch ein wenig zu auffallend gewesen wäre. Schon wegen der Mütze hatte ich zu leiden; die Straßenjugend war an den Anblick eines viereckigen, aufstrebenden Schirmes nicht gewöhnt und der kleine runde Deckel der Mütze mit Goldzierat, der auf dem Schirme ruhte, reizte ihre höhnische Heiterkeit.[41] »Nu guckt nor emal den an, was der fier eine närrsche Mitze ofm Koppe hat« ? das war das feinste unter den vielen Komplimenten, die ich zu hören bekam. Nachdem sich die Pforten der Schule hinter uns geschlossen, wurden wir der vielen Wege gewahr, die hinein ins Leben führten; die Frage war nur, welcher für uns der richtige Weg sei? Darüber war sich niemand recht klar, weder die Herren Väter, noch die Jungen. Ich hatte eine Neigung zur Gartenkunst und Einhorn zur Navigation, aber unsere Neigungen wurden durch die väterliche Bestimmung zurückgedrängt, daß wir vorläufig weiter lernen sollten. Mütter hatten wir nicht mehr, sie waren fast gleichzeitig vor Jahresfrist gestorben. Meine Schwester, nur wenige Jahre älter als ich, stand unserm kleinen Hausstand vor und bei Einhorns schaltete eine Verwandte als Wirtschafterin ? so fehlte unserm jungen Leben ein bedeutsamer Halt, den wir durch unwandelbare Freundschaft zu ersetzen suchten. Einhorn mußte sich bei einem Vollblutfranzosen in der Hofsprache vervollkommnen und ein alter Schreiblehrer sollte ihm die geschnörkelte sächsische Kanzleischrift beibringen, die sich für einen dereinstigen königlichen Beamten gezieme. »Und was machst du denn?« fragte Einhorn. »Ich soll mit dem Pinsel umgehen lernen und zu Fehrmann in die Malstunde gehen, denn ich komme vielleicht auf den Malersaal zu Zaragoni, der die Dekorationen für das Hoftheater malt, wenn er mich nimmt ? dann kriege ich noch Klavierstunden von einem Seminaristen und wenn sich meine Stimme erst gesetzt hat, will mir der Vater Gesangunterricht geben, jetzt könne er noch nicht klug werden, ob ein Baß oder Bariton aus mir würde.« Der Stundenplan war nicht sehr anstrengend; wenn wir auch häusliche Übungen dazu rechneten, blieb uns viel freie Zeit übrig, die wir zu gemeinsamer weiterer Ausbildung benützen wollten. Unser Fortbildungstrieb lenkte sich zunächst auf die Literatur, da mir der Zufall ein Buch in die Hände[42] spielte, das uns in flammende Begeisterung versetzte: »Die drei Musketier« von Alexander Dumas, in deutscher Übertragung. Wir rannten mit dem Buch in den Prießnitzgrund, dem Tummelplatz unserer bisherigen Knabenfreuden, wo uns die ganze Romantik des Tannenwaldes aufgegangen war. Der Prießnitzgrund mußte auch zum Lesezimmer werden, wir wußten ein Plätzchen wie dazu gemacht. Da saßen wir auf sonndurchwärmtem Heidekraut, eng aneinander gerückt, die Arme gegenseitig um die Schultern geschlungen und lasen und lasen, daß wir Essen, Trinken und Nachhausegehen darüber vergaßen. Oft stockte der Atem, daß wir nur ruckweise Luft schöpfen konnten und wenn einer zu früh den Finger netzte, das Umblättern vorzubereiten, schüttelte der andere mit mißbilligenden Tönen energisch den Kopf, weil er mit ein paar Zeilen im Rückstande war. Daß gedruckte Buchstaben solche Macht ausüben, solche Wonnen über Menschen bringen konnten, hatten wir nicht für möglich gehalten. Das Buch war uns wie eine junge, heilige Liebe; Eifersucht regte sich gegen den Glücklichen, der die Musketiere bis zum nächsten Tag in Verwahrung nehmen durfte, er mußte feierlich versprechen, nicht weiter zu lesen, namentlich den Schluß nicht vorzukosten. Als wir den Roman beendigt hatten, waren wir glückselig und kreuzunglücklich, weil er beendigt war. Um unser Unglück zu mildern, lasen wir ihn sofort ein zweites Mal. Armer Inselkönig Robinson, die drei Musketiere hatten dich entthront. Was waren das aber auch für Prachtkerle, der edle Athos, der feine Aramis, der Hauptkerl d'Artagnan und zuletzt, nicht der letzte: Porthos! Zu ihm fühlten wir uns am meisten hingezogen, es lebte was von ihm in uns, Porthos war gut und dumm, aber stark! Das war es, was wir werden wollten ? stark. Zu einer Erkenntnis führte uns der Roman, daß wir nicht länger ohne Waffen bleiben durften, es konnten Umstände eintreten, die uns eine Pistole so nötig machte wie ein Stück Brot. Nun warfen wir uns auf die Waffenkunde[43] und studierten die Sammlungen der Gewehrhändler in den Auslagenfenstern. Aber die Preise waren von abschreckender Höhe, bis wir auf ein anheimelndes Geschäft stießen, in dem wir unter Mäusefallen, Messern und Bartwichse auch ein Terzerol erblickten, das mit einem Verkaufspreis von 2 Taler 10 Groschen ausgezeichnet war. Wir blickten uns an und nickten. Dieses Terzerol war augenscheinlich ein vortreffliches Produkt moderner Gewehrindustrie ? und billig ? erstaunlich billig. Wenn wir uns mit vereinter Kraft aufs Sparen legten, war vielleicht die Möglichkeit des Erwerbens nicht ausgeschlossen. Mit unsern Mitteln war es herzlich schlecht bestellt. Einhorn hatte ein wöchentliches Taschengeld von fünf Neugroschen, aber mir war keine Zivilliste bewilligt, hingegen hatte ich gegründete Aussicht, ein gutes Stück Geld zu verdienen. Einer unserer früheren Schulkollegen, der Sohn eines Pfefferküchlers, gegenwärtig Lehrling im väterlichen Geschäft, hatte mich schon lange gebeten, ihm ein Buch mit weißen Blättern voll schöner Gedichte zu schreiben, er wolle sich's was kosten lassen, er brauche die Gedichte fürs Geschäft. Die Sache war mir nicht klar, aber sie wurde es, als ich ihn aufsuchte, ihm meine Dienste anzubieten. Ich fand ihn in der heißen Backstube, gerade in Fabrikation von Pfeffernüssen begriffen; er, wie seine drei erwachsenen Schwestern, waren in Äquatorialkleidung. Jede der vier Personen hatte ein Backblech vor sich und in der rechten Hand eine Teigwurst, von der Nüßchen auf Nüßchen abgedrückt und auf das Blech gesetzt wurde. Das geschah im strengsten Takt, denn der junge Küchler deklamierte dazu: »doch aller Glocken Krone, die er gegossen hat, das ist die Sünderglocke zu Breslau in der Stadt,« und bei jeder langen Silbe wurde ein Nüßchen aufs Blech gesetzt. Es war recht feierlich und der Sprecher mußte auch zu rühren, indem er an Stelle jedes Punktes ein Fragezeichen markierte. Ich mußte den ganzen »Glockenguß von Breslau« über mich ergehen lassen, denn wenn das Werkel im Gange war, gab es kein Einhalten.[44] »Siehst du jetzt ein, daß ich die Gedichte fürs Geschäft brauche?« Ich nickte, indem ich so ein wärmliches, weiches Teigklößchen vom Blech in den Mund schob, das ich möglichst rasch schlucken mußte, weil es gar nicht gut war. Das Buch mit den weißen Blättern wurde mir anvertraut mit der Mahnung, nur schöne Gedichte aufzunehmen, nicht zu weitläufig, keine Tintenkleckse oder Fettflecke zu machen und keine Blätter herauszuschneiden. Für meine literarischen Bemühungen und Kopiaturen wurde mir ein Honorar von anderthalb Talern zugesichert, womit ich mich zufrieden erklärte, weil die Summe die größere Hälfte des Terzerols ausmachte. Unter der Haustür rief mir der Besteller noch nach: »Du Hermann! nur recht taktvolle Gedichte!« Der nächste Morgen sah mich schon um vier Uhr bei der Arbeit. Das Gedicht, das die Ehre hatte die Sammlung zu eröffnen, ein ungedrucktes Manuskript, betitelt »Der Barrikadenkämpfer,« war von mir. Leider ist keine Abschrift davon erhalten, doch kann ich mich erinnern, daß in dem Gedicht viel geschossen wurde und daß ich den Helden nicht vom Tode retten konnte. Nach mir kamen oft gedruckte Dichter an die Reihe und als Stoffmangel eintrat, griff ich zu einem alten Jahrgang der »Abendzeitung« von Theodor Hell. Ich sehe den Kopf dieses Blattes mit dem kleinen Holzschnitt noch deutlich vor mir: eine flammende antike Lampe, mit einem darauf knieenden Biedermeier-Engel, der aus einem Kruge Brennstoff nachfüllt. Jede Nummer der Zeitung brachte Geben von weniger bekannten Dichtern, die nicht meinen Beifall hatten, weil sie keine aufregenden Geschehnisse und Großtaten, nur Mondschein- und Nachtlampenstimmungen wiedergaben. Aber die kleinen Dichter füllten mein Buch ebensogut wie die großen. Jedenfalls hatte ich das Verdienst, manchen verschütteten Poeten ausgegraben und in der Backstube zu neuem Leben gebracht zu haben. Nach vierzehn Tagen konnte ich mein Werk abliefern und das Honorar[45] dafür einstreichen. Auf eine Prüfung des Wertes der Sammlung ließ ich mich nicht ein und empfahl mich schleunigst, als ich eine ehrende Honorarzulage von einigen Pfefferzungen in meiner Hand fühlte. Die eine Hälfte des Terzerols hatte ich, für die andere wird Einhorn sorgen, dachte ich ? und er hatte gesorgt. Zu meiner Überraschung gestand er mir, daß er literarisch tätig gewesen, daß er ein französisches Lustspiel übersetzt habe. Er wickelte ein Paket auf, das er unterm Arme getragen und zeigte mir das gedruckte Buch von Scribes »La bataille des dames« für Übersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche eingerichtet. Dann hielt er mir mit Stolz sein Manuskript hin: »Die Schlacht der Weiber.« »Du, das ist ein famoses Lustspiel! Komm, wir gehen jetzt in die Hofbuchhandlung, die soll's drucken. Für fünf Taler ? meinetwegen auch für drei gebe ich es her.« Als wir in den Laden traten, kam aus einem Glasverschlag ein bärtiger Herr, der sich nach unsern Wünschen erkundigte. Einhorn hatte sein Paket geöffnet auf die Ladentafel gelegt. »Ich habe ein neues, gutes französisches Lustspiel übersetzt, das ich Ihnen zu billigstem Preise offeriere.« Der Buchhändler sah den Sprecher mit einem verdächtigen Seitenblicke an, hob das Manuskript in Augenhöhe, legte es aber gleich wieder auf die Tafel nieder und fuhr mit beiden Händen langsam über Gesicht und Bart. »Mja!« sagte er dann, ein Haar, das ihm in den Fingern geblieben war, gegen das Licht betrachtend, »so ganz neu ist das Lustspielchen eben nicht, es ist schon mehrere Jährchen alt, hat auch bereits mehrere Übersetzer gefunden. Drehen Sie sich mal um, dort hängt der heutige Zettel vom königlichen Hoftheater, was wird gegeben? »Der Damenkrieg,« wie das Stück bei uns benannt ist; ein anderer Verdeutscher nennt es »Frauenkampf,« nach einer »Kriegsspiele der Frauen.« Sie benamsen es »Die Schlacht der Weiber« ? nicht übel, gar nicht übel, weiß Gottchen, ich vermute auch noch sonstige hübsche Sächelchen im Text ? mja! aber[46] Damenbatailljen haben wir nun schon genug. Indessen, nur nicht den Mut verlieren und wenn Sie wieder was Hübsches geschrieben haben, so bringen Sie es einem andern Verleger. Dienerchen!« Damit verschwand er in seinen Glaspalast und wir verzogen uns. »Du, ich glaube, der hat gehöhnt,« sagte ich still und stumpft. »Hast du das auch gemerkt? Na, der kann warten, bis ich mir in seiner Bücherapotheke was kaufe, nicht einmal eine Gratis-Probenummer hole ich mir hier.« Wir gingen auf die Dörfer, um unsern Arger auszulaufen und spintisierten, auf welche Weise wir den Fehlbetrag am Terzerolkauf hereinbringen könnten. Als wir an einer Dorfmauer entlang gingen, streckte Einhorn den Zeigefinger nach einem Holunderbaum aus, der seine Zweige mit blühenden Dolben bis über die Dorfgasse reckte. »Den Geruch dieser Blüten liebt meine Tante Einhorn über alles ? sie ist die Schwester meines Vaters und seit einem Vierteljahr, zur Abwechslung, wieder einmal bös mit ihm. Alljährlich habe ich solche Blüten büschelweise für sie sammeln müssen, die sie zu Tee zusammentrocknet. Viel hat sie mir nicht dafür gegeben, aber doch ein paar Groschen. Heuer hat sie mir noch nichts sagen lassen, weil sie mit dem Alten tückscht; wenn ich ihr nun ohne Auftrag einen Riesenstrauß brächte, glaubst du, daß sie kräftiger herausrücken würde? Wollen wir's versuchen? Soll ich die Leiter machen?« Amazon.de Widgets Ich kannte die Leiter, die schon manchem schwertragenden Obstbaum wohltätige Erleichterung gebracht hatte. Einhorn setzte den rechten Fuß vor, knotete die Hände tief auf dem Rücken zu einem Steigbügel zusammen und neigte den Kopf vornüber, dann setzte ich den Fuß in den Bügel und schwang mich ihm auf die Schultern. Heute räumten wir auf diese Weise den Holunderbaum ab, der uns mit weißen Sternchen wie mit Frostschnee bedeckte. Mit Blütendolden, so viel die Arme fassen konnten, steuerten wir der Stadt[47] wieder zu, nach dem Hause der Tante; mit der ganzen Doppelladung stieg Einhorn die Treppe zu ihr hinauf, während ich, auf und ab spazierend, die Rückkehr des Freundes erwartete. Meine Geduld wurde keiner harten Probe ausgesetzt, er kam bald wieder, freute sich wie ein Schneekönig und versuchte einen Doppeltaler wie ein Monocle in das Auge zu klemmen. »Sie hat angebissen! Ob mich der Vater ausgeschickt habe, ihr den Holunder zu bringen? wurde ich befragt; ich entgegnete, daß ich selbst auf den Gedanken gekommen sei. Gerührt krabbelte sie aus einer Schublade dies Zweitalerstück heraus: da nimm, tu dir was Gutes an. Deinem Vater brauchst du nichts davon zu sagen, verstehst du? Du machst mit dem Geld, was du willst. Nochmals schönen Dank und Adje! Nun kenne ich doch meine Tante, sie hofft, daß ich mit dem Geld allerlei Dummheiten anstellen werde, über die sich mein Vater grün und gelb ärgern soll ? aber da irrt sie sich, das Geld wird solid angelegt, wir holen das Terzerol.« In der Angst, daß es schon verkauft kein könnte, rannten wir hastig nach dem Tutti-Frutti-Geschäft ? aber da hing es noch im Schaufenster, wie vielleicht seit vielen Jahren. Einhorn, als der Längste von uns beiden, mußte als Käufer auftreten, was er mit nötiger Überlegenheit besorgte, er knackte mehrmals den Hahn des Vorderladers auf und ließ ihn wieder zuschnappen, was ohne Unheil abging. Während die Waffe eingepackt wurde, soufflierte ich ihm zu: »Wir brauchen auch einen Kugelgießer!« Er kapierte und stellte sein Verlangen. Der Verkäufer dachte einen Augenblick nach ? »es muß noch was da sein« ? dann zog er die untersten Schubladen auf, wickelte verstaubte blaue Papiere auseinander, bis sich endlich eine ziemlich verrostete Kugelzange fand, die Einhorn für wenige Groschen erstand. Daß man uns die Waffe so anstandslos verkaufte, bereitete uns eine Enttäuschung. Wir hatten Formalitäten, vielleicht polizeiliche[48] Einmischung oder derartiges befürchtet und hatten ganz umsonst gezittert. Ein gemeinsames Terzerol hatten wir nun, aber kein Versteck dafür. Ich konnte es zu Hause nicht bergen, weil ich keinen verschließbaren Raum hatte, also mußte Einhorn Rat schaffen. Seitdem er die Schule verlassen, hatte er ein kleines Dachzimmer erhalten, in dem er schlief und arbeitete, das revidierten wir, um ein Versteck zu finden. Das Nest war kahl und wurde, wie Einhorn sagte, vom Dienstmädchen immer durchschnüffelt. Nicht einmal ein Ofen stand in der Bude, sonst hätte sich vielleicht im Rauchfang oder Aschenloch ein Versteck finden lassen. Zum Glück fiel mein Blick auf den Fußboden; die Dielen waren alt und wurmstichig und in einer war ein kleines Stück eingeflickt ? da hatten wir das großartigste Versteck gefunden. Die Nägel, welche das Stückchen Diele mit der Unterlage verbanden, holten wir heraus, damit wir das Holz abheben konnten; wenn wir nun den Schutt herauskratzten und auf das Dach streuten, wo ihn der Wind verblasen oder der Regen verschwemmen mußte, so gewannen wir eine Höhlung, in der wir Waffe und Munition bergen konnten. Wurde dann das Holz wieder darüber gedeckt und die Nägel eingeschoben, gehörte eine feine Polizeinase dazu, um hier etwas Verdächtiges zu entdecken. Zugleich wurde das Zimmerchen geprüft, welche Vorteile es Freund Einhorn bei einer etwaigen Verfolgung bieten könne. Es war von innen zu verriegeln ? das war gut. Wenn man eine Barrikade von Tisch und Stühlen davor aufbaute, konnte er Zeit finden, über die Dächer zu flüchten, bevor man eindrang. Einhorn zog die Stiefel aus, kletterte durch das Fenster aufs Dach und hielt Umschau. Er glaubte, daß von hier aus eine Flucht möglich sei. »Hat das Haus einen Blitzableiter?« »Ja, es hat einen.« »So kannst du dich im Rotfall auch am Blitzableiter herunterlassen. Nur mußt du dir dann große Fetzen vom[49] Betttuch herunterreißen und um die Hände wickeln, sonst schindest du dich auf.« Das geheime Waffendepot hatten wir und die Rückzugslinie war gesichert, nun ging ich ans Kugelgießen. In einem Pult, das in unserm Verzimmer stand, etablierte ich meine Werkstatt; eine Spirituslampe konstruierte ich mir selbst, ließ aus der Küche einen eisernen und mehrere alte Zinnlöffel verschwinden und nun begann in wonniger Furcht vor Entdeckung der Guß. Es war ein Vergnügen die neugeborenen Dingerchen aus der Form herauszuklopfen, denen der Gußhals abgeknipst werden mußte, um sie zu Kugeln zu machen. Mit dem ersten Dutzend begab ich mich zu Einhorn. Wir machten die schreckliche Entdeckung, daß die Kugeln für unser Terzerol zu klein waren, sie rollten in den Lauf, wie Erbsen in einen Sack. Einhorn meinte, dem Übel sei durch ein doppeltes Pflaster abzuhelfen ? gut, dann fehlte uns immer noch die Hauptsache, das Pulver. Wir hatten schon früher einmal Schießpulver selbst angefertigt, ein sehr gelungenes Erzeugnis, wenn es nur rascher abgebrannt wäre und nicht so viele Rückstände hinterlassen hätte. Damit durften wir unser feines Terzerol nicht beleidigen, es mußte bestes Scheibenpulver haben. aber woher nehmen? Die Vorschriften bezüglich des Verkaufes waren noch lange nach dem Maiaufstand sehr streng; ich hatte erzählen hören, daß man ohne Waffenpaß und Impfzeugnis überhaupt kein Pulver kaufen könne. Die Not knöpfte Einhorns Gedächtnis auf; er erinnerte sich, daß sein Cousin, ein wohlbestallter Kommis in Pirna, damit renommiere, daß seine Firma den alleinigen Pulververkauf für die ganze Umgegend habe und daß an Sonntagvormittagen das Geschäft allein in seinen Händen liege. Sofort vereinbarten wir eine Sonntagsexpedition nach dem fünf Stunden entfernten Elbstädtchen. Ich schlug vor, schon am Sonnabend spät von Dresden auszurücken und auf freiem Felde in einem Heuhaufen zu übernachten, was Einhorn mit blutendem Herzen, wegen Nichtbewilligung eines Nachturlaubes,[50] ablehnen mußte. So zogen wir denn des Sonntags in Gottesfrühe auf der Landstraße nach Pirna, wickelten unsern Pulverkauf glatt ab und nahmen den Rückweg am linken Ufer der Elbe hin. Als wir die Brühlsche Terrasse im Abendscheine glänzen sahen, mußten wir uns gestehen, daß wir rechtschaffen müde seien. Welche Hindernisse hat ein junger Mann zu überwinden, damit er dumme Streiche machen kann. Jetzt war es Zeit uns einzuschießen, natürlich im Prießnitzgrund. Als Schießstätte wählten wir eine ziemlich steile Anhöhe an deren Fuß der Prießnitzbach hin lief, der uns vor jeder Frontüberraschung schützte. Mit Feierlichkeit holte ich das Pulverpaket aus meiner hinteren Rocktasche, stimmungsvoll wurde die Ladung besorgt, wobei die Kugel trotz des doppelten Pflasters recht leicht in den Lauf rutschte, das Zündhütchen aufgesetzt, eine kleine Scheibe an einer Tanne befestigt und zehn Schritt Distanz abgezählt. Den ersten Schuß gewann Einhorn durch das Los. Er zielte eine kleine Ewigkeit, ich sah, wie seine Hand vor Erregung zitterte und fühlte, wie mir das Herz bis in den Hals schlug. Endlich krachte der Schuß und wir stürzten wie besessen zur Scheibe ? sie war unversehrt, aber auch die Rinde des dicken Stammes ? wir untersuchten mit den Händen, weil wir den Augen nicht trauten ? nichts. Wir gingen nach dem Zielplatz zurück, auf dem halben Wege sehe ich etwas im Moose glänzen, ich hebe es auf ? es war die Kugel, die kraftlos dem Rohre entrollt war. Da klang es aus der Tiefe herauf: »He! Ihr da! Was treibt ihr dort oben?« Wir fuhren zusammen und schauten aus, wo der Ruf herkäme, da flog auch schon ein Stück Ast herauf. »Ihr habt geschossen, das dürft ihr nicht! Hier wohnen auch Leute!« Augenblicklich sauste der Ast wieder hinunter. »Ihr habt hier gar nichts zu verbieten!« und nun begann ein Austausch von erlesenen Höflichkeiten und Wurfgeschossen. Der Wortführer unten am Bach war offenbar ein flotter junger Hauslehrer, der sich vor seinen ziemlich großen Zöglingen ein wenig aufspielen wollte.[51] Nach kurzer Beratung stellten die Belagerer das Feuer ein und zogen ab, von unsern Hohnrufen begleitet. Bald hatten mir uns über die freche Herausforderung beruhigt und suchten nach Abhilfe für das kleine Kaliber der Kugel; Einhorn war dafür, daß man ihnen ein dreifaches Pflaster geben müsse. Ich hielt das Terzerol in der Hand, nahm das abgeschossene Zündhütchen vom Piston und putzte mit dem Taschentuch daran herum, als plötzlich hinter unserm Rücken ein Indianergeheul erscholl; die Belagerer hatten einen Bachübergang gefunden und fielen uns mit Stöcken an. Wir hätten sicher Hiebe bekommen, wäre nicht der Geist d'Artagnans in mir erwacht, ich streckte den Angreifern das Terzerol entgegen und donnerte ihnen zu: »Keinen Schritt weiter ? oder ich schieße!« Die Wirkung war imposant. Wie angewurzelt blieben sie stehen ? wir auch ? alle sprachlos. Während ich mir dachte, daß wir doch nicht ewig so stehen bleiben könnten, fand der Hauslehrer Worte. »Sie junger Wegelagerer, wollen Sie auch noch zum Mörder werden?« Ich wollte antworten: »Ich, blamieren Sie sich nicht, die Pistole ist ja nicht geladen,« durfte aber doch damit nicht den Zauber brechen ? da merkte ich, daß sein Blick auf das Terzerol fiel, er sah, daß kein Zündhütchen aufgesteckt war ? im selben Augenblick warf er sich auf mich, ich ließ die Waffe fallen, packte ihn mit beiden Händen, wir stürzten und rollten, an verschiedenen Bäumen aufschlagend, den Abhang hinunter bis zum Prießnitzbach. Hier ließen wir einander los, um auf die Füße zu kommen und wie ein gehetzter Hirsch setzte ich durch das Wasser, am andern Ufer im Walde verschwindend. Ich lief, bis ich merkte, daß mir niemand auf den Fersen war, dann verschnaufte ich mich und dachte über meine Lage nach. Sie war gar nicht rosenfarben, alle Romantik verduftet. Die Hosen naß bis über die Kniee, die Stiefel voll Wasser, am Kopfe einige Beulen und meine Mütze mit dem viereckigen Schirm, das auffällige Unikum, war auf dem Kampfplatz zurückgeblieben. Was nun tun? Nach meinen Lederstrumpferfahrungen[52] mußte ich zunächst wieder auf das andere Ufer; das schwer errungene Pulver ließ ich während des Gehens ins Moos rinnen, Wege und Stege meidend, gewann ich die Brauerei zum Waldschlößchen, in dessen Park ich, ohne Kopfbedeckung, herumspazierte, bis sich die Sonne zum Untergange neigte. Schweren Herzens und barhäuptig mußte ich endlich durch die vielen Menschen den Rückzug nach Hause antreten. Um mich unauffällig zu machen, fächelte ich mir mit dem Taschentuch Luft zu und hielt die andere Hand auf den Rücken, unter dem Rock verborgen, um glauben zu machen, daß ich da meine Kopfbedeckung berge. So kam ich im Dunkelwerden bei meiner Haustüre an ? da stand der treue Einhorn und wartet auf mich. Trübselig sahen wir einander an, zwei Versprengte nach einer verlorenen Schlacht. »Hast du meine Mütze?« ? »Deine Mütze? Nee ? von der weiß ich nichts ? ich raffte nur schnell das Terzerol auf und dann bin ich gelaufen.« ? »Und unsere Angreifer?« ? »Um die habe ich mich nicht gekümmert.« ? »Paß auf,« sagte ich, »die machen Anzeige; meine Mütze haben sie ? wir werden eingesteckt.« Einhorn machte ein verdutztes Gesicht und wollte mir das Terzerol aufdrängen, das ich ablehnte. »Verhalte es, bei dir ist das Depot; übrigens schenke ich dir meine Hälfte, jetzt gehört es dir ganz allein.« Eine schreckliche Nacht durchwachte ich. Die folgenden Tage machten wir uns unsichtbar, wir tauchten unter und studierten heimlich den »Anzeiger,« ob etwas über uns darin zu lesen sei, aber von der Mordgeschichte aus dem Prießnitzgrund stand kein Wort in den Polizeinachrichten. Das machte uns sicher; nach acht Tagen tauchten wir wieder auf. Bald nach diesem Vorgange kam die Frage zur Erledigung, ob aus mir ein Dekorationsmaler werden solle. Gern wäre ich als Schüler in den »Malersaal« eingezogen, den ich von außen sehr gut kannte. Das alte Gebäude, wohl zu August des Starken Zeit dem »Zwinger« gegenüber erbaut, grenzte auf zwei Seiten einen großen Obstgarten ein, der, obwohl nicht[53] zu unserer Wohnung gehörig, dennoch häufig von mir besucht wurde, am liebsten in der interessanten Obstzeit, da die Äpfel von der Sonne noch nicht farbig geleckt, sondern grasgrün, mit bräunlichem Wurmloch, von den Bäumen fallen. Ich drückte die Zähne in die grasige Schale des Apfels, schauderte zusammen, wegen der Säure, spießte ihn auf einen Stock und schleuderte ihn über die Dächer in die aschgraue Ungewißheit. Manchmal auch, wie es mir im letzten Sommer passiert war, in eine blitzblanke Fensterscheibe. Mein Vater war hinüber gegangen zu Signor Zaragoni, der im Gebäude des Malersaales seine Wohnung hatte, meine Aufnahme als Schüler in dessen Atelier zu erwirken, kam aber etwas verschnupft von der Unterhandlung zurück. Ich merkte, daß ich wieder einmal etwas angerichtet haben müsse. Richtig ? mein Vater fing ein: »Siehst du, das hast du davon ? Dekorationsmaler wirst du nicht.« Er schickte manchmal die Nutzanwendung der Erzählung voraus. Mein Vater hatte Signor Zaragoni das Anliegen vorgetragen, mich als Schüler aufzunehmen. »Pro primo,« hatte dieser mit pitzlichem Gesicht gesagt, »aber ik niente Scolari geaben, un ik woll auk niente Scolari. Ihr Erman soll geh in l'academia, er soll nit mal der decorazione, er soll mal Gesickte, er treff molto bene. Er aber getroff ein pomme, einer anbissen Apf, in meine Fenster und in meiner Glassenschranken.« ? »Wissen Sie auch gewiß,« hatte mein Vater gefragt, »daß es Hermann gewesen?« ? »Certo! Ik aben sein denti, seine Zahn.« ? »Wie?« ? »Ik aben gemaken ein Abdrucken in der Gipsen von der Biß in die Apf. Ecco!« ? dabei hatte er dem Vater einen Gipsabdruck meines Apfelbisses vorgehalten. Gegen solche Beweisführung ließ sich nicht ankämpfen, ich mußte mich mit dem Hinweis auf eine baldige Verjährung meiner Schuld begnügen. »Um den Dekorationsmaler hast du dich selbst gebracht,« brummte der Vater, »die Malstunden werden aufgegeben ? morgen fangen wir an zu singen.«[54] So kam es, daß ich den gemalten Hintergründen den Rücken kehrte und dem Vordergrund der Bühne näher trat, was meinem Vater nicht unlieb zu sein schien. Früh sang ich: Do, Re, Mi, Fa, Sol, La, Si, Do ? und nachmittags übte ich nach der Klavierstunde mit meinem Seminaristen Studentenlieder ein, die mir besser behagten als das Tastenwerk. Er machte mir den Vorschlag, einem Männergesangverein beizutreten. Ich erschrak, der Kosten und meiner scherzen Jahre wegen, erhielt aber die beruhigende Mitteilung, daß die »Lyra« der billigste Verein der Welt sei und dessen Mitglieder lauter junge Hunde. Der älteste sei der Chormeister, noch nicht Zwanzig, welcher Klavier, Übungssaal und seine Kunst unentgeltlich zur Verfügung stelle, die Chorstimmen müßten die Sänger selber ausschreiben, um der Vereinsdevise »nur billig!« gerecht zu werden. Erklärlich wurde mir die Sache erst, als ich erfuhr, daß die Vereinsmitglieder fast alle Seminaristen waren. Was Lehrerlehrlinge aufbringen konnten, mußte für mich auch erschwinglich sein, so meldete ich denn meinen Eintritt an. Der Gesangverein bestand meistenteils aus ersten Bässen und obwohl auch ich mich für den ersten Baß qualifizierte, wurde ich aufgenommen, aber mit der Verpflichtung, je nach Bedürfnis im zweiten Tenor oder zweiten Baß auszuhelfen. Bei unsern Übungen hatten wir andächtige Zuhörer, denn des Chormeisters Vater war ein Mützenfabrikant, der mit seinen Gehilfen in unserm Übungszimmer nähte, oder sangen wir in der Fabrik des Mützenmachers? Ich wußte es nicht, aber das weiß ich, daß nie ein Gesangverein mit mehr Lust und Eifer an die Arbeit gegangen, wie unsere Lyra. Schade, daß ich Freund Einhorn als ausübendes Mitglied nicht einführen konnte; er mochte vielleicht ein guter Übersetzer sein, ganz sicher war er ein schlechter Musikant. Schon in der Schule war er der Schrecken der Singstunde gewesen, der stets gebeten wurde, seine gütige Mitwirkung einzustellen und schweigend zuzuhören. Es tat mir leid genug,[55] daß Einhorn nicht mit dabei sein konnte; ich wußte ja, er hielt es nicht für möglich, daß ich ohne ihn einer Vereinigung beitreten könne und daß er diese Tatsache als eine Kränkung empfinden, sich zurückgesetzt fühlen würde. So war es denn auch gekommen. In tiefer Depression hatte er eine Aussprache mit seinem Vater gehabt und ihm rund heraus erklärt, daß er nicht das Zeug zu einem Hofbeamten in sich fühle; wenn er nicht Seemann werden dürfe, so möchte er bitten, ihn den Maschinenbau lernen zu lassen. Der Alte war beinahe explodiert, aber schießlich gab er nach und mein Freund trat als Volontär in eine bescheidene Maschinenfabrik ein, die nur sieben Arbeiter beschäftigte. Als er den ersten Feierabend machte, holte ich ihn von der Fabrik ab. Ich war stolz auf meinen Arbeiter, der mit seinem neuen stand renommierte, wie ich merkte, denn er hatte sich nur oberflächlich gewachsen und in den Vertiefungen der Augen und Ohren, auch um die Nase herum, interessante dunkle Schatten stehen lassen; vielleicht geschah das auch, um sich bei seinem Vater, dem Hofbeamten einzuschmeicheln. Ließ uns die Arbeit auch weniger freie Zeit, unsere Freundschaft schloß sich um so fester zusammen. Wie lieh wurden uns die Feierabende und die freien Sonntage, die wir miteinander verbrachten. Nur der fortwährende Geldmangel übte einen Druck auf unsere Stimmung aus. »Weißt du,« sagte einmal mein Freund zu mir, »weißt du, was der Mann bekommt, der bei uns das große Schwungrad dreht? Zehn Neugroschen für den Tag!« »Das ist viel Geld!« seufzte ich. »Ja. Es ist gar keine schwere Arbeit ? nur langweilig; deswegen hält es keiner aus.« »Mir wäre es gar nicht langweilig, wenn ich dich sehen und manchmal mit dir sprechen könnte, aber ?« mehr sagte ich nicht. Einhorn nickte ? wir haten uns verstanden. Schade! daß es nicht anging. Der Winter war wieder vom Lenze ins Erzgebirge gejagt[56] worden, Dresdens herrliche Umgebung prangte in Blütenpracht wie im Bratstaat, während die Straßenecken der Stadt sich mit farbigen Zetteln schmückten, die dem verehrungswürdigen Publikum die Eröffnung des Reisewitzer Sommertheaters verkündigten. Der Beginn der Vorstellungen sollte Mitte Mai im geschlossenen kleinen Theater stattfinden und erst im Juni die große Arena eröffnet werden. Reisewitz gehörte zu den beliebten nahen Ausflugsorten der Dresdner und war der Sommer nicht gar zu naß, konnte ein Theaterdirektor dort sein gutes Auskommen finden. Ich glaubte nicht recht gehört zu haben, als eines Tages mein Vater zu mir sagte: »Mache dich für einen Besuch zurecht, den wir dem Direktor des Reisewitzer Sommertheaters machen wollen, ich habe ihn gestern kennen gelernt, ihm von dir gesprochen, wenn du ihm gefällst engagiert er dich vielleicht.« Mir stockte der Atem. »Als was denn?« ? »Nun als Schauspieler, als Sänger ? wie er dich eben brauchen kann.« ? »Als Schau ?? Ach du mein Gott!« fuhr mir's heraus. »Du wirst dich doch nicht fürchten? ? so ein gewiegter ? Schauspieler wie du, der den Wallenstein gespielt hat!« Ja, lieber Sonnenthal, wenn du auch jetzt beim Lesen deine erstauntesten Augen machst, die Tatsache steht fest, daß ich vor einem halben Jahrhundert, lange bevor du deinen Wallenstein schufst, diese Rolle zur Darstellung brachte. Unser Klassenlehrer liebte es, zu den Osterprüfungen einige Hauptszenen aus klassischen Dramen durch seine Schüler einem geladenen Publikum vorspielen zu lassen. Einmal war mir, dem Dreijährigen, der Wallenstein zugefallen, mit dem ich in einer Szene einen hübschen Heiterkeitserfolg erzielte, den ich bei dir vermisse, als ich zu Terzky und Illo verweisend sagte: Seid ihr nicht wie die Weiber, die beständig zurück nur kommen auf erstes Wort, wenn man Vernunft gesprochen stundenlang? ? Auch im folgenden Jahr blieb mir der Erfolg treu, da ich als Soliman im »Zriny« meinen Monolog rezitierte: Ich soll mich schonen? Soll den letzten[57] Funken Kraft, der in den Heldengliedern schlummert, im müß'gen Leben langsam sterben sehn? ? Damals stand ich vor einem Eltern- und Tantenpublikum, aber ob den Leuten, die gutes Geld für ihre Plätze im Theater gezahlt hatten, meine Kunstleistungen genügen würden, darüber stiegen mir Zweifel auf. Hätte ich nur die Meinung des Freundes einholen können ? doch der Vater drängte, und wir gingen nach dem Gasthof »Zum roten Ochsen,« wo sich der Direktor einquartiert hatte. Auf unser Klopfen an die Türe von Nr. 4 erscholl mit einigem Kraftüberschuß, das »Herein!« Mein Vater öffnete und wir sahen den Herrn Direktor, mit Hemd und Stiefel bekleidet, auf einem Stuhle stehen, bemüht mit einem Bein in eine taubengraue Hofe zu fahren. Diese Stellung war geboten, wenn der Herr Direktor die Taubengraue nicht mit dem Boden in Berührung bringen und den Fuß über die handbreiten Stege zwängen wollte. Er ließ sich in seinen Bestrebungen nicht stören und bot uns von seiner Höhe einen guten Morgen. Als er die Stiefel zwischen Hofe und Steg glücklich durchgepreßt, sprang er vom Stuhle herunter und bot uns die Hand. »Also das ist der Herr Sohn!« Er fing an, die Beinkleider zu spannen, daß mir angst und bange wurde ? werden die Knöpfe abspringen? ? die Stege reißen? ? oder wird der Stoff platzen? Er ging dabei um mich herum, von links nach rechts, dann von rechts nach links. »Ein schlanker Jüngling, eigentlich zu schlank,« er knöpfte die Weste über sein Bäuchlein, »und verflixt jung. Wie alt, wenn ich fragen darf?« ? »Im Oktober werde ich siebzehn Jahre.« ? Also gegenwärtig 161/2. Meine Naive ist gut noch einmal so alt. Singen können Sie ein bißchen, wie ich vom Vater gehört, das ist gut, das ist gut. Bei mir müssen alle unbeschäftigten Mitglieder im Chor mitsingen, da hilfst nichts. ? Ja, nun ja! ? brauchen kann ich Sie eigentlich nicht ? habe schon alles besetzt ? aber für Pagen, kleine Naturburschen und was so zu singen ist und was sonst noch vorkommt und überhaupt[58] ? meinetwegen, da will ich Sie engagieren, wenn Sie keine Gage beanspruchen.« ? Hier gestattete sich mein Vater die Versicherung des Gegenteiles. »Ja, wo soll ich alle die Gagen hernehmen? Viel kann ich nicht geben für so einen blutigen Anfänger: aber ich liebe junge Talente ? meinetwegen, ich will mich verbluten, acht Taler sollen Sie haben, die Ihnen am 1. und am 16. jeden Monates zur Hälfte, postnumerando, ausgezahlt werden. Kontakt brauchen wir nicht, ein Mann, ein Wort. Gegenseitige vierzehntägige Kündigung. Einverstanden? Abgemacht ? Sela? ? Damit streckte er die Hand hin und mein Vater schlug ein. »Und Sie, junger Mann, kommen morgen früh Punkt 9 Uhr zur Chorprobe nach Reisewitz. Warten Sie! Da habe ich eine Rolle für Sie, eine sehr hübsche Rolle, lernen Sie sie gut und legen Sie was hinein. Morgen um 10 Uhr ist Stückprobe. Pünktlich sein, sonst müssen Sie Strafe zahlen.« Wir verabschiedeten uns und ich verließ den »Roten Ochsen« als neuengagierter Schauspieler der Reisewitzer Sommerbühne. Auf der Straße zog ich meine Rolle heraus, das Titelblatt wenigstens mußte ich lesen: Des Ratsherrn Töchterlein, Schauspiel in vier Aufzügen von ? ja von wem? ? ich weiß es nicht mehr, der Name des Autors muß mir so gleichgültig gewesen sein, wie eine Mondfinsternis in Australien; so ein junger Schauspieler kümmert sich nicht viel um den Autor, er fragt nur nach der Rolle und auf der meinen stand ? das weiß ich noch ? Partie des Scharf, Grenzjäger. Es war nicht bloß »Ein« Grenzjäger, er hatte einen Namen! Ich konnte nicht schnell genug nach Hause kommen, um das Studium zu beginnen. Mein Scharf war ein Grenzer, auf Schmuggler dressiert, wie der Teufel auf eine arme Seele. In seinem einzigen Auftritt besprach er, mit einem Kameraden, die Aussichtslosigkeit der heutigen Streife, da läuft ihnen unvermutet ein Schmuggler ins Garn, der von den Grenzern gepackt, durchsucht und gefesselt abgeführt wird. Nach dieser interessanten Szene hatte der[59] Rollenschreiber kaltblütig die Worte hingesetzt: Ende der Rolle, und zweimal unterstrichen. Für eine zweite Szene hätte sich der Autor wohl noch begeistern können. Ich wühlte mich in das Studium ein, lernte nicht nur die Worte auf das Und ? ich warf mich auf Charakterisieren, ich stopfte meinen Mann mit Eigenschaften aus, wie er sie notwendig brauchte, mit Dienststrenge, Wetterfestigkeit, Verschlagenheit und gab ihm eine Rauheit im Ton, die ein rechtschaffener Grenzer im Gebirge haben muß. Ich hatte mich in meine Aufgabe so verbissen, daß ich das gewohnte Stelldichein mit Einhorn vergaß, aber ich glaubte mir sagen zu können, daß ich in meinen Scharf etwas »hineingelegt.« Frühzeitig mußte ich mich auf die Füße machen, um den Musentempel an der Meißeritz um neun Uhr zu erreichen. Das Herz klopfte mir unterwegs, wenn ich bedachte, daß sich mir das Kulissenleben nun unverhüllt offenbaren werde. Obwohl mein Vater ein Mitglied des Hoftheaters war (in bescheidener Stellung), hatte ich das eigentliche Bühnentreiben nicht kennen gelernt. Die bunte Zauberwelt, die ich bisher als Zuschauer angestaunt, sollte ich von der unbemalten Seite kennen lernen. Ich stellte mich dem Herrn Direktor in seinem Bureau zur Verfügung, der mich sofort in das Musikprobezimmer führte, an dessen Türe ein Zettel klebte mit der Aufschrift: Damengarderobe. Längs der weißgetünchten Wände zogen sich primitiv zusammengenagelte Tische hin, auf welchen große und kleine Toilettenspiegel standen, über jedem Platz war an der Wand ein Zettel befestigt, der den Namen einer Schauspielerin trug; an einem Garderobenhalter hingen diskrete weibliche Kleidungsstücke, an der Wand einige Frisiermäntel, darauf ein falsche Zopf oder Lockenbänder, eines davon wurde von der Friseuse am Fenster für den Abend mit dem Brenneisen behandelt, daß ein Dunst von heißen Haaren das Zimmer füllte. In einer Ecke stand ein Sommerklavier für das Land, an dem der Herr Kapellmeister mit einigen[60] Theatermitgliedern plaudernd saß. Ich wurde den »Herrschaften« vorgestellt und dem Herrn Kapellmeister als erster Baß überwiesen. »Schon wieder ein erster Baß,« brummte der, »wir brauchen Tenöre, Herr Direktor.« ? »Die wachsen mir nicht auf der flachen Hand, Sie müssen sich behelfen.« Damit verschwand er. Indessen waren Männlein und Weiblein vollzählig versammelt und der Kapellmeister krähte mit völliger Stimmlosigkeit, wie sie Musikdirigenten gewöhnlich eigen ist, uns einen Chor aus einem Liederspiel vor, den wir dann wiederholten. Ich durfte aus dem Notenblatt singen, das der erste Liebhaber und Bonvivant in der Hand hielt, der sich mit geringer musikalischer Kenntnis und ohne Enthusiasmus am Chorgesang beteiligte. Mir aber wurde wohl dabei, ich fühlte mich in meinem Fahrwasser und gab her, was ich hatte. Verwundert schaute mich der Blatthalter von der Seite an und als wir den Chor beendet, drückte er mir die Stimme in die Hand. »Ich glaubte die Stütze des ersten Basses zu sein, aber Sie haben mir's heruntergeputzt, jetzt dürfen Sie auch die Noten halten.« Der Kapellmeister lachte, woraus ich merkte, daß er sich mit dem Überzähligen ausgesöhnt hatte. ? Das Läuten einer großen Glocke auf der Bühne machte unserem Gesang ein Ende, es war das Zeichen zum Anfang der Probe zu »Ratsherrns Töchterlein.« Alle eilten hinunter auf die Szene, wo eine Finsternis herrschte, die sich mit der berühmten ägyptischen messen konnte. Zwei Öllämpchen des Souffleurs und eine Lampe auf dem Tische des Regisseurs mußten zugleich die Bühne mit erhellen und für den Kulissenraum übernahm eine Lampe am Pult des Nachlesers diese Verpflichtung und eine am Kram des Requisiteurs. Nur die Hinterbühne, durch Prospekte von der Szene getrennt, lag im Tageslicht, das, durch ein Giebelfenster einfallend, den Theaterstaub wundersam durchleuchtete. Hier wandelten Mimen, die Rollen in der Hand, unablässig auf und ab, ihr Wissen zu stärken. Ich merkte, daß ich hier störte und postierte mich zwischen die[61] beiden ersten Kulissen, der Arbeit in der Kunstwerkstatt zuzuschauen. War das die Kunst? Mir schien es ein wirres Durcheinander, das sich nie zu einem schönen Bild entwickeln könne. Die Schauspieler scherzten oder stritten miteinander, der Regisseur kommandierte und der arme Souffleur wurde arg gescholten, trotzdem er sich anstrengte, den Kopf aus dem Kasten reckte und mit der Hand am Munde einen Schalltrichter formte. Das gefiel mir alles nicht sonderlich, ich zog mich zurück und fand bei den letzten Kulissen eine Rasenbank, auf der ich mich niederließ, mich für meine Aufgabe zu sammeln. In der Verwandlung des zweiten Aktes trat ich mit meinem Kameraden auf, der die ersten Worte zu sprechen hatte, dann fiel ich ein. Sofort unterbrach mich der Regisseur. »Bitte, lauter! Die Leute auf der Galerie wollen auch etwas hören.« Ich fing wieder an, diesmal lauter. »Nicht so knurrig, reden Sie natürlicher, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist.« Nun sprach ich, wie mir der Schnabel gewachsen. Der Regisseur schlug sich auf die Kniee. »Jetzt reden Sie ja das reinste, unverfälschte Sächsisch. Wenn man natürlich sprechen soll, muß es denn gerade Sächsisch sein?« Nun wurde die Sache schwieriger ? ich bemühte mich, natürlich, aber nicht Sächsisch zu reden, kam darüber ins Zungenstolpern und blieb stecken. »Junger Mann! Ich möchte Ihnen doch raten, sich Ihre Rollen genauer anzusehen. Wenn Anfänger nicht lernen, wer soll denn lernen?« Dieses Vorwurfs hatte es nur noch bedurft, um mich völlig zu knicken, ich wurde zur Marionette in der Hand des Regisseurs; meine Auffassung von dem schneidigen Grenzer war wie weggewischt. Die Arretierung des Schmugglers bot unerhörte Schwierigkeiten, jeder Schritt, jede Geste wurde mir vorgemacht; ich begrüßte es wie eine Erlösung, da wir endlich abgehen konnten. Amazon.de Widgets In diesem Moment tauchte am Regietisch der Herr Direktor auf. »Ich die Schmugglerszene schon vorüber?« Hoffnungslos aufseufzend ließ der Regisseur ein gedehntes[62] »Ja?a!« vernehmen. »Dann wollen wir sie gleich noch einmal machen, ich möchte mir den jungen Mann ansehen.« ? »Also, meine Herren!« rief uns der Regisseur nach, »die ganze Szene noch einmal!« Wenn ich jetzt durch eine Versenkung hätte verschwinden können, eine Monatsgage wäre mir kein Opfer dafür gewesen. Die Marterei fing also wieder an und ich sprach nach Vorschrift des Regisseurs ziemlich laut. »Warum denn so laut?« sagte gemütlich der Direktor, »wenn Sie so schreien, werden Sie keine Schmuggler fangen.« Nun dämpfte ich und der Regisseur krümmte sich. Nach einer Weile sagte der Direktor: »Nicht so wurschtig reden, so ein Grenzer hat sich eine kurze, militärische Dienstsprache angeeignet.« Da sah ich ja meine Auffassung zur Geltung kommen, ich fühlte mich wieder und machte selbstständige Schritte; sogar die Gefangennahme gelang so ziemlich. Nach unserm Abgang spitzte ich die Ohren, was der Direktor sagen würde. »Er hat gut gelernt ? von gestern auf heute. Aber er sächselt ? haben Sie es gehört?« ? »Na ob der sächselt!« sagte der Regisseur. Der Direktor lachte: »Das macht gar nichts, hier in Dresden merkt man nichts davon.« Eine Hand legte sich mir auf die Schulter, sie gehörte meinem Sanggenossen aus der Chorprobe. »Nehmen Sie sich's nicht zu Herzen, daß Sie von dem E?kel dort schikaniert worden sind. An uns wagt er sich nicht heran, da müssen denn die Schwachen, die Weiber und ? Kinder hätte ich bald gesagt ? die Anfänger daran glauben. Der Mann ist in Dessau am Hoftheater als Inspizient und Episodenspieler angestellt, hält sich aber für ein verkanntes Genie. Im Sommer, wenn in Dessau die Bude geschlossen wird, läßt er sich an Saisontheatern für eine miserable Entlohnung als Regisseur und Väterspieler engagieren, um das, was er über Winter den Größen der kleinen Hofbühne abgelernt hat, als Eigentum zu verwerten. Lassen Sie sich von ihm nicht irre machen, gegen Sie Ihren Weg, er scheint eine gute Richtung zu haben. Morgen probieren Sie aber[63] mit Gewehr und allen Requisiten, daß Sie bei der Vorstellung von Nebendingen nicht gestört werden.« Das tat wohl! Ich hätte ihn umarmen mögen. Abends kam ich mit Einhorn zusammen. Meine Mitteilungen wirkten auf ihn, als ob er einen Schlag vor den Kopf erhalten. »Du ? ein Schauspieler!« Mehr brachte er anfänglich nicht heraus. Ich sah es ihm an, jeder andere Beruf, Gärtner, Jäger, selbst ein edler Räuber wäre ihm lieber gewesen, aber ? Schauspieler, das schien ihm bedenklich und störte außerdem seine Lebenskreise; er sah ein, daß damit die schönen Feierabendstunden, die freien Sonntage für uns vorüber waren. Eine stille Wehmut kam über ihn. »Also schon morgen abend trittst du auf? Ich wäre gern dabei gewesen; in der Fabrik könnte ich mich leicht frei ma chen, aber wo soll ich das Theaterbillet hernehmen?« Immer das alte Elend, und meine halbe Monatsgage von vier Taler war erst in vierzehn Tagen fällig. Mechanisch wühlten die Hände in den Taschen, trotzdem kein Pfennig darin war. »Wenn du nicht stolz wärest, könnte ich dir einen Vorschlag machen, aber dein Vater ist ein Hofbeamter und du bist ein halber Aristokrat.« »Mache keine Mafeekchen, heraus mit dem Vorschlag.« »Mir wurde gesagt, daß ich für jede Vorstellung, in der ich mitwirkte, ein Bedienungsbillet fordern könne. Mir Schauspieler, weißt du ? wir Schauspieler müssen doch jemand haben, der unsere Wäsche, Kleider und was wir sonst brauchen, aus der Wohnung in das Ankleidezimmer trägt, und dieser Jemand wird zur Entlohnung, kurz vor Anfang, gegen ein geschriebenes Bedienungsbillet in die letzte Galerie eingelassen. Ich hätte morgen nur ein ganz, ganz kleines Bündel zu tragen, weil mir die Theatergarderobe den ganzen Anzug liefert.« »Gut. Schreibe mir das Billet, ich trage deine Sachen.« »Einhorn! Guter Einhorn ? nee! Wir wollen sie abwechselnd tragen.«[64] So geschah es und wir standen nun vor der Treppe, die zum Ankleidezimmer hinaufführte. »Jetzt, ich kann die nicht helfen, mußt du das Bündel in der Herrengarderobe für mich abgeben. Ich komme später nach. Wenn die Musik anfängt, gehst du auf die Galerie und nach Ende des Stückes treffen wir uns wieder hier. Adje derweile!« »Adje! Spiele gut, ich werde dir die Daumen halten.« Er war der einzige Anhang, den ich bei meinem ersten Auftreten im Theater hatte. Mein Vater konnte nicht abkommen, weil ihn der Dienst fesselte, überhaupt war mein Debüt zu keinem Ereignis aufgebauscht worden, keine Seele mußte, daß ich spielte; mein Name stand nicht einmal auf dem Zettel, vermutlich auf Veranlassung meines Vaters; man hatte dafür einen Herrn Helfer oder Willig hingedruckt, wie ihn Direktionen bei der Hand hatten, wenn das wirkliche Personal nicht zureichte. Während die Sonne am Himmel stand, war in der Garderobe ein künstliches Halbdunkel geschaffen. Die Fenster des heißen Raumes waren bei herabgelassenen Rouleans geöffnet, sonst hätte man ersticken müssen. Im tiefsten Negligé saßen die Schauspieler bei brennenden Talglichtern an verschiedenartigen Spiegeln und schminkten sich, ziemlich eng aneinander gerückt, denn alle männlichen Darsteller mußten sich mit diesem einen Ankleidezimmer behelfen. Die Liebhaber hatten die Haare in Papiere eingewickelt, die der Friseur mit dem Papilloteneisen brannte, daß die Köpfe rauchten. Die Unterhaltung flog kreuz und quer, der Garderobenbuffo machte Späße, die laut belacht wurden ? ein Summen wie in einem Bienenhaus, ein Durcheinanderkribbeln wie in einem Ameisenhaufen. Von mir nahmen die Kollegen wenig Notiz, aber der Theaterschneider kündigte mir an, daß der Herr Direktor befohlen habe, mich tüchtig auszuwattieren, damit ich nach etwas aussähe. »Ja richtig!« sagte der Regisseur, »Herr Friseur! Kleben Sie dem Jüngling recht viel[65] Bartwolle ins Gesicht und stülpen Sie ihm eine Perücke auf, daß er einem Grenzjäger ungefähr gleich sieht; und Sie!« damit meinte er mich, »lassen Sie sich von mir ansehen, wenn Sie angekleidet sind.« Das Bartkleben war eine recht unangenehme Prozedur; mit einem Pinsel, der in einem Topfe flüssigen, sauer riechenden Gummis steckte, schmierte und der Friseur die unter Gesichtshälfte ein, ohne Rücksicht auf den zarten Unterwuchs, der sich bei mir bereits bemerkbar machte. »Das hält gut,« schmunzelte er, »verlieren werden Sie den Bart nicht, wenn er erst trocken ist, wird er gar nicht wieder weg wollen.« Das haben ich später gemerkt, bei der Trennung von ihm ist mir das Wasser in die Augen getreten. Als ich in Bart und Perücke vor dem Spiegel stand, war mir's, als ob ich mich vor dem Bild verbeugen und sagen müßte: Habe bisher nicht die Eher gehabt. Kräftige Augenbrauen, Sonnenbrand, Doppelkümmel und Witterungsunbilden schminkte ich mir ins Gesicht und das freigelassene jugendliche Kinn wurde in ein bläulich-unrasiertes umgewandelt. In die auswattierte Uniform eingeknöpft, sah ich nun so vorschriftsmäßig bärbeißig aus, daß der Regisseur aus Dessau seiner Zufriedenheit durch ein Brummen Ausdruck gab, als ich mich ihm vorstellte. Mein erster Baßkollege und Bonvivant führte mich aus Licht, sah mich an und nahm mir vorsichtig ein Stück Bartwolle vom Munde weg, das lose über die Lippen hing. »Wenn Sie das auf der Bühne eingeatmet hätten, wäre es Ihnen vermutlich schlimm ergangen.« Der Mann wäre unter meiner Direktion Oberregisseur geworden. Der erste Akt war zu Ende gespielt ? der zweite begann; mein Herz hämmerte gegen die Rippen ? jetzt schrillte das Klingelzeichen zur Verwandlung ? mir wurde schwarz vor Augen. Welches Glück, daß ich nicht zuerst reden mußte, die Blutwelle rauschte vorbei und gefaßt sprach ich herzhaft meinen Satz heraus. Kaum war ich damit zu Ende, fingen zwei Hände an wütend zu applaudieren, es wurde gezischt[66] und gezankt, ein kleiner Tumult entstand auf der Galerie ? dann trat wieder Ruhe ein. Es fehlte nicht viel, so hätte mich der Zwischenfall aus dem Konzept gebracht, aber ich nahm mich fest in Zaun und Zügel, daß die Szene ohne weitere Störung vorüberging. Zu der Kulisse stand mein Schützer und klopfte mich auf sie wattierte Schulter. »Sie haben sich gut gehalten. Es war ein kleines Wunder, daß Sie der Skandal nicht herausgebracht hat.« ? »Was war nur los da oben?« ? »Vermutlich wurde ein Betrunkener hinausbefördert.« Im Vorübergehen sagte der Regisseur zu mir: »Na also! es ging ja!« Das waren die Lorbeeren, die ich bei meinem ersten theatralischen Versuche einheimste. Mich litt es nicht länger im Theater, ich wollte im Garten meinen Gedanken Audienz geben und nach Ende des Schauspiels Einhorn an der Garderobentreppe erwarten. Wie ich hinuntersteige, sehe ich meinen Freund auf der untersten Stufe sitzen. »Einhorn?! Ich denke, du bist im Theater?« »Ich war drin, aber man hat mich rausgeschmissen.« »Dich? Warst du der Krakehler auf der Galerie?« »Ich bin ganz unschuldig. Wie du herausgekommen bist, habe ich dich nicht erkannt, erst wie du gesprochen hast, da habe ich aus Freude in die Hände geklatscht. Na, da kam ich schön an! ?Gemeinheit! Dumme Witze!? schrien sie mich an und der Billetabnehmer steckte mich zur Türe hinaus.« »Seien wir froh, daß die Sache so gut abgelaufen ist.« »Gut abgelaufen?« frug Einhorn vorwurfsvoll. »Jawohl! Deinetwegen wäre ich beinahe stecken geblieben.« Langsam überkam Einhorn das Verständnis, er hielt mir die Hand hin und bat mich mit den Augen um Verzeihung. Wir gingen zusammen nach der Stadt zurück, ernster und weicher gestimmt, als er sonst in unserer Art lag ? der[67] Gedanke mochte auf uns lasten, daß unsere Wege sich bald trennen würden. Noch war keine Woche vergangen, da hatte ich mich in die Reisewitzer Verhältnisse eingelebt und ich fühlte mich darin so wohlig, wie ein Fischlein im Wasser. Nach und nach lernte ich die Kollegen näher kennen, die mir fast alle wohlwollend entgegenkamen, vielleicht, weil sie merkten, welch ein starker Drang in mir lebte, mich dem Theater nützlich zu erweisen, der vom Direktor auch redlich ausgebeutet wurde. Mein Schützer, ein liebenswürdiger, gebildeter Mann, der mit Frau und Kindern zur Sommerfrische in Reisewitz wohnte, behielt mich auch ferner im Auge, gab mir manchen guten Wink und brachte mir die Anfänge der Theaterweisheit bei. ? Die lustige Person der Gesellschaft war ein schiffbrüchiger Bergstudent, der mit seinem Lebensschiff in den Rettungshaffen des Theaters eingelaufen war. Immer ohne Geld, aber voll Übermut und toller Einfälle, hatte er sich zum heitern Mittelpunkt gemacht, ohne ein hervorragender Darsteller zu sein. Eine Erwerbung verdankte ich seiner Überredungskunst, die, wie er sagte, für meine Karriere hochwichtig werden könnte. Am ersten Gagetage kam ich, anstatt mit vier Taler in der Tasche, nur mit drei Taler heim, hatte aber dafür eine etwas lädierte, rote, flache Pappschachtel unter dem Arme, die ein Wunderwerk der Mode umschloß, einen der neuaufgekommenen Claque-Hüte. Der Bergstudent hatte mir mit großer Suada bewiesen, daß das wichtigste Requisit für einen jungen Schauspieler ein Maschinenhut sei, den man zusammengeklappt unter dem Arme tragen könne. Zwar fiele es ihm schwer, sich von dem Hute zu trennen, aber weil er zufällig in einer Geldklemme stecke, solle ich ihn für einen baren Taler haben. Ich kannte den Hut, weil ihn sein Besitzer auch manchmal auf der Straße trug, doch nur an windstillen Tagen, denn der Hut war nicht mehr fest in den Federn und konnte einem scharfen Luftzug je wenig Widerstand leisten, daß er wie eine Wetterfahne die[68] Richtung des Windes anzeigen mußte, weshalb er von den Kollegen die Windrose genannt wurde. Wie eine Wetterfahne ächzte er auch leise in den Scharnieren und deutlich konnte man die Stellen bemerken, wo sie sich nächstens durch den Stoff bohren würden. Der Hut hatte viele Schlachten mitgemacht, wie ich bei näherer Besichtigung entdeckte, und doch leistete er mir noch lange Dienste, auch einem Lustspieldichter, den ich ihn geliehen, als er während der Erstaufführung eines seiner Stücke sich bereit hielt, etwaigen Hervorrufen Folge zu leisten. Er ging aufgeregt zwischen den Kulissen herum, als sich ein entscheidender Akt seinem Ende näherte und klappte fortwährend meine arme alte Windrose zu und ließ sie nervös wieder aufspringen, daß ich glaubte, sie müsse sich in ihre einzelnen Bestandteile auflösen, aber sie überdauerte noch sämtliche Hervorrufe in der Hand des Autors. Amazon.de Widgets Meinen lieben Einhorn sah ich gewöhnlich die ganze Woche nicht, nur an Sonntagen kam er gewissenhaft, um gemeinsam mit mir nach Reisewitz zu gehen. Ich mußte ihm von den kleinen Theaterereignissen erzählen und in seiner Art zuzuhören, lag es wie ein stiller Vorwurf, daß ich dies alles ohne ihn erleben könne! Wenn er mich mit seinen traurigen Augen ansah, war mein Gewissen beschwert, daß ich ihn zur Waise gemacht. So dachte ich, wenn er neben mir herging, hatte mich aber das neue Leben gepackt, kam ich kaum dazu, an ihn zu denken. Er mußte das fühlen, und ich glaube, er haßte das Theater, als ich anfing es zu lieben. Von einem neuerlichen Besuch der Galerie wollte er nichts hören, man hatte ihn aus dem Paradies gewiesen, er empfand keine Sehnsucht zur Rückkehr. ? Anfang August machte ich ihm die Mitteilung, daß ich Dresden verlassen und in die weite Welt gehen würde, nicht allzuweit, nur bis Chemnitz, wo ich, von Mitte September angefangen, für Naturburschen, kleine Liebhaber und kleine Gesangspartien gegen eine Monatsgage von sechzehn Taler engagiert sei. »Ähnliches habe er[69] vorausgesehen,« sagte er vor sich hin, »seine Abschiedsstunde werde auch bald schlagen, mit seinem Alten habe er wieder eine Unterredung gehabt; nächsten Sonntag werde er mir Gewisses sagen können.« Mit dem Sonntag kam die Gewißheit: der Maschinenbauer war an den Nagel gehängt, die Fabrik wurde nicht mehr besucht. Der Vater habe seinen Wünschen nachgegeben, er dürfe Seemann werden und Unterhandlungen seien im Zuge, ihn auf einem Ostindienfahrer als Schiffsjunge unterzubringen. Das kam alles hart und trotzig hinaus, aber als er mir die Nachricht brachte, das seine Angelegenheit geordnet sei und er in acht Tagen nach Hamburg fahre, um sich einzuschiffen, da konnte ich merken, wie butterweich es ihm uns Herz war ? und mir auch. Drei Geschenke gab ich ihm mit auf die Reise: englisches Pflaster, rosa und schwarz, für die vielen Verwunderungen, die er sich im Dienste zuziehen würde; ein Paket Tintenpulver, das, mit Wasser verrührt, die schwärzeste Kanzleitinte geben sollte, »denn ich will nicht,« sagte ich, um mich über die Rührung hinwegzuscherzen, »daß du die langen Briefe an mich mit deinem Blute schreibst. ? Zuletzt nimm dieses Rasiermesser für Seeleute,« damit legte ich ihm eine Einwicklung in die Hand. Er entfernte die Papierhülle. »Ein Stein?« »Ja ? ein Bimsstein. Ich habe gelesen, daß sich Seeleute wegen des Schaukelns der Schiffe, nicht mit dem Messer rasieren, sondern die Bartstoppeln mit Bimsstein abreiben und da du bald in die Lage kommen wirst ?« »O, ich danke dir ? sehr! ? ?« Mit dem Sprechen wollte es nicht weiter gehen, wir schüttelten uns nur kräftig immer wieder die Hände. Unser Abschied war ein harter Kampf gegen jede Rührung, von der sich zwei Männer wie wir nicht packen lassen durften; die Tränen wurden nach innen geweint, die die Kehle überschwemmten. ? Noch ein stummes Händeschütteln ? und noch eines ? dann kehrten wir uns rasch den Rücken und gingen auseinander ? für immer.[70] Aus Hamburg bekam ich einen Brief von ihm, kurz vor seiner Abfahrt mit Pulvertinte geschrieben, wie er konstatierte, aber ? war das Präparat nicht gut, oder war er mit der Feder über feuchte Spuren gekommen? ? Die Schrift war wässerig und verschwommen, daß sie kann zum entziffern war. Leichter wurde die Trennung von den abschiedgewohnten Schauspielern, die frohen Sinnes in bessere Winterquartiere mit den fetteren Gagen abrückten. Mich, den jungen Nestvogel, brachte der erste Ausflug schon in drei Stunden an Ort und Stelle, nach Chemnitz, zu dem originellsten aller Theaterdirektoren, zu Heinrich Obstfelder. Leider gab er dem Unternehmen nur seinen Namen, er führte das Direktionszepter nicht selbst, er hatte es einer jungen Kraft geliehen, nebst Fundus und Betriebskapital und wachte nur darüber, daß das Seinige hübsch beisammen blieb. Sein Faktotum, Herr Qualborn, der als Theaterschneider und kleiner Komiker angestellt war, gab mir ein Bild, wie es beim alten Obstfelder ausgesehen haben mochte. In alten Garderobenstücken, einem apfelgrünen Frack mit kurzen Schößen, eine Lederkappe auf dem Kopfe, waltete er vormittags seines Amtes als Schneider, nachmittags spielte er mit seinem alten Direktor Whist, abends Komödie und kleidete dabei auch seine Kollegen, die Schauspieler, an. Das Theatergesetzbuch, das Obstfelder verfaßt und den Verhältnissen seines Unternehmens angepaßt, hatte auch für Chemnitz Geltung und überraschte durch manchen originellen Paragraphen. »Es ist verboten im Theater geistige Getränke zu sich zu nehmen, jedoch ist bei strenger Kälte ein kleines Schnäpschen wohl gestattet.« Über Winter spielte ich das Blaue vom Himmel herunter ? alles durcheinander, meistens dramatisches Kleinzeug; auch eine Charakterrolle stellte ich auf die Füße, einen neunzigjährigen Sterndeuter, in dem Drama: »Der Mann mit der eisernen Maske.« Das sollte etwas Besonderes werden, drum stattete ich den alten Astrologen mit einer großen falschen[71] Hakennase aus, die sich auf der Bühne bei der Hitze so in die Länge zog, daß sie vor meinem Munde hin und her baumelte und die mir, zum Gaudium des Publikums, in der Hand kleben blieb, als ich sie wieder befestigen wollte. Auch in der Oper stellte ich meinen Mann, in kleineren Gefangspartien; den Gipfel meines Ehrgeizes erklomm ich, als der berühmte Tenorist Tichatschek auf der Bühne meinen Schwiegersohn in spo darzustellen hatte. Dem unvergleichlichen Sänger hatte ich in Dresden überschwengliche Bewunderung gezollt, und dieser »alte Tenorlöwe mit den Bocksbeinen,« wie ihn ein Berliner Kritiker genannt, kam nun nach Chemnitz, um als Max im »Freischütz« zu gastieren und ich Glücklicher, durfte als Erbförster Kuno meine Hand auf seine Schulter lagen und ihn anfingen: »Mein Sohn, nur Mut, wer Gott vertraut, baut gut!« Der Sohn mag über den grasgrünen Schwiegervater gelächelt haben, aber ich war von der Ehre so bewegt, als hätte ich ihm meine Tochter anverlobt. Ende März, als die Benefize für die Mitglieder abgespielt wurden, als die Kollekten für die Wanderkomödianten sich mehrten und die Hochachtung gegen die Direktion sich minderte ? lauter Anzeichen für den heranrückende Palmsonntag, der den Kontrakten ein Ende machte und die Künstlergesellschaft auseinander sprengte ? erhielt ich einen Brief von Einhorn, wieder, aus Hamburg. Er war nicht mit Pulvertinte geschrieben, hatte auch einen anderen Ton wie vordem. Ich erfuhr wenig von den Schicksalen meines Freundes und wurde auf baldige mündliche Aussprache vertröstet. »Ich habe nach langer Fahrt,« schrieb er, »mich mehrere Tage in Hamburg aufgehalten und sehr gut amüsiert, ich kann dir sagen, sehr gut! Nun muß ich eilig, auf einen Sprung zu meinem Alten heimreisen, der mich schon mehrere Tage erwartet, um dann gleich wieder nach Hamburg zurückzukehren, weil ich mich verheuert habe, diesmal als Leichtmatrose. Übermorgen am 22. mittags (das war morgen), komme ich durch Riefa, wo ich dreißig Minuten Aufenthalt habe. Sei so gut,[72] mich dort zu erwarten, du hast bis dahin nur eine 11/2stündige Eisenbahnfahrt, und bringe mir, bitte, einiges Geld mit, denn ich bin vollständig abgebrannt habe nur die Fahrkarte in der Tasche.« Ich empfand es schmerzlich, daß Einhorn meine Verhältnisse ganz und gar verkannte. Er wußte nichts von der Kette, die mich an den Dienst fesselte. Den Tag Urlaub, den ich gebraucht hätte, erhielt ich nicht, konnte also meinen Freund unmöglich in Riefa erwarten. »Bringe mir, bitte, einiges Geld mit,« ? das klang mir wie Hohn, der ihm gewiß nicht im Sinne lag; er wußte aber sicher nicht, wie schwer es war, sich mit sechzehn Taler Monatsgage durchs Laben zu schlagen. Die Telegraphie lag damals außer dem Bereich meiner Machtmittel, so kam es, daß Einhorn, der mich und das Geld in Riefa vergeblich erwartete, an einen Bruch der Freundschaft glauben mußte. Ihn trieb das Schicksal auf die See, ich wurde jahrelang in der Theaterwelt herumgewirbelt ? bevor ich an einer ersten Bühne Fuß faßen konnte. Von meinem Freund Einhirn habe ich nie wieder etwas gehört.[73] 
